bleuer 8rs6r-LibI!orIiek 1MLLL ?,«.? < »«.5 5cttjEpE!.ek. ... ?i>7<;uk0 vkft ^^nOL5e^L^5ft-s veou§e psrä, mon nmi! (Ab auf die Straße, im Umwenden nur mit Mühe das Lachen bewältigend.) Sechste Szene. Hase allein. Ist doch ein guter Mensch, der Wendler, bei allen seinen närrischen Eigen- 7 heilen! Also auch Herr Braun hat daS alberpe Vorurtheil! Sollt« van daS glauben? In unseren aufgeklärten Zeiten! S' ist wirklich barbarisch! (Setzt grimmig den Hut auf, welchen er während der vorigen Scene in der Hand hielt.) Aber was Hilst daS Deklamiren, ich muß mich fügen! Wenn ich nur einen Spiegel hatte, um mich gehörig besehen zu können! Mir ist so ängstlich zu Muthe, und ich muß doch alle meine Courage beisammen haben, um mich empfehlend zu präsentiren. Wenn der Banquier jetzt da heraus und vor mich hintritt, werde ich gewiß ganz konfus, auö lauter Angst vor Entdeckung! Ach, was fällt mir da ein! Zch bin ja gar nicht gemeldet! ich will lieber in's HauS gehen, dort finde ich vielleicht einen Bedienten .... ach, zu spät! (Prallt zurück, ehe noch Herr Braun aus der Thür tritt, und zieht den Hut so hastig vom Kopfe, daß die Perrücke im Hute bleibt, und Hase in rothen Haaren dasteht. Er hält den Hut in der Hand, ohne ihn anzusehen, und ohne da- Borgefallene zu bemerken.) Siebente Seene. Banquier Braun. Hase. Hase. Bitte sehr — um Entschuldigung, daß ich — so unangemeldet mir die Freiheit nehme — es war Niemand zugegen — Braun. Hat nichts zu sagen. WaS steht zu Diensten? Hase. Ich — wollte mich nur ergebenst vorstellen. Mein Name ist Hase — Julius Hase — Braun. Julius Hase? vielleicht gar ein Sohn des verstorbenen Professors Hase in Leipzig? Hase. Ja — ganz recht — das war mein Vater, der alte Hase — ja — ich bin sein Sohn — Sie kannten meinen Vater» Braun. Vor langer langer Zeit saßen wir zusammen auf der Schul-! bank! ES find an dreißig Jahre seitdem vergangen. Er hat'S bis zum Professor gebracht, ich — nun, ich bin ein ungelehrter Comptoirmensch geworden. Merkwürdig, wie ich Sie so ansehe, ist mir'-, als wäre ich Plötzlich um dreißig Jahre jünger, und der Studiosus College Hase stünde vor mir. Ganz sein Aeußeres, seine Haltung, seine Stimme, sein Blick! (Lacht.) Auf einen Umstand auS unserer Schulzeit erinnere ich mich noch besonders lebhaft. Ihr Vater hatte rothe Haare — Hase (erschrocken). Rothe Haare! Braun (lächelnd, doch ohne Beziehung). Nun, Sie werden daö hoch nicht leugnen wollen? Ich erlqubte mir einmal, meinen College» Hase wegen dieser Haarfarbe zu necken, er nahm daö übel, und bat sich dafür einige mestier damals schwarzen Haare zum Andenken aus, nahm aber daS Souvenir auf etwas gewaltthätige Weise. Doch lassen wir jetzt die alten Erinnerungen. WaS führt Sie zu mir» Hase. Der Wunsch, in Ihrem Comptoir eine Stelle zu finden. Ich darf mir schmeicheln, daß meine Kenntnisse genügen — (stellt setneu Hut, ohne denselben näher zu besehen, auf «inen Stuhl, und nimmt Papiere au- der Tasche, überreicht diese dem Banquier, läßt au« Eilfertigkeit und Verlegenheit einige davon fallen, hebt sie wieder auf u. s. w.). Mögen diese — Papiere — für mich sprechen — Braun (während er die Papiere durch- steht). Sehr empfehleltd, Alle- ganz hübsch. (Gibt die Papiere zurück). Nun, wir wollen sehen; eS würde mich freuen, den Sohn eines alten Schulkameraden zu placiren. Hase. Zu gütig, Herr Banquier! Braun (plötzlich auf Hase zugehend). Ha — erlauben Sie — (fährt mit der Hand an Hase'S Schulter herab, nahe an ! dessen Haaren vorbei). - Hase (tritt hastig einen Schritt zurück. 8 und beugt den Kopf rasch zur Sette, fast auf- schretend). Ach! Braun. Nun, was haben Sie denn? Zch war so frei, eine Spinne herabzuwerfen, die Ihnen hier am Halse spazierte, und Sie erschrecken, als hätte ich Sie beißen wollen! Hase (aufathmend). Eine Spinne—? ich dachte — Braun (plötzlich, als fiele ihm die Einladung eben ein). ^ propos, Herr Hase, heute Mittag sind Sie mein Gast! Hase. O — ich bitte . . . Braun. Ohne Umstände. Wir lernen uns da gleich ein bischen kennen, und bringen nach Tische die Sache vollends in's Reine. Meiner Familie kann ich Sie jetzt nicht vorstellen, die Frauen putzen sich eben, und das Toilettezim- mer mag ich nicht gern betreten, mir fallen da immer die abscheulich langen Schneider- und Uarokanäs äeg Noäs8- Rechnungen ein, die mich so schweres Geld kosten. Wollen Sie indessen meinen Garten besehen, während ich einen kleinen Spaziergang mache? Hase. Wenn Sie erlauben — Braun. Mit Vergnügen. Sie werden wohl ohne Wegweiser wieder hierher zurückfinden? Sehen Sie sich nur auch den Küchengarten an, meiner Ehehälfte zu Liebe — wollen Sie sich bei ihr schnell in Gunst setzen, so loben Sie nur recht die Kohl- und Krautpflanzungen, die Spargelbeete und dergleichen. Meine wirkliche Hausfrau pflegt und begießt sogar mitunter diese Sachen eigenhändig. Also adieu, mein lieber Herr Hase, in einem halben Stündchen sehe ich Sie wieder! (Ab auf die Straße.) Achte Scene. Hase, bald darauf Waldek. Hase. Das wäre überstanden! Nun, der Empfang war über mein Erwarten freundlich. Wenn aber der Banquier gewußt hätte-? — Nun will ich den Garten durchwandern, und mich auf einen geschickten Kraut- und Rüben- DiökurS vorbereiten. (Während er sich wen- det, um den Hut vom Stuhle zu nehmen, erblickt er den mittlerweile eingetretenen Rittmeister). Unterthäniger Diener! Waldek. Guten Tag, mein Herr. Sie wünschen vielleicht Herrn Banquier Braun zu sprechen? Hase (verlegen). Nein — ich habe — ich wollte eben den Garten ein wenig besehen. Waldek (bet Seite). Den Garten besehen? der junge Mann scheint verlegen und betreten — Hase (bei Seite). Der Herr hat ein so determinirteö Wesen... Er ist wahrscheinlich ein Anverwandter des Herrn Banquiers. (Laut.) Ich habe vielleicht die Ehre, mit dem Herrn Sohn des Hauses zu sprechen? ach nein, richtig, dieses HauS hat keinen Sohn — vielleicht ein Neffe ?-ich selbst heiße Hase — Waldeck (heftig). Hase? . . . Sie wohnen hier gegenüber? Hase (erschreckt). Ja wohl. Waldek. Sie suchen hier nicht den Herrn Banquier? Hase (immer ängstlicher). Nein — weil — ich habe (Bei Seite.) Mir wird schon wieder ganz beklommen zu Muthe. Wenn ich nur wüßte, wer der Herr eigentlich ist? Waldek (bei Seite, während er Hase mit grimmigen Seitenblicken mustert). Da haben wir die Bescherung! das ist der Herr Hase von da drüben! Er schleicht sich schon hier herein, um Sofien zu sehen, zu sprechen, hinter des Vaters Rücken! Hase (bei Seite). Wie er mich ansieht! so grimmig und böse — ich weiß nicht, was das heißen soll! (Laut.) Zch habe die Ehre, mich gehorsamst zu empfehlen. Waldek. Haben Sie die Güte, noch ein wenig zu verweilen! (Indem er s Hase scharf und streng anblickt)- Mein lieber Herr Hase, ich bedaure Siel Hase (betreten). Sie bedauern mich? Darf ich fragen, warum? W a l d e k (wie oben). Sie wähnen, man wisse Ihr Geheimniß nicht? Hase (zusammenschreckend). Man weiß? Waldek. Ich weiß es. Hase. Sie wissen es? Sie? Waldek. Ja, mein Lieber. Sie glaubten sich unbeachtet, meinten ganz sicher und unentdeckt hier operiren zu können — geben Sie diese Hoffnung auf! Was Sie in diesem Hause suchen, werden Sie nicht erreichen, nie, so lange ich lebe! Hase (bei Seite). Lieber Himmel, wie der auf mich losfahrt! das muß ein naher Blutsverwandter des Banquiers sein, er hat dieselbe Antipathie, nur nicht so gutmüthig — er ist ja ganz wüthend! Waldek (bei Seite). Mein barscher Ton hat ihn schon ganz eingeschüchtert. Glücklicherweise habe ich es mit einem Hasenfuß zu thun, der leicht auS dem Felde zu schlagen ist. Hase (schüchtern). Aber wie haben Sie denn nur entdeckt, daß — Waldek (lachend). Sie glaubten also in der That, Alles gar so klug verborgen zu haben, und meinten, man könne so etwas gar nicht bemerken? Hase. Ich dachte wirklich, es sei mir gelungen — Waldek. Im Ernste? Sie trauen andern Leuten wenig Scharfblick zu. Wie Sie von Ihrem Fenster herüber sehen, so kann man auch wieder hinübersehen, nicht? Hase (kleinlaut). Hinübersehen? (Sieht zu seinem Fenster hinüber.) Von hier aus? ja, wahrhaftig! Waldek (bitter). Thun Sie doch, als ob Sie gar nicht wüßten, daß man auch hinübergesehen hat! Hase. Wie meinen Sie? Waldek. Geben Sie sich jetzt keine Mühe mehr, den Geheimnißvollen zu spielen! Auch ich habe hinüber gesehen, und Sie begreifen, daß man auf diese Art Vieles beobachten kairn, was, wie Sie wähnten, Niemanden aufgefallen ist. (Bei Seite.) Es ist zwar nicht ganz so, allein die Nothlüge wirkt, er ist schon mürbe. Hase (bei Seite). Das kommt von meiner unglückseligen Gewohnheit, am offenen Fenster Toilette zu machen! Da Hab' ich vielleicht einmal in Gedanken ohne Perrücke herauögeguckt, der Wüthe- rich hat mich erblickt, und nun ist daS Unglück fertig. Waldek. Uebrigens sind Sie — glücklicherweise muß ich sagen — auch noch zu wenig gewandt in der Verstellung. Schon die Unsicherheit, die Zaghaftigkeit Ihres Benehmens muß auffallen. Woher kommt dieses Ihr ängstliches Wesen? Nur aus dem Bewußtsein. daß ein Geheimniß auf dem Spiele stehe, dessen Entdeckung Sie befürchten. Hase (verzagt). Ja, da haben Sie wohl nicht Unrecht, ich fühle daS ganz gut. Waldek (bei Seite). Nun ist er ganz zerknirscht, ich will ihm jetzt noch einmal recht in's Gewissen reden. (Laut.) Junger Mann. Sie spielen da ein gewagtes, bedenkliches Spiel! Wie konnten Sie es unternehmen, in diesem achtbaren Hause den Eingang — daß ich's nur heraussage — zu erschleichen? Hase lernst). Entschuldigen Sie — Sie nehmen die Sache aber auch gar zu ernst. Ich denke, am Ende ist's kein Schelmstück . . . Waldek (auffahrend). Sie scheinen sehr lockere Grundsätze zu haben, junger Herr! Zum mindesten ist Ihr Verfahren ein höchst leichtfertiges. Sie halten es für eine Bagatelle, einen wackeren alten Mann zu betrügen? Hase (etwas beleidigt). Betrügen? 10 Lieber Himmel, es ist ja doch nur ein kindisches Vorurtheil — Waldek. Herr Hase — Hase. I nun ja, ich konnte mir denken, Herr Braun werde mich refü- siren, wenn ich ihm entdecke — Waldek. Nun? Hase. Also verschwieg ich bei meinem heutigen Besuche vor der Hand gänzlich — Waldek. Haben Sie denn schon mit Herrn Braun gesprochen? Hase. Freilich — vor einer Viertelstunde. Doch wie gesagt, ich fand nicht für gut, ihm zu sagen, was' Sie, wie ich leider erfahre, doch wissen. Waldek. So? Hase. Ich bewarb mich also um die offene Stelle auf Herrn Braun's Comptoir, und durfte nach des Ban- quiers freundlichem Empfange hoffen, dieselbe zu erhalten, da treten Sie dazwischen — Waldek. Und zum Glück . . . . Mein Herr. Sie schienen mir ungelenk und schüchtern, aber — stille Wasser sind bezüglich, so heißt eS bei Ihnen, wie ich nun merke. Sie haben sich da ein recht feines Planchen ausgedacht! Also Sie bewarben sich um die offene Stelle im Comptoir, gedachten nach und nach im Hause festen Fuß zu fassen, wollten sich bei dem Banquier einschmeicheln, seine schwachen Seiten ablauern, dann den guten alten Herrn in einem schwachen Augenblicke überraschen, vielleicht eine Theaterscene aufführen, ihm zu Füßen fallen, ihm Alles entdecken — Hase (lächelnd). Nun, ich denke, es hätte am Ende wohl eben keiner Theaterscene und keines Fußfalls bedurft — Waldek. In der That, mein Herr, Ihre Zuversicht grenzt an das Unglaubliche! Vielleicht verringert sich diese Zuversicht, wenn Sie erfahren, mit wem Sie sprechen — Hase. Das wäre mir sehr lieb, zu wissen, denn (mit sichtliche« Bemühe», energisch aufzutreten) ich bin es müde, mich von Ihnen, mein unbekannter Herr, abkanzeln zu lassen! Waldek (tritt mit verschränkten Armen vor Hase hin, der schon wieder schüchtern zurückweicht). 3ch heiße Waldek, bin — Neunte Scene. Vorige. Braun (der schon gegen Ende der vorigen Scene eintrat, stellt sich plötzlich zwischen die Sprechenden). Braun (während er Waldek sachte zurückdrängt). Rittmeister im zweiten Dragoner- Regiment, ein sehr braver Mann, aber ein Hitzkopf sondergleichen . . . WaS haben Sie denn, Rittmeister, warum streiten Sie mit meinem Gaste? Hase (verlegen). Ich bedauere sehr, Herr Banquier, denn — die Veranlassung — Waldek. Ist bedeutend genug, um mein Benehmen zu rechtfertigen. Braun (ungläubig). Im Ernste? Hase. Stellen Sie sich nur nichts so Arges vor, Herr Banquier! Waldek. O freilich, 's ist nur eine Kleinigkeit — Hase (zum Banquier). Als ich heute mein Gesuch um Anstellung in Ihrem Comptoir vorbrachte, verschwieg ich einen Umstand, der mir, wie ich wußte, bei Ihnen geschadet haben würde. Der Herr Rittmeister entdeckte diesen Umstand — Braun. Aber so machen Sie doch nicht so viele Umstände mit diesem Umstand! WaS verschwiegen Sie? (Zum Rittmeister.) Was haben Sie entdeckt? Hase ), ,t^daß ich — Waldek daß Herr Hase — Zehnte Scene. Vorige. Sofie (aus dem Hause kommend). Wendler (von der Straße). Waldek (ohne Sofie» zu bemerken). Daß Herr Hase ganz verstohlen und heimlich mit Fräulein Sofien, mit meiner verlobten Braut, liebäugelt,- das Hab' ich entdeckt! S ofie. Mit mir? -Braun (sieht Eines nach dem Andern erstaunt an). Mit meiner Tochter? Hase (ist sprachlos vor Staunen. Nach einer Pause, halb zu Sofien, halb zu dem Banquier gewendet). Aber ich bitte recht sehr um Verzeihung — das fiel mir ja gar nicht ein! Waldek. Wie, Sie leugnen jetzt wieder? Sofie. Aber, Herr Rittmeister, Sie machen sich lächerlich! (Spricht leise mit ihrem Vater. Stummes Spiel.) Hase. Nein, ich leugne nicht! Waldek (zu Braun). Da hören Sie eS! — Hase (zum Rittmeister). Sie haben mich falsch verstanden (sich ereifernd und hitziger werdend). Es ist eine unglückselige Verwechslung, ein unbegreifliches yui pro yuo. Waldek. Oh, Sie entkommen mir nicht! Zwang ich Ihnen nicht hier auf dieser Stelle, vor zehn Minuten, das Geständniß Ihres Geheimnisses ab ? Reden Sie ja oder nein? Hase. Ja — aber — Waldek. Ja, Punktum. Hase (polternd). Nein, nicht Punktum! (Wieder kleinlaut.) Das Geheimniß, was Sie meinten, war, daß ich Fräulein Sofien liebe, daö ist aber nicht wahr! Ich meinte etwas ganz Anderes, aber wir verstanden uns nicht. Hören Sie mich nur um des Himmelswillen ruhig an. ich werde sonst ganz konfus — (Bei Seite.) Jetzt muß ich eS sagen, ich kann mich sonst nicht rechfertigen — (Laut — zögernd.) das, was ich so sorgsam geheim hielt, und dem Herrn Banquier nicht entdecken wollte, ist — (nach einer Pause — schnell) daß ich rothe Haare habe! Braun (verwundert). Daß Sie rothe Haare haben? Hase. Ja. Braun. Und das wünschen Sie geheim zu halten? Hase. Ja. weil ich wußte, daß Sie eine Antipathie gegen rothe Haare haben, so verschwieg ich Ihnen, daß ich eine schwarze Perrücke trage — Braun. Sietragen eine Perrücke? Hase. So ist es (seufzend), und das ist mein Geheimniß! — Sehen Sie (will die Perrücke vom Kopfe nehmen, fühlt, daß er sie nicht mehr hat, stürzt auf den Hut loS, nimmt die darin befindliche Perrücke heraus, läßt sie langsam fallen und betrachtet sie wortlos). Waldek (halblaut). Soll ich es glauben? Sofie (ebenso). Nur hübsch stille, mein Herr Othello, Sie haben sich unendlich lächerlich gemacht! Braun. Lieber Herr Hase, für mich ist eS allerdings, wenn auch in anderem Sinne, ein Geheimniß, daß Sie eine Perrücke tragen, denn ich erfahre eS erst jetzt! Sie haben sich Sorgen ohne Noth gemacht! Wer hat Ihnen denn nur die Lüge aufgeheftet, als hatte ich, wie Sie sagen, eine Antipathie gegen rothe Haare? Hase (bei Seite nach Wendler blickend). Man hat es mir so gesagt. Braun. Man hat Sie zum Besten gehabt. Ich glaube Sie nicht besser vom Gegentheil überzeugen zu können, 12 als indem ich die erledigte Stelle Ihnen gebe — aber unter einer Bedingung. Hase. Diese wäre? Braun. Daß Sie Ihre verräthe- rische Perrücke da mir überlassen. Ich will sie meinem künftigen Schwiegersöhne als Souvenir an daö heutige Mißverständniß und zur Warnung vor ähnlichen Eifersuchtöparoxiömen verehren. Hase. Und an mir selbst hat der Herr Rittmeister ein lebendiges Memento. So oft er mich ansieht, denkt er gewiß an das große Geheimniß „von den rothen Haaren." Der Borhang fällt. Das Pamphlet. Lustspiel iu einem Akte. (Mit freier Benützung des Englischen: Printer'» äevil.«) Bon M. A. Grandjean. Zum ersten Male aufgeführt Im k. k. Hosburgtheater am S. April 1851. Personen: Graf von MaurepaS, Minister Ludwig XV. von Frankreich. Marquis von Remontado, spanischer Ge- sanoter. Griffet. Sekretär des Ministers. Pierre Pica. Madame Girard, Schenkwirthin. Katharina, deren Tochter. Ein Bedienter. Hutsfier. Ort der Handlung: Versailles. — Zeit: 1746. (Ein reich meublirtet Appartement im Palaste von Versailles mit einer Mittel- und zwei Sei» tenthüren. Links im Vordergründe ein Schreibtisch, rechts ein Sofa.) Erste Scene. MaurepaS (am Schreibtisch, der mit Papieren u. j. w. bedeckt ist). Griffet (steht neben MaurepaS). MaurepaS. Also, die Schrift macht Aufsehen, Griffet? Griffet. DaS ungeheuerste, Ew. Excellenz! Die mysteriöse Art, mit der die kleine Brochüre verbreitet wurde, der pikante Titel, der noch viel pikantere Inhalt — MaurepaS (lächelnd). DaS dichte Geheimniß. in welches der Verfasser sich hüllt — Griffet. Ja wohl, Ew. Ercellenz — Alles dieß hat zur Folge, daß man heute in ganz Versailles von nichts Anderem spricht, als von der Brochüre „Spanische Fliegen." MaurepaS. Den Autor erräth wohl Niemand? Griffet. Wer könnte wohl auf den Gedanken gerathen, daß der Minister Graf von MaurepaS selbst — MaurepaS. So viel Zeit und so viel Bosheit hat, um Pamphlete zu schreiben? — Und wie vrtheilt man über die Schrift? Griffet. Der Verfasser hat die Lacher auf seiner Seite. MaurepaS (selbstgefällig). Mich dünkt, ich habe meine Bestimmung ver- 14 fchlt. Statt Minister zu sein, wäre ich g»r oft lieber Schriftsteller, Publizist. Satiriker. (Achselzuckend.) Mein Schicksal wollte eS anders! — Die Epigramme am Schluffe werden im spani- säen Gesandschafts-Hotel Sensation michen — ich möchte den Marquis von Ranontado sehen können... er muß pcssirlich sein in seinem Grimme — Bedienter (meldend)/ Se. Excel- len:, der Herr Marquis von Remon- tad). (Ab.) Naurepas (sich die Hände reibend). I^ujus in tabula! Da ist er schon, vermutlich mit einem langen Gesichte und eine' langen Anklage wider den frechen Libelisten! Lassen Sie uns allein, Griffet, bleiben sie aber hier nebenan in meimm Kabinete. G iss et (mit einer Verbeugung ab in das Sitenzimmer links.) Zweite Scene. MtrquiS von Remontado. M a urepaö. Mar repas. Ew. Excellenz schenken mü zu so ungewöhnlicher Stunde die Ehre. Ich bin eben so erfreut alö erstaunt — Marquis. Ich bedaure, Herr Graf Sie aus sehr unangenehmer Veranlassung besuchen zu müssen. Ich meine jene schmähliche Brochure, welche heute in Versailles zirkulirt. Sie ist Ihnen wohl schon bekannt? Maurepas. Ich hörte nur davon sprechen —und diese Brochure — Marquis. Enthält eine Reihe boshafter Ausfälle gegen den Repräsentanten Spaniens am Hofe von Versailles, gegen mich, Don Pedro Juan Vincente Carlo- Miguel Geronimo Marquis von Remontado. — MaürepaS. Wirklich? gegen Ew. Excellenz. Von dem Herrn Marquis von Remontado spricht sonst gewöhnlich Niemand — Marquis Wie? Maurepas. Ohne den Namen desselben mit aller Ehrfurcht zu nennen. Marquis. Za — Such ich bin auf empörende Weise lächerlich gemacht! Sie haben also das Pamphlet nicht gelesen, Herr Graf? Maurepas. Ich konnte noch kein Exemplar bekommen. Marquis. So? Es sind wohlschon alle vergriffen? Maurepas. Möglich. Marquis (bitter). Merkwürdig, wie doch Ihre Nation an derlei Libellen Geschmack findet! Maurepas (achselzuckend). Der sanguinische Franzose liebt den leichten Witz — wenn nur solche Brochuren mit esxrit geschrieben find. — Marquis. DaS ist aber bei der gegenwärtigen Schrift durchaus nicht der Fall. — Maurepas. Aber man sagte mir — Marquis. Ich versichere, Herr Graf, boshaft ist das Pamphlet, aber von Witz, von 68prit, wie Sie eS nennen, ist nirgends etwas darin zu finden. Maurepas. DaS behaupten Sie, Herr Marquis! als Beleidigter — die Leser, sollen, wie man mir berichtete, anders darüber urtheilen. Marquis (pikirt.) Wahrhaftig — das Pamphlet hat sich, wie ich merke, in Versailles schnell Freunde gewonnen, und Ew. Excellenz selbst — Maurepas. Ich wiederhole nur, was mir gesagt wurde. MarquiS (zieht ein gedruckte- Heft aus der Tasche). Da ist ein Exemplar! Hier heißt eS gegen Ende in einem Epigramme über mich: (liest) Hohl ist sein Kopf, steif das Gebein, Doch soll das Blut kastilisch sein. Ist dieser Ausfall witzig? wie. Herr Graf? — nein, er ist nur beleidigend im allerhöchsten Grade. Das war eine der ärgsten Stellen — nun noch diese, Seite 14 — da heißt eS klar, ohne Um- schreibung — der Herr Gesandte des Königs von Spanien ist ein vollendeter Don Quixote. Maurepas. Ein vollendeter . . . MarquiS. Don Quixote! Maurepaö. Beruhigen Sie sich, Herr MarquiS, die Franzosen glauben von Allem, was sie gedruckt lesen, nur die Hälfte. MarquiS. Herr Graf; (bei Seite) Er ist Unerträglich mit seinen zweideutigen Antworten! Wenn ich nur im Stande wäre, eS ihm mit gleicher Münze heimzuzahlen. (Laut.) Ich kam zu Ihnen, Herr Graf, Sie zu ersuchen, alles Nöthige vorzukehren, und alle Anstalten zu treffen, um die Spur des Verfassers dieser Brochure zu finden, und seiner habhaft zu werden. Maurepas. Ew. Excellenz — ich werde meine Pflicht thun. MarquiS. Ich verlange eine exemplarische Bestrafung des Schuldigen, eine eklatante Satisfaktion! Ich bin gewiß, Herr Graf, eö wird Ihrer gewohnten Umsicht und ihrem Eifer ein Leichtes sein, den Autor auszuforschen und in Gewahrsam zu bringen. Maurepaö (sich kalt verbeugend). Ich weiß, Ew. Excellenz sind von meiner Bereitwilligkeit überzeugt. Marquis (ebenso). Vollkommen. Maurepas. Daö Pamphlet ist ohne den Namen des Druckers und von unbekannten Händen ausgegeben worden — eS fehlt also jeder Leitfaden zur Entdeckung. Marquis. ES muß eine bedeutende Summe als Belohnung für den Angeber bestimmt werden. Maurepaö. Ew. Excellenz erleuchtete Ansicht trifft mit dem zusammen, was ich eben vorzuschlagen im Begriffe war. (Leffnet die Lhüre des KabinetS links und ruft hinein.) Monsieur Griffet! (Zum Marquis.) Ew. Excellenz sollen allsogleich schon, daß ich keinen Augenblick versäume. Dritte Scene. Griffet. Vorige. Griffet. Zu Befehl, Ew. Excellenz! Maurepas. Setzen Sie sich, Griffet, und schreiben Sie, was ich Ihnen diktire. (Geht auf und nieder — der MarquiS nimmt auf dem Sopha Platz.) „Im Namen des Königs! Nachdem ein Pamphlet, betitelt „Spanische Fliegen," welches heftige Angriffe und schmähliche Verläumdungen gegen Sr. Majestät des Königs von Spanien Gesandten am Hofe zu Versailles enthält, insgeheim gedruckt und verbreitet worden ist, so wird hiermit eine Belohnung von 10.000 LivreS für Denjenigen ausgesetzt, welcher den Verfasser dieser Schmähschrift namhaft macht." Griffet (halblaut, erstaunt). Monseigneur ! Maurepas. Geschrieben? Griffet. Noch — nicht — Monseigneur ? Maurepas. Beeilen Sie sich. (Zum Marquis.) Scheint die Summe dem weisen Ermessen Ew. Excellenz vielleicht zu groß? Marqulö. Nicht doch. Herr Graf — aber wie ist'S mit der Bestrafung des Verbrechers? Maurepas. Sie sollen zufrieden sein, Herr Marquis! Griffet (wiederholend). „Namhaft macht." Maurepas (diktirend). „Der Autor wird mit fünfjährigem Gefängniß in der Bastille bestraft und daö Vermögen desselben wird konfiöcirt." Marquis. Gut — ich bin zufrieden! Diese Bekanntmachung bitte ich mit auffallend großen Lettern drucken und an allen Ecken ankleben zu lassen. Maurepas (ironisch). Wollen mir Ew. Excellenz vielleicht daö Maß zur Höhe der Buchstaben geben? . . (Zu Griffet.) Griffet, senden Sie in die königliche Hofbuchdruckerei — es soll sich 16 allsogleich Jemand von dort zu mir verfügen. Griffet (ab durch die Mittelthür; kommt, aber gleich wieder zurück). Maurepas. Wenn Sie e ine Viertelstunde übrig haben — Herr Marquis. Marquis (auf die Uhr sehend). Für den Augenblick muß ich Sie verlassen, ich werde aber in einer Viertelstunde ungefähr wieder bei Ihnen vorsprechen, Hrrr Graf! Auf Wiedersehen also! (Abschieds »Komplimente. Der Marquis entfernt sich. Griffet öffnet dem Abgehenden die Thür.) Vierte Scene. Maurepas. Griffet. Maurepas. Ha! ha! ES lebe Moliöre! Ich habe den Tartuffe nicht ohne Nutzen studirt! (Zu Griffet, der vor sich binstarrt.) Worüber denken Sie jetzt nach, Griffet? Griffet (verlegen). Ich? . . . Ueber die Belohnung von 10,000 Livres für Denjenigen, der Ew. Ercellenz anzeigt?! Maurepas. Nun, ich denke, die 10,000 Livres werden ruhig liegen. Griffet. Ja. — freilich — Ew. Excellenz haben alle mögliche Vorsicht beobachtet, um sich vor Entdeckung zu schützen! Maurepas (ihn fixirend). Das Hab' ich, Monsieur Griffet! Jede Zeile meines Manuscriptes haben Sie selbst ko- pirt. Sie selbst trugen dann die Abschrift zu einem Buchdrucker, der Ihren Stand und Namen nicht kannte, und auch diese Abschrift haben Sie natürlich zugleich mit dem Probebogen zurück empfangen. Griffet. O freilich, Ew. Ercellenz! Maurepas. Wo haben Sie Ihr Manuskript? Griffet. Ich trage es bei mir. Maurepas. Schön. Lassen Sie mir'S doch sehen. (Griffet überreicht ihm ein geschriebenes Heft.) Um allen möglichen Fällen vorzubeugen, werde ich eS selbst in Verwahrung nehmen. Griffet. Ich denke unmaßgeblichst, es wäre wohl das Sicherste, wenn Ew. Ercellenz die Schrift verbrennen würden. Maurepas (bei Seite). Er weicht meinen Blicken verlegen aus. Mein Herr Sekretär scheint wirklich nicht übel Lust zu haben, die 10,000 LivreS zu verdienen. (Laut.) Das Original habe ich verbrannt; diese Copie ist von Ihrer Hand, mein lieber Griffet, und ich bewahre dieselbe als Pfand ihrer Treue. Griffet. Sollte ich recht verstanden haben — Ew. Ercellenz setzen Zweifel in meine Anhänglichkeit und Ergebenheit? .... Maurepas (kalt). Ich bin gern vorsichtig. Es könnte sich ereignen, daß dieses Manuskript, natürlich nur durch einen Zufall, in Unrechte Hände käme. Griffet. Ew. Ercellenz können sicher sein. — Maurepas. Jetzt bin ich sicher. Adieu, Herr Sekretär! (Ab in sein Ka- binet.) Künste Scene! Griffet (allein). Ist es doch, als ob der eines Menschen Gedanken errathen könnte! Er hat mich in Verdacht — er traut mir nicht! Einen unerträglichen Blick hat der Herr Minister, es liegt so etwas Durchbohrendes, Zermalmendes darin, was mich immer außer Fassung bringt! Ich hasse ihn. ja, und er mag sich nur vor mir hüten, bei all' seiner Vorsicht könnte es sich doch ereignen, daß er einmal überlistet würde. Wenn es anginge, mich bei dem spanischen Gesandten einzuschmeicheln, ohne mich bloßzustellen — Geduld, ein kluger Mann muß auf die Gelegenheit warten, und sie dann geschickt benützen! 17 Sechste Scene. Pica. Ein Bedienter. Griffet. Bedienter. Der Buchdrucker, Herr Sekretär. (Ab.) Griffet (zu Pica). Näher, mein Freund! Diese Proklamation soll also- gleich gedruckt werden. (Sieht ihm in's Gesicht, erstaunt.) Ah ! (Bei Seite.) Wahrhaftig, 's ist der Nämliche! Hm, ein böser Zufall! (Laut.) Seid Ihr aus der königlichen Hofbuchdruckerei in Versailles, mein Lieber? Pica. Ja, mein Herr! (Bei Seite.) Wo Hab' ich denn diesen Herrn schon gesprochen? Griffet. Ihr war't früher noch nie hier? Pica. Nein, ich bin erst seit zwei Tagen auf meinem neuen Platze. Griffet. Und früher? Pica. Früher druckte ich auf eigene Faust — aber ich druckte Verschiedenes, was Verschiedenen nicht recht war — so wurde mir das Gewerbe eingestellt. Ich arbeitete in Paris, Faubourg St. Antoine, fünf Treppen hoch. Griffet. Er ist derselbe. Pica. Und jetzt zu ebener Erde in der Hofdruckerei. So tief bin ich herabgekommen. Jndeß — es hat noch einen geheimen Grund, warum ich gerade hier einen Platz suchte. Griffet. Einen geheimen Grund? Pica. Ja. Ich habe nämlich in Paris ein Mädchen kennen gelernt — eine Perle ihres Geschlechtes, wie es m den Büchern heißt. Sie ist von Versailles diese Perle. und hielt sich nur kurze Zeit in Paris auf . . . ich gewann ihr Herz. Griffet. Ihr wollt nun hier das zarte Verhältniß fortsetzen? Pica. Ja, mein bester Herr. Leider fand ich gestern und heute noch nicht Zeit und Gelegenheit, das liebe Kind zu sprechen — eben jetzt glaubte ich einen Moment zu erhaschen — Griffet (lächelnd). Da kommt die fatale Proklamation in den Weg, und durchkreuzt Eure Pläne, mein Junge! Ei nun, die Arbeit wird ja bald geschehen sein. Wartet hier, mein Lieber, Se. Ercellenz, der Herr Minister will Euch selbst sprechen . . . (Bei Seite.) Es hat keine Gefahr — er kennt mich nicht mehr! Siebmte Seeue. Pica (allein). Die Stimme dieses Herrn klingt mir so bekannt! (Besieht das Manuskript der Proklamation.) Also das soll gedruckt werden? Hm, hm — auch diese Handschrift habe ich schon irgendwo gesehen — ich kann mich nur nicht gleich erinnern. (Liest.) „Im Namen des Königs! Nachdem ein Pamphlet, betitelt „Spanische Fliegen" — ah! das war das letzte, was ich auf eigener Presse gedruckt habe — (Liest weiter.) . . . „insgeheim gedruckt und verbreitet worden ist, so wird hiermit eine Belohnung von 10,000 Livres für Denjenigen aus- gesetzt, welcher den Verfasser dieser Schmähschrift namhaft macht." Hm, hm — 10,000 LivreS — ein schönes Sümmchen — und wenn ich jetzt meine Erinnerungen so recht überdenke, mein' ich fast, ich könnte mir dieses Sümmchen verdienen. Die Stimme — die Stimme — war das nicht — ja, ja, ich täusche mich nicht! Der Mann, der mir daS Manuskript brachte, war zwar bis zum Kinn in seinen Mantel gehüllt, trug eine große Perrücke und ein breiter Hut mit herabhängender Krämpe bedeckte sein Gesicht—aber — seine Stimme — und des Herrn Sekretärs Stimme — hol'mich Dieser und Jener, es ist dieselbe Stimme! (Sieht nochmals die Proklamation an.) Kein Zweifel dieselbe Schrift wie in dem Manuscript. — Also der Sekretär! Und er gibt mir so lakonisch das hier zu drucken ... ein 19 kecker Mensch — nun, von mir hat er nichts zu besorgen — ich werd' ihn nicht angeben — ich bin ein armer Teufel — aber nein, nein, ich könnte keinem Menschen mehr in's Gesicht sehen! Achte Scene. Bedienter mit Mad. Girard und Katharine, Pica. Bedienter. Der Herr Sekretär ist wahrscheinlich bei Sr. Ercellenz, dem Minister — warten Sie hier. (Ab.) Pica (sich umwendend). Katharine! Madame Girard — was seh' ich — suchen Sie mich auf — wie haben Sie erfahren ? — Mad. Girard. Wir wußten nicht, daS Sie hier seien, Herr Pica — wir kommen auch nicht Ihretwegen — Pica. Nicht meinetwegen — und weshalb denn? Katharine. Ach, mein guter Pierre, eS hat sich viel geändert! Pica. Wie, geändert — was hat sich geändert? — Du nicht, Katharine — Du bist so hübsch, wie immer — und mir auch treu, wie immer, nicht? Mad. Girard. Lieber Herr Pica — das Dützen müssen Sie unterlassen. — Es sind Verhältnisse eingetreten — Pica. Wie, Katharine, sprich — Du liebst mich nicht mehr? Katharine. Ach ja, Pierre — Pica. Nun also — Mad. Girard. Aber sie wird einen Andern heiraten. Pica. Madame Girard — das kann nicht Zhr Ernst sein — Mad. Girard. Leider. Sie schreiben uns, Ihre Druckerei in Paris sei gesperrt. Sie seien ohne Erwerb — zu gleicher Zeit drang ein hartherziger Gläubiger auf Bezahlung einer alten Schuld von 4000 LivreS — ich war nicht im Stande, diese Summe aufzubringen, der unbarmherzige Mann drohte mit dem Gefängnisse — endlich wurde er nachgibiger — ja, er will sogar den ganzen Schuldbrief vernichten, ich soll nichts zu zahlen haben — wenn ich ihm Katharine zur Frau gebe. — Katharine. Wir haben alle unsere Freunde um Hilfe angesprochen. — Niemand will uns beistehen! Mad. Girard. Und so bleibt kein anderes Mittel übrig — heute soll der Heiratskontrakt unterzeichnet werden. Pica. Das darf nicht geschehen! Katharine darf nicht so verhandelt werden. Eher springe ich in's Wasser. Mad. Girard. Das hilft uns nicht! Pika. Sie haben Recht, Madame Girard! Nur Geduld — eS wird mir schon ein Mittel einfallen-Za — ich habe eines — ein großartiges, ein piramidaleS Mittel — eine kolossale Idee — Mad. Girard. Ist die Idee 4000 Livres werth? Pica. Ja, noch mehr! Mit dieser Idee zahle ich Ihren Gläubiger und bekomme 6000 LivreS zurück! Mad. Girard. Oh — Herr Pica! Pica. Ja, ja. Madame Girard! Verlassen Sie sich darauf, ich rette Katharine! Katharine. Sprichst Du im Ernste, Pierre? Pica. Ja, mein Lämmlein, Du sollst dem gierigen Wolfe nicht geopfert werden! Katharine. Wie willst Du es hindern? Pica. Wirst Du mir dann treu bleiben, Katharine? Katharine. Welche Frage? Pica. Wirst Du auch nie einen Andern heiraten? Katharine. Wenn Du mich heiratest — Pica. Wenn ich'S aber nicht könnte — — Katharine. Wenn Du eS nicht könntest — IS Pica. Nun dann? Katharine (zögernd). Dann — Pica. Dann würdest Du in ein Kloster gehen ? Katharine. In ein Kloster? . . . Neunte Sceue. Griffet (aus dem Kabinete links). Vorige. Griffet (Mad. Girard und Katharine erblickend). Sie hier, Madame Girard — und auch Katharine? Was wollen Sie von mir? Mad. Girard. Wir kommen — auf Ihren Wunsch — Herr Sekretär — wegen der Unterfertigung des Heiratskontraktes. Griffet. Ach — hat denn daS solche Eile? Katharine. Eile? O Herr Griffet! wenn Sie nicht wollen, ich werde Sie gewiß nicht daran mahnen. Mad. Girard. Sie wünschten ja selbst, Herr Sekretär, daß ich und meine Tochter um diese Stunde hierher kommen sollten. — Griffet. Ja — ich erinnere mich, aber — ich bin in diesem Augenblicke zu sehr beschäftigt — treten Sie indessen mit Katharine in jenes Zimmer, und warten Sie dort — ich werde folgen, sobald ich Zeit habe. (Oeffnet den zwei Frauen die Thür zum Seitenzimmer rechts und kommt zurück.) Pica (der von der halblaut geführten Unterredung nichts vernommen hat, für sich). Der Tausend, was haben die denn für Connerionen in Versailles? Zehnte Scene. Griffet (zurückkommend). Pica. Gleich darauf der Marquis v. Remontado und Maurepaö aus seinem Kabinete. Griffet (zum Marquis). Der Mann aus der Druckerei ist bereits da, Ex- cellenz! Maurepas (sich gegen den Marquis verbeugend.) Herr Marquis! wenn es Ihnen gefällig ist, bitte ich, über die Drucklegung selbst die Anordnungen nach Ihrem Belieben zu ertheilen. Marquis (auf Pica zeigend). Ist das das Individuum? Griffet. Ja, Ew. Ercellenz. Marquis (zu Pica). Näher — näher zu mir her! Pica (bei Seite.) Jetzt heißt's Kourage haben. — (Laut.) Meine hohen Herrschaften — darf ich fragen — diese Proklamation da soll gedruckt werden? Marquis. So ist's. Pica. Darin steht — wer den Verfasser des Pamphlets, „Spanische Fliegen" betitelt, anzeigt — erhält 10,000 Livres Belohnung. Marquis. Allerdings. Pica. Und was geschieht dann dem Verfasser? Mar q u i s. Ihr fragt sehr viel, mein lieber Mann. Das steht übrigens in der Proklamation — er kommt auf fünf Jahre in die Bastille. Pica (für sich). Hab' mir's ja gedacht — die Vastille! Ei was, ich thue es für Katharinen und — fünf Jahre sind ja bald vorüber! (Laut.) Meine Herren Ercellenzen — die Proklamation wird nicht gedruckt werden. Maurepas. Was ist das? Marquis. Der Mensch weigert sich — Maurepas. WaS soll das heißen? Pica. DaS soll heißen — ich habe Lust, 10,000 LivreS zu verdienen. Maurepas. Wie so? Erklärt Euch! Pica. Soll gleich geschehen, Ercellenz — ich will den Verfasser angeben. (Bei Seite.) Hui — wie der Sekretär zusammenfährt — jetzt kriegt er Angst! Griffet (in höchster Beklommenbett — sucht sich Pica zu nähern und sieht ängstlich auf Maurepas). »* ro Maurepas (betreten, doch ruhig). Wirklich — könnt Ihr das, mein Freund ? Marquis. Sprecht deutlicher — ohne Scheu, mein guter Mann — wo ist der Verfasser zu finden? Pica. Ganz in der Nähe — hier im Zimmer. Maurepas (bei Seite). Verrathen. Griffet (bei Seite). Teufel! Pica (bei Seite). Der Sekretär zappelt! Mar quis (sich Pica nähernd, schneidet so Griffet den Weg ab). Das* wäre merkwürdig. — Und der Mann, mein Lieber? Pica. Den Namen — ja — ich will ihn gleich sagen. — Doch — ich bitte um Verzeihung — wer garantirt mir die 10,000 Livres? Maurepas. Welche Frechheit? Pica. Ich bitte nochmals recht sehr um Verzeibung — aber ich habe besondere Gründe — die Excellenzen wissen noch nichi, wen ich nennen werde — und ich muß mich für alle Fälle sicher stellen. Marquis (zu Maurepas). Ew. Ex- cellenz werden wohl die Güte haben, diesem guten Manne eine Anweisung auf die bestimmte Summe zu übergeben. Maurepas. Die Zumuthung ist etwas arg, indeß es sei, damit der Herr Marquis von Remontado sieht, daß ich diese Angelegenheit in keiner Weise verzögern will (geht zum Tisch und schreibt einige Worte) Hier ist eine Anweisung auf 10,000 Livres. Pica (bei Seite). O Katharine, Du weißt gar nicht, wie lieb ich Dich habe, was ich Deinetwillen thue! Maurepas (gibt Pica die Anweisung). Hier! Das Geld wird ausbezahlt, sobald der Verfasser des Pamphlets festgenommen ist. Pica. Schön, Ercellenz! (Liest.) »Gut für 10,000 LivreS. — Maurepas". (Bei Seite.) Sonderbar, auch diese Handschrift habe ich vor Kurzem gesehen auf einem schmalen Streifen Papier, der bei dem Manuskripte lag, um welches eS sich eben handelt — ich komme da auf eine Spur!! Hm, hm — Marquis. Nun also — ohne Zaudern — der Name? Pica. Pierre Pica! MaurepaS. Wie? Griffet. Oh! Marquis. Pica . . . Und wer ist dieser Pica? Pica. Ich. Marquis (ficht Alle der Reihe nach an und ist ganz verdutzt). Griffet. Der Mensch ist verrückt! Maurepas (wirst sich in einen Stuhl und lacht überlaut). Pica. Warum lacht die Ercellenz? Es ist so. Ich bin der Verfasser des Pamphlets „Spanische Fliegen." Marquis. Wär' es möglich? MaurepaS (noch immer lachend). Ah — ah — Entschuldigen Sie, Herr Marquis, der Spaß ist zu köstlich! Marquis (zu Maurepas). Aber was kann der Schlingel damit wollen? Maurepas. Was er damit will? Geld verdienen! (Steht aus, zu Pica.) Gebt die Anweisung nur wieder her, mein pfiffiger Bursche! Pica. Gott bewahre — ich will mein Geld dafür — zehntausend Livres als Angeber, dann geh' ich als Verfasser in die Bastille. — Maurepas. Wirklich? Pica. Meiner Treu! Marquis. Welche Gründe sollte denn solch' ein Mensch wie Ihr haben, den Namen des Gesandten von Spanien zu verkleinern? Pica. Ich habe ihn nicht verkleinert — sein Name ist überall mit großen Buchstaben gedruckt. Marquis. Keine dreisten Späße, mein Herr Pica. Wenn Ihr wirklich der Verfasser sein solltet — so ist die Sache durchaus nicht spaßhaft. Maurepas (zu Pica). Genug jetzt! — Ihr gebt die Anweisung wieder zurück — die Strafe wegen der frechen Lüge — Pica. Lüge? Ercellenz glauben noch nicht, daß ich der Verfasser bin? Sind Ew. Ercellenz vielleicht der Verfasser? MaurepaS (verdutzt). 2ch? Marquis. Was war daß? MaurepaS (bet Seite). Sollte der Mensch wirklich wissen? Pica (zum Marquis). Fragen doch - Ew. Ercellenz den gnädigen Herrn. (Auf MaurepaS zeigend.) Wenn er vielleicht das Ding geschrieben haben will, ob er sich an die Randnote zu xrrx. 14 erinnert — an die kleine Anmerkung über den spanischen Gesandten. — Marquis. Ueber mich? Pica. Ew. Ercellenz sind Derjenige? Das thut mir recht leid. Marquis (in der Brochure nach- sthend). Da existirt keine Anmerkung auf xaA. 14. Pica. Natürlich nicht — weil sie nicht gedruckt worden ist — sie war abgesondert auf einem schmalen Streifen Papier geschrieben, und wurde zufällig beim Abdrucke vergessen, ich kann sie aber gleich aus dem Gedächtniß wiederholen! „D'Alembert sagt: Hohe Stellen gleichen einer Pyramide, deren Gipfel nur zweierlei Thiere erreichen — Würmer und Adler. Bei dem Herrn Marquis von Remontado, der es bis zum Gesandten gebracht hat, darf man nicht Nachdenken, wem man ihn zu vergleichen hat." Nun. meine Herrschaften ! wenn ich nicht der Verfasser wäre, wie könnt' ich diese Stelle so genau z'tiren? (Sieht MaurepaS forschend an, und nickt dann langsam mit dem Kopse, als wollte er sagen: der ist'S, ich hab'S erra« then!) Marquis. Bei San Jago di Com- postella — das ist arg — — Herr Graf — MaurepaS (bei Seite). Wort für Wort richtig! Die Sache wird ernsthaft! Marquis. Warum so schweigsam, Herr Graf? MaurepaS, Ich bin so betroffen, Ew. Ercellenz — nie hätte ich es für möglich gehalten, daß dieser Mensch wirklich im Stande sein könne, dergleichen zu denken und zu schreiben.— Dieser Beweis, das muß ich gestehen — setzt mich in die höchste Verwunderung — Marquis. ES ist, wie mich be- dünkt, nun außer Zweifel, daß dieser Mann, wenn er nicht selbst der Autor ist, doch bei Verfassung des Pamphlets sehr nahe betheiligt sein muß — ich verlange daher, daß er allsogleich festgenommen werde. Maurepas. Das soll geschehen, Herr Marquis. (Bel Seite). Ich muß den Burschen schon um meinetwillen in Gewahrsam bringen lassen. Er weiß zu viel! (Zu Griffet.) Herr Sekretär, sorgen Sie unter strengster Verantwortlichkeit dafür, daß dieser Mann vorläufig, bis zu seiner Transportirung in die Bastille, hier sicher bewacht werde. Zugleich lassen Sie sämmtliche in dessen Wohnung befindliche Schriften und Papiere in Beschlag nehmen. Marquis (zu Maurepas). Nun ersuche ich Ew. Ercellenz, mir in einer andern Angelegenheit einige Augenblicke zu schenken — ich habe Depeschen empfangen — Maurepas. Darf ich bitten, in mein Kabinet zu treten? Griffet (kilt dienstfertig herbet und öffnet dem Marquis die Seitentbür links. Marquis ab). Maurepas (schnell zu Pica). Ich habe noch mit Euch zu sprechen — unter vier Augen. Pica (verbeugt sich stumm). Maurepas (folgt dem Marquis in'S Kabinet). Griffet (sieht dem Minister nach rr und nimmt dann Pica bei Seite.) Wir! haben dann noch geheim mit einander ^ zu sprechen — ! Pica. Ich stehe zu Diensten. Griffet (entfernt sich einen Augenblick durch die Mittelthür). Pica (sich lächelnd die Hände reibend). Wir sind noch nicht in der Bastille! Griffet (tritt wieder ein tn Begleitung eines HuissierS. den er an der Thür postirt, zu Pica). Ihr dürft dieses Zimmer nicht verlassen, Herr Pica! — Daß Ihr eS auch nicht könnt, dafür ist gesorgt ! . . . (Ab in'S Seitenzimmer rechts.) Eilfte Scene. Pica (allein. setzt sich in halb liegender Stellung auf taS Sofa). Hm, da haben sie mir zu Ehren einen Lhürsteher placirt, damit ich nicht davon lause— ha — ha —das fällt mirgar nicht ein! — ich werde ganz geduldig warten,welcher von den Herren mit mir zuerst ein Paar Worte insgeheim sprechen wird. Ich bin mit meiner Lage nicht übel zufrieden. Der Zufall hat mich da hinter einen Vorhang gucken lassen — und je mehr ich über diese verwickelten Umstände nachdenke, desto möglicher scheint eS mir, daß ich die Belohnung bekommen und die Bastille ersparen kann. Das wäre mir ja recht! 'S ist wahrhaftig merkwürdig! ich hatte es so ganz gehörig darauf angelegt, eingesperrt zu werden, und werde es nun wahrscheinlich nicht dahin bringen! Ha — ha — daß es schwer ist, aus der Bastille heraus zu kommen, habe ich wohl gehört: daß es aber so schwer sei, hinein zu kommen, hätte ich nicht geglaubt! (Steht auf.) Zwölfte Scene. Griffet mit M a d. G i r a r d und Katharine (aus dem Settenzimmer rechts). Pica. Griffet (im Heraustreten zu Mad. Girard). Darüber ist nichts weiter zu reden, Madame Girard, — ich will entweder 4000 LivreS oder Katharine. Pica (zu Katharine). Was? Ist der eS, dem Ihr das Geld schuldig seid? Katharine. I, Pierre, Du noch hier? Ja — freilich, Monsieur Griffet ist unser Gläubiger. Wir haben ihn noch ein Mal um Geduld gebeten, aber er will nichts davon hören. Pica. DaS ist also der Wolf! (Zu Griffet.) Sie wollen das arme Lämmlein da? Sie sollen eS nicht bekommen ! Griffet. Welche Sprache! Pica. Ich habe ältere Rechte auf das Mädchen. Ich liebe sie schon lange, sie liebt mich wieder und so ist Alles in Ordnung. Katharine mag Sie aber nicht, Monsieur Griffet, und wird Sie auch nicht heiraten, verlassen Sie sich darauf! Griffet. Wollen Sie es hindern — Sie, der in der nächsten Stunde in die Bastille abgeführt werden wird! Katharine. Pierre — in die Bastille!? Mad. Girard. WaS hat er denn verbrochen ? Griffet. Er hat ein Pamphlet gegen den Gesandten von Spanien geschrieben. Katharine. Pierre — ein Pamphlet — Pierre soll so etwas geschrieben haben? Ich bitte Sie. Herr Griffet, das ist er ja gar nicht im Stande! Pica. Edle Seele — wie gut sie von mir denkt! Griffet. Er hat das Verbrechen eingestgnden, und wird also doch wohl der Verfasser sein. Ja, wenn nicht besondere Dinge sich ereignen, so muß Herr Pica ohne Weiteres zwischen vier dicke Mauern. Pica. Gut, nehmen wir an, es ereignen sich keine besonderen Dinge, und ich müßte nach Paris reisen, um ! 23 mich dort einsperren zu lassen, so bekommen Sie darum Katharine doch nicht. Sie haben von Mad. Girard 4000 LivreS zu fordern? Griffet. So ist es- Pica. Ich werde diese Schuld bezahlen. Griffet. So? Pica. Dann können Sie nicht mehr als Gläubiger die Heirat erzwingen! Griffet. Hm — Pica. Und dürfen sich nicht einbilden, daß man Sie auö Liebe zum Manne nehmen wird. Griffet (bei Seite). Der Schlingel ist unverschämt, aber ich muß ihn schonen. — (Laut.) Und wie gedenkt mich Herr Pica denn zu befriedigen? Pica. Mit diesem Papier. (Zeigt ihm die Anweisung.) Was ist das Werth? Griffet. Zehntausend Livres. Pica (zu Madame Girard). Sehen Sie, das Hab' ich für meine Zdee! (Zu Griffet.) Also mehr, als ich brauche! Griffet. Es kann keinem Zweifel unterliegen, daß, nach dem Wortlaute der Proklamation 10,000 Livres Demjenigen gebühren, welcher den Autor des Pamphlets anzeigt, und, in Folge einer sonderbaren Außerachtlassung der gewöhnlichen Ausnahmen, kann der Verfasser selbst die Belohnung in Anspruch nehmen. Pica. Ah — Sie geben das zu! Griffet. Ganz gewiß. ES wurde beim Entwürfe der Proklamation übersehen, jedoch wird dieß, insoweit es Euch, Herr Pica, betrifft, durch den darauffolgenden Satz ergänzt, in welchem es heißt: (Liest.) „Der Autor wird mit fünfjährigem Gefängniß in der Bastille bestraft, und das Vermögen desselben wird konfiözirt!" Herr Pica hat, wie ich vermuthen darf, kein Vermögen? Pica. Vermögen! Nein. Griffet. Man ist also wohl dem Herrn Pica, als Angeber, 10,000 Livres schuldig, man konfiSzirt aber zugleich das Vermögen des Pamphle- tenschreiberS Pica, das heißt, man bezahlt diese Anweisung nicht! . . . . Verstanden, mein Lieber! Das gleicht sich recht hübsch aus! Pica. Bedanke mich schönstens! (Bei Seite.) Ich schmeichelte mir, 10,000 LivreS ohne Bastille zu bekommen, nun erwartet mich am Ende die Bastille ohne 10,000 Livres . . . wenn nicht besondere Dinge sich ereignen. Griffet (geheimnisvoll). Hören Sie mich jetzt, junger Mann! Sie gefallen mir — Sie dauern mich — ich möchte Ihnen helfen. Pica (beiseite). Ah — jetzt kommen die besonderen Dinge! Griffet. Sie haben die Brochüre nicht geschrieben. Pica. Glauben Sie? Käthe rine. Ach nein, Herr Griffet — das hat er gewiß nicht — ich verstehe jetzt Alles — er hat sich nur für den Verfasser ausgegeben, um die Belohnung zu erhalten, mich zu befreien, und will sich gar einsperren lassen. Guter, armer Pierre! Griffet. Es ist so — nicht wahr, Herr Pica? Pica. Warum glauben Sie nicht, daß ich der Verfasser bin? Griffet. Weil ich — den Verfasser kenne. Pica. So? Sie kennen ihn? Nun, so denunziren Sie ihn, wenn Sie Beweise haben. — Griffet. Es ist eine sehr delikate Angelegenheit — ein Casus, der die höchste Vorsicht erfordert — eben, was die Beweise anbelangt — wenn Sie geneigt wären, mich zu unterstützen. Pica. Ich verstehe Sie nicht, mein Herr. Griffet. Ich würde in diesem Falle meine Ansprüche auf Katharinens Hand aufgeben, Sie können das Mädchen L4 heiraten, brauchen nicht in die Bastille zu wandern, und den Schuldbrief mache ich der Mad. Pica zum Hochzeitsgeschenk. Katharine. Ach. Herr Griffet — das wäre edel von Ihnen! Pica. Nun, darüber ließe sich sprechen. Griffet (leise). Ich will nur die Weiber entfernen. (Laut.) Liebe Mad. Girard — der Minister kann jeden Augenblick aus seinem Kabinete treten, und ich habe mit Herrn Pica höchst Wichtiges, Geheimes zu besprechen. Gehen Sie also mit Katharine nach Haufe. (Zu Katharine.) Ich hoffe, Herr Pica wird auf meinen Vorschlag ein- gehen, und dann bleibt's bei dem, was ich gesagt. Adieu! Mad. Girard und Katharine (ab, von Griffet bis zur Mittelthüre geführt). Dreizehnte Scene. Griffet. Pica. Pica. Wir sind allein, — sprechen Sie nun — inwieferne soll ich Sie unterstützen? Griffet. Ich wiederhole — Sie sind nicht der Verfasser des Pamphlets? Pica. Nehmen Sie an — ich wäre es nicht, und fahren Sie fort. Griffet. Sie können mir aber das Mittel an die Hand geben, den wirklichen Verfasser ausfindig zu machen. Pica. Sie sagten ja eben, Sie kennen ihn! Griffet. Ja wohl, ich kenne ihn — aber mir fehlt der Beweis. — Pica- Und diesen Beweis — Griffet. Können Sie liefern. (Zieht ibu an sich.) Sie erwähnten vorhin einer Anmerkung zu dem Pamphlet — Pica. Za. Griffet. Die auf einem schmalen Streifen Papier geschrieben war. Pica. Ah — dieses meinen Sie? Griffet. Haben Sie es aufbewahrt ? Pica. Ja. Griffet. Dann wird es sich unter Ihren übrigen Papieren vorfinden. Pica. Freilich. Griffet. Vortrefflich. Ich nehme nun jene Papiere in Beschlag, und liefere sie alle dem Herrn Minister ab ... mit Ausnahme des bewußten kleinen Blättchens. (MaurepaS öffnet die Thür des Kabinete-, und hört, von Griffet ungesehen, der Unterredung zu.) Pica. Mit dem kleinen Blättchen aber machen Sie dem Herrn Minister eine besondere Ueberraschung. Griffet (höhnisch). Eine besondere Ueberraschung — ja ganz recht — das heißt — nicht sogleich direkt — sondern mittelbar — durch S'e, Herr Pica. Pica. Wie das? Griffet. Sie müssen die Rolle des Angebers, beibehalten — mein gu- rer Pica! Pica. Ah — ich ahne. Griffet. Ich gebe Ihnen daS Blättchen — Sie überreichen dann dasselbe — Pica. Sr. Ercellenz dem Herrn Minister. Griffet. Beileibe nicht! Nein, dem spanischen Gesandten! Pica. So! Griffet. Sie werden die Sache schon klug einzufädeln wissen, Herr Pica, — Sie sind ja nicht auf den Kopf gefallen — Sie erklären sich, zum Beispiel, als das. was sie wirklich sind — als den Drucker des Pamphlets. Pica. Richtig. Griffet. Dann fügen Sie hinzu. Sie seien bereit, den wirklichen Verfasser anzugeben — oder wenigstens (mit Betonung) durch etwas Schriftliches von dessen eigener Hand auf seine Spur zu führen, wenn man Ihnen Straflosigkeit zusichert — das wird geschehen — endlich geben Sie dem Gtsandten daS bewußte kleine Blatt — und — (wendet sich gegen La- .Kabinet links — Maurepas zieht sich schnell zurück. und schließt die Thüre wieder). Nun, wvhl begriffen, Freund Pica? Pica. Vollkommen, Herr Sekretär, — ich verstehe Sie ganz gut. Griffel. Jetzt eile ich, Ihre Papiere zu konfiöziren. — Wo ist Ihre Wohnung? Pica. Ganz am Ende der Straße — daS letzte Häus auf der linken Seite. Griffet. Gut — in zehn Minuten bin ich rtzieder da. (Ab durch die Mittel- thüre.) Vierzehnte Scene. Pica. Huissier. Pica. Adieu, Herr Griffet! Sie glauben, ich kenne Sie nicht, oh ich kenne Sie nun ganz gut! Elender Mensch — dieser Sekretär — aber er soll sich wundern, wie seist lieber Pica ihm mitspielen wird. Er geht setzt in meine Wohnung, um die Papiere in Beschlag zu nehmen, waS er aber sucht, der Spitzbube! wird er nicht finden, ich habe das verhängnißvolle Blatt zum Glück anderswo aufbewahrt, und will eS jetzt gleich holen — Oh — er soll sich wundern, der Herr Sekretär! (Will durch die Mittelthür abgehen.) Huissier (an der Thür). Halt! Pica. Ah— ich -in gewissermaßen Gefangener. (Zum Huissier.) Lieber Herr, ich gehe nur zwanzig Schritte weit, ich muß Etwas holen. Huissier (stellt sich vor die Thür). Geht mich nichts an! Pica. Aber — lieber guter Herr — ich gebe Ihnen mein Wort — ich bin in einer Minute wieder da — ich will wahrhaftig nicht davonlaufen. Huissier. Zurück! Pica. Ah — daS wird unangenehm, was fang' ich denn jetzt an? Fünfzehnte Scene. Katharine. Vorige. Kat harine (eilig Hereinstürzenh). Pierre! Pica. Ah, Katharine, Du kommst eben im rechten Augenblicke! Katharine. Wirklich? Die Ungeduld trieb mich noch einmal her — ich könnt' eö nicht erwarten, zu erfahren, ob Du mit dem Herrn Sekretär einig geworden bist. Pica. Frage nicht— ich bitte Dich, Katharine — laufe, so schnell Du kannst, in die königliche Druckerei. Katharine. Was soll ich dort? Pica. Dort fragst Du, wo der Setzkasten ist. an dem ich arbeite. Neben diesem hängt mein Mantel. Darin wirst Du eine kleine Brieftasche finden, diese nimmst Du, und bringst sie mir eilends hierher! Kein Aber — kein Zaudern — Katharine, thue, wie ich Dir sage. Katharine.. Ja, ja, Pierre, ich gehe schon? (Ab.) Sechzehnte Sckne. Pica (allein, bald darauf) Maurepas. Pica. So. jetzt ist mir geholfen, und nun wäre ich bereit, dem Herrn Minister die geheime Unterredung zu bewilligen. Ah — da ist er schon! Maurepas (auf Pica zueilend. schnell und leise). Ihr seid der Drucker deS Pamphlets? Pica. Der bin ich, Ew. Ercellenz! Maurepas. In Eurem Besitz ist noch ein Blatt Papier mit der Anmerkung — Pica. Zu 14 — von welcher ich sprach — Ja! Maurepas. Ist die Handschrift auf jenem Papier dieselbe, wie hier in diesem Manuskript? (Zieht da- Ma. nuskript Griffet'» aus der Tasche.) Pica (der öfter erwartend und unge' 26 duldig nach der Thüre sieht. durch welche Katharine abging). Nein, Ew. Ercellenz, die Handschrift auf jenem Papier ist — (zieht die von Maurepas empfangene An« Weisung hervor) diese! Maurepas (tritt einen Schritt zurück und fixirt Pica). (Pause.) Siebenzehnte Scene. Katharina (bleibt. da sie den Mini, ster erblickt, schüchtern an der Thür stehen). Vorige. Maurepas. Und wo befindet sich jenes Blatt? Pica (winkt Katharine, näher zu treten. Diese übergibt ihm eine Brieftasche. Pica nimmt daraus ein Papier, und überreicht eS dem Minister). DaS Blatt — Ew. Er- cellenz — ist hier! Maurepas (nimmt rasch das Papier, sieht es an. und wirst es in die Flamme des Kamins). Pica! das soll Euch nicht vergessen werden! . . . Wer aber ist die schöne Ueberbringerin jenes wichtigen Papierchens? Pica. Meine Braut, Ercellenz — Katharine Girard. Sie sollte Herrn Griffet zum Manne nehmen, weil der an ihre Mutter 4000 LivreS zu fordern hatte, welche die arme Frau nicht sogleich bezahlen konnte; ich erfuhr das, und beschloß, mich als Verfasser des Pamphlets anzugeben, um 10,000 Livres zu gewinnen und Katharine zu erlösen, die nicht Lust hatte, Madame Griffet zu werden. Maurepas. Du sollst die 10.000 Livres haben, mein guter Bursche! Weil Du auf meine Handschrift so großen Werth zu legen scheinst, so behalte statt derer, die Du mir zurückgegeben. jene andere „gut für 10,000 LivreS." Pica (den Kopf schüttelnd). Danke, Ew. Ercellenz! Wie die Sachen jetzt stehen, kann ich die Anweisung nicht behalten. (Dieselbe an Maurepas zurückstellend, der ihn verwundert anfieht.) Sehen Ew. Ercellenz, das verhält sich so: Herr Griffet, den ich gleich als Denjenigen erkannte, der mir daö Manuskript gebracht hatte — waö ich aber nicht merken ließ — versprach, seinen Schuldbrief über 4000 LivreS uns zum Geschenk zu machen, wenn ich ein schlechter Kerl sein wollte. Da ich nun dieß nicht sein mochte, mag ich mich aber auch nicht von Ew. Ercellenz dafür bezahlen lassen, daß ich ein ehrlicher Kerl geblieben bin — sonst wäre ja meine Ehrlichkeit keinen Schuß Pulver werth. ES wäre wider mein Gewissen, wenn ich. das Geld nähme. Ich glaube es aber vor meinem Gewissen verantworten zu können, wenn ich ganz um- sonst dem Schurken, Griffet, eine tüchtige Lektion gebe, und ihm, mit Ew. Ercellenz Erlaubniß. zu einem Bischen Arrest verhelfe! . . . Wenn ich mir das Manuskript auSbitten darf — Maurepas (gibt ihm dasselbe, indem er Pica lächelnd betrachtet, für sich). An dem Burschen ist ein Minister verdorben! (Geht zur Thüre. und sagt dem Huisfier leise ein paar Worte. Dieser entfernt sich, und kommt darauf mit einem zweiten Huissier zurück.) Achtzehnte Scene. Marquis (aus dem Kabinel). Vorige. Marquis. Aber Herr Graf— wo bleiben Sie? Maurepas. karäonnsL moi, Herr Marquis — Sie werden zufrieden sein, wenn ich Ihnen sage, daß mir Herr Pica so eben, in Bezug auf das Pamphlet wichtige Entdeckungen mitge- theilt hat. Marquis. So? Worin bestehen diese? Maurepas. DaS sollen Ew. Ercellenz allsogleich erfahren. L7 Neunzehnte Scene. Griffel. Vorige. Maurepas. Was bringen Sie, Griffet? Griffet (überreicht Maurepas ein Kistchen, welche- er unter dem Arme trug). Die Papiere dieses Mannes da. (Zu Pica, während Maurepas mit dem Marquis spricht, leise.) Das Blatt befindet sich nicht unter den Papieren dort? Pica (das Manuskript hinter seinem Rücken verbergend). Nein — es ist nicht darunter. Ich habe schon, waS ich brauche! Griffet. Sie haben eS? Gut — also ohne Zögern —. Pica. Oh, ich bin bereit — (Geht auf den spanischen Gesandten zu.) Ew. Er- cellenz! Marquis (sich umwendend). Was soll'ö? Pica. Ich möchte die Ehre haben. Ew. Ercellenz weitere Enthüllungen über den Verfasser der Schmähschrift zu machen — Marquis. Zhr seid also doch nicht der Verfasser? Pica. Nein, Ew. Excellenz — ich bin nur der Drucker des Buches. Wenn aber Ew. Ercellenz mir zusichern, daß ich ohne Bastille davonkomme, so will ich die offene Wahrheit sagen — Marquis. Sprecht ohne Scheu, mein Lieber; ich sichere Euch Straflosigkeit zu, überdies meinen Schutz, wenn dieser nöthig sein sollte. Endlich also — der Name des Verfassers — Pica. Den Namen — weiß ich nicht — aber — etwas Schriftliches ven feiner Hand besitze ich — dann werden ihn Ew. Ercellenz wohl leicht ausfindig machen! Marquis. Etwas Schriftliches? gebt her — Pica (gibt dem Marquis das Manuskript). Hier, Ew. Ercellenz! Griffet. Ich bin verloren! Maurepas (heftet den Blick durchbohrend auf Griffet, der vernichtet zu Bode» sieht). Marquis (blättert in dem Manuskripte). Maurepas (zum Marquis). Erken- nen Sie die Schrift? Marquis. Sie ist mir wohl nicht fremd- Maurepas. Es ist dieselbe Hand, welche die Proklamation geschrieben hat. (Reicht ihm diese.) Ich bitte zu vergleichen, Herr Marquis! (Zu Griffet laut.) Ich weiß jetzt, Herr Sekretär, was ich vermuthete, daß Sie ein Elender sind! (Leise sortfahrend.) DaS Blättchen Papier, welches mich vernichten sollte, habe ich vernichtet! ES liegt in meiner Macht, Sie in der Bastille zu begraben, doch ich will milder sein, als Sie es verdienten. Griffet (flehend). Gnädigster Herr! Maurepas (laut). Sie kennen die Strafe, die Ihrer harrt! (Leise.) Meine Sorge wird eS dann sein, Sie wieder aus der Bastille und über Frankreichs Grenze zu schaffen. Marquis (nachdem er die beiden Handschriften verglichen). Dieselbe Hand, wie hier auf dem Proklamations-Entwurf! Ihr eigener Sekretär, Herr Graf! Maurepas. Mein eigener Sekretär, Herr Marquis! (Mit Beziehung.) So lernt man seine Diener kennen! Marquis. Also verlange ich die augenblickliche Verhaftung dieses Herrn Griffet, als den Verfasser des Pam- 28 phletS wider den Gesandten Sr. Majestät des Königs Philipp V. von Spanien. (Auf einen Wink des Ministers nehmen die HuisfierS Griffet in Empfang, der ihnen widerstandslos folgt.) Marquis. Erlauben Sie, Herr Graf, daß ich zum Abschiede meinen Dank ausspreche für die Umsicht und Energie, womit Ew. Excellenz diese Angelegenheit geleitet haben. Maurepas. Der ehrenwerthe Marquis von Remontado darf gewiß sein, daß ich ihm stets mit gleicher Freundschaft und Aufrichtigkeit, wie heute, entgegen kommen werde. Marquis. Sehr gütig, Herr Graf — ich werde nicht unterlassen, Ihr heutiges Benehmen in dem Berichte an meinem Souverain nach Ver- l dienst zu rühmen. (Ab.) (Der Borhang fällt.) «»« I. v. r. L Hof1hr«ter-Dr»cke,ri. t s i m l i ch. Lustspiel in einem Auszuge, von M. A Grandjean. Aufzeführt im k. k. priv. Theater an der Wien. Personen r Doktor Stiller. Mathi lde, seine Frau. Heinrich, sein Neffe. Professor Wächter. Emilie, dessen Tochter. Frau von Steinberg, eine junge Witwe. Herr von Flimmer. Baron Grünfeld. Rath Holpe rich. Rentier Meißel. Hauptmann Wildner. Franz, Bedienter Rosalie', Stubenmädchen, Ein Aufwärter. Masken. Ballgäste. Ort der Handlung: Eine deutsche Residenzstadt. ^ bet Dr. Stiller. Elegant möblirtes Zimmer in Doktor Stiller's Hause mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren. Links im Vordergründe ein praktikables Fenster; ein Tisch, auf welchem ein Armleuchter mit zwei brennenden Kerzen steht. Erste Seene. Heinrich am Fenster hinaussehend. Franz, einen Mantel am Arme, wartet an der Sektenthüre rechts. Heinrich. Neun Uhr! Wie die Equipagen rollen! Wie belebt die Straßen sind. Alle Welt feiert den Karneval, Jedermann ist heiter, freut sich, vergißt auf ein paar Stunden alle Sorgen und Mühe, nur ich — ich bleibe immer und immer wieder zu Hause, und sehe wehmüthig zum Fenster hinaus. Aber recht geschieht mir! DaS Hab' ich von meinem Sklavensinn, von meiner submisten Ergebenheit gegen den Onkel Ervormund. Wie oft wollt' ich ein ernstes Wort mit ihm sprechen, und immer fehlte mir der Muth! Hab ich etwa kein Recht, mich aufzulehnen gegen diesen lächerlichen Zwang? bin ich ein Kind? bin ich nicht mündig? warum geh ich nicht gleich ?... (macht ein paar Schritte gegen die Seitenthür rechts und bleibt unschlüssig wieder stehen). Franz. Fehlt Ihnen was, junger Herr? Heinrich. Die Freiheit. Franz. Ja so! 2 Heinrich. Wieso — ja so? Franz. Nun, ich meine nur, es wundert mich nicht, wenn's Ihnen einmal zu arg wird. Mir wäre an Ihrer Stelle schon lange die Geduld zu kurz geworden. Heinrich. Nicht wahr, es ist schändlich? Franz. Unverzeihlich, ein so hübscher junger Herr — Heinrich. Junger Herr, junger Herr — das klingt auch so, als ob ich noch ein kleiner Schuljunge wäre. Ich heiße für Dich „Herr Doktor," verstanden. Franz. Doktor? Heinrich (ihm nachspottend). Doktor? — Ja, wirklicher, ordentlicher, graduirter Doktor der Medizin. Muß ich Dir vielleicht gar mein nagelneues Diplom zeigen? Es klebt noch kein Blut daran. Franz. Nun ich gratulire, Herr Doktor! Heinrich. Danke schön — Doktor bin ich und werde vom Alten da drinnen gehütet, wie — wie, o Gott, ich finde vor Ingrimm gar keinen passenden Vergleich. Nun soll ich in wenig Tagen fort, in die Provinz — von woher ich, wie Du weißt, vor einem Monate gekommen bin, soll dort als Arzt in einem kleinen Städtchen sterben und verderben — ist das nicht eine Idee, worüber der Mensch wahnsinnig werden könnte. Franz. Armer jung — Herr Doktor! Heinrich (wirft sich seufzend in einen Stuhl). Nun sitze ich hier Wochen lang an dem Tisch, wie angenagelt, da fludirte ich im Schweiße meines Angesichts, ging kaum auf die Straße, um Luft zu schöpfen, besuchte Niemand, mußte meine liebsten Bekannten vernachlässigen, doch wenn ich mich so recht Plagte, war mein Seelentrost: Hast du nur einmal die gefährlichen Rigorosen überstanden, dann solls ein Leben werden hier in der Hauptstadt! Ja, ! prosit die Mahlzeit — er hält mich am Leitseil, wie zuvor. (Plötzlich ärgerlich wer- < dend.) Aber ich will nun meinen Kops 1 aufsetzen, den Doktorhut darauf, ich > will einmal meinen eigenen Willen ha- i ben. (Wieder hrrabgestimmt.) Denke nur, i ich habe im ganzen Karneval noch nicht einen Schritt getanzt. ' Franz. S'ist schauderhaft! > Heinrich. Und heule ist gerade ' Maskenball — 1 Franz. Der letzte und eleganteste, die ganze noble Welt geht heute auf die - Red oute. Heinrich (sieht plötzlich zum Fenster ^ hinaus). Was seh' ich? da drüben? — ^ Franz. Ja, ja, Herr Doktor. Sie sehen manchmal was da drüben, scheint mir. Heinrich. Schlingel, was geht daS Dich an? ! Franz. Nichts, gar nichts, ich meinte nur so, S' ist auch kein Wunder, Fräulein Emilie ist ja so hübsch. s . Heinrich. Spion, ich tödte Dich mit meinem ersten Rezepte, wenn Du einer menschlichen Seele ein Wörtchen j sagst! Ich dachte, Niemand in der Welt könnte etwas bemerkt haben. Franz. Ja, das glauben die Verliebten alle. Aber sorgen Sie nicht, ich weiß i zu schweigen. Heinrich. ES soll Dein Schade ? nicht sein. (Sieht wieder durchs Fenster.) In der That, vor dem Hause hält ein ^ Fiaker — Emilie steigt ein, sie ist en ^ mnslsue — sie fährt in die Redoute und ^ ich bin hier, muß hier bleiben, ihr nach- ^ sehen, pfui über mich selber. — (Tra- ^ gisch.) Es ist beschlossen, die Würfel ; sind gefallen. (Geht rasch zur Seitenthüre ^ rechts.) Franz (ihn am Rock fassend). Was wollen Sie thun, junger — Herr Doktor? ^ Heinrich. Kannst Du noch fragen, z Unglücklicher? Ich will dem Onkel meine 3 Meinung sagen, ich muß heute fort — auf den Ball, Emilie sprechen, zum ersten Male mit ihr sprechen — zum er- > sten Male — vielleicht mit ihr tanzen, o dieses Vielleicht ist Himmelslustich muß, ich muß hinein zu meinen Onkel, ich werde ihm sagen — Franz. Aber so lassen Sie doch ein vernünftiges Wort mit sich sprechen. — Was nützt es Ihnen, wenn Sie sich mit dem Herrn Onkel zanken? Erstens haben Sie dazu keine ordentliche Kou- rage — Heinrich. Franz! Franz. Und am Ende sperrt er alle Thüren zu — oder wenn er sehr gut ge- i launt ist, geht er statt in den Klubb, mit auf den Maskenball. Heinrich. Das könnte ich gerade brauchen. F ra n z. Ich meine also, Sie machen es morgen ernsthaft mit ihm aus, und heute — desertiren Sie indessen auf den Ball. Der Herr Onkel Doktor hat jetzt noch medizinische Sitzung — passen Sie die Zeit ab, wo die gnädige Frau zu Bette gegangen ist, nun, Sie verstehen mich wohl. Heinrich. Ich soll mich heimlich - fortstehlen? Franz. Ei was — es geht heute so am allerbesten und verbotene Früchte ^ schmecken am süßesten. Zudem ist ein klein wenig Gefahr dabei, und das sollen ja Verliebte gerade so gerne haben. H einr ich (muthwillig). Topp, alter Sünder, ich wag's, doch stille, der gestrenge Herr Onkel naht. Zweite Scene. Doktor Stiller und seine Frau aus der Seitenthüre rechts kommend, Franz, Hein rich. Frau Stiller. Du willst also wirklich fort, mein Schatz? Doktor Stiller. Allemal, mein Kind! Man hat mir die Ehre erzeigt, mich zum Vorstand des Thomas Klubb'S — nach mir benannt — zu wählen, und da kann ich unmöglich auSbleiben. Wäre mir's doch selbst lieber, mein Täubchen, hübsch heim sitzen zu können im warmen Zimmer an Deiner Seite, in Gesellschaft meines braven Heinrich, dieses vielversprechenden jungen Schülers Aeskulaps, allein wo die Ehre winkt, muß das Herz schweigen. (Hat während der letzten Worte den Mantel umgenommen und den Hut aufgesetzt. Franz entfernt sich durch die Mittelthür). Frau Stiller. Aber warum müßt Ihr denn Eure gelehrten Sitzungen so spät Abends halten? Doktor Stiller. Weil — weil — siehst Du, mein Engel, weil man da seine Gedanken besser beisammen hat; es ist ein rührendes Bewußtsein, sich sagen zu können: Jetzt im Karneval, wo die tolle Welt sich wie närrisch geberdet, und ein Sündenleben führt, da sitzen wir Männer der Wissenschaft zusammen und berathen über das Wohl und Wehe unserer leidenden Mitmenschen. Nicht wahr, Heinrich? Heinrich. Man muß nur nicht zu viel verlangen, besonders von jungen Leuten. Sie sind ein alter Herr (Doktor Stiller macht ein saures Gesicht) — nun ja — über die Blüthenjahre sind Sie doch hinaus — Sie haben gewiß auch einmal gelebt und getobt. Doktor Stiller (feierlich). Ich habe nie getobt, habe nie an dem frivolen Treiben Geschmack gefunden, welchem die leichtsinnige Jugend sich in die Arme wirft. Halte Dich ferne, mein Sohn, von diesen Burschen, die Dich in ihre Netze ziehen, undDir Grundsätze beibringen würden, die mit meinen Ansichten nicht Harmoniken. Glaube mir, mein Sohn, es ist keine Gesinnung, kein Talent, kein ernster Wille unter dem jungen Nachwuchse — Du wirst 1 * 4 es mir einst Dank wissen, daß ich Dich ihrem Umgänge entzogen habe. Heinrich. Ei, wenn Sie damit zufrieden sind, tagüber ein paar Krankenvisiten zu machen, dann zu Hause auf dem Sofa von den vielen Strapazen auszuruhen, und mit wichtiger Miene über die Berufsgeschäfte zu lamentiren, die Ihnen gar keine freie Stunde lassen, endlich Abends Ihren hochweisen Klubb besuchen, so ist das Geschmackssache, aberich zum Beispiel— Doktor Stiller. Seht doch den neugebackenen Herrn Doktor! Ei, wachsen Dir die Flügel? Willst Du mich Hofmeistern, Deine Zeit, Dein Geld verprassen, Schulden machen, ein sittenloses Leben führen? — Du Gukuks- brut! Frau Stiller. Zn der That, ich muß Dir auch gestehen, daß ich das Leben, was wir jetzt führen, sehr langweilig finde. Als ich Dich vor drei Monaten heirathete, da versprachst Du mir die vergnügtesten Tage — und jetzt lebe ich da mitten in der Residenz so einsam, wie auf einem alten Waldschlosse. Doktor Stiller. Z der tausend, das ist ja eine förmliche Insurrektion! Mathildchen, ich bitte Dich, spuckt es denn bei Dir auch? Steckst Du im Komplott mit dem Gelbschnabel? Sage, thu' ich denn nicht Alles, Dich glücklich zu machen? Zch rauche nicht, bringe keine tollen Gesellen in's Haus, spiele jeden Nachmittag mit Dir Domino — ich überhäufe Dich mit Geschenken, bald sind es auf ein paar Ohrgehänge, bald ein Shawl oder eine Kette — bin ich denn nicht ein zärtlicher Gatte? Frau Stiller. Was nützt mir der Schmuck, wenn er im Kasten glänzt? Warum führst Du mich nicht in die Welt? Seit den ganzen drei Monaten unserer Ehe war ich in keinem Theater, auf keinem Balle, auf keiner Soiree. Auf die Promenade schickst Du mich Abends, wenn Niemand mehr dort ist, mit dem Dienstmädchen, und wenn es Dir zuweilen beliebt, mich abzuholen und heimzubegleiten, so wählst Du stets gewiß die dunkelsten Alleen, und die entlegensten Gäßchen, wo uns Niemand sieht. Das ist unerträglich. Und Du hast Dich doch meiner vor den Leuten nicht zu schämen, ich bin jung, nicht übel, so wie man sagt. Doktor Stiller. Wer sagt das ? Das hat Niemand zu sagen als ich. - Frau Stiller. Nun, und Du i sagst es auch. ^ DoktorStiller. DaS wohl, aber — Frau Stiller. Also thu' Buße, Thomas, sieh, der Karneval geht zu Ende, führe mich nur einmal, nur ein einzigesmal auf einen Ball. Nicht wahr, Du thust es? DoktorStiller. Gemalin! Meine Geduld ist zu Ende, Du hast gut gesprochen, aber ich kann Dir nicht helfen, komme mir nicht ferner mit sol- ^ chen Zumuthungen. j ' . Frau Stiller. Kannst Du mich ' denn nicht mit Dir in den Klubb nehmen? Doktor Stiller. Welch ein närrischer Gedanke! Was sollte eine Frau in Gesellschaft von ernsthaften Männern, die sich über Dinge von der höchsten Wichtigkeit berathen? Frau Stiller. Geht es denn gar so feierlich zu? i Doktor Stiller. Sehr. ) Frau Stiller. Wird da nicht ! soupirt? Doktor Stiller. Niemals, Wir ' halten Reden, das ist genug. Aber seht nur, jetzt habeich eine ganze Viertelstunde versäumt, unsere Mitglieder müssen aufmich warten.Auf Wiedersehen ^ und (zu Beiden) keine ähnlichen Diskurse mehr, bei meinem Zorn. (Heinrich geht ins Zimmer links ab, Doktor Stiller geht von seiner Frau begleitet gegen die Mittelthüre zu). ^ 5 Dritte Scene Franz tritt dem Doktor entgegen. Doktor Stiller. Frau Stiller. Franz. Euer Gnaden — es ist ein Herr draußen, der Sie zu sprechen wünscht. Doktor Stiller. Jetzt, um diese Zeit! Schick ihn nur fort, ich muß eilends in den Klubb. Franz. Er sagte, er wolle Euer Gnaden abholen. Do ktor S L i l l e r. Was? (bei Seite) es wird doch nicht — (Laut zu ! seiner Frau) Du stehst, man holt mich ' schon, mein Kind. Geh' nur auf Dein Zimmer, gute Nacht! Franz. Da kömmt der Herr. (Ab). Vierte Scene. Holperich. Doktor Stiller. ' Frau Stiller. Holperich. Guten Abend, Herr ! Bruder! Wo steckst Du denn, lustiges Blut, daß man Dich holen muß? Doktor Stiller (in höchster Ver- ! legenheit). Ich — ich komme schon, i Frau Stiller. Mein Mann war ^ so eben im Begriff — Holperich. Sie sind — Herr Bruder, das ist — ja was sind denn ; das für Schnacken, alter Bursch? ! Frau Stiller (während ihr Gatte ^ dem Holperich fortwährend zuwinkt, ohne daß dieser es bemerkt). Worüber wundern Sie sich', wenn ich fragen darf, ^ Herr Doktor? Holperich. Rath,meine Gnädigste, Z Rath Holperich. ? Frau Stiller (leise zu ihrem Gat- s ten). Rath? Wie kommt denn der in ' Euren Doktorklubb? Doktor Stiller (eben so). Nun ; ja, mein Kind, er ist Medizinalrath, ein leerer Titel, aber der Mann hält i viel darauf. Frau Stiller (zu Holperich). Es freut mich, Sie kennen zu lernen, Herr Rath! Holperich (während ihn Doktor Stiller heimlich zum Fortgehen nöthigt). Nicht Ursache — viel Ehre, wollte ich sagen. Bin so simpel und schlicht, wie es die alten Hagestolze schon sind. Wir sind nämlich lauter Hagestolze in unserer Thomas-Coterie, so genannt nach dem Präses, Ihrem Herrn Ge- mal, und der galt bei uns Allen immer für einen Hagestolz, thut auch immer so frei — so ledig — und darum bin ich nicht wenig erstaunt. Frau Stiller. Wie — Du ver- läugnest Deine Frau? Doktor Stiller (in der peinlich, sten Verlegenheit). Ich sagte Dir ja, daß keine Damen in unseren Klubb kommen dürfen; und damit die Herren nicht etwa mir zu Liebe eine Ausnahme machen möchten — Holperich. O wenn es nur das ist, da kann die gnädige Frau getrost mitkommen. Wir haben nichts dagegen , wenn es Dich nicht genirt. Doktor Stiller (sich vergessend). Warum nicht gar? Weiber in unsere Coterie — daß man jedes Wort auf die Wage legen müßte! — Frau Stiller. Was kann denn da in Eurem ernsthaften Verein zur Sprache kommen, das ich nicht hören dürfte? Holperich. Ernsthafter Verein? (Lachend). Nicht Übel, die Ironie ist gut. Ich sehe, Freund Thomas, die Gnädige versteht Spaß, cs wird sie hoffentlich auch nicht beleidigen, wenn wir ihre Gesundheit in einem Glase Champagner trinken. Frau Stiller (leise zu ihrem Manne). Wie, Ihr trinkt Champagner? Aber Du sagtest ja — Doktor Stiller (leise). Nun, — man macht zuweilen Ausnahmen zum Andenken großer verstorbener Män- 6 ner, das sind aber heitere Feste mit einem ernst szientifischen Hintergründe — mit Toasten und Gedächtnißreden, daß taugt nicht für Dich, mein Kind, (kaut). Meine Frau entschließt sich, zu Hause zu bleiben. Holperich. Wie es gefällig ist. Also komm, Bruder, die Masken Hab' ich im Wagen. Frau Stiller. Die Masken? Doktor Stiller (bei Seite). O wenn ich ihm nur den Mund verleimen könnte! (Laut). Za, Kind, das ist so ein bizarrer Gedanke von mir. Wir halten die Sitzungen in schwarzen Mänteln und in Masken, um die Sachen feierlicher zu machen. (Holperich in den Arm kneipend). Jst's nicht so, Holperich? Holperich (der zu begreifen anfängt). Ja, ja, es ist so, gehen wir nun? Doktor Stiller. Zch bin bereit. (Zu seiner Frau.) Schlaf wohl, Herzchen. (Leise zu Holperich). Ich könnte Dich erdrosseln, Du Plaudertasche! (Zieht ein Schnupftuch aus der Lasche, sich den Schweiß zu trocknen, und streut dabei, ohne es zu bemerken, ein Papier auf die Erde). Holperich (eben so leise). Wie konnte ich wissen, daß Doktor Stiller (leise). Zetzt sei still. (Zu seiner Frau). Bleibe nicht zu lange wach, mein Schätzchen, hörst Du? Holperich (leise sich entschuldigend). Zch kann nicht dafür, warum spielst Du den Heimlichen. Aber sei ruhig, sie hat nichts gemerkt. Doktor Stiller (leise). Glaubst Du? Holperich (leise). So gewiß ich Zunggeselle bin. (Laut mit einer Verbeugung). Zch habe die Ehre, eine ruhsame Nacht zu wünschen, meine Gnädige. Haben Recht, daß Sie daheim bleiben, vollkommen Recht — Sie würden sich an uns nur schrecken, wenn wir da sitzen wie die Vehmrichter. (Im Abgehen leise zum Doktor Stiller). Sie merkt nichts^ gar nichts, Du kannst Dich daraus verlassen. Fünfte Scene. Frau Stiller allein. Kein Zweifel, ich bin hintergangen; diese Aengstlichkeit meines Mannes, diese Andeutungen des geheimnißvollen Herrn Raths oder wer der Herr sonst sein mag — ich müßte blind und taub sein, um nicht zu begreifen, daß mein lieber Gemal ein scheinheiliger Tartüffe ist, der sich meiner lästigen Gesellschaft entzieht, um sich, Gott weiß — wo und wie — ungenirt belustigen zu können. Wenn ich nur Gewißheit hätte, aber wie soll ich auf die Spur kommen, wie ihn überführen, ihn beschämen — ? (Bemerkt das auf der Erde liegende Papier und hebt es auf.) Was ist ! dieß? Ein Brief? (Liest die Adresse.) ^ „An den wohlgebornen Herrn Doktor ^ Thoma's Stiller!" (öffnet den Brief und ^ liest.) Unterzeichnet: die Hagestolzen vom Thomas - Klubb! Ha! vielleicht gibt dieß mir Aufschluß! (Liest). „Dem Präsidenten und Haupträdelsführer thun wir hiemit kund und zu wissen, § daß der Klubb heute in eorpors und maskirt den Redoutenball besucht, die Versammlungsstunde ist precise 9 Uhr. Das Coteriezeichen eine grüne Schleife am linken Arm. Man ersucht den ehren- werthen Herrn, sich pünktlich einzufin- den, und seine gewohnte joviale Laune mitzunehmen!" Also das ist die medizinische Sitzung, welche mein alter Doktor so fleißig besucht? O ich arme getäuschte Frau! Aber ich will ihm nach, ihn belauschen und beobachten, ohne daß er meine Gegenwart ahnt! (Klingelt.) Warte nur, Du Sittenprediger, ich will Dich sehr unwillkommen überraschen. - 7 Sechste Scene. Rosalie. Frau Stiller. Rosalie. Euer Gnaden befehlen? Frau Stiller. Rosalie, Du bist ein kluges Mädchen, ich darf Dir vertrauen; was ich Dir jetzt sagen will, halte geheim, und benimm Dich geschickt. Ich will sogleich auf den Maskenball — besorge mir schnell einen- Domino und einen Wagen. Hörst Du, aber schweige und sei vorsichtig. Rosalie. Wissen Sie denn, gnädige Frau — Frau Stiller. Was? Rosalie. Daß der Herr Gemal auch in die Redoute gefahren ist? Frau Stiller. Woher weißt denn Du es, vorwitziges Ding? Rosalie. So eben hörte ich's. Ich stand auf dem dunklen Gange unten an der Stiege, da kam der Herr Doktor mit einem fremden Herrn herab. Der Herr Doktor brummte etwas von Plaudertasche, vorlautem Schwätzer und dergleichen. Der Andere aber lachte immer dazu und rief: — „Sei doch nur ruhig, sie hat keine Ahnung von dem, was wir Vorhaben!"—Darauf stiegen Beide in einen Wagen, der am Thor hielt, der fremde Herr rief dem Kutscher zu: In die Redoute, und so fuhren sie davon. Frau Stiller (mit erzwungener Heiterkeit). Ganz recht, ja, mein Mann ist auf dem Maskenball — ich will auch dahin, will ihn aber dort aus Scherz heimlich überraschen. Frau von Steinberg besucht heute gewiß ebenfalls die Redoute, es wird ihr eine unverhoffte Freude sein, wenn ichsie abhole. Also thue, was ich Dir gesagt, und sei verschwiegen. Rosalie. Verlassen Sie sich auf mich, gnädige Frau. In zehn Minuten bin ich wieder hier. (Ab durch die Mittel« thüre). Frau Stiller (nimmt den Leuchter vom Tische und geht rechts ab. Die Bühne verfinstert sich). Siebente Scene. Heinrich in einen Mantel gehüllt, Franz. Beide kommen aus der Seitenthür links und tappen nach der mittleren Ausgangsthür. Heinrich. Alles ruhig. Franz. Und stockfinster dazu. Heinrich. Tritt nur leise auf. Franz. Stoßen Sie nur nirgends an. — Heinrich. Franz, Deine Stiefel knarren aber unausstehlich. Franz. Reden Sie nicht so viel, man hört uns sonst. Heinrich. Ich bin schon an der Thür. Franz. Desto besser, nur schnell hinaus. (Beide gehen während der letzten Worte durch die Mittelthür ab). Achte Scene. Frau Stiller aus dem Zimmer rechts. Wenn nur Rosalie käme. Die Minu. ten werden mir zu Stunden. Und wie mein Herz pocht, als ob ich eine Sünde begehen wollte. Es wird mich wohl Niemand sehen, nein —nein — keine Seele wacht mehr im ganzen Hause — und doch, ich fürchte mich, wie ein Kind vor Gespenstern. (Setzt sich in einen Stuhl). Neunte Scene. Rosa lie, Domino und Maske am Arme, tritt durch die Mittelthür ein, und Frau Stiller. Rosalie (halb laut). O, wie ärgerlich! Jetzt ist es hier ganz finster! Wenn ich irgendwo anstoße, ist Alles verrathen — aber ich will mich schon zurecht finden. Frau Stiller (halblaut). War mir'S doch, als hörte ich ein Geräusch! (Steht auf und stößt mit Rosalien zusammen, Beide schreien, dann ruft Frau Stiller.) Rosalie, bist Du es? Rosalie. O — Sie sind's, gnädige Frau! Frau Stiller. Was schreist Du denn so? Rosalie. Sie schrien ja auch. Frau Stiller. Der Wagen wartet? Rosalie. Za. Frau Stiller. Gut, ich gehe. Komm mit mir/ Rosalie, Du leuchtest mir dann die Nebentreppe hinab, damit ich ja gewiß Niemanden begegne. (Beide rechts ab, indem sie sprechend und horchend um sich blicken). Verwandlung. Ein Nebensalon auf dem Maskenballe, mit Aus- aangsthüren, auf beiden Seiten rundumherlaufende Sitze zum AuSruhen, hier und da durch Blumengruppen unterbrochen. Links und rechts im Vordergründe auf jeder Seite ein Tisch mit mehreren Stühlen. Durch eine Glasthür im Hintergründe des Salons sieht man in den eigentlichen Tanzsaal. l R Zehnte Seene. Doktor Stiller, Rath Holpe- rich, Hauptmann Wildner und Rentier Weiße!, sämmtlich maskirt, jedoch mit abgenommenen Larven und mit grünen Schleifen am Arme, kommen von der rechten Seite und nehmen am Tische rechts Platz. Ein Gar^on bringt Champagner und entfernt sich wieder. Holperich. Es ist einmal nicht honett von Dir, so hinter dem Berge gehalten zu haben. Also vor 3 Monaten schon hast Du die junge Frau heimgeführt? Seht doch, diese Heimlich- thuerei, und erinnert Euch nur an die i Kniffe, womit er uns bisher immer! seine Adresse vorenthielt —ich erfuhr sie ^ kürzlich durch Zufall, und — entdeckte auf diese Art heute die ganze Geschichte. Doktor Stiller (als Türke mäs- kirt, hat Larve sammt Turban neben sich auf einen Stuhl gelegt. Er ist in einer munteren Weinlaune). Na, macht mir keine Vorwürfe, Brüder und Zechgenossen! Zch bin einmal nicht mehr frank und ledig; ich habe Euch nur darum meinen Ehestand geheim gehalten, weil — Wildner. Weil Du mit Recht befürchtetest, von uns ausgelacht zu werden ! Bist Du auch ein Narr, Alter, in Deinen Zähren eine Frau zu nehmen, und eine junge hübsche Frau, wie ich höre, die Du jetzt aus lauter Eifersucht daheim einsperrst. Doktor Stiller. Aus Eifersucht? Gott bewahre! Der einzige Grund ist der — meine Frau genirt mich in meinen Hagestolzen-Gewohnheiten. Zch lasse also meine junge Hausehre von meinen heimlichen Verbindungen nichts ahnen, und halte sie hübsch zu Hause. Meißel. Gut spekulirt, fein kal- kulirt. Aber Strafe muß sein — Doktor! Also verurtheile ich diesen alten Er-Hagestolzen, nunmehr (lächelnd) jungen Ehemann, zu einer Buße von zwei Bouteillen Champagner. Doktor Stiller (ruft). He, Garyon! (Ein Gar^on erscheint). Noch mehr Champagner! (Garyon ab). Zch will die Versöhnung mit Pomp feiern. Zn Strömen fließe der Wein. (Garyon bringt Wein und entfernt sich wieder). Zetzt will ich erst lustig werden. (Während er eine Flasche entkorkt). Der Salon da ist so prächtig einsam — Niemand stört uns. Wildner. Du wirst Dich doch nicht etwa fürchten, Doktor? Doktor Stiller. Fürchten?Zch? und vor wem? (Frau Stillerund Frau von Steinberg, Beide im Domino und die Larve vor dem Gesicht, erscheinen im Hintergründe). s Wildner. Vor Deiner Frau vielleicht? Doktor Stiller. Pah, die ahnt nichts — Wildner. Und wenn sie es auch ahnte, was dann? Alle Wetter, Bruder Stiller, Du wirst Dich doch nicht von Deiner Frau kommandiren lassen? Doktor Stiller (sich umsehend). Hier ist Jemand Wildner. Was kümmerts Dich? Gib Antwort, Alter, wer führt den Hausszepter? Holperich. Mir scheint, Bruder Thomas muß ziemlich — Doktor Stiller Was — Holperich. Na, Du weißt schon — Weißel. Ha, ha, freilich. Seht nur, wie er immer nach den zwei Damen umblickt, er meint schon immer, sein hübsches Hauskreuz spionirt ihm nach. Doktor Stiller. Donner noch einmal! Verderbt mir meinen Humor nicht. Hier bin ich Junggeselle und nehme es mit Euch Allen aus! Fürchten? Ich? dummer Schnack! Und wenn meine Frau hier wäre, würde ich sagen : Sieh, mein Schatz — „Wer nicht liebt Wein, Weib und Gesang „Der bleibt ein Narr sein Lebelang !" (Steht auf, das Glas in der Hand.) Dich lieb ich, mein hübsches Weibchen, dich trink ich, mein süßes Weinchen. (Steht auf einmal vor den beiden Damen, und prallt erschrocken zurück. Frau Stiller u ihre Begleiterin ziehen sich zurück, verbl gen sich aber hinter der Blumengruppe). Meißel. Nun, was ist's, Br der Thomas? Wildner. Ich sage Euch, er sie m jeder weiblichen Maske das drohen Rachegespenst seiner Frau. Doktor Stiller. Ihr wollt m> necken, Ihr hämischen Gesellen, al es soll Euch nicht gelingen, mich zu < zürnen. Immer lustig per poouls po- eulorum! Aber jetzt machen wir im Trinken eine kleine Pause, wenn's Euch recht ist. Kommt in den Tanzsaal, dort suchen wir unsere übrigen Coterie-Brüder auf und sehen nach, ob eS hübsche Masken drinnen gibt. Später kommen wir wieder hieher. (Setzt den Lurban auf). Aber ich kurzsichtiger Sterblicher kann ohne Brillen keine Vestalin von einer Regimentstochter unterscheiden, und ich glaube, Muhamed hat im Koran die Brillen verboten! — Etwas, die Türkei civilisirt sich. (Nimmt die Larve vor und setzt die Brillen auf, die andern drei Herren nehmen gleichfalls die Larven vor und gehen mit dem Doktor in den Lanzsaal). Gilfte Scene. Frau Stiller und Frau von Stein berg kommen hinter der Blumengruppe hervor. Frau Stiller. HastDugehört? Frau v. Steinberg. Ja, man sollte es nicht glauben — Frau Stiller. Ein so stiller, ge. setzter Mann — Frau v. Steinberg. Alter schützt vor Thorheit nicht — Frau Stiller. Obendrein müssen mich seine Freunde noch für eine Xun- tippo halten, die das Hausregiment führt, während ich eine arme getäuschte Frau bin. Frau v. Steinberg. Nur nicht seufzen und wehklagen! Mache eS jetzt, wie Dein Mann — amüsire Dich, ohne weiters an ihn zu denken. Komm mit in den Tanzsaal, komm. Frau Stiller. Wo denkst Du hin? Ich kam nicht hieher, mich zu unterhalten, ich wollte nur meinen Mann heimlich beobachten. Frau v. Stein berg. Dann wieder heimfahren, die Nacht in Thränen durchwachen, morgen ganz schüchtern und demuthSvoll ein paar leise Vor- 10 stellungen wagen — und hübsch Alles beim Alten lassen, nicht wahr? Nein, daS leide ich nicht, Du mußt bleiben — Dich rächen — Frau Stiller. Aber so war's ja nicht gemeint. Frau v. Steinberg (lächelnd). Fürchte Dich nicht! Sieh, da kommen eben zwei meiner Anbeter — der empfindsame Herr von Flimmer und der heroische Baron Grünfeld. Frau Stiller. Ich bitte Dich, entfernen wir uns! Frau v. Steinberg. Welch ein Einfall! Bleib doch nur hübsch bei mir und verzage nicht, ich will Dich bewachen gegen Riesen und Drachen. Zwölfte Seene. Flimmer. Baron Grünfeld. Die Vorigen. Flimmer (Frau von Steinberg bemerkend). O welch ein Glück! Zch segne diesen Abend, ich bezeichne ihn mit rothen Strichen in dem Kalender meines Lebens, da eö mir vergönnt ist, Ihre Hand zu küssen, meine Gnädige! (Verbeugt sich stumm gegen Fcau Stiller). Frau v. Steinberg. Immer derselbe zuckersüße Seladon, Herrv. Flimmer, voll schöner Worte, aber dahinter lauert der Schelm. Flimmer. Sie kränken mein treues Herz, Krone der Frauen. Was soll ich» thun, um Ihnen zu beweisen — .» Grünfeld. Lassen Sie doch andere Leute auch zu Worte kommen, Syrup- männchen! (zu Frau v. Steinberg.) Gnädige Frau, darf ich nun wagen, daran zu erinnern, daß Sie mich zu Ihrem ausschließlichen Quadrilletänzer choistrt haben? Flimmer. Halt, da thue ich Einspruch. Diese Zusage erhielt ich, und zwar am letzten Sonntage Nachmittags , fünf Minuten nach vier Uhr. Gränfeld. Tag und Stunde weiß ich nicht so genau, allein — Flimmer. Aber ich weiß es, gnädige Frau, weil ich über jeden Blick Ihrer schönen Augen, jedes Lächeln Ihres holden Mundes, jeden Gruß Ihrer himmlischen Hand ein Protokoll führe, und eS stets auf meinem Herzen trage (zieht ein Portefeuille aus der Lasche) hier, Maroquin mit Goldschnitt, und darinnen steht eS geschrieben aus Perga» ment, (liest) Am 2. Jänner Abends, zehn Uhr, nach dem Theater^, der Frau von Steinberg den Arm gereicht — ich war sehr witzig und galant, sie lächelte und schlug mich mit dem Fächer — göttlicher Moment! — Am 12. Jänner bei der Dame meines Herzens zum Abendthee geladen, — wir ließen die Damen der Residenz die Musterung passiren; meine Platzkenntniß gab mir Gelegenheit zu ein paar treffenden Impromptus — sie lachte holdselig und nannte mich einen losen Schelm. Am 18. Jänner — Frau v. Steinberg. Genug, genug — ich sehe, Sie sind unverbesserlich liebenswürdig. ^ Flimmer. Unverbesserlich liebenswürdig! Wie geistreich! Das schreib ich mir heute noch in mein Portefeuille, i G r ü n f e l d. Also die Quadrille gnädige Frau! ! Frau v. Steinberg Diese streitige Quadrille tanze ich heute gar nicht. G rün/e ld.Nicht?mitNiemanden? ^ Flimmer. O meine Hoffnung! Frau v. Steinberg. Entschuldigen Sie mich, meine Herren. Ich bin heute die Begleiterin, die Beschützerin dieser Dame, die ich Ihnen hiermit vorstelle. Frau Doktorin Stiller, meine vertrauteste Freundin (wechselseitige Verbeugung). Frau von Stiller wird nun öfters die Zierde meines Salons bilden. ^ Grünfeld. Ich freue mich im Voraus, der gnädigen Frau dort recht oft zu begegnen. Flim m e r. Wie kommt es, daß ich nicht die Ehre habe, die Frau Dok» 11 torin zu kennen? Zch fehle doch nirgends in den besten Zirkeln, und ich erinnere mich nicht — Frau v. Steinberg. Meine Freundin hat sich bis jetzt, der Laune ihres Gemals nachgebend, von der großen Welt entfernt gehalten, nun aber will sie das Versäumte ernstlich gut machen. Frau Stiller (leise). Ich bitte Dich, Sofie — Flimmer Die gnädige Frau wird sehr wohl daran thun. Es war Unrecht, sich bei so viel Schönheit und Anmuth in die Einsamkeit zu vergraben. Frau v. Steinb erg. Nun, wenn ich einen Vorschlag thun darf, machen wir eine kleine Promenade durch die Nebensäle, kehren dann hieher zurück und soupiren in diesem hübschen Salon, etwa an jenem unbesetzten Tische? Die Herren sind wohl so gütig, uns ihre Gesellschaft zu schenken. Grünfeld. Mit dem größten Vergnügen. Flimmer. Mit Wonne. Frau Stiller (leise zu Frau von Steinberg). Um des Himmelswillen, was hast Du vor? Mein Mann will wieder hierherkommen, wenn ich da in fremder Gesellschaft soupire,wenn ersieht — Frau v. Steinberg. Um so besser, er soll sehen, daß man keine Er- laubniß braucht, um sich zu unterhalten. Frau Stiller (leise wie früher). Gott, in welche Klemme gerathe ich! Statt meinen Mann zu überraschen, muß ich jetzt selbst vor Entdeckung zittern, er muß glauben — Frau v. Steinberg. Quäle Dich nicht mit unnützer Furcht. (Nimmt Flimmers dargebotenen Arm, der Baron leitet Frau Stiller. Alle Vier ab durch die Thür links). Dreizehnte Seene. Professor Wächter, Emilie, «n inusljue;, jedoch die Larve beim Eintreten abnehmend. Professor. Ah, das ist eine wahre Marter. Eine Lreibhaushitze! Zch kann nicht begreifen, wie man bei solchem Barometerstands noch tanzen kann? Emilie. O recht gerne, Väterchen, wenn man nur einen interessanten Tänzer hat. Professor. Za, apropos vom Tänzer! Du schienst Dich mit dem Deinigen vorhin sehr gut zu unterhalten. E m i l i e. O, charmant amusirte ich mich, nur — Professor. Was denn? . Emilie. Er sprach fast gar nichts. Professor. Das ist sehr gescheidt von ihm, er wollte nicht den gewöhnlichen Tänzerdiscurs plappern. Oder hätte er Dir eine Liebeserklärung machen sollen? (gähnt). Emilie. Warum nicht! Professor. Kind, Kind, Dein muthwilliger Leichtsinn wird zu arg, die schönsten Parthien schlägt Du aus purem Unverstand in den Wind, und heute wieder erlaubst Du einem fremden jungen Menschen auffallend oft mit Dir zu tanzen. Emilie. Machen Sie kein so verzweifeltes Gesicht, Papa, Sie müssen nur meinem Herzen freie Wahl lassen, vielleicht ist der Zeitpunkt nicht so ferne, wo ich Sie mit einem neuen Eidam überrasche. Professor (der anfängt einzunicken). Na, das wäre recht hübsch — aber — geht nicht so leicht, nimm Dich nur in Acht, daß Du mir nicht sitzen bleibst, Du tolles — närrisches — (er schläft ein). Emilie. Ach Gott, jetzt schläft er gar ein! (rüttelt ihn sanft) Papa! P rosessor (murmelt nur unverständlich). Emilie. Aber bester Papa —Sie können ja doch hier nicht übernachten, hören Sie doch — Professor (brummt, ohne sich zu regen und die Augen zu öffnen). Was solls? Ist schon ein Schwiegersohn da? Emilie. Nein — ach Gott — er 1 » schläft wirklich ganz ernsthaft. Was thu'ich denn jetzt? Zch kann doch nicht allein in den Tanzsaal, (bemerkt Heinrich), ach, da geht mein schüchterner Tänzer! Vierzehnte Scene Heinrich von der rechten Seite. Die Vorigen. Heinrich (bei Seite). Ha, hier find ich fie allein — doch nein, dort sitzt der Professor, aber, wie es scheint, eingeschlafen. — Jetzt oder nie! (sich nähernd) mein theures Fräulein — ein günstiges Geschick gönnt mir die Gelegenheit — Ihnen zu sagen — Ihnen zu entdecken — Emilie. Himmel — Die erschrecken mich, welche Leichenbittermiene. Heinrich. Ach mir ist auch grausam ernst zu Muthe. Mein Fräulein (halblaut), ach Gott, ich hatte mich so schön auf diesen Augenblick vorbereitet, eine förmliche Rede einstudirt, und jetzt komme ich aus dem Konzept wie ein schwacher Student beim tentsmen rixorosurn. (Laut). Mein Fräulein, mir ist, wie gesagt, grausam ernst zu Muthe! Hören Sie mich an — ich bitte Sie — dieser Moment soll entscheiden über mein Lebensglück, mein Fräulein, mit einem Worte, (tief Athem holend), ich — ich liebe Sie — Emilie (nach einer Pause). Sehen Sie — ich bin keine Freundin von Zimperlichkeit, von Fächervorhalten, und verlegenem Verschamttbun. Darum sage ich Ihnen ganz offen — ich schätze Sie hoch, und das seit langer Zeit. Ich sah Ihr angestrengtes Stu- diren, hörte von Ihrer Gutmüthigkeit, Ihrem heiteren Humor, Ihrer Wohl- thätigkeit, und fand mich recht geschmeichelt, wenn das Auge des jungen Doktors vom Schreibtische auf meinen Nähtisch herüberblickte. Jetzt wissen Sie Alles, und können über mich denken, was Ihnen beliebt. Heinrich. Herrliches Mädchen, Sie entzücken mich! Sie haben also bemerkt, gesehen, verstanden? Emilie. Bemerkt, gesehen/ verstanden. Heinrich. Und Sie erlauben mir, Ihnen Herz und Hand zu bieten? Emilie (lächelnd). Halt, halt, mein Herr Doktor, nicht so rasch — überlegen Sie ruhig. — He inrich.WaS habe ich, nachdem, was Sie mir gesagt, zu überlegen? Lassen Sie uns sogleich vor Ihren würdigen Vater treten, und um seine Zustimmung bitten. Emilie. Es sei — gestatten Sie mir also (lächelnd), meinen schlafenden Hüter zu wecken. (Nähert sich dem Professor und rüttelt ihn). Väterchen , wachen Sie auf, ich habe Ihnen was zu sagen. Professor (sich ermunternd). Aber ja nur was Gutes. Emilie. Gewiß — ich habe die Ehre—Ihnen hier einen jungen Mann aufzuführen, der Ihr Schwiegersohn zu werden wünscht. Professor. Wirklich? Nun, ein wahres Glück für mich — ein Glück, das im Schlafe gekommen ist. Heinrich. Ich weiß nicht, ob ich die Ehre habe, von Ihnengekanntzu sein? Professor. Sie waren heute der ausschließend begünstigte Tänzer meiner Tochter. — Heinrich. Sonst wissen Sie nichts von mir? Professor- Sonst nichts. Heinrich. So erlauben Sie mir, mich Ihnen aufzuführen. Mein Name ist Heinrich Brand, ich bin neu gradu- irter Doktor der Medizin, Neffe des Doktors Stiller, und wohne Ihnen gerade gegenüber. Professor. Was, der Neffe meines Freundes, des Doktors Stiller, sind Sie? Freuet mich; nun wenn der nichts gegen Ihre Wahl einzuwenden hat — 13 Heinrich. Er wird sich wohl ein Bischen sträuben, allein ich bin mündig und habe mein eigenes Vermögen. Professor. Thut nichts. Doktor Stiller muß gerne und in aller Stille einwilligen, ich will es mit dem braven Manne nicht verderben, übrigens wünsche ich sehr, daß er einwillige, denn ich halte Sie, mein Herr, für einen wünschenswerthen Schwiegersohn, obwohl ich anderseits gestehen muß, daß die neue rasche Bekanntschaft — Emilie. O die Bekanntschaft ist nicht so neu, als Sie glauben, Papa — ich will Ihnen das ausführlich erzählen. (Alle Drei sind während der letzten Worte in den Lanzsaal zurückgegangen). Fünfzehnte Seerre. Frau v. Steinberg, Frau Stiller, Flimmer und Grünfeld kommen von der linken Seite zurück. Ein Aufwärter folgt und deckt den Tisch. Flimmer (zur Frau von Steinberg, während sich Alle setzen, und zwar Frau Stiller derart, daß sie ihrem später eintretenden Gemal den Rücken zuwendct). Der Gang durch die Säle war mir wirklich sehr interessant. Fra u v. St ein berg (ebenso). Sie Schäcker! (Laut zur Frau Stiller). Nun, wi« amusirst Du Dich, liebe Freundin? Grün seid. Die gnädige Frau ist nicht bei Laune. Es war mir unmöglich, ihr nur ein flüchtiges Lächeln zu entlocken. Sechszehnte Seene. Doktor Stiller, Holperich, Hau pt mann Wildner, Meißel. Die Vorigen. Doktor Stiller (sehr aufgeräumt, hat ein kleines Räuschchen, ruft zurück). Laßt die Andern nur drinnen, wenn Sie nicht herauskommen wollen. Unterhalte sich Jeder wo und wie cs ihm gefällt. Göthe sagt: „Sehe Jeder wie ers treibe, und wer steht, daß er nicht falle. (Wankt merklich). Holperich. Nun, hast Du jetzt die Furcht schon überstanden? Doktor Stiller. Furcht? Hä, hä, Furcht — alter Geselle, ich bin Bayard ohne Furcht, und hä, hä, ohne Tadel! (Lrinkt). Vivat Champagner! Frau v. Stein berg (leise zur Frau Stiller). Wie gefällt Dir Dein Mann, liebe Freundin? Frau Stiller (ebenso). O Gott — ich erkenne ihn kaum, so habe ich ihn noch nie gesehen. Flimmer. Eine recht widerwärtige Coterie da drüben! der übermü- thige Narr in dem Türkenanzuze benimmt sich höchst indezent. Es beleidigt mein zartfühlendes Ohr, wenn ich solch eine lärmende Fröhlichkeit hören muß. Doktor Stiller (zu seinen Freunden). He, kennt Ihr die Gesellschaft dort jenseits? Wildner. Die eine Dame ist nicht sichtbar, die andere kommt mir bekannt vor —doch kann ich mich nicht besinnen. Doktor Stiller. Jetzt besinne ich mich, es ist die verwitwete Stein- berg — ihr Mann war Rath, mußt ihn ja gekannt haben, Holperich? Holperich. Rath Steinberg, freilich, ein dicker alter Patron, er sah aus wie Du, Doktor. Doktor Stiller. Dicker alter Patron — da hat er mit mir keine Ähnlichkeit gehabt. Holperich. Nun, Du wirst doch nicht schlank und jung sein wollen? 64 Jahre vollgezählt. Doktor Stiller. Bitte — 46. Wildner. Oho! Meißel. So, so? Holperich. Lassen wir das, — also, was ist's mit der Räthin? Doktor Stiller. Eine Kokette ist sie, aber interessant, das muß man sagen — die andere Dame — Meißel. Ist vielleicht eine hübsche Frau, die sich hier belustigt, während ihr Herr Gemal — 14 Holperich. Drinnen im Spielzimmer Boston spielt. Doktor Stiller. Oder zu Hause sitzt und die Kinder hütet — hä, hä, ich möchte den Mann kennen, muß ein lieber Narr sein. Holperich. Ein guter Narr! Meißel. Ein armer Narr! Doktor Stiller. Seht Ihr, das kann mir nicht geschehen, ich zwinge meine Frau zu einer freiwilligen Häuslichkeit, so bleibt sie mir treu und ich kann ruhig meinen Champagner trinken. (Das Glas erhebend). Meine Frau soll leben! Holperich, Wildner u. Meißel. Vivat! Frau Stiller (bei Seite). Ich sitze wie auf Nadeln! Grün seid. Mir scheint, man mo- quirt sich über uns. Frau v. Steinberg. Mir war, als hörte ich meinen Namen nennen. Frau Stiller (ängstlich begütigend). Nein, liebe Freundin, Sie irren, Herr Baron — es war von ganz Fremden die Rede. Grünfeld. Es könnte immerhin nicht schaden, wenn man die überlauten Herren ein wenig Höflichkeit lehrte. Frau Stiller. Ich beschwöre Sie — nur kein Aufsehen — ich bitte. Doktor Stiller (auf Grünfeld hinüberblickend). Der lange Herr da drüben scheint mit uns anbinden zu wollen. Ich bin lüstern, ein Wort mit diesem Geist zu reden. (Spricht das letztere ziemlich laut). Grünfeld (indem er aufsteht und sich dem Doktor nähert). Mein Herr, haben Sie mich gemeint? Doktor Stiller. Sind Sie ein Geist? — O dann ersuche ich Sie, denken Sie an's Verschwinden. Grünfeld. Herr, Sie sind! - ein Unverschämter! i Flimmer. Ein übermüthi-t . g-r Patron! Doktor St il ler. Meine verehrtesten Herren, ichbitte, Einer nach dem Andern — Grün fel d. Sie müssen mirRede stehen. Ich bin Baron Grünfeld. Flimmer. Mein Name ist Flimmer. Doktor Stiller. Schön, die gnädige Frau Räthin kenne ich aus ehrerbietiger Entfernung — und habe die Ehre, ihr einen guten Abend zu wünschen. Frau Stiller (die dem Wortwechsel bisher ängstlich zugehört hat, und schon mehrmals im Begriffe war, sich zuerheben, steht langsam auf, jedoch ohne irgend eine herrische Bewegung, und spricht mit schüchtern leiser Stimme). Mich wird der Herr Doktorwohl ohnedieß schon kennen ? Doktor Stiller (zurückprallend). Meine Frau! Meißel, Wildner und Holperich. Seine Frau? (Herr und Frau Stiller gehen nach dem Hintergründe zu» rück, und man sieht sie dort mit einander lebhaft gestikuliren). Flimmer. Seine Frau! Charmant! Wir sind gerächt! (Frau von Steinberg reicht Flimmer, spöttisch nach dem Ehepaare blickend, den Arm und geht mit ihm links ab, Grünfeld folgt). Siebzehnte Seene. Vorige, ohne Flimmer, Grünfeld und Frau v. Steinberg. Holperich (zu seinen zwei Freunden). Hört, Kinder, unseres Freundes schone Hälfte wird auf uns, seine Sündengenossen, nicht sehr huldreich herabblicken, ich denke, wir gehen dem Sturm aus dem Wege. Meißel. Gut gesprochen, bin auch der Meinung, wir werden ja später hören, ob wir Pardon kriegen, oder ob der arme Doktor für uns auf immer verloren ist. Wildner. Aus Furcht brauchen wir uns nicht davon zu schleichen, aber aus Delikatesse für den Alten. 15 Probiren wir eS also — Einer nach dem Andern, hübsch vorsichtig und stille, damit wir nicht bemerkt werden oder den Dialog stören. (Doktor Stiller geht mit Frau Stiller dem Vordergründe zu; die Hagestolzen versuchen während der folgenden Unterredung zwischen dem Ehepaare zu wiederholtem Male sich von ihren Plätzen unbemerkt wegzuschleichcn, geben aber mehrmals den Versuch auf, sobald sie vom Herrn -der Frau Stiller sich bemerkt glauben). Doktor Stiller (bei Seite). Mir beginnt nach und nach einzu- leuchten, daß ich der schuldige Theil bin. ES wird gut sein, den diktatorischen Ton zu mildern und mit Anstand zu kapituliren. (Spricht das Folgende mir erzwungener ernster Gravität, um dadurch seinen etwas benebelten Zustand zu bemänteln). Wenn ich gewiß sein kann, daß bloß die alleinige Absicht, mich heimlich zu überraschen, Dich zu diesem Ballbesuche verleitete, so kann ich verzeihen — aber wie beweisest Du diesen moralischen Beweggrund? Frau Stiller (den gefundenen Brief ihrem Gatten überreichend). Diese Einladung sagte mir Alles — bist Du nun überzeugt? Doktor Stiller (ihr die Hand küssend). Vollkommen, ich möchte nur bitten, Frau von Steinberg ein andermal nicht zur Bundesgenossin zu wählen. Frau Stiller. Das werde ich nicht nöthig haben, wenn Du mir versprichst, in Zukunft aufrichtiger und weniger eifersüchtig zu sein. (Gegen die drei Freunde gewendet). Aber nun sei so gütig, lieber Thomas, Deine werthen Freunde von unserm vollkommenen Frieden zu verständigen, sie halten mich wohl alle für eine zanksüchtige. Xgntippo! Doktor Stiller. Gottbewahre! Frau Stiller (lächelnd). Ich habe gar wohl bemerkt, daß die Herren insgesammt die Flucht ergreifen wollten. Holperich. Gnädige Frau — Wildner. Wir wollten nur nicht lästig sein. Frau Stiller (lächelnd). Gestehen Sie es nur, meine Herren, Sie waren gewitterscheu! Um Sie von Ihrer üblen Meinung zu heilen, wird mir mein guter Mann erlauben, Sie für einen der nächsten Abende zu einem heiteren Souper zu laden. Sie mögen sich dann überzeugen, ob ich verdient habe, von meinem wunderlichen Ehegemal so unter Schloß und Riegel gehalten zu werden. Du bist einverstanden, Männchen; nicht wahr? Doktor Stiller. Vollkommen — Mathildchen, ich bewundere Dich. Soll ich kniend abbitten? (bei Seite). Die Frau zieht sich geschickt auS der Schlinge — ist stehe jetzt wirklich ganz als pardonirter Delinquent vor ihr. Holperich (zu den Uebrigen). Aber die Frau ist ja ein Engel! ein Unikum! Doktor, was Du der Frau zu Leide gethan, ist ein rabenschwarzes Verbrechen, eine Todsünde! Doktor Stiller. Sieh, sieh, die alten Ehefeinde werden Deine eifrigsten Ritter! (zu seiner Frau, ihr den Arm bietend). Hä, hä, ich hätte mir's heute nicht gedacht, daß ich in Deiner Gesellschaft und so friedlich heimfahren würde. Achtzehnte Gerne. Heinrich aus dem Tanzsaale. D i e Vorigen. Heinrich (zurückrufend). Ja, ja, lieber Herr Professor, ich gehe jetzt in die Garderobe und dann fahren wir sogleich nach Hause, (während er rechts abgehen will). Der arme Papa kann die Augen gar nicht mehr offen halten. (Stößt im Abgehen mit dem Doktor Stiller zusammen). Ach Gott, mein Onkel — und die Tante — das ist zu viel Vergnügen. Doktor Stiller. Was ist denn 1« das für eine neue Geschichte? Mir fliegen ja heute die Überraschungen von allen Seiten zu. Frau Stiller. Heinrich — wie kömmst denn Du hieher? Heinrich. So könnte ich, mit Verlaub, auch fragen. Der Herr Dok- sollten ja im Klubb Reden halten, und die gnädige Tante die herrlichstenTräume haben. Doktor Stiller. Deine Tante — Deine Tante ist hier bloS aus einem moralischen Prinzip, aber Du, Taugenichts — gib Rechenschaft, was hast Du denn hier zu suchen? Heinrich. Ich habe gesucht, Onkel, und gefunden! Eine Braut, die ich Ihnen dann sogleich vorstellen, und um Ihren Segen bitten will. Doktor Stiller. Braut — Se- gen? Hat Dich das Doktor-Diplom verrückt gemacht? Heinrich. Bewahre, ich bin ganz klug, so klug , daß ich nicht einmal weiter fragen will, warum meine schöne Tante heimlich hierher gekommen — ich ver- muthe so etwas von verbotenen Wegen, die der Herr Gemal auch heimlich gegangen, verschiedenen Enthüllungen, Entdeckungen, und dergleichen, Reue und Versöhnung — ist's nicht so — ich hab's errathen — nicht wahr? o lieber Onkel, zur Nachbuße beschließen Sie den Abend mit einer edlen That, thun Sie Ihre milde Hand auf, und geben Sie mir — kein Geld, nur Ihren Segen. Neunzehnte Seene. Professor Wächter. Emilie. Die V orig en. Professor. Da haben wirs, hier steht der Doktor und plaudert, während wir vergeblich aus unsere Mäntelwarten. Doktor Stiller. Was — Professor — altes Haus, Du bist auch hier? Professor. Aufzuwarten, sammt meiner vielgeliebten Tochter Emilie — Heinrich. Eben diejenige, welche ich, mit des hochgnädigen Onkels gütiger Bewilligung, zu meiner Frau machen will. Doktor Stiller.Za, wie machte sich denn die Bekanntschaft gar so schnell ? Heinrich. Auch — heimlich — lieber Onkel — sprechen Sie nur geschwinde ein lautes vernehmliches Ja, Sie' sehen, mein zukünftiger Schwiegerpapa ist sehr schläfrig und will heimkehren. Doktor Stiller (zu Holperich). Holperich — die überrumpeln mich gerade in sehr guter Stimmung, ich kann jetzt Niemanden etwas abschla- gen, ich bin so weich, so gerührt über meine Frau, was meinst Du — ich will die jungen Leute glücklich machen. .Holperich. Thu das, Doktor, ich rathe auch dazu. Doktor Stiller (zum Professor). Nun, was sagst Du, Professor? Professor. Zch habe meine Zustimmung gegeben, unter der Kondition, dadurch Deine alte werthe Freundschaft nicht zu riskiren. Doktor Stiller. Gut denn, ich willige ein- (zu dem Brautpaare). Pla- cet, gehet hin, Euer Wille geschehe. Nun denke ich, wären wir Alle zufrieden gestellt; die Liebenden heirathen sich, allen Sündern ist vergeben ; ich bin glücklich, (zu Heinrich). Du bist glücklich, (zu Emilie), sie ist glücklich — und alle Heimlichkeiten sind zu Ende. Der Vorhang fällt. Wien 1853. Druck und Verlag von I. B. Wallishausser. Die gkhkimc Missi««. » Lustspiel in drei Acten, von M. A Grandjean. Aufgeführt im k. k. priv. Theater an der Wien. Personen: Doktor Jeremias Gottlieb Advokat. Lambert Walter, Gutsbesitzer. Friederike Wilmar. Frau von Ringler, deren Base. Nilhausen. Lambert, Schauspieler. Mä u sler. Frau Leuwald, Frln. OllmerS, Doktor Himmelbrand. Ruhlich, Bade-Kommissär Erster Schauspielerinnen. Zweiter Grenzwächter. Eine Modistin. Badegäste. Gerichtsdiener. Ort der Handlung: Ein Badeort in einem kleinen deutschen Staate. Erster Act. Dessentlicher Platz, rechts von Häusern begrenzt. Im Hintergründe ein Säulengang, worauf die Inschrift: „Curhalle" zu lesen ist. Links an der dritten Coulisse der Gasthof „zum einigen Deutschland." Vor demselben eine Art Terrasse mit Orangenbäumen, unter welchen Gasttische stehen. Erste Seene. Nilhausen sitzt an dem vordersten Tische und trinkt Kaffee. Badegäste gehen im Hintergründe bei der Curhalie auf und nieder, oder sitzen an den Gasttischen. Nilh. Ach— noch nicht lange weile ich hier und schon langweile ich mich! T'ist aber auch ein unerträgliches Bade-Publikum — die Leute sind so fade und geschmacklos wie das Wasser, was sie trinken. Hätte ich noch meinen Kammerdiener, den flotten Jacques! dem brauchte ich nur zu sagen: JacqueS, amüsire mich, der Jacques machte Späße und ich amüsirte mich wirklich. Jetzt Hab' ich keinen solchen Schlingel von Kammerdiener mehr, der mich auszieht, denn meine Gläubiger haben mich ganz ausgezogen — was bleibt mir übrig, als mich mit mir selbst zu unterhalten und Betrachtungen anzustellen, warum ich eigentlich von einem reichen selbststän- digenRentier zumBegleitereines simplen bürgerlichenGutsbesitzers herabgesunken bin. Warum? Haben mir nicht allePläne fehlgeschlaaen? Und jetzt, da ich mir wieder aufpelfen will, bricht nicht wieder 2 jede Stütze, an die ich mich anklammere? Ich wollte es mit einer Heirath probiren, mich durch eine gute Partie rangiren, — aber beim Freien braucht man die zwei Hülfßzeitwörter sein und haben, d. h. man muß etwas sein oder etwas haben, um den Aeltern des Mädchens zu gefallen. Hat der Bewerber keinen Titel hinter seinem Namen, so sagt der Papa: S'ist nichts hinter ihm — hat er, wie ich, sein Vermögen verschleudert, so spricht die Mama: „Wer mit dem Gelds nicht auskommt, kann auch mit der Frau nicht auskommen." Uebrigens ist das Heirathen wie ein Lottospiel — es kommt selten etwas dabei heraus, und ich habe auch gar kein Glück im Spiel, nur zum Billard besitze ich einiges Talent, besonders zur Verlaufpartie (macht die Pantomime des Davongehens.) Doch ich verzweifle noch nicht; ist auch Alles verschuldet, selbst mein Unglück, so bin ich doch frohen Mutheß — ist auch Alles vernagelt, mein Kopf ist eS nicht! (Sich umschauend.) Ei sieh, wer kommt denn da einhergeschritten? — das ist ja ein Freund aus besseren Tagen, der sehr ehrenwerthe Herr Mäus- ler, Doktor der äußersten Rechten! Da gibt's was zu plaudern — ich werde doch nicht mehr nöthig haben, mit mir selbst zu monologisiren. Zweite Gerne. Voriger. Mäusler (von der rechten Seite eintretend). Mäusler. Oh — Nilhausen, das freut mich, Liebster, daß ich Sie hier treffe! Grüß Sie der Himmel — Nun, wie gehts, wie stehts? Gut? Schön, freut mich. Mir? nun so so — allerlei Ereignisse haben mich turbirt, bin ein Mann der Ruhe et cseteru et eue- ters — na, Sie verstehen. Nun und Sie — all das Ihrige (bläst durch die Finger) — habe davon gehört — be- daure, bedaure. Haben Sie sich den Umschwung sehr zu Herzen genommen, wie? Nilh. Durchaus nicht, mein verehrter Freund. Ich freue mich des Lebens, so lang das Lämpchen glüht. Wollen Sie nicht hier Platz nehmen? Mäusler (indem er sich niederläßt). Za — ja — ich muß mich setzen, bin heute schon weit gegangen. Nilh. Natürlich, wer zu weit geht, muß dann sitzen. Mäusler. Hä — hä —.hä! (Springt plötzlich auf, sieht sich in der Nähe zwei Damen an, die mit einem Herrn vorübergehrn, und nimmt dann wieder seinen Platz rin.) Wo wohnen Sie denn? Nilh. Zm einigen Deutschland. Mäusler. Wo? Nilh. Sie wissen nicht, wo das ist? (weiset auf den Gasthof) Hier — dicht neben uns. Da wohne ich nebst einem jungen Gutsbesitzer, dessen Sekretär, Gesellschafter, Freund, Mentor und Faktotum ich bin, und neben uns wohnen, versteht sich, durch Thür und Wand geschieden, dessen Braut und deren Aaräo ä'lionneur. . Mäusler (zerstreut). Schön, schön (springt auf wie oben). Nilh. Was haben Sie denn? Was soll dieses hastige Aufspringen? Mäusler. Das will ich Zhnen sagen. Zch bin mcoAnito hier. Nilh. lueoAnito? Oho — wie so? Mäusler. Zn einer geheimen Mission. Nilh. (aufstehend, voll ironischer Ehrfurcht). Geh — Geheimer Mission? Also Diplomat geworden? Zch bitte, mein Herr geheimer Missionär, mich Zhrer Nachsicht, Huld und Freundschaft empfohlen sein zu lassen. Mäusler. Paperlapap! Wohin denken Sie. Blos eine Mission m Familienangelegenheiten. Nilh. (sich wieder setzend). Sv? Mäusler. Za, verstehen Sie, ich bin gewisser Maßen als Schutzgeist hie- her gesandt, als quasi Schutzengel. Nilh. Also Flügel-Adjutant! 3 Mäusler (weiter erzählend). Ich habe lange in Wien gelebt, wie Sie wissen. Dort Hab' ich einmal, als Anwalt eines Freundes, dessen Prozeß ge- < Wonnen, und dadurch sein Vermögen gerettet. Er starb bald darauf, die Witwe folgte ihm, eine Tochter von ungefähr 8 Jahren zurücklassend. Ich war damals von Wien abgereist, und kehrte nicht wieder dahin zurück. Die Mutter des besagten Mädchens hatte mich ihrem Kinde stets als Retter, Wohlthäter et eaeters et caetera geschildert, die Kleine faßte darum für mich eine Anhänglichkeit, ohne mich zu kennen, schrieb mir, als sie zu kritzeln anfing, und so - fort und fort bis in die jüngste Zeit, i Seit der Mutter Tode befand sich die ^ kleine Friederike im Hause einer Tante, i Frau von Seltenbach. Nilh. (überrascht). Frau von Sel- tenbach? MäuSler. Ist sie Zbnen bekannt? Nilh. Za — so beiläufig. MäuSler (fortfahrend). Vor drei Wochen mußte ich nach Prag. Mein ! Geschäft war dort abgethan, da denke ; ich mir: wie wär's, Alter, wenn du ^ deine junge Korrespondentin in Wien > heimsuchtest, und sie kennen lerntest. Gedacht, gethan. Ich setze mich in den : Waggon, wir bleiben auf der Eisenbahn ein paar Mal stecken et eaeters ' et eaeters, endlich komm ich in Wien j an — aber Friederike — t Nilh. Nun, Friederike? z Mäusler. Ist Tags zuvor davon- 1 gelaufen, einem Liebhaber nachgelaufen. 4 Die Bekanntschaft muß sich vor Kur- » zem angesponnen haben, weiß Gott, ß wie es der Mensch angefangen hat, das ! arme Mädchen zu berücken, mit einem , Worte, sie verschwand mit einer Base, ! Frau von Ringler, Witwe, plötzlich von 1 Wien, und folgte dem gegebenen Ren- ! dezvous hieher in dieses Bad. ! Nilh. (bei Seite). Kein Zweifel, daS geht uns an; (laut) wie wurde denn dieß aber verrathen ? Mäusler. Durch einen Brief des Monsieurs, den Friederike vergaß. Der Mensch heißt Lambert. Nilh. Lambert? Sonst nichts? Mäusler. Ganz kurz, Lambert. Nilh. (bei Seite). Gottlob; er weiß nur den Vornamen; (laut) also Herr Lambert? Ma u sl e r. Ja, wahrscheinlich so einer von den Gecken mit geschnürter Taille und lockeren Grundsätzen. Wie ich nun das Alles höre — (springt wieder auf wie zuvor. Nachdem er sich wieder gesetzt hat). Entschuldigen Sie! Also, wie ich das Alles höre, werd' ich ganz außerordentlich böse. Ich nehme den Brief zu mir und sage zur Tante, die in einem fort poltert, schreit und lamentirt: Zn dem Briefe da steht der Name: Lambert — gut. Der Ort des Rendezvous, dieses Bad nämlich — gut. Auch der Gasthof, wo die Damen erwartet werden. Nilh. Auch der Gasthof? Mäusler. Za — zum goldenen Kalb. Nilh. Ah, zum goldenen Kalb! MäuSler. Za. Also sag' ich, ich bin zwar ein Mann der Ruhe, aber ich reise dennoch augenblicklich ab, ich raste nicht, ehe ich im goldenen Kalb absteige, dort werd' ich ineoKnito das Mädchen beobachten, als Schutzgeist umschweben, Alles gehörig auskundschaften et caetera et eaeters; ist's dann an der Zeit, so trete ich hervor, lasse den Liebhaber einstecken, führe das Mädel nach Wien zurück, kanzle die Base tüchtig ab, et eaeters et caetera. Die Frau von Seltenbach wird dann wissen, was sie zu thun hat. Zch komme heute Morgens hier an — im goldenen Kalb haben die zwei Damen Namens so und so gewohnt — sagt mir der Wirth — haben gewohnt — wohnen aber nicht mehr dort, sondern — Nilh. Sondern —^ Mäusler. 2a, da liegt der Hase im Pfeffer. I^epus in pipcrc — sind schon wieder weg, wohin weiß der Mann nicht und ich weiß es in diesem Augenblicke auch noch nicht. Entschuldigen Sie — (läuft zwei Damen nach, die mit einem Herrn vorübergehen). Nilh. (halblaut). Die Gefahr ist groß — wir sind halb und halb entdeckt, werden verfolgt, jetzt gilt es, den lieben Mann da auf eine gute Art aus dem Wege zu schaffen, bis mein Gutsbesitzer Zeit gewinnt, seineFriederike zu heirathen. Mäusler (zurückkommend). Wieder nichts, wieder nichts. Nilh. Wieder nichts? Was meinen Sie damit? Ich weiß noch immer nicht, warum Sie alle Augenblicke aufsprin- gen und davonlaufen. MäuSler. DaS kann ich Ihnen schon sagen: Wenn ich ein Paar Damen sehe, die dem Alter nach die Ge- suchten sein könnten, so schleiche ich ihnen nach, um zu hören, ob sie nicht vielleicht den Wiener-Dialekt sprechen. Nilh. (bei Seite). ^6 notsm. Mäusler. Jetzt wissen Sie die ganze Historie, und Freundchen, weil ich mich Ihnen schon anvertraut habe, thun Sie mir den Gefallen, helfen Sie mir ein wenig suchen. Nilh. (ironisch). Ich — o ich werde Ihnen schon helfen. Mäusler. Schön, schön, Sie waren immer so ein VocativuS! Wenn Sie eine Spur von den bewußten zwei Damen finden, so sagen Sie mir's nur gleich — aber reinen Mund. Nilh. Ja, versteht sich! MäuSler. Ich könnte ja durch den Bade-Kommiffär et caetera et caetera mich erkundigen, aber die Angelegenheit ist zu delikat und mein Inco§nito — Nilh. Natürlich. Ich verstehe. Sein Sie versichert, liebster Mäusler, die Angelegenheit intereffjrt mich sehr. MäuSler. O Sie sind ein charmanter Mann. Nilh. Und Ihr ehrendes schmeichelhaftes Vertrauen — Mäusler. O — ich bitte — Nilh. kt caetera et caetera. (Man sieht Kommissär Nützlich im Hintergründe der Scene.) (Bei Seite). Hm — da kommt der Kommissär berangeschlichen und in meinem Kopf blitzt ein Gedanke auf — der Zweck heiliget das Mittel. Dritte Scene Kommissär Ruhlich, Vorige. Nilh. (zu Mäusler). Entschuldigen Sie mich einen Augenblick (steht auf und nähert sich Ruhlich) Herr Kommissar. Ruhlich. WaS steht zu Diensten? Nilh. (pathetisch). Herr Kommissar — wenn auch in unbewachten Momenten der Weltschmerz mich packt, und mit tausend Stacheln mein armes gramzer- klüftetes Inneres durchwühlt, so bin ich doch, diese Wühlereien abgerechnet, ein Mensch, dessen Gesinnung über jeden Verdacht erhaben ist. Wie, ist sie nicht erhaben, meine Gesinnung? Ruhl. Was wollen Sie denn eigentlich — ich muß gestehen — Nilh. Daß Sie nicht verstehen. Merken Sie nur gut auf — über ein Kleines werden Sie große Augen machen. (Im vorigen Pathos, auf Mäusler zeigend). Bemerken Sie gefälligst jenen Mann dort an dem vordersten Tische? der jetzt sinnend vor sich hinstarrt, jetzt gestiku- lirt, mit sich selbst spricht, jetzt unruhig umherläuft und die Vorübergehenden mit lauernden Blicken mustert ? (Mäus- ler thut das Erwähnte analog mit Nilhau- sens Worten). Sagt Ihnen Ihr Scharfsinn nichts? Dieser Mann ist kühn wie ein Seiltänzer, schlau wie — wie Sie zum Beispiel, überspannt wie — ein Regenschirm — mit einem Worte gesagt : Ein gefährlicher Mensch. s Ru hl. WaS Sie sagen!? und hier — Nilh. Hier ist er allem Anscheine nach, um sich mit mehreren seines Gelichters zu besprechen. Er hat ein schlechtes Gesicht, darum trägt er Augengläser. Sehen Sie, wie er Ihren Blicken ausweicht? Er thut, als wolle er sich ganz in die Zeitungen vertiefen, und das ist nicht möglich, die sind zu seicht. Jetzt versteckt er sich völlig hinter das ZeitUNgsblatt(Mäusler thut Alles dieses) und das ist wieder Verstellung, gewöhnlich nimmt sich der gar kein Blatt vor den Mund. RUhl. (der Mäusler fortwährend verstohlen im Auge behielt — zu Nilhausen). Ich bin Ihnen unendlich verpflichtet. Nilh. Ich habe nun das Meinige pflichtschuldigst geleistet, der Dank des Vaterlandes wird mir dafür nicht fehlen. Ru hl. Ist Ihnen nicht speziell bekannt, in wiefern, wo und in welcher Art sich jenes Individuum an gefährlichen Planen betheiligt hat? Nilh. Nein, positiv ist mir gerade nichts darüber bewußt, aber dennoch, an Ihrer Stelle würde ich diesen im Dunkeln brütenden Menschen wegen Verdachts der Möglichkeit der Hinneigung zu verbotenen Tendenzen ohne Verzug von hier ausweisen. Ruhl. Ausweisen, ja, dieß zum we- nigsten, sobald er sich nicht gehörig auö- weisen kann. Nilh. Lassen Sie ihn nur nicht zu lange hier herumschleichen, treten Sie vor ihn in Ihrer ganzen Schrecklichkeit und rufen Sie ihm mit den Worten der Norm« zu: Du bist nun in meinen Händen, Nur ich kann Dein Schicksal wenden. (Geht mit Ruhlich, der Mäusler im Vorbeigehen scharf mustert, bis zum Hintergründe, wo sie sich trennen. Ruhlich ab. Nil- Hausen nimmt seinen Platz bei Mäusler wieder rin.) Vierte Scene. Vorige, ohne Ruhlich. Bald darauf Lambert, von mehreren Freunden begleitet. Mäusler. Wer war der Herr? Nilh. Das war der Bade-Kommis- sär, ein alter Bekannter von mir. Ich habe mich bei ihm für einen Freund verwendet, zu dessen Fortkommen er mir behilflich sein kann. Lamb. (im Auftreten in die Coulissen rufend). Ein andermal gehen Sie mir hübsch aus dem Wege! (Au seinen Freunden.) Ha, ha, ha, das war ein unbezahlbarer Spaß. Der gute Mensch streifte meinen Aermel ganz unmerklich — und ich schrie gleich — wollen Sie sich an mir reiben? Ha — ha, wie der zusammenfuhr — er kam aus dem Pardon — Pardon gar nicht mehr heraus. Mäusler (leise zu Nilh.). Wer ist denn dieser Herr, der so lärmend auf- tritt? Nilh. Ein Schauspieler. Mäusler. Und heißt? Nilh. Nicht viel, wie es heißt — um seinen Namen habe ich mich wahrhaftig nicht einmal bekümmert (steht nach einer kleinen Pause, einen boshaften Seitenblick auf Mäusler werfend, auf, und nähert sich Lambert.) Nun wie gehts? haben Sie sich schon wieder herumdisputirt? noch kein Conflikt heute? kein Duell in Aussicht? Lamb. (barsch.) Noch nicht — wollen Sie vielleicht mit mir anbinden? Wäre mir recht. Nilh. Ich? Gott bewahre! Lamb. Nehmen Sie sich in Acht. Sie Hab ich auf der Nadel Sie sind ein Halber, ein Unentschiedener, ein Lauwarmer — ich kann Sie nicht leiden. Nilh. (halblaut) Wenn Sie die Unentschiedenen hassen, so will ich Ihnen einen Entschiedenen zeigen. Lamb. Der wäre? Nilh. Dort jener Herr (auf Mäusler 6 zeigend), das ist ein entschiedener Gegner Ihrer Ansicht. La mb. So? Nun, dem will ich ein Bischen Gesellschaft leisten. „Es rast der See und will sein Opfer haben." Nilh. (zu Mäusler). Auf Wiedersehen, Freundchen! Mäusler. Wohin denn so eilig? Nilh. Eine Visite zu machen. Zch komme bald wieder (summt im Abgehen). S'ist nicht so schlimm als man wohl denkt, Wenn man'S nur recht erfaßt und lenkt. (N.) Fünfte Seene. Vorige, ohne Nilhausen, bald darauf Walter. Lamb. (halblaut zu seinen Freunden). Gebt Acht — wie ich den schrauben will. — Ich bin lüstern, ein Wort mit diesem Geist zu reden. (Nimmt auf dem Stuhle Platz, wo früher Nilhausen saß, barsch zu Mäusler.) Guten Lag! Mäuöler (artig). Guten Tag! (kiest, wie früher, die Zeitung fort.) Lamb. Was ist das für ein Blatt? (Besieht die Aufschrift.) Wie kann MSN denn so ein Blatt lesen? MauSler. Aber erlauben Sie — mir gefällt eS. Lamb. (dessen Reden von seinen Freunden stets mit Beifallsgelächter oder Gemurmel begleitet werden.) WaS? Ihnen gefällt das Blatt? Und Sie sagen das so glatt heraus? Sie schämen sich nicht in die Seele hinein? Herr, Sie haben einen bejammernswerthen Geschmack. MäuSler. Lieber Unbekannter, was thut Ihnen mein Geschmack zu Leide? habe ich nach dem Ihrigen gefragt? Lamb. Wenn ich aber fragen will? was ereifern Sie sich dagegen? wenn ich Ihnen sage, kein vernünftiger Mensch liest dieses Blatt, lassen Sie sich das gesagt sein! Mäusler. Mein stürmischer, unbekannter Choleriker — Sie sind üblen Humors — ich bin ein Mann der Ruhe.- Lamb. Ia, sind Sie das? Ein Fanatiker der Ruhe? Wo nehmen Sie die Verwegenheit her, mir das ins Gesicht zu sagen? — Hier kann Zeder reden und thun was er will, und darum sage ich Ihnen, Sie werden dieses Blatt nicht lesen oder — Mäusler (aufstehend.) Empfehle mich Ihnen. (Will fort.) Lamb. Halt, was soll diese stillschweigende Verachtung? Herr, mich behandelt man nicht mit stillschweigender Verachtung, das ist Hohn, daö ist Beleidigung, dafür sollen Sie gezüchtigt werden. Sie müssen sich mit mir schießen. Mäusler. Aber um Gottes Willen — Lamb. Sie müssen sich mit mir schießen. Mäusler. So nehmen Sie doch nur Vernunft an. Lamb. Behalten Sie Ihre Vernunft für sich. Keine Entschuldigung, keine Abbitte, es bleibt dabei. Walter (dazwischentrerend, zu Lambert). Genug, mein Herr, ich werde nicht länger zusehen, wie Sie an einem harmlosen Mann Zhr Müthchen kühlen. Lamb. Was mischen Sie sich ein? Was geht das Sie an? Walter. Gewiß mehr, als es Sie anging, welche Zeitung dieser Herr zu lesen beliebte. (Zu Mäusler.)DasKlügste, was Sie thun können, ist, diesem Rabulisten aus dem Wege zu gehen, überlassen Sie es mir, an Ihrer Stelle zu handeln. Wollen Sie? Mäuöler. Ach wie gerne, aber ich — Walter. Ohne aber— leben Sie wohl! (Drängt Mäusler fort.) Sechste Seene Vorige. Ohne Mäusler. Lamb. Mein Herr, dieses Benehmen — 7 Walter. Keine Radomontaden — ich bitte, sehen Sie mich als den Stellvertreter jenes Herrn an. Lamb. Sie geben mir Satisfaktion — Sie müssen sich mit mir schießen. Walter (kalt). Hier meine Karte. Morgen früh — wenn's beliebt. La mb. Meinetwegen — und wo? Walter. Eine halbe Stunde von hier ist die Grenze — dort erwarte ich Sie. La mb. Gut, also morgen früh — sechs Uhr? Walter. Wie'S gefällig ist. Aber mit wem Hab' ich die Ehre? — Lamb. (nimmt hastig ein Portefeuille aus der Lasche und überreicht Walter seine Karte.) Auf Wiedersehen! (Ab mit seinen Freunden.) Walter. Adieu! (Im Abgehen verliert Lambert ein kleines Miniaturporträt aus dem Portefeuille.) Siebente Seene. Walter allein. Bald darauf Nilhausen. Walter (die Karte besehend). Lambert! Sieh da! — mein Vorname als Zuname! (stößt mit dem Fuße an das Porträt und hebt es auf.) Ein weibliches Porträt! das hat mein Gegner verloren, ja, ja, da steht am Rande der Name Lambert! (Betrachtet das Bildniß). N i l h. (ihn dabei überraschend.) Ha, schöner Zug von einem Bräutigam, die Züge eines fremden weiblichen Antlitzes aufmerksam zu betrachten!.. Das Original soll ich ja kennen — das Mädchen wohnt nebst einer älteren Dame in demselben Gasthofe mit uns — ich meine, es ist die Geliebte oder Braut des jungen Raufbolds — Walter. Der eben wegging —ja, derselbe hat das Bild verloren, und ich werde morgen früh die Ehre haben, eine Kugel mit ihm zu wechseln. Nilh. Kugel wechseln? in Ihrer Situation! was haben Sie denn gemacht? Walter. Ich habe bloß den jungen Raufbold, wie Sie ihn nennen, zurecht- gewiesem, weil er einen mir unbekannten betagten Herrn aufdie übermüthigste Art beleidigte und zuletzt gar auf Pistolen forderte. Nilh. Unbekannter betagter Herr — auf Pistolen gefordert — und Sie haben sich darein gemischt? Walter. Ja. Ich habe für den Beleidigten die Partei genommen, und muß mich darum mit dem jungen Menschen schießen. Nilh. (auf- und ablaufend). S'ist zum Desperatwerden!... Wissen Sie, wer der unbekannte betagte Herr ist? Walter. Nein. Nilh. Aber ich weiß es — Er ist ein Jncognito, ein geheimer Missionär, ein quasi Schutzengel. Walter. Sind Sie klug, lieber Nilhausen? Nilh. Viel klüger als Sie. Kennen SiedenDr.JeremiasGottliebMäusler? Walter. O ja, dem Rufe nach. Es ist ein würdiger Freund und Retter. . . Nilh. Dieser würdige Freund und Retter ist gegenwärtig Ihr Verfolger — es ist eben jener betagte Unbekannte. Walter. Unmöglich! Wie käme er hieher? Warum als mein Verfolger? — und woher wissen Sie? Nilh. Er wollte einmal seine liebenswürdige Korrespondentin — Fräulein Friederike — kennen lernen, kömmt nach Wien, findet das Mägdlein entlaufen, die Tante polternd und scheltend, findet ferner einen im Gedanken liegen gebliebenen Brief von Ihnen, zum Glücke nur mit dem Taufnamen unterzeichnet, macht sich nach dem Inhalte dieses Briefes, unsere Spur verfolgend, gleich auf die Beine, kommt hier ineoK- nito wüthend und zornschnaubend an, will der Schutzgeist seiner Friederike sein, den Entführer einsperren lassen, 8 daö Mädchen mit Gewalt nach Wien zurückführen — ich erfuhr das Alles durch Zufall selbst von ihm, lasse allso- gleich meine Minen springen. Alles macht sich nach Wunsch — er wäre fort- geschickt worden oder aus Angst vor dem Duell fortgelaufen, nun müssen Sie sich einmischen, wollen sich mit dem Burschen schlagen, der unbewußt für Sie gehandelt hat — und verderben mir so all' meine raffinirten Pläne! Walter. Allerdings eine böse Verwicklung, aber ließe sich denn nicht vielleicht auf offenem Wege etwas ausrich- ten? Wie wäre es, wenn ich dem alten Herrn reinen Wein einschenkte, mich zu erkennen gäbe, ihm begreiflich machte — Nilh. Wenn er sich aber nichts begreiflich machen läßt? wenn er als Schutzengel mit Generalvollmacht, Sie, den Ent- und Verführer seiner Friederike, und mich, als Mitschuldigen, einsperren läßt, wenn er als Abgesandter der Tante, die ihm kuriose Dinge weißgemacht haben mag, keine Rechtfertigung gelten läßt, und Friederiken nach Hause schleppt? Wollen Sie es darauf ankommenlassen? Warum haben Sie ihm denn nicht lieber gleich Zhr Entführungsprojekt geschrieben und sich seinem Schutze empfohlen? Walter. Freilich — da haben Sie nicht Unrecht. Nilh. Nach tausend Schwierigkeiten und Hindernissen, die ich als Zhr geheimer LiebeSbote glücklich besiege, bringe ich endlich Ihre theure Friederike hieher. Von hier aus konnten Sie nun mit ihr über die Grenze gehen, sich dort durch einen befreundeten Pastor trauen lassen, und dann mit der jungen Frau auf Zhr nahes Gut abreisen. So lange ich die Sache dirigire, geht Alles vortrefflich, und jetzt . . da kommt der Zncognito-Schußengel — reden Sie mir nur nichts darein, lassen Sie mich machen — noch ist nicht Alles verloren! Achte Seette. Mäusler, Vorige. Mäuslsr. Ist er schon fort, der blutdürstige Wütherich? ja, Gott sei Dank! (Walter bemerkend) O mein junger edler Freund, Dank für Zhren Schuß — Sie haben doch keine Fatalitäten gehabt? Walter. Fatalitäten — nun — eigentlich — Nilh. O morgen soll er sich bloß an Ihrer Stelle ein wenig todtschießen lassen. Mäusler. I, du mein lieber Himmel! (zu Walter). Zst das wahr? Walter. Za, ich habe an Zhrer Stelle ein Duell auf Pistolen angenommen. Nilh. Sehen Sie, mein lieber Herr DoktorMäusler — dieses ist der junge Gutsbesitzer, dessen Begleiter, ich darf sagen, dessen Freund ich bin (mlt affek- tirtem Pathos, schmerzlich) dieser vortreffliche junge Mann, dieser hoffnungsvolle 28 jährige Staatsbürger, soll von einer mörderischen Kugel fallen, die eigentlich Ihnen gewidmet war. Mäusler (weinerlich). Ach du lieber Himmel, das ist ja erschrecklich — Nilh. (wie früher). Dieser junge Mann ist der Sohn einer betagten Mutter, der innig liebende und innigst geliebte Bräutigam eines tugendhaften Mädchens. Diese beiden weiblichen Wesen klagen Sie als Urheber des Kampfes an — Sie, Herr Mäusler, Sie haben all die gebrochenen Herzen auf Zhrem Gewissen. MäuSler (ängstlich). Zch? Aber mein lieber Nilhausen, warum denn ich? Herr Walter, sagen Sie selbst — Nilh. (barsch). Sie, ja Sie, weil Sie ein halsstarriger Mensch sind, der steif und fest bei seiner Meinung bleibt; wozu brauchten Sie den heftigen jungen Mann zu reizen? Mäusler. Zch — ich habe ihn ge- 9 reizt? —Lieber Gott, Herr Walter, - sehe ich denn aus, wie Jemand, der Jemanden reizt? Nilh. Nein wahrhaftig,» reizend sehen Sie nicht aus! Aber dennoch kommt das Blut dieses jungen Manneö, der Jammer seiner Angehörigen und mein Fluch über Sie! Mäusler. Hören Sie auf, ich bitte Sie — ich bin ja an dem ganzen Vorfall so unschuldig wie ein Kind! der junge Bramarbas hat mich angesprochen. — N i lh. Er hat Sie angesprochen, dieser Schauspieler, der nirgends anspricht? Es mag aber sein wie immer — er hat Sie auf Pistolen gefordert, warum verkriechen Sie sich? warum lassen Sie sich supplicen? Dieser junge Mann ist mein Schützling, mein Tele- mach, ich werde es nicht leiden, daß er sich Ihretwegen inkommodirt. Mäusler (noch ängstlicher). Aber wie ist denn zu helfen? Nilh. Ich hole den herausfordernden Diener der Musen. Ich frage ihn: Wer hat Sie eigentlich zuerst beleidigt? Er wird sagen: Jener Mann dort! (auf Mäusler zeigend). Gut, werde ich sagen, nehmen Sie jenen Mann dort, und schießen Sie sich mit ihm — diesen hier (indem er Walter ans Herz drückt) decke ich mit meinem Leibe. Mäusler. Warum nicht gar — ich! — aber — Nilh. Ja, Sie sollen Ihre Ange- ^ legenheit selbst in Ordnung bringen. Die- ! ser Edle hat in einem Anfalle von Groß- muth vergessen, was er sich selbst, was I er mir schuldig ist. — MäuSler. Was ist er schuldig? Nilh. Kein Geld, aber Rücksichten. Sie (zu Mäusler) gehen unbeweint aus der Welt, Sie sind ein einzeln stehender dürrer Baum — das (auf Walter weisend) ist junges Holz, daß darf nicht vor der Zeit gefällt werden, ich kann diesen Waldfrevel nicht geschehen lassen. Mäusler. Aber ich unglückseliges Menschenkind kann mich ja nicht auf Pistolen schießen, ich bin ungeheuer kurzsichtig, auf zehn Schritte treff' ich kein Scheunenthor! Nilh. So wählen Sie das Duell auf Säbel — als Mann der Ruhe müssen Sie doch gut pariren können. Mäusler. Nein, ich darf mich nicht schlagen — meine Mission — Nilh. Thut nichts, wenn Sie todt sind, können Sie Ihre Friederike als unsichtbarer Schutzgeist umschweben. Mäusler. Ach Gott, scherzen Sie nicht — helfen Sie — rathen Sie, eS fällt Ihnen gewiß ein Ausweg ein, denken Sie nach, liebster bester Freund, denken Sie nur ein klein Bischen nach! Nilh. Es gibt noch einen Ausweg! Mäusler. O sprechen Sie — sprechen Sie — Nilh. Ich will großmüthig sein, ich will das Duell selbst übernehmen!! Mäusler. Wie?.. Ist das Ihr Ernst? Walter. Was wollen Sie thun? Nilh. Die beiden Herren cediren mir die Ehre des Duells mit dem besagten Schauspieler. Aber (zu Mäusler) hören Sie meine Bedingungen. Mäusler. Bedingungen? Nilh. Ja. Diese lauten : Artikel 1. Sie Herr vr. Mäusler verlassen sobald als möglich diesen Ort, um dem Bewußten außer Schußweite zu kommen. Art. 2. Bis zu Ihrer Abreise halten Sie sich auf Ihrem Zimmer verborgen, und verlassen dasselbe unter keinem Vorwand. Art. 3. Ich Viktor Nilhausen übernehme an Ihrer Stelle die gewisse geheime Mission, verfolge die Spur, und werde mich bemühen, ein so tüchtiger Schutzgeist als möglich zu sein. Ueber den Erfolg meiner Bemühungen werde ich Ihnen brieflich rapportiren. — Sind Sie einverstanden? Mäusler. Freilich, Edelster der Menschen, freilich, ich will gleich ein- 10 packen! Aber werden sie gewiß nichts versäumen — werden Sie sich meine Angelegenheiten angelegen sein lassen? Nilh. Lassen Sie sich darüber kein graues Haar zu den schon vorhandenen wachsen. (Mit Beziehung.) Sie sollen sehr bald über diese Angelegenheit im Klaren sein. MäuSler. Zch rüste mich zur Abreise. Zn zwei Stunden fahre ich schon zum Thor hinaus. Nilh. So nehme ich denn gleich von Ihnen Abschied — Leben Sie wohl! Mäuöler (gerührt). Leben Sie wohl, Sie wahrer, edler Freund (zu Walter). Adieu, vortrefflicher, junger Mann! (zu Nilh.) Auf Widersehen, mein Liebster — schreiben Sie mir bald nach Wien, post« restunte, Adieu! Nilh. (mit Walter, welchen er mit sich zieht, ab in den Gasthof. Letzterer läßt das Porträt sammt der Karte, die er von Lambert erhalten hat, auf dem Tische liegen.) Neunte Scene. Mäusler (allem). Ach ist das ein lieber Mensch, der Nilhausen — Alles nimmt er auf sich — das Duell, die Mission — Alles, Alles — das ist ein Freund! (bemerkt das Porträt, nimmt es auf und wirft dabei die Karte auf die Erde.) Was ist das für ein Bild? ein hübsches Gesicht, auf Ehre! Wer mag das hier vergessen haben? Der junge Gutsbesitzer vielleicht? (bemerkt den auf dem Rande des Bildes befindlichen Namen) „Lambert" steht da unten — Lambert, der Name dessen, den ich suche — prächtig — vortrefflich — in dem Momente, wo ich fort will, wirft mir der Zufall dieses Bild vor die Füße. Lambert! Hab ich dich, Elender, und das ist also Friederike! nun wartet, euch will ich einen Strich durch die Rechnung machen! (bemerkt die am Boden liegende Karte und nimmt sie). WaS ist das — Lambert, srtists äramstique, ha — ha, dramatischer Künstler ist der liebe Züngling, aber — sagte nicht zuvor FreunkNilhausen, jener Faselhans, der mich gefordert bat, sei ein Schauspieler? der saß hier — der hat das Bild vergessen, also der ist es, der Blut- mensch — unbegreiflicher Geschmack von dem Mädel — jetzt Hab' ich Alles, jetzt weiß ich Alles — oh der Retter undRa- ther Nilhausen, nun der wird Augen machen! (Steckt Bild und Karte ein.) Zehnte Scene. Mäusler. Nilhausen (aus dem Gasthof). Nilh. Wie? Sie stehen noch da? MäuSler. Za, ich stehe noch da. Nilh. Zch dachte Sie längst mit dem Packen beschäftigt. Mäusler. Das bin ich auch. Zch will einen Menschen packen. Nilh. Wie so? MäuSler. Za, den gewissen Menschen, den ich suche. Zch darf nur die Hand auöstrecken, so habe ich ihn. Nilh. Wirklich? (bei Seite). Was ist denn das für ein neues Intermezzo? Mäusler (sich an RilhausrnS Erstaunen weidend — verschmitzt lächelnd). Nicht wahr, Liebster. Sie sind ein pfiffiger gescheidter Mann? Nilh. (verlegen). Wie meinen Sie? Mäusler. Za, Sie sind ein ganz gescheidter Mann, aber ich habe Glück, und das ist manchmal mehr werth, als Verstand. Nilh. Allerdings, doch erklären Sie mir — Mäusler (wir oben). Zch habe mit dem jungen Manne, dem ich nachspüre, heute kurz zuvor auf diesem Flecke gesprochen. Nilh. (wie oben). In der That? — Mäusler. Hätte ich gewußt, was ich jetzt weiß, ich hätte ganz anders mit ihm diökurirt. 11 Nilh. Sie wissen jetzt — M ä u s l e r. Alles, Verehrtester, ich werde darum mit Ihrer Erlaubniß noch nicht abreisen. Nilh. Nicht? (bei Seile). Wenn ich nur wüßte, was er eigentlich weiß. Mäusler. Was oft ein böser Zufall will! Muß der junge Mann gerade da seine Karte liegen lassen. Nilh. (erschreckt). Seine Karte — Mäusler. 2«, dort auf dem Tische habe ich sie gefunden. Nilh. (gezwungen lächelnd). Ei, ei, sehr merkwürdig, sehr merkwürdig. Mäusler. Za — (tritt, die Hände auf den Rücken haltend, vor Nilhausen hin, und sieht ihn triumphirend an). Wad sagen Sie nun? S'ist aber noch nicht Alles. Ich weiß noch mehr. Ich kenne nun auch sie. Nilh. (bestürzt bei Seite). Mich? Kein Zweifel mehr — ein unglückseliger Zufall hat Alles verrathen (sieht mit verschränkten Armen vor sich nieder). Mäusler (nimmt das Porträt aus der Tasche und betrachtet es). Ja, sie — ein so gutes aufrichtiges Gesicht — Nilh. (ohne aufzusehen und seine Stellung zu verändern). O , ich bitte — Mäusler (fortwährend das Bild betrachtend). So treuherzige Augen — Nilh. (wie oben). Zu gütig — Mäusler. Und doch so versteckt, so hinterlistig — (aufblickend). Aber Freundchen, so schauen Sie doch her! Nilh. (sich umwendend, sieht auf einmal das Ouitl pro tfuo ein und lacht über, laut). Mäusler. Nun, wa — (fängt un- willkührlich ebenfalls an zu lachen — nachdem er aufgehört). Warum lachen Sie denn? ich muß mitlachen und weiß nicht warum. Nilh. Also daS ist sie — die Friederike? Mäusler. Za, das ist sie — nicht wahr, ein so unschuldiges liebes Gesicht—hier unten am Rande der Name Lambert. —He, wird Ihnen die Sache klar? hier (zieht die Karte aus der Lasche) abermals der Name „Lambert" und der Charakter dieses Charakterlosen — „Erliste ckrsmatiquo." Habe ich nicht die ganze Geschichte in der Hand — ? ich darf nur eine Faust machen, so ist der Fang mein. Nilh. (nimmt die Karte in die Hand und gibt sie gleich wieder an Mäusler zurück, bei Seite). Lambert — Merkwürdig, derselbe Name! Jetzt gehen wir wieder einer neuen Coufusion entgegen. Mäusler. Was sagen Sie? Nilh. Ich bewundere den glücklichen Zufall. Sie wollen also jetzt nicht abreisen? Mäusler. Auf keinen Fall! Jetzt, wo ich auf dem Punkte stehe — Nilh. Erschossen zu werden! Bedenken Sie unfern Vertrag — wenn Sie nicht abreisen, so bin auch ich meiner Verpflichtung enthoben.Siemögen dann selbst mit dem bewußten Herrn zurechtkommen. Mäusler. Werde schon zurecht kommen mit ihm! Sein Sie ruhig, Freundchen, Sie vergessen wohl, daß der bewußte Herr eben Monsieur Lambert ist. — Mit dem mache ich kurzen Prozeß. Nilh. Kurzen Prozeß? Sie als Advokat? das ist gar nicht möglich. Mäusler. Ich kann ihn einsperren lassen, werd' es vielleicht auch thun, wenn der Mann Männchen macht — jetzt ist das Verhältniß ein ganz anderes — jetzt — (Frl. Ollmers zeigt sich auf dem Balkon des Gasthofes, MäuS- ler wirft einen Blick hinauf, ergreift plötzlich Nilhausen und reißt ihn ein paar Schritte zurück), jetzt — schauen Sie da hinauf — das leibhaftige Original (hält ihm das Porträt vor die Augen). He? wie? (Badegäste sammeln sich durch Mäuslers lebhafte Gestikulationen aufmerksam gemacht, und treten näher. Mäusler spricht das Folgende abwechselnd bald zu dem Einen, ir bald zn dem Andern der Umstehenden, indem er das Porträt hcrumzekgt). Ist da ein Jrrthum möglich? Ist das dieselbe Person oder nicht? betrachten Sie gefälligst — da oben die Dame und dieses Bild — Haare, Augen, Taille, — sogar das Kleid — genau dasselbe — nicht, wahr, genau dasselbe? — (zu Nilhausen). Daher hat sie sich also geflüchtet! (emphatisch hinaufrufend.) O Mädchen, Mädchen, warum hast Du mir das gethan! (Ab in den Gasthof). Nilh. (folgt ihm kopfschüttelnd). (Der Vorhang fällt.) Zweiter Act. Erste Scene. Ein gemeinschaftlicher Saal im Gasthof mit S Mittelthüren. Rechts und links Passagierzimmer, darunter Nr. 9 und 10 — erfteres links, letzteres rechts — einander gegenüber. (Beide im Vordergründe.) Mäuöler (sitzt auf einem Stuhle vor seiner Thür Nr. 10, sieht auf die gegenüberliegende Seite, und fängt an einzunicken). Nilh. (kommt aus dem letzten Zimmer rechts — wirft einen Blick auf den schlummernden Mäusler und spricht in's Zimmer zurück). Ordre pariren, Fräulein Friederike! nicht eher herauskommen, als ich rufe! (Geht auf Mäusler zu — betrachtet ihn ein wenig und hustet dann). Mäusler (zusammenschreckend). — Ach — mir scheint — ich bin — ich war im Begriffe ein wenig einzunicken. Nilh. Es kam mir so vor. Warum sitzen Sie denn da vor Ihrer Thüre, wie weiland Hiob? Mäusler. Ich beobachte. Da drinnen (auf Nr. 9 zeigend) wohnen die zwei Damen. Nilh. Zwei Damen — MäuSler. Nun ja — Friederike und eine ältliche Frau — die Base — Frau von — wie heißt sie nur —Frau von — Nilh. Ringler. Mäusler. Richtig — Ringler — Nilh. Also hier wohnen die Gesuchten? — Mäusler. Ja — Ich zeigte das Porträt dem Gasthofbesitzer und der wies mir jenes Zimmer Nr. 9. Ich nahm mir sogleich dieses Appartement gegenüber— Nr. 10, und nun sitze ich hier und beobachte. Die zwei Damen sind streng cernirt, sie können nicht aus ihrem Zimmer, ohne daß ich es von hier aus sehe — Niemand kann zu ihnen, den ich nicht bemerke. Nilh. Nun und weiter — Mäusler. Das Weitere wird sich finden. Oh — ich werde schon handeln, wenn eS Zeit ist! Man soll mich kennen lernen. Vor der Hand sitze ich hier (gähnt) und beobachte. Nilh. Aber mein Verehrtester — Sie scheinen mir etwas schlummerbedürftig! Wenn Sie nun, statt zu beobachten, cinschlafen, so können sich ja die schauderhaftesten Dinge ereignen. Mäusler. Ja freilich, freilich — ich bekämpfe mit Mühe den Schlaf, das kommt von den Reisefatiguen — ich bin ein Mann der Ruhe und an Strapazen nicht gewöhnt, auch ist es so meine Gewohnheit, um diese Stunde mich ein wenig auf's Kanapee zu strecken und zu schlummern. Nilh. Ei, so thun Sie es ! MäuSler. Za, kann ich denn? (Deutet nach der Thür Nr. 9). Nilh. Sie können — ich supplire Sie als Vice-Schutzgeist. Mäusler (aufstehend). O Sie Goldmann, wollen Sie das? Und wecken Sie mich auch gleich, wenn etwas pas- sirt? Nilh. Ganz gewiß. Mäusler. Bleiben Sie aber hier? Gehen Sie nicht fort? 13 Nilh. Nein — ich werde hier sitzen und Schildwache stehen. M ä u ß ler (gähnend). Ich bin wirklich recht froh, das ich ausruhen kann. So ein Schutzengelgeschaft ist für einen Mann in meinen Jahren doch mitunter ein beschwerliches Metier! (Ab in sein Zimmer Nr. 10). Zweite Seene Nilhausen allein. Gott sei Dank, daß ich ihn ein wenig bei Seite geschafft habe! Nun rasch an'S Werk, sonnst könnte der Zufall, der mich bis jetzt so freundlich unterstützt hat, mir doch einen Querstrich machen, und Alles verderben! Mein Pärchen muß fort, ehe der ungebetene Jncognito - Schutzengel merkt, daß er auf falscher Fährte ist. (Gehr zu derLhüre, aus welcher er kam, öffnet, und ruft hinein). Die Luft ist rein, ich bitte heraus zu spazieren! Dritte Seene. Nilhausen. Walter. Friederike. Frau v. Ringler. Nilh. (bei Seite zu Walter). Sie haben nichts geplaudert? Waller. Kein Wort. Fried, (zu Nilh.) Sagen Sie mir doch endlich, was das Alles heißen soll? Sie sperren uns da ein, verbieten mir und der Base uns zu zeigen, ehe Sie uns rufen, thun so geheimniß- voll — ich verstehe kein Wort davon — Nilh. Sagte ich Ihnen nicht — Sie müssen auf Ihrer Huth sein — Sie werden verfolgt? Fried. Verfolgt? Fr. v. Ringler. Von wem? Nilh. Von einem Unbekannten, ich weiß bestimmt, ich habe erfahren, die Tante ist auf unserer Spur. Fried. Ach mein Gott! Nilh. Jetzt gilt eS einen raschen Entschluß. In wenig Stunden ist eS vielleicht zu spät. Fried. Was soll ich thun? Nilh. Mir vertrauen, meinen Rath ohne Zögern befolgen. Fried. Nun, — und wozu rathen Sie? Nilh. Daß Sie mit Herrn Walter und Frau v. Ringler, Ihrer werthen Base und garde d'honneur, auf das allerschleunigste noch heute Abend diesen Ort verlassen — Walter. Ach, das will ja, trotz meiner Bitten, Friederike durchaus nicht!? Nilh. Wie, das Fräulein will nicht? Ja wozu hat sich denn das Fräulein aus dem Hause der Tante entführen lassen? Um hier die schöne Gegend zu bewundern, und sich dann wie ein entflohener Papagei wieder einfangen zu lassen? Gehorsamer Diener, darum habe ich mich nicht mit Herrn Walter alliirt. Fried, (zu Nilh). Sein Sie nicht böse! Die Ueberzeugung, meine Tante würde aus ungerechter Feindschaft gegen Herrn Walter, nie in meine Verbindung mit ihm willigen, die Demü- thigung, welche ich von Frau von Seltenbach fortwährend zu erleiden hatte, als ich mich beharrlich weigerte, einem von ihr bevorzugten Bewerber meine Hand zu reichen, Alles dieß bewog mich, den Bitten Herrn Walters, dem Zureden meiner Base und Ihrem Rathe nachzugeben, und das Haus meiner Tante heimlich zu verlassen. Nilh. Recht schön, was nützt das aber, wenn Sie auf halbem Wege umkehren wollen? Fried. Hören Sie mich zu Ende! Ich entschloß mich, hieher zu reisen, um der Einkerkerung bei meiner Tante, die mich wie eine Gefangene behandelte , zu entrinnen, ehe ich aber von hier fortgehe, um mich nach meines 14 LambertS Wunsche mit ihm jenseits der Grenze für immer zu verbinden, muß ich noch der Zustimmung eines Mannes gewiß sein, den ich als meinen zweiten Vater betrachte. — Sie kennen diesen Mann, Lambert — es ist Doktor Mäusler. — Nilh. (bei Seite zu Walter). Sagte ich es nicht — überspannte Dankbarkeits-Gefühle — Friederike darf nicht erfahren, daß er hier ist, sonst — Walter (zu Fried.). Ich ehre Ihre Denkungsweise, liebe Friederike — Herr Mäusler verdient allerdings — Nilh. Alle mögliche Hochachtung, das will ich zugeben, aber lassen Sie ihn nur jetzt aus dem Spiele — Fr. v. Ringler. Bedenke Dich nicht länger, liebe Friederike! Nilh. Wenn wir entdeckt werden — wollen Sie sich — uns Alle, dieser Gefahr aussetzen? Und was soll denn der gute Dr. Mäusler eigentlich thun, wie soll er erfahren, daß Sie hier sind, mein Fräulein, und daß Sie auf seine Beistimmung warten? - Fried. Er weiß es schon. Walter. Es weiß es? Nilh. Unmöglich. Fr. v. Ringler. Wie kann das sein? Fried. Ich schrieb ihm insgeheim am Abend vor meiner Flucht — nannte ihm dieses Bad als Rendezvous, und heute muß er meinen Brief schon erhalten haben. Nilh. (bei Seite). Wenn er nicht zufällig hier wäre. Fried. Gewiß schreibt mir der alte Herr unverzüglich oder kommt persönlich hieher — seinen Brief oder ihn selbst will ich also erwarten, ehe ich mich zu dem entscheidenden Schritte entschließe. Nilh. (zu Walter leise). Jetzt sitzen wir fest — Mäusler ist da im Nebenzimmer — nnd was auch Ihre Braut glauben mag —spürt der alte Schutzengel seine Friederike aus, so führt er sie, ohne sich durch alle Vorstellungen irre machen zu lassen, in die Arme der Tante zurück. — Das ge- 'chieht so »gewiß als ich Nilhausen )eiße. Ist Friederike aber einmal wieder in den Krallen der Frau v. Seltenbach, dann wird die dem guten Doktor so viele schöne Dinge von Ihnen zu erzählen wissen, daß er gewiß nimmermehr seine Zustimmung gibt. Fried, (lächelnd zwischen Beide tretend). Was konspirirtJhr denn miteinander? Soll ich vielleicht mit Gewalt von da entführt werden? Walter. Liebe Friederike, wenn Du wüßtest — Nilh. Vortreffliche Friederike — besinnen Sie sich anders ! Ehe der ehren- werthe Herr Doktor Mäusler hier an- langt, hat uns die Tante längst aus- spionirt, und dann ift'S zu spät — die Gefahr ist wirklich sehr dringend. Fried. O, Sie Haupt-Jntriguant, diese Gefahr eristirt wohl nur in Ihrem Kopfe, es ist ein Popanz, den es Ihnen zu erfinden beliebt hat, um mich zur Abreise zu bestimmen. Nilh Ein Popanz — glauben Sie — (MäuSler öffnet die Lhüre, und tritt aus seinem Zimmer.) Nun, da haben Sie den Popanz. Vierte Seene. Mäusler. Vorige. M ä u S l e r. Was, ich ein Popanz? — Nilh. (betreten, faß sich jedoch gleich wieder). Ja, das heißt — ich erzählte eben so beiläufig, daß Sie hier wären, um — wie gesagt — eine Entflohene aufzuspüren (Friederiken zuwinkend). Mäusler. Warum nicht gar? Plaudermaul — Was haben Sie das fremden Leuten zu erzählen — Wie kann ich inkognito bleiben? . . . Nilh. Ohne Sorge, Verehrter — Ihr Inkognito habe ich respektirt — 15 überhaupt keine Namen genannt — und dann sind diese Personen auch keine fremden Leute. (Friederike verstellend.) Hier die Braut des Herrn Walter — - (Fr. v. Ringler vorstellend) eine Freundin derselben — Mäusler. Oh, sehr erfreut, sehr erfreut — Nilh. (leise zu Walter). Der stellt sich nicht vor, wen ich ihm jetzt vorgestern habe. (Laut zu Mäusler). Za die Damen meinten, Sie würden es mit der Verfolgung der bewußten Friederike — Mäusler (verweisend). Oh! Nilh. Pardon — der Name ist mir entschlüpft — ja — die Damen meinten, Sie werden es mit der Verfolgung nicht so strenge nehmen — Sie seien wohl nur ein Popanz — Mäusler. Nein, nein, da irren die Damen — ich gedenke recht sehr Ernst zu machen. Ich versprach der Frau von Seltenbach — Nilh. (wie vorhin Mäusler). Oh! (Winkt Friederiken.) Mäusler. Hm — ja, ich versprach unerbittlich zu sein, ich werde mich auch nicht erweichen lassen — ich werde diesem Herrn Lambert — Nilh. (wie oben). Aber! — (winkt wieder Friederiken zu, zu Mäusler, doch so, daß es auch die Urbrigen hören.) Lassen wir'S gut sein — (mit Beziehung zu Friederiken.) Sie werden NUN wohl überzeugt sein, mein Fräulein, daß dieser Herr Willens ist, Ernst zu zeigen. Mäusler. Ja gewiß — aber ich bitte allerseits um die größte Discre- tion, es sind mir zufällig Namen entschlüpft — und es liegt mir daran, daß die betreffenden Personen, das Lie- bespärchen nämlich, von meiner Anwesenheit und meiner Absicht nicht die leiseste Spur erhalten. Fünfte Geene. Eine Modistin mit einem Carton. Vorige. Modistin (geht auf die Lhür Nr. 9 zu). Mäusler (der eben mit Friederiken ein Gespräch anzuknüpfen im Begriffe war, läuft plötzlich von dieser weg, und vertritt der Modistin den Weg). Wohin, m» oliürs? Mod. Hier hinein auf Nr. 9. Mäusler. Numer neun — nein — nicht, — nein. Mod. Aber entschuldigen Sie — Mäusler. Entschuldigen S i e, mein . liebes Kind, aber da dürfen Sie nicht hinein. Mod. Ich bin ja bestellt — Mäusler. Thut mir leid — was haben Sie da in dem Carton? Mod. Spitzen. Mäusler. Spitzen — steckt da nichts dahinter — hinter diesen Spitzen ein Brief? he — (in den Spitzen wühlend) da muß ich auf den Grund kommen. Mod. (während sie sich bemüht, ihre Waare zu schützen). Aber mein Herr — ich bitte Sie — Fried, (zu Nilh.). Was bedeutet denn das? Nilh. (leise). Er glaubt — Sie wohnen da drinnen auf Nr. 9 — das rettet uns für den Augenblick — im nächsten aber kann Alles entdeckt sein. Glauben Sie mir jetzt noch nicht? Mod. (rafft ihre Spitzen zusammen und geht zornig ab). Das ist mir doch in meinem ganzen Leben noch nicht pas- sirt. («b.) Sechste Seene. Vorige, ohne die Modistin, gleich darauf Frau Leuwald und Frl. Oll- mers. Mäusler (zn Nilh., doch so, daß es auch die nebenstehende Friederike hört). Se- 16 hen Sie, auf Alles muß man denken — der Herr Anbeter kann vielleicht von meiner Ankunft Wind bekommen haben rc. rc. — ein Billet an's Mädel unter den Spitzen versteckt, und hui, alle Zwei fliegen mir davon! Aber ich werde aufpassen. (Frau Leuwald und Frl. Ollmers kommen aus ihrem Zimmer und gehen nach dem Hintergründe). Nilh. (Mäusler stoßend). Die Damen! — Mäusler. Oh (nimmt rasch seinen Hut) Allerseits ergebenster Diener! (zu . Nilh.) Da muß ich dabei sein! (Die zwei Damen gehen durch die Mit« telthür ab.) Mäusler (folgt ihnen rasch). Siebente Seene. Vorige, ohne Mäusler. Nilh. (zu Fried.) Nun? Bin ich gerechtfertigt, und wie gefällt Ihnen der Popanz? heute Abend müssen Sie fort — bis dahin wird es mir hoffentlich gelingen, den Verfolger auf falscher Spur zu halten. (Gehen während der letzten Worte sämmt- lich in das Zimmer, aus dem sie kamen.) Verwandlung. Promenade mit Laubgängen, Alleen, BosketS u. dgl. Im Vordergründe eine Ruhebank. Hier und da Sitzplätze u. dgl. Achte Seerre. Frau Leuwald. Frl. Ollmers. Gleich darauf Mäusler. Fr. Leuw. Irren Sie sich nicht, liebe Ollmers? Ollm. Nein, nein, gewiß nicht. Es ist derselbe alte Herr, den ich heute Morgens vom Balkon aus beobachtete. Leuw. Warum glauben Sie denn aber, daß er uns nachschleicht? Ollm. Sah ich eö denn nicht? Als wir aus dem Gasthofe traten, folgte er uns. Wir gingen nach dem Cursale, er zehn Schritte hinter uns — wir wandten uns rechts nach dem Theater — er uns nach — ich verdoppelte den Schritt, er ging ebenfalls rascher — wir kommen hieher auf die Promenade — er folgte wie unser Schatten — wir gingen rechts — er auch — wir gingen links, er ebenso. Leuw. Nun und jetzt? Ollm. (setzt sich auf die Ruhebank). Jetzt Hab ich ihn, scheint es, durch lauter Zick-Zackgehen müde oder des Ver- folgens überdrüssig gemacht, bin aber selbst so athemlos, daß ich hier aus- ruhen muß. Leuw.Wozu diese ängstlicheFlucht? Vielleicht ist der Herr ein Theater-Enthusiast, ein Verehrer Ihres dramatischen Talents! Ollm. O er sah gar nicht darnach aus! er beobachtete uns so argwöhnisch, so lauernd (sieht sich um und bemerkt Mäusler, der eben eintritt, aufschreiend.) Ah — da ist er schon wieder! Mäusler (bei Seite). Sie schreit auf bei meinem Anblick — sie erschrickt — sie floh! Warum floh sie, warum schrie sie — Warum erschrack sie? Das ist das böse Gewissen, das Bewußtsein rc. rc. (Pause.) Jetzt ist der Moment da — ja der Moment ist da — (räuspert sich) Sammlung, Würde, Behutsamkeit! und dabei Energie!... Hm, hm, hm, ich weiß nicht recht, wie ich'S anfangen soll, na das wird sich finden (nimmt einen Stuhl und zieht diesen ganz langsam, ruckweise hinter sich nach gegen die Ruhebank. Ein paar Schritte vor den Damen bleibt er stehen.) Ist es erlaubt, hier Platz zu nehmen? Ollm. (gedehnt verlegen). Hier? Die Bank ist zu enge. MäuSler (zieht rasch den Stuhl hinter seinem Rücken hervor, stellt ihn nieder, und setzt sich schnell darauf). Soso. (Reibt sich die Hände.) Warm ist eS 17 heute, enorm heiß! (Pause.) Gehr heiß, besonders, wenn man so gelaufen ist, wie ich — und Sie, mein Fräulein. (Pause. Mäusler schaukelt sich verlegen auf seinem Stuhle hin und her —- plötzlich verliert er fast das Gleichgewicht, fürchtet zu fallen, und hält sich an der Lehne der Ruhebank). Leuw. Aber, mein Herr, was treiben Sie denn? Mäusler (immer verlegener). Lx- cuser, M68 6k>nw8, es war — um eine Einleitung zum Gespräch zu finden. Leuw. (lacht). Ah, das ist gar zu komisch — eine Einleitung zum Gespräch auf diese Art! Mäusler (zornig). Lachen Sie nicht gar so sehr auf meine Kosten, Madame, wenn ich bitten darf. Sie werden mich kennen lernen, Sie besonders, und dann — nun dann — werden Sie nicht mehr so sehr zum Lachen aufgelegt sein. Leuw. (leise zu Ollmers). Was soll das heißen? Ollm. (zu Frau kruwald). Ein kurioser Kauz das! Mäusler. Ich wohne mit Ihnen in demselben Gasthofe, meine Damen. Ollm. Ja, ich glaube mich zu erinnern. MäuSler. Ihnen gegenüber Nr. 10. Ja (räuspert sich) Sie — Sie find allein hier, mein Fräulein? Leuw. In meiner Begleitung. Mäusler. So — so — Schon lange hier? Ollm. Nein, seit Kurzem. Mäusler. Hm hm, und fühlen Sie sich hier ganz behaglich, ganz zufrieden ? Ollm. O ja. Leuw. (leise zu Frl. Ollmers). Was geht denn das Alles den alten Neugierigen an? MäuSler. Erfaßt Sie nicht zuweilen eine Art von Sehnsucht nach Hause — eine — eine kleine Reue? Ollm. Reue — worüber? Mäusler (leise). Wenn ich nur allein mit dem Mädel wäre! Die Andere schießt so giftige Blicke auf mich herüber — aber, ich lasse mich nicht ander Fassung bringen. Leuw. (leise zu Ollmers). Da- ist am Ende ein Spion Ihrer sauberen Verwandtschaft, die sich um Sie so wenig kümmerte, und sich jetzt ärgert, daß Sie zum Theater gegangen find. Na, wenn das ist, will ich ihm meine Meinung sagen. Lassen Sie sich nur nicht einschüchtern. Mäusler (laut zu Frl. Ollmers). Ich nehme lebhaftes Interesse an Ihrer Lage — ich dringe mich Ihnen nicht auf, eS ist nicht Neugierde — es ist — ich könnte Ihnen sagen — genug, antworten Sie mir aufrichtig — Reut Sie der Schritt nicht, den Sie gethan haben? Ollm. Mein Herr — Leuw. (leise). Hab' ich's nicht gesagt — es ist so, wie ich vermuthete. Mäusler. Sprechen Sie nur un- gescheut — waren eS (mit Beziehung) fremde Einflüsterungen, die Sie zu Ihrer Unbesonnenheit verleiteten, so entreißen Sie sich diesen Rathgebern, diesen falschen Freunden oder Freundinnen. Leuw. Mein Herr — Mäusler (bei Seite). Aha, die mel. det sich schon! (Frau keuwald ignorirend, zu Frl. Ollm.) Nicht wahr, in Ihrem Innern bereuen Sie das Begangene? Ollm. Nein, wirklich nicht. Mäusler (zornig). Nicht?! Ollm. Was ich that, that ich nach reiflicher Ueberlegung, durch die Umstände gezwungen. Mäusler. Wie, waS Umstände? machen Sir mir nicht- weiß und fein Sie nicht so halsstarrig, mein Fräulein, sonst wahrhaftig — Ollm. (aufstehend). Aber mein Herr, ich begreife nicht — Leuw. (aufstrhknd). Mit welchem Reckt — 18 MäuSler (gleichfalls aufspringend, zu Frl. Ollmers). Ich habe volles Recht zu fragen. Sie bemerken, daß ich Ihre Verhältnisse kenne et caetera et caetera. Also überlegen Sie sich's wohl. Ich frage nochmals: Bereuen Sie Ihr voreiliges unverantwortliches Benehmen gar nicht? Sehen Sie nicht ein, daß Sie kerzengerade ins Unglück rennen? was soll aus Ihnen werden? wozu soll die Liebschaft mit dem sauberen Herrn Lambert führen? He? Sie sehen, daß ich Alles weiß, also kurz und gut, Siebereuen auf der Stelle, fahren mit mir heim, und dann will ich für Sie sprechen, damit das Geschehene vergeben und vergessen werde ct caetera et caetera. Le u w. (leise zu Ollm.) Jetzt ist meine Geduld zu Ende — jetzt lassen Sie mich reden. Ollm. (leise). O, nur kein Aufsehen! Mäusler (zornig). Lassen Sie sich nur von der Dame da hübsch am Gängelbands führen, das ist die Rechte — Leuw. Mein guter Herr! S'ist mir eine wahre Wonne, daß ich einmal Einen von der hübschen Anverwandtschaft vor mir habe, dem ich meine ehrliche Meinung deutsch heraussagen kann. Mit Ihren Phrasen kommen Sie bei mir schlecht an — ich lasse mir nicht so leicht ein L für ein U machen. Ich habe das arme Kind unter meinen Schutz genommen, ich werde es auch ferner schützen gegen die Tanten, Bekannten, Anverwandten und Unbekannten, die schlechte Leute weiß waschen wollen, und jene beleidigen, die es mit dem guten Mädchen ehrlich gemeint haben. So — ich kann auch reden, wenn'ö gilt. — Mäusler. Za, das hör' ich! (bei Seite.) Na meine Mission macht sich angenehm — das muß ich sagen. Ich habe da mit einem Drachen erster Größe zu thun, ich muß bei der ein wenig gelinder auftreten. (kaut.) Meine beste heftige Gnädige — Le uw. (lcise zu Ollm.) Aha — hörst Du — er wird schon geschmeidiger — Mäusler (die zwei Damen scharf ansehend). Kennen Sie den Namen „Mäusler?" Le uw. (leise zu Frl. Ollm.) Ah — das ist köstlich, der Mann irrt sich ganz in den Personen, und ich habe einem Unschuldigen unnöthiger Weise so grobe Wahrheiten gesagt. — Ollm. (leise zu Leuw.) Sehen wir jetzt nur, wie sich das Mißverständniß auf die höflichste Weise lösen läßt — Mäusler (bei Seite). Aha — der Name macht sie stutzig. Jetzt will i ch aber meine Autorität geltend machen, und jene feurigeZunge zum Schweigen bringen. (Laut.) Nun — jetzt — (zu Frau Leuwald) jetzt stockt Ihre Beredtsamkeit? jetzt haben Sie mich kennen gelernt und Sie, Fräulein Friederike — Sie fühlen sich hier nun doch nicht ganz behaglich? (Zu Frau Leuwald.) Das ist Ihr Werk, .meine Allergnädigste, meine charmanteste Frau von Ringler, (da Frau Leuwald sprechen will) o bemühen Sie sich nicht, ich kann auch reden, wenns gilt — s'ist mir eine wahre Wonne, daß ich die Rathgeberin vor mir habe, der ich meine ehrliche Meinung deutsch her- aussagen kann. Dr. Jeremias Gottlieb Mäusler ist wohl noch der Mann, der ein Wort darein zu reden hat, nicht? Ollm. Aber hören Sie uns doch in Ruhe an ! ich habe alle Ursache zu glauben, daß Sie selbst der Dr. Mäusler sind. Mäusler. Ja, das bin ich, Friederike, und nun? ... Ollm. Zch heiße nicht Friederike und kenne auch keinen Dr. MäuSler. Mäusler. Ah, das übersteigt alle Begriffe. Weil jetzt Trotz nichts fruchtet, gedenkt man sich durch Läugnen zu helfen (zieht das Porträt aus der Tasche). Bist Du das, oder bist Du es nicht? 19 Ollm. Mein Porträt? wie kommt daS in Ihre Hände? MäuSler. Davon später. Also bist Du das Original, oder nicht? Ollm. Ja, allerdings — aber — Mäusler. Schon gut; und der Name Lambert da am Rande des Bildes? — Ollm. Ist der meines Verlobten — Mäusler. Verl — obten? — Du bist also nicht Friederike/ und das Passion, so ein Schutzengel zu sein ! Ich hätte Lust, heimzukehren, und mich um die ganze Geschichte nicht mehr zu kümmern; aber nein, nein, jetzt setze ich erst meinen Kopf auf! Wenn ich nur wüßte, ob ich auf der rechten Spur bin; ah dieser biedere Grenzbewohner wird mir das sagen können. (Zum zweiten Grenzwächter). Lieber Mann, sagen Sie mir— wenn das nicht gegen Ihre Amts- Instruktion ist — haben nicht zwei Damen, eine ältere und eine jüngere, gestern die Grenze passirt, vermuthlich in Begleitung eines jungen Mannes? Zw. Grenzw- Aha, das sind wohl dieselben , um die sich eben zuvor ein Herr erkundigte! Der junge Mann heißt Lambert? Mäusler. Ja, ganz recht, so heißt der Spitzbube. Zw. Grenzw. Und die jüngere Dame Friederike. Es sind ein paar Brautleute. Mäusler. Warum nicht gar! Zw. Grenzw. Nicht? Nun sie waren so zärtlich mit einander. Es ging in einem fort: Mein lieber Lambert! Meine theure Friederike! Die zwei Namen Hab' ich gewiß ein Duzendmal gehört. Mäusler. O Friederikchen, das will ich dir eintränken! Erst. Grenzw. Ja, die sind gestern Abends herüber gefahren, so gegen sieben Uhr, wie ich vorhin d.em Herrn sagte. Mäusler. Was für einem Herrn ? Erst. Grenzw. Weiß nicht. Mäusler. Welche Richtung nahmen denn gestern die Reisenden? Können Sie mir darüber Aufschluß geben? Zw. Grenzw. Ja, sie gingen zu Fuß nach dem nächsten Dorfe, eine Viertelstunde von hier, der Wagen blieb im Gasthause gleich (in die Coulksse links zeigend) bei den Bäumen dort, 'S sind nur zwanzig Schritte. MäuSler. Und der Wagen steht noch dort? Zw. Grenzw. Ich habe ihn noch nicht fortfahren gesehen. Wahrscheinlich kommen also die Passagiere wieder zurück, und kutschiren dann weiter auf der Straße, die da vorbeigeht. Mäusler. Charmant — das trifft sich ganz köstlich! Nun wartet, Leutchen, ich will euch den Weg weisen. (Zum ersten Grenzw.) Jetzt geh' ich nach — da mein Paß — Erst. Grenzw. (besieht ihn). In Ordnung, (gibt den Paß zurück). Fünfte Scene. Mäusler (will eben über die Grenze). Himmelbrand (der gegen Ende der vorigen Scene auftrat, vertritt ihm den Weg, die Grenzwächter ziehen sich wieder zurück.) Hi mm. Warten Sie ein Bischen, mein verehrter Herr! Mäusler (erschrickt). Wa — was? Sie werden mich doch nicht zurückhalten wollen? Himm. (ihn sanft unter den Arm nehmend). Ich werde so frei sein — Mäusler. Lassen Sie mich los — was wollen Sie denn? Himm. Nur Mäßigung, Liebster, nur Mäßigung! (sieht Mäusler starr in's Gesicht.) Kennen Sie mich noch? Mäusler. Was reißen Sie denn die Augen so weit auf? Schauen Sie mir nicht so steif in's Gesicht! Himm. Das ist mein System, Bester. Durch die magische Gewalt des .Blickes werde ich Sie bändigen, und hoffentlich nach und nach zur Vernunft bringen — (sieht ihm wieder starr in's Gesicht). Was suchen Sie hier? Mäusler (drückt trotzig den Hut in die Augen und schweigt). Himm. (pcremtorisch). Können Sie sich nicht erinnern, was Sie hier suchen? S 26 MäuSler. Wenn Sie mich nicht loslassen, erinnere ich mich auf gar nichts. Himm. (läßt Mäußler's Arm los). Nun also? Mäusler. Wollen Sie sich denn gar nicht überzeugen lassen, daß ich meinen vollkommen genügenden Untertha- nen-Verstand besitze? Hi mm. Antworten Sie zuerst. Was suchen Sie hier? MäuSler (dringend — zieht seinen Paß hervor, und zeigt ihn dem Doktor). Da lesen Sie, das ist mein Paß. Ich heiße Zeremias Gottlieb Mäusler, sehen Sie, da stehtS — ich weiß also ganz gut, wer ich bin, und halte mich nicht für einen Andern. Da haben Sie: besondere Kennzeichen — keine — na, ich bitte Sie um Gotteswillen — wenn ich verrückt wäre — stünde doch da gewiß : besondere Kennzeichen — ist ein Narr! H imm. (gleichmüthig). Antworten Sie auf meine Frage. Was suchen Sie hier? Mäusler. Gut, ich will antworten, sehr ausführlich und ganz vernünftig. Während ich auf Ihre freundliche Einladung (verbeugt sich artig, der Doktor ebenso) mich in Ihrem werthen Hause aushielt et caetera, et caetera, ist mir jenes bewußte Mädchen, das ich dem Entführer entreißen will, wieder davon- gelausen. Himm. (streng). Also noch immer dieselbe fixe Idee? Mäusler (zornig mit dem Fuße stampfend). Fixe Idee! Sie haben die fixe Zdee, in mir durchaus eine fixe Idee finden zu wollen. Himm. (sieht ihn wie zuvor starr an). Pst! ruhig, keinen Lärm machen! Mäuöler. So lassen Sie mich weiter erzählen! Wie ich heute mit dem Frühesten ohne Abschied aus Ihrem Hause schleiche, renne ich schnurgerade in den Gasthof. . . mir ahnte schon allerlei Schlimmes, richtig, so war'S auch — der Garyon läuft mir in die Arme — ich falle in die seinen und schreie: Fräulein Friederike Wilmar? — Gestern Abends fort! schreit der zurück. Wohin? Ueber die Grenze. Ich fliege die Treppe hinan, in mein Zimmer, nehme mein Felleisen et caetera, et caetera, renne zu Fuße hieher — und es ist richtig — das Mädchen, meine Friederike, ist sammt Base und Monsieur Lambert gestern Abends hinüber. Jetzt frage ich, glauben Sie noch nicht, daß ich weiß, was ich will? Himm. (achselzuckend). Sie sehen und suchen überall Ihre Friederike, die weiß Gott wo, schon lange verheiratet ist. Mäusler. Was, verheiratet? Ich werde bald anfangen, Sie für nicht recht gescheidt zu halten. Verstehen Sie, die zwei Damen, mit denen ich gestern Nachmittags auf der Promenade sprach — heißen: die Jüngere Friederike Wilmar — Himm. Warum nicht gar! Mäusler. Ei, so wollt ich doch .. Sie hat es mir ja selbst gestanden! Himm. (achselzuckcnd). Kommen Sie mit mir wieder zurück — erhitzen Sie sich nicht, ereifern Sie sich nicht — Sie verschlimmern nur Ihren Zustand. Mäusler. Sie glauben also nicht, daß ich auf der Spur bin, daß die zwei Damen von gestern — Himm. Die zwei Damen sprach ich noch gestern spät Abends nach dem Theater — sie können also unmöglich um 7 Uhr hier über die Grenze gegangen sein — doch mit Vernunstgründen richtet man bei Ihnen nichts mehr aus. Sie sind schon im zweiten Stadium! Mäusler. Oh — in mir regt sich ein gräßlicher Verdacht! Herr — Herr Doktor Himmelbrand — Sie sind der Alliirte der alten Frau von Ringler, Spießgeselle des Entführers meiner Friederike; darum haben Sie mich für verrückt erklärt — o jetzt wird mir Alles klar. Sie sind wohl auch der Herr, der sich heute schon um das liebe Pärchen i erkundigte, und der mir jetzt weiß machen will — mit den zwei bewußten Damen noch gestern spät Abends nach dem Theater gesprochen zu haben — ha jetzt stehen Sie entlarvt — jetzt wagen Sie es nicht mehr, mich aufzuhalten — ich werde also jetzt hier hinüber gehen — noch komm-ich nicht zu spät, und in Kurzem werden Sie erleben, daß ich trotz Ihrer Jntriguen die zwei Damen — Sechste Seene. Frau Leuwald. Frl. Ollmers. Vorige. Dr. Himm. (weiset auf die herbeikommenden Frauen). Nun? . . Mäusler (steht bald den Doktor, bald die zwei Damen mit erstaunten Blicken an). Ollm. (stürzt auf den Doktor los). Ach, Herr Doktor — haben Sie Lambert nicht gesehen? Himm. Ich — nein! soll er denn hier — hier in der Nähe sein? — Mäusler. Lambert! ha, ha, Du suchst Deinen Lambert, Friederikchen? Ollm. (die nun erst Mäusler bemerkt, fahrt erschrocken zurück). Mäusler. Ja — der Lambert ist gestern Abends mit einem weiblichen Wesen über die Grenze gegangen — ja — ja — er ist wahrscheinlich verheira- thet — der liebe Junge, und hat Dich nur gefoppt — ja das sind die Folgen — da hast Du es — o schön — o vortrefflich! Le uw. (halblaut zu Dr. Himm.) Was spricht der Herr? Himm. Nun, Sie wissen ja, lassen Sie sich nicht irre machen, er spricht lauter so konfuses Zeug durcheinander. Ollm. (zu Himm.) Denken Sie — Herr Doktor — heute Morgens — nach 5 Uhr ging er, wie ich höre, vom Hause fort, nahm den Weg hieher zur Grenze und hat seine Pistolen mitgenommen. Mäusler. Pistolen — richtig, er wird sich schießen mit Nilhausen — ja der hat das Duell auf sich genommen. Ollm. Sie wissen davon — o sprechen Sie — wo soll das Duell stattfinden? Mäusler (ohne auf Frl. Ollmers zu achten, spricht vor sich hin). Aber wie reimt sich das zusammen — heute früh — Lambert — 3 Uhr — mit Pistolen — gestern Abend — Lambert — 7 Uhr geht mit zwei Damen über die Grenze — ach mein Kopf, mein Kopf! Diese Confusion ist zu gräßlich für meine Ner- ven — (zu Frl. Ollm.) Heute früh — ^sagtest Du — nicht wahr — (läuft zum ersten Grenzwächter). Sie wissen es gewiß — eS war gestern — gestern Abends — 1. Grenzw. Wie ich Ihnen sage. Mäusler. Und das weibliche Wesen, mit dem der junge Mann sprach, nannte er Friederike — es muß also doch dieselbe — aber dieselbe steht ja da vor meinen Augen — ja ich bin wach — ich träume nicht (schlägt sich auf den Kopf) o Gott! o Gott — hier eine Friederike — dort eine Friederike — hier ein Lambert um 8 Uhr, dort Einer um 7 Uhr! bei meiner armen Seele — nun glaub' ich selber, ich bin verrückt! (fährt auf Himm. los). Doktor, geben Sie mir Aufschluß, lassen sie mich nicht lange bitten — sonst diskuriren mir anders mit einander. Himm. Werden Sie ruhig sein —! Mäusler. Seien S i e ruhig — hören Sie auf mit Ihren Narrenspossen — ich bin hinter Ihre Schliche gekommen, das heißt, ich bin noch nicht dahinter gekommen, aber ich weiß, daß mit Schlichen und Kniffen manövrirt wird (fährt auf Frl. Ollmers los, die scheu zurückweicht.) Jetzt gib nochmal vor diesem Manne da der Wahrheit die Ehre, und sage — heißest Du Friederike Wil- mar — Ollm. (furchtsam). Ich sagte Ihnen ja gestern — ich heiße so ^ . 28 Hi mm. (zu Frl. Ollm.) Ich glaube, Sie sollten — Mäusler (zu Himm.) Ich glaube, Sie sollten heimgehen — und froh sein, wenn ich Sie ruhig laufen lasse. (Zu Frl. Ollmers.) Sage mir jetzt — bist Du - gestern Abends 7 Uhr mit Lambert und Frau von Ringler über die Grenze gegangen? Ollm. Ich — ja — ich weiß nicht (sieht fragend den Dr. Himm. an). 1. Grenzw. Nein, diese junge Dame war es nicht. Mäuöler. Nicht? Nun, so muß der Llonsieur Lambert einen Harem von Friederiken besitzen et esetersetcseters, und die von Gestern muß seine Favorit- Friederike gewesen sein — aber — den Gar§on fragte ich ja ganz deutlich nach dem Fräulein Friederike Wilmar — (setzt sich auf den Grenzstein und hält mit beiden Händen seinen Kopf). Nein, jetzt denke ich über gar nichts mehr nach — in meinem armen Schädel summt es, wie von zehn tausend Bienenschwärmen. Siebente Seene. Lambert. Vorige. Ollm. (ihn erblickend). Lambert! (eilt auf ihn zu.) Mäusler (auffahrend). Lambert! La mb. Oh — Herr Mäusler — wie kommen Sie her sammt dem Herrn vr. Himmelbrand? Mäusler. Wie ich herkomme? Das geht Sie nichts an — wo ich herkomme, aber — das wissen Sie! — wahrscheinlich sollte ich noch eine Weile dort Kost und Wohnung genießen. (Zum ersten Grenzw.) Mit wem hat der Herr gestern hier die Grenze paffirt - Sagen Sie es ihm nur in's Gesicht — 1. Grenzw. Mit gar Niemand — der Herr, den ich meine, sah ganz anders aus. Mäusler (zu Lambert). Aber Sie heißen ja Lambert? — La mb. Ja wohl — Mäusler. Und das ist Frl. Friederike Wilmar — jene Dame Frau v. Ringler — La mb. Nein, dieß ist Frl. Ollmers, Schauspielerin— ebenso jene Dame — Fr. Leuw. Frau Leuwald, komische Alte und Anstandsdame. . Ollm. Aber Lambert! La mb. Cs ist nicht nöthig, diesem Herrn wie bisher (mit Beziehung) Alles zuzugeben, was er behauptete — denn er ist nicht verrückt, er wurde nur dafür ausgegeben — Mäusler. Dafür ausgegeben — das gestehen Sie selbst — und der mich dafür ausgab — ist — dieses Individuum (auf Dr. Himmelbrand zeigend). La mb. Der Doktor wurde selbst nur getäuscht. Derjenige aber, der Sie auf falsche Spur führte — den Herrn Doktor foppte, und uns (auf sich und die Damen zeigend) Rollen spielen ließ, ohne daß wir es wußtest, ist (zieht den Brief hervor und gibt ihn dem Dr. Himmelbrand), kein Anderer, als Herr Nilhausen! MauSler. Nilhausen! Himm. Nilhausen.' (liest). „Der „Polizei und dem Doktor einen Bären „aufgebunden — und die gewonnene „Zeit benutzt, UM die wirkliche Friederike und deren Bräutigam über die „Grenze zu bringen, wo sie sich für im- „mer verbinden werden." Lamb. Diesen Brief gab mir Herr Nilhausen vor einer Viertelstunde zur Bestellung an den Herrn Doktor — er selbst folgte den- Geflüchteten. Mäusler. Ich kenne mich noch immer nicht recht aus — aber so viel ist gewiß — ich habe mich schauderhaft hinter's Licht führen lassen (zu Himm. wild.) O Sie — Sie et ouetera, et oseters — Sie haben sich unsterblich blamirt. — Meine Damen — ich muß die Ehre haben, zu versichern — es scheint mir, ich muß Ihnen unendlich dumm Vorkommen — aber Sie begrei- 29 fen, die Umstände, daS Mißverständniß — meine Mission — Leben Sie wohl! (zeigt seinen Paß vor). Noch ist's viel» leicht Zeit — der Wagen dort hinter den Bäumen wird hoffentlich noch nicht abgefahren sein. (Läuft schnell hinüber.) Achte Scene. Nilhausen kämmt von der linken Seite, gleich darauf Walter, Friederike und Frau v. Ringler. Vorige. Nilh. (der dem Mäusler gerade in die Arme läuft). Ah! Sie sind es wirklich! freut mich, daß Sie jetzt kommen, das heißt, daß Sie erst jetzt kommen, und zu spät kommen. MäuSler. WaS? Nilh. Die Heirath ist vollzogen . . zwischen (die Personen vorführend) Herrn Lambert Walter — Gutsbesitzer und Frl. Friederike Wilmar — jetzt Frau Walter. Mäusler (lacht wüthend). Oh —' schön — ich bin also komplett geschlagen. — Himm. Ich bin auf das Unwürdigste gefoppt worden! Nilh. (zu Mäusler). Sie nannten sich Schutzgeist — ich als Freund des Herrn Walter, sah inJhnen einen Rache- engel — Sie verwickelten sich selbst in Mißverständnisse, ich zog nur das Netz fester und schützte die jungen Leutchen, die sich liebten, und die eine störrische Tante durch ihren Inkognito-Abgesandten trennen wollte. (Au Dr. Himm.) Herr Doktor, ich hoffe, Sie werden den ausgebundenen Bären mit Geduld und Anstand tragen. (Au den zwei Schauspiele- rinnen.) Meine Damen — ich danke recht sehr für die gelungene Darstellung der Rollen in meinem Jntriguenstücke. (Au Mäusler.) Jetzt gestatten Sie, daß ich Sie nach aufgehobenem Jncognito der jungen Frau vorstelle, (zu Friederiken.) Dieser Ihr Verfolger, meine Gnädige, heißt — Doktor Mäusler. Fried. Wie — Dr. MäuSler — mein würdiger väterlicher Freund. MäuSler. Ja — ich bin der Dr. MäuSler — das wußtest Du nicht? Fried. Nein, das wurde mir verborgen — MäuSler. Ist das wahr? Nilh. Ich hielt es für gerathen, dem Fräulein — der jungen Frau wollt' ich sagen, die Fäden der Jntrigue geheim zu halten — Fried, (zu Nilh. und Walter). Das war nicht gut gehandelt von Euch. (Zu Mäusler.) Sie hören, liebster Herr Doktor — ich bin unschuldig an dem Com- plott — gewiß, bei aller Liebe für meinen Lambert, hätte ich doch niemals Antheil genommen an einer List gegen meinen ältesten besten Freund! Mäusler. Ja — das ist die Sprache meiner lieben herzlichen Friederike ! Fried. Werden Sie denen verzeihen können, die schuldig sind? Walter. Ich glaubte Sie durch Frau von Seltenbach gegen mich eingenommen. Herr Nilhausen war dersel- ben Meinung, und so beschlossen wir, zur List unsere Zuflucht zu nehmen. Nilh. Er wird schon schwach, der alte Jncognito-Doktor, setzt ihm nur recht zu. (Au Mäusler.) Trotzen Sie nicht, maulen Sie nicht, Verehrter — der Mann Ihrer Friederike ist gewiß von echtem Schrot und Korn, und — das werden Sie zugeben. Ihnen gewiß lieber als wenn's (halblaut) jener artiste ilrsmstique gewesen wäre! Walter (reicht Mäusler die Hand). Schlagen Sie ein zur Versöhnung. Nilh. (legt Walters und MäuSlerS Hände in einander). So! (Führt Friederike näher.) Nur daher auf die andere Seite. So — Papa Jncognito — weg mit den Stirnfalten, die Heirath ist nun einmal ein ksit seeompli. — Also geben Sie Ihren Segen, und mich kön- 30 nen Sie, wenn Sie nicht anders wollen, mit Ihrer vollen Ungnade belasten. MäuSler. Zn Gottes Namen — ich ertheile hiermit nachträglich meine Sanktion, aber (zu Walter und Friederiken) ich fahre mit Euch! Fried, (zu MLusler). O schön — und wir lassen Sie gar nicht mehr fort, Sie müssen bei uns bleiben. Nilh. Versteht sich, als lebenslänglich engagirter Schutzgeist! Himm. (ruft MLuSlern, der mit Walter und Friederike abgehen will, nach). Halt! (will über die Grenze). 1. Grenzw. Paß! Himm. Habe keinen. 1. Grenzw. (zuckt die Achseln und vertritt ihm den Weg). Himm. (ruft hinüber). Hr. MäuSler soll wieder herüber kommen, ich bin dem Kommissär Ruhlich für ihn verantwortlich! MäuSler. Zurückkommen? — da müßte ich wirklich ein Narr sein! Nilh. (ruft dem Dr. sich nochmal um» wendend zu.) Gott befohlen, Herr Doktor! Grüßen Sie den Herrn Kommissär und sagen Sie ihm, ich hätte den bewußten Herrn selbst in'S Ausland es- kortirt! Der Vorhang fällt. Wien 1853. Druck und Verlag von Z. B. WalliShausser. Mit Vorbehalt des Eigenthumsrechtes für den Autor, als Manuskript gedruckt. Line arme"' " ^ Traumgemälde mit Gesang, Tanz und Tableaur, in drei Abheilungen, von Josef C. Böhm. Erste Abtheilung: Die Ueberrafchuug. Zweite Abtheilung: Donnerwetter und Parapluis. Dritte Abteilung: Die Posaune zum jüngsten Gericht. 18 Mal aufgeführt im k. k. priv. Theater in der Josefstadt. Erste Abtheilung: Die Ueberrafchuug. Eustachius Wachtl, ein armer Flickschneider auf dem Lande. Anastasia, seine Gattin. Karl, Tischlergesell in der Fremde, Hansl, S eppl, Martin, Klara, Grün bäum, ein lediger Gastwirtb auf dem Lande. Josef, Kellner bei Grünbaum. Personen: deren Kinder. Hanns, Hausknecht, Susanns, Köchin, Nanni, Küchenmädchen, Locker, Kraller, Beit, Stürmer, Erster Zweiter Dritter Vierter Vagabunden. Gast. bei Grünbaum. Einfaches Zimmer bei dem Flickschneider Eustachius Wachtl. Im Hintergründe, auf der mittern Versenkung, steht ein einfaches Bett mit Vorhängen, vor demselben eine alte spanische Wand, links an der Wandkoulisse hängt eine Posaune. Rechts, ziemlich tief, ein gedeckter Tisch, auf demselben ein schöner Christbaum mit bunten Bändern und vielen brennenden Lichteln, dann eine Flasche Wein, ein Laib Brod und ein großer Gugelhupf, ein gebackener Fisch. Erste Seene. Anastasia, Wachtls Gattin, steht mit den Kindern Hansl, Martin, Seppl und der schon etwas größer» Tochter Klara an dem Tisch, die Kinder sind ganz neu und nett gekleidet, sie äußern große Freude und springen herum. Die Scene sehr lebhaft. Alle. Mutter! Mutter! Aber der Christbaum ist so viel schön! Klara. Und das liebe Christkindl 1 2 schaut uns gar so freundlich an, eS dürft lebendig sein. Hansl. Und die viel'n Licht'ln, der Vater könnt' prächtig näh'n dabei. Anastasia. Ob Du'S Maul halt'st! Aber, nit wahr, Bub'n, das ist eine Ueberraschung! No, der Vater wird a Freud hab'n, wann er z'Haus kommt, und wann er's erfahrt, wer Euch das Alles eing'legt hat. Hansl. Mir ist's Christkind'! a viel lieber, als der Niklo. Martin (stolz). Und wann uns erst der Vater in dem neuen G'wand sieht, als drei noble junge Herrn, da wird der Vater Aug'n machen. Hansl. Zetzt wird der Schulmaster a glei mehr Respekt vor uns Bub'n hab'n. Die andern Buben. Das ist aber a nothwendig. Anastasia. No freili, d'Hand wird er Euch küssen. Hansl. Das g'rad net, aber Fleißzetteln wer'n wir krieg'n, o das Hab' ich schon weg, daß der Herr Lehrer den Bub'n d'meisten Fleißzetteln gibt, dö schön anzog'n sein, wann wir's a besser können als die Söhn' vom g'strengen Herrn Verwalter. Klara. Aber, Mutter, der Gugl- hupf ist wie g'mal'n, so schön. Hansl. Und Weinberln und Mandeln schau'n heraus, das ist schon a Passion. Und die großmächtige Flasch'n Wein. Wann wir den austrinken, hab'n wir alle mit einand an Haarbeut'l. Mutter. Hörst Bub', an Dir wer'n wir noch was schön's erleb'«. Aber still, der Vater kommt, g'schwind' stell'n wir die spanische Wand vor. (Sie stellen die Wand vor die Lasel, damit sie dem Ein- trctenden nicht gleich sichtbar) So, und jetzt kommt's in d'Kammer, no, das wird a famose Ueberraschung wer'n. (Ave ezeh'n ab, Hansl und Mutter z'lcht.) Hansl. Vielleicht bringt der Vater für d'Mutter ertra a no wa§ mit. (Ab). Mutter (lachend). Schau, daßd' weiter kommst, was der dalkete Bub' z'samm redt, wann der Tag lang ist. (Ab.) Zweite See»e. Eustachius Wachtl (ein Binkerl unterm Arm, mit komisch zemüthlicher Heiterkeit. Entree-Lied. Nein auf Ehr', das muß ich sag'n, 'S darf sich g'wiß ka Mensch so pkag'n, Meiner Seel, 's ist oft a Schand Mit an Schneider auf'n Landl Dem Einen soll ich, 's ist zum kach'n. Aus an Frack an Mantel mach'n; Mit Knopfannäh'n da kommen's g'rad', Wann man selbst kan Knopf nicht hat. Ich nah' oft erst am Unterfutter, Da schrei'n die Bub'n schon allweil ,»Mutter!" Bor Hunger thut der Mag'n weh, Da spring ich kirzeng'rad' in d'Höh'! 'S lastet Einer, 's ist zum kach'n, An neu'n Kaputrock bei mir mach'n Ich schaffet'« Tuch dazu gern her. Wann ich nicht selbst kaput schon wär. Meiner Seel.' so ein armer, vom Schicksalssturm auf's Land geworfener Schneider, ist das mühseligste G'schöpf auf Gottes Erdboden. Was man sich in so an Dorf nur mit die Kundschaften, mit die Herrn Bauern pleno titulo ärgern muß, denen um ka Ritterg'schloß a Begriff von an Wechsel der neuen Moden beiz'bringen ist. Erst neulich Hab' ich nach langem Denken und Kopfzerbrechen für d'Landleut eine ganz nag'l- neue Mod' erfunden, ich Hab' nämlich den Bauern an ihre kurzen Sonntags- Hosen lange lederne Strupfen annahn wollen, aber da hab'n mir dieKerln ganz spitzfündig in's G'sicht g'lacht, und hab'n 3 weg'n die Strupfen g'sagt: Was soll'n wir allweil wegen was Neuen in aner g'wiss'n Spannung leb'n! da lassen wir's lieber beim Alten. Jetzt frag' ich, ob man sich da nicht gleich selber in an Gasbock verwandeln möcht. Aber dem ohnge- achtet muß doch a Schneider auf'« Land ebenso gut Künstler in seiner Metier sein, wie a Kleidermacher in der Stadt, wann ich denk, wie man wieder bei dem Landvolk alles Alte wenden und umdrah'n, und anders taufen muß, bis es ausschaut , als wann's was Neu's war. Wie muß man die Fleckeln z'sammsetzen, während in der Stadt vom ganzen Stuck runter g'schnitt'n wird, wo so a Schneider selber, wie a Kavalier, in dem neuen Tuch ausgeht, was bei den Kundschaften eingangen ist. Dann Hab' ich nebstbei allweil so rührende Erinnerungen vor Augen, ein offener Ellbogen zeigt mir das Bild schmerzlicher Trennung , ein aus dem Leim gegangenes, schlüssiges Unterfutter beweist mir klar die Vergänglichkeit irdischer Güter. Die Westen sind oft auch im Norden z'rissen. (Zeigt auf den Rücken.) Und so oft ich als Schneider die vielen Maaß anschau, und mir dabei d'ganze Wochen ka Scitl kauf'n kann, da geht zwar die Naht meiner Geduld dort und da auseinander, (lachend) aber melancholisch macht mich das doch nicht, a Schneider hat gar a leicht's Temperament, nur das Biegleisen ist der einzige erschwerende Umstand, doch grad' mit diesem gleicht er die Falten seines Malheurs wieder aus. Sapperlot, die Feiertage müssen celebrirt wer'n, da muß ich gleich meine Aktiva und Passiva z'samm dividiren. Meine ganzen Einkassirungen belaufen sich summ» summsrum auf fünf Gulden Schein, davon kriegt der Greisler auf das neueZwangs-Anlehcn, was ich bei ihm g'macht Hab', vor der Hand gar nir, ich werd' ihn halt um Erstreckung seiner Vorstreckung bitt'n. 2etzt wern wir seh'n, ob's ausgeht; pro primo ein schweinernes Bratl mit durchpassirte Linsen , pro 8eeunäo ein Zellersalat mit abtriebenen Nockerln in der sauren Mili, und a Glas'k Wein muß in's Haus, und für die Bub'n muß meine Alte vom ordinären Semmelmehl ein' ganz seinen abtrieb'nen Gugelhupf bach'n. No die fünf Gulden und der Guglhupfwern nachher grad mit einander aufgeh'n! Dritte Gerne- Anastasia.Hansl.Martin.Se ppl. Klarl. Die Kinder küssen dem Vater die Hand. Mutter. Du Mann, ich bitt' Dich, schau unsere Bub'n an, ob's net aus- schaun, wie drei junge Herrn vom G'schloß. Hansl. Vater! unser alt'S G'wand liegt schon alles schön beinander in aner Butt'n auf'n Bod'n ob'n. Wacht! (ganz perplex). Ja, was ist denn das? Weib, Stasi! ich bitt'Dich, red'! wer hat denn die Bub'n so schön anzog'n? Mutter (bewegt). Die lieb'n gut'n Frau'n vom neuen Verein, den ein großer Menschenfreund gegründet hat, sie sind viele selber glückliche Mütter und hab'n nicht nur auf die eigenen, sondern auch auf dö Kinder denkt, denen d'armen Eltern kan Christbaum schenken können. Wacht! (entzückt). Meiner Seel, unser Vaterland ist doch reich an herzlich guten Menschen. Mutter. Und uns hab'n's noch ertra 20 Gulden g'schenkt, damit wir auch gute Feiertag hab'n. Buben. Jetzt san wir stanreich! Hansl. Dö Feiertag wird nir than als allweil gess'n. Mutter. Erhol Dich nur, Mann, da schau das viele Geld an. tZeigt ihm die Banknoten.) Wachtl (schaut auf das Geld). Weib, 1 * 4 40 Guld'n, so viel Geld hab'n wir noch gar nicht g'habt. Mutter. Was denn 40, 20 sind's. Wachtl. Verzeih mir, Stasia, aber ich seh' in meiner Freud Alles doppelt. Die Kinder thaben die spanische Wand weggezogen). Vater, schau sich der Vater um. Wachtl. A Saperment, das ist z'viel, Kinder, halt's Euern Vätern, sonst fallt er um vor lauter Ueberraschung. Hansl. Stütz sich der Vater nur auf mi, ich laß den Vater net sall'n. Wachtl. Das ist z'viel, mein Gott, das Brod, der Backfisch, der Guglhupf und die Flaschen Wein! Das ist mehr als ich ertrag'n kann. Hansl. Ich hab's eh g'sagt, daß wir Alle Haarbeuteln krieg'n. Wachtl (außer sich). Wirst still sein. Meiner Seel, wann's der Herr und die Frauen seheten, wie froh und heiter sie eine arme Schneiderfamilie g'macht hab'n, es müßt ihnen ja selber 's Herz im Leib lachen. Mutter. Weißt was, Mann, die Kinder hab'n eh schon a Nachtmal g'habt, d'rum mein ich, wann wir Alles auf morgen aufhebeten, und uns morgen an recht gut'n Tag anthäten. Hansl. Schau d'Mutter, der Ma- nung bin i net, bis morgen könnt Alles verderb'n. Wachtl (lachend). Sirt es, der Hansl geht Nummero sicher. Wegen meiner, 's Essen woll'n wir auf morgen aufheb'n, das bleibt frisch, aber der Wein könnt ausrauchen. Weiberl, Klarl, schenk für mich a Glas'l voll ein, und für d'Kinder auch a Paar Tropfen. Die Bub'n (jubelnd). U mei, jetzt krieg'n wir auch an Wein! Klara (hat für Vater und Mutter ein Glas, den Kindern in kleine Gläschen nur wenig eingeschenkt). Wa chtl (kostet). Sapperlot, das ist a Weinl, ich bitt Dich, Alte, kost'n. Mutter (kostet). No, ob der gut ist, wie a Oehl. Wachtl. Hast recht, wie 's feinste Preveranzer-Oel. Hansl. Vater, wann der Wein wie a Oehl ist, so hol i aus'n Wirthshaus a Seitl 36ger, der ist wie a Essig, nachher können wir gleich an Salat anmach'n. Wachtl. Obst still bist. Jetzt stellt's Euch alle um mich herum, und nehmt's die Kappeln runter. (Alle stellen sich um ihn). Trinklied. Wachtl. Hoch! dreimal hoch! Den gut'n Herrn und Frau'n, Die doch stets in ihrem Glück, Mit Lheilnahm' und mit edlem Blick Auf d'Armuth runter schau'n. Ob man reich und ob man arm, Hat man 's Herz am recht'n Fleck; Und schlagt's bei Jedem nur recht warm, So zieht 's Unglück auch bald weg. Hoch! Hoch! Hoch! Den edlen Spendern hoch! (Tusch, er trinkt). Die Kinder (welche jedoch keine Gläser nehmen, falten herzlich bittend die Hände, und singen:) Auch bitt'n wir nicht minder. Auf d'braven armen Kinder Lhun's auch künftig nicht vergesi'n, Daß wir was Gut's krieg'n z'essen. Alle. Hoch! hoch! hoch! Die edlen Menschen hoch! Die Kinder. - Wir woll'n auch recht fleißig sein, Schließen in's Gebet g'wiß ein, Wer uns gibt mit milder Hand Auf d'Feürtag ein schönes G'wand. Wachtl. Hoch, dreimal hoch! Den guten Herrn und Frau'n, Die doch stets in ihrem Glück, Mit Lheilnahm' und mit edlem Blick Auf d'Armuth runter schau'n. Es reicht gern freundlich mild die Hand Dem Armen, wer ist reich. 8 Alle. D'rum kommt auch unscrm Vaterland Auf Erden keines gleich, rep. Alle gehen an den Tisch zurück. Wachtl stellt das Glas hin. Wachtl. Und jetzt, Kinder, tragts die ganze Taf'l in die Kammer, löscht's dann die Licht'ln von dem schön Christbaum aus, und legt's Euch schlafen und beth's zum lieb'n Herr Gott, daß er seinen Schutzengel über Euch wachen laßt. Die Kinder. Gute Nacht, lieber Vater! (Sie tragen im Abgkhen den Tisch rechts ab.) Hansl. Wegen dem Gulhupf werd' ich eine sehr unruhige Nacht hab'n. (Ab.) Vierte Scene. Wachtl und Anastasia. Anastasia. Der Hansl ist a g'spas- siger Kerl. Schau, lieber Mann, wann unser Großer jetzt da war, der hatt' g'wiß a rechte Freud. Wachtl (auf einmal ernst). Weib, das war nicht gut, daß Du mich grad in aner so vergnügt'» Stund an ihn erinnerst. Also, dö Feiertag laßt er wieder nix von sich hör'n und seh'n. Morgen wird's a Jahr, daß er uns nicht g'schrie- ben hat, daß wir gar nicht wissen, wo und wie er sich in der Welt herumtreibt. (Bitter.) Er ist a leichtsinniger Bursch, wer aufseine Eltern, aufseine G'schwi- ster vergißt, der hat ka Herz, kan Funken Lieb' und Dankbarkeit, der ist kein brav's Kind. Anastasia (weinend). Schau,Mann, Du thust dem Karl unrecht, er hat uns g'wiß Alle recht lieb. Na, er hat kein schlecht's Herz, wer weiß, aus welcher Ursach er uns nicht schreibt. Er ist halt jung, sich selber überlassen. Schau, Mann, Du bist ja so gut, mir z'lieb, Dein' braven Weib z'lieb, verzeih' ihm. (Sie lehnt ihren Kopf an seine Brust.) Wachtl (sehr gerührt, küßt sie auf die Stirn). Wein' nicht, lieb'S Weiberl, Dir zu lieb' verzeih' ich ihm, er bleibt ja doch unser Sohn, und a gute Mutter ist immer die beste Fürsprecherin für ihre Kinder, Du schon gar, Du vermagst ja Alles über mich. Anastasia (freudig). Lieber, herzensguter Wachtl. Nacher mußt auch bedenken, wir hab'n damals, wie er z'Haus war, halt auch blutwenig auf seine Erziehung verwenden können, eh er in d'Lehr kommen ist, ist er knapp a Jahr in uns're Dorfschul gangen. Wachtl (launig). Da hat er freilich wenig g'lernt, weil der damalige Schulmeister selber kaum hat lesen und schreiben können. No, wir woll'n vom Karl noch 's Beste hoff'n. Aber ich bin heut steinmüd, von dem viel'n Rumlauf'n bei meinen Einkassierungen, und das Glasl Wein steigt mir auch a Bisserl in Kopf, ich werd' heut schlafen, meiner Seel, wie a Prinz. Du geh' jetzt auch zu die Kinder schlafen, und laß Dir was schön's träumen. Anastasia (zärtlich). Gute Nacht, Monerl, dasmal wer'n wir recht vergnügte Feiertag hab'n, und was Gut's z'essen auch, Du weißt's schon, kochen kann ich ja. (Mit Stolz.) No, als g'we- sene Herrschaftsköchin, das heißt, wann nämlich was da ist zum Kochen, aber aus nir, hahaha! No, pfürt Di Gott. (Ab.) Wachtl (lachend). Aus niv hat nur Gott d'Welt erschaffen können, und daß soll ihm Aner nachmachen, wann er Kourage hat. Meine Alte war a mal a gar noble Herrschastßköchin, das ist noch allweil ihr Stolz, und damit's das feine Kochen nicht verlernt, hat's ein armen Schneider auf'n Land g'heirath, bei dem die Einquartierung von die Erdäpf'l in der Montur 's ganze Jahr nicht ausgeht. Zwar hat sie mich nicht als Schneider kennen g'lernt, ich war damals auch in der Montur als Posaunist, bei der Regimentsmusik, und Hab' mich erst später in'S schneiderliche Pri- 6 vatleben zurückgezogen. Oh, ich war damals mit meinem schwarzgefärbten Montebello um's ganze G'sicht rund um und um herum ein gar schöner Mann, und Hab' mich so zu sagen in ihr Herz hineingeblasen, wann ich ihr grad gegenüber in meinem stillen Kämmerlein, bei des Mondes Silberschein auf meiner Posaune mit einer Entschlossenheit fantasirt Hab', daß d'ganze Nachbarschaft rebellisch wor'n ist. 'S ist aber merkwürdig, so oft ich vor'm Schlafengeh'n an meine Posaun' denk', so träumt mir g'wiß immer so ein pudelnärrisches Abenteuer, wie ich's vor 2V Zahr'n erlebt Hab'. Ich will mich niederlegen. (Zieht den Rock aus.) Meiner Seel, mir ist so gut, so leicht um's Herz, das Weinl hat mich ganz kreuzfidel g'macht, ich wünschet mir sonst nir, als so an recht schönen, luftigen Traum, so an Massigen Durcheinander; von mein' Sohn Karl, was aus ihm wor'n ist, ob er an seine Eltern denkt, und zum Hauptg'spaß möcht ich mich selber betrachten können, wie ich vor 20 Zahr'n als Posaunist ausg'schaut Hab', dann möcht'ich auch mein'n jungen Freund sehen, den Herrn Grünbaum, dem ich vor 8 Zahr'n das Leb'n g'rett Hab', wie ihm beim Baden 's Wasser fortg'rissen hat, bin ich hinein in Fluß und hab'n glücklich an's Ufer bracht, er hat g'sagt, er wird mir a mal recht dankbar sein. Schau, schau, wie sich meine Gedanken so g'wiß verwuzeln. (Er gähnt). Die buntesten Farb'n flimmern vor meinen Augen. (Spricht im Schlafe.) Sapperlot, mein Traum fangt gut an , ich sieh schon a Wirthshaus, und mein' Freund Grünbaum als Wirth (schlaft ein) hehehe! Verwandlung. Eine Schleierdekoration vorstellend, die Ster- nennacht mit fantastischen Gestalten, ist schon am Schlüsse der Rede unter sanfter Musik langsam heradaefallen. hinter diesem Prospekte versinkt Wachtl mit dem Bette. Die Schleierkourtine geht auf, in eine Wirths- hausstube, rückwärts eine offene Kellerthür, rechts vorne Scktenthür, links Fenster. Fünfte Deene. Anton Grün bäum, ein junger fideler Gastrvirth, kommt durch die Mitte. Entree-Lied. Ich hab's oft g'sagt, und sag's jetzt wieder, Mir ist's halt schon einmal z'wider, Auf'n Land a Wirth zu sein, Ich find' mich meiner Seel nicht d'rein, Gar am Kirchtag, nicht zum sag'n, Tag und Nacht muß man sich plag'n, Und statt davon Profit zu Ham, Hau'nS im Rausch eim Alles z'samm! Das Tanzen und Singen, der Lärm und das G'schrei, Auf d'Letzt kriegt man d'Zustellung auf d'Polizei, D'rum fallet's mir künftig km Schlaf nicht mehr ein, Nur allweil für Alles verantwortlich z'sein. Sag', ich höflich: meine Herrn, 'S ist schon Zwölfe, ich muß sperr'n, Bitt' sie, gehn's jetzt Alle z'Haus, Da lachen mich die Gäst nur aus; „Noch an Gtehwein woll'n wir trink'n, ,,Wann wer kommt, so thun's halt wink'n, „Doch schaffen's uns gleich fort zu geh'n, „So soll'ns uns g'wiß auch nimmer seh'n! Kaum tragt man voll Zorn noch den Steh- wein herauf, So macht die Patroull auch die Thür jetzt schon auf, Und Straf muß ich zahl'n , auf d'Letzt sperrn's mich noch ein, D'rum dank ich, für And're verantworlich z'sein. Aufrichtig g'sagt, das Wirthsg'schäft ist mir schon recht z'wider, denn, ein Wirth im ledigen Zustand, der sich auf fremde Leut verlassen muß, der g'hört schon ganz in Talon; nimmt man sich eine alte schirche Köchin, so ist einem ^ der tägliche Anblick zuwider; nimmt Man sich a junge und saubere, so denkt sich > gleich d'ganze Nachbarschaft, weiß Gott was dahinter steckt, und heirathen mag ich durchaus nicht, sür's Erste Hab' ich einen Plan, den ich verfolg, und den ich ausführ'n muß, für s Zweite Hab' ich halt die Rechte noch nicht g'funden, und für s Dritte Hab' ich vom Ehstand ! so meine ganz aparten Ansichten, ich weiß zwar nicht, ob's die ganz richtigen sind, aber bei mir sind's zur fixen Idee wor'n. Zum Beispiel, wann d'Leut blos weg'n Geld oder aus andern Rücksichten z'samm heirathen, ohne 's Herz d'ruber z'frag'n, so kommt mir so eine Ehe aus künstlicher Lieb vor, wie eine Kabl; so einer Erzählung fehlt meistens die Moral. Mann und Frau soll« im Ehstand nur Eins sein, und wie oft sieht man gleich nach der Hochzeit, daß sie uneins find. Wie oft gleicht der Ehstand nur einem Wortspiel, der Mann allein ist zwar nur ein Selb st lauter, aber d'Frau wird allweil lauter, und am End' wird der Mann doch auch mit lauter, bis die Ehe aus lauter Doppellaut er besteht. Das Wort Hausfreund ist auch nur ein Wortspiel, und sollt in der Ehe me als Hauptwort gelten, denn ded Hausfreund ist ja nicht der Freund vom Haus, sondern meistens von der Frau vom Haus, d rum sollt er, der Deutlichkett wegen, eigentlich Hans- fraufreund heißen. Am traurigsten für ein' Ehmann wär'ß nacher, wann's kleine Sohnerl in der Unschuld ruft: D u 1 Vater! und d'Mutter müßt' sich im ^ Stiü denk'n: Schau, daß klane Buberl macht auch schon ein Wortspiel. Und eben so ist's auch oft im Anfang bei den Verliebten, da geht's zu, wie ans der j Post, z'erst wer'n die Briefsrl mit Mar- ^ ken ang'nommen, unb wann später hübsch große frankirte Pakettß bei der Geliebten ankommen , so findet der dadurch rekomandirte Anbeter eine freundliche Aufnahm', während nicht beschwerte Liebesbriefe mit Protest zurückgewiesen, oft jahrlang Post restant liegen bleib'n. Wann ich wieder umgekehrt einen Mann seh', der blos nur aufs Geld schaut, so kommt er mir vor, wie a echter Schweizerkäs, denn wo nix ist, macht er großmächtige Aug'n! Mit solchen Ansichten soll der Mensch nicht heiratheri, überhaupt will ich meine ganze Lieb' und Sorgfalt dem Sohn meines Lebensretters, dem jungen Wachtl Karl zuwenden und zwar aus Dankbarkeit, er ist wohl ein unerfahr'ner, leichtsinniger Mensch, doch will ich hoffen, daß ich ihn mit der Zeit schon auf gleich bringen werd. Jetzt heißt's aber aus'S G'schäft schau'n. He! HannS! Josef! Susanna! wo steckt's denn Alle?! Sechste Scene. Hanns, Haoeknecht, Josef, Keltnrr, und Susanna, KSchin, von verschiedenen ' Seiten. Alle Drei. Was schaffen's, Herr Grünbaum? Grünbaum. Aufpaßt! heut muß Alles aufn schönsten Glanz herg'richt wer'n, ich Hab' so eine ?lhnun^ in mir, als wann wir heut a Paar Gast krieg'u sollten. Hanns. Dös is g'wiß! Grünbaum. Josef, Du mußt a pfiffiger Kellner sein, weil von jetzt an bei uns Alles in Silber g'rechnet wird, so kost von heut an der 48ger Ein Gulden Schein, man muß, mit der Zeit geh n, sonst bleibt man z'ruck. Hanns. Dös is g'wiß! Grünbaum. Er wird SMaulhalt'n, und erst red'n, wann er g'fragt wird. Hanns. Dös iß g'wiß! Josef. Verlafsen's Ihnen nur ans mich, ich war a mal in der Stadt in ein' Gnkehrwirthshaus Zählkellner, da Hab' ich kurios rechnen g'lernt. H anns. Dös is g'wiß! Grünbaum (zum Hanne). Und Er 8 tragt zur Vorsorg a Paar Schäffeln frisches Wasser in Keller nunter, heut ist Faststag und da könnt leicht beim Fischbachen a Feuer auskommen. Hanns. Dös is g'wiß! Susan na (gekränkt). Das ist net g'wiß, Herr Grünbaum, Ihre Red' touchirt mich, und greift zugleich meine Ehr' an, ein einzig's Mal, wie ich noch jung war, ist durch mich a Feuer aus» kommen. Aber seit zwanzig Jahr'n ist kein's mehr auskommen, und wird auch kein's mehr auskommen. Hanns (hat sie angesehen). Dös is g'wiß! Grünbaum. 'S ist meiner Seel traurig, wann man von seiner nächsten Umgebung nicht verstanden wird. Liebe Susann«, das Wasser g'hört ja nur zur Mischung! Der Wein in seinem Naturzustand', macht heftige Wallungen, dickes Blut, hitzige Köpf, und veigerlblaue Nasen, darum g'schieht diese chemische Verdünnung mehr aus Sanitätsrücksichten, als aus schnöder Gewinnsucht, verstanden. Hanns. Dös is g'wiß! Susanns. No, das ist was Ander's. Grünbaum. Liebe Susi, Sie macht jetzt den Fisch z'recht, für mich hebt Sie ein ordentlich's Kopfstuck auf, und für'n Verwalter, den Hechten, macht Sie'n mit Sardelln und Semmelbrösel, so, und jetzt geh' Sie, liebe Susi. Susanns (bei Seite). Liebe Susi hat er g'sagt, und so g'schmackig bringt er's vor, wann er sagt, geh' Sie Su st Sie. O Gott, so ein lediger Wirth könnt ein' noch verrückt machen. Ein Meisterstück der Kochkunst will ich jetzt beim Bachfisch ablegen, denn sein Bild wird mich stets umgaukeln. O Gott! O Gott! (Ab.) Grünbauan (lacht). Wie die Köchin d'Aug'n verdraht, wann ich liebe Susi sag'. Hanns. Dös ist g'wiß! Gränbanm. Halt Er's Maul, mit sein' verdammten Sprichwort. Hanns. Dös is — (würgt.) Schaun's, Herr Wirth, Sie sind ein vernünftiger seesnguter Mensel) , Sie wissen einen Hausknecht zu schätzen und hochzuachten, weil Sie seinen innern Werth nicht verkennen, dös is g'wiß! Grünbaum. No weiter, weiter, was soll's mit dieser langen Rede kurzen Sinn, ich kann das lange Präambulum nicht leiden. Hanns.' Dös is g'wiß. 3 Hab' nur bitt'n woll'n, weil's mir a mal versprochen hab'n, daß ich Ihnen, wann's a mal gut aufg'legt sind, meine interessirte Lebensg'schicht erzähl'n darf, sooft schon Hab' ich's ang'fangen und immer bin ich unterbrochen wor'n. Grünbaum (bei Seite). Mein Gott, was mich der Mensch malträtirt. (Laut.) No, wegen meiner, weil wir g'rad' allein sind, so will ich's anhör'n, damit ich a mal a Ruh' Hab. Hanns. Dös is g'wiß! (Holt langen Athem.) Wie ich noch beim Fuhrwesen war, da hab'n wir an Korp'ral'n g'habt — Siebente Seene. Locker, ein Vagabund, liederliches Aus- seh'n, tritt rasch ein. Locker. G'horsamer Diener, Herr Wirth, wie geht's, wie steht's, was gibt's Neu's! Hanns (ganz perplex). Meiner Seel, dem könnt' ich mit Wollust den Schopf beuteln, jetzt wird aus meiner Erzählung wieder nir, dös is g'wiß! So will ich derweil 's Wasser zur Mischung in' Keller nunter trag'n. (Man sieht ihn während folgenden Scenen mehrere SchaffWasser in den Keller nunter tragen). Locker (hat sich genähert). No, Herr Wirth, was schau'n Sie mich so an? also, was gibt's Neues? Grünbaum. Kann wirklich mit 9 nichts aufwarten! (Bei Seite.) Der Kerl > schaut verflucht verdächtig aus! Locker. Wie, Sie als berühmter Wirth zum rosenfarben Humor, Sie können mit nichts aufwarten? (Schlägt in den Tisch.) Wein her, vom besten! Josef. Sogleich ! (Er läßt in der Schank sich Wein und Glas geben rc. Wie im Gasthaus.) Locker. Herr Wirth, sagen Sie mir, waren nicht drei elegante Herrn so in in meinem Aussehen hier, und haben ^ sie nicht nach mir gefragt? Grün bäum. Bis Dato Niemand, und nach wen hatten's denn frag'n soll'n. (Nimmt ungern sein schwarzes Sammtkäpp- chen ab.) Mit wem Hab' ich die Ehr'? (Bei Seite.) Wann's a Ehr' is! Locker. O ich bitte, die Ehr' ist Ihrer Seit's. Ich heiße Sigismund Adalbert Locker, die lockere Familie wird Ihnen wohl bekannt sein, ich bin, so zu sagen, eine poetische, mehr geistige als materielle Erscheinung, und lebe von meinen Renten, das heißt, wann sich unsere Unternehmungen rentirn. Bis jetzt mache ich mit meinen dreiHerrn Compag- nons nur kleinere Geschäfte, wir woll'n es aber bald en Sro8 treiben. (Er trinkt.) Grünbaum (bei Seite). Ich kann mich irr'n, aber diese poetische Erscheinung scheint mehr ein materieller Lump zn sein. ? Achte Seene. I Kraller, Veit, Stürmer, drei I Gauner, verdächtig doch nicht zerlumpt gekleidet. (Diese Scene sehr rasch.) Locker (mit komischer Noblesse). Ah, charmant, meine hochgeehrten Herrn! (Leise.) Aber Brüderln, wo wart's denn so lang? Veit. In ein'andern Wirthshaus, da war aber nir z'machen. Kraller (lachend). Ich und der Stürmer hab'n wieder glücklich so an Esel um 10fl. mit'n Ringwerfen erwischt, hahaha! Locker. So ein alter G'spaß, man soll's wirklich nicht glaub'n, daß eS noch so dumme Leut gibt, die aufsitzen. Stürmer. Und so ein' prell'n ist g'rad' eine Passion, weil er zeigt, daß er selber schlecht ist, denn a ehrlicher Kerl sagt: halt! den Ring hast Du g'fun- den, er ist nicht Dein Eigenthum, folglich darfst Du'n auch nicht verkauf», Du mußt'n aufd'Polizeitrag'n. (Alle lachen.) Locker. Mir scheint, der Stürmer war auch einmal ein ehrlicher Kerl, weil er's so gut weiß — muß aber auch schon lang her sein, hahaha ' Aber jetzt reden wir vom G'schäft. Hort's, Kameraden, glücklicher Weis Hab' ich aus dem Tölpel von Kutscher herausbracht, daß die zwei jungen Damen, welche da oben auf'n Schloß zum Spiel eing'laden sind, heut noch, und zwar nach 9 Uhr in die Stadt z'ruck fahr'n. (Leise.) Da müssen's den bewußten Hohlweg passiren, und beim Hohlweg werden sie zufällig vier entschlossene Männer finden, nicht wahr, hahaha! Stürmer. Aha! wir versteh'», wie man auf französch sagt: I» dour86 ou 1s vw! Alle. Bravo, famos! Locker. Auch Hab' ich Euch für jetzt einen angenehmen und zugleich nützlichen Zeitvertreib arrangirt. Der junge Tisch- lerg'sell Carl Wachtl, dem wir schon einmal durch unser geschicktes Olmnxü PS 880 L sein mühsam erspartes Geld abgewonnen haben, der ist mir begegnet, er hat wieder 10 Gulden beisammen, und will sie seinem Vater, einem armen Flickschneider auf dem Land, zu den Feiertagen schicken, nur thut es ihm leid, daß es so wenig ist, zehn Gulden, Hab' ich mir denkt, sind auch zum mitnehmen , und Hab' ihm zug'redt wie einem kranken Mops, er möcht doch noch einmal sein Glück mit uns Prokuren , wir wären heut so ganz in der Stimmung, ihmRevange zu geb'n, und ' die Summe zu verdoppeln. 10 Alle Drei. Und sitzt er auf? Locker. Ganz g'wiß! Herr Wirth, lassen Sie für uns zwei Maß drei Gulden Wein, und ein gutes Nachtmahl in's Ertra-Zimmer trag'n, und wann ein gewisser Karl Wachtl, ein Herr Tischlerg sell kommt, so sagen Sie ihm, daß bereits vier Herrn auf ihn warten. Grünbaum (zornig). Schon gut, ich werd's ihm sag'n, wann er kommt. Locker. Also, meine hochgeehrten Herrn, wann's beliebt. (Oeffnrt die Thür recht-.) /Stürmer. O ich bitte, mein Herr. ^ 1 Veit. Nein, nein, Sie, mein Herr. L 1Kraller. Ilm keinen Preis, mein ss? / Herr.' iLocker. Ich kenne die schuldige k Hochachtung, meine z Herrn! Josef (mit Wein, Gläser und Tischzeug.) Ich wert»' den Herrn halt leuchten ! (hält die große Weinflasche in die Höhe.) Alle. Wir zieh'n dem Lichte nach. (A!'e Bier ab.) Grünb. Wann die nur nicht a mal wohin kommen, wo'ß finster ist. Mach'n die vier Kerln G'schichten, man sollt's nicht glauben, wie man sich selber so für'n Narr'n halten kann. Also, der Wachtl Karl, der Sohn von mein' Lebensretter, g'hört auch zu der säubern G'sellschaft. No, mir ift's recht, er soll nm z'ecst recht tüchtig anrennen. Ich Hab' den Burschen zwar sehr gern, schon weg'n sein' braven Batern, aber so lang er a Spieler ist, verdient er kein Mitleid. Neunte Scene. Karl Wachtl, Tischlergesell, einfach aber honett gekleidet. Karl. Schön gut'n Abend, Herr Wirth! Grünbaum. Ah, Sie sind's, Herr Karl, no das g'fteut mich, daß Sie mir a mal wieder die Ehr geb'n, 'S ist eh jetzt eine Seltenheit. Karl. Lieber Herr Wirth, Sie wissen, daß ich mein Erspartes, was ich Hab meinen Eltern schicken woll'n, bis auf den letzten Kreuzer verspielt Hab, weil mir damals das Glück nicht günstig war, ich Hab mich genirt, an meine Ettern einen leeren Brief zu schreiben, d'rum Hab' ich auch nach'n Feierabend fleißig g'arbeit, mir nicht ein Seill Bier vergunnt, um den Schaden wieder gut zu machen; Hab aber leider nur 10 Gulden z'sammbracht, und das ist blutwenig für eine so große Familie. prop«8, sage» Sie mir, find nicht vier Männer Herkommen, die hier auf mich ivarten woll'n? Grünbaum. Ja, da d'rin sinds ! (Sehr herzlich.) Aber, lieber Herr Karl, schau'nS, ich bin g'wiß Ihr Freirnd, der's mit Ihnen ehrlich und aufrichtig meint. Ich muß Ihnen meine Ansicht sagen. Karl, Sie sind so a honetter, anständiger und fleißiger junger Mann. Meiner Seel, ich an Ihrer Stell, ich gebet mich mit solchen Vagabunden gar nicht ab, die Vier g'hörn auch zu derGattung verdächtiger und rätselhafter Menschen, die s'ganze Jahr aus und ein Alles thun woll'n, nur nicht arbeiten, dann kenn' ich auch ein wahr's Sprichwort, wer sich unter die Kleien mischt — Karl (einfa»er,r>>. Ich weiß es, Herr Grünbaum, daß Sie's gut und aufrichtig mit mir meinen, aber für das Mal Hab ich denen mein Ehrenwort geb'n und — Grünbaum (bitter). O freilich! ganz natürlich, wann man Lumpen, Spielern und Vagabunden sein Wort geben hat, dann ist's nach Ihrer Ansicht eine Ehrenfach. O so a Wort muß > man halten, und wann auch der wahre ^ ehrliche Namen und d»e Achtung der besseren Menschen d'rüber zum Leufl geht. 11 >' Karl (ergriffen). Herr Grünbaum! Grünbaum (hat ihn betrachtet). Ich sehd Ihnen ihm G'sicht an, an den funkelnden Augen, Sie woll'n spielen, Sie wollen denen da d'rin was abg'win- nen, weil Ihnen die zehn Gulden, die's den Eltern schicken woll'n, zu wenig Vorkommen, nicht wahr? Karl (betroffen). Ich kann's nicht läugnen. Grünbaum. Lieber Freund, die i zehn Gulden, die Sie sich durch Ihren Fleiß erworb'n hab'n, die wer'n Ihren armen Eltern a herzliche innige Freud machen, Sie können mit Stolz schreiben: Liebe Eltern, ich Hab' das Geld im Schweiß mir ehrlich verdient, und cs in kindlicher Lieb und Dankbarkeit für Euch erspart, und d'Eltern werden ! ihr'n braven Sohn segnen, (fest.) aber ; Vater und Mutter wer'n, tief gekränkt, ? den Spielerg'winnst z'ruckweisen, auf . dem der Fluch des Lasters ruht! Jetzt i geh'ns, spiel'n, thun's waS's woll'n, ich ! Hab' Ihnen nichts mehr z'sag'n! ! Karl. Herr Grünbaum, noch spiel' i ich nicht aus Leidenschaft, ich will nur I mein Geld zurückgewinnen, daher schwör I ich's Ihnen: ich spiel' heut' zum letzten ^ Mal. Wartet! heut' muß ich Euchban- ^ querot machen! (eilt rechts ab). ! Grünbaum (traurig). Ein' Spieler ! bessern woll'n, ist g'rad' so viel, als ^ wann man Einem, der nicht hört, an r gut'n Morgen gibt! ! H ann s (ist leise vorgetreten). Wie ich j noch beim Fuhrwesen war, da hab'n mir an Korp'raln g'habt! — ! tempo treten Gäste ein.) : Alle. Gut'n Abend, gut'n Abend! i HannS. Jetzt möcht' ich mir vor 1 Zorn doch mit Gusto gleich selber I d'Nasen abbeissen. (Geht traurig in die > Schank.) Zehnte Geene. Mehrere anständige Gäste (sie rufen.) Mir ein Bier, ein Seit! Guld'n, mir den Speiszett'l. (Ein Gast setzt sich an einen Tisch vorne allein. Wirth und Kellner bedienen. Man hört im Seitenzimmer jubeln.) Locker (ruft). Wein her, verdammter Kellner! Josef (eilt mit einer Flasche Wein). Erster Gast. Wie mir scheint, Herr Wirth, haben Sie da drinn eine g'schlos- sene G'sellschaft? Grünbaum. Bis jetzt ist's noch nicht g'schloss'n, aber was nicht ist, kann schon noch wer'n. Mehrere Gäste. Herr Wirth, wir möchten gern was z'essen hab'n! aber bald. - Grün bäum. Ich werd' gleich in der Kuch'l nachschau'n. Hanns, unterhalt er die Gäst' derweil. (Links ab.) Hanns. Dös is g'wiß! (geht zu dem Gast, welcher allein sitzt.) I soll die Gäst' derweil amousiren, da sitzet mir g'rad' Aner so recht auf der Anschicht — ich reskirs — Wünsch gut'n Abend. G a st. Auch so viel. Hanns. Dös ist g'wiß! Sie sitzen da ganz allan, g'wiß weg'N — Gast. Wegen Mangel an Bekanntschaft, ich bin fremd, mir wird die Zeit lang wer'n, wissen Sie mir nichts Neu'ö zu erzähl'n. Hanns (ganz selig). Dös ist g)vist. O Gott, erzähl'n ist meine Leidenschaft. Neu's weis ich grad nir, aber was ist auch alles Neue gegen meine eigene Le» bensg'schicht', da sind die G'heimniß von Paris nur a fade Sauce dageg'n. Gast. Nun denn, wenn Ihre Ge- schicht' so interessant und nicht zu lang ist, so erzähl'n Sie. Hanns. O Sie Göttermann! endlich Hab' ich Ein'! Wie ich noch beim Fuhrwesin war, da hab'n wir an Kor- praln g'habt — 12 (^ tempo ein Schlag im Seitenzimmer, Flaschen, Gläser werden zerschlagen, die Stühle umgeworfen, man hört Lärm und Geschrei. Grünbaum eilt aus der Küche, die Gäste springen entsetzt auf.) Alle. Was ist das? Ein Skandal! Hanns (ganz desperat). Million Kruzineser, da soll's schönste Donnerwetter d'rein schlag'n! (geht zurück). Karl (im Seitenzimmer). Halt, ös Schurken, das sind falsche Würfeln, Ihr habt's mich betrog'n. Meine zehn Gulden will ich z'ruck, oder ich schlag Euch Arm und Bein entzwei! (Tumult.) Alle vier Vagabunden (stürzen schreiend aus dem Zimmer.) Zu Hilfe! er ist betrunken, er will uns umbringen, morden, todtschlag'n! (Sie eilen zur Thür hinaus.) Karl, (mit off'nem Hemd, verstört nnd erhitzt, wirft ihnen einen Sessel nach, daß er zerbricht, die Gäste springen auf die Seite). Hol Euch alle der Teuf'l, Ihr Schufte! Die Gäste. So was dulden wir nicht (ab.) Erster Gast Gehn wir um die Pa- troul geschwind, (geht der letzte ab.) Hanns (hält ihn an der Thüre zurück.) Wann kommens denn wieder? Erster Gast. Warum? Hanns. No wegen meiner Lebens- g'schicht. Erster Gast. Nie mehr, Schafskopf! (ab.) Grünbaum (zornig zu Karl, welcher sich das Gesicht verhüllt.) O pfui Teuf'l, schamensIhnen, SiefindeinSpielerund in mein' Augen ein liederlicher Lump wie Ihre säubern Kameraden. Ich Hab' Sie g'warnt, aber bei Ihnen ist schad um jedes Wort. O Sie wern's schon noch weiter bringen. Karl (will reden). Grünbaum (abwehrend). Ich will nichts mehr wissen, schaun's daß's fort kommen, sonst wern's noch eing'sperrt, Ihnen schadet's nicht, aber meinem Haus machet's a Schand. Karl. Sie hab'n recht, ich bin ein verworfener wahnsinniger Mensch! Doch bei meiner armen Seel, es soll nicht mehr g'schehn! O meine armen Eltern, wann sies wüßten, der Kummer über ihr'n liederlichen Sohn brächt's in's Grab, (auffahrend in Wuth.) Aber mein Geld muß ich z'ruck hab'n (er schwingt seinen dicken Stock.) oder es g'schieht heut noch das größte Unglück! (Stürzt drohend ab.) Grünbaum. Karl! keine Unbesonnenheit ! (Sieht durch's Fenster.) Da läuft er fort, wie der rasende Roland. No, g'freut's Euch, Ihr vier hochgeehrten Herrn, wann der Euch einholt, nachher gibt's eine Kopfarbeit, daß die ganze Compagnieschaft in Trümmer geht, ich will ihm nach, vielleicht kann ich noch ein Unglück verhüthen. Eilfte Seerre. Susanna (kommt eilig herein). Hanns. Susanne. Um Alles in der Welt, was ist denn g'scheh'n, der unsinnige Lärm und Alles lauft davon, ich zitier an allen Gliedern. Lieber Hanns, was hat's denn geb'n, g'wiß a Rauferei? Hanns. Dös is g'wiß! (Bei Seite.) Aber sapperlot, jetzt fallt mir was ein, 's ist zwar eigentlich nicht recht der Müh werth, aber der Herr ist fort, die Gäst sind fort, der Josef ist auch nicht da, ich bin mit der Köchin allein, warum soll ich's nicht riskir'n! (Laut ) Ja ja, meine liebe Susanna, wann man solche Abenteuer erlebt hat, wie ich, da kommt einem eine solche Remasuri nur wie a Kinderspielerei vor. Susanna (lachend). U mei, der Hanns wird auch viel erlebt hab'n. Hanns. Nur keine Frozlerei, ich will der Jungfer Susanna eine Lebens- g'schicht erzähl'n, daß ihr alle Haar zu Berg steh'n soll'n. Susanna. No, da bin ich neugierig! HannS. Wie ich beim Fuhrwesen 13 war, da hab'n wir an Korporal'n — tempo stürzt das Küchenmädchen herein. Die Flammen schlagen bei der Thür herein.) Nanni. Um Gotteswill'n, 's brennt! 'S Schmalz zum Fischbach'n ist über- gang'n! Susan na (schreit). D'ran ist der Hanns Schuld. Rettung, Hilf, Feuer! 2ch Unglückselige Hab' aufs Schmalz vergesfn. (Sie läuft mit dem Mädchen durch die Mitte ab. Man hört außen Feuerlärm, die Röthe dringt bei Thür und Fenster herein) Hanns (schreiend). Was z'viel ist, ist z'viel. (Er lauft mir einem Schaff Wasser zur Küchenthür, die Flamme schlägt ihm entgegen, er wirft das Schaff hinein und läuft durch die Mitte ab. Furioso, welches sich nach der Vierwandlung in ein sanftes Adagio verschmilzt, und während nächster Scene fortgeht.) Verwandlung. Tiefe freie Schneegegend mit Mondbeleuchtung, rechts vorne eine Steinbank. Im Hintergründe verhüllt eine ziemlich große Nebelwolke das zum Schluß vorgezeichnete Tableau. Zwölfte Scene. Der Schneider Wachtl, seine Gattin und die Kinder, Alle in armseliger Kleidung. Wachtl. Komm, meine Alte, kommt's Kinder, das ist heut eine so prächtige sternhelle Nacht, da schau ich mir für mein Leben gern den blauen Himmel an, mit die Millionen funkelnder Sterndln und Lichteln. Kinder. Die viel'n Stern, wann das lauter schöne Engerln war'n. Wachtl (begeistert). Meiner Seel, wann man so da n'auf schaut, da mocht ma so manchem Grübler und neubach'- nen Filosen zurufen: Wann Du zweifl'n und an nir glaub'n willst, so schau da i(auf, und Du wirst einseh'n, was für ein armer Wurm Du bist der unendlichen Schöpfung gegenüber. In so einer Nacht fallt mir immer der schöne Vers ein: (Spricht ohne zu deklamiren.) Betracht t man die Schöpfung vom Berg und vom Thal, So zeigt's ihre Wunder dem Aug' überall; Ueber d'Erd'n, da ward von gar mächtiger Hand Ein herrlicher Bogen von Azur gespannt. Was aber d'rüber im Sternengezelt, Bleibt uns schwach'« Mensch'n verborgene Welt, Die Ahnung fühlt Jeder doch durch's ganze Leb'n: Es muß übern Sternen ein Jenseits noch geb'n. Anastasia (zeigt in die Ferne.) Du Mann, siehst dort, dort beim Hohlweg, dort lauft unser Sohn Karl! er ist ganz erhitzt, oh unser arm's Kind! mich friert vor Angst! Wachtl. Ich weiß eS ja, daß er Dein Herzbinkerl ist, der Spieler! Also spiel'n ist seine Hauptleidenschaft, über diesem schandvoll'n Laster vergißt er Vater, Mutter, Bruder und Schwester. Was liegt denn dem verlornen Sohn d'ran, ob seine armen Eltern vor Kränkung und Kummer die Nacht schlaflos zubringen, ob's der Gram viel früher unter d'Erd bringt. Oh! Anastasia (weinend). Vater, sei nicht so hart, er ist noch kein verlorner Sohn! Wachtl (tief erschüttert). Ein Spieler ist verlor'«, denn er ist zu Allem fähig! Er verspielt sein Geld, seine Gesundheit, er setzt seine Ehr', seine Zukunft ein, und schreit vs bsnque mein Lebensglück! und verliert Alles! Um jeden Preis will er sein Geld zurück g'winnen, da flüstert ihm die Leidenschaft grinsend in's Ohr, stiehl! stiehl! und aus dem Spieler wird ein Dieb! Doch man hat'n belauscht, ein Zeug' seiner Schandthat könnt' ihn verrathen, da peitscht ihn die Furie Verzweiflung 14 bis zum Wahnsinn, immer weiter — bis er — (Es fällt ein Schuß hinter der Nebelwolke. Die Wolke wird hineingezogeu. Lableau. Man sieht den rückwärtigen Theil eines Wagens. Karl mit herabgeriffenen Kleidern, todtenbleich, führt so eben einen Hieb mit dem Stock nach dem zweiten Vagabunden, Einer liegt am Boden, der Dritte hat so eben sein Pistol abgcfcurrt, der Vierte führt ebenfalls mit einem Stocke einen Hieb nach Karl.) Wachtl und Anastasia (zugleich.) i Zesus Maria! (Akkord im Orchester.) Klara. Mein Gott, dort in der Entfernung ist Feuer! Wachtl (erstarrt). Karl , mein Sohn! ein Mörder! , (Röthc verbreitet sich über die Bühne, man hört in der Entfernung anschlagen. Die ! Kinder knicen betend nieder). -s Die Musik endet mit dem Falle des Vor- ^ Hanges. > Zweite Abtheilung: Donnerwetter und Paraplnis. Eustachius Wachtl. Anastasia. Karl, Hanst, Seppl, Martin, Klara, Personen deren Kinder. Emilie Steinfels, eine junge reiche Witwe. Amalie, eine junge Waise. Fanni, deren Stubenmädchen. Erster Zweiter Zwei Wächter. Gäste. Tänzer. Tänzerinnen. Gast. Spielt, nach angenommenem Zeitraum, um drei Monate später- Ordinäres, kurzes Zimmer in Wachtl's Häuschen, links eine kleine Schneiderwerkstatt, über der Thüre rechts ist mit Kreide geschrieben L. K. IZ. Erste Deene. Wachtl (näht, und singt eine beliebige Melodie ohne Orchester). A Schneider, ja auf derer Welt, All'wekl ohne Kreuzer Geld, An Sorg und Kummer gar so reich. Der sieht doch rein an Narr'n gleich, A trock'nes Brod und Brimsenkas, Und allweil sitzen auf der Gas, An alten Rock da auf der Schoos, Das ist mein armes Schneiderlos. O traurig's, armselig's Schneiderschicksal übereinander, 's gibt doch meiner Seel nir monotoners, als wann der Master all)veil so muttetsselig allein da hockt, wie a alter Pintsch, wann er z'wider ist, so ganz ohne G'sell'n, mit i dem man doch manchmal ein g'scheid's j Wörtl red'n kann, ohne Lehrbub'n, an i» dessen Kakadu man sich zur allgemeinen I Aufheiterung vergreifen kann, wann er sich Mißgriffe erlaubt. Ich glaube all'weil, so a anschichtiger Schneider hat die erste Idee zu dem sogenannten j Zellensistem geb n , wann ich da d'ran ! denk', gibt'S mir bei jedem Hinterstich i selber da vorn (zeigt aufs Herz) an Stich. ) (Steht auf.) Eins aber g'frcut mich, t daß ich in mein' armseligen Schicksal R den Sinn für die Natur noch nicht ver- A lor'n Hab, denn wann's mich am schwer- i sten druckt, schau ich dann so in's Freie 18 hinaus, da fallt mir der liebe Schöpfer ein, und mit ihm kommt auch 's Vertrau'» auf eine bessere Zeit, d'rum Hab' ich auch alle Zahr'szeiten so gern. Zm Winter, da kommt mir d'Erden vor wie a großes Zeichcnbret, auf dem ein großes, weißes Blatt aufg spannt ist, da skizzirt d'Natur anfangs blos mit leicht hingeworfenen Conturen, und der Frühling, der erste Professor der Malerkunst, malt das entworfene Bild mit den schönsten buntesten Farben aus. A Baum im Winter kommt mir vor, wie ein armer Mann, da streckt er seine kahlen Aest' gleich Bettlerarmen bittend zum Himmel empor, kaum schenkt ihm der Frühling seine Schätze, Laub und Blüthen, so thut er, wie mancher hochmüthige Mensch, gleich gar so dick und vergißt aber, daß ihm der Herbst wieder seinen ganzen Reichthum nimmt. Der Sommer hat auch sein Angenehmes, wann sich der Bauer vor lauter Mandl net auskennt, nur die Frucht das Korn hat das traurigste Loos zu erwarten, z'erst wird's eingeführt, dann kommt's unter Flegl und auf d'Letzt in d'Hand des Wuchrers, der schlagt erst recht auf. Der Herbst ist die fidelste Jahreszeit, da kümmert man sich um jeden Stock, wann nur a Bissel was an ihm ist, da sieht man, wie durch die Press' der Geist arbeit', und wie nebstbei die großen Plutzer reif wer'n, diese Zahr'szeit zaubert uns gleichsam nach Brasilien, denn wo man hinschaut, sieht man Aff'n. (Er geht zur Lhüre rechts, Accord im Orchester, die drei Nummern 19, 47, 63 erscheinen transparent statt der drei Buchstaben, durch eine Klappe, welche herabfällt.) W a ch tl (erstaunt). Ja, was ist denn das? wer hätt' denn das glaubt, daß die drei König aus'n Morgenland auch numerirt war'n; Kaspar hat 19, Melchior 47 und Balthasar den 63ger, wie wqr's denn, wann ich die drei König m d'Lotterie setzet, sie sind eh' schon lang nicht da g'wes'n. Zweite Gerne. Anastasia. Hansl. Seppl. Martin. Klara. (Die Bub'n ordinär gekleidet, wie am Schluß vom ersten Akte, springen alle jubelnd herein.) Alle. Vater, Vater, d'Mutter hat an Terno g'macht! Wachtl. An Terno! warum nicht gar?! Mutte r. Ja, lieber Mann, ein Terno aus der Wienorziehung 19, 47, 63, — 600 Gulden baares Geld. Wachtl. 600 Gulden baares Geld, das ist z'viel auf a Haub'n! ich fall' vor Freuden z'samm wie a alte Gartenmauer, 500 Gulden zu einer Zeit, wo g'rad eh so wenig Geld unter'n Schneidern roullirt. Anastasia. Jetzt ist uns All'n miteinander g'holsin! Wachtl. Weiberl, holdeste Anastasia, Du Muster aller Hausfrauen, schau, Du hast mir immer so unmenschlich g'fall'n, ich Hab Dich immer so gern g'habt, aber jetzt kommst Du mir noch um 280 Gulden schöner, und um 280 Gulden liebenswürdiger vor, macht grad summ» 8ummsrum 800 Gulden. An mein bochklopfendes Herz, damit Du siehst, wie ich Deinen reelen Werth zu estimir'n weiß. Anastasia, Du bevorzugte Günstlingin am Hof der Königin Fortuna (umarmt und küßt sie). Hansl. U mei, heunt ist a mal der Vater in d'Mutter verliebt, daß's schon a Passion ist. Anastasia, (herzlich.) Du lieber, guter Mann. Wachtl. Aber, jetzt was Wichtig's, sag' mir, hast Du's schon, die 800 Guld'n? Anastasia. Zch hab's noch nicht, aber g'wiß sind's uns. Schau, lieber Mann, ich zerbrich mir eh schon allweil den Kopf, was wir mit dem vieln Geld anfangn wer«. Hansl. Da braucht sich d'Mutter 16 den Kopf gar nicht zu zerbrechen (zählt an den Fingern). 100 Gulden krieg amal i, 1VÜ der Karl, 100 der Seppl, 100 der Martin, und wegen meiner 100 die Klarl, wann's a mal heirath, nacher san wir eh schon fertig! Anastasia. A do schau a Mensch den Bub'n an, wie der's in der Geschwindigkeit eintheilet. Wachtl. Sirt es, nach'n Hansl seiner Rechnung kommet auf uns Zwei gar nir. Aber ich werd' dir sag'n was g'schieht. Wir ziehn in d'Stadt. Master bin ich, jetzt komm ich nur noch um eine befugte Dekreterstell ein. Za Weiber! ! G'sell'n müssen in's Haus, a Stückl a 4 Lehrbub'n müssen in's Haus, alle Gattungen Satrinkoz, Flanel, Kasimich, Kasimir will ich sag'n, Hosenstoff, Manchester, Ankin unb Futterbarchet müssen in's Haus. Darin besteht ja der Segen des Friedens, wann der Bürger sein großes Lager aufschlagen kann. D'Werk- statt wird der Kampfplatz, die Elle mein Komandostab, dann muß d'rauf losg'stochen wer'n, daß's a Gusto sein wird. Anastasia. Aber ganz meine Idee. Hörst! ich werd'mich famos ausnehmen als Bürgersfrau in der Stadt, mit schwere goldene Ohrringeln, und a Halsel Kropfperl'n mit aner Brillant- Schließ'n, o Du mein Gott, mehr wünschet ich mir gar nicht. Du, jetzt muß ich g'schwind mit die Kinder zur G'vattrin, muß ihr unser Glück erzähl'n, d'Gvat- terin sagt's nacher der Nachbarin, und d'Nachbarin — Wachtl. Sagt's der zweiten Frau Nachbarin, und in der G'schwindigkeit weiß es die ganze Gegend vier Meil'n in der Rundung! Was ist auch das ganze Telegrafenamt gegen einzige zwei G'vatterinnen. Also geh' nur, Alte, und ich nimm derweil meine Posaun, und blas die Neuigkeit in alle vier Himmelsgegenden, damit's der ganze Erdball erfahrt , wie glücklich auch ein armer Schneider sein kann. Klar!. Kommt's, Bub'n, wir geh'n voraus, aber jetzt ist's nir mehr, Dummheiten machen auf'n Weg. Hansl. O na! jetzt wird ganz bocksteif rum gang'n. Seppl und Martin. Zetzt schau'n wir d'andern Bub'n nur über d'Achselan! (Alle Drei gehen stolz ab.) Wachtl (lacht). Na, wie sich die Bub'n an Kren geb'n, das ist zum Teufel hol'n. Anastasia. Schau, Mann, ich Hab' g'wiß kan Stolz in mir, aber g'freun wird's mich in d'Seel hinein, wann sich d'Frau Dorfburgermastrin z'todt ärgert, früher hat sie's allweil auf ein' nur a so g'macht. (Zeigt das Messen.) Zetzt wer'n wir's halt a a Bisserl nur a so machen. (Geht ebenfalls gravitätisch ab.) Dritte Seene. Wachtl (allein). Meiner Seel! man glaubt's nicht, wann's Vermögen da ist, -was sich gleich für ein Geist in einer Schneiderfamilie offenbart. Also an Terno aus der Lotterie hab'n wir g'macht, und d'Lotterie haben's gar a mal aufheb'n woll'n, die Barbarn. Zch frag': gleicht denn nicht Alles' was man anschaut, einer Lotterie? heißt's denn nicht überall z'erst setzen , und ist der heilige Ehstand nicht auch ein Zahl'nspiel. Der Mann allein ist nur ein Ertrato, bei einem schönen Madl kommt er g'wöhnlich gleich auf'n ersten Ruf. Oft wird dann das Ambo, der Ehstand d'raus, wo Zedes erst später sieht, ob's durch die Heirath an Terno g'macht hat. Die schönsten Nummern sind die Kinder, nur müssen d'Eltern schau'n, daß's nicht ungezog'n bleib'n. Zch für mein Theil will auf die Kinder verwenden, was ich kann, sie müssen Alles lernen, besonders die Naturg'schicht, die Hab' ich mir am leichtesten eigen g'macht. Zch Hab' so ein Bilderbüchel g'habt, da war Alles d'rin aufzeichnet. Wie ich in die 17 Stadt komm, wird ein recht großes Bilderbuch kauft, da drin sieht man, besonders beim Thierreich, wie d'Natur Alles so weise eing'richt hat, und 's ist meiner Seel a Passion , wann man d'rin so recht bewandert ist, wann man Alles erklär'» und auseinander setzen kann, wann einem die Kinder um so Manches fragen und überhaupt gern Alles wissen möchten, zum Beispiel: Lied. 1 . A Schneck/ das ist auf derer Welt/ Wie d'Natur ihn stets erschafft, Ein Thier, dem die Kourage fehlt. Das monatlang oft schlaft. Wann's donnert, stürmt und blitzt und schneit, Daß d'Welt zu Grund könnt geh'n, Da laßt sich g'wiß schon weit und breit Ka Schneck auch nicht mehr seh'n; Doch wann die Sonn d'rauf wieder scheint. Da kriechen's stolz herum, Und denken sich, mein lieber Freund, Wir Schnecken san net dumm! Da frag'n ein' die Kinder, ja wo kriechen's denn heraus? siD'Natur richt Alles weise ein, 's hat jeder Schneck sein Haus. ^ 2 . A Lamperl ist so still und frumm Ein Thier, das Jeder kennt, Wann's größer ist, a Bisserl dumm, Weil man's dann Schaf schon nennt. Manch' fetter Schöps, der keucht und schwitzt, Der Athen, geht ihm aus, Wann er nur in der Wolle sitzt. So macht er sich nichts d'raus. Und weil d'Natur auch das stets will Was Menschen nur gefällt, So gibt es auch der Schafe viel Und Herden auf der Welt. Warum, frag'n ein' die Kinder, hab'n's d'Schaf denn gar so gern? sD'Natur richt Alles weise ein, die Schafe kann man scheern. 3 . Ein Thier, das manchen Schaden macht, Trifft man oft im G'hülz, An Hasen, der viel Mander! macht Im mudlwarmen Pelz. Seine Ohr'n man zwei Löffeln heißt, D'rum hat das liebe Viech, Wann's wo o Hapl Kraut verspeist. Den Eßzeug schon bei sich. Und furchtsam ist das arme Thier, Weit weg ist gut vorm Schuß, D'rum lauft's auch oft aus der Revier, Dem Jäger zum Verdruß. Zu was, frag'n ein' die Kinder, wird das Thier denn gebor'n? siMan zieht, wann man den Hasen hat, ihm d'Haut gleich über d'Ohr'n.rj 4 . Ein Esel ist, ein Jeder weiß'S, Genügsam stets und stad, Die Distl ist sei Licblingsspeis Auf seinem Dornenpfad. „An d'Arbeit marsch! die für eng g'hört, Schreit der Müller, he holla!^ Wie der Esel von der Arbeit hört, So schreit er gleich: I A! G'schwind ladens ihm die Säck dann auf, .,Du Vieh! bist etwa träg, So werft's ihm no an Sack g'schwind »'auf, Traktirts'n dann mit Schläg. Dazu, frag'n ein' die Kinder, ist das Thier bloß außerkohr'n? j:Ja, Kinder schaut's, das muß so sein, wär' er ka Esel wor'n. 5 . Wer hat vom jenem Thier nicht g'hört, Es kommt, man weiß nicht wie, Und bildet sich dann unter'm Herd Die schönste Kolonie. Und Alles muß das Thier gleich seh'n, Für Alle« hat es Sinn, Laßt man a Reindl nur wo steh'n. Sitzt g'wiß a Schwab schon d'rin. Kaum wird er von der Köchin g seh n. So schreit sie gleich „U je!^ Dann gibt's, wie einst in Spanien, 18 In der Kuchl gut' 6g Io! Wie kommt's, frag'n ein' die Kinder, daß's gar so viele gibt? siDie Schwab'n, die wandern überall ein, und machen sich beliebt.^ Verwandlung. Hübsches Zimmer, rechts und links Thüren, an den Wänden in Rahmen folgende Bilder, entweder gemalt oder Kupferstiche: Beltsar, blind, von einem Knaben geführt. Maria Stuart in Trauer, wie sie ihre Diener entläßt, dann Marienblume, die Großherzogin aus den Geheimnissen von Paris. Rechts vorne ein schönes Tischchen mit einer Blumenvase, worin ein Stock mit weißen Rosen. Vierte Seerie. Fanni, (Stubenmädchen, eilig durch die Mitte, öffnet rechts die zweite Thür). Fräulein Amalie, kommen's g'schwind heraus, er ist da! (Pascht freudig in die Hände.) Er ist da, er ist g'funden, wir hab'n ihn. Amalie (ein schönes junges Mädchen). Fanni, ich bitte Dich, wer ist da, wen meinst Du denn? Fanni. Wen denn anders, als Ihren unbekannten Lebensretter, der sich vor drei Monaten damals im Hohlweg für Sie und die gnädige Frau Tant, mit einer großmächtigen Räuberbande so ritterlich herum g'schlag'n hat, dem Sie in Ihrer Todesangst davon g'fahr'n sind, ohne nur ein Ster- benswörtl mit ihm z'reden, das war wohl recht grausam. Freilich haben das Fräulein Amalie schon oft bereut, und nach jenem Ritter ohne Furcht und Tadl immer im Stillen g'seufzt. Amalie. Du bist recht boshaft, Fanni. (Verlegen.) Das Gefühl schuldiger Dankbarkeit, weiter nichts, ich wurde ja damals vor Schreck beinah ohnmächtig, und weiß gar nicht, wie er aussah. Fanni (delikat). O ich bitt', mein Fräulein , ein pfiffiges Stubenmadl, i wie ich, weiß das ganz richtig zu beur- theil'n. Ein Mädchen von 18 Jahren, so wunderschön und reich an Fantasie, schmückt sich schon selbst das Ideal seines Herzens mit allen herrlichen Eigenschaften aus. Das war ein prächtiger Einfall von mir, einen öffentlichen Dank an den unbekannten Lebensretter in die Zeitung setzen zu lassen, und dabei auf eine feine Art, Wohnung und Haus- Numero der Dankverpflichteten anzumerken. Ja, Fräulein Amalie, das hat g'wirkt, denn jetzt steht er d'raußen, ein junger schöner Mann, mit einem offenen, ehrlichen G'sicht, so ein echter Sohn der Natur. Ich Hab'heimlich lachen müssen, wie er mich für die Fraul'n vom Haus ang'schaut hat , z'erst ist er feuerroth wor'n, und hat mir mit tiefsten Respekt d'Hand küssen woll'n, und wie ich ihm begreiflich g'macht Hab', daß ich nur das bestangestellte Stubenmädl bin, hat er mit einer ganz eigenen Galantrie g'sagt: „Wann's s'Stubenmadl schon so mudl- sauber ist, dann möcht' ich erst d'Herr- schaft seh'n, die muß schon a b'sondere Schönheit sein. (Galant.) Daß er sich bei Ihnen, Fräulein Amalie, in dieser Voraussetzung nicht getäuscht hat, wird er sich am besten überzeugen. Amalie (verweisend). Gut, ich will ihn sprechen. Bleibe aber in der Nähe, die Tante ist ausgefahren, und er ist doch immer ein fremder Mann. Fanni (schalkhaft). Fremd ist er wohl, aber g'fährlich sind nur seine feurigen Augen! Mein Fräulein, der langersehnte Augenblick naht, wo Sie der schuldigen Dankbarkeit Rechnung tragen können, und geht das Ganze nach Wunsch, so werde ich mich glücklich schätzen, die veranlassende Ursache gewesen zu sein, und jetzt zu dem Jüngling mit den schönen Augen (ab). Amalie. Ich kann es nicht verbergen, daß ich mich sehne, meinen Lebensretter kennen zu lernen. 19 Fünfte Seene. Karl Wachtl, recht anständig in seiner Art gekleidet, betrachtet beim Eintreten, ohne Amalie sogleich zu sehen, die hübsche elegante Wohnung. Karl. Da ist aber doch ein Zimmer schöner als das andere, das Quartier muß an curiosen Zins kosten. Amalie (vortretend). Mein Herr! mich freut es, Sie um so freundlicher bewillkommen zu können, als Sie mir durch Ihr Erscheinen die lang gewünschte Gelegenheit bieten, Ihnen in meinem und im Namen meiner Tante den innigsten Dank für die Rettung aus großer Gefahr hiermit auszusprechen. Karl (ganz perplex). Wie, Sie, Sie warn's. O meiner Seel, das ist ja prächtig! Also für so ein wunderschönes Mad'l Hab' ich mich vor drei Monat mit die vier Spitzbubn herumg'schlag'n. O Mamsell oder Fräula, s'ist gern g'schehn, schaffens nur bald wieder, wann's woll'n. Meiner Seel, jede Minute hau' ich mich für Ihnen auf Leben und Tod herum, wann Ihnen damit ein G'falln g'schieht. Sie dürfen mir's glaub'n, ich Hab' damals ein Loch im Kopf und viele blaue Fleck davon trag'n, denn es waren ihrer Vier gegen Einen, aber wann ich g'wußt hält, daß Sie im Wagen war'n, ich glaub' ichhätt'nicht den g'ringsten Schmerzen g'fühlt. Aber es war ja finster, und dann hätten mir auch die Kerln ka Zeit lassen, Sie nach Herzens-Lust anzuschauen. Uebrigens für die Viere war's ein Glück, denn meiner Seel, ich hält «Paartodt g'schlag'n, aber das, was ich gethan Hab', das wär auch g'scheh'n, und wann Sie so häßlich g'wesen wär'n, als Sie wirklich schön sind, dann dürfen's auch nicht glauben, daß es etwa ans Eigennutz g'schehen ist, o Gott nein, so was gibts bei mir nicht. Amalie (bei Seite). Ein ehrlicher, guter Mann, nur leider keine Bildung. (Laut) Sie haben recht, mein Herr, im Augenblicke der Gefahr und im Unglücke ist jeder unser Nächster. Karl. Nu freilich, Mamsell oder Fräul'n, ich weiß eigentlich nicht, was nobler g'sagt ist, d'rum sag' ich beides, Mamsell und Fräul'n, auch Sie sind mein Nächster zu mir. (Bei Seite.) Mir scheint, das Hab' ich schön g'sagt. Amalie (betroffen). Ist es nicht gefällig, Platz zu nehmen. Karl. Ich dank, ich als Tischler bin zwar 's Sitzen nicht g'wohnt, aber damit ich Ihnen den Schlaf nicht austrag. (Stellt einen Sessel mieten in's Zimmer, und legt seine Kappe auf die Erde.) Amalie (kann das Lachen nicht verbergen). Karl (steht sie treuherzig an). Sie lachen über mich, ich Hab' jetzt g'wiß was Dummes g'sagt. Ich bitt' um Verzeihung , ich Hab' zwar schon oft bei nobeln Leuten Möbeln politirt, aber die hab'n auf den armen Tischlerg'sell'n nichtein Wort g'sproch'n, und vom Nie- dersetzen war schon gar ka Red', wo sows denn hernach auch Herkommen, wann man ka Uebung hat. Amalie (ablenkend). Mich freut es, mein Herr, daß ich dem Inserate in der Zeitung die Ehre Ihrer persönlichen Bekanntschaft verdanke. Karl. Das war aber auch ein g'scheid- ter Einfall von Ihnen, wann ich früher g'wußt hätt', wo sie wohnen, da wär' ich schon lang Herkommen, meiner Seel. (Steht auf.) Amalie (überrascht). So? (Bei Seite.) Er scheint dennoch eigennützig zu sein. Karl. Aber der öffentliche Dank war nicht am Platz. Schaun's, ich ärger mich immer , wann ich so in der Zeitung les': öffentlicher Dank dem Herrn Doktor, welcher mir sehr geschickt ein' Zahn ausg'rissen, (lacht) oder mich vom Seitenstech'n, Hühneraugen und Reuma- tischen kurirt hat. Meiner Seel, wann 20 ich was z'reden hätt', das würd' ich mir verbieten, denn ein solcher Dank in der Zeitung ist eigentlich kein Dank, sondern soll eine Anempfehlung des Doktors sein, aber mit dem ist's schon aus, der zu solchen Mitteln greift, denn a Doktor thut im außerordentlichsten Fall ja auch nir als seine Schuldigkeit, er soll als rechtlicher Mann überhaupt a G'wissen hab'n, und d'Leut soll'n ihn nach Kräften bezahl'», damit Punktum, das Andere braucht's Alles net. Zch bin auch wegen ganz was Andern Herkommen. Schaun's, schone Mamsell oder Fräul'n, wie Sie damals in Ihrer Angst so um Hilf g'schrien hab'n, da haben Sie mir ein' Geldbeuterl in d'Hand druckt. Zch hatt's meiner Seel nicht an- g'nommen, aber in dem Wirrwar war s auf d'Erden g'fall'n und verlern g'wesen, nur deswegen Hab' ich's b'halten. Amalie. Das war ja recht! Karl. Das war nicht recht! Mamsell, ich müßt mich vor mir selber schämen , wann ich mir so was bezahl'» lasset. Zn dem schön Beuterl da, (er riecht dazu) was so einen famosen G'ruch hat, da waren 30 Gulden C. M. d'rin, das werden Sie wohl wissn. Amalie. Zch kann mich nicht mehr daran erinnern — Karl (erstaunt). Hör'ns, Sie müssen steinreich sein, wann Sie sich auf die Menge Banknoten nicht erinnern können, 30 Gulden! das war' mein mei- stes Geld. (Legt das Geld auf den Tisch.) So, da ist's Geld, und da ist's Beuterl. (Treuherzig.) Zch hätt's für mein Leben gern b'halten, und jetzt, seit ich weiß, von wem's ist, jetzt müßt mich Einer früher maustodt schlagen, eh er's von mir krieget. Aber wie ich's g'nau ang'schaut Hab', da Hab'ich die Stickerei g'lesen. Seh'ns, da steht's: (Traurig.) Aus Liebe und Freundschaft zum Andenken. Zetzt wer'ns doch selber einseh'n, daß ich so was nicht b'halten kann. Freilich ist es in der Angst g'scheh'n, aber recht ist es nicht, daß Sie mir's hab'n schenken woll'n, denn das Andenken ist g'wiß von Zhr'n Liebhaber. Amalie (erröthend). Nein, mein Herr — ich habe keinen Geliebten. Karl (sieht sie erstaunt an). Was sagen Sie? so wunderschön, wie Sie und, und noch gar kein Liebhaber? (gerührt) und doch glaub' ich's Zhnen auf's Wort, denn Sie kommen mir vor, wie ein Eng'l, und solche G'schöpf lügen nicht. Amalie (unruhig und tief bewegt). Erlauben Sie, mein Herr! Karl (betrachtet das Bild des Belisar). Das ist g'wiß Zhr Herr Vater, nicht wahr? Amalie (lächelnd). Nein , mein Herr, das ist Belisar, ein Held des Alterthums. Karl. Schau schau, also haben's damals auch schon so lange Bart trag'n, wie bei uns, wo man vor lauter Haar gar ka G'sicht sieht, aber ein ehrwürdiger alter Herr, nur Schad, daß er auf ein' Aug' blind ist. (Betrachtet ihn genauer, sehr gerührt.) Nein, mein Gott, er ist ja auf beiden Augen blind! O, der arme Mann, das ist traurig, schau'ns, Mamsell oder Fräul'n, ich kann weinen, wie,a Kind, wann ich einen Fink so traurig im Häuserl sitzen seh, dem rohe unbarmherzige Menschen geblendt und ihm d'Augen ausbrennt hab'n, g'schweig erst, wann der Mensch all' die Schönheiten der Welt nicht mehr sehen kann. Wann ich so unglücklich war', so hätt' ich ja auch Sie nicht g'sehen, so ein herr- lichs G'schöpf, schon der Gedanken machet mich untröstlich. Amalie (bri Sekte). Welch' ein edler Charakter. Karl (bei dem Bilde der Maria Stuart). Das ist g'wiß Zhre Frau Mutter, Sie ist in der Trauer, und die Dienstboten weinen Alle, 's ist g'wiß ihr Mann, Zhr Herr Vater g'storb'n, aber eine wunderschöne Frau, so ganz Zhr Ebenbild. 21 Amalie. Das ist nicht meine Mutter , sondern die unglückliche Königin Maria Stuart. Karl. So! also kann eine Königin auch unglücklich sein? Ich, in meiner Einfachheit, Hab' mir denkt, nur Oben, in den vergoldten Marmor-Pallästen, muß die irdische Glückseligkeit ihr'n Wohnsitz aufg'schlag'n hab'n. Aber wann die Frau Königin auch Ihre Mutter war', sie brauchet sich gar nicht zu geniren. Amalie (traurig). Ich habe weder Vater noch Mutter mehr. Karl (ergriffen, mit vieler Lheilnahme). Sie hab'n keine Eltern mehr? Ja, dann sind Sie zu bedauern und wann's noch so reich wären! Schau'ns, ich bin nur ein armer Tischlerg'sell, ich Hab' nichts als was ich mir durch d'Arbeit verdien, aber in mein lieb'n gut'n Eltern besteht mein größter Reichthum. Kein Vätern, keine Mutter, kein Liebhaber! und das sind grad die Drei, die's noch am Besten meinen, Sie sind ein arm's Madl! Amalie (erschüttert). Eine traurige Wahrheit! Karl (betrachtet das Bild der Marien» blume, dann Amalie mit Entzücken). Za, ja! ich hab's! O, das ist prächtig! das sind Sie! das edle G'sicht, diese Frömmigkeit in ihren Zügen. O Gott, wann das Bild mein wär, das müß- ten's a mal zu mir in mein' Todtentruchen legen, aber so troff'n! zum Reden troff'n! Amalie. Sie täuschen sich, das ist Marienblume, die Tochter des Groß- herzog's Rudolf in den Geheimnissen . von Paris. Karl. Also doch nicht Sie? aber eine merkwürdige Ähnlichkeit. Das muß ich sagen, Sie haben da eine Sammlung von recht noble Leut beisammen. Sie sind g'wiß auch eine Herzogin, oder wenigstens eine Gräfin, nicht wahr? Amalie. Ich bin nicht von Adel! Kars (leicht, ohne Betonung). Macht auch nichts, aber ich hätt' Sie dafür' g'halt'n. Amalie (welche innerlich gekämpft) Mein Herr! Ihr offenes biederes Benehmen, Ihre ganze Erscheinung drängt mein Herz so mächtig, Ihnen in reiner Wahrheit das zu sagen, was ich jetzt denke und fühle. Sie haben einen so vortrefflichen Charakter, besitzen schöne natürliche Anlagen, welche Sie bald zu höheren Ansprüchen berechtigen würden, wenn Sie mit allem Fleiß bedacht wären, sich die nothige Bildung und jene Kenntnisse anzueignen, welche Sie befähigen würden, in bessern Kreisen der Gesellschaft ihre angewiesene Stellung geltend zu machen, dann würde auch mich die schöne Hoffnung beseelen — doch genug — ich kann und darf Ihnen nicht mehr sagen. Karl (hat sie mit süßer Ahnung betrachtet). O, schöne Mamsell, ich versteh schon. Sie meinen, ich hätt' ange- bornes Talent, und vor Allem's Her; auf'n rechten Fleck; aber mir fehlt die Bildung, ich mach' mich durch mein' Benehmen, selbst durch meine Aufrichtigkeit vielleicht manchmal lächerlich. Mein Gott, ich bin ja nur der Sohn armer Eltern, mein Vater, ein Flickschneider auf'n Land, hat nur sehr wenig auf meine Erziehung verwenden können. Ja, Mamsell oder Fräul'n, Alles, was Sie mir sagen, dringt in die Tiefe meines Herzens. Sie halten mir einen treuen Spiegel vor, und ich schau voll Muth und Hoffnung in die Zukunft, ein glänzender Stern, der schönste, einzige am trüben Himmel meines Lebens, wird mir leuchten, ihm will ich nachziehen, wie einst die drei Könige aus dem Morgenland. Ja! so wahr mir Gott helfen wird, Sie soll'n mich entweder anders oder nie Wiedersehen. Amalie (entzückt). Mein Herr! Karl. Was ich jetzt da in meiner , Brust empfind, ich werd's Ihnen viel- I leicht einmal sagen können, wann mir 22 die Bildung die richtigen Wort' dazu gibt. (Skhr zart.) Wann ich Sie vielleicht mit dieser Red' beleidigt Hab', so bitt' ich um Verzeihung, 's ist bei Gott nicht Zudringlichkeit, was mir die Zungen löst, es ist gar ein süßes heilig's G'fühl, das ich jetzt noch nicht nennen darf! Aber eine Bitt' Hab' ich , eine einzige herzliche Bitt', eh ich da fortgeh, vielleicht auf lange Zeit — ein kleines Andenken, und was ich unter dem Andenken versteh, das wird Ihnen ein einfaches Gedicht, sagen, das ich auswendig gelernt Hab', und was jetzt so paßt, als wann's auf mich war' g'schrieb'n wor'n. Amalie (tief ergriffen, wendet sich zum Lischt, worauf die Vase mit den weißen Rosen steht). Schöne Musik begleitet melodramatisch das Gedicht. Karl. Ja, es war a Mal In ein' gar schönem Thal A braver und a schmucker Bur, Und im Frühjahr grad Geht er im Sonntagsstaat Auf d'Kirch'n froh und munter zur. Und wie er geht so hin, Da kommt ihm in den Sinn: A Rofln möcht er hab'n am Hut, Und beim Herrschafts-Gart'n Thut er schau'n und wart'n, Denn d'Ros'n sind in voller Glut. Und er macht drei Schritt, Und beim viert'n Tritt Sieht er a Maderl englschön; Ja, da ist ihm g'wes'n, Als ob ein himmlisch Wesn Er jetzt hätt' vor seiner steh'n. Und dann ist's so kummen, Daß's hat -'schönste Blumen Zum Gedenk'n an die Lieb' ihm geb'n, Und d'rauf ist's verschwund'n, Er hat's nicht mehr g'fund'n, Das hat'n g'schmerzt durch's ganze Leb'n. Bei der Friedhof-Mauer Schaut ma oft mit Trauer Ueber d'Hügeln alle hin; Dort, wo d'weiße Rosn Aus dem Grab thut spross'n, Dort liegt er jetzt so glücklich d'rin. Amalie (hat weinend eine weiße Rose vom Stock gebrochen). Karl (tritt zagend näher). Amalie (reicht ihm, ohne ihn anzusehen, die Blume). Mein theurer Freund! Auf ein glückliches Wiederseh'n! (Sie geht bei den letzten Worten Karls erst rechts ab). Karl (im höchsten Entzücken, drückt die Blume an's Herz, hält sie dann hoch empor). Auf glückliches Wiederseh'n! Mein ist die weiße Rose, sie geht als theuerstes Angedenken mit mir durch's Leben, sie geht mit mir in's Grab. (Ab.) Sechste Seeue. Amaliens Tante, die junge Witwe Emilie Steinfels, kommt mit Fanni aus der andern Seitenthür rechts. Witwe. Liebe Fanni, diese Scene, der wir jetzt unbemerkt beiwohnten, hat mich sehr ergriffen. Amalie, Du glückliches Mädchen, auch Dein Stündchen hat geschlagen, sie schwelgt jetzt in nie geahnter süßer Empfindung, ihre erste Liebe schließt ihr eine Welt voll schöner Hoffnungen auf! Fanni. Sich aber auch in einen so bildsaubern ehrlichen jungen Mann nicht verlieben, das war' von ein' Mädchen im 18. Jahr zu viel verlangt. Ich Hab' allweil lachen müssen, wie er auf eine ganz neue Art der Fräusn Amalie eine Schönheit um -'andre g'sagt hat, auf die Art bringt's aber auch nur ein Ga- lantrietischler heraus. Witwe. Wie liebenswürdig ist dieser junge Mann gegen meinen Heirathskan- didaten, den Herrn von Geckenheim, dieser unausstehliche Mensch bringt mich mit seinen faden Liebesbetheurungen noch zur Verzweiflung; und dennoch muß ich > aus Rücksicht für meinen Onkel, dessen 23 Protektionskind um mich dulden, wenn sich nur da ein schickliches Mittel fände. Fanni. Den Herrn v. Geckenheimer loS zu wer'«. O, da verlassen sich Euer Gnaden nur auf mich und auf Ihren Sekretär, den Herrn Grünbaum, es müßt' doch nicht mit rechten Dingen zu- geh'n, wann einem pfiffigen Stubenmädl und einem gewandten Herrn Sekreta- rius nicht ein Plan einfall'n sollt, den Herrn Onkel von seiner firen Idee abzubringen, eine so liebenswürdige junge Dame, mit so ein' faden Gecken für ewige Zeiten zu verbinden. Witwe. Gut, Fanni, ich verlasse mich auf Dich und Herrn Grünbaum. Zn einigen Monaten wird mein Onkel zn uns kommen, ich hoffe sehr viel von seiner persönlichen Gegenwart. Auch wegen Amaliens Geliebten, unsern jungen Lebensretter, will ich mit meinem Sekretär sprechen, ich glaube hier Alles anwenden zu müssen, um meine Nichte einst an der Seite jenes biedern Mannes glücklich zu sehen, und gelingt Euch der Plan, den alten Onkel von der Unmöglichkeit einer solchen Verbindung mit Geckenheimer zu überzeugen, so glaube ich den Wünschen des Herrn Grünbaum grade nicht entgegen zu handeln , wenn ich für eine brillante Aussteuer meines treuen Stubenmädchens Sorge trage, nicht wahr? (Sie geht ab). Fanni. O, ich küß'd'Hand, gnädige Frau! und sag' Vergelts Gott tausend Mal. Siebente Seene. Fanni (allein). Also, die Gnädige hat's auch g'merkt, daß ich den Herrn Grünbaum, den größten Weiberfeind unsers Jahrhunderts, in einen liebeschmachtenden Schäfer aus Arkadiens Gefilden umgewandelt habe. Er ist aber auch ein seelenguter Mensch, wie ich ihm g'sagt hab', daß ein gewisser Karl Wachtl da ist bei der Fräul'n Amalie, so ist er vor Freuden in d'Luft g'sprungen, hat mich in sein' Parorismus umarmt und druckt, daß mir jetzt noch Alles weh thut, und hat g'jubelt: „Der Wachtl Karl ist g'sunden. Der Sohn meines Lebensretters, dem ich so viel Dank schuldig bin! den ich seit der Zeit nicht mehr g'seh'n Hab', als mir 's Wirths- haus übern Kopf z'sammbrennt ist, der darf mir heut nicht auskommen!" D'rauf hat er sich vor die Thür von der Amalie ihr'n Zimmer g'setzt und ist ganz steif sitzen blieb'n, wie ein ang'malter Türk vor an Tabaklad'n. Merkwürdig! muß der ehmalige Wirth hier im Hause Sekretär wer'n, erstens um hier Denjenigen zu finden, nach dem er sich schon so lang g'sehnt hat, zweitens um mit meiner Wenigkeit eine Amourschaft anzufangen auf Leb'n und Tod. Und das ist Alles so zufällig g'scheh'n. Za, man glaubt's oft gar nicht, wie viel man oft dem blinden Zufall verdankt. Lied. 1. A Maderl geht cb'n von ihrer Freundin nach Haus, Da bricht grab ein förmlicher Wolkenbruch aus, Vor Schrecken wird s'Mad'l jetzt völlig ganz blaß, Denn s'Kleid und der Hut ist schon durch und durch naß. Ein nobl gekleideter freundlicher Mann, Der bietet den Schirm und Begleitung ihr an. Das Maderl, das g'fallt ihm, eh's kommen zum Haus, Ruckt er mit an Antrag zum Hcirathen r'aus. Ich glaub, solche Maderln, die gäbet's schon mehr, Die wünschelen g'schwind sich ein Regen daher, Und dann ein' Beschützer, der's zum Weiber! verlangt, Weil man oft sein Glück nur dem Zufall verdankt. 24 2 . A Lite, die fahret nach Baden gern n'aus. Aber 's Pintscherl das bleibt ihr allan halt net z'Haus, Wo ich bin, denkt sie sich, kann mri Zoll auch sein Und steigt mit dem Vieh in ein' Omnibus ein. JmWag'n sitzt a Lass, der ist gar so galant, Nimmt s Pintscherl auf d'Schoos, o das ist so charmant, Da erzählt's ihm, sie hält' auch in Baden a Haus, Jetzt laßt er den Pintsch um ka Welt nicht mehr aus, Da wird d'raus a Liebschaft und dann gar am End Er Universalerb laut dem Testament. Das ist doch schon Alles, was man nur verlangt, Wann man so an Pintscherl sei Zukunft verdankt. 3. A Weiberl a Mal ja, das geht unvermuth Als bildschöne MaSk, unbemerkt in d'Redout, Doch statt sich zu freuen, sie sich nur mehr härmt. Sie sieht ihren Gatten, wie der eben schwärmt. Sie eilt aus dem Saal schnell, doch schon auf der Stieg'n Erfahrt's, daß kein einziger Wagen mehr z'krieg'n. Da denkt sich die Frau g'schwknd, jetzt ist's einerlei. Und geht an dem Gatten so schmachtend vorbei. Welch' himmlische MaSk! ganz entzückt ruft er aus: Erlaubst du, führ ich in mein Wagen dich z'Haus. Beim Haus gift er sich, ich Hab' mich schön g'irrt, Jetzt Hab' ich per Aufall mei Frau nach Haus g'führt. 4. Ein Herr, der beim Schanzl sein' Pudl grad wascht. Der wird so auf einmal dabei überrascht. Es landet ein Schiff, aus dem steigt nur geschwind A Massa von Schwab'n, die herab g'schwom- men sind. Das Bäsle, das kommt zu dem Herrn gleich g'rennt. Weil sie halt das Hündle vom Herrn Vetterte kennt. Er schaut ganz bestürzt, denn es kommt von dem Mann Sei ganze Verwandtschaft aus'n Schwaba- land an. Er hat ihnen g'schrieb'n, er sei weit verreist, Und war gar nicht fort, wie's der Aufall beweist, So sind's Alle glücklich zum Vetterle g'langt, Das Han sie doch einzig dem Viechle verdankt. Verwandlung. Kurzes Zimmer bei Wacht! fällt vor. Achte Scene. Schneider Wachtl im SonntagS-Anzug, karrikirt, kommt rechts mit einem rothen Paraplui. Wachtl. Also heut ist in unsrer großen Familiensitzung der völlige Abschluß unserer schon mehrmals vertagten Stadtangelegenheit mit großer Stimmenmehrheit durchgegangen, denn die Burm hab'n vor Freuden g'schrien als wann's am Spieß stecketen, ich Hab' als Präsident a Paar Mal zur Ordnung g'ru- fen, aber weil das nir g'nutzt hat, so Hab' ich in Ermanglung einer Tischglocke dem Hansl den Schopf beutelt, daß er schlagen und läuten g'hört hat. Zwar/ wie ich in meiner Jugend in der Stadt als G'sell g'arbeit Hab', da war mein Meister anch so ein leidenschaftlicher Tourist, alle Feiertag hab'n wir so a * Landparthie g'macht, daß sich d'Leut über > uns völlig bucklich g'lacht hab'n. Der i Meister voraus vorn ein Kind am Arm, ^ und hinten aus'n Rocksack ist ihm's Knie 28 von einer Schunken r'ausg'stand'n, dann d'Meisterin detto mit einem Kind am Arm, dann drei Lehrbubn in der G'stalt als Kindsmädln, jeder mit einem schnei- dermeisterischen kleinen Sprößlingin der rechten, in der linken Hand mit einem Verproviantirungszöger verseh'n. Der Altg'sell hat den Bulldogg am Strickl g'führt und ich Hab' der Mastrin ihr Lieblings vieh, an alten fett'n Mops, trag'n, so sind'wir fort in's Gebirg, und wie wir so auf'n höchsten Berg oben, 12VÜ Klafter ober den Häuptern der Menschheit g'sessen sind, hat'sg'wöhn- lich zum regnen ang'sangen und ganz gemächlich g'schütt' bis wir z'Haus gang'n sind, da hab'n wir Alle aus- g'schaut, daß uns die Burm nachg'loffen sind, und Rausch hat's geb'n, das war schon im z'Hausgehen 'smerkwürdigste an uns. Wann wir jetzt in d'Stadt kommen, wird gleich mein G'such um die Befugniß eing'reicht, ein lichts Quartier im sechsten sieb'nten Stock wird auf- g'nommen, und vor All'n wird mein Freund Grünbaum aufg'sucht, der wird g'wiß was vom Karl wiff'n. Meine Uniform als ehmaliger Posaunist Hab' ich schon heimlich voraus g'schickt, man weiß ja nicht, ob ich in der Stadt wo meine Aufwartung machen muß. Meiner Seel, ich möchtmich doch amal selber wieder in mein'Parade-Anzug seh'n, der jetzt schon zwanzig Jahre todter im Kasten g'leg'n ist. Wachtl (gemächlich). No ich glaub's, d'Leut wern ordentlich d'Händ' übern Kopf z'sammschlag'n, wanns die Schwabenwanderung sehen. (Lacht.) Aber Millionsapperlot ! wo habt's denn die rothen Paraplui alle herg'nommen, und ich Hab' zufällig auch ein rothes, no d'Leut wer'n sich was Schön's von uns denken, haha! Anastasia. Wir hab'n keine Ander'» z'leihen krigt. Wachtl. No in Gottes Namen, so geh'n wir, habts Alles gut zug'sperrt, daß wir nicht vielleicht derweil aus- graubt wer'n. Hansl. s'schöne G'wand hab'n wir an, die 800 Gulden hat der Vater im Sack, da können wir schon offen lassen, ums And're ist eh ka Schad! Anastasia. Jetzt schauts den Burm an, obst still bist! Wachtl. Also rangirt Euch zum Auszug, Eins hinter'» Andern wie d'Wildgäns, mit Kleinen fang'n wir an, mit Groß'n hör'n wir auf (sie stellen sich Eins hinter dem Andern, Haust zuerst, dann immer die Größern). Ha N sl (bei der offnen Thür). U mei, Vater, es tröpfelt (er spannt sein Paraplui auf). Anastasia. No wäre net üb'l, wann meine g'stärkte Haub'n naß wurd't. (Sie spannen Alle die Parapluis auf. Musik, eine Melodie aus alter Zeit. Alle ab). Neunte Scene. Anastasia, Hansl, Seppl,Martin und Klara in Sonntagskleidern, aber nicht in jenen, wie im ersten Act erste Scene; jedes trägt ein rothes Paraplui, deren Größe nach den Personen bemessen ist. Anastasia. Mann, da sind wir Alle reisefertig in unserm schönsten G'wand. Hansl. Vater! d'Leut wer'n weiter nicht d'rein schaun, wann wir in d'Stadt kommen! Verwandlung. Freie Gegend, tief an den Coulissen ein Wirths- haus, vor demselben an einem Tische Gäste. Es ist Kirchtag. Schöner Tanz. Alle (schreien nach dem Tanze). Es regnet schon wieder. (Sie spannen im Hintergrund die Parapluis auf. Donner und Blitz). Erster Gast (sieht rechts in die Cou- lisse). A Leut'ln, dort schaut s hin, was da für ein Zug daher kommt. Zweiter Gast. A dös ist a G'spaß. 26 Erster Gast. Dös ist ka G'spaß, das ist a Schub! (Musik. Zuerst kommt ein Wächter, dann der Zug mit die Parapluis, wieder Eins hinter dem Andern, von rechts nach links über die Bühne, hinter Wachtl wieder ein Wächter.) Hansl (mitten auf der Bühne, weinend). Jetzt weiß ich nicht, regnet's Blut, oder färbt mein Parapluiso stark! Anastasia. Die Aufmerksamkeit! Schau, Mann, vorn der Herr Wächter zeigt uns den Weg. Wachtl. Und der hinter mir gibt Acht, daß wir nir verlier'n; S'ist Alles was man verlangen kann. (Gelächter.) — Donner und Blitz. Die Musik endet mit dem Fallen der Courtine.) Dritte Abtheilung: Die Posaune zum jüngsten Gericht. Personen: Bornfeld, penfionirter Hauptmann, Onkel der Witwe Emilie Steinfels. Amalie, ihre dichte, eine Waise. Fanni, Stubenmädchen. Grünbaum, Sekretär. Johann, Bedienter. Resi, Küchenmädchen. Herr von Gecken heim er, ein entfernter Verwandter des Hauptmann Bornseld. Wallmann, Advokat. Eustachius Wachtl. Anastasia. Karl, i HanSl, t Seppl, ; deren Kinder. Martin, t Klara, I Nobles Zimmer, 4 Seitenthüren, zwei rechts, zwei links. Eine Mittelthür. Links ein schmaler poliMter Hängkasten, rechts, nicht ganz vorn, ein kleines Kanapee, vor demselben ein Tisch. Nicht weit von der ersten Thür rechts ein Stuhl, über welchem Damenkleider und eine Mantille hängen. Im Hintergründe, links an der Couliffe, ein weißer praktikabler Ofen, von Außen zum Heizen, vor demselben ein ziemlich hoher Schirm, welcher bis zum Boden deckt. Erste Deerre. Grün bäum (früher, im ersten Acte, Wirth, jetzt Sekretär, schließt die Thüren rechts zu, dann die zweite Thüre links, die erste findet er von Innen schon zu). Ja so, da hat unser Gast, der junge Herr Advokat Wallmann von inwendig selber den Rieg'l vorgeschoben, und ist bei der Gartenthür n'aus. Mir scheint allweil dieser Doctor der Recht'n möcht' gern bei unserer gnädigen Frau Doctor der Linken wer'n, wo's Herz ist, ich kann ihm's nicht verargen, sie ist eine liebenswürdige, steinreiche Wittib, und in solchen Fäll'n weiß ein Doctor schon was Recht ist. Den Prozeß hat er ihr g'wonnen, aber die Spesen werden schier ihr Herz kosten. Zch muß oft lachen, wann ich sieh, wie er oft heimlich schwärmt und sich allweil mit der Färb nicht heraus traut, die Advokaten sind doch sonst nicht so schüchtern. Also heut ist der glorreiche Tag, an welchem mein Genie und das Ra- finement meiner geliebten Fanni im hellsten Strahlenlicht glänzen soll, wann nur kein Nebl einfallt. No, eing'fadelt ist die G'schicht' so ziemlich, und wann's gut geht, muß das für die Gnädige eine famose Ueberraschung wern. Sie ist jetzt mit'n Herrn Anwalt und der Fräul n Amalie zu ihrem Onk'l g'fahrn. Zwei 27 Tag wollns ausbleiben, (lacht) wird aber nicht sein können, denn ich Hab heimlich an den Herrn Onk'l g'schrieb'n, der alte Herr hat mir zu wissen g'macht, daß er ^ mit meinem Plan einverstanden ist, und den Spaß mitmachen will. Zweite Seerie. Johann (früher im ersten Acte Hausknecht, jetzt Bedienter). Johann. Herr Sekretarius, d'Mam- § sell Fanni schickt mich her; sie hat ^ g'sagt, heut gibts bei uns a Komödie t und da soll ich auch a Roll mit spieln, t dös is g'wiß, Hab' ich g'sagt. 8 Grünbaum. Schau'ns, Johann, » Sie sind durch mich, eigentlich durch i meine Protektion, zum Bedienten ernannt wor'n, Sie hab'n durch mich eine Kuriere g'macht, folglich rechne ich auch auf ^ Ihre Treue und Dankbarkeit, j Johann. Dös is g'wiß. Aber was i ist's wegen der Roll? ?! Grün bäum. Ja so, wann ich nur ^ wüßt, für was Sie geeignet sind. Johann. Wissens was, gebend mir an dummen Bedienten. Grünbaum (lachend). Meiner Seel, solche Rollen scheinen Sie gut zu spiel'n. Johann. Dös is g'wiß! Grünbaum. Also gut, wann der Herr Onkel von unsrer gnädigen Frau kommt, so geh'n Sie dem alten Herrn gar nicht von der Seiten. Sie werden ihn bedienen und mit ihm an Diskurs anfangen, da haben Sie dann d'schonste > G'legenheit, den dummen Bedienten recht heraus zu heb'n. . Johann (freudig). Dös is g'wiß I (er sieht sich im Zimmer um, bei Seite). . Jetzt war ich halt a Mal wieder mit 1 .ihm allein, ich weiß nicht, soll ichs res- I kiren und ihm meine Lebensg'schicht — 8 Dritte Seene ^ Herr von Geckenheimer (modern, etwas karrikirt gekleidet, einen Augenzwicker an einer goldenen Kette, hüpft affektirt herein), bon )our, mon simsblu Sekretär und Ansinspekteur. Johann (im Abgchen). Jetzt Hab' ich eine Wuth in mir, daß ich den mitt'n auseinand' reissen könnt' (zornig), parier» vous kran^si8? g'schnittene Nud'ln in Kaffee (geht ab). Grünbaum (bei Seile). Der fade Geckenheimer kommt mir g'rad' recht. Geckenheimer. (!a me tait besu- . eoup de plsi8ir de vou8 voire ici! 0 Alonrdeur betrakten Sie der aimsbl Geckenheimer in der neuen Frack, gans nach der dernier journsl de ?sri8. Grün bäum. Hochverehrter Herr von Ziegenheimer, Geckenheimer will ich sag'n, ich bewundere den schwalbenschweifartigen Bau dieses Pariser Fracks, aber eine Bitt Hab' ich, redens deutsch mit mir, schauns, wir sind ja Deutsche, und warum solls denn ausschaun, als wann wir uns schameten, unsere gute ehrliche Muttersprach z'reden. Geckenheimer. 6s ne'8t pa8 po88ibi, aben ik gans vergess der deutschen Spraken, war ick 6 Monaten ä ksri8. O i>lon8i6ur, parbleu, a ksri8, da sein Alles sehr nobl, da spreken schon auf der Gassen jeder kleiner Schusterbuben französisch pur exeellenee! Grünbaum (bei Seite). In ein' halben Jahr d'Muttersprach vergessen, das bringt nur ein Dummkopf wie der z'samm. Geckenheimer. lllon ober ^U8- irmpekteur, ick kommen so eben von der schön Witwe, von Ihrer Errschaften, sie fahren so eben fort, pour faire uve Vi8ite. 0 qu elle 68t belle sdorable kemme! Alsi8, sie waren heute gar nicht gut aufgelegen, der schön Witwe. Grünbaum. Nicht gut aufgelegen? Nicht gut aufgelegt sagt man (bei Seite) ich könnt den Kerl niederschlag'n.' Geckenheimer. vui, Oui, aufgelegten, aber ören Sie !Uon8ieur, ick aben spreken so schön wie 6ui2vt, wie 28 Alexandre vumss, wie Ku^on 8ue, ksvai^use, l,smorieiere, Olisn^srnior, I^odru kollin in der ^88omdle nstionlo von meinem Erzen, von meiner Liebe! >Isi8, Sie saken zu mir, Sie haben » pre88snt p»8 du tomp, sie aben keiner Zeiten zu öhren ms lisuto ksnts8io! und aben mir laß steh'n, gans allein in der Salon wie Meilenseiger. O, da aben ick studir auf kovsn^o borrible, auf Rachen, eompronno? vvu8l hahaha, der Alon8i6ur do Koekoneiiner ftudir — auf Rachen! Grünbaum (bei Seite). Ganz, wie ich ihn haben will, ich wett' mein' Kopf, der Gimpl sitzt auf. (Laut) Za, da haben Sie recht, für eine solche Beleidigung gibt's nur ein G'fühl, und das heißt Rache, fürchterliche Rache. Geckenheim er. Oui,Oui, üllonkdour! Sie kennen ms repro86ntstion noble, M68 msnioro8 8up6r1m68 mir erobern aller Erzen, man spreken in der Salon 6 ksulo volor 8oulment von der eksr- msnt LoiKneur de Keekeneimer, nicht nur le8 dsme8 de di8tineiion legen der Erzen zu meinen Füßen, auch tout8 l68 P6tit68 eoquin68 168 kill68 de ebsmbre smachten nach mir. Grün bäum. Das ist wahr! Zum Beispiel unser saubers Stubenmadl, die schwarzäugete Fanni, die ist jetzt ganz weg, seitdem Sie die G'fälligkeit g'habt hab'n, auf das Madl a Paar feurige Blick zu werfen. Sapperlot, das war' die schönste G'legenheit zur Rache. (Leise.) Wann Sie nähmlich mit der Fanni eine Amourschaft anfangeten, und dann müßt' die Sach' so eing'leit wer'n, daß es die gnädige Frau erfahrt, daß Sie ihr aus Rache untreu wor'n sind, da drüber, daß Sie sogar Zhr'n Stub'nmadl den Vorzug geben, wird das ihr'n Stolz und ihr Herz brechen, sie wird bereuen, weinen, heul'n, vor Zhnen auf den Knieen r'um rutschen, dann spiel'n Sie den Großmüthigen, heben die Gnädige zu sich auf, lassen s'Stubenmadl sitzen, und ein langer Kuß der Versöhnung wird, der Preis Ihrer Rache sein. Geckenheimer (entzückt, umarmt ihn). 0 ISI 8862 VOU8 smbsrrs 8862 ! Sie maken mir gans glücklich mit Ihrem kslinement msnilique! Zn einer alben Stunde ick werden aben gemakt gans neuer loiletto, dann werden ick kommen zu I)6moi86ll6 b'snni, ick werden ksiro voir meiner simsbilitd, meiner gansen Liebenswürdigkeiten. Ns koi ick sein ospsblo do ksire ls connsi88snoo d'uno Mo du pouplo, o ^o oonnsi8 eols, das maken ^rsnd elkeet bei der psuvre disldo , on dit das sein der Erablassung! Lk dien spreken Sie mit Is Me du clismbre, melden Sie meiner Respekt ! adieu! ädiou Alon8iour ^U8in8peoteur, adieu mon ober, s rovoire! Lalala! (Hüpft singend ab.) Grünbaum. Meiner Seel! das ist ein Prachtexemplar zur Eröffnung des neuen Narrenthurmes. Man sollt's manchmal nicht glauben, was es doch für-g'spassige Menschen gibt, sie hab'n oft Ansichten von einer Sach', wo man sich krank lachen könnt, und Sachen, die oft so klar und einfach auf der Hand lieg'n, wer'n mißverstanden, und manchmal so dalket ausg'legt, daß es schon merkwürdig ist. Lied. 1 . Sagt einer: Sä, das müsscn's hör'n, Machen's Ihnen nur nir d'raus, Herinnet derf nir g'schlag'n mehr wer'n, Sie führ'n jetzt Alles n'aus. Am Montag wird der Lehrbub packt, Man führt'n zur Regie; Wo der Master ihn unsinnig schlagt, So stark war'n d'Schläg noch nie. „Bis Samstag hast jetzt d'Schläg von mir Gleich voraus kriegtsagt der Mann, „Weil ich nicht jedesmal mit dir Da auffer laufen kann." 29 2. A Bauer sich den Kopf zerbricht, „Wie'r düs a nur sein kann, Den Dokt'r hör'n beim off'nen G'richt D'Leut gar so g'müathli an, Er nimmt sich um dem Dieb grad an, Vcrtritt'n gar so haß, Möcht'S wiff'n, woher der g'scheidte Mann Dü Schlicheln olle waß, 3 will von derer G'schicht nix homm, Will länger net vrrweil'n, I sieh's, dö Zwa, dö halten z'somm, Vielleicht thoan's nacher thril'n. 3. Die Ufer wcr'n so leicht nur g'macht, Blos mit Steiner ohne Pflöck, Kaum ist das stolze Werk vollbracht. So schwemmt's das Wasser weg. Es leuchtxt ja ein' Jeden ein, Man braucht's ja gar net z'sag'n, Soll so a Grund von Dauer sein, So muß man Bürsten schlag'». Blos deßweg'n thun's so fest net bau'n, Und fallt's auch wieder z'samm, Damitd'armaLeut, d'raufthan's halt schau'n, Alleweil a Arbeit Ham. 4. A mal hab'ns g'schrien, dös wird a Leb'n, Wann's aufheb'n wer'n die Tax, Das Fleisch und s'Brod wer'ns wohlfeil geb'n, Denkt's nur an mich, ich sag's! Darauf ist's g'scheh'n, jetzt paß ma auf, Die Lag schon wcr'n wir's seh'n, Doch s'Fleisch und Brod will allweil n'auf, Nur runter will's net geh'». Das erklärt a And'rer im Vertrau'», Sie kommen halt net d'rauS, Der Ane muß an Trakt vor'n bau'n, Der And're hint a Haus. 5. Zwölf Lausend Guld'n a Dame hat, Die sucht halt einen Mann, Sie kündet sich durch'S Fremdenblatt Eei'n Minoritten an. Damit sie's braucht doch selbst nicht z'sag'n, Das Zeichen sie nur nennt,j Das wird sie in der Hand schon trag'n, Damit Zeder sie erkennt. Warum wählt sie sich denn grad a Scheer? Das kann ich Zhnen sag'n, Sie zeigt halt, daß's ihr s'liebste wär, Wann d'Schneidcr sich antrag'n. (Geht ab.) Vierte Gerne. Der Schneider Wachtl in der Uniform eines Regkmens-Posaunisten, starken Bart, kommt mit einer Posaune, Fanni voraus. Fanni. Ich bitt' , nur herein zu spazier'», die Herrschaft ist auf einige Tag fortgereisi, da geben wir Hausoffiziere eine kleine Jausen, und der Sekretär Grünbaum hat Ihnen deßwe- gen sagen lassen, Sie sollen in einer Verkleidung Herkommen, damit Sie unerkannt einer Scene beiwohnen können, die Sie recht freudig überraschen wird. Wachtl (etwas barsch). O, der Herr Grünbaum meint's gar gut mit uns, darum folg ich ihm unbedingt, denn er ist mein Freund. Haben Sie auch schon einen Freund, Mamsell? Fanni. Der Herr Grünbaum ist auch mein Freund. Wachtl. Das ist g'scheidt, so hab'n wir ihn miteinander. Kreuzbataillon, Mamsell, schau'n Sie mich an, jetzt ist es zwar nur eine Maskerade, aber vor zwanzig Jahren hätten Sie mich sehen soll'n, wenn ich direkte von der Wachparade zu meiner Jungfer Liebsten mar- schirt bin. Donnerwetter, da haben die Madln Augen auf mich geworfen, daß es eine Passion war! Fanni. Sie sind ja noch ein schöner Mann! Wachtl (geschmeichelt). Nicht wahr, es kennt's kein Mensch, daß jetzt ein Schneider in dieser Uniform steckt. 30 Fünfte Seene. Grünbaum. Vorige. Grünbaum (schüttelt Wachtldie Hand). Freund, Lebensretter! mich g'fteut's, daß Sie Wort gehalten haben, bald werd' ich Ihnen den schönen Beweis meiner Dankbarkeit liefern. Aber sapperlot, zu was haben's denn das Instrument mitg'nommen? Wachtl. Weil's zur Uniform g'hört, ein Posaunist ohne Posaune ist grad so viel, wie ein Schneider ohne Nadl. Grünbaum (leise zu Fanni). Der Herr Geckenheimer wird auch gleich da sein, ich Hab' dem Kuch'lmad'l schon g'sagt, sie soll den Kaffee rein trag'n, der Johann steht beim Hausthor auf der Paß, dann kann d'Remasori losgehn. Fanni. Ich will meine Roll schon spiel'n, wann's nur gut ausfallt. Grünbaum (geht während der nächsten Scene mit Wacht! in den Hintergrund, dieser stellt seine Posaune auf die Seite). Sechste Seene. Geckenheimer hüpft herein, ohne Grün- bäum und Wacht! zu sehen, zur Fanni. Das Küchenmädchen richtet den Lisch zurecht und bringt Kaffee-Schalen, Guglhupf, Champagner, Ausgeschnittenes. Geckenheimer (kniet nieder). O schön Fanni, ick küssen entzückt der Aenden, ick sein keflogen hieher auf Flügeln der Liebe, o lassen Sie mich versinken auf die Knie, ick swören que )6 vvus sim6 , qus )6 vous sclore. Fanni. O, ich hab's schon g'hört, daß Sie sterben's in mich verschamerirt sind, der Grünbaum hat bei mir schon so was dergleichen fall'n lassen. Geckenheimer. Fallen lassen, und aben Sie aufgeoben? Fanni. Ich kenn'Ihre reel'n Absichten, daß Sie mich zur Frau von Ge- ckenheimerin machen, daß Sie mich hei- rathen woll'n? Geckenheimer (steht verlegen auf). 6omment! ick eirathen? Absichten? ick Geckeneimerin maken? (Bei Seite.) 0 quelle messslisnee, o sie wissen nicht, daß sie nur sein der Werkzeugen der Rachen. (Laut) Oui Oui! Usäemoiselle ksnni, ick werden eirathen, aber später. Fanni (bei Seite). Ah, der war' mir schon der Wahre, no wart, Vo- gerl, du g'freust Dich. Grünbaum. Wann's g'fällig ist, allerseits eine kleine Jausen. Herr von Geckenheimer, hier Hab' ich die Ehr', einen zweiten Gast aufzuführen, einen intimen Freund von mir. Geckenheimer (verlegen). 6om- ment! ee Alonsiour bleiben auch da, ick aben glauben, daß wir werden sein 86UlM6Nt entre NOU8. Grünbaum. Nein, der Herr bleibt auch da, also ich bitt', sich zu setzen. Fanni (seht sich auf's Kanapee und schenkt ein). Herr von Geckenheimer, ist's g'fällig neben meiner, auf der grünen Seiten? Geckenheimer (bei Sekte). Ick sein gerathen in der 8ooi6t6 von der vomo- 8tiqu6 aber was soll ick maken, il kaut ksiro bonns mine su inauvsi8 )'eu. Fanni. So in Gedanken, Herr von Geckenheimer! Geckenheimer. A, ick sein glücklich! (Setzt sich zur Fanni.) Wachtl (stark). Ich bitt' den Kaffee für mich nur recht weiß, viel Milli, 's ist wegen meiner schwachen Brust. Geckenheimer. Ick bitten sehr stark, er werden mir enooursKe. Wachtl. Der Guglhupf zum einbröckeln ist ein wahr's Meisterwerk der höhern Kochkunst, und so.süß, das ist b'sonders gut für meine schwache Brust. Grünbaum. Ja, und nach'n Kaffee trink'n wir alle miteinander a Paar Glasl'n Champagner d'rauf. Geckenheimer. Otiampa^ner, vin 8uper1m äs 3ak80n L 6omps§nis 31 Si-»n— Der Rosenstock, Spiel in 1 Akt und in freien Versen. — Boccaccio, dramatisches Gedicht in 2 Akten. 1 Thlr. oder 1 fl. 12 kr. — Hans Sachs, dramat. Gedicht in 4 Aufzügen. gr. 8. 1829. 15 Sgr. oder 54 kr. — Eyestandsqualen, Lustspiel in 1 Aufzug in Alexandrinern. 8. 1820. 10 Sgr. oder 24 kr. — Garrick in Bristol, Lustsp. in4Auf- zügen. gr. 8. 1834. 26'/» Sgr. oder 1 fl. — die Widerspänstige, Lustspiel nach Shakespeare, gr. 8. 1839. 20 Sgr. oder 1 fl- — Viola, Luftlpiel in 5 Aufz. nach Shake- speare's „WaS Ihr wollt." gr. 8. 1841. 18V» Sgr. oder 48 kr. Gleich I. A., Herr Joseph und Frau Baberl. Posse mit Gesang in 3 Aufz. gr. 8. 1840. 10 Sgr. oder 20 kr. Gleich I. A., Doktor Kramperl, oder: Vier Bräutigame und eine Braut, Posse iv 3 Aufzügen. 2. Auflage. 1840. 10 Sgr. oder SO kr. Koch C. W., dramatische Beiträge für das k. k. Hofburgtheater in Wien. 1836.8. Inhalt: Testament einer alten Frau. Er bezahlt Alle. Die Vorleserin. 1 Thlr. 10 Sgr. oder 2 fl. Lembert, die hom-vpatische Kur. Lustspiel in 3 Aufzügen, nach de« französischen Vaudeville: „Aon »mj xrsmlet" von ^«eelot und 6smderou88e. 8. bx. 1845. 7'/r Sgr. oder 20 kr. Im zweiten S t o.ck.Poste tnoinemAkte nach demVaudeville: „!,« rue äs lsäzine," 8. 1845. 7'/r Sgr. oder 20 kr. — Kenilworth. Histor. romant. Schauspiel in 5 Aufz. nach Walter Scotts gleichnamigen Romane. 8. 1845. 8 Sgr. oder 24 kr. Der Lügner und sein Sohn. Posse in 1 Akt, nach Collin d'Harleville frei bearbeitet. 8. 1837. 7'/r Sgr. oder 20 kr. Shakespeare, der Kaufmann von Venedig. Lustspiel in 5 Aufzügen. Bearbeitet von C. A. West. gr. 8.1841.18V» Sgr. oder 48 kr. — König Lear. Trauerspiel in 5 Aufzügen. Bearbeitet von West. gr. 8.1840.18V» Sgr. oder 48 kr. — Romeo und Julie. Trauerspiel in 5 Aufzügen. Bearbeitet von West. gr. 8.1841. 18V» Sgr. oder 48 kr. — Viola. Siehe Deinhardstein. — Wiederspänstige. Desgleichen. Schwestern vonPrag. Singspiel nach Hafner v. Perinct. 2. Aufl. 1842.12 Sgr. od. 36 kr. Sheridan, die Lästerschule, Lustsp. in 5 Auszügen, nach dem Englischen von Schröder. Neue Auflage. 1847. 8. 15 Sgr. oder 36 kr. Vogel W., der Erbvertrag. Dramat. Dichtung in 2 Abtheil, nach einer Erzählung des C. F. A. Hoffmann. gr. 8. 1828 22 Vr Sgr. oder 48 kr. — Witzigunaen, oder wie fesselt man die Gefangenen. Lustspiel in 3 Akten. 8. 1843. 21 Sgr. oder 1 fl. — DasDuell-Mandat. oder: Ein Tag vor der Schlacht bei Roßbach. Drama in 5 Aufz. 8. 1843. 18 Sgr. oder 48 kr. — Ein Handbillet Friedrich des Zweiten, oder: Inkognitos-Verlegenheiten, Lustspiel in 3 Aufz. 1843. 21 Sgr. oder 1 fl. Weidmann I., der Dorsbarbier, komisches Singspiel in 1 Akt. 8. 7'/r Sgr. oder 18 kr. Dortor und Friseur, oder: Die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang m zwei Acten, von Friedrich Kaiser. Aufgeführt im k. k. priv. Theater an der Wien. Personen: Finster, Forstmeister. Nina, seine Tochter. Horner. Forstschreiber. Frau Margarethe, des Forstmeisters Wirtschafterin. Lieschen, deren Tochter. Keck, Damenfriseur. Betti, seine Frau. Bornheim, Doctor der Medizin. Martin, ein Jäger. Jäger, Holzhauer, Dienerschaft. Erster Act. Waldgegend.^ Im Hintergiunde ein Waldbach, über welchen von einem Ende der Bühne zum andern ein ländlicher Brückensteg führt. Einzelne Bäume stehen hier und da im Hintergründe. Erste Scene. Mehrere Holzhauer stehen mit ihren Aexten bereit, während Jägerbursche Baumstämme zum Fällen bezeichnen. Der Forstschreiber steht dabei und steht der Arbeit zu. Chor. Nieder mit dem Baume. Legt die Axt nur an, Wenn er nimmer Blätter, Blüthen treiben kann. Hast so breit gemacht dich — Warst so vornehm stolz. Nun die Pracht geendet Wirst gemeine- Holz. Martin (nachdem er mit einer kleinen Handsäge den Stamm eine- Baume- ausgesägt hat). So! in dieser Höhe vom Boden auf fließt kein Saft mehr, von da an kann der Stamm gefällt werden. Horner. Erlauben Sie einmal. Sie grünuniformirterZögling Dianens, warum sägen Sie denn immer schon im » 2 Herbste das Gebäume an, was im Winter gefällt werden soll? Martin. Närrische Frage! damit aus dem Boden kein Saft weiter hinaufsteigt und somit das Holz trocken genug ist. Horner. So? Na, da gehts einem solchen Baum gerade so wie mir armen poetischen Gemüthe, als ich in der Kanzlei angestellt wurde. — Zuerst haben sie mir sämmtliche Poeterei ver- bothen, also den wahren Saft abgezapft, damit ich nachher ein trockenes Holz abgäbe, wie mans in der Amtsstube brauchen kann. Martin. Ei was, Herr Forstschreiber! Ich kann mich da nicht in lange Abhandlungen einlassen, genug, die Bäume müssen gefällt werden, der Herr Graf will's. (zu den Arbeitern). Kommt nur mit mir zum Gemshügel, dort stehen noch einige Buchen, die zum Brennholz degradirt werden müssen. (Ab mit den Uebrigen.) Zweite Scene. Horner (allein). Der Herr Graf will's — Ja, der Herr Graf macht'S mit seinen Bäumen, wie mit seinen Dienern, wenn sie ausgepreßt sind, fort mit ihnen! — Meicke gegenwärtige Stellung ist so unsicher, wie die Stellung auf glattem Eise, und nur die raffinirteste Lebensklugheit ist der Schlittschuh, mittelst welchem man sich sicher darauf bewegen kann. — Und wo hat diese Lebensklugheit ihren Sitz? — Im Rücken! — Wer diesen zur rechten Zeit in eine convere Form zu bringen weiß, der allein kann sagen: sein Rücken ist gesichert. Am besten kommt aber immer Derjenige durch, der sich die sogenannte eigene Gesinnung ganz abgewöhnt, und seine ganze Individualität zum Lrumeau - Spiegel macht, welcher immer ganz die Form DeSjeni- " gen annimmt, dem er gerade gegenübersteht, für mich wäre es also am klügsten, die Form meines Herrn Forstmeisters anzunehmen, aber der hat eigentlich gar keine Form mehr — nur Einen Charakterzug, den nämlich: daß ihm die ganze Menschheit zuwider ist, und wenn ich nun in dieser Beziehung seinen Charakter kopiren wollte, so müßte ich ihm einerseits die Höflichkeit erweisen, ihn für einen Menschen zu halten, aber wieder anderseits so grob sein, ihn fühlen zu lassen, daß er mir auch zuwider ist, und das wäre gegen die Subordination! Aber still — da kommt er selbst. — Dritte Scene. Horner und Finster. Finster (kommt mit verschränkten Armen vom Hintergründe her). Horner. Wieder brütend, wie immer! — gut, ihm zu gefallen, will ich mich.auch etwas auf's Brüten verlegen. (Nimmt eine tieffinnige Stellung an, schreitet, immer gegen den Boden blickend, vorwärts, bis er beinahe an Finster anstößt, dann überraschend aufblickend). Ha — Sie! Finster. Was machen Sie? Horner. Ich denke. Finster. Hm! eine traurige Beschäftigung. das Gehirn ist eigentlich die größte Last, welche die Natur dem Menschen auferlegt hat. Horner. Ja wohl, das zeigt sich schon daraus, daß sehr oft gerade die Leute am leichtesten fortkommen, die kein Gehirn haben. Finster (seufzt). Horner. Wohl dem, der allein in der Welt steht. Finster. Aber ich habe ein Kind, — eine einzige Tochter. — Horner. Das ist ein großes Glück! Finster. Hm! Horner. Daß es nur eine einzige ist. Finster. Ein.Kind ist ein Glück für 3 den Vater, wenn er ihm selbst ein Glück bereiten kann, — und ich kann das nicht. — Horner. Natürlich — eben weil Sie ihr Vater sind. Finster. Wie meinen Sie das? Horner. Das ganze Glück eines Mädchens besteht darin, daß sie aufhört, ein Mädchen zu sein — Heirathen, das ist die große Losung unter dem Heere der Mädchen und deßhalb kann nur der Mann ein Mädchen glücklich machen, welcher es heirathet. Finster. Ein Mann sollte ein weibliches Wesen glücklich machen? O mein Freund, ich kenne die Welt, kenne die Menschen besser. — Ich hasse sie alle, und wenn ich einen Lheil davon ausnehmen soll, so ist es gerade der weibliche — das weibliche Wesen, wie es aus der Hand seines Schöpfers hervorgeht, ist gut — das Herz ist edel, das Gemüth zart, das Gefühl empfänglich für alles Gute und Schöne, es ist ein Blümchen Wunderhold; der rauhe Mann aber greift mit plumpen Händen darnach und streift den schönen Blüthen- staub ab! — So oft ein Weib fehlt, trägt nur der Mann die Schuld, denn wir Männer, glauben Sie mir, taugen in der Regel alle nicht viel! Horner. Danke sehr für das Com- pliment, übrigens bin ich ganz Ihrer Meinung, mir sind auch die Weiber viel lieber als die Männer. — Finster. Und darum habe ich mir einen eigenen Plan geschaffen für das Glück meiner Tochter. — Sie soll un- verehlicht bleiben. Mein Stand, mein Aufenthaltsort und meine ganze Umgebung begünstigen mein Unternehmen. Ich lebe hier in meinem Forsihause mitten im Walde — empfange nie Besuche — der glatte Ton der süßen Stadtherren drang noch nie zu ihren Ohren. Was sie hier von Männern sieht, sind rauhe, wüste oder ungeber- dige Gesellen. Horner. Sie sah aber mich auch — Finster. Kurz, meine Erziehung wirkte, denn meine Tochter bebt vor jedem Manne scheu zurück. Horner. Wenn sie aber einmal in die Stadt kommt, wie sie sich dann wundern wird, daß bei manchen Mädchen das Zurückbeben ganz rococo ist! Finster. Sie soll nie nach der Stadt; wenigstens so lange nicht, als sie jung ist. Horner. Also erst wenn sie alt ist, da werden die Stadtherren eine Freude haben! Finster. Da — da sehen Sie hin! — o meine arme Tochter! Horner. Was ist denn loS? Vierte Scene. Nina (im einfachen Morgenanzuge, einen runden Strohhut in der einen Hand haltend, und in der andern einen Blumenstrauß, kommt, ohne die Anwesenden zu bemerken, von dem Berge herab, ihr Haupt ist gesenkt, in ihrem ganzen Wesen spricht sich Wehmuth aus, am Wasserfalle angelangt, bleibt sie stehen, und fängt an den Blumenstrauß zu zerpflücken, und in die Wellen zu werfen, seufzt dann, trocknet sich eine Thräne, und geht langsam gegen die entgegengesetzte Seite ab). Finster (während des Vorhergehenden leise zu Horner). Sehen Sie — sehen Sie — ich bitte Sie. — Horuer. Ich danke, ich werde so frei sein. Finster. Diese bleichen Wangen. Horner. Wirklich, sehr gebleicht. Finster. Jetzt bleibt sie stehen. Horner. Das thut sie wahrscheinlich, weil sie nicht mehr geht. Finster. Mein Himmel! sie weint, und jetzt — haben Sie gesehen — den Blumenstrauß warf sie in'ö Wasser. - 1 * Horner. Damit die Blumen frisch bleiben. — Finster. So treibt sie's nun schon einen ganzen Monat. Ach. das arme Mädchen ist krank, sehr krank — Horner. Da sollten Sie sich doch an einen Arzt wenden. Finster. Ein Arzt ist auch ein Mann. Horner. Ja, dann weiß ich nicht, wie Sie Ihre Tochter wollen curiren lassen, hier Heraußen ist einmal nichts Medizinalisches— außer der alten Frau Margareth — Ihrer Wirthschafterin. Die hat mir erst neulich ein sehr gutes Hausmittel für mein Ohrensausen gegeben. Finster. Tolles Zeug! Die Krankheit meiner Tochter scheint mehr im Gemüthe zu sitzen. — Horner. So? also eine gemüthliche Krankheit? Halt! da fällt mir etwas bei. mir wurde letzthin erzählt, daß sich seit kurzer Zeit in dem nahen Städtchen ein Arzt aufhalte, welcher sich besonders auf die Heilung solcher Individuen verlegt, bei welchen ein Derangement des Geistes herrscht — er soll eine ungemein ausgebreitete Praxis haben — Bornheim ist sein Name. Finster. Bornheim! ja ja! — von dem habe ich in den Zeitungen gelesen. Er soll bereits Euren gemacht haben, die erstaunenswerth sind, vielleicht daß — ja so könnte es gehen, wollen Sie mir, wollen Sie meiner Tochter einen Dienst erweisen? Horner. Ihnen mit großem Vergnügen, und Fräulein Nina mit noch größerem. Finster. So folgen Sie mir jetzt in mein Haus, ich will Ihnen meinen Plan mittheilen und allsogleich an die Ausführung desselben schreiten. Doc- tor Bornheim soll meine Tochter besuchen, ohne selbst zu wissen, bei wem und wo er sich befinde, so allein kann dem Nebel gesteuert werden, ohne ein noch größeres herbeizuführen (indem er sich zum Abgehen wendet). Großer Gott! ich habe ja nur eine Freude auf dieser Erde, mein Kind, — laß mir dieses Kleinod in seinem ungetrübten Glanze! (Ab mit Horner). Verwandlung. Die Bühne stellt ein Zimmer in Kecks Hause vor, rechts eine Seitenthür, die in die Werkstätte führt, daneben ein Fenster, links eine Thüre, welche zu dem Zimmer des Dr. Bornheim führt; — der allgemeine Eingang durch die Mitte — auf einem Sessel hängt ein schwarzer Frack. Fünfte Scene. Betti (tritt auf). Lied. War' der Himmel immer blau, Würde gegen ihn man lau. Manchmal müssen Wolken ziehen, Donner rollen, Blitze sprühen — . Wenn die Wolken sich verzogen. Kommt ein bunter Regenbogen; Dann erst, nach der Stürme Zeit, Freuet uns die Heiterkeit; Denn der Wechsel nur kann geben Ewig jungen Reiz dem Leben. Ist ein Ehmann noch so gut. Wenn er stets so friedlich thut. Nie die Stirne kraus kann ziehen. Und sein Aug' nie zornig glühen, Wird die Liebe bald erkalten. Denn soll sie sich dauernd halten, Schaden, wie beim Himmelslicht, Kleine Donnerwetter nicht. Denn der Wechsel nur kann geben Ewig jungen Reiz dem Leben! Es klingt im Grunde recht albern, daß ich mich gerade durch das unglücklich fühle, was andere Frauen als das höchste Glück ansehen würden, durch meine allzufriedliche Ehe nämlich, aber es ist ja auch nicht zu glauben! Sechs Jahre sind wir bereits verheiratet, und während der ganzen Zeit haben wir uns nicht einmal gezankt, also auch nicht versöhnt, und die Versöhnungen sind ja gerade das Angenehmste in der Ehe. Wenn ich auch manchmal die Stirne kraus ziehen will, so muß ich immer gleich über meinen Mann lachen, denn er hat solche Manieren, daß man nicht ernsthaft bleiben kann — und er — er ist nun vollends nicht zum Zorne zu bringen. Was mich aber eigentlich am meisten ärgert, ist das, daß ich ihn durchaus nicht eifersüchtig machen kann, — und zwar eine Eifersucht, wie ich sie während meines Aufenthaltes in Venedig bei den Italienern kennen lernte — 0 Vio! 11 mio oors eiuplsrsl äi rabbla! Doch bei meinem Manne wird es wohl noch viele Mühe brauchen. Da hat mir unser neue Miethsmann, der junge Herr Doctor (auf die Seitenthüre weisend) gestern den Frack gegeben, weil ein Knopf daran losgeworden war und jetzt läßt er sich wieder nicht sehen. Mit dem ist's auch nicht ganz richtig. (Man hört Keck von Außen trillern). Aha, mein lustiger Mann kömmt nach Hause, gewiß hat er wieder einem Abenteuer nachgesetzt. Sechste Scene. Betti. Keck. Keck (etwas genial gekleidet, den Kopf sorgfältig frisirt, tritt aus der Seitenthüre). Betti (welche inzwischen an dem Frack genähet hatte, sich nach ihm umschauend). Wo steckst Du denn immer? Keck. Ich, Weibchen? zur Hälfte stecke ich hier im Hause, zur Hälfte auf der Straße, ich sah nemlich zum Fenster hinaus, in der Hoffnung, es müßte sich so ein kleines Abenteuer oder etwas dergleichen ereignen. Betti. Es ist schrecklich, was der Mann mit seinen albernen Abenteuern hat. Keck. Ja, mein Kind, die Liebe zu Abenteuern ist nun einmal meine Leidenschaft. Sieh, mein Kind, mein Unglück ist, daß ich viel zu spät auf die Welt gekommen bin. Bett i. Zu spät? Keck. Ja, und dann habe ich noch ein größeres Unglück, daß ich viel zu früh auf die Welt gekommen bin. Betti. Zu früh und zu spät? Bist Du denn närrisch? -Keck. Mein Schätzchen — was ich sage, hat seine Richtigkeit — ich bin zu früh auf die Welt gekommen, weil mein Geist und mein lebendes Prinzip eigentlich für den Körper eines altdeutschen Ritters, so eines romantischen Avan- turiers, geschaffen ist, der sich nicht zur Ruhe begeben konnte, wenn er nicht wenigstens alle 14 Tage einige Kämpfe mit Drachen, Lindwürmern, Sarazenen und Hyänen bestanden — und alle'Jahre zwei Kreuzzüge mitgemacht hatte. — Ich habe, so lange ich auf dieser Welt bin, nur einen einzigen Kreuzzug mitgemacht, nämlich als ich Dich gehei- rathet habe, aber ich bin stolz auf diese Heldenthar — und noch stolzer bin ich dadurch, daß ich Dich erst dann geheiratet habe, nachdem es mir gelang, Dich vorher abenteuerlich zu entführen. Betti. Nun, die Entführung war auch nöthig. — Er ist verliebt in mich, — hält um meine Hand an, sie wird ihm zugesagt, der Tag der Hochzeit wird bestimmt, und einen Tag vorher entführt er mich. Keck. Ha, ha, ha! das Hab ich nur gethan, weil es abenteuerlich war. Ach nur Abenteuer! Abenteuer können nie theuer genug sein, je theurer. je interessanter! darum nur Abenteuer und nichts als Abenteuer. Betti. So — und bloß aus Abenteuersucht rennst Du jeder Schürze nach, und vernachlässigst zu Hause Deine Frau. Keck. Vernachlässigen? Warum nicht 6 gar. Bin ich nicht immer Dein liebender Gatte? Wo hat die geharnischte Ritterzeit einen solchen Gespans aufzu- weisen wie ich einer bin? Komm, Weibchen, gib mir wieder einmal ein Küßchen. Betti (für sich). Ich will doch sehen, ob ich seine Eifersucht gar nicht rege machen kann (laut). Du, Mann, da ist der junge Herr Doctor, der da bei uns wohnt, ganz ein anderer Mann, das ist ein Mann, dem man gut sein muß — Keck. Bist Du ihm gut? na das freut mich — warum sollst Du auch mit unserm Miethsmann in Unfrieden leben. Betti. Seine Aufmerksamkeiten gegen mich müssen mich einnehmen. Keck. So, er bezeigt Dir Aufmerksamkeit? das ist ganz in der Ordnung, Du bist ja auch ein allerliebstes Weibchen! War ich nicht auch sehr aufmerksam auf Dich, wie ich Dich kennen lernte? Betti Gr sich). Es greift nicht an, aber wart nur. (laut). Du weißt, daß Doctor Bornheim nur in unser Städtchen kam. weil die Verwandten der schwerkranken Frau von Blüthen ihn eigens verschrieben hatten. Keck. Ja, und er verschrieb dann auch der Frau von Blüthen, und zwar so lange, bis er ihr nichts mehr zu verschreiben nöthig hatte. Betti. Nun ja, es war keine Rettung möglich, das sagte er ja gleich nach dem ersten Besuche, aber damals sagte er, er werde gleich wieder abreisen, und nun ist er doch schon über zwei Monate hier, und es sind doch in unserem Städtchen gar keine Kranken. Keck. Natürlich, wir hatten ja keinen Doctor hier, wo kein Doctor ist, kann man auch nicht so leicht krank werden. Betti. Kömmt Dir das nicht verdächtig vor — ? Keck. Verdächtig? hm! ja — könntest Recht haben, es könnte verdächtig sein. Betti. Und weißt Du warum? Er ist verliebt. Keck. Verliebt? Betti. Ganz ungeheuer, und ich kenne den Gegenstand seiner Liebe. Keck. So? einen Gegenstand hat seine Liebe? ei, ei! .Betti. Ja, der Gegenstand seiner Liebe ist — eine Frau. — Keck. Eine Frau? Element! Betti (für sich). Bravo! es wirkt schon. Keck (nachdenkend). Eine Witwe vielleicht? Betti. O nein, verheirathet. Keck (freudig). Verheirathet! O bravo, bravo, das ist interessant, da kanns vielleicht ein kleines Abenteuer geben — ich werde mich in den Liebeöhandel mengen! Betti. Warum nicht gar! Keck. Ja, Weibchen! da muß ich dabei sein, das ist zu interessant. Denke Dir nur eine verheirathete Frau verliebt in einen Doctor, und ich ein Damenfriseur bin der Postillon äsmour — das kann schauerlich werden! Denke Dir nur. der Herr Gemahl findet bei seiner Frau Gemahlin den Doctor — der Herr Gemahl hat gar keinen Verdacht, denn die Frau Gemahlin stellt sich krank, — der Doctor geht fort, schreibt aber sogleich ein Liebesbriefchen; gibt es mir an die Gemahlin zu bestellen — ich gehe pfeilschnell zur Gemahlin hin, der Herr Gemahl ist aber noch zu Hause und unglücklicher Weise eben im Zimmer der Frau Gemahlin, ich trete ein, der Herr Gemahl donnert mich an: „Was wollen Sie denn hier?" Ich komme, die gnädige Frau Gemahlin zu frisiren, sage ich mit einem sehr tiefen Complimente und zeige der Frau Gemahlin hinter dem Rücken des Herrn Gemahls heimlich das Briefchen. Ich fange an, die Frau Gemahlin zu fri- firen und lasse dabei das Briefchen für die Frau Gemahlin fallen, der Herr Gemahl bemerkt es, packt mich beim Kragen und wirft mich zur Thüre hinaus; das ist ein Abenteuer rein zum küssen. Betti. Da haben wir's, hinauswerfen läßt er sich, nur um ein Abenteuer zu bestehen. Keck. Davon verstehst Du nichts (sieht zufällig zum Fenster hinaus). Halt! da geht eben der Herr Doctor — er liest eben ein Briefchen! Richtig! das LiebeSbriefchen von der bewußten Frau Gemahlin. Die Antwort trage ich hin (zum Fenster hinaus sprechend). Sie! Herr Doctor! ich! ich! Er scheint mich nicht zu verstehen — ich muß schon mit ihm selbst sprechen (läuft schnell ab). Siebente Scene. Betti allein,dann Horner. Betti. Es ist nicht möglich, den Mann eifersüchtig zu machen — aber ich gebe den Plan doch noch nicht auf— ich muß nur mit dem Doctor selbst sprechen, aber ich höre kommen, wer ist's? Horner (tritt ein, sich umsehend). Hier soll der Doctor wohnen, im Hause des Friseurs — ach — ein Frauenzimmer! — Ist sie die Friseura oder vielleicht gar die Doctrice? Betti (sich höflich verneigend). Was steht zu Diensten, mein Herr? Horner (für sich). Sie ist höflich! gut, so werde ich mich auch als Galant- home benehmen (ein graziöses Kompliment machend). Servus! Betti. WaS wünschen Sie? Horner. Vor Allem eine Frage, sind Sie noch Fräulein? Betti (sich etwas in die Brust werfend). Frau! Horner. Bitte um Entschuldigung. Ich bin etwas kurzsichtig — also — Hrau! und nun die zweite Frager Nimmt der Herr Gemahl den ganzen Körper oder nur die Köpfe seiner Nebenmenschen in die Kur? Betti. Wie soll ich das verstehen? Horner. Das heißt: Zst er Doctor oder Friseur? Betti. Mein Mann ist Friseur (für sich). Das ist ein komischer Mensch. Horner. Ah so — ein schöner Stand! Betti. Nun, das weiß ich eben nicht. — Horner. Aber Ihr Herr Gemahl ist Damenfriseur, wie ich unten auf dem Schilde gelesen habe, und als solcher ist er der einzige Mann, welcher daß Unmögliche zu leisten im Stande ist. er kann nämlich allen Damen die Köpfe zurecht setzen! Betti. Hm! da müßte eS erst bei allen nöthig sein. Horner. O bitte — ich weiß, keine Regel ohne Ausnahme — bei Ihnen zum Beispiel wäre es auf jeden Fall vortheilhafter, Ihnen daS Köpfchen ein wenig zu verrücken. Betti (für sich). Aber was will denn der Mensch eigentlich, mir wird ganz bange (laut). Aber sagen Sie mir doch gefälligst, mit wem wünschen Sie eigentlich zu sprechen? Horner. Ich — ja so —ich brauche eigentlich den Doctor Bornheim. — Betti. Sie brauchen ihn? Horner. Ja — er ist doch derselbe, welcher Geisteskranke so geschickt zu heilen versteht? Betti (erschreckt). Geisteskrankheit — und da braucht er ihn? (furchtsam zurückweichend). Mein Himmel! — das ist am Ende selbst ein Verrückter! Seine sonderbaren Reden — und wie er mich anstarrt (retirirt sich immer mehr). Horner (welcher sie immer mit schwärmerisch verzogenen Augen anfieht). Aber allen GemüthSkrankheiten kann dieser Doctor doch nicht abhelfen — so hat z. B. mein eigenes Gemüth eben jetzt eine 8 Blessur bekommen (will auf sie zu und ihre Hand fassen). Betti (uüt einem Schrei zurückweichend). Ah, es ist wirklich — lassen Sie mich — lassen Sie mich! — Wo nur mein Mann bleibt. Horner. Was hat sie denn? (sieht sich km Zimmer um). Betti. Was suchen Sie denn? Horner. Ich dachte, es müsseeine Tarantel im Zimmer sein, die Sie plötzlich gestochen hat. Betti. Er fängt richtig schon zum fantasiren an (schreit). Keck! Keck! Horner (immer verwirrter). Za was ist'ß denn? Betti (schreit immer ärger). Mann! Keck! Mann! Keck! zu Hilfe! Horner. Aber sein Sie doch ruhig — nur eine Frage (er will wieder näher kommen). Betti (immer furchtsam ihn mit beiden Händen zurückweisend). Fragen Sie was Sie wollen, aber nur mir nicht in die Nähe! Horner (weicht zurück). Ich wollte nur fragen, ob der Doctor wirklich so geschickt ist? Betti (hastig). O ja, sehr geschickt — er hat mich auch schon einmal cu- rirt. (für sich). Mein Himmel! will denn mein Mann noch nicht kommen? (schreit). Keck! Horn, (plötzlich wie vom Blitze berührt). Sie — Sie hat der Doctor curirt? (für sich). Na jetzt begreife ich — sie ist närrisch, deßhalb das Schreien, sie bekömmt ihre Parorismen! Betti (versucht es, an der Wand bis zur Thür zu kommen). Wenn ich nur auf gute Art hinaus käme. Horner (sie immer mit starren Augen betrachtend). Diese Furcht ist reiner Wahnsinn — ! Betti. Wie er die Augen rollt — rein Wahnsinn! Horner. Mein Gott, sie stürzt sich am Ende zum Fenster hinab — wenn ich nur eine Gurte bei mir hätte, ich muß sie zu fassen suchen. — Lieber Schatz! Betti. Ach — ach, ums Himmelswillen, lassen Sie mich! (Sehr schnell und immer km schreienden Tone.) Was haben Sie? was wollen Sie? — lassen Sie mich allein! Horner. Aber ich muß doch auf den Herrn Doctor warten, um diesen Brief — (zieht ihn aus der Tasche). Betti (mit ausgestreckter Hand auf den Tisch weisend). Da — da — legen Sie den Brief nur dorthin — aber dann fort, um Gotteswillen fort! Horner. Nun ja, schon recht! (legt den Brief auf den Tisch.) Betti. Ich werde ihn übergeben, gleich wie der Doctor kommt, aber jetzt gehen Sie! (beinahe weinend). Ich beschwöre Sie umS Himmelswillen, gehen Sie! Horner. Ja, ja ich gehe schon. (Für sich.) Nun, wenn der Doctor alle seine Patienten so kurirt, wie diese, so möchte' ich ihm nicht einmal meinen Vorstehhund in die Kur geben, wenn er das Unglück haben sollte, geisteskrank zu werden. (Ab.) Achte Scene. Betti (allein). Dem Himmel sei Dank, er ist fort! Ich muß nur schnell auf mein Zimmer, er könnte nochmal zurückkommen. (Ab) Neunte Scene. Keck. Dr. Bornheim, dann Betti. K eck (springt lustig herein). Richtig ist's ein Liebesbrief. — O ich bin ein Kenner ! Auf den ersten Blick wußte ich's schon, daß es ein Liebesbrief sei — überhaupt, ein Liebesbriefchen kann man ja sogleich an dem Wappen des Siegels erkennen; eS gibt drei Klassen Liebesbriefwappen, und zwar in aufsteigender Linie. Erste Klasse: zwei schnäbelnde Täubchen, zweite Klasse: 0 zwei in einander verschlungene Schlangenringe, bedeutet ewige Treue, dritte Klasse: ein offenes Ohr, ein offenes Auge und ein geschlossener Mund, bedeutet hören, sehen und schweigen, und dieses ausgezeichnete Wappen dritter Klasse mit Vorzug, befindet sich auf diesem Briefchen — daher wußte ich auch augenblicklich, woran ich sei. O in der Liebes-Heraldik bin ich ein alter Prakticus (reibt sich die Hände.) Victoria! das gibt ein herrliches Abenteuer! Aber wo ist denn meine Frau? He! Betti! (Eilt zur Seitenthüre und öffnet sie.) Betti, komm heraus! Betti (kommt heraus). Keck. Siehst Du, ich hatte recht, es war richtig ein Liebesbrief. Betti. Ist das wahr. Herr Doctor? Bornheim. Ja. Warum sollte ich vor Euch ein Geheimniß daraus machen? — Ich bekam eben dieß Billet — Neugierig auf den Inhalt, las ich es im Gehen auf der Straße. Plötzlich springt mein lustiger Hausherr aus dem Thore — guckt mir über die Schulter hinein — sieht die Aufschrift „Geliebter Adolph", und nun — nun sollt Ihr Alles wissen. Keck. Zch weiß schon Alles! Sie haben nicht erst nöthig, mir weiter zu erzählen. — Mein Gott, ich kann mir ja Alles denken ! — Eine hübsche junge Frau — tirannifirender Genial, unglückliche Ehe. Herzensdrang und Leberleiden, Sckeidewasser-Thränen und Lau üe 6oIoSne, Verzweiflung und Blausäure, Tod und Grabesnacht, Geisterspuck, Windsbraut, Fackelzug im Jam- merthale — Bornheim. Was sprechen Sie da? eine verheirathete Frau? — Was fällt Ihnen ein — der Brief ist von einem reizenden unschuldigen Mädchen, welches allein meine ganze Seele einnimmt. Keck. Was — ein Mädchen? und unschuldig? — O weh, daS ist eine ganz gewöhnliche Geschichte. Born he im. Sie zu besitzen, ist mein einziger Wunsch. Keck (ihnparodirend). Sie zu besitzen ist sein einziger Wunsch. — Also Hei- rathen? eine ganz gewöhnliche Heirath? Das ist langweilig. Meine Frau sagte immer, (auf seine Frau weisend) es wäre eine verheirathete Frau. O weh, das schöne Abenteuer mit dem Briefzustecken, heimlichen Hineingerufen- und öffentlich Hinauögeworfenwerden, ist weg, rein weg! Bornheim. Wovon sprechen Sie denn da? Keck (ärgerlich). Ach gehen Sie — Sie sollten sich schämen, sich auf eine so gewöhnliche Art zu verlieben — pfui! Bornheim. Wenn Sie erst meine Nina sehen würden, lieber Keck. Keck. O ich bitte — was wird denn da zu sehen sein? Ein Amorettengesicht- chen, blond gelocktes Seidenhaar, ein paar blaue Sternen-Augen, Lilienwangen, Rosenlippen, Alabaster-Nacken, Tannengestalt, Zephirfüßchen und wallenden Busen. Das ist etwas Alltägliches, daS finden Sie bei meiner Frau auch. Born heim. Das ganze Verhält- niß ist aber nicht so alltäglich, als Sie wähnen — das Mädchen wird strenge gehalten. Keck. Nu, das ist etwas — Bornheim. Lebt beinahe wie eine Gefangene, in einem einsamen Forsthause. Keck. Hören Sie — das ist schon mehr als etwas! Born he im. Ihr Vater ist für Niemanden zugänglich. Keck. Aber wie kam es denn, daß seine Tochter für Sie so zugänglich war? Born heim. Bei einem botanischen Ausfluge, den ich in die nahe Waldung machte, sah ich sie zuerst auf einem einsamen Spaziergange. Keck. Aha, verstehe! beim Veilchen- 10 pflücken — ach das schöne Veilchen, beim Schmetterlingfangen — eine abscheuliche Wespe hat mich gestochen, Sie sprangen aus dem Holunderbusch, verjagten die abscheuliche Wespe, dann hieß es, wie in der Ahnfrau „Zufall ließ uns wieder finden — aber bald — nicht Zufall mehr!" B o r n h e i m. Derlei Zusammenkünfte sind aber so gefährlich, daß wir uns höchst selten sehen können. Nun schrieb sie mir so eben, daß ich heute um halb neun Uhr mich in der Nähe des Forsthauses unter dem Balkon einfinden solle — ihr Vater geht zeitlich zur Ruhe und sie wird dann auf dem Balkon erscheinen. Sobald ich Licht in jenem Zimmer sehe, muß ich ihr ein Zeichen meiner Anwesenheit geben. Keck. Was, ein Rendezvous unter einem Balkon? — Romeo und Julie — Bravo! das ist ein famoses Abenteuer! Doctor, ich gehe mit. Betti. Warum nicht gar, Du bleibst zu Hause. Keck. Du wirst doch nicht eifersüchtig sein, Weibchen? Wir sind schon 6 Jahre verheirathet, und da ist Eifersucht kein gesuchter Artikel mehr. B o r n h c i m. Nein, nein, lieber Keck! Ihre Frau hat Recht — ich gehe allein. Keck. Allein? fatal! Nun so leben Sie wohl! (im Abgehen traurig.) Ach, für mich blüht auf der Welt schon kein Abenteuer mehr. (Ab.) Zehnte Scene. Betti und Bornheim. Betti. Nein, mit dem Mann ist's nicht auszuhalten. — Bornheim. Aber sagen Sie mir nur, wie kommen denn Sie dazu, ihm zu sagen, daß ich eine verheirathete Frau — Betti (ärgerlich). Es ist ein Miß- verständniß, ich wollte ihm glauben machen, daß Sie in mich — Bornheim (lächelnd und kopfschüttelnd). Ich — in Sie — Betti (ihm schnell in die Rede fallend). Das heißt, nicht wirklich, denn wir lieben uns ja nicht, aber sehen Sie, ich habe schon Alles versucht, um meinen Mann ein wenig eifersüchtig zu machen, aber nichts wirkt auf ihn — da wollte ich — aber nur so zum Schein — Born heim. Zum Scheine — (lächelnd, indem er sie umschlingen will). Nun, so versuchen wir's! Betti (schnell zurückweichend, im verweisenden Tone) Herr Doctor — ich bitte — Born heim. Nu, nu, nur zum Scheine. Betti. Jetzt ist mein Mann nicht da, und da kann ich auch den Schein nicht brauchen. Bornheim. Ja. waS wollten Sie denn eigentlich bezwecken? Betti. Sehen Sie, ich möchte gar nichts, als meinen Mann so einmal recht eifersüchtig sehen — so, wissen Sie — so recht tobend, lärmend und polternd, und meinetwegen ein paar Spiegel und Fenster zusammenschlagend. Dann wäre ich wieder ruhig, denn da hätte ich den Beweis, daß er mich noch liebt. Bornheim. Nun — das, dächte ich, dürfte doch leicht herbeizuführen sein. Betti. O ja, (verlegen). Ich habe auch schon so etwa- ausgesonnen, und wenn Sie wollten — Bornheim. Was — soll ich Sie vielleicht in seiner Gegenwart küssen? — Mit Vergnügen! Betti. Warum nicht gar. Born heim. Nu, nu, es wäre ja nur zum Scheine. Betti. O ja, bei den Männern ist Alles nur zum Scheine, das ist eben das Unangenehme. Aber mein Herr, 11 ich muß Ihnen bekennen, daß ich mir einen Doetor. der Geisteskranke kurirt, ernster vorgestellt habe. Bornheim. Das ist aber eine ganz verkehrte Ansicht. Aus Trübsinnigkeit und Melancholie entspringen die meisten Gemüthskrankheiten; kommt nun der Arzt mit so einem tiefgefurchten Pandekten-Gesichte, so muß der Kranke noch trübsinniger werden, daher ist mein Hauptmedikament, womit ich am meisten bewirke, mein heiterer Humor. Aber ha, ha, ha — ich halte Ihnen da eine psychologische Vorlesung — also um wieder zur Sache zu kommen, was haben Sie sich denn ausgesonnen? Betti. Nun sehen Sie — ich — ich — aber Sie müssen nicht böse sein. — Born heim. Gewiß nicht! Betti (indem sie ein kleines Briefchen aus dem Busen zieht). Ich habe da ein kleines Briefchen geschrieben — an Sie. — Born he im. An mich? Betti. Ja, worin ich Sie zu sprechen wünsche. Wenn Sie nichts dagegen haben, so stecke ich es hier in Ihr Kleid und Sie — Sie müßten dann dieß Briefchen in Gegenwart meines Mannes beim Anziehen des Frackes zufällig herausfallen lassen — Born heim. Aber liebes Weibchen, das kann gefährliche Folgen haben, denken Sie, Ihr Mann — Betti. Onein, gewiß nicht, wenn ich ihm dann sage, daß es nur ein verabredeter Scherz war, so gibt er sich schon wieder zur Ruhe, denn sein Vertrauen zu mir ist wahrhaft schauderhaft. Aber ich denke, für die Zukunft wird eS doch gut sein, denn er wird sich hü- then, daß aus dem Scherz nicht ein Ernst werde, und mich mit größerer Aufmerksamkeit behandeln. Bornheim. Nun denn — auf Ihre Gefahr! Betti. O ich danke Ihnen, Herr Doctor! (Steckt schnell den Brief in den am Stuhle hängenden Krack.) Aber der Brief erinnert mich — bald hätte ich vergessen — (auf den Tisch weisend.) Da ist auch ein Brief an Sie! Born heim. An mich? Betti. Ja, ein Mensch hat ihn gebracht, der offenbar närrisch ist, denn er will sich von Ihnen kuriren lassen. Bornheim. Ich danke für das Kompliment! aber was ist's denn? (Erbricht den Brief.) Ohne Unterschrift! (Liest, bei Seite tretend). „Mein Herr! Ihr Ruf als Arzt drang zu mir. Ich bin der Vater eines gemüthskranken Kindes. Allein meine Verhältnisse machen es nöthig, daß dieß für die Welt ein Geheimniß bleibe — weßhalb ich Ihnen weder meinen Stand noch Namen nenne. Mein Aufenthaltsort muß Ihnen ein Geheimniß bleiben. Ein Mann wird Sie heute Abends um halb neun Uhr in Ihrer Wohnung abholen und mit verbundenen Augen zu mir bringen. Es gilt ein Menschenleben zu retten. — Seien Sie des reichlichsten Lohnes gewärtig." Sonderbar — sehr sonderbar — doch was kann wohl für eine Gefahr dabei sein? — Ich gehe — doch mein Rendezvous zur selben Stunde — je nun, die Krankenvisite wird doch nicht so dringend sein! (Laut zu Betti.) Wenn der Ueberbringer dieses Briefes wieder kommt, möge er mich erwarten. Bei der ersten Visite eines Kranken muß man besonnen sein, und wie könnte ich dieß, wenn ich wüßte, daß mein Mädchen mich vergebens erwartet. Betti. Nun sehen Sie, Herr Doctor! das gefällt mir wieder von Ihnen. Born heim. Was? Betti. Daß Sie doch so viel Rücksicht für den Gegenstand Ihrer Liebe haben, das kömmt bei den jetzigen Männern ganz aus der Mode! So einem Galan der Neuzeit liegt oft das Wohl eines neu anzurauchenden Meerschaum- 12 kopfes mehr am Herzen, als die Ruhe seiner Geliebten. Bornheim. Ja leider verschwinden die edlen Gebräuche ritterlicher Galanterie immer mehr, und sie waren doch so.schön. Duett. Bornheim. Wie schade, daß die Zeit sich nimmermehr erneut. Wo voll vom Thatentriebe des Mannes kühne Brust Durch Heldenmut!) die Liebe sich selbst erringen mußt'; Denn das ist uns doch auch viel Werth, WaS schwerer Kampf beschert. Betti. Gefahren sich wünschen in jetziger Zeit, Wo ohne Gefahr kaum die Liebe gedeiht. Hat Einer des Abends oft ein Rendezvous, Doch läßt seine Spielparthie dieses nicht zu. Er will wohl des Glückes der Lieb' sich erfreu'n. Doch muß dieß mit aller Bequemlichkeit sein. Und wenn auch diese Liebe gefährlich nicht war, So halten die Heirath selbst sie für Gefahr. Er. Es gibt Ausnahmen doch. Sie. Hab'S nicht gefunden noch. Er. Und treuen frommen Sinn — Sie. Ich selbst ein Beispiel bin. B o r n h e i m. Spricht man von all' dem Ueblen, WaS Mann und Frau begeht. Da schwöret Jede sicher, Daß sie als AuSnahm steht. Betti. Wie schwören die Männer doch alle so viel. Ehe sie noch gedrungen an'S liebliche Ziel; „Ach Mädchen, ich schwör' eS, ach Du nur allein Sollst ewig das Bild hier im Herzen mir sein." Doch kaum sind verehlicht ein Jährchen erst sie. Da gleichet sein Herz einer Gemäld'- Gallerie Voll weiblicher Köpfchen, theilS schwarz, blond und braun. Der Frau Bild das ist nur im Winkel zu schau'n. B o r n h e i m. Dieß gilt nicht von mir. Betti. Das wollen sehen wir. B o r n h e i m. Füllt nur ein Bild Dein Herz? Betti. Ich duld' nicht solchen Scherz. Bornheim. Und dem Mann nur allein Willst Dein Herz ewig weih'n? Dann wirst Du wohl allein Von Allen die Ausnahme sein. (Beide ab). Eilfte Scene. Keck, (allein, kommt aus seinem Zimmer). Na endlich ist er doch fort, ich wollte ihn eben erinnern, daß es schon ^9 Uhr ist, da sollte er längst am Platze seines Rendezvous sein. Ich wenigstens, wie ich noch ledigen Standes war, machte es bei Rendezvous immer so, wie die Militaire bei einer Parade — ich rückte immer um eine Stunde früher aus — aber die jetzigen Liebhaber sind alle so kalt, ein Schneegebirg statt dem Herzen, und Granitgefrornes statt dem Blute, da war ich ein ganz anderer Courmacher. Und die Abenteuer, die ich alle erlebte! Aber jetzt seit ein paar Jahren ist es wie verhext — ich komme zu keinem Abenteuer mehr. — 13 Zwölfte Scene. Keck und Horner. Horner (tritt leise ein). Pst! Keck (für sich). Was ist das? (hustet), hm! hm! Horner. Sind Sie's? Keck. Ja, ich bin so frei! Horner. Haben Sie den Brief erhalten? Keck. Brief? — Halt! das ist abenteuerlich. Ja wohl! Horner. Und wollen Sie mir folgen? Keck. Folgen? — Ihnen? Element, das ist ein Abenteuer k 1a Vehmge- richt und Banditenhöhle. — Nun frisch gewagt! Ich folge, und sei die Hölle das Durchhaus! Horner. Sie werden bereits mit Ungeduld erwartet. Keck. Mit Ungeduld? kann mir's denken. Aber erlauben Sie mir nur, daß ich mich erst ein wenig anders co- stumire. — Horner.. O, thut nichts — die Kur hängt nicht vom Rocke ab. Keck. Kur? (für sich), 's ist richtig auf's Kourmachen abgesehen (laut). Aber erlauben Sie, es ist doch ein Frauenzimmer? Horner. Allerdings. Keck. Dann verbiethet es der Anstand, in diesem Negligs vor ihr zu erscheinen (für sich). Ich wage es nicht, mir einen Rock aus meinem Zimmer zu holen, meine Frau könnte etwas merken, und dann wäre vielleicht mein ganzes Abenteuer vereitelt. Halt! da hängt ja ein Frack. Sie erlauben, ich bin sogleich fertig (zieht den Frack an. richtet sich die Frisur zurecht). Horner. Aber sputen Sie sich doch! Keck. Jst's denn gar so pressant? Ich bin schon fertig. Horner. Noch Eines — geben Sie mir Ihr Sacktuch. Keck Sacktuch? (indem er furchtsam sein Sacktuch herauszieht). WaS wollen Sie denn damit? Horner. DaS sollen Sie sogleich sehen. (Legt das Tuch als Augenbinde zusammen). Keck. Mir scheint gar. er will einen Plumpsack daraus flechten (reibt sich den Rücken). Horner. So — darf ich bitten? (will ihm die Augen verbinden). Keck. Was heißt denn das? Soll ich denn blinde Kuh spielen? Horner. Aber es hat ja im Briefe gestanden. Keck. Im Briefe? — ja richtig (für sich). Wo muß denn der Brief hingekommen sein? (laut). Also meinethalben ! (während ihm Horner die Augen verbindet). Verbundene Augen — das ist ein furchtbares Abenteuer, (laut, nachdem er die Binde um hat). So, ich bin Ihnen sehr verbunden! Horner. Und jetzt lassen Sie uns gehen, der Wagen steht unten — Keck. Also wagen wir'S mit dem Wagen — Horner (nimmt seinen Arm und will mit ihm fort). Dreizehnte Scene. Vorige. Betti. Vetti (kommt mit einem Lichte aus dem Nebenzimmer, erblickt die Beiden und bleibt vor Schreck starr stehen). Keck (erschreckt). Alle Wetter! meine Frau! Betti. Himmel! der Narr! Horner. Teufel! die Närrin! Keck (leise zu Horner). Ich bitte Sie, machen wir. daß wir fortkommen. (will fort). Betti. Mein Mann mit dem Narren? — Lieber Mann! Horner. Was — Mann? Keck (für sich). Er hält mich für 14 ledig. (Leise zu Horner). Nein, ich bin nicht ihr Mann — Horner. Aha! das ist wahrscheinlich ihre fixe Idee, daß sie einen Andern für ihren Mann hält — kömmt öfter vor — diese fixe Idee. Keck. Aber gehen wir — gehen wir — (will wiederholt fort). Betti (eilt hin und will ihn losreißen). Um alles in der Welt, bist Du denn auch verrückt? (ruft). Herr Doctor! Herr Doetor! Horner. Fort, Wahnsinnige! (indem er sie zurückdrängt, dann zu Keck). Kommen Sie, die Dame wartet! — Betti (außer sich). Die Dame? Er ist ja mein Mann — Keck (zu Horner). Glauben Sie es nicht. — Die Dame wartet! — fort zu ihr! (wird schnell von Horner fortgezogeu.) Betti. O mein Himmel! was ist das? er selbst verläugnet mich, seine Frau? ist er wahnsinnig geworden, oder — (sieht den Rock Keck's auf dem Stuhle, plötzlich von einem Gedanken durchzuckt). Hier sein Rock — und er — Mein Himmel, welch ein Gedanke! — Er hat deö Doctors Rock — er ist auf den Brief gekommen — er hält mich für untreu — und nimmt, ohne mich zu hören, so fürchterliche Rache — verläugnet mich, will nichts mehr von mir wissen, läßt sich zu einer Andern führen. Wo sind sie denn nur hin? (reißt schnell ein Fenster auf und sieht hinab). Sie stiegen in einen Wagen — (weinend, schreiend). Keck — geliebter Mann! ich bin unschuldig! — höre mich — er weist abwehrend mit der Hand zurück — der Wagen rollt (mit erschöpfter Stimme). Haltet den Wagen auf! zu Hülfe! Mein Mann ist entführt! Bierzehute Scene. Vorige, die Na chb arinnen (eilen zur Thür herein). Chor. Welches Lärmen, welches Schret'n — ? Was muß hier geschehen sein — ? Seht die Frau — sie ist ganz weg. Sprechen Sie doch. Frau von Keck. Betti (fingt). Ach, was mußte ich gewahren! Seht, mein Mann ist fortgefahren. Trostlos läßt er mich zurück! Mag der Himmel sich erbarmen, Denn in einer Andern Armen Sucht er nun der Liebe Glück. Betti. Ach, Freundinnen! kennt denn Niemand den Fremden, der meinen Mann entführt hat? Eine Nachbarin. Es war der Schreiber aus dem Försterschlosse. Betti. So ist er nach der Försterei? Ich nehme einen Wagen und fahre ihm nach. Chor. Liebe Frau, das wird nichts nützen, Er wird sich wohl sicher schützen — Und der Liebsten Kämmerlein Wird gewiß verschlossen sein. Betti. Recht könnt Ihr haben, doch in Kleidern eines Mannes — Komm' ich sicher in da- HauS. Ja — ich komm' im Kleid des Mannes, Ich verstell mich, glaubt, ich kann rS! Liebe führt die List wohl aus. Schnell, nur keine Zeit verloren. Will ich vor ihn treten noch! Will zurück ihn bringen doch, Ja — ich Hab' es selbst verschuldet, Daß ich diesen Schmerz erduldet. Chor. Wie — sie hat eS selbst verschuldet, Daß sie diesen Schmerz erduldet? Will zurück ihn bringen doch! Betti (eilt in da- Nebenzimmer, während des Chores). Der Vorhang fällt. 15 Zweiter Aet. Die Rückseite des Forsthauses im Walde mit einem Balkone. Nahe am Balkone eine denselben überragende Tanne. An einem Fenster ein Licht, der Mond am Himmel beleuchtet die Gegend. Erste Scene. Die Jägerbursche (kehren unter Waldhorn-Klang zurück). Finster mit ihnen. Chor. Es ist der letzte Strahl verglommen Hoch oben auf dem Adlerhorst, Und mächtig ernste Schatten kommen, Sich lagernd auf den dunklen Forst. Und hoch am HimmelSbogen schreitend, - Erscheint des Mondes stille Pracht, Sein mildes Silberlicht verbreitend, » Ein Mutteraug' in dunkler Nacht. Gute Nacht! gute Nacht! Finster. Nun Leute, begebt Euch zur Ruhe, morgen heißt's wieder zeitlich an's Tagwerk. Ihr aber, Martin, nehmt fünf Bursche und durchstreift behutsam die Waldungen. — Die Wilddiebe werden wieder allzufrech! (Die Jäger entfernen sich theils in's Haus, theils mit Martin gegen den Wald zu.) Finster (allein zurückbleibend). Wenn dieser Arzt das Uebel unheilbar erklärte, wenn er eine Krankheit entdeckte, welche das langsame Hinwelken meines Kindes zur Folge haben muß, wenn — Aber warum ruf' ich, mir immer und immer wieder diese schwarzen Bilder vor die Seele? eS kann ja auch nur ein vorübergehendes Uebel sein. In einigen Wochen kann meine Tochter wieder blühend und heiter, wie früher an meinem Herzen ruhen! Zweite Scene. Finster. Horner. Horner (kömmt aus dem kleinen Thor des Forsthauses). Herr Forstmeister! Finster. Wie — Sie zurück — und allein? Horner. O nein, er ist da — aber der Wagen hielt an der großen Einfahrt rückwärts. Ich habe den Doctor indeß in das kleine Kabinet zu ebener Erde geführt, und ließ ihn dort gegen sein Ehrenwort, die Binde nicht abzunehmen. Finster. Also er folgte doch? — Gott sei Dank! Horner. Ist aber ein spaßiger Herr, der Herr Doctor! unruhig wie ein Wespennest — und voll Neugier. Während der ganzen Herfahrt suchte er mich auszufragen über die Dame, zu welcher er geführt wurde, wie sie aussehe, ob sie jung ist, ob blond oder schwarz, ob sie schon einen Anbether gehabt? Finster. Das finde ich ganz begreiflich. Die Kenntniß der vorangegangenen Lebensweise wird ihm helfen, den Grund der Krankheit leichter zu finden. Horner. Aber erlauben Sie, wenn jedes Frauenzimmer dem Arzte ihre Anbether nennen müßte, so wäre das Kranksein höchst unbequem! Finster. DaS verstehen Sie nicht. — Doch lassen Sie den Doctor nicht allzulange allein — gehen Sie zu ihm, ich will indeß meine Tochter vorbereiten. Noch weiß sie von dem Besuche des ArzteS nichts. Bin ich damit zu Stande, so führen Sie ihn herauf in das Altan- Zimmer. Horner. Ganz nach Befehl. Wenn ich ihn nur noch so lange ruhig erhalte, denn dem Mann scheint die Lust zum curiren eine wahre Leidenschaft. (Ab). Dritte Scene. Finster, dann Betti. Finster. Jetzt ans Werk! — doch was bewegt sich da den Waldweg herauf? das ist keiner meiner beute — 16 Betti (kommt hinter dem Hause hervor, als Mann gekleidet, in einen Gehrock, weißen Beinkleidern, ein buntes Tuch um den Hals geschlungen und einen Strohhut auf dem Kopse, auf dem Rücken trägt sie an einem seidenen Bande eine Mandoline, sich umsehend). Hü — da ist wieder Einer. Finster. Halt! wer da? Betti (für sich). DaS scheint der Förster selbst zu sein, jetzt Verstcllungs- kraft verlaß mich nicht! (laut, indem sie den Hut abzieht), öona 86rs, 8i§nor! siete appsronlo il psürono tli Doch auf die zweite Frage kann ich nur! mit Wehmuth Dir erwidern, daß meiner» Eltern Ehe nicht glücklich war. Plony. Armes Fräulein. — Aber nicht wahr, die Perlen haben Sie doch in Händen? Seraph ine. Noch nicht, obwohl es fast ein Jahr schon ist, daß ich sie ^ hätte fordern können, aber heute will ich in allem Ernste sie begehren. Plony. Recht so, sie werden Ihnen auch allerliebst stehen zu Ihrem Schwa- nenhälschen. .Sera pH ine. Nicht doch, Plony, Du irrst, wenn Du meinst, ich hätte sie zu meinem Putz erlesen. Ich habe Schöneres, Besseres damit im Sinne. Plony. Zum Beispiel? ' Seraph ine. Schon längere Zeit äußerte meine gute Mutter den Wunsch nach einem Pelzpalatin, doch leider konnte sie ihn nie erfüllen. Du weißt, ihre geringe Pension und meiner Hände Arbeit reicht nicht immer hin. Zwar, hat mein angestrengter Fleiß seit einem halben Jahr ein hübsches Sümmchen mir werschafft, doch damit könnte ich nur einen Palatin von geringerem Werth erhandeln, und ich möchte ihr doch so gerne eine rechte Freude machen. — Morgen geht sie zum erstenmale nach der Bergkap'clle, um dem lieben Gott für ihre Wiedergenesung zu danken, die Morgenluft ist kühl, ein warmes Pelzwerk wird ihre gute Dienste leisten, darum will ich heute noch einen Palatin ihr kaufen. — Ich habe aus dem Marktplatz einen gesehen, er ist von Zobel, ach — so herrlich, wunderschön, den will ich nehmen, und dazu muß der Gerichtshalter mir die Perlen geben, die ich wahrhaftig leicht entbehren kann. Plony. Ei, das ist wohl recht schön, aber dann haben ja Sie nichts. Seraphine. Der Mutter Freuden- thränen werden dann für mich die schönsten Perlen sein. Plony (küßt ihr gerührt die Hand). O Sie liebes, gutes Fräulein. Seraph ine. Nicht doch, Plony,! was thust Du? — doch jetzt komm, ! wir haben schon zu viel geplaudert und > die Mutter könnte uns vermissen. — ! Ich will sie jetzt herab in den Garten führen, und Du besorgst sodann das Frühstück. Komm! (Ab ins Hans.) Plouy (im Abgeheir). Und wenn ich Holzäpfel essen sollte, aus diesem Haus bringt mich kein Mensch. (Ab.) Sechste Scene. Egidy. Entreelied. Es kommt ein guter Kerl daher, Der gute Kerl bin ich; Wenn ich kein guter Kerl nit war, Mir war recht leid unk mich. Ich respcktir' das Mein und Dein, Das ist mein alter Brauch; Und denk halt: das, was mich thut g'freun, Das g'freut ein'n Andern auch. — Litzt auf der Nasen mir a Flicg'n, So laß ich ihr schön Zeit, Man kann ja oft ein'n Gusto krieg'n, Und's Vieh will auch sein' Freud. Und sagt ein Freund: Egidy, geh. Und hol statt meiner Schlag; >Lv macht der gute Kerl psrses Mit Freuden sich auf'n Weg. Kurz, und gut, das sag ich und dabei bleibts, ich bin ein guter Kerl, und wenn sich die Leut hundertmal darüber moguircn, ich bin halt doch ein guter Kerl. Da sagen die Leut immer, ich bin dumm, es ist aber nicht wahr, der Egidy ist nicht dumm. Pfiffig ist er, kurios Pfiffig. Auch lachens mich in Rautenbrunn immer aus über mein Sprichwort, daß ich ein guter Kerl bin, Herr Jemine, wenn man auf die Sprichwörter, die die Leut im Mund führen, genau aufpassen wollt', so würde man oft finden, daß ein jedes Sprichwort accurat auf den Character. eines solchen Menschen paßt. — „Frei herausgesagt," sagt gewöhnlich Einer, der ein recht verstockter Dickschädel ist. „Auf Ehre," führen meistens die Leut, die nicht wissen was die Ehr ist. „Ohne Umstände," sagt gerad ein Mensch, der immer Umstände macht. „Sie können mir's glauben," sagt gewöhnlich der Schmeichler und Lugenschippel. „Verstehen Sie mich," sagt Einer, der recht schwer zu verstehn ist. „Ich versicher' Jhiren," sagen die, die selber nichts zu versichern haben. „Wissen Sic," ist gewöhnlich der Zlusdruck eines Menschen, der oft selbst nix weiß, und so weiter, und so weiter. Wenn aber ein Mensch sagt: „ich bin ein guter Kerl," so muß es wahr sein, bei mir ist's wahr, folglich bin ich ein guter Kerl. Punktum, ein' ganzen Sandhaufen darüber. — (Zieht die Laube.) Aha, da ist Alles aufgeputzt, gewiß kommt die alte Frau heut zum erstenmal herunter. Recht, da will ich ihr gleich zeigen, daß ich ein guter Kerl bin, ich Hab'eine Gratulation in Bereitschaft, die sie kurios angreisen wird. Wenn sie nur nicht rccidiv wird. Holla, ich glaub, sie kommen. — Geschwind ein bissel Verstecken spielen, wanns eine Weile beisammen sind, plump ich dann hervor. (Verbirgt sich hinter der Laube.) Siebente Scene. Vorige. Witwe Grün Wald. ^Leraphine. Plony, das Frühstück auf einer Tasse tragend. Teraphinc (die Ihre Mutter am Arme führt). Hierher, liebe Mutter, in die Laube. Fr. v. Grünwald (blickt gerührt umher und schöpft tief Athem). Ach — das stärkt! — das erquickt! O guter Gott, ist es denn wirklich wahr; so darf ich denn auf's Neue die schöne Sonne grüßen, der Blumen Schmelz, der Bäume Grün bewundern, und Deine reine 12 K Himmelsluft cinathmen. — Ach, wie ist die Welt so schön, ihr fehlt es nur an Engeln, nicht an Pxacht, daß sie kein Himmel ist. (Erblickt die Laube.) Sieh da, die schön geschmückte Laube, die Ueber- raschung ist von Dir, liebe Tochter, nimm meinen herzlichen Dank dafür. Seraphine. Nicht mein Werk ist's allein, die gute Plony hat mir treulich geholfen. Plony. Ei, ich habe das Wenigste dabei gethan, doch kommen Sie. gnädige Frau, ich bitte, das Frühstück möchte kalt werden. Seraph ine. Es ist Kaffee, liebe Mutter, der Doctor hat ihn heute zum erstenmal erlaubt. Fr. v. Grün Wald. Ach! ich habe ihn lange entbehren müssen, doch heute soll, von der geliebten Tochter Hand .bereitet, er mir vortrefflich schmecken. (Geht gegen die Laube.) E g id y (tritt ihnen entgegen). Mit Er- laubniß, ein guter Kerl ist da. Fr. v. Grünwald. .Ach sieh da, Herr Egidy ist da? freundlich willkommen ! Egidy. Gehorsamer Diener, 8ervu8 1iumi1iiru8, tres lluwple 86 rvit 6 ur,uwi- libsimo Lervitore, ^our mo8t llumlrie 86rvevt, P0M-26N^ rlu-riebnix, a 1 n 80 - äo8 2 o 1 Za^, Io8 86 rv 08 ck 6 äit 08 , 81uAL paoisa, Ojulo 8Ä88! Sie sehen, Frau v. Grünwald, ich grüße Ihnen in allen Sprachen, damit will ich ganz klar und deutlich anzeigcn, daß die ganze Welt eine Freude hat. daß Sie wieder gesund sind. — Fr. v. Grünwald. Dank, herzlichen Dank für Ihre Theilnahme. Egidy. O, Geduld ein bisserl, wir sind noch nicht fertig, jetzt kommt erst meine Hauptgratulation, aber ich bitte, der Kaffee möcht kalt werden, frühstücken Sie frisch darauf los, und lassen Sie sich nicht ine machen, sollte Ihnen aber übel dabei werden, so denkens: der Egidy hats nicht so bös gemeint, denn er ist ein guter Kerl. Fr. V. Grünwald (setzt sich in die Laube und frühstückt. Seraphine und Plony stehen ihr zur Seite, sie bedienend). Egidy (räuspert sich und stellt sich in Positur. Es ist Jedermann und männig- lich bekannt, daß Adam und Eva die ersten Menschen waren, die ersten Menschen lebten in dem Paradies; das Paradies war ein schöner anmuthiger Garten; in einem schönen anmuthigen Garten wachsen Bäume, Blumen, Pflanzen und Kräuter; Bäume, Blumen, Pflanzen und Kräuter bringen dem Menschen Nutzen und Vergnügen ; Nutzen und Vergnügen gewähren Lebensgenuß; Lebensgenuß kann sich Jeder verschaffen, der ein Geld hat; wer ein Geld hat, essen- und trinken was er will; Essen und Trinken halt Leib und Seel zusammen; wenn Leib und Seele nicht mehr Zusammenhalten wollen, so wird der Mensch krank; wenn der Mensch krank wird, so braucht er den Doktor; der Doktor verschreibt ihm ein Rezept; das Rezept trägt man in die Apotheken; aus der Apotheken kommen Medizinen, Decocten, Salben, Geister, Tinkturen, Pflaster und Thee; Medizinen, Decocten, Salben, Geister, Tinkturen, Pflaster und Thee nimmt der Kranke Alles untereinander ein; wenn der Kranke Alles untereinander einnimmt, so stirbt er; wenn er nicht stirbt, so kommt er davon; wenn er davon kommt, so wird er gesund; wenn er gesund wird, so freuen sich von Herzen alle seine Angehörigen; freuen sich von Herzen alle seine Angehörigen, so freu auch ich mich; und darum sag' ich nichts als: Vivat Frau von Grünwold, zum erstenmal; Vivat Frau von Grünwald, zum zweitenmal; und Vivat Frau von Grün- wald, zum — gibt Niemand mehr — zum drittenmal. Punktum, ein Sandhaufen drüber, aus ist's — gehorsamer Diener Allerseits. 13 Fr. v. Grün wald. Noch einmal, den wärmsten Dank für Ihre Güte. Sera pH ine. Ei, Herr Egidy, das haben Sie ganz charmant gemacht. Ver- muthlich war die schöne Rede von Ihnen selbst verlaßt? Egidy. Aufzuwarten, cs ist das Werk vieler schlafloser Nächte, o ich Hab lang, sehr lang, schon vor Ihrer Krankheit daran gearbeitet. Fr. v. Grünwald (lächelnd). Also wußten Sie, daß ich krank werden würde? Egidy. Ein guter Kerl muß auf Alles gefaßt sein. Frau v. Grünwald. Und wie geht es Ihnen sonst, doch immer recht wohl? Egidy. Ich dank, wie Sie sehen, alleweil im schönsten Brillantseuer. Immer frisch und gesund, kreuzfidel und- lustig. Was geht mir auch ab? Ich arbeite wenig und esse viel und das ist die schönste Lebensphilosophie. — Ueber- dieß bin ich wirklicher Amtspraktikant, und Hab vom Staate die Erlaubniß, zu praktiziren so lang ich will. Seraphine. Aber die Aussicht, Herr Egidy, die Aussicht? Egidy. Aussicht? Wenn ich auf unfern Kirchthurm steig, so Hab ich die schönste Aussicht. Apropos, wenn mein Vetter noch nicht da war, er will auch seine Gratulation abstatten. Fr. v. Grün wald. O, die Mühe hätte er sich ersparen können, ich bin von seinem guten Herzen hinlänglich überzeugt. Egidy. Guten Herzen? Jetzt, ich weiß nicht, wie Sie das meinen, vielleicht haben Sie die Güte, mich etwas zu foppen, aber guten Herzen. — Kurios ! ich kann von seinem guten Herzen nicht viel sagen. Ich glaube auch überhaupt gar nicht, daß er ein Herz hat, und ich meine immer, wenn's ihn einmal nach seinem Tod secciren, so Werdens statt dem Herzen ein' alte Rechentafel finden. Achte Scene. Vorige. Kellerhals. Kellerhals (der bei den letzten Worten eingetreten). Was ist hier die Rede von einer alten Rechentafel? Egidy (ohne zu erschrecken). Ach gehorsamer Diener. Herr Vetter. Just recht, daß Sie kommen, ich Hab Ihnen gerade eine der schönsten Lobreden gehalten, und Hab unter Andern auch gesagt, daß Ihre Ehrlichkeit so fest ist wie eine alte Rechentafel. Kellerhals. Dummer Vergleich, eine Rechentafel ist zerbrechliches Zeug. Egidy. Eben dasselbe Hab' ich auch gemeint. Kellerhals. Stupiditäten — Albernheiten. — Marsch! lieber auf die Amtskanzlei, es gibt Arbeit dort in Menge. Besser thätig sein als müssig herumgehen. Egidy. Das Hab' ich just sagen wollen. — Aber ich Hab mir gedenkt, keine Regel ohne Ausnahme, und der Frau von Grünwald Hab' ich zu Ihrer neuen Gestmdheit gratuliren müssen. Fr. v. Grün wald. Und hat mich auch durch seine Theilnahme wahrchaftig erfreut. Kellerhals. So? Nun das ist etwas Anders, so laß ich es hingehen, bin eben auch deßwegen hier. — Frau von Grünwald, empfangen sie nun gleichfalls den Glückswunsch eines aufrichtigen, biedern und echten deutschen Mannes. 3s 8ui8 bien ai8s- äs vou8 voir rstaifiis. Egidy (niest aus allen Kräften). Kellerhals (erschrickt). Was ist das wieder für eine Dummheit? Egidy. Nix, mir ist eine französische Gölsen in meine Deutsche Nasen kommen. Kellerhals. Albernes Zeug, ich glaube, man will mich foppen.— 14 Egidy (fUr sich). Ist bereits geschehen. Kellerhals. Die Lust laß' Er sich vergehen., junger Herr, verstanden? — (Zn Frau von Grünwald.) Um also wieder auf obbesagtcn Glückwunsch zu kommen, so füge ich noch hinzu, daß es mir äußerst lieb und angenehm wäre, wenn ich Ihnen zur Feier Ihrer Wiedergenesung zugleich eine Bitte vortragen dürfte, deren Gewährung mich zum glücklichsten Menschen machen würde. Fr. v. Grün wald.. Reden Sie, Herr Gerichtshalter. Seraph ine (für sich). Gott, ich ahne —- Plony (leise zu Seraphine). Halten Lie nur einen tüchtigen Korb in Bereitschaft. Egidy. Wenn es das ist, was ich mir denke, so zünd' ich ihm sein' Haar- bcutl an. Keller hals. Sie wissen, daß ich das Glück hatte, ein vertrauter Freund Ihres seligen Herrn Gemahls zu sein. Fr. v. Grünwald (seufzend). Leider weiß ich cs. Kellerhals. Leider, sagen Sie? ist es denn wirklich mein Loos, von Ihnen verkannt zu sein? Wohlan, ich will-Jhncn alsogleich einen triftigen Beweis meiner Redlichkeit und meiner aufrichtigen Gesinnungen an den Tag legen. — Auf was ich oft von der Ferne angcspielt, was ich der liebenswürdigen Seraphine oft deutlich zu verstehen gegeben, das sei jetzt klar und wahr von mir herausqesaat, ich bitte um die Hand Ihrer Tochter. Egidy. Herr Vetter, was muß ich hören. Sie wollen heiraten? Keller hals. Nun, und hat der junge Herr dagegen etwas einzuwenden? Egidy. Um Alles in der Welt, thun Sie das ja nicht. Kellcrhals. Warum? Egidy. Weil sich's nicht schickt. Pfui, was glauben Sie denn? Ein alter Mann, der ein junges Mädel Heirat, kommt mir gerade so vor als wie ein Müller, der nur noch ein paar Metzen Getreid abzumahlcn hat, und sich deßwegen noch eine neue Mühle baut. Alle (lachen). Kellerhals. Impertinenter Bursche, den Augenblick mir aus den Augen. — Sie lachen Alle — das ist für mich ein schlimmes Prognostikon. — Nun, Frau von Grünwald, was haben Sie auf mein Ansuchen zu repliciren? — Fr. v. Grün Wald. Ich will ganz offen mit Ihnen reden. — Da Sie sich vorhin einen biedern echten Deutschen nannten, so scheinen Sie auch die alte Sitte beibehalten zu wollen, nach welcher die Freier sich eher an die Eltern, als an die Töchter wandten. Ich aber sage Ihnen, daß ich, obwohl die alten Sitten ehrend, in diesem Falle meiner lieben Seraphinc keinen Zwang anthun will. Ich gab ihr unumschränkte Freiheit über ihr Herz und ihre Hand. Meine gute Tochter, sage dem Herrn Gerichtshalter — Deinem Vormund, (mit Betonung) dem Herzensfreunde Deines Vaters nun selbst, was er von Dir zu Hoffen hat. — Komm, PlvNy (mit Plony ab). Reünlc Scene. Kellerhals. Seraphine. Egidy. Kcllerhals (für sich). Es lag eine tüchtige Dosis Gift in diesen Worten, thut nichts, so was schüttelt man ab. wie ein nasser Pudel. (Laut.) Nun, Fräulein Seraphine, da Ihre Frau Mama mich an Sie verwiesen, so frage ich jetzt ergebenst: was sagen Sie zu meinem Antrag ? Seraph ine. Daß ich noch keine Lust zum Heiraten in mir spüre, und lieber noch ein paar Jahre warten will. Keller hals. Hm! noch ein paar Jahre, das ist denn doch zu lang! Egidy (für sich). Derweil holt ihn der Währinger ab. Keller hals. Sie sollten doch bedenken, daß Ihre Mutter alt ist, daß sie über kurz oder lang mit Tod abgehen kann, Sie haben kein Vermögen, und stehen dann allein und hilflos in der Welt. Seraph ine. Der die Lilien auf dem Felde kleidet und dem geringsten Wunn sein Futter gibt, wird ein braves Mädchen, nicht verderben lassen. Ich kann arbeiten. — Egidy. Heirat der Herr Vetter mich, ich bin ein guter Kerl, wir werden uns charmant vertragen, Kellerhäls (schon ergrimmt). Halts Maul, oder ich gib' Dir eine Ohrfeige. (Zu Seraphine.) Also, Hab' ich im vollen Ernste nichts zu hoffen? — Seraphine. Es thut mir leid, ,aber mein Entschluß bleibt unwiderruflich. Kellerhals (gereizt).. Hm! — auch recht — Nichts für ungut, Fräulein Mündel, ich will mirs einstweilen merken. Seraphine. O zürnen Sie mir nicht, bester Herr Vormund, im Gegen- theile, machen Sie ein freundliches Gesicht und öffnen Sie Ihr Herz der Milde, denn ich habe selbst eine Bitte an Sie. Kellerhäls. So, selbst eine Bitto, nach dem Sie mir die meinige' rund abgeschlagen, und was gibt es denn? Sera pH ine. Sie haben 8 Schnüre echte Perlen in Verwahrung, die Sie nach dem letzten Willen meines Vaters mir in meinem 18. Jahre übergeben sollten. Die Zeit ist längst vorüber, ich habe nie etwas davon erwähnt, doch jetzt bitt' ich Sie darum. Kellerhals. Was wollen Sie mit den Perlen? — Sie etwa tragen? Sie verstehen sich noch nicht auf den Werth eines solchen Schmuckes, sind noch viel zu siing. Egidy (für sich). Schau, aber zum Heiraten, wär' sie ihm nicht zu jung. O Du alter Fliegenpracker. Seraph ine. Herr Gcrichtshalter, ich will diese Perlen ja nicht zu meinem Putz tragen, ich habe etwas Gutes damit vor. Kellerha lF. Gleichviel, die Perlen bleiben in meinen Händen und werden nicht verabfolgt. Seraphine. Aber der Wille meines Vetters. — Kellerhals. Ei, was wußte der gute schwache Mann in seinen letzten Augenblicken, mir aber, als Ihrem Vormund, liegt es jetzt ob, auf Ihren Vortheil bedacht zu sein, darum behalte ich die Perlen bis zur gelegenen Zeit, es müßte, nur sein (schmeichelnd), daß Sie vielleicht diese Perlen als Brautkranz in Ihre Haare flechten wollten, wenn ich das Glück haben sollte, Sie zum Traualtar zu führen. Seraphine (entrüstet). Eher würde ich dicß theure Andenken meines Vaters in den tiefsten Fluß versenken, eh' ich dazu mich entschlösse. — Wohlan, behalten Sie die Perlen, Sie haben mir eine große Freude verdorben, möge es Ihnen der liebe Gott einst nicht bereuen lassen, aber meiner Mutter will ich's klagen, und sie soll bei den Gerichten Schutz gegen tyrannische Ungerechtigkeit suchen. (Ab.) Kellerhals. Dummer Schnack. Schutz suchen — Gerichte. Ich bin selber das Gericht, ich weiß, was ich zu thun und. was ich zu unterlassen habe. — Mag sie klagen wo sie will, ich bin ihr Vormund und Jurist obendrein. Ich finde hundert Gründe zur Verweigerung ihrer Bitte. Egidy (dem man anmerkt, daß er etwas vor hat). Ich finde cs überhaupt sehr kindisch von ihr, daß sie auf die dummen Perlen so vcrpicht ist. Kellerhals. Was kümmert das Dich, geh' mir aus den Augen. Egidy. Ei, es ist ja wahr, nur Alles was recht ist, zu was braucht das kindische Ding die Perlen, der Herr Vetter hat ganz recht gehabt, daß Sie ihr's verweigert haben. Keller hals (sieht ihn groß an). Ja sag' mir nur, was Du hast? . Egidy. Springgistig bin ich über die Keckheit, daß die die Perlen will. Es ist wahr, ich bin ein guter Kerl, und mach' manchen Jux in der Welt, ich halt auch den Herrn Vetter Hör einen Narren, so oft sich's thun laßt, und das ist nicht mehr als billig, aber d i e Sach ist außerm Spaß, und der Herr Vetter sollten ihr die Perlen auf kein Fall geben. Kellerhals. Meinst Du? Egidy. Auf keinen Fall, ich. sag's noch sinmal, und wenn der Herr Vetter einen recht gescheidten Mann machen will, so behält der Herr Vetter die Perlen ganz für sich, und sagt, sie sind in Verlust gerathen. Kellerhals (lauernd). Ei, das geht ja nicht. Egidy. Warum geht's nicht? Alles geht in der Welt, wenn man's nur recht anzupacken weiß. Z. B. Können denn die Perlen nicht bei dem vorjährigen Brand, wo sich Alles geflüchtet hat, und die besten Sachen haben gerettet werden müssen, verloren gegangen sein? Ha? Was? Wie? Aha! Kellerhals. Freilich — freilich - — (für sich.) Hab' oft schon selbst daran gedacht. Egidy. Freilich gehts so, und ich rathe auch dem Herrn Vettern dazu. — Ueberhaupt, wenn ich wie der Herr Vetter wäre, würde ich . mich mit den Leuten hier im Hause gar nicht mehr viel ein- lasscn, ich hänget sobald als möglich den ganzen Herrn Vormund auf den Nagel — Kellerhals. Wie, mich auf einen Nagel hängen? Egidy. I nein! die ganze Vormundschaft mein' ich, dann schlüg ich mir die Heiratsgedanken mit der Seraphine ganz aus dem Sinn, es gibt noch hübsche Madeln genug, ein so bildsauberer Mann wie der Herr Vetter, und vermöglich obendrein, darf ja nur alle zwei Hand ausstrecken, so hat er an jeder Hand fünf (für sich) nämlich 5 Finger. (Laut.) Ach es kann ja dem Herrn Vetter gar nicht fehlen, und Derjenigen, die der Herr Vetter heiratet, der gibt der Herr Vetter hernach die Perlen. Kellerhals. Hast nicht unrecht. Junge, der Gedanke ist so übel nicht von Dir, ich will mir die Sache genau überlegen — aber — wenn ich mich entschließe, die Perlen zu behalten, kann ich auch auf Deine Verschwiegenheit rechnen? — - E-g i d y. Auf meine Verschwiegenheit? im Gegentheil ? der ganzen Welt will ich's erzählen, daß — Ke ll erh als (erschrocken). Was willst Du erzählen? Egidy. Daß die Perlen verloren sind. — Berufen sich der Herr Vetter nur auf mich, ich gib ein' parteiischen Zeugen ab, ich sag' allen Leuten, die Perlen sind weg, schon lang weg, wir haben's ganze Schloß von . der Wetterfahne bis zum Kellerloch durchsucht und nix gefunden. — Kellerhals. Recht, recht, so geht's, bin fest entschlossen, den Handel einzugehen, will mir's aber doch vorher überlegen, Vorsicht ist die Mutter der Weisheit. Indessen, wenn ich Deinem Rathe folge, so rechne auch auf eine vollwichtige Belohnung. Bist doch ein braver Junge (tätschelt ihm die Wange), ein wahrhaft guter Kerl, wie Du immer sagst, hä, hä, hä, freut mich doch, daß Du auf meiner Seite bist, Du Goldbursch Du. (Ab.) Egidy (allein). Fahr ab. alter Ge neralcalfacter. — Also den Hab' ich in der Fallen, denn daß er die Gelegenheit nicht auslaßt, die ich ihm gezeigt Hab, 17 dafür ist mir gar nicht bang. Ja, Herr Vetter von der verkehrten Seiten, die Perlen sollen verloren geh'n, werden verloren geh'n, und müssen verloren geh'n. aber der redliche Finder macht zugleich einen ehrlichen Dieb, stellt dem wahren Eigenthümer das Seinige zurück und denkt sich ganz im Stillen: Ich bin halt doch ein guter Kerl. (Ab.) - Verwandlung. Marktplatz. Im Hinteigrunve und zu beiden Seiten große Markthiitten. In der Mitte die Marktsäule mit dem Zeichen der Gerechtigkeit. In der Markthütte vom Zuschauer rechts hängt allerhand Pelzwerk von hohem und geringem Werthe. Die Markthütte links-ist eine Geschirrhandlung. In der Hütte ist feineres, vor der Hütte ans dem Boden ausgebreitet, gröberes Und Kochgeschirr. In den andern Hütten sieht man Silbergerath, Uhren, Tücher, Leinwand, Schinttwaaren, Hüte rc. rc.- Es ist ein frohes Treiben auf dem Platze. Zehnte Scene. Kanfleute und Krämer. Käufer, Spaziergänger und Volk. In der Pelzwaarenhütte sitzt Rebekka. Im Vordergrund treten auf Wild und V l a s i U s. Letzterer hat einen Ueberrock. Wild. Es ist vergebens, 3 Stunden wandeln wir nun schon Herum und noch ist keine Spur von ihr zu finden. Blasius. Der Geist in der Teufelsmühle hat 30 Jahre herumwandeln muffen, bis er erlöst worden ist. Wild. Es ist wahrhaftig zum Verzweifeln. Blasius. Nur nicht den Muth verlieren, edler Ritter — will ich sagen Herr Postmeister. Hat der Günther von Schwarzenau in der Teufelsmühle einen Schatz gefunden, warum sollen w i r auf einem Jahrmarkt nicht unsere beiden Schatzerln finden. Wild (der sich rund herumgesehen). Nirgends — nirgends das holde liebliche Gesicht. Blasius. Hat die Ihrige ein Gesicht? — Dank Dir, o Himmel, nun schöpf ich neuen Athem, dann ist sie die Meinige nicht. Wild. Wieso? Blasius. Die Meinige hat kein Gesicht. Wild (lächelnd). Nicht? Was hat sie denn? Blasius. Eine von der Natur höchst gelungene ausgearbeitete Physiognomie. Wild. Du bist ein Dummkops. Blasius (singt für sich, ohne auf Wilds Rede geachtet zn haben). Heut Über's Jahr — sind wir ein Paar. Wild (der immer nach allen Seiten geblickt). Halt, dort ist sie — ach nein — nicht die geringste Ähnlichkeit — hieher wird sic wohl schwerlich kommen; komm, Blasius, wir wollen wieder auf den Kirchenplatz, vielleicht sind wir dann glücklicher. (Ab.) Blasius (indem er ihm folgt). Wann's mir zu lang dauert, geh' ich in die Herberge. (Ab.) Eilste Scene. Egidy (von der andern Seite). Das ist ein Leben und eine Unterhaltung auf einem solchen Jahrmarkt, nicht zum beschreiben. Es gehört nichts dazu, als ein bissel ein kleines und ein bissel ein großes Geld, und man könnte allerhand einkaufen. — Halt, der braven Fräulein Seraphine sollte ich doch was bringen, wo ist denn geschwind ein Zuckerbäcker oder ein Lebzelter (sieht sich IHN und sieht Rebekka.) Sapperment, das ist' ein sauberes Madel, und wie's in dem Pelzwerk drin sitzt, einen solchen Schaben laß ich mir schon gefallen. Mit der will ich anbandcln. Grüß Gott, lieb's Madel, wie geht's Dir denn allweil? Rebekka. Ich dank Ihnen, wie Sie sehen, man muß das Gute erwarten und das Schlimme vorbei gehen lassen. 2 18 Egidy. Was hast Du denn Alles zu verkaufen in Deiner Hütten? Rebekka. Was ich Hab zu verkaufen ? mci — wenn Sie werden Alles genau betrachten, werden Sie sehen, daß keine Maulaffen daherinnen sind. Egidy. Die ist g'fchnappig. — Also keine Maulaffen? Vielleicht andere Affen? Rebekka. Auch nicht, die bleiben meistens alle vor der Hütten. Egidy. Die stichelt nit übel, wenn ich's nur herauslocken könnt', ich pappet ihr ein Bussel hinauf, bloß wegen dm Affen. — Was das für wunderhübsche Pelzeln sein. Was kostet der Stutzen. (Greift^nach einem Muff.) Rebekka. Lassen Sie stehn den Muff, Sie kaufen ihn so nicht. Egidy. Das kannst Du nicht wissen, ich möcht schon lang gern ein Stutzen haben, man kann im Sommer das Gefrorne drin äufheben. Mit einem Wort, was kostet der Stutzen? (Er nimmt ihn von der Auslag und wirft dabei mehrere kleine Pelzwaaren herab.) Da liegt der Teufel. Rebekka (eilt aus der Hütte). Hab ich nicht gesagt, daß Sie sollen stehen lassen die Sachen, was machen Sie für Geschichten? Nun haben Sie Alles ver- ruinirt. — Verschwarzt sollen Sie werden. (Sie hebt Alles wieder aus-und richtet es aus die Auslage.) Egidy (der die Gelegenheit ersieht, umschlingt sie schnell und raubt ihr einen Kuß.) Da, das ist für den Affen. Rebekka (schreit laut auf). Zwölfte Scene. Vorige. Schalkwitz er (plötzlich ans- tretend.) S chalkwitz er (der das Vorhergehende noch gesehen Hat). Rebekka! Rebekka (zitternd). Vater. Schalkwitzer. Mir scheint, der junge Herr hat Dir gegeben einen Schmatz. Rebekka. Mir scheint auch. Schalkwitzer. Standepede wirst Du hineingehen in die Hütten und wirst Dich nicht rühren von Deinem- Platz, sonst soll Dich die Krie schneiden und großes Weh soll kommen über Dich. Rebekka. Aber ich bin unschuldig. Schalkwitzer. Hinein, Hab' ich gesagt, laß mich nicht zweimal schmüscn. (Rebeka geht still in die Hütte.) Daß Du bist unschuldig, will ich glauben, wai> um? darum, weil-Du bist immer gewesen eiu braves, rechtschaffenes Mädel, wenn aber der junge Herr sagt, daß er sei unschuldig, so ist das gerade so, als wenn eiu Rabe wollt' singen, wie eine Nachtigall.. Egidy. Ist auch etwas hantig, der Papa. Nun ja, ein.Pelzhändler, die haben alle einen rauhen Charakter. — Aber nur uicht kindisch, alter Herr, es war ja nur ein Spaß. Schalkwitzer. Gespaß? — was heißt man Gespaß? Ich bin da wegen Handel und Wandel, und brauch kein Gespaß. Wenn Sie mir werden abkaufen wollen meine Waar', werd' ich sie Ihnen geben in allem Ernst, mit Gespaß mach >ich keine Geschäfte. Egidy. Ich hab's ja der Fräul'n Manschet schon gesagt, daß ich etwas kaufen will. . Schalkwitzer. Ich weiß — ich kann mir's denken, aber die Waare, die Sie wollen, ist nichts für Ihnen. Egdy. Ich hält' gern eine alte Bärenhaut gehabt, hat der Herr keine bei sich? . ' Schalkwitzer. Bärenhaut? damit wollen Sie mich heißen einen Bärenhäuter,- o ich bin nicht so dumm, wie Sie meinen. Aber da ist mir leid, Häute Hab' ich keine, Pelzwerk können Sie haben so viel Ihnen beliebt, aber wenn Sie wollen Häute haben, so dürfen Sie nur herumschnufeln ein klein wenig unter die Leut, und da werden Sie sehen, wie ein Jeder handelt mit 19 verschiedene Haut. — Der Geizige handelt mit Kargheit, der Gescheidte mit Klugheit, die Narren mit Tollheit, die Pfiffigen handeln mit Schlauheit, die Rechtschaffenen mit Gr ad heit, die Spekulanten mit Feinheit, kecke Leute mit Frechheit, Müssiggänger mit Trägheit, Verliebte handeln mit Gelegenheit, junge Brautleute mit Zartheit, und wenn sie sind ein Jahr verheirat, möchten sie oft handeln mit Freiheit, der Schlechte handelt kür ab, ich bin das Gericht nnd mir! gebührt es, darüber zu entscheiden. ! Egidy. Das Hab ich auch gesagt. Kellerhals. Was hast Du gesagt? ^ Egidy. Ich habe gesagt: der Herr Vetter ist einmal s' G'richt, darum wird auch bei uns nichts, g'richt, und wenn die Leut warten sollten bis zum jüngsten G'richt. Kellerhals. Schweig, Dummrian.. (Sieht Seraphine.) Wie, Sie sind noch ^ immer hier, ja Du lieber Gott, ich kann, Ihnen einmal nicht helfen, es ist so wie ich sagte, ich will auch auf Ersatz den- ! ken, aber nur jetzt nicht, denn Sie sehen, j ich bin zu sehr beschäftigt. (Leise zn Egidy.) Es bleibt dabei, was wir verabredet, die Perlen sind weg. Egidy (leise). Die Perlen? freilich sind sie weg. ! Keller hals (leise). Und Du mußt es bezeugen, verstanden? ! Egidy (ebenso). Ich schwör tausend i Juramenter, daß die Perlen gestohlen sein, nur auf mich verlassen. Kellerhals (zu Seraphine). Glauben Sie mir, es thut mir leid, recht sehr leid, aber die. Perlen sind nirgends zu finden. Da mein 'Neffe kann es Ihnen laut bezeugen. Egidy. Ja, es ist gewiß und wahr, der Herr Vetter hat die Perlen auf kein' Fall mehr. Keller hals. Ich wollte es Ihnen schon heut im Garten sagen, allein ich mochte Ihnen keinen Schmerz verursachen und Ihnen die Freude über die Genesung Ihrer Mutter nicht verderben. Egidy.'Ja, der Herr Vetter verdirbt keinem Menschen eine Freude, Wenns nicht leicht sein kann. Seraph ine. Ich kann es nimmer' glauben, daß diö Perlen verloren sind, mein Vater hat sie Ihnen anvertraut. Sie werden doch bei Dingen von so großem Werth nicht so nachlässig verfahren sein. Keller hals. Ei Du lieber Gott, was kann ich dafür, ich habe sie gewiß recht gut verwahrt,. bin so zu sagen ordentlich darauf gesessen, wie eine Henne auf der Brut, aber was halfs, bei dem letzten Feuer, das hier im Orte war. sind Sie in der Verwirrung vermuth- lich gestohlen worden. — Egidy (auf den Ofen schielend). Ja, in dem Ort, wo die Perlen waren, war einmal ein Feuer, und hernach sinds gestohlen worden. — Kellerhals. Ich und mein Neffe haben überall gesucht, und das Unterste zu Oberst gekehrt, umsonst, ich habe 23 Beschreibungen über Beschreibungen zir-l bring ich 's selber hin. (Er winkt ihr bedeu- kuliren lassen. Alles vergebens. , teud, sie bemerkt es aber nicht.) (§ a i b v ^a cs bat nir aenubt und ^ Kellelhals (ist gegen die Thüre ge- ^ü^y. ^a, cs yar mx genutzt, unv^^nund bleibt plötzlich stehen, für sich). der Herr Bcttcr leck noch einmal > doch nicht allein zurückbleilucht, er ftnct sic doch nicht. ' !ben? — Wenn sie etwa in den Ofen Seraphine. Dachten Sie denn! guckte, doch nein, sie hat keine Ahnung. — bei einem anvertrauten Gute nicht, daß > (^nt.) Gehen Sie bald nach Hause, Sie für den Verlust haften Müssen? I Rrnnlein. c>brp ^rmi Nkntter könnt? ans Kellerhals (spitzig). Dazu Hab ich Ihre Erinnerung nicht gebraucht, ich weiß schon selbst was ich zu thun habe, bin auch nicht abgeneigt) Ihnen zu Fräulein, Ihre Frau Mutter könnte auf Sie warten. Egidy, Du gehst mit mir. (Geht gegen die Thiire.) Egidy. Gleich. — Pah, Fräulein Seraphine, sobald es .mir möglich ist, seiner Zeit den Werth im Baaren zu komme.ich zu Ihnen. (Er winkt ihr wieder, ersetzen, doch vor der Hand kann ich und stößt im Abgehen auf den Gerichtshalter.) nichts thun, die Sache muß erst ge- ^ Stockau, o bitt um Verzeihung, Herr richtlich untersucht, eingeleitct, lic^uickirt Vetter, es ist nicht gerne geschehen, und reHuirirt werden, dazu brallch ich Kcllerhals. Nun, Lasse, kannst Du wenigstens ein halbes Jahr Zeit, bis nicht achthaben? (Geht ab, Kilian folgt.) dahin wollen wir hernach über die Seraph ine (allein), so ist denn Sache reden. ' wirklich meine Hoffnung zu nichts gc- Seraphine. Wohlan, die Perlen worden, die Thränen möchten mich erwärm 800 fl. werth,, geben Sie mir sticken — Nun bleibt mir nichts übrig indeß die Hälfte im Baaren, ich brauche als den einfachen Luchs für die Mutter das Geld dringend. . zu kaufen. — -sollt' es denn wahr Keller hals. Was? ich sollte einem l sein? Hat er die Perlen wirklich ver- Mädchcn, das noch nicht maspren ist, 400 fl. in die Hände geben — hä! hä! hä! wahrhaftig, ein närrischer Gedanke. Dritte Srene. Vorige. Kilian. Kilian. Euer Gnaden, Herr Gerichtshalter, möchten die Güte haben, aus die Amtskanzlei zu kommen, es ist Jemand da, Keller hals. Den Augenblick. Sie sehen, ich bin beschäftigt, kann also nicht länger die Ehre haben. Gehen Sie getrost nach Hause, ich will über die Sache Nachdenken, doch mit den 400 Gulden ist cs nichts. Ich empfehle mich, grüßen Sie mir Ihre Mutter. Egidy. Ich .bitte auch von mir eine Empfehlung an die Frau Mama, und wie die Perlen gesunden werden, so loren,' es ist nicht möglich, der Bösewicht — er hat sic unterschlagen. — -Was soll ich thun, wem soll ich mich anvertraucn? der guten Mutter kann ich es nicht sagen, es. würde sie auf's Neue auf das Krankenlager wcrfcu. Und doch — sie muß cs wissen, nur heute noch will ich es ihr verschweigen, und auch morgen,- ich will ihr die Freude dieser beiden Tage nicht verbittern, dann aber soll sie Hilfe suchen gegen Bosheit und niedrigen Betrug. Vierte Scene. Vorige. Kcllerhals. Naschmann. Kellerh als.Sie verzeihen schon, lieber Naschmann, daß. ich in dieses unbewohnte verrufene Zimmer Sie bemühe, allein ich habe hier etwas vergessen. (Für sich.) Ich habe keine Nuhe, weiß ich Jemand allein in diesem Zimmer. (Sieht Seraphim.) sieh. 24 da ist sie noch immer. (Laut.) Sie- noch hier, mein Fräulein? Ich dachte, Sie wären schon längst zu Hanse. Seraphine. So eben war ich im Begriff zu gehen. Kellerhals. Sie thun nicht wohl daran, hier lange zu verweilen. In diesem Zimmer ist's nicht recht geheuer, cs geht die Sage, ein Gespenst soll sich zuweilen sehen lassen. — Seraphine (mit Beziehung). So wie ich merke, scheint die Sage wahr, indeß ich fürchte nichts, denn ich Hab ein reines Herz und ein gutes Gewissen, -wollte -Gott, es könnte Mancher dasselbe von sich sagen. (Ab, indem sie gegen Naschmann sich verbeugt, der ihren Gruß freundlich erwidert.) Fünfte Scene. Kellerhals. Raschmann. Kellerhals (für sich). Dummer Schnack, fade Stichelei, weiß schon, was sie damit sagen will. — (Zn Raschmann.) Run also, was bringen Sie mir Gutes, mein lieber Herr Raschmann? Raschman n. Ich komme, Sie um gütige Entlassung des Postillons zu bitten, der auf dem Marktplatz in der Trunkenheit einigen Unfug angestellt hat der Herr Postmeister hat schon zweimal zu Ihnen geschickt, aber niemals waren Sie zu treffen. — Keller hals. Hätte auch nichts genützt. Jnquisit muß für seinen Frevel streng gezüchtigt werden. Raschmann. Die Geschirr-Händlerin ist für ihren Verlust bezahlt und vollkommen zufrieden gestellt. KellerhalS. Aber die Gerechtigkeit ist nicht zufrieden gestellt, cs muß ein Exempel statuirt werden. R a s ch m a n n. Der Postmeister ineint — Kellerhals. Ei, der Postmeister hat hier gar nichts zu meinen, ich allein bin der Mann, der seine Meinung von sich zu geben hat. Ueberhaupt ist Ihr Herr Postmeister ein kurioser Patron. Ist schon 14 Tage hier in Rautenbrunn, und hat mir, der hohen Ortsobrigkeit, noch nicht einmal seine Aufwartung gemacht, weiß er etwa nicht, was Rechtens ist? Scheint ein recht stolzer, aufgeblasener Mann zu sein, der Herr- Po stmcister. Rasch mann. Im Gegentheil, er ist ein guter, vortrefflicher Mensch, und um Ihnen einen Beweis seiner Herzensgüte zu geben, so bittet er, den Flaschcnkeller. voll Rheinwein, den ich soeben mitgebracht, als einen Beweis seiner Hochachtung giitigst annehmen zu wollen. Kellerhals (freudig). Rheinwein? Echten Rheinwein? — hm! Macht sich so viel Schaden, der Herr Postmeister. Raschmann. Und da zu einem echten Rheinwein auch ein guter Imbiß gehört, so bittet er auch diese Kleinigkeit nicht zu verschmähen und sich dafür Bisquitt und Kirchen zu kaufen, so viel Ihnen beliebt (drückt ihm eine Banknote in die Hand)'. Kellerhals, (sie hastig ergreifend). O ich bitte, ist Alles viel zu viel, (seitwärts nach der Banknote schielend.) 50 sl. Tausendsapperment. (Laut.) Ja, mein lieber Herr Raschmann, womit kann ich denn eigentlich dienen? — Ja so,. Sie sind da wegen des arretirten Postillons. Ei du lieber Himmel, damit hat es ja gar keinen-Anstand. Er war halt ein Bischer! angestochcn', was thut das, einem Betruukenen weicht ein Heuwagen aus, sagt das Sprichwort, will also gleich Anstalt machen, daß er auf freien Fuß gesetzt werde. Bitte nur einstweilen denr Herrn Postmeister meine Empfehlung zu vermelden und in einer halben Stunde soll der gewesene Arrestant gesund und wohlbehalten im Posthause anlangen. Rasch mann. Herzlichen Dank, der Herr Postmeister wird auch in der Folge noch erkenntlich sein! 25 Kelter hals. O ist gar nicht nöthig. j hörst Du nicht. Egidy! Ach, ich bin ein Jst's vielleicht gefällig, Herr Raschmann, unglücklicher, geschlagener, zu Boden ge- eine Flasche von dem gewissen Rheinwein mit mir auszustechen? 'Raschmann. Danke vielmal, danke, kann mich nicht aufhalten. Ein andermal, Hen- Gerichtshalter. Kellerhals. Topp, wird mir eine Ehre sein. (Reicht ihm die Hand.)' Jndeß empfangen Sie den Händedruck eines wahrhaft redlichen Biedermannes. Raschmann. Gehorsamer Diener. (Für sich.) Ist doch ein Haupthallunke. (Ab.) Keller hals (allein). Wieder 50 Gulden ack ckeposituin. So geht's vortrefflich. Habe mein Schäfchen prächtig schon im Trocknen.' Wenn es einmal dem hochgebictenden Herrn Baron und Erben meines vorigen Herrn. gefällig sein sollte, nach Rautcnbrunn zu kommen, und mein Thun'und Treiben zu untersuchen, so findet er KMcn und Schränke leer und den Gerichtshalter Tobias Keller- Hals ärmer als eine Kirchenmaus. Will nun das Geld auch darinnen bewahren und zu dem andern legen. (Oeffnet das-THUrchen.) Ah, da ist ja das Kästchen mit den Perlen. War erst kein dummer Gedanke von mir, die alberne Sage, es zeige sich sogar am Hellen Tage in diesem Zimmer ein Gespenst — so Pfiffig zu benützen. Das Zimmer kann immer offen bleiben, es wagt aus.Furcht sich Niemand hier herein, und an meinen lieben Ofen denkt keine lebendige Seele. (Ergreift das Kästchen.) Muß doch wieder einmal die Perlen ansehen, die lieben Dingerchen. (Oeffnet es nnd prallt zurück.) Was ist das, das Kästchen leer, die Perlen fort. Himmel steh mir bei, ich bin betrogen, beraubt, geplündert und bestohlen. — Wer war in diesem Zimmer? — ha! jetzt fällt's mir ein, Sie war da ^ ganz allein da, nunft an, lieber Egidy, die Perlen sind ! wirklich fort, sind wahrhaftig gestohlen > worden. — ! Egidy. Ich weiß, daß sic fort sind, und weiß auch, wer's gestohlen hat. — . . Keller hals. Verdammter Spitzbube, willst Du mich denn gar nicht begreifen. Ich wiederhole Dir, die Perlen sind wirklich nicht mehr da, ich treibe keinen Spaß. Egidy. Das ist recht, nur recht ! ernsthaft bei der ganzen Sach bleiben, !so glauben's d' Leut desto eher. Der !Herr Vetter muß so natürlich spielen wie einer vvm Theater und ich . bin der Zeug. ! Kellcrhals. Ich fahre aus der Haut vor Gift und Zorn. — Blinder ^ Teufel, da sieh' her, das Kästchen ist leer, vor Kurzem waren die Perlen noch 26 darin, in diesem Ofen lag Alles und'nun sind die Perlen nicht mehr da. Egidy. Also im Ofen waren's, das ist g'scheidt, da sagen wir, die Ofenkatz hat's gefressen, nur Alles auf die Katz schieben und ich bin der Zeug. . Kellerhals. Es ist zum Rasend- - werden, ich halt es nicht mehr aus. — — Ach, die Perlen, die Perlen, die wunderschönen Perlen. — Egidy. Recht charmant macht's der Herr Vetter, so natürlich, daß es eine Schande ist. Keller hals, (packt ihn an der Brust'«. Mensch! Unthier! Basilisk! Ich vergreife mich an Dir. (Wankt und sinkt erschöpft ans einen Stuhl.) Ach! — mir wird todten- übel, ich armer, unglücklicher Mann, warum Hab' ich mich mit diesem Dummkopf eingelassen, warum kam ich nicht selbst auf die Idee, o ich möchte mir eine Ohrfeige nm die andere geben. — Egidy. Wenn der Herr Vetter kein' Zeit hat, Ho will ich so frei sein. Kellerhals. Geh' mir aus den Augen, Ungeheuer. (Mehr für sich.) Was soll ich thun, zuletzt verräth mich auch der Bube, und erzählt der ganzen Welt, was wir verabredet und dennoch sind die Perlen verloren und Niemand kann sie haben als das Mädchen. — Ich will hin, sic mit Gewalt zur Rede stellen, — doch halt, das geht nicht, sie könnte doch schuldlos sein und ich am Ende noch in einen bösen Handel verwickelt werden, aber spionircn will ich, horchen, lauschen, schnuppern und spüren wie ein Trüffel- Hund, und wehe der ganzen Brut, wenn mein Verdacht gegründet ist. (Stürzt ab.) Egidy (allein). Da geht er, der patzige Ganauser. Aber einen schönen Zorn hat er, das braucht nichts. — Was hat er da vom Verdacht gemurmelt, wegen meiner, mag er Verdachts haben auf wen er will, wenn er nur auf mich keinen hat. — Das Schönste ist, daß er erst noch mäuserlstill sein muß, denn sonst hat er mich ans dem Hals, und daß ich- ihm zu der Spitzbüberei gerathen habe, streit' ich ihm dann vom Maul weg. Ich bin halt doch ein guter Kerl. — Aber jetzt g'schwind mit die Perlen hinunter zu' dein braven Fräulein Seraphine. Ja, brav ist sic, das braucht gar nichts, die ist noch ganz so, wie ich gestört Hab', daß die Madeln einmal war'n. Ja, die Madeln von ehemals und die Madeln von jetzt,, das ist ein kurioser- Unterschied. - - -Lied. Hat ehemals ein Mann a Bekanntschaft gern woll'n, War's Madel so schüchtern, hat g'schaut ganz verstohl'n. Sechs Monat hat's braucht, bis man g'wußt hat. wie's haßt,. Und ein Jahr hat man unter ihr'n Fenster oft paßt. Aber jetzt, wenn man eine nur freundlich anschaut, So bild't sie sich ein, in drei Wochen ist's Brant, Da merkt man's ja deutlich, na das ist ganz g'wiß: Daß. zwischen Ehemals und Jetzt doch ein Unterschied is. Hat man Eine spaziren g'führt, war das nit a Plag', Der Vater — die Mutter — d' ganze Freundschaft hint' nach: Jetzt gehen d'Verliebten Ein's vorn und Eirt's hint', Oft glaubt man gar nit, daß Ein's das Andere find't. Es wird auch auf kein Fall wie ehmals geliebt. Man hat bloß ein Schatz, daß 's ein Zeitvertreib gibt. Da merkt man's ja deutlich, na Las ist ganz g'wiß: Daß zwischen Ehemals und Jetzt doch ein Unterschied is. 27 Einmal war manches Madel so mollig und rund, War frisch wie ein Hirscherl, und all'- weil recht g'sund; Jetzt kränkelt's mit Anstand und seufzt: Ach und weh. Das macht's viele Tanzen, die Lieb' und der Thee. Doch putzt sie sich auf, ist vom Kranksein kein' Spur, Im Gegentheil, man glaubt: es ist Alles Natur, Da merkt man's ja deutlich, na das, ist ganz g'wiß: Daß zwischen Watta und Wahrheit ein Unterschied is. Repetition. Der Unterschied ist nicht bei den Madeln allein, Mit der Mod' wird's bei'n Männern das Nämliche sein. Zwar kosten die Rock nicht wie eh, so viel Geld, Weil bei ein' jetzigen Rock fast die Hälfte d'ran fehlt; Das Beinkleid hübsch eng, doch ein G'stcll drin, o Graus, Ja Mancher schaut grad wie ein Werkel- schrag'n aus. Da merkt man's ja deutlich, na das ist ganz g'wiß: Daß zwischen Ehmals und Jetzt doch ein Unterschied is. Bei den Dichtern, da ist's auch der nämliche Fall, Denn jetzt ist es leider nicht so wie einmal, An ein' Stuck hat Einer oft Jahrelang g'schrieb'n, Ich frag, was ist ihm vom Honorar hernach blieb'n? Von so einer Zeit ist's nur Schad', wenn man redt, Da merkt man's ja deutlich, na das ist ganz g'wiß: Daß zwischen Dichten und Abschreiben ein Unterschied is. (Ab.) Verwandlung. Zimmer des Postmeisters Wild, mit Mittel- und Seitenthüren. Siebente Scene. Wild und Rasch mann treten ein. Wild. Nur Ihrer Fürbitte allein verdankt es der Bursche, daß er wieder im Hallse bleiben und mir vor die Augen kommen darf. . ' N as ch m ann. Trunkenheit war sonst sein Fehler nicht, aber im Kopfe war er nie recht richtig. Wild. Ein Narr ist er, der mir durch seine Dummheiten die größten Verdrießlichkeiten zugezogen hätte. Rasch mann. Verzeihen Sie meine Frcimüthigkeit, Herr Postmeister, aber daran sind Sie nur selber Schuld, wer hieß Ihnen, einen solchen Vertrauten sich zu wählen. Wäre ich so glücklich gewesen, Ihr Vertrauen zu genießen, ich hätte längst das Mädchen Ihres Herzens ausgekundschaftet. Rautenbrunn ist nicht groß — Wild (reicht ihm die Hand). Ich verdiene Ihren Vorwurf, verzeihen Sie mir, doch kann das Mädchen, das ich heute zum ersten Mal sah, nicht eine Fremde sein, die bloß hieher kam, um den Markt zu besuchen? Rasch m a n n. Ich denke kaum, wenn eine geheime Ahnung mich nicht trügt, so glaube ich. sie zu kennen, und ist es die, die ich Meine, so wünsche ich Ihnen dann von ganzem Herzen Glück. Wild (freudig.) Glauben Sic wirklich? Rasch mann. Geduld, bis auf den Abend erfahren Sie Gewißheit. — Doch !nun bitte ich, dem armen Blasius zu Jetzt hat Einer a Stück in drei Tagen z'sammeng'frett. 28 erlauben, daß er kommen und Sie um Ihre Verzeihung bitten dm-f. Wild. Ist er denn seines Arrestes entlassen? Rasch mann. So eben, und er harret ängstlich vor der Thüre. Wild (setzt sich). So lassen Sie ihn kommen, aber ich will barsch und finster mit ihm sein. Rasch mann (öffnet die Thür und winkt Blasius, hereinzutreten). - ^ Achte Scene. ! Vorige. Blasius (noch im Ueberrocke,! tritt furchtsam ein). ^ Wild (ihn rasch anfahrend). Wo kommst ^ Du her? Blasius. Aus Palästina! — Ich wallsahrtete barfuß nach Jerusalem, um dort meine Sünden abzubüßen. — Wild. Kommst Du mir schon wieder mit Deiner verdammten Teufelsmühle. Ich wollte, sic hätten Dich' ein paar Tage lang behalten, und obendrein derb gezüchtigt. Raschmann. Ja, cs war wirklich ein arges Spektakel, das er auf dem Marktplatz inachte.. Blasius (seufzend). Und habe doch! nichts als Wunden davon getragen. Raschmann. Was, Er ist verwundet worden? Blasius. Nun, glauben Sie etwann, die Scherben von dem zerbrochenen Geschirr waren von Baumwoll? Ich bin ja in dem Geschirrhaufen darin gelegen, als wie ein Fasan im Kraut. — Mein Kopf allein ist in einem ungc-l heuren Masthefen gesteckt. Wild. Mußtest Du denn so viel trinken? . i Blasius. Ich war durstig und der^ Wein mundete mir baß. , Raschmann. Der junge Mann, den er so arg beleidigte, war des Gerichts-! Halters Neffe. ! Blasius. So? Im Rausch Habich ihn für den Ritter Otto von Löbenstein gehalten. Raschmän n. Er hätte bei der ganzen Sache übel wegkommcn können, doch der Herr Postmeister war so gütig. Alles auszugleichen und jeden Schaden zu vergüten. Blasius. O das ist edel von ihm, aber kann er mir auch den Schaden, meines Herzens ersetzen? Rasch mann. Ei, der wird so arg nicht sein. Blasius. O Weiber Eure Treue, zerstiebt der Wind wie Sand. (Bläst durch die Finger.) Wild. War es denn aber auch gewiß das Mädchen, von dem-Du mir erzähltest? ' Blasius. Ha! ob sie es war, unter zehntausend hätte ich sie herausgekannt, aber ach, sie ruhte an seinem Herren, und in ihren Armen — (schwer aufath. meud) lag ein Kind. Wild und Rasch mann (zugleich). Ein Kind? Blasius. Zwar nur vom Lebzelten, aber doch ein Kind! — Gott, welche sonderbare Erscheinung! Wild. Sei kein Narr, suche das Mädchen auf, bitte sie wegen Deines albernen Betragens um Verzeihung,, versuche es, Ihre Zuneigung zu gewinnen, und ich halte, was ich Dir versprochen, dann aber wirf Deine Teufelsmühle in's Feuer und werde vernünftig. Blasius. Beides wird-mir schwer werden. Rasch mann. Vor Allem aber bitte Er den Herrn Postmeister um Verzeihung wegen seiner Albernheit und gelob' Er Besserung, denn ein andermal dürfte Er nicht so leer durchkommen. Blasius. Leer durchkommen, Herr Postschreibcr? Ihr Wort in Ehren, aber Sie lügen wie gedruckt, wie kann der Mensch leer durchkommen, wenn er den Kopf voll hat. Es waren 6 Seitel und die gehen in's Gewicht. — Indessen, Herr Postmeister, dank ich Ihnen für die.Nachsicht und Geduld, die Sie mit mir gehabt haben. Ich sehe es ein, es war ein übereilter Jugendstreich von mir, aber in Zukunft soll es nicht mehr geschehen, kein Tropfen Wein komme jemals über diese meine Lippen und damit Sie sehen, daß ich Wort halte, so gehe ich jetzt in's Wirthshaus, und trinke zur Bekräftigung meines Schwurs eine Halbe Viernnddrcißiger. Rasch mann. Was fallt Ihm ein? nun ja, das wäre etwas Schönes. Blasius. O lassen Sie mich keck in's Wirthshaus gehen, Herr Post- schreibcr, ich fühl' es, — es ist ein großer Schritt zu 'meiner Bollendung. (Geht mit schwebenden Schritten ab.) Wild. Der ist nicht mehr zu bessern. Rasch mann. Ei, ich will ihn schon zurecht bringen, wenn Sie es mir erlauben. Ich lasse ihn alle Tage tüchtig Courierrciten, daß er mager werden soll wie ein gebratener Häring, und geben Sie acht, in 4 Wochen ist die Liebe aus dem Herzen und die Dummheit aus dem Kopfe. Wild. Was wohl die Ursach seiner Narrheit sein mag? Raschmann. Es hat bei ihm immer ein Bischen übergeschnappt, aber da war vor einem Jahre einc'Comödiantentruppe hier im Orte, die die Tcufelsmühle ausführte, die hat er vermuthlich angesehen, und seit der Zeit ist es gar nicht mehr mit ihm auszuhaltcn. (Es wird geklopft.) Wild. Hat nicht Jemand geklopft? Rasch mann. Mir war's fast auch so. Wild. Herein! Neunte Scene. Vorige. Seraphine (mit. einer großen Schachtel unter dem Arme.) Wild (springt auf, als er sie erblickt). Ha^ das ist sie. Rasch mann (der gleich, als Wild „Herein!" rief, gegen die Thüre gegangen). Ah sieh da, Fräulein Seraphine, habe ich heute schon zum Zweitenmal das Vergnügen? Was führt Sie zu uns? Seraph ine. Könnte ich nicht die Ehre haben, mit dem Herrn Postmeister zu sprechen. Rasch mann (auf Wild zeigend). Hier steht er. 'ScraphiNe (erblickt Wild, und fährt zusammen). Mein Gott! das ist der. Fremde von der Bergkapclle, und auch* derselbe, den ich auf dem Marktplatz sah. Wild Nur näher, schönes Fräulein, mit was kann ich dienen? Seraph ine. Sic sind wirklich der Herr Postmeister? — Wild. Zu Ihrem Befehl. Seraph ine. Ach das ist mir lieb, ja recht sehr lieb. Wild. Wie so,, wenn ich fragen darf? Sera pH ine.. Ich hatte heute die Ehre auf dein Marktplatze, Sie zu sprechen. Wild. Zwar ein paar Worte nur, doch denk ich mit Vergnügen noch daran. L-eraphine. Ihr freundliches Benehmen flößte mir Zutrauen ein, und darum ist es mir jetzt doppelt lieb, daß Sic der Herr Postmeister find. Wild. Wie deut' ich diese räthsel- haften Worte? - Seraphine. Ich Hab ein Planchen, ein erlaubtes, unschuldiges Plänchen; dieß auszuführen, sollen Sie mir behilflich sein. Wild. Vom Grunde meiner Seele, reden Sie. Seraphinc. Ich habe eine Mutter, eine wackere herzensbrave Frau. Ich liebe sie über Alles und sie verdient es auch. Ach, wen Gott lieb hat, dem gibt er eine solche Mutter. Die gute Frau war krank, sehr krank; ich zitterte für ihr theurcs Leben, manche Nacht lag ich auf den Knien und flehte zum Himmel 30 um ihre Erhaltung, und oft hat die Morgensonne mich im Gebete überrascht, doch Gott sei Dank, sic ist gesund, ist ganz hergestellt, und morgen geht sie zum erstenmal in die Bergkapelle, um dem Schöpfer für ihre Wiedergenesung zu danken. — Wild. In die Bergkapelle, wo ich Lie heute Morgens schon gesehen. Seraphine (stockend). Ich erinnere mich — Sie waren auch da. Wild. Und ihr frommes Gebet galt der geliebten Mutter. Seraphine (kindlich fromm). Ja, Herr Postmeister. — Doch zu meinem Planchen. Ich will ihr, . wenn sie morgen ausgeht, eine Freude machen. Längst schon war ihr Wunsch, einen Pelzpatatin zu besitzen, ich habe ihr einen gekauft. Wild. Bernmthlich den schönen Zobel, um den . Sie handelten? Seraph ine. Ach leider nein, ich bin zu arm, um einen Pelz von solchem Werth zu kaufen, und. ob es Anfangs gleich mein Wille war, so wurde mir durch böse Menschen diese Freude verdorben. Ich Hab ihr einen Luchs gekauft, hier sehen Sie ihn, (sie öffnet die Schachtel) er wird sie gewiß auch freuen, mm soll sie aber nicht erfahren, daß er von mir ist, sie soll glauben, er käme von fremder Hand und- zwar' gerade ans der Residenz. Darum haben Sie die Wohlgewogenheit, Herr Postmeister, verschließen Sie die Schachtel wohl, und senden Sie selbe durch einen Ihrer Leute an meine Mutter, die Adresse steht schon darauf, und auch dieser Zettel (sie zeigt ihn aus der Schachtel) muß darinnen bleiben. Beide sind von mir, doch mit verstellter Hand geschrieben. Darf ich wohl die Gewährung ^ meiner Bitte hoffen? Wild. Ihre edle Handlung rührt mich tief, und pünktlich will ich Ihren Wunsch erfüllen. Raschmann. Und ich selber will der Ueberbringer sein. Seraph ine. Ach nein, das geht nicht. Ich habe mir die Sache ganz anders, viel hübscher gedacht. — Ein Postillon muß kommen in seinem rothen Rock, das Posthorn an der Seite, ganz erhitzt, die Stiefeln bestaubt, das macht Aufsehen, und die Mutter wird sicher glauben, er kommt schnurstracks aus der Residenz. Bitte, Herr Postmeister, schlagen Sie mir das nicht ab. Wild. Recht gern will ich thun, wie Sie wünschen. Sera pH ine. So danke ich Ihnen herzlich, und empfehle mich Ihrem Wohlwollen. Wild. Sie wollen schon fort, o noch einen Augenblick verweilen Sie. Sera pH ine. Es thut mir leid, aber ich habe zu Hause dringende Geschäfte. Wild. Wann wird das schöne Glück mir wieder lächeln, Sie zu sehen? Sera pH ine. Der Zufall wird's wohl fügen. Vielleicht recht bald. Noch einmal meinen wärmsten Däuk für Ihre Güte. (Verbeugt sich und geht ab.) Wild. «Süßes herrliches Mädchen. — Sie' kennen Sie also, Herr Raschmann? Rasch mann. Wie sollt' ich nicht. Sie ist die Tochter der Hauptmannswitwe Grünwald. Wild (besieht die Adresse). Rosalic von Grünwald, königlichen Hauptmannswitwe. Nichtig, so steht es hier. ' Ra sch mann. Die Mutter lebt von einer kleinen Pension und von der Händearbeit ihrer Tochter, das kleine Häuschen an der Parkstraße mit dem großen Garten ist ihre Wohnung; der Eigenthümer, ein wackerer Mann, gibt sie ihr äußerst billig. Die Tochter aber ist ein liebes, braves unbescholtenes Mädchen, und kurz und gut, es ist dasselbe, von dem ich vorhin sprach, und cs freut mich herzlich, daß uns're Meinung so wunderbar zusammengetroffen. 31 Wild. Ja, es ist ein vortreffliches Geschöpf. Herr Raschmann, die oder keine wird mein Weib. Raschmann. Gratulire, gratulire von ganzem Herzen. Wild. Run will ich schnell den Paladin expediren. (Indem er Raschmann vertraulich bei der Hand faßt). Doch Vorher Hab ich auch ein Planchen. — Wen aber schick ich hin. Rasch mann. Das wird schwer halten, die Postillons sind alle fort, und Niemand ist zu Hause als Blasius. W ikd. O weh, wenn ich den sende, so ist der dumme Streich schon fix und fertig und dennoch bleibt mir' keine Wahl. Ah sieh, da ist er ja. Zehnte Scene. .Vorige. Blasius. Wild. Schon zurück aus dem Wirths- hause. Blasius. Schon eine halbe Ewigkeit, ich habe gar nichts getrunken. Wild. Ei, wie war Dir das möglich? Blasius. Sehr leicht, der Adler- wirth ist gerade so^wie der Wirth aus der Tenfelsmühle, er gibt auf Puff nix her. Er meint: Ein Mensch ohne Gekd ist wie ein zerbrochener Weinhumpen, den inan vor die Thüre wirft. Wild. Höre, Bursche, ich will Dir einen Auftrag geben, richtest Du ihn wohl und pünlllich aus, so will ich Deinen tollen Streich von heute Morgen Dir verzeihen und Dich noch obendrein recht gut belohnen. Blasius. Was verlangt Ihr, edler Ritter? Wild (ihn anfahrend). Was? Blasius (erschrocken). Nix. Was schaffens, Herr Postmeister, Hab ich sagen wollen. — Wild. Längstens in einer halben Stunde komme in mein Bureau, dort will ich Dir sagen was Du zu thun hast. Aber noch einmal, keine Dummheiten mehr, sonst jage ich Dich ohne weiters aus dem Hause. Kommen Sie, Raschmann! (Er nnd Raschmann ab). Blasius (allein). Aus dem Haus jagen? Ist mir auch recht. Ich bin froh, wenn ich von einem Orte wegkomme, wo nur Unholden und böse Geister ihr Wesen treiben, denn, daß das Madel eine Hexe ist, die mir's angethan hat, das unterliegt gar keinem Zweifel mehr. Wenn ich nur nicht so grimmig verliebt war. Und was hilft's, wer weiß, ob's mich mag, ob sie auch ein'n Sinn hat für wahre unschuldige und Plantanische Liebe, und überhaupt, ob sie Zeit dazu hat. — Die Zeit ist die Hauptsache bei Allem, was geschieht. Ich Hab' allweil Zeit, aber es gibt Leut, die sich zu nix Zeit nehmen, warum, weils keine Zeit haben, und was ist daran Schuld, bloß die Zeit. Lied. An Vielem, was.heut zu Tag Schlimmes geschieht, ' Da trägt nur die Zeit allein d' Schuld, Denn meistens da nimmt sich die Zeit nicht die Zeit, Und hat auch oft nicht die Geduld. So Mancher möcht' gern seine Schulden bczahl'n, Es machet ihm wirklich a Freud'; Doch wie er auch wollt',-er kommt niemals dazu, Warmn? Ja, er hat halt kein' Zeit. Ich Hab ein' Bekannten, der hat mit ein' Madel Scholl ganzer neun Jahr ein' Amour, Jed'n Fasching verspricht er ihr's Heiraten schon, Und doch ist bis jetzt noch kein Spur. Im zehnten Jahr endlich, da hat's ihn d'ran g'mahnt, Und klagt ihm ihr bitteres Leid; Da sagt er ihr d'rauf: lieber Schatz, sei nicht bös, Du siehst es: — ich Hab halt kein Zeit! 32 Ich selber, was hält' ich nicht lernen oft soll'n, Was Hab' ich mir geb'N für Müh; Doch war mir das Stürzengeh'n lieber als All's, Und g'sehn hat die Schul mich fast nie. Ich könnt auch noch Manches jetzt lernen fürwahr, Denn's Lernen war' wirklich mein' Freud; Ich nimm mir's auch richtig schon alle Tag vor, Was hilft's — ja — — ich Hab halt kein' Zeit. Repetition. Betracht' man die heutigen Dienstmadeln nur, Da kommens ganz dasig vom Land, Doch kaum ist so Eine acht Tage in.der Stadt, Hat's gleich ein' Amour bei der Hand. Oft braucht's die Frau gach, macht Spektakel und ruft, So daß sie sich heisrig fast schreit, Derweil steht der Trantsch unterm Thor beim Oüapeau, Und denkt sich — — Jtz Hab ich ka Zeit! - . - 2. Repetition. - s'ist wirklich kurios, wie die Zeit g'schwind vergeht, Ein Jahr fliegt um's andere fort, Und wenn ich oft längst schon hält' da . sollen sein. So war ich noch alleweil dort, Und kommt dann einmal' der Herr Tod über' mich. Da gibt's ^mch ganz sicher ein' Streit; Ich weiß halt im Voraus, ich kann noch nit sterben, Warum? — na — ich Hab halt' kein' Zeit! (Ab.) Verwandlung. Nettes Zimmer bei Frau von Grünwald. Links eine Seitenthüre, Rechts ein Fenster. Einfache Möbeln. Eilste Scenr. Bolzmayer. Plony (ein Päckchen in der Hand). B o l z m a y e r. Also verstanden, Plony, so machst Du's, aber heimlich, ganz heimlich. Plony. Schon recht, Herr Marktrichter. B o l.z maye r. Bist ein kluges und ehrliches Mädchen, habe Deinen seligen Vater wohl gekannt, war ein herzensguter Freund zu mir, und auch ein braver rechtschaffener Mann, na, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, folglich kann ich Dir die ganze Sache anvertrauen, aber heimlich, ganz heimlich. Plony. Ich will's auch ganz genau besorgen. — Bolzmayer. Du gehst also her, und legst das Päckchen mit den 200 fl. in das Bett der Frau von Grünwald; aber heimlich, ganz heimlich. — Wenn sie nach dem Abendsegen sich zur Ruh' begibt, so findet sie es dann ganz un- vermuthet. Drinnen liegt auch ein kleiner Zettel, woraus sie gleich sehen wird, was es' damit für eine Bewandtniß hat, obgleich sie nicht wissen kann, von wem das Geld ist. — Auf dem Zettel steht: „Du warst sehr krank und mußtest viel erdulden, darum empfange hier zweihun- nert Gulden. Von guten Menschen sind sie Dir gesandt, Gott segne Dich mit '-seiner starken Hand." Plouy. Das ist recht hübsch. Bolzmayer. Das hat der Schulmeister verfaßt. Ueberhaupt haben wir das Alles so untereinander ausgemacht, ich —. die Geschwornen und mehrere Bürger von hier,, und haben das Geld zusammengelegt, um die arme Frau zu unterstützen, aber heimlich, ganz heimlich. Die Krankheit hat sie viel gekostet, das brave Fräulein Seraphine hat Tag und Nacht gearbeitet, um den Doctor und die Arzeneien zu bezahlen, so was muß 33 der liebe Gott vergelten, und dazu sucht er sich auf unserer lieben Welt so manchen ehrlichen Kerl aus, der anstatt seiner und ihm zu Ehren das Gute schafft und vollbringt, und davon bin ich Einer, aber heimlich, ganz heimlich, und so gehab' Dich wohl, liebe Plony, mach Deine Sachen gut, so wie ich Dir gesagt, ,und der Himmel wird es Dir auch immer wohl gehen lassen, bleib nur immer brav und gut. (Er kneipt sie in die Wange.) Zwölfte Scene. Vorige. Blasius (im Postrock mit der Schachtel. Blasius (der eben eintritt, als Bolz- moyer sie in die Wange kneipt, läßt vor Schrecken die Schachtel fallen, und ruft'. Ha. schon wieder Einer! Plony (erschrickt und schreit auf). Bolzmayer. Nun, was gibts denn da? — Blasius. Und gar ein Alter. O, Himmel, Du bist schrecklich in Deinem Donner. Bolzmayer. Das ist ja der närrische Blasius von der Post, was bringt denn Ihr hieher? nun, aäi«n^ Plony, wir haben uns verstanden, lebe wohl. (Ab.) Blasius. Habt Ihr Euch verstanden, ja? O ich habe auch verstanden, aber mir steht der Verstand still über dieses Verständniß. Plony. Ei das ist ja Derselbe, der mich heut auf dem Marktplatze so erschreckt hat. Blasius. Es war der Ruf Deines Schutzgeistes. — Aber es hat nichts geholfen, denn Du bandelst alle Augenblick mit einem Andern an. Plony. Er wird doch nicht etwa glauben, daß ich mit dein alten Marktrichter etwas vorhab? Blasius. O das V o rhaben ist gar nichts, aber das Darnach haben, das ist der Teufel. Plony. Und daß der Herr Egidy heut auf dem Marktplatze so keck und zudringlich war, ist auch nicht meine Schuld. Blasius: Darf ich Dir glauben, Mathilde von Staufen? Plony. Plony heiß ich, aber was ich sag, ist wahr, so wahr ich ein ehrliches Mädchen bin. Blasius (stürzt zu ihren Füßen). Schneeweiße Unschuld, kannst Du mir- verzeihen ? Plony. Was hat denn der Mensch? Mir wird angst und bang bei ihm, so steh Er doch auf. ' Blasius. Unbegründete Eifersucht hat mich so weit verleitet. Plony. Was spricht er denn von Eifersucht, kommt es doch fast so heraus, als ob Er in mich verliebt wäre? Blasius. Und das g'spannst Du erst jetzt, o ich liebe Dich schon Jahre lang. Plony. Das ist gut, und ich bin erst drei Tage hier im Orte, und Hab ihn nie zuvor gesehen. Blas ins. Das thut nichts, Dein Ideal hat schon im Mutterleib mir vorgeschwebt. — Aber wie hast Du gesagt, drei Tage bist Du erst hier, wo warst denn früher? Plony. In der Stadt. Blasiu s.-Dn kommst aus der Stadt? O dann bist Du gewiß unschuldig. — Doch jetzt red, Mädel, kannst Du, willst Du, magst Du und darfst Dn mich lieben? Plony. Ei, das kann man ja so geschwind nicht sagen. Blasius. Ich bin Postillon, bei mir muß Alles g'schwind gehen. Red, Mädel, gib Antwort. Plony. Ja, will Er mich denn hei- ! raten? Blasius. Aus der Frag merk' ich. daß Du aus der Stadt kommst. — Aber kurz — ja, ich will Dich heiraten, dcr Herr Postmeister hat mir versprochen, ^ er will mich an Kindesstatt annehmcn, 3 34 und für uns alle Zwei mütterlich sorgen. O komm, Mädel, komm — laß uns froh durch's Leben gehn dem Arm der Liebe. Plony. Nun, ich will mir's überlegen, aber laß Er mir nur Zeit. Blasius. O thu mich nicht immer erzen, thu mich lieber dutzen' Mädel! und sag Du zu mir. Plony. Ei, da müssen wir erst näher mit einander bekannt sein. Blasius. -Das Näherbekanntwerden hängt bloß von Dir ab. — O geh, sag Du zu mir. Plony. Ja aber warum denn? Blasius. Bloß wegen der Tcufels- mühle. Geh, wenn Du nur ein Flinker! Lieb zu mir hast, so sag Du, lieber Blasius. Plony (stockend). Du, lieber Blasius. Blasius (empor fahrend). Ha! — Du — das liebe Du? o so bist Du mein, durch diesen Kuß vereinigen sich unsere Seelen aus ewig. (Er umarmt sie, Plony schreit.) Dreizehnte Scene. Vorige. Frau von Grünwald, Seraphine aus der Seitenthür, dann Kellerhals, später Egidy, Amts, dieuer und Wache. Fr. v. Grünwald und Seraphine. Was gibt's? was ist geschehen? Blasius (ganz außer sich). Gehorsamer Diener — Sie ist mein — Ich bin Courier, und reit auf d'Hochzeit — eine Empfehlung vom Herrn Postmeister, — sie liebt mich — hier, ist eine Schachtel — sie ist Braut. — kommt aus der Stadt — ich bin erhört — s'Mädel ist eine Staffeten, die Stadt sagt Du zu mir. O ich bin ganz konfus, ich weiß nicht, was ich red', d'rum-will ich lieber blasen. Komm her, Posthörndl, ich Hab' so manches traurige Stücke! auf dir blasen, jetzt will ich aber was zusam menschmettern,, daß ganz Rautenbrunn glauberl soll, der. jüngste Tag ist im Anzug. (Bläst ein lustiges Stückel und eilt ab. Man hört ihn noch ein Weilchen draußen blasen.) Fr. v. Grünwald. Was fällt denn dem närrischen Menschen ein? Seraphine. Ich begreife es selber nicht — doch kommen Sie, liebe Mutter, lassen Sie uns sehen, was er gebracht hat. Keller hals (tritt ein). Ei, da geht es ja außerordentlich lustig zu, der'Postillon schmettert ja sein Stückchen herunter. als ob er dreifaches Trinkgeld bekommen hätte, was gibt's denn Gutes? Was hat er benn gebracht? Seraphine. Wir wissen es noch nicht, Herr Gerichtshalter. Diese Schachtel wird's enthalten. Sie kommt aus der Residenz mid trägt die Adresse meiner Mutter. Sehen Sie — o öffnen Sie doch, liebe Mutter, ich kann es kaum erwarten, zu erfahren, was darinnen steckt. Fr. v. Grünwald (lächelnd). Ei, Seraphine, Du bist neugieriger als ich, der doch die Sache zugesendet worden, doch wir wollen sehen. — - Plony (für sich). Und ich will schnell das Geld an Ort und Stelle bringen, es ist die beste Zeit dazu. (Seitwärts ab). .Fr. v. Grünwald (ist beschäftigt die Siegel zu lösen, und die Schachtel zü öffnen.) Kellerhals (zu Seraphine). Nun, Fräulein , haben Sie sich's noch nicht überlegt ? Seraphine. Was, Herr Gerichtshalter ? Keller hals. Von wegen meinem Hciratsantrag. Seraph ine. Ach, schonen Sie mich jetzt. Sie sehen, ich möchte gern Theil nehmen an der Mutter Uebsrra- schung. Keller hals. Gut, gut, wenn Sie es nur nicht einmal bitter bereuen. 35 Egidy (tritt fröhlich rin). Dev gute Kerl ist da und bringt — (sieht Keller-Hals.) O je, der Alte, jetzt-kann ich ihr die Perlen nicht geben. Keller hals. Was willst Du hier? Egidy. Nix, bloß eine Visit machen. — Kellerhals. Der Amtskanzlei mach' Deine Visiten, Taugenichts. Fr. v. G r ü n w al d hat die Schachtel geöffnet, nimmt einen Zettel heraus und liest). Zoll der Dankbarkeit für eine nie abzutragende Schuld. (Sie reicht gerührt Seraphinen die Hand). Gute Tochter, das kommt von Dir. Seraphine. Von mir? Ei, was fällt Ihnen eim liebe Mutter. Fr. v. Grünwald. Du magst immerhin Deine Schrift verstellt haben, Dein Herz spricht doch ans diesen Zügen. Sera pH ine. Aber ich weiß wahrhaftig nicht — Fr. v. Grünwald. O leugne nicht, geliebte Tochter. Nur Du konntest eine solche Freude mir schaffen, gutes Kind! hast Dir's vielleicht vom Munde abgespart. — Doch komm, laß sehen, was treue Kindesliebe mir bescheerte. (Sie beschäftiget sich damir, das Papier zu öffnen, worin das Geschenk eingewickelt ist.) Seraphine. (steht mit freudigem Zittern ihr zur Seite). Egidy. Herr Vetter, warum schleicht denn der Amtsdiener so' um's Haus herum? Kellerhals. Ich Hab ihn mitgenommen, weil ich oft nicht wissen kann, ob ich ihn brauche. Egidy. Der Herr Vetter kommt mir vor, wie der schlimme König Töenzl, von dem ich in der Chronik gelesen Hab', der hat auch immer den Scharfrichter bei sich gehabt. Lellimils 8e!nmiio Aanäs sagt der Lateiner. Kellerhals. Schweig, Dnmm- kopf. ' Fr. v. Grün Wald (hat das Papier- geöffnet, und nimmt den schönen Zobelpalatin hervor, welchen Schalkwitzer' im ersten Akt in seiner Hütte hängen hatte). Ach, der WUN- schöne Zobel. Seraphine (erschrickt). Du lieber Gott, das ist ja nicht der rechte Palatin. Kellerhals (besten Verdacht immer wächst, höhnisch). Jst's nicht der Rechte? das kommt mir auch so vor, wenigstens geht es nicht mit rechten Dingen zu. Fr. v. Grünwal d. Seraphine, Du bist ja ganz verwirrt, ivas soll ich davon denken? Kellerhals. Und aus der Stadt kommt das schöne Geschenk? Hm, ist mir -doch, als. wenn ich diesen Zobel noch vor ein paar Stunden in der Hütte des Pelzwaarenhändlers Schalkwitzer Hütte hängen sehen, ich war selbst dabei, wie er einem durchreisenden Fremden diesen Pelz um 400 fl. bott. Fr. v. Grünwald. Tochter, wie kommst Du zu so viel Geld? Seraphine. Liebe Mutter, ich will die reine Wahrheit sagen, ich habe um 50 Gulden bei dem Pelzhändler einen Luchs für Sie gekauft, mit diesem wollte ich Ihnen eine Freude machen, wie dieser Zobel in die Schachtel kommt, ist mir ein Räthsel. (Plötzlich von einem Gedanken ergriffen.) Mein Gott, so.llte vielleicht — ja das wäre Möglich — und es wird so sein. Kellerhals. Geben Sie sich keine Mühe, eine Ausflucht zu suchen, das Räthsel kann'nur ich lösen- doch noch will ich Gnade vor Recht ergehen lassen, und bei diesem kritischen Fall durch die Fingex sehen, wenn Sie sich jetzt schnell entschließen, mir Ihre Hand zu reichen. Fr. v. Grünwald. Herr Gerichts- Halter, wie deut' ich Ihre Worte? Seraphin c. Ich habe mich einmal schon erklärt, und bleibe fest dabei, nie werd' ich Ihre Gattin! Keller hals. Wohl, so mögen Sie es denn haben. (Geht zum Fenster und winkt hinaus.) 3 * 36 Egidy (für sich). Was hat er denn schon wieder vor? — Mir wird angst und bang, und die Schweißtropfen stehen mir wie Billardkugeln auf der Stirne. Kellerhals (streng und boshaft). Wollen Sie wissen. Fr. v. Grünwald, wie Ihre Tochter dazu kam, Ihnen diesen Pelz zu kaufen? Fr. v. Grün wald. Gott, was werd' ich hören? Keller hals. Die Perlen, die Ihr verstorbener Mann mir anvertraute, sind gestohlen worden, um diese ward der Pelzpalatin gekauft, und Ihre Tochter ist eine Diebin. (Kilian tritt ein.) Amtsdiener, nehmt das Mädchen und bringt sie in Gewahrsam,' sie soll nach aller Strenge der Gesetze bestraft werden. — Adieu, Fräulein. Braut. (Ab.) Fr. V. Grünwald (welche bei Kellerhals Anklage zusammen fuhr, und sich schwach und bebend am Tische hält, stürzt jetzt ohnmächtig zusammen). Seraphine (welche betäubt da stand, eilt erschrocken zu der Ohnmächtigen). O Mutter! Mutter! Plony (eilt aus dem Seitenzimmer). Um Gotteswillen, was ist geschehen? (Beide beschäftigen sich um Fr. v. Grüuwald.) Egidy (ist ganz perplex). Egidy, nein, Du bist kein guter. Du bist ein schlechter Kerl! (Passende Musik.) Der Vorhang fällt. Dritter Akt. Zimmer wie im zweiten Akt erste Scene, mit dem Ofen. . Erste Scene. Blasius (schleicht herein). Hu, da ist's schiech in dem Zimmer! da ist sie auch nicht, und ich hab's doch ganz gewiß ins Schloß herein gehen sehen. Wo's nur stecken mag, das Teufels- mäd'l. Sie wird doch dem Burschen, dem Egidy, kein Rendezvous gegeben haben? Ha, meine Eifersucht erwacht in ihrer fürchterlichsten Größe. Ist das ein verwirrter Tag heut, liberal Spectakel und Rumor. — Das arme Fräulein, es ist nicht möglich, daß sie die Perlen geschnipst haben kann, eher wär ich's im Stand gewesen! na, der Herr Postmeister ist weiter nicht springgiftig, der wird sich sicher um sie annehmen. — Er und der Herr Postschreiber stecken jetzt beisammen, und kochen etwas aus, mich haben sie nicht dazu nehmen wollen zu ihrer Auskocherei, ich hätte ihnen den Rath gegeben und hält' g'sagt: sie sollen , thun, was sie wollen. — Weil ich also g'sehen Hab, daß ich überflüssig bin, so bin ich in die Herberge gegangen, wie Uch in der Herberge so sitze, sieh ich ! die Plony Vorbeigehen, ich mach einen ! Fahrer aus der Herberge, vergiß ganz, nicht ohne Nebenabsicht, auf's Zahlen, und geh' der Plony nach, die Plony geht auf's Schloß, und ich bin jetzt auch da, aber wo steckt die Plony ? das sind Historien! Das Schönste ist, daß ich bei der ganzen Confusion nicht einmal jZxit Hab', auf meine Teufelsmühle zu ! denken. § Plony (von Außen). Aber ich muß ihn sprechen, lieber Herr Egidy. Egidy (von Außen). Wenn ich aber nicht weiß, wo er steckt. 37 Blasius. Halt, was ist das? war das nicht ihre Stimme, und ist das nicht dem Egidy sein Ton? — Sie kommen näher, vielleicht gar da herein. Jetzt.witt ich aufpassen, wo versteck ich mich nur hin? Da hier in den Uhrkasten. (Oeffnet ihn.) Bedank mich gar schön, der ist verflucht schmal, der Kasten hält' eher Platz in mir, als ich in ihm. Halt, da in dem Ofen. Courage! ich kriech hinein. (Thnt es.) Zweite Scene. Vorige. Plony — Egidy. Plony. Aber ich muß mit dem Herrn Gerichtshalter sprechen. Egidy. Wenn er aber nirgends zu finden ist. — Ich bitt Dich um Alles in der Welt, liebe Plony, mach', .daß Du weiter kommst, denn ich habe in dem Zimmer nothwendig zu thun. Plöny. Es ist schändlich — abscheulich — nicht allein, daß sie Alles im Hause versiegelt und in Beschlag genommen haben, sogar die 200 Gulden, die die braven Rautenbrunner für meine Frau zusammen gelegt haben, sind weggenommen worden. — Egidy. Das ist Alles möglich, aber ich kann da nicht helfen, d'rum fahr ab in Frieden. Plony. Mir ist das Geld anvertraut worden, ich muß dafür gut stehen, darum muß ich auch mit dem Gerichtshalter reden, ich werde ihn schon zu finden wissen,' und er lnuß das Geld herausgeben, oder ich kratze ihm die Augen aus. (Ab.) Egidy. Kratz zu, was geht das mich an, ich möchte mich jetzt selber kratzen, denn mich juckt mein Gewissen ganz kurios. — Ich Hab' einen blitzdummcn Streich g'macht, aber ich will ihn wieder gut machen. Mir ist was eingefallen und so geht es am besten. Ich gib die Perlen wieder dorthin, wo ich sie wcggcuommen Hab', geh' dann zum Herrn Vetter, red' ihm zu, mach'' ihm die Höll recht heiß, und weil er mir selber gesagt hat,. daß die Perlen im Ofen versteckt waren, so sag' ich ihm, er soll noch einmal, und genauer nachschauen! er wirds thun, er muß es thun, die Perlen werden gefunden, und die Unschuld des braven Fräulein Seraphine ist am Tag. Also vorwärts mach' Dein' Fehler gut, Egidy, und zeig', daß du doch ein guter Kerl bist. (Er nimmt das Papier vom zweiten Act, worin die Perlen sind, aus der Tasche und öffnet das Osenthürchen.) Blasius (guckt heraus, ist ganz schwarz im Gesichte und spricht mit hohler Stimme). Der Teufel ist da. Egidy (stoßt einen lauten Schrei aus). Ach'— das Gespenst, mich trifft der Schlag. (Er läßt das Papier mit den Perlen fallen und läuft davon.) Blasius (kriecht heraus). Also, so ist die ganze Geschichte? Brav, jetzt weiß ich, wie viel's geschlagen hat. O Hauptspitzbüberei! Hat er die Perlen wieder mitgenommen? Halt, was liegt da? (Er nimmt das Papier von der Erde, öffnet es.) Viktoria, sie sind's. Jetzt geschwind zum Herrn Postmeister, der mag derweil mit dem Herrn Raschmann ausgekocht haben, was er will, wann ich die Einbrenn nicht dazu mach', gibts doch ein Pantsch. Meine Plony ist auch brav, ich Hab' ihr unrecht gethan, also vorwärts, Blasius, und wenn Alles gut abläuft, so kann ich mir mit fröhlichem Muth zu- rufen: (pathetisch) Jüngling, du hast ritterlich gekämpft, dein werde die verheißene Belohnung. (Ab.) Verwandlung. Kurzes Zimmer auf dem Schlöffe. Tische und Stühle, Rechts ein Fenster. Dritte Scene. Kellerhals. Bolzmayer. Kellerhals. Ihr Reden und Betheuern hilft Alles nichts, Herr Markt- 38 riäM', die Sache muß gerichtlich untersucht werden. — Bolzmayer. Aber der Zettel, vom Schulmeister eigenhändig geschrieben, zeigt ja klar und deutlich, daß die 200 Gulden ein Geschenk von guten Menschen waren, aber heimlich, ganz heimlich. Kellerhals. Leere Ausflüchte. Lauter Plictrik, man will mir einen blauen Dunst vormachen, das kenn' ich, aber ich weiß es besser. — Die 200 Gulden sind der Ueberschuß von den verkauften Perlen, die ihr der Pelzhändler auf den Zobelpalatin herausgab, und das mit dem Zettel ist eine pure Finte. Das Mädchen glaubte das recht fein zu machen, sie war immer so ein heimtückisches Ding. Bolz mayer. Wie aber, wenn wir Alle, die wir das Sümmchen zusammen legten, nun gegen Sic auftreten und bezeugen, daß es unser rechtmäßiges Geld war. Kellerhals. Das mögt ihr thun, dann gibts einen Prozeß, der noch auf Eure Kinder und Kindes-Kinder übergehen soll, und dann mögt Jhr's haben. Bolzmayer. In Gottesnamen, wir suchen unser Recht. Kellerhals. Und wenn es nun wirklich so wäre, wie.Ihr sagt, woran ich aber sehr stark zweifle, wer hieß Euch das Geld so zu sagen zum Fenster Hinauswerscn und fremden Leuten an- hüngen, die Euch gar nichts kümmern? Verwendet Euer Geld zum Besten unseres Marktes und es wird Euch mehr Ehre und Nutzen bringen. Bolzmayer. Das glaube ich, wenn wir es Ihnen in den Rachen steckten, aber heimlich, ganz heimlich, dann wären wir freilich liebe charmante Leute, aber — Kellerhals. Heda, Herr Markt- richter, wahren Sie Ihre Zunge; und sind Sie nicht impertinent, sonst will ich Ihnen weisen — Bolzmayer. Ei, was können Sie mir weisen, höchstens die Thüre,-und auch das ist nicht nöthig, denn ich geh' schon selber. Kellerha ls. Daran werden Sic recht wohl thun. Bolzmayer. Aber eh' ich geh, muß ich Ihnen sagen, daß Sie ein — ' Kellerhals. Nicht schimpfen, Herr, das rath ich Ihnen, sonst — Bolzmaycr. Schimpfen?' O nein, Herr Gerichtshalter, das ist gar nicht meine Sache, ich Hab Ihnen bloß heißen wollen, was Sie noch kein Mensch in Ihrem ganzen Leben geheißen hat, und was Sie auch gar nicht sind. Kellerha ls..Und das wäre? ' Bolzm a.y e r. Ein ehrlicher Mann. (Ab.) Kellerhals. Verdammte Natterbrut! Aber nur Geduld, ich will Euch schon zu Paaren treiben, Ihr sollt mir noch so klein werden- daß man Euch durch ein Nadelöhr wird durchfädeln können, nicht rasten und ruhen will ich, bis das ganze Gesindel sich zu meinen Füßen krümmt. Nun will ich aber auch - gleich den Anfang machen und die Sache mit' aller Strenge untersuchen. Vor Allem muß der Jude mir bekennen. (Er läutet.) Vierte Scene. Vorige. Kilian. Kilian. Euer Gnaden, HcrrGerichts- halter. Kellerha l s. Bring den verhafteten Pelzhändler. Kilian. Euer Gnaden, der war vorhin grob mit mir. Kellerhals. Wie so?. Kilian. Er hat mich einen Ganef geheißen. Kellerhals. Warum? Kilian. Weil ich seine Tochter nicht Hab zu ihm lassen wollen. — Sie steht schon über eine Stunde draußen und bittet um die Gnade, vorgelassen zu werden. 39 Kellerhals. Laß Sie kommen und bring auch den Vater. Kilian. Den Augenblick (geht und kehrt wieder um.) Euer Gnadm, wissen Euer Gnaden nicht, was das ist, ein Ganef? Keller hals. Ei, was wird's denn auch sein. Vermuthlich ein Ehrentitel, den man Jemanden gibt, vor dem man Respekt hat. Kilian. So? nun nachher sind Eber Gnaden auch ein Ganef? (Ab.) Kellerhals. So geht's, der Tochter gedroht, daß der Vater in's Spinnhaus muß, und Sie wird g'wiß die Wahrheit sagen. Fünfte Scene. . Vorige. Rebekka (tritt schüchtern herein). Kellerhals. Nur näher. Du bist die Tochter des Pelzhändlers? Rebekka. Ja, Euer Gnaden, ich bin die Tochter von meinem Vater. Keller hals. Weißt Du, warum Dein Vater im Arrest sitzt? Rebekka. Darum, weil Sie ihn haben eingesperrt. Kellerhals. Bleibt auch 'eingesperrt, bis er nicht gesteht. Rebekka. Gesteh n? Was soll er gesteh'n, wenn er nichts weiß. Kellerhals. Das wird sich finden, was er nicht weiß, wirst schon Du wissen. Rebekka. Ich werd' was wissen? Mir scheint, ich werd' gar nichts wissen. Euer Gnaden!. Sie sind ein so großer gewaltiger und gerechter Herr, hören Sie mein unterthäniges Gebitt und machen Sie wieder frei meinen Vater von das Arrest. Kellerhals. Nichts da, das Gericht muß mit aller Strenge gegen ihn verfahren? Rebekka. Gericht? Waih geschrien. Was heißt man Gericht. Sie werden doch nicht richten meinen armen Vater> und werden ihn vielleicht gar a brescl aufhängen? Kellerhals. Das kann leicht geschehen. Rebekka. Gott über die Welt! (Kniet nieder.) Euer Gnaden, haben Sie Erbarmen mit meinem armen Vater, er ist ganz gewiß unschuldig, warum, weil er ist alleweil gewesen ein braver, rechtschaffener Mann, ich bin sein einziges Kind, und zu Haus sind wir noch sechs Geschwister. Kellerhals. Gut, ich will Gnade für Recht ergehen lassen, wenn Du mir sagst — Aechsle Scene. Vorige. Schalkwitz er. Kilian. Kilian. Da bring ich den Deli- quentcn. (Ab.) Rebekka (springt auf und .eilt ihrem Vater entgegen).- Vater! Herzliebster Vater! Schalkwitz er. Rebekka, was machst Du. Ich mein gar, Du hast Dich niedergekniet, schneid Dich die Krie, weißt Du, vor wem man soll sich niederknien, vor dem lieben allgerechten Gott, aber nicht vor die Leut, und vor gewisse Leut schon gar nicht. Kellerhals. Ich glaube gar, der Jud wird anzüglich. Schalkwitz er. Rebekka! Rebekka. Was Haft Du da gemacht? Rebekka. Ich Hab gebeten'den gestrengen Herrn Gnaden, daß er soll hcr- auslassen den Vater aus den Doufcs. Schalkwitzer. Was hast Du gebraucht zu bitten, ich bin unschuldig hinein gekommen in das Loch, also muß ich auch wieder unschuldig herauskommen. Kellerhals. Still jetzt. Ihr seid hier um Red und Antwort zu geben, also sagt mir — Schalkwitzer. Warten Sie ein brescl !-Rebekka! 40 Rebekka. Vater! Schalkwitzer. Hast Du gut'zugesperrt die Hütten? Rebekka. Ich Hab gut zugesperrt die Hütten. Schalkwitzer. Hast Du gut aus- gehoben die Schlüssel? . Rebekka. Ich Hab' gut aufgehoben die Schlüssel. (Zeigt sie.) Da sind sie. Schalkwitzer. Hast Du gut verwahrt die ganzen Pelzwaarcn? Rebekka. Ich Hab gut verwahret die ganzen Pelzwaarcn? Schalkwitzer! Toff! — (Freundlich zu Keller-Hals.) Jetzt, was schaffen Sie? Keller hals. Wißt Ihr, warum Ihr arretirt seid? Schalkwitzer. Ich soll das wissen, wenn Sie das nicht wissen, wie kann ich das wissen? Keller hals. Ihr habt heute Vormittag einen Zobelpelz verkauft. Schalkwitzer. Zobelpelz? — Ja, ich Hab verkauft einen Zobelpelz. Keller hals. Wem habt ihr ihn verkauft? S chalkwitzer. Warum fragen Sie? Keller hals. Weil ich es wissen muß. Schalkwitzer. Sie müssen es wissen? Aber ich muß es Ihnen nicht sagen. Kellerhals. Höll und Teufel, 'warum nicht? Schalkwitzer. Darum, weil cs mir ist verboten worden. Kellerhals. Verboten ? Aha, nun Hab ich's. Schalkwitzer. Haben Sie's nun, so halten Sie's fest. Kcllerhals. Jetzt auf der Stelle gestanden, wer hat den Pelz gekauft? Schalkwitzer. Ich Hab mein Wort gegeben, es nicht zu verrathen, und werd' auch halten mein Wort. — Ich bin ein ehrlicher Mann, Hab mein, richtigen Paß und Consens, daß ich darf treiben Handel und Wandel überall mit meiner Waar, und daß ich auch kann verkaufen mein Schore, wem ich will. Keller hals. Gut, so wird man Euch zum Bekenntniß zwingen, Schalkwitzer. Zwingen? mai, wer wird mich zwingen? Kellcrhals. Ich! — Ich lasse Euch 10 Stockstreiche auf den Rücken geben. Schalkwitzer. Wie viel werden Sie mir belieben lassen zu geben? zehne? Bagatell, da werd ich auch müssen dabei sein. Kellerhals. Ja, ja, das werdet Ihr auch. Rebekka. Vater, waih geschrieen! Schalkwitzer. Ei, mach kein Ge- seres, Du wirst doch nicht glauben, daß ich mich fürchte? Kellerhals. Nicht wahr, nur gestanden, man hat. Euch den Pelz nicht mit baarem Gelde, sondern mit Perlen bezahlt. Schalkwitzer. Perlen? Was weiß ich von Perlen? Kellerhals. Ihr wißt nichts davon, aber ich weiß davon. Schalkwitzer. Sie wissen davon, das kann sein. Meinen Sie vielleicht die Perlen, was Sie haben ausgepreßt den armen Leuten hier im Ort? Kellerhals. Schweigt, impertinenter Mensch, oder Ihr sollt mich kennen lernen. Schalkwitzer. Ich mein', ich kenn' Ihnen a so. Rebekka. Vater, seid still, wenn der gestrenge Herr wird immer mehr werden bwuches, wird es uns geh'n am End gar schlimm, aber wenn Ihr wcrd't geben gute Worte, vielleicht wird es ihn rühren? Schalkwitzer Rühren? bei dem rührt sich schon gar nichts als höchstens der Perpcndickel in seiner Sackuhr. — Rühren? May! wenn der wird einmal ' 41 sterben, wird man nicht einmal gebrauchen können seine Haut zu einer Trommel, warum? Weil die Trommel muß gerührt werden. Keller hals (läuft wüthend zum Tisch und läutet, Kilian tritt ein)- Nehmt den Juden und werft ihn in das tiefste Ge- fängniß, wo weder Sonne noch Mond hinscheint, und gebt ihm nichts als Brod und Wasser. Rebekka (erschrocken). Soll sich erbarmen die ganze Welt! Schalkwitzcr. Still, Rebekka! Der gerechte Himmel wird nicht lassen zu Grund gehen ein' ehrlichen Mann, wegen ein' solchen (sieht Kellerhals unbefangen in's Gesicht.) Goliath!' Haben ^ie gehört von Goliath, der ist auch gewesen so ein GerichtKhaltcr, aber von die Philister, das war auch ein so ein Gewalts-Mann, so ein -großer mächtiger Herr, aber was ist es gewesen mit ihm? Auf einmal ist gekommen ein klein winziger Stein, hat ihm gegeben einen gewaltigen Streich auf seinen Ponem, und er ist gewesen capores. Mir scheint all'- weil, für Ihnen ist auch schon gewachsen so ein Stein, wenn der wird Ihnen geben einmal einen Patz' und Sie werden daliegen ausgestreckt auf alle Viere, wird auf einmal kommen zu steigen der Pelzhändlcr und wird sagen, da liegt der Bclzebub. (Ab.) Kilian (folgt). Rebekka (will ihm nach). Vater, Vater! Kc llerh a ls (sie zurückhaltend). Du bleibst, und wenn Du nicht sehen willst, wie Dein Vater für seine Verstocktheit streng gezüchtigt wird, so bekenne, wer hat den Pelz gekauft? Du warst gewiß dabei und Dir wurde nichts verboten, also rede. Rebekka. Gott wird cs wissen, daß ich sag die Wahrheit: der Herr Postmeister von da hat ihn gekauft. Kellerhals (ganz verblüfft). Der Postmeister? Siebente Scene. Vorige. Wild (rasch eiutretend.) Wild. Was ist's mit dem Postmeister ? " . Kelberhals. Grad' recht, daß Sic kommen, Herr Wild, das Mädchen hat gerad gestanden, was Ihrem Vater streng verboten wurde, nämlich: daß Sie einen Pelzpalatin gekauft hätten. . Wild. So ist es, und darum beseht' ich Ihnen, die beiden Opfer Ihrer Ungerechtigkeit augenblicklich frei zu lassen. Kellerhals. Befehlen? Sie mir? Sie machen sich sehr lächerlich, Herr Postmeister. Ich will es zugeben, daß Lie den Pelz gekauft haben, auch möchte ich die Ursache leicht errathen; (höhnisch lächelnd.) das Mädchen ist ein appetitliches Ding, aber das mindert noch nicht im geringsten den Verdacht wegen der gestohlenen Perlen. Wild (entrüstet). Mensch, sprich nicht von. den Perlen und häufe nicht noch mehr Deine Sündenlast. Kcllerhals. Herr, wie können Sic sich unterstehen, so mit mir zu sprechen? Wild (gelassen). Herr Gerichtshalter, hören Sie mich. Ihre boshafte empörende Handlungsweise könnte die übelsten Folgen für Sie haben, ich warne Sie als redlicher Mann, gehen Sie in sich und gestehen Sie rcumüthig Ihre Frevel, cs dürfte sonst ein furchtbares Gewitter über Sie losbrechen. Keller hals. Fürchte nichts — habe gegen solche Gewitter einen tüchtigen Blitzableiter. Wild. Wenn Ihr Gutsherr Ihr böses Treiben erführe, wenn er einst selbst hieher käme und Zeuge wäre von Ihren Unthaten. Kellerhals. Er mag kommen, ich bin gepanzert wie ein Rhinoceros; 42 er soll nur kommen, er wird sehen, daß. ich ein strenger, aber ehrlicher und unbestechlicher Mann bin. Wild. Bon Ihrer Unbestechlichkeit gab mir die Geschichte mit meinem arretirten Postillon einen deutlichen Beweis. Kellerhals. Reut Sie etwa Ihr Rheinwein und Ihre 50 Gulden, die können Sie augenblicklich wieder haben. Wild. Herr Gerichtshaltcr, hören Sie die Stimme der Vernunft, Sie könnten es bitter bereuen. Keller hals (grob). Ei was, gehen Eie zum Kukuk mit Ihren Drohungen. Ich begreife es überhaupt gar nicht, wie Sie so dreist und unverschämt sein können, mir solche Dinge in's Gesicht zu sagen. Glauben Sie, Sie sind, im Poststall unter Ihren Postknechten? Wissen Sie, wer ich bin? Ich. bin hier Gerichtshalter und Ihre hohe Obrigkeit, vor der man Respect, Ergebenheit und Veneration haben muß. Wild. O thun Sie nicht so groß, Herr Gerichtshalter, der eingebildete Riese dürfte bald zu einen jämmerlichen Zwerg zusammen schrumpfen. Noch einmal, Sie verschmähen wirklich meine Warnung? Kellerhals. Den Augenblick entfernen Sie sich, oder ich rufe meine Leute. Wild. Wohlan, ich habe das Meinige gethan, Sie sollen es nun schwer empfinden, Leben Sie wohl, in einer Viertelstunde sehen wir uns wieder, (zu Rebekka.) Komm, Mädchen, Du sollst Deinen Vater wieder haben. Rebekka. Das ist schön von Euer Gnaden, dafür sollen Sie gesund bleiben tausend Jahr. (Beide ab.) Keller hals (allein). Lächerliche Drohungen. Gibts verflucht hoch, der Herr Postmeister, aber ich fürchte ihn nicht, den treibe ich auch noch zu Paaren. Ei! Also er hat. den Pelz. gekauft? — Sieh doch, vermuthlich ein Liebhaber? hm, vielleicht schon lange ein heimliches Einverständniß, also darum spielte sie gegen mich die Spröde, die Unempfindliche ? — Geduld! Jetzt soll sie meine Rache doppelt fühlen (man hört außen an der Fensterseite einen fürchterlichen Tumnlt.) Was ist das? (sieht zum Fenster hinaus.) Was muß ich sehen ? Eine Menge Leute plündern die Blumenbeete, schneiden die schönsten Blumen ab, und flechten sie zu Kränzen. Wie können sie sich unterstehen! wer hat ihnen das erlaubt! — Was seh' ich, mein Neffe mitten unter ihnen? Er eifert sie noch mehr an (er öffnet-das Fenster und ruft.) — Egidy! Egidy! — tguber Schlingel! hörst Du nicht? den Augenblick komm hierher. — Was muß geschehen sein? ich begreif' es nicht. Achte Scene. Vorige. Egidy (mit einem ungeheuren Blumenstrauß). Kelle rh als (ihm zornig entgegentre. tend). Wer hat. Euch befohlen, meinen Garten zu zerstören und alle Blumen abzupflücken? Egidy. Das haben wir uns Alle untereinander befohlen, und der Herr Marktrichter hat es erlaubt. K e l l e r h a l s. Der Marktrichter? Unerhörte Dreistigkeit, wie kann der sich unterstehen? Egidy. Er hat sich halt doch unterstanden, es geschieht Alles unserm Gutsherrn zu Ehren. Kellerhals. Unserm Gutsherrn? wie deut ich das? Egidy. Deut' das der Herr Vetter wie der Herr Vetter will, ich glaub' alleweil, der Herr Vetter wird jetzt den stärksten Deuter kriegen. K ellerhals (packt ihn an der Brust). Schurke, jetzt auf der Stelle sage, was es gibt? Egidy (in gemüthlich drohendem Tone). Auslassen, Herr Vetter, nicht vergreifen 43 an mir, sonst sag' ichs dem gnädigen Herrn. — Ueberhaupt rath' ich dem Herrn Vetter, jetzt ganz andere Saiten auszuziehen, denn ich glaube alleweil, es ist- Machäi am letzten. Kellerhals (ängstlich). Egidy!.— lieber Egidy. — Goldjunge, rede, ich beschwöre Dich, was ist geschehen? Egidy. Ah, wenn der Herr Vetter gilt und vernünftig redet, so will ich schon antworten. Ein gutes Wort findet eineu guten Ort! Also ganz kurz, unsere Gutsherrschast, der gnädige Herr Baron, ist angekommen. Keller hals (ganz erschrocken). Der Herr Baron — angekommen? Egidy. Ja, vor einer kleinen halben Stund. Er ist unten im Posthaus abgestiegen, und soll gar ein lieber freundlicher charmanter Mann sein, ich habe ihn zwar nicht selber gesehen, aber alle Leut sagen's, er soll eigens hieher nach Rautenbrunn gekommen sein, (wichtig) um das- Laster zu belohnen und die Tugend zu bestrafen. Kellerhals. Und das Alles erfahr' ich erst jetzt? Egidy. Ja, warum ist der Herr- Vetter so ein Tintenwurm und hält eine Kriminalsitzung über die andere, derweil der Herr Vetter mit den armen Leuten Ballon, und mit der Gerechtigkeit blinde Kuh' gespielt hat, hat der gnädige Herr den Plumpsack versteckt, und ich glaub' alleweil, aus dem Herrn Vettern sein Buckel wird er gefunden werden. Kellerhals (für sich). Mir wird grün und gelb vor den Augen. - Egidy. Ja, der Herr Marktrichter hat Alles über sich, der große Saal im Schloß wird auf's Schönste aufgeputzt so viel sichs in der Geschwindigkeit thun läßt, deßwegcn rupfen wir alle Blumen ab. Ganz Rautenbrunn wird sich versammeln, der gnädige Herr wird kommen, der Marktrichter wird eine Anrede halten, und wir werden Vivat schreien, daß alle Häuser wackeln, aber nur wäckeln, umfalten Werdens nicht, -Umfallen wird bloß der Herr Vetter ganz allein. — Keller hals.. Und von dem Allen sagt man mir kein Wort? Egidy (wichtig stolz). Wir finden es nicht mehr der Mühe werth, mit dem Herrn Vetter zu diplomatisiren. Keller hals. Egidy, guter Egidy, rathe mir, was ist nun zu thun? Rede, lieber goldener Herzensvetter! Egidy. Mit dem Herzensvetter laß' mich der Herr Vetter aus. — cklnsere Vetterschaft hat jetzt ein Ende und die Binderei der Natur ist aufgelöst. Ich werde den gnädigen Herr bitten, daß e r jetzt mein Vetter wird. Kellerhals (für sich). Ich sehe klar, 's geht mit mir zu Ende. Hätte ich nur den Inhalt meines lieben Ofens schon in Sicherheit. Egidy. Das Fräulein Seraphine und der Herr von Jud sind auch schon auf freiem Fuß. Keller hals (zusammenfahrend). Wie, auch das? Egidy. Auf ausdrücklichen Befehl des gnädigen Herrn, und was das Schönste ist, das Gespenst im grauen Zimmer ist auch erlöst. Kellerhals (starrt ihn mit weit geöffneten Augen an, lallend). Was? Egidy. Ja, stell sich der Herr Vetter vor, im Ofen ist's drin g'steckt, aber die Geschwornen haben's gleich heraus kitzelt, und bringens just zum gnädigen Herrn. Kellerhals (ist ganz weg, sein Gesicht ist todtenbleich, seine Lippen beben, seine Knie ' schlottern, er hält sich mühsam an dem Tisch, ein schwerer Seufzer entströmt seiner Brust, er will sich fasten, kann's aber nicht und schwankt mit unsicheren Schritten zur Thüre hinaus). Egidy (allein). Fahr ab, Schandfleck meiner Familie. — Dem wird's jetzt kurios gehen, der wird wenigstens geviertelt, wenn er nicht gar geachtelt wird. Es war doch ein guter Gedanken von 44 mir, dem Herrn Postmeister Alles zu entdecken, was ich angestellt Hab, er ist ein braver vernünftiger Mann; viel vernünftiger als ich, und ich Hab halt einmal mein Zutrauen zu ihm gehabt. Er hat mir aber auch gesagt, sagt er — Müsse Egidy, Sie haben einen unüberlegten Streich gemacht, einen unvernünftigen Streich, sogar einen dummen Streich, aber Ihre Absicht war edel. Sie wollten etwas Gutes erzwecken, darum ist Ihnen, anch verziehen, und Sie bleiben was Sie sind, ein guter Kerl. — Nein, wie mich das freut, daß, endlich ein Mensch in der Welt cinsieht, daß ich ein guter Kerl bin, das glaubt mir gar kein Mensch. - Neunte Scene. Vorige. Plony. Plony. Herr Egidy, lieber Herr Egidy, ist es denn wahr, was ich gehört habe? Egidy. Wenn Du was Gutes ge- . hört hast, so ist es wahr. Plony. Mein liebes - Fxäulein ist wieder frei? — Egidy. Frei wie eine Bachstelzen in der Luft. Der gnädige Herr hat's so angeschasft. Plony. Also ist wirklich die gnädige Gutsherrschaft hier? Ja, ja, ich Hab es schon gehört, der Herr Baron wird gleich auf das Schloß kommen. Der Herr Naschmann von der Post hat meine liebe gnädige Frau auch schon abgeholt, um Sie hieher zu bringen, ich bin nur schnell voraus geeilt, um mein gutes .Fräulein zu sehen und die Erste zu sein, die sie über ihr erlittenes Unrecht tröstet. Wo kann ich sie denn sprechen? Egidy (geheimnißvoll und wichtig). Nirgends, sic ist jetzt für Niemanden zu haben, denn wir haben etwas vor mit ihr. Plony. Der Herr Egidy thut so geheimnißvoll wie alle Ändern, vom Herrn Marktrichter war auch nichts herauszubringen. Der hat überhaupt viel zu chun und zu treiben. Ich bin gerade vor dem grauen Zimmer vorbeigegangen, da Hab ich gesehen, wie der Herr Marktrichter und ein paar Geschworne viele Kasteln und eine Ndenge Papier heraustragen haben. — Zu was gehört denn das Alles? Egidy. Die Kasteln bedeuten, daß wer in's Kastel kommt, und das Papier zeigt an, daß dem, der darauf geschrieben hat, auf die Finger geklopft wird. — Plony. So? - und was steht denn darauf geschrieben? Egidy. Allerhand um ein' Kreuzer. Schuldscheines falsche Rechnungen, unrichtige Liquidiruugen, unterschlagene Prozeßakten; kurz Alles, was halt ein schuldiger Mensch auf einem unschuldigen Papier anbringen kann. Das Papier ist überhaupt das geduldigste Ding auf der ganzen Welt und laßt Alles mit sich machen. Wenn man bedenkt, was heut zu Tag Alles zusammen geschrieben wird, und zu was man oft so viel unnöthiges Papier braucht, besonders zu Prozessen, Romanen und Komödien, so kann man sich nicht genug wundern, daß der Vorrath noch immer nicht ausgegangen ist. Es ist ein wahres Glück, daß wir nicht in den Zeiten leben, wo bloß auf Baumblätter geschrieben worden ist, denn da hätten die Bäume nicht nachwachsen können, aber beim Papier ist mir nicht bang, denn wir haben ja Gott sei Dank noch Lumpen im Ueberfluß. Plony. Was geschieht denn da mit dem schönen Blumenstrauß? Egidy. Aber neugieriges Herzcl! mußt Du denn Alles wissen? Aber wart, ich will Dir's sagen, denn das ist kein Geheimniß. Dieser Blumenstrauß wird von sachverständigen Kindern sauber und sorgfältig sortirt und ein Jedes in ganz Rautenbrnnn. groß oder klein, jung oder 45 alt, kriegt ein Btümerl,. was g'rad auf seinen Charakter paßt, z. B. Du kriegst ein Gansblümerl und ein Katzenpfötlein. Plony. Da kriegen Sie wahrscheinlich ein' Schafgarben und ein Vexiernagerl ! Egidy. Was der Teuxel? Ja verstehst denn Du auch was von der Gärtnerei? Plony. Ich bin ja eine Gärtnerstochter. O die Gärtnerei lieb ich über Alles? Egidy. So? die Gärtnerei liebst Du über Alles? Liebst Du vielleicht sonst' noch etwas auch über Alles? Plony. Das versteh' ich nicht. Egidy. Ich bitt' Dich, Madel, verstell' Dich nicht, oder solltest Du vielleicht noch gar nicht verliebt gewesen sein? Plony. O verliebt war ich schon ein paar Mal, aber geliebt Hab ich noch nicht. Egidy. Ja, ist denn das nicht Alles Eins? Plony. Gott bewahr! Meine Mutter- Hat immer gesagt: Verliebt sein ist Kinderspiel, aber Liebe ist. Lebensziel. Egidy. Hat d'Frau Mama gesagt? Das muß eine gescheite Person gewesen sein, L' Frau Mama. Duett. Plony. Sie sagt: die Lieb theilt ungcnirt. Was ein'm das Glück beschied, Beim Geben und beim Nehmen kennt Die Lieb kein' Unterschied. Egidy. Lieb's Madel, schau, der Satz ist fad, Denn, ich versich're Dich. -Das Geben laß ich Andern gern, Das Nehmen g'hört für mich. Plon y. Sie sagte auch: Es sei dle Lieb Ein wahres Wechselhaus, Da geh'n gar liebe Leut hinein, Und tauschen Herzen aus. Egidy. Doch in ein' solchem Wechselhaus Bin ich nicht gern Kassier, Ihr bringt's ein falsches Herz gar oft, Und wallt's ein gut's dafür. Beide. Doch bleibt die Lieb auf jeden Fall Was K.östlich's in der That; Und ihr Erfinder war ein Mann, Der d'Sach' verstanden hat. (Jodeln.) Plony. Ein' Blumengarten gleicht die Lieb', Wo d' Madeln Rosen sind, Doch nur ein Schilfroh'r ist der Mann, Beweglich wie der Wind. Egidy. Ein Rosengarten ist die Lieb', O ja, das leugn' ich nicht. Doch d' Madeln sein die Dörner dr'in. Woran sich Mancher sticht. Plon y. Es gleicht die Lieb wohl einer Jagd. Und Jeder, der nur kann, Jagt frisch auf Mädchenherzen los. Nicht wahr, Herr Jägersmann ? Egidy. Nicht übel grad ist der Vergleich, Wenn man's schon sagen muß, Doch Mancher, der ein' Häsin jagt, Ist selbst ein Hasenfuß. Beide. Doch bleibt die Lieb auf jeden Fall ! Was Köstlich's in der That, Und ihr Erfinder war ein Mann, Der d' Sach verstanden hat. (Jodeln.) 46 Repetition. Plony. So wie in-einer Mainacht gleicht - Die Lieb dem Mondenschein, Sie strahlt im Herzen wunderbar Wie Silberglanz so rein. Egidy. Ja,-ja die Lieb.und's Mondenlicht Sind wirklich ganz egal; Wenn ein's davon in Schatten tritt, Ist d' Finsterniß total. Plony. Die Liebe und die Blattern sind Zwei wahrhaft bitt're Wch'n, -Und jeder Mensch im Leben muß Sie einmal überstch'n. Egidy. Geg'ns Blatterttgift hat man schon längst Äuhpocken applizirt, Doch gegen d' Lieb hat noch kein Mensch Ein' Viehkur ausstudirt.' Beide. Doch bleibt die Lieb aus jeden Fall Was Köstlich's in der That, Und ihr Erfinder war ein Mann, Der d' Sach verstanden hat. (Jodeln.) (Beide ab.) Verwandlung. Saal auf Rauteubrunn, mir Gnirlanden, Kränzen und Blumengewinden zierlich und paffend decorirt. Im Hintergrund ein Bogen, der zu einer Terrasse leitet, welche wieder in einen schönen Garten führt. Auf der Terrasse und ihren Stufen Blumenstöcke und Vasen. Das Ganze ist von der untcrgehenden Sonne beleuchtet. Zehnte Scene. Einwohner von Rautenbrunn beiderlei Geschlechts. Auch von den Fremden und Jahrmarktsleuten sieht man Viele in neugierigen Gruppen versammelt. Der Cantor ist im Begriffe mit mehreren Gärtnerburschen den Saal zu decoriren. Sie find beinahe damit zu Ende. Später treten ein Bolz mayer und die Geschwornen. Chor. ! Herein, herein, was lebt und webt, Mit frohem Jubelschall! Die Freude unser Herz erhebt, Und Lust herrscht überall. — Der gnädige Herr, der Ehrenmann, Zeigt bald sich unserm Blick, Drum stimmt aus vollem Herzen an : Ihm blühe Heil und Glück! Bolz mayer. Nun, Herr Cantor, wie gehts, schon Alles fix und fertig? aber heimlich, ganz heimlich. Cantor. Bin'schon am Ende. Meine Musici stehen bereit, die kleinen Mädchen, angezogen wie die lieben Engeln, sind auch schon bei der'Hand, ich warte jetzt nur noch auf das Zeichen, daß es beginnen kann. Bolzmayer (immer mit heimlich geschäftiger Freude). Wird gar nicht lang mehr dauern, wird bald angehen der Tanz. Cantor.' Also Sie haben unsern lieben gnädigen Herrn schon gesehen und gesprochen-? Bolzmayer. Gesehen und gesprochen, aber heimlich, ganz heimlich. Cantor. Bin sehr begierig aus den Herrn Baron. Man erzählt sich sehr viel Gutes von ihm. Bolz mayer. Und das mit Recht, der ist ganz das Gegentheil von seinem seligen Herrn Onkel, und wir sehen Alle mit Herzinniger-Freude einer glücklichen Zukunft entgegen, aber heimlich, ganz heimlich. Fr: v. Grün wald, Ras chm an n, Plony, Blasius, Schalkwitzer und Rebekka treten ein. Mehrere der Anwesenden flüstern leise unter sich, bei dem Erscheinen der Mutter). Letzt, das ist sie — das ist die Mutter, eine liebe brave Frau. 47 Raschmann (Fr. v. Grünwald im Vordergründe einen Stuhl bietend). -Letzen Sie sich, gnädige Frau. Fr. v. Grünwald. Ich danke, die Sehnsucht nach meiner geliebten Tochter hat mich stark gemacht. Werde ich sie bald sehen? Raschmann. Bald, recht bald, und hohe Freude steht Ihnen bevor. Plony (zu Blasius). Nun, was machst denn Dü für ein Gesicht, als wie eine Katze, wenn es donnert? Blasius. Ich habe mit Mißvergnügen die Bemerkung bemerkt, daß Du schon wieder mit dem Egidy gesprochen hast. Plony, wenn das noch einmal geschieht, so stirbst Du den Tod der Rache von Deiner. Mutter Hand.. Plony. Das wird schwer gehen, denn meine Mutter ist schon lange todt. Blasius. Das thut nichts, ich bin Bräutigam, und als solcher vertret' ich Frau Mutterstelle an Dir. Eilfte Scene. Vorige. Kelle rh als (demüthig hereinschleichend). Kelle eh als. Ah sieh da, da ist ja Alles auf's Prächtigste hergerichtet, wird sich recht vom Herzen freuen unser gnädiger Herr, wenn er sehen wird, wie ihm Alles mit Liebe und Ergebenheit entgegen kommt. (Zn Bolzmayer.) Wird wohl bald erscheinen, der liebe Herr Baron. Bolz mayer (ihm den Rücken kehrend). Ja, sobald er da ist. Kellerhals. Hin! (verlegen sich znm Cantor wendend). Wie geht cs denn Ihnen immer, lieber Herr Cantor? Cantor (wendet sich auf die andere Seite, ohne auf ihn zu achten, und singt für sich.) ^libi est pi'vp08itnrn in talbörna inori. Kellerhals (für sich). Verdammtes Volk, will mich gar nicht mehr ansehen. .(Er erblickt Fr. v. Grünwald und stutzt.) Ah, Sie auch da, gnädige' Frau? (Sie wirft ihm einen vernichtenden Blick zu.) Und auch Sie, Herr Raschmann, da wird vermuthlich der gestrenge Herr Postmeister wohl auch bald erscheinen? Raschman n. Sehr bald, er besorgt nur noch die Postpferde, die Sie nach der Festung bringen werden. Blasius. Für den wär' eine Extrapost auf einem Mülleresel auch gul. Keller hals (seine Angst und Verlegenheit steigt auf's Höchste, er trocknet sich den, Schweiß ab, und indem er sich wendet, stößt er auf Schalkwitzer.) Der auch da? Uph! ist ein warmer Tag heute. Schalkwitzer. Ich mein's auch. Ein Pelzpalatin und ein Kachelofen können einem so warm machen, daß man ganz meschüke davon wird. Rebekka. Wenn ich wär' wie der Bater, möcht ich auf den Meschoufe gar nichts mehr schmüsen. Kellerhals (zwingt sich mühsam zn einem Lächeln; geht ein paar Schritte weiter und kommt zu Blasius). Hihihi! Alles hiev so spaßhaft, so gut aufgelegt, es kommt mir gerade so vor, als ob Comödie gespielt würde. Blasius. Freilich spielen wir Co- i mödie, Sie spielen ja auch mit, Herr Gerichtshalter, die Spitzbubenrolle, aber Sie werden auf die Letzt ausgepfiffen. Keller hals (knirschend und voll Galle)- Eine verfluchte Situation, in der ich bin.. ! (Plötzlich Jubel und Vivatrufen von außen. Ländliche Jntrade im Einklänge mit dem Schmettern der Posthörner. Alles ruft:) Er kommt, er kommt! Zwölfte Scene. Vobige. Egidy, gleich darauf Wild, eine Schaar Postillons und Wachen. Egidy (eilt herein). Juchhe! Auf- g'schaut, der Herr Baron wird kommen, er kommt schon, er ist schon da! Vivat! (Postmeister Wild tritt auf, er trägt eine Staatsuniform und ist mit einem Orden ge- Mt-brere Voüillons bealeiten ibn. Die 48 Wache im Hintergründe. Alles stutzt bei seinem Eintritt, und ruft, Raschmann und Bolzmayer ausgenommen:) Der Herr Postmeister! Wild. Nicht mehr, liebe Kinder (aus Raschmann zeigend). Hier steht der neue Postmeister. Ich bin Eduard Baron von Wildenstein, und Euer braver Marktrichter hat die Beweise und meines Onkels Testament bereits in seinen Händen. Ein Anflug heiterer Laune bestimmte mich, die Maske des Postmeisters zu wählen, und unerkannt das Thun und Lassen meiner Unterthanen zu beobachten. Wohl mir, ich habe Euch Alle als biedere Menschen gefunden, unter so vielen Guten einen einzigen Bösen. (Tritt zn Kellerhals finster.) Herr Kellerhals! Kellerhals (fast einer Ohnmacht nahe). Gnade! Barmherzigkeit. Wildenstein. Ich habe Sie gewarnt, und hätte Ihnen Gnade gewährt, denn ich wollte beim Antritt meiner Herrschaft nicht gleich strafen. Sie blieben verstockt und nun ist es zu spät (ihm eine Schrift vorhaltend.) Kennen Sie dieses? Keller hals (wirft einen flüchtigen Blick darauf und fährt zusammen). Wild eit st ein. Es ist dasselbe Papier, in welches Ihr Neffe die Perlen -verwahrte, die er zwar unüberlegt aber! in guter Absicht aus Ihrem Diebsbe- hältniß nahm. Es ist das Testament des Hauptmanns von Grünwald, laut j welchem er seiner Tochter Seraphine ein! in Ihren Händen befindliches Vermögen von 12.000 Gulden hinterläßt. — Können Sie es leugnen? — Ihr todtcn- bleiches Antlitz, Ihre bebenden Lippen verkünden nur zu deutlich Ihre Schuld. Auch Ihre andern Frevel sind am Tag. Gehen Sic, dasselbe Gefängniß, in welches der unschuldige Pelzhändler geworfen wurde, sei nun das Ihrige. Fort, und erwarten Sie die strengste Untersuchung. (Er winkt der Wache, diese tritt vor, nimmt den zitternden Gerichtshalter in ihre Mitte und geht mit ihm ab). Blasius. Fort mit ihm nach der Veste Bodsheim. Wi ld cnstein (zu Frau v. Gründwald). Gnädige Frau, ich wünsche Ihnen Glück, nehmen Sie Ihr Eigenthum wieder und geben Sie Ihrer Tochter einen neuen Vormund. Fr. v. Grünwald. Herr Baron, mein Dank ist ohne - Grenzen, doch ge- ! währen Sie mir eine Bitte, vollenden Sie ganz das schöne Werk Ihres Edel- ^ muthes und werden Sie dieser Vor- imund selbst..— j Wildenstein (lächelnd). Es thut !mir leid, daß ich Ihnen diese Bitte j rund abschlagen muß. Ich tauge zu keinem Vormund. Das Wort klingt viel zu diktatorisch, und ich lasse mir von schönen Damen lieber befehlen, ehe ich selbst befehle. Das Wort Gatte hingegen klingt viel angenehmer, viel süßer, und darum wag' ich es, gnädige Frau, und bitte um die Hand Ihrer Tächter. Fr. v. Grün wald. Herr Baron, dieser Scherz — Rasch mann. Kein Scherz, gnädige Frau, es ist sein voller Ernst, und ich bin Brautwerber. Wildenstein. Frisch, Mütterchen, eingeschlagen, ich meine es treu und ehrlich, so wahr Gott lebt. Fr. v. Grün wald. Reden Sie mit Seraphine, meinen Segen haben Sie. Bolzmayer. Still, still, sie kommt, jetzt ruhig, aber heimlich, ganz heimlich. (Eine liebliche Harmonie ertönt, die sehr piano bis zn Ende des Stückes fortsährt.) 49 Letzte Scene. Vorige, Seraphine (wird von sechs Mädchen, die als Genien gekleidet sind und Blumenketten um sie geschlungen haben, in den Saal geführt. Ihr entgegen von der andern Seile tritt Ludmilla ein, mit einem schönen Polster, aus welchem ein Perlenkranz liegt.) Seraphine (blickt staunend umher). Wo führt Ihr mich hin, Ihr Kleinen, — was geschieht mit mir? welche himmlische Töne benrhren mein.Ohr, meine Augen sind geblendet vom strahlenden Licht der holden Abendsonne. Es ist Alles so feierlich um mich her und nie gekannte Last durchbebt mein Herz (sie erblickt ihre Mutter.) Mutter! thcure, vielgeliebte Mutter! (Sinkt freudetrunken an ihre Brust, kleine Pause, sie blickt auf, sieht Wildenstein und fährt zusammen.) Ha! Auch er hier? Fr. v. Grüuwald. Es ist Baron Wildenstein, der Netter Deiner Unschuld, Dein edelmüthiger Befreier. , ^ e raPhinc (voll Staunen ansrufend). Er? Ludmilla. Nimm Deine Perlen hier zurück, Sie bringen Freude Dir und Glück; Zum Brautkranz siehst Du sie gewunden, Und dich erwarten Wonuesmnden. Seraph ine. Was soll das Alks, meine Sinne fassen es nicht. Wildenstein. Seraphine, ein Liebender bittet um Ihr Herz, ein ehrlicher Mann um Ihre Hand. Seraphine (blickt ihre . Mutter fra gend an). Mutter? Fr. v. Grünwald. Sei glücklich, meine Tochter, mein Segen folge Dir. Wild enstein (breitet die Arme ans, Seraphine sinkt wonnetrunken an sein Herz. Alles ist in froher Bewegung). Geliebte Braut, bald mein treues Weib bis in den Tod. — Nun, Blasius,, weißt Du keine stelle ans Deiner Teufelsmühle? Blasius. Trinkt auf aller Mädchen Wohl — Die von reiner Liebe voll. W i l d e n st e i n. (Seraphine innig an seine Brust druckend). Seraphine! Blasius. (Plony ungestüm umarmend). Appolonia! Egidl) (der immer freudigen Antheil an dem Gänzen nahm, ruft fröhlich aus). Ich bin halt doch ein guter Kerl! (Allgemeiner Jubel, Vivatgeschrei, rauschende Musik) (Der Vorhang fällt.) WMskaulser'sche Auchhandütng fll. W. Äünasy Wien, I Hoher Markt I empfiehlt ihr erscheinenden Werke. W ^ LR (.VS. aller auf dem WWW Theater-Literatur als IpeMitat rMchl modmi, »ntiq«Mich, »Ir ia Mmrmxtc». D p e r n t e x 1 e. ReichhaNiges Lager von werttjvoll'en antiquarischen Werken, worüber in monatlicheu Zwischenräumen Kataloge gratis ausgegeben werden. auf alle in- und ausländischen Zeitschriften. Truck von 2. V. WalliShaufser. Der Mentor. Lukspiel in einem Anszuge, nach dem Französischen frei bearbeitet von I. W. Lembert. Aufgeführt im k. k. Hofburgtheater. Personen r Magister Jnnocentius Weise. Herr Fingerling, ein reicher Kaufmann. Madame Fingerling, seine Frau. Seraphine, ihre Tochter. Rosalie, ihre Nichte. Zwei Bediente. Die Handlung geht auf Fingerlings Landhause vor. Die Bühne stellt den Salon eines Gartenhauses vor. Eine Mittel- und eine Seitenthür. Ein Fenster, ein Bücherschrank, ein Kanapee und mehrere Stühle stehen umher. Erste Seene. Seraphine, dann Rosalie. Seraphine (schleicht, sich vorsichtig umsehend, zur Mittelthür herein. Sie trägt ein Paket mit Frauenkleidern unter dem Arm. — Nachdem sie die Thür leise hinter sich zugemacht hat). Niemand hat mich bemerkt und ich kann ungestört mit meiner Consine sprechen. (Sie klopft an die Ceitenthür). Komm'heraus, liebe Rosalie! ich bin's. Rosalie (tritt in Offizkersuniform aus der Seitenthür). Da bin ich. Laß Dich umarmen, liebe Seraphine. Seraphine (ängstlich zurücktretend). Nicht doch; das schickt sich nicht. Rosalie. Schickt sich nicht? — daß eine Cousine die andere umarmt? Seraphine. Das wohl; aber die Uniform! — Das könnte Ideen erwecken, die — Rosalie (lachend). Ich sehe wohl, Du bist noch immer die ängstliche Schülerin der Kostschule, die über und über roth ward, wenn sie ein männliches Wesen anredete. Seraphine. Und Du noch immer — Rosalie. Die unbesonnene Rosalie, die Ihr spottweise den weiblichen Husaren nanntet? — zu dienen! —Meiner Unbesonnenheit verdankst Du es eben, daß Du mich hier und in dieser Verkleidung siehst. Seraphine. Worüber ich fast vor Schrecken gestorben wäre; als Du gestern Abend zu mir herein stürztest und mich beschworst, Dich im Hause zu verstecken , ohne daß es mein Vater erfährt — Rosalie. Das war wohl ganz natürlich. Dein Vater ist mein Onkel, und um Alles in der Welt wollte ich nicht, 1 2 daß er etwas von meinem Abenteuer erführe. Seraphine. Aber mir wirst Du doch jetzt die nöthige Aufklärung geben, wozu es gestern Abend zu spät war, weil ich kaum Zeit fand, Dich unbemerkt in diesem Gartenhause zu verbergen. Es muß Dir etwas Unerhörtes widerfahren sein! Rosalie. Unerhört eben nicht; ich wurde nur entführt. Seraphine. Entführt!? — Von Räubern? Rosalie. Nicht doch; von einem jungen, schönen Offizier. Seraphine. Und Du hast es geduldet? Rosalie. Ich mußte wohl, denn er war der Stärkere. Seraphine. Sich entführen lassen! Und von einem jungen, schönen Offizier! — Es ist unverzeihlich! Rosalie. Nun ja, ich erkenne mein Unrecht; — auch geschah es wider meinen Willen. — Vernimm, daß man in einem Garten meiner Vaterstadt eine Art Vaurhall geben wollte, wobei Alles in Masken erscheinen sollte. — Seraphine. In Masken? Wie sündlich! Rosalie. Ich erhielt auch eine Einladung, aber mein Vater, der Tyrann, verbot mir, sie anzunehmen. Zum Glück, oder, wenn Du willst, zum Unglück, mußte er auf einige Tage in Geschäften verreisen. Während seiner Abwesenheit besuchten mich einige Freundinnen und brachten mich durch die Schilderung des Vergnügens, das sie sich von dem Feste versprachen, fast zur Verzweiflung. Endlich meinte Eine von ihnen, es stände ja nur bei mir, ihr Vergnügen zu thei- len. — Wieso? fragte ich. — „Mein Gott!" entgegnete sie: „Du erscheinst in Maske, Niemand wird Dich erkennen, und Dein Vater, der zum Glück abwesend ist, nichts davon erfahren." Seraphine. Und Du ließest Dich verlocken? Rosalie. Konnte ich widerstehen? Wußte ich nicht, daß Eduard auf dem Balle erscheinen würde? Seraphine. Eduard? Wer ist das? Rosalie. Eduard von Bromberg, der schönste Husaren-Lieutenant der ganzen Armee, der mir seit einem Monate zuschwört, daß er mich anbethe, daß er ohne mich nicht leben könne! Seraphine. Und Du konntest solchen Schwüren Dein Ohr leihen, ohne vor Scham in die Erde zu sinken? Rosalie. Kind, das verstehst Du nicht. Einen jungen, hübschen und verliebten Offizier macht man nicht so leicht schweigen, — und vollends den. Du glaubst nicht, wie leidenschaftlich und heftig er ist; deßhalb nahm ich die Uniform meines Bruders, der bei demselben Regiments steht, und nahm mir vor, Eduard nach Herzenslust zu intrikiren. Kaum auf dem Balle angelangt, war er auch schon an meiner Seite. Der Schelm that, als kenne er mich nicht und halte mich für meinen Bruder. Ohne daß ich es bemerkte, wußte er mich im Gespräche in eine dunkle Allee zu locken; plötzlich standen wir an einer offenen Pforte, vor der eine Postchaise hielt, zwei Männer ergriffen mich, verhielten mir den Mund und setzten mich an Eduards Seite in den Wagen, der im Galopp davon flog. Seraphine. Da siehst Du, wohin ein Ball führen kann! Rosalie. Glücklicher Weise brach, als uns der Weg hier durch's Dorf führte, ein Rad, Eduard mußte mich verlassen, um Hülfe zu suchen; diesen Umstand benützte ich und entfloh in der Dunkelheit, um bei Dir Schutz und Zuflucht zu suchen. Seraphine. Ich will hoffen, daß Du den schändlichen Jungfrauenräuber jetzt eben so sehr hassest, als — Rosalie. Ihn hassen? Ach, gutes 3 Kind, Du kennst die Liebe nicht. — Ist seine Gewaltthat nicht ein Beweis von der Stärke seiner Leidenschaft? — Doch das verstehst Du nicht und mich quälen > jetzt andere Sorgen. Morgen spätestens « kehrt mein Vater von seiner Reise zu- ^ rück, — wenn er mich bei seiner Rück- u kunft nicht fände, — wenn mein Abenteuer bekannt würde — wenn es in die Mäuler meiner klatschsüchtigen Freun- ! dinnen käme — wie würd' es mir er- 1 gehen! ? Seraphine. Freilich! Freilich! Aber was beginnen? Rosalie. Ich muß durchaus in das ^ väterliche Haus zurückkehren; aber nur ^ bei Nacht, am Tage darf ich es nicht wagen. L Seraphine. Und wer soll Dich begleiten? Rosalie. Vielleicht, daß Dein Bru- i der Georg — ^ Seraphine. Der ist seit zwei Ta- ^ gen in der Residenz, um Abschied von k seinen Freunden zu nehmen. ! Rosalie. Abschied? S e r a p h i n e. Weißt Du denn nicht, < daß er im Begriff steht, eine Reise nach ; Italien zu machen, um seine Erziehung ' zu vollenden, wie der Vater sagt? Wir erwarten sogar einen Mentor, der ihn Z auf dieser Reise begleiten, zwar noch i jung, aber ein Muster von Solidität ! sein soll. ! Rosalie. Ach, wer doch auch so ei- , nen Mentor hätte! I Seraphine. Nun, wir haben ja i noch einen ganzen Tag vor uns; wer I weiß, wen uns der Zufall sendet. — > Vor Allem lege diese anstößige Kleidung ab, die mir Schrecken einflößt. Ich habe j Dir hier einen Anzug von mir mitge- i bracht. Rosalie. Sonst nichts? l Seraphine. Was noch? ii Rosalie. Ein Frühstück. Bedenke, ? daß ich seit gestern Mittag nichts genos- ' sen habe. Seraphine. Daran dacht' ich nicht. — Doch still! — ich höre Stimmen. Rosalie. Sie nähern sich. Sera pH ine. Es ist mein Vater und die Mutter. Was wollen sie hier in dem Gartenhause, das sie sonst nie besuchen? Wenn sie mich hier treffen, — ich zittre! Rosalie. Verliere nur nicht gleich den Kopf, Du furchtsame Taube. — Stelle Dich, als ob Du hier in der Bibliothek ein Buch suchtest. Seraphine. Nichts als Lug und Trug. Ach, wozu verleitest Du mich! Rosalie. Benimm Dich klug und vergiß das Frühstück nicht, (in die Seitenthür ab.) Zweite Seene. Seraphine am Bücherschrank. Fingerling. Mad. Fingerling. Fingerling (im Auftreten). Und ich sage Ihnen, Madame, ich will es so! Mad. Fingerling. Und ich sage Ihnen, mein Herr, daß Sie nicht wohl bei Sinnen sind. — Dieses Gartenhaus ist zu entfernt vom Wohngebäude. Fingerling. Eben deßwegen ist es für einen Gelehrten wie gemacht. Die Ruhe der Einsamkeit — eine ausge- wahlte Bibliothek — (indem er den Blick auf den Bücherkasten richtet, erblickt er Seraphinen) Du hier, meine Tochter? Mad. Fingerling. Wie kommst Du hierher, Seraphine? Seraphine. Ich — Mama? — Ich suchte ein Buch. Fingerling. Komm näher, mein Kind. Ich bin überzeugt, Du wirst meiner Meinung sein. Mad. Fingerling. Das fehlte noch! Kinder um Rath zu fragen, wie abgeschmackt! — Um der Sache ein Ende zu machen, und um Ihnen zu beweisen, daß ich eine folgsame Hausfrau bin — 1 - 4 Fingerling. Der Beweis würde mir eben so neu als überraschend sein. Mad. Fingerling. Sparen Sie Zhren faden Witz. Kurz, ich gebe nach; er mag hier wohnen. Seraphine (hastig). Wohnen? hier im Gartenhause? —Wer? Fingerling. Der junge Gelehrte, der Deinem Bruder auf seiner Reise zum Mentor dienen soll. Zch erwarte ihn in einigen Tagen. Seraphine (erleichtert). Zn einigen Tagen! — Mad. Fingerling. Und kennen Sie den jungen Mann auch hinlänglich, um ihn — Fingerling. Ob ich ihn kenne? — 3st er nicht der Sohn meines alten Handlungsfreundes Weise, der, weniger glücklich in seinen Geschäften als ich, nach Amerika auswanderte und bei seiner Abreise seinen einzigen Sohn dem Professor Dintenspecht zur Erziehung anvertraute, welcher ihn zu einem Mu-- ster von Gelehrsamkeit und Solidität ausbildete. Mad. Fingerling. Wahrscheinlich ein pedantischer Schulfuchs? Fingerling. So nannte ihn sein Vater auch, als er mit Schätzen beladen aus Amerika zurückkehrte und eben nicht sehr erfreut war, in seinem Sohn, mit dem er andere Absichten hatte, einen steifen Pedanten zu finden, der nur in seinen Studien lebt. Deßhrlb bat mich Freund Weise, ihn meinem Georg als Mentor mitzugeben, weil er hofft, die Reise würde ihn zerstreuen, die pedantischen Grillen verscheuchen und ihn empfänglich machen für die Freuden des Lebens. Mad. Fingerling. Und einem solchen Menschen wollen Sie unfern Georg anvertrauen? War es nicht genug, daß Sie Ihre Tochter in der Kostschule zur albernen Kopfhängerin verbilden ließen, soll nun auch Ihr Sohn — Fingerling. O,ich werde mich nicht übereilen; ich werde dem gelehrten Herrn auf den Zahn fühlen, ihn durchblicken; Sie wissen, ich habe scharfe Augen — Mad. Fingerling (lächelnd). Haben Sie? Fingerling. Za, die Hab' ich, denn ich kann selbst die Correspondenz-Artikel in den Zeitschriften noch ohne Brille lesen. Mad. Fingerling. Sie vergessen die Brillen, welche die Rezensenten ihren Lesern gewöhnlich aufzusetzen pflegen. Fingerling. Nicht übel bemerkt — hehehe! — gar nicht übel. Doch das erinnert mich an die neuesten Nummern des Pfennigmagazins, die ich gestern bekam, ich gehe, sie zu lesen. Das ist ein herrliches Unternehmen, spottwohl- feil und überaus interessant; für wenige Groschen lernt man alle Melkwürdigkeiten der Welt kennen. Zch begreife gar nicht, wie man heut zu Tage noch auf Universitäten gehen mag, da man doch Wörterbücher nnd Tagesblätter über alle Zweige des Wissens hat, wo man nur nachzuschlagen braucht und bei einer Pfeife Tabak und einer Tasse Kaf- feh die Gelehrsamkeit aller Weisen Griechenlands mit Bequemlichkeit einschlürfen kann, (gchl ab). Dritte Seene. Mad. Fingerling. Seraphine. Mad. Fingerling. Gut, daß er ging. Seraphine (für sich). Wenn sie ihm nur folgen wollte, (laut). Zch bitte, liebe Mama, überlassen Sie mir die Sorge, die Wohnung für unfern Gast in Ordnung zu bringen. Mad. Fingerling. Das magst Du nachher thun; jetzt habe ich Dir ein wichtiges Geheimniß anzuvertrauen. Seraph ine. Ein Geheimniß? Mad. Fingerling. Du kennst 8 Deines Vaters Abneigung gegen das Militär. — Seraph ine. Ja, Mama. Mad. Fingerling. Und weißt, wie sehr ich dafür eingenommen bin. Sera pH ine. Ja, Mama. Mad. Fingerling. Ich will durchaus einen Offizier zum Schwiegersohn. Seraphine. Aber der Papa will es nicht. Mad. Fingerling. Der soll wollen müssen. Ich habe es mir nun einmal in den Kopf gesetzt, und was ich mir in den Kopf gesetzt habe, muß geschehen, das weißt Du. Seraphine. Ach ja, Mama! Mad. Fingerling. In der Voraussetzung , daß Dein Herz noch frei ist — Seraphine (schlägt verlegen die Lugen nieder). Mad. Fingerling (die es bemerkt). Warum schlägst Du die Augen nieder und wirst über und über roth? — Du hast Dich doch nicht unterstanden, ohne mein Vorwissen — Seraphine (hastig). Nein, Mama, ich habe mich nicht unterstanden, (bei Seite). Schon wieder eine Lüge! Wad. Fingerling. Das wollte ich Dir auch gerathen haben! — Also in dieser Voraussetzung habe ich mit meinem Bruder, dem Obersten, einen Plan verabredet, Deinen Vater durch List dahin zu bringen, daß Du gegen seinen Willen die glückliche Gattin des schönsten Husaren-Lieutenants wirst. Seraphine. Aber, Mama, ist das auch recht? Mad. Fingerling (auffahrend). Schweigen und gehorchen ist die Pflicht einer folgsamen Tochter; hat man Dich das in Deiner frommen Kostschule nicht gelehrt? Seraphine. Jawohl; aber — Mad. Fingerling. So laß Dich nicht an Deine Pflicht mahnen. — Um Deinem künftigen Gemal hier Eintritt zu verschaffen, wird er noch heute unter der Maske des Magisters Weise, dessen Ankunft Dein Vater erwartet, hier erscheinen. Seraphine. Aber — Mad. Fingerling. Schweig', sag' ich! Du bist ein einfältiges Gänschen, das man zn seinem Glücke zwingen muß. Zwar kenne ich meinen künftigen Schwiegersohn selbst noch nicht; aber mein Bruder, der Oberst, schreibt mir so viel Rühmliches von ihm — (sucht in ihrer Lasche), wo habe ich denn den Brief? — Wahrscheinlich auf meinem Arbeitstische liegen lassen. — Kurz, Eduard von Bromberg soll der Inbegriff aller Liebenswürdigkeit sein. Seraphine (für sich). Eduard von Bromberg ? Mein Gott! der Entführer meiner Cousine! Vierte Scene. Vorige. Fingerling. Fingerling (hastig hcreinstürzend). Er ist da! er ist da ! Mad. Fingerling. Wer? Fingerlin g. Der Erwartete, — der Mentor unseres Sohnes. Ich sah ihn so eben vom Wagen steigen, habe ihn am schwarzen Rock erkannt, wie man den Vogel an den Federn erkennt, und Befehl gegeben, ihn sogleich hierher zu führen. Mad. Fingerling (leise zu Seraphinen). Das ist er! Seraphine. Gott steh' mir bei! (entschlüpft.) Mad. Fingerlin g (für sich). Dummes Ding! Vor einem jungen hübschen Offizier davon zu laufen! So lächerlich habe ich mich nie gemacht. Fingerling. Warum läuft denn Seraphine, als ob ihr der Kopf brennte? Mad. Fingerling Fragen Sie noch, warum? — Folgen Ihres albernen Erziehungssystems. Fingerling. Mein Erziehungssy- 6 stem ist gut, aber das Ihrige taugt nichts; sonst würden Sie Ihre Tochter nicht gezwungen haben, dem Maler Pinelli zu dem idealischen Bilde zu sitzen, das so viel Aufsehen machte, als es in der Kunstausstellung zur Schau hing. Fünfte Seene. Vorige. Magister Weise. Weise (mit eini-er Schüchternheit). Mit Ehrfurcht begrüße ich die friedlichen Laren dieses wirthlichen Daches, das mir gastfrei seine Thore öffnet. Möchte mir doch das: Lslve! der alten Lateiner entgegen tönen. Fingerling. Ja, lieber Herr Magister, mit dem Lateinischen kann ich nicht dienen, obgleich ich ein fleißiger Leser des Pfennigmagazins bin. Ist Ihnen aber mit einem deutschen: Willkommen! gedient, so ruf' ich es von ganzem Herzen. Weise. Germanischen Worten konnte selbst Tacitus die Achtung nicht versagen, obgleich dieser große Historiker die Barbaren, als echter Römer, nicht sonderlich liebte. Mad. Fingerling (für sich). Er ist allerliebst! Wer sollte unter dieser Maske einenHusaren-Lieutenant suchen? Fingerling. Wir hatten Sie so bald nicht erwartet. Mad. Fingerling. Doch sind Sie uns deßhalb nicht minder willkommen. Weise (erschrickt sichtlich und sagt halblaut zu Fingerling). Wer ist dieses koe- mininum? Fingerling. Meine Frau. Weise. So? (schlägt verlegen die Augen nieder). Mad. Fingerling (für sich). Wie schülerhaft der Schalk die Augen zu Boden schlägt! — (laut). Die sich glücklich schätzt, einen so werthen Gast zu begrüßen. Weise (wie oben). Ich — es — verzeihen Sie, Madame — oder wie man Sie sonst zu tituliren Pflegt, — ich bin nicht gewohnt, Conversationen mit dem anderen Geschlechts zu führen, das mein verehrter Lehrer, der gelahrte Professor Dintenspecht, wie die Sünde haßte. Mad. Fingerling (für sich). Das war eben nicht artig; doch, es gehört zu seiner Rolle. Fingerling. Wie befindet sich mein alter Freund Weise? Weise. Mein Vater erfreut sich einer vollkommenen Gesundheit des Körpers, nur sein Geist ist durch die profanen Lebensansichten gewöhnlicher Alltagsmenschen umdüstert. Er entblödet sich nicht, meinen unersättlichen Durst nach Wissen zu tadeln, mich einen Pedanten zu nennen, verlangt, ich solle Welt und Menschen sehen und hofft, mich den Musen ungetreu zu machen. Deßhalb bin ich hier. Es ist eine harte Probe, welcher mich der väterliche Eigensinn unterwirft, doch ich hoffe, sie siegreich zu bestehen. Mad. Fingerling (leise zu Weise). Sie spielen Ihre Rolle vortrefflich! Weise (für sich). Was will dieses Weib von mir? Mit welchen Blicken sie mich mustert! Fingerling. Wir werden Gelegenheit finden, mehr über Ihres Vaters Absichten zu sprechen, denn mein Sohn befindet sich noch in der Residenz; bis zu seiner Rückkunft werden Sie dieses einsame, ruhige Gartenhaus bewohnen. Hier finden Sie eine ausgewählte Bibliothek, und meine Tochter wird dafür sorgen, daß es Ihnen an nichts fehle. Weise (erschrocken). Tochter?! Sie haben eine Tochter? Fingerling. Wußten Sie das nicht? Weise. Sie ist doch nicht — (stockt). Fingerling. Was? Weise (kleinlaut). Jung und schön? Fingerling. Mir, als ihrem Va- 7 ter, kommt es nicht zu, über den letzten Punkt zu entscheiden, aber Alle, die sie kennen, finden sie liebenswürdig; deß- halb hat auch ein berühmter Maler sie abkonterfait. Weise. Minerva, schütze mich mit Deinem Schilde! — Wenn ich das ge- ahnet hätte, nimmermehr hätte ich Ihre Schwelle überschritten. Mad. Fingerling (für sich). Er ist zum Küssen! Fingerling. Und warum nicht? » Weise. Schöne Mädchen, pflegte mein verehrter Lehrer zu sagen, sind die Schlangen am Baume der Erkenntniß, sie sind die gefährlichsten Feindinnen der Weisheit. Auf dem Sterbebette mußte s ich ihm zuschwören, sie zu fliehen wie die Pest. Ich habe meinen Schwur redlich gehalten und sollte nun — Fingerling.Pah! Pah! Das sind Uebertreibungen. — Folgen Sie uns zum Frühstück; bei einer Flasche Rheinwein sollen Sie schon anderes Sinnes werden; oder ziehen Sie vielleicht den Champagner vor? Weise. Was soll mir dieß sinnebetäubende Getränk? Ein Glas Wasser, ein Stück Brot und etwas Fleisch, mehr bedarf ich nicht, um die hinfällige Maschine im Gange zu erhalten. Fingerling. Etwas Zuthat kann nicht schaden. Ich merke schon, als Philosoph lieben Sie die Einsamkeit; ich l werde dafür sorgen, daß man Sie hier bediene. Auf Wiedersehen, junger Freund, auf Wiedersehen, (geht ab). Mad. Fingerling (heimlich zu Weise). Sie haben meine Erwartungen übertroffen. Sobald ich mich unbemerkt entfernen kann, bin ich wieder hier, (geht ab.) Sechste Seene. Weise (allein). Ihr Himmlischen, schützt Mich ! Zn welches Babylon bin ich hier gerathen! Welche verdammlichen Absichten hat man mit mir? — Der Mann will meinen Verstand in Wein ersaufen, um mich meinem Schwur ungetreu zu machen; und die Frau! — Welche Blicke sie mir zuwarf! — Was wollte sie mit der Rolle sagen, die ich hier spielen sollte? — Sie wird mich doch nicht für einen Histrionen halten? — Ich hätte ihre Erwartung übertroffen, sagte sie. — Was kann sie von mir erwarten? — Nichts, — gar nichts! — Sie will wieder kommen, — Gott weiß, in welcher Absicht! — Zum Glück gehört sie weder zu den Zungen noch zu den Schönen. — Ach, warum verließ ich meine ruhige Studierstube, um mich in den Wirbel der Welt zu stürzen, wo Angst und Noth meiner warten! Zst es nicht genug, daß der Anblick jenes himmlischen Bildes mich mir selbst entfremdete? — Seit ich mich verleiten ließ, die Kunstausstellung zu besuchen, seit ich jenes Gemälde sah, zu dem eine himmlische Erscheinung den Maler begeistert haben mußte, bin ich nicht mehr ich selbst; dunkle Wünsche stiegen in mir auf — eine unerklärbare Sehnsucht ergriff mich, — ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, mir eine Kopie davon machen zu lassen und selbe als meine Musa, als einen schützenden Talisman auf dem Herzen zu tragen, (zieht ein Miniaturgemälde aus der Lasche). Aber ach! statt mir Frieden zu erkaufen, mehrt jeder Blick auf dieses himmlische Gesicht meine Unruhe, — und doch kann ich mich nicht davon trennen, obgleich ich fürchten muß, es sei ein Werk des Bösen, der mich von der Bahn der Weisheit verlocken will. — Man kommt! Hinein mit Dir, damit kein profaner Blick Dich entweihe, (verbirgt das Bild in den Busen). Zwei Bediente (bringen einen gedeckten, mit Speisen und Wein besetzten Lisch herein, stellen ihn hin, setzen einen Stuhl dazu und entfernen sich dann). 8 Weise. Ah, das schwelgerische Mahl, durch das man mich zu betäuben hofft; wie wenig geeignet für einen Schüler der Weisheit! — Zum Glück bin ich allein und die Wahl der Nahrungsmittel steht mir frei. — Doch während der Körper genießt, darf der Geist nicht ohne Nahrung bleiben, (er geht an die Bibliothek und mustert die Bücher). Romane — Komödien — lauter verwerfliche Allotria. (sucht weiter). Siebente Scene Weise. Rosalie tritt vorsichtig aus der Seitenthür. Rosalie. Endlich ist es hier ruhig geworden, (erblickt tun Lisch). Was seh' ich! — ein gedeckter Tisch? — Vortrefflich! Seraphine hat an mich gedacht und wahrscheinlich nicht Zeit gefunden, mich davon zu benachrichtigen, (wirft ihre Mütze auf einen Stuhl, setzt sich und beginnt zu essen). Weise (zieht ein Buch aus dem Schrank). Endlich einmal ein gutes Buch. Rosalie (erschrocken für sich). Gott steh' mir bei! ich war nicht allein. — Ich bin verloren ! Weise (Rosalien erstaunt betrachtend). Wer ist der junge Mensch, der sich ohne Umstände meines Frühstück s bemächtigt ? Rosalie (für sich). Dem Aeußeren nach zu urtheilen, scheint es der erwartete Mentor zu sein, von dem mir Seraphine gesprochen. Weise. Junger Mann, Sie sind doch nicht etwa zufälliger Weise der Sohn des Hauses, das meiner Führung anvertraute Lamm? Rosalie. Nein, mein Herr, ich — ich bin — ein Neffe des Herrn Fingerling. Weise. Um so besser. Denn nur mit Entsetzen würde ich mein Lamm im Wolfspelze erblickt haben. Rosalie (für sich). Richtig, er ist's! — Ach, wenn ich mich ihm entdecken, seine Hülfe ansprechen dürfte! (laut). Darf ich Sie wohl bitten, verehrter Herr, mein Frühstück ohne Umstände mit mir zu theilen? Weise (für sich). Sein Frühstück? (laut). Da das Thier in mir laut zu werden beginnt, das heißt: der Hunger, so will ich es doch, trotz Ihrem Kriegsrocke, nicht verschmähen, an Ihrer Seite Platz zu nehmen, (setzt sich und ißt). Rosalie. Sie scheinen das Militär nicht zu lieben? Weise. Wie kann ich, ein Sohn des Friedens, die rauhen Martissöhne lieben? Und meine Ueberraschung, Sie hier zu finden, ist sehr natürlich, da mir Herr Fingerling dieses Gartenhaus für einige Zeit zu meiner alleinigen Wohnung angewiesen hat. Rosalie (hastig). Sie werden hier wohnen? (für sich). Nun bleibt mir keine Wahl, ich muß mich ihm anvertrauen. Weise. Sie sind ohne Zweifel gekommen, Ihre Verwandten zu besuchen? Rosalie. Nein, mein Herr, meine Gegenwart ist ein Geheimniß, — und wenn ich mich Ihnen ganz anvertrauen dürfte — 'Weise. Reden Sie ohne Scheu. Meine Zunge kann schweigen und mein Busen ist ein Grab, welches das ihm Anvertraute zu bewahren weiß. Rosalie. So erfahren Sie denn, daß man in verflossener Nacht in meiner Vaterstadt einen maskirten Ball gab — Weise. Eine Mummerei? Abscheulich ! Rosalie. Daß sich auf diesem Balle eine Person befand, die ich unaussprechlich liebe — Weise. Unglücklicher! Rosalie. Daß mich diese Person entführte — Weise. Ein Mädchen entführte Sie ? einen Kriegsmann?! 9 Rosalie (stockend). Ich — ich wollte sagen — daß — daß ich sie entführte. Weise (mit Entsetzen aufspringend). Ein Entführer?! — Wenn ich das ge- ahnet hätte, nimmermehr würde ich mit Ihnen aus einer Schüssel gegessen haben. Rosalie. Hören Sie mich — Weise (mit Salbung). Jüngling! Züngling! ich bedaure Dich wider Willen. Noch so jung, mit einem so sanften , unschuldigen Gesichte, bist Du in die Netze weiblicher Höllenkunst gefallen; wer rettet Dich aus diesem Abgrund, Unglücklicher? Rosalie. Eben, um mich zu retten, floh ich hierher, wo mich meine Cousine Seraphine, ohne Vorwissen ihrer Verwandten, in diesem Gartenhause verbarg. Weise. Abermals ein weibliches Wesen! Hüthe Dich, Züngling. daß Du aus der Scylla nicht in die Charibdis geräthst. Rosalie. Das hat keine Gefahr. Seraphine ist mir eine liebe Verwandte, weiter nichts. Wenn nur mein Onkel meinen Aufenthalt nicht entdeckt, — und vollends meine Tante; sie ist so strenge — Weise. Strenge? Sie ? — Nun wahrlich, sie hat es Ursache! — O Züngling! Züngling! fliehe das Geschlecht, das man irriger Weise das schöne nennt und füglich das häßliche nennen sollte. Fliehe diesen Znbegriff von Lug und Trug, von Falschheit und Heuchelei! Rosalie (für sich). Nun wahrlich, ich werde recht angenehm unterhalten. Weise. O, daß meine Stimme kräftig genug wäre, um Dir die Augen zu öffnen, daß ich im Stande wäre, Dir die Tiefe des Abgrundes zu zeigen, an dessen Rande Du sorglos herumtaumelst! — O kehr' um, Unglücklicher! kehr' um, eh' es zu spät ist! Rosalie (für sich). Am besten ist's, ich benütze seine Narrheit, (laut, mit verstellter Rührung). Halten Sie ein, würdiger Mann! Zhre väterliche Warnung hat mich tief erschüttert. Empfangen Sie meinen heiligen Schwur, daß nie — nie ein weibliches Geschöpf mein Herz rühren soll! (sie verhüllt ihr Gesicht, um das Lachen zu verbergen). Weise. Wär's möglich? mein tren- gemeintes Wort hätte Dein Her; getroffen? das verirrte Lamm wollte zurückkehren in den Schafstall der Tugend? — Za, ja, Du bist gerührt, — Du weinst, — es ist Dein Ernst. O, glücklicher, dreimal glücklicher Tag! Rosalie. Und nun eine Bitte, mein edelmüthiger Retter! Weise. Sprich ohne Scheu; die Pflicht gebiethet, den Reuigen Trost und Hülfe zu spenden. Rosalie. Zch muß durchaus bis morgen wieder in meiner Garnison sein, sonst droht mir Schreckliches. Weise. Zch verstehe. Du fürchtest, daß man Dich wegen Deiner Entfernung auf die Wache setzen werde? Rosalie. Damit meine Abwesenheit nicht endeckt werde, darf ich nicht bei Tage zurückkehren. Weise. So thue es bei Nacht. Rosalie. Das ist ja meine Absicht. Aber in der finstern Nacht — so allein — auf der öden Landstraße — Weise. Du wirst Dich doch nicht fürchten? — Du, ein Mann des Krieges ? Rosalie. Kann ich für meine Natur? Bei Tage habe ich Muth für Zehne, aber bei Nacht bin ich zaghaft wie ein Mädchen. Darum bitte ich Sie, würdiger Mann, mich zu begleiten. Nicht wahr, Sie thun es? Weise. Nein, das werde ich nicht. Du hast Strafe für Deinen Leichtsinn verdient, trage sie ohne Murren. Wenn ich Dir behülflich wäre, ihr zu entgehen , würde ich mich Deiner Schuld theilhaftig machen. Rosalie. O nein, so grausam werden Sie nicht sein. — Wenn Sie wüß- 10 ten, wie viel mir an der Erfüllung mei- ner Bitte liegt, Sie hätten nicht den Muth, sie mir abzuschlagen. Weise (für sich). Sonderbar, wie seine sanfte, melodische Stimme mir zum Herzen dringt. Es liegt eine Art von Zauber darin. Rosalie. Sie, dem ich so viel verdanke, der so Großes an mir gethan, könnten Sie mir diesen kleinen Freundschaftsdienst verweigern? O nein, das können, das werden Sie nicht, (sie hat sich heimlich an seinen Arm gehängt und streichelt ihm die Wange). Weise (zwischen Wohlgefallen undWi» derwillen kämpfend). Wad soll das, junger Mann? — Laß ab, Versucher, laß ab! — Solche Zärtlichkeitsbezeugungen schicken sich nicht für Männer. Rosalie (wie oben). Nicht wahr, Sie willigen ein? — Sie werden mich begleiten? Weise (wie oben). So höre doch auf! — Ich — ich werd' es überlegen. Rosalie (wie oben). O, dann werden Sie es auch thun. Sie sind zu edel, zu großmüthig, um Ihrem Liebeßwerke nicht die Krone aufzusetzen. Weise (wie oben). Ja doch, ja! Aber laß' mich und geh! Rosalie. Ich gehorche, (in di« Sri- tenthür ab). Achte Seene. Weise, dann Madame Fingerling. Weise (allein, trocknet sich die Stirne). Was war das? — Was ging in mir vor? — Bin ich ein Anderer geworden? — Apollo und all' Ihr Musen, schützt Euern Zögling! — Mad. Fingerling (erscheint an der Thür). Sind Sie allein? Weise (für sich). Die Alte! —Nun gilt'ß, Jnnocentiuß, Dich als Mann zu zeigen. Mad. Fingerling (ist eingetreten). Mein Mann macht seinen gewöhnlichen Spaziergang, nun können wir unsern Plan ungestört verabreden. Weise (für sich). Unsern Plan? O, die Schlange! (schlägt verlegen die Augen zu Boden). Mad. Fingerling (für sich). Wie verlegen und schülerhaft er da steht. DaS war doch sonst die Art der Husarenoffiziere nicht. — Ich muß ihn ermuthigen. (setzt sich in eine Ecke des Kanapees, laut). Kommen Sie her, setzen Sie sich an meine Seite. — Nun? — Sie zögern ? Weise. Verzeihen Sie, aber dergleichen Familiaritäten geziemen sich sür einen Mann meines Schlages nicht. Mad. Fingerling. Vergeuden Sie die kostbare Zeit nicht mit unnöthi- gen Ceremonien. Weise. Erlauben Sie, daß ich stehend Ihre Befehle vernehme. Mcsd. Fingerling (ungeduldig). Nun ist's genug mit den Possen! Setzen Sie sich, oder ich werde böse! Weise (für sich). Nun schütze Mich, Minerva! und halte ihr Deinen Gorgonenschild vor, damit sie sich mit Abscheu selbst darin erblicke, (drücke sich ängstlich kn die entgegengesetzte Ecke des Kanapees). Mad. Fingerling. Rücken Sie doch näher, näher, sag' ich ! — Sie werden sich doch nicht vor mir fürchten? Weise (für sich, indem er ängstlich näher rückt). Wär'ö ein Wunder? Mad. Fingerling. Wahrlich, mein Herr, Sie entsprechen der Idee wenig, die man mir von Ihnen gegeben hat. Man schilderte Sie mir als einen galanten, lebhaften Mann, als einen Wildfang. Weise (entrüstet). Ich, ein Wildfang? -- ich, galant?! Wer wagte so unerhörte Verleumdungen? Mad. Fingerling. Ah! nun begreife ich. Sie wollen Ihre Rolle bei mir fortspielen; aber das ist eine vergebliche Mühe. 11 Weise (für sich). Da kommt sie schon wieder mit ihrer Rolle. Mad. Fingerling. Oder fürchten Sie, sich vor mir zu zeigen, wie Sie sind? — Unnothige Sorge! Ich habe gelernt, mit den Thorheiten der Jugend Nachsicht zu haben, und in unserem VerhältnisseistAufrichtigkeitnothwendig. Weise (verblüfft). In unserem Verhältnisse? — Mad. Fingerling. Wir müssen uns genau verstehen, um meinen Mann zu betrügen. Weise (mit Entrüstung aufspringend). Ha, das ist zu viel! Halt' ein, ungerechtes, strafbares Weib! Ich fliehe Deine verderbliche Nähe, aber meine Stimme soll, lautdonnernd, Deine Schuld verkünden, (will fort). Mad. Fingerling. Was wollen Sie beginnen? Sind Sie toll geworden? (will ihn zurückhalten). Weise (mit Entsetzen zurückwkichend). Betaste mich nicht mit Deinen unreinen Händen, oder ich schreie Zeter! — Zeter über Dich und Dein Geschlecht! (entflieht durch die Mitte). Neunte Seene. Mad. Fingerling, dann Seraphi ne. Mad. Fingerling (allein, ihm erstaunt nachblickend). Raset dieser Mensch? — oder sollte er nicht der Erwartete sein? — sollte — Doch nein, das ist unmöglich! — und doch — (bleibt nachdenkend stehen). Seraphine (stürzt hastig und freudig zur Mitte herein). Er ist's! — Ich habe ihn auf den ersten Blick erkannt. — Welch glücklicher Zufall führt ihn hierher? Das muß ich gleich meiner Cousine mittheilen, (erblickt Madame Fingerling und sagt erschrocken für sich). O weh! die Mama. Mad. Fingerling (Seraphinejetzt erst bemerkend). Siehe da, meine Tochter! — Du suchst mich wahrscheinlich? Seraphine. Ich? — nein, — ja, wollte ich sagen. Mad. Fingerling. Du kommst wie gerufen. — Ich hatte so eben eine Unterredung mit unserem Gaste, — eine Unterredung, die mich fast vermuthen läßt, er sei nicht unser Lieutenant. Seraphine. Ich weiß es gewiß. Mad. Fingerling. Du weißt es? '— Woher? Seraphine. Soeben schoß er im Garten an mir vorüber; er konnte mich nicht sehen, aber ich habe ihn auf den ersten Blick wieder erkannt. Mad. Fingerling (verwundert)^ Wieder erkannt? — Wen? — Seraphine (sich plötzlich besinnend, in großer Verlegenheit). Wen? — Ja, das — verzeihen Sie, liebe Mama, — das ist ein Geheimniß — Mad. Fingerling (auffahrend). Wie! Du unterstehst Dich, Geheimnisse vor mir zu haben? — Den Augenblick bekenne Alles, oder — ! Seraphine. Nun ja, ich will es thun, aber werden Sie nur nicht böse. — Als ich noch in der Kostschule war, machte ich mit unserer Vorsteherin eine Landpartie; in dem dunkelsten Theil des Parks begegnete uns ein junger, schöner Mann, kaum nahm er uns wahr, so schlug er sittsam die Augen nieder und ging vorüber, ohne uns anzublicken. — Mad. Fingerling. Weiter. Seraphine. Ich begegnete ihm später noch einige Male auf Spaziergängen, jedesmal senkte er das Auge zu Boden, ohne mich auch nur von der Seite anzuschwlen, während andere junge Männer mich oft mit Blicken anstarrten, die mich erröthen machten; das gefiel mir denn über die Maßen. Mad. Fingerling. So? Seraphine. Und als ich einmal sah, wie er ein kleines Kind, das ein 12 unvorsichtiger Reiter niedergeritten und verwundet hatte, auf seinen Händen zum nächsten Wundarzt trug, da gewann er — mein ganzes Herz. Mad. Fingerling. Und dieser bescheidene, sittsame junge Mann ist — ? Seraphine. Niemand anderer als unser Gast, der Sie so eben verlassen hat. Mad. Fingerling (losplatzcnd). Schone Entdeckungen, die ich da mache! Ein Liebeshandel hinter meinem Rü-- cken? schickt sich das? — Zch befehle Dir, an den Landstreicher nicht mehr zu denken, noch jemals mit ihm zu reden. Seraph ine. Aber, Mama — Mad. Fingerling. Ohnehin wird Dein Vater ihm hoffentlich noch heute die Thür weisen, wenn er erfährt, wie er sich gegen mich benommen hat. Zehnte Scene. Vorige. Fingerling müthend her- einstürzcnd. Fingerling. Das ist abscheulich! — unverantwortlich! — Zch bin außer mir! Mad. Fingerling. Was haben Sie? Fingerling. Was ich habe? — Zittern Sie, Madame! zittern Sie! Mad. Fingerling (spöttisch). Doch nicht vor Ihnen? Fingerling. Allerdings; denn ich stehe als Richter vor Ihnen! Mad. Fingerling. Sie machen mich lachen! Fingerling. Das Lachen wird Ihnen schon vergehen, wenn Sie erfahren, daß Ihr schwarzes Komplott entdeckt ist. — Dieser Brief, den ich auf Ihrem Zimmer fand — (ruht ihn aus der Lasche). Mad Fingerling (für sich). Der Brief meines Bruders, des Obersten! — Das kommt gelegen. Fingerling. Warum verstummen Sie nun? Warum. — (erblickt Seraphinen). Doch ja, Sie haben Recht. — Entferne Dich, Seraphine. Seraphine (für sich). Nun soll ich gehen, ohne meine Cousine gesprochen zu haben. Fingerling (ungeduldig). Du sollst gehen, sag' ich! Seraph ine. Ich gehe ja schon, (für ! sich). Wenn ich es wagen dürfte — versuchen kann ich's. (schlüpft, von ihren Leitern unbemerkt, in die Seitenthür). Eilfte Scene. Vorige, ohne Seraphine. Fingerling (stellt sich mit grimmigem Gesichte und verschränkten Armen vor seine Frau). Was können Sie zu Ihrer Rechtfertigung Vorbringen, verräterische Ehehälfte? Sich mit Ihrem Bruder, den Obersten, den ich verabscheue, gegen mich, Ihren zärtlichen Gatten, zu verschwören, mir einen verkleideten Liebhaber in's Haus zu schwärzen, einen Lieutenant, — es ist himmelschreiend ! Mad. Fingerling (für sich). Zch muß seinen Zrrthum benützen, um den tölpelhaften Magister aus dem Hause zu schassen. Fingerling. Nun? — noch immer stumm? Mad. Fingerling. Ich gestehe, daß ich gefehlt habe, — aber meine Absicht war gut. Fingerling (sichtlich erfreut). Bekennen Sie endlich einmal Ihr Unrecht? Den Himmel sei Dank! Es ist das erstemal, seit ich Ihr Gatte bin. Mad. Fingerling. Auch ich ward auf die empfindlichste Weise von dem Menschen betrogen. Man hatte mir ihn als den Inbegriff der Galanterie geschildert und ich fand einen rohen, unverschämten Grobian, der sich nicht ent- blödete, mir Absichten zuzumuthen — Fingerling. Er hat Ihnen etwas 13 zugemuthet? — Das heiß' ich Muth haben! Mad. Fingerling. Kurz, er hat sich auf so unanständige Weise gegen mich benommen, daß ich darauf bestehen muß, ihn augenblicklich aus unserem Hause zu entferne. Fingerling. Nun, weil Sie Ihren Fehler reuig bekannten, und weil er auch Sie beleidigt hat, so — bevollmächtige ich Sie, ihm die Thür zu weisen. Zch bin zu aufbrausend, zu heftig, ich könnte in der Hitze zu weit gehen und das könnte verdrießliche Folgen haben. Sie dagegen haben kaltes Blut, Sie wissen den Männern Respekt einzuflößen, das weiß ich aus Erfahrung. Mad. Fingerling. Aber bedenken Sie nur, — die Schicklichkeit — Sie sind doch einmal Herr vom Hause — Fingerling (selbstgefällig lächelnd). Bin ich das wirklich? — Ei, ei, was ich heute nicht Alles zu hören bekomme! — Nun, weil ich denn, wie Sie zu sagen belieben, Herr vom Hause bin, so will ich's in Gottes Namen wagen. Zwölfte Scene. Vorige. Weise. Weise (außer Äthcm, zn Fingerling). Finde ich Sie endlich, armer, getäuschter Mann! Fingerling. Getäuscht? — Ah, das ist stark! — Und Sie haben den Muth, mir das in's Gesicht zu sagen? Sie, Herr Lieutenant — Weise (verblüfft). Lieutenant? - ich ein Lieutenant? Fingerling. Nicht zufrieden damit, sich unter falschem Namen in mein Haus zu schleichen, erlauben Sie sich ein Betragen — Weise. Was — was ist das nun wieder? Fingerling. Sie glauben, weil Sie ein Eisenfresser sind, dürften Sie sich Alles erlauben — Weise. Zch ein Eisenfresser? — Rasen Sie? Fingerling. Wozu die Verstellung? Sie sind entlarvt, das Komplott ist entdeckt, und Sie würden wohl thun, sich je eher je lieber aus meinem Hause — zu — zu ent — (hat sich ängstlich in die Ecke der Bühne gezogen und kommt zu dem Stuhle, worauf Rosalie früher ihre Mütze geworfen hat, er ergreift den Stuhl und will ihn, gleichsam zum Schutze, vor sich hinstellen, indem erblickt er die Mütze). Wa — was ist das? Eine Offizierskappe! — Werden Sie nun noch läug- nen ? (hält ihm die Mütze vor die Äugen). Weise (verlegen für sich). O mein Gott! die Mütze meines bekehrten Schafes! Mad. Fingerling (für sich). Er schweigt? — vertheidigt sich nicht? Weise (für sich). Zch habe ihm Verschwiegenheit gelobt, und muß mein Wort halten. Mad. Fingerling (Weise betrachtend, für sich). Wie deute ich diese Bestürzung? Fingerling (sich in die Brust werfend). Zhr Verstummen, Herr Lieutenant, ist das deutlichste Bekenntniß Zh- rer Schuld. Wenn ich auch diese unwürdige Verkleidung verzeihen könnte, so kann ich doch Zhr unanständiges, beleidigendes Betragen gegen meine vene- rable Gemalin — Weise. Was hör' ich? Sie hat es gewagt, mich anzuklagen? Sie, — mich? — Fingerling. Sie werden begreifen, Herr Lieutenant, daß Sie, nach einer solchen Aufführung, nicht füglich länger in meinem Hause verweilen dürfen ; also — Weise. O, ich verstehe. Sie rufen mir das: Kues! der Hebräer zu. Fingerling. Hebräisch kann ich nicht; aber in gutem Deutsch erkläre ich, daß ich Zhnen eine halbe Stunde 14 Zeit gönne, um sich zur Abreise vorzubereiten. Weise. Wohlan, ich gehe. Ich schüttle den Staub von meinen Schuhen und kehre dieserHöhle der Verblendung und der Schuld für immer den Rücken. Fingerling. Daran werden Sie sehr wohl thun. Also auf Nimmerwiedersehen denn, (indem „ seiner Frau den Arm reicht und mit ihr abgeht). Nun? Hab' ich den Herrn vom Hause nicht gut gespielt? Weise (allein). Das ist der Lauf der verderbten Welt! Das Laster tri- umphirt und der Tugend weis t man die Thür. Sei es! gehe ich doch rein hervor aus diesem Sündenpfuhl. — Doch ehe ich den Wanderstab ergreife, muß ich meinen jungen Freund davon benachrichtigen, ihm noch einige gute Lehren geben, damit sein strauchelnder Schritt auf der Bahn der Tugend festen Fuß gewinne, (klopft an die Seitenthür). Komm' heraus, leichtsinniger Jüngling, ich habe Dir Wichtiges zu eröffnen, (er hat der Thür den Rücken gekehrt und geht auf die andere Seile der Bühne). Dreizehnte Seene. Weise. Rosalie in Frauenkleidern, von der Seite kommend und in die Thür zurücksprechend. Rosalie. Verweile noch einen Augenblick ; vielleicht kannst Du unbemerkt entschlüpfen, während ich mit ihm spreche, (laut, indem sie vortritt). Hier bin ich. Weise (erschrocken zurückprallend). Gott steh' mir bei! schon wieder ein Frauenzimmer, (hastig, indem er den Kopf mit Abscheu abwendet). Wer sind Sie? — Wie kommen Sie hierher? — Was wollen Sie in diesem Kabinett? Rosalie. So sehen Sie mich doch nur an. Weise (wie oben). Ich ein Frauenzimmer ansehen? — Nimmermehr! Rosalie. Und doch ist es das einzige Mittel, mich wieder zu erkennen. Weise. Diese Stimme klingt meinem Ohr nicht fremd, (dreht langsam und ängstlich den Kvpf zu Rosalien). Was seh' ich! Sie — Du bist es, mein wiedergewonnenes Lamm? Verzeihe, daß ich Dich für die andere, aber wahrlich nicht bessere, Hälfte des menschlichen Geschlechtes hielt. — Aber wozu diese verdammliche Verkleidung? Rosalie. Verkleidet war ich vorhin, als ich mit Ihnen frühstückte; jetzt trage ich die Kleider, die meinem Geschlechts geziemen. Weise. Gaukelspiel der Hölle! Du bist — Sie wären ein Frauenzimmer? — so, was man eigentlich ein Frauenzimmer nennt? Rosalie. Zu dienen. Weise. Teuflischer Verrath! — und ich habe mit ihr aus einer Schüssel gegessen, — ihre Hand hat mich berührt! Wer reinigt mich von dieser Schmach? Rosalie (zu ihm gehend). Hören Sie. mich — Weise (mit Entsetzen zurückspringend). Nähere Dich mir nicht! Xpage! ^pgxe! Rosalie. Es ist durchaus nothwen- dig, daß wir uns verständigen; denn mein Heil liegt in Ihrer Hand, d'rum ist es Pflicht, mich zu hören. Weise. Nun denn, — so sprechen Sie. Aber zehn Schritte vom Leibe, wenn ich bitten darf. Rosalie (zurücktretend). Sie gaben mir vorhin Hoffnung, mich heute Nacht in mein väterliches Haus zurück zu begleiten. — Weise. Ich sollte an der Seite eines Weibes durch Nacht und Nebel wandern? Nimmermehr! Rosalie. Sie können mir Ihren Beistand nicht versagen, wenn Sie erst die ganze Wichtigkeit des Dienstes kennen, den ich von Ihrem menschenfreund- ! lichen Herzen heische. — Hören Sie I Alles. — Die Geschichte der Entfüh- 18 rung, die ich Ihnen vorhin erzählte, ist wahr, nur daß.ich, statt der Entführer zu sein, die Entführte bin. Sie werden begreifen, daß es sich um meinen guten Ruf, um meine Ehre handelt, die mir zu erhalten in Ihrer Macht steht, (mit schmeichelndem, gewinnenden Tone). In Ihre Hand lege ich mein Schicksal, — Ihrem Edelmuthe vertraue ich mein Los. Könnten Sie eine Verirrte in den Abgrund hinabstoßen, au dessen Rand sie jugendliche Unbesonnenheit verlockte? — Könnten Sie ihr den Weg zur Lugend, die Rückkehr in die Arme des tiefgebeugten Vaters versperren? — O, nein, edler, großmüthiger Mann! das können, das dürfen Sie nicht, (sie hat sich einige Schritte genähert). Weise (sichtbar ergriffen). Laß ab, Sirene! laß ab! — Nicht diesen verführerischen Ton; — er verwirrt meine Sinne, wird mich aber nicht verlocken. Rosalie. Nun, so bin ich denn verloren! Was soll aus mir werden? — Und mein armer, trostloser Vater! — O, es ist entsetzlich! (thut, als ob sie weinte). Weise (für sich). Ich glaube gar, sie weint! — Barmherziger Gott! und ich, — der ich keine Lhränen sehen kann — Rosalie. Kummer und Verzweiflung werden ihn tödten und ich, seine Tochter, bin seine Mörderin! Vernichtender Gedanke! (thut, als ob sie ohnmächtig würde). Weise. Was fehlt ihr? — Sie schwankt, — sie wird doch nicht? — (nähert sich ihr ängstlich). Rosalie. Ich — sterbe! (sinkt in seine Arme). Weise (außer sich). Allmächtiger Gott! was thun Sie? — Ein Weib in meinen Armen! — O, Ihr Himmlischen ! sendet eine Wolke herab, um mich und meine Schande zu verhüllen! (er legt sie in einen Stuhl). Was fang' ich an? — Was beginn' ich! — Um Hülfe rufen darf ich nicht, und die Ohnmächtige hülflos zu verlassen, wäre gegen Pflicht und Gewissen. — — Wie sie da liegt! — so reizend — so mir wird ganz sonderbar zu Muthe, — meine Blicke verdunkeln sich und — Rosalie (seufzt). Weise. Dem Himmel sei Dank! ich glaube, sie erholt sich. — Weib, komme zu Dir, -- sammle Deine Sinne; ich — ich will das Unglaubliche thun, — will meinen unbefleckten Ruf auf das Spiel setzen und Dich in die Arme Deines Vaters zurückführen. Rosalie (schnell den Kopf in die Höhe richtend, übrigens aber in ihrer Stellung bleibend). Sie versprechen es mir? Weise. Ja doch, ja! — Aber stehe nur auf, verlasse die unanständige Stellung. Bierzehnte Deene. Vorige. Seraphine aus der Seitenthür. Seraphine (für sich). Ich darf nicht länger verweilen, man könnte mich vermissen, (schleicht vorsichtig zur Mittel- thür). Rosalie (ist aufgesprungen). Auf Ihr Wort kann man bauen? Weise. Das kann man; aber ich muß sogleich dieses unselige Haus verlassen, woraus man mich schnöde verwiesen hat. Doch heute Abend, Schlag zehn Uhr werden Sie mich an der Gartenthür finden. Seraphine (hat die Thür erreicht, sie geöffnet, einen Blick hinausgrworfen und ruft ängstlich und leise). Himmel! mein Vater! (macht die Thür rasch zu und schlüpft hinter den Bücherschrank). Rosalie. Ich werde Sie nicht warten lassen. Weise. Still! — Ich höre Geräusch, — man kommt! Schnell fort, — fort in dieß Zimmer! Welch ein Skandal, wenn man Sie hier fände! 16 Rosalie. Wie vielen Dank bin ich Ihnen schuldig. Edelster der Männer! (zur Seile ab). Weise. Edelster der Männer? — Sage vielmehr: Bedauerungswürdigster der Männer! — In welches Labyrinth von Verlegenheiten und Sorgen Hab' ich mich hier verirrt! Fünfzehnte Scene. Seraphine verborgen. Weise. Fingerling mit zwei Bedienten. Fingerling (im Eintreten). Erwünscht! er ist noch da. (zu den Bedienten). Haltet Wache vor der Thür und laßt ihn nicht entschlüpfen, (geht vor). -Weise. Werden Sie nicht ungeduldig, mich noch hier zu sehen; in diesem Augenblicke werde ich Ihr Haus verlassen. Fingerling (ihn zornig anblickend). Davon kann jetzt nicht mehr die Rede sein. Weise. Was soll ich länger an einem Orte, wo man mich auf so unwürdige Weise verkennt, — und was bedeuten diese grimmigen Blicke? Fingerling. Herr Lieutenant von Bromberg, Ihre Aufführung ist unverantwortlich ! — So eben erhielt ich einen Brief von meinem Bruder: Alles ist entdeckt. Sie haben es gewagt, meine Nichte zu entführen. Bekennen Sie, verruchter Iungfrauenräuber, was haben Sie mit dem armen, verblendeten Mädchen angefangen? Weise (für sich). Hat sich denn die ganze Hölle gegen mich verschworen? Fingerling. Sie antworten nicht? —- O, es gibt Mittel, Sie zum Geständnisse zu zwingen. Weise (mit komischem Zorne). Alter Mann! treibe mich nicht auf's Aeußerste, verwandle das sanftmüthige Lamm nicht zum wüthenden Tiger! Fingerling. Sie unterfangen stch noch, zu drohen? Weise. Der getretene Wurm krümmt sich. Lassen Sie mich friedlich meines Weges ziehen und ich vergebe Ihnen alles Unrecht, was mir hier widerfahren ist. Fingerling. Sie werden bleiben und der wohlverdienten Strafe überliefert werden. Weise. Bin ich Ihr Gefangener, daß Sie wagen — ? Fingerling. Ja, Herr Lieutenant, das sind Sie, bis die Wache kommt, Sie zum Profosen abzuholen. Weise. Wahnbethörter Alter! willst Du mich zum Gelächter des ganzen Landes machen? Fingerling. Das kümmert mich nicht. Bis dahin werden Sie sich gefallen lassen, die Nacht, wohlverschlossen, in diesem Gartenhause zuzubringen. Weise. Nein, Unmensch! so grausam kannst Du nicht sein. — Belaste meine unschuldigen Hände mit Ketten, wirf mich in den tiefsten Kerker, nur versperre mich nicht an diesem gefährlichen Orte. Fingerling. Augenblicklich werd' ich es thun. (geht an die Mittelthür). Weise. Halte ein, Mann mit dem Marmorherzen! Laß meine Angst — meine Thränen Dich beschwören — (will ihn zurückhalten). Fingerling (indem er durch die Mitte entschlüpft). Gute Nacht, Herr Lieutenant ! (Man hört die Thür von Außen abschließen). Weise. Fluch! Fluch Dir, Barbar! Seraphine (hinter dem Bücherkasten hervorguckend). Mein Vater hat die Thür abgeschlossen. — Barmherziger Gott! was beginn' ich nun? Weise (ängstlich umherlaufend). Die ganze Nacht soll ich hier verweilen, eingeschlossen mit jenem unseligen Weibe? Kann es auf dem ganzen Erdenrund einen unglückseligeren Magister geben, als ich bin? Seraphine (für sich). Könnte ich nur unbemerkt wieder in das Zimmer meiner Cousine schlüpfen. Weise. Glücklicher Gedanke, den mir ein guter Geist eingibt! (eilt zur Seitenthür, verschließt sie und zieht den Schlüssel ab). Die Thür verschlossen und den Schlüssel zum Fenster hinabgeworfen, so bin ich geschützt, (wirft den Schlüssel zum Fenster hinaus). Seraphine (hervorstürzend, laut). Was beginnen Sie? Weise (sich erschrocken umsehend und voll Entsetzen zurückprallend). Ein Frauenzimmer?! — Schon wieder ein Frauenzimmer? — Hat denn die Hölle alle bösen Geister gegen mich losgelassen? — Himmel! was seh' ich? — Diese Züge — dieß himmlische Antlitz! — (zieht daß Porträt hervor). Nein, ich täusche mich nicht, — es ist mein Schutz- geist! Seraphine (für sich). Scheint es doch fast, als wäre ich ihm nicht unbekannt ; sollte — ? Weise. Hat der Olymp seine Wol- kenthore geöffnet, um die reizendste der Göttinnen herab zu senden zum Beistände eines verzweifelnden Magisters? Seraphine (für sich). Er hält mich für eine Göttin? Wie artig! Weise. Holder Inbegriff meiner Sehnsucht, der Du mir vorgeschwebt in meinen Träumen, mich begeistert in meinen Studien, mir Schutz und Schirm warst gegen die Verlockungen der Welt, der Du um meinetwillen hernieder stiegst aus jenen Lichtgefilden, undDeine himmlische Gestalt in das verächtliche Gewand einer Evenstochter hülltest — im Staube verehr' ich Dich! (kniet). Seraphine (zwischen jungfräulicher Scham und Wohlgefallen kämpfend). Nun kniet er gar! (laut). Stehen Sie doch auf; das schickt sich nicht, — ich bin ein ehrbares Mädchen. Weise. Mädchen? -- Ein ehrbares Mädchen? Nein? das bist Du nicht. Seraphine. Wie? — Weise. Entweihe Deine himmlische Abkunft nicht durch ein so verächtliches Prädikat. Du bist Eine der Unsterblichen , — mein Götterbild — meine Muss! Seraphine Sie irren; ich bin Seraphine, die Tochter vom Hanse. Weise (erschrocken aufspringend). Wär's möglich?! — Du, eine Sterbliche? Du Eine des Schlangengezüchtes, das — Seraphine (beleidigt). Mein Herr! — Weise. Doch nein, — nein, das ist nicht möglich! — So überirdische Reize werden keinem gemeinen Mädchen zu Theil. — O, öffne den holden Mund, sprich, bist Du nicht das Urbild dieser Göttergestalt? (zeigt ihr das Porträt). Seraphine. Was seh' ich? Eine Kopie meines Porträts, zu dem ich dem Maler Pinelli auf Befehl meiner Mutter sitzen mußte? Weise (außer sich). Also Wirklichkeit? entsetzliche Wirklichkeit?! — Nun, so bin ich verloren! Zch habe redlich gekämpft, aber dieser zu widerstehen vermag ich nicht. — Hölle, Du hast gesiegt ! Seraphine. Mir wird bange bei ihm! (will in den Hintergrund fliehen). Weise. Nein, fliehe nicht, verlaß mich nicht. Was Du auch immer bist, Göttin oder Sterbliche, Engel oder Teufel, — von Dir mich zu trennen, geht über meine Kraft. Seraphine (wieder vorkommend). Dem Himmel sei Dank! nun spricht er doch wieder vernünftig. Weise. Zch habe Dich im Bilde an- gebethet, nun stehst Du noch zehnmal reizender verkörpert vor mir. Und wenn mein strenger Lehrer aus dem Grabe stiege, wenn mich der Spott der ganzen Welt träfe, Du sollst, Du mußt meine Gattin werden! Seraphine (freudig). Wie, Sie, der gelehrte Herr Magister, Sie woll- 2 18 Leu mich armes, unbedeutendes Mädchen — ? Weise. O, Du bist mir nur zu bedeutend geworden! Seraph ine. Sie, der einzige Mann, dem es gelang, mein Herz zu rühren, — Sie? — Weise (entzückt). Verstehe ich recht? — Du hast mich früher gekannt? — Du theilst meine Gefühle? So fahre zum Henker, Weisheit, und nimm mich auf zu deinen Freuden, schwer verkannte Welt (breitet die Arme gegen sie ans). (Man hört die Mittelthür aufschließen). Seraphine (erschrocken). Man kommt! — Wohin verberg' ich mich? (schlüpft hinter das Kanapee). Sechzehnte Scene Vorige. Fingerling. Fingerling (auf Weise zugehcnd). Ach, mein theurer Herr Magister! — würdiger junger Mann! wie schwer habe ich mich gegen Sie vergangen. — Alles ist aufgeklärt, Ihre Unschuld ist am Tage. So eben ist der wahrhafte Lieutenant von Bromberg mit meinem Bruder , Rosaliens Vater, hier angekommen; Alles ist beigelegt — Weise (für sich). Um so besser, so brauche ich die Entführte nicht durch Nacht und Nebel ^l begleiten. Fingerling. Werden Sie mir den unverantwortlichen Irrthum verzeihen können? Weise. Sie bedürfen meiner Verzeihung nicht, wohl aber ich der Ihrigen. Fingerling. Sie? der tugendhafteste, sittsamste der Menschen? Weise. Ach, es ist eine große Veränderung mit mir vorgegangen! Ich habe einen anderen Menschen angezogen, habe der Gelehrsamkeit Vslet gesagt — Fingerling. Nicht möglich! Weis e Ich — wie Sie mich da sehen , — ich bin entschlossen, ein Weib zu nehmen. Fingerling. Sie scherzen. Weise. Es ist Ernst, bitterer Ernst! Fingerling. Wie wird sich Ihr Vater freuen. Und wer ist die Glückliche, die dieß Wunder bewirkte ? Weise. Ihre Tochter. Fingerling. Seraphine? Das ist unmöglich. Sie haben sie ja nie gesehen. Weise. O, doch, doch. Hier im Gartenhause; und sie ist noch hier. Fingerling (sich umsehend). Wo? Weise. Dort, —hinter dem Kanapee steckt die Heißgeliebte. Fingerling. Was ist das? (Seraphinen hcrvorziehend). Nur hervor, mein sauberes Töchterlein! Wie kamst Du hinter das Kanapee? Seraphine. Aus Angst verbarg ich mich — Fingerling. Saubere Aufführung! Eingeschloffen mit einem jungen Mann— Seraphine. Ihre Schuld, Papa; Sie selbst schlossen die Thür ab. — Fingerling. Allein, mit — Seraph ine. Wir waren ja nicht allein; dort im Kabinet steckt Cousine Rosalie. Fingerling. Das kommt ja immer besser! Ei, ei, Herr Magister! — Weise. Ein Werk der Hölle. Sie glauben nicht, was ich ausgestanden habe. Fingerling. Heraus, leichtsinniger Flüchtling! vor Gericht! (will zur Seitenthür). Seraphine. Sie können nicht hinein, Papa; der Herr Magister hat die Thür abgeschlossen und den Schlüssel zum Fenster hinausgeworfen. Fingerling. Verfluchte Streiche! Daß war also der Schlüssel, der mir, als ich vorhin aus dem Gartenhause trat, auf den Kopf fiel und mir eine Beule schlug? (Halden Schlüssel au- der Lasche gezogen). 19 Weise. Der Himmel ist mein Zeuge, daß es in der besten Absicht geschah. Fingerling (geht an die Seitenthür und schließt auf). Heraus an's Licht, Ver- brecherin! heraus! Siebzehnte Seene. Vorige. Rosalie. Rofalie (zu Weise). So haben Sie mich doch verrathen? haben — Fingerling. Beruhige Dich und preise den Himmel, der Deine Thorheit zum Guten gewendet. Dein Vater und Dein Bräutigam sind hier. Rosalie (verwundert). Mein Bräutigam ? Fingerling. Lieutenant Bromberg hat um Dich angehalten, und Dein Vater, in Erwägung des Geschehenen, hat nothgedrungen eingewilligt. Rosalie. Ungehofftes. Glück! Weise. Folgen Sie dem schonen Beispiele und geben Sie uns Ihren Segen. Fingerling. Nach dem, was hier vorgefallen ist, wird mir wohl nichts Anderes übrig bleiben, (zu Seraphinen). Hoffst Du mit ihm glücklich zu werden? Seraphine. Ach ja! Fingerling (sie Weife'n zuführcnd). So nehmen Sie sie hin. Weise. So sei es denn gewagt, und sollt' es auch den Hals kosten! (umarmt Seraphinen). Achtzehnte Scene. Vorige. Madame Fingerling. Mad. Fingerling (von Außen). Seraphine! Seraphine! (auftretend). Wo steckt sie denn? (die Liebenden erbli» ckcnd). Himmel! in den Armen eines Mannes? Fingerling. Unseres künftigen Eidams. Mad. Fingerling. Wie? der pedantische Sittenprediger — ? Weise. Zst ein neuer Mensch geworden. Er hat die Weisheit an den Nagel gehängt und will sich der Thorheit in die Arme werfen. — Za, Madame, ich werde meine Frau in's Schauspiel begleiten, in Gesellschaften und auf Bälle; ich werde Glacv-Handschuhe tragen und mir einen Backenbart wachsen lassen, nöthigen Falls sogar einen Schnurbart; ich werde Kinder wiegen, ja, Kinder, und wenn alle Magister von Europa aus Neid und Aerger platzten! (Der Vorhang fällt.) Wien, 1853. Druck und Verlag von I. B. Wallishausser. In demselben Verl Wiener Theater Repertoir. gr. 8.1853. geheftet. 1. Lieferung: R oth eHaare. — Das Pamphlet. 2 Lustspiele von M. A. Grandjean. 7'/rSgr. oder 20 kr. 2. — Heimlich. Lustsp. in 1 Akt. von Grandjean. ?'/r Sgr. oder 20 kr. 3. — Die geheime Mission. Lustsp. in 3 Akten, von M. A. Grandjean. 7^ Sgr. oder 20 kr. 4. — Eine arme Schneiderfamilie. Traumgemälde mit Gesang. Tanz und Tableaux, in drei Abtheilungen, von Jos. C. Böhm. 8 Sgr. oder 24 kr. 5. <— Doktor und Friseur, oder: DieSucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 Akten, von Friedrich Kaiser. 7'/? Sgr. oder 20 kr. 6. — Der Pelzpalatin und der Kachelofen, oder: Der Jahrmarkt zu Rautenbrunn, Posse mit Gesang in drei Akten, von Friedrich Hopp. 10 Sgr. oder 30 kr. 7. — Der Mentor, Lustspiel in 1 Akt, nach dem Französischen frei bearbeitet von I. W. Lembert. Neue Auflage. 7'/^ Sgr. od. 20 kr. 8. — Der Freund und die Krone. Ro- mant Schauspiel in 4 Akt, von I. W. Lembert. Neue Auflage, (unter derPresse.) BaumannAlex.,Beiträge für das deutsche T h eater. Inhalt: Er darf nicht fort, Posse. — Anmaßend und bescheiden, Lustspiel. — D.e beiden Aerzte, Lustspiel, gr. 8. 1849. 24 Sgr. oder 1 fl. — Singspiele aus den österreichischen Bergen, im Volksdialekt. Inhalt: Das Versprechen hintermHerd. — Der Freiherr als Wildschütz. — 's erschti Busserl. — NebsteinemAnhang: Der Löwenrachen. 8. geh. 1850. (Kommissions-Artikel). 20 Sgr. oder 1 fl. 12 kr. Bkrch-Pfeiffer CH., SchloßGreiffen- stein. oder der Sammtschuh. Romant. Schauspiel. 1833. 8. 20 Sgr. oder 48 kr. — Pfefferrösel. oder die Frankfurter Messe im Jahre 1297. Schausp. in 5 Akten. 1833. 22 Vr Sgr. oder 1 fl. Cumberland R., der Jude, Schauspiel in 5 Akten, übersetzt von Brockmann. gr. 8. 1836. 10 Sgr. oder 30 kr. Deinhardftein. dramatische Dichtungen. 12. 1816. broschirt, enthält: Das Son- nett, Spiel in 1 Akt und in freien Versen. — Mädchenlist, Lustsp. in 1 Akt und in Alexandrinern. — Der Witwer, Posse in 1 Akt und in freien Versen. -— Der Rosenstock, Spiel in 1 Akt und in freien Versen. — Boccaccio, dramatisches Gedicht in 2 Akten. 1 Thlr. oder 1 fl. 12 kr. ge sind erschienen: Deinhardftein, Hans Sachs, dramat. Gedicht in 4 Aufzügen, gr. 8. 1829. 15 Sar. oder 54 kr. — Ehestandsqualen, Lustspiel in lAuf- zug in Alexandrinern. 8. 1820. 10 Sgr. oder 24 kr. — Garrick in Bristol, Lustsp. in 4 Aufzügen. gr. 8. 1834. 26'X Sgr. oder 1 fl. — die Widerspänstig e, Lustspiel nach Shakespeare, gr. 8. 1839. 20 Sgr. oder 1 fl. — Viola, Lustspiel in 5 Aufz. nach Shake- speare's „Was Ihr wollt." gr. 8. 1841. ^ 18^ Sgr. oder 48 kr. Feldmann, L., deutsche Original-Lustspiele. 8. I. — VI. Bd. Inhalt: I. Bd. 1845: Sohn auf Reisen. — Die Kirschen. — Das Porträt der Geliebten. — Die freie Wahl. — Die schöne Athenienserin. II. Bd. 1847 : Der Pascha und sein Sohn. — Ein FreundschastS - Bündniß. — Ursprung des Korbgebens. — Eine unglückliche Physiognomie. — Drei Kandidaten. III. Bd. 1849: Ein höflicher Mann. — Der dreißigste November. — Ein Mädchen vom Theater.— Baron Beiiele und sein Hofmeister Doktor Eisele in München. — Der Lebensretter. IV. Bd. 1849: Der Rechnungsrath und seine Töchter — Der deutsche Michel, oder: Fa- milien-Unruhen. — Kern und Schale. — Ahnenstolz in der Klemme. — Bekenntnisse eines Brautpaares. — Das Narrenhaus. — V. Bd. 1851: Faustin !., Kaiser von Haiti. — Ein altes Herz. — Die beiden Kapellmeister. — Das Gastmahl zu Luxenbain. — Der neue Robinson, oder das goldene Deutschland. VI. Bd. 1852: Die beiden Faßbinder, oder Reflexionen und Aufmerksamkeiten. — Die Schicksalsbrüder. — Die Industrie- Ausstellung, oder Reise-Abenteuer in London. — List und Dummheit. Preis eines jeden Bandes 2 Thlr. oder 2 fl. . ^ 48 kr. Hvpp, Fr., Hutmacher und Strumpfwirker, oder die Ahnfrau im Gemeindestadel. Posse mit Gesang in 2 Aufz. gr. 8. 183S. 15 Sgr. oder ^8 kr. — Die Bekanntschaft im Paradiesgarten, die Entführung auf dem Himmel * und die Verlobung im Elisium. Posse mit Ges. in 3 Aufz. 8. 1839. 15 Sgr. oder 48 kr. -— Das Gut Wald egg, die Husaren und der Kinderstrumpf. Posse mit Gesang in 3 Aufz 184«. 15 Sgr. oder 48 kr. — Doktor Faust's Hauskäppchen, oder die Herberge im Walde. Posse m. Gesang in 3 Aufz. 1843. 15 Sgr. oder 48 kr. Der. /lein- »xd dir Krone. Nomanlisches Schauspiel in vier Acten, von I. W. Lcmbert. Aufgeführt im k. k. Hofburgtheater. Personen: Sancho, König von Navarra. Pedro, König von Arragonien. Elvira, König Alphonso's Witwe, dessen Mutter. Jsabella, neun Jahre alt j „ Albina. acht Jahre alt j Tochter. Graf de Castro, König Pedro's Feldherr. Manuel von Rtba, Herr von Torazzo, im Gebirge von Castilien. Fernando von Riba, dessen Enkel, in Köniz Pedro's Gefolge. Estrella, Witwe des Tellez von Riba, Manuel's Schwiegertochter. Gomez. ihr alter Diener. GrafdePontis t Arragonische deCerda f Feldhauptleute. Hauptmann Fab io. Crespo, Fernando's Diener. Ein Diener Manuel's. Erster j Zweiter j Höfling König Sancho's. König Alphonso's Schalten. Navarrische Haupkleute. Höflinge. Pagen und Bannerträger. König Pedro's Gefolge. Frauen der Königin Elvira. Dienerschaft von Torazzo. Die Handlung geht theils auf dem festen Schlosse von Oviedo, theils auf der Burg Torazzo vor. Erster Act. Gothischer Saal mit einer kolossalen Mittelthür und einem Fenster zur Seite. Erste Seene. Fernando von Riba (tritt ein). Gomez (folgt ihm). Fernando. Vergebens folgst Du mir gleich meinem Schatten, Laß ab, Versucher, mich verlockst Du nicht? Wiener Theater-Repertoir. VIII. Gomez. Versucher nennst Du mich, der treu bemüht. Dich auf die rechte Bahn zurück zu führen ? — O höre, hör' des greifen Warners Stimme, Und folge mir, wohin Dich hcil'ge Pflichten, Wohin Dich theure Blutesbande rufen! Fernando. TXr Dankbarkeit und Liebe mächt'g're Stimme Heißt bleiben mich und muthig auszuharren Zur Zeit der Noth mit felsenfester Treue. Gomez (bitter). Beim Sohne des verhaßten Kronenräubers, Der schonungslos der Deinen Blut vergoß? 1 2 Fernando. Tief fühl' ich meines edlen Hauses Fall, Und um fo schmerzlicher, da schamroth ich Bekennen muß — er war verdient. Gomez (entrüstet). Verdient? Verblendeter! Verdient nennst Du den Tod Durch Henkershand, zum Lohn erprobter Treue. Fernando. Gebroch ner Treue, mußt Du sagen, Freund, Durch Waffcnmacht gewann Alphons, mein Vater, Den Thron von Arragon. Gomez. Ter Sancho's Eigenthum, Ihm mitgebracht als Morgengabe von Constanzien, der königlichen Gattin, Und unsers Herrscherstammes echten Tochter. Fernando. Das Volk, des Siegers Milde kennend, und Der hohe Rath, die Strenge Sancho's fürchtend s, Lag huldigend zu meines Vaters Füßen, An dessen Spitze meine beiden Ohme; Doch Sancho's nimmer ruhende Parthei Benützte bald den Ehrgeiz dieser Männer, Sie wurden zu Verräthern und ihr Blut Begoß die Stufen von Alphonso's Thron. Auf Pedro, seinen Sohn, vererbte dieser Held Die Krone, die, trotz Tücke und Verrath, Mit kühnem Muth er zu behaupten wußte. Gomez. Im Grabe ruht des Usurpators Leiche, Und drohend, mit dem Racheschwert gerüstet, Steht König Sancko vor Oviedo's Thoren, Zurück zu fordern die geraubte Krone Und in den Staub des Räubers Haus zu treten. Das ganze Reich hat seinem Siegerarme Sich unterworfen, nichts — nichts blieb Dem Schattenkön'ge Pedro als dieß Schloß, Das hart bedrängt, Navarra's Uebermacht In Kurzem fallen muß. - Was wird Dein Loos, Wenn der erzürnte König diese Mauern Mit starkem Arme bricht ? — Schmachvoller Tod! Und mit Dir sinket— ach! die letzte Hoffnung Des mir so theuern Hauses Riba hin!- O flieh! entfliehe schleunig, eh's zu spät! Tief im Gebirge von Castilien lebt Der greise Ahnherr Deines edlen Stammes, Ersah dich nie — doch Du bist seines Blutes, Durch meinen treuen Mund beschwört er Dich, Des Kronenräubers aufgegeb'nes Haus Zu fliehn und seinen Armen zuzueilen, Tie er mit Sehnsucht Dir entgegen streckt. ^ Fernando. Tief rührt mich meines Ahnherrn Vaterliebe, Und freudig würd' ich seinem Rufe folgen, Wenn Dankbarkeit und Liebe mich nicht bänden. Nicht in des Glückes sonnenhellen Tagen, Zur Zeit der Noth bewährt sich echte Treue. — Verwaist kam ich an König Alphons's Hof: Elvira, jenes Helden edle Gattin, Der meine Mutter lange treu gedient, Ersetzte mir mit zarter Lieb' und Sorge Der Frühverlor'nen schmerzlichen Verlust: Von ihr gepflegt wuch's ich mit Pedro aus: Mir hatte sie den Knaben anvertraut, Der liebend sich an den Gespielen hing. Ihm schwur ich Treue in der Mutter Ha nd, Und was dem Knaben ich gelobte, hielt, Ich- auch dem Jünglinge, der Liebe mir Für Liebe gab, mirFreu nd, nicht König ist. Elvira freut sich segnend unsres Bundes, Und sieht in mir des theuren Sohnes Stütze, — Und ich — ich sollte ihr Vertrauen täuschen? Den königlichen Freund verlassen, jetzt, Wo Alles ihn verläßt? — Nein, nimmermehr! Bring' meinem Ahnherrn meinen Gruß und Dank, lind nenne ihm die Gründe, die mich zwingen, Den väterlichen Ruf zu überhören. Er ist ein Riba und— doch still! Man kommt! De Castro ist's. Er darf Dich hier nicht treffen, Hinweg, ist Freiheit Dir und Leben lieb! (Gomez geht ab.) Zweite Deerre. Fernando. De Castro. Gastro (ist gleich nach Gomez's Entfernung eingetreten und blickt argwöhnisch umher) Ihr so allem, mein schmucker Junker? 3 Fernando. Wie Ihr seht, sehr würd'ger Feldherr. Castro. Dünkt' mich's doch, Als hört' ich hier Euch sprechen? Fernando (nicht ohne Verlegenheit). Mag Wohlsein; Denn manchmal laut zu denken ist mein Fehler. Castro (mit scharfem Blick). Auch gibt's Gedanken, die ein fremdes Ohr Zu scheuen Ursach haben. Fernando (empfindlich). Graf, was wollt Ihr damit sagen? Castro (mit Nachdruck). Sucht die Antwort Auf meine Frag' in Euerem Gewissen. Fernando (entrüstet). Beim Himmel! diese Sprache — Castro. Ziemt dem Greise, Wenn schmerzlich er gewahrt, wie der Versucher Im Finstern schleicht, die leichtbethörte Jugend Schlau zu verlocken von der Bahn derPslicht. Fernando (auflodernd). Bei Gott! kein And'rer dürste ungestraft So zu mir sprechen! Castro (mit Beziehung). Wer unschuldig ist, Weiß unverdienten Argwohn zu entkräften, Jndeß der Schuld'ge sich vergebens müht. Die Regung des Gewissens mit der Maske Verstellten Zornes zu bemänteln. Fernando. Ha! Das ist zu viel! ich ford're Rechenschaft! Castro (stolz). Ihr? — und — von mir? Fernando (das Schwert ziehend). Und zwar zur Stelle, Graf! Castro. Unsinniger! Vergeht Ihr, wo wir sind? F ernando. Ich achte nicht die Heiligkeit des Ortes, Nickt Euer graues Haupt, den Lorber nicht. Den wohlverdientere, der es ehrend schmückt, Wenn Ihr nickt augenblicklich widerruft! Castro (fest). Das werd' ich nicht! (wendet sich zum Gehen.) Fernando (ihm den Weg vertretend). Nicht von der Stelle! Zieht! Castro. Nein! Fernando (außer sich). Treibt mich nicht zum Aeußerstcn, Graf! Zieht! (Macht Miene, mit dem Schwert auf ihn einzudringen) Dritte Seene. Vorige. König Pedro. Elvira. Elvira. Ha, was ist das? Pedro (zu Fernando). Fernando! was beginnst Du? Fer nando (läßt das Schwert sinken und steht betroffen). (Pause). Pedro (schmerzlich). So brickt der Zwietracht Furie schonungslos Selbst in das Heiligthum erprobter Treue! (mit sanftem Borwurf zu Fernando). So wenig achtest Du des Freundes Wohl, Daß Du Dein Schwert auf dieses treue Herz, Dieß greise Haupt zu zücken wagtest? Fernando (zu seinen Füßen). Tretet Den sinnverwirrten Frevler in den Starck, Der feines Herrn und Königs heil'ge Sache In blinder Wuth vergessen konnte! (zu Castro). Graf. Verzeiht, wozu mich Iugendglut verleitet, Nur nvbmet den entehrenden Verdacht Zurück! Castro. Sobald Ihr Euch — (auf den König deutend). vor Eurem Richter Gereinigt habt. 1 * 4 Elvira. Mein Gott, was ist geschehen ? Castro. Ihr wißt es, hohe Frau, wie unablässig Fernando's Blutsverwandte sich bemühten, Ihn Eurer guten Sache zu entfremden: Die Festigkeit, mit der er widerstand, Die Treu', mit der an Eurem Haus er hing, Gewannen diesem stolzen Jünglinge — Wenn nicht mein Herz, doch meine Achtung,— Jetzt aber Hab ich trift'gen Grund, zu fürchten, Daß unsre Noth den flücht'gen Jugendfilm Dem feindlichen Geschlechts zugewendet. Pedro (erschüttert). Um Gott! Fernando —! C a stro. Kunde ward mir, daß Des Hochverräters Tellez Riba Witwe, Eftrella, die in abgeschiedner Stille Zu Euerem Verderben Plane schmiedet, Seit kurzer Zeit oft Bothen an ihn sendet. Hier überrascht' ich ihn in heimlichem Gespräch mit Einem dieser Bothen, welcher Bei meinem Eintritt schnell die Flucht ergriff. Fernando läugnete, und als ich warnend Sein wund' Gewissen aufzurütteln suchte, Heischt' er in blinder Wuth Genugthuung, Und wollte, als er mich nicht willig fand, Sie mit gezücktem Schwert von mir erzwingen. Da- war der Fall. — O, möcht' es ihm gelingen, Vor Eurem Thron den Argwohn zu entkräften, Mit Freuden wollt' ich ihm dann auch ver- zeih'n, , Daß er, empört vom schmerzlichen Verdachte, Die Achtung, die dem Feldherrn und dem Greise Er schuldig ist, in jugendlicher Wallung Auf einen Augenblick vergessen konnte; Denn wenn ich gleich den Namen Riba hasse, Weil zwei Verräther ihn mit Schmach bedeckt, So kann ich doch der treuergeb'nen Freunde Des königlichen Hauses Feind nicht sein. (Er geht ab). Vierte Seene. Vorige, ohne de Castro. Elvira. Fernando! willst auch Du Dich von uns wenden, Jetzt, da das Glück den Rücken uns gekehrt? O, sage: sprach de Castro wahr? Fernando (mit niedergeschlagenem Blick). Wahr! Pedro (leidenschaftlich). Walr? Und Du — vermagst Du es, von mir zu scheiden, Der Freundschaft Bande frevelnd zu zerreißen? Vermagst Du's, mir den letzten einz'gen Schatz, Den theuren vielcrprobten Freund zu rauben ? Nimm Alles hin, felbst meine Königskrone, Nur laß Dein Herz dafür zurück mich kaufen. O, richte über Fürsten nicht zu streng, — Sie stehen einsam auf dem öden Throne, Von Larven nur, von Herzen nicht umgeben. — Du warst der Einzige, der sich bewährte Als reines Gold im Haufen all' der Schlacken; Den Menschen liebtest Du, und nicht den König. — Drum schling' ich jetzt die Arme fest um Dich, (umschlingt ihn). Hast Du den Muth, Dich ihnen zu entwinden? Fernando (mit tiefer Rührung). Mein königlicher Herr! Pedro. Nicht also, nein! Nicht Herr, nicht König, Bruder bin ich Dir Seit uns'rer Kindheit wonnereichen Tagen.— Zwar floß der Deinen Blut durch meinen Vater, Es haßt deßhalb Dein Stamm den meinigen, Doch meine Hand ist rein von jener That. — Ich habe Dich geliebt, seitdem ich fühle; Du warst der Aeltere, des jüngern Knaben Führer, Bewahrtest ihn vor mancherlei Gefahren, In welche kind'scher Leichtsinn ihn gestürzt. — Allein steht nun der Jüngling auf dem Throne, Von drohenden Gefahren rings umbraust, 8 Und streckt die Arme flehend aus nach Dir, Der seiner Kindheit Schutz und Schirmer war. — So Viele, die ich überhäuft mit Gnaden, Verriethen mich, und wandten sich zum Sieger, Ich trug's mit Gleichmuth, denn sie liebt' ich nicht; Doch wenn auch D u Dich treulos von mir wendest. Mir wie das falsche Glück den Rücken kehrst, Dann bricht mein einz'ger letzter Hoffnungsanker, Tann ist der kühne Muth dahin, der Kraft Mir gab, das Unglück wie ein Mann zu tragen, Und rettungslos erlieg' ich dem Verderben ! Fernando. O haltet ein! Elvira (flehend). Bleib hier, Fernando! Laß Dein kindlich Herz vom fremden Gifte nicht Beflecken, folge seiner reinen Stimme, Bleib' Pedro's Engel, wie Du's stets ihm warst; Erhalte ihm den Muth, deß er so sehr bedarf! Fernando. O schonet meiner, schont! dieß Uebcrmaß Der Huld und unverdienten Liebe färbt Die Wange mir mit Glut, drückt mich zu Boden! — Ich Euch verlassen in der Zeit der Noth? Vermöchte ich's, so mag der ew'ge Richter Im meiner Sterbestunde mich verlassen! Pedro (trkumphirend). Ha siehst Du, Mutter! O ich wußt' es wohl, Fernando's Herz kann nimmer sich verläugnen. Elvira. Und Castro's Argwohn? Fernando. War nicht ungegründet. Ein Abgesandter meines Ahnherrn wollte Zu feiger Flucht mich listig überreden; Doch daß ich seinen Antrag von mir wies, Treu auszuharren und für Euch zu kämpfen, Zu sterben fest und unerschütterlich Entschlossen bin, — ist kein Verdienst, ist Pflicht. Und Eure Näh' mir theurer als das Leben. P edr o (sich entzückt an seine Brust werfend). Nun möge Sancho's Heer die Mauern brechen, Ich trotze seines Grimm's und seiner Macht! Ia, selbst besiegt fühl' ich mich mächtiger Als er, denn überreich bin ich an Liebe, Dem seligen Gefühl, das er nicht kennt. Die Krone kann er mir, des Freundes Herz nicht rauben! Elvira. Tank Dir, Fernando, Dank für diesen Trost, Er träufelt Balsam in der Leiden Kelch ! — Schilt uns nicht eigensüchtig, daß wir Dich Verflechten in das Schicksal, das uns droht, Ach bald, nur allzubald wird sich's erfüllen! Vergebens opfert sich die treue Schar, Begräbt umsonst sich unter diesen Trümmern. Alphonso's hohes Haus soll untergeh'n; — Verzögern können wir, doch ändern nicht Sein traurig Los, und unser Widerstand Vermehrt die Wuth des zornentbrannten Siegers. P edr o. Feigheit entehrt, nicht taps rer Widerstand, Iung bin ich noch, doch schmückt mich eine Krone, Und mit dem Leben nur darf ich sie lassen. Ist mir, sie zu behaupten, nicht vergönnt, So soll mein Tod doch rühmlich von mir zeugen, Daß sie der Jüngling wie ein Mann getragen. Noch kämpfen unsre Treuen unerschmtert, Den letzten Stein schwur Castro zu ver- theid'gen, Und heut noch ward' ein Sturm zurückgeschlagen. Noch glänzt in dunkler Nacht ein Hoffnungsstern! (Iu Fernando, der bestürzt zu Boden blickt). Du schweigst, mein Freund, und senkst den Blick zur Erde, Statt ihn vertrauensvoll zum Himmel zu erheben ? Fernando. Erglänzte mir doch auch ein Hoffnungsstern, 6 Besaß' ich doch de Castro's Eisen Herz! — Glaubt mir, er sieht den sichern Untergang So gut wie ich und Eure hohe Mutter; Allein verblendet vom Phantom der Ehre, Will er nicht sehn, was schrecklich uns bedroht. — Noch wanket die Besatzung nicht, doch kleiner Mit jedem Kampfe wird die tapfre Schar; Erschöpft zur Neige sind die Lebensmittel, Und jeder neue Tag schwächt uns re Kraft, Indem er grausam die des Feindes mehrt! Elvira (schmerzlich). O, daß ich Dir doch widersprechen könnte! — Ach, hätten wir uns früher unterworfen, Da Widerstand doch nicht zum Siege führt. In Sancho's Händen ist ganz Arragon: Wohlan, so nehm' er auch die traur'ge Krone; Nur zitternd seh' ich sie auf Deinem Haupte. O, wirf' sie hin, mein theurer Pedro, und Erhalte mir Dein unschätzbares Leben. Mich quälen finstre Ahnungen bei Tag, Und böse Träume stören mir den Schlaf. (Trompeten von Außen). Pedro. Ha, was ist das? Elvira. Weh uns, ein neuer Sturm! Pedro. Wär's auch, sie sollen uns gerüstet finden. Fernando (ist an'S Fenster getreten). Ein Häuflein Männer zieht ein durch dicPforte, And eine weiße Fahne weht voran. Wohl uns, «in Friedensbote ist's! Elvira (freudig). Gelobt Sei Gott! Er hat des Wüthrich's Herz gerührt. Pedro (mir Spott). Don Sancho lernt begreifen, daß wir nicht Zu unterwerfen sind, so lang wir uns Nicht selbst aufgeben: List soll nun erringen, Was die Gewalt bisher umsonst versucht. Er irrt, wenn er auf meine Schwäche baut. Elvira (schmerzlich). D llcbermuth der unbedachten Jugend, Die hoffen kann, wo Alles schon verloren! Hat denn die Mutter, der als Knabe Du So gern und unbedingt gehorchtest, jeden Einfluß verloren auf des Jünglings Herz? Fernando. Der Ritter Einer ist vom Gaul gestiegen Und schreitet mit de Castro durch's Portal. (Er geht vom Fenster). Gott leg' ein gutes Wort auf seine Zunge, Und lehre uns die rechte Antwort finden! Fünfte Seene. Vorige, de Castro,den Grafen de Pon- tis herein führend. Castro (Pontis vorstellend, finster). Graf Pontis, abgesandt vom König Sancho. P edro. Willkommen, Graf, was Ihr auch bringen mögt. Wir standen uns im Kampf oft gegenüber, Und stets habt Ihr so tapfer Euch gezeigt, Daß ich mich herzlich freue, auch einmal In Euer Heldenaug zu blicken, wcnn's Im sanftern Glanze mir entgegenstrahlt, Als in des Kampfes wildem Feuer. — Nennt Mir^ohne Scheu den Inhalt Eurer Sendung. Pontis (in gemäßigtem Tone). Navarra's großer König Sancho sendet Zu Graf Alphonso's Sohne mich — Pedro (ihn stolz unterbrechend). Halt! — König Alphonso's Sohn bin ich. Beliebt Euch das zu merken, Herr Gesandter Pontis (mit Schonung). Mein Herr und König spricht durch meinen Mund. , Pedro. Ganz recht, Herr Graf, und milde Worte hat Alphonso's Sohn vom wuthentbrannten Gegner Nicht zu erwarten. — Sei's! — zur Sache denn. Ponti s. Es ist bekannt, daß Eure letzte Hoffnung Auf dieses Schlosses Festigkeit beruht, Deß halb verfall'ne Mauern länger nicht 7 Der Uebermacht des Königs trotzen können; D'rum will aus angestammter Milde er, Um nutzlos Blutvergießen zu verhindern, Statt Recht, Euch Gnade widerfahren lassen. Pedro (spöttisch). O welch' ein gnädiger mildgestnnter König! (sich bezwingend). Doch weiter nur. — P o n t i s. Wenn Ihr und Euer Stamm Jedwedem Anspruch auf den Thron entsagt Und heute noch dieß Schloß ihm übergebt, Will Eurer Mutter er die Stadt Astorga Und Euch Valencia zum Ersatz verleihen Für Arragon; doch wenn Ihr widerstrebt, Die dargeboth'ne Friedenshand zurückwcis't, Hat er bei seinem Königswort geschworen, Das Schloß zu stürmen eh' ein neuer Tag Die Erde grüßt. Dann soll kein Rettungs« engel Der Rache Schwert von Euren Häuptern wenden, Und schmachvoll Euer ganzer Stamm dann enden! (Nach einer Pause zu de Castro). Auf Euren Kennerblick beruf ich mich. Sind diese morschen Mauern stark genug, Des Königs Macht noch lang' zu widerstehen? — Nicht als Navarra's haßerfüllter Feind, Als kriegserfahrncr Held gebt Euren Rath, Als Greis, der schon am Grabcsrande steht, Und bald zur Rechenschaft von seinem Thun Berufen wird vor einen höher'n Richter. Castro (finster). So lang ein Mann von der Besatzung lebt, Der seines Königs Brust mit seinem Leibe Beschützen kann, fällt Oviedo nicht; Und stürmte selbst der Hölle Macht heran, Zu prüfen unfern Muth — sie soll bewährt ibn finden! — Das ist des Kriegers und des Mannes Stimme; Im Rathe kann und will ich keine haben, Und unterwerfe mich demüthig schweigend, Dem Willen meines königlichen Herrn. Pontis (sich von ihm wendend). Der Antwort könnt' ich mich von Euch versehen. (zu Elviren). An Euch, erhab'ne Frau, wend' ich mich jetzt, An's Herz der Mutter, die gefühllos nicht Den Untergang der Ihren wünschen kann. O nützet, nützt den günst'zen Augenblick, Und weiset nicht von Euch des Königs Gnade, Denn milder Regung ist sein starres Herz, Sein düst'rcr Sinn nicht immerdar empfänglich. — Dock Ueberredung nickt, nur Uebcrzeugung Der drohenden 'Gefahr soll Euch bestimmen. Ich geh, Euch zur Berathung Frist zu gönnen. Nur Eines noch erlaubt mir zu bemerken: Die Antwort, die dem Sieger Ihr gegeben, Entscheidet über Tod und über Leben. (Geht ab.) Sechste Seene Vorige, ohne Pontis. E lv i ra (zu Pedro, der gedankenvoll dasteht). Du schweigst und starrst gedankenvoll zur Erde? Was ist, beim Himmel, noch zu überlegen, Wo keine Wahl als Eine übrig bleibt? — Vermöchtest Du's, die Gnade zu verschmähen, Die uns so unverhofft der König beut, Und auf ein Wunder unser Heil zu bauen?— O theurer Sohn, erwäge, was Du thust! — Nack langer Zeit zum ersten Male wieder Fühl' ich die Brust befreit von banger Sorge, llnd süßer Hoffnung lang entbehrte Lust Erhebt auf Flügeln die gebeugte Seele! — Was zögerst Du, den Bothcn zu bescheiden?— Du schweigst? — Wär's möglich! Wie? Du könntest, dem Geschicke tollkühn trotzend, Dir und uns Den einz'gen letzten Rettungspfad verschließen? Noch immer schweigst Du? (zu seinen Küßen). Sieh hier Deine Mutter Im Staube sich zu Deinen Füßen winden: O laß ihr Fleh'n Dein stolzes Herz erweichen! Mit Todesangst umschließ' ich Deine Knie, Beschwöre Dich mit glühend heißen Thränen, Erkauf' den eitlen Stolz, ein Held zu scheinen, Nicht mit dem sichern Untergang der Deinen! 9 Pedro (sie erhebend). Halt' ein, geliebte Mutter, o halt' ein! Wenn Blut Dich und die Schwestern retten könnte, Wie freudig gäb' ich meines hin; — Denn sterben kann ich, kann als Opfer fallen; Doch feig mich dem Tiranncn unterwerfen, Mit Schmach der Ehre Kleinod zu beflecken — Nein, Mutter, nein, das kann — das d arf ich nicht! — (Zu Castro). Euch ford'r' ich auf zum Richter indem Streite: Ihr kennt die Mittel, die uns zu Gebothe stehen, Seid Mann von Ehre, seid ein Held, Entscheidet: kann und darf ich des Navarrers Schmachvoller Huld mich mit Ergebung fügen ? Castro (feurig). Nein, sag' ich, nein, und würd' es sagen, wenn Der nächste Augenblick zur Rechenschaft Mich vor den Richtcrstuhl des Ew'gen riefe;— Noch steh'n die Mauern dieses Schlosses fest, Beschützt von kühnen, mutherfüllten Kriegern, Noch gibt's ein Häuflein treuer Herzen, die, Noch unbestegt, vom Glück begünstigt, leicht Entsatz uns bringen, und von Tausenden Die Furcht, womit der list'ge Sieger sie Gefesselt hält, abstreifen können. Wahrscheinlich ward dem Schlauen schon die Kunde Don einem glücklichen Ereignisse, Denn nicht umsonst spielt dieses Marmorherz So unverhofft die ungewohnte Großmuths- rolle. Elvira (heftig). An uns denk', Mann, an Deines Königs, an Alphcnso's Haus, nicht an den Lorberkranz, Mit dem Dein Grab die Nachwelt schmücken soll! — Bei Deiner Treu' und Ritterehre frage Ich Dich: sind diese Mauern fest genug, Dem Sturm des ganzen Heer's zu widerstehen? Ca stro (nach einer Pause, düster). Ein fester Bollwerk ist, als Stein und Eisen, Der kühne Muth in treuergebner Brust. , Zum Falle führt nur feige Sicherheit, Doch unser Muth ist wach und nicht zu beugen. Elvira (zu Pedro). Du hast's gehört aus seinem eig'nen Munde, Damit der Lorber ihm nur nicht entgehe, Weiht er Alphonso's Haus dem Untergange.— Ihr stolzen Männer, die Ihr Eurer Kraft Euch prahlend rühmt, indem Ihr schnellen Tod Dem schmachbelad'nen, traur'gen Leben vorzieht, Muß ich. ein schwaches hülflos Weib, Euch sagen, Daß höh're Kraft den Busen schwellt, der Muth Besitzt, das Unvermeidliche zu dulden, Als durch willkomm'nen Tod sich ihm entziehen ? Glaubt Ihr, es fehle mir an Muth, zu sterben ? Ach welchen Reiz hat noch für mich das Leben! ? Im Grabe ruht mein königlicher Gatte, Und sehen muß ich seines Hauses Fall! Gewährte mir ein schneller Tod nicht auch Wie Euch, Vergessen aller meiner Leiden? Doch dieses Haupt—es würde nicht allein Entstellt im Staub zu Sancho's Füßen rollen; Der Mutter liegen höh're Pflichten ob Als die Erhaltung kummervoller Tage. — Doch, ach,Dein Ohr bleibt taub für meine Rede, Und ungerührt Dein Herz bei meinen Leiden! ! Vergebens sucht mein Wort den starren Sinn zu brechen, So mag der Unschuld Fleh'n zu Eurem Herzen sprechen! (Sie gehtrasch zur Seitenthür, öffnet sie und führt die Kinder heraus). Siebente Seene. Vorige. Jsabella. Albina. Elvira tzu Pedro). Sieh diese theuren Pfänder meiner Liebe, Das heilige Vermächtniß Deines Vaters, Am Sterbebette Dir und mir vertraut: Sieh in dies schuldlos heit're Kinderauge, Das hoffnungsvoll hinausblickt in die Welt Und Anspruch macht aufihre schönsten Blüthen; j Vermagst Du es, dem Tode sie zu weihen, 9 Nur daß die Nachwelt rühmend von Dir sage: Er trug in junger Brust ein männlich Herz ?— Ist theurer Dir der Ruhm als unser Leben, Nun wohl, so schleppe uns zur Schlachtbank denn! Erkauf mit unser'm Blute Deine Kränze, Damit Dein Name unter Helden glänze! Pedro (erschüttert, seine Lhräuen mit der Hand verbergend). Nicht weiter, Mutter, o halt ein! halt ein! Elvira (ihm die Hand sanft vom Auge ziehend). O birg sie nicht, die köstlichsten der Perlen, Sie werden einst am Thron des Ewigen Dich reicher zieren als der blut'ge Lorber. Geöffnet ist die lang verschlosfne Brust. — Jetzt, Kinder, kommt und fleht den Bruder an, Daß schonend er das Leben Euch erhalte, Damit der Grimm des wildgereitzten Tiegers Nicht seinen Durst in Eurem Blute kühle. (Sie sinkt mit den Kindern zu Pedro's Füßen). Albina. Nicht sterben, lieber Bruder! — Bitte! bitte! Jsabella. Wir sind so jung und, ach, so schön das Leben! Pedro. (überwunden, sie emporhebend). Zu viel! zu viel! Wer trüg ein Herz im Busen Und könnte kalt bei Eurem Flehen bleiben! — Es mag die Nachwelt mich verdammend richten, Selbst zu den Feigen meinen Namen reihen, Ich muß, ich muß das Härteste erdulden, Denn Eu'ren Tod — wie könnt' ich ihn verschulden ? (Geht rasch an die Mittelthür). Herein, Graf Pontis, schnell herein ! Achte Seene. Vorige. Pontis. Pedro. Graf, könnt 2br mir mit Eurem ritterlichen Worte Die sichere Erfüllung des Versproch'nen Und ehrenvollen Abzug für die Treuen, Die meinem Dienst ihr tapfres Schwert geweiht, Verbürgen, wenn ich noch in dieser Stunde Die Krone Arragons und dieses Schloß Dem König Sancho überlief're? Pontis. Hier Ist meine Hand darauf. (Reicht ihm die Hand) Pedro (mit Uebcrwindung), Wohlan, so geht Und meldet schleunig Eurem Herrn, daß ich Als Sieger ihn erkenne und erwarte. Pontis. Mit Freuden eil' ich, hoher Herr! (geht ab). Pedro (zu Castro). Geht, Graf, Wie sich's geziemt, den Sieger zu empfangen. Castro (sich schmerzlich über die Augen fahrend, mit gebrochener Stimme). Ein schwerer Gang, der schwerste meines Lebens. (Geht ab). Aleunte Seene. Vorige, ohne Pontis und Castro. Fernando (hatte sich vorher bescheiden in den Hintergrund gezogen). Pedro (sich erschöpft in einen Stuhl werfend). Es ist gescheh'n! Elvira (zu ihm tretend). Nicht so gebeugt, mein Pedro! Erhebe kühn und stolz Dein Haupt, Du darfst's, Denn hast Du nicht den größten Sieg errungen, Mit Heldenkraft Dein männlich Herz bezwungen ? Nie blickte stolzer eine Mutter auf Den Sohn, als ich jetzt in Dein Auge blicke, In welchem noch des menschlichsten Gefühles Unschätzbar theure Zeugen glänzend prangen. 10 (Au den Kindern). Geht hin und dankt dem Bruder, denn er gab So eben Euch der Liebe größte Probe. Jsabella und Albi na. So müssen wir nicht sterben, lieber Pedro ? Pedro (sie stürmisch umarmend). Nein, leben sollt Ihr, und des Lebens Euch Erfreuen, denn beim ew'gcn Gott, ich habe Euch theuer g'nug erkauft. Jsabella (ihm schmeichelnd). Du guter Bruder! Wie wollen wir dafür auch lieb Dich haben! Albina (ebenso). Und niemals Dich verlassen. Beide. Niemals! niemals! Pedro. Ja, bleibt in meiner Nähe, bleibt, daß ich Aus Euren unschuldsvollen Blicken Muth Und Kraft zur nächsten schwer en Stunde schöpfe. (Entfernte kriegerische Musik in der Scene). Pedro (aufspringend). Hört Ihr den Siegeston? Ha,wie sein Schall Mir glühendheiß das Blut zur Wange treibt, Und jede Wunde des zerriss'nen Herzens Auf's neue krampfhaft zuckt in unnennbarem Wehe! Hinweg, damit ich nicht in Schmerz und Wuth vergehe! (Will fort, bleibt aber bei Fernando's Anblick beschämt stehen). Du hier? Auch Du warst Zeuge meiner Schmach? — Weh mir! Ich fürchte, nicht den Ruhm allein, Den Freund auch Hab' ich mit der Krön' verloren ! Denn wer. wer möchte Freund sein des Entehrten ? Fernan d o. O mein verehrter Herr, mein Held und König! Nie hat sich edler Euer Herz gezeigt, Nie größer Euer Muth bewiesen, als Da siegend Ihr hervorgingt aus dem Kampfe Der Liebe mit des Ruhmes Schattenbilde. Könnt' etwas noch die hohe Achtung mehren, Don der ich stet« für Euch durchdrungen war, So müßt' es jener göttliche Moment, Wo männlich Ihr besiegt das stolze Herz Und für der Euren unschätzbares Leben, Nicht acbtend der Entsagung bitter'n Schmerz, Ein echter Held, die Krone hingegeben. Pedro (freudig ihn umarmend). Ha, denkst Du so, o dann — dann Hab ich nichts Verloren! Wem ein solcher Freund geblieben, Und wer der Seinen Liebe sich erhalten, Der kann wohl in des Haufens schwanker Meinung, Doch im Gefühl des eig'nen Werth's nicht sinken. — Nun fühl' ich Kraft, den Sieger zu empfangen. Doch überwunden nicht soll er mich sehn. Geschmückt als König will ich, ohne Bangen, Mit festem Schritte ihm entgegen gch'n; Selbst wenn er, stolz und seiner Macht bewußt, Sich höhnend naht in roher Siegeslust, Soll schirmend mich der Liebe Geist umschweben, Und aus den Staub'hoch über ihn erheben! (Alle ab). (Die Musik hat sich genähert und endet, wenn die Eintretenden auf der Bühne versammelt sind). Zehnte Seene. König Sancho in königlichem Pomp, von Pontis und Feldherrn, Bannerträgern, Pagen und Kriegern umgeben, tritt, von de Castro geführt, durch die Mitte ein. Sancho (stolz umherblickend). Wie? Niemand hier? Empfängt man so den Sieger, Der Großmuth übte, wo er Rache nehmen konnte? Pontis. Erhabener Gebiether. gönne huldvoll Den Tiefgebeugten Zeit zur Sammlung, um Mit Fassung Deiner Majestät zu nahen. Sancho (auf de Castro zeigend, der ihn mit finstern Blicken mißt). Wer ist der Mann, deß Auge kühn mich mißt? 11 Nnehrcrbiethig sind und nicht zu dulden Die Blicke. Pontis. Graf de Castro steht vor Euch. Sancho (heftig einen Schritt auf ihn zumachend). Du also bist der übermüth'ge Graukopf. Der cs gewagt, mit einem winz'gcn Häuflein Verwegen Unfern Siegeslauf zu hemmen? Castro. Wenn ich's vermocht'mit einem winz'gcn Häuflein, Gereicht esmir, doch nimmer Euch zum Ruhme. Sancho (zornig). Vermessener! mit Deinem Leben sollst Du mir für diese freche Rede büßen! P ontis. Vergeßt uicht den Vertrag, erhab'ner König, Er sichert ihm und Allen freien Abzug. Sancho (sich bekämpfend). Habt Dank für Eure Warnung, Graf! (Zu de Castro, auf Pontis zeigend) ' 2hm hast Du's zu verdanken, daß Du jetzt noch athmest. Eilfte Scene. Vorige, Elvira (mit den Kindern und ihren Frauen. Alle in Lrauergewändern). Elvira (wirft im Kommen einen prüfenden Blick auf den König, und bleibt erschüttert stehen, indem sie schmerzlich für sich sagt). Weh mir, aus diesen starren Zügen spricht Kein fühlend Herz. O armer, armer Pedro, Wie tief wird es Dein stolz Gemüth empören, Vor diesem Dich erniedrigen zu müssen!— Beugt Euch zur Erde, widerspenst'ge Knie, Fügt willig Euch dem Unvermeidlichen. (Wirft sich vor Sancho nieder). Sancho (verächtiich auf sie herabblickend). Wer ist das Weib? P o nt is. Alphonso's Witwe, Herr. Sancho (wild auflodrrud). Die Gattin des Verräthers, der's gewagt, Die Hand nach meiner Krone auszustreckcn? Ha, falscher Tod, der mir die Wollust stahl. 2m Staub ihn so wie sie vor mir zu sehui! Zwölfte Scene Vorige. Pedro (im königlichen Ornat, die Krone auf dem Haupte, von Ferna ndo und seinen Höflingen begleitet). Sancho (entrüstet). Ha, was ist das ? darf es der Knabe wagen. Die anqcmaßte Königsrollc frech Vor meinen Augen selbst noch fort zu spielen? Pedro (tritt beleidigt einen Schritt zurück, und ist im Begriff, heftig zu antworten). Elvira (die es bemerkt, ist aufgesprungen und zu ihm geeilt, indem sie ihm heimlich zuflüstert). Bei Allem, was Dir theuer, Fassung, Sohn! (auf die Kinder zeigend, die ihn flehend an- blickrn). Gedenke dieser! Pedro (hat sich mühsam Fassung errungen, kniet vor dem König nieder und nimmt die Krone vom Haupt). 2ch unterwerfe mich der Allmacht Schluß Und beuge willig in den Staub mein Haupt,— Sie will, daß ich in diesem Augenblicke, Wo Du aus meiner Hand die Krön' empfängst, Tie schwerste Prüfung eines Königes Besteh', und durch Entsagung Dir bewähre, Daß ich sic würdig trug, und würd'gcr noch entbehre. Sancho (für sich). Wie unter'm Fuße sich die Schlange krümmt.' (hastig nach der Krone greifend, laut) Mein ist die Krone, mein des Reiches Thron! (die Krone hochhaltend). Huldigt dem Könige von Arragon! (Trompeten und Paukenschall. Alle, bis auf Castro, beugen die Knie). Der Vorhang fällt. ir Zweiter Act. Gebüsch in einem einsamen Garten. Es ist Abend. Erste Scene. Fernando und Gomez. Fernando. Des Mahnens und der Bitten überdrüssig. Bin Deinem läst'gen Drängen ich gefolgt; Nun sprich, was soll ich hier? Gomez. Gepriesen sei Des Allerbarmers ew'ge Vatergüte, Die Euer Herz gelenkt, und einen Blick Euch in des Abgrund's Tiefe huldvoll gönnt, Der drohend sich vor Euren Füßen öffnet! Fernando (heftig). Sprich nicht in diesem Tone, Allzudreister! Zu oft schon ward mein Ohr von ihm beleidigt, Und wie ich denke, weißt Du längst. Gomez (unterwürfig). Verzeiht Dem alten Diener Eures edlen Hauses, Wenn vorlaut seine Zunge übcrwallt Von den Gefühlen der bewegten Brust. Nicht mir, dem Knechte, ziemt's, die Augen Euch Zu öffnen; (in die Coulisse deutend), dort naht die erhab'ne Frau, Die mich zu Euch gesendet: — ihren Worten Wird, muß gelingen, was vergebens ich versucht. (Er zieht sich zurück). Zweite Seene. Fernando. Estrella von Riba (in Witwcntracht). E str e l l a. Sei mir gegrüßt, Du theurer. letzter Zweig Der stolzen Ceder, deren tiefen Fall Seit Jahren ich in Einsamkeit beweine. Fernando (sich unwillkührlich vor ihr neigend). Bekannt schlägt diese Stimme an mun Ohr, Ist das ehrwürd'ge Antlitz mir gleich fremd. Estrella, Ach, kummervolle, trübe Jahre find Verflossen seit Fernando mich, der Knabe, Zum letztenmal geseh'n im Glanz der Welt, Der Jugend Rosen auf den frischen Wangen; Erloschen ist seitdem der Augen Feuer In einem Meer von bittern Schmerzensthränen, Und vor der Zeit gefurcht die bleiche Wange Von schweren — ach! von unnennbaren Leiden. Fernando. Versteh ich recht?— Ihr wäret — seid? — Estrella. Estrella, Des unglücklichen Tellez Riba Witwe. Fernando (stürzt zu ihren Füßen). Verehrte vielgeliebte Base! Estrella. Du säumtest lange, Undankbarer, die Zu seh'n, die durch des Blutes heil'ge Bande Ein Recht auf Deine Liebe hat, — doch nun Geboth die drohende Gefahr. Ich mußte Dich sehen, mit Dir sprechen, denn Du stehst An einem großen ernsten Scheidewege; Dein Aug' ist blind, und Deine Führer sind Der Deinen Mörder! Fernando. Hochverehrte Frau! Ihr wißt, mit seinem Tode hat Alphons Die Schuld gebüßt, die er auf sich geladen; Doch seine Gattin, seine Kinder sind Unschuldig und unglücklich, so wie Ihr. Estrella. Wohl weiß ich, daß der ewige Vergelter Der Väter Schuld an ihren Kindern rächt, Doch nimmer kann ich des Gemordeten Gedenken, ohne über seine Mörder Wehe zu rufen — Wehe über ihn Und über seinen blutbefleckten Stamm! — (Sie verhüllt sich schluchzend das Gesicht, nach einer Pause). Doch nicht die Größe meines Unglück's, nicht Den schmerzlichen Verlust, den ich erlitten, Dir vorzuhaltcn, ließ ich her Dich rufen; Von Dir, von DeinemWohl und Wehe sei die Rede. Du weißt, ich führe in des Klosters Stille Ein einsam abgeschieden Leben, ernsten 13 Betrachtungen geweiht, und Liebe nur Zu Dir, dem letzten hoffnungsvollen Zweig Des edlen Hause Riba, konnte mich Noch einmal in das wüste wirre Treiben Der falschen Welt verstricken, konnte die Entsagende noch einmal wider Willen Zu einem Glied der großen Kette machen. Mich treibt nicht thöricht eitler Rede Lust, Pflicht und Gehorsam für den thcurcn Todten Gebiethen, was geheim, zu offenbaren. Der sel'ge Geist umschwebt mich mahnend und Befiehlt mir, Dich zu retten, weils noch Zeit.— Doch mußt Du mir Verschwiegenheit geloben. Vernimm: Es liegt mein Leben in der Wage, Das wäre wenig, denn mit Freuden würde Mein Geist sich dem Gefängnisse der Welt Entschwingen und mit Sehnsucht dahin eilen, Wo all' mein Glück, wo all' mein Hoffen weilt; — Allein, wird das Geheimniß offenbar, Das ich gezwungen bin, Dir zu vertrauen, So sterben all die Treuen, die es theilen, Denn König Sancho kennt nicht Schonung, nicht Erbarmen. Du bist ein Riba — wirst als solcher handeln. Fluch Deinem Angedenken, wenn Dein Mund Sich treulos öffnet, jemals meine Worte Dem Grade Deines Busens zu entlassen!— Verfolgen möge Dich m.in Bild und meines Endlosen Kummers Last an Deine Schritte Sich hängen, wenn Du zum Verräther wirst! Fernando (der sich schon früher erhoben hat). So sei es! Estrella. So wisse: Pedro, der's gewagt, sich König Von Arragon zu nennen, sinnt darauf Den kaum geschloffnen Frieden zu verletzen Und der Empörung Fahne neu zu schwingen. Fernando (heftig). Das ist nicht wahr! Beim ew'gen Richter droben, Das ist, das kann nicht sein! Estrella. Es ist. — Ick rich!e Nicht über ihn; die blut'ge Krone will Noch mehr der Opfer, denn die Saat deS Stolzes Und der Gewaltthat wuchert unaufhörlich Und will geerntet sein. Der König weiß Um Pedro's Plan, — gesprochen ist sein Urtheil — Es lautet: Tod! Fernando (feurig). Er hat ihn nicht verschuldet; Denn Pedro's edles königliches Herz Erwählte lieber Tod als Unterwerfung, Nicht minder lieber würd' er sterben als Mit Wortbruch seine Ehre zu beflecken. E strell a. Halt ein, verblendeter, betrog'ner Thor! Du kannst ihn nicht rechtfert'gen, noch ihn retten. Meinst Du, daß König Sancho jemals den Vertrag erfüllen und gestatten werde. Daß Alphonfs Sohn in Ruh' Valencia Beherrsche? Warum zögert er von Tag Zu Tag, ihm die Belehnung zu ertheilcn? Nein, sterben muß er — sterben, — nur sein Tod Beschwichtigt Sancho's ewig wachen Argwohn. Fernando. Barmherz'ger Gott! Estrella. ' Vernimm nun den Beweis, Damit der letzte Zweifel schwinde. Pedro Will noch in dieser Nacht dieß Schloß verlassen. Im Busche von San Michaels wird De Castro sein mit einer Sänfte harren, Um. ihn nach Bola zu entführen, wo Sich eine Schaar noch unbesiegt erhalten. So schlau und so geheimnißvoll der Plan Entworfen ward — Du sichst, er ist entdeckt. Der Sohn des Mörders geht in einem Netze, So unsichtbar als unzerreißbar fest. Fernando (schmerzlich). Und mir, mir könnt er es verschweigen? — mir?! Estrella. Wird Dir nun klar, wem Du vertraut? Für alle Treue schenkt der Falsche kein Vertrauen, keine Lieb' für alle Opfer, Und dennoch spannt das Netz, in dem er wandelt, 14 Auch über Dich sich aus. Willst thvricht Du Mit ihm nun untergeh'n ? Dein Wohl und Weh An des Verworfnen Schicksal ferner ketten?— Das Deine läßt zum Glücke noch sich wenden, Doch seines nicht. Dem Namen Riba ist Der König hold, weil er sich treu bewährte. Entsage ungesäumt dem falschen Freunde, Mit Gnaden wird Dich Sancho überhäufen, Und uns res Hauses edlen alten Glanz Kannst über unfern Gräbern Du erneuern. Fernando (leidenschaftlich). Wie wenig Ihr mich kennt, beweis t der Antrag. Beim ew'gen Gott, kein And'rcr dürft' ihn wagen! — (schmerzlich). O hält' ich nimmer Euch geseh'n —- gehört! — Ihr habt des Lebens Ruhe mir gemordet. E strell a. Wohl kenn' ich Dich, und Hab' der Antwort mich Don Dir vcrseh'u; ich tadle d'rob Dich nicht. Heil, Heil dem jungen Herzen, das vertrauend Am Ideal der Lieb' und Treu noch hängt, Und stolz verschmäht der Klugheit Schlangenwege ! Das war es, was die Edelsten begeistert, Sich unverzagt dem sichern Tod zu weihen Und ruhmvoll sich Heroen anzureihen! — Doch Deiner harr t ein and'res, würd'ges Loos: Du sollst zum Tröste unsers grauen Ahnherrn, Zum Stolz des edlen Hauses Riba leben. — Seit Mond.n weilen schon die Diener hier, Die er gesandt, zu ihm Dich zu geleiten; O laß ihn länger nicht vergeblich harren, Laß meine Bitte Dir zum Herzen sprechen: Entreiße männlich Dich unwürd'gcn Banden, Verlasse Pedro, wie er Dich verlassen, Und gib den auf, der nicht mehr zu erretten. Ja bräch'st Du selbst das mir gelobteSchweigen, Er müßte untergeh'n, doch alles Blut, Was deßhalb flösse, käme auf Dein Haupt. Ich fühl's', bald ist mein ird'scher Lauf vollendet — Und eine Sterbende beschwöret Dich, Dem blutgedüngten Lande zu entfliehen! — (flehend). Fernando, einz'ge Hoffnung, letzte Stütze Des einst so kräft'gen Stammes, willst Du's thun? Fernando (nach einer Pause, während welcher er einen großen Entschluß zu fassen scheint). Ich will's! Estrella (freudig). O Dank! Dank für dies Wort! Es wird Ein weicher Pfühl für meine Sterbestunde. Ich glaubte nicht, daß die zerriff'ne Brust Noch dem Gefühl der Freude offen stände. Mein bester Segen lohne Dich dafür! F e rnan do. Iedoch beding ich mir, daß Niemand mich Begleite als mein treuer Diener Crespo, Und jene Fremden, die der Ahnherr sandte. So bald die Nacht den dunkeln Mantel breitet, Treff ich sie an der Pforte San Michaele, Wo sie mit einer Sänfte meiner harren Und an der Losung: „Freundestreue" mich Erkennen mögen. . - Estrella. Dort wirst Du sie finden, Verseh'n mit einem königlichen Freipaß. Und nun leb wohl, mein vielgeliebter Neffe! Wir scheiden — ach, ich fühl's! für dieses Leben. Bring unserm Ahnherrn meinen letzten Gruß, Und sag' ihm, dort, wo's keine Thränen gibt. Wo jeder Gram und alle Schmerzen schwinden, Wo der mein harrt, deß Tod mich tief betrübt, Dort soll er einst vereint uns wiederfinden! (geht mit Gomez ab). Dritte Scene. Fernando (allein, nach einer Pause gedankenvollen Hin- starrens, entschlossen). Wohlan! so werde denn das Aeußerste gewagt, Und Alles, was ich mein noch nenne, kühn Gesetzt auf den verzweiflungsvollen Wurf! 18 Es darf der königliche Aar nicht unter Des grimmen Geiers blut'gen Fängen enden. Hielt er den Freund auch des Vertrau'ns nicht wcrth, So soll er doch den Retter in ihm finden Und mit Beschämung eingesteh'n, wie sehr Er hieses treue Herz verkannte. — Ihm Erschien das Leben stets imros'gen Lichte, Erfüllt vom ThaUndurst ist seine Brust, Und nach dem Höchsten strebt sein muth'ger Sinn; — Mir ward ein düsteres Gemüth zu Theil, Dem iede Freud' in Wehmuth uutergcht; Gelähmt find meines Geistes müde Schwingen Von schwärmerischer Sehnsucht ohne Ziel. Dem Starken, dem das Leben noch von Wcrth, Sei mit der Kraft auch seine Lust beschieden; Ein Grab dem Müden, der nach Ruh' begehrt, So finden Beide — was sie wünschen, — Frieden! (geht ab). Vierte Scene. Saal des ersten Aufzuges. Es wird Nacht. Elvira, De Castro. Elvira. Um Gotteswillen, Mann, blick nicht so stumm Und finster d'rein gllich einem Marmorbilde Des Schmerzes, mach' ihm doch durch Worte Luft, Damit er die gepreßte Brust nicht sprenge! Belade mit Vorwürfen mich. die thörickt. Von Muttcrangst gequält, den eig'nen Sohn Beredet, sich dem Feinde auszuliefern. Castro. Die habt Ihr nicht verdient, erhab'ne Frau! Wohl anders fühlt der Mutter sorgend Herz Als die gestählte Brust des rauhen Kriegers. Elvira. So sprich, was ist gescheh'n, was konnte also Dich, Den kühnen, unerschrock'nen Mann erschüttern? Die Absicht Pedro's ist doch nicht ver- rathen? Castro. Was ich geseh'n, der ungeheure Frevel, Deß Zeuge ich zu sein gezwungen war. O warum sind die alten Augen nicht Erblindet ob der grauenvollen Scene? Elvira (in ängstlicher Spannung). Vollende, setze meiner Angst ein Ziel! Castro. In Eures edlen Gatten Königsgruft Begleiten mußt' ich den Tirannen. Geöffnet ward Alphonso's Sarkophag — Beim Anblick der erhab nen Heldenleiche Erfaßte blinde Wuth ihn und er riß Den königlichen Schmuck vom Haupt deS x Todten! Elvira. Entsetzen! Castro. Seit meiner Jugend sind mir Thränen fremd; Bei diesem Anblick aber floh ich heulend, Der Unthat fluchend, mit zerriss'ner Brust! Elvira '(mit Thränen). S Sancko! dieser ungeheure Frevel, Vor welchem selbst Barbaren schaudern würden, Wird schwer auf Dir und Deinem Stamme lasten! Castro. Blieb uns auch noch ein Zweifel übrig, was Wir vou dem Gräßlichen zu hoffen hätten, Der fluchenswerthe Einbruch in der Todten Geheiligte Behausung müßt' ihn lösen; Drum fort, schnell fort von hier, wo der Unsel'ge, Verderben brütend unser Thun belauert! Und steh ich einst, bewaffnet mit dem Rachschwert Dir gegenüber, räuberischer Sancho, Dann sollst Du blut'ge Rechenschaft mir geben! — Bald wird es Nacht und drängend mahnt die Zeit. — So lebt den« wohl, erhab'ne Königin! Ihr habt von seiner Rache nichts zu fürchten, Denn das Geschlecht muß er in Euch doch schonen. Lebt w«hl, lebt wohl, unglücklichste der Frauen! 16 Ich hoffe bald und glücklich Euch zu schauen! Elvira (in größter Bewegung). Ihr scheidet, ach! und wer kann sagen auf Wie lange? reißt den Sohn vom Mutter- Herzen, Das ihn zu schirmen, leider, nicht vermag! O, seid ihm Schützer in Gefahr und Noth, Seid Retter ihm, wenn das Verderben droht, Bewahret jedes Haar auf seinem Haupte; Nicht trüg ich's, wenn der Tod auch ihn mir raubte! Castro. Ich will's mit meinem letzten Athemzuge! Mein ganzes langes Leben war ja Treue Für Euch und Euer königliches Haus. Sie wird im Tode selbst sich noch bewähren. (geht, bleibt aber am Eingänge stehen). Dort naht Fernando! (hastig zu Elvira). Hohe Frau! — um Gott! Verschweigt ihm unfern Plan, damit er nicht Im Augenblicke der Entscheidung scheit're. Auch Hab ich trift'gen Grund, ihm nicht zu trauen; Man sah ihn heute nach dem Kloster gehen, Wo Eures Hauses größte Feindin weilt; Drum hüthet Euer Herz, und laßt Euch nicht Verlocken von der Unschuld Gleißner - Larve. Und nun an's Werk. Ihr bethet, weil ich wache; Gerecht ist Gott, wie unsre gute Sache, (geht ab). Fünfte Seene. Elvira. Fernando. Fern ando (nähert sich schüchtern der Königin) Elvira (frostig). Ihr hier, Fernando? Zweimal sand't mein Sohn Nach Euch, und zweimal ward die Antwort ihm: Ihr wäret nicht zu Hause. (Ihn scharf betrachtend). Und fast will Es mich bedünken, als ob Euer Auge, So unbefangen sonst, sich scheu zu Boden senke. Fernando (mit unsicherer Stimme). In meiner Brust zu lesen, hohe Frau, Ist Euer Blick gewöhnt. — Er täuscht Euch nicht — Mit Zagen komm' ich, ein Gesuch zu wagen. Das. wohl fühl ich's — in Eurer Lage leicht Mißdeutet werden könnte, und doch muß Die Bitt' ich wagen, selbst auf die Gefahr, Von Euch verkannt zu werden. Elvira (gespannt). Sprecht sie aus. F ernando. Ich flehe um Vergunst, zu meinem Ahnherrn, Der im Gebirge von Castilien wohnt, Zu gehen, und sein einsam trübes Alter Durch meine Gegenwart erfreu'n zu dürfen. E l v i ra (nachdem sie ihn eine Weile durchdringend fixirt hat, mit herbem Ton). Wir sind nicht glücklich mehr, und klug Muß man den nennen, der sich mit dem Glücke Zu gleicher Zeit wohlweislich von uns wendet. Fernando (leidenschaftlich). O schonet meiner, schont! Beim rw'gen Gott! Den schimpflichen Verdacht verdien'ich nicht. Elvira (milder). Gern glaubt' ich Dir, um des Vergang'nen willen; Und wenn Du wirklich gehst, des Ahnherrn Alter Zu trösten über schmerzlichen Verlust, So segne Gott Dein kindliches Beginnen. (Mit Nachdruck). Doch wenn Du fähig wärst, uns zu ver- rathen —! 17 Fernando (empfindlich). Verrathen? — Ich? — Elvira. Man will uns überreden. Daß treulos Du Dein Herz von uns gewendet Und im Verkehr mit unfern Feinden stehst. Man weiß, daß Orte Du besuchst, wo unsre Getreuen nicht getroffen werden sollten. Mit Widerwillen nur Hab ich's geglaubt, Und da ich Dir in's reine Aug nun blicke — (weich). Vermag ich's nicht zu denken, daß es möglich, Du könntest zum Verräthcr an uns werden. Fernando (mit Rührung zu ihren Füßen). Das lohn' Euch Gott, verehrteste der Frauen. O, legt die theure Hand, die mich so oft gesegnet, Noch Einmal auf mein schuldlos Haupt, und sprecht Den Muttcrsegen über mein Beginnen, Er werde mir zum Fluch, wenn falsch mein Herz! Elvira (die Hände auf sein Haupt legend). Der Himmel segne Dich und Deine Wege, Erhalte rein Dein Herz von jeder Schuld. Du gebst, Fernando, ach, und mir, ich berge Es nicht, mir ist als ob ein theurer Sohn Sich scheidend mir vom Mutterherzen riffe! Denn also Hab ich Dich gehalten und geliebt. Zu schmerzlichem Verlust bin ich geboren; Woran mein Herz sich hing — ich hab's verloren! So gehe denn und folge Deiner Pflicht. Vergiß im Glücke der Verlaff'nen nicht, Und wie in Liebe Deiner wir gedenken, (mit brechender Stimme). Dir manche Thräne der Erinn'rung schenken, So wend' aus weiter Ferne sich Dein Blick Mit liebevollem Sinn auf uns zurück! (Sie eilt mit verhülltem Angesicht ab). Fernando (allein, sich schmerzlich erhebend). Das ist gescheh'n! Ein schwerer Schritt gelb an ; — Doch ach — der schwerste steht mir noch bevor. Wiener Tbeater-Nepertoir. VIll. Allgütiger, verleih' mir Muth und Kraft In der Entscheidung ernster Stunde. Lasse Der Täuschung Kunst mit glücklichem Erfolg Mich üben! stähle dieses Herz, daß nicht Der ew'gen Trennung Schmerz es über- wält'ge Und zum Verräther werde. tzusammenschreckend). Ha, er kommt! (mit Inbrunst nach oben). O lasse, laß das Rettungswerk gelingen. Laß gnädig, Herr, mein Opfer mich vollbringen ! Sechste Seene. Fernando. Pedro (in einfachem Reisekleide). Pedro (auf Fernando zueilend). Ha endlich, endlich bist Du da, Fernando! Wie in der Wüste sich der Wanderer Nach einer Quelle sehnt —so ich nach Dir. Weißt Du auch wohl, was man von mir verlangte? Ich sollte Dich nicht seh'n, nicht mit Dir sprechen; — Doch einmal mußt' ich noch in's Aug' Dir blicken, Noch einmal an das treue Herz Dich drücken! Ferirando (ergreift weinend seine Hand und küßt sie). Pedro (überrascht die Hand zurückziehend). Ha, was ist das? — (sie betrachtend, mit Entzücken). Wie, eine Thräne? Hast Du Thräncn noch für mich, — o dann — dann bist Du auch nicht falsch. Fernando. Mein königlicher Herr! Pedro (ihn eifrig unterbrechend). Nicht also, — nein, vertheidige Dich nicht. Ich wußt' es ja, Du konntest es nicht sein! Der Glaub' an Dich stand felsenfest, so sehr 2 18 Auch Castro sich bemüht, ihn zu erschüttern, (an seiner Brust). Nicht wahr, Du bist nicht falsch, bist noch mein Bruder? Fernando (ihn leidenschaftlich an's Herz drückend). Ich bin's! ich bin's— und hoff'es zu erproben. Pedro (mit Beschämung). Fernando! ach! was wirst Du von mir denken, Daß jemals ich so schwach sein konnte, ihren Verleumdungen mein thöricht Ohr zu leihen? — Hat Unglück denn unedel mich gemacht? Seitdem ich denken kann, kam kein Gedanke Mir in den Sinn, den ich Dir nicht vertraute, — Und nun — nun ließ ich vorschnell mich verleiten, Den wichtigsten Entschluß zu fassen, ohne Des treu'sten Freundes Rath vorher zu hören! — Gottlob, der böse Zauber ist gelöst. Der mich umfangen hielt. Nun sollst Du Alles Fernand o (mit gesenktem Blick). Von — Castro selbst. Pedro (erstaunt). Wie? er, er selbst vertraute Dir — ? (freudig). Ha, dann sah er sein Unrecht ein — dann hat — Fernando (anfangs mit unsicherer Stimme, die nach und nach an Festigkeit gewinnt). Nicht Ueberzeugung seines Unrechts war's, Was sein Vertrau'n gezwungen mir erworben; — Die dringendste Gefahr allein — Pedro. Gefahr?! Fernando. Er mußte schleunig flieh'n — Pedro. Flieh'n? — ohne mich? Fernando. Der laute Fluch, der dem empörten Greise Beim Anblick der entweihten Königsleiche In tiefem Schmerze willenlos entfuhr, Hat Sancho's Zorn zur Wuth entflammt. Er gab, Erfahren. Nur vergib, vergib, daß ich Im Stande war, Dir Etwas zu verschweigen! Fernando (tief ergriffen). Und dieses Herz sollt' ich verrathen können?! Pedro. Du hast's ja nicht gethan! —Die Zeit ist kostbar, D'rum hör': ich muß in dieser Nacht noch fliehen, Nicht sicher bin ich in des Wüth'richs Klauen, Deß Rachedurst nach meinem Blute lechzt. Bei meinen Treuen find' ich Schutz und Hilfe. Der Abschied von der theuren Mutter ist Schon überstanden — ach ! — und er war schwer. Vernimm : Zm Busche von San Michaele — Fernanvo (rasch einfallend). Erwartet Castro Euch mit einer Sänfte, Nach Bola Euch in Sicherheit zu bringen. Pedro (überrascht). Ha, was ist das? Von wem ward Dir die Kunde? Befehl, ihn zu verhaften. — Pedro. Ihn? — Entsetzlich! Fernando. De Castro, noch zu rechter Zeit gewarnt, Ergriff die Flucht, als einz'ges Rettungsmittel. Im Augenblick der dringendsten Gefahr Ließ mich ein glücklich Ungefähr ihn treffen, Die höchste Noth zwang ihn, mir zu vertrauen — Durch meinen Mund läßt er Euch nun beschwören, Die Sänfte ohne Säumen zu besteigen, Um diese Nackt noch Bola zu erreichen, Wo Ihr ihn sicher wieder finden würdet. Pedro (freudig). Und Du wirst mich an seiner Stell' begleiten ? Fernando (schmerzlich). Das kann, das darf ick nicht, denn scharf bewacht 19 Mit Falkenblick der Argwohn meine Schritte; I Doch werden wir uns einst — (mit einem verstohlenen Blick zum Himmel). ! wohl Wiedersehen! — Mein treuer Crespo harret Eurer bei Der Sänfte an der Pforte San Michaels, Er wird Euch führen, Euch zum Ziel begleiten, Und an der Losung: „Freundestreue", Euch Erkennen. Pedro. Freundestreue? Ja, das war, Das ist die Losung Deines ganzen Lebens, Und hat so eben glänzend sich bewährt. Fern ando. O eilet, eilt, weil günstig noch die Zeit! Leer sind die Straßen, Volk und Höflinge Versammelt zum Gebete in den Kirchen, Um Segen für die nahe Niederkunft Der Königin vom Himmel zu erflehen. O eilet, eilt, die kommende Minute Kann leicht Gefahr Euch bringen. Pedro (ihn umklammernd). Wie, so schnell Willst Du Dich reißen aus des Freundes Armen, Nicht einmal Frist zum letzten Kuß ihm gönnen? Fernando. Es drängt der Augenblick! Pedro. Und brächte mir Der nächste sichern Tod, nicht also kann Ich von Dir scheiden — muß noch einmal Dir Jn's treue Auge blicken, Einmal noch In sel'gem Schmerz am Bruderherzen ruhen, Um Kraft zu sammeln zu des Scheidens grauser Qual. Fernando (mit Lhränen). Wie rührt und wie erhebt mich diese Liebe! — Allein gebieth'risch mahnt die Zeit. — Wollt Ihr Den treuen Rath des Dieners nicht befolgen, So höret auf des Freundes Stimme: flieht! O fliehet schnell, mein König. Pedro (schmerzlich). Wie? so soll Denn selbst in der verhängnißvollen Stunde, Wo keine Krone mehr das Haupt mir schmückt, Wo flüchtend ich dem Reich den Rücken kehre, Wo jede läst'ge Schranke eingesunken, Die neidisch uns bisher getrennt, mein Ohr Das brüderliche D u aus Deinem Mund nicht hören? Fernando (mit überwältigtem Gefühl an sein Herz sinkend). Du! Pedro (ihn entzückt an sich drückend). Bruder bis zum Tode! Fernando (mit Gewicht). Bis zum Tode! — (drängend). Doch nun — nun eile fort — schnell fort! Bei Deinem, Bei Deiner Mutter, Deiner Schwestern Heil Beschwör'ich flehend Dich: o fliehe, flieh! Pedro (mit Begeisterung). Errungen ist's, wonach ich lang gestrebt! Besiegelt hat Dein Mund den Buud der Seelen. Die neue Kraft, die mir im Busen lebt, Sie wird den Muth beflügeln und ihn stählen. Jetzt scheidet uns des Feindes Grausamkeit, Doch Brüderherzen trennt nicht Ort, noch Zeit. (Geht, nachdem er ihn noch einmal umarmt hat, rasch ab). Siebente Seerre. Fernando (allein, ihm nachsehend). Nicht Ort, nicht Zeit, und über'm Grabe selbst Steht nahe sich, was Liebe hier verbunden. — (eilt an's offene Fenster). Schon hallt sein Tritt vom öden Hofe wider — Jetzt, ja, jetzt muß er an der Sänfte sein! — Horch! trug der Wind nicht seiner Stimme Schall Zu mir herüber? — „Freundrstreue" sprach Sein holder Mund, und durfte also sprechen: Denn so wie er, ward noch kein Freund geliebt! — Jetzt wird die Thür' der Sänfte zugcschla- gen — 2 * 20 Nun setzen sich die Pferd'in raschen Trab — (wirft sich auf die Knie, mit Inbrunst). O schütze gnädig ihn, Allgütigcr! Geleite sicher ihn zum Rettungsport, Und häufe alle Freude auf sein Haupt, Die Deine Vaterhuld mir zugedacht. — (entschlossen aufspringend). Nun fort, das Opfer muthig zu vollenden. Das vor Gefahr den theuern Freund bewahrt < Des Hcnker's Auge mag der Himmel blenden, Daß vor der Zeit er nicht den Tausch gewahrt. Unschuldig Blut soll der Tyrann vergießen, Doch seines nicht — das meinige wird fließen! (rasch ab). Achte Scene. (Königliches Vorgemach). Zwei Höflinge. Erster Höfling. Ist Graf de Cerda immer noch beim König? Zweiter Höfling. Seit einer vollen halben Stunde schon, Und ward mit selt'ner Huld und Gnad' empfangen. Erster. Beneidenswerthes Loos! Uns zeigt das Antlitz Der Majestät sich stets mit finsterm Blicke. Zweiter. Freund, glaube mir, nicht zu beneiden ist De Cerda um das trügerische Glück Der königlichen Hulddenn nicht umsonst Verläugnet Sancho seinen harten Sinn, Und zeigt nur gnädig sich, wenn eine Absicht Er schlau erreichen will. Vermuthlich hat Er ihn zu einer Handlung auserlesen Vor welcher Dir und mir leicht schaudern dürste. Kaum angelangt von Pampeluna, fremd Zn diesem Lande, ward er auch sogleich Berufen zur geheimen Audienz, Und Wachen an der Thüre aufgestellt, Den ungebeth'nen Horcher zu entfernen. — Wer König Sancho kennt, wie ich ihn kenne, Weiß auch, was das bedeutet. Erster. Still, der König — (treten ehrerbiethig zurück). Neunte Scene. Vorige. König Sancho. Graf de Cerda. Sancho (in rauhem gebieth'rischen Lone zu den Höflingen). Wenn Hauptmann Fabio kommt, wird un- gemeldet Er vorgelassen. Fort! (Die Höflinge gehen ab.) Sancho (zu de Cerda). Ich habe Dick Erwählet zum Vollstrecker des gefällten Bluturtheiles. weil Du, ein Fremder. Gewohnt bist, ohne Klügeln zu gehorchen. Ein ewiges Gebeimniß soll den Namen So wie die Strafe des Verbrechens bergen; Das ist Unser Befehl und königlicher Wille. Cerda. Des Königs Majestät hat zu gebiethcn, Gehorchen ist mir längstgewohnte Pflicht, Und Neubegier der kleinste meiner Fehler. Sancho. So lieb ich meine Diener. — Niemand darf Des Kerkers düst're Schwelle überschreiten Als Du und jener stumme Mobrensclave, Der wohlbedacht die Stelle des Scharfrichters In diesem wicht'gen Fall vertreten soll. Und wagt es der Verbrecher, sich zu nennen — Cerda. Ich bin nicht stumm allein, ich bin auch taub, Wenn es des Königs Majestät befiehlt. Sancho. Davon gabst Du so manche Probe Uns. Es ist mein ernster Wille, das Gescheh'ne Mit einem ew'gen Schleier zu bedecken; Was Reich und Volk davon erfahren darf, Soll es vorsichtig nur durch mich vernehmen. Zehnte Seene. Vorige. Hauptmann Fabio. Sancho (hastig). Ha Fabio! — Nun, wie steht es? — Habt Ihr ihn? 21 Fabio. Nach meines königlichen Herrn Befehl. S a n ch o. Und ließ er ohne Gegenwehr sich fangen? Fabio. Wie mir gebothen, warf im Dunkeln ich Die Kapp' ihm übers Haupt, damit sein Antlitz Kein Mann von meiner Schar erkennen möge. Geduldig ließ er es geschehen, lautlos llnd ruhig folgt er mir zum festen Thurme, Dort ließ ich ihn allein, die Pforte wohl Verschlossen und bewacht. (ihm den Schlüssel reichend). Und hier der Schlüssel. San cho (den Schlüssel nehmend). Und sein Begleiter? Fabio. Wehrte wüthend sich, Bis er, zum Tod getroffen, niedersank. Sancho (für sich). Daran erkenn ich Dich, Du wilder Castro, (laut und kurz). Ihr habt erfüllt, was man von Euch erwartet ; In Gnaden bleibt der König Euch gewogen. (Auf seinen Wink entfernt sich der Hauptmann). Sancho (de Cerda den Schlüssel überreichend). Nun ist's an Dir. — Du hastest mir dafür, Daß pünktlich mein Befehl vollzogen werde. — Das Haupt des Schuld'gen wird in's Meer versenkt. Der Rumpf vergraben an derselben Stelle, wo Der Urtheilsspruch vollstreckt. — Maäi's kurz und schnell. Cerda. So wie mein Fuß die Schwelle seines Kerkers Betreten hat, gehört er zu den Todten! (geht ab). Gilfte Scene. Sancho (allein). Nun, stolzer Knabe, der Tu Dich geweigert, Vor meiner Siegcrmacht Dein Haupt zu beugen, Sollst Du mit Schreck gewahren, was cs heißt, Mir in den Weg zu treten, fühlen, wie Ein einz'ger Wink des unbezwung'nen Armes Jedwedes Hinderniß zu Boden schmettert, Das hemmend sich in meinen Weg gestellt. Das große Ziel, das sich mein kühner Geist Gesetzt, ich will's, ich werd's erringen und Dein Knabenleben ist ein Sandkorn nur, Das, kaum berührt von meinem Eisenfuße, In Staub zerfällt! (tritt ans Fenster und öffnet es.) Wie dunkel ist die Nacht! Oed sind, wie ausgestorben, alle Straßen, — Nur dort den Weg zum Thurme schreiten zwei Gestalten — Deine Tod es e ngel, Knabe! — Warum beschleicht bei diesem Anblick mich Ein sonderbar unheimliches Gefühl? Ist's denn das erste Todesurtheil, das Mein Mund gesprochen hat? Und dennoch kann Ich dieß Gefühl, so neu als ungewöhnlich, So wenig deuten als bemustern. — Furcht Ist's nicht, (sich stolz erhebend). Furcht kennet König Sancho nicht! Und doch — und doch! (sich beschwichtigend). Die Nachtluft ist's, die kalt Und schaurig vom Gebirg hernieder weht! (schlägt das Fenster zu). Noch wen'ge Jahre, und ich steh am Ziele: Ganz Spanien meinem Zepter unterworfen, Das schöne Land, vom Fuß der Pyrenäen Bis hin zum Strande zweier Meere, Zu einem einz'gen großen Reich vereinigt Und seine Königskron' auf meinem Haupt! (betreten innchaltcnd). Ha, wie! — vermögen diese Bilder selbst, Die mich so oft entzückten, des Gefühl's, Das mir die Brust beengt, nicht Herr zu werden? Bin ich zum träumerischen Weib geworden, Seit an Alphonso's Sarg die Nichtigkeit Der Erdengröße mahnend mich erschüttert 22 Und aufgestachelt zu unwürd'ger Wuth? — Ich muß krank sein. — Man soll den Arzt mir rufen. Hu, war mir's doch, als wehte Grabcslust Mich markdurchdringend an! Zwölfte Scene. Sancko. König Alphonso's Schatten (in aschgrauer Rüstung, mit geschlossenem Visier, ohne Schwert, ist hinter San- cho's Stuhle aufgestiegen.) Sancho (rufend). Ist Niemand da? (indem er sich wendet, erblickt er den Schatten, springt erschrocken auf, schleudert den Stuhl zur Erde, und ergreift sein Schwert, daß entblößt auf dem Tische liegt.) Ha, was ist das? Wie durftest Du es wagen, Unang. meldet einzutreten? Der Schatten. König! Ich bringe Kunde Dir von Pampeluna, Wo Dir die Königin Konstanzia In dieser Stunde einen Sohn geboren. Sancho (freudig auflodernd). Mir einen Sohn? Ha, sprichst Du wahr? D e r S ch a t t e n. Wahr. Jubel Empfing den Erben von Navarra's Thron, Den künftigen König von Castilien, Des Helden Sohn, und Vater einst von Helden. Sancho. Zwar gleichst Du keinem Freudenbringer, doch Wir wissen, daß der Schein oft trügt; drum sprich: Wer sendet Dich? Wodurch kannst Du be- glaub'gen, Was mir Dein Mund verkündet. Sprachst Du wahr, So magst Du kühn den höchsten Lohn Dir fordern, Für solche Bothschaft ist Uns nichts zu kostbar. (will auf ihn zu). Der Schatten (hebt abwehrend den Arm). Sancho (schaudert unwillkürlich zurück). Der Schatten. Nicht steht'S in Deiner Macht, mich zu bc- lohnen. Auch hast Du Recht, ich bin kein Freudenbringer. Weissagend ist die Stimme Deines Herzens: Wer vor Dir steht, sagt sein gelähmter Schlag. Siehe, Du hast Alphonso's Haus gestürzt, Des Grabes Ruhe schonungslos entweiht, In tiefer Nacht die Mörder ausgeschickt, Unschuldig Blut im Dunkeln zu vergießen, Wie kannst Du hoffen, daß zur selben Stunde Heil Dir und Deinem Stamm geboren werde? — Weh, weh dem Kind, und seinem ganzen Hause! Es wird sich breiten, wie ein schöner Wald Voll frischer, kräft'ger Stämme, aber alle Hat schon die Axt zum nahen Fall bezeichnet. Ein jäher Tod wird Dich abrufen, mitten Von Deiner Siegesbahn, und unvollendet Wird Deiner Herrschaft kühner Bau zertrümmern, Und Deine Kinder, Deine Enkel werden Die große Schuld mit ihrem Blute sühnen, Die Du in dieser Nacht auf Dich gehäuft. Sancho (daß Schwert auf ihn zückend.) Mein Schwert soll Dir die Frevlerzunge lähmen Der Schatten (macht eine leichte Bewegung mit der dank, das Schwert entsinkt Sancho's gelähmter Faust). Gebrauche gegen Lebende Dein Schwert, Nicht gegen mich. — Zum erstenmale weinte Das neugeborne Kind, gerade, als Dein Mund grausam den Blutbefehl er- theilte; Der leicht beschwingte Vogel selbst verschmähte In dieser Zeit den Weg von dort hierher Zurück zu legen, doch ich steh' hier Und melde Dir, was morgen frohe Bothen Dem blutbefleckten Land verkünden werden. Sanck o (mit beklommener Stimme). Wer bist Du. Unbegreiflicher! Nenn' Dich, Wenn Du noch einen Namen trägst im Licht. Beim ew'gen Gott! ich will vergessen, was Du tollkühn sprachst. — Laß Dein Gefickt mich sehen! (Das Visier des Schattens öffnet sich von selbst, man erblickt ein blasses Todtengesicht). Sancho (mit Entsetzen zurückbebend, und die Hand vor das Gesicht schlagend). Alphonso! (Der Schatten verschwindet; die Lichter im Gemach, die bei Er cheinung des Geistes matt brannten, lodern wieder auf). Sancho (allein, nach einer Pause, scheu umherblickend). Täuschte mich ein Gaukelspiel Der Hölle, oder trieb die Phantasie Ein eitles Spiel mit den verwirrten Sinnen? Nein, nein, er war cs selbst! So zürnend starrte Der Tedte aus dem Sarge mir entgegen. So kalt und bleich. — Und seine Prophezeiung! — O weh' mir, weh'! die Todten lügen nicht. (Entschlossen aufspringend). He! Holla! hört kein Ohr mehr auf des Königs Stimme? Hat alles Leben der Entsetzliche Getödtet, und das meine nur verschont?! Dreizehnte Seene. Sancho. Höflinge und Pagen (erschrocken hercinstürzend) Sancho (heftig). Ha, kommt Ihr endlich? fort, schnell fort zum Thurme! Sagt Cerda, — schreit es ihm von ferne zu, Daß den Befehl zurück ich nehme. —Eilt, Als ob der Tod Euch auf den Fersen folgte, Und wehe, wehe Euch, kommt Ihr zu spät. (Der Vorhang fällt rasch). Dritter Aet. Ein einsames Thal im Gebirge von Castilien, im Hintergründe auf einer Felsenspitze eine alter, thümliche Burg. Erste Seene. Pedro. Crespo. Pedro. Bis hieher und nicht weiter sollst Du mich Verlocken. Nur zu lange hat Dir mein Leichtgläubig Herz vertraut. Von Land zu Lande, Bis zu den rauhen Thälern von Castilien Bin ick, umstrickt von einem bösen Zauber. Dir willenlos gefolgt, und Bola sollte Das Ziel sein meiner Flucht. Crespo. Erhab'ner König Mit diesem Titel darf ich Euch nur hier, Vom Ohr des Lauschers fern, zum letzten Mal begrüßen. Hört huldreich an, was ich zu sagen habe. Pedro. Ich will nickts hören! Länger sollst Du nicht, Dem Kinde gleich, am Gängelband mich leiten. Jedweden Zweifel, jedes Widerstreben Hast schlau Du mit der mächt'gen Zauberformel : „Mißtrauet Ihr Fernando!?" über- wunden. So steh' ick nun — mir selbst ein Räthsel, hier, Umgeben von Castiliens starren Felsen; Doch fest siehst Du mich nun entschlossen. weiter Dir nicht zu folgen, bis die längst versproch'ne Aufklärung der gehcimnißvollcn Reise Du mir gegeben hast. Crespo. Wohl mir, mein König, Daß endlich jene Zeit gekommen, wo Ich meines Eid's entbunden, sprechen darf; Drum ließ ich auf der Straße das Gefolge Und führte Euch in dieses Thales Stille. Vernehmt: wir sind am Ziel. 24 Pedro (verwundert). Am Ziele? Wie — Crespo. Die alte Burg auf jenes Felsens Spitze Wird Euer künft'ger Wohnort sein. Pedro (wild auflodernd). Ha Schändlicher! jetzt erst versteh' ich Dich ! Weit weg von Freunden und Verwandten hast Du mich hiehcr verlockt, mein junges Leben In jenen finstern Mauern zu begraben. Doch triumphire nicht zu früh! Noch bin 2ch frei, noch stark genug mein Arm, Um d.s Verräthcrs fluchbeladnen Schädel An diefin Steinen rächend zn zerschellen. Crespo. Ich ein Verräther? Hat Fernando mich Zu Eurem Führer nicht erlesen? und — Pedro. Halt ein, entweihe nicht den theuren Namen Mit Deiner falschen Zunge; ihn wie mich Hast listig Du getäuscht. Crespo (ein Pergament aus dem Busen ziehend). Nehmt hin und lest, Damit Ihr seht, wie sehr Ihr mich verkennt. Pedro (hastig das Pergament öffnend, und einen Blick auf die Schrift werfend, freudig). Ja, ja, das find die wohlbekannten Züge Ter theuren Freundeshand. O nun ist's gut, Verschwunden jeder Zweifel, siegend zieht Die Hoffnung ein in die befreite Brust. (Crespo die Hand reichend). Kannst Du mir wohl vergeben? Cre spo (gerührt seine Hand küssend). Ob ich's kann!? Pedro. Und nun laß sehen was der Freund mir schreibt. (liest). „Mein Pedro! Wenn Tu diese Zellen liest, bist Du gerettet, und sicher in der Heimat meiner Väter. Aber Du bist nicht mehr König von Arragonien, Tu bist Fernando von Riba, Pedro ist todt, muß todt bleiben. Du wolltest nach Bola fliehen, aber Tu warst umgarnt, und wenn Du auch entkommen wärest, Du bist ewig ein Flüchtling, ein Verbannter, solange König Sancho nicht versichert ist, daß Du nicht mehr ath- mest, dann erst werden Deine königliche Mutter und Deine Schwestern Gnade finden, Deine Getreuen gesichert sein, kein Blut wird mehr fließen. — " Ha was ist das? „Betrübe Dich nicht, wenn ich die Ahnung bestätige, die wahrscheinlich schon in Deiner Seele aufstieg. Ja Pedro, der Sohn, Alphonso's, der für Arragoniens Ruhe stirbt, bin ich, Dein Freund, Dein Bruder Fernando." Entsetzen! — „Was ich thue, bin ich Dir schuldig, denn rieth ich nicht zur Unterwerfung? Traute ich nicht den gebrochenen Versprechungen des Tirannen? — Nimm dafür mein Leben, das kurze Leben voll Sergen und Beschwerden — ich opsre es Dir mit hoher Freude. Ich eile Dir voraus in eine bessere Welt und lasse Dich zurück, an meiner Statt, meinen Großvater zu trösten, und seine letzten Tage zu erhellen. Danke mir, indem Du mein Vermächtniß ehrest. Vergiß, wer Du gewesen, verrathe niemals Deine Abkunft. Laß kune Versuchung dazu Dich besiegen. — Mein Ahnherr wird Dich als sein Kind empfangen; er darf nie erfahren, daß ich ihn um seine letzte Hoffnung betrog, sein graues Haupt soll nicht auch diesen Schmerz noch tragen. Bei nwinem Andenken, bei uns'rer Liebe beschwöre ich Dich, verrathe Dich nicht! — Lebewohl! Wenn Du diese Worte liesest, bin ich nicht mehr unter den Lebenden. Du kannst mich nicht mehr retten, und ein unvorsichtiger Schritt von Dir würde nur die Hoffnung zertrümmern, die mir hinübcrleuchtct, und das vollbrachte Werk fruchtlos macken. Lebe wohl, Fernando von Riba! so nenne ich Dich zuerst, vergiß, daß Du einst einen andern Namen trugst! —^ (außer sich, die Hände vor's C'csicht schlagend). 23 O ewige Barmherzigkeit! (wankt und sinkt in Crcspo's Arme). Crespo. Um Gott! Faßt Euch, erhab'ncr Herr. — tragt'swic ein Mann. Pedro (sich erholend, und scheu umherblickend). Wie ward mir? Neckte mich ein böser Traum? (Sein Blick fä^t auf das Pergament, das früher seiner Hand entsunken ist). Nein, nein! es war kein Traum! — dicß Unglücksblatt — S' ist Wahrheit, fürchterliche Wahrheit! — (laut weinend). O jammervolles Loos! — ich bin sein Mörder! Crespo. Nicht Ihr, — freiwillig wählte er den Tod. Pedro. Für mich erwählt' er ihn, — für meine Rettung Hat er sein edles theures Blut vergossen; Für alle Liebe gab ich ihm den Tod! — Fernando! großes, treues Bruderherz! Ach. warum hast Du das an mir gethan! (Verhüllt sich weinend das Gesicht. Nach einer Pause zornig zu Crespo). Und Du, Verräthcr, der Du durch ein Wort Das Ungeheuere verhindern konntest — Crespo. Bedenkt, daß ich dieß Wort nicht sprechen durfte! Band meine Zunge nicht ein heil'gcr Eid? Und wollt'ich ihn auch brechen, war Fernando Doch nicht mehr zu erretten; der Versuch Euch Sancko's Rache zu entziehen, war Im Auge des Tirannen ein Vergehen, Das nur der Tod des Freundes sühnen konnte, Und was hätt' ich dadurch gewonnen als Die schwere Schuld, auch mein.n Herrn und König Mit ihm gestürzt zu haben in'e Verderben! Pedro. Und glaubst Du, ich vermöchte ohne ihn Das freudenleere Leben zu ertragen? Crespo. Das müßt Ihr, hoher Herr, um Eurer Mutter, Um Eurer ganz vcrlass'nen Schwestern willen. Pedro (erschüttert). O meine Mutter! meine armen Schwestern! Cre sp o. Befreit die Zeit Euch einst vom blut'gen Feinde, Dann sei die Wonne ihnen Vorbehalten, Den Todtgeglaubtcn lebend zu umarmen. „Dann möge Pedro —" also sprach Fernando: — „Der hochverehrten theuern Mutter sagen. Daß sterbend ich den frommen Schwur gelöst, Und ihres Sohnes Engel bin geblnbcn." Pedro. Mein Engel, ja, geliebter heil'gcr Schatten — Das bist Du! denn daß ich noch athmc, Daß mich die Schreckenskunde nicht getödtct. Verdank' ich einzig Deinem mächt'gen Schutze. Crespo. „Sag' ihm" — das waren feine letzten Worte: — „2ch Hab' ihm Manches aufgeopfert, So manche kind'sche Lust, er gab dafür mir Liebe, Der königliche Jüngling hieß mich Bruder! Nun denn., so will ich auch als Bruder handeln, Und nie bewährt sich Bruderliebe treuer Als durch den Tod! 2hm sei's dagegen Pflicht, Sein Leben, das mit meinem ich erkaufte, Treu zu bewahren wie ein anvertrautes Kleinod, nicht durch unmännliche Verzweiflung Das Opfer meiner Liebe zu vereiteln." — Wollt Ihr nun das Vertrau'« des Todtcn täuschen Und seine letzte Bitte nicht erhören? Pedro (leidenschaftlich). Nein, nein, das kann — ach Gott! das darf ich nicht! (mit sichtbarem Kampfe). So will ich leben denn, will mnthig tragen, Was der grausame Freund mir auferlegte. Sein heiliges Vermächtniß treu erfüllen, Damit er einst, — wenn wir uns wieder sehen. — Sich seines Opfers nicht zu schämen habe. (Mit Begeisterung). Umschwebe schirmend mich, geliebter Schatten, Der — ach! so treu — doch treulos mich verrieth'. Verleihe Muth und Kraft dem Kummermatlen, Dem keine Freude mehr hicrnieden blüht. Ja, leben will ich, leben für die Deinen, Vergelten, was am Freunde Du gethan. O, möge bald das Schicksal uns vereinen, Bald enden sich die dornenvolle Bahn; Denn, ach! von ungeheurem Schmerz zerrissen, Wird stets mein blutend Herz die Ruhe missen, Bis der Erlösung Rettungsstunde schlägt, Und heilend Balsam aus die Wunde legt! (Mit Crespo ab). Zweite Seene. Gemach in Manuel von Riba's Burg. An der Wand hängt des Grafen Wapenschild, mit einem Trauerflor umhangen. Manuel v. Riba und Mandonia (an einem Tische sitzend). Mandonia (in einer alten Familien-Chronik lesend). „Schon war der König umringt, schon zuckte ein Emir das Schwert ob seinem Haupte, da warf sich Carlos de Riba zwischen den erschrocknen König und die dräuenden Heiden, fing mit seiner Brust des Feindes Streich auf und sank todt darnieder, ein Opfer seiner Treue. —" Manuel (lebhaft). Ja, Treue für den angcbor'nen Herrscher War stets der Riba leuchtendes Verdienst, Und Viele, (mit Schmerz). Viele haben männlich sie Mit ihrem Tod besieg lt. Mandonia (besorgt). Wär's nicht besser, Wenn ich das Lesen unterließe, Vater? Es greift zu sehr Euch an. und allzu schwach Seid in den letzten Tagen Ihr gewesen. Manuel. Der alte welke Stamm wird mürb' — und bald — Bald kommt die Zeit, wo er zu Staub zerfällt. Mandonia. Verbannet doch die düst ren Traucrbilder, Und richtet an der Hoffnung Euch empor, Den theuren Enkel bald an Eure Brust zu drücken. Manuel. Du glücklich Kind! Dir lächelt noch das Leben Im ros'gen Glanz des holden Jugendtraumes, Und hoffend blicket Dein vertrauend Herz Der Zukunft sehnsuchtsvoll entgegen. — Anders, Ach! anders fühlt der altersschwache Greis, Der des Geschickes Tücke kennen lernte, Dem neidisch es der Blumen wenig, aber Der Dornen viele auf den Pfad gestreut! Sechs Söhne gingen mir voran, und, ach, Die größ're Hälfte ward von der Natur Nicht abgerissen. Ich, der schwache Greis, Mußt' ihre kräft'ge Jugend überleben, Um meines Hauses Untergang zu sehen ! O, nein, mein Auge wird die Freude nicht erleben, Den letzten frischen Zweig des morschen Stammes Von Angesicht zu Angesicht zu sehen! — Fernando wird nicht kommen — nein! — er hat Alphonso's Sohne Treue zugeschworen, Und ist ein Riba! Einsam, kinderlos Wird man zur Gruft den müden Wand'rer tragen, In meinen Sarg der Pforte Schlüssel legen, Und überm Eingang mein zerbroch'nes Wapen Befestigen. (Trompetenruf von Außen). Horch! was war das? Mandonia. Der Thürmer stößt in's Horn, es nahen Fremde. O wenn's Fernando wär'! (Sie eilt ans Fenster.) 27 Manuel (freudig auffahrend). Fernando! ? (sucht seine Bewegung mühsam zu verbergen). Possen, Guzmann wird es sein, Der wilde Jäger, der mit Beute heimkehrt, (ungeduldig). Nicht wahr, er ist's? — Nun, warum sprichst Du nicht? Dein junges Auge ist doch scharf genug, Den riesenhaften Guzmann zu erkennen? Mandon ia (freudig). Nicht Guzmann, sondern Eure Die er sind's, Die nach Fernando längst Ihr ausgcsendct. Manuel (zitternd). Sic kehren wieder — und — allein?! M a n d o n i a. Nicht doch. An ihrer Spitze geht ein junger Mann — O, Vater, waffnet Euer Herz mit Kraft, Daß sich die Freude uns in Leid nicht wandte, Er ist's! Manuel (entzückt aufspringend). Ist's!? Ist's!? Aus, ihm entgegen! (Macht einige Schritte, wankt und muß von Mandanten sich stützen lassen). Ha! Ihr ungetreuen Füße, kann die Freude Euch nicht einmal für Augenblicke noch Erstarken? Dritte Seene. Vorige. Pedro (tritt ein, von Dienern begleitet, die an der Thüre stehen bleiben). Manuel (bei Prdro's Anblick einen neuen Versuch machend). Mein Fernando! — o mein Sohn! (bricht erschöpft zusammen). Mandon ia (ängstlich). Um Gott! wie wird Euch, Vater? Hülfe! Hülfe! (Die Diener bringen einen Stuhl, der Ohnmächtige wird hkneingesetzt, Mandonia ist ängstlich um ihn beschäftigt). Pedro (für sich). Es heftet sich der Fluch an meine Schritte, Mein Eintritt schon bringt Unheil in dicß Haus! Mandonia. Gelobt sei Gott, seht, er erholt sich wieder! Manuel (hat sich erholt, und blickt verwundert um fick) Wie war mir denn? — Ich habe wohl geträumt — Und, ach, so süß — so süß! (zu Mandonien). Du böses Kind! Warum hast grausam Du mich aufgeweckt? Es träumte mir, Fernando sei gekommen, Ich sah ihn über jene Schwelle schreiten — (indem er das Antzlitz nach der Thür wenden will, erblickt er Pedro, jubelnd). Nein, — nein, — es war kein Traum, dort steht er ja! (faltet zitternd seine Hände zum Gebethe). O Herr, wie preis' ich deine Vatcrhuld! (nach einer Pauke mit überwallendem Gefühle). Allcin, warum stehst Du so ferne? — hierher! Hierher, an diesem Herzen ist Dein Platz! Pedro (rafft sich zusammen und stürzt vor ihm nieder). Manuel (ihn vom Boden an seine Brust ziehend). O lang ersehnter theurcr Sohn l so habe Ich endlich, endlich Dich! — O warum sprichst Du nicht? nennst mich nicht einmal Vater! Pedro (gepreßt). Vater! Manuel. O laß mich, laß mich Dir in's Antlitz blicken, Um mich zu laben an den theucrn Zügen, Die mich, obgleich verletzend, doch wohl- thuend An den Gemordeten, der Sohn wir war Und Vater Dir, erinn-rn werden. (Pedro aufmerksam betrachtend, während dieser mit niedergeschlagenen Augen dasteht, zu Mandonien). 28 Ich finde keinen Zug des Hauses Riba — (zu Pedro). Du gleichst wohl Deiner Mutter, die mein Auge Nie sah, doch kannst Du für das Erb' ihr danken Denn Dein Gesicht gibt Dir ein gutes Z.ugniß. — Noch schmächtig ist Dein Wuchs, Du scheinst viel jünger Als Du bist, — nun, die Luft in unfern Bergen Wird bald zum kräft'gen Stamm das schwache Bäumchen reifen. Fernando! letzte Hoffnung meines Alters, Du einzig klebriger von den Verlor'ncn, — Bereiten soll ein Helles Abendroth Dem welken Greise Deine frische Jugend, Zerstrcu'n die trüben Wolken meines Lebens, Damit fie nicht mein einsam Grab beschatten. Ach, öde war mein Haus! Kein Waffenspiel Verscheuchte, keine Lust die düst're Trauer; Die Schwerter hingen müßig an der Wand, Und meiner Ahnen Schild gab Zeugniß nur Vom Untergang des edelsten Geschlechtes! Doch nun, nun Hab ich wieder einen Sohn! Das Echo dieser stillen Thäler soll Erwachen aus dem dumpfen langen Schlummer Vom fröhlichen Getön' der Jagd; die Farbe Der Riba soll den wohlerworb'nen Ruhm Auf's Neu' behaupten in Turnieren, Und an der lang vermißten Herrlichkeit Mein trübes Aug' sich letzten und erstarken. Vor Allem aber sollst den alten Vater Du lieben, — hörst Du wohl, Fernando? lieben, — Denn ach, ich war so ganz verarmt an Liebe, Seit grausam mir der Tod die Söhn' entrissen ! Mando nia (küßr weinend seine Hand). Pedro (für sich). O Höllenqual! So viele Liebe muß Mit Täuschung ich vergelten! Manuel (zu Mandonia). Wie ! — Du weinst? — Ich habe Dich gekränkt, Mandonia — Das wollt' ich nicht. Vergib mir, gutes Kind! Ich werde Deine Freundschaft nie verkennen, Allein des Greises Jugendbilder können Im Sohne nur erwachen und erblüh'n. Wenn ich Fernando sehe, wenn sein Mund Mich Vater nennt, steh'n die Verlor'nen wieder Um mich versammelt wie in bessern Tagen, Wo fie in Jugendfülle mich umgaben. (Au Pedro, ihm Mandonia vorstellend). Mein Sohn, Du siehst Diego Riba's Tochter, Der. wir Du weißt, Dein jüngster Ohm gewesen. Die düst're Farbe ihres Kleides mag Dich lehren, wie den Vater fie verloren. O thcurer Sohn, in dieser Einsamkeit Sind Thränen ohne Zahl geflossen, während Du Deine Liebe, unser Eigenthum, Verschwendet an die Mörder meiner Söhne. Pedro (wendet sich ab, und drückt sich schmerzlich die Hand auf's Herz). Manuel. Was Hab' ich nicht gethan, Dich zu besitzen, Wie trauert' ich, wenn mich die Hoffnung täuschte. In bösen Träumen mahnten mich die Schatten Der Hingemordeten, Dich zu erretten Aus den unwürd'gen Banden, die Dich hielten, Damit der Riba letzte Hoffnung nicht Auch durch das Beil des Henkers blutend falle, Ein Opfer für Alphonso's feindlich Haus. Gelobt sei Gott, die Ahnung hat gelogen, Den Langersehnten halt'ich in den Armen Und unsre Mörder hat die Rach' ereilt! Pedro (aufwallend). O sprecht nicht weiter, Herr! Schont mich und Euch. Bei Eurer Söhne heil'gem Angedenken Beschwör ich Euch, in meinem Beisein darf Kein And'rer ungestraft es wagen, Mit Haß Alphonso's Namen auszusprechen; Ihr dürft cs, denn er hat Euch schwer gekränkt. 29 Ich aber kann, ich darf cs nicht mehr hören! Der Erde Herrscher wandeln nnter Sternen, Wir seh'n Sie wohl, doch ihre Bahnen kennt Nur Gott, und ihr Erlöschen kann ein Wink Von seiner mächt'gen Hand allein bestimmen. Manuel. Hei! wilder Knabe, willst Du mir beweisen, Daß Dich der Riba feurig Blut durchströmt? Ich seh' es gerne und verzeihe Dir, Um dieses Feuers willen, das ich liebe, Und das in Dir ich wahrlich nicht gesucht. Lern' Liebe nur und Haß erst dahin wenden, Wo es Natur gebiethcn und Gefühl; Bis jetzt gingst irre Du, doch ohne Schuld. Hier ist Dein Platz, hier sind die Deinigen, Und Jene wirst Du niemals Wiedersehen, Sie sind in des Gewalt'gen Hand gegeben Und werden ihrem Schicksal nicht entgehen. Doch sprich, wie stand's mit ihnen als Du schiedest? Pedro (finster). Die Kön'gin ist in des Gewalt'gen Hand, Wie Ihr gesagt, doch Gott wird sie beschützen. Die schuldlos Reine kann nicht untergehen; Und ihre beiden Töchter sind noch Kinder, Wer würd' ihr Leben anzutasten wagen? Nein, sie sind unantastbar! Pedro aber — (von dem Gedanken erschüttert, und zuletzt in Thränen ausbrechend). Ist todt! O, daß an seiner Statt zu sterben Vom Schicksal mir vergönnt gewesen wäre! Dahin, gemordet in der Jugend Blüthe! Im Grabe ruht die herrliche Gestalt, Und nimmer hör' ich seine süße Stimme! (schlägt die Hände vor's Gesicht und wirft sich verzweifelnd auf einen Stuhl). Manuel. So ist des Mörders Stamm erloschen denn, Und meiner Söhne Blut hat volle Rache. Spät trifft, doch sicher die verdiente Strafe Und keine Frevelthat bleibt unvergolten. (Zu Mandonia). Du hast's gehört, wir dürfen nicht nuhr trauern. Der schwarze Flor soll Schild und Banner nicht Mehr überzieh'n, und in der Jugend Farbe Darf sich fortan die holde Jungfrau kleiden. Mandonia (flehend). O haltet ein, mein vielgeliebter Vater, Seht nur, wie grausam Eure Härte unfern Fernando beugt. Schont seinen tiefen Schmerz, Er kommt aus treuem gramzerriss'nen Busen! Wollt Ihr ihn uns und Euch entfremden! Manuel. - Nein, Bei Gott! das will ich nicht. Der alte Hitzkopf Vergaß, daß ich's mit einem Kranken habe. Deß Herz nur nach und nach gesunden kann, (geht zu Pedro und legt seine Hand auf dessen Schulter). Mein Sohn, Du mußt dem langgebcugten Vater Etwas zu Gute halten, wenn sein Groll Die Rücksichten vergißt, die er Dir schuldet. Hat Dich mein rauhes Wort gekränkt, nun wohl — Hier meine Hand, Du sollst's nie wieder hören, Ehr' mein Gefühl, ich will das Deine schonen. Des Todten Name werde zwischen uns Nie mehr genannt, er sei, wie Er, begraben. Kein Wort des Haffes wecke Deine Schmerzen, Du lang entbehrter, schwervermißter Sohn! Zu thcuer bist Du meinem Vaterherzen Bist ihm Ersatz und langer Leiden Lohn. Dir ward die heil'ge Pflicht, mein Alter zu ergetzen, (mit Herzlichkeit). Und solch' ein theuer Gut will ich auf's Spiel nicht setzen! (von Mandonien gestützt, zur Seite ab). Vierte Scene. Pedro (allein). O Allerbarmer! wie, wie soll das enden? Begegnet scheu mein Blick dem edlen Auge Des Greises, strömen Liebe und Verehrung Zugleich mit dem Bewußtsein in mein Herz: 30 Daß ich nicht bin, was ich gezwungen scheine! — Soll ich des alten Mannes Wahn zernichten, Ihm eingcstch'n, daß seine Ahnung wahr, Der letzte Riba für den Sohn Alphonso's Gefallen sei? Soll ich vom Sonnengipfel Der letzten, ach! der einz'gen Hoffnung ihn Hinunterstürzen in Verzweiflungsnacht? Vermag und darf ich das? — Und jenes holde Mädchen, Die wie ein milder Engel seinen Grimm Beschwichtigte — wie mahnt ihr schuldlos Wesen Mich an die theuern Schwestern! Ach, wie Alles Mir bier so heimisch ist — und doch so fremd! Fünfte Scene. Pedro und Mandonia. Mandonia. Ach, lieber, guter Vetter! wie hat's mich Geschmerzt, daß Euer Herz beim Eintritt gleich In's Vaterhaus so tief verwundet worden. Ich hätte weinen mögen! Pedro. O, wie danke Ich diese Thcilnahm' Euch, holdsel'ges Fräulein ! Wer hieß mich Thoren auch empfindlich werden Bei dem, was ich doch dulden muß. Ver- zeiht Der Wildheit meines unbeugsamen Sinnes, Doch freilich, Eure sanfte Seele wird Das nicht begreifen. Mandonia (zutraulich). Doch, doch, ich begreife Es wohl. Die Liebe ist so zarter Art lind wird so leicht verletzt, daß jeder Edle Das Härteste mit freud'gem Muthe duldet, Nur keine Schmähung des geliebten Wesens. Doch anders fühlt der schwergekränkte Greis. Die höchste Zärtlichkeit bewies er Euch Durch jenes rührende Versprechen, nie Die Schattenseite seines Lebens wieder Ans Licht zu ziehen. O er ist so gut, So herzensgut, ein liebevoller Vater, Der mir den schmerzlichsten Verlust ersetzte. Kennt Ihr ihn erst, so müßt Ihr ihn auch lieben. Schenkt seinem Alter Nachsicht und Geduld, Und ich bin überzeugt, Ihr werdet noch Die Stunde segnen, die Euch hergebracht. Pedro (mit Wärme). Das thu' ich jetzt schon, holdes Fräulein, jetzt. Da Eurer Stimme süßer Ton versöhnend Zu meinem Herzen spricht. O reichet mir Die schwesterliche Rechte, leitet mich, Damit ich auf dem rauhen Pfad nicht strauchle, Den eine heil'ge Pflicht mir vorgezeichnet. Mandonia (freudig). O gern! Hatt' ich doch niemals einen Bruder, Und habe das Verhältniß zwischen Schwester Und Bruder immer mir so süß geträumt.— Nun Hab ich einen, o wie macht mich das So glücklich! Pedro (die Arme ausbreitend). Thcure' Schwester! Mandonia (sich hineinstürzend). O mein Bruder! Ach, nun ist Alles gut, und doppelt herrlich Glänzt Gottes schöne Welt! — Doch nun dürft Ihr Auch ferner nicht mich Främlein nennen, Es klingt so fremd, — und da wir doch nun Bruder Und Schwester find — (mit einiger Verlegenheit). wie wär's, wenn wir das frost'ge Ihr Mit dem viel traulicheren D u vertauschten? Pedro. O gern! Mand onia (ihm die Hand biethend). Du also? 31 Pedr o (ihre Hand an sein Herz drückend). Du! Mandonia (freudig). O, das ist herrlich ! Das ist ganz so, wie ich mir's längst gewünscht! — Allein nun mußt Du auch hübsch fröhlich sein, Und jede Kummcrfalt' aus Deinem lieben Gesichte bannen. Pedro. Ach, wer das nur könnte! Mandonia. Ei, das kann Jeder, dessen Herz rein ist Von Schuld. Pedro. Thu mir nicht Unrecht, theure Seele! Nicht harmlos war und friedlich meine Zugend. Wie Deine es gewesen; —mich umschweben Erinnerungen, die kein Glück verwischen kann. Mandonia. Nun, wenn Du trauern mußt, so mache zur Vertrauten Deines Kummers mich, damit Die Schwester wenigstens ihn theilen kann. Du trauerst um den früh verblich'nen Freund: Erzähle mir von ihm, von Eurer Liebe; Ich will dcn schmerzlichen Verlust mit Dir Beweinen, und für seine Seele beten. — O glaub' nicht, weil ich eine Riba bin, Zch hätt' kein Herz für Pedro's traurig Schicksal. Zch Hab es nie begreifen können, wie Ein Mensch den andern grausam hassen kann, Und seit ick Dich, Du Lieber, kenne, muß Zch Pedro lieben, Venn Du liebst ihn auch. Pedro (leidenschaftlich). Bedaure ihn, bewein' sein traurig Loos, Es ist der Thränen werth. Mandonia. Er weilt dort oben, Und blickt auf Deinen Schmerz mitleidig nieder, Wie's Engel tbun! (sich an ihn schmiegend). Oweine nickt, sonst muß Zch mit Dir weinen. — Nun, da haben wir's — Da fließen meine Thränen schon. (mit komischem Zorn). D'ran bist Du Schuld, Du böser, eigenwill'ger Bruder! — (ihm die Augen trocknend). Nun, sei nur wieder freundlich, und ich will Dir auch Etwas vertrau'n, doch mußt Du mich Nicht für zu eitel halten, lieber Bruder! (in sich hinein lächelnd). Ein wenig bin ich's wohl, wie alle Mädchen. — Der Vater meint, es sei nun an der Zeit — (auf ihr Kleid deutend). Die Trauerkleider endlich abzulegen; Ich habe sie getragen, seit ich denke, Und oft umgaukclte den heitern Sinn Die Lust nach andern freundlicheren Farben, Nach gold'nen Ketten, Spangen, bunten Steinen, Wie And're sie zur Schau zu tragen pflegen, — Dock, da ich fürchten muß, es könnte Dich Betrüben, und Du würdest von mir denken, Zch freute mich der Rach' an unfern Feinden, So will das schwarze Kleiv ich — nicht ablegcn. Pedro (vom Gefühl überwältigt, mit Entzücken). O süßes Kind! Unwiderstehlich Wesen!- Mandonia (mit unschuldiger Neckerei). Nun, das ist allenfalls doch ein Gesicht, Das man sich kann zur Noch gefallen lassen. Und im Vertrau'n, es kleidet Dich viel besser Als jene ernste, düst're Träum rmienc. — Doch nun ruft mich die Pflicht zu unsrem Vater. — (ihm die Hand gebend). Also — ich halte Wort — und bleibe schwarz. (entschlüpft, indem sie ihm einen Kuß zuwirft.) Pedro (blickt ihr entzückt nach). (Der Vorhang fällt). »2 Vierter Art. (Kurzes Gemach mit einer Mittel- und Seiten- tbür.) Erste Seene. Pedro (im Jagdkleide). O wie gewaltig ist die Macht der Zeit, Jedwede unsrer Erdennäcbte wirft, Auf die Vergangenheit leis einen Schatten, Und hintcrläßt der nächsten Morgcnsonne Ein schwächer^ Bild von unfern Trauerstunden, Jndeß die Freudenbilder langsam bleichen, Weil hell ihr Glanz selbst durch dm Schleier dringt, Womit die Zeit sie nach und nach umgeben. — Nur wen'ge flückt'ge Monden reichten hin, In diesem Hause heimisch mich zu machen; Ich bin geliebt, und kann vertrauen, kann Zuweilen der Vergangenheit vergessen, Und selbst des würd'gen Greises Zärtlichkeit Mit unverstellter Sohneslieb' erwiedern. Ein Traum nur ist mir der Verlust der Krone, Der Haß verschwunden gegen ihren Räuber, Und längst verschmerzt der Stolz des jun- Herzens Im süßeren Genüsse stiller Freuden. — Nur meiner Mutter, meiner Schwestern Schicksal, Nur Sehnsucht und Besorgniß um die Theuren, Nur Trauer um den Edelsten der Freunde, Umschleiern, dunklen Wolkenschatten gleich, Des nie geträumten Glückes Sonnenglanz — Doch nicht die Zeit allein bewirkte solche Wunder; Nur ein Gefühl, dem jedes and re weicht, Deß mächt'ger Trieb dem Hauch des Frühlings gleicht, Der jedes Wesen wandelt und beglücket, Und jedes Herz mit süßer Lust entzücket, Vermochte wunderbar den Streit zu schlichten, Vermochte meines Kummers Nacht zu lich, ten! — So find' ich meine Welt in diesen Bergen Und meinen Himmel in Mandoniens Augen. Aus ihren Sternen strahlt ein schön'rer Glanz, Als mich umgab auf meinem Königsthrone, Und gern tausch' ich der Liebe Rosenkranz Für Arragoniens blutbefleckte Krone. Zweite Seene. Pedro. Mandonia. M a n d o n i a. Ha, bist Du endlich da, Du wilder Jäger? Wie Hab'ich, Böser, mich nach Dir gesehnt! Pedro. Und ich nach Dir! Mandonia. Das ist nickt wahr, Du Falscher! Sonst hätte mir die Jagdlust nicht so lange Des Bruders holde Gegenwart entzogen. Zur Strafe sollst Du auch kein Wort von dem Was ich aus Lieb' zu Dir erlauscht, erfahren, Bis um Verzeihung Du mich hast gebeten. Pedro. Verzeihung, theure Schwester, nimmer will So lang'ich weilen. — Bist Du nun versöhnt? Mandonia. Ei seht doch, seht! Meint denn das junge Herrlein, Das wär' gethan, wie eine Hand man umkehrt ? Nach Recht und Billigkeit sollt' ich noch lange Dich bitten lassen; (verschämt in sich hinein lächelnd.) wenn Du bittest, klingt So weich Dein Ton, so mild und wun- dcrsüß, Daß cs mir oft ganz weich um's Herzchen wird; Doch, um Dir argen Sünder zu beweisen, Daß Eigennutz mir fremd — so wisse denn: Ich bringe Kunde Dir von Alphons's Witwe. Pedro (in heftiger Bewegung). Wie? von der Königin ? Von mein — (sich fassend). von Pedro s Mutter ? 33 M a n d o n i a. Sie lebt mit ihren Töchtern zu Navarra In eines Klosters abgeschied'ner Stille, Und trägt ihr hartes Loos mit muthiger Ergebung. Pedro (sich schmerzlich abwendend, für sich). O meine arme Mutter! Meine Schwestern! (verhüllt sich weinend das Gesicht). Mandonia (betrübt). Nun da — da haben wir's! Nun weinst Du wieder, Und eine Freude hofft' ich Dir zu machen. — O weine nicht, — Du weißt, ich kann's nicht leiden. Laß lieber sagen Dir, wie ich's erfuhr, (sprachselig).. Don Guzmann, unser alter Freund und Nachbar, Besuchte uns, indeß Du ausgewesen, Und weil der Vater wieder einen Anfall Vom Schwindel halt', und sich in sein Kloset Zur Ruh begeben, mußte ich Don Guzmann Indeß Gesellschaft leisten. (traurig). Ach, Fernando! Der Vater wird von Tag zu Tage schwächer, Stets trüber seiner alten Augen Licht, Und öfter kehrt der böse Schwindel wieder! Ich sandte deßhalb nach dem Bruder Juan, Dem Klausner, der seit Kurzem droben im Gebirge einsam wohnt. Das Volk verehrt Den frommen Mann gleich einem Wundertäter. Zu seiner Klause ziehen viele Kranke, Genesen kehren sie von dort zurück, Und dankbar schwebt sein Nam' auf allen Lippen. Gewiß wird er dem theuern Greis auch helfen; Und lang ihn noch zu unsrem Glück erhalten. Pedro. Das wolle Gott! Mandonia. Doch nun zu meiner Kunde; — Wie ich nun so allein mit Guzmann war, Erzählt' er mir, daß er vor Kurzem erst Zurückgekehrt aus Pampeluna, und wie dort Wiener Tbeater-Repertoir. VHI- Das Los, das Alphonss Königshaus betroffen, Noch jetzt von Jedermann beklaget werde.— Sogleich dacht' ich an Dich —' wie stets ich pflege; — Ich forschte weiter und — bald wußt' ich Alles. — D'rob halt' ich eine kind'sche Freude, weil Dich mit der Kund' ich zu ersreu'n gehofft — Und nun — nun weinest Du! — Pfui, V schäme Dich! Pedro. Thu' mir nicht Unrecht, Theure! Glaube mir, Ich weiß der Schwester zärtliches Gefühl, Die unschuldvolle Neigung Deines Herzens Nach ihrem ganzen Werth zu fühlen und zu schätzen, Und bin oft in Verlegenheit, wie ich So viele Liebe würdig mag vergelten. Mandonia (lachend). Du närr'scher Mensch, womit vergilt man Liebe Als einzig und allein durch Gegenliebe? Und liebst Du mich denn nicht? Pedro (mit Wärme.) Ob ich Dich liebe! Mandonia. Nun denn, so hast Du mir ja reich ver- - gölten. — Fernando, hör', mir ist was eingefallen: — Wenn Du mich recht aus Herzensgründe liebst — Pedro. Wie kannst Du zweifeln? Mandonia. Als wir neulich unten Im Dorfe bei des Müllers Hochzeit waren — . Allein versprich mir, mich nicht auszulachen, — Da dacht' ich so bei mir, wie schön es wäre. Wenn mit einander wir (verschämt). auch Hochzeit machten. Pedro (erschrocken, einen Schritt zurücktretrnd). Wie? Mandonia. Nun, warum erschrickst Du? Wär' es denn 3 3 t So schrecklich, wenn Du mich zur Hausfrau machtest? Der Vater meinte ohnehin, es war' bald Zeit, Mir einen wackern Gatten auszusuchen; Wir wollen ihm des Suchens Müh ersparen, Ihm sagen, daß ich Dich mir ausgesucht. Pedro (m peinlicher Verlegenheit). Mandonia! Mandonia. Dann folg' ich Dir zu Tanz, Turnieren und Banketten. — Dritte Seene. Vorige, Manuel. Manuel (der die letzten Worte gehört hat.) Und der Vater — ? Soll er allein daheim verlassen weilen? Mandonia (zu ihm eilend und ihn zu einem Stuhl geleitend). Allein Euch lassen? Nimmermehr! Manuel. Und sprachst Doch eben — ? Mandonia. Zürnt dem kind'schen Mädchen nicht, Das thöricht sich gefällt in eitlen Träumen. Mein theurer Vater, nein, so lang Ihr lebt — Und Gott mög' uns dieß Glück noch lang erhalten — (an seiner Brust). Ist hier mein Platz, und glaubt, mit keinem andern, Wär's auch einKönigsthron, vertauscht' ich ihn. Manuel. Geliebtes Kind, so wolltest keinem Rufe Du folgen, der uns von einander trennte? Der diese Burg dich zu verlassen zwänge? Mandonia. Wo denkt Ihr hin, mein Vater, diese Burg Ist meine Welt, und nie verlaß ich sie. Manuel. Weißt Du, weßhalb Don Guzmann, unser Nachbar, Mandonia. Nein! Manuel. Der Alte hat Um Dich für seinen Sohn bei mir geworben. Mandonia (erschrocken). Und Ihr — Ihr habt ihm doch nicht zugesagt? Manuel. Wie sollt' ich, ohne Dich vorher zu fragen? — Erwäg's und laß mich den Entschluß dann wissen. Mandonia. Ei Vater, was ist da noch zu erwägen? — Ich mag ihn nicht. Manuel. Er ist ein schmucker Mann. Mandonia. Wenn auch. Manuel. Lern' ihn zum wenigsten erst kennen. Mandonia. Wozu? Ich würd' ihn deßhalb doch nicht mögen. Manuel. So bist Du also fest entschlossen — ? Mandonia. Fest! — Manuel (sie umarmend). Gott segne Dich dafür, mein theures Kind! Wärst Du dem wackern Mann geneigt gewesen — Mein Jawort hätt' ich Dir nicht vorenthalten; — Doch mit gebroch'nem Herzen würd' ich Dir Nachblicken, wenn Du diese Burg verließest, Denn unentbehrlich ist mir Deine Pflege. Nicht lange mehr, ich fühl' es, wird der Herr Des greisen Vaters schwindend Leben fristen, Dann bist Du frei, und kannst die jungen Tage, Die Du mit treuer Sorge mir geopfert, In dem Gefühl erfüllter Pflicht genießen. Mandonia (mit Thränen). O Vater, schont, zerreißt mir nicht das Herz! Bei mir gewesen? 38 Manuel (sie liebkosend). Weißt Du nicht, thöricht Kind, daß die Natur Ihr Recht verlangt, und kein Erbarmen kennt? ES sei! Schön war der Abend meines Lebens Und hat die Leiden kummervoller Tage Versöhnend ausgeglichen. (zu Pedro). Theurer Sohn! Dir dank ich es, beglückt hast Du mein Alter, Und treuer Kindesliebe Segensfrucht Wird hier und jenseits Dich dafür belohnen! Pedro (für sieb). Verklärter Freund! Erfüllt ist Dein Ver- mächtniß. (zu Manuels Füßen). Manuel (zu Mandonien). Du. thcure Tochter, warst der milde Engel, Der, stets beschwicht'gend und vermittelnd, Ocl In meines Schmerzens tiefe Wunden goß. Mand onia (kniet an der andern Seite seines Stuhles). Manuel (seine Hand auf ihr Haupt legend). Gott seg'ne Dick dafür! — Ach. heute erst, Als Guzmann für den Sohn um Dich geworben, Heut erst ward ganz mir klar, was Du mir bist, Stets war der alte Waffenbruder mir Ein lieber, weither Gast, doch beute ward Mir sein Besuch verhaßt, wie der Besuch Von Alphons's fluchbelad'nem Sohn! Pedro (springt erblassend auf). Mand onia (die gleichfalls aufspringt, besorgt). Vater! Manuel (weich.) Mein theurer Sohn, ich habe mein Versprechen Gebrochen, Hab' am Grabesrande noch Die Schmach des Wortbruchs auf mein Haupt geladen. Hab' Nachsicht mit dem alten Manne, der Zum Kinde wieder wird, vergib ihm, was Er selber nimmer sich vergeben kann. Pedro (küßt ihm tiefbewegt die Hand.) Manuel. Geliebte Kinder! Ihr, die mir der Himmel Mit Vaterhuld als Engel zugesellte, Bleibt bis zu meinem Ende mir zur Seite, Und wenn der Herr mich abruft — trennt Euch auch Nach meinem Tode nicht! — Wem könnt' ich wohl Die theure Tochter lieber anvertrauen, Als meinem Sohn Fernando? Welches Weib Vermöchte mehr ihn zu beglücken, als Mein sanftes, treues, tugendhaftes Kind? Schon lange hat mich dieser Wunsch beschäftigt. Je dunkler sich mein Augenlicht umflorte. Je Heller stieg die Zukunft vor mir auf. Schon ist ein Bothe unterwegs nach Rom, Die kirchliche Dispens von dort zu holen; Ich schwieg bisher, weil ich selbstsüchtig wünschte Durch Uebcrraschung Euer Glück zu krönen ; — (mit sinkender Stimme). Doch wenn das Wort sich auf die Lippe drängt, Wie mir's in diesem Augenblick geschieht, Dann ist es wohl hoch an der Zeit, zu reden. Ich könnte einmal plötzlich von Euch gehen, Um niemals, niemals mehr mit Euch zu sprechen, Und dieser Augenblick wird kommen — bald — Bald! — Tragt ihn mit Ergebung, wenn er naht, — Daß er nicht fern, sagt mir der matte Schlag Des Herzens, das nicht einmal stark genug Mehr ist, die Freude zu ertragen. — Leite Den müden Wanderer zur Ruh', Mandonia, Und wär's die letzte, die mir hier beschieden, Ich weiß Euch glücklich durch der Liebe Band 3 * 36 Und ziehe wohlgcmuth in sel'gem Frieden Hinüber in der ew'gen Ruhe Land, Wo ird'scher Gram und ird'sche Leiden schwinden, Wo wir vereint uns Alle wieder finden, (wird, sichtlich erschöpft, von Mandanten abgeführt.) Vierte Seeue Pedro (allein.) Ha neidisches, erbarmungsloses Schicksal! Erschöpft wähnt' ich dm Köcher Deiner Pfeile, Und mit grausamer Ueberlegung hast Den giftigsten zuletzt Du aufgespart, Um mir die tiefste Wunde zu versetzen! Zeigst lockend mir das Paradies der Liebe, Und schließest neidisch vor dem trunk'nen Blicke Die eh'rne Pforte namenloser Wonne! Wohlan, so will ich's denn vollenden, will Den Leidcnskclch bis auf die Hefen leeren, Losreißend mich von meinem Glücke wenden, Und meinen Jammer in Verzweiflung enden! Fünfte Seerre. Pedro. Mandonia. Mandonia (freudig auf ihn zueilend). Fernando, ach, wie gütig ist der Vater! Das Lustgebäude meiner kind'schen Träume Soll, wie durch Zaubermacht, verwirklicht werden, Ich soll Dich mein — Dich mein auf ewig nennen! Ach, wie beglückt fühlt sich mein Herz, Geliebter, In diesem seligsten der Augenblicke! — Ost, wenn Du Tagelang im Forste jagtest — Wie war ich da so einsam und verlassen. Und selbst, wenn Du zurückgckehrt, ich kosend An des geliebten Bruders Seite saß, Ergriff mich oft ein sonderbar Gefühl, Im Herzen stiegen dunkle Wünsche auf, Die mir zu deuten, ich vergebens strebte; — Doch jetzt, da unfern Bund des Vaters Güte Mit seinem Segen krönt, jetzt sind erwacht Die dunklen Wünsche, die im Busen schliefen, Die mächt'gen, sanften, die ich nie gekannt, Geahnet kaum in meines Herzens Tiefen, Zu Hellen Flammen sind sie angefacht, In reiner Gluth die keusche Brust entbrannt; — (ihn umarmend). Und zieh'n mit Allgewalt mich zu Dir hin. — Ich fühl' Dein Herz an meinem Herzen schlagen, Und Worte nicht, nur Thränen können sagen, Wie ich so froh, so überselig bin! Pedro (sich schmerzlich von ihr wendend, für sich). Unglücklich Mädchen! Mandonia (befremdet). Wie, Du wendest Dich Von mir? — Es füllen Thränen Deine Augen? Und weh' mir, weh', nicht Freudenthränen sind's? — Pedro (verhüllt sich das Gesicht). Mandonia (ängstlich). O sprich doch, sprich, setz' meiner Angst ein Ziel! Erkläre mir Dein rathselhaft Benehmen.— Begegnete Dein Wunsch dem meinen nicht? Logst Du mir Lieb' und willst mich nun enttäuschen? Um Gotteswillen, rede, rede! Pedro (mit Uederwindung). Ja, Ich will, ich muß! muß dieß unschuld'ge Herz Unmenschlich brechen, und für alle Liebe Verzweiflung Dir und ew'ge Thränen geben. Vernimm, Unglückliche — Mondonia (zitternd). Was werd' ich hören! ? Pedro. Es ist Fernando nicht, den Du, 37 Getäuscht, durch Deine Hand beglücken wolltest. — Todt ist Fernando, todt! für mich gestorben— Für mich, für Pedro, König Alphonfs Sohn! — Des Vaters Liebe und Dein Herz hat grausam Der fluchbelad'ne Königssohn gestohlen! — Mandonia (bebt mit einem dumpfen Schrei zurück und bleibt dann, vor Schrecken erstarrt/ stehen). Pedro. Das schrecklichste Geständniß ist gethan, Das zentnerschwer den Busen mir belastet; Du weißt nun Alles, kennst den Unglück- scl'gen. Der Dich um Deines Lebens Glück betrogen. Entscheide, — sprich mein Urtheil ohne Schonung. Soll ich dem Vater mich entdecken, oder Fliehen, in ew'ge Nacht mein elend Leben Begraben, und es in Verzweiflung enden? Willst Du, daß ich das schwerste Opfer bringe, Daß als Geschwister wir durch's Leben wandeln, Vom Gram verzehret, liebend und verlobt, Und doch für jetzt und immerdar geschieden ? — Sprich's aus und schone des Verworfnen nicht, Wenn auch mein blutend Herz darüber bricht! (nach einer Pause). Hörst Du mich auch, Mandonia? Mandonia (schmerzlich zusammenzuckend, mit bebendem Lone). König Pedro! (bedeckt sich das Gesicht). Pedro (leidenschaftlich). Nicht also, nein, nicht dm verhaßten Namen! Fernando nanntest Du den Glücklichen, O raube mitleidslos dem Unglücksel'gen Nicht auch der süßen Täuschung letzten Trost. (Nach einer Pause). Du schweigst? Hast keine Antwort mehr für mich? Geworfen ist mein Loos — ich will's vollenden! — Leb wohl, sei glücklich, wenn Du es vermagst, Und forsche nie. wo der Verworfene geblieben, Den Lieb und Haß vereint aus seinen Himmel trieben! (will fort). Mandonia (ängstlich). Halt' ein! beschließe nichts Unglückliches; Du darfst es nicht, wenn Du den allen Mann Nicht vor der Zeit hinunter stoßen willst Jn's offne Grab. — Nein — bleib. — und was wir Beide Auch dabei leiden mögen, seine Ruhe darf Am Grabesrande nicht gestöret werden; In Frieden soll sein mattes Auge brechen, Du mußt sein Sohn — (mit bebender Stimme). Du mußt mein Bruder bleiben, (verhüllt sich das Gesicht). Pedr o. Du hast entschieden und ich darf nicht murren, Muß mit Ergebung tragen, was Du grausam Mir auferlegt. Ich soll — o grause Qual! Von Dir gehaßt, mit Dir durch's Leben wandeln! — (Leidenschaftlich). O haß' mich nicht! Beweine mein Geschick. Nein, wende nicht von mir den holden Blick. Wenn, auch die Welt ein strenges Urtheil spricht, Sie kennt die Qualen meines Jnn'rcn nicht. Um Dich Hab' ich geduldet und gerungen, Um Dich mein besseres Gefühl bezwungen. Dem Leben weiß ich sterbend zu entsagen! Doch Deinen Haß vermag ich nicht zu tragen ! Mandonia (mit Gefühl). Nicht hassen kann ich Dich, den ich geliebt! Und hast Du gleich mich um mein Glück betrogen, Den Traum zerstört, der Wonne mir gelogen. — Mein blutend Herz, eö trauert und vergibt! 88 Uns bindet das Geschick und hält uns fern, Erloschen ist der Liebe holder Stern, Der mir so schön, doch ach, so kurz geleuchtet, Mit ew'gen Thränen diese Augen feuchtet! So sei es denn! — Kurz sind ja Lust und Freuden Des Erdenlebens, die ein Hauch zerstiebt, Und selbst der Tod ist nur ein kurzes Scheiden, Das wahres Heil für eitle Träume gibt. O fließet, fließt, ihr bittern Wermutthränen, Mein Leben ist fortan ein Todessehncn! (geht ab). Pedro (allein). Kann man wohl ärmer, als ich Aermster sein? Ich habe Niemand mehr, ich steh' allein, Verlassen in der weiten öden Welt, An welche Pflicht mich noch gebunden hält! Der Freund ist, die Geliebte mir verloren, Und wünschen muß ick, daß ich nie geboren! Sechste Scene. Pedro. Ein Diener Manuel's. Diener. Gestrenger Iungherr, heimgekehret ist Der Bothe und mit ihm der fromme Bruder Juan, der Klausner vom Gebirge. Ehe Des Grafen Krankenlager er besucht, Verlangt er ohne Zeugen Euch zu sprechen. Pedro. Laß ihn herein. (Der Diener öffnet die Lhürc). Siebente Scene. Vorige. Fernando (als Einsiedler, die Kappe seiner Kutte über den Kopf, so, daß sie sein ganzes Gesicht beschattet). Pedro (ihm entgegen). Willkommen, frommer Bruder! Gesegnet Euer Eintritt in dieß Haus, Wenn Ihr dem kranken Vater Hülfe bringt. Fernando (schweigt). Pedro. Ihr wünschet ohne Zeugen mich zu sprechen? (gibt dem Diener einen Wink, welcher sich entfernt). Wir find allein. Was hght Ihr mir zu sagen? Fcr nando (blickt dem abgehenden Diener durch die Mittelthür nach, geht dann an die Seitenthür und lauscht). Pedro (verwundert). Wie deut' ich diese übergroße Vorsicht? Fernando (schnell vortretend, Pedro zu sich winkend, und die Kappe zurückwerfend). Pedro (zwischen Schreck und Ueberraschung). Entstieg ein sel'ger Geist dem Grabe — oder. Bist Du es selbst, Fernando?! Fernando. Ja, ich bin's. Pedro (außer sich). Täuscht mich kein Traum? — Du bist's? Dich Hab ich wieder? (ihn entzückt in seine Arme schließend). Ich halte lebend Dich in meinen Armen Und fühl Dein Herz an meinem Herzen schlagen! Wie soll, wie kann ich diese Wonne tragen? Ich trug als Mann den ungeheu'ren Schmerz, Doch diesem Uebermaß des Glück's erliegt mein Herz! Fernando. D e r Gott, der Todte auferwecken kann, Kann Todtg« glaubte auch im Staub vereinen, Er wird Dir gnädig Kraft und Muth verleihen ! Pedro. Soll ich an Wunder glauben? denn ein Wunder Nur konnte in des Ungeheuers Klauen Des theuern Freundes Leben mir erhalten. Fernando. Und dieses Wunder hat des Himmels Gnade, Huldvoll an mir Unwürdigen geübt. Preis ihm und Dank dafür! Pedro. Ja, Preis und Dank! Fernando. Vernimm — denn kostbar sind die Augenblicke: — 39 Nachdem in der verhängnißvollcn Nacht An meiner Stelle glücklich Du entkommen, Ging ich, in einen Mantel eingchüllt, Zum Platze, wo de Castro Deiner harrte. — Kaumhatt' ich, von der Dunkelbeit begünstigt, Die Sanft' bestiegen, die für Dich bestimmt, Als wir von Sancho's Söldnern uns auch schon Umringt und überfallen sah'n. Man warf Mir eine dichte Kappe übern Kopf, Und schleppte schweigend in's Gefängniß mich. Dort blieb ich lange einsam und allein, Gequält von der Besorgniß, daß die Täuschung Entdeckt und Deine Flucht vereitelt worden. Nach einer langen, martervollen Stunde Erklirrten endlich Schlösser, Riegel wichen— Vermummte Männer traten in's Gefängniß Und heischten einen heil'gen Eid von mir: Für ew'ge Zeiten meinem Anrecht auf Den Thron von Arragonien zu entsagen, In's Grab den Namen Pedro zu versenken Und weder Flucht noch Rache zu versuchen. Wenn ich den Schwur geleistet, wolle gnädig Der König meines jungen Lebens schonen Und mir das Kloster von San Gabriel, Tief im Gebirge von Castilien, Zu meinem fernern Aufenthalt bestimmen!— Als dieser Hoffnungsschein süß lockend sich Ausbreitete vor dem Entsagenden, Da regte mächtig sich in meiner Brust Der allgewalt'ge Trieb der Sclbsterhaltung, Das Leben machte seine Rechte geltend, Die Erde hielt mit tausend Banden mich, Und überwunden leistet' ich den Schwur. — So ward ich kurz nach Dir, mein Freund, Bewohner Derselben Gegend, die Dir Schutz gewährte, Genosse eines Kreises frommer Väter, Im Anfang streng gehalten und bewacht, Doch bald als ein Entsagender erkannt, Und von dem Klostcrarzte zum Gehülfen Bei Fert'gung seiner Arzcnei'n gebraucht. Pedro (mit Borwurf). Tu lebtest, — lebtest mir so nah' — und konntest Mir ein Geheimniß daraus machen? Fernando. Pedro Ist todt, und muß cs bleiben vor der Welt. — Dich zu erretten, weiht'ich mich dem Tode. Ein Wunder hat das Leben mir gefristet. Ich Hab' den Eid geleistet, und muß ihn halten. — Nie wäre jemals Kunde Dir geworden. Daß mich ein gütiger Gott erhalten habe, Wenn heil'ge Kindespflichten mich nicht an Das Krankenbette meines Ahnherrn riefen. Pedro. Versteh'ich recht? — Grausamer! wie, Du wolltest? — Fernando. Vollenden, was ich muthig angefangen.— Glaubst Du, daß ohne Nachricht ich von Dir Geblieben? — Durch meinen treuen Crespo Weiß ich, welch' süße Bande Dich hier fesseln, Welch' reichlichen Ersatz dem theuren Freunde Für den Verlust des blutbefleckten Thrones Des Ew'gen Vatergüte hier bereitet, — Weiß, welches Glück Dir in Mandoniens Besitz — Pedro (hastig). O halte ein! — Fernando. Laß mich vollenden. — Auch mir hat Gottes Huld Ersaß gewährt. Dem Freunde wähnt' ein Opfer ich zu bringen, Und welch ein Schatz des Glückes und der Ruhe Ward mir dafür zu Theil! Zwar läugn' ich nicht, So lang ich bloß ein müssig Leben führte, Da fühlt' ich wohl mit schwerem Herzen oft, Daß ich ein größer Opfer Dir gebracht, Als wenn für Pedro ich gestorben wäre; Denn was mein sanfteres Gefühl mit Muth ertrug, Das hätte Deinen Feucrgeist erdrückt. Doch als die Tiefen der crbab'nen Kunst Sich meinem Blicke immer mehr erscklossen, 40 Als mir's gelang, der heiligen Natur Die Mittel abzulauschen, die dem Tode Die sich're Beute aus dem Rachen reißen, Als ich des alten Klosterarztes Liebling, Der Erbe seiner Weisheit ward, und Hülfe An Orte trug, wohin des Greises Schwäche Nicht reichte, als der Name Juan von Genesenen mit Segnungen genannt, Mein Streben mit dem glänzendsten Erfolge Gekrönet wurde, da gewann ich meine Verbannung lieb, und meine dunkle Zelle Schien mir kein Kerker mehr. — Um jene Zeit Verschied der alte Klausner im Gebirge, Deß fromme Pflicht es war, Verirrte Zurecht zu weisen, und Verunglückten Die nöth'ge Hülfe ungesäumt zu leisten. Wagniß und Kämpfe mit den Elementen Erschienen meinem Alter wünschenswerther, Als Abgeschiedenheit in öden Mauern. Geduldige Ergebung in mein Loos lind des ehrwürd'gcn Klosterhauptes Bürgschaft Beschwichtigten die Zweifel meiner Obern, Bewogen sie, mir zu vertrauen. Ich Bezog die Klause, ward der Retter in Gefahr und Noth, der Helfer der Erkrankten, Und lebe nun, gepriesen und gesegnet Von Hunderten, ein Leben sel'ger Ruhe Und nie gekannten, nie geahnten Glückes. Pedro. Versteh' ich recht? — Entsagen wolltest allen Ansprüchen Deines Standes Du, um mir — Fernando. Gibt's einen glücklichern als meiner ist? Wo wobnt das Glück, als in zufriedner Brust? Nicht in des Lebens wirrem Treiben ist's Zu finden, nur in abgeschied'ner Stille Beseligender Einsamkeit, fern vom Getöse Der bunten Menge, rinnen seine Quellen, Und die verborgen, leis' im Schatten perlt, Erquickt oft mehr, als die laut rauschende. Der Schatz, wonach Fernando fruchtlos strebte: Das höchste Glück, der ungetrübte Frieden, . Dem armen Klausner Juan ward's bcschieden! Pedro (mit hoher Bewunderung). Erhab'ncr Mensch — Held — Engel! — Wie, wie soll Ich nennen Dich? Fernando (mit Gefühl). Nenn' Bruder mich. Das war Ich Dir, und werd es bleiben. — — Deine Mutter Führt zwar ein einsam, doch nicht traurig Leben; Ihr ward die Ueberzeugung, daß das Glück Auf Königsthronen nicht, wohl aber im Beschränkten Kreise stiller Freuden blüht. Sobald die Zeit von Deinem blutigen Verfolger Dich befreit, soll ihr die Wonne werden, Den todtgeglaubten Sohn an's Herz zu drücken; Sie wird den Heißgeliebten segnen, der Ehrgeiz'gen Träumen zu entsagen, und In einer holden Gattin Armen Der Erde höchstes Glück zu finden wußte; Und dieses Glück Dir, Theurer, zu bereiten, Will ich mit frohem Muth an's Werk nun schreiten. Pedro. Halt' ein, grausamer Freund! Warum mein tief Verwundet Herz mit einer Hoffnung täuschen, Die unerreichbar dem Verhaßten ist! Wird je der schwergekränkte Greis einwilligen Daß seineEnkelinAlphonso's Sohne?- Fernando. Jedwede ird'sche Leidenschaft verstummt Am Rand des nahen Grabes, und ich fürchte, Mein Ahnherr steht an dieser ernsten Schwelle. Ungläub'ger! zweifelst Du an Gottes Macht, Der Dir Beweise seiner Kraft gegeben, Indem er in des Tiegers Klau'n bewacht Mit Vaterhuld mein todtgewcihtes Leben? Zu Deinem Schutzgeist ward ich auserkoren, Dein Glück zu gründen, sei mein schönes Ziel. Ich Hab' es Deiner Mutter zugeschworen, llnd setze muthig Alles auf das Spiel. — 41 Nun denn, so laß mich auch mein Werk vollenden, Und was verloren scheint, zum Heile wenden. Damit ich freudig einst ihr sagen kann: Was ich gelobt, ich hab's erfüllt als Mann! (geht zur Sekte ab). Pedro (allein). Des Himmels Segen kröne Dein Beginnen, Beneidenswerther, edler Mensch! und wenn Es auch mißlingt, — der Wille schon Birgt einen ehrenvollen Platz Dir in Der stolzen Reihe selt'ner Heldenseelen, Zu deren Höhe mit Bewunderung Die Welt hinanblickt. — Ist die Geliebte Mir auch verloren, lebt mir doch der Freund, Und seiner würdig will ich mich bewähren. Achte Seene. 'Pedro. Mandonia (aus der Seiten- thür). Mandonia. Weißt Du es schon, der fromme Klausner ist Beim Vater. Ach, wie zittr' ich für sein Leben! Und meine Angst vermehrt des frommen Arztes Besorgter Blick. O, welch ein guter Mensch Ist dieser würd'ge Bruder Juan! Denke, Er weinte bei des kranken Greises Anblick, Als wie ein Sohn am Sterbebett des Vaters. Pedro (leidenschaftlich). . Ein Engel ist's — der meine und der Deine! — Ward uns kein Glück hiernieden auch beschützen, So wollen wir doch seinem Beispiel folgen. Mando nia. Der Vater sehnet sich nach Dir. Pedro (wie oben). Ja, hin, Hin zu dem edlen schwergetäuschten Greise, Daß er erfahre welche hohe Wonne Ihm Gott am Grabesrand erblühen ließ. Kann ich auch seinen Segen nicht verdienen, So soll ihm doch die letzte Freude werden. Wiener Theater-Repertoir. VHI. Kühn will ich treten in die offnen Schranken Zum Kampfe heil'ger Pflicht, und nimmer wanken; Fest will ich steh'n, bevor die dunkle Macht Hinab mich reißt in der Verzweiflung Nacht. Durch das Geständniß will ich sühnen mein Verbrechen, Und meines Herzens Schuld am Herzen rächen! (Mit Mandonia zur Seite ab). Rennte Seerre. Eln größeres Gemach mit einer hohen Mitteltbür. Manuel (in einem Krankenstuhle in der Mitte des Zimmers sitzend). Fernando. Manue l (mit schwacher Stimme). Habt Dank für Eure Sorge, frommer Bruder! Ich fühle mich so wohl in Eurer Nähe; O bleibt bei mir, bis meines Lebens Lampe Vollends zur Neige glimmt. — Als Euer Eintritt In dieß Gemach vorhin mich weckte, hatte Von meinen Söhnen eben ich geträumt, Und als mein Blick dem Eurigen begegnet', Da glaubte ich die Züge meines Stamm's Zu sehen, und das dunkle Aug' der Falken Von Riba sah aus Eurem Blick mich an; Doch nicht von Haß entzündet, nicht getrübt Von tiefem Schmerz und bitt'rer Klage, sondern Im sanften Schimmer seliger Verklärung. Fernando. So wir Ihr sie im Hellen Traum gesehen, So werdet Eure Söhn' Ihr dort erblicken, Wo Haß und Klage schweigt. Manuel. Gewiß, so muß Es sein ; denn anders, besser fühl' ich mich. Seitdem des Todes Fittig mich umrauscht. Gelassen kann ich jetzt zurücke blicken Auf das, was ehedem mein Herz empört, Verschwunden ist der lang' genährte Groll, Ich fühle wenig nur, daß ich gehaßt, Und hoffe dort Vergebung, wie ich hier Vergebe. 4 42 Zehnte Geene. Vorige. Pedro (der mit Mandonien hereintritt und sich neben Manuel nieder- wirft, indem er inbrünstig seine Hand küßt). Manu e l (der ihn befremdet anstarrt). Wer — wer ist das? Fernand o. Euer Sohn, Den Ihr zu seh'n verlangt. Manuel (betrachtet verwundert bald Fernando, bald Pedro). Wie, das — das wäre Mein Sohn? — und Ihr —? (mit der Hand über die Lugen fahrend und Pedro fixirend). Doch ja — ja, jetzt erkenne Ich die geliebten Züge wieder, (zu Pedro). Nimm's Nicht übel, Sohn, mein Augenlicht erlischt, Kaum weiß ich mehr, ob auf der Berge Hohen Die Nacht sich lagert, ob das Frühroth glimmt, Und Alles deutet auf ein nahes Ende. Mandon i a (die an der andern Seite des Stuhles kniet, schluchzt laut). Manuel (zu Mandonia). O weine nicht, mein gutes KindDu bleibst Nicht einsam und verlassen in der Welt, Im Schutz des Mannes laß ich Dich zurück. Der Deines Herzens Neigung sich erworben, (zu Pedro). Fernando, theurer Sohn, Du hast mein Alter Vergnüget und erfrischt, in Dir besaß Ich die verlor'nen Söhne wieder, Sechsfache Liebe hat auf Dir geruht, Und sechsfach hast Du redlich sie vergolten; Drum foll des Vaters Segen — Pedro. Haltet ein! Nicht Euren Segen, Euren Fluch verdient Der Schändliche, der listig sich durch Trug In Euer Haus und Euer Herz geschlichen. Wißt, Ich bin Alphonso's fluckbelad'ner Sohn! Manuel (zuckt unwillkürlich zusammen). Fernando. Was thust Du?! Pedro (auf Fernando zeigend). Hier steht Euer Sohn Fernando: Für mich hatt' er dem Tode sich geweiht, Und durch ein Wunder nur ward er erhalten; Für mich hat Stand und Namen er ent« sagt, Und sich in öde Einsamkeit verbannt! Fer n ando. Halt ein! Pedro. Nein, wissen muß der edle Greis, Wie sch» »er an seinem Herzen ich gesündigt; Und soll mich der verdiente Fluch auch treffen, Du darfst als Fremdling nicht am Sterbelager Des Vaters steh'n, nicht unter Deinem Namen Darf um mein fluchbeladen schuldig Haupt Ich den crschlich'nen Kranz der Liebe winden! Manuel (nach einer Pause dumpfen Hknstarrens, mit schwacher Stimme aufjauchzend). Das that ein Riba? (die zitternden Arme nach Fernando aus- strcckcnd). O, Fernando! Sohn! Stolz meines Hauses, komm', o komm' ans Herz Des Vaters, das beim ersten Anblick Dir Entgegen schlug, und Deine Näh' geahnct! Fernando. (stürzt zu seinen Füßen nieder). Manucl (ihn zitternd und weinend an sich pressend). Du Edelster der RibaHabe Dank Für diese Freudenthräne, welche Du Dem halbgebroch'nen Auge noch entlockst; 43 Ich will sie mit mir nehmen vor den Thron Des ewigen Vergelters, daß sie dort Don Deinem Edelmuthe rühmlich zeuge, (nach einer Pause seine Hände nach Pedro ausstreckend). Wenn Du auch gleich aus feindlichem Geblüte Entsprungen, -ist Du doch mein Sohn, durch ihn Der durch sein Opfer Dich für uns gewonnen. (zieht Pedro in die Umarmung). Gott feg'n Euch, meine vielgeliebten Söhne! (zu Pedro). Vollenden sollst Du, was der Held (auf Fernando zeigend). begonnen: Ergreife der Geliebten Hand und kröne Durch Pricstersegen Eurer Herzen Bund. Du bist des Namens Riba würdig, und Der Freundschaft Opfer nach Verdienst zu ehren, Wirst uns'res Hauses Ruhm Du sorgsam mehren. Mandonia (entzückt neben Pedro kniend). O, Vater! Manuel (zu Fernando mit erlöschender Stimme). Juan, theuerster der Söhne! Nichts kann der Sterbende Dir geben, denn Du trägst den reichsten Schatz in Deinem Busen; Dich schmückt des schönsten Sieges Lober- kranz Und aller Haß erlischt in seinem Glanz. Entsühnet geh ich ein zum ew'gen Frieden, Du bist es, Sohn, der mir dieß Heil be- schieden. Die Sonne sinkt, das Tagwerk ist vollbracht, Und freundlich winket mir des Grabes Nacht! (Er sinkt erschöpft zurück und stirbt). Fernando. Im Sturm nicht, sanft erlosch sein Lcbens- traum; Gleich einer reifen Frucht fiel er vom Baum. Wie reuig er vergeben hat auf Erden. So wird ihm droben auch vergeben werden. Mandonia (auf den Todten blickend). S o ist der Tod nicht furchtbar, sondern Lust; Er ruht, ein müdes Kind, an Muttcrbrust! Pedro (zu Fernando). Des Greises Trost, und Schöpfer uns'rer Freuden, Stehst Du, ein Held, umglänzt vom schönsten Lohn; Nichts kann Alphonso's tiefgebeugter Sohn, Als Dich in Deiner Herrlichkeit beneiden. Fernando. (hat das Banner Riba, mit dem Falken im rothcn Felde, von der Wand genommen, indessen draußen einige dumpfe Schläge der Todtenglocke ertönen). Vergänglich ist der ird'schen Güter Werth, Und nicht auf Höhen blüht Zufriedenheit; Der reinen Brust voll Lieb und Menschlichkeit Ist ihr bcncidenswerthes Glück bescheert. (Mandoniens Hand in Pedros Hand legend). Die Liebe sei — (reicht ihm das Banner). die Herrschaft Dir beschicden, Und mir — der sel'ge, ungetrübte Frieden! (Alle Drei umschlingen sich, während im Hintergründe, von einer Glorie umflossen, Alphonso's Schatten emporsteigt und segnend seine Hände gegen die Gruppe auS- streckt). Der Vorhang fällt. Wien 1853. Druck und Verlag von I. B. WalliShausser. In demselben Verlage sind "sch lenen: Grillparzer, F., Die Ahnfrau. Trauersp. in 5 Akt. 6. Ausl. gr. 8.1844. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. — Sa pp ho. Trauersp. in 5 Akten. 3. Aufl. gr. 8. 1822. 26 Sgr. oder 1 fl. — Das goldene Bließ. Dramat.Gedicht in 3 Abtheilungen, gr. 8. 1822. Druckp. geh. 1 Thlr. 25 Sgr^ oder 2 fl. — Schreibp. 2 Thlr. 15 Sgr. oder geb. 3 fl. — König Ottokar's Glück und Ende. Trauersp. in 5 Aufz. 2. Aufl. gr. 8. 1852. 1 Thlr. 24 Sgr. oder 2 fl. — Ein treuer Diener seines Herrn. Trauersp. in 5 A. gr. 8. Druckp. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. — Velinp. 1 Thlr. 15 Sgr. od. 2 fl. — Der Traum ein Leben. Dramat. Märchen in 4 Akt. gr. 8. geh. 1840.1 Thlr. oder 1 fl.30kr.f.Ausg.1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Weh' dem der lügt! Lustsp. in 5 Akt. gr. 8. geh. 1840. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. feine Ausg. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — DeS Meeres und der Liebe Wellen. Trauersp. kn 5 A. gr. 8. geh. 1840.1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. f. AuSg.1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Melusins. Romantische Oper in 5 Akt. Musik von Kreutzer. 1833. 8. 15 Sgr. oder 48 kr. feine Ausg. 20 Sgr oder 1 fl. Um den Ankauf sämmtlicher Stücke von Grillparzer zu erleichtern, ist der Verkaufspreis auf einige Zeit, bei Abnahme auf Einmal gestellt: 8 Thlr. statt 10 Thlr. und 10 fl- statt 13 fl. 18 kr. Operntexte: Armand, Graf. Schauspiel mit Gesang in 3 Aufzügen. Nach dem Französischen von Treitschke. gr. 8. 1808. 8 Sgr. oder 20 kr. Aschenbrödel. Zauberoper in 3 Aufzügen Nach demFranzös. deS Elienne. 4. Aufl. 1815. 8 Sgr. oder 20 kr. Befreiung von Jerusalem. Oratorium von H. und M. v. Collin. 8 Sgr oder 20 kr. Corradin, oder: Schönheit und Herz von Eisen. Musikalisches Drama in 2 Aufzügen. 1822. 10 Sgr. oder 30 kr. Cortez, Ferdinand, oder: Die Eroberung von Mexico. Oper, nach dem Französischen von Castelli. 2. Ausl 1819. 10 Sgr. oder 30 kr. Don Juan. Singspiel in 2 Aufz. 5. Auflage. 12. 1846. 8 Sgr. oder 20 kr. Donauweibchen. Romantisches Volksmähr- chen von Hensler, 2 Theile. 1807. 1836. 20 Sgr. oder 1 fl. Entführung aus dem Serail. Singspiel in 3 Aufzügen, nach Bretzner. Musik von Mozart. Neue Aufl. 1841 8 Sgr. oder 20 kr. Euryanthe. Große romant. Oper in 3 Aufzügen, von Chezy. Musik von Weber, gr 8. 1824. 12 Sgr. oder 36 kr. Faust. Große romant. Oper, von Bernard. 8. 1813. 12 Sgr. oder 36 kr. Fidelio. Oper in 8 Aufzügen. Frei nachdem Französischen. Musik von L. v. Beethoven. 8. geh. 1835. 7'/r Sgr. oder 20 kr. Haimonskinder, die vier, komische Oper von Leuven und Brunswick. Musik von Balfe. 12. 1845. 8 Sgr. oder 20 kr. Hochzeit des Figaro, komische Oper in 3 Acten, Musik von Mozart. 2.Aufl. 8.1843. 10 Sgr. oder 24 kr. Jerusalem, das befreite. Große Oper in 5 Acten, nach dem Französ. von Seyfried. 1815. 8 Sgr. oder 20 kr. Johann von Paris. Komische Oper. Musik vonBoieldieu.2. Aufl 1802.8 Sgr. oder 20 kr. Joseph und seine Brüder. Oper. Nach Duval von Hassaureck. 3. Aufl. 12. 1820. 8 Sgr. oder 20 kr. Jüdin, die, große Oper in 5 Aufz. Text von Scribe, Musik von Halevy. 8. geh. 1839. 7'/r Sqr. öder 20 kr. Libussa. Romant. Oper, von Bernard. Musik von Kreuzer. 1823. 12 Sgr. oder 36 kr. Liebesbrunnen, der, kom. Oper in 3 A. Musik von Balfe. 12. geh. 1845 8 Sqr. oder 20 kr. Neusonntagskind, das, Singspiel in 2 Aufz. von Perinet. 1804 8. 8 Sgr. oder 20 kr. Opferfest, das unterbrochene. Oper von Hu- der, in 2 Aufz 1803 10 Sgr. oder 30 kr. Schweizerfamilie, die, lyrische Oper in 3 Aufz. Nach dem Französ. von Castelli. 5. ^ 1820 8 Sgr. oder 20 kr. Schwestern, die. von Prag. Sinqsp. nach Hafner, von Perinet. 2. Aufl. 1842. ^ 12 Sgr oder 36 kr. Stradella, A lle ssandro. Rom. Over in 3 Aufz. von Friedrich. Musik von Flotow. 12. 1845. 8 Sgr. oder 20 kr. Stumme, die. von Por 1 ici. Große heroischromantische Oper in 5 Aufz. Frei nach Scribe und Delavigne Musik von Auber. ^ Sqr. oder 20 kr. T a ncred, heroische Oper in 2 Aufzügen. Nach dem Italienischen, von Grünbaum. 181^. 8 Sgr. oder 20 kr. Titus, der Gütige, ernsthafte Oper in 2 Aufz. 1811. 8 Sgr. oder 20 kr. Wirthe, die vornehmen. Kom. Oper. Nach dem Französischen, von Seyfried. 1813. 8 Sgr. oder 20 kr. Zampa, oder: Die Marmorbraut. Romantischkomische Oper in 3 Aufz. Nach dem Fran- zvsiichen des MeleSville, Musik von Herold. 8. geh. 1839. 7'/^ Sgr. oder 20 kr. Zauberflöte, die, große Oper in 2 Aufzügen. Musik von Mozart. Neue Auflage. 8. 1848. 8 Sgr. oder 20 kr. (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) Zum ersten Male im Theater. Posse in einem Acte von Friedrich Kaiser. Zweite Auflage. Aufgeführt in den k. k. priv. Theatern an der Wien und in der Leopoldstadt. Personen: Herr von Federbart, ein reicher Privatier. Julius von Feder bart, Oberförster, sein Neffe. Emilie, seine Mündel. Tobias, sein Diener Kralle, Theater-Direktor. Florwall, Regisseur. Mademoiselle Pille, , Mad-maistll, Holst, j Schau,pi,l-,mm». Kritiker. Herr Schreier. H«, Maai, ! Sch-u,P«l». Spitz. Stumps, Ein Jnspicient. Ein Garderobier. Schauspieler und Schauspielerinnen. Dimer. Ein Eonversations-Zimmer im Theater— in der Mrtte zwei Thüren, ober einer derselben die Aufschrift: »Aufgang zur Bühne,* — rechts und links Seitenthüren, rechts die Aufschrift: »Herrengardc- robc.* links: »Damengarderobe.* An den Wänden hängen reichgestickte Garderobestücke, eben solche liegen auch aus einem langen Tische. Im Vordergründe ein Tisch, bei welchem ein Divan und ein Fauteuil stehen. Erste Scene. Kralle. Florwall. Kralle (sich vergnügt die Hände reibend, tritt mit Florwall aus). din heute sehr gut aufgelegt — sehr gut! Florwall. Ich nicht, ich din sehr verstimmt — L 2 Kralle. Ja, ja — wenn ein Theater- Director aufgelegt ist, sind die Mitglieder gewöhnlich verstimmt— ha, ha, ha! Sie hören, ich werde wieder witzig, das bin ich immer, wenn ich um sechs Uhr an meiner Theater-Cassa vorübergehe, und so viele Leute in der Vorhalle stehen, wie heute, daß ich kaum durchgehen kann. — Da denk' ich immer, wenn ich da nicht durchkomme — so komme ich gerade durch — ha, ha, ha —schon wieder ein Witz — ich sage Ihnen, ich bin heute so guten Humors, daß ich im Stande wäre, meinem ganzen Personale eine halbe Monats Gage — abzuziehen. Florwall. Ja, ich weiß leider, Sie, Herr Direktor, finden die Würde Ihres Instituts nur in einer vollen Cassa — Kralle. Ganz natürlich — was ist ein Theater? ein Bild der Welt— und die Welt findet auch meistens die Würde in einer vollen Cassa. — Florwall. Sie sind doch selbst Künstler, und doch trachten Sie so wenig die wahre Kunst zu fördern.— Kralle. Wie Sie wieder sprechen — wahre Kunst — bei jetziger Zeit bei einem Theater reich zu werden, das ist doch eine wahre Kunst, und dem Himmel und meinem Genie sei's gedankt, ich mache gute Fortschritte darin. Florwall. Während so manche junge talentvolle Dichter sich vergeblich bemühen, ihre Produkte hier zur Aufführung zu bringen — führen Sie heute das hirnverbrannte Machwerk auf von diesem Herm Luitpold von Federbart, einem ekelhaften Gecken, welcher allen Talentes bar ist — Kralle. Allen Talentes bar — meinethalben— aber dafür voll baren Talentes! (Geld zählend.) Flor wall. Freilich fordert er für sein Stück kein Honorar — Kralle. Sehen Sie, wie hoch erhebt ihn schon dieß über das übrige Dichtervolk — alle andern Dichter schreiben, wenn kaum ihr Stück aufgeführt ist — mit mehr Begeisterung die Quittung über das Honorar, als das Stück selbst — und wie unwürdig — wie prosaisch ist diese Honorar- Begierde für einen Dichter! Florwall. Je nun, ein Dichter muß doch auch leben! Kralle. Wenn er ein echter Dichter ist, braucht er sehr wenig zum Leben: ein kleines Dachstübchen — so wohnt er nah' den Göttern! Zum Frühstück eine Aussicht auf ein Gebirge, die kommt zwar hoch, kostet aber nichts — zum Mittagsmahl soll er sich die wanne Sonne in's Maul sehen lassen, denn er soll ja von Phöbus zehren, und zum Sorrper ein paar schmachtende Liebesseuf- zer, wozu er meinethalben auch an den Federn kauen kann—da haben Sie die ganze Diät eines echten Dichters; aber diese Herren betrachten die Champagner-Bouteillen als ihre Aganippe — und um sie warm zu halten, muß der Direktor schwitz en! Wie ganz anders ist dieser Herr von Federbart — er schickt mir sein Trauerspiel unter dem Titel : »Liebesgluth und Rachewuth,« oder: »Der Tod der Mariane durch Aqua toffana,« oder: »Der Sehnsucht im Herzen Ende durch Eingeweideschmerzen!« Florwall. Und ich las das Stück, und fand, daß es trotz der drei Titel doch nichts heiße — Kralle. Und ich las in seinem Brief, daß es nichts koste — und da der Dichter ferner erklärte, daß er für die erste Vorstellung 12 Logen, 100 Sperrsitze und 500 Eintrittskarten gegen allsogleiche Bezahlung selbst nehme, fand ich, daß der Mann sehr witzige Gedanken habe, als er aber endlich sich gar anheischig machte, alle Dekorationen und das ganze Costüm für das Stück aus Eigenem anzuschaffcn, und sodann mir als Eigenthum zu überlassen—da erkannte ich in ihm ein ungeheures Genie, und nun mußte es gegeben werden! — Florwall. Und doch haben uns're bessern Schauspieler alle die Rollen zurückgesandt, und sich bereit erklärt, lieber das Engagement aufzugeben, als in dem Stücke 3 aufzutreten, in welchem sie vviu Publicum verhöhnt werden müßten! Kralle. Genirtc mich das? Die Rvlle des Intriguants übernahm ich selbst — wenn ick auch ausgelacht werde — dann richte ich einen Blick auf das volle Haus, und denke: Ick habe mehr Grund zu lachen, und für die übrigen Rollen — je nun — ich habe^Leute genug/die selig sind, wenn sie nur eine Rolle bekommen. — Florwall. Nun spielt die Königin Mademoiselle Pille, eine Anfängerin im höchsten Grade, welche frübcr Stubenmädchen war, und von Romanen-Ideen verwirrt, durchaus zum Theater wollte, auf welchem sie noch nicht einmal anständig sich bewegen lernte — vH— es wird eine schöne Vorstellung werden! Kralle. Und doch wette ich mit Ihnen, daß das Stück mit dem größten Applause ausgenommen werden wird. Ick bitte Sie — das ganze Haus ist ja nur von Freunden des Verfassers besetzt — ich selbst habe auch noch die breithändigsten Claqueurs auf- geboten — oh — geben Sie Albt, es wird ein rasender Beifall werden — aber die Stunde rückt heran — ick muß in meine Garderobe — besorgen Sie nur Alles, damit keine anderweitigen Störungen Vorfällen — oh — ich freue mich heute auf meine Rvlle — auf den Bösewicht! — ha! da will ich wieder einmal en Aro8 arbeiten. (Ab in seine Garderobe.) Zweite Scene. Florwall, dann Julius von Federbart. Flor wall. Ich kann die Stunde kaum erwarten, in welcher meine Engagements- Verpflichtungen zu Ende gehen. Julius (tritt ein). Ha, da tress'ichDich. Flor wall. Ach — Freund Julius, bist Du aus^Deinen Wäldern 'einmal wieder in die Stadt geflüchtet — aha! wahrscheinlich trieb Dich die Neugierde, deines Onkels Schöpfung zu bewundern — Julius. Also — ist das heutige Stück wirklich von meinem Onkel? Ich traute meinen Augen kaum, als ich auf den Af- stchen las: »von Federbart—« daß mein Onkel, bei dem die Narrheit mit den Jahren wächst, tausend tolle Streiche begeht, die man kaum einem jungen Burschen von achtzehn Jahren verzeihen könnte, ist mir nichts Neues. — Aber daß er so wahnsinnig werden könne, sich auch noch eine poetische Befähigung zuzutrauen, das Härte ick doch nicht gedacht. Florwall. Aber hast Du deinen Onkel nicht besucht? Julius. Nein, Du mußt wissen, wir leben schon seit einigen Monaten auf sehr gespannten: Fuße --- Florwall. Ei, ei, das ist gefährlich — mit einem reichen Onkel- den man einst zu beerben gedenkt, sollte man immer suchen auf dem freundlichsten Fuße zu stehen.. Julius. Den Teufel auch, wenn er meine Geliebte heiraten will — Florwall. Was Du mir sagst! Julius. Er ist ihr Vormund, ohne seine Einwilligung darf sie mir ihre Hand nicht geben, und nun, da der alte Geck selbst in sie geschossen ist, verweigert er mir natürlich dieselbe, und wenn ich auch warten wollte, bis sie mündig ist, so ist's gewiß, daß er mir die Erbschaft entzieht. — Flor wall. Ha, ha, ha, — da hat also wahrscheinlich die Liebe seine Poesie geboren. Julius. Dann hat die verrückte Mutter ganz gewiß auch eine verrückte Tochter — aber Du, als Regisseur, hast doch gewiß das Stück gelesen, was hältst Du davon? Florwall. Jede Zeile trägt den Stempel gänzlicher Talentlosigkeit — Julius. Aber wie könnt Ihr dann so ein Geschmiere aufführen? Florwall (achsklzuckend). Hm! Dein Onkel hat sich's ein schönes Stück Gelh kosten lassen. 1 * 4 Julius. Das auch noch — na warte von dieser Krankbeit wird er ja wohl zu kuriren sein — ich geh' in's Theater— und Du — (seine Hetzpeitsche weisend) siehst Du das Pfeifchen da oben — Florwall. Nein, nein, das geht nicht— Julius. O es geht schon (thut einen gellenden Pfiff). Florwall (sich die O hren haltend). Herr meines Himmels! Julius. Hahaha! Gelt über ein Lokomotive — nun und ich werde bei diesem Stücke wohl auch noch ein Accompagne- ment im Publicum finden. Florwall. Das hoffe ja nickt, im Ge- gentheile könntest Du selbst Unannehmlichkeiten haben, denn Du mußt wissen, daß die meisten Plätze im Theater von deinem Onkel selbst für seine Freunde genommen sind. Julius. So — also er zahlt noch dafür, um sich selbst zu foppen! Aber wenn das Zeug heute so einen gemachten Applaus erhält, dann wird's mit ihm gar nicht mehr auszukommen sein, es wird ihn in seiner Narrheit bestärken — ja, was ließe sich denn da thun? Florwall. Von Deiner Seite nichts, aber glaube mir, es gibt eine Gattung Geschreibsel, dessen Unsinn selbst bezahlte Klatscherhände lähmt, und selbst den besten Freunden des Verfassers ein Lacken des Hohnes entlockt. Und dazu gehört wohl auch das heutige Stück — die mangelhafte Darstellung wird auck noch das Ihrige dazu beitragen — also lasse die Sache ihren Lauf nehmen— aber sage mir, heißt deine Geliebte, die Mündel deines Onkels, nicht Emilie von Lautenschlag? Julius. Ja, ja, — meine Emilie — aber wie weißt Du —? Florwall. Weil er auf diesen Namen die erste Loge, gerade am Proscenium, genommen hat. Julius. Also Emilie ist im Theater? Florwall. Und dein Onkel gewiß auf dem Theater — nun, mehr brauch' ich Dir wohl nicht zu sagen. Julius. Triumph! da kann ich Sie allein sprechen — zeige mir den Aufgang zu dieser Loge — ich will mich während der Vorstellung in das Dunkel derselben zurückziehen, und den Unsinn mit anseben, aber das sage ich Dir, wenn Andere Miene zum Zischen macken, dann pfeife ich aus Leibeskräften mit, und derjenige Schauspieler, der seine Sachen am dümmsten macht, und so den Anlaß zum eklatanten Durchfalle des Stückes gibt, der sott von mir ein Spielhonorar erhalten, wie es keine Direktion der Welt jemals gezahlt. (Spricht die letzte Rede schon während des Abgehens, dann Beide ab.) Dritte Scene. Tobias (in eleganter Bedientenlivree, i» allen seinen Manieren die Bauernnatur verrathend, tritt, in der Hand ein Packet tragend, ein). Tobias. Und ich kenn' mich halt nicht aus, und bin von lauter Nichtauskennen schon ganz damisch. Ich bin gestern zum ersten Mal in mein'Leben in d'Stadt kommen — unser Dörfl ist zwar viel schöner als d'Stadt — man geht so allein, so kommod durch die Gaffen, höchstens wann Mittags die Küh' austrieben werden, geht man in G'sellschast — aber die haben mich alle kennt, ja sogar der Jodel ist mir aus- g'wichen, aber da in der Stadt weicht ein'm keiner aus, man wird z'samm'treten —all's rumpelt an ein an — aber mich hat's in unser'm Dorf nimmer g'freut, seitdem die Nani, die am Schloß Stubenmadel war, mit der Herrschaft in d' Stadt zogen ist — sie hat's freilich noch gar nicht g'wußt, daß ich so verliebt in sic bin, denn ich Hab' mir nie traut, ihr's z'sagen, und ich hab's selber erst g'spürt, daß sie mir's angethan hat, wie sie schon fort war) da bin ick so melan- cholerisch wor'n, wenn die Nachtigallen 5 g'schlagen haben, oder wenn unsere Gas g'meckertst bat, Hab' ich weinen müssen, nachher Hab' ich gar a Gemüthskrankheit kriegt, die Schafblattern, — und da Hab' ich mich ang'setzt,' daß ich auch in d' Stadt komm', und da hat mir der Verwalter den Dienst verschafft, und hat mich mit ein'n Brief in d' Stadt g'schickt — ich Hab' glei' bei der Linie g'sagt, ob's nit wissen, wo d'Nani wohnt, da baben's mich ausg'lacht — na — und so bin ich halt bei mein Herrn cing'standen. Der Verwalter hat g'sagt, in der Stadt war' jeder Bedienter schon fast ein gnädiger Herr, aber, hat er g'sagt, g'scheidt soll ick sein. — Ja, der Verwalter hat leicht reden, er soll's nur einmal probircn — g'scheidt war' ich schon, aber wissen thu' ich halt nichts — ich weiß nicht einmal, wer mein Herr ist—er schreibt alleweil, ich weiß nicht was — er macht immer ein unsinnig ang'strengt's G'sicht dazu, und halt sich's Hirn dabei und cs muß doch was Lcicht's sein, was man sich am Finger abzählen kann, denn er macht's alleweil so dabei (mit der Pantomime des Scan- direns) und jetzt hat er mich in das Haus mitgenommen, und ich weiß wieder nicht, wo ich bin — 's ist a prächtiges Haus von auswendig, und völlig alle Leut' von der ganzen Stadt sein 'reinpofelt — g'rad so wie bei uns in's Gemeinhans, wann a Richterwahl is — aber sollen's denn dahier auch ein Gemeinbaus haben? Oh gewiß — Sie werden schon in der Stadt auch ihre Gemeinheiten haben! — Mein Herr hat g'sagt, ich soll nur derweil in das Zimmer da hineingehen — na da bin ich, und da kenn' ich mich schon wieder nicht aus! (Sicht sich im Zimmer um und bemerkt die Aufschrift ober der Thür.) Was steht denn da? (Liest mühsam.) Auf — gang — auf die Bühne! — die Bühn, o mein Gott — jetzt weiß ick's schon, wo ich bin, das Haus wird das Gerichtshaus sein — aber was hat denn mein Herr dahier zu thun? Vierte Scene. Tobias. Kralle. Ein Garderobier. Spitz und Stumpf. Kralle (schon halb im Gostüm, einen Schlafrock darüber, tritt mit Spitz und Stumpf und dem Garderobier aus seiner Garderobe, zu Letzterem). Geh' hinab, und sieh' ob noch Sperrsitze da sind— die beiden Herren müssen sitzen (lnse zum Garderobier). Tag' NM dem Eassier, es sind zwei Kritiker! (Geht wieder in sein Zimmer zurück.) Tobias (für sich). 'S ist schon richtig, 's Gerichtshaus; was müssen denn die angestellt haben, daß sitzen müssen? Spitz. Also gehen wir hinab und sehen uns das Zeugs an — Skumpf. Aber, wie wir herauskommen, das kritische Seciermeffer zur Hand genommen — Spitz. Der Verfasser hat mir keine Loge geschickt, ich werde etwas grausam sein — Stumpf. O! ich zerreiße ihn, daß kein gutes Haar an ihm bleibt. (Gehen während dieser Rede mit dem Garderobier ab.) Tobias. Ach, das sind verstockte Sünder, jetzt müffen's eh' schon sitzen, und denken schon wieder auf neue Schlechtigkeiten. Ein Garderobier (aus einem andern Zimmer herauSrufend). Schnell! eine Kette für Herrn Moos — Eine Stimme (aus einer entgegengesetzten Thür). Gleich! Gleich! Tobias. Jetzt brauckens wieder Ketten! O mein Gott! o mein Gott! da geht's ja fürchterlich zu—mir wird entrisck—wann ich nur wieder d'raust wär' — Gott sei Dank, da kommt mein Herr. Fünfte Scene. Tobias. Federbart. Federbart (ganz schwarz gekleidet, mit weißer Granate und eben solchem Gilet und Handschu hen, tritt in höchster Aufregung ein). Die Stunde der Entscheidung naht — ich zittere fast, wie im Ficberfrost, vor Hoffnung!und Angst— 6 es ist aber auch keine Kleinigkeit, so hinzutreten vor den Richterstuhl der Publicität — vor den fürchterlichen Areopag — Tobias (tritt zu ihm) Euer Gnaden! Federbart. Ah, Du hier, mein Famulus. Tobias! sieh mich an, was erblickst Tu an mir? Tobias (dir Achsel zuckend). 'S ist gar nichts an Ihnen zu sehen. Federbart. Ja, Du begreifst das nicht — einen Menschen siehst Du in mir, der nach zwei fürchterlichen Stunden entweder hoch über den Wolken thront, und mit den Göttern Bruderschaft trinkt— Tobias (ihn erst gut anblickend). Was, Sie werden doch nickt am Ende hingerichtet? Federbart. Nein, aber ausgerichtet! Oder — entsetzliches oder! — Oder— ich werde aus meinen stolzen Träumen herabgeschleudert, und muß mein Leben in ewiger Dunkelheit vollbringen. — Tobias. Was? ewig? Das gibt's nickt mehr, auf zwanzig Jahr' ist die höchste Straf, Hab' ich g'hört — Ew. Gnaden! sagen's mir nur, sein wir denn wirklich dahier in ein'm Gerichtshaus? Federbart. Ja, in dem fürchterlichsten, ein tausendköpfiges Ungeheuer sitzt zu Gericht und will täglich sein Opfer haben— und heute — heute bin ich's — (Sinkt ausden Divan.) Tobias. Um Gottes willen! Ew. Gnaden, was haben's denn ang'stellt? Federbart. Ich habe geschrieben! Tobias. Ja, ja, mit dem verdammten Schreiben ist schon Mancher so in's Schlamassel kommen. Federbart. Und heute wird der Ur- theilsspruch gefällt — wenn er günstig ausfällt, wenn ich durchdringe — dann, dann, Tobias, bist Du der Diener des glücklichsten Mannes auf der Erde! Tobias. Also kann's doch noch gut ausgehen? Federbart (aufspringend). O! es wird — es muß gut ausgchen. — Mir dictirte Apollo selbst. Tobias. Apollo! Ah — das ist der Kerzenfabrikant — Federbart. Meine Verse athmen Shake- spearischen Geist— diese Kraft — diese Glut — ha, wenn sie nur die Stelle des liebenden Ritters hören, n?o ich geschrieben habe: Du bist die Sonne mir, zu deren Strahlen Kanonendonner gleich des Busens Seufzer knallen, Ein Hauch von Dir ist Samum in der Herz-Oasen, Der wirbelnd kann den Staub zum Himmel blasen — Hinaus zur Blitzcsnacht und Sturmes wettern, Zu Roßgestampf—Trompetenschmettern — Die Feinde alle muthig zu zertre- tern! Tobias. Das haben Sie geschrieben? Federbart (stolz). Ich! Tobias. Sie, da steh' ich Ihnen für nichts gut, da können's eing'spcrrt werden! Sechste Scene. Vorige. Kralle. Kralle (bereits im Lostüm des Jntriguants, gan; roth und schwarz ausgeschlagen, mit rothem Haar und Bart). Tobias (ihn erblickend und zusammenfahrend). O mein Gott! wer ist denn der? Fe der hart. Das ist der Mann, der mich auf die Bühne bringt! (Zu Kralle.) Guten Abend, lieber Director! (Gibt ihm die Hand.) Tobias. Der bringt mein'n Herrn auf die Bühne — und da gibt er ihm noch so freundlich d'Hand? Kralle. Guten Abend, Herr von Federbart! Nun wie nnd Sie mit mir zufrieden? (Auf sein Costüm weisend.) Federbart. Hm! etwas grell! etwas grell! Kralle. Ja, das thut Noth. — Meine Darstellung ist immer im Lapidar-Style— 7 die Zuseher müssen, wenn ich auftrete, gleich erkennen, daß nun der schlechte Kerl kommt Tobias. Ja, ich Hab' mir's gleich denkt. Kralle. Und dann erst mein Spiel, meine Bewegungen — sehen Sie (verschränkt die Arme, streckt den Kopf vor, und rollt die Augen). Wenn ich so aus Einen zugehe (geht gegen Tobias). Tobias (ängstlich zurückweichend). Na! Kralle (declamirendt. Ja, Golo ist's, — Dein Feind nah't Dir, Wie Du auch fliehst, entgehst nicht mir! (Faßt plötzlich Tobias an der Brust.t Tobias. Oweh! loslassen! lvslassen! ich bin unschuldig. Federbart (applaudirend). Bravo! bravissimo! Kralle. Nicht wahr, das packt? Tobias. Bin ich jetzt erschrocken — ich glaub', man hätt' kein Kreuzer Geld in meinen Taschen g'funden! (Zu Federbart.) Und da schreien Ew. Gnaden noch Bravo! Kralle. Aber sagen Sie mir, wie ist Ihnen, sind Sie gefaßt? F e d e r b a r t. O, mir ist fürchterlich! fürchterlich ! Ich habe eine Angst — eine Angst— Kralle. Pah, pah, Courage! geben Sic Acht, Sie werden gerufen—wissen Sie sich auch zu benehmen? Federbart. O— das habe ich mir schon vor dem Spiegel einstudirt — sehen Sie, ich trete hinaus, lege die Hand aus die Brust—und mache es so. (Macht in der Richtung gegen Tobias eine tiefe dreimalige Verbeugung.) Tobias (sich ebenfalls sehr tief verneigend). O ich bitte, Ew. Gnaden! Federbart. Und wenn das geschieht, enlre norm! Sie wissen, Klimpern gehört zum Handwerk — und es würde für den weitern Erfolg des Stückes selbst gut sein, wenn ich so gleich den ersten Abend — Verstehen Sie. Kralle. Ab— Sie meinen— einen Kranz, o das läßt sich leicht machen, wenn ich nur jetzt noch schnell einen bekomme. Federbart. Ist schon besorgt, Theuer- ster, wissen Sie — ich wollte das Publicum in keine Unkosten setzen, und habe darum selbst— Tobias, gib das Packet her! (Nimmt aus dem Packet einen großen Lorbeerkranz.) He! was sagen Sie? Kralle. Charmant! Charmant! Oh, der soll Ihnen geworfen werden, dazu habe ich schon meine Leute, dafür zahlen Sie einen Thaler — Federbart. O, einen Ducaten — mit Wonne! Kralle. Und ich werde ihn aufheben, und Ihnen auf den Kopf setzen. Federbart. O, ick werde ungeheuer überrascht und gerührt sein — und wenn mein Emilchen mich so sieht — (seht sich den Kranz auf den Kops) o, sie muß mich lieben, anbeten! Tobias, ich bitte Dich, sieh mich jetzt an! Tobias. Hahaha! jetzt liegt die Zuspeis auf'n Köpfl, sonst liegt's Köpfl auf der Zuspeis — Federbart. Der Bursche ist zu dumm! Weißt Du nicht, was das ist? Tobias. O ja, Lorbeerblatt'ln; beim Herrn Förster bei uns dräust haben's immer die Wildschweinköpf damit aufputzt! Federbart. Schafskopf! Das ist das Zeichen der Unsterblichkeit.— O, wenn ich nur das noch erlebe, daß ich unsterblich werde. Tobias. Ja, mir kommt's jetzt schon selber vor, als ob Ew. Gnaden nicht sterben könnten. Kralle. Nun, geben Sie nur her, es soll getreu besorgt werden. (Gibt den Kranz in seine Garderobe.) Siebente Scene. Der Jnspicient, dann Moos, Schreier, Dlle. Holst, Florwall und mehrere andere Schauspieler und Schauspielerinnen (sämmtlich im Lostüm). Der Jnspicient (kommt von der Bühne und zieht an einer Glocke, welche laut schallend ertönt). Es geht an! 8 Kralle. Ja, wenn cs nur angcht! Federbart. Der entscheidende Moment naht. O mein Gott! ich kann mich gar nicht fassen! (Die Schauspieler kommen aus allen Garderobe- thüren hervor.) Tobias (ganz verblüfft umhersehend). Ja — wo bin ich denn — was sein denn das für Leut' — und wie's die ang'legt haben — da kenn' ich mich schon gar nicht aus! Federbart. Sind Sie schon Alle da, meine Herrschaften! Oh — Sie sehen in mir die personificirte Bangigkeit — erbarmen Sie sich meiner Angst, in Ihren Händen liegt mein Schicksal. Tobias. Ah, das müssen vermuthlich die Geschwornen sein! Federbart. Geben Sie mir nur den Helden mit gehörigem Aufwande Ihrer Mittel (zu Moos, welcher als Greis costümirt ist). Und Sie, Herr Moos, Sie sind noch ein - junger Künstler — Tobias. Jung? — der — mit die weißen Haar'? Federbart. Sie haben eine dankbare Partie, Sie können sich dadurch poussiren. Moos. O, mir ist nicht bange, aber vergessen Sie nicht, wenn's gut geht, sind wir Ihre Gäste beim Champagner — dann soll's fidel hergehen! Tobias. Schau, was der alte Taddädl für ein rarer Kerl ist! Federbart (zu Mamsell Holst, welche als Bäuerin gekleidet ist). Und Sie, mein Fräulein — Tobias. Hahaha, die Bauerndirn' heißt er Fräule! — Nein, da kennt sich der Teufel selber nicht aus. Federbart.ScienSie nur recht schmachtend, so recht von Liebe zerfließend — Tobias. Na ja, ich frimet mir's halt an! Federbart. Sie haben eine sehr gute Rolle — Tobias. A Roll? Aha, das ist a Wäscherin! Mlle. Holst. Sie werden mit mir zufrieden sein. Flor wall. Meine Herren und Damen! auf Ihre Plätze, die Ouvertüre ist bald zu Ende. (Alle Schauspieler gehen auf die Bühne ab.) Federbart. Aber wo ist denn die Königin? Ist die Königin noch nicht da? Tobias (im höchsten Erstaunen). Die Königin? Was?! eine Königin kommt daher? Ah— da bin ich neugierig, in meinem ganzen Leben Hab' ich mir immer g'wun- schen, nur einmal eine Königin zu sehen! Florwall. Die hat noch Zeit, sie kommt erst im zweiten Acte vor. — Federbart. Aber ich habe mit ihr noch eine Menge zu besprechen — sie ist noch nicht fest genug — gerade sie macht mir am meisten Angst — diese Person hat ein so hölzemes Benehmen — Tobias (Federbart am Rock zupfend). Pst! Reden's doch nicht so! Federbart. Ich bitte Sie, sehen Sie doch nach, ob sie bereits fertig ist. Flo.rwall (geht gegen dir Damengarderobe und pocht an). Mlle. Pille (von innen). Gleich — Gleich. Flor wall. Sie wird sogleich erscheinen! Tobias. Ich Hab' ordentlich eineTrema, wenn ich denk', daß ich mit einer Königin in einem Zimmer sein werd'! Achte Scene. Vorige. Mademoiselle Pille. Mlle. Pille (tritt ganz als Königin gekleidet, die Krone auf dem Haupte und den Pur- purmantel umgehängt, aus ihrer Garderobe). Hier bin ich! Tobias (ganz starr) Ah! (Verbeugt sich bis zum Boden vor ihr) Flor wall. Herr von Federbart wünschte Sie zu sprechen. (Geht auf die Bühne.) Mlle. Pille. Ich stehe zu Diensten. Tobias. Das ist eine charmante Person, die Königin! 9 Federbart. Ich wollte Sie um Alles in der Welt bitten, daß Sie auf keine meiner Andeutungen vergessen — Mlle. Pille. Mein Himmel! Hofmeistern Sie mich nicht immer, ich weiß schon selbst, wie ich mich zu benehmen habe — Tobias (ganz erstaunt). Ah, da muß ich bitten, wie der mit einer Königin dis- curirt. — Federbart. Ja, ja, so sind diese Damen immer, sie wollen Alles selbst besser versteh'n — Tobias. Ja, wozu wär's denn sonst eine Königin! Federbart. Und ich sage Ihnen, daß ich bisher gar nicht mit Ihnen zufrieden war — Tobias. O mein Gott! das ist ein Rebeller! Federbart. Sie haben zu wenig königlichen Anstand — wenn Sie z. B. in den Krönungssaal eintretcn, wie halten Sie sich da? Mlle. Pille (indem sie die Stellung annimmt)- Nun, so! Federbart. Mein Himmel! das ist nichts — das ist gar nichts — Tobias. Der red' sich noch um den Kopf. Federbart. Den Kopf mehr zurück — den Arm strecken Sie so — gebieterisch, und doch in einer malerischen Stellung aus — (Will ihr den Arm richten.) Mlle. Pille. Ich bitte Sie, quälen Sie mich jetzt nicht — Sie bringen mich ganz aus der Stimmung — Federbart. Das nennen Sie quälen, wenn man Sie belehren will — Mlle. Pille. Ich gebe jetzt noch die Partie zurück, glauben Sie denn, es läge mir gar soviel daran, diese Königin zu sein? Federbart. Aber lassen Sie sich doch sagen. (Faßt ungestüm ihre Hand.) Tobias. Na— jetzt ist's mir zu viel — (tritt rasch zwischen Beide) Jetzt MUß ich mich dreinlegen — Federbart. Was unterstehst Du Dich, Kerl? Tobias. Ja, ich bin ein Kerl, aber ein guter Kerl, und der kann das nicht zugeben, daß a so a schöne liebe Frau Königin von Ihnen so maltraitirt wird. — Ew. Gnaden sein zwar mein Herr — aber nach Allem, was ich dahier gesehen und g'hört bab', sein Sie ein sehr verdächtiger Mensch, und mich reut's, daß ich zu Ihnen in Dienst gangen bin, da könnt' am End ich auch noch als Mitwisser in schöne G'schichten hineinkommen -— Federbart. Ja, was will denn dieses Rhinoceros? Pack'Dich zum Teufel! Oder, auf Ehre — (Sieht sich nach einem Stocke um.) Neunte Scene. Vorige. Florwall. Florwall (kommt von der Bühne). Es hat begonnen — Herr von Federbart — kommen Sie docb herauf auf die Bühne, man kann nicht wisseN.'(Deutet mit den Händen das Applaudirrn an.) Tobias. Ja, ja, — führen's ihn nur hinauf auf die Bühne — er verdient's! Federbart. Ich habe jetzt nicht mehr Zeit, Ibn durchzuprügeln, aber Er kann noch heute seinen Bündel schnüren und mein Haus verlassen! Jetzt binauf — o Götter, steht mir bei! (Eilt mit Florwall auf die Bühne.) Mlle. Pille. Wie mir der aufgeblasene Geck zuwider ist — diese Wichtigthuerei mit einem solchen Machwerke! (Seht sich auf den Divan, und zieht eine Rolle heraus.) Diese Rolle, man hat zu thun, daß man diese gereimten Ungereimtheiten nur in's Gedächt- niß bringt! (Liest.) Tobias (welcher etwas iu den Hintergrund getreten ist. für sich) Jetzt bin ich allein mit einer Königin — ich trau' mich völlig nicht z'athmen. — Was thut's denn? Sie les't. Aha, vermuthlich a Bittschrift. — O mein Gott! jetzt war' so ein' schöne Gelegenheit, auch a Bitt' anz'bringen. — 10 Mlle. Pille (laut declamirend). Ihr, meine Treuen, alle, stellt Eu'r Begehren, Die höchste Lust der Herrscherin — ist: Euch gewähren! Tobias. Na, das Vergnügen könnt' ich ihr ja auch machen! — Mlle. Pille (fikht sich nach ihm um). Er ist noch hier —? Tobias (macht einen Kratzfuß). 3a — i bin so frei — Mlle. Pille (ihn ins Auge fassend, für sich). Zch weiß nicht, der Bursche hat mir so bekannte Züge — Tobias (für sich). Wie's mich anschaut. Mlle. Pille. Tret' Er doch näher. — Tobias. Wann's erlauben! (Geht gesenkten Hauptes näher, und erhebt es nur manchmal schüchtern gegen sie.) Mlle. Pille. Zst Er schon lange im Dienste bei Herrn von Federbart? Tobias. Erst seit gestern, aber — jetzt bin ich wieder abdankt. — Mlle. Pille. Und was wird Er denn nun anfangcn? Tobias. Ich weiß noch nicht— ich könnt' wohl wieder zurückgeh'n ans mei' Dorf nach Knüllhausen — Mlle. Pille. Knüllhausen? Ist Er von Knüllhausen? Tobias. Za freilich, kennt die g'strenge Frau Königin das Nest? Mlle. Pille. Ja wohl— ja wohl. — Es gehört dem Baron Trillheim — der ein hübsches Schloß dort hat. Tobias. Ja, das G'schloß — das G'sckloß ist mein Unglück — Mlle. Pille. Das Schloß? Wie so — erzähle Er doch — Tobias. Ich weiß zwar nicht, ob fich's schickt, daß ich solche Dummheiten derzähl'— Mlle. Pille. Nein, nein — es interes- sirt mich sehr — Tobias. Die Königin ist wirklich ein lieber Narr. Mlle. Pille. Na, so erzähl' Er doch, lieber Freund! Tobias (bis zu Thränen gerührt) Lieber Freund! Na — was z'viel ist — ist z'viel. — O Königin! (Sinkt auf die Knie.) Mlle. Pille. Was thut Er denn? — Steh' Er auf — Tobias. Wann's erlauben, bin ich so frei — (Steht auf.) Mlle. Pille. Also was ist's mit dem Schlosse Knüllhausen—ich bin neugierig— Tobias. Alsdann! — daß ich derzähl' — ich bin dem Vetter Martin, dem Pächter dräust sei' Vetter, und war derweil bei ihm im Dienst — und da Hab' ich einmal in Schloßgarten müssen, um neue Bäume einz'setzcn, und da, wie ich so arbeit' — da geht aus einmal das Srubenmadel von der Herrschaft vorbei.— Mlle. Pille. Das Stubenmädchen?— Tobias. Ja, Nani hat's g'hcißen. Mlle. Pille. Nani? Tobias. Wie ich's ang'schaut Hab' — ist mir so wor'n — ich kann's gar nicht b'schrcib'n — so, wisscn's — so g'wiß durch und durch — so wohl — und wie's vorbei- gangcn ist — ist mir d'Schaufel aus der Hand g'fallen, und Hab' ihr nachg'schaut, bis sie im G'schloß d'rin war — und dann wie ich wieder die jungen Bäum' Hab' einfetzen wollen, Hab' ich alle verkehrt ein- g'setzt, so daß d'Wurzel in d'Höh' g'stan- den ist, und der Gipfel eingrab'n war — der Gärtner hat g'meint, ich war verrückt, und ich war's auch seit dem Tag — alle Tag bin ich um's Schloß 'rumg'rennt und war schon glücklich, wann ich's nur einmal bei ein' Fenster derblickt Hab'. Mlle. Pille. Warum habt Ihr aber nicht eure Liebe ihr gestanden? Tobias. Ich Hab' ja selber nicht g'wußt, daß das die Lieb' ist — aber nachher, wie's fort war — o mein Gott! da hat's mi nimmer g'litten dräust, aber war die Nani a Madel — die Augen, die Aug — (sieht dabei Mamsell Pille gerade in s Auge, tritt einen Schritt zurück und läßt die Hände schlaff herabfallen). Mlle.Pille'(iächelnd). Nun, wasistEuch? II ! l i s, Tobias. Und das Lächeln— das liebe Goschcrl — wann's nicht a Grobheit wär' z'sagen, daß a Stubenmadel einer Frau Königin gleich schaut — müßt' ich's sagen, aber Sie — Sie sein noch schöner — sein viel besser g'färbt — aber — ich bitt' um die einzige Gnad', daß ich Ihnen recht lang und alleweil anschauen darf. — Mlle. P Llle. Nur zu, mein guter Tobias. (Hält ihm ihre Hand hin.) Tobias. O mein! die Hand — ja darf ich denn? — Ick weiß gar nicht, wie man so eine Hand anrühren muß. (Nimmt mit plumper Bewegung ihre Hand mit seinen beiden und küßt sie, dann in überschwenglichem Entzücken.) 0 Königin, das Leben ist doch so schön! 1 Fällt nieder vor ihr auf die Knie ) strau Königin! darf ich jetzt Alles sagen, was ich noch wünschet? Mlle. Pille. Steht nur auf. — Also, was wünschet Ihr? Tobias. Nummer Gins— ich weiß, die Nani ist daher in d'Stadt zogen — ich möcht' gern erfahren, wo sie ist, und sehen möcht' ich's. — Mlle. Pille. Der Wunsch soll Euch erfüllt werden, ich gebe Euch mein Wort darauf. — Tobias. Kann ick mich aber auch darauf verlassen? Mlle. Pille. Gewiß! — Nun, und was weiter? Tobias. Nachher — na, Ew. Gnaden Frau Königin haben ja g'hört, daß mich mein Herr abdankt hat — ich bin vazirend — wann ich so ein kleines Platz! bei Ihnen haben könnt. — Mlle.'Pille. Wollt Ihr Statist werden? — Tobias. Statist — was ist das? Mlle. Pille. Nun Einer, der nichts zu reden hat. — Tobias. Ach so Einer, der immer stat ist —- ja, solche Leut' soll's ja a Menge geben — und dazu hätl' ich wirklich viel Talent. Mlle. Pille. Nun, darüber wollen wir später noch reden, ich werde sehen, was sich thun läßt. — Tobias. Sie wird sehen, was sich thun laßt — diese echt königliche Antwort! Na, jetzt kann ich ganz ruhig sein, jetzt ist mir schon g'holfen. Zehnte Scene. Vorige. Ter Jnspicient, dann zwei Hofdamen. Der Jnspicient (kommt von der Bühne). Wir sind schon beim Krönungssaal — Sie treten auf— wo sind denn Ihre Hofdamen —mein Gott, muß man denn Alle rufen! (Eilt zur einer Garderobethür und ruft hinein.) Fräulein Schmal! — Fräulein Muck! Scknell — Frl. Schm all (mit Fräulein Muck her. austretend, Beide als Hofdamen gekleidet). Wir sind schon da! Mlle. Pille. Nun kommt mein Auftritt — Adieu indeß, mein Lieber! (Winkt ihni mit der Hand zu.) Tobias. Adies! laffcn's mich recom- mandirt sein — Ich küß' 's Kleid! (Küßt ihren Mantel.) Mlle. Pille (aus die Bühne ab, die Hofdamen folgen ihr) Tobias (macht ungeheuere Kratzfüße und Verbeugungen). Jnspicient (in seinem Buche nachsehend). Im nächsten Acte kommen die Hofherren alle, ich muß doch Nachsehen. (Geht in die Her. rengarderobe ab.) Tobias (welcher den abgehenden Damen ganz entzückt nachgesehen hat) Nein, nein, iH komm' noch gar nicht zu mir selber. — Nein, für die Königin ging ich in's Wasser — und wenn mein Herr— das heißt mein ehemaliger Herr, noch a Wort gegen sic reden will, so brack' ick ihn z'samm' wie ein' abg'standene Herbstfliegen! — Ich bin nur neugierig, was ich für eine Anstellung krieg. Jnspicient (kommt wieder zurück). Nein, das ist entsetzlich, nun fehlt wieder einer der 12 Statisten, und läßt sich im letzten Augenblicke krank melden, und sie sollen paarweise kommen, das ganze Arrangement ist gestört; bemerkt's der Direktor, so muß ich wieder Strafe zahlen—und es istschon bald an der Zeit — wenn ich nur schnell Jemanden fände. (Bemerkt Tobias, welcher rückwärts in Gedanken auf- und niederqeht.) Ab, da ist ja der Bediente des Verfassers — der Bursche hat eine hübsche Figur — wenn er's thäte — (Zu Tobias.) He, mein Freund! Tobias. Sie schaffen? Jnspicient. Sagen Sie mir, möchten Sie wohl einen Hofherrn vorstellen — Tobias. Wa-was — ich ein Hofherr — Jnspicient. Nun ja, es fehlt eben einer — Tobias. Ei — ein Hof—Herr — nein — nein — das ist zu viel — ich wär' schon hinlänglich z'frieden, wann ich Hausherr werden könnt' — aber Hofherr, dazu bin ich doch z'ungeschickt. — Jnspicient. Mein Gott! Als solcher haben Sie ja gar nichts zu thun, als in den Saal einzutreten, und Acht zu geben, was die Andern thun. Tobias. Was thun denn die Andern? Jnspicient. Nichts — Tobias. Na, das ist ja a recht a bequemes Brod — das triff ich schon. Jnspicient. Ein einziges Mal haben Sie mit den Andern zugleich zu rufen: »Es lebe die Königin!« Tobias. O, warum sollt' ich denn das nicht thun, das wär' ja schmutzig von mir, und ich rufe noch dazu recht gem; geb'ns Acht— (ruft). Es lebe die Königin! hock! Es lebe die Königin! hoch! Es lebe die Königin! Die Königin soll leben! Jnspicient. Bravo! Es versteht sich, daß Sie dafür bezahlt werden. — Tobias. Vivat — Jnspicient. Nun, gehen Sie nur in dieses Zimmer, dort finden Sie die Kleider und einen Gehilfen, der Sie anziehen wird, — und dann warten Sie nur hier, bis ich Sie zum Dienste rufe — ich muß indeß wieder hinauf! (Eilt aus die Bühne.) Eilfte Scene. Tobias (allein). Ich komm' gar nickt zu mir. — So g'sckwind ist noch gar kein Gesuch erledigt worden. Ich bin jetzt Hofherr! —und ver- muthlich wcrd' ich auch ein großen Wochenlohn bekommen, denn die Leut' werden ja gewöhnlich am besten zahlt, die am wenigsten zu thun haben. Aber wenn ich mich nur hineitrfinden kann — ah was! wem Gott ein Amt gibt, dem gibt er Verstand— (Ab in die Garderobe.) Zwölfte Scene. Federbart. Kralle. ^ Feder bart (kommt vrrzweiflungsvoll von der Bühne herab, zu Kralle, der ihn begleitet). Um Gottes willen! die klatschen ja nicht— der Vorhang ist nach dem ersten Acte lautlos ^ gefallen, wie ein Leichentuch — Kralle. Nur ruhig — nur ruhig! Sie werden schon in den folgenden Acten wärmer werden — der erste Act ist etwas matt — Federbart. Was man?!— Er ist gut, sehr gut, das muß ich besser verstehen, aber die Schauspieler haben die Rollen nicht ! aufgefaßt — dieser Herr Schreier spielt ja . wie ein junger Pudel! Und dann die Mademoiselle Pille— diese Königin— ah! — Kralle. Ja, das Mädchen hat kein Ta- f lcnt, das seh' ich deutlich. — Federbart. Wie konnten Sie sie dann engagiren? Kralle. Hm! Sie ist ein junges hübsches Mädchen, und bei diesen bin ich immer gern bereit, zu versuchen, ob sich nichts aus ihnen machen läßt. — ^ Fedcrbart. Ja, eine Mörderin ist sie j geworden — sie mordet das Kind meiner Muse. — Am Schluffe ihrer Scene hörte ich sogar ein Murmeln im Publicum — j 13 oh, mir war's, als wenn schwere Wetterwolken am fernen Himmel zu rollen anfingen — als ob ein Gewitter aufstiege — Director, ich sage Jbnen, wenn das so fort geht, wenn die Zuseher das Stück fallen lassen, so können Sie am Schluß meine Leiche hinaustragen lassen— und dem undankbaren Volke zurufen: »Hier seht das Opfer eurer Kälte — Eures verderbten Geschmackes.« Kralle. Mein Himmel! nehmen Sie die Sacke nicht so arg — ein Dichter muß etwas Leichtsinn haben — der Leichtsinn ist wie ein Gott, der erhaben über allen Un- glückssällen steht, und von Ihnen nicht berührt wird. Federbart. Der Leichtsinn—ein Gott? gerade umgekehrt, Gott machte aus Nichts Alles,und der Leichtsinn macht sich aus Allem Nichts! Aber ich bin nicht leichtsinnig, ich mache mir was d'raus, mein Stolz empört sick, mein Bewußtsein sträubt sich gegen diese Ungerechtigkeit, ich werde noch hinaustreten und dem Publicum sagen: »Ich be- daure, daß der Flug meines Geistes zu kühn war, als daß Sie demselben folgen konnten.« — Kralle. Pst! Pst! Bescheidenheit ziert den Dichter — Feder hart. Ei was Besckeidenheit, Goethe sagt: »Nur Lumpe sind besckeiden.« Kralle. Darum haben seit der Zeit sick alle Lumpe vorgenommen, Bescheidenheit zu meiden! — Aber warten Sie nur, jetzt kommen erst die Effectscenen, wenn ich auftrete. — (Sprechen leise angelegentlich weiter.) Dreizehnte Scene. Vorige. Tobias (tritt, von den Anwesenden unbemerkt, aus der Garderobe — er ist bereits im Kostüme eines Hofherrn, ein Garderobier folgt ihm). Tobias. So, bin ich einmal fertig? Garderobier (ist mdeß fertig geworden). Ja, aber jetzt warten Sie nur, bis Sie gerufen werden! (Ab.) Kralle und Federbart (kommen im Gespräch wieder vorwärts). Kralle. Jetzt kommt der großartigste Auftritt — Fedcrbart. Ja, jetzt wird die Königin vergiftet. — Tobias (entsetzt). Was hör' ich — meine Königin. (Schleicht den Sprechenden von rückwärts näher, fortwährend horchend ) Kralle. Da geben Sie nur Acht, wie schauererregend ich das geben werde. — Tobias (für sich). Ick Hab' jetzt schon eine Ganshaut! Federbart. Thun Sie nur so, wie ick es angegeben habe --- Tobias. Von ihm also kommt der Plan — O Du niederträchtiger Kerl! Federbart. Sie finden das Zimmer leer—das Abendmahl wird auf dem Tische stehen — da schleichen Sie auf den Zehen hinein — sehen sich sorgfältig im Gemache um, dann ziehen Sie die Fiole mit dem Gifte hervor. — Tobias (wie oben). Schrecklich das zarte Wesen soll mit einer Fisole vergiftet werden. Federbart.Träufeln es in den Becher — Kralle. Mit einem höhnischen Grinsen — sehen Sie — so! Federbart. Und dann — Kralle. Dann ziehe ich das Schwert — (zieht das Schwert und thut Alles, was er weiter sagt) gehe, die Spitze vorhaltend — mit starrem Auge der.Thür zu— da seh'ich einen Hofherrnund wie er Miene macht, zu schreien, stoße ich ihm das Schwert durch die Brust! Tobias (welcher mit offenem Munde zuge- hört hatte, hält schnell die Hand vor denselben; und springt hinter den Tisch, unter den er sich verbirgt). Feder bart. Ja— es wird — es muß Effect machen — auf Sie — setze ich noch meine letzte Hoffnung. — Kralle. Verlassen Sie sich auf mich, ich rette Ihre Ehre! (Ab mit Federbart aus dir Bühne.) 14 Tobias (streckt den Kopf hinter dem Tische hervor). Sein's fort? — (Erhebt sich und tritt vollends hervor.) Was für ein fürchterliches Complot habe ich da entdeckt. — Was soll ich thun? Meine Königin — mein' liebe gute Königin — (weinend) wollen's vergiften — O mein Gott! wann lch sie nur noch vorher sehet, daß ich sagen könnt', sie soll den Becher mit den giftigen Fisolen nickt anrühren — wenn ich nur wüßt', wo ste ist — (Geht, verzweifelnd die Hände ringend, aus und nieder.) Vierzehnte Scene. Tobias. Julius von Federbart. Julius (kommt durch die Hauptthür). Wenn ich nur Florwall träfe! Hahahaha! die Sache geht ja ganz nach meinem Wunsche — das Stück fällt durch — bereits nicken sie ungeduldig auf ihren Sitzen umher— jetzt fehlte nickts, als irgend ein tüchtiger Verstoß, um die Menge zum Ausbruche zu bringen, wenn ich jetzt einen Schauspieler träfe, so einen reckt fidelen Kauz, der sich bestimmen ließe — (Geht während dieser Rede auf und nieder.) Tobias (kommt gerade gesenkten Hauptes gegen Julius, so daß sie fast aneinanderstoßen. aussehmd). Stock an! Julius. Wer ist's? — Tobias (ihn betrachtend). O mein Gott! Herr Oberförster? — Julius. Seh' ich recht — Tobias — Tobias. Ja freilich, der Tobias, der Vetter vom Pächter Knoll aus Knüllhausen, wo Jhner Revier ist. — Julius. Ja, wie kommt denn Ihr hie- her, und in diesem Aufzuge (auf sein Lostüm weisend). Tobias. Ja — Schicksalsfügung — ich bin zuerst als Bedienter zu einem alten Herrn kommen, der accurat so heißt wie Sie. — Julius. Federbart? — also zu meinem Onkel — Tobias. Was? das ist Jbner Onkel— na, da haben Sie a saubere Verwandtschaft. — Julius. Aber wie kommt Ihr denn jetzt in diese Kleider? Tobias. Ich bin ja auf Ehr' Hofherr wor'n! Julius. Hahaha! Nun, ich gratulire zu dem Avancement — Tobias. O Gott! ick wollt', ick wär' nie so viel wor'n! Herr Oberförster — ist) Hab' eine Entdeckung gemacht — eine Entdeckung — aber Ihnen muß ich's sagen — es betrifft Jhnern Onkel. — Julius. Meinen Onkel —? Tobias. Stellen Sie sich vor—ick komm' vorhin da heraus — da steht mein ehemaliger Herr, Jhner Onkel— mit nock einem Kerl, der mir immer schon verdächtig war— denn er hat rothe Haar — und is ganz schwarz und roth angezogen. — Julius. Ha — das ist Herr Kralle. Tobias. Die Zwei — sie haben mich nicht bemerkt, haben sich g'rad verabredt, wie sie die Königin umbringen wollen. — Julius (ganz glkichgiltig). Nun, und was weiter? Tobias. Sie fragen noch, und was weiter? Herr Oberförster — ich bitt' Ihnen, stehen Ihnen denn bei dem Gedanken nickt die Haar zu Berg, wie ein' Stachelschwein — die Königin — diese liebe gute Königin — wollens vergiften. — Julius. Nun ja, auf dem Theater! Tobias (ihn anschknd). Theater? was ist das? Julius. Ja, wißt Ihr denn nicht, was ein Theater ist? Tobias. Hab' nie etwas davon g'hört. Julius. Nun—hier, das Haus, worin Ihr Euch befindet — Tobias. So, das heißt — Theater — Julius. Ja, und hier im Theater nur wird sie vergiftet. — 15 Tobias. Na ja, wenn man aber vergiftet wird, so ist's alleseins, wo man vergiftet wird, man wird halt hin—und ick, den sie g'rad zum Hofherrn gemacht hat, ich weiß d'rum, und i sich' da, und weiß mir nicht zu rächen, und nicht zu helfen — Herr Oberförster! Ich weiß, Sie sein ein braver Mann, um Gottes willen, rathen Sie mir, was ich thun soll, denn wann die Königin stirbt, so stürz' ich mich in's Wasser. Julius (für sich). Ha! mir kommt eine Idee! Habahaha! das kann den Spaß krönen und der Sache den erwünschten Ausschlag geben— hahahaha! Herr Onkel! Sie verzeihen schon, daß ich zu Ihrem Meisterwerke eine Scene hinzudichte, welche ihre Wirkung gewiß nicht verfehlen wird — hahahaha! Tobias (ihn erstaunt ansehend). Was?Sie lachen noch? — Juliu s. Ja, ich lacke — ich lache vor Freude, daß ich einen Bösewicht entlarven kann, und Euch — Erich soll es Vorbehalten sein — die Königin zu rettm. Tobias. O Gott! o Gott! das thu' ich mit tausend Freuden, meiner Seel', um sie zu reiten, trinket ich selber einen PfiffBlau- säure! Julius. Nein — nein, das ist nickt nothwendig — aber Ihr müßt den Bösewicht auf frischer That ertappen — Tobias. Damit er nicht läugnen kann. — Julius. Ich führe Euch jetzt auf einen Platz, wo Ihr gerade in das Zimmer der Königin sehen könnt, dort bleibt Ihr still und ruhig stehen, was auch vor Euch geschehen mag, bis der Giftmischer kommt, und das Gift in das Getränk schütten will, dann aber stürzt Ihr auf den Mörder zu, werft ihn zu Boden, und bindet ihm die Hände. — Tobias. O, mit Wollust! Wenn ich nur einen Strick hätt'. (Sieht sich um und bemerkt bei den Garderobrstücken eine Schnur.) Ah — da ist ja so was! (Nimmt die Schnur.) Oh die thut's — die thut's! — Julius. Nun kommt nur mit mir! — In diesem Augenblicke seid Ihr ein großer Mann, dem das ganze Volk zum Danke verpflichtet wird — denn Ihr bewahrt es vor einem gräßlichen Auftritte — gelingt Euch diese That, dann werdet Jbr reich belohnt. Tobias. Und die gnädige Frau Königin! die wird gar nicht wissen, was Sie Alles aus mir macken soll — o ich werd' noch ein ungeheuer großes Thier werden! (Beide ab auf die Bühne.) Fünfzehnte Scene. Federbart. Schreier. Moos. Fcderbart (stürzt, nachdem das Theater einen Augenblick leer geblieben, von der Bühne herab, indem er sich die beiden Ohren zuhält). Was war das — entsetzlicher Laut. — Moos. Nun, die Vöglcin fingen zu zwitschern an. — Federbart. Gezischt war es — gezischt — oh — ich dachte, es zerrisse mir die Obren. — Moos. Ja, daran müssen die, welche am Thespiskarren ziehen, sich eben so gewöhnen wie die Fuhrwesenpferde an den Kanonendonner. Federbart. Daran sind Sie Ursache— Sie und Herr Sckreier — Sie haben die Scene so miserabel gespielt — Sie sind in nichts gehörig cingedrungcn. Moos. In nichts — dann sind wir ja eben in Ihren Geist eingedrungen. Federbart. Herr! werden Sie nicht anzüglich — ich glaube gar, Sie wollen jetzt dem Stücke die Schuld geben, waren Sie bei der Vorlesung desselben nicht selbst ganz begeistert? 16 Moos. Ja wohl, weil Sie uns dabei mit Champagner regalirten — hahaha — da fanden wir wirklich viel Geist — hahahaha! Schreier (lacht mit). Federbart. Lacht nicht—Ihr, die Ihr meinen Geist gemordet! O, wie wird das noch enden, ich traue mich gar nicht mehr auf die Bühne hinaus — o, wenn ich nur jetzt nicht lebte — nicht fühlte — o — gebt mir Sckwefeläther, Chloroform — damit ich den Schmerz ertrage. (Sinkt in den Divan.) Moos. Hahaha! — Ist wieder Einer abgebrannt! Schade, daß es für solche Abgebrannte keine Assecuranz gibt! — (Man hört plötzlich von der Bühne her Getöse, Geschrei und Lärmen, dazu das grelle Pfeifen und Lärmen des Publikums.) Federbart (in die Höhe fahrend). Um Gottes willen! Was ist das? Moos. Je nun, das Publicum ist wie eine Schaar von Bergknappen, es versenkt sich wie diese in einen Schacht, um gediegenes Gold zu finden, wenn es aber statt dessen auf Wasser stoßt, so legt es ein Pochwerk an! (Der Lärmen wird immer heftiger.) Sechzehnte Scene. Vorige. Kralle, Florwall', Tobias, Mllc. Pille, alle übrigen Schauspieler und Schauspielerinnen (stürzen in bunter Derwir- rung von der Bühne herab). Kralle (welchen Tobias noch immer fest am Kragen hält). Um Gottes willen, befreit mich von dem Wahnsinnigen! Tobias (eine Hand an Kralle's Kragen, in der andern den gezückten Degen haltend). Komm' mir Keiner in die Näh' — ich laß' den Giftmischer nicht los. — Kralle. Er erwürgt mich — Mlle. Pille (hinzueilend). Tobias, lassen Sie ihn los. Tobias. Ah! wann Sie, gnädige Frau Königin — befehlen — so lege ich mein Opfer zu Ihren Füßen nieder. (Beugt Kralle gewaltsam zu Mlle. Pille's Füßen, setzt ihm einen Fuß auf seinen Nacken, und steht, sich auf seinen Degen stützend, in einer plastischen Attitüde da.) Federbart.Aber um's Himmels willen — was soll denn das Alles bedeuten, was ist denn geschehen? Kralle (welcher fick, erhebt). Entsetzliches! Noch nicht Vorgekommenes! Stellen Sie sich vor — die Vergiftungsscene kommt, ich gehe mit dem ganzen Aufwande meiner Meisterschaft mit dem Giftfläschchen auf den Becher zu, da stürzt dieser Mensch mit einer wahren Stierkrast aus der Coulisse auf mich zu, wirft mich zu Boden, und will mich binden, das ganze Publicum bricht in ein Geheul aus, gemischt aus Gelächter — Gepfeife — Gepolter — Tobias. Ja — das ganze Volk hat so a Freud' d'rüber g'habt, daß i die gnädige Frau Königin g'rett' Hab', daß's in der Geschwindigkeit gar nicht gewußt hat, mit was es mir etwas Angenehmes erwiedern soll, und da hat's mir die schönsten Aepfel — Nuß und Pomeranzen hinaufgeworfen. — Der ganze Saal hat wie der Naschmarkt ausg'schaut — da — da Hab' ich so a paar aufklaubt — als Andenken an den Triumph! (Zieht einige Aepfel aus der Tasche.) 'S ist g'rad als ob mir's Christkindl was eing'legt hätt'. Kralle. Der Souffleur ließ schnell den Vorhang fallen — denn an ein Weiterspielen ist natürlich nicht zu denken. — Federbart. Das ist meines Lebens letzte Stunde—Ottokars Glück und Ende! (Sinkt wieder in den Divan.) 17 Siebzehnte Scene. Vorige. Julius von Federbart, dann Emilie. Julius (eilt von der Bühne herab, in dem Augenblicke, als er die Thür öffnet, hört man wieder von außen Lärmen und Toben und den Namen: »Federbart- rufen). Onkel! Onkel! Federbart. Ist der auch da — Julius. Um's Himmels willen, Onkel — das Publicum will den Verfasser seben, mitten unter dem Gepfeife tönt Jbr Name heraus — Sie geben sich nickt zur Rübe — gehen Sie doch binaus. Emilie (eilt durch, die Hauptthür herein). Herr Vormund! Herr Vormund, ich hielt's in der Loge nicht mehr aus — man will durchaus Sie haben, die Leute drohen die Bänke zu zerbrechen — Kralle. Meine Bänke, ich habe die Polster erst frisch schottern lassen — Herr von Federbart — ich beschwöre Sie, gehen Sie hinaus — es ist gleich überstanden. Federbart. Nicht um eine Million! Kralle. Was wollen Sie denn, man paßt Ihnen am Ende auf der Straße auf, und insultirt Sie — Federbart. O Gott, o Gott, wer rettet mick, ich will's mein Lebtag nicht mehr thun — aber rettet — rettet mich vor der Schande, mein halbes Vermögen dem, der mich aus dieser Lage befreit. — Julius. Onkel! Ick will Sie retten— Federbart. Du— wie ist das möglich? Julius. Ich heiße ja auch Federbart — ich trete hinaus an Ihrer Statt — ick bekenne mich als Verfasser des Stücks, und leiste des mißlungenen Versuches wegen Abbitte. — Federbart. Du— Du— o Engel! Engel! (Will ihn umarmen.) Zum ersten Mal im Theater. Julius. Halt, ich bringe aber dieses ungeheure Opfer nur um einen Preis — Federbart. Ford' — ford're — ich gewähre Dir Alles. — Julius. Sie geben Ihre Einwilligung zu meiner Vermälung mit Emilien. — Federbart. Emilie? — Nein — das nicht — (Heftiges Getöse von außen und Rufen : »Federbart! Federbart!- Julius (declamirend). 'S ist Simon und Juda, Da braust der See, und will sein Opfer haben. Federbart. Nun denn — in's Teufelsnamen — ick segne Euch! Julius. Emilie! Du siehst, was ich für Dich zu thun im Stande bin — (Zu Kralle.) Lassen Sie aufziehen! (Eilt mit Florwall aus die Bühne.) Mlle. Pille (ist inzwischen in ihre Garderobe abgeeilt, und kehrt nun im einfachen Kleide zurück). Tobias. Aber wo ist denn die Königin hinkommcn? Sie hat mir ja versprochen, daß ich heut'noch meine Nani sehen soll — Mlle. Pille (vor ihn hintretend). Hier siebt sie vor Dir, mein treuer Tobias! Tobias. Nani! Nani! Sie da? Und wo ist denn die Königin? Mlle. Pille. Ich bin es selbst — was Jbr gesehen, war ja nichts als eine Komödie. Tobias. Aber Nani! mir war's mit Ihnen Ernst, auck wann's keine Königin sein. Kralle. Macht mit der Mademoiselle, was Ihr wollt, von mir aus ist sie entlassen. Tobias. Nani, kommen's her, es ist ein Erdbeben. (Pause, Stille, dann Applaus.) Federbart. Ack, Applaus, wie gut hätte ich den brauchen können, aber es sollte nicht sein. 18 Achtzehnte Scene. Vorige. Julius. Florwall. Julius (kommt mit Florwall zurück). Es ist überstanden, der Sturm hat sich gelegt — und nun wird aus dem Trauerspiele ein Lustspiel — denn die Liebenden werden vereint! (Umarmt Emilien.) Du, Tobias, hast die wichtigste Rolle gespielt — ich will Dir dafür eine kleine Bauernwirthschaft einrichten. Tobias. Ja, ja— Herr Oberförster, und die Königin wird meine liebe Bäuerin. Federbarl. An den Tag will ich all' mein Leben denken — ich war heut' zum letzten Male in einem Theater. Tobias. Und ich zum ersten Mal! aber ich dank' meinem Himmel, daß ich's überstanden Hab'. Gruppe. Der Vorhang fällt. Akk " „ in s Zmihm. Lukspiel in einem Anszuge, nach dem Französischen -er Herren Leinde und veleslre-koirson frei bearbeitet von Herzenskron. Aufgesührt im k. k. Hofburgtheater. Alfred von Nosenthal. Amalie, seine Gattin. Baron St. Elme, ihr Oheim. Personen r Crescendo, italienischer Kompofiteur. Toms, des Barons Gärtner. Die Handlung spielt auf des Barons Landhause in der Nähe des neuen Irrenhauses vor den Thoren von London. Das Theater stellt einen englischen Park vor. Statuen und exotische Gewächse aller Art auf beiden Seiten. Im Hintergründe sieht man ein Gitterthor, welches einen daran stoßenden Garten schließt. Links im Vorgrunde eine Laube, rückwärts der Eingang in den Park auf derselben Seite. Rechts ganz vorne eine große Trauerweide, an deren Fuße sich eine Rasenbank befindet. Erste Seene Baron. Amalie. Crescendo. Die beiden Letztern sitzen auf der Rasenbank und halten Singlektion. Der Erste« steht etwas rückwärts und hört ihnen zu. Cresc. Vs bonono, son oont6iUi8- 8imo! Der heutige Lection ist gegangen a meravi^lia. Amalie. Wenn nur die Schülerin ihrem Meister keine Schande macht. Cresc. ?er vio, no! Seinds mi meiner beste Scolara! ik weiß ik nit in ganze Stadt, wer sich kann para^o- nsrv con lei. Sie Habens Stimm von Natur und Methodo von mi; mehr brauk der Mensch nicht zum Sing. Wiener Theater-Repertoir. X. Wenn er hat dieser beiden Sack, er kann osntare 6a pertutto. Baron (hervorrrrtend). Signor Crescendo; unter Ihrer Anleitung soll es, hoffe ich, meine Nichte recht weit bringen. Ja gewiß, ein Talent wie das Ihrige, Herr Kapellmeister, kann nur gute Schüler machen. Wie kömmt es aber, daß Sie, dem doch die ganze Welt offen steht, bei uns in England bleiben? Cresc. Hat seine guten Ursak! ik bleiben hier; in Frankreich die Kunst wird bewundert, in England, sie wird bezahlt. Uebrigens,Herr Baron, ein Genie, wie ik, ist überall zu Haus. Ik komponir' prima vists, ik instruir' prima 2 vists, ik singen Alles prima vists, und ik essen auch prima vists. Baron. Ganz recht! Man erkennt ihn auch für einen Narren prima vists. Cr esc. Lccolo per l'apunto! 2k Iruistücken in Bedlam, ik speisen zu Mittag in Sontaryck, ik essen auf den Abend in Tudorhall — und mein Genie werden überall satt. — Aber senra eerimonio, bei Ihnen 8i»nor Lsrone, bei Ihnen mir schmecken am allerbesten; bei 2hnen man kann trovare Alusics ilalians, englische Guinee! französische Kalsntcris, wällsche Illgcsroni! und in 8omms, tutto ljuei elio si eorea per den vivere. Baron. Es freut mich, Sie so zufrieden zu finden; ist die Singstunde für heute schon zu Ende? Cresc. Last» per oZ^i! 8i»nora v latiesls! Io me ne vsdo per linire die kleine Romanza, die ik werden de. dizir sll'amabilissims 8iANora mis 8eo- Isrs; Aber erlauben Sie mi, daß ich darf fragen, ob ich soll setz' auf die Titelblatt Nsdama oder NsdsmiSolls? Baron. Ich dächte, das ist einerlei! Cresc. I'utto si' contrario ! öi- soßma mettere in ^rossi Buchstabe, dedicsto (ial suo riverito, riveritissi- mo 8ervo, vomenico, 8teffano, ?so!o, Lristolloro Crescendo, slia stimats, stimatissims 8i^nora eeeters, ece- ters —-ma eko ver^o^na, ik gebenß schon ganzes Monat Lection an 8iSnors, und ik wissen noch nit, ob sie sein iUsdsms oder AIsdamiKolls. Baron. Nun sehen Sie, lieber Crescendo, das beweißt gerade, daß es Ihnen beim Unterrichte keineswegs hinderlich war; und so mag es auch in der Folge bleiben. Cresc. !Ua la vediesrnono! ik weiß nicht! — Sie verzeihen meine indis- eroLionc — meiner Zudringlichkeit. — Baron. Es ist nicht die erste — und wir sind gute Freunde, es soll auch nicht die Letzte sein. Cresc. vunque — ik setzen auf Titelblatt : s Alsdsmi^ells! Baron. Gerade das Gegentheil — a Nadamo Is Oomtesso ^mölio. — Cresc. ^ Llsdams! Ist anderer Osso! Und der 8i^nor Oontc, il 8i§nor 8poso — ik haben nok nit die Ehre zu kennen! Ist das glückliche Mann, zu besitz' so amsdilissims 8>§nora, — ik non son curioso, aber seinS schon lang maritsta —? pcr dio, hatten ik schon gehabt il piacoro di conosooro, ik hätten componir uns 6sntsta per Cr esc. Signore! Weil Alles sein wieder bei Verstand, ick werden esn- ^ tsro 1s mis ^ris! ö Baron. Ein andermal, Herr Kom- H positeur; wir wollen ihn nicht gleich wieder verlieren. < Am alte. Nun hoffe ich, bleibst 5 Du bei mir? Alfred. Um Dich nie mehr zu verlassen! Im Arme der Liebe will ich Ersatz für alle Freuden finden, die ich bis jetzt vergebens im wilden Strome der Zerstreuungen suchte. . Der Vorhang fällt. Wien 18S3. Druck und Verlag von I. B. Wallishausser. Mittler nil>> Ichissmifter. Posse mit Gesang in zwei Acten, von Friedrich Kaiser. Musik von Herrn Kapellmeister M. Hebenstreit. Aufgeführt im k. k. priv. Theater in der Leopoldstadt. Personen r Fr i ed rich von Po lle nd o rf, Obrist und Gutsbesitzer. Mondberg, Auditor außer Diensten. Roll mann, Verwalter. Eschberg, Förster. Körndl, Müllermeister und Ortsvorstand. Kunigunde, seine Schwester. Wtrbl, Schiffmeister. Rosi, seine Tochter. , . Basilius Himmelblau, Aushelser in der^ 2^r. Dorfschule. I Mühlknappen. Dienerschaft. Landleute, re. rc. Fritz Poll, j _ Tobs, j ^gerbursche Fest, Nachtwächter. Mich!,) Jakob.j Muhlknappen. Martin, ein Bauernbursche. Jean.) Behüte des Obersten. Jak, Erster Act. Gebirgsgegend. Im Hintergründe stürzt ein Gießbach herab und treibt dadurch das Rad der am Ufer stehenden Mühle. — Gleich neben der Mühle steht das Wohngebäude des Müllers, mit der Aufschrift: „Ortsgericht." Erste Seene. Mühlknappen sind beschäftigt Säcke aus- und einzutragen. Andere sitzen vor dem Eingänge der Mühle bei einem Tischchen unter einem Baume und frühstücken. Wiener Theater-Repertoir. XU« Chor (während das Klappern der Mühle durch die Musik ausgedrückt werden muß). A lustiges Leben herob'n in der Mühl, 'S Herz wird am nit traurig, 's Blut steht am nit still, In aller Früh hört-man in'S Thal schon hinab Das Mühlradl plaudern: klipp, klapp und klipp, klapp l Das hören die Dirnd'ln, und manche >> schaut h'rauf, 1 2 Da steigen wir Mühlknappen lustig herauf, Und grüßen und winken recht freundlich hinab. Dann schlagen die Herzerln wie die Mühlen klipp, klapp! Michl. D' Fruhstund is schon vorbei, jetzt heißt's wieder an d' Arbeit gehn. Jakob. Ja, geh'n wir an d' Arbeit — meiner Seel! ich bin völlig stolz d'rauf, auf unser G'schäft; denn a Müller kann doch mit Recht sagen: er opfert sein Leben für die Nahrung seiner Mitmenschen. Na kommt's, es muß frisch aufg'schütt' werden. (Alle ab in die Mühle). Zweite Scene. Schiffmeister Wirb! kommt von seitwärts. Lied. A Schiffmeister bin ich und bleib's noch a Wal, 'S is a wasserig's G'schäft, das is freilich fatal, Von der Mutter Natur is das wirkli nit schön, Warum kann die Donau aus Bier nit besteh'» ? I trink gern — und das nehmen mir übel die Leut, 'S iS klar, daß's ein' Schiffmann im Trocknen nit g'freut. Daß i liederli bin, macht auch Viel'n an Verdruß, Ja, 's Flottwerd'n ist's Erste, worauf ich schauen muß. 'S gebt mir nit gut bei mein'G'schäft, das is wahr Daß a Schiffmann bei Allem viel Pech hat, ist klar. Mei Cassabuch, wenn ich's in d' Händ öfters nimm, Da sieh ich, daß ich ohne Schinackl schön schwimm! Das Schiffshandwerk, das versteh' ich halt perfekt, D'rum Hab ich mich tüchtig auf's Pumpen verlegt. Jetzt muß ich den Kunstgriff halt auch recht versteh'n, Und suche» den Mant'l hübsch nach'n Wind zu dreh'n. Ich muß g'steh'n, 's wird mir a bißl entrisch zu Muth, wann ich die Wazzill'n meines Lebens betracht; ich hab's a bißl z'stark schieß'n lafs'n, und jetzt ist's in den Strudl einer bedeutenden Geldverlegenheit einikommen, wo die Felsenriff' unerbittlicher Gläubiger rund umasteh'n, ein eselhasteß G'säus machen und die ganze Ladung in Abgrund zieh'n woll'n. 'S Wasser rinnt mir schon schön in's Maul — ich Hab' auf Ehr' schon an ein' Strick denkt, (mit der Pantomime des Aufhängens.) wann mir nit aufeinmal a Rettungs-Tau zug'worfen wurd. Mein Schwiegersohn, der steht fest, der könnt' mich schon auf der Höh' erhalten — aber, mei Tochter, die soll das Ret- tungsthau auffangen — 's hat aber bis dato noch immer dabei ein' Faden. Jetzt muß ich aber schau'n, daß ich festen Ankergrund find; mit dem verdammten Windfeiern der Ueberle- gung kommt man zu nir. — Aha! mir scheint, mein Loots' kommt — jetzt heißt's zuhirudern! Dritte Scene. Wirbl. Körndl. Körndl (kommt aus seinem Hause). Ha, Schiffmeister Wirbl! Was für a Wind führt Euch daher? Wirbl. Wind? — Ja, 's schaut verdammt windig aus mit mir — 's plödert mich ordentlich von allen Seiten durch. — Schwiegersohn! mei Fahrzeugs is z'leicht, ich brauch ein' frischen Ballast — so a hundert Stauer — (Geld zählend). s Körndl. Was? schon wieder a Geld? — Za, glaubt's denn Ihr, ich leid' am Rheumatismus, daß ich in einemfort schwitzen soll? Das greift mich ja z'stark an. Wirbl (für sich). Ich muß'n a bißl steig'n lass'n (laut). Na, na, Schwiegersohn, Zhr seid's a vernünftiger, g'scheidter Mann — Körndl (selbstgefällig). Der g'scheid- teste Mann im ganzen Ort—daß ist bekannt. Wir bl. Na, so müßt's auch ein Einsehen haben — hört's mich nur an! Zhr habt's mir 6000 fi. versprochen, sobald Zhr mit meiner Tochter versprochen werd's — Körn dl. Za, und Zhr habt's Euch sogar schon 1000 fl. ü Conto herauö- genommen. Wirbl. Na alsdann — da bleiben noch all'weil 4000 fl. auf ziz'lweise r, Conto-Herausnehmungen. K ö r n d l. Da will ich aber nir mehr davon wissen. Zhr kriegt's das Geld ganz, sobald ich Eure Tochter heirath. (böse) Zch weiß eh nit, wo ich die Geduld hernehm' — ich, der reiche Müllermeister, Richter—der g'scheid- teste Mann im Ort — ein sauberer Kerl — und werd' von der Schiffmei- sterischen nit erhört! das ist ja was Unerhört's! — Was hat sie an mir auszusetzen? Trennen uns vielleicht Standesverhältnisse? Wirbl (für sich). Ja, der verschiedene Stand des Alters, und das ist das fatalste Standesverhältniß, was die meisten Verhältnisse trennt. Körn dl. Unser Stand ist so ziemlich gleich; denn a Müller und a Schiffmeister haben dasselbe Lebensmittel — leben alle Zwei vom Wasser. Wirbl. Ja, 's ist nur der Unterschied, daß Euch 's Wasser schon zum Wein verholfen hat, und daß's m i ch jetzt wollen bei Wasser und Brot leben lassen. Ich Hab' zwar zu zahlen versprochen; aber meine Gläubiger sein Alle so ungläubig, und weil ich so locker steh', wollend mich festsetzen. Aber ich mag mich nit einsperrn lassen—Kruza Danabam! ich nit. Körndl. Za, ob Zhr wollt'- oder nit, darnach wird wenig g'fragt werd'n. Unter dem Corps der Eing'sperrten gibt's gar keine Freiwilligen. Wirbl (seinen Hut in der Hand umherdrehend). Oh, wann ich just will, so gibt'S schon noch a Mittel — ich hält' schon so ein's — hm! wenn Ihr nit helfen wollts, hilft schon ein Anderer. Körndl. Ein And'rer? — Na warum kommt's denn nachher zu mir? Zn der Beziehung will ich Niemand vorgreifen. Wirbl. So? glaubt's g'wiß, Ihr seid's der Einzige, dem mein Madl g'fallt? Ha, ha! Wann das Madl a bißl z'sammputzt ausgeht, ist sie eine Augen-Oparateurin für alle Männer — sie sticht ein' Jeden in 'd Augen. Körndl (stutzt). Was — Eure Tochter, die Rost — und ein And'rer, der Euch hilft — ? Wirbl. Ja, ich darf ihn nur auf Freier-Fuß stell'n, so steh' ich auf freien Fuß., Körndl. Himmelsapperment! — und wie viel braucht Ihr? Wirbl (für sich). Aha! zünd't schon. — (laut, ganz gleichgültig). 200 fl.—ich muß's hab'n. Körndl. Und ich muß's auch haben — die Rost nämlich — und L00 fl. — a verdammte G'schicht! Und der Andere — wer ist der Andere? — Auf Ehre, traut's mir nit — wenn der Löw' wüthig wird — Wirbl (für sich). Hahaha? der Müllerlöw! Körndl. Aber ich merk' schon, Ihr wollt s mich reitzen — aber ich — ich bleib kaltblütig — ganz kaltblütig, (sich mühsam bezwingend), Hm! waS ist 1 * 4 denn auch an Eurer Tochter so ganz Besonders, daß ich d'rüber ganz den Verstand verlieren könnt? Wirbl. Ja freilich, und das müßt wirklich was ganz B'sonders sein, bis Ihr den Verstand verlieren könnts. Mei Tochter — natürlich — wegen die Paar feurigen Aeugerln — Körn dl. Feurig? Za, das muß ihr der Neid nachsagen, feurig sein's! (für sich). Oh! aus ein' -rennenden Kornboden kann 's Feuer nit feuriger -ei den Dachfensterln herausschlagen. Wirbl (immrr ganz gleichgültig scheinend, aber Körndl dabei von seitwärts sixirend). Und die rothen Backerln — Körndl (immer verzückter werdend). Ja, und auf jeder Seiten eins — so wie die Pfirsich, wann's recht zeitig sein und schon aufspringen wollen — mm! (bläst beide Backen auf und tätschelt sich mit der Hand darauf), delicat! Wirbl. 'S Göscherl ist zwar auch nit übel — Körndl (ganz verklärt). 'S Gö-- scherl! das liebe Göscherl! was von der Natur ein ausschließendes Privilegium auf eine verbesserte Art von Busserln zu haben scheint — und dann daß rundelte Kinn mit dem Grüberl — und der weiße Hals — und ein Anderer! ein Anderer! — Ha! wenn der mir unterkommt — mich juckts in allen Fingern — ich krieget einen heftigen Ausschlag (mit der Pantomime von Schlägen—plötzlich Wirbl am Arme fassend). Wirbl — Wirbl — der Herr hat in mir einen Wirbel der Gefühle erweckt, der meinen Verstand so lang im Kreise herumdreht, bis er ganz damisch wird. Ich will mir's überlegen — ich will schau'n — kommt's! Vielleicht — wenn Ihr mir versprecht's, den Andern hinauszuwerfen, werf'ich Euch auch was aus — kommts, kommts mit mir! (zieht ihn mit sich ins Haus). Vierte Seene. Basilius Himmelblau (karikirt schwärmerisch gekleidet, einen Strohhut auf dem Kopfe, offenen zurückgeschlagenen Hemdkragen, einen Blumenstrauß an der Brust). Lied. Arkadien! Arkadien! als Du noch bestanden. Warum war Basilius da noch nicht vorhanden ? Ihr Schäfer dort mitten unter Schafen darin, Dort hin nur g'hört' ich mit mein zärtlichen Sinn. Ihr Daphne und Phillis in duftenden Auen, Die nur auf das Herz — nicht auf'n Geldbeutel schauen, Ihr wär't so für mich — ach, ich gräm' mich zu Tod, Das alles Idyllische jetzt kommt aus der Mod. Damals durfte man nur sich ein Böck- lein erschlagen Und's abzog'ne Fell als Bonjourl fesch tragen, Jetzt bringen auch Böcklein Ekn'm Kleider in's Haus, Doch ziehn' sie dafür fast Ein'm selber d' Haut aus. Damals wohnt' man in Grotten, um- laubt von Jasminen, Und's ist auf Michäli kein Hausherr erschienen, Wann i jetzt auf'n Zins denk' — ja ich gräm' mich zu Tod, Daß alles Idyllische jetzt kommt aus der Mod'. Es ist sonderbar, daß man grad' das Zeitalter daß goldene nennt, wo das Geld noch gar keinen Werth gehabt hat, und das jetzige das erzene, wo doch nur Gold regiert, und dieser Regent ist ein Tyrann; denn wie viele Leut' verlieren nicht wegen ihm den 8 k Kopf? und die süßesten, harmlosesten Freuden — die ganze Jdyllität hat er uns geraubt. — Ich will nur von meinem Element — von der Liebe, reden. Wie billig ist damals eine Liebschaft zu stehen kommen — und wie boch jetzt! — Wenn damals Dämon seiner Phillis die Liebe gestehen wollte, suchte er sich das Schönste von den Fluren —jetzt muß man das Schönste aus irgend einer Galanterie-Handlung holen, um nur für galaitt zu gelten — und dann, wenn Phillis ihren Ausgang hatte, führte sie Dämon auf die mondbeschienene Flur, wo kein Entree zu zahlen war — zu einem murmelnden Felsquelle — jetzt muß man sie in einen von tausend Apollokerzen beleuchteten Saal gegen 1 fl. C. M. Entree führen, wenn sie nicht selbst über die Schmutzigkeit murmeln soll. Damals traktirte Dämon die Phillis mit keinen andern Erfrischungen als mit vom Zephir servirten Flurendüften und einer halben Portion Thautropfen — jetzt muß es ein Fasan sein mit wallischem Salat. Damals setzte Phillis ihrem geliebten Dämon aus Erkenntlichkeit einen Blumenkranz auf die Stirne — und was wird jetzt so manchem damischen Anbeter auf die Stirn gesetzt? — O es überläuft mich ein poetischer Schauer, wenn ich diese Parallele verfolge. — Aber es ist jeder Mensch sein eigener Schöpfer; denn jeder schafft sich seine eigene Welt —gut! ich will mir auch meine Welt schöpfen—eine arkadische Welt soll aus demselben Materiale wie die große entstehen — nämlich aus Nichts! dieses Nichts trage ich bisher wohlverwahrt in meinem Geldbeutel; aber die Liebe soll ihn füllen — und noch dazu eine platonische Liebe; denn wenn der Gegenstand der- lelben bereits seit einiger Zeit das 36 . Lebensjahr überschritten hat, so läßt er sich füglich nur mehr platonisch lieben. Aber dann will ick mich zurück ziehen von meinem bisherigen Berufe, will Ruthen und Patzenferl ruhen lassen; will hinaus aus den dunstigen Schulstuben, will mir am stürzenden Felsbachein Häuschen bauen, umrankt von süßen Reben, in deren grünem Laub die Taube koset — und dort nach Geßnerischer Anleitung ein arkadisches Leben im idyllischen Nichts- thnn verträumen. Fünfte Deerre. Basilius. Körndl. Wirbl (kommen zurück). Wirbl (steckt eben mehrere Banknoten in seine Brieftasche, für sich). Hab's richtig aussa kitzelt, die zwa Hunderter. K o r n d l. Aber Schwiegervater! Ihr habt's mir ja noch gar nit g'sagt, wer der Andere ist! Wirbl. Zn was denn? — Das macht nur übles Blut — z'fürchten habt's nir mehr von ihm, (für sich ) bis ich wieder was brauch (laut). Und nur discret sein, das is mei Sach'. Körndl. Ja, Hab' grad' a Prob g'habt von Eurer Diöcretion. (Basilius bemerkend). Ah, der Herr Schulg'hilf! Basilius. Ja, der Schulg'hilf, der eben in der Schule des Lebens bei dem Kapitel der Abänderung hält — ich will nämlich just die einfache Zahl meiner Individualität in das Plural abändern, d. h. aus dem Pädagogischen in's kurze, bündige Deutsch übersetzt: Ich will diese Hand dahier in eine andere zartere legen, und dieses Paar Hände mit den Rosenguirlan- den ehelicher Liebe verknüpfen. Kö rndl. Sie drucken sich verdammt dichterisch aus. B a s i l i u S. Ja so geht's schon, wenn man verliebt ist, und es ist eigentlich ein sehr schlechtes Compliment für die Dichtkunst, daß jeder Mensch gerade in der Lebensperiode zum Dich- s ter wird, wenn er am dümmsten ist, d. h. wenn er recht narrisch verliebt ist. Dieser poetischen Dummheitöstim- mung bin ich mir auch bewußt, (schwärmerisch). Ja, einem Herzen ist sie entkeimt, der Liebe duftende Blume, und ich hege schwägerliche Absichten für Sie, hymenäische Projecte für Ihre Schwester. K ö r n d l. Was? was? für mei Schwester? Basilius. Ich wundere mich nicht, daß Sie sich darüber wundern; aber Liebe ist Geschmackssache; und ich hoffe, Sie werden Ihrer Schwester diese Sottise nicht anthun, mir dieser Geschmacksrichtung wegen einen verdorbenen Geschmack zuzutrauen. Körndl. Nein, nein! von dem red' ich nit — mei Schwester ist auf ihre Jahre noch sauber g'nug — das liegt schon so in unserer Familie — und sie war' noch sauberer, wenn sie sich nit in einemfort so herunter kränket. Basilius. Das eben gibt ihr ja so was Idyllisches. Diese gewöhnlichen, Gesundheit strotzenden, rothba- ckigen Madeln hier am Land sein ja wahre Auöhängschilder der Prosa — aber bleiche Wangen, feuchte Augen, stiller Gram im Antlitz und ein Sehnen nach Jenseits, das ist der frauen- zimmerliche Anzug nach dem Mode- lournal der Poesie, das ist die Salon- Kleidung ätherischer Gefühle. Körndl. Aber es hat bei ihr noch ein anderes ?ii8i — Basilius. Macht nir — ich hei- rath' sie. Aber ich weiß schon was, Sie meinen g'wisse Sagen der Vergangenheit , von denen ewig neue, mit Zusätzen vermehrte Auflagen zu verbreiten, die alten Weiber dieses Ortes beflissen sind. Wirbl. Aha, das ist die G'schicht! wie ihr Vater vor etliche 20 Jahr sich durchaus eing'bild't hat, sei Madl muß a vornehme Erziehung kriegen, und wie er's in d' Stadt in die Erziehungs-Anstalt g'schickt hat. K ö r n d l. Na ja — ich red' nit gern davon. Sie war kaum 2/4 Jahr dort, so ist sie auf einmal verschwunden g'wesen — Wirbl. Ja. und nachher hat man a ganzes Jahr nir g'sehen und nir g'hört von ihr und ihr Vater, der alte Müller, hat sich so lang herunter kränkt, bis er todtskrank word'n ist - Ba silius. Deßwegen, weil sie fort war? — Sonderbar! Andere Eltern kränken sich d'rüber, wenn ihre Töchter zu lang im Haus bleiben — Körndl. Und da hat unser Vater sei Testament gemacht und hat sie enterbt. Basilius. Jetzt das ist eigentlich das schrecklichste Msi, was Ihre Bruderliebe herausradiren sollt'. Wirbl. Und wieder alte Herr just schon hat absegeln woll'n da ist sie auf. einmal wieder kommen — hat g'flennt und g'want und hat um Ver- zeih'n beten, und der Alte hat ihr im Sterben auch noch verzieh'» und hat's g'segnet und ist g'storb'n — aberaus'n Testament war's halt doch einmal aus- g'lassen. Körndl. Ah was! das Testament war der letzte Will'n von unser'm Vater, aber nit der meinige, und wann ich alser Lebender ihr mei' halbet's Vermögen abtretet, nachher möcht' ich seh'n, welcher Verstorbene da waS d'rein reden möcht'. Basilius (gerührt). Und das — das wollten Sie? — O edler Mann! wirklich, diese Großmuth, sie rührt mich, als wann'ö mich selber anging (umarmt ihn). Das halbste Vermögen! — Ein ganzes Lempe öffnet sich vor meinen Blicken. Körndl. Aber sie will ja nit — sie hat g'sagt (mit weinerlicher Stimme). ! Bruder, hat's g'sagt, ich bin nit wegen mein' Vermögen kommen — nein! ich Hab uur sein' Segen wollen, hat's g'sagt — Bruder — hat's g'sagt — b'halt nur das Ganze, ich bleib' bei Dir und werd' Dir d' Wirtschaft führen — hat's g'sagt und wannft mir ja a Bitt erfüllen willst, hat's g'sagt, ^ so frag' mich nie — hörst es! — nie! wo ich das Zahr über war. — Na, das Hab' ich ihr versprochen und hab'S auch g'halten; aber's Vermögen hat's richtig nit g'nommen. Basilius.Aber wenn ich ihrsagen werde, daß ich Willens bin, mich ehelicher Weise mit ihr zu verbinden — daß ich Willens bin, keinem andern Berufe, als dem der ehelichen Liebe, zu leben — daß wir dereinst nicht ohne Nachkommenschaft sein werden — so wird ste vernünftig werden; sorgen Sie sich nicht, HerrKörndl, wegen Ihrem halben Vermögen, ich werd's schon an- j bringen bei ihr — und wegen dem g'wis- sen Zahr werd' ich ihr sagen, daß auch rch es mit Stillschweigen übergehen will. Die gute Person hat ja so viele complete Jahre aufzuweisen, daß es wirklich höchst unbillig wäre, da noch nach Einem Zahr zu fragen. K ö r n d l. Za, das haben schon Mehre g'sagt, sie hat aber bisher noch alle Heirathsanträge refusirt. Aber j letzt scheint's mir, jetzt brandelt's wirk- ; lich bei ihr. j Basilius. Was — was? hören's ^ — erschrecken's mich nicht Wenn sie j schon für ein'Andern brennt, nachher brenn' ich ab. KÜrndl. Za, es ist zwar a Schwachheit, wenn der Mensch einmal in altern Zähren ist und sich noch so narrisch in < ein' viel Jüngern verliebt — aber mei ! Schwester hat so viel wirklich gute ^ Seiten, daß ich ihr in freien Stunden i diesen Dilettantismuswirklich vergunn. Basil ins. Aber — wer ist der unglückselige Glückliche? Mich gelüstet, ihm mittelst einer Wendung der obern Halswirbelbeine Gelegenheit zu verschaffen, das bisher Unmögliche leisten zu können — nämlich, seinen eigenen Buckl zu betrachten — Wer ist er? Körn dl. Nawissen's — mir scheint, der junge Zägerbursch, den sich der Oberförster auferzogen hat, hat ihre Herzensscheib'n troffen. Wirb! (mit weit aufgerissenen Augen). Wa — was? der Fritz Poll? der —der — erlaubend, ich werd seekrank — Körndl. Ja was ist's denn, Schiffmeister? Wi r b l. Der macht sich also an Eure Schwester an? Und der — der ist ja grad' auch der g'wiffe Andere, der sich an meine Tochter ang'macht hat. Basilius. Za, wo der Mensch sich überall anmacht — er dürft' ein' Entivie-Salat sein, so könnt' er nit mehr ang'macht sein. Körn dl (ist einige Schrine zurückgetaumelt). Ich — komm zu gar keiner Sprach — ich fall in Ohnmacht! — der auch bei der Rosi — mein Nebenbuhler — Basilius. Und der meinjge auch! Er buhlt auf zwei Seiten daneben. Körn dl. Ah, solch' ein Benehmen bettelt ja förmlich um Rache — um schauderöse Rache — Basilius (überlegend). Rache? — Er ist ein Waidmann — und tragt's Waidmesser und doppelt gezogenen Kugelstutzen — da wird sich's mit der Rache nicht thun. In Arkadien hat sich auch Niemand gerächt — sie haben sich nur heimlich heruntergekränkt und auf dem Haferrohr wehmüthige Elegien geblasen — so mach' ich's auch — heimlich kränken und wehmüthig blasen — Körndl. Nein, nein! Kränken ist eine Dummheit — folglich kann ich, als der g'scheidteste Mann im Ort, mich mit keiner Kränkung abgeben. Nein, ich will handeln! Ich will ihm die s Doppelflinten seiner LiebeSpläne so laden , daß ihm jeder Lauf versagt und ihm'S Pulver selber ins G'sicht fahrt. — Warts — ich hab'S schon! — Er hat meiner Schwester versprochen, ihr heut früh Repphendeln z'bringen — während er dann bei ihr ist, geh'n Sie auch zu ihr (zu Basilius), und tragen förmlich Ihre Werbung vor. Basiliu s. Während er da ist? und g'rad von der Jagd kommt? da hat er sei' Flint'n bei sich — ^ Körndl. Aber ich sag' ja, er muß z'erst Repphendl'n g'schossen hab'n — da hat er folglich ka Ladung mehr in der Flint'n für so ein' furchtsamen Spatzen. Basilius. Ja,'s g'hört aber auch ein Schlag mit dem Flintenkolben just nit zu den Annehmlichkeiten des Lebens. Körndl. Sorgen's Ihnen nit, wir werden schon in der Nähe sein — wir, und die Rost auch. Wenn Sie um meine Schwester anhalten, so muß er Schanden halber schon Wuth schnauben— wird auf Ihnen losgeh'n, und da — da treten wir mit der Rost ein. Basjlius. Aha—und dann wär' cr von beiden Seiten blamirt, von beiden Seiten abg'wiesen — jede von den beiden betrogenen Mädeln wurd schon aus Rach' gegen ihn, unsere beiderseitigen Lieb'ö-Anträge anhören — wir würden beiderseits aus Rache g'heirath. — Ja, so kann's geh'n — ich bin dabei. Wirbt. Und ich bin auch dabei — werfn wir'n abi vom Verdeck! — Aber wißt'S — ich will selber nit anfangen , ich Hab' meine Ursachen. Körndl (stolz). Na, was sagt's zudem Plan! Ist der nit genial?Ja, wann i ch was ausdenk' — ich.! der g'scheidteste Mann im ganzen Ort.— Also, das Bündniß ist geschlossen. Basilius. Ja, zu seinem Verderben. (Mit Pathos). Jetzt reicht mir Eure biedere Rechte! (zu Körndl). Reicht Ihr die Eure her! (zu Wirbl.) und so wie wir drei Männer jetzt unter uns die Hände Zusammenflechten redlich, ohne Falsch, So wollen wir Drei Pläne auch zu Schutz Und Trutz zusammen reih'n, auf Tod und Leben! Körndl U. Wirbl (schlagen ein). Auf Tod und Leben! (Alle Drei im Cothurn-Schritt ab ins Haus). Verwandlung. Zimmer im Hause Körndl'S. Sechste Seeue. K unigunde, dann Fritz Poll. Kunigunde (im einfachen Hauskleide , kommt aus einer Seitenthür und geht hastig an das gegcnüberstehende Fenster). Er muß jetzt bald kommen! — So lange blieb er noch nie aus. — Sonderbar! wie doch jede Viertelstunde, in der ich ihn sehnend erwarte, zur Mutter so nagender Sorgen und trüber Ahnungen wird. (Oeffnet das Fenster). Jetzt — ja, ein Jäger — er ist's! Wie er so stolz einherschreitet — wie der frische Lebensmuth ihm aus den feurigen Augen strahlt! Er kommt näher — er grüßt — (winkt mit der Hand hinab). Guten Morgen, Fritz! Oh, wenn Du wüßtest, welch' stolze und doch so wehmüthige Empfindungen dieß Herz durchzittern, so oft ich Dich mir nähern sehe! Fritz (tritt ein). Gott zum Gruß, Mamsell! Kunigunde (mit innigem Gefühl). Gott zum Gruß, lieber Fritz! (gibt ihm die Hand, die er küßt). Fritz. Sie haben gestern den Wunsch geäußert, ein Paar Repphühner zu bekommen — (öffnet die Waidtasche und nimmt sie heraus.) hier.bring' ich sie s Ihnen — eben geschossen. Der Herr Förster hat'S schon erlaubt, er wird ! sie mir'S nächste Mahl von meiner I Jagdgebühr abziehen. ! Kunigunde. Und bei der Jagd haben Sie sich warm gelaufen — Sie sind erhitzt — (fährt ihm mit der Hand über die Stirne). Wahrhaftig, Ihre Stirne glüht. Fritz. Glüht sie? — Hm! nicht von der Jagd — (wendet sich mit trübem Antlitz von ihr, für sich). Weiß Gott!'S wird mir schwer werden, über ^ die Sache so rund heraus mit ihr zu reden — aber es muß doch einmal sein. Kunig unde..Warum wenden Sie sich so mürrisch von mir? Sie schei- i nen heute sonderbar ernst — was ist Ihnen, Fritz? Haben Sie Vertrauen zu mir! Fritz. Mürrisch? — ernst? — Je nun — 's kommt Einem halt schon - so manchmal im Leben was unter, (sieht sie von sektwärs an, für sich). Hol mich der Teufel! Hab' mir doch Alles schon ausgedacht, was ich ihr sagen wollte — und jetzt, da ich ihr so gegenüber stehe, steckt's mir im Halse, wie unser'm Nimrod letzhin das hastig verschluckte Bein — Kunigunde (lächelnd). Aha, ich merke wohl — wahrscheinlich irgend ein Vergnügen, das sich der junge Herr gern machen möchte, wozu aber der karge Gehalt nicht zureicht —Je nun, da Sie heute für mich gejagt ! haben, so müssen Sie auch von mir ! eine kleine Zulage annehmen — (zieht in Papier gewickeltes Geld hervor und will es ihm in die Hand drücken). ^ Fritz (hastig seine Hand zurückzkehend). Nein, Mamsell, nein! ich bitte Sie, behalten Sie Ihr Geld — ich nehm's > nicht an — kann's nicht annehmen ! — werde nie mehr ein Geschenk von ! Ihnen annehmen. ^ Kunigunde. Von mir? — nie mehr? — und so ungestüm, so heftig weisen Sie die kleine, gewiß gut gemeinte Gabe zurück? (gekränkt). Fritz, womit habe ich das verschuldet? Fritz. Verschuldet? Sie verschuldet? — O vergeben Sie mir, wenn ich, ohne es zu wollen, zu heftig — zu grob gegen Sie gewesen bin! das wollte ich nicht; aber sehen Sie, Sie haben schon so viel — ach! viel zu viel für mich gethan — Kunigunde. Zu viel — für Sie? O Sie wissen nicht, was ich Alles für Sie thun könnte, thun sollte — Fritz (für sich). Hol mich der Henker! mir scheint, am Ende haben die Leute doch nicht ganz so Unrecht — (sie betrachtend, dann sich abwendend wieder für sich). Und die Person sieht doch sonst ganz vernünftig aus — aber ich muß einmal entschieden sprechen! (Laut). Ja sehen Sie, Mamsell Kunigunde — aber halten Sie mich ja nicht für undankbar — weiß der Himmel ! ich erkenne Alles mit gerührtem Herzen, was Sie für mich gethan. Ich weiß mich recht gut noch an meine Kindheit zu erinnern — ich war ein Bube von 10 Jahren, als mich der Herr Förster aus dem Waisenhause nahm, um mich zum Waidwerk zu erziehen. Nu, da war ich kaum ein Paar Tage in seinem Hause, da kamen Sie auf Besuch hin — Sie waren (betonend.) damals schon ein recht hübsch ausgewachsenes Mädchen —da betrachteten Sie mich mit so freundlichen Augen und sprachen so lieb und so mild zu mir, daß ich vor Ihnen gar keine Scheu hatte, und Sie recht lieb gewann — Kunigunde (faßt seine Hand mit ihren beiden Händen, blickt ihm zärtlich in's Auge — mit gepreßter Stimme). Fritz! — (wendet sich hastig ab und trocknet sich die Augen). Frick (für sich). Nein, jetzt wieder der Händedruck — und das Anblicken, 10 und das „Fritz!" — das -ringt mich ganz aus der Fassung. — Aber was! jetzt Hab' ich einmal angelegt, jetzt frisch losgedrückt, (laut). Sie kamen damals recht oft zum Herrn Förster, aber nie, ohne ein Geschenk für mich — und als ich nach 6 Zähren frei und schußfähig gesprochen wurde, — damals war ich schon ein stämmiger Bursche von 15 Zähren — da fand ich früh Morgens ein herrliches Jä- gerröckchen und einen blanken Hirschfänger neben meinem Bette liegen — das kam von Zhnen — der Förster, hat mir's nachher erzählt — nu! ich kam dann in eben dem Anzüge hieher, um Ihnen zu danken — und das grüne Röckchen mit den glänzenden Knöpfen und dem silbergestickten Eichenlaube auf dem Kragen muß mir recht gut gestanden haben; denn Sie umarmten mich, und — na, Sie brauchen sich deßhalb nicht zu schämen, ich war ja damals erst 16 Zahre — und küßten mich. ES war der erste Kuß, den ich in meinem Leben empfangen habe — aber — das war so eine Art von Instinkt — ich küßte Sie recht herzhaft wieder und, weiß Gott! mir ward recht wohl dabei! K un ig u nd e (preßt beide Hände an das Herz und blickt zum Himmel). Fritz (sie von seitwärts betrachtend, für sich). Sie ist ganz verzückt in der Erinnerung. Sie dauert mich, die Arme, daß für sie ein Kuß gar ein so was selt'nes Gutes ist. (Laut). Nun, dann haben Sie mir öfters noch Aufträge gegeben, die mich immer wieder hieher führten, und mich jedesmal viel reichlicher belohnt, als ich verdienet hätte — kurzum — Sie haben mich noch immer so behandelt, wie ein verhätscheltes Kind, obgleich ich bereits stark gegen das 20. Zahr los mar- schirte — hören Sie, gegen das zwa n- zigste Zahr! und wenn man da von einem ledigen Frauenzimmer so viel — wie soll ich sagen — so viel Gunst erfährt, so — so — macht man sich doch schon so eigene Gedanken — Kunigunde (ihn überrascht anblickend). Gedanken? — Was für Gedanken? Fritz (hastig). Na, na! sein Sie nur ruhig! Zch habe mir bisher wahrhaftig keine solchen Gedanken aufSie gemacht — nu, natürlich — Sie waren ja doch schon ein bedeutend herangewachsenes Frauenzimmer, als ich noch so groß war — und sind während der übrigen Zahre, in denen ich an Jahren fortschritt, auch nicht in den Jahren stehen geblieben — (sich plötzlich besinnend, für sich). Teufel! mir scheint, jetzt habe ich ihr eine Grobheit gesagt. Kunigunde. Und wer — wer brachte Sie auf andere Gedanken? Fritz. Na, sehen Sie — letzthin, wie das Preisschießen war unter allen Jägerburschen, und wie ich durch den glücklichsten Schuß der König des Festes wurde, und mit dem Preise geschmückt, unter Hörnerklang, wieder in's Forsthaus zog, da standen Sie an der Schwelle und Ihre Augen glänzten vor Freude, und Sie faßten mich an der Hand — und küßten mich wieder — und drückten mir eine Geldbörse in die Hand, — na — hören Sie, unsere andern Jägerbursche — das ist so ein rohes, neidiges Volk — die fingen gewisse Stichelreden an, und — und man warf so hin, daß ich recht viel Glück hätte bei Frauenzimmern, und —- sagte der verdammte rothhaarige Lobs — er könnte wohl auch so ein Glück haben, wenn er sich nicht schämte, von —. von — na, nehmen Sie mir's nicht übel — der Lobs sagte das nur — von übertragenen Personen sich die Liebe bezahlen zu lassen. Kunigunde. Mein Gott! Fritz. Ha! fuhr ich da aber los. 11 Ich war wüthend und schwur'S, wer sich noch so eine Rede erlauben wollte, dem soll mein Hirschfänger so fest zwischen der 3. und 4. Rippe sitzen, daß ihm seine Lunge auf Lebenszeit keine Luft mehr zu solchen Reden geben sollte. Nun, da schwiegen sie Alle; denn sie wissen wohl, daß ich der Mann dazu bin, solch ein Gelübde zu erfüllen; aber hinter meinem Rücken schwatzten die Kerls und trugen eS aus im ganzen Orte, und so — so hat's auch Schiffmeisters Röschen erfahren, und gestern — hören Sie — als ich mich Abends an ihren Gartenzaun schlich — ja so — ich habe Ihnen noch nicht gesagt, daß ich ganz wahnsinnig in das Mäd'l geschossen bin; aber das können Sie sich wohl denken, sonst wäre ich nicht an ihren Gartenzaun geschlichen — und da — da empfing sie mich mit rothgewein- ten Augen. Röschen hatte geweint wegen der dummen Geschichte, und sagte: (beinahe selbst weinend). Es wäre nicht schön von mir, daß ich ihr ein so schweres Herz gemacht — aber freilich — meinte sie — ich hätte Recht; die Schwester des reichen Müllers könne mir wohl leicht zu einer Försterstelle verhelfen, damit sie selbst Frau Försterin werde — sehen Sie, das ging mir durch Leib und Seele, und — nehmen Sie mir's nicht übel — ich verwünschte es, daß ich Sie jemals kennen gelernt habe. Kunigunde. Wie — Fritz — Sie konnten das wünschen? —Fritz, o, daß Sie mir das sagen! (wendet sich ab, und verhüllt ihre Augen mit dem Luche). Fritz. Mein Himmel! jetzt weinen Sie gar! Aber sehen Sie, Röschen hat auch geweint, und wenn Röschen weint — Aber seien Sie nur ruhig, lassen Sie uns vernünftig über die Sache reden (nimmt einen Stuhl und setzt sich neben sie). Sagen Sie mir aufrichtig, ist's denn wahr — denn bei Gott! ich fange an, es wirklich zu glauben — ist's denn wahr, daß — daß Sie mich lieben? Kunigunde (blickt ihn zärtlich an). O Fritz— daß ich nicht sagen kann.— Fritz (sich abwendend, für sich). Na, da haben wir die Geschichte! 's ist richtig — sie liebt mich so, daß sie's gar nicht sagen kann — also unaussprechlich. (Laut). Aber liebe Mamsell Kunigunde, sehen Sie, das geht nicht — ich habe Sie wohl auch recht gerne; Sie sind eine gute, solide Person, und sind — wenn man bedenkt, daß Sie schon nahe gegen die 40 gehen — recht hübsch —ich bin auch immer gerne zu Ihnen gekommen, Sie haben immer so vernünftig mit mir gesprochen ; aber jetzt — weiß Gott! ^ jetzt geht das nicht mehr an. Kunigunde. Was — was geht nicht mehr an, Fritz, was? Fritz. Nein — sehen Sie, ich kann nicht mehr zu Ihnen kommen. Kunigunde. Nicht mehr zu mir? Fritz. Nein, ich hab'ö meinem Röschen geschworen; sie. hätte sonst gar nicht mehr zu weinen aufgehört — ich kann nicht mehr kommen — und Sie — thun Sie mir's zu Liebe — reden Sie auch nicht mit mir, wenn ich Ihnen begegne. Sehen Sie, es führt ja zu nichts — heirathen werd ich Sie doch nicht — gewiß S i e nicht, und Niemand als — wenns der Himmel gnädig fügt — mein Röschen. Kunigunde (im höchsten Schmerz). Nicht mehr sehen? nicht mehr sprechen — Fritz! Fritz. Aber fassen Sie sich doch. Mein Himmel! an mir ist doch nichts so ganz Besonderes, und es gibt ja noch andere Männer, die kein Röschen haben. — Na, jetzt Hab' ich Ihnen Alles gesagt, und jetzt danke ich Ihnen nochmals für alles Liebe und Gute — und nun — sein Sie mir 1L deßhalb nicht gram — nun leben Sie recht wohl (will ihr die Hand küssen). Kunigunde (erhebt sich vom Tische, blickt ihn schmerzlich an und breitet beide Arme aus). Fritz! Fritz (für sich). Na, meinethalben das auch noch! (umarmt sie). Siebente Scene. Vorige. Basilius. Basilius (steckt den Kopf zur Thür herein). Alle Wetter! 's fehlt nir als Mondschein, so war' Diana und Endymion complet. Fritz (blickt um, sieht Basilius — sich heftig von Kunigunde losrcißend) Na — da haben wir s — jetzt hat's die Plaudertasche auch gesehen. Kunigu n d e. Wir waren nicht allein?! Basilius. Bitt um Entschuldigung, wenn ich vielleicht störe — ich kann schon später kommen. Fritz. Nein, nein — trete der Herr nur herein, fest wie ein Mann, und nicht so schleichend und kriechend wie eine Katze (für sich). Im Grunde ist's mir lieb, daß er kommt — so komme ich doch auf gute Art los. Basilius (tritt völlig ein, für sich). Ich trete ein mit völliger Resignation auf alle g'raden Glieder — den Hirschfänger hat er auch um (zu Fritz, auf den Hirschfänger zeigend). Aber ich bitt' Ihnen, mein verehrter dianischer Zögling, warum legens denn nit ab? Fritz. Zch gehe. Leben Sie wohl, Mamsell! Kunigunde. Ich bitte Sie, bleiben Sie; ich muß Sie noch sprechen. (Au Basilius). Was führt Sie in unser Haus? Wollen Sie mit meinem Bruder sprechen? Basilius. Nein, ich dank' — mit dem Herrn Bruder Hab' ich schon im Voraus Rücksprache gepflogen und komme jetzt bloß mit einigen schwesterlichen Gefühlen (sich furchtsam nach Fritz umsehend, der sich inzwischen seitwärts auf einen Stuhl niedergelassen und mit verschränkten Armen theilnahmslos dasitzt, für sich). Er ist noch ganz ruhig — und ich Hab glaubt, wie er bei mir nur innige Gefühle bemerkt, wird er mir auch gleich zu äußerlichen Gefühlen verhelfen, (deutet Schläge an). Kunigunde. Zur Sache: Was wünschen Sie? fassen Sie sich kurz. Basilius. So kurz als schicklich, und gleich zur Sache! (setzt sich in Positur, den Hut zwischen dem linken Arme, und die rechte Hand auf's Herz gelegt, den Kopf mit schwärmerisch verdrehten Augen gegen Kunigunde senkend). Mein verehrtes Fräulein, ich — ich will heirathen — Kunigunde. Nun, ich wünsche Ihnen von Herzen Glück dazu. Basilius.- Danke — wünsche gleichfalls! — Ach! mir kostet dieses projcctirte Unternehmen schon mehre schlaflose Nächte. Ich kann sagen, die Liebe, hat bei mir schon manche Umwälzung meiner ganzen Individualität hervorgebracht. Kunigunde. Haben Sie sich denn dem Gegenstände Ihrer Neigung noch nicht entdeckt? Basilius. Noch nicht — aber jetzt — in diesem momentanen Augenblick trag' ich mein Herz als ein verschlossenes Paket daher, das aber, weil'ö zu voll gepfropft ist, das Siegel selbst sprengt und seinen ganzen Inhalt vor Ihnen ausschüttet—(sicht sich wieder nach Fritz um, für sich). Er ist noch ganz ruhig — ich Hab' glaubt, wie der Jäger mich auf'n Rehfüßl sieht, wird er gleich berufgemäß auf mich losschießen. Kunigunde (überrascht). Wie? Vor mir? Basilius. Ja, ja, vor Ihnen; das Paket enthält eine chiffrirte Schrift, zu der nur Sie den Schlüssel haben. 13 Ja, höre es, Kunigunde! wacher Traum meiner schlaflosen Nächte — Du Bohrer, der mein Herz zum überquillen- deu artesischen Bronnen macht. Du Stickgas, das meine Brust beengt und mir das Athmen schwer macht — Du auflösendes Medikament meines Geistes — Du Bergwind, der sich in die Flügel meiner Seele verfangen hat und sie im rastlosen Umschwung umhertreibt — höre es! Seit ich Dich kenne, habe ich alle Bekanntschaft mit mir selbst aufgegeben; denn ich kenn mich selbst nicht mehr; seit ich Dich kenne, murmelt der plätschernde Bach: Kunigunde! zirpt jeder Heu- schrcck: Kunigunde! Die Frakturschrift der Sterne und die kleine Kurrentschrift der irdischen Blumen schreibt für mich nur Ein Wort: Kunigunde! der sanfte Zephir lispelt: Kunigunde! und beim Donnerwetter brüllen alle Wolken: Kunigunde! (stürzt vor ihr auf die Knie, zugleich unwillkührlich furchtsam die Schultern zusammenziehend, für sich). Aber jetzt wird gleich auf mein' Buckl in blauer Flammenschrift steh'n: Kunigunde. Kunigunde. Wie — ich — ich? Ich bitte Sie, stehen Sie auf! Fritz (ist fröhlich von seinem Sitze aufgesprungen). Nein, nein! ich bitte Sie, lassen Sie ihn knieen — das ist ja recht schön. Basilius (ganz erstaunt, für ssich). Was? recht schön sagt er? und ich Hab' glaubt, er wird fuchsteufelswild werden! Fritz. Sehen Sie, Hab' ich 2H' nen nicht gesagt, Mamsell Kunigunde, es gibt noch andere Männer — und sehen Sie ihn nur an, der Herr Himmelblau ist gewiß ein recht hübscher Mann! B asiliUs (noch imm er kniend). Hübscher Mann? Kunigunde. Zch bitte Sie, sprechen Sie nicht weiter! Fritz. Aber warum denn nicht? Der liebt Sie nur ganz allein. Basilius. Za, ?Sie ganz, und dem Müller sein Vermögen halb. Fritz. Er ist auch ein braver Mann — hat ein fühlendes Herz. Basi lius (sich die Knie reibend). Und fühlende Knie. Fritz. Sein Alter paßt auch mehr für Sie — Basilius (für sich). Und ihr Alter paßt auch schon lang — Fritz. Also heirathen Sie ihn in's Himmelsnamen. Basilius. Was — was? Sie reden m i r's Wort? (springt auf). Mensch — Mann! Jäger! ich muß Ihnen umarmen, (umarmt ihn). Also Sie stehen mir bei? Sie haben nir dagegen? O Seligkeit! o Wonne! (umarmt ihn nochmals stürmisch). Achte Scene. Vorige. Körndl. Wirbl. Rosi. Körndl (zuerst hercinsehend). Ich Hab' laut reden g'hört — (als er die Beiden in der Umarmung stehen sieht, die Thür weit aufreißend, mit verwunderungsvoll aus einander gebreiteten Armen). Za, was ist denn das? Zch Hab'glaubt, sie liegen sich in den Haaren, und derweil liegen sie sich in den Armen. Wirbl (mit Rost eintretend). D' ganze Freud' iS verdorben — sie prügeln sich mt. Fritz. Was seh' ich, Röschen? Du hier? (eilt auf sie zu und drückt sie an die Brust). Körndl. Himmeltausend Wazkör- ner und Mehlsäck! er umarmt schon wieder, (dazwischen springend). Auseinander, sag' ich — Herr Zager! ob Er auseinander geht! Fritz (Röschen noch fester umschlingend). Nein, nein, Meister Körndl, jetzt muß ich sie umarmen, grad' jetzt — sie soll sehen, das ich mich vor gewissen Leuten gar nicht genire. Rosi. Aber Fritz, warst Du doch wieder da? F r itz. Ja, ich war nur da, um ihr zu sagen, daß ich zum letzten Male da bin. Ich Hab' ihr Alles gesagt, Alles— und sie soll Dir's jetzt offen und wahr wieder sagen, (von ihr weg zu Kunigunde eilend). Mamsell Kunigunde, haben Sie doch die Gewogenheit und sagen Sie ihr, daß ich Ihnen gesagt habe, daß gar keine Rede davon ist, daß ich Sie liebe — daß ich Ihnen selber gerathen habe, einen Andern zu,heirathen — (eilt wieder zu Rosi und^ umschlingt sie); Basilius. Ja, das hat er! ich bin selbst der Gerathene — er ist ein edler Mann, hat mich nicht durchge- prügelt — ein edler Mann — ein Ehrenmann! Körn dl sauf Fritz und Rosi blickend). Ja wie geschieht mir denn? Wir bl. Mir scheint, wir sein auf- g'sessen. Körndl. Aber Schwester — Kunigunde ! kannst Du denn das sehen, wie er sie umarmt? (zu Wirbl). Schwiegervater! könnt Ihr denn so zuschau'n? (in höchster Wuth). Kann ich denn so d'reinschau'n, ohne d'rein z'hau'n? (zu Basilius). Schul-G'hilf, ich bitt Ihnen — Sie sein's Prügeln schon g'wohnt, karbatschen's den Burschen dort durch. Basilius. Nein, sein Edelmuth ist die Enthebungskarte von meiner- seitigen Anfällen — er ist ein edler Mann, (zu Fritz). Umarmen Sie zu! nach Belieben! K ö r n d l (zu Basilius). Sie sein ein Schafskopf, (zu Fritz). Kecker Grünling! weg, sag ich, von meiner Braut! oder, meiner Seel! ich bin ein guter Kerl — aber Sie fliegen mir beim Fenster hinaus, wann's Ihnen bei der Thür nit g'fallt. (vor Wuth mit beiden Füßen stampfend). Ob's denn gehn'n von meiner Braut! Fritz (lachend). Von Ihrer Braut? hahaha! Man merkt's, daß er der Bruder Kunigundens ist — beide Geschwister sind mit jungen Herzen alt geworden. Laßt Euch die Lust auf das Mädchen vergehen, so wie Eure Schwester auf mich; denn Jugend liebt nur wieder Jugend — nicht wahr, mein Röschen? Und darum halte Du nur so treu an mir, wie ich an Dir, für frischen Muth und wahre Liebe gibt's kein Hinderniß. Durch! heißt des Jägers Wahlspruch — durch ! zum Ziel! und wenn die ganze Welt entgegen- ^ steht. — Und jetzt leb wol, mein Rös- ! chen! wir sehen uns bald wieder, (küßt sie und eilt fort). Körndl (beinahe umsinkend). Er hat sie geküßt — vor meinen Augen — Schwiegervater! seid Ihr denn auch ein Schwiegervater? Steht der Papplöffel da und macht's Maul nit auf, und rührt ka Hand! Wirbl. Wenn der Bräutigam dabei ist, geht's Madel den Vater nirmehr an. Körndl. Und Sie, Mamsell — (zu Rosi). Sie lassen sich da umarmen und küssen? Pfui Teufel! — Und Du— (zu Kunigunden), Du laßt ihn ! umarmen und küssen? — Pfui Leu- ! fel! — Aber das kommt heraus! wenn man in Deinen Jahren noch den Verstand verliert und sich in so ein' jungen Lassen vergafft — nachher muß man so ein Scandal erleben. Kunigunde. Bruder! willst auch Du mich noch mehr kränken? Muß ich nicht ohnehin genug dulden? Aber es ist meine Schuld — warum dachte ich nie daran, daß die Welt ein Auge hat, welches stets durch verschwär- > zende Brillen sieht. O Fritz — Fritz! diese bittere Stunde habe ich nicht j um Dich verdient. (Will fort). BasiliUs (sie an der Hand fassend). Erlauben Sie, Mamsell — bittne Stunde sagen Sie? Und ist denn meine Liebe nicht der Zuckerkandl, der demKramperlthee des Schicksals seinen 18 bittern Beischmack nimmt ? Kunigunde! da Sie nicht mehr hoffen können, erlauben Sie, daß ich hoffe! Kunigunde, Nein, Herr Himmelblau, nehmen Sie meine kurze Antwort: Ich werde mich nie vermählen — nie! (ab). R 0 si (ganz verwundert, zu Wirbt). Aber sagen's mir nur, Vater, was ist denn das Alles? Sie hab'n g'sagt, wir geh'n da zum Frühstück herauf, und jetzt — Basilius. Ich Hab' schon mein' Thee — Wir bl (zu Rosi). Du tauchst jetzt ab und steuerst Ham — ich werd' bald nachrudern. Aber Das sag' ich Dir, daß d' ausbeugst, wann Dir ein Jagd- schiff'l begegnet —oder wann ich dazwischen fahr' mit dem Kellhammer meiner väterlichen Gewalt, so soll's zu allen zwa Seiten auseinanderschel- len, daß ka Ripp'n im ganzen Fahrzeug ganz bleiben soll! Rosi (bittend). Aber Vater — Wirb! (streng). Abtauch! sag' ich — und wannst jemals an ein' Hei- rathSufer halten willst, so därfst's Halttau an kein' andern Stock annesteln, als an den da — (auf Körndl zeigend.) der halt fest. Und jetzt allons. Rosi (für sich). Der Vater soll nur reden und schreien — aber dahier (auf's Herz weisend.) ist eine Stimm', die so laut redt, daß ich vor ihr gar ka and're hören kann. Und weil ich jetzt nur ruhig bin wegen der Mamsell Kunigunde, jetzt soll g'scheh'n was will, mich macht nir mehr verzagt. (Ab). Neunte Seerre. Basilius. Körndl. Wirbl. Basilius. 'S kommt mir beinah' so vor, als ob wir alle Drei daständen, wie die Bewußten an der Anhöhe. Körn dl (wüthend auf« und niederge« hend). Ich könnt' aus der Haut fahren vor Gall, kann aber vor der Hand doch nir anders thun, als d'rin stecken bleiben. Wirbl. Jetzt halten wir halt wieder auf dem nämlichen Fleck, von wo wir ausg'fahren sein. Basilius. O nein! Ich meines Theils Hab' eine pikante Ueberzeugung errungen — halb süß und halb sauer; s a u e r, in so fern das blühende arkadische Thal meiner Träume durch die Kälte meiner Angebeteten sich plötzlich in eine sibirische Steppe verwandelt hat. Süß, in so fern das befürchtete Donnerwetter von Seite des jungen Waldmenschen vorübergegangen ist, ohne auf den Gefilden meines Buckels Verheerungen anzurichten. Der Jäger ist ein edler Mensch — ein Ehrenmann. Körndl. Aber haben denn Sie Ihr Dach noch immer mit Stroh deckt: Der Jäger ein edler Mann? — Sehen's denn nit ein, daß doch nur er die Schuld ist, daß mei' Schwester Ihnen nit zum Mann nehmen will? Basilius. Meinen Sie? Körndl. Na das is doch klar. Sie gibt die Hoffnung auf ihn noch nicht auf. O wann nur er nit dawär', so wären wir Zwei schon a jeder a halbets Brautpaar. Basilius. Meinen Sie? Ja, dann ist er wieder weniger edler Mann, als verflixter Kerl. Wirbl. Ja, so schau'n wir halt, daß wir'n wegbringen von da. Mir wär's selber recht, schon weg'n die 4000 fl., die ich noch z'kriegen Hab. Körndl (ihn nachäffend). Ja,schau'n wir, daß wir'n weg bringen! Geht'S zu, Schiffmeister! Ihr könnt's mir auch g'stohlen werd'n. Ihr habts ihm ja nit a mal a Wort g'sagt — nit a mal a Grobheit ihm angedeihen lassen. 16 W i r - l. Ja', ihm so grad' in's G'sicht mag ich nit grob sein — (für sich). Ich Hab' schon meine Ursachen — ich darf mich mit dem Jägervolk nit verfeinden — man weiß nit, was g'schehen könnt'. Basilius. Wifsen's was, meine Herrn, treten wir zusammen zur Erfindung eines Vertreibungsmittels im Wege stehender Nebenbuhler, da können wir uns nachher a Patent d'rauf geb'n lass'n. Das Mittel wird reissenden Absatz finden. Körndl. Gut! denken wir nach! Ich selber schreib einen Preis von 80 fl. d'rauf aus. — Also, man wird Nachdenken, (stellt sich mit unterschlagenen Armen sinnend hin). Basilius. Auch ich bin Concur- rent. (ahmt Körndls Stellung nach). W i r b l. Meinetwegen, so denken wir Drei halt einmal. Ba siliuS (vor sich hinbrütend). Es ist ein ganz ungewöhnlicher Fall. Körndl. Halt! ich muß Euch was sag'n — Wirblu. Blasius (ihn hastig an den Händen fassend). Was ist's? Körndl. Mir is noch nir ein- g'fall'n. Basilius. Ja so geht's. Eine Preisausschreibung, das ist das beste Mittel, daß nix Recht's z' Stand kommt. Körndl (sich vor die Stirne schlagend). 'S iö g'rad als ob mei ganze Gedankenschleuß'n g'sperrt war. Basilius. Samiel, hilf! Zehnte Seene. Vorige. Jakob. Jakob (tritt ein). Master! Körndl (sich umsehend). Was gibt's ? Was stört Er mich jetzt? Sieht Er nit, daß ich denk? Jakob. Aber der Master hat ja g'sagt, ich soll ihn erinnern, wann's Zeit is zur Aufwartung beim neuen Gutsherrn. Körndl. Gutsherr? Gutsherr? ^ Meiner Seel! auf den guten Guts- ^ Herrn Hab' ich ganz vergessen. 'S iS t richtig, er ist gestern Abends erst an- ! kommen, will heut' alle Notabilitäten I des Ort's kennen lernen, willdie Wirth- ! schaftsgebäude besuchen, schauen, wie's I hier mit dem Viehstand steht. ^ Basilius, Na, da darf der Herr > Körndl nit fehlen — i Körndl. Als g'scheidtester Mann ' im Ort. Aber halt, Männer! (Beide an den Händen fassend). Jetzt — jetzt kommen mir auf einmal die Gedanken stoßweis — Ich Hab' g'hört, der ^ neue Gutsherr soll a strenger, stür- - Mischer Mann sein. Wir bl. Ja, ja — er ist vom Mi- ' litär. Man sagt sich, er soll große Veränderungen vornehmen wollen, b'sonders mit'n Dienstpersonal — der Schloß-Jnspector hat mir's g'steckt. Körndl. Gut — sehr gut — sa- mos! Da muß man operiren — er wird sich über Alles erkundigen — da muß Jeder von uns schau'n, den j Jägerburschen im schlechtesten Licht i zu zeigen. Ich klag' ihn an als fre- chen Dirnenknecht, als g'fährlich der Jugend — Basilius. Und ich denuncir ihn als Verleiter des Alters. Körndl. Recht so! als einen Störefried. Er beunruhigt die ganze weibliche Generation. Basilius. Man könnt' auch sag'n, er ist ein Trunkenbold — na ja — er ist immer ganz trunken vor Lieb'. Körndl. Sehr gut! — wenn er dem Gutsherrn so vorg'stellt wird, laßt er ihn sortjagen — dann sein wir ihn los — 's geht — Wart Jäger! ich will Dir ein' Waidmann stellen, daß Deine Freierkugeln gewiß ihr Ziel nit finden. Also an'S Werk, — Jakob! mein' Sonntagsrock, (immer da- 17 zwischen zu Basilius sprechend). Oh, er MUß ganz schwarz werden — die neue Weste! ^ — jetzt soll seine Sonn' untergeh'n! — meine Kappenstiefel! — ich werd' ^ kurios gegen ihn auftreten — mein . spanisches Rohr mit dem großen Knopf! ^ — er soll sehen, wer ich bin!Kommt's, Schwiegervater, kommt's! das Werk der Rache beginnt, (nimmt Wirb! unter dem Arm und eilt mit ihm fort). Zakob (folgt). Gilfte Seene. BasiliuS (allein). Also, wenn dieses Opfer unserer ' politischen Pläne auS'n Dienst kommt, so dürfte ich doch meine bereits sehr marod gewordene Hoffnung auf arca- dische Existenz noch nit pensioniren, s sondern sie als Reconvaleszent in die ^ Avantgarde meiner ehelichen Absichten s stellen. Ich weiß nit, ob mir dieß j zarte Sehnen und süße Hoffen nit : doch zu sehr meiner Gesundheit scha- ^ den wird. Zwar die Schäfer haben sich auf's Sehnen und Hoffen verlegt; aber wir leben jetzt in ein' schwächer» Zeitalter! — Schwächer? — Wer weiß? — Man klagt zwar allgemein über die Abnahme physischer Kraft; j und doch sehen wir bei einem physiologischen Blick in das Treiben der , Menschen, daß es noch sehr starke i Naturen gib«. ' Lied. 1! Schaut man auf ein' Ball oft a Tänze- H rin an, z Um halb 8 Uhr fangl's herum z'wurln an, ^ Bis 12 plöderts um im Saal, rast ^ gar nie aus i Und keucht sich fast d' Lungen und Leber heraus. Kaum ist d' Raststund gar — was's erwart'n kaum kann— Fangt's wie a g'hetzt's Pferd z'gallopi- ren frisch an. Wiener Theater-Repertoir. XU. Nach Haus fahrt's durch'n Schnee per Galloschen in der Frua, Na crlauben's, dazu g'hört doch a starke Natur. In der Hcrrschaftskanzlei ist hier Einer ang'stellt Längst als Praktikant ohne ein' Kreuzer Geld. Der Hunger schaut ihm bei die Augen heraus, Natürlich, der Aktenstaub gibt nit viel aus, Und weil ihm das Wasser doch allweil nit schmeckt, Erfrischt er dadurch sich, daß er d' Federn abschleckt. So harrt er 20 Jahr bis an ihn kommt die Tour! Dazu gehört doch sicher a starke Natur. Sicht d' Frauenzimmer man so an der Toilette, Was's z'thun hab'n, bis nur so a Mieder z'samm geht, Die Köchin und 's Stub'nmadl muß zarr'n beiderseits, D' Mama taucht mit alle zwa Händ' nach am Kreuz. Ein eisern's Planchett und die Tischbein so stark, Man glaubt 's müßt preß'n aus'n Nerven das Mark — Und doch geh'n sie lächelnd' rum in der Tortur. Dazu g'hört doch sicher a starke Natur. Im Kaffeehaus sitzt Einer drinn' oft ganze Lag, A'erst nimmt er gleich alle Journale in B'schlag, Lest gierig erst, waS alle Auswärtige schreib'«, Und nachmals was d'rauS d' Inländischen abschreib'n — Verdaut alle Lugen, und wär'ns noch so dick, Lest 12 Reeensionen über's nämmliche Stück 2 18 Und all die Weltschmerz-Gedicht' auch noch dazur — Ra, erlaubrns mir, dazu g'hört a starke Natur. A bildsaubers Weib hat ein ältlicher Herr, Da kommen die jungen Freund Dutzendweis her, Die muß er — sie wills so — ganz höflich tractir'n. Und sich, wann'S ihr eknfallt, aus'n Haus stat verlier'n. Oft fahrt sie mit ein' Andern auf's Land auch hinaus, Er muß d'Kinder hüthen und ruft selig aus: Meine Kinder, meine Sprößlkng', die freuen mich nur! Na, erlaubens mir, dazu g'hört a starke Natur! (Auf die Stirne deutend, ab.) Verwandlung. Säulenhalle km Schlosse. Im Hintergründe der Garten, zu beiden Seiten Thüren, welche ins innere Gebäude führen. Zwölfte Seene. Oberst von Pollendorf. Auditor M ondberg. Oberst (im Unkform-Ueberrocke, kommt mit Mondberg vom Garten). Nun, lieber Mondberg, Sie haben nun meine neue Besitzung gesehen, wie gefällt sie Ihnen dem oberflächlichen Ueberblicke nach? Mondberg. Gut — so gut, daß ich gar nicht begreifen kann, wie Sie noch immer so trüb gestimmt sein können. Ich dachte, der Anblick eines so herrlichen, schuldenfreien eigenen Gutes müßte selbst den Hypochonder heiter stimmen. Oberst. Der erste Schritt, den man aus dem wogenden, Alkes betäubenden Gedränge der Welt in die stille Einsamkeit macht, stimmt gewöhnlich ernst, und zwar um so mehr, wenn diese selbstgewählte Einsamkeit ein Asyl für das ganze übrige Leben fein soll. Mondberg. Ich begreife das — ! besonders wenn man, wie Sie, Herr - Oberst, stets ein thatenreicheS Leben geführt und die Einsamkeit kaum dem Namen nach kannte. Oberst. Da beurtheilen Sie mich ! schon wieder falsch, lieber Mondberg ! — doch Sie kennen mich ja erst von der Zeit, seit ich die militärische Laufbahn betreten. Aber es gab eine Zeit, wo ich die ländliche Zurückgezogenheit kannte und liebte. Oh, eS war eine schöne — schöne Zeit, die aller Tha- tenruhm mit feinen blendenden Strahlen in meiner Erinnerung nicht verdunkeln konnte. Und doch — doch war ^ Alles nur ein Wahn — ein trügerischer Wahn. Doch unser größtes Glück liegt ja im Wahne. ^ Mond borg. Sie fetzen mich in Erstaunen — Sie sprechen ja mit einem Male so begeistert, wie kaum ein Jüng- ling von seiner ersten Liebe. Oberst. Und ich — obwohl kein . Jüngling mehr — spreche doch eben davon. ! Mondberg. Wie? Sie waren verliebt? und so verliebt, daß die Erin- ^ nerung daran noch jetzt einen Schatten ^ über Ihre Stirne wirft ? — Bei Gott! - das hätte ich Ihnen gar nie zugetraut. Ich kannte Sie doch noch als jungen Offizier, und schon damals galten Sie, der Gleichgiltigkeit wegen, womit Sie das schöne Geschlecht zu betrachten schienen, für einen jungen Scipio. — Ach; l erzählen Sie doch, ich bitte Sie! ' Oberst. Hm! eS ist eine Geschichte, die für Sie höchstens im Anfänge pi-' kant scheinen mag, am Ende aber so ganz alltäglich, so gewöhnlich ausgeht, wie hundert andere. — Sie wissen, ich > s bin ans einer ziemlich begüterten, ange- ^ sehenen Familie. Meine Jugend brachte 19 ich auf der Hochschule in der Residenz zu. Ich war 28 Jahre alt, unternehmend und, wie die meisten jungen Leute, dürstend nach Abenteuern. Da lernte ich ein Mädchen kennen. Hindernisse aller Art thürmten sich entgegen — sie war bürgerlicher Herkunft, und ich fand einen Reiz darin, sie nicht durch den Glanz meines Namens zu blenden. Unter fremden Namen und angenommenem Stande wußte ich mich ihr zu nähern — wir liebten uns, aber an eine Verbindung war von Seite ihrer und meiner Angehörigen nicht zu denken. Doch die Liebe machte uns gleichgültig gegen die ganze Welt. Wir flohen — eine heimliche Ehe vereinte uns. Mondberg (erstaunt). Wie? Sie waren verheiratet? Oberst. BinS vielleicht noch — oder Witwer — ich weiß es nicht. Doch hören Sie weiter. 3ch hatte mein väterliches Erbtheil bereits in Händen — auf die beträchtlicheren Erbtheile, die mir von Seite reicherer Verwandten noch zufallen sollten, verzichtete ich damals im jugendlichen Uebermuthe — ich pachtete ein kleines Landgut und ward selbst der Bebauer meiner Aecker. — Alle Zukunft, alle Hoffnungen vergessend und nur lebend in der glücklichen Gegenwart. So lebten wir einige Monate. Da mußte ich nöthiger Einkäufe wegen in die, einige Tage weit entfernte Provinzstadt, und dort — stellen Sie sich die unangenehme Ueber- raschung vor — treffe ich auf den Secretär meines alten Oheims. Er war von diesem ausgesandt, meinen Aufenthaltsort zu erforschen. Er ließ mich nun nicht mehr los, erzählte mir, mein Oheim habe erfahren, daß ein Liebes- Abenteuer mich am fernen Orte fest- halte — daß ich vermält sei, wußte er nicht, und war auch eher geneigt, einen tollen Jugendstreich als eine selbst rechtmäßige, aber gegen seine Vorurteile verstoßende Handlung zu vergeben. — Der schlaue Abgesandte fing nun an, die Thaten meiner Vorfahren mir vorzuerzählen, fachte dadurch in meiner Brust ein beinahe schon erloschenes Feuer wieder an — zeigte mir, daß es auch für mich noch nicht zu spät wäre, denselben Weg zu gehen — entwarf mir mit Hellen Farben ein Gemälde meiner Zukunft — ein Gemälde, in dem der Tempel des Kriegerruhmes lorberumgrünt uud sonnumstrahlt das Auge blendete, zog dann ein OffizierS- Patent hervor, von meinem Oheim bereits für mich l erwirkt, für den Fall, daß ich von meiner Thorheit — wie er es nannte — genesen zu ihm zurückkeh- ren wollte. Mondberg. Und Sie nahmen es an? Oberst. Bei seiner Schilderung schlug mein Herz höher — ich ward mir meiner Thatkraft bewußt — nur der Gedanke an mein Weib machte mich zaudern. Doch der Secretär stellte mir Alles ganz leicht vor — ich sollte nur jetzt sogleich zu meinem schwer erkrankten Oheim zurückkehren und die Vermählung meiner Familie verschweigen — gegen meine Frau könnte ich ja eine unabweisliche Reise Vorschüßen. Er selbst wollte ihr ein Schreiben dieses Inhalt- überbringen. Ware nur erst der alte ahnenstolze Oheim todt, so könnte ich sie ja noch immer öffentlich anerkennen. Ich ging in diesen Vorschlag ein, übergab ihm daS Schreiben, legte eine bedeutende Geldsumme bei, die sie bis zu meiner Rückkunft sichern konnte, und kehrte zu meinem Onkel zurück. Mondberg. Nun, wie ich weiß, starb ja Ihr Oheim wirklich bald darnach, als Sie Ihre Offiziersstelle angetreten hatten. Oberst. Ja, und allsogleich sandte ich auch denselben Secretär ab, meine Frau zu mir zu holen; aber— Mondberg ! Sie sind der Einzige, der Erste, dem ich meine eigene Schande entdecke 2 * 20 — er kam allein zurück — meine Frau war inzwischen mit einem reichen Edelmanne fort — Niemand wußte wohin. — Daß ich mir keine Mühe gab, die Ungetreue aufzusuchen, können Sie sich leicht denken. Ich dankte dem Himmel, daß sie selbst meinen wahren Namen nicht wußte, und daß unsere Ehe kinderlos war. — Nun wissen Sie Alles — nun werden Sie begreifen, daß der erste Schritt, den ich nach einem thatenreichen Leben wieder in die ländliche Zurückgezogenheit mache, mir keine angenehmen Rückerinnerungen hervorruft — werden begreifen, daß es für mich keine Heiterkeit, keinen Frohsinn mehr geben kann. Mondberg (seine Hand fastend). Wen die Liebe verlaßt, der kann doch noch Trost in der Freundschaft finden- Oberst. Za, bleiben Sie bei mir, lieber Mondberg. Zch habe Sie kennen und achten gelernt. Sie haben sich von dem Militär-Gerichte, so wie ich vom Militärdienste zurückgezogen — bleiben Sie bei mir,und wennSie denn doch nicht ohne Beschäftigung bleiben wollen, — es ist hier der Zustiziär gestorben — übernehmen Sie die Gerichtspflege dieser Herrschaft. Sie haben einen Sohn — ich bin ohne Sohn — ich will für den Ihrigen Sorge tragin. Dreizehnte Scene. Vorige. Jean — dann Körndl. Basilius. Roll mann. Eschberg. (Sämmtlich im höchsten Staate.) Jean (tritt ein). Gnädiger Herr! Die Herrschaftsbeamten und Vorstände des Ortes haben sich im Schloßhose versammelt, und bitten, ihre Aufwartung machen zu dürfen. M on d b er g (zum Obersten). O, lassen Sie sie doch vor — das gibt Zerstreuung, und vielleicht gibt diese Creme der hiesigen Bevölkerung auch Stoff zum Amüsement. Oberst. Laßt sie vor. Jean (geht in den Garten zurück, in die Scene sprechend): Der gnädige Herr sind hier, treten Sie ein. (Nachdem die Folgenden cingetreten, ab.) Körndl. Basilius. Rollmann. Eschb erg (treten ein). Mehrere Jägerbursche (bleiben im Hintergründe des Gartens stehen.) B asili U s (leise zu Körndl). Na, Sie haben sich's ja ausbethen, dem gnädigen Herrn eine Anred' z'halten, nu so redens, Dorf-Sokrates? Körndl. Glei — glei — ich Hab mir's schon einstudirt — mir ist nur a bißl schwül. (Tritt mit einem sehr tiefen Complkment zum Obersten vor und räuspert sich.) Oberst. Wer seid Ihr? Körndl (seine Rede beginnend). Gnädiger Herr! Oberst. WaS wollt Ihr? Körndl (fortfahrend). Die ganze Herrschaft, so wie deren Jnwohner- schaft beiderlei Geschlechts — Oberst (heftiger) Der Teufel! — Ihr seid? — Körndl (fortfahrend). Hat mich auS- erwählt — Oberst. Zum Henker! bekomm' ich denn da kein vernünftiges Wort heraus? Wer ist denn der Narr? Körndl. Aber ich bitt Euer Gnad'n — Ew. Gnad'n machen mich ja ganz verwirrt, und wenn Sie mich verwirrt machen, mich, den gescheidtesten Mann im ganzen Ort, was sollen denn hernach erst die Andern anfangen? Oberst (macht eine Bewegung der Ungeduld). Körndl (ihm in den Zlrm fallend). Ich bitt Euer Gnaden, Haltens Ihnen nur a Bißl, bis ich mei' Anred' Heraußen Hab' — ich bin glei fertig, (wieder beginnend) Gnädiger Herr! Oberst. Hol' Euch der Henker mit all dem Gesalbader! Ich bin ein Feind all dieses Zeugs. 21 Kör II dl (sich zu dem hinter ihm siebenden Basilius wendend). Ah — ah — er laßt mich ka Anred halten — das ist ja ein Tyrann! Oberst. Werde ich nun einmal erfahren, wer Ihr seid? Körndl (verdrüßlich und fast trotzend). Müllermeister Körndl, der g'scheidteste Mann im ganzen Ort, und in freien Stunden Ortsvorstand. Oberst. Nun so will ich hoffen, daß Ihr in letzterer Eigenschaft stets den wohlthätigsten Einfluß auf meine Un- terthanen ausübt. Körndl. O ja! Ich Hab erst vorgestern dem Schafknecht, dem Hiesel, 10 Stockstrcich' angedeihen lassen. Oberst (wendet sich von ihm weg, zu Rollmann). Sie sind? — Rollmann. Verwalter Rollmann, Euer Gnaden aufzuwarten. Oberst. Ah, der frühere Besitzer dieses Gutes hat mir bereits viel Löbliches über Sie gesagt. Körndl (der dem Obersten stets auf der Ferse folgt). Ja, ein charmanter Mann, befördert vorzüglich die Viehzucht, ist Vater von 3 Söhnen. — Oberst (sich nach Körndl umsehend). Sprecht doch erst, wenn ich. Euch frage. Körndl (sich tief verneigend). Mit Vergnügen. Oberst (zu Rollmann). Sie werden mich morgen in die Wirtschaftsgebäude begleiten, ich werde Ihnen dann meine Ansichten mittheilen, (zu Basilius). Wer sind Sie? Basilius. Ich bin Talentwecker, Gehirnkasten-Erweiterer und Muthwil- len-Bändiger der hiesigen Dorfjugend — mit Einem Worte: pädagogischer Schulgehilf und im gegenwärtigen Augenblicke Vertreterdes kranken Schulmeisters. Ohne ruhmredig zu sein, kann ich sagen, daß meine Prinzipien schlagend sind, und die Bildung des Bauern-Nachwuchses reißend vorwärts schreitet. Zugleich bin ich der Erfinder einer neuen Methode, Schilling zu geben, wobei die Beinkleider der Betheiligten mehr geschont werden. Auch behandle ich'die höhere Erzie- hungSkunde, das Haarbeuteln, nach einem eigenen System. Oberst. Es wäre mir lieber, wenn Sie ein System auffänden, nach dem gar nicht geprügelt würde. Basilius. Verzeihen Ew. Gnaden, das geht nicht- Mit der geistigen Vervollkommnung müssen immer körperliche Hebungen verbunden werden. Oberst (indem er sich zu dem sich ihm immer auf dem Fuße nachdrängenden Körndl wendet). Aber, zum Teufel! Ihr tretet mir fast auf die Ferse. Körndl. O bitte, nit mehr als Schuldigkeit — ich bin der g'scheidteste Mann im Orte — wenn also Ew. Gnaden doch vielleicht in Verlegenheit kom- meten — Mondberg (halb für sich). Das ist der köstlichste Einfaltspinsel, den ich noch je gesehen habe. Körndl (sich auch gegen ihn verbeugend). O bitte — zu schmeichelhaft. Oberst (zu Eschberg). Ah, sieh da, Herr Förster! Sie sind'ö doch — Förster Eschberg? Eschberg. Zu Euer Gnaden Befehl. Oberst. Wir Zwei werden wohl bald recht vertraut werden; ich liebe die Jagd und verstehe auch davon mehr als von der Oeconomie. Körndl. Ja, so geht's manchem Gutsherrn; viel besser verstehnß das Verjagen als daS Oeconomischsein. Oberst (zu Eschberg). Sie sind mir als ein tüchtiger Forstmann anempfohlen. Die Holzungen sollen vortrefflich stehen. Aber sagen Sie doch, der frühere Besitzer machte mich darauf aufmerksam, — der Wildstand soll bedeutend gelitten haben, die Wilddiebereien sollen immer häufiger vorfallen? Zum Henker! Herr Förster, woran liegt da 22 die Schuld? Warum arbeiten Sie dem Uebelstande nicht kräftig entgegen? Eschberg. Gnädiger Herr! glau. -en Sie mir, die Schuld liegt wahrlich nicht an mir. Für's Erste hat die Waldung eine üble Situation, der Fluß bespült sie und daö jenseitige Ufer ist fremdes Gebiet. Von daher stellen die Wilddiebe ihre Züge an und sind schnell in Sicherheit — und dann ist das Jägerpersonale auch etwas zu gering. Körndl. Za, leicht — sehr leicht! Oberst. Nun denn, so muß man es verstärken, wenn es nöthig ist; denn in diesem Punkte wäre Oeconomie Verschwendung. Körndl. Haben'S g'hört? Oeco- nomie war' Verschwendung — sehr schön g'sagt, wirklich Ew. Gnad'n, ich mach' mein Compliment — 's g'rath Ihnen auch manchmal was. Basilius. Oeconomie wäre Verschwendung! 'S iS colossal! Oberst (Körndl strenge ansehend). Herr Müllermeister, wenn Eure Mühle so fortwährend im Gange ist, wie Euer Maul, so müßt Ihr sehr viel verdienen. Körndl (dumm lachend). Hahaha! O Ew. Gnad'n werden g'spaßig — hahaha! wirklich ein lieber Herr! Oberst (zu Eschberg). Aber können Sie sich denn auch auf Ihre Leute verlassen? Es »st nicht selten der Fall, daß die Jägerbursche entweder selbst Wild- diebstähle begehen, oder mit den Raubschützen in geheimen Verbindungen stehen. Sind die Ihrigen doch Alle ordentliche Leute? Körndl (Basilius in die Seite stoßend, leise). Jetzt hängt er uns selber 's Rad auS — Helsens nur jetzt nach! (laut, sehr bedeutungsvoll). Hm! Basilius (ebenso). Hm! Eschberg. Gnädiger Herr! für meine Leute stehe ich gut. Körndl (wie oben). Hm! Basi liuS (ebenso). Hm! Oberst (sich nach ihnen umsehend). Donnerwetter! Was ist denn das für ein Gesumse? Kö rnd l (mit sehr wichtigthuendem, langgezogenen Gesichte). Hm! Gutstehn? Hm! ordentliche Leute? Hm! Basilius (ebenso). Die Jägerbur- schen — hm! Oberst (wird aufmerksam). Zum Teufel! Wenn Zhr etwas vom Jagd- personale wißt, so sagt es! Körndl (achselzuckend). Ja, die Jä- gerburschen — g'horsamer Diener! Basilius. Ja wohl, g'horsamer Diener! (niest) Hels Gott! Ich dank recht sehr! Eschberg (beleidigt). Herr Ortsvorstand, und Sie, Herr Schulgehilfe — jetzt geht die Sache mich an — was haben Sie? was wissen Sie von Einem meiner Leute? Heraus mit der Sprache! ich fordere Sie auf. Oberst. Ja, sprecht, was ist'S mit den Jägerburschen? Basilius (leis« zu Körndl). Na, so redens! 's paßt ja grad in unfern Kram — aber sagen Sie, Sie thuns nur auf allgemeines Verlangen —das ist jetzt so gebräuchlich. Körndl. Also, weil Sie's denn begehren — alle Achtung vor der ganzen Forstwissenschaft — aber Ein Bursch ist drunter, Einer, — der gwisse Fritz Poll — 's ist »»»eine Sach nit. Jemanden hinterm Rucken was Uebles nachzureden — aber das ist ein hauptlie- derlichs Tuch — er kennt keinen andern Dienst, als den Liebesdienst — statt daß er auf den Anstand ging, benimmt er sich gegen allen Anstand, verführt die solidesten Personen — sogar in meine Angelegenheiten mengt er sich — Kann eS eine größere Niederträchtigkeit geben? Aber es ist nicht meine Sache, Jemanden hinterm Rucken was Uebles nachzurcden — Basilius. Auch nach der ältlichen Mamsell Kunigunde hat er gezielt -- 23 Grund genug, ihn für einen Wildschützen zu Hallen. Körn dl. Mit Einem Worte, er ist ein schlechter Kerl — aber ich will Niemanden Hinter'« Rucken was Uebles Nachreden. Es ch ber g (zum Obersten). Gnädiger Herr! ich weiß nicht, was ich auf all diese Beschuldigungen erwidern soll, und nur Ihre Gegenwart verhindert mich, diesen Verleumdern so zu antworten, wie sie es verdienen. Dieser Fritz Poll ist Einer meiner geschicktesten, verläßlichsten Bursche — ein Schütze wie kein Zweiter, fleißig, thä- tig, überall brauchbar — Körndl. Das ist nit wahr! Zch kann ihn gar nit brauchen. Eschberg. Daß er sich unter den jungen Dirnen etwas fürs Herz ausgesucht hat. und dabei vielleicht manchem alten eingebildeten Gecken hindernd in den Weg getreten ist — Körndl. Da haben Sie recht. Eschberg. Je nun, er ist ein junges Blut; und ein schlechter Jäger, der nicht einen lieben Namen in sein Morgenlied verwebt. Oberst. Wo ist der Bursche jetzt? Eschberg. Ich habe ihn eben ausgeschickt, um an der Wafserseite die schlagbaren Bäume zu bezeichnen. Oberst. Sie werden mich auf diesen Menschen aus jeden Fall bei der nächsten Gelegenheit aufmerksam machen. Körndl (leise zu Basilius). Aha — hängt schon! Oberst. WaS übrigens den Waldfrevel und den Wilddiebstahl betrifft, so muß demselben mit aller Kraft und unerbittlicher Strenge entgegen gearbeitet werden. Man muß die Gesetze hierüber neuerdings publiciren lassen, und in UebertretungSfällen — wer auch immer der Schuldige sei — schonungslos ein auffallendes Erempel statuiren. "7 Ich habe gewiß nicht die Absicht, hier auf meinem neuen Besitzthum den Zwangherrn zu spielen; aber der gütigste Herr ist nur der, welcher die Gesetze am strengsten aufrecht hält. (Plötzlicher Lärm hinter der Scene.) Oberst (in die Scene sehend). Was ist das? Mehrere Jägerbursche führen Einen ihrer Kameraden gebunden hie- her. WaS ist geschehen? Alle (sehen neugierig in die Scene). Vierzehnte Seene. Vorige — Jobs und zwei andere Jägerbursche führen Fritz, welchem die Hände mit einem Riemen gebunden sind, herbei. Eschberg. Wie — Fritz? Was ist geschehen? Jobs. Hoho! Herr Förster! a lustige G'schicht — (den Obersten bemerkend.) Ah, der gnädige Herr! Desto besser! Oberst. Erzähl schnell, was ist's mit dem Burschen? Jobs. Ja, sehen Ew. Gnad'n, ich Hab schon lang a verdächtiges Aug auf ihn — der Kerl hat immer mehr Geld als unsereiner, und ka Teufel weiß woher. Na, heut, just vor einer Stund, geh'n wir Drei — (auf die andern zwei Burschen deutend) gegen den Stadel an der Wasserseite. Auf einmal pumö! a Schuß —- ich stutz' — denn ich Hab' g'wußt, daß heut Niemand von uns was z'schießen hat. — Stad schleichen wir alle Drei näher — gucken durch's Gezweig — da — knapp am Damm, steht der saubere Vogel da — ich schäm mich, daß ich sein Kamerad bin — steht da, und neben ihm ein Kerl, der'S ganze Gesicht schwarz ang'strichen gehabt hat — dös thun d'Hallunken alle, daß man'ö nit kennt — und am Boden a frisch g'schossenes Rehböckl. Der Schwarze hat dem da (auf Fritz deutend) was g'sagt, was wir nit hab'n hör'n können, und drauf packt er das Rehböckl z'sammen, springt damit in a 24 Schinackel, waö am Ufer g'flanden ist, und fort war er, übern Fluß, eh' wir haben zur Stell' sein können. Aber auf den da sein wir gleich los — ritsch! am Krag'n Hab ich ihn g'faßt — er war ganz verwirrt und hat ka Wort vorbracht — ich aber nit faul, lös mein' Riem — schnür' ihm d'Händ' z'samm, und daher mit ihm. Der Herr Förster, denk' ich, wird schon h'rauS bringen aus ihm, wer sei' Spießg'sell war. K ö r n d l. Aha — was Hab ich g'sagt? Basilius. Siehst es — da hast es! Eschberg. Fritz —Fritz! Du? — Es ist nicht möglich! Sprich — Fritz (beide Hände gegen die Stirne schlagend). Heiliger Gott! daß ich nicht sprechen darf! Oberst. Wie—dieser? — Also dieser ist der Fritz Poll? — Ha Bursche! Du warft mir schon angerühmt. Nun Herr Förster? stehen Sie noch gut für ihn? — Fort mit dem Schurken! Setzt ihn fest! Körndl. Ew. Gnad'n, wir hab'n hier heraußt eigentlich ka schwer'S Ge- fängniß — der Verbrecher-muß sich halt derweil mit dem Gemeind'-Kotter behelfen. Oberst. Setzt ihn indeß dort fest unter strenger Wache, und morgen tranSportirt ihn an das nächste Stadt- Gericht. Er soll mit voller Strenge behandelt werden! Fritz (im Tone der Verzweiflung). Gnädiger Herr! Oberst. Keine Gnade! — Ist der Diebstahl an und für sich das verächtlichste Verbrechen, so ist doppelt verächtlich und doppelt strafbar der Diener, der seinen eigenen Herrn bestiehlt. Es bleibt bei meinen Befehlen! — Kommen Sie, Mondberg! (mit Mondberg ab.) E sch b er/g. Fritz, um Gotteswillen! sprich, wie konntest Du auf diesen Weg gerathen? — Ich kann — ich kann es noch immer nicht glauben. Fünfzehnte Scene. Vorige. — Kunigunde. Rosi (eilen herbei). Kunigunde. Um's HimmelSwil- len, ist eS wahr — ich sah vom Fenster auö — (erblickt Fritz — zurückbebend) Gerechter Gott! er ist's. Fritz! Fritz! Du gefangen — gebunden! Um Got- ^ teswillen, was ist geschehen? sumklam- j wert Fritz ängstlich.) Rosi (weinend). Fritz! die Leut' sagen, Du — Du wärst a Wilddieb. — Um Alles in der Welt, sag' Du mir, i daß's nit wahr ist! Fritz. Röschen, Du — Du fragst ^ mich? Äch, fragt mich nicht — fragt ^ mich Keine — ich kann Euch nicht antworten. ! Körndl. Halt! Was soll das Ge- i heul? Habt Zhr nit g'bört, was der ^ gnädige Herr befohlen hat? — Fort j. mit dem Rehbockischen Schnipfer, ins G'fängniß! Rosi (zu Körndl eilend). Um Gottes- I willen, Herr Körndl, Gnad! Barmherzigkeit ! Kunigunde (Fritz noch fester an sich drückend). Nein, nein! ich lasse ihn ' nicht von mir. Basilius (Kunigunden vom Fritz wendend). Zu was diese Umarmung ? Schonen Sie ihn, er ist ohnehin unglücklich Henug. Körndl (mit dem Fuße stampfend). Was Hab' ich g'sagt — beim gnädigen t Zorn des Gutsherrn, in den Kotter mit ihm, und morgen auf die höchste Festung in den tiefsten Kerker! Jobs und die übrigen Jäger (fassen Fritz an). Fort! Wilddieb! Kunigunde. Gott! meine Sinne schwinden. (Sinkt in Basilius Armen zu- l ^ sammen.) LS I j Rosi. Zch überlebS nit — Fritz! - mein Fritz! (Sinkt auf der andern Seite in Körndls Arme). l B asilius (trinmphirend). Das Ver- j treibungsmittel ist entdeckt: — Nur j den Nebenbuhler einsperren! Dann fal- j len Einem die Geliebten von selbst in : die Arme. / (Der Vorhang fällt.) Zweiter "Act. Zimmer im Hause KörndlS. Geste Seene. Körndl. Kunigunde. Basilius. Körn dl (steht in gravitätischer Stellung, sich mit der einen Hand auf den Lisch stemmend). Nein! nein! nein! Kunigunde (kniet vor ihm, mir flehendem Lone). Bruder! Körndl (sie anfhebend). Schwester, strapezier Deine Knie nit, alle Deine Bitten und Flehungen sind nur Was- 4 sertropfen aus glühendes Eisen; sie ma- i chen ein' Bremslerund verzischen, ohne ! die Gluth gedämpft z'haben. j Kunigunde. Bruder, habe Barm- ^ Herzigkeit, höre mich an, um unserer Liebe willen — Fritz — Körndl. Um unserer Liebe willen? Müßt'lügen! Um Deiner Liebe willen — o ja! aber um meiner Liebe willen — o nein! Zch will von ihm nir hören und nix sehen. Morgen sitzt er auf der Festung. Kunigunde. Der Gedanke bringt mich zum Wahnsinn. Auf einer Festung — Basilius. Ja, die Gesetze gegen den Wilddiebstahl sein sehr streng. . Wann übrigens jeder von unfern herrschaftlichen Schreibern für jeden wilden Bock, den er schießt, auf a Festung kommen sollt, so dürft man die ganze chinesische Mauer in a Festung um- wandeln, und man hätt' noch nit Platz genug für all die Chineser. Zweite Seene. Vorige. Rosi. Rosi (kommt, bleich, mit verweinten Augen, jedoch mit dem Ausdrucke von Entschlossenheit, eilt auf Körndl zu und faßt heftig seine Hand). Herr Körndl! Körndl. Jetzt is die auch da! Ja werd ich denn von allen Seiten blockirt? Kunigunde (seine andere Hand an ihren Busen pressend). Bruder! Körndl. Ums Himmelswillen, drucktS mir d'Händ nit so (reißt die von Rost gehaltene Hand los) ich werd sonst schwach! d. h. Du Kunigunde kannst mei Hand schon halten, bei dir iS ka G'fahr — Rosi. Herr Körndl, ich beschwöre Sie, verschaffen Sie mir nur Gelegenheit, den Fritz nur noch einmal zu sehen — nur ein Paar Wort mit ihm zu reden. Körndl. Nein, nein, nein! Wenn der Körndl sich einmal wen aufs Korn genommen hat, nachher ists aus. Und von Ihnen gar — von Ihnen ists a Frevel gegen meine Lieb, daß Sie sich um den Lumpen so annehmen. Basilius. Ja, wann sie noch a Papiermüllerin werden sollt', nachher könnt man ihr diese Lumpensucht noch als Berufseiser auslegen; aber als zukünftige Mehlmüllerin soll sie auf gar nir schaun, als auf Körndl. Rosi. Um Gotteswillen! ich muß — ich muß mit ihm reden! Körndl. Geht nit an. Mit ein'verschlossenen Menschen gibts keine Unterredung. Rosi (für sich). Ich muß — Gott verzeih mir die Nothlug! (kaut.) Herr Körndl, 's ist zu Ihrem eignen Vor- theil, wenn Sie sich je Hoffnung auf mich machen wollen. 26 Körndl. Zu mein'Vortheil? oom- ment? Rosi. Sehn Sie, an a Heirath mit 'n Fritz is jetzt nit mehr z'denken, daö seh' ich ein — Körn dl. Freilich, ein G'fangener kann nit freien. Rosi. Aber ich dürft desweg'n doch kein' Andern heirathen; mich bindet ein Schwur ewiger Treue an ihn. Wenn aber er selbst mich von dem Eid losspricht, dann — Körn dl. Hm! das war'was. Wissens, Rosi, Sie könnten ihm sagen, wann er das thut, will ich mich für eine Milderung seiner Straf' verwenden — na ja, ich Hab bedeutende Oon- naissancen in der Stadt; mehre der bedeutendsten Häuser verdanken mir ihr Brot — Rosi (hastig). Also lieber Meister, schaffens mir Gelegenheit, ihn zu spre» chen. Körndl (nachdenkend). Er sitzt im Kotter und der Nachtwächter Fest halt Wach — wann ich ihr auch den Schlüssel gib, so iS ka G'fahr — also gut! ich fühl' mich zu einiger Milde g'stimmt und gestatte, daß man den Inquisiten sprechen könne. Aber halt! noch besser — Herr Himmelblau, Sie gehn mit, Ihnen werd ich den Schlüßl geb'n, Sie sein Lsuve^srcle. (zu Rosi.) Also geh'n Sie hin zu ihm und sehn Sie, wie sich der jugendliche Wüstling im Arrest als g'setzter Mann ausnimmt. Sagens ihm aber, daß er sein Herz nit mehr aus freier Hand vergeben kann und daß ihn festere Bande zwingen, sämmtliche Rosenbande zu lösen, (zu Basilius.) Das war wieder sehr g'scheidt g'redt — nit wahr? — Na, also kommens hernach zu mir hinüber, ich werd' Ihnen den Schlüssel einhändigen und zugleich die nöthigen Befehle an den wachhabenden Nachtwächter ergehen lassen. (stolz). Nit wahr? ich war zum Festungskommandanten wie geboren — mir sollte man alle schlechten Menschen unter d' Hand geb'n! (Basilius Hand drückend.) Adieö indeß! wir verständigen uns schon noch, (ab.) Dritte Teerre. Vorige, ohne Körndl. Rosi (freudig für sich). Ich kann ihn doch seh'n — sprechen, und vielleicht — wer weiß — wenn ich nur einmal den Ort g'sehn Hab, wo er sich aufhalt — Kunigunde. Fritz kann kein Verbrechen begangen haben, wenn auch der Schein gegen ihn ist — und wenn auch — (für sich) könnte ich denn aufhören, ihn zu lieben? müßte ich nicht das Aeußerste versuchen, ihn zu retten? (einen Gedanken fassend). Wenn — ja — ich wage Alles! — Rosi! Sie fühlen gewiß eben so viel Mitleid mit dem Unglücklichen, wie ich — Rosi. Können Sie noch fragen? Kunigunde (zu Basilius). Und Sie, Herr Himmelblau — Basilius (aus seinen Gedanken er- wachend). Was? Kunigunde (hastig). Sie haben mir Ihre Zuneigung bekannt — Basilius. Mehr als Neigung — Liebe, wenn ich nit irr. Ich wollte sogar die Feuerprobe der Liebe besteh'n und Sie heirathen. Kunigunde. Wenn ich Sie aufsordern würde, mir einen Beweis Ihrer Neigung zu geben — Basilius. S'kommt drauf an, in was der Beweis besteh'n soll — Kunigunde. Fritz muß gerettet werden. Mich selbst macht die Angst, die Verzweiflung unfähig, einen Entschluß zu fassen. Doch Sie, Herr Himmelblau — sinnt ein Mittel aus. Helft ihm zur Flucht! Rosi (den Gedanken fassend). Flucht — Flucht — ja, das wär das Beste für ihn (für sich) und für uns. 27 Kunigunde (zu Basilius). Helfen z Sie ihm zur Flucht, und fordern Sie i von mir Alles, was ich gewähren kann- j Basilius (nachsinnend). Das Wort j Alles hat in dem Munde eines jeden Menschen einen ganz andern Begriff. Was sagen Sie nun, wenn ich unter ^ dem von Zhnen ausgesprochenen Alles, z nir weiter verstände, als diese Hand? , Kunigunde. DieseHand?— Ich I habe Ihnen bereits gesagt, daß ich mich I nie vermälen werde; aber das, warum ! Ihnen doch wahrscheinlich diese Verbindung wünschenswerth erscheint, sichere j ich Ihnen zu. Basilius. WaS meinen Sie? Kunigunde. Oft schon hat mir mein Bruder angetragen, sein Vermögen mit mir zu theilen — stets wies ich den Antrag zurück; aber jetzt will ich wenigstens einen Theil davon begehren. Wenn Sie Fritz retten wollen, sollen 100V fl. Ihr Lohn sein. Basilius. Was? 1000 fl.? (für sich). Und ohne sie! (laut). Wohlan, Kunigunde! Dann verzichte ich auf jedes andere Glück und begnüg' mich mit dem Relutum statt der Braut. Ich krieg, wie Sie g'hört haben, den Schlüßl — ' Rosi. Jawohl — aber der Nachtwächter, der Fest — Basilius. Für den weiß ich schon ein' andern Schlüssel, der ihm 's Maul schließt, (zu Kunigunde). Haben Sie den Kellerschlüßl? 1 Kunigunde. Jawohl! Doch wozu j den? ? Basilius. Im Keller gehts um; denn der stärkste Geist des Hauses liegt dort in wohlversiegelten Bouteillen echten Elferweins. Der Elfer soll uns j mehr helfen, als alle Elfen in Zau- ! bermärchen; er ist ein starker schnell betäubender Wein. Spendiren Sie ein' Korb voll davon herauf. Kunigunde. Wozu das? Basilius Hörn's mich nur an. Wir geh'n nachher Alle hinunter zum Fritz, ich Hab den Schlüßl — wir reden mit ihm und Sie sagen ihm, daß er g'rett' wird. — Kunigunde. Wenn nur er die Gelegenheit ergreift — wenn er nur flieht. — Basilius. Beschwörens ihn nur bei Ihrer Lieb, dann flieht er g'wiß. Dann sperr ich die Thür wieder zu vor den Augen des Nachtwächters, — hierauf gehn Sie Alle ab, ich aber bleib im Diskurs mit'n Nachtwächter, lad ihn zu ein' Glas Wein ein — unsre Hilfstruppen, der Elfer, ruckt vor — ich trink demNachwachter so lang zu, bis er zum Nacht sch läfer wird. Liegt er unterm Tisch, dann laß ich den Vogel auSfliegen — morgen wird das Nest leer g'funden, man weiß nit wie er verschwunden is — genug! aber er is verschwunden — der Nachtwächter kriegt 28 — ich krieg die tausend, und wir Alle sein glücklich. Kunigunde. Ja, es kann, es wird so gelingen. Ich eile jetzt, was ich Werthvolles habe, zusammen zu richten in ein Päckchen, das Sie dem Fritz übergeben, damit er auf seiner Flucht vor Mangel geschützt ist. Kommen Sie uns bald nach — holen Sie den Schlüssel. Und Sie, liebes Röschen, verra- then Sie ums Himmelswillen unfern Plan mit keiner Silbe! Wenn Fritz in Sicherheit ist, muß er uns seinen Zufluchtsort bekannt geben, (für sich). Dann folge ich ihm nach. Rosi (für sich). Dann — verzeih mir der Himmel die Sünde! Dann geh' ich auf und davon. (Kunigunde und Rosi ab). Vierte Seene. Basilius (allein). 1000 fl.! Ein Eldorado blüht wieder vor mir auf. — Aber wirds auch g'lingen? — Hm! ich zweifl'nit. Aber 23 wohl überdenken muß ich mir noch den Schlachtplan — Alles vorher bedenken — denn wanns einmal mißlungen ist, dann kommen die guten Gedanken zu spät, und das ist eben das fatalste bei den guten Gedanken, daß sie so langsam geh'n, und d rum meistens z'spät kommen. Lied. Eh' sein nur Bankiers auf die Börs gangen hin, Doch jetzt will schon fast jeder Greisler sein' G'winn Rur recht g'schwind vermehren durchs Börs- spekulirn, Was er Viertingweis g'wonnrn, thut er in Viert'ln verliern. Rein heißabgesott'n ruft er verzweiflungs- voll aus: Mit die Verteln da kommt ja der Teufel nit dr'aus, Das G'schäft mit die Holzbirt'ln viel bes- . ser geht: Doch jetzt kommen die guten Gedanken zu spät. 'S hat Einer 60 Jahr lang a wüsts Leben g'führt — Sei G'sundheit is pfutsch, alle Kraft rui- nirt — Jetzt braucht er a Wärtrtn für sein' kranken Leib Und nimmt sich a blutjunges Maderl zum. Weib. Wie glücklich wär' ich in der Eh', ruft er aus, 'S fehlt nix als a ganz kleiner Ehsegen im Haus. Hätt ich nur a klans Buberl, ich müßt' nit wa« ich thät! Ja, jetzt kommen d. g. G. z. spät. A Baumeister hat wo a neu's Haus erbaut, Bor Allem aber auf das Aieglspar'n g'schaut, 'S i< recht hübsch luftig hing'setzt, nit schöner könnts sein; Doch über Nacht stürzt ihm da- Kartenhaus ein. Jetzt steht auf den Trümmern der Herr Architekt — Wie vorz'beugen gweßt wär, jetzt weiß er's perfekt — Wann er' nur vor dem Einfall den Einfall g'habt hätt'! Doch jetzt kommen rc. A Künstler hat mühsam verdient sich kaum 's Brot, Ins beff're Land führt ihn die Eilpost, der Tod. Jetzt, wo schon vermodert 50 Jahr sein Gebein, Jetzt fallt, daß er groß war, den Leuten erst ein ; Ihm z'Ehr'n wer'n jetzt große Tafeln gegeben, Beim vollen Champagner-Glas laßt man ihn leben. Ja, wenn man ihn lebend nur leb'n lass'n hätt'! Denn jetzt kommen rc. D'Astronomen, die kennen das blaug'wölbte Haus, Sie stell'n jedem Stern seine Marschrout'n aus. Auf einmal am Himmel a Komet sich hinstellt, 'S is keck von ihm, er hat sich früher nit g'meldr. Das thut d'Astronomen natürli verdrüß'n; D'rum wollns auch im Anfang gir nix von ihm wiff'n, Und rechnen erst nach, wenn er längst schon fort geht — Und so kommen rc. A Lied g'fallt recht allen Damen und Herrn, Drum thun sie auch noch neue Strophen begehr'n; Doch wenn man den Dieb nit hat, hängt man ihn nit. Und schwer ist zu singen, eh' 's dicht is, a Lied. 2S Drum muß ich für heute schon danken für d'Ehr, Vielleicht schreibt der Dichter für morgen noch mehr. Man weiß es ja' wie's mit den Dichtern schon geht, Manch guter Gedanken kommt auch ihnen zu spät. (Ab.) Fünfte Seene. Der untere Trakt des Gemeindehauses. An der Hinterwand sind mehre Lhüren, sämmt- lich durch Vorhängschlöffer verschlossen. Von oben herab hängt eine Lampe. Nachtwächter Fest (geht mit umgehängtem Säbel, einen Spieß in der Hand, auf und ab. Er bleibt stehen, gähnend). Ah! sadeS Zeugs, da den G'fangen- wärter z'spieln. 'S iS viel angenehmer 's ganze Dorf z'bewachen, als so ein' einzigen Schlingel. Da hat man doch d'freie Luft und 's stoßen Ein'm manche Abenteuer auf; aber da hier — außer daß vorhin 2 Ratz'n über'n Weg g'lof- fen sein, hat sich no nir ereignet, was würdig war, die Blick' eines Nachtwächters auf sich zu zieh'n. — Na was! besser ift's doch auf jeden Fall da Heraußen, als da drin, (auf die mittlere Thür zeigend). — Still! ich hör kommen — aha, das wer'n die sein, von denen mir schon der Herr Körndl hat sag'n lass'n. Sechste Seene. Fest. Kunigunde. Rosi. Basilius (in einem Mantel, kommen von seitwärts). Fest (in militärischer Richtung). Halt! wer da? Basilius. MachtS ka G'säus, Nachtwächter! wir seinS — wißtö ja eh' — der Herr Körndl hat g'sagt, ich soll nur den Schlüssel zeigen. Fest. Ah — gut! Passirt! Basilius. Ja, Herr Nachtwächter, wir sein so frei, den G'fangenen a bißl anschaun z'wolln. Wo sitzt denn der ar- retirte Jäger? Fest (auf die Mittelthür zeigend). Da drin. Lassens ihn nur raus; aber derweil wird die Gassenthür zug'sperrt. (thut es und stellt sich, auf seinen Spieß gelehnt, davor. Basilius schließt die Mittelthür auf. Man sieht in ein kleines unbeleuchtetes Kämmerchen, wo Fritz auf einer hölzernen Bank sitzt.) Siebente Seene Vorige. Fritz. Kunigunde (beide Hände vor die Augen pressend) Heiliger Gott! Rosi. Mein Himmel! Fritz! (eilt auf die Thür zu). Basilius. Nur Fassung — Fassung. Fritz (vom Sitze auffahrend). Wer ist hier? Welche Stimme? Basilius. Bemühen Sie sich nur heraus; wir sehen schon, daß Sie hier nit darauf eing'richt sind, größere G'sellschaften zu empfangen. Fritz (eilt heraus). Wie — Röschen, Du - Du hier? Rosi (ist an seine Brust gesunken). , Mein Fritz! Kunigunde (ihn ebenfalls umschlingend). Fritz! sich beschwöre Dich, sage nur Du, daß Du kein Verbrecher bist! Zch kann es nicht glauben. Basilius. Aber lamentirtS jetzt nit! Damit ist nir g'holfen. (zieht Fri- hastig in die äußerste Ecke). Fritz! ich Hab nur g'schaut daher z'kommen, um Ihnen z'sagen, daß 's g'rett werd'n. Fritz. Wie — gerettet? Basilius. Pst! still — still! Ich werd Ihnen nachher die Thür auf- sperr», werd Ihnen mein' Mantl geb'n — ich hab'n deßhalb anzogen — da wickelnd Ihnen ein und schaunS, daß so gschwind als möglich fortkommen. Am Fluß beim steinern Marterzeichen so wart ich mit ein' Schinakl, und führ' Ihnen d' ganze Nacht stromabwärts, bis S' in Sicherheit sein. Fritz. Wie — ich soll fliehen? Basilius. Ka Widerred.' 's gibt ka anders Mittl. R o si (hastig doch leise zu ihm). Fritz, ich weiß Alles — Willst du mich unglücklich machen? Fritz. Röschen — mein Röschen! Dich unglücklich? — Ja, ja — ich fliehe — ich muß fliehen, es gilt ja nicht mir allein, es gibt kein anderes Mittel. Basilius. Also lastend Ihnen nur gutwillig wieder einsperr'n und wartend ab was geschieht, (zu Kunigunde und Rost). Ist schon in Ordnung — er geht durch. Kunigunde (ihn umschließend, leise). Fritz! sobald Du in Sicherheit bist, ich beschwöre Dich, laß es mich wissen, wo Du bist! Fritz. Ihnen? Warum denn das? Basilius (absichtlich laut). Aber jetzt, glaub ich, hat dasAbschiednehmen schon lang g'nug dauert; machtö ihm 's Herz nit noch mehr schwer, 's muß einmal sein, wir können ihm nit helfen, (leise). Schauts, daß 's fort kommts. Fritz (Rosi umschlingend). Röschen, leb wohl; bleib mir treu — wir sehen uns wieder — gewiß, wir sehen uns wieder. Basilius (laut). Na alsdann! Wir dürfen die Erlaubniß vom Herrn Wächter nit länger mißbrauchen. Fritz, gehnsim Gottsnamen wieder insG'fäng- niß. Was wir thun können, daß d' Straf nit z'hart ausfallt, wird schon g'schehn. (Röschen und Kunigunde von ihm fortdrängend und ihn wieder zur Thür führend). Heda, Herr Nachtwächter, schauts her, ich führ ihn selber wieder hinein — so — (schließt die Thür). Schauts her, ich Hab ordentlich zugsperrt — so — Fest. Alles in Ordnung. Basilius. So —und jetzt laßt's uns wieder fort! (nimmt Kunigunde und Rosi am Arme). Heda! sperrts doch die Thür wieder auf! Fest (sperrt die Gassenthür auf). Achte See«e. Fest. Basilius. Fest (nachdem die Andern bereits fort sind, die Thür noch immer offenhaltend, zu dem noch immer da bleibenden Basilius). Na, HerrHimmelblau, was ists denn? gehns nit weiter? Oder gfalltS Ihnen dahier gar so gut? Soll ich Ihnen a Monatzimmer aufsperrn? Basilius. Nein, ich dank für die Gastfreundschaft, edler wachtwandeln- der, zeitausschreiender, Satern- und Spießbewaffneter Sicherheitsbürge des Ortes, der sich heut zum tartarischen Cerberus umwandeln mußte — ich bin nur hier blieben, um Euch zu bedauern. Fest. Bedauern? Warum denn? Basilius. Na, daß Ihr jetzt, während die idyllische Nacht ihre stern- gefüllte Tuchet außbreitet über alle Wesen — jetzt, wo von den Teichen her die melodischen Unken ihr Heidipupu singen, — jetzt, wo die Menschen von Morpheus Mohnbeugeln — wollt' ich sagen Mohnkörnern, bestreut, dem tröstenden Schlummer in die Arme sinken — wo alle übrigen Vieher sich gegenseitig don nuit sagen, — daß Ihr da allein im stolzen, aber drückenden Bewußtsein Eurer Amtswürde wachen müßt. Fest. Ah was! das bin ich schon g'wohnt. Basilius. Ja freilich; ein Nachtwächter ist der gerechteste Mensch, denn er darf in Ausübung seiner Pflicht nie ein Aug zudrücken. — Aber schauts, ich stell' mir Euer gewöhnlichs Nachti- gallen-Leben — denn bekanntlich schreien die Nachtigallen auch nur bei der Nacht — doch angenehmer vor. Da geht Ihr durchs Dorf, und bald leuchtet hier aus dem Gmeind-WirthöhauS, bald dort Li aus der Branntweinschank Euch ein einladends Lichtlein entgegen; Ihr erfrischt Eure ausgeschriene Kehl bald am labenden Gerstentrank, bald mit ein' Strehndl Unblachten, das sind Silberblicke in Eurem nächtlichen Leben. Auf die Art kann man selbst für Euren Stand begeistert werden; aber hier — hier ist, wie ich sehe, Euer Gschäft sehr trocken. Ich wett drauf, Ihr vertragt die nächtlichen Nebel besser, als hier dieses dicke Mauergewölb, wo sich kein Nebel holen laßt. Fest (schmunzelnd). Herr! so unrecht hat der Herr nit; a g'sunder Tropfen könnt' nit schaden. Basilius. Und wie wär's, wenn ich ein Augenmerk auf Euer traurigs LooS g'richt hält'? wenn ich mir denket: die Durstigen mußt Du tränken? (für sich) und die G'fangenen befreien. Fest. Na! 's GmeinwirthshauS ist in der Näh, laß der Herr halt a Pirschen umareib'n! Basilius. Bier? — Nein; ich Hab Mitleid mit Euch, und Mitleid spricht sich nur in Weinen aus. Ich Hab a Präsent kriegt, a Paar Flaschen voll Rebenthränen — soll ich sie mit Euch vergießen? Fest. Was Teufel, Wein? Schütt' der Herr die Thränen in meine Brust. Basilius. Sogleich. Für Personen Eures Standes ist Wein sehr nützlich, denn da kommts zu manch tüchtigem Einschlag. — Schau der Herr her! Uocus poous! 1 —2 —3! (zieht nach rinander 3 Bouteillen aus den Man- telsäcken hervor und stellt sie auf den Lisch). Fest. Mein Seel, 'S ist Wahrheit! Basilius. 2a, im Wein ist immer Wahrheit, selbst wenn er selber falsch ist. Na, setzen wir uns zusamm, wachen wir zusamm Nacht, so kommt auf 2^ den nur d' Hälfte. — So — Habens keine Gläser? Fest. Nein, die Hab ich nit. Basilius. Thut nix! Uultum oreäe midi, eekert, s konte dibstur; d. h. auf deutsch: der Wein schmeckt aus Flaschen auch gut. (entkorkt 2 Flaschen). Sollts leben (stoßt mit ihm an und trinkt). Fest. Auch so viel! (trinkt). Der thuts! auf Ehr', der thutS! Basilius (für sich). Ich muß nur schaun, daß er bald ein' Hieb kriegt, (wieder anstoßend). Sollts noch amal leben! (trinkt). Die Weintrinker sind die billigsten Leut, bei ihnen heißtS immer: Leben und leben lassen! (trinkt). Fest. A famoser Tropfen! wärmt Ein' orntlich 's ganze Geblüt, (trinkt). Basilius. Aha, er wird schon warm! Nur zu! (trinkt, dann comman- dirend). Das zweite Glied vor! (trinkt aus der zweiten Flasche). Fest. Na, Sie können aber schon auch was vertragen, wie ich sehe — Sie taugeten zum Nachtwächter. Basilius. O ich leist' überall Bedeutendes. (trinkt und wischt sich den Schweiß von der Stirne). Aber warm — warm — sehr warm! (bläst.) Sapperlot! der Wein macht Ein' ordentlich zum Locomotw — man kriegt bedeutende Roßkraft. Puh! warm! warm! Feuer! ich muß loschen, (trinkt wieder und fangt nach und nach an schwer zu werden). Sagens mir — Herr von Nachtwächter — sagens mir zur Güte — sinds bald b'soffen? Fest (trinkend). Oho! no nit! Ich kann was vertragen. Basilius. Dann — dann müssen wir noch mehr trinken — nur mehr! (trinkt). Puh! warm! warm! — Nachtwächter, wie ist Ihnen? Fest. Gut — sehr gut! BasiliuS. Mir auch — sehr — sehr gut — so g'wiß argandisch — oder arcadisch, nit wahr? Honig träuft von den Hweiaen. (trinkt) deli — delikater Honig - so wohl - ah, so wohl ist mir — (singt) 32 Ich trotze den Mächten, Die Unheil mir flechten, Das GlaS in der Rechten Verachte ich sie — und ich — ich veracht' sie auch — ich veracht Alle — ich brauch ka alte Jungfer — in Arcadien j sein gar keine alten Jungfern gewachsen. Verachtung — pure Verachtung! Aber die 1000 fl. veracht' ich nit. Fest. 1000 fl.? Was für 1000 fl.? Basilius. Ich — ich — 1000 fl. fein schon mein — Aber Nachtwächter, Habens doch die G'wogenheit. b'saufen Sie sich! (trinkt). Ich muß mehr krie gen, mehr als 1000 fl. — nur'S Schloß aufmachen! F e st (für sich). Was, 1000 fl.? Was Teufel! Was der da im Rausch hersagt, kommt mir ordentlich verdächtig vor. Woher kann er 1000 fl. rechtlicher Weis haben? Basilius. Ha, Nachtwächter, wenn Du wüßtest — sehr reich ist's, sehr reich — wenn Du wüßtest, wie schwer ich bin — ha! eine lebendige Schatzkammer. Aber warm — warm! (steht schwankend auf). Ich — ich muß den Rock ausziehn — so warm! (zieht mühsam den Mantel aus. Ein Päckchen fällt schwer aus seiner Tasche, ohne daß ers bemerkt. Er wirft den Rock weg, taumelnd). Sein wir denn in ein' Ringlspiel? Alles — Alles dreht sich. Nachtwächter, trink! der Fritz — derSchlüffl — 1000 fl. — (wankt zum Tische und sinkt mit geschlossenen Augen in den Stuhl). Fest. Was ist denn da so schwer g'fallen? (beugt sich über Basilius und sieht ihm ins Gesicht). Er schlaft — schlaft ganz fest, (hebt schnell das Päckchen auf). Teufel, wie schwer! Da ist entweder Blei oder Gold drin, (öffnet es). Element! das ist ja ein Ooipus äelietum von ein' Straßenraub oder von ein'Häuser-Einbruch. (zieht folgende Gegenstände hervor). Ein goldenes Halsband! mit Brillanten— 4 goldene Armbänder — a prächtige Uhr mit schwerer Kette — a Medaillon mit ein' Porträt von ein' jungen Herrn. — S' iS a DameauSg'raubt wor'n, da iS gar ka Zweifl — 2 Brustnadeln — a klans Beuterl mit Silbergeld — und a ver- siegelts Briefe!. Halloh! da Hab ich ja ein' prächtigen Fang g'macht — a Entdeckung , die mich wenigstens vom Nachtwächter zum G'richtsdiener avan- ciren muß. (betrachtet wieder Basilius), Er schlaft noch immer. Jetzt heißts glei Hand ans Werk legen, (geht hastig zur Seitenthür undöffnetsie). GottseiDank! da kommen noch Bauernburschen aus der Schenk, (ruft hinaus). Heda! halloh! Hilf! herein da! Basilius (halbwach). Wa — was gibts? 1000 fl.— Fest (rufend). G'schwind — g'schwind herein! Basilius (sich aufraffend, noch immer taumelnd). Wo bin ich denn? Wer schreit? (die Augen aufreißend). Wo — wo bin ich denn aber? Steunte Seene. Vorige. Michl. Martin. Mehre Bauernbursche. Michl. WaS ists denn? Martin. WaS gibts denn da? Fest. Packts den da fest, Halts ihn! Basilius (schwankend). Ja, Halts mich — Halts mich! (sie anstaunend). Ah — da — das sein — sagtS mir nur, wo bin ich denn? Michl. Hahaha! der Herr Basilius hat ja ein' unbändigen Affen. Basilius. Der g'hört in die Na- turgschicht — s ist nur a Schwind! — nir als Schwindl. Fest. Nehmts ihn fest, sag' ich! der gnädige Herr wird Euch gut dafür zahl'n — er is a Dieb, oder gar a Straßenrauber. BasiliuS. Was — ich — ich? — SS Das ist donmot — ich Hab gar nie Straßeng'raubt. Fest (auf die auf dem Tische liegenden Effekten zeigend). So sag Er, wie kommt Er zu dem Gold dahier? wie zu dem Geldbeutl? sag Er! Basilius (Alles anglotzend). Gold? Geldbeutl? Ha! wo bin ich denn? (reibt sich die Augen). Hat mir das der Nicolo eing'legt, oder wer? Fest. Wie kommt Er dazu? sag Er's! Basilius. Sagts mir nur erst, wie das Zeugs zu mir kommt, nachher werd ich schon wiffen, wie ich dazu komm. — Aber das Kopfweh — ein' schwarzen Kaffee! ums Himmelswilln, ein' schwarzen Kaffee! Fest. Aha, er kann nit Rechenschaft geb'n — packtß ihn an! Basilius. Ein' schwarzen Kaffee! Martin und Mich! (fasten ihn zu beiden Seiten). Was solln wir denn thun mit ihm? Basilius. Ein' schwarzen Kaffee! oder schlafen — nur a Paar Stund schlafen — das Kopfweh! Fest. Glei führts ihn zum Verwalter! schaut's, daß er Euch nit auskommt — dann schickts mein' Sohn her, daß er mich ablöst; dann komm ich auch hinauf. WecktS den Richter auf! laßtS es dem gnädigen Herrn sagen! 's ganze Dorf muß äufg'rebellt werd'n. Basilius. Aber zu was denn? Nur der Wirthin sag'n — nur ein' schwarzen Kaffee! Fest (hat indeß die Effekten wieder zusammen gepackt). Führts ihn fort, wie >ch Euch gsagt Hab. Martin. Fort? Sakerlot! er ist la gar nit weiter z'bringen, er kann kaum fteh'n. (Beide fassen ihn fest unter den Armen und führen ihn fort.) Basilius. Ja, führts mich, meine Eleven, führts mich! der Himmel segnet die Schüler, die ihren schwachen Wiener Tbeater-Repertoir. XII. Lehrer uüterstützen. Ein' schwarzen Kaffee! (ab.) Fest (sieht durch die offengebliebene Thür) Ha! da kommt mein Sohn, der Christ!. Gscheidt! da kann ich glei mit. — Christ!! gschwindtherein! (folgt ihnen.) Zehnte Seene. Vorsaal im Schlosse. — Lichter auf den Tischen. Jean und Zack (kommen eilig von verschiedenen Seiten). Jean. Der gnädige Herr noch auf? Jack. Za, im Lesezimmer sitzt er mit dem Herrn von Mondberg. Jean. G'schwind zu ihm! wichtige Nachrichten, (ab.) Ettfte Seene. Zack. Rollmann. Körndl. Körndl (eilt mit Rollmann herein). Aber was ists denn? 's ganze Dorf ist in Allarm. Die Bauern sein nur bei mein' Fenster vorbei gloffen, haben anpumpt und gschrieen: Herr Körndl! auf! Dieb — Räuber! — Na, da muß ich doch auch dabei sein. Rollmann. Man erzählt sich schauderhafte Gschichten — ein' g'stohlnen Schatz — Körndl. Was? schon wieder a neu'S Verbrechen? Ha! so glücklich war unser Ortsgricht schon lang nit. Rollmann. 'S ist nur fatal — die Stelle des Zustiziärs ist noch nicht besetzt, und in solchen Fällen sollte doch wenigstens ein summarisches Verhör — Zwölfte Seerre. Vorige. Mondberg. Jean. Mondberg (aus dem Seitenkabinete tretend). Was gibts? Was ist vorge- fallen? Rollmann. So viel mir nur in 3 Z4 Eile berichtet worden, sind bei dem Basilius Himmelblau Gegenstände von hohem Werthe gefunden worden, die ihn verdächtig machen, da er über den rechtmäßigen Besitz derselben sich nicht auszuweisen vermag. Er befindet sich unten in der Schloßhalle. Mondberg. So muß man ihn sogleich vernehmen, (zu Zack). Man bringe ihn herauf. (Jack ab, zu Jean.) Richtet einen Lisch zurecht und Schreibmaterialien! (zu Körndl). Sie sind der Orts- vorstand? Körndl. Mit Respekt zu melden. Mondberg. Sie werden ihn in meiner Gegenwart vernehmen. Körndl. Ja zu was brauch ich Venn Ihnen dazu? Mondberg. Der Herr dieses Gutes hat mir soeben das Dekret alS Justiziär ausgefertigt, verstehen Sie mich? Körndl. Ah so. Gut, da kommen die schweren Verbrechen auf Ihre Rechnung. Gut, bleibend dabei, da könnend glei von mir was abspicken. (Inzwischen ist ein Lisch zurecht gerichtet und Stühle neben denselben gesetzt worden. Körndl geht mit wichtiger Miene zum Tisch und setzt sich oben an, nachdem er sich geräuspert), krenner vou8 place! (Mondberg und Rollmann setzen sich zu beiden Seiten). Körndl. Man schleppe den Verbrecher herbei und zugleich die Bank! Mondberg. Halt, halt! Zuerst haben Sie doch denjenigen zu vernehmen, der die Anklage stellt, und zu untersuchen, ob sich wirkliche Indieia des Verbrechens darstellen. Körndl. Mein Gott! Sie Veden wie Sie's verstehen. Das ist bei mir nit üblich, ich nimm gleich den Schuldigen vor — g'stehter, so wird er auf die Bank g'legt; g'steht er nit, so wird er auch auf die Bank g'legt, um ihm das G'ständniß zu erleichtern. So geht Alles bei mir durch die Bank. Mondberg. Eine schöne GertchtS- pfiege (zu Rollmann). Wer ist der Kläger? Rollmann. Der Nachtwächter des Ort'S. Er ist auch draußen. Mondberg. Non so lasse man diesen zuerst vor. (Jean av)^ Kö rn d r (zornig aufstehend). Ja, wenn Sie Alles besser versteh'» woll'n, zu was bin dann ich der g'scheidteste Mann im Ort r Wie wollen denn Sie verhören? Sie kennen ja das Naturale unsrer Bevölkerung nit. Bei uns werden alle Beweise s po8terior! g'führt. (beutet Schläge). Dreizehnte Seene. Vorige. Fest mit Jean. Fest (eintretend). Ich Hab* die Eht*->- KSrndk. ServuS, Nachtwächter! Mondbetg. Nun, so fragen Sie ihn doch? Körndl. Befragen? (für sich). Um wüß soll ich ihn denn fragen? (laut zu Fest>. Na wie geht'S alleweil? Was macht d' Frau ? Ist ihr Zahnweh schon gut? Mondberg. Ich bitte Sie, schweigen Sie! (zu Fest). Wad habt Ihr vor- zubrinaen? Fest. Seh'n Ew. Gnaden, ich Hab' die Nachtwach im G'meinhauS g'habt, da iS der Basilius Himmelblau kommen und hat 3 Flaschen Wein bei sich g'habt — Körndl. Das ist kein Verbrechen, das thu' ich auch manchmal. Fest. Da hat er mich eing'lad'n, mit ihm z'trinken, hat aber selber so viel trunken, daß er ganz damisch worN ist. Kötndl. Das iS kein Verbrechen, das thü' ich auch manchmal. Fest. Und da — im LampuS ist ihm auS'n Rock a Packl mit lauter Goldsachen rauSg'falln. Da ist'S — (legt «s auf brn Lisch). SS Mondberg. WaS P das? (öffnet es). Goldgeschmeide — Uhren? hart bestrafen, ich muß es dulden; aber Denjenigen, dessen Vergehen ich verhehlen wollte, nenne ich nur dann, wenn Sie mit Ihrem Worte mir gelobt haben, ihn zu schonen. Oberst (befremdet). Ha! er setzt > noch Bedingungen? (für sich). Doch auf jeden Fall muß eS einen beson- dern Grund haben, (laut). Nun denn, ich gebe Dir mein Wort, er wird geschont. Doch jetzt sprich, wer warS? Fritz. Ich hörte im Walde am Flußufer den Schuß — sprang hinzu, wollte den Frevler fassen — doch als ich ihm ins Gesicht blickte — Herr! eS war der Vater meines Mädchens — Röschens Vater! Er sank flehend vor mir in die Knie — sollte ich ihn — sollte ich sie unglücklich machen? Wer hätte dieß gekonnt? Ich nicht. Er versprach mir heilig, sich nie wieder bei ähnlicher Thal betreten zu lassen; und so ließ ich ihn fliehen. Das ist mein Verbrechen. Jetzt richten Sie mich, so strenge Sie wollen, ich werds gerne leiden — leide ich doch ihretwegen. R osi (die bisher unbemerkt im Hintergründe gestanden, stürzt hervor, Fritz umklammernd). Fritz! Fritz! Das Hab ich g'wußt, und darum Alles aufgeboten — (läßt ihn los und stürzt zu des Obersten Füßen). Oberst (ln freudiger Rührung). Weiß Gott! der Junge ist brav. (3n erkünstelt strengem Tone zu ihm). Also Du — Du hast ben Rehbock ungeahndet schießen lassen? Wetterjunge! wenn Du es so angehen läßt, so schießen sie Dir ja Deinen ganzen Wald aus. Aber freilich, in Deinem Eigenthume kannst Du schießen lassen, wie Du willst. Fritz (befremdet). In — in meinem Eigenthume? Oberst. Ja, ja —'S ist ja Dein Erbe. Waisenkind, Dein Vater hat sich gefunden — Vater und Mutter, und Beide stehen vor Dir. (eilt auf Kunigunde zu und schließt sie in seine Rrme) Nun komm, und sei in unserm Bunde der Dritte. Fritz (höchst überrascht). Wie—Sie gnädiger Herr? Und Sie, Mamsell Kunigunde? Ach, jetzt — jetzt ist mir so Manches erklärlich, (stürzt auf sie zu, Beide umschlingend). Vater! Mutter! Ach wie überglücklich bin ich ! — Röschen! Röschen! ich bin frei — ich bin reich — komm her, umschlinge auch Du die Knie meiner Eltern! Oberst. Halt, halt! Donnerwetter, der geht rasch drein. Was das Mädchen betrifft — Fritz. Ja, gnädiger Herr Vater, weiß Gott, die müssen Sie auch als Ihre Tochter annehmen, sonst—sonst— Oberst. Sonst bist Du wohl gar im Stande und erkennst mich nicht an. - Kunigunde (bittend zum Obersten). Ich kenne das Mädchen, sie ist seiner werth. Oberst. So? — Hm! —freilich — (leise zu Kunigunde). Und wenn der Junge unser Blut in den Adern hat, so geht er uns am Ende durch; da ist kein Zweifel. Und wenn das brave Mädchen so einen schlechten Vater hat, so ists ja Christenpflicht, sie von ihm zu trennen. (laut). Nun denn, was sich liebt, soll sich haben! Fritz (umschlingt Rost und sinkt kniend mit ihr zu den Füßen seiner Eltern). Eschberg. Ha! Freude über Freude? Mein Fritz gerechtfertigt! (stolz zum Obersten). Gnädiger Herr, i ch habe ihn erzogen, (zu den Jägern). Bursche, laßt die übrigen Jäger heraufkommen — blast das ganze Dorf auf— Alles, Alles soll den Erben unsers gnädigen Herrn begrüßen! (Einige Jäger entfernen sich). Oberst. Nun Mondberg, hat in Ihrer ganzen juridischen Laufbahn schon jemals ein Verhör so froh geendet? Mondberg (lachend). Ja, zwei Verbrecher und kein Verbrechen! Basilius (zu Kunigunde). Mamsell, gnädige Frau, meine lüüv fl. — Kunigunde. Sollen Sie haben für Ihre ausgestandene Angst. Basilius. Dann brüll'ich: Vivat Arcadien! Und heut — heut dürfen wir nit bloß wie g'wöhnlich brüllen: Vivat das Brautpaar! sondern auch: Vivat das Ehepaar! Vivat Alles! Vivat wer will! (Inzwischen hat sich der Hintere Raum der Bühne mit Jägern, Dorfbewohnern und Dienerschaft gefüllt.) E schberg (ruft). Gebt die Salven, daß es in der ganzen Gegend widerballt ! Alle. Vivat! Vivat! (Von Außen hört man zwischen dem allgemeinen Bivatrufe frohe Waldhornweisen, und dazwischen die Flintensalven. Unter allgemeinem Jubel fällt der Vorhang). Wien 18S3. Druck und Verlag von I. B. WalliShausser. Dik Lichter des Kapital«'». Schauspiel in drei Acten, nach dem Französischen, von Cot. Gärtner. Pen Kühnen gegenüber als Mannscript. Personen; Herr von Fore stelle. Fabrikant und Gutsbesitzer. Agnes, seine Frau. Ernst, sein Neffe. Friedrich Dormeuil, des letzter« Freund. Biktorine lle Fon langes, eine reiche Erbin und Ernst's bestimmte Braut. Kapktain Morizot. Louise, seine Tochter. Katharine, seine Haushälterin. Josef Carnot, Schreiber des Friedensrichters. I o"h"a n n ^ Bediente des Herrn Forestelle. Ballgäste. Die Handlung spielt theils im Hause des Kapitain's, theils auf Forestelle's Schlosse. Zwischen dem zweiten und dritten Acte liegt ein Zeitraum von sechs Wochen. Erster Act. Garten des Kapitain's Morizot. Links eine Laube mit einem Tische, auf dem Papier und einige ! Schreibmaterialien liegen. Auf der rechten Seite ' gegen den Hintergrund der Bühne das Wohnhaus. Erste Seene. Ernst und Louise. Ernst (liest in einem Buche). ^ Geh, Elender! Du gehst in Dein ' ^ Verderben! ! Denn bei dem Fluß, den selbst die ^ ^ Götter scheuen. Gab mir Neptun sein Wort und hält's! Dir folgt Wiener Theater-Repertoir. XIII. Ein Rachedämon, dem Du nicht entrinnst. — Ich liebte Dich, und fühle zum Voraus Mein Herz bewegt, wie schwer Du mich auch kränktest! Doch zu gerechte Ursach gabst Du mir, Dich zu verdammen — Nein, gewiß, nie ward Ein Vater mehr beleidigt — Große Götter, Ihr seht den Schmerz, der mich zu Boden drückt! Könnt' ich ein Kind so schlimmer Art erzeugen? (schließt das Buch, und legt es auf den Lisch. Nach einer Pause). Was stnnen Sie, Fräulein Louise? 1 L Louise. Ich denke an des Dich- ters Worte, die wie des Bornes Wellen von Ihren Lippen quellen, und mit seltsamen Gefühle mir die Brust durchziehen. Es würde mich nicht ermüden, Ihnen ganze Stunden zuzuhören, und dem Klange Ihrer männlich schönen Stimme zu lauschen. Ernst. Sie schmeicheln mir, Louise — Sie wollen mich beschämen! Louise. Pfui, Ernst.' wie können' Sie so etwas von mir denken? — Ich bin ein einfach schlichtes Mädchen, in strenger Zucht und Häuslichkeit erzogen, und kenne wenig von der Menschen Thun und Treiben; fremd ist meinem Herzen die Lüge und der Schmeichel- worte süßes Gift. Gefühle des Dankes sind die Worte, die mein Mund zu Ihnen spricht. — Und warum sollten Sie sie nicht hören wollen? — haben Sie mir nicht einen Born geöffnet, der des Trübsinns Wolke von meiner Stirne scheucht, der meinen Geist belehrt und bildet. — Ich weiß nicht, welche Gründe meinen Vater bewogen haben, mir jeden Unterricht zu versagen — Erst Sie sind so freundlich, sich meiner Unwissenheit zu erbarmen; Sie lehren mich die Gedanken in Worte, die Worte in Bilder kleiden, Sie lehren mich, die ungelehrige Hand auf dem Papiere zu gleiten, und den geschriebenen Gedanken vom Blatte zu lesen! Und dafür sollte ich Ihnen nicht dankbar sein? — Ernst. Gute Louise! Louise. Ich schäme mich Ihnen gegenüber meiner Unwissenheit; Sie sind so gelehrt, Herr Ernst! — Mit meinem Vater ist es anders, da bin ich so stolz, daß es mir viele Mühe kostet, mich nicht zu verrathen, wenn Carnot — Sie kennen ja den Schreiber des Friedensrichters? — uns auö den Jahrbüchern des Ruhmes vorliest; oft bin ich versucht, ihm das Buch auö der Hand zu nehmen, und selbst zu lesen. Ernst. Wie unvorsichtig! Thun Sie so etwas ja nicht, liebe Louise, ich beschwöre Sie! Gott, wenn Ihr Vater erführe, daß ich mich zu Ihrem Lehrer aufgeworfen habe, ich glaube, er wäre im Stande, mir das Haus zu ver- biethen, so sehr er mich auch lieb hat. Lou i s e. Nein, nein, da sei Gott für! ich werde mich bezähmen, ich will nicht, daß Ihre Bemühungen so schlechte Früchte trügen. Ich kenne meinen Vater, er würde in der ersten Aufwallung seines Zornes sich Aeußerungen gegen Sie erlauben, welche, obwohl er sie bald bereute, Sie doch verletzen könnten! ! Ernst. Darum seien Sie vorsichtig, und lassen Sie sich keinen Laut entschlüpfen, der Ihrem Vater verrathen könnte, daß ich Sie ohne sein Vorwissen besuche. — Sein Zorn wäre > gräßlich! — UebrigenS verschwindet ! diese Befürchtung wohl bald von sich selbst! — Louise (traurig). Wie so? Ernst. Mein Onkel ist gesonnen, sich yon den Geschäften zurückzuziehen, und den Rest seine- Lebens in Paris zuzubringeu; daher er das Gut, welches wir jetzt bewohnen, um es vor- theilhaft an Mann zu bringen, in einer Güterlotterie ausspielt. Louise. Ich werde Sie dann nicht mehr sehen können, Herr Ernst? — Ernst. Ist Ihnen denn meine Gegenwart angenehm? — Louise. Gütiger Himmel, Sie fragen noch? — (gerührt ihm die Hand reichend). Wissen Sie denn nicht, daß ich Sie wie einen Bruder liebe? — Und mir ist auch bisweilen, als wären Sie mein Bruder. > Ernst. O Louise, Sie sind herzensgut, Sie sind ein Engel! (für sich) Und Friedrich räth mir, diese Unschuld zu verderben? — Nein niemals, eS wäre ja die tiefste Verworfenheit! — Louise. Ich hoffe Sie aber noch öfter zu sehen, Herr Ernst! — sehe ich ! 3 recht, so kömmt eben mein Vater mit Carnot den Hügel dort herauf! — Ich eile schnell in's Haus! — Leben Sie wohl, Herr Ernst! — Auf baldiges Wiedersehen! — (will schnell fort). Ernst (sie zurückhaltend). Ja, ja, sie sind's! — Bleiben Sie, Louise! — Ich mag mich vor dem Kapitain nicht > sehen lassen, und entferne mich. Auf Wiedersehen, liebe Louise! Vergessen Sie nicht, Buch und Schreibzeug zu entfernen! (eilt ab. Louise verbirgt das Schreibzeug). Zweite Seene. z Louise, Kapitain Morizot und ! Carnot (treten von der rechten Seite ein). Louise. Guten Morgen, mein Va- , 1er! — guten Morgen, Herr Carnot! i Morizot (betrachtet sie einen Moment 1 schweigend, dann drückt er einen Kuß auf ihre Stirne). Guten Tag, mein Kind! ! (Carnot macht einige linkische Verbeugun-1 gen). Denke Dir einmal das Glück, j das dieser Junge hat! — Zieht das i Hasenherz bei der Conscription die ! Nummer 1LÜ — die höchste Nummer, ! die in der Urne lag. ES ist ein Glück ! für ihn, denn zum Soldaten taugt er ja doch nicht! Carnot. Ja, ja, Sie haben vollkommen Recht, Herr Kapitain! — Zum Soldaten tauge ich nicht! Puh, mich wandelt ein eigenes Grausen an, wenn ich höre, wie die Soldaten der afrikanischen Armee die armen Feinde abschlachten. UebrigenS liebe ich meinen Kopf zu sehr, um ihn mir von einem Kabylen spalten zu lassen. Morizot. Du bist ein feiger Bur- ^ sche! Sieh mich an, ich habe oft in < einer Schlacht mein Leben auf's Spiel gesetzt, mich ohne Furcht in die Reihen - feindlicher Bajonette gestürzt, und mir ist doch nicht der Kopf gespaltet worden! Carnot. Hätte Ihnen aber sehr leicht geschehen können, versichere Sie, Herr Kapitain. Sehen Sie (auf eine Narbe im Gesichte deutend) so ganz ohne sind Sie doch nicht weggekommen; einen Zoll tiefer, und Ihr Kopf wäre in Trümmer gegangen. Morizot. Nun, nun, Du hast nicht Unrecht, Junge! — Aber darnach frägt unsereins wenig! — Louise, geh und besorge das Frühstück! Carnot wird unser frugales Mahl theilen, nicht wahr? — Zu Ehren Deiner glücklichen Nummer wollen wir eine Flasche Rheinwein ausstechen! (setzt sich kn die Laube. Louise geht in's Haus). Dritte See«e. Vorige, ohne Louise. Carnot. Danke, danke vielmals, Herr Kapitain. Ich spüre keinen Hunger, obwohl ich noch nicht gefrühstückt habe. Morizot. Was? — Du fühlst keinen Hunger und bist noch nüchtern? — Höre, Junge, wenn einen Menschen in Deinen Jahren nicht hungert, so ist es ein Zeichen, daß er entweder krank oder verliebt ist. Daß das Er- stere bei Dir nicht der Fall ist, dafür bürgen mir Deine frischen Backen; ich vermuthe daher um so eher das Letztere. Rede, habe ich nicht Recht? — Carnot. Herr Kapitain — ich weiß nicht — ich verstehe Sie nicht. Morizot. Wie, Du verstehst mich nicht? — Schlingel! Du willst mich nur nicht verstehen! Habe ich nicht deutlich genug gesprochen? Carnot (seinen Hut in den Händen herumdrehend). Das wohl! — aber ich wage es nicht zu gestehen — ich fürchte, Sie zu erzürnen! Morizot. Heraus mit der Sprache! — Aufrichtigkeit dringt überall durch. — In wen -ist Du verliebt? 1 * 4 Carnot. Ach, Herr Kapitain, in ein Mädchen! Morizot (erzürnt). Ich glaube, Du willst mich zum Besten haben, Gelbschnabel! Carnot. O durchaus nicht! Gott bewahre! — Morizot. Ich meine, wie das Mädchen heißt, in das Du verliebt bist? Carnot. 2a so! — O Sie sind scharfsichtig, Herr Kapitain, und ich wette Zehn gegen Eins, Sie haben ihren Namen schon errathen? — Morizot. Dummer Junge, kümmere ich mich etwa um Deine Liebschaften ! Carnot (für sich). Wenn ich die Sache nur auf eine feine Weise anzu- fangen wüßte, um sie ihm beizubringen.' (nach einigem Kampfe). Ah was, einmal muß es heraus, sonst drückt es mir das Herz ab! (sich vor Morizot auf die Knie werfend). Verzeihen Sie mir, liebster Herr Kapitain — aber ich kann wahrhaftig nichts dafür; — wissen Sie es denn — ich liebe — Fräulein Louise! Morizot. Was, — meine Tochter? Carnot. Ja, Herr Kapitain. Und wenn meine Kühnheit Sie beleidigt, hier ist mein Kops! Morizot. Behalte ihn nur, mein Junge! (nachdenkend). Hm, hm, das ist etwas Anders — das erfordert Nachdenken ! Carnot. Seit 2 Jahren kenne ich Sie, Herr Kapitain, und besuche Sie fast alle Abende. Von Raon bis hieher ist eine gute halbe Wegstunde; im Sommer ist es heiß, wie in einem Backofen, im Winter könnte man erfrieren. Sie werden daher auch schon bemerkt haben, daß ich nicht Ihretwegen, sondern Fräulein Louise zu Liebe fast täglich herüberkomme, um Ihnen aus den Jahresbüchern des Ruhmes, die mich so entsetzlich langweilen, vorzulesen. Morizot. Wirklich? — Nun, Du bist sehr höflich! Carnot. Sondern ich würde mich zu Hause weit lieber mit der Lektüre eines Romanes befassen. Morizot (ihn bei der Gurgel fassend). WaS liesest Du? — Romane? — Unglücklicher, laß dießWort nie wieder über Deine Lippen kommen, wenn ich Dir nicht das Gehirn zerschmettern soll! Carnot. Aber, so lassen Sie mich doch los — Sie erwürgen mich ja! (Morizot läßt ihn los. Carnot richtet mit einem Seitenblick auf den Kapitain seine derangirte Toilette wieder zurecht). Gott, welche Faust führen Sie! Morizot (besänftigt). Verzeihemir, Junge! — ES thut mir leid, Dich beleidigt zu haben, — die verdammte Hitze hat mich wieder zu einem thörich- ten Streiche hingerissen! — Warum sprichst Du aber auch von Romanen? — Alles Unheil stammt von ihnen, und wenn ich daran denke — siehst Du, wenn ich von den verdammten Büchern reden höre, so packt es mich, wie Wahnsinn. Die Romane kosten mich mein Lebensglück. Carnot. Nun, ich will keine mehr lesen — Morizot. O für Dich befürchte ich Nichts. Das Lächerliche in diesen Büchern begreifst Du, und ihr Gift dringt nicht in Dein offenes gutes Wesen. — Doch fahre fort. Was wolltest Du weiter sagen? Carnot. Ja so, Sie haben mich ganz aus dem Conterte gebracht. — Hören Sie mich an, Herr Kapitain! — Ich schmeichle mir, daß Sie mich und meinen Charakter hinlänglich kennen; denn Ihre Erfahrung und Menschen- kenntniß trügt Sie nicht. Sie wissen auch, daß ich als Schreiber des Friedensrichters einen jährlichen Gehalt von 600 Frank's beziehe, ein hübsches Geld, das, wie ich hoffe, hinreichen dürfte, ü einen bescheidenen Haushalt zu gründen. Gewähren Sie mir also meine Bitte, und geben Sie mir die Hand Ihrer Louise! Morizot. Du hältst also förmlich um die Hand meiner Tochter an? Carnot. Za, Herr Kapitain, und Sie gewähren sie mir? Morizot. Ei, Du bistrasch! — Louise muß auch einwilligen — Carnot. Freilich wohl. Sehen Sie, ich zittre! — Wenn Sie mich ausschlüge? — Morizot. Warum sollte sie dieß? — Bedenke aber, daß ich außer diesem Häuschen und meiner Pension, die mir des Königs Gnade gewährt, nichts mein nenne, und Louise daher von mir keine Mitgift zu erwarten hat. Car not. Wozu auch?— Ich habe einige hundert Franc's erspart, um die ersten Kosten unserer kleinen Haushaltung bestreiten zu können. — Und hat Louise nicht die höchste Mitgift in sich selbst? — Ist Jugend, stiller häuslicher Sinn, Unschuld und Lugend nicht der kostbarste Schatz, den ein Mann von seiner Lebensgefährtin nur verlangen kann. Kann ich noch mehr wünschen? — Morizot (nach einigem Nachstnnen für sich). Er ist ein guter, braver Junge — er wird sie schätzen, wird sie achten und lieben. — Meine Haare hat das Alter gebleicht, und die morschen Glieder fahren vielleicht bald in die Grube. Ich stehe allein in der Welt, habe Niemanden, dem ich den höchsten Schatz meines Lebens, meine Louise — anvertrauen könnte.— Was soll denn aus der Unerfahrnen werden, wer wird sie schützen, wer ihr Vaterstelle vertreten, wer ihr kindlich frommes Herz rein bewahren vordem Gifthauche des Lasters? Darum ist es besser, wenn ich nochbei Zeiten sie einem Manne gebe, der liebend ihr zur Seite steht! (laut zu Carnot, ihm die Hand reichend). Wohlan, meine Einwilligung fehlt Dir nicht, denn ich kenne Dich als einen rechtschaffenen braven Burschen, dem eS Ernst sein wird um Louisens Liebe. — Doch Eines muß ich Dir noch sagen, ehe ich meine volle Zustimmung zu Eurem Bunde gebe, verharrst Du auch dann noch bei Deinem Entschlüsse, dann rufe ich aus vollster Seele: Louise seiDein! (sich nach allen Seiten umblickend, mit leiser Stimme). Wisse denn: Louise ist nicht meine Tochter! Carnot. Wie — Louise nicht Ihre Tochter? — Verzeihen Sie, ich habe wohl nicht recht gehört! Morizot. Ich sage Dir, ich bin Louisens Vater nicht: sie ist ein armes Kind, das ich wenige Tage nach seiner Geburt angenommen, und wie meine eigene Tochter erzogen habe. In diesem Glauben ist Louise aufgewachsen und weiß daher auch nicht, daß sie nur meine Adoptivtochter ist. Carnot. Und kennen Sie ihren wahren Vater? Morizot (mit ernster Stimme). Er kam mir noch nicht unter die Hände; aber finde ich ihn einmal, dann, bei der Gerechtigkeit des Himmels! — Doch ich habe mein Gewissen gegen Dich erleichtert, bleibst Du noch bei Deinem Entschlüsse? — Carnot. Natürlich, Herr Morizot, unerschütterlich! Ich liebe Louisen, was kümmert es mich, wenn sie Ihre Tochter nicht ist. Ich heirathe ja das Mädchen, nicht den Vater! Morizot. Also abgethan. Doch stille, Louise kommt! Vierte Scene. ! Louise (bringt ein Körbchen mit Früch- ' ten und eine Tasse, worauf eine Flasche und zwei Gläser stehen. Sie stellt Beides j auf den Tisch). Die Vorigen. Louise. Hier, guter Vater, sind > frische saftige Birnen und eine Flasche 6 Wein. Ich wünsche, daß es Dir wohlbekomme. Morizot. Zch danke Dir, liebes Kind! (für sich). Alle Wetter, wie fang ich es nur an, um die Sache auf's Tapet zu bringen? — Ah was, frisch auf's Ziel losgesteuert, ist das Beste, (laut). Louise, komme zu mir! — So! — Ich habe Dir eine wichtige Neuigkeit mitzutheilen. Höre mich an! — Ich fange nachgerade an, alt zu werden, und muß über kurz oder lang der Natur den ihr schuldigen Tribut bezahlen. Ehe ich noch in die Grube fahre, möchte ich denn doch gerne in dem Winter meines Lebens die Freude an Dir erleben, Dich versorgt, und daß ich mich kurz fasse, mit einem braven Manne verbunden zu sehen. Louise. Sprich nicht so, Väterchen! — 3ch soll Dich verlassen? — Nein, nie! — Du bist noch rüstig trotz Deiner grauen Haare, und wenn auch Deine Wunde Dich öfter schmerzet, so ist dieß noch kein Zeichen, daß Du bald sterben müßtest. Du wirst noch lange leben, noch recht lange der Vater Deiner Louise bleiben. Morizot. So Gott will, ja! — Allein eS könnte denn doch früher der Fall sein, als wir es uns Beide ver- mutheten, und Du stündest dann allein, ohne Rath und Hilfe, eine trostlose Waise in einer Welt, die Du nicht kennst, und in der Du zahllosen Gefahren Preis gegeben wärest. Da dachte ich mir, wäre es denn doch besser, Du wärest noch vor meinem Tode anständig versorgt, und da sich eben eine solch günstige Gelegenheit dargeboten, und ein Mann, dem ich um seiner Rechtlichkeit und guter Grundsätze willen nicht abgeneigt bin, um Dich geworben hat, so — so wollte ich früher Deine Meinung hören. Louise. Du weißt, lieber Vater, daß ich gewohnt bin, mich nach Deinen Befehlen zu richten. Meine Meinung soll in der Wagschale Deines Willens kein entscheidendes Gewicht haben, und der Mann, der Deinen Beifall verdient, ist auch gewiß ein edler Mann, dem ich gut sein kann. Du willst es, und so schwer es mir auch fallen mag, Dich verlassen zu müssen, — Dein Wunsch ist mir Befehl. Morizot. Du bist ein gutes, bra- Kind, und der Himmel möge Dich glücklich werden lassen, wie Du es verdienst! — Hier, Herr Carnot erzeigt uns die Ehre, um Deine Hand zu bitten. Louise. Wie? — Carnot? — Carnot. Ja, theure Louise! — Sehen Sie mich zu Ihren Füßen, hier will ich knien, bis Ihre Lippen mir die Versicherung geben, daß ich nicht vergebens siehe. Vertrauen Sie Ihre Zukunft meinen Händen, und wenn Sie mich gleich nicht lieben können, so werden Sie mich doch achten lernen, und man spricht ja, wo Achtung weilt, ist auch die Liebe nicht fern! Louise. Stehen Sie auf, Herr Carnot! — Ob ich Sie lieben kann, weiß ich nicht; ich bin diesem Gefühle in meiner Brust noch nicht begegnet. Doch weiß ich, daß Sie, so lange ich Sie kenne, stets als Mann von edlem Charakter gehandelt haben, und Ihre Denkungsart liefert mir die hinlänglichste Garantie, daß Sie auch in Zukunft Ihren guten Grundsätzen nicht untreu werden. Sie werden mich lieben, dazu bedarf es keiner Schwüre — Sie werden stets mich zart behandeln, wie es der Gatte der Gattin schuldig ist, dafür bürgt mir Ihr Edelsinn. — Ich hoffe, mit Ihnen glücklich zu sein. — Und Du Vater! — Du willst es! — ich lese Dir den Wunsch aus Deinen Augen, (ihm die Hand reichend) ich folge Dir. Morizot. Ja, meine liebe Louise, 7 « Du erfüllst meine heißesten Wünsche (er umschlingt Beide mit seinen Armen, mit feierlicher Stimme). Ich segne den Bund Eurer Herzen, lebt glücklich und zufrieden in süßer Eintracht, kein Wölkchen trübe den freundlichen Himmel Eures Lebens, kein Sturm erschüttere das Gebäude Eures Glückes, vergeht aber in Eurem Glücke den alten Vater nicht! — Und Du, Geist meiner verklärten Clementine, blicke segnend herab auf dieses Paar, bitte für sie beim Vater dort oben, daß er seine Hand ihnen nicht entziehe, leite und führe sie, sei ihnen der Schutzgeist ihres Lebens. (Stumme Pause, er drängt sie von sich). > Und nun, Kinder, geht an Euere Ge- ! schäfte. Zn vier Wochen machen wir Hochzeit. — Leb' wohl, Carnot, komm, Louise! Carnot. Halt, halt, Herr Kapitain — wollt' ich sagen, Herr Schwiegerpapa , noch Eins. Ich habe (aus seiner Brieftasche zwei Papiere herausnehmend.) ^ etwas vergessen. Die Freude macht ! mich auf Ehre närrisch. Horen Sie, Schwiegervater, hören Sie, Louise, wir werden vielleicht noch eines Tages reich werden, — uns im Golde wälzen. Morizot. Bist Du toll? Carnot. O, keineswegs! — Sie wissen, Herr von Forestelle spielt sein Schloß in der Lotterie aus, dasselbe ! Schloß, das er und Ernst jetzt bew ohnen. ! Morizot. Was weiter? ! Carnot. Was weiter? — Ich hatte ^ 300 Francs im Kasten — für die habe > ich zwei Loose gekauft. ! Morizot. Dummkopf! — Siehst j Du denn nicht ein, daß Herr von Fore- stelle sich nach Paris sehnt, nachdem er mit seiner verdammten Maschine ein ungeheures Vermögen gemacht, und das arme Gebirgsvolk weit und breit ruinirt hat; daß er sein Schloß nur ausspielt, weil sich kein Käufer findet, und er den möglichst höchsten Preis haben will? Carnot. Das kann Alles sein, Herr Kapitain! Ich aber habe Aussicht zu gewinnen! — Denken Sie nur an Nummer 12V, die höchste, die ich, der Erste am Zuge, dem Maire unter die Nase hielt, der ehrwürdige Beamte selbst sagte mit väterlichem Wohlwollen: Was das Thier Carnot für Glück hat! Uebrigens, um Alles zu gestehen, habe ich die Loose auf Louisen's Nahmen genommen. Ein solcher Engel an Unschuld und Güte muß überall Glück haben! Louise. Wie? — Eine solche Thor- heit — Ca r n o t. Mein Gott, ja, liebe Louise — die Chancen des Glückes sind für uns. — Schlägt es auch fehl, nun so bleibt mir noch immer ein wahrer Schatz, meine Frau — nicht wahr, Herr Kapitain? — Nicht immer sind die reichsten Leute auch, die glücklichsten! — Ernst Forestelle heirathet gewiß Fräulein dv Fonlanges nicht so gerne, als ich Louise. Der heutige Ball gehört ja gewissermaßen zu den Verlobungssestlichkeiten. L ouise (bestürzt). Wie? — Herr Ernst heirathet? (für sich). Und gegen mich verschwieg er es? — Morizot. So ist es mein Kind! Ich glaube, sein geiziger Onkel zwingt ihn, der viermalhundertlausend Francs Mitgift wegen. Es thut mir leid um den braven Ernst! Louise (beinahe in Lhranen ausbrechend , für sich). Armer Ernst! (sie versinkt in ein tiefes Nachsinnen). Carnot. Ja, gewiß, Kapitain! sein kleiner Finger ist mehr werth, als dieser Friederich Dormeuil, sein Freund, mit ganzem Leibe. Wissen Sie, daß dieser Taugenichts allen schönen Bauernmädchen in der Gegend nachstellt? Finde ich ihn aber einmal um meine Braut schleichen — sseristi! — (macht eine Pantomime des Prügelns). 8 Morizot. Geh, Schwäher! — Wir muffen uns trennen! (Louisen aufmerksam betrachtend). Doch was sehe ich? —Du bist traurig — und Thrä- nen im Auge? — Was soll das bedeuten ? Carn ot (Morizot bei Seite nehmend, leise). Lassen Sie sie nur. So machen es die Mädchen alle, wenn sie von der Hochzeit hören. Sie wissen es ja, Sie in Ihrem Alter. — Auf Wiedersehen, Louise, mein liebes Weibchen! Louise (gedehnt). Auf Wiedersehen ! Morizot (kopfschüttelnd, für sich). Hm, hm, das sieht seltsam aus! — Nun, wir wollen sehen! Adieu, Carnot, heut' Abend sehen wir uns! Car not. Gewiß, Herr Kapitain, heute Abend. Adieu! (Morizot und Louise gehen in's Haus ab). Fünfte Scene Carnot (sieht ihr einige Zeit lang mit stillem Entzücken nach, bis sie im Hause verschwindet). Sie ist fort — das liebe gute Geschöpf! — und mit ihr meine Lust und meine Freude! — (geht einige Zeit nachsinnend auf und ab, während welcher er sich öfter die Stirne trocknet). Puh — hat mir der Alte heiß gemacht! — (nach einer Pause). Louise wäre also jetzt meine Braut! — Fürwahr ein sonderbares Gefühl, das Bewußtsein, eine Braut zu haben! — Es wird einem so wohl und doch wieder so wehe um's Herz! man könnte lachen und weinen in demselben Augenblicke? Ob sie mich auch lieben wird? — Ach, das ist eine kitzliche Frage! — Ernst, der Neffe des geizigen Fabriksherrn, bewarb sich zwar um ihre Liebe — o, ich habe daß recht gut bemerkt — und ich möchte fast wetten, daß Louise ihm auch ein wenig gut sei, besonders befremdet mich ihre Trauer, als die Sprache auf Ernsten's nahe Hochzeit kam, — aber so lange ich das Revier hier hüthe, kommt mir dieser Geier gewiß nicht in denTauben- schlag. Ueberdieß würde der geldstolze Onkel es nie dulden, daß sein Neffe eine Messalliance mit der Tochter eines armen Invaliden einginge, — ha, ha, ha! dazu steht ihm seine Nase viel zu hoch! (Lachend ab). Sechste Scene. Elegantes Zimmer im Schlosse des Herrn von Forestelle, mit einer Mittel- und zwei Seiten- tbüren. Herr und Frau v. Forestelle treten durch die Mittelthüre ein, Ersterer hat einen Brief in der Hand, den er dann auf den Tisch legt). H. v Forestelle. Es ist richtig, Fräulein Fontanges wird heute unser ländliches Fest mit ihrem Besuche beehren, Sie benachrichtigt mich in diesem Schreiben von ihrer baldigen Ankunft. — Richte Alles zu ihrem Empfange' auf's sorgfältigste her, weise ihr die schönsten Zimmer im Schlosse an, kurz bediene sie wie eine Fürstin. — Du weißt, welche Absichten ich mit ihr im Schilde führe. — Gott, wenn es mir gelänge, unfern Ernst nur heute zu einem vernünftigen Entschlüsse zu bewegen, ich wäre im Stande — ich weiß gar nicht, was ich Alles im Stande wäre! — F. v. Forestelle. Laß doch diese albernen Gedanken! — Ernst ist einer Verbindung mit Fräulein cls Fontanges, wie Du selbst weißt, abgeneigt, und wiewohl sie ihn nicht ungern sieht, und Eigenschaften besitzt, die den Mann ihrer Wahl glücklich machen können, so widerstrebt sie ihm doch! Wozu ihn zwingen, sein Lebensglück .zu opfern? — H. v. Forestelle (ärgerlich). Du sprichst, wie Du es verstehst! — Der 9 Junge ist blind für sein Glück, und einen Blinden muß man führen, damit er ohne zu straucheln, an sein Ziel gelange. Fräulein äe Fontanges ist jung, liebenswürdig, und was noch mehr, die reichste Erbin der ganzen Gegend, Viermalhunderttausend Franken Mitgift und noch mehr zu hoffen. — Ich sehe also nicht ein, warum diese Verbindung sein Lebenö- glück nicht begründen sollte? — F. v. Forestelle. Und rechnest Du eine gegenseitige Neigung für nichts? — H. v. Forestelle. Pah, das sind Albernheiten, romantische Ideen, die, schon veraltet, für unser aufgeklärtes Jahrhundert nicht mehr passen, gut für Romanhelden, so ä Is Werther, die vom Rosenduft und Vollmondglanze leben. Aber ein junger Mann, mit der Aussicht auf eine Erbschaft von einer Million, muß ganz andere Ideen im Kopf haben, viel praktischere! — Und dann , wie viele Ehen werden nicht geschlossen , ohne das Herz gerade deshalb um Rath befragt zu haben, und sie sind darum nicht minder glücklich! — Nimm Dir nur ein Beispiel an unserer eigenen! Du hattest mich beinahe gar nicht gekannt, als ich mit Dir zum Altäre trat, und doch führen wir schon durch 28 Jahre ein zufriedenes glückliches Leben. — Und glaube mir, daß Herz ist oft nicht der beste Rathgcber in der Ehe! F. v. Forestelle. Es würde mich aber schmerzen, wenn ich unfern Ernst, den ich wie mein eigenes Kind liebe, unglücklich sähe? H. v. Forestelle. Liebe ich ihn denn nicht minder, will ich nicht sein Bestes? — Laß mich nur machen, ich werde ihm schon den Kopf zurecht rücken! um. Fenster). Doch sieh, er geht schleichend geschlagen Stirne düstere Falten gezogen, die Wange gebleicht — weg das muntere fröhliche Wesen der Jugend! (Pause, während welcher er das Fenster schließt). Geh, und schicke ihn zu mir, ich will mit ihm sprechen! F. v. Forestelle. Nicht wahr, Du lassest ihn nicht hart an, er leidet ohnedieß sosehr! (geht ab). H. v. Forestelle. Geh nur, geh! ich werde schon fertig werden mit ihm. Siebente Seene. Herr von Forestelle allein im Zim- auf- und abgehend). Was doch die Weiber mit ihrem ewigen Gewinsel Einem dem Kopf warm machen können! — Der Junge muß gehorchen, er mag wollen oder nicht; ich werde ihm schon zusetzen, daß er windelweich wird, und mit Vergnügen zn Allem ja sagt, was ich anordne. Wollen doch sehen, ob er Herr ist im Hause oder ich? — Saperlot, das wäre eine saubere Geschichte, wenn der sich weigerte, Viktorinen zu heirathen! — Na, der käme mir zurecht. — Ich habe bei Viktorinen schon einige Worte über Ernsten's namenlose Liebe, Verlobung, Heirath u. d. gl. fallen lassen, und am Ende säße ich in der Patsche und wäre in ihren Augen compromit- tirt? Nun, daö ginge mir noch ab! Still, ich höre Tritte, mir scheint, er kommt! Ja, ja, er ist'S! — Nun schnell das Eisen geschmiedet, so lange es noch glüht! (setzt sich auf ein Sofa, zupft sich HalSkragen und Manschetten zurecht, und nimmt eine strenge Miene an). Achte Seene. Herr von Forestelllc. Ernst, dieser will auf ihn Kurilen, bleibt aber, von der ernsten Miene desselben betroffen, stehen)» Ernst. Die Frau Tante ließ mir so eben sagen, daß Sie mich sprechen wollten, Herr Onkel! 10 Forestelle. So ist es, mein Neffe. — Komm, setze Dich hieher (Ernst setzt sich an seine Seite). So, und nun höre mich an! — Ich habe Dir schon seit längerer Zeit meinen Plan, Dich mit Fräulein de FontangeS zu verheira- then, mitgetheilt, ohne weiter in Dich zu dringen, mir eine bestimmte Erklärung hinsichtlich Deiner Willensmei- nung abzugeben, weil ich wohl vor- auSsetzen konnte, daß Du als gehorsames Kind meinen sehnlichen Wünschen Dich nicht abgeneigt zeigen würdest, besonders da die Dir bestimmte Braut, wie Du selbst weißt, abgesehen von ihrem Vermögen, eine in jeder Beziehung achtenswerthe Par- thie ist, um die Dich Hunderte Deines Gleichen beneiden würden; allein seit Kurzem bemerke ich an Dir einen Tiefsinn, der mich nichts Gutes ahnen läßt. — Fräulein de Fontanges wird heute unser ländliches Fest durch ihre Gegenwart verherrlichen, und ich glaube, diese günstige Gelegenheit nicht unbenutzt vorübergehen lassen zu müssen, ohne nicht von Dir sowohl, als ihr etwas Bestimmtes zu wissen. — Daß Fräulein Viktorine einer Verbindung mit Dir nicht abhold ist, weiß ich bereits aus guter -Quelle. Ueber diesen Punkt bin ich daher beruhigt. — Etwas Anderes ist es mit Dir. Ich habe Dich daher rufen lassen, um Deine Meinung zu hören?—Sprich! Ernst (für sich). So etwas habe ich vermuthet. Nun heißt eö Muth.' (laut). Sie wollen also mit Bestimmtheit wissen, ob ich Fräulein de Fontanges heirathen wolle oder nicht? H. v. For (stelle. 2a! Ernst. Nun denn, so hören Sie meinen unwiderruflichen Entschluß! Viktorine de Fonlanges wird nie meine Gattin! H. V. Forestelle (aufspringend). WaS? — Viktorine wird Deine Gattin nicht? — Geh! — Ich habe Dich wohl nicht recht verstanden. Ernst. Sie haben mich ganz gut verstanden, Herr Onkel, und ich wiederhole es 2hnen nochmals, daß ich Viktorine nie mein nennen werde! H. v. Forestelle. So! hm, hm! — Sonderbar, fürwahr höchst sonderbar! — 2ch aber sage Dir, daß Du sie heirathen mußt! Ernst. Mußt? — Erlauben Sie, mein Herr Onkel, dieß Wort kenne ich nicht! — 2ch bin kein Knabe mehr, der sich unter 2hrem Willen, wie unter der Zuchtruthe seines Lehrers beugen soll. — 2ch liebe Viktorine nicht, und kein Mensch — auch Sie nicht — kann mich zwingen, ein Bündniß einzugehen, gegen das sich meine Neigung sträubt. — 2ch bin alt und groß genug, habe etwas gelernt, um mir mein selbstständiges Fortkommen zu schaffen, und die Welt hat Raum genug, mir ein bescheidenes Plätzchen zu gönnen, wo ich zwar nicht in Reichthum und üppigem Wohlleben, aber ruhig und zufrieden, unabhängig von dem Willen eines tyrannischen Onkels und frei mir selbst leben kann. — Bin ich 2hnen zur Last in diesem Haufe, so sagen Sie es! — Mein Bündel ist bald geschnürt — und die Thore sind auch nicht gesperrt; ich kann daher gehen, wenn es mir beliebt! H. v. F o r e ft e l l e. Meinst Du wohl? — Fehlgeschossen, junger Herr! — Du glaubst vielleicht, wenn der überkluge Neffe ein finsteres Gesicht macht, und eine trotzige Miene zeigt, wird der gute Onkel gleich zu Kreuze kriechen und den Zungen bitten, daß er ja doch wieder gut sei. — Du irrst Dich! — Folgst Du nicht meinem Willen, so enterbe ich Dich! Ernst (zuckt die Achseln). Mir gleich' gültig! H. v. Forestelle (betrachtet ih° einige Seit lang mit stummen Erstaunt»' 11 dann mit harter Stimme). Ernst, welcher böse Geist ist in Dich gefahren, daß Du den wohlgemeinten Rathschlä- gen Deines Onkels kein Gehör schenken willst? — Sprich, habe ich das um Dich verdient, ist dieser Ungehorsam , dieser Trotz der Dank, den Du mir für die unzähligen Wohlthaten, die ich Dir erwiesen, zollst? — Als eine arme, verlassene Waise habe ich Dich, als Deine Mutter im tiefsten Elende starb, von dem Straßenkothe, in dem Du in Lumpen gehüllt, frierend und hungernd lagst, aufgelesen. Dich aus Mitleid für den nackten Wurm in mein Haus ausgenommen, Dich, — da der Himmel meiner Ehe Kinder versagt — gepflegt und erzogen wie mein eigenes — und nun, wo ich meinem Werke die Krone aufsetzen, Dich für Deine fernere Zukunft glücklich machen will, — nun lohnst Du mir meine Wohltaten mit Undank? (Pause. Mit steigendem Affekt). Jahre lang habe ich die falsche Natter an meiner Brust gepflegt, sie mit meinem Herzblute genährt und groß gezogen —Mein Lohn? — Nichts, als daß sie mit ihrem eklen Geifer mein Leben vergiftet! — Aber mir geschieht Recht! — Ich Thor, konnte ich doch wissen, daß man für die Regung des Mitleids nichts anderes, als Undank ernte von einem — Bettelkinde! Ernst (stößt einen lauten Schrei aus, dann sinkt er auf einen Sessel, das Gesicht in seinen Händen verbergend). Zu viel, ZU Viel! H. v. Forestelle (ihn betrachtend, für sich). Ich wette, das hat gewirkt! Ernst (steht nach einer Pause, während welcher er sich erholt hat, auf, und tritt vor Forestelle hin). Mein Herr, Sie glauben ein Recht zu haben, mich zu beschimpfen, weil Sie mein Wohltäter sind, nnd die Stelle dessen vertreten, den ich leider nie gekannt habe — ich aber glaube, daß ich durchaus nicht gezwungen bin, den Schimpf, den Sie mir so eben anzuthun beliebten, weil ich Ihre egoistischen Zwecke nicht fördern will, ruhig hinzunehmen, und mit Gleichmuth zu ertragen; wären Sie nicht mein Wohlthäter, ehrte ich in Ihnen nicht meinen Vater, bei Gott! — die Kränkung meiner Ehre würde ich nur in Ihrem Blute abwaschen, und nickt eher ruhen, bis ich nicht Ihr Herz an der Spitze meines Degens zucken fühlte! allein — Ihre Person ist mir geheiligt! — Nach dieser Scene werden Sie mir jedoch nicht zumuthen, daß ich noch länger in Ihrem Hause und unter einem Dache mit Ihnen verweilen soll; noch ehe drei Tage um sind, verlasse ich es. Ich bemerke ohnedieß, daß ich Ihnen seit einiger Zeit zur Last bin; die Vermittlung einer Heirath mit Viktorine gibt Ihnen den schicklichen Vorwand, mich auf eine schöne Manier aus dem Hause zu bringen. — Ich kenne dieß! — Darum geben Sie sich keine Mühe; es steht Ihnen äußerst schlecht an, den Heirathsagen- ten zu spielen, und bei mir wäre sie doch umsonst! — Sie haben mein letztes Wort vernommen, Herr Onkel, leben Sie wohl! (eilt schnell ab). Neunte Seene. Herr von Forestelle (allein, sieht ihm ganz verblüfft nach). Was war das? — Ich glaube gar, er spricht im Ernste! — Nun, das wäre nicht übel (im Zimmer auf- und ab gehend). Es war doch nicht ganz recht von mir, ihn so hart anzulassen — warum hat er mich durch seinen Trotz in die Hitze gebracht? — Nun, nun, es wird sich schon wieder geben. Die Jugend ist nun nicht anders! — Ich kenne das noch von mir selbst, ich war ja auch nicht anders. — Das braust auf — das sprudelt — das 12 läuft über — hat sich aber der Sturm gelegt, dann kehrt mit der Ruhe auch die Besonnenheit zurück, und Alles bleibt im alten Geleise. — Diese Scene hat mich ordentlich echauffirt, ich muß etwas frische Luft schöpfen, um mich zu erholen. Die Art von Erfrischung kostet doch nichts, (geht zum Fenster, und öffnet es). Sieh doch, ein Wagen fährt in den Hof, — eine Dame steigt aus — trügt mich nicht mein Auge, so ist es Viktorine — ja, ja, sie ist's. Ich eile, um sie zu empfangen (kehrt vom Fenster zurück). Nun, das kann eine schöne Geschichte werden! (geht brummend ab). Zehnte Seene Parthie im Parke. Links ein Gebüsch mit einer Bank, .ein anderes Gebüsch rechts im Hintergründe. Ernst (kommt gedankenvoll mit verschränkten Armen durch eine Allee). Die Würfel sind gefallen! — Mein Entschluß steht fest — ich verlasse dieses Haus! — Nimmermehr werde ich mich dem Willen des hartherzigen Onkels unterwerfen, dessen gefühlloses Herz nichts erweichen kann, als der Klang des Goldes. — Er mag mich enterben, was liegt mir an seinem Zorne? — Ich fürchte ihn nicht! — Bin ich denn nicht frei, nicht unabhängig, liegt nicht die weite Welt ausgebreitet vor meinem Blick? — kann ich mir durch mein Wissen nicht eine ehrenvolle Stellung sichern? — Arm, wie ich gekommen, verlasse ich wieder dieses Haus, in dem der schnöde Mammon Geld die Herzen der Menschen zu Diamanten versteinert, und nichts führe ich mit mir für die Wallfahrt meines Lebens, als meine Kenntnisse! — Und fürwahr, die Last wird mich gewiß nicht drücken! — (setzt sich auf eiae Bank). Doch ehe ich von dieser Gegend scheide, will ich noch einmal den Engel meiner Liebe sehen, meine geliebte Louise noch einmal sprechen, zu ihren Füßen meine Liebe ihr gestehen — meine Liebe? — darf ich denn? — Wäre es nicht ein Verbrechen , die Brandfackel der Leidenschaft in die reine, unschuldsvolle Brust Louisens zu werfen, und den wolkenlosen Himmel ihres Lebens zu trüben. (Pause. Friedrich Dormeuil erscheint im Hintergrunne der Scene). Wer rathet mir, wer hilft mir aus diesem Labirinthe? — Eilfte Seene. Friedrich Dormeuil, (der die letzten Worte gehört hat, tritt zu Ernst, und legt die Hand auf seine Schultern). Ernst. Friedrich. Ich, mein Freund! Ernst (fährt erschrocken auf). Du bist es, Friedrich? Friedrich Ja, mein Freund, ich bin es, und komme, um Dich von der Ankunft Deiner liebenswürdigen Braut zu benachrichtigen. Ernst. Spaße nicht, lieber Freund, ich bin zum Scherze nicht gelaunt. Friedrich. Es ist wahr. Du bist seit einiger Zeit nicht mehr so heiter, wie gewöhnlich, eine trübe Wolke lagert auf Deiner Stirne, Du bist verschlossen, und selbst der treuen Freundschaft gelingt es nicht, sie zu verscheuchen. Sprich, was fehlt Dir? Ernst. Was dieses Herz drückt, wird dieses auch zu ertragen wissen; es kann Deiner Theilnahme entbehren. Friedrich. Nun, nun, nur nicht gleich so böse. Ich wette, die kleine Louise, die Tochter des Kapitains Monzel, die man allgemein die Rose des Thales nennt, macht Dich herzenskrank. — Nicht wahr, ich habe recht? — Aber geh, ich hatte Dich doch für vernünftiger gehalten, wer wird denn 13 eines schönen Mädchens willen gleich den Kopf verlieren! Ernst. Ich bitte Dich, lieber Friedrich, martere mich nicht mit solchen Reden. Du weißt nicht, wie wehe Du meinem Herzen thust? Friedrich. Liebst Du sie denn so stark? Ernst. Mit aller Gluth des Herzens und der Seele! Friedrich. So stark? — Das habe ich nicht gewußt, (für sich). Nun heißt es handeln, will ich anders meinen Zweck erreichen, (laut). Aber bedenke, daß Viktorine Dir zur Braut bestimmt ist? — WaS würde Dein Oheim sagen? Ernst. Er weiß bereits um meinen Entschluß — ich habe ihm denselben heute kundgemacht. Friedrich. WaS Du sagst? — Und er willigt ein? Ernst. Woran denkst Du? — Im Gegentheile, er drohte mir mit Enterbung, wenn ich seinem Willen mich nicht füge. Friedrich. Und was gedenkst Du zu thun? Ernst. Was rathest Du mir? Friedrich. Ich Dir rathen? Ernst. Wundert Dich das? — Bist Du nicht mein Freund? Friedrich. Allerdings! — Allein es ist sehr schwer, der Rathgeber eines Verliebten zu sein, man erntet nicht selten Undank! — Du willst also Viktorinen durchaus nicht heirathen? Ernst. Niemals! Eher verlasse ich das Haus meines Oheims! (Viktorine erscheint im Hintergründe des Gartens. So wie sie der Beiden ansichtig wird, besinnt sie sich einen Augenblick und schlüpft hinter das auf der rechten Seite befindliche Gebüsche.) Zwölfte Scene. Die Vorigen. Viktorine. Friedrich. Daran thust Du wohl; denn Onkel Forestelle wird wüthen, wenn er sieht, daß sein schönes Projekt, von dem er schon so lange geträumt, zu Wasser wird, und selbst die Androhung mit Enterbung, die er doch nur in seinem Zähzorne aufDich schleuderte, keinen Eindruck auf Dich macht, und Deine Willensmeinung nicht ändert. Es ist daher besser, Du meidest für einige Zeit die Nähe Deines Onkels und überlassest es der herzensguten Tante, seinen Zorn zu besänftigen und ihn wieder mit Dir zu versöhnen. Damit Dir aber in Deinem freiwilligen Erile dieZeit nicht zu lang wird, nimmst Du das holde Täubchen Louise mit Dir und genießest in irgend einem verborgenen Winkel der Erde die schönsten Stunden einer ungestörten Liebe. Ist dann der Zorn des Onkels mit der Zeit verraucht, dann tretet Beide vor ihn hin, bittet ihn um Verzeihen und Vergessen, und er wird Euch gerührt und versöhnt in die Arme sinken, und an sein Herz drücken. Viktorine (für sich). Elender! Ernst. Wie meinst Du das? Friedrich. Das heißt mit andern Worten: Du entführst Louisen. Ernst. Friedrich, Friedrich, Du bist ein schrecklicher Mensch! Viktorine (für sich). Schrecklich nicht, nur schändlich ! Friedrich. Nicht so sehr, als Du glaubst! Und worüber staunst Du auch? — Ist das nicht die Geschichte aller hartherzigen Onkels, die ihre Neffen zu ihnen verhaßten Verbindungen zwingen, wie sie in allen Romanen und Theaterstücken zu Dutzenden Vorkommen. Oder glaubst Du, daßder bärbeißige Kapitain so mir nichts, dir nichts ferne Tochter Dir an den Hals werfen wird, wenn Du vor ihn hintrittst, und um ihre Hand bittest? — Ich danke für den schönen Empfang, der Dir-von ihm zu Theil würde. Uebrigens rathe ich Dir selbst, wenn Du auf eine andere Art 14 leichter zu Deinem Ziele zu gelangen glaubst? Ernst. Es ist wahr, ich kann nicht anders. — Aber rathe mir, wie soll ich diese Entführung bewerkstelligen? Friedrich. Nichts leichter als das. Zn einigen Tagen — Ernst. In einigen Tagen ist es zu spät, wenn morgen nicht, längstens übermorgen! Friedrich. Desto besser! — Also morgen locken wir das Mädchen in die Nähe der Straßburger Poststraße. Um 8 Uhr Abends fährt die Diligence vorüber, zwei Sitze im Coup6, tüchtig die Peitsche gebraucht, Postillon! und am andern Morgen sind wir jenseits der Brücke von Kehl. Wer wird in den Schatten des Schwarzwaldes Eure Liebe stören? — Ernst (ihm die Hand reichend). Du hast Recht. Die Zdee ist zwar kühn, aber gut. Doch wer bürgt mir für das Gelingen? Friedrich. Das Gelingen ist Deine und nicht meine Sache. Ernst (nachdenkend). Es mag wohl unrecht von mir sein, Deinem Rathe zu folgen; allein der Dämon des Bösen, der aus Dir spricht, treibt mich mit Riesengewalt zu diesem Schritte, der mir nichts Gutes verspricht. Doch sei dem, wie ihm wolle, ich folge Dir. Morgen früh, wenn ein weißes Tuch an Louisens Fenster flattert, ein Zeichen, daß der Kapitain nicht zu Hause ist — eile ich auf den Flügeln der Liebe zu ihr, und mache sie mit meinem Entschlüsse bekannt. — Aber wie, wenn Louise nicht einwilligt, mir zu folgen? Friedrich. Narr, wenn sie Dich liebt, wird sie auch einwilligen! Ernst. Und wenn auch dann nicht? — Mit Gewalt kann ich sie doch nicht zum Postwagen schleppen? Friedrich. Wer spricht denn von Gewalt? Sei unbesorgt, sie kommt auch ohne Gewalt! — Ernst. Es bleibt dabei. — Doch ich gehe jetzt, um die Gesellschaft zu empfangen (geht ab). Dreizehnte Scene. Vorige, ohne Ernst. Friedrich (sieht dem Abgehenden einige Zeit nach; dann reibt er sich vergnügt die Lände). Gut gemacht, recht gut! — Der ging mir prächtig in die Falle! — Das Feld ist offen — ich habe freies Spiel, und keinen Nebenbuhler mehr zu scheuen. — O diese Menschen — blind rennen sie ihrem Verderben entgegen, wenn es sich um die Förderung ihrer egoistischen Neigungen handelt. Sie dünken sich schlau, und sind es dennoch nicht, um mein wohlberechnet Spiel zu durchschauen. Ernst ist ein Narr, und Narren darf man nicht schonen; denn nur Täuschung öffnet ihnen das Auge. (Kurze Pause). Viktorine de Fontanges muß mein werden, — und mein ist sie auch, noch ehe drei Monate um sind, (geht eilig ab). Vierzehnte Seene. Viktorine allein, (tritt aus dem Gebüsche hervor, ihm nachrufend). Das lügst Du, elender Betrüger, noch ist sie nicht Dein! — Schnell fort von hier, vielleicht gelingt es mir, dem Schurken die Larve abzureißen, die seine Schändlichkeit verhüllt. — (eilt ab). (Der Vorhang fällt.) Zweiter Aet. (Vorsaal im Schlosse des Herrn von Forestelle, mit zwei Seitenthüren. Durch die große offene Mittelthüre sieht man in den erleuchteten Ballfaal). 18 Erste Geene. Franz und Johann. Franz (sieht in den Saal). So! — Alles ist in Ordnung! — Ich hoffe, der gnädige Herr wird mit uns zufrieden sein? — Johann. Gewiß; zufriedener wenigstens schon als mit dem jungen Herrn! Franz. Es muß heute etwas Tüchtiges gegeben haben. Der gnädige Herr schneidet ein grimmiges Gesicht, und auch Herr Ernst schleicht im Hause umher, als hätten ihm die Hühner das Brot genommen! Johann (wichtig thuend). Ob? — Wir wissen dieß! — Franz. Wenn Du so viel weißt, kannst Du leicht auch meine Neugierde befriedigen. Johann. Warum nicht? — Wir sind ja alte Freunde — da braucht man nicht hinter dem Zaune zu halten, und überdieß wird es ja auch nicht lange ein Geheimniß bleiben. Franz. So erzähle, was es abgesetzt hat! Johann. Das ist eine einfache Geschichte, und mit wenig Worten erzählt. Der alte Herr will den jungen zwingen, das Fräulein — Du weißt — das Fräulein aus der Nachbarschaft, die öfters zu uns auf Besuch kommt, — ich kann mir ihren Namen nie merken! Franz. Ich muß Deinem Gedächtnisse zu Hilfe kommen. Du meinst ver- muthlich Fräulein de Fontanges? Johann, Richtig! — Fontanges! — Du hast Recht. Nun, wie gesagt, der gnädige Herr will Ernst zwingen, dasFräulein zu heirathen. Davon wollte der junge Herr aus mir unbegreiflichen Gründen nichts wissen. Der gnädige Herr raSte und tobte; allein es half Alles nichts, Herr Ernst blieb bei seinem Entschlüsse. — Kurz, die Beiden sind so übereinander gekommen, daß dev gnädige Herr Ernsten mit Enterbung drohte. Franz. Nun, das wird ein schönes Facit geben! — Johann. Ich sage Dir, es war aus der Art, wie die Beiden mitsammen abgekracht haben. Ich war gerade in dem Zimmer, daß an das Arbeitska- binet des gnädigen Herrn stößt, beschäftigt, und habe die ganze Komödie mit angehört. Franz. DaS muß höchst interessant gewesen sein, ich beneide Dich! Johann. Du glaubst gar nicht, welche Höflichkeiten sich Onkel und Neffe in's Gesicht gesagt haben. Ich konnte mir nicht Alles merken, aber Eines habe ich verstanden, nemlich daß Herr Ernst gesagt hat, er wolle binnen drei Tagen das Schloß verlassen, weil — Franz. Nun. weil? Johann. Du darfst aber Niemanden etwas sagen! Franz. Bewahre! — Wofür hältst Du mich? — Glaubst Du, ich sei eine Plaudertasche? Johann (heimlich). Weil ihn der Onkel ein Bettelkind geheißen hat! — Franz. Warum nicht gar! — Ah, das ist stark! — Darum sieht also Herr Ernst so traurig aus, hm, hm — aber ich glaube nicht, daß es so weit kommen wird! — Die gnädige Frau wird Alles zu vermitteln suchen. — Sieh, Herr Ernst kommt so eben. Laß uns in den Saal gehen. Johann. Ja, ja, gehen wir! — (Beide gehen durch die Mittelthüre ad.) Zweite Seene. Ernst, Morizot und Carnot (treten zu verschiedenen Seiten ein. Einzelne Ballgäste gehen im Hintergründe der Bühne auf und ab). Morizot (geht Ernst einige Schritte entgegen, und schüttelt ihm die Hand), 16 Guten Abend, mein wack'rer Nimrod, schon lange nicht auf der Jagd gewesen ? Ernst. Ach, lieber Herr Morizot, ich lasse jetzt Hirsche und Rehe in Frieden. Morizot. Ei warum nicht gar, warum müssig sein? Dieser Tage werde ich Sie einmal zu einer Treibjagd ab- holen, und während der Rast können Sie mir von Ihren Herzensangelegenheiten erzählen; denn daß Sie solche Leiden haben, darauf will ich wetten — Sie machen mir ein zu trübes Gesicht! Ernst. O, freilich wohl! — Mein Onkel will mich mit Fräulein Fonlanges verbinden, die mir verhaßt ist. Morizot. Still, mein Freund; wir sind nicht allein.' — Ernst. Immerhin, ich habe so eben heute meinem Oheim erklärt, daß ich mich seinen tirannischen Befehlen nicht fügen werde. Er glaubte mich milder angedrohten Entziehung der Erbschaft zu schrecken. Mein Gott, er möge mich enterben, was liegt mir daran? — Ich will Reichthum nicht mit Unglück erkaufen! — Morizot. Wahrhaftig, Sie theilen Mir Betrübendes mit; denn ich nehme Antheil an Ihrem Schicksale. Da sehen Sie, (auf Carnot weisend) ich wünschte Ihnen so viel Glück, als dem Burschen da. Nächstens wird er mein Schwiegersohn, und ich versichere Sie, er betet seine Braut an? Ernst (wankt und sinkt auf einen Stuhl). Mein Gott! (Morizot und Carnot springen zu ihm, um ihn zu unterstützen.) Morizot. Um des Himmels willen, was ist Ihnen? Ernst (nach einer Pause mit gedämpfter Stimme). Verzeihen Sie mir — ich bin so unglücklich — daß mir das Glück eines Andern unglaublich scheint! — O, wie ich leide! — Möge Ihre Tochter glücklich sein — doch entschuldigen Sie, die Gesellschaft findet sich ein, ich muß mich zu sammeln suchen. — Wir sehen uns noch, verehrter Freund! — (geht durch die Mittelthüre ab.) Dritte Deene. Vorige, ohne Ernst. Morizot (ihm verwundert nachsc- hend). Was war das? — Er ist außer sich, weil ich von Louisens naher Hochzeit sprach — auch Louise befremdete mich, als sie hörte, Ernst stehe im Begriffe, sich zu vermählen, — (nachdenkend). Hm, hm, das will mir nicht gefallen — Sollte etwa? — Alle Wet- ter, jetzt geht mir ein Licht auf! — O, ich Dummkopf, wo hatte ich nur meine Augen, war ich denn blind, um Ernstens lichterlohe Flamme nicht zu sehen? — Was ist da wohl zu thun? — Vorsicht ist das räthlichste — ich werde die Hochzeit beschleunigen. Der alte Dieb Forestelle würde nie eine Verbineung billigen, die — nun, in Betreff der Thaler wäre sie allerdings eine AlesssIIianoe. (laut zu Carnot). Komm, Junge, wir wollen einmal da hinein sehen. (Sie sind eben im Begriffe abzugrhen, als Viktorine ihnen entgegentritt. Ihr AeußereS drückt eine gewisse Unruhe und Aengstlkchkeit aus, und sie sieht scheu umher.) Vierte Seene. Vorige. Viktorine. Viktorine. Wenn ich nicht irre, sind Sie Herr Kapitain Morizot? Morizot. Zu dienen, mein Fräulein, was steht zu Ihrem Befehle? Viktorine (mit einem Seitenblicke auf Carnot). Ich habe einige Minuten mit Ihnen allein zu sprechen. Carnot (will sich entfernen). Morizot (leise zu Carnot). Bleib', Carnot! (laut zu Viktorin«). Mit mir? '17 Viktorine. Befremdet Die dieß? Morizot. Allerdings, da ich nicht die Ehre habe, Sie zu kennen! Viktor ine. Zch heiße Viktorine FontangeS, und bin, wie Ihnen bekannt sein dürfte, Ernstens bestimmte Braut! — Morizot (mit einer Verbeugung). Freut mich, Die kennen zu lernen .' (auf Carnot deutend.) Hier, Herr Carnot, Schreiber des Friedensrichters und mein künftiger Schwiegersohn, Sie sehen, er gehört gewissermaßen schon zu meiner Familie, und ich habe kein Geheimniß vor ihm. Viktorine. Desto besser! — Die Angelegenheit, die wir zu besprechen haben, betrifft Ihre Tochter, Fräulein Louise! — Morizot. Meine Tochter? Carnot. Meine Braut? — Was soll das bedeuten? Morizot. Sprechen Sie, Fräulein, ich bitte, sprechen Sie! — Sie sehen, ich stehe auf Nadeln! — Was haben Sie mir zu sagen? Viktorine. Das sollen Sie sogleich erfahren! — Doch vor Allem, sind wir hier ungestört? Carnot (wirst einen Blick in den Saal, und kehrt gleich wieder zurück). Ich denke ja. Die allgemeine Luft und Heiterkeit hat den höchsten Grad erreicht, und Niemand bekümmert sich in diesem Augenblicke um uns. Morizot (für sich). Was die nur haben mag? — Ihr geheimnißvolles Wesen befremdet mich. Vielleicht hat sie Wind, daß Ernst in meine Louise verliebt ist, und ihre Hand deßhalb ausschlägt; jetzt will sie mir an den Leib gehen, nun heißt es klug sein! Sie soll an mir nicht nur den Soldaten, sondern auch den Diplomaten kennen lernen, (laut zu Diktorine). Darf ich wissen, welchem Beweggründe ich das Vergnügen Ihrer Gesellschaft verdanke? Wiener Theater-Repertoir. XIII. Viktorine. Hören Sie mich! — Durch einen günstigen Zufall erlauschte ich heute bei einem Spaziergange im Parke ein Complott, das auf Ihre Tochter abgemünzt war, und nichts weniger als Louisen's Entführung beabsichtigt. Morizot (erschrocken). Louise entführen? — Nein, nein, es ist unmöglich! — Sie haben falsch gehört, ich kann es nicht glauben! — Carnot (in Wuth). Wer sollte es wagen, meine Braut zu entführen? Viktorine. Ernst und sein Freund Friedrich. Carnot. Ha, dieser Friedrich! — O, von diesem glaube ich Alles — Sehen Sie, Herr Kapitain, daß ich die Wahrheit gesprochen, wenn ich sagte, daß dieser Mensch grundschlecht und zu Allem fähig sei. Aber wehe ihm, wenn ich ihn finde! — Morizot (in heftiger Aufregung auf- und abgehcnd). Louise entführen, die unglückliche Tochter entehren, wie einst die Mutter! — O das ist zu viel, mir schwindelt der Kopf. (Er besinnt sich, und dann plötzlich zu Carnot gewendet.) Komm, folge mir! — Wir wollen diese Buben zwingen, sich in meiner Gegenwart zu erklären.' Carnot. Ich verstehe! Viktorine (ihn zurückhaltend). Um Gotteswillen, nein! Sie müssen alles Aufsehen vermeiden. Man würde ohne Zweifel Alles läugnen, und Jedermann würde Ihre Heftigkeit tadeln. Morizot. Sie haben Recht, Fräulein. Doch sagen Sie mir, was soll ich thun, was soll ich beginnen? — Mein Kopf ist so voll — ich bin unfähig, auch nur Einen vernünftigen Gedanken zu fassen. — O meine arme Louise! Viktorine. Fassen Sie sich, Herr Kapitain, ermannen Sie sich, — denken Sie, daß Louise dringender als je Ihrer Stütze bedarf, jetzt, wo sie von Gefahren umringt ist. Kann Ihnen L mein Rath von einigem Nutzen sein, so begeben Sie sich schnell nach Hause, und treffen Sie Ihre Vorsichtsmaßregeln; denn man könnte Ihnen sonst zuvorkommen. Mitternacht ist bald vorüber. Sie haben daher einen schicklichen Vorwand, das Fest verlassen zu können. — Nehmen Sie diesen jungen Mann mit sich; er kann Ihnen bei Ihrem Vorhaben von Nutzen sein. Carnot. Ja, ich gehe mit Ihnen, Herr Kapitain! — O, ich werde diese Elenden schon zu züchtigen wissen, ich werde sie tödten, wenn Sie es wagen sollten, auch nur Ein Haar aufLouisen'ö Haupte zu berühren. Ich fühle einen Muth in mir, über den ich selbst staunen muß. Kommen Sie, verlieren wir keine Zeit! Morizot. Sei ruhig! — Ich bin da, ich wache. — (zu Biktorinen). Doch auf welche Art wollen diese Buben ihr ruchloses Werk in Vollzug setzen? Viktorine. Man will Ihre Tochter in die Nähe der Straßburger Poststraße locken, wo Abends acht Uhr die Diligence vorüberfährt, die beide hinüber nach Deutschland bringen soll. Ein weißes Tuch, welches an Louisens Fenster flattert, das gewöhnliche telegraphische Zeichen, daß Sie nicht zu Hause sind, soll ihnen als Signal zum Beginne ihres Unternehmens dienen. Morizot. Und wann soll das Alles vor sich gehen? Viktorine. Morgen! Morizot. Also morgen schon? — Sie scheinen Eile zu haben; aber nehmt Euch in Acht, ihr Elenden, daß ihr nicht zu spät kommt! Viktorine. Sie sehen, es ist keine Zeit zu verlieren. Carnot. Ja wohl, Fräulein, Sie haben Recht, es ist keine Zeit zu verlieren. Jeder Glockenschlag der Uhr mahnt uns an unsere Pflicht. Kommen Sie, Herr Kapitain, und lassen Sie uns diese Herren ans eine ihnen gebührende Art empfangen. Morizot. Einen Augenblick noch, mein Freund. — Sie sagten vorher, ein weißes Tuch an Louisens Fenster diene als Zeichen — Viktorine. Daß Sie nicht zu Hause seien. Ganz richtig, es sind Ernst's eigene Worte. — Jedenfalls deuten sie auf ein geheimes Verständ- niß, welches Louise hinter Ihrem Rücken angesponnen hat. Morizot. Louise sollte mit Ernst geheime Zusammenkünfte haben? — Nein, nein, ich kann eS nicht denken. Wenn sie mich zu täuschen vermöchte, ich müßte die ganze Menschheit hassen, mein Leben verwünschen. — Ich sage Ihnen, es ist unmöglich. Car not. Glauben Sie das nicht, Herr Kapitain. Für Louisen'S Unschuld bürge i ch mit meinem Leben. Viktorine (stolz). ES steht nicht bei mir, Herr Kapitain, an der Wahrheit oder Unwahrheit der Worte Ernst's zu zweifeln; an Ihnen ist es, mein Herr, die Ehre Ihres Hauses zu wahren , den Namen und Leumund Ihrer Tochter rein zu erhalten vor jeder Makel. Rächen Sie sich an den Elenden, die eS wagen, ein frevelhaftes Spiel mit Louisen's Ehre zu treiben, aber rächen Sie sich als Mann! — Morizot. Sei'n Sie unbesorgt, ich handle rasch und meiner Ehre sicher, (zu Carnot.) Komm, mein wackrer Freund! — die Nacht ist schön und Du brauchst weder Wölfe noch Räuber zu fürchten. — Du kehrst jetzt sogleich in die Stadt zurück. Meine Gegenwart ist zu Hause dringend nöthig; ich kann mich dahe* nicht entfernen. Morgen sollte ich drinnen meine vierteljährige Pension beheben, Du wirft so gut sein, es für mich zu thun. Zum Glücke habe ich die unterschriebene Quittung IS hier bei mir (ein Papier aus der Tasche ziehend) hier — nimm sie! Carnot. Gut, Schwiegerpapa!— So wie ich morgen mein Bureau geschlossen habe, bringe ich Ihnen Ihr Geld heraus. Morizot. Und nun, mein Fräulein, nehmen Sie meinen Dank, meinen herzlichsten Dank, (im Abgehen). Louise entführen? — Nein, nein, es ist nicht möglich, (geht mit Carnot in heftiger Bewegung ab.) Fünfte Seene. Viktorine allein, begleitet sie bis zur Thüre, kehrt aber schnell wieder bis in die Mitte der Bühne zurück. Dem Himmel sei Dank, es ist mir gelungen, die schändlichen Plane dieser Verführer zu vereiteln! — Ernst hat meine Hand verschmäht, meine Liebe, mit der ich bis zum Wahnsinn an ihm hing, verhöhnt und mit Füßen getreten, er soll die Rache eines beleidigten WeibeS fühlen! — Zch habe eine gute That verübt, ich habe Großmuth ausgeübt an meiner Nebenbuhlerin, die ich hassen, die ich verfolgen sollte. — O wie doppelt süß schmeckt diese Rache! — Und doch habe ich sie theuer erkauft — sie kostet mich meine Liebe! (verfällt in ein tiefes Nachsinnen.) Siebente Seene. (Ernst tritt durch die Mittelthüre ein, und erblickt Viktorine). Ernst und Viktorine. Ernst. Sie hier, Fräulein? — man sucht Sie im Saale und Sie Ziehen sich zurück von der fröhlichen Gesellschaft. Viktorine. Ein ernster Gast taugt schlecht zur Lust des Festes. Ernst. Sie sind ernst, mein Fräulein? — Kann denn auch Ihre Seele Kummer trüben? Viktorine. Und warum nicht? — Glauben Sie denn, nur die Brust des Mannes sei gestählt gegen die Schläge des Schicksals, des WeibeS Busen bewege kein Schmerzenshauch? — Auch unser Leben, denkt man es sich auch noch so rosig, hat seine Schattenseiten ! Ernst. Lassen Sie uns ein Gespräch abbrechen, das nicht zu des Festes froher Feier stimmt. Kehren Sie zurück zur Gesellschaft, die Sie schwer vermißt, und lassen Sie im Kreise Ihrer Freunde die Wolke schwinden, die sich aus Ihre schöne Stirne lagert. Viktorine. Sie wollen mich mit Gewalt zur Fröhlichkeit stimmen? — Es dürfte Ihnen nur schlecht gelingen, Herr Ernst! — Doch auch Sie sind nicht so heiter, wie gewöhnlich, und wie der Frohsinn des Festes wohl erheischt! Ernst. Bei mir ist's etwas Anderes, ich habe guten Grund zur Trauer. Wenn Sie wüßten, was mich — Viktorine. Lassen Sie das, Herr Ernst, und überheben Sie sich jeder Selbstanklage, die nur mir und Ihnen peinlich sein könnte, mir, sie anzuhören, Ihnen, sie vorzutragen. — Zch weiß Alles — Ernst. Wie, Sie wissen? — Viktorine. Alles, mein Herr, und mehr noch, als Ihnen lieb sein mag (leise). Ich weiß den Plan einer Entführung, die zwei junge Männer heute morgen im Parke entworfen. Nicht wahr, das ist seltsam? — Wollen Sie auch wissen, wer diese beiden Männer waren? Ernst. Mein Gott! Viktorine. Forschen Sie nicht, woher ich dieß Alles weiß, genug, daß ich es weiß. Es ist traurig, daß eS so kommen mußte. — Ich will nicht rechten mit des Schicksals Fügung; aber hören Sie mich an, Herr Ernst, 2 * 20 Sie stehen auf dem Punkte, eine schlechte That zu begehen, (nach einer Pause). Ja, Herr Ernst, schlecht, wenn ich das Wort beim rechten Namen nennen will- Wissen Sie auch, was Sie beginnen wollen? — Sie haben den Einflüsterungen eines falschen Freundes Gehör geschenkt, um den Frieden, die Unschuld eines armen Mädchens zu zerstören, Sie wollen einem greisen Vater die letzte Freude seines Alters rauben, Sie wollen Schmach, Schande und Unglück über ein schuldloses Haupt häufen, den guten Ruf eines Wesens, das Ihren glatten Schmeichelworten Glauben schenkt, und sie für baare Münze hält, zu Grunde richten, und den Segen ihres Vaters, der ihr an seinem Sterbelager dereinst zu Theil würde, in Fluch verwandeln! (Dormeuil erscheint während den letzten Worten Viktorinens auf der Schwelle der Saalthüre, verbirgt sich aber wieder bei dem Anblicke derselben). Ernst. Halten Sie ein, Viktorine! — Sie erschrecken mich! Viktorine. Wohl mir, wenn ich es könnte; allein es ist nur das schwache Bild des Jammers, das ich Ihnen vor Augen halten kann. Schaudern Sie zurück vor diesem Bilde! (Ernst schwankt, und ist eben im Begriffe, sich Viktorinen zu Füßen zu werfen, als Dormeuil cintritr). Siebente Seene. Die Vorigen. Friedrich. Friedrich (für sich). Es ist die höchste Zeit, sich in's Mittel zu legen, sonst verdirbt mir der Narr noch mein schönes Spiel! (laut). Ah fleh da! — So vertraulich? — Ich bin wohl hier überflüssig? Ernst (für sich). Mein Dämon! Viktorine (für sich). Verloren! — Nun bleibt nichts übrig, als ihn der Rache des Kapitains preiszugeben, ich wasche meine Hände rein! (laut zu Ernst).) Leben Sie wohl, Herr Ernst, und prägen Sie meine Worte sich tief in's Gedächtniß ein! Friedrich. Sie verlassen uns, Fräulein Viktorine? — Ah, das ist sehr ungerecht von Ihnen! (Viktorine geht mit einem verächtlichen Blicke gegen Friedrich ab.) Achte Seene. Die Vorigen, ohne Viktorine. Friedrich. Ha, ha, ha, cS ist zum Platzen, wie die moralisiren kann, als wäre sie erst vor Kurzem einem Nonnenkloster entsprungen! (zu Ernst, welcher abseit in Gedanken versunken steht). Mir scheint gar, Dich hat Ihr Strafsermon angegriffen (spöttisch). Nun ja, man sieht Dir's an, daß Du ein weiches Gefühl hast, welches bei den Thränen eines Weibes schmilzt, wie Butter an der Sonne! Ernst. Spotte nicht, Sie hat nur zu wahr gesprochen! Friedrich. Daö mag sein ; aber bei alle dem sehe ich nicht ein, wie Du Dich dann in den Besitz Deiner an- gebetheten Louise setzen kannst? Ernst. O Louise! Friedrich. Mit Seufzern wird Dir blutwenig geholfen sein; es heißt handeln, sonst heirathet sie Dir der Tropf Carnot vor der Nase weg, und Du hast dann das leere Nachsehen. Ernst. Beim Teufel, woran erinnerst Du mich? Fri §d rich. An Deine Pflicht als Liebender? Ernst (strikt ihn scharf). An meine Pflicht? — Du bist ein falscher Freund! (cilt schell ab). Neunte Seene. Friedrich (allein). Ha, ha, das war kein schlechter 21 Witz; ich glaube fast auch so! — Er geht dahin — er geht in sein Verderben. Gut, — recht gut, — nur zu! j Von den Trümmern seines Glücks ! will ich zu dem meinen empor mich ' schwingen! (lachend ab). Zehnte Scene. Scene wie zu Anfang des ersten ActeS. Louise tritt von den Stufen des Hauses herab. Gleich darauf eilt Ernst von der linken Seite ihr entgegen. Es ist früher Morgen. Ernst. Guten Morgen, liebe Louise! Louise (kleinlaut). Guten Morgen, Herr Ernst! Ernst. Meine Sehnsucht, Sie zu sehen, ließ mich nicht ruhen, und ich verließ unser ländliches Fest noch vor seinem Ende. — Doch Sie sind traurig, meine Louise! — Wie? — Thronen im Auge? — was fehlt Ihnen? Louise (bewegt). Nichts, Herr Ernst, vielleicht eine kindische Laune, die mich trüber macht, als Sie mich zu sehen gewohnt sind, vielleicht auch etwas mehr. — Herr Ernst, bis heute war mein Benehmen strafbar, ich sehe es ein. Ich hatte Ihr gütiges Aner- ^ biethen, mich lesen und schreiben zu lehren, nicht annehmen sollen. Jetzt weiß ich es, ich war dem Willen meines Vaters ungehorsam, und welches auch immer seine Beweggründe sein mögen, ich muß sie achten. Ernst. Also werde ich Sie nicht mehr sehen? Louise. Wie sonst, nur brauche ich Ihnen, da Sie mich nicht mehr unterrichten, kein Zeichen mehr zu geben. Sie kommen, wenn Sie wollen, ledoch — ohne Geheimniß. — Ernst. Louise, Sie bringen mich zur Verzweiflung mit diesen Reden! Louise. Ich vergaß, daß Sie bald nicht mehr frei sind, Sie vermählen sich, nicht wahr? Ernst (mit bebender Stimme). Wer hat Sie davon unterrichtet? Louise. Ich weiß es von meinem Vater, daß Sie sich mit Fräulein Fontanges verbinden? Ernst. Nein, niemals wird sie meine Gattin! Mag mein Onkel mich verstoßen, enterben, er darf meinem Herzen nicht Gewalt anthun. Ich liebe' das Fräulein nicht, kann sie nicht lieben. Morizot (erscheint im Hintergründe der Bühne). Louise. Und darum sind Sie un- glücklich? Ernst. Sind Sie glücklich? Louise. Glücklich? — Nein.' — Kann ich glücklich sein, wenn ich Sie leiden sehe? Ernst. Mein Schmerz möge Sie nicht betrüben! (mit bitterem Lächeln). Herr Carnot, Ihr künftiger Gatte, dürfte Ihr Mitleid zur Rechenschaft ziehen! Louise. Sonderbar! Sie sprechen in einem ganz fremden Tone zu mir. Schmerzt Sie meine Verbindung, gut, so werde ich den Vater bitten, Sie rückgängig zu machen. Ernst. Wie, Louise, Sie lieben den Ihnen bestimmten Bräutigam nicht? Louise. O, Josef würde ein ganz vortrefflicher Gatte sein; indessen ist es mir ganz gleichgültig in meiner jetzigen Lage zu verbleiben. Ernst. Armes Kind! — In Ihrer Unschuld kennen Sie Gefühle und Eindrücke nicht. Nein, Louise, Sie lieben Ihren Bräutigam nicht. Wüßten Sie, wie glücklich mich dieser Gedanke macht! — (Pause). Hören Sie mich, Louise, und urtheilen Sie, ob ich meinem Onkel gehorchen kann. Mein ganzes Leben wäre unglücklich, ich liebe eine Andere, deren schlichte Tugend mein ganzes Herz gewonnen hat. Aber sie ist arm, man wird sich diesem Bündnisse 22 widersetzen. —O, wüßte ich, daß Sie meine zarte Neigung nicht verschmäht, könnte ich in einem einzigen Blicke Hoffnung lesen! — Louise. Und Sie, so gut, so großherzig, sollten nicht wieder geliebt werden? Ernst. Nie habe ich es gewagt , in 'ihre unendlich schöne Ruhe eine Leidenschaft zu werfen die sie vielleicht so unglücklich machen könnte, als ich eS bin. Louise. Und kenne ich sie? Ernst. Za, Louise! (zieht ein Billet aus der Tasche). Nehmen Sie, — diese Zeilen werden Zhnen ihren Namen enthüllen, Sie werden ein Geständniß darin finden, dem meine Lippen scheu sich weigern. Zn diesem Briefe stehe ich sie, die ich liebe, um eine Gunst an, deren Versagung mich auf immer elend machen würde. O, versprechen Sie mir, einzuwilligen, Louise! lWill ihr den Brief übergeben, Morizot, der während der letzten Worte näher getreten ist, tritt zu Ernst). Gilfte Seene. Die Vorigen. Morizot. Louise (für sich). Mein Vater! Ernst (für sich). Himmel, der Kapital»! — Nun ist Alles verloren! Morizot. Zrre ich nicht, meine Kinder, so wart Zhr in vertraulichen Eröffnungen begriffen; zufällig habe ich einen Theil Eures Gespräches erlauscht. — Herr Ernst, ich glaube nicht, daß meine Louise Zhnen nützlich sein kann, weit sicherer stellen Sie sich unter meinen Schutz. Geben Sie mir also den Brief, der das Nähere Zhrer Bitte enthält! (nimmt Ernst den Brief aus der Hand). UebrigenS unter unS Männern verhandelt sich's am Besten von Mund zu Munde. Zum Teufel das Geschreibsel. — (zerreißt den Brief). Ernst. Dank, Kapitain, aufrichtigen Dank! — Eine solche Großmuth— Morizot (zu Louise). Geh, Louise, richte mir mein Frühstück, Herr Ernst wird mir indessen seine Bitte vortragen. (Louise geht ab). Zwölfte Gerne Vorige, ohne Louise. Mori z o t (wirft einen Blick schmerzlichen Vorwurfs auf Ernst, mit gedehnter Stimme). Zch hätte Sie für edler gehalten! — Ernst. O verzeihen Sie mir, Herr Kapitain! Morizot. Sie haben schwer gefehlt, Ernst! — Sie sehen, ich weiß Alles, auch den Znhalt des Briefes, den ich so eben zerrissen habe. — Forschen Sie nicht, auf welche Weise ich in den Besitz ZhreS Geheimnisses kam, genug, Sie wollten Louise in die Nähe der Straßburger Poststraße locken, wollten meinen einzigen Trost, meine letzte Freude auf Erden mir entführen, mir, der Zhnen nur Vertrauen und Freundschaft erwies. — Ernst. Sie vernichten mich, Herr Kapitain! Morizot. Wissen Sie wohl auch, waö Sie thun wollten, haben Sie die furchtbaren Folgen einer Entführung wohl überlegt? — Hören Sie meine Geschichte, und erschrecken Sie bei dem Gedanken, welches Elend eine Entführung veranlassen kann! Zch wohnte vor langer Zeit in dieser Gegend, und liebte ein Mädchen, rein und tugendhaft wie Louise. Sie hieß Clementine. Eine lange Reihe von Zähren ist seit dieser Zeit ver- verflossen, und doch blutet mein Herz noch immer, wenn ich an diese Zeit mich erinnere. Wir waren verlobt und der Tag unserer Verbindung war schon bestimmt, als ich den Fahnen des Kaisers in die eisigen Steppen Rußlands folgen mußte. Weinend fiel 23 mir Clementine um den Hals, und schwur mir ewige Treue. Ich zog hinaus. Die Brust mit dem Kreuze der Tupfern geschmückt wollte ich wieder heimkehren — das hatte ich ihr versprochen. — Auf dem Schlachtfelds an der Moskawa ernannte mich der Kaiser zum Kapitain, und heftete mir selbst das Kreuz auf meine Brust. (Pause). Sie kennen das unglückliche Ende dieses Feldzuges. Tausend Gefahren bedrohten auf dem Rückzuge mein Leben, der Gedanke an Clementine hielt mich aufrecht, und führte mich glücklich nach Frankreich zurück. Ich eile athemlos vor Freude in die Wohnung meiner Braut in Saint Die. Da traf mich der fürchterliche Schlag, von dem ich eben sprach — Clementine verführt — ein Elender, Julian hieß er, hatte ste mit glatten Worten bethört und dann verlassen. Ich suche seither diesen Menschen allenthalben, ich konnte ihn nicht finden, ihm nicht meinen Abscheu in's Gesicht spucken. Aber finde ich ihn einmal, dann bei Gott, soll er den alten Kapitain Morizot kennen lernen. — Er überredete sie, ich sei im Gefechte oder im Elende umgekommen, er versprach ihr seine Hand, ich fand die Unglückliche sterbend vor Schmerz und Scham, nachdem sie eine Tochter geboren — Ernst (ängstlich). Und dieß Kind? Morizot. Dieß Kind? — Sie errathen eS wohl! — es war Louise! -7 An einem Todtenbette fand ich nicht die Kraft zur Verwünschung, ich schwur Clementinen, ihre Tochter als mein Kind zu erziehen. Ich habe meinen Schwur treu gehalten, und auf meinem Gewissen lastet kein Vorwurf; ich entfernte Alles von Louisen, was ihrer Mutter so verderblich war. ^ Und Sie, Ernst, den ich für einen Ehrenmann hielt — Ernst. Sie vernichten mich! Morizot. Nein, mein Freund! Ihre Thränen sprechen für Ihre Reue, Sie konnten, von den schändlichen Rathschlägen dieses Dormeuil verführt, einen Augenblick irren; aber Sie haben sich wieder gefunden, Ihr edles, gutes Herz bürgt mir für jeden Rückfall. Doch Herr Forestelle ist unbeugsam, nie würde er in Ihre Verbindung mit einem Mädchen willigen, das arm ist und auf dessen Geburt ein Makel haftet. Ernst. Aber ich liebe Louise! — Er ist mein Vater nicht; was kümmert mich seine Einwilligung, sein Geld. Auch ich bin arm, Herr Kapitain, eine Waise, und ich halte um Louisens Hand an. Morizot (feierlich). Ernst, Ihr heutiges Opfer könnten Sie einstens bereuen, ich kann es nicht annehmen, weil Louisens Glück mir theuer ist. Wären Sie gestern mit Ihrer Werbung zu mir gekommen, ehe Sie auf den schändlichen Plan Ihres Freundes eingingen, so wäre dieser Schritt edel und großmüthig gewesen. — Es thut mir leid, so mit Ihnen reden zu müssen, Herr Ernst, meine Achtung kann ich Ihnen wieder schenken, nicht mein Vertrauen — Josef Carnot hat übrigens mein Wort, und Sie wissen, dem Soldaten ist sein Wort heilig. — (nach einer Pause). Wollen Sie den wohlgemeinten Rath eines Freundes annehmen, so entfernen Sie Friedrich Dormeuil aus Ihrer Nähe; denn seine Freundschaft ist ein Gift, das für Ihr Herz leicht tödlich werden könnte. Ernst. Sie haben Recht; — ich werde Ihren Rath befolgen. Nie mehr soll er die Schwelle unseres Hauses betreten, und von diesem Augenblicke an, sage ich mich los von ihm. 2 ^ Dreizehnte Eeene Vorige. Louise (erscheint an der Schwelle des Hauses). Louise. Vater, das Frühstück ist -ereil. M o r i z o t. Liebe Tochter, komm ein wenig zu mir! — Sieh, Herr Ernst hat mir eben mitgetheilt, daß er eine Reise antreten muß, die ihn lange von uns fern halten wird. Seine Betrübniß ist ein neuer Beweis seiner herzlichen Freundschaft sür uns. (Zu Ernst, ihm die Hand reichend). Muth, mein Freund, Sie wissen, daß Ihnen nur ein kräftiger Entschluß übrig bleibt. Ernst. Ich verstehe Sie, Herr Kapitain! (zu Louise mit zitternder Stimme) Leben Sie wohl, Fräulein Louise! — leben Sie wohl — sür immer! (geht mit wankenden Schritten ab, Morizot begleitet ihn bis zur Coulisse). Morizot. Möge Gottes Hand auf Ihren Wegen Sie geleiten! (Louise ist auf die Bank in der Laube gesunken, und verhüllt sich das Gesicht. Morizot sieht dem Abgehenden nach). Der Vorhang fällt. Dritter Act. Scene wie am Schluß des vorigen. Erste Seene. C arnot (tritt traurig und niedergeschlagen von der linken Seite in den Garten). Kapitain Morizot hat mich auf heute bestellt — er habe mich dringend zu sprechen, ließ er mir sagen. Ich suche ihn nun schon allenthalben, und kann ibn nicht finden. — Er wird wohl auf seinem Zimmer sein, gehen wir dahin! — (geht gegen das Haus zu, besinnt sich aber wieder, und kehrt mit langsamen Schritten zurück). Nein, nein, in's Haus mag ich nicht gehen, ich fürchte Louisens Jammerblicke zu begegnen, und der Anblick schneidet mir in's Herz! — Ich kann sie nicht sehen, ihren vorwurfsvollen Blick nicht ertragen, der, wenn sie ihn auf mir ruhen läßt, zu sagen scheint: Du bist an all' meinem Leide schuld! — und dann treten mir ! die Thränen in die Augen, und ich s könnte weinen, wie ein Kind. — — Die arme Louise! — Nein, nein, ich gehe nicht hinein, ich will hier auf ihn warten! (Pause). Wer hätte vor sechs Wochen, als wir fröhlich beisammen saßen, wer hätte damals wohl geahnt, daß es so weit kommen würde? — Und doch ist es sok — Auf diesem j Hause liegt eine erwartungsvolle j Schwüle, die das balde Nahen eines ? Sturmes kündet. Webe dem, auf dessen Haupt er sich entladet! — O möchte - er Louise verschonen. Gerne böthe ich l mich zum Opfer dar, wenn ich nur z wüßte, wie ich dieser guten Seele ^ ihren Frieden wieder geben kann; — ^ allein vergebens sinne ich seit Wochen l schon nach einem Entschlüsse, der mir - einen rettenden Ausweg zeigte aus die- ' sem Labirinthe des Zweifels und der ! bangen Sorge, — nirgends biethet ; sich auch nur Ein Strohhalm dar, an s den sich meine schwache Hoffnung klam- ^ mern könnte. Meine Gedanken wirbeln : bunt in meinem Kopfe, wie dürre- j Laub im herbstlichen Sturme, und es . will mir nicht gelingen, auch nur Ei- ; neu zu erhaschen. — Zwar schlum- - mert ein Gedanke in dem tiefen Schachte meiner Seele, und allmählig dämmerts Heller und Heller vor meinem Blicke ^ allein der Gedanke ist schrecklich für mich — denn er führt auf einen dunkeln Pfad, wo mir die Sonne des . Glückes nimmer scheint, (nach einer Pause, ; während welcher er nach einem Entschlüsse j ringt, mit Entschlossenbeit). Und doch will ich ihn betreten. — muß ihn betreten, wenn Louisens Glück und Ruft I 28 ; wiederkehren soll! — Ja, ich fühl' eS, j — ich habe durch meinen übereilten i Antrag ihrem Herzen namenloses Leid - zugefügt — und ich bin ihr dieses Opfer l schuldig! — Muthig, Carnot, keine ' Furcht! — Ohne Zagen, ohne Zittern will ich die neue Bahn betreten — wenn ich auch der Myrthe Reis nicht konnte pflücken — vielleicht gelingt es mir, mit des Ruhmes Lorbeer mich zu schmücken (rilt ab). Zweite Seene. Louise am Arme Katharina's tritt langsam aus dem Hause heraus. Sie ist bleich, und ihr Antlitz zeigt die Spuren tiefen Kummers). Louise. Komm, Katharina, laß uns in die Laube sehen, daß ich am Strahl der warmen Sonne mich ergötze. Ihr Anblick thut mir so wohl, und mit Lust gedenke ich der schönen Stunden, die ich an Ernstens Seite hier verlebt, (setzt sich auf die Bank). Katharina. Louise, wozu diese traurigen Erinnerungen, die nur dazu dienen, Dich noch schwermüthiger zu machen, als Du ohnehin bist! Louise. Du meinst es gut mit mir, Katharina, und ich danke Dir für Deine Sorgfalt; allein kann ich dem Geiste gebiethen, daß er dem Gedankenfluge eine andere Richtung gebe, der mir immer und immer nur Ein Biid vor die Seele zaubert? Katharina. Du solltest von solchen Gedanken Dich entwöhnen! — Du siehst so bleich und abgehärmt aus, daß mir das Herz blutet, wenn ich Dich sehe. Du bekümmerst uns Alle, und erfüllst uns mit Schmerz, Angst und Sorge, wenn wir Dich wie eine Rose welken sehen, schauen sollten, wie Blatt für Blatt von der Blüthen- krone fällt? Louise (traurig lächelnd). Du hast Recht, Katharina, Blüthe um Blüthe welkt, und bald werden von der Blume nur noch die Dornen übrig sein. — Da drinnen (aufs Herz deutend.) ist's todt, bald — auch alles Andere. Ka tharin a. Sprich nicht so, Louise! — Sieh, ich habe Dich auf diesen Armen getragen, auf diesen Knien Dich geschaukelt, mich selbst mit Dir zum Kinde gemacht, und wir Alle hatten unsere Lust und Freude an Dir. Sollten wir nun, wo die Zeit den Schnee des Alters aus unser Haupt gestreut, unsere Hoffnung zu Wasser werden sehen? L o u i s e. Kann ich dafür, wenn Eure Hoffnungen sich nicht so verwirklichen, wie Ihr es wohl wünscht? Katharina. Wer denn sonst? — Liegt es nicht an Dir, durch ein einziges Wort all den Gram, die Sorge, die einer wetterschweren Wolke gleich auf uns lastet, zu verscheuchen, und die umwölkte Stirne Deines Vaters zu glätten, der mit bangem Blicke auf Dich sieht, und den Wunsch.seines Herzens, aus Scheu, Dich zu kränken, gewaltsam unterdrückt?—Louise, fasse — fasseDich, laß diese Thränen, die einem eitlen Kummer gelten, trocknen, diesen Gram, der Dein junges Leben vergiftet, in das Grab des Vergessend senken, sei standhaft, wie es der Tochter eines Soldaten ziemt. Louise. Wenn ich es könnte? — Wohl mir! — es stünde anders! — Katharina. Bedenke, daß Carnet Dein Wort hat, daß Dein Vater auf die endliche Erfüllung desselben dringt! Louise. Ganz recht! — Allein ich kann jetzt nicht — vielleicht später! — Katharina. Sieh, der Vater grämt sich beinahe zu Tode über Deine Trauer, Deinen Tiefsinn — mit mitleidsvollem Blicke betrachtet er die Blässe Deines Gesicht's — und — ich habe es wohl bemerkt, manche Thräne 26 gleitet über seine gebräunte Wange nieder. Louise. Gute Katharina, Deine Liebe zu mir läßt Dich Manches schwärzer sehen, als es wirklich der Fall ist. Es steht nicht so schlimm! Ka tharin a. Nein, nein, ich täusche mich nicht! — Schon Dein AeußereS spricht den Sturm aus, der in Deinem Innern tobt, und in diesen blassen, von Gram entstellten Zügen kann jedes Auge den Schmerz lesen, der Dir die Seele trübt. Louise. Freilich ist Manches anders, als ich mir dachte und— hoffte; allein der Mensch denkt, Gott lenkt — Habt Geduld mit mir, vielleicht ändert sich Alles bald — und auf eine glückliche Weise. Katharina. Gott gebe es! Louise. Laß mich allein, Katharina! — die Einsamkeit thut meinem Geiste wohl, und verkürzt mir manche Stunde, sie lindert meinen Schmerz und träufelt Balsam auf mein wundes Herz — in ihr fühle ich mich minder unglücklich. Katharina. Hange Deinem Schmerze nicht zu sehr nach, Louise, sieh, Deine Augen sind geröthet vom Weinen, und auf Deinen Wangen der Gesundheit Rosen verblüht; Du wirst noch recht krank werden, wenn Du den Worten Deiner treuen Katharina, die Dich wie eine Mutter liebt, nicht folgst. Louise (sie umarmend). Gute, gute Katharina! Katharina. Meine arme, arme Louise! (im Abgehen für sich). Gott weiß, wie das noch enden wird! (ab). Dritte Seene. Louise (allein). Ihr glaubt, des Herzens Stimme zum Schweigen bringen zu können, wenn Ihr durch Schmeichelworte sie in Schlaf zu wiegen sucht? — Vergebene Mühe! — Lauter stets und lauter tönt seine Stimme, und umsonst such' ich durch Gründe der Vernunft sie zu übertönen — es will mir nicht gelingen! — O hätte ich des Vaters Willen, wenn er mich auch befremdet, heilig gehalten, nie dagegen gehandelt, den süßen Lie- besworten Ernst'S nie ein willig Ohr geliehen! — es stünde besser mit mir und uns Allen, — der arme Carnot sieht so traurig aus, — er fürchtet sich, mir zu begegnen, und weicht meinen Blicken sorgfältig aus — seine Seele ringt nach einem Entschlüsse, und kämpft einen schweren Kampf — den Kampf der Liebe und Entsagung. Er liebt mich so treu, innig und warm, — ich weiß es — und doch will er nicht weiter in mich dringen, aus Scheu, mich zu kränken, und hält sich in einer ehrfurchtsvollen Ferne. — Ich hätte vielleicht glücklich mit ihm werden können — o gewiß glücklicher, als ich es jetzt bin; allein, ich kann ihn nicht lieben— das Herz schlägt nur für Einen, und der Eine ist weit von hier, unerreichbar, wie die ferne Sonne. — Auch des Vaters Sinn hat sich geändert, — er, der so freundlich, so liebevoll mit mir war, sieht nun so düster aus. Er zürnt mir, weil ich den Tag der Hochzeit stets verschiebe. — Könnte ich meinem Herzen Gewalt anthun, konnte ich meiner Liebe dieses Opfer bringen, mit Freude würde ich sie hinlegen auf den Altar der Kindesliebe; allein ein solcher Muth übersteigt meine schwachen Kräfte, und ich fürchte zu unterliegen in dem schweren Kampfe zwischen all' den widerstreitenden Gefühlen, die mit Sturmeseile dieses Herz durchziehen. Und wohin soll all' dieß führen? — Gott, mir schwindelt! — (sie verfällt in tiefes Nachsinnen). 27 M 0 rizot (erscheint im Hintergründe der Bühne). Vierte Gerne. Louise. Moriz ot, Morizot. Der arme Junge läßt sich nicht aufhalten, — im Sturm- schritte eilt er nach der Stadt, wohin ihn dringende Geschäfte rufen, sagte er. Er will den Weg eines Glückes suchen, dessen er so sehr bedarf. — Was er damit wohl meinen mochte? Louise. Mein Vater! Morizot (erblickt Louise). Louise, Du bist hier? — Und noch immer Thränen im Auge? — (betrachtet sie einen Moment stillschweigend; dann mit weicher Stimme). Sieh mein graues Haupt! — Willst Du mich mit Gewalt unter die Erde bringen? — Louise. Vater, um des Himmelswillen, dieser Gedanke — Morizot. Drängt sich mir un- willkührlich auf, wenn ich Deinen stets wachsenden Tiefsinn bemerke, wenn Du einer Blume gleich dahin welkest, ohne daß es uns gelingt, auch nur etwas zur Heilung Deines Schmerzes beizutragen, der auch nicht eher weicht, bevor Du nicht den thö- richten Gedanken an eine Liebe Dir aus dem Sinne schlägst, die nimmer zu einem guten Ende führt. — Du bist arm, und wenn gleich Ernst Dich liebt, so wird sein Onkel nie in eine Verbindung seines Neffen willigen, welche er in seinem Eigendünkel, nach der Weise dieser Leute, welche sich höher dünken als wir, weil sie Equipage und goldbetreßte Diener halten können, eine Meßalliance nennen würde. Sei muthig und stark, die Zeit wird auch Deinen Schmerz heilen. Louise (schüttelnd verneinend den Kopf). Morizot. Du zweifelst an meinen Worten? — Sei ruhig, mein Kind, eS wird noch Alles besser werden ! — Ich bin nicht der Mann, dem der Schnee des Alters alle frohen Jugenderinnerungen unter seine eisige Hülle oergraben hat, ich weiß, was Schmerz, was Liebesleid ist — auch ich habe manches Herbe erduldet, manche bittere Lebenserfahrung gemacht — das ist des Menschen Loos auf diesem Erdenrunde — doch die Zeit hat meine Wunden vernarbt, sie wird auch an Dir ihre Heilkraft bewähren. — Ernst ist jung, und was ihm jetzt unüberwindlich, unbesiegbar dünkt, wird ihm in späteren Jahren, in einer reifer» Periode, wenn der Jugend Zauber schwindet, und der Ernst des Lebens an ihm vorüberrauscht, in einem andern Lichte erscheinen. Glaube mir, Louise, das Ziel, nach dem der Mann strebt, ist ein anderes, als die Selige keit an eines Weibes Brust. — Ehr- und Ruhm! Sie begeistern ihn, sie treiben ihn hinaus in's bewegte Leben, sie führen ihn fort auf schwankem Kahne in entlegene Zonen, sie ziehen seinen Blick hinauf zur Himmelödecke, hinauf zu den glänzenden Sternen, deren Entfernung er mit kühnem Geiste mißt. Und wenn auch der Riesengedanke, den er auszuführen strebt, unter seiner Last ihn erdrückt, der Ruhm und die Ehre pflanzen auf seinem Grabe noch ihr leuchtendes Banner auf, und sein Nähme glänzt und lebt fort im Munde der Nachwelt. (Louise sinkt, überwältigt von dem Feuer seiner Rede, an Morizot's Brust. Stumme Pause. — Plötzlich hört man hinter der Scene laute Stimmen). Was ist das? — Wer kommt denn heute schon?—Nicht einen Augenblick Ruhe? — Fünfte Gerne. Herr und Frau von Fore stelle und Ernst treten ein, Letzterer ist blaß, und 28 wird von seiner Tante unterstützt. Die Vorigen. F. v. Forestelle. Komm nur, lieber Ernst, wir sind weit gegangen, Du bist ermüdet, und Ruhe ist.für Dich nach einer solchen Anstrengung durchaus nöthig. Der Herr Kapitain wird schon erlauben, daß wir einen Augenblick bei ihm auöruhen. Louise (für sich). Mein Gott, Ernst? — Und wie blaß er aussieht? H. v. Fore stelle (zu Morizot). Begreifen Sie die Ziererei meines Neffen? — Er weigert sich, Ihnen, Herr Kapitain, der Sie ihn während seiner Krankheit fünf- oder sechsmal besucht haben, einen guten Morgen zu wünschen, (leisr.) Ich sage Ihnen, er hat fürchterlich gelitten, und ich glaube, sein Herz ist noch nicht ganz in Ordnung. Morizot (leise zu Louise). Louise, ich bitte Dich um Alles in der Welt, geh nur jetzt auf Dein Zimmer, (für sich). Mußten sie auch gerade jetzt kommen! F. V. Forestelle (welche die erstercn Worte des Kapitains gehört hat). Halt, Herr Kapitän, nur nicht so unwirsch! — Während Sie mit meinem Manne und Ernst plaudern, soll mir Louise die Merkwürdigkeiten Ihres Gartens zeigen. Kommen Sie, mein Kind! (leise zu Morizot). Ernst hat mir Alles vertraut. Seien Sie vorsichtig. Sein Onkel weiß nur wenig oder nichts, (mit Louise ab.) Sechste Scene. Morizot. Forestelle. Ernst. (Letzterer ist vor Ermüdung und Aufregung erschöpft auf die Bank in der Laube gesunken.) Ernst. Mein Gott, mir schwindelt; ich bin einer Ohnmacht nahe! H. v. Forestelle. Es wird vorübergehen, ich habe da in meiner Lasche einen Flacon; — wir müssen immer , eine ganze Apotheke mit uns schleppen. - Und wenn ich denke, daß die Liebe ihn ! so zugerichtet! — Gestehen Sie, daß ! das abgeschmackt ist. — Meine Frau hat ein Paar Wörtchen fallen lassen, ich kann es Ihnen im Vertrauen sagen, er liebt irgend ein hübsches Bauernmädchen aus der Gegend! ! Ernst. Mein Onkel, Erbarmen. Ich bitte, schonen Sie mich doch! H. v. Forestelle. Warum soll ich Deine Albernheiten nicht erzählen, schwärmerischer Liebesdonquivot? — Und denken Sie vollends, er besteht steif und fest darauf, nur diese und keine Andere heirathen zu wollen. — Ich wollte seine Dulcinea wohl kennen, gewiß irgend eine stämmige Schönheit mit rothen Armen und Backen. Freilich gibt es auch niedlicheLandgrazien; aber ein junger Mann, mit der Aussicht auf eineMillion Erbschaft, so zu heirathen! ^ — Das ist ja offenbarer Unsinn! Morizot. Ja, ja, nach Ihrer Me- ! thode mögen Sie Recht haben, wenn ein reicher Mann ein armes Mädchen ! zur Frau nimmt. l H. v. Forestelle. Es gibt noch andere Mittel. — Ich selbst, als ich in der Blütbe meiner Junggesellenjahre war, — Sie wissen, ich habe erst mit sieben und dreißig geheirathet — ich selbst hatte eine Bekanntschaft mit einem allerliebsten Kinde. Sie wohnte in einer Vorstadt von 8nint Die — Morizot (in ängstlicher Hast und einem flammenden Blicke auf Forestelle). In 8»int Dm sagen Sie? ! Ernst (aufstehend). Um Gotteswillen , was werde ich hören müssen? H. v. Forestelle. Ja. Was finden Sie so Sonderbares daran? Morizot. O nichts! — Fahren Sie fort in Ihrer Erzählung, wenn ich bitten darf, ich bin so neugierig, das Ende zu hören! H. v. Fo re stelle. Also wie gesagt 29 das niedliche Kind — Clementine hieß sie — - Morizot (mit pochender Brust und wildem Jubel sich vor Forestelle aufrrch- tend). Endlich, endlich also? Ernst (ängstlich). Gott, meine Ahnung ? H. v. Forestelle (entsetzt zurückweichend). Was Teufel machen Sie für ein Gesicht? Morizot (in höchster Wuth). Du warst es also. Elender? Du hattest den Namen Julian angenommen, deswegen konnte ich Dich nicht finden. Du hast Clementine verführt, sie ward ^ Mutter, und Du warst niederträchtig genug, sie zu verlassen. Sie war meine Braut, vor neunzehn Jahren verschied sie in meinen Armen, ihr letztes Wort i war ein Fluch über Dich! Nieder auf , die Knie, und sprich Dein letztes Ge- ' beth! — Mit jedem Tropfen Deines > Blutes mußt Du mir Rechenschaft ; geben. — Ich hole meine Waffen herab. — Endlich, endlich hat mir Gott , die Stunde der Rache geschenkt, (er ^ will gegen das Haus zu gehenj Ernst ; hält ihn zurück.) Ernst. Ich beschwöre Sie, mäßi- - gen Sie sich! — Bedenken Sie, meine Tante und Louise find zugegen. — Wir sind bei Ihnen, Kapitain, unter ! Ihrem Dache muß selbst Ihr Todfeind sicher sein. Morizot (schwer aufathmend). Sie haben Recht, Ernst! — Auch darf Louise nie erfahren, daß dieser Schändliche ihr Vater ist! — Wir wollen unsere Sache auf eine geleg'nere Zeit verschieben! Ernst. Lassen Sie mich machen — ich. schaffe Ihnen Genugthuung, oder Die können mich einen Schurken heißen! — Siebente Scene. Frau von Forestelle und Louise sind auf den Lärm der vorigen Scene herbeigeeilt. Die Vorigen. F. v. Forestelle. Um Gotteswillen, was ist geschehen? Ernst. Nichts, meine liebe Tante, ein kleines Mißverständniß zwischen meinem Onkel und dem Herrn Kapitain, das aber, wie ich hoffe, durch einen gütlichen Vergleich geschlichtet werden kann, (er nimmt Louise bei der' Hand, und führt sie vor seinen Onkel hin, mit fester Stimme). Mein Oheim, hier ist meine Geliebte! — Es ist die Pflicht eines Ehrenmannes, wenn er auf diesen Titel Anspruch machen will, auch den kleinsten Fehltritt gut zu machen. Ohne auf Einzelnheiten einzugehen, die Sie vielleicht schon errathen, ohne Ihnen zu sagen, zu welcher Zeit Louisens Mutter gestorben ist — (auf den Wink Forestelle's zu schweigen). Ja, ich sehe. Sie verstehen mich, ich werfe mich Ihnen zu Füßen — gewähren Sie mir die Hand der Tochter — des Kapitains! H. v. Forestelle (wirft zweifelhafte Blicke bald auf Louise, bald auf den Kapitain, der erschöpft auf die Bank gesunken ist). Der Augenblick ist für einen solchen Vorschlag schlecht gewählt — ich werde überlegen — Ernst. Herr Onkel, hier gibt es nichts zu überlegen! — Wenn Sie eine gehässige — Ungerechtigkeit nicht wieder gut machen, so steht mein Entschluß fest — von dieser Stunde an werfe ich Ihren Schutz von mir, und setze keinen Fuß mehr in Ihr Haus. F. v. Forestelle. Lieber Ernst, fasse Dich, — beruhige Dich. Ich werde nicht zugeben, daß mein Sohn zu Grunde geht (zu ihrem Gatten gewendet). Ja, mein Herr, ich betrachte Ernst wie meinen eigenen Sohn. — Wollen Sie seine Bitte nicht erhören 30 und ist Zhr Herz wirklich gepanzert gegen die Regungen der Natur, gut, so trennen wir uns. — Sie wissen, mir gebührt kontraktlich die Hälfte Ihres Vermögens, und ich schwöre es Ihnen, ich werde sie mit diesen armen Kindern theilen. H. v. Fore stelle. Ach das ist ja schändlich, das ist eine Verschwörung! — Wer überzeugt mich, daß dieses Mädchen — Nein, nein, es kann nicht sein — Morizot (auffpringnd). Nun ist meine Mäßigung zu Ende! — Was kann nicht sein? — Wollen Sie vielleicht noch läugnen, vielleicht den Unwissenden spielen? — Hinaus, mein Herr, hinaus sage ich, oder bei Gott, ich erwürge Sie vor den Augen Ihrer Gattin! (Frau von Forestelle sucht ihn zu besänftigen, Forestelle zieht sich mit sichtlicher Angst gegen den Ausgang zurück, als Earnot ihm den Weg vertritt.) Achte Seene. Die Vorigen. Carnot. (Er ist sichtlich aufgeregt und erhitzt.) Carnot. Halt, alter Herr, hier gilt kein Desertiren! H. v. Forestelle. WaS wollen Sie von mir? — Ich kenne Sie nicht! — Morizot (für sich). Wie kommt nur der Junge hieher, ich glaubte ihn in der Stadt. Ernst und Louise. Carnot! Carnot. Sie wollen wissen, wer ich bin? — Gleich soll Ihre Neugierde befriedigt werden. — Wie Sie mich hier sehen, bin ich Soldat der afrikanischen Armee! — Nicht wahr, Sie staunen? Morizot und Louise. Nicht möglich! Carnot. Warum nicht? — Glauben Sie denn, weil Sie mich ein Hasenherz gescholten haben, ich wäre zu nichts Anderem mehr tauglich, als hinter dem Tische zu sitzen und Rechnungen zu copiren? — Sie irren sich, Herr Kapitain. — Uebrigens was gibt es denn eigentlich hier? (zu Forestelle.) Mir scheint, Sie weigern sich, Ihren Neffen mit der Tochter des Kapitains zu vermälen, weil das arme Kind keine Mitgift hat? — Sie täuschen sich, mein Herr mit der englischen Mechanik! — Ich komme eben aus Ssint Die, wo ich ein paar Worte mit dem Rekrutirungs-Offizier gesprochen habe, einem wackern Manne, der mich mit Champagner traktirte, und wo heute die Ziehung Ihrer famosen Lotterie war. H. v. Forestelle. Wirklich, wir waren eben auf dem Wege dahin — Car not (ein Blatt Papier hervorziehend). He, wer will die gezogene Nummer wissen? — Merken Sie auf, meine werthe Gesellschaft! — Nummer 120 — Fräulein Louise hat das Schloß gewonnen! — ES lebe Fräulein-Louise, es lebe die afrikanische Armee! (nach einer Pause). Nun glaube ich, Herr von Forestelle, wird die Hei- rath doch kein Hinderniß mehr haben? Morizot (ihn umarmend). Nein, nein, wackerer Josef, weder ich, noch meine Tochter werden ein solches Opfer annehmen. Carnot. Wer spricht von Opfern? — Hier ist von Opfern keine Rede, Kapitain. — In der Lotterieliste steht Buchstabe für Buchstabe Fräulein — Louise Morizot! — Ihr gehört das Schloß; da ist keine Einsprache möglich. — Oordleu, ich wußte wohl, was ich that. — Louise (ihm die Hand reichend). Wenigstens verlassen Sie uns nicht — bleiben Sie bei uns, Carnot! — Car not (mir weicher, schwankender Stimme). Nein, Louise, nein, meine Schwester! — denn von dieser Stunde an sind Sie nur meine Schwester noch! 31 — Zch muß mich auf einige Zeit entfernen — ich werde mich mit den Beduinen schlagen, das ist auch eine Zerstreuung, so gut wie etwas Anderes. Auch ich will mein Legionskreuz nach Hause bringen. Sie sollen mich dann nicht mehr spotten können, Herr Ka- pitain, wenn ich heimkehre. — Ihnen, Herr Ernst, gebe ich einen guten Rath; schlagen Sie die Teufelsmaschine, die unsere armen Nachbarn zu Bettlern macht, in Stücke, und verbessern Sie wieder das, was dieser Mechanikmann hier verschlimmert hat, und vor Allem — leben Sie wohl und glücklich mit der Tochter des Kapitains! — (Er umschlingt Beide. Allgemeine Gruppe, während der Vorhang fällt.) Wien, 18S3. Druck und Verlag von I. B. Wallisbausser. Zn demselben Verlage sind erschienen: Hopp. Fr., Atlasshawl und Harrasbinde, oder: Das Haus der Confufionen. Posse mit Gesang in 2 Aufz gr. 8. 1849. 15 Sgr. oder 48 kr. — Lazarus Polkwitzervon Nikolsburg, oder: Die Landparthie nach Baden. Posse mit Gesang in 2 Aufzügen, gr. 8. 1849. 15 Sgr. oder 48 kr. Kaiser.Fr., Schn eiderals Naturdicht er. oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Akten. Mit 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Eine Posse als Medizin. Originalposse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 allegor. Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Männerschönheit. Original-Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit Titelkupfer. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Ein Fürst. Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 clllegor. Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Mönch und Soldat. Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Schule des Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Charakterbild mit Gesang in 4 Akten. Mit 1 Titelbild. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der Rastelbinder, oder: 19,000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbilds. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Junker und Knecht. Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Nolle. Posse mit Gesang in 2 Akten. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Akten Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Dienstbotenwirthschaft, oder: Cha- toulle und Uhr. Charakterbild mitGes. in2 Akt. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 12 Sgr. oder 36 kr. Nestroy. I., Einen Jux will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen, geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder: Das Geheimniß des grauen Hauses. Posse in 5 Aufzüg. 12. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der Zerrissene. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 allegorischen Bild. 12 geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der Talisman. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 illum alleg. Bilde. 12. geh. 20 Sgr. oder 48 kr. — Unverhofft. Posse mit Ges. in 3 Akt. Mit 1 alleg. Bild. 12. geh. 16 Sgr. oder 48 kr. — Freiheit in Krähwinkel. Posse in z Akten. Mit 3 illum. allcgor. Bildern. 12. geh. 24 Sgr. oder 1 fl. 12 Nestroy, I., Zu ebener Erde und erst e r S t o ck, oder: Die Launen des Glückes. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit illum. Bild. gr. 8 geh. 20 Sgr. oder 1 fl. — Der Unbedeutende. Posse in 3 Akten. Mit 1 illum. Bild. 12. geh. 20 Sgr. oder 1 fl. — Das Mädl aus der Vorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Posse in 3 Akten. 12. 1845. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der böse Geist Lumpacivagabun- dus, oder: Das liederliche Kleeblatt. Zauberposse mit Gesang in 3 Aufzügen. 12. 1838. 2. Auflage. 15 Sgr. oder 48 kr. — Die verhängnißvolle FaschingS- nacht. Posse mit Ges. in 3 Aufz. Mit 1 Bilde. 12. 1841. 15 Sgr. oder 48 kr. — Eulenspiegel, oder: Schabernack über Schabernack. Posse mit Gesang in 4 Akten. 8. 15 Sgr. oder 48 kr. Mautner, Ed., Lustspiele. I. Das Preis- luftspiel. II. Gräfin Aurora. 8- 1852. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. Lembert, die homöopatische Kur. Lustspiel in 3 Aufzügen, nach dem französischen Vaudeville: „Kon «mi Arsndet" von ^neelot und Lgmberousse. 8. br. 1845. 7'/r Sgr. oder 20 kr. — Im zweiten Stock. Posse in einem Akte, nach dem Vaudeville: rue 6e In lune." 8. 1845. 7'/r Sgr. oder 20 kr. — Kenilwortb. Histor. romant. Schauspiel in 5 Aufz. nach Walter Scotts gleichnamigen Romane. 8. 1845. 8 Sgr. oder 24 kr. Koch, C. W., dramatische Beiträge für das k. k. Hofburgtheater in Wien. 1836. 8. Inhalt: Testament einer armen Frau. Er bezahlt Alle. Die Vorleserin. 1 Thlr. 10 Sgr. oder 2 fl- Shakespeare, der Kaufmann von Venedig. Lustspiel in 5 Aufzügen. Bearbeitet von C. A. West. gr. 8. 1841. 18V» Sgr. oder 48 kr. — König Lear Trauersp. in5A. Bearbeitet von West. gr. 8. 18'/» Sgr. oder 48 kr. — Romeo und Julie. Trauerspiel in 5 Aufzügen. Bearbeitet von West. gr. 8. 1841. 18'/» Sgr. oder 48 kr. Vogel, W., der Erbvertrag. Dramat. Dichtung in 2 Abtheil, nach einer Erzählung des C. F. A. Hoffmann. gr. 8. 1828 - 22'/r Sgr. oder 48 kr. — Witzigungen, oder: Wie fesselt man die Gefangenen. Lustspiel in 3 Akten. 8. 1843- 21 Sgr. oder 1 fl- — Das Duell-Mandat, oder: Ein Tag vor der Schlacht bei Roßbach. Drama in 5 Aufz. 8. 1843. 18 Sgr. oder 48 kr. — Ein Handbillet Friedrich des Zweiten, oder: Jnkognito's-Verlegenheiten. Lustspiel in 3 Aufzügen. 1843. 21 Sgr. oder 1 fl König nnd Akdtissi». ^ Trauerspiel in drei Auszügen nebst einem Vorspiel, von Alexander Patuzzi. Zum ersten Male aufgefuhrt in Graz am 10. Dezember 1850. (Den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt.) Personen des Vorspiels r Graf Planal von Er lachst ein. Cäcilie, seine Tochter. Adalbert, sein Sohn. Ritter Herr mann. Theobald, sein Diener, ein Greis. Clara, Cäciliens Zofe. Personen des Trauerspiels: König Guts card. Prinz Oscar, sein Sohn. Jsaura. Hugo von Wardenbach, Heinrich von Rodenfeld, Otto von Löwenburg, Ein Rittes. Aebtissin des Klosters Et. Clara. Anna, Novizenmeisterin. Räthe des Königs. Novizinnen. Johanna, Bertha, Me ch thild e,j Ludmilla, Theobald, Vogt des königlichen Schlosses. Zwei Pagen. Ein Greis. Volk. Krieger. Pagen. Nonnen. Vorspiel. Garten in Graf Planal's Schlosse. Grste Scene. Herrman, Theobald (kommen im Gespräche). Theobald. Noch einmal, Herr, vergönnet mir die Rede. Wiener Theater»Repertotr. XlV. Herrmann. Das alte Lied, der alte dumpfe Ton. Theobald. Es ist die Stimme, die voll Lieb' und Treue Dem Irrenden am Scheidewege ruft: Kehr' um, kehr' um! und es so lange thut, 2 Bis er zurück die Schritte wendet, oder Sie unterging in heißer Thränenfluth. Herrmann. So rede, rede, macht es ^D ich zufrieden. Theobald^ Mein thcurer Herr, verlaßt dieß Haus, kehrt heim. H errmann. Von meinem Glück, von dieser Sonnennähe, Von dieses Gartens Blumenparadics, Von diesem Kreis, wo Glück und Ruhe athmet, Wo ich zum erstenmal in meinem Leben Ausklingen fühlte meines Herzens Mißton, Und nie geahnte Seligkeit mir nahte: Da soll ich scheiden und ein Bettler sein, Wo ich mir Seligkeit erringen könnte? Theobald. Die Seligkeit! wo schlägt sie ihre Wurzeln Als in dem reichen Grund der Ewigkeit? Da ist nicht Seligkeit, wo der Gedanke Im höchsten Glück an's Ende denken muß. Das Glück, deß Wellen Euch so reich um- fluthen. Wird seinen Quell gar bald versiegen lasse». Der hohe Zweck, der Euch zur Reise trieb, Er ist gestorben längst in Eurer Brust. — Drei Monden sind's, seit wir hieher gekommen ; Anfangs, da wohntet Ihr noch in der Stadt, Und rittet jeden Tag auf dieses Schloß. Doch lange schon bewohnet Ihr dasselbe, Und denket nicht daran, wie die Gefahr Stets höher ihre Wogen brandend thürmt. Ihr liebt Cäcilien! H e r r m a n n. Verwegener; Theobald. Ihr könnt mich tödten lassen, und wie gern Wollt' ich mein Blut ausströmen, brächt' es Hilft. Kein Zaudern gibt es mehr! zerreißt die Bande. Hcrrmann. Du alter treuer Diener, Freund des Kindes, Des Jünglings und des Mannes; sahst mein Leben, Wie's elend sich dem Elend zugewendet, Wie jede Lust des Herzens, todtgeboren, Die Augen nicht dem Lichte öffnete. Mir blühn zum erstenmal des Friedens Rosen, Zum erstcnmale sah ich in den Kelch, Aus dem die Seligen Erquickung trinken. Und jetzt, wo frische Kräfte mich durchziehen, Wo meine Mannheit wieder aufgewacht, Da soll ich fort in das Verderben gehen, Die Bande, die an dieses Wesen mich Allmächtig binden, reißen, und mit ihnen Aufopfern meines Herzens Seligkeit, Mein Glück, mein Leben? Theobald. Wenn es sein muß, ja! Herrmann, Ich kann nicht, kann nicht! Grabgesänge wehen Mit dem Gedanken durch mein Herz, das bricht. O daß Du recht hast, treubewährter Diener. Kein Weg zum Glück, und keine, keine Hoffnung! Theobald. Ihr geht in das Verderben, rettungslos, Wenn dieser Kampf Euch nicht als Helden grüßt. Ermannet Euch und denkt zurück nach Hause. O flieht! die Welt ist groß, und weit der Schauplatz., Den Ihr zu Thaten für die Ewigkeit Könnt wählen. Nur im Handeln wird Euch Rettung. H e r r m a n n. Die Thaten fordern Fühlen, fordern Denken. Ich aberfühl' es todt in Kopf und Herzen; Todt bis auf einen Punkt, und der ist sie. Was könnt' ich thun, wobei ich sagen darf: Nimm hin den Kranz, er ist für Dich errungen. Theobald. Für sie und Euch ist ein Kranz nur. Ent- . saqung! Herrmann. Entsagen kann man dort, wo eine Wahl; Hier aber ist Vernichtung ganz allein. O war' ich todt, lag' ich im Schooß der Erde! — Theobald. Mein armer, armer Herr mit Euren Schmerzen Wacht es in meiner Seele glühend auf, Und Folterqualen toben in dem Herzen, Das Eure Leidm theilt in seinen Schlagen. Die Sonne wird die Wolkennacht zerstreuen, Seid Ihr erst fern und treibt im Meer des Lebens. Herrmann. Gedanken nicht, in meinem Hirne lodern Gewalt'qe Brände und verzehren mich. Theobald. O scheidet noch in dieser Stunde, laßt Die Pferde satteln, daß der Feind nicht siege. H e r r m a n n. War' ich so stark, ich wollte glücklich sein. — Thu' was Du willst. Vielleicht, vielleicht auch nicht, Daß ich mir Kraft erringe, Dir zu folgen. Dort kommt sie aus dem Schlosse. Entferne Dich, Du treubewährter Diener. Theobald (km Abgehen). Gott scbützc ihn! ich sattle uns re Pferde. H c r r m a n n. Sie kommt, ach ihrer Stimme Glockenklingen Soll diese Sturmesnacht zur Ruhe bringen, Die tief in meinem Herzen auferstand. (Zieht sich zurück). Zweite Seeve. Cäcilie. Adalbert (mit einer Armbrust). Adalbert. Führt Dich der schöne Morgen auch zum Garten? Du kamst gewiß, mit Deinem Reh zu kosen, Vielleicht, um frische Blumen Dir zu holen? Cäcilie. Ich möchte sie für Dich und für den Vater 3u immer frischen Kränzen winden können. Adalbert. Ja, schön sind Rosen, die zum Kranz sich einen, Doch Eichenblätter auf dem Hut des Jägers, Auf einem Helm, der beim Turnier erscheint, Die, Schwester, halt' ick manchmal noch für schöner. Cäcilie. Dem Mann erscheinet ein bewegtes Treiben, Ja selbst der Krieg, viel lockender als Friede, Darum erscheinen ihm die Zeichen schöner, Die auf die Kraft Hinweisen, denn auf Schmuck. ^ Adalbert. Ein Krieger will ich werden, wie der Vater, Wie unsre Ahnen waren, die in's Grab Zum Schlaf der cw'gen Ruhe eingegangen. Cäcilie. O werde Du die Freude unser's Vaters ! Adalbert. Jetzt lebe wohl, DieArmbrust ist von Herrmann, Er braucht sie meisterhaft; ich muß ihm gleichen, Drum üb' ich mich allein an jedem Morgen. («b.) Cäcilie. Gut, daß er ging; dort seh' ich Hcrrmann nahen. Was für ein Mann! O wär' er nie gekommen! Dritte Seerre. Hcrrmann. Cäcilie. Cäcilie. Mein Herrmann, guten Tag. Herrmann. Und das so trübe. Als sollt'Dein „guter Tag" in Thränenwolken Uns nahen, und mit Donnerschlag sein Abend? Cäcili e. Bist Du denn heiter? Manchmal bist Du es. Du kamst zu uns in Kraft und Heiterkeit; Die Stirne wolkenlos, das Auge klar, Wie eine Sonne strahlend im Bewußtsein Des Segens, den sic ringsum ausgebreitet. Wie es in mir bei Deinem Anblick jauchzte. Als sei der junge Frühling angebrochen. Und tausend Blumenseelen würden wach, Und streuten ihre Weihrauchdüfte aus, Der Schöpfung ew'gen Herrn zu preisen! Lerchen, Als Glockenstimmen der Natur, erhoben Sich in die Luft, belebte Thürmc, um Den Menschen zum Gebete einzuladcn. So war's in mir, voll frommer Sonntagsfeier. 1 * 4 Der Vater selber wurde wieder jung, Sah' er in Dir das Bild, wie er gewesen. Herr mann. Ihr nahmt so liebevoll den Fremdling auf. Cäcilie. Da warst Du fröhlich mit den Fröhlichen, Und manchmal glühte es aus Deinen Augen, Als wären es die Strahlen höchsten Glückes. Herrmann. Die Seligkeit, wie sie im Himmel lebt. -Cäcilie. Im Himmel lebt sie eine Ewigkeit, Zn Deinem Herzen war sie bald gestorben. Ein schwerer Gram mit finstern Wetterwolken Zog, trübe nachtend, über Deine Züge, Das Aug' gesenkt, sah nicht in's Herz der Seele, Nicht in die Außenwelt, schien todt zu sein; Du selbst ein Zweig, vom Lebcnsbaum gehauen, VerwM, verdorrt und aller Hoffnung bar, Je wieder aufzublühn in neuer Kraft. Herrmann. Du sonnenhelles Aug', geschärft von Liebe, Das seine Blicke senkte in mein Herz! Cäcilie. Dann aber mit des Geistes Willenskraft Warfst Du die Last von Dir, die'schwer gewuchtet; Bis Du auf's Neue übcrmannt, erschöpft, Wie Simson an den Tempelsäulen schüttelnd, Den Gegner stürztest, doch mit ihm erlagst. Herrmann. So Manches drückte meine Seele nieder, So Manches, wo selbst der Titanen Kraft Nutzlos im Kampfe unterlegen wäre. Wenn Du gedrungen bist in meine Seele, Sie ausgeforscht in ihren fernsten Tiefen, Und Manches fandest, für Dich uncrklärbar, So laß auch mich Dich fragen, theures Wesen, Welch'Wolken an dem rei cn Himmel ziehen, Der sonst umschlossen Deine klare Seele? C ä c i l i e. O Herrmann, Herrmann! H e r r m a n n. Sieh, in Deinen Augen Drückt klar sich aus, daß Deine Seele leidet. Wenn Du mich liebst, so hast Du auch Vertrauen, Denn wo soll Liebe ihre Wurzeln schlagen, Als in dem. sturmessichern Felsengrund? Cäcilie. O Herrmann, Herrmann! Herrmann. Was die Zeit auch bringet, Sei es so schön, wie nur der Himmel ist, Zn seines Morgenrothes Purpurmantel, Es muß zu Ende gehen; Endlichkeit, Sie ist die Kette, die das All umschlungen, Und wie die Stunden uns vorüberzogen, So schön, daß keine schöneren mehr nahen, So wird die letzte endlich doch erschallen, Die uns zum Abschied ruft. Wie ich es trage, Zch weiß es nicht; doch tief mein Herz verwundet, Wird es die Zukunft nur in Trauer leben. Und wird sich manchmal auch der Blick erheben, So ist er thränenvoll; er schaut zum Himmel, Weil er im ew'gen Sternenkreis Dein Auge, Das himmelvolle, wieder glaubt zu schauen. Cäcilie. Herrmann, Du gehst? o nie Hab' ich gedacht, Daß jemals eine Zeit uns trennen würde. Herrman n. Ich gehe bald. Cäcilie, dem Pilger Gib auf den Weg die Kunde Deines Kummers, Als Thränenzehrung seiner bangen Qual. Cäcilie. Todt sinket der Gedanke in mir nieder, Soll er als Wort die Außenwelt betreten. Herrmann. Welch Unheil auch an unfern Wegen wüthet, Wie wir uns quälen in der Niedrigkeit, Du, Friedenstaube, spannst die Flügel aus Und hebst Dich in das klare Licht des Aethers. Cäcilie. O keine Friedenstaube mit dem Oelzweig, Nein, eine Friedenlose, die in Jammer Vergehend, ihres Lebens letzten Tag Herbeisehnt. Herr mann. Schlag die Augen auf. Warum? s Cäcilie. O wende ab Dein Aug', soll ich es sagen. Weißt Du, wie kindlich rein ich Dir genaht, Das eigne Herz im Busen kaum erkennend, Weil es so ruhig seine Schläge zählte. Die Liebe zu dem Vater, warm und innig, Die Liebe zu des Bruders theuern Haupt, Hat seine Tiefen so nicht aufgeregt, Als damals, wo Du mir erschienen bist. Mein Wesen flog Dir zu, und nur in Dir War Athem, Pulsschlag noch, und war mein Leben. H e r r m a n n. Du Himmclskind, und ist es so noch immer? Cäcilie. Laß mich vollenden. Jener Drang der Seele, Der mich gewaltig riß an Deine Seite; Er lehrte mich mein ganzes Sein ver- , gessen, Und nur mehr denken, fühlen, so wie Du. Ob Du die Macht mißbrauchst, die Dir geworden, Ich weiß cs nicht. Der unglücksel'ge Abend, Der glühend mich in Deine Arme führte, Der meiner Seele Schlummerlieder sang, Bis endlich sie sich selbst vergessen hatte — Herrma nn. Cäcilie! Cäcilie. Mann, Du erbleichst! Mich faßte tiefes Beben, Wie ich erwacht' zum schaudernden Bewußtsein ; In mancher thränenschweren Nacht Hab' ich Zu Gott gefleht, mein Dasein zu vernichten, Weil ich der Qual zu unterliegen wähnte. Und damals, Herrmann, damals war es dunkel, Was nur als Ahnung lag vor meinem Blicke — Jetzt aber ist es Licht! H e r r m a n n. Cäcilie! Cäci) ie. Flammt cs durch Deinen Geist wie Feuerstrahlen ? Auch hier in meinem Herzen glüht die Hölle, Und zwang in meine Hand den Todesstahl. Ich ließ ihn fallen, weil mit meinem Leben Ein zweites, das Dir eignet, hingemordet. H errmann. * O Gott! o Gott! und diese meine Hand Hat Dich geführet an des Abgrunds Rand, Dich, hellcn Stern, gehüllt in Wolkendunkel, Und ausgegossen Elend und Entsetzen Auf Deines Herzens Paradiesessricden! O wär' ich niemals, niemals Dir genaht! Cäcilie. Was nun geschehen, Deine, meine That, Sie stehet fest im raschen Lauf der Zeiten, Und keine Stunde im Vorübcrschreiten Wird segnend über sie die Hände legen. Herrma nn. Auf Dein Haupt sinke so viel, so viel Segen, Als Höllenqualen meine Brust durchtoben. Cäcilie, Du Geist des Lichtes, schaue Auf den, der jetzt vernichtet vor Dir liegt, Zermalmt, von dem Verhängnisse besiegt, Dem er sich einst im festen Muth gestellt, In seiner Brust den Glanz, die Nacht der Welt. Cäcilie. Ermanne Dich, wenn Dir die Kraft gebrochen, Auf welchem Stamm soll dann das Weib sich stützen? Herrm ann. Durch meine Seele brauset ein Orkan, Die Hoffnung sinkt, Verzweiflung faßt mich an, Und kein Stern leuchtet wieder meiner Bahn! (Ab). Cäcilie. Weh'! meines Herzens ganze Kraft zersplittert ! Auch ihn vernichtet es, den starken Mann. O keine Rettung, keine, kein Erbarmen! Vierte Seene. Graf Planal, Adalbert. Cäcilie. Adalbert, Nun könnte Herrmann wohl herunter kommen, 6 Er ist doch sonst am frühen Morgen da. Denk', Schwester, nicht ein einz'ger Schuß verfehlt. Wie hingetragen flog der Pfeil in's Schwarze, Und bald werd' ich wie Herrmann schießen können. Graf. Ja, das ist wahr. Ich sah' es selbst mit Freuden, Und darf es sagen, wie mein Leben schön An Eurer Seite, meine theuren Kinder. Cäcilie. Du bist so gut, mein Vate?; Deine Liebe Zeigt Dir die Wirklichkeit im schöner» Lichte. Adalbert. Du bist betrübt, was hast Du, Schwester, sprich! Mir zürnst Du nicht, Du bist zu gut dazu. Was ist gescheh'n, Cäcilie, was ist Dir? Graf. Auch mir sind Deine Augen trüb' umwölket, Als hätte über sie ein Thränenschleier, Das Grabgewand der Freude, sich gesenket. Cäcili e. Du irrest Dich, mein Vater, ja gewiß, Graf. Das Aug' der Liebe täuscht sich nicht im Kinde. Schon oft gewahrt' ich Deinen trüben Sinn, Doch nie so tief, so kummerschwer, wie heute. Cäcil ie. Und gibt es denn nicht Stunden, sind nicht Tage, Wo's tief in unserm Herzen aufersteht, Wie ein Gespenst, das lebt um Mitternacht, Und mit dem Morgenstrahle todt versinkt? Wenn manchmal auch mein Aug' in Thrä- nen blinkt, Don einem Fühlen, dem die Klarheit fehlt, So hoff' ich doch, daß schon nach wenig Stunden Der trüb gewölke Himmel sich erhellt, Und daß mein Herz den Frieden hat gefunden, Roch eh' der Abend seine Schwingen breitet, Und jedes Wesen sanft zur Ruhe leitet. Gr af. Wie stets Dein Mund nur Wahrheit ausgesprochen, So wird sie Dich auch jetzt geleitet haben. In Deines Vaters lieberfüllte Brust Kannst Du den Samen des Vertrauens senken. Fünfte Seene. Clara. Die Vorigen. In Eurem Zimmer, Fräulein, lag dieß Blatt. Cä eil ie. Es ist vom Ritter Herrmann. Clara. Den sah' ich Vor einer Viertelstunde ungefähr Mit seinem Diener dieses Schloß verlassen, So schnell als nur die Pferde laufen konnten. Graf. Wie sonderbar. Sonst ritt er niemals fort, Bevor er uns ein Wort zum Abschied sagte. Cäcilie (für sich). O dieses Blatt! Was kann sein Inhalt sein? Ein schweres Unheil kann es nur verkünden, Sonst säh' mich die Minute nicht allein; Er stünde neben mir in diesem Kampfe. Adalb ert. Was hat er Dir geschrieben? Cäcilie (hat gelesen). Gott, mein Gott Verloren, aufgegebcn und verrathen. Sein Abschied ist's, und niemals kehrt er wieder. Adalbert. Dann fort. »Auf schnellem Pferd will ich ihm nach, Und glaube mir, den Flüchtling bring ich wieder. (Ab). Cäcilie. O wollte Gott, er wäre nie gewichen. Verlassen in der Prüfung harter Stunde, Die mich zermalmen wird, steh' ich allein. 7 Und harre, bis sie tödtend niedersinkt. O könnt' ich sterben, daß der Augenblick, Ten jetzt ich lebe, noch mich todt erschaut. Gras. Du bist erschüttert, Kind, was ist geschehen? Clara. Was ist geschehen? Fraulein, Ihr erbleicht. Graf. In Deinem Innern tobt ein Kampf gewaltig, Als wollte er sein Haus, das Herz, zer- sprengen. C ä c i l i e. Willst Du des Trostes hohle Worte spenden ? Umsonst! Das Schicksal kennet kein Erbarmen, Und nimmer kann sein Opfer ihm entrinnen. Graf. In Deinen Zügen streiten Furcht und Schmerz sich Wer stärker ist; o rede, sprich es aus. Was Dir in Kummer nahte, senk' es nieder In Deines Vaters treue Brust. (Auf seinen Wink entfernt sich Clara). Sechste Scene Graf Planal. Cäcilic. Graf. . Eie ist jetzt fort, wir find allein, mein Kind. Mein liebes, theures Mädchen, sprich! was konnte So tief Dir in das Herz des Lebens greifen ? Cäcilie. O Kater, Vater! wär' ich nie geboren! Graf. Um Gott, mein Kind, nicht solchen frevlen Wunsch! Hast Du bedacht, daß nur in Dir mein Glück, Mein ganzes Wesen seine Wurzeln schlug, Du meine Freude, meines Herzens Stolz.— Warum dich Bangen, diesen Seclenschmerz? Cäcilie. Auf diesem Blatte steht mit Flammenzügen, Was nur die Schöpfung an Verderben kennt. Graf (lesend). „Cäcilie, leb' wohl für alle Zeit! O wüßte ich, daß Du vergeben hast, Dann könnte ich auf Gottes Gnade hoffen/' Ha, Worte, Worte! wie soll ich sic deuten? Cäcilie. Ich liebe Herrmann, und er liebt mich wieder. Graf. Ich habe Deine Liebe wohl erkannt. Was tief in Deinem Herzen auferstand, Es blieb dem Vatcrherzcn nicht verborgen. Doch sah' es auch, wie Deine Freude schwand, Wie manche Stunde, hingelebt in Sorgen, Um Deine Stirne ihre Schwingen schlug, Und bang vorüberzog im schweren Flug. Cäcilie. O Vater, Vater! diese Güte spaltet Des Kindes Herz. Graf. Wie sich Dein Sein gestaltet, Auf Herrmann kannst Du Deine Zukunft bauen, In eine Seele, fest und klar wie seine, Da wirft den Samen gerne das Vertrauen. Doch diesen Brief, sprich, wie soll ich ihn deuten? Cäcilic. Er ging von mir, er hat das Band zerrissen, Was ihn auf ewig an mich binden sollte. Graf. Warum? Cäcilie. Wenn Du es weißt, wirst Du Dein Kind Verfluchen. Graf. Dich, Cäcilie? mein Kind, Mein Leben, meine Erdenseligkeit! C äc il i e. Weil ich Dir Alles. Alles bin gewesen. So wird Dein Herz mir nie verzeihen können. - 8 Graf. Was drückt Dich nieder? O vertraue mir; Ein banges Zagen greift in meine Seele, Gewitterschwüle vor dem ersten Blitz. C ä c i l i e. Mich wird er treffen, mich, mein schuldig Haupt. Graf. Vielleicht, vielleicht. Was ist geschehen? sprich! Wie meine Seele ringet um die Klarheit, So zaget sie, den Schleier aufzuheben, Warum ging Herrmann weg? Cäc il ie. In einer Stunde, wo des Himmels Auge Von mir und ihm sich weinend abgewandt, Da sank in Nacht die Sonne meiner Seele. Aus jener Stunde dämmert nun der Schatten, Vernichtung bringend, in die Gegenwart. Graf. Cäcilie, wer lehrte Dich in Schleier Das Wort der Wahrheit hüllen? Rede, rede! Dein Schweigen tödtet sichrer wie Dein Wort. Cä cilie. Er ging von mir, weil ihm der Name Vater Zu schwer erscheint, wo ich die Mutter bin. Graf. O Gott! der Blitzstrahl schlug in dieses Herz. Ein Schwert, ein Schwert! Nein, sollte ich Dich tödten, Mein Kind, mein Glück, Du Wonne meines Lebens? Dich tödten? Nein, ich kann es nicht, doch soll ich. Cäcilie. Vor Dir im Staube knieend laß mich sterben. Graf, Erschlagen, hingemordet meine Freude, Geschändet meine Väter in den Särgen, Entehret meiner Enkel ferne Reihe! Cäcili e. O Vater, Vater, Vater Hab' Erbarmen! Gib mir den Tod, den Tod. Nur er kann retten r Graf. Hinweg! hinweg! Verlasse diese Hallen, Die Wiege eines ruhmgekrönten Stammes, Der leuchtend tauchte aus den Zeitenwogen, Ein Vorbild kommender Jahrhunderte. Die Eisenthore an der Väter Gruft, Sie würden springen in der Mitternacht, Und alle Geister zögen aus dem Hause Der Schande fort, wenn Du verweilen würdest. Cäcilie. Gib mir den Tod, verjage nicht Dein Kind. Graf. Wo ist ein Schwert in meinen Waffenhallen, Das schlecht genug zu einem Henkerdienst? Verschollen sei, kein Laut soll Dich mehr nennen, Und kein Gedanke seine Schritte lenken An Deine Seite. Todt sei, nie geboren. Cäcilie. Laß meine Schritte nicht in Jammer wenden, Von Dir, von Allem, was mir theuer ist. Graf. Geh! die Entehrte darf nicht hier verweilen, Wo Ruhm und Ehre ihren Wohnsitz haben. Wie Du das Höchste mir gewesen bist, So bist Du jetzt, gesunken, mir ein Gräuel, Und nimmermehr wird dieses Herz Dir schlagen. Drum gehe fort, mich tödtet noch Dein Anblick. Cäcilie. Nur eine Stunde laß mich bei Dir leben, Mich wird in ihrer Qual die nächste tödten. Graf. So geh' in dieser noch; die Gruft der Ahnen, Darf Deinem Staube nicht die Thore öffnen. Nimm, was Du hast, nimm mehr, nimm, was mein eigen, Zieh reich aus diesen Mauern, doch auf immer. O hätten sie Dick niemals. nie gesehen! Es soll das Licht der Augen mir erlöschen, Wenn ich mich jemals sehne, Dich zu schauen. Cäcilie. O Vater, Vater! segne noch Dein Kind! 9 Graf. Gott segne Dich, und mög' er Dir verzeihen, Wie ich es nimmer kann. Cäcilie. O Gott, o Gott! (Ab). G raf. Sie geht, und meines Herzens bange Schläge, Sie ziehn ihr nach in Liebe und in Thränen. Siebente Seene. Graf Erlachstein. Adalbert. Adalbert. Mein Vater, Vater! Graf. Bringst Du Herrmann mit? Adalbert. Ich ritt zum Wald, und rief ihn dort vergebens. — Wo ist Cäcilie? Graf. Verloren, todt! Nein, nein, nicht das! Vergiß den Traum von ihr. Sie ist nicht todt, sie hatte nie gelebt. Adalbert. Was ist geschehn? Wo ist Cäcilie? Graf. O Herrmann, Herrmann, könnt' ich Dich vernichten, Wie Du vergiftet hast mein Sein, mein Alles! In einer Stunde Alles hingeschmcttert, Der ganze Blüthengarten meines Glückes! Von allen Sternen , die mir einst geleuchtet, Blieb keiner mehr in dieser Nacht des Lebens, Die angeglüht vom ganzen Hauch der Hölle. Adalbert. Was ist denn so Entsetzliches geschehen? Graf. Du bist mir noch geblieben, Du mein Sohn, Du Hoffnung einer morgenhellen Zukunft, Der würdig werden sollte seiner Väter; Dich weihe ich zum Werkzeug meiner Rache, Wenn früher mich der Tod ereilen sollte. Adalbert. Mir bangt bei Dir; wo ist Cäcilie? Graf. Ich sage Dir, sie hatte nie gelebt! Verloren ist sie, nie wirst Du sie schauen, Und Herrmann, Herrmann ist's. der sie uns nahm. Den Räuber sollst Du suchen, und sie rächen! Adalbert. Ich kann Dich nicht verstehn. Graf. Du wirst es lernen. Von Deinem Haupt nehm' ich den Kranz der Jugend, Der Freundschaft und der Liebe Rosenduft, Den Frühlingshauch der sanfteren Gefühle. Vertilge jede Freude, jede Lust, Und weihe Dich zu einem Geist der Rache, Der nur die Sonne schaut im Glüh'n des Hasses, Und nur im Blute seine Rosen findet, Und gerne stirbt, wenn er den Feind getödtet. Adalbert. Du warst so mild, so freundlich sonst Dein Wort, Und jetzt weh'n Fluch und Grau'n durch Deine Rede. Graf. Das Ungeheure kann den Menschen wandeln. Wie Du die Schwester liebtest, noch sic liebst. Die Mutter hast geliebt, die lang' begraben, Und mich jetzt liebst, dem Du nun Alles bist. So hasse Jenen, der Dir Alles raubte, Die Schwester und den Vater, wie die Mutter, Die er im Grabe noch mit Schmach bedeckt. Adalbert. Wie, Herrmann, den ich so geehrt wie Dich, Den Du mir selbst als Vorbild hast gezeigt? Graf. Ihn, ihn, den Heuchler und Verräther, ihn ! Du fuchst ihn auf mit mir, und sollt' ich enden, Bevor das Ziel des Hasses ist errungen. Dann gehst Du führerlos ihm nach, bis ihm Durch Deine Hand Vergeltung ist geworden. Wo Du ihn findest, fällt er Dir zum Opfer. Mit Schwert und Dolch, mit Gift sollst Du ihm nahen. 10 Das schwöre mir bei Gott, der jetzt uns höret! Adalbert. Ich liebe Herrmann, nein! ich kann nicht schwören. Graf (reißt den Dolch aus der Scheide). Ha Schlange! trägst Du auch sein Gift in Dir! Ich tödte Dich, wenn Du nicht schwörest. Adalbert. So thut's, ich kann nicht schwören! Graf. Verloren meine Kinder beide! Wehe! So lebe, lebe, doch ich kann es nicht! (Will sich den Dolch in die Brust stoßen.) Adalbert (fällt auf die Knie). Halt ein! halt ein! Zch schwöre! Graf. Gott hat's gehört! Der Vorhang fällt. Erster Act. Platz vor dem Portale des Doms. Erste Seene. (Volk vor demselben. Schwester Anna und die Novizinnen. Musik im Dome. Ein Greis. Fürwahr, ein Tag des Glückes und der Freude! Das kriegerische Volk zum Kampf untauglich Für lange Zeit gemacht; sein Heer geschlagen, Der König todt, gefangen seine Tochter. Eine Frau. Und noch so jung, der Prinz, kaum Mann geworden. Anna. Schau nicht so gierig in den Tag hinein, Mechthilde, denk', ein junges Mädchen soll Das Aug' zu Boden schlagen, und wenn sie Bestimmt zur Kirche ist, dann um so mehr. Mechthilde. Ach,würd'ge Frau, ich denk', die sollte schauen, Was fre nur immer mit zwei Augen kann, Um sich im Kloster dann die Zeit zu kürzen. Anna. Still, kleiner Naseweis. Bertha (zu Ludmilla). Hast Du schon einen Königssohn geschn? Ludmilla. Noch nicht, doch bin ich sehr begierig, ob Er eben aussieht, wie die Andern auch. Bertha (zu Johanna). Kannst Du die Rede? Johanna. Sei unbesorgt, mir fehlt kein Wort davon. Eine Frau. Wie schön doch die Novizin ist, die dort Den Lorbeerkranz für unfern Prinzen hält. Betth a. Der Gottesdienst muß bald zu Ende sein. Gr eis. Sie sollten Gott recht lange dafür danken, Daß er zum Siege gnädig uns geführt. Kein Auge schloß sich ruhig, kam die Nacht, Weil Abendroth vielleicht nur Täuschung war, Von einer Fcueksbrunst heraufgelogen. Womit sich unsre Nachbarn angekündigt. Ein Land mann. Ja, das ist wahr. Jetzt ist's damit zu Ende. Zweite Seerre. (Der Dom öffnet sich, aus demselben treten in folgender Ordnung: Krieger mit ihren Führern. Chorknaben mit Glocken und Wkihrauchfäffern. Priester. 11 Jsaura (schwarz gekleidet). Frauen. Pagen. Drei Reichsverweser, die auf Kissen Krone, Scepter und Schwert tragen. König Guiscard. Krieger mit eroberten Fahnen und anderer Beute. Oscar und der Ritter. Noch eine Ab« theilung Krieger. Der Zug bewegt sich unter einem Siegesmarsche um die Bühne.) Volk. Heil unserm König, Segen seinem Sohne. Greis. Wie kräftig ist des Adlers junge Brut. Volk. Willkommen in der Heimath. Prinz. Dank' Euch, Freunde. Ludmilla. Siehst Du dort die gefangne Königstochter? Die dunkle Wimper, gleich der Wetterwolke, Verhüllt jetzt ihrer Augen scharfen Blitz, Die den zu sengen dröhn, der sie geschaut. Eine Frau. Fürwahr, ein Weib, geschaffen für das Schwert. Welch starker Geist aus ihren Zügen spricht; Der alte Löwe todt, die junge Löwin Ist minder nicht gefährlich, wie er selbst. Ein Mann. In Ketten wird sie keinen Schaden bringen. (Der Prinz ist jetzt in der Nähe Johanna's.) Mechthilde. Fang' an, jetzt ist der rechte Augenblick. Johanna (für sich). Er ist so schön! Sanct Georg muß ihm gleichen; Voll Güte, Milde, und so voll von Kraft. Wie Flammen spielen um mich seine Blicke. (Johanna tritt ihm einen Schritt entgegen, zögert — sinkt auf die Knie und hält das Kissen mit dem Kranz empor.) Mechthilde. Fang' Deine Rede an. (Der Prinz betrachtet Johanna, dann nimmt er den Kranz und entfernt sich mit dem Zuge, noch einmal nach ihr umschauend. Johanna bleibt in ihrer Stellung, nur wendet sie den Kopf nach dem Prinzen.) Volk. Heil unserm Herrn und Glück und Segen. Johanna (steht auf und geht gedankenvoll an ihren früher» Platz.) War cs der Drachcnbänd'ger, war's ein Cherub, Ich weiß es nicht. Die neue fremde Regung, Wer führt sie in mein Herz, was will sie dort? Anna. Ich bin mit Dir sehr unzufrieden, Mädchen. Johanna. Ach würd'ge Frau, ich bin es mit mir selber; Und dennoch so vergnügt, daß ich nicht weiß. Ob's Lust, ob's Trauer ist, was ich empfinde. (Das Volk hat sich indessen zerstreut. Die Nonnen gehen jetzt ebenfalls mit den Novizinnen ab.) Dritte Scene. (Saal im Schlosse des Königs.) Pagen. Erster Page. War das 'ne Pracht! und jetzt gibt's Fest auf Fest, Daß man kaum mehr zu Athem kommen wird. Zweiter Page. Jetzt ist Turnir, dann geht es zum Banket, Von dem zum Feuerwerke und zum Ball. Erster Page. Hast Du den fremden Ritter auch gesehn, Der mit dem König ging und mit dem Prinzen? Wer mag nur der Geheimnißvolle sein? Zweiter Page. Es führt sein Schild ein adeliches Wappen, Allein die Zeichen sind dav on genommen, Daß man nicht die Familie erkennt. Erster Page. Woher, wohin, das werden wir erfahren, Auch wer er ist, deß bin ich ganz gewiß. Zweiter Page. Ich hör' den König kommen und die Räthe. (Sie öffnen die Tbürrn und entfernen sich dann.) Vierte Gerne. König Guiscard. Die Rät he. Guiscard. Indessen sich der Jugend kräst'ge Schaar Im Waffenspiel des Krieges Lust erneut, Hab' ich Euch herbeschiedcn, treue Wächter Des Thrones, wie des Staates, den Entschluß, Der längst in mir gereift, Euch zu verkünden, v. Rodenfeld. Was Ihr beschlossen, königlicher Herr, Es kann nur Treffliches, Erhab'nes sein. Guiscard. Du alter Mann, dem Schnee den Scheitel deckt, Schämst Du Dich nicht der knabenhaften Weisheit, Dem Herrn und König Schmeichelei zu sagen ? ' Wär' nicht Dein Rath so oft schon klug gewesen, Du ständest heut' zum letzten Mal im Kreise Von meinen Rächen. Doch zur Sache sitzt. Ihr sah't die Waffenthaten meines Sohnes, Kennt seinen klugen Geist, denn stets Hab' ich Den Platz in uns'rer Mitte ihm gegönnt. Wie er der Würdigste im Reiche ist, So soll er auch fortan der Erste sein. R ä t h e. Wie, Herr? Guiscard. Von meinem Throne steig' ich nieder, Die Krone auf sein junges Haupt zu drücken, Und wie Ihr treu mir beigestanden seid In mancher schweren Stunde, wenn die Zeit Uns Unheil hat gebracht, so mögt auch Ihr Dem neuen König treue Diener sein, v. Wardcnbach. Ihr steht noch da in voller Manneskraft, Noch viele Jahre habt Ihr zu durchleben, Und wollet schon der Zeit den Rücken kehren, Die noch so manche Hoffnung aus Euch setzt, v. Löwen bürg. Laßt ab von dem Entschlüsse, theurer Herr! Gerade jetzt ist die Erfahrung nölhig, Daß sie mit starker Hand das Steuer fasse, Wo uns ein neues Reich geworden ist. v. Rodenseld. Ein unterjochtes Volk ist schwer zu lenken. Und wird die Zügel stets zu brechen suchen. Guiscard. Ich weiß es wohl, mein Freund. Allein die Saat, Die ich in meines Sohnes Brust gelegt, Sie reifet ihre Frucht dem Tag entgegen. Und fest darf ich auf seine Stärke bauen. Der junge Aar lern' seine Schwingen prüfen, Die Höhe kennen, die ihm ist geworden, v. Löwcnburg. Wenn er allein auch Krön' und Scepter trägt, So wird des Vaters reifere Erfahrung Der junge König wohl zu schätzen wissen. Guiscard. So wird es sein. Mein Rath geht ihm zur Seite, Sein König und sein Vater wird sein Freund, Und Weisheit wird er schau'n in Eurer Mitte, v. Rodenfeld. Wär' es nicht besser, Herr, wenn Ihr den Prinzen Das Land regieren ließt, das er erobert? Es könnte die gefangne Königstochter Als seine Frau den Thron mit ihm besteigen, So würde jenes rauhe Volk mit uns Versöhnt; der junge sieggekrönte Held, Er würde dort das schwere Amt erlernen, Bis er das ungetheilte Reich besitzt. Guiscard. Jetzt bist Du klug, und Deine früh're Thorheit Ist Dir verziehn. Es werde, wie Du sagst, Und noch ein Jahr will ich den Thron behalten. v. Roden selb. Mein Herr und König. Die Rät he. Heil Euch und dem Sohne! Guiscard. Jetzt aber wollen wir beim Fest erscheinen, Und unsrer grauen Weisheit Falten glätten. (Alle ab.) Fünfte Scene Prinz Oscar (von der andern Seite kommend.) Mag sie des Kampfes rauhe Lust vergnügen i Ich Hab' den Panzer abgelegt, den Helm, IS Das Schwert, und in des Friedens Feicrkleid Will ich ein Mensch sein, und mir selber leben. — Und dennoch, bis auf beute war der Krieg Mit seinem wechselvollen, regen Treiben Von Tod und Lust stets meiner Wünsche Ziel. — Allein, sie schien so milde mir zu sein. Daß Milde mir als Höchstes jetzt erscheinet. Ihr Aug' so klar, ein sternbesä'ter Himmel, Läßt tief in ihrer Brust den Himmel ahnen, lind glücklich, selig, der einst seinen Namen In dieser Zaubertiefe lesen wird. — Nur einmal sah' ich sie: ihr flücht'ges Wort Berührte fast unhörbar meine Seele. Und dennoch (sollt' es Wahrheit sein, was uns Die Sänger von der Liebe Allmacht sagen?) Ich liebe sie. Ist'es denn wirklich Liebe, Was glühend dieses wilde Herz durchzieht, Das nie an Weiber hat gedacht und Minne. Die Liebe ist's; die nie gekannte Regung Steht klar vor meinem Geist allmächtig da, Und alles Andre ist in sie versunken. — Wie nur das Mädchen heißen mag! gewiß Ein Name, wie ihn Gott den Engeln gibt, Wenn ihre Reinheit er damit will nennen. Sechste Seene. Prinz. Der Ritter. Ritter. Ei, junger Held, den Kampfplatz schon verlassen ? Kaum ein paar Gänge mitgemacht! Für- wahr Ich hätte gerne mich mit Euch gemessen, Den ersten Preis noch einmal daran wagend; Allein die Schranken hattet Ihr verlassen, Und so verließ auch ich das Waffcnspiel. Prinz. Du hast den ersten Preis erhalten? Ritter. Ja. Vielleicht den zweiten, wäret Ihr geblieben. Prinz. Das glaubst Du nicht, drum laß Dein Loben sein. Ich weiß, was wir Dir zu verdanken haben. Am Abend vor der letzten Schlacht tratst Du, Ein Fremdling diesem Land, zu mir in's Zclt, Und botest Dich mir zum Genossen an. In meinem Heere waren tapfre Krieger, Allein der Feind uns zweifach überlegen. Die kleine Schaar, die ich Dir gab zur Führung, Du führtest sie, ein Gott des Krieges, hin Bis in den Kreis der sieggewohnten Menge, Die rings um sich der König ausgestellt, Da drangst Du ein, den Blitz in Deinen Händen, Statt eines Schwertes kampfgcprobten Stahl, Und zwangst den König in der Krieger Mtte Zum Einzelkampfe, stießest ihn da nieder, Daß seine Leute feige Furcht ergriff, Und wilde Flucht das Schlachtfeld lichtete. Ritter. Bewundernd steh' ich vor Euch, tapfrer Degen, Der in dem lauten Treiben einer Schlacht, Wo er ein Führer ist, und muth'ger Kämpfer, Noch so viel Ruhe hat, um fremde Thaten Zu sehn, und sie nicht zu vergessen. Ja, Für einen König, wie für einen Menschen, Wohl eine seltne, seltne Eigenschaft. Prinz. Dein alter Spott, Dein alter Haß schon wieder. — Wir zogen heim, Du bliebst in unsrer Mitte; Ich ehrte Dich als Mann, und bald als Freund. Allein die Bitterkeit, die in Dein Wesen Sich cingedrängct hat mit scharfen Stacheln, Die stieß mich oft von Dir, bis wieder dann Die Tiefe der Gedanken, die Erfahrung, Die strahlend sich aus Deinen Worten hebt, Gewaltig mich an Deine Seite zog. Kannst Du Vertrauen endlich zu mir fassen, So sprich es aus, was so Dich werden ließ. Ritter. Begraben Hab' ich die Vergangenheit, Und Keiner soll den festen Sarg mir sprengen. Ich kam zu Euch, weil Euer Heer das kleinre, Sonst wär' ich Euer Gegner wohl geworden. Ich blieb bei Euch, weil Ihr und Euer Vater Es so gewünscht. Allein mit Fragen und Mit Zweifel müßt Ihr Euch nicht fruchtlos quälen. Kommt, junger Held, anstatt vom rauhen Sohn Der Schlachten, wollen wir vom Frieden reden, Und allen Blumenkränzen, die er bietet. Prinz. Wie schön cs ist im Kampf und Sturm- getose. So hat doch auch der Frieden viel des Schönen. Ritter. Von seinen Rosen möchtet Ihr wohl gerne Einflechten eine frühlingschöne Knospe Dem Lorbeerkranz, der Eure Stirne schmückt. Prinz. Wie meinst Du das? Ritter. Vielleicht auch irre ich. Allein der Blick voll Feuertrunkenheit, Der heute auf die holde Jungfrau fiel, Die Euch so schüchtern - kühn den Kranz gereicht, Der brachte dämmernd manche Ahnung mir. Prinz. Und ist sie denn nicht schön, ein Frühlingshimmel, Der allen Blumen Auferstehung kündet, Und neue Welten in das Leben ruft? Sie, die zur Jungfrau erst herangereift, Trägt Gottesblüthen in dem reinen Herzen, Die den zum Himmel heben, der sie pflücket. Ritter. Ihr liebt sie wohl. Prinz. Und Du kennst Liebe nicht. Ritter. Da habt Ihr recht; sie ist mir unbekannt. Als Kind, da keimten ihre Blüthen mir, Und manches Schöne harrte meiner Zukunft; Allein der Haß warf mir die Pforten zu, Die zu des Lebens Blumengarten führen, Und Flüche sangen mir das Schlummerlied. Prinz. Du Armer, der im Kreis der Menschen steht, Und nicht die Liebe kennt! Ritter. Warum denn arm? Weil niemals ihre Freuden ich gekannt, Entbehre ich auch nichts. Es winkt ein Ziel Mit andern Kränzen mir, als blüh'ndcn Rosen. Allein ich fürchte, nie werd' ich's erreichen. Doch laßt das sein. Euch bringe keinen Schmerz, Was tief in mir in Qualen auferstanden. — Allein wozu soll Eure Liebe führen? Prinz. Zum Glücke und zur Seligkeit. Ritter. Gebt acht, Der Weg geht hart an einem Abgrund hin. Habt Ihr die Kämpfe auch erwogen, Prinz, Die Mächte, die sich Euch entgegen werfen? Prinz. Es fragt die Liebe nicht nach Kampf und Gegner; Sie, die allmächtig in sich selber ist, Fragt um die Aermlichkeit der Erde nicht. In meiner Brust, wo Alles sonst erloschen, Als nur der Trieb nach Thaten und nach Ruhm, Dort blüht nur eine Blume jetzt, die Liebe, Dort trägt ein einz'ger Baum jetzt Früchte, Liebe, Und Li be ist der Himmel jeder Schöpfung. R itter. So ist der Mann durch sie denn ganz verwandelt ? Prinz. Verwandelt nicht; er wird nur, was er sein Soll: Mensch. Ritter. Das Mädchen, eine Braut des Himmels — Prinz. Noch ist durch kein Gelübde sie gebunden, llnd sie kann frei das Kloster noch verlassen. Ritter. Und Euer Vater? Er, der hohe König, IS Dem Land und Krone Erde ist und Himmel, Dem wir ein neues Reich erobert haben; Er wird jetzt nur allein nach Größe streben, Und prüft vielleicht in diesem Augenblick Die Reih' der Fürsten- und der Königstöchter, Und findet keine groß genug für Euch. Zhr aber führt ihm die Erwählte zu. Die grobe Kutte ist ihr Purpurmantel, Statt eines Scepters trägt fie das Missale, Und eine Krone auf dem schönen Haupte. Bon Golde nicht, von seidenweichen Haaren. Prinz. Du spottest! Spott hast Du für mein Vertrauen ! Ritter. Ich spotten? Nein, bei Gott! das thu' ich nicht. — Und wenn Ihr heimgeführet, die Ihr liebt, Dann haust in diesem schönen Reich die Zwietracht. Glaubt Ihr, die mächtigen Vasallen, welche An Eurer Seite ihre Töchter hofften, Sie werden einer Königin gehorchen, Die wohl nur Tochter eines Dienstmanns ist? — Prinz. Mein starker Arm wird fie im Zaume halten! Ritter. Dann bricht die Hydra los nach Eurem Tode, Und jaget Eure Kinder aus dem Lande, Wenn sie nicht früher schon, zur Zeit des Unglücks, Wenn Euch rin Feind bedrängte, frech genaht. Der Fürst steht auf sich selber nicht im Leben, Es hat sein Volk ein heilig Recht an ihn. Prinz. Co ist er ärmer wie der ärmste Mann l Ritter. Willst Du denn mehr als Mensch sein, Königssohn ? Ei» Gott der Erde, weil ein goldner Reis Auf Deinen Schädel fiel, als Du gebaren? Ihr habt den Glanz, Ihr habt die Macht der Erde, To laßt uns denn die Me Häuslichkeit, Daß gleich die Güter zwischen uns getheilt. — Und dann, wißt Ihr, mein Prinz, ob sie Euch liebt? Prinz. Es hat die Liebe ein viel schärffres Auge, Als wie der Adler, der die Sonne schaut, Und so glaub' ich in ihrem tiefsten Herzen Der Liebe ersten Strahl erkannt zu haben; Und heute uoch soll mir Gewißheit werden. Ritter. Was wollt Ihr thun? Prinz. Zum Kloster, hin zu ihr! Ritter. Wie wollt Ihr das vollbringen? Wollt Ihr die Klosterpforten nicht zertrümmern. Mit lautem Rufe durch die Mauern eilen, Weil Ihr den Weg nicht wißt zu ihrer Zelle! Prinz. Ja. Du hast recht, ich schäme mich der Thorheit, Doch muß ich hin, das Kloster ist so nahe; Ich will die Lüfte athmen, die sie athmet, Die Mauern schauen, die sie fest umschließen. Komm mit, doch nein , bald wird der Tanz beginnen, Und beide soll man uns dabei nicht missen. In einer Stunde bin ich da; mein Vater Wird mich, von Dir beschäftigt, nicht vermissen. Ritter. Ich bleibe hier; nicht weil Ihr es so wollet, Ich wär' in keinem Fall mit Euch gegangen. Auf meinen Beistand könnt Ihr immer rechnen, Doch nie bei solchem kindischen Beginnen. Prinz. Ich weiß, Du bist mein Freund; leb wohl, leb wohl. (Ab.) Ritter (ihm nachsehend). Wenn durch die Liebe wird ein Mann zum Knaben, Der Thatkraft fremd und jedem hohen Streben, Weil er nach Schmetterlingen läuft, wie dieser, Dann dank' ich Gott, daß ich sie nie gekannt, 16 Daß mir des Hasses Glühen flammt als Sonne; Er fördert doch des Herzens Stahleshärte, Und macht uns nicht zum feiggebornen Weibe. (Ab.) Siebente Seene. (Klostergarten. Im Hintergründe der Kreuzgang, rechts ein Baum, dessen Aeste über die Mauern ragen. Dämmerung.) Johanna. Wie traulich ist's im blassen Mondenschein, Viel schöner, als in enger, dunkler Zelle, Wo eng das Herz uns wird, und die Gedanken Den Muth zum raschen Flügelschlag nicht haben. Die Schwestern schlafen wohl. Ich selber f schlief Um diese Zeit, und mumte auch gewöhnlich, Nur heute wollte mir kein Schlummer nahen, Und ich verließ das kaum gesuchte Lager. Wie schön ist doch ein Königssohn!- Daß ich An ihn und ihn allein nur denken kann, Seit heute Morgen nichts als ihn allein. Denkt er an mich? Wer weiß, ich glaube kaum, Und dennoch würde es mich glücklich machen; Müßt' ich nur einen einz'gen Augenblick, Wo mein Bild aufgetaucht in seiner Seele. Jetzt ist er wohl im reichgeschmückten Saale, Und um ihn schöne Edelfräulein; — ach! Ich will gar nicht mehr an ihn denken, denn Es würde mir ja doch nur Kummer machen. (Sie singt.) Am Abend, wenn die Sonne sank, Da ziehn die Sterne still herauf — (Der Prinz schwingt sich über die Mauer und steigt an dem Baume nieder.) Achte Seene. Prinz Oscar. Johanna. Johanna. O Gott! Prinz. Erschrick nicht, zauberholdes Wesen! Johanna, Ihr, königlicher Herr, in dieser Stunde? Prinz. In dieser Stunde Abenddämmerschein Fällt Deines Glanzes Heller Strahl hinein, llnd wie die Nacht auch ihre Schwingen breitet, Ist's Heller Tag, wohin Dein Auge leitet. Johanna. Was Ihr da saget, halb verstanden zieht's An meinen Ohren hin, und klingt im Herzen Nachtönend wieder. Prinz. Laß wie Glockenklingen Die Stimme Deines Innern zu mir dringen, Denn wie zum Tempel, der dem Herrn gebaut, So ziehn als fromme Pilger die Gedanken Andächtig hin zu Deiner reinen Seele. Mit Deinem Blicke zog ein neuer Morgen Mit sonnenklarem Himmel, Frühlingslüften Und Blumendüften labend an mir hin. Was sonst in meiner Seele auferstanden, Die Lust am Kampf, der Trieb nach Siegesruhm, Das ist vorbei, und meine Wünsche landen Fortan an Deines Herzens Heiligthum. Johanna. O Herr, mein Herr! Prinz. O sprich nicht so zu mir. Nicht auf dem Thron in seiner Purpurhülle Sollst Du den Königssohn Dir denken. Der Thron versank, der Krone Strahlcn- fülle Verlor die Pracht vor Deiner Augen Licht, Und aus der Zeiten treibendem Gewühlt Strahlt mir allein Dein Engels-Angesicht- Johanna. Mein Prinz, wie möget Ihr so zu mir reden? Ich bin ein Kind, im Kloster aufgezogen, Dasselbe heut zum erstenmal verlassend, Das noch betäubet ist von Glanz und Pracht, Die ihm genaht mit unbekannter Macht- 17 Dem Kind sagt Ihr so gluthdurchhauchte Worte, Die ihm sein Herz durchziehn mit bangem Zagen. — Ihr schweigt, mein Prinz? Zürnt Ihr der kühnen Rede? Prin z. O sprich! Du öffnest mir des Himmels Pforte > Mit Deiner Rede Klang. So muß cs ! tönen, Wenn uns der Engel ruft zur Auferstehung; So hat's getönt, als Gott sein ,,Werde" sprach, So tönten eines Seraphs ew'ge Lieder, Als aufgewacht der erste Ostertag. Johanna. Ich höre Euch, entzückt und überselig. Noch Hab' ich solche Worte nie gebört, Und fühle doch die halbverstandenen. Nur Eurer Augen flammenhelles Leuchten Brennt sich in meines Herzens engen Kreis, Daß die Gefühle kaum zu athmen wagen. Doch diese Nacht schlich um mich her tagen, Am Himmel strahlen eine Geistessonne, Die Mauern hier als Hallen höchster ^ Wonne. Prinz. So liebst Du mich? Johanna (ihm sinnend nachsprechend). So liebst Du mich. Mein Prinz, Wie meint Ihr das? Es gab oft eine Zeit, Wo ich Hab' nachgedacht, was Liebe sei; Biel fand ich in der beil'gen Schrift davon. Die Schwestern liebe ich, die meisten Nonnen, Und mehr als Alle lieb' ich die Aebtissin; Allein, wie ich mit meinen Zweifeln rang, In meiner Seele eine Stimme klang, Vor meine Augen trat's wie Dämmerschein, Es müsse eine andre Liebe sein. <. Prinz. -;a, Du hast recht, die Liebe, die zur Mutter Die Tochter zieht, die Schwester zu dem Bruder, Wiener Theater-Repertoir. XlV. Den Freund zum Freund, das ist nicht jene Liebe^ Die sich mit Allmacht in den Herzen hebt, Mit nie gekannter Regung sie durchbebt, Und die Gedanken, wie sie immer ringen, Zu einem Ziele mächtig weiß zu zwingen. Johanna. Ist das die wahre Liebe? Prinz. Ja, sie ist's. Fühlst Du in Deinem Herzen ausgestorben. Was Du gefühlt, gedacht, was Du erlebt, Fühlst Du. daß eine andre Welt sich hebt In Deines Busens lichtdurchstrahlten Raum, Erscheint Dir die Vergangenheit als Traum, Die Gegenwart allein nur Wirklichkeit, Fühlst Du Dich todt in einer jeden Zeit, Wo seine Schritte einem andern Ziele Der leuchtende Gedanke zugewendet, Fühlst Du es so in Deiner Brust erwacht, Dann sind der Liebe Strahlen Dir gesendet, Zum Tag erhellend Deine Lebensnacht. Johanna. Ist das die Liebe? Prinz, dann lieb ich Euch. Und Ihr, Ihr liebt mich wieder. Prinz. Ja. Siehst Du Der Liebe Allmacht, die Du nie gekannt, Die an der eignen Größe Flammenkraft Die fremde Liebe Dich erkennen läßt, Verborgen lebend, ohne Wort und Klang. Die Liebe ist allwissend für die Liebe. Wenn sie im fremden Herzen kaum erwacht, Ein neugebornes Kind, sich selber fremd, Unsichern Blickes kaum sein Dasein ahnend, So wird sie von der Liebe doch erkannt, Die in dem andern Herzen Wurzeln schlug. Johanna. O könnte ich Euch oft, ach immer sehen! Wenn auch nicht sehn, doch Eure Rede hören. Ich glaube, Eurer Stimme Seelenklang, Er könnte neu zurück in's Leben schwören, Was längst der Tod mit scharfem Pfeil durchdrang. Jcb wäre selig, könnt' ich um Euch sein. 2 18 Prinz. Tu Himmelskind! Getrost, das wird geschehen. Aus diesen Mauern werde ich Dich führen Zu eines andern Lebens Glanz und Größe, Wo Liebe Dich umgibt und Herrlichkeit, Wo Alles sich vor Dir, Du Holde, beugt. Nur Deinem Willen lebt, sich selbst vergißt. Nichts Deiner Wünsche weite Grenze schließt. Johanna. Das ist das Leben nicht, daß ich ersehne. Nur bei Euch sein, Euch dienen, doch Euch schauen, Und selig sein, wenn manchmal Euer Blick, Zufrieden lächelnd, auf der Dien'rin weilt. Prinz. Du sollst die Krone tragen, Kön'gin sein. Johanna. Ob mich das freuen wird, ich weiß es nicht, An Thron und Krone kam mir kein Gedanke. Prinz. Hast Du denn nie gedacht, von hier zu scheiden, Dich anzuschließen an ein liebend Herz? Johanna. Mein Prinz, nein; daran Hab' ich nie gedacht. Prinz. Und jetzt? Johanna. Jetzt denke ich an das allein! Zu Euch nur zieht es mich allmächtig hin, Und da Ihr bei uns doch nicht leben könnet, So sehn' ich mich binaus an Eure Seite. Prinz. Halb Kind, halb Jungfrau, doch ein ganzer Engel! O komm an meine Brust, mein Glück, mein Leben, Du meiner Seele Erdenparadies! Johanna. An Eure Brust? Nein, vor Euch aus die Kniee, Das Aug' erhoben zu des Euren Sonnen, Die Hände faltend, und ein fromm Gebet Im Herzen, das nur Euch allein gehört. Prinz. Wie Welt und Himmel sich in Dir vereinen, Das Herz zur ew'gen Seligkeit zu heben, Dem Deine Blicke liebevoll erscheinen, Und lichte Engel leuchtend es umschweben. (Es wird geläutet). Johanna. O Gott, wie schnell ist doch die Zeit verschwunden ! Die Glocke tönet, die zur Hora ruft, Und durch den Kreuzgang kommen gleich die Nonnen. O geht, ich fürchte, daß man Euch hier treffe, Und doch kann ich die Furcht mir nicht erklären. Sollt' es denn Unrecht sein? Prinz Das ist die Liebe nie. Johanna. Seht, jene Thüre führt in meine Zelle; Gleich bin ich dort. O geht, mein theurer Herr. Prinz (küßt sie rasch). Leb' wohl! Johanna. Ihr kommt doch morgen? Prinz. Morgen wieder! (Er geht zum Baume. Johanna nach dem Kreuzgange). Der Vorhang fällt. Zweiter Aet. Garten im Schlosse. Erste Eeerre I saura. Die erste Nacht vorbei. O wär's die letzte; Der erste Sonnenstrahl. das Morgenroth, Das mir hinunterleuchtet in das Grab. Vom Haupt gerissen meine Königskrone, 19 Und wenn auch diese Hand von Fesseln frei, So trägt sie keines Königs Scepter mehr. ! Vorbei, vorbei die Kraft, vorbei die Größe! ! O Niedrigkeit, in Dir zu athmen, leben! Der Schmerz, der Schreck und die Verzweiflung tödtct. In Deinem Schlamme hauset nicht die Kraft, ! Ein Leben auszulöschen; das ist eben ! Der Stempel, für die Knechtschaft ausgeprägt. Ich schäme mich, zur Sonne aufzuschauen, Die mich in meinem Glanze hat gesehen, So stolz wie sie. so einzig auch wie sic. — Die Berge, die in Purpur leuchtend stehen, O sie verhöhnen mich, weil meiner fiel. Getrost ihr Felsenkönige, die Nacht ^ Erscheint, setzt eurem Stolz ein Ziel, Und ihr verschwindet. so wie meine Macht. Im Grabe liegen, wäre Seligkeit, Als so zu leben, wie mein Leben wird. Verhöhnt, verspottet und der Durst nach Rache, > Ein Tantalus, vor dem der Tropfen flieht. Mein Vater fiel. Bei Gott, ich könnt' ihn ! hassen, Daß er mich in die Schlacht nicht mitgenommen ; Das Licht des Lebens wäre mir verglommen, Und kämpfend wäre ich mit ihm gefallen. Zweite Scene. !. Prinz Oscar. Ritter. Zsaura. ! Prinz. Wir stören Euch doch nicht? Jsaura. Rein, Königssohn. Und wär's der Fall, ich würde es nicht sagen, ! Tenn so viel Rücksicht schenkt man nicht der I Sclavin, Daß man auf ihren Willen achten sollte. Ritter. Ibr seid zu hart. Jsaura. Zu hart? Fürwabr. Ihr Herren. Ihr seid wohl mild und freundlich mir gewesen, Da Ihr die Burg erstürmt, die ich ver- theidigt, Als in der Schlacht mein Vater war gefallen. ' Wir waren übermannt, mein guter Stahl Sollt' mir den Tod als treuer Diener geben, Du, Königssohn, hast mir das Schwert entrissen. Ich bat — es waren meine ersten Bitten— Mit meines Lebens ersten Thräncn bat ich: Gebt mir den Tod! Ihr Milden thatet's nickt, Ihr Sanften gäbet mir die Niedrigkeit, Und gabt ein Leben ohne Ehr' und Ruhm, Und jetzt sagt Ihr zu mir, ich sei zu hart. Fürwahr , ich könnte lachen Eurer Rede. Wär' nicht mein Lachen fort mit meinen Thränen. Prinz. Es zieht der Krieger in der Schlacht sein Schwert, Und kämpft auf Tod und Leben mit dem Gegner, Doch wie die Klinge in die Scheide sinkt, So endet sich der Haß. Jsaura. Beim Schwächling mag es sein. Vielleicht bei dem, der siegte in dem Kampf, Doch niemals in der Brust des Unterlegnen, Er müßte durch sich selbst schon Sclave sein. In mir, da wuchs der Haß zum Riesenbaum, Und Gift sind seine Blüthen, seine Frucht, Daß ick damit die Welt verheeren könnte! O Schwäche, Elend, die mich angefallen. Nicht einmal selber kann ich mich vernichten. Ritter. Dein Vater, wie Dein Volk, hat unge- - reckt Die Nachbarn stets mit Kriegen überzogen, So mußten sie denn auch ihr Loos erfüllen, Und ihre ehrne Schale sinken sehen. Zsaura. Wer hat den Vater mir erschlagen? Ritter. 2 * ^ '' ! 'j Ich. 20 Isaura. Fürwahr, der Königsmörder liegt in Dir! Du Mann des Hasses und der blut'gen That! Du hast wohl nie geliebt, und keinen Freund An Deiner lavaglüh'nden Brust gefühlt. Ritter. Da hast Tu recht; allein ich brauch' es nicht. Ich bin mir selbst in meiner Kraft genug, Denn ruhig kann ich tragen, was mich trifft; Es spricht nicht Fluch, nicht Segen meine Lippe. Du aber weißt das Unvermeidliche Nicht zu ertragen, und nicht zu besiegen, Du bist ein Weib, das hassen kann, sich rächen, Doch nicht zur Kraft sich zu erheben weiß. (Jsaura sieht ihn starr an und gehtrasch ab). . Prinz. Du kränktest sie, die wehrlos vor Dir stand. Ritte r. So folgt ihr nach und sucht sie zu versöhnen. (Prinz ab). Ich kränkte sie, wahr ist's; ich that's mit Vorsatz, Sie Alle freuen sich, mir bleibt sie ferne Die Freude mit den weichen Aetherschwingen. Ich stehe in dem blumenreichen Kreis Des Lebens einsam, ein erstarrter Gletscher, Auf dessen Haupt umsonst die Sonnenstrahlen Vom Himmel sinken, doch aus seiner Brust, Der felsenstarren, keine Blumen rufen. . Doch Manchen kränkt' ich» ohne es zu wollen. Der Haß, der tief in meinem Herzen loht, Schlägt seine Flammen in die Außenwelt, Und wenn ich ihn gewaltig dämmen möchte, Sein Glühn ist kräft'ger als mein fester Wille. Einst war es anders. Reiche Blumenkränze Entkeimten in dem vollen Kinderherzen, Ta kam der Haß, des Fluches Hagelschlag, Und Alles ist zerstört. Kein Lebensfrühling Wird jemals diese Nacht erhellen können. Dritte Teerte. Theobald. Der Ritter. Theobald. Herr Ritter, Gott zum Grusse. Ritter. Danke, Alter. Ihr macht so einsam Euren Morgengang, Kein Sohn, kein Enkel leitet Eure Schritte. Theobald. Seht, lieber Herr, mein König war mein Alles, Und weil mein Herz mich nur zu ihm gezogen, Als in den Adern volle Kraft noch glühte, So ist mein Alter einsam; doch bin ich Zufrieden, wenn er manchmal sich mir naht. Auf meinen Armen Hab' ich ihn getragen, Und mehr geliebt, als einen eignen Sohn. Rit t er. Mit Recht. Des Königs kräftige Natur, Sie zieht auch mich gewaltig an. Allein Ost lagert sich so wolkentrüber Kummer Auf seine Stirne, daß mich Mitleid faßt, Schau' ich das schmerzumzogne, trübe Auge. Theobald. Der Thron ist nicht so hoch, daß nicht der Schmerz Die goldnen Stufen mitbesteigen könnte. Der arme Herr, dem eine Krone ward! Viel Schmerz und Kummer stand an sei- ner Seite, Und dieser Edle blieb nicht ohne Schuld, Als ihm der Prüfung schwere Stunde schlug. Ritter. Wenn nicht des Dieners Treu verletzet wird, So theilet mir sein früh'res Leben mit, Denn warme Freundschaft fühle ich für ihn, Und kann ihn, ungerührt, nicht traurig sehen. Theobald. Ihr nehmt so innig Antheil, daß ich Euch vertraue. Es hat die Zeit begraben, was geschah, Doch dürfen wir die Leichensteine lesen. Seht, Guiscard war ein Herr voll Kraft und Feuer, 21 Er war ein Held, und mehr, er war ein Mensch. Als König groß, war seine Häuslichkeit Vom Glück nicht heimgesucht. Gekrönte Herren Erliegen oftmals der Notwendigkeit. Des Königs Vater, strebend nach Besitz, Zwang seinen Sohn, mit einer Fürstentochter Sich zu verbinden, die sein Herz nicht kannte. Die ungeliebte Frau gebar den Sohn, An dessen Seite Ihr gefochten habt, Und Guiscard war zum erstenmale glücklich. Allein bald war ihm Haus und Reich ent- leidet. Da kam ihm der unselige Gedanke, In fremden Ländern noch zu sehn, zu lernen. Er zog mit mir. Der ländersücht'ge König Sah gern den Sohn aus seinem Lande ziehn, Da er allein die Zügel wieder führte. Ritter (für sich). Bis jetzt ist die Geschichte sehr alltäglich. Theobald. Wie mit den ungeprüften Schwingen sich Der Vogel in die Lüfte hebt, und frei Sich fühlt zum erstenmal im Leben, So jauchzte Guiscard auf in tiefster Seele, Frei von dem Thron und frei von seinem Haus. Auf unserm Wanderzuge trafen wir Ein Haus des Friedens und der Tugend an. — O wären wir demselben fern geblieben! — Ein nie gekanntes Glück erschien dem König: Der ersten Liebe heil'ger Sonnenstrahl. Ich bat und warnte, doch es war vergebens, Er baute auf sein Glück, auf seine Stärke, Und war berauscht in dieser Blumenfülle, Die ihm des Herzens Frühling hat gebracht. Wer nach der Reihe kummervoller Jahre Zum erstenmal im Ueberflusse schwelgt. Wird der nicht sich und Alles rings vergessen? —- Wie alles Unrecht stets im Elend endet, So ging es hier dem Abgrund auch entgegen. Ritter (für sich). (Die Wolkenmassen reißen, dock der Morgen Umwehet mich mit Grau'n). Fahrt fort! fahrt fort! Theobald. Das Mädchen fühlt' in sich ein neues Leben, Und wie einst Kain, als er den Bruder schlug, So floh entsetzt der König aus dem Lande. Ritter (für sich). Der Tag bricht an, es ist die Nacht zu Ende! Theobald. Wir zogen heim. Der alte König starb, Der junge stieg auf seines Thrones Stufen Mt schwerem Herzen und gesenktem Haupte, Vom Volk geliebt. — Zwei Jahre noch verlebte In Gram und Reu' der königliche Sünder, Da starb die Königin, und neue Hoffnung Erwachte in der schmerzdurchwühlten Brust. Gesandt ward ich zum Schauplatz jener Zeit, Allein ich fand ihn leer und ausgestorben, Die Mauern schwarz, die Hallen eingestürzt; Zerstörung lagerte auf jener Stätte, Wo er die holde Blume hat geknickt. Wie ich auch frug, es konnte Niemand sagen, Wo eine Spur der Flüchtigen zu finden. Ritter (für sich). Der Vater hat zerstört das Haus der Schande. Dann nahm er mit sein Schwert und seinen Knaben, Um den Verfluchten aufzusuchen, Doch suchten wir ihn nicht bedeckt von Purpur. Theobald. Der König trug die Kunde wie ein Mann, Der, wenn ihm auch die letzte Hoffnung scheitert, Im Sturm sich aufrecht hält. Ach Herr, der Schmerz in Euren Zügen zeigt, Wie tief Ihr mit ihm fühlt des Königs Leiden. Ritter. Ja, ja! Ich fühl' mit ihm. Ein Schmerz? orkan Durchlebet alle meine Seelentiefen, 22 Und reißet Langversunk'nes an das Licht. O laßt mich einsam jetzt den Schmerz bekämpfen ! Theobald. Lebt wohl. Wie dank' ich Euch für Euer Mitleid! (Ab.) Vierte Scene. Der Ritter. Die Nacht entflieht, mit rothen Feuerstrahlen Schlägt Höllenhaft der Morgen in mein Herz, Und leuchtet mir mit blutigrother Fackel Auf meines Strebens jetzt erreichtes Ziel. Kein Glück, kein Leben und keiii Blüthen- kranz Ward meiner Jugend wintcrstarrer Zeit. Rastlos gejagt von der Verzweiflung Mächten Durchzogen wir die Städte und die Länder, Allein umsonst das Elend dieser Fahrt! — Als Du in Schmerz und Jammer starbst, mein Vater, Wie Deine Hoffnung schwand, ihn je zu finden, Da wiederholte ich den Schwur der Rache, Und auf Dein stillgcwordnes, stolzes Herz Legt' ich, der Jüngling, meine reine Hand, Und schwur: kein andres Ziel mir zu erwählen, Als Deiner Rache heiliges Vermächtniß. — Umsonst, umsonst! Verzweifelnd am Gelingen, Sucht' ich in Kampf und Schlacht den Sturmesfrieden, Da ich den Hcißgesuchten todt geglaubt. Jetzt fand ich ihn, und fand ihn auf dem Tbrone, Das Sündenha»rpt bedeckt mit einer Krone. Und wenn auch, wenn auch! Seines Blutes Wellen, Sie werden nur den Purpur röther färben, Und zeigen, daß auch Könige erreichbar Der Rache find, wenn ihre Frevel reif. — Dolch meines Vaters, dessen reine Klinge Kein Blut vergossen hat, weil für die Rache Dein heil'ger Stahl bewahrt, jetzt kommt . dein Tag, Dein Frühlingsthau, das Herzblut unscrs Feindes. — Tret' ich vor ihn, wenn er im Krönungssaale Zn Mitte seiner mächtigen Vasallen, Und zeige ihm die Schande seiner Thal, Ihm dann den Dolch einsenken in die Brust? Nein» nein! Triumph! noch gibt es eine Rache, Die bitt'rer tödtet, als der scharfe Stahl. Der Rachcdämon seiner That, tret' ich Vor ihn und will ihn so lang' stacheln, Bis die Verzweiflung mächtig ihn erfaßt. (Ab.) Fünfte Scene. (Kloster. Zelle der Aeb ttssin.) Aebtissin. Johanna. . Aebtissin. Wie kommt's, Johanna, Du allein bist ruhig, Jndeß die Schwestern kaum die Worte finden, Mir alle Herrlichkeiten zu beschreiben. Die sie gesehn. Sie sind nicht lange Zeit In diesen Mauern, sahen schon die Welt; Nur Du verließest sie zum ersten Mal, So sollte Dich das Neue mehr ergreifen. Johanna. Und so geschah es auch. Das fremde Treiben, Die Pracht, das Volk, es hat mich so verwirrt, Daß ich die schönen Verse ganz vergaß, Die ich zu sprechen batte. Aebtissin. So ließest Du Dich überraschen? Johanna. Das nicht allein, doch wie ich sprechen wollte, Ta richtete der Prinz die Hellen Augen So fest auf mich, daß meine niedersanken. Allein ich fühlte dennoch seine Blicke, Und so sah ich ihn an , doch sprach ich nicht. Aebtissi n. Es war nicht recht getban. Johanna. Ich glaube nicht. Bis jetzt hatt' ich noch keinen Mann gesehen, Und da benützt' ich die Gelegenheit. Tie Männer auf den Heil'genbildern, ja, Die haben so viel Heiliges an sich, Daß ich sie immer anders denken mußte; 23 Und wahr ist's auch, ganz anders ist der Prinz; Sanct Georg mag ihm noch am meisten gleichen. — Wißt Ihr, was Liebe ist, hochwürd'ge Frau? Aebtissin. Weißt Du es? Und woher jetzt diese Frage? Johanna. Ich weiß nicht; aber Plötzlich wird mir bange, Wie damals, als ich, noch ein Kind, stets bei Den Litaneien eiuschlief, Mutter Anna es Bemerkt'. — Hochwürd'ge Frau, ich will cs sagen. Euch Alles sagen, aber kommt dorthin, Wo er geweitet. Ach mir ist, als würde Von meinem Herzen sinken, was mich quält. Wenn Ihr erfahren, was sich zugetragen. Aebtissin. Wo er geweilet? Sagtest Du nicht so? Du hast Dich wohl versprochen, liebes Kind. Johanna. Mich fand der Abend sonst so still, so ruhig, Nur gestern ward mein Jnn'rcs tief bewegt, Und fremde Wünsche keimten in der Brust. Ich weiß nicht, ob Ihr mich begreifen könnt. Aebtissin. Das wird sich zeigen, aber fahre fort. Johanna. Ich saß in tiefer Dämmerung am Baume, Da rauscht cs plötzlich in den Zweigen. und Es stand der Prinz vor mir mit einem Male. Da hörte meines Herzens Bangen auf, Und alle Wünsche waren wie erfüllt. Aebtissin. Und er, und cr? Johanna. Er stand vor mir, daß ich Die Knie hätte beugen mögen; sprach, Daß ich so schön noch niemals reden hörte. Aebtissin. Und er, was sagte er? Johanna. Er sprach von Liebe, Und schilderte so warm und innig sie, Daß ich im eignen Herzen sie erkannte, Als sie kaum ihre Blüthen ausgcbreitct. Aebtissin (für sich). Sie bleibt sich doch in jeder Seele gleich. Johanna. Wie er dann sah. daß für ihn schlug mein Herz, Da flammt' in ihm ein strahlendes Entzücken; Er sprach von Krön' und Purpur und der Zeit. Wo er mich aus dem Kloster holen würde. Aebtissi n. Unselige! Johanna. Ich glaubte es zu sein. Allein bedenkt, hochwürd'ge Frau, noch bin Durch kein Gelübde ich gebunden, und Das Kloster öffnet mir noch seine Pforte. A e b t e s s i n. O wäre jene Stunde nie erschienen, Wo ich aus diesen Mauern Dich gelassen. Die Welt nicht kennend, wärest glücklich Du Geblieben, und der Schmerz wär' Dir erspart. Johanna. Warum denn Schmerz? Bei allem Bangen, das Mir durch die Brust gebebt, als ich den Schlag Von seinem Herzen an dem meinen fühlte. War ich so glücklich, wie ich's nie geträumt. So glücklich, wie sich der allein nur fühlt. Den auf dem Bett voll herber Todesqualen Der Fricdeusengel plötzlich angehaucht, Und der sich jetzt erhebt zu lichten Sphären Wo selige Geister ihm entgegen schweben. Aebtissin. Ich weiß, mein Kind, es wachen Stimmen auf, Und singen lockend unser Herz in Schlummer; Die ganze Zukunft ist ein Blumengarten, Bis rauh die Gegenwart die Arme ausstreckt. Die Blüthen bricht, und alle Sonnenstrahlen In sturmeSdroh'nde Wetterwolken einhüllt. Johanna. So kann's nicht kommen. Aebtissin. Es kann, cs wird und muß. Willst Du die Mauern, Deine Wiege, meiden, Die frommen Schwestern, welche Dich geliebt, Und willst hinausziehn in die fremde Welt? Johanna. Ich liebe Euch wie meine Mutter, ach 24 Vielleicht noch mehr; denn wie man diese liebt, Das weiß ich nicht, es ist mir fremd geblieben. A e b t i s s i n. Das kannst Du sagen, hier an meiner Seite? So lang' Du denken kannst, lebst Du bei mir, Von mir gepflegt, beschützt, von mir geleitet, Bon mir geliebt, wie nur die Mutter liebt. Willst Du mich meiden , willst Du so mich kränken? Jo Hanna. Vergebt, vergebt! Allein ich kann nicht anders. Aebtissin. Und wenn Du müßtest? Johanna. Wer kann den König zwingen? Aebtissin. Das Schicksal, denn auch er ist Mensch. Entsage! Noch kannst Du diese Krone Dir erringen, Freiwillig noch den Kampf mit Dir beginnen, Noch kannst Du es, doch bald wird es zu spät. Johanna. Ich liebe ihn, wie kann ich da entsagen? Aebtissin. Die Liebe, die zum Erdensohne leitet, Eie hat für Dich nicht Kränze, keine Blüthen. Nicht einer einz'gen Freude armen Strahl; Sie hat nur Schmerz für Dich und tiefen Kummer. Verschließe ihr die Pforten Deines Herzens; Dein Leben sei dem Ewigen geweiht. Johanna. Dem ist es auch geweiht mit meiner Liebe. Denn sein Gebot, sein Wesen ist ja: Liebe. Aebtissin. Entsage, Kind, entsage! Johann a. Nein, ich kann nicht. Ae btissin. Nothwendigkeit, so habe Deinen Gang! — Du mußt, denn Deine Liebe ist Verbrechen! Johanna. Verbrechen? Aebtissin. Ja. Noch bist Du ohne Schuld, Im nächsten Augenblicke nicht, wenn Du Den sündigen Gedanken nicht bekämpfest. Die Schuld der Eltern rächt sich an den Kindern. Du bist des Königs Tochter, und der Prinz, Er ist Dein Bruder. Johanna (sinkt auf die Knie). Weh' mir! Ewiger Gott! Und heute kommt er! Aebti ssin, Nie darfst Du ihn sehen. Johanna. Der Traum war schön, und nun erwacht, erwacht! Und wer ist meine Mutter, lebt sie noch ? Aebti ssi n. Du hast den Schmerz in seiner Bitterkeit Gefühlt, nimm auch den Kelch der Labung hin. Sieh', Deine Mutter war, wie Du, unglücklich, Und mehr noch, mehr, wie Du, Johanna, doch Sie trug den Schmerz, wie ihrer Schuld Bewußtsein. Johanna. Und jetzt? Aebtissin. Es hat Dich Deine Liebe nicht getäuscht, Die mächtig Dich an meine Seite zog. An meinem Herzen, Mädchen, ist Dein Hafen. Denn ich bin Deine Mutter. Johanna. Gott, mein Gott! Nach allen Schmerzen naht mir Deine Milde.. (Sinkt der Aebtissin weinend in die Arme, und geht dann ab). Aebtissin. Da geht sie hin, und wie mit Todesqualen 25 Umhaucht der Schmerz ihr thränenmüdes Haupt. Die Schuld der Mutter sinkt auf ihre Seele, Das reine Lamm muß das Verbrechen sühnen. Doch wo ist Rettung in dem Drang der Stunde? Zch kann sie vor dem Prinzen nicht bewahren, Und kein Sekundenschlag darf ungenützt Verhallen!-Licht! ha der Gedanke kommt Von Oben! Heute ist der Todestag Der Königin, Guiscard betet in der Gruft. (Sie klingelt, Anna tritt ein). Hat sich der König eingefunden? Anna. Ja, hochwürdige Frau. Aebtissin. So bitte ihn, zu mir zu kommen. (Anna ab). Von meiner Schuld nahm ich den Schleier weg. Der König mag sich seinem Sohn entdecken, Die einz'ge Rettung ist's aus diesem Jrrsal, Das über unser Leben sich gebreitet. Sechste Scene. Der König. Aebtissin. Guiscard. Verzeiht, cs wünschte die hochwürd'ge Frau Aebtissin mich zu sprechen. Aebtissin. Mein Herrmann; kennst Du mich denn nicht mehr? Guiscard. O Gott! Du bist's. Dein Aug' und Deine Stimme, Sie rufen die Vergangenheit herauf, Und ach! mit dieser nahet meine Schuld. A eb tissi n. O Herrmann, sprich nicht so. Guis card. Nicht diesen Namen, Er schlägt wie Wetterstrahlen in mein Herz. A ebtissin. Du hattest diesen Namen angenommen, Und mit Dir ist auch er mir lieb geworden. Ich sprach ihn nicht als Vorwurf für Dich aus, Denn niemals Hab' ich Dir gezürnt. Guiscard. Du Engel. O warum war ich damals schon gebunden! Aebtissin. Laß die Vergangenheit versanken sein. Wahr ist's, das Samenkorn der Schuld, es wuchs, Und unsre Kinder ernten seine Früchte. Gu i scard. Ach unser Kind, o könnte, ich es sehen! Aebtissin. Das Mädchen lebt im Kloster als Novizin. Verstoßen von dem Vater zog ich fort, Im Kampf' mit Armuth und mit Niedrigkeit, Bis ich in dieses Land gekommen war. In einer Hütte ward Dein Kind geboren. — Zur Todesnahen kam mit milder Tröstung Die frühere Aebtissin dieses Klosters. Sie Pflegte mich, und als nach langem Kampfe Mir dämmernd die Gesundheit wieder kehrte, Trat ich als Schwester ein in diese Mauern. Mein Kind ward dann als Findling ausgenommen, Und Niemand dachte, daß die Namenlose Die Bastardtochter eines Königs sei. Zehn Jahre später starb die fromme Frau, Die mir, der Sterbenden, einst tröstend nahte, Und im Convente fiel die Wahl auf mich; Du selbst hast Ring und Insul mir bestätigt. Guiscard. Persönlich hätt' ich Dich belehnen sollen, Allein ich schloß von jedem Fest mich aus; Nur den Erinnerungen stille lebend, Wenn mich die Pflichten für mein Volk nicht riefen, Doch gestern, wo mein Sohn vom Heeres- zuge Siegreich zurückgekehrt, ging ich zum Dome. rs A e b t i s s i n. In diesem Krieg hast Du und er gesiegt, Allein der Lorbeerkranz, bestimmt dem Helden Von dieser Hand, die einst Dir theuer war, Er hat zum Dornenkranze sich verwandelt. Gu iscard. Was ist geschehen, sprich. Aebtissin. Die Halbgeschwister, Sie haben sich gesehn und lieben sich. G u i s c a r d. Gebunden ist das Mädchen an das Kloster, Und wenn sich ihre Wege nimmer kreuzen, So werden ihre Herzen Heilung finden. A e b t i s si n. Wohl heilt die Zeit, allein die Leidenschaft Kennt keine Bande, di« ihr stark genug. Noch gestern überstieg Dein Sohn die Mauer Des Klostergartens, sah und sprach Johanna, Und will sie zu sich auf den Thron erheben. Gu iseard. Entsetzliches Lerhängniß! Wo ist Rettung? Cäcilie, hat Deine reine Seele Noch nicht erkannt, was recht und nöthig ist? Aebtissin. Erkannt und auch gethau so weit ich's konnte. Wenn jede Hoffnung in das Grab gesunken, Dann löst sich aus in heißer Thränen- stuth Das schärfste Leid, das unser Herz getroffen, Und es wird ruhig, was unmöglich ist, So lang' ein Ziel, und sei es noch so ferne, Dem Menschen als ein Heller Leuchtthurm winkt. Und ihn zu immer neuen Kämpfen treibt. Gu iscard. Ja, dann tritt eine Grä-erstiüe ein, Und mit Verzweiflung ist die Ruh' verwandt. Aebtissin. Ich zog Len Schleier ab von dem, was ihr Ein ewiges Geheimniß bleiben sollte, Ich sagte ihr, wer ihre Eltern sind; Und das Verbrechen ihrer Lieb' erkennend, Wird sie auch Kraft, sie zu besiegen, finden. O Herrmann, sage Deinem Sohn dasselbe. Guts car d. Kann ich dem Sohne meine Schuld bekennen ? Aebtissin. Ich hab's vermocht, ich Hab' den Stolz besiegt, O König, sei nicht schwächer als ein Weib. Gnis card. Uud gibt es keinen andern Weg? Aebtissin. Warum Wählst Du den sichern uud geraden nicht? Guiscard. Ich kann mich dazu nimmerrnehr entschließen. Aebt issin. Welch einen Pfad Du immer gehen wirst, Nicht einer führt so sicher Dich uud schnell. Guiscard. Er liebt mich, wie ein Sohn nur lieben kann; Wird er' nicht, wenn sein Vater vor ihn tritt, Und jede Saite seiner Brust berührt, Die auflöst unser Herz in Harmonie, Wird er dann nicht der warmen Bitte weichen, Dem Flehen seines Vaters sich ergeben, Und ihm das Opfer seiner Liebe bringen? Aeb tissin. Tritt aus dem Kreis der Gegenwart, und schau Zurück in Deines Iugendlebcns Zeit. . Tann leg' die Hand aufs Herz und frage Dich: Ob Du die Kraft besessen, dieses Opfer Der Ruhe Deines Vaters darzubringen? G u iseard. Nein, nein! ich hält' es nie gethan, unt er, Das fühle ick. er wird cs auch nicht thun. Weicht er der Bitte nicht, vielleicht dem Fluche. 27 A e b t i s s i n. O Herrmann, Herrmann! den Gedanken tödte. Auf unsrer Liebe liegt schon so viel Fluch, Daß wir ihn selber nicht vermehren sollten. Du hast, wie ich, den schweren Druck erfahren, Den er auf's Herz des Lebens wirft, warum Willst Du die Kinder nicht vor ihm bewahren ? G u i s c a r d. Es soll nur Drohung sein. Aebtissin. Nicht einmal diese. Geh' Du den Weg der Güte, weil Du kannst, Und öffne nicht der Härte Deine Seele; O laß den Frieden Andern, der uns fehlt. G u i s c a r d. Soll ich die Schuld, die lang' im Sarge lag, Jetzt selber führen an das Lickt des Tages, Und ihr erbleicht Gespenst herauf beschwören? O laß mich früher jedes Mittel prüfen, Und dann zuletzt erst Deinen Rath befolgen. Aebtissin. Thu' wie Du willst, doch wird die Zukunft lehren, Ob Deine Wahl die rechte war. Jetzt, Herrmann, Da Alles Du erfahren, laß uns scheiden. G u i s c a r d. Werd' ich Dich Wiedersehen? ' Aebti ssi n. Niemals wieder. Die Klosterpforte scheidet uns auf ewig. Für uns gibt's einen Pfad nur, den der Buße. G u i s c a r d. O hättest Du die Qualen sehen können, Die mir Dein unglückselig Loos bereitet. Aebtissin. Ich weiß. Allein, mein war die Schuld wie Dein. So mußten meine Thränen, Deine Qualen Als Opfer in dieselbe Schaale finken. G n i s c a r d. Zum letzten Male sahen wir uns jetzt! Aebtis sin. Du weißt, wenn die gefürstete Aebtissin Im Sarge liegt, kann ihr der König nah'n, So wie sie an des Königs Sarkophage Für seine Seele betet. Diese Zeit Bringt uns ein Wiedersehn. Leb' wohl, leb' wohl. Guis card. Du Heilige leb' wohl, bis aus dem Grabe Vereinigung mit Blumenkränzen naht. (An der Thür wendet er sich gegen die Aebtissin, tritt einige Schritte mit ausgebreiteten Armen auf sie zu, dann bedeckt er das Gesicht mit beiden Händen und geht schnell ab). Aebtissin. So hast Du wieder eine Prüfungsstunde An meiner Brust vorbeigeführt, o Gott! Ich danke Dir. (Langsam ab). Siebente Seene. Garten im königlichen Schlosse. Prinz Oscar. Der Ritter. Ritter. Gesprochen schon, und sie, sie liebt Euch wieder? Held mit dem Schwert, wie mit der Liebe Rosen, Dich hat Natur zum Herrscher auserkoren. Prinz. Wenn Du das holde Kind gesehen hättest, Ein Seraph kann in Schönheit mehr nicht strahlen. Ritter. Nun das versteht sich wohl von selbst, mein Prinz, Daß die Geliebte mindestens ein Engel, Und ihre Augen ew'ge Sonnen sind. Prinz. Und Du, Du spottest wieder. Ritter. Das mag sein, Doch bös ist's nicht gemeint. Prinz. Mir winkt ein Ziel, Wie selten es ein Sterblicher erreicht! rs Ein Dasein an der Seite. solchen Wesens, Ein gutes Volk, für dessen Glück ich leben, Das ich zum Ruhm, zur Größe führen kann. Ritter. Und Alles schon so sicher und so nahe, Daß Eure Hand nur darnach greifen darf, Die Kränze alle auf das Haupt zu drücken ? Prinz. Ich weiß, manch schwerer Kampf steht mir bevor. Ritter. Der erste Gegner das ist Euer Vater. Prinz. Wird er des Sohnes Glück vernichten wollen? Ritter. Das nicht: er aber hält es nicht für Glück, Wenn Eure Wege Liebeskränze schmücken. Glaubt mir, die Jugend und das Alter sehn Mit andern Augen Glück und Leben an. Prinz. Ich kenne seines Wittens feste Kraft, Wenn er sich mir entgegen stellen würde. Ritter. Dann zeigt, daß Ihr sein würd'ger Sohn geworden. Und lasset dem Verhängniß freien Lauf. Pr i nz. Er ist mein Vater. Ritter. Der Euch Leben gab. Ich kenne die Alltäglichkeit der Tugend! — Für Leben fordert er das Leben selbst Mit seinen Blüthen, seinen Früchten allen, Und wenn ein Feigling dann aus Schwäche nachgibt, So nennt man ihn den tugendhaften Sohn. Prinz. Spricht nicht der Haß aus Dir? Ritter. Die Wahrheit nur. Und die hat manchmal Aehnlichkeit mit ihm. Wenn Ihr das Mädchen liebt, so muß sie Euch Mehr sein, als Vater und als Königreich. Faßt nur den Muth, für Euer Lebensglück Zu kämpfen, sei's auch mit der ganzen Welt. Prinz. Auch wenn ein Vater unser Gegner ist ? Ritter. Warum denn nicht, wenn er uns feindlich naht? Prinz. Wenn eine Bitten ihn bewegen könnten! Ritter. Dann wär' es um so besser für Euch beide. Prinz. Allein, wenn nicht, wenn Alles ist umsonst? Ritter. Was unvermeidlich ist, erträgt der Mensch, Drum wird der Kluge ihm die Wahl ersparen. Wenn nicht die Bitten Euren Vater rühren, So überredet dann zur Flucht das Mädchen. Auf einem Eurer Schlösser lebt sie sicher; Und seid Ihr durch den Priester erst verbunden, So scheitert selbst des Königs fester Wille. Prinz. Mein Vater kommt, laß mich mit ihm allein. Ritter (im Abgehen). Die Drachenzähne wären ausgesäet. Achte Seene. König Guiscard. Prinz Oscar. Prinz. Mein Vater, wollet Ihr Gehör mir schenken? Guisc ard. Bevor Du redest, höre meine Worte. Voran dem Menschen geht der Königssohn, Denn er soll sich dem Ganzen unterwerfen. Prinz. Ihr seid so ernst. Guiscard. Wie es die Sache fordert. 29 Du weißt, wie wir im ew'gen Kriege lebend, Mit diesem Nachbarvolk, das jetzt besiegt zwar, Bald aber sich gestärkt erheben dürfte. Prinz. Gott wird dem guten Rechte Sieg verleihen. G uis c ar d. Frag' Du die Weltgeschichte, ob dieß immer Der Fall gewesen, und da es so nicht ist, So hast Du keine Bürgschaft für die Zukunft. — In Dir der Ahnen würd'gen Enkel kennend, Löollt' ich Dir Krön' und Scepter überlassen. Prinz. Wie könnt' ich jetzt dieß große Reich regieren, Zum Mannesalter kaum herangereist? G u i s c a r d. Dieß wohl erkennend, ward mein Sinn geändert; Doch sollst Du Last und Lust des Purpurmantels Frühzeitig durch Erfahrung! kennen lernen. Das Land, das uns Dein tapfres Schwert erobert, Nimmst Du als Lohn von Deines Vaters Hand, Bis er, zu seinen Vätern heim gegangen, Das ungetheilte Reich Dir überläßt. Prinz. So gütig, wie Ihr immer seid gewesen, Seid Ihr es auch in dieser Stunde mir. Es darf mein Herz die Hoffnung kühn ergreifen, Daß Ihr mein höchstes Glück vollenden werdet. Gu isca rd. An meinem Willen darfst Du niemals zweifeln, Wenn nicht das Schicksal anders hat entschieden. Allein, mein Sohn, noch sind wir nicht - zu Ende. Du findest dort das Volk feindlich gesinnt, Und einen Adel, der beliebt und mächtig. Den aufgedrungnen fremden König bald 2n offener Empörung wird bekriegen. Um dieses Reich dem unfern zu verbinden, Den Frieden aber beiden zu erhalten, So sollst Du um die Königstochter freien. Prinz. Nein, nein! G u i s c a r d. Ein Wort, zum erstenmal gebraucht Von Dir, und gegen mich, dem Herrn und König! Pri nz. Mein Vater, gegen Gott, wenn er mich fragte. Gui sca rd. Nicht nöthig ist cs, jeden Vortheil Dir Zu zeigen, den uns die Verbindung bringt; Du selber weißt zu prüfen und zu wählen. Prinz. Und darum. Vater, dringet nicht darauf. Was nie geschehen wird und kann. G u i s c a r d. Warum? Prinz. Nicht heute laßt mich darauf Antwort geben. G u i s c a r d. Den schlechten Grund wird nicht die Zeit verbessern. Prinz. Der Grund ist gut, mein Vater, doch ich glaube, Ihr habt die Stimmung nicht, mich anzuhören. G ui s ca r d. Auch dann wird eine gute Sache siegen. Prinz. Nie werd' ich die Prinzessin lieben können. Gu iscard. Das ist kein Grund für einen Königssohn. Schick Du die Liebe in die niedre Hütte, Daß sie dort leuchte. eine Helle Sonne; Ein andres Licht bedarf der Glanz der Krone, Und der allein beseele Deine Brust. Prinz, Du sollst die Wahrheit hören, Vater, dann Entscheide, ob ich anders handeln kann. G u i s c a r d. Kein übereiltes Wort, das, ausgesprochen, Aus Eigensinn behauptet wird. 80 Prinz. Ich liebe. Guis ca r d. Zeigst Du mir die Geliebte Deiner Seele Vom Purpurglanz, vom Diadem geschmückt, Dann sei sie mir willkommen. Ist sie's nicht, So laß mich niemals ihren Namen hören. Prinz. Suchst Du die Tugend nur auf einem Thron, Die Schönheit nur von Perlenschmuck umgeben ? O nein, mein Vater, Du denkst niedrig nicht. Guis car d. Davon nichts mehr. Pri nz. Im Kloster Sancta Clara, Da lebt ein einfach Mädchen als Novizin, Und dieses liebe ich. G u i s c a r d. Das darf nicht sein, Denn nimmer kannst Du sie mit Dir vermählen. Prinz. Das steht so unabwendbar mir im Herzen, Daß selbst die Liebe, die ich zu Dir hege, In dem Beschloßnen mich nicht wankend macht. Guisc ard. Kannst Du nicht mir, dem Land dieß Opfer bringen? O es ist schön, sich selbst beherrschen können, Und auf den Weihaltar des Volkes legen Den schönen Traum von einem kurzen Glück. Prinz. Du nennst die Liebe einen schönen Traum, Ein kurzes Glück! Hast Du sie nie gekannt, Wie sie beseligend in's Leben dringt, Ein Himmelsglück dem armen Menschen bringt, Und erst zum Paradies die Erde macht? Guiscard. Ich kenne sie. Allein ein größres Ziel Steht vor dem König, als er selber ist; Doch laß uns nicht vom Staate reden, Sohn, Nein, Mensch zum Menschen, und so höre mich. Du weißt, wie seit der Kindheit ersten Tagen, An Dir nur meine ganze Seele hing, Wie ich Dich liebte, und mein höchstes Glück In Deinem fröhlichen Gedeihen fand, Das weißt Du Alles. Wenn Du nun bedenkst, Wie jetzt der Augenblick gekommen ist, Wo Du den Vater glücklich machen könntest, Mein Sohn, wär' dieses Opfer Dir unmöglich? Prinz. Mein Leben würde ich zum Opfer bringen, Nicht aber meines Lebens Glück. Was liegt In meiner Liebe so Unseliges, Daß ich das Mädchen, diesen Erdenengel, Auf einen Erdenthron nicht heben soll? Guiscard. Laß ab von diesem thörichten Beginnen, Und höre meiner Bitten Warnungsstimme. Prinz. Aus Niedrigkeit sind oft schon Königinnen Entsprossen, warum soll's nicht diese auch? Guiscard. Ich sage Dir, es kann und darf nicht sein! Prinz. Sag' Deine Gründe, überzeuge mich, Daß unrecht ist mein Wunsch, wie meine Sehnsucht. Guiscard. Es hört die Leidenschaft auf Gründe nicht, Drum laß mich nur zu Deinem Herzen reden, Bring' mir dieß Opfer, Sohn, mein theures Kind; Laß ab von dieser Liebe Zauberschein, Und nimm dafür die schöne Wirklichkeit, Die Königskrone, die ich bieten kann. — Doch nein, ich weiß. Dich locket nicht die Macht, So leg' ich den Gedanken in die Schale, Daß Du den Vater glücklich machen kannst. Daß er Dich ehren wird, wie man nur Menschen, Die uns an Größe überragen, ehret. O Sohn, mein Kind, die Freude Deines Vaters, 31 Wird Dir aus seinem Grab' als Rose blühen. Sein Segen wird Dir Gottes Segen bringen, Und manche schwere Stunde Dir verschönen. Prinz. In meine Brust dringt Euer Wort gewaltig, Doch kann mein Herz in diesem Kampf nicht wanken. Guiscard. Willst Du den Vater vor Dir knieen sehen? Prinz. O nicht erniedert Euch, es war' umsonst! Guiscard. Dein letztes Wort? Prinz. Mein letztes, Vater, ja! Guiscard. Verschmähst Du mich, so nimm denn meinen Fluch! Prinz. Ich nehme Euren Fluch, und so lebt wohl! (Lb.) Guiscard (sinkt auf die Rasenbank). Cäcilie, Du reines Herz voll Klarheit, Du haltest recht, Dein Wort ist Wahrheit! Der Vorhang fällt. Dritter Act. Garten des Schlosses. Tiefer Abend. Erste Seerre. König Guiscard sitzt in Gedanken verloren. Isaura. Jsaura (nachdem sie den König betrachtet). Du bleicher K önig, naht Dir auch der Kummer ? Guiscard. Wer ist's? Wer störet mich? Ihr seid's, Isaura? Isaura. Die Einsamkeit des Abends lockte mich In dieser Baume finstern Schatten; finster, So wie mein Leben. Meines Vaters denkend, Ter stolz und froh auf seinem Throne saß. Kam mir Erinnerung vergangner Zeiten. Wie ist der Thron so schön, so schön die Krone, So gottcsglcich die Allmacht eines Scepters! Der Thron zertrümmert und die Krone fort, Zerbrochen wie ein schlechter Stab mein ' Scepter; Das denkend, kam ich kummervoll hiehcr, Und tiefer Schmerz bewegte meine Brust! Da find' ich einen gramgebeugten König, Nichts schimmernd an ihm, als im Aug' die Thräne; Zwei Kronen trägt er, und auch ihn faßt Schmerz! Nicht Mitleid weckt's in mir, mir ist's ein Trost. Guiscard. Weib, höhnst Du mich? Jsaura. Warum Dich höhnen, König i Weil Du im Purpur noch ein Mensch geblieben, Der auf des Herzens gramgesengte Blumen Den matten Lind'runzsthau der Thränen gießt. Dich höhnen? Nein, mein König, Dich bedauern. Guiscard. Bist Du so stark, daß Du im Kampf bestehst, Wenn all' Dein Liebstes feindlich sich erhebt? Jsaura. Kampf gegen Kampf! Ich würde mich bewaffnen, Bewaffnen mit des Stolzes hartem Stahl, Und die Gefühle müßten unterliegen. Räumst Du dem Herzen so viel Stimme ein, Dann muß Dein Kopf mit sichern Waffen fechten, Sonst wird er sich in Sclavenfesseln schmiegen. Guiscard. Ja, Du hast recht. Man sollte die Gefühle Bekämpfen können, wie das Thier der Wildniß, Die Liebe zu den Kindern, wie zur Braut, Und hart sein, hart und kalt, wie das Metall. Jsaura. Ich habe Alles, Alles todt gerungen. Das einst in mir in Sanstmutk aufgestanden. 32 MS Kind verschmähte ich die Mädchenfreundschaft Als Jungst au unterdrückte ich die Liebe, Und in dem Herzen lebte e i n Ziel nur, Der Herrschaft weiter, nie beschränkter Kreis. Kein andrer Punkt ist für mich in der Schöpfung, Als nur der Thron; kein Stern verleiht mir Glanz, Als eines Königs funkelnd Diadem. Guiscard. Wie kann ein Weib so felsenherzig sein, Als selten eines Mannes harte Brust? I saura. Mein Element ist unbegrenzte Freiheit, Und wo mir diese fehlt, muß ich verderben. Mein Vater hatte nie mein Thun gehindert. So wuchs ich auf, ein Mensch, ein Herr der Erde. Guiscard. Und Sclavin Deiner selbst, weil Du nicht lerntest Den eignen Willen Dir zu unterjochen. I saura. Mag sein; doch kann ich so nicht leben, wie Mein Dasein jetzt im trägen Gange wankt. Ich kämpfte mit dem Schwert, ich wollte sterben, Allein umsonst, es trat der Tod zurück; Ich wollte selbst mich tödten, aber nur Der Feige unterliegt der eignen Klinge. O König, tödte mich! Guiscard. Ich bin kein Mörder. Jsaura. So gib mich frei! In Waldeseinsamkeit, Mit Thieren um die arme Nahrung kämpfend, Doch frei, frei! keinem Menschen unterworfen, So laß mich leben, und ich will Dir danken, Wie Gott man dankt für seine höchsten Gaben. Guiscard. So werde frei. Jsaura. Ist dieses Wahrheit, König? Guiscard. Mein tiefster Ernst. Doch nicht die nackte Freiheit, Geh' heim und nimm Dein Reich, wie - . Deine Krone. Jsaura. Du König willst mich auf den Thron erheben, Gibst mir die Krone, mir Gewalt und Macht, Gibst mir ein Volk, das mich auf's Höchste liebt, Und fürchtest nicht, ich werde mich bewaffnen, Wenn an mein Lager tritt der todte Vater, Und seine blut'gen Wunden Rache fordern? Du fürchtest nicht, daß kampfgeübte Schaaren, Von mir geführt, bald vor Dir stehen werden, Und neuer Krieg die Schlangenarme breitet, Den Völkerfrieden tödtend zu umschlingen? G u iscard. Ich fürchte nichts von Dir. Ein starkes Herz, Das so gewaltig, wie das Deine schlägt, Kann nimmermehr in Undank sich erniedern. Jsau r a. Bei Gott! Du hast Dich nicht getäuscht, mein König! Im treuen Bunde steh' ich Dir zur Seite, Was Dich bekriegt, als eignen Feind betrachtend, Nicht ein Gedanke stehe gegen Dich In Waffen. Meine Kniee könnt' ich beugen, Die Hände betend auf zu Dir erhoben, Zu Dir, der groß ist, wie ein Gott. O wann Kann ich zurück in meine Heimath ziehn? Guiscard. Dein ist die Krone; kann der Königin Ich einen Augenblick im Wege stehen? Jsau ra. Dann schaut das Morgengrauen meine Fahrt. (Ab). Guiscard. Selbst elend, könnt ich doch ein Herz beglücken. Zweite Seerre. Voriger. Der Ritter naht. Guiscard. Ihr, Ritter, noch in dieser Stunde? s» Ritter (ist eingetreten). Verzeiht, allein ich muß Euch stören, Herr. Ein König darf sich nicht nach Ruhe sehnen. Gui Scard. Wenn er noch Vater ist, dann um so mehr. Doch redet, Wichtiges habt Ihr zu künden, Das zeigt mir diese Stunde an. R it ter. Ja, König, wichtig: denn was ich Euch sage. Trifft Euch gleich schwer als König, wie als Vater. GuiScard. Du willst von meinem Sohne reden; rede. Ritter. Ihr wisset schon um seine Liebe, Herr. Gu i scard. Ja, diese unglücksel'ge Liebe ist Der feuerdrohende Komet am Himmel, Der selbst nicht tödtet, doch die Furcht vor ihnu Ritter. Ihr drohtet Eurem Sohne mit dem Fluch. G uiScard. Ich hab's gethan; doch Gott wird mir verzeihn. Ritter. Auf Euer Haupt ist wohl kein Fluch gefallen, Mit seiner Last, die einen Engel tödten, Ihn dcr Verzweiflung überliefern könnte; Jbr hättet sonst den Fluch nicht auSge- ' sprechen. Gui scard. Mensch, warum trittst Du in der Mitternacht, Wie meines eigenen Gewissens Stimme, An meine Seite mahnend? Laß von mir! Ritter. Nicht Euch zu mahnen oder Euch zu quälen Bin ich gekommen. Wie sollt' ich eS auch? G u i s c a r d. Nun denn, so redet, Ihr habt mich gesucht. Ritter. Wie stets die Härte unerbittlich reizt, So ist Oscar auf's Aeußerste gebracht. ! Diener Theater-Repertoir. XIV. Und fremd seid Ihr für immer ihm geworden. G u i s c a r d. Nein, nein! Es kann der Sohn dem Vater wohl Auf Augenblicke zürnen, doch nicht immer. Die Liebe, die in seinem Herzen lebt, Kann sich, der Sonne gleich, in Wolken hüllen, Für eines Tages kurzgemeßnen Raum; Doch bald wird ihrer Strahlen Siegeskraft Ausrichten sich in dem gewalt'gen Kampfe, Und Heller strahlen, wie der Diamant. Ritter. Nun denn, so schaut ihr erstes Morgendämmern. Der Vaterfluch war eine Donnerstimme, Die tief in ihm den Löwen wach gerufen; Nun strecket er die mächt'gen Pranken aus. Troß gegen Trotz, an Eurer Güte zweifelnd. Ist er zum Aeußersten entschlossen, und In seiner Liebe nur das höchste Glück Erkennend, wirft er in die schwanke Schale Den Vater selbst, so wie das ganze Sein, Die Wirklichkeit, um einen Traum zu finden. Guiscard. Wie Geisterlaute wehen Eure Worte Vorbei an meiner Seele unverstanden, Und doch erfüllen sie mit Grauen mich. Ritter. So nehmt die Lösung. Noch in dieser Nacht Will Euer Sohn das Höchste sich erringen, Johanna aus dem Kloster holen, und Aus einem seiner Schlösser dann verbergen. Gui Scard. Die hohen Mauern und verschloßnen Thore — Ritter. Die Liebe' fragt nach Schloß und Riegel nicht, Sie bebt nicht vor Gefahr, vor keiner Drohung; Das Alles habt Ihr selbst erfahren, König! Und hier ist kein so großes Hinderniß. Im Klostergartcn ist ein kleines Pförtchen, Von dem man leicht dje Riegel hauen kann. 3 »4 G uis car d. Mein Sohn, mein Sohn ein Kirchenräuber, Herrgott! Mit einem Male bricht die Rache ein. O Deine Blitze fallen auf dieß Haupt Zerschmetternd nieder, und ich unterliege! Ritter. Wie, faßt den Alten jetzt schon Wahnsinn an? Am Anfang meiner Rache? Nein, nein, nein! Nur einen Augenblick noch laß ihn; Hölle! Nur eine Spanne Zeit, dann sei erdein! Laß frei sein Haupt Verzweiflung: Noch ist es Zu früh, zu früh; der Kelch ist nicht geleert, Die Hefe, König, sollst Du nicht ersparen. (Faßt ihn an). Fluchfert'ger Vater, geh zurück in's Leben! Gui scard. Mir graut vor Euch. Wie giftgeblähte Schlangen Umzuckcn Eure Blicke meine Seele, Uod haben Kraft, hie Sinne zu verwirren! Ritter. Euch täuschet nur der Lampe fahler Schein. Doch, König, raffet Eure Kraft zusammen. Guiscard. Habt Ihr, der Freund, ihm denn nicht abgcrathen? Ritter. Als ob die Leidenschaft auf Mahnung hörte! — Roch ist der Vorsatz nicht zur That geworden, Noch hängt die Lösung ab von Eurem Willen. Noch habt Ihr eine Stunde Zeit, mein König, Dann will der Prinz das Unternehmen wagen, Und, glaubet mir, dem Kühnen wird's gelingen. GuiScard. Wohl wahr. Wo ist er ? Hin will ich zu ihm. Ritter. Iu dem Moment, wo er die That vollbringt, Könnt Ihr am sichersten sie Hintertreiben. Der schmale Weg, der aus dem Walde führt, Bringt Euch zu jener Pforte, die ich meinte. Leicht werdet Ihr sie öffnen. Wartet dann. Bis aus der Kirche alle Nonnen sind, Dann wird der Prinz erscheinen. Siebt er sich Mit einem Mal vom Ziele weggeriffen, So wird er sich demselben nimmer nahen. Guiscard. Gott gebe, daß es sich zum Besten wende. Euch sag' ich meinen Dank. Kommt Ihr ' mit mir? Ritter. Ich bin des Prinzen Freund und geh mit ihm. Guiscard. Sein Freund, und habet ihn verrathen? Ritter. König' Senk' Deinen Blick hinab in's- eigne Herz, Und rede nimmer von Verrath. Ist das Verrath, wenn diese That ich hindere? — Thut was Ihr wollt. Es wäre schöner auch. Wenn Ihr den Fluch vom Haupt des Sohnes nehmet, Und ihm das Mädchen seiner Liebe gebt. Guiscard. Nein, nein! O schnell, eh' es zu spät geworden! Ritter (mit tiefer Ironie). Gönn' ihm das Glück der Liebe, was Du selber Auf Deines Lebens Pfad gefunden hast. Guiscard. Wenn ich es könnte, ach wie gern ge- schäh' es! Das Kind der Niedrigkeit würd' ich erbeben Auf diesen Thron, wenn es mir möglich wäre, Nur nicht Johanna, o nur diese nicht. Ritter. Warum denn nicht dieß reine, liebe Kind? Das besser ist, wie manche Königin. Guiscard (außer sich). Johanna ist mein Kind! Ein Kind der Sünde! (Ab). rs Zweite Seerre. Ritter (allein). Johanna Deine Tochter! Mann.'o Mann! Die Rache wird gewalt'ger, als ich dackte; Der Zufall wirkt mit Eisenarmen mit. Ist sie vielleicht Cäciliens Tochter? Lebt Die arme, fluchbeladne Schwester noch? Jetzt kann ich ihn bis auf den Tod verwunden, Und will es auch. D.n Wahnsinn will ich werfen In seines Hirnes gramdurchwühltes Haus. Es soll Verzweiflung ihre Wurzeln schlagen Zn seines Herzens Grund, bis er im Selbstmord Die ew'ge Seligkeit sich selber raubt. Und Oscar falle mit in diesem Sturm Der Rache, die ein Könighaus zerstört; Er soll die eigne Schwester frevelnd lieben, Bis er, dem Vater fluchend, untergeht. (Ab). Dritte Scene. Klostergarten. — Pause. (Choral der Nonnen). Guisc ard (kommt langsam). Es hat sich Alles, wie er sagt', gefunden. — Einsam die Nacht, so wie im Grabe einsam, Und durch die Stille wandelt der Gedanke Unhörbar, flüchtig auf den leichten Sohlen, Erbebend vor sich selbst. Bei Gott! mir graut, Denk' ich an meines Lebens nächste Stunde; Denn die Vergangenheit, mit Fluch bewaffnet, Steigt aus des Grabes ausgesprengrer Pforte, Und tritt gespensterhaft an meine Seite, Und schaut mich an mit eingesunknen Augen, Und mahnt mich an des Sarges dunklen Raum, Wo für die Sünder keine Ruhe ist. (Es wird geläutet). Die Glocke tönt; sie rufet zum Gebete Die frommen Frauen und Eäcilie, Das Opfer meiner Leidenschaft, mit ihnen. Eäeilie. Johanna, Doppelstrahlen, Die von der Erde jetzt zum Himmel leuchten Im sternenslammigen Gebete, betet Für mich, den Sohn der Sünde und des Fluches. (Kniend). O Gott der Gnade und Barmherzigkeit! Du zähltest meine Thränen, meine Qualen. Du kennest meine Schmerzen, die Verzweiflung, Die ihre Wurzeln mir im Herzen schlug. Du kennst sie, Herr. O laß die Erdenqualen Ein Theil der ew'gcn Strafe sein, und ende Mit meinen Sünden, Gott, nach Deiner Milde. (Steht auf. Pause). Weh' mir! die Pforte knarrt. Jetzt steh' mir bei. Es ist mein Sohn, mein unglücksel'ger Sohn. Vierte Scene. Prinz Oscar. Der Ritter. Der Koni g. Prinz. Wie Wetterschwüle zieht's durch mein« Seele, Und ruft mir zu: es ist nicht recht gethan. Und bald glaub ich es selbst. Woher denn sonst Durchbcbte meine unerschrockne Brust Dieß Bangen? Ritter. Bald wird der Kirchendienst zu Ende sein, Dann kurz besonnen, rasch gehandelt, Herr: Denn unbezahlbar sind uns die Minuten. Guiscard (tritt ,'Hm entgegen). Halt! Ritter. Verralb! mein Prinz! Prinz (stößt den König nieder). Auch dem ist zu begegnen. S* 3 « G uisc ard (sinkt zu Boden). Oscar! mein Sohn, mein Sohn! O Vatermörder ! Prinz. Beim ew'gen Gott. mein Vater! Weh' mir! Wehe! Ritter (für sich). Das ist des Himmels Fluch. Gott selber richtet, Er hat die Rache über sich genommen. — An diesen Ausgang Hab' ich nicht gedacht. Prinz. Es schließen sich die Augen. Weh'! er stirbt. Zu Hilfe! Hilfe! Fluch dem Vatermörder! Fünfte Seene. Aeblissin. Johanna. Die Vorigen. (Der Gesang währt fort). Aeblissin. Wer stört den Frieden dieser Hallen? Pri nz. Wehe! Sie sind der Schauplatz eines Vatermordes. Ae btissin. Wer seid Ihr? Prinz. Weib, hast Du den Muth, Jn's starre Aug' dem Gräßlichen zu schauen ? Sieh' hieher und vergeh'; der König ist Getödtet, und durch seines Sohnes Hand. Aebti ssin. O Herrmann, Herrmann! Wache auf, wach' auf! G u i s c a r d. Ist es der Auserstehungsengel, der An meines Grabes dunkler Pforte ruft? Prinz. Mein Vater, Vater! O Verzeihung. Vater! Gu iscard. Oscar, von Dir muß ich Verzeihung flehen, Daß ich die Schuld vor Dir verschwiegen habe, Mein Leid ist aus, das Deine wird be« ginncn. Aebtissin. Mein Herrmann, nimm mich mit hinauf! G u i s c a r d. Auch Du, Cäcilic? Du lichter Engel, Erscheinst an meines Grabes finstern Rand, Und bietest mir die Palme der Versöhnung? Sie naht — Ich fühle Gottes ew'gen Frieden, Cäcilie, Johanna — Sohn, mein Sohn! (Er stirbt). Ri ttc r. Er ist hinüber und die Erde trägt Nun einen Gramgebcugten weniger. Aeb ti ssin. Johanna, sieh' hier Deinen Vater todt. Johanna. So kannst Du Deine Tochter nicht erkennen, Nickt ihrer heißen Thränen bittern Zoll Mehr schauen! Vater, schlag' die Augen auf. Nur einen, einen Liebesblick, Du Todtcr, Daß er ein Stern mir werde für die Nacht, Die nun für immer auf mein Leben sank. Prinz. Johanna, wie, Du nennst Dich seine Tochter? Aebtissin. Sie ist cs auch, und ich bin ihre Mutter. Ritter (für sich). Cäcilie, sie ist's. Hinunter, Herz, Und bleib' in deiner Tiefe ruhig liegen. Aebtissin. Warum hast Du den treuen Rath verschmäht ? Du hättest so unselig nicht gehandelt, Und dieser Jammer wär' uns nicht genaht. Johanna. An Deinem Herzen fand ich Seligkeit, Wie ich sic nie geahnt, mein theurer Bruder, Und hielt für Liebe meines Herzens Drang. Wohl war sie ein Verbrechen, Gottes Hand Hat uns mit seiner Strafe schnell erreicht, Und mit der Rache Blitz die Brust gespalten, Die Schale dieses sündcnvollen Kernes. Prinz (knicend). O lege Deine Hände auf mein Haupt, Ich glaub', cs könnte meine Schuld entsühnen. 87 Johanna. Der Sünder suchet bei der Sünderin Trost seiner Qual, und hofft von ihr Entsühnung? O Bruder! gleich getheilt ist zwischen uns Die Schuld, doch bleibt ein Trost in Sturmesnacht. Wir kannten nicht das Unrecht, das wir thatcn. Geh' Du hinaus zum Leben und zum Wirken, Und suche Reinheit wieder zu erlangen Im Dienst der Dcmuth und der herben Reue. Ick will zurück in meine stille Zelle, Und dort in Reu' und Thräncn für Dick beten, Vielleicht, daß Gott uns Beide zu sich nimmt. Leb' wohl; nur dann erst sehen wir uns wieder. (Ab). Prinz. Du gehst, und meine Seele folget Dir. Sechste Seese Die Vorigen, ohne Johanna. Ritter (für sich). Da fällt ein Opfer, schuldbewußt, und doch So frei von Schuld, wie nur die Engel find, (zum Prinzen). Versammelt, Herr, die Räthe und Minister, Und saget, was sich hier ereignet hat. Rur sie und Euer Volk mit ihnen kann Der Rickter dieser Blutschuld sein. Es dürften Euch Krön' und Leben leicht verloren gehen. P rinz. O schleppten Sie dieß Haupt auf das Schaffott! Im Leben wird mir doch nicht Ruhe werden. (Ab). Siebente Seene. Der Ritter. Aebtissin. Und das Verderben geht mit raschem Schritt. Auch hier geh' cs zu Ende: (stark). Cäcilie t . Aebtissin. Wer ruft ? Ritter Ich bin es, Adalbert, Dein Bruder! Aebtissin. Mein Bruder Adalbert! Dich seh' ich wieder?! Du findest Deine Schwester hingestürzt, Gebeugt, zerschmettert und dem Tode nah'. Ritter. Dn bast's verdient. Aebtissin. Gerechter Gott! mein Vater? Ja, ja! ich hab's verdient! Wo ist mein Vater? i Ritter. Im Grabe. Sein Tod war schwer. Sein letztes Wort ein Fluch Dem königlichen Sünder hier. Aebtissin. Weh' mir! Mit ihm gesündigt und mit ihm verflucht! Mein Herz. O weh' mir! Dieses Toben. Nacht. (Sinkt todt nieder). (Leise Musik). Ritter (beugt sich über sie). Auch hier geht es zur Ruhe: sie ist todt. Du, Vater! wenn Dein Aug' zur Erde reickt, So schau', ob Deine Rache ist vollendet. Zwei Herzen ruhen hier vom Fluch gebrochen, Und dort zwei andre, ringend mit der Hölle. Du arme Schwester, geh' in Frieden ein, Denn die Verzeihung tritt aus Grabesnacht. Ritter. ' Im Kcnigsbause sckeint es bald zu enden, (Bleibt über die Leiche gebeugt stehen). Der Vorhang fällt. Wien, 18S3. Druck und Verlag von I. B. WalliShauffer. I» demselben Verlage find erschienen: Grillparzer, F.. Die Ahnfrau. Trauersp. in 5 Akt. 6. Aufl. gr. 8.1844. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. — Sa pp ho. Trauersp. in 5 Akten 3. Aufl. ar. 8. 1822. 26 Sgr. oder 1 fl. — Das goldene Bließ. Dramat.Gedicht in 3 Abteilungen, gr. 8. 1822. Druckp. geh. 1 Thlr. 25 Sgr. oder 2 fl. — Schreibp. 2 Thlr. 15 Sgr. oder geb. 3 fl. — König Ottokar's Glück und Ende. Trauersp. in 5 Aufz. 2. Aufl. gr. 8 1852. 1 Thlr. 24 Sgr. oder 2 fl. — Ein treuer Diener seines Herrn. Trauersp. in 5 A. gr. 8. Druckp. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. — Velinp. 1 Thlr. 15 Sgr. od. 2 fl. — Der Traum ein Leben. Dramat. Märchen in 4 Akt. gr. 8. geh. 1840.1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. f. Ausg. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Weh' dem der lügt! Lustsp. in 5 Akt. gr. 8. geh. 1840. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr feine Ausg. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Des Meeres und der Liebe Wellen. Trauersp. ln 5A. gr. 8. geh. 1840.1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. f. Ausg.1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Melusina. Romantische Oper in 5 Akt. Musik von Kreutzer. 1833. 8. 15 Sgr. oder 48 kr. feine Ausg. 20 Sgr. oder 1 fl. Um den Ankauf sammtlicher Stücke von Grillparzer zu erleichtern, ist der Verkaufspreis auf einige Zeit, bei Abnahme auf Einmal gestellt: 8 Thlr. statt 10 Thlr. und 10 fl. statt 13 fl. 18 kr. Oper n texte: Armand, Graf, Schauspiel mit Gesang in 3 Aufzügen. Nach dem Französischen von Treitschke. gr. 8. 1808. 8 Sgr. oder 20 kr. Aschenbrödel. Zauberoper in 3 Aufzügen. Rach demFranzös. deSEtienne. 4. Aufl. 1815. 8 Sgr. oder 20 kr. Befreiung von Jerusalem. Oratorium von H. und M. v. Collin. 8 Sgr. oder 20 kr. Corradin, oder: Schönheit und Herz von Eisen. Musikalisches Drama in 2 Auszügen. 1822. 10 Sgr. oder 30 kr. Cortez, Ferdinand, oder: Die Eroberung von Mexico. Oper, nach dem Französischen von Castelli. 2. Aufl. 1819. 10 Sgr. oder 30 kr. Don Juan. Singspiel in 2 Aufz. 5. Auflage. 12. 1846. 8 Sgr. oder 20 kr. Donauweibchen. Romantisches Volksmähr- chen von HenSler, 2 Theile. 1807. 1836. 20 Sgr. oder 1 fl. Entführung aus dem Serail. Singspiel in 3 Aufzügen, nach Bretzner. Musik von Mozart. Neue Aufl. 1841. 8 Sgr. oder 20 kr. Euryanthe. Große romant. Oper in 3 Aufzügen, von Chezv. Musik von Weber, gr. 8. 1824. 12 Sgr. oder 36 kr. Faust. Große romant. Oper, von Bernard 8. 1813. 12 Sgr. oder 36 kr. Fidelio. Oper in 2 Aufzügen. Frei nach dem Französischen. Musik von L. v. Beethoven. 8. geh. 183L. 7'/r Sgr. oder 20 kr. Haimonskinder, die vier, komische Oper von Leuven und Brunswick. Musik von Balfe. 12. 1845. 8 Sgr. oder 20 kr. Hochzeit des Figaro, komische Oper in 3 Acten, Musik von Mozart. 2. Aufl. 8.1843. 10 Sgr. oder 24 kr. Jerusalem, das befreite. Große Oper in 5 Arten, nach dem Französ. von Sey- fried. 1815. 8 Sgr. oder 20 kr. Johann von Paris. Komische Oper. Musik von Boieldteu. 2. Aufl. 1802.8 Sgr. oder 20 kr. Joseph und seine Brüder. Oper. Nach Duval von Hassaureck. 3. Aufl. 12. 1820. 8 Sgr. oder 20 kr. Jüdin, die. große Oper in 5 Aufz. Text von Scribe, Musik v^n Halevy. 8. geh. 1839. 7'/r Sgr. oder 20 kr. Libussa. Romant. Oper, von Bernard. Musik von Kreuzer. 1823. 12 Sgr. oder 36 kr. Liebesbrunnen, der, kom. Oper in 3 A. Musik von Balfe. 12. geh. 1845.8 Sgr. oder 20 kr. Neusonntagskind, das, Singspiel in 2 Aufz. von Perinet. 1804 8. 8 Sgr. oder 2V kr. Opferfest, das unterbrochene, Oper von Huber, in 2 Aufz. 1803. 10 Sgr. oder 30 kr. Schweizer familie, die, lyrische Oper in 3 Auf;. Nach dem Französ. von Castelli. 5. Aufl. 1820 8 Sgr. oder 20 kr. Schwestern, die, von Prag. Singsp. nach Hafner, von Perknet. 2. Aufl. 1Ä2. 12 Sgr. oder 36 kr. Stradella Allessandro, Rom. Oper in 3 Aufz. von Friedrich. Musik von Flotow. 12. 1845 8 Sgr. oder 20 kr. Stumme, die, von Portici. Große heroischromantische Oper in » Aufz. Frei nach Scribe und Delavigne. Musik von Auber. 7'/r Sgr. oder 20 kr. Tancred, heroische Oper in 2 Aufzügen. Nach dem Italienischen, von Grünbaum. 1818. 8 Sgr. oder 20 kr. Titus, der Gütige, ernsthafte Oper in 2 Aufz. 1811. 8 Sgr. oder 20 kr. Wirt he, die vornehmen. Kom. Oper. Nach dem Französischen, von Seyfried. 1813. 8 Sgr. oder 20 kr. Zampa, oder: Die Marmorbraut. Romantischkomische Oper in 3 Aufz. Rach dem Französischen des MeleSville, Musik von Herold 8. geh. 183S. 7'/r Sgr. oder 20 kr. Zauberflöte die, große Oper in 2 Aufzügen. Musik von Mozart. Reue Auflage 8. 1848. 8 Sgr. oder 20 kr. Alle Mittel gelte«. Lustspiel in einem Acte, nach Kreide, von L. Julius. Zum ersten Male aufgeführt im k. k. Hofburgtheater am r7. Jänner 183 S. Den Kähnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Der Marquis von Rosambert. Herr von Surgeon.' Frau von Surgeon. Personen r Frau von Merainville, ihre Schwester. Jean, Diener des Marquis. Ein Diener des Herrn von Surgeon. Ort der Handlung: Ein Schloß de- Herrn von Surgeon. Zeit: 177L. (Garten im Geschmacke des vorigen Jahrhunderts. Links ist ein Flügel des Schlosses sichtbar. Im Vordergründe Gartenstühle und links ein Marmortisch, darauf eine beliebige weibliche Arbeit). Geste Seene. Frau von Surgeon (sitzt am Tische und arbeitet). Frau von Merainville (tritt, ohne sie zu bemerken, rasch und fröhlich von rechts ein). Fr. v. Merainville. Er ist da, er ist da! Fr. v. Surgeon. Was gibts? Wer ist da? Fr- v. Merainville (verlegen). Ach, Du bist hier? Der Schwager ist eben angekommen. Fr. v. Surgeon. Und darüber bist Du so in Ertase? Wiener Theater-Repertoir. XV. Fr. v. Merainville. Ich? — 9?un, ich freue mich stets über die hübschen Pflanzen, die er unö nach Hause bringt. Fr. v. Surgeon. Zn der Lhat, die Botanik muß viel Vergnügen gewähren, da mein Mann, außer Dir, noch an Herrn von Rosambert einen Proselyten gemacht hat. Anfänglich wollte er nur 24 Stunden auf seinem Schlosse hier neben an, zubringen, und nun hat er schon 14 Tage seiner Plötzlichen Vorliebe zur Botanik ge- opfert. Fr. v. Merainville. Za, er ist ein fleißiger Schüler Deines ManneS, heut begleitet er ihn wieder. — Fr. v. Surgeon, So, so? Du hast ihn also von Weitem gesehen? Fr. v. Merainville. Ja, ich 1 2 glaube ihn erkannt zu haben, er wird § vermuthlich den heutigen Tag bei uns zubringen. Fr. v. Surgeon. Und Du wirst nicht ungehalten sein, denn seine Unterhaltung scheint Dich sehr zu in- teressiren. Fr. v. Merainville. Liebe Agathe, kannst Du mir das verdenken? Bis znm sechszehnten Jahre im Kloster, hörte ich stets die Eleganz und Liebenswürdigkeit des Hofes preisen und sehnte mich nach dem Moment, wo ich mich mit eignen Augen von All dem Schönen, das ich dort erwartete, würde überzeugen könne». Endlich verheiratete man mich, das war mir lieb, ich dachte: mein Mann würde mich an den Hof führen, statt dessen sitze ich hier auf Eurem langweiligen Schlosse, eine betrübte Strohwitwe. Fr. v. Surgeon. Für ein paar Wochen! Fr. v. M erai n ville. Ei, es sind schon vier Monate! Ein wenig lange für eine junge Frau. Fr. v. Surgeon. Ist es unsre Schuld, daß Dein Gemahl schon in den Flitterwochen in wichtigen diplomatischen Angelegenheiten nach Petersburg abreisen mußte? — Um Dich nicht den Beschwerlichkeiten der Reise auszusetzen, vertraute er Dich uns an. Seitdem hält ihn der Dienst des Königs an seinen Posten gefesselt und — Fr. v. Merainville. Ich will ja auch meinem Gatten deshalb keinen Vorwurf machen und würde mich ganz glücklich bei Euch fühlen, wenn Ihr nur dies gräßliche Landgut nicht bewohntet. Fr. v. Surgeon. Sehen wir denn nicht fast den ganzen Adel der Touraine bei uns? Fr. v. Merainville. Ach Gott ja, eS sind Alles ganz brave Leute, nur leider sehr langweilig und lächerlich, Eigenschaften, die ich nicht aus- § stehen kann; wer mir — und das ist, wie Du weißt, meine schwache Seite — wer mir einmal lächerlich ist, eristirt für mich nicht mehr. Welcher Kontrast mit Paris, Versailles, dies glänzende Leben, auf das ich mich so gefreut hatte und von dem wir einen so liebenswürdigen Repräsentanten in Herrn von Rosambert sehen, ein Mann von den feinsten Formen, voll Grazie und Noblesse, der gewandteste Gesellschafter. Ist es da nicht natürlich, daß ich mich vorzugsweise mit ihm beschäftige, ihn studiere? — (Fr. v. Surgron sieht sic an, sie korrkgkrt sich) aus Kuriosität — UM Hofmanieren kennen zu lernen. Fr. v. Surgeon. Ich höre die Herren; mein Mann ist immer bei Appetit, wenn er von seinen Exkursionen wiederkehrt, sei so gut, das Frühstück zu besorgen. Fr. v. Merainville. Recht gern. Fr. v. Surgeon. Das wird Dich zerstreuen, denn man muß nicht zu fleißig studieren, liebe Schwester. Fr. v. Merainville. Meinst Du? Wie schade, ich bin so gern fleißig. (Ab nach links.) Zweite Scene. Frau von Surgeon. Dann Herr von Surgeon. Der Marquis. Fr. v. Surgeon. Nein, nein, ich täusche mich nicht, nur ihr Köpfchen ist beschäftigt, das Herz ist noch nicht im Spiele, und bei meiner Vorsicht — (Man hört den Marquis Herrn von Surgeon rufen.) Ach, da sind sie. Sobald mein Mann sich entfernt hat, spreche ich mit dem Marquis. (Links ab). M arqu is (von rechts eintretcnd, er trägt einen großen Pack frischer Pflanzen). Nun, Surgeon, wo bleiben Sie? Surgeon (mit einem eben solchen Pack). Ich kann nicht weiter, Marquis, ich sterbe vor Hunger; es ist also abgemacht, Sie bleiben heute hier? 3 Marquis. Wenn Sie erlauben — Surgeon. Ich bitte darum. Marquis. Gut also, da will ich Ihnen erzählen, welche Schritte ich bei Maurepas gethan habe, um Ihnen den Grafentitel zu verschaffen. Surgeon. Haben Sie die Güte gehabt? — Das ist schon. Ich habe wirklich nur zwei Wünsche: den Titel und das größte Herbarium des Landes zu besitzen. Dafür will ich auch einen perfekten Botaniker aus Ihnen machen. Doch erlauben Sie, daß ich Sie entlaste, ich will die Sachen nur ins Laboratorium tragen, und bin gleich wieder hier. Marquis. Bitte, mit mir durchaus keine Umstände zu machen. Surgeon (links in's Schloß ab). Dritte Seene. Marquis. Frau von Surgeon. Marquis. Geh zum Henker mit Deiner Botanik! — Leider muß ich ihn noch in der Narrheit bestärken, um mir hier den Eintritt offen zu halten. Die kleine Schwägerin beschäftigt mich täglich mehr, sie ist ganz allerliebst; wo mag sie nur sein? Wenn sie jetzt in den Garten käme, während ich allein bin — es wäre köstlich — (sieht rechts in die Couliffe.) Fr. v. Surgeon (von links). Herr Marquis! Marquis (sich lebhaft umwendcnd). Theure Eli-ah Madame — Fr. v. Surgeon. Sie erwarten Jemand anders, wie's scheint, ich be- daure unendlich. Marquis. Im Gegentheile, Madame, ich bin sehr glücklich — Fr. v. Surgeon. O bitte, sparen Sie sich die Mühe, mich dupiren zu wollen. Marquis. Madame, ich bitte Sie — Fr. v. Surgeon. Bisher ist es Ihnen gelungen, ich muß eS zu meiner Beschämung gestehen, ich hielt Sie für einen guten Nachbar, der unfähig sei, uns zu hintergehen, ich verkannte Ihre Talente. Marquis. Mein Gott, was heißt das? Fr. v. Surgeon. Ich habe meinen Jrrthum eingesehen und Sie können jetzt ganz aufrichtig mit mir sein. Marquis. Madame, ich bin nicht im Stande — Fr. v. Surgeon. Aufrichtig zu sein? Das ist wohl möglich; eS ist zu sehr gegen Ihre Gewohnheit. Marquis. Wodurch verdiene ich diese persillsxe, Madame? Fr. v. Surgeon. Vor einigen Tagen schrieb ich an eine Freundin in Paris, daß Sie unser Nachbar wären, uns häufig mit Ihrem Besuche beehrten und wie angenehm dies unS Allen sei. Marquis. Zu gütig. Fr. v. Surgeon. Wie erschrak ich, als sie mir antwortete, ich möchte mich hüthen, mein gepriesener Nachbar sei der gewandteste Verführer von Paris. Marquis. Wie, Madame, Sie fürchteten —? Fr. v. Surgeon. Für mich? o, auf der Welt nichts. — Doch gestern Abend habe ich beobachtet, wie Sie jeden Augenblick wahrnehmen, sich meiner Schwester zu nähern, ihr Blicke zuzuwerfen, ihr zuzuflüstern — Marquis. Mein Gott! ich schwöre Ihnen, daß ich niemals — Fr. v. Surgeon. Ein Schwur! — nun freilich, dem braucht' ich nur zu glauben, um vollkommen sicher zu sein. Marquis. Mein Gott, was ist denn aber so gefährliches an mir? Fr. v. Surgeon. Was weiß ich? Ihre Unterhaltung, Jhr Aplomb! Ihre Manieren, die Grazie, mit der Sie Ihr Jabot, Ihre Manschetten zupfen, 1 * mit Ihrer-Dose spielen. Es wäre nicht recht von uns, Sie hier zu behalten, und ich bitte daher, kehren Sie auf den Schauplatz Ihrer Triumphe zurück. Marquis. Ich verstehe, Sie weisen mir die Thür. Fr. v. Surgeon. Verzeihen Sie nur, daß es so unbeholfen geschieht. Marquis. Wenn ich's aber dennoch nicht verstände? Fr. v. Surgeon. Dann nehmen Sie sich in Acht, Ihr Verweilen wäre eine Kriegserklärung. Marquis (lacht). Sie erschrecken mich! Fr. v. Surgeon. Sie spotten? Sie weichen nicht? Nun denn, Krieg! ich stehe Zhnen dafür, Sie kommen nicht zu Ihrem Ziele. Marquis. Sie werden mich wohl bei Zhrem Gatten verklagen? Fr. v. Surgeon. Das wäre ohne Zweifel das Kürzeste und Beste. Marquis. Aber Herr von Surgeon wird auch mich hören, er ist ein Mann von Geist — Fr. v. Surgeon. Was ihn vielleicht nicht abhalten dürfte, eine Sot- tise zu begehen. Nein, der Ruf meiner Schwester darf nicht kompromittirt werden. Mit mir allein werden Sie es zu thun bekommen, Herr Marquis! mich werden Sie stets auf Zhrem Wege finden, alle Zhre Anschläge will ich zerstören, Zhre Angriffe zurückweisen. Oh, Sie sollen sehen, daß Sie es mit einer unermüdlichen Feindin zu thun bekommen. Marquis. Sie thun mir großes Unrecht, Madame, und ich sammle feurige Kohlen auf Zhr Haupt. Hier der Beweis, welch eifrigen Freund Sie im Gegentheile an mir haben. (Er zieht eine goldene Labatiere hervor.) Hier ist die Dose, welche ich auf Zhren Befehl heimlich für Herrn von Surgeon bestellte. Fr. v. Surgeon. Ach, wie aufmerksam! Marquis, Sie sind wahrlich zu liebenswürdig, um hier Zhre Zeit zu verlieren, trennen wir uns lieber, Sie glauben nicht, wie dankbar ich Zhnen wäre, wenn Sie mir das Vergnügen machen wollten. Marquis. Ich bedaure unendlich. — Wenn das die einzige Manier ist, Ihnen zu gefallen, so muß ich darauf Verzicht leisten. Fr. v- Surgeon. Sie beharren also? Sie wollen durchaus denKampf? Marquis. Er ist jetzt zu ehrenvoll für mich, um ihn auszuschlagen. Fr. v. Surgeon. Nun wohl, nach Belieben, doch ich wette, daß Sie schon vor Abend seiner müde sein werden. Marquis. Zch nehme es an. WaS ist der Einsatz? Fr. v. Surgeon. Der Einsatz? Marquis. Za! — Diese Dose. Fr. v. Surgeon. ES gilt! — Sie ist die Ihre, wenn es mir nicht gelingt, Sie heute noch aus dem Felde zu schlagen. Marquis. Und wenn ich verliere, Madame, so leg' ich alle Bijouterien meines Zuweliers zu Ihren Füßen. Fr. v. Surgeon. Sehr artig! — Von diesem Augenblicke also beginnen die Feindseligkeiten, vergessen Sie nicht, alle Mittel gelten und Ihre Abreise ist die einzige Friedensbedingung. Also Herr Feind en Karde und halten Sie sich tapfer! (Mit Verbeugung links ab.) Vierte Seene. Ma rq uis. Ein Herausforderung! Herrlich! das reitzt nur noch mehr; wahrlich, nichts als das Pikante der Hindernisse fehlte meiner Neigung zu Elise. Zetzt ist nichts zu wünschen übrig, und mein Erfolg wird schwierig genug sein, um neben denen genannt zu werden, die meinen Ruf im Oeil de koeuf begrün« 8 beten. Sie sagte: Alle Mittel gelten, so habe ich also das Recht, Repressalien zu gebrauchen. (Er denkt nach). Hm! Fünfte Scene Voriger. Jean (von links). Jean. Herr Marquis, ich komme, Sie um meinen Abschied zu bitten. Marquis. Was fallt Dir ein? Jean. Meine Moralität verbiethet mir, länger Ihr Mitschuldiger bei dem zu sein, was Sie Ihre Streiche nennen. Marquis (lacht). Deine Moralität ? Jean. Ja, Herr Marquis, und mein Interesse. Marquis. ^ In Iionno Iieui-L, das ist was Anderes. Jean. Sehen Sie, Herr Marquis, seit unserer Ankunft hier, machte ich Denisen,der Tochter von Herrn v. Surgeon'ö Hausmeister, den Hof. Herr v. Surgeon, als Denisen's Pathe, hat ihr eine gute Aussteuer versprochen; er kann aber jeden Augenblick die Augen aufmachen, und wird er dann wohl seine Pathe dem Vertrauten des Mannes geben, der ihm seine Frau zu verführen sucht. Marquis. Was sagst Du? Seine Frau? Wie kamst Du darauf? Jean. Oh, unser Einer ist nicht auf den Kopf gefallen, so was merkt man bald. Eben ließ mich Fr. v. Surgeon holen und bot mir 10 Louis- d'or, wenn ich ihr alle Ihre Liebesabenteuer in Paris verrathen wollte. Marquis. Nun? Jean. Nun, da sind die 10 Füchse! Marquis. WaS? Schurke, Du hast ihr gesagt — Jean. Empfahlen Sie mir nicht selbst stets die möglichste Indiskretion in diesem Punkte? Marquis. Nun, was sagte sie dazu? Jean. Mein Gott, aus ihren Fragen, aus der Begierde, womit sie die kleinsten Details sich erzählen ließ, sah ich deutlich, daß sie verliebt in Sie ist, was hätte sie sonst für Interesse dabei? Marquis. Aha, ich merke, sie eröffnet die Laufgräben, da heißt's, Kontreminen graben. Surgeon (von Außen). Daß mir Niemand in das Laboratorium kommt! Marquis (bei Seite). Surgeon! Mein Plan ist gemacht! (Laut). St. Jean! Jean. Herr Marquis! Marquis (nimmt ihn auf die Seite wo das Haus steht). Höre! Sechste Scene. Vorige. Surgeon. Marquis (laut, so, daß ihn Surgeon hört, doch gehcimnißvoll). Du hast mich errathen und mußt mir nun helfen , Herrn von Surgeon zu überlisten. Surgeon (bleibt stehen). Was? Jean. Also halt' ich doch Recht. Marquis. Nun ja doch, ich liebe seine Frau. Surgeon. Himmel! gut, daß ich das weiß. Marquis. Und habe Grund zu glauben, daß man meine Liebe erwie- dert. Surgeon. Der Teufel! — auch gut, daß ich's weiß. Marquis. Du mußt mir helfen, den Mann zu betrügen in seinem eigenen Interesse. Jean. Wie das? Surgeon. Was? In meinem eigenen Interesse? Marquis. Herr von Surgeon hat Verstand. Surgeon. Oh — bitte! Jean. Na, ich denke, nicht allzuviel. 6 Surgeon. Wie? ich habe nicht gehört. Marquis- Wenn er was merkt, so verbietet er mir sein Haus. wir kommen in Streit, er ist tapfer, wir werden uns schlagen und was bleibt mir übrig, als ihn zu tödten. Surgeon. O, verdammt! Jean. Wie schon öfter vorgekommen. Marqu is. Ich wäre untröstlich. S u r g e o n. Ich auch. Aber die Sorge will ich Dir sparen. Marquis. Deßhalb hilf mir, mein Rendezvous zu verheimlichen, ihn geschickt zu entfernen. Surgeon (lebhaft). Ich gehe ihr nicht von der Seite. Marquis (sich auf das Geräusch umsehend). Still! Es kommt Jemand! Zean (sieht sich ebenfalls um). Er ist eS selbst. Marqnis (lebhaft). Still! (Surgeon entgegen gehend). Ah, bester Freund! Surgeon (für sich). Verstellung! (Laut). Za wohl! Marquis. Zch beschäftigte mich eben mit Ihnen, in Betreff des Titels, den Sie so sehr wünschen. Surgeon. Ach so — ? (Bei Seite). Ein sauberer Titel. Marquis. Erwarte mich erst heute Abend, Jean, ich speise hier. Zean (ab). Surgeon (bei Seite). Und ich lade ihn noch ein. — Marquis (links in die Couliffe sehend). Sieh da, unsere Damen! Surgeon (für sich). Jetzt heißt's aufpassen, ich geh' ihr nicht von der Seite. Siebente Seene. Vorige. Fr. v. Surgeon. Fr. v. Merainville. Marquis (grüßt sie). Meine Damen! (Sie verbeugen sich). Surgeon (geht hinter dem Marquis und Fr. v. Merainville herum und zieht seine Frau rechts auf die Seite). Agathe, komm hierher! Fr. v. Surgeon. Mein Gott! Welche finstere Miene! Was haben Sie? Marquis. Vielleicht Magenkrampf, als wir kamen, klagte er über großen Hunger. S urgeon (bei Seite). Den Hab' ich noch, und wenn ich nur Zeit hätte — oh! (preßt die Hand auf den Magen, auf komische Weise grimmaffirend und stöhnend.) oh! Fr. v. Surgeon. Mein armer Mann! — Zum Glücke hat Elise schon das Frühstück besorgt. Fr. v. Merainville. Den Augenblick wird es gebracht. Surgeon. Großen Dank, liebe Schwägerin. Marquis (leise zu Fr. von Merainville). Stets gütig! — Ach, wenn doch alle Leidende sich Ihres Mitgefühls so erfreuen dürften! Fr. V. Surgeon (die sie beobachtet). Wie sagen Sie, Herr Marquis? (Nähert sich ihm). Surgeon (hält sie). Bleiben Sie doch hier. Marquis (für sich). Herrlich, er befreit mich von ihr. (Spricht leise weiter mit Fr. v. Merainville). Surgeon (zu Agathe, die eine Bewegung macht). Wo wollen Sie hin? Fr. v. Surgeon (links deutend). Meine Stickerei vollenden. Surgeon. Das können Sie ja hier eben so gut. (Geht, um sie zu holen, sie liegt links auf einem Stuhle). Fr. v. Surgeon, Herr Marquis! Surgeon (für sich). Was? (kommt schnell vor). (Marquis und Fr. v. Merainville, die leise plaudernd nach hinten gegangen sind, kommen vor.) Marquis. Was befehlen Sie? 7 Fr. v. Merainville. Warum lassen Sie uns nichts von den schönen Sachen hören, die Sie meiner Schwester sa^en! Marquis.'Wir sprachen von dem Feste, das Herr von Choiseul zu Chan- teloup geben will. Fr. v. S u r g e o n. Ach ja, man wird den Barbier von Sevilla auf- führcn, ein herrliches Stück. Surgeon. Das finde ich nicht. Fr. v. Merainvill e. Warum nicht? Surgeon. Weil — Fr. v. Merainville. Nun — weil? Surgeon. Weil der zweite Titel, die nutzlose Vorficht — meiner Meinung nach sehr — Fr. v. Surgeon. Unnöthig ist. Surgeon (für sich). Daß gesteh' ich! Fr. v. Merainville. Haben Sie auch eine Rolle, Herr Marquis? Fr. v. Surgeon. Ohne Zweifel, den Graf Almaviva, den Verführer! Surgeon (für sich). Sie muntert ihn auf — sie kommt ihm entgegen. Marquis. Ach nein! die guten Rollen waren alle schon besetzt, als ich mich meldete, rathen Sie ein Mal, was man mir gegeben? — den Leveills! Fr. v. Surgeon. Der immer niesen muß, hahaha! (Beide Damen lachen). Surgeon. Da kann ich Ihnen ein Mittel geben, ich habe prächtigen Niesewurz in meiner Sammlung. Marquis. Sie sind zu gütig. (Die Damen lachen). Sie lachen, meine Damen? Natürlich! was gibt es Komischeres, als Jemand in solcher Situation zu sehen. Man könnte auf ewig auf sein Glück bei den Damen verzichten. Fr. v. Su rgeo n. Das wäre traurig für Sie, denn nach den Nachrichten, die ich zufällig von Ihren zahlreichen Liebschaften und eben so vielen Treulosigkeiten erhielt — Surgeon (für sich). Ich glaube gar, sie ist eifersüchtig! Fr. v. Surgeon. Die Entführung der Tochter des Ministers Mau- l6on, an ihrem Hochzeitstage — die Geschichte mit der Gräfin Vindimille, die Sie auf den Maskenball begleiteten und dort im Stiche ließen. Surgeon. Um der Marquise v. Jarnac den Hof zu machen, die freilich 2 Tage darauf der Herzogin von Solence geopfert ward — Fr. v. Surgeon. Sie mußte nur zu bald der Marschallin von Macs Platz machen. Fr. v. Merainville (für sich). Was hör' ich! — Marquis. Halten Sie ein, Madame, ich bitte. Fr. v. Merainville (für sich). Mein Gott! Marquis. Man hat Sie belogen. Fr. v. Surgeon. Oh, Sie sind zu bescheiden! Marquis. Wie ich Ihnen sage, nichts als Verläumdung. Fr. v. Surgeon. Wenn da- ist, so gibt's ein sehr einfaches Mittel, uns zu überzeugen. Marquis. Das wäre? Fr. o. Surgeon (geht zwischen Surgeon und den Marquis). Geben Sie uns Ihr Ehrenwort darauf. Marquis (für sich). Ha Schlange! Surgeon (für sich). Ich spiele hier keine üble Figur. Fr. v. M e r a i n v i l l e (die den Marquis beobachtet hat, geht zwischen ihn und Fr. v. Surgeon). ES scheint, der Herr weiß nichts darauf zu erwiedern. Fr. v. Surgeon. Weil die Herren ihre Schwüre wohl brechen, ihr Ehrenwort aber halten. — Mein Gott, so viele Herzen gebrochen zum Lohne ihrer Liebe. 8 Surge on (für fick). Da nimm Dir ein Beispiel. Marquis (zu Fr. v. Merainville). Da man mich vor Ihnen anklagt, so erlauben Sie, daß ich mich auch vor Ihnen rechtfertige. Fr. v. Merainville (spröde). Was kümmert daö mich? — sei die Beschuldigung wahr oder nicht — ich bin dabei nicht intereffirt. Fr. v. Surgeon (beobachtet sie). Viktoria! Achte Scene. Vorige. Ein Diener. Diener. Es ist servirt. Surgeon (für sich). Lon! das wird mich erheitern. (Laut). Also zu Tische, wenn's gefällig ist. Marquis (zu Fr. v. Merainville). Darf ich Ihnen meinen Arm anbiethen. Fr. v. Merainville. Ich danke — ich habe keinen Appetit. Fr. v. Surgeon (für sich). Es wirkt. Marquis. Wie sich das trifft. Ich habe ihn auch verloren und wenn Sie erlauben, so leiste ich Ihnen Gesellschaft. Fr. v. Surgeon (für sich). Ach so! (Laut). Merkwürdig! es geht mir eben so, also bleiben wir alle Drei hier. Surgeon (für sich). Das ist stark! (Laut). Ich dächte doch — Fr. v. Surgeon. Geniren Sie sich nicht, da Sie solchen Hunger haben — S urgeon (für sich). Zum Glücke bleibt Elise bei Ihnen. (Laut). Meinetwegen. (Will in's Haus). Fr. v. Merainville (dreht dem Marquis den Rücken). Da Du bei dem Herrn Marquis bleibst, so kann ich mich ja auf mein Zimmer begeben. Surgeon (bleibt stehen). Was? Marquis (für sich). Sie weicht mir aus. Fr. v. Surgeon (für sich). Es wirkt, es wirkt. Fr. v. Merainville. Eine plötzliche Migräne — Surgeon. Da solltNl Siegerade in der Luft bleiben, die Gesellschaft wird Sie zerstreuen. Fr. v. Surgeon (ungeduldig). WaS geht das Sie an? — Geh'n Sie zum Frühstück. Surgeon. Wenn aber Elise — Fr. v. Merainville. Beunruhigen Sie sich meinetwegen nicht, lieber Schwager — gehn Sie zum Frühstück (ab). Surgeon. Was wird aber der Herr Marquis sagen? Marquis. Keine Komplimente unter uns, lieber Surgeon, gehen Sie zum Frühstück. Surgeon (für sich). Gehn sie zum Frühstück, gehn sie zum Frühstück! (Laut). Mein Hunger ist auch vergangen, (für sich). Das war' Euch gelegen! Marquis (lacht). Wirklich? Nun, dann darf ich jetzt Madame allein lassen, — ich habe meinem Diener einige Aufträge zu geben. Surgeon (bei Seite). Gottlob! Marquis (zwischen Surgeon und Fr. v. Merainville). Entschuldigen sie also — Surgeon. Keine Komplimente unter uns. (Marquis ab. Surgeon sieht ihm nach). Ich glaube, mein Appetit stellt sich wieder ein, ich will doch etwas genießen. (Ab in's Haus mit Me- rainville). Neunte Scene. Fr. v. Surgeon (allein). Viktoria! der Feind ist geschlagen! Elise sah, wie verlegen er wurde, und ist seit dem ganz umgewandelt, er hat eS auch bemerkt, und die Aufträge, die er seinem Diener gibt, betreffen vielleicht seine Abreise. — Ha! welcher Triumph! welche Freude, mir sagen zu können: ich habe meine Schwester be- 9 schützt, gerettet! — Wie viele Frauen können das von sich selber sagen? Zehnte Seeue. Vorige. Zean (von rechts, ein Papier in der Hand). Fr. v. Surgeon (sieht ihn). Ach! St. Zean! Zean. Madame. Fr. v. Surgeon. Was hast Du da ? Zean. Ein Billet von meinem Herrn. Fr. v. Surgeon (für sich). Vielleicht sein Abschiedsgruß. (Laut.) An meinen Mann? Zean (pfiffig). O nein, Madame, ich glaube nicht, daß es zu seiner Lektüre bestimmt sei. Fr. v. Surgeon. Warum nicht? Zean. Nach der Unruhe meines Herrn und der Eile, mit der er's schrieb, zu urtheilen — er sagte: Verliere keine Minute, dies Frau von Merain- ville zu bringen. Fr. v. Surgeon (erstaunt für sich). Also immer noch! (Laut.) Sie ist nicht hier, aber gib es nur her. Eilfte Seene Vorige. Surgeon. Surgeon. Zch habe doppelte Bissen genommen! Alle Wetter! sein Diener mit meiner Frau! (Steht hinter ihnen in der Mitte des Theaters.) Fr. v. Surgeon. Gib, sag ich! Zean. Wenn Sie durchaus befehlen — (sieht sich nach rechts um). Es kann uns doch Niemand sehen! Fr. v. Surgeon (hält ihm die Hand hin, um den Brief zu nehmen, und sieht sich nach links um). Nicht doch! Jean. Da! — (gibt es Surgeon, der leise zwischen Beide getreten ist.) Surgeon (zieht sich sogleich still und schnell in den Hintergrund zurück). Fr. v. Surgeon (wendet sich zu Jean). Nun? Zean (wendet sich zu ihr). Was ist gefällig? Fr. v. Surgeon. Nun, wo ist es? Zean. Was? Fr. v. Surgeon. Das Billet? Zean. Sie haben es ja. Fr. v. Surgeon. Ich? Zean. Gewiß. Fr. v. Surgeon. Du träumst. Jean. Das wär' der Teufel. Surgeon. Gott! — (hat gelesen). Fr. v. Surgeon. Mein Mann! Zean. Ihr Mann! — (schleicht rechts ab). Fr. v. Surgeon. Was thun Sie? Surgeon. Ich habe mich dieses Briefes bemächtiget. Fr. v. Surgeon. Sie vergessen sich. Surgeon. Nein, Madame, ich finde, daß Sie mich vergessen. Fr. v. Surgeon. Geben Sie her. Surgeon. Das werde ich bleiben lassen. Zwölfte Seene. Vorige. Frau von Merainville. Fr. v. Merainvil le. WaS gibt'S? ein Streit? Surgeon. Kommen Sie, liebe Elise, kommen Sie! Fr. v. Surgeon. Was ist denn geschehen? Surgeon. ES ist Sache der ganzen Familie, eine Frau zu verhindern, ihre Ehre zu kompromittiren, die Pflicht jedes Familiengliedes, sie zu warnen, ihr zuzurufen: Halt ein! Unglückliche, Du stehst am Abgrunde. Fr. v. Merainville (für sich). Mein Gott — sollte er ahnen! — (laut.) Ich verstehe Sie nicht. Surgeon. Sie werden mich gleich verstehen. Fr. v. Surgeon (für sich). Sollte 10 er, der nie etwas sieht, zufällig hier scharfsichtig sein? Surgeon. Der Marquis Rosam- bert hegt einen schändlichen Plan, eine Liebes-Zntrigue ist hier angesponnen worden, fast schon zur Vollendung gediehen. lFr. v. Merai n v. Ist's möglich? jFr. v. Surgeon. Was sagen Sie? Surgeon^ Ich habe den Beweis in der Hand! Fr. v. Merainville. Ein Brief. Surgeon. Ein Liebesbrief des Marquis an meine Frau! Fr. v. Merainville. An meine Schwester? Fr. v. Surgeon. An mich? (für sich.) Dacht ich's doch, es wäre zu merkwürdig, wenn er keine Albernheit gemacht hätte. Fr. v. Merainville. Aber täuschen Sie sich auch nicht? Surgeon. Sie sollen selber ur« theilen. (Holt den Brief vor.) Fr. v. Surgeon. Sie wollen doch nicht lesen! Surgeon Ganz laut. Fr. v. Surgeon. Vor meiner Schwester? Surgeon. Vor ihr. Fr. v. Surgeon (für sich). Schändlich ! Gerade was ich vermeiden wollte! Fr. v. Merainville (für sich). Sicher ist er an mich. Surgeon. Hören Sie. (liest.) „Werden Sie, Madame, die Sie meine Verehrung gütig anzunehmen schienen" (spricht.) Was sagen Sie dazu? — „werden auch Sie mich ungehört verdammen? — Ja, ich bekenne es, ich war lange Zeit strafbar"; ist er'ö heute etwa weniger? „aber ich habe mich gebessert, die Macht, welche Sie über mich ausüben, ist so groß, daß ich für immer auf Triumphe, wie sie Ihnen geschildert wurden, verzichte, daß ich sie beklage, über sie erröthe." Fr. v. Merainville (für sich). Wenn es wahr wäre! Fr. v. Surgeon (für sich). Wie sie jedes Wort auffängt. Surgeon (liest). „Sie, Theuerste, haben mich zur reinen heiligen Liebe zurückgeführt " Fr- v. Surgeon. Genug, mein Herr, genug. Surgeon. „Sie zu sehen, Ihre Stimme hören zu dürfen, istAlleS, um was ich bitte, unter dem mächtigen Schutze Ihrer Tugend zum Guten zurückzukehren, ist mein heißester, mein einziger Wunsch." Fr. v. Merainville. Welch'edle Gesinnung. Surgeon. Zum Guten zurückkehren! Da ist er aus dem besten Wege. Fr. v. Merainville (für sich). Ja, das ist die Sprache der Wahrheit. Fr. v. Surgeon (für sich). Sie ist bewegt. Surgeon. Nun, was sagen Sie zu dem säubern Herrn? Fr. v. Merainville. Lieber Schwager, das Gefühl, waö aus diesem Briefe spricht — Surgeon. Verbirgt die schändlichsten Absichten, oh, ich bin nicht so dumm, daß nicht zu merken. Fr. v. Merainville. Sind Sie aber auch gewiß, daß dies Alles meiner Schwester gilt? Surgeon. Nun bei Gott, wenn ich noch zweifelte. Fr. v. Surgeon (für sich). Er reizt meines Mannes Eifersucht, um ihn an meine Schritte zu fesseln und mich zu hindern, ihn und sie zu beobachten. Gut gespielt, Herr Marquis, aber wir wollen doch sehen, wer Sieger bleibt. Fr. v. Merainville. Nein, Schwager, ich darf es nicht zugeben, daß meine Schwester länger unter Ihrem ungerechten Argwohn leidet, sie ist unschuldig, Sie sind getäuscht und-— 11 Fr. v. Surgeon. O nein, liebe Elise, mein Mann täuscht sich nicht im Geringsten. Fr. v.Merainville (lebhaft). Wie? Surgeon. Sagt' ich's nicht? Fr. v- Surgeon. Zch bin nicht so schuldlos als Du glaubst, denn ich hatte die Schwachheit, Rosambert'ö Erklärungen anzuhören. Fr. v. Merainville (erstaunt). Erklärungen! die er Dir gemacht? Fr. v. Surgeon. Meines Mannes Zorn ist aber trotz dem nicht minder lächerlich, denn kann ich Jemand hindern, mich hübsch zu finden, kann ich's ihm wehren, mich zu lieben und mir's zu sagen? Fr. v. Merainville (heftig). Er sagte Dir, daß er Dich liebe? Fr. v. Surgeon (lächelnd). Nun, scheint Dir das so unmöglich? Surgeon. Und Sie wagen, mir das ins Gesicht zu sagen? Fr. v. Surgeon. Mein Gott, wenn es Ihre Feinheit doch schon entdeckt hat? Fr. v. Merainville. Das ist unwürdig, Schwester. — Surgeon (drückt ihr die Hand). Zch danke Ihnen. Fr. v. Surgeon. Mein Gott! wie soll man gegen etwas taub sein, was jedes Frauenzimmer gern hört. Fr. v.Merainville. Der Heuchler, nun verachte ich ihn. Fr. v. Surgeon. Nun, nun — eS läßt sich Alles repariren, noch ist's Zeit. Surgeon. Das ist noch ein Glück. Fr. v. Surgeon. ES ist klar, die Anwesenheit des Marquis wird meinem Manne lästig. Surgeon. Hab ich etwa keinen Grund? Fr. v. Surgeon. Meine Schwester verabscheut ihn? Fr. v. Merainville. Von ganzem Herzen! Fr. v. Surgeon. Nun gut, so gibt es ein sehr einfaches Mittel, ihn los zu werden, man weist ihm mit guter Manier die Thüre. Surgeon. Ja wohl. Fr. v. Surgeon, Und ich über- nehm's- Surgeon. Du? — sieh einmal! Fr. v. Surgeon. Du traust mir nicht? So thue es selbst. Surgeon. Ich? Fr. v. Surgeon. Bist Du nicht der Hausherr? Surgeon. Das wohl, indeß — ich kenne mich, ich bin heftig, ich könnte mich vergessen, wir kämen in Streit und ein Duell wäre unvermeidlich. Ich sage nicht, daß es mir kein Vergnügen machen würde, mich für Sie zu schlagen, Madame, und er sollte mich kennen lernen — Ha! — 1 — 2 (er stößt mit der Hand in die Luft). Fr. v. Surgeon (affektirl Schreck). Mein Gott! Surgeon. Nein, beruhigen Sie sich, das hieße Sie kompromittiren, und ich opfere Ihnen meine Kampflust. Fr. v. Surgeon. Sie beschämen mich. Surgeon. Nein, eine dabei nicht interessirte Person muß mit ihm sprechen. — Ihre Schwester. Fr. v. Merainville. Ich? Surgeon. Ja — ich halte das für das Beste. Fr. v. Surgeon (für sich). Ein löte L töte? Surgeon. Suchen Sie einen Vorwand, ihn fortzuschaffen. Fr. v. Merainville. Aber welchen ? Surgeon. Oh, Sie werden schon einen finden. Wenn es den Damen auch oft an Gründen fehlt, an Vorwänden haben sie nie Mangel. Fr. v Surgeon (für sich). Wenn er mit ihr allein bleibt, so zerstört er mein ganzes Werk. 1L Surgeon. ES bleibt dabei, Sie sprechen mit ihm und setzen ihm den Stuhl vor die Thüre — komm, Agathe. Fr. v. Surgeon. Nein, Herr Gemahl, ich will zugegen sein, wenn ihm Elise den Abschied gibt. Surgeon. Wohl um ihn noch einmal zu sehen? Fr. v. Surgeon. Wenn Sie mir nicht trauen, so bleiben Sie gegenwärtig. Surgeon (für sich). Daß er an mir Satisfaktion nähme! Ich danke! Dreizehnte Seene. Vorige. Marquis. Jean. Marquis (leise). Tölpel! sich ab- fangen zu lassen. Surgeon (für sich). Da ist er! Jean (leise). Aber mein Gott, ich dachte ja — Marquis (leise). Schweig und packe Dich. (Jean ab.) Surgeon (geht dem Marquis entgegen). Ah sieh da, Herr Marquis! Marquis. Sie wollen gehen? Surgeon. Ja, Verehrter, ich lasse Sie mit den Damen allein, ich bin kein Bartholo. Aber sagen Sie mir, was hat denn meine kleine Schwägerin gegen Sie? Ich darf Sie vertheidigen, wie ich will, es hilft nichts. Marquis. Ich will versuchen, meine Vertheidigung selbst zu übernehmen. Surgeon. Das ist recht. — Nun Adieu! — (leise zu Elise.) Elise, geben Sie auf meine Frau Acht. (Links ab). Vierzehnte Seene. Marquis. Frau von Surgeon. Frau von Merainvillle. Marquis. Wer mir gesagt hätte, daß ich einst nur zitternd mich Ihnen nahen würde — Fr. v. Surgeon. Der Herr Marquis sind gar zu schüchtern. Marquis. Man wird es, wenn das Herz leidet. Fr. v. Surgeon. Ihr Herz pflegt wohl nicht lange zu leiden? Marquis. Es kommt auf seine Wunde an. Fr. v. Surgeon. Diese Wunden sind selten tief. Marquis. So glaubt man oft, und vernachlässigt, sie zu heilen. — Aber welch' düstre Wolke liegt auf Ihrer Stirne, schöne Frau? Fr. v. Merainville. Wolken? O, Sie irren, Herr Marquis, wir sind Beide sehr aufgelegt; eben lachten wir noch über ein allerliebstes Abenteuer, soll ich es Ihnen erzählen? Marquis. Ich bin ganz Ohr. Fr. v. Merainville. Ein junger Herr machte zu gleicher Zeit zwei Schwestern den Hof, und benahm sich so geschickt dabei, daß sie eine Weile, Beide getäuscht wurden. Da führt der Zufall eine Erklärung zwischen ihnen herbei, und in ihrem gerechten Unwillen vereinigten sie sich, um Beide demVer- räther zugleich seinen Abschied zu geben. Marquis. Wirklich? — (zu Frau v. Surgeon.) Sehr gut, gnädige Frau! (für sich.) Doch ich will mich rächen. Fr. v. Merainville. Wie finden Sie meine Anekdote? Ist sie nicht interessant? Marquis. O ja, wenn sie wahr ist. Fr. v. Merainville. Sie ist historisch. Marquis. Ich zweifle nicht, und sie erinnert mich an eine andere, die eine entfernte Ähnlichkeit mit ihr hat. Ein Mann, den schon manche Ver- läumdung betroffen, lebte in Gesellschaft zweier Schwestern; beide waren schön und liebenswürdig, aber der Held meiner Geschichte, sehr verschieden von dem Ihrigen, verschenkte sein Herz, ohne es zu theilen. Wie ging'S dem 13 Armen? — er liebte mit Leidenschaft, liebte, wie man nur Einmal liebt im Leben, die jüngere Schwester — hatte aber das Unglück, der ältetn zu gefallen. iFr. v. Merainville. Ach! iFr. v. Surgeon. Was? Marquis. Ja, meine Damen, ohne es zu wollen — (sich an Fr. v. Merain- ville wendend) und hören Sie, wie er zu beklagen war — vielleicht hätte die Reinheit seiner Leidenschaft das Herz des anbetungswürdigen Weibes gerührt, er hoffte schon in ihr das zarte Mitleid, das süße Interesse erregt zu haben, das kein fühlendes Wesen dem versagt, von dessen Leiden es die Schuld trägt, als die andere Schwester, die eifer- und rachsüchtig, daß ihre Avancen ohne Erfolg geblieben — Fr. v. Surgeon. Ihre Avancen, Herr Marquis? Marquis. Verzeihen Sie, Madame, ich erzähle nur wieder, was ich gehört. Fr. v. Merainville (für sich). Wär's möglich! Marquis (zu Fr. v. Surgeon). Das scheint Ihnen sonderbar, und doch ist es nicht neu. — Das Alterthum schon gibt uns genug Beispiele: Phädra war schön, und doch ward ihre Liebe zurückgewiesen. — Sie wissen, wie es dem armen Hypolit ging. — Und haben Sie nie von der Geschichte der Po- tiphar gehört? Fr. v. Surgeon (heftig). Der Potiphar? Marquis (lächelnd). Ich behaupte nicht, daß mein Held ein Josef sei, und genöthigt gewesen, seinen Mantel im Stiche zu lassen, schon deßhalb, weil er keinen Mantel trug. — Aber bei Alle dem war sie sehr erbittert, und was vermag nicht der Zorn einer Frau. — Um den Mann, den sie vergebens an ihren Triumphwagen zu fesseln gesucht, für ewig unglücklich zu machen, scheute sie sich nicht, sich selbst zu verläumden, ihm eine Liebe anzu- dichten, die er nicht empfand, nicht empfinden konnte. Fr. v. Merainville (für sich). Wär's möglich! — es wäre schändlich! Fr. v. Surgeon (sucht ihn zu unterbrechen). Aber — Marquis (lebhaft). Sie trieb es so weit, sich selbst anzuklagen — Fr. v. Merainville (fürsich). ES ist so! Fr. v. Surgeon. Aber ich sage — Marquis (lebhaft). Ein Brief an ihre Schwester wurde von ihr aufgefangen. Fr. v. Merainville (für sich). Wirklich? Fr. v. Surgeon (ungeduldig). Aber mein Herr, diese Geschichte — Marquis (mit feierlichem Tone). Hatte ein trauriges Ende. Als der Unglückliche einsah, daß er die Ver- läumdung, die ihm seine einzige Hoffnung geraubt, nicht besiegen könne — Fr. v. Merainville (mit Interesse). Nun? Marquis. Tödtete er sich. Fr. v. Merainville (schaudernd). Entsetzlich! Fr. v. Surgeon (lacht). Was Sie sagen! Marquis (lebhaft). Er tödtete sich, und sie, die er allein geliebt, erkannte zu spät den Jrrthum, der ihm das Leben gekostet. Fr. v. Merainville. O wie elend muß sie gewesen sein. Marquis. Sie werden es begreifen. Fr. v. Surgeon (lacht). Wir sind wahrlich thöricht, Elise, solche Märchen anzuhören. Fr. v. Merainville (gespannt zu ihr). Und warum soll es ein Märchen sein? Fr. v. Surgeon. Nun, Du wirst es doch nicht glauben? Fr. v. Merainville. Ich glaube 14 es, weil es wahrscheinlich ist, und kann Dir nicht verhehlen, daß mich die Erzählung erschüttert hat. Marquis (lächelnd). Wenn Frau v»n Surgeon ihr Gedächtniß anstrengen will, so wird sie vielleicht etwas finden, das sie weniger unglaublich für sie machen wird. Fr. v. Merainville (für sich). Mein Vertrauen so zu mißbrauchen. Fr. v. Surgeon (für sich). Zum zweiten Male geschlagen! Nun gibt's nur noch Ein Mittel, ihn zu besiegen, er muß ihr lächerlich werden. — Aber wie das beginnen bei seinem Verstände und seinen Manieren? Marquis (leise zu ihr). Was meinen Sie, gnädige Frau, Hab' ich gewonnen ? Fr. v. Surgeon (leise). Nur zu, mein Herr, noch sind Sie nicht am Ziele, und ich gebe Ihnen mein Wort, Sie werden's nie erreichen. Marquis (wie oben). Doch komme ich vorwärts. Fr. v. Surgeon. Komm, Elise! Marquis (leise zu ihr). O, kehren Sie zurück, bedenken Sie, es gilt mein Leben. (Die Damen ab nach links). Fünfzehnte Seerre. Marquis allein. Hahaha! Es ist kaum zu glauben, wie alle Weiber sich auf dieselbe Weise fangen lassen. Man droht, sich ihretwegen umzubringen, es thut's Keiner, und doch schlägt das Mittel immer an, denn ich las es in Elisens Augen, daß sie kommt. Nun, Frau von Surgeon , Sie haben mich tapfer angegriffen, das muß man Ihnen lassen, aber sie triumphirten zu früh! Noch vor Kurzem lachte sie und spottete über mich, ich wette, jetzt ist sie vor Zorn außer sich. Hahaha! Ich weiß wahrlich nicht, was mir mehr Spaß macht, die Liebe der Einen, oder die Wuth der Anderen. Sechzehnte Scene. Voriger. Zean (von links). Zean. Gnädiger Herr, Frau von Surgeon schickt mich — Marquis. Was will sie? Jean. Pardon! Erlauben Sie mir, mich erst zu besinnen, denn ich gestehe, ich habe nicht verstanden, was sie sagte — Ja — ja, so war's: Sage Deinem Herrn, er sei geboren für den Almaviva und thue sehr Unrecht, eine andere Rolle zu spielen. Marquis (erstaunt). Was beißt das? Jean. Zugleich schickt sie Ihnen diese Tabatiere. — Marquis. Der Preis uns'rer Wette! Es ist gut, geh! Jean (ab). Siebenzehnte Seene. Marquis allein. Wie? Diese furchtbare Feindin — eben noch so stolz und drohend, erklärt sich schon für besiegt und bestätigt selbst ihre Niederlage? — Das ist nicht Ernst — hier heißt's auf seiner Hutb sein. Sie gibt sich den Anschein auf weitern Kampf zu verzichten, und sucht mich sicher zu machen, um Zeit zu gewinnen, neue Batterien gegen mich aufzufahren. — Gut kalkulirt gegen einen Neuling, doch ein alter Fechter wie ich? — „Nichts ist gethan, sobald noch etwas zu thun ist" war Cäsar's Wahlspruch! er ist auch der meine! Ich schwör's auf diese Dose, die ich stets als einen Talisman des Sieg s bewahren will. IS Achtzehnte Scene. Marquis. Surgeon. Surgeon (der die letzten Worte gehört hat). Das wird sich zeigen. Marquis. Was ist gefällig? Surgeon. Nein, Herr, ich kann mich nicht wehr halten, und ich wäre schon früher erschienen, wenn mich nicht mein alter Onkel zurückgehalten hätte, er ist wieder fort, und ich bin hier, um Sie zur Rechenschaft zu ziehen. Marquis. Mein Himmel, weßhalb? Surgeon. Was hat Ihnen meine Frau durch Ihren Diener geschickt? Marquis. Nichts, ich versichere Sie. Surgeon. Diese Dose, mein Herr, doch das darf nicht so fortgehen, denn meine jetzige Existenz ist unerträglich. Diese ewige Furcht, dies Acht geben, schlecht frühstücken, nicht zu Mittag essen, das halt ich nicht aus. Marquis. Liebster Freund! Surgeon. Ich bin nicht Ihr Freund. Sie haben mich auf's Aeußerste gebracht. Wir schlagen uns. Marquis. Ach — es ist nicht Ihr Ernst. Surgeon. Wir schlagen uns. Sie werden mich vielleicht tödten, auch gut, das geht vorüber. Marquis. Ich sollte mich mit Ihnen schlagen? Surgeon. Siewollennicht? nicht? — ich hole Waffen. Wir werden sehen. (Geht nach hinten). Marquis. Seien Sie doch vernünftig ! Surgeon. Nein, mein Herr, oder Sie verlassen wenigstens augenblicklich mein Haus. Marquis. Gehen Sie doch, Sur- geon, Sie sind gar nicht so ungeberdig, wie Sie sich anstellen — ich kenne Sie, Sie werden sich beruhigen. (Offcrirt ihm die offene Dose). Surgeon (nimmt unwillkürlich eine Prise. Margais ebenso). Nein, mein Herr, ich beru ige mich nicht! Zchhabe einen schlimmen Kopf, wenn ich ihn einmal aufsehe. (Er schnupft heftig.) Mit den Waffen in der Hand komm ich zurück. (Ab nach links.) Iteunzehnte Scene. Marquis. Frau vonMerainville (aus de» Hause). Fr. v. Merainville. Welcher Lärm? Marquis (bemerkt sie). Ach, theure Elise! Fr. v. Merainville. WaS sagte mein Schwager? Marquis. Er verbannt mich von hier, doch werden Sie mir erlauben, Sie dermoch zuweilen zu sehen? Fr. v. Mer ainville. Unmöglich! Marquis. Der Pavillon am Ende des Parks, wo Sie oft allein arbeiten, ich sehe den Schlüssel dazu an dieser Kette. Fr. v. Merainville. Was fordern Sie? Marquis (wirft sich ihr zu Füßen). Den Schlüssel, ich beschwöre Sie — den Schlüssel — (er niest) Atschi! Fr. v. M erai nvi lle. Nun denn— Marquis. Sie ahnen nicht, welche Seligk — (niest.) Hatschi! — Fr. v. M erai nvi lle. Was haben Sie denn? Marquis. Theure Elise, meine Liebe — Fr. v. Merainville. 2ch bitte Sie, sprechen Sie jetzt nicht von Liebe, hahaha! Sie sind zu komisch — Marquis (niest). Atsch! Atsch! Zwanzigste Seene. Vorige. Surgeon. Frau von Surgeon. Surgeon (in jeder Hand eine Pistole, unter jedem Arm einen Degen, niest). Atsch! M 16 Fr, v. Sur g eon (lacht). Hahaha! Surgeon (präsentirt dem Marquis die Pistolen). Wählen Sie — Atsch! Marquis. Za, sagen Sie, was ist das? Surgeon. Zmmerfort zu nießen! Atsch! DaS ist mir — in meinem Leben nicht paffirt! Atsch! Fr. v. Surgeon. Der Herr Marquis wird Zhnen eine Priese aus seiner Dose offerirt haben. Marquis. Wie, Madame, das wäre — ? Fr. v. Surgeon. Ein verzweifeltes Mittel — Niesewurz aus meines Mannes Laboratorium! Surgeon. Und weß — weßhalb? Atsch! Marquis (zugleich). Atsch! Fr. v. Surgeon. Mir blieb nur dies, um Sie zu besiegen und meine Schwester zu retten. Nun sind Sie ihr lächerlich und nicht mehr zu fürchten. Marquis. Dann bleibt mir nichts übrig, als — Atsch! Surgeon. Zu gehen — Atsch! Alle. Wohl zu bekommen! Der Borhang fällt. - - - - -- Wien 1853. Druck und Verlag von I. B. WalliShausser. Line Jigklidstlde. Lustspiel in einem Acte, frei nach dem Lranzöstschen, von L. IuIiuS. Den Kähnen gegenüber als «Manuskript gedruckt. Personen r »r v. Goldbach, eine junge Witwe. ) rillburg, 43 > tosen Hain, 40 j v. Gleichen. Gretchen, Kammermädchen. Zimmer der Frau v. Goldbach. Erste Seene Drillburg. Rosenhain. Gleichen. Gretchen. Die gnädige Frau bittet Sie, einen Augenblick zu verziehen, sie wird sogleich hier sein. (Ab zur Seite.) Drill bürg. Ohne Umstände. (Zu Rosenhain) Was Teufel willst Du hier, Rosenbain? Rosenhain. Kuriose Frage! Bist Du nicht auch da? Drillburg. Ich? nun, das ist ganz was anders, ich bin hier z.u Hause. Rosen Hain. Oho! noch bist Du nicht der Gemal der schönen Frau. Drill bürg. Noch nicht, das ist Mahr, doch bald. Als Freund ihres verstorbenen Mannes habe ich seiner Witwe alle die Dienste erwiesen, durch die Man das Herz der Weiber gewinnt; WlenerTheater-Repertotr. XVI. nach seinem Tode hatte sie sich aus hun- dert Verlegenheiten nicht herauszuhelfen gewußt, hätte ich mich ihrer nicht angenommen, stets beschäftigt mit ihrem Schmerz und ihren Gläubigern, war ich ihr Tröster und Anwalt zu gleicher Zeit; endlich vermehrte sich die Zahl ihrer Anbeter, und ich sah bald zu meiner Genugthuung, daß sie von dem Augenblicke an, als ich mich ihr zärtlich näherte, allen meinen Rivalen den Abschied gab. Nun, Du weißt davon zu erzählen, Du warst ja einer der Eifrigsten. R o s e n h a i n. Ich? — oh! Ich machte ihr den Hof, wie ich ihn allen Damen mache, zum Zeitvertreib, und um mich an Deiner Eifersucht zu weiden, denn Du warst sehr ergötzlich, Freundchen, bis auf einige Momente, wo sie alle Grenzen überstieg; und wäre ich nicht der Klügere gewesen, ! so hätten wir beinahe die Albernheit I begangen, uns die Hälse zu brechen. Drillburg. 2a höre, wenn ich liebe — Rosen ha in. Dann hörst Du auf liebenswürdig zu sein, so scheint's.— Indeß glaube mir, ich habe niemals ein ernsthaftes Attachement zu Deiner Flamme gehabt. Witwen find nicht mein Geschmack, und was ich beim schönen Geschlecht über Alles setze — Jugend — Drill bürg. Nun, die läßt doch Frau von Goldbach nicht vermissen? — Mit 28 Jahren. Rosenhain. So sägt sie — aber sicher verschweigt sie 3 oder 4; und dann, wie gesagt, sie ist Witwe, und die bieten uns doch immer nur eine inkomplette Schönbeit. Drillburg. Demnach zu schließen, machst Du einem Mädchen den Hof? Rosenhain. Von 16 Jahren, nicht eine Stunde älter, ein originelles Ding, ganz Unschuld, ein romantisches Gänschen. Drillburg. Und Du hoffst zu reussiren? Rosenhain. Warum denn nicht? Ich sage Dir, mein Erfolg bei dem Mädchen ist sicherer, als Deiner bei der Witwe. Drill bürg. Spaßvogel! Rosenhain. Ja, ja! Ich gefalle, ich bezaubere. Ihre Leidenschaft zu mir macht seit etwa 14 Tagen so reißende Fortschritte, daß ich mich selbst darüber wundere. — Du lachst? 20 Louis, daß ich früher zum Ziel komme, als Du. Drill bürg (lachend). Alter Geck! Es sei, um Dir eine Lehre zu geben. (Schlägt in Rosenhains hingehaltene Hand.) Zweite Seene Vorige. Fr. v. Goldbach. Goldbach. Verzeihung, meine Herren, daß ich Sie warten ließ, Sie waren aber Beide in so guter Gesellschaft, daß Sie mich leicht entbehren konnten. Wissen Sie wohl, daß ich lange nicht mehr das Vergnügen chatte, Sie bei mir zu sehen, lieber Rosenhain? Rosenhain. Geschäfte, Gnädigste! Goldbach. Welche Ausrede! Ihr Hauptgeschäft ist ja doch das Vergnügen. Rosenhain. Wäre dieß der Fall, so würden Sie mich täglich zu Ihren Füßen sehen. Goldbach. Ei, wie galant! Rosenhain. Wie aufrichtig, wollen Sie sagen. ' Dril lb urg (für sich). Was treibt er denn, will er seine Galanterien von neuem anfangen? — (laut.) Abgesehen davon hatte er mit mir zu sprechen, und da er weiß, daß Sie mir erlauben, Sie täglich zu besuchen, so glaubte er, es sei am besten — Goldbach. Sie hier aufzusuchen? (zu Rosenhain.) Allerliebst, so habe ich also nur Drillburg Ihren Besuch zu verdanken? Rosenhain. Bitte um Verzeihung, dem kann ich nicht beipflichten. Gewiß freu' ich mich stets, den alten Drillburg zu sehen, wir sind ja alte Freunde, ich glaube sogar, er ist noch älter, als ich. Drill bürg (für sich). Nun kommt er gar auf mein Alter — (laut.) O, wo denkst Du hin? Rosenhain. Ja ja — etwa um 3 Jahre. Drillburg. Noch besser! Warum nicht gar. (Lacht gezwungen.) Rosenhain. Nein, Du hast Recht — nur 3. Nun, die sind auch schon von Bedeutung, wenn man die 40 3 paffirt hat, na und die haben wir hinter uns, Alterchen; nicht? Drillburg (ärgerlich). 2 nun ja — ich weiß es. Rosen Hain (lacht). Na, na, ärgere Dich nicht! Er ist ein vortrefflicher Zunge, der alte Drillburg, aber er hat auch seine Schattenseite. Goldbach. So? die Hab' ich noch nicht kennen gelernt. Rosenhain. Za, das glaub' ich, vor Zhnen nimmt er sich zusammen, aber ich kenne ihn besser, bin ja sein ältester Freund. Drill bürg. DaS sollte man kaum glauben, wenn man Dich so hört. Rosenhain. Nun, es war ja nur Scherz, — Du willst ihn nicht verstehen, so zieh ich mich zurück — ohne Groll, Alter! Gnädige Frau — Goldbach. Lassen Sie sich bald wieder sehen. Drillburg (leise). Warum suchst Du mir denn zu schaden? Rosenhain (leise). Vergißt Du unsere Wette? Zch vertheidige bloS meinen Einsatz. (Ab.) Dritte Seene. Vorige, ohne Rosen Hain. Goldbach. Er ist doch immer bei Laune! Drill bürg. Aber dabei ein mo- quanter, medisanter, unangenehmer, unerträglicher Mensch. Goldbach. So? Drillburg. Zch kenne ihn durch und durch, bin ja sein alter Freund. Goldbach (lacht). Zch sehe, Zhre Freundschaft macht Sie nicht blind gegen Zhre Schwächen, weder den Einen noch den Andern. Drillburg. Es mißfällt Zhnen doch nicht, wenn ich ihm Gerechtigkeit widerfahren lasse? Goldbach. Dazu müßte er mir mehr Interesse einflößen, und ich glaube nicht, daß ich nöthig habe, Sie seinetwegen zu beruhigen. Drill bürg. Seinetwegen? Nein. Goldbach. Nun, hat jemand Anderer Zhr Mißtrauen erregt? Drill bürg. Könnte der Fall sein. Goldbach. Nun, so reden Sie, wer ist der neue Gegenstand Zhrer ewigen Eifersucht? Drill bürg. O, Sie wissen eS wohl, Sie haben ihn noch gestern im ^Theater gesehen. Goldbach. Zm Theater? Drill bürg. Er stand im Par- quet, und lorgnirte Sie auf'S eifrigste; im Zwischenakt strich er an Zhrer Logenthür herum, als ob er Sie zu sprechen wünschte, und nur meine Gegenwart ihn davon abhielte. Goldbach. Der Aermste! Nun, wer ist es denn? Drill bürg. O Sie wissen wohl daß ich Herrn von Gleichen meine. Goldbach. Den kenne ich ja gar nicht. Drillburg. Wer das glauben dürfte. Goldbach. Werden Sie denn nie geheilt werden? Nehmen Sie sich in Acht, ich könnte einmal böse werden, und man ist nicht immer in der Laune, vernünftig zu sein. Drillburg. O Sie sind es nur zu sehr, und das ist eben der Grund meiner Eifersucht. Sie empfinden für mich nur eine ruhige, gemäßigte Nei- gung. Goldbach (lacht). Und Sie verlangen Leidenschaft, Raserei! Das ist mir nun freilich unmöglich. Ist denn das aber nothwendig zu einer glücklichen Ehe? — Für meinen verstorbenen Gatten empfand ich diese eral- tirte Liebe, war ich glücklich mit ihm? — Sie wissen es, daß ich es nie war. — Nein, glauben Sie mir, gegenseitige Achtung, Freundschaft sind hinreichend. — Vor der Liebe, mein 4 Freund, vor der fürchte ich mich, und will nichts mehr von ihr wissen. Drill bürg. Aha, deßhalb nehmen Sie mich zum Mann. Goldbach. Wie garstig! Und gesetzt, es wäre so, worüber hätten Sie sich zu beklagen? Drillburg. Sie haben Recht! Ich bin ein Thor. Vergeben Sie mir, ich will mich bessern. (Küßt ihr die Hand.) Goldbach. Nun, wir wollen sehen, ob Sie Wort halten. Vierte Gerne Vorige. Gretchen. Greichen. Gnädige Frau, eS ist ein Herr draußen» der Sie zu sprechen wünscht, er sagt, es sei eine Sache von höchster Wichtigkeit. Goldbach. Hat er Dir seinen Namen nicht gesagt? Gretchen. Hier ist seine Karte. (Gibt sie.) Goldbach (liest). Ernst von Gleichen. Drill bürg. Wie? er untersteht sich? Goldbach (zu Gretchen). Er ist willkommen. Fünfte Gerne. Vorige, ohne Gretchen, dann Gleichen. Drillburg. Sie empfangen ihn? Goldbach. Warum nicht? Drillburg. Er liebt Sie ja. Goldbach (lacht). Soll ich denn nur die bei mir sehen, die mich nicht lieben? Ich denke, Sie wollen nicht mehr eifern? Drillburg. Ja — unter solchen Umständen. Gleichen (tritt ein). Gnädige Frau, Ihre Güte — (sieht Drillburg). Verzeihung, ich glaubte Sie allein. Goldbach. Sie wünschen mir eine Mittheilung zu machen? Gleichen. Ja, gnädige Frau. Goldbach. Allein? Gleichen (verlegen, wie oben). Ja, gnädige Frau. G oldba ch (leise zu Drillburg). Sie verstehen? D ril l b u r g (ebenso). Wie? ich soll — Gold bach (ebenso). Haben Sie vergessen, was Sie mir eben versprachen? Drill bürg (bezwingt sich). Nun gut — ich empfehle mich. (Geht und kommt sogleich wieder. Leise.) Ich komme später wieder, wenn Sie erlauben. G oldba ch (leise). Sie bedürfen keiner Erlaubniß dazu. Drillburg (ebenso). Nun — ich gehe mit geschlossenen Augen. (Geht und kommt sogleich wieder.) Werden Sie sich lange mit ihm aufhalten? Goldbach. Nein, nein, beruhigen Sie sich nur. Drillburg (wie oben). Oh — ich bin ganz außer Sorgen. (Geht, indem er beim Abschiedsgruß Gleichen von oben bis unten mißt.) Sechste Gerne. Gleichen. Frau v. Goldbach. Goldbach (ladet stumm Gleichen ein, Platz zu nehmen). Nun, mein Herr, was steht zu Dienst? Gleich en. Wahrlich, gnädige Frau, ich bin so verlegen, daß ich nicht weiß, wie ich Ihnen sagen soll — haben Sie Nachsicht mit mir. G oldbach. Fassen Sie sich, (leise.) Drillburg hat am Ende Recht, und ich bekomme da eine Liebeserklärung zu hören. Gleichen. Der Schritt, den ich gewagt, ist vielleicht unbescheiden, was ich Ihnen zu sagen im Begriff stehe, wird Ihnen vielleicht eine üble Meinung von mir geben. 8 Goldbach. Ich hoffe das Gegen- theil, Herr von Gleichen. Gleichen. Ein Wort umfaßt meine ganze Entschuldigung: Ich liebe. Goldbach (für sich). Sagt' ich's nicht. — (Laut.) Erklären Sie sich deutlicher, (kür sich.) Ich bin fast eben so verlegen, als er. Gleichen. Ich liebe eine reizende junge Dame, und wage nicht, sie von ihrem Vater zu erbitten. Goldbach (für sich). Von ihrem Vater? — Es ist nicht von mir die Rede — desto besser—indeß es macht doch einen eigenen Eindruck, wenn man erwartet — (laut.) Aber was kann ich in Ihrer Sache tbun? Gleichen. Wenn Sie wollen, Viel, Alles. Goldbach. Kenn' ich Ihre Geliebte ? Gleichen. Leider nein, aber Ihren Vater. Goldbach. Ihren Vater? Gleichen. Eben verließ er uns. G o l d b a ch. Herr v. Drillburg? Er hätte — Gleichen. Eine reizende Tochter. Sie liebe ich, für sie erbitte ich Ihren Einfluß. Goldbach. Ich kann mich kaum von meinem Erstaunen erholen. Herr v. Drillburg hätte eine Tochter, und hätte mir dieß bis heut verschwiegen! ES ist kaum glaublich! und doch, Sie müssen Ihrer Sache gewiß sein, da Sie ihr Liebhaber sind. Gleichen. In einer Pension lernte ich sie kennen. Sie tragt nicht den Namen ihres Vaters, und es weiß wohl Niemand um dieß Geheimniß, als die Vorsteherin der Pension und wir Beide. — Vielleicht ist eS unrecht, daß ich es Ihnen verrathe, indeß das Vertrauen, das Sie eim flößen, ist so groß — Goldbach. Ich will es zu verdienen suchen; haben Sie nur die Güte, mich zu unterrichten, auf welche Weise. — Warum aber, um Alles in der Welt, verbirgt es Herr v. Drillburg so ängstlich, daß er Vater ist? Gleichen. Er fürchtet vielleicht, eine erwachsene Tochter möchte ihn nicht mehr so jung erscheinen lassen, als er noch ist. ^ Gold b a ch. Als er gerne sein möchte, sagen Sie. Gleichen. Verzeihung, gnädige Frau, wenn ich — Goldbach. Ihre Entdeckung be, leidigt mich keineswegs, noch bin ich nicht Frau von Drillbu'-g! — Nun, und Sie glauben sich geliebt? Gleichen. So darf ich mir schmeicheln ; der Schritt, den ich so eben gewagt habe, ist ein Beweis dafür, Goldbach. Wie das? Gleichen. Hortense, so heißt mein Mädchen, bekommt ihren Vater kaum zu sehen, seine geringe Zärtlichkeit hat in dem armen Kinde eine nicht zu besiegende Furcht vor ihm erzeugt, als ich ihr sagte, daß ich um ihre Hand bei ihrem Papa anhalten wolle, beschwor sie mich, dieß ja nicht zu thun, er werde, erzürnt das Geheimniß ihrer Existenz verrathen zu sehen, seine Einwilligung gewiß versagen.WaS blieb uns übrig? — Entführung! Zn der Hoffnung, der Vater werde uns nach einem solchen Eklat nicht mehr länger widerstehen, beschloß sie die Pension heimlich zu verlassen. — Vor 14 Tagen schon sollte unser Plan auS- geführt werden, ich gestehe, ich sah erst dem Augenblicke mit Ungeduld entgegen, doch ich begann über unser Vorhaben nachzudenken, ich fand, daß man doch wohl erst sanftere Mittel versuchen müsse, ehe man zum äußersten schreite. Ich schrieb an Hortense, setzte ihr meine Gründe auseinander und bat sie nochmals um Erlaubniß, erst bei ihrem Vater um sie werben zu dürfen. — Sehnsüchtig s erwarte ich ihre Antwort, da erhalte ich meinen eigenen Brief ohne ein Wort der Erwiederung zurück, und seitdem beobachtet sie dasselbe hart' nackige Schweigen. — Ich war in Verzweiflung, da sah ich Siegestern in der Oper, Ihr'Anblick belebte meinen Muth, ich beschloß in Ihre Hände mein Schicksal zu legen. Goldbach. Sie haben sehr verständig gehandelt, Herr von Gleichen, und ich bin gern bereit, mit Herrn von Drillburg über Ihre Wünsche zu sprechen, aber, aber! ich fürchte, mein Einfluß auf ihn ist nicht so groß, als Sie hoffen. Kennen Sie Herr» von Drillburg genauer? Gleichen. Erft zwei Mal habe ich ihn gesehen, gestern im Theater und so eben bei Ihnen. Goldbach. Wissen Sie, daß er eifersüchtig auf Sie ist? Er hat gestern Ihre Manoeuvres bemerkt. Gleichen. Wär' es möglich? Welches Glück! Goldbach. Wie? Gleichen. Ja, gnädige Frau, es erleichtert mir meine Verbindung mit Hortense ungemein, denn sicher sieht er in mir lieber seinen Sohn als seinen Rival, wollten Sie mir nun noch erlauben, Ihnen ein klein wenig den Hof zu machen, so wär' ich der glücklichste Mensch unter der Sonne. Goldbach. Halt, halt, Sie fordern auch gar zu viel auf einmal. Gleichen. Nun, so bitte ich Sie wenigstens, mich mit Hortense wieder auszusöhnen, erlauben Sie, daß ich Sie zu ihr geleite. Goldbach. Das will ich gerne. — Gretchen. Siebente Scene. Vorige. Drillburg. Drill bürg. Sie haben gerufen? Goldberg. Wie, Sie sind noch da? Drillburg. Ich promenirte ein wenig auf dem Vorsaal. Goldbach. Nach Gefallen, doch rief ich nicht Sie, sondern Gretchen. Gretchen (tritt ein). G o l d b a ch. Meinen Hut und Shawl. Drillburg. Sie gehen aus? darf ich Ihnen meinen Arm anbieten? Goldbach. Danke, Herr v. Gleichen ist so gütig. Drill bürg. Sie scherzen. Goldbach. Sie sollen sich überzeugen. (Gretchen hat das Verlangte gebracht.) Drill bürg, Und darf man wissen, wo Sie hingehen? Goldbach. Nein, das darf man nicht; ich habe meine Geheimnisse so gut wie Sie. Drillburg. Ich, Geheimnisse? Gleichen (leise). Tausend Dank, gnädige Frau. Goldba ch (ebenso). Wofür? Gleichen. Daß Sie seine Eifersucht unterstützen. Sehen Sie nur, wie er mich anblitzt. Goldbach (für sich), O weh, da verstrick ich mich mehr, als ich wollte; es ist aber Niemand Schuld daran, als der schändliche Drillburg. Mir zu verschweigen, daß er eine Tochter hat! (Laut.) Zst's gefällig? Gleichen. ZuBefehl, gnädige Frau. (Beide ab durch die Mitte.) Achte Seerre. Drillburg, dann Rosenhain. Drillburg. Wach' oder träum' ich! O Weiber! und daS Herrchen sah mich an, als ob er sich über mich lu stig machte. Rosenhain. Kon )our, Drill- burg! Drill bürg (für sich). Der fehlte noch! (Laut.) Eben so viel. Rosenhain. Immer noch böser 7 Laune? Nun, heute hast Du Grund dazu. Drill bürg. Bist Du ihnen be. gegnet? Rosenhain. Wem? Drill bürg. Frau v. Goldbach und dem jungen Gleichen. Rosenhain. WaS Du sagst? hahaha! das ist göttlich. Ich habe sie nicht begegnet, aber es freut mich doch sehr, hahaha! Drillburg. Donnerwetter, ich bin gar nicht zum Spaßen aufgelegt. Rosenhain. DaS seh' ich, Du bist aber auch heut doppelt im Malheur, Deine Wette ist verloren, da lies, was ich eben von meiner Dul- cinea erhalten habe. Drillburg. Ach, laß mich ungeschoren. Rosenhain. Du willst nicht le sen, so höre: (Liest). Die Liebe muß Alles wagen! Der Tag der Prüfung ist da. Ist Ihre Seele so stark, als die meine, Ihre Liebe eben so heiß, so kommen Sie, ich erwarte Sie. Drill bürg. Was soll denn das heißen? Rosenhain. Za — ich weiß es nicht. — Aber ich bin auf Alles gefaßt; bemerke nur die Phrase: die Liebe muß Alles wagen! — Sie wagt — aus Liebe zu mir. Drillburg. Was denn? Rosenhain. Ich weiß nicht; aber sie sagt ferner: der Tag der Prüfung ist da! — Sie wird doch nicht die Schulprüfung meinen? — Sie spricht von meiner starken Seele. — Erhaben! Welcher Styl! Welcher Schwung! Leb wohl, ich eile in ihre Arme. — (geht und kommt wieder.) Aber sage, begreifst Du, wie man mich dergestalt lieben kann? Drillburg. Nein, wahrhaftig nicht. Rosenhain. Wenn ich drüber nachdenke: die Liebe muß Alles wagen! Was heißt das? WaS versteht sie darunter? ' Drill bürg. Frag sie selber, und nicht mich. Rosen Hain. Der Tag der Prüfung ist da! Ich verliere noch den Kopf drüber. Adieu, Lieber, und lege die 2V Louisd'or zurecht. (Ab durch die Mitte.) Steunte Seeue. Drill bürg, dann Greichen. Drillburg. Wollen uns Zeit lassen. — Wirklich, ein heiterer Lag heute! sie kommt immer noch nicht wieder! Wo sie nur mag hingegangen sein. — Zch muß suchen, ihrem Mädchen die Zunge zu lösen, (klingelt.) Greichen. WaS beliebt? Drillburg. Hat Dir die gnädige Frau nichts gesagt beim Weggehen? Gr eichen. Weshalb fragen Sie mich das? Drillburg. Um zu hören, ob sie bald zurückkommt. Greichen. DaS weiß ich nicht, (will ab.) Drill bürg. Gretchen. Gretchen. Was beliebt? Drill bürg. Wo ist sie denn hingegangen? Gretchen. Weshalb fragen Sie mich das? Drillburg. DummeFrage! um es zu erfahren. Gretchen. Das weiß ich nicht, (will ab.) Drill bürg. Gretchen ! Gretchen. Was beliebt? Drill bürg. Kommt der junge Herr öfter hieher? Gretchen. Weshalb fragen Sie mich das? Drillburg (fährt auf). Nu Hab' ich'S satt! Gretchen. Zch weiß gar nicht, 8 weßhalb Sie mich so eraminiren. Meine Frau kann thun, was sie will. Drillburg. Unverschämte! Greichen. Na, da muß ich bitten. Zehnte Gerne Vorige. Frau v. Goldbach. Goldbach.Wasgehtdenn hiervor? Gretchen. Z , der Herr fragt mich aus über Sie, gnädige Frau. G 0 ldbach. Schon gut, geh ! (Gretchen links ab.) Ei, ei, Herr v. Drill- burg, das find' ich doch ein wenig sonderbar. Drill bürg. Werden Sie mir jetzt sagen, was für Geheimnisse Sie mit Herrn v. Gleichen haben? Goldbach Mit welchem Rechte fordern Sie das? Noch sind Sie nicht mein Gatte. Drill bürg. Ah, das heißt so viel, daß ich es auch wohl schwerlich jemals werde. Goldbach. Verstehen Sie'ö, wie Sie wollen. Drill bürg. Also mein Abschied? Wirklich mein Abschied? — Sie denken, ich werde wiederkommen, (nimmt den Hut) wieder den Fuß auf Ihre Schwelle setzen? — Ich werde nicht wieder kommen. 2ch gehe für immer. Goldbach. Ihre Dienerin! Drillburg. Leben Sie wohl, gnädige Frau, oh, Sie Werdens bereuen! (Ab durch die Mitte.) Eilfte Scene. Goldbach. Unerträglicher Mensch! und seine Tochter, diese gerühmte Schönheit! Welcher Charakter, welcher Ungestüm! Das Entführen ist zur fixen Idee bei ihr geworden! — ich weiß nicht, ob sich Gleichen nicht zu dieser Veruneinigung gratuliren darf. — Wenn ich ihm sagen wollte, was ich denke — und warum, sollte ich's nicht? — Er setzt Vertrauen in mich, es ist also Pflicht, ihm die Wahrheit zu sagen. — Da ist er — mein Entschluß ist gefaßt. Zwölfte Scene. Vorige. Gleichen. Goldbach. Ah, willkommen, Sie können es wohl nicht erwarten, wie meine Gesandtschaft ausgefallen ist? — Nun, ich habe Ihre Hortense gesehen, sie ist allerliebst. Gleichen. Nicht wahr? ein Engel! Goldbach. Aber — Gleichen. Nun? Goldbach. Aber ihr Temperament, ihr Charakter — Gleichen. Mißfällt Ihnen? Goldbach. Sie erscheint mir etwas gar zu lebhaft, gar zu entschlossen , möchte ich sagen, für ein Mädchen. — Nun, Sie kennen sie ja längere Zeit schon. Gleichen. O nein! es ist kaum ein Monat, daß ich sie daS erste Mal sah. Auf einem Balle in ihrer Pension wärd ich ihr vorgestellt, und verliebte mich sogleich auf das heftigste. Goldbach. Aber haben Sie denn nie darüber nachgedacht, daß es doch wohl gut sei, die Eigenschaften Derjenigen kennen zu lernen, mit der Sie sich für Ihr ganzes Leben verbinden wollen? Sehen Sie, Fräulein Hortense ist sehr hübsch, aber auch sehr heftig, und wenn in der Ehe Versöhnungen auch ihre Süßigkeiten haben — Gleichen. So haben Zwistigkeiten doch auch ihr Bitteres. Goldbach. Besonders wenn sie sich wiederholen. Gleichen. Sie rathen mir also? — Goldbach. Ich rathe Ihnen gar nichts, aber Sie können ja noch warten, sich prüfen, ob Sie für einander passen. Gleichen. Nun wohl, ich werde noch warten. s G o l d b a ch. Ich werde demnach heut' noch nicht mit Herrn von Drill- burg über Ihre Angelegenheit reden. Gleichen. Nicht eher, als es Ihnen gut dünken wird. Sie selbst sollen den Augenblick bestimmen. Goldbach. So ist'ö recht, so sind Sie brav! Gleichen. Wer möchte es nicht sein mit einer Führerin wie Sie, gnädige Frau! Ich war im Begriff, einen Fehltritt zu begehen, mich vielleicht für mein ganzes Leben unglücklich zu machen. Sie haben mich davor bewahrt. Sie waren mein Schutzengel, und ewig werde ich Ihnen dafür dankbar sein. (Küßt ihre Hand und geht durch die Mitte ab.) Dreizehnte Scene. Fr. v. Goldbach. Mein Gott! wie mir das Herz pocht! Es ist doch nicht das erstemal, daß man mir die Hand küßt — wie oft that es nicht schon Drillburg, und doch Hab' ich nie etwas Aehnliches empfunden. — Ich glaube, es ist Zeit, dem ein Ziel zu setzen, und da gibtS nur Ein Mittel: meine Verbindung mit Drillburg zu beschleunigen. Aber daß er mir die Tochter verheimlicht, das kränkt, das verletzt mich! — Ei nun! Ist er der Einzige, der sich Vorwürfe zu machen hat? Er wird bekennen, und ich — nun, ich werde verzeihen. Vierzehnte Scene. Vorige. Drillburg. Goldbach (reicht-ihm die Hand, er küßt sie). Wie ich sagte — Nichts — kein Vergleich! (seufzt). — Sie sollen belohnt werden für Ihre Versöhnlichkeit; holen Sie den Notar, heut Abend soll unser Contract unterzeichnet werden. Drillburg. Jst's möglich, gnädige Frau? die Freude, das Glück rauben mir die Sprache. Goldbach. Aber, aufrichtig, Drillburg, sollten wir nicht vorher Eines dem Andern gewisse kleine Bekenntnisse zu machen haben? kleine Jugendsünden einzugestehen? Es ist immer besser, man vertraut und verzeiht einander dergleichen, so lange man noch frei ist. Drillburg (für sich). Was will sie damit sagen? (laut.) ich verstehe nicht. Goldbach. Ei nun — wir sind allzumal Sünder und unwürdig der Gnade, es wäre schlimm, wenn Sie nicht auf die meinige hoffen dürften; nicht wahr, wenn ich die Ihre in Anspruch nähme, Sie stießen mich nicht zurück? - Drill bürg. Wie kommen Sie darauf? Goldbach. Ich will gern zugeben, daß man vor der Verlobung ansteht, gewisse Erinnerungen an's Licht zu ziehen, unter Gatten muß aber das gegenseitige Vertrauen uneingeschränkt sein. Nicht wahr, bester Freund? — Nun ziehe ich mich zurück, um noch für den Abend einige Arrangements zu treffen. Bis dahin adieu! (ab zur Seite). >- : Drillburg (bleibt im Hintergründe stehen). G o l d b a ch. Drillburg! das ist schön, daß Sie den ersten Schritt zur Versöhnung thun. Drillburg. Ich war ein Thor, verzeihen Sie mir. Fünfzehnte Scene. Drill bürg« Welch plötzlicher Wechsel! Wer hätte mir das vor einer Stunde gesagt. — Was wollte sie aber mit den Bekenntnissen sagen, die wir uns zu machen 10 hätten? — sollte sie erfahren haben, daß ich — o nicht doch, das ist un- möglich! Nein, sie scheint vielmehr selbst etwas auf dem Herzen zu haben, sprach von Nachsicht, schien auf die meine zu rechnen. — Jugendsünden — Jugendsünden, verdammtes Wort! — es könnte einen fast beunruhigen! — sollte sie sich etwas vorzuwerfen haben? — O fort mit solchen Gedanken! — Ich will mich lieber mit meiner heutigen Verlobung beschäftigen, vor allen Dingen zum Notar eilen. Hahaha! was wird nur Rosenhain dazu sagen! Sechzehnte Seene. Voriger. Rosenhain. Rosen ha in. Bist Du noch hier? schön! Dich suche ich, Du mußt mir einen Freundschaftsdienst erweisen. Drillburg. Was ist denn los? Du bist ja ganz aufgelöst. Ist es der Verdruß, Deine Wette zu verlieren? Haha! Rosenhain. Verlieren? Wie so? Drill bürg. Heut Abend ist meine Verlobung mit Frau von Goldbach. Rosenhain. Herrlich! nimm meinen Glückwunsch. Ha, nun ist es Dir ein Leichtes, meine Bitte zu gewähren. — Sieh mir in's Gesicht, Mensch, wie seh' ich aus? Drillburg. Aufrichtig gesagt, ziemlich albern. Rosenhain. Möglich, nach einem solchen Ereigniß! — Freund, Du siehst in mir einen Entführer, einen Mädchenräuber. Drillburg. Was, die Kleine?— Rosenhain. Entführt! Drill bürg. Von Dir? Rosenhain. Von mir! ich kann kaum zu mir selber kommen, bin noch ganz dumm von meinem Glück. — Erinnerst Du Dich noch des dunkelst ylisirten Brieses? die Liebe muß Alles wagen—der Tag der Prüfung ist da? — Nun höre: während ich mir umsonst den Kopf darüber zerbrach, kam ich in die Pension. Dr i llb ur g (aufmerksam). In eine Pension. Rosenhain. Deren Vorsteherin mich mit ihrem Vertrauen beehrt. Drill bürg. Und das Du auch verdienst, wie man sieht. Rosenhain. Meine Schöne saß in einem Winkel und weinte; bei meinem Anblick verdoppelte sich ihr Schmerz. Mein Herr, sagte sie zu mir, ich täuschte mich, als ich auf Ihre Liebe, auf Ihr Herz baute —erstaunt sah ich sie mit einer etwas stupiden Miene an, doch sie fuhr fort: Sie haben meinen Brief erhalten, und mich begriffen! — Wollte Gott, dachte ich leise, und um mir dazu Zeit zu verschaffen, ergoß ich mich in ein Meer von Redensarten, und dachte stets dabei: Was zum Teufel will sie nur? Endlich ließen mich ein paar Worte ihre Absicht errathen : sie wollte die Pension verlassen, und suchte bei mir ein Asyl- Drillburg. Bei Dir? R osenhain. Ich gestehe offen, auf so viel Liebe war ich nicht gefaßt, aber es ist nicht anders, wir leben im Jahrhundert der Schnelligkeit, Geschäfte, Reisen, Liebe, Alles mit Dampf! Drill bürg. Na, komm nur zum Schluß. Rosenhain- Nun gab sie mir den Schlüssel zu einer Hinterthür des Gartens vom Hause, und bat mich, sie dort mit einem Fiaker zu erwarten. In der Eile versprach ich Alles waS sie wollte, und schwindelnd über einen so unerwarteten Ausgang meiner Amour verließ ich sie, um das Nöthige zur Entführung vorzubereiten. Drillburg. Und Du glaubst, ich werde Dir dabei behülflich sein? 11 Rosenhain. O dazu bedarf ich Deiner gar nicht, es ist bereits Alles abgethan. Drillburg. Nun, was soll ich denn also? Rosenhain. Uns die Einwilli- gund ihrer Mutter verschaffen. Drill bürg. Kenne ich sie denn? Ro s en hain- Ob Du sie kennst! Du stehst sie alle Tage — eben war sie noch hier. Drill bürg. Himmel, mein Verdacht! sie wäre — Rosenhain. Eben als ich die Pension verließ, sah ich sie dort ein- treten. Drill bürg. Wirklich, Frau von Goldbach! Rosenhain. Sie fragte nach meiner kleinen Braut, und ging mit ihr in'S Sprachzimmer. Drillburg. Nun dabei seh' ich nichts Bedenkliches. R o s e n h a i n. Warte nur, es kommt! Zch wollte mich nicht sehen lassen, und versteckte mich in einer Dop- pelthür, wo ich fast erstickt wäre, da hört' ich — Drillburg. Was? Rosen ha in. Nichts; aber durch eine Ritze sah ich, wie sie die Kleine erst tüchtig ausschalt, und dann mit wahrhaft mütterlicher Zärtlichkeit tröstete. Drill bürg Mit mütterlicher! Rosenhain. Noch war ich nicht überzeugt, doch als sie an meinem Versteck vorüber kam, sagte sie: Betrage Dich nur stets als eine folgsame Tochter, mein Kind! — nu das war deutlich genug; und auf der Fahrt von der Pension nach meiner Wohnung bestärkte mich die Kleine noch in meinem Verdacht, denn auf alle Fragen in Betreff ihrer Eltern, antwortete sie mir stets: Wenden Sie sich erst an Frau von Goldbach, und, dann, indem sie schüchtern die Augen niederschlug, an meinen Vater. Drill bürg, Ihren Vater? Rosenhain. Der also noch lebt und ein anonymer Vorgänger des armen Goldbach zu sein scheint, der sich das schwerlich träumen ließ. Drill bürg. Ja, nun erkläre ich mir ihre Worte, gewisse Jugendsünden! Rosenhain. Sagte sie so? Drillburg. Den Augenblick. Rosenhain. Nun sieh, das ist hübsch von ihr, sie will Dich nicht hintergehen. Du mußt entzückt sein von so viel Vertrauen. D r i l l b u r g. Den Teufel auch! Wüthend bin ich. — Aber sie irrt sich — nun nehm' ich sie nicht. Rosen Hain. Oh! oh! Drillburg. Und ich werde sie zu strafen wissen. Rosenhain. Mein Gott, was hast Du vor? Drill bürg. Ja, Rosenhain, Dir soll geholfen werden; sie macht noch Ansprüche auf Jugend, zur Strafe soll sie einen Schwiegersohn haben von 43 Jahren. Rosenhain. 42 — Du outrirst! Drill bürg. Sie kommt, laß uns allein. Rosenhain. Meine Schwiegermutter kommt! — Gott, ich fühle eine Furcht, wie ein unartiger Bube, der die Ruthe kriegen soll. (Ab durch die Mitte). Siebenzehnte Seene. Drillburg. Goldbach. Drill bürg. Seitdem ich weiß, daß sie eine heiratsfähige Tochter hat, find'ich sie.gar nicht mehr hübsch. Gold b a ch. Schon zurück vom Notar? Drill bürg. Bin noch nicht dort gewesen. Goldbach (erstaunt). So so? Wie kommt denn das? Drill bürg. Weil ich indeß über- 12 legt habe. — Die Bekenntnisse, deren Sie vorhin erwähnten, ich glaube Sie haben Recht, es ist besser, sie vor der Verlobung zu machen, als nachher. Goldbach (für sich). Aha, jetzt wird die Tochter zum Vorschein kommen. Drill bürg. Sind Sie noch der Ansicht? .Goldbach. Gewiß! Drill bürg. Nun also — nichts hält uns ab. Goldbach. Nichts. — (Pause — Beide sehen sich erwartungsvoll an). Drillburg. Nun? Goldbach. Nun? — ich höre. Drill bürg. Mir scheint — Goldbach. Was? Drill bürg. Daß es an Ihnen sei, den Anfang zu machen. Goldbach. Es setzt mich in Verlegenheit. Drill bürg. Daß mag wohl sein, denn es gibt gewisse Jugendsünden — Goldbach. Die man vergessen — Drillburg. Hm! Goldbach. Und vergeben muß. Drillburg. Man vergibt vielleicht Fehltritte, die sich verbergen lassen, aber — Gold b ach. Wie? Sie sprechen so? Das ist überraschend. Drillburg. Wenn aber Proben davon zurück bleiben, die, anstatt sich zu verkleinern — G oldbach (lachend). Alle Tage größer werden. Drillburg. Und zuletzt sich der Welt in Gestalt einer Tochter präsen- tiren. G old b ach. Und einersehr hübschen. Drill bürg. Schön oder häßlich, darauf kommt's wenig an — dann werden Sie selbst einsehen, gnädige Frau, daß man nicht mehr daran denken kann, die Mutter zu heirathen. Goldbach. Die Mutter? Drillburg. Ja, denn eS ist kein Geheimniß mehr, daß Sie eine Tochter in einer Pension erziehen lassen, diesen Morgen noch hat Rosenhain Sie dort gesehen. Goldbach (lachend). Nein, das ist doch zu komisch! und dieser Tochter wegen verzichten Sie auf meine Hand? Hahaha! Drillburg. Ich begreife nicht, was Sie Spaßhaftes daran finden. Goldbach (lacht). Oh ich lache auch nicht mehr. Drillburg. Und der Vater dieser Tochter, wo ist er? Goldbach. Ich sehe ihn täglich! Drillburg. Sie empfangen ihn? Goldbach. Alle Tage. (Lacht.) Drill bürg. O spaßen Sie nur, machen Sie sich noch lustig über mich, das wird bald ein Ende nehmen, erfahren Sie: Ihre Tochter liebt einen jungen Mann (für sich) von 42 Jahren. G o l d b a ch. O sie bildet sich's wohl nur ein. Drillburg. Sie bildet sich'S so sehr ein, daß sie, aus Furcht ihn zu verlieren, mit ihm entflohen ist. G o l d b a ch. Also doch? das ist schändlich, das ist unwürdig! Drillburg. Sehen Sie, Sielachen nicht mehr! doch fassen Sie sich, er ist bereit, ihre Ehre wieder herzustellen, und hat mich um eine Vermittlung bei Ihnen gebeten. Gold b a ch. Sie? o wie falsch! wie doppelzüngig! Drillburg. Bei so bewandten Umständen bleibt einem keine Wahl, und man thut am besten, den Handel durch eine Heirath zu schlichten. — Ich hole den Sünder, er fürchtet, und sehnt sich doch vor Ihnen zu erscheinen. G old b a ch (niedergeschlagen). Er mag kommen, ich will ihm sein Betragen Vorhalten. Drillburg. Es nützt zwar nichts mehr, aber wenn es Sie erleichtert, immerhin. (Geht und kommt wieder). Ich IS brauche Ihnen nicht zu sagen, was ich über dieß Geheimniß, das längst keines mehr hätte für mich sein müssen, denke, Sie können es aber leicht errathen. (av). Goldbach. Mich so zu hintergehen! das Mädchen doch zu entführen, das er nicht liebt; denn er liebt sie nicht ich weiß es, er liebt sie nicht. — Wenn ich mich aber täuschte — wenn er doch — ach der Gedanke thut mir weh, ich glaube es wäre besser für mich, ich hätte ihn nie gesehen! — O weh! da ist er schon wieder. Achtzehnte Seene. Go ldb ach. Gleichen. Gleichen. Denken Sie, gnädige Frau, so eben — G o l d b a ch. Bemühen Sie sich nicht, ich weiß bereits Alles. Gleichen. Wie wäre das möglich? Wie sollten Sie den Inhalt dieses Briefes kennen, den ich so eben von Hortense erhielt. Sie gibt mir den Abschied, sie liebt mich nicht mehr. Goldbach. Wie? Gleichen. Da—lesen Sie selbst! Goldbach (für sich). Was soll ich davon denken? (Laut), haben Sie sie denn nicht entführt? Gleichen. Nein, gnädige Frau, und bin sehr glücklich, diese Thorheit unterlassen zu haben. G o l d b a ch. Glücklich? und von Hortense abgewiesen? — Welche Veränderung seit heute Morgen! Gleichen. Ach, schöne Frau, meine Liebe zu Hortense war nur eine Selbsttäuschung, nur ein Traum — ich bin erwacht, ich sah Sie, die schönste, liebenswürdigste der Frauen, und hier zu Ihren Füßen flehe ich um Vergebung für eine Leidenschaft, die Sie selber eingeflößt. Goldbach. Was thun Sie? stehn Sie auf! Gleichen. O weisen Sie mich nicht ab, leiten Sie mich ferner als mein Schuhgeist durch's Leben. G o l d b a ch. Nun, Sie ungestümer Mensch, erst muß ich Sie doch kennen! Sollten zu Ihrer Prüfung wohl 6 Monate zu viel sein? — Zst Ihr Herz dann noch dasselbe — Gleichen. Es wird nie aufhören für Sie zu schlagen. Go ldb ach. Still, still! In einem halben Jahr wollen wir uns wieder sprechen! —Aber Hortense, wenn sie bei Ihnen nicht ist, wo ist sie denn? Wer hat sie entführt? Wer ist der Schuldige? Neunzehnte Seene. V orige. Drillburg. Rosenhain. Drillburg. Hier sehen Sie ihn vor sich. Goldbach (lacht). Herr von Rosenhain? Rosenhain. Gnädige Frau, Ihr heiterer Empfang läßt mich hoffen, daß Sie mir Ihre Einwilligung zu meiner Verbindung nicht versagen werden. G o l d b a ch. Meine Herren, Sie sehen mich wirklich in Verlegenheit, es zeigt sich mir ein unüberwindliches Hinderniß. Rosenhain. Welches? Verehrte! Goldbach. Ich habe keine Tochter! Drillburg. Nicht?—Nun, was hast Du mir denn da weiß gemacht? Rosenhain. Aber Hortense sagte doch selbst — Drillburg. Hortense? Rosen ha in. Als sie die Pension in der Marienstraße mit mir verließ — Drillbu rg. In der Marien- straße? Rosenhain. Dort wohnte sie. Drillbu rg. Ach mein Gott, was hast Du angerichtet! Go ldb ach. Beruhigen Sie sich, 14 lieber Drillburg bei so bewandten Umständen bleibt einem keine Wahl, und man thut immer am Besten, den Handel durch eine Heirath zu schlichten. Sagten Sie nicht so? Jetzt geb' ich Ihnen den Rath zurück; denn nun werden Sie's nicht mehr läugnen, daß diese vielbesprochene Tochter die Ihre ist. Rosenhain. Was? Drillburg. Was werden Sie von mir denken? Goldbach. Ich brauche eS wohl nicht zu sagen, Sie werden es leicht errathen. Drillburg. Ich habe mich kolossal blamirt. Rosen Hain. Und die 20 Louis- d'or sind in die Fichten! Aber dafür bist Du auch mein Vater geworden. Drillburg. Ach hol Dich der Henker! Der Vorhang fällt. N',,' / Georgi Posse in einem Acte, von L. Julius. (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) Personen: Gabriel Gabelmeier. Handelsagent. Malt, i Szabo Lajos, Kaufmann aus Ungarn. Peppi. j lichten. Ein elegantes Zimmer, links ein Kamin, darüber ein Spiegel, Uhr und 2 Leuchter. Auf derselben Seite ein Tisch mit Schreibgeräthe. Rechts ein Fenster. Links im Hintergründe eine Thür, an der die Schnalle abgebrochen ist, — die Thür geht nach der Bühne zu auf, und hat nur einen Flügel. — Die rechte Seite des Hintergrundes nimmt ein Alcoven ein, mit einem Himmelbette, davor ein Sopha, worauf ein Damenschlafrock htngeworfen; rechts vorne eine Causeuse. Erste Seene. Lajos. Mali. Peppi (trägt ein brennend Licht, und stellt es auf den Tisch). Peppi. Da wohnt also die Mali? Mali. Ja, und Du da daneben. Lajos (ist an's Fenster getreten und hat es geöffnet). S' Fenster geht in' Hof naus! das is g'scheidt! Mali (hat sich vorne auf's Sopha gesetzt). Nit einmal auf d' Gassen kann man schau'n — das is wirklich lustig! Lajos (am Fenster). Hab' meine Ursachen dazu, (für sich). Keine Gitter vor'n Fenster, — was das für a Dummheit is. Peppi. Seit ein paar Tagen is der Herr Vetter ein komplettes Räthsel! Mali. Bringt uns, hast'n nit g'sehn, — nach Wien, und sperrt uns in ein Zimmer, das förmlich für uns herg'richt ist. Lajos. Alles im Voraus schon -'stellt. Peppi. Und sagt uns kein Sterbenswort), was das Alles zu bedeuten hat. Lajos. IS 's Euch zuwider? Mali. Warum nicht gar? Wir sind ja zum Erstenmal in der Kaiserstadt. Nein, su contrsire! Uns is 's ganz recht, Herr Vetter. Lajos. Weißt, in Komorn, da war so ein g'wisser Herr v. Gangelhuber, verstehst mich, Mali? Mali (für sich). Ach! Wo? Peppi. Ei! Ei! die Mali! Lajos. Ja, und von ein' g'wissen Herrn Petzmeier is mir ein g'wisses Brieferl in d' Hand g'fall'n. Peppi (unruhig, für sich). Was? Ein Brieferl? Mali. Schau, schau, die Peppi! Lajos. Grün petschirt, mit an Hundskopf. — Weil das nun schwer- L lich sein P-rtrait hat vorstellen sollen, so Hab' ich mir's auf Hoffnung und Treue ausg'legt. — Aber er soll mir nur kommen. — Jetzt — marsch in's Bett, — ich geh' auch schlafen, — nehmt's Euch in Acht, ich schlaf nur mit einem AÜg'(ab, die Thür links bleibt offen). Zweite Scene. Peppi. Mali. Mali. Schaut's, die Peppi hat ein' Liebhaber! Peppi. Du etwa net? Mali- Warum sag'st mir's denn net? P e p p i. I Hab' d' Couragi net g'habt. Mali. Und wer is er denn? Peppi. Ein Gutsbesitzer aus der Raaber Gegend. Und Du? Mali. Hast den hübschen, jungen Herrn nit g'seh'n, der uns bis an die Hausthür verfolgt hat? Peppi. Na! Mali. Das war er, mein Gan- gelhuber! — Er hält' Aussichten, sagt er, hat was g'lernt, sagt er, hat auch a Geld; — is da wegen einer Anstellung, — 's wird ihm a glücken, — 's is gar a lieber Narr — man kann ihm nir abschlagen. Peppi. Ah!? Mali (schnell). Du mußt etwan nit gar glauben — Peppi. I, bewahr! I glaub' nir, — 's is halt nur so g'redt word'n. Mali. So? Haben'- schon so g'redt? Peppi. Und wie bald hat a jung's Madl an Klecks weg. Mali. Das is g'wiß! Wann man erst weiß, daß am Aner d' Cour schneidt, schneidens am auch glei' d' Ehr ab. Peppi. Und wann's uns net hei- rathen — Mali. Heirathen müffen'S uns! (heftig). L aj 0 s (von Außen, schlägt an die Lhüre). Werd's stat sein! Peppi (geht an die Lhüre und ruft hinaus). Glei, Herr Vetter! Mali. Wann man nur vom Gang aus auf d' Gass'n schau'n könnt'! Peppi. I wett' d'rauf, mei Petz- meier is schon unten. Mali. Mei Ganglhuber auch! -- Man könnt sich doch sprechen, — was ausdenken — Lajoß (von Außen). Stat seid's! Pep p i. No ja! (nimmt das Licht vom Tische). Mali. Gehn mir mitsamm'n fort! — Wann er nur d' Thür geh'n hört, gibt er sich schon z'fried'n. Peppi. Hast Recht! (sie wollen gehen , — man hört von Außen singen). Pst! Was is denn das? Mali, 's wird a Zimmerherr sein, der z' Haus kummt. Peppi. Na komm! (sie geh'n und nehmen das Licht mit, — die Bühne wird finster. — Der Gesang kommt näher, — endlich tritt singend) Dritte Scene. Gabriel (ein, er wirft die Thür hinter sich zu; — ist etwas benebelt). Gabriel (plötzlich ernsthaft). A Spektakl! 's Stub'nmadl hat d' Schlüssel stecken lass'n! No g'freu' di, Kathi! (er nimmt aus der Cigarrendose Zündhölzchen und zündet Eins nach dem Andern an). Ich muß mich niederlegen, — Sapper die Bix, — wenn man beim Dommeyer um 2 fl. 30 kr. C. M. g'nachtmahlt hat, — (geht an's Kamin und zündet ein Licht an). WaS sein denn das für Leuchter? die kenn i ja gar net! (sieht sich um). Und die Meubeln? — Herrgott von Mannheim! Gestern war ja Georgi! Ich bin ja auszogen! — A das Hab' i ganz vergess'n! — 17 — Jetzt schau'n wir, daß wir weiter kommen! (will die Thüre öffnen) da hab'n wir die Bescheerung! der neue Zimmerherr hat d' Schnall'» no net mach'n laff'n, die i vorgestern abbroch'n Hab? Jetzt steh i da! Und wann er kummt, was wird er sich denken? (erblickt den Schlafrock.) Was is denn das? Ein Frauenzimmer wohnt da? Hahaha! Ei, ei, ei, ei! Das iß a verflirte G'schicht.' — No, i kann mir's schon g'fall'n laff'n. — Glücklicher Weis' Hab' i net gar z' tief in's Glasl guckt! — I Hab' erst Einmal — was man sagt, an Affen g'habt, — der war aber fest; — i hätt' an Rezensenten von an Balbiererg'selln net unterscheiden können. — 's war neulich, beim Sperl, zum Geburtstag von mein' Freund Schloddermann, und i glaub', i Hab' net mehr recht g'wußt, was i Alles g'macht Hab'. Wann i mich recht erinner', so hat's auch Damen beider Gesellschaft geb'n! — Eine besonders, eine junge Elevin vom neuen Musikinstitut, — der soll i scharf auf'n Pelz gangen sein, aber sie hat's net übel g'nommen, — na, sie hat's gar net übel g'nommen. Wann ich nur wenigstens wüßt', wie'S ausg'schaut hat, denn i war schon stark im Sturm, wie die Damen kommen sein. — Sapperlot ! wann die mir G'schicht'n machet, jetzt, wo ich Willens bin z'hei- rathen.-Aber d' Partei kommt net, — i bin g'fangen wie in aner MauSfall'n! — A was! HolS der Henker! i leg' mi schlaf'n; i kann d' Augen kaum mehr aufhalten. — (setzt sich auf das Sopha, zieht den Rock aus, legt die Füße hinauf, deckt sich mit dem Rocke zu und zieht den Schlafrock über den Kopf.) Gute Nacht Allerseits! Vierte Seene. Vorige. Mali (tritt mit einem Lichte in der Hand ein, zieht den Schlüssel ab, Wiener Theater-Reperotir. XVI. und legt ihn km Hintergründe auf ein Tischchen). Mali. Schau einmal! da Hab' ich 's Licht brennen lassen (löscht das Licht auf dem Kamine aus und setzt das ihre auf den Lisch). Jetzt leg' i mich aber nieder, (legt ihre Armbänder auf den Kamin unter den Spiegel, Gabelmeier schnarcht). Was is denn das? — Ah 's is a Wagen, der vorbeifahrt! — (er schnarcht wieder). Nein! 's is kein Wagen, 's war da an der Thür! I will doch schau'n, ob's a ordentlich zug'schloss'n is, denn hier in Wien soll'n gar viel Spitzbub'n sein (nimmt den Schlüssel, schließt zweimal zu und legt ihn wieder hin). Wo hat denn diePeppi nur mein'Schlafrock hinthan. (nimmt das Licht und tritt zum Sopha, erblickt Gabelmeier, stößt einen Schrei aus, läßt den Leuchter fallen, das Licht erlöscht. — Nacht). Gabelmeier (erwacht und richtet sich auf). Heda! Holla! Wache! Mali. Ach, bester Herr Dieb, Barmherzigkeit! G a b e l m e i e r. Ah! die neue Partei! Mali. Ich bitt' Sie recht schön, thun'S mir nichts! Gabelmeier. Gnädige Frau oder Fräulein, da Sie mich das Erstemal sehen, oder eigentlich nicht sehen, weil's stockfinster is, so will ich Ihren Verdacht nit übel nehmen, — Sie sind im Jrrthum, ich mach nicht in Diebstahl. Mali. Nicht? Gab elmeier. Nein, mit Erlaub- niß zu sagen. Mali. Ja wie kommen'S denn dann in mei Zimmer? Gabelmeier. Gnädige Frau oder Fräulein, ich brauchte nur Ein Wort zu sagen — aber nein, es is so viel gspaßiger, wir spielen die „Katz im Sack". Hahaha! Mali. Wann i nur die Thür findet! Gabelmeier. ES is ein Abenteuer L 18 wie in an Ritterroman, und so a hübsche Dam wie Sie — Ma li. Oh i bitt! Gabelmeier. Suchen Sie 's Feuerzeug? Wie die Psyche auf dem Bild im Belvedere. — Thun Sie 's net, meine Gnädige, — ich bin kein Amor, — weder an Schönheit, noch an Co- stum, aber an Keckheit und Schelmerei. Mali. Ich kann die Thür net finden. Gabelmeier (für sich), 's is merkwürdig, was man im Finstern für Courage hat; beim Licht hält' i das in mein Leb'n net rausbracht (tappt umher und erwischt Mali bei der Hand, sie schreit). Ach was das für ein niedliches Patscherl is. (singt.) Diese Hand und ihr zärtliches Drücken! — (küßt ihr mehrmals die Hand.) Mali (will sich losmachen). Aber so gebend doch a Ruh! Gabelmeier. Eigentlich Habens Recht, ich bin a Dieb, a Räuber, ich hab'S zwar bis jetzt noch nicht versucht, aber ich fühl's, es is mei Bestimmung, (küßt ihr mehrmals die Hand.) Mali. Das iS recht garstig von Ihnen. Gabelmeier. Ja warum denn? (küßt ihr die Hand.) Mali. Sie kennen mich ja gar net. Gabelmeier. Ich bin grad dabei, Ihre Bekanntschaft zu machen. Mali. Da machen's auch was Recht's! 2 bin a garstiges Ding über- anander! Gabelmeier. Ach! Mali. Und schon 48 Jabr alt. Gabelmeier (läßt sie los). Dann is fie wenigstens 50. Mali. Und der Tabak iS mei Leidenschaft. Gabelmeier. Zur G'sundheit! Mali (hat die Tbüre gefunden und nimmt den Schlüssel vom Tisch). Ach! Endlich! (zum Gabelmeicr.) Jetzt neh- men'S Ihnen z'samm', jetzt schick i den Herrn Vettern über Ihnen, (ab.) Fünfte Eeene. Gabelmeier. Dann Peppi. Gabelmeier. Was? — Sie hat ein'Herrn Vetter? und schickt ihn über mich? — Sapperment jetzt kann's gut werden! — Wann's mir nur ihr Dosen dag'lass'n hält', — ich werfet ihm a halb Pfund Schwarzbatztn in'S G'stcht'nein. Er kommt! Schnell hinter die Thür und dann heißt's Pech geben, (stellt sich hinter die Thür.) Peppi (mit Licht). Gabelmeier. Ach! Sie kommt allein! Peppi (sieht nach dem Bette). Wo is denn die Mali? Gabelmeier. Sapperlott, die is sauber! Mit den 48 war's also an Aufsitzer! Allein! is sie auch, — jetzt Hab' i wieder Courage, (macht leise die Lhüre zu.). Peppi. Am End' is sie ihr'm Gan- gelhuber entgegen gangen. Gabelmeier (kommt vor). Da wären wir also wieder beisammen! Peppi. Herrgott! Ein Mannsbild! Gabelmeier. Ja für was haben's mi denn g'halt'n? Peppi (für sich). Das iS wohl gar der Gangelhuber? Gabelmeier. Gnädige Frau oder Fräulein, erlauben Sie mir, daß ich den Faden des Gespräches da wieder aufnimm, wo wir'n abg'schnitten hab'n. — Also beruhig'n Sie sich, eS hat keine G'fahr. Peppi (lacht). O, ich fürcht' mich auch nicht. Gabelmeier (für sich). Weil's hell is! Natürlich, jetzt sieht's erst, was ich für ein schöner Kerl bin. (laut.) Wann war denn Ihr 48ster Geburtstag? Peppi (erstaunt).Was ? Mein48ster? Gabelmeier. Haben's ka PriS bei sich? Hahaha! Das war a famoser Aufsitzer! Sie sein mir die Wahre! Aber um von was Andern z'reden — 19 Peppi. Ja, reden wir lieber von Ihrer Lieb', das iS viel g'scheidler. Gabelmeier (für sich). Sapper- lott, die geht scharf drein. — No, mir kann's recht sein; — mein' Mantel laß' ich schwerlich im Stich als keuscher Josef. Peppi. Mei Mahm hat mir schon Alles g'sagt. Gabelmeier (für sich). Wie 's scheint, hat's a Mahm. Peppi. Haben's Aussichten? Gabelmeier. Na, ob! Peppi. Haben's was g'lernt? Gabelmeier. Ich schmeichle mir! Peppi. Und auch a Geld? Gabelmeier (für sich). Aha! Kommt schon aufs Reelle! — (laut.) Na, 's macht sich. Peppi. Warum laßt Ihnen denn d' Mahm allein in ihrem Zimmer? Gabelmeier. In ihrem? — Js es denn net Ihres? Peppi. Meines? Gabelmeier. Naja! Sein Sie denn net die Mahm von der Mahm? Peppi. No freilich, von der Mali! — Sie sein ja bei der Mali und net bei mir. Gabelmeier (für sich). Ah! 's is a Mißverständnis die Andere is die Schnipferin, — ah Schnupferin wollt' i sag'n. Peppi. Was haben's denn bei der ang'stellt? Gabelmeier. Ich? Nix! (für sich.) War net übel, — bei der Alten ! Peppi (für sich). Da muß 's was g'geb'n hab'n. Gabelmeier. Wie alt is den n die Mahm? Peppi. Beiläufig wie ich. Gabelmeier. Ah das is stark! Peppi. Ja freilich is 's stark; — aber 's macht nir, Sie Werden s ja heirathen. Ga belmeier (erstaunt). Ich? — Die Mahm? Peppi. No natürlich! Gabelmeier. Um kan G'schloß. Peppi. Was? — Net? — No Sie sein mir a feiner Hecht! Jetzt wollen Sie 'S sitzen lassen, nachdem Sie 's ins G'schrei bracht bab'n. I das is ja schändlich von Ihnen! Gabelmeier (für sich). Herrgott! Jetzt geht mir a Seifensieder auf! Die Elevin beim Sperl! Die Mahm is die Elevin, oder vielmehr, die Elevin is die Mahm! — Peppi. WaS murmeln'S denn da? Gabelmeier. Hören's, meine Gnädige, — wenn ich mich auch auf die Sach' net mehr recht besinnen kann, bin ich doch der Mann net, der sein Unrecht net einsehet — Peppi (fährt fort). Und wieder gut machet. Gabel meier. Ja, — wie Sie's nehmen wollen! — Setzen wir uns. (sie setzen sich auf das Sopha.) Verflixte G'schicht das. Sechste Seene. Vorige. Mali. Mali (macht leise die Thüre auf). Was? die Peppi mit dem Fremden auf'n Sopha? Peppi. Und denken's nur, wie's g'liebt werden! Mali (für sich). Daß is am End gar der Petzmeier? Peppi (steht auf). Vor allen Dingen müssens aber den Herrn Vettern um sei Einwilligung bitten. Mali (für sick). Richtig! 's is der Petzmeier! (kommt vor). Peppi. Ah, Du bisi's, Mali? G a b e lmei e r (für sich). Aha! die Mahm! Peppi. Wir hab'n nur a Bisserl plauscht. Mali. 'S is a Glück, daß der Herr Vetter net z' Haus' is. I war just auf sein' Zimmer. 2 * 20 Peppi. Aa i weiß, er is fort. Gabelmeier (für sich). Was? fort iS er? das is der Moment, wo der Mensch abtaucht (er schleicht nach der Thür). Peppi. Er bat sein' dicken Stock mitg'nommen. G abelmeier (kommt rasch wieder vqr). Wo iö er denn hin g'gangen, der Herr Vetter? Mali. O, net weit, er gibt bloß Acht, wer herauf und hinunter geht (will die Thüre schließen). Peppi (zu Gabelmeker). Nehmen's Ihnen in Acht, daß er Ihnen net findt. Mali (für sich). Schön is er net, der Petzmeier. Gabelmeier (zu Mali). Also mit Ihnen, meine Gnädige, Hab' i früher Verstecken g'spielt? Mali. Za freilich (für sich). Wenn d' Peppi wüßt, wie der sich aufführt. Gabelmeier (leise und bedeutungsvoll). Und wie's scheint, war's net 's Erstemal? Mali. Na, da muß i bitten! G a b e l m e i e r. Na, na, sein's stat! (für sich). Sie is gar net ohne, und wenn net schon ane auf d' erste Hypothek eintrag'n war bei mir — Peppi. Grad wie Du kommen bist, hat mir der Herr versprochen, daß er sein Unrecht durch eine Heirath wieder gut machen will. G a b e lm e i e r (für sich). Das is a Teufelsmadel; Peppi. Sagen'S es jetzt noch einmal vor ihr. Gabelmeier (für sich). Verfluchter Sperl! Peppi. No, wird's? Gabelmeier. Meine Damen, — meine Gnädigen wollt' ich sagen; die junge Dame die, — bei der ich — na, Sie wissen ja — ist allerdings in ihrem Rechte, wenn sie meine Hand von mir verlangt, aber sie thät mir leid, wenn sie's haben wollt'! Mali und Peppi. Wie? WaS? Gabelmeier, 's is net anders! Wie's mich sehen, bin ich ein Ausbund aller Sünden und Laster. — In mir is Stoff zu 20 Bösewichtern, und aus dem, was übrig bleibt, kann man noch an ganz gehörigen Lumpen z'sam- menstoppeln. — 1. bin ich ein Saufaus.—Heut Hab i schon das zweitemal in mein' Leben ein Rausch g'habt; */r Bouteille hab' ich austrunken, ich ganz allein! Mali und Peppi (lachen). Wirklich? Gabelmeie r.Sie schaudern?—ja schaudern's nur! — Aber das is noch net Alles! 2. bin ich ein Don Juan, 3. ein Raufer, 4. ein Spieler — Peppi. No, no! Gabelmeier. Einmal Hab ich im Halber zwölf 36 kr. an einen Handschuhmacher verloren, — Sie werden sagen: wegen 36 kr. reißt man sich grad' den Kopf net ab, — aber ich hab'S doch an meiner Wallung g'spürt, was ich für ein wüthender Spieler hätt' werden können. — Ein Andersmal Hab' i an Specktakel g'habt mit an jungen Herrn, der mich an Esel g'schimpft hat; die G'schicht is freilich beig'legt word'n, aber wie leicht hält' ich ihn net umbringen können, wann ich mich mit ihm g'schlagen hält'. Mali. Sie sind ja ein wahres Ungeheuer! Gabelmeier. Gegen mich is a Schmetterling a Rhinoceroß! Aber ich will mich aus der Welt zurückziehen, eh' ich noch mehr Unheil anricht. Mali (für sich). Oh die arme Peppi! Peppi (für sich). Oh die arme Mali! Gabelmeier. Wenn mich aber trotz dieser Beicht, Eine nehmen wollt', so blieb mir m'r übrig, als zu sagen: Schönster Engel, wirf mich sobald als möglich zur Thür hinaus, es ist zu Dein' eigenen Besten. 21 Peppi. Hier kommen'S aber net so los! Sie Herr von Fludribus. Mali. Sei ruhig, Peppi, und laß mich allein mit dem Herrn, i wer's schon machen (führt Peppi zur Thüre, und schließt selbe). Siebente Seene. Gabelmeier. Mali. Gabelmeier. Aha! Jetzt kommen dieThränen; — nu wird's lustig. Mali (kommt vor). Sie sein a rechter Spaßvogel! Gabelmeier (für sich). Ah, geht's aus demTon? das iS mir lieber. Mali. Aber wann's glauben, daß aus der G'schicht an Spaß machen können, da werden'S Ihnen schneiden, da sein wir a no da! Gabelmeier (für sich). Was ste schon wieder für Augen macht! Sie will mich mit aller Gewalt haben. Mali. Die arme Peppi! Sie haben 's g'sehn — Gabelmeier. Ah die Mahm? Ein Prachtmadl. Was is mit ihr? Mali. Und das fragen's noch? Haben's denn gar ka Blut in den Adern? Gabelmeier. No, epper an Obers- faum? Mali. Sehn's denn gar nit ein, wie's Ihnen liebt? Gabelmeier. Die Peppi? Mali. Und daß's Ihre verfluchte Schuldigkeit is, daß Sie's heirathen? G a b e l m e i r. Das ist klassisch! Jetzt wieder die Peppi! Mali. Wollen'S net? Gabelmeier. Könnt' mir net einfallen ? Mali. Na, das ist schändlich! Erst bringen Sie's in's G'schrei bei den Leuten — Gabelmeier. Ganz dieselbe G'schicht wie vorhin. Mali. Und jetzt, weil Ihr Rausch verflogen iS, jetzt wollen Sie's sitzen lassen? Gabelmeier (für sich). Teufel noch einmal! Sollten's damals gar ihrer Zwa g'wesen sein? — Ach das is ja gar nit möglich! — (Laut). Sagen Sie mir, — aber aufrichtig — nit wahr, 's is nur a Traum, — der Alp druckt mi, — wann i auswach', is Alles vorbei! Mali (für sich). Wie g'schieht ihm denn? Gabelmeier. Verständigen wir uns. — Von wem wissen's eS denn, wer hat's Ihnen denn g'sagt? Mali. No sie selber, die Peppi! Gabelmeier. Sie selber? — da könnt' man völlig den Verstand drüber verlieren.— Es is also auch Jhr Will'n, daß ich die Andere, die Peppi heirathen soll? Mali. Versteht sich, — warum denn net? G a b e l m e i e r. Sie, die Sie selber — Mali. Ja, ich bin in einer ähnlichen Lag' — Gabelmeier. I glaub's. Mali. Und will meiner Peppi heraushelfen. Gabelmeier. Nein, so eine gegenseitige Aufopferung is mir noch net Vorkommen, Mali. Sie wundern sich? Gabelmeier. Ich bewundere. Mali (ruft). Peppi! Peppi! Ga belmeier. Ich bin wie der Esel zwischen die zwa Heubinkln. Mali. No so komm doch! Achte Seene. Vorige. Peppi. Mali. Ich Hab'ihm den Kopf schon zurechtg'setzt. Pep pi. Dös is recht! Mali. Er wird in sich geh'n und heirathen. 22 Peppi. No da bin ich z'frieden. Mali. Nit wahr? Ich auch. Gabel meier. Aber Sapperment, meine Damen, alle Zwa kann i doch net befriedigen, das werden'S doch einsehn! Peppi und Mali. Za warum denn net? Gabelmeier. Warum? — Warum? — Weil die Vielweiberei in Wien verboten iS. Peppi und Mali. Was? — Sie sein schon —? . Gabelmeier. Das weniger. Mali. No was spreitzen's Ihnen denn dann a so? Gabelmeier. Hör'ns' mi an! Zn diesem Wettstreit edler Seelen — Peppi. Z bin mir nit g'scheidt g'nug. Gabelmeier. Wünscht' ich den König Salomon da auf das Sopha her. Zch war' neugierig, wie der sich da rauswicklet; oder nein, — vielmehr, ich kann mir's denken, ein Mensch, der 700 Weiber g'habt hat! — damals war freilich das neue Strafgesetzbuch noch nit eing'führt (geht nachdenkend auf und ab). Peppi. Der Gangelhuber hat kuriose Mucken im Kopf. Mali (beleidigt). No, jedenfalls is er g'scheidter als Dein Petzmeier. Gabelmeier. Halt! ich hab's! Zch weiß ein Mittel, — aber — 's nutzt nix. Sie werfen mich in einen Hut, aber's nutzt nir, und wer mich zieht, der hat mich; —aber wie g'sagt, eS nutzt nix. — Eine von Zhnen kommt doch schlecht weg — ich freilich auch — erfahren Sie also vorher: Zch bin nicht mehr mein eigener Herr, — ich Hab' nur noch die Nutznießung von mir. Peppi. Hörens endlich einmal auf mit dem Unsinn! Mali. So redend doch vernünftig! Gabelmeier. Also! — Wissen Sie was ein Kaufmann ist? Wieder Soldat an die Fahne, wie der Ma- tros an's Schiff, der Beamte an 'n G'halt g'fesselt is, so iS der Kaufmann der Sklav von seiner Unterschrift; eher stirbt er, als daß er sie net honoriren sollt'! die Gläubiger hab'n die Marim erfunden. — Nach dieser Einleitung betrachten Sie folgende Zeilen, von denen's Original in den Händen von meinem Korrespondenten is (zieht ein Papier aus der Lasche , und liest), item 37 Oxhoft Nußöhl — Nein! das iS'S net — da, weiter unten! — „item schicken Sie mir mit nächster Fracht eine Frau." Mali und Peppi. Eine Frau? Gabelmeier. Za, eine Frau! — Eine Frau, Form und Qualität wie folgt. Mali. Wie is das? Gabel meier. Lassen Sie mich ansreden! es ist eine Bestellung an meinen Korrespondenten. — „Sie muß hübsche Augen haben, liebenswürdigen Charakter und vor allen Dingen einen unbefleckten Ruf — Sie muß nett und wohlgewachsen sein, 33er oder 34er Gewächs, also etwa 18 oder 19 Zahr alt. — Sonnenseite. — Man behauptet, daß der Süden die Besten erzeuge, und da ich nun nicht Zeit habe auf der Trauben zu kaufen, so — Peppi. Aber das is doch — Gabelmeier. Lassen Sie mich ausreden! — „Versichern Sie die Ladung in der Triestiner Assekuranz." Mali. Hahaha! Vor Nässe zu bewahren! Gabelmeier. „Und wenn sie gut erhalten ankommt, beifolgend ein Frachtbrief, so verpflichte ich mich" — jetzt kommt der Hauptpunkt. — „So verpflichte ich mich, Gegenwärtiges zu honoriren und gedachtes Frauenzimmer zu ehelichrn, 14 Tage nach Sicht." -3 Mali. Ach das sein ja lauter Faren. Gabelmeier. O nein! daß iS Geschäftsstyl, der einzige, den mein Korrespondent versteht. Peppi. Verschickt man denn a Frau wie an Balln'n Baumwoll? Gabelmeier. Meine Frau kommt also dieser Tage an mit 350 Pferdkraft. Mali. So schreibend doch Ihrem Korrespondenten, daß er d' Sendung zuruckb'halt. Gabelmeier- Ach, da kennen Sie den Mann net. Einmal Hab' ich ihm eine B'stellung contremandirt, — wifsen's was er mir g'antwort' hat? — ,,Glauben Sie, ich bin Ihr Hanns' wurst? Entweder Sie quittiren über richtigen Empfang von 200 Zt. Knoppern , oder ich komm und füttere Sie damit, bis Sie die letzte aufg'sressen hab'n." — Ich dank! 200 Zt. Knoppern, — ich ganz alleinig, — das hätt' i net verdauen können; — ich ergab mich also drein, so wie ich's auch dasmal thun werd'. Mali. Gut! Wenn unsre Bitten nir ausrichten, so soll Ihnen der Herr Vetter Zwieseln. Gabelmeier. Aber Engelchen,— was soll ich denn machen ? Geh' ich nicht gutwillig, so schleppt er mich bei den Haaren in d' Kirche. Mali. Und leidest Du das? Peppi. Nur gehörig aufbegehr'n! Mali. Kratz ihm d' Augen aus! Peppi (geht mit gespreizten Fingern auf ihn los). Ich weiß auch nit, was mich abhalt — Gabelmeier (hält ihr die Hände). Ich! Mali (tritt mit übereinander geschlungenen Armen vor ihn). Und wenn ich Sie nun erstechen thät? — Gabelmeier. Ach warum net gar, das is da net in der Mod! Mali. Wollen Sie's heirathen oder net? Gabelmeier. Nein! nein! und tausendmal nein! So lang' ich's Leben Hab', net! — (geht und kommt wieder). — No, — und hören's, der Abend beim Sperl-a Lukrezia sein 's eben a net (ab). Neunte Scene. Mali. Peppi. Mali. Nein, diese Männer. Peppi. Was Du mir leid thust, Mali, ich kann's gar net sag'n. Mali. Ich? — 2 denket, Du hältst, an Dein' 2ammer grad' g'nug. Peppi. An meinem? — 2 müßt' grad net — Zehnte Scene. Vorige. Gabelmeier. Gabelmeier. Es regnet, — d. h. Prügl regnt's auf der Stieg'n. Mali. Das iS der Vetter. Da wett' ich drauf (Schließt die Lhüre). Peppi. Wen haut er denn? Gabelmeier. 2ch habe nicht die Ehre, — ich Hab' nur g'sehn, daß's junge Herrn war'n, die er Petzmeier und Gangelhuger betitelte. Peppi. 2a! — 2s denn das nit — Mali. Sein Sie denn nit — ? Ga belmeier. Nein! — 2ch bin's net! — Mali. Und i hab'n für den Deini- gen g'halt'n. Gabelmeier. Hahaha! das ist köstlich! Seit einer Stund spielen wir Blindekuh! Lajo s (von Außen). Sperrt'S d' Hausthüre zu! Peppi. Da kommt er. Mali. 2etzt schaun's, daß's abfahr'n! Gabel meier. Haben'S kein' Kleiderschrank, kein'Violinkast'n, kein'Hutschachtel? 24 L a j o s (näher). Wart'S! — 3 werd' Euch schon krieg'n! — Gabelmeier. Herr meines Le- ben's (versteckt sich hinter den Damen). Eilfte Scene. Vorige. Lajos. Lajos. So? das nennt'S öS schlafen? Z war aber a wach und statt an Herr! Hab' i zwa g'fund'n. — Na', ich glaub' sie wern an mi denk'n, — Aner wie der Andre (erblickt Gabelmeier). Bist Du da, Spitzbub? Gabelmeier. Stock an! Zch bin weder der Eine noch der And're! Lajos (will auf ihn los). Dann sein's der Dritte! Peppi und Mali. Herr Vetter! Gabelmeier. Ich weiß die Nummer net, aber — Peppi (nimmt Lajos den Stock weg, und legt ihn auf das Sopha). Lajos. Sie werden mir Genug- thuung geben! Gab elmeier. Mit Vergnügen, da haben Sie meine Karte; ich mache in verschiedenen Artikeln. Lajos. Was seh' ich? (liest die Karte). Gabriel Gabelmeier? Gabel meier (ruft). Hier! Lajos. Zn meine Arme. Gabelmeier. Woll'ns mich vielleicht erwürgen? Z paß! Lajos. Zm Gegentheil (zu Peppi, ihr einen Brief gebend, den er aus der Lasche zieht). Peppi! Gib dem Herrn den Brief. Peppi (zögert). Zch, Herr Vetter? - Lajos (ungeduldig). Za Du! (schiebt sie auf ihn zu). Mali. Was soll denn das wieder heißen? Gabelmeier (liest die Ueberschrift). „Herrn Herrn Gabriel Gabelmeier^ — und die Adress' von mein'Comptoir? (für sich), das iS a Taschenspieler, — am End' iS'S der Professor Herrmann! LajoS. Lesen Sie! Gabelmeier (liest). Ztem Ueber- bringer dieses ist die Frau, mit deren Bestellung Sie mich beehrten. Peppi. Ach Du mein Gott! Gabelmeier. Wie? Was? Sie sind — Lajos. Zhr Korrespondent? Gabelmeier. Herr Szabo — LajoS. Lajos! Gabelmeier (für sich). Teremtete! Laj 0 s (nimmt den Brief, und liest weiter). „Sie mich beehrt haben, meine Nichte Peppi.^ Mali (für sich). Ach Du arme Peppi! Peppi (sinkt auf's Sofa; — Mali tritt zu ihr, um sie zu trösten). Gabelmeier (für sich). Also meine Bestimmte! Hat aber ein' Liebhaber! Lajos. Also mit Monatsschluß — Gabelmeier. Erlauben Sie — Peppi (richtet sich auf und horcht). Lajos (runzelt die Stirne). Zst die Sendung vielleicht nicht nach Ordre? Gabelmeier (verlegen lächelnd). Zh — nun — Lajos (zieht einen Brief aus der Tasche). Da Hab' ich Ihren Brief! — Ztem: Schöne Aeugerln. — Gabelmeier. Acceptire. Lajos. Zung, hübsch, wohl pro- portionirt. Gabel meier. Was das anbe- langt; da will i net widersprechen. Lajos. Zn gutem Zustande abge- liefert. Gabelmeier. Alles recht! — Mich genirt nur der g'wisse Petzmeier. Lajos. Zn dem Falle bleibt Ihnen d' Auswahl. Mali. Ach Du lieber Gott! Lajos. Wann Zhnen d' Andere besser g'fallt? Gabelmeier. Da iS wieder der Gangelhuber! Nein! da muß ich de- preciren! — 25 Lajos. Zum Teufel, Herr! Ich bin net Jhner HannS — Gabelmeier (zugleich.) wurst! Richtig, das is der Ausdruck! Lajos. Woll'ns mir meine Madeln schlecht machen? — Einer san Sie sich schuldig, — Alles Eins, welcher! — der Brief iS so gut wie a Wechsel! Gabelmeier (nimmt ihn). Was? Wechsel (man klopft an der Thür). Stimme von Außen. Fräulein Peppi! Peppi. DaS is der Petzmeier. Andere Stimme. Fräulein Mali! Mali. Und der Gangelhuber. Gabel meier (von einem Gedanken erfaßt, schreibt schnell einige Worte auf den Brief). L aj os (sucht). Wo ist denn mei Stock? — Mein'Stock will i hab'n! Mali und Peppi. Ach bester Herr Vetter! G abelmeier. Einen Augenblick (geht zurLhüre, ohne sie zu öffnen). Meine Herren! Stellen. Sie sich morgen früh mit Gegenwärtigem — Lajos. Was machen's denn da? Gabelmeier. Still! — An der Kassa vom Haus Szabo ein (schiebt das Papier unter der Thür durch). 8 ajos. Was machen's denn mit dem Brief? Gabelmeier. Der Wechsel ist cedirt an die Ordre der Herren Gangelhuber, Petzmeier und Compagnie. LajoS. Erlauben's! — Sie können* ein' Wechsel nicht cediren, der aus Ihre Ordre lautet. G a belm eier. Bitt' recht sehr, — das ist ein Ausnamsfall, — hier zahlt der Gläubiger! Lajos. Ja richtig! — Sie haben Recht! Gabelmeier. Meine Gnädigen, morgen werden die Herrn Petzmeier. Gangelhuber und Compagnie, ihren Wechsel auf Ihre werthe Personen an der Kassa von. Ihren Herrn Vettern präsentiren. — (zu Lajos). Zahlen Sie, oder Sie haben Verdrießlichkeit mit dem Handelsgericht. LajoS. Kann nit aufg'führt werden. Ich bin comptant! Mali (leise zu Gabelmeier). Dafür dürfen Sie sich bei mir einmal was auöbitten, — das heißt später! Ga bei mei er. Werde nicht ermangeln lfür sich). Allerliebste Weiber das, die aus Ungarn. Darum bestell' ich mir Morgen a Frau aus Prag. Der Vorhang fällt. Wien 18 S 3 . Druck und Verlag von I. B. Wallishausser. In demselben Verlage sind erschienen: Hopp. Fr., Atlasshawl und Harrasbinde, oder: Da- Haus der Consufionen. Posse mit Gesang in 2 Aufz gr. 8. 1849. 15 Sgr. oder 48 kr. — Lazarus Polkwitzervon Nikolsburg, oder: Die Landpartie nach Baden. Posse mit Gesang in 2 Aufzügen, gr. 8. 1849. 15 Sgr. oder 48 kr. Kai ser,Fr., Schneider als Naturdicht er. oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Akten. Mit 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Eine Posse als Medizin. Original- Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 allegor. Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Männerschönheit. Original-Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit Titelkupfer. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Ein Fürst. Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 allegor. Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Mönch und Soldat. Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Schule des Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Charakterbild mit Gesang in 4 Akten. Mit 1 Titelbild. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der Rastelbinder, oder: 10,000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Junker und Knecht. Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Akten. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Des Schauspielers letzte Nolle. Posse mit Gesang kn 3 Akten- Mit 1 Tktel- bilde. 8- geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Dienstbotenwirthschaft, oder: Cha- toulle und Uhr. Charakterbild mit Ges. in 2 Akt. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 12 Sgr. oder 36 kr. Nestroy, I., Einen Jux will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen, geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder: Das Geheimniß des grauen Hauses. Posse in 5 Aufzüg. 12. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der Zerrissene Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 allegorischen Bild. 12 geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der Talisman. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 illum alleg. Bilde. 12. geh. 20 Sgr. oder 48 kr. — Unverho fft. Posse mit Ges. in 3 Akt. Mit 1 alleg. Bild. 12. geh. 16 Sgr. oder 48 kr. — Freiheit in Krähwinkel. Posse in 3 Akten. Mit 3 illum. allegor. Bildern. 12. geh. 24 Sgr. oder 1 fl. 12 kr. Nestroy, I., Zu ebener Erde und er' steQ Stock, oder: Die Launen des Glückes. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit illum. Bild. gr. 8 geh. 20 Sgr. oder 1 fl. — Der Unbedeutende. Posse in 3 Akten. Mit 1 illum. Bild. 12. geh. 20 Sgr. oder 1 ff. — Das Mädl aus der Vorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Posse in 3 Akten. 12. 1845. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der böse Geist Lumpacivagabun- dus, oder: Das liederliche Kleeblatt. Zauber- poffe mit Gesang in 3 Aufzügen. 12. 1838. 2. Auflage. 15 Sgr. oder 48 kr. — Die verhängnißvolle Faschinqs- nacht. Posse mit Ges. in 3 Aufz. Mit 1 Bilde. 12. 1841. 15 Sgr. oder 48 kr. -Eulenspiegel, oder: Schabernack über Schabernack. Posse mit Gesang in 4 Akten. 8. 15 Sgr. oder 48 kr. Mautner. Ed., Lustspiele. I. Das Preislustspiel. II. Gräfin Aurora. 8. 1852. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. Lembert, die homöopatische Kur. Lustspiel in 3 Aufzügen, nach dem französischen Vaudeville: „ÄIon smi Arsnilet^ von ^noelot und Ogmkeroiisse. 8. br. 1845. 7'/r Sgr. oder 20 kr. — Im zweiten Stock. Posse in einem Akte, nach dem Vaudeville: .,I.g ru« In Inns." 8. 1845. 7'/r Sgr. oder 20 kr. — Kenilworth. Histor. romant. Schauspiel in 5 Aufz. nach Walter Scotts gleichnamigen Romane. 8. 1845. 8 Sgr. oder 24 kr. Koch, C. W., dramatische Beiträge für vas k. k. Hofburgtheater in Wien. 1836. 8. Inhalt: Testament einer armen Frau. Er bezahlt Alle. Die Vorleserin. 1 Thlr. 10 Sgr. oder 2 fl. Shakespeare, der Kaufmann von Venedig. Lustspiel in 5 Aufzügen. Bearbeitet von C. A. West. gr. 8. 1841. 18V» Sgr. oder 48 kr. — König Lear Trauerst), in 5 A. Bearbeitet von West. gr. 8. 18'/» Sgr. oder 48 kr. — Romeo und Julie. Trauerspiel kn 5 Aufzügen. Bearbeitet von West. gr. 8.1841. 18'/» Sgr. oder 48 kr. Vogel, W., der Erbvertrag. Dramat. Dichtung in 2 Abtheil, nach einer Erzäh. lung des C. F. A. Hoffmann. gr. 8.1828- 22'/r Sgr. oder 48 kr. — Witzigungen, oder: Wie fesselt man die Gefangenen. Lustspiel in 3 Akten. 8. 1843. 21 Sgr. oder 1 fl. — Das Duell-Mandat, oder: Ein Tag vor der Schlacht bei Roßbach. Drama in 5 Aufz. 8. 1843. 18 Sgr. oder 48 kr. — Ein Handbillet Friedrich des Zweiten, oder: Jnkognito's - Verlegenheiten. Lustspiel in 3 Aufzügen. 1843. 21 Sgr. oder 1 fl. Olga. Zustspiel in einem Acte, frei nach dem /ranzöstschen des Scribe, von Louis Julius. Pen Kühnen gegenüber at» Mlannscript gedruckt. Personen r Michael Sze luchin. ein reicher Großkaus- Iwan Andrejewilfch, sein erster Commis. mann in Petersburg. Paul, Bedienter. Olga, seine Tochter. . Ein reich dekorirteS Arbeitszimmer des Ban- quierS. Mittel- und zwei Seitenthüren, links ein Dioan. rechts ein mit Papieren. Handlungsbüchern, Briefen bedecktes Bureau, dahinter ein Lehnstuhl. Grste Seene. Iwan (sitzt am Bureau, schreibt, dann hält er inne und verbirgt einen Moment den Kopf in seinen Händen). Ich kann nicht weiter! Selbst bei der Arbeit denke ich nur an sie! — Wo nehme ich die Kraft her zu schweigen; zu schweigen und sollte ich sterben darüber. Zweite Seene. Iwan. Olga (durch die Mittelthüre, geht an die Lhüre links und horcht). Olga. Er ist noch nicht aufgestan- den! — Ah sieh da, Herr Iwan schon so fleißig? Iwan (steht auf). Ja, Fräulein, eS ist nöthig, — doch wenn ich Sie genire — Wiener Theater-Repertotr. XVII. Olga (schnell). Durchaus nicht! — Im Gegentheile! Schon längst wünschte ich, Sie einmal allein jn sprechen, und da sich mir jetzt die Gelegenheit bietet, so will ich sie benützen. — Sagen Sie mir, hat mein Vater in letzterer Zeit Verluste erlitten? Iwan. Herr Szeluchin? Nichts weniger! Niemals war unser Geschäft so in Flor als jetzt, — er kommandirt über schwer zu berechnende Reichthü- mer und erst gestern sind uns 2 Briggs von Kronstadt signalisirt worden, die Ihrem Herrn Vater einen Gewinn von 2Ü0,VÜ0 Rubel sichern, (scherzend). Gibt eö bei uns irgend eine Verlegenheit, so ist eS die, daß wir nicht wissen, was wir mit unserm Gelde anfangen sollen. Glauben Sie mir, Fräulein, ich kann darüber sprechen, ich habe das ganze Geschäft in Händen. Olga. Ich weiß eö, guter Iwan, der Vater setzt, trotz Ihrer Jugend, das vollste Vertrauen in Sie, deßhalb wende ich mich an Ihre Freundschaft. Sie wissen, mein guter Vater lebt nur 2 für mich, nie sah ich ihn übler Laune, außer wenn er fürchtete, ich möchte krank werden, oder wenn ich einen Wunsch aussprach, den er nicht zu erfüllen vermochte. Zwan. Niemals gab es aber auch eine aufmerksamere, liebenswerthere Tochter! Olga (legt ihm den Finger auf den Mund). Still! — still! Das ist ja nur meine Pflicht. — Seit zwei Tagen quält ihn ein geheimer Kummer; vorgestern empfing er in meiner Gegenwart einen Brief, der ihn sehr verstimmte. — Wissen Sie, waö er enthielt? Iwan. Nein, Fräulein! Als Sie uns verließen, las er ihn nochmals, und warf ihn dann zornig ins Feuer. Olga. Seit dem zieht er fich auffallend zurück und arbeitet allein in seinem Kabinet. Kennen Sie den Grund davon? Zwan. Gestern trat ich, um ihn nicht zu stören, leise auf den Fußspitzen hier ein und sah ihn in die Lektüre dieses Buches vertieft, das ihn lebhaft zu in- teressiren schien, denn er unterbrach sich von Zeit zu Zeit durch laute Beifalls- Aeußerungen, — hier ist das Buch (gibt es ihr vom Tische). Olga (nimmt es und liest). „Fami- lienscenen." (legt es wieder hin). Bilder häuslichen Glücks. Zwan. Da kommt er selbst! Dritte Scene. Die Vorigen. Szeluchin (durch die Thür links, Papiere in derHand, spricht schon von Außen) Geld einkaffiren, Rechnungen durchsetzen, revidiren! Was geht denn das mich an? Wenden Sie sich an Zwan, meinen Kassier! (bemerkt ihn.) Ah, da bist Du ja! Ueberall verlangt man nach Dir, und wenn Du wo fehlst, kennt man sich gar nicht mehr aus. Olga. Ei! ist Ihnen Zwan so notwendig, Papa? Szeluchin. Unentbehrlich! Er ist die Perle der Kassiere, ja ich muß sagen, fast zu ökonomisch. Zwan. Und Sie zu generös. Olga (lacht). Da bildet Zhr ja Beide ein herrliches Ganze, hier (auf Iwan) die Einnahme, und da (auf Szeluchin) die Ausgabe. Szeluchin. Zn ganz Petersburg gibt es keinen bessern Kaufmann, keinen raschern Rechner als ihn. Dafür Hab' ich ihn aber auch erzogen, und wenn ich denke, daß ich ihn eigentlich nur Dir verdanke, Olga, denn Du empfahlst ihn mir — es sind wohl jetzt bald fünfzehn Jahre — Olga (unterbricht ihn). Zch weiß, ich weiß! Szeluchin. Thut nichts! Könnts noch öfter hören! Die Geschichte macht mir immer Vergnügen, ihm gewiß auch, und wenn Zhr mich nicht mitunter meine alten Geschichten erzählen laßt, so werd ich sie noch vergessen. Za, ja, ich sehe mich noch immer in unserm alten grünen Reisewagen auf der Tour von Kiew nach Wilna ; Du saßest auf meinem Schooß und verzehrtest Deine Kirschen, ich macht« mein Nachmittagsschläfchen, da rief uns ein kleiner, zerlumpter Betteljunge an — Du warst es, Iwan. — Olga. Vater! Szeluchin (fortfahrend). Er hielt den Hut auf und trabte munter neben dem Wagen her. Rasch warf ihm die Kleine den Korb sammt den Kirschen zum Wagen hinaus, und fing an zu schreien und zu spektakeln, daß ich auf- wachen, und wohl oder übel, um ihrer Laune zu genügen, den Jungen in den Wagen nehmen mußte. — 'S war so eine Idee, so eine Caprice von ihr, ja, ja, sie hatte damals schon dergleichen. Olga. Und Sie die Gewohnheit, ihnen nachzugeben. s Iwan. Nur versäumen Sie nicht hinzuzufügen, Herr Szeluchin, was der arme Bettelknabe nie vergessen wird, daß Sie von dem Tage an ihn nicht mehr verließen, daß Sie ihn erzogen, wie das Kind Ihres Hauses, daß Sie — Szeluchin. Daß ich ihm endlich sagte, er solle das Maul halten! Basta! Das gehört nicht mehr zur Geschichte. Iwan (will sprechen). Szeluchin. Basta! sag ich! man erwartet Dich an der Kassa und im Comptoir — da — nimm die Papiere an Dich; eS sind 3 oder 4 verteufelt verwickelte Geschäfte dabei. Iwan (macht eine Verbeugung und will gehen). Olga. O bitte, sagen Sie doch Paul, er soll das Frühstück für den Vater hier serviren. Szeluchin. Ja, ja, ja! ein kaltes Huhn und — Olga. Nichts da! Der Doktor verordnet Ihnen des Morgens Thee. Szeluchin. Ach, Thee! Immer und ewig Thee! Olga. Väterchen! (droht ihm mit dem Finger.) Szeluchin. Na, meinethalben! Iwan (ab). Vierte Gerne. Vorige, ohne Iwan. Olga, So ist's recht, Väterchen! Nur hübsch folgsam! Sagen Sie selbst, war daS damals ein guter Gedanke von mir, den kleinen Jungen in den Wagen zu nehmen? Szeluchin. Ja, Du hast mitunter gar keine Übeln Einfälle. Olga. Nun, ich hätte große Lust, Ihnen wieder etwas vorzuschlagen. Szeluchin. Für Dich? Olga. Nein, für Iwan! Szeluchin. Was fehlt ihm? Ist er nicht schon seit langer Zeit mein erster Commis? Olga. Ja wohl, schon lange hilft er mit Eifer und Fleiß an der Vermehrung unserS Vermögens, so daß es wohl Zeit sein dürfte, daß er auch einmal an das Seine dächte. Szeluchin (erstaunt). So? Olga. Sie wissen, er ist arm, — wenn Sie ihm aber ein Kapital vor- schießen wollten, so könnte er auf eigene Rechnung ein Geschäft etabliren, ein reicher Mann werden und seine Wünsche wohl noch höher steigern. Szeluchin. Iwan? — Er von uns gehen? Uns verlassen? Sprichst Du etwa in seinem Aufträge? Olga. O, er denkt wohl nicht daran. Ich sagt' es ja, es ist meine eigene Idee. Szeluchin. Du willst ihn also verjagen, aus meinem Hause treiben? Olga. In seinem Interesse, Vater. Szeluchin. Und wo bleibt das Meine? Denn Du sollst wissen, mein Kind, er ist nicht allein mein Diener, er ist mein Freund, mein Vertrauter, der Einzige, mit dem ich von Dir plaudern kann, — er ist der Sohn vom Hause, — und als Du vergangenes Jahr so krank warst, hat er sich da nicht geängstigt, fast mehr als ich? — In Einem Blicke theilten wir uns unsre Sorgen, unsre Hoffnungen mit, in Einem Händedrucke verstanden wir uns, und Du willst, daß ich auf das Alles verzichten soll? Olga (tief bewegt). O nein! nein! mein Vater! Szeluchin. Er ist arm, sagst Du? Nun dafür bin ich reich! Sag ihm, er soll sich nehmen — so viel er will, — oder vielmehr, arrangire Du daS mit ihm, eS ist ja doch nur Dein Geld, gib Du ihm selber, was Du glaubst. Olga (mit niedergeschlagenen Augen). Wie? und wenn er — 1 * 4 Szeluchin. Was er verlangt! Was er verlangt! Olga (lebhaft). Nun, dann soll er zufrieden sein, Papa! Szeluchin. Genug davon, und von Geschäften überhaupt! — Laß Dich nun einmal so recht mit Muße ansehen, jetzt sind wir, Gottlob.' allein. — Gestern auf dem Balle, da gehörtest Du der ganzen Welt! Der Tausend ! nun bin ich einmal in der Reihe. Olga. Nicht mehr als billig! Aber gestehen Sie, es ist doch was Schönes, so ein Ball! Szeluchin. Nicht für die Väter, mein Kind. Olga. Oh! auch für die Väter! Szeluchin. War das eine Masse von Menschen! Ich konnte Dich kaum im Auge behalten, denn man nöthigte mich zu einer Partie Whist, 20 Rubel Banko den Fiche, ja — und doch halt' ich einen schönen Augenblick, ich muß'S gestehen. Olga. AlS Sie den Gewinnsteinstrichen? Szeluchin. Nicht doch! — Man schwatzte hinter meinem Stuhle, Einer fragte: Wer ist das allerliebste Mädchen dort, mit dem Cyanenkranze? Sie hat so ein bescheidenes, so graziöses Wesen. — ES ist Szeluchin's Tochter, des reichen Szeluchin; — sagte der Andere. Ebitt! ist das ein glücklicher Mensch! — Pst! schweigen Sie doch, da sitzt er ja, hinter uns am Spieltisch. — Er hatte recht, ich horchte, ich spitzte die Ohren, ließ mir den Atout König stechen und verlor die Partie. — Das war das einzige Vergnügen, was ich den Abend hatte. Olga. Es war aber doch reizend! dieses herrliche Orchester! — Schade, daß Sie so früh ausbrachen. Szeluchin. Nun, nun! um halb drei Uhr Morgens. Olga- Ich wäre so gerne noch da geblieben, Papa! Das war die erste Bitte, die Sie mir abgeschlagen. Szeluchin (barsch). Weil sich's um Deine Gesundheit handelte! Nicht Einen Walzer, nicht Eine Quadrille hast Du ausgelassen! — (mißtrauisch). Und wer war denn der junge Herr mit dem kleinen schwarzen Schnurbart und dem Andreaskreuz, der Dich stets auf- forderte? Olga. Stets? — Nur dreimal. Szeluchin. Sieh, sieh! Zch glaubte nur zweimal! Olga. Nein! Einen Contratanz und zwei Walzer haben wir mit einander getanzt. Ach Papa! der walzt schön, — auf Wiener Art! Szeluchin. So? walzt er? und wer ist'S denn, wenn man fragen darf? Olga. Der Oberst Sarätoff, Papa. Szeluchin (heftig). Sarätoff?! Olga. Was ist Ihnen? Szeluchin (faßt sich). Nichts — nichts! also der Oberst war das? Olga. Ja freilich. — Er war auch unter den Herren, die uns bis an den Wagen begleiteten. (Ein Diener in Livree mit dem Frühstück tritt ein.) Szeluchin. 'S ist möglich, ich Hab nicht Acht darauf gegeben, ich war die ganze Nacht von einer Masse junger Herren umgeben, die mir alle mögliche Artigkeiten erwiesen, mir Gefrornes, Punsch, Gott weiß was alles offe- rirten. Olga (bemerkt den Diener). Ah! das Frühstück. Szeluchin. Daß ist ein Wort! (man seht sich.) Olga (bemerkt auf der Tablette Briefe und Journale). Da sind auch Briefe und die Zeitungen. Szeluchin. Später will ich sie lesen, jetzt laß uns erst frühstücken. Olga. Da haben Sie recht, Papa, denn eS kommt mitunter eine böse Nachricht, die Ihnen allen Appetit nimmt; wie erst vorgestern. Szeluchin. Oh! Olga (präsentirt ihm die Tasse in dem Momente, als er eine Bewegung unwilligen Erstaunens macht) Ei, Papachen, geben Sie doch acht, Sie werden die Tasse zerbrechen, (streicht ihm Butter auf's Brot.) Ich habe nicht nach dem Inhalte des Briefes gefragt. Szeluchin. Und hast wohl daran gethan. Olga. Denn ich bin überzeugt, daß Sie mir ihn mittheilen werden. Szeluchin. Ich ? Oh! Olga. Natürlich! Sie thun ja immer, was ich haben will und so muß es auch sein, denn das ist die größte Unart, wenn man seiner Tochter nicht gehorcht. Szeluchin. Meinst Du? Olga. Ja, Papa! (wie oben mit drolligem Ernste). Szeluchin. Za, sieh' — cs — es war ein Brief Deiner Tante Sela- mi6wna in Moskau. Olga (nachlässig ihren Kuchen in den Thee tauchend und essend). So? ein Brief der guten Tante hat Sie so geärgert? Und warum denn? Szeluchin (verlegen). Weil — weil sie mich seit zwei Jahren quält, ich soll Dich auf ein paar Monate zu ihr schicken, nach Moskau. Olga. Mein Gott, Väterchen, wir werden wohl nicht umhin können, es ist eine Convenienz, der man sich nicht entziehen darf. Szeluchin. Der ich indeß bis jetzt glücklich zu entgehen wußte, — dies Jahr aber weiß ich wahrlich nicht, welchen Vorwand ich ersinnen soll, und das eben macht mich so verdrießlich. Olga (mit einem zweifelnden Seitenblicke). Wirklich? — Nun, beruhigen Sie sich, Papa, ich werde der Tante schreiben und sicherlich ein Mittel finden, Sie nicht verlassen zu dürfen. * Szeluchin (eifrig). Das ist recht, das ist Alles was ich wünsche; lies mir jetzt die Zeitungen, Olga, und die Briefe, (trinkt). Olga. Erst einen Brief. Szeluchin. Was enthält er? Olga. Man erbittet Ihre Unterschrift auf ein Werk, wovon Sie neulich schon den ersten Band erhalten haben. „Familienscenen." Szeluchin. Hier Hab ich's. — Ein prächtiges Buch! es muß von einem unsrer ersten Schriftsteller sein; wie heißt der Verfasser? Olga. Barabaff. Szeluchin (lacht). DaS ist ja schrecklich! Barabaff! Olga (liest). Barabaff, Privatgelehrter, St. Olaistraße im 6. Stock, (lacht.) Es wohnt der Sänger auf der Menschheit Höhen! Szeluchin. Unglaublich! Olga. Was? Szeluchin. Daß das Verdienst so hoch erhaben wohnt! Gleichviel, ich zeichne für IVO Rubel, sage Iwan, er soll sie ihm schicken. Olga. Ja, Papa! ES ist also so hübsch, das Buch? Szeluchin. Unvergleichlich! Es sind Schilderungen darin von solcher Wahrheit, solcher Natürlichkeit, daß es mir beim Lesen vorkam, als hätt' ich'ö selber geschrieben. Ich! ein Buch schreiben! Nein, ich wage mich nicht an die schöne Literatur, zum großen Glück für sie! — Weiter, mein Kind. — Was sagt das kleine Billet auf Scidenpapier — Olga (öffnet den Brief). „Geehrter Herr! Unter den Auspicien Ihrer Frau Schwester wage ich es — Szeluchin (entreißt ihr rasch den Brief). Schon gut! schon gut! (für sich, nach der Unterschrift sehend.) Vom Oberst Sarstoff, — und die Andern — (nimmt ave Briefe aus Olga's Händen) vielleicht Alle über dasselbe Thema, (steht auf.) Man darfdochNiemand mehr trauen. — (Der Diener entfernt den Tisch.) 6 Olga. Frühstücken Sie nicht mehr? Szeluchin. Zch habe genug, (bei Seite den Brief des Obersten durchlesrnd.) Er bittet mich um eine Unterredung, heute noch, um 12 Uhr — (es schlägt). Da schlägt's! Unmöglich ihm auszu- weichen, und Olga ist hier! — Ach! ich will ihn im Salon empfangen. Adieu, mein Kind. Olga. Mein Gott, Papa! woher diese plötzliche Aufregung? Szeluchin. Aufregung! Ich begreife nicht, woran Du die bemerken willst — ich promenire, ich bin ruhig, ganz und gar ruhig. Olga. Ihre Ruhe ist erschreckend, Papa; und ich sehe nur zu gut, daß Sie etwas ärgert und beunruhigt. — Sagen Sie mir's, Papa! Szeluchin. Ach nicht doch, Närrchen, — Du stehst Gespenster. Olga. Nein! Nein! Zch lasse mir's nicht ausreden, ich gehe Zbnen nicht von der Seite, bis ich's weiß. Szeluchin (streng). DaS verbitt' »ch! ich will allein sein. (Ab durch die Mitte.) Fünfte Scene. Olga allein. Das verbitt' ich! Zum Erstenmal hör' ich dies Wort. Was hat er nur um Gotteöwillen? (setzt sich.) Woher stammt dies Aergerniß? Zch würde Alles dafür geben, ihm eine Sorge, einen Augenblick des Kummers zu ersparen. (erblickt das Buch auf dem Tische). Ach, das Buch, von dem er diesen Morgen sprach, worin er seine geheimsten Empfindungen ausgesprochen fände, wie er sagte. — Wenn ich's entdecken könnte, was ihn so gänzlich beschäftigt! (öffnet das Buch.) Laß sehen! Bis hierher sind die Blätter ausgeschnitten, hier ist er stehen geblieben. — (liest.) — „Von dem Augenblick, daß ein junges Mädchen ihr väterliches Haus verläßt, ist sie verloren für ihren Vater. Die Liebe ihres Gatten, das Glück der Ehe, die Zärtlichkeit für ihre Kinder öffnen ihr Herz neuen und stärkern Gefühlen; der arme Vater ist vergessen/ wenigstens erscheint das Bild von nun an nur in dritterReihe." (spricht.) O mein Gott! bei dieser Stelle ist die Spur einer Lhräne! Zst daß das Geheimniß, was er im Grund seines Herzens verbirgt, das er nicht zu gestehen wagt? — Ach armer Papa! so sehr liebt er mich also, daß seine Zärtlichkeit eifer süchtig ist auf jedes andere Gefühl? O nein, nein! Das ist unmöglich! Ich kann'ö nicht glauben! und ich thue ihm sicherlich Unrecht. Sechste Scene Olga. Zw an (sehr aufgeregt). Zw an. Ah, Fräulein Olga! Olga. Was haben Sie, Zwan? Wie bleich Sie sind! Zwan. Zch glaub's wohl! — wenn Sie wüßten — ich war in meinem Comptoir, was an den kleinen Salon stößt, da hört ich Zhren Herrn Vater mit lauter Stimme sprechen , ich kann wohl sagen, schreien, denn er war sehr zornig, und ich gestehe, das war mir etwas so Neues, daß ich horchte, — es war vielleicht unrecht. Olga (rasch). O nein! o nein! (sehr altklug). Es gibt Momente, wo es zur Pflicht wird! Zwan. Nicht wahr? — er sagte: Herr Oberst — Olga. Der Oberst ist bei ihm? Was will er? Zwan (mit Anstrengung). Sie — Sie selbst, Fräulein! Olga (kalt). So? — Und waS entgegnete mein Vater? Nicht wahr, er wies ihn ab? Zwan. O nein, Fräulein, aber er erwiderte mit einer Bitterkeit, die mir ganz neu an ihm war, „Glauben Sie 7 denn, Herr Oberst, daß man seine Tochter so auf die Minute verheiratet, ohne seinen Schwiegersohn, seine Sitten, seinen Charakter zu kennen?" — Sehr richtig! denn es gibt so manchen Oberst, der den Damen gefallt, sie für sich gewinnt, nur wegen seiner schönen Uniform. Olga (lebhaft). Das gehört nicht hierher! — Also mein Vater ärgerte, erhitzte sich? Iwan. Oh — er war noch zu gütig, zu sanft und ich an seiner Stelle — Olga. Die Rede ist nicht von Ihnen! Wie endigte sich das Gespräch? Iwan. Wie? rief der Oberst, trotz der Protection Ihrer Frau Schwester, die mich kennt und achtet, weisen Sie meine Bewerbung zurück?! Das Hab' ich nicht gesagt, entgegnete Herr Sze- luchin, dessen Aufregung immer mehr stieg, doch ich — werde sehen — werde mich erkundigen — ich verlange Bedenkzeit, — ich muß meine Tochter befragen. Olga. Mich? Iwan (versucht zu lächeln). Ja, Fräulein, und da der Oberst kein anderes Hinderniß zu besiegen haben wird, so — Olga. Ich danke Ihnen, — Bitte, lassen Sie mich allein. Iwan. Zu Ihrem Befehle, (betrachtet sie traurig.) Adieu, Fräulein! — (für sich.) Sie hört nicht, denkt nur noch an ihn! Keine Hoffnung mehr! Es ist aus! (Ab.) Siebente Seene. Olga. Szeluchin. Olga (für sich). Ich muß ihn mit der größten Sorgfalt beobachten und meinem Scharfblicke wird der Grund seines Betragens nicht entgehen. Szeluchin (rechts durch die Seiten- thüre). Ich wußt' eS ja; eS ist nicht allein der Oberst! auch die beiden andern Briefe enthielten Heirathsantrage. Ja, führe nur einer ein junges Mädchen auf Bälle! Olga (ihn von Weitem beobachtend). Wie bewegt er ist! Szeluchin (setzt sich an den Tisch rechts). Und es werden noch mehrere Nachkommen, das kann ich schon denken ! Alle diese jungen Lassen, die sich gestern um mich drängten, mir den Hof machten, — ich weiß sehr wohl — es galt nicht mir, es galt meiner Olga! Uine illse Inerimae! — Von allen Seiten bin ich belagert, sogar meine eigene Schwester quält mich, schickt mir diesen Obersten auf den Hals, schreibt mir: es sei Zeit, Olga zu verheirathen, sie sei nun achtzehn Jahr alt, d. h. mit andern Worten, achtzehn Jahre hast Du Deine Tochter mit aller Liebe und Sorgfalt gehüthet, bewacht, — nun verlasse sie, stoße sie hinaus, wirf sie in die Arme eines fremden Menschen, den man kaum gesehen hat — sie auch nicht — einem Menschen — einem Feinde, den man Schwiegersohn titulirt und den sie eines Tages vielleicht mehr lieben wird, als Dich — Nein! niemals! — Ach das Buch hat nur zu sehr Recht! (wendet sich und bemerkt Olga, die sich ihm genähert). Meine Tochter! (versucht zu lächeln). Ach, Du warst hier? Olga. Ja, Väterchen ! Ich wollte — Szeluchin (gezwungen heiter). Desto besser! Ich habe Dir eine Neuigkeit zu sagen, über die Du eben so herzlich lachen wirst, wie ich, und die Du wohl nicht ahnst. Hahaha! Denke Dir, man hat um Deine Hand bei mir angehalten. Was sagst Du dazu? Olga (kalt). Daß ich keine Lust zum Heirathen habe, Vater. Szeluchin. Wirklich? Olga. An Ihrer Seite, mein Vater, ist mein Leben so süß und ruhig, daß ich gar keine Lust habe, es zu ändern. Szeluchin (schließt sie in die Arme). Mein Kind! Mein theureS Kind! Indessen, — sieh Olga, — ich will Dir nicht widersprechen, — einmal werden wir — doch daran denken müssen. — Meine Schwester und auch einige andere Freunde, machen mir den Vorwurf, ich wollte Dich nicht heirathen lassen, lächerlichich, der ich in diesem Augenblicke drei Partien für Dich habe, und Dich nur bitte, eine Wahl zu treffen, Dich zu entscheiden, — aber Du willst nicht, — gut! Olga. Wenigstens — Szeluchin. Wie? WaS willst Du sagen? Olga. Zch sage, wenigstens nicht, wenn Sie nicht darauf bestehen, es nicht durchaus wünschen. Szeluchin. Wünschen! Zch? — Ich wünsche nur, daß, wenn Du irgend wem den Vorzug gibst — Olga (sehr freudig). Jst's möglich? Szeluchin (gezogen). Wie? — Hast Du mir etwas verborgen? Ja, Du hast es, Du hast kein Vertrauen zu mir, und es gibt Jemand, den Du allen Andern vorziehst? Olga (reicht ihm die Hand). Gewiß, mein Vater! den ich über Alles liebe und verehre, und das ist Niemand anderer als Sie, als mein liebes, gutes Väterchen! (fliegt ihm an den Hals). Szeluchin. Gut, gut! Das einzige Wort entwaffnet mich schon. Wie viel LiebeSschwüre hat der Wind nicht schon verweht, die Blume der Liebe blüht nur im Frühling, die Zärtlichkeit eines Vaters dauert das ganze Leben, — Elternliebe ist die Einzige, in der es keine Untreue gibt. — Aber ich werde Dir schon einen Mann auS- suchen, mein Kindchen, und wenn ich auch wohl nie einen finden werde, der Deiner würdig ist, nun so wirst Du ihn nicht allzuheftig lieben, das ist kein Unglück! Eine ruhige, vernünftige Zuneigung ist das Beste für daS häusliche Glück, — diese heftigen Leiden- schäften endigen stets übel, darum Haffe ich die sogenannten Heirathen aus Liebe und werde gewiß eine gute Wahl für Dich treffen, ich verspreche Dir's. — Indessen handle ganz nach Deinem Gutdünken, gib aus, so viel Du willst, kaufe, was Dir nur immer gefällt, kommandire das ganze Haus und mit mir mache vor allen Dingen den Anfang. (er wird immer heiterer). Olga. Nein, mein gutes Väterchen! nicht kommandiren, Ihnen folgen will ich, und das wünschenöwertheste und glücklichste Loos wird mir stets dasjenige sein, was Sie mir selbst bestimmen. (Küßt ihn und geht links ab). Achte Seene. Szeluchin. DaS ich selbst bestimmen werde! Theures Kind! nur mir allein vertraut sie, nur mir allein! (befriedigt.) Oh ! ich werde sie schon verheirathen, und wäre es nur, um meiner Schwester zu beweisen, daß alle ihre Vorwürfe grundlos, absurd sind. — Die einzige Schwierigkeit ist nur. Jemand zu finden, der mir gefällt, — und ihr natürlich auch. — Nun da sie, Gott sei Dank, noch nicht liebt, so habe ich ja Zeit. Aerrnte Teene. Szeluchin. Iwan. Szeluchin (fröhlich). Gut, daß Du kömmst! Iwan, ich bedarf eines Freundes, eines RathgeberS, — ich bin in großer Verlegenheit. Iwan. Sie sehen aber gar nicht darnach aus. Szeluchin. Und doch ist es so! Denke Dir, drei Partien werden meiner Olga offerirt, drei auf einmal! Iwan (für sich). Mein Gott ' Szeluchin. Der Oberst Sarätoff, v den mir meine Schwester empfiehlt, der Sohn des VizegouverneurS, den mir sein Vater empfiehlt, und endlich der Neffe des StaatSraths Meuren, der Präsident des Handelsgerichtes, der sich selbst empfiehlt; — alle drei Anträge kamen mir heut Morgen zu, und säst zu gleicher Stunde sogar. Iwan. Und das setzt Sie so in Verlegenheit? Sze luchin. Ja natürlich; und um so mehr, als Olga es ganz allein mir überläßt, eine Wahl zu treffen; Teufel! das ist schwierig! — Das ist ein sehr delikates Geschäft — Du wirst sehen, das Ende vom Liede wird sein, daß sie Keiner bekommt. Iwan (lebhaft). Meinen Sie? S z e l u ch i n. Ja, was soll ich machen? Alle drei Partien sind gleich annehmbar, ich sehe keinen Grund, den Einen vorzuziehen und wich dadurch mit den beiden Andern zu verfeinden. — Wenn mir Olga nur ein wenig dabei helfen mochte, wenn sie nur eine Vorliebe für den oder jenen blicken ließe, das gäbe mir doch einen Fingerzeig, aber nein — sie überläßt mir die ganze Verantwortung — sie liebt Keinen von Allen. Iwan. Ich fürchte, ich fürchte, Sie sind im Jrrthume. Szeluchin. Wie so? was meinst Du? Iwan. Es wäre Unrecht von mir, Ihnen zu verschweigen, was ich weiß, oder doch wenigstens zu bemerken glaubte. — Sie riefen eS mir erst heut Morgen ins Gedächtniß, daß Ihre Tochter meine erste Wohlthäterin gewesen, ich ihr Alles verdanke, ihr Glück geht mir daher über Alles. Szeluchin (unruhig). Ohne Vorrede! Iwan. Herr Szeluchin, Ihre Nachforschung wird weniger Schwierigkeiten haben als Sie glauben — (mit Ueber- windung). Fräulein Olga liebt. Szeluchin (heftig). Wen? Den Präsidenten? Iwan. Nein! Szeluchin. Den Sohn des Gouverneurs? Ich kann'S nicht glauben! Iwan. O nein! Szeluchin. Also den Obersten! — Wer hat Dir das gesagt? Woher weißt Du'S? Iwan. Als ich ihr vor einigen Minuten mittheilte, Herr von Sarätoff sei gekommen, ihre Hand von Ihnen zu erbitten — wenn Sie da ihre Verwirrung bemerkt hätten, die Angst, Sie möchten ihn abweisen. Szeluchin. Und sie sagte mir nichts! — Woher aber kennt sie den Obersten? Iwan. Von dem gestrigen Balle. Szeluchin. Na ja, da haben wir's! Führe einer nur ein junges Mädchen auf Bälle! (Geht unruhig auf und ab). Iwan. Wie, Herr Szeluchin, Sie suchen einen Schwiegersohn, den Ihre Tochter liebt? Szeluchin. Ja! — Freilich! Iwan. Und sind dock) so aufgebracht? Szeluchin. Aufgebracht? Ja! Allerdings! daß sie mir ein Geheimniß daraus gemacht, — mir, ihrem Vater! Und wenn sie sich scheut, mir zu gestehen, daß sie ihm den Vorzug gibt, so geschieht cs, weil sie so gut wie wir weiß, daß der Herr Oberst nichts anders sind, als ein Don Juan, ein gefährlicher Verführer, der täglich auf neue Eroberungen ausgeht. Iwan. Sie haben Recht! Szeluchin (ärgerlich). Aber so ist's! In diesem Punkte sind die Weiber alle toll, und meine Tochter ist gerade wie alle Andern! (wehmüthig). Du wirst sehen, sie wird sich unglücklich machen, sie wird uns vergessen, mich, ihren Vater, der sie so lieb hat! 10 — Höre. Iwan! Du mußt mit ihr sprechen, zu Dir hat sie Vertrauen. Iwan. Zu mir? Noch hat sie mir nichts anvertraut. Szeluchin. Egal! Sage ihr geradezu alles Böse, was Du vom Obersten weißt. 3wan. Aber ich weiß ja nichts. Szeluchin (ungeduldig). Egal! Ganz egal! Thu mir den Gefallen, ich bitte Dich. Iwan. DaS kann ich nicht, Herr Szeluchin, und eben wollte ich Ihnen sagen, daß unerwartete, schmerzliche Entdeckungen — Szeluchin. In der That, jetzt bemerke ich erst, wie blaß Du bist. Was fehlt Dir? Iwan. Nichts, Herr Szeluchin, aber ich bin genöthigt, nach Moskau zu reisen. Szeluchin. Nun, reise in Gottes Namen, nur komm mir bald wieder, Du siehst, ich kann Dich hier nicht entbehren. 3 wan. Auch lege ich nur mit schwerem Herzen den Kassenschlüssel wieder in 3hre Hände, mein Wohlthäter, mein Vater! Doch muß es sein, — leben Sie wohl — für immer! Szeluchin (nimmt ihn bei der Hand, — rasch). Was ist das? Du willst mich verlassen? Du, auf den ich rechnete als meinen einzigen Trost? Du gehst in dem Augenblicke, wo die ganze Welt mich verläßt und verräth? Und ohne Ursache, — das ist unmöglich! 3wan. O wohl Hab' ich eine Ursache, die mich aus 3hrem Hause treibt. Szeluchin. So sprich! Was fehlt Dir? Brauchst Du Geld? Hast Du Kummer? (breitet die Arme aus.) Mein Herz steht Dir offen wie meine Kasse! 3wan (will sich in seine Arme werfen). O, mein Wohlthäter! — Nein, nein! Es ist mir unmöglich! — Leben Sie wohl! . Szeluchin (bitter). Recht so! Recht so! Geh' nur, — Du bist auch ein Undankbarer, wie alle Andern. 3wan. 3ch, undankbar? O nein, Herr Szeluchin, thun Sie mir nicht solch Unrecht! 3ch verlasse 3br Haus, weil ich 3hnen Dankbarkeit, Ehrfurcht schulde und sie nicht verletzen will — denn — hören Sie eS — ich liebe Olga — ich bete sie an! Szeluchin. Du? 3wan. 3ch kann diese Liebe nicht besiegen und Sie werden sie niemals billigen. Szeluchin (sehr ruhig und langsam). Und warum nicht? 3wan. Wie? 3st das 3hr Ernst? Szeluchin. Was war denn ich, als ich in Deinem Alter stand? Etwa ein großer Herr? Ein Millionär? Nein, ein armer Commis wie Du, der nichts besaß, als: Muth, Fleiß und Ehrlichkeit; — Du hast das Alles auch, — unsre beiden Häuser können also sehr gut in Kompagnie treten, und hinge diese Verbindung von mir allein ab, ich sagte auf der Stelle —: Da schlag' ein! Du bist mein Eidam! 3wan. O, Herr Szeluchin, welch' ein Mann sind Sie! Doch leider wird sie mich niemals lieben. Szeluchin. 3ch weiß, ich weiß! 3ndessen — versuch es nur, das ist Deine Sache, such' ihr nur erst den Oberst aus dem Kopfe zu bringen. 3 w a n. Und gelingt es mir, so willigen Sie ein? Szeluchin (verlegen). 3, nun — das wird sich finden, wir wollen dann schon sehen, was sich machen laßt. Still jetzt! sie kommt! Zehnte Seene. Vorige. Olga. Szeluchin. Seit Du fort warst, Olga, habe ich die Vor- und Nachtheile aller Partien, welche sich Dir bieten, reiflich erwogen. 3ch will, Du sollst heirathen. Indessen — und obgleich Du mir die Wahl völlig frei stellst, obgleich ich mein Planchen hätte — so soll doch nichts ohne Deinen Willen geschehen. Olga. Sagen Sie mir erst den Ihren. Szeluchin (verlegen). Meinen? Nun wenn ich's frei heraus sagen soll, so erkläre ich Dir, daß ich verdammt wenig auf's Geld sehe, wo es sich um Dein Glück handelt und daß ich deß- halb auch einen Mann auf dem Korne habe, dessen ich sicher bin und den ich stets meinen Sohn nennen werde, wenn Du ihn auch nicht nehmen solltest. Olga. Und wer ist das, Papa? Szeluchin. Iwan! Wer sonst? Olga (mit einem Freudenrufe, den sie sogleich zu ersticken bemüht ist). Ach! Szeluchin (schnell). Oh! — Du brauchst ihn nicht zu nehmen, wenn Du nicht willst, Du bist ganz Deine eigene Herrin, — was mich betrifft (mit Ueberwindung) so ist es mein liebster Wunsch! schon seit längerer Zeit. Olga (die Szeluchin aufmerksam von der Seite betrachtet hat, für sich). Ich glaub' es nicht. Szeluchin. Er wird Dich wenigstens nicht zu seinem Regimente, oder in ferne Länder führen, Du wirst bei mir bleiben, mich nicht allein lassen. Olga. Ich sagte Ihnen schon, Papa, was Ihnen gefällt, wofür Sie sich entscheiden, damit bin ich zufrieden. Szeluchin. Du, Du — nimmst ihn also? — Wirklich? — Nun dann ist'S also abgemacht! Olga. Noch ein Wort, lieberPapa! Tie erinnern sich auf das, was ich Ihnen heut Morgen sagte: Sie sind Mein Alles (sieht von Zeit zu Zeit Iwan an) mein Glück ist nur bei Ihnen, es gibt kein anderes für mich. Szeluchin. Meine Olga! Mein liebes Kind! Olga. Herrn Iwan habe ich stets als meinen Bruder betrachtet — Szeluchin (freudig). Gut! Gut! Olga. Ich empfinde für ihn die lebhafteste, innigste Freundschaft, die reinste Hochachtung. Szeluchin. Recht so! Recht so! Olga. Aber, Aufrichtigkeit vor Allem — meine Neigung zu ihm wird stets eine ruhige sein. Szeluchin. Um so dauerhafter also! Olga. Für eraltirte, romantische Ideen inklinire ich nicht. Szeluchin (fröhlich zu Iwan). ES ist wahr, noch diesen Morgen schlug sie mir vor, Dich wo anders zu etabliren. Iwan (schmerzlich zu Olga). Wie? Olga (lebhaft). Zn Ihrem eigenen Interesse, Iwan. Szeluchin. Und sehr vernünftig! Die Vernunft vor Allem; sie ist das wahre Glück der Ehe, und darum bitte ich Euch, meine Kinder, nur keine Leidenschaft, ruhige, kalte Vernunft! die mach' ich zur Bedingung Eurer Ehe. Iwan. Nein, unter dieser Verpflichtung trete ich zurück, dazu lieb ich Olga zu sehr! Ihre Kälte brächte mich zur Verzweiflung und meine Zärtlichkeit würde sie nur belästigen! Eine solche Ehe machte zwei Menschen elend; es ist daher besser, daß nur Einer unglücklich sei! Szeluchin (halb ärgerlich, halb zufrieden). Da haben wir's wieder! Da stehe ich auf dem alten Fleck. Ich sag' es ja! ich komme nicht dazu, das Mädchen zu verheirathcn. — (sehr ärgerlich.) Nun, jetzt macht was Ihr wollt! (Ab.) Gilfte Seene. Olga. Iwan. Iwan (hat sich auf einen Stuhl rechts geworfen). Olga (tritt zu ihm, nach einer klcincn Pause). Man muß gestehen, Iwan, 12 Ihr Benehmen ist etwas sonderbar. Wenn ich mehr Eigenliebe besäße, ich würde Sie gar nicht mehr beachten. — Es hängt nur von Ihnen ab, mich zu heirathen, — mein Vater sagt ja — ich sage nicht nein, — man bietet Ihnen meine Hand an, Sie schlagen sie aus. Iwan. Weil Sie mich nicht lieben, und ich — ich bete Sie an. — O, Sie werden es niemals erfahren, welchen Kampf dies Herz durchgefochten, welchen Kummer es erlitten hat. Olga. Da irren Sie sich — ich weiß das Alles. Iwan. Wie? Wer konnte .Ihnen ein Geheimniß verrathen, das ich allein bewahrte? ' Olga. Sie selbst. Zwan. Trotz meines Schweigens? Olga. Vielleicht sagte mir dies gerade Alles und lange schon, doch wollen Sie nun Ihr Unrecht wieder gut machen, so schwören Sie mir blinden, unbedingten Gehorsam. Iwan. Mit tausend Freuden! Olga. Hören Sie mich an: Es gibt gewisse allzuzarte, allzuempfängliche Gemüther, denen man aus Pietät schuldig ist, ihre Schwächen zu verbergen, ja sogar selbst nicht zu bemerken, — besonders die Schwächen eines Vaters— Iwan. Ich verstehe Sie nicht. Olga. Verlassen Sie sich nur auf mich, lassen mich, nur mich, handeln, und was auch geschehen möge, nichts darf Sie kränken, wie z. B. heut, wo Sie über ein Nichts so aufbrausten. Iwan. Ueber ein Nichts? Erklärten Sie mir nicht geradezu, daß Sie mich nicht lieben könnten? Olga. Und selbst wenn ich sagte, daß ich Sie verabscheue! (Iwan sieht sie erstaunt an.) Ich sehe schon, mein Herr, man muß Sie unterrichten, wie Sie sich zu benehmen haben. Also merken Sie auf: Von dem, was Sie hören, glauben Sie wenig, doch alles das, was man nicht sagt, — aber schweigen Sie dazu. — Ein so guter Kaufmann wie Sie, wird doch bei einem Geschäft nicht die Kosten scheuen, das später das Kapital sammt Interessen eintragen wird? Iwan. Sie sprechen in Räthseln, theure Olga. Olga (lebhaft aber mit halblauter Stimme). Also deutlicher! — Für Zhr Glück ist es nothwendig, daß Sie mir gänzlich gleichgültig erscheinen, daß mein Vater daran glaube, ja! Sie selbst, denn wenn Sie einen Moment der Hoffnung Raum gäben, so liehe dies Ihren Mienen einen Ausdruck des Glückes, des Triumphes, der Alles verdürbe und da Sie mich doch einmal heirathen sollen — Zwan. Oh! — Aus Liebe,- Olga. Nein, — aus Desperation. Zwan. Zch kann nicht begreifen. Olga. Desto besser! Zwan. Wenn Sie mir indessen nur einen schwachen Hoffnungsschimmer gestatten möchten. Olga. Jetzt — Keinen! Später — vielleicht! Iwan. Ach Olga! Das Glück, von Ihnen geliebt zu sein, ist so groß, ist ein so süßer Traum, daß ich kaum daran glauben würde, wenn ich's von Ihnen selber hörte. Olga. Nichts da! Spräche ich's aus, wir wären Beide verloren. Zwan. Und doch — um eS von Ihren Lippen zu hören, wagte ich Alles (sinkt ihr zu Füßen). Olga!— Um meiner Liebe willen — ein Wort! ein einziges Wort! Olga. Schweigen Sie und stehen Sie auf! (sieht sich ängstlich um.) Iwan. Um der Qualen willen, die ich erlitten, das einzige Wort: Ich liebe Dich, und ich verlange nichts weiter! Olga (überwunden, sieht ihn zärlich an). Nun denn ja; ich liebe Sie, schon lange, und nur Sie allein! Zwölfte Seene. Vorige. Szeluchin. Szeluchin. Was hör' ich? Olga (für sich, erschrocken). Großer Gott! Es ist um uns geschehen! Iwan (nimmt seine Hand in höchster Aufregung). O Freund! Theilen Sie mein Glück, — ich bin der seligste der Menschen, sie liebt mich, sie liebt mich, sie hat es mir gestanden. Olga (für sich). O! wie unklug! Szeluchin (sucht seine Bewegung unter einem forcirten Lachen zu verbergen). Ja, ja, ja! Ich hab's ja gehört und sie hat — wie ich sehe, mehr Vertrauen zu Dir, als zu mir, denn mir sagte sie nichts davon. Iwan. Und da Sie die Güte hatten in unsre Verbindung zu willige», so - Szeluchin (kalt). Gewiß, noch eben wünschte ich nichts Anders, und bat Dich ja selber, wie Du Dich erinnern wirst, ihre Hand anzunehmen, doch da Du sie ablehntest — ich mußte mich entscheiden — der Oberst war eben wieder da, um sich eine definitive Antwort zu holen, so — Iwan. Nun? Um Gotteswillen! Szeluchin. So Hab' ich sie ihm zugesagt. Ich hatte keinen Grund mehr, sie ihm zu verweigern. Iwan. O mein Gott! Szeluchin (sehr ärgerlich). Zum Teufel! Man kann's Euch doch niemals recht machen! Iwan. O, ich beklage mich nicht, ich klage Niemand an, als mich selber, doch ich weiß, was ich nun zu thun habe. — Leben Sie wohl! (ab.) Olga (für sich). Mein Gott! Was hat er vor! Szeluchin (ihm nach). Es thut mir leid, Iwan, aber ich habe einmal mein Wort gegeben. Dreizehnte Seene. Olga. Szeluchin. Olga (für sich). Was jetzt beginnen? Szeluchin (kommt wieder). Wir sind allein! Werde ich nun endlich erfahren, was das bedeutet? Wirst Du mir die Wahrheit sagen? Olga (lebhaft). Ich sagte sie Ihnen heut Morgen schon, ich sage sie stets. Szeluchin. Weißt Du, Mamsell, daß ich sehr böse bin? Olga (lebhaft). Oh ich nicht minder! S z e l u ch i n (höchst erstaunt). Was? Du? Olga (fest). Ja! Ich! Szeluchin. Ach das ist stark! in dem Augenblicke als ich ihr die Leviten lesen will, ist sie es, die — Olga. Ja Papa, denn ich habe das Recht mich zu beklagen, zu ärgern. Ich erkläre Ihnen heut Morgen, daß ich Sie nicht verlassen, immer bei Ihnen bleiben will — nnd seit dem kommen Sie mir alle Augenblicke mit einem andern Freier. Ist das nicht kränkend für mich? Wollen Sie mich denn durchaus loS sein? Ich sage Ihnen, ich will nicht heirathen,, ich will keinen von allen den 'Herren, ich will nicht — will nicht — will nicht! — (auf- und abgehend.) Szeluchin (ganz besänftigt, ihr nachgehend). Na, na, dann ärgere Dich nur nicht, Olga, ärgere Dich nicht, verständigen wir uns lieber, sage mir nur, was gab es denn? Iwan lag ja zu Deinen Füßen. Olga (höchst unbefangen). Glauben Sie? Szeluchin. Ich hab's ja gesehen ! Und warum sagtest Du: Ich liebe Sie und nur Sie allein! ? Olga (ebenso). Hab ich das gesagt? 14 Szeluchin. Z Sapperment! ja, ich hab's ja selbst gehört! Olga- Nun, 's ist möglich! er drohte mir, er wolle sich umbringen, wenn ich ihn nicht wieder liebe, — na Sie kennen ihn, er ist zu Allem fähig. Szeluchin (erschrocken). Gerechter Gott! Olga. Ich hätte gesagt, was er nur haben wollte. Szeluchin (unruhig). Du hast Recht! — Aber nicht wahr, Du liebst ihn nicht? Olga. Z, bewahre! Szeluchin. Unb den Oberst auch nicht? Olga (lacht). Zch denke nicht an den Oberst. Szeluchin (fröhlich). Nun das ist recht, das ist schön! (halblaut.) Sei unbesorgt, ich habe ihm nichts versprochen. Olga (stößt einen halben Freudenruf aus, den sie sogleich erstickt und legt die Hand auf's Herz). Szeluchin. Und Du kannst immer noch thun, was Du willst. Olga (fest). Was ich will! Ja Papa! WaS ich will! Vierzehnte Ge^zre. Vorige. Bedienter (bringt einen Brief). Szeluchin. Vom Obrist! Olga. Vom Obrist? Szeluchin (dreht sich nach ihr, argwöhnisch). Ja, vom Obrist? Was hast Du? Olga. O nichts, Papa, lesen Sie nur. Szeluchin (liest). „Werther Herr! Herr Iwan Andrejewitsch, der wohl noch niemals einen Degen in der Hand gehabt, hat mich so eben gefordert." Olga (stößt einen schwachen Schrei aus und sinkt in den Sessel an dem Tische rechts). Szeluchin (ohe es zu bemerken, fährt ohne Unterbrechung fort). „Sie sind im Stande, mit einem einzigen Worte dies Duell zu verhindern, indem Sie sich für Einen von uns in der Wahl Ihres künftigen Schwiegersohnes entscheiden. Ich muß Sie ersuchen, sich zu beeilen, denn in wenig Minuten treten wir auf die Mensur." — (spricht.) Mich entscheiden, ohne nur eine Minute zum Ueberlegen Zeit zu haben? Sage Du mir, Olga — (tritt zu ihr). Mein Gott! sie ist ohnmächtig! — Ach! Sie sagte mir nicht die Wahrheit! sie liebt den Obersten, es ist kein Zweifel mehr! (mit Bitterkeit). Also doch! — (nimmt Olga's Hände in die Seinigen). Du sollst ihn ja haben, Kind, sollst ihn ja haben, komm nur zu Dir, mein liebes, theureS Kind (zu dem Diener). Was stehst Du da? lauf', bring Hülfe, Du siehst ja, sie ist ohnmächtig! (Diener will fort.) Nein! Halt! sie kommt zu sich (schlägt sich vor die Stirn). Und das Duell, das jeden Augenblick vor sich gehen kann, wenn ich nicht antworte — (tritt an den Schreibtisch). Ach welchen Kummer hat man doch mit seinen Kindern! Es muß sein! Sie wollte mir das Opfer bringen, ihm entsagen, und ich könnte so grausam sein, so egoistisch, Ls an- zunehmen, — nein, an mir ist eS, sich zu opfern, (schreibt schnell — zum Diener.) Da! da! an den Oberst Sarätoff, — schnell! (Diener ab.) Fünfzehnte Gerne. Szeluchin. Olga. Olga (hat nach und nach die Augen aufgeschlagen und ist zu sich gekommen). Was ist geschehen, er will sich schlagen? Szeluchin (eilt zu ihr). Beruhige Dich! Es ist Alles beigelegt und auf eine Weise, die Dir gewiß gefallen wird. 18 Olga. Ist keine Gefahr mehr, für Niemand? Szeluchin. Gewiß nicht! Beide werden sie sogleich hier sein, und mit uns speisen. Olga. Wie haben Sie das gemacht? Szeluchin. Laß uns davon schweigen — denn siehst Du — es — es thut mir wehe. Olga (will zu ihm, der sich wieder an den Schreibtisch gesetzt hat). Sie haben recht, Papa, sprechen wir nicht mehr davon — (bemerkt das Buch auf dem Schreibtische). Ach, da ist ja das Buch, das Sie so lieben, darf ich Ihnen etwas daraus lesen? Szeluchin. Wie Du willst. Wenn ich Dich nur für mich allein und so recht nach Gefallen ansehen kann, so bin ich ja schon zufrieden. Olga (liest, an der andern Seite des Schreibtisches sitzend, indem sie von Zeit zu Zeit ihren Vater betrachtet). „Erst in der Ehe begreift eine Tochter die ganze Zärtlichkeit der Eltern; die Pflege, welche sie ihren eigenen Kindern widmet, läßt ihr erst erkennen, was sie ihren Eltern verdankt." Szeluchin. Sehr wahr. Olga. „Die Thränen, welche ihr Gemal ihr vielleicht kostet, die Hand des Vaters trocknet sie wieder." Szeluchin. Gewiß! Gewiß! Olga (in heiterm Tone fortfahrend). „Denn statt seinen Liebling zu verlieren, verdoppelt der gute Vater seine Schätze; die neue Familie, die ihn bald umgibt, ruft ihm die Züge, die Jahre ihrer Kindheit wieder zurück, seine Liebe vergrößert sich, indem sie vertheilt wird." Szeluchin. O, das ist sehr gut, sehr wahr! laß mich das selbst lesen, (nimmt ihr das Buch aus der Hand.) Wo steht's denn? — Ich find' eS nicht! — es steht nirgends hier! Olga (die Hand auf das Herz). Aber hier, mein Vater! hier steht's mit unauslöschlichen Zügen. Szeluchin. Ja, Du allein hast Recht. Ich in meiner Eifersucht, in meinem Egoismus — o mein Kind, wie schuldig stehe ich vor Dir! vergib, verzeihe Deinem Vater! Ich wußte, Du liebst den Obersten und doch — wählte ich seinen Rival. Olga. Wie? Szeluchin. Aber ich will mich selbst bestrafen, ich schwör' es Dir. Ich eile zu Iwan, bitte ihn, mir mein Wort wieder zu geben und mein halbes Vermögen dafür zu nehmen. Olga. O das thut er nicht, Papa. Szeluchin. Ja, was dann aber thun? Olga. Was ein solider Kaufmann immer soll, — sein Wort halten! Szeluchin (schwankend). Aber der Oberst gefällt Dir besser! Olga. Auf dem Balle ja, aber sonst — Sie verstehn sich doch wohl besser darauf als ich, und ich glaub'eS Ihnen jetzt, Iwan wird einen bessern Ehemann abgeben. Szeluchin. Gewiß! Olga. Ich nehm ihn auch recht gern, (beobachtet einen unruhigen Blick Szelu- chin's) , denn ich wohne dann doch bei meinem lieben Papa, Alles bleibt beim Alten, und Sie sollen es kaum bemerken, daß ich verheirathet bin, — ja ich selber nicht. Szeluchin (fröhlich). Ah so laß' ich mir'S gefallen, — unter dieser Bedingung — Olga (für sich — fröhlich, indem sie Iwan erblickt). Ach, da ist er endlich! Sechzehnte Seeue.* Vorige. Iwan. Iwan. Jst's wahr? Jst's möglich ? Ihr Brief an den Obersten, worin Sie ihm melden, daß Sie mich gewählt, ist keine Täuschung? Szeluchin. Nichts weniger, und 16 diesmal, hoffe ich, wirst Du meine Unterschrift honoriren. Iwan. O mein Vater! — Aber Fräulein Olga? — Olga (Iwan zärtlich betrachtend). Gehorcht in allen Stücken ihrem Vater. Iwan (will ihr feurig die Hand küssen, sie hält ihn durch eine Geste zurück). Szeluchin. Recht so! Recht so! WaS Euren Hochzeitstag anbelangt, so werden wir auch darüber sprechen. Olga. Ja wohl, das hat ja Zeit. Iwan (leise). Aber, Olga ! Olga (eben so). Still doch! Szeluchin. Etwa in einem Monat oder in zwei. Olga. Oder in drei, ich gewinne dadurch Zeit, vorher noch Tantchen in Moskau zu besuchen. Szeluchin. Wis? Du willst verreisen? Olga. Sie wissen, sie erwartet mich, und da wir gar keinen Vorwand haben die Reise zu verschieben, so — Szeluchin (lebhaft). Wenn Du aber Hochzeit machst. Olga. Das wäre freilich etwas Anderes, dann müßte sie zu uns kommen und das wäre ihr doch vielleicht unbequem. Szeluchin (nimmt Olga unterm Arm). Ja, sicher! Nun, ich werde ihr schreiben, ihr Deine Vermählung an- zeigen. Olga. Schön! Szeluchin (indem er mit Olga auf und ab gegangen ist, führt sie jetzt nach hinten zu). Und ihr melden, daß sie binnen heut und — acht Tagen Statt finden wird. Iwan (macht eine freudige Bewegung). Olga (kalt). Wie Ihnen gefällig ist. Szeluchin (wendet sich nach vorne und bemerkt Iwan, der allein vorn links geblieben, zu Olga). Nun, wo bleibt denn Dein Bräutigam? Olga (naiv). 'S ist wahr! den halt' ich ganz vergessen. Szeluchin (ganz glücklich). Ach, Du bist ein Engel! (zu Iwan.) Na, so komm nur! Olga (reicht Iwan die Hand). Na, so kommen Sie nur. (Vater und Tochter wenden sich zum Abgang. —' Olga reicht Iwan die Hand, die er hinter Szeluchin's Rücken mit Küssen bedeckt). Der Vorhang fällt. Wien 18-3. Druck und Verlag von I. B. Wallishausser. Dkl MllliM chm Amt. Fustspiel in einem Arte, von Herzenskron. Personen r Sophie v. Halden, eine junge Witwe. Holprich, Inhaber eines allgemeinen Auskunfts-Comptoirs auf dem Lande. Emilie, seine Tochter. Nicodem Schmeer, ein reicher Ochsen-, Pferde- und Holzhändler. Willig. Justiziarius im Orte. Toinette, Emiliens Mädchen. F-°n, -L-d,-n,-r I ^ ^ , H-ldn,. Eine Kammerfrau j Die Handlung geht in HolprichS Hause, auf dem Lande, einige Stunden weit von der Residenz vor. (Das Theater stellt einen Garten vor; im Hintergründe links, HolprichS Haus, im Hintergründe eine Mauer, welche sich im Mittelpunkte durch ein Gitter schließt. Zwischen dem Hause und dieser Mauer befindet sich eine Art von Thor, welches in den Hof zu führen scheint. Außerhalb der Mauer, dem Gitter gerade gegenüber, ist ein Haus mit einem großen Wapen und der Inschrift: Justiz-Amt zu Plundersweilen.) Erste Teene. Holprich. Toinette. Holprich (tritt aus dem Hofthor, und ruft in das Haus zurück). Toinette, Toinette, wo steckst Du denn? Toinette (aus dem Hause kommend). Du lieber Himmel, sind Sie's, Herr Holprich? ich dachte mir eher der Welt Ende, als Sie so früh aus den Federn Zu finden! DaS ist ja wohl sonst Ihre löbliche Gewohnheit nicht. Wiener Lheater-Repertoir. XIX. Holprich. Gelbschnabel, hat immer etwas zu bemerken und auszuseHen, heute ist eine Ausnahme von der Regel, heute ist kein Augenblick zu verlieren. Zm ganzen Lande ist nicht eine Seele so beschäftigt wie ich. Mein Auskunfts-Comptoir ist ohne Ruhm zu melden das Beste in der Welt. Wer über irgend etwas eine Auskunft zu erhalten wünscht, kömmt zu mir, ob er sie auch erhält, das ist die Frage. Du lieber Himmel, man kann ja auch nicht über Alles Bescheid geben. Die Leute fragen oft tolles Zeug. — Unlängst kömmt mir ein junges Frauenzimmer daher gelaufen, und fragt sich an, ob sie noch lange ledig bleiben muß! Ein andermal kömmt ein junger Herr und frägt mich, ob wir bald Regen bekommen werden, er hätte eine kleine Landpartie vor, und möchte sich 2 darnach richten! Wie kann man in aller Welt über solche Dinge Auskunft ertheilen. Aber hole mich der und jener, bald hätte ich das Wichtigste vergessen — das Mädchen schwätzt auch unaufhörlich. Toinette. Gerade wollte ich dasselbe von Ihnen — Holprich. Sagen? Toinette. Nur denken! Holprich. DaS lass' ich mir gefallen. Aber meine Zeit ist bemessen; für's Erste muß ich nach dem Kreis- amte; der Kaufschilling für den Weingarten, den der Baron Huldreich durch mich kaufen ließ, muß heute erlegt werden. Wenn er meinem Rathe folgt, so kann die Spekulation nicht fehlschlagen. Mitten im Weinberge ließe ich einen Brunnen graben, mische das Getränke an Ort und Stelle, und hafte mit gutem Gewissen, daß mein Wein so unter die Leute kömmt, wie ihn der Weingarten gibt. — Dann muß ich wieder zurück — um meinen alten ^mi — Herrn Nicodemus Schmeer auf's feierlichste zu empfangen. Er kömmt heute erpresse an, um meine Tochter zu heirathen. Toinette. Nicodemus Schmeer? Brr! eben kein interessanter Name für einen Bräutigam! Holprich. Ei was interessant! Der Mann war immer sehr interessirt — und hat dabei me r gewonnen als wenn er interessant gewesen wäre. Er war in früherer Zeit Lieferant bei der Armee, und hat seinen Lieferungen das große Vermögen zu danken. Das heißt eigentlich — er verdiente allemal am meisten, wo er nichts lieferte. Seit mehreren Jahren hat er einen bedeutenden Ochsen-, Pferd- und Holzhandel in der Stadt errichtet, weil er sich durch den Umgang mit Menschen ein wenig abschleifen will. Endlich erwarten wir noch heute, ihrem letzten Briefe zufolge, Frau von Halden, diese liebend- werthe, scharmante Frau, die Jugendfreundin meiner Tochter, die mit ihr in ein und demselben Erziehungsinstitute ausgewachsen ist. Sie wollte uns schon seit langer Zeit mit ihrem Besuche beehren, wurde aber immer daran verhindert. Du lieber Himmel, so etwas begreift niemand leichter als ich. Man ist la selbst ein erbärmlicher Sclave seiner Geschäfte, man kann über keinen Augenblick mit Zuversicht disponiren; man ist ein ambulantes Register aller Stadt-und Staatsaffairen, sonst nichts. Aber zum Zwecke, viel Reden ist meine Sache nicht. Ich will Dich unterrichten, waS Du in mei-er Abwesenheit alles zu thun hast, kro ?rimo erwartest Du Frau von Halden hier, machst ihre Ankunft alsogleich meiner Tochter zu wissen, und räumst ihr das grüne Zimmer mit den Damasktapeten ein. pro Zeeunän empfängst Du meinen lieben Schwiegersohn, Herr Ni- codem Schmeer, und reichst ihm. wenn er es verlangt, allerlei Erfrischungen. Toinette. Soll pünktlich geschehen, — aber aufrichtig gesprochen, dieser Herr Schmeer mißfällt mir in einem hohen Grade. Holprich. Macht nichts — Du kennst ihn nicht genau. — Wir sind seit vielen Jahren dicke Freunde, und haben wir uns auch seit zwanzig Jahren nicht gesehen, so hat doch meine echte Freundschaft für ihn nicht abgenommen. Er hat einen vorteilhaften Handel mit Holz, und vorzüglich mit Ochsen, und ist einer der Ersten in der Stadt. Als er dreißig Jahre alt war, galt er sogar für einen recht hübschen Burschen. Toinette. Du lieber Himmel, steht der Mensch doch aus, als ob er gar niemals dreißig Jahre alt gewesen wäre. Holprich. Widersprich nicht Alles — ich weiß, daß er es ein Mal war, und das ist genug. Toi nette. Mir gleichviel! ich glaube aber immer, so ein Patron kann unsere Mamsell unmöglich glücklich machen. Sie ist so gut erzogen — er so roh — Holprich. Was roh? — mit seinem Vermögen hat man die feinste Erziehung von der Welt. Wenn sich ein armer Teufel etwas Unartiges zu schulden kommen läßt, so heißt es, das ist ein Bengel, begeht es ein Reicher, so sagt man, das ist ein Naturmensch. Meine Tochter bekommt keine Mitgift, das ist auch etwas. Toi nette. Mit Erlaubniß, das ist nichts. Holprich. Ein Punkt im Heiraths- contract, den wir vorläufig aufsetzten, verhält den Zurücktretenden zu einem Pönfalle von 13,000 fl. — Die Par- thie kann also nicht mehr rückgängig werden. Noch Ein's — passe auf, daß meine Tochter nicht mit Hern Willig zusammen kömmt; der Mensch hat die Verwegenheit, in sie verliebt zu sein, und ein Mädchenkopf ist leicht verwirrt. Toi nette. Herr Willig wäre mir doch viel lieber als sein Nebenbuhler, der reiche Herr Schmeer. Holprich. Das wäre mir ein sauberer Freier: hat keinen Heller in der Tasche und will verliebt sein. Toinette. Vermögen hat er freilich keines — aber ein Herz, das gewiß wärmer für Emilien schlägt als Herrn Schmeer seines. Holprich. Wenn ich doch nur von so einem Herzen nichts mehr hören müßte. Da ist mir das Herz in der französischen Karte noch viel lieber — man kann doch etwas damit gewinnen. — Also Du weißt meinen Willen, ich hole Hut und Stock, der Wagen ist angespannt, ich fahre auf der Stelle ab. (Man hört eine Peitsche knallen.) Alle Hagel, das ist Frau von Halden, und ich bin noch nicht völlig angekleidet. - Meine Perrücke ist noch nicht gekämmt. — Nun möchte ich mir doch gleich eine Maulschelle geben! Toinette. Soll ich etwa? — Holprich. Mir eine Maulschelle geben? Toinette. Nein, nur die Perrücke kämmen! Holprich. Nein! sageich, Du empfängst die scharmante Reisende, und holst dann Emilie Zch bin gleich wieder da. (Er geht in's Haus.) (Frau von Halden kömmt durch das Gitter, eine Kammerfrau und Franz folgen ihr,- sie tragen mehrere Pakete und Schachteln.) Zweite Deene. Fr. v. Halden. Toine tte. F ranz. Eine Kammerfrau. Halden. Guten Morgen, Toinette! Toinette. Ihre Dienerin, gnädige Frau! Halden. Ist Herr Holprich zu Hause? Toinette. Er wird sogleich auf- warten. Halden. Sein Sie so gut, liebes Kind, und weisen Sie meiner Kammerfrau das Zimmer an, das man mir bestimmt hat- Toinette. Herzlich gerne, gnädige Frau! (nach dem Hause zeigend.) Hier herein, Mamsell; die zweite Thüre rechts; (zur Halden.) Unterdessen erlauben Sie mir, gnädige Frau, daß ich bei Ihnen bleibe, bis Herr Holprich kommt. Halden (gibt ihr Geld). Nehmen Sie hier diese Kleinigkeit, Toinette, für den artigen Empfang. Toinette. Gnädige Frau bleiben sich immer gleich: eben so schön als großmüthig. Aber da ist unser Herr; ich eile zu Mamsell Emilie. Die Ueber- bringerin einer so angenehmen Botschaft soll niemand Anderer sein, als ich (ab). 1 * Dritte Seene. Fr. v. Halden. Holprich. H o l p r i ch. Ich schätze mich unmenschlich glücklich, meine schätzens- werthe Gönnerin in meinen Mauern, oder eigentlich richtiger zu sagen, in meinem Garten zu empfangen. Halden. Ich bin von Ihrer Gastfreiheit überzeugt. Auch ich freue mich herzlich, sie Alle wieder zu sehen. Ihr Aussehen spricht von der vollkommensten Gesundheit, auch ich fange an, mich an das unangenehme Nomadenleben, das die Entfernung meiner Besitzungen nothwendig macht, allmählich zu gewöhnen. Ich besuche eines meiner Güter nach dem andern, ich bin nirgends zu Hause und doch überall bequem. Ich habe nirgends Angehörige und finde doch überall an meinen Un- terthanen eine kleine Familie; ich bin nicht verliebt, liebe aber meine guten Landleute vom ganzen Herzen. Sie erwarten den Augenblick, wo ich zu ihnen komme, sehnlicher als der wärmste Liebhaber, und ich versäume die Gelegenheit sie zu sehen weniger, als das interessanteste kenclervous. Mit einem Worte, ich habe mir mein Geld auf wucherische Zinsen angelegt, denn ich habe nicht bloß einige Striche Landes erkauft, sondern auch Herzen damit gewonnen. Holprich. Und d i e sind noch über- dieß steuerfrei! Halden. Und Sie, lieber Holprich, wie sind Sie mit Ihren Geschäften zufrieden? Was macht meine gute Emilie? wird sie bald heirathen? Geht Ihre neue Unternehmung, Ihr Kundschafts-Bureau recht gut von Statten? dehnt sich Ihr Wirkungskreis immer mehr und mehr aus? Sind Sie vielleicht in dem angenehmen Falle, recht vielen Menschen Brot zu geben? Holprich (ihr einen Stuhl anbietend). Aufrichtig gesprochen, gnädige Frau, das ist meine geringste Sorge. Wenn ich nur welches habe; übrigens bin ich ganz desperat, daß mich gerade heute ein sehr wichtiges Geschäft nötbigt, Sie auf einige Stunden zu verlassen. Ich habe nicht weit, nur anderthalb Meilen von hier; ich bin bald wieder zurück — meine Pferde sind flink — ich überfüttere sie nicht. — Halden. Recht so, lieber Freund, ich wünsche Sie keinesweges zu stören — Ihre Tochter wird unterdessen die Hausehre machen, und ich will mir in ibrer Gesellschaft die Zeit gewiß recht köstlich vertreiben. Holprich. In Ermanglung der meinigen bitte ich mit ihr vorlieb zu nehmen. Du lieber Himmel, man kann nicht immer das Beste haben. Erlauben Sie mir einstweilen, daß ich mich ein wenig nach der lieben Stadt erkundige. Ist noch so ziemlich Alles im Alten? Sind die Menschen noch so lustig, mitunter ein bischen toll; und das Theater, ach sagen Sie mir doch, was macht mein Theater? war meine Lieblingspassion in meiner Jugend, das Theater. Habe selbst einmal in einer Hauskomödie mitgespielt. Wie hieß doch das Stück? — ich stellte einen eifersüchtigen verschwenderischen Ritter vor, war ganz wider meinen Charakter, thut aber nichts, ich gab ihn doch ganz excellent. Es ist ja meistens der Fall, daß die Leute anders reden als sie denken, und dadurch kommen sie am besten fort. Sie hätten mich nur sehen sollen. So oft der Soufleur mich stecken ließ, gab ich ihm einen derben Tritt auf die Hand, wußte ich nicht recht was ich sagen sollte, so brüllte ich aus Leibeskräften, — dadurch macht man die Zuschauer glauben, man könne seine Rolle aus dem Fundament. Hatte ein Anderer eine Scene mit mir, so plauderte und agirte ich ihm immer drein, als ob ich nur allein auf dem Theater gestanden wäre; und kurz und 8 gut, man trieb'S spectaculös mit mir; so oft ich sprach, ward's eine Stille im Saale, als ob Alles schliefe und aus lauter Aufmerksamkeit hielten sie mich selbst vermuthlich für einen Zuschauer, denn so oft ich laut wurde, zischten sie totaliter, was sie nur konnten. Halden. Wie Sie auch Alles so richtig zu deuten wissen. Holprich. Dem Himmel sei Dank, ich bin nicht eigenliebig, aber gegen mein Verdienst bin ich doch nicht blind. Vierte Seene. Die Vorigen. Emilie. Toinette. Emilie (will zu Fr. v. Halden, um ihr die Hand zu küssen). Gnädige Frau! Halden. Nicht so, an mein Herz, liebe Emilie, Zeit und Umstände haben uns getrennt, die Jugendfreundinnen sind sich aber noch immer so nahe geblieben, als sie es in ihrer Kindheit waren. Nicht wahr, meine liebe, gute Emilie? (sie küßt sie.) Wie liebenswürdig Du geworden bist? wie hübsch? Holprich. Ohne mir zu schmeicheln, alle Welt sagt's: kspserselie! Halden. Nun, lieber Freund, will ich Sie durchaus nicht länger aufhal- zen, so ungerne ich auch Ihre Gesellschaft vermisse. Holprich. Kann mir's einbilden. So etwas opfert man nicht so leicht. Ich gehe, ich fliege, um Ihnen recht bald wieder das Vergnügen des Wiedersehens zu verschaffen. Emilie, Toinette, macht meinem Hause keine Schande, bewirthet unsere vortreffliche Gön- nerin nach Kräften und sorgt dafür, daß unsere Gäste über die Gastfreiheit des Unternehmers des Auskunftscomptoirs nicht selbst eine schlechte Auskunft geben (unter vielen Bücklingen hinten ab). Fünfte Seene. Halden. Emilie. Toinette. Halden. Wie gut er ist? wer sich so freundschaftlich gegen Fremde zeigt, muß gewiß auch der beste Vater sein. Emilie. Ja, das ist er; und wenn ich mich nicht glücklich fühle, so ist eö wahrlich nicht seine Schuld. Halden. Sei getrost, meine Emilie, bald wird ein hübscher junger Bräutigam die krause Stirne Dir glätten, und die junge Frau wird heiterer sein, als es das Mädchen war. Nicht wahr, ich kenne die Krankheit, die unser schwaches Geschlecht heimsucht; wir laufen einem Uebel nach, das uns erst dann ein Uebel scheint, wenn wir es besitzen. Emilie. Ein Bräutigam? Sollte vielleicht mein Vater? — Halden. Kein Wort weiß ich durch ihn — aber rede! öffne mir Dein Herz, das mir sonst nie verschlossen war! Sollte Dich vielleicht ein geheimer Kummer drücken? Verschweige mir ihn nicht. Den Gleichgültigen wird nur die Neugierde zum Verbrechen, der Freundin ist sie Pflicht. Ich habe ein Recht zu fragen! Emilie. Ihre Güte, gnädige Frau — gibt mir Muth! Halden. Ihre Güte? — bald werde ich anfangen. Deine ungnädige Frau zu werden, wenn Du Deinen Ton nicht änderst. Erwiederst Du meine Liebe, die ich Dir selbst in allen Verhältnissen aufbewahrte, so durch Kälte? bin ich, seitdem ich mich aus Deinen Augen entfernte, auch Deinem Herzen entschwunden? Emilie. Vergeben Sie — aber wie soll ich? ich würde es nie wagen — Halden. Du sollst Du mich nennen, Deine Freundin, Deine Sophie bin ich, wie ich es immer war. Emilie (küßt sie). Gute Sophie! ja Du bist mir was Du mir warst, die Fesseln, die mir und meinem Ge- 6 fühle die große reiche Fr. v. Halden anlegte, sind zerbrochen, und meine liebe Sophie sieht nur allein vor mir. Halden. Nun sprich ohne Rückhalt, was läßt Dich so unzufrieden? o, ich errathe Alles; Dein Vater hat gewiß eine Wahl für Dich getroffen, die Du mißbilligst, er hat Dein Herz nicht dabei zu Rathe gezogen — Zst's nicht so? Emilie. So ist es; warum sollte ich's länger läugnen? ja, ich soll meine Hand einem Menschen reichen, der mir gleichgültig ist, indeß mein Herz laut für einen Andern spricht. Loinette. Zch will Ihnen nur Alles haarklein erzählen, gnädige Frau, Mamsell Emilie hält zuviel hinter'm Berge, und das ist gefehlt, wer beichtet, muß Alles sagen, und für unsere Sünden ist ja so gewöhnlich nur die Buße ein Mann. Der junge Willig hier im Orte ist ein junger hübscher Mensch von etlichen Zwanzigen: still, bescheiden, sanft und klug — er liebt unser Fräulein bis zur Raserei, und sie läßt sich, was das betrifft, gerade auch nicht spotten: er ist Iustiziarius im Städtchen, versteht sein Amt vortrefflich — und ist mit einem Worte ganz geschaffen, um eine Frau recht glücklich zu machen. Halden. Und der verschmähte Bräutigam? Loinette. Heißt Herr NicodemuS Schmeer, weltberühmter, allbekannter Ochsen-, Pferde- und Holzlieferant. Gerade das Gegentheil vom Herrn Willig — er zählt seine 60 — ist häßlich und plump; lärmt und poltert wie ein Kobold, ist zwar ungeheuer reich, aber gar nicht liebenswürdig, sein Pferdehandel ist ihm fast lieber als seine Frau, und mit Holzstöcken weiß er gewiß besser umzugehen, als mit dem schönen Geschlechts. Er ist schon zum zweiten Mal Witwer, und ich wette darauf, die armen Frauen sind bloß aus Kränkung gestorben, einen solchen Mann geheirathet zu haben. Halden. Nach dieser Schilderung kann ich Deine Abneigung gegen ihn keineswegs tadeln. Loinette. Was nützt es — daß alle Welt das Thörichte einer solchen Wahl einsieht; Herr Holprich hat einmal entschieden, und wenn es sich um seinen Eigensinn handelt, so kann es ihm gewiß Niemand bestreiten, daß er seinen Kopf hat. Halden. Soll die Hochzeit bald vor sich gehen? Emilie. Wir erwartenden liebenswürdigen Bräutigam jeden Augenblick. Halden. Zch will mit Deinem Vater sprechen. Vielleicht daß auf mein Zureden- Loinette. Wäre Alles vergebliche Mühe. Was nützt alles Zureden gegen einen Reukauf von 16,000 Gulden, den sie beigesetzt haben. Halden. Dieser Umstand erschwert die Sache unendlich. Loinette (sieht seitwärts durch das Gitter). Gnädige Frau, da ist Herr Willig, er spionirt das Terrain aus! (sie winkt ihm.) Emilie. Rufe ihn nicht! Loinette, hast Du vergessen, daß mein Vater mir es durchaus verboth, ihn zu sehen? Halden. Zch hätte aber sehr gewünscht, ihn kennen zu lernen! Loinette. Das kann Herr Holprich durchaus nicht verbieten (sie winkt). Emilie. Der Befehl meines Vaters ist mir heilig — ich entferne mich, Sophie — Halden. Gehe, mein Kind, bald sehe ich Dich wieder (Emilie ab). Sechste Seene. Fr. v.Halden, Loinette, Willig (durchs Gktterthor). Loinette. Kommen Sie, kommen Sie, Herr Willig — hier ist Frau von Halden, die Sie zu sprechen verlangt. — Mamsell Emiliens beste Freundin! So lassen Sie sich doch nicht so ziehen — was die Verliebten schwerfällig sind. Willig. Aber, Toinette, was soll ich denn da? wo ist denn Emilie? Toinette. Das sollen Sie Alles hören? — Aber wie kommen Sie mir denn vor? Werden Sie nicht gleich der gnädigen Frau ein artiges Compliment machen? — Halten Sie es ihm zu gute — (zur Fr. v. Halden). Ein Liebhaber glaubt, er muß ungalant gegen alle Uebrigen des weiblichen Geschlechtes sein, sonst vergeht er sich an seiner Schönen. Willig (grüßt schüchtern). Halden. Treten Sie näher, mein Freund; ich bin von Allem unterrichtet, Ihre Verhältnisse, Ihre Liebe zu Emilien ist mir Alles kein Geheimniß mehr. Reden Sie offen und frei! Willig. Za, gnädige Frau, meine Leidenschaft für Emilien ist eben so rein als heftig, nur mit meinem Leben soll sie enden, so wie ich auch nur zu leben anfing, seitdem ich sie anbete. Ich bin von würdigen Eltern geboren, und dürfte kühn um die Hand der Geliebten freien, hätte das Schicksal mir nicht den Talismann versagt, der alle Wege öffnet und die steilsten Berge ebnet: Reichthum. Ich wollte mir das selbst zu verdanken haben, was die Meisten nur dem Ungefähr schuldig sind. Ich wollte für sie — für meine Emilie arbeiten, um einst in ihre Hände die Früchte meines Fleißes und meiner geringen Verdienste zu legen, ich wollte mir ihren kostbaren Besitz erwerben. Allein, ihr Vater hat es anders beschlossen, er bestimmte ihr einen reichen Gatten, der sie besser versorgen, aber nicht so warm und innig lieben wird, als ich. Sie ist für mich verloren, mit ihr ist'ö auch mein Glück. — Toinette. Wie doch der Verstockteste auf einmal beredt werden kann, wenn man ihn nur aufden rechten Stoff bringt. Halden (bei Seite). Ich nehme lebhaften Antheil an dem jungen Mann e (laut). Bleibt Ihnen also nicht die geringste Hoffnung übrig? Willig. Leider keine! Mein Entschluß ist gefaßt. An dem Tage, der Emilien mit meinen Nebenbuhler verbindet, verlasse ich auf immer diese Gegend, die mich nur stets erinnern würde, daß ich hier den Himmel auf ewig verlor, dem ich so nahe war; wenn uns das Glück verläßt, schlägt jede Erinnerung daran nur neue Wunden. — Toinette. Der arme Willig! ach, gnädige Frau, wenn Sie da nur helfen könnten! es wäre wahrhaftig ein wohl- thätigeS Werk. Halden. Sag mir, liebes Kind, kennt der famose Brautwerber Dein Fräulein? Toinette. Gott behüthe! Er hat sie nie gesehen. Ich selbst kenne ihn nur halb und halb; als ich das letzte Mal nach der Stadt fuhr, fiel mir seine lächerliche Gestalt in die Augen, und so machte ich seine liebenswürdige Bekanntschaft. Halden (nachdenkend). Das ist mir lieb. Emilie darf durchaus nicht die Frau dieses abgeschmackten Menschen werden. Willig. Wie, gnädige Frau, Sie wollten, Sie könnten? Halden. Ich hoffe, ich werde beides ; um zwei Verliebte glücklich zu machen, darf man schon ein bischen Schelmstreiche begehen; mache ich meine Sache nicht schlecht, so kann der Erfolg nicht auSbleiben. Ja, so geht'ö — Emilie muß Schwestern bekommen — dann kann ich — unvergleichlich — kömmt aber der Vater zurück, so ist Alles am Tage; dann muß es zu spät sein! Ich ! will Schwiegervater und Eidam in I einen solchen Nebel hüllen, daß sie durchaus keinen Ausweg mehr finden sollen. Herr Willig, besorgen Sie unterdessen einen HeirathSkontrakt in Emiliens und Ihrem Namen. Willig (freudig). In meinem Namen? Halden. Sie schicken mir ihn, so bald er fertig ist! (man hört Lärm im Vorhofe.) Schmeer (von Außen). Zum Henker, ich muß zu meinem Schwiegervater, Schlingel! Toinette. HilfHimmel, da ist der berüchtigte Herr Schmeer! Halden. Er darf uns hier nicht finden! Komm, Toinette, mit mir auf mein Zimmer, dort will ich Dir einstudieren, was Du zu thun hast. Sie, lieber Willig, entfernen sich so schnell als möglich! (Willig ab durch das Gitter, Halden und Toinette gehen ins Haus.) Siebente Seene. Schmeer, Franz (kommen durch den Vorhof). Franz. Wer erlaubt Ihnen, mir eine Ohrfeige zu geben? Wer? Schmeer. Wer? ich selbst! das heißt, ich frage niemals um Erlaubniß. Franz. Hat man so etwas seiner Lebtage gesehen? Sie treten in den Hühnerhof, und das muß man sagen, Ihr Tritt gibt aus, ein jeder Schritt könnte für ein Monument gelten, denn sie sind alle wie in die Erde gravirt. Rechts und links zerquetschen Sie das Geflügel des Hausherrn. Ich sage nichts, denn es ist nicht mein Geflügel. Sie binden Ihr Pferd gerade mit der Nase an die Haberküste. Zch sage wieder kein Wort, denn es ist des Hausherrn Haber, endlich lassen Sie sich es gar einfallen, aus meinem Ueberrocke eine Pferdedecke für Ihr Roß machen zu wollen, dazu kann ich denn doch nicht schweigen, denn eS ist ja mein Ueberrock. Ich will ihn Ihnen auf die höflichste Art von der Welt aus der Hand reißen, und Sie geben mir stante pede einen Streich ins Gesicht, den jederMensch für eine Ohrfeige gehalten hätte. Und mit Erlaubniß, Ihre Hand gibt aus. Schmeer. Narr, meine Hand nimmt lieber ein! — Soll ich mein armes Bijou im Freien stehen lassen, daß es mir einen Rheumatismus bekömmt? Die Leute wissen was Rechtes, wie man mit Pferden umzugehen hat. Achte Seene. Die Vorigen, Toinette. Toinette. Was gibt es denn hier? Franz- Es hat schon gegeben, Mamsellchen! da steht der Geber und ich war der Empfänger. Die Quittung steht hier auf meiner Wange. Toinette. DaS glüht. Franz. Ist von der Hitze! es ist heut' ein schwüler Tag, Gewitterluft : Bei mir hat's eingeschlagen. T o-i n e L1 e. Nun wäre es auch billig, daß Euer Gnaden dem armen Teufel etwas für seinen Schmerz bezahlten. Schmeer. Das wäre mir das Wahre! Ein Schwiegersohn wird doch nicht im Hause seines Schwiegervaters jede Kleinigkeit bezahlen müssen, wie im Gasthause. Toinette. Was höre ich — Sie find der zukünftige Eidam des Herrn Holprich? Schmeer. Aufzuwarten, meine liebe Naseweis! ich heiße mit Respekt Nicodemus Schmeer, All- und Weltberühmter Pferde- und Holzlieferant — ich bin der Stärkste in diesem Artikel. Franz. Der Stärkste ist er, das kann ich attestiren. Toinette. Geh, armer Franz, überlaß Alles nur mir, ich will es schon in Ordnung bringen. Franz (im Abgehen). Ich überließe 9 ihr gerne Alles, wenn es nur thun- lich wäre. Einstweilen muß ich eSnoch behalten (ab in den Vorhof). Steunte Seeue. Schmeer, Toinette. Schmeer. Du siehst auf's Haar dem Kammerkätzchen hier im Hause gleich. Wie heißt Du? Toinette. Toinette, gnädiger Herr! Schmeer. Sag mir also, Toinett- chen, hat mein Schwiegervater schon viel Holz für dieses Jahr eingewirth- schäftet? Toinette. Bis jetzt noch keine Klafter! Schmeer. Das ist mir lieb, so muß er es von mir nehmen. Die Leute sagen, er verbrennt äußerst wenig — und auf seinem Herde lodre nie ein großes Feuer; wenn das wahr ist, so will ich ihm etliche weiche Stöße geben,— die kann erbrauchen. Toinette. Hätte ich doch nie gedacht, daß Sie bloß hieher gekommen wären, um Holz zu verkaufen. Schmeer. Alle Hagel, ich soll ja nebenbei auch heirathen; aber ich weiß Alles zu vereinigen — meine Pferde, mein Holz und meine Liebe beherberge ich alle in ein und demselben Herzen, und dem Himmel sei Dank, es ist so geräumig, daß zu gleicher Zeit Holz und Frau darinnen bequem Platz finden. Wo ist der Hauspatron? Toinette. Er ist in diesem Augenblicke abwesend. Er muß längstens in einigen Stunden zurück sein. Wenn es Ihnen gefällig ist, so sollen Ihnen unterdessen seine Töchter die Zeit verkürzen. Sch me e r. Seine Töchter, sagst Du? Toinette. Ja, ganz recht, Töchter! Schmeer. Hat er denn mehr als eine? Toinette. Das will ich meinen! viere. Schmeer. Das hält' ich dem Manne nicht angesehen! Toinette. Er hat zwei Töchter von der ersten und zwei von seiner zweiten Frau. Schmeer. Hat mir nie ein Sterbenswörtchen davon geschrieben. Toinette. Glaub's gerne; er hat nur Augen für die Jüngste; er sieht nur die Jüngste, er spricht nur immer von der Jüngsten, und denkt an die Andern so wenig, als ob er sie gar nicht hätte. Schmeer. Es gibt ja oft besondere Passionen für Pferde, warum soll es nicht auch eine extraordinäre Vorliebe für Töchter geben. Mir recht, so habe ich eine desto größere Auswahl, und kann mir aus dem Postzuge mein Leibpferd auösuchen. Toinette (bei Seite). Der Klepper wäre noch viel zu gut für ihn. Schmeer. Im Grunde ist mir's Alles eins. Herr Holprich hat einmal die Lieferung einer honetten Frau für mich übernommen, und er muß sie halten. Läßt er mich sitzen, so sattle ich mir meinen Bijou wieder auf der Stelle, und reite was es nur Zeug hält, nach der Stadt zurück. Toinette. Sapperment, Sie sind sehr eilig in Ihren Geschäften, und fordern, wie es scheint, sehr viel. S chmeer. Den Teufel ford're ich auch viel. Mein sauberer Schwiegerpapa gibt keinen rothen Heller Mitgift. T o i n e t t e. Er hat recht, seine Töchter sind liebenswürdig und gut erzogen, mehr braucht ein Mädchen nicht. Besonders die Jüngste, Mamsell Emilie, das ist ein wahrer Schatz, wer die bekommt, hat den Himmel auf der Erde. Schmeer. Unsere Welt ist überhaupt ein Paradies, nur Schade daß die Menschen keine Engeln sind. 10 Loinette. Sie weiß Alles — sie schwätzt über Alles, sie kennt Alles. Schmeer. Auch wie man Pferde behandelt? Loinette. DaS wird sie lernen, wenn sie länger mit Ihnen umgeht. Sie entscheidet über Alles waö sie versteht, und spricht auch über Dinge, die sie nicht versteht. Sie ward in einem französischen Erziehungsinstitute in der Stadt erzogen, und spricht alle Sprachen, nur ihre Muttersprache nicht. Schmeer. Tausend Millionen Klafter, die möchte ich sehen. Das muß ein nettes Figürchen sein, noch netter als mein Bijou. Loinette. Ich sehe sie so eben durch's Haus laufen. Gnädiger Herr, nehmen Sie sich recht in Acht — Mamsell Emilie verdreht allen Männern den Kopf. Schmeer. Das soll ihr bei mir wohl nicht möglich werden. Zehnte Scene Die Vorigen. Fr. v. Halden, (als französisch-deutsche Kokette). Hal den. Loinette, Loinette, est il vrai gue mon kntur 8oit arrivö? Loinette. Za, mein Fräulein, Sie sehen ihn vor sich. — Es ist ein hübscher, ahnsehnlicherMann und scheint von Gewicht zu sein. Ich weiß gewiß, Sie werden an seiner Seite das herrlichste Leben führen. (Schmeer und Frau von Halden sehen sich anfmerksam an). Halden (lacht überlaut). Ha, ha, ha, ha. Schmeer. Sie war nicht übel, aber viel zu neckisch! Halden. 1u bsälnv8 wa llonne, v'e 8 t 80 N üls qu! 8era mon klar!. Loinette. Zetzt hält sie Sie für ihren künftigen Schwiegervater. Schmeer. Alle tausend Millionen Klafter, das wäre mir das Rechte. Halden. Uai yu' Imports? xourvü gus H'ais un msri, §a' m'est sZal. Also, mein -Herr, sind Sie effective- ment der Bräutigam? Schmeer. Zu dienen! endlich hört man doch einmal ein deutsches Wort von ihr. Halden. ^ll e'est äelieieux! wir wollen das interessanteste Leben zusammen führen. Du matin Hu8gu'su 8vir nou8 8uivron8 I«8 SMU8SMent8. ^OU8 ne kerons gue äe^euneur, lliner, 80 u- per, äan8er, ^ouer, enkn 1ou8 es gui nou8 kera plamir, mit einem Worte wir Wollen Houir äs ia vis a n'en plas pouviro. Eine Unterhaltung soll der Andern die Hand biethen, die Hälfte unserö Vermögens muß in einem halben Zahre verthan, und wenigstens ein Drittheil im zweiten verschuldet sein, ^utrement §a 8erait uns llovte vrai- ment, sonst wäre es eine Schande. Schmeer. Tausend Postzüge und kein End, die weiß auch recht, was Schande ist. Halden, Alon tsnäre epoux 88 rexlera 8eiou we8 voeux. Mein Ge- mal wird allen meinen Launen nachgeben. Er setzt sich zur Ruhe und gibt alle seine Geschäfte auf. Zst's nicht wahr? Schmeer. S'st nicht wahr! Halden. Er verläßt mich pa8 un Moment, il ms tenä 80» lrra8, U me äl8 8LN8 66886 lv8 p1v8 ckOU^68 AalaN- terie8, et en un mot, er ist der Sclave seiner petite maitre88v. Schmeer. Ich dein Sclave? eher lasse ich mich zu Asche brennen, wie schlechtes Holz. Halden. Oomment, mon lli^ou? S ch m e e r. ki)ou? — Soll das etwa ein boshafter Stich auf mein Pferd sein? ! Halden. Oll ne era>Kne8 PS8 6e vou8 ennu)'6r aveo moi! wir wollen nicht auf dem Lande leben, wir eta-' ^ bliren uns ä Paris. 11 Schmeer. In Paris? Tausend Millionen Klafter — da würde ich eine miserable Figur mit Ihnen spielen! Halden, kolnt äu tout. Sie werden nicht mit mir spielen, ich spiele bloß mit Ihnen, mou iäol — vio»8 varierona Ie3 awu8emen8. O'adorä 1a äav8s — ^'en 8ui8 solle; et vou8 ne äan8ö8 x>a8? Sie tanzen nicht? Schmeer. Ich , tanzen? Das wäre mein letzter Gedanke! Halden. 6onunent ? Sie tanzen nicht! ol» llion Dieu, ein Ehemann muß tanzen, wie die Frau es will, äe me n vai8 vou8 äonver leyov. Ich will Sie unterrichten, — in drei bis vier Stunden sollen Sie tanzen können, äe perseetlou. — Vo»8 8aur«8, 1e8 pa8 äe meuuet; la val8e, Iv8 en- treekat8 — 1s8 ol>a8868, le8 pirouet- te8, et l«8 en ^uatre8 — ob gue ce8t äelreieux äe äan8er mit seiner Frau en guatre. Schmeer. Das ist freilich nichts Neues, daß man mit seiner Frau en quatre tanzt. H a l d e n. kt la val8e! ok mon awi, Sie müssen walzen! Schmeer. Hören Sie mir auf— ich und walzen! Toinette. Widersprechen Sie ihr nicht — Sie müssen ja galant sein. S chmee r (seufzt). Nu wenn's sein muß — ich werde walzen, aber nur verschonen Sie mich, so lange es heiß ist, sonst bleibe ich Ihnen mitten in der Tour liegen. Halden. kui8 vou8 apprenäre8 ä«8 exör§iee8 K»mus8tique8! das erfordert der lron Ion. Schmeer. Was soll ich noch? Halden. Gymnastische Uebungen sollen Sie lernen! Schmeer. Hab doch das Wort mein Lebtage nicht gehört! Gummielastische Uebungen? was ist denn das für ein Teufelszeug? Halden. Reiten — fechten, schwingen, balanciren, ringen, auf dem Seile tanzen, und dergleichen mehr, oll, VOU8 etk3 xarkaitement kalt xour eela? Schmeer. Jetzt sagen Sie mir — sind Sie nicht klug, oder bin ich's! Ich soll fechten, schwingen, balanciren, und auf dem Seile tanzen? Sehen Sie mich doch nur an. Halden. Il vou8 saut, Sie müssen. In Paris tout le wonäe spielt dergleichen; und wenn Sie nicht thun, was ich will, so werde ich spielen, svee l'smi äe la mai8on: mit unserm Hausfreunde! Schmeer. Mit dem Hausfreunde? Machen Sie diese Mode auch mit? Halden. Sana äoute! Er begleitet uns auf allen Promenaden, vertreibt mir die Zeit, wenn Sie sind en ak- saire, en un mot, er muß mit mir galant sein, wenn Sie es aufhören — a ?arl8 e'e8t ain8i le bon Ion. S ch e e r. Nein, das ist zu viel. — Auf dem Seile soll ich tanzen und einen Hausfreund haben. Jetzt halte ich es nicht länger aus — ich gehe; bis Herr Holprich zurückkommt, bin ich wieder da; dann will ich die andern Töchter in Augenschein nehmen; — aus uns Zweien wird nichts. H a l d e n. LI» pourquoi §a, mon ami! Sie müssen mich heirathen, oder sagen warum? Schmeer. Das soll mir nicht schwer werden: Auf Widersehen! Halden. Vou8 etea un iu3olent! pe8te — vou8 rv 8 tere 2 ! (sie hält ihn an der Rockschöße fest). Schmeer. Lassen Sie mich loS — daß ist ja ein völliger Kobold! Halden. V 0 U 8 reaterör ! (sie reißt, ein Lheil des Kleides bleibt in ihren Händen). s.a batallle e8t Kaxase, voila uns Iroplive! Schmeer. Sie hat den Teufel im Leibe! Halden. Lvoutöa, Sie müssen mich heirathen! meine Sanftmuth muß Sie endlich für mich gewinnen. Vou8 ne pouves pa8 re8i8ler. Wenn Sie nach meinem Geschmacke leben, so werden wir die glücklichste Ehe in Paris sein, mein Plan ist unvergleichlich — befolgen Sie ihn — et ii ne vou8 re8terä p1»8 rien a 6e- 8irer (sie spricht das Folgende mit immer zunehmender Schnelligkeit). II kaut Uon8ieur 8L vou8 vouI^8 me plaire, ^is'o8er )smsi8 eontrarler me8 xout8. keouts8 bien es gue ^e pretenä? kaire Ouanck vou8 8ere8 äevenü mon epoux. Van8 un quartier, avous par 1a moäs Oan8 un botel 8implo mai8 61e§snt, ,Ie veux ä'sborä un loxewent eomüöe Oomme 8ont eeux Ü68 epoux ä' spre8vnt. ketit 8aIon äan8 leguel tout 8en- timent kt qu'a I'envie ä'^rrao, ^aeob, Ibomire Ont embelli äe8 kruits äe Ieur8 talen8. Obambre ä eoueber, a8i1e 6u mi8ters Ou 6u §ranä Hour 1'eelat n'e8t pa8 aclmi8, ka guelque koi8par extraoröinsire, Vou8 entr6r68 guanä 1'aurai perm»3. Oan8 mon bouäoir eelatant äe 6orüre, KIeur8 et parkuw8, 80 pba bonbeur 6u )our I>u8tre8, 1'spi8, imitant 1a veräure 0Iaee8 partout, e'e8t vraiment un amour! Oe M68 1oi8ir8 kai8ant un äoux parts^e, ka matine e8t eonsaerve aux srt8. ^e vai8 spre8, äan8 un 1e8te e^uipaZe Kar ma toilette stornier Ie8reKarä8. ^mon retour une koi8par aemaine, .1e rounia ebe8 moi guelguea ami8: kour en avoir on ä bien ^uel^ue xeine, Alai8 pour üiner on en trouvs a karl8. Vou8 avea vü ck'spre8 mon carae- tere, 0uel8 80Nt M68V06UX, M68 p1si8ir8, et ML9 AOllt8, kt VOU8 8ave8 ee ^ll'il VOU8 kauära ksire Ouanä vou8 8erö8 äevenü mon epoux! (Sie läuft ab, und schlägt das Gitter zu). Gilfte Seene. Schmeer. Toinette. Schmeer. Jetzt hat sie eine halbe ! Stunde geredet, und ich weiß kein Sterbenswort davon. So eine Frau brächte mich schon aus Neugierde in 24 Stunden in's Grab. Und wie sie j mich zugerichtet hat. Als ob ich aus der Schlacht käme. — Wenigstens hat sie doch ein Andenken von mir in Händen. Fort kann ich auch nicht — sie hat das Gitter zugeworfen. Und weg muß ich doch — denn eine Frau muß ich mir einmal aufsuchen. To i n e t t e. Vielleicht gefallen Ihnen die andern Schwestern besser. Da sehe ich so eben Mamsell Aurora auf uns zukommen, he pst! Schmeer. Aurora? Der Nähme ist hübsch und selten. Ich glaube, er steht nicht einmal in einem Kalender. Solche Nahmen sind jetzt sehr beliebt. Ist das etwa auch so eine Wetterhere wie die Andere, und reißt mir den zweiten Schooß vom Leibe? Toinette. Bewahre der Himmel. j Die ist viel gesetzter. Ich lasse Sie , mit ihr allein, und will unterdessen ein Bischen in derKüche Nachsehen. S ch m e e r. Recht, mein Kind! Sieh nach dem Mittagsessen. Ich habe ohnedieß einen unbändigen Appetit, ich glaube, der bloße Discours von einer Tanzlection und vom Seile hat mich hungrig gemacht. (Toinette ab). Zwölfte Seene. Schmeer. Fr. v. Halden (als geschwätzige Berlinerin). Halden. Ach, mein Herr je, wer hat mir denn geruft? Schmeer. Nehmen Sie 's nicht übel, Mamsell, das kleine Kammerkätzchen hat sich die Freiheit herausgenommen, nicht ich! H a lden. Hat nichts auf sich. Ach Herr jemine! Wer hat man Ihnen denn so übel mitgespielt? Schmeer. Wer denn sonst, als Ihre Mamsell Schwester? Halden. Ach du Gerechter, was doch das Mädchen ausgelassen worden ist, seitdem ich uf Berlin gegangen bin. Schmeer. Was, Sie waren — Halden. Nu wie Sie hören? Vor 6 Jahren gab mir Väterchen nach Berlin, in das neue Erziehungshaus, da habe ich mir nun 6 Jahre gesessen, und Habs was Ehrliches gesehen und gelernt. Nu ward ich geehrt und gepriesen, und das ganze Haus wollte uf Ehre sein Leben für mich geben. Sie hätten nur Mal sehen sollen, wie'ß die ganze Familie so neckisch mit mir trieb. Wenn mein Festtag war, da gab es Schmaus uf Schmaus, und des Spectakels war kein Ende; man both Gäste über Gäste, und sollten Sie es glauben, oft sah man gar ein Huhn am Spieße braten. Die Muhmen und die Vettern, die Basen und die Nachbarn kamen geputzt und gerädelt und machten mir Bücklinge die Menge. Des Abends wardes tollen Zeugs noch mehr! die Leutchen tanzten was es Zeug hielt, und die Butterbemmchens und kalte Schale wurde unaufhörlich credenzt, des Jubels war die ganze Stadt immer voll, und wenn ich uf die Straße ging, da hieß es nur — der galt der Schmaus — die ist's, die Festtag hatte — Ach lieber Herr — und was das Schönste war, bei solchen Gastereien war immer Mäßigkeit die erste Sorge, Niemand erkrankte . ob des vielen Essens, und uf meine Ehre, kein Mensch ging überfüllt nach Hause! Schmeer. Ja, aber — Halden. Ach hören Sie doch nur, wie bald das Heimweh mich ergriff; ich frug nach jedem Briefe, der von Väterchen kam, und glaubte in jedem den Befehl zur Rückkehr zu lesen. Ach Herr je, da saß ich fein im Pfeffer — Väterchen schrieb nicht — ich frug beständig, so oft ich Briefträgerchen sah — he, lieber Mann, ist nichts an mir? — Nein, Mamsellchen, es ist nichts an Ihnen, erhielt ich immer zur Antwort. Ich klagte mein Leid an Mühmchen, Mühmchen erzählte es an Väschen, Väschen an Vetters — Vet- terchen an Nachbars Carln, und Nachbars Carl an Schwester Ricke. — Nun gab eS Lärm uf allen Seiten, ich wollte nicht mehr bei DirectorS bleiben, schrie Alles, und wer sollte so was je nur träumen, Herr je, was Niemand wußte, und was ich so geheim gehalten, das sprach die ganze liebe Stadt. Schmeer. Aber erlauben Sie- Halden. So lassen Sie mich doch zu Worte kommen! Eines Abends saßen wir Alle unter den Linden und sahen zu, wie die andern Leute Thee tranken. Uf ein Mal kommt Direktors Magd wie ein kleines Reh gelaufen, daß ihr der Athem fast versagte, Mamsellchen, hier ist ein Brief 14 — schrie die Hexe und warf da- Zettelchen mir fast in's Angesicht — ih, schrie ich, sachte, sachte, hat's solche Eile? ich brach es uf — und sieh da, bei meiner armen Seele, Väterchen läßt mich zurück nach Plundersweilen rufen. Ein Bräutigam, schreibt er, will alle Töchter die Revue Yassiren lassen, und nu soll ich mich sputen, und auch uf die Parade sein.' Nu ließ ich mir's nicht zwei Mal heißen, den andern Tag saß ich schon uf die Chaise — und nun bin ich da! Schmeer. Der Bräutigam also — Halden. Ganz recht, der Bräutigam sucht eine Braut, und ich suche einen Bräutigam — Bin ich doch recht neugierig, das Jünkerchen zu sehen — Wenn er mir gefällt, so muß er mir zu Liebe auf ein Jahr nach Berlin — da kann er fein manierlich werden, und mitbringen muß er mir Mal auch etwas: mein Leibgericht, Kartoffeln in der Schale. Ach, wenn er nur schon hier wäre. Der Mensch muß gemächlich reisen — ich kann es nicht erwarten, ihn zu sehen — ich stelle mir ihn vor, recht dünn und schlank gewachsen, wie eine Tanne, ein kleiner Mund und große blaue Augen. — Sie schwätzen mehr noch als der Mund, und sagen mir: ich liebe Dir! Schmeer. So lassen Sie sich doch nur erklären — Halden. Mich braucht kein Mensch etwas zu erklären, denn ich verstehe Alles — So muß er sein, nicht anders um ein Haar — sonst schicke ich ihn weg. Nun, lieber Herr, muß ich Sie verlassen; uf meine Ehre, es ist mir herzlich leid; Sie werden aber wohl wissen, wenn Sie nur ein Quentchen Klugheit besitzen, daß eine Braut, die ihren Bräutigam erwartet, viel närrisch Zeug noch im Kopfe hat. Drum nehmen Sie's nicht übel, daß ich gar so einsylbig bin. Ih du lieber Himmel, es ist wohl eine Noth mit einem Mädchen, wenn sie auf Freiersfüßen geht. Doch nur gemach — ist diese Sache nur ein Mal abgethan, dann kann ich schon wieder schwätzen! Ja, lieber Herr, 's ist noch nicht aus mit mich — ist man mein Köpfchen nur wieder in Ordnung, dann will ich discursive sein, trotz Einer. — Wer mich jetzt gesehen, der kann so etwas zwar nicht glauben, aber uf meine arme Seele, ich habe das Züngelchen auch uf dem rechten Flecke, wenn ich bei Laune bin, und jeder Mensch muß schwören, es säße ein Räderwerk in meinem Munde, das immer geht, und repetirt und schlägt. (Ab). Dreizehnte Seene. Schmeer (allein). Glaub's gerne! die redet mich zu Tode! mit der ist's auch nichts — die Eine schickt mich nach Paris, die Andere nach Berlin, da käme ich auf die schönste Weise durch die halbe Welt! Wenigstens schonet man bei der Letzteren die Brust, denn sie läßt Niemand zu Worte kommen. Ich reise ab — in diesem Hause finde ich ohnehin keine vernünftige Frau, das sehe ich schon, und wenn ich eine Närrin suche, so finde ich im Narrenthurm eine weit größere Auswahl. Vierzehnte Seene. Schmeer. Fr. v. Halden (als Schwärmerin. Man hört sie von Innen Folgendes mit Begleitung der Guitarre singen). Auch ich war in Arkadien geboren, Auch mir hat die Natur An meiner Wiege Freude zugeschworen. Auch ich war in Arkadien geboren, Doch Leiden gab der kurze Mai mir nur. Schmeer. Was ist denn das ? Auch wieder eine Schwester, erst eine Tan- 18 zende, jetzt gar eine Singende. Wenn das so fort geht, bekomme ich alle neun Medusen, oder wie diese Perso- nagen heißen, zusammen. Halb eN < erscheint). ,,Des Lebens Mai blüht ein Mal und nicht wieder, ,,Mir hat er abgeblüht. ,,Der stille Gott, ach weinet, meine Brüder, „Der stil'e Gott taucht meine Fackel nieder „Und die Erscheinung flieht.^ Wer sind Sie, mein Herr? Schmeer. Ich heiße Nicodem Schmeer, mit Erlaubniß, und bin Ihnen wahrscheinlich schon durch Ihren werthesten Herrn Vater bekannt, wenn Sie anders eine Tochter des Herrn Holprich sind. Hald e n. Die bin ich. — Ich hoffe, Sie werden mich an der Ähnlichkeit mit meinen Schwestern erkennen : sie macht mein höchstes Gluck. Schmeer. Das muß wahr sein, ähnlich sind sie sich Alle auf's Haar. Man kömmt heinabe ans die Vermu- thung, dak Sie alle Drei Zwillinge sind. Indessen zur Sache — ich stehe in einer curiosen Angelegenheit vor Ihnen. Halden. Ich weiß es — Sie sollen Eine von uns heirathen — und ich muß eS gestehen, diese Absicht wäre ! mir keineswegs zuwider. Ja, ich wäre Ihnen sogar nicht abgeneigt — würde ich nicht sehr wichtige Fehler an Ihnen auszusetzen haben. S ch m e e r. An mir? (bei Seite). Die gefällt mir. Sie ist aufrichtig und spricht doch mit Verstand. (Laut). Reden Sie nur zu — Mamsellchen, wer so wie ich, mit Lbier und Menschen Umgang pflegt, ist nicht so geschwinde beleidigt. Halden. Sie können nicht lieben mit solchen Wangen, mit solchem Riesenbaue kann man kein Dulder sein — die quälenden Freuden der Sympathie glätten an der Rundung Ihres Körpers ab. Sie sind nicht Werther. Schmeer. Ob ich viel werther bin als die Andern, das weiß ich freilich nicht, aber etwas werth bin ich gewiß. Halden (fährt erschrocken zusammen). He, was hör ich— Sie kennen Werther nicht ein Mal? (trocknet sich eine Lhräne). So weihe ich Dir eine Thräne, da dieser Unmensch Dir wohl keine weihen wird. Noch ein wichtiger Grund ist's, der mich abhalten muß, Sie zu heirathen. Sie kommen mit der Einwilligung meines Vaters, ohne alle Hindernisse, beim Hellem Tage, ja, was mußte ich sogar sehen , auf geradem Wege durch das Hausthor zu mir, um mich zur Gattin zu begehren. O kaltes Herz, das dieses warme Fell umhüllt. Bei Nacht und Nebel wider den Befehlen der Eltern, durch tausend Mühen und Gefahren sich durchdrängend, mit dem Entschlüsse, sein Leben selbst um eine kurze Unterredung mit der Geliebten hinzugeben — nur so erkennt man die wahre ätherische Liebe, die uns erdrückt, beglückt, entzückt — Schmeer. Und verrückt! Halden. Dafür, Kalter, hast Du noch keinen Sinn! Du mußt ihn aber bekommen! Du mußt lesen, lesen, Dinge lesen, die Du nicht verstehst. Haben Sie Bücher, mein Trauter? Schmeer. Das will ich meinen! Ein Cassabuch, ein Hauptbuch und ein Journal! Halden. Also doch ein Journal! dem Himmel sei es Dank! vielleicht Modejournal? Schmeer. Behüthe Gott! Indem Journal steht nur, wie viel ich alle Tage einnehme und ausgebe! Halden. Pfui! Aus süßen Träumen hast Du meine poetische Seele geweckt, prosaischer Mensch! Ich meinte andere Bücher — Walter Scott, Jean Paul —La Motte. HastDu la Motte? 16 Schmeer. Motten? Außer in der Speisekammer wüßte ich keine! Halden. Hast Du Faust? Schmeer. Das glaube ich — und waS für eine! (zeigt ihr seine Hand). Halden. Fürchterlich! Göthe's herrlichen Faust vergleicht er mit derSeini- gen. Mir wird beinahe übel, wer kann so etwas ertragen ?(thut als ob ihrübel würde). Schmeer. Am Ende wird sie noch ohnmächtig — he da, nehmen Sie sich zusammen! Ich will ja kein Wort mehr reden, wenn's Ihnen nicht gut thut. Halden. Es ist vorbei! der Schlag war auch zu hart! Oh, oh, Faust! Faust! erkennt Dich nicht, ich werde Dich nie vergessen. Schmeer. Sapperment, das wird doch kein heimlicher Liebhaber sein, von dem sie spricht. Mit der halte ich es schon gar nicht aus. — Wissen Sie waö, Mamsellchen — ich habe noch etwas in der Nachbarschaft zu thun — da will ich schnell hinüberreiten, und dann bin ich gleich wieder zurück. Halden. Was sagen Sie! Sie reiten, gefühlloses, unbarmherziges Geschöpf! Bricht Ihnen nicht Ihr Herz, wenn Sie gewaltthätig sich auf den Rücken des armen Pferdes schwingen? — Mensch, wer gab Dir das Recht, das edle Roß zu Deinem Lastthier zu gebrauchen? (sie weint) die Grauelthat preßt mir einThränchen aus. Schmeer. Nu, das ist nicht übel — das Pferd wird doch nicht auf mir reiten sollen; überhaupt muß ich Ihnen sagen, ich bin gar nicht so empfindlich und zärtlich wie Sie — ich benütze was ich kann, und was mir zuwider ist, das schlage ich aus dem Wege. (Er jagt eine Mücke, die sich auf ihn setzen will, mit der Hand weg). Diese Wespe zum Erempel — paff, da liegt sie! Halden (stößt einen lauten Schrei aus). Ah! Mörder! (sie fällt in Ohnmacht). Mörder! er hat das unschuldige Wesen gemordet! Schmeer. Hat man so etwas je erlebt? (er hält sie). He, zu.Hülfe! Toinette, kommt herbei! Fünfzehnte Scene. Die Vorigen. Toinette. Toinette. Was ist denn geschehen? Wer schreit den so erbärmlich? Schmeer. Mamsellchen ist ohnmächtig geworden — weil ich eine Mücke erschlagen habe- Halden. Bring' mich hinweg, Toinette! ich kann nicht weilen, wo die Sünde haust. Noch raucht seine Hand vom Blute, Tyrann, nie kann ich die Deine werden, — was that daß schuldlose Wesen Deinem mörderischen Arme? Weh Dir, daß Du dieß konntest. In Deine Nähe eilte das liebliche Geschöpf, und glaubte Schutz und Schonung bei Dir zu finden. Es spielte kindlich nur um Deine Wangen, und Du — Du konntest es verderben? Laßt mich, daß ich ein stilles Grab ihm baue, und es mit meinen Thränen dann befeuchte. (Ab). Sechszehnte Scene. Schmeer. Toinette. Schmeer. Das ist zu arg — solche Nerven sind mir in meinem Leben noch nicht vorgekommen, alle Augenblicke lassen sie nach, alle Augenblicke fällt sie in Ohnmacht. Toinette. Das haben Sie schön gemacht. Wer hieß Sie auch die Wespe erschlagen — nun nimmt sie Sie gewiß nicht. Schm e e r. Das ist Niemanden angenehmer als mir. Ehe ich diese nehme, bleibe ich ein ewiger Junggeselle. Nun reißt mir die Geduld — ich reite auf und davon; sage Deinem Herrn, daß er sich um einen andern Schwiegersohn umsehen soll. 17 Wo die Bräute verrückt sind, kann ich keinen Bräutigam abgeben, (will ab). Toi nette. Ei, ei, wie hitzig — also Sie treten zurück, und bezahlen den Reuhauf? da kann man sehen, wie stark Ihre Abneigung sein muß? Schmeer (bleibt stehen). Tausend Millionen Klafter, darauf hätte ich bald vergessen. Ich weiß beinahe nicht was ärger ist, so eine Frau zu nehmen, oder 180VV Gulden bezahlen! Toine 1 te. Es ist ja noch nicht Alles verloren, — Sie haben ja noch nicht mit allen Töchtern gesprochen. Madame Blitz wird gleich hier sein; vielleicht finden Sie ander Geschmack? Schmeer. Madame Blitz? T o i n e t t e. Freilich! Madame Blitz, Madame Sturm, Madame Habersack! Schmeer. Madame Blitz, Madame Sturm? — da geht nur noch der Donner ab, so ist das Ungewitter fertig! — Sag' mir ein Mal, Mädchen, schneit es denn die Töchter bei Herrn Holprich? Toi nette. Ganz und gar nicht. Alle Drei machen nur Eine Person aus. Madame Blitz, Madame Sturm und Madame Habersack sind eine und dieselbe Person. Sie ist die vierte Tochter meines Herrn, und dreifache Witwe. Schmeer. Die nehme ich nicht. Vielleicht ist es ihr auferlegt, eS zum vierten Male zu werden. Toin e t t e. Madame Habersack ist erst 23 Jahre alt, und ihre drei Männer sind in weniger als 3 Jahren gestorben. Schmeer. Die Frau macht ihre Sache schnell. — Schade, daß sie nicht irgendwo als Erpeditor angestellt ist. Nu, sehen kostet ja nichts, aber zum Heirathen kann ich mich doch nicht recht'verstehen. Toinette. Warum denn nicht? Gerade aus Neugierde, um zu ersah- Wiener Theater-Revertoir. XIX. ren, ob die gute Frau es auch auf den fünften Mann bringt. Schmeer. Danke schön, bin gar nicht neugierig! Siebenzehnte Scene. Die Vorigen. Fr. v. H ald e n (tritt hastig aus dem Hause, sie ist in tiefer Trauer). Halden (im Eintreten). Wo steckst Du denn, Müssiggängerin? Toinette (leise zu Schmeer). Das ist Madame Habersack. Halden. Nu, was soll's mit Madame Habersack? Schmeer. Was sich die Schwestern alle frappant ähnlich sehen! Toinette. Ich habe diesem Herrn Gesellschaft geleistet. Halden. Diesem Herrn? Was will er? Wer ist er? Was macht er? Woher kömmt er? Wohin geht er? Schmeer. Wer der eben so schnell antworten will, der muß eine gesunde Lunge haben. Toinette. Sagt Ihnen Ihr Herz nicht, sagt Ihnen keine geheime Ahnung, daß dieser liebenswürdige Gast Herr Nicodemus Schmeer ist? Halden. Was muß ich hören. Sie sind es selbst? Wie unglücklich fühle ich mich, Sie nicht früher almeine Schwestern gesprochen zu haben. Der erste Eindruck ist der bleibendste — Ihre Wahl ist sicher schon getroffen? S chmeer. Kein Gedanken, meine Scharmanteste, ich habe bis jetzt noch nicht gewählt, und bin auch noch nicht gewählt worden. Nehmen Sie mir'S nicht übel, aber Ihre Schwestern mißfallen mir complet. Halden. Desto besser! Wie jammerschade wäre es auch gewesen, wenn ein so interessantes Wesen wie Sie, in die Hände dieser verschrobenen Karikaturen gefallen wäre. Aber was muß ich entdecken? Welche herben, süßen L 18 Erinnerungen ruft mir Ihr Anblick in'S Gedächtniß zurück? Schmeer. WaS wird'- — diese wird doch nicht auch in Ohnmacht fallen? Halden. Toinette, findest Du nicht, daß Herr Schmeer meinen drei Männern aufs Haar ähnlich sieht? Schmeer. Allen Dreien? Hald e n. Wenigstens von jedem ein Zug! Von meinem Ersten die Grazie, die schwebende Gestalt, vom Zweiten die Augen, vom Dritten die Stirn, von allen Dreien die Koketterie! Schmeer. So ist's recht! am Ende macht sie gar eine Charade aus mir! Halden (vergießt einige Lhränen). Vergeben Sie eS mir, wenn die Vergangenheit mir noch einige Lhranen entlockt! Ich liebte sie zu heftig! Schmeer. Einen nach dem Andern! das ist bequem! Halden. Oh, Sie können es nicht fassen, den Zweiten heftiger als den Ersten, den Dritten leidenschaftlicher als den Zweiten. Schmeer. DaS läßt viele Hoffnung für den Vierten übrig! Halden. Die guten Männer waren keineswegs fehlerfrei! der Erste hatte keinen eigenen Willen, mein Wunsch galt ihm Befehl! er widersprach mir nie; kein Streit, kein Zank fand je in unserer Ehe Statt — das machte sie langweilig und monoton. Der Zweite verschwendete ungeheuere Summen für meine Toilette, weit mehr als es seine Kräfte erlaubten. Zum Glück erlebte der Gute den Augenblick nicht mehr, wo er ganz zu Grunde gerichtet war. Der Dritte endlich — Ruhe feiner Asche — trieb seineZärtlichkeit für mich so weit, daß er» um mich nicht zu stören, sich oft wochenlang im Hause nicht sehen ließ. Schmeer. Da kann es an Freiern wohl nicht fehlen, wo man noch so hübsch und noch so jung ist. Halden. ES gibt wohl Mehrere, die mit Ihren Augen sehen, aber Wenige, deren Charakter mir gefällt. Uebrigens schelten mich die Leute zänkisch, weil ich immer predige; sie nennen mich boshaft, weil ich gerne schäkere und heiter bin — ste nennen mich geiHig, ; weil ich den Werth des Geldes kenne. Schmeer. Das sind gerade lauter respectale Eigenschaften. Halden. In der Jugend muß man sparen, um im Alter genießen zu können. Schmeer. Gerade mein Grundsatz! Halden. Ich versäume keinen ! Augenblick, wo ich etwas einzuneh- ! men habe — ich besinne mich lange, wenn ich etwas bezahlen soll. Schmeer. Mir aus der Seele gesprochen ! Halden. Ich lasse mich zu Gaste bitten, bitte aber selbst Niemanden zu mir. ' Schmeer. Allervortrefflichste, Sie sind ein Engel! lassen Sie sich umarmen. Hören Sie mich an, — die Ehe ist ein Mal eine Lotterie, Sie sollen mein großes Loos sein. Ich hei- rathe Sie, so wahr ich ehrlich bin. Toi n ette. Nu, das nenne ich mir eine Parthie aus Herzensneigung. Halden. Geduld einen Augenblick. Ich weißes leider aus Erfahrung, daß man dem Wankelmuthe der Männer nicht über den Weg trauen darf. Wenn ich ' Ihnen glauben soll» so müssen Sie sür's Erste förmlich meinen Schwestern entsagen. Schmeer. Von Herzen gerne! Halden. Sie verbinden sich ferner, mir, Ursula Holprich, verwitweten Habersack, Ihre Hand und Ihr Herz zu geben. Schmeer. Setzen Sie's auf — ich unterschreibe. Halden, (gibt ihm eine Schrift). Hier ist die Schrift. 19 Schmeer. Welche Vorsicht! — eine neue Eigenschaft, die ich an ihr entdecke! Halden. In der Hoffnung, Sie dennoch für mich zu gewinnen, ließ ich einstweilen daö Document verfertigen. Schmeer. Wie sie mich liebt! Halden. Bring' Feder und Tin- tenzeug! Schmeer. Ist nicht nöthig— ich habe mein Hornenes in der Tasche! Bei einem Ehecontract ist etwas von Horn ohnedieß sehr passend (er geht an den Tisch und unterschreibt). Halden (zu Toinette leise). Jetzt hole schnell den jungen Willig und dann erwarte ich Dich. Schmeer. Da ist der Bettel! also wir sind in Richtigkeit, der Handel ist geschloffen. Madame Schmeer steht in Lebensgröße vor mir — nun bitte ich nur noch um einen Kuß als Angeld (er breitet die Arme aus, und trippelt auf sie zu, indessen tritt Frau von Halden auf die Seite, und Schmeer umarmt statt ihr die hkntenstehende Toinette). Alle Hagel! Toinette (schreit). Ah! — der Herr Bräutigam irren sich sehr früh! (Man hört einen Wagen rollen und die Peitsche knallen.) Das ist Herr Holprich (bei Seite). Gnädige Frau, ich eile! (ab durch's Gitter.) Halden. Mein Vater ist'S! ich lasse Sie mit ihm allein. Schmeer. Lassen Sie nur mich machen, — ich will schon mit ihm fertig werden. (Fr. v. Halden geht in's Haus, Schmeer geht Holprich entgegen.) Achtzehnte Scene. Schmeer..Holprich. Schmeer (ruft). Herr Holprich, Herr Holprich — liebwerthester Herr Schwiegerpapa. Sind Sie endlich da? Holprich. oder r Die Verlobung aus -er Pachte-Jagd. Posse mit Gesang in zwei Acten, von Friedrich Hopp. Musik von Julius Hopp. Aufgeführt in den k. k. priv. Theatern an der Wien und in der Leopoldstadt. Personen r ihre Kinder. Oberforstmeister v. Eschenbach, Guts besitzet. Therese, seine Tochter. Major v. Braunstein. Kammerjunker v. Holm, ^ Forstmeister Wildek, / Jagdgäste v. Dorn er, ) Gutsbesitzer«, d.i Eschenbach. v.Mühlberg,j Nachbanchaft, > ^ Elise, v. Dorners I Tochter und Theresens Agnes, Wildeks j Freundinnen. Hubert Gabler, ein Jäger. Wasserhahn, Gerichtshalter auf Eschenbach. Daxberger, Maierhofspächter und Dorfrichter. Salome, sein Weib. Die Handlung beginnt am Abend des einen Tages, und endet am späten Morgen des andern. Philipp, Jäger bei Eschenbach, R o s i n a, Margare tha, Elias Regenwurm. Monika, Theresens Kammermädchen. Hecht, l Vagabunden. , Geier, j Norbert, j ' , . . , Paul, Jager bei Eschenbach. Matz, Jochen, Ein Amts dien er (stumm). Herren und Damen als Jagdgäste. Jäger. Treiber. Geschworne. Bauern Bäuerinnen. Kinder. Bauern. Erster Act. Schloßpark zu Eschenbach. An der Seite ein Theil des Schlosses mit einer Terrasse, von welcher eine weite Treppe herabführt. Statuen und Lauben mit Ruhebänken zieren das Ganze. Sonnenuntergang. Erste Seene Therese, Monika, Elise, Agnes und mehrere Wildek, und mehrere Damen, dann Holm» Dorne r, Mühlberg Jagdgäste. Jäger. B auern. Wiener Theater-Repertoir. XXI. 2 i Zntroduction. Damen. Heiter sinkt die Sonne nieder, Purpurn glänzt des Himmels Jelt; Uns're Jäger kehren wieder Und das Waidwerk ist bestellt. HZweige rasch zur Hand genommen, Waidgesellen, seid willkommen!^ Willkommen! Willkommen! Herren. Aus dunkelstem Forste vom Waidwerk nach Haus, Mit Beute beladen zum köstlichen Schmaus, Kommt fröhlich der Jäger gegangen. Am Pförtlein hart Liebchen mit pochender , Brust, Sie eilt ihm entgegen, es winket die Lust, Fest hält er sein Schätzchen umfangen. Halloh! Trarah! Halloh! Lrarah! Beide. jrNichts gleicht Jägerlust auf Erden Als des Liebchens Feuerkußrj Fort mit Sorgen und Beschwerden, j.-Lieb' und Jagd ist Hochgenuß. Willkommen! Halloh! Lrarah.'.'j Zweite Scene. Vorige. Eschenbach. Major v. Braunstein. Philipp. Jäger. Eschenbach. Hsut,Is ksut! Da sind wir. Willkommen, meine Damen! Bekränzt die Sieger und bringt ihnen Zweige; sie Habens wohl verdient! Hussah! Das war ein herrliches Contrajagen (ruft in die Eoulisse). Hoh! Hahoh! Paßt auf, Ihr Bursche, kuppelt die Hunde los, und gebt ihnen vom besten Futter, besonders dem Nabuchodonosor, und dem Cerberus, ihnen gebührt die Ehre des Tages, (zu den Jägern). Blaset ab! (kurze Fanfare). Und nun geht, und thut Euch gütlich (Jäger und Bauern ab). Ufl (wischt sich den Schweiß). Das war ein Jagen, das Herz lacht mir im Leibe, wenn ich daran denke. Und Wildpret, Kinder, Wildpret im Ueberfluß. Vier Rothhirsche, ein Dambock, zwei starke Keuler, mehrere Dachse und eine Unzahl Hasen. Elise. Ei! Die Herrlichkeiten müssen wir doch auch sehen. Komm, Agnes! Wem ift's sonst noch gefällig? (Elise, Agnes mehrere Damen ab). Eschenbach. Ja, das war was Herrliches; da war unter andern ein Edelhirsch, ein Kapitalkerl, ich glaube, es war ein ungerader Zwölfer, er war bereits angeregt, und wollte auf den Wechsel. Herr von Dorner ließ ihn anlaufen. Rüderdo! Rüderdo! I, 2, 3 — Puff! — nichts da! Seht, abgebrannt — nun war guter Rath theuer. Der Hirsch fing an zu schlagen, und ging Herrn von Dorner an; der machte einen Seitensprung, der Hirsch sah seinen Vortheil, hui wie der Wind angesetzt, durchgefallen, und Reißaus, daß Lappen und Netze in der Luft herumflogen. — Aber wir fallen ihn doch noch an, 's ist ja morgen auch noch ein Tag. — Wir haben sichere Fährte. Morgen wird er psrkortzs gejagt und bei St. Eustachius, er muß unser sein. Darum, Ihr Herren, gebe ich Euch den Bescheid, morgen bei guter Zeit ziehen wir wieder zu Holz, und gönnen uns nicht Ruh und Rast, bis wir den Burschen ausgemacht haben, und dann Juh! Juh! Tajo! Tajo! Alle Männer. Hurrah! Major. Herr Bruder! Hol' Dich der Henker, sammt Deiner Jagd! Man kann eine Liebhaberei wohl bis in's Extreme treiben, aber man muß dabei nicht gute treue Freunde vernachlässigen, muß sie nicht stehen lassen, wie einen alten Meilenzeiger; oder bin ich Dir vielleicht nicht willkommen, so geh' ich auf der Stelle wieder. r Eschenbach. Ho! ho! Herr Bruder. — Tausendmal Verzeihung! 'S war nicht so gemeint, bin von der rechten Fährte abgekommen, will aber gleich wieder angehen. Du weißt ja, Alter! Waidmannsleben ist mein Element. — Meine Herren! Zhnen Hab' ich die Bekanntschaft meines wackern alten Freundes bereits verschafft. Nun kommt's an Sie, meine Damen, darum schnell wie die Kugel aus dem Rohr; das ist Major von Braunstein, der Onkel meines künftigen Schwie- sohneS. Damen (umringen ihn grüßend). Willkommen! Willkommen ! Sein Sie uns herzlich gegrüßt! Monika (zu Therese). Wie, Fräulein, der Onkel ZhreS Bräutigams? Therese (ihn erkennend). Ja, wahrhaftig, er ist's. Eschenbach. Freilich ist er's! — Denke nur, wie wir unter Zuchhei und Fanfarenruf vom Holze ziehen, kommt von der Anhöhe sein Wagen uns entgegen. Ich meinen Freund erkennen, aus dem Wagen reißen und nach Herzenslust umarmen, war Eins. Major (mit Ironie). Ja! und hat mich so ungestüm umarmt, daß ich seit der Zeit nicht zu Worte kommen kann. Therese. Mein Herr Major, ich freue mich recht herzlich, Sie zu sehen. Major. Wie, das ist ja — Röschen ! — wahrhaftig, sie ist'S. Ei grüß' Dich der Himmel, liebes Kind! Halt — Hm — Pardon —! Ich heiße Sie freudig willkommen, mein Fräulein! Wahrhaftig, ich staune. — Nicht zu kennen mehr, so groß und schön sind Sie geworden. Therese. Ich bin gut geworden, Herr Major, und das, hoffe ich, ist das Beste an mir. Doch vermisse ich das herzliche Du, mit dem Sie vormals Ihr kleines Röschen begrüßten. Major. Ei, das schickt sich nicht mehr. — Sind schon zu groß dazu, und obendrein Braut; nein! nein! schickt sich nicht mehr. Therese. Wie, sollte denn der Name Ihrer Nichte, den ich bald zu führen so glücklich sein werde, Ihnen nicht das schöne Recht geben, mich wie vormals Du zu nennen? Major. Hast Recht! Ja, ja, wirst ja mein liebes Nichtchen; also auf Du und Du! (sie herzlich ansehend). Wahrhaftig mein liebes braves Mädchen! Eschenbach. Und eine Jägerin, Herr Bruder, eine Jägerin! so Hirschgerecht wie Einer. Sie brennt ihre Flinte los, daß es eine Lust ist. — Hab'S Ihr auch gleich angesehen, wie sie auf die Welt kam, und auch deßhalb Theresia genannt; denn das bedeutet Jägerin. Major (ergimmt). Teufel! wenn ich den Burschen jetzt hier hätte, der sollte mir'S theuer büßen. Ich wollte ihm das Probiren sein Lebenlang verleiden. Eschenbach. Ja, was hast Du denn, Herr Bruder?! ! Major (resignier). Ja die ganze Welt soll wissen, daß er ein Narr ist. Meine Herren und Damen, ich bin eS > meiner Ehre schuldig, das ganze Kom- > plott zu verrathenmag daraus entstehen, was da wolle. Alle. Komplott? Was ist eS denn? Eschenbach. Nicht absetzen, Herr Bruder, nicht absetzen, rasch losgedrückt. Was gibt'S denn? Major. ES wird Ihnen wohl bekannt sein, meine verehrten Herrschaften, daß eS seit Jahren mein und meines Freundes Lieblingsplan war, meinen Neffen mit seiner Tochter zu vermählen. Beide, ohne sich zu kennen, waren einverstanden. Holm. Also eine Heirath nach der Mode? 1 * 4 Dorn er. Eine Lonvenienz--Mariage ? Major. Nennen Sie sie, wie Sie wollen, meine Herren, aber das sind die besten. Seufzen und Girren, Schmachten und Liebeln, Mondnacht und Rosenlauben, und wie alle die verliebten Schwärmereien heißen mögen, waren von jeher das Grab der Liebe schon lange vor der Ehe Kommt aber die Lieb' erst im Ehestand, so ist sie fest wie eine Eiche, die kein Sturm bewegt. Wildek. Ganz aus meiner Seele gesprochen, Herr Major. Monika (zu Therese). Bin nicht ganz einverstanden mit dem Herrn Referenten. Major. ES ist wahr, mein Neffe hat die vortrefflichsten Eigenschaften. Therese (zu Monika). Hörst Du, die vortrefflichsten Eigenschaften. Major. Er hat aber auch bedeutende Mängel. Monika (zu Therese). Hören Sie, Fräulein, bedeutende Mängel. Major. Und wenn er sich einmal etwas in den Kopf gesetzt hat, so kann ihn nichts in seinem Entschlüsse wankend machen. Aufseinen Reisen, von denen er kürzlich erst zurückgekehrt ist, mag ihm vielleicht manche Schöne ein X für ein U vorgemacht haben; kurz ich habe Alles versucht, ihn von seinem Vorhaben abzubringen, umsonst, er will sich selber überzeugen, ob die reizende Schilderung, die man ihm von Theresen machte, Wahrheit oder trügerische Schmeichelei ist. Er will daher einen uralten Komödienspaß an- wenden, und als Bedienter verkleidet, unter dem Namen Elias Regenwurm, bei Dir sich einschleichen. Alle. Elias Regenwurm? Monika. Pfui,das ist ein abscheulicher Name. Major. Ich hatte vor 3 Jahren einen Bedienten, der so hieß. Der Kerl war ein Erzspitzbube, und hat mir einen losen Streich gespielt, den ich bei Gelegenheit erzählen werde. Ich Hab' ihn dann fortgejagt, aber weil der dumme Wicht mir gar zu sehr erbarmte, so Hab' ich ihm doch ein gutes Zeugniß ausgestellt Später Hab' ich gehört, daß der Bursche gestorben und verdorben sein soll. — Da traf sich's nun vor einigen Tagen, daß mein Neffe unter meinen Papieren diesen Namen fand, und so mag wohl die tolle Zdee seiner Verkleidung zuerst in seinem Kopfe entstanden sein Ich mußte ihm nolens vvlens ein Attestat auf diesen Namen geben, und so wird er bei Euch erscheinen. Eschenbach. Hahaha! Ein närrischer Einfall, aber er soll nur ankommen, will ihn schon aufs Korn nehmen, daß er sich wundern soll. Bin ein alter Fuchs, den nichts so § leicht aus seinen Bau bringt. ' Maj o r. Ich fürchte, Du wirst Mühe mit ihm haben, er ist feiner als Du glaubst, und obendrein ein ganzer Weltmann. Eschenbach. Was Weltmann! Weltmann! Ich bin ein Waldmann, und das ist mehr. Ich will ihn psr- korye anfallen, daß er vor Müdigkeit nicht weiter kann, und Halalymachen muß. Wann glaubst Du wohl, daß er eintrifft? Maj o r. Wenn nicht heute — morgen ganz gewiß. Eschenbach. Recht so, soll nur . kommen. — Nur aufgepaßt, JhrHerren l und Damen, fein still geschwiegen, besonders Du, Monika, sei keine Plau- ! dertasche. — Wir wollen ihn Alle als ? Elias Regenwurm empfangen, keine Spur soll es vrrrathen, daß wir den Baron Mallwitz in ihm vermuthen. Das Uebrige überlaßt meiner Sorge. Er mag sich noch so sehr verstecken, 8 ich treib' ihn auf und laß ihn anrennen, daß es eine Lust sein soll. Major. Wohlan, Herr Bruder, ich habe das Meinige gethan, thue jetzt das Deinige, ich gehe wieder. Eschenbach. Was, Du willst mich schon verlassen, Du bleibst nicht, bis Dein Neffe kommt? Major. Zch fahre jetzt nach Altheim, Du weißt, es ist nur vier Stunden von hier. Zch habe es meinem alten Obristen hoch und theuer versprochen, ihn zu besuchen, und deßwegen einen kleinen Umweg gemacht, um von dem Plan meines Neffen Dich zu unterrichten. Morgen Mittags, wills Gott, bin ich wieder hier, indessen wird wohl der junge Herr schon seine Passus machen. Es ist schon so zwischen uns verabredet, daß ich ihn, wenn er hier ist, nicht kennen, und wirklich für den Elias Regenwurm halten soll. — Basta, eS sei, wills thun, aber wenn er den Spaß zu weit treibt, so reiß' ich ihm die Larve vom Gesicht, und mache ein Mordspektakel. Adieu, meine Herren und Damen, gehab Dich wohl, alter Nimrod, (küßt Theresen auf die Stirn.) Auf frohes Wiedersehen, liebes Mädchen. Sei klug, sei stolz, sei kalt, wenn er kommt, und lehr' ihm tüchtig mores. Adieu, Adieu! (ab.) Eschenbach, Ho! ho! Herr Bruder, brich nicht durch! wir müssen Dich doch bis zum Wagen begleiten. Xvsnee, meine Herrschaften, »vanee (Alle ab, bis auf) , Dritte Deene. ! Therese. Monika. Therese. Mony, was sagst Du zu der Geschichte? Monika. Zch höre, staune, und verwundere mich, so viel in meinen ! Kräften steht. > Therese. Warum doch der Major lür einen verzeihlichen Fehler Alles gegen ihn aufbietet. Er will ja mein Gatte werden; was er hier will, geht ja mich nur allein an. Monika. Um's Himmelswillen, mein Fräulein, was sind das für gottlose Reden? Therese. Zch finde es ganz natürlich, daß man seine künftige Frau genau vorher will kennen lernen. Monika. Hohoho! Wenn das möglich wäre, so gäbe es ja in jedem Säkulum kaum eine Hochzeit. — Das fehlte uns Mädchen noch, daß die Herren immer vor der Heirat uns ganz kennten, da liefe gar Mancher auf und davon. — Nun, mein Philipp sollte mir mit einer Probe kommen, ich kratzte ihm die Augen aus. Ein Mädchen auf die Probe stellen, eh' man sie heirathet, unerhörte Keckheit. Wenn man so etwas bei den Männern anwenden wollte, ach Herr Jemine, da kämen oft saubere Geschichten heraus. Therese. Sein Onkel hat Recht. — Meine Schwestern mögen ihm zuweilen arg mitgespielt haben, daher geht er jetzt mit Vorsicht zu Werke. UebrigenS spricht Alles laut zu seinem Lobe und rühmt sein edles vortreffliches Herz. Monika. Ach, mein liebes gutes Fräulein, ich bitte Sie um Alles in der Welt, reden Sie mir nichts vom Herzen. Die Männer haben ja kein Herz. Der Eine hat ein Stück Pfundleder, und der Andere einen Rechen- stein. Zch selber Hab' mich einmal gar abscheulich getäuscht. Ich habe einen Liebhaber gehabt, der war so voll Süßigkeit und Zärtlichkeit, nicht zum Beschreiben. Wenn er mich umarmt hat, Hab' ich immer geglaubt, ich höre sein Herz schlagen, aber nach der Hand Hab' ich erst erfahren, daß ich mich getäuscht habe; es war sein Herz nicht, sondern seine RepeNruhr. Therese. Genug, es komme was 6 da wolle, ich will es erwarten. Ist er klug und vorsichtig, ich will es auch sein; will er mich prüfen, o ich kann eS auch. Am Ende wird sich's zeigen, ob Eins das Andere werth — Der Gott der Liebe wird'S zum Besten lenken. (Ab.) Monika (allem). Die ist verliebt Nr. 1 — Heirathslustig'Nr. 2 — 6rsnä dornse Nr. 3. Was will man mehr, jetzt sind wir fertig. Meinetwegen geschehe was da will, ich wasche meine Hände in Unschuld und Mandelkleien. Aber noch einmal, mir sollt' Einer so kommen, (stampft mit dem Fuße.) Herr Gott von Simmering, dem wollt' ich zeigen, wo die Katze ihre Krampeln hat (ab). Verwandlung. (Wiesenplatz mit Gebüsch durchschnitten. tm Hintergrund der Ort Eschenbach. Gleich bet der Verwandlung hört man Trommeln, dann beginnt das folgende Musikstück). Gierte Gerne. Landleute strömen von allen Seiten herbei; dann Wasserhahn, mit einem Gericht s d i e n e r, der die Trommel schlägt. Wasserhahn und Chor. Ensemble-Stück. Bauern.' Herbei, herbei mit Alt und Jung, '« gibt Publikation, Seid Alle hurtig auf den Sprung Sonst hört Ihr nichts davon. Wasserhahn. Still, 's Maul gehalten, aufgepaßt, Du Volk, laß Dich belehren. Bauern. Wir rennen her in voller Hast, War Reue- jetzt zu hören. Wasserhahn. Man schwelge, wenn das Landgericht Durch mich zu Euren Ohren spricht. Bauern. Wir schweigen, wenn das Landgericht Durch Euch zu unfern Ohren spricht. Wasserhahn (liest). Es sind dem hies'gen Landgericht Zwei lose Schelme außgekommen. Erwischt man sie, so wird nach Pflicht, Das Paar gleich in Verhaft genommen. Bauern. siRecht gern erfüllen wir die Pflicht, Doch müssen wir sie erst bekommen.^ Wasserhahn (liest). Der Eine heißt Krispinus Hecht, Ein Gauner, schlechter noch als schlecht; Halb ausgewachsener Statur, Von einem Antlitz keine Spur, Die Augen grau, fuchsroth das Haar, Die Nase platt, wie ein Tatar, Trägt eine Art von Jägerkleid, Doch sind ihm Rock und Aermel weit. Bauern. Zu fangen ihn sind wir bereit. Wasserhahn (fortfahrend). Der Andere, Timotheus Geier, Ganz werthlos, wie ein schlechter Dreier, Ist nicht zu dünn, und nicht zu dick, Die Augen grün, mit falschem Blick, Dann schwarzes Haar und Backenbart, Die Nase nach Kalmukenart, Das Beinkleid schwarz, die Weste grau, Blitzgelb der Rock, der Kragen blau. Bauern. Beschrieben sind sie ganz genau. 7 Wasserhahn. Nun, Kinder, hört, frisch aufgepaßt. Seid wachsam sonder Ruh und Rast, Verfolgt die Brut, und spürt sie auf, Wenn sie sich noch so tief vergrabt, ^Bringt sie auf's Amt im schnellen Lauf, Doch eher nicht, bis Ihr sie habt.rj Bauern (zu einander). Nun Leute, jetzt frisch aufgepaßt, Seid wachsam rc. (wie oben). Fünfte Scene. Hecht. Geier (nachdem Alles ab ist, schleichen Beide aus dem Gebüsche, worin sie die ganze vorige Scene versteckt waren; sie sind ganz so gekleidet, wie sie beschrieben wurden). Hecht. Hast Du vernommen, Brüderlein fein? Geier. Za wohl; sie sitzen uns verdammt auf dem Genicke; hast Du den Steckbrief gehört? Hecht. Der beste Portraitmaler könnte uns nicht genauer treffen. Wenn wir nur andere Kleider hätten. Geier. Za woher nehmen und nicht stehlen ? Hecht. Also stehlen auf jeden Fall. Aber wie, wo? und wann? Geier. Wenn nur ein gutherziger Wanderer des Weges käme, der seine Börse und Kleider mit mir theilen wollte. Hecht. Nur mit Dir? Auf mich denkst Du gar nicht? Geier. Ein Zeder ist sich selbst der Nächste! Hecht. Herr Bruder, ich mache die Bemerkung, daß Du noch ein größerer Spitzbube bist, als ich. Geier. Gehorsamer Diener, ich bin stolz auf diese Schmeichelei. Hecht. Halt, wer kommt denn da? Sieh' einmal die komische Figur. Geier. Komm in unser Asyl zurück, wir wollen ihn belauschen. Hecht. Aber behutsam, denke nur, eS geht an den Hals! Geier. Ei, unser Galgen ist noch nicht fertig. (Beide verbergen sich in'ß Gebüsch.) . Sechste Scene. Elias Regenwurm (ärmlich gekleidet , ein kleines Bündel auf einem Stock über dem Rücken tragend). Entree - Lied. Kriegt man als Bub' vom Lehrer Riß,- 's ist wahr, sie thun Ein'm weh, Und hauen Ein'm die andern Buben, 's thut auch nicht wohl — per 86. Es schmerzt, wenn Ein'm der Meister g'nackt Und d' Meisterin Einem sanft trischakt, stDoch unter Allen werd'n allein Die Schicksalspuffer d' ärgsten sein.:j Ich bin nur zum Malheur gebor'n, Das Schicksal gibt kein' Ruh, Und stell' ich's noch so pfiffig an, Es pufft halt immer zu. So puff, o Schicksal! puff nur fort, Der Regenwurm, er sagt kein Wort, stDenn mein' Geduld ist wirklich groß Und stark wie ein Rhinoceros.rj Unglückseliges, von der ganzen Menschheit verlassenes, in die Welt hinausgestoßenes, in das Dasein hineingeworfenes, von der Schöpfung zurückgesetzteS, und von der Natur ganz verwahrlostes Waisenkind! Das bin ich! — Wie lang werd' ich den Äquinoktialstürmen meines Schicksals noch ausgesetzt sein? Länger halt' ich's nicht mehr aus. Wenn's nicht bald anders wird, so wart ich noch ein' Weil. Wenn ich nur einen vernünftigen 8 Menschen fänd', der sich die Mühe nähm', meine biographische Lebensge- schichte zu schreiben, er könnte sich ein schönes Geld damit verdienen. Ich bin auf die Welt gekommen, ich weiß nicht wie, und Hab'auch nicht g'fragt warum? Ich bin ein Kind des Fundes, und mein redlicher Finder muß geglaubt haben, er kriegt keine Rekompenz, und hat mich gleich selber behalten. Ich habe also meine beiden Herrn Eltern nicht gekannt, weiß nicht wie ein väterlicher Schopfbeutler schmeckt, und nie hat meine Frau Mama das edle Kindskoch über meine Lippen gemaltert. Je größer ich geworden bin, desto mehr hat sich mein Talent entwickelt, und in der Schul Hab ich allemal dritte Klaß mit Vorzug kriegt. Endlich hat mich mein Quasi-Papa in die Lehr gegeben. Du lieber Himmel! in wieviel Lehren Hab' ich mich Herumgetrieben. Ich war Friseur, Rauchfangkehrer, Glaserer, Rothgärber, Gelbgießer, Blaufärber, Kupferschmied, Hafner, Seiler, Anstreicher, kurz mein Buckel hat durch die verschiedenen Lehrmethoden mit der Zeit die wunderschönsten Farben gespielt. Endlich Hab' ich mein Glück als Bedienter versucht, Hab' auch einen prächtigen Dienst gefunden, aber da hat der Spadifankerl sein Spiel mit mir getrieben, ich mach' einen blitzdum- men Streich, und mein Herr jagt mich auf und davon. Freilich hat er mir ein gutes Attestat mitgegeben, ich habe es noch bei mir im Sack, aber was hat'S genutzt, seit der Zeit Hab' ich kein Glück mehr gehabt. Ich Habs noch in ein Paar Dutzend Diensten probirt, aber ich bin überall, zwar nicht mit Schand aber doch mit Spott weggekommen. Diese unterschiedlichen Unglücksfälle hätten mit der Zeit auch einen Elefanten zu Boden gedrückt, kein Wunder, daß ich — der ich doch nichts weniger als einem Elefanten gleich seh, vor lauter Miserabilität krank geworden bin. Ich bin alsogleich als Ganzer in'S Spital gekommen, da haben die Herren Doktors und Professoren im Beisein des Portiers und einiger Krankenwärterinnen Concilium über mich gehalten, und haben die Entdeckung gemacht, daß ich an Geistesabwesenheit leide; da bin ich ihnen aber gleich in's Wort gefallen , und habe die vernünftige Bemerkung gemacht, daß sie Unrecht haben, und daß nie etwas abwesend sein kann, was nie anwesend war. Da haben's vor Verwunderung die Köpf' zusammengesteckt, waren gleich voll Hochachtung und Reputation, und haben mich laufen lassen. — Der Verwalter hat mir zehn Gulden ausge- zahlt, die Andern haben mir jeder einen Fetzen Gewand zugeworfen, und da bin ich jetzt im vollen Glanze meiner Schönheit. — Jetzt probir' ich mein Glück in der weiten Welt, vielleicht gehtS mir da besser; denn schlechter kann's mir so nicht mehr gehen. Also vorwärts, EliaS! sei Philosoph, und geh' muthig den Prüfungen deines Schicksals auf's Neue entgegen. (Will ab.) Siebente Seene. Elias. Hecht. Geier. (Beide haben sich gegen Ende seines Monologs hervorgeschlichen, und so gestellt, daß er in ihre Mitte kommen muß). Hecht. Unterthänigen guten Abend, guter Freund! Elias (stutzt). Gehorsamer Diener, auch soviel! (wendet sich gegen die andere Seite.) Geier. Lien Kon soir, mon tros ekor k»mi! Elias (aufs Neue frappirt). Ich danke Ihnen für die Auskunft.' (in höchster Verlegenheit.) Sie befinden sich inimer? Hecht. Ich danke, wie Sie sehen. Elias. O da bedaure ich — ich 9 sehe sehr schlecht — (für sich). WaS wird's denn da geben? Geier. Woher denn so spät, lieber Freund? EliaS. Von dort her, drüben herüber. Hecht. Armer Narr, und so schwer bepackt, bei einbrechender Nacht. Eli a ö. Kindereien, ich bin daS Tragen schon gewohnt. Seitdem mein Schicksal mir täglich so viel auferlegt, fühl' ich mich zum Packesel wie geboren. G e i e r. Sie suchen vermuthlich Ihr Glück in der Welt? Elias. O lieber Herr, das suche ich schon lange. Ich und das Glück, wir laufen Eins dem Andern nach, aber wir holen einander nicht ein. Hecht (bedeutend den Kopf wiegend). Hm! hm! Wirklich schade um so einen gelanten Menschen, wie Sie sind. EliaS. Was sagen Sie? Galanter Mensch? ich weiß, ich bin ein galanter Mensch — aber warum wäre es Schade um mich, reden Sie, Sie machen mir ordentlich Angst. Geier. Sie kennen vermuthlich diese gefährliche Gegend nickt? Elias. Gefährliche Gegend? Gibt es vielleicht Spitzbuben da? Hecht. O Hauptspitzbuben! Elias. Ja, ja, ich fang' an, so etwas zu merken. Geier. Wollen Sie unser Geleit annehmen, so kommen Sie mit uns, wir wollen Sie auch nach Kräften bewirthen. Elias. O Sie charmanter Herr! Ich weiß gar nicht, wie ich zu der Gnad' komme. Hecht. Ohne Complimente, wir thun das aus Nächstenliebe. Geier (zu Hecht). Du, Freund, könntest wohl so höflich sein, des Herrn Bündel zu tragen. Er scheint sehr müde zu sein. Hecht. Herzlich gerne. Belieben Sie nur abzulegen. Elias. Ach nein! nein, Kinderei; was sollen Sie sich so Plagen, ick bin schon noch stark genug. Geier. Der Himmel bewahre, unsere Nächstenliebe läßt das nicht zu, geben Sie nur den Bündel her. (hält ihm spielend eine Pistole unter die Nase). Elias (erschrickt, faßt sich aber plötzlich). O, Sie sind zu höflich. H e ch t. Ich bitte, ohne Komplimente, den Bündel. Elias. Nun, wenn Sie sich denn die Mühe machen wollen (gibt ihm den Bündel). Also da herum gibt's so viele Spitzbuben? Geier. Das glaub' ich, eine Menge, (zu Hecht). Aber Du, Freund, sieh nur, der Herr hat einen schönen Rock an. er könnte ihn auf der Reise ganz verderben, hilf ihn ausziehen, wir wollen ihm den Rock nachtragen. Elias. O ich bitte gar schön, stra- peziren sich die Herren nicht. Sie könnten mich verwöhnen, und ich müßte nachher alle Tage ein Paar Kammerdiener haben. Hecht. Wir bitten auch um Hut und Weste, es ist nur, damit Ihnen nichts ruinirt wird. Geier (hält ihm wieder die Pistole vor). Versteht sich, das thun wir bloß, weil uns um Sie leid wäre. Elias. Und wegen die Spitzbuben. Nein, was das für galante Herren sind. Ich kann Ihnen gar nicht sagen, was ich für eine außerordentliche Freude habe, daß ich in Ihre Hände gerathen bin (sie ziehen ihm während dem Rock und Weste aus). Sie, gebenS Acht, in der Rocktasche ist mein Attestat, daß es mir nicht verloren geht. Hecht. Ohne Sorge, das ist Alles gut aufgehoben. Geier (hat die Westetaschen visitirt, und zieht einen Geldbeutel hervor). Und hier 10 ist Geld, das gehört vermuthlich auch Ihnen? Elias. Ja, wenn Sie anders darüber nicht ungehalten sind, die 10 fl. gehören mein. Hecht. Wir wollen sie auch aufhe- ben, Sie könnten in Unrechte Hände kommen. Elias. Ja, es könnten ein Paar Spitzbuben einen Gusto darauf haben. Hecht (hat Alles genommen). So, und nun leben Sie recht wohl, ich empfehle mich in Ihr geneigtes Andenken (läuft fort). E li a S. He! Sie! Wartens ein Bisserl! Geier (hält ihn auf). Hahaha! Mein Freund ist doch ein närrischer Kauz, aber machen Sie sich nichts daraus, ich laufe ihm nach, und bringe ihn augenblicklich zurück (will ab). Elias (hält ihn). Ich laufe mit Ihnen ; ich bin entsetzlich gut zu Fuße. Geier (hält ihm die Pistole vor, sehr lam). Ein Schritt, ein Laut, und Du bist des Todes (läuft weg). Elias (prallt weit zurück). Ach (gafft ihm eine Weile nach). Aber Sie, ich muß doch meinen Rock haben — meine Weste — mein Attestat — mein Geld. Hören Sie nicht, Spitzbuben, meine verehrten Herrn Spitzbuben (läuft ihnen nach, kleine Pause, — Plötzlich hört man einen Schuß und einen Schrei). Schnelle Verwandlung. Ländliche Stube bei Darberger, Tisch, Stühle, 2 Spinnrocken. Seitwärts eine große Trubel- Gegenüber ein Fenster. Achte Seene. Salome, dann Rose und Grete. Salome (noch von Außen). Heda! Rose! Grete! Nun wo hat denn der Guckguck die Wettermädchen? (tritt ein) Rose! Grete! da sind sie auch nicht. — Der Rocken noch ganz voll, lucht ein Fädchen herabgesponnen. Alles noch, wie es liegt und steht. Gottlose Dinger! man darf nur einen Augenblick vom Hause Weggehen, so lassen sie Arbeit, Arbeit sein, und gehen ihrem Schlendrian nach; wo sie nur stecken mögen, aberwartet, kommt mir nur vor die Augen, ich will Euch schon zurecht weisen. Rose, Grete (laufen athemloß herein). Rose. Ach, das heißeich gelaufen. Grete. Siehst Du, ich bin doch schneller als Du. Rose. Das ist nicht wahr, ich war eher an der HauSthür. Grete. Za, weil Du über den Graben sprangst, allein das gilt nicht. Salome. Nun wartet, ich will Euch gleich gelten lassen, Ihr Landläuferinnen. Beide. O weh, die Mutter. Salome. Und wie sie aussehen, ganz erhitzt, glutroth im Gesicht. Nein, Hab' ich so was mein Lebtag gesehen? (sie hart anfahrend). Wo hat Euch denn der Henker? Antwort, wo wart Ihr? R o s e. Auf der Gemeindewiese, liebe Mutter. Grete. Sie haben ein Paar Spitzbuben ausgetrommelt. Rose. Und da haben wir die Beschreibung mit angehört. Grete. Es sollen ein Paar abscheuliche Kerls sein. Salome. Was gehen Euch die Spitzbuben an? Was kümmert Euch das Trommeln? Wenn man alle Spitzbuben in der ganzen Welt austrommeln wollte, man könnte nicht genug Tambours auftreiben. Bleibt bei Eurer Arbeit. Oder soll ich etwa Alles allein thun? Liegt nicht ohnehin alle Last ganz auf mir? Muß ich mich nicht in Allem auf mich selbst verlassen ? Thut etwa Euer Vater das Geringste für das Haus? Seit ihn der Himmel in seinem Zorn zum Ortsrichter gemacht hat, ist ohnedies kein Auskom- mit ihm. Steigt der Mann den ganzen 11 Tag herum, stolz wie ein Truthahn, und bildet sich wer weiß was, auf seine Richterstelle ein, und am Ende weiß er nicht einmal, wo Barthel den Most holt. — Kommt einmal ein wichtiger Rechtsstreit zur Entscheidung, so weiß er sich nicht zu rathen und zu helfen, und da muß meistens i ch immer den Ausspruch thun. Rose (schmeichelnd). Na das ist wahr, wir haben eine grundgescheidte Mutter! Grete (ebenso). Und eine liebe gute Mutter! Rose. Wir wünschen uns keine bessere mehr als Euch. Grete. Und wenn jetzt eine Andere hereinkäme, und sagte sie wollte unsere Mutter sein, wir möchten sie nicht. Rose. Nein! nein, um keinen Preis! Sa l ome (ganz besänftigt). Na, na, Ihr seid liebe Kinder, das braucht nichts. Ihr seht ein, was 2hr für eine vernünftige Mutter habt, und das ist nicht mehr als billig; dafür Hab' ich Euch aber auch vom Herzen lieb. Zhr könnt mir'ö glauben! — Neunte Seene. Vorige. Philipp (mit einem Päckchen). Philipp (der die letzten Worte gehört hat). Aber mich doch auch ein wenig? Salome. Ei sieh da, Philipp! Guten Abend! Na das versteht sich, ob ich Dich lieb' habe? bist ja mein guter Sohn, und obendrein der Majo- ratSherr; bist auch ein grundgescheid- ter Mensch, und gerathst ganz Deiner Mutter nach. Nun, was bringst Du uns denn Gutes? Philipp. Vor's Erste ein Stück Wildpret von der heutigen Jagd, und für'S Zweite eine nagelneue Neuigkeit. Salome. Danke, Philipp, danke, leg's nur dorthin, wollen uns es schon schmecken lassen. Nun und was lst es mit der Neuigkeit? Philipp. Auf dem Schlosse wird's bald Hochzeit geben. Salome. Hochzeit? Ach gewiß Fräulein Therese. Nun recht so, sie ist ein braves Mädchen, und verdient einen braven Mann. Hochzeit, ach Du lieber Himmel, eS ist doch was Wunderschönes um eine Hochzeit. — Wenn ich noch an meine Hochzeit denke, ich war damals etwas jünger als jetzt, und Ihr wart auch noch nicht auf der Welt, aber mit Freuden erinnere ich mich daran. Rose. Ob wir denn auch einmal Hochzeit machen werden. Grete. O gewiß, nicht wahr, liebe Mütter? Salome. Haltet die Mäuler, Gelbschnäbel, so was zu reden schickt sich nicht, das darf nur eine ehrbare Frau oder eine Mutier thun. — Werdet erst Mütter, und dann sprecht von der Hochzeit (zu Philipp). Nun, wer ist denn der gefeierte Herr Bräutigam? Philipp. Ein Baron Mallwitz aus der Stadt, aber er scheint ein wunderlicher Herr zu sein. Sa l o m e. Wunderlich? Wie so? Philipp. Da hat er sich nun in den Kopf gesetzt, das Fräulein zu prüfen. Beide kennen sich nicht, und haben sich nie gesehen, da will er nun, als Bedienter verkleidet, unter dem Namen Elias Regenwurm, mit einem Zeugniß in's Haus kommen, und das Fräulein aus die Probe stellen, ob sie seiner werth ist. Salome. Auf die Probe stellen? das Fräulein? als EliaS Regenwurm? Hat man so etwas sein Leben wohl gehört? Nein, was die Leute in der Stadt Alles erfinden, das ist wirklich aus der Art und Weise. Aber wo kommt'S her? Vom NichtSthun und 12 Müffiggehen, das steckt an, wie das gelbe Fieber, und Einer sucht's dem Andern an solchen Teufelsschelmereien zuvorzuthun. Eine Braut probiren? Blitzdummer Gedanke! Das ist schon das Wahre! Seit der Teufel eingcführt hat, die Bräute auf die Probe zu stellen, taugen die Weiber keinen Schuß Pulver mehr. Na, mir hätte Einer kommen sollen! Den hätt' ich be- probirt, daß ihm Hören und Sehen vergangen wäre. Rose. Ich ließ mich auch nicht probiren. Grete. Ich liefe vor Angst auf und davon. Salome. Nun, da hör' nur ein Christenmensch die gottlosen, ehrvergessenen Dinger an. Ob Ihr still sein wollt? — Hat man wohl sein Lebtag gehört, was sich jetzt die junge Brut erlaubt. Das Ei will klüger sein, als die Henne. Noch einmal ein solches Wort, und ich drehe Euch den Hals um. — Philipp. Aergert Euch nicht,liebe Mutter, sie haben's ja nicht so gemeint. Und nun gute Nacht, ich habe heute noch vollauf zu thun, morgen ist große Parforye-Iagd, und dann trifft vermuthlich auch der Bräutigam ein, und dann gibt'ß Arbeit in Fülle. Gute Nacht, Mutter! Adieu, Schwestern! Noch Eins, was ich von der Verkleidung des Barons Euch erzählte, ist ein Geheimniß, und muß unter uns bleiben; mir hat'S meine Mony anvertraut, darum bitt' ich: reinen Mund. — Verstanden? Salome. Ei, Philipp, für was hältst Du mich, glaubst Du, ich bin eine Plaudertasche? nun, das wäre mir das Rechte. Ich und Plaudern? Ist Dein Vater nicht Richter? gehör' ich also nicht zur Justiz, und muß die nicht schweigen können, wenn's gerade nicht nothwendig ist? Ei, sorge Dich nicht um mich, Philipp — Und Ihr Mädchen, still geschwiegen, kein Wort gesagt, sonst soll Euch der Kuckuk holen. Nein, wie wird die Müllerin sich wundern, und die lange Wirthin, und die dicke Landdragonerin, wenn ich ihnen die ganze Geschichte erzählen werde. — Das wird ein Mordspektakel geben. — Philipp (lächelnd, indem er ihr die Hand schüttelt). Ich sehe schon, ich habe mein Geheimniß am rechten Orte vertraut. Gute Nacht, Mutter! Salome. Nun warte, Philipp, warte, ich will Dir daö Geleite bis zur Hausthüre geben, und dann gleich zusperren. — Mag mein Alter klopfen, wenn er kommt; steckt vermuthlich im Gemeindehause und politisirt, daß es ein Graus ist. Hab' auch noch alle Hände voll zu thun, in der Scheune, im Kuhstalle, in der Milchkammer, weiß nicht, wo mir der Kopf steht. Heda, Ihr Dirnen, marsch zum Spinnrocken, daß etwas vom Flecke geht, wenn ich zurück komme und finde nicht -ein tüchtig Stück gesponnen, soll Euch der Schwarze den Kopf waschen. Komm, lieber Sohn, komm; ja, wie ich sage, es gibt gar wunderliche Affairen in der Welt, und wenn man die Sache rechts und links, vorn und hinten, auf allen Seiten und beim Lichte betrachtet, was ist's am Ende? Nicht's ist's! (Hat die letzten Worte schon im Abgehrn gesprochen, so, daß sie von Außen ganz verhallen). Zehnte Seerre. Rose. Grete. Grete. Nun, Rose, wollen wir spinnen? Rose. Hab' keine große Lust, mir kommt der Schlaf schon in die Augen. Grete. Mir auch — aber wenn die Mutter zurückkommt? Rose. Ei, die wird schon Mittel finden, uns den Schlaf zu vertreiben. 13 Grete. Das denk' ich selbst — darum laß uns lieber zum Spinnen schauen. Rose. Und ein munteres Liedchen dazu singen, so verfliegt der Schlaf, und die Arbeit geht besser von statten (setzt sich). Was singen wir denn? Grete. Das von den Bienen und den Schmetterlingen. Rose. Das gefällt mir nicht. Lieber das vom bösen Jager. Grete. Ei das mag ich nicht. Rose. Und mir gefällt kein anderes, als das vom bösen Jäger, das ist mein Leiblicdchen. — Grete. Wohlan, so singe Du das Deine, und ich singe, was mir gefällt. Rose. Das wirdein schöner Durcheinander werden. Doppel-Romanze. Rose. Es war einmal ein Jäger Gar bös und fürchterlich; Das Wild, was er erschaute, Das fällt' er sicherlich. Grete. Auf'n Berget bin ich g'sessen, Hab' den Vögerln zug'schaut, Hab'n g'sungen, Sein g'sprungen, Hab'n Nesterln sich baut. Rose. Der ging hinaus zu jagen Mit Bogen und mit Speer, siDa kam durch's Waldgehege Ein schmuckes Mägdlein her.rj Grete mit Rose zugleich. In' Garten bin ich gangen, Hab' den Bienen zug'schaut, j:Haben g'summt Und haben brummt Und haben Zeltern sich baut.-I Rose. jrSchwekg mit Deinem dummen Liedchen, Machst mich irre im Gesang. Lalala! Grete. Ei, Dein Lied will gar nichts taugen, Mein's hat einen bessern Klang. Lalala !:j , Rose. Schweige! Grete. Nein! Rose. sJetzt gleich sei still.' G rete. Du sollst schweigen. Rose. Wenn ich willig Grete. Wart, ich will's dem Vater sagen. Beide. siKurz und gut, ich bin nicht still, Jede singe, was He will.^ Rose lfortfahrend). Der Jäger drückt voll Liebe Das Mägdlein an die Brust, Und wollte schier vergehen Vor Seligkeit und Lust. Und aus der Nacht des Waldes Kam manches Thier herzu, Doch seit er selbst getroffen. Gibt er dem Wilde Ruh. (Sanfter Jodler). Grete mit Rose zugleich. Auf die Wiesen bin ich gangen Schau d' Schmetterling an, Sei'n g'flog'n, Hab'n g'sog'n, Jedem Blümel schön than. Und da kommt dann mein Schatzerl Und da zeig' ich ihm frei, Wie sie's treiben, Doch wir dleiben Einander stets treu. (Fröhlicher Jodler). 14 Gtlfte Gerne. Vorige. Elias (guckt zum offenen Fenster herein). Rose und Grete (erschrecken und springen auf). Ach! Elias. Guten Abend, meine lieben Schätzerin! Rose. Ach, das ist ein Dieb! Grete. Ein Räuber! Rose. Ein Feueranleger! Grete. Ein Mörder! Elias. Keines von allen Vieren, meine hochverehrtesten Landfräulein. Ich bin ein unglückliches Waisenkind, dem ein Paar solide Spitzbuben seine Kleider und Baarschaft weggestibitzt haben. Ich bitte um Alles in der Welt um Schutz und Obdach. Zch verlange ja sonst gar nichts, als ein Nachtquartier, ein gutes Essen, etwas Wäsche und Gewand, und morgen in der Frühe ein' Kaffeh und ein paar Gulden auf den Weg. — Auf Ehre, mehr begehr' ich nicht. Rose. Was meinst Du, was sollen wir thun? Grete. Ich denke, die Mutter rufen, wird das Beste sein. Elias. Erbarmen Sie sich, meine allervortrefflichsten Naturdamen, ich stppere vor Kälte wie ein Frosch, und glühe vor Hitze wie ein Schmelztiegel, geben Sie mir einen Unterstand nur auf einß Paar Monathe, und der Himmel wird eS Ihnen an verschiedenen Kindern ersetzen. — Bitte gar schön, träufeln Sie einige Tropfen Barmherzigkeit auf den Zucker Ihres vortrefflichen Herzens, und erquicken Sie eine arme von der Welt verlassene Menschenkreatur. Rose. Wie er so schön bittet, er erbarmt mich. Grete. Sind Sie wirklich kein Herr Spitzbube? Elias. Meiner Seel nein, ich bin so rein und unschuldig, wie ein Sie- benmonathkind. Rose. Za der Vater ist aber nicht daheim, und die Mutter könnte böse werden. Grete. Auch ist das HauSthor verschlossen, und wir dürfen nicht aufmachen. Elias. O, wegen dem HauSthor, da bitt' ich, sich kein graues Haar wachsen zu lassen, der liebe Himmel hat mich mit ein' Paar wunderbar langen Füßen gesegnet (steigt zum Fenster herein). Sehn's, da bin ich schon! Rose. Ach, da ist er wirklich. Grete. Mir wird angst und bange bei dem Menschen. Elias. Fürchtens Zhnen nicht, liebe Madeln, auf Ehr, ich beiß nicht, mir haben'ö als kleinen Buben den Wurm schon genommen. Rose. Er hat wirklich ein ehrliches Gesicht. Grete. Nein, er sieht keinem Spitzbuben gleich. Elias. Nicht wahr? O ich bewundere Ihre phisiognomischen Kenntnisse. Haben Sie vielleicht den Lafetter stu- dirt? Rose. WaS wollen wir mit dem Menschen anfangen? Grete. Za, das weiß ich nicht. EliaS. Mich dabehalten, daS wird das Vernünftigste sein, was Sie thun können. Rose. Also ausgeraubt sind Sie worden? Grete. Von Spitzbuben? Elias. Za. Wir waren unser Drei. Zwei Schnipfer und ein Be- schnipfter, der letztere Unglückliche bin ich, Alles haben Sie mir weggenommen, und zum gänzlichen Beschluß hat der Eine noch seine Pistole auf mich abgefeuert und mich todtgeschossen. Rose und Grete. Todtgeschossen? EliaS. Za, wie Sie mich da sehen, bin ich mauset-dt, er muß mich 18 aber zum Glück nicht getroffen haben; denn ich bemerkte nirgends eine Offenherzigkeit. Rose. Ach, das war der Schuß, den wir hörten. Elias. Za, der Schuß war ich. Grete. Za, wenn wir Sie nur wohin verstecken könnten, denn die Mutter darf Sie auf keinen Fall hier sehen. Elias. Zst die Mama tyrannischen Geblüt's? Rose. Das wohl nicht, aber sehr strenge — mit dem Vater würden Sie leichter zurechtkommen. Grete. Ja, wie gesagt, wüßten wir nur, wohin mit Ihnen; für Speise und Trank würden wir schon sorgen. EliaS. Vergelt's Gott zu tausendmal! Verstecken Sie mich, wohin Sie wollen? Zn eine Mehltruhe, ich kann gute Knödel machen; im Rauchfang, ich verstehe mich auf die Schinken- fabrikatur, in die Hühnersteige, so schlaf' ich doch gewiß auf Federn, oder was mir das Allerliebste wäre — quartiren Sie mich im Keller, denn nach so vielen StrapaHen brauch' ich wirklich eine geistige AuSheiterung. (Man hört Salome's Stimme). Rose. O weh, da kommt die Mutter schon. Grete. Jetzt wird's gut werden. — Ach Gott, was fangen wir an? — Elias (kniet mitten im Zimmer nieder). Vor Räubern und einem schlimmen Weib, Beschütz', o Himmel! meinen Leib. Rose. Sie ist schon auf der Treppe, Ach Gott, die Angst drückt mir das Herz ab! G r e t e. Nur geschwind mit dem Fremden dort in die Wäschtruhe. Rose. Du hast Recht, Schwester, den Schlüssel will ich abziehen, und bei mir behalten. Grete. Und wenn die Mutter fort ist, so lassen wir Sie wieder heraus — Jetzt nur schnell hinein, hinein! Elias. In die Wäschtruhen? Meinetwegen, ist mir auch recht, so kann mir die Zugluft nicht schaden, (indem er hineinsteigt). Wenn ich nur nicht so hungrig wäre, ich bin im Stande, und vergreif mich an ein Paar Polsterzichen. Rose (sperrt schnell zu und verbirgt den Schlüssel). Zwölfte Seene. Elias (in der Truhe). Rose. Grete. Salome (tritt rasch ein). Salome. Nun, da haben wir'ö; Hab' ich mir's nicht gedacht, da stehen sie und lassen Spinnrocken Spinnrocken sein. — Warum seid Ihr nicht bei der Arbeit, Ihr liederlichen Dirnen? Rose. Ich habe — weil — Grete. Ich muß — da — S a lom e (sie ausspottend). Ich habe — weil — Ich muß — da — Was soll daö heißen? Faule Dinger seid Ihr, die, wenn man nur den Rücken wendet, alle Arbeit liegen lassen. Aber wartet, Ihr sollt mich schon noch kennen lernen. Apropos! wer hat die Stubenwoche. Rose. Ich. Salome. Warum sind die Betten im ober» Zimmer nicht überzogen? Rose. Weil — weil ich vergessen habe — Sa l 0 M e (gibt ihr einen Knips). Zch will Dich darauf denken lehren. — Alles muß ich selber thun. (geht gegen die Truhe). Warum ist denn die Truhe verschlossen? — den Schlüssel her! Rose. Zch Hab' ihn nicht. Sa l o me. Nicht? Wer hat denn hernach die Woche? Rose. Die Grete. Grete. Nein, die Rose. 16 Salome (zu Rose). Ja, sag mir/ Wetterkind, bist Du denn besessen? Einmal hat sie die Woche, ein anders Mal wieder die Grete. — Da steckt eine Teufelsspitzbüberei dahinter, meinen Kopf zum Pfände. — Jetzt auf der Stelle den Schlüssel her! (Man hört läuten.) Rose und Grete. Ach der Vater! der Vater! (laufen schnell ab.) Salome. He, dageblieben! — Fort find fie, daß war ihnen ein gefundener Handel, sich aus den Staub zu machen. — Was sie nur in der Truhe haben mögen? Denn daß etwas darin steckt, darauf möcht' ich meinen Sonntagsrock verwetten. Thut nichts, will schon dahinter kommen, o mir entgeht nichts, ich habe meine Augen überall. Dreizehnte Seene. Vorige. Rose, Grete, dann Wasserhahn, Darberger, Geier (in Elias Kleidern, die Hände auf den Rücken gebunden). Bewaffnete Bauern. Rose. Der Vater kommt, und mit ihm der Herr Gerichtshalter. Grete. Sie haben einen schlechten Menschen gefangen, einen Straßenräuber. Rose. Die Bauern bringen ihn gebunden. Grete. Da sind sie schon. (DieObigen treten ein.) Wasserhahn. Nur hier herein da. Hier beim Richter wollen wir das erste Verhör halten, im Gemeindhaus das zweite, endlich auf der Gerichtskanzlei das dritte, und dann wollen wir sehen, ob wir nicht auf die bestmöglichste Art und Weise die Tortur appliciren können. Darberger. Richtig, ganz aus meiner Seele gesprochen, Herr Ge- richtshalter. Geier. Meine Herren! Ich frage Sie noch einmal, wer Ihnen das Recht gibt, einen ehrlichen Mann so zu behandeln? Wasserhahn. Ehrlichen Mann? — Nun ja, so sehen sie aus, die ehrlichen Männer. Ein Spitzbube sind wir! — Darberger. Richtig, Herr Gerichtshalter, wir sind ein Spitzbube. Wasserhahn. Wer war denn der Andere, der so schnell davonlief, als wir Euch singen? Darberger. Richtig, das Hab' ich gerade fragen wollen, wer war der Andere? Geier. Ich habe Niemanden gesehen, ich war allein, und ging ruhig meiner Wege. Wasserhahn. Und diese Pistole hier, die habt Ihr auch nicht weggeworfen, als Ihr uns erblicktet? Daxberger. Za wohl, wegen der Pistole, eben Hab' ich mich darnach erkundigen wollen. Geier. Die Pistole gehört nicht mir, folglich Hab' ich sie auch nicht in der Hand gehabt, und folglich auch nicht weggeworfen. Wasserhahn. Das ist ein hartgesottener Bösewicht! Darb erg er. Ja, das ist er, grad' Hab' ich'S auch sagen wollen. Wasserhahn. Der wird uns Mühe machen, aber es hilft ihm doch nichts. Er ist Einer von den beiden Spitzbuben, die man verfolgt; und deren Steckbriefe ich heute vorgelesen. — Die Beschreibung des Einen trifft auch ganz mit dieser Galgenphifiogno- mie überein, nur andere Kleider hat er an; doch das thut nichts, wird sich schon andere zu verschaffen gewußt haben (betrachtet ihn genau). Nun, da haben wir's, da ist auch der falsche Blick, ganz nach der Beschreibung. Darberger (sieht ihn ebenfalls an). Ja, ist ganz nach der Beschreibung, ich hab's schon lange bemerkt. 17 Wasserhahn. Nun warte, Galgenvogel; Du sollst die hochnotpeinliche Justiz kennen lernen! Geier. Meine Herren! Zum letzten Male, lassen Sie mich frei, oder es soll Ihnen theuer zu steh'n kommen, ich habe gar gute Freunde in der Stadt. Wasserhahn. Ja, vielleicht im Zuchthause! Darberger. Sonderbar, das Hab' ich gerade auch sagen wollen. Wasserhahn. Jetzt bekenne auf der Stelle, ruchloser Bösewicht/ wer bist Du, und wie heißt Du? Geier. Ich bin ehrlicher Leute Kind, mein Vater war Börsenspekulant, und hat mich, sein einziges Kind, in dem Geschäfte auferzogen und unterrichtet; zum Unglück ist er bankerott geworden, und ein Prozeß, den er mit einem Seiler wegen einer Rebschnur gehabt hat, hat ihm vollends den Rest gegeben, und er ist an einer Halsentzündung gestorben. Nun war ich gezwungen, in Dienste zu gehen, ach! das ist mir auch bei meiner Wiege nicht vorgesungen worden; ein armer Dienstbot ist ohnedieß geschlagen genug, und jetzt soll ich noch unschuldig eingesperrt werden. (Weint.) Ach, das schmerzt, das thut grimmig weh! Ueber Sie, meineHerren, die Verantwortung, und auf Ihr Gewissen diese bittern Thränen, welche schmerzensvoll die Stricke benetzen, womit meine Hände gebunden sind. Wasserhahn. Seine Thränen benetzen die Stricke, womit seine Hände gebunden sind? Der Mensch muß einen sonderbaren Thränenquell haben. Darberger. Ja, das ist mir auch ausgefallen. Rose (zu Salome). Ach Mutter, das ist ein armer Narr. Salome. Ich glaub' nicht, ich halt' ihn eher für einen durchtriebenen Schlingel. Wiener Theater-Repertoir. XXI. Geier. Wenn es Ihnen gefällig ist, meine Brieftasche zu durchsuchen, so werden Sie mein Dienstzeugniß finden, ich bin ein rechtschaffener Mann und heiße Elias Regenwurm! Salome (stutzt). Elias Regenwurm? Wasserhahn (hat ihm das Aeugniß abgenommen, und liest es). Richtig, er heißt EliaS Regenwurm! Darb erg er. Ja, so heißt er, ich hab's ihm gleich angesehen. Wasserhahn. Also weder Hecht, noch Geier, wie es beschrieben, son« dern Regenwurm! hm! hm! hm! Darberger. Mithin auf jeden Fall ein Vieh! hm! hm! hm! Salome. Mit Erlaubniß, meine Herren, jetzt Hab' ich auch ein Wort drein zu reden, (zu Geier barsch.) Heißen Sie wirklich Regenwurm? Geier. Das wird Sie wenig kümmern, Sie neugierige alte Schachtel! Salome. Ei, Du impertinenter Grobian (man hört Getöse in der Truhe), Was ist das? Elias (kn der Truhe). Auf — auf — laßt mich heraus. Ich bin der Rechte! Rose. Ach Gott! er verräth sich selber. Geier. Nun wird's einen Tanz absetzen. Salome. Da ist Jemand in der Truhe (zu den Mädchen). Aha! Issum die Zeit? Auf der Stelle aufgesperrt ! Rose. Ach liebe, gute Mutter! Grete. Wir können nichts dafür. Salome. Aufgesperrt, oder das blitzblaue Donnerwetter soll Euch holen, Ihr gottlosen Kinder! Rose (sperrt auf). Elias (steigt heraus; er ist ganz in Bettzeug eingcwickelt, eine große Polsterziehe auf dem Kopf, und ein großes Leintuch über dem Rücken). Der Kerl lügt, ich bin der rechte Regenwurm! L 18 (Alles stutzt, und ist in gespannter Erwartung). Wasserhahn. Aha, da ist gewiß der andere Spitzbube. Nur angepackt und auch festgehalten. Elias. Bitt' tausendmal um Verzeihung , ich bin wahrhaftig kein Spitzbube, sondern ein Jüngling voll Unschuld und Natur. Salome. Wie kommt Er da herein, und in meine Wäschtruhe? Elias. Ach, edle Matrone, erbarmen Sie sich, und nehmen Sie sich meiner an. — Der dort ist Einer von den beiden Hallunken, die mich ausgeplündert haben, der Rock, den er an hat, ist mein, das Zeugniß ist mein, Alles ist mein, nur das spottschlechte Gesicht ist sein Eigenthum. Salome. Ich will wissen, wie Er in die Truhe kommt? Darberger. Ja, daß Hab' ich g'rad fragen wollen. Elias. Edle Matrone, ich will Alles bekennen. — Sie scheinen ein hohes Herz zu haben, man sieht es an Ihrer tiefen Physiognomie. — Ausgeplündert, und vor Angst und Schrecken ganz zermatscht, war ich so frei, an Ihr Fenster zu klopfen; die beiden Fräulein Töchter waren so gütig, mich aufzunehmen, und in die Truhe zu verstecken (kniet). Edle Matrone, ich habe noch nie eine Mutter gehabt, erbarmen Sie sich eines unschuldigen Knaben, und vertreten Sie Vaterstelle an mir. Salome. Er erbarmt mir. Nein, das ist in Ewigkeit kein Spitzbube. Wasserhahn. Das kann man nicht wissen; aber wir werden sogleich auf's Klare kommen. Darberger. Ja wohl, gleich werden wir auf dem Klaren sein. Wasserhahn (zu Geier). Auf der Stelle gestanden. Kennt Ihr diesen Menschen? Geier. Ich Hab' ihn mein Lebtag nicht gesehen, aber meinen Kopf will ich verwetten, es ist Einer von den Straßenräubern, die Sie suchen. Elias (springt auf). Ach! ach! ach! Das ist schon ein dreifach doppelter Hallunke. Wasserhahn. Wir wissen vor der Hand genug, jetzt fort mit allen Beiden auf's Amt, ich will gleich das Protokoll entwerfen, und alle Anstalten zur Tortur treffen. — Wartet nur, Ihr Bösewichter, Ihr sollt Eurer Strafe nicht entgehen, in meinem Urtheil will ich wenigstens auf ewiges Gefängniß antragen. Elias. Ewiges Gefängniß? Ach Gott! Das überleb' ich nicht, da müssen Sie mir schon ein paar Monate Nachsehen. Salome. Mit Erlaubniß, Herr Gerichtshalter, daß ich auch ein Wort i drein rede; mir kommt die ganze Sache sehr bedenklich vor. Darberger. Kurios bedenklich, das Hab' ich gleich von allem Anfänge gesagt. Salome (heimlich zu ihm). Du halt's Maul, Du bist ein Dummrian, ein Jaherr, der der ganzen Welt Recht gibt, das wäre mir der wahre Richter. — Herr Gerichtshalter, ich weiß etwas, ein großes Geheimniß, aber ich darf's noch nicht von mir geben, d'rum handelt sich's jetzt vor Allem darum, welcher von diesen Beiden der Regenwurm und welcher der Spitzbube ist — Geier (trotzig). Ich bin der Elias Regenwurm. EliaS. Also wäre ich der Spitzbube? Salome. Das will ich auf der Stelle entscheiden. — Lassen Sie Beide auf's Amt bringen, Herr Gerichtshalter, und für das Uebrige lassen Sie mich sorgen. Wasserhahn (stolz). Ich weiß, was meine Pflicht mir auferlegt, aber: mulisr taoet in eel68is. 19 Darberger. Ja wohl, mulus pls- eet in excelsis. Wasserhahn. Also ohne weiters, fort mit ihnen. (Beide werden fortgeführt). Geier (schreit). Ich schrei es durch die ganze Welt, ich bin unschuldig. Elias. Ach erbarmt sich denn Niemand meiner? (sie kommen an die Lhür, plötzlich ruft) Salome. Apropos! Herr Elias Regenwurm! Elias lsich umkehrend). Was verlangst Du, edle Matrone? Salome (schlägt vergnügt die Hände zusammen). Aha! nun Hab' ich's, der ist der rechte Regenwurm, er hat sich selbst verrathen, und das ist der Spitzbube. Nun, Ihr superklugen Herren, seht Ihr, daß ich gescheidter bin, als Ihr. Nehmet also nur den da mit, aber dieser gehört unter meinen Schutz. Verstanden? EliaS. Edle Matrone! Ich bewundere Deine Weisheit! Dalberg er. Sag mir nur, Alte, warum er Dich immer eine edle Patrone heißt? Salome. Halt's Maul, was verstehst denn Du? Wasserhahn. Meine liebe Frau Salome, das geht nicht, so wie i Sie glauben. Die beiden Vagabunden j sind der Gerechtigkeit anheim gefallen, folglich gehen sie auf's Amt. Salome (auf Elias). Und der da geht nicht. Mordtausendsapperment, das ist hier mein HauS, und da Hab' i ch zu schalten und zu walten, verstanden? — Der Mensch da hat bei mir Schutz gesucht, ist in meinem Zimmer, ja sogar in meiner Wäschtruhe gewesen, folglich ist er mein Gast. Er geht jetzt mit mir auf's Schloß, der gnädige Herr soll dann entscheiden, was geschieht (nimmt das Zcugniß vom Tische). Das Zeugniß nehmen wir mit, und Ihr, Mädels, schnell, Euer Fehler ist Euch verziehen, aber nun tummelt Euch, haltet den alten Oberrock von Philipp bereit. Allons — hurtig. Macht, daß Ihr fortkommt. Rose. Wir gehen schon, liebe Mutter! Grete. Wir sind froh, daß Alles so gut abgelaufen. (Beide ab.) Salome. Und nun kommen Sie, mein Herr Baron, Alle. Baron!? Elias. Was, bin ich jetzt ein Baron? Salome. Nicht doch — weiß Alles — Sie sind der Elias Regenwurm schlechtweg — hihihi! — wie gesagt, weiß Alles, aber (schlägt sich auf den Mund) stumm wie ein Fisch. Gott bewahre, daß ich plaudern sollte — kommen Sie nur, sich anzukleiden, und dann schnell auf's Schloß. Wasserhahn. Frau Salome, ich warne Sie noch einmal. Darberger. Ja wohl, gerade Hab' ich Dich auch warnen wollen. Salome. Was warnen? Mich hat kein Mensch zu warnen, ich thue, was Recht ist, und wer etwas dagegen einwendet, dem kratze ich die Augen aus. — Platz da, sag' ich. Kommen Sie, — mein bester Herr von Regenwurm! Elias (ermuthigt). Platz da! Unschuld und Tugend halten ihren Auszug. (Beide ab.) Wasserhahn. Herr Richter, Ihr habt da ein böses Weib. Darberger. Gerade Hab' ich auch die nämliche Bemerkung gemacht. Wasserhahn. Was ist nun zu thun? Darberger. Dieselbe Frage habe ich auch thun wollen. Wasserhahn. Ich denke, weil uns der eine Delinquent entkommen ist, so wollen wir uns jetzt bloß an diesen halten, ich will aber auch jetzt die ganze Justiz auf ihn hinaufwerfen, und die Strafe verdoppeln. r * so Darbexger.^Za wohl. Ewiges Gefängniß, aber verdoppelt. Geier. Herr Gerichtshalter, jetzt Hab' ich's genug, nehmen Sie mir's nicht übel, aber ich muß Ihnen frei heraus sagen, daß Sie ein Schafskopf sind. Darb erg er. Za wohl. Das Hab' ich eben auch — (schlägt sich aufden Mund). Pst! - Wasserhahn (im höchsten Zorn). WaS, ich ein Schafskopf? — Nun wart, Spitzbube, das soll Dir theuer zu stehen kommen. Das kann Dir jetzt den Hals kosten. — Schleppt ihn fort, in den tiefsten Kerker, und dann geht's an Galgen und Rad. Schafskopf! — ich ein Schafskopf! Nun warte! Du sollst schon noch besser die Wahrheit gestehen. Allons, fort mit dem Staatsverbrecher, mit dem Erzbösewicht, mit dem orimins msleksctor (mit Geier und den Bauern ab). Darberger. Was Hab' ich denn gerade sagen wollen? — Za richtig. — Was ein Ortörichter für eine Plage hat, das glaubt kein Mensch, der's nicht weiß, und der es weiß, der glaubt'ö nicht, (ab.) Verwandlung. (Vorsaal auf dem Schlosse. In der Mitte ein großer Luster, seitwärts Candelabres, in der Mitte ein Bogen, beiderseits Thüren). Vierzehnte Seene. Bediente und Zä g er sind beschäftigt, Speisen, Weinflaschen und leere Teller hin- und her zu tragen. Rascher Chor. Hurtig, frisch, Deckt den Lisch, Bringet Trank und Speise Rasch herbei Frank und frei Nach gewohnter Weise, j-Wer auf Ordnung halten kann, Stellt auch sicher seinen Mann.rj (Die Bedienten und Jäger verlieren sich, nach einer Pause) Fünfzehnte Seene. Elias (umgekleidet). Salome (das Zeugniß in der Hand, treten auf). Salome. So, da sind wir schon an Ort und Stelle, nun haben nur der Herr Baron — hm, wollte ich sagen, der Herr Elias Regenwurm die Güte, hier zu warten, ich will gleich sehen, wie ich an den gnädigen Herrn komme. Das Zeugniß nehme ich mit. — So, und nun Courage, nicht verzagt, erholen Sie sich von Zhrem gehabten Schrecken, und denken Sie, es wird Alles gut werden, denn Zhre Glückssonne iftimAufgehen! — Adieu indessen, Adieu (ab). Elias. B'hüth Gott, Matrone! Meine Glückssonne ist im Aufgehen, nun, Zeit wär's einmal, wenigstens war's bis jetzt immer stockpechkohlrabenschwarzfinstere Nacht bei mir. Zch möcht' nur wissen, warum sie mich immer Herr Baron nennt? Bin ich etwa ein Baron? Vielleicht ein heimlicher, ohne daß ich's weiß. Kann leicht sein, mein Papa wird's am besten wissen. — Wenn ich nur wüßte, was ich hier auf dem Schlosse soll? Vielleicht krieg' ich einen Dienst, das war' ein wahres Glück für mich, ich ver- dien's, denn ich war immer ein ehrlicher Kerl — (stockt). Zmmer? Elias! wie? — schau' mir grad in die Augen, da komm her, noch näher (tritt auf die andere Seite, seiner vorigen Stellung gegenüber), es braucht's sonst kein Mensch zu hören, jetzt aber leg' die Hand an's Herz und sag' mir — (läuft hinüber). Za, was soll ich denn sagen? (läuft herüber). Ei, Herr Elias! Erinnere Dich vor drei Zähren (läuft hinüber). Du lieber Himmel, meinen Sie etwa die Kinderei mit meinem Herrn, dem Major? (läuft herüber). Keine Kinderei, 21 bekenne, was hast Du gethan? (läuft hinüber). O weh! Reißen Sie mir nur nicht die Ohren aus, ich will ja bekennen (läuft herüber). Wohlan, bekenne, Schuft! (läuft hinüber). Der Herr Major hatte eine Geliebte, eine Tänzerin, eine gewisse Randolini. Er schrieb ihr einen entscheidenden Brief, ich sollte ihn hintragen, der Herr Hauptmann Heinseld war auch in das Mädel verliebt, gab mir einige Dukaten für den Brief, und ich mußte meinem Herrn sagen, er wäre bestellt. -- Mein Herr verlor das Mädel, und ich den Dienst. Er kam dahinter, und ich wurde davon gejagt, (läuft herüber). So — Und ist das etwa eine Kinderei, Spitzbube? (läuft hinüber). Aber das exemplarische Leben, was ich hernach geführt Hab' — (herüber). Nun wohl, Herr Elias, Alles sei Ihnen verziehen, leben Sie glücklich und in Frieden, dieß Schloß scheint ganz dazu geeignet, (hinüber.) Ich küß Ihnen tausendmal die Hand für die Gnaden (läuft herüber und streckt die Hand aus). Das mögen Sie immerhin thun, Herr Elias (läuft hinüber und küßt sich selbst die Hand). Vergelt's Gott zu tausend Mal. Sechzehnte Seene. Vorige. Monika (ist schon früher eingetreten, und hat Elias Gesten bemerkt, bricht nun in ein lautes Gelächter aus). Elias (erschrickt und sieht sich um). O je! — da ist wer — Jetzt werd' ich schön ausgelacht — das ist vielleicht gerade das Fräulein vom Haus (schneidet Kratzfüße). Diener! Diener! Monika. Was haben sie denn da für einen Narren hereingelassen? Elias. Narren? Nein, so grob ist kein Fräulein von Anno Heuer. Es wird das Kammermädel sein, wenn mich anders meine Domestixen-Praxis nicht betriegt (fixirt sie). Richtig ist's schon, sie sieht einem Stubenkatzel gleich, wie ein Tropfen Ei dem andern (betrachtet sie läppisch). Sie ist nicht Übel, da läßt sich vielleicht was anspinnen. Monika. Nun, was gafft mich der Herr so an? Elias. Ich weide mich an Ihren Reizungen. Monika (spöttisch). Wirklich? Sehr schmeichelhaft für mich. Elias. Auf Ehr, Sie sind sehr schön. Monika (wie oben). Ich wollte, ich könnte das von Ihnen auch sagen. Elias. Da brauchen Sie gar nichts zu thun, als so zu lügen, wie ich. Monika (gereizt). Impertinent! Weiß der Herr, daß Er sehr keck ist. — Was die Männer mir täglich wiederholen, brauch ich nicht erst von Ihm zu hören, auch sagt mir mein Spiegel alle Stunden, daß ich hübsch bin. Elias. Das kann vielleicht ein Vexirspiegel sein. Monika. Grobian, pack' Er sich hinaus , oder ich rufe die Leute. Wer ist Er? und was will Er hier. Elias. Was ich hier will, weiß ich eigentlich selbst noch nicht. Aber wer ich bin, damit kann ich aufwarten. Ich bin der Elias Regenwurm. Monika (erschrickt). Gott steh mir bei, der Regenwurm (läuft ab). Elias. Da haben wir's, jetzt läuft sie gar davon. — Das wird doch eine närrische Gretel sein, und über'n Regenwurm ist sie so erschrocken. Sie wird doch nicht zweifeln, daß ich's bin, ich glaube, das wird mir ein jeder vernünftige Mensch ansehen, daß ich einem Regenwurm gleich seh! Siebzehnte Seene. Vorige. Eschenbach. Salome (aus der Seitenthür). Salome. Sehen Euer Gnaden, da steht er. 22 Eschenbach (das Zeugniß in der Hand). Schon gut, schon gut, meine liebe Frau Richterin. — Jetzt heißt eS: Hatz los! das wird eine treffliche Treibjagd geben, aber noch einmal, reinen Mund, nicht geplaudert, nicht Appell geblasen, da! (gibt ihr eine Börse). Hier das Jägerrecht! und nun avanee! Salome (küßt ihm die Hand). Ich küsse unterthänigst die Hand, Euer Gnaden! (zu Elias,) Nun, Herr Elias Regenwurm, da ist der gnädige Herr, nur an den sich halten, da sind Sie schon gut aufgehoben, hihihi! Nun Adieu! — Gott befohlen, und in acht Tagen, wenn's der Himmel will, hol' ich mir einen Hochzeitskuchen. Eschenbach (ihr zuwinkend). Hoho! (r, knux! Isux! Hab Acht! Salome (erschrickt und faßt sich). Ja so! Ganz unterthänige Dienerin, (mit Bücklingen ab.) Elias (Eschenbach angaffend). Das ist also der gnädige Herr, der schaut aus, wie ein angelegter Uhu! Eschenbach. Wie er mich äuget. — Er stellt sich fromm, aber ich will ihn gleich abspüren und anlaufen lassen, (geht auf ihn zu) Waidmannsheil! Elias. Was schaffen's? Eschenbach. Ja so, er ist nicht gerecht, da wird's nichts sein mit der Waidmannssprache. Muß ihn anders annehmen; — Sie also sind, hm! hm! Er also ist der gewisse Elias Regenwurm? . Elias. Wenn Sie nichts dagegen haben, ja! Eschenbach. Er spürt einem Dienst nach, nicht wahr? Elias. Ja, aber bis jetzt habe ich noch nichts davon gespürt. Eschenbach. Und das hier ist sein Zeugniß? Elias. Ja, von einem meiner unendlich vielen vorigen Herren, Eschen bach. Hähähä! (für sich.) S' ist die Hand meines Freundes, Hab' sie gleich erkannt. Aber der Mensch weiß sich prächtig zu verstellen — (laut). Nun, wir sind schon auf der rechten Fährte. Bediente, wie Er einer ist, mein lieber Elias Regenwurm, brauchen keine Attestate. O ich bin nicht so leicht zu blenden. Ich nehme Ihn auf sein gutes Gesicht (steckt das Zeugniß ein). Elias (verbeugt sich verlegen). Ach, gnädiger Herr! Eschenbach- Und auf seinen guten Ruf. EliaS. Ach, ach! Euer Gnaden, gnädigster Herr von — Eschenbach (ihn fixirend). Es ist erstaunlich, wie er seinem Onkel gleich sieht (laut). Nun, mein lieber Elias, wie ist's Ihm denn sonst in seinem Dienst beim Herrn Major gegangen? EliaS. O recht gut; außer Kost und Lohn hat mir gar nichts gefehlt. Eschenbach (für sich). Er ist nicht aus der Fassung zu bringen. (Laut.) Wie oft hat Er denn schon abgeworfen? EliaS. Erlauben Euer Gnaden, ich j habe noch Niemanden aufsitzen lassen. Eschenbach, hu Isux, nicht doch, ich meine, wie alt Er ist? Elias (wird immer vertraulicher). Na, was glauben Euer Gnaden? Eschenbach. Nun, ich denke 26. EliaS. Höher, Peterl! Eschen bach. Oder 28, EliaS. Höher, Marg'reth! Eschenbach. Nun kein Dreißiger wird Er doch nicht sein? Elias. Auf Ehr', ich bin 34 Jahr alt; 2 Jahr war ich bei meinem Herrn Göthen in Gablitz, sonst wär' ich schon 36. Eschenbach (für sich). Hähähä! Tcufelsmensch, ist nicht einzuholen. (Laut.) Na, wie gesagt, wir bleiben schon beisammen, Er hat mir gleich auf den ersten Augenblick gefallen. Ich lieb' ihn, und hoffe bald mehr für sein Glück zu thun. Hähähä! Ja ja! ich werde sein zweiter Vater sein. Elias. Ojalhaben's dieGnad',ich weiß ohnehin nicht, wer mein erster war. Eschenbach (für sich). Spannt nie ab, ist immer schußfertig. — (laut). Nun und was machen wir denn mit seinem Lohne? Elias. Gnädiger Herr, da verlass' ich mich ganz auf Sie, machen Sie was Sie wollen, ich bin gar nicht habsüchtig. Esche nbach. Sind Ihm jährlich 1V,OVO fl. genug? (für sich). So viel geb' ich meiner Tochter mit! Elias (erstaunt). 10,000 fl.? Ach Gott, Ew. Gnaden, das ist sehr billig, ich versichere auf Ehre, ich bin jetzt mit viel weniger ausgekommen, (für sich). Das ist ein kurioser Herr! Eschenbach (für sich). Ich muß ihn in einemfort antreiben, soll mir ganz verplefft werden (laut). Und ferner, wenn man seinen Dienst verändert, nach einer langen Reise — ja, da hat man immer einen kleinen Vorschuß nöthig — nicht wahr? (wirft ihm eine Brieftasche zu). Da, mein lieber Regenwurm, ist das erste Vierteljahr seines Lohns. Elias (fängt sie auf — betroffen). Wenn das eine Fopperei sein soll, so weiß ich nicht, wer der Gefoppte ist (steckt die Brieftasche ein). Eschen bach (für sich). Der Teufel, die Brieftasche macht ihn nicht sehr verlegen. Elias. Euer Gnaden, wahrhaftig, ich kenne mich nicht aus vor lauter Verwunderlichkeit. Eschen bach. Stille, stille, mein lieber EliaS! Ich muß Ihm sagen, nach einem solchen Diener habe ich mich schon lange gesehnt, und um Ihm dieß zu beweisen, Hab' ich eine Anzahl guter Freunde versammelt, und werde die Ehre haben, Ihn Allen selbst vorzustellen. Elias (für sich). Kein' Stolz hat er nicht, das ist wahr (laut). Aber Ew. Gnaden, ich bitt Ihnen — Eschenbach. O eö wird Allen eine herzliche Freude sein, Ihn zu sehen und kennen zu lernen (ruft in die Thür). Meine Herren und Damen, ich bitte Sie, allerseits heraus zu spazieren. EliaS. Mir wird angst und bange bei der ganzen Historie. Achtzehnte Seene. Vorige. Therese. Monika. Holm. Wildek. Dorner. Mühlberg. Elise. Agnes. Herren u. D amen. Philipp und einige Jäger. Eschenbach. Hier, meine verehrten Herren und Damen, Hab' ich die Ehre, Ihnen meinen neuen Leiblakai Elias Regenwurm vorzustellen. Elise. Ich bin entzückt! > Agnes. Es freut mich un- j endlich! 1 ^ Holm. Große Ehre! s « D orner. Vortrefflich, daß!^ ^ ? Sie da sind! /KH W i l d e k. Sein Sie mir! " froh gegrüßt. »H- Mühlbach. Empfehle mich l^ Ihrer Freundschaft! / Die Uebrigen. Willkommen! herzlich willkommen! Elias (weiß nicht, wohin er sich vor Komplimenten wenden soll, ganz perplex). Aber gnädige Herren — gnädige Frauen, — ich weiß nicht — ich war — ich bin — ich bitte Ihnen um Alles in der Welt — Eschenba ch. Sie müssen ihm schon vergeben, daß er in einem solchen unhochzeitlichen Kleide vor Ihnen erscheint, auch steckt der Schrecken noch zu sehr in ihm; draußen auf der Gemeindewiese haben ein paar Wilderer ihn rein ausgeplündert, und Einer hat sogar nach ihm geschossen. 24 Alle. Zst das möglich? EliaS. Ja, es war eine schreckliche Schusserie. Therese (welche während dem ein lebendiges Spiel mit Monika hatte, die sie immer zu trösten sucht). Ach, was ist das für ein Mensch? Monika. Fassung, Fräulein, Fassung! Eschenba ch (leise zu Theresen). Nun, Röschen, wie gefällt er Dir? Nicht wahr, er ist charmant, auch stark und gut. In 8 Tagen ist Hochzeit. Therese (für sich). Zch bin des Todes! Eschenbach. Und nun, meine werthen Herrschaften, wir sind beim Souper aufgestöbert worden, zwar auf eine angenehme Art, aber demun- gcachtet wollen wir wieder auf die Haltstatt. Es gibt noch einen köstlichen Schmalspießer zu verzehren, der Kerl muß ganz Osrröv gemacht werden. Komm Er, lieber Regenwurm. Elias (auflebend). Ja, der Marsch und die Strapatzen haben mir Appetit gemacht. Haben Sie die Güte, mir einen Platz am Bediententische anzu- weisen. Eschenbach (lächelnd). Am Bedien- tentische, lieber Regenwurm? Hähähä! wo denkt Er hin? Ein Diener seiner Art! Nein, nein, neben mir an der Tafel ist für Ihn gedeckt. Elias. Neben Ihnen? an der Tafel im Speisesaal? Eschenba ch. Ja, ja, Herr Regenwurm, seine Gegenwart kann dieser Gesellschaft nicht anders als schmeichelhaft sein. Alle. O gewiß! Sehr schmeichelhaft ! Unendlich angenehm! Elias (macht Kratzfüße). Diener, Diener! (für sich). Hol' mich der Teufel, jetzt weiß ich bald nimmer, bin ich besoffen, oder im Narrenthurm? Eschenbach. Und ein Weinchen soll Er trinken, einen S7ger, der sich gewaschen hat. Elias. Ich danke, ein ungewaschener wäre mir lieber. Eschenbach. Hähähä! Ist doch ein loser Vogel, der Regenwurm! Nun, reiche Er meiner Tochter den Arm. Elias. Aber ich — Eschenbach. Ohne Umstände. Toch — ! Toch — ! Therese (in größter Verlegenheit). Ach, lieber Vater, nur einen Augenblick — ich bin so betroffen — ich bitte, nur vorauszugehen —ich komme nach, gewiß recht bald. Eschenbach. Aha, dec Brautschauer, nicht wahr, Röschen? — Nu, kann mir's denken! Recht, recht, geh ein wenig in den Garten und erhole Dich , aber komm bald wieder. Nun, Regenwurm, frisch, ein paar andere Damen genommen.—Hurtig! da! da! Huchda! (zu Elise und Agnes). Meine Damen, nehmen Sie ihn in Ihre Mitte. — Er stellt sich nur so feuerscheu, aber ich versichere Sie, er ist so pfiffig, wie ein Brandfuchs. E l i s e (zu Elias). Jst's gefällig? Agnes. Ihren Arm, Herr von Regenwurm! Elias. Ja, wenn's schon nicht anders ist — aber Ew. Gnaden — Esch enb ach. Ist Er in meinen Diensten oder nicht? Elias (denkt nach). Warten Euer Gnaden ein Bißl. — Ja, ich bin in Ihren Diensten. — (füc sich). Ich kenne mich halt nicht aus. Eschenbach. Wohlan, so befehle ich 2hm, in meinem Hause zu befehlen, als wie in seinem Eigenthum. Elias. Ew. Gnaden befehlen? Mir is's recht. — Also kommen's, meine gnädigen Damen. — Sie ha- ben's jetzt selber gehört, der gnädige Herr hat befohlen, daß ich befehlen soll (er reicht ihnen den Arm, immer Spiel der Unbeholfenheit). Eschen-ach (zu der Gesellschaft). Er spielt seine Rolle vortrefflich, man sollte darauf schwören, er wäre der unbeholfenste Bengel. — Jst'S gefällig, meine Herrschaften ? alloim, avanye! (Er bietet einer Dame den Arm, die andern Herrn desgleichen. Elias stolpert an der Thüre. — Kopfschütteln und Verwunderung der Gesellschaft über sein plumpes Benehmen. Alle ab in's Speisezimmer). Neunzehnte Scene. Therese. Monika. Therese. Monika, ich -in das unglücklichste Geschöpf aus Gottes Erde! Monika. Nun, nun, Fräulein! Fassen Sie sich doch, es wird so arg nicht sein, bedenken Sie, daß Alles nur Maske ist. Therese. Nein, das ist in Ewigkeit nicht Maske; der Mensch ist ganz so, wie er sich stellt. O mich hintergeht man nicht. Monika. Wenigstens ist Höflichkeit seine schwache Seite nicht, das hatt' ich gleich bei unserer ersten Zusammenkunft weg gehabt. Therese. Nein, Monika, den hei- rath ich in meinem ganzen Leben nicht. Monika. Aber der Papa wünscht es so sehnlich; er ist ja ganz vernarrt in ihn. Therese. Mein Vater wird nie das Unglück seines Kindes wollen. Monika. Und dann der Major, der Onkel Ihres Bräutigams. Therese (ärgerlich). Was kümmert j mich der Major, der mag mit seinem : Neffen hingehen, wo der Pfeffer wächst. Monika. Nicht doch, Fräulein, Sie alteriren sich zu viel, wer weiß, ob es dennoch nicht Verstellung ist. — Der Herr Bräutigam will Ihnen vielleicht durch seinen Verkleidungsspaß einen Vorgeschmack seiner künftigen Herrschaft empfinden lassen, aber sein Sie standhaft, nehmen Sie ihm die Larve vom Gesicht, und ist er einmal Ihr Herr Gemahl, so lassen Sie ihm's doppelt fühlen, was er an Ihnen verbrochen. Du lieber Himmel, wir lassen ja die Männer meistens beim Glauben, daß sie die Herren im Hause sind, und wenn man's beim Lichte betrachtet, so sind sie nicht viel besser, als Gliederdocken, die man wenden und drehen kann, wie man will. Therese. Umsonst suchst Du mich zu erheitern, ich fühle es, daß ich ewig unglücklich sein werde. — Geh in den Speisesaal und entschuldige mich! ich kann in dieser Stimmung nicht zur Tafel, kann nicht an der Seite des Mannes sitzen, in dem ich das Bild meiner unheilvollen Zukunft erblicke. Ach, wer gibt mir Rath und Trost in meiner Lage? (ab). Monika. Sie hat Recht, und ich glaube, da wird jeder Trost vergebens sein, denn der künftige Herr Gemahl sieht wirklich aus, wie der Treffbube. Zch fürchte selbst, daß hinter dieser Täuschung bitt're Wahrheit steckt, und der Herr Baron auch ganz so ist, wie er sich stellt. — Ein artiges Benehmen, ein gewisses nobles Xir würden in jedem Falle trotz seiner Maske aus ihm herausleuchten, aber dieses plumpe ungehobelte Betragen scheint mir ganz an seinem rechten Platze. — Wenn ich bedenke, wie ungeheuer er mich beleidigt hat, ich hätte gute Lust, ihm für seine Sottisen Eins anzuhängen, und wie, sollte das so schwer sein? sollte dieses raffinirte Köpfchen nicht einen Gedanken aushecken können, der meiner Rache würdig wäre? (denkt nach). Halloh! ich hab's — so geht's, (lacht). Das soll einen Hauptspaß geben (pathetisch). Schrecklich ist der Zorn des Löwen, schrecklicher der Grimm 26 des TiegerS, am schrecklichsten ist die Rache einer beleidigten Kammerkatze. (N). Verwandlung. Hell beleuchteter Speisesaal. Ringsum Hirschgeweihe und Jagdtrophäen. In der Mitte eine große Tafel, überflüssig mit Speise und Trank besetzt. Zwanzigste Seene. Eschenbach (und alle Gäste von Scene 18. Elias sitzt ebenfalls an der Tafel, und läßt sich's schmecken. — Sein Betragen ist immer plump und unbeholfen. — Bediente warten auf. Seitwärts Jäger, die gleich bei der Verwandlung ein lustiges Jagdstück zu blasen beginnen. Tafelmusik). Esch en bach (aufstehend und sein Glas erhebend). Nun, meine verehrten Herrschaften, ein volles Glas auf's Wohl meiner guten Tochter. Alle. Vivat! Elias (dem der Wein schon etwas in den Kopf gestiegen). Vivat! sie soll leben! Juchhe! Und warum sollte sie nicht leben, das seh ich gar nicht ein, sie ist ein bildsauberes Weibsbild, meiner Seel, bildsauber, sie hat mir gleich von allen Anfang g'fallen, und — wenn ich kein Bedienter wäre, tausend Sapperment, ich wüßte schon,was ich thät, wenn ich kein Bedienter war. Eschenbach. Aha, er verräth sich selber, wird bald im Einsprung sein! Recht so, tiens! tiens! — Noch ein Glas. — Mein künftiger Schwiegersohn soll leben. Alle. Vivat! Elias. Za, meinetwegen, der soll auch leben, ist ein guter Kerl, ich kenne ihn zwar nicht, aber ein seelenguter Kerl! Eschenbach. Hähähä! Prallt schon an, prallt tüchtig an! aber ich will ihn schon bugsiren. — Nun nicht wahr, wein lieber Regenwurm, der Wein ist gut, es geht doch nichts über ein volles Glas. Elias. Das ist wahr; aber eine volle Flasche geht doch noch darüber! Eschenbach. Hähähä! Teufelö- mensch, der Regenwurm, weiß sich gleich durchzuschneiden! Elias. Mein 7. Lehrherr, der Rauchfangkehrer Schneemandl, hat immer gesagt, es gibt 6 gute Ursachen zu trinken, und das Hab' ich mir sehr gut gemerkt: 1. aus Gusto, 2-aus Durst, 3. wegen dem trockenen Gaum, 4. Weil's einem schmeckt, 8. Weil der Wein just da ist, und 6. aus jeder andern Ursache (steht auf und langt nach einer Speise). Erlaubend, noch ein Knödel, das ist jetzt das 17. (wie er zurückfährt, stößt er ein Glas Wein um, und begießt Elisen, diese springt auf, und stößt einen Schrei aus). Machen's Ihnen nicht's draus, Fräulein, es ist nur ein Ofner, der macht bloß auswendig Fleck. Dorner. Welch ein unanständiges Benehmen? Holm. Welche lornure, man sollte darauf schwören, daß dieser Lakey ein ächter wäre. E s ch e n b a ch. Verstellung, Herr Bruder, alles pure, klare Verstellung. Wenn man ihn einholen will, rasch macht er eine Flucht; o ich kenne ihn ganz. Holm. Mein Herr Oberforstmeister! das halt' ich jetzt selber fast nicht mehr für Verstellung. Einundzwanzigste Seene. Vorige. Monika. Eschenbach. Sieh da, Monika, was bringst denn Du, und wo ist meine Tochter? Monika. Sie bittet um Entschuldigung, aber Sie ist etwas unwohl, und kann nicht zur Gesellschaft kommen. Alle. Unwohl? 27 Elias. Hat sie vielleicht zu viel getrunken; es geht mehr Leinen so. Eschenbach. Ei, das ist mir nicht lieb: wo steckt sie denn? Monika. Im Garten sitzt sie, in der Taruslaube (sie sucht aufdem Tische). Ich soll — Es ch e n b a ch. Nun, was sollst Du? Was spürst Du denn so auf dem Tische? Monika. Ich soll ihr ihren goldenen Zahnstecher bringen, aber da auf dem Tisch seh' ich nichts. Eschenbach. Vielleicht ist er auf den Boden gefallen? Monika. Das glaub' ich auch — ich will gleich sehen (sie bückt sich, und thut, als ob sie suchte). Nun, Gott der Schelme, steh' mir bei (sie heftet Elias Rock mit einer Nadel an das Tischtuch, für sich). Das Werk der Rache ist vollbracht ! Aha! da liegt er schon. Elise. Wir sollten doch Nachsehen, wie es Theresen geht. Agnes. Za, komm, Elise, wenn sie vielleicht krank wäre — Monika. Ach nein, so arg wird's wohl nicht sein. Ich denke, Ew. Gnaden sollten den Herrn Regenwurm um sie schicken, sie hat schon einige Male seinen Namen genannt, und oft nach ihm gefragt. Elias. Nach mir? Was derTeurel! Eschenbach. Za, Moni, Du hast Recht, bist ein kluges Mädchen, ja E r soll sie holen (zu den Gästen). Die Leutchen müssen doch bekannt mit einander werden, vielleicht kommt eS jetzt zu einer lustigen Entdeckung. Okei-elier, mein lieber Regenwurm, ctierelieL! Hol' Er meine Tochter, wir wünschen, daß sie wieder zur Gesellschaft komme. Alle. Za, ja, wir Alle lassen bitten! Elias. Meinetwegen, den Gefallen kann ich Zhnen schon erweisen (steht auf und taumelt). Hoho! steh', Rappel, steh! — Also im Garten, in der Darellaube, gleich werden wir's haben (geht einige Schritte, plötzlich reißt er das Luch vom Tische, und Alles Daraufbefindliche, Schüsseln, Teller, Flaschen, fällt mit lautem Getöse zu Boden, die Speisen kollern auf der Erde herum. Alles ist erschrocken aufgesprungen , die Damen kreischen, die Männer toben, der Tisch wird umgeworfen. Elias, der sich los machen will, verwickelt sich in's Tischtuch und stürzt nieder. Monika im Vordergründe lacht laut und triumphirend. Paffende Musik). (Der Vorhang fällt.) Zweiter Act. Ein anderer Vorsaal auf Eschenbach. Rückwärts eine Art Terrasse, die in den Garten führt, zu beiden Seiten Thüren. Erste Seene. Jäger, die emsig beschäftigt sind, ihre Flinten zu putzen, und sich zur Jagd zu ordnen. Chor. Waidgesellen, unverzagt, Ordnet Alles rasch zur Jagd, Ladet die Gewehre. Blei und Pulver schnell zur Hand, Und dann fort zum sichern Stand, 's gilt Diana's Ehre. ^:Sechzehnender, komm nur an, Find'st an uns den rechten Mann.:j Zweite Seene. Eschenbach. Holm. Dorne r. Mühlberg. Wild eck. Therese. Monika. Gäste. EschenbaA Zoho! Rüderdo! — Rüderdo! — So recht, seid frisch und munter, Zhr wackern Waidgesellen. Halloh! wie steht's? Zst Alles schon geordnet und bereit? Die Jäger. Zoho! Alles! 28 Eschen-ach. Recht so! — los — los — und nun geht und nehmt ein Frühstück ein, in einer Stund' geht's an's Pürschen. Der Capitalhirsch muß heraus, ich Hab' ihn schon bestätigen lassen, wir wollen ihn bald auftreiben. Nun geht hin nach der Fährte. Allons! bill! bill! Die Jäger. Hurrah! (ab). Eschenbach. Nun, Röschen, Du gehst doch mit uns? Therese. Ach, lieber Vater! Lassen Sie mich heute doch zu Hause. Eschenbach. Warum nicht gar; pfui, schäme Dich. Bist Du ein Waidmannskind? Bist ja sonst immer rasch und munter, wie ein Schmalspießer, und nun auf einmal — Ei was seh' ich, gar Thränen in den Lichtern? auch sonst noch blaß und ganz verweint. Was fehlt Dir denn? Wirst doch nicht kümmern? Rede doch; schlag an! Therese (seufzend). Ach! Monika. DaS Fräulein hat die ganze Nacht nichts geschlafen und in einemfort geweint. Eschenbach. Ja, aber zum Henker, warum denn? Therese (wirft sich in seine Arme). Ach Vater, ich kann den Baron nicht heirathen. Eschenbach. Ha ho! Mache Halt. Das wäre mir gar nicht lieb. Therese. Ich muß gestehen, ich hatte mich seit Monden auf die Ankunft des Barons gefreut, hatte mir ein so reizendes liebes Bild von ihm gemacht, ich fühlte mich schon glücklich in seinem Besitz — nun kommt er, der Ersehnte, und ich finde einen Menschen ohne Erziehung, einen rohen ungeschliffenen Klotz. Nein, nein! Ich kann ihn nicht heirathen. Ach Gott, ich wollte, man brauchte das ganze Leben keinen Mann. Monika. Ja wohl wär's lO Mal besser, wenn wir Frauenzimmer Niemanden heirathen könnten, da kämen nicht halb so viel Dummheiten heraus. Eschenbach. Aber Närrchen, wie oft soll ich's Dir denn noch wiederholen , daß Alles nur Verstellung ist. Therese (rasch). Nein, nein, das ist sie ewig nicht. Holm. Ich glaub' es selbst; denn sein Betragen gränzt an's Pöbelhafte. Dorner. Du solltest strenger in der Sache sein. Wildeck. Und ihn recht scharf auf's Korn nehmen. Mühlberg. Er soll sich endlich erklären, und die Narrheit hat ein Ende. Holm. Es ist besser, als daß das Fräulein länger leide. Die Uebrigen. Ja, ja, so soll es sein, erklären soll er sich. Therese. O hören Sie doch die Warnungsstimmen Ihrer Freunde. Alle denken so wie ich, sind Sie denn der Einzige von ihm verblendet. Eschenbach. Verblendet? ich? — Hähähä! Nun mich blendet man ja so leicht (zu den Herren). Ihr seid wohl verblendet, ja, ich möchte sagen, ganz verplefft; doch seid Ihr Alle gegen mich, so bin ich gegen Alle. Noch einmal, mich hintergeht man nicht, und wißt Ihr nicht ebenfalls Bescheid? Seid Ihr nicht von Allem unterrichtet, hat nicht sein Onkel selbst es uns ver- rathen, daß er als Bedienter verkleidet in's Haus kommen, und meine Tochter auf die Probe stellen wolle? Nun, das ist geschehen, und somit Punktum. Das Uebrige laßt meine Sorge sein, ich habe eine gute Suche, und will ihn schon ganz machen. Monika. Aber sein Betragen bei Tische war doch sehr unanständig. Eschenbach. Papperlapapp! — Was weißt denn Du? oder rechnest Du die weite Reise, den gehabten Schrecken, und ein paar rasch hinabaestürzte Gläser für Nichts? So etwas ist ein 29 junger wohlgezogener Kavalier nicht gewohnt, und da mag gar leicht der Wein ihm etwas in den Kopf gestiegen sein. — Aber der Spaß mit dem Tischtuch und der Stecknadel war ein dummer Spaß, das hat gewiß eine von den Damen gethan, um ihn anzuregen und zu sprengen. Wo der Meister Urian nicht hin kann, da sen- ! det er so ein Schelmengesicht hin, um ! einen tollen Streich zu vollführen. Monika. Gnädiger Herr! Zch kann auf meine Ehre versichern, daß keine von den Damen, die bei Tische saßen, sich diesen Scherz erlaubte. > Eschenbach. Gleichviel, noch einmal, 's war ein dummer Spaß, und ich würd' ihn mir in Zukunft scharf verbieten. Baron Mallwitz bleibt denn doch immer mein Schwiegersohn. Ach sieh, da kommt Philipp der wird die rechte Witterung uns bringen. Dritte Gerne. Vorige. Philipp. Eschenbach. Nun, Philipp, was macht der.Herr Baron? Philipp. So eben ist er aufgestanden, und streckt sich nach Herzens' lust. Eschenbach. Hat er die Uhr gefunden und die Kleider, die ich bei seinem Erwachen ihm zum Geschenke bestimmte? Philipp. Za wohl, allein er weigert sich, sie anzuziehen, er sagt, sie wären zu schön und schickten sich nicht für einen Bedienten. Eschenbach. Aha, will er noch immer den Bedienten spielen? Nun, mir ist's recht, meine Geduld ermüdet er nicht. Wir wollen sehen, wer am ersten den Genickfang kriegt? Philipp. Er will sogleich hieher kommen, und Ew. Gnaden seine Aufwartung machen. Eschenbach. So? Nun, soll nur kommen, bin schon schußfertig', jetzt soll die Hatz auf's Neue loßgehen. Meine Herren und Damen, bitte nur, indeß vorauszugehen und das Frühstück einzunehmen. Bald bin ich bei Zhnen, und dann ich geb' Zhnen mein Ehrenwort, noch heute soll Alles wohl verrichtet, auf den besten Standpunkt kommen. Zn einer Stunde geht es auf die Halt- ftatt. Du, Röschen, gehst auf jeden Fall mit uns, und nun voler, meine Herren, voler! Therese (küßt ihm die Hand). Zch bin überzeugt, mein guter Vater wird nimmer in mein Unglück willigen (ab mit den Uebrkgen). Monika (für sich). Wenn der Herr Bräutigam noch lange so fortmacht, so nagle ich ihn an unser Schloßthor wie eine Fledermaus, und das soll fester halten, als meine Stecknadel (ab). Eschenbach (allein). Za, ja, noch heute muß Alles beigetrieben werden eine Weile will ich den Spaß wohl noch mitmachen, weil ich sehe, daß mein Herr Schwiegersohn so ein harter Blendling ist, aber nicht lange, so muß er ganz fromm sein, oder ich will all mein Lebtag eine Fehljagd machen. Vierte Gerne. Vorige. Elias. Elias. Ew. Gnaden, ich küß' die Hand, und wünsche, wohl geruht zu haben. Esche nbach. Ach, guten Morgen, guten Morgen, lieber Baron —hm! hm! Grüß Zhn Gott, mein lieber Regenwurm! Nun, wie hat Er denn geschlafen? Elias. Wie ein Ratz, Ew. Gnaden! Es chenbach. Auch was Gutes geträumt? EliaS. O ja, von Ew. Gnaden hat mir geträumt, ich setze den 47ger ertrato. 30 Eschenbach. Wie so? Warum den 47ger? Elias. Nun, Euer Gnaden wissen's ja, oder wissen's vielleicht Ew. Gnaden nicht? G'flickt und blattermasig ist 47. Eschenbach (für sich). Hähähä! fangt schon wieder an, der Satansmensch. — Nun, sllons, das Frühstück wartet, komm Er mit — Elias. Ew. Gnaden, ich geh nicht! Eschenbach. Warum nicht? Elias. Ew. Gnaden! Ich geh auf keinen Fall! Eschenbach. Ja, aber zum Henker, warum denn nicht? Elias. Weil ich mich schäme. ^ Eschenbach. So? E l i a s. Ja, ich versichere Ew. Gnaden auf Ehre, ich bin sehr g'schämig, wenn ich Zeit habe. Eschenb ach. Nun, und warum schämt Er sich? Elias. Wegen die unterschiedlichen verschiedenen Plutzer, die ich gestern gemacht habe. Ich versichere Ew. Gnaden , ich wäre nie so frei gewesen, aber es war eine kleine, sehr einfache ganz unschuldige Ursache, warum ich so ein Hallodry war. Eschenbach. Nun, und diese kleine, sehr einfache und ganz unschuldige Ursache ist? EliaS (tiefseufzend).Zch war besoffen. Eschenbach. Nun, wenn'S Ihm nur geschmeckt hat. Elias. Na, na! Ew. Gnaden, gescheidt und aufrichtig. Reden wir vernünftig mit einander, wenn es anders in unfern beiderseitigen Kräften liegt. Sehen Ew. Gnaden, so kann's auf keinen Fall bleiben, ich bin einmal ein Bedienter und tauge nicht unter die hohen Herrschaften, zu was also die Geschichten und Sachen? Mein Platz ist das Vorzimmer und der Be- diententisch, und wenn Euer Gnaden aussahren, so zeig' ich in der Brettelhupferei mein Meisterstück; aber so beständig mitten unter Ihnen zu sein, und allweil einen Narren mitmachen, das bin ich wahrhaftig nicht im Stande. Sehen Ew. Gnaden, deßwegen Hab' ich auch die Kleider nicht angezogen, die Sie mir heute Morgens geschickt haben, weil ich einseh', daß sie für mich nicht passen, ich habe nichts behalten, als die goldene Uhr, und die bloß deßwegen, damit ich endlich einmal weiß, wie viel es g'schlagen hat. Drum g'scheidt ist schön! — Lassen mir Ew. Gnaden eine gesunde Livree anziehen, und Ihr Bedienter bleiben, wo nicht, so thät es mir leid — aber — (küßt ihm die Hand.) ich müßte sonst mit Charakter austreten, und Ew. Gnaden bitten, mir meinen versprochenen Lohn per 10,000 fl. für ein Jahr sntieipantlo vorhinein baar auszubezahlen. Eschenbach (für sich). Wo Teufel will er hin damit? Zn welche Fährte lenkt er wieder ein? das ist eine neue Spitzbüberei (laut). Also behagt mein Brot Zhm nicht, mein lieber Regenwurm ? Elias. O Gott ja, Ew. Gnaden! Zhr Brot ist gut, ist weiß, und ausbacken und gar nicht knödelt. Zch verlange mir mein Lebtag kein besseres Brot. O! ich habe schon gar verschiedenes Brot gegessen, und manchmal dabei allerhand Reflexionen angestellt. Ich versichere Ew. Gnaden, wenn ich ein Bäcker wäre, ich wollt's Brot ganz kurios vertheilen. Die braven Leut krie- geten Kaisersemmeln, die Wucherer ein Schwarzbrot, die Schmeichler Glatte, die Traschmäuler G'schrade, die Schläfrigen Weckerln, die geschminkten Frauenzimmer Flecken, die Brautleut eierne Ringeln, die Verliebten Mundlaberln, die Krumpen Schienbanneln, die Schöngewachsenen Bretzen, die Simandeln Kipfeln, und einem, der dumme Streiche macht, dem gebet ich Strizeln. 31 Eschenbach. Währ zu, da hat Er Recht; ich gäbe ihm noch obendrein das Waidmesser. Nun denn, mein lieber Elias^ weil Er denn durchaus mein Bedienter nicht mehr sein will, so bin ich wohl gezwungen, Ihn zu etwas Andern umzuschaffen (für sich). Jetzt werd ich ihn gleich Solo fangen (laut). Gefällt Ihm meine Tochter? Elias. Die Fräulein Tochter? Ah sauber, sehr sauber — das braucht nir. Ist aber auch ganz Ihr Ebenbild, Euer Gnaden, wie aus dem Gesicht geschnitten — dieselbe Nase — die nämlichen Füße. Eschenbach. Nun, nun, das gerade nicht. Aber sie ist ein hübsches, gutes, sanftes Mädchen, und ganz dazu geschaffen, einen braven Mann einst recht glücklich zu machen. Meint Er nicht auch? Elias. O Gott ja, ich meine Alles, was Euer Gnaden meinen. Eschenbach. Gut denn, mein lieber Elias, ich will Ihn überraschen. Elias. Schon wieder? Euer Gnaden haben mich doch schon so viel überrascht. Eschenbach. Ich bin vielleicht der erste Edelmann, der so etwas thut, aber ich habe so meine Eigenheiten. Elias (pfiffig). Ja, ja, das Hab' ich schon bemerkt. Eschenbach. Glaubt Er, daß ich Ihn zu schätzen weiß? Elias. O ich bitt! Eschenbach. Daß mir sein Glück am Herzen liegt? Elias. O gewiß, ich bin überzeugt, das Essen, der Wein, die Brieftasche, die goldene Uhr — Eschenbach. Er findet ein Wohlgefallen an meiner Tochter? — Schlage Er ein, heirath Er fie.. Elias (ganz perplex). Nein, Saker- lott! jetzt wird's mir zu stark! Eschenbach. Ja, ja, Er soll sie haben. — Bleibe Er gut und herzlich, wie ein Liebhaber, auch wenn Er ihr Herr und Gemahl sein wird. Elias. Ja, wegen dem, da machen sich Euer Gnaden nicht den geringsten Kummer. Ihre Fräulein Tochter wird an mir nie einen Herrn kriegen. Eschenbach. Er willigt ein? Basta! (umarmt ihn). Er ist mein Schwiegersohn , ick gebe meiner Tochter jährlich 10,00t/fl. Elias (für sich). Das macht mit meinem Lohn gerade 20,000 fl., damit werde ich doch auskommen können? Eschenbach. Und am Tage der Hochzeit schenke ich dem jungen Paar hier meine Herrschaft Eschenbach. Elias. O Gott! Mit dem Heiraths- gut bin ich ja der reichste Bediente in ganz Europa. Aber Euer Gnaden — der Spaß — Eschenbach. Der Teufel auch — immer Spaß und Spaß. Sagt Er das Wort noch einmal, so jag' ich ihn fort. Potz Rehbock und Schaufler, wenn ich Ihm meine Tochter zur Frau gebe, weiß ich recht wohl, was ich thue. Elias. Ja, wenns Euer Gnaden recht ist, mir ist's auch recht. Eschenbach. Ich hatte Anfangs die Idee, meine Tochter mit dem jungen Baron Mallwitz zu vermählen (bedeutend). Verstanden, mit dem jungen Baron Mallwitz, aber ich sah Ihn, mein lieber Elias Regenwurm, und Er soll nun meine Tochter haben (für sich). Sapperment, das war ein Contralauf,' wenn ers jetzt noch nicht merkt, daß ich ihn ganz durchschaue, so verdient er gebengelt zu werden, (rasch ab.) Fünfte Scene. Elias, dann Monika. Elias. Ich kenne mich halt nicht aus, ich weiß noch immer nicht, bin ich ein Narr, oder sind die Leute hier im Hause alle verrückt. Aber wenn 32 ich recht darüber nachdenke, es kann doch etwas Wahres an der Sache sein. Der alte Herr meint's wirklich ganz im Ernst, und wenn ich nur ein Wort vom Spaß sag', so droht er, mich davon zu jagen. LI, bien! Mir ist's recht. Es ist überhaupt schon Zeit, daß mein Schicksal einmal aufhört, mich zu schikaniren, und mir die gebratenen Vögel in's Maul fliegen, ich Hab lang genug das Maul darnach aufgerissen. Auch ist mir einmal von meiner Godl, der Kartenaufschlagerin vom Hundsthurm, prophezeit worden, ich werde ein großer Herr werden. — Da hab'n wir's, 's trifft schon zu.— Was aber nur die Leut hier im Hause an mir finden, daß sie mich so gern haben? Vielleicht blendet sie meine Schönheit? Ja, ja, das hat man mir schon oft gesagt, daß ich ein Meisterwerk der Schöpfung bin, und mein Vater scheint eS an mir bewiesen zu haben, daß er die Natur bei Erschaffung des Schönen belauschte. Halloh! da kömmt das Stubenmädel — jetzt Elias, nimm Dich zusammen, vergiß das gemeine Domestiken-Naturell, und sei ganz Schwiegersohn und Cavalier. Nur nobel, nichts als nobel, und alleweil nobel. Monika (kam schon früher die Terrasse herab, tritt jetzt vor). Vergnügten guten Morgen, Herr Baron! Elias. Baron? (für sich.) Jetzt fängt auch die mit dem Baron an. — Ja so, richtig, ich bin Schwiegersohn und Cavalier, folglich so gut, wie ein Baron, (laut.) Was willst Du, holde Kleine? Monika. Eine Empfehlung von meinem gnädigen Herrn, und Sie möchten schnell zum Frühstück sich verfügen, es geht hernach auf die Jagd, und da wünscht die ganze Gesellschaft, daß Sie an diesem Vergnügen Theil nehmen möchten. Elias (stolz und aufgeblasen). Sag Sie der ganzen Gesellschaft meinen Pah, und ich bin nicht der Mensch, der durch sein boshaftes Nichterscheinen § das Fest seiner Krone berauben würde. Monika (für sich). Tausend sapperment, der gibt's jetzt hoch! Elias (für sich). Sackerlot, das Hab' ich schön gesagt, wenn ich hernach allein bin, küß ich mir die Hand. Monika. Der gnädige Herr hat Ihnen ein Jagdkleid Herrichten lassen, Sie möchten die Güte haben und es anziehen, es wird Ihnen allerliebst stehen. Elias (wie oben). O mein Kind, mir steht Alles gut. Monika (für sich). Er wird darin aussehen, wie ein Bockerl in Galla. Elias (immer wie oben). Apropos! > Sind wir vom Lande? Monika. Wer, wir Zwei? Elias. Nein, nicht ich, bloö Sie, meine Kleinigkeit. ! Monika. Ihnen zu dienen, meine Wenigkeit, ich bin ein Stadtkind. ! Elias. Hm! das ist Schade, ich habe all mein Lebtag immer in einem- fort eine Fiduzpassion auf die Land- kinder gehabt. Monika. Das ist Geschmacksache; Einer ist gern im Salon ä' X^emdlöe, der Andere im Kuhstall. Elias. O auch der Kuhstall hat seine Annehmlichkeiten, überhaupt bin ich für das Landleben sehr eingenommen. Es ist so was Eigenes, was Sonderbares, was Tieferhabenes um die ländlichen Vergnügungsfreuden. Wenn so z. B. die zarten Landmäd- ^ chen mit ihren nußbraunen Tatzerln die Erdäpfel stupsen; oder die rüstigen Burschen im Gemeinde-Wirthshaus einander so vertraulich unter den Tisch > schlagen. Ach, die Natur in ihren wunderbarsten Wirkungen beschnofeln, ist wirklich die edelste Beschäftigung für unfern Forschungsgeist, (für sich.) Das Hab' ich einmal in einem Almanach gelesen. Monika (für sich). Nein! Jetzt bleib' ich fest bei meinem Worte: der Mensch ist ein ganzer Narr! EliaS. Uebrigens, meine liebe Kleine, holde Meine, mach' Sie sich da nichts daraus, lasse Sie sich um so weniger darüber ein graues Haar wachsen, als wir in der Stadt jetzt eine Salbe haben, von welcher die Haare nie grau werden, sondern meistens fuchsroth, darum, wenn Sie auch keine Naturschäferin ist, wir bleiben Zhr dennoch in Gnaden gewogen. Monika (sich spöttisch tirf verneigend). O ich werde diese außerordentliche Gnade ewig zu schätzen wissen. Elias. Schon gut, schon gut, meine Liebe. Betrage Sie sich nur stets, wie man sich zu betragen hat, wenn man sich betragen muß, und halte Sie es immer mehr mit dem Herrn, als mit der Frau. — Apropos ! noch Eins — ist Sie musikalisch? Monika. Nein! Höchstens spiel' ich auf einem Werkel, wenn ich einen Gimpel abrichten will. EliaS. DaS ist abermals schon wieder Schade. — Ich Hab es gern, wenn das Domestikenvolk sich mit dem Musikalismus abgibt, es ist mehr Harmonie und Einklang dann im Hause. Da kenn ich ein Haus in der Stadt, wo ich öfters hingekommen bin, da nimmt die Herrschaft und die Dienstboten mit einander Lection in der Musik- Das Stubenmädel lernt Forte- Piano, der Bediente die Guitarre, die ^ Köchin 's Bassetel, der Läufer die Pauken, der Kutscher 's Hackbrettel, das Kuchelmadel den Czakan, die gnädige Frau Fagott, und der Herr hat I ein Maschinhorn. > M o n i k a. Um Vergebung, was spielen denn Sie für ein Instrument? Elias. Den Dudelsack mit 6 Oc- taven. Doch jetzt genug mit diesen Wiener Theater-Repertotr. XXI. wichtigen Abhandlungen, noch einmal, wir bleiben Ihr in Gnaden gewogen, (reicht ihr die Hand.) Nun? Monika. WaS befehlen Euer Gnaden? Elias. Sieht Sie nicht, die Hand soll Sie mir küssen. Monika. Gott bewahre, ich habe noch in meinem Leben keinem Manne die Hand geküßt. Elias. Nicht? sonderbar — nun so gebe Sie mir einen Kuß. Monika. Warum nicht gar, das schickt sich noch weniger. Elias. Sei Sie nicht obstinat, und gehorche Sie, wenn die Herrschaft es bestehlt, (geht auf sie zu.) Monika. Zurück da, ich schreie. Elias (rückt näher). Viel Geschrei, wenig Wolle. Monika. Ich kratze Ihnen die Augen aus. Elias. DaS sind Redensarten, -iS jetzt hat's doch noch Keine gethan. (er will sie küssen, sie schreit.) Sechste Gerne. Vorige. Philipp. Philipp. Hollah, was gibt'S da? Monika. Ach, Philipp, gut daß Du kommst; der Herr da will mich seiner Gnade versichern, und mich mit Gewalt küssen. Philipp. Mein Herr, daS lassen Sie bleiben, oder das Donnerwetter soll Ihnen auf's Her; fahren. DaS Mädchen gehört in mein Gehege, und wenn ein Wildschütz Lust bekömmt, darnach zu jagen, sei er nun ein Baron oder ein Regenwurm, so schieße ich ihm eine Handvoll Pfosten in den Leib. Komm, Mony (mit Monika ab). Elias (allein). Das ist ein Han- tiger Herr Vetter. G'horsamer Diener, ich danke, ich muß nicht von Allem profitiren. Wer weiß, wie die Pfosten auöschau'n; daS können Pfosten sein, 3 84 wo man ein ganzes Gerüste damit auf-1 Lauen kann; und gleich eine Handvoll Pfosten will er mir in den Leib jagen. Ich danke, davon will ich nichts wissen. Viel wissen macht Kopfweh, und was man nicht weiß, das macht ein'm nicht heiß. — Auf die zwei Sachen Hab' ich all mein Lebtag große Stück' gehalten. Lied. Ich kann'» nicht versteh'n, und begreif es auch nicht, Wie Mancher auf Erden den Kopf sich zerbricht, Wie er nur in ein'mfort stets arbeit't und tracht't, Sich selber kein Ruh gibt bei Lag und bei Nacht, Und allweil sich's Leben hinunter stu- dtrt, Damit er nur immer vernünftiger wird. Da« thu' ich auf kein' Fall, o Je, um kein' Preis, Denn was ich nicht weiß, na, das macht mir nicht heiß. Ich war auch als Bub' in der Schul' schon a so. Der Lehrer hat oft g'sagt, mein Kopf ist von Stroh, ' 'S Studiren war wirklich für mich nur a Pein, Ich Hab' auch oft denkt, es muß ja net sein. Für was hält' ich denn mich so plagt, und so g'schunden, Das Pulver, das war ja schon damals erfunden, Und sonsten erfind ich auch wirklich nichts Neu's, Drum was ich nicht weiß, na, das macht mir nicht heiß. Die Madeln, die waren mir allzeit gewogen, Denn daß ich recht hübsch bin, das ist l nicht erlogen, I Hat Eine mich g'sehen, war's gleich g'scha- merirt, Da wurd'n gleich Liebsbrief und Iwanz'- ger spendirt. Ja wirklich, um mich war ein schreck- ' liches G'riß, Ich war auch der Schönste, na, das ist doch g'wiß. Doch g'sagt hätt' ich's Niemanden, um keinen Preis, Denn was ich nicht weiß, na, das macht mir nicht heiß. Ich Hab' ein' Amour g'habt, ein' prächtigen Schatz, Sie sagt, in ihr'm Herzen hat kein Anderer Platz, Und treu war'S wie Gold, hat die Andern bloß grüßt, Hat höchstens nur g'spaßelt und manchmal auch küßt, Und Hab' ich kein' Zeit g'habt, ist's ganz ungenirt Mit'n Stärkmacher Seppel nach Penzing spazirt. Ein Anderer machet ein schreckliches G'säus, Doch was ich nicht weiß, na, das macht mir nicht heiß. Erst unlängst sitz ich in ein'Keller beim Wein, Und lass' so ein Seidl um's andere hinein. Da fangen ein Paar an zu streiten und z'schlagrn, Und packen ganz freundlich einander beim Kragen, Ich tret' gleich dazwischen, und sag, gebtS ein' Ruh, Sie lassen sich aus, aber auf mich schla> gens zu, Ich Hab gleich vermuth't, so was g'schieht mir mit Fleiß, Doch was ich nicht weiß, na, das macht mir nicht heiß. 35 Drum sag' ich halt immer, und 's bleibt auch dabei. Das Wissen, das macht ein'm nur bloß Scheererei, Am g'scheidt'sten bleibt's immer, man kümmert sich nix, So machen ein'm d' Leut nicht ein U statt ein X. Wer Alles "will wissen, stoßt überall an, Wer nix weiß, der ist noch am besten daran, Das Wissen, das kost't ein'm nur Müh und viel Schweiß, Drum was man nicht weiß, na, das macht ein'm nicht heiß. (Ab). Siebente Gerne. Hubert Gabler (tritt ein). Da war' ich. Nun, gutes Glück, sei mir zur Seite und lasse meinen Plan 1 gelingen. Zch soll also heirathen? rvirk- > lich und im vollen Ernst heirathen? Der Onkel will es, mein Herz wünscht es, und ich glaube, mein liebes Bräut- chen sehnt sich auch darnach, wenn anders meine Weiberkenntniß mich nicht trügt. — Drum sollte ich mich billig ärgern, daß ich auf den vertrakten Einfall kam, meine Braut auf die Probe stellen zu wollen — und die ganze Geschichte steht einer Dummheit so ähnlich, wie ein Tropfen Wasser dem andern. Jndeß wer A gesagt hat, muß auch B sagen, meint das Sprichwort. Ist doch der Ehestand selbst ein langes A B C, das Mancher mit grauen Haaren noch nicht ganz auswendig ge- - lernt hat. Und wohl dem Manne, der beim Eganz still und ruhig halten kann, und nicht bis zum bösen W — kommen darf. — Still, es kommt Jemand! Achte Gerne. Voriger. Philipp. Philipp. Sieh da, ein fremder Läger, wird vermuthlich Dienste suchen wollen. — Guten Morgen, Waidge- selle. (Ihn betrachtend.) Mein Gott, wasch ich? Hubert (ihn ebenfalls aufmerksam betrachtend). Himmel, das ist ja — Bist Du nicht der wackere Bursche, der auf der Jagd beim Grafen Wallberg mir das Leben rettete? Philipp. Ja, ich war mit meinem Lehrherrn, dem Förster Holzer, beim Grafen Wallberg auf der Jagd. Hubert. Und weißt Du auch, was mir dort begegnete? Philipp. Ein starker Keuler hatte Sie angenommen — Hubert. Mein Hektor lag neben mir, zerrissen in dem Schnee. Philipp. Sie wollten ihn mit dem Fänger anlaufen lassen, doch die Klinge sprang wie Glas. Hubert. Schon wetzte er grimmig sein Gewers nach mir, ich schien verloren. Philipp. Da stürzte ich schnell herbei, und bohrte ihm die Feder in den Rachen, daß er röchelnd sich in seinem Schweiße wälzte. Hubert (ihn herzlich umarmend). Ja, Du bist es, wackerer Jüngling, mein theurer Lebensretter. — Doch wie kam es denn, daß nach der Jagd ich Dich nimmer zu Gesicht bekam? Philipp. Ich mußte auf Befehl meines Lehrherrn schnell nach HauS. Hubert. Und konntest nicht den Lohn empfangen, den ich für Deine wack're Thal bestimmte. Philipp. Ich habe einem Men- schen das Leben gerettet, und keinen Lohn dafür begehrt. Es wardeSWaid- mannS Pflicht und Schuldigkeit. Ich habe mich auch nie bekümmert, wer der Gerettete gewesen, habe nie nach seinem Stand und Namen gefragt, nur Hab' ich später erfahren, eS sei ein Edelmann aus der Stadt, der kürzlich erst von seinen Reisen zurückgekehrt. Ich dachte Sie längst schon über alle 36 Berge, drum wundre ich mich sehr, Sie jetzt auf einmal hier — und — in dieser Kleidung zu erblicken. Hubert. Wohlan, mein braver Lebensretter, nicht nur den Lohn, den ich schon längst Dir zugedacht, sollst Du erhalten, auch mein Vertrauen will ich Dir erschließen, doch hoffe ich fest, daß Du mit keiner Silbe mich verräthst. Philipp. Gewiß nicht. Hubert. Ich bin Eduard Baron von Mallwitz! Phlipp. Wie, Baron Mallwitz? Hubert. Ja! Philipp. Wirklich der Baron von Mallwitz? Hubert. Du zweifelst, und warum? Philipp. Und kommen jetzt hierher, in dieser Verkleidung, um das Fräulein Braut auf die Probe zu stellen? Hubert (rasch). Wie, Du weißt — Wer hat Dir daß gesagt? Philipp. Ja. Aber um'S Himmelswillen, wer ist denn hernach der Andere? Hubert. Welcher Andere? Philipp. Elias Regenwurm! Hubert. Wie, auch das weißt Du? — Doch jetzt versteh' ich Dich erst. — Ja, ich hatte Anfangs die Idee, in der Maske eines Menschen hier aufzutreten, der vormals meines Onkels Diener war, und sich Elias Regenwurm nannte, doch späterhin reuete mich dieser Vorsatz, und ich wählte die Verkleidung eines Waid- mannß, weil mir des alten Eschenbachs Vorliebe für Jagd und Jägerei gar wohl bekannt ist. — Ein alter Förster, den ich kenne, gab mir für Geld und gute Worte einen Lehrbrief, und so kam ich hier an. — Mein Plan ist, des Alten ganzes Vertrauen zu gewinnen, und dabei meine Braut ungestört zu beobachten. Philipp. Du lieber Gott, das wäre ja Alles ganz recht, wenn nur der Andere nicht wäre. Hubert. Ei zum Henker, welcher Andere? Philipp. J-nu, der alberne, eingebildete Mensch, der gestern hier Abends ankam, und in den der gnädige Herr völlig vernarrt ist. Er nennt sich Elias Regenwurm, soll aber auch ein Baron Mallwitz sein, wie Sie — will ebenfalls verkleidet das Fräulein auf die Probe stellen, und wird bereits von Allen hier im Hause als künftiger Schwiegersohn betrachtet. Hubert (zornentbrannt). Tod und Teufel, welcher Schurke hat es gewagt, hier meinen Namen anzunehmen ! und meinen Plan mir zu vereiteln? — Und fühlt das Fräulein Neigung für j ihn? — Philipp. Ach Gott, sie haßt ihn wie den Tod, und will von ihm nichts wissen. Hubert (besänftigt und erfreut). So? Gut, das ändert die Sache. Nun solls erst einen Hauptspaß geben. Es bleibt dabei, ich bin der Jäger Hubert; ich will nun Beide scharf auf's Korn nehmen, das Fräulein und den säubern Pseudo -Bräutigam, ich will mich so verstellen, daß selbst mein eigener Vater mich nicht kennen soll. Gerade dieser verkleidete Rival soll mir jetzt dazu dienen, mich noch fester in meineMaske zu hüllen, wir wollen dann sehen — wie der Spaß zu Ende geht. — Du, Herzensjunge, schweigst aufjeden Fall. Philipp. Ich sage kein Wort. — Wie aber, Herr Baron, wenn Ihr Nebenbuhler ein Freund von Ihnen , wäre, der Sie auf den ersten Augenblick erkennt? Hubert. Das kann Nichtsein, ich habe Niemanden mich vertraut — Doch halt — sa, vor einigen Tagen, in einer fröhlichen Gesellschaft guter Freunde — der Champagner hatte unsere Zungen gelöst, und ich ließ ein Wort wegen 37 > meiner Verkleidung fallen; hol mich I der Guckuck — Du hast Recht, es ! kann ein Bekannter sein. — Schnell, ^ wie steht er aus? Philipp. Der gnädige Herr kömmt! Hubert. So lasse mich mit ihm allein. Es bleibt bei meinem Plan, und Deinem Schweigen. Neunte Deene. Vorige. Eschenbach. Eschenbach. Hay! hay! Was > gibt's denn da, was will der fremde ! Jäger? Philipp. Euer Gnaden seine Dienste anbieten (mit einer Verbeugung ab). Eschenbach. So? das thut mir leid, ich habe Leute im Ueberfluß im Hause, und nehme keine neuen auf. Hubert. So?— Gott befohlen — (will ab). Eschenbach. Halt, bleib Er. Wo will Er denn hin? Muß Ihm doch eine Wegzehrung spenden. Hubert. Ist nicht vonnöthen! — Waidmannsheil (will ab). Eschenbach (stutzt). Halt! So bleib' Er doch! Hm, Waidmannsheil! 3a, das ist noch der herzlich biedere Gruß aus alter Zeit. Die jetzige Welt vergißt ihn ganz (reicht ihm die Hand). Nun, Waidmannsheil! Hubert (schlägt ein). Werd'Euch zu Theil! Eschenbach (stutzt). Za, ja, so heißt's — das ist der wahre Spruch! Du scheinst ein wackerer Zunge. Wie heißt Du? Hubert. Hubert Gabler! Eschen bach. Hubert Gabler? Brav, ein echter WaidmannSname. Hast Du gute Attestate? Hubert. Kein einziges, bin erst frei geworden, habe noch nirgends gedient. (Bedeutend.) Doch hoffe ich hier im Hause auf eine angenehme Beschäftigung. Eschenbach. Aber ein Zeugniß Deines Herrn hast Du doch? Hubert. Lehrbrief heißt es, nicht Zeugniß (gibt ihn Eschenbach). Hier ist er! Eschenbach (immer vergnügter). Lehrbrief — brav — Hat recht, der Bursche. (Liest.) .Bei Förster Auerhahn hast Du gelernt? Hubert. Förster Auerhahn war mein Lehrprinz, und hat mich wehrhaft gemacht. Eschenbach. Lehrprinz r Wehrhaft gemacht! — Bravo, bravo, immer besser, ist ein Mordbursche. Hast Du schon einen Meisterschuß gemacht?' Hubert. Auf einem Pürschgang fand ich eine Himmelsspur, ich paßte auf den Wechsel und ein Zwölfender zog vertraut vorüber, ich ließ ihn breit treten, schoß ihn rasch auf's Blatt, die Kugel schlug, und er stürzte im Feuer zusammen, ich gab ihm den Genickfang, und der Hirschfänger war verdient. Eschenbach (rasch). Und ein Ehrenzeichen obendrein. Hubert. Ein Eichenholzbruch zierte meinen Hut. Eschenbach (immer rascher). Und der Hirsch? Hubert. Zch lüftete ihn, machte ein Gespenst, und ließ ihn über Nacht im Holze. Eschen bach (fast jubelnd). Und am andern Morgen? Hubert Zog mein Lehrprinz, die andern Waidgesellen und ich, auf die Hallstatt, ich behielt den Rock an; legte weder Hut noch Fänger auf die Seite, schritt nicht über das Wild, und so wurde der Hirsch von mir aufge- brochen, dann eingeheeset, und unter Jauchzen und Fanfareruf zogen wir vom Holze. Eschenbach (bläst eine Fanfare). Tajo! tajo! Trarah! trarah! — Za Du bist ein Teufelskerl, wahrhaftig, ein ganzer Jägersmann. Hubert (mit Stolz). Den Waidgesellen nennt man schlecht, Ist er nicht fest und hirschgerecht! Eschenbach (völlig entzückt). Hoho! Du wackrer Waidgesell, Ich will Dich etwas fragen, Wie viel der Haupttheil, nenn' sie schnell, Sind nöthig, um zu jagen? Hubert. Fünf Haupttheil, werden angesagt, Der Ansitz, dann das Pürschen, Die Treib- und eingestellte Jagd Auf Dammwild, Reh und Hirschen. Und dann zum gänzlichen Beschluß Parsorye-Jagd! Weidlicher Genuß! Eschenbach (kann sich kaum mehr fassen). Nein, das halt ich nicht aus, das ist mehr als zuviel. Mensch! Schatz! Engel! Erster Nimrod von ganz Europa, laß Dich nach Herzenslust umarmen (umarmt ihn ungestüm). Nein, Dich lass' ich nimmer fort, Du bleibst bei mir, so lang Du lebst, und wenn Du stirbst, lass' ich Dich einbal- samiren. — Da, meine Hand darauf, wir bleiben beisammen, so lange ich Schweiß und Athem habe. Wehr zu! hupp! hupp! in einer halben Stunde ziehen wir zu Holz. Da sollst Du Deinen ersten Probeschuß machen, baut I» kaut; meine Gäste werden Augen machen, wenn sie den braven Waidgesellen sehen, und mein Bursche und mein Schwiegersohn. Halt! ja recht so, so will ich's machen, ich will Dich meinem Schwiegersohn verehren, sollst sein Leibjäger sein, ist gar ein lustiger Patron, ein wahrer Spaßvogel, wird Dir viel zu schaffen machen, aber Du hältst ihm Stand wie ich; denn Du bist ein schlauer Fuchs — Eltons, »vsnys-, ich schicke ihn her zu Dir, sollst seine Bekanntschaft machen, und ihn liebgewinnen, so wie ich. — Gleich, gleich auf der Stelle ist er hier. — Hatz loS! Trarah! Hupp! hupp! Huffah! (faßt sich plötzlich und blickt zum Himmel.) Ach, Du mein lieber blauer Himmel, gönne mir nur einen einzigen Wunsch aus Erden, und laß mich nicht wie einen ordinären Menschen auf dem Krankenlager sterben; nein, laß mich lieber so auf einer Jagd von einem solchen wackern Waidgesellen irriger Weise für einen alten Steinbock angesehen und zusammengeschoffen werden. Ach, mit meinem letzten Athemzuge würde ich dann meiner fliehenden Seele noch zurufen : ^vsn§e, svanys! Waidmannsheil ! (stürmisch ab.) Hubert (allein). Den Alten hält' ich, Gott sei gedankt; aber warm hat er mir gemacht, der volle Angstschweiß stand mir auf der Stirne bei seiner vermaledeiten Waidmanns - Prüfung. Also meines Nebenbuhlers Leibjäger bin ich jetzt geworden? Schon recht! nur heran, ich will ihm schon zu Leib gehen, daß er sich wundern soll. Könnt' ich nur meine Braut zu sehen bekommen; ich möchte doch in allem Ernste wissen, ob es wohl auch der Mühe werth ist, daß ich um ihretwillen in so gräßliche Gefahren mich begebe. Ha! ha! ha! Eduard — ein allerliebstes Röllchen hast Du da übernommen, und warum? um Deine Zukünftige unerkannt zu prüfen. — Und was ist denn da eigentlich zu prüfen? Gestehe selbst, Du feiner Weiberkenner, ist bei diesem Geschlechts nicht Eine wie die Andere? Heute sind sie Most, so süß, und so lieblich, und so würzig wie Nektar, morgen schon Wein, viel Wasser, wenig Geist, das Herbe hervorstechend, und doch so oft berauschend. — Dach kaum hat man sich an den herben Geschmack gewöhnt, so ist schon die Zeit der zweiten Gährung vorhanden, — und als Essig ziehen sie Einem Mund und Magen gewaltig zusammen (sieht sich um). Halt, da kommen ein Paar Mädchen, die sehen aus wie frischer Most von Tokaierreben, wo der Geist, 89 noch zwischen Zucker und Wasser gefangen, sich nicht loSringen kann. Zehnte Seene. Voriger. Therese. Monika. (Beide im Hintergründe, ohne Hubert zu bemerken.) Therese. Pfui,Mony, schämeDich, mir diese Kleinigkeit abzuschlagen, ich bat doch so herzlich, wo ich doch befehlen könnte. Monika. Zch weiß, mein Fräulein, und eben darum thut es mir so weh, in Ihren Augen ungehorsam zu erscheinen. — Sie wissen ja, ich gehe für Sie durch's Feuer, aber den Brief kann ich unmöglich abgeben. Ich mag mit dem albernen Gecken nichts mehr zu thun haben, und wenn mein Philipp erführe, daß ich mit ihm gesprochen, ach Gott, es war aus mit uns, auf ewig. Hubert (für sich). Was mögen das für Staatsgeheimnisse sein? Therese. Wer besorgt mir nun den Brief? — Ich mag ihn keinem ron meines Vaters Leuten anvertrauen. — Nein, diese Blöße kann und darf ich mir nicht geben. Monika (sieht Hubert). Wer steht denn dort? — Ach, das ist gewiß der neue Zager, von dem der Papa soviel Aufhebens macht. — Sehen Sie, da haben wir ja gleich unfern Mann gefunden — geben Sie ihm ohne weiters den Brief. Therese. Meinst Du? Monika. Za! ja! Bei dem dürfen Sie's schon wagen; er hat ein grundehrliches Gesicht, und damit Sie es um so gewisser thun, will ich mich jetzt entfernen. (Läuft ab.) Therese. Mony, so bleib doch — fort ist sie — Hubert (für sich, sie fixirend). Das ist gewiß mein Bräutchen, das Herz klopft mir gewaltig. Therese (für sich). Nein, ich kann den Baron nicht heirathen, ich kann wahrhaftig nicht — wie könnte ich ihn lieben. Hubert (für sich). Sie ist charmant! — Reiner Most! Therese (für sich). Wenn ich nur wüßte, wie ich's anfangen soll; der Mensch ist doch nur fremd — Hubert (für sich). Es scheint, als ob sie mit mir sprechen wollte (nähert sich mit Anstand). Haben das gnädige Fräulein etwas zu befehlen? ES wäre mir ein Zeichen des Glück's, wenn ich denersten Befehl aus Ihrem Munde erhielte. — Ich habe doch die Ehre, in Ihnen die Tochter vom Hause zu begrüßen? — Therese. Ich bin es! — Will Er mir wohl einen Gefallen thun? Hubert. Das Fräulein fragen, wo Sie nur zu befehlen haben, (für sich.) Wie gesagt, ganz Most! Therese. Aber wohl gemerkt, kein Mensch im Schlosse darf davon erfahren, was ich Zhm jetzt vertraue. Hubert (erstaunt). Kein Mensch? Aber doch der gnädige Herr Vater? Therese (lebhaft). Ach Gott, der am allerwenigsten. Hubert (für sich). Ei! ei! (laut.) Was kann ich für Sie thun? Therese (zieht den Brief hervor). Es ist ein junger Mann hier im Schlosse, er nennt sich Regenwurm, erkundige Er sich nach ihm, und geb' er ihm diesen Brief, heimlich aber, daß ja kein Mensch etwas erfährt. Hubert (nimmt den Brief, für sich). Was muß ich hören? Adieu, du süßer Most. Therese. Kein Augenblick ist zu verlieren. Hubert. Die Post hat also große Eile? Therese. Es gilt das Glück meine- Lebens. Hubert (für sich). Richtig, schon Wein — Sie ist verliebt in ihn. Therese. Rechne Er auf meine volle Dankbarkeit. ES liegt mir Alles daran, daß dieser Brief so schnell als möglich an Ort und Stelle komme. Zch warte auf Antwort. — Mein Glück und meine Ruhe hängen davon ab. Hubert (für sich). Da haben wir's, da ist der Essig auch schon. — Das ist ein schöner Trost für mich. Sie hat sich gut adressirt. Ich muß am Ende meinem Nebenbuhler selbst die Liebesbriefchen meiner Braut überbringen. Therese. Er zögert? Hubert. O nein, ich denke nur nach. Therese. Ach, denke Er lieber, daß ich sehnlich auf Antwort warte. Hubert. Alles ganz gut, aber — (mit durchblickendem Aerger). Verzeihen Sie meine Freimüthigkeit, mein gnädiges Fräulein; ich bin hier im Hause noch ganz neu, und möchte durch den Befehl, den Sie mir jetzt ertheilen, nicht gerne die Gunst meines Herrn verscherzen, denn wenn erführe, daß ich in seinem Hause eineLiebes-Zntrigue begünstige — Therese. Eine Liebes-Jntrigue? Wie könnte Er glauben ? — Den Brief her (reißt ihm den Brief aus der Hand). 3ch würde vor Scham erröthen, wenn mich Jemand für fähig hielte, die Gesetze der Ehre zu übertreten; da wollte ich lieber noch den Baron Mallwitz hei- rathen. Hubert. Den Baron Mallwitz? Therese. Ich verabscheue ihn. Hubert. Verabscheuen? Therese. Za, warum soll ich eS verhehlen; dieser Brief ist an ihn. Er ist es, der unter dem Namen Elias Regenwurm hier im Hause weilt. Von seinem Onkel und meinem Vater mir zum Gatten aufgedrungen, seh ich nur einer unheilbringenden Zukunft entgegen, denn nimmer kann und werd' ich ihn lieben. — Zn diesem Brief Hab' ich mein Herz ihm aufgeschlossen; ihm frei und offen gestanden, daß ich nie die Seinige werden könne, in Güte es versucht, ihn zu bewegen, seine Rechte aufzugeben; doch wollte ich eS heimlich thun, um meinen guten Vater nicht zu kränken (mit durchdringendem Blick ihn ansehend) und Er könnte von mir glauben — Pfui — schäme Er sich! Hubert (für sich). Das ist ein allerliebster Schatz. (Laut) Mein Fräulein! Zch habe Ihren Zorn verdient, ich fühle es; aber wenn Sie mich einst näher kennen lernen, werden Sie mir gewiß verzeihen, (schalkhaft.) Was übrigens diesen Baron Mallwitz anbelangt, so thun Sie ihm gewaltig Unrecht, wenn Sie ihn verabscheuen, ich kenne ihn genau, sehr genau — es ist ein Ehrenmann, und kein Mensch kann von ihm was Böses sagen. Therese (verächtlich). Er ist auch von ihm bezahlt, daß Er ihn anpreisen soll. Hubert. Zch kann auf Ehre ver- sichern, gnädiges Fräulein — Therese. Schweige Er! Hubert. Aber ich begreife nicht — Therese. Zch begreife, daß Er mir überlästig wird, drum kein Wort mehr, wenn ich nicht auch Zhn verachten soll (entrüstet ab). Hubert. Nun, Leibjäger, hast Du Deinen Lheil! Aber wahrhaftig, es ist ein herrliches Mädchen, voll Anstand, Geist und Leben. Zch seh schon, da wird'ö bald mit der Probe ein Ende haben, und ich danke Gott dafür; denn meine Maske fängt wirklich an, mir lästig zu werden. — Den Herrn Nebenbuhler Hab' ich auch nicht mehr zu fürchten, das ist eine bedeutende Präferance in meiner Karte. Jetzt will ich sie zum weitern Spiele mischen, und an ihm nach Herzenslust mein Muthchen kühlen. Er hat'S gewagt, meinen Namen zu miß- 41 brauchen und meine Person hier im Hause vorzustellen; er soll mir dafür büßen, ich will ihn in's Feuer jagen, daß ihm alle Lust zum Spaß vergehen soll. — Da kommtj Einer—sollte der es sein —? Wahrhaftig, er sieht ganz so einem Lindwurm ähnlich. Gilfte Scene. Hubert. Elias (in einer Jagduniform, die ihm gar nicht paßt). EliaS (stolz). Ist Er der Leib- und Magenjäger, den mir der alte Herr geschenkt hat? Hubert. Was ist das? Ein wildfremdes Gesicht! Elias. Nun, was schaut Er mich so an? kann Er nicht fragen, wenn ich antworte? Hubert (immer frappirter). Mit wem Hab' ich das Glück zu sprechen? Elias. Ich bin Schwiegersohn und Cavalier (singt nnd tanzt im Zimmer herum). Lalalala! Hubert. Was ist das für ein gemeiner Kerl? Elias. Apropos! Hat Er gute Attestate, daraufhalt' ich große Stücke; ein gutes Attestat kann Ein'm leicht nicht nur einen guten Dienst, sondern auch eine junge schöne Frau und 20,000 Gulden Einkünfte verschaffen. Ich Hab' ein solches Beispiel erst unlängst an mir selbst erlebt (wie oben). Lala lala! Hubert. Der Mensch ist entweder ein Dummkopf oder ein Betrüger. Hier muß ich Licht haben. Mein Herr, erlauben Sie mir ein Wort. EliaS. Auch zwei, wenn Er will/ mein lieber Leib- und Magenjäger. Hubert. Zur Sache denn, mein Herr! Verstellung ist hier unnütz, ich weiß Alles. Elias. So? dank' Er Gott, mein Freund! ich weiß gar nichts. Hubert. Mein Herr, was sollen hier Fadessen? EliaS. Fad essen? Hier? Hier ißt man vortrefflich, das weiß ich besser. Hubert. Ohne Umschweife, schenken Sie mir klaren Mein ein. Elias. Einschenken?Ich? O Gott, mir haben's heut' und gestern schon zu viel eingeschenkt, daß ich ganz un- kabapel bin. Hubert. Donnerwetter! Herr, keinen Scherz mehr! Elias (erschrocken). Ja, aber was will denn der Herr Leibjäger? Hubert. Nichts, als das Be- kenntniß Ihrer Sünden. Elias. Meiner Sünden? (für sich). Sollte er vielleicht die Geschichte mit dem Herrn Major seinem Brief wissen? Hubert. Noch einmal, Herr! Wer sind Sie? und ist Ihr Stand dem meinen gleich? Elias. DaS versteht sich, wir sind ja in Einem Dienst. Hubert. Herr, ich bitte, ändern Sie Ihre Sprache. Elias. Ich soll meine Sprache ändern? Ach das ist gut! Kann man denn die Sprache ändern, so wie man einen Rock aus, und den andern anzieht? Hubert. Sie bringen mich zur Verzweiflung. Haben Sie denn gar keine Galle? EliaS. Gall? Freilich, wie könnte ich denn sonst für Viere essen, und Alles so'gut verdauen? Hubert. Ja, beim Teufel, mein Herr! Sie verdau'n so viel, daß ich schon am zehnten Theil gestorben wäre. EliaS. Gott sei Dank, mein Magen ist bombenfest. Hubert. Sie sind ein Narr! Elias (auffahrend). Oommsnt? — Doch ja, 's ist wohl möglich, sonst hätte ich hier nicht ein so unmenschliches Glück gemacht. — Werde Er 42 auch ein Narr, mein lieber Leibjäger, und eS wird Ihm niemals fehlen. Hubert. Nein! Hier möchte sich der Teufel langer mäßigen. Sein Sie, wer Sie wollen, mein Herr, aber wissen will ich endlich, welcher teuflische Zufall Sie zu meinen Nebenbuhler gemacht hat, und welcher Satan Ihnen die List einblies, sich hier als Bedienter einzuschleichen. Hören müssen Sie die Wahrheit, ich liebe Theresen, ihr Vater hat mir ihre Hand versprochen, und nie werde ich zugeben, daß ein Anderer sie mir raube. Elias. Ihr Vater hat Ihnen ihre Hand versprochen? Der alte Herr ist ja ganz vernarrt in seine Domestiken. Hubert. Keinen Hohn! Kein Wort mehr! Rechenschaft sollen Sie mir geben. Sie kennen doch die Gesetze der Ehre? Elias. So gut, als ob ich sie selbst gemacht hätte. Hubert. Sie sind von Geburt? Elias. Allemal bin ich geboren. Hubert. Sie sind Cavalier? Elias. Und Schwiegersohn. Hubert. Sie müssen sich mit mir schlagen. Elias (erschrickt). Jetzt hören's auf, und geben's ein' Fried! Hubert. Haben Sie sich schon einmal geschlagen? Elias. O Gott, geschlagen, und Schlag kriegt, aber (gutmüthig.) im Ernst, geben's ein' Ruh! Hubert. Die Ehre gebiethet, Sie können unmöglich zögern. Elias. Ich komme schon, aber später, nach dem Essen, wenn ich Zeit habe. Hubert. Herr! Noch einmal, Therese ist meine Braut. Elias. Ja, aber Braut und Frau ist zweierlei. Hubert. Durch eine niederträchtige List wollen Sie mir mein Teuerstes entreißen? EliaS (aufgebracht). Jetzt Hab' ich die G'schichten satt. — Der alte Herr hat einmal mir's Madl versprochen, also halten Sie sich an ihn, und mich lassen's in Ruh', Sie fader Ding über einander. Hubert. Sie sind ein elender Schuft, (gibt ihm eine Ohrfeige). EliaS. Was? wenn ich nicht irre, so ist das eine Ohrfeige? (für sich). Der Kerl hat eine Faust, wie ein gnädiger Herr. Hubert. Werden Sie mir nun folgen ? Elias. O nein.' ich habe schon meine Satisfaction! Huber t. Wie? Ist es möglich, nach einer solchen Beschimpfung noch leben zu können? Elias. O Gott! wegen dem? da müßte ich schon längst todt sein, es haben schon ganz andere Leut die schönsten Ohrfeigen kriegt und leben doch noch recht gut. Hubert. Elender! Ich erwarte Dich im Walde, wenn die Jagd beginnt, Du folgst mir seitwärts in's Gebüsch, und dort brenn' ich Dir eine Kugel durch den Kopf (stürzt ab). Elias. Ja, wenn er ein Narr ist, und kommt. Sapperment, der hat mir warm gemacht, und wenn mir recht ist, so hat er mich beleidigt. — Das hat man davon, wenn man Schwiegersohn und Cavalier ist. — O Du armer Elias Regenwurm, hört denn Dein Schicksal noch nicht auf, Dich zu verfolgen? Sogar als gnä- ! diger Herr laßt es Dich nicht in Ruh, und erscheint Dir in Gestalt einer Ohrfeige. — Wirklich, um alle diese Berührungen zu ertragen, gehört mehr als eine gewöhnliche Wirthshaus-Por- tion-Philosophie dazu. Zwölfte Seene. Voriger. Rose. Rose. Schönen guten Morgen, gnädiger Herr! 43 EliaS. WaS seh' ich, ist das nicht eine meiner Lebensretterinnen aus den Zeiten der Wäschtruhen? Rose. Also kennen mich Ew. Gnaden noch? Elias. O mein Kind, wenn ich auch ein wilder gnädiger Herr bin, bleibt doch mein Herz ewig schön, und Dankbarkeit ist meine größte Tugend — aber kosten darf'S mich nichts. Rose. Das ist hübsch von Zhnen. — Aber mein Gott! Wie sehen Sie aus? Elias. Warum? Rose. So ganz verwirrt und ent- entstellt? Elias. Ich habe etwas Gift und Galle g'nossen, und das wird die Ursach sein. Rose. Die eine Wange feuerroth. Elias. Das ist das Gift. Rose. Und die andere todtenblaß. Elias. Das ist die Galle. Rose. Haben Sie vielleicht Verdruß gehabt? Elias. Ja, so unter der Hand, mit einem meiner vielen Domesticken. Rose. Wie, hätte sich Jemand gegen Sie verfehlt? Elias. O nein, gefehlt hat er mich nicht — ich habe wenigstens starke Ursache es zu glauben, aber in solchen Punkten versteh' ich keinen Spaß; ich habe ihm eine Ohrfeige gegeben, an welche ich mich zeitlebens erinnern werde. — Aber lassen wir diese Lappalien, reden wir von etwas Andern. Wie gehts Dir denn, liebes Mädel, was macht die Frau Mama, diese edle Matrone, und was bringt Dich auf mein künftiges Schloß? Rose. Ich danke, Ew. Gnaden: ich und die Mutter sind frisch und gesund, und auch die Grete, sie lassen sich Alle schönstens empfehlen, und die Hand küssen. Und was mich aufs Schloß bringt, wollen Sie wissen? der Vater schickt mich her, die Bauern alle, die zur heutigen Jagd bestellt sind, warten schon an der rothen Buche, aber der Vater selbst kann nicht mitkommen, denn er ist krank. Elias. Was fehlt dem wohlge- bor'nen Herrn Papa? Rose. Er hat so viel Kopsweh. Der Herr Gerichtshalter und mein Vater, der Ortsrichter, haben gestern noch spät in die Nacht den Spitzbuben verhört, der Ew. Gnaden ausgeplündert hat, nun, und da haben sie, um sich zu stärken, einige Tropfen Wein dazu getrunken, und da ist ihnen das Verhör in den Kopf gestiegen. Elias. Also hat der Herr Papa ein' Rausch? Rose. Ja, aber er ist noch von gestern. Elias. Das ist ein charmantes Mädel. Weißt Du, daß Du ein recht liebes Schatzerl bist? Rose. Je nun, was halt recht ist. Elias. Auf'Ehr', mudelsauber.— Schade, daß Du auf dem Lande lebest, Du würdest eiue Zierde des städtischen Geschlechtes sein. Rose. Ei hören'S auf! Elias. Warst Du vielleicht schon einmal in der Stadt? Rose. Ein einziges Mal hat mich die Mutter auf den Jahrmarkt mitgenommen. Ach, es ist gar wunderhübsch in der Stadt. Elias. Und wie haben Dir die jungen Herrn gefallen? — Nicht wahr, schöne Leute? Ich bin auch aus der Stadt. R o s e. Je nun, die Stadtherrn sind nicht übel und recht freundlich, nicht den mindesten Stolz. Aber sehr neugierig müssen sie sein, alle Augenblicke hat mich Einer gefragt, wo ich logir, und Einer hat mich gar zu Hause begleiten wollen; ich bitt' Ihnen, den weiten Weg von der Stadt bis 44 hisher in unfern Ort sind volle 3 Stunden. Elias. Das thut nichts, mein Kind. Im Punkt der Galanterie sind wir rasch und schnellfüßig, und wenn'S d'rauf ankommt, einem säubern Madel nachzulaufen, da ist das schönste Roß beim Wettrennen auf der Simmerin- ger-Haide ein armer Narr dagegen. Rose. Wad mir am besten gefallen hat, das ist, daß sie sich jetzt schon fast so tragen, wie unsere Burschen auf dem Land, die kurzen Jackerl, der offene Hals, die Strohhüte. Aber die meisten müssen nichts zu thun haben; denn ich Hab' sie den ganzen Tag auf der Gassen gesehen, und immer waren'S die nämlichen. Elias. Das ist wieder nicht wahr, sie haben Alle zu thun und sind Alle angestellt. Rose. Als was denn? Elias. Als geheime Steinmetzmeister. Sie müssen's Pflaster gleich treten. Rose (weiter erzählend). Und hernach die Frauenzimmer in der Stadt- Elias. Pst, Landperson, verhasple Dich nicht; es gibt keine Frauenzimmer in der Stadt. Rose. Ja, was denn? Elias. Lauter Damen. Ja, ja, schau mich nur an. ES ist einmal so, lauter Damen, wie jetzt auf allen Ball- und Reunion-Zetteln klar und deutlich zu lesen ist. Da hat unlängst ein Wirth aufder Siebenbrünnerwiesen einen Wäschermadelball angekündigt, und da ist d'rauf gestanden: Lntree für Herrn 6 kr. die Damen sind gratis. Rose. Ist das die Möglichkeit? EliaS. Und unlängst discuriren zwei Köchinnen auf der Seilerstatt mit einander; es kommen ein paar Sessel- träger auf sie zu, die Köchinnen wollen nicht ausweichen, und der Händige schreit ganz höflich: „aufg'schaut, meine Damen !" jJa! die kGalanterie hat heut' zu Tage die höchste Stufe erreicht. Rose. Ja, es geht recht toll zu in der Stadt, ich bin froh, daß ich auf dem Lande leben kann. Jetzt aber etwas, was ich schon lange Hab' fragen wollen. Wie gefällt Ihnen Ihr Fräulein Braut? Elias. So — so — passabel — zum mitnehmen. Rose. Ei, ei, Sie finden gerade keinen großen Gefallen an ihr, und sie ist doch so lieb, so hübsch, und so gut. Elias. O ja, sie thut nicht uneben sein; aber ich heirathe sie nur, weil sie einige Gulden Geld hat, und dann mag ich's ihrem Vater nicht abschla- gen, sonst jagt er mich zum Teufel. Ueberhaupt bin ich kein Freund vom Heirathen, ich bin ein Weiberfeind. Rose. Ein Weiberfeind? Elias. Ja, aber nur ein befugter. Rose. Was ist das? E l i a s. Die dürfen sich keine Buben halten, aber Madeln, so viel sie wollen. Rose. Hahaha! das istzumTodt- lachen. Elias. O ich kann auch lachen, aber ich bleib' lebendig. Wie gesagt, ich hasse die Frauen, und das ganze gar andere Geschlecht. Rose. Ja, warum denn? EliaS. Meine Meisterinnen haben diesen Haß in meine Brust gepflanzt. Haß allen Weibern, dieses lustige Gespiel ist auf mich übersetzt worden. Rose. Nun Sie, wenn Ihnen meine Mutter hört, die wird Ihnen den Frauenhaß austreiben; überhaupt haben Sie groß Unrecht, die Frauen sind brav. Elias. Die Frauen sind brav. Was begehren Sie aber für ein' Reim von den Männern auf dieses Wort? — Schaf, oder G'schlaf' (Sklave) O taki tam dobre sagt der Engländer! 45 Duett. Rose. Ich sag's Ihnen, halten's die Frauen in Ehren, Und ändern's Jhr'n stolzen und störri- gen Sinn. Elias. Geh', gib Dir kein Müh', Schatz, um mich zu bekehren, Denk', daß ich ein grimmiger Weiberfeind bin. Rose. Die Frau'n sein so mild wie die Sonn' anzuschau'n — Elias. Die Sonn' blend't ein'm d' Augen und sticht und hat Fleck. Rose. Die Herzen zu fesseln, versteh'n nur die Frau'n. Elias. D' Fisch fängt man mit Angeln, und d' Mäus mit dem Speck. Rose. Wie d' Sternd'ln am Himmel, so leuchten die Frau'n. Elias. Man sieht's oft, die Sterndln, sie putzen sich gern. Rose. Den Frauen ist mehr, als den Männern zu trauen. Elias. I-Die Frau ist die Schalen, der Mann ist der Kern.rj Rose. Die Frauen, sie sind wie im Weinberg die ^ Reben, Sie wachsen so kräftig, so glühend und echt. Elias. So wären die Männer die Stück nur daneben ? Ah, gehorsamer Diener, ergebener Knecht Rose (jodelt). Elias (singt darunter auf komische Weise). Schamer Diener! Schamer Diener! Schamer Knecht! Ro se. Die Frauen, so hört man es allgemein sagen, Sind alle wie Zucker, so lieblich und süß. Elias. Doch g'wöhnlich verdirbt uns der Zucker den Magen, Und wenn man z'viel nascht, gibt's ein schlechtes Gebiß. Ro se. Die Frauen sind lieb, wie die Rosen zu schauen. Elias. Ja, wenn's keine Dörner gäb', mir wär's schon recht. Rose. Mit Perlen vergleich' ich am liebsten die Frauen. Elias. Doch welche sind falsch, und welche sind echt. Rose. Mit pünktlichen Uhren.sind d' Frau'n zu vergleichen. Elias- D' Fayon ist oft theurer als der innere Werth. Rose. Ein' Frau kann dem Mann jede Sorge verscheuchen. Eliaö. I-Ja b'sonders wenn's zärtlich ihm d' Brieftaschen leert.rj Rose. Die Frauen versteh'n auch durch Sanft« muth zu zügeln, D'rum heißt man's auch allgemein 's zarte Geschlecht. Elias. 's gibt Frauen, die d' Männer voll Sanftmuth oft prügeln, Ah, ' g'horsamer Diener, ergebener Knecht. (Beide wie oben, dann ab). Verwandlung. (Romantische Waldparthie. Im Hintergründe praktikables Gebirge mit 3 Abstufungen, an dessen Fuß ein Waldbach, über den ein Steg führt. Im Vordergründe eine große Rothbuche, an deren Fuß ein Rasenfitz. Dreizehnte Seene. Matz. Jochen. Mehrere Bauern (stehen und liegen theils am Boden, Alle haben Stöcke in der Hand). Matz. Jetzt dauert mir das Herpassen schon zu lang. Jochen. Seit 4 Uhr stehen wir da. Matz. Die Herrschaft muß grad' glauben, wir haben nichts Anderes zu thun, als beständig mit auf die Jagd zu gehen. Jochen. Ich Hab' heut' 's Krauteintreten, und das Hab' ich stehen lassen müssen. Matz. Ich hält' ein paar Dutzend Schock Kukurutzkolben abzulesen, und wenn ich nicht fertig werd', Hab' ich mit meiner Alten Teufelsverdruß. Jochen. Die ewige Dummheit mit der Jagd und dem Antreiben. Matz. Ja, es ist einmal nicht anders, wir treiben'ö Wild an, und die Herrschaft treibt uns an, und so ist's eine ewige Antreiberei auf der Welt, sagt unser Schulmeister. (Jagdgeschrei und Hörnerschall in der Ferne). Jochen. Na, da kommen'ö endlich einmal! Matz. Ich bin zu Tod froh, so geht einmal der Tanz an. Jochen. Ja, wir müssen allweil tanzen, wie die Herrschaft pfeift. Matz. Nicht' Euch! Kameraden! (Die Bauern stehen bereit) Vierzehnte Seerre. Eschenbach. Philipp. Holm. Wildek. D o r n e r. M üh lbe rg. Jagdgäste. Jäger. Elias (seine Flinte weit von sich weghaltend). Eschenbach. Joho! Haho! Da sind wir auf der Haltstatt. Nun, meine Kinder, Ihr wißt Alle den Bescheid, jetzt theilt Euch ab, und Jeder lege sich um den Distrikt auf seinen Posten. DaS soll heute ein Festjagen geben, wie es die Welt noch nicht gesehen hat. Tajo! Tajo! — Stell an! (zu Norbert). Wo sind die Damen? Norbert. Droben im Jagdhause, einige Herren sind bei ihnen. Eschenbach. Und meine Tochter? Paul. Sie ist noch zurück. Ihr Mädchen und der neue Jäger begleiten sie. Eschenbach. Recht so! da! da! Sieh da! Hier bei der Rothbuche ist ihr Stand, sie wissen es schon, und nun vorwärts (sieht Elias). Aber zum Teufel, Herr Schwiegersohn! Wie stehen Sie denn da? Gerade wie ein ausgestopfter Birkhahn, und wie halten Sie denn das Gewehr? EliaS. Ich fürchte mich alleweil, daß es loßgeht. Eschenbach. Ist es denn schon geladen? Paul. Noch nicht; ich gab's dem gnädigen Herrn ungeladen aus der Gewehrkammer. Eschenbach. Nun also, da sehen Sie selbst — Elias. Das thut nichts, wenn's auch noch nicht geladen ist, der Teufel kann doch sein Spiel haben, und 's kann auf einmal losgehen. Alle (lachen). 47 Eschenbach. Hahaha! — Warum nicht gar, was fällt Ihnen ein? Nun Kinder, stimmt an die Anjagdsfanfare und dann vertheilt Euch aufdie Plätze. Kommen Sie, Herr Schwiegersohn, wir gehen auf unfern. — Xvanys, 8VSNY6, Waidmannsheil! Alle. Waidmannsheil! Elias (für sich). Das wird heute wieder ein Zammertag für mich werden, ich freue mich schon darauf. (Eschenbach, Elias und Gäste zu verschiedenen Seiten ab. Die Jäger bleiben). Z a g d -- C h o r. Waidgesellen, rasch zum Jagen, Brecht zur frohen Arbeit auf; Seht Aurorens gold'ner Wagen Fährt am Aether schon herauf. Froh entschlüpft des Hain's Gefieder Zwitschernd seiner kurzen Ruh, Und gesättigt eilet wieder Alles Wild dem Forste zu. Lalala! Auf, erhebt Diana's Ehre Durch ein frohes Jagdgeschrei, Ordnet Jagdzug und Gewehre, Eilt mit Lust und Sang herbei. Gierig winseln schon die Hunde Nach des edlen Wildes Schweiß, Und die goldne Morgenstunde Krönt mit Glück des Waidmann's Fleiß. Lalala! (Ab zu verschiedenen Seiten). Fünfzehnte Seene. Therese und Monika (in sehr geschmackvollen Jagdkleidern). Hubert (folgt ihnen). Therese. Was folgt uns denn dieser Mensch überall auf dem Fuße nach. Er ist mir überlästig. Sag' ihm Mony, daß er sich entferne. Monika. Ei, sagen Sie ihm das selbst, mein Fräulein, für Sie schickt es sich besser. Therese (rasch zu Hubert). Warum folgt Er jedem meiner Schnitte? Hu b e rt (mit Anstand). Hier ist unser Stand. — In Ihrer Nähe zu weilen, mein gnädiges Fräulein, ist Befehl und Wille Ihres Vaters. Therese (mit Ironie). Ist Er immer so pünktlich in Erfüllung der Befehle seiner Herrschaft? Hubert (bedeutend). Immer, wenn es sich mit Ehre und Pflicht verträgt. Therese (sieht ihn groß an, spricht kein Wort, und geht in den Hintergrund gegen den Waldbach). Monika (zu Hubert). Jetzt rasch, ich will mich entfernen, machen Sie Ihre Sachen gut, Herr Baron! Hubert. Wie, Du weißt? Monika. Alles weiß ich, mein Philipp hat mir's schon erzählt. Hubert. So hat der verdammte Bursche doch geplaudert. Monika. Thut nichts, hat's nur mir geplaudert, und ich kann schweigen, wie eine Forelle. — Also wie gesagt, viel Glück auf den Anstand (will ab). Therese. Wohin, Mony? Monika. Auf meinen Stand. T h e r e s e. Du bleibst bei mir. M o n i k a. Ich darf nicht, mein Fräulein, der Papa hat befohlen, bei meinem Philipp meinen Stand zu nehmen, und ich versichere Sie, dort bin ich auf dem rechten Platz (ab). (Pause, während welcher Therese vorgegangen, und nachdenkend vor sich hinblickt). Hubert (der sie scharf beobachtet). Ich würde es mir zum größten Glück rechnen, wenn ich im Stande wäre, Ihnen, mein gnädiges Fräulein, die Langweile zu verscheuchen (sie schweigt — Pause). Sie zürnen noch immer wegen melnes Ungehorsams. — O, wenn Sie wüßten, mein Fräulein, wie es schmerzlich für mich war, daß ich Ihren Befehl nicht erfüllen konnte — nicht erfüllen durfte. — Sie würden mir gewiß vergeben.-Die Zeit wird einst dieses Räthsel lösen, und Ihre Huld mir wieder werden. Doch 48 jetzt (kniet.) ein einzig Wort der Gnade von Jbren holden Lippen, nur einen Blick der Verzeihung aus Ihren schönen Augen — Therese (verlegen). Was thut Er? — steh' Er auf — ja, ja, ich — ich verzeihe 2hm. ' Hubert. Und ist mir auch das Glück vergönnt, diese schöne Hand zu küssen? Therese (für sich). Was will der sonderbare Mensch? Er durchbohrt mich säst mit seinem Feuerblick (laut). So steh' Er doch nur auf. Hubert. Nicht eher, bis mein heißes Flehen Erhörung gefunden! T h ere se (für sich). Wie wehmü- thig er bittet — er macht mich ganz verwirrt (reicht ihm die Hand). Da — und nun steh' Er auf, und geb' Er sich zufrieden. Hubert (steht auf). Der Engel der Tugend lohne Ihre Güte, und schenke 2hnen eine glücklich frohe Zukunft. Therese (seufzt, geht gegen den Bach, und besteigt den Steg). H ubert (ihr nachblickend). Es ist ein liebes, süßes, herrliches Geschöpf (ihr nachgehend). Sie entfernen sich, mein Fräulein, sollte ich noch immer 2hren Unwillen verschulden? Therese. O nein, ich sehe hier dem Tändeln der Forellen zu. Hubert. Sie freuen im muntern Spiele sich des Lebens, dem muntern Kinde gleich, das noch keine Sorge kennt. Th erese. Ach, es ist doch nichts über die schönen Tage der Kindheit. Hubert. Die Tage deö häuslichen Glückes sind schöner, auch 2hnen wird es einst blühen, mein theureS Fräulein, auch 2hnen wird die holde Zukunft Rosen streuen, und als zärtliche Gattin, als geliebte Mutter werden Sie des Lebens höchste Seligkeit genießen. Therese (seufzend). Nie, nie wird mir dieses Glück zu Theil. Hubert. Die Liebe wird eS bringen. Therese. Ach niemals, niemals! Hubert. Sie haben wohl noch nie geliebt? Therese. Mein Herz ist frei. — Meinem Vater gehorchend, glaubte ich in dem von ihm gewählten Gatten das Glück meiner Zukunft zu finden; ich habe mich schrecklich getäuscht. Hubert. Hoffnung heißt dieHim- melstochter, die Balsam in die wunden Herzen träufelt. Th er ese (biegt sich über den Steg). 2st das nicht ein Vergißmeinnicht? — Hubert. Wo? Therese. Dort, hart am Bache, bei dem Waidbusch. — 2a, es ist eins. ^ Ein seltenes Blümchen in dieser 2ah- reszeit. 2ch liebe die Vergißmeinnicht. Hubert. Sie sollen es sogleich ! haben (steigt hinab). Therese (ängstlich). Was will Er thun ? — Mein Gott, er wird doch nicht — hört Er nicht — der Bach ist tief — das Ufer steil, Er könnte aus« glitschen und in's Wasser fallen. Hubert! Hubert! Ach Gott! Er hört mich nicht. — Da klettert er hinab, er hält sich fest an jenem Waidenast — ach — es bricht — er stürzt — (plöh- > licher Schuß — Huberts Gewehr ist losgegangen, Therese stößt einen lauten Schrei aus, und sinkt, das Gesicht verhüllend, auf die Knie. — Kleine Pause. — Endlich sieht man Hubert heranklimmen. Therese erblickt ihn, springt freudig auf, hebt dankbar die Hände gen Himmel, und eilt über den Steg herab. Beide kommen in den Vordergrund). Hubert. Hier, mein theureS Fräulein, ist das Vergißmeinnicht. Therese. Hubert, Du bist verwundet? Hubert. Dem Himmel sei Dank, nein! Therese. Das Gewehr ging los. Hubert. Nur über meinen Kopf, der Schuß ging in die Luft. Therese. Dein Leben war in Gefahr, um mich hast Du's gewagt? Hubert. Um Ihnen Freude zu bereiten, acht' ich tausend Leben nicht. Therese. Hubert! Hubert! Daö werd' ich Dir nie vergessen. Hubert. Dieser Augenblick ist der seligste meines Lebens. Th er ese (drückt ihm herzlich die Hand). Dankbar erkennt mein Herz, was Du für mich gethan. Hubert. O möchte dieses schöne Herz mein eigen sein, möchte diese Hand, die jetzt so liebevoll die meine drückt, in meiner Todesstunde mir die Augen schließen. Therese (zärtlich). Hubert! (plötzlich von einem Gedanken ergriffen). Du bist kein Zäger! Hubert (lächelnd). Zch bin einer, Ihr Vater hat meinen Lehrbrief gesehen. Therese. Nein! nein! Du täuschest mich nicht — Du bist — Mein Gott! welche Ahnung fliegt mir durch den Kopf — wie Schuppen fällt eö mir von den Augen. — Za, ja, — Du bist — Sie sind (plötzlich hört man einen starken Schuß. — Zu bemerken ist, daß während der ganzen 18. Scene in der Ferne Schüsse, Hörnerruf und Geschrei der Ja« genden „Ho, hoho! geht zur Wehr! Halt! Zurück! Hirsch zurück! Juch Hirsch! Tajo! tajo!^ gehört wurde, doch aber so, daß diese Scene nicht im geringsten gestört werden und verloren gehen darf. Das Geschrei kömmt nach obenbemerktcm Schüsse näher, man hört von allen Seiten den Fürstenruf, d. i. den Hörnerruf, der Alles auf den bestimmten Platz versammeltund es treten von verschiedenen Seiten auf) Sechzehnte Scene. Eschen bach. Holm. W i l d e k. Wiener Theater-Repertotr. XXI. Dorne r. Mühlberg. EliaS. Gäste. Jäger. Bauern. Eschenbach (athemlos hereinstür- zeud). Ach! ach! ach! das ist zuviel. Das ist schrecklich! Das ist ensetzlich! Hubert, Therese und Einige. Was gibt's? Was ist geschehen? Eschenbach. Nein, nein, das ist mehr, als ich ertragen kann, das überleb' ich nicht. Elias (mit hochaufgeschwollener Wange und Nase). Aber Du mein blauer Himmel, ich kann ja nichts dafür. Eschenb ach. Gehen Sie zum Teufel, Sie vermaledeiter Herr Schwiegersohn ! Obige. So reden Sie doch, Herr Oberforstmeister (lieber Vater, gnädiger Herr rc. rc.) was ist geschehen? Eschenbach. Mein Parforye- Hund, mein Liebling, mein Alle- auf der Welt, mein Nabuchodonosor — Obige. Nun, was ist'S mit ihm? Eschenbach. Er ist erschossen. Elias. Aber ich kann nichts dafür. Eschenbach. Erschossen ja. Mause- todt durch die Hand dieses unbarmherzigen Tyrannen. Elia s. Aber ich kann nichts dafür, Die Obigen. Reden Sie, wie ging das zu? Eschenbach. Ja, ich will'S Euch sagen, will meinen Schmerz durch Worte Luft machen. O meinNabucho- donoser! mein edler Hund! Du bist dahin! Er war so wacker, so unverdrossen, so herrlich gearbeitet; erhalte eine vortreffliche Suche, war nie wet- terlaunisch, durfte niemals gebengelt werden, war ein Stöberer, wie's keinen gibt, ein Solofänger ohne Gleichen, und der beste Schirmer auf 10 Meilen in der Runde. — Armer guter Nabuchodonosor, Du bist dahin! fahre wohl! Ruhe Deiner Asche! Und wenn'S Hunde im Elisium gibt, so mußt Du der erste droben paradiren. 80 EliaS. Aber ich kann nichts dafür. Die Obigen. So reden Sie doch, was ist deNn geschehen? Eschenbach. Der Sechzehnender war bestätigt; es war ein Kapitaledelwild, die Meute wurde gestopft und der Hirsch lancirt, die Jagd war gut, und eS wurde Is vue geblasen. Nun ging es los. Allons — tien — s pres tien! Tajo! hoho! und in weniger als einer halben Stunde war der Kerl Hallaly, und ich wollte meinem Herrn Schwiegersohn den Ehrenschuß vergönnen, ich animirte ihn: Loch! Toch! den Hirsch zu schießen, er konnte ihn nicht fehlen, denn er saß ihm völlig auf der Nase. Da legte er an, zielte, das Gewehr ging los, und statt des Hirsches wälzte sich in seinem Blute mein Nabuchodonosor, das vielgeliebte Vieh! Elias. Aber ich kann nichts dafür! Alle (lachen vom Herzen). Elias. Za, lachen Sie, wie Sie wollen, ich kann halt doch nichts dafür. — Zch will Zhnen gleich erzählen, wie'S war. Es ist ganz richtig, ich Hab' auf den Hirschen schießen wollen, ich hält' ihn völlig greifen können, aber da sticht mich so eine verfluchte Gelsen auf die Nase, ich mach einen Zucker, verfehl den Drucker, 's Gewehr macht einen Rücker, und unglückseliger Weise treff ich denPintsch oder was es war. (Alle lachen.) Za! ja! 's ist wahr! Da schau'n Sie selber den Tippel auf der Nasen von der Spitzbuben-Gelsen. Aber das war noch nicht genug, wie ich losdruck, gibt mir 's Gewehr eine Watschen in'S Gesicht, daß ich geglaubt Hab', ich höre alle Glocken läuten, ich bitt', betrachten Sie nur selber diese Phisiognomie, das ist heut schon die zweite, wennS so fort geht, so bring ich Watschen zusammen, daß ich eine ordentliche Großhandlung damit errichten könnte. — Alle (lachen). Hubert (zu Theresen leise). Zch beneide Sie nicht um Ihren Bräutigam, Fräulein! — Therese (ebenso zu ihm). Herr Baron, ich habe Sie erkannt. Hubert. Baron? ich? Sie irren sich. Therese. Nein, nein, mein Herz hat mich nicht getauscht. Holm. Und was geschah denn mit dem Sechzehnender? Eschenbach. Mein Philipp hat ihn erlegt, und letzt bricht er ihn aus. Therese. Ich muß eS sehen, das verhängnisvolle Thier. — Komm, Hubert, folge mir. Hubert. Recht gerne. (Beide nebst einigen Gästen und Jägern, darunter Norbert und Paul, ab.) « Dorn er. Aber nun, Herr Bruder, ein Wort im Ernst. Läßt Du Deinem Herrn Schwiegersohn den Streich so hingehen? Mühlberg. Za, das frag ich auch. — Er hat gefehlt gegen Waidwerk und Zägerrecht, und verdient volle Strafe. Wildek. Man sollte ihm das Waidmesser geben, das wäre nicht mehr als billig. Eschenbach. Haut ls baut! Za, Ihr habt Recht, das Waidmesser, ja er hat's verdient. Hol ihn der Fuchs, er hat's verdient. — Schatten meines gemordeten Nabuchodonosors, blick herab und sieh, wie ich dich räche (zieht den Hirschfänger). Allons, Herr Schwiegersohn, niedergekniet. Elias. Za, waö geschieht denn jetzt schon wiederum? Eschenbach. Das werden Sie gleich sehen, nur niedergekniet! Elias. Wollen Sie mich etwa abstechen? Eschenbach. Warum nicht gar, Allons! avsnytz! sonst laß ich Gewalt brauchen. EliaS. Oder gibt'S vielleicht Prügel? Holm (lächelnd). So etwa- dergleichen. Elias. Nun da haben wir s, es ist kein' Ruh, das Schicksal fängt schon wieder an zu puffen. Eschenbach. Sie sollen als Strafe für Ihr Vergehen drei Pfund mit dem Hirschfänger bekommen. EliaS. Drei Pfund? nicht mehr? Möchten Sie mir nicht ein paar Loth schenken? Alle (dringend). Ohne Umstände! Daß Waidmeffer — das Waidmesser! — Nur niedergekniet!— Elias (erschrocken). Er kniet schon. Ach! ich erbarmungswürdige Kreatur. Eschenbach. Nun blaset die Fanfare. (Jagdmusik beginnt. Ave stellen sich im Halbkreis um Elias. — Sie legen die rechte Hand entblößt am Hirschfänger und ziehen diesen einige Zoll aus der Scheide. Eschenbach tritt zu Elias und schlägt ihn mit dem Hirschfänger dreimal über den Rücken, beim ersten Schlag) Hoho! das ist für unfern gnädigsten Herrn und Fürsten, (beim zweiten) Hoho! das ist für die Ritter und Knecht, (beim dritten) Hoho! das ist das edle Zägerrecht. Elias (der bei jedem Schlage weh- müthig zuckt). Hoho! der haut nicht schlecht. (Musik hört auf.) Eschenbach. Hoho! hoho! Herr Schwiegersohn, Sie machen ja ein Gesicht, als ob Sie in einen Holzapfel gebissen hätten. Elias. Die größte Freude und der größte Schmerz bringen verschiedene Zuckungen hervor. Eschenbach. Und nun stehen Sie auf, und bedanken Sie sich für die wohlverdiente Strafe. (Alle treten auseinander.) Elias (ganz entrüstet). Was? Bedanken auch noch? — Für die Schläg bedanken, ah! jetzt wird's mir zu viel -7- und so einen Streich nennen Sie ein Pfund? Ich dank Ihnen, Sie haben ein schönes Gewicht, so ein Puff hat einen halben Centner wie nir. Nein! Jetzt Hab ich's satt. Gnädiger Herr! Ich hab's Ihnen schon heut früh gesagt, ich sag'S jetzt wieder, ich quittire, suchen Sie sich einen andern Bedienten; denn bei Ihnen halt'S der Teufel länger aus (will ab). Eschenbach. Halt, halt! Wo wollen Sie denn hin? EliaS. Jn's Jagdhaus, wo die Frauenzimmer sind. — Ich habe dort verschiedene Schunken und Kalböschlä- gel bemerkt; ich habe viel gelitten, ich muß jetzt hin und meinen Schmerz verbeißen (ab). Eschenbach. Hahaha! Spukt ihm schon wieder der Bediente im Kopfe. Mühlberg. Herr Bruder! Ich fürchte, ich fürchte, mit diesem Menschen wird's kein gutes Ende nehmen. Eschenbach. Ei warum nicht gar, wird sich Alles wieder ausgleichen. Das Waidmeffer ärgert ihn, aber (lachend) ich Hab ihn auch tüchtig hinaufgeklopft, er wird seinen Rücken spüren, hat's auch verdient um meinen armen Nabuchodonosor. — Jndeß, laßt's nur gut sein, ist nur einmal sein Onkel, der Major da, da wird die Sache gleich ein anderes Gesicht bekommen. Wildek (sieht tn die Coulisse). Wer reitet dort den Hohlweg auf uns zu? Eschenbach. Impus in Isdula, es ist der Major, (ruft.) Herr Bruder, hierher! — Haut Is Uaut! Hupp hierher! Major (noch hinter der Coulisse). Bring die Pferde nun auf's Schloß, Jakob! und schütte ihnen ein paar Metzen Hafer vor, sie haben's wohl verdient! Siebenzehute Seene. Vorige. Major (tritt auf). Major. Nun, da bin ich! Willkommen, Alter! (Umarmung.) Find'ich 4 * sr Dich schon wieder auf der Jagd, Du ewiger Nimrod, Du wirst noch einmal im Walde Dein Leben beschließen. — Nun, wie ist'S, ist mein Neffe angekommen, ist er mit Dir auf der Jagd? — Wo steckt er? — Eschenbach. Ja, er ist hier, ich Hab' ihm so eben das Waidmesser gegeben. Major. So? Und warum? Eschenbach. Er hat meinen Nabu- chodonosor erschossen. Major. Wer ist der? Ich habe nicht die Ehre — Eschenbach. Meinen schönsten Jagdhund, meinen Liebling — den besten Solofänger von ganz Deutschland. . Major. Und deswegen hast Du meinen Neffen mißhandelt? Ei, da soll ja das Donnerwetter! — Eschenbach. Aber mein Nabucho- donosor! — Major. Hol Dich der Teufel sammt Deinem Nabuchodonosor; mein Neffe hat ein Vermögen von 1V0.V0Ü Gulden, und ist mehr werth, als Dein verdammter Solofänger. Wo ist er denn? Eschenbach (zu einem Jäger). Holt ihn im Jagdhause — schnell — ^van§e, und bringt die Andern mit. Major. Aber sagt ihm noch nichts von meiner Ankunft, ich habe einen Hauptspaß mit ihm vor (Jäger ab). Wie ging'S denn zu, Herr Bruder, daß der Hund erschossen wurde? — Kann mir'S schon denken, mein Neffe wird in Deine Tochter rasend verliebt sein, und man weiß ja, die Verliebten haben nicht Augen und Ohren für etwas Anderes, und da ist bald ein dummer Streich gemacht. Eschenbach. Ach! der Teufels- mensch kümmert sich fast gar nicht um meine Tochter! Major. Ja, er hat einen eigenen Charakter. — Und wie ist'ö, behält er noch immer sein verdammtes Inkognito ? Eschenbach. Noch immer, obgleich ich ihn vom ersten Augenblicke an erkannt habe. Du glaubst es nicht, Bruder, aber wahrhaftig, er ist Dir wie aus dem Gesichte geschnitten, ganz wie Du leibst und lebst. Ich habe schon tausend Spaß mit ihm gehabt, er verstellt sich in einemfort, und will durchaus der Elias Regenwurm sein, obwohl ich ihn schon der ganzen Gesellschaft als meinen künftigen Schwiegersohn vorgestellt habe; indessen, das hilft nichts, ich Hab' ihn gleich wegqehabt. Du weißt, ich bin ein Mordpfiffikus. Major (lächelnd). Ich weiß — ich weiß —! Eschenbach. ES ist aber auch ein allerliebster Mensch, voll Laune und Humor, und Schnacken und Späße — nur hätte er mir meinen Nabucho- nodosor nicht erschießen sollen. Major. Nun höre meinen Plan; ich will für seine Thorheit Dich an ihm. rächen. Er wollte uns foppen, nun foppen wir ihn. — Wenn er kommt, so ignorir ich ihn, und mache, als'wär' ich sein Onkel nicht. Eschenbach. Voler! Voler! Hatz los! Ja, ja, das thutS, Herr Bruder, das wird einen Mordspaß geben. Major. Noch mehr, ich will mich so stellen, als hielt ich ihn wirklich für den Spitzbuben Elias Regenwurm, den ich fortjagte, weil er mich um meine Liebschaft brachte. Eschenbach (erstaunt). Um Deine Liebschaft? I Du alter Sünder, wirst doch nicht — Major. Halt 'S Maul! ?empi PS88Sti! Dorner. Da kömmt er schon, Herr Major! Achtzehnte Scene. Vorige. Elias. Elise. AgneS. Damen und Herren. Elias (unwillig). Aber mein Gott, SS was wollen denn der gnädige Herr schon wieder? Major (stutzt und voll Verwunderung). Was Teufel! — EliaS (erschrocken). O Jemine, der Herr Major! Major. Ei Du Hauptspitzbube, was machst Du hier? Eschen bach (zu ihm heimlich und immer herzlich lachend). Brav! recht brav! Major. Hab ich Dir nicht streng verboten, als ich Dich fortjagte, mir je wieder unter die Augen zu kommen? Eschenbach (wie oben). Vortrefflich ! Nur zu so? — EliaS. Pardon! Allergnädigfter Herr Major! Major. Und Du unterstehst Dich dennoch? Ei, da sollen Dich ja alle Kreuzdonnerwetter. Eschenbach. Sehr gut. Allerliebst spielst Du Deine Rolle. — Major. Halt 'S Maul, alte Jagdtasche. Elias (kniet). Aller mild-, huld- und gnadenreichster Herr Major, ich will's mein Leben nicht wieder thun. Major. Schuft! Welcher Teufel hat Dir die Dreistigkeit erlaubt, Dich hier in'S HauS zu schleichen, und für meinen Neffen auszugeben? ' Esch e nba ch. Zum Entzücken! Vortrefflich ! Unvergleichlich! EliaS. Aber alleredelfestester Herr Major, wenn ich schon sage, daß ich nichts dafür kann, der gnädige Herr selber hat die Dummheit gemacht. Eschenbach. Aber der Andere spielt auch brav, weiß sich prächtig zu verstellen. Major. Schurke, weißt Du, was Du verdient hättest? Elias. Ach ich verlang mir wahrhaftig nichts dafür. Eschen bach. Zum Küssen, alle Beide, Einer besser als der Andere. Major. Den Galgen hast Du verdient ohne Barmherzigkeit und Gnade, verdammter Spitzbube. EliaS. Ach, wenn man alle Spitzbuben aufhängen wollte — Eschenbach (herzlich lachend). Nein, wie mich der Spaß unterhalt, das glaubt kein Mensch. — Aber schon Recht, Herr Bruder, nur immer so fort. Major (im höchsten Jorn). Aber siehst Du nicht, alter Blindschleich, daß dies wirklich der Gauner ist, der meinen Brief unterschlagen hat? Eschenbach. Ich sage Dir, Bruder, allerliebst, an Dir ist ein ganzer Schauspieler verdorben. Major. Mensch! Willst Du mich rasend machen, oder bist Du verrückt? Wenn ich Dir schon sage, er ist es gewiß. Eschenbach. Freilich ist er'S, der Neffe ist'S, ich weiß es ja. — Major (wüthend). Ein Hanö Narr ist's, wie Du einer bist, ein Kerl, den ich auf der Stelle todtschlagen will (reißt einem Bauer den Stock aus, und reibt auf EliaS aufj dieser fällt zu Boden). Eschenbach (fährt schnell dazwischen, und hält des Majors Arm). Aber, Herr Bruder! (die Andern halten den Major zurück. Einige suchen Elias zu schützen. — Allgemeiner Tumult.) Zremrzehnte Scene. Monika, dann Philipp, später Therese, Hubert und Zager. Monika (herbeierlend). Zu Hilfe! Zu Hilfe! Alle. WaS ist geschehen? Monika. Ach mein Fräulein, mein armes, armes Fräulein! Eschenbach. Meine Tochter? WaS ift'S mit ihr? Monika. Sie stirbt! Sie ist schon L4 todt! Das hat man von der verwünschten ewigen Jägerei. Eschen bach und Alle. Um Got- teSwillen! Wo? Wie? Fort zu ihr! zu ihr! (Alle wollen ab.) Philipp (stürzt herein). Juchhe! Viktoria! das Fräulein ist gerettet! Eschenbach. Was ist gescheh'n. Alle. Rede, Philipp! Philipp. Wir standen Alle um den Hirsch, den ich eben zerwirken wollte, da ging das Fräulein abseits in's Gebüsch. Plötzlich hörten wir einen Schuß, und -einen gellenden Schrei. Wir eilen hin, und sahen eben, wie eine wilde Bache wüthend auf das Fräulein losfuhr und zu Boden reißen wollte. — Sie hatte ihr Gewehr auf das Thier loögedrückt, doch war der Schuß fehlgegangen, und das machte die Bestie um so grimmiger, schon war es um das arme Fräulein geschehen, das vor Schreck ohnmächtig zu Boden stürzte, als schnell der neue Jäger herbei eilte, und mit Gewandtheit und Kraft das Thier aufnahm, welches wüthend auf seinen neuen Feind stürzte; doch im Nu stieß er ihm den Fänger in die Kehle, daß es laut heulend alle Viere von sich streckte. Alle (freudig). Halloh! Viktoria! Eschen bach. Juchhe! Seht Ihr! Das hat meines Schwiegersohnes Leibjäger gethan, ja das ist ein Mord- bursche, und noch der Einzige auf der Welt, der mir meinen Nabuchodonosor ersetzen kann. Philipp. Da kommen sie schon! Hubert (Theresen auf dem Arm tragend, und die Jäger). Esch enba ch (ihnenentgegen). Meine Tochter! du armes Röschen! — Mein Gott, sie ist noch ohnmächtig. Die Uebrigen. Schafft Hilfe, schnell auf's Schloß um einen Arzt. Hubert. Beruhigen Sie sich, gnädiger Herr, sie hat sich schon erholt; es ist der Schreck nur noch, der sie ermattet hat. (legt sie auf die Rasenbank, zu den Jägern.) Schnell frisches Wasser. (Einer bringt vom Waldbach eine Feldflasche mit Wasser). Therese (schwach, sieht Hubert zärtlich an). Dies Herz wird ewig dankbar für Sie schlagen. Major (der Hubert immer fixirte, jetzt aber seiner Sache gewiß ist). WaS zum Henker, das ist ja — (laut rufend) Eduard! EduardBaron v.Mallwitz(der ihn jetzt erst sieht). Mein Onkel! Major. O DuTeufelßjunge, komm in meine Arme. (Umarmung.) Alle (rufen). Was ist daS? Eschen.bach. Potz Plahhirsch und Steinbock! Das ist Dein Neffe? Major Ja, Du alter Fuchsjäger! Mein Neffe ist's, mein guter, lieber Eduard — ich habe ihn in meinen Armen; ich drücke ihn fröhlich an die Brust, mein innigster Wunsch wird erfüllt, er wird der Gatte Deiner Tochter,, und der Himmel weiß, er hat sie heute wohl verdient. Therese (um welche sich Monika und Damen beschäftigen, ist aufgestanden und blickt sehnsuchtsvoll,auf Eduard). Eschenbach (auf Elias zeigend, der mit einem Schafsgesichte im Vordergründe stand). Und wer ist denn hernach der da? Major. Wie oft soll ich Dir's noch sagen, der Elias Regenwurm ist's, der Spitzbube! Eschenbach (verblüfft). Was? Und der kecke Bursche hat sich unterstanden? Elias. Aber Euer Gnaden und vielmals gnädiger Herr! Gib ich mir denn nicht schon seit gestern Abends alle erdenkliche Mühe, Ihnen begreiflich zu machen, daß ich der Elias Regenwurm bin? und Sie sind so ein Stützkopf, und wollen eS nicht ein- sehen. Major. Herr Bruder, alter Weisheitskrämer, Mordpfiffikus, Du hast da einen abscheulichen Bock geschossen. Eschenbach. Aber zum Guckuck, das Zeugniß von Dir, ich Hab' eS ja noch in der Tasche, (zeigt es dem Major). Da! Major (besteht es). Steck eine Brille auf die Nase, und lies besser. Da sieh, das Datum lautet vor drei Jahren. Eschenbach (schlägt sich vor den Kopf, zornig zu Elias). Nein, das ist zu viel! Elias. Was halt zu viel ist, geben Euer Gnaden heraus. Eschenbach (voll Gift). Meine Brieftasche zurück und meine Uhr, aus der Stelle, und dann Marsch in den Thurm bei Wasser und Brod. Elias. Da haben wir's, schon wieder was Neues! O Schicksal! Therese. Gnade für ihn, theurer Vater, er ist unschuldig. Elias. Wie ein Mee-Lamperl! Philipp. Und auch ich bitte für ihn, gnädiger Herr; denn ich allein bin der Schuldige. Ich habe das Ge- heimniß meiner Mutter entdeckt, sie hielt ihn für den Herrn Baron, und ihre Gutmüthigkeit brachte ihn aufdaS Schloß. Eschenbach. Wohl, so mag er Gnade haben, weil er ein so pudelnärrischer Kerl ist, aber zum Teufel soll er sich scheeren. Eduard. Ich nehme ihn in meine Dienste. Elias (küßt ihm die Hand). Ich küß' die Hand, Euer Gnaden. Das Darangeld Hab' ich schon empfangen, (deutet eine Ohrfeige.) Eduard. Und nun, mein theures Fräulein, werden Sie mir eine List verzeihen, welche mich nur von dem unaussprechlichen Glücke, Ihnen anzugehören, überzeugen sollte. Therese (reicht ihm die Hand). Was sagt'ich? — O meine Ahnung hat mich nicht getäuscht. Monika. Mich die meine auch nicht, drum Hab' ich den Herrn Regenwurm an'ö Tischtuch angespendelt. Elias (küßt ihr die Hand). Waren Sie so gütig? O ich dank' Ihnen vielmal. Eduard (zu Theresen). Darf ich der schönen Hoffnung Raum geben, Sie ewig mein zu nennen? Eschenbach. Paperlapap! Wer lange fragt, geht irre, (gibt ihre Hände zusammen). Wehr zu, Kinder! ich verlobe Euch jetzt feierlich unter Gottes freiem Himmel, im Angesichte der schönen Morgensonne. — Jagt immer froh und munter auf der Wildbahn des Lebens, gebt freundlich Euch Bescheid, macht keinen.Absprung und treibt nie auf Unrechter Fährte, die Freude schass Euch stets ein Festjagen, doch kommen Leiden, rasch parkorys darüber weg, und so macht immer gutes Waidwerk, bis Euch der große Fürstenruf hinüber ruft, zu unserm mächtigen Lehrprinzen da droben. — Und nun blast, blast, daß Berg und Thal vom Freudenrus erschalle. Steckt Brüche auf die Hüte, den Damen Zweige zur Hand, die Beute auf die Wagen, ^vanye! svanys! Und im Triumph auf's Schloß. Den da aber, den Mörder meines NabuchodonosorS, nehmt in die Mitte, er muß den Schaufler tragen, den ich dort an der Sulz geschossen. Elias. Schon wieder was Neues? Nur zu, Schicksal! Euer Gnaden, Sie wissen, ich kann nur drei Pfund aufladen, wenn er schwerer ist, werf ich ihn in den Waldbach. Eschenbach. Nichts da! Allons! Nun vorwärts! Hupp! hupp! Juchhe! (Der Zug beginnt. — Die Damen haben Zweige in den Händen, die Männer auf den Hüten, kleine Wägen mit der Jagdbeute werden herbeigebracht. Berg und Thal füllen S6 sich mit Menschen. SliaS trägt den Damhirsch , daß ihm die Geweihe hoch über den Kopf ragen. Fanfarenruf. — Allgemeiner Jubel). Rascher Schluß-Chor. Ein Waidmann ging zum Jagen ' Im dichten Forst hinaus. Und bringt als reiche Beute, Ein Bräutche« sich nach Haus. Drum jubelt froh und jubelt laut? . Hoch lebe Bräutigam und Braut! Halloh > Lrarah! < Hoch Bräutigam und Braut! . .4 Der Vorhang fällt. Die Sklaven. Es lebe- Hoang-Puff. Still, sag' ich! Noch ein Wort, und Ihr seid des Todes! — Sonst hör' ichs freilich gerne, daß ich leben soll, meinethalben könnt Ihr diese frommen Wünsche den ganzen Tag wiederholen, wenn sie auch nichts 3 nützen, so schaden sie wenigstens nichts. Aber heute geht mir allerlei Anderes im Kopfe herum, und drum' sollt Ihr schweigen. Kein Wort mehr, habt Ihr mich verstanden? (Alle machen zugleich eine stumme Verbeugung). Packt Euch! ich will allein sein. (Alle Selaven gehen ab). Dritte Seerre. Hoang-Puff. Kang-Schu. Ja o. . Hoang-Puff (tritt ganz in Gedanken vertieft vor. Er bleibt öfters stehen und sieht wechselweise Kang-Schu und Jao an). Kang-Schu. Großmüthiger Herr! eine große Neuigkeit! Hoang-Puff. Schweig still! Kang-Schu! ehe ich mit Dir spreche, habe ich noch mit mir selbst zu reden! Ich habe gesagt, kein Mensch soll hier bleiben, deßwegen erlaube ich es nur Euch Beiden. Habt Ihr mich verstanden? (sie verbeugen sich. Zu sich selbst). Du bist verliebt, Hoang-Puff, und obendrein ganz unmenschlich. So paßt es auch für mich. Die kleine Oali scheint sich aber nur über mich lustig zu machen. Macht nichts, lustig ist besser als traurig. Ich hoffe heute noch durch mein Horoscop zu erfahren, ob die kleine Schelmin bald aufhören wird, mich zu quälen. Jao! Jao. Herr! Hoang-Puff. Rufe mir Zimar! Kan g-S.ch u. Gnädigster Herr, ich bin gekommen- Hoang-Puff. Geduld — Eins nach dem Andern! der Kopf kann nicht so viel auf ein Mal tragen. Jao. So eben sehe ich ihn kommen! Hoang-Puff. Entferne Dich, Jao. Jao (ab). Vierte Seeue. Zimar. Hoang-Puff. Kang- Schu. Zimar. Sonne des Reichs, ich grüße Dich! erhabener Hoang-Puff. Hoang-Puff. Tiefes Gewicht der Gelehrsamkeit, unerschöpfliche Quelle — von — von Allerlei — kurz und gut, ich empfange Deinen Gruß. (Ihn seitwärts ziehend). Wie stehts, Zimar — weißt Du schon Alles? tritt ein wenig zurück, Kang-Schu, Du siehst ja, daß ich hier eine geheime Sitzung halte. Kang-Schu. Der verwünschte Fremdling wird mich noch verderben. Hoang-Puff (halblaut zu Zimar). Wie weit sind wir mit meinem Horoscop? Zimar. Bald sind wir am Ziele. Ich sehe noch dicke Nebel, die Euer Gestirn umgeben. (Deutet auf die Stirne). Hoang-Puff. Nebel? das ist mir nicht lieb! ich will nicht benebelt sein. Ihr müßt mich ausklären. Zimar. Das ist ein schwer Stück Arbeit! aber ich will'ö versuchen. Hoang-Puff. Kang-Schu — nähere Dich! was hast Du mir zu sagen? Rede, wenn's was Kluges ist. Kang-Schu, Mächtigster Herr! Ich kam, Dir zu berichten, daß Nadir, der Sohn des Zamti, seit einiger Zeit in Schekiang wieder sichtbar ist. Hoang-Puff. Waö? der Sohn des Verräthers Zamti, den ich fortjagte? Zimar (bei Seite). Was höre ich? Kang-Schu. Gestern Abend, als er sich frecher Weise öffentlich unerlaubter Ausdrücke gegen Euch, gnädigster Statthalter, erlaubte, ward er vom Stadtrichter in's Gefängniß geworfen. Zimar (bei Seite). In's Gefängniß ? Hoang-Puff. Ich weiß zwar nicht was er verbrach, aber in jedem 1 * 4 Falle hat der Stadtrichter Recht ge- than. Und was sagte er denn zum E-tempel? Kang-Schu. Nachdem er mit einer unbeschreiblichen Kühnheit Eure Hoheit des ungerechtesten Verfahrens gegen seinen Vater anschuldete, wagte er es — oh des ungeheuren Frevels — er wagte es — zu behaupten — ja sogar öfters zu wiederholen, Zhr wäret — die Ehrfurcht schnürt mir den Hals zu. — Hoang - Puff. Ich lasse ihn Dir zuschnüren, wenn Du nicht sprichst. Kang-Schu. Er meinte — vernimm, ach großer Hoang-Puff — er meinte es, nicht ich — Du wärest — Du seist — H oang-Puf f. Nu, werde ich ein Mal erfahren, wer ich bin? Rede ohne Scheu, ich habe eine starke Natur, die etwas verträgt. Kang-Schu. Er sagte, Ihr wäret, was ich sonst bin, wenn Eure Hoheit mir meine fünf Sinne bestreiten wollen. H oan g-Puff. Da schelte ich Dich ja immer einen Narren. Kang-Schu. Das ist dasselbe Schreckenswort, welches er aussprach, großmächtigster Hoang-Puff. Hoang-Puff. Weißt Du gewiß, daß er nicht von Dir sprach? Kang-Schu. Sonne von Scheki- ang, er meinte Dich. Hoang-Puff. Unglaublich; man bringe Nadir her; er soll mir beweisen, daß ich ein Narr bin. Was sagst Du dazu, Zimar? Zimar. Er hatte Unrecht. Solche Dinge kann man wohl denken, aber nicht sagen. Hoang-Puff. Klug gesprochen. Gedanken sind zollfrei. Solche Äußerungen aber zahlen eine kuriose Mauth. Kang-Schu, thue was ich befohlen. Zimar. Wenn ich ihn nicht rette, so ist er verloren. Hoang-Puff. Meine Stummen sollen schon mit ihm fertig werden, fort. Kang-Schu. (ab). Fünfte Seene. Hoang-Puff. Zimar, dann Iao. Hoang-Puff (zu sich selbst). Also ich wäre ein Narr, meint Nadir. Zimar (bei Seite). Ein Mittel gibt's nur! Hoang-Puff (ebenfals zu sich). Der Elende, er soll's büßen (rufend). Iao! Iao (erscheinend). Großmächtigster Herr! Hoang-Puff. Schaffe mir Oali, und meine Pfeife herbei! (Iao ab, dann zu Zimar). Es soll mir lieb sein, wenn Du sie jetzt zu sehen bekömmst. Zimar. Eure Pfeife, gnädiger Herr? Hoang-Puff. WaS fallt Euch ein, meine Oali sage ich! Wenn ich verliebt bin, so schmeckt mir das Rauchen am Besten, und überhaupt, wenn ich nicht schlafe, so rauche ich, weil ich den Müssiggang nicht leiden kann. Zimar. Ein Geist wie der Eure, braucht immer Beschäftigung! Hoang-Puff. Um also wieder auf besagte Oali zu verfallen, die Kleine quält mich erschrecklich. Das thut aber nichts. So etwas verhindert das all-- zustarke Fettwerden, und mag dahin gehen. Ueberdieß ist sie ein Engel. Sie hat — sie ist — sie weiß — sie besitzt — findet Ihr sie nicht schon nach der Beschreibung äußerst liebenswürdig? Zimar. Sie entspricht Eurem Geschmacks ! (Man hört Lärm von Außen). Hoang-Puff. Was gibt's? Ist das vielleicht schon Nadir, den man hieher bringt? Zimar (bei Seite). Ja, ja, er ist's, ich erkenne ihn. Iao (mir einer langen Pfeife). Großer 8 Hoang-Puff, hier ist die Pfeife. Er» laube mir, daß — — Hoang-Puff. Kein Wort, Du siehst, das ich arbeite! Fort! 3ao (ab). Hoang-Puff. Kommt er noch nicht? (er sieht gegen die Coulisse). Ich glaube, er läßt sich bitten. Zimar (seitwärts). Nun drängt die Zeit (laut). Großer Statthalter, erlaube mir, daß ich inzwischen, die Einsamkeit aufsuche, um alle Berechnungen zu vollenden, welche mir Licht in Eurem Horoscop geben sollen. Hoang-Puff. Recht, mein Freund, die Ungeduld verzehrt mich. Laßt Euch keine Mühe gereuen und bedenkt, daß es keine Kleinigkeit ist, mir einen Dienst zu leisten, denn ich bin ein großes Thier — Zimar. Dafür habe ich Euch von jeher gehalten (bei Seite). Nun an's Werk, Nadir zu retten und Kang-Schu zu verderben (ab). Hoang-Puff. Jetzt wollen wir sehen, ob er es noch ein Mal sagt, daß ich — wer bin! Sechste Seene. Hoang-Puff. Kang-Schu. Nadir. Ein Offizier und Wa' chen, dann Zimar. Nadir (eintretend). Ich widerhole es — ich habe nur die Wahrheit gesprochen. Kang-Schu. Ihr hört es selbst, gnädigster Herr, er hat die Wahrheit gesprochen? Hoang-Puff. Was, die Wahrheit? Kang-Schu. Meint er — — Hoang-Puff (zu Nadir). Ich werde auch meinen, daß ich ihn aufhängen lasse. Nadir. Ich bin bereit zu sterben. Hoang-Puff. Du weißt also, was Du verdient hast? he? ich habe zwar keine Lust, Dich lange zappeln zu lassen, aber vorher will ich nur uoch wissen, was Du gegen mich hast? Nadir. Meine Gründe mußt Du ohnehin wissen. Hoang-Puff. Ich muß? Wer will mich zwingen? Nadir. Du vertriebst meinen Vater, der Dir treu diente, Du ließest ihn vor Kummer sterben, und gabst seine Stelle diesem Dummkopf da. Kan g-S ch u. Jetzt hört Jhr's, daß ich ein Dummkopf bin. Hoang-Puff. Ruhig! — Also weiter — bei dem Dummkopf seid Ihr stehen geblieben. Nadir. Mein Vater war klug und treu, während dieser Schurke — Kang-Schu. Ach Herr, Ihr duldet? — Hoang-Puff. Dieser Schurke'- nur weiter. Nadir. Des Ranges unwerth ist, den er bekleidet. Hoang-Puff. Ist das Alles? Es hätte mehr sein können. Nadir. Seitdem er in Deinem Nahmen herrscht, rauben Bösewichter beinahe täglich die unschuldigsten Weiber und Mädchen, und ich selbst mußte diejenige verlieren, die meinem Herzen am theuersten ist, ohne die ich nicht leben kann. Zimar (erscheint hier im Hintergründe). Hoang-Puff. Dummes Reden, wenn man in meinem Reiche Frauenzimmer raubt, so sind sie vermuthlich hübsch, und folglich ist's ihre Schuld und nicht die Meinige, Was Deinen Vater betrifft, so that ich es, weil ich die Abwechslung liebe. Nadir. Ihr seht also selbst, daß ich vorhin vollkommen Recht hatte, als ich sagte - Hoang-Puff (ihn unterbrechend). Ich glaube, Er hat die Verwegenheit? Wo sind meine Stummen? Zimar (bei Seite). Ich muß Nadir > allein sprechen! (zu Hoang-Puff). Was ist Euch, mächtiger Hoang-Puff? Hoang-Puff. Ich ersticke vor Zorn! Mir, dem großen Hoang-Puff, Statthalter von Schekiang, so zu be- begegnen! Ein Wurm, dem Mächtigsten der Mandarine, dessen Untertha- nen sich weit und breit ausdehnen, denn Chineser gibt's überall. Kang- Schu, rufe meine Stummen herbei, sie sollen meine Befehle vollziehen und schweigen. Kang-Schu (ab). Siebente Scene. Nadir. Hoang-Puff. Zimar. Zimar. Ich sehe, mächtiger Ge. bieter, daß dieser unvorsichtige Jüngling das Leben verwirkt hat. Erlaubet, daß ich ihm vor seinem Ende sein Unrecht vorstelle, und Eure Gerechtigkeit in's Gedächtniß rufe. Hoang-Puff. Thut daS: beweiset ihm, daß ich kein Narr, sondern nur grausam bin. Zunger Mensch (zu Nadir), höre diesem Manne aufmerksam zu. Zimar (tritt zu Nadir) Ich bin Zimar, der Freund Deines Vaters. Nadir. Wäre es möglich? Du Zimar? Zimar (eben so halblaut). Ich werde Dich retten. Nadir. Was bringt Dich hieher? Zimar. Der Wunsch, meinen alten Zamti zu rächen. Die Augenblicke sind kostbar; höre mich. Hoang-Puff (immer auf der andern Seite). Spitze Deine Ohren und verliere kein Wort, das er Dir sagt. Worte sind Perlen, wer weiß, wozu sie gut sind. Zimar (schnell und leise). Gei unbesorgt; Deine Strafe wird widerrufen werden. Die leichtgläubige Dummheit Hoang-Pusss ist mir Bürge. Hoang-Puff. Warum sprecht Ihr nicht laut, Zimar, damit auch ich es höre. Zimar. Verzeiht, das Lob, welches ich über Euch ausschütte, könnte Eure Bescheidenheit verletzen. Hoang-Puff. Ist auch wahr, bald hätte ich vergessen, daß ich bescheiden sein muß. Drum redet sehr leise, denn ich habe ein langes Gehör. Zimar (zu Nadir). Entsetzt Euch über nichts, und thut, was ich Euch vorschreiben werde. Ehe der Tag sich endet, sollt Ihr so glücklich sein, als Ihr es nur wünscht. Hoang-Puff. Habt Zhr ihm jetzt Alles gesagt? Zimar. Ich habe nichts vergessen. Achte Seene. Vorige. Kang-Schu. Stumme. Hoang-Puff (zu den Stummen, welche eintreten). Ergreifet diesen Burschen! Nadir (zu den Stummen, welche ihre Säbel ziehen wollen). Haltet ein! Hoang-Puff. Sintemal ich Hoang-Puff bin, commandire ich! Welche Keckheit? Man lasse ihm noch vor seinem Tode sechzig Bambushiebe auf die Sohlen geben, damit er die weite Reise wenigstens geschmiert antrete. Nadir (zu Aimar bedeutungsvoll). Was soll das bedeuten? Zimar. Seid ruhig! (mir Bedeutung.) Hoang-Puff. Zimar hat Recht; Zhr müßt Euch ruhig in Euer Schicksal geben! He, Sclaven, macht hurtig! Man muß Niemand aufhalten. (Die Stummen wollen Hand anlegen.) Zimar (winkt ihnen mit der Hand, und sagt dann leise zu Hoang-Puff). Befehlt, daß man innehalte, bis ich Euch allein gesprochen habe. Er verdient die Strafe, doch muß ich Euch vorher eme 7 Sache von größter Wichtigkeit mit- theilen. Hoang-Puff. Keinen Augenblick! Zimar. Euer Leben hängt davon ab! Hoang-Puff. Mein Leben? (er schreit aus vollem Halse.) Haltet ein! führt ihn unterdessen in das Gartenhaus und bewacht ihn. (zu Nadir) Werdet nicht ungeduldig, junger Mensch, anfgeschoben ist nicht aufgehoben. Laßt uns allein, Kang-Schu! Kang-Schu. Vielleicht wäre meine Gegenwart — Hoang-Puff. Pack Dich fort! Kang-Schu. Man kann doch nicht wissen, ob - Hoang-Puff. Fort, sageich! — oder der Bambus! Kang-Schu. Solchen Gründen ist nicht zu widerstehen (die Stummen, die Nadir abführen, und Kang-Schu ab). Neunte Scene. Zimar. Hoang-Puff. Hoang-Puff. Ich kann das immerwährende Einreden nicht leiden, da lobe ich mir meine Stummen, die widersprechen mir nie. Zimar (thut als ob er mit sich allein spräche). Unglücklicher Hoang-Puff, unseliges Geschick. Hoang-Puff. Was spricht er da? Woran denkst Du? Zimar! Zimar. An Euer Horoscop. Ich habe es vollendet, und bemerke mit Schrecken, daß Nadir's Tod Euch furchtbares Unheil bringen würde. Hoang-Puff. Ich erbebe! Rede deutlicher! Zimar (nimmt ein großes Papier hervor). Seht selbst! Hoang-Puff. Was soll ich mit dem Zeug anfangen, Du weißt, daß ich weder lesen noch schreiben kann. Das paßt nur für gemeine Leute. Zimar. Ich erkenne genau Euer Gestirn! Hier! Hoang-Puff. Dieser kleine unbedeutende Stern? Und was sagt er? Zimar. Hängt Ihr sehr an Eurem Leben? Hoang-Puff. Dumme Frage! Zimar. Ihr werdet es verlieren, sobald Nadir stirbt. Hoang-Puff. Alle Wetter! Zimar. Ich entdecke so eben, daß dasselbe Gestirn, welches bei Eurer Geburt den Vorsitz hatte, gleichfalls um vierzig Jahre später der Geburt dieses Jünglings Vorstand. Hoang-Puff. Was kümmert mich das? Zimar. So oft der Zustand zweier Dinge so gestaltet ist, so stirbt immer der Eine vier und zwanzig Stunden nach dem Andern. Hoang-Puff. Also, wenn Nadir heute stirbt — Zimar. So sterbt Ihr unfehlbar Morgen um dieselbe Zeit. Hoang-Puff. Verfluchte Einrichtung ! Zimar. Jedes Gestirn zieht in seinen Wirkungskreis, was unter seinem Einflüsse geboren ward, das wißt Ihr wohl? Hoang-Puff. Das weiß ich nicht! aber es schadet nichts. Man braucht nicht Alles zu wissen, und kann doch eristiren. Zimar. Das sollt Ihr aber wissen! Hoang-Puff. Wenn Ihr es durchaus wollt, so weiß ich es. Zimar. Es folgt daher daraus, daß Euer Lebensfaden mit dem des Nadir in einem und demselben Gestirne vereinigt, und daß die mindeste Bewegung, welche den Einen zerreißt, beinahe zu gleicher Zeit auch den Andern zerstört. Begreift Ihr nun? Hoang-Puff. Ob ich's begreife! Das ist ja sonnenklar. Der Lebenö- faden, die Sterne, die Bewegung, die 8 gleiche Zeit, — Ihr seht, ich weiß Alles. Zimar. Und gründlich, wie ich bemerke ! Hoang-Puff. Aber allen Respekt vor meinem Gestirne, so ist das doch eine alberne Einrichtung, wenn man beständig von dem Leben eines Andern abhangen soll, da kann man plötzlich sterben, ohne daß man selbst etwas davon weiß. Zimar. Nicht anders! Hoang-Puff. Es gibt so viele Sterne, daß wohl jeder nur Einem angehören sollte, und der große Hoang- Puff verdiente wenigstens seinen eigenen. Da kann man wohl sehen, wie allenthalben die Oekonomie um sich greift. Zimar. Gewiß, und doch könnt Zhr nur bei diesem Verhältnisse gewinnen. Da Euer Lebensfaden zu sechzig Jahren, an dem eines Jünglings von Zwanzigen geknüpft ist, dem man obendrein ein hohes Alter voraussagt, so könnt Ihr berechnen, wie lange Ihr noch zu leben habt. Hoang-Puff. Beim Propheten! das laß' ich mir gefallen! Zimar. Handelt nun, wie es Euch gut dünkt! Was ich Euch vertraute, bleibt das strengste Geheimniß. Hoang-Puff. Stumm wie ein Fisch! Vor Allen darf es Nadir nicht erfahren, der Bursche wäre kapabel, und brächte sich mir zum Trotze um. Zimar. Natürlich! Zehnte Seene. Vorige. Kang-Schu. Jao. Sklaven, (in der Folge) Nadir. Kang-Schu. Großer Hoang-Puff, so eben sprang Nadir zu einem Fenster des Gartenhauses hinaus, welches man zufälliger Weise offen gelassen hatte. Hoang-Puff. Nicht möglich. Jao. Er kann noch nicht aus dem Garten sein! die Mauern sind zu hoch. Hoang-Puff. Lauft, rennt, daß Euch der Athem ausblcibt. Sucht ihn auf, sage ich Euch — lebendig muß ich ihn haben, hört Ihr, lebendig, oder ich lasse Euch Allen die Köpfe abschla- gen (Kang-Schu, Jao, die Sclaven ab). Du lieber Himmel, ich bin in Todesängsten, vielleicht liege ich jetzt schon > mit einem Fuße im Grabe; so ein dün- I ner Faden ist leicht entzwei, und jetzt i wird ohnehin nichts auf die Dauer gearbeitet. Was seh' ich? (Nadir läuft rückwärts über die Bühne). Da ist er, dort, he Wache, lauft ihm nach — krümmt ihm aber kein Haar, ergreift ihn, aber nur manierlich (zu Zimar). ich bin außer mir! mein Faden wird schon gesponnen; wenn er reißt, so bin ich verloren (rennt ab). Eilfte Seene. Zimar. Jao und Oali (von Innen). Z.im ar. Dank sei eS der Leichtgläubigkeit des Statthalters, und seiner ungewöhnlichen Lebenslust, Nadir ist gerettet, wenn er nicht selbst in sein Verderben stürzt. Jao (innerhalb). Oali, Oali! Oali. Warte nur, ich komme gleich! (ebenfalls von Innen). Zimar. Sollte es die schöne Sklavin sein, welche sich nähert? Zwölfte Seene. Zimar. Oali. Oali. Ach Himmel! Ich finde ihn nirgends. Zimar. Wen suchst Du, schönes Kind? Oali. Ich suche Nadir. Zimar. Nimmst Du Theil an Na- dir's Schicksal? Oali. Ihn liebte ich, ihn wollte ich heirathen, als sein Vater verwiesen und er der armen Oali auf immer entzogen wurde. Zimar. Bist Du Oali, Hoang- Puff's Leiden und Freuden? Kaum kann ich mich von meinem Staunen erholen, und doch ist es kein Schatten von dem, was sich Nadir's bemeistern wird, wenn er seine Vielgeliebte hier entdeckt. Oali. Nadir wäre hier? Wenn ihn der Mandarin erkennt, so ist sein Untergang gewiß. Zimar. Besorge nichts. Du siehst in Zimar seines Vaters und seinen Freund. Oali. Wenn Du sein Freund wirklich bist, so suche ihn zu verbergen. Zimar. Er ist bereits gerettet. Oali. Hast Du seine Flucht begünstigt? Zimar. Er ist noch im Pallaste. Oali. Und da glaubst Du ihn sicher? Zimar. Ich bürge Dir dafür. Oali. Darf ich ihn sehen? Zimar. Bald. Oali. Ich werde ihn an meine Brust drücken? Zimar. Ich hoffe auf immer! Oali. Ich glaubte mich so fern vom Ziele! Zimar. Das Ungefähr vereinige Euch nun. Oali. Und Eure Freundschaft! Zimar. Soll das ihre dazu beitragen. Oali. Wie soll ich Euch danken? Zimar. Durch Folgsamkeit. Nur sie führt Dich an's sichre Ziel. Mäßige Deinen Eifer und quäle den Statthalter nicht mehr durch Kälte. Schmeichle sogar seiner Neigung. Oali. Das ist unmöglich! Zimar. Bedenke: Nadir ist der Preis, und diesen zu erringen, sollte Dir unmöglich sein? Oali. Ich gehorche. Zimar. Sei zärtlich, so viel Du kannst. Oali. Ich will ihn anbeten, wenn ich eS vor Lachen kann. Zimar. Du mußt noch mehr thun, Du mußt Dich sogar widerseHen, wenn er Dir Nadir's Hand anbietet. Oali. Und wenn er mich beim Worte nimmt? Zimar. Das wird er nicht. Oali. Mir ist Alles ein Räthsel! Zimar. Das sich bald aufklären wird, und wobei die Auflösung das Wörtchen Ehe ist. Doch stille, er kömmt so eben! Oali. Und mit dieser Figur soll ich zärtlich sein! Welche schwere Aufgabe. Ich verberge mich. (Sie verbirgt sich in s Boskct). Dreizehnte Seene. Hoang-Pusf. Zimar. Oali (verborgen). Hoang-Puff (schnaubend). Puh! Oali (rückwärts). Welche Karikatur? Hoang-Pusf. Endlich hat man ihn gefunden. Zimar. Ich wünsche Euch Glück, gnädigster Herr! Hoang-Puff. Das waren Aeng- sten: mein lebelang werde ich's nicht vergessen. Schon stand er auf der Mauer, wenn ihn nicht die Sclaven Haschen, so bin ich ein Kind des Todes. Ich rief ihm eiligst zu, daß ihm sein Leben geschenkt sei, und nun scheint er etwas ruhiger. Oali. Das Leben schenken? Hoang-Pusf. Daß ich ihm Wort halten werde, glaubt Ihr mir auf's Wort, obschon ich sonst das Versprechen bequemer als das Halten finde. Zimar. An Großmuth kommt Euch Niemand gleich. Hoang-Puff. Weil ich nun schon ein Mal heute einen großmüthigen 10 Tag angezogen habe, so will ich sogar statt aller Strafe, die sechzig Bam- buShiebe auf dreißig herabsetzen. Es ist zwar nicht viel, aber es ist doch etwas. Zimar. Herr, er würde auch diesen unterliegen. Hoang-Puff. Da muß er von sehr schwacher Complection sein. Zn'ö Himmels Namen, er soll ganz leer auögehen. Zimar. Ihr thut wohl, denn es wäre so viel als ob Ihr ihm den Kopf abschneidet. Hoang-Puff. Schweigt! Mir läuft's eiskalt über den Rücken. Einen Kopf abschneiden, der so zu sagen, auf meinen Schultern sitzt. Oali (noch immer verborgen). Ich athme! Hoang-Puff (sich umdrehend). Wer athmet hier? (Er bemerkt Oali, deren Kopf aus dem Bosket hervorragt). Oali. Was soll ich thun? (siebleibt unbeweglich). Hoang-Puff. Weil wir gerade von Köpfen sprechen, sag'mir, Zimar, wie gefällt Dir dieser hier? he! Zimar. Ich finde ihn allerliebst. Hoang-Puff (zu Oali). So komme doch hervor, kleines Närrchen, hast Du an Hoang-Puff, der Sonne von Schekiang, gar nichts zu sagen? Oali. Verzeiht, diese Sonne blendet, ich kann Euch nicht ansehen. Hoang-Puff. Was suchtest Du dort? O a*l i. Ich hörte Euch rufen, ich sah' Euch unruhig, und ward es selbst, um Euretwillen. Hoang-Puff. Allerliebstes Kind, unruhig um Meinetwillen. Hörst Du, Zimar, ich kann noch Mädchen unruhig machen. Jetzt geh, Oali — laß' uns allein, und mache Dir um Meinetwillen nicht zu viel Kummer. Geh'! Oali (ab). Hoang-Puff. Ich sage Dir's, das Mädchen wird noch sterblich in mich verliebt, und mich wird sie erst vollends zum Narren machen. Zimar. Das soll ihr wohl kaum mehr möglich sein. Vierzehnte Seene. Vorige. Nadir. Kang-Schu. Jao. Sclaven. Hoang-Puff. Komm näher, mein lieber Nadir, Dir soll kein Leid geschehen (leise zu Zimar). Was seh' ich! Wie blaß er aussieht? Wie eingefallen! ich bin in Lebensgefahr! Ist meine Phisiognomie noch nicht entstellt? Zimar. Nicht besonders! Hoang-Puff. Nicht besonders! das ist ein verdammt zweideutiger Ausdruck! Nadir. Hoang-Puff, endige Dein Spiel; willst Du meinen Kopf, hier ist er. Hoang-Puff. Wie der Bursche mit. meinem Kopfe herum wirft (zu Nadir). Freilich will ich ihn, ohne Deinen Kopf kann ich nicht eristiren; aber er soll bleiben, wo er ist. Nadir. Wo er ist? — (zu Hoang). Ich verstehe Dich nicht! , Hoang-Puff. Glaub's gerne! das thut aber nichts zur Sache, Du behältst Dein Leben, sollst es so angenehm als möglich genießen nnd damit Holla! (zu den Sclaven). Fort! Kang-Schu. Erlaubt, Herr, daß ich um die Ursache diesesEntschlusses — Hoang-Puff. Die brauchst Du nicht zu wissen, ich weiß es selbst nur ' halb! Fort! — He, Jao! (er spricht leise mit ihm). Nadir. Das ist Zimar's Werk (bei Seite). Hoang-Puff (zu Jao). Wie ich Dir sage, die besten Gerichte, die besten Weine, die auserlesensten Früchte. Hurtig, der ganze Harem soll sich hier 11 versammeln, ein frohes Mahl schlägt doppelt an (zu Nadir). Du ißt mit mir! mein Sohn! Nadir. Ich? Hoang-Puff. Du! Du mußt essen, und zwar viel essen, eS lebt wohl Mancher, um zu essen, aber Du mußt essen, damit ich lebe! (zu Kang- Schu). Du siehst mich so verwundert - an, das ist wohl das erste Mal, daß einem Chineser etwas spanisch verkömmt ! Kang - Schu. In der That, diese Plötzliche Anhänglichkeit an Nadir! Hoang-Puff. Zum Henker, ich muß wohl — zwischen uns geht's ! auf Leben und Tod. Fünfzehnte Seene. Vorige. Iao. Sclaven, (weiche einen ganz gedeckten Tisch hereinbringen). Hoang-Puff. Jetzt lasse Dir's wohl schmecken, mein Sohn, Du warst seit gestern im Gefängniß — auf einen solchen Fasttag wird Dir's vermutlich jetzt recht behagen. Zimar. Staune nicht, Nadir, der großmüthige Hoang-Puff wünscht nur Dein Wohl. Hoang-Puff. Und besonders wünsche ich Dein langes Leben, damit ich alt werde (bei Seite). Alle Wetter, jetzt hätte ich mich beinahe verplaudert (zu Nadir). Du bist gewiß recht bei Appetit? Nadir. Ich kann es nicht läugnen. Hoang-Puff. Das ist mir sehr lieb. Du sollst mein zweites Ich werden, und was Du forderst, sei Dir im Voraus gewährt. Zimar (bedeutungsvoll zu Nadir). Gewiß, Du darfst Alles fordern! Nadir (bei Seite). DaS will ich versuchen! (laut). Großer Statthalter, ehe wir uns zu Tische setzen, befreie mich von einem Anblicke, der mich mit Zorn erfüllt, und in dessen Gegenwart ich keinen Bissen verzehren, und lieber Hunger sterben würde. Hoang-Puff. Hunger sterben? mir schaudert die Haut. Nadir. Dieser feige Verleumder meines Vaters, der Urheberseiner Ungnade, bringt mich zur Verzweiflung. Hoang-Puff. Dieser miserable Kerl? Fort mit ihm- Ich übergebe ihn Dir — lasse ihn einsperren, laß' ihn prügeln, laß' ihn aufhängen, wenn's Dir Spaß macht; mir gleichviel! Kang - Schu. Aber, gnädigster Herr! Nadir. Ich bin mit seiner Verweisung zufrieden! Hoang-Puff. Du gehst zu gnädig mit ihm um! Ein paar hundert Bambus könnten nicht schaden (zu den Sclaven). Schleppt Kang-Schu in den Thurm. Kang-Schu. Aber bedenkt! Hoang-Puff. Ich denke nie! in den Thurm! (Kang-Schu wird fortgeführt). Sechzehnte Seene. Iao. Vorige, ohne Kang-Schu. Iao. Herr, der Harem naht; ich erwarte Eure Befehle! Hoang-Puff. Geduld! (zu Nadir). Sage mir, findest Du noch Jemand hier, der Dir vielleicht zuwider ist? (auf Iao) dieser da hat eine infame Phisiognomie! he! Nadir. Er ist häßlich. Hoang-Puff. Soll ich ihn stran- guliren lassen? (Iao fällt ihm zu Füßen). Nadir. Er mißfällt mir keineswegs. Hoang-Puff. Das ist was Anderes (zu Iao). Du bist zwar häßlich, Du mißfällst ihm aber nicht. Stehe auf und dank es seiner Großmuth, daß Du mit heiler Haut davon kömmst. Der Harem soll erscheinen. ( ao ab). 12 Nadir (bei Seite). Mir scheint Alles wie ein Traum. Hoang-Puff. Komm, Nadir, die Tafel ist bereit! das ist der erste Un- terthan, den ich nie lange auf mich warten lasse (er setzt sich). Nadir. Weil Ihr es mir erlaubt! (setzt sich). Hoang-Puff. Zimar! Ihr seid geladen! Zimar (setzt sich). Hoang-Puff. Der Hungrigste soll leben! (er trinkt Nadir zu). Nadir. Zch thue gern Bescheid! Es lebe Hoang-Puff! Hoang-Puff. Nadir soll leben, es geht auf Ein's hinaus! Siebenzehnte Seene. Die Vorigen. Jao und die Frauen des Harems, aber ohne Oali. Hoang-Puff (sich überall umsehend). Da seid Ihr ja, — aber wo ist denn — — Zao. Herr, sie bindet so eben einen Blumenstrauß für Euch! Hoang-Puff. Einen Strauß, für mich? Das macht sie gut. Wenn nur ein Immergrün und Je länger je lieber dabei ist, das kann auf ein langes Leben Bezug haben. He, Nadir, wie gefallen Dir diese Täubchen hier? Nadir (ißt emsig). Delicios! besonders das Ragout ist schmackhaft. Hoang-Puff. DaS nenne ich in Gedanken sein. Iß nur, mein Sohn, wer lange ißt, der lebt lange. Ich gebe Dir nach Tische die Erlaubniß, die Schönste meines Serails Dir zur Frau zu erwählen. Nadir. Ich danke Euch! nur die mir Geraubte, und keine Andere, soll je die Meinige, ohne sie kann ich nie glücklich werden. Hoang-Puff. So etwas bildet man sich nur ein, die Liebe vergeht oft über Nacht! Nadir. Wüßte ich sie zu finden, wüßte ich, wo sie jetzt weilt! Hoang-Puff. Ich will sie Dir aufsuchen lassen; ich will die Hälfte meines Schatzes dem zur Belohnung geben, der sie bringt. Nadir. O erlaubt, daß ich selbst ihre Spur verfolge. Hoang-Pu ff. Alle Wetter! das kann ich nicht erlauben; man hört täglich von Unglücksfällen, die Reisenden begegnen, von Räubern, von zer- ! brochenen Wägen und dergleichen; nein, nein, das kann ich nicht zugeben: mein Leben ist mir viel zu lieb. Nadir (ißt sehr gierig fort). Hoang-Puff. Was machst Du, Nadir? ; Nadir. Ich esse! (mit vollem Munde). ! Hoa n g-P u f f. Das kannst Du nicht verbergen (bei Seite). Der Unglückselige wird sich noch den Magen überladen. Nadir (der immer frisch zugreist). Hoang-Puff. Er erstickt! ich bin zu Grunde gerichtet! Nadir (ganz ermüdet vor Essen), j Das Bedürfniß läßt nach! ich bin fast gesättigt. Hoang-Puff Dem Himmel sei es gedankt! ich athme! Jetzt noch einen Schluck, damit die Speisen schwimmen. Nadir (trinkt). Hoang-Puff. Wie ist Dir, mein lieber Sohn? Nadir. Vollkommen wohl! Hoang-Puff. Das hat mir warm gemacht! (er steht auf). Achtzehnte Seene. Die Vorigen. Oali (mie einem Strauß). Ho ang-P uff. Komm näher, kleine Oali! Nadir (der noch immer bei Tische saß, und jetzt erst ihren Nahmen hört, springt auf und läuft auf sie zu). Was sehe ich? meine Oali! 13 Oali (leise zu ihm). Mäßige Dich! Hoang-Puff (trennt sie). Was soll das vorstellen? Ihr seid behert? Nadir. Dieses Mädchen ist es, das ich liebe; gebt mir meine Oali! Hsang--Puff. Das kann nicht sein. Ich habe Dir die Erlaubniß er- theilt, unter allen Uebrigen Eine auszusuchen, aber diese da kann ich nicht verschenken. Nadir. Ich will Oali, oder ich will sterben. Hoang-Puff. Ich will aber leben. Alle Hagel, ich muß leben. Um'S Himmelswillen, rede ihm zu (zu Zimar). Zimar. Nadir, Du Haft Unrecht. Wie kannst Du Dir es beimessen, dem erhab'nen Hoang-Puff Diejenige zu rauben, die er anbetet? 1 Hoang-Puff. Die ich anbete; mir aus der Seele gesprochen. Zimar. Dir ziemt es, zu schweigen. Hoang - Puff. Zu schweigen, mir wieder aus der Seele gesprochen. Zimar. Zu dulden! Hoang-Puff. Zu dulden; mir wieder aus der Seele gesprochen! Zimar. Zu sterben, wenn es nöthig ist. Hoang-Puff. Zu sterben? — (erschrocken). Mir nicht aus der Seele gesprochen. Er soll schweigen, und dulden, aber nicht sterben: das käme mir verdammt ungelegen. Nadir. Ich bin in einem unseligen Gestirne geboren. Hoang-Puff (zu sich selbst). Wenn sich der über sein Gestirn beklagt, so thut er wahrhaftig unrecht. Nadir. Ich kann ohne Oali nicht leben. Ihr versagt mir sie also wirklich? Hoa ng-Puff. Ja. Nadir. Ich soll also sterben? Hoang-Puff (schreiend). Nein! Nadir. Oali, lebe wohl! (er ergreift schnell ein auf der Lasel liegendes Messer, und thut dergleichen, als ob er sich erstechen wollte). Hoang-Puff (Nadir zurückhaltend). Er bringt mich um! Jn's Himmel's- nahmen, da hast Du sie! — (er will Oali zu Nadir ziehen). Oali. Ich, Nadir's Frau? um keinen Preis. Hoang-Puff. Was wäre das? Oali. Nadir hat weder Rang noch Vermögen, keine Würden schmeicheln meiner Eitelkeit; Ihr besitzt alle diese Vorzüge — nur Euch will ich besitzen. Hoang-Puff. Der Teufel hole Deine infame Liebe zu mir. Nadir. Wenn also Alles verloren ist, so — — (er bewegt sich wieder wie vorhin). Hoang-Puff. Halt! Es muß gehen! lzu Oali). Aber liebe Oali, ich bin ja häßlich. Oali. Mir gefallt Ihr! Hoang-Puff. Damit Nadir einen Rang bekleide, so mache ich ihn zu meinem Großvezier, da wird Er doch was Rechtes sein? Oali. Euch zu Liebe, lasse ich mir's gefallen! (sie läuft in Nadir's Arme). Hoang-Puff. Was thut man nicht Alles des Bischen Lebens wegen? (zu Nadir). Hast Du Dich nicht verwundet? so ein Teufels-Messer schneidet oft scharf. Nadir. Nur mein Herz ist auf ewig verwundet. Hoang-Puff. Und meines ist aus immer geheilt. So etwas schadet auch nicht — mit der Wunde kannst Du steinalt werden. Nadir. Wie soll ich Euch meine Dankbarkeit — Hoang-Puff. Bleibt mir weg mit solchen gewöhnlichen Redensarten, die Jeder im Munde führt, so lange sie nichts kosten. Unser Familiengestirn wird schon für uns sorgen, und wenn Du mir einen Gefallen thun willst, so werde alt, wie Methusalem. 14 Die Selo Puff! Ho ang - ruft: es lebe auch geholfen. Die Scla »ven. ES lebe Hoang- P u f f. Meinethalben Nadir, damit ist mir ven. Es lebe Nadir! (Während der letzten Reden, haben die Sklaven einen reichen Thronhimmel, welcher mit einem schönen Schirm bedeckt ist, hereingebracht. Hoang-Puff setzt sich darauf; Oali, Nadir, Zimar und Zao gehen zu beiden Seiten; die Frauen und alle Sklaven folgen Gruppenweise). -Der Vorhang fällt. Wien 18 SZ. Druck und Verlag von I. B. WalliShausser. In demselben Verlage find erschienen: Grillparzer, F., Die Ahnfrau. Trauersp. in 5 Akt. 6. Ausl. gr. 8. 1844. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. — Sa pp ho. Trauersp. in 5 Akten. 3 Ausl, gr. 8. 1822. 26 Sgr. oder 1 fl. — Das goldene Vließ. Dramat.Gedicht in 3 Abtheilungen, gr. 8. 1822. Druck», geh. 1 Thlr. 25 Sgr^ oder 2 fl. — Schreibp. 2 Thlr. 15 Sgr. oder geb. 3 fl. — König Ottokar's Glück und Ende. Trauersp. in 5 Aufz. 2. Ausl. gr. 8. 1852. 1 Thlr. 24 Sgr. oder 2 fl. — Ein treuer Diener seines Herrn. Trauersp. in 5 A. gr. 8. Druckp. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. — Velinp. 1 Thlr. 15 Sgr. od. 2 fl. — Der Traum ein Leben. Dramat. Märchen in 4 Akt. gr.8. geh. 1840.1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr.f.Ausg .1 Thlr. 15Sgr.oder 2 fl. — Weh' dem der lügt! Lustsp. in 5 Akt. gr. 8. geh. 1840. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr feine Ausg. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Des Meeres und der Liebe Wellen. Trauersp. in 5A. gr. 8. geh. 1840.1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. f. Ausg.1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Me tust na. Romantische Oper in 5 Akt. Musik von Kreutzer. 1833. 8. 15 Sgr. oder 48 kr. feine Ausg. 20 Sgr. oder 1 fl. Um den Ankauf sämmtlicher Stücke von Grillparzer zu erleichtern, ist der Verkaufspreis auf einige Zeit, bei Abnahme auf Einmal gestellt: 8 Thlr. statt 10 Thlr. und 10 fl. statt 13 fl. 18 kr. Opern 1 exte: Armand, Graf, Schauspiel mit Gesang in 3 Aufzügen. Nach dem Französischen von Trettschke. gr. 8. 1808. 8 Sgr. oder 20 kr. Aschenbrödel. Zauberoper in 3 Aufzügen. Nach demFranzös. des Etienne. 4. Aufl. 1815. 8 Sgr. oder 20 kr. Befreiung von Jerusalem. Oratorium von H. und M. v. Collin. 8 Sgr. oder 20 kr. Corradin, oder: Schönheit und Herz von Eisen. Musikalisches Drama in 2 Aufzügen. 1828. 10 Sgr. oder 30 kr. Cortez, Ferdinand, oder: Die Eroberung von Mexico. Oper, nach dem Französischen von Castelli. 2. Aufl. 1819. 10 Sgr. oder 30 kr. Don Juan. Singspiel in 2 Aufz. 5. Auflage. 12. 1846. 8 Sgr. oder 20 kr. Donauweibchen. Romantisches Volksmähr- chen von Hcnsler, 2 Theile. 1807. 1836. 20 Sgr. oder 1 fl. Entführung aus dem Serail. Singspiel in 3 Aufzügen, nach Brstzner. Musik von Mozart. Neue Aufl. 1841. 8 Sgr. oder 20 kr. Euryanthe. Große romant. Oper in 3 Aufzügen, von Chezy. Musik von Weber, gr. 8. 1824. 12 Sgr. oder 36 kr. Faust. Große romant. Oper, von Bernard 8. 1813. 12 Sgr. oder 36 kr. Fidelio. Oper in 8 Aufzügen. Frei nach dem Französischen. Musik von L. v. Beethoven. 8. geh. 183.1. 7'/r Sgr. oder 30 kr. Haimo nskinder, die vier, komische Oper von Leuven und Brunswick. Musik von Balfe. 12. 1845. 8 Sgr. oder 20 kr. Hochzeit des Figaro, komische Oper in 3 Acten, Musik von Mozart. 2. Aufl. 8.1843. 10 Sgr. oder 24 kr. Jerusalem, das befreite. Große Oper in 5 Acten, nach dem Französ. von Seyfried. 1815. 8 Sgr. oder 20 kr. Johann von Parts. Komische Oper. Musik vonBoieldieu. 2. Aufl. 1802.8 Sgr. oder 20 kr. Joseph und seine Brüder. Oper. Nach Duval von Haffaureck. 3. Aufl. 12. 1820. 8 Sgr. oder 20 kr. Jüdin, die, große Oper in 5 Aufz. Text von Scribe, Musik von Halevy. 8. geh. 1839. 7*/r Sgr. oder 80 kr. Libussa. Romant. Oper, von Bernard. Musik von Kreuzer. 1823. 12 Sgr. oder 36 kr. Liebesbrunnen, der, kom. Operin 3 A. Musik von Balfe. 12. geh. 1845.8 Sgr. oder 20 kr. Neusonntagskind, das,Singspiel in 2 Aufz. von Pennet. 1804 8. 8 Sgr. oder 20 kr. Opferfest, das unterbrochene, Oper von Huber, in 2 Aufz. 1803. 10 Sgr. oder 30 kr. Schweizer familie, die. lyrische Oper in 3 Aufz. Nach dem Französ. von Castelli. 5. Aufl. 1820 8 Sgr. oder 20 kr. Schwestern, die, von Prag. Singsp. nach Hafner, von Perinet. 2. Aufl. 1842. 12 Sgr. oder 36 kr. Stradella Allessandro. Rom. Operin 3 Aufz. von Friedrich. Musik von Flotow. 12. 1845 8 Sgr. oder 20 kr. Stumme, die, von Portici. Große heroisH- romantischeOper in s Aufz. Frei nach Scrive und Delavigne. Musik von Auber. ?Vr Sgr. oder 80 kr. T ancred, heroische Oper in 2 Aufzügen. Nach dem Italienischen, von Grünbaum. 1818. 8 Sgr. oder 20 kr. TituS, der Gütige, ernsthafte Oper in 2 Aufz. 1811. 8 Sgr. oder 20 kr. Wirthe, die vornehmen. Kom. Oper. Nach dem Französischen, von Seyfried. 1813. 8 Sgr. oder 20 kr. Zampa, oder: Die Marmorbraut. R omantisch - komische Oper in 3 Aufz. Nach dem Französischen des Melesville, Musik von Herold. 8. geh. 1839. 7'/r Sgr. oder 20 kr. Zauberflöte die, große Oper in 2 Aufzügen. Musik von Mozart. Neue Auflage 8. 1848. 8 Sgr. oder 80 kr. Hopp, Fr., AtlaSshatvl und HarraS- binde, oder: Das Haus der Confufionen. Posse mit Gesang in 8 Aufz. gr. 8. 1849. 15 Sgr. oder 48 kr. — LazarusPolkwitzer von Nikolsburg, oder: Die Landparthie nach Baden. Posse mit Gesang in 2 Aufzügen gr. 8. 1849. 15 Sgr. oder 48 kr. Ka iser,Fr., Schneider alsN atu rdicht er, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 8 Acten. Mit 1 Bild. 8 . geh. 15 Sgr. oder 48 kr. Eine Posse als Medizin. Originalposse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 allegor. Bilde. 8. geh. I 5 Sgr. oder 48 kr. — Männerschönhett. Oriqinal-Cbarakter- bild mit Gesang in 3 Akten. Mit Titelkupfer. 8 - geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Ein Fürst. Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 allegor. Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Mönch und Soldat. Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbild. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Schule des Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Charakterbild mit Gesang in 4 Akten. Mit 1 Titelbild. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der Nastelbinder, oder: 10,000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Junker undKnecht. Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 8 Akten. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Dienstbothen wirthsch aft, oder: Cha- toulle und Uhr. Charakterbild mit Ges. in 8 Akt. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 12 Sgr. oder 36 kr. Nestroy, I.. Einen Jux will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen, geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder: Das Geheimniß des grauen Hauses. Posse in 5 Aufzüg. 18. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der Z er rissene. Posse mit Gesang in3 Akten. Mit 1 allegorischen Bild. 13 . geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der Talisman. Posse mit Gef. in 3 Akten. Mit 1 illum alleg. Bilde. 12 . geh. 20 Sgr. oder 48 kr. — Unverhofft. Posse mit Ges. in 3 Akten. Mit 1 alleg. Bild. 18. geh. 16 Sgr. oder 48 kr. — Freiheit in Krähwin k el. Posse in3 Acten. Mit 3 illum. allegor. Bildern. 12 . geh. 84 Sgr. oder 1 fl. 12 kr. Nestroy, I., Zu ebener Erde und erster Stock, oder : Die Launen des Glückes. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit illum. Bild. gr. 8. geh. 20 Sgr. oder 1 fl. — Der Unbedeutende. Posse in 3 Akten. 1 Mit 1 illum. Bild. 18. geh. 20 Sgr. oder 1 fl. 1 — Das Mädl aus der Vorstadt, oder: i Ehrlich währt am längsten. Posse in 3 Akten, l ! 18. 1845. 15 Sgr. oder 48 kr. j — DerböseGeistLumpacivagabun- 1 dus, oder: Das liederliche Kleeblatt. Zauber- 1 Posse mit Gesang in 3 Aufzügen. 18. 1838. 8. Auflage. 15. Sgr. oder 48 kr. ^ — Die verhängnißvolle Faschings- ? nacht. Posse mit Ges. in 3 Aufz. Mit 1 Bilde. 12.1841. 15 Sgr. oder 48 kr. — Eulenspiegel, oder: Schabernack über , Schabernack. Posse mit Gesang in 4 Akten. 8. 15 Sar. oder 48 kr. Mautner, Ed.. Lustspiele. I. Das Preislustspiel. II. Gräfin Aurora. 8. 1852. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. Lembert, die homöopatische Kur. Lustspiel in 3 Aufzügen, nach dem französischen Vaudeville: „ölon smi xrsnck et" von ^neelot und Lsmderousse. 8. br. 1845. 7'/r Sgr. oder 80 kr. — Im zweiten Stock. Posse in einem Akte, nach dem Vaudeville: „Im rue cke'ia lune." 8. geh. 1845. ?Vr Sgr. oder30kr- — Kenilw 0 rth. Hkstor. romant. Schauspiel in 5 Aufz. nach Walter Scotts gleichnamigem Romane. 8.1845. 8 Sgr. oder 84 kr. Koch, C. W., dramatische Betträgefür das k. k. Hofburgtheater in Wien. 1836. 8. Inhalt: Testament einer armen Frau. Er bezahlt Alle. Die Vorleserin. 1 Thlr. 10 Sgr. oder 8 fl. Shakespeare. derKaufmann von Vene d i g. Lustspiel in s Aufzügen. Bearbeitet ! von C. A. West. gr. 8. 1841. 18V» Sgr. oder 48 kr. — KönigLear, Trauersp. in 5 A. Bearbeitet von West. gr. 8. 18'/» Sgr. oder 48 flr. — Romeo und Julie. Trauerspiel in 5 Aufzügen. Bearbeitet von West. gr. 8. 1841. 18'/» Sgr. oder 48 kr. Vogel, W., der Erbvertrag. Dramat. Dichtung in 2 Abtheil, nach einer Erzählung des C. F. A. Hofstnann. gr. 8. 1888. 88Vr Sgr. oder 48 kr. — Witzigungen, oder: Wie fesselt man die ! Gefangenen. Lustspiel in 3 Akten. 8. 1843. 21 Sgr. oder 1 fl. ^ — Das Duell-Mandat, oder: Ein Tag vor der Schlacht bei Roßbach. Drama in 5 Aufz. 8. 1843. 18. Sgr. oder 48 kr. — Ein Handbillet Friedrich des Zweiten, oder: Jnkognito's - Verlegenheiten. Lustspiel in 3 Auszügen. 1843. 81 Sgr. oder 1 fl. Dn KH M Werdriliger. Lustspiel in einem Aufzuge, nach dem Französtschen -es Seribe, von Herzenskron. Baronin Halm. Jenny, ihre Richte. Dervtlle, Oberster. Personen: Philipp, sein Bedienter. Karg, Pächter auf der Baronin Gut. Jeanette, seine Frau. Die Handlung spielt auf dem Lande unweit der Residenz. Ländliche Gegend. Erste Seene. Derville (liest, nach ihm) Philipp. Philipp. Aber, gnädiger Herr, nur einen Augenblick lassen Sie uns ausruhen. Derville. Schweig still! ich ruhe nie. Philipp. Ist das doch unerhört! Seit zwei Stunden laufen wir, wie Rasende, hier in der Gegend umher ^ in der That, der Roman muß sehr interessant sein, den Sie lesen, weil Sie weder hören noch sehen. Derville. Einen Roman nennest Du dieses Buch? — wirf ein Mal einen Blick hinein — wenn Du lesen kannst. „ Philipp (liest). „Charron'S Werke über die Weisheit." Derville. So ist'ö, ich schlürfe Weisheit. Wiener Theater-Repertoir. XXIII. Philipp. Nehmen Sie's nicht übel, gnädiger Herr, mich wundert's, daß Sie in diesem Buche so geläufig lesen können, denn bei meiner armen Seele, ich hätte gedacht, das müßte Ihnen wie Chaldäisch Vorkommen. Derville. Philipp, keine Scherze dieser Art! — So wisse denn, daß man aus diesem Werke Alles lernen kann. Philipp. Auch wie man seine Schulden bezahlt? Derville. Das nicht! aber man lernt sie vergessen! Philipp. Wenn das ist, so bitte ich Sie, gnädiger Herr, geben Sie es so bald als möglich Ihren Gläubigern, denn diese Menschen haben ein verdammtes Gedächtniß — Za, ja, so laß' ich mir's gefallen; Sie verlassen Paris und fliehen auf's Land, unterdessen haben diese Herren eine solche Anhänglichkeit für Sie, eine solche Sympathie, daß sie Zhnen Alle nachgehen. 2 Philipp. Sehr möglich! denn ich habe im Gasthaus zur goldenen Sonne eine Menge bekannter Physiognomien erblickt, die zwar nicht sehr interessant, aber doch sehr interessirt aussahen. D e r v i l l e. Geht zum Henker, Du und die Gläubiger! Umsonst flieh ich Land und Leute, umsonst ziehe ich mich aus der Welt zurück—nicht ein Mal melancholisch lassen mich diese Barbaren sein. Philipp. Ist Ihre eig'ne Schuld! gnädiger Herr! — die Melancholie ist das langweiligste Metier! überhaupt verstehe ich Sie nicht. — In dem Augenblicke, wo Sie eine reiche Mitgift erhalten sollen, die wir so nothwendig brauchen, am Vorabende Ihrer Verbindung mit einer liebenswürdigen Dame, in die Sie bis zum Wahnsinn verliebt sind, verlassen Sie Aussteuer und Geliebte, und suchen einen Aufenthalt in diesem Dorfe, wo wir uns seit 4 Tagen auf eine erbärmliche Art Herumbalgen — und warum das Alles? — weil es Ihnen auf ein Mal in den Kopf gefahren ist, Philosoph zu werden. Glauben Sie mir's, gnädiger Herr, dabei hat's noch Keiner zum Millionär gebracht. D e r v i l l e. Ich habe mich auch nur dazu entschlossen, weil mir nichts Anders übrig bleibt. Den Weibern schwur ich ewige Huldigung, und nie hätte ich ihnen den Abschied gegeben, hätte ich ihn nicht selbst von ihnen erhalten. Philipp. Sie?— nicht möglich! Derville. So und nicht anders! DaS ist mein Fall! Seit drei Jahren lebe ich im Hause der Baronin Halm, — es war mir unmöglich, die himmlische Jenny, diese liebenswürdigste aller Nichten, diese grauenhafteste aller Witwen, diese reizendste aller Weiber zu sehen, ohne sie auf's zärtlichste zu lieben—Mein Herz brannte — mein Kopf war verloren! Philipp. Das ist doch ein Glück, daß in der Liebe die Löschanstalten so gut sind. Derville. Du weißt eS, Alles war fest beschlossen! Alles in Ordnung, die Hochzeit bestimmt — als plötzlich die Tante, eine lebhafte, sonderbare, übrigens aber herzensgute Frau — Philipp. Ich errathe — sie nimmt ihr Wort zurück, sagt die Braut einem Nebenbuhler zu — dem dicken Major Valbrun, nicht wahr? D e r v i l l e. Kein Gedanke von allem dem! nicht um die halbe Welt nähme sie ihr Wort zurück! sie ist kein gewöhnliches Weib, sie hat lausend Eigenschaften und nur einen Fehler, einen einzigen, zwar ist'S ein bedeutender, aber immer doch nur Einer — sie will, daß man seiner Frau treu sein soll. Philipp. Ah, das ist ein Begehren! Derville. Und an dieser Forderung hält sie mit einer Strenge, die die Sache bis in's Lächerliche treibt. Die mindeste Unbeständigkeit, die kleinste Untreue, den geringsten Wankelmuth — und du lieber Himmel, wer ist nicht zuweilen wankelmüthig? — hält sie für ein unauslöschliches Verbrechen. Philipp. In dem Punct ist sie bei Ihnen eben nicht an den Rechten gelangt. Dervil le. Ich nahm mich Anfangs in Acht, so gut ich konnte, und auf Ehre, ich hielt mich eine Weile ziemlich tapfer, als ich zum Unglück am Vorabend meiner Hochzeit zufällig auf die Jagd ging. Die Hitze war zufällig drückend, ich bedurfte zufällig einiger Erfrischungen, zufällig klopfte ich an eine Pächterswohnung, und wieder § znfällig finde ich darin ein allerliebstes kleines, schwarzäugiges Mädchen. Philipp. O Zufall über Zufall! Derville. Ich knüpfe ein Gespräch s mit ihr an, sie biethet mir Milch — sie erzählt mir, daß sie für dieses Zahr das Rosenmädchen sei — ich unterhalte mich mit dem kleinen Närrchen — die Zeit drängt mich — ich greife in die Tasche — ich habe keinen Heller bei mir —ich bin in Verlegenheit, wie ich ihr meinen Dank bezeuge, ich umarme sie aus Dankbarkeit, — wer öffnet in dem Augenblicke meines Dankgefühles die Thüre? — die Baronin Halm, meine künftige nur allzustrenge Tante! Philipp. Das war vielleicht der erste Zufall in der Geschichte! De rville. Vergeblich sind alle Entschuldigungen, sie will nichts hören, sie erklärt mir in der Aufwallung ihres Zornes, daß Jenny schon lange liebe, und Jenny selbst will nichts mehr von mir wissen, und mich nie mehr vor sich sehen. Alle Bande zwischen uns waren nun zerrissen —und in meiner verzweiflungsvollen Lage eilte ich hieher, nur sechs Meilen von ihr entfernt, und doch durch Welten von ihr getrennt; um hier in diesem Dörfchen dem Glücke, den Lebensfreuden und vor Allem den Rosenmädchen auf immer zu entsagen. Philipp. Der Mensch soll nicht gar zu dankbar sein. Derville. Wohlgesprochen, Zufall und Dankbarkeit haben mich so weit gebracht. — Ah ich bin unaussprechlich elend, ich habe Jenny verloren, die ich so warm, so treu liebte. (Man hört Musik). Was ist das? Philipp. Eö ist eine Hochzeit im Dorfe! Wenn wir uns hier einen Augenblick aufhalten, so sehen wir vielleicht die Brautleute. Derville. Wozu daS? um Zeuge ihres Glücks zu sein? nein, für mich sind alle irdischen Seligkeiten dahin! die Liebe, die Weiber, — Alles ist mir gleichgültig und verhaßt — ist die Braut hübsch? Philipp. Ja wohl, — die kleine Jeanette, Sie müssen sie ja kennen, die Tochter unseres Gastwirthes, sie heirathet den Pächter Karg auf der Baronin Halm Gute, — das rückwärts durch die Felder hier an dieses Dörfchen stößt. Derville. Nicht möglich — den alten eifersüchtigen Kauz? Glücklichster aller Pächter — bekömmt der Hottentot noch so ein allerliebstes — neckisches Weibchen! Philipp. Was sehe ich, da kömmt sie eben aus dem Gasthofe? Derville. Ich bitte Dich um Alles in der Welt, was das für ein kleiner niedlicher Engel ist, welch ein kleiner Fuß, welch ein schwebender Gang, und gebaut wie eine Epheu- Ranke. Ich muß ihr was Artiges sagen k Philipp. Gnädiger Herr, ich bitte, auf die Philosophie und Melancholie nicht zu vergessen. Derville. Narr! Sie ist ja kein Rosenmädchen! Ich muß ihr sagen, daß sie das liebenswürdigste Geschöpf in der ganzen Umgegend ist. Philip p (schlägt das Buch auf). „Ueber die Weisheit!" Lesen Sie nicht weiter? Derville. Ein andermal! Leg'S auf meinen Tisch! Phi l i p p. Also es bleibt auf morg«n mit der Weisheit. (Ab). Zweite Seene. Derville. Jeanette (die nur über die Bühne gehen will). Derville (hält sie auf). Einen Augenblick, schöne Braut! Jeanette. Mit Erlaubniß, nicht Braut; Frau, wenn Sie es nicht ungütig nehmen! Ich kann mich aber nicht aufhalten, mein Mann erwartet mich — und am Hochzeitstage darf man nicht gleich unartig sein. 4 Derville. Glücklicher Sterblicher, wie beneidenswerth ist Dein Loos! (bei Seite). So vergnügt, so selig hätte auch ich an der Seite meiner Zenny werden können. Dieser Gedanke könnte mich rasend machen, wenn ich kein Philosoph wäre (sich fassend). Zeanette. Waö ist Ihnen denn, gnädiger Herr? Derville. Nichts, gar nichts, sei ganz ruhig, kleiner Engel, ich muß nur noch ein klein Wenig mit Dir zanken! Zeanette. Mit mir? Derville. Za freilich! und daS mit Recht! mir nicht ein Wort von Deiner Verlobung zu sagen, mir, der ich bei Deinem Vater wohne, der ich das Kind im Hause bin! Es ist ein Mal meine Lieblingsleidenschaft, hübsche gute Mädchen auszustatten, und Du übergehst mich gleich bei der ersten Gelegenheit. Zeanette. Danke schön für den guten Willen — wäre aber bei mir höchst überflüssig gewesen — meine ganze Aussteuer liegt schon seit drei Monathen fir und fertig. Ein reicher gnädiger Herr, der hier in der Nachbarschaft Güter besitzt, und dem mein Vater in frühern Zeiten treu und redlich diente, hat Alles auf seine Kosten machen lassen; vielleicht kennen Sie ihn dem Nahmen nach — der Major Valbrun — Derville. Hol ihn der Henker, auf allen meinen Wegen tritt mir der fatale Major entgegen. — Aber das schadet nichts — ich liebe Deinen Vater, ich muß etwas für Dich thun — rede, fordere, was, wie kann ich Euch meine unmenschliche Freundschaft beweisen? — Zeanette. Danke; wir brauchen nichts — unsere Wünsche sind nicht größer als unsere Habe es erlaubt. Derville. Zhr müßt nicht so genügsam sein! Zhr müßt Euch Bedürfnisse schaffen, — die ich Euch dann — ohne daß eS mir nur die kleinste Mühe macht — befriedigen kann (bei Seite). Wenn sie es nur wüßte, wie wenig Leute ich seit zwei Zähren befriedigt habe! Jeanette. So lange wir allein leben, wollen wir schon daraus kommen, und schenkt uns der liebe Gott, ein Mal, (verschämt) wenn's schon nicht anders ist — einen kleinen Pachter oder eine kleine Pachterin, so soll auch noch Rath geschafft werden. Derville. Halt, himmlischer Einfall — ich hab's! dem ersten Kind gebe ich die Ausstattung — auf mein Wort, und kömmt mir wieder so ein Major dazwischen, so soll er eS mit mir zu thun haben. Mein Anerbiethen ist gethan, Du, Kleine, gibst mir Dein Wort — und als Unterpfand, daß wir Beide unser Versprechen halten, hier einen Kuß (Er küßt sie so schnell, daß sie es nicht verhindern kann). Karg (von hinten). Ich komme als Zeuge, daß eS seine Richtigkeit hat. Zeanette. O weh, mein Mann! (Ab). Dritte Seene. Derville. Karg. Karg. Das ließ' ich mir gefallen — hat man so etwas jemals gesehen, vor einer Stunde kaum sagte sie ja, und jetzt ist sie schon wieder einverstanden. Gnädiger Herr, mit Erlaub — so was geht wohl in Städten, aber auf dem Lande nicht, da sind wir in der Cultur noch weit zurück! Derville. Verdammte Verlegenheit — mit meinen Küssen bin ich immer zur Unzeit. Karg. Ich bitte um eine Antwort! — Wer hat Ihnen die Erlaubniß gegeben, meine Frau zu umarmen? he! Derville. Macht doch nicht so s viel Aufhebens von einer solchen Kleinigkeit — eine wahre Bagatelle! Karg. Alle Hagel, Kleinigkeit? Am Ende soll ich mich noch höflichst beim gnädigen Herrn bedanken, daß er sich die Mühe gab! es war nur noch ein wahrhaftes Glück, daß ich gerade dazu kam. Hätte ich nicht zufällig beim Notar einen Stempelbogen zur Ausfertigung meines neuen Pachtcontrac- tes geholt, wer weiß, was der gnädige Herr indessen mit meiner Jeanette contrahirt hätte. Derville. Nichts was Euch nur im geringsten unlieb sein dürfte. Ueber- haupt soll dieser Zufall unsere Freundschaft nicht stören, bei uns bleibt's beim Alten. Karg. Dabei wollen wir es aber auch fein bewenden lassen. Ertappe ich meine Frau noch ein Mal auf so zweifelhaften - Wegen, so laufe ich von Haus zu Haus und erzähle es der ganzen Welt. Derville. Das wäre zu beschwerlich für einen so wohlbeleibten Pächter; besonders wenn das Ganze so etwas Alltägliches betrifft. Karg. Alltägliches? Möchte wissen, wie Euer Gnaden an meiner Stelle eine solche Alltäglichkeit aufnehmen würden. Derville. Wie es sich für einen Mann von Bildung gebührt. Herr Pächter, Ihr versprecht mir Eurem niedlichen Weibchen nichts Unangenehmes über das Vorgefallene zu sagen, und ich gebe Euch die vollkommene Er- laubniß, meiner Frau, wenn ich mich einst vermähle, den Kuß zurückzustellen, den ich der Eurigen, wider ihren Willen, geraubt habe. Karg. Gnädiger Herr scherzen. Derville. Mein Ehrenwort darauf! Karg. Sie wollen mich nur zum Schweigen bringen, das sehe ich wohl! das wäre was Närrisches, wenn ich ein Mal nach Jahren zur gnädigen Frau käme, und meinen Kuß einkassiren Worte, die würde Augen machen, und der gnädige Herr würde mir recht manierlich die Thüre weisen. Derville. Wenn Ihr meinem Worte nicht traut, so gebe ich es Euch schriftlich. Karg. Nicht möglich? — schriftlich! der Spaß gefiele mir, bloß der Schriftlichkeit wegen. Derville. Es gilt, auf der Stelle schreibe ich den Wechsel! Wo finde ich denn ein Stückchen Papier? — Glücklicher Zufall, da habe ich gerade einen Stempelbogen in der Tasche. Karg. Einen Stcmpelbogen? Derville. Ich gehe nie ohne solches Zeug — eS ist gut für unvorhergesehene Fälle. Ach lieber Freund, wüßtet Ihr nur, wie viele dergleichen ich schon in Umlauf gesetzt habe, Ihr würdet staunen. (Er hat unterdessen einen Bleistift aus der Tasche genommen und schreibt auf Karg's Hut, der ihm denselben hält). So, nun ist's gut. „Vista zahlt meine Frau an Uebcrbringer einen Kuß, den Werth habe ich bar erhalten." Hier ist Datum und Unterschrift. Karg. So wahr ich Pächter Karg bin, ein Wechselbrief in aller Form Rechtens. Gnädiger Herr, der Handel ist geschlossen, wir sind in Ordnung. Unter uns gesagt, trägt mein Geschäft 100 Procent. Einen ordinären Kuß habe ich bezahlt, und einen gnädigen, vielleicht gar gräflichen Kuß nehme ich dafür ein. Ich laufe, ich eile, das Geschäft muß meinem Speculationö- geist neuen Ruf verschaffen, alle Welt soll es erfahren, Alles soll mich beneiden — wie gesagt, 100 Procent Nutzen sind auf der Hand (Ab). 6 Vierte See«e. Derville (allein). DaS Abenteuer ist kostbar — Du lieber Pächter, hätte ich in meinem Leben keine andern Wechselbriefe ausgestellt als solche — so stünden auf Ehre meine financiellen Verhältnisse nicht so desperat schlecht. Fünfte Seene. Derville. Pihlipp- Philipp. Gnädiger Herr, gnädiger Herr, große Neuigkeit! Derville. Was gibt'S? — Hast Du vielleicht- Philipp. Jemanden begegnet — Derville. Gläubiger? P h i l i p p. ES ist was Unglaubliches. — Derville. Haben sie mir vielleicht ihre Forderungen geschenkt? Philipp. Nichts von Allem dem! Sie werden's nie errathen. Derville. Ein Grund mehr, um mir es zu sagen! Philipp. Ich habe die Baronin Halm und ihre Nichte begegnet. So eben fahren sie in einer herrlichen Chaise durch's Dorf herauf. Derville. Jenny, Jenny, hier? Sprichst Du die Wahrheit? Hast Du etwa geträumt? Warst Du geblendet, hast Du sie verkannt, haben sie Dich gesehen? Philipp. Ob sie mich gesehen haben? Freude und Entzücken mahlte sich auf ihren Wangen als sie mich sahen. Philipp, rief mir die Tante zu, ist Dein Herr, der Oberst Derville hier?—Ja, antwortete ich ganz verduzt, indem ich ihr einen tiefen Bückling machte. Glücklicher Zufall, rief sie — Derville. Hast Du auch recht gehört ? Philipp. Ganz recht — melde ihm unsere Ankunft — Derville. Mir? Philipp. Ja, Ihnen — oder melde sie ihm eigentlich nicht, wir wollen ihn überraschen. Derville. Mich? Philipp. Ja, Sie! Bald, bald, sagte sie, werden wir ihn in unsere Arme schließen. Derville. Bin ich von Sinnen oder willst Du mich zum Besten haben? — Jenny, die nichts mehr von mir hören wollte, die Tante, die mich aus ihrem Hause stieß, — alles daS hätte sich jetzt so sehr geändert? Philipp. Kein Zweifel — der lebendige Beweis folgt mir aus dem Fuße. Sechste Seene. Die Vorigen. Baronin. Jenny. Derville (bei Seite). So wahr ich ehrlich bin, sie sind's. Derville, sei klug, behalte die Fassung — kaum kann ich meine Freude verbergen. Baronin. Muthig, Jenny — hier ist er! Derville. Kaum kann ich meinen Augen trauen! (zur Baronin). Gnädige Frau, nichts mahlt Ihnen mein Erstaunen, Sie hier zu sehen. Nehmen Sie meinen wärmsten Dank für Ihre Güte, Ihre Gegenwart allein ver- mag's, Trost in das Herz eines Unglücklichen zu gießen. Jenny. Glauben Sie mir, Herr Oberst, es war nicht meine Schuld. Baronin. Jenny, sei ruhig — laß mir das Wort — Oberst, wir waren weit entfernt von dem Gedanken, Sie in dieser Gegend zu finden. Pachtgeschäfte führten mich einzig und allein hieher. Der Zufall ist mir günstig und ich benütze ihn, Ihnen förmlich Abbitte des Unrechtes zu thun, das wir Ihnen wider unfern Willen zufügten. 7 Derville. Sie — mir, gnädige Frau? Jenny. Wie erstaunt er sich stellt! Baronin Ja, Oberst, ich erkenne Ihre Großmuth — Sie wollen mir das Drückende der Beschämung ersparen — Sie steht im schönsten Einklänge mit der edelmütbigen Handlung, die Sie neuerdings begingen. Derville Ich verstehe kein Wort! Baronin. Nie konnte ich es mir vergeben, Sie auf eme so unwürdige Weise in dem Augenblicke beschuldigt zu haben, wo S>e uns den größten Beweis von Edelmuth und Zartgefühl gaben; ah, glauben Sie es, in meinem Herzen spricht sich nur Verehrung und Bewunderung für Sie aus. Derville (bei Stile). Was muß ich denn Großes gethan haben, ich weiß auf Ehre kein Wort. Jenny. Ach liebe Tante, Sie sehen ja, wie verlegen der gute Derville ist — schweigen wir von einem Zuge, der sein edles Herz in das schönste Licht setzt. Derville. Mein edleS Herz? Was in aller Welt muß ich denn doch gethan haben? (zu Philipp). Philipp, weißt Du vielleicht was Großes von mir? Philipp. Gott bewahre, so was steht Ihnen ja gar nicht ähnlich! Baronin. Läugnen Sie nicht länger! wir wissen Alles, die kleine Louise, die Tochter meines Pächters! — ah wir sind genau unterrichtet. Derville (verlegen). Die kleine Louise, die mir damals die Milch brachte? Baronin. Die großmüthige Aussteuer, die Sie ihr schenkten, gründete Ihr Glück. Derville. Ich hätte sie auöge- stattet? Philipp (bei Seite). Lassen Sie sie dabei! Baronin. Alles klarte sich hinlänglich auf. Als ich Sie damals überraschte, wollte die arme Kleine Ihnen ihre Dankbarkeit beweisen, und ich gab diesem väterlichen Kusse eine falsche Auslegung. Derville. Ein väterlicher Kuß? da haben Sie Recht! — väterlich, das ist das wahre Wort — aber in aller Welt, wer konnte Ihnen so richtige Aufschlüsse geben? Von mir hat noch keine Seele etwas darüber erfahren. Jenny. Das will ich glauben — auch ohne Schwur. Baronin. Die Kleine selbst hat uns Alles gestanden. Derville (bei Seite). Die Kleine war klüger als ich — (laut). Sagen Sie mir aufrichtig, ist das möglich, hat es die kleine Louise wirklich erzählt? Jenny (gleichgültig). Za, Herr Oberst, wir haben Alles aus Louisen's Mund erfahren. Baronin. Zuverlässig—ich kann Ihnen noch mehr sagen, was Ihrem edlen Herzen gewiß die lauteste Freude verursachen wird. Ihrem uneigennützigen Geschenke hat sie eS zu verdanken, daß sie an den Pächter Martin verhei- rathet, und reichlich versorgt ist. Derville (bei Seite). Da will ich doch lieber die Fragen der Turandot, als diese Räthsel lösen (laut). Lassen wir nun die Vergangenheit, die Gegenwart soll über Alles entschädigen, (umarmt Jenny). Theure Jenny — (umarmt die Baronin). Beste Tante; mein Loos ist beneidenSwerth — die Vergangenheit klagte mich an, die Gegenwart spricht mich frei, die Vergangenheit überschüttete mich mit Kummer, die Gegenwart berauscht mich vor Freude, und die schöne Zukunft, die mir entgegen leuchtet, setzt meinen Wünschen die Krone auf. Nicht wahr, geliebte Tante, alle Wolken sind zerstreut, Ihre Einwilligung macht mich zum glücklichsten aller Menschen! Baronin. Was mich betrifft, so setze ich Eurer Verbindung kein Hinderniß mehr in den Weg. Ihr edler Charakter, Herr Oberst, der sich neuerdings so schön bewährte, macht eS mir wünschenSwerth, Sie als Gatten meiner Nichte zu sehen — ich'würde Sie blindlings wählen. Philipp (bei Seite). Blindlings am ersten. Baronin. Aber mein Wille entscheidet noch lange nicht; Jenny ist noch wankelmüthig — sie fordert größere, längere Proben Ihrer Beständigkeit und Treue, erst bis sie diese erhalten, wird sie Ihnen Hand und Herz reichen, und den. vollständigen Sieg über Ihren Nebenbuhler, den Major Valbrun einräumen. Suchen Sie sie zu gewinnen, und von ihrem Starrsinne abzuwenden. Geschäfte mit meinem Pächter nöthigen mich nun für einige Augenblicke auf's Schloß, — benützen Sie die günstige Gelegenheit — ich wünsche Ihrem Unternehmen den schönsten Erfolg. Derville. Beste Tante, leben Sie wohl! ich will Alles in Bewegung setzen, um sie zu bereden! Philipp, Du begleitest die gnädige Frau. Baronin und Philipp (ab). Siebente Seene. Jenny. Derville. Derville. Jenny — was muß ich hören — nicht mehr Ihre Tante, Sie selbst sind die einzige Widersacherin meines Glückes? Können Sie noch an meiner Liebe, an der Gewißheit zweifeln, daß Sie mir das Theuerste im Leben sind? Jenny. Fürwahr, Sie haben erst kürzlich eine Lhat begangen, die Sie mir als den edelmüthigsten aller Männer zeigt — ich muß der Reinheit Ihres Herzens den vollkommensten Glauben beimessen. — Derville. Ach, beste Jenny — sprechen Sie davon nicht mehr; die Berührung dieses Ereignisses stürzt mich in die größte Verlegenheit. Wir sind nun allein — hören Sie ein aufrichtiges Bekenntniß aus meinem Munde; ich wage in diesem Augenblicke ein Geständniß, das mich vielleicht auf ewig in's Verderben stürzt, indem es mir Ihre Liebe raubt. Aber dem werde wie ihm wolle, ich will Sie — nur mir selbst, und keiner schändlichen Lüge verdanken, die mir nur drückend werden und mich Ihnen einst verächtlich machen könnte. Jenny. Was sagen Sie, Derville? Derville. Ein seltsamer Zufall mischte sich in'S Spiel! denn von allem dem, was man Ihnen von mir erzählte, ist nicht ein wahres Wort. Jenny (bei Seite). Dem Himmel sei es Dank, er ist doch ehrlich! (laut.) Was sagen Sie, Herr Oberst? ! Derville. Ja, gnädige Frau, ent- ! weder läuft in der Welt ein weitläufiger Vetter mit meinem Namen herum, der in fich den Beruf fühlt, so großmüthige Handlungen zu begehen, oder die ganze Sache ist mir unerklärbar. Weit entfernt, ihm sein Verdienst rauben, und mich mit fremden Federn schmücken zu wollen, schwöre , ich Ihnen, daß ich von allem dem, was man mir zumuthet, keine Sylbe weiß. Jenny. Wär's möglich? Derville. Es ist. Nie wollte ich ^ in Ihren Augen besser erscheinen als ich wirklich war. Ja, ich gestehe es, ich habe mich gegen Sie vergangen; daß alle hübschen Weiber mir gefallen, ist ein Fehler, aber kein Verbrechen. Sie liebe ich, weil Sie die Liebenswürdigste von Allen sind. Jenny. Schönen Dank. Derville. Wie konnte ich anders dies erfahren, als durch Vergleiche? s ' i Es ist meine Liebe zu Ihnen keine blinde, thörichte Leidenschaft. Es ist die Frucht der innigsten Zärtlichkeit auf eigene Erfahrung gegründet; und ist es nicht schmeichelhaft für Sie, von Jemanden angebetet zu werden, der im Reiche der Liebenswürdigkeiten kein Fremdling ist? Jenny. Am Ende soll ich Ihnen für Ihre Treulosigkeit noch dankbar sein! Derville. Das fordere ich nicht. Glauben Sie nur meinen Versicherungen, die Sie nie täuschen werden. Ich war leichtsinnig — aber nie untreu. Meine Liebe für Sie ist der sicherste Bürge, daß ich Sie nie hintergehen werde. Ich will stets aufrichtig und weit solider sein, als ich es bis setzt war — von heute will ich anfangen. Mit ein bischen Mühe geht Alles. Jenny. Derville, Sie haben die Kunst zu bereden — ich will Ihnen alles Unrecht, wenn Sie auch welches gegen mich wirklich begangen hätten, garne vergeben. Mein Gedächtniß soll mir nichts mehr wiederholen, was geschehen ist. Das Vergangene sei auf immer der Vergessenheit geweiht. Sie versprechen mir Besserung. — Derville. Und ich werde sie halten, von heute an. Jenny. Alle kleinen Abenteuer — Derville. Ich verabscheue sie von heute an. Jenny. Die hübschen Weiber — Derville. Ich kenne nun die Schönste, von heute an. Jenn y. Wenn Sie wieder ein Mal Lust auf Milch bekommen— Derville. So sollen nur Sie mir sie kredenzen, von heute an. Jenny. So, Derville, ich habe vergeben und vergessen. Sie haben versprochen und werden halten. — So fliegt uns nur Glück und Freude entgegen. Derville. Ich werde halten! denn Ihre Liebe steht zu verlieren, und das ist der höchste Preis. Ich suche die Tante auf, sie soll erfahren, wie unaussprechlichglücklich ich bin. O Jenny, theure Jenny — nur wer das Verlorne wieder findet, weiß ganz seinen Werth zu schätzen (ab). Achte Seene. Jenny. Karg (in der Folge). Jenny. Guter. Derville! wie gern will ich ihm glauben, wie gerne seinen Worten unbedingtes Vertrauen schenken? — Ja, er liebt mich, er hat mich nicht vergessen. Um keine Lüge wollte er meinen Besitz erkaufen, — er ist keinerFalschheit fähig. — Ist das nicht der Pächter meiner Tante, der heute Hochzeit hielt? — Wie niedergeschlagen doch der Mann aussieht;— wahrhaftig, keine einladende Phisiognomie für Hochzeitslustige. Karg. Tausend Stoppelfelder und kein Ende, meine Geschäfte sehen niedlich aus, Alles lacht mich im Dorfe aus, und man behauptet, mein verdammter Wechsel sei keinen rothen Heller werth — und was das Aergste ist, bin ich noch obendrein auf dem Sprunge, meinen Pacht zu verlieren (schlägt sich vor die Stirne). Das ist zu viel für eine Personage von meiner Qualität Jenny. Herr Pächter, was fehlt Euch denn? Karg (zieht schnell den Hut ab). ^ lempo, die junge, gnädige Frau. Karg, nimm dich zusamen, es gilt den Pacht zahlbar an Ueberbringer aus. Jenny. Das ist neu! (lacht). Karg. Da haben wir's, lacht doch Alles, wenn ich von dem vertrakten Wechsel rede, nur ich möchte Blut weinen. Das Uebelste bei der Sache ist noch, daß mein Schuldner, der luftige Patron, vielleicht in seinem Leben nicht heirathet. Wo soll ich dann meinen Wechsel eincassiren? Jenny. Wer weiß, oft findet die leichteste Waare seinen Käufer. Karg. Der Himmel gebe es! Aber glauben Sie mir, gnädige Frau, die den Menschen nimmt, müßte schon gar mit Blindheit geschlagen sein. Steunte Seerre. Die Vorigen. Derville. Karg (als er ihn sieht). Wie gerufen , — da kömmt mein schlechter Zuhler. Derville (zu Jenny). Theuerste j Jenny, das schönste Ziel meines Lebens ist errungen, die gute Tante weiß bereits Alles — Sie haben mir ver- ^ geben, ich werde trachten, Ihre Güte zu verdienen, nichts steht mehr meiner höchsten Glückseligkeit im Wege. — Heute noch muß ich zum Besitze der liebenswürdigsten Gattin gelangen. Karg. Heute noch will er heirathen? — das wäre ja ein halbes Glück für mich. Derville. Theilet meine Freude, Herr Pächter, diesem Engel gehör ich von heute an. Bin ich nicht beneidens- werth? Karg. Die gnädige Frau wird Ihre Frau! dann sind wir alle Zwei beneidenswerth: das hat seine Richtigkeit. Jenny. Alle Beide, wie meint Ihr das? Karg. Wie ich das meine? auf die allereinfachste Weise! Wenn Sie diesen Herrn heirathen, so werde ich auf die scharmanteste Art von der Welt bezahlt. Jenny. Bezahlt? ich verstehe kein Wort. Karg. Ach du lieber Himmel, warum habe ich unter solchen Umständen nur einen einzigen Kuß zu fordern. Gnädige Frau, ich bin ein Glückskind von einem Pächter. Gnädigster Herr, Sie find der honorabelste Schuldenmacher, der je gelebt hat. Sie geben Alles mit reichen Prozenten zurück. Ach du lieber Himmel, warum haben Sie meine Jeanette nicht ein paar duHend Mal umarmt. Jenny. Höre ich recht! Also Sie, Derville, waren es- Karg. Wer denn sonst? — ich habe ja den Wechsel in der Tasche. Derville (verlegen). Ich bin verloren! (laut, einen festen Ton erkünstelnd). WaS spricht der Mensch? — Was soll das heißen? Ich glaube wahrhaftig, er ist verrückt? Jenny. Er ist es keinesweges, wie es scheint; ich war vielmehr nicht bei Sinnen, als ich mich durch Ihre gleisnerischen Worte neuerdings bethören ließ. Unsere Verbindlichkeit ist gebrochen — ich nehme mein Wort zurück. Karg. Sie bringen mich um! ich muß bezahlt werden! hier lösen Sie erst meinen Wechsel ein! dann machen Sie, was Sie wollen (er sucht in den Taschen). Wo ist denn das Zeugs? der miserable Zettel verkriecht sich in allen Ecken! Derville (bei Seite). Wenn er ihn doch nur verloren hätte! (laut). Sie sehen, gute Jenny, daß er selbst nicht weiß, was er sagt — er ist betrunken, er hat den Kopf verloren, — ich wette, er ist nicht im Stande, den Wechsel vorzuzeigen, von dem er sprach. (Drohend) Herr Pächter, wenn Ihr die Verwegenheit wirklich so weit zu treiben wagt, so zeigt den Wechsel vor. Jenny. Nicht in diesem Tone, Derville. Sie wollen ihn durch Ihre Kunstgriffe verlegen machen, ich verstehe! ich will ihn aber beruhigen. Herr Pächter, ich habe Euch meinen Schutz in Betreff des Pachtes versprochen, — Ihr sollt ihn auch erhalten, aber nur dann, wenn ich von Euch den Wechsel erhalte. Nur unter dieser Bedingung erhaltet Ihr den Pacht. Karg (immer suchend). Sie sollen — Sie werden, — Sie müssen ihn bekommen — verdammtes Malheur, — noch vor einer Stunde hatte ich ihn in der Hand, vielleicht ließ ich ihn auf meinem Tische liegen — wie man doch oft unvorsichtig ist — da kommt meine Frau, — wenn die den Wechsel gefunden hat, so gerathe ich vom Regen in die Traufe. Zehnte Seerie. Die Vorigen. Jeanette. Jeanette. Du hier? ist das erlaubt, am Hochzeitstage seine Frau allein zu lassen? Karg. Liebes Kind, bist Du heute noch keinen Augenblick ohne mich gewesen? He! Ich habe hier Geschäfte — apropos, hast Du zu Hause kein Zettelchen gefunden, das mir gehört? Jeanette. Freilich habe ich — ich habe eS gut verwahrt! Karg (zu Jcnnv). Sie sehen, gnädige Frau, daß ich nicht verrückt und nicht betrunken bin (zu Jeanette). Gib her, gib schnell das Papier — unser Wohl hängt davon ab. Jeanette. WaS? Du hast noch die Unverschämtheit, es zu fordern? Pfui, sage ich Dir, und abermals pfui! — o ich weiß schon was es enthält! ich habe es mir verdollmetschen lassen: schämst Du Dich nicht — solche Wechselbriefe zu besitzen? (weint.) Wenn 12 das mein Vater wüßte, der würde Dich schon zur Rede stellen, und sich meiner annehmen. Karg. Halt's Maul! Dir kömmt's gar nicht zu, in diesem Tone mit mir zu sprechen; das ist nichts als eine Entschädigung — eine Rückerstattung — hättest Du heute Früh keine Ausgaben dieser Art gemacht, so dürfte ich jetzt keine solche Valuta an Zahlung nehmen. Jenny. Gib mir das Billet. — Jeanette, ich hoffe, mir wirst Du es ruhig vertrauen. Jeanette. Glaub's gerne, wenn ich's nur noch hätte, ich habe es aber weggegeben. Karg. Weggegeben! — ich bin ein geschlagener, ruinirter Mann! Derville (bei Seite). Ich athme wieder! Jeanette. Es war ein langes, schmales Stück Papier. Sah' aber gar nicht wie ein gewöhnliches Liebes- briefchen aus, denn es hatte oben einen Stempel. Karg. Liebesbriefe sind Lügen, die verdienen keinen Stempel, aber mein Wechsel war echt — Weib, schaff' mir meinen Wechsel, wo hast Du ihn? Jeanette. Ich fand das Zettel- chen, war begierig zu wissen, was es enthielt — und begegne zufällig den Major — ach, wie heißt doch der liebe Major, der das Gut nebenan gekauft hatte. Karg. Major Valbrun? Jeanette. Derselbe, ich bat den Major, mir eS vorzulesen. Jenny. Den Major? Derville. Ich Unglückseliger! Jeanette. Er lachte — und that mir den Vorschlag, den Wechsel bar zu bezahlen, wenn ich ihn ihm überlassen wollte. Ich wußte nicht, was er meinte — und als ich ihm sagte, ich sei es zufrieden, nahm er den Wechsel und gab mir einen Kuß. Karg. O schmerzenreicher Lag, das ist für heute Numero zwei. D erville. Unbesonnener! was hast ! Du gethan, diese Schrift in des Ma- jor's Händen. — Schaff' mir meinen Wechsel zurück — er lautet an Ueber- bringer. Jenny. Also doch ein Wechsel, i Herr Oberst? Dervi l l e. Ich kann es nimmer läugnen — leider ist's nur allzuwahr? Jeanette, Vielleicht gibt er ihn mir zurück, wenn ich ihm den Kuß zurückgebe? Karg. Weib, bist Du besessen? Sie macht mich wirklich verrückt, vor lauter bezahlen und einkassiren! Komm', j hilf mir meinen Wechsel aufsuchen, und ; wenn ich ihn nicht finde, so laß' ich ihn l an allen Ecken anschlagen, austrommeln, und gerichtlich die Valuta so lange depofitiren, bis sich das Instrument gefunden hat (ab mit Jeanette). Derville. Meine Lage ist entsetzlich, ich stehe auf dem Punkte Alles zu verlieren; mein Entschluß ist gefaßt, , ich suche Valbrun auf — er muß den j Wechsel augenblicklich zurückstellen, oder ich werde ihm beweisen, daß er mich nicht unbestraft zur Zielscheibe seines Muthwillens macht (ab). Eilfte Seene. Jenny (allein). Unverzeihlicher Leichtsinn! mich so dem Gespötte der Welt blos zu stellen. Wenn Valbrun seinem Zorne Raum gibt, so spiele ich eine erbärmliche Rolle. Die Männer sind am empfindlichsten, wenn man sie verschmäht, und durch dieses elende Papier bin ich auf eine fürchterliche Weise des Major's Rache in die Hände geliefert. Schon sehe ich ihn kommen, die Sache wird zum Stadtgespräche, alle Finger weisen auf mich hin, alle Zungen sind im Gange, um über mich zu witzeln, und für wen das 13 Alles? — für einen Undankbaren, Flatterhaften, der heute die Schwüre vergißt, die er gestern gethan, den weder Ehre noch Gewissen bindet — der mein und sein Glück in jeder Minute mit Füßen tritt; ich war zu leichtgläubig, zu schwach, ich vergab, wo ich hätte unerbittlich sein sollen. Aber von nun an kein Erbarmen, keine Gnade mehr — seine Thränen sollen mich nicht rühren, seine Worte nicht mehr täuschen! Nie, nie vergeb ich ihm mehr. Zwölfte Seene. Zenny. Baronin. Baronin. Glück zu, liebe Jenny, Alles ist im Reinen, Du bist Dir und Deiner Neigung wiedergegeben. Du hast wohl daran gethan, es ist so süß zu vergessen und zu belohnen, wo man der Vergebung nicht unwerth ist. Jenny (kalt). Wo man ihrer nicht unwerth ist? Baronin. Ich denke, Niemand verdient sie mehr als der Oberst! O gewiß, seine Liebe zu Dir hat ihm das entscheidendste Recht auf die Dei- nige gegeben. Er war so bewegt, als er vorhin mit mir sprach, seine Wangen glühten, wenn er Deinen Namen nannte, innige Freude malte sich auf seinem Gesichte, als er mir die glückliche Zukunft schilderte, der er entgegensah! Jenny. Die Malerei ist ein Trugbilds Alles ist falsch, beste Tante, der Schändliche täuschte Sie, wie er mich betrog. Hören Sie die heiligste Versicherung, meinen unanwandelbaren Entschluß, nie, nie werde ich ihm meine Hand reichen. Baronin. Was sagst Du? „Jenny. Die reine Wahrheit, ich luge nie! Baronin. Ich hatte Dir keinen so auffallenden Beweis von Unbeständigkeit zugetraut. Jenny. Ich liebe ihn nicht Mehrer ist mir höchst gleichgültig! Baronin. Selbst ohne zu lieben, müssen wir Verbindungen ehren, die wir früher geschlossen haben. Jenny. Dieser Druck wäre mir unerträglich ! Baronin. Wie rührt mich seine Lage, wenn das Dein Ernst ist! Jenny. Sie haben Mitleiden mit ihm? Baronin. Muß ich denn nicht? ich werde ihn stets beklagen und ver- theidigen; ist sein Betragen nicht beispiellos? Jenny (bei Seite). Wohl beispiellos! Baronin. Verdient sein Benehmen gegen die kleine Louise nicht volle Bewunderung? Jenny (bei Seite). Verwunderung wohl eher! Baronin. Kein Mann ist frei von Mängeln, wir müssen keine Engel suchen, so werden wir keine Teufel finden, Geduld — ein wenig Nachsicht — und Alles geht gut. Jenny. Geduld und Nachsicht — ja gewiß, die braucht er wohl! Baronin. Kurz und gut — keine Ziererei — ich dulde sie nicht! Derville wird Dein Gemahl. Jenny. Nimmermehr! Baronin. Du wirst ihn heirathen! ich bin es der Ehre unserer Familie schuldig. Jenny. Nein, nein, und tausend Mal nein! ich habe Gründe! Baronin. Laß' doch hören, wenn's beliebt! Jenny. Gründe — triftige Gründe — kurz, liebe Tante, es ist überflüssig — ich kann —- ich will nichts mehr von ihm hören — nicht ein Mal von ihm sprechen. — Baronin. Ich will sie aber durchaus wissen, diese Gründe! Zenny (bei Seite). Um Alles in der Welt — welche Verlegenheit — ich kann ihr doch unmöglich die Wahrheit sagen. Baronin. Nun, wird's? Jenny. Er — ich habe erfahren — er ist — er hat Schulden! Baronin. Das ist unangenehm, aber nicht unverzeihlich — ich werde — Zenny. Nur nicht mit ihm darüber sprechen, beste Tante, ich beschwöre Sie — da kömmt er eben — was habe ich gethan — wenn er wüßte — welche Unwahrheit ich von ihm erfand — Dreizehnte Seerre. Die Vorigen, Derville. . Derville. So, nun mag er erfahren haben, wie man plumpe Scherze bezahlt — Himmel, die Baronin und Zenny! — Baronin. Treten Sie näher, Der- ville — Sie sehen mich so eben zu Zhrer Verteidigung gerüstet. — Zenny ist äußerst aufgebracht auf Sie, und will ihr gegebenes Wort unwiderruflich zurücknehmen. Derville. Was muß ich hören? Zenny könnte das? Baronin. Sie kann es, und wenn Zhre Ueberredungskunst nicht mächtiger auf sie wirkt als die meinige, so ist alle Mühe vergebens. Derville. Zenny wollte mir wirklich ein so häßliches Beispiel von Untreue und Wankelmuth geben, indeß Zhr Vorbild mich begeistern sollte! Jenny (bei Seite). Der Elende, ich glaube, er scherzt noch? Baronin. Ja; sie verweigert Ihnen ihre Hand, unter dem Vorwände, daß sie- Jenny (winkt ihr mit der Hand). Ach Tante — ich bitte Sie! Baronin. Sie hätten, sagt Jenny — Schulden. Jenny (bei Seite). Nun kömmt j meine Lüge an's Tageslicht! Derville. Was, gnädige Frau, > das hätte man Zhnen gesagt? Ja, man hat Sie nicht getäuscht. Ich habe Schulden. Jenny (bei Seite). So habe ich denn leider wieder etwas errathen! Derville. Ich habe, wie Sie wissen, einen alten General zum Oheim, den ich gar nicht die Ehre habe, zu kennen, der aber ein unermeßliches Ver- ! mögen besitzt. Ich bin sein einziger Erbe. Langsamkeit in seinem ganzen Thun und Lassen ist sein größter Fehler, und es gibt Dinge, wobei sich die Menschen am allerwenigsten beeilen lassen. Aus besonderem Zartgefühl, ohne ihm nur ein Wort davon zu sagen, ließ ich mir einen Theil dieser ! Erbschaft von einigen Freunden vor- l schießen, — daher kommt eS, daß ich j 5 — 6—7 — oder 8, vielleicht auch ? mehr Gläubiger habe — und das ist das ganze Geheimniß an der Sache. - Jenny. Also wirklich, Sie haben Gläubiger? i Baronin. Nun stellt sie sich er- ^ staunt, und wußte es früher als ich. § Jenny. Freilich! (bei Seite). Bald ^ hätte ich vergessen, (laut). Ich — wußte nicht genau! — Mein Herr Oberst, schämen Sie sich — wenn Sie dessen i noch fähig sind, nicht einen Fehler j gibt's, der nicht Ihr Eigenthum ist. l Baronin. Er ist Dir treu! Derville (verlegen). Ja, die Frau Baronin hat Recht, ich bin treu! Jenny. Er spricht von seiner Treue, der Unverschämte.' Baronin. Diese Tugend ersetzt alle andern! Dervllle (verlegen). Mir aus der Seele gesprochen. — Jenny. Halten Sie das nach Belieben. Ich erkläre Ihnen hiermit feierlich, daß ich alle Bande löse, die ich früher zwischen uns knüpfte, und daß 18 ich nie einem Manne angehören werde, (mit Beziehung) von dem so viele Wechsel im Umlaufe sind. Baronin. Eigensinnige, das kann gehoben werden. Jenny. Gehoben, durch mich nie! Baronin. Aber durch mich, ich übernehme es, alle Ihre Wechsel einzulösen, alle Ihre Gläubiger zu befriedigen. Jenny (ironisch). Alle? Wer weiß, ob Sie das können! Derville. Unerhörte Verlegenheit. Baronin. Nun hoffe ich, sind alle Hindernisse entfernt, alle Zweifel bekämpft. Nichts berechtigt Dich nunmehr, Dein gegebenes Wort zurück zu nehmen, Du wirst ein Bündniß schließen, von dem Deine und Deiner Familie Ehre abhängt. Kommen Sie, theurer Neffe. — Derville. Ich folge Ihnen auf der Stelle — Baronin. Ich erwarte von Ihnen die richtige Angabe aller Ihrer Gläubiger — ich werde Alles in Ordnung bringen, nur sein Sie aufrichtig — verschweigen Sie mir keinen Einzigen. Derville (sehr verlegen). Keinen Einzigen, auf mein Wort. — Im Gasthofe zur goldenen Sonne erwartet mich ohnedieß eine kleine Deputation dieser Herren — wenn Sie die Güte haben wollen, einen Ihrer Bedienten hinzu- senden — (leise zur Baronin). Nur einen Augenblick lassen Sie mich mit ihr allein, — ich muß sie besänftigen, oder das Leben hat keinen Reiz mehr für Mich. (Die Baronin ab). Vierzehnte Seene. Jenny. Derville. Jenny. Herr Oberst, ich bewundere in der That Ihre namenlose Kühnheit. In einer Stunde, wo Ihnen Ihr Gewissen die bittersten Vorwürfe machen muß, wo Sie mir gegenüber stehen, die Sie so sehr beleidigten, wagen Sie eS noch, eine Unterredung mit mir zu suchen, um sich vielleicht auf meine Kosten zu belustigen, ohne zu bedenken, daß ein Wort von mir Sie zu Boden donnern kann. Derville. Vertrauen auf Ihre Güte ermuthigt mich. Jenny. Glattzüngige Redensarten sollen mich nicht mehr bethören — ich erkläre es Ihnen — ich hasse, ich ver- verabscheue Sie — ohne Zorn, ganz ruhig sage ich eS Ihnen laut — und fest, je mehr ich mein Herz erforsche, ich habe, ich sehe es deutlich ein, ich habe Sie nie geliebt. Derville. Wohlan denn, gnädige Frau, so hören denn auch Sie mein Bekenntniß — was Sie jetzt sagten, ist falsch — grundfalsch —Worte leiten uns nicht irre, wo das Herz zum Ver- räther wird — Sie haben mich geliebt — Sie lieben mich noch bis zur Raserei. Jenny. Hat man so etwas je ge- hört? Fünfzehnte Seene. Die Vorigen. Philipp. Philipp (geheimnißvoll). Gnädiger Herr, üble Nachrichten. Derville. Rede was Du weißt, es geht beinahe jetzt auf Eins hinaus. So wie wir hier stehen, ist nichts mehr zu verderben. Philipp. Jn's Himmels Namen, so sei eS denn! So eben begegne ich die Pächterin vom nächsten Dorfe, die sonst die kleine Louise hieß. Euer Gnaden wissen schon, wen ich meine. Derville (verlegen). Ich entsinne mich, — mach' fort! Philipp. Sie kam zur Hochzeit des Pächters Karg hieher! Wir schwätzten Eines um'S Andere mit einander, und da erzählt sie mir denn, daß die gnädige Frau da Alles wisse, was die 16 edelmüthige Handlung betrifft, die man Ihnen vorhin zu Ihrem Erstaunen in die Schuhe schütten wollte. Ja es ist gewiß und wahrhaftig, die gnädige Frau selbst haben ja Alles so angestellt. Jenny (rüttelt ihn). Philipp, kein Wort weiter. Derville. Und ich befehle Dir, zu reden. Philipp. Die gnädige Frau bezahlte Louisen's ganze Aussteuer und befahl ihr, bei der Tante Sie zu nennen. Derville. Jenny, das thaten Sie? das thaten Sie um meinetwillen, aus Liebe zu mir? Jenny (verlegen). Aus Liebe zu Ihnen! ha, ha, wer sagt Ihnen das? ich habe es schon bereits erklärt, ich liebe Sie nicht, ich habe Sie nie geliebt. Derville. Ihren Handlungen, nicht Ihren Worten will ich glauben. Ich bin Ihnen nicht gleichgültig — Jenny (ärgerlich). Sehr gleichgültig, ja noch mehr, zuwider sind Sie mir! Derville. Läugnen Sie es nicht länger — verbergen Sie nicht Ihre Liebe zu mir in Ihrem zarten Busen, wie Sie auch Ihre Wohlthaten zu verbergen wissen. Jenny. Sonst, vielleicht ehmalS — aber jetzt nimmermehr, seitdem Major Valbrun — Philipp. Oh sein Sie unbesorgt — gnädige Frau, es ist nicht die geringste Gefahr, der Arzt selbst hat es mich versichert, die Wunde hat nichts zu bedeuten. Jenny. Welche Wunde, sprich, Philipp! Derville. Nun befehle ich Dir, zu schweigen. Jenny. Ich errathe! — Sie forderten ihn — aber Derville — was thaten Sie? Um einer Kleinigkeit, um eines bloßen Scherzes willen, wagten Sie Ihr Leben, das — (sich vergessend) mir so theuer ist. Derville (sie schnell ertappend). Nicht wahr, Sie lieben mich? Jenny. Nein, sage ich Ihnen; ich werde es doch wissen, ob ich Sie liebe oder nicht. Derville. Warum sollte ich nicht Alles wagen, wo Alles zu verlieren war. Blieb er Sieger, so war ich wenigstens des Jammers überhoben, Zeuge seines Glückes zu sein, warmein der Sieg, so dürfte ich vielleicht so weit die kühnen Wünsche tragen, aus Ihren Händen, — unvergleichliche Jenny — den Preis des Kampfes zu erhalten. Jenny (zärtlich), Derville. — Derville (zu Philipp). Du hast doch erhalten! nicht wahr, Philipp? Philipp. Ja, gnädiger Herr — Anfangs wollte der Major den Wechsel der Baronin übersenden. Jenny. Himmel, wenn Sie es doch erführe! Philipp. Nach dem Duell aber, befahl er mir, sogleich seinen Reitknecht aufzusuchen, und ihm in seinem Namen denselben abzufordern. Derville. Nun, wo hast Du ihn? Philipp. Ich lief ihm überall nach — wo ich ihn zu finden wußte; nämlich im Gasthofe — und in der gemeinen Schenke. Das sind so seine gewöhnlichen Absteigquartiere. — Ich komme hin — wen seh' ich? — Christoph den Reitknecht! — Derville. Ercellent! Philipy. Gib mir schnell den abscheulichen Wechsel zurück, rufe ich ihm zu, damit die fatale Geschichte ein Mal ein Ende hat. Jenny. Herrlich. Philipp. Alles vergebens! Er hört nicht — er sieht nicht. Christoph hat sich in Gesellschaft einiger Camera- den so betrunken, daß er weder Wechsel, noch mich mehr kennt. Wir durchsuchen alle seine Taschen; der Wechsel ist nicht da. Er hat ihn weiß Gott wo verloren, und ist nicht im Stande, darüber Rechenschaft zu geben. Aller Wahrscheinlichkeit nach hat ihm denselben einer aus der Compagnie gestohlen. Zenny. Unerhörtes Unglück! Derville. Dieser Wechsel reist in der Welt herum, wie die Pantoffeln des Abulkassem. Zen ny. Wenn er nur nicht in die Hände der Tante geräth! — Erfährt sie das Geringste davon, so ist Alles verloren. Sechzehnte Seeue. Die Vorigen. Baronin. Baronin (zu Derville). Nun, lieber Neffe, — ist Alles geordnet! ich habe Zhre Gläubiger selbst gesprochen, sie sind befriedigt. Zetzt glaube ich (in Beziehung auf Zenny) wird Niemand mehr sich der Erfüllung Zhrer Wünsche entgegensetzen und die Hochzeit verzögern. Siebenzehnte Seene. Die Vorigen. Karg. Zeanette. Karg. Hochzeit? — das ist das Wort — ich komme wie gerufen! Zeanette (zu Karg). Ich will eS durchaus nicht, sage ich Dir, daß Du Dich bezahlen läßt. Karg. Und ich sage — ich verstehe es besser, eS ist das einzige Mittel, den Pacht zu erhalten: die junge Frau Hat'S ja so gesagt. Baronin. Was gibt'S, Herr Pächter — waS bringt Zhr Gutes? Karg. Zch bringe eben nicht viel — ich will im Gegentheile was holen. Halten zu Gnaden, mit der Vermäh- lung des Herrn Obersten Hat'S doch seine Richtigkeit? Baronin. Ohne Zweifel. Karg. Wenn das ist, so bitte ich unterthänigst, dieses kleine Document- chen von ihm in Augenschein zu nehmen Wiener Lheater-Repertoir. XXIll. — welches ich — nur mit Mühe wieder in meine Verwahrung brachte. ES hat mich gar einige Bouteillen Wein gekostet, womit ich den ehrlichen Christoph regaliren mußte, aber schadet nichts, die Sache, hoffe ich, soll Zinsen tragen. Derville (zu Philipp). Verdammter Wechsel — da ist er schon wieder. Karg (zu Jenny). Heute Morgens, haben ihn die gnädige Frau von mir — unter gewissen Bedingungen verlangt — da ist er — Zenny (will ihn schnell nehmen). Gut, gut — gebt ihn nur her! — Baronin (darnach fassend). Nicht so, liebe Nichte! Zch habe ein Mal die Verbindlichkeit übernommen, alle Schulden meines Neffen zu übernehmen und ich muß sie auch lösen. Gebt nur mir, Herr Pächter — Karg. Halten zu Gnaden — von Euer Gnaden kann ich die Bezahlung dieses Wechsels unmöglich annehmen. Baronin. Zch habe schon heute — (sse zeigt ihm eine Hand voll Papiere), ein Dutzend dergleichen Forderungen befriedigt. Karg. Ein Dutzend solcher (erstaunt), daS ist genug! Zeanette. Siehst Du, Alter? die Tante bezahlt (lacht). Karg. DaS ist fatal — was will ich aber machen, ich verliere sonst den Pacht — (ec nimmt den Hut ab, und prä- sentirt der Baronin den Zettel), da ist er, wenn Sie eS denn durchaus befehlen! Baronin (nimmt und liest eilig). „Vista — einen Kuß anUeberbringer —" was soll das bedeuten? Derville. Zunggesellen-Schulden. Baronin. Das hätte ich von Ihnen nicht erwartet, ich hielt Sie für klüger! Derville. Und ich Sie für groß- müthig — wir werden uns Beide nicht getäuscht haben. Sie versprachen alle meine Schulden zu tilgen- Zenny. Sie werden gewiß Zhr ge-- 2 18 gebenes Wort halten, nicht wahr, liebe Tante? Baronin (sich fassend). Wohlan denn, Herr Pächter, ich bezahle! Karg. Comptant? das wäre zu arg! Baronin. Eine Entschädigung! Zhr überlaßt mir das Billet und ich überlasse Euch dafür den Pacht! Karg.' Mit tausend Freuden! Hier ist der Zettel, soll ich „empfangen" darauf schreiben? oh ich bin so honett und lasse mir .in meinem Leben keinen Wechsel zwei Mal bezahlen. Derville. Dank, innigen Dank, gute Tante, theure Jenny, nie kann ich meine schwere Schuld gegen Sie tilgen — das Billet nehmen Sie in Verwahrung, es soll für uns Beide ein Talisman in der Ehe sein, uns vor Abwegen zu schützen, und so oft ich zu wanken beginne, zeigen Sie mir das Wechselchen, und Liebe undLreue wird mich nie verlassen. Der Vorhang fällt. Wien 1853. Druck und Verlag von I. B. WalliShausser. Mischt» i» -er Am. Lu^spiel in einem Acte, nach dem Französischen: I^g ßlsison tlk8 dv>8, . von tgjßllLr, frei bearbeitet von HerzenSkron. Personen: Franz, Hausinspector l Grasgrün, Gärtner ! des Baron Strahldorf. Fink, Kammerdiener I Frau von Birken, des Barons Verlobte. Woak, ) ^ Dienste des Baron Minden Bruno, > Zwei Bediente. Zwei Kammerfrauen. (Die Handlung geht auf dem Sommerhause des Baron Strahldorf, in der Aue vor). (Das Theater stellt einen Saal, mit Fenstern im Hintergründe, vor, die in den Vorhof führen, welchen ein großes Gitter schließt, durch das man wieder in der Entfernung das Feld und die Umgegend steht. Die Fenster find mit Laden verseben, welche nach Belieben geschlossen und geöffnet werden können. Dem Zuschauer rechts ist eine Thüre, welche in eine andere Abtheilung des Hauses zu führen scheint, und ein Fenster; auf der linken Seite ist ebenfalls eine Thüre, und vorne steht eine Fvrtepiano, worauf eine Guitarre, eine Violine, eine Flöte und ein Haufe Noten liegt). Erste Deene. Franz (allein). (Er trillert ein Liedchen und schließt das Elavier, welches er so eben gestimmt hatte). Nun ist wieder etwas verrichtet; wer mir es noch abstreiten will, daß tch ein Genie bin, der muß so ziemlich viel Aehnlichkeit mit einem Vieh haben; ohne jemals stimmen gelernt zu haben, halte ich unser Instrument daS ganze Wiener Theater-Repertoir. XXIV- Jahr hindurch in der schönsten Stimmung; und das ist nicht so leicht, denn selbst die meisten Menschen gehen beständig verstimmt herum. Zn meinem zwölften Jahre trat ich schon in die Musikbande des Regiments, bei dem der Vater meines Herrn Oberster war; da lernte ich alle Instrumente, wenn auch nicht spielen, aber doch tragen. — Und einmal gab ich sogar im Lager ein Concert auf dem Triangel, das mich mit Ruhm bedeckte. — Aber die Zeit ereilt mich — ich muß den Brief des Barons noch einmal überlesen (er liest). „Mein guter Franz!" — wie gütig er schreibt; „Mein guter Franz, ich schreibe Dir von Prag; mein Vorsatz war, noch acht Tage hier zu verweilen, allein ich habe ihn aufgegeben. Meine Schwester will mich von hier nach meinem Landhause in der Aue begleiten, und Du wirst uns längstens in fünf Tagen bei 2 Euch sehen." Er schreibt von Vorgestern, also noch drei Tage! „Fink, Anton, Rudolf, und die beiden Kammerfrauen meiner Schwester werden uns in einer Kalesche Vorfahren, und wir folgen um 24 Stunden später." — Das ist mir lieb, so habe ich noch Zeit, Eins und das Andere zu ordnen. „Besorge, daß ich Alles zu unserem Empfange bereit finde." Gnädiger Herr, so etwas braucht man mir nicht zu empfehlen. „Stimme das Fortepiano!" Ist geschehen! „Der Gärtner und Thomas sollen nüchtern sein." Die Kerls find heute in's Kirchweihfest auf dem benachbarten Orte gegangen, damit wird's übel ausse- hen. — Je nun, bis in drei Tagen schläft sich Vieles Wiederaus. — „Tausend Küsse an meine theure Emilie, ist sie noch immer den Verfolgungen meines verhaßten Nebenbuhlers aus- gesetzt? Bald, hoffe ich, wird seine Bosheit ihr Ende erreichen, und unsre Liebe ihren Lohn gefunden haben. Das Trauerjahr meiner Vielgeliebten ist aus, und in acht Tagen schließe ich sie als Gattin in meine Arme." — So ist's recht! eine Hochzeit; da soll'ß ein Leben werden; ein Schmaus um den andern; Bälle und Assem- bleen die Menge, weibliche Besuche, mitunter manches Kammerkätzchen, und da soll sich für den armen Franz auch noch eine kleine Fanny finden. (Ec sicht zufällig auf die Straße). Aber was sehe ich? wer läuft denn dort so hastig herzu? ein junges Frauenzimmer; irre ich mich nicht, so ist es Frau von Birken! Zweite Seene. Franz. Frau von Birken (stürzt hastig herein, sie ist ganz verwirrt und läßt sich auf einen Stuhl nieder). Birken. Franz, ich kann nicht mehr! — Meine Knie schlottern! F r a nz. Gnädige Frau, Sie allein, ' und inidiesem Zustande? was ist Ihnen widerfahren? Birken. Laß mich, Franz, erst — . meine Sinne sammeln! Franz. Sie wissen doch, daß der ^ Herr Baron nicht hier ist? i Birken. Ich weiß es, er ist in ' Prag bei seiner Schwester — Aber I sag' mir nur, sind mehrere von seinen Leuten hier zurückgeblieben? ? F r a n z. Ja, gnädige Frau, wir sind unser drei. Ich, der Gärtner und * Thomas der Kutscher. Meine beiden ^ Cameraden aber sind nicht zu Hause, sie sind aufs Kirchweihfest im nächsten Dorfe gegangen. Birken (springt erschrocken auf). Du bist also ganz allein, wirklich ganz ! allein? s Franz. In diesem Augenblicke, ja! - Birken. Gott im Himmel! Hier in diesem einsamen, abgelegenen Häuschen ? Franz. Das erschreckt mich nicht! Unser Sommerhaus liegt zwar am äußersten Ende des Dorfes, ganz allein im Walde, aber so lange ich mich erinnere , hat man hier noch nie etwas gehört! Birken. Wie weit ist's von hier ) in's Dorf? Franz. Eine Viertelstunde! ^ Birken. Großer Gott! das ist weit! — Franz. Sie machen mich besorgt - — gnädige Frau! Reden Sie nur. j Birken. So erfahre denn Alles, i Du kennst mein kleines Lustschloß? Als ich heute Morgens mit meiner Kammerfrau meinen Lieblingsspaziergang in das kleine Wäldchen machte, welches meine Sommerwohnung be- gränzt, bemerkten wir mehrere Männer, welche sich um uns herschlichen. Wir hatten kaum Zeit, uns hierüber unsre Zweifel mitzutheilen, als sie mich von meiner Begleiterin trennten, mir 3 den Mund verstopften, mich in einen Wagen warfen, und im Fluge mit mir davon eilten. Franz. Weiter! weiter! Birken. Ich erkannte fogleich in diesem schändlichen Verfahren die Anschläge des Baron Minden, den Nebenbuhler Deines Herrn. Franz. Von dem der Baron in seinem Briefe an mich spricht! ich kenne diesen Elenden! Birken. Nachdem man, um mich zu verwirren, einen großen Theil des Tages mit mir herumgefahren war, hielt man beim Eingänge eines Wäldchens stille, das ich sogleich für dasselbe erkannte, das die Besitzung des Baron Strahldorf enthält; die Zerstreuung meiner Begleiter gab mir Muth — ich entfloh — sie waren der Wege unkundig, ich wußte sie genau — das begünstigte meine Flucht; — schon sehe ich dieses Häuschen in der Ferne, schon glaube ich mich geborgen, als ich plötzlich die Stimmen meiner Verfolger nur zu deutlich hinter mir erkenne. Sie rufen meinen Nahmen, sie geben sich Zeichen, athemlos laufe ich fort, um diesen Zufluchtsort zu erreichen — die Angst leiht meinen Schritten Flügel, und ich lange hier glücklich an, ehe jene Bösewichter mich ergreifen. Aber noch ist nichts gewonnen. — sie sind in der Nähe! sie haben mich gewiß entdeckt — und wir sind hier ganz allein! Franz. Zn der That! ich bin die einzige Garnison dieses nicht festen Platzes. Aber der Feind kann ja meine Stärke nicht wissen. Birken. Sie wissen, daß Dein Herr verreis't ist. Franz (ein wenig verlegen). Das ist richtig. Birken. Zch bin verloren! Franz. Und Sie glauben, gnädige Frau, daß sie Ihre Spur verfolgen? Birken. Gewiß! Franz (zu sich selbst). Verdammt! Birken. Du bist selbst unruhig, guter Franz! Franz. Ich? keinesweges! ich denke nur — (bei Seite). Die Lage ist gefährlich — (laut). Ah Spaß! eS ist nur Spaß! Birken. Werden Deine beiden Cameraden heute noch zurückkehren? Franz. Zch glaube sicher — (bei Seite.) aber in welchem Zustande ein Mensch vom Kirchtage kommt — das ist die Frage? wenn ich daran denke, so wird mir gar nicht wohl zu Muthe. (Laut). Gnädige Frau, fassen Sie sich, ich will Ihre Vertheidiger sammeln, und alle Batterien aufführen; so lange ich lebe, darf die Festung nicht capituliren. (Ao). Dritte Seene. Birken (anfangs allein), dann Wor- dak und Bruno und noch zwei oder drei Männer (im Hintergründe). Birken. Was mag er Vorhaben? ich zittre, trotz all seiner scheinbaren Ruhe. (Sie sieht sich um). Dieses Fenster geht in den Garten. Kein Gitter vertheidigt es, und dieser Garten — die Planke ist so niedrig, die Zäune sind so leicht zu übersteigen, die Büsche sind so geeignet, jeden Schurken zu verbergen. Alles vermehrt hier nur meine Angst. (Man sieht einige Männer, welche vor dem eisernen Gktterthor, welches in den Vorhof führt, stehen bleiben; unter ihnen sind Wordak und Bruno. Ersterer trägt einen grünen Mantel). Himmel, wer sind diese Männer, welche hier Alles auszuforschen suchen? Gerechter Gott, es ist der grüne Mantel. Za, es ist derselbe, der an der Spitze jener Bösewichter stand — ich hörte ihn Wordak nennen. Er scheint mich entdeckt zu haben, sein Arm zeigt auf mich — als wollte er seine elenden Helfershelfer auf den neuen Fund aufmerksam machen. Sie haben mich gesehen! (ruft). Franz, 1 * 4 Franz! (zu sich selbst). Sie entfernen sich, um vielleicht mit neuer List zurückzukehren. Vierte Seene. ' 'Birken. Franz. Franz (noch in der Coulisse). Wir sind zu Diensten, gnädige Frau! (er tritt rechts aus der Lhüre, mit einem Päckchen unter dem Arme). Was ZUM Henker wollen die Männer am Gitter- thore? Birken. Franz! sie sind's, ich habe sie erkannt! Franz. Sie haben sich zurückgezogen ; das Terrain scheint ihnen noch nicht günstig. (Er wirft das Packet links in die Lhüre). Birken. Was hast Du da? Franz. Das ist ein kleines Reservekorps, welches sich hinter dieser Lhüre aufstellen muß. (Zeigt auf die Lhüre rechts). Von dieser Seite fällt dann die leichte Cavallerie dem Feinde in die Flanke. (Man sieht plötzlich eine außerordentliche Helle im Hofe). Birken. Was bedeutet dieses Feuer? Franz. Wundern Sie sich nicht, gnädige Frau, in unserer Küche geht eS lebendig zu — es wird gesotten und gebraten, alle Bratenwender sind in Bewegung, einen alten Kleiderstock habe ich zum Koche graduirt, und wenn die scharmanten Gäste etwa zum Hoffenster herein gucken, so müssen sie schwören, daß wir heute wenigstens hundert Personen tractiren. Birken. Und was versprichst Du Dir von diesem Spiele? (sie sieht plötzlich hinaus und schreit dann). Ah! Franz. Was gibt's, gnädige Frau? Birken (die sich kaum umzukehren wagt). Siehst Du? hier sind sie wieder! (Dieselben Männer erscheinen wieder im Hintergründe). F r.an z (unruhig). Ich sehe Alles i — aber beruhigen Sie sich, sie scheinen nichts Böses im Sinne zu haben. Birken. Ich sage Dir, es sind meine Verfolger. Franz. Sie gehen fort — ich verliere sie aus den Augen? B irk e n. Jstdas Gitter geschlossen? Franz. Alle Wetter, das habe ich vergessen; — aber nein, ich überlege so eben, diese Maßregel würde Verdacht erregen, eine verschlossene Lhüre würde eben so sehr Furcht beweisen, als wenn ich mich weigerte, sie zu öffnen. (Eröffnet die Lhüre rechts). Sie, gnädige Frau, gehen in dieses Cabinet; ich bleibe allein im Saale zurück. (Will sie hinein führen). Birken. Franz, ich beschwöre' Dich^ sei vorsichtig! Franz. Ich fürchte nichts! unsere Besatzung ist die gute Sache, und der Feind hat die Munition, das gute Gewissen, verschossen! (Frau von Birken geht in's Cabinet). Fünfte Seerre Franz allein, dann Fr. v. Birken. Jetzt heißt's ernstlich den Verthei- I digungsplan entwerfen, die gegnerische I Armee ist vielleicht 4 bis 8 Mann » stark, und ich habe, — da steht's » mißlich! der neu angestellte oder eigentlich angelehnte Koch wird sich nicht viel wehren; wenn der Feind aus^ Gimpeln besteht, so kann er mir gute' Dienste leisten, denn zum Vögelschrecken ist er gemacht — den armen Castor haben sie mir vor acht Tagen erschlagen, und in unserer Garderobe liegen zwar für etliche Dutzend Menschen' Kleider von der letzten Maskerade, aber ich habe Niemand, der sie anzieht; wenn's Sprichwort wahr wäre, daß Kleider Menschen machen, so wäre ich aus aller Verlegenheit (er sieht in den Hof). Da sehe ich schon wieder Zwei von ihnen im Hof 5 B ir ken (öffnet leise die Lhüre). Franz, nichts Neues? Franz. Schließen Sie zu, man kömmt. Schieben Sie den Riegel vor. Birken (thut es). Sechste Seene. Franz, (anfangs allein). Wordak und Bruno (km Hofe. Man sieht aus den Fenstern im Hintergründe Wordak und Bruno, welche sich überall umsehen). Franz. Die gnädige Frau ist eingeschlossen, und nur über meine Leiche sollen sie den Weg zu ihr finden! — Aha, das Feuer in der Küche macht sie stutzen! O könnte ich euch braten, ihr Schlingel, so würde ich gerne meinen ganzen Holzstoß anzünden. Sie haben mich bemerkt! Frisch dran, Franz, die Reserve muß vor! (erläuft schnell in die Coulisse links). Wordak (am Gitter). Heda, guter Freund! macht auf! Franz (von Innen). Gleich, meine Herren! He, Thomas, Christoph, wo steckt ihr denn? — Macht das Gitter auf, es sind Fremde da, ich habe keine Zeit, ich muß zum Herrn Ca- pitän. Wordak (noch immer am Gitter). Aber was sehe ich, das Thor ist offen! (sie treten Beide in den Borhof und kommen dann in den Salon). Franz (als schwäbischer Bauernknecht verkleidet, einen Höcker auf dem Rücken, kömmt zurück). Ah sind die Herre schon da? ich Han mir's gleich gedenkt, daß Sie mich nit so pressant zum auf- sverre vonnöthen habe werre, weil ich's Thorle immer offe laß, hingege derspar' ich mir die Ungelegenheit z'weg'n auf- und zu machen. Wordak. Ist Baron Strahldorf nicht zu Hause? , Franz. Ein' stille Klause sage Sie, ja da habe die Herre recht! abseitig ist das Häusle, aber wir sein immer ein Halbs Dutzend Männle beisamme, uns kann nichts geschehe, und Fäuste habe wir auch. Wordak. Ich frage nur, mein Freund, ob sein Herr hier ist? Franz. Was mein Herr für ein Thier ischt! — daß ihn's Mäusle beiß! was ficht Ihn an, mein' Herre ein Thier zu schelte? Noch ein Mal soll ich ein solches Wörtle höre, so laß ich ihn statt über die Treppe zum Fenster hinausfliege. Bruno. Der Mensch ist taub, wir müssen lauter mit ihm reden (schreit). Wir wollen nur wissen, ob der Baron zugegen ist? Franz. Der Baron ist noch auf der Reis', er wird aber heute Abend noch mit drei bis vier Schaise an- lange. Wordak (bei Seite). Das ist fatal! (laut). Bist Du schon lange hier im Dienste, mein Freund? Franz. Es werre schon ein Jahr e viere sein! Hab' das Körnd'le über mir, ich verstehe mich auf's Dresche so perfekt, und bei mir zu Haus Han' i kein Bleibens mehr gehatt, weil sie mir z'wegn der Rekrutirung so stark an Leib gange sind. Wordak (bei Seite). Daß ist ein verdammter Kerl! (laut). Könnten wir nicht einen kleinen Zettel für seinen Herrn schreiben? Franz Kann leicht sein! Der Franz soll Ihnen Alles bringe! (bei Seite). Leere Vorwände, um sich länger hier aufhalten zu können! (laut). Meine Herre, ich befehl mich schönstens, nehme Sie Platz — mache Sie sich's bequem! ich will ihne den Franz besorge, mit dem könne Sie schwätze bis Morge. (Bei Seite). Wartet, Schurken! (laut). Lebe Sie wohl, schöne Herre! (Ab seitwärts links). 6 Siebente Seene. Wordak. Bruno. Wordak (zeigt auf die Lhüre vorne rechts). Hier muß sie sein, ich sah sie von Außen in diese Thüre treten (er horcht an der Lhüre). Ich höre Jemand! (er sieht durch's Schlüsselloch, sodann durch's Gartenfenster). Bruno, sieh her, hier auf dieser Seite, das dritte Fenster; ein weißes Kleid; bei meiner Seele, sie ist's; vergiß nicht, das dritte Fenster. Bruno. Ein Nelkenstock zeichnet es aus! wir können uns nicht irren. Aber was nützt das Alles? Heute noch kehrt Strahldorf zurück. Wordak. Das sind Mahrchen. Bruno. Hast Du denn nicht das höllische Feuer in der Küche bemerkt; das ganze HauS scheint in Bewegung zu sein. Es ist kein Zweifel, solche Zubereitungen können nur die Ankunft des Barons betreffen. Wordak. Narr! als ob die Dienerschaft nicht am besten lebte, wenn die Herrschaft abwesend ist! Bruno. Das ist wahr! Wordak. Aber, Du bist an Allem Schuld; durch Deine Unachtsamkeit gelang es der Gefangenen zu entwischen. Wenn sie mein Scharfsinn nicht wieder findet, so sind die 20V Ducaten beim Teufel, die uns der Baron zu- sagte. Bruno. Und am Ende finden wir hier eine andere Remuneration, die wir in keinem Münzamte können wechseln lassen (er meint Schläge). Wordak. Bis jetzt habe ich nur erst drei Personen hier gesehen; Franz, den Koch, und den tauben Bauernkerl, und wir sind unser fünf, da ist wenig zu besorgen. Achte Seene. Vorige. Franz (als italienischer Singmeister). Franz« servo suo, miei 8i§-! nori! ik finden 8ovietä, Gesellschaft! Sind's die Herren auk von der Aka- demia heute Abend? > Wordak. Was ist denn das wieder für eine neue Erscheinung? Mein Herr, mit wem habe ich die Ehre? Franz. Ik bin der Llsestro 8pi- nelli, primo Oantsnto «lolls eitlü! Ik bin gekommen hier zu srrsnAir die Ooneorto von heute Abend; wir execu- tir das ganze Final von opers l'ita- lisnn in ^l^ieri, wir sing' einige Duetten, Terzetten, Quartetten, Quintetten, Sextetten, Septetten! Bruno (leise zu Wordak). Freund, wenn hier finales und 8eptett6n aufgeführt werden, so sieht's bedenklich aus. Wordak. Da könnten wir leicht ein lutti auf den Rücken bekommen. Franz. Muß heutiges kestino werden brillant; lllnsiea ohne teste, denn jetzt ist Mode, daß man nix versteh' bei singen von die Wort! Ich haben eompovir' neue sris für den Herrn Baron, wo kommen auf morte, auf Tod, eine Menge kollaüe poi in fine uns piceolla polaeea! Sie sind auk gewiß geladen, meine 8iSnori? Wordak. Uns führen andere Geschäfte hieher! die Gesellschaft wird wahrscheinlich sehr zahlreich werden? Franz. Sind's invitir vierzig Person! aber mack nix, solche scharmante Herr wie Sie sind's gern gesehen ; man kennt an Ihre noble fki- sioSnomis, daß Sie sind was Rechtes. Jk parir, daß Sie seinds wenigstens Barone, und das große Lsrone! Wordak (leise zu Brutto). Das heutige Fest ist mir in den Tod zuwider ! Franz. Sie verzeihen's, daß ich nit kann mehr aufhalt! — Aber ik müssen bald Generalprobe anfang'. 8ervo 6i lei! Ik haben auk türkische Musik, eS kommen ganze Banda von ! Regiment, was is einquartir bei uns. 7 Offizier — Capitän! — ?er äio, jetzt ik haben vergeß, ik brauken noch Jemand zu — wie soll ik sagen! zu schlagen, zu prügeln, wollen Sie nit aushelf? Wordak. Den Teufel werd' ich aus- helfen. Franz. Ik mik nit kann erplicir — ik will sagen! zu schlagen, auf große Trommel — vielleicht der lomssi — er hat Kräften wie Ochs — und kann er schlag für sechse — ^üäio meine Herrn! (Ab). Stermte Seene. Anfangs bloß die Vorigen, bald darauf V - Franz. » Bruno. Wordak, folge meinem U Rathe, machen wir uns davon: es ist L nicht geheuer! I Wordak. Was ist das für ein > Getöse im Hofe? z Bruno (aufhorchend). Ich höre Pferde. Wordak. Die Furcht hat Dich zum Besten. Bruno. Ich erkenne es deutlich, ^ es sind Rossestritte! (er will sich den Fenstern im Hintergründe nähern, plötzlich werden sie von Außen geschlossen). Warum schließt man die Fensterladen? Wordak. Wahrscheinlich hat man seine guten Gründe; vielleicht ist es zum Feste erforderlich. ^ Bruno, (der unterdessen durch's Schlüsselloch rechts gesehen hat, wo Frau v. Ticken abging). Wordak, komm her! Wordak. Was soll's? Bruno. Als ich mein Auge an's Schlüsselloch legte, kam mir ein anderes Auge gerade entgegen. W 0 r dak (sieht ebenfalls hinein). Furchtsamer Mensch! Es ist Frau v. Birken, sie hat uns bemerkt und entfernt sich (man hört von Außen Pferdetritte). Bruno. Nu was sagte ich vorhin? hörst Du's jetzt selbst? Wordak. Du hast Recht, ich höre Pferde. Bruno (furchtsam). Sie haben einen verdammt schweren Tritt! Wordak. Vielleicht' können wir im schlimmsten Fall durch's Fenster unfern Rückzug nehmen. Bruno. Ich höre kommen! Still! Franz (noch innerhalb der Coulisse). Ach Herr Capitän, sind Sie's?, (seine Stimme verstellend). Grüß' Dich Gott, Franz , (wieder mit seiner eigenen Stimme). He Christoph, Thomas, führt den Herrn Capitän in sein Zimmer! (im schwäbischen Dialect). I bin schon da, gehe Sie nur! (im italienischen.) Ke vom« 8tä 8ibnor Ospitsno? (mit seiner eigenen Stimme). Herr Capitän, ich bin gleich zu Befehl! (er tritt auf als alter Capitän). Tausend Bomben und Kartätschen! Das HauS voll Leute und doch so schlechte Bedienung, ich will Euch unter die Fuchtel stellen, daß Ihr gewiß an mich denken sollt. Hunde ihr! (er ruft hinaus). Führ die Pferde in den Stall! Bruno (leise zu Wordak). Ein Zuwachs von einem Capitän! Franz (wieder hinausrufend). Meine Leute sollen heute nicht mehr ausgehend Wordak. Seine Leute? Die Festung erhält bedeutende Verstärkungen ! Franz (vortretend). Guten Abend, meine Herren ; Sie sind fremd hier, wie mir scheint? Wordak. Wir sind in einer Angelegenheit des Baron Strahldorf hier! Wie ich aber sehe, können wir ihn nicht erwarten. Franz. Meine Herren, warten Sie immer zu; in Ermanglung einer andern Beschäftigung ist Warten die beste Unterhaltung, Wordak. Es ist uns nicht möglich! Die Zeit drangt — Franz. Mir auch recht! — (für 8 sich, doch geflissentlich, daß die Andern es hören). Die zwei Figuren sind mir so bekannt, als ob ich sie schon irgend ein Mal wo gesehen hätte. Rechte Galgenphisiognomien! Wordak (leise zu Bruno). Er spricht von Galgenphisiognomien! Bruno (eben so). Zch glaube, es ist von uns die Rede! Franz. Meine Herren, habe ich sie nicht schon einmal — nein, nein, ich irre mich — ja ich besinne mich — Sie sind- Bruno (leise zu Wordak). Es ist vorbei, er kennt uns! Franz. Sie sind —es ist aber nicht möglich; die zwei Kerls, denen Sie so verdammt ähnlich sehen, sind vor acht Tagen gehenkt worden. He, Christoph, meine Pfeife — (er geht gegen die Coulisse rechts). Meine Herren, ich empfehle mich! he Bomben und Granaten, meine Pfeife — he Christoph! (in die Thüre rechts ab). Zehnte Scene. Wordak. Bruno, bald darauf Franz. Bruno. Wie ich sehe, vermehrt sich die Bevölkerung hier mit jedem Augenblicke. Wordak. Und Deine Truppen nehmen Reißaus, denn Dein Muth geht zum Teufel! Bruno. Wir haben nichts zu befürchten. Der Abend bricht heran, die Nacht ist dunkel, und unsere Flucht kann nichts hindern, wenn wir sie nöthig hätten. Franz (singt von Außen). Bei der Arbeit voller Muth, Endet man sie schnell und gut! Bruno. Wieder eine fremde Stimme! Der Kerl singt und ich möchte heulen! Wordak. So sing' auch! Der Franzose singt immer, wenns ihm am ärgsten zu Muthe ist. Franz (wieder von Außen). Werden Teufel selbst nicht scheut, Bringt es sicherlich noch weit! Bruno. Er singt vom Teufel, und in der Angst beziehe ich Alles auf uns! Wordak. Hase! Bruno. Der Capitän mit seiner Ähnlichkeit zwischen uns und den beiden Gehenkten kam mir auch verdammt zweideutig vor. Wordak. Ich habe alle Vorsichtsmaßregeln ergriffen, welche zu unserer Sicherheit nöthig sind; zwei unserer Ca- meraden stehen am Eingänge des Gehölzes mit dem Befehle, uns durch zwei Pistolenschüsse jede Gefahr anzuzeigen. Franz (wird hier an der Thüre sichtbar). Aha! Wordak. Wir sind also in jedem Falle geborgen! Franz (tritt mit einem Lichte, Papier, Feder und Dinte ein). Meine Herren, unser schwäbischer Bauernjunge hat mir den Wunsch, an meinen Baron schreiben zu können, mitgetheilt. Hier ist Alles zu Ihrem Dienste. Wordak. Ich danke Ihm, mein Freund! Franz (für sich). Was die beute mit dem Worte Freund heut zu Tage für einen Unfug treiben! Wordak. Kömmt sein Herr wirklich heute noch an? Franz. Das will ich meinen, das Fest ist bereit; die Gäste sind geladen, und selbst ungeladene Gäste haben sich schon eingefunden. Wordak. Das muß Ihm wohl recht lieb sein, hier dieses entlegene Häuschen einmal belebt zu sehen; ich möchte es um keinen Preis bewohnen. Ich könnte kein Auge zuthun vor Angst. Franz (bei Seite). Das schlechte Gewissen weckt oft! (laut). Das Wort Angst kömmt mir nicht in den Sinn. Wir sind nie weniger als vier bis fünf 9 Personen, und mein Castor allein gilt für zehne. Der Kerl ist so hoch! (er zeigt mit der Hand.) und wittert jeden Schurken auf hundert Schritte. Wordak (leise zu Bruno). Wenn das ist, so muß er sehr weit gewesen sein, als wir hier eintraten. Franz. Jetzt läuft er wahrscheinlich irgendwo im Garten herum. Wenn Sie neugierig sind, seine Bekanntschaft zu machen, so darf ich nur: Castor rufen, und — Bruno (hält ihn). Nein, laß Er's nur gut sein; seine Beschreibung ist sehr lebhaft, und unsre Einbildungskraft thut schon das Uebrige! — Franz. Ich sag's Ihnen, — an dem Thiere hängt mir mein Leben. Vor einiger Zeit kommen hier zwei Fremde an, die um Baron Strabldorf fragen. Unser Castor kömmt zufällig in den Saal; er sieht sie grinsend an, schnurrt und bellt in einem fort, seine Augen glühen — kaum hatten wir Kräfte genug, ihn festzuhalten, seine Zähne drohen — ich verstehe ihn auf der Stelle; daß treue Thier hatte sie gleich erkannt und ich rufe: Ihr seid zwei Schurken! Wordak (erschrickt). Bruno. Wer sagt das? Franz. Es ist nur erzählungs- weise — Sie verzeihen — ich sagte es damals zu den zwei Fremden! Wordak (bei Seite). Verfluchter Kerl, der Castor! (leise zu Bruno). Ich muß das Billet an Strahldorf schreiben, um keinen üblen Verdacht zu erregen (er setzt sich und schreibt). Bruno (zu Franz). Und wie sahen denn die zwei Menschen ungefähr aus, welche Castor so übel behandelte? Franz. Akurat wie Sie! Wenn Castor hier wäre, ich wette, er würde Sie Beide für dieselben halten. Bruno (für sich). Das wäre eine schöne Erkennungsscene! Wordak (steht auf). Bruno, ich habe unter dem Vorwände eines Geschäftes unter fremdem Namen an ihn geschrieben. Bruno. Recht! so geben wir wenigstens für unsere Erscheinung einen Grund an. Wordak. Geb' Er diesen Zettel seinem Herrn! Franz. Ganz wohl; er wird'S gewiß unendlich bedauern, Sie nicht in seinem Hause gehörig ausgenommen zu haben. Wordak. Gute Nacht! es mag unterdessen so gut sein! Franz. Erlauben Sie, daß ich Ihnen nach Hause leuchte? Wordak. Danke; wir brauchen kein Licht! Franz (bei Sekte). Glaub's, Spitzbuben scheuen es! (laut). Es könnte aber doch, der Castor — Bruno (erschrocken). Der Castor? — ja richtig! Das ist ein Teufels- Hund — so komm Er nur — Franz (nimmt ein Licht und leuchtet ihnen hinaus). Gilfte Scene. Frau von Birken (öffnet leise die Lhüre des Cabknets). Sie sind fort! ich athme! Wie es scheint, haben sie ihren schändlichen Plan noch nicht aufgegeben. Sollte Franzens List fruchtlos sein? man kömmt! ich höre das Gitter schließen! es sind rasche Tritte! ah, Franz! Zwölfte Scene. Frau von Birken. Franz. Franz. Wir sind sie los! ich glaube der Capitän und mein Castor haben ihnen die Lust benommen, wieder zu kommen! Birken. Welcher Capitän? Franz. Kunstwerke meines Genie'S! Die zwei alten Ackergaule, die ich aus 10 dem Stalle zog, trottirten im Hofe herum, als ob eine ganze Escadron hier abgesessen wäre. Birken. Noch immer kömmt uns Niemand zu Hilfe! Franz. Wenn nur Thomas und der Gärtner kämen! Ich glaube, ich höre die Gartenthür öffnen! (er läuft zu einem der Fenster, öffnet den Laden und sieht hinaus). Ja wohl, sie sind'S! Dreizehnte Scene. ' Die Vorigen. Grasgrün (von Innen). Grasgrün. Platz da! der Kirchtag kommt nach Hause! Franz. Victoria! der Succurs ist in der Nähe! Birken. Dem Himmel sei Dank! Grasgrün. Platz da, sag' ich— mir ist Alles zu eng! Vierzehnte Scene. Frau vonBirken. Franz. Grasgrün (tritt ein, er ist ganz betrunken). Grasgrün. No, da bin ich, mein lieber Herr Franz! Franz, sag' ich, das war eine Unterhaltung, sag' ich und ein Weindl, sag' ich — daß es eine Pracht war, sag' ich! Franz (zu Birken). Mit diesem Menschen wird uns wenig geholfen sein! Birken. Das sehe ich! Grasgrün Ich Hab' mich noch moäerat gehalten, sag'ich! denn, sag' ich, man muß nie mehr trinken als man ertragen kann, sag' ich — aber der Thomas, oh Schand und Spott, den sollt' der Franz sehen: bei dem gehen die Augen wie in einem Ringelspiel, und die Füß' geben nach, wie die Fischbeiner, sag' ich — Franz. Also ist der Thomas noch betrunkener als Ihr? - Grasgrün. Wer ist betrunken, ich? Dummes Reden! ich weiß zu menagiren, aber der Thomas kennt kein Maß und kein Ziel, sag' ich — no, was will der Franz mehr, beim Nachhausgehen hat er mich sdgar alleweil statt Grasgrün — Blitzblau geheißen, und wenn der Mensch, schon keine Färb' mehr erkennt, so muß der Dampus schon ein ausgibiger sein, an dem eine ganze Familie genug hat, sag' ich! Franz. Also auch Thomas für uns verloren (zu Grasgrün). Aber seht doch — wir sind ja nicht allein, betragt Euch höflich — die Frau von Birken — Grasgrün. Aha! (den Hut abnehmend). Ich bitt' um Verzeihung, daß ich Euer Gnaden nicht gleich gesehen Hab; aber es geht mir heut' ein wenig viel in meinem Kopf herum. (Er will sein Compliment machen, und fällt beinahe). Franz (zu Birken). Unsere Hülfs- truppen stehen nicht fest, wie ich sehe! Grasgrün. Es ist jammerschade, daß der Franz nicht bei uns war; so eine Unterhaltung kommt selten wieder zusamm. Der einzige Thomas hat ein wenig über die Schnur gehaut, sag' ich, aber sonst hat kein Mensch einen Spitz davon getragen, sag' ich! Franz. Aber Räusche! Grasgrün. Zch kann das übermäßige Saufen nicht leiden. — So viel es der Durst erfordert, sag' ich, ist wohl und gut, was aber drüber geht, ist ungesund, sag' ich! (er wankt hin und her). Franz. Ihr könnt kaum aufrecht stehen, und ich hätte Euch so noth- wendig bei Verstände gebraucht. Grasgrün. Wer sagt, daß ich nicht stehen kann? wer? Franz. Frau von Birken ist in Gefahr; etliche Bösewichter wollen sie entführen! Grasgrün. Entführen? ich bin Mann dafür, sag' ich! 11 Franz. Es sind ihrer fünfe, von großem Maße! Grasgrün. Eine große Maß — die nimm' ich über mich. Der Wirth dort neben an — schenkt nur eine kleine Maß! — Franz. Habt Zhr beim Kommen nichts bemerkt? Grasgrün. Ich glaube, es sind ein Paar Kerln vorhin im Garten mit Leitern gestanden, und einen hält' ich bald mit meiner Nase über'n Haufen gestoßen; er hat einen langen Mantel angehabt. Birken. Einen grünen? nicht wahr? Grasgrün. Das kann leicht möglich sein — denn mir ist er roth vor- gekommen, und in meinen Umständen kann man sich leicht irren — was die Färb' betrifft! Birken (zu Franz). Sie sind also noch nicht fort! Grasgrün. Sorgen sich Euer Gnaden nicht! Zch nimm's mit Allen auf — Franz. Im Trinken.' — Wo ist denn Thomas? Grasgrün. Der Thomas ist nirgends mehr; der liegt im Stall und weiß von nichts! Vor dem Schweinstall ist er liegen geblieben — und da Hab' ich mir gedacht — das ist deine Bestimmung, da gehörst du hin! (er stolpert heftig). Franz. Gebt Acht! Grasgrün. Wegen dem verdammten Strauch wäre ich schon zwei Mal gefallen! Franz. Was fällt Euch ein? Ein Strauch im Saale! — Wißt Ihr was? legt Euch eine halbe Stunde zu Bette — dann werd' ich Euch wecken! Grasgrün. Warum soll ich mich schlafen legen? warum, sag' ich? ich will nicht schlafen. Ich bin so munter wie Einer. Birken. Thut mir's zu gefallen, ich meine es gut mit Euch! Grasgrün. So kann man Alles aus mir machen. .Ich bin ein Mensch wie die gute Stund'! Also ich leg' mich nieder, aber das sag' ich Euer Gnaden, bloß Ihnen zu Lieb', — bloß aus Freundschaft für Sie — der Franz hat aber nichts zu schaffen — das sag' ich! Und wenn die Spitzbuben sich wieder blicken lassen — ich bin der Mann dafür! (stolpert rechts ab). Fünfzehnte Seene. Frau von Birken. Franz. Birken. Also die Hoffnung auf Deine Kameraden hat uns auch getäuscht. Franz. Die Gefahr ist noch nicht vorüber; nach der Aussage des Gärtners scheinen sie das Terrain nur aus- kundschasten und dann noch einmal einen Versuch wagen zu wollen. Birken. Was ist zu thun? Franz (nachdenkend). Wahrscheinlich wollen sie Alles belauschen, was hier vergeht! — Könnten wir nicht? — Za, das Concert soll beginnen.— Setzen Sie sich zum Clavier — Ich spiele auch ein Paar Instrumente! Hurtig! hurtig! das wird sie in ihrer Meinung bestärken! ler nimmt die Violine). Birken. Und was versprichst Du Dir von diesem Gaukelspiele? Franz. Viel! Alles vielleicht! Zeit gewonnen, und Sie sind gerettet! Setzen Sie sich! Das nächste beste Stück! Birken (setzt sich an's Piano). Franz (spielt unterdessen einige Passagen auf der Violine, die er dann weg- legt, um die Guitarre zu nehmen, und einige Gänge darauf zu machen). Birken. Die Stimme versagt mir! Franz. Muth! Muth! es wird Alles gehen! nur recht laut. 12 Birken (macht mehrere Läufe auf dem Clavier). Franz. Sollte man nickt glauben, daß ein ganzes Orchester stimme? (sie singen Bride ein kleines Duettchen, während welchem sie auf dem Pianos er aber abwechselnd bald auf der Guitarre, bald auf der Violine accompagnirt). Birken (nach der ersten Strophe). Siehst Du noch Niemand? Franz. Ich glaube ja! (er sieht immer unvermerkt nach dem Fenster), körte! gnädige Frau! (Er sieht wieder gegen das Fenster). Noch stärker! (endlich ruft er). Da sind die Schurken! körte! kortissimo! Birken. Ich kann nicht mehr! (sie springt vom Clavier auf). Franz (immer gegen das Fenster sehend). Sorgen Sie für nichts! Birken. Aber warum ist Dein Blick immer auf dieses Fenster gerichtet? Franz. Weil — ich kann mich ja geirrt haben! Birken (sieht hin). Himmel! sie sind wieder da! Franz. Ich wollte Sie schonen, gnädige Frau! Franz (ruft). He Gärtner! Thomas, zu Hülfe! Herr Capitän! (läuft auf die andere Seite, sucht den Ton des Capitäns zu imitiren). He Bomben und Granaten, da bin ich schon! (im Schwäbischen). Was schaffe Sie — da bin ich ja — was kann ich diene? (den italienischen Musiklehrer), keeomi — eoss oommsnüs? (seine eigene Stimme). Holt alle Gewehre herauf — wir sind viel stärker! schlagt sie todt! (er ruft Alles laut gegen das Fenster zu). Thomas, nimm deine Hellebarde! (als Schwabe). Da ischt sie, Herrle! — (mit der eigenen »Stimme). Herr Capitän, da ist ihr Säbel! — (als Capitän). Millionen Kartätschen, ich will sie fuchteln! (leise zu Birken). Verbergen Sie das Licht! (laut). Hinunter! (leise). Machen Sie Lärm! werfen Sie die Tische und Stühle um, schlagen Sie die Lhüren zu. Birken (thut es). Franz (als Capitän). Franz, nimm meinen Karabiner — ich brauche ihn nicht! (als Schwabe). Ich will ihrer Zweie über mich nehme! (als Capitän). Folgt mir! Die Hunde sollen an uns denken! (er wiederholt in verschiedenen Stimmen). Marsch! — (leise). Ich glaube, Sie entfernen sich — Ich sehe nur noch einen Einzigen. Birken. Hoffest Du? Franz. Ueberzeugen Sie sich selbst! Bi rke n (geht an's Fenster). Sie sind verschwunden! Franz (für sich). Weil sie leider schon im Hofe sind! Birken. Nun wäre es Zeit, Thomas und den Gärtner zu wecken! Franz. Ich eile! (sich schnell besinnend). Doch halt! Birken. WaS ist Dir? Franz. Glücklicher Einfall! Die Schurken sprachen vorhin von einem Signal — ich will's versuchen! Verhalten Sie sich ruhig, noch einen Gedanken sendet mir der Himmel zu, wenn der nichts hilft, so ist Alles verloren! Bleiben Sie ruhig — ich bin gleich wieder bei Ihnen! (läuft schnell ab). Sechzehnte Scene. Frau von Birken (allein). Es ist mir so fürchterlich, hier allein zu bleiben! — Höre ich nicht ein Geräusch? Siebenzehnte Scene. Frau von Birken. Wordak. Bruno (anfangs innerhalb, dann auf der Bühne, und zuletzt) Grasgrün. Wordak (von Innen). Sie ist allein! 13 Birken. Man spricht. — Von dorther kam die Stimme! (sie weij'r auf die Seite, wo Wordak und Bruno eintreteten sollen). Franz! Franz! Wordak (noch inwendig). Schlag' die Thüre ein! (die Thüre springt auf. Wordak und Bruno treten ein). Ha, haben wir endlich das Glück, Sie wieder zu finden? Ihr Verlust wäre uns sehr schmerzlich! Bruno (bei Seite). Zweihundert Ducaten sind nicht wenig! Birken. Also ich bin verkauft? Elende! das kann Euch den Kopf kosten! Wordak. Um Geld kann man schon so eine Kleinigkeit riskiren! (sie ergreifend). Kommen Sie! Birken. Franz, zu Hülfe.! ich bin verloren! Wordak. Unnützer Widerstand, Sie werden uns folgen. Bruno, sieh' nach, ob sie bereit sind. Bruno (sieht durch das Fenster in den Garten). Sie stehen mit der Leiter an der Mauer, über welche wir in dieses Cabinet stiegen! Wordak. Gut. Birken. So eilt mir denn keine Seele zu Hülfe? (bei Seite). Wo bleibt Franz? Wordak. Warum rufen Sie denn nur immer Franz? Der Herr Capitan. der Bauernjunge, und so viele andere Gäste, herrlich erfunden, aber zur Verteidigung miserable Subjecte! — Fort, die Zeit ist kostbar! (er will sie fortschleppen). Birken (reißt sich von Wordak los, und stürzt in das Cabinet linker Hand, vorne, welches sie schnell hinter sich schließt, indem sie fortwährend ruft) Franz, zu Hülfe! Wordak. Die Thüre ist nicht von Eisen; sie entkommen uns nicht! (er will die Thüre mit Gewalt einstoßen). Bruno. Das wäre eine Schande, wenn wir Schlösser respectiren müßten. (Er will auch Gewalt brauchen. Man hört einen Pistolenschuß.) Was ist das? Wordak (aufmerksam). Eins! (Es geschieht ein zweiter Schuß). Bruno. Zwei! Wordak. Das ist das Signal! Es ist Gefahr in der Nähe. Bruno. Ich nehme Reißaus! Wordak. Verflucht! Der Vogel ist entkommen! (er entspringt durch die Thüre, durch welche er vorhin eintrat). Bruno. Und die zweihundert Goldfüchse detto! — Ich wähle den kürzeren Weg! (er springt auf das Fenster, das in den Garten führt; in demselben Augenblicke begegnet er Grasgrün, welcher eben von Außen hereinsteigen will, so zwar, daß sich Beide tüchtig aneinander stoßen. Bruno erschrickt und Grasgrün wirft ihn in's Zimmer zurück). Bruno (sich schnell aufrichtend, sagt^ zitternd). Wer da? Grasgrün (gibt ihm eine tüchtige Ohrfeige). Gut Freund! Bruno. Der Teufel hole so einen Freund! (entwischt durch die Thüre, durch welche Wordak abging). Grasgrün. Lauf nur zu! Fürs Erste muß ich die gnädige Frau suchen. Achtzehnte Seene. Birken. Grasgrün, dann Franz. Birken (öffnet furchtsam die Thüre, und schließt sie erschrocken wieder, als sie einen fremden Menschen erblickt). Grasgrün. Gnädige Frau, Courage; es ist kein Mensch da — bin ja nur ich es, der Gärtner! Birken (erscheint wieder). Franz (zu Grasgrün im Eintreten). Seid Ihr schon wach! Ihr kommt zu rechter Zeit; wenn die Feinde schon in die Flucht geschlagen sind. Grasgrün. Bitt' mir's aus; ich Hab' Einen von ihnen den Augenblick in der Flank' attakirt, das heißt, ich habe ihm eine Watschen gegeben, sag' ich. 14 Birken. Zwei dieser Schurken waren während Deiner Abwesenheit hier im Saale; ich war schon in ihrer Gewalt. Franz. Die Noth war groß — die Hülfe ist dann gewöhnlich in der Nähe. Grasgrün. Und ich war auch ziemlich nahe auf'n Feind droben, denn unsre zwei Nasen sind wie die Vorposten aneinander gestoßen, und er hätte mich richtig angehalten, wenn ich ihm nicht gleich das Losungswort gegeben hätte. Franz. Wir sind sie los. Dank sei es meinem glücklichen Einfall, die beiden Pistolen loszubrennen. Birken. Also Du — Franz. Ich war es! dieses Zeichen sollte sie von der Ankunft unseres Barons benachrichtigen, — ich benützte die Gelegenheit, und es gelang mir, sie zu vertreiben. Birken. Wenn sie aber den Zrr- thum bemerken? werden sie dann nicht mit erneuerter Wuth ihre Opfer aufsuchen? (Man hört einen Postillon blasen). Franz. Ein Postwagen scheint sich zu nähern! Grasgrün. Za, sag' ich! (ergeht ans Fenster). Er fährt auf's Haus los, sag' ich. Franz. Sollte es der Zufall so fügen? Zch vermuthete heute noch Niemand (er geht an's Fenster). Der Wagen hält am Eingänge des Gartens. Fink's S timme (von Außen). Heda! aufgemacht, Franz! Franz. Das ist des Kammerdieners Stimme! Grasgrün. Das ist der Fink, sag' ich! Birken. Gott, ich danke'Dir! Grasgrün. Zch komme schon, nur Geduld, sag' ich! (nimmt ein Licht und geht ab). Franz (stößt einen Laden auf, um in den Hof sehen zu können). Z- Birken. Sind sie es wirklich? Franz (sich umkehrend und zu Frau von Birken). Das will ich meinen. Die Avantgarde in Lebensgröße, wie es in dem Briefe lautet. Fink, Rudolf, Anton und die beiden Kammerfrauen. Nun ist die Besatzung stark genug, und darf sich vor keinem Ueberfall mehr fürchten! Birken. Wem verdanke ich meine Rettung als Dir? Franz. Mir keineswegs! Der List und dem schlechten Gewissen der beiden Spitzbuben! Neunzehnte Gerne. Die Vorigen. Fink. Zwei Bediente und zwei Kammerfrauen, (welche einige Päcke und Cartons tragen). Franz. Seid uns willkommen. Aber heute^ erwartete ich Euch noch nicht! Fink. Die Liebe gibt Flügel, und die Verliebten reisen mit Ertrapost; der Baron konnte den Augenblick seiner Heimkehr nicht mehr erwarten; er beschleunigte die Abreise, und er selbst wird morgen schon hier eintreffen. Birken. Morgen schon? Wie freue ich mich, ihn zu sehen! Fink. Seine Ungeduld übersteigt gewiß Zhre Freude, gnädige Frau. Aber Franz — der Gärtner wollte uns so eben Allerlei von was weiß ich —von ein paar Gaunern erzählen, — was. ist an der Sache? (Unterdessen legen die Bedienten das Gepäck ab). Franz. Ein andermal! Grasgrün (ruft innerhalb der Cou- lisse). Vorwärts! Marsch! (Man hört inwendig mehrere verworrene Stimmen). Franz. Wer kömmt? Fink. Es sind vermuthlich zwei dieser Kerls, welche die vorübergehenden Bauern schon den ganzen Abend auf unserer Gartenmauer mit Leitern versehen, beobachteten. Als wir vorbei 15 fuhren, erzählte man uns im Dorfe den Vorfall. Birken. Hat man sie denn festge- halten? Fink. Sie wehrten sich natürlich; aber am Ende mußten sie doch der Uebermacht erliegen! Franz. Der Himmel gibtZedem das Seine! Zwanzigste Seene. Die Vorigen. Grasgrün. Wo r- dak. Bruno, (welche von Bauern hereingeführt werden). Grasgrün. Da sind Zwei von den säubern Hechten; wenn einmal eine Noth an Spitzbuben einreißt, so können sich die als Rarität sehen lassen. Franz. Ah, seid Ihr's? So sehe ich Euch lieber als vorhin! Grasgrün (zu Bruno). Wenn ich mich nicht irr' — so ist das der Nämliche, mit dem ich erst unlängst die Zusammenkunft im Fenster gehabt Hab'! Wenigstens kann er mir nicht verwerfen, daß ich unhöflich bin; denn kaum war seine Frag' aus'n Mund, so hat er schon die Antwort drauf gehabt. Birken (zu Fink und den übrigen Leuten des Barons). Meine Freunde, der Zufall hat Euch zur glücklichen Stunde hiehergeleitet, ohne Franzens Klugheit und Treue wäre es aber dennoch zu spät gewesen. Er, ganz allein, mußte mich eine geraume Zeit schützen. Wordak (für sich). Allein? Verdammt ! Bruno (auf Grasgrün deutend). Und wo war denn dieser Bengel? Grasgrün. Ich bin just eingezogen, wie Ihr ausgezogen seid, und das Drangeld Hab ich dem Herrn bezahlt. Franz (lachend, zu Frau von Birken). Was sollen wir denn mit diesen Schurken anfangen? Birken. Sie verdienten Züchtigung! — aber der Himmel hat mich beschützt, ich will ihr Unglück nicht! F r a nz (zu WordakundBruno). Geht zum Henker! erzählt Euerm säubern Herrn Euere Abenteuer, meldet ihm, daß der Baron von Strahldorf in zwei Tagen seine Hochzeit feiere, und wenn er vor Galle berstet, so soll es mich herzlich freuen. Grasgrün. Halt; — wie wär's, wenn wir den zwei Patrons die Todesangst ausstehen ließen; — heut hängen wir's auf — und Morgen geben wir ihnen die Freiheit! Franz. Geht! — Fink, begleite sie bis zum Thorwege. Wordak (im Abgehen). Der Kerl war allein! Bruno (eben so). Meine 200 Du- caten. Fink (führt sie ab). Birken. Wie werden wir, Strahldorf und ich, Dir (zu Franz) je es danken können? Franz. Nichts von Dank, gnädige Frau, wenn nur Sie mit mir zufrieden sind, so ist es gewiß die größte Belohnung für mich! Der Borhang fällt. Wien 1853. Druck und Verlag von I. B. Wallishausier. In demselben Verl Grillparzer, F., Die Ahnfrau. Trauersp. in 5 Akt. 6. Ausl. gr. 8.1844. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. — Sa pp ho. Trauersp. in 5 Akten. 3. Ausl, ar. 8. 1822. 26 Sgr. oder 1 fl. — Das goldene Vließ. Dramat.Gedicht in 3 Abthellungen. gr. 8. 1822. Druckp. geh. 1 Thlr. 25 Sgr. oder 2 fl. — Schreibp. 2 Thlr. 15 Sgr. oder geb. 3 fl. — König Ottokar's Glück und Ende. Traueyp. in 5 Aufz. 2. Ausl. gr. 8. 1852. 1 Thlr. 24 Sgr. oder 2 fl. — Ein treuer Diener seines Herrn. Trauersp. in 5 A. gr. 8. Druckp. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. — Velinp. 1 Thlr. 15 Sgr. od. 2 fl. — Der Traum ein Leben. Dramat. Märchen in 4 Akt. gr. 8. geh. 1840.1 Thlr. oder 1 fl.30kr.f.Ausg.1 Thlr. 15Sgr. oder 2 fl. — Weh' dem der lügt! Lustsp. in 5 Akt. gr. 8. geh. 1840. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. feine Ausg. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — DeS Meeres und der Liebe Wellen. Trauersp. in 5A. gr. 8. geh. 1840. i Thlr. oder 1 fl. 30 kr. f. Ausg.1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Melusina. Romantische Oper in 5 Akt. Musik von Kreutzer. 1833. 8. 15 Sgr. oder 48 kr. feine Ausg. 20 Sgr. oder 1 fl. Ilm den Ankauf sämmtlicher Stücke von Grillparzer zu erleichtern, ist der Verkaufspreis auf einige Zeit, bei Abnahme auf Einmal gestellt: 8 Thlr. statt 10 Thlr. und 10 fl. statt 13 fl. 18 kr. Operntexte: Armand, Graf, Schauspiel mit Gesang in Z Aufzügen. Nach dem Französischen von Treitschke. gr. 8. 1808. 8 Sgr. oder 20 kr. Aschenbrödel. Zauberoper in 3 Aufzügen. Nach demFranzös. desEtienne. 4. Aufl. 1815. 8 Sgr. oder 20 kr. Befreiung von Jerusalem. Oratorium von H. und M. v. Collin. 8 Sgr. oder 20 kr. Corradin. oder: Schönheit und Herz von Eisen. Musikalisches Drama in 2 Aufzügen. 1828. 10 Sgr. oder 30 kr. Cortez, Ferdinand, oder: Die Eroberung von Mexico. Oper, nach dem Französischen von Castelli. 2. Aufl. 1819. 10 Sgr. oder 30 kr. Don Juan. Singspiel in 2 Ausz. 5. Auflage. 12. 1846. 8 Sgr. oder 20 kr. Donauweibchen. Romantisches Volksmähr- chen von Hensler, 2 Theile. 1807. 1836. ' 20 Sgr. oder 1 fl. Entführung aus dem Serail. Singspiel in 3 Aufzügen, nach Bretzner. Musik von Mozart. Neue Aufl. 1841. 8 Sgr. oder 20 kr. Euryanthe. Große romant. Oper in 3 Aufzügen, von Cbezy. Musik von Weber, gr. 8. 1824. 12 Sgr. oder 36 kr. age sind erschienen: Faust. Große romant. Oper, von Bernard 8. 1813. 12 Sgr. oder 36 kr. Fidelio. Oper in 8 Aufzügen. Frei nach dem Französischen. Musik von L. v. Beethoven. 8. geh. 1835. 7'/r Sgr. oder 80 kr. Haimonskinder, die vier, komische Oper von Leuven und Brunswick. Musik von Balfe. 12. 1845. 8 Sgr. oder 20 kr. Hochzeit des Figaro, komische Oper in 3 Acten, Musik von Mozart. 2. Aufl. 8.1843. 10 Sgr. oder 24 kr. Jerusalem, das befreite. Große Oper in 5 Acten, nach dem Französ. von Seyfried. 1815. 8 Sgr. oder 20 kr. Johann von Paris. Komische Oper. Musik vonBoieldieu. 2. Aufl. 1802.8 Sgr. oder 20 kr. Joseph und seine Brüder. Oper. Nach Duval von Hassaureck. 3. Aufl. 12. 1820. 8 Sgr. oder 20 kr. Jüdin, die. große Oper in 5 Aufz. Text von Scribe, Musik von Halevy. 8. geh. 1839. 7'/r Sgr. oder 80 kr. Li bussa. Romant. Oper, von Bernard. Musik von Kreuzer. 1823. 12 Sgr. oder 36 kr. Liebes brunnen, der, kom. Oper in 3 A. Musik von Balfe. 12. geh. 1845 8 Sgr. oder 20 kr. Neusonntagskind, das,Singspiel in 2 Aufz. von Perinet. 1804. 8. 8 Sgr. oder 20 kr. Opfertest, das unterbrochene, Oper von Huber. in 2 Aufz. 1803 10 Sgr. oder 30 kr. Schweizerfamilie, die, lyrische Oper in 3 Aufz. Nach dem Französ. von Castelli. 5. Aufl. 1820 8 Sgr. oder 20 kr. Schwestern, die, von Prag. Singsp. nach Hafner, von Perinet. 2. Aufl. 1842. 12 Sgr. oder 36 kr. Stradella Allessandro. Rom. Operin 3 Aufz. von Friedrich. Mysik von Flotow- 12. 1845 8 Sgr. oder 20 kr. Stumme, die, von Portici. Große heroischromantische Oper in 5 Aufz. Frei nach Scribe und Delavigne. Musik von Auber. 7'/r Sgr. oder 80 kr. Tancred, heroische Oper in 2 Aufzügen. Nach dem Italienischen, von Grünbaum. 1818 . 8 Sgr. oder 20 kr. Titus, der Gütige, ernsthafte Oper in 2 Aufz. 1811. 8 Sgr. oder 20 kr. Wirthe, die vornehmen. Kom. Oper. Nach dem Französischen, von Seyfried. 1813. 8 Sgr. oder 20 kr. Zampa, oder: Die Marmorbraut. Romantischkomische Oper in 3 Aufz. Nach dem Französischen des Melesville, Musik von Herold. 8. geh. 1839. 7'^r Sgr. oder 20 kr. Zauberflöte die, große Oper in 2 Auszügen. Musik von Mozart. Neue Auflaae 8. 1848. 8 Sgr. oder 80 kr. Pie Redend »hier. Lustspiel in fünf Acten, nach Sheridan's „Nivals" aus dem Englischen übersetzt und zur Aufführung eingerichtet von F C Hanker. Wen Kähnen gegenäber als FNanuseript. ^ Sir Anthony Absolut. > Capitain Absolut, sein Sohn. Julia, seine Mündel. Madame MalapropoS. dydya Languish, ihre Nichte. Sir Lucius O'Trigger. ! Falkland. ! Ort der Personen r Acre. Fag, des CapitainS Kammerdiener. David, Acre's Diener. Lucy, Lydya's Kammermädchen. Jenny. Ein Kutscher. andlung: Bath in England. Erster Act. Straße in Bath. Geste Gerne. Der Kutscher geht über die Bühne, gleich nach ihm Fag. Fag (sieht ihn und ruft). He, Thomas! Er ist'S! Thomas! Kutscher. WaS Teufel! Du bist's, Tag! Deine Hand, alter Freund. Fag. Hoch erfreut, Dich, alter Knabe, wieder einmal zu sehen; Du siehst sowohl, so munter aus, was bringt Dich nach Bath? Kutscher. Sir Anthony, Miß Julia, Miß Kate, Mary und der Postillon, mir sind so eben angekommen. Wiener Lheater-Repertotr. XXV. Fag. Wirklich? Kutscher. Sir Anthony fürchtete einen neuen Anfall von Gicht — dem zu entgehen, waren wir in einer Stunde fort. Aber sag', wie geht's unserm jungen Herrn Capitain? Teufel! Sir Anthony wird staunen, ihn hier zu finden. Fag. Ich diene nicht mehr dem Capitain Absolut; gegenwärtig bin ich im Dienst bei Fähnrich Beverly. Kutscher. Wie! Du hättest unfern jungen Herrn verlassen? Fag. Nicht doch, Thomas — höre nur — doch vor Allem — kannst Du schweigen? Kutscher. Wie meine Pferde. Fag. So wisse denn — Capitain Absolut und Fähnrich Beverly sind Eine Person. Die Ursache, warum er sich für 1 2 einen Fähnrich ausgibt, ist die Liebe — ja, Liebe, ehrlicher Thomas, die stets eine Maske trug seit den Tagen Jupiters. Kutscher. Doch warum gibt unser junger Herr sich nur für einen Fähnrich aus, ich dächte, als Oberst würde er schneller zum Ziele kommen. Fag. Za, Thomas — da eben liegt das Geheimniß. Die Lady, die mein Herr liebt, ist eine Dame von ganz sonderbarem Geschmack. Sie liebt meinen Herrn mehr als Fähnrich mit halbem Solde, als sie ihn lieben würde, wüßte sie, daß er der Sohn des reichen Ba- ronet Sir Anthony ist. Kutscher. Zst's möglich? — Darf man ihren Namen wissen? Fag- Miß Lydya Languish. — Mein Herr wurde mit der jungen Lady bekannt bei einem Besuch in Glostershire. Da ist aber noch ein großes Hinderniß — eine alte Tante, die böse, wie der Satan, sein soll; sie kennt jedoch den Herrn Capitain noch nicht. Miß Lydya — die junge Lady, ist unermeßlich reich, und verliebt sind Beide, wie die Tauben. Kutscher. Wohl, ich wünsche Ihnen Glück, und wollte, sie wären schon zusammen angeschirrt im Ehestand. — Abersag', Fag — was ist dieß Bath hier für ein Platz? Zch habe gehört, es soll lustig hier zugeh'n. Fag. So ziemlich, Thomas — so ziemlich. Es ist ein Platz für Müssig- gänger — sehr langweilig; ich habe ihn herzlich satt; nach eilf Uhr keine Geige, keine Karre mehr, indessen ich und Sir Falkland's Kammerdiener, wir machen so kleine Spielchen des Abends; ich will Dich bei ihm einführen, Du wirst ihn sehr lieb gewinnen; aber höre, Thomas, ein wenig mehr Policen mußt Du Dich hier, was Teufel thust Du mit einer Perücke, die Niemand mehr trägt. Kutscher. Um so mehr Schade! — Als ich hörte, daß die Doktoren ihre Perücken ablegten, fürchtete ich schon, es würde die Reihe auch an uns kommen, denn sieh — ich will die Meine nicht aufgeben. Fag. Wohl, Thomas — wir wollen uns darüber nicht streiten, doch halt —- (sieht in die Scene) wer kommt da? Kutscher. Es ist der Herr Capitain — mit wem spricht er? Fag. Das ist Miß Lucy — Kammermädchen der Geliebten unsers Herrn; sie wohnen dort in jenem Hause, ich muß schnell ihm nach — die Neuigkeit hinterbringen. Kutscher. Sieh! Er gibt ihr Geld. — Zch will Dich nicht länger aufhalten — auf Wiederseh'n denn. (Gibt ihm die Hand.) Fag. Diesen Abend in Gydes Taverne auf ein kleines Spielchen. (Beide zu verschiedenen Seiten ab.) Verwandlung. Zimmer bei Madame Malapropos. Zweite Gerne. Lydya. Lucy. Lydya (sitzt auf einem Sopha, ein Buch in der Hand). Und Du konntest nicht ,,die Belohnung der Treue" bekommen? Lucy. Nein, wirklich nicht. Zch durchkreuzte die ganze Stadt, uud glaube nicht, daß eine Leihbibliothek existirt, wo ich nicht war. Lydya. Oder „die Zrrthümer des Herzens" ? Lucy. Auch nicht. Gerade als ob daS böse Geschick es so wollte — eben hatte Lady Staunter darum gesendet. Lydya. Wie Schade. Hast Du nicht nach „der delikaten Verlegenheit" oder den „Memoiren der Lady Woodford" gefragt? Lucy. Keines von Allen konnte ich bekommen. Hier ist, was ich erhalten habe. (Nimmt Bücher unter ihrer Mantille hervor.) Das ist „der Mann des Gefüh- s leS," dieß „Pregrinus Pickle." Hier find „die Thronen der Empfindsamkeit" und hier „Humphry Klinker." Lydya. Still — ich höre Jemand — geschwind, sieh, wer es ist. (Lucy ab.) Dritte Scene. Lydya (allein). Mir war, als hörte ich meiner lieben Zulia Stimme. Lucy (zurückkommend, meldend). Mifi Melville! (Ab.) Vierte Scene. Zulia (tritt ein). Lydya. Lydya. Zst's möglich, meine theure Zulia! J.ulia. Wie freue ich mich, Dich, liebe Lydya, wieder zu sehen. (Sie umarmen sich.) Lydya. Wie unerwartet — dieß Glück'. Julia. Wahr, Lydya, und um so größer ist unsere Freude. Aber was war die Ursache — man hat Dich Anfangs vor mir verläugnet? Lydya. Ach, Zulia, ich habe Dir tausend Dinge mitzutheilen, doch zuerst sag' mir, was hat Dich nach Bath gebracht? — Zst Sir Anthony auch hier? Zulia. Er ist hier, und ich ver- muthe, er wird, sobald er sich umgekleidet, Deiner Tante einen Besuch ab- fiatten; wir sind Alle so eben angekom- men. Lydya. Dann, ehe wir unterbrochen werden, laß mich Dir Einiges von meiner Trübsal und meinen Verlegenheiten mittheilen; ich weiß, Dein gefühlvolles Herz wird mit meinem sympathisiren, obwohl Deine Klugheit mich verdammen wird. Meine Briefe haben Dich unterrichtet von meiner Bekanntschaft mit Beverly; — ich habe ihn verloren, Julia! — Meine Tante hat unfern freundschaftlichen Umgang dadurch entdeckt, daß sie einen Brief aufgefangen, und sie hält mich seitdem unter strenger Aufsicht, und denke Dir — sie selbst hat sich noch verliebt — in einen Baronet aus Irland, den sie eines Abends bei Lady Maischreffle sah. Zulia. Ah! Du scherzest, Lydya! Lydya. Nein, wirklich nicht! Sie korrespondirt mit ihm unter einem fremden Namen — ich glaube, Delia nennt sie sich. Zulia. Also wirklich? — Nun dann ist sie sicherlich auch nachsichtiger gegen ihre Nichte. Lydya. Ganz das Gegentheil! Seit sie ihre eigene Schwäche entdeckt hat, ist sie noch argwöhnischer gegen mich — und dann muß ich Dir noch von einer andern Plage mittheilen; — dieser langweilige Sir Acre, den sie mir zum Bräutigam bestimmt hat, wird auch heute in Bath sein, und so fürchte ich, bis zum Geistaufgeben gequält zu werden. Zuli a. Hoffe das Beste, liebe Lydya. Lydya. Das Schlimmste kommt erst noch. — Unglücklicher Weise habe ich mit Beverly gezankt, gerade ehe meine Tante den Brief aufgefangen, und ich habe ihn seitdem nicht mehr gesehen, die Sache auszugleichen. Zulia. Was war denn sein Vergehen ? Lydya. Gar nichts. — Zch weiß nicht, wie es kam — aber so oft wir beisammen waren, nie hatten wir einen Zwist; und ich fürchtete schon, Beverly würde mir auch nie Gelegenheit dazu geben. Da schrieb ich den letzten Donnerstag einen Brief an mich selbst adressirt, mir darin anzeigend, daß Beverly zu gleicher Zeit einer andern Dame seine Huldigung darbringt; ich Unterzeichnete „Zhr ungekannter Freund," zeigte den Brief Beverly — beschuldigte ihn der Falschheit — stellte mich, als wäre ich im höchsten Zorn, und schwur, ihn nie mehr zu sehen. Zulia. Und Du hast ihn so fortgelaj- sen? Zhn seitdem nicht wieder gesehen? 4 Lydya. Den nächsten Tag entdeckte meine Tante unser Verhältnis ich beabsichtigte, ihn nur einige Tage zu quälen, und jetzt habeich ihn vielleicht für immer verloren. Zulia. Wenn er Dich so liebt, wie Du mir geschildert, so wird er Dich um keinen Preis aufgeben; doch bedenke, Lydya — Du so reich, und er — Fähnrich — Lydya. Ja, aber Du weißt auch, daß ich den größten Theil meines Vermögens verliere, wenn ich noch minderjährig, ohne meiner Tante Einwilligung heirathe, und das ist's gerade, was ich zu thun entschlossen bin, seit ich weiß, welche Strafe dann meiner harrt, denn nie möchte ich einen Mann, der nur des Geldes wegen mich nähme. Julia. Ah! Lydya, daß ist Eigensinn! Lydya. Wie, Julia, Du beschuldigst mich des Eigensinns? ich dächte doch, Dein Falkland hätte Dich schon längst an Launen und Eigensinn gewöhnt. Julia. Ich liebe seine Fehler nicht. Lydya. Du hast nach ihm geschickt — nicht wahr? Julia Noch nicht — aus mein Wort! Auch hat er nicht die geringste Ahnung von meinem Hiersein; Sir An- thony'S Entschluß kam so plötzlich, daß ich keine Zeit hatte, ihn zu beachrich- tigen. Lydya. Sieh, Julia, Du bist doch Deine eig'ne Herrin, unter dem Schutze Deines Vormunds Sir Anthony, und doch bist Du das ganze Jahr hindurch eine Sclavin der Launen, Grillen und Eifersucht dieses undankbaren Falklands gewesen, der sich die Herrschsucht eines Gatten anmaßt, die Vermählung immer aufschiebend, weil Du ihm schon als Liebhaber gleiche Herrschsucht duldest. Julia. Du bist ganz im Unrecht, liebe Lydya. Wir waren schon verlobt vor meines Vaters Tode. Dieß und einige nachfolgende Hindernisse haben immer, wie ich gewiß weiß, meines Falklands heißesten Wunsch verzögert. Er ist zu großmüthig, so kleinlich zu denken. Und was seinen Character betrifft, thust Du ihm auch sehr Unrecht. Nein, Lydya, er ist zu stolz, zu edel, um eifersüchtig zu sein; wenn er zanksüchtig ist, so ist er's ohne Verstellung; wenn mürrisch —ohne Rauhheit; nicht gewöhnt an die Neckereien der Liebe, vernachlässigt er die kleinen Pflichten, die wir von einem Geliebten erwarten; aber ungeübt in der Leidenschaft., ist seine Zueignung auch heftig und aufrichtig, und da seine Liebe seine ganze Seele erfüllt, erwartet auch er jeden Gedanken, jede Gemüthsbewegung seiner Geliebten sich im Einklänge mit seiner Seele bewegen, obwohl nun sein Stolz vollständige Erwiederung dieser Gefühle erwartet, so macht seine Demuth doch wieder seine eigenen guten Eigenschaften in ihm unterschätzen, welche ihn dazu berechtigen würden, und so — nicht begreifend, warum er sollte geliebt werden zu dem Grade als er wünscht, beargwöhnt er doch nimmer, daß er nicht genug geliebt sei; diese — mit sich selbst zerfallene Gemüthssiimmung — ich muß gestehen — hat mir manche trübe Stunde verursacht, doch habe ich gelernt, mich selbst als seine Schuldnerin zu denken für diese Unvollkommenheiten, die ja nur aus der Heftigkeit seiner Leidenschaft entspringen. Lydya. Gut, Julia, ich kann Dich nicht tadeln für Deine warme Verthei- digung, — aber sage mir offen — hätte Falkland Dir nicht das Leben gerettet, würdest Du ihn so sehr lieben? Der rauhe Wind, der Euer Boot umwarf, war ein beglückender für ihn. Julia. Dankbarkeit mag meineZu- Neigung zu Falkland verstärkt haben, aber ich liebte ihn schon lange zuvor, ehe er mich rettete, und glaubst Du nicht, daß solch' eine Verpflichtung hinreichte. — 8 Lydya. Verpflichtung? Ein Pudel würde das Nämliche gethan haben; ich würde meine Hand nie einem Manne geben, weil er schwimmen kann — doch, wer kommt? Fünfte Scene. Lucy und Vorige. Lucy (in Eile). So eben kommt Sir Anthony mit Madame. Lydya. Sie werden doch nicht hierher kommen? GibAcht, Lucy! (Lucy ab.) Zulia. Liebe Lydya, ich muß gehen, Sir Anthony weiß nicht, daß ich hier bin, und wenn ich ihm begegnete, würde er mich aufhalten, um mir die Stadt zu zeigen. Ich will bei einer andern Gelegenheit Deiner Tante meine Aufwartung machen. Sechste Scene. Lucy und Vorige. Lucy (sehr eilig). Madame und Sir Anthony kommen hieher. Lydya. So will ich Dich nicht länger aufhalten; Adieu, meine theure Julia. Julia. Auf Wiedersehen, liebe Lydya. (Will durch die Mitte ab.) Lydya. Nicht da — durch jenes Zimmer, damit Du sie nicht begegnest. Julia. Adieu! (Ab) Siebente Scene. Lydya und Lucy. Lydya. Geschwind, Lucy — verbirg diese Bücher. Geschwind wirf „Peregrine Pickle" unter die Toilette, „Roderich Random" ins Cabinet, stopfe „Lord Climsworth" unter den Sopha, und stecke den „Mann von Gefühl" in bie Tasche. (Sie verbergen die Bücher, dann Lucy ab durch die Seitenthür.) Achte Scene. Madame MalapropoS, Sir Anthony und Lydya. MalapropoS. Da, Sir Anthony, sitzt das launenhafte Geschöpf, der es Vergnügen macht, ihre Familie zu entehren und sich selbst an einen Taugenichts wegzuwerfen. Lydya. Tante, ich dächte doch — Mal apropos. Sie denken, Miß! — Ich wüßte durchaus nichts, an daS Sie zu denken hätten. Das Denken ist schädlich, und es schickt sich besonders für junge Damen nicht, viel zu denken. Der Gegenstand, weßwegen wir kommen, ist, daß Sie uns das Versprechen geben sollen, diesen Taugenichts zu vergessen. Lydya. Madame — unsere Gedanken sind unabhängig von unserm Willen, es ist nicht so leicht, zu vergessen. MalapropoS. Ich sage, es ist, Miß. — Da ist nichts so leicht zu vergessen , als ein Mann, wenn man nur will und einen festen Vorsatz faßt. Ich habe Ihren armen Onkel so sehr vergessen, als hätte er nie gelebt; — ich hielt es für meine Pflicht, so zu thun, und ich wiederhole Ihnen — dieses heftige „sich erinnern" ist höchst unanständig. Sir Anthony. Wie — Miß wird doch nicht wagen, sich an daS zu erinnern , was sie nicht soll! Ja, ja — das kommt vom Lesen — die heillosen Bücher. Lydya. Wodurch habe ich eine solche Behandlung verdient? MalapropoS. Versuchen Sie nicht, sich aus der Sache heraus zu wickeln; — ich habe unbestreitbare Beweise Ihrer Schuld. — Ich frage Sie nochmals: sind Sie gesonnen zu thun, was Ihnen geheißen? Einen Gatten nach Ihrer Freunde Wahl zu nehmen? Lydya. Madame — ich muß Ihnen offen bekennen — hätte ich auch kein? 6 Vorliebe für irgend Jemand sonst — die Wahl, die Sie getroffen, würde immer meine Abneigung haben. Malapropos. Miß — was kümmert Sie Vorliebe oder Abneigung — das schickt sich wieder nicht für ein junges Mädchen — und zudem sollen Sie wissen, daß — da beides im Ehestand sich abträgt, eS besser ist, mit Abneigung anzufangen. Ich sicher haßte Ihren armen Onkel gleich einen Neger vor der Heirath, und doch, Miß — Sie wissen, was für eine Gattin ich war! — Und als es dem Himmel gefiel, ihn zu sich zu nehmen — es ist unge- kannt, wie viel Thränen ich vergoß (Sie weint.) — Aber — gesetzt — wir wären im Begriff, für Sie eine andere Wahl zu treffen — wollen sie versprechen, diesem Beverly zu entsagen? Lydya. Könnte ich meine Gedanken so sehr belügen, Ihnen dieß Versprechen zu geben — meine Handlungen würden eben so sehr meine Gedanken belügen. Malapropos (zornig). Begeben Sie sich auf Ihr Zimmer — Sie taugen mit Ihrem jetzigen Humor nicht in Gesellschaft. Lydya. Sehr gerne. — Ich kann nichts Besseres wählen. (Verbeugt sich, ab.) -keimte Seene. Vorige, ohne Lydya. Malapropos. Haben Sie je einen solchen Eigensinn gesehen? Anthony. Darüber wundere ich mich nicht, Madame! Auf meinem Weg hieher bemerkte ich das Mädchen Ihrer Nichte aus einer Leihbibliothek kommend: sie hatte mehrere Bücher in der Hand; — augenblicklich dachte ich, wie pflichterfüllt ich ihre Herrin treffen würde. Malapropos, Ja, ja! Diese gottlosen Leihbibliotheken! Anthony. Eine Leihbibliothek in einer Stadt ist ein immer grüner Baum voll teuflischer Kenntniß; er blüht das ganze Jahr hindurch. — Doch — um auf unsere Sache wieder zu kommen, — Sie sagten, Sie hätten keine Einwendung gegen meinen Vorschlag. Malapropos. Nein, keine. Ich bin unter keiner positiven Verpflichtung gegen Sir Robert Acre, und da Lydya sosehr gegen ihn ist — vielleicht hat Ihr Herr Sohn bessern Erfolg. Anthony. Ich will sogleich an ihn schreiben. Er weiß noch keine Silbe, obwohl ich den Vorschlag schon seit längerer Zeit im Sinn hatte, und ich denke, die Leutchen passen zusammen. Er ist gegenwärtig bei seinem Regiments. Malapropos. Ich habe nicht die Ehre, Ihren Herrn Sohn zu kennen — hoffe jedoch auf keine Einwendung von seiner Seite. Anthony (heftig). Einwendung von seiner Seite? Lassen Sie ihn einwenden, wenn er's wagt! — Mein Prozeß war immer kurz; in seinen jungen Jahren hieß es, „Zack, thu das," zögerte er, so schlug ich ihn nieder, und murrte er darüber, so sandte ich ihn aus dem Zimmer. Malapropos. Za, Sir Anthony, Sie haben Recht. Nichts wirkt so versöhnend bei jungen Leuten als Strenge. I Ich werde also dem Baron den Abschied geben, und Lydya auf den Empfang Ihres Herrn Sohnes vorbereiten. Anthony. Auch ich werde sogleich schreiben. Jetzt muß ich Sie verlassen, und erlaube mir nur noch, hinsichtlich Miß Lydya, Ihnen den Rath zu empfehlen, — machen Sie kurzen Prozeß, verwirft sie Ihren Vorschlag — schließen Sie sie unter Schloß und Riegel-^ und es dürfte nicht schaden, wenn die Diener vergäßen, ihr zwei oder drei Tage das Mittagmahl zu bringen — Sie würden sehen, wie zahm sie würde. (Lt>.) j i ! Zehnte Gerne. MalapropoS (allein). Ein sehr guter Rath das— 2a, ich muß sehen, sie los zu werden, Sie hat meine Neigung für Sir Lucius O'Trigger entdeckt; — Lucy kann mich doch nicht verrathen haben? Ach! nein — das Mädchen ist zu albern; ich würde sie gewiß schon zum Bekenntniß gebracht haben. (Klingelt) Wäre sie Eine von der Sorte der Verschmitzten, so würde ich ihr nie getraut haben. Gilfte Gerne. MalapropoS. Lucy. MalapropoS. Lucy, sahst Du nicht während meiner Abwesenheit Sir Lucius O'Trigger? Lucy (sich sehr einfältig stellend). Nein — wirklich nicht. MalapropoS. Lucy — komm näher! — Bist Du gewiß, daß Du gegen Niemand bemerktest — Du verstehst mich — wegen Sir Lucius- Lucy. Oh, Herr Jemini! Eher würde ich mir selbst die Zunge abschneiden. MalapropoS. Gut. — Laß'Dich aber auch nicht in Deiner Einfalt betrügen, hörst Du! — Lucy. Oh, gewiß nicht. MalapropoS. Komme später zu mir, ich will Dir einen Brief für Sir Lucius mitgeben. Aber Lucy — hüthe Dich! Wenn Du je verräthst, was Dir anvertraut — es sei denn Anderer Geheimnisse mir — Du verlierest mein Wohlwollen für immer, und Deine Einfalt wird keine Entschuldigung für Deine Geschwätzigkeit sein. (Ab.) Zwölfte Gerne. Lucy (allein, ihr nachsehend). Ha, ha, ha! So, meine theure Einfalt, nun wechsle Deine Maske und gönne Dir einen Augenblick Ruhe. (Ihre Manieren ändernd.) Laßt sehen, zu waSfür einer Rechnung mir Verstellung geholfen. Von Miß Lydya, für Zureden, mit dem Fähnrich Beverly durchzugehen — zu verschiedenen Zeiten in Gold zwölf Pfunde, und fünf Kleider; Hüte, Häubchen, Krausen — zahllos; — vom besagten Herrn Fähnrich innerhalb eines Monats, sechs und eine halbe Guinee, ungefähr eine Vierteljahrsgage. — Item von der gnädigen Tante, dafür, daß ich der jungen Leutchen Geheimniß ihr verrieth — als sie dem Briefwechsel ohnehin schon auf der Spur war — zwei Guineen und einen französischen Shawl. — Item von Baronet Acre drei Guineen und ein Paar goldene Ringe, für verschiedene Briefe zu besorgen, die ich nie ablieferte. Item von Sir Lucius O'Trigger drei Kronenthaler, zwei Goldstücke, und ein gold'nes Bracelet für Briefe zu tragen; doch war ich genöthigt, den dummen Irländer glauben zu machen, daß er mit Miß Lydya, und nicht mit der Tante korrespondirt, denn obwohl nicht reich, ist er doch viel zu stolz, seine Gefühle als Baronet der Nothwendigkeit seines Vermögens zu opfern. — Wohl gethan, liebe Einfalt! — Laßt Mädchen meines Standes noch so geschickt und treu sein — ich lobe mir eine Maske der Albernheit, und ein paar scharfe Augen für mein eig'nes Interesse. (Ab.) (Der Vorhang fällt.) Zweiter Aet. Zimmer des Capital«-. Erste Gerne. Capitain und Fag treten ein. Fa g. Sir, während ich noch dortwar, kam Ihr Herr Vater. Capitain. WaS sagte er, als er hörte, daß ich in Bath sei? 8 Fag. In meinem Leben sah ich Niemand mehr erstaunt. Capitain. Und was sagtest Du? Fag. Oh, ich log — Sir — ich log! — Die letzte Lüge weiß ich nicht mehr genau — doch mit Ihrer gütigen Erlaubniß, aus Furcht von Versehen in Zukunft möchte ich wohl bitten, mir gütigst zu bestimmen, was ich sagen soll, das uns nach Bath gebracht hat; — es ist nur — damit in Zukunft ich — übereinstimmend mit Ihnen — die Wahrheit sage. — Sir Anthony's Diener waren sehr neugierig. C-apitain. Du hast ihnen doch nichts gesagt? Fag. Nicht eine Silbe, Sir! Oh ich war schlau — sehr schlau. Dem Einen jedoch sagte ich — mein Herr ist nach Bath gekommen, Rekruten anzuwerben. Capitain. Gut, Fag! Rekrutiren, das wird's thun. Bleiben wir dabei. Fag. Ah! Rekrutiren wird's überraschend thun; um der Sache mehr Ansehen zu geben, fügte ich bei, Euer Gnaden hätten schon fünf entlassene Sesselträger, sieben Kellner und dreizehn vazierende Marqueure angeworben. Capitain. Dummkopf.' Sag' nie mehr, als nöthig ist. Fag. Mit Zhrer gütigen Erlaubniß — aber eine Lüge wirkt zu wenig, es sei denn, eine andere unterstützt sie. Capitain. Schon gut. Zst Mr. Falkland zurück? Fag. Mr. Falkland sind so eben angekommen. Capitain. Weißt Du, ob er unterrichtet ist von meines Vaters und Miß Melville's Ankunft. Fag. Ich glaube kaum, Sir. Capitain. Geh — sag' ihm, daß ich hier sei. Fag. Sogleich, Sir! (Geht bis zur Thüre, dann umkehrend.) Ich bitte UM Vergebung, Euer Gnaden — aber sollte Ihr Herr Vater Sie rufen lassen, so bitte ich gütigst, sich zu erinnern, daß wir hier sind, um Rekruten anzuwerben. Capitain (lachend). Schon gut — geh' nur. Fag (kommt nochmal zurück). Und dann würde ich bitten — nur wegen meiner Gewissenhaftigkeit — wenn Sie die Güte hätten, von den Sesselträgern, Kellnern und Marqueuren zu erwähnen. — Obwohl iH kein Bedenken trage wegen einer Lüge, wenn ich meinem Herrn dadurch dienen kann, so verletzt es doch mein Gewissen, wenn ich dabei ertappt werde. (Ab.) Zweite Scene. Capitain (allein). Jetzt zu meinem grillenhaften Freund, wenn er nicht weiß, daß seine Geliebte hier ist, so will ich ihn tüchtig quälen, ehe ich es ihm sage. Dritte Scene. Capitain, Fag, dann Falkland. Fag (meldet). Mr. Falkland. (Ab.) Capitain. Willkommen wieder in Bath, theurer Freund, Du bist pünktlich zurückgekehrt. Falkland. Za, ich eilte, meine Geschäfte in Bristol abzumachen Was gibt's Neues? Wie stehst Du mit Lydya? Capitain. Leider — Alles beim Alten. Falkland. Du zögerst zu lange, Freund. Wenn Du ihrer Einwilligung sicher bist, so mache der Tante unter Deinem wahren Nahmen Deine Aufwartung und schreibe an Deinen Vater um seine Einwilligung. Capitain. Sachte, Freund — langsam. — Obwohl ich gewiß bin, daß meine kleine Lydya sich vom Fähnrich Beverly entführen lassen würde, so bin ich doch auf keinen Fall sicher, daß sie den Capitain Absolut zum Gatten nehmen würde. Du kennst ja ihre Roman- 9 tik. — Doch davon später mehr — Du dinirst heute mit uns im Hotel? Falkland. Ich kann wirklich nicht, bin durchaus nicht gelaunt. Capitain. Beim Himmel! Zch werde Deine Gesellschaft verschwören. Du bist doch der zanksüchtigste, unverbesserlichste Liebhaber, den ich je gekannt. Liebe doch, wie ein Mann — quäle Dich nicht immer selbst. Falkland. Ach! Freund, Dein Herz ist nicht wie meines, unveränderlich geheftet an einen Gegenstand. Du wirfst nach einem großen Ziele — verlierst Du, so wirfst Du Dein Netz abermals aus; — ich habe indessen mein ganzes Lebensglück auf einen Wurf gesetzt , und nicht gelingen, ist für mich Alles verlieren. Capitain. Aber um's Himmelswillen — welche Gründe von Besorgniß kann Dein launenhaftes Gehirn heraufbeschwören? Falkland. Gründe der Besorgniß sagst Du? Gibt es nicht Tausende? Ich fürchte für ihren Geist, für ihre Gesundheit — ja, für ihr Leben. Ach! Freund, wenn zärtlich fühlende Herzen getrennt sind, da ist nicht ein Zug am Himmel, nicht eine Bewegung der Elemente , nicht ein Hauch des Abendwindes , der nicht Ursachen für eines Liebhabers Besorgniß enthielte. Capitain. Ah, lieber Falkland, laß doch diese übertriebene Schwärmerei. Falkland — sag' mir — wenn Du nun gewiß wärest, daß Deine Julia wohl, heiter und bei guter Laune ist — würdest Du dann ganz zufrieden sein? Falkland. Ich würde über alle Maßen mich glücklich fühlen! Capitain. Nun wohl, so wisse: Miß Melville ist ganz wohl und befindet sich in diesem Augenblicke in Bath. Falkland. Ah !Du scherzest grausam. . Capitain. Gewiß nicht. — Sie ist in dieser Stunde mit meinem Vater angekommen. Falkland. Jst's möglich — sprichst Du im Ernste? Capitain. Ich sollte denken, Du kennst meinen Vater besser, als daß Dich das überraschen sollte. — Es ist Alles Wahrheit — bei meiner Ehre. Falkland. Oh! mein theurer Jack, wie erfreust Du mich durch diese Nachricht! Nichts auf Erden könnte auch nur einen Augenblick mich jetzt beunruhigen. Vierte Gerne. Vorige. Fag, später Acre. Fag (meldet). Mr. Acre wünscht Sie zu sprechen. Capitain, Führe den Gentleman herauf. (Fag ab.) Eben recht, Falkland — das ist ein- alter Freund von mir, und wohnt nur eine halbe Stunde vom Gute meines Vaters, er soll uns erzählen von Deiner Julia.' Falkland. Ist er sehr bekannt in der Familie? Capitain. O sehr vertraut — er ist sehr oft im Hause meines Vaters. Auch ist er ein Nebenbuhler von mir — das heißt, von meinem andern Selbst, denn bis jetzt hat er keine Ahnung, daß sein Freund Capitain Absolut je die besprochene Lady sah, und es ist lächerlich genug, wenn er mir von einem gewissen Beverly klagt, seinem verhaßten Nebenbuhler. Falkland. Still — er kommt. Fünfte Gerne. Vorige. Acre. Acre. Ah! mein theurer Freund — mein nobler Capitain und ehrlicher Jack. Wie geht es Dir? Gerade angekommen, auf Ehre, wie Du siehst. (Zu Falkland.) Sir, Ihr Ergebenster. — Warm auf der Straße heut, beim Teufel! Potz Blitz und Knall! — Ich bin gereist gleich einem Kometen, mit einem langen r« Schweif von Staub hinter mir den ganzen Weg. CapiLa in. Ah! Robert, Du bist wirklich ein ercentrischen Planet, das ist wahr, aber wir kennen auch Deine Anziehungskraft hieher. — Erlaubemir, hier Dir einen intimen Freund, Sir William Falkland vorzustellen. Acre. Sir — ich bin herzlich erfreut — ah Jack — Ist daS nicht Mr. Falk- land, welcher- Capitain. Ganz recht — Miß Melville'ß Bräutigam. Acre. Ah, dann sind Sie ein sehr glücklicher Mann, in der That. Falk land. Ich habe Miß Melville seit längerer Zeit schon nicht gesehen, Sie ist doch wohl in guter Gemüths- stimmung in Devonshire. Acre. Nie sah ich sie in besserer — Potz Röthe und Blüthe. — Ich habe sie so wohl gesehen — außerordentlich wohl! Falk land (gereizt). Wirklich? Und ich hörte, daß sie ein wenig unwohl war. Acre. Falsch, theurer Freund, falsch — nur gesagt, um Sie zu ärgern — ganz das Gegentheil, ich versichere Sie. Falkland. Da siehst Du, Jack — Sie hat den Vorzug — mich verzehrt beinahe die Angst, und sie — Capitain. Du ärgerst Dich doch nicht, daß sie nicht krank gewesen? Falkland. Nein, nein — versteh' mich nur; — doch sicherlich — ist nicht ein kleines Unwohlsein ein Zeichen — die natürliche Folge der Abwesenheit von dem, was man liebt? Gesteh' nur — eS ist etwas sehr Liebloses — in dieser robusten, gefühllosen Gesundheit. Capitain. Oh! gewiß — es war sehr lieblos von Julia, in Deiner Abwesenheit gesund zu bleiben. Acre. Guter Witz, das — Jack — ha, ha! Falkland. Wohl, mein Herr — Sie sagten, daß Sie Miß Melville außerordentlich wohl gesehen — da war sie wohl auch recht fröhlich und heiter — wahrscheinlich immer bei guter Laune — nicht wahr? Acre. Fröhlich, heiter? Potz Blume und Blüthe! Sie war die Schönste — der Geist der ganzen Gesellschaft, wo immer sie war; so liebenswürdig — so unterhaltend — so voll Witz und Humors — ausgezeichnet. Falkland. Bei meiner Seele! Es ist doch eine angebor'ne Leichtfertigkeit bei Weibern, die nichts übertrifft! Was — glücklich — fröhlich — voll guten Humors — und ich war weg! Capitain. Jetzt gerade warst Du um ihre Gemüthsstimmung — ihre Laune besorgt. Falkland. Wie, Jack — sag' - war ich je die Freude — der Geist der Gesellschaft? Capitain. Du— nein, wirklich nie. Falkland. War ich je liebenswürdig — unterhaltend? Capitain. Nein — auf mein Wort — ich sprech' Dich frei von solcher Schuld. Falkland. War ich voll Witz und Humors? Capitain. Wahrhaftig ni cht — um Dir gerecht zu sein — Du warst oft abscheulich albern! Acre (zum Capitain). Was fehlt dem Gentleman? Capitain. Er drückt nur seine Freude aus, gehört zu haben, daß seine Geliebte sich sowohl, heiter—bei gutem Humor befindet — das ist Alles — nicht wahr, Falkland? Falkland. O ja — sie hat eine überaus glückliche Gemüthsstimmung! Acre. Ja, das hat sie, in der That! Ausgezeichnet in jeder Beziehung. Sie hat eine Stimme, so süß, ft schmelzend, — ist Meisterin auf dem Piano — solch eine Herrin über vur und Lloll — L und Kreuze — oft stürmisch und dann gleich wieder so säuselnd — so bebend und zitternd! Es ist eben 11 jetzt ein Monat — Potz halbe und Viertelnote ! Wie girrte sie im Concert bei Lady Morgan — (singt) : „Mein Herz ist mein eigen, mein Wille ist frei," bezaubernd schön. Falkland. O Narr — Narr, der ich bin! All' mein Glück zu heften an solch' eine Ländlerin! Tod und Teufel! Sich selbst zur Pfeife und Balladen- l Krämerin einer Gesellschaft zu machen. ' Einzuwiegen ihr leichtes Herz mit frivolen Liedern! — Nun, Jack — was sagst Du zu dem? Capitain. Was? Daß ich sehr erstellt sein würde, zu hören, daß meine Geliebte so außerordentlich heiter gewesen. Falkland. Nun ja —ja —ich bin eben nicht betrübt, daß sie heiter war — nein — nein — ich bin sogar erfreut darüber. — Am Ende hat sie auch getanzt — kein Zweifel! Acre (zum Capitain). Was sagt der Herr vom Tanzen? Capitain. Er sagt, daß die junge Lady, von der wir sprechen, eben so gut tanzt als singt. Acre. Ah! Ercellent tanzt sie — in der That. Da war auf unserm letzten Wettrennen-Ball — Falkland. Höll und Teufel! Nun da — da! Ich sagte Dir ja! — O sie vervollkommt sich immer mehr in meiner Abwesenheit! Lanzen auf einem Wettrennen-Ball ! Capitain. Um s Himmelswillen, Falkland — stelle Dich nicht so bloß — mache Dich nicht so lächerlich. Gesetzt — sie hätte getanzt — erfordert es denn nicht der gute Ton — die Etiquette der Gesellschaft, daß sie sich nicht ausschließt ? Falkland. Gut — gut — ich will mich beruhigen — vielleicht, wie sie sagen — der Schicklichkeit wegen. Mr. Mr. (Zum Capitain, bei Seite.) Wie ist denn sein verdammter Name? Capitain. Acre — Acre. Falkland. Nun wohl —Mr. Acre — Sie priesen ja so sehr Miß Melville'S Manieren beim Tanzen einer Menuette — nicht wahr? Acre. O! Ich wage zu versichern — daß sie am besten Polka und Galopp tanzt. — Potz Schwimmen und Schweben ! Sie hat eine Manier — eine Manier — ah! das läßt sich gar nicht beschreiben , wie sie dahin schwebt! Falkland. Ah! Jetzt — Mißgeschick über sie! — Nun, Jack — verteidige dieß — warum verteidigst Du das nicht? — Eine Menuette könnte ich vergeben haben — ich würde mir nichts aus einer Menuette gemacht haben — ich würde sogar einen Walzer nicht beachtet haben — aber solche Tänze — Tod und Teufel — Potz Himmeltausend! — (Gkht heftig auf und ab.) Hätte sie noch einen Cottillon getanzt — ich glaube, ich würde auch das vergeben haben — aber dahin zu rasen ^ am Arm eines zärtlich verliebten Lassen — das ist nicht zu verzeihen! — Es soll für ein bescheidenes zärtliches Wesen nur einen Mann geben, mit dem sie sich beim Lanze paaren sollte, — die Uebrigen sollten nur ihre Onkeln und Tanten sein! Capitain. Noch besser — ihre Großväter und Großmütter. Falkland. Wenn da nur ein Mann von leichtfertigem Geist in der Gesellschaft ist — das steckt an gleich einer pestartigen Seuche! — Ich muß fort — ich gesteh' — ich bin etwas aufgeregt, und dieser mir verhaßte Tölpel scheint es bemerkt zu haben. (Will gehen.) Capitain. Aber Falkland — einen Augenblick — danke doch dem Herrn für seine Neuigkeiten. Falkland. Der Teufel hole ihn und seine Neuigkeiten! (Höchst aufgeregt ab.) Sechste Seene. Vorige, ohne Falkland. Capitain. Ha, ha, ha! Armer ir Falkland!.— Vor fünf Minuten wäre nichts auf Erden im Stande gewesen, ihn zu beunruhigen! Acre (der erstaunt ihm nachgeseh'n). Der Gentleman wird doch nicht böse sein über mein Lob? Capitain. Zch glaube, Bob — er ist eifersüchtig auf Dich! Acre. Ah! was Du sagst — eifersüchtig auf mich — ha, ha, ha! Das ist ein hübscher Spaß! Capitain. Ich finde nichts Sonderbares darin, — laß mich Dir sagen, Bob — Deine Anmuth und einschmeichelnden Manieren werden immer viel Unheil unter den Damen anrichten. Acre. Ah! Du scherzest, Jack! — Ha, ha, ha! Ich — Unheil! — Ha, ha! — Aber Du weißt, mein Herz ist vergeben, — meine theure Lydya hält mich gefesselt. — Sie konnte mich zwar nicht aussteh'n, als ich noch auf dem Lande war, weil ich mich da so schlecht zu kleiden pflegte, ohne allen Geschmack, aber Potz Frösche und Trommel! hier nehme ich die Sache ernster, ich will meinen alten Kleidern kennen lernen lassen, wer ihr Herr ist; — mein Haar ist, wie Du bemerken wirst, nach der neuesten Mode gescheitelt. Capitain. Ja — das ist wahr, Du verfeinerst Dich mit jedem Tage. Acre (streicht sich den Schnurbart). Ja — das denk' ich auch zu thun, und kann ich dann nur diesen Fähnrich Beverly ausfindig machen — Potz Flinten und Kugeln! — Ich will ihm den Unterschied zwischen uns kennen lehren. Capitain. Gesprochen wie ein Mann, Bob! Recht so — thue das! — Aber höre, Bob — ich bemerke da eine ganz sonderbare Art zu schwören Acre. Hast Du's bemerkt? — Ha, ha, ha! — Ja — das ist jetzt gentil! — Ich habe es nicht selbst erfunden, sondern ein Befehlshaber unserer Bürgerwehr, ein sehr gelehrter Mann. Er versicherte mich, es läge kein rechter Sinn in den gewöhnlichen Eiden und Flüchen — nichts als ihr Alterthum mache sie respektabel. Unsere Vorältern, sagte er, seien nie bei einem oder zwei Eiden stehen geblieben, sondern schwuren bei Jehovah! beim Bachus! Mars oder bei der Venus! oder bei Pallas! Ganz nach ihrem Gefühl, so, daß mit Schicklichkeit zu schwören, sagte mein kleiner Major, „soll der Eid bloß das Echo unserer Gefühle sein/" und das nennt man „den sich beziehenden oder sentimentalen Eid."" Sag' — ist das nicht sehr gentil? Capitain. O Hochs) anständig! und ganz neu in der Thal! Das wird mit der Zeit alle andern Ausdrücke der Verwünschung ersetzen. Acre. Ja — Alles hat seine Zeit — auch die veralteten Flüche haben ihre Zeit gehabt. Siebente Seene. Vorige. Fag. Fag. Gnädiger Herr — Ihr Herr Vater wünscht Sie zu sprechen — ich führte ihn in's Sprachzimmer. Capitain. Du Narr! — Augenblicklich bitte ihn, sich heraufzubemühen. (Fag ab) Acre. Du hast Geschäfte, Jack, mit Deinem Vater, so will ich gehen. Ich erwarte ohnehin eine Bothschaft von Madame Malapropos in meinem Logis. Auch habe ich zu meinem alten Freund, Sir Lucius O'Trigger gesendet, und diesen Abend müssen wir uns Alle treffen, ein Dutzend Flaschen auf Lydya's Wohl zu leeren. Adieu, Jack! Capitain. Das will ich von ganzem Herzen. (Acre ab.) Achte Seene. Capitain allein. So — jetzt gerichtet für eine väterliche Lektüre. Ich hoffe, daß er von 13 dem wahren Grund, warum ich hier bin, noch nichts erfahren, und hätte ! sehr gewünscht, daß die Gicht ihn in Devonshire festgehalten hätte. Sleunte Seene. ! Capitain. Sir Anthony. Capitain (ihm entgegen). Mein theurer Vater! Ich bin hoch erfreut, Sie hier, und so wohl aussehend zu sehen. ! Ihre plötzliche Ankunft in Bath hat mich besorgt gemacht. Anthony. Sehr besorgt — ich glaube Dir's. Was, Jack — Du wirbst hier Rekruten an? Capitain. Ja, bester Vater — ich bin in Dienstgeschäften hier. ! Anthony. Nun wohl, Jack — ich bin erfreut, Dich zu sehen, obwohl ich hier Dich nicht erwartete zu finden. Ich war eben im Begriffe, Dir zu schreiben — eines kleines Geschäftes wegen. Ja — ich habe überlegt, daß ich anfangs alt und schwach zu werden, und Dich wahrscheinlich nicht lange mehr belästigen werde. i Capitain. Um Vergebung, Vater — ich sah Sie nie wohler aussehend — so stark und gesund — ich bete instän- digft, daß Sie noch lange so fortfahren ^ mochten. Anthony. Ich hoffe, Dein Gebet soll erhört werden. Wohl denn, Jack — ich habe überlegt, daß ich mich noch sehr kräftig und gesund fühle, und daß ich fortfahren will, Dich noch lange Zeit zu plagen. — Jetzt, Jack — ich weiß — Dein Einkommen bis jetzt, und was ich zugegeben, ist nur sehr wenig für einen Jungen von Deinem Geist. Capitain. Sie sind so gut, Vater! Anthony. Es ist mein Wunsch, daß mein Sohn, während ich noch lebe, eine Stellung in der Welt einnimmt. Ich habe mich daher entschlossen, Dich in Unabhängigkeit zu versetzen. Capitain. Ihre Güte überwältigt mich. Doch werden Sie wohl nicht wünschen, daß ich meine jetzige Stellung aufgeben — quittiren soll? Anthony. Mache das mit Deiner Frau ab. Das kann geschehen, wie sie wünscht. Capitain. Mit meiner Frau? — Meiner Frau? Anthony. Nun ja — ja, macht das zwischen Euch ab. Capitain (sehr betonend). Mit meiner Frau — sagten Sie so? Anthony. Nun ja — ja — mit Deiner Frau, wie — habe ich denn das nicht schon vorher erwähnt? Capitain. Nicht ein Wort von einer Frau. Anthony. Nun wohl — so muß ich es vergessen haben — obwohl — ja, Jack — die Unabhängigkeit und Vermögen erlangst Du durch eine Heirath — es ist Alles abgemacht. Capitain. Vater — Sie setzen mich in Erstaunen. Anthony. Warum? Was Teufel hat der Narr! So eben warst Du ganz Pflichtgefühl — voll Dankbarkeit — Capitain. Ich war es, aber Sie sprachen auch nur von Unabhängigkeit, und nicht ein Wort von einer Frau. Anthony. Ei was! — Was macht das für einen Unterschied? Wer ein Gut haben will, muß es nehmen mit Allem, was d'rum und daran ist. Capitain. Ich bitte, Vater — wer ist die Dame? Anthony. Was geht das Dich an. Komm' — gib mir Dein Versprechen, sie zu lieben und zu heirathen. Capitain. Gewiß, bester Vater, das ist doch nicht sehr — vernünftig, meine Gefühle in Anspruch zu nehmen für eine Dame, die ich gar nicht kenne. Anthony (heftig). Und ich sage Dir, es ist noch weit unvernünftiger von Dir, Etwas einzuwenden gegen eine Dame, die Du nicht kennst. Capitain. Sie müssen mich ent- 14 schuldigen, Vater, aber — in diesem Punkte kann ich Ihnen nicht gehorchen. Anthony (immer heftiger). Was? Wie? he! — Habe ich recht gehört? — Höre, Jack — ich habe Dir bisher mit großer Geduld zugehört; ich bin ruhig — ganz ruhig gewesen, aber nimm Dich in Acht! Du weißt — ich bin die Nachgibigkeit selbst, wenn ich mich nicht durchkreuzt finde; — kein Mensch kann leichter geleitet werden, aber ich habe meinen eig'nen Weg — hüthe Dich, meinen Zorn zu reizen. Capitain. Ich sehe mich genöthigt zu wiederhohlen — daß ich in diesem Punkte nicht gehorchen kann. Anthony. Jetzt hole mich der Teufel, wenn ich je mehr Jack Dich nenne, so lang ich lebe! Capitain. Aber, bester Vater — ich bitte, hören Sie doch nur! Anthony. Nicht ein Wort — nicht ein einziges Wort! Du gibst mir das Versprechen — sogleich, oder ich will Dir sagen, Jack — Du Lasse, wollt' ich sagen — wenn Du nicht sogleich — Capitain. Wie, Vater — soll ich Ihnen versprechen, mich zu verbinden vielleicht mit einer häßlichen — Anthony. Die Dame soll so häßlich sein, als sie will — soll an jeder Schulter einen Höcker haben, — soll gekrümmt sein, wie der wachsende Mond — ihre Augen sollen rollen, wie die einer Bulldogge — sie soll eine Haut, wie eine Mumie und einen Bart, wie ein Jude haben — sie soll Alles das haben — potztausend! — Und doch will ich Dich zwingen, den ganzen Tag sie zu beäugeln, und die ganze Nacht wach zu bleiben, Sonette an sie zu schreiben. Capitain. Das ist Vernunft und Mäßigung! Anthony. Keine von Deiner spöttisch — höhnisch grinsenden — Du Lasse! Capitain. Wirklich, Vater — ich war nie in schlechtem Humor zur Fröhlichkeit als jetzt. Anthony. Keine von Deinen Leidenschaften, Du Hansnarr — von Deinen Heftigkeiten — ich verbiete mir's — es wird's nicht thun bei mir, das sag' ich Dir — ich kenne Dich — weiß, daß Du grinsest, wenn ich fort bin. Capitain. Ich hoffe — ich kenne meine Pflicht besser, und versichere Sie, daß ich nie ruhiger war, als eben jetzt. Anthony. Es ist eine abscheuliche Lüge —ich weiß, Du bist leidenschaftlich — ich weiß es — Du Heuchler Du — aber so kommst Du nicht durch bei mir. Capitain. Bester Vater — nur ein Wort — Anthony. Leidenschaft taugt zu nichts — kannst Du nicht ruhig sein, wie ich? Aber ich kenne Dich — daS ist wieder eine von Deinen Finten, Du anmaßender Lasse, Du — Du verläßt Dich auf die Milde meines guten Herzens — die Sanstmuth meines Temperaments ; aber ich sage Dir — nimm Dich in Acht! Die Geduld eines Heiligen geht zu Ende. Höre — ich gebe Dir jetzt sechs Stunden Bedenkzeit — Wenn Du bis dahin nicht mir versprichst, ohne irgend eine Bedingung Alles zu thun, was mir beliebt — verdammt will ich sein, wenn ich je Dir vergebe! — Ich — ich mag Dir vielleicht vergeben — mit der Zeit — wenn nicht — wenn nicht — wage nie mehr, die Schwelle meines Hauses zu betreten — nie mehr die nämliche Luft einzuathmen — des nämlichen Lichtes Dich zu bedienen — suche Dir Deine eig ne Atmosphäre — Deine eig'ne Sonne! — Ich kenne Dich nicht mehr — mein Sohn bist Du nicht mehr — verläugnen — enterben werd' ich Dich — ich will — verdammt will ich sein, wenn ich je Jack Dich mehr nenne! (Höchst aufgeregt ab.) Zehnte Seene. Capitain, dazu Fag. Capitain. Sanfter — gütiger Vater — ich küsse Dir Deine Hände. — 15 Fag (tritt rasch ein). Gnädiger Herr — so eben ging Ihr Herr Vater die Treppe hinab; — zornig zu einem Grade wie ich sonst nie noch ihn geseh'n; er nahm acht bis zehn Stufen auf einmal — brummend und fluchend die ganze Treppe hinab, — ich und des Koch's Pudel standen beim Thor — auf einmal krak! bekommt der arme Caro einen Stoß, daß er auf die Straße flog und ich einen Schlag mit der Reitgerte, mit dem Befehl, dieß meinem Herrn zu bringen. — Wahrhaftig, Euer Gnaden, ich an Zhrer Stelle würde meines Herrn Vaters Bekanntschaft aufgeben. Capitain (ist heftig auf und ab gegangen). Laß ab von Deiner Impertinenz! — Bist Du wegen sonst nichts gekommen, so bleib' mir aus dem Wege. (Stoßt ihn bei Seite, ab.) Ettfte Scene. Fag, gleich darauf ein Küchenjunge. Fag. Ah! das ist denn doch zu viel! Sir Anthony stellt meinen Herrn zur Rede, dieser wagt nicht etwas zu er- wiedern, läßt aber dafür seinen Zorn am armen Fag aus! — das ist der Lauf der Welt! Wenn Einer sich über einen Andern ärgert, so läßt dieser wieder seinen Zorn an einem Dritten aus, der ihm zufällig in den Weg kommt. Ah! dieß zeigt vom schlimmsten Temperament —- die größte Ungerechtigkeit — Knabe (sehr eilig). Mr. Fag — geschwind, geschwind — Ihr Herr ruft - Fag. Nun gut —Du kleiner schmutziger Gelbschnabel! Du brauchst nicht so zu schreien. Knabe. Geschwind — geschwind, kommen Sie, Mr. Fag. Fag (spottend). Geschwind, geschwind — was — Du unverschämter Maulaffe! Du willst mir befehlen? Du kleiner ungeschliffner, anmaßender, küchenerzog'- ner Spitzbube! (Stoßt ihn zur Thür hinan- und ab.) (Der Borhang fällt.) Dritter Act. Promenade in Bath. Erste Scene. Lucy tritt auf, später Sir Lucius O'T rigger. Lucy. So — jetzt werde ich noch einen Nebenbuhler meiner Herrin — Liste beifügen können — Capitain Absolut. Indessen, ich werde seinen Namen nicht einschreiben, bis seine Börse mir den schuldigen Tribut gezollt. — Sir Lucius ist gewöhnlich sehr pünktlich — ich wundere mich, daß er noch nicht da ist. Zweite Scene. Vorige. Sir Lucius. Lucius. Ah! meine kleine Abgesandte — ich habe Dich schon lange auf der Südseite der Promenade gesucht. Lucy (einfältig verstellt). Herr Jemini! Und ich habe Euer Gnaden hier auf der Nordseite erwartet! Lucius. Wahrhaftig! das kann die Ursache sein, warum wir uns nicht begegneten. Nun wohl — hast Du mir etwas gebracht? Lucy. Hier, Euer Gnaden — einen Brief. Lucius. Ich dachte wohl, Du würdest nicht mit leeren Händen kommen. (Liest) „Sir — in der Liebe, da ist oft ein plötzlicher instinktartiger Antrieb, der größern Einfluß ausübt, als Jahre häuslicher Verbindung. Solches war die Gemüthsbewegung, die mich erfaßte, die ich fühlte beim ersten oberflächlichen Anblick von Sir Lucius O'Trigger." Sehr hübsch — auf Ehre! „Weibliche Genauigkeit verbietet mir, mehr hinzuzufügen, doch wird es mir unaussprechliche Freude gewähren, zu finden Sir Lucius O'Trigger würdig der äußersten Probe meiner Zuneigung. Ihre, wenn 16 verdienend, Delia." Bei meinem Gewissen , Deine Herrin ist eine große Meisterin der Sprache, hat eine ganz eig'ne Art, sich auszudrücken, Lucy. Ja, Euer Gnaden, eine Lady von solcher Erfahrung. Lucius. Erfahrung? WaS — mit siebzehn Jahren. Lucy. Ja — das ist wahr — aber — sie liest sehr viel. Lucius. Sie muß sehr belesen sein, da sie oft so ganz eigenmächtig schreibt; indessen, wenn Liebe die Feder führt, müßte man ein Unmensch sein, Fehler im Style zu finden. Lucy. Ach! Euer Gnaden — wenn Sie hörten, wie sie von Ihnen spricht— Lucius. O! sag ihr — der beste Gatte werd' ich ihr sein — und Lady O'Trigger wird sie noch obendrein. — Und nun, mein hübsches Kind — (gibt ihr Geld.) hier ist eine Kleinigkeit, Dir ein Band zu kaufen, und komme Abends wieder hierher, um die Antwort auf Dein Briefchen. So — und jetzt, meine Allerliebste — dieses Küßchen als Handgeld, damit Du Dich sein erinnerst. (Er küßt sie.) Lucy. O pfui, Sir Lucius — meine Herrin wird es nicht lieben, wenn Sie so frei sind. Lucius. Auf Ehre — sie wird, kleines Närrchen! Gerade das — pah! Was ist der Name davon? — Richtig — Bescheidenheit — das ist eine Eigenschaft, die Frauen mehr loben als lieben; so — und wenn Deine Herrin Dich fragt, ob Sir Lucius O'Trigger Dir je einen Kuß gegeben — so sag' ihr: fünfzig — hörst Du, kleines Närrchen! (Kneipt sie in die Wange.) Lucy. Wie! — Sie wollen, daß ich ihr eine Lüge sagen soll? Lucius. Ah! Du kleine Motte — ich will es sogleich zur Wahrheit machen. (Will sie küssen.) Lucy. O pfui! pfui! schämen Sie sich! da kommt Jemand! — Lucius. Wahrhaftig! — Nun denn, — ich will Dein Gewissen beruhigen. Adieu, Herzchen! (Geht singend ab. Lucy (auf der entgegengesetzten Seite ab.) Zweite Seene. Capitain Absolut (tritt auf). Capitain. Es ist gerade wie Fag mir erzählte, der diese Neuigkeit von Lucy hörte; mein Vater und Malapro- pos sind also übereingekommen, daß ich Lydia zur Frau nehmen soll. Lächerlich genug, wahrhaftig! Mein Vater will mich zwingen, das nämliche Mädchen zu heirathen, mit der ich komplottire — davonzugehen Willens bin. — Indessen — mein Plan ist gemacht — er soll sogleich meinen Widerruf in meinen Zügen lesen. Meine Bekehrung geschieht zwar auffallend geschwind, doch kann ich meinem Vater versichern, daß sie ganz aufrichtig ist. Ah! da kommt er! Er sieht verteufelt mürrisch aus. (Tritt bei Seite.) Dritte Seene. Capitain, dazu Sir Anthony. Anthony (noch sehr aufgeregt). Nein — eher will ich sterben, als ihm vergeben! — Sterben? Sagt' ich so? Leben will ich — fünfzig Jahre noch leben, ihm zum Verdrösse — zu seiner Plage. Ein hartnäckig — leidenschaftlicher, eigensinniger Junge! Das ist der Lohn, daß ich ihn immer allen seinen Geschwistern vorgezogen — mit zwölf Jahren schon zu einem Regiment gegeben — ihm jährlich eine bedeutende Zulage zu seiner Gage bewillige — aber jetzt will ich nichts mehr von ihm hören — er soll mir nie mehr vor die Augen kommen, nie, nie, nie! 17 Capitain (bei Sekte). Jetzt ein bußfertiges Gesicht. (Laut.) Bester Vater — Anthony. Was! — Was soll's? — Was willst Du? Geh' mir aus dem Wege. Capitain. Bester Vater — Sie sehen einen Bereuenden — Bußfertigen vor sich.j Anthony. Ich sehe einew unverschämten Spitzbuben vor mir. Capitain. Nein, bester Vater — einen aufrichtig Bereuenden. Ich komme, meinen Fehler anzuerkennen, und mich ganz Ihrem Willen zu unterwerfen. Anthony. Wie — wie ist daß? Capitain. Ich habe betrachtet — überlegt — erwogen — Ihre Güte und Nachsicht- Anthony. Gut, gut! Was weiter? Capitain. Ich habe gleichfalls erwogen, was Sie zu bemerken^beliebten — betreffend meiner Pflicht — Gehorsam — Zhrer Autorität — Anthony. Gut, gut — zum Ziele, Hansnarr! Capitain. Das Resultat meiner Betrachtungen ist der Entschluß, jede Neigung von meiner Seite Ihrem Willen, bester Vater, zu opfern. Anthony. Was — Du willst also gehorchen? Nun sieh' — jetzt sprichst Du vernünftig — durchaus vernünftig; gut — jetzt will ich Dich auch wieder Jack heißen. Capitain. Ich fühle mich glücklich bei der Benennung. Anthony. Also denn, mein guter Jack, ich will Dir nun mittheilen, wer die junge Lady ist, die ich Dir bestimmt. Nur Deine Leidenschaftlichkeit, Deine Heftigkeit vorhin, hielten mich ab, Dir's ju sagen. Bereite Dich vor auf Wunder und Entzücken, Jack. — Bereite Dich vor, sage ich-was denkst Du von Miß Lydya Languish? Capitain (sehr kau). Languish? Ah! diese Miß aus Worcestershire? Wiener Theater-Repertoir XXV. Anthony. Worcestershire? Nein! Sahst Du denn nie die Nichte von Madame Malapropos — Miß Lydya? Sie kauften ein Gut in unserer Nähe, gerade ehe Du zu Deinem Regiments abgingst? Capitain. Madame Malapropos — Miß Languish? — Ich kann mich durchaus nicht erinnern, diese Namen je gehört zu haben. — Doch halt — ich glaube, ich erinnere mich jetzt — Languish — Miß Lydya — sie schielt ein wenig — ein kleines, rothhaariges Mädchen, nicht wahr? Anthony. Schielt — rothhaariges Mädchen — zum Teufel, nein! Capitain. Dann muß ich mich geirrt haben. Anthony. Jack — Jack! Was denkst Du von einer blühenden, reizenden, Liebe athmenden Jungfrau von siebzehn Jahren? Capitain. Was das betrifft, bester Vater — das ist mir ganz gleichgültig; Ihnen zu gefallen in dieser Sache ist Alles, waö ich wünsche. Anthony. Nein, Jack — wenn Du sie sehen wirst — diese Augen — solche Augen! So unschuldig wild — so schüchtern unentschlossen! Jeder Blick spricht und zündet Gedanken der Liebe an. Und dann, Jack — ihre Wangen — o ihre Wangen, Jack! So tief errö- thend über das Einschmeichelnde Ihrer sprechenden Augen. Und dann, Jack — ihre Lippen — o Lippen! lächelnd bei ihrer eigenen Bescheidenheit — und wenn nicht lächelnd, noch süßer schmollend, — noch viel liebenswürdiger im Ernste. Und dann, Jack — ihr Nacken — o Jack! Jack! — — Capitain (immer Kälte heuchelnd). Und welche soll ich heirathen, lieber Vater — die Tante oder Nichte? Anthony. Was — Du gefühlloser, gleichgültiger Klotz Du! — Ich verachte Dich, Du Maulaffe! Als ich in Deinem Alter war, eine solche Beschrei- 2 bung würde mich fliegen gemacht haben gleich einer Rakete! — Die Tante — wirklich! PoH Bomben und Granaten! Als ich Deine Mutter entführte, würde ich nichts Altes und Häßliches berührt haben, hätte ich auch ein Königreich dadurch gewinnen können. Capitain. Auch nicht Ihrem Vater zu gefallen? Anthony. Meinem Vater zu gefallen — Teufel — nicht zu gefallen! — Oh — oh! — Za meinem Vater — beim Teufel — ja, ja — wenn mein Vater wirklich gewünscht hätte — das ist eine ganz andere Sache. — Obwohl mein Vater nicht so nachsichtig war, als ich mit Dir; — doch — lassen wir das. — Zack — sag' mir offen — Du bist doch nicht traurig, Deine Braut so schön zu finden? Capitain. Zch wiederhole Zhnen, bester Vater — wenn ich Zhnen nur gefallen kann in dieser Sache, das ist Alles, was ich wünsche. Nicht daß ich meinte, eine Frau fei weniger schätzens- werth deßhalb, weil sie schön ist- aber ich bitte — wenn Sie sich gütigst erinnern möchten — Sie erwähnten vorhin etwas von einem Höcker — von einem Auge — und noch einigen Gaben von dieser Sorte; — nun — ohne eben eine Schönheit zu wünschen, gesteheich doch — ich würde lieber eine Frau wählen mit der gewöhnlichen Anzahl von Gliedern, und einer begrenzten Menge von Rücken; — und obwohl ein Auge ganz angenehm sein mag — so wünschte ich doch nicht — da daS Vorurtheil sich stets zu Gunsten von zwei Augen entschieden hat — Anthony. Was für ein phlegmatischer Hansnarr das ist! Ein kalter, gefühlloser Bursche! Bist Du Soldat? Du bist ein gehender Klotz, nur passend, Deine Uniform zu bestauben! Beim Teufel! Zch hätte große Lust und hei- rathete selbst das Mädchen. Capitain. Zch bin ganz zu Zhrer Verfügung, mein Vater — wenn Sie Miß Languish selbst zu heirathen gedenken, und Sie wünschen es, so nehme ich die Tante; — oder sollten Sie Zhren Sinn ändern und die alte Lady nehmen — es ist mir ganz gleich — ich heirathe die Nichte. Anthony (firirt ihn). Zack — auf mein Wort — Du bist entweder ein großer Heuchler — oder — aber komm, komm — ich weiß — Deine Gleichgültigkeit ist Alles nur Lüge — ganz gewiß — es muß nur Lüge sein; — komm, Zack — laß Dein verdammtes Zögern — Deine bescheiden sittsamen Mienen; — gesteh', Zack, Du hast gelogen — nicht wahr? Hast den Heuchler gespielt? Zch werde Dir nie vergeben, wenn Du nicht gelogen — nicht geheuchelt hast. Capitain. Bester Vater — der Respekt — die Pflichten, die ich gegen Sie habe. Sie könnten glauben- Anthony. Häng' Respekt und Pflichten an den Nagel jetzt und komm mit mir. Zch werde an Madame Malapro- pos sogleich schreiben, und Du wirst der jungen Dame Deine Aufwartung machen; Lydya's Augen werden die PrometheuS-Fackel Dir sein, und nie werde ich Dir vergeben, kommst Du nicht zurück halb verrückt vor Entzücken und Ungeduld — wenn nicht — beim Teufel, dann heirathe ich das Mädchen selbst. (Beide ab.) Verwandlung. Vierte Seene. Zimmer bei Julia. Falkland, später Zulia. Falkland (tritt ein). Man sagte nur doch, Zulia würde sogleich zuruc^ kehren, ich wund're mich, daß sie noch nicht hier ist. — Wie verächtlich erscheint mir bei ruhiger Ueberlegung dieses stets unbefriedigte Temperament! Was für IS eine hohe, ehrbare Freude funkelte aus ihren Augen als wir uns begegneten! Wie süß war die Wärme ihres Ausdrucks! Ich war beschämt, weniger glücklich zu erscheinen, obwohl ich beschlossen, ihr eine Miene voll Tadel und Vorwurf zu zeigen. Sir Anthony's Gegenwart verhinderte meine vorhabende Beschwerde. Sie kommt! — Ich kenne die Schnelligkeit ihres Trittes, wenn sie denkt, daß ihr Falkland ungeduldig die Momente ihres Verweilens zählt. Fünfte Seene. Falkland. Julia. Julia (tritt ein). Ich hoffte nicht, Sie so bald zu sehen. Falkland. Konnte ich zufrieden sein, theure Julia, mit dem Wiedersehen, gestört durch die Gegenwart eines Dritten. Julia. Oh Falkland! Wie kann Ihre Güte mich so glücklich machen! — Und doch — Ihre Kälte in Ihrem Gruß — Falkland. Es war blos üble Laune, theure Julia. Ich war erfreut, Sie zu sehen — Sie gesund zu sehen, und ich hatte sicher keine Ursache, kalt zu sein. Julia. Nun denn, so müssen Sie Etwas übel genommen haben? Sie müssen mir nichts verheimlichen. Falkland. Soll ich es Ihnen gestehen — meine Freude wurde etwas getrübt durch Sir Robert Acre, der mir ausführlicher als ich wünschte, erzählte, wie Sie sich in Devonshire heiter und fröhlich mit Singen — Tanzen und Gott weiß was noch unterhielten; das verstimmte mich-so ist meine Gemüthsstimmung, daß ich jeden fröhlichen Moment, abwesend von Ihnen, als einen Verrath der Treue betrachten würde. Die wechselseitige Thräne, die sich hernieder stiehlt von der Wange getrennter Liebenden, ist ein Vertrag, daß kein Lächeln da soll wohnen, bis sie sich wieder begegnen. Julia. Kann ich denn nie aushören, meinen Falkland dieses sich selbst quälenden Eigensinnes zu beschuldigen? — Kann das nichtige Geschwätz irgend eines albernen Menschen wägen in Ihrer Brust gegen meine geprüfte Zuneigung ? Falkland. Es hat kein Gewicht, theure Julia — nein, nein — ich bin glücklich, wenn Sie es gewesen sind; — doch — nur Eines sagen Sie mir — daß sie nicht mit Heiterkeit sangen — — meiner — Ihres Falkland's, gedachten beim Tanz. Julia. Ich kann niemals glücklich sein in Ihrer Abwesenheit. O glauben Sie mir, Falkland — ich meine nicht, Sie zu tadeln, Ihnen damit Vorwürfe zu machen, wenn ich Ihnen sage, daß ich oft Sorge in Lächeln gekleidet habe, damit meine Freunde nicht vermuthen sollten, wessen Härte meine Thränen verursacht haben. Falkland. Sie sind immer so gut, theure Julia. O ich wäre ein Mensch ohne allem Gefühl, ließe ich auch nur einen Zweifel an Ihrer Treue Raum in meiner Brust. Julia. Wenn jemals, ohne solche Ursache von Ihrer Seite — die ich nicht möglich denken will — Sie fänden, daß meine Liebe sich von Ihnen abwenden würde, so möge ich ein sprichwörtlich gewordener Spott für Unbeständigkeit und Undankbarkeit werden. Falkland. Ach, Julia! Das letzte Wort ist widrig mir und unangenehm. Ich wollte, ich hätte kein Recht auf Ihre Dankbarkeit! Prüfen Sie Ihr Herz, liebe Julia — vielleicht ist, was Sie für Liebe nehmen, nur warme Ergießung eines dankbaren Herzens! Julia. Für welche Eigenschaft wollen Sie denn geliebt sein? Falkland. Für keine Eigenschaft des Geistes noch Verstandes, denn dieß wäre nur mich achten — schätzen; und was meine Person betrifft — ich habe L * 20 oft gewünscht, verunstaltet zu sein, um nur überzeugt zu werden, daß ich keine Verpflichtung für irgend einen Theil Ihrer Liebe schulde. Julia. Ich sehe, Sie sind entschlossen, unfreundlich zu werden. Der Vertrag, in welchem mein verstorbener Vater uns verlobte, gibt Ihnen mehr als eines Liebhabers Vorrechte. Falkland. Wieder, Julia, erheben Sie Gedanken in mir, die meine Zweifel nähren und rechtfertigen. Wie kann ich sicher sein, daß nur ich stets der Gegenstand Ihrer beharrlichen Liebe gewesen? Julia. Dann erproben Sie mich jetzt. Lassen Sie uns, was das Vergangene betrifft, frei sein, wie Fremde — mein Herz wird diese Freiheit nicht fühlen. Falkland. Da — sehen Sie jetzt, Julia — so hastig — so ängstlich wünschen Sie frei zu sein. Wenn Ihre Liebe so heftig — beständig wäre, wie diemei- nige, Sie könnten mich nicht aufgeben, selbst wenn ich es wünschte. Julia. Sie foltern mich in die Seele! Ich kann das nicht länger ertragen — habe Ihnen gewiß keine Ursache dazu gegeben. Die Reue Ihnen zu ersparen, entferne ich mich. (Ab in Lhränen.) Sechste Gerne. Falkland (allein). Falkland. In Thränen! O Julia, bleiben Sie! Nur noch einen Augenblick! — Die Thür verschlossen. Julia — meine Seele — nur einen Augenblick noch! — Ich höre ihr Schluchzen! — O ich Elender! Sie so zu kränken! — Doch halt! Ja — ja — sie kommt! Wie wenig Festigkeit haben doch die Frauen! Wie können einige sanfte Worte sie so ganz umwandeln. (Horchr wieder.) Nein — beim Himmel! Sie kommt uicht. Ah! das ist nicht mehr Festigkeit — das ist Hartnäckigkeit — Halsstarrigkeit! Doch ich verdiene es. — Nach so langer Abwesenheit sie so zu behandeln! Es war grausam — unmännlich — unwürdig eines Mannes; — ich sollte beschämt sein, sie jetzt zu sehen; ich will warten, bis ihre gerechte Aufwallung sich gelegt, und wenn ich je sie wieder betrübe, soll sie nie mehr mir vergeben — mag ich sie verlieren für immer! (Ab.) Verwandlung. Zimmer bei Madame Malapropos. Siebente Seene. Madame Malapropos, einen Brief in der Hand, tritt ein, Capitain folgt. Malapropos. Daß Sie Sir An- thony's Sohn sind, Herr Capitain, würde sie hinreichend schon empfehlen, und von der Offenheit und Freimüthig- keit Ihrer Erscheinung bin ich überzeugt, daß Sie vollkommen das Zeugniß verdienen, das in diesem Brief Ihr Herr Vater Ihnen gibt. Capitain. Erlauben Sie, gnädige Frau, zu erwiedern, daß ich noch nie das Vergnügen hatte, Miß Lydya zu sehen; mein größter Wunsch ist gegenwärtig, mit Ihnen, gnädige Frau, verwandt zu werden, von deren geistiger Ausbildung, eleganten Manieren, und ungekünstelter Redeweise jede Zunge spricht. Malapropos. Sie sind zu gütig, Herr Capitain. Ich bitte, sich gefälligst zu setzen. (Sehen sich.) Ach! Wenige Männer heut zu Tage wissen die geistigen Eigenschaften in Frauen zu schätzen. Die Männer haben nur Gefühl für die werthlose Blume der Schönheit. Capitain. Es ist nur zu wahr, gnädige Frau! Doch ich fürchte, auch unsere Damen müssen den Tadel Heilen ; sie denken sich unsere Bewunderung der Schönheit so groß, daß Kenntnisse ganz überflüssig wären; so, gleich den Garten-Bäumen, zeigen sie selten eher 21 Frucht, als bis die Zeit sie der kostbarer'» Blüte beraubt hat; wenige, gleich Ihnen, gnädige Frau und dem Orangenbaum, sind reich an Frucht und Blüte zugleich. Malapropos.Herr CapiLain — Sie schmeicheln zu sehr. (Bei Seite.) O! Er ist der Inbegriff aller Höflichkeit. (Laut.) Es wird Ihnen nicht unbekannt sein, Herr CapiLain, daß meine Nichte Zhre Zuneigung einem bettelhaften Landstreicher zugewendet hat, den Niemand kennt — von dem Niemand etwas weiß. CapiLain. Ich habe gehört von der Sache; doch habe ich deßwegen kein Vorurtheil gegen Miß Lydya; aber für Sie, gnädige Frau, muß es höchst betrübend sein. Malapro po s. O es verursacht mir Mutterbeschwerden zu einem solchen Grade — ich vermag es Ihnen nicht auszudrücken! Da dachte ich nun, sie hätte auf meine Ermahnungen abgelaffen, mit ihm zu korrespondiren, aber nein, gerade heute habe ich einen Brief von dem Menschen aufgefangen; ich glaube, ich habe ihn hier in meiner Tasche. Capitain (bei Seite). Ah, der Teufel ! Mein letztes Billet. Malapropos (sucht). Ja, ja— da ist er. CapiLain (bei Seite). Wirklich mein Billet. Die kleine Verrätherin Lucy. Malapropos. Vielleicht ist Ihnen die Handschrift bekannt; nehmen Sie gefälligst. Capitain (nimmt den Brief). Ja — wirklich — ich glaube die Schrift schon irgendwo geseh'n zu haben; ganz gewiß — ich habe sie schon gesehen. Malapropos. Ich bitte, lesen Sie, Herr CapiLain. Capitain (liest.) „Meiner Seele Ideal — meine angebetete Lydya!" Sehr zärtlich, in der That. Malapropos. Ja, zärtlich und ruchlos zugleich. Capitain (liest). „Ich bin außerordentlich beunruhigt durch die Nachricht , die Sie mir mitgetheilt; um so mehr, da mein neuer Nebenbuhler" — Malapropos. Das sind Sie, Herr Capitain. Capitain. „Allgemein das Zeugniß hat, ein sehr gebildeter, talentvoller Mann, und ein Mann von Ehre zu sein." Wohl — das ist recht hübsch. Malapropos. O der Mensch hat seine Absichten, so zu schreiben. Capitain. Die hat er, gnädige Frau — das will ich verantworten. Malapropos. Aber ich bitte, fahren Sie fort; Sie werden gleich sehen — Capitain (liest). „Was den alten wettergeschlagenen Drachen betrifft" — — Wen kann er damit meinen? Malapropos (sehr heftig). Mich — mich, Herr Capitain — er meint mich! — Was denken Sie jetzt? — Doch ich bitte, nur fortzufahren. Capitain. Unverschämter Schurke! — (Liest.) „Da werde ich denn Alles aufbieten, ihre Wachsamkeit zu umgehen; und da man mir sagte, daß sie eine beträchtliche Portion lächerlicher Eitelkeit besitzt, welche sie veranlaßt, ihre häßlich männlichen Züge zu verkleistern — ihr albernes Geschwätz mit solchen Redensarten und Ausdrücken zu schmücken, die sie selbst nicht versteht" — Malapropos (ihn unterbrechend). Da — da, Herr Capitain, was sagen Sie jetzt? Ein Angriff auf meine Art zu sprechen! — Ist das ein roher Mensch! Wenn ich in Etwas Meisterin bin, so ist's im Gebrauch meiner vaterländischen Zunge — durch ein hübsches Entfalten und Ordnen der Rede. Capitain. Ah! der Mensch verdient gehenkt und geviertheilt zu werden! Lassen Sie mich sehen — (liest.) „eine beträchtliche Portion lächerlicher Eitelkeit — Malapropos. Sie brauchen das nicht nochmalzu lesen, Herr Capitain — Capitain. Ich bitte um Verzeihung, 22 gnädige Frau (liest) , „daß sie sich der allergröbsten Täuschung durch Schmeichelei bloßftellt — so habe ich einen Plan entworfen, Sie mit der alten Quälerin Einwilligung zu sehen — ja, ich will es sogar so einrichten, daß sie selbst zu unserer Zusammenkunft uns behülflich sei. Malapropos. Haben Sie je solch' eine Unverschämtheit gesehen — je so Etwas gehört? Er will meine Wachsamkeit umgehen! Wir wollen sehen, wer besser komplottiren kann. Capitain. Ja, das wollen wir, gnädige Frau — das wollen wir, ha, ha, ha! — Aber gnädige Frau — da Miß Lydya ganz verblendet und bethört durch diesen Menschen zu sein scheint, wie wäre es, wenn Sie bei ihrer Corre- spondenz ihr durch die Finger sehen möchten — ja Beide gewahren ließen bis zur Entführung; im rechten Moment erscheine ich dann, und entführe sie an seiner Statt?! Malapropos. O ich bin entzückt über Ihren Plan — ja, das wollen wir, Herr Capitain. Capitain. Aber, ich bitte, gnädige Frau, könnte ich Miß Lydya nicht auf einige Augenblicke nur sehen? Malapropos. Ich weiß nicht, ob — ich zweifle, daß sie auf eine Visite dieser Art vorbereitet ist; es ist doch eine gewisse Schicklichkeit zu beachten — Capitain. O sie wird nichts beachten und kommen, sagen Sie ihr nur, Beverly — Malapropos (schnell). Herr Capitain — Capitain (bei Seite). Sanft, gute Zunge! Malapropos. Was — was sagten Sie von Beverly? Capitain. O ich war eben im Begriff zu bemerken, daß Sie ihr sagen möchten — nur so nebenher, als Scherz — daß es Beverly wäre, der ihrer harre, sie würde gann gewiß schnell kommen. Malapropos. Ja — das wäre ein Streich, den sie wohl verdiente; außerdem wissen Sie, der Mensch sagte, er würde meine Einwilligung bekommen, sie zu sehen. Ha, ha, ha! Mag er es versuchen, ob er kann! Ha, ha, ha! — Will es so einrichten, daß ich selbst zu ihrer Zusammenkunft thätig sein werde — es ist zu drollig! Ha, ha, ha! Capitain. Ha, ha, ha! — Ha, ha, ha! Malapropos. Ich wundere mich nicht über Ihr Lachen, Herr Capitain — solche Unverschämtheit ist wirklich zu lächerlich! Ha, ha, ha! Capitain. Ja wirklich — ha, ha, ha! Auf Ehre, gnädige Frau — ha, ha, ha! Malapropos. Ich werde sie sogleich rufen lassen. (Im Begriff zu klingeln, besinnt sie sich eines Andern.) Doch nein — ich will selbst sie holen — ihr mit einem Male sagen, daß Sie, Herr Capitain hier sind und sie zu sprechen wünschen, ich werde sie zwingen, sich zu betragen, wie es sich für eine junge Lady schickt. Capitain. Ganz wie Sie belieben, gnädige Frau. Malapropos. Für den Augenblick Ihre Dienerin, Herr Capitain. (Geht und kehrt wieder um.) Ah — Sie haben noch nicht genug gelacht, Herr Capitain — ha, ha, ha! Er will meine Wachsamkeit umgehen, es ist zu drollig — ha, ha, ha! (Lachend ab.) Capitain. Ha, ha, ha! — Man sollte denken, daß ich jetzt meine Maske abwerfen und meine Beute ergreifen würde — aber nein — Lydya's Caprice ist derart, daß, sie enttäuschen, wahrscheinlich auch sie verlieren hieße. Ich höre Tritte — ich will doch sehen, ob sie mich sogleich erkennt. (Er tritt auf die Seite, sich beschäftigend, die Gemälde an der Wand zu besehen.) 23 Achte Geeite. Capitain. Lydya. Lydya (tritt heftig ein). Was für ein Austritt wird mich erwarten! Gewiß — es kann nichts Schrecklicheres geben, als alberne Huldigungen entgegennehmen zu müssen. Ich habe oft von verfolgten Mädchen gelesen, die in solcher Lage wie ich, sich an die Groß- muth ihrer Freier gewendet haben; wie wäre es, wenn ich ein Gleiches thäte? Ah — da steht er! Auch ein Offizier — aber wie wenig ähnlich meinem Beverly. Ich wundere mich, daß er nicht zu sprechen anfängt — er scheint ein sehr nachlässiger Freier zu sein. — Ganz seine Leichtigkeit, sein Benehmen! — Zch will nur selbst anfangen. — Herr Capitain — Capitain (wendet sich um). Lydya. Himmel! Beverly! Capitain. O still — still! meine Seele! — Seien Sie nicht überrascht, theure Lydya! Lydya. O wie bin ich so erstaunt — so erschreckt — so entzückt! Um des Himmelswillen, wie kommen Sie hieher? Capitain. Ganz kurz— ich habe Ihre Tante getäuscht; ich war unterrichtet, daß mein Nebenbuhler Sie heute Abend besuchen würde — habe ihn abgehalten zu kommen, und mich selbst für ihn ausgegeben. Lydya. O köstlich — köstlich! Und hält sie Sie wirklich für den Capitain Absolut? Capitain. O sie ist überzeugt davon. Lydya. Ha, ha, ha! Zch kann das Lachen nicht zurückhalten — zu denken, daß wir sie auf eine solche Art überlistet — es ist zu drollig! Capitain. Aber theure Lydya, tändeln wir nicht mit den kostbaren Augenblicken, lassen Sie sich beschwören, mein herablassender Engel, mir eine Zeit zu bestimmen, wo ich Sie aus unverdienter Verfolgung befreien, und mit erlaubter Begeisterung durch Priesters Segen, Sie mein nennen darf. Lydya. Wollen Sie denn, Beverly, einwilligen, den Theil meines armseligen Vermögens aufzuopfern, den ich verliere, wenn ich ohne meiner Tante Bewilligung mich vermähle? Wollen Sie diese Bürde an den Flügeln der Liebe aufopfernd Capitain. Kommen Sie, meine theure Lydya, reich allein an Liebenswürdigkeit ! Bringen Sie nichts, als Ihre Liebe mit — es wird edel von Ihnen sein, theure Lydya — Sie wissen ja zu wohl, daß dieses auch nur die einzige Ausstattung ist, die Ihr armer Beverly Zhnen wiederzugeben vermag. Lydya (bei Seite). Wie überredend sind seine Worte! Wie entzückend wird Armuth an seiner Seite sein! Capitain. Beim Himmel! Hinwegwerfen mit verschwenderischer Hand würde ich alle Güter des Glücks, mich des Augenblicks zu erfreuen, wo ich meine theure Lydya an die Brust drückend, ihr versichern darf: die Erde bringt kein Lächeln für mich hervor, als nur hier. (Umarmt sie.) Lydya (bei Seite). Jetzt könnte ich mit ihm fliehen — aber — meine Verfolgung ist noch nicht zur Krisis gekommen. Reimte Gerne. Vorige. Madame Malapropos. Malapropos (horcht an der Thüre, bei Seite). Zch bin ungeduldig, zu erfahren, wie Lydya sich benimmt. Capitain, So nachdenkend, Lydya — hat denn Ihre Begeisterung nachgelassen ? Malapropos (bei Seite). Begeisterung , nachgelassen? Sie war also leidenschaftlich.' Lydya. O nie — und sie wird's auch niemals, so lang ich athme! Malapropos (bei Seite). Ein 24 übellaunig, kleiner Teufel! Sie will leidenschaftlich bleiben durch's ganze Leben. Lydya. Lassen Sie den Capitain Absolut Ihre Wahl sein — ich wähle Beverly. Malapropos (bei Seite). Ich werde zu Stein über diese Dreistigkeit! Ihm das in's Gesicht zu sagen! Capitain. O so lassen Sie verstärken meine Bitten — (kniet nieder). Hier auf den Knieen flehe ich, bestimmen Sie — Malapropos (bei Seite). Ah! der arme junge Mann — auf den Knieen fleht er um Mitleid — ich kann mich nicht länger halten. (Laut.) Sie böses Kind — ich habe Alles behorcht. Capitain tbri Seite). O verwünscht sei ihre Wachsamkeit! Malapropos. Ah! Herr Capitain — ich weiß kaum, wie ich meiner Nichte abscheuliche Ungezogenheit entschuldigen soll. Capitain (bei Seite). Ah! Dem Himmel Dank — Alles ist sicher! (Laut.) O ich habe Hoffnung, gnädige Frau, daß die Zeit bei Miß Lydya — Malapropos. Da ist wenig zu hoffen, Herr Capitain — sie ist so eigensinnig, wie ein Alligator an den Ufern des Nils! Lydya. Aber Tante — wessen beschuldigen Sie mich schon wieder? Malapropos. Wie — Sie nicht erröthende Rebellin — sagten Sie nicht dem Herrn Capitain in's Gesicht, daß Sie einen Andern mehr liebten? daß Sie nie die Seine würden? Lydya, Nein, Tante — das sagt' ich nicht. Malapropos. Gütiger Himmel! Welche Dreistigkeit! Lydya, Sie sollten wissen, daß das Lügen sich durchaus nicht schickt für eine junge Dame. — Prahlten Sie nicht erst, daß Bever — der Landstreicher Beverly ihr Herz besitze ? Sagten Sie nicht so! Lydya. Das ist wahr, Tante, und Keiner als Beverly —- Malapropos (eknfallend). Halten Sie ein mit Ihrer Dreistigkeit! Sie sollen nicht so ungesittet sich betragen — nicht so unanständig sprechen. Capitain. Darf ich bitten, gnädige Frau, Miß Lydya nicht zu hindern in ihrer Rede; es verletzt mich nicht im Geringsten. Malapropos. Sie sind zu gütig, Herr Capitain — zu liebenswürdig geduldig. — Kommen Sie jetzt, Miß Lydya. — Herr Capitain, ich bitte, uns bald wieder zu beehren, und ja nicht zu vergessen, was wir abgemacht haben. Capitain. O gewiß nicht, gnädige Frau. Malapropos (zu Lydya). Nehmen Sie freundlichen Abschied vom Herrn Capitain. Lydya. Möge jeder Segen des Himmels beglücken meinen Beverly — meinen innigst geliebten Beverly! — Malapropos. Kommen Sie — kommen Sie. (Verhindert sie weiter zu sprechen und drängt sie zum Fortgehen. Capitain hat Lydya die Hand geküßt und folgt.) (Der Vorhang fällt.) Vierter Act. Zimmer bei Acre. Erste Scene. Acre und David. Acre (elegant gekleidet, sich im Spiegel besehend, und sehr linkisch sich benehmend). Ja, wirklich, David — Kleider machen einen großen Unterschied, es geht nichts über das sich Policen — glätten — David. So sagt' ich auch von Euer Gnaden Stiefel, aber der Junge beachtet es nicht. Acre. David, ist Mr. äs Is 6rsoe schon hier gewesen? Ich muß ein wenig 2S meinen schwankenden Gang — bäurisches Wesen — und Zägermanieren verbessern. David. Noch nicht — aber ich will sogleich hinsenden. Acre. Thue das, David, und laß' auch gleich auf der Post Nachfragen, ob kein Brief für mich da ist. David. Sogleich , Euer Gnaden — Ich kann Euer Gnaden nicht genug ansehen; wäre ich nicht dabei gewesen, wie der Friseur Euer Gnaden Kopf zurecht gemacht, ich würde darauf schwören, Euer Gnaden find es nicht. (Ab.) Zweite Seene. Acre (allein, kommt vorwärts, sich im Lanzen übend). „Abnehmen — schleifen — Biegeschritt!" — Verwünscht sei der Erfinder dieser Cottillons! das geht schlechter als das Rechnen bei mir! Ich kann ganz hübsch eine Menuette mitmachen, wenn ich dazu gezwungen werde, und bei unfern Ländlern bin ich immer für einen guten Tänzer gehalten worden, aber Potz Pfeife und Trommel! Nie konnte ich dieses abscheuliche Ueberschrei- ten und Dahinfliegen — Figur rechts Figur links — diese ausländisch heidnischen Galops und Cottillons leiden! das geht über meine Kräfte, — das zu erlernen wird mir wohl nie gelingen, denn meine echtgebornen englischen Beine werden diese verwünschte französische Fußsprache nie verstehen lernen! Ihr p»8hier — p»8 dort und p»8 anderswo — verdammt seien sie! Meine Füße sind keine Katzenpfoten! Diener (kommt und meldet). Baron Lucius O'Trigger. Acre. Sehr willkommen. (Diener ab.) Dritte Seene. Lucius O'Trigger. Acre. Lucius. Mein theurer Freund — herzlich willkommen in Bath! Acre. Mein lieber Freund Sir Lu> cius — hoch erfreut, Sie zu sehen. (Schütteln sich die Hände.) Lucius. Was hat Sie so schnell — so plötzlich nach Bath gebracht? Acre. Ach! verehrter Freund, ich bin Cupido's Irrlichtern gefolgt, und finde mich in einen Morast geführt; das will sagen, mein sehr werther Sir Lucius, ich bin gemißbraucht worden — ja, ja — sehen Sie mich nur an — Sie sehen einen sehr schlecht behandelten Freier vor sich. Lucius. Bitte—was ist gescheh'n? Acre. Sehen Sie, mein werther Freund — ich verliebe mich so viel als nöthig in eine junge Lady — ihre Tante ist auf meiner Seite, ich folge ihr nach Bath — schreibe der Tante, daß ich angekommen sei, und empfange die Antwort, daß sie sich anders besonnen — und über die Nichte bereits verfügt hat — das, theurer Freund, kann ich doch gemißbraucht nennen? Lucius. Ja, sehr gemißbraucht — auf Ehre! Aber — wissen Sie denn nicht den Grund davon? warum die alte Dame so gehandelt? Acre. O ja — die Sache verhält sich so; — da ist ein anderer Liebhaber, ein gewisser Beverly, der, wie man mir sagte, sich auch in Bath befindet. Potz Klinge und Scheide! Er muß im Grund der Erde wohnen, sonst hätte ich gewiß schon erfahren, wo ich ihn finden kann. Lulius. Ein Rival also — und Sie denken, daß er Sie unredlicher Weise verdrängt hat? Acre. Ganz gewiß — redlicher Weise kann er es nicht gethan haben. Lucius. Dann wissen auch Sie, was Sie zu thun haben! Acre. Nein, auf Ehre nicht. Lucius. Wir tragen keine Degen hier — aber — Sie verstehen mich? Acre (erschrickt). Wie? Zch soll ihm wohl eine Ausforderung schicken? LS Lucius. Ganz gewiß — was kann ich anders meinen? Acre. Aber dazu hat er mir ja keinen Anlaß gegeben. Lucius. Nun, ich denke, er hat Sie auf's ärgste beleidigt. Kann ein Mann eine gottlosere Beleidigung gegen einen Andern begehen, als sich in die nämliche Dame zu verlieben? Das ist der abscheulichste Bruch der Freundschaft! Acre. Bruch der Freundschaft? Ja — ja — ganz richtig! — Aber — ich habe ja keine Bekanntschaft mit diesem Manne — habe ihn gar nie gesehen. Lucius. Das ist kein Beweis — um so weniger Recht hat er, sich eine solche Freiheit zu nehmen. Acre. Wahrhaftig — Sie haben Recht — ich werde immer zorniger — ja — ich entzünde zusehends! — Potz Klinge und Scheide! Ich finde, daß ein Mann viel Tapferkeit und Muth in sich haben kann, ohne es selbst zu wissen! Aber — theurer Freund — könnt' ich denn nicht erfinden, ein Bischen Recht auf meiner Seite zu haben? Lucius. Was zum Teufel bedeutet Recht, wenn es Ihre Ehre betrifft! Denken Sie, Achilles oder mein kleiner Alexander der Große fragten je, wo das Recht lag? Bei meiner Seele — Sie zogen ihre breiten Schwerter und überließen dem faulen Sohn des Friedens das Recht des Streites abzumachen. Acre. Ihre Worte find ein Grenadier- Marsch zu meinem Herzen! Ich glaube, der Muth muß ansteckend sein! Ich fühle eine Courage in mir erwachen — eine Courage, die ich nie zuvor gekannt. Potz Flinten, Schwerter und Kanonen! Sogleich will ich ihn fordern. Lucius. Ach! lieber Freund — wenn wir in Blunderbuß, meiner Ahnen Schloß wären, ich könnte Ihnen eine Reihe von meinen Vorfahren aus der O'Trigger Linie zeigen, wo Jeder von ihnen seinen Mann im Duell getödtet hat. Obwohl Schade — daß das Schloß und die schmutzigen Aecker ich Alle durchge — verkauft, wollt' ich sagen, — meine Ehre und die Portraits meiner Ahnen sind noch so frisch wie ehmals. Acre. O Sir Lucius — auch ich habe meine Ahnen! Jeder von ihnen war Oberst oder doch Hauptmann in der Bürgerwehr! Potz Kugeln und Granaten! Ich sage nichts mehr — aber ich bin jetzt in Wuth! — Der Donner Ihrer Worte hat die Milch der menschlichen Güte in meiner Brust versauert! Blitz und Kanonen! Wie der Mann in dem Theaterstück sagt: „Ich könnte Thaten thun — Thaten —" Lucius. Bester Freund — beruhigen Sie sich — es darf keine Leidenschaft bei solchen Sachen sein — so Etwas muß immer, der Sitte gemäß, höflich abgemacht werden. Acre. Ich muß in Leidenschaft sein — ich muß in Wuth sein! Wenn Sie mich lieben, bester Sir Lucius, so lassen Sie mich in Wuth sein! Kommen Sie — hier ist Feder und Tinte. (Setzt sich zum schreiben.) O ich wollte, daß die Tinte roth wäre — ich sage blutroth! Potz Kugeln und Granaten! Einen kühnen Brief will ich ihm schreiben — wie soll ich nur gleich anfangen? Lucius. Ich bitte Sie, bester Freund — beruhigen Sie sich — Acre. Soll ich mit einem Fluch anfangen ? Ach! Freund — lassen Sie mich mit einem Fluch anfangen! Lucius. Nein, nein — verehrter Sir Acre — machen Sie die Sache anständig und gleich einem Christen ab. Fangen Sie so an: — „Mein Herr!" Acre. Ah! das ist viel zu höflich! Lucius. „Zu verhindern die Con- fusion, die —" Acre (schreibt). Confufion — Lucius. „Die entstehen könnte, wenn wir Beide um eine und dieselbe Dame freien —" Acre. Ja — ganz recht — das ist ein Grund — eine und dieselbe Dame—gut. 27 Lucius. „So erbitte ich mir die Ehre Ihrer Gesellschaft —" Acre. Ah! — Potztausend.' Ich lade ihn ja nicht zum Mittagessen ein? Lucius. Bitte — bitte, beruhigen Sie sich doch — „Gesellschaft, unsere Ansprüche abzumachen —" Acre (schreibt). Ansprüche—sehr gut. Lucius. „Auf der Königswiese — Abends sieben Uhr." Acre. Sieben Uhr. So — das ist geschehen — jetzt den Brief zusammengelegt und gesiegelt mit meinem eig'nen Siegel. Lucius. Sie werden sehen — diese Erklärung wird auf einmal alle Mißverständnisse lösen, und die Confusion verhindern, die zwischen Ihnen entstehen könnte. Acre. Ja — wir werden also fechten — Mißverständnisse zu lösen — Confusion zu verhindern. Lucius. Ich überlasse Ihnen nun, die Zeit zu bestimmen. Nehmen Sie meinen Rath und entscheiden Sie die Sache noch diesen Abend, wenn möglich, dann lassen Sie das Aergste kommen, jedenfalls wird Ihnen leichter werden. Acre. Sehr wahr! — Lucius. Ich werde Sie nun heute nicht mehr sehen vor Abend, es sei denn, brieflich von Ihnen zu hören. Gerne würde ich mir die Ehre geben — den Gegner aufzusuchen, und ihm die Ausforderung zu überbringen, aber — Ihnen ein Geheimniß mitzutheilen, ich habe gerade eine gleiche Angelegenheit abzumachen. Da ist ein muthwilliger Capi- tain, der sich unlängst auf meine und meines Vaterlandes Kosten einen Scherz erlaubt hat — ich brauche ihm nur zu begegnen, um ihn zu fordern. Acre. Bei meiner Tapferkeit! — Ich möchte Sie gerne zuerst kämpfen sehen — möchte gerne sehen, wie sie ihn todt machen; es wäre nur, ihm eine kleine Lektion zu geben. Lucius. Ich werde stolz sein, Sie zu unterrichten. Also — aufWiedersehen denn diesen Abend — und wenn Sie Ihren Gegner treffen, vergessen Sie nicht, die Sache auf eine milde anständige Art und Weise abzumachen. Lassen Sie Ihren Muth kühn und scharf, und zugleich so geglättet sein, wie Ihr Schwert. (Ab.) Vierte Scene. Acre, gleich dazu David. Acre (geht einige Male rasch auf und ab, dann hastig zum Lisch, wo er heftig klingelt). David (tritt ein). Euer Gnaden befehlen ? Acre. David — schnell eile zu meinem Freund, Capitain Absolut, ich lasse ihn bitten, wenn möglich, mich sogleich zu besuchen, solltest Du ihn nicht zu Hause treffen, so sieh' aus die Promenade, vielleicht ist er dort. David. Sehr wohl — doch — erlauben Euer Gnaden — Sie sind so aufgeregt — ich habe Sie nie zuvor so aufgeregt gesehen. Acre. Glaube Dir's, ehrlicher David — es betrifft aber auch eine Sache von höchster Wichtigkeit — ich habe ein Duell. David. Ach! — Ein Duell! — Wie bin ich erschreckt! Ach! du lieber Himmel! Ihre gnädige Mama — die alte Dame wird vor Angst sterben, wenn sie davon hört. — Ach! Euer Gnaden — ich würde das nicht thun um ein Königreich. A cre. Das verstehst Du nicht, David. — Kein Edelmann soll den Verlust seiner Ehre riskiren. Meine Ehre ist beleidigt — ich muß sehr sorgfältig auf meine Ehre bedacht sein. David. Wohl, Euer Gnaden — ich würde sorgfältig darauf bedacht sein, aber ich denke, meine Ehre sollte auch gegenseitig auf mich bedacht sein — sollte nie den Verlust eines Edelmanned 28 riskiren. — Die Ehre, Euer Gnaden, scheint mir ein gar wundersamer falscher Freund. — Denken Euer Gnaden, ich wäre ein Edelmann — meine Ehre zwingt mich zu einem Duell — ich, zu meinem Glück, tödte meinen Gegner — wer hat den Profit davon? — Meine Ehre? — Stellen wir jedoch den Fall — er tödtet mich — ich, Euer Gnaden, werde der Würmer Speise, und meine Ehre — ' Acre. Deine Ehre — PoH Lorber und Kronen! Deine Ehre folgt Dir in's Grab. David. Ach! Euer Gnaden — das ist erst der letzte Platz, den ich wählen würde — wo ich ganz zufrieden wäre, dürft' ich nie Etwas damit zu thun haben. Acre. Potz tausend, David — Du bist ein Hasenfuß! — Es schickt sich nicht, bei meiner Tapferkeit, Dir länger zuzuhören! Soll ich meine Ahnen im Grabe entehren? Denk' nur, David — ich würde meine Ahnen im Grabe noch entehren! David. Mit Euer Gnaden gütiger Erlaubniß — der sicherste Weg, sie nicht zu entehren, dünkt mich, ist, wenn Sie so lang als möglich sich von ihrer Gesellschaft fern halten. Sehen Euer Gnaden — warum in solcher Eile — vielleicht mit einem Loth Blei im Gehirn dem Grabe zueilen; — ich sollte meinen, es möchte wohl besser sein, davon abzustehen. Unsere Ahnen mögen ganz gute Leute gewesen sein, aber es wären gewiß die letzten Personen, denen ich eine Visite abstatten möchte. Acre. Aber David — glaubst Du denn, daß eine so große — so sehr große Gefahr dabei ist? Viele duelliren sich, ohne daß ein Unglück dabei geschieht. David. Ach, Euer Gnaden — Zehn gegen Eins, — hier ist Alles gegen Sie. — Denken Euer Gnaden — so ein löwenköpfiger Bärenbeißer — mit doppelt geschlissenem Degen, und seinen doppelläufigen Pistolen! Prr! Es schaudert mich, wenn ich nur daran denke! Ich konnte diese verzweifelt blutigen Waffen nie leiden — ich glaube, kein wildes Thier ist so unbarmherzig als solche Pistolen. Acre. Potztausend! Ich will mich nicht fürchten! Potz Feuer und Wuth! Du sollst mir keine Furcht machen! Hier ist die Ausforderung und Du gehst sogleich zu meinem Freund Capitain Absolut — der wird sie übergeben. David. Wohl, Euer Gnaden — ich gehe, aber ich wasche meine Hände in Unschuld. (Deutet auf den Brief.) Wahrhaftig, Euer Gnaden — der Brief sieht gar nicht aus, wie ein anderer — er sieht — ich möchte sagen, so hinterlistig, so boshaft aus! Dann, Euer Gnaden — ich bilde mir's gewiß nicht ein — ich rieche Pulver, wie in eines Soldaten Patrontasche! — Ich würde nicht schwören, daß es nicht prasselnd und knallend verpuffend losgehen möchte. Acre. Hinaus, Du Hasenfuß —- Du feigherzig krächzender Rabe! — sogleich thue, was ich Dir befohlen! Ich will mich duelliren-, weil ich bei Courage bin. Fünfte Scene. Ein Diener. Vorige. Diener (meldet). Capitain Absolut, Sir, wünscht Sie zu sprechen. Acre. Sehr willkommen. (Diener ab.) Wie gerufen. David. Wohl — der Himmel gebe, daß wir morgen um diese Zeit noch leben. Acre. Was soll das, David? — reize mich nicht länger — pack' Dich sogleich. David (schluchzend). Ich geh'schon, Euer Gnaden. (Ab.) Sechste Scene. Capitain. Acre. Capitain. Guten Tag, Bob! 29 Acre. Du kommst wie gerufen, theu- rer Freund — eben wollte ich um Dich senden. Capitain. Was gibt's, Bob — Du bist so aufgeregt — was hast Du? Acre. Ah! Hab' mich eben geärgert — ein niederträchtig, dickköpfig, schafherziger Dummkopf, mein David! Hätte ich nicht jetzt den Muth St. Georgs — doch ja — warum ich Dich zu sprechen gewünscht — da — (Er gibt ihm die Ausforderung.) Capitain (der herzlich gelacht, nimmt den Brief und liest die Adresse). „An Fähnrich Beverly!" So! — was soll das? Was enthält der Brief? Acre. Eine Ausforderung. Capitain (lächelnd). Wirklich? Du wirst Dich doch nicht mit ihm schlagen, Bob? Acre. Beim Himmel! Jack — das werde ich! — Mein Freund Lucius O'Trigger hat mich dazu bearbeitet. Er hat mich in voller Wuth verlassen, und ich bin entschlossen, noch diesen Abend mich zu schlagen mit ihm, damit so viel edle Leidenschaft nicht verraucht. Capitain. Aber was soll ich mit diesem? (Auf den Brief weisend.) Acre. Ich dachte, Du wüßtest Etwas von diesem Burschen; — ich wollte Dich bitten, ihm die Ausforderung zu übergeben. Capitain. Ah! so — gut — verlasse Dich darauf, er wird sie erhalten. Acre. Meinen besten Dank, mein lieber Jack! Aber — nicht wahr — ich mache Dir viel Mühe — belästige Dich sehr? ' Capitain. O nicht im Geringsten! Ich bitte Dich, es nicht zu erwähnen, es ist nicht des Erwähnend werth — ich versichere Dich. Acre. Du bist so gütig! Wie ist es doch gut, einen wahren Freund zu haben! — Doch noch Eins, Jack — möchtest Du nicht mein Sekundant sein? Dürft' ich Dich bitten? Capitain. Dein Sekundant? Nein, Bob — nicht in dieser Angelegenheit — das würde nicht gut gehen. Acre. Nicht — nun dann muß ich meinen Freund Sir Lucius O'Trigger ersuchen. Aber — ich habe doch Deine besten Wünsche für mein Glück, Jack — nicht wahr? Capitain. Wo immer wir uns treffen, sei versichert. Siebente Scene Ein Diener. Vorige. Diener (meldet). Sir Anthony Absolut sind unten, fragend nach dem Herrn Capitain. Capitain. Ich komme sogleich. (Diener ab.) Nun, mein kleiner Heros, glücklicher Erfolg begleite Dein Unternehmen. (Will gehen.) Acre. Höre, Jack — noch einen Augenblick! Sollte Beverly fragen, was für ein Mann ich bin — so sag' ihm, ich bin ein Teufelskerl — willst Du, Jack? Capitain. O sei gewiß — ich werde ihm sagen, daß Du ein höchst resoluter Raufbold bist. Acre. Ja, ja — thue das — und wenn er sich etwa füchtet — vielleicht kommt er dann nicht. — Sage ihm, gewöhnlich jede Woche ist Einer mein Opfer. Capitain. Ich will, — ja will ihm sagen, daß man Dich im ganzen Lande den Todtschläger Bob nennt. Acre. Recht so — recht so! Es ist ja nur, um Unglück zu verhüthen; ich will ja nicht sein Leben — nnr meine Ehre reinigen. Capitain. Ja wohl — das ist ja ohnehin gütig von Dir! Acre. Wie, Jack — Du wirst doch nicht wünschen, daß ich ihn tödte? Capitain. Nein, auf Ehre, ich wünscht' es nicht. (Im Begriff zu gehen.) Aber ein Teufelskerl, nicht wahr? Acre. Recht so, Jack. — Aber halt, 30 Jack — Du könntest noch hinzufügen, daß Du mich noch nie in solcher Wuth gesehen — in Alles verschlingender Wuth! Capitain. Ich will — gewiß, ich werde. Acre. Und dann, Jack — vergiß nicht — „ein resoluter Raufbold!" Capitain. Ja, ja — Todtschläger Bob! (Ab.) Verwandlung. Zimmer bei Madame Malapropo-. Achte Scene. Madame Malapropos. Lydya. Mal apropos (im Hercintreten). Was haben Sie an ihm auszustellen? Ist er nicht ein schöner Mann? Ein artiger Mann? Eine hübsche Figur von einem Mann? Lydya (bei Seite). Sie denkt wenig, wen fie lobt. (Laut.) So ist Beverly, Tante. Malapropos. Keine Vergleichungen , Miß — ich verbiete mir es. Vergleichungen schicken sich nicht für junge Damen. Nein — Capitain Absolut ist wirklich ein schöner Mann. Lydya. Der Capitain Absolut, den Sie geseh'n haben — ja — Malapropos. Dann ist er so gebildet — so voll Heiterkeit — einschmeichelnd in seinen Manieren. Er hat so viel, was für ihn spricht — und er selbst weiß sich so gut auszudrücken. Seine Präsentation ist so nobel — seine Züge so edel — ja, als ich ihn sah, dachte ich unwillkührlich an das, was Hamlet sagt im Schauspiel: Apollo'S Locken — die Stirne Jovis — das Auge gleich Mars zum Drohen und Befehlen — des Götterherolds Stellung, und dann — Etwas vom Küssen auf einem Hügel — die Ähnlichkeit fiel mir sogleich auf. Lydya (bei Seite). Wie wird sie böse sein, wenn sie ihren Jrrthum entdeckt! SreunLe Scene. Bedienter. Vorige, gleich darauf Sir Anthony und Capitain Absolut. Bedienter (meidet). Sir Anthony und Capitain Absolut. Malapropos. Sehr willkommen. (Diener ab.) Jetzt, Lydya, bestehe ich darauf, daß Sie sich so betragen, wie sich's für eine junge Lady geziemt. Zeigen Sie wenigstens Ihre gute Erziehung , wenn Sie schon Ihre Pflicht vergessen haben. Lydya. Ich habe meinen Entschluß Ihnen schon mitgetheilt, Tante; — ich werde ihn nicht nur nicht ermuthigen — ich werde nicht einmal sprechen mit ihm — ja ich will ihn gar nicht ansehen. (Wirst sich in einen Stuhl, den Rücken der Thüre zu.) Zehnte Gerne. SirAnthony. Capitain. Vorige. Anthony. Hier sind wir, gnädige Frau — kommen, das Herz einer unbeugsamen Schönheit zu erweichen. (Bei Seite, zu Madame Malapropos.) Unendliche Schwierigkeit hatte ich, den Jungen mitzubringen; ich weiß nicht, was die Ursache ist; hätte ich ihn nicht gezwungen, er wäre mir entschlüpft. Malapropos. Sie haben so viel Mühe in der Angelegenheit — ich bin ganz beschämt. — (Leise zu Lydya.) Lydya — erheben Sie sich doch — ich ersuche Sie — bezeugen Sie doch Ihre Achtung diesem Gentleman. Anthony. Ich hoffe, daß Miß Lydya über die Verdienste meines Sohnes, die Achtung, die sie ihrer Tante Wahl schuldet, und über die Verwandtschaft mit mir und meinem Hause nachgedacht hat. (Bei Seite , zum Capitain.) Jetzt, Jack, sprich Du zu ihr. Capitain. Sie sehen ja, nicht einmal umwenden will sie sich, während 31 Sie hier sind. (Bei Seite.) Was zum Teufel nur thun. (kaut.) Lassen Sie sich doch erbitten, und lassen Sie uns einige Minuten allein. (Scheint mit seinem Later im Wortwechsel begriffen.) Anthony. Ich sage Dir, daß ich keinen Fuß von hier bewegen werde. Malapropos. Es thut mir sehr leid, daß mein Einfluß über meine Nichte so gering ist. (Bei Seite, zu Lydya.) Wenden Sie sich doch um — ich erröthe für Sie. Anthony. Darfich mir nicht schmeicheln, daß Miß Lydya den Grund der Abneigung gegen meinen Sohn uns mittheilen wird. (Bei Seite, zum Capitain.) Warum sangst Du nicht zu sprechen an? Sprich doch, Du Gelbschnabel — sprich! Malapropos. Es ist unmöglich, Sir Anthony, daß meine Nichte irgend einen vernünftigen Grund haben kann. Sie wird nicht sagen, daß sie einen hat. (Bei Seite, zu Lydya.) Antworten Sie doch — warum antworten Sie nicht? Anthony. Dann, gnädige Frau, vertraueich, daß ein kindisches, unbesonnenes Vorurtheil keine Schranke gegen meines Sohnes Glückseligkeit sein wird. (Bei Seite.) Potztausend! Warum sprichst Du nicht? Capitain. Hm! Hm! — Miß— Hm! (Er versucht zu sprechen, dann kehrt er zurück zu Sir Anthony.) Sie sehen, bester Vater — ich bin so bestürzt — so verwirrt — ich sagte es Ihnen zuvor; — jetzt — die Heftigkeit meiner Leidenschaft benimmt mir ganz die Gegenwart des Geistes. Anthony. Aber doch nicht die Stimme, Du Hansnarr! — Sogleich gehe hin und sprich zu ihr. (Capitain macht bittende Zeichen zu Madame Malapropos, sie allein zu lassen.) Was Teufel hat er denn nur? — Mache sogleich die Kinnbacken auf, oder — Capitain (bei Seite). Jetzt, Himmel, gib, daß sie zu mürrisch ist — sich ja nicht umsteht! (spricht im tiefen rauhen Ton.) Miß Lydya — wollten Sie nicht gütigst dem Flehen der treuen Liebe ein geneigtes Gehör — Anthony (bei Seite). Was zum Teufel hat der Zunge? (laut). Warum sprichst Du nicht lauter— heraus mit der Stimme? Warum quakst Du wie ein Frosch mit der Halsbräune? Capitain. Das — das Uebermaß meiner Ehrfurcht und mei — ner Bescheidenheit überwältigt mich. Anthony. Ah! Deine Bescheidenheit schon wieder! — Ich sage Dir, Jack — wenn Du nicht jetzt sogleich ordentlich und geläufig sprichst, so siehst Du mich in einer Wuth, wie Du mich noch nie gesehen. (Zu Madame Malapropos.) Gnädige Frau — ich wünschte, daß Miß Lydya uns mit etwas mehr als ihrer Rückseite begünstigen möchte. — Malapropos (scheint Lydya zu schmähen). Capitain (bei Seite). Ah! Allewird jetzt entdeckt! (Er geht auf Lydya zu und spricht sanft, im gewöhnlichen Ton, leise zu ihr.) Zeigen Sie keine Ueberra- schung jetzt, theure Lydya — unterdrücken Sie alles Erstaunen. Lydya (bei Seite). Himmel! Das ist Beverly'S Stimme! (Sieht sich nach und nach um, dann ungestüm aufstehend, fährt sie erstaunt zurück.) Ist es möglich! Mein Beverly! Wie kann dieß sein? Mein Beverly! Capitain (bei Seite). Ah! — Alles ist aus! Anthony. Was Beverly! — der Teufel Beverly! Was kann sie meinen? Das ist mein Sohn Jack Absolut. Malapropos. O der Schande! (Zu Lydya.) Schämen Sie sich doch. — Oh, ihre Gedanken sind der Art bei dem Taugenichts, daß sie ihn immer vor Augen hat. — Sogleich bitten Sie Sir Absolut um Vergebung. Lydya. Ich sehe keinen Capitain 32 / Absolut — ich sehe nur meinen geliebten Beverly! Anthony. Ah! Ihre Nichte ist toll geworden — hat durch vieles Romanlesen den Verstand verloren. Malapropos. Ach! gütiger Himmel — ich glaube es selbst! Was soll das mit Beverly? Was meinen Sie damit? Sie sehen hier den Capitain Absolut vor sich — da ist er — Ihr künftiger Gatte soll er werden. ' Lydya. Von ganzer Seele willige ich ein! Wie könnte ich verweigern, meinen Beverly — Anthony. O, sie ist verrückt wie eine Wahnsinnige in Bedlam! — Oder --am Ende hat mir der Junge einen neuen Streich gespielt? Komm her, Jack! — Sag' mir, wer bist Du denn eigentlich? Capitain (bei Seite). Mächte der Unverschämtheit, befreundet euch jetzt nur mit mir! (Laut.) Mein Vater — Ganz gewiß bin ich Ihrer Gattin Sohn, und daß ich auch aufrichtig glaube, der Ihrige zu sein, habe ich wohl stets in Erfüllung meiner Pflichten gezeigt. — Gnädige Frau — ich bin Ihr achtungsvoller Bewunderer, und werde stolz sein, kann ich hinzufügen, Ihr ergebenster Neffe. Meiner theuren Lydya brauche ich nicht zu sagen, daß Sie ihren getreuen Beverly vor sich sieht, der kennend die seltsame Großmuth Ihrer Gemüths- neigung, sich einen Namen und Stand beilegte, welcher eine Probe der uneigennützigsten Liebe bestanden hat, deren er sich nun zu erfreuen hofft in einem erhöhteren Charakter. Lydya (plötzlich sehr mürrisch). Nach Allen dem wird es keine Entwicklung — Entführung mehr geben! Anthony (sehr heiter). Bei meiner Seele, Jack — Du bist ein sehr unverschämter Bursche! Aber — Dir Gerechtigkeit zn lassen — ich habe nie eine Rolle besser spielen sehen. Capitain. Ah! Bester Vater — Sie schmeicheln mir zu sehr! — ES war wirklich nur meine Bescheidenheit, die mir beigestanden. Anthony. Wohl — ich bin erfreut — höchst erfreut, das Du nicht der dumme, gefühllose Tölpel bist, den Du vorgestellt. Bin sogar erfreut — nehme Dir's nicht einmal übel, daß Du Deinen Vater zum Besten gehabt — ja — wahrhaftig nicht. So — das also war Deine .Reue — Deine Pflicht — Dein Gehorsam! — Was — die Languish von Worcestershire — Du haltest nie zuvor diesen Namen gehört —wenn Du nur mir in dieser Angelegenheit gefallen konntest, das war Alles, was Du gewünscht! Ah! Du heuchlerischer Spitzbube! Was! (Er zeigt auf Lydya.) Sie schielt, nicht wahr? ein kleines rothhaari- ges Mädchen! — he? — Du Heuchler Du! Ich wundere mich nur, daß Du Dich nicht schämst, den Kopf in die Höhe zu halten. Capitain. Es geschieht mit großer Schwierigkeit, bester Vater — ich bin so bestürzt — so ganz verwirrt — wie Sie bemerken müssen. Malapropos. O Himmel! Sir Anthony — da kommt mir eine Idee! — Was — Sie Herr Capitain — Sie schrieben den Brief? Ihnen also verdanke ich die zarte Benennung eines „alten wettergeschlagenen Drachen?!" Himmel! Sie waren es, der — Capitain. Erlauben Sie, gnädige Frau — (schnell zu Sir Anthony.) Meine Bescheidenheit wird jetzt überwältigt, wenn Sie mir nicht beistehen. Anthony. Kommen Sie, gnädige Frau — kommen Sie! Wir müssen vergeben und vergessen. Beim Teufel! die Sache hat eine so herrliche Wendung genommen, daß ich in besten Humor gekommen. Kommen Sie gefälligst, gnädige Frau — wir müssen die jungen Leutchen allein lassen; sie sehnen sich, einander in die Arme zu fliegen. Nun Jack — sind das Wangen? he? Und 33 die Augen?, Du Spitzbube! Und die Lippen? he? Kommen Sie — wir wollen sie nicht unterbrechen in ihrer Zärtlichkeit. — Jugend ist die Saison, geschaffen für die Liebe! Ah! Potztausend ! Ich bin bei so guter Laune — ich weiß selbst nicht, was ich noch thun könnte. Erlauben Sie, gnädige Frau — (reicht ihr den Arm und singt.) Toll de roll! Potz Blitz! — Ich hätte selbst noch gern einen kleinen Scherz! (Singt.) „Man muß das Leben genießen" (singend, Madame Malapropos am Arm, ab). Gilfte Seerre. Lydya. Capitain. Lydya (höchst mürrisch, wirft sich in einen Stuhl). Capitain (bei Seite). So sehr in Gedanken — daß weissagt mir nichts Gutes. (Laut.) So ernst, theure Lydya? Lydya. Sir! Capitain (bei Seite). Diese Einsilbigkeit macht mich ganz frieren. (Laut.) Wie, theure Lydya — jetzt, am Ziel unserer Wünsche — jetzt, wo wir so glücklich sein könnten durch unserer Freunde Enwilligung zu unseren gegenseitigen Schwüren — Lydya (sehr empfindlich). Durch unserer Freunde Einwilligung — in der Thal! Capitain. Kommen Sie, theure Lydya — wir müssen unsere Romantik jetzt bei Seite legen. Reichthum und Bequemlichkeit kann leicht ertragen werden; und was unser Vermögen betrifft, so werden die Advokaten das schon abmachen. Lydya. Advokaten? Ich hasse die Advokaten! Capitain. O lassen Sie uns nicht warten auf ihre zögernden Formalitä- ien, sondern sogleich um die Bewilli- gung zur Heirath — Lydya. Bewilligung zur Heirath? Ich hasse die Heirathsbewilligung. Wiener Theater-Repertoir. XXV. Capitain. O meine theure Lydya — Sie sind so grausam — (kniet vor ihr) Lassen Sie mich hier inständigst Sie bitten — Lydya. Pah! — Was soll diese Stellung, wenn Sie wissen, daß ich Sie nehmen muß? Capitain (steht auf). Nein, theure Lydya! — Kein Zwang soll hier einwirken auf Ihre Neigung. Habe ich Ihr Herz nicht, so geb' ich Alles auf. — Lydya (aufstehrnd). Dann, mein Herr, lassen Sie mich Ihnen erklären, daß das Interesse, das Sie sich durch unmännliche Täuschung bei mir erworben, die Strafe eines Betruges verdient. — Was — mich einem Kinde gleich zu behandeln? Zu mißbrauchen meine Vorliebe zur Romantik, und zuletzt lachen über Ihren Erfolg! Capitain. Sie thun mir Unrecht, theure Lydya — hören Sie doch nur. — Lydya (immer heftiger werdend). So — während ich mir einbildete, daß wir unsere Verwandten erzürnten und überlisteten, siehe da, werden alle meine Hoffnungen durch meiner Tante Einwilligung vernichtet; und ich bin zuletzt allein die Getäuschte! (Geht im heftigen Zorn auf und ab.) Aber hier — hier sehen Sie das Gemälde — Beverly's Porträt — (nimmt ein Porträt auö ihrem Busen.) Ich habe es getragen Lag und Nacht — Trotz geboten allem Drohen und Bitten! Da, mein Herr — (wirft es heftig zu Boden.) und seien Sie versichert, ich werfe eben so leicht daö Original aus meinem Herzen. Capitain. Miß Lydya — Wir wollen, was das betrifft, nicht verschiedener Meinung sein. — Hier (zieht ein Porträt hervor.) Hier ist Miß Lydya Languish — Was für ein Unterschied! Hier dieses himmlische, einwilligende Lächeln, das zuerst Seele und Geist meinen Hoffnungen gab! Das sind die Lippen, die den Eid besiegelten, kaum trocken in Cupido's Kalender! Da, dieses noch halb 3 34 frische Erröthen, das die Heftigkeit meiner Leidenschaft gehemmt haben würde! Alles — Alles ist vorbei! Hier, Miß Lydya — diese Copie ist Ihnen in Schönheit nicht zu vergleichen, aber in meinem Geiste steht sein Verdienst über das Original — und da es sich gleich geblieben — so — so werde ich es wieder einstecken. (Steckt es wieder zu sich.) Lydya (etwas sanfter). Nach Ihrem Belieben — Ich denke, Sie sind nun vollkommen befriedigt? Capitain. O ganz gewiß! Sicherlich ist es weit besser als verliebt zu sein! Ha, ha, ha! Es ist doch Geist darin! Natürlich — was bedeutet das, eine Anzahl Schwüre zu brechen — das ist von keiner Bedeutung! Man wird zwar vielleicht sagen — Miß Lydya kannte sich selbst nicht — aber geben Sie nicht Acht auf das. — Oder vielleicht werden böse Gemüther bemerken, daß der Gentleman Ihrer müde wurde — Sie verließ — aber wie gesagt, lassen Sie sich deßwegen nicht beirren. Lydya. Seine Unverschämtheit ist nicht zu ertragen! (Sie bricht in Lhränen aus.) Zwölfte Seene. Madame Malapropos und Sir Anthony treten leise ein. Malapropos (leise). Kommen Sie, Sir Anthony, wir müssen ihr Schnäbeln und Girren unterbrechen. Lydya (schluchzend vor Zorn). Das ist noch schlechter als Ihr Verrath und Betrug, Sie Undankbarer. Anthony. Ah! Beim Teufel, gnädige Frau — das sonderbarste Girren, daß ich je gehört! (Zum Capitain.) Was soll das bedeuten, Jack? Ich bin ganz erstaunt! Capitain. Fragen Sie die Lady, Vater. Malapropos. Himmel! Ich bin ganz aufgelöst? Was soll das, Lydya? Lydya. Fragen Sie den Gentleman. Anthony. Potztausend! Ich werde in Wuth kommen, Jack! Wie — Du spielst doch nicht schon wieder eine andere Rolle, he? Malapropos. Ah Sir — das ist doch kein neuer Streich, den Sie spielen? Sie sind doch nicht gleich Cerberus, drei Gentlemen auf einmal? Capitain. Aber>Sie lassen mich ja nicht zu Worte kommen; ich sagte Ihnen ja, Miß Lydya kann das viel besser erzählen, als ich. Lydya. Tante — Sie haben mir einst befohlen, nie mehr an Beverly zu denken! hier ist der Mann — ich werde Ihnen gehorchen; von diesem Augenblick entsage ich ihm für immer. (Ab.) Malapropos. O Spektakel und Mirakel! Welche Wendung nimmt die Sache! Wie — Herr Capitain — Sie haben sich doch nicht etwa unehrerbietig gegen meine Nichte benommen? Anthony (bricht plötzlich in ein großes Gelächter aus). Ha, ha, ha! — Ha, ha, ha! Jetzt begreif' ich das Ganze. Ha, ha, ha! Jetzt seh' ich klar — Du bist wohl etwas zu lebhaft gewesen, Jack — nicht wahr? Capitain. Nein, Vater — auf mein Wort. — Anthony. Komm — komm! Keine Lüge, Jack! — Ich bin gewiß, es war so; keine Entschuldigung, Jack —Dein Vater war auch so — das Blut der Absoluts war immer ungeduldig. Capitain. Bei meiner Ehre, Vater — Anthony (einfallend). Potztausend! Schweig, sag' ich! Mrs. Malapropos wird schon Frieden stiften. Ja, Sie müssen Frieden stiften hier zwischen den Beiden, gnädige Frau — Sie müssen Miß Lydya sagen, daß ist so Art — das ist so unser aller Art und Weise — das steckt so im Blut der Absoluts. Komm' letzt — ha, ha, ha! Gnädige Frau — ein Spitzbube das — ha, ha, ha! (Drängt den Capitain lachend hinaus.) 35 Malapropos. O! Sir Anthony! Oh! Pfui, Herr Capitain! — Pfui! Verwandlung. Promenade. Dreizehnte Scene. Sir Lucius O'Trigger. Lucius (tritt auf). Ich wundere mich nur, wo der Capitain stecken mag! Auf Ehre — diese Offiziere sind uns doch immer im Wege bei jeder Liebes- angelegenheit. So vor langer Zeit schon hätte ich Lady Dorothe Carmin gehei- rathet — sieh da, kommt ein kleiner dicker Major und entführt sie mir, noch ehe Sie mich gesehen. Ich wundere mich nur, wie die Damen so Gefallen finden können an den Offizieren — es müßte denn eine Rache der alten Schlange in ihnen sein, welche die kleinen süßen Creaturen aussetzt, sich gleich Vipern mit dem rothcn Tuch der Uniformen fangen zu lassen. Ah! Wer kommt da? Ist das nicht der Capitain? Wahrhaftig, er ist's! Es ist eine Wahrscheinlichkeit des glücklichen Erfolges in diesem Menschen, die mich mächtig ärgert! Was zum Teufel hat er! Er spricht mit sich selbst. (Er tritt bei Seite.) Vierzehnte Scene. Capitain Absolut. Sir Lucius. Capitain (tritt auf, ohne Sir Lucius zu bemerken). Zu welchen Zwecken habe ich also alle diese Anschläge gemacht? Eine saubere Belohnung für meine so gut ersonnenen Pläne! Zch hätte nie gedacht, daß das so kommen würde! Ein kleiner boshafter Starrkopf! Verdammt! Zch war nie in schlechterem Humor als heute! Mit dem größten Vergnügen könnte ich irgend Jemand den Hals abschneiden, oder wohl gar meinen eig'nen. Lucius (bei Seite). Wahrhaftig! Der Zufall begünstigt mich! Ich könnte nie zu meinem Zwecke in besserer Laune ihn gefunden haben; ganz sicher, ich komme im rechten Augenblick. Zetzt eingegangen mit ihm in eine Conversation, und dann ganz gentil gestritten. (Geht zum Capitain.) Zn Rücksicht der Sache, Herr Capitain, muß ich mir Erlaubniß erbitten, anderer Meinung zu sein als Sie. Capitain (kurz). Dann müssen Sie ein sehr spitzfindiger Wortkämpser sein, denn zufällig äußerte ich gar keine Meinung. Lucius. Das ist kein Grund, denn, erlauben Sie mir zu sagen, ein Mann kann eben sowohl eine Unwahrheit denken als sprechen. Capitain. Wenn ein Mannseine Gedanken nicht äußert, so entgehen Sie auch dem Umstande, bestritten zu werden. Lucius. Sir — Sie weichen in der Meinung mit mir ab — das läuft auf die nämliche Sache hinaus. Capitain. Hören Sie, Sir Lucius — hätte ich Sie nicht früher als Gentleman gekannt, bei dieser Zusammenkunft hätte ich es nie entdeckt, denn was kann Zhre Absicht sein, als Streit zu erregen? Lucius. Sir! — Ich danke für die Schnelligkeit Ihrer Begreifung. Sie haben die Sache beim rechten Namen genannt. (Sich verneigend.) Capitain. Sehr gut, mein Herr! Zch werde Ihrer Neigung nicht entgegen sein; doch wünsche ich, daß Sie Zhre Motive mir erklären. Lucius. Ich bitte sehr, sich nicht zu ereifern; ich wünsche nicht, daß Sie sich erzürnen; indessen — Ihr Gedächtnis muß sehr kurz sein — oder Sie könnten den Schimpf, den Sie mir angethan, nicht vergessen haben. So — nichts mehr, bestimmen Sie gefälligst Zeit und Ort. Capitain. Sir Lucius — da Sie 3 * 36 so sehr an diese Sache gebunden sind — je schneller desto besser. — Lassen Sie es diesen Abend sein, beim Frühlingsgarten. Wir werden kaum unterbrochen werden. Lueius. Unterbrechung in Angelegenheiken dieser Art zeigt von schlechter Erziehung. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber wenn bei uns in England eine Sache der Art bekannt wird, so machen die Leute einen solchen Lärm, daß man nie in Ruh' und Frieden sich duelliren kann. Indessen, wenn es Ihnen, Herr Capitain, gleich ist, so würde ich es als eine besondere Gunst ansehen, wenn wir uns auf der Königswiese treffen möchten; da mich ein kleines Geschäft um sechs Uhr dahin ruft, so könnte ich Beides in Einem abmachen. Capitain. Das ist mir ganz gleich, ein wenig nach sechs denn, wollen wir die Sache ernsthafter erörtern. Lucius. Wie Sie belieben. So — mein Geist ist leicht, da die Sache abgemacht. (Ab.) Capitain. Der Narr von einem Irländer. Schnell jetzt zu Falkland — er muß mein Sekundant sein. (Der Vorhang fällt.) Fünfter Act. Zimmer bei Julia. Erste Seene. Julia tritt ein. Julia. Wie diese Bothschaft mich beunruhigt! Was für ein fürchterliches Ereigniß kann er meinen? Warum so einen dringenden Auftrag, ja allein zu sein! Kaum versöhnt mit ihm, jetzt wieder diese Beunruhigung! O Falkland — wie viele unglückliche Augenblicke — wie viel Thränen hast Du mich gekostet! Zweite Scene. Falkland tritt ein. Julia. Julia. Warum diese Vorsicht, Falkland? Falkland. Ach! Julia, ich komme, einen langen Abschied zu nehmen. Julia. Sie erschrecken mich! Falkland. Sie sehen einen Unglücklichen vor sich, dessen Leben verwirkt ist. Ja — erschrecken Sie nicht. Die Unbeständigkeit — Heftigkeit meines Temperaments hat all' dieß Elend über mich gebracht. Ich verließ Sie leidenschaftlich, aufgeregt; ein verdrießlicher Vorfall zog mich in Streit — das Ereigniß ist, daß ich genöthigt bin, sogleich mein Vaterland zu verlassen. O! Julia, wäre ich so glücklich gewesen, Sie schon mein zu nennen, ich würde meine Verbannung nicht fürchten. Julia. Theurer Falkland! — Meine Seele ist niedergebeugt von Sorge über Ihr Unglück. Wäre dieser Zwischenfall entstanden aus einer weniger fatalen Ursache, ich würde starken Trost in dem Gedanken gefunden haben, daß ich jeden Zweifel an der Aufrichtigkeit mei- Liebe aus Ihrer Seele bannen könnte. Mein Herz hat lange keinen andern Schützer gekannt als Sie. So vertraue ich auch jetzt meine Person Ihrer Ehre — wir wollen zusammen fliehen. Wenn wir sicher sind, empfange ich die gesetzliche Weihe, die Teilnehmerin Ihrer Sorgen, Ihre zärtliche Trösterin zu sein. Falkland. O meine theure Julia! Mein Dank kennt keine Grenzen! — Doch Julia — erwägen Sie wohl, wie wenig Ersatz außer seiner Liebe der arme Falkland Ihnen zu geben vermag. Julia. Ich frage keinen Augenblick. Nein, Falkland, ich habe Sie — nur Sie selbst geliebt! Und jetzt lassen Sie uns nicht zögern, vielleicht schon dieser Aufschub — Falkland. Nein, Julia, es wird besser sein, ich wage mich nicht aus, 37 bis es dunkel wird. Doch — wie schmerzt es meine Seele, zu denken, welch' zahllosen Trübsalen Sie sich aussetzen, theure Julia! Julia. Vielleicht ist Ihr Vermögen durch diesen unglücklichen Vorfall verwirkt; ich weiß nicht, ob es ist, aber sicher kann das allein uns nicht unglücklich machen. Das Wenige, was ich besitze, wird hinreichen für unfern Unterhalt , und Verbannung soll ja nie glänzend sein. Falkland, Aber wenn in solch' niedrigem Stande mein verwundeter Stolz vielleicht die natürliche Verdrießlichkeit meiner Gemüthsstimmung noch vermehrt — ich vielleicht ein rauher — gefühlloser Gesellschafter werde — mehr als Ihre Geduld zu ertragen vermag. Julia. Wenn Ihre Gedanken eine so unglückliche Richtung nehmen sollten, so bedürfen Sie ja um so mehr ein sanftes hingebendes Wesen, das über Sie wacht — Sie tröstet — und durch Ertragen Ihrer Schwächen mit Sanft- muth und Ergebung, Sie lehrt, auch die Uebel Ihres Geschickes so zu tragen. Falkland. O meine theure Julia! Ich habe Sie auf's Aeußerste geprüft, und hinweg werfe ich mit dieser unnützen Erfindung alle meine Zweifel! — Doch wie soll ich mich vertheidigen, daß Sie mir diesen letzten unwürdigen Erfolg meiner nimmer ruhenden Gemüthsstimmung vergeben?! Julia. Wie? versteh' ich recht? Was Sie erzählten — ist es nicht Wahrheit? Falkland. Ich bin beschämt, gestehen zu müssen, daß Alles nur vorgegeben war, Sie zu prüfen. Doch, theure Julia — lassen Sie mich morgen im Angesicht des Himmels meine zukünftige Führerin und Warnerin empfangen, und meine vergang'nen Fehler und Thorhei- ten durch Jahre zärtlicher Verehrung abbüßen. Julia (tief verletzt). Halten Sie ein, Falkland! — Daß Sie frei sind von einem Verbrechen, welches ich zuvor mich fürchtete auch nur zu benennen — der Himmel weiß, wie aufrichtig ich mich darüber freue! — Dieß sind Thrä- nen des Dankes dafür! Aber, daß Ihre grausamen Zweifel Sie zu einer Täuschung antrieben, die mein Herz so gequält — Falkland. Beim Himmel! Julia — Julia. Doch hören Sie mich! Mein Vater liebte Sie, Falkland — Sie retteten das Leben mir, das zärtliche Aeltern mir gaben. In meines Vaters Gegenwart verpfändete ich Ihnen meine Hand — freudig that ich es da, wo ich zuvor schon mein Herz hingegeben. Als bald nachher ich verwaist stand, so schien es mir, als hätte die gütige Vorsehung in Ihnen mir den Mann gezeigt, auf den ich, ohne Zögern, meine dankbare Pflicht sowohl als Hingebung übertragen sollte, von nun an ertrug ich von Ihnen, was Stolz und Zartgefühl mir, von einem Andern zu ertragen, gewiß stets verboten haben würden. Ich will Sie nicht tadeln mit der Wiederholung dessen, wie sehr Sie mit meiner Aufrichtigkeit getändelt haben. Falkland. Ich gesteh'Alles, theure Julia — doch hören Sie mich — Julia. Nach einem Jahr der Probe durfte ich mir doch schmeicheln, daß ich nicht mehr mit einer neuen Prüfung mißhandelt würde — so grausam und so unnöthig! Ich sehe jetzt, daß es nicht in Ihrer Natur ist, zufrieden zu sein — zu vertrauen in der Liebe. Mit dieser Ueberzeugung will ich nie — die Ihrige werden. Falkland. O nein, Julia! Bei meiner Seele und Ehre! Wenn nach diesem — Julia. Nur noch ein Wort! Da meine Treue Ihnen gelobt wurde , so werde ich auch nie mit einem andern Manne sie tauschen. Ich werde für Ihr Glück beten mit der wahrsten Aufrichtigkeit, und der theuerste Segen, den 38 ich vom Himmel erflehen kann, er möge Ihnen werden, und möge er von Ihnen zaubern diese unglückselige Gemüths- stimmung, die allein die Ausführung unserer feierlichen Verpflichtung verhindert hat. Alles, was ich von Ihnen erbitte, ist, daß Sie über diese Ihre Schwäche Nachdenken möchten, und wenn Sie die vielen Augenblicke der wahren Wonne, deren Sie dadurch beraubt wurden, aufzählen, so lassen Sie es nicht Ihr letztes Bedauern sein, daß Sie die Liebe Einer dadurch verloren, die Ihnen gefolgt wäre durch die ganze Welt, selbst in Noth und Elend. (Schnell ab.) Falkland. Julia — theure Julia! O hören Sie! Sie ist fort — für immer! Es war ein Ehrfurcht erweckender Entschluß in Ihren Mienen, der mich festheftete an meinen Platz. Kaum hatte Sie vergeben — mußt' ich wieder Sie quälen! O Thor — Barbar — Tölpel, der ich bin! Gefoltert wie ich bin durch mehr Unvollkommenheiten als Andere, sandte das gütige Geschick mir in ihr einen Cherub zu meiner Hülfe — und gleich einem Meuchelmörder habe ich sie von meiner Seite getrieben! — Gott — und jetzt soll ich an den Ort meiner Bestimmung eilen. Man wird meiner harren beim Duell als Sekundant. O! Mein Geist ist gestimmt für eine solche Scene — ich hätte nur den Wunsch, die Hauptperson dabei sein zu können, um zur Wahrheit zu machen, was meine verwünschte Thorheit mich antrieb, Julien zu erzählen. Dritte Scene. Miß Lydya LaNguish, hinter ihr tritt ein Dienstmädchen ein. Dienstmädchen. Meine Herrin war gerade hier — ich werde im nächsten Zimmer sehen. (Ab.) Lydya (setzt sich). Obwohl dieser Capitain Absolut so sehr mein Vertrauen gemißbraucht hat, so beschäftigt er doch, sonderbarer Weise, immer meinen Geist. Eine Lektion von meiner ernsten Cousine wird mich am Ende veranlassen, ihn zurückzurufen. Vierte Scene. Julia. Lydya. Julia (tritt ein). Willkommen, liebe Lydya. Lydya. O Julia, ich komme zu Dir um Trost. Himmel! Du hast geweint! Ich will schwören, daß dieser undankbare Falkland Dich wieder gequält hat. Julia. Du irrst Dich, liebe Lydya, in der Ursache meiner Unruhe. Es hat mich Etwas beunruhigt, das Du nicht vermuthen kannst. Lydya. Was immer Dein Kummer oder Aerger sein mag — meiner übertrifft ihn. Du weißt, wer dieser Beverly ist? Julia. Ich muß Dir gesteh'n, Lydya, daß mich Falkland zuvor von der ganzen Sache unterrichtet hat. Lydya (sehr gereizt). So — also auch Du mit im Complott. — Es scheint, ich bin hier von Jedermann betrogen worden. Aber ganz gut — es ist mir ganz gleich — ich will nichts mehr von ihm wissen. Julia. Aber Lydya — Lydya. Ist das nicht abscheulich ärgerlich — zu denken, daß wir jetzt in die interessanteste, sinnreichste Verlegenheit gekommen wären, und sich so betrogen zu sehen! Verhandelt zu werden, gleich einer Waare! Da hatte ich eine der hübschesten Entwicklungen projektirt — eine paffende Verkleidung — liebenswürdige Strickleiter — keuscher Mond — vier Pferde — ein schottischer Pfarrer — heimliche Ehe — das Erstaunen meiner Tante! — Die Annoncen in den Zeitungen! O ich sterbe vor Enttäuschung ! 39 Julia. Ich wundere mich nicht darüber. Lydya. Jetzt, trauriges Umkehren — was habe ich zu erwarten? Eine geistlose Vorbereitung — zur Hochzeit — mit der Heirathsbewilligung des Pfarrers, von einem unmanierlichen Schreiber in's Pfarrbuch eingetragen zu werden; dann vielleicht dreimal aufgeboten von der Kanzel zu Horen — Capitain Absolut mit Jungfrau Lydya Languish — Oh! daß ich leben muß, mich Jungfrau Lydya so nennen zu hören! Julia. Sehr melancholisch —in der Thal! Lydya. Wie kränkend, mich an alle die köstlichen Mittel zu erinnern, die ich anwenden mußte, um nur einige Minuten mit ihm allein zu sein! Wie oft habe ich mich fort gestohlen in der kältesten Winternacht, und fand ihn im Garten gleich einer Statue fest geheftet vor Kälte. Da kniete er vor mir im Schnee und hustete so rührend! Er schauernd vor Kälte — ich vor Besorg- niß! Und während der eisige Wind unsere Glieder erstarrte, wie warm preßte er mich an seine Brust — glühend in wechselseitiger Leidenschaft! Ach, Julia — das war Liebe! Julia. Wäre ich bei Laune, liebe Lydya, so müßte ich Dich schelten, indem ich Dich auslachte — herzlich lachte über Dich; aber es ziemt mehr meiner jetzigen Lage, Dich ernstlich zu bitten, nicht von einem Manne zu lassen, der Dich aufrichtig liebt, und der durch Deine Launen leidet; — denn glaube mir, liebe Lydya, ich weiß zu gut, wie sehr solche Launen kränken — tief verletzen können, Lydya. Himmel! Ich höre meiner Tante Stimme — was führt diese her? Fünfte Seene. Madame Malapropos. David. Vorige. Malapropos (tritt rasch ein). So — so! Schöne Sachen gehen vor! Mord und Todtschlag — und Sir Anthony nirgends zu finden, die Cata- strophe zu verhindern! Julia. Um's Himmelswillen! Gnädige Frau, was bedeutet dieser Lärm? Malapropos. Dieser Mann kann Ihnen Alles enthüllen, er war es, der mir es mittheilte. Lydya. Aber Tante, sagen Sie doch geschwind, was es ist? Malapropos. Mord ist's! Blutvergießen ist's! Todtschlag ist's. (Auf David zeigend.) Aber der Mann kann Ihnen das Nähere erzählen. Julia (zu David). So sprechen Sie doch! David. Ach! Sehen Sie — Unglück geht vor, großes Unglück! Leute kommen nicht zusammen mit Feuerwaffen und Mordinstrumenten — das hat eine böse Bedeutung. Julia. Aber reden Sie doch deutlicher — wer ist verwickelt in der Sache — wer kommt zusammen? David. Mein armer Herr — mit Ihrer gütigen Erlaubniß, daß ich ihn zuerst erwähne — Sie müssen wissen, Miß — ich bin David — und mein Herr natürlich ist, oder war vielmehr Sir Robert Acre — und dann Capitain Absolut — und dann Sir William Falkland — Julia. Gnädige Frau — wollen wir doch uns sogleich hinbemüh'n, Unglück zu verhüthen. Lydya. Kommen Sie, beste Tante — lassen Sie uns hin eilen. Malapropos. Pfui! das würde sich nicht schicken, wir dürfen uns nicht übereilen. David. Ach! Gnädige Frau — thun Sie es doch — Sie retten mehrere Menschenleben! Die Herren sind in einem Fieberanfall von Wuh — besonders dieser blutdürstige Sir Lucius O'Trigger. — Malapropos (erschreckt, bei Seite). Sir Lucius O'Trigger! — O Himmel! 40 Haben Sie meinen armen, unschuldigen, theuren Sir Lucius auch mit in den Streit hineingezogen. (Laut.) Was steh'n Sie da? — Sie haben nicht mehr Gefühl als eine steinerne Statue in unserm Garten! Lydya. Was sollen wir thun, Tante? Malapropos. Was thun?! — Fliegen mit der größten Schnelligkeit, um Unglück zu verhüthen. Dieser Mann wird uns eskortiren — kommen Sie — (zu David), Sie sind unsere Bedeckung — zeigen Sie uns den Weg, wir werden folgen, Sie wissen doch den Platz? David. Oh! Wir werden ihn finden bei dem Knall der Pistolen. Alle drei Damen. Die Pistolen! Ah! laßt uns fliehen. (Schnell ab.) Verwandlung. Die Köntgswiese. Sechste Seene. Sir Acre und Lucius O'Trigger treten ein mit Pistolen. Acre. Bei meiner Tapferkeit, Sir Lucius — vierzig Schritte wäre so eine gute Distance! Potz Richtung und Ziel! Ich sage, es ist eine gute Distance! Lucius. Für Musketen und kleines Feldgeschütz, aber nicht für Pistolen. Das müssen Sie mir überlassen. Halten Sie — ich will es Ihnen zeigen — (mißt Schritte auf der Bühne) da — jetzt — das ist die rechte Distance. Acre. Potz Bomben und Kugeln! Da könnten wir ja eben so gut in einem Schilderhaus uns schießen. Zch will Ihnen sagen, je weiter er weg ist, desto ruhiger werd' ich zielen. Lucius. Da würden Sie am Ende am besten zielen, wenn er Ihnen ganz aus dem Gesicht wäre. Acre. Nein, Sir Lucius — aber ich sollte denken, vierzig — oder acht und dreißig Schritte — Lucius. Pah! Unsinn! Drei oder vier Schritte zwischen der Mündung der Pistolen, ist so gut als eine Meile. Acre. Bei meiner Tapferkeit! Da ist kein Verdienst dabei, ihn so nahe zu tödten. Nein, Sir Lucius — lassen Sie mich ihn niederschießen auf einen weiten Schuß! Einen weiten Schuß, Sir Lucius, wenn ich bitten darf. Lucius. Des Gentleman's Sekundant und ich müssen das abmachen! Aber — wie ist's, Mr. Acre, wenn sich ein Unfall ereignete, — man kann nicht wissen — haben Sie für mich keine Commission , die ich in diesem Fall besorgen könnte? Acre. Ich bin Ihnen sehr verbunden, Sir Lucius — aber — ich verstehe Sie nicht. Lucius. Sie können wohl denken, daß kein Duell ohne Gefahr abläuft; und wenn unglücklicher Weise so eine Kugel Sie — Sie verstehen mich doch — wenn so eine Kugel Sie zur ewigen Ruhe brächte — dann würde keine Zeit mehr sein, über Familiensachen zu verhandeln. Acre. Zur ewigen Ruhe? Ah! Lucius. Zum Beispiel — wenn das der Fall jetzt wäre — was würden Sie wählen? eingepöckelt und nach Hause gesendet zu werden, oder würde es Ihnen gleich sein, hier in der Gruft der Abtei zu liegen? Man sagt, daß es hier ein sehr bequemes Liegen sein soll. Acre. Eingepöckelt— bequemes Liegen — ah! Lucius. Zch vermuthe, daß Sie wohl noch nie in eine solche Angelegenheit verwickelt waren? Acre. Nein, Sir Lucius. — Nie zuvor. Lucius. Ah, das ist Schade! Es geht nichts darüber, an eine Sache gewöhnt zu sein; aber, ich bitte — wie werden Sie den Schuß Ihres Gegners empfangen? Acre. Potz Schlauheit! Ich habe mich darauf eingeübt. — Da, Sir 41 Lucius, so — (er stellt sich in Positur) — Seitenfronte, he? — O ich werde mich schmal machen — so schmal — Lucius. Da stehen Sie nicht gut. Sehen Sie — wenn Sie so stehen, und ich ziele — (er zielt auf ihn). Acre (voll Angst). Um Gotteswillen, Sir Lucius! Sind Sie sicher, daß der Hahn nicht gespannt ist? Lucius. Seien Sie ohne Furcht. Acre. Aber — Sie sind vielleicht nicht gewiß — es könnte von sich selbst losgehen. Lucius. Pah! Nur ruhig! Gut jetzt — ich ziele auf Ihren Leib — meine Kugel hat die Wahl — verfehlt sie einen zum Leben dienenden Theil des Körpers an Ihrer rechten Seite — so müßte es ganz sonderbar zugehen, wenn sie nicht guten Erfolg auf der Linken hätte. Acre. Ah! Einen zum Leben nöthi- gen Lheil des Körpers — ah! Lucius. Aber da — so — stellen Sie sich so — (placirt ihn). Lassen Sie ihm die Vorderseite Ihres Körpers sehen — sehen Sie — die ganze Fronte. — Jetzt können eine oder zwei Kugeln ganz rein durch Ihren Körper gehen, ohne Ihnen im Geringsten Schaden zu thun. Acre. Ah! Rein durch mich! Eine oder zwei Kugeln — durch diesen meinen Körper, ah! Lucius. Ja, das kann geschehen; das ist die beste, anständigste Stellung, die Sie wählen können. Acre. Sehen Sie — bester Sir Lucius — ich — ich würde eben so gerne in einer unanständigen als in einer anständigen Stellung auf mich schießen lassen — so — lassen Sie mich, Sir Lucius — so — eine Seitenwendung — etwas abhaltend. Lucius (sieht auf seine Uhr). Sie werden doch Wort halten — es ist die bestimmte Stunde. Ah! da seh" ich sie kommen! Acre. Was? Wie? Sie kommen? Wiener Theater - Repertotr. XXV. Lucius. Ja — wer sind die Beiden? Dort — eben über den Steg kommend? Acre. Za — es sind ihrer Zwei! Gut — gut ! Sie mögen kommen, Sir Lucius! He! Wie — wir würden — nicht — lau — fen? Lucius. Laufen? Acre. Nein — ich sage — wir werden nicht laufen, bei meiner Tapferkeit! Lucius. Aber zum Teufel! Was fehlt Ihnen? Acre. Nichts! — Nichts, mein theurer Freund! es ist ein wenig kühl hier, und dann — mein theurer Sir Lucius — ich — ich fühle mich nicht mehr so ganz — kühn — wie zuvor. Lucius. O pfui! Gedenken Sie doch Ihrer Ehre! — Acre. Ja — wahrhaftig! Meine Ehre! Schärfen Sie mir doch, mein theurer Sir Lucius, in einem oder zwei Worte, dann und wann ein — wegen meiner Ehre. Lucius. Gut. — Da kommen Sie. Acre. Sir Lucius! Wenn ich nicht bei Ihnen wäre — ich würde beinah glauben, daß ich mich ein wenig fürchte. Sir Lucius — wenn meine Tapferkeit mich so verlassen könnte! Tapferkeit kommt und geht — Lucius. Dann ersuche ich Sie — sie ja fest zu halten, wenn Sie sie noch haben. Acre. Sir Lucius ! Ich — ich zweifle, daß ich sie noch habe — jaja , wahrhaftig — sie ist fort! Hat sich davon geschlichen! Ich fühle sie ordentlich davon kriechen — aus der Fläche meiner Hand. Lucius. Ihre Ehre! Ihre Ehre! Ah, da sind sie schon! Acre. Oh! daß ich daheim wäre in Clod-Hall, oder könnte erschossen werden , ehe ich es gewahr würde! Siebente Seene. Capitain und Falkland treten ein. Vorige. Lucius. Gentlemen — Ihr ganz 42 Ergebenster! Ha! Was! Capitain Absolut? Ah! Sie kommen wohl jetzt hieher wie ich — ZhreM Freund einen Dienst zu erweisen, und dann Ihre eigene Angelegenheit abzumachen? Acre. Was! Jack! Mein theurer Zack! Mein theurer Freund! Capitain. Höre, Bob — Beverly ist ganz nahe. Lucius (zu Acre). Gut, Sir! — Zch will nicht tadeln daß Sie Ihren Freund so höflich bewillkommen, obwohl — doch — zu unserer Angelegenheit. (Zu Falkland.) So — Mr. Beverly — während Sie Ihre Waffen wählen, werden ich und Capitain Absolut die Schritte zählen. Falkland. Meine Waffen, Sir? Acre. Potztausend! Ich werde mich doch nicht mit Mr. Falkland duelliren? Das ist ja mein besonderer, intimer Freund. Lucius. Wie, Sir — kamen Sie nicht hieher, sich mit Mr. Acre zu schlagen? Falkland. Nein, auf mein Wort, Sir! Lucius. Ah! das ist sehr ärgerlich! Doch ich hoffe, Mr. Falkland — da hier Drei zu einem Spiel gekommen sind, so werden Sie doch nicht so unhöflich sein, die Partie zu verderben, indem Sie sich ausschließen? Capitain. Zch bitte Dich, Falkland — fechte doch, Sir Lucius zu gefallen. Falkland. Za — wenn Mr. Acre so viel Lust hat — Acre. Nein, nein, Mr. Falkland! Zch werde mein Mißgeschick als Christ in Ergebung tragen. Sehen Sie, Sir Lucius — es ist hier durchaus kein Grund für mich zu einem Duell — und wenn das bei Zhnen auch der Fall ist, so würde ich es wirklich sein lassen. Lucius. Hören Sie, Mr. Acre — ich lasse nicht mit mir scherzen. Sie haben sicher Jemand gefordert, und sind hieher gekommen, sich mit ihm zu schlagen. Jetzt, wenn dieser Gentleman nun willig ist, die Ausforderung anzunehmen, so kann ich bei meiner Seele nicht sehen, warum es nicht gerade das Nämliche ist. Acre. Nein, Sir Lucius! Zch sage Zhnen, es ist ein Beverly, den ich gefordert; ein Kerl, der nicht wagt, sich zu zeigen. Wenn der hier wäre — ah! Den würde ich schon lehren, seine Prätensionen aufzugeben. Capitain. Halt, Bob! Laß' mich Dich aufklären! Es gibt keinen solchen Mann — keinen Beverly. Die Person, die den Namen angenommen hat, steht vor Dir, und da seine Prätensionen die nämlichen sind, in beiden Charakteren, so ist er bereit, sie auch zu beanspruchen, in was immer Dir beliebt. Lucius. Wohl — das trifft sich glücklich! Da haben Sie jetzt Gelegenheit, Mr. Acre — Acre. Was? Zch streiten mit meinem theuersten Freund — mit meinem Zack? Nie und nimmer, und wäre er fünfzig Mal Beverly ! Potztausend! Sir Lucius, Sie werden doch nicht wollen, daß ich so unnatürlich handeln soll? Lucius. Bei meinem Gewissen! Zhre Tapferkeit ist verteufelt schwach geworden! Acre. Nicht im Geringsten! Potz Aufhetzer und Anstifter! Zch will Zhr Sekundant sein von ganzem Herzen, und wenn eine Kugel Sie zur ewigen Ruhe bringen sollte — Sie haben ganz über mich zu befehlen, ich will sehen, daß Sie ein sehr bequemes Nachtlager hier in der Gruft der Abtei bekommen; oder sollten Sie es vorziehn, eingepöckelt — wie Sie bemerkten, zu werden, ich will Sie auch nach Blunderbuß-Hall, ihrer Väter Schloß, senden, oder — wohin Zhnen beliebt; — mit dem größten Vergnügen. Lucius. Pfui! Sie sind wenig besser als ein Hasenfuß! Acre. Was? Hüthen Sie sich! Gent- lemen — Sie haben es gehört, er 43 nannte mich einen Hasenfuß! Hasenfuß war das Wort, bei meiner Tapferkeit! Lucius. Wohl, mein Herr! Acre. Sehen Sie — Sir Lucius! Es ist nicht, daß ich das Wort Hasenfuß beachtete — Hasenfuß kann man auch im Scherz sagen. Aber wenn Sie mich einen Poltron geheißen hätten — Potz Rappier und Kugeln — Lucius. Wohl, mein Herr — Acre. Ich — ich würde Sie für einen Mann von schlechter Erziehung gehalten haben. Lucius. Pah! Sie find unter meiner Beachtung. Capitain. Nein, Sir Lucius, Sie können keinen bessern Sekundanten haben, als meinen Freund Acre. Er ist ein höchst entschloß'ner Raufbold — genannt im ganzen Land Todtschläger Bob — tödtet jede Woche seinen Mann. Nicht wahr, Bob? Lucius. Gut denn, Capitain — so wollen wir anfangen. (Zieht den Degen.) So komm heraus, mein kleiner Vertrauter, und frag den Gentleman, ob er die Lady abtreten will — allen Ansprüchen entsagen — obne dich zu zwingen, mit Gewalt gegen ihn vorzuschreiten. Capitain (zieht gleichfalls). Da Sie die Sache nicht in Güte abmachen wollen — hier ist meine Antwort. (Duellk.- ren sich.) Achte Seene. Anthony. MalapropoS. Lydya. Julia. David und Vorige. David. Hier, Euer Gnaden, sind sie. Anthony. Steck ein, Jack — steck' ein, sag' ich, oder Du siehst mich in Wuth! Wie kommst Du zu einem Duell? Capitain. Auf Ehre — dieser Gentleman kann es Ihnen genauer sagen, als ich; er forderte mich, und ich, wie Sie wissen, diene Ihrer Majestät. Anthony. Das ist ein prächtiger Bursche! Ich finde ihn, eben im Begriff Jemanden den Hals abzuschneiden, und er sagt mir, er diene Ihrer Majestät. Potztausend! Wie kannst du denn wagen, den Degen zu ziehen gegen Einen Ihrer Majestät Unterthanen? Capitain. Dieser Gentleman forderte mich, ohne mir seine Gründe zu sagen. Anthony. Sir! Wie kommen Sie dazu, meinen Sohn zu fordern, ohne ihm Ihre Gründe zu sägen? Lucius. Ihr Sohn insultirte mich auf eine Art, die meine Ehre nicht ertragen konnte. Anthony. Wie, Jack — wie konntest Du wagen, den Gentleman zu insul- tiren auf eine Art, die seine Ehre nicht ertragen konnte? Malapropos. Gentlemen, kommen Sie — lassen Sie die Ehre jetzt vor den Damen. — Capitain Absolut — wie konnten Sie uns so erschrecken! Die arme Lydya ist auf den Tod vor Schreck um Sie. Capitain (betonend). Aus Furcht, daß ich getödtet werde, oder — entkomme? Malapropos. Nein, keine Anspielungen auf das Vergangene. Lydya ist überzeugt- (zu Lydya). Sprechen Sie doch- Lucius. Mit Ihrer Erlaubniß — ich muß ein Wort hier mitsprechen; ich glaube, ich bin im Stande, der jungen Dame Stillschweigenzu brechen. Hören Sie- Lydya. Was meinen Sie, Sir? Lucius. Kommen Sie, theure Delia — wir müssen jetzt ernsthaft sprechen — es ist keine Zeit zu scherzen jetzt. Lydya. Es ist wahr, Sir — und Ihr Verweis gebietet mir, diesem Gentleman meine Hand anzubieten, und anzusuchen um seine frühere Zuneigung. Capitain. O meine theure Lydya! Jst's denn wahr! — Sir Lucius — ich bemerke, daß hier ein Jrrthum obwalten muß. In Rücksicht der Beleidi- 4 * 44 gung, die, wie Sie sagen, ich Zhnen angethan — kann ich nur beifügen, daß sie gewiß nicht beabsichtigt war; und da Sie überzeugt sein müssen, daß ich nicht fürchte, eine wirkliche Beleidigung auch zu unterstützen — so sollen Sie aber auch sehen, daß ich mich nicht schäme, eine Unachtsamkeit zu sühnen — ich ersuche um Ihre Vergebung. — Was aber diese junge Dame betrifft, mit deren Zuneigung ich beehrt bin, werde ich meine Ansprüche behaupten gegen Jedermann. Anthony. Gut gesagt, Jack — und ich werde Dir beisteh'n, mein Junge. . Acre. Ich — ich gebe alle meine Ansprüche auf — ich mache gar keinen Anspruch auf irgend Etwas in der Welt! — und kann ich nicht eine Frau ohne Duell bekommen — bei meiner Tapferkeit ! so werde ich Junggeselle bleiben. Lucius. Capitain, geben Sie mir Ihre Hand — eine Beleidigung anerkannt, wird zu einer Verpflichtung; — und was die junge Lady betrifft — wenn sie ihre eig'ne Unterschrift läug- nen sollte — (zieht Briefe hervor). Malapropos (bei Seite). Oh! — Er wird mein ganzes Geheimniß enthüllen. (Laut.) Sir Lucius — erlauben Sie — es waltet hier ein Jrrthum ob. — Vielleicht bin ich im Stande, zu erklären — Lucius. Ich bitte, alte Dame — mischen Sie sich nicht in Sachen, die Sie nicht betreffen. — Miß Lydya — Sind Sie meine Delia oder nicht. Lydya. In der Lhat, Sir Lucius, ich bin es nicht. Malapropos. Sir Lucius O'Trig- ger — undankbar wie Sie sind- ich gestehe — ich verdiene die sanfte Bestrafung. — Verzeihen Sie! — Meine erröthenden Blicke — ich bin Delia.' Lucius. Oh! — Oh! — Sie Delia? Nicht möglich! — Malapropos. Warum nicht — Sie Barbar! — Diese Briefe sind mein. — Wenn Sie mehr von meiner Güte überzeugt sind — vielleicht werde ich dahin gebracht, Ihre Bewerbung zu ermuntern. — Lucius. Mrs. Malapropos — ich bin unendlich gerührt von Ihrer Herablassung, — und ob Sie oder Lucy mir den Streich gespielt haben — ich bin Ihnen gleich verbunden dafür; — und um zu zeigen, daß ich nicht undankbar bin — Capitain Absolut — da Sie mir Miß Lydya genommen haben, so will ich Ihnen meine Delia mit in den Kauf geben. Capitain. O, ich danke Ihnen sehr — Sir Lucius! — Aber da ist mein Freund Bob — noch unversorgt — Lucius. Ah! Kleiner Tapferer — wollen Sie Ihr Glück machen? Acre. Potz Runzeln und Falten! Nein! Aber — Ihre Hand, Sir Lucius. Vergeben und vergessen Sie, und sollten Sie jemals hören, daß einen Streit ich angefangen — sagen Sie Bob Acre ist ein Dummkopf! — Anthony. Kommen Sie, Mrs. Malapropos — Seien Sie nicht ent- muthigt — Sie sind ja noch in Ihrer Blüthe — Malapropos. O Sir Anthony — die Männer sind alle Barbaren! (Ab.) (Alle ziehen sich zurück, außer Jutta und Falkland.) Julia (bei Seite). Er scheint ganz entmuthigt und unglücklich — nicht halsstarrig — boshaft; — es war wenigstens Grund in dem, was er sagte. O Frauen! Wie wahr sollte euer Urtheil sein, wenn euer Entschluß so schwach ist! Falkland. Theure Julia! Wie kann ich wagen, um das anzusuchen, was ich so wenig verdiene. Kaum wage ich zu hoffen — und doch ist Hoffnung das Kind der Reue. Julia. O Falkland — Sie sind nicht mehr schuldig in Ihrer ungütigen Behandlung gegen mich, als ich in der 30 Neigung, es so übel aufzunehmen; und da mein Herz aufrichtig mir gebietet, diese meine Schwäche auf Rechnung der Liebe zu stellen — soll ich so unedel handeln, und nicht die gleiche Entschuldigung für Sie gelten lassen? Falkland. Wie — hör' ich recht? (sie in seine Arme schließend.) o meine theure Julia. Anthony (kommt vor, zwischen Beide tretend). Was geht hier vor? Wie? Ihr habt Euch gezankt — nicht wahr? Julia — nie mischte ich mich in Eure Angelegenheiten, doch jetzt laßt mich ein Wort mitsprechen. Alle Fehler, die ich je an meinem Freund Falkland gesehen, scheinen zu entspringen aus dem, was er Delikatesse und Wärme seiner Leidenschaft nennt. Daher, Julia—heirathen Sie ihn sogleich, und Sie werden finden, wie erstaunlich er sich bessern wird. (Alle sind indeß vorgetreten.) Falkland. Hochbeglückt werde ich fortan sein! Capitain. Falkland, wir haben Beide sowohl die Bitterkeit als Süs- sigkeit der Liebe gekostet — nur mit dem Unterschied, daß Du die bittere Schale Dir immer selbst bereitetest, während ich — Lydya (einfallend). — Sie immer aus meiner Hand bekam — nicht wahr? Capitain Bescheidenheit! Doch genug davon — unser Glück soll von nun an ein ungetrübtes sein. Acre. Jack — meine herzlichsten Wünsche. Mr. Falkland — Ihnen das Nämliche, und auf eurer Hochzeit must ich sein. Anthony. Gentlemen, dazu sind Sie geladen, und hocherfreut werde ich sein, Sie bei guter Laune zu sehen; wir trinken dann auf die Gesundheit der beiden Paare, und auf das Wohl eines guten Gatten für Madame Malapropos. Der Vorhang fällt. Wien 18S3. Druck und Verlag von I. B. Wallishausser. In,demselben Verl Hopp, Fr., Atlasshawl und Harrasbinde, oder: Das Haus der Confusionen, Posse mit Gesang in 2 Aufz. gr. 8. 1849 iS Sgr. oder 48 kr. — LazarusPolkwitzervonNikolsburg, oder: Die Landpartie nach Baden. Posse mit Gesang in 2 Aufzügen gr. 8. 1849. iS Sgr. oder 48 kr. Kaiser,Fr.,Schneider alsNaturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8. geh. . 15 Sgr. oder 48 kr. — Eine Posse als Medizin. Originalposse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 allegor. Bilde. 8. geh. 1s Sgr. oder 48 kr. — Männer schönheit. Original-Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit Titelkupfer. 8. geh. is Sgr. oder 48 kr. — Ein Fürst. Charakterbild mit Gesang in 3. Akten. Mit 1 allegor. Bilde. 8. geh. IS Sgr. oder 48 kr. — Mönch und Soldat. Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbild. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Schule des Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Charakterbild mit Gesang in 4 Akten. Mit 1 Titelbild 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der Rastelbinder, oder: 10,060 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Junker und Knecht. Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbilde. 8- geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Akten. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Dicnstbothenwirthschaft, oder: Cha- toulle und Uhr. Charakterbild mit Ges. in S Akt. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 12 Sgr. oder 36 kr. Nestroy, I., Einen Jux will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen, geh. 15 Sgr. oder 48 kr. -«'.Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder: Das Geheimniß des grauen Hauses. Posse ins Aufzüg. 12. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der Zerrissene. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 allegorischen Bild. 12. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der Talisman. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 illum. alleg. Bilde. 12 . geh. 20 Sgr. oder 48 kr. — Unverhofft. Posse mit Ges. in 3Akten. Mit 1 alleg. Bild. 12. geh. 16 Sgr. oder 48 kr. — Freiheit in Krähwinkel. Posse in3 Acten. Mit 3 illum. allegor. Bildern. 12. geh. 24 Sgr. oder 1 fl. 12 kr. lge sind erschienen: Nestroy I., Zu ebener Erde und erster Stock, oder: Die Launen des Glückes. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit illum. Bild gr. 8. geh. 20 Sgr. oder 1 fl. — Der Unbedeutende. Posse in 3 Akten. Mit 1 illum. Bild. 12. geh 20 Sgr. oder 1 fl. — Das Mädl aus der Vorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Posse in 3 Akten. 12. 1845. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der böse Geist Lumpacivagabun- dus, oder: Das liederliche Kleeblatt. Zauberposse mit Gesang in 3 Aufzügen. 12. 1838. 2. Auflage. 15 Sgr. oder 48 kr. — Die verhängnißvolle Faschingsnacht. Posse mit Ges. in 3 Aufz. Mit 1 Bilde. 12. 1841. 15 Sgr. oder 48 kr. — Eulenspiegel, oder: Schabernack über Schabernack, Posse mit Gesang in 4 Akten. 8. 15 Sgr. oder 48 kr. Mautner, Ed., Lustspiele. I. Das Preislustspiel. II. Gräfin Aurora. 8. 1852. 1 Tblr. oder 1 fl. 30 kr. Lembert, d i e h 0 m ö 0 p atische Kur. Lustspiel in 3 Aufzügen, nach dem französischen Voudeville: ,,-lon smi xrsnäet" von ^ueelot und Oamderousse. 8. br. 1845. 7'/r Sgr. oder 20 kr. — Im zweiten Stock. Posse in einem Akte, nach dem Vaudeville: „1,8 rue cke In lune." 8. 1845. 7'/r Sgr. oder 20 kr. — Kenil worth. Histor. romant. Schauspiel ' in 5 Aufz. nach Walter Scotts gleichnamigem Romane 8. 184s. 8 Sgr. oder 24 kr. Koch, C. W., dramatische Beiträge für das k. k. Hofburgtheater in Wien. 1836. 8. Inhalt: Testament einer armen Frau. Er bezahlt Alle. Die Vorleserin. 1 Thlr. 10 Sgr. oder 2 fl. Shakespeare, der Kaufmann von Venedig. Lustspiel in 5 Aufzügen. Bearbeitet von C. A. West. gr. 8. 1841. 18'/» Sgr. oder 48 kr. — König Lear, Trauersp. in 5 A. Bearbeitet von West. gr. 8. 18V» Sgr. oder 48 kr. — Nomeo und Julie, Trauerspiel in 5 Aufzügen. Bearbeitet von West. gr. 8.1841. 18V» Sgr. oder 48 kr. Vogel, W., der Erbvertrag. Dramat. Dichtung in 2 Abtheil, nach einer Erzählung des C. F. A. Hoffmann. gr. 8. 1828. 22'/r Sgr. oder 48 kr. Witzigungen, oder: Wie fesselt man die Gefangenen. Lustspiel in 3 Akten. 8. 1843. 21 Sgr. oder 1 fl. — Das Duell-Mandat, oder: Ein Tag vor der Schlacht j bei Roßbach. Drama in 5 Aufz. 8. 1843. 18 Sgr. oder 48 kr. — Ein Handbillet Friedrich des Zweiten, oder: Inkognitos-Verlegenheiten. Lustspiel in z Aufzügen. 1843. 21 Sgr. oder 1 fl. Onkel Tom. Amerikanisches Zeitgemälde mit Gesang und Tanz in drei Abteilungen, nebst einem Vorspiele, nach Frau Stove's Roman: „Onkel Toms Hütte", von Therese von Megerle. Musik, mit Benützung amerikanischer Volksmelodien, vom Herrn Kapellmeister Metzger. 3m k. k. priv. Theater in der Josefstadt zum ersten Male aufgefuhrt zum Vortheile des Regisseur- Herrn Karl Wille, am 19. Februar 18S3, und bis Samstag den IS. März vor der Charwoche täglich fortgegeben. Vorspiel: Eine Ehe in Amerika, in einem Acte. Die Handlung spielt auf einer Plantage in Kentuki. Die Handlung des Stückes spielt 18 Jahre nach dem Vorspiele. Erste Abtheilung: Eine Wirtschaft in Louisiana. Die Handlung spielt auf Scelbi's Gute in Louisiana. Zweite Abtheilung: Eine Sklavenjagd. Die Handlung spielt in Straford und am Ufer de- Ohio. Dritte Abtheilung: Die Sklavin und ihre Kinder. Die Handlung spielt aus der Plantage in Kentuki. Wiener Theater-Repertotr. ^ 1 2 Personen; Eassy Morton. . . Frln. Müller. Georg, i tzJ.alt iimLor- Kl. Kapper. (5mmi, jsJ.alt! spiel Kl. Schmidt. Eassy's Kinder. Harris, Grundbesitzer in Kentuki . . . Hr. Wilke. Tom, ein Negersklave . Hr. Ed. Weiß C loe, sein Weib . . . Frln. Striegel. Locker, Gerichtsbeamter Hr. Weber. Herr Scelbi. Grundbesitzer in Louisiana . . Hr. Maierboser. Emilie, seine Frau. . Fr. Dunst. Wilm Scelbi, deren Sohn .... Hr. Scheibet. Scipers. Sklavenaus- seher bei Scelbi . Hr. Mack. Georg. Hr. Leuchcrt. Elis, sein Weib . . . Fr.Ander-Durmont. Henri, deren Sohn. . Kl. Singer. Mary, eine Mulattin . Legrüe, Grundbesitzer in Frln. Langer. Louisiana . . . Misch ler, Wirth in Hr. Mühlenau. Straford . . . Hr. Kästner. Song, Gaukler . . . Hr. Spiro. Paoli, sein Weib . . Fr. Grün. Emmi. Frln. Geistinger. Misouri, ein Indianer Hr. Treumund. Sim, ein Negerknabe Kl. Wagner. Sambo, ein Neger . . Hr. Liebet. Reger. Negerinnen. Mulatten. Mestizen. Vorspiel Sehr elegantes Zimmer mit einer Aussicht ins Freie. Blumen stehen in vergoldeten Töpfen umher, links im Vordergrund eine Ottomane mit Polster, rechts ein Schreibtisch, Alles athmet Ueppigkeit und Reichthum. Erste Scene. Tom (sitzt vor der Lhüre, Emmi auf seinem Schooß, und singt). Lied. An LouisianenS ödem Strand, Mit gramumwölktem Sinn, Da sitzet fern vom Heimathland Die klein« Negerin. Kein mitleidsvolles Lüftchen trügt Ihr Klagelied dahin, Und kündet, wie so schmachbedeckt, Die kleine Negerin. Was schaukelt auf der Woge her? Ein Palmenzweig so grün, Ach Heimathsblüthen bringt das Meer Der kleinen Negerin. Sie faßt d4k«ach mit sichrer Hand, Der Tod war ihr Gewinn, Die Woge trägt in's Heimathland Die kleine Negerin! Zweite Scene Cassy (kommt von links, einen Brief in der Hand haltend). Vorige. Ca ssy. Immer diese schändlichen Liebesanträge, und ich muß sie dulden, weil ich ein Weib bin! —O warum erlauben unsere Sitten nicht, die Schmach, die uns ein Nichtswür- diger zumuthet, mit seinem Blute abzuwaschen ! (ruft) Tom! Tom. Was befiehlst Du, Herrin? Ca ssy. Du wirst Dich immer in meiner Nähe aufhalten und Niemand zu mir laffsn, — gib wohl acht, — Niemand! Tom. Dein Wille ist Befehl, doch erlaube mir zu fragen, trifft dies Verbot auch Master Harris, den Vetter unser» O-ttetirS? Ca ssy. Zhn allein, seine Gegenwart ist mir zuwider. T o m. Dein Wille ist Befehl. Wenn 3 es Dich nicht erzürnen würde, Herrin, möchte ich Einiges mit Dir reden. Cassy. Rede immerhin, Tom, Du bist mir treuergeben, ich weiß es, ich habe auch nur zu Dir Vertrauen in diesem Hause. T o m. Mein Leben ist Dir und den Kindern geweiht, gebe Gott, daß Du niemals den Schutz und die Ergebung eines armen Sklaven bedarsst! Cassy. Man muß die Liebe eines unvernünftigen Thieres nicht von sich weisen, viel weniger die eines Menschen! Tom. Du bist gnädig, Herrin, Du zählst uns unter die fühlenden Geschöpfe, und wir sind doch nichts anders als Hausthiere, die man füttert, weil man ihrer Kraft bedarf. Cassy. Ihr werdet nicht Ursache haben, Euch in diesem Hause über eine harte Behandlung zu beklagen. Tom. DaS wäre sündhaft, wir haben einen guten Herrn und beten täglich, daß uns Gott dieses Glück erhalte. Cassy. Mein Gatte hält Euch wie Diener, nicht wie Sklaven, und ginge es nach seinem Willen, so wäre der Sklavenhandel schon längst abgeschafft. Tom. Gott segne ihn dafür — aber das ist es nicht, was ich mit Dir reden wollte, ich denke an Dein Glück, Herrin, und an die Zukunft Deiner Kinder. Und da möcht ich Dich fragen, wenn Dir die Erinnerung an die Vergangenheit nicht wehe thut — Cassy. Wenn jetzt im Gefühle meines Glücks sich zuweilen Gedanken des HochmuthS in meiner Seele erheben, dann gedenke ich jener Zeit, wo ich das Sklavenband trug wie Du — und mein Herz wird dann milde gegen fremdes Unglück, und von Dank gegen Gott erfüllt, der mich meinen Gatten finden ließ, der mich jenem schmählichen Joch entriß! Tom. Ich weiß — mein Herr kaufte Dich und mich bei jener großen Sklavenauktion, nach dem Tode der edlen Dame Wilton. Cassy. Meine zweite Mutter (sie drückt die Hand auf die Augen, wie, um eine traurige Erinnerung zu verscheuchen). Sie erzog mich, wie ihr eignes Kind, und ich hatte keine Ahnung, daß ich mein Leben einer Sklavin zu verdanken hatte, — ein bösartiges Fieber befiel sie ohne eine letzte Verfügung über ihr großes Vermögen getroffen zu haben, und als ich ebenfalls von der Krankheit ergriffen, nach Wochen meine Besinnung wieder erhielt, befand ich mich im Sklavenspital. Tom. Die Erben, weitläufige Anverwandte der edlen Dame Wilton, ließen Dich dahin bringen, um Dich später zu verkaufen, ich freute mich damals Deiner Krankheit, sie ließ mich hoffen, daß Du Dein Elend nicht überleben würdest! Cassy. Mein Gatte kannte mich schon in dem Hause meiner Wohltäterin, er kaufte mich, und reichte mir bald darauf seine Hand am Altar. Tom. Hast Du die Papiere, die Deine Heirath beweisen? Cassy. Ich bekümmerte mich niemals darum, war ich doch glücklich in dem Besitze des Geliebten. Tom. Leben die Zeugen? und wer sind sie? Du wurdest in Canada getraut, das ist weit von hier, wenn Du Deine Heirath beweisen solltest, würdest Du es können? Cassy. Was bedeuten diese Fragen? — liebt mich mein Gatte nicht mehr, habe ich ihm nicht zwei Kinder geboren, die er anbetet? er wird niemals daran denken, uns zu verstoßen. Tom. Er ist ein Mensch, seine weiten Reisen entfernen ihn oft von der Heimat, — wenn ihn ein Unglück träfe, — Master Harris ist sein nächster Verwandter, und Du bist nicht gut mit ihm. 1 * 4 Cassy. Weil ich ihn hasse wie die Sünde, Tom, Du mußt es wissen, denn Du sollst mich in der Abwesenheit meines Gatten beschützen, er verfolgt mich mit lasterhaften Liebesan- trägen, er will das Weib seines Vetters verführen! T o m. Ich sah seine lüsternen Blicke schon oft auf Dir ruhen, aber ich kannte Deine Liebe zu unserm Gebieter und war ruhig, es ist nothwendig, daß Du Deinen Haß beherrschest, Herrin! er ist ein böser Mensch und könnte Dir schaden. Cassy. Wenn mein Gatte zurückkehrt, werd' ich ihn mit den schändlichen Absichten seines Vetters bekannt machen, er wird ihm das Haus verbieten! Tom. Wollte Gott, er wäre schon da! (bei Seite.) Auf meinem Herzen liegt eine schwere Last, mir ist als ob unserm guten Herrn ein Unglück zugestoßen wäre! Dritte Scene. Georg (kommt heftig durch den Garten). Vorige. Georg. Mutter, Du mußt mir Sa tisfaktion geben lassen, Iaques Jriet hat mich beleidigt. Cassy (etwas heftig). Hat er Dich etwa geschlagen? Georg. O nein, das hätt' ich ihm zurückgegeben, obwohl er älter ist als ich, so bin ich doch stärker, er hat meine Ehre angegriffen, und auch die Deinige, Mutter, darum mußt Du ihn strafen lassen. Cassy. Knabenspäße — laß mich damit in Ruhe — Georg. Das ist kein Spaß, — ich wollte mit ihm spielen, er aber wandte sich ab und sagte — Du wirst erschrecken, Mutter, — er sagte, ich wäre kein Freigeborner, weil Du eine Sklavin warst, und ich dürfteden Namen meines Vaters nicht tragen. Cassy (heftig). Das sagte Iaques? — Tom, Du allein kennst meine früheren Verhältnisse, wer hat den Schleier von diesem Geheimniß gelüftet?! Tom (die Hände erhebend). Ich nicht, Herrin! ich schwöre es Dir bei meinem Leben! Georg. Vetter Harris stand dabei und lachte, er verwies Iaques nicht einmal diese kecke Rede, und als ich weinte, schickte er mich zu Dir. Cassy. Also auch er weiß darum, (steht stolz auf.) Nun denn, ist es denn ein Verbrechen, daß meine arme Mutter das Sklavenhalsband trug? War sie darum lasterhaft, weil sie unglücklich war? — Ia mein Kind, Du bist der Sohn einer Sklavin, aber Dein Vater hat mir und Euch die Freiheit gegeben, als er mir vor Gottes Altar seine Hand reichte, und mich zu seines Gleichen erhob. Tom. Laß Dir einen Freibrief ausstellen, wenn unser Gebieter von seiner Reise zurückkehrt, und verlange, daß Deine Ehe vor dem Friedensrichter erklärt wird, Gott ist gnädig, aber er läßt oft ein Unglück zu, um den Glauben seiner Kinder zu prüfen. (Lärm von Außen.) Cassy. Was soll das Gejammer im Hofe, der Aufseher wird es doch nicht wagen, einen Sklaven trotz meines Verbotes zu züchtigen. Tom. Das ist' nicht das Geschrei eines Einzelnen, das ist das Jammergeschrei von Vielen ausgestoßen. Cassy. Geh, sieh nach, was dieß bedeutet?! Georg (will mit Tom). Ich will auch mit. Cassy. Bleibe da, mein Kind, Du wirst dieß Zimmer nicht eher verlassen, als bis uns Dein Vater für frei erklärt hat. Tom (für sich). Mancher Freibrief ist schon zu spät gekommen, (ab durch die Mitte. Wie er abgeht, kommt Harris durch die Mitte.) Vierte Scene. Harris. Vorige. Tom (zu Harris). Die Herrin will allein sein, ich habe Befehl, Niemand zu ihr zu lassen. Harris. Fort, Knecht! — von nun an wirst Du nur mir gehorchen. (Tom ab.) Fünfte Scene. Vorige, ohne Tom. Cassy (geht einige Schritte vor). Seit wann erfrecht sich Jemand in meiner Gegenwart Befehle zu er- theilen? Harris. Seit diesem Augenblicke, schöne Dame, ich spreche als Gebieter mit meinem Sklaven! Cassy. Mit dem Ihrigen? Sie sind wobl nicht recht bei Sinnen? Harris. O doch, denn ich bin im Stande, die Wichtigkeit eines Zeitungsartikels einzusehen, den die heutige Nummer bringt, er wird auch für Sie von Interesse sein (rückt sich einen Stuhl zurecht, um sich darauf zu setzen). Cassy. Verlassen Sie mich sogleich, Ihre Gegenwart beleidigt mich! Harris. Nicht früher, bis Sie gehört haben — (er liest). Wir sind in der traurigen Lage, ein höchst betrübendes Ereigniß anzeigen zu müssen. Der Dampfer Elenor hatte das Unglück im Angesicht des Hafens von Charlestown zu scheitern. Die Ursache konnte nicht! ermittelt werden, da sowohl die Bedienung als auch alle Passagiere, die sich auf dem Schiffe befanden, zu Grunde gingen! Cassy. Das ist wohl ein großes Unglück, aber ich kann für die Gescheiterten nichts thun als beten! Harris. Ja beten Sie, denn Henri Morton befand sich ebenfalls auf dem Schiffe! Cassy (aufschreiend). Mein Gatte?! Harris- Der Gebieter dieses Hauses, der Herr der weitläufigen Besitzungen. Cassy. Das ist eine freche Lüge, ausgedacht, um mich zu ängstigen. Harris. Sie werden sogleich die Ueberzeugung erlangen, denn der Friedensrichter ist bereits im Hause eingetroffen, um bis zur Erbschaftserklärung die Siegel anzulegen. Cassy. Siegel, Erbschaftserklärung, — was wollen Sie damit sagen ? Harris. Daß ich als nächster Anverwandter in den Besitz der Güter trete, sobald das Gericht den Tod meines Vetters bestätiget hat. Cassy. Ich kann an dieses große Unglück nicht glauben! (sie sinkt betäubt auf die Ottomane). Georg. Was spricht der böse Harris von dem Vater? Cassy. Er sagt, daß er todt ist, und daß Ihr arme Waisen seyd. (drückt Georg auf die Knie nieder.) Bete, Georg, daß er eine Unwahrheit sprach, denn wenn Henri gestorben ist, werdet Ihr auch bald keine Mutter mehr haben! (sie fällt neben Georg auf die Knie nieder.) Sechste Scene. Tom. Vorige. Tom (nähert sich Eassv). Hast Du das Unglück schon erfahren, Herrin? Cassy (auf Harris zeigend). Schaffe mir Jenen fort, sein Anblick schneidet mir in die Seele, ich will allein sein mit meinem Schmerz! Tom. Ich wage es nicht, mit ihm zu reden, er hat fürchterliche Drohungen ausgestoßen. (Tom ab.) Harris (hat indessen einen Schreibtisch geöffnet). Es wird an Ihnen liegen, sich Ihre Zukunft so angenehm als 6 möglich zu machen. Meine Gesinnun- gen waren immer freundlich gegen Sie. Cassy (erhebt sich). Durch den Tod des armen Henri haben sich unsere verwandtschaftlichen Beziehungen auf- gehört, ich hoffe, daß Sie dieses Haus für immer verlassen werden. Harris. Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich jetzt Herr hier bin, und es also nicht von Ihnen abhängt, mich gehen oder bleiben zu beißen! Cassy (stellt Georg vor sich hin). Hier mein Sohn ist der rechtmäßige Erbe seines Vaters, und bis er mündig ist, werde ich auf unsere Rechte achten. Harris (lacht höhnisch). Sie sind komisch in Ihrem Pathos, und scheinen zu vergessen, daß Ihre usurpirten Rechte mit dem Tode meines Vetters aufhören. Eassy. Aufhören? — war ich nicht Henris Gattin? — sind dieß nicht seine Kinder? — Harris. Die Kinder? — nun ja, er nannte sie die Seinigen, aber die Familie hat niemals von ihrem Dasein Notiz genommen, — Sie gelten allerdings als die Herrin dieses Hauses, das war nur Galanterie meines Vetters, er war Ihnen zugethan, weiter nichts. — Cassy. Nichts weiter? — mit diesem Worte machst Du mich ehrlos, Elender, und schmähst meinen Gatten im Grabe, indem Du seine Kinder in die Klasse der Verworfenen schleuderst. — O mein Gott, kannst Du eS denn dulden, daß eines deiner Geschöpfe so viel Schmach leiden muß, bloß deshalb, weil es ein armes Weib ist, und weil mein Sohn noch nicht Kraft genug hat, einen Schändlichen zu züchtigen, wie er es verdient! — Siebente Scene. Tom (öffnet den Vorhang). Der Friedensrichter (tritt ein). Vorige. Tom (meldend). Der Friedensrichter. Cassy (eilt ihm entgegen). O mein Herr, schützen Sie mich vor diesem da, eö ist Ihre Pflicht, die Rechte der unschuldigen Waisen zu vertheidigen, sagen Sie ihm, daß er fortgehen soll, damit ich doch ruhig weinen kann. Friedensrichter. Wer sind Sie, Madame — ? Cassy. Sie fragen? bin ich nicht die- Frau des Unglücklichen, dessen Nachlaß Sie versiegeln wollen. Friedensrichter. Frau?! Ihr Ehekontrakt ist nicht zu Protokoll gegeben, die Behörde ist nicht gebunden, Wissenschaft von dieser angeblichen Ehe zu nehmen. Cassy. Auch Sie reden so, dessen Pflicht eS ist, das Unrecht zu verfolgen und die Unschuld zu beschützen! Tom (bei Seite). Ich wußte, daß es so kommen würde. Friedensrichter (indem er schnupft). Wo sind Ihre Zeugen? wo ist der Ehekontrakt? Sir Henri brachte Sie aus Canada, wenn Sie seine Gattin sind, so müssen Sie eS auch beweisen können. Cassy. Das kann ich, mein Herr. Wir wurden in Michigan getraut, der Priester, der die heilige Handlung verrichtete, muß noch leben, zwei junge Männer, Freunde meines Gatten, waren die Zeugen, Tom, welcher Henri damals als Kutscher diente, brachte die Braut zur Kirche, und später die junge Frau in dies Haus. Friedensrichter. Ein Sklave kan nicht als Zeuge gelten, wir müssen uns an den Buchstaben des Gesetzes halten, haben Sie schriftliche Beweise, so ist eS gut, wo nicht, wird die Erbschaft Sir Harris, dem nächsten Verwandten zugesprochen. r Harris. Genug der Worte.' (er schlägt ein Buch auf.) Mit einer Zeile dieses Buches mache ich alle zu nichte. (er liest.) Die Sklavin Cassy aus Louisiana angekauft um 8000 Dollars. Da weder ein Freibrief noch andere Papiere die angebliche Heirath bezeugen , muß ich auf meinem Recht als Erbe bestehen. —- Die Sklavin Cassy und ihre beiden Kinder Georg und Emmi werden in das Jnventa- rium aufgenommen, und bei der nächsten Auction verkauft. Cassy (fällt mit ihren beiden Kindern laut aufschreiend zu Boden) Tom (beschäftigt sich mit ihr). Gott sei der Armen gnädig!!! Der Vorhang fällt. 8 Erster Act. (Das Innere eines Wirthschastsgebäudes, im Hintergrund rechts das Wohnhaus, links Toms Hütte, rechts im Vordergründe ein Laubdach, zwischen dem Wohnhaus und Toms Hütte ein Glockenzug.) Grste Seene. Scipers, steht und zieht an der Glocke, auf den ersten Schlag kommen von allen Seiten Sklaven, schwarze, weiße, Männer, Frauen und Kinder, darunter Tom und Mary. Scipers. Ihr habt wahrscheinlich schon auf die Glocke gewartet, weil Zhr so flink bei der Hand seid, faules Gesindel, das zur Arbeit zu langsam, zum Essen aber immer zu geschwinde ist - Mary (schlägt ihn auf die Achsel). Geh, sei nicht so brummig, alter Stipers, das steht Dir gar nicht an, und wir wissen auch, daß eS Dir nicht vom Herzen geht. Scipers. Za, schmeichle nur, kleine Schelmin, deßwegen bleibe ich doch Deine Autorität. Tom. Die wir zu schätzen wissen, Herr Scipers, in diesem Hause gibt es keinen Unzufriedenen, und das will viel sagen, Herr Scelbi, Gott segne ihn, er behandelt uns wie Kinder, und wenn wir den Herrn Scipers was zu Liebe thun können, so geschieht es vom Herzen gern. Wissen Sie, warum wir Alle so schnell bei der Hand waren, als uns die Glocke zum Feierabende rief? SciperS (schmunzelnd). Nun, habt Zhr mir vielleicht einen großen Fisch gefangen ? Tom. Als die Arbeit auf dem Maisfelde früher fertig war, als Sie es uns aufgetragen hatten, so gingen wir alle in Ihren Garten. Scipers. Und habt mir meine Sa- latköpfe gestohlen? Mary. Pfui schäm Dich, alter Scipers, so etwas von uns nur zu denken! Scipers. Du sei nur gar still, Du bist eine ausgemachte Diebin. Mary (stellt sich ihm mit untergestemmten Armen entgegen). Ei, und was Hab' ich denn gestohlen? Scipers (leise). Mein Herz, kleiner Spitzbube! Mary. Wär mir nicht der Mühe werth — das trägst Du mir alle Tage auf dem Präsentirteller an, ich habe aber nicht Lust, zuzugreifen, (läuft fort.) Scipers (läuft ihr nach). Warte nur, ich will Dir lehren, mit Autoritäten Spott treiben. Mary. Bist Du nicht neugierig, was Dir Tom und die Andern für eine (Überraschung bereitet haben? Scipers. Wird auch was Rechtes sein! Tom. Sehen Sie nur nach Ihrem Garten, der lebendige Zaun, den Sie sich vorigen Herbst gewunschen haben! Scipers. Da sieht man was heraus kommt, wenn man Euch ohne Aufsicht laßt, — aber Morgen ist unserer guten Dame Geburtstag und da Hab' ich Alles zum Feste hergerichtet. Auch für Euch ist gesorgt worden, Zhr könnt tanzen und springen, daß es eine Freude ist (zu Tom). Du kannst auf Ordnung sehen, daß es recht lustig hergeht, die Dame sieht es gerne, wenn sie fröhliche Gesichter umgeben! Zweite Seene. Wilm. Harris (kommen durch das Haus). Vorige. Harris. Daß Herr Scelbi nicht zu Hause ist, kommt mir sonderbar vor, da er doch weiß, daß der Wechsel heute fällig ist und als ordnungS- 9 liebender Mann sollte er darauf vorbereitet sein! Wilm. Wenn Sie ein wenig warten wollen, so will ich ihn aufsuchen! Harris. Ja, suchen Sie ihn, ich habe nicht Zeit, lange zu warten! Wilm. Mein Vater wird gleich hier sein! (ab nach links). Dritte Seene. Vorige, ohne Wilm. Harris (zu Scipers). Herr Scelbi ist wohl reich? ich sehe da eine Menge Sklaven, und die Wirtschaftsgebäude scheinen im guten Stand. (Er sieht sich um). Scip.ers. Unsere Wirtschaft ist geordnet, und was die Hauptsache ist, es lebt da ein Häufchen glücklicher Menschen beisammen, die trotz Sklaverei und Dienstbarkeit Gott täglich danken für die Wohlthat, die er ihnen erweißt — Harris (bei Seite). Da Hab' ich es ja mit meinem Wechsel herrlich getroffen ! (Die Sklaven bewegen sich im Hintergründe lebhaft, Tom ist ins Haus getreten). Was gibt es denn da? Eure Leute scheinen ein Fest zu begehen, gibt es eine Hochzeit oder sonst dergleichen? S cipers. Sie bereiten sich zum Tanze vor, Madame gibt ihnen ein Fest. Harris. Sind es nicht Sklaven? S cip ers. Freilich, sollen sie sich denn ihres Lebens nicht freuen? Harris. Das Leben des Sklaven gehört dem Gebieter, sie dürfen sich nicht freuen und auch über ihr Schicksal nicht klagen, wenn des Herrn Ge- both es ihnen untersagt! S ci p e r s. O, über diese Begriffe sind wir längst hinaus. Unsere Sklaven haben bloß noch den Nahmen, sie sind Alle Kinder einer Familie, und Herr und Frau Scelbi sind die Eltern dieser Verwaisten, und bei Gott, unsere Felder sind am besten bearbeitet in der ganzen Gegend — auch würde das Haus eher einstürzen, eh' uns ein Sklave entliefe! Harris. Ich bleibe bei der hergebrachten Sitte, die Peitsche gehört für den Sklaven, wie für den Hund! Tom (kommt aus dem Hause mit einer Flasche Cognak und einem Glase). Madame läßt fragen, ob nicht ein GlaS zur Erfrischung gefällig wäre? (er erblickt Harris und bleibt verwundert stehen). Harris. Nun, kannst Du nicht näher kommen? Tom (tritt näher und präsentirt ihm die Tasse). Harris (hat sich eingeschenkt und trinkt, er erblickt Tom). Wie ist mir denn? das schwarze Gesicht kommt mir bekannt vor — wenn ich nicht gewiß wüßte, daß ich den alten Hallunken nach dem Süden verkauft habe, so würde ich glauben, das Gesicht da wäre es! Tom. Der Knecht ist nicht würdig Herr, daß Du Dich seiner erinnerst. Harris. Also hat mich mein Auge nicht getäuscht, er war ein intriganter eigensinniger Bursche, der mir viel Aerger bereitete! Scipers. Bei uns ist er ganz das Gegentheil, denn seit den 18. Jahren als ihn Herr Scelbi gekauft hat, ist er cher vortrefflichste unter unfern Sklaven, darum ist er auch der Liebling vom ganzen Haus, und hat daher den Spitz- nahmen Onkel Tom erhalten! Harris. Das sind wohl schöne Eigenschaften, es ist mir leid, daß ich so spät damit bekannt werde — nun, wenn ihn Herr Scelbi einmal losschlägt , will ich mich um den Preis erkundigen. S c i p e -MvD ch,u MSi'.Ttz >NME »»^rvt ^.4 .7 < 4 ichv^-k. WHM »sVLrO Lrttkiv tzi^r ^irr r'ö< ^iZL^«« SchM 7^4 ^nu!4ki^ 7NN ch7UF Ärl z*/v>k-'D '^s-s^in- r^rir 4n>M '.M'MMt rsL M-iMMnU n-nn. <üO 4nr-, tzj6. nrnä'L nMMch^ ; Eri4^i » G'M ^i^m ssj rAtiHrnO ri4 ,/ttäriL .(arßki '. -*> - ^->-'-'.-r '' 't I'MUäMtztzi'" Lft»oM a'v '^k>1 'S^l v V sts^frH'Miiz n4^ iKnr«L-,rj rn4 Hrfu^KntvM Lrchtt^ *rW n^t 4n» ..-rtzttuW 7»vj»<^ pn< ms»8^ Irnhö) tz 7 o ) G § s^M.«A W h *7»urÄ k 7 F ^ uz 77r»P><--r>i4 EM .^^^'7iUKOttnL Mrr . ^ 'I^> iils,7jN5 ,s^oGsvr> 4 tt« WsG jrSarot) v ö ^ r47>«,77»l chirN ^ E'' iK'mm'VMchlLVMD tti skL- O: 6V schbm GL' .l»mm.n nubH. - ö..^"Hü-rb§- MH. E,., rnE^nnm ^M mirO j rnrw>V^ Wk"" G'»tt «Ä ^ ME. '. -'' "Eftz5 iM' - L»^ H Mfös« M-j^^-tz'NL»r« 7)äÜ7i MlU ^ 7l« ,SNlMW»»4rkr HM-' ic.^ . ,sn4-,j'Ü!^ tz'^^r» ^ .ELrÄ? .<< »'4 sD 5)4 ,NZ70^^N ^ .NM>Wb ,7.'iiä^ - H'' 7 7«» »,- in4 ch-u4 Hr-.uk. rnn In 7>E FL. -^HMLrns^. -n4«Ü«iÄ. 4m. Gj Eck s Mn k,E«. inGM f' >:-1jWH. yswnl^ S»4 irPwK^N ^iM r^rfl, Gon 1^!..' >7?7dÄ^ M7iL )i« ,iHum nrrnop- nrm^K. siitt^ZMömrö^ ^ ^LGl'm^rnWj' ^zÄ^Mi^MWP i, vMj4qM»vS fir näo^ u«tz^ .rn-)^>?v -r«»7M fivnv-oy^rr't »4 ,ri>4!u^ ^ ^»',4r-1vn ^ nn.r^4v - ^ m,nE i^^M_ tzMss Mm r.'nrMMm rp 4ML SüL .4«IK» --pb> ttiom-'MH«Wrq'E ns- N r.-Kn nTrM^ incki^W>rm Tlrnnm nr4vL^ " "/'. ^ ^ ^-«s/ ^ .Ern nränm ^ »E- ni^M»4 --»7^.-7i»S-. .M'« M4L47 V 74s. 7^,1 rrW m 'o. L 1^7/5' e-.l!ü»^ -,42'Ä ^c.^ chH 17 Äl. W,. m? rrÄ> r si C.N l Ls tz «L ^ . .. ^ LS»r^ »HL'pl Nliv^ M ^ '. .. . _^ ^- - -. G .7)HuSS«MM .S -L -!i4 bG-6' ?n» LtvL ^S6». -«,M ^ ^ Li» »Uer L»rvor«l. Charactergemätde in fünf Acten, von Carl Juin und P. I. Reinhard. Theilweise nach vumanoir. (Zum erstenmal aufgeführt den 3v. August 1853 . auf dem k. k. priv. Theater in der Josephstadt in Wien.) Den Kähnen gegenüber als FNanuscript. Personen r Besetzung am k. k. priv. Theater in der Josephstadt. Franz Rockinger, General, Hr. Mühlenau. Herr von Thalburg, Armeelieferant .Hr. Biel. Simon, Korporal . . . Hr. Leuchert. Pickhard. Dragoner . . Hr. Spiro. Pillmann, Rekrut. . . Hr. Küstner. Peter Frosch .Hr. Wilke. Ludwig, Simon's Sohn . Hr. Groß. Bottmann, ein junger Bauer Hr. Liebel. Gerhard, Rechtsanwalt . Hr. Mack. Ein Adjutant . . . Hr. Zeiser. Ein Soldat .Hr. Mayrhofer. (Die Handlung spielt in Baiern. Der 1 Stephan, l . . Hr. Bschorner. Franz, j Diener Hx, Swobvda. Minna von Sternhetm. Frl. Müller. Maria .Frl. Door. Emma, ein Kind von 4 — 6 Jahren (im ersten Acte) Kleine Singer. Katharina, Simon's Frau, Marketänderin . . . Frau Haller. Life, ein Bauernmädchen . Frau Dunst. Soldaten verschiedener Waffengattungen. Bauern, Bäuerinnen, Diener. Act 16 Jahre früher als die Uebrigen. Erster Aet. Mn Lager. — Links * im Vordergrund das Zelt des Generals ; in demselben ein Tisch, worauf ein Teppich ljegt, Schreibzeug. Papier rc. eine kleine brennende Lampe, zwei Feldstühle. — Im Hintergründe Gewehre in Pyramiden.) Rechts und links vom Zuschauer angenommen. Erste Gerne. Der General (sitzt unter dem Zelte, am Tisch; ein Adjutant steht bei ihm — eine Wiener Theater-Repertoir. XXVII. Schildwache vor dem Zelt. — Pillmann ißt rechts mit mehreren Soldaten aus einer Schüssel. — Etwas zurück Soldaten, welche kochen. — Andere im Hintergründe in verschiedenen Gruppen, theils essend, theils Waffen putzend rc. dann Thalburg). General (zum Adjutanten). Diese Depesche in's Hauptquartier — auf den Befehl des Armeekommandanten werde 1 2 auch ich mich sogleich dahin begeben. — Adjutant (ab). Pillmann (mit vollem Munde). Eh! Du Schwab', Du verschlingst immer zwei Knödel, bis ich einen habe — das thut's nicht aus die Dauer — da muß ich mich noch bei'm General beschweren. — Ein Soldat. Zst dieser Münchner ein Fresser! — Thal bürg (kommt aus dem Hintergrund, zur Schildwache). Zum General Rockinger! (geht in's Zelt). General. Ha! sieh' da, Thalburg? (steht auf). Thalb. Herr General — ich komme, um Ihnen Lebewohl zu sagen. — General. Sie wollen fort? Ei mein Lieber, wer soll denn die Armee ernähren, wenn der Proviantmeister sie verläßt?! — Wohin gehen Sie? — Th alb. Nach München, um meine Vorräthe zu erneuern — ich erhielt vom Armeecommandanten diesen Passierschein, damit ich ungehindert durch die Vorposten komme. — General. Nehmen Sie Sich jedoch vor feindlichen Detachements in Acht; denn diese manövriren sehr naseweis um die Stadt herum — mir unbegreiflich.— Thalb. Aber noch unbegreiflicher, General, ist mir Ihre isolirte Stellung hier, mit der Hälfte Zhrer Brigade vier Stunden vomHauptquartier entfernt. — General. Befehl des Armeecorps- commandanten — „General Rockinger," sagte Se.Ercellenz zu mir, „besetzen Sie mit Ihrer halben Brigade diesen Punkt — formiren Sie ein Lager.— Man wird Sie angreifen, Sie halten sich so lange als möglich — während Sie sich verteidigen, ziehen Sie sich zurück, und locken dabei den Feind nach dieser Seite." Thalb. Ihnen, Herr General, gab man den Befehl zu einem Rückzüge? daS ist doch eine Sache, die Sie nur dem Namen nach kennen! (sprechen leise weiter). Pillmann. Teufel nochmal, was Hab' ich denn da im Löffel? — 's ist schwer — na das wird doch etwas für meinen Magen ausgeben! — Was ist'ö denn nur? — Eine Patrone! — Alle. Ha! ha! ha! ha! — Pillm. Wie's scheint, fehlte eS an Salz, und man hat die Suppe gepulvert. — Ach! Sapperment — wie beweine ich mein München — hier gehen uns dein Geselchtes — deine Dampfnudeln und dein gutes Bier ab! — (Während dem haben sich der General und Lhalburg gesetzt, und mit einander gesprochen.) Thalb. Ihre Instruktion beunruhigt mich sehr, theurer Freund. Wenn — General (einfallcnd). Ich im Kampfe fiele?! — dann bin ich gut aufgehoben. Es wäre weit schlimmer, wenn ich zum Krüppel würde, aber selbst dann — wäre ich durch die Gnade meines Monarchen versorgt, da er mir in der Nähe meines Geburtsortes Mariabrunn, ein Gut .schenkte, welches wenigstens 200,000 fl . werth ist. — Aber ich hoffe zu Gott, noch mit graden Gliedern in dem freundlichen Thal recht glückliche Tage zu verleben — ja, mein Freund, recht glückliche, ruhige Tage im Schooße meiner Familie — mit meiner Frau, mit meinem Kinde — Thalb. (erstaunt). Mit Ihrer Familie? Was sagen Sie?—Und da weiß ich gar nichts davon? — General. Za, theurer Thalburg— ja, es ist schon Alles vorhanden, Frau, Familie — kurz, es ist eine wahre Soldateneroberung, welcher nur noch eine Kleinigkeit fehlt — die Einwilligung des Vaters. — Th alb. Ei, wie ging denn das zu? — General. Vor fünf Jahren lag ich verwundet in Wien — in dem Hause einer der edelsten und reichsten Familien des Landes. Die Tochter des Hauses, welche dort mit einer Tante allein lebte, da der Vater sich als Gesandter in ei- 3 nem fremden Staate befand, ließ mir die liebevollste Pflege angedeihen — kurz, wir liebten uns! — Wir hatten keine Hoffnung, die Einwilligung des Vaters so schnell zu erlangen, welcher seine Tochter wohl schwerlich einem einfachen Hauptmann, noch dazu ohne Vermögen, gegeben hätte. Wir schlossen daher eine heimliche Ehe, bevor ich wieder in's Feld mußte — und ich ließ mein geliebtes Weib und mein Kind unter dem Schutze der Tante in Linz. (Bewegung Thalburgs). Darum darfich nicht fallen, mein Freund — ich muß ja vor der ganzen Welt diejenige als meine Gattin anerkennen, die es bereits vor Gott ist — mein Kind muß den ehrlichen Namen seines Vaters tragen dürfen. Sie sehen also — ich habe noch große, heilige Pflichten zu erfüllen, darum wird auch der Himmel so gnädig sein, und mich vor einer feindlichen Kugel beschützen. — Zweite Seene. Vorige. Adjutant. General. Sie noch hier, Herr Adjutant? — Adjutant. Ich wollte gerade zu Pferde steigen, als ein Wagen, welcher von unseren Vorposten angehalten wurde, in's Lager kam. — Eine junge Dame stieg aus, und verlangt mit Ihnen, Herr General, zu sprechen. General (verwundert). Mit mir?! Eine Dame? Was bedeutet das? — Adjutant. Ich führte sie hierher— und wenn Sie erlauben — General. Sie soll kommen. (Adjutant nach links ab). Thalb. (lächelnd). Ein Damenbesuch! — Ach! da will ich nicht länger stören! Bleiben mir noch einige Minuten, kehre ich wieder, um Ihnen nochmals die Hand zu drücken. (Eine verschleierte Dame tritt aus dem Hintergründe links auf, Adjutant führt sie zum General, Lhalburg verbeugt sich vor ihr und geht ab. General gibt dem Adjutanten ein Zeichen, sich zu entfernen — dieser geht links ab.) Dritte Seene. General. Minna von Sternheim. Minna (sich entschleiernd). Mein theu- rer Franz — ich bin es! — General. Liebste Minna — mein gutes, trautes Weib — Du — Du hier! (führt sie rasch in'S Zelt und bietet ihr einen Stuhl, plötzlich ängstlich). Mein Gott, du bist so ernst; es ist doch unserem theu- ren Kinde, unserer lieben Emma, kein Unglück begegnet? — Minna. Beruhige Dich! —Sie ist hier — frisch und gesund unter dem Schutze meiner guten Tante, welche uns begleitet. — General (hastig). Aber weshalb hast Du denn Linz verlassen? — Minna. Linz ist in der Gewalt eurer Gegner. — Ein Brief meines Vaters befiehlt mir und der Tante, uns augenblicklich nach München, wo er schwer erkrankt liegt, zu begeben. General (unruhig). Und weiß Dein Vater schon das Geheimniß unserer Ehe? — Minna. Noch nicht! und jetzt, wo er so schwer erkrankt ist, darf ich nicht wagen, ihm dasselbe zu gestehen? Die Entdeckung, daß seine Tochter das Weib eines feindlichen Soldaten ist, würde ihm den sichern Tod bringen. Um ja zu keinem Verdachte Anlaß zu geben, wollte die Tante unser Kind braven Leuten in Regensburg anvertrauen. — General. Nein — nein — wer weiß, wie bald alle diese Städte den Folgen des Krieges ausgesetzt sind. — Mir — nur allein mußt Du unsere Tochter anvertrauen. — Minna (aufstehend). Du kommst meinem heißesten Wunsch zuvor. Das sicherste Asyl wird das stille Thal sein, wo Du geboren. Bei der schrecklichen 1 * 4 Notwendigkeit, mich von meinem Kinde zu trennen — ist mein einziger Trost, daß ich es der Sorgfalt seines Vaters vertraue. (Weinend). Du wirst Dein geliebtes Kind glücklich nach Mariabrunn bringen. — General (sie an seine Brust drückend). Ja — ja — das will ich! — Aber wo ist mein liebes Töchterchen, ich will sie sehen — küssen! — Vierte Seene. Vorige. Ordonanzoffizier. Dragoner. Pickhard. Ordonanzoffizier (eine Depesche überreichend). Herr General — (übergibt die Depesche und tritt einige Schritte zurück). Minna (erschreckt). Diese Depesche — vielleicht Marsch - Ordre! — General. Nun? — Minna. Ich zittere — wenn vielleicht grade jetzt die Pflicht Dich zwingt, Dich von unserem Kinde zu trennen?! — General. Beruhige Dich! —wenn auch ich verhindert wäre, so habe ich ja noch einen Freund, auf welchen ich, wie auf einen Felsen bauen kann. — Du weißt, jener Soldat, der mit in Wien war — Minna. Simon? — General. Ja, Simon — mein treuer Jugendfreund, welcher mir zu Liebe auch Soldat wurde, nur um mich nicht zu verlassen. — Ihm können wir also unbesorgt unser Kind anvertrauen! — Ich werde ihn sogleich rufen lassen, ihm Alles sagen, und er wird unsrer Emma ein zweiter Vater sein. — Minna (beruhigt). So will ich sie holen und dann — General (bewegt). Dann mußt Du aber auch schnell fort von hier! — Aber — wie hoffst Du glücklich durch das Kriegsgewühl zu kommen? (sieht plötzlich Lhalburg, welcher zurück kommt). Ha! das trifft sich glücklich! — Fünfte Seene. Vorige. Thalburg. Th alb. General — General. Thalburg —ich ersuche Sie um einen großen Freundschaftsdienst — Th alb. Befehlen Sie über mich! — General. Die gnädige Frau wünscht sich nach München zu begeben — sie ist allein — ohne Schutz — Th alb. Frau! — (bei Seite). Sie ist es! — General. Versprechen Sie mir, ihr als Beschützer zu dienen, und sie nicht eher als im Hötel des Herrn von Sternheim in München zu verlassen? — Thalb. Gnädige Frau — dieser Auftrag ist für mich so ehrenvoll, daß ich gewiß trachten werde, ihn glücklich zu vollführen, (leise zum General). Ich er- rathe — und begreife Ihre Sorge. — General (leise). Und jetzt, liebe Minna — Minna (resignirt). Hole ich Emma, und übergebe sie Dir. — General. Ja — ja — bringe sie — ich erwarte Dick)! — Thalburg, begleiten Sie die gnädige Frau bis zum Wagen — aufWiedersehen! — Herr Hauptmann, jetzt zu Ihnen! — (Lhalburg und Minna ab). Sechste Seene General. Ordonanzoffizier. General (die Depesche öffnend). Vom Armeecorpscommandanten! — Ordonanzoffizier. Die Depesche ist sehr eilig, Herr General — ich hatte Befehl, im stärksten Gallop herüberzureiten, so daß mein Pferd hier im Lager todt niederfiel! — General (die Depesche überfliegend). „Sie haben sich ohne Verzug in's Hauptquartier zu begeben! Verlieren Sie keine Minute, das Loos der ganzen Armee hängt vielleicht davon ab." (stürzt in s Zelt, nimmt feinen Hut, plötzlich stehen bleibend). Und Minna — meine Tochter — (zu den Soldaten) Corporal Simon soll kommen — im Augenblick. (Zum Offizier). Zu Pferde, Herr Hauptmann — nehmen Sie eines von meinen Pferden -—(zu den Soldaten) nun, Simon? Wo ist er denn? — Simon! — Siebente Seene. Vorige. Simon. Simon (die Hand an der Mütze). Hier, Herr General! — General (winkt ihn näher zu sich, dann leise). Ich habe mit Dir zu reden — erwarte mich hier — aber nicht einen Schritt von der Stelle, und wenn die ganze feindliche Armee über Dich mar- schiren sollte. Simon. Wird geschehen, Herr General! — General (zum Offizier). Kommen Sie. (Ab mit dem Ordonanzoffizier). Achte Seerre. Simon. Pickhard. Pillmann. Soldaten. Simon (seine Pfeife anzündend). Gut! — Jetzt stehe ich hier Schildwache! — (zum Posten). Halbpart, Kamerad! — Pillmann (lachend). Hahaha! — Der Corporal muß Posten stehen! Alle (lachen). Simon (sich auf eine Trommel nie- versetzend). Na, Dragoner, Du folgst Deinem Offizier nicht? — Pickhard (vorkommend). Unmöglich, Kamerad — meinem Pferde war der Ritt zu stark — der Athem ist ihm ausgegangen — nun liegt's dorten und streckt alle Viere! — Simon. Und Ihr ladet den Dragoner nicht 'mal zu 'nem Löffel Suppe ein? — So betragt Euch doch, wie es gesitteten Soldaten zukommt! — Alle. Da! Da! (bringen einen Napf). Pillmann (Pickhard einen Löffel überreichend). Vertieft Euch hinein, tapferer Reiter! — Pickh. Wird nicht ausgeschlagen, Kamerad! — Simon. Gut—sehr gut! —Pillmann ! (ihn am Kinn nehmend und ihn Pickhard vorstehend). Dieß ist Pillmann, Rekrut aus der Au-Vorstadt in München. — Betrachte Dir ihn gut —Dragoner — habt Ihr einen Einzigen bei Euch, der so dumm aussieht. — Pillmann. Aber Corporal Simon — Simon. Warum bistDu so dumm? Man sagt, die Münchner seien alle witzige Bursche — warum bist Du nicht witzig? — Pillmann. Weil ich aus der Au bin und mit Eselsmilch auferzogen wurde. Simon. Also deshalb — Pillmann. Und dann war ich zwei Jahre Lehrbub' in einer Spezereihandlung — Simon. Das wird Schuld sein! — (zu den Andern). Ihr müßt deshalb dem Burschen nicht gram sein. — (Soldaten gruppiren sich um ihn — Andere spielen Karten rc.) Du mußt etwas aufgeweckter werden, Pillmann — mußt den Andern einen Possen spielen. — Pillmann. Possen? — oh, Corporal — wird schon werden — wird schon werden! — Simon (zu Pickhard). Was gibt's Neues im Hauptquartier? — Pickhard. Wir erwarten stündlich den Befehl, den Feinden die Röcke auszuklopfen. — Simon. Angenehme Beschäftigung! — Und mit was amüsirt Ihr Euch bis dahin? Mit hübschen Mädchen — hm! Ein gesegnetes Land in dem Artikel! — Pillmann. Da habt Ihr Recht, Corporal — das schöne Geschlecht ist wirklich sehr schön. — Simon. Na — Dir wird's eben kei- nen Schaden machen — Dich wird so Keine ansehen! — Pillmann. Doch noch eher mich Junggesellen als den Corpora!, der ein Ehekrüppel ist! — Pickh. Sie find verheirathet, Corpora!? — Simon. Ja — ja — man hat sich auch in diesem Regiments anwerben lassen, und dient also zu gleicher Zeit eine doppelte Capitulation. — Pillmann. Ah — ist eine schöne Frau, die Frau Katharina, unsere Mar- ketänderin! — Pickh. (lachend). Na — Corporal, sind Sie noch nicht im Rapport wegen Kopfwunden (macht die Pantomine der Hörner) eingetragen — he? — Simon. Himmel tausend Donner und Granaten — soll sich nur Einer an Katharina wagen. Da kam er schön an; sie liebt nur ihren Mann und ihr Kind. — Pickh. Auch schon ein Kind, Corporal? — Simon. Ja — zu Hause in Mariabrunn — einen kleinen Rekruten von 8 Jahren, welcher bei der Großmutter geblieben ist — er soll so stark wachsen — daß er schon so groß ist, wie ein kleiner Grenadier. —Ja derHimmel, wird mich wohl Freude an dem Buben erleben lassen, zum Ersätze, daß er mein kleines Mädchen zu sich nahm. — Pillm. Ein Mädchen hatten Sie auch schon? — Simon (eine Thräne trocknend). Ja — es wurde im Lager geboren. — Mitten in einer Schlacht, und konnte dann die Beschwerden unserer forcirten Märsche nicht ertragen! Armer kleiner Engel! (sich ermannend). Ah bah! — Pillm. Recht, Corporal — denken Sie an Ihren Sohn! — Simon (aufstehend). Mein Ludwig! — Ha! Er hat mir schon einen kleinen hübschen Brief zu meinem Geburtstag geschrieben, (zeigt ein Briefchen). Seht! das ist das kleine Meister-Werk — Buchstaben so groß! — Ha! Ein kleines Kind, welches schon so groß schreibt! — Pillm. Es machte Ihnen wohl viel Vergnügen, das Briefchen zu lesen? — He? — Simon (traurig den Brief einsteckend). Nein! — Pillm. (erstaunt). Wie? Simon. Wenn ich lesen könnte, Dummkopf, wäre ich gewiß mehr als Corporal — Pickh. So? — Simon. Potz Tausend! — Unser General Rockinger sagte es mir schon hundertmal: „SiehstDu,Simon," sagte er mir, „wir sind zusammen von Mariabrunn ausgezogen, haben dieselben Etappen gemacht, in denselben Schlachten gekämpft, und Du, dessen Losung immer Vorwärts war, bliebst doch stets ein Nachzügler bei'm Avancement. — Trotz Deinen ehrenhaften Wunden trägst Du noch immer wollene Schnüre. Lerne jetzt noch lesen und schreiben — was Du zu Hause nie lernen wolltest — sonst kannst Du es unmöglich weiter bringen." — Saperlott — das ist leicht gesagt! — Aber wann hätte ich denn Zeit dazu? Märsche — Schlachten und (sich den Schnurbart geckenhaft streichend) dann zum Ueberfluß die galanten Beschäftigungen eines Kriegers. — Pillm. Aha! Jetzt wird uns der Corporal seine Liebesgeschichten erzählen — (zu Pickhard leise) das ist sein Steckenpferd! — Pickh. (sich Simon nähernd). Bah! — Jst's wahr? — Simon. Na — ja — ja — ein wenig — ein wenig! (Katharina tritt im Hintergründe auf). Pillm. (bei Seite, rasch). Oh! Seine Frau! (leise zu den Andern). Still! — (Macht Katharina Zeichen, still zu stehen und zu horchen). -keimte Seeue. Vorige. Katharina. Katharina (iw Hintergrund bleibend). Weshalb winkt mir denn der da? — Pillm. (bei Seite). Ha! —Du sagtest ja selbst zuvor, ich sollte Andern einen Possen spielen? — Na, warte — warte! — (macht Katharina Zeichen). Simon. Za — laßt Euch erzählen — das Letztemal, eö war in Wien — war ich auf der Parade — sauber gewichst und geschnürt — auf einmal geht — Pickh. Eine dicke, hübsche Köchin vorbei! — Katharina (bei Seite). Was? — (Die Soldaten, welche rechts von Simon stehen, gehen auf ein Zeichen Pillmann's etwas bei Seite, um Katharinen Platz zu machen, welche aber Simon noch nicht steht). Simon. Pfui — Dragoner — Köchin — das ist etwas für Pillmann — für Dich, Pillmann, sind die Köchinnen da! — Ich sehe also eine schöne Dame mit einer ältlichen Frau Vorbeigehen,— prächtig herausgeputzt. Bei meinem Anblick bleibt sie überrascht stehen, und wirft mir einen Blick zu — ha — einen Blick. — Zn dem Augenblick, wie ich an ihr vorübergehe, höre ich, wie sie zu ihrer Gefährtin sagt: Das ist ein bildhübscher Mann! — Za wohl,Frau Gräfin von Eichthal, sagte die Alte! — Zch wußte ihren Namen — mir genug! — Katharina (bei Tritt). Ha! der Bösewicht! — Simon. Den Abend erbitte ich mir von meinem Obristen die Erlaubniß auszugehen, und marschire zu der Gräfin. — Sie that verlegen — „was wollen Sie hier?" — Zch habe die Erlaubniß meines Obristen! „So spät! Um diese Zeit?" Zch habe die Erlaubniß meines Obristen. Zch erzähle ihr von den Stra- patzen des Krieges, von meinem Hunger und Durst — daß ich also essen und trinken möchte. — Sie sieht meine Vernunftgründe ein — läßt ein herrliches Souper auftragen mit allen Sorten von Erfrischungen — und alsdann, auf Ehre — Katharina (welche vortritt). Nun alsdann? — Simon (sie sehend). Alle tausend Bomben und Granaten! — Katharina. Alsdann — was — Du — (pufft ihn). Simon. Oh! Oh! — Alle. Hahahaha! Simon. Himmeltausend Schock Schwerenoth! — (Trommelwirbel). Pillm. Hollah! — Nun ist'S aus mit der Unterhaltung! (Die Soldaten nehmen ihre Waffen und gehen ab). Simon. Katharina; Zch schwöre Dir, daß Alles reine Erfindungen sind — Katharina. O! Du schlechter Mann! — Simon (ihr nachgehend). Nur um die Erziehung der Rekruten musterhaft zu vollenden — um ihnen die Grundsätze der wahren, militärischen Galanterie einzuflößen — Katharina. Du Bösewicht! Zetzt kenne ich Dich! — Aber ich werde von jetzt an ein wachsames Auge auf Dich haben, und dann — nimm Dich in Acht! Nimm Dich in Acht! (Ab). Zehnte Seerre. Simon, dann Minna verschleiert. A d- jUta nt, später Thalburg. Simon. Katharina — Kathi! (macht eine sorglose Bewegung). Ah! bah! — Vor d erZnspektion habe ich keine Furcht — weil es nur Schnurren waren, was ich erzählte, um meinem Range Ehre zu machen, — hahaha! — 's ist keine Gefahr dabei, daß Prinzessinnen mich im Lager aufsuchen werden l Minna (im Hintergründe zum Adjutanten). Herr General Rockinger? — 8 Adjutant. Ist in's Hauptquartier geritten. — . Minna. Nicht hier? — Ließ er nicht vorher den Corpora! Simon rufen. Adjutant. Dort steht er als Ordonanz. Minna. Zch danke Ihnen. Adjutant lab.) Minna (sich ihm nähernd, verschleiert bleibend). Corpora! Simon! Simon. Hier ist er! (Bei Seite.) Was ist das? — Minna (ihn betrachtend). Ja — ja — Sie sind es! — Ihre Züge sind meinem Gedächtnisse nicht entschwunden. Simon. Meine Züge? — Minna. Erinnern Sie sich an Wien? — Simon (verblüfft). Eine Dame von Wien! (Bei Seite.) Element! Sollte ich wahr gelogen haben? — Minna. Auf ein Wort? — Simon. Beliebt? — Minna. Was ich Ihnen jetzt sage, muß für's Erste noch ein Geheimniß bleiben. Simon. Oh! Was das betrifft — ich schwöre, es Niemand zu sagen. (Naiv.) Ich weiß ja selbst nichts! — Minna, Ich bringe Ihnen unsere Tochter! — Simon (in die'Höhe springend) Wie — beliebt — unsere? — (Bei Seite.) Tausend Bomben und Granaten! — (Emma wird von zwei Bedienten vorgeführt) Minna. Da ist sie! — Simon. Auf Ehre wahr! da ist sie! Minna (führt sie zu Simon). Ihnen vertraue ich sie! — Simon (ganz bestürzt). Verzeihung — Verzeihung — entschuldigen Sie — aber — Katharina, meine Frau — Minna. Sagen Sie ihr, daß ich ihre Sorgfalt, ihre Zärtlichkeit zu belohnen wissen werde. Simon (bei Seite). Ha! das ist denn doch zu arg! — Minna (kniet sich zu ihrer Tochter). Lebe wohl, mein Kind! Emma. Du verläßt mich?) Minna (ihre Lhränen zurückhaltend). Nicht für lange — ich werde bald wieder kommen — heute Abend noch. (Zeigt auf Simon.) Dort, der Mann wird Dich zärtlich lieben — er wird Dich Pflegen — sieh, wie gutmüthig er aussieht. Emma. Oh Mama, ich liebe die Soldaten sehr! Simon (bei Seite). Wo, zum Teufel, soll das hinaus? Thalb. (auftretend). Der Wagen steht bereit. Minna. Himmel — schon? — Thalb. Wir müssen abreisen, meine Gnädige! (Geht in den Hintergrund.) Minna. Lebe wohl, theures Kind — umarme mich nochmals! (Zu Simon, ihm die Hand drückend.) Ach! Vielleicht ist es ein letztes Lebewohl, vielleicht der letzte Kuß, den ich meiner Tochter gebe. Simon (gerührt). Arme Frau! — (Bei Seite.) Ich verstehe von Allem nichts! — Emma. Du weinst — Mama? — Minna. Nein — nein — ich lache — ich bin glücklich, da ich Dich bald Wiedersehen werde. (Leise zu Simon.) Sie werden sie lieben, nicht wahr? Sie schwören mir, sie zu vertheidigen, zu beschützen? Ja, ja — Sie verstehen die Thränen einer Mutter — denn Sie weinen auch. Simon (sich die Augen trocknend). Himmel tausend Saprament! Thalb. (nähert sich Minna). Minna (schnell Emma umarmend). Lebe wohl, mein Kind, lebe wohl. (Zu Lhalburg.) Ich folge Ihnen. (Thalburg und Minna ab.) Eilfte Seene. Simon. Emma. Simon (nachdem er sich die Augen getrocknet). Kurz also — Gnädige — was? fort? — und hat die Kleine richtig hier gelassen. Eh! Eh! Eh! 9 Emma (läuft zu ihm). Papa! Simon (plötzlich stehen bleibend). Was sagt'sie? Emma. Ich will nicht, daß Du fortgehst— Papa! Simon. Sie sagt's richtig nochmals! (Su Emma.) Wer ist Papa? — Emma. Na, Du — Mama sagte, daß ich zu Papa ginge—und daß Papa sehr hübsch wäre — aber warte, Mama — so zu lügen. — Simon. Weßhalb lügen? Emma. Du bist häßlich! — Simon (geckenhaft). Für Kinder — möglich — aber für Mütter niemals! (Bei Seite.) Was, zum Teufel, fang' ich nun mit dem Kinde an?! — (Will abgehen.) Aber Gnädige — Emma (hält ihn bei den Rockschöffen zurück, und führt ihn mit Gewalt vor). Willst Du wohl dableiben — oder ich zerreiße Dir Deinen Rock! — Simon. Halt! der gehört dem Landesherrn — rühre das Tuch der Regierung nicht an! (Sie betrachtend.) He! — Sie ist hübsch, wie ein kleiner Engel! (Setzt sie auf's Knie, ihr schmeichelnd und mit bewegter Stimme.) Kaum fünf Jahr alt — fünf Jahre — gerade das Alter, welches — Emma (auf seinen Knieen springend). Hopp! Hopp! Simon. Genire Dich nicht — nimm' Besitz von mir! — (Küßt sie.) Da! - Emma. Auweh! — das sticht! — Simon. Die Kinder — möglich — die Mütter — oh, niemals! Emma. Komm, — ich will Deine große Mütze aufsetzen! — Simon. Nein, nein, Kleine, die Paßt nur auf meinen Kopf! — Emma. Ich will aber — Simon. Bist Du denn mein Offizier, um mir zu befehlen? Rühre sie nicht an! Katharina (von Außen). Wo ist er? Wo ist er? — Simon. Kartätschen-Eleme nt! Ka> tharina! — E m m a. Wer ruft da? — Simon. Wenn sie mich damit sieht! (Rasch.) Heda! Komm', Kleine, komm'! — Da hast Du Deinen Willen — ich erfülle Deine Wünsche! — (Setzt ihr seine Bärenmütze auf, welche Emma fast ganz verdeckt, und stellt sie hinter den kleinen Tisch, welcher das Kind ganz maskirt, so, daß die Mütze auf dem Tisch zu stehen scheint.) Aber rühre Dich nicht, sei ganz still! — Zwölfte Seene. Vorige. Katharina. Katharina (kaum ihren Zorn zurückhaltend). So?! — das waren also vorhin nur Erfindungen von Dir — und die schöne Dame, die so eben in den Wagen stieg, die, wie ich eben erfuhr, nach Dir gefragt, und sogar mit Dir gesprochen hat?! — Ist die denn auch erfunden? He? Na? Wirst Du antworten? Was wollte sie? Was sprach -sie mit Dir? — Simon (verwirrt). Katharina! — es war in Dienstangelegenheiten. — Sie hatte mir etwas zu rapportiren! — Katharina. Mach' keine dummen Witze, um Deine Verlegenheit zu verbergen ! Weßhalb bist Du so roth, wie ein Hahn? — Warum? (Schaut nach der Mütze.) Warum hast Du die Mütze abgenommen ? Simon. Weil — weil ich starken Kopfschmerz habe. Katharina. Aufsetzen, und mit mir gehen! — (Emma geht um den Lisch herum.) Was? die Mütze marschirt jetzt? Simon (bei Seite). Tausend Schock Kartätschen! — Katharina. Ha! da steckt Etwas d'runter ! — (Hebt die Mütze auf und schreit laut auf bei dem Anblick des Kindes,) Emma (erschreckt, läuft zu Simon). lPapa! — 10 Katharina. Papa?! — Simon (bei Seite). Lieber wollte ich doch eine L4pfündige Kanonenkugel im Magen haben! — Katharina (außer sich). Ich muß Dich umhringen, ich muß — Dreizehnte Seeae. Vorige. General. General (hcrbeieilend, sehr bewegt). Mein Kind! Meine Tochter! Bei Simon sagte sie mir! — Ha! da ist sie! (Nimmt Emma in die Arme und bedeckt sie mit Küssen.) Meine Tochter! — Katharina und Simon. Seine Tochter!? — Emma (rin wenig erschrocken). Wie, Du bist der Papa? — General. Ja — ja — Dein Vater, welcher Dich über Alles liebt! — Guter Simon, sieh hier mein höchstes Glück, meine größte Freude, meine Tochter! — (Umarmt Emma.) Emma. Oh! Dich habe ich auch lieber — was für einen schönen Rock Du anhast! — Simon. Da sieht man, daß sie ein Frauenzimmer ist, ein schöner Rock besticht sie jetzt schon! — Katharina (verwirrt , halblaut). Ach! mein armer Simon! Wie sehr habe ich Dir Unrecht gethan! General (sicht Katharina). Katharina, verlaß' uns! —Du, Simon, bleibe! — Katharina (leise zu Simon). Was bedeutet das Alles? Simon (leise zu ihr). Das ist ein Geheimniß, welches Du nie erfahren wirst. — Katharina (bei Seite). Oh! das kenne ich! Heute Abend wird er mir dock Alles erzählen — (Geht ab , indem sie Simon noch durch eine Bewegung um Verzeihung bittet.) Vierzehnte Seene. General. Simon. Emma. General (Emma haltend). Meine Tochter! — (Plötzlich und wie durch eine innere Eingebung.) Nein! Simon'sTochter! — (Ihm die Hand reichend,) Freund — willst Du dieses Kind als das Deinige betrachten? — Simon. Wenn Sie befehlen, Herr General, nehme ich em ganzes Findel- Haus als meine Familie an! — General. Höre! Gott nahm Dir die arme Kleine — sie würde jetzt gerade so alt wie dieses Kind sein. — Nun wohl, von jetzt an heiße meine Emma — Maria, von jetzt an sei meine Tochter die Tochter Simon's und Katharinens — bis zu dem Tage, wo ich im Stande bin, Mutter und Kind öffentlich anzuerkennen! — Simon (mit Begeisterung). General! Ihr Wunsch ist mir ein heiliges Gebot! General. Ich werde sogleich einen Urlaub von einem Jahr für Dich aus- fertigen lassen — Du wirst mit Katharina (auf das Kind, welches spielt, zeigend, und jedes Wort betonend) und mit ihr, als Deiner Tochter Maria, und angeblich der Schwester Deines Sohnes Ludwig, in unsere Heimath reisen — Simon. Verstanden! — General. Und jetzt setze Dich hier neben mich! — Simon. Zu Befehl, General! — General (zieht Schriften aus einem Portefeuille). Hier ist mein Trauschein — hier der Geburtsschein Emma's. — Diese Acten, von den militärischen Behörden bestätigt, sind der Beweis, daß Emma meine Tochter ist; — dieses Dokument macht sie bei meinem etwaigen Tode zur Erbin und Besitzerin meines Gutes. — Simon. Gut — sehr gut! — General. Du hast doch den Tod- tenschein Deines verstorbenen Töchter- chens bewahrt. — Simon. Ich trage ihn stets bei mir — hier — auf der Brust — als wenn der kleine Engel sich selbst zwischen mich und den Kugeln stellte — hier ist er. 11 General. Gib! — Ein Courier geht sogleich mit Depeschen in's Innere des Landes. Durch diesen Courier schicke ich eine Botschaft an den Notar Gerhard. Simon. Notar Gerhard? — General. Ja, dem Notar des Städtchens in der Nähe Mariabrunn's — Du kennst ihn. — Diesem also sende ich wohl versiegelt diese Actenstücke — (nochmals die Worte betonend) , welche eines Tages beweisen werden, daß die Tochter Simons und Katharinens nicht mehr lebt, und daß das Kind, welches einstweilen diesen Namen führte, die rechtmäßige Tochter des General Rockin- ger ist. (Legt die vier Actenstücke in ein Couvert und versiegelt es.) Simon. Und dann? was wird Herr Gerhard damit machen? — General. Dusollstes erfahren, höre! Simon. Mit aller Aufmerksamkeit! General (wiederholt langsam , was er schreibt). „Bewahren Sie auf das Sicherste dieses Packet — es enthält die ganze Zukunft, das Lebensglück eines mir theuren Wesens. Ich vertraue und übergebe diese Dokumente Ihrer Rechtlichkeit. Sie übergeben diese in dem beifolgenden Packet eingesiegelten Papiere nur mir, mir ganz allein! —" Simon. Alles verstanden! — General (wie oben). „In dem Falle jedoch, daß ich während des Krieges falle, (Bewegung Simon's, der aufsteht) übergeben Sie die Papiere nur der Person, welche zu Ihnen sagen wird: der General Rockinger sendet mich, und diesem einen Namen hinzufügt, einen Namen, den nur Sie allein, ich und die gesandte Person kennen werden — den Namen — " Simon (dem General die Hand aufhaltend). Genug! das Weitere geht nur Sie allein an! — (General drückt ihm die Hand, Simon geht und spielt mit Emma.) General (zum Adjutanten, welcher eintritt). Herr Adjutant — lassen Sie den Courier, welcher mit den Depeschen abgehen soll, zu mir kommen. (Adjutant ab. General falzt den Brief und schreibt die Adresse darauf.) „Herr Gerhard, Rechtsanwalt und Notar in Breitenstadt — Baiern!" (Uebergibt den Brief und das Packet dem Adjutanten, welcher mit dem Courier kam. — Der Adjutant übergibt beides dem Courier, Beide ab.) Jetzt bin ich ruhig — glücklich ! — Mein Kind, mein Name, mein Vermögen sind gesichert! Dir, Simon, meinen Dank. (Man hört in der Ferne mehrere Schüsse.) Ha! — Emma (geht zu Simon). Was ist das? Simon. Der Teufel hole mich! Ich glaube — der Tanz geht los! — Adjutant (herbeieilend). Herr General, ein feindliches Detachement greift unsere Vorposten an! — Simon. Es ist richtig so! — General. Gut — wie es der Ar- meecommandant vorausgesehen hatte! — (Soldaten stellen sich im Hintergründe auf.)' Simon (sein Gewehr nehmend). Gewehr auf! — General (ihn zurückhaltend). Laß Dein Gewehr in Ruh', heute wirst Du nicht kämpfen! Simon (ihn betrachtend). Himmel tausend — General (auf Emma zeigend). Sieh' dort hin .' (Simon, ohne ein Wort zu sagen, stellt sein Gewehr hin, und nimmt Emma, welche er an die Brust drückt. General zu den Offizieren seines Stabes, welche herbei kamen, und während man das Zelt abschlägt.) Meine Herren! — Der Befehl des Herrn Armeecorpscommandanten lautet, daß wir uns fechtend nach dem Hauptquartier zurückziehen. Sie kennen Ihre Instructionen! Simon (bei Seite). Ich darf nicht 'mal eine kleine Kugel verschießen. General (zu Simon gehend, rasch). Nimm das Kind! — Gehe durch das kleine Wäldchen, welches von uns besetzt ist, und suche eiligst das Hauptquartier zu erreichen — dort werdet Ihr 12 einstweilen in Sicherheit sein. — Auf Wiedersehen, Simon! — (Umarmt Emma.) Mein theures Kind — Gott beschuhe Dich! (Neues Gcwehrfeuer, das Kind drückt sich an Simon.) Folgen Sie mir, meine Herren! — (Ab mit dem Stab.) (Allgemeiner Abgang der Soldaten nach Commando.) Fünfzehnte Scene. Simon. Emma. Simon (ihnend nachsehend). Da geh'n sie hin — und kämpfen ohne mich (Betrachtet Emma.) Na, weil die Parole Fliehen heißt — vorwärts! (Hängt den Tornister um, nimmt das Kind bei der Hand und will abgehen.) Halt! — Was glänzt denn dort vom Wäldchen her? — Man sollte glauben — es seien Bajonette! (Plötzlich.) Kreuztausend Kartätschen und Granaten! — Ich erkenne die feindlichen Czakos! Wir sind umzingelt! — (Ladet sein Gewehr.) Emma. Was machst Du denn da? Simon (lachend). Wer? Ich? — Na — wir wollen spielen. — Emma (herum hüpfend). Das ist schön! — Simon. Wir wollen uns amüsiren — siehst Du! (Bei Seite.) Sie verdrängen die Unserigen aus dem Holze — sie rücken vor! — (Schüsse.) Emma. Aber wer macht denn solchen Lärm? — Simon. Ei potztausend, siehst Du, das ist sehr lustig — 's ist artig — nicht wahr? — (Bei Seite.) Und keine Zukunft für die arme Kleine — kein Schutz — Nichts — nichts, als mein Körper! (Ein Schuß, Simon hat sich vor das Kind gestellt, deckt es, und hält seine Hände auf des Kindes Kopf.) Emma Was pfeift denn so um uns her? Simon (bei Seite , mit zitternder Stimme). Mein Gott! — Die Kugel ging zwei Finger breit an ihrem Kopf vorbei. (Schüsse, Simon's Mütze fällt.) Emma (stark lachend). Hahaha! — Seine Mütze ist gefallen! Simon (bei Seite). So kann ich nicht bleiben! — Ich kann es nicht! — (Hebt das Kind in die Höhe und setzt es reitend auf seinen Tornister.) Jetzt wollen wir uns hübsch amüsiren — so, halt' Dich fest! — (Bei Seite.) Gott der Gnade, hilf mir sie vertheidigen! — Emma (auf Simons Rücken.) Sieh, sieh — dort unten — siehst Du den zu Pferd, wie er gallopirt! — Simon. Er sprengt auf uns zu! (Schießt.) Emma. Oh! Wie schlecht der reitet — er ist gefallen! — Sechzehnte Scene. Vorige. Pickhard. Pillmann. Pillm. (ladend). Hierher, Dragoner, hierher! — Pickh. (ein Gewehr aufhebend, als wenn bei der Coulisse Einer gefallen wäre). Steh' fest, Kamerad — jetzt habe ich ein Gewehr! — Simon. Zu mir —Freunde! — Emma (fröhlich). Hahaha! Wie lustig! — Simon. Zu mir, Kameraden! — Deckt das Kind! das Kind! (Die drei Soldaten schießen. Schüsse von Außen) Pickh. (getroffen). Ha! (Er fällt.) Simon. Himmel tausend Kreuz — (Sich nach dem Körper Pickhard bückend.) In der Brust zwei Kugeln! (Bewegt.) Armer Teufel! — Emma. Warum hat sich denn der Soldat schlafen gelegt ? — Simon (nach kurzer Pause). Weil er müde war — er schläft! — Wenn ich mich allenfalls auch hinlegen sollte, um zu schlafen — mußt Du keine Furcht haben — verstehst Du! (Nimmt die bewegungslose Hand Pickhards.) Leb' wohl, armer Kamerad! 13 Pillmann (schnell). Mein Gott! Corpora!! Seh'n Sie dorthin! — Siebzehnte Seene. Vorige. General von Offizieren unterstützt; Katharina. Simon. Ha! (stürzt gegen den General). General (am Kopf verwundet, wankend). Simon!—Du-ist es! — Dank, mein Gott! — Simon. Verwundet?! — General (die Arme öffnend). Meine Tochter! (Katharina nimmt das Kind und gibt es dem General). Emma (schreiend). Ach ! — Blut — ich fürchte mich! — (Katharina entfernt das Kind vom General). General. Meine Tochter! — Ach! — Sterben ohne Dich glücklich zu sehen. — (seine ganze Kraft zusammen nehmend und sich auf Simon stützend). Nein! — noch fühle ich Kraft — lassen Sie mich einen Augenblick mit meinem Freunde Simon allein — meine Herren. — (Offiziere ziehen sich etwas zurück, General geht mit Simon in die Nähe, wo Pickhardt liegt). Simon — den Namen — den Namen — muß ich Dir jetzt sagen — merk wohl auf — er heißt — Simon. Ich höre! — General. Minna von Sternheim — Wiederhole — Wiederhole! — Simon- Minna von Sternheim! — General. Vergiß ihn um Gotteswillen nicht! — Simon. Niemals! — General. Leb'wohl—Freund Simon — leb' wohl, meine — ha! lsinkt zusammen und stirbt. — Man legt den General auf Gewehre und trägt ihn fort. — Man hört Generalmarsch schlagen. Von allen Seiten dringen Soldaten ein. — Schlacht- Tableau. — Simon, Katharina mit dem Kinde im Vordergründe.— Simon schießt rc. (Der Vorhang fällt.) Zweiter Aet. (16 Jahre später). (Das Dorf Mariabrunn im bairischen Gebirge. — Links 1. Coulisse ein kleines Haus — eS ist das der Kinder Simon's. 2. Coulisse eine Straße. — 3. Coulisse, eine kleine Kirche, zu deren Hauptthor einige Stufen fuhren. — Rechts: 1. Cou- ltsse ein WirthShaus; davor einige Tische unter einer Laube. — In der Mitte des Theaters, gegen die 3. Coulisse, beginnt ein Weg über einen Hügel, welcher sich naH links in's Feld zieht. — Rechts 3. Coulifie. einige Bäume.) Grste Seene. Life. Bott mann. (Bottmann kommt aus dem Hause — Life aus dem Hintergründe links.) Bottm. Das ist hübsch von Dir, Life, daß Du heute Morgen hierher kommst. — Life. Wegen was ist denn daS so hübsch von mir? — Bottm. Du sagtest gewiß zu Dir selbst: Der arme Bottmann hat heute so viel Arbeit — ich muß hingehen und ihm ein Bischen helfen! — Life. Nein — das Hab' ich nicht zu mir gesagt — Bottm. (erstaunt). Ah! — Life. Ich habe überhaupt gar nichts gesagt — Bottm. Ah! — Life. Ich bin, ohne Etwas zu denken und zü sagen, hierher gekommen. Bottm. Oh! — Life. Ach! — Ich denke überhaupt gar nichts — ich bin so dumm! — Bottm. Warum sagst Du nur immer, daß Du dumm bist? — Life. Weil's wahr ist? — Sieh' Dich in der ganzen Gegend um, ob es noch eine Dümmere gibt, als ich bin! — Ach! Ich bin dumm — aber so dumm, daß ich zornig über mich selbst werde — daß ich mich ordentlich schäme. — Was? - Bottm. Na— ich weiß wohl, daß Du den Spinat nicht erfunden hast — 14 aber daS ist nicht Deine Schuld — Deine Eltern haben Dich in Deiner Jugend zu viel Gänsebraten effen lassen — das verdirbt den Verstand. — Life. Aber jetzt esse ich keinen Gänsebraten mehr, und es wird täglich ärger. — Ich werde Dir dies gleich beweisen. — Die jungen Mädchen des Dorfes suchen immer mit den jungen Burschen zu plaudern und zu tanzen, und da mir dann nur die ältesten und häßlichsten überbleiben, so bin ich auch zufrieden! —Ist das nicht dumm? — He? Wenn Peter Wedel, der Kärrer, welcher so stark als ein Ochs und so bösartig wie ein Esel ist, seine Pferde so wüthend schlägt, so ist's mir grade als ob ich geschlagen würde — und da bekomm' ich Lust, über Peter herzufallen und ihn tüchtig durchzuwalken. — Ist daS nicht dumm genug? He? — Wenn Herr Frosch, mein Dienstherr — die armen Leute so grob von seiner Thüre jagt, und sie Faullenzer, Tagediebe schimpft, und ich sehe sie so fortgehen, mit trüben Augen und den Kopf hängend, so treibt's mich an, daß ich mich ihnen in den Weg stelle, und ihnen meine ersparten Pfennige gebe. — Ist das nicht sehr dumm. — He? Bottm. (gerührt). Life — das ist Alles Eins — mir gefällt Deine Dummheit — ich — ich liebe Deine Dummheit! Das heißt Dich! — Life (erstaunt). Ah bah! — Bottm. Und wenn ich Dir nicht zuwider bin, so nehme ich Dich zur Frau. Life. Aber zum Heirathen muß ich erst die Erlaubniß meines Herrn haben. — Bottm. Des Herrn Frosch? — Gut — vielleicht gibt er Dir ein kleines Hei- rathßgut, er ist so reich! — Life. Na — ob der reich ist — der hat Thaler! — Bottm. (heimlich). Früher hatte er wenige gesehen — in der Zeit, wo er noch Chausseewärter war und Steine auf der Straße klopfte — daS muß langweilig sein! — Life. Ja — aber seitdem er seinen Vetter beerbt hat — den General — Ro — Rol — Rockinger — ist er ein Filz geworden. Aber den jungen Mädchen die Cour schneiden — das thut er. — Bott m. (rasch). Dir auch, Life — Donnerwetter! — Life. Nein — höher hinauf — ich glaube, Jungfer Maria, die Schwester Deines Herrn, wäre nach seinem Geschmack. Bottm. Oh! Oh! Da kann er sich den Mund wischen, Jungfer Maria Simon ist so tugendhaft und rechtschaffen, wie Du, Life — so gescheidt wie ich — und so hübsch — fast so hübsch, wie wir Beide zusammen; na, das will viel sagen. — Life. Ich glaube, die wird sich niemals verheirathen. — Seit sie ihren Vater verloren, liebt sie nur ihren Bruder. (Die Glocken auf der Kirche läuten). 'Bottm. Grade läutet man zur Seelenmesse, welche jedes Jahr für den verstorbenen Simon gelesen wird. — Zweite Seerre. Vorige. Pickhard, (Bauern, Weiber und Kinder, gehen zur Kirche; einige junge Bursche gehen nach dem Wirthshaus). Pickhard (zu den Burschen, sie zur Kirche treibend). Hierher, nicht dorthin! Schickt es sich, in's Wirthshaus zu gehen, wenn ein Gottesdienst für einen alten Soldaten ist? Ihr Philistervolk! (Die Bursche gehen auch zur Kirche). Bottm. Sagt 'mal, Nachbar Pickhard, da Ihr doch Soldat gewesen seid, habt Ihr denn niemals den Vater der Geschwister Simon angetroffen? — Pickh. O ja! —Ich erinnere mich, daß ich eines Tages mit einem Ordonanzoffizier zu dem General geschickt wurde, der die Brigade kommandirte, 1L bei welcher Simon stand — es war vor ohngefähr 16 Jahren. Es fehlte wenig, so wäre ich nicht wieder gekommen, denn ich wurde so schwer verwundet, daß man mich für todt hielt. — Bei dem Gefecht, welches damals stattsand, kam, glaube ich, der Corpora! Simon um's Leben. Bottm. Nein, so lange ist's noch nicht; er blieb in Rußland, wie man sagt. — Denn bevor unsere Landsleute damals mit der französischen Armee fort m das kalte Land mußten, kam Simon in's Dorf. — Life. Mit seiner Tochter Maria und seiner Frau der Marketänderin, welche sehr kränklich war. Sie fanden ihren Sohn Ludwig frisch und gesund — Simon blieb nur so lange hier, um seinem guten Weibe die Augen zuzudrücken. Bottm. Und dann mußte er wieder in's Feld rücken, ging später mit nach Rußland, wo ihm eine Kanonenkugel den Kopf wegriß — dies soll die muthmaß- liche Ursache seines Todes gewesen sein, Nachbar Pickhard. — Pickh. (bewegt). Er starb und hatte zwei brave Kinder — welche die Freude seines Alters gewesen wären. (Trocknet sich eine ThrLne). Jedermann hat nicht dieses Glück. Und mein Sohn! Schlechte Gesellschaft hat ihn verdorben. — Vergangene Nacht wieder war er bis früh in der Schenke, trank, spielte, fluchte! Life (bei Seite). D'rum sah ich ihn heute Morgen so bleich, so verstört, um unser Haus herumstreichen. — Pickh. (bei Seite im Abgehen). Aber er muß fort von hier — er muß fort! (Ab in die Kirche). Bottm. Da kommen Ludwig und Maria. Dritte Seene. Vorige. Ludwig. Maria, dann Peter Frosch. (Ludwig und Maria kommen Hand in Hand aus dem Hause; sie gehen traurig mit niedergeschlagenen Augen). Life (sie begrüßend). Gehen Sie jetzt für Ihren Vater beten, Mamsel Maria? — Maria (Ludwig ansehend, mit halber Stimme). Mein Vater? — Ludwig (ihr die Hand drückend). Bist Du nicht für sie, wie für alle Welt — meine Schwester? — Maria. Ja wohl — ja wohl! — (Ludwig und Maria wollen in die Kirche — Peter Frosch erscheint auf den Stufen). Frosch (zu Maria). Sie finden keinen Platz mehr, Jungfer Maria — und ich kam deshalb heraus, Ihnen, als Schultheiß des Dorfes, in der Ge- schwor'nen Bank einen Platz anzubieten. — Ludwig (kalt und streng). Man betet für die Seele des Corporal Simon — Jedermann weiß dies, und Niemand wird den beiden Waisen, welche für ihren Vater beten, einen Platz verweigern. — Frosch. Aber es macht mir Vergnügen, der Jungfer Maria meinen Platz zu überlassen. — Ludwig (rasch). Maria, meine Schwester, nimmt ihn nicht an, Herr Schultheiß. — (Gehen zur Kirche). Frosch (bei Seite). Das Brüderchen ist nicht sein. — (laut). Sie brauchen nicht so stolz zu sein, bester Ludwig — man braucht doch manchmal die Leute. — Ludwig (lebhaft). Sie niemals — hoffe ich! — Frosch. Na — wir werden sehen! — (Ludwig und Maria gehen in die Kirche, Bottmann, Life, Pickhard folgen ihnen). Frosch (allein, ihnen nachsehend). So! Du bist stolz — und hast doch Schulden — und Du bezahlst Deine Pachtgelder nicht?! — Gut, mein Junge, weil Du mir die Thüre weisest, werde ich an der Deines Gläubigers klopfen. — Vierte Seerre. Frosch. Thalburg. Minna. (Lhalburg, Minna am Arm führend, kom- 16 men aus dem Hintergründe rechts — sie scheinen etwas zu suchen — sehen Frosch). Thalburg. Verzeihung — wir sind noch fremd hier in der Gegend, da wir erst seit einigen Tagen angekommen, und wir glauben, uns bei unserem ersten Spaziergang verirrt zu haben. — Frosch. Ha! —Ich errathe—Sie sind gewiß Herr und Frau Thalburg, die neuen Besitzer des Schlosses Braunau. — Thalb. Ganz recht! — Frosch. Ich heiße Frosch — bin der Schultheiß des hiesigen Ortes. — Zhr Weg ist sehr leicht zu finden — Sie dürfen nur hier durch Rockinger's Park gehen — Minna (bei Seite). Rockinger? — Thalb. Rockinger? Minna (mit bewegter Stimme). Weshalb hat der Park diesen Namen? — Frosch. Mein Park? Es ist auch zugleich der Name meines Schlosses, meiner Felder, meiner Wiesen, — und ich bin sehr stolz darauf, sage es auch einem Jeden, der es hören will: Frosch, gewesener Chausseewärter. — Minna. Aber wie kommt es, daß dieses Gut jetzt Ihnen gehört? — Frosch. Das will ich Ihnen gleich sagen. — Ich stand eines Tages auf der Chaussee und klopfte ganz ruhig meine Steine, als plötzlich der Briefbote kam und mir einen dicken Brief übergab. — Es war eine Vorladung zum Oberamt, um eine wichtige Mittheilung zu erhalten u. s. w., unterzeichnet vom Herrn Ober-Amtmann — das war komisch — nicht wahr, gnädige Frau? — Minna. Weiter — weiter! Frosch. Ich komme also auf's Amt und da theilt man mir mit, daß ich einen Vetter gehabt, der sein Glück gemacht — General geworden sei — und daß ihm der König Wiesen, Aecker, Pachthöfe, ein Schloß — mit einem Worte ein großes Vermögen in Gnaden geschenkt habe. — Thalb. Und der General? — Frosch. Eine Kanonenkugel hatte ihm die Thüre zur Ewigkeit gesprengt — auf diese Art sind mir die Aecker, Wiesen, Schloß u. s. w. geblieben, und das nennt man Rockinger's Gut! — Minna (zögernd). Und — Sie sind — der einzige Erbe des General Rockinger? — Frosch. Der Allereinzigste! — Es gehört mir dieses Vermögen — man würde Mühe haben, es mir zu entreißen, denn ich habe es bereits in meinen Händen, und diese Hände haben eine Bärenkraft, wenn es sich um Geld und Gut handelt. — Minna. Jedoch — ich — Thalb. (rasch). Halten wir den Herrn nicht länger auf. (bei Sekte). Mit dem Manne muß ich noch allein reden, um ihn über so Manches zu befragen, (laut). Tausend Dank, Herr Schultheiß. Frosch. Müßt'nicht wegen was.— Es war mir eine unbekannte Ehre! (ab in die Kirche). Fünfte Seene. Minna. Thalburg. Minna. Mein Gott! Hat mich Deine Vorsehung hierher geführt, daß ich die Spur meiner Emma finde? — Thalb. (bei Seite in sich hineinbrum- mend). Immer und ewig diese Tochter, (laut). Liebe Minna, ich habe Dich schon so oft gebeten, ihrer nicht mehr zu erwähnen. Die ganze Welt weiß, daß unsere Ehe kinderlos ist, und einmal könntest Du Dich doch vergessen, und mich öffentlich kompromittiren. — Minna (betroffen). Kompromittiren? — Heirathetest Du mich nicht als Witwe? — Thalb. Das ist wohl wahr, aber bedenke, daß dies Niemand weiß als ich. Kein Beweis Deiner ersten Ehe 17 ist vorhanden, der Feldpriester, welcher Dich mit dem General traute, und dann das Kind taufte, ist gestorben, die von ihm ausgestellten Dokumente, welche in der Hand Deines ersten Gemahls waren, müssen bei seinem plötzlichen Tode in der Schlacht in Verlust gerathen sein. Minna. Leider! Th alb. Obwohl Deine Tante und Du das Geheimniß sorgfältig bewahrtet, munkelte man sich doch schon Allerlei in die Ohren, und selbst Dein Vater fing schon an, Verdacht zu schöpfen. Da, als sich ganz Deutschland vereinigte, um sich von fremder Herrschaft zu befreien, kam ich in nähere Verbindung mit Deinem Vater, ich bewarb mich um Deine Hand, weil ich glaubte, durch meinen Namen die Gerüchte über Dich verstummen zu machen, aber immer schien es mir, als ob mich die Leute mit scheelen Augen betrachteten, und mir sägen wollten: Wir wissen doch, daß Du betrogen bist. Darum verließ ich nach Deines Vaters Lode allso- gleich Oesterreich und zog hierher in mein Vaterland. Doch Deine Unvorsichtigkeit wird auch hier bald wieder die Leute reden machen. Minna. O! Ich will schweigen — schweigen, wie das Grab! Ich werde nie vergessen, wie edelmüthig Du an mir handeltest, kein böser Hauch soll den Spiegel Deiner Ehre mehr trüben; ich werde nicht mehr (unter Thränen) von meinem geliebten Kinde sprechen. Th alb. Arme Minna, glaube ja nicht, daß ich gefühllos bin, ich bin nur ehrgeizig, und würdediesem Ehrgeiz Gut, Leben, ja sogar meine Liebe opfern. Zch wollte nichts sagen, wenn Du nur Eine, auch die kleinste Hoffnung hättest, die Beweise aufzufinden. Aber der einzige Mitwisser des Geheimnisses, Corpora! Simon, ist nach der schriftlichen Bestätigung des Kriegsministeriums, in Nußland gefallen, und somit jede Spur Wiener Theater-Repertoir. XXVtt. verloren. Uebrigens, Gott wacht über alle Geschöpfe; er wird auch für sie gesorgt haben. Darum zerstreue Deinen Gram; ich habe ja schon Alles gethan, um Dich aufzuheitern. Minna. Fühlst Du denn nicht, wie sehr ich leiden muß, wenn ich in Gesellschaften, jungen, frischen, lachenden, glücklichen Mädchen begegne?! Ach! Mein Herzblut stockt, ein neidisches Gefühl gegen ihre Mütter verdüstert dann meine Blicke. Mein Gott, ich weiß, daß dieß Unrecht ist, aber ich kann dieß Gefühl nicht unterdrücken. Jede weibliche Jugend und Schönheit ist mir ein Dorn im Auge, und erscheint mir wie ein Diebstahl, der an meinem Kinde begangen worden sei. Ich denke dann immer: So wäre sie jetzt auch! — O, ich beneide sogar das Loos jener Mütter, welche sich trostlos glauben, weil sie an dem Sarge ihres Kindes weinen. Ach! Sie sind noch tausendmal glücklicher als ich, denn sie besitzen ja noch ein Grab, welches ihr Theuerstes birgt, welches sie mit ihren Thränen benetzen, an dem sie sich satt weinen können. (Kann ihre Thränen nicht zurückhalten, und entfernt sich einige Schritte.) (Mehrere Bauern treten von links auf, und gehen nach der Kirche.) Thalb. Minna! Du weinst schon wieder und hier kommen Leute, (ärgerlich) sollen sie mich für einen Tyrannen halten. (Ihr den Arm reichend.) Komm', entfernen wir uns, ich will nicht, daß sie Dich in Thränen sehen. (Beide ab.) Sechste Scene. Die Glocken läuten wieder, in der Kirche hört man die Orgel. S imon kommt über den Hügel aus dem Hintergründe. Wie er vor die Kkrchenthüre kommt, und die Orgel hört, nimmt er seine Mütze ab, und kniet einen Augenblick nieder. — Steht dann auf, sieht sich um und erkennt sein Haus. Simon. Hier — hier ist mein 2 Haus! (Macht einige Schritte, dann stehen bleibend.) Ach! Meine Kraft verläßt mich fast! 400 Meilen machte ich, um meine Kinder wieder zu sehen, und jetzt habe ich nicht Kraft genug, einen Schritt mehr zu machen, um sie zu umarmen. Wie werde ich sie wieder finden? nach dieser langen — langen Trennung?! — Werden sie sich noch meiner erinnern? Glimmt noch ein Fünkchen Liebe für mich in ihren Herzen?! Vor vielen Jahren sagte man ihnen: Euer Vater ist todt, da werden sie ein Jahr Trauer um mich getragen haben, und dann mit dem Ablegen der Trauerkleider auch des Vaters vergessen haben. Ach! vielleicht ist ihnen mein Dasein sogar eine Last, wenn sie es erfahren. Ich fürchte mich fast an diese Thür zu klopfen. Wenn ihre kindliche Liebe gänzlich erloschen — nein — nein, es ist nicht möglich — nun denn, in Gottes Namen! (Er geht bis zur Thür des Hauses, zögert aber, zu klopfen.) Siebente Scene. Simon. Bott mann, Life aus der Kirche, später Frosch. BottM. (noch im Hintergründe). Sieh — sieh — wir bekommen Besuch! — (Laut.) Zu wem wollen Sie, alter Herr? Simon. Ich? oh ich — gehört Ihr hier zum Hause? — Bottm. Zu diesem Haus? Ja — ein wenig — zu wem wollen Sie? — Life. Wie bleich er ist, und wie er zittert, der arme Mann, — bedürfen Sie etwas? — Simon. Nein — nein. Ich wollte nur wissen — hier wohnen doch die Kinder — des —- Bottm. Verstorbenen Corpora! Simons. —- Simon. Verstorben? — Bottm. Ja — Life. Haben Sie ihn gekannt? — Simon. Ich? ja, o ja! (Zögernd.) Erinnert man sich seiner noch ein wenig in der Gegend? Bottm. Nein, nicht ein wenig — sondern sehr viel. Simon (glücklich). Ha! Life. Der Corpora! muß ein sehr braver Mann gewesen sein — die alten Leute nehmen die Hüte ab, wenn sie vvn ihm sprechen — Simon (sehr bewegt). Wahrhaftig? — Nun, und die Jungen, die, welche hier wohnen — denken — sprechen sie auch noch manchmal von ihm? Bottm. Manchmal — o nein! Simon (schmerzlich). Nein?! Bottm. Sie sprechen immerfort von ihm! Simon. Immer? (Klopft Bottmann auf die Schulter, und lächelt ganz glücklich.) Life. Vor einer Viertelstunde standen sie Beide noch hier, und sprachen mit tiefer Wehmuth von ihrem braven Vater — denn der Corporal Simon war ihr Vater! .Simon. Ja, ja — es war — es war ihr Vater! Und sie bedauerten ihn, nicht wahr? Life. O ganz gewiß. Wie oft sieht man sie, besonders an einem Tage der Trauer, wie heute — Hand in Hand lyeit vor's Dorf durch die Felder gehen, ohne ein Wort zu reden — aber die Hellen Thränen laufen ihnen über die Backen. Simon. Thränen? Bottm. Viele wollen behaupten, es sei Armuth, welche sie bedrückt. Life. Ich aber behaupte, der Schmerz um ihren verlornen Vater ist die Ursache ihrer Thränen. Aber vielleicht habe ich Unrecht, ich bin so dumm! Bottm. Du brauchst das nicht immer zu sagen, man bemerkt es so schon! Simon. Ihr sagtet, heute sei ein Tag der Trauer — weßhalb? Life. Heute soll der Jahrestag des Todes vom Corporal Simon sein. Simon (rasch). Heute? Ja, der 14. Oktober — und sie denken an ihn, und weinen? BoLtm. Am heutigen Tage ist immer große Trauer in diesem armen Hause! Simon (bei Seite , wie vor Freude erstickt). O Kindesliebe! Du bist ein schönes, herrliches Geschenk des Himmels. Und ich kam zitternd hierher — (Laut, auf das Haus deutend.) Sind sie im Hause? Life. Nein, nein — sie sind jetzt, wie alle Jahre an diesem Tage, in der Kirche, wo eine Seelenmesse für ihren Vater gelesen wird. Simon. Eine Messe? (Nimmt seine Mütze ab, läßt sie, wie seinen Stock, zur Erde fallen, hebt beide Hände zum Himmel.) Eine Messe für den armen Soldaten — ha! die edlen braven Kinder! (Bei Seite.) Mein Gott! All' mein Leiden ist vergessen, mein Gott, ich habe nicht gelitten — nicht geweint — da du mir ihre Liebe bewahrt hast. Bottm. (leise). Was Hai der Alte denn? Simon (zu den Beiden). Sie sind arm, sagtet Ihr? Bottm. Potztausend, 100 Gulden mehr des Jahres gäbe ihnen g'rade 100 Gulden Einkommen! Simon (dei Seite). Dank dem Himmel, ich kann sie reich machen! Frosch (aus der Kirche kommend, Pick- hard folgt ihm, und geht im Hintergründe rechts ab, lebhaft.) Lise! Life. Herr? Frosch. Hier hast Du den Schlüssel zu der Kiste in meinem Zimmer, geh' und hole mir daraus denBeutel Geld, das Armengeld, welches oben auf liegt. Lise. Gleich, Herr! Bottm. Ich geh' mit Dir, Liese! Frosch. Schnell, eilt Euch, ich bleibe hier und warte auf Ludwig Simon und seine Schwester. (Bottmann und Lise ab. Frosch setzt sich an einen Lisch des WirthshauseS.) Achte Seene. Frosch. Simon. Simon (rasch zu ihm gehend). Sie kennen sie? Gehören zu ihren Freunden? Frosch (sitzend). Zu wessen Freunden? Simon. Der Geschwister Simons, — sagen Sie? Frosch. Eh! Ich glaube, Er fragt mich aus, halt da, hier frage ich die Andern aus! (Aufstehend.) Wer seid Ihr? Woher kommt Ihr? Wohin geht Ihr? Simon. Aber — Frosch. Nichts aber — ich bin der Schultheiß hier. Simon. So! — Nun, woher ich komme? Oh, von weit her, sehr weit, wohin ich gehe? — Hieher, nach Hause! Frosch. Nach Hause? Simon. Wer ich bin? Der Vater derjenigen, die Sie erwarten, ich bin Anton Simon! Frosch (ganz verblüfft). Ihr — Sie — Anton — Simon?! Ach, geht weg, der ist, Gott weiß — schon wie lange todt. Simon. Man täuschte sich, bei mir, wie bei vielen Andern, die gefangen waren, gleich mir! Frosch. Wie, Sie sind also wirklich — Anton Simon!? (Bei Seite.) Ihr Vater, und ein Soldatenvater. Teufel, das könnte meine Plane mit der Kleinen stören. (Laut, gezwungen höflich.) Empfangen Sie meinen Glückwunsch, Corpora! Simon, vor Allem, wenn Sie statt eines Mundes mehr zu ernähren, Ihren Kindern ein wenig Vermögen mitbringen. Simon. Ein wenig?.' — O, waS will das sagen! Marie wird eine gute Parthie sein; wer die heirathet, heira- thet die Reichste der ganzen Gegend! Frosch. Ah bah! Ich weiß wohl, daß Generale im Kriege reich geworden sind, aber von Corporalen Hab' ich noch nichts gehört. r« 20 Simon. Wenn ich nun aber Marien das Vermögen eines Generals mitbrächte? He? Frosch. Eines — eines Generals? Simon. Sie sind der Schulze hier. Sie müssen mir so an die Hand gehen. So hören Sie denn? Das Vermögen des Generals Rockinger gehört meiner Adoptivtochter. Frosch (bei Seite, voll Schrecken). Rockinger? ! Ei der Tausend, was spricht der Mann da! (Laut.) Einer von uns träumt oder ist ein Narr! Simon. Wederdas Eine noch das Andere, Herr Schulze — ich erfuhr 2 Meilen von hier, daß das ganze Vermögen meines Generals in die Hände eines weitläufigen Vetters gekommen sei — Peter Frosch genannt. Sie müssen das ja auch wissen, Herr Schulze? Frosch. Ich? — 3a, ja wohl! Simon. Gut, den treiben wir aus! Die nöthigen Beweise dazu, Acten — Alles ist bei einem Notar deponirt, und ich habe nur zwei Worte auszusprechen, auf daß dieser Notar die wahrhafte Erbin anerkennt und einsetzt. Frosch. Und diese zwei Worte? Simon. Nur vor dem Notar werde ich sie aussprechen, und es wäre schon geschehen, wenn der Notar nicht gerade abwesend gewesen wäre, als ich durch das Städtchen kam. Aber morgen — morgen werde ich ihn treffen, und morgen wird Maria nicht mehr Maria Simon , sondern Emma Rockinger heißen, und wird 2VV000 Gulden erben! Frosch (bei Seite). Das ist ja mein Verderben, mein Ruin, den der Mann mit sich bringt! Simon. Der Gottesdienst muß bald beendigt sein, jetzt kann ich ihnen muthig entgegen gehen. Frosch (zu ihm laufend). Halt! — Vergessen Sie denn ganz, daß — daß die Kinder Sie für todt halten! (Bei Seite.) Ich muß versuchen, wenigstens Zeit zu gewinnen! Simon. Nun, sie müssen ihren Irrthum erfahren! Frosch. Hören Sie, mein Freund, wäre es nicht besser, wenn man Sie geschickt vorbereitete. Ich werde es den jungen Leuten so nach und nach beibrin- gen, mittheilen! Simo n.Ich glaube selbst, es ist besser! Frosch. Nicht wahr, Sie gönnen mir etwas Zeit? Treten Sie einstweilen in die Kirche, wo man eine Messe für Sie liest. Simon. Auch gut, ich habe so lange Jahre gewartet — eine Viertelstunde — Frosch. Aber — Simon. Und bis dahin bleibe ich in der Kirche, ich werde sie von weitem sehen! Ach! meine Augen werden sie verschlingen. Sich in der Nähe seiner Kinder zu befinden, während man eine Messe für des Vaters Seele liest. Ach! der Gedanke drückt mir das Herz ab! (Nimmt seinen Tornister ab, und legt ihn auf einen Tisch vor dem Wirthshause.) Neunte Seene. Frosch (allein). Ha! Verfluchter Simon! Wie soll ich diesem Schlag ausweichen? Was — ich sollte das Gut, die Pachthöfe, das Geld herausgeben, Alles! Alles? Wenn ich das vorher gesehen hätte, ich würde gewiß ein Mittel gefunden haben, ein solches Vermögen zu retten! — Sa- perment! Die Kleine gefällt mir, ja — hätte ich das Geheimniß gewußt, ich würde sie schon lange geheirathet haben. Ichhätte in dem Heirathscontract Gütergemeinschaft setzen lassen, aber jetzt — ach! wenn ich nur Zeit hätte! Zehnte Seene. Frosch. Life, dann Bottmann. Life (sehr aufgeregt herbeilaufend, sinkt auf einen Stuhl). Ach ! Herr — Herr Frosch — ach! 21 ! Frosch. Na, was gibts? ! Life (kann kaum reden). Diebe — Räuber — Herr! Frosch. Was? Sprich deutlich! (Reißt sie grob vom Stuhle auf.) Life. Za, Herr, ja — Diebe! Frosch. Diebe? Life. Sie haben das Armengeld gestohlen! Frosch. Das Armengeld — 300 Gulden! Lise. Welche ich holen sollte! Als ich in's Zimmer trat, war die Kiste weit offen, aufgebrochen — und das 1 Geld war fort. (Weinend.) Oh! Oh! j Meine Schuld ist's nicht, Herr, ich bin dumm, sehr dumm, aber ich bin ein ehrliches Mädchen, Herr! Frosch. Wer beschuldigt Dich denn? Aber wer kann es gewesen sein? Bottm. (herbeilaufend). Herr Frosch, hier ist ein Brief für Sie! Frosch. Ein Brief? Bottm. Pickhard's Sohn gab ihn mir, er geht so eben für lange Zeit aus der Gegend fort, wie er sagte. Frosch. Pickhard's Sohn ? was bedeutet das? (Oeffnet den Brief und liest.) Bottm. (leise). Was fehlt Dir denn, Lise? (Sie spricht leise mit ihm.) Frosch. Was sehe ich da? Wie! — Er? Bottm. (losplatzend). Oh! die Spitzbuben! Das Geld der Armen! Frosch (liest, für sich). „Entehren Sie meinen Vater nicht, er würde es nicht überleben. Ich war betrunken — hatte im Spiel verloren, und der Wein, I' welcher mich sinnlos machte, hat mich zum Verbrecher gemacht. Aber ich werde arbeiten, um Ihnen Alles, bis auf den letzten Heller wieder zu erstatten." Bottm. Es streifen auch so viele Vagabunden im Land herum, heute Morgen noch der Alte, kann der nicht auch ein falscher Soldat sein? Frosch (rasch). Ha! Wie — Du Lise. Den guten, alten Mann im Verdacht zu haben, warum nicht gar. Frosch. Ich werde die Sache untersuchen. (Bemerkt Pickhard.) Der alte Pickhard kommt hierher, sollte er wissen, daß sein Sohn — (Zu Lise und Bottmann.) Lauft so schnell als möglich und holt Gensd'armen! (Pickhard ist schon aufgetreten, wie er das Letztere hört, schwankt er und stützt sich auf einen Wirthshaustisch.) Lise. Za, Herr, ich laufe. Bottm. Zch laufe mit, Lise! (Life und Bottmann ab.) Cilfte Scene. Frosch. Pickhard. (Pickhard hielt sich bis jetzt zurück, zitternd mit gebeugtem Kopfe, ehrerbietig, den Hut in der Hand, kommt er vor.) Frosch. Wollt Zhr mit mir reden, Vater Pickhard? Pickh. (mit bewegter Stimme). Herr Frosch, ein Diebstahl ist bei Zhnen aus- geübt worden? Frosch. Zhr wißt schon? Pickh. Ja — ich — Frosch. Und wißt Ihr auch den Namen des Diebes? Pickh. O lassen Sie den Namen ein Geheimniß bleiben, — denn — denn — hier bringe ich Ihnen das Geld. Frosch (nimmt den Beutel, den ihm Pickhard überreicht, prüft ihn lächelnd). Nein — nein! Pickh. (beunruhigt). Wie? Frosch. Es befinden sich hierbei einige alte Goldstücke, welche nicht bei der gestohlenen Summe waren. (Ihm den Sack zurückgebend.) Was Zhr mir da bringt, Pickhard, ist die Frucht Eurer langjährigen Sparsamkeit. Pickh. Was liegt daran, wenn die Summe voll ist? Frosch. Nehmt also das Geld nach Hause, man wird den Thäter schon finden. Pickh. Herr Frosch, im Namen des 22 Himmels, gibt es kein Mittel, ihn vor der Schande zu retten? Frosch. Vielleicht! — (betrachtet verstohlen den Tornister Simon's). Vielleicht doch wohl. — Hört, Vater Pick- hard — es gibt hier im Dorfe einen liederlichen Burschen — den ich noch nicht nennen will, — der ist der Dieb. Ihr wollt ihn retten, nicht wahr? Nun seht — da ist grade hier ein armer Teufel, ein Unglücklicher — der das Dorf wieder verlassen muß. Pickh. Nun? Frosch. Nun — dieses Geld, welches ich nicht behalten will, und welches Ihr nicht wieder nehmen wollt, (zeigt auf Simon's Tornister), steckt es da hinein. Pickh. In den Tornister — und weshalb? Frosch. Weshalb? — Der Tornister gehört dem Bettler — ich schicke ihn zwar fort, aber dem armen Teufel könnte geholfen werden. Pickh. Ihm helfen — ja — ich verstehe — aber was geschieht mit dem Dieb? Frosch. Ich verspreche Euch, ihn nicht arretiren zu lassen. Pickh. Aber die Armen? Frosch. Sollen nichts verlieren — ich werde das Geld ersetzen. Pickh. Ha! Wenn es so ist? Frosch. Ich verpflichte mich dazu. Nun, wollt Ihr — beeilt Euch! Pickh. (öffnet den Tornister, steckt den Geldsack hinein, wirft dabei Papiere heraus). Hier — seine Papiere! Frosch (sie nehmend). Gebt her — gut — ich weiß schon — schließt den Tornister wieder, (bei Seite). Eine Marschroute — richtig — (liest). „Anton Simon." — Wahrhaftig! (zerreißt das Papier). Jetzt bist Du nur noch ein namenloser Bettler, — ein heimatloser Landstreicher. — Die Armeelisten sagten Dich schon zu lange todt! Pickh. Und jetzt, Herr Frosch? Frosch. Jetzt — Vater Pickhard — sucht den Dieb auf — sagt ihm — daß er sich nicht verrathen — daß er ruhig bleiben soll, und daß ich ihn nicht abliefern will. Pickh. Dank! Dank! — Ach! Sie retten mir das Leben! — Frosch. Geht nur — schnell! — (Pickhard ab). Zwölfte Seene. Frosch. Simon. Bauern; dann Ludwig. Maria. Simon (mit Bauern aus der Kirche kommend, sich durch die Menge drängend). Ich habe sie gesehen! — Sie kommen — da sind sie — Herr — da sind sie! — (Ludwig und Maria treten aus der Kirche und gehen auf ihr Haus zu. Die Bauern entfernen sich nach allen Seiten; mehrere junge Mädchen bilden eine Gruppe im Hintergründe). Simon (etwas zurück). Wie mir das Herz schlägt, wie schön sie sind, meine Kinder! — Maria (zeigt auf Simon). Ludwig — ein alter Soldat — Ludw. Vielleicht ein Kriegskamerad unsers seligen Vaters. — (Ludwig und Maria grüßen Simon und gehen dann in's Haus). Simon. Ich kann mich nicht länger halten. — Frosch (ihn zurückhaltend). Halt! — Simon. Sie haben die Kinder doch schon vorbereitet, wie Sie es versprochen? Frosch (mit strengem Ton, die Stimme erhebend). Einen Augenblick — und antwortet mir — denn bevor ich ihnen sage, wer Ihr zu sein vorgebt — Simon (erstaunt). Zu sein vorgebe? — Aber Sie wissen ja bereits — Frosch. Ich weiß, was Euch beliebt hat, mir zu sagen — aber ich muß davon überzeugt sein — kurz — ich muß Euer Dasein beweisen können. — Simon. Sprechen Sie im Ernste so mit mir? — Frosch. Ja wohl — und Alle hier Gegenwärtigen werden Euch sagen, daß dies nichts als meine Pflicht ist. — Bauern (durcheinander). Ja wohl — als Schultheiß muß er sehr genau darein gehen. — Simon. Aber ich sagte Ihnen ja schon meinen Namen — ich sagte Ihnen, wer ich bin. Frosch. Es kommen hier in die Gegend viele Vagabunden, welche sich für alte Soldaten außgeben. — Simon (kräftig). Herrl — (sich mä- ßigend). Weiter, Herr, — weiter! — (Bauern stehen auf und horchen). Frosch. Nun — also, Ihr habt den Namen eines Mannes angenommen, der in den Armeelisten als todt aufgeführt ist. — Darum darf ich Euren Worten keinen Glauben schenken und kann Euch für einen Vagabunden halten; um so mehr, da heute Morgen bei mir ein Diebstahl verübt worden ist. — Simon (außer sich). Ein Diebstahl?! — (geht kalt zu Frosch und nimmt ihn bei einem Knopf seiner Jacke). Sagt mir doch, Herr — was soll ich mit Eurem Diebstahl zu schaffen haben? — Frosch. Ihr werdet es schon erfahren, wenn wir erst wissen, wer Ihr seid? — Simon (läuft zu seinem Tornister). Das wird nicht lange dauern, und dann nehmt Euch in Acht vor mir, Herr! (zu Frosch gehend). Wie heißt Ihr doch? — Frosch. Ich? — ich — heiße Frosch! — Simon (rasch). Frosch? Der Verwandte des General Rockinger — sein Erbe — den ich hier Hinaustreiben will! Ha! So! — Ich glaube zu errathen — Peter Frosch — (geht zum Tisch und wühlt in seinem Tornister) ja — ja, Du sinnst wahrscheinlich auf irgend ein infames Bubenstück! (immer suchend). Aber — aber — ich fürchte Dich nicht! — (sehr stark). Himmel — wo sind denn meine Papiere?! — Frosch (leise zu den Bauern). Keine Papiere — ich dachte mir's! — Simon. Sie waren doch d'rinnen! (findet den Sack Geld). Geld? — Frosch. Teufel — Ihr seid reich — da — für einen Mann ohne Legitimationspapiere — ohne Heimat — (Simon betrachtet ihn, ohne ihn zu verstehen) nun l Wollt Ihr wetten, daß ich die Summe, die dieser Beutel enthält, besser kenne, als Ihr? — Simon (erschreckt, immer den Beutel in der Hand haltend). Die Summe? — Frosch (leert den Geldsack auf einen Lisch aus). Zählt Ihr Andern—es müssen 32V fl. in dem Beutel sein — denn es sind die 320 fl. der Armenkasse, die man mir gestohlen. — Simon (würhend vor Zorn). Elender! — (wirft sich auf Frosch. Mehrere Bauern bemächtigen sich seiner und halten ihn, andere Bauern laufen fort. Simon sich wehrend). Dieb — ich — ich ein Dieb — aber habt Jhr's denn nicht gehört — er hat gesagt, daß ich gestohlen — gestohlen! — (einen starken Schrei auS- stoßend und die Hände vor's Gesicht schlagend). Ein Bauer. Es sind 3 Rollen, jede mit 100 fl., und 20 fl. klein Geld. — Kein Zweifel, er ist der Dieb — er hat das Geld gestohlen! Alle. Ja, ja! er hat es gestohlen! Simon. Gestohlen! Ich! ein Dieb! Ha! — (fällt wie vom Schlage getroffen nieder, man umringt ihn). Maria (aus dem Hause). Welcher Lärm?! — (bemerkt Simon auf der Erde liegen). Großer Gott — was ist dem Mann geschehen? — (hilft ihn aufheben. Nach und nach kommt Simon zu sich, betrachtet Alle, die ihn umringen, und seine Augen begegnen Maria). Was fehlt Ihnen, lieber Mann? Simon (versucht zu antworten, aber seine wiederholten Versuche sind vergeblich; 24 er stößt nur unartikulirte Töne aus. Als er erkennt, daß er seine Sprache verloren, stößt er einen Seufzer aus und fällt weinend zurück). Frosch (sich über Simon beugend, mit leiser Stimme). Verlaßt die Gegend — das Land — Eurer grauen Haare — Eures Alters wegen will ich Euch nicht den Gerichten übergeben. (Simon betrachtet Frosch voll Verachtung). Aber geht — sonst seid Zhr verloren! Ludwig (auftretend). Was geht hier vor? Frosch (mit halber Stimme). Da ist ein Unglücklicher, den ich nicht arretiren lassen will, obgleich er das Geld der Armen gestohlen. Lu d w. (kräftig). Das Armengeld ? — (Bei der Stimme seines Sohnes erhebt Simon rasch den Kopf; ein Strahl der Freude blitzt in seinen Augen. — Er nähert sich Ludwig, von Bauern unterstützt, will sprechen, sich rechtfertigen — aber er kann nur die Hände an seinen Mund bringen , wie um die Worte herauszureißen. Ludwig macht eine abwehrende Bewegung. — Simon fällt bewegungslos nieder.) Der Vorhang fällt. Dritter Aet. (Ein Zimmer in Simon's Hause. — Thüre im Hintergrund — ein Fenster auf jeder Seite der Thüre; man sieht den freien Platz des Dorfes durch die Fenster. — Links S. Coulisse eine Thür, in der Ecke eine Kiste. Auf derselben Seite ein Tisch — Stühle. — Rechts im Vordergrund ein altmodischer großer Armstuhl. — Rechts an der Wand hängt das Bild Katharina'- — als Bäuerin.) Erste Gerne. Maria (sitzt am Tisch, in einem Gesangbuch lesend. Ludwig tritt Mitte ein). Ludw. In was bist Du denn so vertieft ? Maria. In dem Gebetbuch unserer Mutter — von ihr blieb uns wenigstens ein Andenken, von unserm armen Vater aber gar nichts. Ludw. (nimmt das Buch und betrachtet cs mit Verehrung). O bewahre dieses Buch heilig, und wenn uns vielleicht hier bald Alles genommen wird — das Haus, in welchem wir unsere Kindheit so glücklich verlebten — Maria (beunruhigt aufstehend). Man will uns das Haus nehmen — und weshalb denn? Ludw. (sich beherrschend). Du wirst es noch erfahren — aber wenn auch — dieses Angedenken werden wir mit uns nehmen, es wird uns' stets erinnern, daß unsere Mutter eine fromme, got- tesfürchtige Frau war, und daß ich diesem Buche meine Bekehrung, meine Besserung verdanke. (Küßt das Buch). Maria (verwundert). Deine Bekehrung? Besserung? Ludw. Ja, Maria, ich war ein wilder, unbändiger Knabe. Maria. Du, Ludwig — der jetzt so sanft, so gut ist?! Ei, Du übertreibst, thust Dir selbst Unrecht! Ludw. Und doch war es so: Ich war wild, jähzornig, eigensinnig — so zwar, daß eines Tages (gegen das Porträt) o! meine theure Mutter, noch jetzt erflehe ich Deine Verzeihung — als ich von meiner Mutter gescholten wurde — ich mich gegen ihre gerechten Vorwürfe aufzulehnen wagte — eine schändliche Drohung meinem Mund entfuhr — ja, daß ich selbst die Hand erhob — Maria. Oh! Ludw. Mein Vater warf sich mir entgegen, bleich und zitternd vor Zorn — ich glaubte, er würde mich tödten — sich aber plötzlich beruhigend, wie um mich Selbstbeherrschung zu lehren — nahm er dort aus der Kiste dies alte Gebetbuch. Er ließ sich von der Mutter die Seite bezeichnen, wo die heiligen Gebote Gottes stehen — darauf die Zeilen des vierten Gebotes, wo Gott uns 25 befiehlt, Vater und Mutter zu ehren. Ich folgte mit den Augen dem Finger meines Vaters, welcher auf diese Zeilen deutete — ich las das Gebot — und von meinem großen Unrecht übermannt, beugte ich die Knie vor diesem doppelten Befehl Gottes — und vor meinem Vater, — dann die Augen voll Thränen, küßte ich die Füße meiner Mutter. Darauf nahm mich mein Vater bei der Hand, hob mich auf, und machte dieses Kreuz bei den Zeilen, welche ich gelesen hatte, damit es mich immer an meinen Fehler und meine Reue erinnere. — Seit jenem Tage, Maria, lernte ich meinen Zähzorn bändigen — seit jenem Lage ehrte ich meine Mutter und wurde ein folgsamer Sohn. Maria (gerührt). Gesegnet sei das heilige Buch, welches Dich gerettet. (Legt das Buch in den Kasten). Ludw. Ja, lege es an den Platz, wo es unsere Mutter aufzubewahren pflegte — es soll niemals aus dieser alten Kiste kommen als an dem Tag — (den Satz bei Seite beendigend) an dem Tag, wo unser letztes Stück Möbel öffentlich verkauft werden wird. Maria (zu ihm kommend, beunruhigt). Was sagtest Du so eben? Ludwig, Du verheimlichst mir irgend etwas! — Ludw. (sanft). Und wenn es wäre? — Wenn ich Dir Deinen Theil des Kummers, der Sorgen abnehme?! — Ich bin ja nur auf der Welt, um Dich zu beschützen, Dich glücklich zu machen; (sie voll Zärtlichkeit an die Brust drückend). Dich zu lieben, Maria, mein angebeter Engel — meine — Maria (sich plötzlich losreißend). Nur nicht so stürmisch! Ludw. O mein Gott! Zweite Seene. Vorige. Frosch. Frosch (im Hintergründe). Beide allein! — Desto besser! Ludw. Herr Frosch! Maria (leise). Er hier? — Was bedeutet das? Frosch. Ihr Diener, Jungfer Maria! (nach einer Pause). Herr Simon, Sie sagten zu mir, daß Sie meiner niemals bedürfen würden — das war stolz — sehr stolz! Da ich nun aber einmal sehr edelmüthig bin, so komme ich eigenhändig, weil ich Ihnen etwas für Sie sehr Vorteilhaftes sagen kann. Ludw. Mir, Herr Frosch? Frosch. Ja — ich würde sogar schon früher gekommen sein, wenn ich nicht durch den verteufelten Diebstahl abgehalten worden wäre! Maria. Ach! der Unglückliche! Frosch. Ah bah! — Er ist gar nicht so unglücklich, da ich ihn entwischen ließ — ich bin 'mal so edelmüthig. Also, Herr Ludwig, Hören Sie: Ich bin reich — steinreich — Sie sind arm — bettelarm! (Bewegung Ludwigs). Ja — ja — Sie schulden 2883 fl. 14 kr. — Sie sehen, daß ich die Summe ganz genau kenne. —Nun gut — ich — ich komme, um Maria meine Hand anzubieten! Ludw. Maria! Frosch (selbstzufrieden). Nicht wahr? Sie staunen! Ja, diese Hand — sehen Sie sich's nur genau an. Diese Hand kann Sie durch einen Griff in meinen Geldkasten glücklich machen. Ludw. (stark). Und doch wird — darf Maria diese Hand nicht annehmen. (Zieht Maria an sich, als ob er fürchte, daß man sie ihm rauben wolle). Frosch (sehr erstaunt). Ha? Wie beliebt? Der junge Herr find wohl etwas übergeschnappt? Ludw. Ich verweigere Ihnen Mariens Hand, sage ich nochmals! — (für sich). Maria sich verheiraten — die Frau eines Andern! — oh! — dieser schreckliche Gedanke kam mir noch nie in den Sinn! Maria (leise). Ja — Ludwig ! Ich will Dich nie verlassen! 26 Frosch (bei Seite). Sollte er das Geheimniß von Mariens Geburt kennen? Das muß ich Herauskriegen! Ludw. (ihm die Lhüre zeigend). Sie hören es, auch Maria will Sie nicht, also hält Sie nichts mehr hier zurück. Frosch (nimmt seinen Hut, setzt ihn auf, den Ton ändernd). Oh! doch — doch — ich habe noch etwas von Ihnen zu fordern, nämlich die Schuld von 2583 fl. 14 kr.! Ludw. Was kümmert Sie das? — Ich schulde diese Summe dem Mann, der mir seine Felder verpachtet hat. Maria (bei Seite). Was höreich?! Frosch (zeigt eine Schrift vor). O nein — wenn's beliebt — sondern mir — mir — der ich die Schuld kaufte — sehen Sie nur in dem Papier nach! Ludw. (welcher las). Himmel! Maria. Ihm! Frosch. Na — sehen Sie wohl, daß es ganz in Ordnung ist — ich habe ein rechtskräftiges Urtheil, und dies Haus, auf welches die Schuld verhypothekirt ist, wird verkauft werden. Maria. Verkauft?! Frosch. Morgen schon — deshalb müssen Sie heute schon heraus! Maria (setzt sich links). Oh! Welches Unglück! Frosch. Das heißt: wenn Sie nicht einwilligen, Jungfer Maria — Ludw. In diese Heirat — lieber tausendfältiges Elend — lieber den Tod! Frosch. Den Tod?! — (ihn aufmerksam betrachtend). Ei, ei! Sie gebehr- den Sich doch gar seltsam für einen Bruder, dessen Schwester eine gute Parthie machen kann! Brüder pflegen sonst nicht so quasi eifersüchtig auf eine heiratsmäßige Schwester zu sein. Ei! ei! ei! — die böse Welt würde sagen, das ist kein Benehmen für einen Bruder, eher für — Ludw. (rasch). Für wen, mein Herr? Frosch (sich ihm nähernd, leise). Für einen Nebenbuhler! Ludw. (unruhig und betroffen). Nebenbuhler!? Maria. Himmel! Frosch (bei Seite). Oho! Er weiß es, daß sie nicht seine Schwester ist! (laut). Sie müssen sich in Acht nehmen, junger Mann — die ganze Welt ist nicht so edelmüthig als ich — die Welt liegt im Argen, sie wird gar bald kurios über dies brüderliche und schwesterliche vertraute Verhältniß munkeln. Hi! hi! hi! — die Welt legt sich Alles kurios aus! — hi! hi! hi!. Diese brüderliche Liebe — hihihi! — wirklich kurios! Ludw. (zornig). Geh'n Sie — Herr — geh'n Sie! Frosch (mit sanftem Wesen). Ueber- legen Sie sich's wohl, mein guter Ludwig — ich komme wieder, Ihr letztes Wort zu hören. Bedenken Sie Alles gut! (Ab). Dritte Scene. Maria. Ludwig. Maria (sinkt in denArmstuhl).Ach! Wir sind verloren! — Nicht genug, daß Unglück, daß diese Schande uns treffen soll — so muß uns auch noch ein schrecklicher Verdacht entehren! Ludw. Man nehme uns Alles — verjage uns — werfe uns auf die Straße wie Vagabunden — Du sollst deshalb nicht darben. Ich bin jung — stark — ich werde überall Arbeit finden, und wenn mich die Kraft verließe — noch sterbend würde ich für Dich betteln. Das Elend ist für mich nicht so schrecklich, als daß jener Mann Dich zum Weib verlangt und mich so aus Deinem Herzen reißen will! Maria. Nein — nie — nie wird — nie kann dies geschehen. Die Welt müßte mich ja verachten, wenn ich Dich verließe. 27 Ludw. Im Gegentheil, Maria, die Welt wird sagen, ich sei ein Elender, der Dein Glück zerstört, um einer sträflichen Leidenschaft zu stöhnen, — und unsere treue, heilige Liebe werden sie Sünde nennen und fluchwürdig finden, weil sie das Dunkel unseres Geheimnisses nicht durchdringen können. Die Hälfte meines Lebens gäbe ich, einen schriftlichen Beweis zu finden, daß meine Schwester todt ist, daß Du nicht Simon's und Katharinens Tochter bist. Maria. Ach! Wer vermag das Ge- heimniß meiner Geburt zu entschleiern! — O, es wäre vielleicht besser gewesen, Mutter Katharina hätte uns in ihrer Sterbestunde nichts von dem Geheim- niß entdeckt, —da sie verschied, ohne mir noch meinen wahren Namen nennen zu können. — Nur zwei Menschen könnten den Schleier des Geheimnisses lüften — Simon und Katharina — doch der Tod hat auf Beider Mund das Siegel des ewigen Schweigens gedrückt. Ludw. Mit meiner Mutter Tod erlosch der einzige Lichtstrahl meiner finstern Lebensnacht! Vierte Seene. Vorige. Life. Life Ah richtig sind Sie zu Hause. Herr Ludwig, Zungfer Maria, ich muß Ihnen nur schnell sagen, ich habe etwas gethan, was gewiß sehr dumm ist — aber 's ist 'mal geschehen! Ludw.Was denn, Life? Life. Zch stieg auf den Berg — Futter zu holen, als ich ganz oben war — sehe — ich — den alten Soldaten, der von Herrn Frosch des Diebstahls beschuldigt wurde. — Er saß am Wege auf einem Stein — Maria. Der arme Mann! Life. Hm! dachte ich mir: ein recht ordentlicher Dieb wird nicht so ruhig fitzen bleiben und die Gensd'armen erwarten. Es kann sein, daß ich das in meiner Dummheit nicht verstehe. Ludw. Nein — Deine Bemerkung ist ganz richtig — fahre fort! Life. Zch gehe auf ihn zu — frage ihn, was er da macht? — Er wendet sich zu mir, und in seinen Augen, aus seinen Händen, die er gegen seinen Mund führt, lese ich — ach! so deutlich wie aus einem gedruckten Buche: Du weißt wohl, daß ich Dir nicht antworten kann — Du weißt wohl, ich kann nicht mehr reden. Ludw. Wie? Life. Und dicke Thränen liefen ihm über die Backen! Sehen Sie, Zungfer Maria, ich habe Bottmann oft weinen sehen, wenn ich ihm (verschämt), ich soll's wohl nicht sagen — ein Küßchen abschlug, doch da lachte ich immer dazu. Aber als ich diesen armen, alten Soldaten weinen sah, da schoß mir das Wasser aus den Augen! (schluchzend). Zst das nicht dumm?! Maria (ihr die Hand drückend). Gute List! Life. Auf einmal hob der Alte seine Hand gegen das Dorf — und zeigte mir — was glauben Sie? — Zhr Haus — grade als ob er sagen wollte: Dort! dort! Ludw. Seltsam! Sollte er vielleicht meinen Vater gekannt haben? Life. Dasselbe dachte ich mir auch und antwortete ihm: dort sind 2 brave, junge Leute, welche Sie gewiß aufnehmen werden, und Herr Ludwig ist ein klugerMann und wird Ihnen zu Zhrer Rechtfertigung helfen. Wenn Sie daher unschuldig sind — so folgen Sie mir — und er folgte mir! Maria (freudig zu Ludwig). Er folgte ihr hierher ! Ludw. Und wo ist er denn? Life. Draußen — zitternd — er wagte nicht, einzutreten, bis er gewiß weiß, daß Sie ihn aufnehmen. 28 Ludw. So laß ihn nur schnell ein- treten. Fünfte Scene. Vorige. Lise (öffnet die Thür). (Simon läßt beim Eintreten seinen Stock fallen, eilt auf seine Kinder zu, als ob er sie umarmen wollte — steht aber plötzlich still, beherrscht sich und küßt Maria die Hand, dann in dem Augenblick, als er Ludwig die Hand küßt, scheint er zu sagen:) (Diese Hand hat sich erhoben, mich zu verjagen, und ich wage es nicht, sie zu berühren.) (N. 8. Es versteht sich von selbst, daß Alles, was von jetzt an bei Simon zwischen ( ) steht, wenn es auch in Dialogform ist, pantomimisch ausgedrückt wird.) Ludw. Man beschuldigte Sie, die Armenkasse bestohlen zu haben — man ließ Sie entfliehen und Sie kehrten doch wieder hierher, das schon beweist: Sie sind nicht schuldig! Lise (welche einen Stuhl für Simon brachte). Na — das ist klar! Simon. (Ich — stehlen — ich ein Soldat — sollte diese Hand nach Anderer Gut ausstrecken — nein! nein! — Ich kann mit stolz erhobenem Kopfe gehen und Jedem in's Gesicht schauen. — Ich stehlen? — Niemals! Niemals!) (fällt in den Stuhl). Maria. O gewiß ist er unschuldig, lieber Ludwig. Wenn er dieser ehrlosen Handlung fähig wäre, würde ihn denn das einzige Wort Diebstahl so schrecklich getroffen haben? Ludw. Sie kehrten also zurück, um sich zu rechtfertigen — Ihren Ankläger zu beschämen — nicht wahr? Simon. (Nein!) Maria (erstaunt). Nicht? Weshalb kamen Sie denn wieder in's Dorf? Simon (aufstehend und zwischen Beide tretend). (Um Euch zu sehen — Euch Beide bei der Hand zu nehmen — so — und Euch lange Zeit anzusehen.) Ludw. (verwundert). Um uns zu sehen? Maria (ebenso). Um uns anzusehen? (plötzlich). Ach mein Gott! Wäre es möglich? Sie haben vielleicht unfern Vater gekannt, vielleicht sogar mit ihm gedient ? Simon. (Ja!) Maria. Ja? Ludwig, hörst Du — er kannte unfern Vater! Ludw. (traurig). Waren Sie vielleicht auch bei dem Tode unsers guten Vaters? Simon (scheint sich bei dem Wort „Tod" zu wundern). Ludw. (fortfahrend). Ja, ja, der Arme ist todt ! Simon (sich aufrichtend). (Nein!) Ludw. Nein?! Maria (mit einem Hoffnungsschrei). Bruder — er sagte — Lise. Er hat deutlich nein gesagt! - Ludw. (geht sehr bewegt zu Maria). Maria! Sechste Scene. Vorige. Frosch (durch die Mitte). Ludw. Sie hier — Herr Frosch? (bei diesen Worten faßt Simon (den Stuhl, auf dem er saß, und will auf Frosch stürzen). Ludw. (zwischen Beide tretend). Haltet ein! Simon (läßt den Stuhl langsam sinken und betrachtet Frosch voll Verachtung). Frosch (halb laut). Man täuschte mich also nicht — der alte Soldat rich- tighier?! ' Lise (welche im Hintergrund bei Frosch ist). Ja — ich — ich habe ihn hierher geführt! , Frosch (zornig). Du! dumme Dirne. Ludw. (abstoßend). Sie wieder hier? Frosch. Da ich so edelmüthig bin, 2S darum will ich Ihren vorigen Zorn vergessen haben, und komme, mich nochmal anzufragen, ob Sie unterdessen nicht zur Vernunft gekommen sind, und dann kam ich auch aus Mitleid für diesen braven Mann. Simon (macht eine zornige Bewegung, und scheint zu sagen). (Für mich? Ich will Dein Mitleid nicht!) Ludw. Erklären Sie sich deutlicher ! Frosch (nimmt Ludwig und Maria bei Seite, führt sie in den Vordergrund). Nun — (Lise stellt sich zwischen diese Gruppe und Simon, welcher beunruhigt scheint), ich glaube den sichersten Beweis zu haben, daß dieser Unglückliche ein Narr ist. Maria. Ein Narr?! Ludw. (verächtlich). Was fällt Ihnen ein? Lise. Was zischelt denn der dort? Simon (frägt Lise mit Blick und Ge- behrden; er wird unruhig über das, was Lise ihm leise sagt). Frosch. Ganz gewiß ist er ein Narr — der Beweis ist, daß er sich für einen schon längst verstorbenen Soldaten ausgibt. Sagte er Zhnen dies noch nicht? Ludw. Nein! Frosch. Nun — er sagt — er sei — Anton Simon! Ludw. Mein Gott! (will auf Simon zu). Maria. Wär' es möglich! Frosch (hält Ludwig zurück). Lassen Sie sich doch nicht von einem Narren für einen Narren halten; das wäre ja zu närrisch. Der Tod Ihres Vaters steht in der Armeeliste, und die ist authentisch ! Ludw. (traurig). -Ja wohl — Sie haben Recht! Frosch. Aber jetzt will ich Sie nur von seiner Narrheit überzeugen. — (laut in die Mitte gehend). Nicht wahr, braver Mann, Ihr seid Anton Simon? Simon (scheint zu sagen, daß dies in der Lhat sein Name sei). Frosch. Za? — Zhr seid gewiß nirgends ohne Legitimationspapiere entlassen worden — wo sind denn also Eure Papiere? — (zu Ludwig und Maria). Er hat nicht einmal Papiere! Ludw. (dessen Verdacht wiedcrkehrt, aber immer voll Schonung). Aber lieber Mann, unser Vater starb auf dem Schlachtfelde. Simon. (Das ist falsch. — Eines Tages blieb er verwundet auf dem Schlachtfeld für todt liegen — seine Kameraden marschirten an ihm vorbei, ihm einen letzten Blick des Mitleids, des Bedauerns zuwerfend, — und als er die Augen wieder öffnete, waren Alle schon weit — sehr weit. Die Feinde kamen, banden ihm die Hände, machten ihn zum Gefangenen. Dort war er 10 Zahre, in den Minen arbeitend und zu harter Arbeit verdammt.) Ludw. Zn den Minen? Maria. Während 10Zähren? Simon. (Lange Zeit beweinte er sein fernes Vaterland und seine verlassenen Kinder. Aber endlich eines Tages schlug die Stunde der Freiheit für ihn — seine Ketten fielen und er sah das Sonnenlicht wieder. — Er machte eine lange und beschwerliche Reise. Oft, wenn es ihm an Brot fehlte, mußte er bettelnd die Hand ausstrecken. Aber als er von weitem das Dach sah, unter welchem seine Kinder lebten, als er die Glocken der Kirche hörte, schlug sein Herz vor Freude, und Lhränen entströmten seinen Augen. Er sollte sie Wiedersehen, in seine Arme drücken — denn er ist ihr Vater — er ist wirklich Anton Simon. Wenn dieser Mann, Frosch, der hier steht, ihn des Diebstahls beschuldigte. — Oh! Verflucht sei dieser Mann!) Frosch (seine Unruhe bezwingend). Glaubt Zhr denn, was der alte Narr sagen will? — Zhr seht wohl, sein Kopf ist nicht richtig. Euer Vater ist todt. Wir haben auf dem Amt die Todten- 30 scheine Aller, die von unserm Kirchspiel im Krieg geblieben sind. Ludw. (traurig). Das ist leider wahr! Simon. (Warte!) (Sieht sich um, seine Augen fallen auf das Bild seiner Frau.) (Dieß ist Eure Mutter!) Ludw. Das ist meine Mutter — ja! Frosch (rasch). Das weiß die ganze Welt! Simon (auf seinen Trauring zeigend). (Es war meine Frau.) Ludw. Ihre Frau? Maria. Und wann starb sie? Simon. (Vor eilf Jahren.) Ludw. Vor eilf Zähren — das ist richtig! Simon. (Die arme Frau, bleich, wankend, wurde in diesen großen Armstuhl gesetzt.) Maria. Za — ja! Simon. (Sie betete — ich nahm die beiden Kinder bei der Hand, führte sie vor sie hin.) Ludw. Za, mein Vater führte uns zur Mutter — das ist wahr! Simon. (Zch ließ Euch vor ihrnie- derknieen.) Maria. Za, wir knieten! Simon. (Du hier — Du da!) Ludw. Alles wahr! Simon. (Während ich selbst hinter dem Armstuhl weinte, legte sie ihre Hände auf Eure Häupter, Euch zu segnen. Sie sprach dann etwas leise zu Euch — wollte weiter sprechen — doch ein letzter Seufzer entfloh ihren Lippen und ihre Seele flog zu Gott!) Maria (mit größter Rührung). Za — ja, so starb unsere Mutter! Ludw. (ebenso). Za — ja — so war es! Maria (Simon betrachtend, der die Arme ausstreckt). Ludwig! — Ludwig! — Was soll ich glauben? So sprich doch! Ludw. Maria — ich — Frosch (rasch). Aber die ganze Beschreibung, die er da machte, wurde mir auch wohl schon hundertmal erzählt. ES waren mehr als zehn Personen bei dem Tode Eurer Mutter gegenwärtig, und diese Alle können deren letzte Augenblicke erzählen. Ludw. (schwankend). Da hat er Recht! Life. Nein! — nein! Frosch (zu Simon). Wenn Zhr keine anderen Beweise habt — als — Simon. (Doch!) Ludw. (hastig). Und welche? Frosch. Teufel! Simon (sich aufrichtend, zu seinem Sohn gehend). (Als Du noch klein warst, erst 7 Zahre alt.) Maria. 7 Zahre? Simon (zu Ludwig). (Suche Dich zu erinnern!) Ludw. (ziternd). Eine Erinnerung meiner Kindheit! — Welche? Simon (würdevoll). (Warte!) (Nimmt Ludwig bei der Hand und führt ihn zu der Kiste, macht ihm ein Zeichen, daß er öffnen soll.) ' Ludw. (zögernd). Zch soll diese Kiste öffnen? Simon. (Za!) (Es geschieht.) (Er soll ein Buch herausnehmen.') Ludw. Ein Buch soll ich nehmen? Simon. (Za!) Ludw. Welches? Simon. (Das Gebetbuch.) Ludw. Das Gebetbuch — Gott — ich glaube — zu verstehen. (Nimmt das Buch.) Hier ist es! Simon (öffnet es und zeigt Ludwig eine Seite). Ludw. (zitternd). Diese Seite — es ist dieselbe — die mein — Simon (zeigt auf das Kreuz auf dieser Seite). Ludw. Dieses Kreuz — Simon. (Lies). Ludw. (in großer Bewegung). Die Gebothe Gottes! Maria (ebenso). Za! — Za! — Simon. (Ließ). Ludw. (lesend). „Du sollst Vater und Mutter ehren'." (Einen Schrei ausstoßend.) Ha! Nur mein Vater und ich wissen um dieß Geheimniß ! Ja — es ist mein Vater — unser Vater! (Fällt ihm weinend zu Füßen.) Maria. Mein Vater! Armer Vater! Ludw. Ach! Verzeihung — vergib mir, daß ich Dich so lange verkannt habe! Simon (hedt ihn auf und drückt Beide an'S Herz). Frosch (sich vergessend) Teufel — die Sache wird sehr verwickelt und kiHlich! Life (leise). Ich glaube — Herr — Sie haben sich doch geirrt. Frosch. Na — ich sehe jetzt ein, daß ich mich täuschte, Ihr seid wirklich Vater Simon! und obgleich Ihr arm zurückkommt, so will ich doch mit Euch Friede und Freundschaft schließen, denn ich bin sehr edelmüthig. (Will ihm die Hand reichen.) Simon. (Ich! Mit Dir einen Vergleich und Freundschaft schließen?Hinaus hinaus! — Im Augenblick. (Weiset ihm die Lhüre.) Frosch. So?! — Ihr alter Krüppel wollt also lieber Krieg? Gut. Ich nehme ihn an und ich sage Euch im voraus, ich werde Euch ordentlich bombardieren! (Zu Lise.) Du folgst mir (leise) und daß Du nirgends ein Wort erzählst von dem, was hier geschehen ist. (Ab.) Lise (ihm folgend). Ich? Hab' ich denn etwas von der ganzen Geschichte verstanden? Ich bin so dumm! (Ab.) Siebente Seene Simon. Ludwig. Maria. Simon (sitzt im Armstuhl, zieht seine Kinder an sich). (Redet — sprecht mit mir!) Maria. Gottlob, daß Du uns wiedergegeben — denke, Vater, jener Mann, Frosch, wollte, unsere Armuth benutzend, mich dazu zwingen, seine Frau zu werden! — Simon. (Du — Du seine Frau?) Maria. Ich habe ihn zurückgewiesen, da ich ihn nicht achten — noch weniger lieben kann. Und dann, Vater — ach! ich weiß nicht, ob ich Dir Alles sagen darf? Simon. (Ja — ja!) Maria. Ich liebe! — Simon (aufLudwig zeigend). (Ihn?) Maria. Ja, mein Vater! Simon (bezeugt seine Freude, steht auf). Ludw. Du freust Dich darüber — nicht wahr, Vater, sie ist nicht meine Schwester? Simon. (Nein!) Ludw. Gott hat diese Liebe in unsere Herzen gelegt — darum sandte er uns Hülfe durch unfern Vater, denn er wird die Beweise stellen, daß Maria nicht meine Schwester ist, welches Glück! Maria, Ja — ja — wir werden glücklich sein, denn die Beweise meiner Geburt hast Du, lieber Vater? Simon. (Ja — dort — zwei Meilen von hier.) Ludw. Zwei Meilen von hier? Simon. (Ja, bei einem Mann, der schreibt.) Maria. Ein Mann, welcher schreibt, vielleicht bei einem Notar? Simon. (Ja, ja!) (Ec dankt Maria, ihn verstanden zu haben, dann sucht er von Neuem ein Mittel, sich verständlich zu machen.) Ludw. Der Notar also wird Dir- diese Beweise übergeben? Er kennt Dich, Vater? Simon. (Nein!) Ludw. Du hast wahrscheinlich für den Notar ein Schreiben — (auf Maria deutend) ihres Vaters? Simon. (Nein!) Maria. Aber mein Vater hat Dir das Mittel angegeben, meine Geburt anzuerkennen? 32 Simon. (Ja!) Ludw. Und dieses Mittel? Simon. (Er sagte mir — ich habe es behalten — es ist in meinem Gedächt- niß eingegraben — aber ich bin jetzt stumm, und kann es nicht sagen. (Verbirgt weinend seinen Kopf in den Händen.) Maria. Oh! Mein Gott! Alles ist verloren ! Ludw. (die Hände Simons ergreifend). Lieber Vater, verzweifle nicht, der Herr im Himmel, der Dich glücklich zu Deinen Kindern führte, wird Dir gewiß ferner zu unserm Glücke helfen. (Simon faltet die Hände betend gegen den Himmel.) Was Du dem Notar zu sagen hast — ist es ein Datum? — eine Zeitepoche — dieß kann man ihm verständlich machen! — Simon. (Nein.) Ludw. Vielleicht ein bestimmterOrt? Man kann ihn hinführen! Simon. (Das ist es auch nicht.) (Zeigt das Porträt Katharina's.) (Da ist das Bild Deiner Mutter — nun, ihre Mutter — muß ich nennen.) Maria. Den Namen meiner Mutter? Simon. (Ja — ja!) Ludw. (erschrickt). Einen Namen — einen Namen — das ist unmöglich. Simon. (Es ist unmöglich!) (Linkt erschöpft in den Sessel.) Maria. Was sagst Du? Ludw. (zu ihm gehend). Lasten wir kein Mittel, keinen Ausweg unversucht, mein Vater. — Ist Jemand hier im Lande, der diesen Namen auch führt? Jemand, den Du mit dem Finger bezeichnen kannst, um das Wort zu ersetzen? Simon. (Nein! — Nein!) Maria (verzweiflungsvou). Ach! dann kann uns nichts retten! Achte Seene. Vorige. Gerhard. Ludw. (Gerhard entgegengehend). Was wünschen Sie? Gerh. Ich habe hier eine schmerzliche Pflicht zu erfüllen und Ihnen anzuzeigen, daß, im Falle Sie nicht heute noch die schuldige Summe bezahlen — Sie das Haus räumen müssen. Ludw. Sie sind? — Gerh. Rechtsanwalt und Notar Gerhard. (Bei diesem Namen erhebt Simon den Kopf.) DerAnwalt des Herrn Frosch! Simon (steht auf und geht zu Maria — Gerhard erstaunt über ihn). Ludw. Dieß ist mein Vater, der durch einen heftigen Schrecken die Sprache verlor! Simon (bittet seinen Sohn, daß Gerhard seinen Namen wiederhole). Ludw. Ich glaube zu verstehen, daß mein Vater Sie bittet, Ihren Namen nochmals zu nennen. Gerh. Notar Gerhard! (Große Freude Simons, der seine Kinder umarmt.) Simon (zu Gerhard). (Sie haben Papiere in Händen — geschrieben von einem General?) Ludw. Ein General? — Mein Vater erinnert Sie, daß Sie das Testament eines Generals empfangen hätten! Gerh. Des General Rockinger! (Starke Bewegung Simons.) Ist es ein Testament, ich weiß es nicht! Ich habe in der That ein versiegeltes Paket und ein Schreiben vom General Rockinger erhalten, dieser Brief befiehlt mir, das Paket nur in Gegenwart des Generals zu öffnen — oder nach seinem Tode, in Gegenwart der Person, welche mir einen Namen nennt — ein Name, der mir als ämtliches Geheimniß anvertraut ist. Simon (macht ihm begreiflich, daß der Name ihm anvertraut ist). Gerh. Ihnen ist dieser Name anvertraut und Sie sind der Sprache beraubt! (Rasch — nach einer Pause.) Ha! Jetzt denke ich daran — diesen Namen, den Sie nicht aussprechen können, Sie können ihn ja ausschreiben. Maria (freudig). Ha! Ludw. (ebenso). Vater! Gerh. (nimmt eine Feder vom Tisch, und reicht sie Simon). Schreiben Sie! Schreiben Sie! Simon (in Verzweiflung wirft die Feder von sich und sinkt in den Stuhl. Ludwig und Maria umgeben ihn). Neunte Scene. Vorige. Pickhard. Pickh. (im Hintergründe). Hier, sagte mir Life, würde ich den Corporal Simon finden. (Au Gerhard, welcher auf ihn zugeht.) Der Corporal Simon? Gerh. Dort ist er! Pickh. Corporal Simon, ich wünschte mit Ihnen zu sprechen, — mit Ihnen allein. Simon (verwundert). (Mit mir?) Pickh. Ich habe Ihnen etwas Wichtiges zu sagen; Maria. Verzeiht — Vater Pickhard — er — Pickh. Seien Sie unbesorgt, Jungfer Maria, ich komme mit keiner Hiobspost zu ihm, im Gegentheil, es ist eine glückliche Nachricht. Ludw. So lassen wir Euch allein! Gerh. Ich gehe ebenfalls. Ludw. Herr Notar — noch einen Augenblick — ich beschwöre Sie! — Mein Vater ist kein Betrüger! Gott sendet ihm vielleicht ein Mittel, uns zu retten. Gerh. Gut, ich will noch etwas verziehen — so weit meine Macht geht — Maria. Muth, lieber Vater! Muth! (Ludwig, Maria und Gerhard ab.) Zehnte Scene. Simon. Pickhard. Dann Frosch. Pickh. (stellt sein Jagdgewehr, welches er mitbrachte, zur Seite). Corporal Simon, ich kenne Ihre Unschuld! (Bewegung Simons.) Ich werde sie bewei- Wiener Theater-Repertoir. XXVH. sen — und Ihnen nichts zu Leide geschehen lassen, selbst wenn ich Sie nicht kennte — wenn ich nicht Soldat, wie Sie, gewesen wäre! Simon. (Sie kennen mich?) Pickh. Sie erinnern sich gewiß jenes Tages vor ungefähr 16 Jahren im Oktober, wo Sie ein kleines Mädchen, welches auf Ihrem Tornister saß, so tapfer in Mitten des Kugelregens vertheidigten. Vielleicht erinnern Sie sich auch jenes Dragoners, der Ihnen zu Hülfe kam — wenn Sie mich genau betrachten — Simon (sehr bewegt, betrachtet Pickhard lange, dann erinnert er sich durch Zeichen, daß Pickhard zwei Kugeln in die Brust bekommen). Pickh. Zwei Kugeln in die Brust, ganz recht! — Ich lag wie todt — das Blut drohte mich zu ersticken. Ich sah — ich hörte, aber ich konnte keine Bewegung machen — man bemerkte mich nicht weiter, als man den General Rockinger sterbend brachte. Er rief Sie zu sich, ganz in der Nähe, wo ich lag — der General vertraute Ihnen etwas, sagte Ihnen einen Namen — Simon (sehr bewegt). (Sie hörten den Namen, den er mir sagte?!) Pickh. Ja, ich hörte Alles. Simon. (Und dieser Name, ist er noch in Ihrem Gedächtnisse?) Pickh. Ich erinnere mich seiner vollständig, Simon. (Wiederholt — wiederholt ihn mir.) Pickh. Ich soll ihn nennen? Wenn ich mich nicht irre, war es Minna von Sternheim. Simon (in höchster Freude) (Und Sie willigen ein, diesen Namen vor aller Welt zu nennen?) (Frosch tritt ein.) Pickh. Sie fragen mich, ob ich diesen Namen aussprechen will? Tausendmal, wenn Ihnen ein Gefallen damit geschieht. Ich kam deßhalb zu Ihnen — um — Simon (außer sich vor Freuden, drückt 3 34 ihm die Hände). (Sie werden sprechen — nicht wahr — Sie werden sprechen ?) Pickh. Ja — ja — ich werde sprechen — ich verspreche es! — (Simon stürzt in das Zimmer, wo Ludwig rc. abgingen. ^n demselben Augenblicke tritt Frosch auS dem Hintergründe, wo er bis jetzt ruhig stand, vor und stürzt auf Pickhard). Eilfte Scene. Frosch. Pickhard. Frosch (mit leiser Stimme). Aber ich — Pickhard — ich verbiete Euch, diesen Namen zu wiederholen! Pickh. Sie? Frosch. Ich verbiete Euch, ihn jemals auszusprechen, oder ich werde einen andern Namen nennen — den des Diebes — den Namen Eures Sohnes ! Pickh. Meines Sohnes — er war nicht der Dieb! Wo ist der Beweis, daß er es war? Frosch. Hier —dieser Brief — den er selbst geschrieben — enthält das Ge- ständniß seines Verbrechens. Pickh. Mein Sohn — schrieb dies? — Oh! der Unglücksel'ge — die Schande! Zwölfte Scene. Vorige. Simon. Maria. Ludwig. Gerhard. (Frosch geht nach dem Hintergrund). Simon (trunken vor Freude, führt Obige herein, und läuft zu Pickhard, den er bei der Hand ergreift.) Ludw. (bewegt). Vater Pickhard — ist es wahr, was mein Vater uns verständlich machte? Maria. Ist es wahr, daß Sie diesen Namen, welcher unsere Rettung bringt, ebenso wie unser Vater vernommen haben? Pickh. (ängstlich). Ich?! . Ludw. O sprechen Sie ihn schnell aus! Simon. (Redet! Redet!) Pickh. Ich? — ich — lFrosch zeigt ihm von Weitem den Brief, nach kurzem inneren Kampfe). Ich — ich habe nichts zu sagen! Alle. Nichts? — Simon (ganz bestürzt). (So eben noch sagten Sie mir, daß Sie diesen Namen nennen wollten — Sie haben es mir versprochen — mir zugeschworen.) — (Zeigt auf seine Kinder, welche Pickhard wie er selbst flehend bitten). Pickh. (bei Seite). Es bricht mir das Herz! Aber meinen Sohn kann ich doch nicht in's Zuchthaus bringen! Gerh. Wenn Sie dieses Geheimniß wissen, reden Sie — im Namen Ihrer Ehre! Pickh. (erschüttert). Meiner Ehre! Frosch (rasch). Ja — im Namen der Ehre, welche Ihr Eurem Sohne hinterlassen sollt. Pickh. (bei Seite). Mein Sohn! Mein Sohn! — (Frosch zeigt ihm von Neuem den Brief. Simon frägt Pickhard durch Zeichen). Ich habe nichts zu sagen! Simon. (Alles ist verloren!) Dreizehnte Scene. Vorige. Life. Bottmann. Gerichtsdiener. Bauern. Bäuerinnen. B 0 ttM. (herbeieilend). Herr Ludwig! Life (ebenso). Jungfer Maria! Bottm. Gerichtsdiener — Frosch. Welche das Urtheil vollziehen! Life. Und diesen braven Mann ar- retiren sollen! Pickh. Arretiren? Ihn? — (!» Frosch). Das ist zu viel! — Das ist zu arg! Frosch. Wie? Pickh. (mit starkem Ton). Nein das ist zu viel — ich kann die Ehre 35 meines alten, tapferen Kameraden nicht beschimpfen lassen — ich werde Ihnen Ihre Ehre wiedergeben! Frosch. Ihr wagt es — Pickh. Hört mich Alle — obgleich das Geld in seinem Tornister gefunden wurde — ist er dennoch kein Dieb — denn ich — hört Ihr — ich habe es hineingesteckt! — (zu den Gerichtsdienern). Und wenn Sie den Dieb kennen wollen, (nimmt seine Flinte) so folgen Sie mir! (Stürzt hinaus — Gerichtsdiener folgen. Man hört einen Schuß. — Alles stürzt zur Lhüre). Gerh. Todt! er hat sich erschossen! Alle. Todt! Frosch (im Vordergrund). Todt? — (bei Seite). Jetzt wird Niemand mehr den verfluchten Namen aussprechen. Simon (bleibt allein in der Mitte des Theaters, sinkt auf den Stuhl links, seine Stirne auf den Tisch legend. Ludwig und Maria eilen zu ihm.) (Der Vorhang fällt.) Vierter Act. (Eine Blumenanlage vor dem Eingang in das Schloß. Zur Rechten ein Gartenhaus mit einer fliegenden Treppe. (Freitreppe.) Im Hintergründe ein Gitter, welches rechts gegen das Publikum vorgeht, dann nach links abbiegt und sich in die Coulisse verliert. Hinter dem Gitter in der Tiefe der Park, zur Linken das Feld; das Gitterthor ist links an der zweitenCoulisse, hinter dem Thor eine steinerne Bank. In der Mitte des Theaters eine Gartenbank. Mehrere Sessel bei der Treppe). Erste Scene. Frosch (außer dem Gitter). Life. Frosch (vornehm gekleidet). Na — endlich bin ich einmal bei dem Herrenhose. (Er läutet). Life (herbeieilend). Komm schon, ob- wohl's mich nichts angeht. (Frosch läutet nochmals). Ich bin ja schon da! Frosch (verwundert). Was tausend, die Life ist hier? Life (verwundert). Ha! Sie stnd's, Herr Frosch? (die Nase rümpfend). Ich glaubte wirklich, ich sollte Jemand Ordentlichen anmelden! — Ach, ich bin dumm! Frosch. So mach' doch aus! (Lise öffnet das Gitter). Du bist jetzt bei Herrn von Lhalburg in Diensten? Lise. Seit Sie den armen, alten Simon sammt seiner Familie fortjagten, habe ich erst recht eingesehen, daß ich zu Ihren Diensten viel zu dumm bin. Bottmann ist auch hier als Bedienter, und ich bin — wie sag ich denn geschwind — Jnspektorin geworden. Frosch (verwundert). Was? Du? Jnspektorin? Lise. Ja, Jnspektorin über das Geflügel — ich habe die Aufsicht über die Gänse; ach, ich sage Ihnen, wie wir zusammen sympathisiren, ich und meine Untergebenen, das ist herrlich; wir verstehen einander so gut! so gut! Frosch. Führe mich zu Herrn von Thalburg! Lise. Der Herr geht im Park spazieren. Frosch. So geh und sage ihm, daß ich hier warte — Lise. Na, meinethalben, aus alter Bekanntschaft will ich dies thun, obwohl dies eigentlich die Herren Bedienten angeht, denn ich bin nur für das Federvieh ausgenommen. (Ab). Zweite See«e. Frosch, dann Thalburg. Frosch (allein). Was mag denn der Herr dieses Schlosses von mir wollen, daß er mich einladen ließ? Sollte es vielleicht wegen der Familie Simon sein? Ah bah! — Was kümmern sich so reiche Leute um so arme Teufel. Und dann, wer weiß, wo dies Volk schon ist. Wie ich 36 hörte, ist der Junge, der Ludwig, in der Stadt, Dienste suchen, und der Alte soll mit dem Mädchen auf der Landstraße herumvagiren? Ha! der Schloßherr! Thalburg (eintretend). Herr Frosch! Frosch. Schultheiß — Th alb. Es wird Sie in Erstaunen gesetzt haben, einen Brief von einem Ihnen ftemden Manne zu erhalten, aber als Ortsobrigkeit dieser Gegend wünschte ich Aufschluß über die Familie des General Rockinger, dessen Erbe Sie sind. Frosch. Ich bin der Einzige! Thalb. (ihn fest betrachtend und gedehnt). Sind Sie dessen gewiß? Frosch (erschrocken). Wie? Was? Thalb. (ihn beobachtend). Ich glaube zu wissen, daß der General eine Tochter hinterlassen — Frosch (schnell). Ich weiß nichts davon ! Thalb. Eine Tochter, welche — Frosch. Zn Oesterreich geboren wurde?! Weiß nichts davon! Thalb. Ei — ei — wie wissen Sie denn, daß sie in Oesterreich geboren wurde? Frosch. Potztausend, es gehen hier zu Lande so dumme Gerüchte herum. Thalb. Wegen diesem Mädchen wollte ich mich mit Ihnen besprechen. Frosch (bei Seite). Wie? Noch Einer, der sich dafür intereffirt? Thalb. Und Sie könnten mir einen sehr wichtigen Dienst erweisen, wenn Sie mich mit dem Orte und der Zeit ihres Todes bekannt machten, (lebhaft). Oder sollte sie noch am Leben sein? Frosch (heftig). Nein, nein! Thalb. (jedes einzelne Wort mit Nachdruck). Dieses Mädchen wurde wohl in hiesiger Gegend gesehen? Frosch. Niemals! Thalb. Keine Spur ihrer Existenz? Frosch. Keine! Thalb. Wenn sie in dieser Gegend lebte — unter irgend einem andern Namen — würden Sie es wissen? Frosch. Am Allererstesten! Thalb. (bei Seite). Gut! — (laut). Sie schenken mir doch das Vergnügen zum Mittagmahle? Frosch. O, ich bitte, zu viel Ehre. Thalb. Sie werden so gefällig sein, ohne sich in nähere Erörterungen einzulassen, bei der Tafel zu erzählen, daß — es hier als gewiß angenommen wird, daß die Tochter des General Rockinger todt ist — Frosch. Bitte nur zu befehlen — H ich lasse sie sterben, wie, wann und wo es Ihnen gefällig ist. — Doch vor der Tafel hätte ich hier im Dorfe noch ein kleines Geschäft abzumachen, weil ich grade in der Nähe bin, wenn Sie erlauben — Thalb. Bitte— ganz nach Ihrem Belieben! Um fünf Uhr wird servirt. Frosch. Um 6 Uhr? O dann werde ich auch Punkt 3 Uhr hier sein. (Geht links ab). Dritte Seerre. Lhalburg, dann Minna. Thalb. (nach einer Pause). Alles geht gut! — Sie lebt nicht mehr! Minna (vom Schlosse). Lieber Thalburg, Du hast Gesellschaft zu Tische geladen, wie ich höre? Thalb. Ja, liebe Minna — ich — M i n n a. Nun, was zögerst Du denn ? Du bist so sonderbar bewegt?! Thalb. (den Verlegenen spielend). Ich habe Dir etwas mitzutheilen — so schwer es mir auch wird — ist es doch meine Pflicht — damit Du nicht viel- U leicht zufällig aus fremdem Munde zu- ' erst erfährst — Minna (ängstlich). Was denn? O, . ich bitte Dich, rede! Thalb. Es betrifft — Deine Tochter! Minna. O mein Gott, was werde ich denn erfahren? Du zögerst? O, ich ahne das Schrecklichste. — Meine Emma 37 — sie ist in Kummer und Noth ausgewachsen; — Elend, Entbehrung, Mangel an Religion und Erziehung haben sie der Verworfenheit in die Arme geführt und der Schande preisgegeben, (verhüllt ihr Gesicht). Thal b. (theilnehmend). Armes Weib! Minna.O so hat Gott mein Flehen nicht erhört, mir nicht die Gnade gewährt, mein Kind als das Seine zu sich in den Himmel zu nehmen — damit mir doch der Trost bliebe, für einen Engel zu beten. Thalb. Doch — doch, theure Minna, der Himmel hat Dein Flehen erhört, alle Welt hier weiß, daß sie als Kind gestorben. Minna. Todt? Mein Kind todt? Wirklich todt! — (sinkt auf die Bank, das Gesicht mit ihren Händen bedeckend). Th alb. Bestes Weib! Zch wage den Versuch gar nicht, Dich jetzt zu trösten, denn dies wäre vergebens bei einer Mutter, die ihr Kind beweint. Zch achte Deine Thränen und fühle, daß in diesem Augenblicke die Einsamkeit wohl- thätig aus Dich wirken wird, (küßt sie auf die Stirne und geht ab). Vierte Scene. Minna, Simon, Maria, Life. (Maria erscheint auf der linken Seite hinter dem Gitter, Simon unterstützend, welcher schwankt. Minna im Vordergründe im tiefen Hinbrüten.) Maria. Vater, mein guter Vater! Was fehlt Dir denn so plötzlich? — (Simon wirft sich auf die Bank vor dem Gitter, und legt die Hand auf die Stirne). Ach! mein Gott! Vielleicht eine alte Wunde? Simon. (Za!) Maria (auf den Knien bei Simon). Und Niemand hier zu Hülfe! Niemand — ha, dieses Gitter — wenn ich es wagte, ich kann doch meinen Vater hier nicht sterben lassen, (sie läutet). Life (herbcieilend). Komm' schon! — Ei, was sehe ich — Zungfer Maria, Vater Simon?! (sie öffnet). Maria. Liebe Lift, ich bitte Dich um Hülfe für meinen Vater. Minna (den Kopf erhebend). Wertst denn hier? Was gibt es denn? Life (auf Minna zugehend). Ach, gnädige Frau, ein braves junges Mädchen ist's, welche um Hülfe für ihren alten Vater fleht. Minna (bleibt stehen und wendet die Augen ab). Ein junges Mädchen?! (zu Life). Ruse die Dienerschaft, daß sie zu Hülfe eilt; man soll gleich den Doktor benachrichtigen, welcher ohnedem im Schlosse ist. Life (während Maria um Simon beschäftigt ist). Za, gnäd'ge Frau! (rufend). Heda! Meine Herren Bediente, hierher! hierher! — (zwei Diener erscheinen). Geschwind den armen Mann hier auf Befehl der gnäd'gen Frau zum Herrn Doktor geführt! he! sachte! — Zhr einfältigen — (sich verbessernd). Herrn Bediente! Maria (von weitem und beinahe mit leiser Stimme). Ach! — Dank, tausend Dank, gnäd'ge Frau! Auch Dir meinen Dank, liebe Lift! (ab in's Schloß, mit Simon und Dienern). Fünfte Scene. Minna, Life. Minna. Kennst Du diese Leute? Life. Wie mich selbst, gnäd'ge Frau. — Es sind unglückliche aber grundehrliche Leute, die man auspfändete und vom Hause verjagte. Minna. Verjagte?! Life. Za, Alle, Vater, Sohn und Tochter. Ach, das Mädchen ist ein Engel an Sanftmuth und Herzensgüte. Wenn die gnäd'ge Frau sie so wie ich kennen würden, so bin ich überzeugt, daß Sie sich ihrer annehmen. Minna. Zch? Life. Ah! da kommt sie gerade! Sechste Seene. Minna, Life, Maria (welche in der Nähe der Treppe stehen bleibt). Life. Nun, wie geht es? Maria. Der Arzt versicherte mich, daß es keine Bedeutung habe. Ein frischer Verband wäre nothwendig, — ich mußte mich unterdessen entfernen. Life (zu Minna). Gnäd'ge Frau, ihr größtes Elend scheint mehr in ihrer Noch zu bestehen; sie irren herum ohne Zuflucht — (leise) und wissen nicht, woher einen Bissen Brot nehmen. Minna (gibt Life ihre Börse, ohne sich umzusehen). Gib ihnen das? Life. Gottes Segen über Sie, gnädige Frau! (ste geht, um Maria die Börse zu geben. Diese, welche sich am Fuße der Treppe niedersetzte, steht auf und betrachtet sie; Lift bleibt bestürzt stehen). Nein, ihr auf diese Art das Almosen zu geben? durch meine Hand, das müßte sie zu sehr kränken, (zu Minna zurückkehrend, mit leiser Stimme). Gnäd'ge Frau, es ist eine Dummheit von mir, aber ich glaube, eine Wohlthat aus der Hand des Wohlthä- ters selbst empfangen, ist für die Armen nicht so empfindlich. — (Minna nimmt die Börse zurück, Lift winkt Maria, sich zu nähern und Minna hält ihr die Börse hin, ohne sie anzusehen. Maria scheint dadurch verletzt, aber ihre Bewegung unterdrückend, beugt sie sich, ohne die Börse zu berühren, nieder, und küßt Minna die Hand, welche auf einmal zusammen schaudert). Life (schüchtern und leise). Zch glaube — obwohl ich sehr dumm bin — die Börse allein ist nicht genug — ein theilnehmender, — mitleidiger Blick wäre — vielleicht — Sie sind doch sonst so gütig, gnäd'ge Frau! Minna (bei Seite). Sie betrachten — ein junges Mädchen — (kämpft mit sich selbst, betrachtet alsdann Maria). Maria. Verzeihung, gnäd'ge Frau, aber mein Vater ist gewiß meinetwegen in Angst, ich bitte Sie um die Erlaub- niß — Minna (ihre Blicke auf sie heftend, mit bewegter Stimme). Nein — bleiben Sie — bleiben Sie — (Maria immer betrachtend). Life, gehe und sage dem Vater, daß seine ToHter bei mir ist. Life. Ja, gnäd'ge Frau! — (bei Seite). Sieh — steh — die Gnädige ist auf einmal wie verwandelt. (Ab). Siebente Seene. Minna. Maria (später Frosch). Minna (Maria immer betrachtend). Mein Gott! Woher dieses Gefühl, welches mich plötzlich ergreift? Ich weiß nicht, wie mir geschieht! Seit Jahren, Du weißt es, Vater im Himmel, ist es das Erstemal, daß ich es wage, ein jugendliches Gesicht zu betrachten, denn in jedem glaube ich ja die Züge meines verlornen Kindes zu erblicken. Wie heißen Sie, mein Kind? 'Maria. Maria! Minna. Maria! — (bei Seite). O, es ist nicht der Name meiner Tochter, und ich — ich glaubte — sie müsse den Namen Emma aussprechen. (Sie bei der Hand nehmend). Kommen Sie näher zu mir — ich bitte Sie darum! Maria (sich setzend). Darf ich es wagen? Minna. Sprechen Sie mit mir! Aber recht viel! Maria. O, gnädige Frau, Sie sind so gütig; könnte ich Ihnen je Ihre Wohlthat lohnen — aber dies ist ja unmöglich! Minna (wie von einem Gedanken ergriffen). Sie meinen, weil ich reich bin? — O, es gibt auf dieser Welt noch andere größ're Leiden als Mangel und Noth! Sehen Sie — ich bin eine solche Unglückliche, welche seit einer langen Reihe von Jahren nicht aufgehört, zu weinen. — Heute — heute ist es das Erstemal, als ob sich ein süßer Trost in meine Seele ergieße. — Ihre Stimme thut meinem Herzen so wohl, und verschaffte mir Linderung in meinem Schmerze. Maria. Gnädige Frau beweinen vielleicht den Verlust eines Ihnen theu- ern Wesens? Minna. Sie haben es errathen! — Ja, ich beweine den Verlust meiner Tochter, welche, wenn sie noch lebte, in Ihrem Alter wäre — welche ich jetzt ebenso in meine Arme schließen würde, wie ich Sie — (drängt sie sanft zurück). Nein! — ich habe kein Recht, Ihre Mutter zu bestehlen. Maria (traurig). Meine Mutter! Minna. Sie haben Ihre Mutter noch? — Nicht wahr!? Und sie liebt Sie gewiß sehr? Maria. Ich habe sie nie gekannt, gnäd'ge Frau! Minna (erhebt schnell den Kopf, vor Aufregung zitternd). Sie — haben Ihre Mutter nie — gekannt — sagen Sie? Maria. Nein, gnädige Frau! Aber mein Gott, was fehlt Ihnen denn? Minna (kaum athmend). O fürchten Sie sich nicht vor mir, obwohl ich Augenblicke habe, wo ich kaum meiner Sinne mächtig bin! — (bei Seite). Mein Gott, ich fürchte, daß ich wirklich wahnsinnig werde, (laut). Aber diese Mutter — die Sie nie gesehen — nie gekannt haben, hat Ihnen Niemand von ihr erzählt? — O reden Sie! Maria. Ich weiß gar nichts von ihr. Ich und mein Bruder lebten so — Minna (enttäuscht, aufstehend). Bruder? Sie haben einen Bruder — ich sagte Ihnen ja, daß ich oft meiner Sinne nicht mächtig sei. — Und wo ist Ihr Bruder? Maria (traurig). Er ging in die Stadt, sich anwerben zu lassen, damit der alte Vater und ich nicht darben sollen. — Frosch (erscheint am Gitter und läutet.) Maria (ihn mit Schrecken erkennend). Mein Gott! Auch hier wieder der schreckliche Mensch! Minna. Wer? Maria. Dieser Mann ist die Ursache unseres Elendes; er verjagte uns aus unserm Hause! Sein Anblick zerreißt mir das Herz. Minna. Folgen Sie mir! Ich werde meinen Gemal bitten, diesen Menschen so schnell als möglich zu verabschieden. — Kommen Sie! — (zieht Maria in das Gartenhaus. Beide ab.) Frosch (ihnen nachsehend). Ei, ei! die Kleine mit der Dame des Schlosses. Achte Scene. F r o sch. D i e n e r. S i m o n und T h a l- burg. (Diener öffnet Frosch das Thor). Th alb. (tritt auf mit Simon, welcher etwas zu suchen scheint). WaS suchen Sie denn, Alter? Diener. Wahrscheinlich seine Tochter ! Simon (bejaht). Thalb. Haben Sie sie hier gelassen? — (zum Diener). Geh', Stephan, rufe sie! — (Diener ab). Frosch (mit verstellter Freundlichkeit zu Simon). Ihr werdet gewiß glauben, daß ich Euch noch immer verfolge; aber das ist wahrhaftig nicht meine Schuld; da ich Schultheiß bin, und die ordinäre Bettelei hier zu Lande verbothen ist. Simon. (Bettelei!?) Frosch. So ist es nur meine Schuldigkeit — Thalb. Halt, meinHerr! das ist kein Bettler, sondern ein alter Soldat, der dem Vaterlande gedient hat, und einem Manne, der für uns Alle Blut und Leben einsetzen mußte, dem lasse ich nichts geschehen! Simon (bezekgtThalburg seinen Dank). 40 Thalb. In welchem Regimente dientet Zhr?—- Simon (bezeichnet die Zahl 4). Thalb. Im 4. Regimente? — Dientet Zhr schon unter dem General Rockinger? Simon (freudig) (Ja! ja! Der General sei ihm mehr als Freund — sein Gott — sein Alles gewesen — daß er in seinen Armen gestorben). Frosch (bei Seite). Teufel! Das geht schlecht! Thalb. Gestorben? Zn Ihren Armen? Reimte Seene. Vorige. Minna. Minna (welche zu Lhalb. will, bleibt am Ende der Treppe stehen). Was ist's hier? Simon (lebhaft). (Aber, alsdann werden Sie seine Stütze sein? sein Vertheidiger?) Th alb. Er scheint meinen Schutz zu erbitten — für wen? Frosch (schnell). Für sich, ohne Zweifel — für sich selbst — ganz natürlich, weil er ein Landstreicher ist. Simon. (Nein — nein! — Aber für ihn, der Epauletten — einen Degen getragen hat —. der über uns Alle zu befehlen hatte, — der gestorben ist). Th alb. Für den General Rockinger? — Ich verstehe ganz gut! Minna (bei Seite). Rockinger? Was bedeutet das? Th alb. (traurig). Aber der General ist ja todt, mein armer Freund ! Simon. (Aber das Kind — die Tochter des Generals!) LH alb. Seine Tochter? (Auf dieses Wort stößt Minna einen Schrei aus, Lhalb. eilt zu ihr, faßt sie bei den Händen und sagt mit halber Stimme). Ruhig, Minna, keinen Laut mehr, welcher dein Ge- heimniß. verrathen könnte, (zeigt auf Frosch; dann zu Simon). Es ist gut mein alter Freund — es ist gut — Herr Schultheiß, Sie verzeihen! Frosch. O ich bitte. Thalb. (zu Simon). Ich werde für Sie sorgen — gehen Sie — lassen Sie uns- Simon (Aber haben Sie mich denn nicht verstanden — das Kind — seine Tochter). Minna (noch immer von Lhalb. zurückgehalten). Thalburg! Ich bitte Dich — schenke ihm doch deine ganze Aufmerksamkeit! Thalb (unwillig). Nun also, was soll's, der General hatte ein Kind — ich weiß es — (auf Frosch zeigend). Dieser Herr weiß es auch — aber dieses Kind ist — Frosch. Dieses Kind ist todt! Simon. (Nein). Thalb. (bei Seite). Wie? lebt? Minna (mil erstickter Stimme). Meine Tochter! Meine Tochter lebt?! Frosch (bei Seite). Jetzt bin ich zu Grunde gerichtet! Simon. (Nun, haben Sie mich verstanden?) (Große Stille). Minna (zitternd). Erfragt, ob Du ihn verstanden habest? (Aller Blicke sind auf Lhalburg gerichtet). Thalb (nach kurzer Ueberlegung, mit ruhigem Tone). Nein! Frosch (bei Seite, plötzlich aufgerichtet). Nein? Minna (ängstlich). Aber- Thalb (zu Simon). Ich verstehe Sie nicht! Simon. (Ach, ich Unglücklicher!) Thalb. (will ihn verabschieden, und seine Frau wegführen). Kommen Sie später, mein Freund, später. Simon. (Nein!) (Er macht neue Anstrengungen, er bezeichnet ein junges Kind, welches ihm anvertraut wurde, beschreibt das Gefecht, wo er es auf seinem 41 Rücken trug, wie ihm die Kugeln um die Ohren pfiffen. Dann zeigt er, wie das Kind immer größer und größer, zuletzt ein schönes, junges Mädchen wurde. Alsdann wendet er sich an Thalburg und scheint ihn nochmals zu fragen) (Haben Sie verstanden?) T h a l b. (hartnäckig). Ich verstehe Sie nicht! Minna (bewegt). Aber, so bedenke doch, es betrifft meine Tochter — mein geliebtes Kind! Lhalb. (kräftig). Ich verstehe ihn nicht! Simon (scheint sich selbst anzuklagen — er schlägt sich voll Wuth auf seine Brust und fällt ganz erschöpft auf einen Stuhl zu seiner Rechten). Minna. Ach! das ist zu viel! (will mit ihm sprechen). Th alb. (sie znrückhaltend). Minna— bedenke meine Ehre! Und Deinen Eid. (Minna läßt den Kopf sinken). Frosch (bei Seite). Hm! hm! Was muß der für eine Ursache haben, ihn nicht versteh'n zu wollen? ! Thalb. (laut). Die Stunde ist da, wo unsere Gäste ankommen. Kommen Sie, Herr Frosch — (ihn bei Seite nehmend). Sie, wünschen daß dieser Mann die Gegend verläßt? — Sie kommen dadurch meinem Wunsche nur zuvor. Frosch (erstaunt). Was, Sie — wünschen auch? T h alb. Man soll ihm Geld geben, so viel Geld er wünscht — aber er soll das Schloß verlassen (geht zu Minna, laut). Herr Frosch, wollen Sie mich gefälligst im Saale des Gartenhauses erwarten —ich habe nur noch einige Befehle zu ertheilen Frosch (auf der Treppe). Ist mir eine Ehre, warten zu dürfen (bei Seite). Aber auch sehen und hören will ich! (geht ins Gartenhaus). Zehnte Scene. Simon. Minna. Thalburg, dann Maria und später Frosch. Th alb. Du, liebe Minna — Minna (nachdem sie sich schnell überzeugt, daß Frosch fort ist, nähert sie sich Simon, ausbrechend). Corpora! Simon — was ist aus meiner Tochter geworden? Simon (steht schnell auf und betrachtet sie). -Minna. Ich habe Sie deutlich verstanden — Alles — ich — ich die Mutter jenes Mädchens! Simon (außer sich). (Was? diese verschleierte Frau — welche gekommen ist, mir ihr Kind anzuvertrauen?) Minna. Eine verschleierte Frau? Ja, das war ich! Wo ist meine Tochter? — Ich gehe mit Ihnen und wäre es an das Ende der Welt. Kommen Sie, führen Sie mich hin zu ihr! Simon. (Aber Sie haben Sie ja gesehen! Hier!) Minna. Hier?! — Maria? Maria ist es! Maria (erscheint auf der Treppe, Simon läuft zu ihr, sie bei der Hand nehmend und führt sie zu Minna, — vor Freude weinend). Maria (unruhig). Mein Vater — was ist Dir — Du weinst? — Was willst Du mir sagen? Vater? Minna. Er will Dir sagen, daß ich Deine Mutter bin! Maria. Mutter? Meine Mutter?— (wirft sich in Minna's Arme. — Während dem entblößt Simon sein Haupt, fällt auf die Knie — anscheinend sich an Gott und seinen General wendend). Frosch (erscheint am Fenster des Gartenhauses). Sie ist ihre Mutter! Der Vorhang fällt. 4L Fünfter Act. (Großes Zimmer bei Herrn von Thalburg. Mittel- und Seitenthüren. An der Wand hängen Pistolen. Koffer und andere Neiserequifiten stehen im Hintergrund). Erste Seene. Bott m ann. Lise. Bedienter. Bottm. (zu der übrigen Dienerschaft). So! diesen Koffer auch noch mitgenommen — Du nimm diese Reisetasche — so! — der Reisewagen muß vollständig gepackt sein, ehe Jungfer Ma- ria's Hochzeit mit Herrn Frosch vorgeht. — Ich nehme die Pistolen. L ise. Das ist die sonderbarste Hochzeit von der Welt, ich begreife gar nichts. Bottm. (nimmt die Pistolen von der Wand). Warum denn? Life. Um die Einwilligung des alten Simon, als Vater der Braut, wird gar nicht gefragt, um den Bruder kümmert sich Niemand. Unser gnädiger Herr sagt, er will nur Mariens Glück und zwingt sie, einen Mann zu nehmen, den sie haßt, Maria weint immer und herrschet Herrn Frosch doch. Jetzt das begreife, wer da wolle, ich bin viel zu dumm dazu. Bottm. (mit ausgestreckten Armen die Pistolen haltend). Schaust du Dir auch den Hochzeitszug an? Life. Aber wie hältst Du denn die Pistolen? So hält man sie nicht! B ot t m. O ja— sie sind ja geladen. Life. Ob Du sie weghältst; hält man sie den Leuten entgegen? Bottm. (die Mündung gegen sich drehend). Na, so werde ich sie doch nicht halten? (dreht sie rasch wieder gegen Lift). Lise (davonlaufend). He! Bottm. Fürchte nichts für mein Leben, Life, wenn Sie auch losgehen — (rennt ihr nach). Du bist so besorgt um Mich. (ab). Zweite Seene. Frosch. Gerhard. Simon. Frosch. Haben Sie den Contract nach meinen Angaben gestellt? daß Alles Vermögen, was sie erwerben, erben, oder gewinnen sollte, mir als Nachtrag des Heirathsgutes zufällt? Gerh. Zu dienen! Frosch. Also Alles in Ordnung? Gerh. Nicht so ganz. Frosch (erschrocken). Was? Weshalb ? Warum? Gerh. Dieser Mann, als Vater der Braut — hat doch auch seine Zustimmung zu geben. Frosch. Jawohl, jawohl, reden Sie ganz ungenirt, wie Ihnen der Schnabel gewachsen ist, bester Schwiegerpapa. (Zornige Geberde Simons bei dem Worte „Schwiegerpapa^.) Gerh. Dieser Mann kam heute Früh zu mir, ganz in Schweiß gebadet. Nach längerer Mühe begriff ich, er wünsche, ich soll die mir vom verstorbenen General Rockinger versiegelt anvertrauten Papiere zu mir stecken. Frosch (erschrocken). Sie haben Pa —Papiere? — Ah, das ist scharmant! Und haben Sie die Papiere zu sich gesteckt? Gerh. (zieht das Packet vom ersten Akt heraus). Ja— er wollte durchaus, daß ich das Packet augenblicklich öffne. Frosch. Und Sie — thaten dies doch nicht? Sie folgten doch diesem Wahnsinnigen nicht? Simon. (Ich bin nicht wahnsinnig (zu Gerhard). Ich bitte, öffnen Sie das Packet). Gerh. Mein lieber Freund, ich darf das Siegel nicht öffnen, ohne daß der mir vorgeschriebene Name genannt wird, und darauf halte ich fest. Simon (ringt verzweiflungsvoll die Hände). Frosch (Gerhard umarmend). O Sie 4L braver Mann; Sie sind würdig, ein Vertreter des Gesetzes zu heißen. Sie weichen nicht ein Haar breit von dem geschriebenen Recht ab, und wenn Sie Millionen Menschen retten könnten; das ist schön. Dritte Seene. Vorige. Thalburg. Thalb. Wollen Sie nicht gefälligst einen Augenblick im Nebenzimmer verziehen, ich habe nur einige Worte mit dem Herrn Bräutigam allein zu sprechen. Auch Sie, Herr Simon. Gerh. Ganz zu Befehl (mit Simon ab in's Nebenzimmer). Thalb. Herr Schultheiß; in wenigen Minuten wird Ihr heißester Wunsch durch mich erfüllt — Maria wird Ihre Frau — ich habe es bei meiner Gemahlin durchgesetzt. Bevor aber diese Vermählung vor sich geht, verlange ich Zhr Ehrenwort als Mann über zwei Punkte. Frosch. Bitte, verlangen Sie so viel Ehrenwörter als Sie wollen. Thalb. Erstens: da Corpora! Simon die legitime Geburt Mariens nicht beweisen kann, ewige Verschwiegenheit, wer Mariens Mutter sei. Frosch. Wenn man mich fragt, will ich sagen, meine Frau hat gar keine Mutter gebabt. Thalb. Und zweitens: daß Sie Marien immer mit der gehörigen Achtung behandeln. Frosch. O, ich bin viel zu edelinü- thig, um ihr je fühlen zu lassen, daß sie ein armes Mädchen war. Thalb. (ärgerlich). So müssen Sie zu mir nicht sprechen, der weiß, daß Marien das Vermögen gebührt und Ihnen nichts; zu mir, der dem Mädchen drohte, die Ehe mit ihrer Mutter zu lösen, wenn sie Ihnen nicht ihre Hand reichte, der das Mädchen nur deßhalb zu dieser Heirath zwang, weil Sie Mitwisser des unseligen Geheimnisses wurden, und unter dieser Bedingung ewiges Stillschweigen gelobten, um so meine Ehre unbefleckt zu erhalten, sonst aber würde ich nie in eine Verbindung des Mädchens mit Ihnen eingewilligt haben. Frosch. So? Ei — ei! also blos um Ihrer Ehre willen?! — Ei, ei, ei! Herr von Thalburg belieben sehr aufrichtig mit mir zu sprechen. Nun, da finde ich mich denn doch verpflichtet, Ihnen auch die Wahrheit zu sage». Mein werthester Herr von Thalburg, man hat sich auch erkundigt, und weiß, daß Ihre Ehrsucht nichts ist als ein glänzender Deckmantel, hinter dem Sie Ihre Schmutzerei verstecken; Ihre Frau Gemahlin beliebt nervenschwach und sehr kränklich zu sein; Ihre Frau Gemahlin beliebt aber eine halbe Million im Vermögen zu haben und ohne Verwandte zu sein; Ihre Frau Gemahlin beliebt vielleicht bald zu sterben, und wenn ein legitimes Kind zum Vorschein käme, beliebt vielleicht diesem Kinde diese halbe Million zuzusallen; daher beliebt es Ihnen, mein ehrgeiziger Herr von Thalburg, Marien mit mir zu ver- heirathen, um fernere Beweise zu unterdrücken. Uebrigens nichts für ungut, wir sind deßhalb doch ein Paar Ehrenmänner — wir haben nur Jeder einen andern Begriff von Ehre, und ich glaube, da gerade die Braut mit ihrer Mutter und den Zeugen kommt, so spielen wir wieder gute Freunde, Ich rufe den Herrn Notar. (Ab zum Nebenzimmer.) Vierte Seene. Thalburg Maria. Minna, dann Frosch und Gerhard. Verlo- bungsgäste. Simon. Minna (welche Maria stützt, leise). Mein armes Kind, Du willst Dich wirklich für mich opfern? Maria (leise). O Mutter, sprechen Sie nicht so. (Bei Seite.) Mir bricht ohnedem fast das Herz. 44 Minna (wie oben). Wie kann ich Dir je Deinen Edelmuth lohnen? Maria (wie oben). Ach! Bin ich nicht durch Ihre Liebe genug belohnt, und durch das Glück, daß ich meine Mutter wieder fand. Minna (für sich). Ja, um uns für ewig wieder zu trennen. (Frosch und Gerhard kommen.) Gerh. (zu Thalburg). Wünschen Sie, daß ich den Contract laut vorlese? Frosch (hastig). Ist nicht nothwen- dig, ich unterschreibe blindlings. (Nimmt die Feder und unterschreibt.) Fräulein Braut, wenn's beliebt? (Geht Maria Mil der Feder entgegen.) Maria (zuckt bei seinem Anblick zusammen). Frosch. O Gott; sie wird fast ohnmächtig vor Freuden. Minna (zu Maria, leise). Muth, mein armes Kind. Maria (gefaßt, leise). Ja, Mutter, für Sie mein Leben. (Geht zum Lisch, will unterschreiben. Simon stürzt auf sie zu, und deutet ihr, sie soll dieß nicht thun — es kann ja unmöglich ihr Wille sein). Maria (zu Simon). Mein Wille — Th alb. (rasch und leise). Unterschreiben Sie, wenn Sie Ihrer Mutter nicht ein qualvolles Leben bereiten wollen. Maria (bei Seite). Meiner Mutter! (Laut zu Simon.) Ja, Vater, es ist mein freier Wille, mein ernstlicher Wille, diesem Manne anzugehören. Simon (schlägt die Hände zusammen, und scheint zu sagen). (Daß er dann nichts mehr entgegnen könne). (Er zieht sich in den Hintergrund zurück). Maria (unterschreibt, für sich, leise). Mir ist, als schriebe ich mein eigenes Todesurtheil. Frosch. Meine Herren, Sie sehen, es ist der freie Wille meiner Braut. Gerh. Und nun die Zeugen. (Zeugen unterschreiben. Glockengeläute.) Th alb. Ah! die Glocke ruft zur Trauung. (Bei Seite.) Bald bin ich geborgen. (Laut). Wenn eS gefällig — (Reicht Minna den Arm. Alle ab, bis auf Simon (allein, wischt sich die Thrä- nen aus den Augen, will Maria nachstürzen, um sie zurückzuhalten , sinkt dann auf die Knie, bittet Gott um Rettung und eilt nach). Verwandlung. (Kirchenplatz.) Fünfte Seene. Ludwig (kommt als Jäger, den Stutzen über die Schulter, aus dem Hintergründe). Ludw. (sich den Schweiß von der Stirne trocknend). Bald habe ich das Ziel erreicht, schon liegt das Schloß vor meinen Augen. Welcher Schrecken für mich, als ich in Mariabrunn hörte, Maria und Vater Simon hätten schon seit acht Tagen das Dorf verlassen, man wisse nicht genau, wohin sie sich gewendet! Ein Chausseewächter endlich erzählte mir, daß man in diesem Schlosse einen alten stummen Soldaten sammt seiner Tochter gastfreundlich ausgenommen habe; aber — mein Gott, was sehe ich — Life, Bott- mann — wie kommt Ihr hierher? Sechste Seene. Ludwig. Life. Bottmann. Life (bei Seite). Mein Gott! er auch hier! Bottm. (leise zu Lift). Der kommt zur ungelegenen Zeit. Ludw. (zu Lift). Nun, warum antwortest Du nicht? Warum thust Du so fremd? Life. Ich? Fremd! Gottbehüte — ich bin nur so dumm! Bottm. Ich wollte Ihnen g'rade sagen, daß wir bei der Herrschaft hier im Schlosse in Diensten stehen. Ludw. (freudig). Wie? Ihr seid bei jener guten Herrschaft, welche sich meines Vaters und Mariens so freundlich 48 angenommen hat? — O ich komme nicht mit leerer Tasche — sie brauchen nicht mehr von fremdem Almosen zu leben — das Glück war mir günstig — statt Soldat zu werden — habe ich einen Dienst auf dem Schlosse Weichelau als Jäger erhalten und der Guts-Inspektor gar mir einen ganzen Jahreslohn voraus. Life. Das ist schön! Ludw. O, sie sollen auch in Zukunft nicht darben — ich soll bald eine noch bessere Stelle erhalten — der HerrOber- förster ist mir sehr geneigt, und mit mein»: Kenntnissen sehr zufrieden. Aber sage mir doch, Life, spricht Maria oft von mir? Gedenkt sie meiner oft? Life (verlegen). O, sie — sie — denkt immer an Sie! Ludw. Gute Maria! Aber was tausend, ich glaube gar, es gibt eine Hochzeit im Schlosse. (Glockengeläute und Musik.) Dort kommt ein ganzer Zug, wer hei- rathet denn? Life (leise zu Bottmann). Mein Gott — ich getraue mir nicht, es ihm Zusagen. BottM. (leise zu Life). Ich auch nicht. Siebente Seene. Ludw. Nein — nein — dieß kann — dieß darf nicht sein, nie, nie wird Maria das Weib jenes Mannes, so lang ich lebe. Thalb. Mäßigen Sie sich, junger Mann! Ludw. Maria! Sprich die Wahrheit , gesteh es offen, man zwingt Dich zu dieser Heirath? Du kannst diesen Mann nicht lieben — Du wirst ihm nie zum Altäre folgen — Du kannst an Gottesstelle nicht lügen und ihm Liebe heucheln wollen. Maria. Nein — Ludwig — nein, ich thue dieß — Th alb. (schnell und leise zu Maria). Wenn Sie das Geheimniß verrathen, so trenne ich mich öffentlich von Ihrer Mutter! Maria. Ich thue dieß aus freiem Willen — ich liebe — Ludw. (furchtbar aufschreiend). Du liebst ihn? Maria (bei Seite). Mein Gott! — Verzeihe mir diese Lüge, es geschieht ' ja, um die Ehre meiner Mutter zu retten. Ludw. (dumpf). Sie liebt ihn! — Dann — dann habe ja ich auch nichts mehr auf dieser Welt zu schaffen. (Wäh- Frosch. Maria. Thalburg. Minna. Gerhard. Simon. Hochzeitsgäste. Die Vorigen etwas im Hintergründe. (Wie der Zug in der Mitte der Bühne ist.) Ludw. Mein Gott! Ist es möglich — soll ich meinen Sinnen trauen, oder bin ich wahnsinnig — die Braut ist — (mit einem Schrei vorstürzend.) Maria! Maria. Ludwig! Frosch. Den hat der Teufel hierher geführt. Ludw. Maria! ist es möglich —Du die Braut dieses Mannes — und Du, Vater — Du konntest diese Hochzeit zugeben?! Simon. (Ich war unvermögend, sie zu hindern.) rend Lhalburg nnd Frosch versuchen, den Zug wieder in Ordnung zu bringen, setzt Ludwig seinen Stutzen an, um sich zu erschießen.) Simon (welcher von Anfang an mit ängstlicher Miene seinen Sohn nicht aus den Augen ließ.) Ludw. Leb' wohl, Maria, leb' wohl, Vater! (Spannt den Hahn.) Simon (reißt ihm das Gewehr weg, durch das Ringen geht das Gewehr los, Simon stößt einen unartikulirten Schrei aus und spricht). Unglückseliger! Ludw. Vater! (Alle umrigen Simon, welcher an die Brust seines Sohnes gesunken.) Ludw. Vater! Hab'ich recht gehört? Simon (halb lachend, halb weinend). Hahaha! hahaha! Ich — ich — kann 46 reden. Gott! der Herr sei gelobt! (Fällt auf die Knie.) Der Allwissende hat das Gebet eines armen Stummen erhört! (Erhebt sich plötzlich, geht zu Gerhard.) Der Befehl des General Rockinger lautet: Minna von Sternheim! Gerh. Endlich — das ersehnte Wort, auf welches ich die Papiere des Generals augenblicklich öffnen darf. (Zieht das Papier hervor und öffnet es.) Simon. Oeffnen Sie! Schnell — Sie werden finden, daß diese Dame die rechtmäßige Gemahlin des Generals war. Gerh. Za — ja — sein Trauschein. Simon. Daß meine Maria als Kind starb, und dieses mir anvertraute Mädchen — die Tochter und Erbin des Generals ist. Gerh. Ja, der Todtenschein von Simon's Tochter — der Geburtsschein Emma's von Rockinger. Minna (Maria umarmend). Dank Dir, mein Gott! Jetzt darf ich Dich doch vor aller Welt mein geliebtes Kind nennen. Gerh. Hier das Testament des Generals, wo Sie als alleinige Erbin seines Vermögens eingesetzt ist. Frosch. Ha, ha, ha, das heißt, welches aber laut Heirathscontract mir gehört! (Zeigt den Contract.) Simon (nimmt und zerreißt ihn). Ein abgedrungener Contract, ehe daß Fräulein ihren wahren Stand wußte, gilt nichts. Maria. O meine liebe Mutter, nicht wahr, Sie versagen mir meine erste Bitte nicht — Sie erlauben mir. frei nach meinem Herzen zu wählen? * Minna. Du liebst — Maria (Ludwig umfassend). Meinen Ludwig! Ludw. Maria! Minna. Gott segne Euren Bund! Simon (seine Kinder umarmend). Dank Dir, Vater im Himmel! (Der Vorhang fällt.) Wien L85S. Druck und Verlag von I. B. Wallishausser. In demselben Verlage sind erschienen: Grillparzer, F., Die Ahnfrau. Trauersp. in 5 Akt. 6. Aufl. gr. 8.1844. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. — Sa pp ho. Trauersp. in 5 Akten. 3. Aufl. gr. 8. 1822. 26 Sgr. oder 1 fl. — Das goldene Vließ. Dramat.Gedicht in 3 Abtheilungen, gr. 8. 1822. Druckp. geh. 1 Thlr. 25 Sgr^ oder 2 fl. — Schreibst. 2 Thlr. 15 Sgr. oder geb. 3 fl. — König Ottokar's Glück und Ende. Trauersp. in 5 Auf;. 2. Ausl. gr. 8. 1852. 1 Thlr. 24 Sgr. oder 2 fl. — Ein treuer Diener seines Herrn. Trauersp. in 5 A. gr. 8. Druckp. 1 Thlr. oder 1 fl. 3ü kr. — Velinp. 1 Thlr. 15 Sgr. od. 2 fl. — Der Traum ein Leben. Dramat. Märchen in 4 Akt. gr. 8. geh. 1840.1 Thlr. oder 1 fl.30kr.f.Ausg.1 Thlr. 15Sgr.oder 2 fl. — Weh' dem der lügt! Lustsp. in 5 Akt. gr. 8. geh. 1840. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. feine Ausg. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Des Meeres und der Liebe Wellen. Trauersp. in 5A. gr. 8. geh. 1840.1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. f. Ausg.1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Melusina. Romantische Oper in 5 Akt. Musik von Kreutzer. 1833. 8. 15 Sgr. oder 48 kr. feine Ausg. 20 Sgr. oder 1 fl. Um den Ankauf sämmtlicher Stücke von Grillparzer zu erleichtern, ist der Verkaufspreis auf einige Zeit, bet Abnahme auf Einmal gestellt: 8 Thlr. statt 10 Thlr. und 10 fl. statt 13 fl. 18 kr. Operntexte: Armand, Graf, Schauspiel mit Gesang in 3 Aufzügen. Nach dem Französischen von Treitschke. gr. 8. 1808. 8 Sgr. oder 20 kr. Aschenbrödel. Zauberoper in 3 Aufzügen. Nach dem Französ. des Etienne. 4. Aufl. 1815. 8 Sgr. oder 20 kr. Befreiung von Jerusalem. Oratorium von H. und M. v. Collin. 8 Sgr. oder 20 kr. Corradin, oder: Schönheit und Herz von Eisen. Musikalisches Drama in 2 Aufzügen. 1828. 10 Sgr. oder 30 kr. Cortez, Ferdinand, oder: Die Eroberung von Mexico. Oper, nach dem Französischen von Castelli. 2. Aufl. 1819. 10 Sgr. oder 30 kr. Don Juan. Singspiel in 2 Aufz. 5. Auflage. 12. 1846. 8 Sgr. oder 20 kr. Donauweibchen. Romantisches Volksmähr- chen von Hensler, 2 Theile. 1807. 1836. 20 Sgr. oder 1 fl. Entführung aus dem Serail. Singspiel in 3 Aufzügen, nach Bretzner. Musik von Mozart. Neue Aufl. 1841. 8 Sgr. oder 20 kr. Euryanthe. Große romant. Oper in 3 Aufzügen, von Chezy. Musik von Weber, gr. 8. 1824. 12 Sgr. oder 36 kr. Faust. Große romant. Oper, von Bernard 8. 1813. 12 Sgr. oder 36 kr. Fidelio. Oper in 2 Aufzügen. Frei nach dem Französischen. Musik von L. v. Beethoven. 8. geh. 1835. 7'/r Sgr. oder 80 kr. Haimonskinder, die vier, komische Oper von Leuven und Brunswick. Musik von Balfe. 12. 1845. 8 Sgr. oder 20 kr. Hochzeit des Figaro, komische Oper in 3 Acten, Musik von Mozart. 2. Aufl. 8.1843. 10 Sgr. oder 24 kr. Jerusalem, das befreite. Große Oper in 5 Acten, nach dem Französ. von Seyfried. 1815. 8 Sgr. oder 20 kr. Johann von Parks. Komische Oper. Musik von Boieldieu. 2. Aufl. 1802.8 Sgr. oder 20 kr. Joseph und seine Brüder. Oper. Nach Duval von Hassaureck. 3. Aufl. 12. 1820. 8 Sgr. oder 20 kr. Jüdin, die. große Oper in 5 Aufz. Text von Scribe, Musik von Halevy. 8. geh. 1839. 7'/? Sgr. oder 80 kr. Libussa. Romant. Oper, von Bernard. Musik von Kreuzer. 1823. 12 Sgr. oder 36 kr. Liebesbrunnen, der, kom. Oper in 3 A. Musik von Balfe. 12. geh. 1845 8 Sgr. oder 20 kr. Neusonnlagskind, das, Singspiel in 2 Aufz. von Perinet. 1804. 8. 8 Sgr. oder 20 kr. Opferfest, das unterbrochene, Oper von Huber, in 2 Aufz. 1803. 10 Sgr. oder 30 kr. Schweizerfamilie, die. lyrische Oper in 3 Aufz. Nach dem Französ. von Castelli. 5. Aufl. 1820. 8 Sgr. oder 20 kr. Schwestern, die, von Prag. Singsp. nach Hafner, von Perinet. 2. Aufl. 1842. 12 Sgr. oder 36 kr. Stradella Allessandro, Rom. Oper in 3 Aufz. von Friedrich. Musik von Flotow. 12. 1845 8 Sgr. oder 20 kr. Stumme, die, von Portici. Großeheroisch- romantische Oper in 5 Aufz. Frei nach Scrive und Delavigne. Musik von Auber. 7Vr Sgr. oder 8 V kr. Tancred, heroische Oper in 2 Aufzügen. Nach dem Italienischen, von Grünbaum. 1818. 8 Sgr. oder 20 kr. TituS, der Gütige, ernsthafte Oper in 2 Aufz. 1811. 8 Sgr. oder 20 kr. Wirthe, die vornehmen. Kom. Oper. Nach dem Französischen, von Seyfried. 1813. 8 Sgr. oder 20 kr. Zampa, oder: Die Marmorbraut. Romantischkomische Oper in 3 Aufz. Nach dem Französischen des Melesville, Musik von Herold. 8. geh. 1839. 7'/r Sgr. oder 29 kr. Zauber flöte die, große Oper in 2 Aufzügen. Musik von Mozart. Neue Auflage 8. 1848. 8 Sgr. oder 89 kr. Hopp, Fr., AtlaSshatvl und Harrasbinde, oder: Das Haus der Confustonen, Posse mit Gesang in S Aufz. gr. 8. 1849 15 Sgr. oder 48 kr. — LazarusPolkwib er von Nikolsburg, oder: Die Landparthie nach Baden. Posse mit Gesang in 2 Aufzügen gr. 8. 1849. 15 Sgr. oder 48 kr. Kaiser,Fr.,SchnekderalsNaturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Eine Posse als Medizin. Original- Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 allegor. Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Männerschönheit. Original-Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit Titelkupfer. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Ein Fürst. Charakterbild mit Gesang in 3. Akten. Mit 1 allegor. Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48. kr. — Mönch und Soldat. Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbild. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Schule des Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Charakterbild mit Gesang in 4 Akten. Mit 1 Titelbild. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Rastelbinder, oder: 19,000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Junker und Knecht. Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Akten. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Dienstbothenwirthschaft, oder: Cha- toulle und Uhr. Charakterbild mit Ges. in 2 Akt. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 12 Sgr. oder 36 kr. Nestroy, I.. Einen Jux will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen, geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder: Das Geheimniß des grauen Hauses. Posse in 5 Aufzüg. 12. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der Zerrissene. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 allegorischen Bild. 12. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der Talisman. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 illum. alleg. Bilde. 12. geh. 20 Sgr. oder 48 kr. — Unverhofft. Posse mit Ges. in 3 Akten. Mit 1 alleg. Bild. 12. geh. 16 Sgr. oder 48 kr. — Freiheit in Krähwinkel. Posse in3 Acten. Mit 3 illum. allegor. Bildern. 12. geh. 24 Sgr. oder 1 fi. 12 kr. Nestroy. I., Zu ebener Erde und erster Stock, oder: Die Launen des Glückes. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit illum. Bild gr. 8. geh. 20 Sgr. oder 1 fl. — Der Unbedeutende. Posse in 3 Akten. Mit 1 illum. Bild. 12 . geh 20 Sgr. oder 1 fl. — Das Mädl aus der Vorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Posse in 3 Akten. 12. 1845. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der böse Geist Lumpacivagabun- dus, oder: Das liederliche Kleeblatt. Zauberposse mit Gesang in 3 Aufzügen. 12 . 1838. 2. Auflage. 15 Sgr. oder 48 kr. — Die verhängnißvolle Faschingsnacht, Posse mit Ges. in 3 Aufz. Mit 1 Bilde. 12. 1841. 15 Sgr. oder 48 kr. — Eulenspicgel, oder: Schabernack über Schabernack, Posse mit Gesang in 4 Akten. 8. 15 Sgr. odxr 48 kr. Mautner, Ed.. Lustspiele. I. Das Preislustspiel. II. Gräfin Aurora. 8. 1852. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. Bäuerle A., Fa ust's Mantel. Zauberspiel mit Gesang in 2 Men. 8. 1820. 7*/r Sgr. oder 18 kr. Bauernfeld, das letzte Abenteuer. Lustspiel in 5 Akten, gr. 8. 1834. 20 Sgr. oder 54 kr. Gleich, I. A., Herr Joseph und Frau Baberl. Posse mit Gesang in 3 Aufz. gr. 8. 1840. 10 Sgr. oder 20 kr. Schwestern von Prag. Singspiel nach Hafner v: Perknet. 2. Aufl. 1842.12 Sgr. od. 36 kr. Koch, C. W., dramatische Beiträge für das k. k. Hofburgtheater in Wien. 1836. 8. Inhalt: Testament einer armen Frau. Er bezahlt Alle. Die Vorleserin. 1 Thlr. 10 Sgr. oder 2 fl. Shakespeare, der Kaufmann von Venedig. Lustspiel in 5 Aufzügen. Bearbeitet von C. A. West. gr. 8. 1841. 18V» Sgr. oder 48 kr. — KönigLear, Trauerst), in 5 A. Bearbeitet von West. gr. 8. 18V» Sgr. oder 48 kr. — Romeo und Julie, Trauerspiel in 5 Aufzügen. Bearbeitet von West. gr. 8.1841. 18V» Sgr. oder 48 kr. Vogel, W., der Erbvertrag. Dramat. Dichtung in 2 Abthcil, nach einer Erzählung des C. F. A. Hoffmann. gr. 8. 1828. 22'/r Sgr. oder 48 kr. — Witzigungen, oder: Wie fesselt man die Gefangenen. Lustspiel in 3 Akten. 8.1843. 21 Sgr. oder 1 fl. — Das Duell-Mandat, oder: Ein Tag vor der Schlacht bei Roßbach. Drama in 5 Aufz. 8. 1843. 18 Sgr. oder 48 kr. — Ein Handbillet Friedrich des Zweiten, oder: Inkognitos - Verlegenheiten. Lustspiel in 3 Aufzügen. 1843. 21 Sgr. oder 1 fl. (Den Buhnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) Servus, Herr Sluherl! Posse i» einem Acte von Gark Inin und Louis Akerr. (Die Grundidee nach dem Französischen.) (Jum ersten Maie aufgesührt im k. k. priv. Carl-Theater in Wien am 2. Februar 1652.) Personen: Herr v. Salm, Naturforscher auS Liebhaberei. !Herr Stnherl, Safranhändler auS Roh. Eulalia, dessen Gattin. Franzl, dessen Sohn. Evchen, besten Mündel. Erster ^ ^ . Seferl, deren Magd. Zweiter! ^ö^r. (Großes Zimmer in Salm'S Hanse. Im Hintergründe in der Mitte de- ProspecteS ein breites Fenster mit der Aussicht in einen vom Monde beleuchteten Garten, rechts und links Thüren. Seite rechts ein Schrank, weiter gegen den Vordergrund eine Thür, links dem Schrank gegenüber die Äüchenthür (wird zugleich als allgemeiner Eingang angenommen), weiter im Vordergründe, der Thür rechts gegenüber, ein Fenster, welches auf die Straße führt. Physikalische, chemische Instrumente, Apparate und Präparate stehen auf Kästen und Tischen herum. Ein Sosa, dessen Sihmatrahe leicht vorzuschiebcn ist, daraus viele Bücher und Schriften liegen, Tische, Stühle rc — ES ist Abend.) Hrste Scene. Eulalia. Evchen. Seferl. (Wenn der Vorhang ausgeht, ist die Bühne leer, sein? Eulalia (öffnet leise ihre Thür). Welch' liebliche Töne erklingen unter meinem Fenster! — Sollten sie mir gewidmet unter dem Fenster links ertönt eine Serenade von Blasinstrumenten, welche mehr einen gräulichen als angenehmen Eindruck macht. — Nach einigen Tacten.) Evchen (öffnet leise ihre Thür). O! die schöne Nachtmusik, die gilt gewiß mir! Seserl (öffnet leise die Küchenthür). Mir scheint gar, das Standerl geht mich an! i 2 6 ul. (leise, ohne die beiden Andern zu bemerken). Kein Zweifel! es ist der fremde kühne Jüngling, der mir immer auf Schritt und Tritt folgt, wenn ich mit Evchen spazieren gehe. Euch, (eben so). Das ist gewiß ein Werk meines schönen Unbekannten! Sef. (eben so). Mein Wachtmeister ist doch ein lieber Mensch — die Aufmerksamkeit, die er hat — Eul. Evch. Lef. (indem sie gegen das Fenster eilen). Ich muß mich doch überzeugen. (Kahren, da sie sich gegenseitig bemerken, erschreckt auseinander.) Ah! Evch. O weh, die Tante! j Sef. Ui jegerl, die Alte! Eul. Ha, meine ytichte! ^ ^ Gul. (für sich). Fassung! (Laut und gebieterisch.) Was wollt Ihr hier? Was macht Ihr hier? Was thut Ihr hier? Euch, (verlegen). Ich — ich habe wollen frische Luft schöpfen. Eul. Beim verschlossenen Fenster? Evch. Ich hab's g'rad ausmachen wollen. — Eul. Still geschwiegen! Du hast um diese Zeit nichts beim Fenster zu thun. (Zu Seferl.) Na — und sie — was hat denn sie wollen. — Sef. Ich Hab' wollen die Fenster putzen! Eul. Was, die Fenster putzen — jetzt? Ich glaub', sie ist verrückt — oder will mich zum Narren halten — keine Ausflüchte — die Wahrheit eingestanden — ich will es wissen — was suchet Ihr Beide da — Evch. (verlegen). Ich — Sef. (keck). Ich seh' nicht ein — warum ich mich geniren sollt' — die Musik unterm Fenster hat mich hergelockt! Es ist morgen mein Geburtstag, und da yab' ich sehen wollen — ob mich vielleicht mein Wachtmeister mit einer Nachtmusik überrascht. — Eul. Ha, ha, ha! — Eine Serenade für sie! Nein — was das Dienstvolk jetzt für Prätensionen macht — es ist wirklich zu arg — eine Musik will sie zu ihrem Geburtstage haben — (Heftig.) Ich glaube, sie macht sich das ganze Jahr hindurch Musik genug durch die Masse von Topfen, Teller und Gläsern, die sie zerschlägt — augenblicklich pack' sie sich in ihre Küche. sZ„ Evchen.) Und Sie, Fräulein Nichte, Sie könnten auch den Abend nützlicher anwenden — als aus dem Fenster zu sehen, und die Musik anzuhören. — Wenn man Braut ist, und in sechs Wochen Frau wird, gibt es eine Menge zu sticken, zu stricken und zu sticken, zu nähen und zu säumen, da darf man keinen Augenblick versäumen — und die Hände nicht faul in den Schoost legen. Evch. Ich eine Braut? Bin ich denn schon g'sragt worden — ob ich eine sein will — Eul. Na — das fehlte noch, daß man Dich erst fragen müßte — Evch. Aber ich kenne ja meinen Bräutigam noch gar nicht. Eul. Thut nichts — thut gar nichts — Du wirst ihn noch früh genug kennen lernen! Ich habe nieinen Mann vor der Hochzeit auch nicht gekannt — deßhalb leben wir doch glücklich zusammen — <2 es. (im Hintergründe). Ja — wie d'Hund und d'Katzen! Evch. Sie haben halt noch keinen Andern geliebt, aber — Eul. Was aber? Ich will doch nicht hoffen — daß Du Dich unterstehst, einen Andern zu lieben, ohne unsere Einwilligung! ^2 es. (wie oben). Na, ja! — Fragen wird's lang! ha, ha! Eul. Nein, das wäre zu arg! So ein junges, naseweises Gänschen wird sich doch nicht einbilden, einen besseren Geschmack zu haben, als wir — 3 Euch. Aber, liebe Tante, Sie kennen ja meinen Bräutigam selbst nicht — (5ul. Ihn nicht, aber seinen Vater — und das ist genug — Euch. Ich liebe aber schon einen Andern — 6 ul. (aufscbreiend). Was?!! Euch. Einen hübschen jungen Mann, den ich ans dem letzten Ball kennen gelernt Hab'. — Enl. Welche Frechheit — aber es hilft Dir Alles nichts. — Du heiratest darum doch den jungen Herrn von Stutzerl. Euch. Nein — Frau Tante — den heirate ich nicht, lieber werd' ich a alte Fungfer — denn ich lieb' ihn nicht — und eine Ehe ohne Liebe ist das schrecklichste auf Erden. Enl. Kein Wort mehr, naseweises Ding. (Für sich.) Ich muß sie sortschicken, sonst wird mein Serenaden-Spender ungeduldig. (Laut.) Augenblicklich geh' jetzt ans Dein Zimmer — und komm' mir nicht mehr unter die Augen. Evch. (macht eine bittende Bewegung). Etll. (sie zur Thür drängend). Fort sag' ich — morgen Früh — werden wir uns noch sprechen — Sef. (welche im Hintergründe gestanden, schleicht langsam gegen das Fenster). Fch Mllß mich überzeugen, ob die Nachtmusik mich angegangen is — jetzt bemerkt mich die Gnädige nicht. Enl. (wendet sich, wenn Evchen ab ist, rasch um, eilt gegen das Fenster und spricht mit Seferl'S letzten Worten säst zugleich). NtlN will ich doch sehen, ob (erblickt Seferl) Ha! Sef. (erschrickt ebenfalls). Ha! Enl. Was steht sie noch da? — Hab' ich ihr nicht gesagt, daß sie sich packen soll? — Was will sie noch da? — Augenblicklich scheer sie sich ihrer Wege oder ich jage sie aus dem Dienste! Sef. (für sich). Na — das wär' just auch kein so großes Unglück! (Geht langsam ab ) Enl. (allein, sieht sich um). Gott sei Dank —- endlich bin ich allein — jetzt kann ich ungestört — Zweite Scene. Eulalia. Salm. 'Lalm (tritt a tempo mit Licht und einer vollen Flasche in der Hand ein). Aber Engerl — was machst denn fiir einen Höllenlärm ? Enl. (ärgerlich, für sich). Mein Mann! — Fatal. . . wie soll ich nun — (Laut.) Was willst Tu denn hier? Salm. Ich war besorgt um Dich — Eul. So?! Das fällt Dir den ganzen Tag nicht ein — Salm. Weil ich so viel zu thnn Hab' — Enl. Zu thnn? Was hast Du zu thnn — nichts hast Du zu thun — gar nichts — Du steckst den ganzen Tag in deinen Büchern, verschwendest Teilt Geld auf unnütze Sachen — machst Apparate, Präparate, Tincturen und lauter albernes Zeug — Salm. Oho! Eul. (fortfahrend). Du bildest Dir ein, — Chemiker, Physiker, Techniker, Botaniker, Numismatiker, Zoologiker und weiß Gott was Alles zu sein, und bist doch nichts — gar nichts — als ein Narr — Salm (gesteigert). Oho! Enl. (fortsahrend). Ich will Dir keine Vorwürfe machen. (Salm sieht dumm drein.) Aber eine andere Frau, die nicht so geduldig, so sauft, so nachgiebig wäre, als ich, würde den ganzen Tag nicht aufhören, Dich zu reprementiren, denn Teilt ganzes Thun und Treiben hat keinen Zweck! Salm. Zltm Beispiel meine Wunder- i* salben — die is für Alles gut — ob man sich den Fuß damit schmiert — Eul. Oder die Stiefel — das ist ganz gleich. Du bist ein Narr mit Deinen Erfindungen — was hast Du denn da wieder in der Hand — Salm (pfiffig lächelnd). Das — das ist meine allergrößte Erfindung — da werden die Herren Aerzte a bisserl Augen machen — zwei Unzen Mohn — detto — Solanum Mercurium — Opium — Eul. Ich bitte Dich — laß mich mit Deinen lateinischen um's und am's in Ruhe! (Für sich.) Mein Unbekannter ist gewiß schon fort! Salm. Weißt, das ist eigentlich das größte Gift, wenn man viel davon nimmt — aber in kleinen Dosen genommen, ist es ein süßer Schlaftrunk — und wenn der Patient erwacht — Eul. Ist er todt —! Salm. Oho! — nein g'sund is er. — Kann's was Schöneres, was Nützlicheres geben — oh! ich seh' schon ordentlich im Geiste, wie ich als Monument ausgestellt und bei Lebzeiten geschmolzen werde. Eul. Solche Dummheiten liegen Dir im Kopfe — Salm. Oho! Eul. (fortfahrend) Aber was in Deinem Hause vorgeht, um das kümmerst Du Dich nicht — unser ganzes Haus liegt auf mir. Salm. Oho! das is freilich a bisserl schwer. — Eul. Dazu kommt noch die Last, die Du mir durch Deine Nichte und Mündel auferlegst. Salm. Die Everl trübt doch gewiß kein Wasser! — Eul. Ja, das glaubst Du— weil Du nicht siehst, was um Dich vorgeht. — Du willst sie dem jungen Herrn Stutzerl geben, aber sie schwärmt bereits für einen Andern — will nur den Mann ihrer Wahl heiraten — sagt, eine Ehe ohne Liebe ist das schrecklichste Loos aus Erden. Salm. Ja, ja! Ich hält' halt sollen das Mädel nit zu uns in's Haus nehmen — da hätt' sie keine solchen Grundsätz' kriegt! Eul. Du! laß Deine boshaften Witzeleien — und merke Dir, was ich Dir jetzt sage: — Ich will in Zukunft meinen Mann für mich habeil, und nicht für diese gräulichen Wissenschaften — wo man von nichts als Gift und dergleichen hört. — Alle diese Phiolen, Retorten, Schmelztiegel re. müssen mir aus dem Hause, Du mußt diese Albernheiten aufgeben, oder ich gebe Dich aus — verstehst Du mich — inert' Dir das — Salnt. Aber — Eul. Kein Aber — Ich will es so, und damit Punktum! (Rasch ab.) Dritte Scene. Salm, dann Seferl und zwei Träger. Salm. Aber so laß Dir doch nur sagen — is schon fort. — S'is nix z'reden mit ihr, wenn's im Zorn ist. — Sonst is sie a seelengutes Weib — sie hat nur so ihre Zeiten, wo's ihre Mucken hat. Zum Beispiel in der Früh, wann's aufsteht, da is sie meistens grantig, und brummt so herum bis zu Mittag — z'Mittag wird's a bisserl heftiger, das dauert aber nur bis am Abend. — Am Abend nachher krieg' ich meine Fetten — bis sie einschlaft; — die übrige Zeit hingegen is sie sanft wie ein Lamperl. — So, jetzt will ich das Gift aus die Seite stellen, es könnt sonst doch zufälliger Weise wer Unrechter d'rüberkommen. (Hai 9 während dieses Monologes die Flasche, welche er in der Hand hielt, in den Schrank zu mehreren anderen gestellt — der Schrank bleibt offen.) Sef. Gnädiger Herr! da bringen zwei Träger a Kisten — sie sagen, sie müssen's Ihnen selber übergeben. — Erster Träger (indem er mit dem zweiten eine längliche Kiste hereinträgt). Herr von Salm, eine Empfehlung vom Herrn Doctor Woller, da schickt er düs Bemühte. — (Stellen die Kiste zu Boden und gehe» mit Seferl ab.) Salm. Vom Doctor Woller — (Für sich.) lli jeh — das is das G'ripp, was ich zu meinen Studiert von ihm kaust Hab' — das kommt mir g'rad gelegen. — (Laut zu Seferl.) Du, Seserl, sag' den Trägern — (Sieht, daß er allein ist.) Sapperlot — die sein schon sort. — Ich muß's z'rückrusen — und die Kisten in's Gartenhaus hinuntertragen lassen - denn wenn mir meine Frau d'rauf kommt — hütt' ich kein ruhige stunde. (Durch die Küche ab.) Wierte Scene. Eulalia, dann Franzl. Eul. (tritt aus der Seitenthür). Du Mann — (sieht, daß sie allein ist). Niemand da? Desto besser. (Sieht nach dem Fenster) ^b wol mein Sänger noch meiner harrt? O gewiß! denn er liebt mich — armer, junger Alaun! Was wird er leiden, wenn er erfährt, daß ich bereits die Gattin eines Andern — daß ich ihm nie angehöreu könne — (Macht einige Schritte zum Fenster.) Aber sür seine Artigkeit muß ich ihm doch danken. (Sikh, die Kiste.) Was ist denn das? Wie kommt denn die Kiste da herein! Ah! gewiß wieder eine neue Dummheit, die sich mein Alaun verschrieben hat — muß doch sehen — (sie öffnet den Deckel der Kiste). Franzl (springt in seiner ganzen Größe in der Kiste in die Höhe — streckt seine Arme aus und ruft). Geliebte! Eul. (erschreckt znrückfahrend). Alle guten Geister! Franzl (erschreckt ob seine» JrrthumS). Ui jegerl, die Alte! — jetzt geht's z'sannn. Eul. (für sich). Mein Unbekannter! Franzl (für sich, verlegen). Was sang' ich denn jetzt an — Eul. (für sich). Welche Kühnheit! Franzl (für sich). Jetzt, Keckheit, steh' mir bei. — (Laut.) Ich habe die Ehre, einen guten Abend zu wünschen — Eul. (schüchtern die Augen zu Boden heftend). Alein Herr, was wollen Sie hier — Franzl. Nichts als Dero werthgeschützte Bekanntschaft zu machen — Eul. Das ist aber eine sonderbare Manier — Franzl. Es ist die neueste, die wir erst kriegt haben — Eul. Was — hat Sie — hierher geführt — Franzl. A paar Träger! aber aus eine etwas sehr unsanfte Alanier — Eul. Und — was suchen sie hier — Franzl (für sich), 's G'scheidteste is — ich sag ihr's — (laut) meine Geliebte — den Gegenstand meiner brennheißesten Wünsche! — Eul. (seine Worte stets auf sich beziehend). Wie — mein Herr? — Franzl. Sie stehen aber so weit weg von mir, und was ich Ihnen zu sagen Hab', muß ich Ihnen leise zulispeln. Steigen Sie herein zu mir in die Kiste; wir haben alte Zwei Platz nebeneinander, da können wir zusammen leise lispeln. Eul. Wo denken Sie hin, mein Herr, Ich sollte — Franzl. Wenn Ihnen 'sHereinstei- gen zu viel ist, so steig ich heraus, und komme zu Ihnen. (Steigt aus der 6 Kiste.) Wie lang bin ich um das Haus hcrumgeschlichen, wie die Katz uni den Brei und Hab kein Mittel finden können, unbemerkt hereinzudringen — da hat mich der Zufall zu einem meinigen Bekannten geführt — dem Doctor Wolter — der hat mir erzählt, daß er ein G'ripp herschicken soll — die Liebe macht keck und erfinderisch — ich laß m i ch statt dem G'ripp in die Kisten einpacken und hertragen — und da bin ich — und Hab mir fest vorgenommen, nit eher wieder sortzugehen, als bis ich meine Geliebte, deren Namen ich nicht a mal weiß, die ich also im strengsten Zinne des Wortes namenlos liebe, gesehen, gesprochen und um süße Gegenliebe gebeten habe. Gut. (Alles auf sich beziehend). Mein Herr — was haben sie gewagt — Franzl. Die Liebe ist ein Roß, das über alle Hindernisse leicht hinwegspringt — der Verstand sitzt als Reiter droben und halt die Zügel — wenn aber das Roß scheu wird — dann reißt's aus, wirst den Reiter ab und bleibt sehr häufig nicht eher stehen, als bis es mit'n Kopf an die Wand anrennt. (Schwärmerisch.) Ich bin so ein Roß! (Breitet die Arme aus und geht, gleich- sam seine Geliebte suchend, im Zimmer herum ) O! Geliebte! komm in meine weitausgespreizten Arme — an meinen hochklopfenden Busen — Eul. (welche glaubt, er wolle sie umarmen — weicht erschreckt zurück). Halt! Zurück, mein Herr — was unterfangen sie sich — franzl. O! Sie wissen ja mein Geheimniß schon längst — Sie haben es ja geseh'n, wie ich Sie aus Schritt und Tritt verfolgt, mit einer klettenartigen Anhänglichkeit — wie ich meine Augen als Telegraphenlinien Hab' spielen lassen — Eul. Ja wohl habe ich es bemerkt — und deßhalb muß ich Ihnen sagen — Franzl. Daß Sie meine Liebe unterstützen, mir Helsen werden — nit wahr — Sie werden Erbarmen, Mitleid mit mir haben — nit wahr — Sie werden — Eul. Schweigen Sie, mein Herr — Ich kann — ich darf Ihnen kein Gehör geben — Franzl. Js auch nicht nothwendig — ich bin ja nicht taub — eher blind, wie alle Liebesbeflissenen — (Seufzt.) O! Geliebte! Eul. Nochmals, mein Herr! — Schweigen Sie — und nennen Sie mich nicht mehr so — denn wenn auch mein Herz für Sie spricht — meine Pflicht verbietet es mir — Franzl (immer mehr erstaunt). Was? (Für sich.) Mir scheint, die Alte glaubt, ich bin wegen ihr da — Eul. Ärmer junger Mann! Ich fühle, - was Sie leiden — und doch muß ich Ihnen eine neue, noch größere Wunde schlagen — indem ich Ihnen sage: daß ich bereits verheiratet bin. Franzl. Das is a wahres Glück. (Sich verbessernd, in traurigem Tone.) Unglück Hab' ich sagen wollen. (Für sich.) S'is schon richti, die Alte glaubt, ich bin in sie verliebt — das is zu dumm, — aber halt! — das kann ich benutzen — ich stelle mich recht närrisch — vielleicht kann ich auf die Art im Hause bleiben! (Sehr üebeglühend und cxaltirt.) — meine Gnädige! Sie können einen Unglücklichen nicht von sich stoßen — der liebeglühend zu Ihren Füßen sinkt — Sie sind ja ein gefallener Engel! Eul. Was? Franzl. Ja, ja — ein Engel, vom Himmel gefallen, um mich aus der Bahn des Glückes zu leiten — Eul. Mein Herr! — (Für sich.) Wie schön er zu sprechen weiß — wenn 7 mein Mann nur ein einziges Mal so mit mir reden würde. (Laut.) Mein Herr — eine Frau in meinen Jahren — Franzl. In Ihren Jahren — mein Gott! Sie sind ja höchstens aus'n Mittelalter — Eul. Und Ihre Jugend — Franzl. O ich bin ein fleißiger Mensch — in ein paar Jahren werd' ich Ihnen g'wiß eing'holt haben. — Eul. Aber was finden Sie denn eigentlich an mir? Franzl. Nix — gar nix Edleres, Vollkommeneres is je aus der Werkstatt der Schöpfung hervorgegangen, die Natur muß Ihnen rein als Feiertags- Recreation erschaffen haben, wie sie grad nix Anderes z'thun g'habt hat. Diese schlankliche Taille erinnert an jene aus Licht und Stoff zusammengesetzten Wesen, die die romantische Poesie Feen nennt, die aus dem azurblauen Schooß des Himmels auf die Erde steigen, gleich luftigen Schmetterlingen sich aus gebrechlichen Blumenstengeln wiegen, und aus ihrem Füllhorn glühende Liebe, ewige Wonne ausgießen! O Geliebte! — gieße aus. (Für sich.) Das wird doch schwärmerisch sein. — Eul. Mein Gott! — wie ungestüm! — wenn man uns überraschte — Franzl. Ja — Du hast Recht — man darf mich nicht sehen — darum verstecke mich, Geliebte — Eul. Wo denken Sie hin? — Nein, — nein — Sie müssen das Haus verlassen — augenblicklich — Franzl (für sich). No ja, deßweg'n bin ich grad' da. — (Laut.) Was? Ich Dich verlassen — nimmermehr. — (Für sich.) Bis ich meine Geliebte g'sehn und gesprochen Hab' — Eul. Wenn mein Mann käme — wollen Sie mich compromittiren — nein — nein — Sie müssen fort. Franzl. Das is unmöglich — wie kann ich da hinauskommen? Eul. Wie Sie hereingekommen sind — heimlich — und unbemerkt — in dieser Kiste — Franzl. Was — wieder in der Kisten? Nein! da küß ich d'Hand davor — Eul. Es bleibt kein anderer Ausweg — Franzl. Aber meine Gnädige — ich Hab' einmal diese Taschenseidel- Situation probirt, und mich überzeugt, wie angenehm die PickelhÜring ihre Reise machen, ich Hab' wirklich g'nug d'ran. Eul. Ich kann Ihnen nicht helfen — horch, mein Mann — wenn der Sie findet, sind Sie des Todes! Franzl. No, sein's so gut. (Für sich.) Mir wird entrisch! Eul. Schnell — schnell — in die Kiste! Franzl. No, in . Gottes Namen. (Steigt in die Kiste.) Gute Nacht, Welt! Eul. Nur ruhig. (Macht den Deckel zu.) Ich hole schnell ein paar Träger und lasse Sie fortexpediren. Franzl (schnellt den Deckel wieder aus). Ah! Eul. Was gibt's — was treiben Sie denn?! Franzl. Ich Hab' vergessen, Ihnen meine Adresse zu sagen — neue Welt Nr. 17. Eul. (deckt den Deckel wieder zu). Schon gut — schon gut. (Will fort.) Franzl (wie oben). Noch Eins. Eul. Mein Gott! was wollen Sie denn noch! ? Franzl. Haben Sie die Güte und schreiben Sie auf den Deckel: Gebrechliche Glaswaaren, damit ich nicht so stark beutelt werde! Ich empfehle mich Ihnen. (Verschwindet.) Eul. Leben Sie wohl! (Für sich.) Armer junger Alaun! — doch nun schnell fort, und ein paar Träger ausgesucht. (Ab.) IrinfLe Scene. Franzl allein. (Er hebt den Deckel aus, sieht sich vorsichtig nm und springt dann heran-.) T)ie Alte is fort! jetzt geschwind heraus! So! . . . Ich soll mit Retour - Recepisse als Waare ohne Werth wieder sortexpedirt werden — Ah! da wird nix draus — ich Hab' amal die Dummheit ang'sangen — und will sie auch mit Consequenz durchführen. — Ich bleib da, bis ich meine unbekannte Geliebte gesehen Hab, und sollt' ich mich im Osenloch verstecken müssen. — Aber halt — wenn die Alte die Kiste abholen laßt — und sieht, daß sie so leicht ist — muß sie ja Verdacht kriegen, daß ich — halt, i weiß schon, was ich thu — ausmachen laßt's die Kisten ohnehin nit — also g'schwind eine passendere Ladung g'sucht. (Geht znr offen gebliebenen Küchcnthnr.) Ah! da in der Küchel steh'n ja Häferln und Reinderln g'nug! (Geht aus einen Augenblick ab und kommt dann mit verschiedenen Töpsen und Schüsseln in den Händen und unter beiden Arme», auf dem Kopse eine Rein wie einen Hut aufgesetzt herein.) So! das thut's prächtig! (Sieht die Flaschen im Schrank.) Das is auch noch was. (Stellt sie auch in die Kiste.) Aber halt! das is dalkert — das allein thut's nit — das Zeugs da könnt' scheppern— hernach wür' wieder Alles verrathen. — (Sieht sich im Zimmer um.) Zs denn nix G'scheid- teres da? — (Erblickt die Bücher.) Ah! die Bücher — das is das Wahre. (Nimmt die Töpfe und Flaschen und trägt sie in die Küche.) Die Reindl und Flaschen geben wir wieder zurück. (Kommt zum Cosa.) Das is eine würdigere Emballage! (Wirft die Bücher eiligst in die Kiste.) Hab i müssen a G'ripp vorstellen, können die Bücher a als geistlose Waare trans- portirt werden. Vielleicht sind das ohnehin Bücher, bei denen man gleich, wie's herauskommen sein, ihren Verfassern zugerusen hat: „Packen's ein damit." So! jetzt ist die Kiste voll (hebt die Kiste) und auch schwer genug. Jetzt schleppt ihr's hin, wohin ihr's wollt's — i werd' derweil mein Terrain recognos- ciren geh'n. (Ab.) Sechste Scene. Salm, dann Seferl. Salm. Nirgends mehr ein Träger zu sehen — es bleibt mir nichts übrig, als die Kisten derweil im Holzg'wölb zu verstecken. — (Will sie aufheben.) O! Saperlot, die hat a G'wicht, was thu' ich denn — wart, unsere Seferl muß mir Helsen! (Ruft.) Seferl! Seferl (tritt ein.) Sie schaffen, Ew. Gnaden? Salm. Geh! hilf mir g'schwind die Kisten in's Holzg'wölb tragen — Seferl. In's Holzg'wölb - da is ja schad, die Kisten is ja ganz neu — Salm. Es ist blos wegen der Frau — wann die's ausmachet, und sehet das Todtengr'ipp d'rin! seferl (schreit auf und läßt die Kiste, welche sie eben aufheben wollte, loS nnd fährt erschreckt zurück.) Ah! TodtkNg'ripp! Salm. No, no! Du wirst Dich doch nicht fürchten? Seferl. Fürchten just nit, aber a bisserl entrisch is das Ding doch! Salm. Warum nit gar — komm nur und heb aus. Seferl (hebt die Kiste ans). Und das Gewicht. Salm. War halt a g'wichtiger Mann 9 (Lassen die Kiste fallen.) — und die Beiiier wiegell ja alleweil mehr als das Fleisch — das sollst-Dn als Köchin doch wissen! (Tragen die Kiste gegen die Küchenlhür.) Eul. (von derselben Seite), Leferl! 'Leserl! Salm. Ui je, meine Frau kommt! Seserl. Die Gnädige! Salm. Und grad durch die Knchel, wo wir hinaus müssen! Seserl. Was thun wir denn jetzt? Salm. Halt! da aufs Balkonsenster stellen wir's derweil, und lassen die Vorhang' herunter! (Packen an. heben die Kiste auf.) Nur g'schwind! Seserl. Obacht! sie's gar schwer! Salm (erschreckt). Meine Frau kommt schon! (Sie lassen erschrocken loS, die Kiste fällt über'S Fenster. Man hört einen Gegenstand in'S Wasser plumpen.) Seserl. Ah! Salm. So schön! Jetzt liegt die Kiste im Teich drunt'. - Mein schönes Skelett! (Geht, sich de» Kopf reibend auf und ab.) Siebente Scene. Vorige. Eulalia. Eul. (tritt auf, ohne sie gleich zu bemerken). Ich finde keilten Menschen mehr — Seserl muß Helsen — wo steckt sie denn? — (Sehr laut.) Seserl! Sefei (Erschrickt.) Ah! mein Mann. Salm (verlegen). Liebes Weibi! Eul. (für sich). Wenn er die Kiste geöffnet hat, bin ich verloren — jetzt Verstellung! (Laut.) Tu noch hier und mit Seserl allein — was soll das heißen? — Salm (verlegen). Mein Gott — ich - Seserl. Ich — Hab' nur g'schaut, ob der gnädige Herr nix braucht. Eul.. So! das werde ich Ihr aber (Sicht, dap die Kiste fort ist, die Stimme versagt ihr — sie spricht ängstlich für sich.) Was seh' ich, die Kiste ist verschwunden. — alm (für sich). Sie schaut alleweil aus den Fleck, wo die Kiste gestanden is — sollt' sie vielleicht schon wissen — Eul. Sollte er sie geöffnet haben? ich muß Gewißheit haben! (Laut.) Ich sah vorhin hier eine Kiste stehen. Salm. Hat ihm schon! (Laut.) Hast Du's g'seh'n, die Kisten? Eul. Ja wohl! Salm. Aber Du hast sie doch nicht aufgemacht? Eul. (für sich). Mein Gott! was soll ich sagen — (Laut und zögernd.) Ja! Salm (anffahrend). Ja? (Für sich.) Sie weiß Alles! Eul. Er weiß Alles! Salm. Jetzt heißt's zum Kreuz kriechen! Eul. (für sich). Jetzt heißt's gute » Saiten aufzieh'n! I Lieber Mann, verzeih' mir! Liebes Weib, verzeih' mir! (Fallen ans die Knie.) Beide. W->s? ! »°> s Cre s Verzeihung. Eul. Hast Du die Kiste auch geöffnet — Salm (ängstlich). Ach bewahre! ich hab's gar nit ang'rnhrt — und weil Du mir vorhin g'sagt hast, daß ich alle die Dummheiten aufgeben soll — so Hab' ich die Kiste in den Teich geworfen ! Eul. (mit höchstem Schrecken). Was! Gerechter Gott! (Fällt in Ohnmacht.) Sef. Himmel, die gnädige Frau! (Springt ihr bei.) Salm. Sie is in Ohnmacht g'fall'n! Sef. Und erholt sich gar nicht. Salm. Nur g'schwind a paar Tropfen von meiner Tinctur, die hilft gleich! Beide. 10 Eul. (springt auf). Bleib mir mit Deiner Tinctur vom Leibe. Salm. Merkwürdig, die Wirkung — nur reden hat's von meiner Tinctur gehört — und ist schon bei sich — Eul. (händeringend auf- und abgehend). Im Gegentheile, ich bin außer mir — ich bin verloren; — Du bist verloren! Wir Alle sind verloren! Salm und Sef. (zugleich). Oho! Was is denn? Eul. (dumpf). Weißt Du, was in der Kiste war! Salm. No freilich, ein Skelett! Eul. Nein — ein lebendiger Mensch! Salm und Sef. (höchst erschreckt.) Was? Eul. (fortfahrend). Gn blühender Jüngling, der sich auf diese Art in's Haus schleichen wollte — und der nun — Salm. Mich trifft der Schlag! Aber kommt's — kommt's — vielleicht kann er schwimmen — vielleicht können wir ihn noch herausziehen, wenn er auch schon ersoffen ist, das macht nix — ich bring' ihn schon wieder zum Leben, nur geschwind hinunter, nur geschwind. (Stürzt ab.) Sef. und Eul. Entsetzliches Unglück! — (Auch ab.) Achte Scene. Franz! (allem). (Tritt auf.) Nix — gar nix — nirgends eine Spur von ihr, mir scheint, ich steh' da als verlorener Posten — (Sieht im Zimmer herum.) Die Menge Thüren — wenn ich nur müßt', wo ich anklopfen sollt' — aber dazu bin ich viel zu wenig Diplomat — ich riskir, daß ich zu einer Unrechten Thür komm', wo's unrecht versteh'n, mich für einen Unrechten halten — und recht abkarbatschen — oder als ganz gewöhnlichen ordinären — Dieb' einsperren, während ich doch als Herzensdieb — zu einer edleren Classe gehöre — denn die sein meistens froh, wenn sie das Gestohlene wieder zurückgeben können — horch, es kommt wer, Teufel, wo versteck' ich mich denn jetzt? (Zieht sich in den Hintergrund.) Neunte Sceue. Salm. Voriger. ^alm (tritt händeringend auf). Umsonst — Alles umsonst — der Teich ist ordentlich bodenlos — so weit ich mit der Stange g'lengt Hab' — nix zu finden! — Es ist gräßlich, schauderhaft. — Wenn das aufkommt — ich bin ein unschuldiger Mörder! (Wendet sich und erblickt Franzi.) Was ist das — ein fremder Mensch — wie kommt der in mein Haus? Franz! (für sich). Er hat mich g'seh'n — jetzt gefaßt! (Laut.) Mein Herr, sind Sie der Herr dieses Hauses? Salm. Ja — der bin ich! Franzl. So! — machen Sie kein Aufsehen — es nutzt nix. Salm. Kein Aufsehen? (Es schnappen ihm die Füße zusammen.) O Himmel — das is Einer vom G'richt! (Laut.) Mein Herr, ich bin zu Allem bereit — Sie können über mich verfügen. Franzl (mit einem Kompliment.) Wirklich? Ah Sie sind der — Salm (einfallend). Ja! — ja! — ich bin's — ich gesteh's ein — aber ich bin ganz unschuldig d'ran, daß ich's bin — Franzl. Was? (Für sich.) Mir scheint, bei Dem is nit recht richti. (Laut.) Ja — ja! es war auf jeden Fall eine unglückliche Idee mit der Kiste — Salm. Na, ob das eine unglückliche 11 Idee war! Ich begreif gar nicht (sich aus die Stirn schlagend) wie MÜN so blitz- dumm sein kann. Franzl. O, ich bitt'! (Für sich.) Ter is schön grob. Salm. Die Schand — wenn's die Nachbarschaft erfahrt! Franzl (für sich). Er furcht sich vor der Nachbarschaft! brav! Das kann ich brauchen. (Laut.) Die Nachbarschaft soll nix davon erfahren! Salm. O, Sie Goldmensch, Sie! Franzl. Aber unter einer Bedingung — ich bin verliebt in Ihre Nichte, geb'n's mir's zur Frau — Salm. Meine Nichte — das geht nicht, sie ist schon versprochen — Franzl (schreit laut). So — na, dann soll die ganze Welt erfahren, daß Sie — <2ülm (hält ihm mit der Hand den Mund zu). Stad sein — stad sein — Sie soll'ns haben, heiraten Sie's in Gottesnamen — aber halten Sie's Maul. — Franzl. Sie brauchen übrigens deswegen nicht in Aengsten zu sein, daß Ihre Nichte vielleicht a schlechte Partie macht. Salm. Oho! davon is ja gar kan Red — Franzl. Ich bin aus einem guten Haus. — Mein Vater is der erste Saftarthändler in Rötz — der Herr Stutzerl. Salm. Wie — was — Sie sein der Stutzerl!? Franzl. Wundert Ihnen das? Sie haben Recht, der Name paßt nicht recht für mich — aber das is schon so ans der Welt, daß Mancher zu einem Namen kommt, ohne z'wissen, wie und warum. — Salm. Also Sie sein der bestimmte Bräutigam von meiner Everl? Franzl. Was sagen Sie — Salm. No freilich! Ich erwart' ja Ihren Herrn Vater alle Stund' — wir haben die Heirat schon längst mit einander schriftlich verabred't. Franzl. Ah! das ist stark! und ich such' alle Mittel und Weg, um daher in's Harts z'kommen. Salm (für sich). Das Hab' i nit g'wußt, daß der junge Stutzerl bei der Polizei is. (Freundlich.) Is nit g'sällig, Platz z'nehmen, kann ich vielleicht mit einem Glas Wein aufwarten. — Franzl. O! ich bitt'! (Für sich.) Wenn's auch mehrere Gläser sind, der Kistentransport hat mich durstig g'macht! Salm (ruft). Seferl! Seserl! ^es. (von außen erschrocken herein). Ilm Alles in der Welt, was is's denn schon wieder? — Salm. Bring' a Flaschen Wein und a paar Gläser. Ses. (wie oben). Glei! Salm (kommt näher). Als mein künftiger Vetter werden Sie aber keiner Seel sagen, was hier vorgefallen is? — Franzl. Natürlich — hahaha! — i red' ka Silben von der Kisteng'schicht. <2alm (hält ihm den Mund zu). Pst! — Sprechen's das unglückliche Wort nit aus. Zehnte Scene. Vorige. Seferl. Les. (sieht verstört aus). < 20 , da bring ich den Wein! (XL. Sie bringt die Flasche, welche Salm her- eingcbracht, und zwei Gläser auf einer Taffe.) Salm. Stell'n dort hin, auf'n Tisch! (Leise.) Wie schaust denn aus? Ses. (Lnse.) O Gott! der Schrocken steckt mir noch in allen Gliedern — i weiß gar nit, wo mir der Kopf steht — i bitt' Ihnen, das Unglück — Salm, (leise). Sei stad. (Laut.) Bitte sich zu bedienen. 12 Franzl. Ich bin so frei. (Schenkt sich ein.) Lülm (während Franz einschenkt). Mach' kein Aufsehen — s'kann noch Alles sink ausgehen — 's hat's ja Niemand g'seh'n! Sef. Aber wenn's doch verrathen wurd? ,zranzk (hat beide Gläser eingeschenkt). So, Schwiegerpapa in spo — ich bring's nach deutscher Sitte dar! Einen Humpen auf einen Zug! O! in der Nagelprob bin ich groß. (Führt den Wein an den Mund und zirht ihn wieder davon zurück) Salm. No, fehlt dem Wein was? Franzl. Nein, das nicht — aber der Geist — Salm und Sef. (schreien). Ein Geist! — wo — was für ein Geist?! Franzl (springt auf). Was haben's denn? Salm. Ich Hab' glaubt, Sie haben einen Geist g'seh'n! Franzl. Mir scheint gar, Sie fürchten Ihnen noch vor G'spenster — lassen's Ihnen nit auslachen — jetzt in den Zeiten der Aufklärung gibt's — kein — Geist mehr! (Für sich.) Aber der Wein hat an G'ruch — das is fürchterlich. (Macht noch einen Schluck.) Pfui Teufel — der is nit zum Trinken! (Schüttet den Inhalt des Glases unbemerkt aus.) Salm. Schmeckt Ihnen der Wein? Franzl. Ja — er is recht gut! — Salm. Is a echter Stinkenbrunner! Franzl. Man merkt's am G'ruch. La litt (indem er das andere GlaS erfaßt). Ans Ihr Wohl, Herr Stutzerl! (Setzt cs an den Mund — macht ein ängstlich erstauntes Gesicht, recht dazu — fährt dann erschrocken zusammen und eilt dann mit dem Ausdruck der größten Angst zu Seferl, leise.) Skserl, UM Alles in der Welt, wo hast denn die Flaschen derwischt? Sef. In der Knchel draußt is sie g'standen — warum? Salm. Wie kommt denn die Flaschen in d'Kuchel hinaus? das is ja mein neues Decoctum! Franzl (taumelnd). Ah! das isg'spaßig — der Wein — Alles geht um — und um. — Salm (sieht ihn starr und unbeweglich an). Und das ganze Glas voll hat er ausgetrunken — mich trifft der Schlag. Franzl. Wie sich Alles draht — Spielt's auf, Musikanten, morgen is Hoch — Hoch — Hochzeit! — Sef. Himmel, was bedeut't denn das wieder? Franzl. Der Wein — pfui Teufel — a reines — Gi — Gift. (Fällt m.s's Sofa und bleibt unbeweglich liegen.) Sef. Gift?! Salm. Ja, Gift! — Unglückselige Person, Du hast die Flaschen verwechselt — hast ihm statt'n Wein — mein neuestes Medicament bracht — — da muß er d'raufgehen, es is ka Hilf mehr. — Sef: O Gott! o Gott! Das is zu viel — i lauf auf und davon! Salm (hält sie zurück). Da bleibst, Se- serl! — Einzige, goldene Seferl — ich bitt' Dich — verlaß mich nur jetzt nicht, — mach' die Thürcn zu. — (Seferl thut es.) — Verriegl Alles. — Versteck mich — versteck Dich — versteck uns alle Zwei! (Es wird geklopft.) Sef. Es Uopst wer! Salm. An weh! Sie kommen schon! Aus d'Letzt is die Kisten in d'Höh g'schwommen und erkannt worden. Sef. Wann's jetzt den zweiten Mord auch entdecken — sein wir verloren. — Salm. Was thnn wir denn? — Ah! hilf mir g'schwind, Seferl. (Sie nehmen das Sitzkissen des Sofa'S vor, heben dann den Pordertheil desselben in die Höhe, so daß Franz in das Innere des Kastens fällt, dann schieben sie das Kiffen wieder zurück.) Leg'n wir'n daweil dahinein in's Sofa. — So! — jetzt den Sitz wieder d'rauf 13 — und nix merken lassen — in der Nacht, wenn Alles still is, tragen wir ihn dann fort. Eul. (von außrn an dcr Thür klopfend). Mann, mach' ans. — Ses. Ui je — die gnädige Frau! Salm (noch beschäftigt). Ich kann nicht — ich Hab' g'rad ein chirurgisches Experiment vor. >^es. (schluchzend vor Angst). Fch geh! 0 Gott! o Gott! wie wird das aus- gehen. (Ab.) Eul. Aber so mach doch aus, Herr Stutzerl ans Rotz ist angekommen! Salm. Was? der Stn — Stu — Stutzerl? — der is mir noch abgangen. — (Schließt ans.) Ich komme schon! — ich komme schon! Hitfte Scene. Stutzerl. Eulalia. Salm. Evchen. Später Seferl. Ltutzerl (ganz angepackt, tritt auf). 'Na — da bin ich, alter Camerad! Laß Dich umarmen! >Lalm (ganz verwirrt), ^ervlls — Herr Stutzerl! Stutzerl sstntzig). Servus, Herr Stutzerl! sagst Du?! Was ist denn das sür ein Empfang? — Servus, Herr Stutzerl sagst, statt daß Du mir um'n Hals fällst! Salm. Ach! verzeih' — ich bin so verwirrt — (Umarmung.) Stutzerl. So laß ich mir's g'fall'n. (Wirst sein Gepäck ab. zur Fran) <^ein Sie nicht Harb, daß ich so spät komm', aber das Locomotiv hat müssen inKor- neuburg a ganze Stund wassern und Haber geben — a Holz nehmen will 1 sag'n, das kommt aber aus Eins außi — das Futter kommt noch theurer wie's Andere, man g'spürt's an die Holzpreis — in Jedlersee, wie's Locomotiv 's Brauhaus g'spürt hat, hat's wieder an Durst kriegt, so sind wir richti in stockfinsterer Nacht ankommen; und bis i nachher erst zu Dir her- g'sunden Hab' — dann Hab' ich a Stund an Dein Haus klopft, ich Hab' schon glaubt, das ganze Haus is ausg'storben. (Schmerzliche Bewegung von Eulalia und Salm.) Das war mir auffallend. Ha, denk' ich mir, in das Haus mußt Du Leben bringen, und wenn der ewige Schlaf d'rin logirt. Eul. und Salm. Ewiger Schlaf! Stutzerl (für sich) Aber ich weiß nicht, wie mir die Leut' Vorkommen das is mir auffallend. (Laut.) Morgen Früh such' ich mein'n Franzl aus, da wirst schau'n — das is a prächtiger Kerl. — Groß, bildschön, Verstand und Bildung. (Er streckt sich gähnend.) llah, ganz wie sein Vater, kurz, er g'rath ganz mir nach, der Bursch wird überrascht sein, er weiß gar nichts. — Aber a propos — wo is denn — Du weißt schon. Salm. Die Braut? Hier ist meine Nichte. (Präsentirt sie.) Stutz er l. Oh! das g'sreut mich! a recht a sanbers Kind! Die lieben Aeugerln und die schönen Backerln, ich hoffe, daß doch noch Alles 'Natur is. — Evchen (beleidigt). Herr Stutzerl! Stutzerl. Na, Sie müssen mir das nit so übel auslegen — wissen's, wir am Land san halt schon so für die Natur. Aber i vergiß ganz, daß's schon so spät is. — Eul. Mein Gott! wenn wir g'mußt hätten, daß Sie heute noch eintresfen, so Hütten wir die nöthigen Anstalten zum Souper — Stutzerl. Ich danke Ihnen, Hunger Hab' ich keinen, ich Hab' überhaupt schon a Zeit her kan rechten Appetit, und dann Hab' ich erst unterwegs bei ! einem Bratlbrater vier Bandl Leber- 14 wiirst mit Erdäpfel g'essen. — Aber Durst Hab' ich. — Du hast ja Deiueu eigenen Keller im Haus, las; mir eine Flaschen Wein bringen. Salm (erschreckt). Wie — ein Wein willst Du? Stutzerl. Na ja — ein Wein; Du hast amal a so an guten Stinkenbrunner g'habt. (Kür sich.) Weg'n was erschrickt denn der, daß i an Mein will? Ah, das is ausfallend. Lalm (in die Küche rufend). 'Leserl, bring an Wein. Stutzerl. So und hernach leg' ich mich schlafen. Eul. Wie, Sie schlafen bei uns? Stutzerl. No freilich — aber was haben's denn, Sie sehen so verlegen aus — Eul. Ich — Gott bewahre. Aber wir ewarteten Sie heute nicht. — In unserm Gastzimmer is Alles so vollgestellt — Stutzerl. Ah wegen dem lassen's Ihnen kein graues Haar wachsen. Eine Nacht is ka Ewigkeit; ich schlaf da auf dem Sofa. Zwölfte Scene. B orige. Seserl (welche mit dem Wein eingetreten. die letzten Worte gehört hat). Seserl. Ah! Stutze rl. Was ist's? Seserl. Ah nichts — i bin nur aus etwas treten. Salm. Aber mein Gott — Tu kannst doch nicht am Sofa schlafen. — Stutz erl. Warum net — mit reinem Gewissen schlaft man bald gut, nit wahr? (Zu Frau und Herrn Salm.) Beide. Ja wol. Stutzerl (schenkt sich ein). Ich weiß nit, wie mir die Leut' Vorkommen. (Trinkt und sieht dabei Salm an, welcher zittert.) Was hat denn Der? Der zuckt, weil ich trink'. Ah, das is auffallend. (Er schenkt sich wieder ein und trinkt.) Salm (leise zu Seserl). Wie er schlaft, so kommst mit einem Messer, dann wollen wir die Leinwand austrennen unter dem Sofa und den Leichnam herausziehen. Leserl. Brr! (Sie zündet fünf Lichter an.) Stutzerl (für sich.) Wenn ich nur müßt, was denn die Leut haben. Ich kenne mich gar nit aus. (Jedes nimmt einen Leuchter.) Evchen. Sie entschuldigen, wenn wir uns entfernen, es is schon so spät. Stutzerl. O ich bitte, im Gegen- theil, mir ist's auch angenehm, ich bin auch sehr müd. Evchen (schnippisch). Gute Nacht, mein künftiger Herr Schwiegerpapa! (Ab.) Stutzerl. Gute Nacht, lieb's Trut- scherl! Eul. (melancholisch). Schlafen Sie recht wohl, Herr Stutzerl; wenn's Ihnen möglich is. Gute Nacht! (Ab.) Stutzerl. Wenn's mir möglich is? Ah, das is auffallend. Salm. Laß Dir was gut's träumen, und druck' die Augen so fest zu, als Du kannst. Gute Nacht! (Ab.) Stutz erl. Ja, was heißt denn das? Seserl. Nit wahr, Sie glauben an keine Geister? Stutzerl. Geister? Seserl. Müssen a netd'ran glauben. Gute Nacht, Herr Stutzerl! (Ab.) Dreizehnte Scene. Ltutzerl (allein. Allen verwundert nachschcnd.) Ah, das is aber ausfallend. Der Teufel kennt sich bei die Leut' aus. Die sein Alle verwirrt. Is das ein Empfang für einen künftigen Schwiegeronkel. Das Ding hat ausg'schaut, als 15 wenn sie mir nicht amal den Tropfen Wein vergunneten. Ah, ich weiß schon, was ich morgen thu. (Wirft mit den Pol- stern herum.) I ninnn mir ein Zimmer in einem Wirthshaus. So brauch' ich kein Menschen obligirt z'sein — und das g'spaßige oder vielmehr das melancholische — „Gute Nacht". Als wenn schon meine letzte Stunde anrücken thät. (Er nimmt seine Reisetasche, um eine Schlaf. Haube herausiunrhmen.) Von Geister haben s auch g'redt, es wird doch da nicht umgeh'n. Lächerlich — es gibt keine Geister. (Man hört einen langen, verhallenden Seufzer, Stutzerl fährt erschrocken zusammen.) Na — was — was war denn das? (Er geht mit dem Lichte herum und sucht.) Ah! das is auffallend! Es gibt doch kein' Seufzer, ohne daß ein Mensch dahintersteckt — mir wird ordentlich entrisch. (Er legt sich auf das Sofa. 'S Beste is, i druck d'Augen zu, daß ich einschlaf'. (Er bläst das Licht aus.) Und per Servlis, Herr Stutzerl hat er mich empfangen, das geht mir nicht ans dem Kopf — Mich — seinen allerbesten Freund, per Servus — Herr Stutzerl, zu empfangen — das is ausfallend. — Servus — Herr Stutzerl, das is mir noch nicht Vorkommen. (Er schläft.) Vierzehnte Scene. Stutzerl (schlafend). Seferl. Salm (mit einer Blendlaterne). Seferl. Ach Gott! ich zittere an Hand' und Füß'. Salm. Scham Dich und nimm Dir ein Beispiel an mir. (Die Laterne zittert in seiner Hand.) Seferl. Mir scheint, Sie zittern auch? Salm. Was Dir nit einfallt, das is nur das Licht, weil's nit gleich brennt — Ah, er schlaft schon ganz fest! (Sie schleichen zum Sofa, jedes gegen das Publicum gewandt.) Salm. Jetzt trenn' das Zeug geschwind auf — Seferl. Ich kann das Messer kaum Hallen vor Angst, wenn er munter wird — Sal«. Nur g'schwind! (Er leuchtet ihr. Wie sie zu trennen anfängt, seufzt Franz ungeheuer stark, Seferl stößt einen Schrei aus. Salm läßt die Laterne aus Stutzerl fallen. Stutzerl springt auf, sieht die Seferl mit dem Messer. Salm ist hinter das Sofa gekrochen, damit ihn Stutzerl nicht sehen soll, denselben Augenblick erlöscht daS Licht in der Laterne. Stutzer! schreit ) Mörder! Mörder! Hilfe! Polizei, Gens- d'armerie, Patrouille! O Gott! man will mich abstechen — also darum Servus, Herr Stutzerl! Hilfe, Hilfe! Franzl (im S.sa). Zu Hilfe — ich ersticke. (Erhebt sich im Sofa und wirst Stutzerl die Polster hinauf.) Stutzerl. Um Alles in der Welt, man steinigt mich! Zu Hilfe! Letzte Scene. Eulalia. Evchen (mit Licht). Vorige. Eul. Um Gotteswillen, was gibt's? Evchen. Was ist geschehen? Franzl und Stutzerl. Mörder, Mörder! Eul. Salm. Seferl (wie sie Franzl erblicken). Ah! Eul. (fällt in Ohnmacht). >Leserl (hält sich an den Sessel). Salm. Alle guten Geister! Franzl. Wo sind Geister? Evchen. Himmel, mein Geliebter! Stutzerl. Franzl, Sohn meines Herzens. Franzl. Der Papa! Stutzerl. Ja, wo kommst denn Du her? 16 Franzl. Da aus dem Sofa — Salm. Also Sie leben? Franzl. Ja, warum denn net? Salm. Unbegreiflich! Sie haben doch ein ganzes Glas -- Franzl. Warum nit gar, i Hab'- nur ein paar Tropfen getrunken, das Andere Hab' ich wegg'schütt! Salm. Gott fei Dank! Eul. Was, Sie sind nicht ertrunken in der Kiste? Salm. Was, das is der Nämliche? O, das ist unbegreiflich! Franzl. Das ist leicht begreiflich, ich Hab' statt meiner die Bücher in die Kisten prakticirt. Eul. Gott sei Dank, er ist nicht todt! Franzl. Nein, er lebt und will noch recht lange leben an der Seite dieses holden Engels, dem ich auf dem Wege des Lebens folgen will; nachgestiegen bin ich ihm schon lang. Eul. Wie, ihr ist er nachgestiegen? Und ich glaubte, es gelte mir. Salm. Nehmen Sie's in Gottes Namen. Stutzerl. Aber sagt mir nur, Leute, was soll denn das Alles heißen? Salm. Das heißt, daß wir Alle aus einer Todesangst erlöst sind. Ich Hab' glaubt, ich Hab' einen Menschen in's Wasser g'worsen, daweil warn's Micher: ich Hab' glaubt, i Hab' Dein Sohn vergift, daweil lebt er noch, und daher diese Verwirrung. Stutzerl. Ah! also darum dieses Servus, Herr Stutzerl. Salm. Die Angst ist vorbei, wir sein jetzt Alle glücklich! Franzl (Evchen umarmend). Ich am meisten. Evchen. Oder ich. Stutzerl. Ganz is mir die Geschichte noch nicht klar. Salm. Das macht nix, morgen soll ein fröhlicher Tag sein, und da wollen wir nach Herzenslust, wenn wir Dich aufwecken, rufen: Servus, Herr Stutzerl! Alle. Servus, Herr Stutzerl! Ter Vorhang fällt. Die Ehre -es Honst«. Drama in fünf Acten von Carl Juin und P I. Reinhard. Nach I^on östtu und Alsuriee V680IAN68. (Nach der Einrichtung am k. k. privil. Carl Theater.) Den Kühnen gegenüber als Manuskript. Personen r Maurice von Chenevivres. Elise, seine Gattin. Paul, Lieutenant, - ^ A-Ihilde. j d»-n Kind«. Georges von Maubreuil, Flotten - Kommandant. Edmond Roger, Advokat. Vicomte von Beausvant, ein Freund Mau- breuil's. Lord Derby. De Laroche. " Baronin von Origny. Zwei Bediente Cheneviöres. Ballgäste. Diener. Erster Act. (Boudoir mit Mittel- und Seitenthüren. Rechts ein Fenster. — In der Mitte ein Gueridon, Fauteuils u. s. w.) (Rechts und links vom Zuschauer angenommen.) Erste Seene. Maurice, Elise und Mathilde (sitzen um den Gueridon beim Frühstück. Später zwei Bediente). Elise. Ich finde die Baronin von Origny eben so liebenswürdig als freundlich und gefällig, lieber Maurice. Maurice. Eine alltägliche Närrin, nichts weiter. Elise. Vergessen wir nicht, daß fie Wiener Theater-Repertoir. XXIX. eine aufrichtigeFreunlM unsersHauses ist, und das Leben hat keinen großen Vorrath mehr an wahrer Freundschaft. Mathilde. Ich, Papa, verehre die ewig sprudelnde Laune der Baronin und unterhalte mich nirgends köstlicher, als in ihrem Salon. Die lange Trauerum ihren verstorbenen Gemahl war eine wahre Folter für fie, und Niemand hat sich noch im schwarzen Gewände unbehaglicher gefühlt. — Gestern hat sie endlich die Trauerkleider oblegen dürfen, und dieses Ereigniß feiert heute schon ihr entfesselter Frohsinn mit einem glänzenden Ball. Maurice. Auf welchem Du Dich gewiß besser unterhalten wirst, als im Hause deiner Eltern. 1 2 Mathilde. O Vater, wie kannst Du nur so etwas denken. Elise. Dein Vater und ich sind Beide nicht sehr heiteren Gemüthes, und Du bist nicht gewohnt, in unserm Hause lachende Gesichter um Dich zu sehen. Mathilde. Ich sehe Personen, die ich liebe und die mein Lebensglück ausmachen.. (Ablenkend.1 Um aber wieder auf meinen Besuch bei der Baronin zurück zu kommen. — (Wieder im heitern Tone.) Wir waren vorgestern auch so recht ernst gestimmt bei der Baronin, — da trat Herr Edmond Roger ein, ihr junger Rechtsfreund — und weiß der Himmel, wie eS zugeht — wenn der junge Herr Advokat mich sieht, wird er so verlegen und stottert so komisch, daß man unwillkührlich lachen muß, und wenn man noch so ernst gestimmt ist- Maurice. Lache lieber nicht, mein Kind, Du thust Herrn Edmond damit wehe. Mathilde. Gleich darauf meldete man einen ehemaligen Schiffskapitän, Flotten-Kommandant, oder so was dergleichen, an — mein Gott, wie nannte man ihn denn nur gleich? O, Du kennst ihn gewiß, Mama, denn es ist ein Cousin der Baronin. Elise. Wahrscheinlich ein Anverwandter ihres verstorbenen Gemahls. Mathilde. Dieser schon etwas bejahrte Herr Cousin ist nicht so schüchtern wie Herr Edmond — wenigstens hat er mir gegenüber den Ruf der Galanterie französischer Seehelden glänzend zu vertreten gemußt. Maurice. Wirklich? Mathilde. Er hat durch Compli- mente und Schmeicheleien, die er an Zhr Töchterchen verschwendete, Papa — mich beinahe eben so in Verlegenheit gebracht, wie ich Herrn Edmond durch einen einzigen Blick meiner gefährlichen Augen. Maurice. Nur die Schlangen haben gefährliche Augen. Mathilde. Ich danke, Papa. — Aber jetzt hättet Zhr sehen sollen, wie sich Herr Edmond gebehrdete! — Gott steh' mir bei — ich sage nicht zu viel — als ob er vom leibhaftigen Satan besessen gewesen wäre! Diese wüthenden Blicke! Za, es ist ein wahres Glück, daß die Augen keine Pistolen sind, sonst hätte er den artigen Seehelden gleich ein Dutzend Mal mausetodt geschossen! Maurice. Und weißt Du wirklich nicht, warum sich Herr Edmond so ge- behrdct? Warum der gefeierte Redner Dir gegenüber so arm an Worten ist? Mathilde. Nein, Papa, ich weiß es nicht. O bitte — bitte, sage es mir! Maurice. Edmond Roger, der schon in frühster Jugendzeit eine elternlose Waise wurde, hat an mir einen Vater gefunden— und glaubt, mir seine gegenwärtige ehrenvolleStellung zu verdanken, die er doch eigentlich nur seinem Talente und seinem unermüdeten Fleiße verdankt. — Zn diesem Zartgefühl stockt ihm die Sprache Dir gegenüber, denn er fürchtet das Wort, das sein liebendes Herz verrathen könnte. (Zwei Bediente treten ein und serviren. — Der Eine bringt ein Paket mit Briefen und Zeitungen, das er bei Seite legt.) Mathilde. Ach nicht doch, Papa! — Er liebt mich nicht um einen Athem- zug mehr als Dich — die Mama — kurz, unsere ganze Familie. Aber ich glaube dennoch, es ist noch etwas mehr, was ihn an unser Haus fesselt, als bloße Dankbarkeit — die innige Freundschaft meines Bruders. Maurice (plötzlich mit sinsterm Blick und ernster Stimme zum Bedienten, welcher servirt). Die Journale, Josef! (Der Bediente überreicht ihm die Journale.) Elise (zu Mathilden, indem Beide den Tisch verlassen). Also nur diese Freundschaft, glaubstDu, raube ihm die Sprache, wenn er Dir begegnet? 3 Mathilde (verschämt). Ach, liebe gute Mama — nach allen Symptomen zu urtheilen — wäre es am Ende doch möglich, daß Papa Recht hätte. Elise. Und würdest Du böse darüber werden? Mathilde. Böse? Ach, wie könnte ich denn über so etwas böse werden? Elise. Du hast Recht, mein Kind. Liebe ihn warm und innig, denn er ist Deiner Liebe würdig. Wir haben sein edles Herz erkannt, und billigen diese Liebe. Maurice (der ein Journal durchfliegt, kalt und ohne Lheilnahme). Das Journal bringt eine Neuigkeit, die Euch Beide intereffiren dürfte. Mathilde (erstaunt). Was? l Elise (mit freudige Ahnung). Ach,! Vielleicht von — ) Maurice (kalt). Von deinem Sohne, Elise. (Lesend.) „Bei der letzten Expedition gegen die Kabylen — Elise. Ach mein Gott — eine Schlacht — Maurice (lesend). „Hat sich Lieutenant Paul von Cheneviüres — Elise (zitternd). Barmherziger Himmel — verwundet? Maurice. Beruhige Dich doch und höre. Mathilde (ihm über die Schulter in's Journal blickend). Schnell — schnell, Papa — was schreibt man von Paul? Maurice (lesend). „Bei der letzten Expedition gegen die Kabylen hat der LieutenantPaul von Cheneviöres, schon früher durch Muth und Tapferkeit rühm- lichst bekannt, eine so glänzende Bravour entwickelt — daß noch auf dem Kampfplätze die Brust des jungen Helden mit dem Ritterkreuz der Ehrenlegion geschmückt wurde." Mathilde (an die Brust Elisens sinkend). Ach, Mutter: theure Mutter! Welch ein Stolz für uns! Elise (nach dem Journale greifend). O laßt mich diese Freudennachricht selber lesen. (Liest mit freudestrahlenden Augen.) Maurice (kalt). Er weiß wenigstens den Namen zu ehren, den er führt. Mathilde. Aber, Papa, hast denn Du nicht ein einziges Wort der Freude über die Heldenthat Deines Sohnes? Ein anderer Vater würde jubeln vor Entzücken, und Du — Du bist gefühllos und kalt, als ob Dein Herz von Eis wäre! (Indem sich Maurice unwillig abwendet, legt sie ihm scherzend die Hand auf's Herz.) Laß doch sehen — ja, ja, er hat doch ein Herz, ein recht warmes Vaterherz, das jetzt recht lebendig zu werden anfängt. — O ich weiß cs ja, daß Du dennoch stolz aufDeinen Paul bist! (Indem sie unter den andern Papieren sucht.) Die andern Zeitungen werden doch auch so vernünftig sein, über diese glänzende Waffenthat zu referiren. — (Ein Brief fällt ihr in die Hand — freudig, indem sie die Aufschrift liest.) Ach mein Himmel — da ist ja sogar ein Brief von ihm. Elise (in freudiger Bewegung.) Ein Brief von Paul? Mathilde (nachdem sie den Brief schnell erbrochen und durchlaufen). Ach, die Freude — das Glück — er kommt! Mauriee (erbebend). Er kommt? Elise. Wann werden wir unfern Sohn in unsere Arme schließen? Mathilde. Morgen, Mama, denn heute ist ja der Fünfzehnte, (lesend.) „Wenn das Schicksal meine Pläne nicht durchkreuzt, werde ich am sechzehnten April mit meinem Briefe vielleicht zu gleicher Zeit eintreffen, um Euch Alle an mein sehnsuchtsvolles Herz zu drücken. Ja, Alle — A Heden« ich hoffe, der Unstern meines Lebens ist erloschen, der mich fünfzehn Jahre vom Vaterherzen trennte." — Ach ja, Papa — es ist merkwürdig, so oft Paul Ferien hatte und in die Arme seiner Eltern eilen wollte, warst Du immer, weiß Gott, wie weit weg vom Hause. Na, ich werde schon Acht geben — morgen darfst Du uns nicht deser- Liren. Maurice (für sich). Ich werde heute Abend noch verreisen. (Steht auf.) Elise. Dank Dir, Du freundlicher Schutzgeist, der über das Leben meines Sohnes gewacht! (Nimmt und liest den Brief.) Mathilde (zu Maurice, der die an» dern Journale nimmt und sich zum Abgehen wendet). Wie, Du willst uns schon verlassen, Papa? Maurice. Mich rufen Geschäfte in mein Bureau. (Umarmt Mathilde innig und zärtlich.) Einen freundlichen guten Morgen, meine theure Mathilde! Mein innigst geliebtes Kind! Mathilde. So wie ich jetzt, wird morgen Dein Sohn an Deinem Herzen ruhen! Maurice (rauh und heftig). Guten Morgen! (rechts ab. Mathilde bleibt betroffen stehen.) Zweite Scene. Elise. Mathilde. (Die Bedienten haben schon früher abgeräumt und sich entfernt.) Elise (die ihre Aufmerksamkeit bis jetzt dem Briefe zugewendet). Ach, welche Liebe jede Zeile athmet! Nun, Mathilde — warum blickst Du so starr dem Vater nach! Mathilde. Ach, ich fürchte — Elise (mit bewegter Stimme). Der Vater liebt unfern guten Paul nicht so innig wie wir! Mathilde (für sich). Armer Bruder! Elise. Duallein besitzest die Macht, ihn seiner Schwermuth, seiner düstern Träume zu entreißen — nur Du gewinnst ihm sanfte freundliche Worte ab. O sage mir, mein Kind — spricht er nicht zuweilen mit Dir von seinem Sohne! Mathilde (mit erzwungener Heiterkeit). Ach, sehr oft, liebe Mutter! Elise. Aber nicht mit der Liebe eines Vaters, nein, mit gleichgültiger Kälte, wie man von einem Fremdling spricht? O vertraue mir Alles, meine Tochter! — Laß es immerhin zur bit- tern Wahrheit werden, was seit vielen Jahren wie ein böser Traum mich quält Mathilde. Ach, Du malst mit grellen Farben, Mama. Wodurch sollte Paul die Liebe seines Vaters verloren haben? Ist sein ganzes Leben nicht eine Bahn der Ehre, der Tugend und der innigsten Kindesliebe? — Glaube mir, liebe Mutter, wenn Paul dem Vaterherzen ferner steht als ich, ist nur die lange Trennung daran schuld. — Seine Vaterliebe schlummert nur. und wird um so kräftiger erwachen, wenn Paul in seinen Armen liegt. Elise. Dank, Dank, mein Kind! Deine Worte sind Balsam für ein wundes Mutterherz! — Jetzt eil' ich auf das Zimmer unserS jungen Helden, um sein Bild mit einem grünen Lorbeerkranz zu schmücken. Ach! kaum kann ich es glauben, wenn ich denke, daß morgen, — morgen schon mein Traum zur Wirklichkeit wird. Mein Sohn selbst wird hier sein — nicht nur sein Bild! Mein Sohn! mein Paul! (links ab.) Dritte Scene. Mathilde. Gleich darauf Paul. Mathilde (allein). Arme Mutter! Armer Vater! Armer Paul! Gott mag es wissen, welch ein böser Geist zwischen diesen guten Menschen Trauer und Zwietracht gesäet! Ach, ich gäbe die Hälfte meines Lebens für die Kunst, diesen bösen Geist aus unserm Hause zu bannen, um meine Eltern wieder 8 froh und heiter zu sehen! (Sie wendet sich und steht plötzlich Paul gegenüber, der während ihres kurzen Selbstgespräches eingetreten ist. Erschrocken.) Himmel — ein Fremder! — (ihn erkennend, mit bebender Stimme.) Nein, es ist Paul! (heftig bewegt in seine Arme stürzend.) Paul! mein innigstgeliebter Paul! Paul. Meine liebe theureSchwester! Mathilde (nach einer Pause ihn an den Armen fassend und in's Auge blickend). Ach, was bist Du für ein allerliebster Offizier geworden! Paul. Und Du ein holdes reizendes Mädchen! Mathilde. Welch ein Stolz für mich wird es sein, mit einem so jungen hübschen Ritter der Ehrenlegion durch die Straßen der Stadt zu promeniren. Paul. Wie? Ihr wißt schon? Mathilde. O — die naseweisen Journale plaudern Alles aus. — Aber wir haben Dich ja erst morgen erwartet. Paul. Ich habe eine Nacht geopfert, um Euch einen Tag früher zu sehen. — Aber, meine liebe Mathilde, in meinem Herzen wohnen noch andere Leute als eine reizende Schwester. — Wo ist denn meine theure Mutter? Mathilde. Vor dem Bilde ihres Heldensohnes, es mit Lorbeer zu bekränzen. Paul. Und mein Vater? Mathilde. Ist hier! Dieß Mal hätte ich ihn nicht entwischen lassen! Paul (freudig). Endlich werde ich meinen Vater nach so langer Trennung an's Herz drücken! — Doch vergib, Mathilde, daß ich die erste Stunde unserS Wiedersehens kürze — meine Mutter — Mathilde. Ach, die Rechte einer Mutter sind heiliger als einer Schwester — komm! (sie öffnet ihm die Lhüre links, durch welche er abgeht.) Ich will indeß den Vater mit der frohen Kunde überraschen ! — (Sie will abgehen. Maurice tritt ihr entgegen.) Vierte Scene. Maurice. Mathilde. Maurice. Ich komme, Dir Lebewohl zu sagen, mein Kind. Mathilde (befremdet). Lebewohl? Mauriee. Nothwendige Besprechungen mit meinem Intendanten zwingen mich. Euch auf vierzehn Tage zu verlassen. Mathilde. Nein, nein, mein Vater, Du scherzest. Heute willst Du abreisen, und morgen erwarten wir — Maurice. Deinen Bruder Paul. — Ich weiß es. — Aber wir haben uns Beide schon zu entbehren gelernt. ES handelt sich um das Interesse unserer ganzen Familie, und meineAbreise ist so dringend, daß ich keinen Augenblicklänger zögern darf. Ich bitte Dich, mich bei Deiner Mutter zu entschuldigen. Mathilde. Es ist doch sonderbar, lieber Vater, daß Du seit fünfzehn Jahren, immer kurz vor der Ankunft Pauls — Familieninteressen zu vertreten hast. Es sieht beinahe so aus, als ob diese Familieninteressen die Bestimmung hätten, den Sohn auf ewig von dem Vater zu entfernen. Maurice. Leider hat es bis jetzt das Schicksal so gewollt. Mathilde. Erlaube mir zu glauben, daß es heute Dein Wille und nicht des Schicksals Wille ist, Papa. Ja, ja, Dein Wille, denn Deine Geschäfte sind nicht so dringend, um nicht einen Tag verzögert werden zu können, (bittend.) Wenn Du mich liebst, mein Vater, so verschiebst Du Deine Abreise bis morgen. Ach, nur mit einem einzigen freundlichen Wort des Willkommens erfreue unfern guten Paul! Maurice. Mein Kind! Meine 6 liebe Tochter, habe Mitleid mit mir! Du weißt es ja, was ich leide, wenn ich Dir eine Bitte nicht gewähren kann. Mathilde (schmerzlich). O, ich sehe jetzt Alles klar. Du suchst absichtlich dieses Wiedersehen zu vereiteln, Du fliehst — Gott weiß aus welchen Gründen — Deinen eigenen Sohn. Maurice. Aber, mein Kind — mein liebes Mädchen, sei nicht thöricht! WaS konnte mich bestimmen, meinen Sohn zu fliehen? Mathilde (forschend). Also seine Ankunft veranlaßt nicht Deine Abreise? Maurice. Du bist ein kindisches Mädchen, so etwas zu glauben. Mathilde. O, wir sind noch nicht fertig. Wenn nun Paul, zum Beispiel, statt morgen anzukommen, heute schon angekommen wäre — Du würdest wenigstens des heutigen Tages Dich freuen in seiner Nähe. Maurice. Ei, ohne Zweifel. Mathildr (lachend und in die Hände klatschend). Hahahaha! Gefangen! Gefangen! Habe ich Dich endlich einmal, mein Herr Papa! Du wirst ihn sehen, umarmen, küssen — denn er braucht nicht erst morgen zu kommen — er ist heute schon da! Maurice (erbebend, für sich). Gerechter Gott! Mathilde. Er hatte uns ja geschrieben, daß er mit seinem Briefe zugleich eintreffen würde! (Oeffnct das linke Seitenzkmmer und ruft hinein.) Paul! Paul, komm geschwinde, (Paul, der schnell eintritt, zu Maurice ziehend.) Da — da ist er! Jetzt küsse ihn geschwinde für alle fünfzehn Jahre! Fünfte Scene. Vorige. Paul. Paul. Mein theuerster Vater! (Will ln die Arme seines Vaters stürzen, bleibt aber unentschlossen stehen, als er Maurice sich schnell abwenden sieht.) Mathilde. Nun, Paul — was zögerst Du? Paul (mit Innigkeit die Hand an Lippen und Herz drückend, welche ihm Maurice adgewendet hinhält, um der Umarmung auszuweichen). Endlich ist es mir vergönnt, die liebe Vaterhand an mein dankbares Herz zu drücken! Maurice (mit kalter Würde). Ich wünsche Dir Glück, Paul! Du hast deinen Degen mit Ehre zu führen gelernt. Mathilde (für sich). Welch ein frostiger Empfang! Maurice. Wollten wir unsDeiner letzten Waffenthat nicht freuen, würden wir undankbarer als das Vaterland sein. Paul. Ich kehre nicht als Soldat — ich kehre als Sohn in's Vaterhaus zurück. Maurice. Verfolge die Bahn der Ehre, wie Du sie betreten, und ich werde stets mit Achtung Deiner gedenken. Paul (mit unterdrücktem Schmerze). Achtung habe ich mir auf dem Kampfplätze verdient, mein Vater — hier hoffte ich Liebe zu finden. Mathilde. Wenn Du den Papa nicht findest, wie Du ihn zu finden hofftest, lieber Bruder, — so sind nur die vielen fatalen Geschäfte daran schuld, die ihm im Kopfe stecken. — Denke nur, der arme Papa muß heute Abend noch verreisen, — und eS ist ein wahres Glück, daß Du schon heute eingetroffen bist, denn morgen hätte Dir Dein alter Unstern wieder geleuchtet. Paul. Ach — dann hätte ich das liebe Antlitz meines Vaters vielleicht nie wieder gesehen. Ernste und wichtige Ereignisse kündigen sich an, — und für einen Soldaten ist der rühmlichste Platz, sichauszuzeichnen,vorderBresche! Maurice. ES gibt in der That noch, wie ich sehe, junge Männer, die sich ernsthaft vorbereiten, dem Staate und ihrem Vaterlande gut zu dienen. Diese sind die Ehre des Landes, der 7 Stolz ihrerFamilien! (mit Anstrengung.) Und unter diesen wird man Dich stets zählen, hoffe ich. Paul (freudig). Ich verspreche es Ihnen, mein Vater, denn ich weiß, wessen Sohn ich bin! Maurice (frostig). Sage das Deiner Mutter — es wird sie sehr glücklich machen. (Er will Mathilde umarmen, sie wendet sich schmerzlich ab. Zu Paul.) Lebe wohl! (Ab durch die Mitte.) Sechste Scene. Paul. Mathilde. Paul. Welch ein Empfang! Ach — wie ganz anders habe ich mir das Bild meines Vaters gedacht! Mathilde. Ach — er ist gegen uns Alle so! — Wenn die Leute alt werden, sind sie mürrisch und unfreundlich, das weißt Du ja. Aber im Grunde seines Herzens ist er dennoch seelengut und liebt uns Alle. Paul. Meine Mathilde, das Herz hat offene Tbore für die Liebe — sie läßt sich nicht verbergen. — Glaube mir, irgend ein trauriges Verhängniß hat mir die Liebe meines Vaters geraubt. Aber ich bin ja dennoch reich und glücklich — ich habe ja noch die Liebe meiner holden Schwester — die zärtliche Liebe einer Mutter — und — (in Edmond's Arme stürzend, der durch die Mittelthüre eintritt) und das ehrliche Herz meines Freundes! Siebente Seene. Vorige. Edmond. EdM 0 Nd (freudig in Paul's Armen). Willkommen, willkommen, Paul! — Da eile ich her, um Deinem Vater eine gute Nachricht zu bringen, und habe jetzt schon meinen Botenlohn dafür! — Wie hast Du Dich verändert, Paul! — Aus Deinen Zügen liest man deutlich : Du bist ein Mann geworden! Paul (lächelnd). Lies weiter in dem offnen Buche, denn es spricht die Wahrheit ! Edmond. Welche Freude für Deine Eltern, welche Freude für — (verlegen, indem er Mathilden erblickt). Ach, Verzeihung, mein Fräulein. Im Entzücken des Wiedersehens habe ich — Mathilde (lächelnd). Lassen Sie sich nicht stören — ich habe Zeit. Meinen Bruder haben Sie schon sehr lange nicht gesehen, und mich können Sie ja alle Tage sehen, wenn Sie wollen. Edmond. Die Tage, welche ich zubringen muß, ohne Sie zu sehen, sind die Einzigen, die ich zähle, mein Fräulein. — Paul. Ei seht doch! Mein Edmond hat eS noch nicht verlernt, galant zu sein. Nun krame alle Deine Galanterien aus vor meinem artigen Schwesterchen, und erwarte mich hier, Freund Edmond, auch mit Dir habe ich Manches zu plaudern. Vor Allem aber muß ich nach dem Frost des Vaterherzens mich am lieben Mutterherzen zu erwärmen suchen. (Eilt durch die linke Seiteathür ab.) Achte Seene. Edmond. Mathilde. Mathilde (für sich). Jetzt läßt er uns allein. Die Soldaten sind doch recht boshaft zuweilen. Edmond. Endlich fällt ein Strahl der Freude auf dieses Haus, welches so lange vom düstern Ernste umhüllt war. Mathilde. Wie? Herr Edmond— Edmond. Seit fünfzehn Jahren bin ich ja durch den Edelmuth Ihres Vaters — fast ein Kind Ihres Hauses, mein Fräulein — und eben so lange ist es ungefähr, daß dieser düstre Ernst auf Ihren Eltern lastet. Mathilde. Und haben Sie keine Ahnung, welche Ursache — Edmond. Vor fünfzehn Jahren — 8 ich kann mich dessen ganz deutlich erinnern — kehrte Ihr Vater von einer Reise zurück, und damals prägte sich zuerst ein tiefes moralisches Leiden in allen seinen Gesichtszügen aus. — Er wurde düster, wortkarg, in sich gekehrt, und Ihre sanfte Mutter versuchte vergebens, diese dunklen Wolken zu lichten , die den heitern Himmel ihres Familienlebens trübten — bis sie nach und nach selbst von dieser Schwermuth ergriffen wurde, und sich mit der frommen Geduld eines Engels in ihr Schicksal fügte. Mathilde (gerührt). Meine gute Mutter! Edmond. Ach, auch Ihre Sendung ist es, mein Fräulein, zwischen diesen beiden betrübten Herzen mit zu leiden und zu dulden (leidenschaftlich). Sie, so sanft, so milde, so schön, mit allen Tugenden und Reizen ausgestattet — Mathilde. Halt, halt, Herr Advokat! Von meiner Ausstattung erlaube ich Ihnen erst am Tage meiner Hochzeit zu sprechen. Edmond. Und sowenig Freuden blühen Ihnen in diesem Hause. Mathilde (innig). Ich bin hier nothwendig, Herr Edmond, um die Falten von den Stirnen meiner lieben Eltern zu glätten. (Scherzend). Und dann will sich noch immer Niemand finden, mich hinaus zu führen aus diesem Hause der Trauer. Edmond. Weil kein Sterblicher Ihrer würdig ist, mein Fräulein, Mathilde. Ach — ich wüßte doch einen Sterblichen! Edmond. Wie, mein Fräulein? Mathilde. Einen armen Sterblichen, der mit der Sprache nicht recht heraus will, und doch recht artig reden gelernt hat. Jemanden, der meine armen Elten zärtlich liebt, und eben so zärtlich von ihnen geliebt wird. Jetzt nehmen Sie alle Ihre geistigen Kräfte zusammen, und denken Sie ein paar Stunden darüber nach, wer dieser arme Sterbliche ungefähr sein könnte? — (Macht ihm cine Verbeugung und eilt durch die Mittelthüre ab). Neunte Scene. Edmond (allein). (Bewegt). Ach mein Gott — habe ich denn recht verstanden? — Wäre es denn möglich, daß der stolze, reiche Herr von Chenevieres seinem armen Schützling nicht zürnen würde, wenn er Wünsche auszusprechen wagte, die er bis jetzt im tiefsten Innern seines Herzens zu verbergen suchte? — Ach, diese Hoffnung ist zu kühn, um nicht zu täuschen! Zehnte Seene. Edmond. Paul. Paul (tritt durch die linke Seiten- thüre ein, und bleibt in derselben stehen, Edmond beobachtend, der aufgeregt mit großen Schritten auf und abgeht). Nun, was machst Du denn da? —Plaidirst Du? — Welch ein Prozeß liegt Dir denn am Herzen? (Tritt vor). Ed mond. Im Herzen, Freund! Nun, ist Deine Mutter glücklich und wieder heiter, Paul? Paul. Glücklich ist sie, und heiter wird sie werden, hoff' ich, denn sie hat einen Arzt bei sich, der jedem Munde ein Lächeln abzugewinnen versteht, die Baronin von Origny. Edmond. Ja, diese Dame bringt nichts um ihren guten Humor. Die böse Welt sagt, sie habe sogar gelächelt, als sie — Witwe wurde. Paul. Aber mich hat sie dennoch beinahe verdrießlich gemacht, — denn denke Dir, statt diesen Abend im Kreise meiner so lang entbehrten Familie zuzubringen , — bin ich gezwungen, den Ball der Baronin zu besuchen. 9 Edmond. Vielleicht amusirft Du Dich dort besser, als Du glaubst. Wenigstens eine gewählte Gesellschaft wirst Du finden. Paul. Was soll ich aber dort beginnen, um die Zeit zu tödten? Ich spiele nicht, und bin so wenig Tänzer, daß ich durch die Bravour meiner Füße schwerlich eine Eroberung machen werde. — Aber an Dir werde ich mich schadlos halten, denn ich darf wohl nicht fragen — Du, als der geheime Rath der Baronin, wirst in dem gewählten Kreise nicht fehlen, hoffe ich? Edmond. Ich habe keine Karte empfangen, lieber Paul. Die Baronin hat mich nicht eingeladen. Gttfte Seene. Vorige. Elise. Die Baronin v. Origny. Baronin (die bei den letzten Worten mit Elisen durch die linke Scitenthür eingetreten ist). Sie sollen auch nicht eingeladen werden, junger Herr; das wäre ja ganz etwas Neues! Sind Sie nicht zu jeder Stunde des Tages mein willkommener Gast? — Stehen Ihnen nicht alle meine Thüren offen? Darum sage ich Ihnen, wenn Sie es wagen, nicht den Ball mit mir zu eröffnen, führe ich selber Prozeß mit Ihnen, meinem eigenen Advokaten. Edmond. Dahin soll es nicht kommen, gnädige Frau, denn ich habe noch keine Lust, einen Prozeß zu verlieren. Baronin. Nicht wahr? — Za, ich habe schon so manchen Prozeß gewonnen. Paul. Herzensprozesse. — Für diese haben Sie zwei schöne Augen als Advokaten. Baronin. Ei, ei, Herr Lieutenant! Sie haben nicht nur mit dem D egen, Sie haben auch mit der Zunge fechten gelernt. — Also, ich rechne aus Sie, mein Herr. Edmond. Ich werde es nie wagen, Ihnen ungehorsam zu werden. Paul. Und ich trete gerne heute aus der Reihe der Sieger, um in die Reihe der Besiegten einzutreten. (Mit Edmond durch die Mitte ab, nachdem sie sich durch eine Verbeugung den Damen empfohlen). Zwölfte Seene. Elise. Die Baronin. Baronin. Ich gratulire zu Ihrem Sohne, meine liebe Freundin. Den werden viele Seufzer begleiten, wenn er wieder zu seinem Regiments einrücken muß. — Aber wieder auf den Ball zu kommen.— Sie wundern sich, daß ich überhaupt schon heute einen Ball gebe? — aber mein Gott— man zwingt mich ja dazu — man dringt in mich — man bestürmt mich! — Sie wissen es, ich bin keine Freundin von Bällen — aber wenn man ein ganzes langes Jahr getrauert hat — Elise (indem sie sich setzt). Ist es verzeihlich, wenn man der Freude eine Pforte öffnet. Baronin. Und dann habe ich ein ganzes langes Jahr nicht öffentlich getanzt — und der Tanz ist mir von allen meinen Aerzten vorgeschrieben — meine Gesundheit verlangt unbedingt in jeder Woche ein paar solcher Aufwallungen. — Auch Sie werden sich übrigens amusiren, meine liebe Elise, ich stehe Ihnen gut dafür. Ich habe für ein brillantes Ensemble gesorgt. (Mit dem Finger drohend). Sie Böse Sie! Ohne den Machtspruch Ihres Herrn Gemahls hätten Sie mir ganz sicher einen Korb gegeben heute. Elise. Diese lauten Freuden sind nicht mehr für mich, liebe Baronin. Bar o n i n. O, Sie werden sich schon wieder daran gewöhnen, denn ich habe mir fest vorgenommen, Sie und Ihren grämlichen Gemahl in die Cur zu nehmen, und heute auf dem Ball wird damit begonnen. — Zum Succurs gegen Sie habe ich mir schon meinen Cousin engagirt. Elise. Ihren Cousin? Baronin. Oder vielmehr einen Cousin meines verstorbenen Gemahls, der lange Zeit als Flotten-Comman- dant in Brasilien gelebt und erst vor Kurzem seinen Abschied genommen hat. Sie glauben es nicht, wie gut sich der Mann conservirt hat! Es ist ein wahres Wunder, denn wenn man so viele Zahre außer den Barieren von Paris lebt, sich mit Hottentotten, Indianern, Kabylen und Botocuten tapfer herumschlagt, und noch kein Menschenfresser geworden ist, muß man eine eiserne Constitution besitzen. — Ha,ha, ha,ha! Es war zum Todtlachen vorgestern, diesen rauhen Seebären plötzlich so zärtlich wie eine Taube girren zu hören! Ha,ha,ha,ha! Fragen Sie nur Ihre Mathilde — die hat diese Seelenwanderung auf dem Gewissen. Elise. Ach, ich erinnere mich — meine Tochter sprach heute von der Aufmerksamkeit dieses.Herrn für sie. Baronin. Aber jetzt fällt mir ein, Sie müssen sich ja noch meines Cousins erinnern können, denn Ihre Eltern waren ja ganz intim befreundet mit den Seinen. Elise (aufmerksam, indem sie erbebt). Befreundet? B a r on in. Wenn ich recht rechne, so sind es ungefähr zwanzig Jahre — acht oder neun Monate vor Ihrer Ver- heirathung, als er sich einschiffte und in den Dienst der Flotte trat. Elise (mit ängstlicher Spannung). Den Namen — den Namen! Baronin. Georges von Maubreuil. Elise (für sich, mit bebender Stimme, indem sie zu einem Stuhle wankt). Gott sei mir gnädig! Baronin (besorgt zu ihr eilend). Was haben Sie denn, meine theure Freundin? Ist Ihnen nicht wohl ? Soll ich um Hilfe rufen? Elise (mit Anstrengung). Nein — nein — ein Krampf im Herzen — es ist schon vorüber! Baronin. Es ist entsetzlich, was wir armen Frauen mit den fatalen Krämpfen heimgesucht werden. — Werden Sie mir ja nicht krank, ich bedarf Ihrer und Ihrer liebenswürdigen Familie zu sehr auf meinem Ball. Das Wiedersehn Ihres Sohnes wird Sie etwas aufgeregt haben — denn Sie sind seit einiger Zeit sehr nervös, ganz so wie ich! — Eine kurze Ruhe wird wohlthätig auf Sie wirken. Ja, ja, schlummern Sie ein wenig! (sie umarmend). Leben Sie wohl, meine liebe Elise, und kommen Sie ja nicht zu spät, denn meine Mama erwartet Herrn von Cheneviores zur ihrer Parthie. Auf Wiedersehen, theure Freundin! Auf baldiges Wiedersehen! (Ab durch die Mitte). Dreizehnte Scene. Elise (allein). (In äußerster Aufregung). Er hier — Er! Ihn soll ich Wiedersehn, ihn, der mein ganzes Dasein zerstört, mein ganzes Lebensglück zertrümmert! Wie soll ich den Sturm verbergen, der in meinem Herzen tobt?— Wie mächtig meiner Sinne bleiben, wenn ich ihn wiedersehe, ihn, der mit den heiligsten Schwüren, — mit den heiligsten Gefühlen L ieb e und Vertrauen das frevelhafteste Spiel getrieben? — Ach er weiß nichts von den Folgen seines Meineid's und Verraths — sonst müßte ja hier die Erde unter ihm zur Glut des Craters werden! Ich darf nicht auf diesen Ball! — Würde 11 nicht ein Blick von ihm — die leiseste Bewegung mich verrathen? — Und doch — wenn Herr von Maubreuil mich auf dem Ball vermißte, wird er nicht glauben, daß ich ihn fürchte! Er hat meine Tochter gesehen — die Baronin hat gewiß mit ihm von mir gesprochen — wenn eres wagte, sich hier — hier einführen zu lassen! Oh! Niemals! Niemals! Seine Gegenwart wäre ein Schandfleck für dieses Haus. — Ja,ich muß aufden Ball der Baronin gehen — die Gegenwart meines Mannes, meine Familie wird mich schützen. — Sollte sich aber Maubreuil mir nähern, so soll mein Empfang ihm beweisen, daß es seinerseits Ehre und Rechtlichkeit fordern, mich zu vermeiden, und daß ich Kraft und Muth besitze, mich vor ihm zu vertheidigen. — Ja — ich bin entschlossen — ich gehe zur Baronin! (Ab). (Der Vorhang fällt.) Zweiter Aet. (Boudoir, welches zum Spielzimmer arrangirt ist. — Rechts und links Thüren, welche in die Salons führen. Große Mittelthüre). Erste Scene. Maubreuil (allein, bespiegelt sich in einer Psyche, welche auf der äußersten Seite rechts steht). Es ist eine unbestrittene Wahrheit — zwanzig Jahre fern von der Hei- math verjüngen! Kriege — Seewasser — Stürme und Wunden wirken nicht so zerstörend auf uns, — als die raffinirten Freuden dieses modernen Babylon. Ja,Maubreuil, Du bist auch auf dem flachen Lande noch zu erobern berufen! (bemerkt im Spiegel die Baronin, welche hinter ihm auftritt, und dreht sich schnell um). Ach — Meine liebenswürdige Cousine! Zweite Seene. Maubreuil. Die Baronin. Baronin. Ei, ei! Was hat denn ein Seeheld vor dem Spiegel zu thun? Maubreuil. Ich bat ihn,- mir die Wahrheit zu sagen. Baronin. Und weil er schwieg, machten Sie sich selber ein Compli- ment. Maubreuil. Belieben Sie alle Ihre Gäste zu behorchen? Baronin. Nur die, die mir inter- ressant genug erscheinen! Maubreuil (sich verneigend). Oh! Baronin. Und Sie — Sie sind heute sehr interessant — ganz so wie ein Held aus den Zeiten der kronäe. Maubreuil. Wirklich? Baronin. Es geht Ihnen nichts als ein Stickrahmen ab. Maubreuil. Sie sind ja äußerst boshaft geworden, Cousine. Baronin. Das bin ich gegen alle Männer, die nicht verliebt in mich sind. Maubreuil. Dann werden Sie heute wenig Bosheiten ausüben können, denn ich bin vielleicht der einzige Mann in Ihren Salons, der nicht verliebt in Sie ist. Baronin. Ich weiß es — denn bei Ihnen gelten die Knospen mehr als die Rosen. Maubreuil. Jetzt habe ich Sie da — wo ich Sie haben wollte, nämlich bei der Knospe. Baronin. Die sich für Sie entfalten soll. Nun, so fangen Sie in's Himmels Namen zu seufzen an. Die Vertrauten der Verliebten müssen sich das schon gefallen lassen. Maubreuil (seufzend). Ach Mathilde! Baronin. Recht brav! Sie haben das Vorpostengefecht der Verliebten noch nicht verlernt. — Aber Sie gehen ein wenig schnell zu Werke. — Sie 12 haben Fraulein Mathilde nur ein einziges Mal gesehen. Maubreuil. Um Vergebung, zwei Mal — das erste Mal vorgestern bei Zhnen — Baronin. Nun? Maubreuil. Und das zweite Mal — vorgestern wieder bei Zhnen. Baronin (lachend). Ah soSie haben sie auf einmal gleich zweimal gesehen. Maubreuil. Im Ernst, liebe Cousine, das bezaubernde Bild dieses jungen Mädchens geht mir nicht mehr aus dem Kopfe! (Freudig). Sie ist schön, reizend, heiter, lieblich, lebhaft — Baronin. Halt! Halt! Wenn Sie in Feuersgefahr sind, werde ich Wasser bringen lassen. Maubreuil. Dabei hat sie Geist, Herz, Verstand — und ist entzückend einfach und unbefangen. Ach/ wenn die Frauen wüßten, wie kostbar sie sind, wenn sie sich nicht selbst überschätzen! — Wenn sie verständen, einfach und natürlich zu sein! das wäre die Siegreichste aller Koketterien, und sie würden niemals zu Koketten werden! — O, bitte tausend Mal um Verzeihung, liebe Cousine! Baronin. DaS ist doch abscheulich! Er spricht von Koketten und bittet mich um Verzeihung. Maubreuil. O, da bitte ich um Verzeihung, daß ich Sie um Verzeihung gebeten habe! Was doch die Liebe Alles vermag — sogar in Phrasen verwickelt sie mich. — Haben Sie Nachsicht mit mir, wenn ich ein wenig den Kopf verliere, denn Mathilde ist meine erste Liebe! — Ba ronin. Jetzt ist es an mir, den Kopf zu verlieren. Maubreuil. Das heißt meine erste Liebe seit meiner letzten Liebe. — Kurz, Cousine, ich bin fest überzeugt, Mathilde ist mir vom Schicksal bestimmt. Baronin. Dann protegirt Sie das Schicksal mehr als Mathilde. Maubreuil. Und Sie sind vom Schicksal berufen, den Faden zu diesem zarten Bande zu spinnen. Baronin. DaS heißt, ich soll Ihre Fürsprecherin werden bei Mathilden? Maubreuil. Ich wüßte Niemanden, der diesem Posten so gewachsen wäre. Baronin. Sie werden sich am besten selbst empfehlen, lieber Cousin, um so mehr, da die Mutter Mathildens bereits das Vergnügen hat, Sie zu kennen, Cousin. Maubreuil. Frau v. Chenevieres? — Ich kann mich dieses Namens nicht erinnern. Baronin. Zch spreche von jener Zeit, wo Frau von Chenevi6reS noch das Fräulein von Neuvilly war. Maubreuil (äußerst bestürzt auö- sehend). Elise! Baronin. Nun ja! Maubreuil. Elise von Neuvilly! Baronin. Ganz recht! Aber was ist Zhnen denn? Sie stehen ja da, als ob dieser Name eine Bombe wäre, die Sie zerschmettert hätte. Maubreuil (für sich). Sie Mathildens Mutter! — Ich darf an das Mädchen nicht mehr denken. Baronin (für sich). Auch Elise war bestürzt, als ich seinen Namen nannte.— Was hat das zu bedeuten? Maubreuil. Der Name, den Sie so eben ausgesprochen haben, liebe Cousine, ist eine unübersteigbare Mauer zwischen mir und Mathilden. Baro nin. Zch errathe! Sie haben die Mutter Mathildens einst geliebt? Maubreuil (etwas verlegen). Geliebt ? — Nun ja — so wie man mit neunzehn Zähren ungefähr lieben kann. Baronin. Wie meinen Sie das? Maubreuil. Unsere Familien standen in freundschaftlicher Verbin- 13 düng — das verschaffte mir Zutritt im Hause des Mädchens. Elise war schön — ich gestand ihr meine Liebe — schwur ihr ewige Treue — bot ihr meine Hand — ja es kam sogar zur Verlobung — Baronin. Fahren Sie fort! Maubreuil. Da fand mich meine Familie noch 'zu jung zum Ehestande, brach mit der Familie Neuvilly, warf mich bei Nacht und Nebel als Aspirant in ein Kriegsschiff — und ich sah mich gezwungen, Elisen meinen Schwur und ihren Eltern mein Wort zu brechen. Baronin (für sich). Arme Elise! Jetzt begreifeich Deine Aufregung ! Maubreuil. Sie sehen also, daß ich an Mathilde nicht mehr denken darf. Baronin. Denken Sie vor Allem daran, sich bei Elisen von dem Verdachte des Treubruch's zu befrei'n, der auf Ihnen lastet. Wenn sie erfährt, daß jene Verbindung durch die Jntrigue Ihrer Familie vereitelt wurde, wird sie wenigstens mit Achtung Ihrer gedenken können. Maubreuil. Also glauben Sie, daß ich es wagen dürfte, mich Elisen zu nähern? Baronin. Es ist Ihre Pflicht sogar. Ich werde Ihnen heute Gelegenheit bieten, unbeobachtet mit Elisen einige Worte wechseln zu können. Doch jetzt habe ich noch tausend Befehle zu ertheilen und alle meine Gäste zu begrüßen. — Daran sind nur Sie schuld mit Ihren interessanten Liebesgeschichten ! Ich wette, einige Folianten könnten Sie damit anfüllen! Nun, machen Sie hier für mich recht artig die Honneurs, und suchen Sie sich geschwinde eine andere Knospe aus! (eilt ab). Dritte Seerre. Maubreuil (allein). Ich würde nicht erzittern, allein mit dem blanken Degen in der Faust der wildesten Seeräuberhorde zu begegnen — aber das heutige Zusammentref- fen mit Elisen macht mich beben. Ach, ich habe der Baronin die vollkommene Wahrheit gesagt — und dennoch war ich ein feiger Verräther an Elisen. — Nach meinem Schwure, dem das liebende Mädchen arglos vertraute — nach meiner innigen Verbindung mit ihr — hätte ich jede andere Bande gewaltsam zersprengen müssen, um als Mann von Ehre mein Wort zu lösen. — Aber ich warf mich mit dem ganzen Leichtsinn meiner neunzehn Jahre in die neuen Freuden des Lebens, betäubte meine Sinne,' und das arme liebende und hoffende Mädchen wurde getäuscht und vergessen. Beausüant (von Außen). Ich lasse mich nicht melden! Ich bin der Vicomte von Beausöant, der sich überall selber anmeldet. Maubreuil. Beauseant! (sich un« willig vor die Stirne schlagend). Leichtsinniger Thor, der ich in meiner Jugend war! — Diesen Schwätzer habe ich einst zum Vertrauten meiner Verbindung mit Elisen gemacht! Vierte Seene. Maubreuil. Beausüant. Beauseant (auf Maubreuil zueilend). Ah — guten Abend — guten Abend! mein theurer Maubreuil! — Ganz wie ich erwartet habe! Wir Beide sind immer die Ersten auf dem Felde der Ehre und der Liebe! Maubreuil. Guten Abend! (für sich). Welch' ein Glück, wenn er vergessen hätte — Beausöant. Und so ganz allein? — das ist für mich ja ganz etwas Neues, Dich irgendwo ohne Gesellschaft zu finden. Maubreuil. Meine Cousine war so eben hier. Beaus« ant. Und meinetwegen 14 entfloh sie ? — O, bitte, mir nicht zu zürnen, daß ich Euch gestört habe, Kinderchen. Maubreuil. Wir hatten nichts mehr zu besprechen — Beausöant. O — dann habeich Euch erst recht gestört! —Ich wette, Du bist böse, denn ein gestörtes Rendezvous darf man seinem eigenen Bruder nicht verzeihen. Maubreuil. Du bist ein Narr! Beausant (lächelnd mit dem Finger drohend). Du! Du! die Baronin ist ein ganz allerliebstes Weibchen und wir waren von jeher gute Kundschaften für solche Waare. Maubreuil. Und Du warst von jeher ein indiscreter Schwätzer und bist eS geblieben. Beausvant. A — A — ich indiskret? Zch ein Schwätzer? -- das hat mir noch kein Mensch auf der Welt gesagt. Maubreuil. Ich kann es nicht leiden, wenn man auch nur mit einem Scherz einen Schatten auf den Ruf einer Dame wirft — wenigstens den Ruf meiner Cousine werde ich gegen jede vorlaute Bemerkung zu vertreten wissen. Beausöant. Aber theurer Freund — wir sind ja allein — warum wollen wir uns denn auf einmal vor einander geniren? — Du scheinst mir heute etwas gereizt zu sein. Was ist Dir denn begegnet? — Maubreuil. Nicht das geringste, (für sich). Wie erfahre ich nur, ob er sich noch meiner Liebe zu Elisen erinnert? Beausvant. Dir ist nichts begegnet? — Aber mir ist Jemand begegnet! — Ha,ha,ha,ha! — Unser alter Freund Claireau, weißt Du, der große blonde, hagere, junge Mann, den wir immer bei Tortoni trafen — Du warst sehr gut mit ihm bekannt — sein Vater machte Geldgeschäfte auf Wucher. Ich war wie aus den Wolken gefallen, als ich ihn sah, denn eher hätte ich ihn in den Wüsten Arabiens vermuthet, als hier. Maubreuil. Weßhalb? Beauseant. Wie? — Du weißt also nichts? Claireau war verschwunden — man sah ihn nirgends mehr, seitdem Frau von Almont aus Rußland znrückkehrte. Die hatte ihn mit Haut und Haar in Beschlag genommen! karblou! Das war ein wenig zu viel verlangt von der alten Dame — wenigstens einige Stunden des Nachmittags hätte sie ihn uns überlassen sollen! Die kleine Solange wurde darüber ganz rasend, denn sie war wahnsinnig in ihn verliebt — Gondreville wollte ihn ersetzen, aber Clagny schien der Begünstigte werden zu wollen — Maubreuil. Aber ich bitte Dich, was kümmern mich die Intriguen der Leute, die ich nicht kenne? Beausvant. Höre, Du bist kalt geworden, als ob Du von einer Expedition nach dem Nordpol zurückgekommen wärst. Was es Dich kümmert? — Ja, es kümmert mich auch nichts, aber ich spreche davon. Man plaudert über Alles, was Einem in den Wurf kommt. Womit soll man sich die Zeit denn nützlicher vertreiben? Maubreuil. Früher hatte ich mehr Sinn für dergleichen Liebes-Intriguen. — Ach, das waren gute alte Zeiten. Erinnerst Du Dich ihrer noch? — Beausöant. Das will ich meinen! Du warst ein lockerer Vogel, Maubreuil! Erinnerst Du Dich noch anPaquita? — Maubreuil. Paquita? — Nein! Beausvant. Undankbarer! Paquita , die hübsche Sängerin, die Deinetwegen den Marquis von Thrasyle verließ? — Ach wie glühend liebte sie Dich? Aber trotz dessen glaube ich nicht, daß Du ihre erste Liebe warst — doch gleichviel — Du hattest damals alle Ursache, stolz auf diese Eroberung zu sein? 13 Maubreuil. Ja, ja — ich suchte damals einen Ruhm darin, den Ruf eines Don Juans zu erlangen. Beauseant. Du warst auch ein Don Juan! Hahahaha! Ich muß noch immer herzlich lachen, wenn ich an Dein Abenteuer mit der kleinen Hortense denke — das war köstlich! göttlich! Maubreuil (ärgerlich für sich) Der Mensch hat ein verfluchtes Ge- dächtniß! Beauseant. Zu jenerZeit hattest Du noch mehr Vertrauen zu mir. Keines deiner Liebes-Abenteuer blieb mir ein Geheimniß. Maubreuil (für sich). Leider! (baut.) Du erzählst mir da von lauter leichten alltäglichen Eroberungen. — Aber ich hatte zu jener Zeit auch die Liebe einer Dame gewonnen, auf die ich wohl mit Recht stolz sein durfte. Beauseant. Aha! ich weiß schon -- ich weiß schon, welche Du meinst, Maubreuil (für sich). Ich zittere. Beauseant. Warte — warte — der Name ist mir entfallen. Halt — halt, ich hab's — Labaudraye — die Frau von Labaudraye! Maubreuil (für sich). Ich athme wieder! Er hat sie vergessen! Beauseant. Es war eine interessante Geschichte! Hahahaha! Dauerte auch so ziemlich lange — ich glaube beinahe vier Wochen — am Schluß wie immer — kleines Duell — ein Horn auf der Stirne und eine Kugel im Fuß — hahaha — wahrhaftig, mein lieber Don Juan, Du warst damals der Löwe des Tages! (Während dieser Scene sind mehrere Herren und Damen in den Salon im Hintergründe eingctreten, welchen man durch die geöffneten Thüren des Boudoirs sicht. Während der folgenden Scene füllt sich der Salon immer mehr.) Fünfte Seene. Vorige. Die Baronin. Baronin (von der rechten Seite auftretend, für sich). Beauseant — die langweiligste Personage der ganzen Stadt. Beauseant (sie begrüßend). Meine gnädige Frau, da bin ich! Baronin. O, Herr von Beauseant — der liebenswürdigste Cavalier der ganzen Stadt- Beauseant. Welch ein Entzücken für uns Alle, daß Sie der Gesellschaft wieder geschenkt sind. Baronin. Ach — diese Ceremonie der Trauer sollte der Jugend ganz erlasten werden. (Geht in den Hintergrund.) Beausöant (zu Maubreuil). Apropos — wer heirathet dennDeine Cousine? Maubreuil. So viel ich weiß, hat sie noch keine Wahl getroffen. Beausöant. O Du Geheimniß- krämer, Du! (für sich.) Ich wette um meinen Kopf — er ist es selbst. Sechste Seene. Vorige. Edmondaus dem Hintergründe. Baronin. O — willkommen, willkommen, Herr Edmond! — Ich habe so eben darüber nachgedacht, ob im bürgerlichen Gesetzbuchs keine Strafe dictirt ist für einen Advokaten, der einen Tanz mit seiner Clientin versäumt. — Aber Sie stnd da — und das Schwert der Gerechtigkeit bleibt dies Mal in der Scheide. Kommen Sie, und lasten Sie uns ein wenig plaudern mit einander. (Sie geht mit ihm Arm in Arm auf und ab.) Beauseant (zu Maubreuil). Wer ist der junge Mann ? Maubreuil. Advokat — ein Herr Edmond Roger. Beauseant. Ist das vielleicht der Begünstigte der Baronin? 16 Maubreuil (ungeduldig). Nein — nein — Du ewiger Schwätzer Du! (Links ab.) Beausäant. Er ist es selbst, ich lasse mir's nicht nehmen. — Aber er geht fort und läßt sie da mit dem jungen Advokaten leise plaudern? — Hahahaha! ArmerMaubreuil! — Du hast schon so Manchen zum Hahnrei gemacht! ES kann Dir gar nicht schaden, wenn Du endlich auch einer wirst! (Links ab.) Siebente Gerne. Maurice, Mathilde, Paul, Elise, Lord Derby treten aus dem Hintergründe. Vorige. Baronin (Elisen cntgegentretend). Meine theure Elise, Sie befinden sich doch wieder wohl, wie ich hoffe? Elise. Ganz wohl. Zch verspreche Ihnen, Sie heute nicht wieder zu beunruhigen, liebe Baronin. (Man hört das Ritournelle eines Contretanzes.) Baronin (zu Maurice). Meine Mutter erwartet Sie mit Sehnsucht, Herr von Cheneviäres! — Aber es geschieht Ihnen recht! Warum haben Sie sich im Spiel ein solches Renommäe erworben? — Also nur geschwinde zu den Karten — zw den Spieltischen, diesen Galeeren der Convenienz! — Bitte — bitte — lassen Sie die arme Mama nicht vor Sehnsucht sterben! Im blauen Salon ist Ihre Parthie arrangirt! (Maurice durch den Hintergrund ab.) Und Sie, Fräulein Mathilde — hören Sie — der Ball beginnt — und wir haben keinen Ueber- fluß an so reizenden Tänzerinnen. Schnell! Schnell! Sie haben schon wenigstens fünf Takte versäumt. Mathilde (auf Edmond blickend). Aber ohne Tänzer — Edmond (schüchtern zu ihr). Wenn ich es wagen dürste — Mathilde. Ich bitte Sie um's Himmelswillen, haben Sie doch ein wenig mehr Courage! Edmond. Ich fürchte nur, ich könnte zu viel Courage bekommen! Mathilde. Je mehr, desto besser! Courage hat ein Mann nie zuviel. (Mit Edmond ab.) Baronin (indem sie Elisen den Arm bietet). Und wir wollen das hübsche Pärchen bewundern, und ein ganz geheimes Wörtchen mit einander sprechen. (Zu Lord Derby.) Mylord, Ihnen überlasse ich es, ganz nach Geschmack sich zu amüsiren. (Mit Elisen ab, Paul folgt ihnen.) Derby. Ein Vergnügen nach meinem Geschmack? — Mein Geschmack wäre, Bären zu schießen. Achte Scene. Beausäant tritt mit De Laroche von der linken Seite auf. Lord Derby. Gäste im Hintergründe. Später Maubreuil. Beauseant (zu Lord Derby). Erlauben Sie mir gütigst, Mylord, Herrn De Laroche vorzustellen — (zu De Laroche) Lord Derby, von dem wir so eben sprachen, theurer Freund! De Laroche (grüßend). Sehr erfreut! Derby (erwidert den Gruß). Beausäant. Wir sind entschlossen, Mylord, Ihnen für heute Nacht die Vorzüge Ihres Vaterlandes vergessen zu machen. De Laroche. Ich stelle mich Mylord unbedingt zur Verfügung. Derby. Meine Herren, Ihre Artigkeit erinnert mich daran, daß ich in Paris bin. Beausvant. Hat Sie die Frau Baronin schon ihrer Familie vorgestellt? — Derby. Für jetzt nur einem Cousin, Herrn von Maubreuil, glaube ich. Beausäant. A — mein Jugend- 17 freund Georges von Maubreuil! — Der ist nicht nur Cousin der Baronin — etwas mehr noch — ihr erklärter Bräutigam, meine Herren. De Laroche. Ei, was Sie sagen! Das ist ja ganz etwas Neues! Beausvant. Etwas Neues? — Mein Gott, woher kommen Sie denn, daß Sie das noch nicht wissen? Ganz Paris spricht ja schon davon. Ja man spricht sogar schon von Nebenbuhlern, die Maubreuil zu bekämpfen hatte. — Da ist zum Beispiel ein gewisser Advokat, Edmond Roger — na, daß es zwischen dem und der Baronin nicht ganz richtig ist, darauf gebe ich Ihnen mein Wort zum Pfände! Maubreuil (aus dem Hintergründe tretend, für sich). Ich habe sie gesehen! Mein Himmel, sie muß viel gelitten haben in den zwanzig Jahren! Ich wage es nicht, sie anzusprechen. De Laroche (zu Beausvant). Der junge Advokat, der ihr schon den dritten Prozeß gewonnen? — Beausöant. Nun da haben wir's ja! — Sie gibt ihm ihre Liebe als Honorar. Es freut mich von Herzen, daß mein Freund Georges so kräftig hinter's Licht geführt wird. (Indem er sich umdreht, steht er dicht vor Maubreuil). A — da ist er ja, mein braver theurer Georges! De Laroche. Da hätten wir ja den vierten Mann zu einer Wisth- parthie! Maubreuil. Ich danke, mein Herr! — Ich spiele nicht! — (Geht nach dem Hintergründe.) De Laroche. Spielen wir mit dem Strohmann. Beaust-ant. Das ist langweilig. Ich schlage ein Leartv vor. Derby. Auch gut! De Laroche. Ziehn wir, meine Herren! (Sie nähern sich alle Drei dem Spieltische, und ziehen die Karten. Maubreuil bleibt an der Saalthüre, durch welche Wiener Theater-Repertoir XXIX. die Baronin einlritt. — Zu Derbey.) Wir Beide spielen, Mylord! (Sie setzen sich zum Tische und spielen.) Neunte Scene. Vorige. Die Baronin. Maubreuil. Nun, Cousine? Baronin. Nur Geduld! Wir müssen einen günstigen Augenblick ab- warten, in dem ich Sie wie zufällig vorstellen kann. Maubreuil. Vortrefflich! Baronin. Wenn Sie mich später allein mit Elisen sehen, nähern Sie sich uns ebenfalls wie zufällig. — Spielen Sie einstweilen, um sich ein wenig zu zerstreuen. (Ab in den Hintergrund.) Beausöant (für sich, indem er Mau- brcuil's Unruhe beobachtet). Was jUM Teufel mag er nur im Schilde führen? (Laut zu ihm.) Ich wette einen Louis auf De Laroche. Willst Du die Wette halten? Maubreuil (aufgeregt). Ja — ja, es gilt! (Nähert sich dem Spieltisch.) Zehnte Seene. Vorige. Edmond. Paul. Edmond (zu Paul, mit dem er aus dem Hintergründe tritt). Du mußt Dich hier sehr langweilen, mein Paul. Tanzest Du gar nicht? Paul (setzt sich auf der linken Seite). Du tanzest für uns Beide. Edmond (bleibt bei ihm stehen). Und spielst auch nicht? Paul. O ja — ich spiele eine trau- rige Figur auf einem Balle. Edmond. Besonders, da Du hier ganz unbekannt bist. (Setzt sich ebenfalls.) Paul. Wer ist der Herr dort mit der militärischen Haltung am Spieltisch? Edmond. Herr Georges von Mau- 2 18 brems, Einer unserer tapfersten Flotten- Commandanten. Er war lange in Indien, und ist erst vor einigen Tagen aus Afrika angekonunen. Paul. Sein Name wird mit Achtung genannt in der ganzen Armee. Maubreuil (bemerkt Edmond). Der junge Advokat hier? (blickt in den Saal.) Und die Baronin allein mit Frau von Cheneviöreö! — Das ist der bezeichnet Augenblick, mich ihr zu nähern — Gott gebe mir die rechten Worte, um sie zu versöhnen. (Ab in den Saal.) Edmond (zu Paul). Der andere Herr, welcher jetzt den Tisch verläßt, ist Einer seiner ältesten Freunde — der Vicomte von Beauseant — einer der klatschsüchtigsten Schwätzer von Paris. Wenn Du Dich langweilst, sprich mit ihm. — Es ist Niemand im Salon, über den er Dir nicht eine skandalöse Geschichte zu erzählen weiß — und wenn er keine weiß, erfindet er eine. (Man hört Musik.) Ich muß Dich jetzt verlassen — Mathilde erwartet mich. Paul. Thu deine Pflicht, Zephir! Du wirst mich hier wiederfinden. Edmond (ab in den Saal). Eilfte Scene. Vorige, außer Maubreuil und Edmond. De Laroche. Ich habe verloren. Revange, Mylord! Derby. Nach Belieben! Beauseant (zu De Laroche, Paul bezeichnend). Wer ist denn jener junge Einsiedler dort? — De Laroche. Ist mir völlig unbekannt. Beauseant. Ich werde gleich wissen, weß Geistes Kind er ist. (Sich Paul nähernd.) Sie tanzen nicht, mein Herr? Paul Wenn man sitzt, tanzt man nicht. Beauseant. Ist Ihnen vielleicht gefällig zu wetten oder zu spielen? Paul. Ich danke! Beauseant (für sich). Nun, redselig ist er eben nicht. — (Laut.) Sie fliehen den Salon? Paul. Ich kenne Niemanden. Beauseant (seht sich zu ihm). Sie kennen Niemanden? Ich kenne Alle. Wenn Sie einige Mittheilungen wünschen , können Sie sich an Niemanden besser adressiren, als an mich. Paul (für sich). Die Zunge wäre ihm gelöst! Beauseant. Der Herr, welcher dort vorübergeht, ist Herr von Clagny, der seine eigene Köchin geheirathet hat, jene Dame im blauen Kleide, die dort in der Ecke sitzt. Eine Köchin zu heira- then, welch ein Geschmack! Paul. Nun, wenn sie gut kocht, hat er einen guten Geschmack. Beauseant (ihm näher rückend). Der Herr ihr gegenüber ist ein renommirter Schriftsteller, der zweihundert Werke verfaßt hat, von denen aber kein einziger Buchstabe aus seiner Feder ge- , flössen ist. — Er hat seine Leute, arme Teufel, die um das tägliche Brod für ihn dichten, denn er selbst ist nicht im Stande, zwei vernünftige Zeilen zu schreiben. Verstehen Sie? — Ein Rabe, der sich mit Pfauenfedern brüstet. Paul. Es gibt Viele solcher Raben. Beauseant (noch näher rückend, mit leiser Stimme, indem er auf einen Gast deutet, der so eben eintritt und sich zum Spieltisch stellt). Dieses ist Herr von Vernier — ein gefährlicher Mensch, eine wahre Lästerzunge! Einer der unerträglichsten Schwätzer, die sich um Alles kümmern, was sie nichts angeht! Es gibt keinen guten Namen, der ihm heilig wäre, — keinen fleckenlosen Ruf, den er mit seinem Geifer nicht besudelte! — Fragen — horchen — spioniren — sich 19 den Leuten aufdringen — Familienver- hältniffe aufspüren, und sie zum Stadtgespräch machen — scandalöse Geschichten verbreiten, oder sie aus der Luft greifen, und sie für baare Münze aus- geben — das ist die Beschäftigung dieses elenden Menschen! Ha! Puh! Ich kann solche Leute nicht leiden! — Ich kenne nichts Erbärmlicheres, als solch einen zudringlichen Schwätzer! Und Sie? — Paul. Ich auch nicht? Beauseant (mit einem Handschlag). Bravo! Sie sind mein Mann! — Wenn Sie aber wünschen, daß ich Sie Herrn von Vernier vorstellen soll — es ist ein intimer Freund von mir — Paul. Nein — nein, ich danke! — Zhre Bekanntschaft genügt mir vollkommen. — Da Sie so gut unterrichtet sind, könnten Sie mir auch gefälligst sagen, wer jener Herr ist, der dort spielt? Beaussant. Welcher von Beiden? Paul. Der mit den schwarzen Haaren. Beausöant. Schwarze Haare? — Ach — die gehören ja nicht ihm. Er tragt ein falsches Toupet. Paul (lachend). Jetzt kenne ich seine Haare — aber ihn kenne ich noch nicht. Beausöant. Herr De Laroche — einige alte Damen unterstützen ihn. Der Andere ist Lord Derby — ein Millionär. (Halblaut.) Man kennt zwar die Quelle seines Vermögens nicht — spielt sehr stark — hat eine ungeheure Fertigkeit im Kartenmischen — na, Sie verstehen mich wohl? Paul. Ah! (für sich.) Der Mensch ist eine Viper! (Wendet ihm den Rücken.) Beauseant (indem er sich dem Spieltisch nähert, für sich). Der junge Mann ist dumm wie die Nacht. Es ist Schade, wenn ich mir Mühe gebe mit ihm. (Zu De Laroche.) Was ist denn aus Maubreuil geworden? De Laroche. Vielleicht hat er alte Bekannte getroffen. Beauseant. Oder alte Opfer — denn unser Freund hat zu seiner Zeit hier Außerordentliches geleistet. De Laroche. Mich wundert nur, daß er mit diesem Glück bei den Damen Paris so früh verlassen konnte. Beaus«ant. O — das ist eine interessante Geschichte, die ich Ihnen in zwei Worten erzählen werde. Herr von Maubreuil war der Geliebte einer jungen Dame hier aus sehr gutem Hause. Aber seine Familie wollte von der Liaison nichts wissen, gab den jungen Maubreuil auf ein Schiff, das nach Griechenland segelte — und von dort kam er auf eine indische Station, nach Afrika, wo er durch seine Bravour sehr schnell avancirte, und noch schneller Paris und seine Geliebte vergaß. Paul (aufstehend, für sich). Eine unermüdete Plaudertasche! Derby (zu De Laroche). Sie haben gewonnen! Beausvant. Bis jetzt hatte die Geschichte wenig Interesse — aber das Pikante derselben folgt erst in der Fortsetzung. — Man fand es für gerathen, die verlassene Ariadne zwei Monate nach der Flucht ihres Theseus über Hals und Kopf zu verheirathen — und gab ihr einen guten Edelmann aus der Provinz, welcher sich in Paris nieder- ließ, und die Güte hatte, zwei Monate herauszustreichen aus dem Kalenderder schönen Ariadne. Derby. t Hahahaha, das ist De Laroche, j komisch. Beausöant (indem er nach dem Hintergründe geht). Und da ich schon so schön im Zuge bin, will ich auch die Damen des Salons die Revue passiven lassen. Paul (welcher auch zum Spieltisch trat, für sich, indem er sich wieder nieder- 2 * 20 läßt). Der Himmel sei den armen Tänzerinnen gnädig! Beausvant (an der Saalthüre). Hahahaha! Seh' ich denn recht? — A — das ist ein höchst merkwürdiges Zusammentreffen. Derby. Nun? — Beauseant. Unser Freund Mau- breuil bei seiner verlassenen Ariadne, von der ich eben sprach. — Der Satan will den zerrissenen Faden wieder zusammenknüpfen. De Laroche. Sie irren, Beauseant! Beauseant. O, ich kenne sie ganz genau. — Maubreuil hat mir sie damals selbst gezeigt. Derby. Wie, diese schöne Dame mit so edlem Anstand — Bcausöant. Ist die bewußte Ariadne. Paul (geht ebenfalls zur Saalthüre). Und wer ist denn diese unglückliche Dame, auf die das Gift der Klapperschlange sprudelt? Beausvant. Wer sie ist? — Keine verlassene Ariadne mehr — (geheimniß- voll) heute heißt sie Frau von Chene- vivreS! Paul (mit furchtbarer Stimme, indem er sich in äußerster Wuth auf Beausvant stürzt). Elender Wurm! Beauseant (schreiend, indem er sich hinter Derby und De Laroche flüchtet). Aber mein Herr — ich bitte Sie — was wollen Sie von mir? (Mehre Gäste treten aus dem Saal und zwischen die Streitenden.) Paul (von den Gästen zurückgehalten). Du hast gelogen, Schurke! De Laroche. Mein Herr — bedenken Sie — Paul (der sich loszureißen sucht). Laßt mich! Laßt mich — daß ich diesem elenden Verleumder die Lästerzunge aus dem Halse reiße. Beausöant (aus der Entfernung). Lassen Sie ihn nicht los! Halten Sie ihn zurück, meine Herren! Paul. Erbärmlicher Feigling, Du sollst — (erblickt Maubreuil, welcher so eben eintritt). Ha! Herr von Maubreuil! Gott sei gelobt! Das ist wenigstens ein Mann, der keine Antwort schuldig bleiben darf! Zwölfte Scene. Vorige. Maubreuil. Paul (der Sprache kaum mächtig, und in abgebrochenen Sätzen zu Maubreuil). Mein Herr — dieser elende Feigling — (auf Beauseant deutend) hat bei einer verabscheuungswürdigen Verleumdung — Ihren Namen mißbraucht! — Ich fordere Sie auf — diesen Menschen Lügen zu strafen — ihn hier vor Zeugen als erbärmlichen ehrlosen Schur- ken zu erklären — ich verlange, mein Herr — Maubreuil (mit Autorität). Vor Allem, mein Herr — wenn Sie bei mir gegen irgend Jemanden Beschwerde führen wollen — belieben Sie Ihre Worte bescheidener zu stellen, denn ich bin gewohnt, Befehle zu ertheilen, doch nicht solche zu empfangen. Paul (in gesteigerter Wuth). Sagen Sie, daß dieser Mensch gelogen — sagen Sie es — oder bei meiner Ehre — Maubreuil (verächtlich lächelnd). Sie drohen mir, junger Herr? — In welcher Schule haben Sie solche Sitte gelernt ? Paul (will Maubreuil das Ordensband abreißen. Maubreuil erfaßt seine Hand). In der Schule, wo man so den Protektor eines Schurken bestraft, der dieß heilige Zeichen entehrt! — Maubreuil. Unglücklicher! Paul. Werden Sie mir jetzt Antwort geben, mein Herr? Maubreuil. Mit Deinem Blute! Ihr Leben muß ich haben! (Die Anwesenden treten dazwischen. Zu gleicher Zeit eilen Elise und die Baronin erschrocken herbei, Elise, welche Maubreuil's 21 letzte Worte gehört und dessen drobende Bewegung gegen Paul gesehen, stürzt mit einem Schrei des Schreckens einigen Damen ohnmächtig in die Arme). Dreizehnte Seene. Die Vorigen. Elise. Die Baronin. Elise (indem sie in die Arme einiger Damen sinkt). Mein Sohn! Mein Sohn ! Baronin. Was geht hier vor? — (zu Elisen eilend). Barmherziger Gott! Zu Hülfe! Maubreuil (für sich). Er — Elisens Sohn? Paul (leise und mit dringender Bitte zu Maubreuil). Schweigen Sie vor meiner Mutter, — Wir haben uns beim Spiele entzweit. Maubreuil (macht eine zustimmende Bewegung). Paul (eilt zu Elisen). Vierzehnte Seene. Vorige. Maurice. Mathilde. Edmond. Maurice. Meine Gattin »hm mächtig? Mathilde (mit einem Ausruf der Angst sich auf Elise werfend). Mutter! Meine arme, innigstgeliebte Mutter! (Eine Gruppe Damen ist um Elise beschäftigt. Edmond geht zu De Laroche und spricht leise mit ihm. Dieser antwortet ebenso). Maurice (km Kreise blickend). Was ist denn geschehen? — (zu Maubreuil). Vielleicht können Sie mir eine Ausgeben, mein Herr? — Maubreuil (mit Würde). Ein unglückseliger Zufall ließ Frau von Che- neviereö in dem Augenblicke hier erscheinen, als ich von Ihrem Sohne eine tödtliche Beleidigung empfing. Paul. Ein Wort beim Spiel, mein Vater — Maurice. Beim Spiel? — (lächelnd). Du kennst keine Karte, Paul, (zu Maubreuil). Mit wem habe ich die Ehre, mein Herr? Maubreuil. Flotten-Comman- dant Georges von Maubreuil. Maurice (in seinen Erinnerungen suchend). Georges von Maubreuil!? (Wie plötzlich erleuchtet). GeorgeS! (bei Seite). Ha! Ich verstehe! — Paul (sich Maubreuil nähernd, leise). Und jetzt — Ihren Tag — Ihre Stunde?! Maubreuil (ebenso). Morgen früh 7 Uhr! Paul. Gut! — Ein Zeuge wird genügen! — Maubreuil. Ich bin es zufrieden. Paul. Um 7 Uhr? Maubreuil. Um 7 Uhr! (Der Vorhang fällt.) Dritter Act. (Dieselbe Decoration wie im ersten Acte. Bei Elisen. Nach dem Balle). Geste Seene. Elise. Mathilde. Paul. E d- M 0 N d. (Elise liegt auf dem Sofa links, Paul hält ein Flacon, und läßt seine Mutter den Geruch einathmen. Mathilde steht bei Edmond gegen die Mitte der Bühne). Mathilde. Herr Edmond, wenn Sie mich wirklich so innig lieben, wie Sie sagen- Edmond (leidenschaftlich). O Mathilde! — Mathilde. So wenden Sie Alles an, dieses Duell zu verhindern, und das Leben meines Bruders zu erhalten. Edmond. Mein Fräulein — ich werde Alles thun, um einen bösen Ausgang zu verhindern — Mathilde. So eilen Sie, ehe es zu spät wird! (geht zu ihrer Mutter; 22 Edmond nach dem Hintergründe; Paul geht zu ihm, drückt ihm die Hand, und geht dann wieder zur Mutter. Edmond ab). Zweite Seene. Elise. Mathilde. Paul. Paul (zu Elisen). Fühlst Du Dich besser, theuerste Mutter? — Elise. Wie könnte ich es mit dieser martervollen Furcht in meiner Brust? — Paul. Die Sache wird sich aus- gleichen, und keine Folgen haben — Edmond wird bei Anbruch des Tages zu Herrn von Maubreuil gehen — Mathilde (bei Seite). Er sagte mir also die Wahrheit! — Paul. Und von all dem Lärmen wird kaum die Erinnerung an einen Mißgriff übrig bleiben. Elise. Deine Augen — Deine Blicke widersprechen Deinen Worten — wenn ich Dir glauben soll, so sage mir wenigstens die Ursache — den Grund des Streites! Paul. Eine Kleinigkeit — einige Worte, welche in der Hitze des Spiels entwischten, hatten meine Empfindlichkeit verwundet — ich erwiederte zornig — und als dann- Elise. Das ist nicht wahr — Paul. Doch, Mutter — Elise. Ich kann Dir nickt glauben. Mathilde. Gewiß ist eö so, liebe Mama — da seine Worte mit denen des Herrn Roger übereinstimmen, welcher uns gewiß nicht täuschen würde! (bei Seite). Zudem habe ich sein Versprechen! — Elise. Also ein Streit im Spiel? — Paul. Ein Zank, der durch Wortwechsel immer heftiger wurde, das ist Alles, ich wiederhole Dir, liebe Mutter; zwei Worte werden die Sache aus- gleichen. — Man wird sich von beiden Seiten eingestehen, zu heftig gewesen zu sein — und Alles ist gesagt! Edmond hat eS übernommen. — Elise. Gewiß wahr? — Paul. Wenn ich es sage — Elise (voll Sanftmuth). Du glaubst vielleicht, ich wollte Dich hindern, Dich zu schlagen, Dich zurückhalten — Dir Vorwürfe machen— Dich beunruhigen. Nichts von allem Dem, mein theurer Paul — ich weiß, was die Ehre von Euch Männern fordert. — Wenn Du einer Gefahr ausgesetzt sein solltest, — werde ich stark sein — ich werde Dir nichts sagen — Dich ganz ruhig fortgehen lassen — aber ich muß die Wahrheit wissen, ich werde dann die ganze Nacht hier bleiben, um zum Himmel für Dich zu beten, und die Gebete einer Mutter — Ach! Ihr Soldaten glaubt vielleicht nicht an solche Dinge — Ihr behandelt sie so leichtsinnig in Euerer Garnison — aber wir armen Frauen — wir Mütter — sind überzeugt— das Gebet einer Mutter bringt immer Glück! — Du siehst also wohl, daß Du mir Alles sagen kannst, — Du siehst wohl, daß die Gebete der Mütter immer Gnade vor Gott finden, daß Du mir Alles sagen mußt —da- mitich auch fürDich beten kann! — Paul. Ich habe Dir Alles gesagt, theuerste Mutter — Elise (flehend). So gewähre mir eine Bitte. O! schwöre mir, daß dieser Streit keine Folgen haben wird — schwöre es mir, und meine Sorgen werden ein Ende haben! Schwöre, Paul — ich flehe Dich an — P a u l. Ich sprach die Wahrheit, Mutter — Elise (schmerzlich). Aber Du willst sie mir nicht beschwören! — Paul (bei Seite). Zch muß — UM meine Mutter zu beruhigen! — (laut, mit raschem Entschlüsse). Ich schwöre es Dir! — Elise (mit Entzücken). Oh! mein theurer Paul — wie bin ich glücklich! 23 Du List mir wiedergegeben — in dem Augenblick, wo ich Dich zu verlieren fürchtete! — Dank Dir, mein Gott — dank Dir, Du hast mir einen guten Gedanken eingegeben! — Du wirst morgen nicht ausgehen, nicht wahr? -Du bleibst jetzt gleich bei mir — hier sollst Du schlafen — ich werde Dich im Schlafe beobachten- Paul. Ich muß zu Herrn von Mau- breuil! — Elise (furchtsam). Aber Mathilde, Du sagtest mir — Mathilde. Ja — liebe Mutter — ich — P a u l. Edmond wird schon früher zu ihm gehen — wird die Sache erklären , mildern — die Versöhnung Vorschlägen — aber ich muß deßhalb doch selbst zu Herrn von Maubreuil gehen um ihm meine Entschuldigungen darzubringen, und die seinigen zu empfangen. — Elise (mit Angst und Ergebung). Ganz recht! — Du siehst, ich begreife Alles sehr wohl — ich bin ganz ruhig. Paul. Deßhalb kann ich auch nicht hier bleiben, — siehst Du, hier würde ich nicht schlafen — ich fühle Deine Nähe — würde mit Dir sprechen wollen— und ichhabeRuhe nöthig —lasse mich in mein Zimmer gehen — gute Mutter? — Elise. Du willst es? Nun — gute Nacht, Paul! — Paul. Gute Nacht, Mutter — gute Nacht, Mathilde! — (Umarmt seine Schwester, dann seine Mutter). Elise. Gute Nacht — mein Sohn!— Paul. Leb' wohl! — Elise (erschrickt). Lebe wohl? — Paul (sie beruhigend). Nein doch — aufWiedersehen — morgen Früh! — Elise. Auf morgen früh, Paul — Du kommst, mich zu umarmen, bevor Du fortgehst — Paul. Ja — Mama! — Elise. Du versprichst eS mir? — Paul. Ich verspreche es Dir — Schlaf' wohl — Mutter — Schlafe ruhig — ich werde mich nicht schlagen! — (Elise und Mathilde links ab. Elise geht zuletzt ab, und läßt vor der Lhür den Vorhang fallen). Dritte Seene. Paul allein, dann Maurice. Paul (aufathmend). Welch' fürchterliche Folter— welch' entsetzliche Qualen — dieser Kamps war schrecklicher, als der mich erwartet. Arme Mutter — es war die erste Lüge, mit der ich Dich betrog — diese Lüge nehme ich vielleicht mit in's Grab. Du l ast den Sohn verloren, ob er siegt oder fällt.— Denn wenn ich auch das Duell glücklich bestehe — werde ich vor's Kriegsgericht gestellt — erschossen — das ist sicher! — Oh! Gleichviel! Wenn nur meine Mutter gerächt ist!! — Ich habe meinen Vater nicht gesehen — er vermeidet mich — glaube ich — deßhalb verehre und liebe ich ihn noch weit mehr. Sein Herz würde ihn gewiß auch gedrängt haben, mich zurückzuhalten — Doch er weiß, die Ehre fordert,' daß ich handle! — Doch — hätte ich ihm gerne die Hand gedrückt! — Wenn er mich flieht, so thut er es gewiß, weil er begreift, daß sein Sohn nicht zurückbeben darf — Dank, mein Vater — Dank — Du wirst mich nicht verdammen! (Wendet sich und steht Maurice gegenüber, welcher von rechts cintrat). Ha! da ist er! — Maurice (kalt). In welcher Stunde wirst Du Dich mit Herrn von Maubreuil schlagen? — Paul (erstaunt). Um sieben Uhr, mein Vater! — Maurice (kalt). Gut! (geht langsam durch das Zimmer durch die Mitte ab). 24 Vierte Scene. Paul. Elise. Paul (für sich). Weßhalb diese Frage? Er hält mich nicht zurück — er ist ein Mann und weiß, daß die Ehre dieß Duell fordert! — Aber — er drückte mir die Hand nicht?! Oh! Mein Herz ist erkaltet — er hat mir nicht Lebewohl gesagt — oder auf Wiedersehen, wie meine Mutter! — (Indem er dieß sagt, wendet er das Auge gegen das Zimmer seiner Mutter, und sieht Elisen, welche herauslritt, blaß, stimmlos, wankend, sich an der Mauer haltend). Mutter — Oh! mein Gott! was fehlt Dir? — Elise (lallend). Du hast mich belogen! — Paul. Gott r E l i s e. Du sagtest mir, daß Du Dich nicht schlagen würdest — es war eine Lüge! — Du sagtest mir, daß es sich nur um einen Streit beim Spiel handelte — Lügen — nichts als Lügen! — Paul. Aber Mutter- Elise. Herr von Maubreuil spielte nicht, als dieser Auftritt vorfiel, er hatte mich kaum verlassen. — Aus Mitleid sage mir die Wahrheit — denn die Wahrheit allein kann mir dieMittel biethen, ein Verbrechen zu verhüthen! — Paul. Ein Verbrechen? — Elise. Ist cs für eine Mutter nicht ein Verbrechen, sich ihren Sohn lobten zu lassen?! Und jener Mann wird Dich tödten — mein Sohn — er wird Dich tödten — ich ahne es! — Paul. Aber — Elise. Zch war dort — hinter dem Vorhang — ich habe Alles gehört! — (Paul senkt den Kopf). Du glaubst, daß ich schlafen könnte? (Sie umarmt ihn). Sprich die Wahrheit, hörst Du — ich muß sie ganz wissen! — Sage mir sie — in ihrer ganzen Abscheulichkeit — denn ich werde Dir sonst nicht mehr glauben. — Komm, Paul — rede! — Kaum hatte Maubreuil den Fuß in den ersten Salon gesetzt, als der Lärm des Streites bis zu uns drang. Eine Ahnung zog mich hin! — Sage mir nicht, daß mein Name diesem Streite fremd sei — denn ich werde Dir nicht glauben — ich wiederhole es Dir — Sage mir nicht, daß meine Angst und mein Schrecken mich irre führen! — Du schweigst: — Du willst Deiner Mutter nicht antworten, mein Sohn? — So will ich Dir helfen, mir Alles zu erzählen! — Herr von Maubreuil sagte wohl — ohne Zweifel — etwas sehr Entehrendes — Schreckliches — aber Du hast es nicht geglaubt, Paul, nicht wahr? — Wiederhole mir doch, was er sagte, Unglücklicher! — Paul. Da Sie es wollen, Mutter — weil es sein muß — Sie sollen Alles erfahren! — Ein Feigling — ein Elender hat Sie beschimpft — ja — das ist wahr — und doch muß ich mich anklagen, denn auch ich bin schuldig ! — Da diese Worte von einem Manne ohne Geltung nnd Werth ausgesprochen worden sind, würde Herr von Maubreuil ohne allem Zweifel diesen Elenden gewiß selbst Lügen ge- ^ straft haben; — wenn meine Wuth, > meine Heftigkeit es ihm nicht unmög- t lich gemacht hätten, ohne als Schwächling zu erscheinen, den Widerruf zu zu leisten, den ich von ihm forderte! — Elise. Wie? Du machtest Herrn von Maubreuil in Deiner Heftigkeit für Worte verantwortlich, welche ein Anderer gesagt?! und jetzt, weit davon entfernt, die Handlung des aufbrausenden Zornes zu widerrufen, denkst Du Dich heute Morgen um 7 Uhr zu schlagen?! — Paul. Was läßt Dich glauben — Elise (deutet nach dem Vorhang). Ich war dort — sagte ich Dir — ich weiß Alles! — Paul. Du kannst Deinem Sohne 23 keinen Vorwurf machen, daß er sein Heiligstes vertheidigte — die Ehre seiner Mutter! Elise. Du hast es nicht gethan, mein Sohn,dennDeineHeftigkeit hat aus einer Beleidigung, die man ersticken konnte — einen schallenden Eclat gemacht! — Paul. Solche Beleidigung ersticken?.' dieß würde mich ja zum Mitschuldigen der Elenden gemacht haben, welche Dich beschimpften. — Diesen Schlmpfrnhig hinzunehmen?! Dieß hieße an Dir zweifeln, Mutter! Wann würde ich denn das Recht haben, eine Niederträchtigkeit zu strafen, oder eine Unverschämtheit zu züchtigen, wenn ich das Heiligthum eines jeden Sohnes, den unbefleckten Ruf seiner Mutter, nicht verteidigen wollte?!—Und Du solltest ungerächt vor mir beschimpft werden — Du, ein Engel — eine Gattin ohne Makel — eine anbetungswürdige Mutter! Elise (zerknirscht vor Schande). Oh! mein Gott! — Paul. Du— endlich, welche von Allen Achtung und Ehrfurcht fordern kannst! — Elise. Genug, mein Sohn —genug! — Paul (exaltirt). Ich sah Dich verhöhnt durch eine abscheuliche Lüge, und Du forderst, daß ich, Dein Sohn, ich, dessen Ehre von der Deinigen unzertrennbar ist — Elise (mit Herzensangst). Schweige, Paul, schweige — Paul. Du kannst von mir fordern, daß ich kalt und ohne Zorn Deinen Beleidigern gegenüber bleiben sollte? — Nein! — Oh! nein —Fluch Jedem, der Deine Ehre antastct — und Herr von Maubreuil wird seine Lüge theuer büßen — denn der andere Elende wiederholte gewiß nur, was er von Maubreuil selbst hörte. — Dessen bin ich sicher. — Elise. Aber dieses Duell - dieser Kampf ist unmöglich — er ist gottlos! — Dieses Duell erschreckt mich — sage ich Dir — Du kannst Dich mit diesem Manne nicht schlagen. Paul. Warum nicht? Ich habe wie er Muth und meinen Degen, und er hat nicht mein gutes Recht- Elise. Dein gutes Recht, Unglücklicher! — Du bist also ohne Erbarmen ! — Sieh mich an, Paul, betrachte mich — der Tod muß auf meinen Gesichtszügen ausgedrückt stehen — mein Schrecken ist eine Vorahnung — Du wirst nicht zu diesem Kampfe gehen, Paul — so lange ich lebe, und die letzte Kraft will ich anwenden, Dich zurückzuhalten! — Paul. Aber Du forderst meine und Deine Schande -— Ach ! Weßhalb kam ich in's Haus zurück! Laß mich — leb' wohl! — Elise (sich an ihn hängend). Nein — Paul. Laß mich, sage ich Dir! — Elise. Paul — ich verbiethe Dir, fort zu gehen! Paul. Mutter, zum ersten Mal in meinem Leben muß ich Dir ungehorsam sein! — Elise (auf den Knien). Nein — nein — ich befehle nicht mehr — sieh — ich flehe — ich beschwöre Dich auf meinen Knien — Paul. Nein — nein — Elise (mit schwacher Stimme). Aus Mitleid! - Paul (sich loßreißend). Aus Liebe für mein Leben willst Du mich ehrlos machen? — Elise (zusammensinkcnd). Paul — Du tödtest mich — (wird ohnmächtig). Paul (welcher schon abgehen wollte, kehrt um). Mutter! (Nimmt ihren Kopf kn stine Hände). Ha! welche Pein! — Nun schnell fort, denn wenn ihre Be- sinnung wiederkehrt, würde sie auf's Neue in mich einstürmen! — Wie soll ich sie aber jetzt verlassen — ha — Mathildes — (eilt zu seiner Schwester). 26 Fünfte Scene. Elise. Paul. Mathilde. Mathi ld e (ihre Mutter ohnmächtig sehend). Oh! mein Gott ! — (eilt hin). Paul. Jetzt kann ich ohne Gewissensbisse forteilen, — leb' wohl, Schwester! — Mathilde. Paul, so verläßt Du uns? — Paul. Oh! kein Wort weiter! — fühlst Du denn nicht, daß ich meines ganzen Muthes bedarf? — (sie umarmen sich). Leb' wohl —Deine Pflicht ruft Dich zu unserer Mutter — ich gehe die Meint ge zu erfüllen (durch die Mitte ab). Sechste Seene. Elise. Mathilde. Mathilde. Er hintergeht uns, — aber Edmond wird ihn wider seinen Willen vertheidigen! — E l i s e (zu sich selbst kommend, sehr sanft). Paul ist fort? Grausames Kind! — (sich erregend). Ach! er wird mir ihn tödten — er, mein Henker — sein V-—, Mathilde! Du warst hier? — Du hast nicht gehört, nicht wahr, was ich so eben aussprach?! — Mathilde. Mutter- Elise. So sage mir doch, daß Du es nicht gehört hast — nein — nicht wahr? — Mathilde (erstaunt). Nein, Mutter! — Elise. Gut — denn ich würde mich sonst tödten — (bei Seile, kalt.) denn lieber todt — als von meiner Tochter verachtet — Aber Paul — fort — Oh! mein Gott! — Mathilde. Beten wir, liebe Mutter! (kniet in die Nahe des Sophas). Elise. Ach — ja — ein guter Gedanke, den Dir der Himmel schickte — ja, Mathilde, beten wir! — (faltet ihre Hände, in Verwirrung). Mein Gott! Erhalte mir meinen Sohn — mein Gott! — ich flehe Dich an um meinen Sohn, — Mein Gott! — mein Sohn! — (vcrzweiflungsvoll). Ich finde keine anderes Wort — als — mein Sohn — ich kann selbst nicht beten! — Beten! — Beten? — Wenn ich ihn retten kann! — (bei Seite). Denn ich kenne ein Mittel — ich muß zu Maubreuil gehen — ihmAlles sagen! Mathild. Oh! theuerste Mutter — Elise. Laß mich allein, und Paul soll gerettet werden. — Mathilde. Wie?! Elise- Ich will allein sein — um ihn zu retten — Gehe — Verlasse mich — Du siehst, ich bin ganz ruhig — nur für wenige Minuten lasse mich allein! — lführt sie bei der Hand bis zur Lhüre links. Bei der Thüre umarmt sie sie nochmals — Mathilde ab, Elise macht eine freudige Bewegung, verschließt die Lhür, und schiebt den Riegel vor). Siebente Seene. Elise (freudig). Frei! Endlich frei! — (Nimmt von einem Möbel ihren Shwal und Hut, sich nur unordentlich damit im Sprechen bekleidend). Mein Sohn ist gerettet! — Ich gehe, Maubreuil aufzusuchen, — er hat mein Leben unglücklich gemacht — mir mein ganzes Glück geraubt — und mir für den Rest meiner Tage, nur Gewissensbisse und Schmach zurückgelassen. — Ich werde diesem Manne sagen, daß er nicht das Recht hat, mich meines Sohnes zu berauben, daß er mir eine Vergeltung für all' das Böse schulde, welches er mir zufügte, — kurz, ich werde ihm sagen: — Du darfst meinen Sohn nicht tödten — es wäre ein Verbrechen, welches zum Himmel schreit. — Schnell fort! (Geht schnell gegen die Mittclthül, welche sich langsam öffnet; 27 Maurice erscheint; Elise weicht zurück — einen Schrei ausstoßend). Ha! Achte Seene. Maurice. Elise. Maurice (kalt). Wohin gehst Du? — Du antwortest mir nicht?— Weß- halb dieser Schrei — und jetzt dieses Schweigen? — (Pause). Du willst mir also nicht antworten, wohin Du gehst? es ist auch unnütz, da ich es ohnedem weiß! — Elise (zitternd). Wie? Maurice — Maurice. Du willst zu jenem Manne gehen, dem Dein Herz zuerst angehörte; Du willst ihm gestehen, daß ich nicht der Vater Deines Sohnes bin! — Elise (schaudernd). Ha! — Du wußtest — Maurice. Deine Schande und meine Schmach. — Läugne also nicht, daß Du auf dem Wege zu Maubreuil bist! — Welches andere Mittel hättest Du auch, dieses Duell zu verhindern? — Ein schreckliches Duell in der Lhat — ein Sohn gegen seinen Vater! — Elise. Er wußte Alles! — Ach Verstoße mich — tödte mich — ich will Alles erdulden — ich habe es ja verdient — aber vorher laß mich diesen Kampf verhüthen— halte mich nicht auf — im Namen des Himmels — Mitleid — Maurice — Mitleid für meinen Sohn — denn e r ist ja unschuldig. — Bei Allem, was Dir heilig ist, laß mich ein Verbrechen verhüthen — dann magst Du mich tödten — doch jetzt — jetzt — laß mich— Maurice. Du wirst nicht über diese Schwelle gehen. — Dich tobten, sagst Du? — ha! habe ich Dich getödtet, als ich vor 17 Zähren, in einem Augenblick, mein ganzes Lebensglück durch Dich Zusammenstürzen sah? — Elise. Vor 17 Jahren? — Maurice. Za, vor 17 Jahren! — Du leidest? — Ha! habe ich nicht gelitten? —Ich werde Dir sagen, was ich erduldet hatte — wir wägen unsere Leiden gegen einander ab, — und werden dann sehen, wessen Wagschale tiefer sinkt vom Uebermaaß der Leiden! — Beweise mir, ob ich seit der Zeit, wo Du mein Dasein durch einen Schlag zerbrochen — vernichtet hast —Dir auch nur eine Thräne einen Kummer verursachte, dann solltest Du frei sein. — Aber da ich Dir trotz der Wuth, die mich verzehrte — das ruhigste — das heiterste Leben bereitete — kurz, da Du keinen Vorwurf an mich zu richten hast, — wirst Du hier bleiben — das erkläre ich Dir fest und bestimmt! — Elise (zu seinen Füßen). Gnade — Maurice — mein Sohn! — Maurice. Setze Dich — ich will, daß Du mich anhörst. — (sie setzt sich). Seit 4 Jahren war ich Dein Gatte; 2 Kinder verschönerten unfern Bund, und wir waren sehr glücklich. Nur Deine Schwermuth, Dein Hang zur Einsamkeit trübte zuweilen den Himmel meines Glückes. Vergebens suchte ich Dich in die Welt einzuführen — Du fühltest Dich nirgends heimisch als bei DeinenKindern.—-Ach! Ich würde alles von der Welt hingegeben haben, um Deine Schwermuth zu verbannen. Aber da kam jene verhängnißvolle Nacht — es war die Nacht des 28. JännerS — Elise (hält ihr Schnupftuch vor die Lugen). Des 28. Jänners — Maurice. Du brachtest sie am Todtenbette Deiner Mutter zu, und ich nahm Deine Stelle bei unfern Kindern ein. — Plötzlich — drangen Seufzer — heftiges Schluchzen bis zu mir, und da ich glaubte, Gott wolle die Sterbende zu sich nehmen, eilte ich hin, um Deine Thränen zu trock- 28 nen — Aber als ich in's Zimmer treten wollte, hörte ich die Stimme Deiner Mutter und ihre Worte hielten mich auf der Schwelle gefesselt. Sie sprach : — Elise. Großer Gott! Ma u r ice. „Verzeihemir, meine Tochter/' sagte sie zu Dir, „verzeihe mir, daß ich Deine Jugend nicht besser bewachte! — Verzeihe mir, daß ich Deine Liebe zu Georges gebilligt habe — verzeihe mir, daß ich Dich zwang, den rechtschaffenen Maurice zu hintergehen! Gott selbst gab Dir das Beispiel der Gnade—der Vergebung; denn Du stehst, Gott selbst hat uns verziehen, da Dein Gatte Paul so liebt, als ob er sein Sohn wäre?*— Elise. Ach! - Maurice. Dieß hörte ich Deine Mutter mit sterbender Stimme sagen! — dieß vernahm ich in der Nacht des 28. Jänners! — Also dieser Knabe, den ich so sehr liebte, — auf den ich so stolz war — der mich so glücklich machte—er stahl mir meine Zärtlichkeit — meine Liebe! — Er hatte an Beides kein Recht! — Und an dem Tag, den ich so ungeduldig, so sehnsüchtig erwartete, wo ich in meiner Treuherzigkeit dem Himmel dankte, die Frist verkürzt zu haben — an dem Tag, wo ich mich nach 7 monatlicher Ehe Vater glaubte — und oh! ich erinnere mich noch sehr gut — heiße Thränen weinte, als man mir das kleine Wesen brachte — wurde ich schändlich betrogen?!! — All das Glück, welches ich empfand — wer hat es verursacht? — Alle Freuden- thränen, die ich vergossen — warum habe ich sie geweint? Wegen der Geburt eines Kindes, welches doch nur ein Fremdling in meinem Hause ist? — (Weinend). Ach! warum blieb dieß unselige Geheimniß nicht für ewig undurchdringlich für mich! — Wir waren so glücklich! — ich liebte Dich so sehr — Elise! —und ein Wort genügte, um daS ganze Gebäude unseres Glückes zu zertrümmern! — ha! welch' ein Augenblick! — (mit Wuth). Begreifst Du die Verzweiflung — die Wuth, welche sich meiner bemächtigte? Begreifst Du, daß wenn ich Dich für Dein Vergehen tödten mußte — damals der Augenblick war — und doch — doch — habe ich es nicht gethan — habe nichts gesagt — ich gewann es über mich, zu heucheln, als ob ich keine Ahnung von alledem hätte; — ich wußte zu schweigen! — Elise. Ach! Du handelst edel, großmüthig — der Himmel segneDich, Maurice, für so viele Güte! Dank — Dir, Dank. — Maurice. Du dankst mir, Unglückselige? — Aber glaubst Du denn, eö geschah Deinethalben, daß ich schwieg? — Nein! — Oh! Gott ist mein Zeuge! — Toll — wahnsinnig — wollte ich mich — trotz Deiner sterbenden Mutter, trotz Deinem Schmerz als Tochter — auf eine schreckliche Weise augenblicklich rächen, als nie- dergeschmettert, gebrochen, so vielen Schmerzen erliegend — meine Blicke, die wild umher irrten — auf die Wiege unserer Tochter fielen, unserer kleinen Mathilde — welche ich wohl mit Recht meine Tochter nennen durfte! — Sie schlief ruhig, lächelnd, die Stürme nicht kennend, welche ihre Wiege umtoben sollten — denn wenn ich mich an Dir rächte, beraubte ich mein Kind der mütterlichen Sorgfalt, stahl ihrer Jugend die Liebe der Mutter, welche keine andere Liebe je zu ersetzen vermag. — Mich an Dir rächen — hieß mein Kind ebenfalls mit Schmach treffen; — deßhalb zähmte ich meine Wuth, meine Rache! — Tags darauf trat ich eine lange Reise an, und hatte die nöthige Selbstbeherrschung gewonnen, als ich ^ wiederkehrte. Jetzt wirst Du begreifen, I weßhalb ich seit siebzehn Jahren Dei- 29 nen Sohn von mir entfernt hielt — der, wie ich selbst gestehen muß, alle Liebe verdient — aber dessen Anblick für mich eine Marter — eine Qual war! — Tausendmal war ich nahe daran, mich von meinem Zorne Hinreißen zu lassen — aber ich dachte an meine Tochter, an ihre gestörte Ruhe, an ihre vernichtete Zukunft — ich fühlte mich alsdann stark, meine Leiden zu tragen, und bewahrte das Schweigen. — Die Welt hielt uns für glücklich — dieß war nothwendig für das künftige Glück Mathildens! — Eine Hoffnung aber erhielt meinen Muth und meine Kraft stets aufrecht; — es war die Hoffnung, eines Tages den Namen Deines Mitschuldigen zu entdecken, um alsdann eine großartige Rache an ihm nehmen zu können, die gleich groß, wie mein Haß, wie meine Geduld sein sollte — und ich wartete! — Dieser Tag — Gott sei Dank! — endlich ist er angebrochen — und schöner als ich ihn erträumte. Meine Feinde ringen miteinander, und sie selbst kämpfen, daß ich von ihnen befreit werde! — das Schicksal hat meine Rache übernommen — und ich sollte Dir erlauben, sie zu vernichten? — Nein — nein — nein — hoffe es nicht! — Elise (auf den Knieen). Nein, Maurice, so wirst Du Dich nicht rächen — es ist unmöglich! — Bedenke doch — Es wäre unmenschlich! — Du weigerst Dich, mich zu tödten? — Aber siehst Du denn nicht, daß Du mich nach und nach langsamer — martervoller — einen tausendfachen Tod erdulden läßt!? — Ach, lass' mich! — lass' mich! — doch — ich besinne mich, Du sagtest so eben, wir wollen unsere Leiden gegen einander abwägen. — Nun wohl — Maurice — nicht mit dem heutigen Unglücke erst begann mein Unglück — mein Leiden — die Last der Schuld drückte mich vom Anfang an zu Boden! — Oh! Du wirst mir vergeben, wenn Du erfährst — daß er mich s o sehr zu lieben schien, daß er mir und meinen Eltern die bündigsten Versprechungen machte — sie uns mit den heiligsten Eiden beschwor. — Ach! Maurice! ein Engel würde ihm geglaubt haben — ein Engel wäre gefallen! — Maurice. Unglückliches Weib! — Glaubst Du, daß ich Dir dieß Vergehen zum Vorwurf mache? — Dein Vergehen gegen mich ist, daß Du Dich in meine Ehre hülltest, um Deine Schmach zu decken. — Warum entdecktest Du mir nicht Alles? Elise. Dir Alles entdecken? — Maurice, ich schwöre Dir bei Gott! dieß war mein fester Vorsatz, als Du um meine Hand warbst. Aber eine weinende Mutter wand sich zu meinen Füßen. — Ach! Mutter! Mutter! weßhalb hast Du mich durch deine Thränen, durch dein heißes Bitten bezwungen? — warum flehtest Du auf den Knien vor mir — ja Maurice — meine Mutter lag weinend vor mir aus den Knien, und bestürmte mich — Dich — den achtungswerthen, guten Mann zu hintergehen, dessen Vertrauen zu uns so edel und groß war! — Aber weßhalb weine ich — der Thränen bedarf es jetzt nicht — ich wollte Dir nur beweisen, wie sehr auch ich stets unglücklich gewesen! — Ich will Dir nichts davon sagen, wie die ersten Jahre unserer Ehe für mich dahingingen, noch von all dem Kummer, den Sorgen, denen ich fortwährend preisgegeben war. — Du hast sie errathen! — Den Kopf hoch aufrecht in der Welt tragen, — wenn das Gewissen uns fortwährend lautmahnend zuruft — beuge Dich! Ach! diese Last war so groß und beschwerlich für mich, daß ich sterben wollte — ja — Maurice — sterben! — Ich schwöre Dir's! — Und nur Mathildens Geburt ließ mich am Leben festhalten, um meine Pflichten 30 als Gattin — als Mutter zu erfüllen! — Auch glaubte ich — mein Vergehen durch ein ganzes Leben der Ergebenheit, der Selbstverläugnung, zu sühnen! — Aber nach dieser Reise —bei Deiner Zurückkunft — als ich Dich düster, streng werden, Dich von mir sich entfernen sah — was sollte ich davon denken?! — Ich bestrebte mich, Dich zu mir zurückzuführen — ach! bald sah ich, daß ich darauf verzichten mußte! — Nun war es an mir, zu entsagen — und ich unterwarf mich — ich verlebte sechzehn todtliche Jahre. — Nun, Maurice — jetzt rechnen wir ab; Du siehst wohl, daß ich eben so unglücklich war — als Du! — Meine Schuld ist durch mein Leben bezahlt, nicht wahr? — Und wenn noch eine Strafe verhängt werden muß — so soll sie meinen Sohn nicht treffen — denn er ist unschuldig — ich werde ihn retten! Maurice (sie zurückhaltend). Elise, als ich vor siebzehn Jahren Deinen Ruf und guten Namen geehrt habe, sagte ich zu mir: Wer würde wohl seine Gattin aus einem Hause wählen, dessen Ehre nicht rein geblieben?! — Ich dachte an Mathilde — willst Du dieß heute vergessen? — Elise. Aber mein Sohn — Maurice? Maurice. Unsere Tochter?! Elise. Unsere Tochter — Mathilde, Du liebst sie — nicht wahr?! — Nun, so halte mich nicht länger zurück — Du zerreißt ihr das Herz, denn sie liebt ihren Bruder über Alles! — Maurice (bei Seite). DaS ist wahr! Elise (schluchzend). Welche schreckliche That willst Du herbeiführen? — Du stellst eine Mutter zwischen ihre beiden Kinder, zwischen die Ehre des Einen, und das Leben des Anderen! — Oh! fürchterlich — entsetzlich — In diesem Augenblicke kämpfen zwei Männer, sich das Leben zu entreißen — der Kampf ist— Du weißt es, ein gottloses Verbrechen — Du kannst es verhindern, und Du willst den Ausgang abwarten!? — aber wer begeht dann dieses Verbrechen, — diese Schandthat!? — Nicht jene Beiden, Du allein — denn Du allein weißt, daß es ein solches ist. (Sinkt nieder.) Gott verzeihe Dir, Maurice! Maurice (bei Seite, sie gerührt betrachtend). Sie hat Recht! Armes Weib! — vor Todesangst sterbend — gebrochen — zerrissen durch doppelte Marter! — Ich sah sie zu meinen Füßen zu Boden sinken — sie flehte um Gnade, und ich habe sie nicht erhoben — ich blieb unerbittlich, weil ich Vergeltung und Rache haben mußte — Aber wenn ich weiter gehen wollte, wäre es keine Vergeltung —keine Rache mehr — es wäre Barbarei. — Ich würde nicht mehr ein gerechter Richter — ich würde ein Henker sein — Ha! — Weg — weg — mit dieser abscheu- lichen Rolle! — (Zu Elise.) Elise — beruhige Dich — das Duell wird nicht statt haben — ich schwöre es Dir — und Du weißt — daß ich niemals Jemand hintergangen habe! (Ab.) Der Vorhang fällt. Vierter Act. Bei Maubreuil. Nach dem Balle. (Ein Salon. — Auf jeder Seite neben der Thür des Hintergrundes hängen Waffen, Degen rc. an der Mauer). Erste Gerne. Maubreuil (allein; sitzt beim Tisch, den Kopf in beide Hände gestützt; nach einer Pause sieht er auf seine Uhr.) Bald sechs Uhr — es wird Tag! Endlich werde ich erfahren, warum mir gestern jene Beschimpfung zugefügt worden. — Ich fürchte zu errathen — 31 was Beausöant gesagt hat. — Als er mich in Elisens Nähe sah, wird er sie erkannt haben; da fiel ihm sicher jene Zeit ein, wo ich Elise umschwärmte und die ich längst von ihm vergessen glaubte. Er ließ dann gewiß seiner unverschämten Zunge freien Lauf, ohne Rücksicht auf meine und Elisens Ehre — vor diesem jungen Manne — vor ihrem Sohne! — Wie glücklich muß sie sein, mit diesem Wall von Zärtlichkeit umgeben — und dieses Glück hätte ich selbst genießen können — ich könnte heute der glückliche Gatte dieser ach- lungswürdigen Frau — der glückliche Vater ihrer schönen und guten Kinder sein! — Ich habe es nicht gewollt! — Eitelkeit, Hochmuth, Ehrgeiz — haben mein Leben zu einem verfehlten gemacht. — Ja — jetzt ist es ohne Rückkehr verfehlt. — Ein letzter Hoffnungsstrahl schien mir zu leuchten, — Mathilde, die heitere, lachende Friedenstaube. (mit bitterem Lachen). Ach! mein schöner Traum war schnell entflogen. — Gestern trug ich die Schuld, daß ihre Mutter beschimpft wurde — und heute will ich ihren Bruder tödten — denn die mir angethane Beschimpfung kann nur mit Blut gesühnt werden. (Aufstehend.) Ich muß jedoch wissen, für was ich verantwortlich gemacht worden bin — ich höre kommen. — Wer ist da? Zweite Seerie. Maubreuil. Beausöant. Baronin. Maubreuil (zu Beausöant, welcher zuerst allein eintritt). Du? Beausöant. Frau von Origny begleitet mich. — Ich begegnete ihr auf der Treppe — sie wünscht, Dich zu sprechen. Maubreuil. Bitte — cinzutreten! (Geht ihr entgegen.) Baronin. Herr von Maubreuil — Maubreuil. Lheuere Cousine, wie soll ich Ihnen mein Bedauern aus- drücken, über den leidigen Auftritt, der Ihren Ball beendete? Baronin. Es handelt sich nicht mehr um meinen Ball — aber die Gefahr, welche Sie bedroht? Maubreuil. Keine — theuere Cousine! Baronin. Was ist denn nur geschehen? Maubreuil. Nichts sehr Ernstes und Wichtiges! Baronin. So viel ich auch fragte — Alles zog sich stillschweigend zurück. — Die Einen hatten nichts gesehen — dieAndern wollten mir nichts sagen — Alles, waö ich sah, war die Ohnmacht Elisens — die zornigen Blicke, welche Sie auf ihren Sohn warfen, und die Bestürzung, welche sich auf allen Gesichtern ausdrückte. Beausöant. Hören Sie, was es war! — Stellen Sie sich vor — gnädige Frau — Maubreuil (leise). Schweige! Beausöant. Ah! Maubreuil (zur Baronin). Ihre Unruhe übertreibt die Sachen — ein unbedeutender Streit war die Ursache von Allem. Baronin. Aber weßhalb dieser Streit? handelte es sich um Mathilde? Haben Sie sich vielleicht irgend eine Unvorsichtigkeit gegen die Mutter zu Schulden kommen lassen? — Ich ließ Sie in ber Gesellschaft der Frau von Cheneviöres. Maubreuil. Nichts von Allem dem — Cousine — man regte sich im Spiele auf — und der Sohn Ihrer Freundin- Baronin. Der junge Mann ist also ein Spieler? Maubreuil (zornig). Er ist heftig, aufbrausend. (An sich haltend.) Aber seine Jugend dient zur Entschuldigung, darum können Sie wohl denken, Cousine, 32 daß ich aus dieser Lappalie keine Staatsangelegenheit machen werde. 2ch werde mich mit einigen Entschuldigungen begnügen. Baronin. Gottlob! dann wird die, traditionelle Lösung dieses Knotens — ein Frühstück sein! Maubreuil. Nichts anders! — B e a u s e a n t. Ein Frühstück ist jedenfalls amüsanter als ein Duell. Baronin. Jetzt, wo ich keine Furcht mehr habe, kann ich ganz nach Gefallen auf den jungen Festverderber böse sein, welcher da von Afrika kommt, um unsere Freude zu trüben, unsere Vergnügungen zu verscheuchen. Maubreuil. Und mir? — Werden Sie mir verzeihen — Ihre Gastfreundschaft mißbraucht zu haben? Baronin. Beruhigen Sie sich — Jetzt ist Alles verziehen. Sobald der junge Herr von Chenevivres das HauS betritt — fahre ich zu seiner Mutter, um sie über die Folgen der Angelegenheit zu beruhigen — sie zu zerstreuen — die gute Frau ist so empfindsam, und für jeden Schmerz leicht empfänglich. — Nun denn, guten Morgen — auf Wiedersehen! — Maubreuil. Auf Wiedersehen! (Beausvant grüßt, Maubreuil begleitet die Baronin bis zur Lhüre). Dritte Seene. Maubreuil. Beausäant. Beauseant. Werther Freund — ich bin sehr zufrieden, daß die Geschichte auf diese Art endet. — Ich ziehe es gewiß vor, Zeuge bei einem Frühstück zu sein — und daher werde ich es gleich bestellen, anordnen, nicht wahr? — Du weißt, daß ich mich darauf verstehe! — Maubreuil (zornig). Begreifst Du denn nicht, daß, wenn ich so sprach, es nur geschah, um die Baronin zu beruhigen, damit sie nicht vergeblich in Sorgen lebt über die unausbleiblichen Folgen! — Beausvant. Also doch ein Duell?! Maubreuil. Aber, welche Begriffe hast Du denn von Ehre? — Wie! — Eine unverschämte Hand wagte dieses geheiligte Zeichen zu bedrohen — (zeigt auf sein Band.) und Du erräthst nicht, daß die Wuth mich erstickt. Du begreifst nicht, daß es einen Kampf auf Leben und Tod gilt? — Beausöant (erschreckt). Ha! — Maubreuil. Rede! Was hast Du gesagt? — denn von Dir geht das ganze Uebel aus, darum mußt D u mir auch als Zeuge dienen. — Ich muß mich leider mit Dir begnügen — wen soll ich zu dieser frühen Stunde treffen? — Aber so rede doch, Henker! — Was hast Du gesagt? Was hast Du gesagt? — Beausvant (sehr bewegt). Ich kann Dir gar nicht antworten, mein Freund, Du erschreckst mich — Maubreuil (mit zurückgehaltenem Zorne). Rede jetzt — ich bin ruhig — Du hast mein Glück zerstört, meine Hoffnungen vernichtet — aber was sollen mir Vorwürfe nützen? — sie würden nichts bessern! — Wirst Du endlich antworten? — Weßhalb beleidigte man Dich? — Welche Ver- läumdung forderte man denn von mir, daß ich sie Lügen strafe? — Beauseant (mit komischer Empfindlichkeit). Eine Verläumdung? — ^Oh! Georges, Du bist sehr hart gegen mich — Verläumdung sagst Du? — Du verkennst Deinen Freund! — Ich sollte verläumden?! — Niemals! Niemals! — für wen hältst Du mich? Ich gab Lord Derby einige Aufklärungen — der junge Fremde kennt fast noch Niemand in Paris — ich ließ die Gesellschaft des Salons die Revüe pafsiren — Du standest bei Frau.von 33 Chenevisres — und da er über Euere Familiarität erstaunte — — Maubreuil (zornig). Ueber unsere Familiarität?! Beausvant (zurückweichend). Potztausend, Freund das ist nicht Deine Schuld — man kann sich nicht selbst sehen — ihr thatet sehr familiär! — ich sagte also zu Lord Derby — ich hatte Unrecht — Maubreuil — ich gestehe es — aber da er mich mit Fra- I gen bestürmte — vertraute ich ihm, daß da gar nichts Erstaunliches sei, in ! Betracht Euerer alten Liaison — Maubreuil. Vor ihrem Sohne, Unglücklicher! — Beausöant. Konnte ich wissen ? — Maubreuil. Aber Du mußtest wissen, daß ein Vertrauen heilig, und daß es der größte Schandfleck für die Ehre des Mannes ist, dasselbe treulos zu verrathen! — Beausvant. Ich — daß Vertrauen eines Freundes verrathen? ich! Niemals! — Wenn Du mir in früherer Zeit Deine Beziehungen zu Fräulein von Neuvilly vertraut hättest — (mit Uebertrcibung.) ich würde eher gestorben — zehnfach gestorben sein — und nichts gesagt haben! — Aber vernimm —wie ich Alles erfahren — ich erinnere mich, als ob es heute wäre — und es sind zur Stunde fast 22 Jahre! Eines Tages sagte ich zu Dir: „Freund, Du scheinst mit Fräulein von Neuvilly sehr vertraut zu sein." —„„Keine Idee,"" antwortetest Du mir — denn Du warst selbst damals öfter sehr verschlossen gegen mich — was ein Freund, wie ich, niemals verdient hätte. — Ich forderte Dein Ehrenwort — Du gabst es — 14 Lage später sagte ich wieder: — „Freund, ich laß mir's nicht nehmen, Du hast etwas mit Fräulein von Neuvilly." „„Keine Idee'"' — antwortetest Du abermals — ich verlangte wieder Dein Ehrenwort — Du gabst mir Wiener Theater-Repertoir. XXIX. eine Menge anderer Worte, aber Dein Ehrenwort nicht mehr. Folglich hatte ich Dein Geheimniß errathen, ohne daß Du es mir vertraut hattest. — Mißbrauchteich also Dein Vertrauen? Bin ich nun, wie die lästerliche Welt behauptet, klatschsüchtig plauderhaft?! — Große Götter — die Welt ist sehr ungerecht. — Ich bin gewiß einer der verschwiegendsten Menschen — und wenn ich auch eine leichte Zunge habe, so weiß ich sic leider nicht zu gebrauchen. Maubreuil. Du findest noch Entschuldigungen für Dein Betragen — doch genug — die Zusammenkunft ist für 7 Uhr bestimmt — jetzt ist es 6 Uhr — Du wirst dem Zeugen des Herrn von Chenevieres alle Bedingungen des Kampfes überlassen — Beausvant. Wie — Du willst — Maubreuil. Ja — ich will es — sprich nicht mehr davon! — Beausoant (bei Seite). Welch' häßlicher Character!—wie verändert doch das Alter die Leute! — Ein Diener (meldend). Herr von Chenevieres! — Maubreuil. Schon! Eö ist erst 6 Uhr — ha! er ist ungeduldig! — laß den Herrn eintreten! — (Diener ab). Vierte Deene. Maubreuil. Beausöant. Mau- rice. Mabreuil (erstaunt bei Seite). Der Vater? — Beauseant. Was will der hier ? — Maubreuil. Mein Herr — Sie erwartete ich nicht — Maurice. Ich weiß es — ich kam deßhalb eine Stunde vor der bestimmten Zeit, damit Ihr Gegner meinen Schritt nicht erfahre. — Maubreuil. So — ich verstehe! — Sie kommen, um von mir das Leben Ihres Sohnes zu erbitten — 3 34 mir vielleicht den Antrag zu stellen, sich statt seiner zu schlagen! — Mein Herr, ersparen Sie sich diese unnützen Bitten! — Sie wissen — ich wurde tödtlich beleidigt. — Oh! ich verstehe, und bedauere sehr — ich fühle Alles, was Ihre Lage Schreckliches hat! — Beurtheilen Sie selbst, ob die Mei- nige nicht peinlicher ist, da ich gezwungen bin, 2hr Verlangen zurückzuweisen , das Herz eines Mannes zu zerreißen, den ich Hochschatze — kurz — Ihnen erklären zu müssen, daß Ihre Schritte vergeblich sind. — Zch kann mich nicht mit einem Greise schlagen, wenn ein junger Mann mich beschimpft hat! — Maurice (kalt). Mein Herr — Sie irren sich vollständig über die Ursache, welche mich zu Ihnen führt! — Maubreuil. Wie? — Maurice. Um Ihnen den Grund meines Hierseins mittheilen zu können — muß ich Sie allein sprechen. Lassen Sie also — ich bitte, diesen Herrn hinausgehen, und ich werde Zhnen die Erklärung meiner Handlung geben. — Beauseant (bei Seite). Hinauß- gehen? — Maubreuil (zu Beauseant). Laß' uns einen Augenblick allein! — Beauseant. Wie!? — Du willst — Maubreuil. Wache draußen — und wenn der Sohn kommen sollte, benachrichtige mich. — Beauseant (leise). Du willst, daß ich Dich mit ihm allein lasse? — Maubreuil. Ziehe Dich zurück, sage ich Dir — ich will eS! — Beauseant. Unvorsichtiger — Gut — ich gehe — (bei Seite). Er schickt mich hinaus. — (ab. Maubreuil macht die Thüre zu, und kommt nach vorn). Fünfte Scene. Maubreuil. Maurice. Maubreuil. Reden Sie, mein Herr, ich höre — Maurice (kalt). Zch bringe Zhnen durchaus keine Entschuldigungen von Herrn Paul von Chenevieres! Maubreuil. Zch würde auch keine annehmen! Maurice. Daran zweifle ich nicht — auch komme ich nicht, mich statt seiner zu schlagen — oder Etwas von Zhnen zu erbitten — und meine Lage hat nichts Schreckliches — im Gegen- theil — Maubreuil (erstaunt). Weßhalb kommen Sie alsdann? Maurice. Einer Miltheilung wegen, zu der mich mein Gewissen zwingt! Maubreuil. Und diese wäre? Maurice. Daß dieß Duell unmöglich stattfinden kann! Maubreuil. Unmöglich? — nach der Beleidigung, die mir ange- than worden? Maurice. Za! — Sie haben die blutigste Beleidigung erduldet, die man einem Manne anthun kann — Sie — ein Held! — Zeder Ehrenmann muß nach solchem Vorgang blutige Genug- thuung erhalten, oder todt sein wollen — und doch sage ich Zhnen — ich! — daß das Duell nicht stattfinden wird — weil es unmöglich ist. Maubreuil. Sind Sie von Sinnen?! Maurice (einfach). Urtheilen Sie selbst. — Wenn ich nicht komme, um mich statt meines Sohnes zu schlagen, so geschieht es — mein Herr — weil ich keinen Sohn habe! Maubreuil. Was! — der junge Mann — Paul von Chenevieres? Maurice. Zst nicht mein Sohn — es ist der Ihrige! 33 Maubreuil (erstaunt). Mein Sohn? Maurice. Ja, mein Herr! Maubreuil. Mein — mein Sohn — Herr! Ein Sohn! — mein Sohn! — er! — heiliger Gott! Maurice. Es setzt Sie in Erstaunen? — Vor zweiundzwanzig Jahren verließen Sie Paris und Ihr Vaterland zu schnell — und ohne der Folgen zu gedenken, welche Ihre Verführung des armen jungen Mädchens herbeiführten. Maubreuil (bestürzt, verwirrt). Ha! — Ich war also strafbarer, als ich selbst dachte! — Und da ich mich allein — von Allen verlassen auf dieser Erde glaubte — da ich glaubte, hie- nieden Niemanden zu besitzen, den ich lieben — beschützen könnte — hatte ich einen Sohn!? (freudig.) Einen Sohn! Ich! — Schon — tapfer — muth- voll — unternehmend. — Ha! — ich hatte vergangene Nacht den Beweis davon. — Welch' edles und stolzes Aussehen er hat! — Welches Feuer blitzte in seinen Augen! — Wie der Zorn sein ganzes Wesen erhob! (stolz.) Ha! er war erschreckend! Maurice. Ja — er besitzt ein tapferes und edles Herz! Maubreuil (freudig). Nicht wahr, mein Herr?! Maurice. Oh! Sie können nicht Alles wissen, was er werth ist. — Man kann niemals für ihn so vielZärtlichkeit empfinden, als er verdient. Maubreuil. Wahrhaftig! Maurice. Denn er ist nicht allein ein würdiger und guter junger Mann, geliebt, geachtet von Allen, die ihn kennen; er ist nicht nur in einem Salon tapfer — er ist zugleich ein tapferer Soldat! Maubreuil (freudig). Er ist Militär?! Maurice. Ja — und noch mehr — er ist die Ehre seines Regimentes — er ist immer der Erste bei der Gefahr — seine Vorgesetzten lieben und. bewundern ihn — kurz, in seinem Alter hat er sich schon das Ehrenkreuz auf dem Schlachtfelds errungen! Maubreuil. Das Ehrenkreuz — mein Sohn — Maurice (kalt). Der Mann, den Sie tödten müssen! Maubreuil. Ha! Sie haben Recht, mein Herr, das Duell ist unmöglich! Mauriee (spottend). Unmöglich? — Nach der Beschimpfung, die Sie erlitten?! Maubreuil. Gibt es zwischen Vater und Sohn Beschimpfungen? — wußte er, wer ich war? — Nein — nein — er selbst wird nicht mehr daran denken, sich mit mir zu schlagen, wenn ich ihm sagen werde- Maurice. Was denn? — daß er Ihr Sohn ist? An das können Sie doch nicht denken, mein Herr. — Mit welchem Rechte wollen Sie dieß ihm sagen? — ES wäre eine neue Beschimpfung! — Vergessen Sie, daß er meinen Namen trägt? — Vor den Augen der ganzen Welt ist er mein Sohn; — daß er mich als Vater verehrt? — Weßhalb schlägt er sich mit Ihnen? — Weil man seine Mutter beschimpft hatte — denn ich lehrte ihn Ihre frühere Geliebte zu achten — zu ehren! Und Sie werden es nicht erreichen , daß er meine Frau verachtet! Maubreuil. Wie! ich könnte nicht- Maurice. Ha! — Sie denken, daß nach einer sorglosen Abwesenheit von zwanzig Jahren — wo Sie sich um nichts bekümmerten; — während ein Anderer es übernommen, Ihr Vergehen gut zu machen. ein armes junges Mädchen, welches Sie der Verzweiflung und der Schmach Preisgaben, vor Unehre zu reiten — Sie denken, daß eS genügt, zu dem Sohne dieser Frau zu sagen: Du hältst Dich für den legitimen Sohn diese- Manne- hier! 36 Du hältst deine Mutter für rein und fehlerlos? — Du täuschest Dich, armer Knabe; deine Mutter war meine Geliebte, — Du — bist ein Bastard! — DaS wäre zu bequem, mein Herr! — Der Bastard würde sich bei diesen Worten erheben, und Ihnen zurufen: Sie, mein Vater!? — Wo waren Sie, als ich Ihre Sorgfalt benöthigte? — Wer liebte mich, als ich klein war? wer hat mich erzogen, beschützt, mit Sorgfalt, Zuneigung und Zärtlichkeit umfangen? — Wen lehrte meine Mutter mich als ihren Gatten lieben? — Wen nannte meine Schwester ihren Vater? — Dieser Mann ist es, und nicht Sie! — Sie sind mein Vater nicht! — Sie sind nur der Mann, welcher meine Mutter beschimpfte! Maubreuil. Großer Gott! was beginnen? — Gott! — was thun? Maurice (kalt). Das ist Ihre Sache — wenn Sie jedoch meinen Rath fordern würden — (setzt sich). Maubreuil. Reden Sie! Maurice. Würde ich Ihnen sagen: wenn Ihnen dieß Duell zuwider ist — denn ich kenne den jungen Mann und ich weiß, daß Sie nichts von ihm erlangen werden — Maubreuil. Nun? Maurice. Ich würde Ihnen sagen, das Kürzeste wäre, wenn Sie sich bei ihm entschuldigten — Ma ub reu il. Entschuldigen — mich? Maurice. An Ihrer Stelle würde ich ihn ganz demüthig um Verzeihung bitten, daß ich die Tugend seiner Mutter angreifen ließ. Maubreuil. Gut! sei es — ja — es muß sein! — Ich werde mich vor ihm demüthigen — ihn um Verzeihung bitten — bitten! — Aber — er weiß nicht, daß er mein Sohn ist, er wird mich für einen Feigling halten! denn von jedem Andern, als einem Vater, würde ein solches Betragen unerklärlich sein! — Ich — ein Feigling in seinen Augen? — Nein, nein! mein Herr, das ist unmöglich! — Zch werde es nicht thun! Maurice (aufstehend). Ganz nach Ihrem Belieben! So schlagen Sie sich denn! — Siegen Sie! — Nicht meinen Sohn werden Sie tödten! Maubreuil. Oh! diese Lage ist abscheulich — gräßlich! Maurice. Ich weiß eS. Maubreuil. Ich kann doch meinen Sohn nicht tödten! — Mich von ihm tödten lassen?! Von jedem Andern — gleichviel — aber von ihm — meinem Sohne! Maurice. Das ist Ihre Sache! Maubreuil. Ich werde mich nicht mit ihm schlagen! — Aber aus meinen Blicken, an meinem Leiden wird er erkennen, daß ich keine Memme bin — denn, wenn ich auch nicht reden darf, so werde ich ihn doch wenigstens an mein Herz drücken. Maurice. Ihn?! Ihren Feind? — Der Sie schimpflich beleidigte. An was denken Sie denn? — das würde unerklärlich sein! — Was soll er denken? Was werden Sie'zu ihm sagen? Maubreuil. Was ich ihm sagen werde! — Nun, ich werde ihm Alles gestehen! — Er wird mir nicht glauben, sagen Sie? — Oh! — in meinen Augen wird er lesen, in meinem Herzen werde ich die Töne finden, die ihn überzeugen sollen. — Meine Liebe zu ihm soll aus Allem, gleich Sonnenstrahlen bei anbrechendem Tage, Hervorbrechen — und die Stimme des Blutes wird so laut — so mächtig ertönen — daß er mir glauben muß — ich schwöre es — er wird mir glauben. — Ich kannte sein Dasein nicht! — Was kann er mir vorzuwerfen haben? — Zch weiß wohl, daß ich Sie entehre, wenn ich so zu ihm rede, aber wenn ich schweige, bin ich es, der gebrandmarkt vor ihm dasteht! — Oh! Niemals! — Sie, mein Herr, werden mich tödten! — 37 Gleichviel — ich werde aber dann nicht vor meinem Sohne zu erröthen haben. Maurice. Sei es, mein Herr — Sie werden sprechen, da der Gedanke nichts Schreckliches für Sie zu haben scheint, der armen Frau, welche Sie ins Verderben stürzten, den einzigen Trost zu rauben, welcher ihr blieb, die Liebe und Achtung ihrer Kinder. — Da das Unglück und die Schmach einer ganzen Familie Dinge sind, welche sie nicht zurückzuhalten scheinen — gut — so reden sie. — Sehr gut!! — Aber soll Sie der junge Mann nicht für den schändlichsten, den unwürdigsten der Männer halten, so muß er annehmen, daß seine Mutter sehr Verachtungswerth gewesen, daß Sie dieselbe in dem Augenblicke verließen, wo Sie Vater werden sollten?! — Oh! Sie werden ihm dieß ohne Zweifel sagen, um nicht vor Ihrem Sohne erröthen zu müssen! — Aber ich werde da sein — ich, mein Herr! — Ihr Opfer zu vertheidigen, und ich werde Ihrem Sohne sagen, daß seine Mutter keusch und rein, wie ein Engel war, und daß ihr einziges Vergehen darin bestand — daß sie als junges unerfahrenes Mädchen Ihre schändlichen, feigen Lügen für heilige Schwüre genommen, und Sie für einen rechtschaffenen Mann gehalten hat! Maubreuil (wüthend). Herr! (will auf Maurice zustürzen, Beauseant erscheint ) Beauseant (zu Maubreuil). Herr Paul von CheneviereS kommt! Maurice (leise zu Maubreuil). Zhr Sohn kommt — ich lasse Sie mit ihm — aber ich warte hier in der Nähe, bis Sie ihm seinen Vater genannt haben, um ihn dann denselben ganz kennen zu lernen s (Ab in's Seitenzimmer, ein Diener führt Edmond und Paul ein.) Sechste Seene. Maubreuil, Beauseant, Paul, Edmond. Paul. 2ch stelle mich zu Ihrer Verfügung, Herr von Maubreuil — hier ist mein Zeuge — der Ihrige? — (Beauseant verneigt sich.) Ha! — dieser Herr?! Beausäant (verwirrt, bei Seite). Dieser Herr? — Paul (halb für sich). Sonderbare Wahl! — Aber — Gleich und Gleich — Maubreuil (zornig). Mein Herr! Paul. Was beliebt? Maubreuil (bei Seite, sich' beruhigend). ES ist mein Sohn! (Paul geht in den Hintergrund, Maubreuil betrachtet ibn schweigend.) Edmond (sich Beauseant nähernd, welcher bei der zweiten Coulisse steht, mit leiser Stimme). Für den Augenblick sind wir nur Zeugen, unsere Stellung darf nur passiv sein. Beauseant- Ohne Zweifel, mein Herr! — sehr passiv! Edmond. Aber später — werden wir uns wiederfinden, und ich hoffe, alsdann — Beausöant. Gut, mein Herr, sehr gut! (bei Seite.) Verfluchte Geschichten, in welche mich dieser Teu- fels-Maubreuil da hineinbringt! Maubreuil (bei Seite, Paul betrachtend). Es ist mein Sohn! Paul (vorkommend). Herr von Maubreuil, ich hatte die Ehre, mich Ihnen zur Verfügung zu stellen? — Worauf warten Sie noch, um von hier zu gehen? Maubreuil (aus seinen Träumereien auffahrend). Fortzugehen? — Ha! Richtig — aber vorher wünschte ich Sie ohne Zeugen zu sprechen! Paul (lachend). Ohne Zeugen? — das ist sehr leicht! Schicken Sie nur den Ihrigen fort! Beauseant (bei Seite). Fortschicken? mich? — In dieser Familie sind sie sehr unhöflich! Paul. Was meinen Freund Edmond Roger hier betrifft, so steht eS Ihnen frei, ihn als Zeuge nicht anzunehmen; 38 aber als mein Freund kann er Alles hören, was Sie mir zu sagen haben. Maubreuil. Gut! (leise zu Beau« ssant.) Ich bitte Dich — geh! — einen Augenblick — Beausean't. Wie? Nochmals? Maubreuil. Es muß sein! Du wirst nicht eher wieder eintreten, als bis Du diesen jungen Mann von hier gehen siehst — Beaussant. Fortgehen?! — Du schlägst Dich also nicht mit ihm? Maubreuil. Nein — thue, was ich Dir sage! (Beausvant ab.) Siebente Scene. Maubreuil, Paul, Edmond. Paul. Nun sind wir allein! Maubreuil (bei Seite). Ich muß allen meinen Muth zu Hülfe rufen! P'a u l. Was haben Sie mir zu sagen ? Maubreuil. Mein Herr — ich muß eine Sprache zu Ihnen führen, welche Sie sehr in Erstaunen setzen wird. — Glauben Sie, daß ein hartes Gesetz mich zwingt, so zu handeln — und mich d er Art gegen Sie zu benehmen — wie ich es gegen Niemand auf dieser Welt thun würde — das schwöre ich Ihnen! Paul. Was bedeutet das? Maubreuil. Den Widerruf, den ich Ihrer Heftigkeit verweigerte, leiste ich Ihnen — nachdem ich reiflich und besser überlegt — hier von ganzem Herzen und aus freien Stücken. — Ich bitte Sie um Verzeihung, daß der fleckenlose Ruf Ihrer Mutter — der Frau von Chenevisres, in meinem Na* men entweiht wurde — der Zorn hatte mich übermannt — und dann auf dem Ball vor aller Welt folgte ich nur der Stimme meines Stolzes — meines Ehrgeizes — ich hatte Unrecht — ich bedauere eß — und bitte Sie sehr, meine Entschuldigungen anzunehmen! Edmond (bei Seite). Was höre ich? Paul. Sehr gut — Herr von Maubreuil — aber ich begreife nicht, warum Sie wünschten, daß wir deß- halb allein blieben. Diese Entschuldigungen sind nur ehrenvoll für Sie, und alle Welt konnte sie hören, wie mir scheint. — Ich empfange sie als die etwas verspätete Handlung eines gebildeten Mannes! — Ach! — warum haben Sie damit nicht auf dem Ball begonnen? — wir würden dann nicht auf dem Punkte stehen, wo wir nun sind! — Wenn Sie wünschen, daß wir gehen — Maubreuil. Gehen? — Weßhalb denn? Paul. Nun — um uns zu schlagen! Maubreuil. Uns schlagen? — Aber habe ich Ihnen nicht so eben Entschuldigungen gemacht? Paul (verwundert). Ha! ich habe ohne Zweifel falsch verstanden? — Sollten Sie die Beschimpfung schon vergessen haben, die ich Ihnen ange- than? — (Bewegung Maubreuil's.) Ich fühle deßhalb, ich schwöre es Ihnen, das tiefste Bedauern — ich würde Alles in der Welt dafür hingeben, wenn die Worte, die Sie so eben an mich richteten) die Beleidigung verhindert hätten — aber — das Uebel ist geschehen — es ist nicht wieder ungeschehen zu machen — Gehen wir also! Maubreuil (nach einer Bewegung). Nein — mein Herr! ich werde mich nicht schlagen! Paul. Ist eS möglich? Maubreuil. Denken Sie von mir, was Sie wollen, Sie können sagen, daß der Schiffscommandant von Maubreuil ein Mann ohne Muth — ohne Ehre ist — aber dieser Kampf wird nicht statthaben — ich schlage mich nicht mit Ihnen! Paul. Ich stehe ganz erstaunt — ich begreife nichts von dem, was ich höre — Wie? — Sie wurden beschimpft, ohne auf solche Handlung zu antworten? 39 Maubreuil (mit Anstrengung). Za — und gehen Sie — Sagen Sie vor aller Welt, daß ich ein Feigling bin! (losbrechens.) Oh! Aber nein — Sie werden dieß nicht sagen, denn Sie wissen wohl, daß Sie lügen würden, nicht wahr? — denn Sie können dieß nicht einmal denken! Paul. Was wollen Sie, daß ich davon denken soll? Zhr Betragen verwirrt mich — ich erröthe für Sie! Maubreuil. Und ich bin stolz deshalb, denn ich errang über mich selbst einen Sieg, dessen ich mich nicht fähig hielt. — Glauben Sie, daß der Muth allein darin besteht, sein Leben auszu- seHen? — Ha! Ich habe es wohl tausendmal gethan! — Nein — mein Herr! — mein Muth Zhnen gegenüber muß sich anders erweisen — ich muß geduldig Ihre Worte hören — auf Ihrem Gesichte dieses verachtungsvolle Lächeln sehen — ohne Klagen, ohne Murren die Qual erdulden, welche mich in diesem Augenblicke foltert. Paul. Zeigen Sie diesen Muth nach Gefallen — Herr von Maubreuil -Komm, Edmond, wir haben hier nichts mehr zu thun — das erwartete ich nicht! (geht zurück.) Maubreuil. Halten Sie ein — bevor Sie mich verlassen für immer — ohne Zweifel, wünschte ich — hätte ich noch eine Bitte an Sie zu richten. Paul (erstaunt). Eine Bitte!? Maubreuil (sehr bewegt). Ja — ich wünschte — bevor wir uns trennen — Ihre Hand in der Meinigen zu drücken. — Sagen Sie, werden Sie mir daS verweigern? Paul (kalt). Mein Herr! — In unfern Tagen wird ein Handschlag sehr leichthin bewilligt, man ist verschwenderisch mit solchen Gunstbezeu- gungen, so wie mit dem Namen Freund, welcher fast nichts mehr bedeutet, und der von aller Welt prostituirt wird. — Was mich betrifft, ob mit Recht oder Unrecht — ich bin ein wenig puritanisch — ich gestehe eS, ich verehre den Namen Freund, und bediene mich dessen selten. — Es mag lächerlich sein — aber ich halte auf diese Lächerlichkeit — und meine ehrliche Hand, die noch rein von jedem Makel ist, hat bis jetzt nur die Hände von Leuten berührt, welche mir Achtung einflößten. Maubreuil (traurig). Ha! junger Mann! — Sie sprechen von Muth! — eS wird fernerhin nicht mehr muthvoll von Ihnen sein, wenn Sie mich nochmals beleidigen. — Doch ich verzeihe Zhnen zum Voraus, und Sie werden es nicht erreichen, daß ich Ihnen auf so Etwas antworte. Edmond (welcher die ganze Scene beobachtete, nähert sich langsam Paul, und nimmt ihn bei der Hand). Paul — es gibt hier ein Geheimniß, welches mir und Dir undurchdringlich ist — daS Betragen des Herrn von Maubreuil beruht auf einem Grunde, den wir nicht kennen. — Wenn dieß Betragen für uns unerklärbar ist, weßhalb suchten wir es aufzuklären? — Fürchtest Du denn nicht, daß Dein Urtheil zu streng sein könnte? (legt die Hand Pauls in die Maubreuil's.) Maubreuil (zu Edmond). Dank Zhnen, mein Herr, Dank Ihnen! — (bei Seite, Paul betrachtend.) Mein Sohn! — es ist mein Sohn! Paul (erstaunt, ohne Härte). WaS haben Sie denn? Maubreuil (sich beruhigend). Nichts — es ist gar nichts — ("ei Seite). Ah! Wie ich leide, mein Gott! — Ihm nicht sagen zu dürfen! ich bin sein Vater! — Seinem Herzen nicht ein Wenig von der Zärtlichkeit, mittheilen zu können, wovon mein Herz überströmt! — Paul. Reden Sie — Maubreuil (seine Hand loslassend). Nichts —sage ich Zhnen! (bei Seite). 40 Oh! wenn er nur fortginge, denn mein Geheimniß schwebt mir auf der Zunge — eS erstickt mich! — (laut)- Verlassen Sie mich — Leben Sie wohl — Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen! Paul (zu Edmond, indem sic sich zurückziehen). Seltsam! — Mit was für einem Manne hatte ich zu thun? — Edmond. Paul, eilen wir — Deine Mutter zu beruhigen. — Paul. Meine Mutter — ha! — Du hast recht — ja — eilen wir — (grüßend). Herr von Maubreuil — Maubreuil. Leben Sie wohl — leben Sie wohl — Mögen Sie stets glücklich sein! — (Edmond und Paul ab. — Maubreuil bleibt versunken stehen, die Blicke nach derThürc gerichtet, wo Paul abging. — Die Seitenthüre links öffnet sich; Maurice tritt auf — und betrachtet Maubreuil stillschweigend, welcher ihm den Rücken dreht). Achte Scene. Maubreuil. Maurice. Maubreuil. Oh! mein Herz! — mein Herz! — Du bist nicht gebrochen! — (dreht sich um, und bemerkt Maurice, auf ihn zustürzend — mit auS- brechender Stimme). Ha! Sind Sie zufrieden, mein Herr? — Maurice (kalt). Ja! — Maubreuil. Und jetzt — jetzt begreifen Sie, daß ich Sie hasse — daß Sie zu viel auf dieser Erde sind, und daß Sie von hier nur als mein Mörder, oder als mein Opfer fort- kommend! — . Maurice (wie oben). Vollkommen! ' Maubreuil (nimmt zwei Degen, ihm einen gebend). Nehmen Sie, Unglücklicher! Maurice (ruhig). Ich kam nur deßhalb hieher! — (Binden die Klingen, die Thür des Hintergrundes öffnet sich, Beausöant tritt auf, erschrickt; zu gleicher Zeit fällt der Vorhang. Fünfter Act. (Dieselbe Decoratkon wie im 3. Acte). Erste Scene. Baronin. E li se. Mathilde. (Elise sitzt links auf der Causeuse, die Baronin sitzt bei ihr. — Mathilde steht am Fenster). Baronin (zu Elise). Immer noch dieAugen mit Thranen gefüllt — ängstliches Beben?! — Wollen Sie mich denn nicht verstehen ?— Ich sagte Ihnen ja — theure Freundin, daß Herr von Maubreuil nicht erst von der Schule kommt, und daß er auf solche Kindereien kein besonderes Gewicht legt. — Ich sprach noch mit ihm in der Nacht, gleich nach dem Balle — er versprach mir, daß sich Alles äusgleichen würde — und diese frohe Bothschaft führte mich zu Ihnen. — Also — erholen Sie sich — Maubreuil ist kein Barbar, und wird sich mit einigen Entschuldigungen von Seiten Ihres Sohnes begnügen.— Elise (bei Seite). Entschuldigungen! — ihm! — Baronin. Nun ja, Sie haben also Ihren jungen Brausekopf nicht gesehen — oder vielmehr — er wird nicht gewagt haben, Ihnen zu gestehen — Elise. Doch — Baronin — doch — er hat mir Alles gesagt — Baronin. So wissen Sie ja, daß es nichts Wichtiges ist. — Ein so gereifter Mann, wie Maubreuil, weiß, wie es die Jugend macht, und wegen eines Disputes beim Kartenspiel wird er keinen Eclat machen — Elise (bei Seite). Sie glaubt es! — Oh! Sie ist keine Mutter! — Baronin. Sodann — theuere Cousine, hat Maubreuil viel zu große Lust zu Ihren Freunden zu gehören, um Ihnen Kummer zu verursachen. — Nun sind Sie doch wohl frei von aller Unruhe, nicht wahr? — 41 Mathilde (am Fenster aufsehend). Ha! Mama! — da sind sie! — Elise. Wer? — Mathilde. Edmond und Paul.— (Elise steht auf). Baronin. Was sagte ich Ihnen? — Elise. Der Vater ist nicht bei ihnen? Mathilde. Nein, Mama! — Zweite Scene. Vorige. Paul. Edmond. Elise. Paul, mein Sohn — Alles ist geschlichtet — nicht wahr? — Paul. Za! — Elise. Dank Dir, mein Gott! — Dank! — Wie, Paul, Du umarmst mich nicht? — Paul. Theuere Mutter! — Elise. Was hast Du denn? — Paul. Nichts — nichts! — Elise. Du verbirgst mir Etwas — Oh! Es ist also nicht wahr, was Du so eben sagtest— nicht wahr? —ich habe eS errathen? — (Paul lacht bitter). Edmond. Nein — gnädige Frau — nein — eS ist Alles geordnet! — Mathilde. Wie ging es zu?! Edmond. Ganz einfach — und ohne meine Mitwirkung — Baronin. Nicht wahr, ich hatte Recht, Frau von CheneviöreS mitzu- theilen, daß sich Herr Paul mit Herrn von Maubreuil versöhnen werde? Paul. Versöhnt — ja, Frau Baronin! — Elise. Versöhnt?! — Paul. Ohne Zweifel — nichts ist natürlicher! Zch kannte ihn gar nicht — ich habe ihn tödtlich beleidigt, und jetzt sind wir die besten Freunde von der Welt — Nichts ist einfacher! — Elise (bei Seite). Was will er damit sagen? — Edmond. Paul — beruhige Dich — diese Aufregung — Paul. Ach! laßt mich — ich habe nöthjg, allein zu sein! — (bei Seite). Wiener Theater-Repertoir. XXIX. Dieser Zweifel tödtet mich — ich will um jeden Preis die Wahrheit wissen, (laut). Zch muß mit meiner Mutter sprechen — Mathilde. Wir lassen Dich mit ihr allein! — (führt die Baronin und Edmond fort). Dritte Scene. Paul. Elise. Elise (bei Seite). Was ist nur geschehen, mein Gott! — (laut). Paul, noch niemals sah ich Dich in einer solchen Aufregung mir gegenüber — Wie Du mich betrachtest —Du machst mir Furcht! — Komm, Du hast mir Etwas zu sagen — sprich schnell, denn ich schwöre Dir, diese Ungewißheit ist grausam — Was fehlt Dir? — Was Haft Du mir zu sagen? — Paul. Zch muß mir von Dirdie Erklärung alles des Unbegreiflichen — und Geheimnißvollen erbitten, welches mich umgibt — oder mein Verstand wird irre. Elise. Welches Geheimniß? — Paul. Höre mich, Mutter, und beurtheile selbst, ob nicht Sachen um mich Vorgehen, die mich wahnsinnig machen können?! Gestern komme ich von Afrika an, das Herz voll von Glück und von Hoffnung — Euch alle zu umarmen. — Zch finde Dich und Mathilde zärtlich und liebevoll wie immer — Zch will mit offenem glühenden Herzen in die Arme meines Vaters stürzen — da thürmt sich zwischen ihm und mir eine eisige Mauer — seine Arme bleiben mir verschlossen — Weßhalb liebt mich mein Vater nicht? — das ist es, waS ich Dich fragen muß. — Elise. Paul, Du täuschest Dich! — Paul. Wollte Gott! — Aber daS ist auch nicht das Unerklärbarste. — Abends gehe ich auf den Ball, man beleidigt Dich, ich vertheidigte Deine Ehre — und Du machst mir Vor- 4 42 würfe darüber. — Du sagtest mir —ich erinnere mich — Du sagtest mir nach dem Balle, daß ein Duell zwischen mir und Maubreuil gottlos sei — Warum? — Auch darum muß ich Dich befragen. Elise. Aber ich verstehe nicht, was Du willst? — die Nacht — war ich wahnsinnig — ich glaubte Dich verloren — dachte nur daran, Dich zu retten — Dich zurückzuhalten, und meine Angst entriß mir Worte — die keinen Sinn hatten — Paul. Gut! — Endlich aber hat Dich das niederträchtige Geschwätz nicht empört — im Gegentheil, Du sprachst davon, es zu ersticken — wie war eine Wahrheit erstickt! — Elise Paul! — Paul. Oh! Verzeihung — Verzeihung! Mutter! — Du weißt, daß ich niemals gegen die Ehrfurcht, die Anbetung gefehlt habe, die ein Sohn seiner Mutter schuldet! — Ach! — Dein Sohn klagt Dich nicht an — Du bist eS selbst — Dein Schweigen — Deine Bedenklichkeiten — Elise (bei Seite). Was soll ich ihm sagen? — Paul. Und als ich auf jenes Geschwätz durch eine jener Beschimpfungen antwortete, nach welcher alles Bedauern, alle Entschuldigungen unnütz sind — kurz mit einer derartigen Beschimpfung, für welche nur eine einzige Genugthuung möglich — was geschieht? — Ich biethe diese Genug' thuung an, und man schlägt sie mir ab. — Und dieser Mann, den ich tödt- lich beleidigte, weißt den Kampf mit mir zurück — weicht fast mit Deinen Worten auS: Dieses Duell könne nicht stattfinden — ich dürfe ihn ungestraft beleidigen. Sein Arm sei gelähmt, sein Degen gebrochen gegen mich! Warum will dieser als so tapfer bekannte Mann lieber als Feigling gelten, und die Schmach auf seinem Haupte dulden, als seinen Degen mit dem Mei- nigen zu kreuzen?! Du schweigst, Du antwortest mir nicht. Wohlan, ich bedarf der Antwort nicht mehr, ich glaube — der Vergangenheit den Schleier entreißen zu können. — Elise. Gott! — Paul. Die wenigen Worte, die Herr von Maubreuil an mich richtete, waren zärtlicher — inniger, rührender als jemals ein Wort, welches Derjenige zu mir sprach — den ich bis jetzt Vater nannte — Herr von Maubreuil betrachtete mich mit einer Theilnahme, welche niemals die Blicke meines Vaters ausdrückten — und oh! verzeihe mir, Mutter! — aber ich fragte mich deßhalb, ob ich wohl ein Recht zu dem Namen hätte, den ich bis jetzt führte ? — Elise (bei Seite). Ach! mein Gott! — Du bist streng! — Aber Du bist gerecht! — Diese Züchtigung fehlte mir noch; diese neue Marter — ach! — habeich nicht vorausgesehen ? Paul. Rede ohne Furcht — ich bin auf Alles gefaßt. — Glaubst Du, daß ich Dich weniger lieben werde? — Nein — nein — Du wirst immer meine Mutter bleiben! — aber ich werde dann wenigstens nicht länger bei Deinem Gatten um das bischen Liebe betteln, welches er mir nicht gewähren will. (Maurice tritt im Hintergründe ein). Ich werde dann nicht länger einen Platz einnehmen, zu dem ich kein Recht habe. — Mein Platz wird auch fürderhin das Schlachtfeld bleiben, und mit meinem Degen werde ich mir einen guten Namen erkaufen! — Du antwortest mir nicht? Aber so sprich doch ein Wort! Sage mir, daß ich ein Narr bin, daß kein wahres Wort an Alledem ist! — Vierte Seene. Vorige. Maurice (schon früher, wie oben angezekgt, eingetreten, hat die vorhergehenden Worte gehört). Maurice (vortretend). Weßhalb stellst Du solche Fragen an Deine Mutter? — Elise. Maurice! — M aurice.WirstDu mirantworten? Paul. Mein Herr — Maurice. Warum nennst Du mich „mein Herr?" — Paul. Ach! Zch weiß nicht mehr, was ich rede! — aber — ha — ich nannte Sie mein Herr — weil Sie mich nicht Ihren Sohn nennen! — Maurice. Was liegt an einem Wort, wenn ich Dich als Sohn behandle? — habe ich Dir jemals Anlaß gegeben, an meiner Güte für Dich zu zweifeln? — hat Dir seit Deiner Kindheit je meine Sorgfalt gefehlt? — habe ich jemals aufgehört über Dich aus der Ferne zu wachen, da ich es in der Nähe nicht konnte!? — selbst heute gab ich Dir einen Beweis meiner Liebe, den nur ein Vater seinem Sohne geben kann! — Paul. Wie, heute? — Maurice. Erräthst Du nicht, warum ich Dich nach der Stunde des Zweikampfes fragte — warum Mau- breuil mit Dir nicht kämpfen wollte? Weil er von den Bitten eines zitternden Vaters gerührt, den Gegner wechselte. Paul. Was höre ich? — Elise. Ach! Maurice! Maurice! — Sieh — Paul — sieh — das ist der Mann, den Du der Kälte gegen Dich beschuldigst! — Paul (freudig). Ist es möglich? — Also haben Sie sich für mich geschlagen! (Maurice zu Füßen stürzend). Allmächtiger Gott! Mein Vater! — Elise (ebenso, Mauricen's Hände mit Küssen bedeckend, mit Thränen erstickter Stimme). Maurice! Du hast Dir heute den Himmel verdient!— (Mauricedeutet ihr zu schweigen). Paul. Oh! jetzt erklärt sich mir Alles! Maubreuil durfte mir ja nicht sagen, daß sich mein edler Vater für mich gestellt, weil ich es nicht geduldet hätte. — Darum diese Ausflüchte — diese sonderbare Demüthigung. O mein theurer Vater, Verzeihung! — Auch Du, liebe Mutter, vergibst, daß ich Dich in meinem Wahnsinne so schwer beleidigte. — (ihr zu Füßen fallend). O mein Gott! wie konnte ich an der Liebe solcher Eltern einen Augenblick zweifeln? — (küßt seiner Mutter die Hand. — Elise macht gegen Maurice eine Bewegung des Dankes; Maurice macht ihr eine Zeichen zu schweigen. Paul erhebt sich) Mutter! Oh! meine Schwester! — wo ist meine Schwester? — Meine liebe, gute Mathilde? (eilt ab, sie zu holen, und führt gleich darauf Mathilde, Edmond und die Baronin ein, welche etwas im Hintergründe bleiben). Elise. Von heute an wird mein ganzes Leben ein Gebet für Dich zum Himmel sein, (will Maurice zu Füßen fallen). Maurice (sehr bewegt, sie aufhaltend, mit leiser Stimme). Still, Elise! — Dein Sohn betrachtet uns — er könnte sonst glauben, daß Du der Verzeihung bedarfst — Elise. Ach! Maurice — ist es ein Traum? — Maurice. Nein, mein gutes, armes Weib, es ist das Erwachen! — Ein Diener (meldend). Der Herr Vicomte von Beauseant — Paul. Er hier? — in diesem Hause? — er wagt? — Fünfte Scene. Vorige. Beauseant. Beauseant. Ich würde es nicht gewagt haben, allein es ist der Befehl meines besten Freundes, dem meine Geschwätzigkeit das Leben kostete. Paul. Wie? Herr von Maubreuil? Beauseant. Hat vor wenig Minuten seinen letzten Seufzer ausgehaucht. — Baronin. Armer Georges! — Beausöant. Ich erfülle seinen 4 * 44 letzten Willen, mit dem er mich sterbend beauftragte — und bringe zu« gleich ein Vermächtniß für Sie. — (auf Paul deutend). Paul. Für mich? Beauseant. Hören Sie seine letzten Worte: „Beauseant, Du bist an allem Unheil Schuld, an Dir ist es nun, so viel als möglich wieder gut zu machen. — Ich will nicht, daß Herr von Cheneviereß des Zweikampfes wegen verfolgt werde." — Elise (erschreckt). Wie? — Maurice. Za, die strengen Duell- geseße — Beauseant. Sollen ein anderes Opfer haben! — denn ich habe mei-- nem sterbenden Freund geschworen, mich als den Urheber seines TodeS anzu^ klagen, — und das that ich auch schon. Paul. Sie, mein Herr? — Baronin (Beauseant die Hand reichend). Das ist schön von Ihnen! — Maurice. Sie vergessen aber, daß ich mich nicht zu dieser Lüge hergebe. Beauseant. Es ist der letzte Wille eines Sterbenden, der Jedermann heilig sein muß. Ich habe so viel Unnützes auf dieser Welt gethan, rauben Sie mir daher die Gelegenheit nicht, auch einmal nützlich zu sein, um so mehr, da Sie mir dadurch Gelegenheit bieten, Sie Ihrer Familie zu erhalten, und mir den Ruhm lassen, mich mit einem der tapfersten Männer unseres Vaterlandes geschlagen zu haben. — Nicht wahr, Sie willigen ein? — Und nun erlauben Sie mir, (zu Paul). Ihnen das Andenken des sterbenden Maubreuil zu überreichen. — Paul. Ein Andenken mir? — B eausva nt. Nehmen Sie — l (überreicht ihm ein Ehrenkreuz). » Paul. Wie, sein Kreuz? mir? — Beausöant. Seine letzten Worte waren: „Bitte den jungen Mann, das j Kreuz, welches er brandmarken.wollte, - auf seiner Brust zu tragen — ich habe es rein erhalten, und sende es i ihm als ein Zeichen meiner Vergebung.— Sage ihm, es sei das Kreuz eines tapfern Mannes, der gewünscht hätte, sein Freund zu sein, er soll eS . tragen -4- es ist die Genugthuung, die ' ich von ihm fordere." — ' Paul. Oh! ich werde eS tragen, j — ja, mein Herr — ich verspreche es ^ — ich werde es tragen! — Beau sea nt. Gut, mein Herr — ^ meine Mission ist beendet! (geht nach hinten). Paul (zu Maurice). Theuerer Vater! — wie erkläre ich mir? —Kaum kannte ich Herrn von Maubreuil — und er vermacht mir sterbend sein Kreuz?! — woher dieses seltsame Vermächtniß? — Sagen Sie mir, ; warum ich gegen meinen Willen mich nicht erwehren kann, einen solchen Ausgang jenes Duells zu bedauern?! Maurice (bewegt). Würdest Du * lieber Deinen Vater beweint haben? — Paul. Oh! mein Vater! — Maurice (ihm die Arme öffnend). Mein Sohn! — (Paul stürzt in seine i Arme, sie halten sich lange umarmt) Elise (mit einem Schrei der Freude). Ha! — i Mauric e (Elisen und Mathilden die l Hand reichend). Meine Kinder! —(Ed- l mond über die Schulter Pauls die Hand E reichend, und sie Alle um sich gruppirt 1 sesthaltend). Alle meine Kinder! — s Der Vorhang fällt. Wien 1844. Druck und Verlag von I. B. Wallishausser. ^ ^ «L > '-- " Vleoer 8tt«1r-L2)I!or!iek 149L8L_^ bünfi^^^eettö^KZe?? ^d ihn, er hat doch was auf dem Herzen! (Ab in die Küche.) Eilfte Scene. Leonard und Francois e. Leonard (bei Seite). Wie werde ich Worte finden, ihr das Unglück beizubringen ! Franyoise (heiter). Nun, Vater, was haben Sie mir zu sagen? Leonard (nach Worten suchend). Du ! hattest heute früh eine schlimme Ahnung, ! war's nicht so? Franyoise. AlS ich mein Kreuz verlor. — Nun ist sie verschwunden! Leonard. Siehst Du, und mir ist so bange! Franyoise (erschrocken). Ja, Vater, ich bemerke, Sie sind aufgeregt, es ist, als ob Sie zitterten, ist Ihnen ein Unglück begegnet? Leonard. Mir nicht — und doch — (küßt sie auf dir Stirne.) Ja, — von was sprachen wir doch gleich? Franyoise. Von Ahnungen, Sie sagten, daß Ihnen so bange sei. Leonard. Das kommt von meinem Traum! Fran^oise. Von einem Traum? Leonard. Mir träumte nämlich von Maurice, — er war krank — ^ Franyoise. Er war krank? Leonard. Und der Arzt, der an seinem Bette stand, sagte, es wäre das gelbe Fieber! i Franyoise. Sie sagten vorhin Nichts von Ihrem Traume, Sie waren so fröhlich — der Briefträger war im Laden, — Sie haben eine Nachricht von Maurice erhalten! ! Leonard. ES ist so, Menil laS mir den Brief — (reicht ihr den Brief). Tröste Dich, Franyoise, Dein Mann I ist — ' t Wiener Theater-Repertoir. XXX. Franyoise (hat den Brief geöffnet, aufschreiend). Todt!! — (sinkt auf einen Stuhl.) Leonard. Der Todtenschein wurde nach Clermont geschickt, weil man Dich noch dort vermuthete, sieh nur den Datum, der Brief ist bereits vier Monate alt! — Fra nyoise- Er ist gestorben! — vielleicht ohne Pflege, ohne eine milde Hand, die ihm die Augen zudrückte — unter fremden Menschen —! Leonard. Wenn sie doch weinen könnte — sie ängstiget mich (er führt ihr Josef zu) küsse Dein Kind, Fran- yoise, — Deine arme Waise! Franyoise (bricht in Schluchzen auS). Mein Josef! mein einziger Schatz, mein Leben! Leonard. Nun will ich die Mutter rufen (er geht in die Küche). Josef. Warum weinst Du denn, Mutter? Franyoise. Dein Vater, der fort- gegangen ist, um uns reich zu machen, er wird nicht wieder kommen, er ist todt! Josef. Die Großmutter sagt: Wer todt ist, kommt zum lieben Gott, ich will auch zum Vater gehen — Mama! Franyoise. Du mußt bei mir bleiben, Josef! — Gott hat seine Engel, die Mutter ihre Kinder! (sie kniet neben Josef auf die Erde und kommt so dem Fenster näher.) Eine Stimme (draußen). Nach Versailles! Franyoise (springt auf). Diese Stimme! (eilt an's Fenster, Josef folgt ihr — aufschreiend.) Maurice! — eS ist Maurice! Josef. DaS ist der fremde Marquis, ich sah ihn vorhin auf dem Balkon! Franyoise. Der dort in dem prächtigen Wagen sitzt, ist mein Gatte, Dein Vater! Stimme des Kutschers (von L 18 Außen). Platz für den Wagen des Marquis von Salnelleö! Fran^oise (sinkt aufdieKnie). Bin ich wahnsinnig? mein Gott.' (umarmt heftig Zosif.) Mein Gatte ist ja todt!! (Der Vorhang fällt.) Zweiter Act. (Zimmer wie im ersten Act.) Erste Scene. Franyoise und Genovefa sitzen an einem Lischt. Genovefa legt die Karten. Franyoise. Bilden Sie sich wirklich ein, aus den Karten die Zukunft herauslesen zu können? Genovefa. Zuweilen trifft es zu, und eben jetzt lese ich Glück und Ehre für unser Haus, (bei Seite.) Die Lerne aber sehe ich nicht! Franyoise (dringend). Glück und Ehre?! Mutter, sehen Sie, ob uns das nicht von Maurice kommt! G e n o v e f a. Der ist ja todt! Francoise. Es hieß schon oft, daß Jemand gestorben sei, und später fanden ihn seine Freunde wieder! Genovefa. Wir haben ja den Tod- lenschein von Maurice gesehen, an sein Leben glauben wäre Lhorheit! Franyoise. Und doch, doch ist ein Gedanke in mir, den ich nicht los werden kann, (sinnend.) Sagen Sie mir, Mutter, hat uns Maurice nie von seiner Familie erzählt? Genovefa. Du weißt ja, daß er sie niemals gekannt hat. Franyoise. Sagte er nicht, daß er aus Mitleid in einem College erzogen wurde, daß er als Beispiel für die andern Kinder galt, und sich öfter Preise errang! Er war schon alsKnabe ehrgeizig. Weil er keinen Namen hatte, wollte er sich Kenntnisse erwerben, um einst einen Namen zu bekommen, — als ihm einst ein Schüler vorwarf, daß er ein Findelkind sei, schlug er auf ihn und mußte das College verlassen. — Ist es nicht schon oft vorgekommen, Mutter, daß solche arme Verstoßene wieder zu ihrem Rechte gelangten, wenn ein Anverwandter gestorben, oder sonst eine Veränderung geschehen? Genovefa. Was willst Du denn mit all dem sagen? Francois e. Daß ich Maurice wieder gesehen habe und nicht an seinen Tod glaube. Genovefa. Du machst mir bange, Kind, solche Reden sind frevelhaft, Maurice ist einmal todt, und Du mußt die Prüfung christlich hinnehmen! Fran^oise. Sie halten mich also wirklich für eine Witwe und wollen doch in den Karten Glück und Ehre für mich sehen? Genovefa. Nicht für Dich allein, — für unser ganzes Haus, da steht es deutlich, (bei Seite.) Es muß die Lerne sein, wenn nur Bobi schon mit den gezogenen Nummern käme! Zweite Seene. Menil. Die Vorigen. Menil (durch den Laden). Ist es erlaubt? Genovefa (rafft schnell die Karten zusammen). Wie Sie mich erschreckt haben. Sie fallen ja völlig in's Haus! Menil. Ich will wieder vor die Thüre und anklopfen. Francois e. Bleiben Sie nur, die Mutter meint'S nicht so! Menil (bei Seite). Aha, sie will mich hier behalten, man merkt es schon, daß sie Witwe geworden ist. (laut.) Was ich sagen wollte — Ich bringe Ihnen die Gratulation der Damen der Halle! Francoise. Gratulation? Menil. Oder Condolation wie daS Ding heißt. Ich habe einen ganzen 19 Sack voll Thrakien und Seufzer, die meinigen mit eingeschloffen! — Das ist'S aber nicht, waS ich sagen wollte, — die Damen der Halle haben einen großen Plan, und Sie, als die Schönste und Klügste, müssen doch davon verständiget werden. Sie wissen, daß nach alten Vorrechten bei großen Ereignissen, als: Hochzeiten, Kindtaufen und sonst dergleichen in vornehmen Häusern, die Damen der Halle ihren Glückwunsch darbringen dürfen. Und da nun der Herr Marquis von Salnelles wieder in den Besitz seiner Güter gelangt ist, so wollen wir Alle hingehen, einen großen Blumenstrauß überreichen und zugleich den Herrn Marquis um seine Kundschaft bitten. Franc oise. Ihr geht zum Marquis von Salnelles? Menil. Die Deputation ist schon auf dem Wege, es ist nur Schade, daß Sie wegen dem traurigen Ereigniß nicht mit von der Parthie sein können — Fran?oise. Ich gehe mit Euch — als Obsthändlerin deS Königs gebührt mir der Vorzug. Genovefa. Bedenke doch, Fran- yoise, Du hast heute erfahren, daß Du Witwe geworden bist, und willst — Franyoise. Zu dem Marquis gehen, Mutter, — ich muß mit ihm reden, muß ihn in der Nähe sehen, soll ich nicht dem wahnsinnigen Gedanken Raum geben — kommen Sie, Menil! Menil (bietet ihr den Arm). 2ch ernenne Sie zur Wortführerin und Präsidentin der Deputation! (Beide ab.) Dritte Scene. Genovefa (allein). 2ch weiß gar nicht, wie mir Fran- yoise vorkommt, das Unglück macht sie ganz verwirrt, und ich habe auch meinen Kopf nicht beisammen. — Wenn mir heute das Glück fehlschlüge, ich weiß nicht, was ich anfinge. (Sie stößt im Gehen' an eine rmporgehobene Fließe.) Wie unvorsichtig ich bin, da ist der Stein los, den ich heute Früh auSgehoben. (sie legt den Stein zurecht. Man sieht Leonard kommen.) Mein Mann kommt! Vierte Scene. Leonard (im Sonntagsstaate). Genovefa. Leonard. Gib mir frischgewaschene Handschuhe, Frau, und meinen neuen Hut, ich muß eine Staatsvisite machen! Genovefa. Wie kommst Du mir denn vor, Du bist ja völlig übermüthig, und wir haben ja gestern erst die Nachricht von dem Tode unseres Schwiegersohnes erhalten! Leonard. Darum habe ich auch gestern meine Schuldigkeit als Vater gethan, heute aber kommt eine andere Pflicht an die Reihe, eine Pflicht, die seit sechs Jahren wie eine Zentnerlast auf meinem Herzen gelegen ist, und darum bin ich so froh, denn 1tt,0ÜV Francs im Hause haben, ist eine schwere Sorge! Genovefa. 10,0ÜÜ Francs? — Hast Du sie vielleicht in der Lotterie gewonnen? Leonard. Ich gewinne immer in der Lotterie, weil ich niemals setze, (sieht sich in den kleinen Spiegel.) Binde mir doch die Schleife, Alte, ich merke, daß sie etwas schief sitzt, und wenn man vornehmen Leuten einen Besuch macht, muß man zeigen, daß man auch etwas in der Welt ist. Genovefa (bemüht sich mit der Halsschleife). Aber Du hast mir noch gar nicht gesagt, wohin Du gehen willst! Leonard. ES ist eigentlich keine Sache für Weiber, aber Du sollst es erfahren, weil die Gefahr des Aus- plauderns vorüber ist. Du erinnerst Dich, daß der Marquis von Salnelleö 2 * 20 ein großes Vertrauen zu mir hatte. Als er Paris verlassen wollte, trug er mir auf, eine Schatulle aus seinem- Kabinet zu holen, — es gelang mir, trotz dem, daß die Siegel im Hause bereits abgenommen wurden. Mit der Schatulle beladen wollte ich den Marquis aufsuchen, ich fand ihn als Leiche, und die Gerichtsbeamten um ihn versammelt, denn man hatte ihn erkannt. Ich erinnerte mich, daß er zu mir sagte: „dieß Geld gehört meinem Sohne." — Sollte ich es fremden Leuten ausliefern und den Sohn meines Wohlthäters im Elend umkommen sehn? — ich verbarg deß- halb das Geld, und wartete, bis ich eS in die rechten Hände geben konnte (zu Genovefa). Zieh doch nicht so fest zu, Du erwürgst mich ja. Genovefa (mit zitternder Stimme). Und Du hast daS viele Geld im Hause verborgen? L e o n a r d. Ich behielt dieß Ge- heimniß für mich, um Dir die Angst zu ersparen, Oes ist keine Kleinigkeit, fremdes Eigenthum zu hüthen, aber heute soll es dem Marquis zurückge- bracht werden, der wird sich wundern, wenn er das viele Geld erblickt. — Genovefa (hält sich an einen Stuhl). Zch bin des Todes! — Leonard. Was hast Du denn, Frau, Du bist ja ganz blaß geworden?! — Genov efa (fällt auf die Knie). Leonard, ermorde mich — das Geld — L eon a rd (erschrocken). Ist doch nicht gestohlen worden? (eilt an die Wand, hebt den Stein aus und öffnet hastig die Schatulle). Leer! — um Gotteswillen, leer! (steht erstarrt). Genovefa. 2ch wußte um das Geld — Leonard. Unglückselige, was ist damit geschehen? — hast Du es anders wohin verwahrt? — Rede! — die Angst tödtet mich! — Genovefa. Ich habe es genommen! — Leo n a rd (erhebt einen Stuhl). Elende! Genovefa (schreiend). Leonard! — Leo nard (läßt den Stuhl sinken). Nein! — morden will ich Dich nicht, wir sind ja durch Deine That schon ^ elend genug, — weißt Du, Weib, was Du gethan? — Du hast Dich an fremdem Eigenthum vergriffen, Du hast mich zu Deinem Mitschuldigen gemacht, Du hast die Ehre unserer Tochter und ihres unschuldigen Kin- ! des gebrandmarkt, denn unsere Schande > wird auf sie fallen! ! Genovefa. Niemand, als ich und Du, weiß um das Geld, der Marquis ! ist reich — Leonard. Sprich nicht weiter, j Weib! — Gott weiß es, und mein Gewissen darf kein Diebstahl beflecken, i O ich wäre eher vor Hunger gestorben, als daß ich meine Hand nach fremdem Gute außgestreckt hätte, das ein armer > 'Vater meiner Ehrlichkeit anvertraut ! hat, und mein Weib, die Gefährtin ' meines Lebens — mein zweites Ich — O diese Schande wird mich tödten! — Fünfte Seene. Bo bi, die Vorigen. ^ B 0 b i. (ohne Leonard zu bemerken). Mutier Genovefa, eS ist wieder nichts, ! die Lotterie nimmt gar keine Rücksicht auf Ihre schönen Goldstücke! (bemerkt Leonard). Ah, Papa Leonard! Genovefa (lehnt sich müde an einen Stuhl). Ich bin eine unglückliche Frau!— Leonard. Ein leichtsinniges Weib bist Du und keine Unglückliche, denn ! Du hattest einen Mann, der für Dich arbeitete und eine brave Tochter! (nähert sich Genovefa und sagt leise). Oder weiß vielleicht Franyoise davon? — Genovefa. Nein, — der Gedanke: Reichthümer zu besitzen, verlei- 21 tele mich, auf einen Gewinnst zu hoffen, ich habe das Geld im Lotto verspielt! — Leonard. Während der Mann sich abmüht, um Brod in's HauS zu schaffen, gehr daß Weib hin und vergeudet, statt selbst zu arbeiten, den kärglichen Verdienst, im frevelhaften Spiel Reichthum zu suchen, der, wenn auch der Zufall ihre Hoffnung erfüllt, weit entfernt, ihre Familie zu beglücken, nur dazu dient, liederliche Leidenschaften zu befriedigen. B o b i. Da gibt es ein häusliches Verhältnis wo ich überflüssig bin — ich drücke mich! (will sich fortschleichen). L e o n a r d. Bleib' da, Bursche, und stehe der Frau bei, wenn die Gerichtsdiener kommen und unsere Sachen versiegeln, denn ich gehe letzthin und sage, daß ich ein anvertrautes Gut nicht zu hüthen verstand. Und da mein Weib sich daran vergriff und ich für ihre Handlungen verantwortlich bin, so will ich mich denn in Gottei nahmen als schlechten Menschen erklären! — (will gehen). G enovefa (rutscht ihm auf den Knicen nach). Leonard, geh' nicht von mir, sieh mich wenigstens an und tödte mich nicht durch Deine Verachtung! — Leonard. Knie nicht vor mir, sondern vor Gott, und bete, daß mich die Schande nicht tödtet, damit ich Kraft und Muth zur Arbeit behalte, denn dieses Geld, das Du leichtsinnig verspielt hast, muß dem Marquis ersetzt werden, und sollten wir Alle von nun an nichts als Brod und Wasser genießen ! (geht ab). Genovefa. Mein Gott, mein Gott, bricht denn alles Unglück über uns herein, wenn Franyoise die Schande erfährt, wird sie ebenfalls so reden wie ihr Vater — Bo bi. Das hätten Sie früher bedenken sollen, Mutter Genovefa! — wenn ich gewußt hätte, daß die Goldstücke, ich will nicht sagen was sind, so hätte ich sie nicht sortgetragen und Caboche hatte recht, als er mich tüchtig durchprügelte — warum Hab' ich mich bei einer so schlechten Sache betheiliget. Genovefa. Ich habe gesündiget, und muß es auch wieder gut zu machen suchen, — ich will zum Marquis hinüber — er war arm, wie die Leute sagen, ehe ihn seine Familie anerkannte, er wird ein Herz für meine Reue haben, ich will ihn so lange auf meinen Knieen bitten, bis er mir verziehen hat, und dann wird auch Leonard wieder freundlich nach mir blicken. — Komm, Bobi, Du hast mehr Muth als ich, verschaffe mir den Eingang bei dem Portier, das Uebrige wird sich schon finden. Bobi (für sich). Das hat sie jetzt davon! (Beide ab). Verwandlung. (Elegantes Zimmer bei dem Marquis von Sal- nelles. Ein breiter Eingang zu einem Borsaal, rechts und links Thüren in Nebenzimmer). Sechste Scene. Lorain. Lieferanten. Lakeien. Germain (stehen schon im Bogen). Germain (zu den Lieferanten im Vorsaal). Treten Sie nur ein, meine Herren, der Herr Intendant des Herrn Marquis wird gleich kommen! (Lieferanten treten ein). Lorain (von rechts). Meine Zeit ist gemessen, wir müssen unsere Geschäfte schnell abmachen. (Die Lieferanten verbeugen sich). Herr Lorand ! (Der Tapezierer tritt vor). Ihre Möbel sind nicht mehr nach dem neuesten Geschmack, Sie werden sie Umtauschen. — Herr Bernard! (der Sattler tritt vor). Der Staatswagen ist nicht elegant genug; unsere Equipage darf der eines Herzogs nichts nachgeben, — Herr Bj- 22 gaut! (der Schneider tritt vor). Ihre Livreen sind ohne Geschmack gearbeitet, nehmen Sie mehr Stickereien dazu, der Marquis ist von altem Adel, einige Ueberladungen können da nicht schaden, es erinnert an die glänzende Zeit Frankreichs. — Sie, Lambert, haben uns normannische Pferde geschickt, wir wollen aber nur englisches Vollblut, bedenken Sie, daß der Marquis sehr reich ist und den alten Glanz seines Hauses wieder Herstellen will. Wenn Alles nach meinem Wunsche geliefert ist, werde ich Sie bezahlen, — aber vergessen Sie nicht, daß Sie zuerst meine Zufriedenheit erringen müssen ! — (Lieferanten verbeugen sich und gehen ab). Siebente Seene. Leonard. Germain. Lorain. Sind Briefe angekommen? Germain. Mehrere, Herr Lorain. (will sie ihm überreichen). Lorain (stößt seine Hand zurück). Hast Du keine Art gelernt? Germain. Ich dachte, diese Aufmerksamkeit gebühre nur dem Herrn Marquis? — Lorain. Tölpel! (nimmt die Briefe zu sich). Nichts Beunruhigendes, Einladungen, Visitkarten — Der Herr Marquis hat schon viele Freunde, (besieht eine Karte). Madame Heriot? — Wer hat diese Karte gebracht? Germain. Eine Dame, — sie wollte durchaus mit dem Herrn Marquis sprechen, der aber nicht zu Hause war — Lorain tbei Seite). Coralie, die ehmalige Geliebte, die Mutter des Sohnes, der ihr ewig unbekannt bleiben muß (laut). Wenn sie wieder kommt, wird sie nicht vorgelassen, verstehst Du, niemals, — bei Verlust Deines Dienstes. Germain. Sehr wohl! Lorain. Ich höre den Wagen des > Herrn Marquis, geh' und warte im Vorzimmer (Germain durch die Mitte ab). Ich muß auf Mittel sinnen, diese Frau zu entfernen, sie könnte mit einemmale alle meine Plane vernichten! Achte Seene. ^ Maurice (sehr elegant gekleidet, durch ! die Mitte). Lorain. ^ Maurice (lebhaft). Zst die Frau ! Gräfin in ihren Gemächern? ' ^ Lorain. Sie ist so eben nach Hause gekommen! Der Herr Marquis sind verdrießlich — hat der Banquir vielleicht Anstände gemacht? Maurice. Hab'ich nicht das Te- . stament meines Vaters, das mich zum Erben aller seiner Güter macht? — Die sorgende Güte meiner Tante mischt sich in alle meine Angelegenheiten, — als ich mich beim Minister vorstellte, gratulirte er mir zu meiner Verbindung mit demFräulein von Creance, die Frau ! Gräfin, sagte er mir, habe bereits Alles eingeleitet. — Lorain. Fräulein von Creance erhält eine Million als Mitgift und ist überdieß ein Engel an Schönheit, die Frau Gräfin konnte nicht besser wählen! Maurice. Meine Tante hält mich für frei und will den Glanz unseres Hauses erhöhen, daß aber Sie so reden können, Larain, das wundert mich, da Sie recht gut wissen, daß ich niemals heirathen werde. Lorain (zeigt ihm ein Papier). Wollen mirder Herr Marquis meine 100,000 Francs auszahlen? M a u r i c e. Zch habe diese Summe erst dann zu bezahlen versprochen, wenn ich in den vollständigen Besitz der Güter meines Vaters gelangt bin. — Der König hat die Aufhebung der Sequestration noch nicht unterzeichnet, ich lebe noch immer von der Gnade meiner Tante! — 23 Lora in. Und diese Tante verlangt, daß Sie heirathen Maurice. Nimmermehr, solange Fran^oise lebt. Lorain. Haben Sie Ihre Vergangenheit vergessen? Maurice. Erinnere mich nicht an diese Schmach. — Lorain. Sie waren im Begriffe, sich in'S Meer zu stürzen, als alle Zhre Hülfsmittel erschöpft waren. — Da hielt ich Sie zurück. Sie erzählten mir Zhre Geschichte, die mehr oder minder jeder andern gleich ist, wo es sich um einen Findling handelt. Nun erkannte ich in Zhnen den von dem Marquis von Salnelles verheimlichten Sohn. Als Vertrauter des Herzogs war ich im Besitz eines Testamentes, das Sie zum Erben eines Ungeheuern Vermögens machte. Es war für mich eine schöne Aufgabe, einem Menschen das Leben zu retten und einer erhabenen Familie ihren Sprößling zurückzugeben. Aus Dankbarkeit unterschrieben Sie mir einen Wechsel von 100,000 Francs, zahlbar von Ihrem künftigen Vermögen. Ich habe ruhig gewartet, denn gestern besaßen Sie noch Nichts — aber heute ist es etwas Anderes; Sie weisen eine Million zurück und meine Forderung ist in Gefahr; — Sie werden also in die Heirath einwilligen, oder ich mache eine Klage gegen Sie anhängig. — Ma urice. Bin ich nicht schon ver- heirathet? — Kann ich verbrecherisch ein zweites Eheband knüpfen, bevor das erste gelöst ist? — Lorain. Fran^oise hält Sie für todt, — sie muß bereits den Todten- schein in Händen haben, den ich nach Clermont sandte, sie hält sich für verwitwet und wird bald einen andern Mann finden. Sie sind also frei und Niemand wird je eine Ahnung haben, daß der Marquis son Salnelles und der am gelben Fieber in St. Domingo verstorbene Maurice ein und dieselbe Person ist. Maurice. Du hast es gewagt, einen falschen Todtenschein auözustellen? Lorain. War dieser Schritt nicht nothwendig? Maurice, der Packträger in Domingo, mußte sterben, damit der Marquis von Salnelles leben konnte. Sie sehen, ich sorge für Alles und rechne auf Ihre Dankbarkeit. Maurice. Ich werde der Gräfin sagen, daß ich bereits verheiratbet bin, sie wird dann von mir keine zweite Ehe verlangen. Lorain. Das nicht — aber sie wird Zhre Ehe als Ihrer unwürdig auflösen lassen, man wird Franyoise zur Entsagung zwingen, und dabei wird man den falschen Todtenschein entdecken, der in den Kirchenbüchern von St. Louis eingetragen ist. — Maurice. Diese Fälschung kommt auf Dich, Elender! Lorain. Sie aber sind mein Com- plice, der Verdacht spricht gegen Sie, ich werde sagen, daß ich in Ihrem Auftrag gehandelt habe, und man wird mir glauben. Zch werde wahrscheinlich verurtheilt werden, aber Zhre Strafe wird größer sein, da man in mir nur das Werkzeug, in Zhnen aber den Verbrecher sieht. — Sie begreifen also, daß Sie sich in meinen Willen fügen müssen, denn Sie haben nur die Wahl zwischen Ansehen und Reichthum und der Galeere. — Maurice (sinkt verzweifelt auf einen Stuhl). Galeere! Schreckliches Wort! Neunte Scene. Germain, die Vorigen. Germain. Die Damen der Halle, wollen dem Herrn Marquis ihre Aufwartung machen. Maurice. Schicke sie fort. — L o r a i n. Warum nicht gar. Sie kennen die Sitte nicht; selbst der König 24 empfängt sie, wenn sie ihm die Ehre ihres Besuches erweisen, (zu Germain). Sage den Frauen, daß der Marquis sogleich erscheinen wird. — (Germain ab). Sie müssen sich angewöhnen, Ihre Empfindungen nicht auf Ihrem Gesichte sehen zu lassen. Empfangen Sie die Frauen artig und sagen Sie ihnen einige freundliche Worte, das macht populär, auch laden Sie sie zur Tafel, ich werde sogleich das Nähere besorgen. Maurice. Mein Stand bringt Unannehmlichkeiten mit sich, auf die ich nicht gefaßt war, doch weil es so sein muß, will ich mich darein fügen, (ab durch die Mitte). Lora in (ihm nachsehend). Du wirst Dich noch in mehr fügen müssen, mein lieber Marquis, — selbst in diese Hei- rath, die Dir so zuwider ist, — ich bin nicht etwa aus Zuneigung der Diener eines armen Teufels geworden, sondern auö Ueberlegung der Beschützer eines großen Herrn, der über Millionen zu gediehen hat, und er muß diese Millionen erhalten, denn meine Hülfs- mittel sind ein schönes Weib, eine stolze Tante, und im Hintergründe ein Verbrechen, von dem ich nur den Schleier zu ziehen brauche. Zehnte Scene. Maurice (tritt rnsetzt durch die Mitte ein, ihm folgt Franyoisk, welche auf der Schwelle stehen bleibt). Voriger. Maur i c e. Franyoise unter den Damen der Halle, sie hat mich erkannt, sie will mit mir reden. Lora in (erschrocken). Ihre Frau? Maurice (zeigt nach der 2hüre, unter welcher Franyoise erscheint). Lorain. Verleugnen Sie sich oder Sie sind verloren! (zu Franyoise). WaS wollen Sie, Madame? F r a n § o i s e. Ich will mit dem Herrn Marquis sprechen. Lor a in. Das ist nicht mehr nöthig. Die Tafel für die Damen ist bereits servirt. — Zst'S gefällig? — (biethet ihr den Arm). Franyoise. Herr Marquis, schicke« Sie diesen Bedienten fort — oder ist es Ihre Wille, daß er mich hindert, mit Ihnen zu reden? Maurice (mit zitternder Stimme). Waö wollen Sie, Madame? — Franyoise (bei Seite). Auch seine Stimme, (tritt näher, laut). Ich bin Franyoise Leonard, haben Sie niemals von mir gehört? — Lora in (leise zu Maurice). Denken Sie an die Galeere! Maurice (mit Anstrengung zu Fran- yoise). Niemals, — ich begreife nicht, was Sie wollen? Franyoise (bei Seite), Solltees eine solche Ähnlichkeit geben ? aber nein, es ist nicht möglich, (laut). Man hat mir heute ein Dokument gebracht, das mir den Tod meines Gatten anzeigt, aber ich glaube nicht an diesen Tod, glaubte ich daran, so wäre ich jetzt nicht hier und trüge statt dieser Festgewänder, Trauerkleider, — denn ich liebe meinen Gatten und bin ihm treu geblieben ! Marquis (wendet sich bewegt ab). Lora in. Zu was diese Erzählung? Sie sehen, daß der Herr Marquis kein Interesse daran findet. Fra n^oise, O doch, denn er ist bewegt! Maurice. Ich wiederhole Ihnen, Madame, daß ich nicht weiß, was Sie von mir wollen — wenn ich etwas für Sie thun kann, so sprechen Sie schnell. Franyoise (bei Seite). O Maurice ist todt! denn wenn er eS wäre, könnte er so nicht sprechen! (laut). Ich bitte um Entschuldigung, aber der Schmerz macht mich sinnlos und ich kann die Worte nicht so recht finden, — Sie kommen aus Domingo, haben Sie nicht von einem jungen Franzosen gehört, der Maurice hieß, und seine Familie verlassen hatte, um unter einem 2S fremden Himmelsstrich ein Glück zu suchen, das ihm sein Vaterland verweigerte. L orain (leise zu Maurice). Sagen Sie ihr, daß Maurice todt ist — daß Sie ihn gekannt haben. — Ihre Ehre, Ihre Zukunft hängt davon ab, daß sie Sie nicht erkennt. — Maurice (zögernd). Arme Frau, — wenn Sieden Todtenschein haben, ist wohl kein Zweifel, daß Sie Witwe sind (bei Seite). O mein Gott, kaum halte ich mich! — Lorain (leise). Sie zweifelt bereits, nur noch einige Minuten Muth und Sie sind gerettet. — Franyoise (zeigt ihm den Todten- scheiu). Sehen Sie selbst mein Herr, ob man mich nicht getäuscht hat. — Hier steht, daß Maurice todt ist, und doch wollte ich schwören, daß er lebt.— Maurice (wirft das Papier zurück). Lorain (bei Seite). Ich muß sie entfernen, sonst vergißt er sich noch (laut). Herr Marquis! — die Frau Gräfin erwartet — Francois c. Ich warte auch schon 6 Zähre auf den Gatten, und er ist nicht gekommen, weil er Reichthümer für uns sammeln wollte, und als er sie gefunden hatte, da starb er am gelben Fieber und sandte uns seinen Todtenschein. Gilfte Scene. Germain (unter der Lhüre). Vorige. Germain (winkt Lorain). Madame Heriot ist im Vorzimmer und will sich nicht abweisen lasten. Lorain (bei Seite). Kommt denn heute Alles zusammen? — Germain. Sie sagte, daß sie dem Herrn Marquis Documente zu übergeben hat. — Lorain (bei Seite). Den Taufschein des Sohnes wahrscheinlich, von dort droht die größte Gefahr! (leise zu Maurice). Entfernen Sie die Frau um jeden Preis, ich komme gleich wieder, (ab durch die Mitte) Germain (folgt ihm). Zwölfte Scene. Franyoise und Maurice. Fra Nyoise (die Abwesenheit Lorains benützend). Wissen Sie, mein Herr, daß ich einen Sohn habe, der täglich seine kleinen Hände im Gebete für seinen Vater erbebt, und daß dieses Kind jetzt eine Waise ist, denn es ist alles Eins, ob der Vater todt ist oder ob er uns verläugnet. — Maurice (öffnet die Arme). Fran- yoise! — Franyoise (an seiner Brust). Zch wußte eS ja, daß Du mein Maurice bist, trotz der schönen Kleider und der prachtvollen Titeln! — und Du hast zu mir gesagt: Madame, ich kenne Sie nicht. Maurice. Wenn Du wüßtest, waS ich bei den Worten gelitten habe. Franyoise. Ich will Dir glauben, denn Dein Herz ist noch nicht ganz verdorben, weil Du bei dem Namen Deines Kindes den Schrei des Gewissens nicht zurückhallen konntest. Aber warum hast Du mir diese Qual bereitet? — sind wir Dir zu schlecht, weil wir arme Leute sind, und Du ein Marquis geworden bist? — Maurice. Mein Herz schlägt für Dich und unser Kind, und mit Freuden würd' ich Euch zu mir nehmen und Euch mein Glück theilen lassen — Franyoise. Du willst uns verstoßen? Maurice. Noch bin ich nicht im Besitze aller meiner Güter, meine Familie würde Dich niemals als Tochter annehmen! Fra nyoise. Darum wolltest Du uns los sein? und sandtest mir einen Todtenschein, ohne den Kummer zu bedenken, den ich darüber empfinden mußte! 26 Das war schlecht von Dir, Maurice, recht schlecht! Maurice. Ich habe das nicht ge- than, Franchise— ich nicht! Franyoise. Wie denn? — Wer hat die Gewalt, in Deinem Namen ein Verbrechen zu begehen? Maurice. Frage mich nicht. Wisse, daß zum Wohle unseres Glücks und unseres Sohnes, es der Zeit bedarf, um den Widerstand einer stolzen Familie zu besiegen, wir müssen sie täuschen. Niemand darf wissen, daß Du Deinen Gatten in mir erkannt hast. Fra n?oise. Bin ich nicht Deine Dir angetraute Frau, schützt uns nicht die Heiligkeit unseres Bundes? Maurice. Nichts schützt Dich, man wird Dich verderben, Dir Dein Kind entreißen und vielleicht ewig von Dir trennen. Franyoise. Was soll ich thun? Maurice. Schweigen! — nur noch einige Tage! — Bei dem Glücke unseres Kindes beschwöre ich Dich, mich nicht zu kennen, und ruhig nach Hause zu gehen, bis ich Dich selbst hole. Franyoise. Du hast mich einmal verläugnet, ich traue Dir nicht. Maurice. So wisse denn, daß es meine Ehre, meine Freiheit gilt, daß die Zukunft Deines Kindes von Deinem Schweigen abhängt, willst Du unseren Sohn in die Welt hinausstoßcn, wie ich hinausgestoßen wurde, und ihn zur Waise machen, ehe er seinen Vater gesehen hat? Franyoise. Gib mir Dein Wort, daß Du mich nicht täuschest, und ich will Dir glauben. Maurice. Bei der Seligkeit unseres Kindes schwöre ich Dir, daß ich eine Vereinigung mit Dir hoffe. Fra nyoise. Nun gut, so will ich gehen. (Reicht ihm die Hand.) Leb' wohl, Maurice, ich werde nicht früher kommen, als bis Du mich als Deine Gattin hie- her führest, erinnere Dich aber, daß in dem kleinen Hause, Deinem Pallaste gegenüber, zwei Herzen für Dich schlagen und daß ein herziges Kind auf die Umarmung des Vaters wartet. Dreizehnte Scene. Gräfin durch die Thüre links. Vorige. Lora in durch die Mitte. Gräfin. Seit einer Viertelstunde warte ich auf Dich, um Dir sehr angenehme Neuigkeiten mitzutheilen. (Bemerkt Franyoise.) Was will diese Frau? Fra nyoise (sich verneigend). Ich bath um die Kundschaft des Herrn Marquis! - Lora in (bei Seite). Hat sie endlich begriffen, — oder steckt da etwas dahinter ? Gräfin (geringschätzend). Wende Sie sich an unfern Intendanten! (Zu Maurice.) Du machst ein glänzendes Glück. Herr von Creance hat mir die Hand seiner Tochter für Dich bewilliget, noch heute wird der Heirathscontract unterzeichnet. Maurice (macht eine abwehrende Bewegung). Franyoise. Er will heirathen? — deßhalb also sollte ich schweigen? — Nichtswürdiger! Maurice. Franyoise, ich beschwöre Dich! - Gräfin. Was soll das heißen? Franyoise. Daß ich seit sechs Jahren die Frau dieses Mannes bin, daß ich nicht dulden werde, daß eine Andere die Stelle einnimmt, die mir gehört! Gräfin. Erkläre mir, Neffe, von welchem Rechte spricht diese Person? Maurice. Ich werde Ihnen Alles erklären, theuere Tante, nur endigen Sie diesen peinlichen Auftritt! (Zu Franyoise.) Ich leschwöre Dich, Fran- yoise, weun Du endest, bringst Du mich auf die Galeere! Franyoise. Bist Du schon so 27 weit?! — (Kalt.) Beruhige Dich, der Vater meines Kindes soll durch mich nicht ehrlos werden. (Zur Gräfin.) Zch gehe, Madame, weil ich Ihnen zu gering bin, und man sich meiner schämt, aber das sage ich Ihnen, wenn er es wagt, einem andern Weibe die Ehe zu versprechen , daß ich wieder kommen, und meine Ansprüche geltend machen werde! L 0 raiN (hat indessen leise mit der Gräfin gesprochen). Gräfin. Wir werden uns verständigen, gute Frau, verlassen Sie uns nur! Franyoise. Wir haben uns bereits verstanden! (Sieht Maurice verächtlich an.) Zch gehe, Herr Marquis! und wenn Sie nach dem, was hier vorgefallen, noch glücklich sein können, so wünsche ich Zhnen wohl zu leben. (Der Vorhang fällt.) Dritter Act. (Zimmer bei Leonard.) Erste Seene. Franeoise hält Josef umfaßt. Leonard sitzt an dem Tische. Leonard. Was andere Leute für ein großes Glück halten, ist für uns die Quelle des Unglückes. Zch wollte, der Todtenschein wäre in Ordnung, und Du jetzt Witwe. Francois e. Da wäre ja mein Zosef eine Waise, und das können Sie nicht wollen, Vater! Leonard. Was hast Du davon, daß Dein Mann ein vornehmer Herr ist, — er verachtet Dich, wir sind ihm zu gering und Dein Kind darf nicht einmal Vater zu ihm sagen. Franyoise. Sein Herz ist noch nicht ganz verdorben, ich hoffe von seiner Liebe das zu erhalten, was uns sein Stolz jetzt versagt. Leonard. Laß ihn in seinem Stande, und bleiben wir in dem unfern, so haben wir doch das Recht, ihn zu verachten. Fran § oise. Wenn ich keinen Sohn hatte, würde ich nicht mehr von Maurice reden, so aber muß ich für die Rechte meines Kindes wachen. Ich werde für mich keine Titel fordern und mich nicht in den Kreis seiner stolzen Verwandten drängen, aber mein Kind soll den Namen seines Vaters führen, und müßte ich ihn vor dem Gesetze ansprechen. Leonard. Freilich, freilich, Dein Recht mußt Dir werden, aber lieber wäre es mir doch, Dein Kind bliebe EinerderUnserigen, — (zuJosef) komm her, Zosef, sag' mir, willst Du ein Marquis werden? (Nimmt ihn auf den Schooß.) Z o sef. Zch will ein ehrlicher Mann werden, wie Du, Großvater. — Leonard (stellt ihn auf den Boden). Za, gestern war ich noch ehrlich, heut' aber ist es anders, denn auch mit der letzten Hoffnung, dem Marquis Alles zu gestehen, und um Aufschub zu bitten, ist es nichts, und ich danke nur meinem Gott, daß mich das grobe Bedientenvolk nicht vorlicß. Der Marquis hätte rielleicht gedacht, er müsse uns mit dieser Summe denKummer bezahlen, den seine schlechte Handlung über Dich brachte. Franyoise. Die Summe muß ersetzt werden, — wenn er uns auch als geringe Leute verachtet, so darf er uns doch nicht für schlecht halten. Leonard. Haben wir denn ein Vermögen? oder borgt uns Jemand vielleicht auf unser Gesicht? — ich würde eS ja gerne zurückzahlen, und lieber Brot und Wassersuppe essen! — Fran^oise. Das ist nicht noth- wendig, Vater! — mein Geschäft ist gut gegangen, ich habe gespart, um meinem Sohne eine anständige Erziehung geben zu können, damit sich sein 28 Vater nicht zu schämen brauchte, wenn er einst zurückkehrte. Jetzt habe ich dazu kein Geld mehr nöthig, denn er muß seinen Sohn anerkennen, — es ist ehrlich erworbenes Geld, Vater, und Sie dürfen sich nicht schämen, es statt dem anvertrautem Golde in die Schatulle zu legen! Leonard. Ich nehme Dein Aner- biethen an, Franyoise, ich nehme es mit Freuden an, aber nur als ein geliehenes Gut, das ich meinem Enkel wieder ersetzen werde, denn wer weiß, ob nicht eine Zeit kommt, wo der plötzlich reich gewordene Marquis die Hülfe seiner armen Anverwandten braucht! — Franko ise (geht an einen Schrank, nimmt eine Schatulle heraus, die sie aufschließt, worin sich ein Paquet Kassaan- weisungen befinden). Hier, Vater, nehmen Sie, eS wird wohl mehr sein, als Sie brauchen! — Leonard (indem er zählt). 1, 2, 3, 4, ö, 6. Ich erinnere mich, daß der Marquis sagte, daß sich 10,000 Francs darin befänden, ich habe das Geld nicht gezählt. — O Deine Mutter, daß sie sich so weit vergessen konnte! Franyoise. Die arme Mutter, sie leidet bitter für ihr Vergehen, ich fand sie weinend vor dem Hotel meines Mannes — und nahm sie mit mir. — Meine Eltern dürfen dort nicht flehen, wo ich befehlen sollte. Leonard. Wo ist sie jetzt? Francois e. In der Kammer liegt sie auf den Knieen und bittet Gott, daß er Ihr Herz erweichen möchte, damit Sie ihr ihre Schuld verzeihen. — Leonard. Nun, ich bin ja kein Barbar, wir armen Leute haben Nichts als unsere Liebe für einander, warum sollten wir uns das Bischen Leben verbittern. — Führe die Mutter her, ich hätte eS so nicht mehr länger ausgehalten mit dem Groll aufdem Herzen Franyoise (hat indeß die Thüre geöffnet). Mutter! — der Vater ist wieder gut! — Zweite Scene. Genovefa Die Vorigen, (unter der Kammrrthür). Genovefa. 2ch wage eö gar nicht, die Augen zu Dir aufzuschlagen, Leonard. Leonard. Komm her, Alte, die Angst, die Du auSgcstanden hast, soll Deine Strafe sein! Du hast eine Tochter, die Deinen Fehler auf Kosten ihres Kindes wieder gut gemacht hat. Genovefa. Ich wollte ja Nichts verthun, Gott weiß eö, das Geld blendete mich, ich wollte ebenfalls Reichthümer besitzen! — Leonard. Zch trage eines Theils Deine Schuld mit, ich hätte Dir das Geheimniß anvertrauen sollen, aber ich fürchtete die Schwatzhaftigkeit der Weiber, und darum schwieg ich. — Franyoise- Versäumen Sie keine Zeit, Vater, und bringen Sie dem Marquis das Geld. — Le o n a r d. Za, ich will sogleich hingehen. Jetzt müssen mich die Bedienten hineinlassen, denn ich werde sagen, ich bringe Geld für den Herrn Marquis, und vor diesem Losungswort öffnen sich alle Thüren. (ist zu der Fliese gegangen, unter welcher die Schatulle verborgen war, und hebt sie auf). Als ich die Schatulle hieher trug, war sie schwerer, denn sie erhielt lauter Gold, — nun, Geld ist Geld, eS gibt sich Eines so leicht aus als das Andere, (er öffnet die Schatulle). Da sind ja auch Papiere, was sie wohl enthalten mögen? — Franyoise. Zch bin die Frau des Marquis, ich habe ein Recht, darnach zu sehen! (nimmt die Papiere und öffnet sie). Briefe einer Frau an den Marquis 29 von Saltielles, und hier (breitet ein Papier aus). Ein Laufschein, (sie liest). Da stehen die Titel des Marquis und hier Coralie Heriot, nichts weiter! Leonhard. Das ist die, welche die Flucht des Marquis begünstigte. Zch ahnte wohl, daß er sie nahe an- ginge, daß sie aber seine rechtmäßige Frau war, hätte ich nicht geglaubt. — Frau yo ise. Seine Mutter! — und sie lebt noch? sie weiß vielleicht nicht einmal, daß sich ihr Sohn wieder gefunden hat! — Leonard. Sie muß es wissen, denn als ich im Vorzimmer mit den Bedienten unterhandelte, kam auch sie und wollte mit dem Marquis reden, wurde aber gleich mir abgewiesen. — Franyoise. Auch seine Mutter?! — das ist grausam ! — Aber die arme Frau kann wahrscheinlich nicht beweisen, daß sie in rechtmäßiger Ehe mit dem Marquis gelebt hat, und die Familie wird ihr nicht glauben. — Leonard. Der Taufschein aber da beweiset es. — Mein erster Weg ist jetzt zu ihr, sie verdienet, daß sie glücklich wird, denn sie hat ein Herz für die Armuth, sie wird Dich als Schwiegertochter nicht verachten, und ihren Enkel auch nicht zurückweisen. — Franyoise. Weil sie den Schmerz einer verstoßenen Frau kennt. Gehen Sie zu ihr, Vater, vielleicht gelingt es ihr, das Herz meines Gatten zu erweichen! (Man sieht die Gräfin mit borain durch den Laden kommen). Genovefa (auf den Laden deutend). Franyoise, sieh nur, wir bekommen vornehmen Besuch. — Fra nyoise (sich umsehend). Daist die Tante, — sie scheint ihn sehr zu lieben, was wird sie von mir wollen? — Leonard (hat die Schatulle genommen). Da ist es besser, ich gehe aus dem Wege, denn spricht sie etwas, das mir nicht gefällt, so könnte ich ihr die Wahrheit zu deutlich sagen, und das ist nicht immer gut. (Ab, indem er die eintretende Gräfin leichthin grüßt). Dritte Scene. Gräfin. Lorain. Vorige. Lora in. Die Frau Gräfin wünscht mit Ihnen allein zu reden, Madame, ganz allein! — Franyoise (bei Seite). Sie hat eine kalte Miene! — mein Herz zittert vor dieser Unterredung! (zu Genovefa). Lassen Sie uns allein, Mutter, und nehmen Sie Josef mit! — Genovefa. Komm, Kleiner, wir gehen in die Küche. (Beide ab). Vierte Seene. Gräfin. Lorain. Franyoise. Fra nyoise. Da sich meine Mutter entfernen mußte, so verlange ich auch, daß dieser Diener geht! — Gräfin. Unsere Angelegenheit ist für ihn kein Geheimniß. F ranyoise. Sie erlauben, Madame , in meiner Wohnung bin ich unumschränkte Frau, (öffnet die Ladenthür). Wollen Sie hier warten, bis wir unser Gespräch beendiget haben?! Gräfin. Lassen Sie uns allein! Lorain (im Abgehen) Warte nur, hochmüthigeS Weib, das bringe ich Dir ein! (ab in den Laden). Fünfte Scene. Gräfin. Franyoise. Franyoise (biethet der Gräfin einen Stuhl). Wollen Sie sich setzten, Frau Gräfin? Gräfin (abwehrend). Lassen Sie das, unser Geschäft wird bald beendet sein! — Franyoise (verwundert). Geschäft? 30 — Ich dachte, Sie wollten von Familienangelegenheiten sprechen? Gräfin (verächtlich). Familienangelegenheiten, mit Ihnen? Franeoise. Sie sind Maurice's einzige Verwandte, waS wollen Sie von seiner Frau? Gräfin. Wenn Sie Nachdenken wollten, Madame, würden Sie begreifen, daß mein Neffe, als er Sie hei- rathete, von seiner Geburt keine Ahnung hatte, und also unbewußt diese Mißheirath schloß. — Franeoise. O doch, Madame, er wußte, daß er nicht Meinesgleichen war! — G r ä f i n. Er wußte es? — und traf doch keine andere Wahl? — Franeoise. Wenn meine Eltern auch arme Leute sind, so hielten sie doch aus Familienehre. Denn Sie müssen wissen, Madame, daß es für eine Schande gilt, wenn ein junges Mädchen einen Mann heirathet, der keinen Namen hat. —Ich liebte Maurice und vertraute seinem Worte, was auch meine Verwandten sagten, mein Herz antwortete: Gott verstößt die armen Kinder nicht, die die Noth und die Herzlosigkeit ihrer Eltern aus- gesetzt. Ein braver Bursche ist der Liebe eines ehrlichen Mädchens wcrth, wenn er auch ein Findling ist. — Gräfin. Wissen Sie auch, Madame, daß unser Ahnherr Marschall von Frankreich war? Franeoise. Jede Familie hat seine Helden, mein Großvater war Sergeant und starb auf dem Felde der Ehre, nachdem er seinem General das Leben gerettet hatte. Gräfin. ES handelt sich hier nicht um Ihre Familie, sondern um Ihre Person. (zieht ein Papier aus der Tasche). Hier ist eine Anweisung, füllen Sie dieselbe aus, und sollte die Summe noch so groß sein, mein Bankier wird sie auszahlen! Franeoise. Zu was soll mir diese Summe? Gräfin. Ihnen weit weg von Parieine sorgenfreie Eristenz zu verschaffen, denn Sie müssen Ihre Ehe mit Maurice als aufgelöst betrachten. Franeoise. Ich muß? Gräfin. Maurice hatte nicht das Recht, ohne der Einwilligung seiner Familie eine Ehe zu schließen, der König wird auf meine Bitten die Ungültigkeit derselben aussprechen. Ihren Sohn wird man ebenfalls bedenken. Franyoise. Was Sie mir da Vorschlägen, Madame, ist ein Schimpf an mir und meinem Kinde. Ich bin nicht gewohnt, mich beschimpfen zu lassen, ohne den Schimpf zurück zu geben! Hüthen Sie sich, Madame, ich bin ein Weib ohne Erziehung, das seine Worte nicht zu mäßigen versteht, — ich bin eine Dame der Halle, Madame, — die keine Beleidigung duldet, sei eS von wem es wolle, — und sie zurückgibt, wem es auch sei! — Gräfin (erschrocken). Madame! Franeoise (ruhig). Beruhigen Sie sich, Sie haben vergessen, wer ich bin, ich werde mich aber stets erinnern, wer Sie sind! Gräfin (einlenkend). So können wir uns ja nicht verständigen, fordern Sie für Ihre Einwilligung zur Trennung der Ehe so viel Sie wollen! Franeoise. Eine redliche Frau verkauft ihren Mann nicht, und eine brave Mutter macht ihr Kind nicht ehrlos, — dieß ist meine Antwort, Madame! Gräfin. Ueberlegen Sie! Franeoise. Ich habe überdacht. — Als Maurice arm und ohne Familie war, haben wir ihn unter unser Dach ausgenommen und unsere Habe mit ihm getheilet. Damals sagte ich zu ihm, hier ist meine Hand, Du bist bei uns zu Hause. — Heute noch, Madame, wird der Marquis von Sal- nelles mich und mein Kind in seinen 31 Pallast aufnehmen, wie wir ihn in unserer Hütte empfingen, und zu mir sagen: „Du bist hier zu Hause und meine Familie ist die Deinige!" Gräfin (gegen die kadcnthür). Kommen Sie, Lorain, fie ist eine Halsstarrige, die das Glück des Mannes untergräbt, den sie zu lieben vorgibt! Lorain (eintretend, leise zur Gräfin). Ich habe ein Mittel, sie zahm zu machen. Entfernen Sie sich, Gräfin, und überlassen Sie mir das Uebrige. Gräfin. Keinen Gewaltstreich, ich will in Güte mit ihr auseinander kommen, und koste es auch mein halbes Vermögen! (ab.) Sechste Seene. Franyoise. Lorain. Lorain. Sie haben Ihr Glück von sich gestoßen, die Gräfin ist eine mildherzige Dame, sie hätte Ihnen große Zugeständnisse gemacht und am Ende müssen Sie sich doch fügen! — Sie würden eine schöne Figur spielen in den Salons des Marquis, — die ehmalige Hallendame unter der Elite von Frankreichs ältestem Adel! Francoise. Zch duldete Beleidigungen von der Frau, weil sie in ihrem Sinne recht zu handeln glaubt und weil sie MauricenS Tante ist. — Von Dir aber, elender Knecht, dulde ich kein Wort mehr, oder ich rufe meine Freunde und lasse Dich auf die Gasse setzen, wohin Du gehörst! (geht auf ihn zu.) Lorain (zurückweichend). Hoho! — geht es aus dem Ton? nun, wir werden gleich unsere Maßregeln treffen. Glückliche Ankunft im Hüte! SalnelleS, ich werde für freundliche Aufnahme sorgen! (ab.) Siebente Seene. Franyoise (allein). Gut, daß er ging, er durfte wohl die Ausbrüche meines Zornes, aber die meiner Schmerzen nicht sehen, (setzt sich an den Lisch, hält die Hände vor's Gesicht und weint.) Achte Seene. Armand. Die Vorige. Armand (schüchtern eintretend). Ist es erlaubt, Madame? Fra nyoise. Zch bin zwar nicht auf Besuch gefaßt, aber treten Sie nur näher, Unglückliche gehören ja immer zusammen! Armand. Zch komme, um Abschied zu nehmen, ich verlasse Frankreich für immer! Franyoise. Armer junger Mann, so jung und so verlassen. Armand. Der Marquis von Sal- nelles hat mich in seine Dienste genommen, aber ich muß sogleich nach Bordeaux abreisen, um ein Schiff nicht zu versäumen, das nach St. Domingo geht! Fra nyoise. Sie gehen nach St. Domingo? — Das ist wohl recht weit? Armand. O sehr weit, Madame! — aber ich ginge gerne bis an's Ende der Welt, um nicht Zeuge der Vermählung des Fräuleins von Creancä zu sein! — Franyoise. Creancö? — ist das nicht der Name, den ich aussprechen hörte, — der Marquis von SalnelleS soll mit ihr verlobt werden? Armand. Die Kontrakte liegen zur Unterzeichnung bereit! Franyoise. Und Sie lieben das Fräulein, und werden von ihr geliebt? Armand. ES war mein höchstes Glück und wird darum mein größtes Leid sein! Franyoise. Wenn Sie deßhalb 32 ^ Frankreich verlassen wollen, weil Fräulein von Creance den Marquis von Salnelleö heirathet, so können Sie bleiben, denn das Fräulein wird nie die Gattin des Marquis werden! Armand. Wie können Sie das so gewiß behaupten? Franyoise. Ich darf Ihnen noch nicht sagen, woher ich diese Ueberzeu- gung habe, aber bei meinem Seelenheil schwöre ich Ihnen, diese Heirath kommt nicht zu Stande! Armand. Sie geben mich dem Leben wieder, Madame, aber was soll ich thun? Franyoise. Reisen Sie nicht, bis Sie die Gewißheit erlangt haben, daß Creancö frei ist! Neunte Scene. Gobelin mit zwei Gerichtsdienern. Vorige. Gobelin. Wohnt hier Madame Franyoise Maurice? Francoise. Der Schild über meinem Laden sagt Ihnen meinen Namen! — übrigens was wollen Sie? Gobelin. Ich habe einen Ver- haftsbefehl gegen Sie, Madame! Fra nyoise. Da sind Sie irrig, mein Herr, ich habe keine Schulden! Gobelin. Der VerhaftSbefehl lautet wegen unanständigem Betragen gegen eine Standesperson! Franyoise. Kommt der Streich von daher ? — ja, freilich, darauf war ich nicht gefaßt! (sinkt vernichtet in einen Stuhl.) Armand. Sie dürfen nicht in's Gefängniß, arme Frau! Gobelin. Man wird den jungen Herrn um Erlaubniß fragen! Franyoise (erhebt sich mit Anstand). Auf wessen Namen lautet der VerhaftSbefehl? Gobelin. Aus Franyoise Maurice, Obsthändlerin des Königs! Franyoise. So nannte man mich noch gestern, heute bin ich die Marquise von Salnelles! Gobelin (verwundert). Wie?! Armand. Sie wären die Marquise? Franyoise. Das Hüte! des Marquis ist nur einige Schritte entfernt! — wollen Sie sich Gewißheit verschaffen, meine Herren? Gobelin. Zch muß wohl, Madame, denn ich darf Sie nicht mehr aus den Augen lassen. Wenn übrigens der Herr Marquis für Sie Bürgschaft leistet, so hat es keine Gefahr mehr! Franyoise (zu Gobelin). Einen Augenblick, mein Herr, die Mutter darf nicht ohne ihren Sohn kommen! (geht in's Nebenzimmer, kommt aber sogleich mit Josef wieder heraus.) Begleiten Sie uns. Armand! (Alle ab.) Verwandlung. (Zimmer bei dem Marquis). Zehnte Scene. Maurice. Gräfin. Gräfin. Sie haben anspannen lassen, wohin wollen Sie? Maurice. Zu meinem Weibe, gnädige Frau, zu meinem Sohne. — Schon zu lange ließ ich mich von falschen Rücksichten verleiten, meinen Pflichten als Gatte und Vater untreu zu werden. Gräfin. Du opferst Deine Zukunft. — Der Graf von Creancü wird es nie dulden, daß man eine bereit- eingegangene Verbindlichkeit löset! Maurice. Der Graf wird nicht wissen, daß ich bereits verheirathet bin, und die junge Gräfin wird sich freiwillig keinen Gatten wählen, auf dessen Liebe und Treue ein anderes Weib geheiligte Rechte hat! Gräfin. Zch habe mit der Person 33 gesprochen, sie wird sich mit einer Abfindungssumme begnügen! Maurice. Da irren Sie sich, Madame, Franyoise verkauft ihren Gatten nicht! Gräfin. Lorain hat es übernommen, sie zu stimmen; er ist klug, und wird sie auf ihren Vortheil aufmerksam machen. (Lorain kommt durch die Mitte.) Ah! da kömmt er eben, Du kannst ihren Entschuß aus seinem Munde hören! Eilfte Scene. Lorain. Die Vorigen. Gräfin (eilig). Nun, sind Sie mit ihr in Ordnung? (spricht leise mit ihm.) Maurice. Zch habe es verdient, daß sie einwilliget, mich zu verlassen, aber sie weiß nicht, daß ich meine Herzlosigkeit bereue, daß ich sie liebe! Gräfin. Soweit hätten Sie nicht gehen sollen, das war mein Wille nicht! Lorain. Es war kein anderes Mittel, gnädige Frau! Maurice. Was gab Fransoise für eine Antwort? — ick will mein Schicksal mit einem Schlag erfahren! Lorain. Ich bediente mich eines lettre cle eaebet, sie ist bereits in der Bastille! — M au rice (faßt ihn wüthend an). Unglücklicher! diesen Frevel sollst Du mit Deinem Leben büßen! Lorain (zurückweichend). Haben Sie vergessen, daß sie den Todtenschein in Händen hat— wenn Sie redet, ist die Galeere Ihr Loos! — Maurice. O mein Gott! rette mich aus der Gewalt dieses Teufels! Zwölfte Seene. (Die Lhüren werden aufgeriffen). Ger- main (meidet): Die Frau Marquise von Salnelles! Franyoise (tritt ein, Josef Wiener Theater-Nepertoir. XXX. an der Hand führend, durch die geöffnete Lhüre sieht man Gobelin mit den zwei Wachen und Armand, welcher neugierig unter der Lhüre stehen bleibt). Vorige. Maurice. Franyoise!?! Lorain. Sie ist'ö! welche Frechheit? — Fran?oise. Ja, ich bin's, und bin fest entschlossen, meine Rechte als Gattin, und die meines Sohnes geltend zu machen. Niemand soll über Fran^oise Leonard, sie sei nun eine Frau aus dem Volke oder eine vornehme Dame, zu erröthen haben, auf meinem Schilde als Obsthändlerin des Königs haftet kein Flecken, Niemand soll einen solchen in meinem Betragen als Marquise finden! — M a u r i c e. Mein Weib, meine theuere Franyoise! — Du bist mir wiedergegeben! —nun soll uns nichts mehr trennen! — Franyoise. Du verstoßest uns nicht? — Du liebst mich wieder? — Maurice (nimmt Josef). Ich habe nie aufgehört, Euch zu lieben, und wenn mir die Wahl zwischen meiner neuen Familie und Euch freisteht, ich würde Reichthum und Titel entsagen, und zöge mit Euch in Eure Hütte, um mit Euch zu arbeiten! — .Gräfin. O mein Plan! —meine schönen Hoffnungen auf den Glanz unserer Familie — er opfert sie einem Weibe, das ihn wieder in den Staub ziehen wird, aus dem wir ihn kaum herausgerissen! Lorain (tritt zu Maurice). Sie ha« ben vergessen, daß Sie in meiner Hand sind, ein Wort von mir bringt Sie in Elend und Schande! — Franyoise. Sie glauben uns mit dem falschen Todtenschein zu ängstigen, sehen Sie, er ist vernichtet (zerreißt das Dokument). Maurice hat aufgehört, für mich todt zu sein, er wird von nun an für seine Familie leben! 3 34 Lora in (zieht ein Papier aus der Tasche). So werden Sie mir diesen Wechsel bezahlen, oder der Herr Marquis wird im Schuldengefangnisse Zeit haben, über das Glück nachzudenken, das ihm seine treue Anhänglichkeit bereitet hat! Dreizehnte Scene. Coralie. Leonard. Vorige. C o r a l i e. Dieser junge Mensch hier ist nicht der Marquis von Sal- nelles! — Maurice (verwundrrt). Wie?! — Coralie. Zch bin die Gattin des Marquis Leon von Salnelleö, vor 20 Zähren verheirathet! — Hier ist der Taufschein meines Sohnes, er wurde ein Zahr später geboren und muß jetzt 19 Zahre jählen! (zu Maurice). Wie kommen Sie dazu, mein 'Herr, sich einen Namen anzumaßen, der Ihnen nicht gehört! Maurice. Beschuldigen Sie mich nicht, Madame, dieser hier (auf Lo- rain zeigend) wollte in mir den Gesuchten erkennen! Cora l i e. Zean wollte meine Dienste verlassen, doch als er durch Leonard erfuhr, daß ich von nun an, um der Ehre meines Sohnes willen, den Namen meines Gatten, des Marquis von SalnelleS führen werde, zog er eS vor, ein Gsständniß zu machen, das über Manches, diesen Herrn betreffend, Aufklärung geben wird. — Gräfin (nähert sich Coralie). Ein Band, Madame, wird uns enger verbinden, als die nahe Verwandtschaft, eS ist die Liebe zu dem Sohne meines armen Bruders, — wenn es dieser junge Mann nicht ist, wo Hab' ich ihn zu suchen? Coralie. Nach dem Briefe meines Gatten wurde er in dem College zu Amiens, unter dem Namen Armand Leoneo erzogen. Frantzoise. Armand?! O Madame, wie glücklich bin ich, Zhnen vielleicht den Sohn wieder geben zu können, (zieht Armand hervor). Hier steht der Zögling aus dem College AmienS, er ist 19 Zahre alt und nennt sich Armand Leoneo! Coralie. Wer bürgt mir für die Wahrheit? Armand. Zch habe Briefe meines Wohlthäterö, der mich im College erziehen ließ, vielleicht können sie Aufschluß geben! (gibt Coralie mehrere Briefe, welche er auf der Brust trägt). Coralie (nachdem sie einen Blick auf die Briefe geworfen). Es sind die Schriftzüge meines Gatten, Du bist jenes arme verstoßene Kind, das seinen Namen nicht kennen durfte, um der unglücklichen Mutter Deinen Aufenthalt nicht verrathen zu können! — Grä f i n. Mein Neffe! Du bist wahrscheinlich noch nicht verheirathet? Franyoise. Nein, Madame, aber er- liebt das Fräulein von Creanc«! — Gräfi n. Wäre eS möglich? — Komm in meine Arme, mein theuerer Nesse! (umarmt ihn). Bierzehnte Scene. Gobelin (steckt den Kopf zur Lhür herein). Vorige. Gobel in. Wie ist eS denn mit meinem I-ettre äe eaeliet? soll ich Niemand verhaften? Armand (auf Lorain deutend). Diesen hier, er wird der Galeere nicht entgehen, mit der er so oft Andern gedroht! Gobelin (erkennt Lorain). Hab' ich ihn endlich? seit 6 Zähren spüre ich ihm schon nach, er hatte einmal die Keckheit, meine Person zu mysti- fiziren! — Lorain (höhnisch zu Maurice). Mein Herr Er-Marquis, Sie werden mir Gesellschaft leisten, denn Sie sind mein Mitschuldiger! — 35 Maurice. Zch habe Dich zu dem ^ Betrüge nicht aufgefordert, und wurde getäuscht, wie die Andern ' Armand. Beruhigen Tie sich, > meine Familie und ich sind von Ihrer ^ Unschuld überzeugt! — l Leo n a r d (zu Armand, auf die Scha- ! tulle zeigend). Hier ist Ihr Eigenthum. > Herr Marquis, es ist ein Vermächtniß Ihres Vaters, das ich seit 6 Jahren für Sie aufbewahrte, eö hat mir Kummer genug verursacht! — Franyoise (zu Maurice). Wir können Dir keine Reichthümer und Titel anbiethen, aber wir haben ehrliche Herzen, willst Du uns vertrauen? Maurice. Ich werde viel glücklicher sein, wenn ich auch mein Brot durch meiner Hände Arbeit verdienen muß, als ich in einem Stande war für den ich nicht geboren wurde! — Coralie. Das Haus SalnelleS, wird Euch niemals verschlossen sein! Armand (reicht Franyoise die Hand). Als ich von Allen verlassen fast Hungers gestorben bin, da haben Sie mich erquickt, Madame, ich werde Niemals darauf vergessen! (nimmt die Schatulle und gibt sie an Franyoise). Franyoise (mit einer Verbeugung). Ich bitte um Ihre Kundschaft, Herr Marquis, die Obsthändlerin des Königs wird Ihrem Namen keine Schande machen! — Der Vorhang fällt. Men 18S4. Druck und Verlag von Z. B. Wallishausier. In demselben Verl Hovp,iFr., Atlas shawl und Harrasbinde, oder: Das Haus der Konfusionen, Posse mit Gesang in S Aufz. gr. 8. 1849 15 Sgr. oder 48 kr. — Lazarus Po lkwitzervon Nikols bürg, oder: Die Landparthie nach Baden. Pvye mit Gesang in 2 Aufzügen gr. 8. 1849. ' 15 Sgr. oder 48 kr. Kaiser, Fr.,SchneideralsNaturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Eine Posse als Medizin. Orminal- posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 allegor. Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr — Männer sch önheit. Original-Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit Titelkupfer. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Ein Fürst. Charakterbild mit Gesang in 3. Akten. Mit 1 allegor. Bilde. 8. geb. 15 Sgr. oder 48 kr. — Mönch und Soldat. Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbild. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Schule des Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Charakterbild mit Gesang in 4 Akten. Mit 1 Titelbild 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der Rastelbinder, oder: 10,009 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Junker und Knecht. Charakterbild mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbilde. 8- geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Akten. 8 geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr oder 48 kr. — Dienstbothenwirthschaft. oder: Cha- toulle und Uhr. Charakterbild mit Ges. in 2 Akt. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 12 Sgr. oder 36 kr. Nestroy, I.. Einen Jux will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen, geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder: Das Geheimniß des grauen Hauses. Posse in 5 Aufzüg. 12. geh. 15 Sgr. oder 48 kr — Der Zerrissene. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 allegorischen Bild. 12. geh. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der Talisman. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit 1 illum. alleg. Bilde. 12. geh. 20 Sgr. oder 48 kr. — Unverhofft. Posse mit Ges. in 3 Akten. Mit 1 alleg. Bild. 12. geh. 16 Sgr. oder 48 kr. — Freiheit in Krähwinkel. Posse in 3 Acten. Mit 3 illum. allegor. Bildern. 12. geh. 24 Sgr. oder 1 fl. 12 kr. age sind erschienen: Nestroy. I.. Zu ebener Erde und erster Stock, oder: Die Launen des Glückes. Posse mit Gesang in 3 Akten. Mit illum. Bild gr. 8. geh. 20 Sgr. oder 1 fl. — Der Unbedeutende. Posse in 3 Akten. Mit 1 illum. Bild. 12. geh 20 Sgr. oder 1 fl. — Das Mädl aus der Vorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Poye in 3 Akten. 12. 1845. 15 Sgr. oder 48 kr. — Der böse Geist Lumpacivagabun- dus, oder: Das liederliche Kleeblatt Zauberposse mit Gesang in 3 Aufzügen. 12. 1838. 2. Auflage. 15 Sgr. oder 48 kr. — Die verhängnißvolle Faschingsnacht. Posse mit Ges. in 3 Aufz. Mit 1 Bilde. 12. 1841. 15 Sgr. oder 48 kr. — Eulenspiegel, oder: Schabernack über Schabernack, Posse mit Gesang in 4 Akten. 8. 15 Sgr. oder 48 kr. Mautner, Ed., Lustspiele. I. Das Preislustspiel. II. Gräfin Aurora. 8. 1852. 1 Tblr. oder 1 fl. 30 kr. Bäuerle A., Faust's Man tel. Zauberspiel mit Gesang in 2 Akten. 8. 1820. 7'/r Sgr. oder 18 kr. Bauernfeld, das letzte Abenteuer. Lustspiel in 5 Akten, gr. 8. 1834. 20 Sgr. oder 54 kr. Gleich. I. A., Herr Joseph und Frau Baberl. Posse mit Gesang in 3 Aufz. gr. 8. 1840. 10 Sgr. oder 20 kr. Schwestern von Prag. Singspiel nach Hafner v. Perinet. 2. Aufl. 1842.12 Sgr. ob. 36 kr. Koch. C. W., dramatische Beiträge für das k. k. Hofburgtheater in Wien. 1836. 8. Inhalt: Testament einer armen Frau. Er bezahlt Alle. Die Vorleserin. 1 Tblr. 10 Sgr. oder 2 fl. Shakespeare, der Kaufmann von Venedig. Lustspiel in 5 Aufzügen. Bearbeitet von C. A. West. gr. 8. 1841. 18'/» Sgr. oder 48 kr. — KönigLear, Trauersp. in 5 A. Bearbeitet von West. gr. 8. 18'/» Sgr. oder 48 kr. — Romeo und Julie, Trauerspiel in 5 Aufzügen. Bearbeitet von West. gr. 8.1841. 18'/» Sgr. oder 48 kr. Vogel. W., der Erbvertrag. Dramat. Dichtung in 2 Abtheil, nach einer Erzählung des C. F. A. Hoffmann. gr. 8. 1828. 22'/, Sgr. oder 48 kr. — Witztgungen, oder: Wie fesselt man die Gefangenen. Lustspiel in 3 Akten. 8. 1843. 21 Sgr. oder 1 fl. — Das Duell-Mandat, oder: Ein Tag" vor der Schlacht bei Roßbach. Drama in 5 Auf;. 8. 1843. 18 Sgr. oder 48 kr. — Ein Handbillet Friedrich des Zweiten, oder: Jnkognitv's - Verlegenheiten. Lustspiel in 3 Aufzügen. 1843. 21 Sgr. oder 1 fl. Gkloiiils, -kl Narr «om Untersderg, oder: Ein patriotischer Wunsch. Posse mit Gesang in drei Acten, von Alois Berla. Musik vom Kapellmeister Franz von Snpps. Aufgeführt im k. k. priv. Theater an der Wien. Den Dahnen gegenüber als Manuscript. Personen r Kaiser Friedrich der Rothbart. Gervinus, sein Hofnarr. Fuchs, ein Pächter. Life, seine Mündel. Herr v. Flieder. Herr v. Gutregel. Aurelia, dessen Gattin. Frau v. Eigen wähl. Gutsbesitzerin. Emilie, ihre Tochter. Carl, Jäger. Herr v. Holm. Herr v. Werner. Ein Marqueur. Andreas, Bedienter. Herr v. Sternfel s. Tinterl, Amtsschreiber. Ritter und Knappen im UnterSberge. — Gesellschaft. — Spaziergänger. — Bediente. Die Handlung spielt im Innern des Nntersberges, auf eknemIGute nahe bei Salzburg und in der Stadt. Wiener Theater-Repertoir. XXXI. 1 r Erster Act. (Musik. — Zuerst eine Felsenwand, die sich auf ein Zeichen öffnet und fast ganz zurückschiebt. — Das Innere des Untersberges, eine Halle, von der Natur plump, aber großartig eigenthümlich gebildet. — In der Mitte, etwas erhaben, an einem goldenen Tische fitzt Kaiser Friedrich mit langem rotben Barte und schlummert. Er ist im altdeutschen Fürstenanzuge, die Krone neben ihm auf dem Tische. Rund herum die Ritter und Wappner in grauen Gewändern. Harnischen und langen grauen Bärten tableau- artig schlummernd. — Gervinus, der Hofnarr, fitzt vorn auf einem Felsstück und liest Zeitungen. — Die Musik schweigt nach kurzer Zeit.) Erste Seene. Gervinus. Bei meiner armen Seel'! seit den paar hundert Jahren, Wo ich mit Kaiser Friedrich bin im Bergschooß eingefahren. Mit all seinen Schätzen und dem Rittertroß, dem trägen, Und wir hier so echt kaiserlich der Ruhe emsig Pflegen, Hab' ich so viele Langweil' nicht und ekle Zeit empfunden Wie heut'! Endlos dehnen sich die Stunden. Zwar diese hier, die finden sich schon d'rein, Die dehnen sich und strecken sich, und schlafen gähnend ein — Nur ich, ich armer Narr, aus niederm Stand geboren, Ich lebe wie ein Schaf, das von der Heerde sich verloren. Das traurig unter Felsen und in Wäldern umherirrt, Und weil es endlich Sehnsucht doch nach Nahrung in sich spürt, Weil seines Innern eine Leere sich bemächtigt, Und weil an Frucht es mangelt, sich mit Blättern nur beschäftigt, Doch diese Blätter hier, die sind kaum zu ertragen, Sie machen wüst den Kopf ja nur, und schwer verdaut der Magen Die schmacke Kost! — ^nnv 1847 ist die Jahreszahl, In der die Blätter sproßten matt und fahl, Anjetzo wird achthundert neun und bier- « zig schon geschrieben, Doch ist seit langer Zeit die Post schon ausgeblieben. — Das muß der Post man lassen, die läuft, es ist ein Graus ! Und will sie sehr geschwinde sein, da bleibt sie gänzlich aus! — Was thu' ich nur, die Langweil' zu verscheuchen? Halt! fürwahr, ich hab's! In allen großen Reichen Will reisen ich umher, das ist das beste Mittel, Da will ich denn besuchen auch die großen Narrenspittel, Will kennen lernen überall Gebräuche und auch Sitten, Und seh'n, wie weit die Narrenkunst schon vorwärts ist geschritten. (Ruft.) Wacht auf, Ihr Schläfer all, hört gnädiglich mich an! — Es ist doch wirklich fürchterlich, wie Mancher schnarchen kann! (Musik. — Alle erwachen.) Friedrich. Wer wagt es, mich in meiner Ruh' zu stören ? Narr. Ich bin's, erhab'ner Herr: ich bitt' Euch, mich zu hören, Und Alle, die sonst schlafen hier im traulichen Verein, Die bitt' ich, meinem Antrag jetzt ein günstig Ohr zu leih'n. Wie Ihr schon wißt, erhabner Herr, ich mag nach Schlaf nicht streben, Weil ich von Denen Einer bin, die gerne wachend leben! Im Schlafe liegt die Nacht — im > Wachen liegt der Lag, s Und eine große Wahrheit ist, was ich als Narr jetzt sag': „Wer mit dem Licht es treulich hält, nach Licht in Allem spürt, „Der hat nicht zu befürchten, daß man hinter's Licht ihn führt!" Friedrich. Wozu die vielen Worte? Traun, bei meinem Bart, Es scheint, daß dieser Bube uns mit seinem Sprüchlein narrt. Narr. O nein! erhab'ner Herr, Ihr wißt, daß ich Zur Kurzweil mir die Zeitung Hab' verschrieben — Da les' ich denn, was auf der Welt jetzt Neues wird getrieben Zm großen deutschen Land Und an der Themse Strand, In Frankreich, wo Champagner blüht, In Welschland, wo die Rebe glüht. Doch gar nichts Neues gibt es fern und nah, Das Neue war als alt schon da; Wie früher wird regiert die Welt, Die Macht regiert, daneben Geld! Zwei Gattung Menschen gibt es noch: Die eine Gattung trägt das Joch, Die andere Gattung ist gar hoch ge? boren, Und d'rum als b e ssre Menschheit auserkoren. Noch immer kreist am Berg die Rabenschaar, Kurz, Alles ist, wie früher es schon war. Friedrich. Schweig' still! Du jagst das Blut mir durch die Adern, Und fast möcht' ich mit dem Verhäng- niß hadern, Das hier mich halt gebannt in düstrem Bergesschacht. Doch ach ! umsonst ist all' mein heißes Sehnen, Umsonst der Seele träumerisches Wähnen! Verlassen ist mein Vaterland, zerrüttet und zerklüftet, Durch Hader und durch Zwietracht bis ins Mark hinein vergiftet. Die Burgen sind zerfallen, ach! getrennt die schönen Gauen, Das Volk, es sargt die Lust bald ein, dann herrschet Angst und Grauen. Und ich, gebannt, muß thatenlos in düstern Hallen säumen, Von meines Landes Unglück hier im wachen Schlummer träumen. O Hort mich, deutsche Fürsten, hört de§ armen Volkes Flehen, Laßt unser schönes Vaterland in Nacht nicht untergehen! Narr. 'S ist eine arge Zeit bei meiner Ehr'! All überall geht's in die Kreuz und Quer. Da gibt es eine Anzahl von bedächt'-- gen, klugen Leuten, Das sind die, die nach rückwärts nur woll'n vorwärts schreiten. Dann sind auch wieder Andere, für die gibt's nichts als Hetze, Die machen keine Schritte, nein, nur fürchterliche Sätze! Doch lange wird's nicht währen! Zst die Welt am ärgsten krank, Bricht der gesunde Sinn sich Bahn und reicht den Heilungstrank. Auch ich, erhab'ner Herr, bin krank, d'rum höret meine Bitte: Laßt eilen mich von hinnen in des Weltgetümmels Mitte! Vielleicht kann ich so Manchen, der nicht sehen will, belehren, Durch meine tollen Scherze selbst so manches Gute nähren; Denn wo sich Lust mit Heiterkeit und Lächeln niederläßt, Bereitet sie den Traurigen gar manches schöne Fest! Fr iedrich. Dein Wunsch sei Dir gewährt! Zieh' hin in ferne Lande, ^ * 4 Und gib den Menschen Wahrheit in des Scherzes Lichtgewande. Und nimm auch jene Blume dort — (auf eine Blume weisend, die am Felsenabhange blüht) doch höre auf mein Wort: Wer diese Blum' sein eigen nennt, dem wird erfüllt sofort Jedweder Wunsch; doch wahres Glück dem Jenen er nur bringt, Aus dessen Herz ein edler Wunsch für's Vaterland entspringt. Narr. Habt Dank, erhab'ner Herr! So eil' ich denn nun fort, und kehr' ich.einst zurück, Nehmt auf mich wieder dann mit Huld und mildem, gnäd'gen Blick! (Er kniet nieder. — Musik. — Die Felsen schließen sich.) Verwandlung. (Gebirgsgegend. Im Hintergründe das Schloß des Gutsherrn. Norne ein Baum mit einer Rasenbank.) Zweite Scene. Carl (kommt mit) Fuchs und Life. Carl. Herr Fuchs, warum wollen Sie mir die Life nicht zum Weibe geben? Fuchs. Weil ich mir consequent bleibe. Carl. Aber ist denn das Consequenz, wenn man zuerst was verspricht und dann nicht hält? Fuchs. Ja wohl! ich Hab' noch nie gehalten, was ich versprochen Hab', folglich darf ich, um consequent zu bleiben, das auch nicht halten, was ich Ihnen versprochen Hab'. Nur Consequenz! Life. Wenn der Vormund nur diese konsequente Eigenschaft ließ, das nicht z'halten, was er verspricht. Da hat er mein'm Vätern — Gott Hab' ihn selig! auch versprochen, er wird mein Vermögen so anlegen, daß ich, wenn ich einmal Heirat', a Geld Hab'— und waS is'S? — Nix is'S! Net an Kreuzer Hab' ich, sagt der Vormund; Alles hätten meines Vaters Schulden aufg'zehrt. Aber ich weiß schon was ich weiß. Fuchs (ärgerlich). Nir weißt, Du dummes Ding! Sei so gut und setz' Mißtrau'n in Dein'n ehrlichen Vormund, der Tag und Nacht weg'n Deiner net schlafen kann! (Für sich.) Sie darf nir wissen, daß sie a Geld hat; sonst Heirat s'doch den Jager — und ich bin selber in sie narrisch verliebt. (Laut.) Abg'macht! Ich nehm' mein Wort z'ruck, — die Lisi is z'jung zum ! heiraten. L ise. Was z'jung! No freili! Wann i a net so alt bin, wie der Herr Vormund, so bin i do g'rad alt g'nug, daß mir's Heiraten net schadt. Carl. Herr! das ist schmählich! Sie haben, als ich Sie bat, mir Aschen zum Weibe zu geben, die Worte zu mir gesagt: Sie sind ein ehrlicher Deutscher, Sie sollen sie haben. — Abgemacht! Beim Versprechen bleibt es! Fuchs. Na, ist das nicht genug? Was wollens denn noch? Carl (freudig). Also bleibt's dabei? Fuchs. No freilich! Abg'macht! Carl. Dank, meinen innigsten Dank! Life. 'S iS doch a lieber Vormund — muß ihm a Bußl geb'n — (küßt ihn.) Fuchs. Teurel! das war net bitter. ^ (Für sich.) Jetzt kriegt sie der Jager gar net! (Laut.) Also ich Hab' g'sagt: Beim Versprechen bleibt's — folglich wann'S dabei bleibt, kann's zum Halten des Versprechens gar net kommen. Nur Consequenz, Kinder! Carl. Herr, das ist abscheulich! Fuchs. Was? Life. Ja, der Carl hat Recht, das ! iS recht grauslich vom Vormund — ! und jetzt reuts mi nur, daß ich den 8 schiechen Ding g'küßt Hab! Herr Gott, verzeihe mir die Sund', ich werd's g'wiß nimmer thun. Fuchs (nimmt sie bei der Hand). Mündel, liebe Liese, nur consequent bleiben! Du hast mich einmal geküßt, also — Carl (reißt ihn weg). Fort! Rühren Sie das Mädel nicht an! Erst müssen Sie mir Rechenschaft geben, weßhalb Sie mir ihre Hand verweigern. Was ist der Grund? Sprechen Sie! oder (geht auf ihn zu). FuchS (zurückweichend). Ja — ja — ja — gleich, gleich — Carl. Sprechen Sie, der Grund? Fuchs. Der Grund — der Grund — (für sich.) Was soll ich ihm denn sagen? (Laut.) Der Grund — sehen Sie, lieber Waidmann, ich kann die Jagd net leiden. Carl. Warum? Fuchs. Na schaun's, z. B. die armen Hasen, sie sein so gutgesinnte Viecherln, thun kein'm Menschen was — nein! g'wiß net! — Haben Sie schon g'hört, daß a Has einen Menschen angefallen hat? Er lauft halt, wann's ihm an den Balg geht, — no, und ist denn das schlecht, wenn Einer lauft? Haben's schon so viele Menschen gethan, warum soll a Has net laufen? — Aber nein! da wird so a Has g'hetzt, und wann er auch die schönsten Manderln macht, nutzt nir — pums! wird er niederprackt! D'rum kann ich die Jagd net leiden. Und Sie sein a Jager, und mein Mündl das arme Haserl, ich Hab' sie so gern, ich könnt' sie vor Lieb' aufessen! Life. Fahrens ab! Das ging mir noch ab! Ich laß mich doch lieber von ein'm Jager fangen, als von ein'm FuchS aufessen?! Carl. Herr! Alles, was Sie da sagen, ist kein hinreichender Grund. Ich bin in Diensten unsers Gutsherrn, er liebt mich, und sobald er aus der Stadt zurückkehrt, will ich zu ihm gehen und ihn fragen, ob ein Jäger, der Hasen schießt, nicht heiraten soll. Fuchs. Ah, das glaub' ich. Ein Jäger kann eher heiraten, als ein Anderer, weil er Einer von denen ist, die's Geweih am besten zu schätzen wissen. Carl. Wie? Sie wagen es, mich zu höhnen? Herr! jetzt sagen Sie augenblicklich den Grund Ihrer Weigerung! Ich habe einen Dienst, bin ein ehrlicher Deutscher und — Fuchs. Halt! halt! (für sich). Jetzt Hab' ich's! (Laut.) Sie sind ein Deutscher — ich bin ein Oesterreicher, und die Life auch. Da aber Oesterreich sich nicht an Deutschland angeschlossen hat, folglich bin ich als guter Patriot gezwungen, zu verhindern, daß die Lisi sich an Sie anschließt. Abg'macht! Das ist der gründlichste Grund. Carl. Herr! Sie sind ein Elender! Ich erwürge Sie — Life. Aber Carl! — Fuchs (retirirend). Zu Hilf! der Jager treibt Anarchie! Zu Hilf! Dritte Scene. Vorige. Gervinus (als Naturforscher). Gervinus. Halt! Was geht denn hier vor? Ich glaube gar, hier wird eine Hausrevolution improvisirt! Friede, meine Herren, Friede! Der Kampf ist gegen das Naturrecht! Carl. Was wollen Sie? WaS kümmern Sie unsere Verhältnisse? Gervinus. Kümmern? Nein! wenn mich alle oft so gar unverhältniß mäßigen Verhältnisse der Menschen und der Zeit kümmern würden, so müßte ich vor Kummer schon umgekommen sein. Ich bin aber nicht umgekommen, sondern nur he rum gekommen, in der Welt nämlich — ich bin Naturforscher. FuchS. Sie sein Naturforscher! Sie müssen mich schützen vor diesem « unnatürlichen Menschen, das ist natürlich! Ca rl. Herr Fuchs, Sie haben nicht nöthig, diesen Herrn um Schutz anzuflehen. Ich bereue, daß ich mich vorhin durch Sie zum Zornausbruche verleiten ließ, und gehe. Sobald aber der gnädige Herr v. Cigenwahl kommt, werde ich wissen, was ich zu thun habe. Adieu! — Komm, Lischen! Lise. Ja, ich geh' mit Dir, und wär's bis an's End' der Welt. B'hüt' Ihnen Gott, Sie, Gausrab, Sie! (mit Carl ab.) Vierte Seene. Gervinus. Fuchs. Huchs. Gott sei Dank, er ist fort — ich athme frei! Gervinus. Wird nicht leicht möglich sein. Fuchs. Das war' nicht möglich? Ja, warum denn nicht? Gervinus. Weil unsere Gesetze, die Gesetze der Natur, es nicht zulassen. Ich bin Naturforscher, ich muß das verstehen. Fuchs. Aber ich versteh's nicht. Gervinus. Thut nichts! Es ereignet sich Vieles, was Viele nicht verstehen — wenn's nur Einer versteht. Uebrigens will ich Ihnen das erklären, warum Sie nicht frei athmen können. — Was Sie einathmen, ist Luft. Die Luft ist aber von unzähligen Thieren eingenommen — was aber eingenommen ist, ist nicht frei — er^o können Sie nicht frei athmen, Das ist Natur! Verstehen Sie mich? Fuchs. Ja! — wenn ich aber die Wahrheit sage: nein! Gervinus. Glaub's Ihnen. Kommt mir selbst schwer an. Fuchs. Sagen Sie mir, Herr, Herr— Gervinus. Gervinus Grasteufel heiße ich. Werden wohl schon oft diesen Namen gehört haben ? Er ist weit und breit, nah und fern, oben und unten berühmt. Fuchs. Grasteufel? — Ach ja, freilich! Meine Mutter, wenn sie zärtlich mit mir war, hat immer g'sagt: Du Grasteufel Du! — Also waren das Sie? — Ich Hab' damals geglaubt, sie meint mich. Gervinus. Ja, das war ich! Fuchs. Meine Mutter hat aber auch oft zu mir g'sagt: Du Esel Du! — Waren das auch Sie? Gervinus. Nein, da hat Ihre Frau Mutter ganz gewiß Sie gemeint, ich bin Naturforscher. Fuchs. Sagen Sie mir, bester Herr Grasteufel, worin besteht die Kunst desNaturforschens? Ich glaube, die Natur ist doch leicht zu finden; man darf ja nur auf einen Berg hinaufgeh'n, so findet man ja die Natur unbändig billig. Gervinus. Was fällt Ihnen ein? Das ist ja nicht die Natur, nach der wir forschen.Passen Sie auf! — Einer forscht nach einer Natur, mit der man die jetzigen Zeitereignisse ruhig ertragen kann, und dazu gehört eine starke Natur. Ein Anderer forscht nach einer Natur, mit der man all den Unsinn , der geredt wird, anhören kann, und dazu gehört eine eiserne Natur. Ein Dritter forscht nach einer Natur, mit der man manchem Menschen begreiflich machen kann, daß, wenn Einer links, der Andere rechts will, kein Zusammenkommen denkbar, und dazu gehört eine unmenschliche Natur. Ein Vierter forscht nach einer Natur) mit der man überzeugen kann, daß alles Gute von oben kommt, und dazu gehört eine willige Natur. Ein Fünfter forscht nach einer Natur, mit der er erklären kann: Alle Menschen sind Brüder! Und dazu gehört eine große Natur. Und Einer forscht nach einer Natur, mit der er der Welt den Frieden geben kann, und dazu gehört eine göttliche Natur! 7 Fuchs. Und nach welcher Natur forschen denn Sie? Gervinus. Ich forsche nach einer Natur, wie man die Menschen glücklich und zufrieden machen kann, und dazu gehört eine freie Natur- — Und nach welcher Natur würden Sie forschen? — Fuchs. Ich forschte nach einer Natur, wie ich, wenn's drüber und drunter geht, ruhig leben könnt'. Gervinus. Dazu gehört eine englische Natur. Fuchs. Und dann forschet ich nach einer Natur, mit der mir Alles recht war', was geschieht — dazu gehört eine g'sunde Natur. Gervinus. Nein, dazu gehört eine Schafsnatur! — Was war denn die Ursache Ihres Streites mit dem Jäger von vorhin? Fuchs. Was die Ursach' war? — Mein Mündl. Er will sie heiraten, und ich will wieder nicht. D'rum hätt' er bald einige lebhafte Noten mit mir gewechselt. Gervinus. Und warum wollen Sie denn die Leutchen nicht heiraten lassen? Wollen Sie vielleicht Ihre Mündel selbst — ? Fuchs (verlegen). Oh — was glauben Sie? Ich ein Mann mit so und so viel Jahren — ah! Gervinus. Na, na — wenn man einmal so und so viel Jahre hat, da weiß man am besten, was wohl thut. Und so eine mündliche Liebe wird einem Manne von so und so viel Jahren gerade nicht wehe thssn. Sie, merken Sie sich aber — ich als Naturforscher verstehe das; — und mit so einer Mündel eine glückliche Ehe zu führen, dazu gehört eine eigene Natur, sonst — Fuchs. Oh, was fallt Ihnen ein? Ich denke gar nicht d'ran, meine Mündl zu heiraten, ich bin ein guter Oesterreicher und ihr Liebhaber ist ein Deutscher, und das ist die Ursach' — Gervinus. Ah, also ein Kampf der Nationalitäten? — Verzeihen Sie, aber das glaub' ich nicht. Die Wahrung der Nationalitäten ist oft das Aushängschild — drin wird aber um jeden Preis losgeschlagen. Bei Ihnen wird's dasselbe sein. Fuchs. Herr Grasteufel, Sie irren sich! 's ist reine Nationalitätssache. Ich möcht' Ihnen gern das beweisen, es wäre sogar ein großer Wunsch von mir, aber leider kann man die kleinsten Wünsche oft nicht verwirklichen. Gervinus. Wer weiß? Wenn das Ihr Ernst is, ich bin im Stande, Ihnen zur Verwirklichung Ihrer sehnlichsten Wünsche zu verhelfen — das heißt: eS muß ein edler, uneigennütziger Wunsch sein. Fuchs (erstaunt). Was sagen Sie? Sie könnten meine Wünsche verwirklichen? Ah, Hörens auf! DaS ist ja gar nicht möglich! Gervinus. Sie sollen sich von der Möglichkeit überzeugen — (nimmt aus einem Behälter die Blume). Sehen Sie, diese Blume, sie blüht nur im Innern des UnterSberges, wo Kaiser Friedrich der Rothbart verzaubert schläft. Wer diese Blume besitzt, der kann alle Wünsche erfüllen, doch wie gesagt, sie müssen einem edlen, schönen, reinen, uneigennützigen Gefühle entspringen; denn jeder andere selbstsüchtige Wunsch wendet sich zum Unheil! — Wollen Sie die Blume? Fuchs. Freilich! Ich wäre ja der glücklichste Mensch von der Welt. Gervinus. Hier haben Sie die Blume! Doch bedenken Sie wohl, was ich gesagt habe. Fuchs. Gehört sie mein? (Nimmt sie.) Dank, tausend Dank! Ich kenn' mich gar nicht aus vor Freude. — Aber wie kommen denn Sie zu der Blume? Gervinus. Ich bin Naturforscher 4 8 und kenne die geheimen Kräfte der Natur. — Jetzt leben Sie wohl! Fuchs. Verehrtester Herr von Graöteufel, wohin gehen Sie denn jetzt? Gervinus. Ich gehe den Stein der Weisen zu suchen. Fuchs. Macht der auch, daß jeder Wunsch erfüllt wird? Gervinus. Nein! doch das Volk, das ihn einst als geistiges Eigenthum besitzt, wird groß und einig sein, und die Krone, die er schmückt, wird die Krone aller Kronen sein, (ab.) Fünfte Scene« Fuchs (allein). Was war das? — Er ist fort — rein verschwunden! — mich gruselt's ordentlich! — Und diese Blume, die alle Wünsche erfüllt? — Ah, was werd' ich jetzt Nachdenken — das war nie meine Leidenschaft. Zch warte, ohne mich zu wundern, die Wunder ab, die diese Blume bewirken soll. — Aber ich muß mir was wünschen! — Was soll ich mir denn wünschen? — Was recht Schönes, Edles, Uneigennütziges — halt! ich hab's! Zch werd' mir wünschen Gutsherr zu sein, Herr eines Gutes — das ist schön, ist edel, ist uneigennützig, — no ja, ich werd' ein uneigennütziger Gutsherr! — Aber wo? auf welchem Gute? — No, was soll ich denn weit gehen? Zch werd' gleich hier Gutsherr auf diesem Gut. Aber die Lisi wird schau'n, und Heirat' mich dann ganz sicher. Also fangen wir an: Zch wünsche mir hier der Gutsherr zu sein! — (Sieht sich um). No — jetzt weiß ich nicht, bin ich's schon, oder nicht? — Zch will in's Schloß geh'n, vielleicht weiß ich dann besser, wie ich d'ran bin. — Na, wie ich mich auf die Lisi g'freu'! (Geht in's Schloß. — Eine kurze Musik beginnt. — Mit einem Male hört man Lärmen vom Schlosse her — die Lhüre öffnet sich.) Fuchs (eilt heraus — er ist ganz verändert, in der Maske des Gutsherrn, Pe» rücke mit einer großen Glatze). No, was haben denn die Bengeln? Kaum komm' ich hinein in's Schloß, fangen die Bedienten ein fürchterliches Geschrei an, daß ich ganz erschrocken herauSgelau- fen bin. Sechste Seene. Vorige. Andreas. Bediente. Alle. Vivat! Der gnädige Herr ist da! Andreas. Gnädiger Herr, verzeihen Sie uns die Ausbrüche der Freude! Aber Sie kommen auch zu so unverhoffter Stunde — Fuchs (kennt sich nicht aus).Za, waS ist's denn? Andreas. Zch werd' aber gleich Anstalten zu Zhrem feierlichen Empfange treffen. — Du, Zohann, lauf in's Dorf. Alles soll festlich gekleidet Herkommen, der gnädige Herr ist da! —'Du, Josef, laß den Garten deco- riren; der gnädigeHerr ist da! Triumphbögen! der gnädige Herr ist da! Lauft's, g'schwind! Fuchs- Ja, waS g'schieht denn ? Bin ich also richtig Gutsherr? Aber wie kommt's denn, daß die mich gleich als Gutsherrn gekannt haben? (sieht sich zufällig an). Teufel! was seh' ich? Zch bin ja ganz anders angezogen? (greift sich zufällig auf den Kopf.) Himmel! wo sein denn meine Haare? Zch bin ja glatzkopfet— Und in die Füß' reißt's mich! Was ist denn das? Ich bin ja ganz ein anderer Mensch worden! — Mein Kopf — ich bin ganz verwirrt — es dreht sich Alleö um mich herum — Bediente. Vivat! Der gnädige Herr soll leben! 9 Siebente Scene. Vorige. Fr. v. Eigenwahl und Emilie (kommen aus dem Schlosse). Fr. v. E i g e n w. Mein Gemahl! Wo ist mein Gemahl? (sieht Fuchs). Ah, da ist er! — An mein Herz, lieber Mann! Emilie. Vater! lieber Vater! (sie umarmen Fuchs). Fuchs. Höllenelement! Ich bin Gatte, bin Familienvater! Ah , jetzt geht mir ein Licht auf! Ich wollte nur den Besitz des Gutes auf mich übertragen, und jetzt bin ich im Besitz einer übertragenen Frau und einer wildfremden Tochter, bin der eigentümliche Gutsbesitzer Herr v. Eigenwahl mit all seinen Vor- und Nachzügen, — o ich Esel! Fr. v. Eigenw. Aber lieber Pan- kraz, was ist Dir denn? Du umarmst Deine Frau nicht, drückst Deine Tochter nicht an's Herz! — Wie bist Du denn angekommen? Fuchs. Schön bin ich angekommen! Ich möcht'mir alle Haar', die ich früher g'habt Hab', ausreißen vor Wuth und Verzweiflung! Fr. v. Eigenw. Ich komme vor Staunen gar nicht zu mir selber! — So einen Empfang Hab' ich nicht erwartet. Fuchs. Den Empfang Hab' ich auch nicht erwartet. Ich werde wahnsinnig — ich laufe davon! (läuft — mit einrm Male schreit er). Ah! mein Fuß! mich reißt's! Was ist denn das für ein Reißen? Fr v. Eigen wähl. Mein lieber Pankraz, das ist die Gicht. Hast Du denn vergessen, daß Du die Gicht hall? Fuchs. Die Gicht? — Jetzt ist'ö vorbei! (stürzt auf die Rasenbank). Emilie. Vater — theurer Vater! (geht zu ihm). Fuchs. Fort! ich bin Dein Vater nicht! Fr. v. E i g e n w a h l. Pankraz, Du beleidigst mich. Was hast Du denn? Was fehlt Dir? (geht zu ihm). Fuchs. Weg! fort von mir! — Nir fehlt mir — au eontrair, ich Hab' viel zu viel! — Ach, verdammte Gicht! — Grasteufel! Naturforscher! GraS- teufel! (läuft herum. Alles wundert sich). Achte Scene. Vorige. Gervinus. G e r v. Hier bin ich! Wer ruft? (sieht Fuchs). Ah, wahrscheinlich der gnädige Herr ? Fuchs (will auf Gervinus zu). GraS teufe!! (fällt aber vor Schmerz zurück). Fr. v. Eigenwahl. Ein Fremder? (zu Gervinus). O, vielleicht können Sie helfen. Mein Mann ist eben angekommen, erleidet an Gichrschmerzen, daß er sich wie ein Wahnsinniger benimmt. Gerv. Gnädige Frau, ich habe zwar nicht die Ehre, den gnädigen Herrn zu kennen; aber dennoch will ich ihm ein Kräuter-Decoctum gegen die Gicht zubereiten, das die Schmerzen lindert. Fuchs. Grasteufel! Grasengel! Kommen Sie zu mir! G er v. (geht zu ihm). Sie wünschen? Fuchs. WaS wünschen! Ich Hab' schon gewünscht, mein Unglück! — Grasteufel! — Naturforscher; Ich bin ja der Fuchs, dem Sie die Blume gegeben haben, die alle Wünsche erfüllt — ich bin's, ich Hab' mir gewünscht. Gutsherr zu sein. O ich Esel bin der Fuchs! Gerv. (lacht). Herrlich! Sie sind der wünschende Fuchs, jetzt verwünschter Gutsherr? Brav! Das war ein uneigennütziger Wunsch! Aber bedenken Sie, kein Wunsch läßt sich mit der Blume ungeschehen machen. Fuchs. Ich will aber nicht Gutsherr sein! Ich werd' öffentlich erklären — Gerv. Da wird man Sie für einen 10 Narren halten und einsperren. Sein Sie vernünftig und ergeben Sie sich in Zhr Schicksal; eS war Ihr Wunsch. Fuchs. O ich Unglücklicher — ich sterbe! Alle. Vivat! Der gnädige Herr soll leben! Skeunte Scene. Vorige. Carl. Life. Bauern. Bäuerinnen. (An ihrer Spitze) Amtsschreiber Tinterl. Ti nt. An der Spitze Ihrer bewun- dernswerthunterthänigen Unterthanen stehend, wage ich es als Repräsentant meine Freude in den allgemeinen Freudenausbrüchen über Zhre glückliche An- kommenschaft ausdrücken zu wollen und — Fuchs. Halten Sie 's Maul! Ti nt. Unterthänigst ja — nur — Fuchs. Halten Sie 's — Ti nt. Mit Vergnügen! (geht zurück). Carl (auf Fuchs zu). Mein Gott — der gnädige Herr — die Freude! Erlauben Ew. Gnaden, Ihre Hand zu küssen — Fuchs. Jetzt ist der auch da! — Fährst ab, Du blutdürstiger Ungeheuer! Aus meinen Augen — fort! Carl (erstaunt). Was ist denn das? Fuchs (wüthend). Fort, sag ich! Carl (geht ab). Life. Aber Ew. Gnaden — Fuchs (sieht sich zornig um — Life steht ängstlich und knixt). Lisi? die Lisi? Meine Lisi ist da? O komm an mein Herz, Du Lisi Du.' (will auf sie zu). Fr. v. E i g e n w. lhält ihn auf). Aber Pankraz, was ist denn das für ein Betragen? — Mein Gott — mir wird übel — (sie wankt). Pankraz, ich fall' in Ohnmacht — Fuchs (geht ruhig von ihr weg). Meinetwegen! Das interessirt mich nicht — mich interessirt nur die Lisi. Fr. v. Eigenw. (zornig). Was? Sie halten mich nicht? — Jetzt kann ich mich auch nicht mehr halten. Pankraz, ich kratz' Dir die Augen aus. Gerv. (hält sie ab). Gnädige Frau, ich sehe, Sie werden schwach — dieser Angriff würde Sie zu sehr angreifen. Erlauben Sie, daß ich Ihnen einen meiner beiden Arme , zur gefälligen Benützung anweise. Fr. v. E i g e n w. Ich danke Jh- denn — Pankraz, Deinen Arm! — führe mich auf mein Zimmer — Fuchs. Ich mag nicht! Fr. v. Eigenw. Gut — so gehe ich allein; denn ich will mich vor den Bauern nicht länger blosstellen lassen. Adieu, Herr Gemal! — Meine Tochter — (gehr mit Emilie in's Schloß ab). Fuchs. Lisi — meine liebe Lisi — Du! Du! Du! Quodlibet. (Siehe Partitur). (Der Vorhang fällt). Zweiter Act. Garten. Erste Scene. Andreas. Bediente. Andr. Kennt'S Ihr Euch bei un- serm gnädigen Herrn aus? Alle. Na! Andr. Ich auch nicht. — Ist Euch so ein verrückter Mensch schon vorgekommen? Alle. Na! Andr. Mir auch nicht. —War der gnädige Herr immer so? Alle. Na! Andr. Na! — D'rum muß man ihm sagen, daß sich so ein zorniges Benehmen nicht schickt, wir sind das nicht gewohnt, wir machen ihm ein Mordspektakel Einer. Der gnädige Herr — 11 Andr. Da schau'n wir, daß wir weiter kommen! Denn in seiner Nähe ist's nicht sicher, er hat immer ein paar Sessel oder einen Spiegel, oder ein paar Ohrfeigen bei der Hand, welche zarte Kleinigkeiten er immer bereit ist, einem in's Gesicht zu schleudern. — Kommt'ö, Kinder! Wir fahren in corpore ab. (Alle laufen ab). Zweite Scene. Fuchs (von links, geht einige Male schnell auf und ab). Sein oder nicht sein! — O Du glücklicher Hamlet! Du hast die Wahl g'habt zwischen Sein und Nichtsein — Du warst Wähler — und vielleicht nicht einmahl 24 Jahre.alt! — Ich bin 46 Jahre alt gewesen, gestern 62 alt word'n, mir aber bleibt keine Wahl; ich muß Gutsherr sein und bleiben! — Wenn ich mich nur in mein früheres Loos zurückwünschen könnte. Früher war ich Pächter — Nix war mein Ei-, genthum, und dieses Nix war ich selber, ich Hab' mein gehört! Jetzt bin ich Gutsherr, ich Hab' ein Gut — das wär' gut! — Ich Hab' aber eine Frau, eine Tochter, und die Gicht — das ist schlecht! Und das Gute und daß Schlechte gehört auch mein, — nur ich, ich gehör'dem Gutsherrn, — na ja,-wenn er zurückkommt! — denn so ein Gutsherr kommt auch gern zurück, — nimmt er den Gutsherrn auf sich, und ich, bin nix — gar nix! ich leb' dann nicht, ich sterbe nicht, ich lös mich auf! auf höheren Befehl — ich bin, so was man sagt: rein pfutsch! Das ist ein schönes Loos! (setzt sich rechts auf eine Rasenbank). , Dritte Scene. Voriger. Life und Andreas (kommen von rückwärts). Life. Ich muß mit dem gnädigen Herrn reden — mir thut er nix. Andr. (auf Fuchs weisend). Dort sitzt er. — aber — Life. Gehn's nur fort! Ich werd' schon mit ihm reden. (Andreas geht ab. Life geht vor). Fuchs (fährt auf). Was ist's? Life. Ich bin's, gnädiger Herr, dnm Pachter Fuchs seine Mündel. Fuchs. Mein Mündel? (springt auf). Life, Du bist's ? Life,mein Mündel! L i se. Na! Ich bin dem Pachter Fuchs sein Münd'l. Fuchs. No ja, ich bin ja der — der Gutsherr! — Aber deßwegen lieb' ich Dich doch wie der Pachter Fuchs. Life. Wissen Sie schon. daß mein Vormund in mich verliebt is? — Net wahr, das is net schön von ihm, gnädiger Herr? So an'alter Ding über- anand'! F u ch s. No warum denn? Alter schützt vor Thorheit nicht, Schau' mich an! Ich bin noch ein (wehmüthig) älterer Ding überanand, und doch noch verliebt- Life. No ja, Sie —Sie sein Gutsherr, haben zum Glück a alte Frau — Fuchs. Zum Glück? — Schönes Glück, so a alte Frau, wenn man erst 46 Jahr alt ist! Life. 46 Jahr? Hahaha! Sie erlauben, gnädiger Herr, aber ich muß Ihnen in's G'sicht lachen — hahaha! 46 Jahr, mit dem Kopf— hahaha! Fu ch s. No, was fehlt denn dem Kopf? — Ja richtig, die Haare! — Aber die 46 Jahre lass' ich mir doch nicht abstreiten. Life, schau, Du urtheilst falsch! Man sieht das Alter nicht an den Haaren. Life. Na, — aber an der Glatzen! — Verzeihen's, gnädiger Herr, aber ich übernimm mich — Fuchs. No, no, meine liebe Lisi, übernimm Dich nur — (zärtlich) wannst aber willst, so übernimm ich Dich. Life. Na, na! Ich dank! Das is gar net der. Grund, warum ich her- 12 kommen bin, ich komm' wegen mein' Vormund. Gnädiger Herr, stellen's Ihnen vor: seit gestern (schluchzt) is er verschwunden. Fuchs. Verschwunden ist er? (weint auch). Der arme Kerl! Mir thut sehr leid um ihn! — Du weinst auch, Du gute Lisi — komm', wir weinen mit einander! — Also hast ihn so gern g'habt, daß Du um ihn weinst? Life. No, das g'rad net! Aber sehn's, gnädiger Herr, Unsereins weint um Alles, was wegkommt. Letzthin is unS a Gasbock hinwor'n, da Hab' ich auch g'weint. Ich Hab'schon so a wach s Herz. Fuch s. Ich küss' d' Hand! (zornig). Also warum weinst denn, Du boshaftes Ding, wannst ihn nicht gern hast? Wirst reden! oder — Life (erschrocken). Ui! der gnädige Herr is zornig — da geh' ich fort! Zch furcht' mich (will fort). Fuchs (faßt sie bri der Hand). Wohin geh'st denn, Lisi? Life. Z' Haus. Fuchs. Du mußt da bleiben! L ise. Zch mag net! Fuchs (ängstlich und ärgerlich). Du bleibst! Zch werd' doch sehen, ob Du nit da bleibst! (stellt sich vor sie hin — sie weicht aus — er verstellt ihr den Weg). Life. Lassen'S mich fort! Fuchs. Gar kein' Idee! Life. Zch schrei — zu Hilf! zu Hilf! Fuchs (fällt auf die Knie, weinerlich). Lisi! meine Lisi! geh, bleib' da! Fr. v. Eigenw. (sieht zum Fenster hinaus). WaS ist denn das für ein Lärm? — Himmel, was seh' ich? — Mein Mann rutscht vor einem weiblichen Wesen auf den Knieen herum! Zch fall' in Ohnmacht — (schlägt das Fenster zu). Lise. Gut — ich bleib' da — aber Sie müssen glei' auf der Stell' mein' Vormund suchen lassen. Fuchs. Za — gleich. He, Zohaun! Andres! Sepp'l! (die Bedienten laufen herein). Auf der Stell' suchts den Pachter Fuchs! Er ist verloren gangen. Der redliche Finder kriegt eine angemessene Belohnung. Er ist leicht zu kennen : — ein großer, schlanker ^ Mann — Life. Na, gnädiger Herr! Er iS ! dick, er schaut wie a Umurken aus — g'rad so wie der gnädige Herr. Fuchs. Na also, wie a Umurken schaut er aus. Uebrigens ist er ein schöner Mann von 46 Zähren. ^ Life. Aber na! Er iS grauslich! Hat so a verzwickts G'sicht — Fuchs. Na also, er hat a verzwickts G'sicht. Life. Und nachher is er älter als 46 Zahr. Fuchs. Nein, Lisi, 46 Zahr ist er alt, ich weiß das ganz genau. Life. Wie können denn das Ew. Gnaden wissen? Fuchs. Wie? Er ist mit mir auf . die Welt gekommen, wir sind zu einer Stunde geboren, wir sind weitläufige Zwillinge. Life. Ui je! (lacht). Da wär' er ja gar ein alter Tattl! denn Ew. Gnad'n sein gewiß schon a Sechziger! Fuchs. Zch? — Richtig, ich bin ja der Gutsherr! — Marsch! suchts den Fuchs auf — g'schwind! und bringts ihn todt oder lebendig zu mir her! Marsch! (die Bedienten laufen). Jetzt muß ich mich selber suchen lassen, daß ist zu dumm! — No Ljfi? (Lift weint). Du weinst schon wieder? Life. Ja. weil Sie g'sagt haben: todt oder lebendig! so muß ich weinen. Gott! wann er todt war'! Fuchs. No, no, Lisi, ich glaub' er ist noch bedeutend lebendig! —Geh' Lisi, gib mir a Bußl! Life. Na, das geht nit! Fuchs. Aber Lisi, schau, ich nimm so viel Antheil an Deinem Vormund, 13 warum soll ich nicht Antheil an Dir I nehmen? — Geh' — a Bußl — - ! Life (sträubt sich). Na! na! Fuchs. Zch muß ein Bußl haben! (will sie küssen). Vierte Seene. Vorige. Fr. v. Eigen wähl (die schon früher gekommen war, steckt den Kopf zwischen Beide und küßt Fuchs). Fuchs (springt weg). Teure!! Was find denn das für Lippen? Fr. v. E i g e n w. Das sind die Lippen, die Du Ungeheuer schon seit 40 Jahren küssest — und jetzt willst Du untreu werden, Du leichtsinniger, unbesonnener Mensch! Fuchs. Das Bußl ist bitter! Fr. v. E i g e n w. Du willst den Schmetterling spielen und Mädchen verführen? (zu Life). Geh' Sie fort! Sie sieht, daß ich da bin. Life. Gott sei Dank! — Zch küss d' Hand, gnädige Frau! (knixt). Zch empfehl' mich, gnädiger Herr! (geht). Fünfte Seene. Vorige, ohne Life. Fuchs (nimmt zornig die Frau beider Hand und führt sie vor). Du! Du! Duh! Fr. v. Eigen wähl (entschlossen). Was? Fuchs (läßt sie eingeschüchtert los). Du! — Fr. v. E i g e n w. No, was soll das Du? (wiegt die Hände als wolle sie sich vergreifen). Fuchs (nimmt sie schnell bei beiden Händen, um sie abzuwehren und sagt ärgerlich , aber dabei süß). Du liebes Weiberl Du! Fr. v. E i g e n w. Eine Menge Gäste sind aus der Umgegend ange- kommen, sie haben gehört von Deiner Ankunft, und wollen Dich.begrüßen. Fuchs. Zch kenn' Niemand, will keinen Menschen sehen! Fr. v. E i g e n w. Was fällt Dir ein ! Sie sind schon im großen Salon und warten nur bis daS Frühstück hier servirt ist. Du mußt sie empfangen, sind ja Deine Freunde. Fuchs. Meinetwegen! Emilie (kommt). Guten Morgen! Fuchs (verbeugt sich). Ergebenster Diener! — Du Frau, ist das Eine von meinen Freunden? Fr. v. Eigenw. Aber Prankraz! Das ist ja Deine eigene Tochter. Fuchs. Meine Tochter — aha, richtig, das ist meine eigene Tochter. Zch Hab' ganz vergessen, daß ich die Eigenschaft Hab', eine eigene Tochter zu haben. No, guten Morgen, mein liebes Kind! 'S ist ein sauber'S Mädel! Zch möcht's gern küssen, —warum denn nicht! Sie ist ja meine Tochter (küßt sie auf die Stirne). Wie geht's Dir denn? Zmmer lustig, wohlauf? Za, in dem Alter! — Du hast vielleicht einen Liebhaber, he?— No, red'! Fr. v. Eigenw. Aber Pankraz! Fuchs. No warum soll sie denn keinen Liebhaber haben? Zst denn Liebe ein Verbrechen? Rede, mein Kind! Mein Ehrenwort, ich lasse Dich heiraten (bei Seite). Zch wär' froh; sonst verlieb' ich mich noch in sie! Fr. v. Eigenw. Still! Da kommen unsere Gäste. Sechste Seene. Vorige. Flieder. Gutregel. Aurelia. Mehrere Herren und Damen. Flieder. Ah mein alter Freund! No wie geht's? wie steht'ö? Fuchs (verbeugt sich unzählige Mal). Freut mich, einen so werthen Feeund bei mir zu sehen — freut mich, auf Ehre, Sie dürfen's glauben. 14 Flieder. Aber Eigenwahl, was sollen denn die Complimente? Und Sie sagst Du zu mir, zu Deinem Jugendfreunde? Wir duzen uns ja schon seit anno 97. Fuchs. So? Wir duzen uns? — Ja richtig — Na, also, alter Freund, wie geht's denn Deiner Frau, Deinen Kindern? Flieder. Meiner Frau? — haha- ha! Ich war ja nie verheirathet. Fuchs. Nicht? Mir war immer so — Aber die Kinder? Flieder. Eigenwahl! bist Du verrückt? Wenn ich keine Frau habe, wie kann ich denn Kinder haben? Fuchs. No, deßwegen? Gutr. Und ich werde gar nicht beachtet? Fuchs. Ah, wieder ein Freund — Ja, stehst Du, lieber Freund — Fr. v. E i g e n w. (leise). Aber Mann, was machst Du denn? Das ist ja der Banquier Gutregel, Du hast ihn erst einige Male gesehen, und duzest ihn — das kann ihn beleidigen. Fuchs (bei Seite). Da kennt stch der Teufel aus ! Mit dem bin ich wieder per Sie. — (Laut). Verzeihen Sie, verehrtester Herr Blutegel, ich Hab' mich vorhin geirrt — ich bin so zerstreut. — Ist diese junge Dame (auf Aurelia weisend), vielleicht Ihre Tochter? Gutregel. Erlauben Sie, das ist meine Frau. . Fuchs. Ihre Frau? — Bitte um Verzeihung, ich bin wieder so zerstreut — ich Hab' fragen wollen, ob ste Ihre Frau Mutter — (für sich). Herr Gott! das ist eine gräßliche Lage — ich kenn' Niemand, und soll — Ah, Muth gefaßt! Ich muß mich zusammennehmen, sonst lachens mich aus.(Laut). Meine verehrten Herrschaften, das Frühstück ist da, ich glaub', wir sollten essen; ich Hab' einen Viehhunger! (bei Seite). Das war schön g'sagt, — nur das . Vieh — das Vieh! Fr. v. E i g e n w. Meine Herren und Damen, wollen wir uns placiren ? i — (Alles setzt sich — Fuchs zuerst). Flieder. Also Freund, wie hast Du Dich in der Stadt unterhalten? Was bringst Du Neues? Fuchs- — No eigentlich — (für sich). Ich war seit 20 Jahren nicht in ^ der Stadt — (laut). Neuigkeiten? — No, es ist Alles ruhig. Flieder. Es soll jetzt Alles einen ! eigenen Anstrich haben? Fuchs. No — das heißt: ich gla ub', 's Burgthor haben's angestrichen. ^ Gutr. Ach, das gesellige Leben, das — j Fuchs. Ja, das g'sellige Leben ist merkwürdig, immer streiten! — Da ist ein« Tischlerherberg', da haben's damals g'rad ein' G'sellen hinausgeworfen, weil er sich in's gesellige Leben nicht hat schicken können. — Und 'S - Elisium, ah, ich sag' Ihnen, das ist a Pracht! 's war g'rad im Dezember, am löten glaub' ich — da ist's Ihnen zugangen! — Flieder. Da ist ja nicht von jetzt die Rede; jetzt haben wir schon Juni — Fuchs. Nein, nicht jetzt — das § war im Jahr 38. ^ Flieder. Aber Du sollst uns von Deinem heurigen — Fuchs (schnell). Ah so, vom Heu- ! rigen! — Ah, der ist nicht schlecht; § ich Hab' immer meine paar Halberln getrunken — 's ist ein wahrer Gusto! Alle (lachen). Fr. v. E i g e n w. Aber Herr Ge- ^ mal, was reden Sie denn zusammen? Flieder. Lassen Sie ihn! ES scheint, mein alter Freund macht Späße, er will uns zum Besten haben? — Aber ^ Scherz bei Seite, — wie sieht's denn aus in der Stadt? Erzähle doch! Fuchs. Ja, das darf ich nicht sagen--' (für sich.) weil ich es nicht weiß. 18 (Laut). Meine Geschäfte waren so viele Geschäfte, daß ich vor lauter Geschäften aus den Geschäften gar nicht herausgekommen bin. Uebrigens — Flieder. Also? — Fuchs. No, ich, wart'doch, ich war da — dann wieder dort, dann wieder da — Siebente Seene. Vorige. Andreas- Andr, Gnädiger Herr, ein Mann ist draußen, er will Sie sprechen. Fuchs (springt auf). Gott sei Dank, jetzt bin ich gerettet! — Nur herein mit dem Mann! Andr. Aber gnädiger Herr — ich weiß nicht — er ist so — F u ch s. Er ist so? — Aha, ich kenn' ihn schon — nur herein mit ihm! Andr. Er schaut so fürchterlich aus— Fuchs. Fürchterlich? — Er ist's schon — nur herein! Ist ja mein bester Freund. — G'schwind, sag' ich! — No? — Andr. Ich gehe schon (ab). Fuchs (für sich). Ich kenne den Mann zwar nicht; aber das macht nichts, ich führe ihn als Freund auf. Hab' schon so viele, wird mich der auch nicht umbringen. (Laut). Also meine Herren und Damen! Ich werde die Ehre haben, meinen Busenfreund auf- zusühren. 'S ist ein sehr lieber Mensch — und nobel, sag' ich Ihnen, nobel! Achte Seene. Vorige. Andreas, dann Ger- v i n u s. Andr. Das ist der Herr — Fuchs (ihm entgegen). Ah mein lieber guter — Gerv. (kommt als Lump, ganz abgerissen, benimmt sich aber sehr nobel). Fuchs. Bravo! der schaut gut aus! Gerv. Endlich seh' ich Dich wieder, theurer Freund! (umarmt Fuchs). Aber Du hast Gesellschaft — Alle (drücken ihr Erstaunen aus). Gerv. Bitte, meine Herren und Damen, lassen Sie sich nicht stören! (Drückt seinen Hut zu einem Otmpesu bs8 zusammen). Wir sind ja unter uns. Werther Freund, stelle mich doch vor—- Flieder. Also das ist Den: Busenfreund ? Fuchs (verlegen). Ja — es ist — Gerv. Ja, ich schmeichle mir, sein Busenfreund zu sein. O die Freude des Wiedersehens! Freund, umarmen wir uns — Fuchs. Nein — nein — Gerv. Wie? Du wendest Dich ab? bist böse? — Ach wahrscheinlich, weil ich so aussehe? Freund, verzeihe, ich bin noch in Reisekleidern. Fuchs. Ja, wie R eißkleiderschau- ens aus, aber nicht wie R eisekleider. Gerv. Aber das thut nichts — Gott sieht nur auf's Herz — und unter Freunden! — Aber werthe Herren und Damen, Ihr Frühstück, bitte, san8 Köne! Wir sind unter uns. — Du, Freund, welche ist denn Deine Frau? Fr. v. Ei gen w. (tritt auf ihn zu). Ich bin die Frau, und frage Sie, mit welchem Rechte — Gerv. Ah, freut mich unendlich, die liebe Gattin meines Freundes kennen zu lernen. Sie erlauben wohl, daß ich an Ihrem Frühstücke Lheil nehme — (springt zum Tische — Fr. v. Eingenwahl will ihn hindern). O, bitte, sich nicht zu bemühen — Fr. v. Eigenw. (zu Fuchs). Was ist denn das für ein Mensch? Fuchs. Was weiß ich! (sieht immer staunend hin, wie Gervinus die Schale nimmt). So — jetzt ißt der mein Kipfel! Gerv. (setzt sich — die Gesellschaft steht auf). O ich bitte, nur keinen Aufstand. Placiren sich die Herrschaften— 16 Fr. v. Eigenw. Diesen Skandal wird mir mein Mann verantworten. Gerv. Bitte — Ihr Herr Gemak ist nicht verantwortlich. Fr. v. Eige n w. Warum denn nicht? Gerv. Weil das Erste, was er gethan hat. schon unverantwortlich war. Fr. v. E i g e n w. So? Und das wäre? Gerv. Daß er geheiratet hat — Jeder Mann, der heiratet, ist unverantwortlich. Die Ehe ist ein absoluter Staat — die Frau hat nichts zu reden, der Mann ist unverantwortliches Ministerium. Er ist Minister des Innern, obwohl er sich selten um das kümmert, was im Innern des Hauses geschieht — höchstens um's Auskochen! — Er ist Minister des Krieges; er fängt den Krieg mit seiner Frau an, weiß aber gewöhnlich kein Ende zu finden. Er ist Minister des Auswärtigen; darum ist er überall eher zu finden als im Hause. Er ist Minister der Finanzen, darum liebt er den Wechsel am meisten, den die Frau jedoch nicht gern acceptirt. Endlich ist er Minister des Ackerbaues; darum geht so viel auf! Fr. v. E i g e n w. Herr, wollen Sie nicht die Gefälligkeit haben, uns zu sagen, wer Sie sind? Gerv. Ich? — Ja, wissen Sie das nicht? — Ich glaubte, mein Freund Eigenwahl hätte Sie schon un- terichtet? — ich bin ein Genie! — Ha! Sie staunen? Fr. v. Eigenw. Aber — Gerv. Sie wissen nicht, was ein Genie ist? Ich will's Ihnen sagen. Daß Genie ist der Götterfunken, der den Menschen erst zu dem macht, was er sein will: — zum Herrn der Welt! Talent und Genie sind verschiedene Begriffe. DaS Talent klimmt langsam und schwerfällig zum Tempel deS Ruhmes hinauf — das Genie macht einen Satz — hui! es ist oben! — Das Talent klopft leise und ängstlich an die Ruhmespforten und bittet um Einlaß — das Genie erscheint, die Pforten springen weit auf, und mit Jubel wird der Gast empfangen! — DaS Talent schleicht hinterdrein und kauert sich bescheiden in einen Winkel — das Genie stürzt muthwillig wieder hinab in die Tiefe der Vergessenheit, um auf's Neue sich wieder größer und herrlicher emporzuschwingen. Das Talent ist die größte Kunst in der Kunst — das Genie ist die größte Natur in der Kunst. Das Talent ist der Lehrling des Wissens — das Genie das Wissen selbst. Das Talent ist: Form — das Genie: Geist. Das Talent ist: Wort — das Genie: Gedanke. DaS Talent ist mächtig — das Genie allmächtig. Das Talent kann man befreien — das Genie nie knechten! Das Talent ist Vollendung — das Genie: Siegel der Vollendung. —Und ich-bin Genie! Fr. v. Eigen w. Das ist recht schön — aber noch immer weiß ich nicht — Gerv. Aha! Sie wollen wissen, wer ein Talent, und wer ein Genie ist? — Hören Sie! Fuchs. Halt! Da Hab' ich auch Ansichten. Gerv. Gut — rede, theurer Freund! Fr. v. E i g e n w. Aber Pankraz, Du wirst doch nicht — ? Fortschicken sollst Du den Menschen! Fuchs. Laß gut sein! Zuerst sag' ich ihm ganz fein, wer ein Genie ist, und dann sag' ich ihm sehr grob, wer ich bin. Gerv. Also beginnen wir! Fuchs. Wenn Einer in unserer Zeit, was man sagt: mit dem Strome schwimmt, und immer mit Glück für, so wie gegen alle Parteien spricht, 17 je nachdem als es ihm nützlich erscheint, ist der nicht ein Genie? G e r v. Nur Talent. Wenn aber Einer nicht mit und auch nicht gegen den Strom schwimmt, sondern über dem Strome steht, und nicht für und nicht wider die Parteien, sondern einzig für Recht und Wahrheit spricht, dann ist er ein Genie. Aurelia. Sagen Sie mir: Wenn eine Frau einen Mann und einen Geliebten hat, und Beide glücklich mit einander zum Narren hält, ist die ein Genie? Gutr. Aber Aurelia! G erv. Nein, meine Gnädige, nur .Talent. Wenn aber eine junge Frau ! einen alten Mann und zwei Liebhaber hat und Jeden ertra noch zum Narren halt — merken Sie sich! — das ist ein Genie. Aurelia. Aha! G u t r. (ärgerlich). Komm, meine Liebe, gehen wir ein wenig herum; die Anlagen des Gartens sind merkwürdig, (mit Aurelia ab). Gerv. Die Anlagen dieser Frau scheinen auch merkwürdig zu sein. Flieder. Sagen Sie mir, wenn ein sonst gescheidter Mensch im feinen Kleide herumgeht, und sich nichts darauf einbildet, der ist gewiß ein Genie? Gerv. Nein, der ist Talent. Wenn aber ein dummer Mensch in feinem ! Kleide herumgeht und sich nichts dar- 1 auf einbildet, der wäre ein Genie. (Seinen Rock befühlend). Das ist ein feines Tuch — Flieder. Ist aus Paris — ich beziehe Alles aus Paris. Gerv. Herr, ich glaube: Sie sind kein Genie! Flieder (ärgerlich). Und ich, Herr, glaube: Sie sind ein dreister Mensch! Kommen Sie, meine Herrschaften, - gehen wir! (Alles geht ab). I Fuchs (der nachgedacht hat). Wenn Wiener Theater«Repertotr. XXXI. Einer eine neue Staatsform emführt, ist der kein Genie? Gerv. Nur Talent. Wenn Einer aber eine gute Staatsform einführt, die allgemein angenommen wird, der ist ein Genie. Fuchs. Wenn Einer recht freisinnig schreibt, und doch einen Orden kriegt, der ist doch gewiß ein Genie? Gerv. Nein, nur Talent. Wenn er aber mit dem Orden noch freisinnig schreibt, dann ist er ein Genie! Fuchs. Wenn ein Mann eine großartige geistreiche Rede hält, dann ist er doch ein Genie? Gerv. Nur Talent. Wenn er aber nicht nur die Rede hält, sondern'auch das hält, was die Rede enthält — dann ist er ein Genie. Fuchs. Wenn Einer als Deputir- ter in beiden Kammern sitzt, dann ist er ein Genie? Gerv. Nur Talent. Wenn er aber in beiden Kammern nicht zwischen zwei Stühlen auf der Erde sitzt, auch nicht gerade in der Mitte vegetirt, nicht zum Minister gewählt wird, und in beiden Kammern mit großem Beifall spricht, dann ist ein Genie! Fuchs. Und wann glaubt man, daß ich ein Genie bin? Gerv. Gar nie! außer wenn Du nie sprichst, und baares Geld im Sack hast. — Aber ich sehe, die Gesellschaft hat sich zurückgezogen. Fuchs. Ja — apropos! Wie kann man sich unterstehen, da herein zu kommen, und sich als Freund, was man nicht ist, vorzustellen? Gerv. Wie? Eigenwahl! Bruder! Du kennst mich nicht mehr? — Ich bin's ja, Dein ehemaliger Kamerad. Fuchs. WaS Kamerad! Ich bin Gutsherr, und habe nie einen Kameraden gehabt. Gerv. Wie? Du verleugnest mich, weil Du jetzt Gutsherr bist? Hast Du L 18 vergessen, auf welche Weise Du zu Deinem Gelbe gekommen bist? Soll ich, der Mitschuldige Deiner Schandtat, sie Dir erklären? Fuchs. Eine Schandthat? Ich weiß nichts davon. Erzähl' mir's, wenn Du Mitschuldiger bist! Gerv. O nicht so, Freundchen! Da kommt die Gesellschaft, der will ich öffentlich miltheilen, was Du für ein Verbrechen begangen hast. Fuchs. Um Gotteswillen, nir erzähl ! — 2a, jetzt fällt mir Alles ein — ich kenne Dich ja, freilich — Du bist mein bester Freund. (Für sich). No das könnt' mir noch fehlen ! Werweiß, was der eigentliche Gutsherr für ein Verbrechen begangen hat, und ich müßt' dafür leiden! (laut). Freund! Du bist mein Freund, aber nur nix erzählen Gerv. Also erinnerst Du Dich des Tages — Fuchs. Ja, es warschauerlich bei der Nacht. Gerv. Wie wir Beide in's Haus schlichen — Fuchs, 2a, und in's Zimmer — G erv. Und zum Bett — Fuchs. 2ch war unter'm Bett — Gerv. Nein, nein! Du standest am Bett, — hieltst das Messer — Fuchs. Um Gotteswillen (hält ihm den Mund zu.) hör' auf! sei still! (bei Seite). Das ist gräßlich!-Schaut's, was der Gutsherr Alles ang'stellt hat! Gerv. Du, wer ist denn die Dame in dem blauen Kleide? (sieht in die Cou« liffe). Fuchs. Die — (sieht auch hin). Das soll meine Tochter sein. Gerv. Auf Ehre, die ist reizend. Du, ein herrlicher Gedanke: 2ch hei- rathe sie — ja! ich habe das ledige Leben satt, ich heirathe Deine Tochter, Du gibst uns eine tüchtige Aussteuer. Fuchs. 2eH1 werd' ich aber gleich schiech werden! — Was denn nicht noch? Jetzt will der Lump heirathen! Gerv. Wie? schlägst Du mir meine Werbung ab? Fuchs. Nein. Meinetwegen heirath' sie — mich geht's ja eh' nix an. Gerv. Gut! So geh' ich gleich zu ihr. Zwar Hab' ich keinen Salonfrack, aber das thut nichts! Dieser Anzug, der ein getreues Bild von Deutschlands Einheit ist, soll mir sogar zu meiner Werbung famos dienen. Mit diesen Nähten will ich ihr zeigen, daß ich in Allem Offenheit liebe, — diese verschiedenen Flecke von verschiedener Farbe sollen ihr ein Zeichen sein, daß ich ein Mann vom Fleck bin und jede Farbe tolerire, — dieser Stock beweise ihr, daß ich nicht mit leeren Händen komme, — dieser Hut soll ihr bezeugen, daß ich keinen Filz leiden kann, außer er ist total ruinirt! Und diese Stiefeln sollen ihr sagen, daß ich sie stets ohne Absatz lieben werde! ^ä!eu mvn smi! Wir sehen uns gleich wieder. (Läuft in der Richtung, wo die Gesellschaft abging). Slernrte Scene. -Fuchs (allein). 2st das eine Wirtschaft! Der Kerl, mein Freund und Kamerad! das ist ein lieber Herr! Mit dem soll ich oder der Gutsherr einmal eine That begangen haben? — Das ist eine kitz- liche Sache! — und er sagt nicht einmal, was für eine That — oder er sagt's öffentlich, und dann ist's um mich geschehen! Und in dem Punkt weiß ich gar manche Dinge, wo es Noth thät', daß wer antauchen thät'! Lied. 1 . Ein alter Herr, der stets von KindSbei- nrn an 19 Dem eiligsten Stillstand nur war zugethan, Der hat, weil die alte Zeit neue Zeit wird, Mit einem Mal' auch seine Ansicht changirt: Statt 'n Cylinder tragt er einen groß' deut- " schen Hut, Statt 'n rothen Amprell gar ein Schieß- g'wehr voll Muth. Was Freiheit betrifft, ist er ganz Wilhelm Teil! Denn so was geht schnell! Doch bald tragt der Herr wieder seinen Cylinder, Das rothe Amprell unter'm Arm auch nicht minder, ,,Bon Freiheit", sagt er, „o da will ich nichts wissen, „Ich Hab' mich darum auch mein Lebtag nicht g'rissen. „Gott l 's alte System ist mein einzig Gebet!" Jetzt da wär's halt Noth, daß wer antauchen thät! :j: 2 . Ich geh einmal aus in die Vorstadt spazieren, Da seh'ich, wie's kranke Soldaten herführen, Es kommen die Leut' aus den Häusern heran, Und thun an den Armen, was Jeder nur kann. Sie sagen: Da nehmt's l Recht gern gäben wir mehr. Ein Bettler, der gibt seine Bettelkreuzer her, Kurz, Jeder thut, was er kann, gleich auf der Stell'! Denn so was geht schnell! Da kommt ein feister Herr mit rothen Wangen, An sein' fetten Fingern Brillantring' prangen, Die Augen verdreht er und sagt: ,,Ach, die Armen! ES möcht* einen Stein in der Erde erbarmen! Recht gern' gäbe ich, wenn was Uebrig'S ich hätt'!" rj: Jetzt da wär's rc. 3 . Es sagt zur Frau Räthin a Freundin : ,,Mein Kind! Geh', sag' Deinem Mann, daß er sehr mich verbinde, Wenn er diese Stell', die im Bureau jetzt vacant, Ein'm jungen Mann gibt, der mit mir ist verwandt." ,,Recht gern," sagt d' Frau Räthin, „wanns' Dich int'ressirt, So ist auch Dein Schützling so viel als placirt." Den andern Lag hat der Verwandte die Stell' — Denn so was geht schnell! Ein Mann steht im Vorzimmer, ärmlich gekleidet: Dem war die Stell' b'stimmt; doch der Rath ihn bescheidet: ,,Sie müssen gedulden sich, warten indessen, ,,Mein Ehr'nwort, ich werd' Sie gewiß nicht vergessen." Ein Jahr d'rauf der Mann noch im Vorzimmer steht! :j:Jetzt da wär's rc. 4 . Ein Kleinstädter, der malträtirt alle Welt, Daß man ihn nicht hat in die Kammer gewählt. Er sagt: „Säß' ich d'rin, o wie spräch' ich für's Recht, Daß mir einst die Welt dafür dankbar sein möcht'!" Das hör'n in der kleinen Stadt nun alle Leut', Und weil seine G'sinnung sie Alle erfreut, So wird er bei G'legenheit g'wählt auf der Stell' — Denn so was geht schnell! Nun soll in der Kammer er seine Red* halten, Da legt er's Gesicht in gar wichtige Falten, Er öffnet den Mund und sagt stark: „Meine Herrn!" — 2 * 20 Dann laßt er a Pausen — man kann nix versteh'n, Er stigezt und kagezt — zu fad ist die Red'! Jetzt da wär's rc. 8 - Ein Vater, der spricht mit sein'm Sohn: „Lieber Hanns Du mußt von Dein'n Freunden zurückzieh'n Dich ganz; Die Seit ist vorüber, zu trau'n ist nicht recht, Man kann jetzt nicht wissen, wer's gut meint, wer schlecht. Siehst, ich Hab' ein Haus, und im Haus auch ein Geld, Das freie Herumreden ist da gefehlt: Man kann leicht verdächtig da wer'n auf der Stell' — Denn so was geht schnell!" Dann sagt er: „Siehst Hansi, jetzt gibt es Parteien, Die Eine, die thut halt in einemfort schreien, Die And're geht rückwärts rein in allen Dingen, Wie soll man nur die etwas vorwärtser bringen?" „Wie?', fällt d'rauf der Hansi dem Vater in d' Red': r j: „Na, da wär's halt rc/' 6. Wo man sich hinwendet in neuester Zeit, Find't man Patrioten, 's ist wirklich a Freud'! „Für's Vaterland Alles!" hört man allgemein, Dem Vaterlandswohl will Alles sich weih'n. Am meisten die Reichen für's Vaterland glüh'n, Und Feuer und Flammen geg'n jeden Feind sprüh'n. Patriot ist jetzt Jeder ganz mit Leib und Seel! Ja, so was geht schnell! Doch daß sich die Reichen auch möchten bestreben Die inländische Industrie kräftig zu heben, Und nicht jedes Schnupftüchel, wann sie ein's wollen. Gleich ließen von England und Frankreich her holen, Während hier, a Fabrik nach der andern eingeht, ! :j: Ja, da wär's rc. 7 . Wenn den Sonnenaufgang man sich will anseh'n, j So darf man nur auf'n Leopoldiberg geh'n, ! Da setzt man sich nieder und wart't ungenirt , j Bis sich nach und nach halt das Dunkel verliert, Da wird's immer lichter, der Nebel versinkt, A Strahl nach dem andern von Osten her winkt — Mit einem Mal leuchtet die Sonne so hell! Ja, so was geht schnell! ! Doch im großen Deutschland, da lebt man so traurig, Da ist's immer finster, 's ist ordentlich schaurig! Die Menschen, die warten, es wird halt nicht lichter, Im Gegenthril, die Nebel werden immer ! dichter, ! Ja, ja, bis für Deutschland einmal d' Sonne apfgeht, ; :s: Ja, da wär's rc. 8. „Sie, wissen Sie schon, die Münze steht schlecht," So sagt Herr Igel zu seinem Freund Specht. „Glauben Sie?" ruft Jener aus „Ich Hab' harte Thaler und Zwanziger im Haus, ' Die muß ich vergraben an einem Orte g'schwind, l Daß Niemand bei mir etwas Baares nur find't. ! Und richtig verscharrt er's an sicherer Stell', ' s Denn so was geht schnell! ! Doch bald fangt er an mit dem Geld z' spekuliren, 21 Beim Agio, so sagt er, läßt sich prositiren. Doch wenn ihn wer fragt, so antwortet Specht: Ich bin ruinirt, weil der Curs steht so schlecht. Ich wollt', daß die Mutter geborn mich nicht hätt'. Jetzt' da wär's rc. (Ab.) Zehnte Scene. Carl. Life. Life. Komm nur herein, Carl! der gnädige Herr is net bös. Wir wer'n ihn bitten, daß wir uns heiraten dürfen, und er muß es unS erlauben. Carl. Wenn Du Dich nur nicht täuschest! Er haßt mich jetzt, ich weiß nicht weshalb, aber — Life. Gar ka Spur! Warten wir nur, bis er kommt. Eilfte Scene. Vorige. Gervinus. Gerv. Was seh' ich? Ein Männlein und ein Weiblein! Sie stehen bei einander — dann sind es Brautleute; denn wären sie verehlicht, stünden sie gegen einander. (Tritt vor). Nun meine- Lieben, was sucht Ihr hier? Life. Wie schaut denn der aus?! Gerv. Ah, Ihr wundert Euch? kennt Ihr mich nicht? — Zch bin ein Freund des Gutsherrn, und Alles was ich will, thut er. Life. So? — Da hält' ich a schöne Bitt' — Gerv. Und die ist? Carl. Lieber Herr, diese hier ist meine Braut, wir wollen den gnädigen Herrn jetzt bitten, daß wir uns heiraten dürfen, und da — Gerv. Ich will für Euch sprechen. Life. O Sie guter Herr! Gerv. Aber nur unter einer Bedingung — Carl. Und die ist? Gerv. Daß 2hr Euch jetzt vor meinen Augen küßt. Life. O, wann's weiter nir is — (sie küssen sich). Zwölfte Seene. Vorige. Fuchs. Fuchs. Himmel und Erden! Der 2ager küßt die Lisi! Ah, da wünschet ich mich doch gleich in die Höll! (In dem Augenblick versinkt er, indem er schreit). Zu Hilf'.' Zu Hilf': Carl. Was war denn das? 2ch Hab' den gnädigen Herrn: Zu Hilfe rufen gehört. 2st ihm vielleicht ein Unglück geschehen? (läuft hinaus). Dreizehnte Seene. Vorige, ohne Carl. Life (will fort). Gerv. (hält sie). Sei ruhig! Der gnädige Herr hat nur einen Wunsch geäußert, der gleich erfüllt wurde. Bleibe ein wenig bei mir, wir wollen zusammen plaudern. Life. 2ch Hab' keine Zeit zum Plaudern, ich muß mein'm Bräutigam nach. Gerv. Na, na! Er wird Dir ja doch nicht verloren gehen. L ise. Na, wer weiß? Gerv. So? Hast Du ihn denn gar so gern ? Life. Wenn ich ihn verlieret, müßt' ich gleich sterben. Gerv. Aber ich finde ja gar nichts Besonderes — was gefällt Dir denn so außerordentlich an ihm? L i s e. Na, sein's so gut! Er ist schön, er ist brav — und Polka tanzen kann er, das is schon a Pracht — und wissen's, das Polkatanzen is mei Leidenschaft ! Gerv. Na, wenn's weiter nichts ist — da sieh mich an, ich bin auch sehr schön und sehr brav/ und als 22 Polkist Hab' ich in allen Ländernder Welt Furore gemacht, Life. Hörens auf! Ja tanzen die Leut' draußen auch die Polka? Gerv. Und wie! — Leichte Menschen gibt eS ja überall; — überall sieht man dieselben Sprünge, und den- - noch sind sie verschieden — ganz einig können sie niemals werden, weil ein jedes Volk andere Grimassen dazu schneidet. Life. Ah, das möcht' ich doch einmal sehen! Gerv. Stehe ganz zu Befehl. Gleich werde ich Dir eine kleine Probe vorhüpfen, und rechne auf Deine gütige Unterstützung. Duetts. 1. Gervinus. Liebes Weibchen, Trautes Täubchen, Glaube mir, in allen Zonen, Bei Chinesen Und Jokesen Tanzt man Polka um die Wett'. Li se. In die Ferne Zög' ich gerne. Wo die fremden Menschen wohnen, Wie sie hupfen Und sich schupfen, Wenn ich das nur wissen thät'! Gervinus und Life, (tanzen einige chinesische Polkaschritte). Siehst, so tanzen die Chinesen, Nicken mit dem Kopf dazu. Das ist noch nicht da gewesen — Händ' und Füß' hab'n gar kein' Ruh'. Gerv inuS. Ra, geh'st mit nach China? Life. Nein! Dort haben's ja Aöpf'! Beide. Schau, wie pfiffig, Schau, wie pfiffig, Hat sic sich hrrausgeputzt! Mein Verlangen, Sie zu fangen, Hat mir dies Mal nichts genutzt! 2. Gervinus. Doch nach Preußen Sollst Du reisen Schnell mit mir auf Eisenbahnen; Dort heißt's Lisgen! Hör' mal' 'n Bisgen, Schenk' mir eenen Polkatanz! Life. Ach wie zierlich Und manierlich Müssen sein dort d' Groß' und Kleinen! Könnt' ich dorthin An den Ort hin, Wo die Bildung strahlt im Glanz! Beide. Siehst', so tanzen sie, die Preußen, . Nur mit Anstand, Nasen z'rück, Zart, gefühlvoll, und nicht reißen, Alles mit 'nein nobeln Blick. Gervinus. Na gehst nach Berlin Du mit? Life. D' Mißverständniß' lieb' ich nit! Beide. Schau, wie pfiffig rc. 3 . Gervinus. Komm nach Sachsen, Dorren wachsen Schöne Mädchen und Cichori. Wer in Dresen Ist gewesen. Hat für all sein Lebtag g'nug. L ise. Ach, in Sachsen, Dort haben's Haxen Lang wie Einer von Liguori, 23 Keiner iS z'brauch'n, Alle habn's d'Strauch'n, Hab' ich g'lefen in einem Buch. Beide. Sieh'st, so tanzen fie in Dresen, Mit der größten G'schwindigkeit, Schlank sein's wie die Borstenbesen, Hupfen d'Polka, 's is a Freud! Gervinus. Geh'st Du nicht nach Sachsen mit? L i se. Dort nehmen's d'Viert'lzcttel nit Beide. Schau, wie pfiffig rc. 4. Gervinus. Doch nach Böhmen Sollst Du nehmen Einen Paß sogleich zur Reise § Dort gibt's kolktt's, kiesig Iwlks's Und Xolkwe leicht wie der Wind! Life. Da vor Allen Möchl' mir's g'falle»; Dort dreht man sich frisch im Kreise, Die famösen Hirnbovösen In der Gegend z'Hause sind. Beide. Sieh'st, so tanzen sie, die Böhmen: trossku ?o1siu me!" Schrein'n sie, wenn's ein Maderl nehmen — „l'u A8SU ms^6 penire!" Gervinus. Du kannst ja böhmisch, komm mit mir! Li se. Kann nix als: tobro notr! Beide. Schau/ wie pfiffig rc. 5. Gervinus. Zu den großen Mord-Franzosen, In das Land der ein'gen Brüder; Wo die Freiheit Und die Gleichheit Vorwärts tanzt, dort möcht' ich hin! Life. Wenn die Männer Gar so rennen, Stoßt der Eine 'n Andern nieder. Nicht zu mächtig, Hübsch bedächtig Vorwärts! so Hab ich's im Sinn. Beide. Sieh'st, so tanzen die Franzosen Zm Carriere, dem Alles weicht, Bis sie an ein'n Stein sich stoßen, Fallen's auf die Nasen leicht. Gervinus. Na, tanz mit mir nach Paris! Life. Mein Oesterreich laß ich nit! Beide. Schau wie pfiffig re. (Beide ab.) Vierzehnte Seerie. Fuchs (kommt aus der Versenkung, ganz bleich und verstört). Ach, da -in ich! — War das eine Reise! Ich -in mit Ertrapost in die Höll' hinunterg'fahr'n. — Kaum Hab' ich, ohne zu denken, den verdammten Wunsch ausg'sprochen — ritsch! geht's in die Erde hinein, daß i vor Schrecken die Besinnung verloren Hab' und nicht eher zu mir gekommen -in, -is ich im Höllenpfuhl d'rin war. — Da ist's zugegangen! Die ganze Holl' war im Aufstand. So ein Teufelskerl, der alle Farben gespielt hat, der hat grad' eine große Red' voll Feuer gehalten. Dabei war ein Höllenspektakel. Zch Hab' eine Höllenangst kriegt und mir gewünscht, nur noch einmal in meinem ruhigen Vaterland zu sein. Kaum Hab' ich diesen Wunsch g'sprochen — ritsch! geht'S wieder in die Höh', mir vergeht wieder Hören und Sehen — und da — da bin ich! — Aber Zeit war'S! 24 Denn bald wär' mein Frackschöffel durch den Feuereifer der Herren Teufel selber in Flammen aufgegangen. Fünfzehnte Scene. Voriger. Frau v. Eigenwahl. Fr. v. Eigenw. Pankraz, um Alles in der Welt, wie schaust denn Du aus? Fuchs. Sehr heruntergekommen. Fr. v. Eigenw. Hast Du vielleicht den verdächtigen Menschen fortgeschafft, der Dich so zugerichtet. Fuchs. Nein, ich Hab'mich selber sortg'schickt und so zug'richt't. Fr. v. Eigenw. Was soll denn das heißen? — Und der Mensch ist noch immer im Haus! Ah, das ist ja schrecklich! Der wird uns ja noch ausrauben — er schaut ganz darnach aus. Fuchs (wüthend). Meinetwegen! WaS geht das mich an! O i wünschet, daß das ganze Haus ausgeraubt würd'! (Er rennt zornig umher.) Fr. v. Eigenw. Aber Pankraz, Du bist fürchterlich. Wie kann man so reden? Das ist ja sündenhaft! Fuchs. Ach was! Ich hab's Leben satt! — (Man hört Lärm, Geschrei von Außen.) Was ist denn das? Andreas (kommt herein). Gnädiger Herr! um Gottes Willen, flüchten Sie sich! Eine Bande fremdartig gekleideter Menschen dringt in's Schloß — retten Sie sich; es sind Räuber! (läuft fort). Fr. V. Eigenw. (schreit und läuft ebenfalls ab). Fuchs. Räuber? Höllenelement! Zch Hab' schon wieder was g'wünscht, was furchtbar in Erfüllung geht. — Was thu' ich denn nur? Die Angst bringt mich um! (läuft herum.) Halt — ich hab's!I— GenSd'armerie! Ich wünsche Gens'darmerie! Gensd'armerie! (läuft ab). Verwandlung. Die Gegend mit dem Schlosse wie Act 1. Sturmmufik. — Lärmen. (Räuber steigen in's Schloß. Sie sind fremdartig und abenteuerlich gekleidet und haben Hunde bei sich. — Gensd'armerie kommt zu Pferde und kämpft mit den Räubern. — Gefecht im Hintergründe. — Borne aus der ersten Coulisse kommt Sechzehnte Scene. Fuchs (auf einem Pferde, das er ängstlich am Halse umklammert hält. Er schreit) : 2ch will nicht weiter! Zu Hilfe! Ich will nicht weiter! Zu Hilfe! Musik. Der Vorhang fällt. ' Dritter Act. Promenade. Erste Scene. (Spaziergänger promeniren auf und ab. Rechts ist ein Kaffeehaus, vor welchem Holm, Werner und Andere mehr» sitzen. — Sie rauchen.) Holm (auf die Promenirenden weisend). Du, Werner! siehst Du die kleine Brünette? Mit der koketöre ich schon seit einiger Zeit. Werner. Wo? Ich sehe nichts. Holm. Die dort mit den braunen Haaren. Werner. Die — die Alte? Holm. Was? Alte!^die junge Hübsche. Werner. Ach, laß' mich in Ruhe! Ohnedies Hab' ich schon Kopfschmerz von dem Herumgehen. Holm. Das ist ja nicht möglich ! Denn Du sitzest schon den ganzen Nachmittag , und sprichst vom Herumgehen? 25 Werner. Za, ich gehe freilich nicht; aber diese lebendige Tretmühle (auf die Promenade) macht mir Kopfschmerz. Sage, kann es etwas Gedankenloseres geben? So viel Körper, und nicht Eine Seele! Holm. Du bist heute wieder schlecht aufgelegt. Du bist wahrlich unausstehlich ' Werner. Du beleidigst mich. Holm. Nein, ich bedaure Dich! Zweite Seene. Vorige. Fuchs (wie im ersten Akte gekleidet). F u ch s. Wo bin ich denn? — Das ist ja ganz eine fremde Gegend? Wie komm' ich denn daher? — Wo war ich nur früher? — Richtig, auf dem verdammten Pferd — das ist mit mir durchgegangen, durch Dick und Dünn, über Wiesen und Felder. Zch schreie aus Leibeskräften, ich umhalse das Pferd mit einer ängstlichen Liebe, als wann ich gar nicht mehr herunterwollt'! Auf einmal rennt's wie besessen schnur- grad den Berg hinauf! Zch schmeichle, ich drück' das Pferd so zärtlich, geb' ihm die schönsten Namen! Auf einmal macht's einen Satz, springt mit die Vorderfüß' in die Höh', als wann's durch d'Luft wollt' — vor Schrecken verlier' ich die Besinnung, und da — da bin ich! Aber 's Pferd ist nicht da! Za, ja, richtig (sieht sich an) ich bin ja wieder der alte 46jährige Fuchs — richtig (greift auf den Kopf) ich Hab' wieder meine Haare — sogar mein G'wand ist dasselbe! — O diese Seligkeit! Zch möcht' vor Freud' mich selber küssen! Zch bin nicht mehr Gutsherr, bin nicht mehr verheirat't, bin ledig! (fällt auf die Knie). Gott! ich danke Dir für diese Ledigkeit! Zetzt möcht' ich nicht um eine Welt heiraten, nicht einmal (langsam) die Lisi — nein, nicht einmal die! Die soll ihren Zäger haben mit all den Böcken, die er noch schießen wird in der Ehe! — Zetzt aber muß ich mich besinnen — Hab' ich denn nur geträumt? — Die Blume (greift in die Lasche) richtig, da ist die Blume. Gut! Sie sollen augenblicklich heiraten! — No, das wäre schon ein uneigennütziger Wunsch; aber ich muß noch einen besseren finden. Werner. Aber was ist denn das für ein Landrepräsentant? (m die Coulisse sehend) Zn seinem Gesichte spricht sich eine ganze Zdylle von Butter, kuhwarmer Milch und Schafkäse aus. j L Fuchs (kommt von links. Man sieht ihm an, daß das Stadttreiben ihm ungewohnt ist). Sakerlot! die vielen Leut', die da mit einander herumgeh'n! Ah, in der Stadt, da halten's halt zusamm' — so friedlich und freundlich gehen's herum — aber weiter kommen's nicht, immer auf einem Fleck, als wann's keinen Platz hätten. — Und da — (auf's Kaffehhaus deutend), da fltzen's wieder — aha! das is a Wirthshaus, da werd' ich mich hinsetzen. (Geht hin, grüßt alle Anwesenden, die, dort sitzen, Jeden extra und setzt sich, indem er früher mit dem Rock den Sessel abwischt). Grüß Gott, meine Herren! Sie erlauben schon, daß ich mich auch -ersetz'. Werner. O ich bitte, der Platz ist frei. Fuchs. Zch dank schön! —jAha, der Platz ist frei. Marqueur. Mit was kann ich dienen? Fuchs. Geben Sie a Maß Liesin- ger und a Wurst! Marq. Das haben wir nicht. — Kaffeh, stark, weiß — Fuchs. Wer wird denn Nachmittags frühstücken! Marq. Also Kapuziner, ohne Haut. Fuchs. Ohne Haut? Na, das iS nichts Gustioses. Marq. Also Gefrornes? Fuchs. G'frorneö? Aha, das ist 26 g'fror'n. Gut, gebens mir ein g'fror- nes G'srornes! Marq. Den Augenblick (ab). Fuchs (zu den Herren). Das ist heut' ein schöner Tag, meine Herr'n, nur hat'S eine Eselshitz'! Aber schön ist's, das muß man sagen. Das Hab' ich schon g'sagt, in der Früh, Hab' ich g'sagt: heut' wird's schön, aber heiß, Hab' ich g'sagt. Wissens, ich komm' eigentlich vom Land — aber die Stadt g'fallt mir deswegen doch. Marq. (bringt das Gefrorne). Fuchs. Sie, ich werde gleich zahl'n. Werner (zu Holm). Das ist Einer von denen, die mit Jedermann reden müssen und gleich ihre Biografie zum Besten geben. > Fuchs. Heut' is wirklich sehr — (in dem Augenblick nimmt er das Gefrorne in den Mund und schreit auf). Ah! Werner. Was ist heut' sehr? Fuchs. Kalt! Prr! Jetzt Hab' ich mir's Maul verbrennt — Alle (lachen). Fuchs. Nein, ich Hab' sagen wollet!: dafrert. (Alle lachen wieder). No, was lachen denn die Leut? Mir scheint, sie lachen mich auS, weil das G'frorne so kalt iS? Ah, da werd' ich ihnen gleich zeigen, daß ich G'srornes essen kann — (ißt sehr schnell). Alle (lachen wieder). Werner. Marqueur! Marq. Sie befehlen? Werner. Bringen Sie dem Herrn einen Schöpflöffel zum G'frornen; es scheint, er will eine Eisgrube in seinem Magen anlegen. Fuchs. Jetzt Hab' ich's satt! Werner. Wie, das Eis? Fuchs. Nein, Ihre G'spaß! Mir scheint, Sie halten mich für'n Narr'n? Werner. Keine Idee, wertester Landbefruchter! Aber Sie essen ja das Gefrorne massenweise. Fuchs. Und geht Sie das was an ? Wann ich's iß, so zahl' ich'S auch; aber in der Stadt gibt'S g'wiffe Herr'n, die das G'frorne massenweis schuldig bleiben. Marq. (nießt). Fuchs. Helf' Gott, 'S is wahr! (Alle lachen). Jetzt weiß ich nicht, la- chens mich, oder sich selber aus? (Man hört von rechts Lärm und Geschrei.) Alle. Was ist denn das ? Werner. Hahaha! Ein Betrunkener kommt die Straße herauf. Fuchs. Ein Betrunkener — und da lachen d'Leut wieder? Den Stadtleuten muß's doch nicht so schlecht geh'n, weil's über Alles lachen können, selbst über die Schwächen ihrer Mitmenschen. Dritte Geene. Vorige. Gervinus (kommt als Betrunkener, von einer Schaar Menschen umgeben , die Straße her. Er geht, indem er den Stock vorhält, als wollte er ihm nach« gehen). Gervinus. Aufg'schaut! Ich muß durchgeh'n. Keinen Auflauf! Die Menschheit soll sich zerstreuen! Auch ich zerstreue mich; ich gehe zur Zerstreuung spazieren wie ein anderer Mensch, ich gehe mit meinem Stock spazieren, und wegen dieser Stockfreundlichkeit werd' ich auögelacht! (Alle lachen.) Fuchs (tritt mitten hinein). Still! sag' ich! oder ich schlag' a Paar nieder! Wie kann man denn einen armen Menschen auslachen? Gervinus. Recht haben Sie, Sie armer Mensch! Sie sind mein Freund! ich will Sie umarmen, — na, so sie- hen Sie doch still! Sie wackeln ja wie ein Abgeordneter, der auf historischem Boden steht. Still steh'n, sag' ich! (wirft sich auf Fuchs). So — jetzt will ich Ihnen was sagen — warten's — nein, sagen nicht, ich will Ihnen was vordenken, ich bin heut' sehr gedankenüppig. 27 Fuchs. Kornmen'S, ich führ' Ihnen z'Haus. Wo wohnen's denn? GervinuS. Wo ich wohnen thu? — Auf'm Boden. Fuchs. Was? Auf'm Boden? GervinuS. Ja, aufm vaterländischen Boden wohn' ich, gleich links. Alles (lacht). Fuchs. Still', sag' ich! GervinuS. Still', sag' ich! Fuchs. Kommen'S, geh'n wir. Sie könnten Malheur hahen. Gervinus. Malheur? Ich sage ja eh' nichts. Fuchs. No; nicht weils nir sagen, sondern weil's nicht grad' geh n. Gervinus. Wer sagt daS? Ich gehe g'rad! G'rad weil Sie nicht glauben, daß ich g'rad gehe, gehe ich g'rad — ich krieche nicht, weil ich keine Protection brauche, ich mache keinen Buckel, weil ich kein Kamee! bin, was mit Allem zufrieden ist, wenn's nur Wasser hat, ich bin wasserscheu, weil man nur weinen kann, und im Weine liegt Wahrheit. — Legen wir uns schlafen! Fuchs. No ja, wenn wir z'Haus sind. Gervinus. Ja so, wir sind noch immer nicht zu Haus? Aber wie wir d'rin sind, legen wir uns auf die rechte Seite und schlafen ein. Alles (lacht). Fuchs. Still' sein, sag' ich! Gervinus. Ich will nicht still sein, ich will reden. — Meine Herren! Wie Gott einmal sehr übler Laune war über das Chaos, was auf der Welt war, so hat er die Welt erschaffen, und die verbotenen Aepfel und zwei Menschen — denn mit Kleinem fängt man an, mit Großem Hort man auf. Und da hat er sich verbeten, in den verbotenen Apfel zu beißen. Darüber sein aber grad' die Menschen in eine beißende Laune verfallen, und haben in den Apfel gebissen. Jetzt leidet die Menschheit an dem Bißl Biß, bis die Menschheit keinen Bissen mehr zum Beißen hat und dann allgemein ins GraS beißt. Also muß man der Menschheit die Zähne auöreißen, dann beißt sie nicht mehr, dann ist Ruh' im Land! Sehen Sie, das ist meine Meinung. Fuchs. Und ich mein', wir sollten weiter geh'n. Gervinus. Ja, wir sollen, aber wir gehen nicht weiter, wir bleiben stehn, so — (will stehen) stehen wir! Fuchs. Der Mensch hat einen Haar- beutel, der ist nicht zum aushalten. Gervinus. Da haben Sie wieder Recht, der Haarbeutel ist nicht zum aushalten, d rum muß ich eine Rede halten. Fuchs. Geh'n wir! Gervinus. Nein! Halten Sie'S Maul! Ich will eine Rede halten. — Wie die Menschen den Thurm Babel als Zeichen ihrer Einigkeit erbaut haben, so haben sie sich entzweit bei der Einigkeit und haben ein Jeder anders geredt, und Niemand hat's verstanden. Darum also sagt man, wenn Einer redt, was Niemand versteht: Er pa- perlt! — Verstehen Sie mich? — So! jetzt geh'n wir, ich habe gesprochen. Fuchs. DaS is g'scheidt! (nimmt ihn beim Arme.) Gervinus. Nein, ich will nicht gehalten sein, weil ich red', sonst werd' ich ungehalten. Ich will allein, ganz allein, solo geh n. Ich weiß, wo ich wohne, ich wohne allein — links wohnt ein Spiritusfabrikant, der auch viel reden thut, rechts wohnt ein Doctor der Weltweisheil, was die Welt heut' nicht weiß, nur ich — und ich auch nicht, — und über mir wohnt ein Scheibenschütz, der immer daneben schießt, folglich wohn' ich sehr komod — nur die Hausklingel genirt mich, denn so oft ich die höre, ist'S im Haus unruhig. — Aufgeschaut! sonst kommt mein Freund Stock und macht Platz. (Geht mit vorgeyaltenem Stocke ab.) 28 Fuchs. Ich muß doch nach, sonst fallt er und bricht sich'S Genick. Adieu, meine Herrschaften, ich empfehle mich! (geht Gervinus nach. — Alles lacht und zerstreut sich wieder.) Holm. Das war jetzt eine große Unterhaltung. Es geht doch nichts über die Promenade. Werner. Jawohl! Trotz dem Gewühl geht nichts über die Promenade. (Sie setzen sich. — Ein Wagen kömmt über die Bühne.) Holm. Du, da sitzt ja Freund Sternfels. — He, Freundchen! (Der Wagen hält.) Sternfels. Ah Holm! Werner! Wie ist's, wollt Ihr mit? Werner. Warum nicht. Wohin? Sternfels. Zuerst fahren wir in der Stadt herum, dann in's Theater, ich habe eine Loge. Holm, öon! Wir fahren. (Sie steigen in den Wagen, der schnell davonfährt.) Verwandlung. Ein Zimmer mit Weltkugeln, Büchern und anderen Experimenten. Vierte Scene. Fuchs (allein, tritt auf). Da wäre ich! — Da schaut's aus! Voll Bücher. Weltkugeln, Reißzeug, Landkarten und Petschirwachs- — Hier wohnt also der Professor der Weltweisheit? — Im Hergehen, wie ich den Trunkenbold begleitet Hab', hat er schon halb im Schlaf von dem Professor g'redt, und da iS mir die Idee, den Professor zu sprechen, gekommen. Möcht' doch gern einmal ein'n Professor sehen! — Ah, da öffnet sich eine Thür — richtig, er ist's! Fünfte Scene. Voriger. — Gervinus als Professor, Augenschirm, dunkle Gläser, nur spärlich Haar auf dem Kopfe. Er kommt lesend in einem Buche. Wie er Fuchs sieht, bleibt er stehen, zeigt schweigend mit dem Finger auf ihn. — Er nimmt ein Papier, fixirt Fuchs und notirt. N8. Die Scene mag sehr eintönig, wo möglich näselnd gesprochen werden. Fuchs. Verzeihen Sie, geehrter Herr Professor — Gervinus. Silentium! Fuchs (steht still. Gervinus sieht ihn starr an und notirt wieder). Der thut ja, als wenn er beim Paßwesen an- g'stellt wär'. Aber das war' nicht übel, auf d'Letzt schickt er mir, wenn ich fort bin, einen illustrirten Steckbrief nach! (laut): Hochgeehrter Herr Professor! Gervinus. Silentium, Mensch! Fuchs. Ah, der Teurel wird da still sein! — Herr Professor, ich möcht' Sie um etwas bitten. Gervinus. Wenn ich fertig bin. (Geht ihm ganz nahe, der weicht aus — dann geht er zurück). Nun rede. Fuchs. Ja, aber Sie schauen mich so starr an — Gervinus. Ich mache Studie. Fuchs. Studiren Sie immer in den Gesichtern der Menschen, Herr Professor ? Gervinus. Nein, auch an den Köpfen. Ich wende die Gall'sche Schädellehre an. Fuchs. Was ist denn das? Gervinus. Setz' Er sich! Fuchs. Er? Herr Professor, sagen Sie S ie zu mir. Gervinus. So? Warum? Fuchs. No wissen'S, es is mir lieber; ich kann nir aussteh'n, was durch > die dritte Hand geht. Gervinus. Also setzen Sie sich. Fuchs. Na, meinetwegen, ich sitz' schon. GervinuS (betastet ihm den Kopf). Fuchs. No, was g'schieht denn? Gervinus. Silentium! Kein übler 29 ! I Schädel! — Aha — Sie, haben Sie schon gestohlen? Fuchs. G'stohl'n? Wie kommen's denn auf die Idee? Ge.rvinus. Weil der Diebshügel sehr ausgebildet ist. Haben Sie nie gestohlen? Fuchs. Nein! GervinuS. Aber hier ist ja der Diebshügel! Er ist sehr stark. 'S ist Schade ! Sie könnten ein großer Dieb oder gar ein Räuber sein. Fu ch s. Ah, ich dank' für das Bedauern! Ich bin froh, wenn mir nir g'stohl'n wird. Gervinus. Halt, der Verstandes- hügel ist kaum zu fühlen, ist ganz flach. (Fährt ihm über's Gesicht und faßt ihn bei der Nase.) Nur da, da scheint er sich zu erheben. Fuchs. Halt — Sie, das is ja meine Nase. Gervinus. Ah so! ich Hab'mich geirrt, — von Verstand ist keine Spur! Fuchs. Jetzt wird's mir bald zu viel! Gervinus (betastet ihn wieder). Ah, Hab' ich'ß endlich: Herr! Sie sind ein furchtbarer Flegel! Fuchs. Was? (springtauf.) Gervinus. Da hinter den Ohren haben Sie's faustdick — der Grobheitstippel — Fuchs. Hol' Sie der Teufel mit Ihrer Schädellehre! Sie sind ein Narr! Schau'ns, daß ich zornig werd' und Einen Niederschlag'. Gervinus. Triumph, Sehen Sie, ich Hab' Recht! Sie sind grob, er§o sind Sie ein Flegel! Fuchs. Meiner Seel', er hat Recht, ich bin grob word'n. (Laut.) Herr Professor, verzeihen's meiner Grobheit! Gervinus. Sie sind nicht schuld — der Tippel! Fuchs. Ich könnte mich selbst prügeln. Gervinus. Sagen Sie mir, wo kommen Sie denn her? Fuchs. Eigentlich vom Land, aber jetzt war ich im Kaffeehaus. Das ist wahr, das Kaffeehaus auf der Promenade ist sehr schön, nicht wahr, Herr Professor? Gervinus. Weiß nicht, gehe nicht in das Kaffeehaus; ich kann daS Billardspiel nicht leiden. Fuchs. Ja warum denn? Gervinus. Weil es mich an das Staatsspiel in Frankreich mahnt. — Die Ballen sind die Parteien mit ihren verschiedenen Farben. Die tzueus sind die Diplomaten, — die 5 Kegel: das Volk. Der eine tzueu gibt dem andern ^ qui, indem er die Weißen vorschiebt. Jetzt kömmt der Andere mit dem Blauen, und sucht den Rothen, der lauernd in der Ecke steht, zu verdrängen; doch die Figur fällt schlecht aus: der Weiße quarrambolirt mit dem Rothen und fällt dabei in's Loch. Der Blaue verläuft sich vor Entsetzen und der Rothe rennt mitten durch die Kegel und stürzt Alles um. Fuchs-Aber kommt denn der Rothe immer in die Kegel? G ervinus. O nein! Er fällt auch manchmal in's Loch, aber was hilft's? Kaum liegt er drin, holt ihn der andere Diplomat wieder heraus — und wenn auch der Blaue oder Weiße gewinnt , Kegel fallen immer! Fuchs. Ah, das ist merkwürdig! Aber bei uns ist das nicht so! Gervinus. Nein, nur wär's nö- thig, daß alle Parteien ein Ziel anstreben möchten. Fuchs. Was ist daß für ein Ziel? Gervinus. Wenn Du ein Patriot sind, muß Ihnen Ihr Herz das selber sagen — und wißt Ihr das nicht, fühlen Sie nicht, was dem Vaterlande Noth thut, in der tiefsten Tiefe Ihres Herzens, so ist Ihr Patriotismus ein markloser fauler Baum, ein todtgebor- neS Wesen, ein falsches Wort von Ju- 30 daslippen, die den Herrn um 30 Silberlinge verrathen. Fuchs. Ach, ich bin ein guter Patriot , ich fühle und lebe und sterbe für mein Vaterland, und nichts als — Halt! mein Gott — ich wünsch' — waS hat der Naturforscher g'sagt, der mir die Blume gegeben hat: Der Wunsch allein bringt Glück, der ein edler, reiner, uneigennütziger Wunsch ist! Und ich Hab' einen Wunsch jetzt auf den Lippen — Herr Professor, ich muß fort, hinaus! Leben'ß wohl! Ich bin Ihnen ewigen Dank schuldig; denn Sie haben mich glücklich gemacht, Sie habenden edelsten, reinsten, uneigennützigsten Wunsch in meinem Herzen wach gerufen. Leben's wohl! Ich kann Ihnen nicht vergelten, aber Gott wird Sie dafür belohnen! (eilt ab.) Sechste Seene. Gervinus (allein). Endlich habe ich ihn dahin gebracht, daß er begreift: Der edelste Wunsch sei der, welcher dem Vaterlande gilt. Jetzt kehre ich wieder zu meinem großen Kaiser. Barbarossa, Du großer Kaiser, wie wirst Du d'rob erstaunen, wenn ich Dir sage, daß Deine Wunderblume nur Unheil angerichtet hätte, wenn alle seine Wünsche in Erfüllung gegangen wären. Ich habe es geahnt, d'rum Hab' ich der Blume ihren Duft benommen, und Alles, was durch sie geschehen ist, es war nur Täuschung. Doch sollte er mir sagen: Du frecher Narr! warum hast Du gethan, was ich Dir nicht befahl? Wie kann jetzt dieses Mannes echt patriotischer Wunsch sich erfüllen? So werde ich darauf erwiedern: „Erhab'ner Herr! Wenn alle Menschen diesen Wunsch so theilen, „Bedarf's der Wunderblume nicht, das Vaterland zu heilen. „Dem Menschen frommen Wunder nicht; er kann sie nicht begreifen, Er wird schon fühlen was ihm frommt, laß den Verstand nur reifen ! Denn ich muß gestehen, die Welt ist zwar krank, Doch könnt' man kuriren sie schon zu Dank, Die Menschen nur wissen nicht aus und nicht ein, „Sonst würden sie längst schon der Ruhe sich erfreu'n. „Und dann ihre Schicksale wirken auch viel, „Die Menschen sind meist nur deS Zufalles Spiel; „Es wäre so Mancher zufrieden, ich wett', „Wenn er nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'.^ Lied. 1 . Ein. Jüngling geht so bleich herum, Bor Liebe wird der Mensch ganz dumm. Ein Liebchen er gern haben mücht', Doch wie man's kriegt, weiß er nicht recht." Er las einmal: es sei gefehlt, Allein zu stehen in der Welt. D'rum faßt unser Jüngling sogleich den Entschluß, ' Daß er sich ein Liebchen noch heut suchen muß. Die führ' ich, so denkt er, ganz prächtig nach Haus. Früh morgens geht er schon auf's Freiwerben aus, Da spricht ee vom Wetter, sonst bringt er nix 'raus. Ganz traurig am Abend nach Hause er kehrt, Und wie er sich niederlegt, seufzt er im Bett: rsiJa, wenn ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hält' !:si 2 A Köchin, die zur Zeit der G'fahr Korp'ral bei der Mobilgard' war, Wär' zur Feldweiblin avancirt, Hätt' man d' Mobilgard' respeetirt — Die denkt jetzt an den Lauf der Welt, Indem sie's Fleisch zum Feuer stellt: „Ach! seufzt sie, die köstliche Zeit ist dahin, Wo ich statt der Knödel halt' Kugeln im Sinn, Wo ich hatt' den Bratspieß vertauscht mit dem G'wehr Und zog hintern Brüdern und Schwestern einher. Ach Gott! diese Brüder von nah und von fern, Wie halt' ich die Brüder, die lieben, so gern! Gleich heut' greif ich wieder zu dem Bajonett, :j: Wenn ich nur re. 3 . Ein Bauer ist beim Glase Wein G'rad zwischen zweien Herrn allein. Rechts der Verwalter mit ihm spricht, Ein Fremder links, den kennt er nicht. Da sagt der Bauer: „Meine Herr'n, Was Freiheit ist, das wüßt' ich gern." „'S ist," schreit der Verwalter, ,,'ne steinharte Nuß —" „Die mansagt der Fremde, „doch aufknacken muß!" „Hat" —knirscht der Verwalter, ,,'ne bittere Schal'n —" „Man sieht," sagt der Fremde, „den Kern doch vor All'n! —" „Herr!" schreit der Verwalter, und packt ihn beim Kopf — „Was?" brüllt d'rauf der Fremde, „Du wagst es, Du Zopf!" „Ach Gott!" seufzt der Bauer, der mitten d'rin steht, :j: „Wenn ich nur re." 4 . Lin Jud' geht in ein Gasthaus 'nein Und spricht zum Kellner! „Ich kimm' rein, Woll't Ihr nit hab'n a klanes Geld? Ich geb' es gleich, so viel Ihr wöll't!" Der Kellner sagt: „So geb'Er her!" Der Jud: „Doch Agio zahlt ihr mer?" D'rauf lächelt der Kellner und zahlt ihm den Werth, Doch wie dann der Jude das Agio begehrt, Da wirft ihn der Kellner zur Thüre hinaus Und sagt: „Schuft! so zahl'das Agio aus!" „Au wai!" schreit der Jude, vor Galle er springt, „Ich wünsch', daß dem Ganef das Geld ka Glück bringt! Recht gern' ein'Andern beschummeln ich thät', :s:Wenn ich nur rc." 5 . Ein Stutzer, von sich selbst entzückt, Den Stecher fest in's Lug' gezwickt, Den Vatermörder bis an's Ohr, In rechter Hand ein zartes Rohr, So schreitet er die Straß' einher. Als ob er Pappendeckel wär'. Da rauscht eine Dame hart an ihm vorbei, DerStutzer, der wird wie ein jungesPferd scheu, Er rennt auf dem Fuße ihr nach Schritt für Schritt, Bis er ihr im Feuer auf's Kleid zuletzt tritt. Da wendet die Dame sich um und sagt: „Mein Herr! Warum fallen Sie nicht lieber gleich über mich her?" „Ach," stottert der Stutzer, „recht gern' ich das thät', :j: Wenn ich nur rc." 6 . Ein Fräulein in dem Alter ist, Wo man auf's Alter gern vergißt, Die wird mit einem Mal kokett Weil gerne einen Mann sie hätt'. Nun schmückt sie sich nach der Natur Und schwärmt von Wald und Veilchenflur. Da sagt eine Freundin: „Mein Kind, thu' das nicht! Du wirst in der Stadt überall ausg'rich't. 32 Man sagt, daß den Männern Du gar so nachjagst, Bsdenk' doch, daß Du Deinen Ruf dabei wagst. Was soll Dir ein Mann, der Dich doch sitzen läßt? Halt lieber an Lugend und Anstand Dich fest." „Ach Gott!" seufzt das Fräulein, „wie * gern ich das thät', Wenn ich nur rc." V erwandlung. Gebirgslandschaft. Vorne das Pachtbaus. Alles festlich geschmückt. Hochzeitsgetümmel, Alles ist lustig, trinkt und lacht. Siebente Scene. Carl. Life. Carl. Lieschen, mein liebes Weib! Life. Zch kann'S noch immer nicht glaub'n, daß ich so glücklich bin, Dir für immer anz'g'hör'n. Wann nur mein Vormund — Carl. Laß das! Der Gutsherr hat seine Erlaubniß gegeben und wir haben geheirathet. Kommt Dein Vormund wieder zurück — Life. Wo er nur sein muß? Seit gestern auf d' Nacht is er spurlos verschwunden. Carl. Vielleicht ist er in Geschäften fort. Für uns kommt er noch immer zeitlich genug. — Komm' Lischen, laß uns fröhlich sein, es ist ja unser Hochzeitsfest. Kinder,'tanzt, singt und springt! seid lustig! (Alles jubelt. — — Steirer-Tanz — nach diesem). Life (in die Eoulisse sehend). Himmel! — Du Karl, dort kommt mein Vormund g'rad den Hügel herunter, — wann der uns sieht! Ich versteck' mich — Carl. Was fällt Dir ein? Du bist jetzt mein Weib und keine Macht der Erde kann uns trennen. Wir wollen ihm entgegen — Life (ängstlich). Na, na! Zch trau' Der Vorh mit net! — Ui! da is er schon! (Will davon — Carl hält sie). Achte Scene. Vorige. Fuchs. Fuchs. Grüß Gott, Kinder! — Aha! seid's schon Mann und Weib? Na also, das g'freut mich, daß mein Wunsch g'schehen is! Life. Was? sein Wunsch? Carl. Herr Fuchs, ich und Lischen haben — Fuchs. Weiß schon! Zs ja recht, Kinder! Zch will's ja haben, ich hab's ja g'wünscht, und geb' Euch hier meinen vormündlichen Segen. Life. Dank! lausend Dank! .Carl. Herr Fuchs, nehmen Sie nun die Versicherung, daß ich Sie stets als Vater ehren und lieben werde. Fuchs. Kinder, mein Herz wird weich. Nicht mir dankts, sondern einem höher» wohlthätigen Wesen, das mich selbst auf den rechten Weg gebracht und' mir gezeigt hat, daß der Mensch nicht eigennützig nur für sich ein Glück wünschen, sondern rüstig das allgemeine Wohl mitgründen helfen soll. Und darum wünsch' ich jetzt: Gott schenke meinem schönen, großen Vaterlande den Frieden wieder, und erleuchte die Menschen, daß sie mit vereinten Kräften darauf hinwirken, daß Haß und Zwietracht schwinden, und die Liebe Volk und Fürst innig verbinden möge! Dann werden wir wahrhaft glücklich und zufrieden sein. — So, und jetzt rust'S Alle Vivat! Alle. Vivat! Tanz. (Bei Fuchs' letzten Worten öffnet sich der Felsen , der im Hintergründe ist, und drinnen sieht man etwas erhaben den Kaiser Friedrich den Rothbart mit seinem Gefolge, wie er segnend zum Himmel blickend die Arme ausbreitet. .Musik). »ng fällt. Wien I8ü4. Druck und Verlag von 2- B. WalliShausser. (Den Bühn en gegenüber als Manuscrtpt gedruckt.) oder: ^ liier " ^ Posse mit Ge sang in vier Acten .n ii voll ^ Johann Rejiroy. Musik von Kapellmeister Herrn Adolph Müller. Dritte Auflage. 'ln . 1 ^ ^l> Personen: Hermann von Nelkenstein, Gutsherr. Heinrich, sein Jäger. Specht, Amtsvogt im. Marktflecken Nelkenstein. Dorothea, seine Tochter. Mehlwurm, ein reicher Müllermeister. Lenchen, seine Mündel. Cordula, seine Schwester, Witwe. Natzi, ihr Sohn. Eulenspiegrl, ein Vagabund. r. Pep Pi, Magd im Hause des Müllers. Johann, s v Kri-dr>ch. I „ . » / Schlofft. Steffel, I Hausknechte 1 Sebastian, s s Hanns, » " - ^ z-,°b, j , Dienerschaft aus dem Schlöffe. Mühlknechte. Bursche und Mädchen aus Nelkenstei». St». XXXll. Erster Zcl. Ein Platz in Nelkenstein, rechts im Vordergründe das Haus des Müllers, links das des Amtsvogts. Erste Scene. Mädchen und Bursche (Mich geschmückt, füllen die Bühne; es werden Blumenkränze und Körbe unter sie verthrilt während folgenden Chors:) Chor. Das wird ein Tag der Freude sein, Heut' ziehet unser Gutsherr ein. Schwingt in der Luft den Blumenkranz, Beim Feste winkt uns Spiel und Tanz, Da wird gescherzt, da wird gelacht, Der Jubel währt bis in die Nacht; Heut ziehet unser Gutsherr ein, Das wird ein Tag der Freude sein! (Alle links im Hintergründe ab.) Zweite Scene. Heinrich und Johann kommen in reicher Livree rechts aus dem Hintergründe, und sehen sich vorsichtig nach allen Seiten um. Heinrich. Jetzt, hoffe ich, wird der günstige Augenblick sein. Johann. Alles eilt, schon zum Schloß hinauf, der Müller ist früher schon fortgegangen; Du kannst also ungestört eine Viertelstunde bei Deiner Geliebten zubringen. Heinrich. Wenn nur auf dem Schlosse Alles in Ordnung ist; der gnädige Herr kann jeden Augenblick hier sein. Johann. Sei unbesorgt. Du bist vor acht Tagen angekommen, um den Empfang unserer Herrschaft vorzubereiten; in der ersten Stunde deines Hierseins hast Du Dich verliebt, folglich in acht Tagen nichts gethan, als geseufzt und geschmachtet. Der gnädige Herr müßt' also alle Anstalten jetzt selbst treffen, wenn ich nicht Alles für Dich gethan hätte. Ich rechne bei Gelegenheit auf deine Gegendienste, denn dein Beispiel zeigt mir leider, daß der gescheiteste fidelste, jovialste Mensch sich auch verlieben kann. Traurige Entdeckung! Heinrich. Der verdammte Mehlwurm will seine Mündel selbst heirathen. O Len- chen! Geliebtes Lenchen! Johann. Solche wahnsinnige Heiraths- ideen haben die Vormünder sehr häufig, sind aber in allen Jahrhunderten zu Tausenden geprellt worden; bei dem wird man auch keine Ausnahme machen. Heinrich. Wenn unterdessen auf dem Schloß — Johann. Sei unbesorgt, ich avisire Dich von Allem. Und jetzt geh' hin, Glücklicher, laß Dich immer fester und fester von den Rosenketten der Liebe umschlingen, ich beneide Dich nicht. Wohl mir, unter meiner bordirten Weste schlägt nych ein freies Herz. (Links im Hintrrgrunde ab.) Dritte Scene. Heinrich (allein). Auf meinem guten gnädigen Herrn beruht meine einzige Hoffnung. Er ist mir gewogen, er wird gewiß meine Liebe begünstigen, unterstützen, und des Müllers Eigensinn zu Paaren treiben. (Geht an die Hausthür des Müllers und horcht.) Vierte Scene. Voriger. Mehlwurm (kommt eilig aus dem Hintergründe rechts). Mehlwurm. Das ist zum Todtärgern! Vergiß ich den Geldkasten zuzusperren, und muß den weiten Weg zurücklaufen. (Will in sein Haus, erblickt den Jäger und prallt ergrimmt zurück; leise.) Du verdammtes Gepäck! schleicht der wieder zu meiner Mündel! — Wart, Bursche! - Heinrich (ohne Mehlwurm zu bemerken). Alles ist still im Hause, der Brummbär ist gewiß fort. Mehlwurm (grimmig leise). Brummbär!? — Heinrich (wie oben blickt aufs Fenster). Der Blumenstock ist auch nicht am Fenster; das sichere Zeichen, daß der fatale Mehlwurm ausgekrochen ist. Mehlwurm (wie oben). Also das ist das Zeichen? O Bagage! Heinrich. Frisch gewagt, ist halb gewonnen! Lenchen, ich eile in deine Arme! (Ab ins Haus.) Fünfte Scene. Mehlwurm (allein ihm nachrufend). Brich Dir fünfmal 's G'nack auf jedem Staffel, Du Madelverführer! Ich werd' Dir lernen, einem ehrenfesten Mann seine Braut abspenstig machen! — Was thu' ich jetzt? — Ich lauf' in die Mühl', hol' alle meine Knecht' zusamm' —! Doch nein, das macht Aufsehen — ich dreh' ihm eigenhändig den Hals einige Mal um und um, kratz' ihm die Augen aus, brich ihm Arm und Bein, zerviertheil' ihn, sperr' ihn ein, und wenn das geschehen ist, so wird er erst hernach massacrirt. (Will ins Haus ab.) Sechste Scene. Voriger. Specht (tr-tt aus der boulisse neben des Müllers Haus aus, und hält ihn zurück). Specht. Gevatter! Auf ein Wort. Mehlwurm. Kann nicht, Hab' keine Zeit. Specht lhält ihn fest). Mußt Zeit haben, wenn die Obrigkeit mit Dir spricht. Mehlwurm. Ganz recht, aber — Specht. Die Obrigkeit leidet kein Aber. Mehlwurm (in größter Ungeduld). Also ohne Aber, was willst, Gevatter? Specht (ihn immer am Rockschoß festhal- trnd). Ich bin Vater einer Tochter. Mehlwurm. Das ist möglich. Specht. Deine Schwester Cordula ist, Mutter eines Sohnes. Mehlwurm. Das ist gewiß. Specht. Beide halten mit der Hand einen Blumenstrauß, und mit dem Munde eine Anrede, wenn der Gutsherr ankommt. Mehlwurm (immer ungeduldiger). Schön — recht schön — aber — Specht. Ich habe Alles selbst gedichtet, und mir kommen immer zweierlei Freuden- thränen in die Augen, so oft ich meine Verse von meiner Tochter declamiren höre, einmal aus poetischer und hernach wiederum aus natürlicher Vaterfreude. Mehlwurm (desperat bei Seite). Der bringt mich um mit seinem Geschwätz! Specht (ihn immer sesthaltend). Beim Ein- studiren haben sich die beiden Kinder gesehen. Meine Tochter Dorothea — Mehlwurm (bei Seite). Ist eine Gans. Specht (sortsahrend). Und dein Schwestersohn Natzi — Mehlwurm (bei Seite). Ist ein Esel! Specht (fortfahrend). Sind zusammen ein herrliches Paar. Deine Schwester — Mehlwurm (bei Seite). Ist eine alte Närrin! Specht (sortsahrend). Ist mir immer sehr geneigt gewesen, und ich bin — Mehlwurm (in höchster Unruhe). Du bist eine alte Plaudertasche, die mich aufhält, während in meinem Haus das verliebte Volk— mir brennt der Kopf bei dem bloßen Gedanken! — (Sich losreißend). Laß mich aus, ich zerspring' vor Wuth und Eifersucht! (Läuft grimmig in sein Haus.) Siebente Scene. Specht (allein). Dem laßt wieder die Eifersucht keine Ruh! Armer Gevatter! Ja so geht's, wenn man sich in ein Madel verliebt. Ich bin auch verliebt, aber nicht in das schöne Geschlecht, sondern in das Flaschengeschlecht, 1 * 4 Dabei lebt man ruhig und vergnügt. Ich umarm' eine um die andere, und 's gibt keinen Zank, keine Eifersucht; höchstens die letzte wird manchmal grob, und wirft mich um die Erde. Aber was thut das? Die Kellner tragen Einen um ein Billiges nach Halls, man schläft süß und sanft, der Nebel verschwindet, und man tritt dann wieder im Sonnenglanz seiner Solidität hervor, und nickt in stattlicher Ruhe dem Volke zu, welches Einem einen guten Morgen wünscht. (In sein Haus ab.) Achte Scene. Eulenspiegel (tritt aus)- Lied. So recht fidel leb'n und umsunst, Das, sag' ich, das ist d' größte Kunst. Ein tüchtigen Zins zahl'n zweimal alle Jahr, Und d'rum ein Quartier hab'n, das kann jeder Narr, Den Wirth zahl'n für's Essen, den Schneider fürs G'wand, Dazu braucht der Mensch noch kein Quinte! Verstand, Aber ganz ohne Geld leb'n, wie i, Dazu g'hört sich schon ein Genie. Verliebten'hilf ich, wo ich kann, Denn das Geschäft nährt seinen Mann. Wenn's heißt: Na, da nehmt's Euch, und -- schließet den Bund, Da kann man leicht heirathen zu jeder Stund; Doch wenn es heißt: Nein, aus der Hochzeit wird nir, Dem Madel droh'n Schläg, dem Amanten gar Wir — Aus solcher Verleg'nheit hilf i, Dazu g'hört sich schon ein Genie. Ich bin ein Künstler, das kann mir kein Mensch abstreiten, ich betreibe die große Kunst/! auf Unkosten anderer Leut' zu leben. Mein Bleiben ist nirgends, aber meine Werkstatt ist überall. Ich steh' jetzt häufig den Verliebten in ihren verwickelten Angelegenheiten bei, und das ist ein Geschäft, bei dem man nicht zu Grunde gehen kann. Dieser Ort ist zwar sehr klein, aber fürmich ist auch die kleinste Bevölkerung groß genug, denn ich Hab' es bloß mit Liebes- leutcn zu thun, und unter hundert Einwohnern gibt es immer einen Geizhals, fünf Trinker, einen Gelehrten, fünf Gescheite und achtundachtzig Verliebte. Auf diese statistische Bemerkung gründ' ich mein Metier, und Hab' noch immer meine Rechnung gefunden dabei. (Man hört Lärm im Hause des Müllers.) Was ist denn das für ein Lärm? Da muß ich mich auf die Lauer legen. (Zieht sich zurück.) Neunte Scene. Voriger. Mehlwurm führt Heinrich (zur Hausthür heraus). Mehlwurm. Jäger hin, Jäger her! Mein Haus ist kein Revier, und gibt's was d'rin zum Schießen, so schieß ich selber. Heinrich. So mach' der Herr doch kein Aufsehen. Mehlwurm. Heut' nicht, aber wenn Er sich wieder blicken läßt, so werden schon meine Mühlknecht das gehörige Aussehen machen. Heinrich. Laß der Herr nur reden mit sich. Mehlwurm. Nichts da, meine Mündel ist meine Braut, und meine Braut ist meine Mündel. Ich brauch' keinen Hausfreund, weder vor noch nach der Hochzeit. Heinrich. Der Herr will also im Ernst das holde Geschöpf unglücklich machen? Mehlwurm. Unglücklich? Das bitt' ich mir aus! Nur keine Grobheiten! Ein Müllner und Hauscigcnthümer macht kein Mädel unglücklich, von Jägern wär' so etwas eher zu erzählen. Das leichtsinnige Mädel wird jetzt zu ihrem Besten eingesperrt bei Wasser und Brod. - 5 Heinrich. Diese Grausamkeit wert)' ich zu hindern wissen. Mehlwurm. Das will ich seh'n, wer in meinem Haus etwas hindern kann. Wenn Ihm wieder verliebte Gedanken kommen, Herr Jäger, so denk' Er an meine Mühlknecht', vielleicht vergeht Ihm hernach die Schwärmerei. Verstanden? (Schlägt die Hausthür ungestüm zu.) Zehnte Scene. Heinrich. Eulenspiegel. Heinrich. Welcher Mißhandlung ist das arme Mädchen ausgesetzt! Eulenspiegel (näher tretend). Da ist ein verliebtes Paar, dem geholfen, und ein Vormund, der geprellt werden muß. Da bin ich in meinem Element. Heinrich. So ist doch Alles wider meine Liebe verschworen! Eulenspiegel (laut). Armer, hinausgeworfener Jüngling! Heinrich (unwillig). Geht das Ihn was an? Eulenspicgel. Nein, dasmal ist's Ihnen angangen. Ich bin überhaupt noch gar nicht oft hinausgeworfen worden, ich Hab' darin sehr einen feinen Tact; wie ich seh', daß sich Einer die Aermeln aufstreckt, und mich packen will, da geh' ich selber. Heinrich. Laß Er mich zufrieden! Eulenspiegel. Das thät ich recht gern, aber Sie sein ja nicht zufrieden, Sie unglücklicher Liebhaber übereinand. Heinrich. Ich weiß nicht, soll ich mich ärgern, oder — Eulenspiegel. Nein, heirathen sollen Sie, und der Müller soll sich ärgern, daß er schwarz wird. Heinrich. Das ist leicht gesagt — Eulenspiegel. Und eben so leicht ge- than, wenn Sie sich mir anvertrauen. Heinrich. Wer bist Du? Eulenspiegel. Ich bin der Eulenspiegel. Heinrich (freudig überrascht)). WaS, der Gauner, der Vagabund, der Galgenstrick? Eulenspiegel. Sie kennen mich also schon per renomm^e? Heinrich. Wem sind deine Schelmenstreiche nicht bekannt? Aber sprich, wie kann ich Dir trauen? Eulenspiegel. Gehen Sie meine ganze Lebensgeographie durch, so werden Sie nirgends finden, daß ich einem Liebespaar einen Sckabernack gespielt habe. Heinrich. Wenn Du mir mein Lenchen verschaffst, dann bin ich überglücklich. Eulenspiegel. Ist sie wahrhaft in Ihnen verliebt? Heinrich. So eben hat sie mir's auf's zärtlichste geschworen. Eulenspiegel. Sie hat Ihnen was weiß gemacht. Heinrich. Weh Dir, wenn Du Dich unterstehst, das Geringste gegen diesen Engel sagen zu wollen. Eulenspiegel. Nein, nein, schauen'S Ihnen an, ich mein' ja nur beim Aermel. Heinrich (sieht, daß aus seinem Aermel Mehlstaub ist). Ja so. Eulenspiegel. Wenn das Herz Mehlgeschäfte treibt, muß man immer eine Bürsten im Sack haben, es ist wegen die Leut'. Heinrich. Du hast Recht. Eulenspiegel. Da Hab' ich's viel ärger gemacht. Ich war verliebt in eine Kohlenbrennerstochter, die hat ihrem Vater immer g'holfen beim Ausladen; so oft mir die ein Bussel geben hat, Hab' ich ein G'ficht kriegt als wie ein Schlosserbub'. Heinrich. Zur Sache also; kannst und willst Du mir helfen? Eulenspiegel. Um's Geld kann ich Alles, übrigens thu' ich es ohne Interesse. Also ruckens 'raus. Heinrich. Um's Geld und ohne Interesse — wie geht das zusammen? Eulenspiegel. Auf die natürlichste Weis' von der Welt. Für das Geld, was Sie mir geben, dürfen Sie mir keine Interessen zahlen, also thu' ich es ohne Inter- 6 esse. Schau'n Sie, ich nehmet gar kein Geld, abcr's Geld braucht man halt zum Leben, und leben thu' ich in cinemfort, also brauch' ich auch in einemfort ein Geld. Heinrich (gibt ihm Geld). Da, nimm indessen die fünf Gulden, die ich bei mir habe; wenn dein Plan gelingt, so wirst Du reichlich belohnt. Eulenspiegel. Ha! wie diese Laschi mich begeistert! — Noch eh' der Kukurutz verblüht — was sag' ich? — Noch eh' die heurigen Maikäfer hinwerden — was sag' ich? — Noch eh' die morgige Sonne sich in die Abendwolken verhaspelt, und ins Meer hineinplnmpft, eher noch ist die Müllerische als Gattin in Ihren Armen. Hören Sie, das ist ein Schwur, der sich gewaschen hat. Heinrich. Wohlan, an's Werk! Auf Dich bau' ich mein Glück! Eulenspiegel. Jetzt wär's ganz am Platz, wenn wir Zwei das Duett singeten aus'm Barbier von Sevilla, ich den Figaro und Sie den Almaviva. Aber nein, thun wir's lieber nicht, wir könnten ein Malör haben, und es laßt überhaupt viel bescheidener, wenn wir uns in der Still' empfehlen, es muß ja nicht alleweil gesungen sein. (Beide im Hintergründe ab.) (Die folgende Dekoration fällt vor.) Verwandlung. (Zimmer im Hause des Müllers, mit Mittel- und Seitenthüren.) Eilste Scene. Natzi (tritt ein). Lied. Ein festlicher Einzug, das ist eine Freud', Da producirt Alles sich im neuen Kleid, Ein neu'n Anzug hat mir die Frau Mutter gekauft, Der alte war z'riffen, ich Hab' mit d'Bub'n g'rauft; Jetzt heißt es halt Acht geb'n auf's neue Gewand, Denn wenn man sich schmutzig macht, das ist a Schand. Der gnädige Herr wird zu schauen was hab'n, Erst kommen die Madeln, dann ich unter d'Knab'n, Bleibt er hier, Hab' ich Aussichten, das ist a Pracht, Vor drei Jahr'n hat er's g'sehn, wie ich Prüfung gemacht; Können Hab' ich zwar nichts, doch er hat g'sagt: Aus mir Da wird ohne Zweifel ein recht großes Thier. Ich werd' wieder unter die Kinder das allerschönste sein. Ich bin in meinem Alltagsanzug schon ein liebes Bubi, hat d'Frau Mutter g'sagt, jetzt erst, wenn ich mit Blumen geschmückt bin, da ist es gar nicht zum Aushalten. Schad, und an so ein' Festtag muß wieder ein Verdruß im Haus sein. Der Lenerl ihre Jagdgeschichte wirkt störend auf den müllnerischen Frieden unscrs Hauses. Das Madel soll froh sein, daß sie der Vetter heirathen will, fürwasbraucht sieden Jäger? Ich wollt' nir sagen, wenn sic schlechte Augen hätt', denn da soll es sehr gesund sein für ein Madel, wenn sie eine Amour mit einem Jäger hat, weil sie alleweil in's Grüne schaut. Aber Eine mit fünf ganze Sinn, die soll doch einsehen, daß es nicht leicht eine reizendere Naturerscheinung gibt, als einen Müllner, alleweil voll Mehl, schneeweiß, es ist kein Wunder, wenn ein Madel völlig verblendet wird, wann's a Weil auf ein' Müllner schaut. Ich sage — (man hört zanken). Mir scheint, der Familienzwist zieht sich in diese Gegend. 7 Zwölfte Scene. Voriger. Mehlwurm. Cordula. Leuchen. Cordula. Da her, Du ungerathenes Mädel! Du kommst mir jetzt nicht mehr aus den Augen. Lenchen. Aber was Hab' ich denn Unrechtes gethan? Mehlwurm. Du kannst noch fragen? Verstockte Sünderin! Verrathen, verkauft, betrogen hast Du mich, Deinen Vormund und Bräutigam. Cordula. Aber weh' Dir, wenn ich Dir noch auf das Geringste komme! Mehlwurm. Weh' Dir! da wirst ein- g'sperrt auf vier Wochen, vierzehn Tag bei Wasser und vierzehn Tag bei Brod. Natzi. Vetter, das geht nicht. Wasser und Brod muß sie alleweil zugleich kriegen sonst stirbt sie. Mehlwurm. Halt's Maul, Dummkopf! Lenchen. Ach, wie unglücklich ist doch ein Mädchen, wenn es so früh seine Aeltern verliert! (Weint.) Mehlwurm (sanfter). Schau, Lenerl, weinen mußt nicht — aber schau, ich mein's so gut mit Dir, ich werd' der zärtlichste Ehemann sein — weinen mußt nicht — ich werd' Dich auf den Händen tragen — aber weinen mußt nicht — ich werde mit Dir leben wie die Turteltauben — wennst nicht aufhörst zum Weinen, so wein' ich auch. Cordula. Bruder, Du bist zu weich, sie verdient Deine Nachsicht nicht. Mehlwurm (zu Cordula). Laß gut sein, wenn ich auch wein', wenn ich auch zerfließ' vor Rührung, auslaffen thu' ich's deßwegen doch nicht, heirathen darf sie doch kein' Andern, als mich. Lenchen. Für mich gibt's kein Glück mehr auf der Welt! Mehlwurm. Kein Glück? So sei nur g'scheit. Wenn Einer ein Mädel sitzen laßt, so sagt man: er hat's unglücklich gemacht, wenn Einer ein Mädel heirathet, so sagt man: er hat's glücklich g'macht; ich will Dich heirathen, Du mußt mich heirathen, also — Lenchen. Also bin ich erst ganz unglücklich, denn mein Herz gehört meinem Heinrich, nur ihn kann ich lieben. Mehlwurm (erzürnt). Untersteh' Dich! Cordula. Kecke Personage! Natzi. So einen Eigensinn, wie die hat, den findet man nicht in alle fünf Welttheil, nicht in Europa, Amerika, Asina, Afrika und Paprika. Mehlwurm. Ich könnt' rasend werden. Cordula (zu Mehlwurm). Du wirst es noch zu spät einsehen, daß es Niemand mit Dir so aufrichtig meint, als mein Sohn, mein Natzi! Mehlwurm. Laß mich aus mit deinem dalketcn Buben! Cordula (zu Natzi). Komm, mein Söhn- chen. Natzi. Dalketer Bub' hat er g'sagt? — War die letzte Rede des Vetters eine Anspielerei auf mich? Mehlwurm. Pack Dich zum Guckuck! Natzi (mit Pikanterie zu Mehlwurm). Wenn wir Zwei neben einander stehen, so ist das g'rad als wie zwei Mehlsäck', einer ist der Ausschuß, der andere ist der Auszug. (Mt Beziehung aus Mehlwurm.) Der Ausschuß ist das Grobe, da d'rum ist wenig Nachfrag', das bleibt zurück. (Mit Beziehung auf sich.) Der Auszug ist das Beste, das wird gesucht, daS geht stark, d'rum geh' ich. Komm' d'Frau Mutter! (Mt Cordula zur Mitte ab.) Dreizehnte Scene. Mehlwurm. Lenchen. Mehlwurm (sanft). Siehst, Lenerl, Alles macht mir meine übertriebene Lieb' zu Dir zum Vorwurf, aber ich bleib' unveränderlich. Lenchen. Ja, leider! das raubt mir alle Hoffnung. Mehlwurm (erzürnt). Undankbares Geschöpf! Ich treibe Dir den Jäger aus. Wenn 8 er sich noch einmal bei Dir sehen läßt, so hetz' ich ihn mit die Hund' aus'm Haus! ( Wieder sanfter und am Ende zärtlicher.) Lenerl! Lenerl! Du weißt noch kein' rechten Unterschied zu machen, man muß Dich zwingen zu deinem Glück. Vierzehnte Scene. Vorige. Eulenspiegel (als Mühlknecht gekleidet, tritt ein paar Schritte zur Thür herein). Eulenspiegel. Ist es erlaubt, daß man hereingeht? Mehlwurm (unwillig). Zum Teurel, so muß man doch immer gestört sein! Eulenspiegel. Wenn ich ungelegen komm, so geh' ich halt wieder. Ich dräng' mich nicht hinein, wenn ick seh', daß die Leut' mit einander Geheimniß haben. (Geht zur Thür zurück.) Mehlwurm. Das ist ein curioser Mensch. Heda! Eulenspiegel. Nein, nein, ich will Niemanden geniren. (Geht hinaus.) Mehlwurm. So bleib' Er nur herin, wenn Er schon einmal da ist. Eulenspiegel (von außen). Ich mag nicht; wenn die Leut' Heimlichkeiten haben, so- Mehlwurm (ihm nachrusend). Ob Er hergehen wird, wenn ick Ihn ruf'? — Eulenspiegel (tritt wieder ein). Na, da bin ich. Mehlwurm. Wer ist Er, und was will Er? Eulenspiegel. Das werden's mir doch ansehen, daß ich kein Rauckfangkehrer bin. Wir Menschen find auf der Welt, Einer dem Andern zu helfen. Ich brauch' eine Arbeit, und der Meister braucht Leut', die arbeiten, also nimm mich der Meister in Dienst, so ist uns allen Zweien geholfen. Mehlwurm. Er hat eine curiose Manier, einen Dienst zu suchen. (Für sich.) Er g'fällt mir aber nicht übel. (Laut ) Wo kommt Er denn her? Eulenspiegel. Von — Dings da — jetzt Hab' ich den Namen vergessen. Mehlwurm. Ist es weit? Eulenspiegel. Es ist so beiläufig — eine Distanz wird es sein, wie von dort bis daher. Mehlwurm. Wo hat Er seine Kund- sckaft? Eulenspiegel. Hab keine. Mehlwurm. Was?! Eulenspiegel. Wie ich durch'n Wald gangen bin, stell'ich mich unter cinenBaum, zieh' meine Kundschaft heraus, und will zusammenzählen, bei wie viel Meister als ich schon war; schlagt auf einmal der Blitz ein in den Baum, und die .Kundschaft verbrennt mir in den Händen. Mehlwurm. Ist mir leid, aber ohne Kundschaft trau' ich keinem Knecht; da kann Er gehen, wo Er hergekommen ist. Eulenspiegel (mit komischer Bestürzung). Das ist sehr traurig für mich. Jetzt bleibt mir nichts übrig, als ich muß betteln oder stehlen. G'freuens Ihnen, wenn ick wieder daher komme, denn es ist sehr die Frage, ob ich bei Ihnen betteln werd', mir scheint immer, bei Ihnen wird g'stohlen. Mehlwurm. Na, sei Er so gut. Eulenspiegel (leise zu Leuchen). Ich bin ein Abgesandter von Ihrem Heinrich. Mehlwurm. Was gibt's da für eine Wisplerei, für eine verdächtige? Eulenspiegel (laut zu ihm). Ich Hab' mich an die schöne Hausfrau gewendet, daß sie ein gutes Wort einlegt für mich. Mehlwurm (lächelnd zu Lenchen). Hausfrau? Hörst Du, Lenerl, wie angenehm das klingt? (Laut.) Er ist im Jrrthnm, Freund, bis jetzt sind wir noch nicht Mann und Frau. Eulenspiegel. Nicht? Ah, das ist ewig Schad'! Nein, wie Sie Zwei zusammen- paffeten. (Bei Seite.) Als wie ein Kanarienvogel und ein Wiedehopf. (Laut.) Da wird man nicht bald zwei Leut' finden — ach, Sie müssen einander heirathen. s Mehlwurm. Ich gedenk' auch mit nächstem — Lenchen. Ich aber nicht. 2 Eulenspiegel. Was? Sie wollen 1 nicht? Ach, hören Sie, da sein Sie ja verrückt! sZu Mehlwurm.) Sie verzeihen, wenn ich etwas zu scharf red', aber da kann ich mich nicht mäßigen. (Zu Lenchen.) Wenn Ihnen der Müllner nicht recht ist, so wird man der Jungfer ein' Andern malen. Es ist unbegreiflich, Sie spreizen Ihnen? Ich möcht bloß deßwegen ein Frauenzimmer sein wegen dem Müllner, den ließ ich nicht aus, um kein' Preis, das muß ja eine Seligkeit sein. Mehlwurm (bei Seite). Das ist ein braver Bursch! (Laut ) Wie heißt Du? Eulenspiegel. Ulrich. (Für sich.) Wenn ich ihn nur aus'm Zimmer brächt'! (Laut.) Da mach' ich Ihnen aber gleich darauf aufmerksam, Herr Meister, Achtgeben heißt's curios, denn cs schleicht heut' zu Tag ein Volk herum auf den Gassen, was eigens d rauf ausgebt, Ehemänner zu beunruhigen, und gesetzte Bräutigame zu sakrificiren. Mehlwurm. Leider! leider! ich weiß! Eulenspiegel. Ein fünfzig Schritt von hier steht auch Einer; wie ein Jäger schaut er aus, der speculirt immer auf das Haus herüber. Was kann er wollen? Mehlsäck' schnipsen, gewiß nicht, also hat er andere Absichten. Mehlwurm. Die will ich ihm vertreiben. (Will fort, kehrt aber gleich wieder um.) Du, Lcnerl, gehst jetzt in das Zimmer hinein. Eulenspiegel (für fich). Das ist mir ungelegen. Lenchen (zögernd). Warum? ich könnte ja — Mehlwurm. Geh' nur, liebe Seel', ich I laß Dich nicht lang allein, bin gleich wie- s der bei Dir! (Führt sie in die Seite links.) I Eulenspicgel (für fich). Der sitzt mir , schon auf, da ist mir gar nickt bang, j Mehlwurm. Jetzt will ich dem da unten das Handwerk legen. Fünfzehnte Scene. Vorige, ohne Lenchen. Cordula. Cordula. Der gnädige Herr muß bald hier sein, mein Natzi schaut vom Bodenfenster in die Gegend, wo — Mehlwurm. Laß mich in Ruh — Cordula. Don der Herrschaft Dirkenstein sind zwei Leute hier, Mehl zu kaufen. Mehlwurm. Ick Hab' keine Zeit, mft geh'n jetzt ganz andere Sachen im Kopfhemm. (Zu Eulenspikgel.) Mack'Er sich commod, Er gefällt mir, und wenn Er auch keine Kundschaft hat, so will ich's doch auf vierzehn Tage versuchen mit Ihm. (Zur Mitte ab ) Sechzehnte Scene. Cordula. Eulenspiegel. Eulenspiegel (für fich). Den Haushund Hab' ich weggelockt, jetzt bleibt der Hausdrach' da. Cordula (ihn betrachtend, für fich). Der Mensch wär' so übel nicht, er hat so gewiß — Eulenspiegel (für fich). Die Alte schaut mich an als wie ein Pudel ein kälbernes Bein; jetzt, Keckheit, steh' mir bei, die werd' ich gleich auf meiner Seite haben. Cordula. Woher ist Er? Eulenspiegel. Aus Sachsen, das kennt man ja gleich aus meinem Dialect. Cordula. Mein Bruder ist ein sehr leichtgläubiger Mann, daß er einen Menschen ohne Kundschaft aufnimmt. Eulenspiegel. Ja wohl ist er ein leichtgläubiger Mann! (Sie scharf bettachtend.) Ich bin das nicht, ich bin meiner Sache gewiß. Cordula. Welcher Sache ist er gewiß? Enlcnspiegel. Daß ich die scköne Mündel des Meister Mehlwurm vor mir »e. Cordula (lächelnd). Er hat sich geirrt, ich bin Cordula, die Schwester des Müllers. Eulenspiegel. O, wenn ich so eine Schwester hätte, wie selig wäre ich, jeder 10 Liebe würde ich entsagen, und ganz, aber ganz Bruder sein. Cordula (für sich). Was der Mensch für süße Redensarten führt! Eulenspiegel (verschämt). Ihr betrachtet mich so befremdend? — Cordula. Will er wirklich Arbeit nehmen bei uns? — Culenspiegel. Ich wünsche es, oder — (sich verlegen stellend) sollte ich mich ver- rathen baben? Cordula. Verrathen? Eulenspiegel. Du hättest mich erkannt, Liebenswürdigste deines Geschlechts? Cordula (äußerst verlegen). Gerechter Himmel, was will Er von mir? Eulenspiegel. Leben oder Tod aus deinem Munde. Hinweg mit jeder Verstellung! Dieses Kleid war ein Vorwand, in's Haus zu kommen, ich bin — Marquis — Cordula (aufschreiend). Marquis?! — Eulenspiegel. Marquis ^moroso, Edler von Ve1i6ni6llti88imo. Cordula. Aus Italien? Eulenspiegel. Aus dem Land der wel'schen Glut. Aufm Aetna, g'rad das Haus neben 'n Krater, bin ich geboren. Jetzt können Sic sich denken, mein ganzes Geblüt ist reine Lava. Cordula (sich kaum zu fassen wissend). Edler Herr — Eulenspiegel. Ueberall, in London, Paris, Stockerau. Neapel, Constantinopel, Adrianopel und noch ein paar Opel Hab' ich sprechen gehört von der schönen Mündel des Müllers Mehlwurm in Nelkenstein. Cordula. Ich bin so verlegen — Eulenspiegel. Das sieht man Ihnen an, daß Sie verlegen sein. Unwiderstehliche Sehnsucht zog mich hierher, gestern bin ich angekommen, und habe diese Kleidung gewählt, und — Cordula (mit Koketterie). Jetzt haben Sie sich überzeugt, daß Sie sick geirrt haben. Eulenspiegel. Im Namen wohl, aber nicht in der minniglichen Gestalt, nicht in den wonniglichen Eigenschaften; jünger kann die Andere wohl sein, (schwärmend) aber was Jugend gegen diesen ehrwürdigen Anstand, gegen diese reiflicke, auf vieljährige Erfahrung gegründete Sanstmuth? — Cordula. Wie fein Hochdieselben schmeicheln können! — Eulenspiegel. So wahr ich Marquis bin, kein unwahres Wort kommt über meine Lippen. O Geliebte! (Faßt ihre Hand und stürzt ihr zu Füßen.) Cordula. Was thun Sic? Eulen spiegel (küßt unaufhörlich ihre Hand). O! — Cordula. Stehen Sie auf! Eulenspiegel. Nicht eher, bis Du mir gestattest, so lange hier unerkannt zu bleiben, bis Du Gelegenheit gefunden, mich und meine Liebe zu prüfen. (Küßt ihre Hand.) Siebzehnte Scene. Vorige. Natzi (stürzt herein, er ist mit Blumen geschmückt). Natzi. Der Gutsherr ist da, Frau Mutter! der Gutsherr! (Eulcnspiegel springt verlegen aus, Cordula prallt zurück.) Natzi. O Jeckerl, was ist denn das? Ein Mühlknecht kniet vor der Frau Mutter? — Cordula (unwillig). Was stürmst Du denn herein, als ob das Haus brennte? Natzi. Die Frau Mutter ist roth im G'sicht als wie ein Piperhahn! (Lacht tölpisch.) Eulenspiegel (führt Cordula vor, nach einer Pause, im Tone des Vorwurfes). Das ist dein Sohn? Cordula (mit gepreßter Stimme). Ich bin Witwe. Eulenspiegel. Ist schon über acht Jahr, der.Diab'? Cordula (wie oben). Ist nicht mehr gar jung? Eulenspiegel. Ich hoffte Dich als Mädchen zu finden.. Cordula. O nein! Eulenspiegel (wendet sich ab, verhält sich mit beiden Händen das Gesicht). D Cordulia! Warum hastDu mir das gethan? (Links ab.) Natzi. Der ist erst fünf Minuten im Dienst, was kann der schon ang'stellt baden, daß er sich niederkniet und d'Frau Mutter um Verzcih'n bitt't? Eordula. Du bist ein Esel! Natzi. Versteht sich! Der Vetter bedauert oft, daß ich keiner bin, denn er sagt, wenn ich einer war', so war' ich in der Muhl' ein nützliches Geschöpf. Cordula (für sich). Wie soll ich denAuf- ruhr in meinem Innern verbergen? (Festliche Musik in der Scene ) Specht. Zu gnädig, Euer Gnaden, aber Hockdieselben glauben nicht, wie mühsam ich ihnen das eingebläut Hab'! Lebensstrafe, Hab' ich gesagt, auf ein Vivat zu wenig, und Todesstrafe auf ein Vivat zu viel, darum ist es gegangen. Nelkcnstein. Nun,mein alterSpecht— Specht. Erlauben Hochdieselben höchst unterthänigst. (Dorothea und Natzi haben sich links in den Vordergrund zu Specht gestellt; — zu Dorothea.) Fang' dein Gedicht jetzt an. Dorothea. Ja, Papa. Specht. Langsam und deutlich. Dorothea. Ja, Papa. Specht. Wird's werden oder nicht? Dorothea. Ja, Papa. (Tritt vor, verneigt sich und sängt an mit ungeschickter Aengstr lichkeit, ohne Bewegung zu declamiren:) Natzi. Der gnädige Herr kommt. Komm' d'Frau Mutter, die Festivität fangt an. (Beide zur Mitte ab.) Verwandlung. (Freier Platz vor dem Schlosse.) Achtzehnte Scene. Mädchen und Bursche (mit Blumenkränzen stehen zu beiden Seiten gereiht). Specht (ist beschäftigt, Ordnung nn Ganzen zu halten. Mit dem Aufziehen der Courtine beginnt folgender Chor, an dessen Schlüsse Nelken st ein, von Dienerschaft begleitet, eintritt). Chor. Ihr habt in unsere Mitte hier Gnädig Euch herbegcben, So große Freude hofften wir Schon nicht mehr zu erleben. Mit Euch zieht Glück in diese Hallen ein, ' Aus vollem Herzen laßt uns Vivat schrei'n. Alle. Vivat! Nelkcnstein. Ich dank' Euch, liebe Leute! Euer Empfang war herzlich, hat mir viel Freude gemacht. Von fernen Ländern kommt Ihr her, Schon lange stand dieß Schloß hier leer, Wir — wir — Specht (zupft sie am Kleid und soufflirt). Wir sahen — Dorothea (declamirt). Wir sahen — Specht Nelken st ein. Da war ich in Frankfurt. Eulen spie'gel. Richtig, in Frankfurt war's, da waren wir sehr gut mit einand'. Nelkenstein (erstaunt). Wir? Eulenspiegel. Sehr gut, wir haben einander gar nichts gethan. Nelkenstein. Das glaub' ich. ' Eulenspiegel. Ich bin g'rad unterm Kaffeehaus g'standen, da sind Ew. Gnaden vorbeig'fahren. Nelken st ein. Das also ist die ganze Bekanntschaft? Enlenspiegel. O nein. Ich Hab' mir damals noch gedacht: Wenn der heut in's Bierhaus kommt, so trink' ich Bruderschaft mit ihm auf Du und Du, Sie sind aber nicht kommen. Nelken stein. Du Schalksnarr! Eulenspiegel. Hm. Ew. Gnaden, ich könnt' auch noch eine Forderung machen. Nelkenstein. Eine Forderung an mich? Eulenspiegel. Ew. Gnaden haben mich damals, wie's vorbeig'fahren sind bei mir, ang'schaut mit einem Gesicht, als wenn Sie mir fünfzig Gulden verspreche- tcn. Na, denk' ich mir, dem Mann kann ich schon fünfzig Gulden auf's Gesicht cre- ditiren, da brauch' ich nichts Schriftliches; ich Hab' Ew. Gnaden fahren lassen, und seit der Zeit, als wenn's mir ausgewichen wären, ich Hab' Ihnen nicht mehr gesehen — jetzt wär' ich halt da um das Geld. Nelken st ein< lachend). Du Gauner, Du! Ich muß lachen über Dich, und da kommt es mir auf fünfzig Gulden nicht an. Da, nimm! (Gibt ihm einige Ducaten.) Eulenspiegel. Das ist halt ein pünktlicher Mann, zahlt seine Schulden, ohne daß man ihn klagt. Nelkenstein. Jetzt aber zur Sache: Du hast meinem Jäger versprochen, ihm zum Besitze seiner Geliebten zu verhelfen. Eulenspiegel. So was ist eine Kleinigkeit für mich. Nelken st ein. Du bist ein Großsprecher; die Sache ist schwierig. Eulenspiegcl. Ja, da muß man halt ein Genie sein. Nelkenstein. Wir wollen sehen, was Du kannst. Uebrigens muß ich Dir nur sagen, ich habe in meiner Jugend auch manchen listigen Streich ausgesührt. Eulenspiegel. Ach, gegen mich kommen Ew. Gnaden nicht auf. Nelkenstetn. Das käm' auf eine Probe an. Mich fängt jetzt die Sache an doppelt zu intereffiren. Ich werde selbst einen Plan ersinnen, dem Alten die Mündel wegzukapern, Du magst nach deiner Idee handeln, ich handle nach der meinigen, es wird sich zeigen, wessen Erfindungsgeist zum Ziele führt. Eulenspiegel. Studiren Ew. Gnaden aus, was Sie wollen, mein Plan wird gelingen, und Sie brennen mit dem Ihrigen ab. Nelken stein. Es gilt, Prahlhanns; bist Du der Sieger, so bekommst Du hundert Ducaten, und wenn Du willst, eine bleibende Stätte auf meinem Gute. Eulenspiegel. Und wenn Ew. Gnaden den Sieg der Pfiffigkeit erringen, so tell' ich Ihnen -— denn ich bin jetzt nicht bei Caffa — einen Wechsel von fünfhundert Ducaten aus, a vi8ta zahlbar fünfzig Jahr nach Sicht. Nelken sie in. Ich sag' Dir nur, waffne Dich mit all' Deinen Ränken und Schwänken, wenn Du mit mir in die Schranken treten willst. — Nach der Tafel, Heinrich, besprechen wir das Weitere. (Rechts ab.) Fünfte Scene. Vorige, ohne Nelkenstein. Heinrich. Ist das nicht der beste Herr auf der ganzen Welt? Eulenspiegel. Gütig und freigebig, ein fideler Mann. Heinrich. Sprich nun, was hast Du für mich gethan? Eulenspiegel. Was in der kurzen Zeit möglich war. Ich bin Mühlknecht unter dem Namen Ulrich, und werd' Ihnen in dieser Stund' noch eine Zusammenkunft mit der Auserwählten verschaffen. Heinrich. Wo? Eulenspiegel. Bei ihr im Haus, Heinrich. Unmöglich! lö Eulenspiegel. Ich ha-' in der G'schwindigkeit ein Faß hergerich't mit einem geheimen Zug, daß cs von auswendig und inwendig zum Aufmachen ist. In das steigen Sie hinein, und das Faß müssen dann ein paar gescheite Hausknecht vom Schloß nicht in die Mühl', sondern gerades Weg's in den Müller sein Zimmer tragen, und sagen: es soll mit Mehl angefüllt werden. Heinrich. Wenn mich aber der Müller entdeckt? Eulenspiegel. Für das werd' ich schon sorgen. Im günstigen Augenblick' laß' ich Ihnen heraus, Sie reden mit der Ihrigen, die Ihrige redt' mit Ihnen, ich red' mit Ihnen allen Zweien, und da wird dann die ganze Pasteten abg'macht, was zu geschehen hat. Heinrich. Ich folge Dir blindlings, und eile, das Nöthige zu besorgen. (Ab.) Verwandlung. (Zimmer im Hause des Müllers, mit Mittel- und Seitrnthür, wie im ersten Acte.) Sechste Scene. Lenchen. Natzi. Peppi (zur Mitte). Leuchen (zu Natzi, der ihr aus jedem Schritt folgt). Was verfolgst Du mich denn immer? Soll ich mich von Dir auch quälen lassen? Natzi. Ich muß Acht geben auf Dich, die Frau Mutter hat's g'schafft. Peppi. Wer weiß, ob's wahr ist, mir scheint, 's ist nur eine Wichtigmacherei vom Musje Natzi. Natzi (zu Peppi). Und wenn sie mir's auch nicht g'schafft hätte, so gibt mir unsere nahe Verwandtschaft das Recht, die Lenerl in der Corda zu halten. Peppi (spöttisch). Na, freilich, weil die Verwandtschaft gar so nahe ist. Natzi. Das versteht sie nicht. Die Cousine von ihrer Mutter war die Godel von meinem Stiefbrüdern feiner Schwägerin ihrer Ziehtochter, das gibt mir zu gleicher Zeit Neveu- und Herrn Onkel-Rechte über sie. Lenchen. Ich werde mich überwinden, und werde dem Vormund so lange schmeicheln, bis er Dich wieder einmal derb durchprügelt. Natzi (zu Lenchen gewendet). O, mich schützt meine Frau Mutter vor jedweder Un- bild und widerrechtlicher Antastung meiner Person. Peppi (zeigt hinter Natzi's Rücken Lenchen, welche aus der entgegengesetzten Seite steht, rin Billet, und winkt ihr zu). Lenchen (einen Vorwand suchend, Peppi zu sich herüber kommen zu lassen). Peppi, mich sticht hier eine Haarnadel, sei so gut — Peppi. Gleich, liebe Mamsell! (Läuft hinüber.) Natzi (sie aushaltend und dazwischentretend). Halt! die Spitzbübereien kenn' ich; wer weiß, was d' Lenerl sticht. (Zu Peppi, indem er sie an die linke Seite des Zimmers führt.) Soll vielleicht ein Brieferl zugesteckt werden? Sie hat heut' Früh beim Milchholen mit denr Jäger disk'rirt, das ist verdächtig. (Zu Lenchen, die rechts steht.) Ich bin ein Pfiffikus, mich betrügt man nicht so leicht, wie mein' Herrn Vettern. Peppi. Aber Mosje Natzi, kommens her; was haben Sie denn für einen schwarzen Fleck auf Ihrem neuen Anzug? Natzi. Einen Fleck? Wo denn? (Geht zu ihr.) Peppi. Da grad beim Kragen. (Wendet ihn, und steckt ihm den Brief wie einen Papierzopf an den Rockkragen.) Na, wenn das die Frau Mutter sieht. Natzi. Ich glaub', Sie foppt mich. Peppi. Fragen's die Mamsel Lenerl, wenn's mir nicht glauben. Natzi (geht zu Lenchen hinüber). Du, Lenerl, schau her da, Hab' ich da richtig ein' schwarzen Fleck? (Wendet sich so gegen sie. daß sie den im Rockkragen steckenden Brief sehen muß.) Lenchen (den Brief nehmend). . Freist^. (Kippst ihn einigemal, ihren Zorn auSlafsend, tüchtig Ms dm Rücken.) So! jetzt ist er schon weg. Natz i (wieder in die Mitte vortretend). Das kann ich nicht begreifen, wo ich mir den Fleck g'macht Hab'. Lenchen. Ich werd' jetzt in meine Kammer gehen. Natzi. Da geh' ich mit. Lenchen. Was? Auch in meiner Kammer soll ich keine Ruhe haben vor Dir? Natzi. Ich muß auf deine Seufzer lauschen, um den Zustand deiner Seele zu beurtheilen, und der Frau Mutter zu rapportiren. Lenchen (geht aus Peppi's Wink rechts ab). Siebente Scene. Vorige, ohne Lenchen. Pephi (Natzi, der ihr folgen will, zurückhaltend) Aber Natzi, lasten Sie's geh'n; fürchten's Ihnen denn mit mir allein zu sein? Natzi. Fürchten? O, wegen der Flüchtigkeit! Peppi. Es war eine Zeit, wo Sie geschnappt hätten nach einer solchen Gelegenheit, mit mir zu sprechen. Natzi. Du hast mich von Dir gestoßen durch Sprödigkeit. Peppi. Hab' ich anders können als sittsamer Dienstbot'? Natzi. Bist Du also jetzt nicht mehr sittsam? Peppi. Sie haben ausg'schaut heut' in dem Anzug — so schön — so schön — daß mein Herz ganz — Natzi. Also haben meine Reize endlich den Sieg davongetragen über landmädle- rische Grundsätze und dienstbotischeZiererei? Peppi. Hier kann ich nicht reden mit Ihnen. Natzi. Reden wir wo anders. Peppi. Bleiben Sie noch einen Augenblick da. Ich will schauen, ob die Mama picht in der Nähe ist. Natzi. Beim eingeschlagcnen Kuchel- fenster, dort sind wir am sichersten. Peppi. Also, Natzi, kommens bald nach. (Zur Mitte ab.) Natzi (allein). Mir winkt die Liebe! Kurios, die Lieb' ist eigentlich eine Qual, und man laßt sich so gutwillig fortsekiren davon, Jahr aus und Jahr ein. Ob es denn wirklich gar kein Mittel gibt gegen die Lieb ? — Ich versteh' noch zu wenig davon, aber ein meiniger Bekannter, der ist um vierzehn Tag älter als ich, der hat mir über die Mittel gegen die Lieb' einige Aufklärung gegeben. Lied. Auf Mittel geg'n d' Lieb' hab'n die Leut' schon studirt, Und über den Punct hin und her debat- tirt, Man hat Trennung, List und Gewalt vor- geschlag'n, Doch 's hat Alles nicht die wahr'n Früchte getrag'n; Mit List hat man zwar nie was ausg'richt geg'n d' Lieb, D' Lieb' ist selbst so listig wie ein aus- g'lernter Dieb. ZwarTrennung bei Liebsleut' ist ein großes Wort, Das Eine bleibt z'ruck, und das And're reist fort; 'S machen beide Theil' neue Bekanntschaften schön, Da wascht sich d' Lieb' aus, wie ein drucktet Deffein; Doch was nutzt All's! Der Zufall verdirbt wieder'n Kram, Die alte Lieb' rost't nicht, man kommt wieder z'samm. 17 G'walt macht'- schlechter, denn d' Lieb hat kein Kopf, wie bekannt, Allein wenn man kommt mit gewaltsamer Hand, Und will es zerreißen das zärtliche Band, Setzt d' Lieb' erst den Kopf auf, und rennt durch die Wand; Durch jed's Hinderniß d' Lieb vergrößert nur wird, Der Bart wachst ein'm stärker, je mehr man balbirt. Endlich hab'n's doch was g'fnnden, die Lieb' zu vertreib'n; Die Leut' wer'n vereinigt, und müssen es bleib'n; Und wenn fie's auch reut, das seufzt: Ach! das: Auweh! Oes müßt's eng hab'n, 's nutzt nir, das Mittel heißt: Eh'! DaS Bewußtsein, die G'schicht nimmt kein End', bis ich stirb, Das ist's wahre Schwab'nmittel gegen die Lieb'. Es g'hör'n zu der Eh' nur zwei Leuteln dazu'r, D'rum ist's eigentlich ein Ambo nach ihrer Natur, Doch darüber ist man ganz einig und g'wiß, Daß ein' glückliche Eh' jetzt ein Terno schon is; D'rum ist man froh, denn die Terno sein selten bei Haus, Kommt man nur wieder als Witwer er- trato heraus. (Ab.) Achte Scene. Lenchen (allein). (Aus rechts.) Äst der fatale Bursche endlich fort? — Mein Heinrich schreibt mir, n will sich in's Haus Hereinschwärzen, mir scheint der Plan gefährlich, wenn ich nur mit Ulrich sprechen könnte! Iheattr-Repcnoir«. R». XXXII. Neunte Scene. Vorige. Cordula. Natzi. Peppi. Cordula (führt Natzi am Ohr herein). Da her, Du abscheulicher Bube Du! Natzi. Ich kann nir davor! Peppi Beste Madame — Cordula. Sie wird mit Schand und Spott davongejagt. Natzi. Sie hat mir Schlingen gelegt, ich kann nir davor! Peppi. Das ist nicht wahr, ich bin froh, wenn er mir vom Hals geht. Lenchen. Das kann ich bezeugen, auf Schritt und Tritt geht er der Peppi nach. Cordula (grimmig zu Natzi). So? na wart! Natzi (ängstlich.) Äch kann nir davor! Cordula (zu Lenchen). Mir scheint aber, aus Dir spricht die Eifersucht. Untersteh' Dich, Du gehörst für meinen Bruder, und nicht für den Natzi, es darf sich nicht- entspinnen zwischen Euch. Lenchen. Ich kann ihn ohnehin nicht leiden. Natzi. Mir ist sie verhaßt. Mit der Lenerl Hab' ich nicht das geringste Liebes- verständniß. Cordula. Aber mit der Peppi? Na ich will Dich lernen, mit den Dienstboten charmiren! Natzi. Ich kann nir davor. Cordula (als ob fir etwa- suchte). Wo ist denn — Natzi (weinend). Ich werd's nimmermehr thun. Lenchen. Der Bursche verdient Züchtigung. Natzi (schreit). Zehnte Scene. Vorige. Mehlwurm. Eulenspiegel. Mehlwurm. Was gibt's denn da für ein Spectakel? „ r rs Natzi. Die Mutter will mich züchtigen. Mehlwurm. Das ist recht, aber nur nicht da, ich brauch' Ruh', ick weiß ohnedem nicht, wo mir der Kopf steht. (Zieht ein Papier aus der Tasche und liest.) Eulenspiegel (betrachtet Cordula mit sehnsuchtsvollen Liebesblicken). Eordula (für sich). Wie zärtlich mein Marquis auf mich herübersieht! (Macht ihm einige verliebte Zeichen der Erwiederung.) Mehlwurm (nachdem er sein Verzeichniß durchgtlkfen). Die ganze Welt will auf einmal mit Mehl versorgt sein, über hundert Sälk', — Du, Cordula! (Bemerkt ihre Zeichen, die sie wiederholt, weil sie sich »»belauscht glaubt, er dreht sich um, um zu sehen, auf wen die Zeichen gehen.) Eulenspiegel (wie er dies merkt, geht ganz unbefangen herum und fingt). Mehlwurm (zu Cordula). Aber Schwester, was machst denn für Foren? Cordula (erschrickt). Ich? Ich Hab' dem Natzi — Eulenspiegel (ungeduldig). Meister, werd' ich nicht bald eine Arbeit kriegen? Ich kann keine Viertelstunde müßig sein. Mehlwurm. Da nimm das Verzeichniß, und geh' dort in's Zimmer hinein. (Zeigt aus die Seitenthür links.) Da ist der Vorrath aufnotirt, schau nach, ob so viel da ist, als weggeschickt werden soll. Eulenspiegel. Gleich, Meister. (Geht mit starken Tritten links ab.) Cordula (für sich, indem sie ihm schmachtend nachfieht). 3n jedem Schritt erkennt man den echten Marquis. 'Mehlwurm. Ein braver Bursch' der Ulrich! So einen Knecht Hab' ich nicht gehabt, so lang ich Müllner bin. Cordula (bei Seite). Das glaub' ich. Mehlwurm. Du, Lenerl, gehst jetzt wieder in deine Kammer hinein; mußt aber kein Zeichen mit'm Blumenstock geben. (Verschmitzt lächelnd.) Denn jetzt bin ich zu Haus. ' Lenchen (will antworten, besinnt sich, und geht, ohne etwas zu erwiedern, rechts ab). Mehlwurm. Sie schämt sich, das ist schon ein gutes Zeichen. (Zu Cordula.) Du. Schwester, gehst, und schaust beim Allfladen nach. Cordula. Gleich, gleich! (Zögernd für sich.) Wenn ich nur ein paar Worte mit meinem Marquis reden könnt'! Mehlwurm. Wird's werden oder nicht? Cordula. Nun ja, ich geh' ja schon. (Geht zur Mitte ab, indem sie noch immer nach der Thür zurückblickt, wo Eulenspikgel abgegangen ist.) Mehlwurm. Ich weiß'gar nicht, wie mir das Weib vorkommt. Eilfte Scene. Mehlwurm. Natzi. Natzi (für sich). Ich begreif' nicht, warum d' Frau Mutter solche Augen macht. -Mehlwurm. Du hast heut' wieder den ganzen Tag noch nichts gearbeitet. Natzi. Nein, heut' nicht. (Will zur Mitte ab.) Mehlwurm. Wohin denn? Natzi. A bissel ausrasten. Mehlwurm. Du Tagdieb, Du fauler! Dageblieben! Du stellst Dich daher (stellt ihn vor die Thür von Lenchens Kammer) und gibst Acht, daß die Lenerl ja nicht herausgeht. Natzi. Das ist eine zuwidere Commission! Mehlwurm. Nicht gemuckst! Zwölfte Scene. Vorige. Steffel und Sebastian (tragen ein Faß herein, in welchem Heinrich steckt). Steffel. So! da stellen wir's nieder. (Stellen es in s Zimmer.) Mehlwurm (verwundert). Was gibt's denn da? Sebastian. Ein Faß.. 19 Steffel. DaS soll ang'füllt werden dis morgen mit Mehl vom allerfeinsten. Sebastian. S' gehört auf's Schloß. Mehlwurm. Wer tragt denn ein Faß in's Zimmer herein? Das gehört ja in die Mühl'. Steffel. Wir haben nicht lange Zeit zum Herumfragen. Sebastian. Jetzt ist's einmal da. Steffel. Adies! (Beide ab.) Dreizehnte Scene. Mehlwurm. Natzi. Mehlwurm. Grob ist das Volk vom Schloß, das muß ich dock mit nächstem dem gnädigen Herrn sagen. Jetzt muß ich ein paar Knecht holen, daß sie das Faß in die Mühl transportiren. (Zur Mitte ab.) Vierzehnte Scene. Natzi, dann Heinrich. Natzi. Jetzt muß ich da Schildwach' steh'n. Die Lenerl und mich, uns drucken zwei verschiedene Schuh'. Sie mag nicht heirathen, und hat einen Bräutigam, und ich heirathet für mein Leben gern, aber bei mir brautet sich nichts. Soll denn gar kein solcher Gegenstand aufzutreiben sein? — Jetzt muß ich durch's Schlüsselloch schauen, was die Lenerl macht. (Schaut durchs Schlüsselloch.) Heinrich (öffnet nach einer kleinen Pause das Faß, und will heraus). Natzi (sieht sich bei dem Geräusche um und sieht ihn). Heinrich (ohne Natzi zu bemerken). Alles ist fort. Vielleicht kann ich jetzt mit meinem Lenchen sprechen ^Erblickt Natzi.) Verdammt! (Will in s Faß zurück.) Natzi. O Jegerl, das ist der Jäger! Herr Vetter! Herr Vetter! — Heinrich. Schweig', Bube, oder — Natzi. Ich bin kein Bube, ich bin schon freigesprochen. Heda! Mörder! Diebe! Straßenräuber!, Mordbrenner! Feuer! Erdbeben! Wolkenbruch! Herr Vetter!.Wo ist der Madelrauber? Eulenspiegel. Im Faß, hat der Natzi g'sagt. G'seh'n Hab' ich ihn nicht. Natzi (schreit und poltert im Faste, wodurch seine Stimme unkenntlich wird.) Mehlwurms Zu was braucht man ihn zu sehen, man hört ihn ja. Nur fort, angepackt, und 'stellt das Faß dem gnädi- digen Herrn grab' in sein Zimmer, daß er den säubern Vogel kennen lernt. (Gegen das Faß, indem Natzi lärmt). Schrei, wie Du willst, nur fort! (Die Knechte nehmen das Faß, und wälzest es während des Ghors hinaus.) , ui " Chor der Mühlknechte. ' '!!, ./ >'1 Nur; angepackt, der wird es spür'n, Wenn wir auf's Schloß ihn transportir'n. (Während das Faß sortgewälzt wird, brechen Mehlwurm und Eulenspiegel in heftiges Gelächter aus, jeder charakterifirt seinen besondern Beweggrund.) Dritter Act. Zimmer auf dem Schlosse. Rechts im -Hintergründe steht ein Schirm. Erste Scene. Eulenspiegel. Friedrich. Eulcnspiegel (gegen die Seitenthür rechts horchend). Mir scheint, sie sind schon auf- g'standen von der Tafel. Friedrich (kommt aus links, einen Bündel in der Hand). So! da ist jetzt ein vollständiger Anzug vom Heinrich. (Gibt Eulenspie- gtl den Bündel.) Aber sag' Er mir nur — Eulenspiegel. Der gnädige Herr kommt. ( Verbirgt sich mit dem Kleiderbündel hinter dem Schirme.) Zweite Scene. Vorige. Nelkenstein. Johann (aus rechts). Nelken st ein. Friedrich! geh' dem alten Specht nach, ich habe ihm etwas zu stark zugetrunken; sorge dafür, daß ihm weder Spott noch Unglück widerfahre. Friedrich. Ich werd' ihn schon nach Hause bringen. Nelkenstein. Das will er nicht, er sagt, er habe dem Müller das Wort gegeben, zu einer wichtigen Conferenz bei ihm zu erscheinen. Führ' ihn also dahin. Friedrich. Sogleich, Ew.Gnaden. (Ab.) Dritte Scene. Nelkenstein. Johann. Nclkenstein. Wo mag denn mein Heinrich stecken? Johann. Ohne Zweifel im Hause des Müllers. WaS nützt aber das Alles? Im Guten wird der Alte nie seine Einwilligung geben. Wäre ich an Heinrichs Stelle — Nelken st ein. So würdest Du Gewalt brauchen? Das wäre gefehlt. , u 21 Johann. Nicht gerade Gewalt, sondern nur so, wie man's nimmt. Ich würde die Mündel entführen, mich dann in der Stille mit ihr trauen lassen und der ganze Handel wäre vorbei. Nelkenstein. Glaubst Du denn, diese Unternehmung wäre so leicht? Johann. Sehr leicht, Ew. Gnaden. Alle Abend geht das schöne Leuchen mit den Mägden zum großen Herrschaftsbrunnen, wo diese unter ihrer Aufsicht die Wassereimer füllen, da dürfte man also nur, von der Dämmerung begünstigt, mit ein paar gescheiten Cameraden auf der Lauer stehen, man stürzt hervor, nimmt das Mädel um die Mitte, und ist mit ihr über alle Berge. Nelken stein. Schau', Johann, mich intereffirt die Sache Heinrichs wegen; auch gilt es eine Wette. Hättest Du wol Lust, den Anschlag, so wie Du gesagt, auszuführen? Johann. Wenn Ew. Gnaden befehlen. Nelkenstein. Heute noch. Johann. Ew. Gnaden können sich verlassen darauf. Nelken st ein. Es versteht sich, reinen Mund; auch Heinrich darf nichts wissen davon. Johann. Sehr wohl. Ich werde gleich meine Dispositionen getroffen haben. (Zur Mitte ab.) , Vierte Scene. Nelkenstein. Eulenspiegel (hinter dem Schirme). Nelken stein. Es hak einen eigenen Reiz für mich, dem famösen Eulenspiegel zu zeigen, daß ich noch listiger sein kann als er. Eulenspiegel (tritt binter dem Schirme hervor und sagt leise). Umkehrt wird ein Strumpf daraus! (Eilt mit Behutsamkeit, den Bündel in der Hand, hinaus.) Nelkenstein (bemerkt eS nicht, und fährt fort). Johann ist ein unternehmender Kopf, und ein Pfiffikus, sein Anschlag gelingt ohne Zweifel. (Tumult von außen.) Was soll das? Fünfte Scene. Nelkenstein. Hanns und Jakob (wälzen das Faß zur Thüre herein, und stellen es aus). Nelkcnstein (erstaunt). Was wollt Ihr denn? Hanns. Der Müller schickr uns her, wir sollen nur sagen, daß wir das feine Mehl bringen, was Ew. Gnaden haben bestellen lassen. Nelkenstein. Gehört das hierher? Jakob. Der Meister hat's so g'schafft. Nelkenstein. Der Alte ist verrückt! Den Augenblick schafft mir das Faß fort. Hanns. Verzeihen Ew. Gnaden ganz unterthänigst, aber das Hemd ist uns näher als der Rock. Der Meister gibt uns Brod, dem müssen wir folgen. (Hat sich mit Jakob immer mehr zur Thür retirirt. Beide drücken sich dann schnell hinaus.) Sechste Scene. Nelkenstein. Natzi (im Fasse). Nelkenstein. Unbegreifliche Dreistigkeit! Was er nur damit will? Sollte das ein Schwank vom Eulenspiegel sein? (Das Faß untersuchend, klopft er daran) Na tzi (schreit inwendig). Herein! Nelkcnstein (erstaunt). Herein? Zum Guckuck! Was bedeutet das? Natzi. Aufgemacht! Aufgemacht! Nelkenstein. Halt! Hier sehe ich einen Schuber! (Zieht an demselben, der Deckel geht auf.) Natzi (steigt in die Höhe). Tausend sap- prawalt! (Erblickt Nelkenstein.) O Jeckerl'. Der gnädige Herr! — Nelkcnstein. Bursche! Wie kommst Du hieher? Natzi (erschrocken). Herg'walzt haben'S mich. Nelken st ei n (ruft zur Thür hinaus). Heda! .Bediente! '' 22 Natzi. Barmherzigkeit! (Fällt auf die Kniee.) (Zwei Bediente treten ein.) Nelkenstein (zu den Bedienten). Tragt das Faß hinaus! (Die Bedienten mit dem Fasse ab.) Nelkenstein (zu Natzi, der noch ängstlich kniet). Was fürchtest Du denn? Natzi. Schlag'. - Nelkenstein. Warum denn? ? Natzi. Weil Sie so schiech sind, i Nelken stein. Einfaltspinsel, steh' auf! Natzi (aufstehend). Also sind Sie nicht bös auf mich? Nicht einverstanden mit die Spitzbuben, dann bitt' ich um Rache. ' Nelkenstein. Erzähle nur — Natzi. Nur Rache! r Nelkensteiu. Zuerst mußtDu mir ja — Natzi. In mir ist die Menschheit beleidigt. Nelken st ein. Das bezweifle ich, darum erzähle mir erst. Natzi. Die ganze Sache ist so — dann aber Rache! Der Jäger von Ew. Gnaden war in dem Faß, ich Hab' ihn geseh'n. Nelkenstein (für sich). Aha! Natzi. Ich ruf' den Vettern; der neue Mühlknecht, der Ulrich, kommt dazu, ich wieder zurück, er will's nicht glauben, daß man im Faß sitzen kann, ich zeig' ihm's, er schlagt den Deckel zu, und laßt mich fortwalzen. Nelken st ein (bricht in ein lautes Gelächter aus). ' , Natzi. O, da ist gar nichts zum Lachen d'ran! Lassen sich Ew. Gnaden nur einmal kugeln von der Mühl' bis daher, — das war eine Empfindung! Ich bin ohnedem dem Schwindel ergeben—ich ruf' in meiner Todesangst in einem fort: Ulrich! Ulrich! aber der Ulrich hat gethan, als höret er mich nicht. Nelkenstein. Dir ist recht geschehen. Man muß nicht über Alles gleich einen Lärm machen, was man sieht, man muß hübsch verschwiegen sein. Natzi. Ich fordere aber Ew. Gnaden zur Rache auf. Nelken st ein. Du btst ein Esel. (Ab.) Siebente Scene. Natzi (allein). Das Wort Esel, das ist nicht seine Erfindung, das sagen die Leut' so häufig zu mir, daß es für mich schon gänzlich den Reiz der Neuheit verloren hat. Es muß da eine förmliche Verabredung herrschen, denn es verbreitet sich zu stark. Das Auffallendste ist das, so oft ich hier auf der Gassen geh', so sagen's immer hinter meiner: »I, da schaut's den Esel an!« Aus Neid natürlich, weil ich eine reiche Frau Mutter Hab'; jetzt neulich mach' ich eine Reis' zu einem weitschichtigen Vetter, acht Stunden von hier, wie der mich steht, war's erste Wort: »Da schaut's den Esel an!« — Also ist es klar, das Bonmot hat ihm Einer g'schrieben von hier. Achte Scene. Voriger. Dorothea (zur Mitte eintretend). Dorothea. Der gestrenge Herr verzeihen. — O je, der Natzi! Natzi. O je, die Dorothea! Dorothea. Sind Sie auch eing'laden g'wesen bei der Tafel? Natzi (mit Beziehung). Ja, ich Hab' müssen her, sie haben's gar nicht anders gethan. Dorothea. Haben Sie sich gut unterhalten? Natzi. Ich weiß nicht, ich beweg' mich nicht gern in solchen Zirkeln. (Drückt mit der Hand pantomimisch das Wälzen des Fasses aus.) Dorothea. Ich will meinen Vater abholen, wenn er noch nicht fort ist, cs fangt an finster zu werden. Natzi. Wollen Sie ihm leuchten mit die zwei schönen Aeugelein? Dorothea. Hören's auf, ich Hab'heut' Augen wie ein Kinigelhas' vor lauter Weinen. 23 Natzi. Haben's ein paar Gemüthsbe- wegungen g'habt? Dorothea (weinerlich). Dre Madeln ha- ^ den mich alle ausg'lacht, weil ich so schlecht declamirt Hab'. < Natzi. Wer sagt denn das? Sie sind in Berücksichtigung verschiedener Gedächtniß- verhältnisse beim ersten Vers stecken geblieben, und haben dann die andern aus bescheidener Consequenz verschwiegen, ja das ist ja doch noch nicht schlecht declamirt. Dorothea (weinend). Mich kränkt es halt, ich kann Alles vertragen, nur lachen sollen die andern Madeln nicht. Natzi. Da muß man sich darüber hinaussetzen. Mick haben auch nach dem Empfang des gnädigen Herrn ein paar Bekannte ausg'hienzt, da denk' ich mir: Hienzt's ös nur zu, was liegt mir am Hienzen, hienzen könnt' ich auch, wenn ich hienzen wollt'. Dorothea. Ueber Ihnen haben's auch geschimpft fürchterlich die Madeln. Natzi. Was haben's denn g'sagt? Dorothea. Ich mag's gar nicht nachsagen. Natzi. Nein, nein, genirn's Ihnen nicht. Dorothea. Sie haben g'sagt: Sie sind ein Esel. Natzi. Das haben Alle g'sagt? Dorothea. Alle. Natzi (bei Seite). Da haben wir neuerdings den Beweis, daß es eine abgeredete Karte ist. (Laut.) Wissen's was wir thun, daß die Maderln zum Lachen aufhören? Ich heirath' Ihnen, dann sind Sie a Frau, und d'Madeln sind nur Madeln, da werden' Alle weinen vor Gift. Dorothea. Was? Sie wollen mich heirathen? O, das wäre gescheit! Natzi. Die Frau Mutter hat voriges Jahr schon gesagt, daß ich heirathen darf, wenn ich groß werd'. Dorothea (entzückt). Den Zorn von die Madeln! Die Rest wird grün — Natzi. Wenn wir Hochzeit halten — Dorothea. Die Neltel wird gelb — Natzi. Das G'stanz am Ehrentag — Dorothea. Die Victor! kriegt's Gallenfieber — Natzi. Wenn wir nachher spaziern gehen als Mann und Frau — Dorothea. Da schau' ich die Madeln an, und sag' zu einer jeden, die g'lacht hat: 0 je! Natzi. Das ist reckt, nur O je sagen, das ist die edelste Rache! Dorothea. Aber mit dem O je sagen allein ist es nicht abgethan, es muß auch mit einem gehörigen Blick begleitet sein, und das kann nur ich. Lied. Wenn ich mich g'freu oder zürn', Laß ich's auf a eig'ne Art g'spür'n, Ich schau' nur, und ich Hab' das Glück, Ich Hab' halt ein' sprechenden Blick. Kommt Eine, die glaubt, sie ist schöner als i, So sagt mein Blick: die fade Fisonomie, Ist g'wachsen wie a Butten, voll Fehler der Teint, Und so a Person bild't sich ein, ne ist schön, Hat Füß' ohne Zweifel die größten im Ort, Sie könnt' gar nicht umfall'n, wenn übel ihr wurd', Das Alles sag' ich mit ein' Blick — Ein sprechendes Aug' ist ein Glück. Wenn Einer das Herz mir geraubt, Noch immer an mein' Lieb' nit glaubt. So schau ich ihn so an wie a Falk, > Das heißt: kannst denn noch zweifel'n, Du ' Dalk? Seh' ich Eine, die mir ein' Geliebten ab- 1 fischt, Sagt mein Blick: an dem hat's was Saub'- ! res erwischt, , Ich hab'n nimmer mögen, mir war er zu schlecht, ; Ich könnt' ihn leicht wieder krieg'n, wenn ick nur möcht', Die glaubt, er wird's heiraten, ja, da hat's Zeit, 24 Mit so einem Ausseh'n, da fesselt man d'Leut', Das Alles sag' ich mit ein' Blick — Ein sprechendes Aug' ist ein Glück. (Beide zur Mitte ab.) Verwandlung. (Zimmer beim Müller, wie früher.) Neunte Scene. Heinrich allein. Heinrich (kommt sehr behutsam aus dem Kleiderschranke). Endlich glaube ich sicher zu sein! Verdammte Verlegenheit, in die ich mich durch meine Unvorsichtigkeit stürzte! — Wenn nur Eulenspiegel oder mein Leuchen — (Horchend.) Es kommt schon wieder Jemand. Verwünschter Zufall! als ob sich Alles gegen mich verschworen hätte! (Verbirgt sich wieder in den Wandschrank.) Zehnte Scene. Mehlwurm (tritt zur Mitte ein). Wenn nur der Gevatter Specht schon da wäre! Wir haben so viel zu verabreden; er muß mir die wahren Mittel an die Hand geben. Uebermorgen muß Hochzeit sein. Mir scheint aber, ich Hab' die Thür von der Lenerl ihrer Kammer nicht zugesperrt. Vorsicht kann nie schaden. (Schließt die Seitenthür rechts zu, und steckt den Schlüssel in die Tasche.) Eilfte Scene. Vorige. Eulenspiegel (tritt zur Mitte ein, den Kleidrrbündel unter m Arme; als er Mehlwurm erblickt, für sich). Eulenspiegel. Verdammt, der Mehlwurm ist da! — Mehlwurm (ihn erblickend). Was willst Du da? was trägst Du da unterm Arm? Eulenspiegel (verlegen bei Seite). Jetzt geht's recht. Mehlwurm. Du bist verlegen? Heraus mit der Sprach', was ist in dem Bündel? Eulenspiegel (gefaßt). Muß denn der Meister alle Geheimnisse wissen? Mehlwurm. Also Hab' ich's doch crra- then, daß es ein Geheimniß ist? Eulenspicgel. Na freilich, die Frau Cordula hat mir gesagt, daß der Meister übermorgen seine Hochzeit mit der Jungfer Lenerl hält, und da will sie dabei in einer Maschkerad erscheinen, das ist das Ganze. Mehlwurm (befriedigt). Ah so! Eulenspiegel. Der Meister ist recht grauslich! immer einen Verdacht haben gegen mich. Mehlwurm. Nein, ich weiß, Du meinst es ehrlich mit mir! Eulenspiegel. Na ob! Aber Sie verdienten jetzt zur Straf', daß ich Ihnen nir davon entdecket, was ich ausspionirt Hab'. Mehlwurm (gespannt). Ausspionirt? Was denn? Was denn? Eulenspiegel. Ich Hab' von die Leut' im Schloß g'hört, daß der Jäger Abends beim Herrschastsbrunnen auf die Jungfer Lenerl passen wird. Mehlwurm. Das wär'der Teufel! Eulenspiegel. Lassen Sie's daher nicht ausgehen. Mehlwurm. Meine Schwester muß siatt ihr mit den Mägden zum Brunnen gehen. Eulenspiegel. Das ist das Wahre. Die Schwester soll gehen. Mehlwurm. Du bist ein Goldkerl. Leg' den Bündel indessen in den Kasten hinein. (Will den Schrank öffnen.) Eulenspiegel. Nein, ich trag' ihn in mein Bodenkammer! hinauf, sekiren's mich nicht. Zwölfte Scene. Vorige. Cordula (bringt Licht und stellt es aus den Tisch). Cordula. Bruder, wenn übermorgen Hochzeit sein soll, so muß ich's längstens 25 morgen schon wissen. (Zu Eulenspiegel.) Was tragt denn der Ulrich da unter'm Arm? Eulenspirgel (bei Seite). Jetzt kommt die auch noch über mich! Mehlwurm (bei Seite). Aha! die darf nichts merken, daß ich's schon weiß. Eulenspiegel (zu Cordula leise). Das ist mein Marquis-Gewand, das zieh' ich erst an, wenn unser Verhältniß offenbar ! wird. Cordula (leise zu ihm). Das muß Ihnen herrlich lassen. Eulenspiegel (eben so). O, da schau' ich einzig aus. Mehlwurm. Schwester, unter Anderm, heute geh'st Du mit den Mägden zum Herrschastsbrunnen. Cordula. Warum denn Lencheu nicht? Mehlwurm. Ich Hab'meine Ursachen. Cordula. Das ist mir fatal! (Für sich.) > Ich finde gar keine Gelegenheit, mit meinem Marquis allein zu sein. Mehlwurm (Cordula am Arme uehmend). Mach' nur, es ist Zeit, und ich muß sehen, wo denn der Gevatter Specht so lange bleibt. (Mit Cordula zur Mitte ab.) Dreizehnte Scene. Eulenspiegel, dann Heinrich, dannLen- chen. ! j Eulcnspiegel. Dasmal haben's mir warm gemacht! Die verdammten Kleider j hätten mich bald in eine schöne Verlegenheit gebracht. — Heinrich! kommen's nur - heraus! ! Heinrich (hrrauskommend). Höre das Un- ! glück, Lencheu ist eingesperrt und der Alte hat den Schlüssel bei sich. Eulenspiegel. Jetzt steh'n wir frisch. ' Heinrich. Biete deine ganze Schlau- ^ heit auf, daß ich und mein Lencheu aus dem Hause kommen. Eulenspiegel. Ja, das ist leicht gesagt. — Geben's Acht bei der Thür, daß wir nicht überrascht werden. (Trägt einen Tisch zur Thür, wo Leuchen eingcsperrt ist.) Heinrich. Was willst Du thun? Eulenspiegel. Im Nothfall muß die Lenerl durch das Guckerl ober der Tbnr heraus. (Steigt auf den Tisch.) Mamsel Lenerl, machen's das Fenster auf. (Klopft an das ober der Thür befindliche Fenster.) Lenchen (von innen). Ich kann ja nicht hinauf. Eulenspiegel. Steigen's auf ein' Tisch und stellen's allenfalls noch ein' Sessel d'rauf, wenn's nicht hoch genug sein sollt'. Lenchen (innen). Gleich! gleich! Heinrich (verläßt seinen Posten an der Thür). O Lenchen! nur ein einziges Wort der Liebe! Eulenspiegel (zu Heinrich). Ob's dort stehen bleiben werden oder nicht? Heinrich (eilt wieder zur Mitte und horcht). Lenchen (hat mittlerweile von innen das Fenster ober der Thür geöffnet). Eulcnspiegel (zu Lenchen hineinrusend). Ziehen's nur geschwind die Kleider an (gibt den mitgebrachten Bündel zum Fenster hinein.) Jetzt kommt's nur noch d'rauf an, daß ich dem Alten den Schlüssel aus'm Rock prac- ticir'. Heinrich. Es kommt Jemand. Eulenspiegel (steigt vom Tische herunter, und rückt ihn schnell aus den vorigen Platz). Nur g'schwind wieder in den Kasten hinein, Musje Heinrich. Heinrich (verbirgt sich in den Schrank). Eulenspiegel. Ich fahr' auch derweil' ab. (Links ab.) Vierzehnte Scene. Specht. Mehlwurm. Mehlwurm (indem er den taumelnden Specht hereinführt). Aber sag' mir der G'vat- ter nur, wie man gar so viel trinken kann? Specht (hat einen Mantel um und einen breitgekrämpten Hut auf). Wer hat denn das — schon wieder ausplauscht, — daß ich viel getrunken Hab'? >«» 26 II 1 ^ Mehlwurm. Mit Dir werd' ich heut' was Schön's verabreden. Specht. Nur niedersetzen, dann geht es schon. Mehlwurm. So setz' sich der G'vatter! (Schiebt ihm einen großen Schlassessel, dessen Füße auf kleinen Rädern ruhen, hin.) Specht (sich setzend). Einen Schlaf — werd' ich heut' haben — einen göttlichen Schlaf. (Fängt sofort an einzuschlasen) Mehlwurm. Nur jetzt nicht, denn jetzt baben wir wichtige Conferenz. Du mußt mir juridische Mittel an die Hand geben, meiner Mündel das Jawort abzuzwingen, denn übermorgen muß Hochzeit sein, und wenn die Welt zu Grunde geht. Aber Du hörst mich ja nicht? (Rüttelt ihn.) Du schläfst ja? Specht (etwas auftauchend). Nein — ich denk' — nur nach, und da — mach' ich immer die Augen zu dabei. Mehlwurm. Ter Jäger kommt mir keinen Schritt mehr in's Haus. Specht. Vor der Hochzeit schon gar nicht. (Schläft wieder ein.) Mehlwurm. Und nach der Hochzeit noch weniger. Siehst Du, G'vatter, ich glaub', das Beste wird sein, ich geh' morgen zum gnädigen Herrn, und bitt' ihn, daß er den Jäger einsperrt, bis ich in Ruh' geheirathet Hab' — aber G'vatter, Du schläfst ja schon wieder? (Aergerlich.) So wollt' ich doch, daß der verdammte Saufaus — (rüttelt ihn) G'vatter! Nachbar! Specht! Was thu'ich? Ich muß die Sache heute noch mit ihm in's Reine bringen. — Halt, mir fällt was ein! — Gift muß man mit Gift vertreiben, ich hol' ihm einen Wein aus'm Keller. (Sucht in den Taschen.) Wo Hab' ich denn den Schlüssel? (Zieht einen Schlüssel heraus und legt ihn aus den Tisch.) Der ist zu der Mehlkammer. (Zieht einen zweiten heraus, und legt ihn ebenfalls auf den Tisch.) Der ist von der Lenerl ihrem Zim Mer. (Einen dritten hervorziehend.) Das ist der Kellerschlüsscl. Jetzt hol' ich ein Massel ein' echten, da weckt meinen G'vattern schon der Geruch auf. (Mt dem Licht zur Mitte ab.) (Das Zimmer ist nur vom Monde beleuchtet, der durch s Fenster scheint.) Fünfzehnte Scene. Specht. Eulenspiegel. Heinrich, dann Lenchen. Eulenspiegel (aus links). Er ist fort. Musje Heinrich! Heinrich (aus dem Kasten). Wo ist der Müller hin? Eulenspiegel. Er will einen Betrunkenen mit Wein curiren, oder besser gesagt homäopatisch behandeln. (Auf den Tisch zeigend.) Und da schaun's her, wir sind wahre Glückskinder, da ist der Schlüssel, wo die Lenerl eing'sperrt ist. (Nimmt den Schlüssel und öffnet eilig die Thür rechts.) Mamsell Lenerl! Lenchen (kommt im Jägeranzuge, ganz wie Hinrich gekleidet, heraus). Da bin ich, was soll ich thun? Heinrich. Geliebtes Lenchen! Eulenspiegel (nimmt Heinrichs Hut, und gibt ihn Lenchen). Den Hut nur recht tief aufg'setzt, und 's Gesicht versteckt, so werd' ich Ihnen schon fortbringen. In der Nähe vom Schloß warten's nachher auf uns. Lenchen. Ich unternehme Alles, um nur aus diesem Haus zu kommen. Eulenspiegel (aus Specht zeigend). Jetzt den da, den thun wir in die Kammer hinein. (Rollt ihn aus dem Lehnstuhle bis zur Thür rechts, wo Lenchen war.) Müsse Heinrich, so helfen's doch, zum Scharmiren ist's nachher Zeit. (Trägt mit Heinrichs Hilfe den schlafenden Specht in die Kammer.) Lenchen. Ich zitt're an allen Gliedern. Eulenspiegel und Heinrich (kommenmit Specht 's Hut und Mantel heraus). Eulenspiegel (sperrt die Kammerthür zu). So! das wäre in der Ordnung! (Legt den Schlüssel aus den Tisch.) Mosje Heinrich! so 27 hören's doch auf zum Schönthun alleweil. (Schiebt mit Heinrichs Hilfe den Lehnstuhl wieder an seinen vorige» Platz). Lenchcn (hat an der Mittelthür gehorcht). Ich höre kommen. Eulenspiegel (zu Heinrich). Nehmen's geschwind den Mantel um, und setzen's den Hut auf. (Gibt ihm Specht s Hut und Mantel.) Heinrich (thut wie Eulenspiegel sagt). Um mich ist mir nicht bange, wenn nur Lenchen schon glücklich fort wäre. Eulenspiegel. Jetzt setzen's Ihnen da her, und thun's, als ob's schlafeten. (Heinrich thut es. Zu Lenchen.) Nur Courage! (Lärmend.) Hier hat der Herr nichts zu suchen, nur hinaus, sonst schlag' ich d'rein! Eulenspiegel(zu Lenchen schreiend). Bin ich Euch endlich auf die Spur gekommen, Herr Jäger? (Zieht Lenchen an der Hand zur Thür, und stößt absichtlich an Mehlwurm an, daß er ihm mit dem Rücken das Licht auslöscht.) Mein' Meister, den Ehrenmann, wollt Ihr betrügen? — Hinaus, oder ich werf' Euch über die Stiegen! — (Thut als ob er Lenchen mit Gewalt zur Thür Hinausstoße.) Mehlwurm (etwas vortretend). Ich bin als wie versteinert. Eulenspiegel (kommt zurück und stößt an Mehlwurm, als ob er ihn im Dunkeln nicht kennte, und packt ihn). Da ist noch Einer — hinaus mit ihm! i Mehlwurm. Das bin ja ich. E ulenspiegel (ihn loslassend). Ah, der ) Meister ist's! Ich bin so in der Rage, ich s Hab' glaubt, es ist ein Helfershelfer vom t Jäger. In der Finster sieht ein Hallunk ! dem andern gleich. Ich Hab' ihn grad hin- ' ausg'worfen den säubern Musje Heinrich. Mehlwurm. Ich hab's geseh'n. (Umarmt ihn.) Ulrich! Du bist ein Gvld- menscb! Du bist der Schutzgcist meines Hauses. Wenn wir nur ein Licht hätten! Geh', Ulrich, hilf mir den G'vattern aufwecken. Eulenspiegel. Das wird schwer gehen. Mehlwurm (rüttelt Heinrich, der in Specht s Hut und Mantel dafitzt). G'vatter! G'vatter! der Wein ist da. Eulenspiegel. Mit dem ist heut' nichts mehr anzufangcn; das Beste ist, ich trag' ihn nach Hause. Mehlwurm. Dubist ein wahrer Freund! Weißt überall Rath. Siebzehnte Scene. Vorige. Natzi. Dorothea. Natzi (eine Laterne tragend). Die Dorothee sucht ihren Vätern. Dorothea. Ist er da? Eulenspiegel (bei Seite). O je, die kommen mir ungelegen. Mehlwurm. Da sitzt er und schläft. Natzi (leuchtet Eulenspiegel ins Gesicht). D Du Hauptspitzbub'! Bist Du da? Mehlwurm. Was? Eulenspiegel. Meister, nehmen's Ihnen an um mich. Mehlwurm (packt Natzi). Meinen treuen Knecht willst Du beschimpfen? Natzi. Er hat mich in's Faß ein- g'sperrt. Eulenspiegel. Diese Verleumdung — Mehlwurm. Der Bube weiß nicht, was er redt. Natzi. Aber er hat mich ja — Mehlwurm. Kein Wort mehr, oder — Natzi. Aber er — Mehlwurm. Kein Wort, oder ich schlag' Dir Arm und Bein entzwei. (Läßt ihn los.) Natzi (bei Seite). Das ist zu kränkend, morgen red' ich mit meiner Frau Mutter. Mehlwurm (nimmt Natzi die Laterne ab). Jungfer Dorothee, nehmen Sie da die Laterne, und der Natzi und der Ulrich Sechzehnte Scene.. Vorige. Mehlwurm (tritt zur Mitte ein, in einer Hand einen Weinkrug, in der anderen das Licht haltend, und bleibt, wie er den Lärm hört, an der Thür voll Erstaunen stehen). 28 führen den G'vattern nach Haus, so gut's geht. Eulcnspiegel. Gleich, Meister! (Hebt mit Natzi's Hilfe Heinrich vom Stuhle auf, und beide führen ihn mühsam fort.) Natzi (im Fortgehen). Dorothea, merk' jetzt gut auf. Dorothea (vorleuchtend). Warum denn? Natzi. Damit Du lernst, wie man mit einem Betrunkenen umgeht, so weißt Du doch, was Du zu thun hast, wenn mich einmal das Unglück trifft. (Ab.) Achtzehnte Scene. Mehlwurm, dann Hanns. Mehlwurm. Ein braver Kerl, der Ulrich! Daß ich aber mit'm Specht mich nicht Hab' berathschlagen können, das ärgert mich unsinnig! Muß der g'rad' heut' so ein' Rausch haben. Hanns (zur Mitte eintretend). Der Ulrich hat g'sagt, ich soll ein Licht bringen. Mehlwurm. Stell's nur auf'n Tisch. (Für sich) Jetzt will ich doch nochmal versuchen, ob denn der Lenerl ihr Herz gar nicht für mich zu stimmen ist, ich will jetzt Zärtlichkeit sein. (Man hört im Kabinett rechts ein Geräusch, als ob Jemand vom Stuhle gefallen wäre.) Was ist denn das? (Nimmt den Schlüssel, ur.r> spricht während des Aussperrens der Thür.) Ist vielleicht der Lenerl was geschehen? i^r öffnet, Hanns leuchtet.) Specht (von innen). Mord - Himmel- Tauseich-Sapperment! Ne hl wurm (prallt zurück, als er Specht erblickt, und schreit aus Leibeskräften). Ach, alle guten Geister! Was ist das! — Hanns, halt' mich! Hanns. Meister, was ist's denn? (Unterstützt ihn.) Neunzehnte Scene. Vorige. Specht (aus rechts wankend). Specht. Donnerwetter! was sind daS für Dummheiten? Mehlwnrm (sich sammelnd). Wie kommst Du da hinein? Specht. Was weiß denn ich? Mehlwurm. Wo ist die Lenerl? (Stürzt in das Labinet.) Specht. Man ba—hat mir einen Schabernack gespielt, aber ich werd' Euch schon ko — koramisiren, wenn ich wieder im Amt bin. Mehlwurm (aus dem Labinete). Die Lenerl ist entführt! Spitzbüberei! Meuterei!' Zwanzigste Scene. Vorige. Eulenspiegel. Natzi. Dorothea. Natzi (schreiend). Spectakel über Spektakel! Dorothea. Ein böser Geist — Eulenspiegel. Der Satanas — Dorothea (Specht erblickend). Ach, da steht er, der Vater! Specht. Nein, jetzt geht er, der Vater! (Wankt, ohne sich um die klebrigen zu bekümmern, von Hanns unterstützt, zu Thür hinaus.) Mehlwurm. Wen habt's Ihr fortgeführt ? Dorothea. Ich kann vor Angst nicht reden. Natzi. Mir klappern die Zähnt. Eulenspiegel. Ich glaube, es war der Teufel. Natzi. Wir waren keine fünfzig Schritt vom Hause, so empfind' ich eine Ohrfeigen — Dorothea. Hut und Mantel fliegt weg. Eulenspiegel. Und eine feurige Gestalt fliegt fort. Dorothea. Ich Hab' vor Aengsten gar nichts mehr gesehen. SS Mehlwurm. Ich weiß genug! Da herrscht Betrügerei! Die Lenerl ist durch- gegangen! Auf, Ulrich, Natzi, alle Mühlknecht' auf, mit mir, und der Lenerl nach! Eulenspiegel (bei Seite). Die Lenerl ist gegen's Schloß! Jetzt führ' ich's ein'n conträren Weg. (Alles ab.) Verwandlung. (Platz im Orte, in der Mitte der Brunnen; rechts und links im Vordergrund eine Marktbude. Es ist Nacht.) Einundzwanzigste Scene. Lenchen (allein). Lenchen (noch in Männerkleidern). Ich bin in Todesangst, ich habe den Ort vergessen, wo ich Heinrich finde. (Links nach dem Hintergründe sehend.) O weh! da kommen Leute, wo verbirg' ich mich? (Läuft ängstlich hinter die Marktbude links.) Zweiundzwanzigste Scene. Vorige. Johann, Steffel, Sebastian (aus links hinten). Johann. So, kommt nur, da nehmt Eure Posten hinter dieser Marktbude. (Zeigt aus die Bude rechts.) Steffel und Sebastian. Schon recht! Johann. Und wie sie kommt — Steffel. Gleich darauf los. (MachtPantomime, wie er sich ihrer bemächtigt.) Johann. Ich bleibe dort beim Wagen. Macht Eure Sachen klug. (Läuft im Hintergründe links ab.) Steffel (zu Sebastian). Hörst nichts?Ich glaube, sie kommen schon! (Beide verbergen sich hinter der Bude rechts.) Dreiundzwanzigste Scene. Vorige. Cordula. Peppi. Mägde (mit Wassereimern aus dem Hintergründe)) Peppi. Das ist eine stockfinstere Nacht. Cordula. Macht, daß Ihr bald fertig stid-(Die Mägde gehen mit Peppi zum Brunnen, sie tritt etwa- in den Vordergrund.) Omeiu Marquis, warum bist Du jetzt nicht an meiner Seite? Steffel und Sebastian (stürzen aus ihrem Versteck hervor, werfen, ohne zu sprechen, Cordula einen dichten weißen Schleier über den Kopf, sie macht einen Schrei, und wird mit großer Geschwindigkeit von dev Beiden links sortgebracht. Die Mägde am Brunnen schreien alle laut auf). Peppi. Hilfe! Räuber! zu Hilfe! Vierundzwauzlgste Scene. Vorige. Mehlwurm. Eulenspiegel. Natzi. Mühlknechte (mit Laternen aus rechts.) Mehlwurm. Was gibt's da? Peppi. Die Frau Cordula ist geraubt. Eulenspiegel (gftichgiltig). Die brin- gen's schon wieder zurück. Mehlwurm. Das muß ein Jrrthum sein. Natzi. Mir haben's meine Frau Mutter g'stohlen. Mehlwurm (zu den Knechten). Schaut's Euch nur um, ob nirgends d'Lenerl steckt. (Die Knechte suchen mit den Laternen.) Natzi (an der Bude links). Halt! Werda? — Die Lenerl! Mehlwurm (mit dm Knechten Hineilead). Die Lenerl? (Führt sie vor.) Alle. Die Lenerl? Lenchen. Ich bin verloren! Mehlwurm. Haben wir Dich, Du saubers Zeiserl, Du! Morgen muß Alles aufs Schloß, da wird furchtbares Gericht gehalten. Jetzt marsch nach Haus! (Führt Lehnchen fort.) Chor der Knechte und Mägde, indem sie alle in Verwirrung Nachfolgen. Ha, dieses Spectakel bei stockfinst'rer Nacht! Wer hätt' von der Lenerl wohl daS sich gedacht? (Alle ab.) .-«E »o Vierter Act. (Saal im Schlosse mit Mittel- und Seitenthürea.) Es ist Morgen. Erste Scene. Nelkenstein, dann Heinrich, dann Eulenspiegel. Nelkenstein. Das ist eine fatale Geschichte! Haben wir da die Unrechte entführt. Ich bin nur froh, daß ich mich noch so ziemlich aus der Affaire gezogen. Ich habe dem Müller heute Morgens sein altes Familienstück von Schwester zurückgesendet, und ihm sagen lassen: Man habe sie geraubt, meine Leute wären dazugekommen, und hätten den Räubern die holde Beute glücklich abgenommen. Aber mein armer Heinrich — ach, da kommt er eben. Heinrich (traurig eiutrrtead). Gnädiger Herr! — Nelken stein. Nu, nu, Heinrich, nur nicht gleich den Kopf hängen lassen. Heinrich. O, mein Unglück ist grenzenlos, daß gestern mein Plan mißglückt ist. Nelkenstein. Wie ich heute früh die Alte sah, habe ich schon um deinen Verstand getrauert, ich dachte mir, Du wärest in die Here verliebt. Heinrich. Aber Euer Gnaden, noch weiß ich nicht, wie ich das Ganze verstehen soll? Nelkenstein. Wie Du das Ganze verstehen sollst? Ich wollte Lcnchen für Dich entführen lassen, und die dummen Bengels haben die Alte dafür genommen. Eulenspiegel (vortrrtrnd). Das war mein Werk. Nelken st ein (erstaunt). Was? Du hättest mir diesen Streich gespielt? Eulenspiegel (lachend). Hab' ich Euer Gnaden d'ran kriegt? Heinrich. Du hättest Eulenspiegel. Ja, ich hätte. Nelken stein. Du bist ein kecker Schlingel! Eulenspiegel. Von was lebet ich denn, wenn ich nicht keck wär'? Nelken stein. Die Wette hast Du aber noch nicht gewonnen, denn dein Anschlag ist auch mißglückt, wie mein Heinrich sagt. Jetzt schaffe Rath, das rath' ich Dir, denn ich weiß nicht — Eulenspiegel. Sie brauchen nichts zu wissen, Sie sind ein reicher Mann — (nachfinnend) aber ich bin ein armer Teufel, mir muß was einfallen. — Halt! ich hab's! eine Gewaltthat! Leihen mir Euer Gnaden alle Ihre Bedienten. ^ Nelkenstein. Wozu? Gewaltstreichein meinem Territorio kann ich nicht zugeben. Zweite Scene. Vorige. Johann (kommt aus dem Zimmer links und will zur Mitte abgehen). Eulenspiegel (zu Johann). Der gnädige Herr hat g'schafft, alle Bedienten und Hausknecht' aus'n ganzen Schloß sollen im Gebüsch' hinter der Mühl' warten auf mich. Johann. Sehr wohl. (Zur Mitte ab) Dritte Scene. Vorige ohne Johann. Nelken st ein (erstaunt). Was hast Du denn vor? Eulenspiegel. Nur mich gehen lassen, ich weiß selber noch nicht recht. Vierte Scene. Vorige. Mehlwurm. Specht. Lenchen. Eulenspiegel (geht Mehlwurm entgegen). Ich Hab' den Meister schon ang'meld't. Nelkenstein (zu Mehlwurm). Was will Er? Mehlwurm. Euer Gnaden, ich klag' den säubern Musje Heinrich, er ist ein Verführer, Entführer, Räuber — Nelkenstein. Oho! Mäßigt Euch,Ihr müßt eure Reden beweisen. Mehlwurm (hitzig). Mein G'vatter ist Zeug'. Speckt (ausbeugend). Das heißt, ick — Nelkenstein. Lenchen soll sprechen. Bist Tu von Heinrich entführt worden? Eulenspiegel (leist zu Lenchen). Nur Alles abgeläugnet. Lenchen. Daß ich Heinrich liebe, ist wahr, daß ich aus Liebe zu ihm entflohen, ist auch wahr, daß er mich aber entführte, ist unwahr, so wie alles Uebrige, was mein Vormund sagt. Me hlwurm (ergrimmt). So? Und woher denn der Zägeranzug, wenn Heinrich nicht einverstanden war? Heinrich. Ich verkaufe meine abgelegten Kleider immer dem Juden, folglich — Lenchen. Von dem Hab' ich sie gekauft. Mehlwurm (müthend). Frechheit ohne Gleichen! Nelken stein. Mein Heinrich ist also unschuldig. Mehlwurm. Unschuldig? Der durchtriebene Filou, der Galgenstrick? — Nelkenstcin. Was? Er unterfängt sich, meinen Diener in meiner Gegenwart so zu beschimpfen? Euleikspiegel (Mehlwurm aushetzend). Nein, nicht wird man schimpfen. Mehlwurm. Jn's Zuchthaus soll man ihn sperren. Nelkenstein (zu Mehlwurm). Halt, jetzt Hab' ich's genug! — Müller! Er ist ein Verleumder, dafür wird Er seine Strafe empfangen. Eulenspiegel (Nelkenstein und Heinrich zuwinkend). Versteht sich! Was kann mein'n Meister g'scheh'n? Wird er nicht etwa gar in der Mühl' vor alle Mühlknecht den Musje Heinrich noch um Verzeih'n bitten müssen? Sagen's ja. Nelkenstein (tzuktnspitgrl's Muk brach» tend, befehlend). Ja, das wird er. Mehlwurm (wüthend). Was? Eulenspiegel. Ah! das ist zu stark. Heinrich. Ich gehe, in einer halben Stunde komme ich in die Mühle, dort bittet mir der Meister Mehlwurm ab, diese Satisfaktion verlange ich nach dem Ausspruch des gnädigen Herrn. (Zur Mitte ab.) Mehlwurm. Ich ersticke vor Wuth. Specht (ihn besänftigen wollend). Gevatter! Mehlwurm. Der Gauner! Nelkenstein. Fort jetzt, und kein Wort mehr, als Gutsherr befehle ich, es bleibt dabei, wie ich gesagt. Mehlwurm. Gut, ich geh'— aber — aber — (Kann nicht weiter reden vor Wuth, und geht schnell zur Mitte ab.) Specht (im Abgehen). Nur vernünftig. (Me ab.) Eulenspiegel (zu Nelkenstcin). DerMül- ler wird doch ein schöner Dummkopf sein. (Ab.) Fünfte Scene. Nelkenstein (allein). Was mag Eulenspiegel Vorhaben? Ich muß doch selbst in die Nähe der Mühle schleichen, sonst zettelt der Mensch einen förmlichen Krieg zwischen meinen Leuten und den Mühlknechten an! Ich bin da in Liebesgeschäfte hineingekommen, ich weiß selbst nicht wie, das ist mir seit meiner Jugend nicht passirt. (Links ab.) Verwandlung. (Zimmer bei Mehlwurm, wie früher, mit Mittel- und Seitenthür.) Sechste Scene. Cordula. Natzi. Natzi. Laß mich die Frau Mutter aus jetzt mit dem beständigen Fragen! Cordula. Du wirst mir klar und deutlich sagen, was hat man über meine führung und mein Ausbleiben hier gesägt? 32 Natzi. Der Detter hat g'sagt: eS macht nir, die Frau Mutter behalt Keiner. Cordula. Der ungeschliffene Mensch! — Aber die Mühlknechte, was haben denn die gesagt? Natzi. Die haben sich völlig bucklig gelacht. Cordula (mit Bedeutung). Alle haben gewiß nicht gelacht? Natzi. Sie haben gesagt, so eine That kann nur in der Betrunkenheit g'schehn. Cordula. Dummer Junge! Was hat denn der Ulrich —?— Natzi. Jetzt laß' mich d' Frau Mutter aus. (Will sott.) Cordula. Halt! Dageblieben! Wohin? Natzi. Fort will ich. Cordula. Wohin? Natzi. Einer Frau Mutter, die ausbleibt über Nacht, der bin ich gar keine Rechenschaft schuldig. (Schnell zur Mitte ab.) Siebente Scene. Cordula (allein). Du Schlingel, Du! Sein Glück, daß er schon sott ist. — Mein Marquis hat mir Blicke zugeworfen, welche mich in die furchtbarste Unruhe versetzen. — Ach, da ist er! Achte Scene. Vorige. Eulenspiegel (durch die Mitte). Eulcnspiegel (im Eintreten für sich). O Jeckerl, die Alte! (Nimmt eine gravitätische Stellung an, tritt wie in düsteren Gedanken versunken vor, und murmelt nur halb verständliche Worte vor sich hin.) Cordula. Warum so düster, lieber Marquis? Eulenspiegel. Ha! — Sie hier? (Wendet sich ab.) Cordula. Sie find in Gedanken? Eulenspiegel. So? — Cordula. Und über was? Eulenspiegel. Ueber den weiblichen Wankelmuth. Cordula. Das soll doch mir nicht gelten? Gerechter Himmel, ich bin ja — Eulenspiegel. Du bist ein Weiber- finn. Cordula. Ich bin sanftmüthig, gut — Eulenspiegel. Und leichtsinnig. Cordula. Das kann mir kein Mensch nacksagen. Eulen spiegel. Kein Mensch, wenn die ganze Welt 's Maul halt: mit einem Wort, ich will auch einen Himmel nicht aus einer dritten Hand. Cordula. Marquis! — Eulenspiegel. Wir trennen uns. Cordula (schmerzhaft). Trennen? Eulenspiegel. Ich bin Marquis, und bin es meiner marquerischen Ehre schuldig. Cordula. O quält mich nicht so! Eulenspiegel. Sie können sich auf dem Schlosse entschädigen, dort haben sie ja die ganze Nacht zugebracht. (Sich vor dir Stirue schlagend.) O! was habe ich diese Nacht gelitten! (Bei Seite mit natürlicher Stimme.) Ich hab's Zwicken kriegt vom jungen Bier. Cordula. Fragen Sie den gnädigen Herrn, der wird Ihnen sagen — Eulenspiegel. O die gnädigen Herrn sagen gar viel. Cordula. Ich bin unschuldig! Eulenspiegel. Unschuldig? Das sagst Du mit diesem Gesicht? — Weib, theile mit diesem Gesicht Paradiese aus und Du wirst keinen Käufer finden. (Wendet sich einen Schritt zum Gehen.) Cordula (knieend). Marquis, Du bringst mich zur Verzweiflung! Eulenspiegel. Zurück! Reize meinen Grimm nicht, oder ich morde Dich meuchel. Cordula. Laß Dich besänftigen. Eulenspiegel (caricirt.) Hier nicht mehr. Vielleicht in einer andern Welt. >i 33 Neunte Scene. Vorige. Mehlwurm. Mehlwurm (die Gruppe erblickend). Was, zum Teurel, was ist denn das? Eulenspiegel (gleich gefaßt). Sie will, ich soll dem Meister zureden, daß er nachgibt, aber das thu' ich nicht, meinem Meister seine Ehre geht mir über Alles. Nun komm' der Meister, daß wir besprechen, wie wir den Jäger mit Schimpf und Spott abseitigen. (Beide ab.) Cordula. O ich Unglücklichste meines Geschlechtes! (Ab.) Verwandlung. (Das Innere der Mühle; im Hintergründe ein großer Mehlkasten, mehrere Mehlsäcke rc. rc.) Zehnte Scene. Peppi, -ann Natzi. Peppi (tritt aus der Seite, und spricht zurück). So! Die Bedienten vom Schlosse sind alle fort. — Halt, der fatale Natzi kommt. (Macht die Thür zu und tritt Natzi entgegen.) Natzi (eintretend). Ist die Dorothea nickt da? Peppi. Die Dorothea suchen Sie? Also ist es wahr, was ich gehört Hab', Sie wollen's heirarhen? Natzi. Nein, nicht heirathen werden wir's. Peppi. Und mich haben Sie ganz vergessen? Natzi. Hör' Sie auf, Sie boshafte Katz', Sie hätt' mir heut' bald Schlag' zuwegen gebracht von der Frau Mutter. Peppi. O wenn Sie in meinem Herzen lesen könnten! Natzi. Jetzt weiß ich nicht, wie ich daran bin, bist Du in mich verliebt oder nicht? Lycaitt'Stcptlloin Nr. XLLU. Peppi. O, verliebt zum Davonlaufen. Natzi. Unbegreiflich welch' verworrenes Gewühl von Leidenschaften ich errege dahier. Peppi. Und jetzt soll eine Andere Sie besitzen? Natzi. Amors lose Spiele durchkreuzen sich sonderbar in meinem Innern. Jetzt werden wir halt sehen, was zu macken ist. Luodtibel. Duett. Peppi. Fest umschlang zu süßen Freuden Das junge Herz ein festes Band, Es vergißt nicht Lust und Leiden, Die die erste Lieb' empfand. Natzi. Zu spät erkenn' ich, durch Dich bestärket, Was für ein Stockfisch ich bin gewesen, Ich bin halt Einer, der All's erst merket, Wenn man mit der Scheibtruch'n ihm über d' Nasen fährt. Peppi. Mädchen müssen schweigen, Und es niemals zeigen, Quält im Herzen sie die Liebespein, Wenn das Herz auch pochet, Und das Blut auch kochet, Muß der Mund doch stets verschlossen sein. Doch der Mann muß offen, Fängt er an zu hoffen. Sprechen ohne Scheu mir Wort und Blick, Mag Gefahr sich thürmen, Mögen Wetter stürmen, Ringt entschlossen er nach Liebesglück. Natzi. Nur durch Sanftmuth und durch Güte Nimmt man Weiberhcrzen ein. r 34 Peppi. Es ist der Bund geschloffen, Dich nenn' ich ewig'mein. ^. i Natzi. 's rührt mich, es thut mich stoßen, ' Dich nenn' ich ewig mein. Ich führ' Dich spazir'n, Zahl' ein' köstlichen Schmaus, Und wenn ich ein Rausch Hab', Sv führst mich nach Haus. G'setzt, der Vetter kommt mit'n Stecken, Macht mir da wohl etwas Schmerz, Doch wer sich von d' Schläg' laßt schrecken, Har kein liebend Herz. Peppi. Stets noch zagen muß dies ahnuugs- ' volle Herz. Peppi. Dann senke süßer Schlaf sich nieder Auf deine Augenlider, Du weißt, erwachst Du nüchtern wieder, Nickt recht, was mit Dir gescheh'n. Natzi. Es blühet Seligkeit, Bald halten wir Hochzeit. Kein schöner's Paar! hat Wie mich und 's Madel d',.Stadt;,, O Du, die Du die Tugend selber bist, Willst mein sein, welches Glück ersprießt. Peppi. Aber, Natzi, wenn's der Detter merkt? Natzi. O je! Ich Hab' schon einmal von ihm Prügel kriegt. Beide. j'' Der Spitzbub', der Räuber, der grausliche Dieb, Zerstört so auf ewig die innige Lieb'. Peppi. Wer wird ihm's aus d'Nasen binden, Muß der Vetter All's erfahr'n? Anschmier'n thun wir'n vorn und hinten, Halten^ihn für einen Narr'n. " " Natzi. Grillen sind mir böse Gäste; Immer mit leichtem Sinn. Tanzen durch's Leben hin, Das nur ist Hochgewinn. Dock was thun wir, um ganz sicher zu sein? Halt! Mir fallt was ein! Ja, mein Plan ist unvergleichlich, Sein Gelingen schlägt nicht fehl. Peppi. Lust und Freude, sie kehren wieder, Die mir ewig verloren schienen; Ach, kaum trau' ich meinen Sinnen, Du, mein Leben, wieder mein! " Kein Geschick soll uns, Theurer, trennen. Laß vereint wandern uns durch's Leben, Und vereint auch einst aufwärts schweben In der Liebe schönes Reich. Natzi. - E j. Wenn die Sympathie der Seele Durch die Thränenquelle Bahnet sich die Wege In das Herzgehege, Wird die Seele düster, Und als still Geflüster Haucht man Liebesseufzer aus. Es verfinstert sich die Sonne, Statt der süßen Wonne Wird der Himmel trübe Und zur Qual die Liebe, 's wird am Glücke Mangel Und ihr Sehnsuchtangel 35 Fanget nicht des Herzens Schmaus. Doch wenn man mit klugem Sinne Sich das Glück der Minne Vor Verrath bewahret, Seligkeit uns harret, Wie Sireneng'sangel, Wie ein Zaubertrankel. Laßt uns sanfte Schwärmerei. Man wünscht, daß die schönen Zeiten Würden Ewigkeiten, Wünscht, daß sanft und eben Sich der Pfad durch's Leben Nur durch Blumen schlänge! Mit dem holden Engel — Süßer Traum der Fantasei. Peppi. Ich Hab' ihn gefangen mit schmeichelndem Wort, Wir wandeln vereinigt durch's Leben nun fort. (Beide ab.) Eilfte Scene. Eulenspiegel. Bediente. Eulenspiegel. Jetzt kommt's geschwind, meine Herren, und verstcckt's Euch hinter die Mehlsäck'! (Die Bedienten thun es.) Und wie ich dann das Zeichen geb' — still, mir scheint sie kommen schon. Zwölfte Scene. Vorige. Mehlwurm. Specht. Doro- rothea. Cordula. Leuchen. Hanns. Jakob. Knechte. , Mehlwurm (im Eintreten zu den Knechten). Nur geschwind, der Jäger wird gleich hier sein. Eulenspiegel (zu den Knechten). Nur frisch angepackt, wenn der Meister ruft. Mehlwurm. Der wird Augen machen! Ich will ihm abbitten, daß er Zeit seines Lebens d'ran denken soll. Dreizehnte Scene. Vorige. Heinrich. Heinrich. Meister Mehlwurm, Ihr wißt den Ausspruch des gnädigen Herrn. Uebrigens könnt Ihr Euch jede Beschämung ersparen, gebt mir Eure Mündel zur Frau, und aller Zwist ist ausgeglichen. Mehlwurm. Das ist wahr, das wär' ja charmant, Alles wäre ausgeglichen! Dasmal thun wir aber nicht so. Der Herr Jäger ist in die Falle gegangen, er ist jetzt in meiner Gewalt. Heinrich. Wie? Ich in seiner Gewalt? Mehlwurm. Und jetzt frag' ich, (zu Leuchen) willst Du augenblicklich die Mei- nige werden? (Zu Heinrich.) Und will er meiner Mündel entsagen, und so lange als Gefangener dableibcn, bis wir zurückkommen von der Copulation? Lenchen. Nie, nie laß ich von meinem Heinrich. Heinrich (zu Mehlwurm). Ihr seid ein Narr! Mehlwurm. Gut! Also angepackt! (Die Mühlknechte fallen über Heinrich her, und halten ihn fest.) Heinrich. Bin ich rurter Räuber ge- rathen? Mehlwurm. Hängt ihn in den Mühlbach, bis die beiderseitige Sinnesänderung erfolgt. Eulenspiegel. So wollt' ich doch, daß jetzt alle Mehlsäcke lebendig würden! (Die zwölf Mehlsäcke fallen zugleich um, und hinter jedem springt ein Bedienter hervor, die Mühl- knechte, welche eben Heinrich nach dem Hinter, gründe schleppen wollten, lasten ihn los, und stehen wie erstarrt) Alle (erschrocken aufschreiend). Ah, was ist das? Eulenspiegel. Jetzt, Bediente, greift zu, und thut, wie wir verabredet haben. (Zwei Bediente packen Mehlwurm, und werfen ihn in eine Mehlkiste.) 3 * 36 Vierzehnte Scene. Vorige. Natzi. Dann Nelkenstein mit zwei Wächtern. Natzi. Der gnädige Herr kommt, der gnädige Herr! — Wo ist mein Vetter? Was ist mit mein' Vettern geschehen? Ich will es wissen. Eulen spiegel (winkt den Bedienten, welche Natzi ebenfalls in die Mchlkisten werfen). Das ist mit ihm gescheh'n. Nelken stein (eintretend). Was geht hier vor? Heinrich. Der Müller wollte mich statt der Abbitte in den Mühlbach hängen. Nelkenstein. Dacht' ich's doch, daß er Böses im Schilde führe. Wo ist der Schuldige? Eulenspiegel. Hier, Ew. Gnaden. (Oeffnet dm Deckel und Mehlwurm, ganz mit Mehl bestaubt, kommt heraus.) Natzi (ebenfalls herausstürzend), llnd hier ist ein Unschuldiger! Nelkenstein. Schweig, Tölpel! Natzi. Weiß ist die Farbe det Unschuld, ich bin ganz weiß, also bin ich ganz unschuldig. Nelkenstein. Meister Mehlwurm, für verübte Gewaltthat seid Ihr Arrestant. Wächter thut eure Schuldigkeit! (Die Wächter nehmm Mehlwurm in die Mitte) Mehlwurm (sich vor die Stirn schlagend). Verdammt! Ich möcht' aus der Haut fahren. Nelkenstein. Als Arrestant könnt Ihr kein Vormund sein, eure Mündel muß sich schon gefallen lassen, mich zum Vormund anzunehmen, und als solcher gebe ich meine Einwilligung zu ihrer Heirath mit meinem ehemaligen Jäger Heinrich, jetzt Förster in Nelkenstein. Mehlwurm (ganz vernichtet). Mich trifft der Schlag! Heinrich und Lenchen. Tausend Dank, gnädiger Herr! (Küssen ihm die Hände.) Nelkenstein (zu Mehlwurm). Da dieß nun abgethan, so lasse ich Euch aus Gnade wieder frei. (Leise zu Eulenspiegel.) Du hast deine Aufgabe gelöst, dein Lohn bleibt nicht aus. Mehlwurm. Und Du, Ulrich? Du warst auch — Eulenspiegcl. Was Ulrich! Ich bin der Enlenspiegel, und bin nur auf der Welt, um solche dalkete Kerln für ein' Narren zu halten, wie Sie einer sind. Mehlwurm (wüthend). Ich war ein Esel ohne Gleichen. Cordula. Was, Sie sind kein Marquis? Eulenspiegel. Du wirst blaß, Louise? Verzeih', mit der Marquisschaft ist's nichts. Cordula. Luft! Lust! (Eilt hinaus.) Natzi. Ew. Gnaden, ich bin der minorenne Neveu eines Verbrechers, ich hält' auch eine pupillenmäßige Bitt'. — Hci- rathen möcht' ich gern. Nelken stein. Gut, Du hast meine Einwilligung. Natzi (umarmt Nelkenstein). Ew. Gnaden handeln als zweiter Vater an mir. Nelkenstein. 'S ist schon gut. Nun kommt auf's Schloß, da wollen wir bei einem Glas Champagner allen Schabernack vergessen. Alle. Vivat, der gnädige Herr! Hchsußchor. Die Lieben sind nun vereint, Das Hochzeitsfest beginnt; Mit List gepaart die Liebe stets Den schönsten Sieg gewinnt. Der Vorhang fällt. Druck und Aa-sir von vtopold bommn ln M»n, Den Bühnen gegenüber als Manuskript. Hkmpel,Krempr> und Stempel. Posse in einem Act. Frei nach Aorton's „6rim8liLv, ösxsiiav anä Lruäokav^ von K. Graeser. Personen: Greis, Lxecutor. Emilie, dessen Nichte. Fanny Flitt, Putzmacherin. ! Peter Krempel. Fritz Hempel. Robert Stempel. Ein einfach moblirteS Zimmer mit einer Nische, in welcher ein Gardinenbrtt steht; ein kleiner Lisch, daraus ein brennendes Licht; zwei Stühle; Eommode, aus welcher ein Ligarrenkistchev. — EingangSthüre links; dieser gegenüber eine mit Latten vernagelte Thüre. Außerdem aus jeder Seite der Beltnische eine Thüre, dir zu einem Eabinet führt. Erste Scene. Krempel (sein Bett zurechtmachend; er gähnt). Ungeheuer schläfrig, meiner Seele! Ich wage gar nicht mit den Augen zu blinzeln, ich könnte sie nicht wieder auf- Wieuer Theater-Rrpritoir. Nr. 33. machen. (Er gähnt.) Wenn jetzt die ganze Menschheit vor mir stände und die Arm, nach mir ausbreitete, ich würde mich nicht hineinwersen; das einzige Individuum/ das ich umarmen will, ist Morpheus. (Lr gähnt wieder; dann uimmt er eiu Kopfkissen, 1 2 schüttelt und klopft es.) Ich möchte wohl wissen, woraus dieß Kissen eigentlich gemacht ist. Meine alte Wirthin sagt, es wären Federn — wahrscheinlich meint sie Posen — ich aber bin geneigt, zu behaupten, daß es Hechsel ist. — Noch ziemlich früh zum Schlafengehen — erst neun Uhr. (Er hängt die Uhr über das Bett.) Gerade die Zeit, in welcher die Mehrzahl der jungen Leute meines Alters ihren Tag anfangt. Aber der Geschmack ist verschieden; übrigens wenn Einer den ganzen Tag über in senkrechter Haltung thätig gewesen ist, so kann es ihm wohl angenehm sein, bei Nacht eine horizontale Lage einzunehmeu, besonders wenn er Morgens um halb sieben wiederum senkrecht dastehen muß, wie ich als Chemiker und Droguist. d. h. als Commis einer Farbwaaren- und medicinischen Kräuterhandlung. und noch dazu bei einem solchen Principal wie der meinige. Ist der Laden nicht pünktlich geöffnet und in Ordnung gebracht, so schneidet der Tyrann ein Ge- ficht wie das ausgestopfte Krokodill oben an der Ladendecke, und schreit mich so bosh ast wüthig an, daß ich wirklich bisweilen in Versuchung gerathe, ihn mit seiner eigenen Mörserkeule todt zu schlagen. (Zn sich gehend.) Mordgedavkeu? Pfui, Krempel? Fasse Dich in Geduld, es wird ja Alles — aber wo habe ich de^n meinen Schlafrock? Ach ja, er mu da drin hängen. (Er öffnet die Thüre des Ea- binets zur Linken, an dessen Hinterwand ein Schlasrock und andere Kleidungsstücke hängen; er nimmt den Schlasrock heraus, macht die Thüre wieder zu, zieht seinen Rock aus und den Schlafrock an). So! Und nun die Pantoffeln. (Tr öffnet die Thüre deS Labinrts aus der andern Seite, nimmt die Pantoffeln heraus, und macht die Thüre wieder zu.) Aber jetzt — wo habe ich denn den Stiefelknecht gelassen? (Umhersuchend.) Ohne . Stiefelknecht bekomme ich die Stiefel durchaus nicht herunter. Das Juogge- sellenlebeu hat seine Vortheile, ohue Zweifel; jedoch, wenn ich verheiratet wäre, so würde mich jetzt ein liebendes Wesen umschweben und mir den Stiefelknecht suchen helfen, auch für Pantoffeln sorgen. — Ach! (Seufzend.) Was für ein Recht hat der Commis einer Farbwaaren- und medicinischen Kräuterhandlung, an den heiligen Ehestand zu denken? — Und doch denke ich daran, sogar mitten in der Ausübung meines ledernen Berufs, wenn ich Rhabarber und Glaubersalz abwiege, beschleicht mich dieser unerbittliche Gedanke; — ich kann nicht anders; fortwährend tritt jener Freitag vor drei Wochen vor meinen Geist, als ich mich bereden ließ, vor das Rosenthaler Thor zu gehen, um einen Mann und einen Esel in einem Luftballon ausfliegen zu sehen. Ich ging hin — der Esel war da, der Mann war da, der Ballon war da — hui, hast du nicht gesehen, flogen sie in die Höhe; mir wurde bauz schwindelig, ich guckte noch immer in die Wolken hinauf, bis mir mit einem Male dicke Regentropfen auf die Nase fielen. Eine Minute später goß es in Strömen, und nun das Jammern der schön gekleideten Damen; eine zarte Stimme dicht hinter mir sprach in den rührendsten Tönen: »Wie dumm war ich doch, meinen neuen Hut aufzusetzen!« Ich drehe mich um und bemerke ein himmelblaues Wesen mit einem süßen, jungen Hute — ich wollte sagen, ein süßes junges Wesen mit einem himmelblauen Hute. Ich offerirte ihr sogleich die Hälfte meines Regenschirmes; sie dankte und nahm ihn ganz. Ich erbot mich, fie nach Hause zu begleiten; ehe wir den halben Weg zurück- gelegt hatten, waren wir so gute Freunde, daß wir uns beim Vornamen nannten — Peter und Fanny — sie nämlich heißt Fanny. Endlich kamen wir bei ihrem Hause an und zu meiner unaussprechlichen Freude fand ich, daß es meiner Wohnrmg geradeüber liegt, nur mit dem kleinen Unterschiede, daß fie in der Beletage logirt und ich zwei Treppen hoch hintenraus. 3 was vielleicht Ursache ist, daß ich sie nie mals sehen kann, wenn ich aus meinem Fenster schaue; nichtsdestoweniger weiß ich, daß sie mir nahe ist, daß wahrscheinlich derselbe Bäcker für uns Beide Semmeln liefert, derselbe Polizist uns persönlichen Schutz gemährt — und das macht mich selig! Und in dieser Seligkeit will ich nun zu Bette gehen. Es ist doch hier Alles so merkwürdig still und ruhig, kein Mäuschen regt sich -- (kr nähert sich dem Bette; es klopft draußen.) Was ist das? (Ls wird lauter geklopft.) Was kann das sein? Doch nicht schon das Frühstück zu dieser nächtlichen Stunde? (Noch stärkeres Klopsen.) Nun, da ich mir nicht denken kann, was es ist, so will ich sehen, (kr geht zur Thüre und macht sie halb aus.) Darf ich fragen, wer — (Die Thüre wird heftig ausgestoßen, Krempel beinahe zu Boden geworfen und Fanny tritt eiligst ein.) Ein weibliches Wesen! Zweite Scene. Krempel. Fanny. Fanny (plötzlich stillstehend). Schließen Sie die Thüre — schnell! Krempel. Ah! Nein — ja —sie ist's — Fanny! Fanny. Aber so machen Sie doch die Thüre zu. Krempel (macht die Thüre zu, wendet sich um und beobachtet Fanny). Fanny (geht zur Thüre des einen kabi netS, öffnet es und sieht hinein). Ein Eabinet — ganz recht! (Sie macht die Thüre wieder zu, geht zu dem andern kabinet, öffnet es und sieht hinein.) Noch ein Cabinet — auch recht! (Sie macht die Thüre wieder zu; sich nach der dritten Thüre wendend.) Was ist dieß? Eine Thüre, sorgfältig und fest vernagelt? Auch recht. (Sie geht schnell aus Krempel zu, der sie mit sprachloser Verwunderung beobachtet hat.) Nun!? (Sie saßt ihn beim Arm und führt ihn aus den Vordergrund der Bühne.) Herr Peter... Dings — ich weiß Ihren andern Namen nicht — Krempel. Fräulein Fanny .. . Dings weiter weiß ich auch nichts von Ihrem Namen. Fanny. Sie find ohne Zweifel überrascht, vielleicht erschrocken, mich bier zu sehen — hm? Sehr natürlich könnten Ihnen über mein Benehmen die Haare zu Berge stehen, obgleich dieß nicht der Fall ist — nun sprechen Sie — seien Sie offen, und ich will Ihnen mit der Geduld eines Lammes zuhören. Krempel. Nun dann möchte ich mir ganz gehorsamst zu bemerken erlauben, daß — Fauny. Ich stimme völlig mit Ihnen überein. Hören Sie mich jetzt eben so geduldig an, wie ich Sie gehört habe. Ich sah, daß Ihre Wirthin ausging; sie ließ die Hausthüre offen, ich schlüpfte hinein und nun bin ich hier. Natürlich habe ich einen Beweggrund — einen mächtigen Beweggrund. Krempel (schmeichelnd). Die Erneuerung unserer Bekanntschaft? Fanny (kurz). Davon ist nicht die Rede, Herr Peter ... Ich weiß Ihren andern Namen nicht. Krempel. Krempel, zu dienen. Peter wurde ich nach meiner Tante Jacobine getauft. Fanny. Ich habe Sie um eine Gefälligkeit zu ersuchen, um eine ganz besondere Gefälligkeit. Krempel. Was für eine, Fräulein Fanny — ich weiß Ihren andern Namen nicht. Fanny. Flitt. Ich wurde Fanny nach meinem Onkel Benjamin getauft. Die Gefälligkeit, um die ich Sie bitten will, ist eine bloße Kleinigkeit — wollen Sie? i* Krempel. Wenn ich kann — sehr gern. Fanny (verletzt). Mein Herr! Krempel. Dann meinetwegen, ich will, gleichviel, ob ich kann oder nicht. Fanny. Tausend Dank! Ist Ihre Wohnung still und ruhig und auch sonst in jeder Beziehung geeignet — Krempel. Merkwürdig still, ausnehmend ruhig und in jeder Beziehung vollkommen geeignet — Fanny. Genug! (Sie saßt ihn beim Arm und spricht mit feierlichem Tone:) Ich will Ihre Wohnung bis morgen Früh einnehmen. Krempel. Das nennen Sie eine Gefälligkeit von mir? Damit thun Sie ja Ihrem unterthänigsten Verehrer einen Gefallen. Bleiben Sie hier, anbetungswürdige Fanny, je läng er, desto besser. Fanny (ihn zurückw eisend). Herr Peter, da Sie augenscheinlich im Dunkeln find, so erlauben Sie mir Sie aufzuklären. Als wir zum ersten Male unter Ihrem Schirm zusammenkameu, machten Sie auf mich den Eindruck eines äußerst gutmüthigeu Menschen; ich trug daher kein Bedenken, Herr Peter, Sie um diese Gunst zu bitten. — Kann ich Zhre Stube bis morgen Früh haben oder nicht? Das ist die Frage, Herr Peter, willigen Sie ein oder nicht? Krempel. Das ist ja ein köstliches Anerbieten — ich greife mit beiden Händen zu — ich springe vor Freuden in die Lust — seien Sie so gütig zuzusehen, wie ich springe. (Er will einen gewaltigen Sprung machen.) Fanny (hält ihn zurück). O lassen Sie das — Sie können jetzt gehen. Krempel. Gehen? Fanny. Gehen! Krempel. Wohin? Fanny. Das ist Ihre Sache. Ich wiederhole nur: Gehen Sie! Denn es versteht sich von selbst, wenn ich hier bleibe, können Sie nicht bleiben. Krempel. Ah, Sie scherzen? Aber lassen Sie uns nun einmal emsthaft reden. Sie werden zugeben, daß, wenn eine junge Dame nicht nur Besitz von der Wohnung eines jungen Mannes nimmt, sondern auch diesen jungen Mann aus des jungen Mannes Wohnung hinausweist, dieß ein ganz eigenthümlicher Fall ist. Fanny. Durchaus nicht. Sie werden doch wohl bei irgend einem guten Freunde übernachten können? Krempel. Entschuldigen Sie gütigst, ich habe nur einen einzigen guten Freund in Berlin und der ist in Pasewalk. Fanny. Desto besser, dann können Sie seine Stube ganz allein benutzen. Krempel. Das geht nicht, er hat seine Stube mitgenommen, ich wollte sagen seinen Stubeoschlüffel. Fanny. Dann gehen Sie in ein Gasthaus — oder selbst angenommen. Sie müßten einige Stunden auf der Straße spaziereu, so werden Sie sich (mit schmeichelnder Stimme und Geberde) hinläualich belohnt fühlen durch das Bewußtsein, mich zu verpflichten. Krempel. Wahrhaftig, daran habe ich nicht gedacht. Woran habe ich denn eigentlich gedacht, daß mir das gar nicht eingefallen ist? —Fräulein Fanny Flitt. wie Sie eben richtig bemerkten, ich bin ein gutmüthiger Mensch — ein gutmüth—i—ge—rer Mensch existirt gar nicht, — aber ich bin weder ein Laternenpfahl noch ein Straßenbrunnen, um die ganze Nacht draußen stehen zu können. Also wenn Sie darauf beharren, sich für diese Nacht häuslich in meiner Stube niederzulaffen, so müssen Sie mich durchaus als ein niet- und nagelfestes Stück Hausrath beibehalten. Fanny. Liebes Peterchen — Krempel. Hilst kein Peterchen — ich gehe nicht — ich thu's nicht. Fanny. Grausamer, barbarischer Manu! (Sie schluchzt.) V Krempel. Aber weinen Sie doch nicht — ich bin ja nicht grausam — ich bin kein barbarischer Mann. Fanny. Ich sehe, was Sie wollen — ich soll vor Ihnen auf die Knie fallen — wohlan, ich will es — (Sie ist im Begriff uiederzuknieeo.) Krempel (hält sie zurück). Nein, nein, nur das nicht! Fanny. Ja, ich will — Krempel. Aber so machen Sie doch keinen Unsinn! Guter Gott, wenn Sie mir wenigstens sagen möchten, wozu Sie mein Zimmer brauchen wollen. Fanny. Ich will — ich beabsichtige — Sie sollen mein Geheimniß erfahren, — ein andermal — da — jetzt gehen Sie! (Sie reicht ihm seinen Rock.) Krempel. Nun, meinetwegen. (Bei Seite, während er seinen Rock auszieht.) Eine höchst amüsante Partie — aus meinem Zimmer geworfen um neun Uhr Abends, — oder wohl gar schon Viertel auf zehn — ist mir noch niemals passirt. (Er zieht seinen Rock an; sich plötzlich besinnend, ängstlich und lebhaft:) Einen Augenblick — Sie geben mir Ihr Ehrenwort, daß Sie meine Wohnstätte nicht zur Anstiftung einer Verschwörung, Revolution oder sonst einer polizeiwidrigen Sache brauchen werden? Fanny. Was denken Sie von mir? (Sie reicht ihm seinen Hut.) Krempel (nimmt den Hut). Ich gehe. (Sr steht still.) Beiläufig, Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie die Cigarren schonen wollten, das Hundert einen Tha- ler dreiSilbergroscheu, ächte Halbhavanna — (Er geht und bleibt wieder stehen.) Dürfte ich wagen, süße Fanny, ehe wir scheiden, eine ganz kleine Umarmung? (Fanny schüttelt den Kops.) Nun, dann, wenn ich wieder komme, aber dann bestimmt, oder ich gehe gar nicht. Fanny. Ja doch, aber machen Sie endlich, daß Sie fortkommen. (Sie drängt ihn zur Thüre.) Krempel (still stehend). Sie werden doch so gütig sein, wenn morgen früh die Milchfrau kommt, meine Portion abzu- zuoehmen, auch für vier Pfennige Brun- nenkreffe, sehr blutreinigend und — nun weiter nichts, ich gehe. (Still stehend.) Beiläufig wenn Sie einer Erfrischung bedürfen, Sie finden in jenem Cabinet den Rest eines Zweigroschenbrotes und einen Topf mit sauren Gurken. Jetzt gehe ich wirklich (bei Seite) aber nicht auf lange; ich werde wie ein Blitz wieder hinein- fahren, wenn sie 's am wenigsten ver- muthet. (Er geht, von Fanny gedrängt, zur Thüre hinaus; daraus steckt er den Kopf zwischen die Thüre.) Wenn Sie etwa die Wärmflasche brauchen sollten, sie steht unter dem Bett. (Er verschwindet.) Fanny (sieht ihm nach, dann macht sie die Thüre zu und verschließt sie). Endlich ist er fort — hahaha! Armer Peter — es ist doch ein freundliches, gefälliges Männchen! Mit so Einem ließe sich schon leben. Aber nun an's Werk. (Sie sieht sich um.) Wollen doch sehen — dieß muß das Ca- binet sein, welches Emilie meinte. (Sie öffnet die Thüre des Eabinets zur Linken und wirst hastig den an der Hinterwand hängenden Ueberrock, Mantel u. s. w. heraus.) Ja, hier ist das bewegliche Fach — es läßt sich aufschieben, richtig! (Sie schiebt das Fach auf und rust halblaut hindurch.) Emilie! Emilie! Emilie (hinter der Scene). Ich höre. Fanny. Die Luft ist rein. Du kannst es wagen. Dritte Scene. Fanny. Emilie. Emilie (steigt durch das offene Fach und kommt aus dem Eabinet auf die Bühne; sie blickt umher). Ist er fort? Fanny. Ja, aber zuerst wollen wir diese Sachen wieder aufhängen, damit die geheime Verbindung zwischen den beiden Zimmern nicht entdeckt wird. (Fanny und Emilie hängen die Kleider wieder aus; sie treten dann vor, ohne die Eabinet- thüre wieder zuzumachen.) Soweit geht Alles gut — und nun, meine liebe Emilie, Dank meiner grenzenlosen Dreistigkeit und Herrn Krempel s Gutmüthigkeit bist Du vor der Verfolgung fichergestellt, wenigstens auf einige Stunden; aber sage mir, bist Du auch überzeugt, daß es dein Onkel Greif war, der Dich gesehen hat? Emilie. Fest überzeugt. Mein Onkel ist nicht zu verkennen. Ich sah ihn auf der andern Seite der Straße, an einen Laternenpfahl gelehnt, seine Augensterne auf dieses zweite Stockwerk gerichtet; das war heute Morgen, als ich frühstücken wollte; er war wieder da, als ich mich zum Mittags brot setzte, und ich will wetten, er steht auch jetzt noch da. Fanny. Dann verlaß Dich darauf, daß er hier etwas Verdächtiges sucht; diese Executoi en haben entschlich feine Nasen, wenn es etwas auszuspüren gibt, und — was fällt mir ein — wurde dein jetziges Zimmer nicht früher von Herrn Stempel bewohnt? Emilie. Allerdings. Fanny. Dann wird es Greif auf Stempel abgesehen haben, ganz gewiß. Emilie. Mag wohl sein; denn als mein theurer Stempel mich vor drei Tagen entführte, brachte er mich in jenes Zimmer und zog in die nächste Straße, indem er mir einschärfte, ich solle hier die größte Vorsicht beobachten und mich nicht einmal am Fenster zeigen, bis er Alles in Ordnung gebracht und die Erlaubniß zur Trauung erlangt hätte. Fanny. Und Du hast diesem Befehle glücklicher Weise keine Folge geleistet, denn sonst hätte ich Dich nicht aus meinem gegenüberliegenden Wohnzimmer sehen, auch nicht erfahren können, daß dein grausamer Onkel darauf besteht, Dich au einen Sohn Habakuk, den sechs Fuß angen Dragoner-Unterofficier, zu verheiraten. während Du dein Herz bereits an einen gewissen Robert Stempel verschenkt fast und als Einleitung zu einer ewigen Verbindung mit ihm davongelaufen bist — kurz, ich würde jetzt nicht hier sein, um Dich aus der Klemme zu ziehen. Nun aß sehen, wie die Sachen stehen. — Du I iebst Stempel — Stempel liebt Dich — Onkel Greif ist gegen Stempel — so ist's doch? Emilie. Ja, er ist gegen ihn, obgleich er ihn in seinem, Leben nicht gesehen hat. Fanny. Dann frage ich: warum ist Greif gegen Stempel? Emilie. Ich vermuthe stark, weil mein Onkel die fiebenhundert Thaler, die er von mir hat, nicht herausgebeu möchte. Fanny. Ganz wohl! — wo war ich stehen geblieben? Ich weiß schon — Onkel Greif ist gegen Stempel, folglich läuft Stempel mit Dir davon — Greif entdeckt deinen Zufluchtsort, wenigstens glaubst Du das — Du winkst mir, zu Dir zu kommen — ich eile über die Straße, höre deine Geschichte, sehe Peter Krempel in dieß Zimmer treten, erkenne ihn in einem Augenblick, folge ihm im nächsten, überrede das gute Männchen, sich ein anderes Quartier für diese Nacht zu suchen — und nun, Dank jenem beweglichen Fache, welches Du so zufällig und glücklich entdeckt hast — wenn Greif in jenem Zimmer erscheint, so schlüpfst Du in dieses; kommt er in dieses, so schlüpfst Du in jenes; kurz, Du entschlüpfst ihm in jedem Falle. (Sie nimmt ihren Hut ab und legt ihn aus den Tisch.) Emilie. Ja, prächtig! Und unterdessen sorgt meine gute Tante, die schon manchen Strauß für Stempel gegen den nichtsnutzigen alten Schelm, ihren Mann, bestanden hat; sie versprach mir Nachricht zukommen zu lassen, wenn irgend etwas Wichtiges vorfällt. (Horchend und auffallend.) Horch! Fanny. Keine Gefahr; ich habe die Thüre verschlossen. Emilie. Aber ich hörte doch ein Geräusch. Fanny. Ei mach' Dir keine Sorgen; ich habe das Zimmer durch und durch untersucht. Das da (auf das Labinet zeigend) ist ein bloßes Kämmerchen mit Regalen; und jene Thüre, (sie deutet aus die vernagelte Thüre) welche uns bedenklich erscheinen könnte, ist glücklicher Weise fest und sicher vernagelt. (In diesem Augenblicke öffnet sich diese Thüre krachend.) Vierte Scene. Hempel (mit einer Cigarre im Munde und den Hut aus dem Kopse platzt herein). Die Vorigen. j (-uslchEd). Ah! Hempel (bei Seite). Damen? Alle Teufel! (Nimmt den Hut ab, den er später aus den Tisch legt, laut.) Süll! Erschrecken Sie nicht, meine Schönen, und vor Allem kreischen Sie nicht, ich bitte flehentlich. Emilie. Wer find Sie, mein Herr, und was wollen Sie? Fanny. Ja. mein Herr, was wollen Sie und wer find Sie? Hempel. Nur nicht beide auf einmal, wenn ich bitten darf. 8mi.il j Reden Sie. Herr! Hempel. Mein Name ist Hempel — Fritz Hempel, Studiosus Mediciua, mit Ihrer Erlaubniß. Ich wohue hier dicht uebenan, uud da ich in einer Stube nicht Raum genug hatte und mich zu erweitern wünschte, so schloß ich naturgemäß, daß diese Thüre zu einer zweiten Stube führen müsse; ich versuchte aufzumachen, die Thür hatte nicht Lust zu weichen — ich war entschlossen, auch nicht nachzugeben und — das Uebrige wissen Sie. Fanny. Uud nun, mein Herr, da Sie dieses Zimmer besetzt finden, so werden Sie naturgemäß und unverzüglich in das Ihrige zurückkehren. Hempel. Und zwei solche reizende Nachbarinnen verlassen? O. meine theueru Damen, da kennen Sie Fritz Hempel nicht! Uebrigens handelt es sich hier um Folgendes: Ich habe Sie um eine Gunst zu bitten, und da es nur eine Kleinigkeit ist, so bettachte ich sie schon als gewährt. Fanny. Was denn? Hempel. Ganz einfach — Sie wollen mir erlauben, Ihr Zimmer bis morgen früh einzunehmeu, weiter nichts. Fanny. Mit uns? Hempel. Versteht sich! Bitte sehr, ziehen Sie meinetwegen ja nicht aus; machen Sie auch meinetwegen keine Umstände, ich bin leicht zufriedengestellt — ich kann auf der Erde liegen — belästige durchaus nicht, bin nicht mondsüchtig, auch schnarche ich niemals. Fanny (nach einer Pause sprachlosen Erstaunens). So etwas ist mir doch noch nicht vorgekommen! Verlassen Sie augenblicklich dieses Zimmer, oder wir werfen Sie hinaus! Emilie. Ja, wir werfen Sie hinaus. Hempel. Dann muß ich an Ihr Mitgefühl appelliren, meine liebenswürdigen Damen. Waren Sie jemals in Gefahr, wegen einer Schneiderrechnuug arretirt zu werden? Ich bin es. Zehn Thaler sieben Silbergroschen — und ich habe nur fünfzehn Thaler zwanzig Silbergroschen in meinem Vermögen. Fanny. Warum zahlen Sie denn nicht? Hempel. Weil ich für diese fünfzehn Thaler zwanzig Silbergroschen eine goldene Uhr für die zukünftige Madame Hempel, Fräulein Amalie Fischmeier, 8 kaufen will — vielleicht kennen Sie sie — ein holder kleiner Engel — vom Ballet, aber ein sehr solides Mädchen. Fanny. Warum ziehen Sie denn nicht aus? Hempel. Ich thue ja nichts Anderes, als ausziehen. Ich bin schon fiebevzehn- mal ausgeZogen in den letzten sechs Wochen; aber der Schuft hängt sich an mich wie mein Schatten. Fanny. Wer? Hempel. Der Executor. Eben jetzt sah ich ihn auf der andern Seite der Straße, an einen Laternenpsahl gelehnt, seine Außen starr auf dieses zweite Stockwerk gerichtet. Fanny. Emilie. Greif! Fanny (bei Seite, zu Emilie). Dann spürt er also weder nach Dir noch nach Stempel. (Zu Hempel.) Es thut uns leid um Sie, junger Mann; aber jedenfalls können Sic doch nicht in der Nacht arre- tirt werden. Hempel. O Sie kennen Greif nicht! Emilie. Ob wir ihn kennen! (Aus einen Wink Fanny's hält sie inne.) Hempel. Wenn er in's Haus dringt, ehe ich hinaus bin, so ist er ganz der Kerl dazu, sich auf die Strohdecke vor meiner Lhüre hinzulegen und beim ersten Tagesgrauen über mich herzuftürzen. Fanny. Trotz dem müssen Sie wieder in Zhr Zimmer zurückkehren. Hempel Nein, alles Andere, nur das nicht. Ich krieche lieber unter den Tisch — verstecke mich in ein Cabinet — Ah! (er eilt nach dem Cabinete links) das ist gerade recht! (Er schiebt die Kleider bei Seite; das offene Fach wird sichtbar.) Da haben Sie ja noch einZimmer; warum haben Sie denn das nicht früher gesagt? Bin Ihnen äußerst verbunden. (Er steigt durch die Oeffnung.) Fanny. Nicht doch, kommen Sie gleich zurück. Hempel (steckt den Kopf zwischen Mantel und Ueberrock durch). Unendlich verbunden. (Er verschwindet.) Fanny. Hat man je einen unverschämteren Burschen gesehen, als diesen Hempel?! (Sich plötzlich besinnend.) Ha, Emilie, ein köstlicher Gedanke! Er weiß nichts von dem beweglichen Fache — ich sperre ihn ein- (Sie geht in's Eabinet, schiebt das Fach zu und eilt auf die Bühne zurück.) So — und jetzt, wenn Onkel Greif Dich suchen sollte, so wirderinjenes Zimmer kommen, den Hempel finden, ihn verhaften, abführeu und so werden wir unsere beiden Quälgeister auf einmal los. (Es wird heftig an die Eingangsthüre links geklopft.) Wer mag das sein? (Wiederholtes Klopfen, die Thüre wird erschüttert.) Wer ist da? Krempel (hinter der Scene). Ich bin's — Krempel — machen Sie auf. (Er reißt an der Thüre.) Emilie. Um Gottes Willen nicht! Was soll aus mir werden? Fanny. Laufe in jenes Zimmer, nur auf eine Minute — ich werde Krempel bald wieder fortschaffen — hinein, schnell? Emilie (eilt in das Zimmer, aus welchem Hempel gekommen, und macht die Thüre hinter sich zu). Fanny (an der Eingangsthüre links). Nun, was wünschen Sie? Krempel (draußen). Ich habe etwas von höchster Wichtigkeit vergessen mitzu- nehmen. Fann y. Was denn? Krempel (draußen). Ich weiß nicht — ja, ja, jetzt weiß ich's — meine Börse. Ich habe nur einen einzigen Silber- aroschen in der Tasche und dafür kann ich kein Nachtlager in einem Gasthause bekommen. Fanny. Lassen Sie Ihre Uhr zum Pfände. Krempel. Die hängt über meinem Bette, machen Sie nur auf. Fanny. Sie werden doch aber nicht lange hier bleiben? 9 Krempel. Nicht eine Minute — lassen Sie mich nur hinein— es kommt Jemand! Fanny (schließt die Tküre auf). Fünfte Scene. Fanny. Krempel. Fanny (sieht zur Thüre hinaus). Ich höre ja Niemand. Krempel. Nun, um die Wahrheit zu gestehen, ich würde mich auch sehr wundern, wenn Sie Jemand hörten. Es war nur ein sinnreicher Vorwand von mir, um Sie zum Aufschließen zu veranlassen. Fanny. Schämen Sie sich, Herr Krempel, zu einem unwürdigen Kunstgriff Ihre Zuflucht zu nehmen, um in mein Zimmer zu gelangen. Krempel. Ihr Zimmer? Nun sehen Sie einmal! (Riechend.) Hören Sie, Sie haben geraucht! Fanny. Pfui! Gehen Sie fort — ich bitte, ich flehe Sie! Bedenken Sie meinen Ruf. Krempel. Was ist Ihr Ruf gegen den meinigen? — Wenn Sie nur den Blick gesehen hätten, den mir meine alte Wirthm zuschleuderte, als ich eben nach Hause kam; sie ist niemals, was man so sagt, ein besonders schönes Frauenzimmer gewesen, aber in jenem Moment war sie im höchsten Grade abstoßend; und dann ihr teuflisches Grinsen, als sie sagte: »Mir war's doch, Herr Krempel, als hörte ich eine weibliche Stimme in Ihrer Stube« — und daun gab sie mir diesen Brief. (Er zeigt einen Brief.) Fanny. Einen Brief an Sie? Krempel. Es ist keine Adresse darauf; aber meine Wirthiu sagte, er sollte gleich an den Herrn im zweiten Stockwerk abgegeben werden, und da ich allen Grund habe zu glauben, daß ich der einzige Herr im zweiten Stockwerke bin — Fanny. Ganz recht. Nun, warum lesen Sie denn nicht? Krempel (öffnet den Brief). Fanny. Was für eine Unterschrift? Krempel (lesend). Susanna Greif! Fanny (bei Seite). Emiliens Tante. — Der Brief war für Herrn Stempel, und sie wußte nicht, daß er ausgezogen ist. (Zu Krempel.) Nun, lesen Sie weiter. Krempel. Warum soll ich weitelesen? Ich weiß nichts von der Susanna Greif — ich habe niemals eine Susanna gekannt. Fanny (ungeduldig). Ich will wissen, was in dem Briefe steht. Krempel (bei Seite.) Wahrhaftig, sie ist eifersüchtig. (Lesend.) »Lieber Herr! Es thut mir leid, daß mein Mann Alles weiß« — ein sehr kluger Kerl dieser Mann der Susanna. Fanny (ungeduldig). Fahren Sie fort. Krempel (lesend). »Er hat entdeckt, wo Sie wohnen, also halten Sie die Ohren steif.« Fanny (umhergehend). Das habe ich gefürchtet. Krempel (hinter ihr hergehend). Nun, liebes Fräulein Fanny, ziehen Sie sich das nicht zu Gemüthe — ich kenne diese Susanna nicht — wirklich nicht — ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, ich habe mich nie in meinem ganzen Leben auch nur im Geringsten für irgend eine Susanna intereffirt. (Mit Würde.) Nun, da Sie mir das nicht glauben wollen, so kann hier meines Bleibens nicht länger sein. (Er wendet sich nach der Thüre.) Fanny. Bleiben Sie! (Bei Seite.) Ja. es ist besser, wenn er bleibt — wir können vielleicht seines Schutzes bedürfen. (Zu Krempel.) Sie brauchen nicht zu gehen, lieber Peter. (Schmeichelnd.) Sie werden doch Ihre Fanny nicht verlassen? Krempel (bei Seite). Ah! dieser plötz- liche Wechsel Hai etwas zu bedeuten; — wie sagte doch Susanns? — »Die Ohren steif halten?* (Laut.) Versteht sich, wo Fanny ist, da will auch Peter sein. Fanny (bei Seite). Emilie muß von dem Brief ihrer Tante in Kenutniß gesetzt werden, — aber wie? Ich hab's. Ich kann über den Korridor in jenes Zimmer gelangen. (Sie wendet sich nach der Thüre links.) Krempel. Ei, will Fanny ihren Peter verlosten? Fanny. Nur aus eine Minute. (Sie eilt zur Thüre hinaus und macht sie hinter sich zu.) Krempel (allein). Sie sagte, nur auf eine Minute! dann werde ich dafür sorgen. daß niemand Anders herein kann. (Er verschließt die Thüre.) Eine merkwürdige junge Dame — etwas sehr Ungewöhnliches in ihrem Benehmen, und gerade deßhalb gefällt sie mir. Aber ich möchte doch wissen, warum sie so äußerst begierig war, mich aus meiner Stube zu verdrängen. (Sich plötzlich besinnend.) Barmherzige Güte! Am Ende hat sie Jemand hier! Einen begünstigten Liebhaber vielleicht, den sie zu Hause nicht empfangen kann — so erklärt sich auch der gewaltige Tabaksgeruch! Wie kann ich dahinter kommen? — Zch hab's — Vielleicht spricht sie im Schlaf — ja, es gibt Menschen, es hat große Verbrecher gegeben, die im Schlaf alle ihre Miffethaten aus- geplaudert haben — also wenn sie ein- geschlafen ist - und ich hoffe, sie wird wieder kommen und hier einschlafen — so wache ich die ganze Nacht. Beiläufig, wo soll ich denn schlafen? Zch weiß — ein Paar Stühle (nimmt zwei Stühle uud stellt sie in der Mitte der Bühne in einiger Entfernung von einander hin) — einen für den Kops, den andern für die Füße — aber wo bleibe ich mit dem Uebrigeu — das geht nicht — nein, ich werde die Stühle für das Uebrige zusammenrücken — nein, das geht auch nicht, denn was soll ich mit dem Kopf und den Füßen ansangeu? Thut nichts, ich werde es schon auf irgend eiue Art machen. Es ist mir wahrhaftig ganz frostig — ich hätte beinahe Lust, ein bischen einzuheizen — das wird uns allen Beiden recht behaglich sein — ja ich will eiuheizen. (Er öffnet die Thüre des Eabinets zur Rechten und geht hinein.) Sechste Scene. Hempel (kommt eilig durch das bewegliche Fach des Eabinets uud tritt vor). Hempel. Greif ist io's Haus gekommen — ich sah ihn deutlich durch das Schlüsselloch, als er über den Vorsaal nach der Thüre jener Stube zuschritt! Wahrlich, es war ein Glück, daß ich bemerkte, wie meine reizenden Nachbarinnen das Schiebesach zumachteu, nachdem ich durchgekrochen war, sonst hätte er mich unrettbar abgesangeu. Nun muß ich sie bitten, mich nicht zu verratheu. aber wo sind sie denn? Sie können doch nicht schon zu Bette gegangen sein — will doch einmal sehen. (Er nähert sich aus den Zehen dem Bette; in demselben Augenblicke kommt Krempel aus dem Eabinet mit einem Bündel Holz und einer Schaufel Kohlen; sie stehen dicht vor einander.) Siebente Scene. Hempel. Krempel. Krempel (nach einer Pause legt er das Holz uud die Kohlen auf den Tisch, nimmt dann Hempel beim Arme und führt 11 ihn nach vorn; mit heftigem Ton): Nun, mein Herr! ? Hempel. Still! Krempel. Ich will nicht still sein! Wer find Sie? Was wollen Sie hier? Wie find Sie hier hereingekommen — in mein Zimmer? Hempel. Ihr Zimmer? Nimmermehr, ich weiß es bester. Krempel. So? Sie wissen das besser? Wirklich? (Mit erzwungenem Lachen.) Hahaha! Sie find ja ein drolliger Kauz, find Sie! Ich weiß nicht, ob Sie selbst es merken, aber Sie find ein äußerst drolliger Kauz! Hempel. Sie find sehr gütig und menschenfreundlich; ich bin davon überzeugt. (Er versucht Krempel's Hand zu fassen, welcher sie aber wegreißt.) Vermuthlich ein Verwandler der Holden? Krempel. Der Holden? (Bei Seite.) Er meint Fanny, ich will ihn schrecken. (Laut.) Ja. Herr, ich bin ihr Bruder. Hempel. Um so besser — dann find Sie natürlich auch im Geheimniß? Krempel (bei Seite). Ich glaube es fast — O treulose Fanny! (Hempel scharf aufehend.) Rauchen Sie? Hempel. Ja wohl, ziemlich stark erlauben Sie, daß ich Ihnen eine Cigarre andiete? (Er reicht ihm das Eigarrenkästchen von der Lommode.) Krempel (das Kistchen zurückstoßeud). Scheußlich! Hempel. Also Sie wissen Alles, he? (Ihn vertraulich anstoßend.) Krempel. Alles? Was meinen Sie? Hempel. Nun von mir und Greif. Krempel. Greif? Susannens Mann? Hempel. Still! Er ist hier im Hause — Sie werden mich doch nicht verrathen? Krempel. Ich nicht! O Sielasterhafter Don Juan! Beiläufig, was die Susanua betrifft — (Lautes Klopfen der Thüre.) Hempel. Still! Was ist das? an Greif (draußen). Machen Sie auf! Hempel. Greif's Stimme? (Zu Krempel.) Wo soll ich hin? Verstecken Sie mich irgendwo — Ah! (Er stürzt in das Labinet links und macht die Thüre hinter sich zu.) Greis (schlägt an die Thüre). Machen Sie auf. oder ich zertrümmere die Thüre in zehntausend Stücke. Krempel. Respectiren Sie den Hausfrieden und Habens Corpus — sprechen Sie morgen wieder au! Ich bin nicht zu Hause, bin in's Theater gegangen. Greif (wieder gegen die Thüre schlagend). Ich sage noch einmal, machen Sie auf. Krempel. Ich komme schon! Es wird doch besser sein, wenn ich ihn herein lasse — hoffentlich geht er bald wieder fort. (Er schließt die Thüre aus.) Achte Scene. G reif. Krempel. Greif (saßt sogleich Krempel beim Kragen und zieht ihn nach vorn). Nun, Herr, Ihr Name, wenn's gefällig ist? Krempel. Peter. Greif. Dummes Zeug! Krempel. Nun ja, Peter Krempel. Greif. Krempel? Beinahe, aber nicht ganz! Ich denke, Sie sagen lieber: Stempel. Krempel. Meinetwegen Stempel oder Stenzel oder Wenzel, ganz nach Ihrem Belieben — aber nichtsdestoweniger bleibt es bei Krempel. Greis. Ich weiß das besser, und Sie wissen es auch. Mein Name ist Greis — hören Sie, Greif — und nun, mein Herr? 'Krempel. Und nun? Greii. Wo ist fie? 12 Krempel. Sie? (Bei Seite.) Jetzt merk' ich's — er sucht die Madame Su- sanna Greif und hält mich für den Spaßvogel da drin im Cabinet. Hahaha! Greif. Nochmals, wo ist sie? Krempel. Susanns? Greif. Nein, meine Nichte. Krempel. Was für eine Nichte? Greif. Ich habe nur eine Nichte — Emilie. Krempel. Die kenne ich nicht. Greif. Sie ist hier! Sie haben sie hieher gebracht — aber Sie sollen sie nicht hier behalten! Krempel. Warten Sie einen Augenblick — lassen Sie uns vernünftig reden — vielleicht wenn Sie Emilie sagen, meinen Sie Fanny? Greif. Nein, wenn ich Fanny meinte, würde ich nicht Emilie sagen. Krempel. Sie sagte, ihr Name sei Fanny. Greif. Mir ganz egal — wo ist sie? Geben Sie sie heraus! Krempel. Ich kann nicht — sie ist ausgegangeo, diesen Augenblick ausge- gangeo. Greif. So? (Auf Fanny's Hut zeigend, welcher auf dem Tische liegt.) Also ohne Hut ausgegangen? He. was sagen Sie nun? Krempel. Wirklich, Sie setzen mich io eine schauderhafte Verlegenheit! (Er zieht sein Taschentuch heraus und läßt Su- sanna's Brief fallen.) Greif. Ha, was ist das? (Er hebt den Brief mss.) Ein Brief von meiner Frau! (Lesend.) .Lieber Herr! Es thut mir leid, -aß mein Mann Alles weiß; er hat entdeckt. wo Sie wohnen, also halten Sie die Ohren steif.« — Also Die ist mit in -er Verschwörung gegen mich, wirklich? Aber sie hat immer Ihre Partie genommen, Herr Stempel. Krempel (schreiend). Krempel! (Auffahrend.) Ich werde Ihnen was sagen, Herr Greif, Sie find ein merkwürdig spaßhaftes Subject, Sie haben wir ausnehmend wohl gefallen, aber jetzt habe ich Sie vollkommen satt! (Er nimmt Hem- pel's Hut von der Kommode und will gehen.) Adieu! Greif. Nein, nein. (Er reißt den Hut aus Krempel's Händen.) Krempel. Holla, meinen Hut! Greif (in den Hut sehend). Richtig, — da steht's »Stempel« — auf dem ersten Buchstaben ist ein Klecks, aber die andern find ganz deutlich. (Buchstabirend.) E—M—P—E—L— also Stempel. Krempel (schreiend). Ich heiße aber Krempel. Greif. Ah! Ausreden! Krempel. Und dann muß ich Ihnen bemerken, daß ich überhaupt niemals meinen Namen in den Hut schreibe — sehen Sie —(Er sieht in den Hut; erschrocken.) Aber wahrhaftig, da steht's ja — nein! das ist ja gar nicht wein Hut. Greif. Faule Fische! Krempel. So überzeugen Sie sich doch nur; erstlich paßt er mir gar nicht (er setzt den Hut aus, der ihm viel zu groß ist) und zweitens, wenn es mein Hut wäre, glauben Sie, daß ich so damit umgehen würde? (Er schlägt den Boden mir einem Faustschlage ein.) Greif. Hilft Ihnen alles nichts, Herr Stempel. Krempel (schreiend). Krempel! (Bei Seite.) Mein Kopf schwindelt, mein Verstand ist in Gefahr! Fanny — ich wollte sagen, Emilie — nein — ja, ich weiß nicht, was ich rede — indessen ihre Angst mich aus dem Hause zu schaffen — ihre Aufregung, als ich Susannens Brief las — Stempel's Hut — die Sache ist klar — ich bin betrogen! (Greif bei der Hand fassend.) Herr Greif, Sie kamen hierher nach Krempel — ich wollte sagen Stempel — Sie sollen Ihren Stempel haben — nein. Ihren Krempel — nicht doch — Ihren Stempel. Nun paffen Sie auf! 13 (Er läuft nach dem Cabinet zur Linken und reißt die Thüre auf.) Stempel, man verlangt nach Ihnen. Es thut mir leid, lieber Herr Stempel, aber — (er sieht hinein). Ha, er ist fort! Greif (satyrisch lachend). Ist er fort? — Schade! Hahaha! Krempel (ernst). Das ist nicht zum Lachen, Herr Greif; ich sab ihn mit meinen eigenen Augen; ja, Herr Greif, mit meinen eigenen Augen sah ich ihn hineingehen. Da er nun einzig und allein durchs Schlüsselloch herausgekommen sein kann, so sage ich nochmals, das ist kein Gegenstand zum Lachen. Greif. Und ich sage Ihnen nochmals, Stempel, es hilft Ihnen alles nichts. Hören Sie, mein Sohn Habakuk, der Draaoner-Unterosficier, sechs Fuß ohne Stiefel gemessen, steht unten an der Treppe. Ich gebe Ihnen fünf Minuten Zeit zur Auslieferung meiner Nichte. Thun Sie es nicht, so rennt Ihnen mein Sohn Habakuk den Säbel durch den Leib. Auf Wiedersehen! Krempel. Sehr wohl, aber — Greif. Auf Wiedersehen! Vergessen Sie nicht — in fünf Minuten — oder — (Er macht die Bewegung des Ersuchens; Krempel fährt entsetzt zurück. Greis geht schnell nack der Thüre zu.) Krempel (folgt ihm und sucht ihn auszuhalten). Aber, Herr Greif, lassen Sie sich doch bedeuten — es ist ja fürchterlich. (Ab.) Neunte Scene. Fanny. Emilie. Hieraus Hempel. (Die Thüre, welche anfangs vernagelt war, öffnet sich; Fanny erscheint; Emilie folgt ihr; sie treten vorsichtig ein.) Fanny. Sie find fort! Emilie. Wenn ich nur Stempel von dem Vorgefallenen benachrichtigen könnte. Hier ist mein Brief, aber wer soll ihn abgeben? Fanny. Ich will es thun. Emilie. Nein, nein, ich möchte nicht um die Welt hier allein bleiben. Hempel (steckt den Kops durch die Ca- binetsthüre). Fanny (bemerkt Hempel). Da ist Einer, der wird ihn besorgen. Hempel. Die Luft scheint rein. Fanny. Herr Hempel! (Hempel zieht den Kops wieder zurück.) Herr Hempel, Sie brauchen sich nicht zu fürchten, — es ist keine Gefahr. Hempel (den Kops wieder vorstreckend). Ganz sicher? Fanny (ungeduldig). Ja, ja! Hempel (kommt hervor). Fanny. Nun, Herr Hempel, ein Dienst ist des andern werth. Uns haben Sie es zu verdanken, daß Sie den Klauen des Executors entgangen find — beweisen Sie Ihre Dankbarkeit, indem Sie diesen Brief augenblicklich an seine Adresse befördern. (Sie gibt ihm Emiliens Brief.) Es ist nur in der nächsten Straße. Hempel. Sehr gern — aber find Sie auch sicher, daß Greif fort ist? Fanny. Ja; ohnehin könnte er Sie ja im Dunkeln nicht erkennen. Hempel. Das ist sehr wahr, besonders da er mich nie gesehen hat. (Er besieht die Adresse des Briefes.) Was — — Stempel? Doch nicht Robert Stempel? Emilie. Ja. Hempel. Handlungsreisender? Emilie. Ja. Hempel. In Spiritus und Baumöl, bei Brimmel und Sohn? Emilie. Ja, er wird jetzt ihr Kompagnon. Kennen Sie ihn? Hempel. Welche Frage! Wir find unzertrennlich! Ich habe vor vier Jahren zehn Thaler von ihm geborgt und ihn seitdem nicht wieder gesehen. Ich werde 14 augenblicklich gehen. (Er geht, kehrt wieder um.) Beiläufig, die fünfzehn Thaler zwanzig SillKrgroschen, von denen ich Ihnen vorhin sagte — hier find fie. (Er zieht eine Börse heraus.) Ich könnte doch auf Greif stoßen, oder Greif auf mich, daun müßte ich zahlen und meine Amalie bekäme keine Uhr und — Fanny. Schon gut; legen Sie die Börse in diesen Tischkasten. (Sie zieht den Tischkasten aus, und Hempel legt die Börse hinein.) Hempel. Nun gehe ich. Doch keine Antwort? Bloß abgeben? Schön. (Er nimmt seinen verstümmelten Hat vom Tisch und setzt ihn aus.) Holla! (Er nimmt ihn wieder ab.) Das kann mein Hut nicht sein — der gehört wohl Ihrem Bruder. Ich möchte so ein Ding nicht besitzen. (Er setzt Krempel's Hut aus, der ihm viel zu klein ist, und bewegt fich gegen die Eingangsthüre zur Linken.) Fanny. Nein, nicht da hinaus — Sie können fich über die Hintertreppe schleichen und ich werde die Thüre hinter Ihnen abschließen. (Emilie, Fanny und Hempel gehen durch die Thüre zur Rechten ab.) Zehnte Scene. Krempel. Hieraus Emilie. Krempel (tritt durch die Eingangsthüre zur Linken ein). Greif hat fich darauf ver. festen — er nannte mich Stempel nicht weniger als fiebenzehnmal, ehe er die Hausthüre erreichte; und die Geschichte mit seinem Sohne Habakuk meint er in vollem Ernst, denn ich guckte durch's Schlüsselloch und sah diesen ungeschlachten Riesen — sechs Fuß ohne Stiefel gewesten! Mir schien er wenigstens neun Fuß hoch. Die fünf Minuten find fast um; am geratensten erscheint es mir, wenn ich mich aus dem Staube mache, ehe die Frist völlig abgelaufen ist. Ich will — (Er nimmt Hempel's Hut vom Tisch und setzt ihn aus.) O, das ist zu arg! Da hat Einer meinen neuen Hut genommen und diesen verstümmelten Filz hingelegt. Mit solch einem Dinge kann ich unmöglich ausgehen; ich müßte ja riskiren. daß mir eine ganze Bande Straßenjungen nachliefe. Aber was soll ich machen? — Ich hab's — ich verschließe die Thür und verbarrikadire mich. Emilie (ist durch die Thüre rechts eingetreten). Krempel (wendet fich um und bemerkt Emilie, die bereits mitten im Zimmer ist). Erbarmen! Da ist noch Jemand — (Krampfhaft lachend.) Hahaha! Jetzt wachsen die Menschen aus den Dielen hervor — lauter unnatürliche Ereignisse stürmen auf mich ein — (Zu Emilie.) Wer find Sie? Was wollen Sie? Wie find Sie hieher gekommen? Durch die Thüre unmöglich — sonst hätte ich Sie gesehen — durch den Schornstein auch nicht — sonst müßten Sie schwarz sein. Nochmals, wer find Sie? Emilie. Still, ich bitte Sie! — Horch! man kommt — auf der Treppe — (Sie läuft in das Eabinet zur Rechten.) Krempel. Nun ist fie fort; fie hat fich bei dev säuern Gurken eingesperrt. (Er dreht fich um uud befindet fich dicht vor Kreis, welcher eingetreten ist.) Noch Einer! — Hahaha! Eilfte Scene. Krempel. Greif. Hierauf Fanny. (Gegen das Ende der Scene erscheint Emilie.) Greif. Hier bin ich wieder! Krempel. Ich sehe, Sie find es, Herr 15 Greif; aber wo ist Ihr Dragoner-Unter- officier? warum brachten Sie den sechsfüßigen Jüngling nicht mit? Je mehr, desto besser — hahaha! (Plötzlich Greif mit Verzweiflung fassend.) Herr Greif, ich bin unheilschwanger, ich werde etwas grauenvoll Scheußliches begehen, dem Thierquälerverein zum Trotz werde ich einen Mord begehen, vielleicht an Ihnen, Herr Greif— Herr Greif, werden Sie jetzt neben?! Greif. Nein, Stempel. Krempel. Schon wieder! (Schreiend). Krempel! Greif. Nicht ohne Emilie. Krempel. Aber ich sage Ihnen, daß — (Sichplötzlich besinnend; dann bei Seite:) O Himmel! da drin unter den sauer» Gurken, das ist die Emilie! Fanny (ist vorsichtig durch die Tbüre rechts eingetreten, schleicht sich zur andern Thüre und horcht, von dev Anderen unbemerkt). Krempel. Sie sollen Ihre Emilie haben. Fanny (bei Seite). Ach! Krempel. Ich wiederhole es, Greif, Sie sollen Ihre Emilie haben. (Im Begriff nach der Labinetsthüre rechts zu gehen, dreht er sich um und steht dicht vor Fanny.) Noch Eine — hahaha! Fanny (Krempel's Arm ergreifend) . Hier bin ich, mein Schatz. Krempel. Sie nennt mich ihren Schatz. Fanny (zu Greif, mit angenommenem Erstaunen). Ein Fremder? Verzeihen Sie, mein Herr, ich glaubte, mein Gatte wäre allein. Krempel. Gatte? Ah! Fanny (bei Seite, ihn kneifend). SM! Sie stimmen mir in Allem bei, hören Sie?! (Sie nimmt seinen Arm wieder; laut.) Ich komme ziemlich spät, mein Theuer- sterl aber Du wirst doch deiner armen kleinen Amalie nicht zürnen? Krempel. Amalie? ( Fanny kneift ihn.) Die Sachen werden immer verwickelter; wenn das so sortgeht, kann ich meinen Kopf nicht mehr von einem Butterfaß unterscheiden. Ader schadet nichts; ist mir eigentlich recht lieb — (Er sieht Fanny an, dann küßt er sie plötzlich.) Nun, sprich nicht mehr davon, denn ich v erzeihe Dir, da! (Er küßt sie; bei Seite.) Ganz vortrefflich — (Zu Fanny.) Ich verzeihe Dir nochmals. (Er will sie wieder küssen, sie aber weiß es zu vereiteln.) Greif (sie mißtrauisch ansehend). Ha! 's ist doch sehr kurios, daß Sie mir nichts von Ihrer Verheiratung gesagt haben, Herr Stempel. Fanny (mit angenommenem Erstaunen). Stempel! Was will er mit Stempel sagen, lieber Mann? Krempel. Ich weiß nicht — er besteht darauf, mich Stempel zu neunen, obgleich ich ihm schon seit einer halben Sttlnde sage, daß ich nicht so heiße; mein Name ist — Fanny (schnell einsallend). Hempel. Krempel. Nein! (Fanny kneift ihn.) Ja wohl, versteht sich, Hempel. Fanny. Fritz Hempel. nächstens Doctor Medicinä. Greif. Wirklich? Nun, Herr Fritz Hempel, so erlaube ich mir Ihnen zu 'sagen, daß ich seit achtzehn Monaten hinter Ihnen hergelaufen bin. Krempel. Ist das möglich? Dann müssen Sie ja schrecklich müde sein; nehmen Sie doch gefälligst einen Stuhl. Greif. Danke sehr — lieber werde ich Sie nehmen. (Er legt die Hand auf Krempel's Schulter und zieht einen Berhafts- befrhl hervor.) Krempel. Mich nehmen? Greif. Ja, auf Antrag des Schneiders Gottfried Stich wegen zehn Thaler sieben Silbergroschen. Also, Herr Hempel, vorwärts, marsch! Krempel. Jetzt wird mir's klar! Die ganze Menschheit beiderlei Geschlechts 16 hat sich gegen mich verschworen, grausam verschworen! Fanny. Mein theuerstes Fritzchen! (Sie weint.) Krempel. Ach was, ich bin nicht Ihr Fritzchen! Greif. Nun haben Sie Ihre Frau zum Weinen gebracht — schämen Sie jich, Herr Hempel! Krempel. Sie ist nicht meine Frau — ich bin nicht Hempel! Greif. Pfui, wer wird lügen; soeben sagten Sie, Sie wären Hempel. Bezahlen Sie das Geld, oder kommen Sie mit. Fanny. Ja, Fritzchen. bezahle den Mann, damit er geht. Emilie (öffnet die Labinetsthüre, macht fie hinter sich zu, geht leise über die Bühne zur Eingangsthüre links hinaus und macht diese schnell wieder zu). Fanny. Es ist allerdings wahr, daß Du deiner Amalie eine goldene Uhr kaufen wolltest, aber deine Amalie kann sie entbehren. Wie gesagt, bezahle dem Mann sein Geld. Laß mich sehen — ich denke, Du hast deine Börse im Tischkastengelassen. (Sie zieht den Tischkasten aus und nimmt Hempel's Börse heraus.) Hier ist sie — bezahle das Geld. (Sie gibt ihm die Börse.) Krempel. Mit dem größten Vergnügen, (bei Seite) besonders da es nicht meines ist. < t Lucrezia Blond. Starkmann 1 (langen Rock, hohe Stiefeln, schwarze ^ Cravatte, weiße, kurze umgelegte Halskra- ^ gen, kommen aus der Seitenthüre.) Lucrezia (ins Zimmer zurücksprechend). Beeilen Sie sich, die Arbeit ist sehr pressant, die Bestellung gehört zu der Soiree, welche die Frau Baronin von beyerthau heute gibt (zu Starkmann) Und Sie, Herr Startmann, besorgen die Aufträge, welche ich Ihnen gegeben, aber bitte, nicht in Ihrer gewöhnlichen langsamen Schneckenmanier. Starkmann. Mamsell— ich — Lucrezia. Keine Entschuldigung, Sie könnten jetzt schon wieder zurück sein. Starkmann. Ich eile, ich eile schon (im gewöhnlichen gemessenen Schritte ab.) Lucrezia. Das nennt er eilen! — Ach Gott! — Diese Buchhalter sind doch alle lauter Maschinenmenschen, wie ein Uhrwerk — das geht Alles tik tak — tik tak — einmal wie das andere Mal — und wenn sie alt werden — kann man sie zu gar nichts brauchen , es ist doch recht traurig, so allein in der Welt zu stehen, jetzt erst, seitdem ich mich selbst etablirt, fühle ich recht, wie schwach eine Frau ohne Mann ist. (in Träumerei versinkend.) ! Ja, wenn damals — der Ungetreue! i Zehnte Seene. ! Vorige. Thomas. Thomas (kommt hereingelaufen — Lucrezia steht mit dem Rücken gegen ihn). Da ist das neue Modemagazin, jetzt nur g'schwind, bevor mir meine zehn Fiaker am Buckel Nachkommen (zu Lu- crezia) Madame, ich brauch'einen echten Florentiner, aber nur g'schwind, g'schwind muß's sein. Lucrezia (sich halb umwendend). Ha! Was ist denn das? ist'S sein Geist oder ist er's selbst? (wendet sich ganz um.) Thomas! ThomaS (erschreckt). Himmel und Erden! das iö die Lucrezia! meine plantirte Geliebte — (will aus Verlegenheit fort.) O i bitt — i Hab' mich nur verirrt — ich komme gleich wieder. Lucrezia (eilt ihm nach und faßt ihn am Arme). Halt! Ungetreuer! da geblieben. Thomas. Ich geh' ja so nit fort, (für sich) Wann jetzt meine Braut kommet, das wär' a schöne G'schicht. (laur) Lucrezia!! Lucrezia. Wie hast Du an mir gehandelt! Kannst Du Dich entschuldigen? Thomas (für sich). Jetzt soll ich mich schon wieder entschuldigen! (laut) Lucrezia! Lucrezia. Du kannst den Affront nicht verantworten, den Du mir an- gethan. ES sind jetzt 6 Monate, daß Du mich im Florgarten Haft sitzen lassen. Thomas. Tröste Dich, Lucrezia, das ist schon sehr vielen Mädeln ge- scheh'n, und sie haben'S alle überlebt. Lucrezia. Du bist unter dem Vorwände fortgangen, ein Paraplui zu holen, ich hält' auf Dich warten sollen. Thomas. Warum hast Du nicht g'wart't, grad heut Hab ich hingeh'n wollen! Lucrezia. Und jetzt nach 6 Monaten kommst Du wieder. Thomas. Aber ohne Paraplui — ich werd's gleich holen! (will ab.) Lucrezia. Halt! halt! (hält ihn zurück.) Denkst Du nimmer an die 14 Schwüre Deiner ewigen Liebe!? Du wolltest Dein Leben mit mir theilen. Thomas. Mein Gott, das Leben ist ohnedem so kurz, wenn man's noch theilen sollt', wär's ja gar nit der Mühe werth, daß man auf der Welt ist. Luerezia. Also das waren nur schöne Worte. Dein Herz ist kalt wie Marmor! Thomas. O nein, Lucrezia — ah — Lucrezia, ich Hab' kein marmorirtes Herz, ich liebe Dich noch treu! (er umarmt sie. Für sich.) Das ist daß beste Mittel, sonst komm i nit los. Lucrezia. O Thomas. Thomas. Aber jetzt verschaff mir einen Florentiner mit rothen Klatschrosen. Lucrezia. Ha! Falscher! schon wieder betrügst Du mich, mir sprichst Du von Liebe, und willst einen Hut für eine Andere! Th 0 Mas (verlegen sich ausredend). Für eine Andere? ah! gar keine Idee! — der Hut gehört — für — für einen Dragoner-Offizier (Lucrezia sieht ihn erstaunt an). Das heißt — der will ihn seinem Rittmeister zum Präsent machen. Lucrezia. Seinem Rittmeister? Thomas. Teufel, ich bin so verwirrt, der Frau vom Rittmeister Hab' i sag'n woll'n. Lucrezia. Soll ich Deinen Worten glauben? Thomas. Ja, glaube meinen Worten, und klaube-mir so einen Florentiner heraus (gibt ihr das Nestel). Lucrezia. Gut! ich will Nachsehen , ob ich einen ähnlichen finde (kehrt nochmals um) aber sage mir, bin ich Dir denn wirklich theuer? Thomas. Oja — sehr theuer — und Du kannst mir noch theuerer zu stehen kommen (uimmt sie um die Taille und führt sie gegen die Thür. Für sich, im Lbgehen). Das iS a schönes Abenteuer! na wann i nur wenigstens den Strohhut krieg, nachher will i nix sagen! (ab mit Lucrezia.) Eilfte Gerne. Mischler. Leni. Trummler. Peppi. Hochzeitsgäste. Mischler. No kommt's nur, Kinder — kommts — der Herr Schwiegersohn iS schon voraus, er wird wahrscheinlich noch er tra was abz'machen haben, bevor wir zum Einschreiben geh'n. Leni (sieht sich um). Aber Vater, da fieht'S mir nicht aus, als ob — Mischler. Halt's Maul, Tschap- perl! — was verstehst denn Du? Du hast ja no nie g'heirat't — aber ich war leider lang gnua verheiratet, (zeigt auf das große Buch am Comptoir). Siehst das große Buch, da hinein werd'S geschrieben, da steh'n schon viele Braut- leut drinnen, (es aufhebend) DaS Buch hat schon Manchen unglücklich g'macht! Aber jetzt richt's Euch a Bisserl z'samm — zieht's d'Handschuh an! Peppi. I Hab an verloren! Mischler. So steck d'Hand in Sack. Peppi (steckt die Hand mit dem Handschuh in den Sack). Mischler. O Du Esel l nit die — die andere! Peppi (steckt beide ein). Trummler. Was ist'ö denn, Herr Vetter, bin ich der Beistand von der Braut oder vom Bräutigam? Mischler. Auf jeden Fall von der Braut, denn die Frauenzimmer fangen gewöhnlich nach der Hochzeit zum klagen an und da iS es recht gut, wenn ihr der Beistand kein G'hör gibt. Zwölfte Gerne. Vorige. Starkmann. Startmann (tritt ein). So, da 18 war' ich wieder. Sapperlott, die Menge Leut ... gut, daß ich mich so geeilt Hab! (laut.) Sie verzeihen, daß ich auf mich warten ließ. Mischler. O ich bitt — ganz nach Ihrer Gelegenheit, Euer — Leni (rasch rinfallend; leise zu Mischler). Vater, mein Bräutigam ist nicht da! Mischler (zu ihr). Macht nir... er kann sich zuletzt einschreiben lassen. Startmann. Ich stehe ganz zu Diensten, (zieht ein schwarzes Hauskäppchen hervor, welches er aufsetzt.) Sie erlauben schon, daß ich — ich bin ein alter Mann. Mischler. O ich bitt — thun's, als ob sie zu Haus wären, Euer — Leni (wie oben, leise zu Mischler). Aber Vater, führend uns doch auf! Mischler. Du hast Recht (vortretend). Ich bin so frei, Ihnen meine Tochter vorzustellen — sie ist die Braut. Starkmann. Freut mich! — recht ein herziges Kind! (für sich.) Ah! nun kenn' ich mich aus — eine Hochzeit vom Lande, die noch Einkäufe zu machen hat. Sind gewöhnlich gute Kunden. (laut) Darf ich bitten, damit ich's in's Buch eintragen kann. Mischler (zu Leni). Jetzt kommt der große Moment (zu Starkmann). Wünschen Sie den Namen der Braut zuerst? » Starkmann. Das ist ganz gleich. Mischler (zu Leni). Da siehst, wie'ö in der Stadt human sein — draußt bei uns haben's unsinnige Umständ g'macht — also (diktircnd) Magdalena, Maria, Anna, Dorothea. Starkma n n. Vorname thut nichts zur Sache. Trum ml er (kommt mit Verbeugung vor). Ich bin der Beistand der Braut — Andreas Trummler, Roßhaarsieder. Startmann (für sich). Da- ist eine närrische Familie, (laut) Darf ich um den Zunamen bitten. Mischler. Von mir oder von der > Braut — Euer — Starkmann. Wenn eS Ihre Tochter ist, so — Mischler. Sie haben Recht — Mischler. Starkmann. Adresse. Mischler. 24 Jahre alt. Starkmann. Aber mein Gott, daS brauch ich ja Alles nicht. Trummler (wie oben). Sie können überzeugt sein, daß ich allen Pflichten Nachkommen werde, welche mir als Beistand zugehören. Starkmann. O ich zweifle gar nicht, (für sich) Was will denn der immer mit seinen Beistandspflichten — (laut.) ich bitte um den Wohnort. Trummler (wie oben). Ein Beistand muß 3 Eigenschaften haben. Stark mann. DaS ist möglich, aber — Mischler. Milimar und GartnerS- tochter — geboren zu Stockerau. Starkmann. Aber ich will ja keine Biographie, sondern bloß die Adresse. Mischler. Ah so, die Adress! Warum haben'S denn das nicht gleich g'sagt? Peppi (der neugierig zur Thür geschlichen). Vetter! Vetter! ui jegerl! — da schaun's h'nein! was der Herr Thomas treibt. Mischler (sieht in die Seitenthür). Waö seh'n meine Augen — er umarmt ein Frauenzimmer!... jetzt in dem Augenblicke, wo er sich mit Dir verloben soll! Leni. Vater, das is abscheuli! Mischler. Was abscheuli! daS i- insam! daS verdient gänzlichen Bruch (zu Starkmann) Ich bitt Ihnen, strei- chens Alles wieder aus, eS wird nicht- d'rauS! 16 Starkmann (indem er ausstreicht). Wie's gefällig ist! Peppi. Er kommt, Vetter! Dreizehnte Scene. Vorige. Thomas. Alle. DaS ist ein Bösewicht. ThomaS (erstaunt, sie zu sehen). Teufel, mein Schwiegerpapa und meine Braut, was fang ich denn jetzt an? (laut) WaS machen denn Sie da!? Mi schle r (sich grimmig vor ihn hin- stellend). Um das muß ich Ihnen fragen, was machen denn Sie da, oder besser gesagt, waö haben Sie da drin gemacht? l Thomas. Ich — (für sich). Mir scheint, er hat mich g'seh'n! Mischler. Schickt sich daö für einen Bräutigam am Verlobungstag? ich wollt' nix sagen, wann so was später g'schieht, das iS mir selber schon öfters passirt, aber am Verlobungstag iS es a bisserl z'stark! Thomas (für sich). Jetzt heißt's herausputzen. (laut) Was Hab' ich denn gar so Schreckliches gethan? Leni. Das fragen Sie noch, wenn Sie vor meinen Augen eine Andere küssen. Thomas. No, und is das so was Schlecht's?! Misch ler. Schlecht's is's freili nit, im Gegentheil, a Bussel iS was recht gut's, aber (auf Leni deutend) da steht Ihr Bussel-Territorium, nicht da drinnen. Thomas. Mein Gott, einen Kuß in Ehren kann Niemand verwehren — es is meine Schwester. M i s ch l er und Leni (zugleich). Ihre Schwester? Alle. Seine Schwester? Thomas. Ja, Milischwester, sie hat mir Glück gewunschen zu dem Schritt, den ich mach'. Mi sch ler (besänftigt). Milischwester? — Glück gewunschen — ah! das iS ja eine ganz unschuldige Sach'. Thomas. No ob die unschuldig ist. Misch ler (seine Hand drückend). Ah! da verzeih'n Sie, mein lieber Schwiegersohn, daß ich Sie im Verdacht g'habt Hab. Thomas. O das macht nix. Mi sch ler (ihn umarmend). An mein Herz! ThomaS (die Arme ausbreitend). Mit Vergnügen, (für sich) Jetzt muß i aber schau'n, daß ich ihn fortbring, sonst kommt mir die da d'rin heraus, nachher ist die Wäsch fertig! Misch ler (zu Leni). Dein Bräutigam ist unschuldig, es bleibt also beim Alten, und Sie sein schon so gut, das Ausgestrichene wieder ausz'streichen, (wendet sich gegen das Comptoir, welches Starkmann mittlerweile verlassen hat.) Wo ist er denn, der uns einschreiben soll? er war ja grad da und hat unsere Namen aufg'nommen, da is no sein Protokoll. Thomas. Ein Buchhalter soll Brautleut einschreiben (bricht in ein heim-- liches Lachen aus.) O Du — Mi sch ler. Kommt's, wir wollen ihn suchen, er wird nit weit sein (zu Thomas) Bleiben Sie derweil da, Herr Schwiegersohn, daß wir nachher nit aufg'halten sein! (zu den uebrigen.) Kommt's! Trumm ler (zu Leni). Wo gehen wir denn jetzt hin? Leni (mit den Uebrigen im Abgehen). Zum Einschreiben. Trummler. Zum Schweintreiben? Aha, ich riech' schon den Braten. (Alle ab.) Bierzehnte Seene. Thomas. Lucrezia. ThomaS. Gott sei Dank, daß er draußt iS — es war die höchste Zeit. Lucrezia (tritt mit dem Strohhut- 17 Überbleibsel ein). ThomaS! da ist daS Muster, es ist kein solcher Hut mehr in meinem Magazin, aber ich kann Dir einen ähnlichen von Florenz verschreiben, in drei Wochen kannst Du ihn schon haben. ThomaS. Zn drei Wochen? na, wär nit übel, (für sich) wann die Strohhut- Madame 3 Wochen in mein'm Quartier bleibet! (laut) Heut muß ich noch so an Strohhut haben. Lucrezia. Du wirst hier schwerlich einen ähnlichen finden — vor 2 Tagen hätte ich Dir noch einen verkaufen können, ganz den nämlichen, auch mit rothen Rosen, aber den hat die Frau Baronin Leyerthau gekauft. Thomas. Die Baronin Leyerthau, eine Baronin? (kür sich) Zch kann doch nicht zu der Baronin gehen und sagen: Sie, geben Sie mir Ihren Hut! — aber wann i nirgends einen findt' — verfluchte Commission! — (laut zu Lu- crezia) Wo wohnt denn die Frau Baronin. Lucrezia. Zn ihrem Sommerhaus in Schönberg. Thomas. Zn Schönberg? ich muß zu ihr. Lucrezia. Aber dann kommst Du wieder zu mir zurück, nicht wahr? — Du verlaßt mich nicht mehr, täuschest mich nicht wieder? T ho ma S (sie umarmend). Meine Geliebte — ich werde wieder kommen, Lucrezia, und Dein Brutus sein! Fünfzehnte Seene. Vorige. Mischler. Starkmann. Leni. Die Uebrigen. Starkmann (zu Mischler). Herr! wenn Sie mich für einen Narren halten wollen, so werd' ich grob. Mischler. Wann Sie'S nicht sein, warum haben Sie denn dann unsere Namen in'S Protokoll g'schrieben? Siarkmann. Weil ich glaubte, Wiener Theater-Reprrtotr XXXV. Sie wollten bei meiner Prinzipalin, der Marchande de modeS, etwas bestellen. Mischler. Wir sein bei einer Marchande de mode? Thomas (bei Seite). ZeHt kann'S angeh'n. Lucrezia. WaS bedeutet denn daS!? Mischler (sieht sie). A die Mili- schwester. (laut) O nichts, meine liebe Milischwagerin. Lucrezia (erstaunt). Was?!! Mischler. ES war nur ein kleine- Mißverständniß he! he! he! Lucrezia. Mein Herr, erklären Sie sich. Mischler. Später, jetzt Hab' i keine Zeit, (zu Thomas) Kommen'-, Herr Schwiegersohn! Lucrezia. WaS hör ich! — Thomas — Du — Thomas (verlegen, aber imponirend). Za — ich — ich heirate. Lucrezia. Thomas! Du heiratest? o ich Unglückselige, (fällt in Ohnmacht.) DaS überleb' ich nicht! Mischler. WaS iS denn der Mili- schwägerin? (Me wollen ihr helfen.) Thomas. Nir — nir — schau'n wir nur, daß wir fortkommen. (für sich). Apropoer iS no kane in Ohnmacht g'fallen! — jetzt g'schwind zur Frau Baronin Leyerthau! (Musik fällt ein. Alle, Thomas an der Spitze, gehen ab. Starkmann ist an die Seitenthüre gegangen und hat 2 Mädchen herauögerufen, welche der ohnmächtigen Lucrezia beispringen.) (Der Vorhang fällt.) Zweiter Act. (Ein sehr reicher Salon mit Porträts, Sta- tueten rc. rc. Im Hintergründe Z Thüren, welche geöffnet, den Speisejaal, und eine mit Torten, kalten Speisen, allen Gattungen Bä- r 18 ckereim. Weinen rc. reichbesetzte Tafel seben las» sen. Seite rechts der Haupteingann. daneben eine Tbür. weichein ein Kabinet fübrt. Seite links Mei Seitentbüren. Im Vordergründe ein eleganter Flügel, eine Kauseuse rc. rc. Alles s»hr reich möblirt. — Die 3 Tbüren im Hintergründe stehen offen, während der ersten Scene werden sie aber geschlossen.) Erste Scene. Baronin Leyerthau (kn einer eleganten Negligee, sitzt in der Causeuse, den Kopf in die Hand gestützt. Hinter ihr steht) Elise. Baronin (spricht hochdeutsch, der jüdische Dialekt schlägt durch). Heute ist ein großer, ein gewichtiger Tag! Die ganze Künstlerwelt der Residenz wird' sich versammeln in einem Zirkel von mir. ES ist mein Stolz, zu sehen um mich die Celebritäten der Residenz, wenn sie bewundern meinen Kunstsinn. Die ganze Welt zerbricht sich den Kopf — wie ich komme zu aste die großen Connaissancen; mein Gott! die Künstler sind wie die Vögel, wenn man will, daß sie singen, muß man Ihnen geben zu essen. — Es kostet Geld, viel Geld, aber was thut's, spricht doch die ganze Welt von mir. Mein Kunstsinn wird gepriesen in asten Journalen, wo ich laß einrucken die Artikel! Ach Gott! die Artikel! Sie überraschen mich immer bis zu Thränen, wenn ich sie lese, eS ist so ein erhabenes Gefühl, wenn man sich abgedruckt sieht in einer Zeitung! Elise. Gnädige Frau! Baronin. Was gibt's? — mein Gott! Elise! was hast Du mich her- auSgeworfen aus meiner Fantasie — aber eS war gut! Hast Du mir gebracht das Repertoir von die Theater, damit ich sehe, ob sie alle frei sein meine Freunde. Elise. Repertoir von den Theatern, waS ist das? Baronin. Was ist Repertoir? Repertoir ist die Enthaltsamkeit von den Theatern. Elise. Ah, die Theaterzettel, die sind schon lange da (gibt sie ihr). Baronin. Gib sie her. (lesend) Gott sei Dank, sie sind alle frei, die Künstler. Elise. Aber gnädige Frau, Sie vergessen ganz auf Ihre Toilette, die Zeit des Festes rückt beran! Baronin. Du hast recht! aber wie soll ich mich heute kostümiren, um zu zeigen meinen Kunstsinn auf die glänzendste Art. Was soll ich wählen für eine Farbe? An de Farbe erkennt man den Menschen und seine Gesinnung. Grün ist die Natur, aber die Kunst ist ja nicht immer Natur! Rotb ist das Symbol der Romantik, die Tendenz des Mittelalters, denn da war Alles roth, Alles Blut. Blau ist daS Gewölks des Himmels, die Farbe der Beständigkeit. Eine schöne Tugend, aber man kann sie nicht beständig erhalten. Weiß? weiß ist die Farbe der Unschuld — Gott, waS ist daS gar so eine heikliche Färb — aber gelb, ja gelb ist die Sonne, wenn sie emporsteigt am Himmel, gelb ist die Flamme der Begeisterung, die aus der Kunst und ihren hohen Werken .entspringt! — Elise! Du wirst Herrichten mein gelbeS Kleid mit de grüne Besatzung. Elise. Ganz wohl, Euer Gnaden ! Baronin. Dann wirst Du mir geben auf den Kopf die Coiffure mit die großen Federn. Elise. Ganz wohl, Euer Gnaden. (Ab.) Zweite Scene. Baronin. Chevalier Rosen- duft (tritt hüpfend und Alles lorgnetti- rend ein). Rosenduft. Charmant! magni- IS fique! bezaubernd! über allen Geschmack erhaben. Erlauben Sie mir, liebenö- würdigster aller Engel, die auf diesem Erdpfade wallen, meine Lippen auf Ihre Alabasterhand zu drücken. Ich komme so eben aus dem Garten. Sie haben mich zu einem kleinen Künstler- Souper geladen und ich sehe ein Fest, wie es uns nur die geschmeichelte Fantasie aus den Gebilden der Märchenwelt vorzaubert. Was bedeutet dieses? Baronin. Was dieß bedeutet? das bedeutet, daß wir beginnen mit Feuerwerk, hierauf werden wir haben Souper, Conzert, Ball. Nicht wahr, Herr Chevalier, wir verstehen zu unterstützen die Kunst?! Rosenduft. Sie metamorphosiren Ihr Palais in Thaliens Tempel (wie oben). Baronin. Tempel? was wollen Sie sagen mit dem Tempel? Herr Chevalier, Sie verletzen mich! Rosenduft. Das war nicht meine Absicht — ein dichterischer Ausdruck, (wie oben.) Baronin. Ah! die Dichter haben auch nicht immer das Recht, zu sagen, was sie wollen! Rosenduft. Werden viele Künstler anwesend sein? Baronin. AuS der ganzen Residenz! Alle Virtuosen, Schauspieler, Sänger, Dichterund Journalisten. Rosenduft (sich immer die Fingerspitzen küssend). O charmant! charmant! da werde ich gleich mein neuestes Werk zur Prüfung unterbreiten. Sie wissen ja, ich bin ein doppelter Musensohn. Mein neuestes Schäfergedicht habe ich selbst in Musik gesetzt (singt)'. Auf grüner Weide saß im grünen Grase! — Baronin (einfallend). Herr Chevalier, wollen Sie mir verderben den — Genuß der Ueberraschung? Zu was wollen Sie ihn mir verderben?! Rosenduft (wie oben). Ich siehe ganz zu Befehl! Baronin. Noch Eins, Herr Chevalier! Hören Sie und staunen Sie! Mambrini, die Nachtigall des italienischen Horizontes, wird heute bei mir singen! Rosenduft. Wie! Mambrini kommt? Baronin. Za, er kommt, mit einer ganzen Gesellschaft. Zch Hab' ihm geschrieben ein' Brief auf's feinste Papier, der Bogen zu 2 Groschen, und Hab' ihn eingeladen, mich zu beehren, zu geben eine kleine Vorstellung im Costume und selbst zu singen ein Paar Arien, das Stück zu 1000 Gulden. Rosenduft. 1000 Gulden für eine Arie! ! Baronin. Gott! was sind die Banknoten gegen das Metall seiner Stimme. Rosenduft (wie oben). Ach, Frau Baronin sind die größte Protectorin der Kunst. Baronin. Ob ich bin eine Protectorin. — Nicht nur, daß ich halte für mich täglich eine Loge, so nehme ich doch noch ein paar Fitels für meine Dienerschaft. — Aber jetzt hören Sie die Antwort des großen, erhabenen Künstlers, (liest) „Frau Baronin! Ihre schmeichelhafte Einladung nehme ich an und werde mit der Gesellschaft erscheinen. Zch verlange aber dafür nichts, als das der Natur so täuschend ähnliche Blumenbouquet, welches Sie vorgestern in Romeo und Zulie trugen." Zst das nicht equivoque? Rosenduft (wie oben). Welches feine Benehmen! Welcher Zartsinn! (für sich) Zch hätt' die 1000 Gulden genommen! (laut) Aber warum wünscht er gerade das Bouquet? Baronin. Er hat so seine Ueber- spanntheiten, welche man bei ihm liebenswürdig findet, und die man bei gewöhnlichen Menschen für eine Unart L* 20 auslegen würde! Freitags war er bei der Frau Marquise Hochheim geladen, welche einen sehr schönen Fuß hat, wir haben ein Maß, und rathen Sie, was er von ihr verlangte. WaS verlangteer? Rosenduft (lächelnd). Leicht zu erratben! den Fuß! Baronin. Ach, Sie Bonmolist! Daß die Dichter doch nie die Satyrik lassen können. Er verlangte von ihr einen Schuh. Rosenduft. Einen Schuh!? ah daS ist originell (wie oben). Dritte Scene. Lilienstängel. Mondes fahl. Epheuranke. Rankenberg. Berendsohn. Vorige. Baronin (zu Rosenduft). Herr Chevalier, Sie werden die Güte haben, den ausgezeichneten Künstler zu empfangen, während ich meine Toilette mache. (Büste treten ein.) Ah! da kommen schon so viele meiner ausgezeichneten Gäste und ich bin noch ganz ver- negligirt. Lilienstängel (ihr die Hand küssend). Erhabene Gönnerin! Erlauben Sie und den freien Eintritt in die Halle der Kunst! Baronin. Sein Sie mir willkommen, meine Herren! Die Künste werden uns heute schöne Stunden bereiten. Zch habe eine ausgezeichnete Tafel arrangirt, sie kostet mich über 200Ü fl. (zu Berendsohn) Und Sie, theurrr Kunstfreund, mit welcher zarten Blume von Ihrer Fantasei werden Sie heute erfreuen Ihre Freundin? BereNds 0 hN lsich in die Brust werfend, die Hand in die Weste steckend). Ich werde halten eine philosophische Abhandlung, daß die Forchtsamkeit ist die Mutter alles Großen! Lilien stängel. Das wird schwer zu beweisen sein. Berendsohn (ihn verächtlich messend). Schwer zu beweisen! Wie heißt - schwer zu beweisen? Ich werd' be- ! weisen, waS ich beweisen werd'. — Seh'n Sie, wäre Noah nicht gewesen -> forchtsam vor dem Wasser, so hätte er nicht gebaut die Arche, und die ganze ^ Menschheit wäre caporeS gegangen; I hätte die Menschheit nicht gehabt Forcht «l vor den wilden Lhieren und den wilden f) Mitmenschen, so hätte sie nicht gebaut feste Häuser, Schlösser und Städte; hätte die Vernunft nicht geforchten die Unvernunft, so wäre nicht gegeben das ! Gesetz und hätten die Menschen nicht j gehabt Forcht vor der Arbeit, so wä- ! , ren sie nicht gekommen auf den Gedanken zu leben vom Handel; der Handel macht reich, reich ist die schönste Tugend und also ist die Forchtsamkeit die Mutter aller Tugenden, da haben Sie den Beweis! Epheuranke. Hat der Mensch Ansichten! Baronin (aufstehend). Meine Herren — der Sammelplatz der Gesellschaft ist im Garten, daS Feuerwerk beginnt Punkt acht Uhr. Ich werde mich jetzt zurückziehen in meine Gemächer, um daraus hervorzugdhen als die Oberpriesterin der göttlichen Musen, (zu Rosenduft) Wie beißt sie doch die Frau? Rosenduft (zur Baronin). Mel- pomene. Baronin (laut). Als die Mehl- pomene — auf Ehre, als die Mehl- pomene (verneigt sich und geht ab). (Die Gesellschaft verneigt sich und geht durch die Seitenthüre in den Garten.) Vierte Scene. Rosen du ft, hierauf Jean. Rosenduft (allein). Gott! durch- l zuckt mich da eine göttliche Idee (küßt , > ' sich die Fingerspitzen). Der Befehl der s Baronin kommt mir zur gelegenen Zeit — ich werde mit dem großen Künstler allein sprechen — vielleicht gelingt eS mir, daß er die Dedicat'on meine- LI Werk?- annimmt; mein Ruf als Dich- 1er und Compositeur wäre gemacht. Jean (tritt durch den Haupteingang und will in das Zimmer der Baronin). Rosenduft. Jean! wo willst Du hin? Jean. Ein fremder Herr ist vor- gefahren, welcher die Frau Baronin zu sprechen wünscht — er will aber seinen Namen nicht nennen und sagt, er habe der Frau Baronin geschrieben. Rosenduft. Ach — es ist Mam- brini! — öffne schnell, und wenn die übrige Sängergesellschaft kommt— sie wird wahrscheinlich im Costüme Vorfahren, so führe über die andere Treppe sie in das Tafelzimmer und bewirthe sie, bis das Feuerwerk vorüber ist — so lautet der Befehl der Frau Baronin! Jean. Sehr wohl, Herr Chevalier! (Ab.) Rosenduft. Ich bin sehr neugierig auf sein AeußereS und sein Benehmen! Fünfte Teene. Rosendust. Thomas. (Iran öffnet die Lhüre und verneigt sich vor dem eintretenden Thomas — dieser in der größten Verlegenheit, verneigt sich vor Jean und getraut sich nicht recht ein- zutrrten.) O ich bitt — Schamster Diener (Jean ab ) Rosenduft (hüpft ihm entgegen). Nur herein — nur herein! eö gereicht mir zum besonderen Vergnügen! Thomas (durchaus immer in der größten Verlegenheit). O! ich bitt' (setzt in der Zerstreuung den Hut auf, welchen er aber gleich wieder herabreißt). Oh! (für sich.) Ich weiß gar nicht, was ich thu'. Diese Bedienten, dieser noble Salon — diese Bilder — schaun mich an, als wenn's sagen wollten: „Packst Dich, Du frecher Eindringling — hier werden keine Strohhütte verkauft!" (wischt sich den Schweiß ab.) Ach, ich bin schon ganz dumm! Rosenduft (ibn bekorgnettkrend). Admirable! dieser südliche Typus — aus jedem Zug spricht der Neapolitaner! Thomas (unter tiefen Bücklingen). Ich Hab' die Ehre! (für sich) Wenn ich nur wüßt', wer er ist! Rosenduft. Die Frau Baronin hat mir den ehrenvollen Auftrag geben, Sie zu empfangen. Thomas. O ich bitt' — ich Hab' zwar die Ehre, Sie nichtzu kennen, aber Sie sind gewiß der Herr Hausmeister (sich verbessernd) ah, HofhauS- meister — ah! Haushof — Rosenduft (lachend). O'est im- ps^sble ! (küßt die Fingerspitzen) bitte, bemühen Sie sich nicht des Verbessernd — ich weiß ja, Sie sind der deutschen Sprache nicht mächtig! Thomas (für sich). Was? no der is schön grob! Rosenduft. Ist eS Ihnen gefällig, Platz zu nehmen? Thomas. O! ich danke — ich bin nicht müde — ich bin im Fiaker her- g'fahren! Rosenduft. Ich und die Baronin sprachen so eben von Ihnen! Thomas. O ich bitte — ist mir eine Ehre (unter Eomplimenten.) Tie wissen also — Rosenduft. Die Baronin hat vor mir kein Gebeimniß — ich bin ihr vertrautester Freund. Mein Name ist Ihnen wohl aus den Journalen bekannt, und durch den CycluS von Schäferge- dichten — Thomas. Schäfereien, nein — versteh überhaupt nichts von der Land- wirthschaft. Rosenduft.'Ich bin der Chevalier Rosenduft. Thomas (unter Eomplimenten). Ah jetzt — (für sich.) jetzt kenn' ich ihn erst recht nit — aber Chevalier — rr Baronin — o Gott — o Gott! und von diesen Leuten soll ich an Strohhut einhandeln — nein — das übersteigt meine Kraft! Rosenduft (stützt sich auf Thomas Schulter'). Mein Herr, ich bin auch Compositeur! ThomaS (macht ein Compliment, wodurch Rosenduft fast umschnappt). Freut mich unendlich! Rosenduft. Was sagen Sie zu einer Romanze (hängt sich in Thomas ein) unter dem Titel: die grünende Flur. Thomas. Wenn's recht schön grün ist — Hab ich gar nix dagegen ! Rosenduft. Dann würden Sie mir wohl — es ist zwar auf unsere kurze Bekanntschaft etwas dreist — würden Sie mir wohl die Bitte gewähren, Ihnen dieselbe dediciren zu dürfen. Thomas. Dediciren? (für sich.) Dediciren?! ah, das kenn ich, das is, eine Bettlerei nobler Fa?on — in der Form einer Ehrenbezeugung — was will ich machen — ich muß mich in Alles finden, (laut) Ja, Herr Chevalier, dediciren Sie's in Gottes Nam'! Rosenduft. O Sie machen mich unaussprechlich glücklich, (küßt sich die Fingerspitzen) — Doch jetzt verzeihen Sie, wenn ich Sie auf einige Minuten allein lasse — um ein würdiges Embleme zu dem Titelblatte zu entwerfen, worauf mit Flammenschrift Ihr gefeierter Name und die Worte stehen sollen: „Mir stellt die Fantasie ein Eden vor, „Der Lämmer Schaar, der Vögel Chor, „Und schwelgend dort in süßer Ruh' „Auf Deinen Lorbern Du! „Da ist's, als gäb' sich Orpheu's Leier kund, „Denn es ertönt ans Deinem großen Mund, „Die süße Himmelsmelodie, und sieh.' „ES schweigt beschämt Natur und Vieh. (Hüpft ab.) Sechste See«e. Thomas (allein). Was hat der G'schwuf da alles z'sammg'redt — von einem gefeierten Namen hat er was g'sagl — oh! daS is g'wiß die Folge von dem Briefes, das ich der Frau Baronin g'schwind g'schrieben Hab — sie hat s wahrscheinlich schon kriegt, ich Hab' mich als Lord Haserl unterschrieben, es macht mehr Ansehen und man wird mir meine deutsche Keckheit alö englische Bizarrerie auslegen! — Ah (aufathmcnd) aber ein Verlobungstag ist daS, der sich g'wa- schen hat — in einemfort wie ein g'hetzter Hast in meinem Fiaker voraus, die andern zehn Fiaker hinten d'rein, z'erft durch die ganze Stadt, jetzt wieder da heraus zu der Frau Baronin — die Verlegenheit, unerwartete Zusammenkünfte, die Aengsten vor Entdeckung, die schauerliche Drohung vom Lieutenant — das Alles hat mich ganz matsch g'macht. Wenn no mit mein' Schwiegerpapa was anz'fangen wär — aber das is ein fürchterlicher Kerl. Zum Glück Hab' ich ihn jetzt auf a Stund anbracht — ich Hab' ihn glauben g'macht, das Haus wär' daS Hotel, wo ich die Verlobungstafel bestellt Hab' — die aber erst um achte fertig wird — und Hab ihn derweil drüben ins Wirthshaus g'setzt. So Hab' ich doch wenigstens nit z'fürchten, daß er mir da auch herkommt. Meiner Seel, wenn mir nicht um die 20000 fl. wär' — will i sagen — wenn mir nit um die Leni wär, i nehmet mein Wort z'ruck, denn die ganze Milimarische und Gärtnerische Sippschaft wachst mir schon beim Gnack heraus. Ich Hab' mir ein- gebild't, daß man am Land die kletten- hafte Anhänglichkeit der Verwandten rr nicht kennt, aber ich seh' schon, meine Fantasie hat mich da wieder betrogen, wie schon so oft, wo sie mir Traume vorspiegelt, die zwar sehr schön wären, wenn'S wahr waren, die aber nur in meiner Einbildung liegen. Lieb. 1 . Jetzt ist die Welt, wie sie sein soll, Bom Paradiese ein Symbol. Es gibt kein Eh'paar mehr, das streit't. Und unter Mädchen keinen Neid? Nickt Launen bei den Künstlern mehr, Kein' Hausmeister, der nicht artig wär', Kein' Aeitungsblatt, das Lügen bringt, Kein' Menschen, der mit Sorgen ringt, Kein' Reichen, den der Hochmuth plagt, Kein' Lehrbub, den der Meister schlagt, Da müßt' ja die Welt ganz vollkommen jetzt sein? Ja, schön wär's, wenn's wahr wär', aber ich bild' mir's nur ein. 2 . Hatt' Einer 's Heft sonst in der Hand, Behielt cr's bis am Grabesrand. Jetzt spricht rr selbst, ich taug' nichts mehr, Mich blendet schon das Licht zu sehr. Mein a.err Kanz'list, ich sch' es ein, Sie sollten Chef, ich Schreiber sein, Sie würden Gutes wirken schnell, D'rum überlaß ich Ihnen d'Stell, Und da ich reich bin, ist es Pflicht, Daß ich auf Slaatßpension Verzicht'. Daß Einer so spricht, sol'l'S wirklich wahr sein? Ja, schön wär's, wenn's wahr wär, aber ich bild' mir's nur ein. 3 . Wenn Künstler kommen von Paris, O da ist um Billrlen s'Griß, Wenn auch die Preis* unchristlich sein, Pariser sind'S, und All's rennt n'ein. Ging man mir Deutschlands Künstle rgr-ßen Nach Frankreich hin, gewiß wie b'sess'n Lhät ganz Paris aufjauchzend schrei'n: 'S sind Deutsche da — wir müssen 'nein. Denn deutsche Kunst — wir wissen- ja, Steht auch so groß wie unsere da! Paris — Anerkennung — für Deutsche — soll dieß sein? Ja, schön wär's, wenn's wahr wär', aber ich bild' mir's nur ein. 4 . Zwei Kunstvereine einen sich. Der Kunst zu nützen sicherlich. Sie zanken nicht die meiste Zeit, Wer wohl von ihnen mehr bedeuk't, Sie streiten um den Vorsitz nickt, Die Kunst zu fördern nur ist Pflicht. Dem Eingebornen helfen sie. Ist er ein Bisserl nur Genie. Von Protektion sind sie ganz fern, Für d'Malerkunst ein neuer Stern. So vereint — einig — wirken die vereinten Verein'? Ja, schön wär's, wenn's wahr wär', aber ich bild' mir's nur eia. 6 . Die Börse heißt, wo Fabrikant, Banquier und Kaufmann im Verband, Vereinen sich und den Verkehr Mit Wechsel, Waar' und Geld stell'n her, Wo nicht um wuchernden Gewinn, Sir den Credit herunterzieh'n. Wo nicht von Agio nur die Red', Wo bloß rreleS G'schäft besteht. Um Hand'l und Industrie zu heb'n, Dem Schwindel nie wird Raum gegeb'n. Sollte allen Börsianern ihre Ansicht das sein? Ja, schön wär's, wenn's wahr wär', aber ich bild' mir's nur ein. »4 6 . Da» Silber will jetzt Niemand mehr, Denn erstens ist'» zum Tragen z'schwer, Und zweitens reißt's im Sack ein Loch, Und drittens nkmmt'ö z'viel Platz ein noch, Und viertens, '« g'fährlichste von All'n, ES hat ein' CourS, kann stündlich fall'n. D'rum rennt ein Jeder, was er kann, Daß er sein Silber bringt an Mann, Um seine Iwanziger los zu wer'n, Bon denen mag' er gar nichts hör'n. D'rum kommen d'Bergrab'nen jetzt Alle zum Borschein? Ja, schön wär's, wenn's wahr wär', aber ich bild' mir's nur ein. (Ab). Siebente Seene. Baronin. Jean, hierauf T h o m a S. Baronin (wie oben beschrieben gekleidet, mit sehr viel Schmuck überladen; im Eintreten für sich). Zch hoffe, ich werde machen einen gewaltigen Eindruck auf ihn — er wird sagen, die Baronin Leyerthau ist eine Dame von Welt (verneigt sich, als ob er da wäre). Mein Herr! — (blickt auf und sieht, daß er nicht da ist). WaS ist das! — er ist nicht da? wo ist er, der große Mann, wo ist er? Jean. Er war eben hier, er wird im Nebenzimmer sein (geht zur Thür, wo Thomas abgegangen). Mein Herr, die Frau Baronin erwartet Sie. Thomas (tritt scheu ein). Baronin. Ja, er sieht aus wie ein großer Mann (verbeugt sich.) mein Herr! Thomas (verbeugt sich noch tiefer). Frau Baronin (für sich) Die Angst, wann i'S anschau, wird mir grün und gelb vor die Augen (Bedienter ab). Baronin. Entschuldigen Sie, daß ich auf mich warten ließ! ThomaS (in höchster Verlegenheit). O ich bitt, ich bin selbst ganz weg! Baronin (deutet auf einen Stuhl). Ist - nicht gefällig, Platz zu nehmen? ThomaS. O ich bitt' (will sich auf den Sessel setzen, auf den sich die Baronin setzte, sich entschuldigend). Sie verzeihen! Baronin (sitzend). Ich habe Alles aufgebothen, um Ihnen die Zeit zu kürzen, die Sie mir schenken, nur Eines kann ich Ihnen nicht biethen, den Himmel Italiens! Thomas (setzt sich auch). O! das wäre auch alles zu viel (für sich.) ich brauch' ja nur einen italienischen Strohhut! Baronin. Es muß sein ein göttliches Land, dieses Italien, so überirdisch, so idealisch. Thomas. Ja, die Maccaroni g'rathen dort sehr gut (für sich). Waö hat'ö denn allweil mit ihrem Italien —?! Baronin. Ein Land voll Glut und Feuer, gegen das kalte, nüchterne Deutschland. ThomaS. Ja, kalt iS 'S in Deutschland, das iS wahr — aber gar zu nüchtern ist es just nit, eS werden alle Tage eine Menge Deutsche arre- tirt, die nichts weniger als nüchtern sind. — Baronin. Sie verstehen mich nicht, ich meine, die Menschen sind nicht so empfänglich für die göttliche Kunst, für die Musik — Musik ist die Seele des Lebens! Thomas (erstaunt). Ja freilich — (für sich). Teufel, wie kommt denn die auf die Musik! — Baronin. Sie haben sich gewiß nur aus innerem Herzensdrange der Musik gewidmet! ThomaS (wie oben). Ich!?- der Musik —? ja freilich (für sich), die halt mich für einen Musikanten — Baronin. Natürlich! sonst wären Sie nicht gekommen auf den Staffel der Vollkommenheit, auf dem Sie steh'n! ES ist ein großes, erhabenes Gefühl zu sein der erste Sänger der Welt — Thomas (für sich). S'iS schon richtig — sie halt mich für an Sänger (laut). Za, es ist ein seliges Gefühl (für sich). Alles eins, ich bin auch ein Sänger, wennS sein muß, jeder Weg iS mir recht, wo ich dem Stroh- Hute begegne. Baronin. Sie werden uns heute bereiten einen großen Kunstgenuß. Thomas. Zch werd' mein Möglichstes leisten! (für sich). Jetzt nur beim Glauben lassen! und imponiren. Baronin. Ich liebe die Musik leidenschaftlich , die Musik ist eine Welt! — Thomas. Za, Sie haben Recht, Meine Gnädige (schwärmerisch und mit Pathos). Die ganze Welt ist ein Orchester, die Menschen sein die Instrumente drinn. Der Adel ist diePrim, die Bürger der Second und das Volk ist der Baß. Wenn nun der Baß mit den obern Stimmen einen geregelten Gang geht, so entsteht die vollkommenste Ha rm onie, und die Dissonanzen des Lebens lösen sich durch eine weise Führung der obersten Stimmen in feste, befriedigende Accorde auf. Bar. Die Musik ist eine Tochter des Himmels. Thomas (wieder schwärmerisch). Das steht man am besten, wenn man einem kleinen Bub'n geigen lernt, da hört man alle Engeln singen! — Baronin. Die Musik erhebt das Herz, sie bringt den Menschen in eine andere Sphäre — sie führt den Sänger in eine ideale Welt, er wird ein reinlicher, ein besserer Mensch! Thomas. Za wohl, meine Gnädige, ein Tenorist, der eine gute Stimme hat, ist in meinen Augen ein IVVÜmal besserer Mensch als ein Tenorist, der gar keine Stimme hat. Baronin. Sie wissen zu bezaubern durch Zhre Philosophie, wie durch die Musik, die Musen scheinen Alle in 2hrem Sold zu sein. Thomas. Ja, alle 12 g'hören mein. Baronin, (erstaunt). 12? Verzeihen Sie, ich Hab'immer nur von 9 Musen g'hört. — Thomas. Za, ja, richtig, 9 Musen, ich hab's in der G'schwindigkeit mit die 12 Mädeln in Uniform verwechselt. — ! Baronin, (nach der Uhr blickend). Die Stunde rückt heran, wo Sie mich und meine Gäste bezaubern sollen durch Ihren Gesang, doch früher — (steht auf). Thomas (auch aufstehend). Baronin. Sie haben in Ihrem Bil- lete einen Wunsch ausgedrückt — und ich fühle mich sehr geehrt, Zdnen diese Kleinigkeit offeriren zu können (geht zum Clavier und nimmt da- bezeichnet« Blumenbouquet). Th oma ö (für sich). Also hat sie meinen Brief doch kriegt, und ich komm endlich zu dem Strohhut! Baronin. Zhre allzugroße Bescheidenheit. Thomas (für sich). Die findt mich noch bescheiden! (laut). Meine Gnädige, ein Sänger muß immer bescheiden sein denn wenn er die Nasen hoch tragt, so bringt er keinen reinen Ton heraus (schnofelnd.) und fangt zu schnofeln an. Baronin. Sie begehren nur eine so kleine Gabe — (präsentirt ihm das Bouquet). Nehmen Sie — Thomas (erstaunt). Himmel, was ist denn das? — das ist ja nicht — Baronin. ES ist dasselbe, das ich Hab' getragen in Romeo und Julie. Thomas (sich vergessend). Was geht denn mich der Romeo und die Zulerl an? Baronin. Was ist Ihnen? was haben Sie? Sie scheinen bestürzt. Genügt Ihnen diese Kleinigkeit nicht — Reden Sie, dem großem Mambrini kann und werde ich nichts abschlagen. Thomas (für sich). Mambrini hat sie g'sagt, jetzt weiß ich doch, wie ich rs heiß (laut). Frau Baronin —Gott! — Frau Baronin — ich — eS ist vielleicht unbescheiden. Baronin (kokett). Mein Gott, wie er mich betrachtet, den Blick zu Boden, er wird auch wollen ein' Schuh von mir! Thomas (Muth fassend). Frau Baronin! Wir sind unter uns, ich muß Ihnen schon gestehen — ich bin ein närrischer Kerl, aber, allein — ich bin ein Künstler, wir haben Eigenheiten. Baronin. Ich weiß! Thomas. Desto besser! Und ich muß Ihnen noch sagen, ich habe die unglückseligste Constitution, wenn mir ein Wunsch nicht erfüllt wird — so kann ich nicht singen, ich krieg Halsweh, werd' stockheiser — mir scheint (räuspert sich), hm! hm! Baronin. Ach! halten Sie ein! — DaS war' entsetzlich, ich war' bla- mirt vor der ganzen Gesellschaft, vor der ganzen Welt —Reden Sie, was wünschen Sie? Thomas. Mein Gott (für sich), ich weiß gar nicht, was ich reden soll (laut). Gnädige Frau, Sie haben ei' nen neuen Hut von der Modistin Blond, (für sich). Jetzt ift'S heraus! Baronin. Ja wohl — Thomas. Von diesem Hut hängt mein Lebensglück ab. Baronin. Was doch die Künstler für Launen haben. Na, Jbr Glück soll deßhalb nicht gestört werden, Sie sollen den Hut haben, in fünf Minuten .. . ich werd' ihn Ihnen schicken durch mein Stubenmädchen! ThomaS (küßt ihr die Hand). Göttliche Baronin! Baronin. Aber werden Sie mir nicht heiser, hören Sie, eher geb' ich Ihnen noch eine Coiffure und ein paar Handschuhe drauf, (im Lbgehen). Gott, was sind die Künstler für gescheidte Leut', (zu Lhomae). Wie haben Sie gesagt, ein Hut von mir macht aus Ihr Lebensglück? Thomas. Ja wohl. Baronin (an der Lhür). Merkwürdig! (kokett). Ein Hut von mir macht aus sein Lebensglück. — ES ist merkwürdig (ab). Achte Seene. Thomas (allein, hierauf) Mischler, später Jean. Th 0 M a s (schwingt seinen Hut). Victoria! — alle Hindernisse sind beseitigt, die Strohhutsteeplechale hat ein Ende. Ich Hab ihn, ich Hab ihn (unter dieser Rede ist Mischler, eine Serviette vorgebunden, aus der Mittelthür herauSge- kommen). Mischler (benebelt). Wo ist denn mein Schwiegersohn? (bei den Worten „ich Hab' ihn" kommt er grav' vor LhomaS zu stehen, welcher ihn mit diesen D-orten freudetrunken umarmt). Ach ! da is er ja! ThomaS (prai't zurück). Alle guten Geister! mein Schwiegervater — mir lauft's eiskalt übern Buckel (zu Mischler). Um alles in der Welt, wie kommen denn Sie daher, was machen's denn da? Mischler. Was wir machen? dal- kete Frag — wir essen. Thomas. Essen, wo denn? Mischler (deutet zurück). Da drinnen. Thomas (wi» vom Donner gerührt). Da drin?! das is ja die Tafel — Mischler. Die Sie für uns b'stellt haben, bin recht zufrieden — kochen recht gut in dem Wirtbshaus, da werd" ich öfter hergehn, wenn ich in die Stadt komm. Thomas (ganz vernichtet). Ah! Ah! — aber erlauben Sie mir — Mischler. Nir erlaub' ich Ihnen — Sackerlot! Sie erlauben Ihnen so schon a Menge! — Sie sagen, sie schaun nur nach, ob die Tafel fertig 27 iS, und lassen uns anderthalb Stund sitzen, Sie VocativuS — Aber ich bin ein pfiffiger Kerl, Ich Hab' g'sagt: Kinder, kommts, ob wir da warten oder drüben, wir sind herübergegangen, dem ersten Kellner, der mir in dem Hotel begegnet iS, Hab' ich g'sagt, daß wir zu dem großen Herrn g'hören, der grad' kommen iS — und hab'n um die Tafel g'fragt — „Sie werden schon erwartet," hat er gesagt — und hat uns da heraufg'führt — Wir haben's uns schon recht gut schmecken lassen — und hab'n uns denkt, wann der Schmie- gersohn nit kommen will, so soll's der Schwiegersohn bleiben lassen, versteht mich der Schwiegersohn? Thomas (welcher während dieser Erzählung immer mehr die Angst ausgedrückt hat, nimmt Mischler die Serviette weg und wischt sich den Schweiß ab). Mir steht der kalte Angstschweiß auf der Stirn! Was soll ich der Baronin sagen , in mein' Kopf schaut's aus wie 14 Tag vor der Schöpfung, ein reines Chaos. Mischler. Ein Kas wollen's? Gehn's nur hinein, wir haben Ihnen schon noch was überlassen, sogar an Dchlampamperer, oder wie der Kerl heißt, der so kracht! Stimmen von Innen.Es lebe das Brautpaar (Gläser zusammen stoßend). Thomas. Wollt Ihr's Maul halten! Mischler (wirft sich in die Causeuse). Wo Hab' ich denn mein' Myrthenstock hinthan! Thomas (für sich). Wenn jetzt die Baronin mit dem Hut kommt — ich muß meinen besoffenen Schwiegerpapa sortbringen ler sucht Mischler aufzuheben). Steh'ns auf, Schwiegerpapa, g'schwind — g'schwind, sie warten auf Ihnen. Mis ch l er (ganz ruhig). Zu was nachher g'schwind, wanns eh warten. Thomas. Aber ich bitt Ihnen... Mischler. Ich geh'nit! wann ich nit mein' Myrthenstock Hab'. Thomas. Gehn's nur, i weiß schon, wo er is, er is im Fiaker — im Wagen — Jean (kommt mit einem unangezün- deten Candelaber herein). Das Feuerwerk is bald aus .. . Die Herrschaften werden gleich heraufkommen. Thoma s (für sich). WaS hör' ich . . . (ruft den Bedienten). Sie! bester Freund — Jean (kommt mit dem Candelaber zurück). Sie schaffen? Thomas. Sein's so gut, helfend mir den Herrn da hineintransportiren (nimmt ihm den Leuchter ab). Jean (schickt sich an, Mischler aufzuheben, da hört man der Baronin Stimme). Thomas (erschreckt). Herr Gott, die Baronin kommt! (drängt den Bedienten zur Thür hinaus, und behält in der Verwirrung den Candelaber in der Hand). Neunte Seene Vorige. Baronin. Thomas (mit dem Candelaber in der Hand, in der größten Verlegenheit), die Baronin!.' Baronin (erstaunt). Was machen Sie denn da? Thomas. Ich, ich such' — mein Schnupftüchl, mir iS hinabg'fallen (bückt sich so, als ob er suchte, man sieht das Taschentuch bis zur Hälfte aus der Rocktasche herauöschauen). Wenn's nur nicht verloren gangen iS, 'S ist ein echtes italienisches Mailänder. Baronin. Sie haben ja daS Taschentuch im Sack! T h o M a S (stel't sich gerade). Im Sack? (greift darnach). Im Sack! (greift darnach). Richtig ich hab's im Sack! is mir unbegreiflich, wie das Tuche! von selber in den Sack g'funden hat!? is mir unbegreiflich. Baronin. Ist Ihr Wunsch erfüllt 28 g'worden? Hst Ihnen das Stuben. Mädchen das Bewußte schon gebracht!? Thomas (stellt sich vor Mischler, um ihn zu verbergen). Nein, meine Gnädigste, ich Hab' wirklich noch nichts g'seh'n, und ich muß Ihnen sagen, ich g'spür' schon ordentlich eine gewisse Rauhheit in meinem Hals (räuspert sich). Hm! hm! Mischler (sich emporrichtend). Ich weiß nit, was i Hab', mir ist so schwind- lich! — Mir scheint, der letzte Flügel von dem Kapauner iS mir in Kopf ge- stiegen! Baronin (ihn bemerkend). Wer ist dieser Herr? Mit wem Hab' ich die Ehre? Thomas. DaS ist mein Begleiter, das heißt, der Herr begleitet mich — (gibt ihm maschinmäßig den Candelaber, Mischler nimmt ihn so, als ob er den Myr- thrnstock trüge). Baronin. Ach! der Herr begleitet Sie zum Gesang!? Wahrscheinlich am Flügel? Mischler. Ja, der Flügel, der letzte, der iS an mein' Unglück Schuld,' G'horsamster Diener, Madame — (stol, pert). G'freut mich unendlich —! Das iS recht a saubers Weibel (zu Thomas). Sie! - — ist die a zur Verlobung eing'laden? Th omas (zu Mischler). Halten Sie's Maul, um Gotteswillen! (für sich), wenn der so fort redt, bin ich verloren! Und der verflixte Hut kommt noch nicht!! Baronin. Der Herr ist wahrscheinlich auch auS Italien? Mischler. Was Italien?! Ich bin aus Gagran. Thomas (schnell einfallend). Gagra- netto, ein kleines Dorf bei Napoli! M i s ch l e r. Wo ist denn mein Myrthenstock, ich Hab' meinen Myr- thenstock verloren. Ba r o n i n. Myrthenstock? Wie heißt Myrthenstock? M i s ch l e r. No ja,-mein' Myrthenstock. ThomaS (wle oben, er hält Mischler immer den Mund zu). So heißt eine Ro» manze, eine äußerst melodiöse Romanze von dem Herrn. Mischler. Za, iS von mir, der Myrthenstock! Baronin. Sie sind also auch Compositeur? Mischler. Ich bin Mili — Thomas (wie oben.) tär-Kapellmeister gewesen (wischt sich den Schweiß ab). Mischler (für sich). Ob er mich ausreden lasset! — Baronin (mit einer Verbeugung). Ah! — Wollen Sie vielleicht probi- ren diesen Flügel, es ist ein Bach- mann! Mischler. Flügel, nein, ich Hab' heut' schon so viel Flügel im Magen. Baronin (zu Thomas). So erlauben Sie mir, daß ich meine verehrten Gäste hole. Sie- warten schon voll Ungeduld, Sie zu hören! (spricht zu Thomas). Mis chler (für sich). Ab! da muß i bitten, die lad't no Gäst' ein, ganz ungenirt und das geht Alles auf meine Rechnung, O! wie viel Wasser muß ich da in die MUi schütten, biS ich daS wieder einbring! Baronin (zu Mischler). Wollen Sie mir gefälligst geben Zhren Arm, und mich begleiten hinab in den Garten? ThomaS (macht eine Bewegung, seinen Arm anzubirthen). Baronin. Nein, nein! Sie dürfen nicht geh'n hinab, die Abendluft ist kühl, Sie könnten werden heiser, aber der Herr wird sein so gut! Mischler. O mit Vergnügen . . . i bin e froh, wann i in die frische Luft komm. Wartens a bissel (nimmt den Candelaber in die linke Hand, und biethet ihr den rechten Arm). O ich weiß auch, waS sich schickt... So... geh'n wir jetzt in Gottes Namen! (ab mit der Baronin), SS Zehnte Scene Thomas, dann Eli se, zuletztPeppi. Thomas (verbeugt sich vor der B«' ronin und sinkt dann in einen Stuhl). Aus iS! aus is! ich bin todt! . .. Mein Schwiegerpapa mit der Frau Baronin, na, wann wir nit zum Fenster h'nauSg'worfen werden . . Elise (mit einem Hut, über den ein Luch geworfen ist). Euer Gnaden, da ist der Hut. Themas (aufspringend). Der Hut, wo is er? her damit! (umarmt Elise, indem er ihr den Hut abnimmt). Engel in Stubenmädelgestalt! Elise. Aber Euer Gnaden! Thomas (den Hut emporhaltend). Endlich, Triumph! ich bin am Ziele (reißt das Luch, welches er losgemacht, herab). Ha, ... was ist das . . . ich bin betrogen . . . das iS ja a schwarzer Hut, mit chinesischem Crepe, (zu Elise.) höllisches Stubenmadel, willst Du mich foppen?! das is ja nit der rechte Hut. Elise. Das ist der neueste von der Frau Baronin. Thomas. Ich Hab' aber den wäl- lischen Florentiner-Strohhut verlangt den mit die rothen Couqueliquou. Elise. Den Florentiner? — den hat die Frau Baronin nie getragen, weil er ihr nicht gefiel, sie hat ihn der Frau von Fuchtig zum Präsent gemacht. Thomas. Der Frau von Fuchtig. Wer ist die Frau von Fuchtig? wo wohnt die Frau von Fuchtig? Elise. In der Bergstraße Nr. 13. Thomas. Bergstraße Nr. 13, ich weiß genug! (wirft Elise den Hut hin, welche ihn auffängl). Da nehmtS den Hut, und marinirt's Euch'n ein. Elise (im Ablaufen). Der Mensch ist verrückt geworden! (ad). Thomas. Also Bergstraße Nr. 13, Frau von Fuchtig . .. Auf der Stelle hin zu ihr, meine Sippschaft laß ich da zurück, sie sollen schaun' wie'S mit heiler Haut davon kommen (will ab). P e p p i (ihm entgegen). Herr Haserl, Herr Haserl! Sie soll'n g'schwind kommen, es wird glei zum Tanzen ang'fangt. Thomas. Tanzen? ja tanzt'S nur, sie werden Euch schon aufspielen dazu! (im Abgehen). I mach' mich aus'n Staub, (Ab). Peppi. No mir is recht! — -- wenn er nit mag, soll er'ö bleiben lassen! (wieder ab). Gttfte Scene. Baronin, Mischler, Berend- sohn, Lilienstängel, Rankenberg, Herren und Damen, hierauf Rosenduft und Thomas, (zuletzt) Leni, Peppi, Trummler, Verlobungsgäste. Baronin. Nur hieher, meine verehrten Gäste, das Conzert wird gleich beginnen, bitte, Platz zu nehmen! Mischler (für sich, welcher sie hereingeführt). AufEhre, das ist ein famoses Weib! Baronin (mit einem Blick auf Mischler). Ich werd' nit klug aus dem Menschen! (Alle setzen sich). Aber wo ist denn unser Orpheus, Herr Mam« brini? Alle. Za, wo ist denn Herr Mam- brini? Rosendu ft (von Außen). Nein, nein, ich lasse Sie nicht fort (bringt Lhomas zurück, welcher jetzt erst in der größten Verlegenheit ist). Noch ist'S ZU früh, Apoll, die Rosse heimzulenken! Thomas (bei Seite). Der halt mich jetzt wieder für ein' Kutscher (laut). O ich bitt, Herr Chevalier. Baron in. WaS! Sie wollten unS verlassen? Rosenduft. Zch erhaschte ihn gerade noch am Kutfchenschlage. so Mischler. Was? Abfahr'n hat er woll'n, jetzt, wo's erst recht fidel wird! Nix da, beut' darf keiner vor der Früh fort (läuft gegen den Hintergrund), Heda! aufg'spielt, Musikanten, der Tanz geht an — (die drei Lhüren im Hintergründe öffnen sich, Die Gäste der Verlobung treten unter Jubel- und Juhe- geschrci aus derselben heraus. Im Hintergründe ertönt eine ordinäre Ländlermusik). Thomas. Das ist mein Todestanz. B a r o ni n und alle G ä st e (aufspringend). Was ist das? quelle korreur! Mischler. Was fragen's denn so dalket, das ist das Verlobungsfest von meiner Leni mit dem Herrn Thomas Haserl! Baronin. WaS muß ich hören? he! Bediente! (fällt in Ohnmacht). Ich bin blamirt vor der Welt! (Tumult). Rosenduft (zu Thomas). Herr! Sie werden mir erklären — Thomas (weiß sich nicht aus, schleudert Rosenduft weg, und siürzt mit dem Ausrufe „8suve qui peut" ab). Rofenduft (fliegt in Mischlers Arm, dieser schleudert ihn wieder weg, bis er in den Stuhl sinkt — die Gäste der Baronin eilen ab. Bediente weisen Mischler und Hoch- zeitSgästen die Thür, unter diesem Tumult fällt der Vorhang. Dritter Act. (Herrn von Fuchtig's Schlafgemach. Im Hintergründe die Eingangsthüre, rechts und links Seitenthüren. Das Ganze elegant möblirt. im Vordergründe ein Tisch mit einem Schlafsessel, auf dem Tische eine brennende Sturzlampe An der Wand hängen Pistolen und sonstige Waffen). Erste Scene. Herr v. Fuchtig (allein, er sitzt in dem Schlafsessel, hat einen Schlafrock an, eine HauSmütze auf und raucht Tabak aus einer großen Pfeife. — Tabaksdose und Fidibutbrcher nebst Sigarrenbrhälter stehen vor ihm auf dem Tische, auch einige Bücher. Seine Füße sind in einen großen Pelz ringewickelt). Fuchtig Das ist schon die zehnte Pfeife, die ich rauche, die vielen Cigarren gar nicht gerechnet, und meine Frau ist noch nicht zurück! Wo sie nur sein mag?— Mir ist eS unbegreiflich, heute früh um 9 Uhr sagte sie zu mir: Liebes Männchen, ich gehe aus, um mir ein Paar schwedische Handschuhe zu kaufen, ich bin gleich wieder da! und (sieht auf die Uhr.) jetzt ist's bald zehn Uhr Abends, und sie ist noch nicht zurück. — Sie kann doch unmöglich 12 Stunden brauchen, um ein Paar schwedischeHandschuhe zu kaufen, sie müßte sie nur in Schweden, selbst holen. — Ich habe bereits zu allen unsern Bekannten, Verwandten und Freunden geschickt, die mir einfielen. Niemand hat sie gesehen. — Wenn ich nur nicht das verdammte Podagra hätte, ich wollte sie schon finden — Aber so! (ruft). Fanny, Fanny! Zweite Seene. Fuchtig. Fanny. Fanny (herein laufend). Was befehlen Euer Gnaden? Fuchtig. Höre, Fanny! weißt Du, was meine Frau für eine Toilette hatte, als Sie heute Früh ausging? Fanny. Ihr neues Kleid mit den drei Volants — und ihren hübschen Strohhut. Fuchtig (kür sich). Ihren hübschen Strohhut, ein Geschenk der Frau Baronin; ein Hut um 80 fl. C. B. — und ^ein Kleid mit drei Volants, ist daS ein Anzug, um ein Paar schwedische Handschuhe zu holen — (laut und heftig auf den Tisch klopfend). Das ist Mir ZU bunt! Fanny. Zu bunt? warte nur, sie wird dir schon was weiß machen! 81 Fuchtig. Den ganzen Tag auszubleiben. Fanny (für sich). Ich an ihrer Stelle käme garnicht mehr nach HauS! (laut). Die gnädige Frau wird gewiß ihre Ursachen haben. Fuchtig. Was für Ursachen, vielleicht die schwedischen?— das ist keine Ursache. Fanny. Die gnädige Frau hat ' wabrscheinlich einen Besuch gemacht. Fuchtig. Za, ja, das könnte sein, bei der Tante Schopfheim bist Du noch nicht gewesen. Fanny. Mein Gott, die wohnt ja in der Vorstadt, fast am Ende der Welt. Fuchtig (gibt Fanny Geld). Da! da hast Du Geld, nimm Dir einen Wagen, fahre, was Du kannst, zur Tante Schopfheim, aber komme mir nicht ohne Frau nach Hause! — sonst massakrire ich Dich. Fanny. Schon gut! schon gut. (steckt das Geld in den Sack.) ich werde mich hüthen, zur Schopfheim zu fahren — die gnädige Frau ist doch nicht dort, ich gehe lieber zur Lisette in' zweiten Stock hinauf, und erzähl' ihr die G'schicht vom Strobhut, bi hi hi. Fuchtig (sieht sie noch stehen). Na! was stehst Du, soll ich Dir Beine machen? Fanni. Ach, is nicht nöthig, gnädige r Herr. Machen Sie sich die Beine nur selbst. Sie können sie besser brauchen (im Ablaufen.) denn der arme Narr wird bald schwer tragen müssen (macht die Pantomime des HörneraufsetzenS. Ab). Dritte Scene. Fuchtig, dann Thomas. Fuchtig. Ich glaube, das nasen- weise impertinente Geschöpf macht sich noch lustig über mich, 's ist auch verdammt lustig, hahaha! Man könnte vor lauter Spaß aus der Haut fahren. O Marie! o Marie!! — wenn Du vielleicht! —ha, es wäre entsetzlich, ich glaube, ich würde sie morden'.! (greift sich an die Beine.) ha, das verdammte Podagra (es wird heftig geläutet). Ach: (es klingelt). Gott sei Dank, endlich kommt sie! — (ruft). Oeffne nur! — (man klingelt noch heftiger), ha!! he!! reiß mir nicht die Glocke ab; ich kann nicht aufstehen, Du darfst nur drücken (man hört die Lhüre öffnen). So! (wendet sich gegen die Thür, durch welche Thomas athemlos und verstört hereinstürzt). Was ist das? das ist ja nicht meine Frau! Thomas (stürzt hrrein, und auf ihn los). Sind Sie Herr von Fuchtig? Fuchtig. Zch bin Fuchtig, ja mein Herr, was wünschen Sie von mir? — Thomas. Ihre Frau — Fuchtig (einfallend). Was, meine Frau?! — Thomas. Za, Zhre Frau, ich muß mit ihr reden, jetzt gleich auf der Stelle. Mein Geschäft leidet keinen Augenblick Aufschub. Fuchtig. Meine Frau ist nicht zu Hause — Thomas. Herr! wie können Sie Zhre Frau so spät auf der Gasse her- umlaufen lassen, derweil Sie sich da gut geschehen lassen (stößt ihn an die Beine). Fuchtig (vor Schmerz aufschreiend). Ab! Ah! mein Podagra! — Herr, plagt Sie der Teufel, mit welchem Rechte dringen Sie da in mein HauS ein? — Was wollen Sie hier? ich frage Sie zum letzten Mal. Thomas. Und ich antworte Zhnen zum letzten Mal, ick muß mit Ihrer Frau Gemahlin reden, sie ist im Besitze einer Sache, die für mich von großer Wichtigkeit ist, die muß ich kriegen, und folgt sie nicht willig, so brauch' ich Gewalt. Fuchtig (bei Seite). Ah! der Kerl sr ist ein Dieb oder ein Narr (laut). Herr, auf der Stelle verlassen Sie mein HauS. Thomas. Nicht eher, als bis ich Ihre Frau gesehen und gesprochen habe. F u ch t i g. Ich wiederhole Ihnen aber, daß meine Frau nicht zu Hause ist. Thomas. Das sind leere Ausflüchte, — ich werde sie schon finden (wendet sich gegen die Seitenthür). Fuchtig. Halt!! halt! mein Herr, keinen Schritt weiter. Thomas. O! im Gegentheile, recht weiter. Sein Sie ganz ruhig; ich werde ihr nichts zu Leide thun (eilt in's Seitenzimmer rechts). Vierte Seeue. Fuchtig (allein). Mein Gott, — kein Zweifel mehr, daS ist ein Dieb. Ach Gott, ach Gott, was beginnen? (läutet heftig.) he da, Fanni, Fanni! hört mich denn Niemand! zu Hilfe! zu Hilfe! Diebe! Räuber, Mörder! (wirst den Pelz weg und steht mühsam auf). Doch, was schrei ich denn? Es ist ja nur Einer, mit dem werd' ich schon fertig werden, wo find meine Pistolen? (nimmt die Pistolen von der Wand und steckt jede in einen andern Sack). So! nun soll der Kerl nur kommen — (fahrt sich zufällig in die Beine). Ha! DaS verfluchte Podagra (man hört im Nebenzimmer Stühle Umfallen). Wie der Kerl da drinnen umwirth» schäftet, no freu' Dich nur , ich werd' Dich auf eine Art empfangen, daß Du daran denken sollst. Fünfte Seene. Fuchtig. ThomaS (kommt aus der entgegengesetzten Thür; hat eine Menge verschiedene Damenhüte am Kopf und in den Armen, welche er jetzt musternd wegwirst). Thomas. Sie iS richtig nicht da, aber ihre Hüte Hab'ich gefunden, und daS iS die Hauptfach' (musternd.) roth, ^ blau, schwarz, grün, gelb, g'scheckert, 'S iS merkwürdig, da sag'n die Mädeln, sie wollen nur unter d'Haub'n kommen, und wanns verheirathet sind, können'S nicht genug Hüt kriegen. DaS Menge G'fraßt, und nicht eiu einziger Strohhut iS d'runter — (verknittert die Hütte). Fuchtig. Herr! was machen Sie' da! was geh'n Sie die Hüte meiner Frau an, hüthen Sie sich, wenn — Thomas. Sein Sie lieber auf Ihrer Huth, denn eine Fruu, die gar so viel Hut braucht, die setzt gern ihrem Mann auch was auf. Fuchtig. Muth! (springt auf ihn los und packt ihn mit beiden Händen am Kragen). Hab' ich Dich jetzt. Du Dieb, — Du Räuber, — Du Mörder! — ThomaS (sich loßreißrn wollend). Anslassen, sag'ich, oder — Fuchtig. Rühr' Dich nicht, sonst bist Du ein Kind des Todes; ich habe meine Pistolen in der Lasche! Thomas. Nicht möglich? (während ihn Fuchtig mit beiden Händen am Halse festhält, greift er mir jeder Hand in FuchtigS Schlafrocktaschen , und zieht die Pistolen hervor, welche er auf ihn anlegt). Das iS ja recht g'scheidt! Fuchtig (erschreckt zurückweichend). ! Herr meines LebenS! — Hilfe! . Thomas. Wie Sie schreien, druck' j ich loS. Fuchtig. Geben Sie mir meine Pistolen! — Thomas. Geben Sie mir den Hut! — Thomas (auper sich). Den Hut, oder das Leben. Fuchtig (ist immer zurückgewichen, Thomas, ihn stets fixirend, hat ihn bis zum Schlafsessel getrieben, in welchen er jetzt erschöpft hineinfällt). Oh! das ist meine letzte Stunde — (bittend). Herr, ich beschwöre Sie, lassen Sie mich in Ruhe, rs Sie sehen, ich bin ein kranker, schwacher Mann, lassen Sie vernünftig mit sich reden. Sie wollen vielleicht Geld? Thomas. Warum nicht gar! — Fuchtig. Oder Pretiosen? Thomas. Schau ich präcios aus? Fuchtig. Was wollen Sie denn hernach? Thomas. Einen Strohhut mit Coqueliquou. Fuchtig (für sich). Der Kerl ist ein Narr (laur). Wie kommen Sie aber dazu, bei mir einen Strohhut zu suchen, (sieht auf die Uhr.) um halb 11 Uhr Nachts. Thomas. No, gut! ich will Ihnen die Veranlassung meiner nächtlichen Heerschau auseinander setzen, merken's auf, eS iS eine gräßliche Geschichte, eine Geschichte, wie die Weltgeschichte 'keine aufzuweisen hat» mein Pferd hat heute einen Florentiner gefressen. Fuchtig (erschreckt aufspringend). Heiliger Gott, daö ist ja entsetzlich! Thomas. Nicht wahr? — Und die Dame, der er gehört hat, der Florentiner, iS jetzt bei mir und verlangt, daß ich ihr einen andern Florentiner verschaffen soll, der grad' so auSschaut, wie der, den mein Pferd gefressen hat. Fucht i g. Aber mein Herr, wie ist denn das möglich, daß Ihr Pferd — einen Florentiner — Thomas. Ganz einfach, die Dame hat ihn an einen Baum im Gesträuch aufg'hängt g'habt! Fuch t i g. Was, aufgehängt, die eigene Frau— ihren Gemahl? — Thomas (sieht ihn erstaunt an). Ihren Gemahl? — Waß redenS denn da z'samm? — Fuchtig. Na, haben Sie mir nit selber erzählt, daß Ihr Pferd den armen Florentiner gefressen habe, welchen seine Gemahlin aufgehängt hat. Thomas (sieht ihn an, und bricht dann in ein laute- Gelächter aus). Haha Diener Lheater»Reper1otr. XXXV. ha! Ich red' ja von einem Florentiner- Strohhut — (immer unter Lachen). No ja, den die unbekannte Damein der Lauben auf'ghängt hat, in der sie mit dem Herrn Lieutenant g'sesscn is. Fuchtig (nun erst das Mißverstände niß erkennend). Hahaha r Sie sprechen von einem Strohhut, und ich dachte, Sie Meinten den Gemahl, hahaha! also ein Strohhut? L b o m a S. Za, mit Hochrothen Blumen aufgeputzt (zieht das Stück her- - vor.) mit Coqueliquou! Das ist noch ein Restl davon, hahaha! Fuchtig. Herr Gott! was seh' ich? Thomas. Was sehenS denn? Fuchtig. Nein, nein, ich irre mich nicht, das ist der Hut meiner Frau. Himmel und Hölle (lauft zu Thomas). Mein Herr, kommen Sie, gehen wir. Thomas. Wo denn hin? Fuchtig. Zu Zhnen, in Zhre Wohnung? Thomas. Zu mir? — das geht nicht, wenn ich der Dame den Hut nicht mitbring, so bringt mich der Lieutenant um! Fuchtig. Der Lieutenant, er ist bei ihr? Thomas. Versteht sich, seit der Früh. Fuchtig. DaS soll er mit seinem Blute büßen! — warten Sie nur einen Augenblick, ich schlirfe nur in meinen Rock, ich bin gleich wieder da, dann sei ihm Gott gnädig!! (stürzt ins Seitenzimmer). TbomaS. Na, na, der Kerl fährt ja um, als wenn ihn die Tarantel gestochen hält'... mir is'S übrigens recht, daß er sich um die Sache annimmt, ich kann so nicht mehr schnaufen! — (setzt sich in den Schlafseffel. Wann i nur wüßt', wie'S meinem Schwiegervater und der ganzen G'sellschast gangen is . .. auf d' Letzt haben sie' - alle miteinander eing'sperrt, das wäre a schöne G'schicht. 34 Sechste Seene. Thomas. Fanni. Fan ni (hält ihn für den Herrn). Euer Gnaden, ich war bei der Frau Tante, aber die gnädige Frau — (erkennt ihn)- Ah! Th omas. Himmel, daß Stubenmädel von der Strohhut-Madame! Fanni (für fich) Dem Fritz sein Herr! Thomas (springt auf). Was will denn Sie da? — unglückicheS Geschöpf ! Fanni. Was ich da will, ich suche meinen gnädigen Herrn. Thomas. Ihren gnädigen Herrn? wer ist denn Ihr gnädiger Herr? Fanni. Der Herr von Fuchtig. Thomas (niedergeschmettert). Wa, — wa — was?! der Herr von Fuchtig ... Fanni. Der hier logirt, ja. Thomas. Himmel und Erden! Das iS der Gemahl, der Viehkerl, und ich Hab' ihm Alles gesagt .... Fanni. Was is Ihnen denn- Thomas. Was mir ist? .. nichts ist mir .... gar nichts .... (fürsich). Kann einem was Aergeres g'schehn, den ganzen Lag lauf' ich dem Strohhut nach, — verfolg' seine Spur, wie ein alter Pintsch, endlich Hab' ich ihn, und wie ich darnach greif, is eS der G'fressene selber — Ah! da könnt einem der schönste Teufel holen (man hört Fuchtig's Stimme). Oh der Herr von Fuchtig! Dem Teufel wollen wir vor der Hand auöweichen, jetzt nurg'schwind z' Haus und die arme Strohhutmadame in Sicherheit gebracht (zu Fanni, indem er adgeht). Ich laß mich dem Herrn von Fuchtig bestens empfehlen! (rasch ab). Siebente Scene. Fuchtig, Fanni. (Kaum ist Haserl ab, so stürzt Fuchtig mit Hut und Stork, einen Degen unter dem Arm, und in jeder Brusttasche eine Pistole, heraus). Fuchtig. So, mein Herr, (sieht sich um.) wo ist er denn? Fanni. Um Alles in der Welt» Ew. Gnaden, wie schauen denn Sie aus-! Fuchtig. Wie ein Mann, der seine Ehre vertheidigen, das ganze Männergeschlecht rächen will, o eS soll ein fürchterlicher Auftritt werden! — aber wo ist er denn? Fanni. Wer? Fuchtig. Der Herr, der eben da war. Fanni. Der Herr von Haserl, er iS fort, und bat g'sagt, er laßt sich Ihnen empfehlen. Fuchtig. Oh! er iS ohne mich fort, — will die Unglückliche vielleicht vor meiner Wuth schützen? — soll ihm nichts nützen! (zu Fanni). Herr von Haserl heißt er, Du weißt, wo er wohnt? Fanni. Freilich! — Holzmarkt Nr. 34. Fuchtig. So! also am Holzmarkt Nr. 34, na warte, Ihr sollt mich kennen lernen, schnell einen Wagen (läuft ab). Fanni (ihm nach). Aber Ew. Gnaden! Verwandlung. Der Holzmarkt in der Stadt, links im Vordergründe ein Eckhaus mit der Tafel Holzplatz, daran ein Laternen-Pfahl, das r. Haus daneben Haserls Wohnhaus Nr. 34, dessen Fenster im 1. Stock beleuchtet find; vi -ü-vis eine Wachstube, vor derselben ein Schilderhaus und ein Wachposten, dieser geht aber immer in die Coulisse auf und ab. Es ist Nacht und Regenwetter). Achte Scene. Zwei Gewölbwächter (mit Pelz und Horn treten auf). Erster Gewölbwächter. Das iS a nit in der Ordnung, daß wir 3 « > i in so an Malefizwetter auf Ordnung schauen sollen. Zweiter Gewölbwächter. DaS verstehst Du nit — grad daS Wetter iS daS Gefährlichste, denn wenn Niemand auf der Gassen geht, da haben die Diebe die schönste Gelegenheit. Erster Gewölbwäckter. Na, wie's Du glaubst, aber verflucht iS, so im Regen die ganze Nacht umz'geh'n, nit amal in a Wirthshaus kann man geh n, no ja, denn wenn'S uns seh'n, so schenken'S nix mehr ein und sperren zu! -teunte Gerne. Mischler. Leni. Trummler. Peppi und die übrigen Hochzeitsgäste (mit aufgehobenen Röcken, aufgestülpten Hosen, Tücher über die Hüte gebunden, Einige mit Paraplui's, treten auf). Mischler (noch in der Scene). Nur mir nach, meine Kinder, nur mir nach — (tritt auf.) Obacht! da is «Lacken, (springt darüber, der ganze Zug folgt seinem Beispiele). Einige aus der Gesellschaft. Das is a schöne Verlobungsfeier, i dank. Leni. Vater! wo is denn mein Bräutigam? Mischler. Den haben wir verloren, wie wir sein im Wirthshaus 'naus- g'worfen worden, der kommt morgen ins Bulletin, aber mach' Dir nix drauS, sie bringen ihn schon wieder z'ruck! Leni. Abermüd bin i, das kann i gar nit sagen. Peppi. Und i erst, das ist aus der Weis. Leni. Warum hat denn der Vater die Wägen fortg'schickt ? Mischler. Na, bist Dir nit gnur umma kutschirt heut den ganzen Tag? — und dann glaubst Du, i will Dein' ganze Aussteuer auf Fiaker ausgeb'n, ich Hab' eh schon a hundert Gulden zahlen müssen. P e p p i. Aber wo sein wir denn eigentlich? Mischler. DaS was i selber nit, so viel i siech, is das a Platz, jetzt fragt sich's nur, ob's der Platz iS, wo der Bräutigam wohnt. Peppi. Za, wenn nur wer da war', den man fragen könnt'. Aber eS is Nie- mand z'seh'n, nit a mal a Rastelbinder, oder sonst ein Herr! Mischler. Wart, i wir's glei hab'n. (er läutet an einer Glocke.) Leni. Aber Vater, was machen's denn?! Mischler. Draußt am Land heißt'S immer, daß die Leut' in der Stadt sehr freundlich und zuvorkommend sein, i werd' halt fragen. Ein Herr (mit hoher Nachtmütze und Nachtjacke erscheint am Fenster). WaS gibt's denn, wer läutet an meiner Glocke? Mischler (ruft hinauf). Sie, ha- ben's die Güte, können'S mir nicht sagen, wo der Holzmarkt is. Ein Herr (wüthend). Impertinenter Kerl, einen aus dem Bett zu locken, man kann den schönsten Rheumatismus kriegen, das ist eine Znfanne! eine Pöbelhaftigkeit, da hast Du eins dafür (schüttet eine Kanne Wasser herab. — Mischler weicht aus und Trummler wird damit übergossen.) Trummler. O! sackerlot! ich bin unter die Rinnen kommen (wischt sich ab). Mischler. Oh! recht herablassend, daS muß man sagen. Sie überschütten einem ordentlich mit Freundlichkeit in der Stadt. Peppi (ist indeß an den Laternenpfahl hinaufgeklertert und liest die Aufschrift). Holz — markt! — (sich herablassend). DaS ist schon der Holzmarkt, Herr Vetter! Einer aus der Gesellschaft. 3 * SS Und da is Nr. 34, dem Herrn von Haserl fein HauS. Mischler. No also, Gott sei Dank, daß wir a Mal da sein (geht an die Khür), a sakerlot! da iS wieder ka Glocken, das is do zum Teufel hol'n. Peppi. Zn sein' Zimmer iS Licht'- Mischler. Licht? meiner Ser — ah er wird früher z'HauS kommen sein. (>M) He da! Haserl! Ha — serl, er hört nit (ruft noch ein Mal) Haserl, Schwiegersohn! Alle. Haserl, Herr Haserl!! Zehnte Scene. Vorige. Fritz. Fritz (kommt au« dem SeitengLßchen rechts). WaS is denn da für a Menge Menschen vor unserm Haus? (laut.) Heda, was gibt'S denn? Mischler (erkennt ihn). Ah! daS iS ja sein Bedienter — heda! — komm her da! Du bist auch so a Spitzbub wie Dein Herr. Peppi (zugleich mit Mischler. Spricht immer dazwischen). Wo iS denn Dein Herr? Fritz. Ah! das sind ja die Hoch- zeitSgäste von meinem gnädigen Herrn. Mein Herr, haben Sie meinen Herrn nit g'sehn? Mischler. Hast Du meinen Lumpen von Schwiegersohn g'seh'n? Peppi (wie oben). Hast Du Dein' Herrn g'seh'n? Fritz. Zch such' ihn selber schon überall. Mischler. Wir brauchen ihn nicht (zu Peppi, der wieder drein reden will). Halt's Maul, Esel, wann ohnehin Einer red't (spricht weiter). MachenS das Thor auf. Fritz. O! i bitt', das darf i nit, die Dame iß ja no oben. Mischler. Eine Dame? Alle. Eine Dame?! Mischler. Was für a Dame? Fritz. No die Dame» die schon seit heut in der Frub bei uns iS. Mischler. Genug, oder eigentlich zu viel, also mein Schwiegersohn iS so a sauberS Wutzerl, während ich, seine Braut, die ganze Gesellschaft, seit 13 Stunden umakutschiren, daß wir zu kan Athem kommen, hat er ein Frauenzimmer bei sich versteckt!! der Wüstling!! der Türk! der Serailist — der! Leni. Vater! — i fall' in Ohn- macht. Mischler. No sei so gut, wart' bis wir z'Haus sein, ruinire Dir Dein neues Kleid in dem Schmutz, Du reine Unschuld, hat 83 Gulden kost't, Dein Kleid. Leni (bricht in LhrLnen aus). Nein, das is abscheuli! de Schand — de Schand! Mischler. Hör' mir zu weinen auf. Du weißt, i kann das Wasser nit leiden. Leni (schluchzend). Der Vater hat leicht reden, das iS ka Klanigkeit. Mischler. Man muß sich trösten, schau mich an, i war auch gleich ge- tröst't, wie mir Deine alte Mutter g'storben is. (zu den Uebrigen.) Aber wißt's, waS wir thun; wir wollen von dem niederträchtigen Menschen nirmehr wissen und fahren zu und zu HauS. Alle. Za, ja, fahren wir z'HauS! Leni.Aber Vater, meinen Geschmuck und meine Präsenten will i ihm nit lassen, die nehmen wir mit! Mischler (gerührt). Tochter! daS sind die Worte eines Weibes, das auf Ordnung schaut. Gott! was wärst Du für eine tüchtige Hausfrau wor'n! (zu Fritz) Allez!! Schau, daß d'in Schwung kommst, Livreekopf, und bring unS Alles herunter. Fritz (zögernd). Aber, Herr Mischler. — Mischler. No wart, vielleicht misch i Dich auf, wannst nicht gleich 87 gehst, und die Sachen herunterholst, (er drängt ihn in da» Haus hinein.) Gtlfte Gerne. Vorige, ohne Fritz, dannLhomaS. Leni. O Gott! o Gott! i wollt, i wär' lieber gar nit in d*Stadt herein- kummen. ThomaS (kommt hereingelaufen). Luft! Luft! Luft! Alle. Der Haserl. Thomas. Was seh' ich, meine Hochzeilsgäste? (wankend) Schwiegerpapa, stützen Sie mich! Mischler (ihn zurückstoßend). Zurück, mit uns is'S aus. Thomas (aufhorchend). Still — seid'S still. Misch! er. WaS? ich soll stillsein, wenn Sie so himmelschreiende Stück machen? Thomas (wie oben). Aber so halt's doch a Bissel 's Maul. Mischler (für sich). Ah! ich soll das Maul halten?! (zu Thomas). Mein Vaterherz schreiet um Rache und ich soll'S Maul halten?! Thomas. Gott sei Dank, er ist ziemlich weit z'ruck, wir haben noch so viel Zeit, ein Blutbad zu verhüthen! Alle. Ein Blutbad.'? Lrummler. Wo sollen wir uns baden? Zwölfte Gerne. Vorige. Fritz (mit den Paketen und der Hutschachtel). Fritz (stellt die Sachen nieder). So! da iS Alles, was ich g'funden Hab'! Thomas (erstauM). Was macht denn der Kerl da? — — Mischler (zu den Ladern). Freun- derln, a jeder von uns nimmt a Stücke! und nachher halten wir unfern Auszug! Thomas, Was bedeutet denn das -das sein ja die Geschenk von meiner Braut? (will auf Leni zu) Leni! Mischler. Zurück, Du hast kein Recht mehr auf sie, ich nehm' sie mit, - sammt der andern Bagage, wieder zu mir auf's Land hinaus! kommt'S, Freunde! Thomas. No war' nit übel, was fallt Euch denn ein, die Leni g'hört mein und die Sachen auch (er erfaßt die Hutschachtel, welche Mischler hält). Mischler (will sie ihm entreißen). Ob'st auölaßt, Du Zweiweiberer, Du Türk im modernen Kostüm! Jedes Band zwischen uns ist zerrissen (in diesem Augenblicke reißt die Schnur der Hutschachtel, der untere Lheil der Schachtel, in welcher der Hut ist, bleibt in seiner Hand, Thomas hält den Deckel). Trummler (der bisher auf einem Eckstein gesessen und zugesehen hatte, kommt nun herbei). He! he! gebt'S Obacht — (hebt die Schachtel auf). Da iS der echte Florentiner drin. Thomas (aufschreiend). Florentiner? wer redt' denn was von einem Florentiner, i schlag' ihn nieder! Trummler (nimmt den Hut heraus). Es ist mein Brautgeschenk, i Hab' ihn ertra aus Florenz verschrieben, hat 80 fl. C. M. kost't. Thomas (entreißt ihm den Hut und vergleicht sein Stückchen, welches er herauszieht, damit). Meiner Sev, eS iS wirklich a Florentiner, und ganz der nämliche noch dazu, sogar die Coque- liquou sein darauf, o, ich Esel! (außer sich vor Freude.) Vivat, Florenz! (gibt den Hut wieder in die Schachtel). Alle. Er ist ein Narr! Thomas. Vivat, Trummler — Vivat Mischler — Vivat Leni — Vivat die ganze Welt, (er umarmt in seiner vollen Freude Einen nach dem Andern.) Mi schle r (für sich, während des Umarmen»). Ein Hut um 80 fl., den sollst du nicht haben. (Nimmt ihn au» der 38 Schachtel heraus und deckt den Deckel wieder darauf.) Thomas (der es nicht gesehen, nimmt nun die Schachtel und hebt sie in die Höhe). So muß dem Kolumbus zu Mutb gewesen sein, wie er den ersten Baum von Amerika g'seh'n hat. Vivat! jetzt iS Alles gerettet! wart'S nur einen Augenblick, i setz nur der Madame da oben den Hut- auf, dann komm i wieder zurück, und hernach soll's erst ein Leben werde! Juhe! (eilt ab ins Haus.) Dreizehnte Seme. Vorige, ohne Thomas. Patro uil- leführer. Mischler. 'S is kein Zweifel mehr, der Kerl ist überg'schnappt, schau'n wir jetzt, daß wir fortkommen, bevor er wieder herunter kommt, sonst haben wir noch Keierei mit.ihm (wollen ab, begegnen der Patrouille.) Patrouilleführer. Halt! wer da? Mi schler. Gut Freund! Patrouilleführer. Was machen Sie da mit den Bündeln und Paketen? Misch! er. Wir ziehen aus, Herr Korporal! Patrouilleführer. Jetzt, um diese Zeit? Mischler. Erlauben Sie, meine liebste, beste Patrouille — ich — Patrouilleführer (bei Seite). Das kommt mir verdächtig vor (laut). Können Sie sich auSweisen? Mischler. Was auSweisen? Warum nit gar, i g'hör' ins Land, ich bin ein gutg'sinnter Staatsbürger. Patrouilleführer. So — wo haben Sie denn Zhre Papiere? Mischler. Papiere? ich Hab keine Papiere, ich brauch' keine Papiere, ich geb' mich mit keinen Papieren ab, mir sein verroste Zwanziger lieber als das schönste Papier. Patrouilleführer. Dann muß ich Sie ersuchen, mir auf die Wach- stube zu folgen — der Herr Lieutenant — Mischler Wachstub'n? no, war nit übel, daß uns no einsperrten. Patrouilleführer. Nur nicht viel G'schichten g'macht (zu der Patrouille.) Arretirt! Mis chler» (indem er mit den Uebri- gen-von der Patrouille arretirt und auf die Wachstube geführt wird, plötzlich sehr artig). Z bitt! machenS Ihnen keine Ungelegenheit, wir finden schon allein hin. Sie sind wirklich zu besorgt um unsere Sicherheit. (Auch Fritz wird arretirt. Alle ab.) Vierzehnte Scene. Schön, hierauf Thomas und Marie, zuletzt Fu chtig. Schön (tritt auf). Verdammte Situation, ich bin die ganze Stadt durchgelaufen, habe alle Putzmacherinnen mit Sturm eingenommen, aber nirgends lachte mir ein Florentiner alS Trophäe entgegen. Herr Haserl wird wohl auch nicht glücklicher gewesen sein, arme Marie! Ich will nur sehen (wendet sich gegen die Thür des Hauses.) Marie (von Innen). Ach! geben Sie mir den Hut, ich beschwöre Sie. Thomas (eben so). Kommen's nur z'erst herunter, denn wir sind keinen Augenblick sicher, daß uns der Herr Fuchtig nicht überrascht. Schön (tritt zurück). Was hör' ich. Thomas (wie oben). Und wann er Ihnen da find't, so sein wir trotz den g'fundenen Hut verloren. (Marie und Thomas treten aus dem Hause. Schön eilt auf sie zu.) Schön. Sie haben den Hut, Gott sei Dank, gebe» Sie — geben Sie schnell! M arie (zugleich). Geben Sie. Geben Sie! (Schön und Marie öffnen zu gleicher Zeit die Hutschachtel, stoßen mit Thomas zugleich einen Schrei des Entsetzens aus). 39 Thomas, Schön, Marie (auf- schreiend). Ah! Marie. Ach! gerechter Gott.!^ Schön. Die Schachtel ist!^ leer! j § Thomas (die Schachtel stürzend und wendend). Daß ist nit möglich, das kann ja nit sein. Schön. Tod und Teufel, Herr, ich glaube Sie wollen uns — Thomas. Ich kann Sie versichern, mein bester Lieutenant, daß der Hut da drin war, ich bab' ihn mit eigenhändigen Augen gesehen, (plötzlich von einem Gedanken ergriffen.) Ah! ich hab's. Schön. Marie. Was haben Sie? Thomas. Den Dieb- den Räuber! kein Anderer, als mein dalketer Schwie- gerpapa ist eS! Wo ist er denn? Marie und Schön (zugleich). Wo ist er? Schön. Damit ich ihm das Genick breche! Thomas. Za, wenn ich das selber wüßt' (zu dem Posten, der jetzt eben sichtbar wird). Sie, sein Sie so gut, haben Sie nit an dicken Herrn mit einer ganzen Gesellschaft g'seh'n? Posten. Ja. Thomas. Wo sein'S denn hingangen ? Posten. Auf die Wachstub'n. (geht wieder, wie oben). Thomas. Auf d'Wachstuben, das vergunn ich Ihnen, aber wie kriegen wir den Hut? Schön- Das werde ich schon machen, der wachhabende Offizier ist von meinem Regiments, (ab in die Wachstube.) Marie (für sich). O Gott! Du strafst mich schwer für meinen Leichtsinn! Fuchtig (von Innen). Halt, Kutscher , halt, ich steige aus! Marie. Himmel! mein Mann! Thomas (zugleich). Um alles in der Welt, der Othello! er hat einen Wagen genommen! — Marie. Ich verberge mich bei Ihnen. Thomas (hält sie zurück). Grad bei mir sucht er Ihnen, das wäre g'fehlt. Marie. Aber was beginnen?! — — er ist schon da! Thomas (schiebt sie in das Schilderhaus). G'schwind da hinein! Noth bricht Eisen, (für sich, indem er vorgeht). Das nennen die Leut einen Verlobungstag, g'horsamer Diener! Fuchtig (tritt hastig auf). Ah! da sind Sie ja, mein Herr, warum haben Sie mich denn nicht erwartet, warum sind Sie voraus geeilt? Thomas (den Gleichgültigen und Unbefangenen spielend). Ich! ich Hab' — nur a Cigarren g'kauft — (zieht die Sigarre heraus nnd steckt sie in den Mund). Können Sie mir vielleicht Feuer geben? Fuchtig. Feuer geben? Za, mein Herr, deßhalb bin ich da — ich werde Feuer geben, kurioS Feuer geben. Oeff- nen Sie mir Ihr Quartier, und wenn ich die Elende dort finde, dann beleuchtet die morgige Sonne 4 Leichen. Thomas. O bitt, strapaziren Sie sich nicht. Fuchtig (im höchsten Zorne). Halten Sie's Maul, und sagen Sie mir, wo Ihr Quartier ist? Thomas. Nur da hinauf, im ersten Stock, die Thür rechts. Fuchtig. (indem er sich zum Abgrhen wendet). Da ist also das Höllennest, da drin steckt die Natterbrut, na freut Euch, (zu Thomas.) Sie erwarten mich hier, mein Herr! — wenn ich zurückkomme und Sie nicht finde — so erschieß' ich Sie! merken Sie sich das. (stürzt ab.) Fünfzehnte Scene. Marie, hierauf Schön am Fenster de» Wachpostens, zuletzt Fuchtig. Thomas. Daö ist ein fürchterlicher Mensch! 40 Marie (kommt vor). Ach! ich zittere an allen Gliedern, waS beginnen? ich sterbe vor Angst. Thomas (selbst den Kopf verlierend). Beruhigen Sie sich, meine Gnädige, ich hoff', er wird sie da oben nicht finden. (das Fenster im ersten Stock der Wachstube öffnet fich.) Schön (erscheint an demselben). Schnell! schnell! Da ist der Hut! Marie. Gott sei Dank! Thomas. G'schwind! g'schwind, der süchtige Fuchtig ist da, werfen's den Hut nur g'schwind herunter! Schön (wirft den Hut herab, dieser bteibt an einer Laterne ohne Pfahl hängen.) Schön und Marie. O weh! Thomas. Sackerlot. Wie kann man aber auch so ungeschickt sein. Was seh' ich? (er springt mit einem Paraplui, welches Einer der Gesellschaft fallen ließ, darnach , um ihn herab zu bekommen.) Fuchtig (von Innen). Himmel! Donnerwetter! (man hört ihn die Stiege herabfallen.) Marie. Mein Mann kommt! (verbirgt sich hinter dem Schilderhause.) Thomas. Wann er den Hut sieht — (plötzlich von einem Gedanken befallen, spannt sein Paraplui auf und eilt ihm entgegen). Fuchtig (auftretend). Der Teufel hole Ihre Treppe, man könnte Arm und Bein brechen. Thomas (indem er das Paraplui über ihn hält, um ihn so zu verhüten, den hängenden Hut zu bemerken, den Glekchgilti- gen, Unbefangenen spielend). Na, mein liebster Herr von Fuchtig, haben Sie waS g'funden in meinem Quartier? Fuchtig (etwas herabgestimmt). Nein, aber ich werde die Elende — Thomas (wie oben, indem er seinen Arm erfaßt, und ihn in sich eknhängt). Ruhig, mein liebster bester Herr von Fuchtig, nicht so aufbrausend, mehr kaltes Blut. Fuchtig. Aber weßhalb spannen Sie denn das Parapluie auf, eS regnet ja nicht (will nachsehen). Thomas (bedeckt ihn auf's neue und parirt, um die rückwärtige Scene zu verdecken). Schön (ist nämlich aus der Wachstube herausgeschlichen, hat eine Leiter angesetzt und holt den Hut herab, welchen er dann Marien aufsetzt). Thomas. Nein, aber der Mond scheint so hell, und i Hab' mir sagen lassen, das soll sehr ungesund sein, man kann leicht mondsüchtig werden. Fuchtig (will sich losmachen). Herr, Sie sind em Narr und ein Spitzbube noch oben drein, denn Sie haben die Dame, welche in Ihrem Quartier war, entwischen lassen, bevor ich mich überzeugt, ob es meine Frau ist. Thomas (verdeckt ihn immer, wie oben). Wenn ich Ihnen aber sag' — Fuchtig. Herr! lassen Sie mich los. Thomas. Net um a Gsschloß! Fuchtig. Herr! sehen Sie denn nicht, daß ich in größter Wuth bin? Thomas. G'rad deßtwegen häng' ich mich als Vice-Maulkorb an Ihnen. Fuchtig. Herr! scheeren Sie sich zum Teufel, oder ich schrei um Hülfe (ruft laut.) Zu Hüls'! Wache! Patrouille! Sechzehnte Seene. (Er ringt mit Thomas. Eine Menge Nachbarn kommen an Fenster und Lhüren mit Lichter und Laternen). Was gibt's denn? was iS das für ein Lärm? (Lie Wache tritt heraus. Mischler und die Uebrizen werden herausgelassen. Marke hat indessen den Hut aufgesetzt, und im Augenblick, wo Thomas das Parapluie fallen läßt, steht sie vor Fuchtig.) Fuchtig (fährt zurück). Meine Frau! Marie. Ach! findeich Sie endlich, mein Herr. Fuchtig (erstaunt). Meine Frau!!! 41 Marie. Ist das eine Aufführung. Fu ch tig (für sich). Sie hat den Hut. Marie. Sie laufen auf den Straßen herum und zu der Stunde! Fuchtig (zu Thomas). Es ist ihr Florentiner! Thomas (zu Fuchtig). Mit sammt die Coqueliquou. Marie. Mich allein nach Hause gehen zu lassen um Mitternacht, wo ich Sie bereits seit heute Morgen bei meiner Cousine Therese erwartete. ThomaS (leise zu Fuchtig). No also, sehen Sie, daß Sie Unrecht g'habt hab'n, jetzt gehn's hin, und bitten Sie um Verzeihung. Fuchtig. Ich kenn' mich auf Ehre nicht aus. Thomas. Danken Sie Gott. Fuchtig. Was sagen Sie? Th oma s.Jch sag',danken SieGott, daß Ihre Frau so gütig ist, Sie nicht mehr auszuzanken. Fuchtig (spricht leise mit Thomas). Schön (leise zu Marie). Leben Sie wohl, Cousine, morgen früh reise ich ab, wir sehen uns nie wieder! (Ab.) Fuchtig (bietet Marie den Arm). Komm', Marie, ich werde Dir die ganze G'schichte erzählen, jetzt, wo sie mich nichts angeht, muß ich erst recht herzlich drüber lachen (zu den uebrigen) Gute Nacht, (im Abgehen mit Marie) Also stelle Dir vor — (verschwindet in die Coulisse). Marie (wirft Thomas einen dankbaren Blick des Einverständnisses zu). Mi schler. An mein Herz, Schwiegersohn, der Fritz hat mir Alles g'sagt. Und Du, Leni, merk' Dir die G'schicht, wenn Du einmal unter der Hauben bist, schaff' Dir keinen Strohhut an, Du hast schon ein Beispiel g'seh'n. Leni. Gewiß nit, lieber Vater. Mischler (gibt ihre Hände zusammen). Ich bin versöhnt. Da habt'S Euch und seid's glücklich. Alle. Vivat das Brautpaar. Der Vorhang fällt. Wien 18L4. Druck und Verlag von I. B. Wallisbausser. In demselben Der läge sind erschienen: Grillparzer, F., Die Ahnfrau. Trauerst), in 5 A. 6. Ausl. gr. 8.1844.1 Thlr. od. 1 fl.30 kr. — Sa pp ho. Trauerst), in 5 Akten. 3. Aufl. gr. 8. 1822. 26 Sgr. oder 1 fl. — Das goldene Vließ. Dramat. Gedicht in 3 Abtheilungen, gr. 8. 1822. Druckp. geh. 1 Thlr. 25 Sgr. oder 2 fl. — Schreibp. 2 Thlr. 15 Sgr. oder geb. 3 fl. — König Ottokar's Glück und Ende. Trauersp. in 5 Aufz. 2. Aufl. gr. 8. 1852. 1 Thlr. 24 Sgr. oder 2 fl. — Ein treuer Diener seines Herrn. Trauerst), in 5 A. gr. 8. Druckp. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. —Velinp. 1 Thlr. 15 Sgr. od. 2 fl. — Der Traum ein Leben. Dramat. Märchen in 4 Akt. gr. 8. geh. 1840.1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. f. Ausg. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Weh' dem der lügt! Lustsp. in 5 Akt. gr. 8. geh. 1840. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. feine Ausg. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Des Meeres und der Liebe Wellen. Trauerst, in 5A. gr. 8. geh. 1840.1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. f. Ausg 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Melusina. Romantische Oper in 5 Akt. Musik von Kreutzer. 1833. 8. 15 Sgr. oder 48 kr. feine AuSg. 20 Sgr. oder 1 fl. Um den Ankauf sämmtlichcr Stücke von Grillparzer zu erleichtern, ist der Verkaufspreis auf einige Zeit, bei Abnahme auf Einmal gestellt: 8 Thlr. statt 10 Thlr. und 10 fl. statt 13 fl. 18 kr. Keldmann, L.,deu tsche Original-Lustspiele. 8. I.—VI. Band. Inhalt: I. Bd. 1845: Sohn auf Reisen. — Die Kirschen. — Das Porträt der Geliebten. — Die freie Wahl. — Die schöne Athenienserin. II. Bd. 1847: Der Pascha und sein Sohn. — Ein Freundschafts-Bündniß. — Ursprung des Korbgebcns. — Eine unglückliche Physiognomie. — Drei Candidaten. III. Bd. 1849: Ein höflicher Mann. — Der dreißigste November. — Ein Mädchen vom Theater. — Baron Beisele und sein Hofmeister Doktor Ei- sele in München. — Der Lebensretter. IV. Bd. - 1849: Der Rechnungsrath und seine Töchter. — Der deutsche Michel, oder: Familien-Nn- ruhen. — Kern und Schale. — Ahnenstolz in der Klemme. — Bekenntnisse eines Brautpaares. — DaS Narrenhaus. —V. Bd. 1851: Faustin I., Kaiser von Haiti. — Ein altes Herz — Die beiden Kapellmeister. — Das Gastmahl zn Luxenhain. — Der neue Robinson, oder das goldene Deutschland. VI. Bd. 1852: Die beiden Faßbinder, oder Reflexionen und Aufmerksamkeiten. —DieSchicksalsbrüder. — Die Industrie-Ausstellung, oder Reise- Abenteuer in London. — List und Dummheit. Preis eines jeden Bandes S Thlr. oder 2 fl. 48 kr. Weisse n t h u rn, Joh. Franul v., neueste Schauspiele. 11. Band, oder neuer Folge 3. Band. Enthält: das letzte Mittel, Lustspiel in 4 Akten. — Der Traum. Lustsp. in 1 Akt. — Die Reise nach Amerika. Schauspiel in 1 Akt. — Die Engländerin. Lustspiel in 1 Akt. gr. 8. 1826. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Desgleichen 12. Band, oder neuer Folge 4. Band. Enthält: Die Pklgerin. Lustsp. in 4 Akten. — Die Burg Gölding, rom. Schausp. in 5 Akten. — So lohnt sich Kunst, Vorspiel zum 4. Oktober, gr. 8.1829. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Desgleichen 13. Band, oder neuer Folge 5. Band. Enthält: Das Manuscript, Lustsp. in 5 Akten. — Pauline, Schausp. in 5 Akten, gr. 8. 1832. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Desgleichen 14. Band, oder neuer Folge 6. Band. Enthält: Des Malers Meisterstück, Lustsp. in 2 Akten. — Der erste Schritt, Lustsp. in 4 Akten. — Der Brautschleier, Lustsp. in 1 Akt. — Die Geprüften Lustsp. in 5 Akten, gr. 8. 1836. 1 Thlr. 22'/r Sgr. oder 2 fl. 20 kr. — Desgleichen 15 . Band, oder neuer Folge 7. Band. (Nachgelassene Schauspiele. Herausg. von Carl Engelbrecht. 1. Band ) Enthält: Die Fremde, Schausp. in 3 Akten. — Die stille Braut. Alpensage in 1 Akt. — Ein Mann hilft dem Andern. Lustsp. in 1 Akt. — Alles aus Freundschaft. Lustsp. in 1 Akt. — Sie Hilst sich selbst. Lustsp. in 4 Akten, gr. 8. 1848. 1 Thlr. 24 Sgr. oder 2 fl. 40 kr. — Die Bestürmung von Smolensk. Romantisches Schauspiel in 4 Akten, gr. 8. 1833. 18^ Sgr. oder 48 kr. — Die Ehescheuen. Lustsp. in 1 Akt. gr. 8. geh. 1833. 7'/r Sgr. oder 24 kr. — Die beschämte Eifersucht. Lustspiel in 3 A. gr. 8. geh. 1833. io Sgr. oder 30 kr. — Die Erben. Lustsp. in 1 Akt. gr. 8. 20 Sgr. oder 1 fl. — Das Mißverständnis Lustsp. in 1 A. gr. 8. 1833. geh. 8 Sgr. oder 24 kr. — Die Radicalcur. Lustsp. in 3 Akt. gr. 8. 1833. 12 Sgr. oder 36 kr. — Die Versöhnung. Lchausp. in 3 A. N. d. Franz, gr. 8.1833.12 Sgr. od. 36 kr. — Der Wald bei Hermannstadt. Rom. Schausp. in 4 A. Nach dem Franz, gr. 8. 1833. 16 Sgr. oder 48 kr. Castelli, I. F.. dramatisches Sträuß- . chen. 1 — 20ster Jahrgang. 1809, 1817 — 1831. 16. gebunden, jeder Jahrgang 1 Thlr. 15 Sgr. oder 1 fl. 48 kr. Ei« «tier Mo«tt Christo. Vriginal-Characterbild mit Gesang in drei Acten, von Friedrich Kaiser. Aufgeführt im k. k. priv. Carl-Theater in der Leopoldstadt. Persone nr Herr von Goldsmith, ein Großhändler ans London. Dr. Brown, sein Hausarzt. Mstr. Blakswhyt, sein Sekretär. Malbourn, ein Kourier. Jak, Goldsmith'S Diener. Hol lau, Großhändler. Anna, seine Tochter. Lieschen, deren Stubenmädchen. Liebste in, Banquier. Moritz Hartberg, Handelsagent. Krapmann. Maler. Waidberg, Privatier. Anselm, Todtengräber. Frau Margaretha, Gärtner-Witwe. Suschen, deren Tochter. Sebastian Grünling, Gärtner. Michel. , Max. s Gärtnerbursche. Fritz. r K-fp--. sN»»' Angioletta, Tänzerin. Ein Unbekannter. Dienerschaft. Masken rc. rc. Zwischen dem 1. und 8. Acte ist ein Zwischenraum von 2 Monaten, zwischen dem 2. und 3. Acte ist ein Jahr verflossen. Erster Art. iFlur in Hollau's Haus, welches drei Viertheile des inneren Raumes des ganzen Gebäudes darstellt. Die Mittelfronte bildet ein Theil des Gebäudes, dessen Erdgeschoß eine Säulenhalle einnimmt, zwischen der zweiten Säulenreihe befinden sich hohe Glasthüren, welche die Aussicht ins Freie gewähren. Die erste Etage ober der Säulenhalle weist eine Reihe von dicht an- «nander angebrachten Fenstern, durch deren Seidenvorhänge man, obwohl auf der Bühne noch volles Taglicht herrscht, die reiche Beleuchtung des Saales sieht. Vom Hintergründe nach vorne zu, zieht sich zu jeder Seite ein Flügel des Gebäude-, in jedem derselben, mehr im Wiener Theater-Repertoir. XXXVI. Vordergründe, der Aufgang zu breiten Treppen, deren Stufen mit Teppichen belegt und reich mit Blumen verziert find. In der Mitte de- Flurs eine mit Blumen umgebene allegorische Statue.) Erste Seerre. (Diener in reicher Livree eilen theil- mit Stücken von Lafelservice, Bouteillen und dergleichen von einer Treppe herab, theil- mit Tragen von Speisen und Weinen über die andere Treppe hinauf, während dessen man vom ersten beleuchteten Stockwerke im Frontgebäude folgenden Ehor herab- 1 2 hört, dessen Schluß mit Trompeten und Pauken begleitet ist). Chor. Laßt die Gläser neu erklingen, Laßt ein frohes Lied uns singen, Das ertöne weit und laut. Hoch der Liebe süße Stunden, Hoch, wen innig sie verbunden, Hoch leb' Bräutigam und Braut. Zweite Scene. Liebstein. Krapmann. Waidberg (sämmtlich in den elegantesten Festkleidern , Blumensträußchen in den Knopflöchern, kommen von der Treppe herab). Liebstein (sich mit dem Sacktuche Luft zufächelnd). Luft, nur Luft! hat das eine Hitze in dem Saale droben, die vielen Lichter, die Masse Gäste. Krapmann. Die schönen Damen — Waidberg. Und die herrlichen Weine. Von diesem Verlobungsschmause kann man wirklich sagen, er ist, als ob Lucullus bei LuculluS speiste. Liebstein. Kommen Sie mir da nicht mit dem Lucullus — was ist Lucullus gegen den Geber des heutigen Festes — gegen Herrn von Goldsmitb? Herr von Goldsmith steckt drei Lucu- lusse in die Tasche, und hat noch immer Raum darin für einen kleinen CrosuS. Krapmann. Wie doch ein Mensch zu einem so ungeheuren Vermögen kommen kann? Liebstein. Wie ist er dazu gekommen? Auf die leichteste Weise von der Welt. Er ist geboren worden. Das nenn' ich doch einmal einen Mann, den man mit Recht wohlgeboren heißen kann. Krapmann. Also war sein Vater schon im Besitze des Vermögens? Waidberg. Cr ist'S eigentlich noch. Krapmann. Wie? lebt sein Vater noch? Waidberg. Lebt, und lebt nicht, wie man'S nehmen will. Liebstein. Hm, ich habe gehört so eine Munkelei, sagen Sie mir, Herr von Waidberg, wissen Sie etwas Genaueres von der Geschichte? Waidberg Ich weiß die Sache so genau, daß mich fast jedes Mal ein Grauen erfaßt, wenn ich diesen Herrn von Goldsmith in seinem Ueber- flusse schwelgen sehe. Krapmann. Erzählen Sie doch. Waidberg. Ich weiß eS von Gold- smith's altem Buchhalter. Hören Sie also: Goldsmith's Vater war einst ein ganz niederer Krämer in London. Liebstein. Derlei soll'ö in England unter den ansehnlichsten Leuten geben. * Waidberg. Doch war er sehr in- dustriös, schlau und herzlos intriguant, ihn beirrte es nicht, wenn er andere Handelshäuser zu Grunde richtete, wenn nur er seinen Vortheil dabei fand. Lieb stein. Echt englisch. Waidberg. So arbeitete er sich gleichsam auf den Ruinen fremder Glückstempel zur Höhe eines der bedeutendsten Großhändler empor. Doch selbst dann, als er bereits im Besitze von Millionen war, beherrschte ihn sein Geiz so sehr, daß er fast so ärmlich wie ein Bettler lebte. Diese Leidenschaft, dieser unersättliche Durst nach Besitz, verwirrte zuletzt seinen Geist, und — eines TageS, als ihm der glückliche Ausgang einer Spekulation gemeldet wurde, welche sein ohnehin ungeheures Vermögen noch verdoppelte, fiel er aus Freude in vollkommenen Wahnsinn. Krapmann. In Wahnsinn? — fürchterliche Strafe des Himmels! Waidberg. Man brachte ihn in eine Irrenanstalt — die Aerzte erklärten seine Geisteszerrüttung für unheil- 3 bar, und so wurde sein einziger Sohn als Vorstand des Großhandlungshauses eingesetzt. Liebstein. Nun, Gott sei Dank, er hat Alles geerbt von seinem Vater, aber den Geiz hat er nicht geerbt. Straf' mich Gott, er weiß zu genießen sein Vermögen, und läßt auch genießen > seine Freunde. W a i d b e r g. Freunde? Hat der ^ Freunde? Will er sie haben? nein! dann müßte er die Menschen erst a ch- ten können — und das kann er nicht — oh, ich habe diesen herzlosen Geld- aristokraten durchblickt. Liebstein. He, he, he! Das ist doch wahrhaftig göttlich — wir sind seine Gaste, und den ersten Augenblick, den wir ungestört zubringen, benützen wir, den Festgeber weidlich klein zu machen. Waidberg. Ich verhehle es nicht, ich Haffe ihn, und wer, wie ich, Zeuge des letzten Auftrittes war, muß ihn Haffen. Liebstein. Auftritt? welcher Auftritt? Waidberg. Er gab ein großes Diner im ersten Hotel der Stadt, und als zum Schluffe die Toaste ausgebracht wurden, hob Einer der Geladenen sein GlaS auf und rief: Auf die Erfüllung Ihres heißesten Wunsches. Lieb stein. Nun — und er? Waidberg. Und Herr von Goldsmith rief mit einem Lächeln, das mein Gebein kalt zusammenschauern machte: Dann trinken Sie auf ein baldiges se- - ligeS Ende meines Vaters, denn bei j Gott! ich habe sonst nichts mehr zu i wünschen, denn dann erst bin ich voll- ^ kommen Herr meines Vermögens. Liebstein. Hm, mein Himmel, wenn doch der Alte unrettbar wahnsinnig ist — Waidberg (sieht ihn verächtlich an). O ja, ich weiß, eS gibt Leute, die bei Reichen Alles begreiflich, Alles verzeihlich finden, die sich glücklich schätzen, zu den Füßen eines solchen Menschen im Staube zu kriechen, wenn sie nur dafür gefüttert werden. Liebstein (etwas verlegen). Hm, hm ^ ich denke — wir haben uns ab- gekühlt genug — man könnte uns bei der Gesellschaft vermissen (einen Diener erblickend, welcher mit einer Tasse Eis die Treppe hinangeht) — und eben wird Gefrornes gebracht — Herr Krapmann, gehen wir wieder hinauf (hängt sich in Krapmann's Arm und geht wieder die Treppe hinauf). Waidberg. Bei Gott, man muß fast den Reichen ihre Menschenverachtung verzeihen, wenn man sieht, wie sich die Menschen in ihrer Umgebung bemühen, sich selbst verächtlich zu zeigen. (folgt ihnen.) Dritte Seene. Sebastian Grünling (kommt aus einer Thür zu ebener Erde, einen Myrthen- kranz in der Hand tragend). Gewiß, ein Gärtner hat alle Ur- sach, auf sein G'schäft stolz zu sein, denn das G'schäft hat unser Herrgott in den ersten Tagen nach der Schöpfung selbst betrieben, indem er in einer asiatischen Gegend einen englischen Park angelegt hat — das Paradies — was zugleich der erste Irrgarten war, er hat's bei dem Garten so g'macht, wie wir's noch jetzt bei allen öffentlichen Gärten machen. Er hat gleich beim Eingang ein' Verbot angeschlagen, worin das damals erst zweimenschliche Publikum ersucht wird, nichts abzu- reißen. Wie aber diese Warnungstafel nicht beachtet worden ist, ist der oberste Gärtner d'rüber so erzürnt worden, daß er das Geschäft nicht weiter betrieben, sondern die Natur hat machen lassen, was sie wollen hat. Die Natur ist aber wie alle Frauenzimmer, denen viele Schatze zu Gebote stehen, sie will nie 4 alt werden, ist sehr launisch, verschwenderisch und hat keinen Ordnungssinn , daher sind wir Gärtner als Sequesters und Vormünder der unter Cu- ratel gesetzten Natur aufgestellt, wir ordnen ihre Revenuen, sehen d'rauf, daß sie nicht Alles auf einmal aufgehen läßt, und sorgen dafür, daß ihre Kinder, die Pflanzen, gehörig groß gezogen werden, und zum Stolze der Mutter aufblühen. Und das ist auch mein größtes Vergnügen, nur recht viel Blumen ziehen, sie kommen mir vor, wie Buchstaben oder Hieroglyphen, denn selbst Gedanken, die so zart sind, daß jedes Wort zu rauh scheint, um sie auszusprechen, finden ihren Ausdruckin Blumen —das zeigt sich schon in der überall gebräuchlichen Sitte des Bekränzens. Man hat dazu die bezeich- nendsten Pflanzengattungen gewählt. Z. B. das Sinnbild der deutschen Stärke ein Kranz von Eichenlaub, denn die Eiche charakterisirt so ganz das gegenwärtige Schicksal der Deutschen: Ein kerniger Stamm, ein Laub vom herrlichsten Hoffnungsgrün, weit ausgreifende Aeste, und doch trotz all' dieser Bestrebungen die Frucht so unscheinbar und klein, daß die Eiche selber darüber Galle empfindet, denn bekanntlich setzen sich an ihren Blättern die Galläpfel an, gleichsam um anzuzeigen, daß Deutschland selbst das Materiale zu der Tinte liefert, aus der es bisher noch immer nicht herauskommen kann. — Bedeutender ist der L o rb eer- kra nz, der ursprünglich nur für Dichter g'wachsen ist, denn Daphne hat sich vor Apollo in einen Lorberftrauch verwandelt, später haben auch die andern Söhne Apollo's darauf Anspruch gemacht, die berühmten Maler, Kupfer- und Stahlstecher, und eben deß- halb auch die Krieger, weil sie auch in der Kunst des Stahlstiches Bedeutendes leisten. In unseren Gegenden wachst aber der Lorbeer nicht, wahrscheinlich, weil die Natur weiß, daß Deutschland ohnehin seinen einheimischen Talenten keine Kränze flicht. Die deutschen Krieger haben's in der Hinsicht besser, sie holen sich halt den Lorbeer in dem Land, wo er wachst. — Für die Freude flicht man Kränze aus Rosen, ebenfalls sehr bezeichnend für die Sorte von Freuden, die man auf der Welt genießt — die Blüthen welken bald, aber die Dornen bleiben, so daß der Mensch als umgekehrte Zeane d'Arc sagen kann: „Kurz ist die Freude, ewig ist der Schmerz." — Die größte Grobheit, die man der menschlichen Beständigkeit hat anthun können, ist, daß man zu ihrem Sinnbild den Epheukranz gewählt hat, denn bekanntlich ist der Ep Heu eine Schmarotzerpflanze — grob ist'S — aber eS hat sein Wahres, denn die AlltagS- freunde sind gewöhnlich nur so lange beständig, als sie schmarotzen können. Wie viel drückt endlich so ein Myr- thenkranz aus — das Bild der bräutlichen Unschuld. O wie werth, wie theuer muß den Mädchen die Unschuld sein, da sie nie als Bräute zum Altar treten, ohne mit diesem Bilde geschmückt zu sein. Freilich geht's auch manchmal so, wie bei Beamten, die in Städten, wo der Regent selbst nicht residirt, ihren Diensteid nur vor dem Bilde desselben ablegen- (auf den in der Hand haltenden Kranz weisend.) Da Hab' ich auch so ein' Kranz, den sie gestern zu der Verlobung in dem HauS da bei mir bestellt haben, inzwischen ist aber die Braut von dem reichen Bräutigam mit einem künstlichen Kranz überrascht worden, dessen Blätter Smaragden und dessen Blüthen Brillanten sind — na, und durch Edelsteine ist die Myrthe schon so oft hintangesetzt worden, daß der Eine Fall mehr mich gar nicht überraschen kann. 6 Vierte Seeue. Moritz Hartberg. Chor (Moritz ebenfalls in festlichem Kleide, doch durch falschen Bart und Augengläser entstellt, kommt schwankenden Schrittes die Treppe herab, an deren Geländer er sich mir einer Hand hält, indem er mit der andern ein Luch vor die Stirne preßt, während er herabsteigt, ertönt vom Saale oben wie- ' der der) Chor. Hoch der Liebe süße Stunden, Hoch, wen innig sie verbunden, Hoch leb' Bräutigam und Braut. (Man hört zum Schluffe des Chors das Klirren der zusammengestoßenen Gläser). Moritz (gegen den AuSgang schwankend). Fort! fort! Grünling (ihn betrachtend, für sich). Na mir scheint, der hat genug. Moritz (lehnt sich, vom Schmerz überwältigt, an eine Säule und blickt gegen ein Fenster des Saales). Grünling. Mir scheint, er kann nimmer weiter, hat halt a bißl z'viel, (mit der Pantomime des Lrinkens.) da ist es Christenpflicht, ihm beizustehen — na ja — man weiß ja nicht, ob man nicht selbst einmal in die Lage kommen kann (geht zu Moritz). Moritz. Verloren! für immer verloren ! Grünling (nahe bei ihm stehen bleibend). Zum Teufel, die Stimm' soll ich ja kennen? (laut). Mein lieber Herr. Moritz. Ah, Ihr seid'S, Grünling? ! Grünling. Sie kennen mich? — aber ich — Moritz (sich besinnend). Ja so — ich vergaß (nimmt rasch Bart und Brillen ab). Grünling (erstaunt und erfreut). Was seh' ich —lieber Herr Hartberg — Sie da, aber wozu denn die Maskerade ? Reden'ö doch. Moritz. Ein ander Mal — jetzt laß mich fort — ich darf hier nicht gesehen werden (will fort). Grünli ng. Aber ich bitt' Ihnen — (hält ihn zurück). Was ist's denn — soviel ich vorhin g hört Hab', haben Sie was verloren— aber verzeihen's, da müssen's nicht da hinauf schauen, in der Luft wird's nicht fliegen, suchen wir's lieber da herunten (gegen den Boden weisend). Moritz. Ja, Ihr habt Recht, was ich verloren habe, das find' ich erst da drunten wieder. Grünling. Aberi bitt' Sie, nur keine Grabesgedanken — da drunten, wo man erst hinkommt, wenn man sich selbst verloren hat, was kann man da finden? Moritz. Den Frieden. Grünling. Nun ja, weil das Leben ein fortwährender Krieg ist, aber der Frieden, den Sie meinen, wird nur durch eine schmähliche Kapitulation erkauft; denn wir müssen das Feld räumen, wehrlos abziehen, und zur Deckung der Kriegskosten unser letztes Eigenthum, das Bißl Körper, verwesen lassen. Den wahren Frieden gewährt nur die Freundschaft. Moritz. Gibt es eine Freundschaft? — nein, nein, die Jugend träumt wohl von ihr, so wie sie auch von Liebe träumet, aber die Erfahrung rüttelt uns aus diesem Traume wach. Grünling. Da haben wir's wieder — so machen'ö die meisten Männer, wenn sie die Lieb' betrogen hat, so werfen'S zugleich mit dem Glauben an sie, auch den Glauben an d' Freundschaft beim Fenster hinaus — und doch sein die Zwei so verschieden von einander. Die Lieb' ist nur glücklich, wenn ihr gewährt wird, die Freundschaft ist glücklich, wenn sie gewähren kann; die Lieb' ist die Sehnsucht einer Hälfte nach einer « andern Hälfte, die Freundschaft ist die Sehnsucht eines Ganzen nach einem Ganzen, deßhalb können auch Leut', die wirklich kaum halbe Menschen genannt zu werden verdienen, recht heftig lieben, aber ein wahrer Freund sein, kann nur ein ganzer Mensch. Moritz. Wo findet Ihr aber solche ganze Menschen? Grünling. Sie fragen? und Sie, — Sie sein doch selber das, was man einen ganzen Mann zu nennen pflegt — und — es klingt vielleicht arrogant, aber ich, in meiner Sphäre — ich Hab' auch dann und wann so ein Ganzerkerlselbstbewußtsein, und d'rum, wenn ich Ihnen nicht z' g'ring bin, nehrnen's mich als Ihren Freund an, wann's kein'Andern finden. Meiner Seel! daS ist mei Wunsch schon, seitdem Sie in mein'Haus wohnen, und wann'S jetzt einschlagen, so geh' ich für Ihnen durch alle Element (hält ihm die Hand hin). Moritz (schlägt ein). Guter Mensch, Zhr bietet mir Eure Freundschaft gerade in dem Augenblicke, wo ich so namenlos unglücklich bin. Grünling. Da mach' ich ja das beste G'schäft, denn man erwirbt Freundschaft nie billiger, alö wenn ein edler Mensch in Noth ist — Also — giltS? Moritz. Es gilt. Grünling (in höchster Freude). Ja, ja? — jetzt erlauben'- mir vor Allem, daß ich Ihnen um den Hals fall' — (thut's). mein lieber, lieber nagelneuer Freund. Aber jetzt, jetzt sollen'ö auch kennen lernen, was Sie an mir haben, mit Ihnen will ich steh'n, mit Ihnen fallen, Ihr Freund soll auch mein Freund, und Ihr Feind mein Feind sein, aber ich plausch da — und Sie haben g'rad g'sagt Sie sein unglücklich, wo steckt daS Unglück? — wer ist Schuld d'ran? — nennen Sie mir ihn, ich bring' ihn um, nur sagen, mit Vergnügen. Moritz. Seht dort oben die beleuch- > teten Fenster — dort sitzen und schwelgen sie beim Leichenschmause meine-begrabenen Glückes. Grünling. Leichenschmaus? — warum nicht gar, 's ist ja ein Verlo- bungSfest — aber (errathend). Alle Teufel — in mein' Kopf wird'- Gas an- zunden — am End' — die Fräuln Anna — Moritz. Sie hatte mir Liebe geschworen für die Ewigkeit. Grünling. Aha, die Ewigkeit j nach dem KonventionSsuß gerechnet, ! d. h. g'rad so lang', bis ein Reicherer kommt — aber sagen's mir, wie ist denn die Sach' auseinander gegan- gen? Moritz. Vor einem Monathe unternahm Herrn von Hollau eine Reise in die Schweiz, wohin ihn Anna begleitete, von dortauS erhielt ich ein Schreiben von ihr, worin sie mich bat — sie zu vergessen, eine plötzliche Aenderung ihrer Verhältnisse be- dinge eine Lösung unseres Bunde-. — Ich war vernichtet, hoffte aber noch, daß nach ihrer Rückkehr sich Alles anders gestalten könne, doch sie kam, und ihr HauS blieb mir verschlossen — gestern hörte ich, daß sie heute verlobt werden sollte, ich konnte es nicht glauben, ich versuchte eS, unkenntlich mich zugleich mit dem Schwarm der geladenen Gäste in den Saal zu drängen, da sah' ich sie — sie — im strahlenden Brautschmucke an der Seite ihres reichen Bräutigams. Grünling. Pfui Teufel — jetzt bin ich erst froh, daß der Kranz, den ich für sie geflochten Hab', nicht angenommen worden ist (steckt den Kranz in die Tasche.) den Kranz setz ich heut'noch meiner alten Hauskatz auf, denn die ist noch ein Muster der Treue gegen so ein Frauengeziefer. Moritz. O schmähe sie nicht — ich kann'S nicht denken , daß sie mich 7 freiwillig aufgegeben habe, wer weiß, welche Folter man ihrem Herzen angelegt hat, um sie zu dieser Heirat zu bestimmen. Grünling. Aber Himmelsapper- ment! wann'S so war', da ließ sich ja doch noch waö unternehmen —Verlobung ist ja noch nicht Hochzeit, Teufel! wenn man nur müßt', wer eigentlich Schuld d'ran ist. — Moritz (gegen die Treppe sehend) Die Gesellschaft entfernt sich, laß' uns fort. Grünling. Ha, der Herr von Goldsmith ist auch d'runter, warten Sie — vielleicht können wir was erschnappen, stellen wir uns da hinter daS Bosquet (treten Beide hinter die Statue in der Mitte der Bühne). Fünfte Seene. Goldsmith. Brown. Liebstein. Krapmann, und andere Gäste (kommen die Treppe herab. Jak folgt ihnen). G 0 ld sM i th (den Hut auf dem Kopfe, die Andern folgen mit entblößten Häuptern). Lieb st ein (sich immer in Goldsmith'e Nähe drängend). -Herr von Goldsmith, haben Sie Ihren Wagen nicht da? — Gotteswunder, wo ist der Wagen von Herr von Goldsmith? Goldsmith. Wenn ich ihn gewollt hätte, wäre er da - ich will zu Fuße nach Hause gehen. Liebstein (zu den andern). Haben Sie gehört, meine Herren — ein Mann, wie Herr von Goldsmith —und geht zu Fuße — eS ist die Möglichkeit. Goldsmith. Mein Arzt hier — (auf Brown zeigend.) hat mir gerathen, nach jedem Diner etwas zu Fuße zu gehen. Es fängt aber an, mir unangenehm zu werden. Doktor l sinnen Sie auf ein anderes Mittel, meine Verdauung zu befördern, auch ohne daß ich Bewegung mache. Und nun gehen Sie voraus nach Hause und überzeugen Sie sich, ob meine Gemächer die gehörige Temperatur haben. Brown (verneigt sich und geht ab). Liebstein. Der Herr Dr. muß doch sein ungeheuer geschickt, da Sie ihm so unbedingt vertrauen. Goldsmith. Er war der geschick« teste Arzt in London, deßhalb Hab' ich mir ihn gekauft. Liebst ein. Gekauft? Wie heißt? Goldsmith. Ich zahle ihm so viel, daß ich ihn für meine Person allein, und immer in meiner Nähe habe. Liebstein. Aber Herr von Gold- smith scheinen sich doch zu erfreuen der besten Gesundheit, wozu denn der Arzt? Goldsmith. Ich bin nicht so närrisch wie andere Leute, einen Arzt für meine Kranheiten zu bezahlen, ich bezahle ihn nur für meine Gesundheit. Er bezieht von mir einen sehr hohen JahreSgehalt, aber für jeden Tag, an welchem ich mich unwohl fühle, werden ihm 100 fl. in Abzug gebracht; nur so bin ich gewiß, daß er mit größter Aengstlichkeit Alles hindan zu halten sucht, was mein Wohlsein gefährden könnte. Liebstein. Ach,waS ist das angenehm, so immer in Ihrer Nähe zu sein: So ein Mann, wie der Herr von Goldsmith — ein Mann, der — Goldsmith. Huldigungen machen mir Langeweile (gähnt). Ich gähne — das hat mir mein Arzt widerrathen — ich muß etwas lachen (ruft). Jak! Jak (tritt mit mürrischem Gesichte vor). Was wollen's denn schon wieder? Goldsmith. Hast Du nicht gehört? — ich will lachen. Jak. Schau'nS Ihnen in ein'Spiegel , und lachens Ihnen selber auS. Goldsmith (lächelnd). Gut — recht gut so — nur fort so. Liebstein. Aber ich begreife nicht, 8 Herr von Goldsmith — die Frechheit dieses Burschen — Goldsmith. Amusirt mich eben — deßhalb Hab' ich ihn mir gekauft. Jak. Reden's nicht so g'schwoll'n, ich bin kein Wurstel, den man in einer Berchtesgadner Niederlage z' kaufen kriegt — man hat mir sogar g'sagt, ich war' ein freier Mensch. G o l d s m i t h. Hahaha! ist das nicht sehr drollig — der — ein freier Mensch (zu seiner Umgebung). Sehen Sie, ich traf den Burschn auf meiner Reise in einem Dorfe — seine derbe Plumpheit brachte mich zum Lachen, und da mir der Arzt Lachen als ein Gesundheitsmittel angerathen hatte, schloß ich einen förmlichen Vertrag mit ihm, daß er mich stets begleiten, und täglich etwas recht Dummes anstellen müsse. Jak. Aber ich hab'S bald satt kriegt, allweil nur Ihr Bajazzo zu sein — ich spiel nimmer mit — Sie dürfen warten , bis 's von mir wieder ein' Spaß hör'n. Goldsmith. Hahaha, hahaha! Sehen Sie, jemehr er sich sträubt, desto wirksamer ist er eben — er wollte schon von mir fort, ging durch, doch mein Vertrag berechtigte mich, ihn ein- sperren zn lassen — hahaha, da war er gar komisch. Jak (die Fäuste ballend). Sie — meiner Seel — z'viel därfen's mir nit trauen. Goldsmith. Hahaha, vortrefflich. Nun, Jak, für heute ist'S genug, vergiß nur nicht, daß ich morgen wieder lachen will (klopft ihn auf die Schulter). Jak. Lassen's mich gehn (dreht ihm den Rücken zu, für sich). O Gott, wenn ich dem nur einmal Eine versetzen könnt'. G o l d s m i t h. Doch nun will ich nach Hause (berührt leicht mit der Hand den Hut). Adieu, meine Herren. (Alle verbeugen sich tief vor ihm). Lieb sie in. Seien Sie überzeugt, daß dieser Lag, an welchem wir genossen haben die hohe Ehre — Go l dsm ith. Adieu, adieu! (Alle entfernen sich unter fortwährenden Eompli- menten). G o l d s m i t h. ^ propos, Herr Liebstein. Liebstein (welcher sich bereits mit den Andern entfernt hatte, eiligst zurückkehrend). Sie befehlen, Herrn von Goldsmith. Goldsmith. Sie sind ja hier bekannt. Kennen Sie einen gewissen Herrn Hartberg? L i e b st e i n. Hartberg? Moritz Hartberg? Ach ja wohl — ein Handelsagent — ein junger, sehr verläßlicher Mann — ich stehe selbst manchmal in Geschäftsverbindung mit ihm. Goldsmith. So? das ist mir unangenehm. L i e b st e i n. Ich bin unglücklich, wenn ich Ihnen dadurch mißfalle, ich wußte nicht, daß Herr Hartberg einer von der Sorte ist — Goldsmith. Von welcher Sorte? Lieb stein. Hm — ich weiß nicht, aber ich meine, ein Mann, dem Herr Goldsmith Ihre Gunst verweigern — es kann nichts Rechtes an ihm sein, ich werde mich hüthen. Goldsmith. Vor der Hand suchen Sie ihn auf, und sagen ihm, daß ich ihn zu sprechen wünsche. L i e b st e i n. Ihr Wunsch ist mir Befehl, Herr von Goldsmith. Ich danke nochmals für den Wink, welchen Sie mir gegeben haben, ich werde das auch meinen übrigen Geschäftsfreunden bekannt geben. Ich habe die Ehre, Ihr ergebenster Diener zu sein (eilt ab). Sechste Seene. Vorige. Hartberg. Grünling. Moritz (tritt, nachdem Lkebstein bei der Statue vorüber ist, rasch hervor, zu Goldsmith, welcher sich eben zum Abgehen wenden will). Mein Herr, Ihr Wunsch, mich zu sehen, ist so schnell erfüllt, als überhaupt die Wünsche der Reichen erfüllt zu werden pflegen. Goldsmith (sieht ihn vom Kopf bis zum Fuße an). Ich kenne Sie nicht. Moritz. Ich heißeMoritz Hartberg. G oldsmith. Sieh da — (betrachtet ihn durch die Lorgnette). Also Sie sind der Geliebte meiner Braut? Moritz. Sie wissen also dieß? — und können doch glauben, daß jetzt Sie von ihr geliebt werden? Goldsmith. Geliebt? nein, das werde ich nicht, ich weiß es, ich will aber auch gar nicht, daß ein Mädchen aus Liebe zu mir meine Frau werde. Die Liebe entsteht unwillkührlich, kann also eben so unwillkührlich wieder erlöschen, und darum wäre in diesem Falle selbst die Untreue einer Frau ihr nicht zur Last zu legen. Ich will aber die Treue meiner Frau nicht von einem wandelbaren Gefühle abhängig wissen, ich will sie von ihr alsPflicht fordern können. Deßhalb ließ ich mir Annens Hand nicht schenken, sondern ich habe sie mir erkauft. Moritz. Erkauft? Wie? Anna ließ sich erkaufen? Gold smith. Ja — ich lernte sie auf meiner Reise durch die Schweiz kennen, sie gefiel mir, ich fragte sie daher, ob sie meine Frau werden wolle, wenn ich ihr für ihr Jawort eine Summe von 3V0.V0V fl. zur Verfügung stelle. — Moritz. Und Anna — Sie? — Goldsmith. Sie sah mich mit weitgeöffneten Augen an, ein paar große Thränen rollten über ihre Wangen — nun ja, Weiber können nichts Wichtiges unternehmen, ohne dabei zu weinen — dann reichte sie mir ihre Hand, und der Handel war abgeschlossen. Moritz. Wie? so soll Anna gehandelt haben? nein, nein — Sie lügen. G 0 l dsm i 1 h (ihn verächtlich ansehend). Was könnte mich dazu bestimmen, Sie zu belügen? ich war ja gar nicht bemüßigt, Ihnen Rede zu stehen, ich lhat es nur, um Ihnen zu beweisen, daß ich Sie nicht um Ihre Geliebte bestoblen, sondern dieselbe als rechtschaffener Kaufmann gleichsam im Lici- tationswege durch höher» Anboth an mich gebracht habe. Moritz. Herr, Sie behandeln die Welt wie einen Sclavenmarkt. Goldsmith. Das ist sie auch, wer Geld hat, ist Kaufmann, wer keines hat, bleibt ewig Waare. Moritz. Wenn er niederträchtig genug ist, die Freiheit seines Willens für Geld hintanzugeben. Goldsmith. Wenn dieß auch Einer in lächerlicher Anmaßung nicht wollte, so weiß der Reiche ihn zu zwingen. Moritz. Das dürfte bei Manchen Ihnen doch mißlingen. Goldsmith. Glauben Sie? — nun hören Sie, warum ich Sie zu sprechen wünschte. ES ist die Pflicht meiner Braut, Sie zu vergessen, um ihr diese Pflicht zu erleichtern, wünsche ich, daß Sie morgen diese Stadt verlassen. Moritz. Dieß zu wünschen, steht Zhnen frei —mir, das zuthun. Goldsmith. Hören Sie mich erst an, ich ford're nichts umsonst, — ich will Ihnen das Recht, hier zu bleiben, abkaufen. Verpflichten Sie sich, diese Stadt auf 3 Zahre zu verlassen, so weise ich Ihnen eine Summe an, welche Sie in Stand setzt, diese Zeit auf sehr angenehme Weise zuzubringen; nehmen Sie diesen Vorschlag an? Moritz. Nein — und wenn es mein eigener Vorsatz gewesen wäre, diese Stadt zu verlassen, jetzt blieb ich dennoch hier, um Ihnen zu bewei- sen, daß Sie, trotz Ihres Reichthumß, keine Macht über einen freien Menschen haben. G o l d s m i t h. Sie wollen mir trotzen? dann bedauere ich, dann muß ich Sie vernichten. Moritz (rasch). Wollen Sie'- ver- 10 suchen? ich stehe zu Diensten — be- stimmen Sie Zeit und Waffen. Grünling (vertretend). Ah — da bin ich auch dabei. Ich bin Sekundant. G o l d s m i t h. Meine Waffe ist mein Reichthum (verächtlich). Ich glaube kaum, daß Sie da mit mir auf eine Mensur kommen — Aber mit dieser Waffe mache ich Sie todt. Moritz. Ich lasse es darauf ankommen. Grünling. Hahaha, ja — wir lassenS d'rauf ankommen. G 0 ldsMith (auf Grünling weisend). Wer ist der Mensch? Grünling. Etwas, was Sie mit allen Ihren Millionen nie kennen lernen werden — Ein Freund — denn den kriegt man auch nicht z' kaufen. G o l d s m i t h (zu Moritz, spättisch lächelnd). Ah— Sie haben Freunde? — ich werde auch diese todt machen. Grünling. Hahaha! der Herr thut ja grad', als ob man bei uns zu Land für Geld Banditen auf d' Stund aufnehmen könnt', wie die Fiaker? Goldsmith (zu Moritz). Ich bin ein ehrlicher Feind, ich will Ihnen früher die Stärke meiner Waffen zeigen, eh' ich den Kampf annehme. — Sie find Handlungsagent, leben ron diesem Geschäfte. Was meinen Sie, wenn ich nun hier einen neuen Agenten aufstelle, und zugleich alle Handlungshäuser ersuche, mit diesem, nicht mehr mit Ihnen sich in Verkehr zu setzen ? glauben Sie mir, ein Wort genügt von mir. Ihnen Ihre Erwerbsquelle abzuschneiden, und dann können Sie verhungern, wann es Ihnen beliebt. Grünling. Oh! Oh — dann sein erst noch Freunde da (auf sich selbst weisend.) die ihr letztes Stücke! Brod mit ihm theilen werden. Goldsmith. Ihr vielleicht? — Euch kauf' ich mir zu jeder Stunde. Grünling. Was? mich? — ah das greift meine Ehr' an — der lebendige Geldsack vergißt ja ganz d'rauf, daß eS noch eine andere Münz gibt, zu der jeder Mensch den natürlichen Prägstock mit auf die Welt bringt, und mit der ich ihn gleich baar auszahlen werde (sich die Lermel aufstreckend). Ich bin auch ein ehrlicher Feind, ich zeig' Ihnen auch früher meine Waffen, ^ schaun's Ihnen die Händ' da an. ! Goldsmith (ruhig lächelnd). Ein paar recht nervige Hände. G r ü n l i n g. Sie lachen noch? j Glauben Sie vielleicht, ich trau' mich nicht, wenn Sie den Buldogg da (auf Zak zeigend.) hinter sich haben? Jak. O Gott, ich genire nicht, ich halte mich neutral. Grünling. Oder wollen Sie vielleicht die Dienerschaft zusammen rufen, ho ho, heut' ist meine Dienerschaft auch in dem HauS — meine Burschen haben die Blumen herg'schafft — sehen's, da kommen's grad' über d' Stiegen — (ruft). Heda! Mich!, Mar, Seppel! Goldsmith (immer ruhig lächelnd). Ja, ja, ruft nur Eure Leute, ich rufe die Dienerschaft nicht. Siebente Seerre. ^ Vorige. Michel, Mar und mehrere Gärtnerbursche (kommen mit Blumen von den Treppen herab). j Michel. Was gibts denn? j Mar. Was schafft der Herr Grünling? ^ G r ü n l i n g (zu Goll^mith). Da schau'ns Ihnen die Leut' an, die Bäum' — wann die zum Ausschlagen anfangen. Goldsmit h (sie lorgnettirend). Recht hübsche Leute. Michel. WaS sollen wir denn? > Grünling. Aufpaßt auf mein Kommando. Acht geben. Goldsmith. Also Sie und diese Leute haben heute die Säle so herrlich 11 mit Blumen dekorirt, das erfordert meinen besonderen Dank — hier für Sie — (indem er Grünling eine Börse in die Hand drückt) — und dieß — für > Euch (indem er eine Hand voll Silber- > stück« unter die Leute wirft) trinkt auf meine Gesundheit. Grünling (ist anfangs verblüfft, öffnet die Börse, erschrickt fast, dann) Was — was ist das — seh' ich recht — Dukaten — lauter goldene Dukaten. > Ew. Gnaden, g'hört denn das Alles I mein? G o l d s m i t h. ES ist Euer — doch — Eure Leute warten ja auf ein Kom- ! mando. Grünling. Nein, dieser Edel- muth — und ich — ich war so ein Lümmel — aber — (zu seinen Leuten, welche indessen gierig da- Geld aufgehoben haben). Leut', so bedankt Euch doch. Die Bursche (schwenken ihre Hüte und rufen). Vivat, Vivat hoch! Goldsmith (tritt zu Moritz, welcher seit Goldsmith's letzter Rede wie betäubt dagestanden und klopft ihn auf die Schulter). Ich habe nun vor Ihren Augen ein kleines Manöver aufgeführt. Sie glaubten vielleicht Freunde zu haben, auf deren Schutz Sie bauen konnten — so wenig alSdieser (auf Grünling weisend) hält irgend ein Freund die Goldprobe aus. Der Arme steht immer allein, darum nochmals, nehmen Sie mein Geld, und — gehorchen Sie meinem Befehle. (Ab.) Die Bursche (ihn begleitend). Vivat, Vivat! Grünling (noch ganz betäubt, die Blicke auf seine Börse richtend und unwillkürlich in den allgemeinen Ruf mit ein- ! stimmend). Viv — ! Jak (stoßt ihn im Vorübergehen mit ^ dem Ellbogen in die Seite). Schuft — Grünling (ihn erstaunt ansehend). WaSI! Jak. Sie waren mit dem Herrn da (auf Moritz weisend) im Bund — und jetzt schreien Sie für seinen Feind, mei- nen Herrn, Vivat, um'S Geld?! — Sie sein ein schlechter Kerl. Ich versichere Sie meiner unbegränzten Verachtung (folgt Goldsmith). Grünling. Ich weiß noch immer nicht, wie mir g'schieht — so viel Dukaten?! — ja — das ist ja ein lieber Herr. Moritz (entrüstet zu ihm tretend). Oh, er wird Dir noch mehr — noch weit mehr geben — geh' nur — folge ihm — laß Dich von ihm erkaufen — ge- meinschaftlich mit ihm mich vollends zu Grunde richten. Grünling (immer die Börse betrachtend). Ja, ich weiß gar nicht — wie war'S denn? — meiner Seel — ich Hab' ihn ja prügeln wollen — aber da — da — die Dukaten — der Goldglanz — mir ist er auf einmal so ganz anders — so ganz großartig — erhaben — Vorkommen, und da — Moritz. Da rufst Du dem Elenden ein begeistertes Lebehoch zu — ja er hat ein furchtbar wahres Wort gesprochen — „der Arme steht immer allein." — Geld ist Alles — Geld vermag Alles. Gott hat einen Theil seiner All' macht in die Berge vergraben, und dort wurde sie zu Gold — wer dieß sein eigen nennt, der ist ein Gott aus Erden, in seiner Hand liegt Segen und Fluch, er ist das Schicksal, vor dem sich Alles beugen, oder von ihm zertreten lassen muß. Grünling. Aber ich bitt' Ihnen — Hörens nur — Moritz. Laß mich — mein Herz ist erfüllt von Ekel gegen die Welt — gegen Alles, waö auf ihr lebt! (will fort, bleibt aber plötzlich stehen, starr gegen den Hintergrund der Bühne blickend, dann, indem er mit ausgestreckter Hand in dieselbe Richtung weist, laut auflachend). Hahaha! Grünling. Gott sei Dank, er lacht doch wieder — was muß denn 12 da G'spaßigeS g'schehen sein, (sieht ebenfalls in dieselbe Richtung, fährt aber erschreckt zurück.) Mein Gott, dort — aus dem Kammer! neben der Kirchen tragen vier schwarze Männer ein' Sarg. MoriH. Es ist der Sarg eines A r- men, denn Niemand begleitet ihn. Ja, der Arme bleibt immer allein — selbst i n und nach dem Tode spielt das Geld seine Rolle fort — der dort getragen wird, war wohl zu arm, um einen Menschen zu bezahlen, der hinter seinem Sarge ginge, zu arm, als daß auch nur Einer es der Mühe werth fände, Trauer zu heucheln — nun denn, du ungekannter Leidens- bruder, so will ich deinem Sarge folgen, trauernd, als würde in ihm mein gemordeter Glaube an Menschenwerth zu Grabe getragen. (Eilt ab.) Achte Seene. Grünling (allein, sieht ihm verwirrt nach). Glauben an Menschenwerth?.' -- zu' Grab tragen? — meiner Seel' — mir kommt's jetzt selber so vor — und ich — ich Hab' mir einbildt, ich war' was Ganzes, und jetzt, pfui Teufel, jetzt spür'ich, ich bin nichts, als ein zerrissenes schmutziges Viertel — das Gold, das baare Gold hat mich so verblend't, (öffnet die Börse) es hat so was Dämonisches — mir ist'S — als brennet's in meiner Hand — ich Hab' mein' Freund d'rum verrathen — 's ist ein Judasgeld — aber ich b'halt's nicht — ich geb' ihm'S z'ruck — gleich jetzt — auf der Stell — nein, ich will — ich mag nicht Einer von denen sein, die sogar die Weltgeschicht als Schandflecke der Menschheit brandmarkt, ein durch Geld erkaufter Ver- räther seiner eigenen Partei, (eilt ab.) Verwandlung. (Der innere Raum des Friedhofes in -er Nähe der Stadt. Die Grabhügel sind alle mit den j üppigst blühenden Blumen geschmückt, so daß das ganze Bild einen durchaus heitern Eindruck gewährt, in der Mitte der Bühne ein frisch gegrabenes offenes Grab, vor demselben ein Hügel aufgeworfener Erde, aus dem Grabe ragt eine Leiter hervor, auf welcher Anselm heraufsteigt.) Neunte Scene. Anselm (ein frisch aussehender heiterer Greis, steigt, einen Spaten in der Hand haltend, herauf). So — aufgebett't ist'S — der neue I Gast, der heut kommen soll, kann sich I niederlegen, wann er will, (sich vergnügt umsehend.) Ich Hab' mein Hotel recht hübsch herg'richt, d'rum sagt mir auch Keiner mehr auf, der einmal da einzogen ist — denn den Gästen bleibt nichts mehr zu wünschen übrig, und ich — na, ich bin auch z'frieden mit ihnen, 's sein recht ruhige Parteien, und brav seinS alle — alle — die Welt gibt ihnen das Zeugniß, denn wenn d'Leut auch über Ein', so lang er g'lebt hat, noch so g'schimpft haben, wie er einmal da bei mir einzogen ist, sagt man g'wiß von ihm; Ah — eS war a recht a braver Mann, das zeigt schon der lateinische Satz an, den'S da ! auf d'Einfahrt g'setzt haben: „De morluis nil nisi dene," von den Todten nichts als Guts. Dadurch g'steh'n die Menschen selber, daß sie sich das Recht Vorbehalten, über ihre lebenden Milbrüder so schlecht als nur möglich ist, z'reden. Aber siehst eS — da bringen's ihn schon (während der folgenden Scene verschwindet das Abendroth, welches Anfangs die Scene beleuchtete, und die Bühne geht nach und nach bis zum Schluss der ^ Scene in Dämmerung über.) Zehnte Seene. Anselm. (Vier Lodtengräber tragen einen ganz einfachen Sarg.) Moritz (geht entblößten Hauptes hinter demselben). > 13 Anselm (seine Mütze abziehend). Guten Morgen. Moritz. Guten Morgen, sagt Ihr? und die Sonne neigt sich doch schon zum Untergange! Anselm. Ah, ich hab'S ja nur zu dem g'sagt. (auf den Sarg weisend) Ich sag'S zu Jedem, der s o zu mir bracht wird, denn während wir glauben, er ist eingeschlasen, bricht ja grad ein neuer Tag für ihn an, und mir kommt's vor, als wenn die Sterbenden nur deßhalb die Augen schließen, weil's das Helle Licht halt noch nicht vertragen können, (zu den Lodtenträgern.) Na, so laßt's ihn halt schön stad hinunter. (Die Träger treten mit dem Sarge so hinter den aufgeworfenen Hügel, daß das Herablaffen des Sarges von dem Zuschauer nicht gesehen wird.) Anselm (zu Moritz). Sie sein wohl a Verwandter von ihm? Moritz. Ich weiß nicht einmal, wen Ihr da zur Ruhe legt. Anselm. Nicht? und sein doch so höflich g'wesen, ihm 's letzte G'leit zu geben? Moritz. Ich sah ihn so ganz allein den letzten Weg machen, da er- griff'S mich fast wie Mitleid — wißt Ihr, wer eS war? Anselm. Ich weiß nur so viel, daß's ein Fremder ist, den in ein' armseligen Kammerl der Schlag troffen hat, und daß man nach sein' Tod nicht einmal so viel g'funden hat, um ein' Sarg z'kaufen, der deßwegen von der G'meind' hat g'liefert werden müssen. Moritz. Der bekommt wohl nicht einmal ein Kreuz auf das Grab? Anselm. Zu was denn? wenn er arm war, hat er Kreuz g'nug g'habt — aber a paar Blumen setz' ich ihm doch d'rauf, das thu' ich auf alle Gräber, die sonst kein' Schmuck haben. Moritz (sich umsehend). Ihr habt die Blumen nicht gespart, der Ort ist so reizend bestellt, daß alles Grauen schwindet. Anselm. Ja, schaun's, eS wird da mitunter so viel Blühendes begraben, daß ich immer mein', der Tod hat noch a Schuld an's Leben hinauszuzahlen, d'rum bepflanz' ich alle Gräber, und da muß der Tod sein' Schuld wieder in Blumen hinauszahlen. Und 'S gedeiht auch Alles prächtig, denn ein Friedhof hat die beste Gartenerden, natürlich , sonst würd' ja unser Herrgott nicht seine Saat hineinstreu'n. Moritz. Ihr scheint Euer Geschäft mit Vorliebe zu verwalten. Anselm. Versteht sich, hahaha! 's ist ja a recht sicheres Brod, den Platz da (gegen die Erde weisend) kann mir Niemand nehmen. Moritz. Aber Ihr seid hier so ganz abgeschlossen von der übrigen Welt. Anselm. Na, ich lest wohl manchmal a Zeitung, aber was kümmern mich die Neuigkeiten. Moritz (sieht ihn verwundert an). Bei Eurem ernsten Geschäfte, in der fortwährenden Nähe des Todes habt Ihr eine Heiterkeit bewahrt, die mich in Erstaunen setzt. Anselm. O mein, wie soll mich mein G'schäft noch traurig stimmen? hahaha! mein Vater war das, was ich bin, mein Spielplatz als Kind war der Friedhof, als junger Bursch Hab' ich mitten unter Gräbern mein' Weib mein' Lieb g'standen, wie soll da noch der Aufenthalt ein' Schrecken für mich haben? ich mein', wann's die andern Leut' auch so Macheten wie ich, und sich recht viel mit dem Gedanken an ihre letzte Wohnung beschäftigten, so ging'S ihnen wie mir, 's wär ihnen z'letzt gar nicht viel Unterschied, ob's da oben herum oder da hinunter geh'n müssen, (sieht nach dem Grabe) Seid's schon fertig? — Ihr habt's ihn wieder ganz schief g'stellt, dann hat sein Nachfolger wieder kein' Platz, überall muß ich 14 dabei sein. (steigt in's Grab hinab) Geht'ö nur. (Die Träger entfernen sich, Anselm aus dem Grabe heraufsehend.) Na wol- len'S nicht die erste Erdschollen herun- terwerfen, weil's dem Armen schon die letzte Lieb' erwiesen haben? (Moritz thut es.) So — das ist der Streusand auf die abgeschlossene Lebens-Urkunde, jetzt bleibt sie da im Archiv aufbewahrt. Moritz. Und nun gehabt Euch wohl, (will gehen.) Anselm (ihm nachrufend). He, lieber Herr. Moritz. Was wollt Zhr? Anselm (im bittenden Tone, seine Mütze heraufhaltend). Weil's schon Alles than haben, was sonst die Verwandten von ein' Verstorbenen thun, so thun's auch das letzte noch — vergessen'- nicht auf a Kleinigkeit für den Lodtengräber. Moritz (sich verletzt abwendend). So verfolgt doch die bettelnde Geldgier den Menschen bis zum letzten Ruheplätze. Anselm. Nur a Bisl, damit ich ihm doch a paar hübsche Blumen auf's Grab setzen kann. Moritz. Nun denn — auf Blumen, (tritt zum Grabe, nimmt seine Brieftasche heraus, nimmt aus derselben ein Papiergeld und reicht es ihm.) Da — nehmt, (indem er die Brieftasche schließen will, fallen mehrere kleine Blättchen theilS auf den Boden, theilS in das Grab, er bemüht sich schnell, sie aufzuheben.) Anselm. Da ist auch was hereingefallen. WaS ist's denn? Moritz. Mir sind meine Visitkar- ten aus dem Portefeuille gefallen. Anselm (reicht ihm die gesuchten Karten). Da — da — aber die — (eine behaltend) behalt' ich. Moritz. Warum wollt Zhr mir nicht diese auch geben? Anselm. Die — die steck' ich in die Spalten von dem Sarg — der Arme soll wissen, wer von allen Menschen, die ihn vielleicht kennt haben, ihm allein die letzte Pflicht erfüllt hat. (steigt hinunter.) Moritz (zusammenschaudernd). Eine Karte — mit meinem Namen — in einem Sarge? dem Todten mitgegeben? - faßt es mich doch plötzlich so kalt — so unheimlich, (rasch zu ihm) das war ein alberner Schwank — gebt mir die Karte wieder. Anselm. Das geht nicht, sie steckt so tief, daß ich's nicht mehr Herauskrieg, na, na, Sie werden doch kein' Aberglauben haben. Moritz. Aberglauben? (für sich.) Ich schäme mich fast — was ist'S denn auch weiter? ein Stückchen Papier, worauf mein Name und meine Adresse steht — und doch — doch — ich wollte, es wäre nicht geschehen — mir wird so unerklärlich bange — der ganze Ort nimmt sein Grauen wieder an — ich will fort — fort — (geht einige Schritte, sich dann nach Anselm wendend.) Alter, vielleicht bringt Ihr die Karte doch noch heraus. Zhr erweist mir einen Dienst — bringt mir die Karte wieder — ich will Euch fünfmal so viel geben, a!S ich gab — aber bringt sie mir wieder. (Rasch ab.) Anselm. Na, ich will schon sehen vielleicht mit dem Spitz von der Schaufel. (verschwindet im Grab.) Verwandlung. (Zimmer Hartberg'S in Grünling's Hause, eine Mittel- und eine Seitenthür, im Vorgrund ein Schreibtisch, worauf Bücher und Schriften liegen. Es ist bereits dunkel.) Gilfte Seerre. S U si (tritt mit einem Licht in der Hand ein und beginnt die Stube aufzuräumen). Schaut man nur so a Zimmer von ein' ledigen Herrn an — und wenn er sonst noch so ordentlich ist — wie der Herr Hartberg, der da bei uns wohnt — ein recht solider Herr — a wahre- Muster — aber in sein' Zimmer merkt man'- doch gleich, daß ka Frau im Hau- ist — 'S ist eine ewige Unordnung — und warum, weil sich die Männer halt den unendlich weisen Spruch nicht merken: „Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei." Zwölfte Seene. Susi. Grünling (tritt während den letzten Worten durch die Mitte ein, die Arme über den Rücken gekreuzt, und düster vor sich hinblickend). Grünling. 'S ist nicht gut, daß der Mensch allein sei — ja, und i wenn er einmal nicht mehr einsam, son- i dern bereits zweisam ist, so ift'S oft noch schlechter — 's ist überhaupt nichts d'ran am Menschen. Susi. Ah, Du bist schon z'Haus, Sebastian? — aber wie kommst Du mir denn vor? Grünling. Wie ein Me n sch, d. h, wie das unvollkommenste, unvollendetste Ding auf der Welt. S u si. Jetzt schimpft der auf d'Men- ! schen, und ist selber einer — was fallt Dir denn ein? Grünling. Du warst, wie ich i g'hört Hab', g'rad in der SchöpfungS- ! g'schicht vertieft — g'rad diese liefert den Beweis für die Richtigkeit meiner Ansicht. Der Schöpfer hat nach jedem Tag, wenn er mit der Erschaffung eines neuen Artikels fertig war, sein Werk betrachtet und dazu g'sagt: „Es ist , g u t," nur wie er mit dem ersten Menschen fertig war, hat er g'sagt: „ES ! ist nicht gut," nämlich, daß er allein ^ sei, da hat er denn den SupplementS- 1 band dazu verfaßt, das Weib, und so - ist nichts Ordentliches mehr d'rauS wor'n. ^ Susi. Aber wie kommst denn Du ^ auf einmal auf so finstere Gedanken, Du, sonst immer so a lustiger guter ' Mensch. Grünling. Gut?! — ja—schön gut. Susi. Ich kenn' Dich ja. Grünling. Du kennst mich? — ich Hab' mich selber heut' erst kennen g'lernt, müßt' aber lügen, wenn ich .saget, daß ich eine besondere Ehr' von der Bekanntschaft Hab'. Susi. Aber wie hast Dich denn kennen g'lernt? Grünling. Als einen Menschen, dem ein konsequenter Charakter fehlt. Weißt Du, was ein Charakter ist? Susi. Hm — Charakter — da- ist halt so der Stand, die Eigenschaft. Grünling. Ah, Du meinst den Charakter, wofür man eine Gage kriegt? nein, daS ist nicht immer ein Charakter. Ein Charakter, wie ich'S mein' — ist ein Fels, an dem sich wohl ein strandender Schiffer retten kann, an dem aber ein dagegen anstürmender strandet. Charakter endlich ist ein Etwas, ohne welchem der Mensch nichts ist, als eine Sache. Siehst es, und so eine (verächtlich) Sache, so ein Dings da, bin ich auch. Susi, ich bitt' Dich, thu' mir die einzige Lieb und haß mich — ich bin ein miserabler Kerl. Susi. Du erschreckst mich, Sebastian — was hast denn gar so ArgeS gethan? Grünling. Ich Hab' mit dem Herrn Hartberg ein förmliches FreundschaftS- bündniß auf Trutz und Schutz g'schlos- sen, aber in dem ersten Augenblick, wo ich mich als sein treuer Freund hätte beweisen sollen, laß ich mich durch ein Geldgeschenk von ihm abwendig machen. O Geld! Geld — verfluchte- Geld, (wirft die Geldbörse wüthend auf den Boden.) Susi. Was ist das? (bückt sich zum Boden.) O mein — Gold — lauter glänzendes Gold. Grünling (zieht sie rasch in die Höhe). Rühr'- nicht an — e- schaut 16 wohl aus wie Dukaten / aber es sein Zschkariotische Silberlinge. Susi. Aber warum gibst es denn nicht lieber z'ruck? Grünling. Das Hab' ich ohnehin thun wollen, aber es geht nicht so leicht. Susi. Warum denn nicht? Das seh' ich nicht ein, was da Schweres d'ran sein soll? Grünling. 2a, probier's nur — ich war schon damit auf dem Weg, bin schon vor dem Hausthor von dem Sa- tanaS g'standen, der mich verführt hat, aber immer, wann ich Hab' hinein wollen , Hab' ich den Geldbeutel 'raus zogen, und da sein meine Blick auf dem Gold und meine Füß' im Erdboden festgewurzelt g'wesen — und so — bin ich wieder da — und hab'S noch nicht z'ruckgeben — aber jetzt — (Sufi heftig am Arm fassend.) Sust, jetzt handle Du. Susi. Za, was kann denn ich thun? Grünling. DaS wirft gleich hören — (hebt das Geld auf und hält es fest in einer Hand) da ist das Geld — und da—da hast mich (sich in ihren Arm einklammernd) jetzt geh'n wir hin, und so oft ich stehen bleib', reiß' mich fort! ES heißt immer, was der Teufel nicht verziehen kann, das zieht ein saubres Weib — jetzt beweis das — der Teufel halt' mich z'ruck, zeig, daß Du starker bist als er. Also marsch! vorwärts ! Susi. Also gut — ich geh' mit Dir — aber sag' mir — wie viel Geld ist'ö denn? Grünling.'S ist noch Alles d'rin. täffnet den Beutel.) 60 Stück Dukaten. Susi. 80 — o mein, wie das glanzt, 's ist doch a schöne Sach' um das goldene Geld. Grünling (schließt rasch den Beutel), Nicht mehr Hinschauen — sonst wirst Du mir auch noch schwach — gehen wir. (sie gehen einige Schritte.) Su^i (bleibt mit ihm stehen). Du! Grünling. Was? Susi. 80 Dukaten! DaS ist schon a schön's Geld. Grünling. Freilich, mit'n jetzigen Agio sein'S gegen 300 fl. Susi. 2a, ja, geh'n wir, überlegen wir nicht lang, (gehen wieder einige Schritte.) Grünling (stehen bleibend). Susi! Susi. Was? Grünling. Wie viel hat die Mut- ter g'sagt, daß ich baares Geldz'samm- g'legt haben muß, bis sie uns die Einwilligung zur Heirat gibt? S usi (zögernd und zur Erde blickend). Halt soviel, daß unser Garten ganz schuldenfrei wär', da sein noch 300 fl. Grünling. 300 fl. Da hätten wir'S eigentlich in der Hand. Susi. Freilich wohl. Grünling. Da könnten wir eigentlich morgen schon zum Pfarrer geh'n — auf d'Wochen könnten wir uns schon eigentlich heiraten. Susi (mit einem Seufzer). Auf d'Wochen schon! Grünling (sie umarmend). Susi, Du eigentlich mein. Susi. Und Du mein. Grünling (sich plötzlich erinnernd und sich losreißend). Entsetzlich! weil der Mammon mich nicht mehr blendet, umstrickt mich der Teufel mit Sinnenlust. Susi, (indem er seine Hand vor ihr Gesicht hält) ich bitt' Dich — deck Dir'S G'sicht zu, damit Dein Anblick mich nicht schwach macht — fort, fort, (sie rasch einige Schritte mit sich ziehend.) Susi (bleibt wieder stehen und seufzt laut auf). Grünling. WaS ist Dir denn? Susi. Wie lang wird das dauern, bis Du die 300 fl. auf d'Seiten g'legt hast? Grünling (seufzend). Unter a paar Zahr g'wiß nicht. 17 Susi. Also in a paar Zähren erst, was schon auf d' Wochen sein könnt'. Grünling (geht wieder einige Schritte vorwärts, läßt ihren Arm los, zieht den Beutel hervor und wiegt ihn in der Hand).- 'S ist im Grund ein geschenktes Geld. Susi (verlegen mit der Schürze spielend). Und darum mein' ich — Grünling (heftig). WaS? Susi (erschreckt). Nix, nir — (gedehnt). Wann'st schon glaubst, daß's gar so nothwendig ist — daß wir das Geld — z'ruckgeben — und wann's schon nit anders ist — so geh'n wir halt. Grünling. Za, ja, eilen wir, stürzen wir fort — (geht sehr langsam in einen Finger von Susi's Hand eingehäkelt fort). Susi (bleibt plötzlich steh'n und fangt zu weinen an). Sebastian! Grünling. Susi! Susi. Du hast mich halt doch nicht so recht gern. Grünling. Aber Susi! Susi. Sonst wurd'st unsere Hochzeit nicht so lang' 'nausschieben. Grünling (ihr um der Hals fallend). Susi, Susi! — ich — Du kannst glauben — aber red' nur— was meinst denn eigentlich. Susi (fast böse). Zch glaub', Du könntst Dir's doch noch überlegen, wegen z'ruckgeben — bis morgen. Grünling. Na ja, ja, sei nur ruhig — (für sich). Jetzt ist's recht — ich Hab' sie ausgenommen, damit sie mich dem Teufel entreißt, und jetzt hat uns der Teufel alle Zwei. Dritte Seene. Vorige. Zak (durch die Mitte). Zak. Wohnt da der Herr Hartberg? Grünling (ihn erblickend). Ha — da ist der — Susi. Wer ist denn der ? Grünling. Der — der hat mir Wiener Lheater-Nepertoir. XXXVI. in meinem ersten Geldrausch zuerst zu- gerusen: „Sie sein ein schlechter Kerl." Den Warner sendet mir der Himmel (zu Jak). Sie haben sich in mir geirrt, mein Lieber, Sie haben glaubt, ich b'halt das Geld — aber hier ist's — unberührt noch, und wir sind g'rad' auf dem Weg, es seinem Herrn wieder z'ruck z' geben. Zak. Wieder z'ruckgeben wollen Sie's? Grünling. Za, augenblicklich — also bitt' ich, Ihren Ausspruch wieder z'ruck z'nehmen. Zak. Ah wenn'S so ist, so Hab' ich nur zu sagen, daß ich, wie Sie das Geld ang'nommen haben, Sie für ein' schlechten Kerl g'balten Hab', aber jetzt, wenn Sie's wieder z'ruck- geben wollen, s 1a bonkeur — da sind Sie ein dummer Kerl. Grünling. Was? Su si. Nicht wahr? Zak. Sie haben's damahls ang'nommen , um mein' Herrn nicht zu hauen, das war schlecht, da aber dieses wohlthätige Unternehmen einmal durch Zhre schwankende Haltung versäumt ist, und Sie ihm das Geld auch noch in den Rachen werfen wollen, das ist urdumm! Susi. Na, so ist's mir halt auch Vorkommen. Grünling. Zhr macht'ß mich ganz konfus — was soll ich denn nachher machen mit dem Geld? Jak. Sie sagen, Sie sein ein Freund von Herrn Hartberg, und haben g'hört, daß mein Herr ihn ruiniren, ihm allen Erwerb absperren will, (heftig) und nachher fragen Sie noch, wozu Sie das Geld verwenden sollen? Grünling. Meiner Seel, mir scheint, ich derrath's. Jak. Zeit ist's, daß Ihr Hirn einmal aufthaut. Grünling. Za ja, Susi, wir -'halten das Geld, um dem Herrn 2 18 - Hartberg, wann's ihm schlecht gehen sollt', helfen z' können. Susi. Ja, wie ist's denn dann — (leise zu ihm.) mit unserer Heirat? Grünling. Da steht nichts im Weg — wir können ihm ja alser verheirateter auch helfen. Susi. Freilich (freudig zu Jak eilend und ihm die Hand drückend). Herr Jak, Sie sein a g'scheiter Mann. Jak. Das weiß ich ohnehin — d'rum haß ich ja eben mein'Herrn so, weil er mich nur dafür bezahlt, daß ich ein dummer Kerl sein soll. Wenn ich das woll'n hält', so hält' ich mich ja um eine andere Anstellung bekümmern können. Grünling. Aber warum sagen's ihm denn den Dienst nicht auf? Jak. Geht nicht — ich habe ja Kontrakt — so lang' er im Stand ist, mir mein' Lohn z' zahlen, bin ich sein Sclav — aber er hat nur meinen Körper, mit meiner Gesinnung, mit meinem Herz gehör' ich jetzt dem Herrn Hart--- berg (zu Grünling). Ihr auch? (zeigt auf Susi). Und wer ist die? Grünling. Das ist die Tochter von dem ehmaligen Gärtner, die ich heiraten werd'. Jak. Heiraten? — bravo — nun denn (tritt zwischen Beide, ihre Hände fassend). Ich sei — gewährt mir die Bitte — in Eurem Bunde der Dritte. Grünling. Wir steh'n aber grad' da — wie die am Rigi — Jak. Gar dumm, der Rigi ist ein Berg — und wenn wir da steh'n wie die am Berg — wer sein wir denn nachher? Grünling. Still, ich hör' kom- men — der Herr Hartberg kommt z' Haus — Susi, ich bitt' Dich, sei nur recht freundlich mit ihm, — ich werd' auch alles Mögliche aufbiethen, daß er mir nur wieder verzeiht (zieht sich mit Sufi in den Hintergrund), Jak. Ich stehe rein vor ihm da — I ich Hab' ihn nicht zu scheuen. Vierzehnte Scene. Vorige. Moritz. Moritz (tritt durch die Mitte ein, sein ganzes Wesen zeigt eine schwer bekämpfte innere Aufregung). - Jak. (den Hut tief abziehend). Herr von Hartberg, ich habe die Ehre, Sie meines Respekts zu versichern. Moritz (aufblickend). Ihr? — seid Ihr nicht in Goldsmiths Diensten? Jak. Ja, ich Hab' die Schand. Moritz. Was wollt Ihr bei mir? Jak. Mein Herr schickt mich her, zu erfahren, ob Sie morgen abreisen wollen — für diesen Fall sollen Sie heut' noch zu sein' Sekretär kommen, der Ihnen die nöthigen Geldbriefe geben wird. Moritz. Nein — ich bleibe. Jak. Bravo, da wird sich mein Herr doch wieder einmal ordentlich giften. Moritz (indem er sich an den Lisch setzt und die Stirne schwermüthkg in die aufgestemmte Hand legt). Sagt Eurem Herrn nur, er möge sich gedulden — vielleicht gehe ich ihm bald, ohne von. ihm bezahlt zu sein — für immer aus dem Wege. Jak. Mein Herr hat ferner g'sagt, wenn Sie sich nicht entschließen wollten, fvrtzugehen, so soll ich Ihnen das Paket da übergeben (übergibt es). Moritz. Mir — von ihm? was enthält es? (steht auf, öffnet schnell das Paket, worin mehrere Schriften sind, er durchfliegt sie schnell, dann bitter lachend), s Hahaha, so schnell— kaum eins Stunde verging seit seiner Drohung, und schon > ist sie erfüllt — die hiesigen Kaufleute, I mit denen ich in Geschäftsverbindung stand — lösen diese Verbindung — natürlich — Wer wollte einen Millionär nicht gefällig sein?! — und so — so 19 wird's fortgehen — ich seh' es kommen — nicht nur das Glück des Lebens raubt er mir, er will das Leben selbst mir noch verkümmern — (sinkt wieder an den Tisch), Jak. Herr von Hartberg — ich weiß nicht, was die Papiere enthalten haben, daß Sie sich gar so herum werfen — aber trösten Sie sich, Sie haben meine Achtung. Moritz. Geht — geht — laßt mich allein. Jak. Nein, nein, G'spaß ü psrte, ich liebe Sie — denn schaun's, wenn man, wie ich, das Unglück hat, immer in der Nähe von so einem eingebildeten Mammonisten zu leben, und sieht, wie die ganze Welt, bloß weil er reich ist, vor ihm katzenbuckelt, da ist ein Mann wie Sie, der ihm einmal so recht ohne §6no die Wahrheit aufgeigt, ein wahrer Balsam — ich versichere Sie — Sie haben mir einen Hochgenuß bereitet, und wenn ich Ihnen irgendwo eine Gegengefälligkeit bereiten kann, so rechnen Sie auf den, der die Ehre hat, zu ersterben als Ew. Wohlgeboren wohlaffektionirtester Jak Blumsel. (verneigt sich tief und geht gravitätisch ab). Moritz (ohne auf die Rede zu merken, sitzt starr vor sich hinsehend). Grünling (tritt mit Susi etwas vor, anfangs sehr schüchtern und leise). Herr Hartberg — Susi (ebenso). Ew. Gnaden. Grünling (lauter). Herr Hartberg (zupft ihn am Arm). Moritz (aus seinen Gedanken auffahrend). Was wollt Ihr? Grünling (zurückprallend). O mein Gott — der Blick — auf Ehr', Sie schleudern ein' ja völlig nieder mit den Augen. Moritz (sanfter). Ich wußte nicht, daß Ihr es seid.' Grünling. Sonst hätten's mich vielleicht nicht bloß mit den Augen niederg'schlagen — aber — auf Ehr', ich bin's ohnehin — ich hab's bereut — ich will mir selbst eine strenge Buß auferlegen — ich will heiraten, aber verzeihen's mir nur. Moritz (erstaunt). WaS soll ich Euch verzeihen? Grünling. Na, daß ich das Geld da — (die Börse hervorziehend) angenommen Hab'. Moritz. DaS Geld — habt Jhr'S noch — ? recht — ganz recht, doch laßt es nicht todt liegen — sucht es jetzt zu vermehren — ein Dukaten kann daS Samenkorn von Millionen sein, macht Wuchergeschäfte, fordert Zinsen auf Zinsen — daß sich's rasch verdoppelt — vervierfacht — saugt den Leuten das Blut aus — schont Keinen, der Euch nicht zahlen kann — Ihr müßt reicher — immer reicher werden. Grünling (sieht ihn erstaunt an). Sie geben mir recht? — Sie reden — reden a Menge, und mir ist doch, alS wüßt' ich nicht, wie ich d'ran bin — ich bitt Sie, nur ein bißl deutlicher. Moritz (die Hände gegen die Stirne pressend). Oh — weiß ich denn selbst, welcher Geist aus mir spricht — fordert heute keine Erklärung von mir, mein Kopf ist so heiß — so wüst — ich glaube, ich bin krank. Susi (besorgt). Mein Gott, Sie kommen mir selber so vor, Sie glühen ja ordentlich im ganzen G'sicht. Moritz. Und doch läuft's mir so eisig kalt durch's Gebein, daß eö mich schüttelt wie Fieberfrost. Grünling. Ah das ist so, wenn ein' der Tod über's Grab springt. Moritz (ihn anstarrend). Der Tod? ja — 'S ist fast, als wäre dieß Gefühl ein Gruß vom Friedhofe. Grünling. Aber den ganzen Tag haben'S schon solche Gedanken, man stirbt ja nicht so g'schwind, geben'S einmal die Hand her — (faßt seine Hand). 2 * Herr Gott, wie der Puls geht, g'rad als wenn er ein Hammerwerk treiben sollt', meiner Seel — Sie sein krank — Susi, Susi, koch doch ein' Kamil- lenthee, Moritz. Laßt mich nur allein, ich bitt' Euch. Susi. Aber a Schalerl Thee. Grü n l i n g. Oder ein' warmen Umschlag — ein Hasendeckerl. Susi. Oder vielleicht Magentropfen. Grünling. Oder ein' klein' Aderlaß, ich hol' ein' Doktor. Moritz (fast zornig). Quält mich doch nicht, laßt mich allein (steht auf und geht auf und nieder). Grünling (zn Susi). Ich hol' ein' Doktor — und Du, Susi, geh' — koch' ihm den Thee. (Beide ab). Fünfzehnte Seene. Moritz (allein, bleibt mit verschränkten Armen stehen). Wenn es wahr wäre, daß der Glaube, sterben zu müssen, den Tod wirklich herbeiführe — dann — dann wär's wohl bald vorbei — denn, wunderbar! so fremd mir immer Aberglauben war, seit dem Augenblicke, als der Todtengrä- ber meine Karte in den Sarg gesteckt, ist mir's, als wäre dort mein Platz bestellt, mir wurde plötzlich so unheimlich zu Muthe — auf dem Heimwege schon — während der Dämmerung — als ich durch das Wäldchen ging — lOOmal Hab' ich den Weg in tiefer Nacht gemacht — doch heute schreckte mich jedes Knistern eines Astes, jede abenteuerliche Form, die ein Baumstamm im Abendnebel annahm, machte mich erbeben — zum ersten Male glaubte ich an ein Herüberragen der Geisterwelt in unser Erdenleben. (Das Licht, welches Suse bei ihrem Kommen auf den Lisch gestellt hatte, ist beinahe ganz hcrabgebrannt, und flackert nur mehr so trübe, daß nur mehr der Tisch davon beleuchtet ist, während das ganze Zimmer im Halbdunkel bleibt, er sieht sich im Zimmer um). Selbst hier — in der bekannten Stube, ist mir's, als wolle Alles formlos sich gestalten — (sich ermannend). Lächerlich, die aufgeregten Nerven bereiten mir dieß Spiel — das Licht brennt auch so trübe — (sucht das Licht aufzurichten.) ich darf mich ja nur festen Blickes rund umsehen — 's ist nichts — nichts — (sein Blick fällt auf das Fenster in der Hinterwand, an welchem man, vom Monde matt beschienen eine Gestalt erblickt, er fährt erschreckt zurück und bedeckt sich die Augen mit den Händen). Was war daS — dort—im Garten? (siehtwiederhin,die Gestalt ist verschwunden). Nichts — nichts — bei Gott, ich habe Fieberfantasien, war's doch deutlich, als ob es dort — nein, nein, bin ich denn zum Kinde geworden? (setzt sich unter vergeblich bekämpftem Schauer an den Lisch). Daß ich den Gedanken an den Unbekannten im Sarge nicht loS werden kann — (sich gewaltsam ermannend). Und wär's so — und hält' es eine Bedeutung, was verlöre ich am Leben?! mir wär' der Tod willkommen — und käme jetzt sein Bothe sichtbar aus dem Grabe — (es wird gepocht, er bebt am ganzen Körper zusammen). Was war das? (das Pochen wiederholt sich, er schreit dumpf auf). — Ah, daS ist nicht Täuschung — wer, wer kann — (sich wieder ermannend). WaS ist's denn weiter? eS hat Jemand gepocht, nun denn, weg mit der lächerlichen Furcht — ich öffne (geht mit forcirten bebenden Schritten zur Lhür). Sechzehnte Seene. Moritz, (die Lhür öffnet sich, der U N- bekannte, ein alter Mann mit fahlem Antlitze, weißen Haaren und einem langen schwarzen Kleide, tritt ein). Moritz (zurückfahrend). Wer seid 2hr? 21 Unbekannter (lächelnd, ihm seine Karte entgegenhaltend). Zch bin der, den Sie beute zu Grabe begleitet haben. Moritz (schreit laut auf). Ah — fort — fort — zurück in Dein Grab, Hilfe (stürzt, immer die Hände gegen die Erscheinung abwehrend streckend, rückwärts fliehend, durch die Nebenthür ab). Unbekannter (sieht ihn verwundert an, schüttelt den Kopf, geht zitternden Schrittes zum Schreibtisch, setzt sich an denselben, nimmt die Feder zur Hand und beginnt zu schreiben). (Der Borhang fällt). Zweiter Act. (Spielt um zwei Monathe später als der erste). (Grünlings Garten mit Obstbäumen und Blumenbeeten, zu einer Seite ein Treibhaus, zur andern das Wohngebäude. Im Hintergründe eine hohe Mauer mit Weinreben überkleidet, in der Mitte derselben ein Einfahrt-Thor). Erste Gerne. Frau Margarethe. Susi. Grünling. Margarethe (sitzt mit einer Stickerei auf einer Bank vor dem Hause). Grünling (ist mit dem Umgraben eines Beetes beschäftigt, ruht oft von seiner Arbeit aus, und trocknet sich mit der Hand den Schweiß von der Stirne). Susi (sitzt auf einem Schämet neben Margarethen, bindet aus Blumen Sträußchen, und singt dazu). Grünling. Hast recht, Sufi, sing' mir nur all'weil vor, daß die Armuth was recht Schönes ist, wann man's recht oft hört, nachher glaubt man auf d' letzt doch d'ran. Margarethe, 's ist gar ein dummes Lied, die Armuth preisen, ha! Grünling. Warum denn nicht? die Armuth ist die Mutter der Hoffnung , und die Hoffnung ist doch das schönste, was 's auf der Welt gibt, wenn man also die schöne Tochter liebt, so muß man ihr z' lieb auch die häßliche Mutter ertragen lernen. Schau die Frau Margareth, ich Hab' d' Frau Margareth auch recht gern, weil ich die Susi gern Hab'. Margarethe. A schön's Gernhaben! Sie könnten'S schon zur Frau haben, wann'S g'scheiter g'wesen wären, — aber — 80 Ducaten in der Hand haben, und dem Herrn Hartberg leihen — ohne Schrift — ohne Pfand, nein, eS ist nicht zu verzeihen. Grünling. Na ja, ich werd'von ein' Freund was Schriftliches begehren, das war' ja g'rad so gut, als wenn ich ihm'S schriftlich gebet, daß ich ihn für ein' Schurken halte! Margarethe. Ein saub'rer Freund das! — das Geld nehmen, auf und davon geh'n, und nichts mehr von sich hören lassen! Grünling. Er ist gewiß nicht schuld daran, werweiß, was ihm geschehen ist — Du weißt'S ja, Susi! wie ihm den letzten Abend vorher noch war! Susi. Na ja, das war vor zwei Monathen, g'rad an dem Tag, wo Du das Geld kriegt hast. Grünling. Ja, wie er auf einmal so fieberhaft wor'n ist — ich bin noch um den Doktor g'loffen, der war aber nicht z'trcffen, und wie ich wieder nach Hause komm, sitzt der Herr Hartberg todtenblaß an sein' Schreibtisch , und hat ein' Brief in der Hand — wie er mich sieht, fahrt er auf mich zu und sagt: ,,Grünling! 2hr habt Geld!" — „Za, sag' ich, die 60 Ducaten," — „Wollt Ihr mir das Geld leihen," sagt er, — „Mit Vergnügen," sag' ich, und gib' ihm den ganzen Beutel — er stürzt d'rauf fort — und Roß und Reiter sah' ich niemals wieder! 22 Margarethe. Und werden auch nichts mehr davon sehen! Und da sein Sie noch so delikat, daß'S nicht einmal eine schriftliche Anzeig' davon machen! Zweite Scene Vorige. Moritz Hartberg (tritt, eine Reisemütze tief in's Gesicht gedrückt, in einen Mantel gehüllt, durch daß Gartenthor ein, und geht während der folgenden Rede sachte vorwärts). Grünling. Pfui Teufel — g'richt- liche Anzeig'! wenn er nicht gestorben ist, so kommt er schon von selber wieder! Margarethe. Ja, wir wifsen's ja, wie die wieder kommen, an die man hier eine Forderung hat! Grünling. Und wenn er sich viel- leicht deßwegen nicht mehr sehen läßt, weil er mir die 60 Ducaten nicht zurückzahlen kann, das war' recht kindisch von ihm, was das Geld anbelangt, da denket ich mir: Wie gewonnen, so zerronnen! — Der Teufel hat mir'ö in d' Händ' g'spielt — der Teufel soll's auch wieder holen! — Moritz (klopft ihm von rückwärts auf d' Schulter). Er hat's auch geholt! Grünling (freudig erschreckt). O mein Gott! — die Stimm'! Susi (ebenso). Zekus! ist daS nicht — Grünling, (seinen Augen noch nicht trauend). Meiner Seel' — ich seh' zwar nur d'Nasen — aber, ich muß gusti- ren — (zieht ihm anfangs langsam die Mütze vom Kopfe, mit steigender Freude.) die Augen sein's auch — die Stirn — die Haar' — (reißt ihm zuletzt auch den Mantel weg). Ganz ist er's — ganz! — Atout Aß! — mein lieber Freund Hart- berg (stürzt ihm um den Hals). Vivat! Zuhe! (klatscht vor Freude in die Hände). Vivat! vivat! Blumen auf den Weg gestreut! (stürzt das Körbchen, worin Susi die Sträußchen gelegt hatte, um). Wandle auf Rosen und Vergiß mein nicht (faßt ihn dann bei beiden Händen, und sagt zu Margarethen). Na, Frau Margareth! wer hat denn Recht g'habt? da ist er jetzt! Margarethe (kalt). Na, freut mich! — Aber wie war's denn? — Ich alaub', wir haben g'rad g'redt von die 50 Ducaten? — Grünling (bittend). Aber Frau Margreth — Moritz. Za, lieber Grünling, — Euer Geld bring' ich Euch nicht zurück. Grünling, Aber ich bitt Zhnen, reden's nicht davon! Margarethe (gezogen). So, so? hm! spasig — haben sich wol recht gut unterhalten während der Zeit? — Grünling. Aber Frau Margreth! Margarethe. Na ja! man muß sich ja auch eine Erholung vergönnen! — Nur mein' ich, sollt man halt warten, bis man sich selber was erspart hat. Grünling (drohend). Frau Margareth. — Margare th e. Wir haben uns die Zeit her rechtschaffen plagen müssen, damit uns're Gläubiger nicht rebellisch worden sein, und wenn wir die 50 Ducaten g'habt hätten — Grünling (eilt auf sie zu, und hält ihr den Mund mit der Hand zu). Frau Margareth! halten's jetzt Zhre Speise-Anstalt, oder meiner Seel — Margarethe (sich losmachend und noch mehr erbittert). Ah was, der Herr Grünling ist ein leichtsinniger Ding, aber sein Geld ist so viel, als meiner Tochter ihr Geld, und da Hab' ich auch was d'rein z'reden! Und d'rum, Herr Hartberg! dürfen's eö einer besorgten Mutter nicht übel nehmen, wenn sie Zhnen fragt: „Was 's denn so iS? Und ob, und wann Sie das Geld wiederwerden zurückgeben können? Wir haben nichts zum Hinauswerfen! 27 Moritz (die Achsel zuckend). Das weiß ich nicht anzugeben, die Spekulation, wozu ich eben das Geld brauchte, ist gänzlich mißglückt, und ich bin nun so arm, daß ich für die nächste Zukunft nicht weiß, wovon ich leben soll. Margarethe. So? So? Und da kommen'ö wieder zu uns — na das ist ja ein recht schmeichelhaftes Zutrauen! Grünling (ihr schnell in die Rede fallend). Was wir auch rechtfertigen werden! Ja — und 's g'freut mich unbändig, daß uns der Herr Hartberg nicht weiter gangen ist. — Sie werden bei uns wohnen. Margarethe. So ist's recht — und kein' Zins. Grünling (wie oben). Versteht sich, kein' Zins brauchen'S nicht z'zahlen, und essen werden's jetzt auch bei uns. Margarethe. WaS?! Grünling. Na was? was wir halt just haben, und d'Frau Marga- reth muß hernach auf zwei Portionen mehr antragen, denn ich werd' nachher auch ein'doppelten Appetit haben! Margarethe. Aber hören Sie doch, Herr Grünling, was Sie heut — . Grünling (wie oben). Heut wird schon gar gut g'lebt. — Die schwarze Henn', die schon lange keine Eier mehr legt, und sich umsonst füttern laßt — die Falsche soll erbleichen! und Sie werden's braten. Margarethe (kreischend). Nein — ich hab's satt. Grünling. So brauchen'S heut' nit mitz'essen — so bleibt uns mehr (indem er zwischen Margarethe und Susi tritt, leise zu Elfterer). Aber ich Hab' jetzt das ewige Jnterpelliren auch satt — ich will's einmal so — und Du, Susi! ich sag' Dir nur, wann's Dir nicht recht ist, sein wir g'schiedene Leut', jetzt sag' unbefangen, ist'S Dir recht? S u si. Mir ist Alles recht, was Dir recht ist! Grünberg. Da hört'S die Frau Margareth, wir haben die Majorität, und drum pack die Frau Margareth mit ihrem Minoritätsvotum ein, und behandle sie die schwarze Henn' augenblicklich standrechtlich. Margarethe. Aber lassen'S mich doch reden! Grünling. Hier hat jetzt die Rederei ein End' — und jetzt an den Herd, oder ich such' mir noch heut' einen andern Herd! (hat während dieser Rede die sich fortwährend sträubende Margarethe bis zur Lhüre bes Hauses geführt, und sie in selbe hineingeschoben, dann schließt er die Lhür.) O Gott — daS Sprichwort hat recht, eine Schwiegermutter ist des Leu— Na, ich will mich nicht weiter ärgern, (zu Hartberg zurückkebrend.) Verzeihen's! ich Hab' nur die neue Hausordnung angeben! Jetzt g'hör'ich Ihnen mit Leib und Seel! Moritz (dessen ganzes Wesen nun in eine freudige Bewegung übergeht). Ja, daS sollst Du auch! — Du hast Dich doch bewährt! — Gott sei Dank, daß ich doch Einen Menschen gefunden habe, den ich belohnen kann! Grünling. Belohnen? (leise zu Susi.) Und der arme Narr hat selber nichts. Moritz. Ja, allen— allen Andern Hab' ich Rache g'schworen. Euch allein will ich belohnen! Kinder! habt Ihr einen Wunsch auf dem Herzen, so sprecht ihn aus, und sei er noch so kühn, im nächsten Augenblicke soll er erfüllt sein! Grünling und Susi (sehen ihn erstaunt an). Susi (ängstlich und leise zu Grünling). Du! ich bitt' Dich — schau ihn nur an — wie er auf einmal ganz stolz dafteht — wie seine Augen glanzen — mir scheint gar — (deutet auf die Stirne.) Grünling. Gehen'S — foppen gilt nicht. Sie thun ja grad, als wann'ö a Zauberstaberl hätten! Moritz. O ja — ich habe einen 2t Zauberstab, den einzigen Zauberstab, der jetzt noch Wunder wirkt — der verschlossene Thüren öffnet — die Menschen sprechen und verstummen macht, der die Tugenden zum Laster macht, und dem Elendesten Glanz verleiht! Susi (sich furchtsam hinter Grünling retirirend). Meiner Treu — eS rappelt bei ihm — ich krieg' ein' ordentliche Angst. Moritz (es bemerkend). Hahaha! die Kleine zittert vor mir — oh! eS werden noch so manche Andere zitternd vor mir stehen, und feste Häuser sollen ein- stürzen, wenn ich auftreten werde. Susi. Sebastian! um Gotteswil- len! ich halt's nicht aus — geh'n wir! Moritz (will zu ihr). Nein, nein, Du Haft mich nicht zu fürchten! Susi (schreit in dem Augenblick, als Moritz näher zu ihr kommt, laut auf, und flieht ins Haus). Moritz. Was hat ste denn? Grünling (für sich). Auf Ehr'! bei dem hat'S umg'schnappt! — Ich. weiß gar nicht, wie ich mich dabei halten soll? — ich denk', 's Gscheit'fte ist's, ich geh'in Alles ein, stell' mich, als wann ich Alles glaubet, und gib ihm in Allem recht! Moritz. Doch 's ist gut, daß wir jetzt allein sind! Grünling (für sich, sich auch etwas von ihm entfernend). Müßt' lügen, wenn mir das recht war' — ein Paar Narrenwärter mit Gurten könnten nicht schaden! Moritz (eilt rasch aufkhn zu, und faßt ihn an der Hand ). Grünling! Ich bin reich, unermeßlich reich! Grünling (für sich). Mir wird angst! (laut, mit unsicherer Stimme.) Na ja, das ist schön — ich glaub' Alles! Moritz. Das schönste Palais dieser Stadt mit einem feenhaften Parke ist mein — hörst Du — mein! Grünling (wie oben). Na ja, versteht sich — wem sollt'S denn anders gehören ? Moritz (erstaunt). Wie? Du weißt schon? (hastig.) Gesteh' es mir, wer hat es Dir verrathen? Grünling. Mir? Niemand — ich — weiß eigentlich gar nichts! Moritz. Und Du wunderst Dich nicht, bist nicht erstaunt? Grünling. O ich bitt' — wann Sie'ö schaffen, — ich staune unsinnig — ich bin ein lebendiges Ausru- fungszeichen! Moritz. Ich will auch Dich reich machen — reich und glücklich! Grünling. Ich dank' recht schön! (für sich) Das ist ein närrisches Glück. Moritz. Willst Du Geld? jetzt gleich? Ach ja — meine Schuld — zehnfach zahl' ich sie Dir zurück! Grünling (für sich). Nein, diese fixe Idee! Moritz. Hier — hier — nimm! (reicht ihm eine Brieftasche.) Grüuling. Ich küß' die Hand! (für sich.) Es sein wahrscheinlich Pa- pierschnitzeln drin! (öffnet die Brieftasche, fängt zu zittern an — blickt sprachlos Mo» ritz an, dann wieder in die Brieftasche sehend). Za — das sein ja — aus Ehre! — wann die fixen Zdeen so ausschauen — das sein ja — lauter Hunderter, (zieht eine Banknote heraus und prüft sie zuerst zwischen den Fingern.) Gediegenes Papier! (sieht sie dann durch's Licht an.) Und die Schrift — die Wasserschrift — meiner Seel —die Banknoten sein echt! Moritz. Dachtest Du, ich werde Dir falsche geben? Grünling. Za, wie ist denn das? — Sagen'ö mir nur — da sein ja Sie doch — kein Narr! Moritz. Hahaha! Nun begreife ich. Ihr glaubtet, ich rede irre — nein — nein — mein Lieber! ich bin bei vollem Verstände, obgleich sich Dinge mit 2S mir zugetragen haben, über welche man den Verstand verlieren könnte! Grünling. Na, wann Sie nur Geld g'funden haben — nachher liegt am Verstand nichts! — Aber ich bitt' Ihnen, erzählen's doch ! Moritz. An jenem Abende, wo ich von dem Gange nach dem Friedhofe zurückkehrte, aufgeregt, fast fieberkrank, allein in meinem Zimmer blieb — da — lache nicht darüber — da hatte ich — eine Erscheinung ! Grünling. Eine Erscheinung? — hören'S auf — mir kruselt. Moritz. Eine bleiche Greisengestalt trat ein und sagte: „Ich bin der, den Sie heute zum Grabe begleitet haben. Grünling. O mein Gott — a Geist — warum nicht gar! Ein Geist, den wird man doch nicht so herumgehen lassen! Moritz. Entsetzt — von namenloser Angst ergriffen, entfloh ich in mein Schlafgemach. Doch bald ermannteich mich, hielt die ganze Vision für eine Ausgeburt meiner kranken Phantasie — zündete Licht an, und kehrte in das Zimmer zurück — es war leer — doch da — fällt mein Blick auf den Schreibtisch — ein von fremder Hand geschriebenes Blatt lag auf demselben — ich erfasse — lese es. Grünling (in höchster Spannung). Na, was hat er denn g'schrieben — der Geist? Moritz. ES stand darauf: Ehe ich gestorben» habe ich mein baareS Vermögen vergraben! Grünling. Siehst eS! jetzt weiß man doch, wo unsere Zwanziger hinkommen — daS machen die Geister! Moritz. Dabei war der Ort genau angegeben, in einem Wäldchen bei einem verödeten Schlosse in der Nähe von London. Grünling. Merkwürdig, vergrabt der in London sein Geld, und geht nach Deutschland sterben! DaS ist halt wieder echt englisch!. Moritz. Wie sollte ich mir dieß Ereigniß enträthseln? — Doch — mochte es sein, was eS wolle — mein Entschluß war gefaßt, den Versuch zu wagen! Daher nahm ich zu meinem Gelds noch das Deine — und — reifte nach London. — Ich fand den Platz, wie er beschrieben — die Ruine in dem Wäldchen — den schwarzen Stein im Gemäuer. Die erste mondhelle Nacht benützte ich, dort zu graben — nur wenig Schuhe unter der Erde stieß ich bereits auf eine Kiste, so schwer, daß ich sie nicht heben konnte, ich schlug den Deckel auf — funkelnde Goldstücke — reiches Geschmeide — Edelsteine von seltsamer Größe bildeten den Inhalt. Grünling. Ich bitte, haben Sie nicht gleich einen kleinen Schätzmeister g'holt, um zu wissen, wie viel das ganze Graffelwerk werth ist? Moritz. Oft wiederkehrend schaffte ich nach und nach den reichen Fund in meine Wohnung, hier erst konnte ich seinen Werth ermessen — es sind mehr als 8 Millionen! Grünling (fällt, wie vom Schlag getroffen, rücklings auf eine Rasenbank). Ah! Moritz. WaS ist Dir? Grünling (kann anfänglich nicht sprechen). Ah — ah! — ich mein' — der Schlag trifft mich — 8 Millionen — das halt' mein Auffassungsvermögen nicht aus! Reden Ew. Ercellenz weiter, damit ich mich derweil derfan- gen kann! Moritz. Da stand ich denn allein mit dem ungeheuren Schatze, und dennoch, so am Quell alles menschlichen Sehnens, zog keine Freude in mein Herz. Grünling. Das begreif ich nicht! ich wär' auS'n Purzelbaumschlagen gar nicht herauökommen! 30 Moritz. Es empörte mich auf's neue, daß solch ein Haufen geprägten gelben Staubes erst dem Menschen unter Menschen Werth verleihe. Da flammte der Haß gegen dieses Geschlecht auf's neue in mir auf — und keinen höhern Genuß wollt' ich von meinem Reichthume haben, als den, die Bosheit, welche man einst an mir, dem wehrlosen Armen, übte, zu vergelten, den Verrath der Liebe zu rächen! — Jetzt vermag ich's — denn Gold ist Allmacht — um Gold ist Alles feil, auch der Arm der Nemesis! — Ich will den Arm der rächenden Göttin lenken, will lohnen und strafen. Grünling (einige Banknoten herausziehend). Aha, deßwegen haben Sie mir schon ein Paar Fleißzetteln geben! Moritz. O dadurch ist mein Dank noch nicht erschöpft. Du allein hattest doch den Willen, mein Freund im Unglück zu sein, darum fordere, sprich, womit kann ich Dein Glück begründen? Grünling (aufstehend). Ich bin. ganz damisch — ich soll fordern — soll wählen — und mir schwimmelt's vor den Augen. Moritz. Nun, Dein erster Wunsch ist wohl, daß Du Dein Mädchen zur Frau nehmen könntest? Grünling. Na — jetzt — das muß ich mir doch erst überlegen. Moritz. Wie? Du willst Dein Suschen nicht heiraten? Grünling. Ach ja — das schon! — aber wissen Ew. Gnaden — später a Bißl. Z'erst möcht' ich doch noch wissen , was es heißt, als freier Mensch die Welt zu genießen! — Wissen Ew. Gnaden! o — nichts zu thun — und alleweil Geld in den Taschen — so herumschlendern — so, was man auf hochdeutsch sagt: ein Pummler sein. Moritz. Nun, der Wunsch ist leicht erfüllt, sage mir's, so oft und so viel Geld Du wünschest. Grünling. Ich bitt', wo wohnen denn Ew. Gnaden? Moritz. Vor der Hand bleibe ich in Deinem Hause — Niemand soll noch von meinem Reichthum wissen. Grünling. Und von meinem auch Niemand, sonst laßt mich die Frau Margareth gar kein' Schrittaus'n Haus thun, eh' ich ihr' Susi g'heirat' Hab'! Moritz. Doch ließ ich bereits das herrliche Palais, welches Herr von Goldsmith bisher für stch'gemiethet hatte, durch einen Agenten kaufen. Niemand weiß aber, wer der gegenwärtige Besitzer ist. Grünling. Aber warum denn grad das Palais, wo Ihr Todfeind wohnt? Moritz. Gerade dies soll das Schachbret sein, auf dem ich den wohldurchdachten Plan ausführen will. Ich habe in London mich um die Verhältnisse seines Hauses bekümmert, und will der Macht, die ihre Blitze auf ihn herabschleudern soll, selbst die Richtung geben! — O es fügt sich Alles vortrefflich ! Morgen soll Goldsmith's Vermählung mit Annen sein — und heute, als am Vorabende derselben, veranstaltet er ein großes Fest. Es soll ein Fest für mich werden, denn wie auch der Becher, den die Liebe kredenzt, entzücken mag — den Becher der Rache in vollen Zügen leeren zu können, ist auch Seligkeit! (eilt ab.) Dritte Seene. Grünling (allein). Ich kenn' mich da noch gar nicht recht aus — ein Begrabener, und schreibt nach seinem Tod noch solche Anweisungen? Ja, um schreiben zu können, muß man ja doch leben — und wenn man begraben ist — kann man denn da noch leben? — Ah ja — ja — es gibt ja so Manche, die zwar noch ganz frisch und gesund sind, und doch schon zu den Begrabenen 27 g'hören, also muß'- auch solche geben, die zwar schon begraben sind, und doch noch fortleben. Lied. Ein Dichter schreibt nur solche Lieder, Bon denen er sich hofft Gewinn, Bückt sich vor jedem Mächt'gen nieder, Und bringt ihm Lobgesänge hin. Aus freiem Herz ein freies Wort Hört man von ihm an keinem Ort. Er fürcht', cs möcht' es der und der nicht gern haben, Der lebt zwar noch, doch hat sich selbst begraben. Doch der, als die Länder noch Finsterniß deckte, Dem Licht, dem ersehnten, schon Grüße gesandt, Den Geist seines Volkes vom Schlummer erweckte, Daß noch spät die Nachwelt durch ihn ist entbrannt, Und durch ihre Lhaten erprobte sein Wort, Der ist zwar begraben, und lebt dennoch fort. 'S kennt Einer nichts, als seinen Magen, Um den zu pfleg'n, will er nur Ruh, Er sagt, ich fluche all' den Lagen, Wo's weg'n der Freiheit so ging zu. Ich weiß nicht, was's denn woll'n, die Leut', Ich glaub', darin besteht die Glückseligkeit, Daß man gut ißt, was wollen's sonst noch haben, Der lebt zwar noch, und ist doch schon begraben. Es lebt' einst ein Mann, den die Krone selbst schmückte, Und der doch im Fortschritt des Volk's nur gelebt, Der glücklich nur war, wenn er And're beglückte, Und, oft mißverstanden, das Licht nur erstrebt, Dem Finsterling zürnend — dem Weisen ein Hort, Der ist zwar begraben, und lebt dennoch fort. (Ab.) Verwandlung. (Aeußerst luxuriös eingerichtetes Cabknet in Goldsmith's Palais. Vierte Scene. Goldsmith. Blakswhyt. G 0 ld sm ith (kommt in übelster Stimmung aus einer Seitenthür). Blakswhyt (folgt ihm). Goldsmith. Ich sage Ihnen, mein Arzt wird es büßen müssen, ich werde krank werden vor Entrüstung! Wie betreiben Sie denn Ihre Correspondenz? Blakswhyt. Ich habe, so oft als Sie befahlen, an unseren Procura- führer in London geschrieben. Goldsmith. Und keine Antwort — auf die dringendsten Aufforderungen von mir keine Antwort! seit sechs Wochen nicht eine Zeile! Schreiben Sie ihm, daß er seiner Stelle entsetzt ist! Blakswhyt. Das geht nicht. Sie wissen, Mister Langwood ist Ihnen gerichtlich als Procuraführer bei- gegeben, und bleibt dieß so lange, bis Ihr Herr Vater gestorben sein wird. Goldsmith. Wie lange kann das währen? sein Geist ist bereits unheilbar gelähmt, das Restchen Körper bereits gebeugt; oh, einer Last von 86 Zähren wird er wohl bald auch erliegen. Die Welt kennt nur mehr einen Goldsmith, mich ! Und meine Namensun- terschrift gilt überall wie baareS Geld ! Blakswhy t. Za, so lange Mister Langwood Ihre Wechsel einlöst, und sie statt baarem Gelde in die Cassa legt. — Er thut dieß wohl bisher, weil er, wie Alle, fest überzeugt ist, daß Niemand Anderer mehr, als Sie, die Cassa revidirt. Doch war es immer ge- 28 gen seine Pflicht, und wenn nun sein Gewissen — Goldsmith. Sein Gewissen habe ich ihm abgekauft. Blakswhyt. Und wenn nun Ihre Forderungen den gepachteten Raum seines Gewissens überragten? Bedenken Sie, vor 4 Wochen sandten Sie einen neuen Wechsel an Langwood für einen Betrag von 80,000 Pfund—statt des Geldes sandte er Ihnen, ohne eine Zeile beijufügen, Ihren Wechsel selbst zurück. Goldsmith. Es muß ein Jrrthum — ein Mißverständniß obwalten. Doch nun sandte ich einen Expressen — dieser muß heute zurückkommen, und — ich wette! — er bringt daö Geld. Blackswhyt. Wenn aber nicht? Goldsmith. Wenn nicht? wenn nicht? wann hat es irgend Jemand gewagt, wenn ich etwas angeordnet hatte, zu fragen: „Wenn nicht?" — Und wenn er das Geld nicht brächte, binnen einer Viertelstunde schaff' ich es mir hier. B la kSwh yt. Ja, so lang es noch ein Geheimniß ist, daß Ihr eigenes Handlungöhaus Ihre Wechsel zurücksendet ! Goldsmith. Wie viel habe ich noch in meiner Handcassa? Blakswhyt. 40,000 Pfund. Go ldsmi th. Davon muß ich heute noch 30,000 dem Vater meiner Braut einhändigen, sobald der Ehecontract unterzeichnet ist. Dann bleiben 10,000. Doch was sind mir 10,000 Pfund? Solche Summen bin ich gewöhnt, an die Ausführung einer Caprice zu setzen! — Doch — (sich selbst beschwichtigend) der Erpresse muß ja heut' noch zu- rückkehren! Fünfte Scene. Vorige. Jak. Jak (kommt ganz lustig herein). DaS ist ein Hauptjur, Ew. Gnaden! — wirklich, freut mich unbändig! Goldsmith (ihn finster anblickend). Was hast Du denn? Jak. Ew. Gnaden haben glaubt, der Herr Hartberg ist schon über alle Berge. Goldsmith. Nun ja — doch was ist's mit ihm? I a k (lachend). Er ist schon wieder da! Goldsmith (verwundert und entrüstet). Was — hier? und gerade heute. Jak. Ja, grad' heut', am Hochzeitstage von Ew. Gnaden — daö ist ja gerade das Spaßige. Goldsmith. Schweig, Dummkopf. Jak (boshaft lachend). Nein, Ew. Gnaden, keut' können'ö wieder einmal a paar Spaß von mir hören — heut' bin ich gur aufg'legt, weil ich weiß, daß Ihnen das ärgert, daß der Hartberg da ist — hahaha! — ist richtig da! schaut recht gut aus. Goldsmith. Mich ärgern? Solch' ein Jnsect? Ich werde es wieder aus- zutreiben wissen! Wo hast Du ihn denn gesehen? Jak. Zuerst unten, in unserm Park. Goldsmith. Wie? in meinem Park? Und der Portier ließ ihn herein, der Gärtner duldet ihn? Geh augenblicklich hinab, der Gärtner soll ihn auS dem Parke fortschaffen! Jak. Er ist schon fort auS'n Park. Goldsmith. Wo ist er hin? Jak. Da herauf in'S Schloß? — Goldsmith. In mein Schloß? Jak. Ja — er steht im Vorzimmer — ich soll ihn melden, hat er gesagt. Goldsmith. Er will mich sprechen? Warum sagtest Du mir das nicht gleich! L9 Jak. Ja, wissen Ew. Gnaden! ich Hab' denkt, so eine freudige Überraschung muß ich Ihnen langsam beibrin- gen, 's könnt' Ihnen sonst der Schlag treffen! Goldsmith. Tölpel! — Er mag kommen! Jak. Ew. Gnaden! soll ich derweil den Doktor herüber b'stellen? Goldsmith. Wozu denn? Jak. Na, ich mein', die Unterhaltung mit'n Hartberg wird Ihnen den Magen verderben! Goldsmith. Geh, ich bin's überdrüssig — Deine Narrenpossen anzu- hören. Jak. Na ja, ich bin eigentlich nur engagirt, alle Tag Ein' Spaß zu machen, aber heut' bin ich grad halt bei Humor, und da gib ich Ihnen gleich die Dummheiten auf 14 Tag heraus, theilen"s Jhnen's halt so ein, daß auf jeden Tag a gleiche Portion kommt! (Ab.) , Goldsmith (zu Blakswhyt). Was mag er wollen? hm! hatte vielleicht, als er zum ersten Male diese Stadt verließ, ein paar Gulden in der Lasche, und wollte stolz meine Gabe verschmähen, nun stockt die Tinte — und er wird um frische betteln! Sechste Seene. Vorige. Moritz Hartb erg. Moritz (tritt einfach, doch elegant ge» kleidet, ein). Goldsmith. Sie sind wieder hier? Was wollen Sie bei mir? — Brauchen Sie Geld? Sie sollen es haben — doch erst in dem Augenblicke, wo Sie sich wieder in den Postwagen setzen. Moritz. Ich kann nicht genau bestimmen, wann ich wieder einmal eine Reise unternehme — vielleicht erst in einigen Jahren! — doch das Geld wünschte ich heute noch zu erhalten. Goldsmith. Ihre Rede klingt unverschämt. Sie wissen, unter welcher Bedingung ich mich angeboren habe. Moritz. Die Bedingung lautet einfach : Nach„Sicht" —so habeich eS schriftlich von Ihnen in Händen! G o l d s m i t h. Schriftlich? von mir? Moritz. Sie zweifeln. Ich werde mir die Freiheit nehmen, Ihnen zur Probe einen Wechsel zu präsentiren. (zieht sein Portefeuille hervor, nimmt aus demselben einen Wechsel und hält ihn Gold» smith vor.) Ich hoffe doch, daß dieß Ihre Unterschrift ist? Gold smith (sieht den Wechsel an, macht eine Bewegung des Schreckens). Bei Gott — (rasch zu Blakswhyt.) ES ist meine Unterschrift. Blakswhyt (ruhig). Hm! wahrscheinlich einer von den Wechseln, welche Sie Langwood sandten. Goldsmith. Doch dieser sollte si- deponiren — nicht aus den Händen geben. Blakswhyt (wie oben). Sie se» hen, daß er'S doch gethan hat! Goldsmith (rasch zu Moritz). Herr! wie kommen Sie zu diesem Papiere? Moritz. Durch Ankauf! Gold smith. Sie? Sie? — Der Wechsel lautet auf 400Ü Pfund. Moritz. Ja. Gold smith. Wie kämen Sie zu solchem Vermögen? Moritz. Ich werde Ihnen hierauf antworten, sobald Sie mir beweisen, daß Sie ein Recht haben, mich zu fragen. Gold smith. Herr! den Ton, wel. chen Sie sich heute gegen mich erlauben, sollen Sie einst noch bereuen. Moritz (lächelnd). Wenn ich nur den Ankauf der Wechsel nicht bereuen muß. Gold smith. Wie? Sie unterstehen sich, mich durch Mißtrauen zu beleidigen ? Sie fürchten wohl, die paar Pfennige könnten mich in Verlegen- 30 heit setzen? (zu Blakswhyt) bringen Sie mir die 4000 Pfund? Moritz. Um diesem Herrn weitere Bemühungen zu ersparen, wollen Sie anordnen, daß er gleich Ihre ganze Handcaffa milbringe. Ich habe noch einige solche Papiere (in seinem Portefeuille blätternd). Goldsmith (mit'bebendem Zorn). Von mir? Moritz. Za, (sieht nach) 6000, 10,000, — 18,000 — eine Bagatelle von 3 — hier nur noch kleinere von 4000 Pfund. Goldsmith (für sich). Langwood — Langwood! Diesen Streich sollst Du Mir büßen! (laut, sich zum Lächeln zwingend.) Nun — sind Sie zu Ende? Moritz (fortfahrend, für sich). Za — das sind vor der Hand die Wechsel. welche Sie im Stande sind, einzulösen, wenn Sie sich vollkommen Zhrer Baarschaft entäußern. Goldsmith. Wie? Sie wähnen mich dadurch erschöpft? hahaha! Moritz (wie oben). Nun ja — 40000 Pfund haben Sie noch in Zhrer Handcaffa. Goldsmith (Blakswhyt krampfhaft an der Hand fassend, mit Wuth, doch leise zu diesem). Ich habe Verräther in meinem eigenen Hause — wehe dem, den ich dessen überführen kann, (eine spöttisch lächelnde Miene erkünstelnd.) Wie kommen Sie zu diesem Geheimnisse? Moritz. Zch habe mir es erkauft. Goldsmith. Hahaha! Sie machen schlechte Einkäufe, mein Herr — denn Sie sind getäuscht. — Haben Sie noch andere Papiere in Händen, welche die genannte Summe übersteigen? Moritz. Zch glaube, (sieht wieder im Portefeuille nach.) Za, noch 20,000 Pf. Goldsmith. Sie sollen Sie haben — gedulden Sie sich wenige Minuten — ich werde Sie bezahlen — und wenn'S eine Million wäre — vor Zhnen wird Goldsmith auch nicht 10 Minuten insolvent erscheinen, (zu Blakswhyt) Folgen Sie mir! (Ab.) Blakswhyt (macht hinter Gold- smith's Rücken Moritzen ein Zeichen des Einverständnisses und folgt jenem ins Seitenzimmer). Moritz (allein). Er will alle Wechsel einlösen — ha! er wird sich die fehlende Summe zu verschaffen wissen — desto besser! Siebente Seene. Moritz. Zak. Liebstein. Mehrere andere Gäste Goldsmith's (treten durch die Mitte ein). Zak (tritt zuerst ein). Zch bitte, nur voraus zu spazieren! (sieht sich um.) Mein Herr nicht da? Moritz (auf die Seitenthüre weisend). Hier — im Nebenzimmer. Zak (zu den Uebrigen). Zch werd' ihm's gleich sagen! (ab ins Nebenzimmer.) Liebstein (hat Moritz bemerkt). Gottes Wunder! Herr Hartberg! hält' ich doch eher gedacht, die Welt fällt ein, ehe ich Sie hier — in diesem Hause vermuthet hätte! Moritz. Geschäfte, mein Herr, kleine Geschäfte! Liebstein. Sehen Sie, das ist derselbe — (spricht leise mit ihm fort). Moritz (für sich, auf Liebstein blickend). Auch der hat, um dem Reichen sich gefällig zu beweisen, kein Mittel gescheut, um meinen Ruf zu verdächtigen, meine Eristenz zn untergraben, willkommene Gelegenheit, auch an ihm eine empfindliche Revange zu nehmen. Liebstein (von den Uebrigen sich weg, und zu Moritz sich wendend). Also Geschäfte — Herr von Goldsmith läßt sich ein in Geschäfte mit Zhnen? Moritz (sich ganz demüthig stellend). Za — ich bin so glücklich. 31 Liebste in. Und darf man fragen, welcher Art die Geschäfte sind? Moritz. Er hat die Gefälligkeit, mir einige Wechsel zu escomtiren. Lieb st ein. Also machen Sie jetzt in Wechseln! Im Aufträge natürlich! Moritz. So ist's! — Und ich finde keinen Banquier, dessen Geld-Quellen so unerschöpflich wären, wie die des Herrn von Goldsmith. Liebstein. Da sagen Sie uns nichts Neues. Moritz. Die Herren sind doch nicht so genau informirt, wie ich — ich komme eben von London, habe das Haus Goldsmith in seiner ganzen Ausdehnung kennen gelernt — eS ist, möcht' ich sagen, ein Bruthaus, in welchem Millionen immer wieder neue Millionen gebären. Lieb stein. Das Hab' ich gehört! Ach, lieber Gott! wer da nur die Gelegenheit hätte, in irgend etwas mitbetheiligt zu werden! Man hat doch auch seine Paarmalhundert tausend Gulden, aber wie hoch bringt man's, 1V percent, wenn's viel ist. Moritz. Und in einem so großartigen Geschäfte verdoppeln sich die Capitalien in einem Jahre. Liebstein.. Ach hören Sie auf — ich werde schwach! — hundert Male Hab' ich schon versucht, ihm meine Gelder anzubiethen, aber natürlich, so kleine Summen — er nimmt sie nicht — es macht mich traurig — auf Ehre, ich sag Ihnen, es macht mich traurig! — Achte Seene. Vorige. Jak (kommt wieder zurück). Jak. Der Herr von Liebstein möcht' gleich hineinkommen — die andern Herrn möchten in den Garten-Salon hinabspazieren. Liebstein. Mich läßt er vor, der Herr v. Goldsmith — mich allein — haben Sie gehört — Freund! (zu Jak). dafür hat Er einen Dukaten (drückt ihm denselben in die Hand und eilt ab). Die Uebrigen. Wir werden die Ehre haben, Sie zu erwarten (ab durch die Mitte). Moritz (da er sich mit Jak allein sieht, hastig zu ihm). Jak! Du sagtest mir einst, ich könne auf Deine Bereitwilligkeit, mir zu dienen, zählen! Jak. Zählen Sie, Sie werden sich nicht verrechnen. Moritz. Sage mir, wie hat sich denn das Verhältniß Deines Herren zu seiner Braut gestaltet ? — Glaubst Du, daß er sie liebe? Jak. Lieben? — das Wort steht nicht in seinem Lericon! — Aber furcht- bar eifersüchtig ist er auf sie. Moritz. Eifersüchtig, ohne Sie zu lieben? Wie ist dieß denkbar? Iak. O eS gibt auch eine Eifersucht aus purer Eitelkeit — und die ist noch ärger, als die aus Lieb', weil's noch hoffnungsloser ist! — Ich sag' Ihnen, wie er sie jetzt schon malträtirt, noch ehe sie seine Frau ist, daö ist aus der Weiß. Die Person steht was aus — oh, das ist ein warnendes Beispiel für mich — nicht um eine halbe Million würde ich mein Herz verkaufen. Moritz (finster vor sich hinstarrend). Also fühlt sie sich unglücklich — sie ist wohl durch sich selbst gestraft genug — doch nein , nein , es gibt kein Unglück, so lange noch die Ehre bleibt. Sie soll diesen Schimmer von Ehre nicht haben — ich reiße ihn ihr vom Haupte, Angesichts der gaffenden Menge (in Gedanken auf und ab gehend, rasch zu Jak). Sage mir, ist eS möglich, Anna allein zu sprechen? Jak. N'est pss possible! Moritz. Jak! nenne mir den heißesten Wunsch Deines Herzens, und er ist erfüllt, wenn Du die Erfüllung des meinigen möchlich machst. Iak. O Gott — ich habe nur Ein' 32 Wunsch, und der ist, daß ich aus dem Dienst käme. Moritz. Dieser Wunsch soll noch heute erfüllt werden. Mein Ehrenwort zum Pfände — doch nun — rasch — wie ist es möglich! Zak. Für meine Freiheit thu' ich daS Außerordentlichste — ich will sogar Nachdenken. Neunte Seene. Vorige. Liebstein. Moritz. Still, man kommt! Lieb st ein (kommt selig aus der Seitenthür). Nach Hause! — nach Hause! (will eilig fort, bemerkt aber Hartberg). Herr Hartberg! Herr Hartberg! Haben Sie schon einen Seligen gesehen? straf' mich Gott, ich bin selig! Moritz. Und was ist die Ursache Ihrer Seligkeit? ' Liebstein (auf die Seitenthür weisend). Er nimmt mein Geld — 200,000 Gulden — er nimmt sie. Moritz. O — da ist Ihnen ja vom' Herzen Glück zu wünschen. Li e b st e i n. Der Anfang ist gemacht — 200,000 fl. — er wird lassen operiren damit, er wird sie verwenden in seinem Geschäft — er wird sie drehen um — die Gulden werden wachsen — ein Zahr — und Liebstein hat 400,000 — noch ein Jahr und Liebstem hat 800,000, und noch ein drittes Jahr, und Liebstein hat— eine Million! O Gedanke! der mich beinahe fliegend macht! Wie wahr sagt der große Schiller in seinem Liede von der Freude: „Seid umschlungen, Millionen !^— er hat recht, denn es gibt doch keine Freude, außer die, wenn man kann umschlingen Millionen! — Ich eile, ich fliege, in einer halben Stunde muß mobil sein das Geld — adieu! Herr Hartberg — lassen Sie sich mal sehen bei mir, und, da Herr von Goldsmith macht Geschäfte mit Ihnen — werde ich auch wieder Geschäfte machen mit Ihnen — fragen Sie sich an! (eilt ab). Moritz (ihm nachsehend). Wie das Fischlein lustig plätschert, indem er der Angel zuschwimmt! Zak (plötzlich in die Höhe fahrend). Ich hab'S — ich hab's! Moritz (rasch). Nun schnell! sprich! Jak. Heut', bevor noch das FestloS- geht, kommen alle Marschandemodinen und Marschandemoderer mit dem Gflanzwerk für den morgigen Braut- Anzug zur Fräule Anna — wenn also dadrunter — verstehen's — so — alS'n Kaufmann, oder so was verkleidet. — Moritz. Vortrefflich (nachsinnend). Ja — ja — so geht's — sage mir, ist schon ein Juwelier b'stellt? Jak. Nein — so glänzendes Steiner- werk hat ihr mein Herr ohnehin schon g'nug ang'hängt — wissen'S — g'wisse Frauenzimmer muß man wie Schiffe immer mit Steinen belasten, wenn'ö an und für sich zu leicht sein. Moritz. Gut, ich werde einen Juwelier senden — sieh' zu, daß er bei Annen vorgelaffen wird — wenn sie allein ist. Jak. kort bien! (horchend). Pst! der Saeripanäos kömmt ! Zehnte Seene. Vorige. Goldsmith. Goldsmith (kommt in wild aufgeregter Stimmung aus seinem Zimmer, zu Jak). WaS machst Du noch hier? J a k. Ich wart', ob Ew. Gnaden villeicht noch ein' Spaß brauchen. G o l d s m i t h. Troll Dich zum Teufel! Jak. Ah, der Teufel versteht kein' Spaß, der macht gleich Ernst — Sie werden's schon sehen, wenn'S einmal seine Bekanntschaft machen (ab). G 0 ldsMi 1 h (reicht Moritz Papiere). Hier 40,00V Pfund, — und hier eine 33 Anweisung auf 20,000 — an das Haus Liebstem. Moritz. Ich bin damit zufrieden, hier Ihre Wechsel — (übergibt ihm dieselben). Golds m i t h. Und wir sind quitt. Moritz. Was Ihre Wechsel betrifft — ja — Goldsmith. Doch jetzt — Aufklärung! — Ich sehe — ich habe einen mächtigen Feind. Moritz. Ja! Goldsmi t h. Können Sie mir denselben nennen? Moritz. Sie sehen ihn vor sich. Goldsmith. Sie? das ist nicht wahr! nicht möglich! Moritz (ihn verächtlich vom Kopf bis zum Fuße messend). Was könnte m i ch dazu bestimmen, Sie zu belügen? Goldsmith. Wie können Sie so vertraut sein mit Dingen, die nur ich selbst und meine verläßlichsten Diener wissen? Moritz. Verläßlich? Mein Herr! Sie haben nur erkaufte Diener, und erkaufte Menschen sind nie verläßlich — am wenigsten eine — erkaufte Braut! Goldsmith. Wie? — Sie unterfangen sich — auch meine Braut zu verdächtigen? Moritz. Ich bin ein ehrlicher Feind, ich verrathe Ihnen im Voraus meinen Plan, Sie haben Annen, wie Sie sagten, durch höhern Anbot mir weg- gekauft — ich will mich nun auch bei dem Geschäfte betheiligen — ich will mir wenigstens eine Umarmung kaufen! Goldsmith (in Zorn ausbrechend). Herr — Ihre Frechheit geht zu weit — für diese Rede werden Sie mir Genugthuung geben, und zur Stelle, ich hole Waffen! Moritz. Ich schlage mich mit Ihnen nicht! Wiener Theater-Repertoir XXXVI. Goldsmith. Wie, Elender! Moritz. Meine Waffe ist mein Reichthum — ich glaube kaum, daß Sie da mit mir auf die Mensur kommen — doch mit dieser Waffe mache ich Sie todt! Goldsmith. Uebermüthiger Prahler! — Sie wähnen mich erschöpft, weil Sie einen Augenblick der Verlegenheit erlauschten — doch noch heute — Moritz. Erwarten Sie Ihren Expressen von London — G old smi t h (erstaunt). Sie wissen — ? Moritz. Ja! — noch mehr! ich sage Ihnen mit Bestimmtheit, er wird heute noch hier eintreffen! Goldsmith. Und er bringt —? Moritz. Ich will Ihnen die Ueber- raschung nicht verderben — Geduld! Geduld — Auf Wiederseh'n — heute Abends (verneigt sich und geht ab). Goldsmith (allein). Also mein Bothe kommt, er kommt gewiß — doch der Mensch sagte dieß mit einer Miene, die mich eher bangen, als freudig hoffen macht! — (sich selbst aus seiner trüben Stimmung aufheiternd). Doch — wie kann dieser Nadelstich fremder Bosheit — denn durch nichts Anderes ist die heutige Verlegenheit herbeige- führt — mich zittern machen? Noch steht das Haus Goldsmith fest in seiner Macht, noch bin ich der einzige Erbe! — Nein — nein! — ich darf nicht trübe gestimmt werden — lachen höchstens kann ich über die Launen des Schicksals, welches mich neckt, indeß eS mich einen Augenblick vor einer leeren Cassa stehen läßt (ab in's Nebenzimmer). Verwandlung. (Sehr elegant und geschmackvoll eingerichtetes Boudoir Annens in Goldsmith's Palais. — Eine Mittel- und eine Seitenthür, im Vordergründe eine prächtige geschmückte Toilette, daneben ein hoher Ankleide-Spiegel). 3 Gilfte Seene. Grünling. Zak (treten durch die Miste .ein). Jak. Da können Sie auf die Fräule warten. Grünling (uelcher ganz kasliio- nsble gekleidet und durch sein srisirtes Haar, durch falschen Schnur- und Backenbart unkenntlich ist, und unter dem Arme einige Etuis trägt, fortwährend bemüht, sich elegant zu benehmen). 6on! Iion! — werde warten (für sich), der kennt mich schon einmal nicht! Zak (geht schnüffelnd um ihn herum, für sich). Zum Guckuk! das Gewächs kommt mir so bekannt vor (stellt sich dicht vor ihn hin; sieht ihm scharf in's Gesicht). Grünling. Na! (wendet sich so um, daß er sein Bild in dem großen Lru- meau erblickt — thut überrascht einen Schritt zurück, und zieht den Hut tief ab). Unterthänigster! Jak. Ja, was treiben's denn — macht der vor sich selber ein Compli- ment. Grünling. Ich? — ich selber? — Ja so —das ist ein Spiegel! — auf Ehr'! ich Hab' mich jetzt selber für ein' Andern g'halten! — Zerstreutheit, pure Zerstreutheit! Jak (für sich). Die Sprach' — die Stimm' — ich muß ihn ja kennen (derb zu Grünling). Sie, machen Sie mir keine Dummheiten — ich bin ein Eingeweihter von Herrn Hartberg — sonst hätt' ich Ihnen gar nicht herein- gelassen — und ich kenn' Sie — oh — ich kenn' Sie ganz genau — also heraus mit der Sprach' — Wer sein Sie? Grünling. Aber Herr Jak! bin ich denn wirklich so ganz anders? — Wir haben uns ja vor 2 Monaten verbrüdert. Jak. Na, wegen der Verbrüderung — Grünling. Aber wir haben uns ja die Hand d'raufgeben — ein Herz und eine Seel. Jak (sich besinnend). Ja! Sie sein der dumme Kerl von eh'mals! Grünling. Freilich—na, gleichfalls ! gleichfalls ! (schüttelt ihm die Hand). Jak. Aber wie's Ihnen ang'legt haben! Grünling (sich selbstgefällig betrachtend). Nicht wahr, famos. Jak. Ja — Sie schauen ordentlich was Ordentlichem gleich —hahaha! und was Sie sich Alles im G'sicht haben wachsen lassen?! Grünling (auf seinen Schnurbart weisend). Oh Sie meinen diese Errungenschaft? Oh — die ist genant — sie will nicht recht halten! Jak. Aber sagen's mir nur, ich weiß nichts, als daß ich Ihnen als Juwelier melden soll, was sollen's denn eigentlich thun beiden: Fräulein? Grünling. O ich bin mit einer höchst diplomatischen Sendung betraut. . Jak. Diplomatisch? — da wird nichts G'scheidteß 'raus kommen. Grünling. Ich bin eigentlich ?o8tiIIon ü'smour — ich soll mit der Fräule Anna eine Parthie spielen. Jak. A Parthie? Grünling. Ja, Damen ziehen, das g'schieht immer mit Steinen. (indem er ein Etui öffnet, worin ein Geschmeide von Edelsteinen liegt.) Diese Steine ziehen Damen am meisten an. Ich komme als Juwelier und bring' ihr kostbare Diamanten, entdeck' ihr aber nicht, daß sie vom Herrn Hartberg sind, sondern verrath' ihr, daß der Käufer dieses Palais ein unmenschlich reicher französischer Marquis ist, der sie schon lang' mit wäl'scher Glut an- bethet, deßhalb den englischen Bräutigam haßt, und sie ihm auf holländische Weise entführen will. Behufs dieser durchgehenden Idee soll sie ihm heute während des Festes im Parke 35 ein Rendezvous gewähren, was weiter geschehen soll — Jak. Na, das ist hernach dem Herrn Hartberg seine Sache! — Auf jeden Fall aber seh' ich, liegt es im Plan, dem Herrn von Goldsmith ein' Streich zu versetzen, und zu diesem edlen Zweck versag' ich meine Mitwirkung nie (ab durch die Seitenthür). Grünling (allein). Also jetzt, Grünling! zeig', was Du für ein Kerl bist! — Um keinen Preis und unter gar keinem Verhältnisse verrathen, daß der Herr Hartberg dahinter steckt—! oh — darauf kann er sich verlassen — ich will einmal zeigen, daß ich jetzt Character habe — aber still —ich hör' ein seidenes Geräusch, die Gehaßte naht! Zwölfte Seene. Grünling. Herr von Hollau. Anna. Anna (kommt im weißen Kleide, lang herabwallenden Locken, einen einfachen Blumenkranz in den Haaren, in ihrem bleichen Gesichte ein Ausdruck tiefen Grames). Hollau (folgt ihr in finsterer Stimmung). Grünling (zieht sich in den Hintergrund zurück, daß er Anfangs von den Kommenden nicht bemerkt wird). Hollau (zu Annen). Das Benehmen Deines Bräutigams kam mirheute so sonderbar vor. Anna. Mich befremdet von diesem Manne nichts mehr! Holl au. Aus seinen Blicken — aus einzelnen hingeworfenen Worten ließ sich ein Mißtrauen gegen Dicher- rathen. Anna. Es würde mich befremden, wenn ich jemals ein Vertrauen zu irgend einem Menschen wahrgenommen hätte. Hol lau. Noch gestern sprach er davon, daß er heute die versprochene Summe in meine Hände geben wolle, heute verschob er es wieder auf morgen. Anna. Er ist dieß auch nicht früher schuldig, morgen — morgen werde ich ja erst— sein Eigenthum! (bricht plötzlich in Thränen aus). Hollau (faßt sie heftig am Arme). Kind! Kind! Was sollen jetzt die Thrakien?! — war es nicht eigener Entschluß? hat Dein Vater Dich gezwungen? Anna. Nein, nein, Sie nicht — mein lieber theurer Vater! (sinkt an seine Brust). Es war meine eigene Wahl — machen Sie sich keine Vorwürfe — wenn Sie mich unglücklich sehen! Hollau. Anna! wenn Dir das Opfer zu schwer wird — heute kannst Du noch zurücktreten, ich halte Dich nicht zurück (mit leiser Stimme, indem er sie an der Hand faßt). So schwer auch Entehrung und Elend die Schultern eines alten Mannes belasten mögen, der Gedanke, ich habe mein Kind dem Unglücke entrissen, wird mir diese Last ertragen lassen. Anna (ihm wieder an die Brust sin- kend). Nein, nein, Vater! ich trete nicht zurück. HollaU (wendet sich um, und erblickt Grünling, leise zu Anna). Wir sind nicht allein — Anna (wendet sich auch gegen Grünling, trocknet sich rasch die Augen, dann zu diesem). WaS wünschen Sie, mein Herr? Grünling, (sich tief verneigend). Zch bin zu Ew. Gnaden geschickt, bin Juwelier — Ew. Gnaden wollen aus diesem Schmucke wählen. Hollau (leise zu Anna). Sieh' — Dein Bräutigam ist doch besorgt. Dir fortwährend Freuden zu bereiten! — Gewiß, er liebt Dich mehr, als er zu äußern versteht — doch nun will ich Dich in Deiner Auswahl nicht stören (ab). 3 * 36 Dreizehnte Seene. Anna. Grünling. Anna (für sich). Ich soll glauben, er liebe mich, weil er mich mit Schmuck belastet, um selbst dadurch zu prunken. Grünling (der etwas näher getreten, und Anna in's Auge gefaßt hat, für sich). Meiner Seel', ich Hab' da eine sehr liebenswürdige Person zu hassen! — Sie hat so etwas Leidendes, so was Miserables im G'sicht, was mich ordentlich schwach macht. — Aber ich muß sie hassen — mein Haß ist ex vllo! Also nur dem Charakter treu geblieben! Anna (zu Grünling). Also — Sie sind der Juwelier? Grünling. Ja, aber obgleich ich in meinem Berufe stets so handle, daß sich Steine darüber bewegen müssen, doch ein Mann nach dem Worte Gottes, denn meine Werke leuchten im Dunklen, wie Sie an diesen Edelsteinen sehen können! (öffnet ein Etui). Anna (gleichgiltig hinblickend). Die Steine sind schön! Grünling. Ja, solche Steine sind in der Mineralwelt das, was die Genies in der Menschenwelt sind, sie glänzen wie das Genie unter Allen hervor, sie können nur wieder durch Diamanten geschliffen werden, wie das Genie auch nur wieder von einem Genie richtig verstanden und behandelt werden kann, der Edelstein ist eckig, nun, und's ist bekannt, daß fick auch Genie's gewöhlich etwas schroffund eckig benehmen. Eine Haupt-Aehnlichkeit zwischen beiden ist aber auch noch der Umstand, daß die echten Edelsteine selten in einem bedeutenden Umfange erscheinen, während falsche von beliebiger Größe zu finden sind, so wie auch das falsche Genie sich gewöhnlich viel breiter zu machen Pflegt, als das echte! Anna (hat sich inzwischen an die Toilette gesetzt, den Kopf in die Hand gestützt, und ohne auf Grünling's Rede aufmerksam zu sein, trübe vor sich hingesehen). Grünling (sie betrachtend, für sich). Sie redet nichts, sie deutet nichts — (hält ihr das offene Etui hin). Gnädiges Fräulein! Anna (aus ihren Gedanken aufwachend). Ach, Sie sind noch hier? Also Herr von Goldsmith sandte Sie zu mir? Grünling. Nein, meine Gnädige, Herr von Goldsmith scheint selbst ein Juwelier zu sein, er behandelt ihre Augen wie glänzende Edelsteine, und faßt sie so, daß sie sehr viel Wasser bekommen! — Anna (sieht ihn erstaunt an). Ich verstehe Sie nicht — was wollen Sie, — von wem sind diese Geschmeide? Grünling. Haben Ew. Gnaden nicht gehört, wer dieses Palais ge- kauft hat? Anna. Was soll diese Frage — ich weiß es nicht, kein Mensch weiß es noch. .Grünling. Kein Mensch? — Ich weiß es! Es ist ein junger, liebenswürdiger, überaus reicher Mann, der gern auf die bedeutende Summe, die das Palais gekostet hat, noch einige Millionen darauf legen möcht', wenn ein Schatz, den jetzt das Palais umschließt (auf Annen weisend) dadurch sein Eigenthum würde. Anna. WaS sprechen Sie? Grünling. Ich bin nur Doll- metsch des Palais-Besitzers — Ihr Anblick hat in seinem Innern einen Sturm hervorgerufen — im Sturm wirft man gewöhnlich das Kostbarste über Bord. — Betrachten Sie daher diese Edelsteine als einen Ballast, den er von sich geworfen hat, um seine Fahrt nach dem ersehnten Ziele zu erleichtern (überreicht ihr die Etuis). Anna (sieht ihn anfangs entrüstet, sprachlos an). Dann, Herr! — Wer erlaubt Ihnen, mich auf solche Weise, so tief zu kränken und zu beleidigen! — 37 Grünling (ganz verdutzt). Beleidigen ? Anna. Entfernen Sie sich augenblicklich— oder— (langt nach der Glocke). Grünling. Aber ich bitt' Sie um Alles in der Welt, nur nicht gleich Sturmgeläute! nur zwei Worte erlauben Sie mir noch zu sprechen, dann können Sie mich hinauswerfen lassen, wie es Ihnen beliebt. Anna. Was haben Sie noch zu sprechen? Grünling. Dem Herrn, der mich g'schickt hat, ist bekannt, um welchen Preis der Herr von Goldsmith Ihre Hand erwerben will — es ist bekannt, daß Sie in dieser Mariage unglücklich werden, er will Sie befreien — er biethet Ihnen zehnmahl mehr, und will Sie um hundertmal mehr lieben — er reicht Ihnen Herz, Hand — Millionen — no ich bitte Sie, dadurch wird sich doch kein Frauenzimmer der Welt beleidigt fühlen ! Anna. Ich will glauben, daß seine Absichten ehrlicher sind, als die Art, wie er sie mir bekannt geben ließ, vermuthen läßt — doch irrt er sich in mir, wenn er wähnt, daß für mich jemals der Reichthum einen Reiz gehabt hätte, — was ich gethan, ge- both mir die Kindespflicht! — Mein Vater war auf dem Punkte, durch verunglückte Unternehmungen zu Grunde zu gehen, in diesem Augenblicke erschien Goldsmith, er verlangte meine Hand, und erboth sich dafür, die Ehre meines Vaters zu retten. Ich riß ein theures Bild aus meinem blutenden Herzen — und gelobte die Seine zu werden! (bricht endlich in ein heftiges Schluchzen aus). Grünling (fängt ebenfalls zu schluchzen an). 2a, das ist ja eine ganz andere Uebersetzung! Und ich — ich Hab' Sie — Sie hassen wollen ? O — Verzeihung — Fräule, — Engel! (küßt ihre Hand). Nein — nein, aber gerade jetzt müssen Sie meinem Herren eine Unterredung nur auf 8 Minuten gewähren! — Fräule —ich geb' Ihnen mein Ehrenwort darauf, den Herrn, der mich g'schickt hat, werden Sie wahrhaftig lieben können. Anna (sanft). Kein Wort weiter! gehen Sie jetzt. Grünling. Ich kann nicht — Anna. Sie zwingen mich, Sie zu verlassen! (geht). Grünling (fällt auf die Knie, und hält sie am Kleide zurück). Um Gotteswillen, Fräule— schicken's mich nicht so fort — Sie müssen mit mein' Herrn reden! — O Gott, wenn ich Ihnen seinen Namen nenne, so fallen's rein um! Anna. Sein Name? — Ich will ihn nicht wissen — (will fort). Grünling (hält sie an der Hand fest). 2ch laß' Ihnen nicht aus! — Anna. Sie sind wahnsinnig — verlassen Sie mich (wendet sich nach der Toilette, und will wieder die Glocke ergreifen). Grünling (ängstlich). Nicht, nicht, nur ein' Augenblick — (für sich). Es nutzt nichts, jetzt muß ich mit der Wahrheit heraus! Anna (bewegt bereits die Glocke, daß sie zu klingeln anfängt). Grünling. Halt! halt! sein Name ist — Moritz Hartberg! Anna (bebt am ganzen Körper zusammen, so daß sie sich an der Toilette festhalten muß, die Glocke entfällt ihren Händen). Moritz — Hartberg? — Grünling. Spektakel — es kommen Leut'! (springt auf). Vierzehnte Seene. Vorige. Lieschen und einige andere Mädchen (eilen herbei). Li schen. Gnädiges Fräulein, Sie befehlen ? 38 Anna (noch außer Stande sich zu fassen). Nichts, nichts! Li S ch e n. Aber Sie haben ja so heftig geklingelt! Anna. 2a, jawohl— ich wollte — Grünling. Za, Sie sollen den Schmuck zu dem heutigen Fest-Anzug legen (gibt ihr die Etuis). L i S ch e n. Fräulein! Es ist überhaupt bald Zeit, sich umzukleiden — Ihre Masque liegt bereit. Anna. Gut, gut — ich werde hinüber kommen, geh't nur, — geh't! Ltöchen (mit den übrigen Mädchen ab). Anna (hastig zu Grünling). Um des Himmels Willen, sprachen Sie die Wahrheit? — Moritz Hartberg — wieder hier?! Grünling. Ja, ich schwöre! meiner Seel'! Er ist nicht nur hier — sondern er ist auch d a (mit den Fingern Geld zählend). Er hat ein ungeheueres Glück gemacht, die dreimalhundert- tausend Gulden sein ihm nur Pomade — aber um Alles in der Welt! besinnen Sie sich jetzt nicht lang' mehr — wann, wo, wie kann er Sie seh n? Anna (für sich). Wenn Moritz mir verzieh'n, wenn e r meinen Vater retten , und mich befreien wollte von der ewigen Qual an Goldsmith's Seite — o Himmel! ich fasse deine Gnade — die Größe dieses Glückes nicht! (laut). Za, ich will, ich muß ihn sprechen! Grünling. Nu, Gott sei Dank! endlich einmal! (athmet auf). Zch Hab' mir fast die Seel' herausg'redt! Anna. Doch die Stunde des Festes naht heran. Grünling. Der Herr Hartberg hat eine Karte dazu — er ist geladen, also kann es gleich losgehen! Anna. Doch, Alle erscheinen in Masque, wie erkenn' ich ihn? Grünling. Er kommt im griechischen Costume — reich mit echten Edelsteinen besetzt, eS wird kein ähnliches da sein! Anna. Und ich werde während des Festes meine, Goldsmith bekannte, Masque mit einer andern vertauschen, und zu dieser das von Moritz gesandte Diadem am Kopfe tragen; daran soll er mich erkennen, und sich mir nähern, ich folge ihm dann, — um ungestört vorder Gesellschaft sprechen zu können. Grünling. Bravissimo! (für sich). Zch habe meine diplomatische Sendung auf das rühmlichste erfüllt. Anna. Doch nun muß ich in mein Ankleidezimmer — leben Sie wohl — ich danke Zhnen herzlich (reicht ihm die Hand). Grünling (ihre Hand feurig erfassend). Sie danken mir? Und Sie haben doch mir eine Freude gemacht — auf Ehr', als wenn ich der Herr Hartberg selber wär' —daö heißt, Himmel! wenn ich — ich der Herr Hartberg — o Gott, o Gott, ich könnt' jetzt schon nicht von der Stelle weg — ich zerschmelze vor Zhnen (sie mit Entzücken betrachtend). O wie schrumpft meine Susi vor dieser Centifolie zum einfachen Gansblümel zusammen — diese Augen — dunkle Veigerln! diese Wangen — Lilien, wenn's Morgenroth sie bescheint, — diese Lippen —hellrothe Granatenblüthe — dieser Busen — ein wogender Rosenhügel. — O warum bin ich jetzt kein Linnee, um hier ewig fortbotanisiren zu können (stürztab). Anna (ebenfalls ab in's Nebenzimmer). Verwandlung. (Schmaler Pavillon. Durch eine hohe Bogen- Wölbung. die durch einen anfänglich zurückgeschlagenen Vorhang geschloffen werden kann, steht man den feenhaft geschmückten Park, mit Statuen, EhioSkeS, Fontainen u. dgl., am Ende desselben ein Teich, in welchem Schwäne ab- und zugleitcn, über den Teich führt eine kunstvoll gebaute Brücke zu den aufsteigenden Terassen des im gothischen Stiele erbauten Schlosses). 39 Fünfzehnte Scene. (Im Parke bewegen sich bereits einzelne Gäste in verschiedenen Masken. Gold- smith, Blakswhyt, beide in schwarzen Domino's, jedoch die Larven noch in Händen tragend, erscheinen von mehreren Dienern begleitet im Vordergründe des Pavillons. Moritz bereits in der reich- gestickten Maske eines Griechen, welche jedoch von einem weiten schwarzen Mantel ganz überdeckt ist, und die Larve vor dem Gesichte, Gold smith und Blaks' why t belauschend.) Blakswhyt (absichtlich laut, und so sprechend, daß Moritz ihn hören kann). Zch glaube die Anordnung so am zweckmäßigsten getroffen zu haben — nach dem Tanze wird dieser Pavillon durch die herabgelassenen Vorhänge geschlossen , und hier die glänzende Tafel gerichtet. Der Haushofmeister hat den Auftrag, sobald hier Alles angeordnet ist, durch einen Pistolenschuß den in den Bosquettes verborgenen Feuerwerkern ein Signal zu geben, was zugleich der Moment ist, in dem sich Alles de- maskirt, die Vorhänge werden dann rasch zurückgezogen, und die Gäste zu der Tafel geladen! Gold smith. Gut, ganz gut. Geben Sie dann die Weisung, man soll, sobald der Expresse ankömmt, wir mögen mit dem Feste wo immer halten, ihn alsogleich zu mir senden! — Doch — (in drn Park sehend.) Es finden sich bereits Gäste ein. (Nimmt die Larve vor's Gesicht und entfernt sich in den Park.) Die Diener (entfernen sich in verschiedenen Richtungen). Blakswhyt (nachdem er sich überzeugt, daß Goldsmith bereits fort ist, winkt Moritz). Moritz (tritt näher und zieht die Larve ab). Blakswhyt. Haben Sie Alles gehört? Moritz. Alles, Alles. Blakswhyt. Sobald hier der Vorhang gefallen — wird Niemand, als Sie, in diesen Pavillon Zutritt haben. Die Pistole haben Sie bei sich? Moritz. Za. Blakswhyt. Sie sehen, wie willfährig ich bin, Ihnen zu dienen — doch nun muß ich mich entfernen — es könnte sonst Verdacht erregen. (Eilt ab.) Sechszehnte Scene. Vorige. Grünling. G r ü NliNg (im grünen Domino, eine Larve vor dem Gesichte, erscheint etwas spähend im Parke). Moritz (erblickt ihn, und winkt ihn zu sich). Grünling (eilt herbei, leise). Ach, da sind Sie ja — ich bringe gute Botschaft. Moritz. Nur kurz — die Zeit drängt — hast Du Annen gesprochen? Grünling. Versteht sich. Lassen Sie sich nur Alles erzählen. Moritz. Nahm sie den übersandten Schmuck? Kommt sie? gewährt sie mir die Unterredung? Grünling. Versteht sich, an dem Diadem, das Sie ihr geschickt haben, sollen Sie's erkennen, und dann folgt sie Ihnen, wohin Sie wollen, aber jetzt lassen Sie mich erzählen, auf welche Art. Moritz (wild auflachcnd). Hahaha! wie wird doch der Magnet vom Golde beschämt, jener zieht nur todtes Eisen, dieses Menschen und Herzen an sich! Sie kommt! Sie kommt wirklich auf die erste Einladung eines Unbekannten — o wie blind machte mich einst die Liebe, deren ich mich nun zu schämen beginne! Grünling. Aber Si? wissen ja noch gar nicht, das ist nicht so leicht gangen — hören Sie — es war so — Moritz. O, ich weiß — ich weiß — zuerst Ziererei —die gewöhnlichen Ma- 40 növer weiblicherCoquetterie. (wirft,da die Festmusik beginnt, einen Blick in den Park, welcher sich bereits mit Masken gefüllt hat.) Doch — sieh — bereits sind die Gäste versammelt — entferne Dich, (nimmr die Larve vor's Gesicht, und eilt in den Park ab.) Grünling. Aber Sie wissen ja gar nicht, es war so — Da läuft er hin, und weiß gar nichts — aber ich denke, wann er nur mit ihr zusammenkommt — sie werden sich schon zu verständigen wissen ! (eilt zur Seite ab.) Siebzehnte Seene. (Aus den verschiedenen Gängen des Parkes erscheinen abenteuerlich geputzte Mas. ken, darunter auch Liebstein, Krap- mann, Dr. Brown, Blakswhyt, Goldsmith im Domino. Hollau gleichfalls im Domino. Anna in einem reichgeschmückten Rosakleide, eine Blumenkrone auf dem Kopfe, an Hollau'S Arm. Die Musik währt fort.) Lieb ft ein (als Figaro gekleidet, aber ohne Larve, drängt sich überall durch). 'S ist doch einzig, so ein Maskenfest, so ganz unerkannt herumzuschweben — 's ist göttlich. Krapmann (in einer Rokokomaske, zu ihm). Guten Abend, Herr Liebstein! Liebstein (mit verstellter Stimme). Sie irren sich. Krapmann. Hahaha! Herr Liebstein, was treiben Sie für Possen? Liebstein. Erlauben Sie, wenn ich Sie nicht kenne, werden Sie mich auch nicht kennen! Blakswhyt (als Armenier, zu Liebstem). Gut, daß ich Sie hier treffe, Herr Liebstein. Lieb stein (wendet sich verwundert zu Blakswhyt). Der kennt mich auch? — Und ich kenne Keinen? Meine Feinde sollen so eine Maske haben, wie ich! Krap mann. Sie staunen — warum haben Sie denn keine Larve? Liebstein. Was — keine Larve? (faßr sich an der Nase.) Straf' mich Gott', ich habe meine Larve in der Garderobe vergessen, (eilt unter dem Gelächter ferner Umgebung ab, kommt aber bald mit der Larve vor dem Gesichte zurück.) Goldsmith (winkt Blakswhyt'zu sich). Blakswhyt (leise). Sie befehlen? Goldsmith. Geben Sie das Zeichen! Blakswhyt (zu den Gästen). Darf ich bitten, den Platz frei zu lassen — für die Tänzer! (winkt gegen das Schloß zu.) Achtzehnte Seene. (Das Thor des Schlosses öffnet sich, Tänzer und Tänzerinnen in idealem Costüme kommen über die Brücke herab auf die Esplanade — ordnen sich zum Lanze, und führen denselben aus, bis er in einer malerischen Gruppe endet, sobald sich diese gebildet hat, fallen die Vorhänge des Pavillons wieder zu, und schließen ihn vom Parke ab, der Pavillon wird dadurch in ein Halbdunkel versetzt.) Neunzehnte Seene. Moritz. Anna. Moritz (kommt zuerst, sich im Pavillon umsehend, nachdem er sich überzeugt, daß er leer ist, winkt er in die Scene, dann mit verstellter Stimme). Hieher — mein Fräulein — wir sind unbelauscht! Anna (in dem Costüme einer Göttin der Nacht, schwarz mit Silbcrsternen und ein Brillantendiadem auf dem Kopfe, folgt ihm, sich scheu umsehend). Moritz (sie an der Hand fassend, und in die Mitte der Bühne führend). Dank — heißen Dank — daß Sie meinem Wink gefolgt. Anna. Wie sollt'ich nicht, da all' mein Sehnen diesen Augenblick zum Ziele hatte, wo ich an Deiner Brust 41 Labung finde für all' den schweren Kummerder vergangenen Zeit, (schmiegt sich an ihn). Moritz (für sich). So rasch in meine Arme? Am Tage vor Ihrer Vermählung?! (laut) Bist Du denn Anna — wirklich Anna! die Stimme tönt wohl so bekannt — doch kann ich meinen Sinnen noch nicht trauen? Anna. Zweifelst Du noch — sagt das laute Pochen meines Herzens Dir nicht Alles? — Nun— so sieh! (zieht rasch die Larve vom Antlitz.) Moritz. Anna! — bei Gott! sie ist es! Anna. Doch nun lege Du auch die Larve ab, gönne mir die lang entbehrte Freude, Deine theuren Züge zu sehen. Moritz. Ja — die Maske soll fallen — doch schmiege Dich fest an mein Herz! (zieht, mit einer Hand sie umschlingend, sie fest an sich.) So — so will ich Dich haben, und nun! (zieht aus dem Gürtel eine Pistole.) Anna. Was soll dieß? Dein Arm bebt — Dein Auge spricht flammend? — Warum legst Du die Larve nicht ab? Moritz. Warte — im nächsten Augenblicke (feuert die Pistole ab). Zwanzigste Seene. (Der Vorhang des Pavillons theilt sich rasch. Der ganze Park — die Ufer des Teiches — die Lerassen und das Schloß stehen in zauberhafter Beleuchtung, im Parke die ganze Masse der Gäste.) Blaks whyt (seine Larve abziehend). Die Larven ab! Alle (ziehen die Larven ab). Goldsmith. Was ist das — die Tafel nicht gerichtet? (geht gegen den Pavillon vor.) Moritz. Doch ein Schaugericht ist , hier, (wendet Anna gegen Goldsmith.) GoldsmiLh (zurückprallend). Anna. Moritz (seine Larve abzichend). Ich habe mein Wort gehalten, ich habe meine Umarmung erkauft! Hollau (ebenfalls hinzueilend). Unglückselige, was hast Du gethan! Anna. Vater! mag die Welt cs wissen, ich bin sein. Goldsmith (wüthend). Nein, nein ! Der Vertrag ist geschlossen, ich werde mein Wort erfüllen — Du sollst meine angetraute Sclavin werden — und Jahre büßen für diesen Augenblick —! (will auf sie zu.) Blakswbyt (eilt vor). So eben ist der Erpresse angekommen. Goldsmith. Schnell! schnell! er soll hieher! Einundzwanzigste Seene. Vorige. Malbourn. Malbourn (im Reitcostüme, eine Depesche in der Hand haltend, eilt durch die Menge der Masken). Goldsmith Gott sei Dank. Sie sind zurück. Schnell! schnell! welche Botschaft haben Sie mir zu bringen? Malbourn (leise). Sir, eine Nachricht von Ihrem Vater, für den Sohn sehr erfreulich. Goldsmith (halb für sich). Erfreulich? — Dann — dann — ist er gestorben ! (laut zu Malbourn) Verkünden Sie es laut, meine Gäste sollen alle die erfreuliche Kunde vernehmen. Malbourn. Wollen Sie es? Nun denn!? (erbricht die Depesche und liest laut.) „Vom Handels- und Wechselge- richte der Stadt London ergeht hiermit an alle Handlungshäuser Englands, des Continents und der Colonien die Bekanntmachung, daß der Großhändler David Goldsmith, welcher in Folge eingetretener Geisteszerrüttung bisher gerichtlich unfähig erklärt war, seinem Geschäfte und der Verwaltung seines Vermögens vorzustehen—" Goldsmith (in höchster Aufregung). Fort — nur fort. 42 Malbourn (liest fort). „Nunmehr durch die von der hiezu aufgestellten ärztlichen Commission abgegebene Bestätigung als vollkommen geheilt, und zu jeder Geschäftsführung auf's neue befähigt erklärt wurde." Goldsmith (zusammenbebend). Wie? geheilt? Malbourn. „Von dem Tage dieser Bekanntmachung hört die über ihn verhängte Sequestration auf und sein Sohn Emanuel Goldsmith (sich vor Goldsmkth verneigend) ist des bisherigen Stellvertreter-Amtes enthoben —!" Goldsmith (aufschreiend). Es ist nicht möglich — geben Sie. (langt nach der Depesche.) Malbourn. Hier liegt ein Schreiben Ihres Herrn Vaters an Sie bei! (gibt ihm einen Brief.) G 0 ldsmith (erbricht zitternd den Brief.) Die Buchstaben zittern vor meinen Augen. Blakswhyt, lesen Sie. (reicht ihm den Brief.) Blakswhyt (nimmt den Brief und. liest absichtlich laut). „An meinen Sohn Emanuel! Du freutest Dich des Unglücks Deines Vaters und praßtest in seinem Eigenthum, lerne jetzt, das Unglück selber tragen. Du bist aus meinem Herzen, aus meinem Hause verbannt. David Goldsmith." G o l dsmi th (wankend). Meine Sinne schwinden — meinen Arzt — meinen Arzt! Dr. Br ow n (vortretend). Ihr Arzt? Der Arzt des Bettler-Lazareths ist von nun an Zhr Arzt. (Ab.) LiebsteiN (in höchster Verzweiflung). Bettler! — Wie heißt Bettler?! Um des Himmelswillen — Herr v. Goldsmith, meine 200,000 fl-, ich Hab' sie heute noch auf seine Anweisung ausbezahlt — meine 200,000 fl. Goldsmith (vollends vernichtet). Nehmen' Sie mein Leben dafür — ich will nicht mehr leben. Liebstein. Was mach ich mit seinem Leben. Jak (tritt keck zu Goldsmith). Heut' ist mein Monat aus — wo ist mein Lohn? Goldsmith (wüthend). Elende! stechen selbst Mücken den gefallenen Löwen? fort! fort! laßt mich! Ich will keine Menschen mehr sehen! (stürzt fort.) Liebstein. Er will kein'Menschen mehr sehen, aber ich will sehen mein Geld. Gericht! wo ist das Gericht! Ich laß pfänden, was noch ist zu finden! (eilt ihm nach.) H 0 llaU (der bisher wie versteinert da- gestandeu). Mit Goldsmith bin ich auch zu Grunde gerichtet! Anna. Nein, mein Vater! nein! hier ist unser Retter. (Will an Moritz's Brust sinken.) Moritz (sie mit Verachtung zurückstoßend). Was fich an ihn verkauft — daß kaufe ich nicht! Entehrte! Lebe fort, verachtet von Allen, für Verrath gibt es nur eine Strafe — die Verachtung ! Anna (sieht ihn anfangs starr an, schreit auf.) Moritz! Du! — ach! (sinkt ohnmächtig neben ihrem Vater zur Erde). Moritz (in wilder Aufregung vortretend). Es ist geschehen! — Einer Wolke glich ich, in welcher die Stoffe der Vernichtung sich gehäuft — nun hat sie fich entladen — losgeschleudert find die Blitze — und keiner hat sein Ziel verfehlt! — Die süßen Himmelsfreuden, von denen ich geträumt, hat mir das Leben versagt — doch — jetzt fühl' ich's — auch die Hölle hat ihre Freuden! denn süß ist's, glühende Rache zu üben! (sich zu den übrigen Gästen, welche in Gruppen scheu zu beiden Seiten stehen, wendend.) Ha! laßt uns das Fest fortsetzen in schwelgendem Taumel; es ist ein Fest der Nemesis, die ich gedungen! (will sich gegen das Schloß wenden.) 43 Dreiundzwanzigste Seene. Vorige, lMitten durch die Masken kömmt 1 eine Maske im schwarzen Eremktengc- > wände — die Kapuze über das Haupt ge- , zogen — sie berührt Moritz mit der Hand.) Moritz. Wer bist Du — der mir still zu stehen gebietet? Die Maske (läßt die Kapuze zurückfallen und zieht die Larve ab — das bleiche Gesicht des Unbekannten vom Schluß des 1. Aktes erscheint). Kennst Du mich? Moritz (zurücktaumelnd). Ha ! — entsetzlich — fort! — fort! Unbekannter. Ich wollte Dich beglücken — darum gab ich Dir Schatze — denn ich glaubte, Du seist ein guter Mensch — denn Reichthum beglückt nur den, der Liebe zur Welt im Herzen trägt. Du aber suchst Dein Glück im Hasse, wohlan! sättige Dich mit diesem Gifte, das Dich selbst verzehrt. Du wirst zu spät erkennen, daß die Rachegöttin sich nicht erkaufen läßt, sondern den vernichtet, der sie heraufbeschwört! (Der Vorhang fällt.) Dritter Act. (Spielt ein Jahr später.) (Saal in Moritz Hartbergs Palais — zu beiden Seiten reichbesetzte Tafeln, an welchen Moritz, Krapmann, Blakswhyt und mehrere andere Gäste bei vollen Gläsern fitzen. Im Hintergründe führen einige Stufen zu einer Erhöhung , auf welcher Angivletta, Bella, Gianina und mehrere andere Tänzerinnen in idealer Kleidung, gleichsam nach Beendigung eines Tanzes, eine reizende Gruppe bilden — eine liebliche Mufik ertönt — in allen Ecken des Saales find große Blumenvasen zwischen den Can- i delabres ausgestellt. Die Kerzen auf den Lustres und den Armleuchtern sind bereits tief hcrab- gebrannt. Das Ganze trägt das Gepräge einer bachanalisch durchschwelgten Nacht.) Erste Scene. Moritz. Krapmann. Blaköwhyt. Die Gäste, Angioletta, Bella, Gianina, Tänzerinnen. (Beim Aufziehen des Vorhanges applaudircn die an den Tafeln sitzenden Gäste den Tänzerinnen, Andere schwenken ihnen die vollen Champagnergläser entgegen.) Alle. Bravo! Bravo! Krapmann. Ein herrlicher Tanz, den Ihr vor unseren entzückten Augen aufgeführt, doch nun, anmuthige Bajaderen, verlaßt Eure Höhe, beglückt uns Erdensöhne mit Eurer Nähe, und macht, indem Ihr von unfern Bechern nippet, den schäumenden Frankenwein zum himmlischen Nektar! (Die Gruppe der Tänzerinnen löst sich auf, diese schicken sich an, über die Stufen herabzuhüpfen, die Männer verlassen ihre Plätze, und wollen sie herabheben). Moritz (der nachlässig an den Tisch gelehnt auf einem Fauteuil ganz im Vordergründe der Bühne sitzt). Halt! halt! meine Herren! führt da nicht den Raub der Sabinerinnen aus — diese reizenden Töchter Terpfichorens sind sämmt- lich emancipirt, es möge jede selbst sich den wählen, der ihr von uns am liebsten! Stellt Euch in Reihen auf, Ihr Herren — und Ihr, schöne Kinder, wählt! (Die Männer bilden eine Doppelreihe, und winken den Damen zu.) (Angioletta, Gianina, Bella und die übrigen Tänzerinnen eilen von der Tribüne herab, und drängen sich alle um Moritz, indem sie auf's Neue eine Gruppe bilden.) Moritz. Ha, ha, ha! dacht' ich's doch — mich wählen sie alle! — (zu den Tänzerinnen.) Wenn Ihr mich, als Festgeber, berücksichtigen wollt, so verderbt meinen Gästen die Freude nicht — für diese Hab' ich Euch geladen. Angioletta (sich zärtlich an ihn schmiegend). IVI! laseia re8tare gui! (Krapmann, Blakswhyt und die übrigen Gäste mengen sich wieder unter die Tänzerinnen, jede von diesen wählt sich Einen, welcher sie zur Tafel an den Platz neben 44 sich führt, ihr ein Glas kredenzt, u. dgl., dagegen reichen die Mädchen den Männern Blumen aus ihren Brustbouquettes, heften ihnen Bänderschleifen von ihren Kleidern an, einige der Tänzerinnen zünden sich Cigarren an re. Während der ganzen Scene braust das Gespräch im Allgemeinen so durcheinander, daß nicht ein Wort für sich vernehmlich gehört wird, da die Musik auch wieder rauschender begonnen.) Moritz (lehnt fortwährend mit dem Ausdrucke eines Uebersättigten am Tische). Angioletta (hat sich auf ein Ta- bourett neben ihn gesetzt, und ist vergeblich bemüht, ihn aufzuheitern. Ein Gast (hat mitten unter dem allgemeinen Gebrause eine Mandoline ergriffen, sich zwischen den beiden Tafeln in die Mitte der Bühne gestellt und greift nun einige Accorde.) Krapmann (es bemerkend, mit lauter Stimme, alle Andern übertönend). Ein Lied! Ein Lied! die Blüthe der frohen Stunde! Alle. Ja — ja — ein Lied! wir stimmen im Chor mit ein! Der Sänger (singt zur Mandoline). Kehr' ich einmal aus der Erde Düsterm Grabesschlunde wieder, Gleich zu einem Festgelage Wand're ich zur Stunde wieder. Hier, die wohlbekannten alten Oder neue gute Brüder Treff' ich an, und zeche jubelnd Zn gewohnter Runde wieder. Chor. Hier die wohlbekannten alten rc. Sänger. Sind sodann auch noch vorhanden Liebliche Rubinenmunde, O so küß' ich ohne Zweifel Auch dergleichen Munde wieder! Lödtet, Freunde! Euch die Liebe, Richtet Euch der Wein zu Grunde, Geht, so oft Ihr lebt, durch diese Süß berauscht zu Grunde wieder! Chor. Tödtet, Freunde, Euch die Liebe rc. rc. Angioletta (nimmt, nachdem der ( Gesang beendet, ihren Blumenkranz vom ^ Haupte, und setzt ihn auf Moritz's Haupt, zugleich ihm ein volles Glas kredenzend). < Alle Gäste. Bravo! bravo! An- I ^ gioletta! Wein und Liebe! ^ Krapmann. Ein Lebehoch dem Fest- < geber! j Alle ldie Gläser erhebend). Hoch! hoch! j Moritz (zu Krapmann, welcher mit ) seinem Glase, um mit ihm anzustoßen, zu , ihm gekommen). Wie lange ist's wohl j her, daß Sie meinem Feinde Herrn < Goldsmith einen gleichen Toast aus- j brachten? , j Krapmann (etwas verlegen). Seit — seit — Moritz (verächtlich). Seit er zum , letzten Male reich genug war, um ein - ähnliches Fest zu geben! — Behaltet ^ Ihr Eure Toaste, wie Du (zu Angioletta , indem er ihr den Kranz zurückgibt.) > Deinen Kranz — sie haben beide kei- , nen Werth für mich! (steht auf und geht trüb gestimmt zum Fenster, durch welches > er hinaussieht.) Blakswhyt (es bemerkend, zu mehreren der Gäste, welche dadurch überrascht ihre Sitze verlassen, leise). O weh! NUN schlägt er wieder um, wie gewöhnlich, zuerst stürzt er sich jubelnd, wie ein kühner Schwimmer, in den brausenden Strom der Freude, doch plötzlich sinkt er gelähmt am Ufer nieder, und zürnt den Wellen, die ihn ermüdet! Krapman n. 'S ist auch schon weit nach Mitternacht — ich denke, wir brechen auf. Ein Gast. Ja, ja, wir begleiten die reizenden Kinder in unfern Wagen nach Hause. (Allgemeiner Aufbruch.) Moritz (durch das Geräusch aufmerksam geworben, wendet sich um, zur Gesellschaft). Sie wollen mich schon verlassen! r Blakswhyt. Um Ihnen Ruhe zu gönnen. Krapmann. Genehmigen Sie nochmals den Ausdruck unserer Freude, 48 Sie, von Ihrer langen Reise zurückge- kehrt, wieder in unserer Mitte zu sehen. BlakSwhyt. Und unsern Dank für das herrliche Vergnügen, das Sie uns bereitet. Moritz. Wir wollen es oft, recht oft wiederholen! — Das Leben ist kein reiner Quell, dessen Fluth an und für sich schon labt, es ist ein abgestandenes trübes Wasser, man muß es mit allen möglichen Ingredienzen würzen, um das matte Gesöffe hinabwürgen zu können! (Alle Gäste, außer Angioletta, entfernen sich durch die verschiedenen Lhüren des Saales.) Moritz (geht, ohne Anfangs Angio- letta's Anwesenheit zu bemerken, zu seinem Fauteuil zurück, sinkt erschlafft auf dasselbe, und stützt den Kopf in die Hand). Angioletta (sich ihm liebevoll nähernd , nnd ihm die Haare aus der Stirne streichend), ^nims mis! wie sehen Du so trübe. Lassen mich küssen die Falt' von Stirne! Moritz (sie sanft mit der Hand zurückdrängend). Verlasse mich! — man muß eben bei Laune sein, um ein Schauspiel für Wahrheit zu nehmen! — Diese Laune hat mich bereits verlassen! — Mein Wagen soll Dich nach Hause bringen! (er klingelt.) Angioletta. Oll eruüele! lreääo! — nit eine Blick von Liebe? Moritz. Hier hast Du Liebesblicke in reluto (gibt ihr eine volle Börse). Zweite Teene. Vorige. Ein Diener. Diener. Ew. Gnaden befehlen? Moritz. Meinen Wagen für 8i§no- vina -^NSioletts. (zu Angioletta) ^äüio, llella! Ang io lett a (zärtlich). ^kcht. Ein Kellner.. . . Ein Gotscheerbub . Ein Gypsfigurenhändler .' . Fiakerknechte. Ballgäste. Zeitungsträger. Masken. Hr. Weiß. Fr. Lu bin. Hr. Spiro. Fr. Klein. Hr. Küstner. Hr. Liebl. Hr. Mack. Hr. Kottaun. Frl. Stummer. Fr. Radl. Fr. Eloßegg. Frl. Erhardt. Hr. Grünwald. Hr. Mühlenau. Hr. Benda. Hr. Arthur. Hr. Nedowitti. Hr. Watruba. Die Handlung spielt theilS in Zeiselmayer's Wohnung, theilS auf zwei bekannten Tanzsälen. Wiener Theater-Repertoir XXXVll. 1 r Erster Art. (Wohnzimmer im Hause Florians, mit drei Thüren. An den Wanden hängen Pferdegeschirre, Peitschen u. s. w. Auf einem Tische Licht.) Erste Seene. Mehrere Fiakerknechte kommen von der Straße kn Mänteln und Pelzhandschuhen, mit angebrannten Stall-Laternen. Gleich nach dem Chor kommt F l o- rian aus der Seitenthüre von rechts. Chor. Das wird heut' ein lustiges Leben noch sein. Die Roß' hab'n wir g'füttert, jetzt spannen wir ein, Und fahren in d'Stadt, a in d'Vorstadt hinaus, Und morgen früh kommen wir erst wieder z'Haus. Vielleicht gibt's ein Trinkgeld, vielleicht a brav Schlag' — DaS Geld,— no, das nimmt man, d'Schläg' beutelt man weg! Florian (eintretend). Seid's einmal da, Ihr Millionschnipfer übereinander? — Wo hat Euch denn der Teure! gar so lang g'habt? Erster Fiakerknecht. Wir haben heut' lauter gute Fuhren gehabt. Niemand hat gehandelt, und Niemand um die Lar g'fragt. Da hat a Bißl waS außag'schaut, und haben wir uns vor dem Zuhausfahren Zeder einige Pfiff Sechser vergönnt! Florian. Mir scheint, Ihr habt'ö Euch ein Bisl zu viel vergönnt — denn Ihr könnt's Keiner recht stehen. Zweiter Fiakerknecht. Was halt g'rad recht is — just so, was man g'rad für's Haus braucht. Aber dafür wird's G'schäft heut auch geh'n wie g'schmiert! Florian. Ich hoff', Ihr werd's mir keine Schand machen. Heut' gibt'S Ball' an allen Orten und Enden. Jeder von Euch nimmt also einen andern Saal! Erster Fiakerknecht. Also nur ansagen — ich möcht' schon gern wieder d'raußen sein — mich leid't's gar nicht im warmen Zimmer. Florian. Mir scheint's, Dir macht der Ungebleichte gar so viel Hitzen! Also paßt's auf! Der Fisolenpoldl nimmt's Sträußl in der Josefstadt; der Fliegenwastl das grüne Thor; der Kle- tzenseppel die Redout; der Plunzen- tommerl den Sperl, und ich nehm's Elisium. Seid's pfiffig, und führt'ö brav Betrunkene nach Haus. Das sein die besten Kundschaften, denn die handeln gar nicht. Erster Fiakerknecht. Sorg'sich der Herr nicht — wir kennen's G'schäft. Florian. Und schlagt Euch Einer nach Mitternacht ein Fenster ein, so koft't die Dreißigkreuzerscheiben zwei Gulden, weil die Glaserer um die Zeit nicht mehr offen haben, und weil ein Wagen, der nicht alle Fenster hat, gewissermaßen kein ganzer Wagen is. An dem stoßen sich Viele. Wie'S mit den Verliebten umzugeh'n habt'ö,' werdet Ihr eh wissen: AlleKnechte. Na ob!! — Florian. Also habt'ö mich Alle verstanden? Die Knechte. Ja, Herr! — Florian. Schaut's Euch brav um's Fuhrwerk um; 's Fahren is jetzt die größte Mod'. Es fahren sogar die Kö- chinen mit'n Zögern auf'n Markt, und Fasching is auch! — Erster Fiakerknecht. Soll nicht fehlen. Florian. Und wie gesagt, auf die Besoffenen und aufdie Verliebten gebt's mir acht, denn die sein die Goldgruben für unser Metier. Erster Fiakerknecht. Wir sein i ja keine heurigen Hasen. Florian. Jetzt geht'-! — Bleibt'S 3 hübsch nüchtern, denkt'- an Euern Herrn und gebt'- auf das Vieh acht. Alle Knechte. Schon gut! Schon gut! (ab durch die Mitte.) Zweite Scene. Florian (allein). Mit den Knechten bin ich in der Ordnung; jetzt muß ich mich in meine Amtstracht werfen, und dann (seufzt) heißt's wieder bis morgen von meiner Nanni Abschied nehmen. Wie mir das Weiberl im Herzen liegt, kann ich gar nicht beschreiben. Sauber is's, das muß ihr der Neid nachsagen, und deswegen heißt'S auch in der ganzen Nachbarschaft „die schöne Fiakerin." Und treu iS's. wie Gold! — Wenn ich ihr in d'schwarzen Augen schau, vergiß ich ganz, daß ich schon hoch in den Vierzigen bin; kurz, ich Hab'S närrisch gern. Tag und Nacht könnt' ich ihr zu lieb meine Roß strapeziren, um's Geld zu verdienen. Und wann ich fahr, so seh' ich's alleweil vor mir auf dem Sattligen, oder sie lauft mir auf der Handfeiten vor den Augen. Es iS überhaupt ein g'spaßig's Ding mit deu Weibern. Ich Hab'S alleweil mit den 12 Monaten des Jahrs verglichen. Anfangs, gleich wenn sie uns kennen lernen, da setzen sie uns strenge Kalte und Tugend entgegen. Das iS der Jänner. Nach und nach verlieben sie sich in uns — sie bandeln förmlich an, aber sie maSkirens noch — das iS der Fasching im Februar. Nach und nach schmilzt das EtS ihrer Sprödigkeit — das iS der März. Sie sagen unS: Dich allein lieb' ich — und da schicken's uns in April. Man heirat'S, — und die Erste Zeit des EhstandS hält man wenigstens für des Lebens Mai. Aber gar oft macht Ein'm die Zanksucht vom lieben Weiberl da schon recht heiße Täg'. Eh' man den Juni recht merkt, kommen schon die Wetterwolken de- Juli am häuslichen Himmel heraufgezogen. Dann folgen natürlich die HundStäg' im August. Die Herzen kühlen sich nach und nach ab, — das is der September. Am 28. Oktober is dem Mann sein Namenstag: Simon, und er kann sich um das Dekret einer gewissen Bruderschaft bewerben. Im November ruft er alle Heiligen an; denn da kommt ihr Namenstag: die schlimme Liesel. Wenn einmal das eheliche Glück ganz eing'friert, dann is natürlich auch der Dezember schon da. Sollt' ich vielleicht unter den Vielen der Einzige sein, der diese Schul nichtdurchmachen muß? Ah, gar keine Spur! Couplet. Ein Hausherr schickt seinen Herrn Sohn nach Paris, Damit er als Gentleman z'ruck kommt ganz g'wiß. Er kommt elegant z'ruck in Frack und Glacöes, Die Nasen, die tragt er gar hoch in die Höh'. Von Anstand, Benehmen und feinen Manier'n, Von Kenntnissen, Wissen und aufg'klärtrn Hirn, Mit ein'm Wort r von Bildung hat aber der Bus Gar kein' Spur! Eine Frau, die recht hübsch iS, hat Unarten viel; Ihre Launen und Bosheiten, die haben kein Siel, Wenn sie sich was rinbild't, so muß sie'- auch haben, Wär's auch hundert Klafter in der Erden vergraben. Der Mann, der ein' Schekel sollt' nehmen zur Hand, Will regeln durch Sanftmuth bloß ihren Ver» stand; Ohne Wix wär'zu bannen di« Drachennatur? Gar kein' Spurt 1 * 4 Ein Bureau-Chef iS grantig und raunzt 's ganze Jahr, Ein Sauertopf is er, wie noch gar keiner war; Ein heiteres G'sicht is für ihn höchst fatal — Wenn'S gut geht, lacht einmal er in rin' Quartal. Malträtirt seine Leut' nur, thut Arbeit erschweren, Weiß selber am End' nicht, was er soll begehren, Und der Dienst soll grdeih'n noch bei der Secatur? Gar kein' Spur! Es sammeln für d'Armen ganz eigene Leut', Die Leut' haben am Sammeln ein' eigene Freud; Und hab'n sie was g'sammelt, so sagen sie ein' Jed'n: WaS wir Alles sammeln, es iS nit zum reden. Die Obrigkeit sieht e- auch sicherlich ein, Die Obrigkeit wird uns erkenntlich auch sein!- Ja sammeln sie denn nicht aus Nächstenlieb' nur? — Gar kein' Spur! Ein Herr mit fünf Töchtern wohnt in einer Stadt, Die Jäger und Lusaren zur Garnison hat; D'Husarn, die machen den Madeln die Cur, Der Vater hat Lag und Nacht gar keine Ruh! Da endlich bricht Krieg aus, d'Husarn zieh'n fort, Es bleiben die Jäger allein an dem Ort; Jetzt hat der Papa doch g'wiß einmal Ruh' ? Gar kein' Spur! ES geht eine Säng'rin gewaltig in d'Höh; Doch d'Stimm' in der Höh' is seit Jahr'n schon psssö. Das Publikum lächelt, und sagt: No am End' Deckt sie ihre Schwächen durch ihr korta- went! Jetzt muß'S kortsmento gleich gelten allenfalls Für Färbung und Anschlag, mit ein'm Wort für All's. Dabei is von Lon, Llerra voce, Colo« ratur Gar kein' Spur! (Geht nach dem Couplet ab.) Dritte Seene. Nanni und Kat hi (kommen aus der linken Seitenthürc, in winterlicher Haus« tracht). Nanni. Also glaubt die Mutter wirklich, daß wir heut' wieder mit dem Chevalier auf ein Paar Stunden auf ein' Saal fahren sollen? Kathi. Auf alle Fäll'! Wir haben die Sach' so abgemacht, also nutzt jetzt kein Spreitzen mehr. Absagen können wir ihm nicht mehr; — und wer würd' denn einen so charmanten jungen Herrn in der Kälte umsonst warten lassen! Nanni. Aber mein Mann! — Kathi. Der kommt ja die ganze Nacht nicht nach Haus. Der Meinige auch nicht. Der dirigirt heut'ein' Haus' ball im Lichtenthal! Nanni. Das wird wieder ein Heidengeld kosten! Als gnädige Frau muß ich mich doch sehen lassen, und Alles zahlen. Eigentlich aber wär' daS dem Chevalier seine Sach'! — Kathi. DaS iS ein Aberglauben; — heut' zu Tag is daS ganz anders; auch darf ja der Chevalier gar nicht wissen, wer wir sind. Wir müssen, um nobel zu sein, machen, als wenn uns am Geld nichts lieget. Fatal is'S nur, daß ich gar nichts mehr zum Versetzen Hab'! Nanni. Geht'S denn mir anders? Meine guten Perlen und der halbe Waschkasten — Alles studiert schon in der Dorotheergassen. Der Schneider, bei dem ich heimlich den Ballanzuz Hab' machen lassen, ist auch noch nicht bezahlt! 8 Kathi. Dummheiten! Wer wird sich über sowas einen Skrupel machen! l Oder willst Du als junges hübsches Weib den ganzen langen Fasching zu HauS sitzen und verschimmeln? Das Beste wird sein, meinem Plan folgen, und dem Tandler, den wir herbestellt haben, auf eine pfiffige Art einige Gulden herauölocken. Nanni. Und wann's mein Mann erfahrt? — Kathi. Sei nicht so dumm; morgen iS die Linzer Ziehung, und da zahl' ich von mein' Terno, den ich diesmal sicher mach', Alles wieder ab. Nanni. Ja, der Fasching kostet uns schon ein schönes Geld — und doch wollt' ich noch nichts sagen, wenn die Mutter nicht noch ertra so viel für den alten Tanzmeister, der ihr Zimmerherr iS, brauchet! Kathi. Red' kein dummeS Zeug zusammen! Der alte Tinderl ist ein schmutziger, eigennütziger alter Kerl, der sich aber mit einer Kleinigkeit zufrieden stellt, und als G'schaftelbe ger sehr gut zu brauchen iS. Um eine Zausen oder sonst einen Fraß, der ihm nir kost't, kann man ihn zu jeder Dienstverrichtung bringen. Er prokurirt Ho'z, bringt Sachen auf Ratenzahlung, lauft in'S Versatzamt, zettelt die famosesten Klatschereien an, wenn man's grad haben will, und das Alles oft nur um eine Schalen Kaffeh. Solche Möbeln muß'S auch gebend — man kann sie manchmal recht gut brauchen. Uebri- genS weißt Du ja, daß er uns Quadrille tanzen lernt! Nanni. Das iS wohl auch wahr; aber ich kann mich bei der G'schicht einer gewissen Angst nicht erwehren! Ich hätt' mich mit dem Chevalier in keine weitere Bekanntschaft einlassen sollen; — aber er ist ein gar zu fescher Tänzer. Wenn ich noch an den ersten Walzer denk', wie ich ihn Hab' beim Sperl kennen gelernt — das war schon eine Helle Pracht! — Aber mein armer Florian! Kathi. Hör' mir auf mit den Skrupeln! Ein' guten Freund in Ehren kann Niemand verwehren, und ein Fiakerweib kann so gut ihre Kaprizen haben, wie eine gnädige Frau, die gar oft ordinärer denkt, als ein Fiakerweib. Vierte Scene. Vorige. Poldl. P oldl (ktlig, mit einem großen Pack Zeitungen unter dem Arm). Da bin ich jetzt Nanni. Wo bist Du denn gar so lang' geblieben? Poldl. In der Druckerei! E n Herr Setzer hat zufällig einem Herrn Lehrbuben eine Ohrfeigen gegeben, und dieser yat zufällig eine Form umgestoßen. Jetzt ist die Arbeit vom Neuen angegangen, und darum bab' it> so lang auf die Zeitung warten müssen. Nanni. Warst beim Tandler? Poldl. Versteht sich! 's ga"ze Mandel iS schon darnach — daß man ihn foppen muß! Nanni. Was hast denn gesagt? Poldl. Ich Hab' gesagt: Herr Tandler — in der Agazigassen. HauS Nr. 11, iS eine kalmukische Gräfin, und die reist morgen weg, und da möcht's gern ihre Einrichtung verschleudern, und umS Drittel Geld verkaufen. Nanni. Nur weiter! Poldl. Wie der Tandler vom Verschleudern und vom Drittel Geld gehört hat, war er gleich beim Zeug. Er hat mir ein Silbersechserl geschenkt, und mit Rührung gesagt: Ich werde kommen — wie ich immer komme, wenn es gilt, meinem Nebenmenschen einen Gefallen zu thun. Kathi. Also er kommt wirklich ? — Poldl. In einer kleinen halben Stund'! s N an n i. Wann nur mein Mann indessen fortfahrt! Poldl. Die Knecht sind schon alle fort. Nanni. Ich bin in tausend Aeng. sten! Kathi. Sei nur nicht dumm! Ich lauf jetzt nach Haus, und will mich indessen zusammenrichten. Komm' bald nach; mach' Deine Sachen klug, und wann Dir ein Skrupel kommt, so denk' nur an die Quadrille und den feschen Tänzer! (ab durch die Mitte.) Poldl. Und ich postir' mich zum Hauöthor, und laß' den Tandler nicht eher herein , bis nicht der Herr Vetter beim Tempel draus is! (Ab.) Fünfte Seene. Nanni (allein). Mir schlagt 'S Herz, als ob ich unfern großen viersitzigen Schwimmer allein aus der Schupfen gezogen hält'! Mir scheint, es iS das Gewissen, das sich anmeld't, weil ich mein' braven Mann ein BiSl hinter's Licht führ'! — Aber du mein Himmel — thun denn das andere Weiber nicht noch aus eine ärgere Weif? — Ich thu' ja im Grund doch nichts Schlechtes; — was kann ich dafür, daß ich halt gar so gern tanz'! (hüpft im Aim. mer herum.) Sechste Seene. Vorige. Florian. Später Poldl. Florian. Bravo, Nanni — das g'freut mich, wann Du so lustig bist und Deine Lustigkeit mich nix kost't! — Nanni (für sich). O weh, mein Mann ! (laut.) Ich Hab' rasende Zahnweh, und da Hab' ich mir die Schmerzen ein wenig vertreiben wollen! Florian. Armeö Hascherl! (zärtlich.) Schau, Nanni, ich Hab' Dich so lieb, daß meine Gedanken immer nur bei Dir sein! Geh, Schatzerl, bind' Dich ein, Du könntest sonst recht krank werden! Nanni. Ah beileib — nimm nur Du Dich in Acht! Florian. Wann'st wüßtest, wie mir hart geschieht, daß ich Dich jetzt gleich wieder verlassen muß! Nanni. Und just allzeit spät Abends, wo ich mich ohnedem so sehr fürcht'! Florian. Nanni! meine Lieb' zu Dir bringt mich noch um den Verstand! Nanni. Hab'ich Dich etwa weniger gern? Florian. O Du mein Leben — was könnt' ich Alles für Dich thun, — um Dir meine Lieb' zu beweisen! Ich glaub' — ich könnt' sogar den Fiaker vergessen und ein Millionär werden! Nanni. DaS weiß ich ja eh! Aber mach' Dich nur warm zusammen, (bin- det ihm ein sogenanntes Kotzentüchel um.) daß die Kälten Dir Deine Krämpf' nicht rügelt! Du hast dsch den Brustfleck noch um, den ich Dir abgenäht Hab'? — Florian. Wie Du nur so fragen kannst! Der kommt nimmer von mein' Herzen! — Jetzt trag' ich ihn schon 7 Wochen und Hab' ihn noch nicht waschen lassen. Poldl (schleicht durch die Mittelthüre herein, winkt Nanni, dann steckt er zeitweise den Kopf aus dem Seitenzimmer.) Nanni. Nun, jetzt fahr' in Gottes Namen; schau, daß Dir nix geschieht ! Florian. Sei ohne Sorgen; paß' nur Du auf, daß Dir, weil'st ganz allein bist, nichts Böses begegnet! Leg' Dich bald schlafen, und deck' Dich warm zu, so brauchst kein Holz, und wann's Dir von mir träumt, so laß' Dir ja nix Anderes träumen, als daß ich Dich närrisch gern Hab'. Jetzt leb' wohl, Nanni — überaus liebe Nanni! — Nanni. B'hüth' Dich Gott, lieber Florian! Schau, daß Du kein Unglück 7 hast, und morgen früh wirst Du Deine drei Seitel Kaffeh und zwei G'schradte bereit finden. Ade, lieber Mann, schau, daß Du weiter kommst, sonst sangen meine Zähn' wieder an. Florian (streichelt ihr die Wange). Leb' wohl, goldene Nanni! (nimmt die Peitsche herab.) Zn's Himmelsnamen, leb' wohl! (drückt sie zärtlich in die Arme.) Nanni, denk' an mich! Nanni. 2a, ja! (schiebt ihn nach der Lhüre.) Florian. Bleib' mir treu! Nanni. Wie Gold! Florian. Hab' mich lieb Nanni. O unsinnig! Florian (schon in der Lhüre). Ade, Schatzkind! (wirft ihr Küsse zu.) Nanni. Ade! Ade! Siebente Scene. Nanni. Poldl. Nanni. Dem Himmel sei Dank — drauS war' er! Aber braucht hat's was! Poldl (aus dem Seitenzimmer kommend). Mein Herr Vetter iS doch ein recht verliebter Gimpel. Nanni. Was hast mir denn alleweil gewunken? Poldl. Nun, der Landler is schon beim Hausthor! Die Sepherl halt) ihn auf und speanzelt ein wenig mit ihm! Nanni. Himmel, auf den hätt' ich bald vergessen! (sinnt einen Augenblick nach.) Ich kann mich unmöglich in die Gefahr geben, von ihm erkannt zu werden. Hörst, Poldl, ich schenk'Dir einen Gulden, wennst — Poldl. Braucht gar keine Bedingung; um einen Gulden leist' ich daö Unglaublichste! Nanni. So hör' mich nur an: Du schliefst geschwind in meinen Mantel, nimmst einen Schleier über den Kopf und spielst eine Gräfin! (läuft insSeitenzimmer.) Poldl. So is recht — jetzt soll ich gar eine kalmukische Gräfin spielen! Das kann noch ein'Jux geben! Aber wenn mich der Tandler erkennt? Nanni (mit obigen Sachen aus dem Seitenzimmer). Sorg' Dich nicht, es is ja Nacht! Geschwind! (zieht ihn an.) Poldl, ich bitt' Dich, mach' mir nur diesmal kein'Dalken! Ich schleich' durch die Hofthür' zur Mutter; — wann der Tandler fort ist, kommst Du gleich nach! (seitwärts ab.) Poldl (allein). Jetzt kann'S angeben! Abersie hat recht; ich schau ganz passabel aus! Und weil's schon nicht anders iS — also meinethalben! Nun wart', Tandler, Dich will ich um einige Fün- ferbanknoten leichter machen, und Deine weltbekannte Schmutzigkeit bestrafen! lzieht ein Schnupftuch und einen schmutzigen Brief aus der Kasche, und wirft sich in einen Stuhl.) Achte Seene. Poldl. Schmutz. Poldl (sitzt mit dem Rücken gegen die Lhür gekehrt, und scheint den leise und mit vielen Bücklingen cintretenden Schmutz nicht zu bemerken; — seufzt). Ach, mein Gemal! — So bist Du wirklich für immer mir entrissen! Schmutz. Ihre gräflichen Gnaden haben befohlen — Poldl (in Extase, ohne Schmutz zu hören). O mein Gemal! Schmutz. Ich habe mich auch stants peäe hierher verfügt, um — Poldl (wie oben). So bist Du wirklich dahin, geliebte Seele! Schmutz. Die Gräfin muß Pfosten vor den Ohren haben! (schreit.) Ihre Ercellenz! Poldl (wendet sich langsam um). Mir scheint, ich hör' wen! Schmutz (mit Bücklingen). Unter- thänigster Knecht, gräfliche Gnaden! Poldl (geht schmachtend auf und ab.) 8 Wer iS der Herr? Vielleicht ein Con- duktansager? Schmutz. Der Himmel bewahr'mich vor dem traurigen Geschäft! Ich bin Tandler, und heiße Sebastian Schmutz. Poldl. Ach so! Er muß mir'S nicht übel nehmen — aber seit ich den unglücklichen Brief erhalten Hab', bin ich so zerstreut, daß ich weder höre noch sehe! Schmutz (für sich). Die Gräfin -- scheint mir — zuckt ein Bissel! (laut.) Mein Gott, was kann denn so einer Dame arriviren! — Pol dl (mit Feuer). Was mir arriviren kann? O plunzendumme Frage eines dalketen Tandlers! Da, da steht eS d'rin, mein ganzes Unglück — mein Gemal ist todt! (heult.) Schmutz (etwas gerührt). Arme Haut! Poldl. Wiek er weint? Hat ein Tandler auch Augenblicke der Rührung? SchmuH. So viel halt ein Tandler bei seinem weichen Herzen gerührt sein kann! Poldl. Sei mir willkommen, empfindsame Seele! (packt ihn.) In Deinem Busen will ich meinen Schmerz begraben! Schmutz. So eine trostlose Wittib ist doch etwas Schreckliches! Poldl (mit Heroismus). Ja — ich und mein Habakuk — wir liebten uns wie kein Weib ihren Mann liebt! Aber da erwacht in Folge verschiedener Zeitungsartikel der schlummernde Helden- muth in ihm, und er geht als kalmu- kischer Major gegen die Hottentotten. Schmutz. Ist's möglich! Poldl. Gleich in der ersten Attaque spaltet ihm ein hottentottischer Dragoner den Kopf bis auf'n Sattelknopf! Aber er, er hielt aus! er arretirt noch mehrere Gefangene, verwundet viele Blessirte und Todte; reißt die feindliche Fahne einem Stuckknecht aus der Hand, besteigt zu Fuß eine Schanze, nimmt sechs Vierundzwanzigpfünder unter den Arm und defilirt damit ins Lager zu- rück. Da erwischt ihn endlich der Tod beim G'nack! Natürlich, er hat so seine 40-Maß Blut und neun Stockzähn verloren. Und so hat denn der Held, der Gatte, das Zeitliche mit dem Ewigen vernegozirt! Schmutz. Eine schreckliche Geschichte! Und wann hat. sie sich denn zugetragen? Poldl. Vor acht Monaten; und jetzt erst krieg' ich die Nachricht. Die Posten in Kalmukien sind noch im schlechten Zustande. Schmutz. Ja, ist denn das Alles möglich? Poldl. Der Herr ist ein abgerundeter Dummkopf — ein kolossaler Esel — wenn er es wagt, an meinen Worten zu zweifeln. Schmutz. Aber goldene gräfliche Gnaden — ich Hab' nur gemeint — Poldl. Der Herr hat gar nichts zu meinen, als meine Möbel anzu- schauen und zu kaufen. Schmutz. Wie Sie befehlen! (für sich) Das ist eine rabiate Dam'! Poldl (öffnet die Lhür). Da sieht der Herr, — die zwei Kästen, das Bett, der Spiegel, wo'S Blei eingezogen is, das Kanapee mit drei Füßen gehört mein; und weil ich jetzt in mein Vaterland zurückkehre, um meine 48 Schlösser, die mir mein Gemal als Wittibsitz verschrieben hat, zu übernehmen, so will ich Alles hier veräußern, und morgen schon mittelst kalmukischen Zei- selwagenS den heimatlichen Gefilden zusteuern. Schmutz (hat indessen eine Brille hervorgezogen, dieselbe aufgesetzt, und mit Kennermiene die Sachen abgeschätzt). 20 — 30 — 80 bis «0 Gulden. Befehlen'- Ihro Gnaden gleich? Poldl. Nein, nur ein D'rangeld, daß ich mich auf'n Herrn verlassen kann, s und morgen Abends kannErAlleS weg. führen! Schmutz. Wie 2hro gräflichen Gnaden befehlen. Da sind 28 Gulden ! Poldl (nimmt hastig das Geld.) Und jetzt paF sich der Herr, damit ich mich wieder meinem Schmerz überlassen kann! (wirft sich in einen Stuhl und schluchzt.) Schmutz. Ich will nicht langer stören. Jhro Gnaden brauchen Ruhe; — — bis sich der Schmerz legt — hernach hoff' ich — Poldl (springt auf ihn zu). Daß er in aller Eil' verschwindet! Schmutz (erschrocken). Werfe mich pflichtschuldigst selbst über die Stiegen! (eiligst ab.) -teunte Scene. Poldl. Sepherl. P oldl (fröhlich). Hahaha! Das iS wieder eine neue Art Schulden zu machen. Jetzt muß unS der Tandler auf'n Herrn Vetter seine Möbeln ein Geld leihen, ohne daß er's weiß; — denn morgen wird's heißen, die Gräfin bleibt hier — und die Frau Mahm schickt ihm sein D'rangeld zurück. Sepherl (eintretend). Aber Poldl, was hast Du denn mit dem Tandler angefangen? Der schießt ja wie ein gehetzter Has' beim Haus hinaus! Poldl. Ich Hab' ihn in Gnaden entlassen! Sepherl. Und richtig ein Geld kriegt? Poldl (zeigt ihr das Geld). Da! Sepherl. Du bist doch recht ab- g'wirt! Poldl. In der gebildeten Welt nennt man so was genial! Und Du — ein Gulden davon g'hört mir; den verhauen wir morgen mit einander! Sepherl. Ach, spar' lieber, daß Du zu was kommst. Was nutzt'ö mich denn, wannst 13 Jahr mein Liebhaber bist, und mich doch nicht heirat'st! Poldl. Nur Geduld — es dauert nicht mehr lang. Du weißt ja, mein Vetter, der reiche Flecksieder im Ofen- loch, der ohnehin schon auf den letzten Füßen geht, setzt mich zum Universalerben ein. Sepherl. Und hernach? Poldl. Wird gleich geheiratet. Sepherl. Und 'S Geld in ein Jahrl verputzt! Nein, nein, ich mag keinen Tagdieb zum Mann! Poldl. O nein — ich werde mich nicht der edlen Tagdkeberei befleißen, wie dieß lachende Erben so oft zu thun pflegen. Ich werde dann gleich literarischer Geschäftsmann. Sepherl. Wie iS das zu verstehen ? — Poldl. Ich gründe ein Journal, wie noch keines besteht, und das mich mit wenig Müh' zum reichen Mann machen muß. Sepherl. Da wär' ich doch neugierig, zu erfahren, wie Du da angehst? Poldl. Jedenfalls sehr genial! Du verstehst zwar nichts von der Journalistik, aber ick will Dir, weil ich gerade bei Laune bin, den Plan mitthei- len. Mein Journal wird: „Der Heirats-Negoziant^ heißen, und täglich in 20,000 Exemplaren gratis auöge- geben werden. Sepherl. Das is mir zu hoch! Wie man von einem Journal, das umsonst ausgegeben wird, reich werden kann, is unbegreiflich! Poldl. Nicht unbegreiflich — im Gegentheil, sehr einfach. Ich lebe bloß von Inseraten. Ich bringe mit meinem Journal eine Art Heiratsbureau in Verbindung; und die Heiratsanträge, die da veröffentlicht werden, dann die Schneider- und Apotheker-Annoncen tragen mir gewiß so viel ein, daß ich wie ein Cavalier leben kann. 10 Sepherl. Wenn Du Dich aber doch verrechnest? Poldl. ZS gar nicht möglich — denn ich bin ein praktischer Mann. Wenn man so wie ich drei Zahre Zeitungs- träger ist, bekommt man eine ganz richtige Ansicht von literarischen Geschäften. Aber ich verplaudre die Zeit, und sollt' schon längst bei der Frau Karhi sein. Komm, später werd' ich Dir noch andere geniale Pläne mittheilen! (geht mit Sepherl durch die Mitte ab.) Verwandlung. (Ordinäres Zimmer in FrauKathi's Wohnung. Rechts, einige Stufen hinauf, die Thüre zur Kammer.) Zehnte Scene. Krammelhuberin und Purzel- fellne r in im Ballanzuge, der jedoch nicht geschmackvoll, sondern überladen ist, stehen vor kleinen Wandspiegeln, schminken sich, und richten die Coiffure. Nanni, ebenfalls im Ballkleide, jedoch nett und geschmackvoll, sitzt vor einem ordinären Lollettespiegel, und ordnet das Haar. Frau Kat hi ebenfalls im Ballkostüme, jedoch karrikirt, mit ungeheuren Schleifen, Bouquets u. s. w., betrachtet sich wohlgefällig in einem Handspiegel. Krammelhuberin. Das bleibt ewig wahr: ein Bisl Schmink hebt das Gesicht außerordentlich. Purzelfe l lnerin. Beim größten Schrecken verändert man keine Färb, was auch manchmal sehr gut ist! Kathi. Was so ein modernes Kleid für einen guten Wuchs macht! — Wie eine Göttin aus dem Belvedere seh' ich aus. Nanni. Mich sekiren meine Haar', die gar nicht halten wollen. Za, wenn man halt die Kopftücheln gewohnt ist, dann wollen die Frisuren nicht pa- riren. Krammelhuberin (zur Purzelfellnerin). Ich bitt' Dich, Sali, hör' einmal mit dem Anstreichen auf; Du schaust ja schon aus, als ob Du lackirt wärst. Purzelfellnerin. Glaubst wirklich? Nu, da wird bald geholfen sein; da leg' ich halt ein Bist Kremserweiß auf. (thut es.) Nanni. Wo nur der Poldl bleibt. Kathi. Sorg' Dich umden nicht, der bleibt nicht aus. (zu den übrigen Weibern.) Ich glaub', wir werden heut' Aufsehen machen. Alle. Na, ob!! Kathi. Fertig wären wir so weit, aber eS iS noch zu früh, auf den Ball zu gehen. Wißt'S was, Weiber, wir probiren mit meinem alten Zimmerherrn die neue Quadrille und ein' Menuett. Alle Weiber. DaS iS g'scheidtl. Kathi (ruft in die Kammer). Herr v. Hupfer — kommens ein Bißl zu uns heraus! — Hupfer (noch von Innen). Gleich stehe ich zu Diensten, meine Damen! Kathi. Aha — er macht auch schon Toilett' — und spürt's gar nicht, daß's in seiner Kammer kalt iS, wie in einer Eisgruben. Nanni. Wann er uns die Quadrille einstudirt, wird ihm gewiß warm werden. Eilfte Scene. Vorige. Hupfer (im Schlafrock, die Haare in Papillotten.) Hupfer. Guten Abend, meine Huldgöttinnen! Nein, diese Reize —diese geschmackvollen Toiletten! — Nanni. Grüß' Gott, Herr von Hupfer! Hupfer. Wollen mich die Damen mit der Bekanntgabe ihrer Wünsche beglücken? — Kathi. Die Quadrille solln'ö ein Bißl mit uns einererziren! Nanni (leise zu ihm). Aufn Ball ri soll'S mich auf ein gute-Nachtessen und ein GlaS Punsch nicht ankommen. Sie wissen — ich traktir' gern, und bin nicht schmutzig! Hupfer (küßt ihr die Hand). Sie sind ein wahrer Engel! Ich Hab' zwar einen äußerst schwachen Magen — wenn ich aber zechfrei gehalten werde — dann vertrag' ich viel. Es ist dieß eine besondere Laune meines wetterlaunischen Magens. Nanni. Wenn sie sich besonders gut aufführen — kommt's mich auf einen wällijchen Sallat auch nicht an. Hupfer. O Huldgöttin! — Kathi. Jetzt aber schauenS, daß wir zur Quadrille kommen! Hupfer. Mit Wonne! Doch halt — ich kann die Quadrille nicht arran- giren —es fehlen mindestens noch zwei Männer! Kathi. Fatal; — aber Geduld — ich will gleich helfen! (Geht an das Fenster.) Wie gewunschen! He, Buben, hört'S! Gehts herauf ein Bißl! — Jetzt iS schon geholfen! — Nanni. Aber was fangt denn die Mutter schon wieder an? Kathi. Das wirst Du gleich sehen! Zwölfte Scene. Vorige. Ein Gotscheerbub und einGypSfigurenhändlermit ihren Attributen treten ein. Die Buben. Was schaffenS denn? Kathi. Habt's Zeit — und wollt's Euch jeder ein Zehnerzeitel verdienen? Die Buben. Warum denn nicht! Nanni. Nein — was die Mutter treibt — das is schon der Welt ungleich! Kathi. Red' nur nir d'rein! (Au den Buben.) Da habt's jeder ein Zehner- zettel — Ihr müßt's aber dafür Herren vorstellen. Wir möchten gern eine Quadrille probiren. Die Buben (werfen ihre Sachen weg). O recht gern! Hupfer. Nun also ä place! Aber Musik - Krammelhuberin. Dazu nehm ich der Frau Kathi ihre Zither, (nimmt eine Aither von der Wand) und spiel' die Quadrille, die immer der Werkelmann in unserm Haus spielt. (Spielt einige Takte.) Nanni. Ah famos! Hupfer. Der idyllische Gottscheer tanzt mit Frau von Zeiselmayer, und hier dieser ausgezeichnete Plastiker mit meiner liebenswürdigen Wirthin. (Aur Krammelhuberin.) Nun bitte ich zu beginnen! Ich werde das Ganze dirigiren! (Ordnet die Paare; komische Lanzprobe. Nach einigen Takten fällt der nächste Prospekt vor.) Verwandlung. (Kurze Straßen-Dekoration. zur Seite ein großes Thor, mit zwei ober demselben beleuchteten Fenstern , und neben demselben zwei transparente Laternen mit der Aufschrift: Abendunterhaltung.) Dreizehnte Scene. Flausenberger (elegant gekleidet in einem engen Modemantel, tritt sehr fröhlich von der rechten Seite ein). Vivat, es leben die Genies! — Als Bartentfernungsbeflissener könnt' ich etwa schon 14 Tage nach dem neuen Jahr' wieder am Hungertuche nagen, oder mich auf'S Pfuschen verlegen, wenn ich nicht eine Gattung Figaro, und nebenbei ein Genie war. So aber ist'- anders. Seit ich auf die geniale Idee verfallen bin, mich für einen Chevalier auszugebeu, geht's mir famos. DaS bleibt ewig wahr — einen Kerl wie ich bin, läßt's schöne Geschlecht nie sinken! Aber Sapperment! die Stund' zum Rendezvous mit der schönenFiakerin rückt heran! Jetzt heißt'ö einen Fiaker genommen, und beim Eck auf sie gewar- tet. (Sieht in die Scene.) Verdammt, ein einziger Wagen nur da! — und 12 wenn ich nicht irre, so gehört er dem Manne der schönen Fiakerin! — Was thut's — warum soll der Tölpel nicht sein eigenes Weib einmal auf einen Ball führen? — Heda, Fiaker! Vierzehnte Seene. Flausenberger. Florian. Florian. Fahren wir, Ew. Gnaden? Flausen berg er. Zum Sträußl in dieZosefstadt,undwonoch hin — weis ich nicht. Ich accordir' nicht, aber ich will gut bedient sein! Florian. Soll nicht fehlen, Ew. Gnaden! Flausenberger. Und sich pfiffig benehmen, wenn die Dame kommt, auf die ich wart'! Florian. Versteh' schon — gewiß was Heimliches! Flausenberger. Zch kannö nicht leiden, wenn die Fiaker den Damen so keck in's Gesicht schauen, als ob sie spioniren wollten, und auf jedes Wort aufpaffen, das geredet wird. Florian. O da sorgen sich Ew. Gnaden nicht, ich kenn' mich bei solchen Gelegenheiten schon ganz gut aus. Ich Hab' den ganzen Sommer alle Sonntage ein Paar Leut' z'Mittag zum Do- mayer g'führt, ohne daß ich gewußt Hab', daß er ein vazierender Barbiergesell' und sie eine reiche Flecksiede- rin is! Flausenberger. Flegel! — Sie hat so einen eifersüchtigen Esel zum Manne, und da war es nöthig, daß man — Florian. Za, da muß man freilich vorsichtig umgehen, daß der Mann nichts erfahrt. Haha! der wurd' sich im Kopf kratzen! Za, ja, der Fasching iS halt eine kuriose Zeit! Flausen berger. Nun komm'! — wir haben keine Zeit zu verlieren. Zwei Häuser von hier — beim Tabakkräm» mer, erwartest Du mich! (Beide ab.) Fünfzehnte Seene. Poldl mit mehreren ZeitungSträgern, Art- telanschlägern und derartigen Burschen kommt im Gespräche. Poldl. Wie ich Euch sag' — ich Hab' heute einen guten Tag gehabt. Erstens Hab' ich eine hübsche Rekompens für einen zu Stande gebrachten alten MopS, der sich verlaufen hat, erhalten; und zweitens hat die Frau Mahm beute ihren freigebigen Tag g'babt. D'rum wird auch aufg'haut, waS Zeug halt. Seid'S einverstanden? Alle. Na, ob! Poldl. Morgen Abend gib ich einen geschlossenen Gesellschaftsball. Da soll'S lustig hergehen, wie auf dem nobelsten Saal. Einen Werkelmann, der die fidelsten Walzer und Polka spielt, Hab' ich schon engagirt. Zhr bringt's Euere Madeln mit — Die Burschen. Aber w o gibst Du den Ball? Poldl. Auch für's Lokal'is schon gesorgt! Mein Vetter ist morgen wieder die ganze Nacht nicht zu HauS, und da Hallen wir in der Wagenschupfen, die ganz hinten im Hof is — unser Remisori! Die Burschen. Das iS ein prächtiger Einfall! Poldl. Laßt's nur mich sorgen. Zeder von den Herren zahlt ein Zehnerzettel und kann zwei Damen mitbringen. Von diesem Geld wird die Beleuchtung, die Musik und ein sehr anständiges Souper bestritten. Frankfurter mit Kren, schwarzer Rettich, Quargel- käs und Bier. Alles wird in Abundanz da sein. Die Burschen. So wollen wir gleich zahlen — Poldl. Hier auf der Gaffen? Warum nicht gar; — man könnt' uns auf d'Letzt noch für Börsianer halten, die ihr Viertel- und Achtel Negozi auf der ^ Gaffen ausschachern. Gehen wir in'S 13 Bierhaus — dort können wir die Sach' abmachen. Die Burschen. Za, ja, inSBier- haus! (Alle mit Poldl ab.) Verwandlung. (Nebenzimmer eines Tanzsaales. Brillante Beleuchtung. An mehreren Tischen fitzen Gäste und zechen.) Chor. Holla, Brüder, aufgehaut. Und wenn auch der Lag schon graut, Geh'n wir in's Kaffeehaus fort, Bleib'n bis morgen um Neune dort. Sechzehnte Gerne. N anni. Ka 1 hi. Purzelfell nerin, Krammelhuberin. Hupfer und Fla usenberg er. Sämmtlich im Ball- kostüme treten ein. Später Mad. R U M- pelbodinger mit zwei Wächtern. F l o- rian ebenfalls später. Ein Kellner. Purzelfellnerin. Wo nur unsere Amanten heut' so lang bleiben? Krammelhuberin. Es iS ja noch nicht spat — und Du weißt, die Herren brauchen jetzt länger zu ihrer Toi- lett', als die Weiber. Flausenberger (zu Nanni). Nun, wie gefällt's Zhnen hier, meine Gnädige? Nanni. O das is schon eine Helle Pracht! Kellner. Zst'S vielleicht gefällig zu soupiren? Kathi. Das versteht sich von selbst — richt einen Tisch auf neun Personen! Kellner. Zst'S gefällig nach der Karte zu speisen, oder soll ich etwa — Kathi. Nicht viel Umständ gemacht! Neun Personen zu 1 Gulden Münz'. Wein und Punsch ertra! Kellner. Sehr wohl, Ew. Gnaden! (Ab.) Hupfer (dem Kellner nachrufend). Nur pikante Sachen — auf den Ca- viar ja nicht vergessen, Nanni (zu Kathi). Aber Mutter — das wird ein Heidengeld kosten! Kathi. 's Maul halt — entweder' nobel — oder gar nicht! (Im Saale ertönt eine moderne Quadrille.) Nanni. Ah, die wunderschöne Musik! — (Zwei Herren treten ein, welche die Krammelhuberin und die Purzelfellnerin zum Lanze auffordern, und mit Beiden in den Saal gehen). Flausenberger (zu Nanni). Wie wär's, meine Gnädige — wenn wir diesem Beispiele folgten? Nanni. Meinen Sie eine Tour! Ach ja! — Kathi (zu Hupfer). Wissen Sie was? — Riskiren wir auch eine Tour! das Souper schmeckt dann besser! Hupfer. Mit Wonne! (Alle vier in den Tanzsaal ab.) Florian (tritt ein). Wenn ich nur meinen gnädigen Herrn sehen könn't! Zs das ein g'spaßiger Herr; — zahlt nicht — hüpft über die Stiegen hinauf und sagt kein Wort, ob ich warten, oder wann ich wieder Vorfahren soll! Zch will doch nicht hoffen, daß das ein Gratisblitzer is! — He, Sie Kellner! (Spricht letse und nach Links gewendet mit einen Kellner.) Nanni und Flausenberger (kommen rechts eiligst herein). Nanni. Za was haben Sie denn auf einmal? Flausen berg er. Zch habe hier meinen Vormund gesehen, dem ich geschrieben habe, daß ich heute noch auf meine Güter abreise. Zhm zu begegnen, wär' mir jetzt äußerst fatal. Nanni, Machen wir uns aus dem Staub'! Flausen berger (für sich). Meine ehemalige Zimmerfrau vom Thury, der ich vor zwei Zähren, ohne zu zahlen, abgefahren bin, ist hier, und hat mich gesehen. Da gibtS waS! 14 Nanni (Florian erblickend). Jetzt geht'S gut — da iS mein Mann! (Verschleiert sich.) Florian (Flausenberger erblickend). Ah, gnädiger Herr — ich wollt' nur fragen — ob ich warten soll? — Flausenbergrr (von einer Idee durchzuckt). Der kommt mir sehr gelegen ! — (Laut.) Freund, willst Du mir für Geld und gute Worte einen Gefallen thun! Florian. Ja, was soll ich denn' thun? Flausenberger. Es ist Jemand hier, der mich nicht sehen, oder wenigstens nicht erkennen darf. Sei so gut, leihe mir Deinen Hut und Mantel auf eine halbe Stunde! (Tritt mit Florian bei Seite, zieht den modernen Mantel aus, reißt Florian, der sich kaum recht besinnen kann, Hut und Mantel ab, und macht so einen förmlichen Kleidertausch.) Nanni. Es is die höchste Zeit, daß wir abfahren! Flausenberger (zu Florian). Rechne auf ein gutes Trinkgeld. (Mit Nanni eilig ab.) Florian (zieht ruhig Flausenbergers Mantel an). Jetzt möcht' ich nur wissen, waS das wieder für Geschichten sein! (Betrachtet den Mantel.) Bei dem Tausch komm' ich wenigstens nicht zu kurz. Rumpelbodinger (mit zwei Wächtern und mehreren Gästen eintretend). DaS iS der Lump, (auf Florian deutend.) der mir vor zwei Jahren durchgegangen is! Also keine Umstand' machen, und das saubere Zeiserl einpacken! Mehrere Gäste. Schauts den eleganten Schnipfer an! (Die Wächter wollen Florian wegführen.) Florian (verblüfft). Ja, waö soll denn das wieder sein? Mehrere Gäste. Hinaus mit ihm! Rumpelbodinger. Nicht viel Geschichten gemacht! Florian. Auslassen, sag ich! Es ist offenbar einJrrthum in der Person! Mehrere Gäste (durcheinander). So reden alle Schnipfer! Nichts da! Fort mit ihm! Rumpelbodinger. Mit dem Zins durchgehen — und auf den Sälen aufhauen — nun wart', Bursche!! Florian. Die Frau ist verrückt! Mehrere Gäste. Hinaus mit ihm! (Florian wird ungeachtet seines heftigen Sträubens abgeführt. Kathi,Krammelhuberin, Purzelfellnerin und Hupfer treten ein. Gruppe des Staunens. Stürmische paffende Musik, die in eine Polka übergeht, und dann gleich als Entre-Akt dient.) Zweiter Act. (Zimmer in Florian'S Hause.) Geste Scene. Kathi,Nanni,Krammelhuberin und Purzelfellnerin sitzen am Tisch und trinken Punsch. Kat hi, Trinkt's Weiber — nach einer durchschwärmten Nacht is ein Glas! Punsch gar nicht zu verachten! Krammelhuberin. Odas ist klar! (Trinkt.) Purzelfellnerin. Wahr ift'S! (Trinkt.) Aber was sitzt denn die Frau Nanni da, wie eine Bauernbraut — red't nicht — trinkt nicht — Nanni. Ich bin voll Angst — mein Mann kann jeden Augenblick da sein. Kat hi. Und was is weiter? Beißen kann er Dich doch nicht! Zweite Scene. Vorige. Poldl (der schon früher den Kopf zur Lhürr hereintzeckte). Poldl (eiligst eintretend). Der Herr Vetter kommt! (Alle Weiber erheben rin Zettergeschrei und laufen in's Seitenzimmer ab.) Poldl. Da laufenö jetzt hin — die Heldinnen, und lassen Alles im Stich! 18 Ein altes Sprichwort sagt: „Der Esel muß fressen, so lang' er an der Krippen steht!" Ich halt viel auf die Sprichwörter, und will die Gelegenheit benützen. (setzt sich an den Lisch und trinkt.) Dieser Punsch erinnert zwar etwas an Bertramessig — aber er kostet nichts, also ist er delikat! (steckt sich die Taschen mit Backwerk voll.) Da gibt's ja eine Menge Artikeln, die ich heut' bei meinem Ball recht gut verwenden kann. Dritte Scene. Poldl. Florian. Florian (in einer andern als seiner gewöhnlichen Fiakertracht, tritt ein, und als er den Poldl am Lischt erblickt, bleibt er verwundert stehen; dann schleicht er heran, schlägt mit der Peitsche auf den Lisch und sagt barsch). Was machst Du da? Poldl (erschrickt). O weh, der Herr Vetter! (rafft sich zusammen.) Aber was sein denn das wieder für Kindereien? Wird denn der Herr Vetter nie gescheidt werden? Floriau. 's Maul halt, kecker Strick! Was treibst Du da? Poldl. Kuriose Frag'! Der Herr Vetter hat's ja gesehen — gegessen und mitunter auch getrunken Hab' ich. Florian. Wie kommt der Punsch hierher — wie kommst Du dazu? Poldl. Das weis ich nicht. Florian (die Peitsche schwingend). Wirst Du reden, oder — Poldl. Der Vetter hat merkwürdige Manieren, die Leut' treuherzig zu machen. Florian. Kerl — jetzt red'st, oder eS geht Dir fünf Minuten schlecht. Vierte Scene. Vorige. Nanni. Nanni. Aber was iS denn das für ein Lärm? Ah, bist Du einmal da, Florian! DaS heiß' ich schön Wort gehalten ; statt in der Früh, kommst Du Abends um 6 Uhr nach Haus. DaS iS abscheulich! Florian. Eine Fuhr auf's Land hat mich abgehalten. Aber jetzt sei so gut, und gib mir eine kleine Auskunft. Was hat denn das zu bedeuten? Nanni (verlegen). Das wird Dir wohl der Poldl schon gesagt haben. Florian. Nichts hat der Hallunk gesagt. Poldl. Nein, nir hat er gesagt, (für sich.) Hätt' aber sagen können, — wenn er ein Narr war; — aber so!—— (pfiffig die Achseln zuckend.) Nanni. Nun, so hör' — meine Mutter hat mir das Alles g'bracht. Der Vater hat die vergangene Nacht bei einem Hausball am Thury das Orchester persönlich dirigirt, und da hat er einige Nesteln Punschessenz mitgehen lassen. Florian (besänftigt). Ah, daS iS was anders. Nanni. Du wirst doch nicht glauben , daß ich in Deiner Abwesenheit traktir'? So was fallt mir 's ganze Jahr nicht ein. Poldl. Pfui Teufel, der Vetter iS ein rechter Heferlgucker; er dürft' bei ein'm Rechnungsgeschäft angestellt sein. Florian, 's Maul halt! Poldl. Auf die dalketen Anmerkungen des Vetters gehört wenigstens eine energische Erläuterung. Nanni (weinerlich). Nein — Dein Mißtrauen iS kaum zu ertragen. Poldl (mit komischem Ernst). In der That, ein schmachvolles Benehmen. Florian. Jetzt hast Du Zeit, daß Du verschwindest, sonst steh' ich für nichts gut. Poldl. Gegen gewisse Geisteszustände kämpfen selbst die Götter vergebens. Florian (greift nach der Peitsche; — Poldl eilt ab). 16 lFünfte Seeue. Florian. Nanni. Nanni. Wirklich, ich sollt' recht bös sein auf Dich. Florian. Aber Nanni! . Nanni. Wenn Du mir nicht traust, so frag' die Mutter — die iS noch in der Kammer d rin. Florian. Zch glaub' Dir ja auf's Wort — aber schau, in der Lieb' muß's ein Bis! gezankt sein, damit man sich wieder versöhnen kann. Nanni. Ich Hab' Dich gewiß lieb, aber solch' ein Verdacht — Florian. Mir iS unendlich leid, verzeih' mir nur diesmal! Du kennst ja mein Temperament und meine rasende Lieb' zu Dir! Geh', Nanni, sei gut l Nanni. Da! (gibt ihm die Hand.) ^ Florian. So! (küßt die Hand.) Aber Du, Nanni, jetzt muß ich Dir einen Spaß erzählen von heut' Nacht. Nanni. Gewiß wieder Liebesgeschichten ! Florian. Errathen! Eine gnädige Frau aus unserer Nachbarschaft, ich wollt's fast nennen, wer'S iS, war mit einem jungen Herrn beim Sträußl — ich hab's selber hing'führt. Bildsauber muß's sein; g'sehen Hab' ich'ß zwar nicht, aber ein' Fuß und eine so nette / herzige Figur hat's, daß'S eine Freud' is! Nanni. Und da soll ich nicht eifern? Florian. Geh', sei nicht kindisch! Kurz und gut — die zwei Leut' Hab' ich aus einer entsetzlichen Verlegenheit gerissen. Nanni. Also bist Du ein Beschützer der Verliebten 1 — Haha! Florian. Nun, hör' nur weiter! — Er hat gesagt, sein Vormund hält' ihn gesehen, und das wär' ihm sehr unlieb. Aber plötzlich iS eine alte giftige Hausfrau erschienen, mit der er wahrscheinlich einmal ein' Techtelmechtel gehabt hat, und da war der Teufel loS. Die Alte hat sich fürchterlich 's Maul zerrissen und da hat er ein Donnerwetter g'spürt, gegen das es keine Ableiter gibt. Da Hab' ich ihm den Rath gegeben, g'schwind unsere Mäntel und Hüt' zu vertauschen, und so sein die zwei Leuteln glücklich abg'fahren. Mich haben's eing'fübrt. Bald hat sich aber die G'schicht aufg'klärt, und da haben'S mich wieder fortgeschickt. Nanni. Du, ich glaub' immer, Du hast auch einen Antheil an der G'schicht mit der gnädigen Frau. Florian. Za, wenn ich Dich nicht hätt', liebe Nanni; aber so! — Nanni. Na, Euch Männern ist nicht zu trauen! Aber jetzt b'hüth' Dich Gott; ich muß mit der Mutter zur kranken Gevatterin hinüber gehen! l«b.) Florian. B'hüth' Dich Gott, Schatzkind, komm' bald nach Haus! ZS das ein liebes gutes Weib — und wie gern sie mich hat! Zch muß mir die Eifersucht abgewöhnen, denn ich könnt' die treue Seel' noch kränken. Zch Hab' wirklich ein Glück g'macht mit dem Weiberl; trotz meiner 43 Zahr' hat'S mich doch unendlich gern. Za nicht Zeder iS so glücklich. Sechste See«e. Florian. Schmutz. Schmutz. Guten Abend, Herr Zeiselm ayer ! Florian. Detto! WaS bringt mir der Herr? Schmutz. Bringen? Zch? Zhm? Könnt' mir nicht einfallen. Fl o r i a n. Das iS ein curioser Kampl. Schmutz. Der Herr hat gewiß erst die Gräfin nach HauS geführt? Florian. Gräfin? WaS für eine Gräfin? Schmutz. Nun, die hier wohnt. Florian. Hier wohnt? — Bei mir wohnt? Schmutz. Nun ja! Zst freilich eine 17 baroke Idee von einer Gräfin, fich in einer solchen Boutique einzuquartieren ; indessen, — sie ist eine kalmukische Gräfin, — vielleicht Schriftstellerin, und will Studien machen überdie Fiakernaturen. Florian. Mir scheint, der Herr will grob werden? Da kann ich auch dienen! Schmutz. Dummes Geträtsch — sür'n Tandelmarkt zu schlecht! Eine Fuhr' will ich ihm zuschanzen. Florian (den Hut abnehmend). Ah, das iS was Anderes. Sch muH. Er kann mir Möbeln in die Stadt fuhren. Florian. Recht gern. Wo stehen denn die Sachen? Schmutz. Da im Zimmer d'rinnen. Florian (vrrduzt). Da im Zimmer? Schmutz. Nun freilich; ich Hab' sie der Gräfin abgekauft. Florian (sieht ihn erstaunt an). Sagen Sie mir, wie ist Ihnen denn? (Geht einige Schritte scheu zurück, als ob er sich fürchtete.) Schmutz (pikirt). WaS soll die dumme Frag'? Florian (ängstlich). Setzen sie sich ein Bißl nieder! Spüren Sie keine Hitzen im Hirn? Sein Sie vielleicht geschwind gegangen oder is von gestern noch etwas im Kopf? Ein GlaS Wasser könnt' nicht schaden l Schmutz. Zum Teufel, was soll das? Glaubt der Herr vielleicht, daß ich besoffen bin? Florian. Kinderei! Einmal iS keinmal; überdies iS jetzt Fasching. Schmutz. Zch bin Obmann deS VH. Bezirkes beim Mäßigkeitöverein; — ich trinke nur Wasser. Florian. So haben Sie das HauS verfehlt ; — iS aber auch nicht möglich. Links wohnt ein Schneider, und rechts zwei Milchmaier nebeneinander. Schmutz. Mir scheint, er will mich foppen, er numerirter SociuS! Wiener Theater-Repertoir XXXVII. Florian. Fallt mir nicht ein; aber der Herr will mich papierln, daß er in mein Haus eine Gräfin sucht, und eS hat, so lang's steht, keine Gräfin d'rin gewohnt. Schmutz (mit einer Art Respekt). WaS? — Er — Sie — der HauS' Herr? Florian. Wenn Sie nichts dawider haben! Schmutz. Und keine Gräfin hier im Haus? Florian. Nix, als ich, mein Weib, Wagen, Pferd'und Knecht'. Schmutz. Das kann nicht sein; — hier im Zimmer Hab' ich der kalmuki- schen Gräfin gestern 26 st. D'rangeld gegeben. Florian. Das ist eine Spitzbüberei. Schmutz. Von Euch scheint eS wohl ein feiner Handel zu sein. Florian. Herr, jetzt Hab' ich den Spaß satt. Der Sach' wollen wir aber gleich auf den Grund kommen, (ruft zur Lhüre hinaus.) He, Nanni, Schwiegermutter, Knecht' — geht'S herein! Schmutz. WaS soll denn das werden? Florian. Ein kleines Eramen — und wann ich Recht Hab' — wird der Herr zur Thür' hinauögeworfen. Siebente Seene. Vorige. Nanni. Kathi. Mehrere Knechte. Florian. Kennt'S Ihr mich Alle als ein' ehrlichen Mann? Knechte. Ja! Nanni. O weh — das iS gewiß der Tandler. Florian. Kann Einer mein' Weib was Schlechtes nachsagen? Kathi (einfaUend). So was möcht' ich noch erleben, daß sich Jemand un- terstünd', ein unebnes Wort zu sagen! 2 18 Million — ich bin die Mutter und laß mein Kind nicht beschimpfen! Florian. Sagt's aufrichtig, hat je eine Gräfin in unserm Haus logirt? Knechte. Niemals! Schmutz. Wirklich, ein allerlieb- , ster Streich! Florian (Nanni vorführend). Hat die Gräfin so ausgeschaut? Schmutz. Nein. Florian (Kathi vorführend). Oder so? - Schmutz. Gar keine Idee — sie war viel jünger und hübscher. Kat hi. O Flegel! Florian. Also da is mein ganzes HauS beisammen. Der Herr sieht, daß ich ihn nicht prellen will — aber er mich. Schmutz. Und noch einmal behaupt' ich, daß ich auf diesem Fleck — Florian. Jetzt pack' sich der Herr, oder er fliegt hinaus! Nanni (leise). Ich bekomm' vor Angst schon daS Kniesausen. Kathi (ebenso). Das iS ein Glück, daß der Poldl nicht da is. Florian (den Schmutz am Arme fassend). Also vorwärts, verrückter Passagier. Schmutz. WaS? Mich Hinauswersen ? — Einen Tandler, Obmann des VII. Bezirkes beim Mäßigkeitsverein? — O ihr verruchte Bagage, ihr Gau- nervolk, ihr sollt's mich kennen lernen. Florian. Gaunervolk? Bagage? — Million, den Schimpf ertrag' ich nicht! Wart, Graffelwerk-Negoziant, zuerst sollst Du uns kennen lernen! Heda, Knecht! werft's alle zwei hinaus — den Tandler, und den Obmann des VII. Bezirkes! Knechte. Hinaus mit dem verrückten Schlüpfer! (transportkren den sich sträubenden Landler zur Thüre hinaus.) Florian. Ich mach' die Anzeig', daß der verrückte Tandler unter Auf- ficht gestellt wird! (mit den Knechten ab.) Achte Seene. Kathi. Nanni. Nanni (sehr ängstlich). Die Mutter wird sehen — eS geschieht ein Scandal! Kathi. Ach warum nicht gar! Jedenfalls muß der Tandler warten, bis mein Terno kommt! Nanni. Nein, eher arbeit' ich Tag und Nacht um's Geld, eh' ich das schuldig bleib. Ueberhaupt g'fallt mir diese Wirthsckaft nicht mehr recht; lang balt' ich's auf kein' Fall mehr aus. Uebri- gen'S, weil wir gestern versprengt worden sein, und weil wir den Chevalier das Wort gegeben haben — gehen wir heut' noch in'S Elisium — aber hernach is's aus. Kathi. Und was geschieht denn mit dem Chevalier? Nanni. Der kriegt den Laufpaß: — ich könnt's ja nicht aushalten vor Angst. Steunte Eeene« Vorige. Hupfer. Hupfer (außer Athen,). Gut, daß ich Sie finde, meine Aimabelsten! Nanni. WaS iS denn loS? Sie sein ja ganz außer Athem? Kathi. Gewiß iS mein Mann munter geworden, und macht Spektakel. Hupfer. Ja, er ist schrecklich er« wacht! Sein erstes Wort war: Wo ist mein alter Hausdrache? — und als ich keinen Bescheid wußte, fuhr er mich grausam an. Ja, er griff sogar nach einem Bambusrohr, und wenn ich nicht entfliehe, so malträtirt er mich kanibalisch. Kathi. Der muß gestern einen schönen Affen mitgebracht haben! Nanni. Geh' d'Mutter, sonst kommt er noch herüber, und dann geht die Metten erst recht loS. Kathi (zu Hupfer). Trösten Sie sich, süßer Tanzmeister, Sie sollen SatiS- 19 faction haben. Ich will dem Flegel von einem Mann schon die Leviten lesen, daß ihm sein gestriger Rausch gewiß vergehen soll, wenn er ihn noch nicht auSgeschlafen hat. (eilt furios ab.) Hupfer (geckenhaft und sentimental). Adieu, reizende Frau! (küßt Nanni die Hand.) So ein Kuß auf eine schöne Hand ist wahrlich ein Pflaster für alle Wunden, welche trunkenboldische Sot- tisen einem zarten Gemüthe schlagen, (hüpft ab.) Zehnte Scene. Nanni (allein). Nanni. Ist das ein bewegter Fasching ! Den will ich mir merken. Ich weis nicht, ich kann mich durchaus nicht freuen über eine Unterhaltung, die man mit tausend Aengsten erkaufen muß. Ich betrüg' ja mein' braven Mann, der mich so lieb hat, und der'S gewiß nicht verdient. Ich halt' die Geschichte schon längst aufgezeben — aber die Mutter und die anderen Weiber reden mir zu und sagen, daß die Meiner, die uns sehr häufig vernachlässigen, daran Schuld sind, wenn wir's auch ein Bißl hinter's Licht führen. Mir ist zwar so ein Grundsatz nicht ganz klar; aber die Weiber sein alle älter als ich — und müssen's daher besser verstehen. Kommt was auf, so red' ich mich auf die Mutter und die Weiber aus! (Ab.) Gilfte Scene. Sepherl (allein). Sepherl (schleicht herein). Endlich iS Alles ruhig! Der verwünschte Tandler hat mir viel Angst gemacht; — ich Hab' mich aber gleich, nie ich ihn kommen gesehen Hab', auf den Heuboden versteckt. Jetzt möcht' ich nur wissen, wo denn der Poldl steckt; — die kal- mukische Gräfin hat sich gewiß auch wo in ein' Winkel verkrochen, (es wird gepocht). Zwölfte Scene. Vorige. Flausenberger. Flausenberger (als Friseur gekleidet). Guten Abend, mein schönes Kjnd! Ah, da geh' ich schon recht. Sie waren ja selbst im G'wölb, uud haben für heut' Abend einen Friseur bestellt? Sepherl. O Himmel, da Hab'ich wieder ein' dummen Streich gemacht! Flausenberger. Wieso? (richtet sich zusammen; bindet ein Vortuch um u. s. w.) Sepherl. Die Frau hat mir be- fohlen, ich soll den Friseur wieder ab.- sagen — und ich Hab' in' Tod d'rauf vergessen. Flausenberger. Ja — jetzt bin ich einmal da, und Hab' nicht Lust, wieder umzukehren. UebrigenS läßt sich ein so berühmter Friseur, wie ich, nicht umsonst foppen. Jetzt bleib'ich gerade da. Sepberl. Aber wenn die Frau stch nicht frisiren lassen will? Flausenberger. So setzen S i e sich geschwind her, oder geben Sie mir 2 fl., und ich fahr' ab. — Gehen Sie aber doch hinein und melden Sie mich; ich parire, die Frau kommt. Sepherl. Meinetwegen — ich will's probiren; aber mein ordentlicher Putzer bleibt mir gewiß nicht auö. (seitwärts ab.) Flausenberger. Wieder eine geniale Idee von mir, die Verkleidung eines Friseurs zu wählen, um der schönen Fiakerin in die Nähe zu kommen. In jeder andern Gestalt würde mein Erscheinen hier im Hause Aufsehen erregt haben. Jetzt kann ich im Nothfalle vorgeben, daß ich geschickt worden bin, einen Fiaker zu bestellen. 2 * so Dreizehnte Seene. Nanni. Flausenberger. Nanni (aus der Seitenthüre eintretend). Zch kann mich heut' nicht — (erstarrt bei dem Anblicke Flausenbergers.) Flausenberger (affectirt Staunen). Madame, ich bin — Nanni. Chevalier — Flausenberger. Gnädige Frau! Nanni (in einen Stuhl sinkend). 2ch bin verrathen! Flausenberger (für sich). Diese Verlegenheit will ich benützen, um daS hübsche Weibchen ganz konfus zu machen. (laut.) Sie sind also — Nanni. Leider keine gnädige Frau, sondern nur eine Fiakerin! Fl au se n ber ger (für sich). Mir nichts Neues! (laut.) So hat mich mein Scharfblick doch nicht getäuscht! Nanni. Wie, Sie hätten — Flausenberger. Schon lange Zbren Stand gewußt; doch das hält mich nicht ab — Nanni (zögernd und furchtsam). Mir scheint, Sie sind auch kein Chevalier? Flausenberger. Wie kurzsichtig, schone Frau! Zch bin Chevalier: nur meine Liebe zu Ihnen, nur der Wunsch, auf eine gute Art in Zhr HauS zu kommen, hat mich zu der Maskerade bewogen. Nanni. Wär'das möglich? Flausenberger. O was könnte ich Ihnen zu lieb nicht Alles unternehmen ! Nanni. Aber wie sind Sie denn zu diesen Kleidern gekommen? Flausenberger. Einige Dukaten Douceur bewogen gleich den Friseur, der hierher bestellt war, mir seine Kleider zu borgen, und nun liegt Ihr Sclave zu Ihren Füßen, und fleht, (kniet nieder.) Vierzehnte Seene. Vorige. Sepherl. S e ph e rl (stürmt herein). Der Herr kommt? Flausenberger. Verdammt l Nanni. Zch bin verloren! Flausenberger. Werden Sie krank; dieses Mittel hat mir schon oft aus Verlegenheiten geholfen. Fallen Sie ein wenig in Ohnmacht; heulen Sie, weinen Sie; ich komme gleich als Doktor! (für sich.) Der Tandler nebenan leiht mir schon einen passenden Anzug. Sepherl. Schaun's, daß's fort kommen; g'schwind bei der Hofthür hinaus! Flausenberger. Zn fünf Minu^ ten bin ich wieder da. (ab.) Nanni. Nein, das muß ein End' nehmen! Sepherl (schalkhaft). Warum ist denn der Friseur gekniet? Nanni. Zch bitt' Dich — halt'- Maal; ich glaub' vor lauter Schrecken werd ich im Ernst noch krank! (Man hört Florian auf der Hausflur singen.) Sepherl. So lamentiren's doch ein Bißl, wenn's schon krank sein sollen. Nanni. Diesmal mein' Mann hintergangen, und mein' Leben nimmer! Fünfzehnte Seene. Vorige. Florian. Sepherl. Dem Himmel sei Dank, daß's einmal da sein! Florian. Was gibt's denn schon wieder? Sepherl. Zch weis mir nicht zu rathen und zu helfen. Nanni. O weh, o weh! (affectirt Krämpfe.) Florian (ängstlich). Nanni, was is Dir denn? s. ri Sepherl. Was wird ihr sein - Zum Sterben iS! Florian. Du lieber Himmel! Nanni. Der schreckliche Schmerz; — ich vergeh'. Florian. So helft'- doch um Alle- in der Welt! Sepherl. Ja, wenn kein Mensch zu Haus iS! Der verdammte Tandler hat ihre zarten Nerven in Aufruhr gebracht. Florian. Meine arme Nanni! Kennst mich denn nicht? Zch will um ein' Doktor laufen. Sepherl. Bleiben'S nur da — ich bin flinker zu Fuß! (eilt ab.) Florian. So red' doch, Nanni! Wenn Dir was geschieht, so spring' ich in'S Wasser. Nanni (sich windend). Ach, die furchtbaren Krömpf'! Florian (ängstlich). Sei nur ruhig, liebe Nanni — eS wird Vorbeigehen. Nanni. Ja, wenn ich auf dem Laden lieg', dann iS freilich vorbei. Auweh, auweh! Florian (in höchster Angst). Eine Million für ein' Bader; ganz Kalifornien für einen Doktor! Sepherl (eiligst hereintretend). Der Herr Doktor ist schon da! ! Florian. Wo? Wo? führ' ihn nur gleich herein, so'st stirbt meine arme Nanni, noch eh' er ihr was verschreibt! Sepherl (öffnet die Thüre). Sechszehute Scene. Vorige. Flausenberger. Fl a u se n b e rg e r (als Doktor, möglichst karrikirt gkkleidet, tritt stolz und hochtrabend ein). Wo ist der Patient? Ich will doch hoffen, daß äußerste Gefahr vorhanden ist; denn nur in höchst kritischen Fällen schreite ich ein. Wo kein Rudm zu ernten ist, bin ich nicht zu ^ haben. Florian. Ich bitt' — hier ist der Patient — mein Weib — sie ist so frei, zu versichern, daß ihr der Tod schon auf der Zunge sitzt. Flausenberger. Ah bravo! (greift Nanni den Puls.) Hm, hm, sehr irri- tirt, ungewöhnliche Aufregung, kann höchst gefährlich, und somit sehr interessant werden- Florian. Um Alles in der Welt, ich will zahlen, was Sie begehren, nur helfen Sie! Flausenberger. Ohne Sorgen — der Wissenschaft muß selbst der Tod weichen, wenn er gerade bei Laune ist! Vielleicht ein Dutzend Krapfen im Magen? Florian. Ich bab' zwar nichts dergleichen gesehen, aber eS wär' schon möglich — Flausenberger. Oder um 30 kr. C. M. Kastanien; — ich meine jene berühmten, Kolik erzeugenden gebratenen Südfrüchte, die unter dem Namen Mroni srrostiti eome in Iriests feilgeboten werd.n. Florian. Die sind auch nicht ihre schwache Seiten. Eine Zeit lang hat sie eine Leidenschaft für die lebzeltenen Reiter gehabt. Flausenberger. Auch ein recht idyllischer Gusto. Nanni. Au weh! Au weh! Florian. Ach lieber Herr Doktor, so helfen Sie doch! Flausenberger. Soaleich! (zieht eine homöopathiscbe 2aschrnapotheke Hervor.) So, meine Beste, nehmen Sie diese drei Kügelchen; sie enthalten den 36"sten Tbeil eines Tropfens Camil- len-Absud in der 3ten Verdünnung, und sind von penetranter Wirkung. (Nanni nimmt das Medikament.) Nun, wie ist Ihnen j.Ht? Nanni. Wunderbar besser; aber Ruhe brauch' ich. Florian. Ja, ja, geh' in die Kammer ; ich werd' bei Dir wachen. Flausenberger (für sich). Wär' rs nicht übel; da wär'S ja mit dem Ball nichts. Nanni. Ist nicht nöthig; überhaupt will ich allein sein. Auch schnarchst Du zu viel, und das greift meine Nerven an. Sepherl. Bin ja ich bei der Frau! Florian. So will ich einspannen und ausfahren. Flausenberger. Sehr vernünftig; so haben Sie auch eine Zerstreuung. Florian (zieht die Brieftasche hervor). Da, Herr Doktor — für Ihre Mühe 8 fl. C. M., wenn's nicht zu wenig ist. (gibt ihm eine Banknote.) Flausenberger. O ich bitte — ich schreibe nichts vor, handeln Sie ganz nach Ihrer Einsicht, (für sich.) Wieder ein Ballgeld — bravo! Florian. Sie verdienten wenigstens 28, weil's mir meine Nanni gesund gemacht haben. O möchten's nicht so gut sein, und noch eine Weile bei meinem Weib bleiben? Es könnt' ein Rückfall — Flausenberger. Recht gern! Kommen Sie, liebe Frau; halten Sie sich recht fest an mich an. (reicht ihr den Arm.) Nanni. Ich bin entsetzlich schwach! Florian. Trachten Sie, lieber Herr Doktor, daß die Arme bald wieder zu Kräften kommt. Flausenberger. Ohne Sorgen, Alles wird sich geben. Nanni (von Sepherl und Flausenberger geführt, zur Seite ab). Florian. Halt Dich an die Sepherl recht an, und folg' dem Herrn Doktor in Allem, was er Dir befiehlt; — er iS ein grundgelehrter Herr! Siebzehnte Seene. Florian (allein). Dem Himmel sei Dank, daß ihr nur wieder besser ist! — Im Grund bin ich froh, daß sich diese kleine Unpäßlichkeit eingestellt hat, denn ich war so immer in Aengsten, daß sie mir, während ich die ganzen Nächt' außer dem HauS bin, einmal Luft kriegt, den Fasching zu verkosten. Jetzt bin ich wenigstens sicher. Ich kann wirklich von Glück reden, daß mir mein sauberes' Weiberl so treu iS, und eS nicht so macht, wie z. B. die Gnädige, die ich vergangene Nacht mit ihrem Amanten zum Sträußl geführt Hab'. Ich kann übrigens einen Mann, der betrogen wird, nicht bedauern. Geschieht so einem Esel recht, warum paßt er nicht besser auf. Uebrigens kommt das auch daher, daß die meisten Männer zu wenig aufgeklärt sind. Unser Einem kann so was nie passiren; wir wissen, wo wir die Aufklärung zu suchen haben, wenn's uns einmal auögeht. Lied. 'S hat Einer ein G'schäft, führt ein glänzendes Haus, Das Geld wirft er nobel beim Fenster hinaus, Die Wucherer finden bei ihm ihren Gewinn, Und braucht er ein Geld, tragen sie's buttenweiS hin l Auf einmal da hat's mit dem Zahlen ein Hakel, Es schreien die Gläubiger mit ,,graußen" Spektakel: Wohin is der Mann? er is fort, soll ach leben! Amerika könnt' da ein' Aufklärung geben! Es klagt a Familie: die Zeiten sein schlecht, Man kann auf kein' Ball geh'n. so gern man auch möcht'; Fiaker und Eintritt, Bouquet und Souper, Die kosten 80 Gulden, das Geld thut Ein'm weh! Und doch fahren sie gleich d'rauf zum Do- maycr 'naus, Und geben 30 Gulden am Ehampagner auS; 23 Wie können auf einmal so nobel die leben? Da könnt' das Versatzamt ein' Aufklärung geben. Sin Mann, der blitzdumm is, doch steinreich dabei, Setzt sich, um was z'sein, in eine Kanzlei, Statt arbeiten thut fleißig Zigarren er rauchen, Versteht nix, und is kaum zum Abschreiben zu brauchen. Don G'schäftskenntniß is auch bei ihm keine Spur, Und doch wird befördert er außer der Tour; Ein Fleißiger kann kaum d'Beförd'rung erleben — Da könnt' der Bureau-Chef ein' Aufklärung geben. Man kauft ein' Lokayer, als echteste Waar', Der Weinhändler schreit, und behauptet sogar: ,,Der Wein — dürfen's glauben — ich mach' keine Faxen, Ist auf den Gebirgen von Lokay gewachsen.^ Doch wie man das erste Glas setzt an den Mund, Da find't man drei ganze Zibeben am Grund; Wie kommen denn in den Tokayer Zibeben ? Der Weinhändler könnt' da ein' Aufklärung geben. Ein Schmutzian, der um a Jausen All's thut, Kennt eine Familie, bei der ißt man gut; Natürlich versäumt er da niemals die Stund' Zum Fraß; bringt a gleich mit Frau, Köchin und Hund! Wie's Ung'ziefrr setzt der Schmarotzer sich fest, Nur wo er traktirt wird, dort baut er sein Nest; Alle Freund' werd'n auSg'beizt, sonst könnt* er nit leben, Da kann d'Schmutzerei nur ein' Aufklärung geben. Ein Schriftsteller hat viele Bücher geschrieben, Es is a kein einziges liegen geblieben, 's wird jedes verkauft, und der Buchhändler schaut Ganz freundlich, und hat sich fünf Häuser gebaut. Der Schriftsteller aber, der lebt vor wie nach Mit seiner Familie hoch oben unterm Dach. Wie kommt's denn, daß der muß so kümmerlich leben? Da könnt' Ein'm der Buchhändler Aufklärung geben. (Ab.) Achtzehnte Seene. Poldl (allein). P 0 ldl (kömmt geschäftig herein). So, jetzt ist Alles in Ordnung! In der Wagenschupfen ist Alles zum Ball hergerichtet; Herr und Frau sind nicht zu Haus, also steht der beabsichtigten Re- misori kein Hinderniß im Wege. DaS soll ein fideleö Leben werden! Einen Hauptspaß' mach'ich mir übrigen- noch auf meine Faust. Von unserer Schupfen sagt man, daß'S dort umgeht; diesen Glauben will ich zu einem Jur benützen. Ich Hab' mir beim MaSkentandler ein' Geisterg'wandel ausgeliehen, und indessen in ein' Wagen versteckt. Um 12 Uhr schleich' ich mich davon, leg mich als Geist än, und erschreck' die Andern. — Ich freu' mich d'rauf, wie die dummen Kerl'n durcheinander fahren werden. 24 -reimzehtlte Geeue. Vorige. Sepherl. Sepherl (.kömmt unbemerkt herein). Poldl! Poldl (erschrickt und schreit). WaS ist'S? Sepherl. Was schreist Du denn so sehr, Du Hasenfuß? Poldl (faßt sich). Nir, gar nir! (für sich.) Bin ich aber jetzt erschrocken! (laut.) Aber wo bist Du denn? Ich such' Dich schon im ganzen Haus. Unsere Gäste werden schon auf uns warten. Sepherl. Die Frau Hab' ich zu ihrer Mutter hinübergeführt; später gehen sie Alle ins Elisium. Du — das waren erst Geschichten! Der Frau ihr guter Freund war da. Poldl. Zst'S nicht gescheidter, wenn der Herr Vetter seine guten Freund' kennen lernt? Sepherl. Geh', Du würd'st Dich bedanken, wenn ich dir'ö auch so machen wollt'. P ol dl. O ich bin Weltmann; mich würde'das nicht beunruhigen; eS gibt Mittel genug, sich zu revangiren — und daö war' Dir gewiß auch nicht recht. Aber jetzt komm', eS ist die höchste Zeit! (Beide ab.) Zwanzigste Seene. Verwandlung. (Dagenschupfe in Florian's Hause. Im Hintergründe ein praktikabler Fiakerwagen, Futterkästen u. s. w.) Florian allein. Florian (mit einer Stall-Laterne in der Hand, tritt von recht- ein). Die Roß' sein einmal z müd', und ich selber bin voll Schlaf. ES iS kein Spaß, so 3—4 Nacht' hintereinander in kein Bett zu kommen. DaS Gescheiteste wird sein, — kalt iS ohnehin nicht — ich setz' mich da in mein' Wagen und schlaf ein Paar Stunden — so stör' ich doch meine arme Nanni nicht, (geht an den Wagen und macht den Schlag auf. Poldl's Maskenanzug fällt heraus.) Was Teufel ist denn das? (Man hört jauchzen und jubeln.) Was hat denn das zu bedeuten ? (sieht in die Scene.) WaS Teufel, der Poldl mit einer ganzen Gesellschaft! Jetzt geht mir ein Licht auf. Die halten hier gewiß einen Ball! Bravo, in mein' HauS geht's ja recht lustig zu. Nach dem G'wandl, das im Wagen liegt, zu urtheilen, wird das gar ein Maskenball! Aber nur Geduld, ich will Euch'ö schon vertreiben, (steigt eiligst in den Wagen , und sieht, indem er sich als Geist an« kleidet, während der nächsten Scene zeitweise zum Fenster hinaus). Girmndzwanzigste Seene. Poldl. Sepherl. Mehrere Bursche und Mädchen (Chor und Balletpersonale kommen herein. Wand- leuckter und färbigr beleuchtete Ballons werden von den Eintrerenden aufgehängt). Poldl (in seiner Art ballmäßig geklei« det, trägt eine Menge ordinärer Victua- lien). Jetzt kann's angehen, meine Herrschaften. Die Erfrischungen stehen hinten auf der Futtertruhen; — meine Sepherl stellt heut' die Hausfrau vor, und wird sich bemühen, unseren verehrten Gästen alle möglichen Aufmerksamkeiten zu beweisen, (in die Scene blickend.) Der Werkelmann ist da, also kann der Ball beginnen. Ist den Herrschaften Walzer oder Polka gefällig? Alle. Walzer! Poldl (ruft in die Scene). Also einen kecken Walzer! (DaS BallttkorpS führt einen grotesken volksthümlichen Walzer au»; zum Schluffe desselben Gruppe.) Florian (in der Maske des Gouverneurs aus Don Juan, eine Peitsche schwingend, steigt aus dem Wagen und ruft mit hohler Stimme). Gleich packt's Euch zum rrr Teufel, ihr liederliches Gesindel! (schlägt auf Poldl zu.) Alle (durcheinanderfahrend). 1) weh — das Gespenst! (Alles will entfliehen — komische Gruppe.) Dritter Aet. Zimmer bei Frau Katht. Erste Scene. Frau Kathi allein. Ka 1 hi (vor dem Spiegel stehend, im früheren karrikirten Ballanzuge, schminkt sich). Das iS einmal wahr: Wenn die Weiber, die in ihrer Jugend lebenslustig waren, noch so alt werden — ein Bißl was von der Lebenslust bleibt doch noch übrig. Ein Ball und ein galanter Courmacher geht mir heut' zu Tag noch über Alles. Der heutige Abend im Eli- sium kann sehr fidel werden. Ich bin meinem Mann, während er geschlafen hat, über die Brieftaschen gekommen — und das Ballgeld iS da. Für heute ist gesorgt; — für die weiteren Unterhal- tungen und Hausbäll' werd' ich schon noch einen genialen Streich erfinden, um zu Geld zu kommen. Gescheidt muß man sein, dann iS Alles Pomad'! Zweite Scene. Vorige. Flausenberge r,Nanni, Hupfer, Purzelfellnerin und Krammelh u berin — (alle im früheren Ballanzuge.) Nanni. Da sein wir! Haben wir uns mit unserer Toilette nicht getummelt? Krammelhuberin. Gar so zeitlich iS auch nicht mehr; ich glaub', wir sollten uns auf den Weg machen. Purzel seltne rin. Gleich 9 Uhr, wir kommen zum MaSkenzug nicht mehr zurecht. Nanni. Gehen wir also ins Hirn- melSnamen! (für sich, wehmüthig). Aber gewiß zum letzten Mal! Flausenberger (zu Nanni). Aber Sie sind so ernsthaft. Ka 1hi. Das gibt sich; der erste fidele Walzer vertreibt ihr alle melancholischen Grillen. Nanni. Wahr ist'S! Die Mutter kennt meine schwachen Seiten. Bei mir heißt'S auch so, wie es in dem alten Lied heißt: Ich bin halt ein lustiges Weiberl von Wien, Und laß' nie a Traurigkeit g'spüren; Und stört auch Verdruß oft mein' heiteren Sinn, Muß g'schwind mich ein Walzer kuriren. Hupfer. Vollkommen einverstanden; das beste Mittel, die Grillen zu zerstreuen, ist und bleibt ein Ball. Nanni. Wann'S einmal von mir hören, daß mich das Lanzen nicht mehr freut, dann lesen'S mich g'wiß bald im Todtenzettel. Kat hi. Also vorwärts! (zu Kram- melhuberin und Purzelfellnerin.) Euere Amanten warten nebenan beim Greißler! (zu Hupfer.) Sie gehören für den heutigen Abend mir, und machen mir gegen das gewöhnliche Honorar die Cour; tanzen auch mit Niemanden, als mit mir. Hupfer. O mit Wonne! (für sich.) WaS thut der Mensch nicht Alles um ein gutes Souper! Flausenberger. Vorwärts also, meine Herrschaften! (re,cht Nanni den Arm.) Kathi (hüpfend). Ich freu' mich kindisch auf den Jur. (Alle ab). Dritte Scene. Verwandlung. Kurzes Zimmer bet Florian. 26 Florian. Poldl. Florian (zerrt den Poldl herein). Jetzt gesteh' Alles, oder ich bring' Dich um.' Poldl. Laß mich der Herr Vetter ,auS, ich will ja Alles gern bekennen. Florian. Was hat der Spektakel in der Wagenschupfen zu bedeuten gehabt? Poldl. Ein kleiner Ball hat's halt sein sollen, eine Loire« üsnssnte, wie wir Journalisten zu sagen Pflegen. Florian. Weißt Du Dein Geld nicht anders zu verwenden, als auf eine so liederliche Art? Du hast viel Anlag' zu einem Lumpen. Poldl. Warum soll der Jüngling sich nicht freuen? Des Lebens Mai blüht ein Mal nur! Florian. Mir scheint, Dir wird noch einmal das Bettelngehen blühen. Nein, dieser Scandal bei der Nacht im Schupfen; — waö werden sich die Nachbaröleute von meinem Haus deu-- ken?!! — Poldl. O in der Nachbarschaft ist Niemand zu Haus; Alles in der Soiree beim Flecksieder. Und da bei unö auch Niemand zu Haus iS, so Hab' ich mir gedacht — Florian. Wann auch ich nicht zu Haus bin, jo iS ja doch die Frau zu HauS. Aber Du — was fahrt mir da ^ für ein Gedanken durch den Kopf?! Wann etwa gar — nein, nein, das iS nit zum glauben; wenn aber doch, — Kerl — red' aufrichtig, ich will Dir nicht nur Deine liederlichen Streiche verzeihen, sondern (zieht den Geldbeutel hervor) eS soll auch sonst Dein Schaden nicht sein. Poldl. Jetzt kann's lustig werden! Florian. Sag' — geht d'Frau manchmal aus, wenn ich fort bin? Poldl. Ja, nein — das hekßt — sie geht manchmal in eine Visit'. Florian. So! O ich Esel! Poldl (für sich). Eigenes Bekennt- niß einer schönen Seele! Florian. Und wohin geht sie denn? Poldl (ironisch). Mir hat's sie's noch nicht gesagt, wohin sie geht; aber ich glaub', sie geht zu ihrer Mutter, oder in eine Kranken-Visit'. Florian. O ich merk' schon, Du willst nicht heraus mit der Färb', aber ich bring.' Dich schon noch zum Reden. Vierte Seene. Vorige. Simon. Simon (ziemlich benebelt). Servus, Schwiegersohn! Florian (verdrüßlich). Auch so viel, Schwiegervater! Poldl. Jetzt könnt's Schlag' setzen, (will ab.) Florian. Du bleibst da! — WaS will denn der Schwiegervater? Simon. Was ich will? Mein Weib will ich! Florian. Bei mir ist sie nicht. Simon. Nun, wo steckt denn die Gredl? — Ich Hab' heut' keine Musik, weil'S den Wirth, bei dem ich vor- geig', vor zwei Stunden eing'sperrt haben. Wie ich nach HauS komm, is Alles angelweit offen und kein Weib zu sehen. Ich visitir' überall und find' nichts! Sapperment — wann'S etwa wieder — ein Mal hat's mir's schon so g'macht!— Sie is heimlich auf ein' Tanzsaal gegangen, und mir hat's ein' Haubenstock neben meiner in ihr Bett gelegt. Florian. Ah bravo! Poldl. Jetzt kann das peinliche Verhör angehen! Florian. Red', weißt Du etwa, wo die Schwiegermutter iS? Simon. Geduld, das wird sich gleich zeigen. IS sie wo auf ein' Ball, 27 so hat'S d'Junge schon auch mitge- schleppt. - Florian. Dummheit! Mein Weib iS ja krank. Simon. Auf'n Schein vielleicht. Wo iS denn's Schlafzimmer? Florian. Der Schwiegervater wird doch nicht glauben — Simon. Nutzt nix, visitirt wird, und wenn's nicht z'HauS sein, dann gibt'S eine Erecution. (taumelt ab.) Poldl. Jetzt heißt's Herausrucken mit der Wahrheit, sonst geht'S an mir aus. (mit komischer Emphase) Lieber Vetter, die Bande des Geblütes, die Ehre des Hauses, die Gestaltung der Ereignisse im Allgemeinen, erfordern eine ernste Erklärung. Florian. Kerl, mach' mich nicht rabiat, und red', wie Dir der Schnabel gewachsen ist. Weißt Du etwa, wo die Frau jetzt iS? Poldl. Ob ich'S weiß! Florian. So red' — oder meiner Seel' — Poldl (sich zurückziehend). Lief unter der Erd' — im Elisium ist sie! Florian (komisch verzweifelnd). Ich bring' mich um! Simon (aus dem Zimmer), ^.ttrsp- p6e! Die Zeiserln sein ausgeflogen, und die Gimpeln stehen da! Florian. Mich trifft noch unter der Hand der Schlag! Simon. Da schau der Herr Sohn her, seine kranke Nanni! (zeigt einen Haubenstock mit Nachthaube und Corsett u. s. w.) Florian. O die verdammten Weiber! Mich so zu betrügen! — Nein, ich laß' mich gleich morgen scheiden. Simon. Ich nicht! — Ich Hab' mir gestern beim Reithofer ein Gutta- Percha-Staberl gekauft, und das ran- girt Alles, wann man's gehörig zu handhaben versteht. Florian. Jetzt wird mir Alles klar! (zu Poldl.) Red', Hallunk — weißt Du etwa auch, was es mit der Gräfin für ein Bewandtniß hat? Poldl. DaS war ein Geniestreich von der Frau Schwiegermutter. Um dem Tandler ein Geld herauszulocken, Hab' ich eine kalmukische Gräfin vorstellen müssen. Florian. Oich unglücklicher Mann, unter welchen Leuten bin ich! Simon. Nix d'raus gemacht; wir sind nicht die Einzigen. Im Fasching geht'S ganz anderen Leuten als wir sein, accurat so. Eine jede maSkirte Redout' hat ähnliche Abenteuer. Florian. Die Schand'! Simon. WaS Schand!? Das iS noch eine wahre Kleinigkeit. Da hat mich meine Alte vor vielen Jahren noch viel feiner angeschmiert. Ich Hab' ihren Chapeau ein ganzes Vierteljahr die Brief' gebracht und hab'ö nicht gewußt. Florian. WaS iS jetzt zu thun? Simon. Vor Allem philosophische Ruhe — sonst iS gefehlt. Wir suchen'S auf, führen'S ohne Aufsehen weg, und wenden zu Haus das Guttapercha-Sta- berl. an. So bleibt doch Alles ü I» Osmers, und hilft mehr, als alle Spektakel. Florian. Der Schwiegervater hat recht; ich folg'seinen Erfahrungen. Fünfte Gerne. Vorige. Schmutz mit einem Ge- richtödiener. Schmutz. Da ist die saubere Compagnie, die sich so gut auf'S Leutan- setzen versteht, und noch impertinent wird, wenn man sein Geld fordert. Poldl. O weh, der Tandler! Florian. Mach' mir der Herr nicht auch noch Vorwürf'. Ich weiß, ich Hab' unrecht gehabt, aber ich bin erst dahinter gekommen, daß ich selbst betrogen worden bin. Ich will dem Herrn Alles reichlich ersetzen, damit nur rs kein Scandal d'raus wird, — denn bei All' dem (weint) is mir meine Nanni doch unendlich in'S Herz gewachsen. Schmutz. Der Herr sieht eö ein — das iS mir vor der Hand genug. Morgen hol' ich mir das Geld ab, und wir sind wieder gute Freunde. Aber was iS denn dem Herrn eigenlich passirt? Simon (kaltblütig). Kleinigkeit; — sein Weib hat ihn betrogen. Schmutz. So! So! Za, das sind die natürlichen Folgen, wenn überreife Männer junge Weiber heirathen. Aber eS gibt einen Trost, und den kann nur der Mäßigkeits-Verein gewähren; diesem schließe sich der Herr an. Zch bin Obmann des VH. Bezirkes, und werde den Herrn vorstellen. Bei uns gibt'ö, außer bei großen Festessen, nie ein Spektakel. Leb' Er wohl, mein Freund — und denk' Er an den MäßigkeitS Verein; — ich bin Obmann des VII. Bezirkes! — (ab mit dem Gerichtü- diener.) Florian. Fahr' ab, Obmann und. Landler! Den Hab' ich gerad' noch gebraucht. Zch weis ohnehin nicht, wo mir der Kopf steht — Simon. Nur philosophische Ruhe! — Zctzt heißt'S einen reputirlichen Rock anziehen, und geradeSwegS ins Elisium wandern! — Florian. Gut — gehn wir also. Und Du Strick (zu Poldl) gehst auch mit. Wie werd' ich über die Ungetreue herfallen — waö werd' ich ihr Alles sagen — aber wenn'S mich nur ein Bißl bitt' — Poldl (für sich). Wieder der verliebte alte Gimpel sein! Simon. Alles Uebrige wird im Verlauf der Begebenheiten klar werden, — also vorwärts! — (Alle drei ab.) Sechste Seene. Verw a ndlun g. Ein Eettensaal im Elisium. Im Hintergründe auf einer Erhöhung, gleichsam in eine« kleinen Theater der bekannte Harem au» dem Elisium, wo während de» Chore» eine pantomimische Scene aufgeführt wird. Chor der Gäste. Vivat der Fasching, die goldene Zeit, Sie winket und ladet uns zur Fröhlichkeit; Und iS schon die Börse leer, — 's Geld bald gar, So kann man doch sagen, daß recht lustig man war. Flausenberger, Nanni, Hupfer und Kathi (sind während de» Chores eingetreten, und postiren sich unfern des Harems). Flausenberger (zu Nanni). Wie amüsiren Sie sich, meine Adorable? Nanni. O schon gar zu gut? — Hupfer. Nein — diese OdaliSken sind wirklich bezaubernd — so ganz der Vorgeschmack des muhamedanischen Himmels! Zch muß mich den Reizenden doch bemerkbar machen, (wirft eine Orange in den Harem; die Odalisken vergessen ihre Rolle, und balgen sich. Ein Mohr bringt sie auseinander.) Kat hi (zu Hupfer). Sie alter Don Zuan! Bezahl' ich Zhnen das Honorar etwa dafür, daß Sie mit den heidni« scheu Schönheiten kokettiren sollen, oder ist eö Ihre verfluchte Schuldigkeit? mich zu unterhalten? — Hupfer. Verzeihen Sie, Holdseligste, diese extravagante Schwärmerei — jetzt bin ich ganz wieder zu Zhren Diensten! Flausenberger. Daö Arrangement ist wirklich superb! Hupfer. Besonders comfortabel sind die Speisesalonö. Wir sollten unS doch dahin begeben! Nanni. Aber Sie denken doch an nichts, als an'S Essen! 2S Mehrere Gäste. Der Masken- zug! — (Die Vorhänge des Harems werden geschlossen. Der bekannte groteske und karrikirte Maskenzug beginnt. Das Orchester spielt irgend einen bekannten heiteren Marsch oder bekannten Tanz. Im Josefstädter Theater wurde der beliebte spanische National-Lanz „Is Älsärüens" vom Orchester executirt.) Siebente Seene. Florian, Simon, Poldl, (welche schon während des Zuges eingetreten waren, haben sich vis ä vis von Flausenberger und Nanni postirt.) Florian. Also da treiben sich unsere lieben Ehehälften herum? Simon. Za, die Alte geht nur an Ort'/ wo's fidel zugeht! Poldl. Die Weiber haben wirklich kein* schlechten Gusto! Florian. Wo sie nur stecken mögen? Simon. Zs denn der Sohn blind? Mein'Drachen seh ich schon! (eilt auf Kathi zu.) Also da finden wir uns! Florian. Wo Hab' ich denn nur meine Augen gehabt? — Da iS ja meine Nanni! (eilt auf sie zu.) Kathi. Ah Spektakel — jetzt sein die auch da! Flausenberger und Hupfer. Verdammte Geschichte! Florian. Nanni — Hab' ich das um Dich verdient? — Nanni. O du lieber Himmel — ich fink' in die Erden vor Reue! Florian. Nanni, is das Deine Lieb', Deine Treue? — Simon. Wart', Alte, zu HauS rechnen wir ab! Kathi (keck). Wirst'S auch nicht beißen! Nanni. Lieber Mann, ich Hab' nicht gehen wollen — aber die Mutter — Simon. Hab' ich'S nicht gleich gesagt? — Nanni. Der Himmel iS mein Zeug', daß ich gewiß nicht gegangen wär', wenn mir die Mutter Ruh' gelassen hält'! — Zch bitt' Dich, lieber Mann, verzeih' mir nur diesmal noch — eS soll gewiß nicht mehr geschehen! Florian. Also die Mutter! (nimmt Kathi bei der Hand, und führt sie bis an die Lampen vor.) Ich bitt' — schauenS Zhnen das Muster von einer Schwiegermutter an! — Die sollt' ihrer guten Grundsätze wegen nach ihrem Tod' entweder in Spiritus aufbewahrt, oder ausgestopft werden. Nanni (bittend). Sei wieder gut, lieber Mann! Florian. Was soll ich thun, Schwiegervater? Simon. WaS ich eh' schon gesagt Hab'; — hier philosophische Ruhe, und zu Haus Guttapercha-Staberl mit einer guten Lehr'! — Poldl. Eine sehr annehmbare Proposition ! Simon. Schau Nanni — ich bin arm, aber ehrlich, — ich will an mein' einzigen Kind keine Schand' erleben. Der Mann hat Dich glücklich gemacht, hat Dich närrisch gern — sei also nicht undankbar gegen ihn, und laß' Dich von der alten Marketenderin da nicht überreden. Nanni. Zch will jetzt nur für mein' Florian leben! Florian. Dann Hab' ich Dich noch einmal so lieb, als früher! — Aber auf keinen Saal mehr! — Nanni. In mein' Leben nimmer! Flausenberger und Hupfer. Machen wir uns aus dem Staube! Simon, s' Beste iS, was sie thun können, (zu Hupfer.) Aber über meine Schwell' kommenS mir nicht, sonst tanzen wir einen Galopp über die Stiegen! Florian (zu Flausenberger). Bürscherl — schau, daß Du in Schwung kommst! Laß' mein Weib in Ruh', sonst kannst Du als Störer des häuslichen Friedens pr. Schub fortwandern. Poldl. Ich glaub', meine Herren — Sie sollten dieses Gebiet räumen, ohne eine Intervention des Wächters abzuwarten. Flausenberger und Hupfer. Wir empfehlen uns allerseits! (Beide ab.) Florian. Und jetzt — wollen wir noch recht lustig sein, und den Abend im Elisium nicht vergessen. Schluß-Chor. Lasset doch in bunten Reih'n UnS nun ganz der Freude weih'n, Morgens geh'n wir erst nach Haus, Schlafen uns vom Balle aus! (Während des Chores wird getanzt. Der Maskenzug tritt wieder ein, und führt im Hintergründe eine große Gruppe aus.) Der Vorhang fällt. Wien 18S4. Druck und Verlag von I. B. WalliShausser. In demselben Verlage sind erschienen; Grillparzer, F., Die Ahnfrau. Trauersp. in 5 A. 6. Aufl. gr. 8.1844.1 Thlr. od.1 fl.30 kr. — Sa pp ho. Trauersp. in 5 Akten. 3. Aufl. gr. 8. 1822. 26 Sgr. oder 1 ff. — Das goldene Vließ. Dramat.Gedicht in 3 Abteilungen, gr. 8. 1822. Druckv. geh. 1 Thlr. 25 Sgr^ oder 2 ff. — Schreibp. 2 Thlr. 15 Sgr. oder geb. 3 fl. — König Ottokar's Glück und Ende. Trauersp. in 5 Aufz. 2. Aufl. gr. 8 1852. 1 Thlr. 24 Sgr. oder 2 fl. — Ein treuer Diener seines Herrn. Trauersp. in 5 A. gr. 8. Druckp 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. —Velinp. 1 Thlr 15 Sgr. od. 2 fl. — Der Traum ein Leben. Dramat. Märchen in 4 Akt. gr. 8. geh. 1840.1 Thlr. oder 1 fl.30kr.f.Ausg.1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Weh' dem der lügt! Lustsp. in 5 Akt. gr. 8 geh. 1840. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. feine Ausg. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Des Meeres und der Liebe Wellen. Trauersp. in 5A. gr. 8. geh. 1840.1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. f. AuSg. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Melusina. Romantische Oper in 5 Akt. Musik von Kreutzer 1833. 8. 15 Sgr. oder 48 kr. feine Ausg. 20 Sgr. oder 1 fl. Um den Ankauf sämmrlicher Stücke von Grillparzer zu erleichtern, ist der Verkaufspreis auf einige Zeit, bei Abnahme auf Einmal gestellt: 8 Thlr. statt 10 Thlr. und 10 fl. statt 13 fl. 18 kr. Feldmann, L., deutsche Original-Lustspiele. 8. I.—VI Band. Inhalt: I. Bd. 1845: Sohn auf Reisen. — Die Kirschen. — Das Porträt der Geliebten. — Die freie Wahl. — Die schöne Athenkenserin. II. Bd. 1847: Der Pascha und sein Sohn. — Ein Freundschafts -Bündniß. — Ursprung deS Korbgebens. — Eine unglückliche Physiognomie. — Drei Candidaten. III. Bd. 1849: Ein höflicher Mann. — Der dreißigste November. — Ein Mädchen vom Theater. — Baron Beii'ele und sein Hofmeister Doktor Ei- sele in München. — Der Lebensretter. IV. Bd. 1849: Der Rechnungsrath und seine Töchter. — Der deutsche Michel, oder: Familien-Un- ruhen. — Kern und Schale. — Ahnenstolz in der Klemme. — Bekenntnisse eines Brautpaares. — Das Narrenhaus. — V. Bd. 1851: Faustin I.. Kaiser von Haiti. — Ein altes Hem. — Die beiden Kapellmeister. — Das Gastmahl zn Luxenhain. — Der neue Robinson, oder das goldensDeutschland. VI. Bd. 1852: Die beiden Faßbinder, oder Reflexionen und Aufmerksamkeiten. — DieSchicksalSbrüder. — Die Industrie-Ausstellung, oder Reise- Abenteuer in London. — List und Dummheit. Preis eines jeden Bandes r Thlr. oder 2 fl. 48 kr. Weissenthurn, Ioh. Franul v., neueste Schauspiele. 11. Band, oder neuer Folge 3. Band. Enthält: das letzte Mittel, Lustspiel in 4 Akten. — Der Traum. Lustsp. in 1 Akt. — Die Reise nach Amerika. Schauspiel in 1 Akt. — Die Engländerin. Lustspiel in 1 Akt. gr. 8. 1826. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Desgleichen 12. Band, oder neuer Folge 4. Band. Enthält: Die Pilgerin. Lustsp. in 4 Akten. — Die Burg Gölding, rom. Schausp. in 5 Akten. — So lohnt sich Kunst, Vorspiel zum 4. Oktober, gr. 8.1829. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Desgleichen 13. Band, oder neuer Folge 5. Band. Enthält: Das Manuskript, Lustsp. in 5 Akten. — Pauline, Schausp. in 5 Akten, gr. 8. 1832. 1 Thlr. 15 Sgr. ober 2 fl. — Desgleichen 14. Band, oder neuer Folge 6. Band. Enthält: Des Maler- Meisterstück, Lustsp. in 2 Akten. — Der erste Schritt, Lustsp. in 4 Akten. — Der Brautschleier, Lustsp. in 1 Akt. — Die Geprüften Lustsp. in 5 Akten, gr. 8. 1836. 1 Thlr 22'/r Sgr. oder 2 fl. 20 kr. — Desgleichen 15. Band. oder neuer Folge 7. Band. (Nachgelassene Schauspiele. Herausg. von Carl Engelbrecht. 1. Band ) Enthält: Die Fremde, Schausp. in 3 Akten. — Die stille Braut. Alpensage in 1 Akt. — Ein Mann hilft dem Andern. Lustsp. in 1 Akt. — Alles aus Freundschaft. Lustsp. in 1 Akt. — Sie hilft sich selbst. Lustsp. in 4 Akten, gr. 8. 1848. 1 Thlr. 24 Sgr. . oder 2 fl. 40 kr. — Die Bestürmung von Smolensk. Romantisches Schauspiel in 4 Akten, gr. 8. 1833. 18"/» Sgr. oder 48 kr. — Die Ehescheuen. Lustsp. in 1 Akt. gr. 8. geh 1833. 7'/r Sgr oder 24 kr. — Die beschämte Eifersucht. Lustspiel in 3 A. gr. 8. geh. 1833. IvSgr. oder 30 kr. — Die Erben. Lustsp. in 1 Akt. gr. 8. 20 Sgr. oder 1 fl. — DaS Mißverständnis Lustsp. in 1 A gr. 8. 1833. geh. 8 Sgr. oder 24 kr. — Die Radicalcur. Lustip. in 3 Akt. gr. 8. 1833. 12 Sgr. oder 36 kr. — Die Versöhnung. Schausp. in 8 A. N. d. Franz, gr. 8.1833.12 Sar. od. 36 kr. — Der Wald bei Hermannstadl. Rom. Schausp. in 4 A. Nach dem Franz, gr. 8. 1833. 16 Sgr. oder 48 kr. Castelli, 3- F-, dramatisches Sträußchen. 1 — 20ster Jahrgang. 1809, 1817—- 1831. 16. gebunden, jeder Jahrgang 1 Thlr. 15 Sgr. oder 1 fl. 48 kr. Lembert, dt e homöopatische Kur. ^ Lustspiel in 3 Aufzügen, nach dem französischen Vaudeville: „iston »mi xrsnäet" von ^veelot und Lsmderousse. 8. br. 184s. 7'/r Sgr. oder SO kr. — Im zweiten Stock. Posse in einem Akte, nach dem Vaudeville: „I,» rue äe Is lune." 8. 184S. 7'/r Sgr. oder so kr. — Kenilworth. Histor. romant. Schauspiel in 5 Aufz. nach Walter Scotts gleichnamigem Romane 8. 184s. 8 Sgr. oder S4 kr Gleich, I. A., Herr Joseph und Frau Baberl. Posse mit Gesang in 3 Aufz. ar. 8. 1840. 10 Sgr. oder so kr. — Doktor Kramperl, oder: Vier Bräutigame und eine Braut. Posse in 3 Aufzügen. 2. Auflage. 1840. 10 Sgr. oder 30 kr. Koch, C.W., dramatische Beiträge für das k. k. Hofburgtheater in Wien. 1836.8. Inhalt: Testament einer alten Frau. Er bezahlt Alle. Die Vorleserin. 1 Thlr. 10 Sgr. oder 2 fl. Shakespeare, der Kaufmann von Venedig. Lustspiel in 5 Aufzügen. Bearbeitet von C. A. West. gr. 8.1841.18"/» Sgr. oder 48 kr. — König Lear, Trauerspiel in 5 Aufzügen. Bearbeitet von West. gr. 8.1840.18"/» Sgr. oder 48 kr. — Romeo und Julie. Trauerspiel in 5 Aufzügen. Bearbeitet von West. gr. 8.1841. 18"/» Sgr. oder 48 kr. Sheridan, die Lästerschule, Lustsp. in 5 Aufzügen, nach dem Englischen von Schröder. Neue Auflage. 1847. 8. 15 Sgr. oder 36 kr. Weidmann, J./d er Dorfbarbier, komisches Singspiel in 1 Akt. 8. 7'/r Sgr. oder 18 kr. Mautner. Ed.. Lustspiele. I. Das Preislustspiel. II. Gräfin Aurora. 8- 1858. 1 Tblr. oder 1 fl. 30 kr. Bäuerle,A., Faujst'S Mantel. Zauberspiel mit Gesang in 2 Akten. 8. 1820. 7'/jSgr oder 18 kr. Bauernfeld, daS letzte Abenteuer. Lustspiel in 5 Akten, gr. 8. 1834. 20 Sgr. oder 54 kr. Baumann, Alex., Beiträge für das deutsche Theater. Inhalt: Er darf nicht fort, Posse. — Anmaßend und bescheiden, Lustspiel. — Die beiden Aerzte, Lustspiel, gr. 8. 1849. 24 Sgr. od. 1 fl. Holbein, F. v.. der Doppelgänger. Lustsp. in 4 Aufz. gr. 8. 1843. SS Sgr. oder 48 kr. — Der Verräther. Lustsp. in 1 A. gr. 8. 1845. S Sgr. oder 20 kr. Schwestern vonPrag. Singspiel nach Hafner v. Perinet. 2. Aufl. 1842.12 Sgr. od. 36 kr. Elmar, C., die Wette um ein Herz, oder Künftlerfinn und Frauenliebe. Lustsp. mit Gesang in drei Aufzügen 8. 1843. 10 Sgr. oder S4 kr. Deinhardstein, dramatische Dichtungen. 12. 1816. broschirt, enthält: Das sonnet, Spiel in 1 Akt und in freien Versen. — Mädchenlist, Lustsp. in 1 Akt und in Alexandrinern. — Der Witwer, Posse in 1 Akt und in freien Versen. — Der Rosenstock, Spiel in 1 Akt und in freien Versen. — Boccaccio, dramatisches Gedicht in S Akten. 1 Thlr. oder 1 fl. ir kr. — HanS Sachs, dramat. Gedicht in 4 A. ar. 8. 1829. is Sgr. oder s4 kr. — Ehestandsqualen. Lustspiel in 1 A. in Alexandrinern. 8. 1889. 10 Sgr. od. 24 kr. — Garrick in Bristol, Lustsp. in 4 Aufzügen. gr. 8. 1834. 86'/» Sgr. od. 1 fl. — die Wtderspänstige, Lustspiel nach Shakespeare, gr. 8. 1839. 20 Sgr. oder 1 fl- — Viola, Lustipiel in s Aufz. nach Shakespeares „Was Ihr wollt." gr. 8. 1841. 18"/» Sgr. oder 48 kr. Vogel, W., Witzigungen. oder wie fesselt man die Gefangenen Lustspiel in 3 A. 8. 1843. 21 Sgr. oder 1 fl. — DaSTuell-Mandat, ober: Ein Tag vor der Schlacht bei Roßbach. Drama in 5 Aufz. 8. 1843. 18 Sgr. oder 48 kr. — Ein Handbillet Friedrich des Zweiten, oder: Inkognitos-Verlegenheiten, Lustspiel in 3 Aufz. 1843. 21 Sgr. oder 1 fl. Birch-Pfe iffer, CH., Schloß Greifsenstein, oder der Sammtschuh. Romantisches Schauspiel. 1833. 8. 26 Sgr. oder 48 kr. — Pfefferrösel, oder die Frankfurter Messe im Jahre 1897. Schausp. in 5 A. 1833. 2S'/z Sgr. oder 1 fl. Cumberland, R., der Jude. Schausp. in 5 Aufz., übersetzt von Brockmann. gr. 8. 1836. io Sgr. oder 36 kr. Ziegler. F. W., Partei-Wuth, oder: Die Macht des Glaubens. Original-Schauspiel in s Aufzügen, gr. 8. 1839. is Sgr. oder 36 kr. — Liebha be r un d Nebenbuhlerin einer Person. Lustspiel in 4 Aufzügen, ar. 8. 10 Sgr. oder 30 kr. — Die Mohrin. Schauspiel in 4 Aufzüg. gr. 8. 10 Sgr. oder 30 kr. Der Lügner und sein Sohn, Possein 1 A., nach Collin d'Harleville frei bearbeitet. 8. 1837. 7'/, Sgr. oder 20 kr. Eine reise Melane. Schwank in einem Act nach Asyle Dernard's „klstome sttsekments," von K. Graeser. Den Kühnen gegenüber als Manuscript. Personen: August Liebmann, Secretär. Marie, Liebmann'S Dienstmädchen. Elarissa, seine Frau. - ! Ein anderes Dienstmädchen. Fritz Sturm, Agent. - " > Gottfried, Gärtner. Helene Grünau. I Wn Garten in der Vorstadt. An der Seite niedrige Mauer mit einer Gitterthüre. Links gender Glasdecke. Rechts ein Erste Eeerre. Gottfried. Marie. Gottfried (arbeitet an dem Melonenbeet, dessen Decke offen ist. Es wird am äußern Thore geläutet). Marie (kommt aus dem Hause, öffnet die Gitterthüre, empfängt ein Billet und macht die Lhüre wieder zu). Ein Billet? Schön, ich werde es gleich abgeben. — Bald fertig, Gottfried? Gottfried. Bald. Marie. Blühen schon die neuen Sorten, die unser Herr aus dem botanischen Garten bekommen hat? Gottfried. Die blühen wunderschön. Marie. Da wird sich die Frau Secretär freuen. Du weißt, wie lieb sie ihre Blumen hat. Gottfried. Ich denke mir, daß Wiener Theater-Repertoir. XXXVIII. ein Gartenhaus. Längs des Hintergrundes eine an der Mauer ein Melonenbeet mit schräg lke- Tisch und drei Gartenstühle.) sie überhaupt recht glücklich ist. (Erdeckt das Melonenbeet zu.) Marie. Gewiß ist sie das. Ein hübsches Haus, einen allerliebsten Garten, keine Sorgen und was die Hauptsache ist, einen so braven Gatten. Gottfried. Za, ja, das ist wahr. Marie. Ein wahres Muster von Ehemann! Es ist gar nicht zu merken, daß sie schon ein Jahr verheirathet sind. Ein Anderer würde dann und wann einmal sein Amüsement auSwärtS suchen — er denkt nicht daran. Mit dem Glockenschlage kommt er aus seinem Bureau nach Hause, setzt sich zärtlich zu ihr oder arbeitet fleißig im Garten, geht nicht inö Theater, nicht auf die Jagd, in keine Restauration. Gottfried. Ja, ein höchst solider Herr. Marie. Aus Gesellschaften macht 2 er sich gar Nichts; Gießkanne und Spaten sind seine einzigen guten Freunde. Gottfried. Da sieht man recht, wie eine Frau den Mann verändern kann! WaS denkst Du wohl, Marie, was ich über den Herrn gehört habe? Marie. Nun, was denn? Gottfried. Sieh einmal, dieser musterhafte, stille, häusliche Mann war vor nicht langer Zeit der größte Wildfang, den es geben kann. Marie. Unser Herr? Gottfried. Ja, unser Herr. Ich sage Dir, was ich weiß. Mein Vetter ist Marqueur in der goldenen Eule, wo die tollsten Wüstlinge alle Abend Zusammenkommen; und der hat mir erzählt, daß der Herr Secretär Liebmann noch im vorigen Jahre zu dieser säubern Gesellschaft gehört hat. Wenn sie da bis zum frühen Morgen beim Pharao saßen, der Flasche zusprachen und unsinnige Streiche ausdachten, so war unser Herr immer oben auf; gerade er machte die größten Allotria. Marie. Unmöglich! Gottfried. Es ist eineTharsache; — ihren Clubb nannten sie „den wahnsinnigen Eber," und wenn sie nach Mitternacht durch die Straßen zogen, prügelten sie die Nachtwächter, brachten Katzenmusiken und zerschlugen die Laternen. Marie. Herr Gott, wer hätte das gedacht! Und weiß denn das die Frau? Gottfried. Einigermaßen mag sie'S wohl wissen. Aber sie hat ihn re- formirt; er hat ihr versprechen müssen, nie wieder in jenen Clubb zu gehen und seine alten Bekanntschaften gänzlich aufzugeben. Marie. Es ist doch erstaunlich, daß er sich so hat ändern können. Gottfried. Ja, siehst Du, wie gesagt, das kann eine Frau. Es ist wie mit dem Versetzen und Okuliren; — so ein wilder Baum ist nichts werth; aber bringe ihn in einen andern Boden, binde ihn an eine Spalier, setze ihm ein gutes Reis auf, und er wird sich veredeln und gute Früchte tragen. Zweite Seene. Die Vorigen. Liebmann. Liebmann (im Hause). Gottfried! Marie. Da ist er; er hat schon seinen Hausrock und Pantoffeln angezogen — kaum zehn Minuten zu Hause — und wenn man bedenkt, daß er einstmals ein wahnsinniger Eber gewesen ist! Liebmann (tritt heraus im Hausrock und Hausschuhen, mit einer Gießkanne; er begießt Blumen im Hintergründe). Nun, Gottfried, hast Du die Nelken angebunden und das Melonenbeet gesäubert ? Gottfried. Ja, Herr Secretär, Alles fertig. Liebmann. Vergiß nur nicht, den Sand in die Gänge zu besorgen; auf dem Kieß geht sich's schlecht. Für heute ist es genug, kannst nach Hause gehen. Gottfried. Guten Abend, Herr Secretär. Morgen früh um sechs Uhr bin ich wieder da. (Ab durch die Gartenthür.) Lieb mann. Meine Frau ist zur Putzmacherin gegangen? Marie. Ja, sie wollte hingehen. Hier ist ein Brief für die Frau Secretär abgegeben worden; das Mädchen vom Advokaten Volkmann brachte ihn. Liebmann. Volkmann? (den Brief besehend.) ' Marie. Ja. — Aber sehen Sie, wie sich der Himmel bezieht — es wird doch hoffentlich nicht regnen? L i e b m a n n. Sehr überflüssig, wenn's jetzt käme, denn ich bin gerade mit dem Begießen fertig. (Er beschäftigt sich mit Harken.) 3 Marie. Soll ich etwa der Frau Secretär nachgehen? Das würde freilich auch nicht viel helfen, denn wir haben unfern Regenschirm zerbrochen und Sie haben doch wahrscheinlich den Ihrigen noch nicht wiedergefundcn? Liebmann. Den Meinigen? Marie. Nun ja, Sie sagten, daß Sie ihn neulich verloren hätten — den schönen seidenen Schirm mit dem kostbaren Griffe. Liebmann. Ach ja, ich fürchte, der ist fort. ^ Marie. Schade! So ein niedliches Ding werden Sie nicht wieder bekommen. (ab in's Haus.) Dritte Gerne. Lieb mann. Schade, in der That! — und mehr als Schade, — es ist eine Schande, wenn ich's genau überlege; eine wahre Schande und ein klarer Beweis, daß in Betreff der Regenschirme alle moralischen Grundsätze aufhören. Ich hätte ihn aus keinem dringendern Anlaß verleihen können, als damals in der Blumenstraße; der Regen goß in Strömen — und die junge Dame sah so anständig auS, höchst geschmackvoll gekleidet und von den feinsten Manieren. Im Laufe einer Woche hätte sie ihn wohl zurückliefern können — ich gab ihr die Adresse meines BureauS — denn wenn sie ihn hier ins HauS zurückgeschickt hätte, das wäre bedenklich gewesen. Es ist mir übrigens nicht um den Geldwerth des Schirmes, aber um die Gesinnung, die sich hieraus zu erkennen gibt — und mit einem solchen Gesichtchen — sie war doch gar zu hübsch — sie erregte Gefühle in mir — natürlich nur platonische; — und dieses offene, liebenswürdige Benehmen, sie schien die Aufrichtigkeit selbst — es war etwas Engelgleiches in ihr — und doch, wenn Engel Regenschirme brauchen und von andern Leuten geborgt bekommen, so sollten sie sie auch wieder zurückgeben und dankbar sein, wenn sie tugendhafte Freunde in der Noth finden. Ich meine mich damit, im Ver- gleich zu meinen ehemaligen Genossen aus dem Clubb in der goldenen Eule; wenn sie nun an jenem Regentage einem Solchen begegnet wäre, z. B. Robert Neuntödter oder Fritz Sturm — und wie leicht konnte das geschehen, da sich diese Taugenichtse zu jeder Tagesstunde auf den Straßen Herumtreiben; — ich muß dabei an mein eigenes Glück denken, daß in dem ganzen Jahre meiner Verheirathung noch keiner von diesen lockern Burschen meine Wohnung ausfindig gemacht hat. Was hätten sie hier für Unfug angerichtet, wie hätten sie mich, und mehr noch meine Frau, in ihrer Gemüthsruhe gestört — sie hätten ihr allerlei argwöhnische Zweifel in den Kopf gesetzt, mit unserm Frieden wäre eS vorbei gewesen. Aber, Dank dem Himmel, dieser Unstern hat mich verschont — ich habe sie abgeschüttelt, diese bösen Geister und unter dem Schutze der Einsamkeit lebe ich mit meinem Weibchen hier in ungetrübtem Glück — (er fährt fort zu Harken.) Vierte Gerne. Liebmann. Sturm. Sturm (sieht über die Gartenmauer). Hier nicht, so wahr ich lebe. Liebmann. — genieße den stillen Frieden des Hauses und pflege meinen Garten? Sturm. Bei allen Teufeln, das ist das letzte Haus in der Straße — ich möchte darauf schwören, daß sie hier irgendwo eingetreten ist — ich muß mich überzeugen. (Er streckt ein Bein über die Mauer, unterm Arm Haler einen Regenschirm ohne Griff.) Lieb mann (setzt die Harke weg). So — nun ist Alles hübsch in Ordnung — 1 * 4 (Sturm bemerkend.) Holla! Wertst da auf meiner Mauer? Sturm. He! Schmidt, Meier, Müller, Schulze —hat denn der Mensch keinen Namen?! L i e b m a n n. Was wollen Sie, Herr? Sturm. Was ich will? Nun fürs Erste einen bequemer» Sitz. Lieb mann. Einen Sitz? Machen Sie, daß Sie herunter kommen. Wissen Sie nicht, daß dies meine Mauer ist? Sturm. Ich finde nicht, daß Ihr Name darauf steht Liebmann. Aber Sie wissen, daß Sie kein Recht haben, fich darauf zu setzen. Sturm. Eben so viel Recht wie die Sperlinge, und eben erst hat ein ganzer Schwarm darauf gesessen. Liebmann. Wenn Sie nicht heruntergehen, so werden Sie mich zwingen, Ihnen zu helfen. Sturm. Danke sehr — vielleicht leihen Sie mir Ihren Rücken zum Heruntersteigen. Liebmann. Zuerst meine Faust — (er zieht die Aufschläge seiner Aermel zurück und gebt auf ihn zu. Sturm biegt sich weiter vor.) Wie? — das ist doch nicht — Sturm. Ja, es ist wirklich — Liebmann. Fritz Sturm! Sturm. August Liebmann! Warum hast Du denn das nicht gleich gesagt? Liebmann (bei Seite). Daß ist eine schöne Bescheerung. Sturm. Du schlauer Fuchs — habe ich Dich endlich entdeckt? Lieb mann (bei Seite). Mich rührt der Schlag! Sturm. Das ist der schönste Tag meines Lebens! Ha ha ha! (Er wirst das andere Bein über die Mauer.) Lieb mann. Ich will diesem Unsinn rasch ein Ende machen. Sturm. Das also ist Dein Schlupfwinkel — hier hast Du Dich eingepfercht? Liebmann. Herr Sturm, ich sehe mich in der Nothwendigkeit, Ihnen zu bemerken, daß — Sturm (sich umsehend). Ein Haus wie ein Schmuckkästchen, — ein niedlicher Garten. Du baust Deinen Kohl selbst? Theures Plaisir; könntest ihn auf dem Markte billiger haben. (Erstellt sich auf die Mauer.) Liebmann. Ha, thun Sie das nicht! die ganze Nachbarschaft wird aufmerksam werden. Sturm. Sehr richtig, — das wollen wir vermeiden — in Berücksichtigung Deiner Ruhe — (er springt in den Garten.) Lieb mann. Eine vortreffliche Berücksichtigung. Sturm. Und nun, wie geht Dir's, alter Junge? Teufelmäßig erfreut, Dich zu sehen - obgleich Du so schäbig gewesen, ohne die geringste Entschuldigung von uns zu desertiren, Deine besten Freunde im Stich zu lassen — was macht Deine Frau? Wird mich unendlich entzücken, sie kennen zu lernen. Liebmann (bei Seite). Hier hilft kein Zaudern — ich muß entschieden auftreten. (Laut.) Herr Sturm! Sturm. Ach was, nenne mich Fritz. Liebmann. Herr — Sturm. Ich sages Dir, ich heiße nicht Herr, ich heiße Fritz. Lieb mann. Gerade heraus, Herr Sturm — Sturm. Fritz! Fritz! L i e b m a n n. Nun meinetwegen Fritz. So höre denn: Als ich meine Frau heirathete, nahm sie mir das Versprechen ab, alle meine Freundschaften aus der Iunggesellenzeit aufzugeben. Sturm. Das that sie? Liebmann. Sue that es, denn sie glaubte, daß diese Freundschaften nicht zu ihrem Glücke beitragen würden. Sturm. So? Dann kann ich nur sagen, daß sie sehr engherzig ist; Du 5 aber bist durch die Achtung vor Dir selbst verpflichtet, diese Beeinträchtigung Deiner Menschenrechte zurückzu- weisen und Deine Frau eines Bessern zu belehren. Lieb mann. Mag sein; aber ich fürchte, sie ist nicht mehr Kind genug, um noch zu lernen. Sturm. Oder vielmehr — Du fürchtest Dich, daß sie Deinen frühern Wandel zu genau kennen lernte — nicht wahr? Z. B. die Huldigungen, die Du Anderen so verschwenderisch dargebracht hast? Liebmann. Za, aber immer nur platonisch —- Sturm. Ha ha — natürlich! Liebmann. Nicht anders, als platonisch. Zch bewunderte das ganse schöne Geschlecht; es war nur das Resultat meines Schönheitssinnes jener ästhetischen Richtung, welche die Griechen auszeichnete — eine geistige Neigung — b!oS Sache der Phantasie, nicht des Herzens. Sturm. Sehr hübsch gesagt. Liebmann. Und vollkommen wahr. Mein Herz gehört nur meiner Clarissa — und so lange es ihr treu blieb, war nichts Unrechtes dabei, wenn ich auch tausend Andere mit dem Verstände liebte, wenn ich auch einen ganzen Harem in meinem Kopfe hielt. Sturm. Und hältst Du diesen Harem noch immerfort? Liebmann. O nicht doch. Als ich mich verheirathete, gab ich ihn auf, das versteht sich von selbst, um so mehr, als meine Gattin eine von den feinfühlenden Frauen ist — Sturm. Die Dir den Kopf gehörig waschen würde, wenn sie Dich bei solcher platonischen Türkenwirthschaft ertappte. Als ich neulich Morgens an Euch vorbeiging, und Deiner Frau in'S Gesicht sah, da schien mir'S, als wenn in ihren Zügen und Blicken viel Eifersucht läge. Lieb mann. Du bist an uns vorbeigegangen? Sturm. Za, als ich von der Börse kam, vor etwa einer Woche. Lieb mann. Was derMensch lügen kann! Sturm. Und auch einige Tage später, in der Blumenstraße — dicht neben dem Springbrunnen (ihn scharf fixirend) oder war das vielleicht nicht Deine Frau — Du hieltest sehr besorglich einen Regenschirm über sie. Liebmann (bei Sekte). Herr deS Himmels — am Ende weiß er — Sturm. Zch stellte damals psychologische Beobachtungen an und sagte zu mir selbst: Frau Liebmann führt daS Regiment und (ihn schlau ansehend) wehe meinem alten Freunde, wenn er sich einmal auf falscher Fährte betreffen läßt. Liebmann (bei Seite). Wenn jetzt Clarissa käme — er würde Alles auS- plaudern — die Geschichte mit dem Regenschirm und der Dame — ich muß ihn um jeden Preis fortschaffen. (Laut.) Sturm, nachdem ich meine Lage offen dargestellt habe — Sturm. Za, ja — Liebmann. Und meine Verpflichtung gegen ein liebenswürdiges, vortreffliches Weib — Sturm. So erwartest Du, daß ich gehe. Nun, beruhige Dich. Zch habe bloß noch ein paar Fragen über Ge- schästSsachen an Dich zu richten. Liebmann. Zch bitte aber, so kurz als möglich. Sturm. Zn Betreff einer Person, die hier in der Nähe wohnt. Liebmann. Wer ist das? Sturm. Eine Person, die, ich muß es Dir gestehen , mich schon lange wie ein Magnet anzieht und die ich unablässig verfolge — ein liebliches kleines Wesen — Lieb mann. Ein Frauenzimmer? Sturm. Was denn sonst? 6 Liebmann (geht zur Gartenthüre und öffnet sie). Sie werden mir den Gefallen thun, Herr Sturm, augenblicklich meinen Garten zu verlassen. Sturm. Was ist nun los? Liebmann. Herr, dieß Haus ist der Wohnsitz der häuslichen Tugenden, und ich fordere, daß Sie dieses Heiligthum respektiren. Sturm. Wer sagt Dir, daß ich es nicht respektiren will? Weißt Du denn nicht, daß ich im Begriff bin, Deinem Beispiele zu folgen? Lieb mann. Meinem Beispiele? Sturm. Daß ich des wilden Lebens müde bin, mich unter das sanfte Joch der Ehe beugen und ein durchaus solider Mensch werden will. Liebmann. Ach, wenn das Deine Absicht ist — Sturm. So wirst Du mir beistehen, nicht wahr? Also, abgemacht — setze Dich nieder und höre die ganze Geschichte. (Er lehnt seinen Regenschirm an die Rückseite des Melonenbeetes, bringt Gartenstüyle und zieht Liebmann neben sich.) Lieb mann (bei Seite). Der Henker hole seine Geschichte — wenn jetzt Clarissa käme.' Sturm. Höre den ganzen Verlauf meiner inneren Umgestaltung. Liebmann. Nein, nicht den ganzen , beschränke Dich nur auf die Hauptpunkte. Sturm. Nun, um anzufangen — Du weißt, daß mein Onkel, der Ban- quier Milborn, mir eine Agentur übertragen hat. Sein Advokat ist Dein Nachbar, er heißt Volkmann — Du kennst ihn doch? Liebmann. Ich glaube, so ungefähr. Sturm. Du glaubst? Nein, Du mußt ihn kennen, es ist ja gleich hier die nächste Thür. Liebmann. Nun ja doch, ich kenne ihn — fahre nur fort. Sturm. Also, dieser Advokat ist krank, hat das Podagra; mein Onkel ist auch schlecht zu Fuß; daher mußte ich einige Male in verwickelten Angelegenheiten zu Volkmann gehen, und so oft ich es that, begegnete ich hier in der Nähe einer jungen Dame, die mich so bezauberte, daß ich fürchte, meinen Verstand zu verlieren. Liebmann. Dann wirst Du wohl thun, nicht wieder hier in unsere Nähe zu kommen. Sturm. Ein weibliches Wesen, so interessant, so schelmisch und appetitlich, so ganz wie das Ideal, welches ich mir von meinem künftigen Weibchen gemacht habe. Liebmann (bei Seite). Wer kann das sein — doch nicht etwa — Sturm. Ein Auge voll Sonnenschein, Zärtlichkeit und Zufriedenheit — eine Figur, üppig und graziös — die Kleidung stets geschmackvoll, einmal ein kostbarer blauer Sbawl, das andere Mal eine äußerst niedliche silbergraue Mantille und ein weißer Hut mit rothen Blumen. Liebmann (bei Seite). Ein weißer Hut mit rothen Blumen — Clarissa trägt auch einen solchen. Sturm. Ich redete sie natürlich an, stellte mich, als hielte ich sie für eine mir bekannte Dame, entschuldigte mich, wollte das Gespräch weiter spinnen, wurde zwar abgewiesen — aber, Du weißt, August, eine Abweisung ist auf zwei verschiedene Arten zu nehmen; entweder soll man wirklich seiner Wege gehen, oder es wird eine Wiederholung des Angriffes gewünscht. Liebmann. Und Du wagtest die Wiederholung? Sturm. Unfehlbar. Und obgleich ihre Worte sämmtlich abstoßend waren, so schien es mir doch, als ob in ihren Manieren etwas Einladendes liege. Liebmann (bei Seite). Verwünschter Geck! Sturm. Ja aber trotz dem konnte 7 ich ihren Namen nicht herausbekommen oder ihr so weit folgen, als ich wünschte, immer wußte sie mir zu entschlüpfen, und so auch heute, als ich sie beim Heraustreten aus Volkmann's Hause wieder traf und — ei, wer ist das? (Er springt auf, sieht nach der Gilterthür und zieht Liebmann an sich). Liebmann. Wo — wer? Sturm. Dort — jenseits — jetzt geht sie über die Straße. Liebmann. Wo denn? Ich sehe nichts. Sturm. Ja, es ist die silbergraue Mantille. Dießmal fange ich sie und sollte ich meinen Weg über glühende Kohlen nehmen. (Er läuft durch die Gar- tenthüre ab.) - Lieb mann. Heda! Sturm! Halt — das ist ja meine Frau. Mir steht der Verstand still! Meine Clarifsa, empfänglich für die Zudringlichkeit dieses wüsten Menschen — ist das möglich — (hinausschauend).Ich kann sie Beide nicht mehr sehen. Zch muß ihnen Nacheilen. Marie, Marie, geschwind meinen Rock und Hut! (Er stürzt in das Haus.) Fünfte Seene. Clarissa. Gleich darauf Sturm und Liebm ann. Clarissa (kommt eilend durch die Gartenthür, macht sie zu und lehnt sich athemlos an dieselbe). Oh, noch einen Schritt weiter und ich wäre zusammengesunken. Dieser Elende! daß eine anständige Frau solcher Schändlichkeit auögesetzt ist. am Hellen Lage. Sturm (erscheint an der Garten- thüre). Clarissa. Ha! da ist er. Entfernen Sie sich augenblicklich, oder ich rufe nach Hülfe! Fort, Sie Unverschämter ! Sturm (öffnet die Lhüre ein wenig und steckt den Kopf durch. Llarissa stößt die Lhüre zu; Gturm'S Hut bleibt dazwischen geklemmt.) Liebmann (aus dem Hause tretend). Clarifsa! Clarissa (auf ihn zueilend). August! Sturm. Was ist das? — seine Frau?! (er tritt ein, seinen zusammengequetschten Hut in der Hand haltend). Clarissa (die wieder etwas ruhiger geworden ist). Ja, seine Frau! Und jetzt, was haben Sie zu sagen? Sturm. Sagen? Nun, in der That, ich — ich dachte, daß die Dame aus der Blumenstraße — Liebmann (tritt aus ihn zu). Herr, was wollen Sie mit Ihrer Blumenstraße? Dieß ist die Dame, die Sie schon mehrmals so gröblich durch Ihre Verfolgungen beleidigt haben. Clarissa. Woher weißt Du daS? Liebmann. Woher? Nun, weil — Sturm. Weil ich's ihm vor fünf Minuten erzählt habe, als ich hierher kam und zu meiner innigsten Freude die Bekanntschaft eines alten Kameraden erneuerte. Ich konnte freilich nicht voraussehen, was für ein Schlachtopfer ich hier werden sollte. Clarissa. Sie, Herr, ein Schlachtopfer ! ? Sturm. Allerdings, gnädige Frau — ich wußte ja nicht, wer Sie waren, machte mir vergebliche Mühe, und nun sehen Sie, was Sie mich gekostet haben — meine wundervoll lackir- ten Stiefel, total ruinirt auf diesem vorstädtischen Schlammboden mit unsichtbarem Steinpflaster — und dann mein ächter Pariser-Hut, den ich erst vorgestern — Clarissa. Es dürfte zweckmäßig sein, wenn Sie uns mit allem Weiteren verschonten und so schnell als möglich — Sturm. Der Zustand, in den Sie mich versetzt haben, ist wahrhaft gräßlich — schaudervoll für einen Mann, der Geschäfte zu besorgen hat, eine 8 wichtige, unaufschiebbare Besprechung mit dem Advokaten Volkmann und einer seiner Clientinnen; — erlauben Sie mir daher, daß ich mich zurückziehe, um meine schwer verletzte Toilette einigermaßen wieder herzustellen. (Er geht über die Bühne nach der Hausthüre zu.) Clarissa (tritt ihm entgegen und zeigt nach der Gartenthüre). Ganz natürlich, und Sie werden am Ende der Straße einen vortrefflichen Brunnen finden. Sturm. Einen Brunnen? Liebmann. Und einen ausgehöhlten Sandstein darunter, der als Waschbecken dienen kann. Sturm (bei Seite, zu Liebmann). Hör' einmal, in der Blumenstraße ist auch ein Brunnen — soll ich vielleicht Deiner Frau reinen Wein davon einschenken ? Liebmann (bei Seite). O weh! (kaut.) Nun, lieber Sturm, da Du ein wichtiges Geschäft bei Volkmann hast, so mußt Du allerdings reinlich erscheinen — also, geh' hinein, oben hinaus in mein Zimmer, geh' nur. Sturm (bei Seite). Ich dachte mir's, daß der Hieb treffen würde, (zu Lieb- maan.) Da oben? Find' ich dort Alles? Du hast doch gute Mandelseife? (Sr geht ins Haus.) Clarissa. So also, Herr Gemal! Lieb mann. So also, Frau Ge- malin! Clarissa. Schöne Dinge! Als ich einwilligte, mein Glück in einer Verbindung mit Dir zu wagen, hast Du mir Dein Wort verpfändet, daß niemals einer von Deinen früheren Be- kannten über unsere Schwelle kommen sollte. Liebmann. Er ist auch nicht über unsere Schwelle gekommen, er stieg über die Mauer. Cla rissa. Aber Du erlaubtest ihm zu bleiben und ich vermuthe, Du hast ihn encouragirt. Lieb mann. Zn Betreff des Encou- ragirens denke ich, könntest Du auch Etwas erzählen. Clarissa. Wie meinst Du das? Zch sollte — Liebmann. Za, Du — Du selbst. Denn wenn Du ihn auch mit Worten abgewiesen hast, so scheinen doch Deine Manieren keineswegs zurückstoßend gewesen zu sein. Clarissa. Schäme Dich einer solchen Verläumdung; habe ich daS um Dich verdient? L ieb m ann (begütigend). Nun, liebe Clarissa, ich würde es ja auch nie geglaubt haben, aber er behauptete — Clarissa. Er? Dieser Verworfene? Und Du duldest ihn in unserm Hause? Du läßt ihn ungestraft solche Nichtswürdigkeiten begehen und hast ihn hier in Deiner Gewalt? Lieb mann (in Verlegenheit). Ja, das ist wahr, er ist hier in meiner Gewalt — in meinem Hause — aber das ist eben der bedenkliche Umstand — denn 'sieh nur — liebe Clarissa — selbst unter den wildesten und rohesten Völkern schont man des Feindes, wenn er das Gastrecht anspricht — Du weißt, bei den Irokesen — Clarissa. Ei, wir sind keine Irokesen, und wenn Du hier nicht Rechenschaft von ihm fordern willst, so weise ihn hinaus und dann — Liebmann. Du hast vollkommen Recht — aber es würde Blut fließen — und in unfern vorgeschrittenen Zeiten, welche das Duell als barbarisch und unsittlich verdammen — Clarissa. Was willst Du denn aber thun? Liebmann. Zch will — ja ich will versuchen, ihn durch moralische Einwirkung zu bessern — vielleicht ist sein Herz noch nicht ganz verderbt — vielleicht finde ich ein Mittel, ihn zur Tugend zurückzuführen — ihn von seinen Flecken rein zu waschen. s Sturm (steckt den Kopf oben zum Fenster heraus, indem er sich wäscht). Hör' einmal, August, Dein Waschapparat ist in sehr kläglicher Verfassung — ein Waschbecken wie ein Zeisignäpfchen (er hält das Waschbecken zum Fenster hinaus) — und wo hast Du Deine feinen Handtücher, dies hier ist abscheulich grob, man könnte ein Pferd damit ab- reiben. Zch begreife nicht, wie Du so schlechte Dinger haben kannst. (Er verschwindet wieder.) Liebmann. Alle Nachbarn werden aufmerksam werden — ich muß zu dem Menschen hinaufgehen, sonst — Clarissa (welche nachdenkend dagestanden hat). August! Liebmann. Nun, meine Liebe — Clarissa. Da fällt mir Etwas ein.' Zch sagte Dir, wem ich gestern begegnete, als ich durch den Park ging — - Liebmann. Einer Schulfreundin. Clarissa. Za, Helene Grünau aus Stettin. Liebmann. Die hierher gekommen ist, um — Clarissa. Um ihre VermögenSan- gelegenheiten mit ihrem Vormund zu ordnen, und was denkst Du, was sie mir sagte — ein Wüstling hat sie auf der Straße belästigt — Lieb mann. Auf der Straße? Clarissa. Gerade so wie mich — und gewiß derselbe Mensch, der da oben Deine Seife verbraucht. Zuerst traf er sie in der Friedrichsstraße und wollte sie durchaus auf den Alexander- Platz zurückbegleiten — Lieb mann (bei Seite). O ihr himmlischen Mächte! Clarissa. Und dann wieder, am nächsten Tage, in der Blumenstraße, als es zufällig regnete, bot er sich an, ihr eine Droschke zu besorgen und lieh ihr sogar seinen Regenschirm, indem er ihr sagte, sie könne ihn nach Bequemlichkeit zurückgeben — L ieb mann (bei Seite). War jemals ein armer Teufel so in der Klemme? Clarissa. Höchst wahrscheinlich glaubte er, sie werde den Schirm selbst zurückbringen und ihm dadurch Gelegenheit zu einem nochmaligen Zusammentreffen geben. Lieb mann. Nun wirklich, meine Liebe, ich — Clarissa. Zst es nicht abscheulich, daß ein armes Mädchen nicht aus dem Hause gehen kann, ohne daß ihr ein Bösewicht Fallen stellt? Lieb mann. Aber, Clarissa, Du urtheilst sehr strenge und vielleicht ungerecht. Es ist ja möglich, daß jener Mann Alles dies nur aus Menschenfreundlichkeit gethan hat. Clarissa. Menschenfreundlichkeit — nun wahrhaftig! L i e b m a n n. Sieh einmal, Du sagst, es regnete — und wenn so ein schwächliches, leicht gekleidetes Wesen naß wird — Clarissa. Lieber August, ich wundere mich über Dich, Du weißt, daß er ein schnöder Verführer ist und kannst ihn noch vertheidigen! Liebmann. Das muß ich auch, Clarissa. Nimm die Thatsachen, wie sie wirklich sind: Ein zartes Mädchen auf der schmutzigen Straße — der Regen gießt in Strömen — die nächste Droschke tausend Schritt weit entfernt — nun, wenn ein Mann in einem solchen Augenblicke nicht das Recht und die Pflicht hat, ein hilfloses Weib unter seinen Schutz zu nehmen, ihr einen Regenschirm anzubieten und sie zu einer Droschke zu begleiten Clarissa. Und dabei mußte er sie wohl seinen Engel nennen und ihre weiche Hand drücken, als er ihr einstei- ' gen half — Liebmann. Hm — freilich — Clarissa. O, der lüsterne Böse- wicht — wenn ich nur einen Tag lang 10 in der Stadt zu befehlen hätte, ich wollte allen diesen galanten Müssig- gängern eine Beschäftigung anweisen lassen. Liebmann (bei Sekte). Wenn ich sie doch auf etwas Anderes bringen könnte. Clarissa. Ich habe Helenen dringend gerathen, eS ihrem Vormund zu sagen; der wird den Advokaten Volk- mann beauftragen, Maßregeln gegen jenen unverschämten Menschen zu ergreifen. Liebmann. Ach, da Du gerade von Volkmann sprichst — hier ist ein Billet von seiner Frau an Dich, es wurde vor einer halben Stunde hier abgegeben. (Er gibt ihr das Billet, sie wendet sich, um es zu lesen.) Sturm (sieht wieder oben aus dem Fenster, indem er seinen Hut bürstet). Hör' einmal, August, wo hast Du Dein Haaröl? Liebmann. Such es Dir, oder laß eS Dir von dem Mädchen geben. Sturm. Daß Mädchen ist nicht da; sie wichst meine Stiefel. Wenn sie nur bald fertig würde; denn wie schon gesagt, ich muß von hier zum Advokaten und dann bei einer jungen Dame ansprechen, die auch bei ihm zu thun hat. Ah, hier ist'S — .(er gießt sich das Haar- -l in die Hand und riecht es). Pfui, was ist das für gräßliches Zeug — riecht wie Schöpsentalg und Terpentin — brauche das in Deinem Leben nicht wieder — Du würdest Dich entehren. (Er wirft die Flasche über die Mauer.) Liebmann. He, was thust Du? Augenblicklich mach, daß Du aus mei- nem Zimmer kommst. Sturm. Ich bin schon fertig; will nur noch ein bischen aufräumen, damit Deine Frau nicht böse wird — die Handtücher sind ganz naß — aber hier ist ein guter Trockenplatz. (Er hängt die Handtücher zum Fenster hinaus.) L i e b m a n n. Verwünschter Eilt' dringling! Ist das hier ein Waschhaus? Will Er das wohl sein lassen! Ich muß ihn um jeden Preis ^fortschaffen. (Er will ins Haus gehen.) Clarissa (wendet sich schnell um). August — Liebmann. Gleich — ich muß ihn erst hinauswerfen — Clarissa. Aber so bleibe doch — sehr angenehme Nachricht — dieses Billet ist von Helene. Liebmann. Von Helene? Clarissa. Za, von ihr. Sie ist eben bei Volkmann. Liebmann. Was Du sagst! Clarissa. In Geschäften. — DaS arme Mädchen, ohne Vater und Mutter, muß sich selbst um ihre Angelegenheiten bekümmern, da ihr kranker Vormund nicht ausgehen kann — sie schreibt mir, daß sie nicht im Hotel kussie wohnen bleibt, sondern zu Volkmann'ö ziehen wird, die sie freundlich ausgenommen und zu Mittag bei sich behalten haben; nachher wird sie zu unS kommen. Liebmann (zurücktaumelnd). Hierher — zu uns? Clarissa. Nun, was ist Dir denn? Lieb mann. Das — das Vergnügen kommt so plötzlich — und dann — überdieß — Clarissa. Zch weiß, was Dich so ergriffen hat — ich hatte denselben Gedanken — daß jener wüste Mensch, der sie so unverschämt belästigt hat, da oben bei uns ist. L i e b m a n n. Wie? Du meinst Sturm? Clarissa. Za. Wenn er eine Frau verfolgt, warum nicht auch die andere? Liebmann. Za, wirklich — das ist sehr möglich — Clarissa. Doch hier soll er sie nicht plagen — er muß fort von hier. — Aber ist es nicht reizend, daß Helene hier in unsere Nähe zieht? Zch erwartete sie nicht sobald schon bei uns zu sehen. Sie schreibt mir, daß sie begierig ist, auch Dich kennen zu lernen, und ich bin überzeugt, daß Du Dich eben so freuest, ihre Bekanntschaft zu machen. Liebmann. Natürlich, ganz na- türlich. Ich kann Dir gar nicht sagen, wie ich mich freue. Clarissa. Sie muß auch sehen, wie hübsch wir hier eingerichtet sind, unfern Garten, die Blumen, die jungen Baumpflanzungen, unsere herrlichen Melonen. Liebmann. Za, liebe Clarissa — die Melonen — Clarissa. Um 7 Uhr wird sie hier sein — und noch ist Nichts vorbereitet. Marie, geschwinde, besorge den Lhee und Etwas zum Abendbrot. (Sie eilt ins Haus.) Liebmann. Arsenik — Bilsenkraut — Schierling für mich zum Abendbrot! Oh, nun kommt Alles heraus — und alle Vernunftgründe in der Welt werden sie nicht überzeugen, daß ich unschuldig bin. Was ist zu thun? Zch darf mit diesem Mädchen nicht zusam- mentreffen — sonst bin ich verloren, bin für den Rest meines Lebens ein geschlagener Mann! — Und doch kam, ich nicht fortgehen, ohne einen schicklichen Vorwand — mein Entweichen macht mich verdächtig — meine Abwesenheit verurtheilt mich eben so sehr als meine Gegenwart und — Sechste Scene. Liebmann. Sturm. Sturm (tritt aus dem Hause, seine Handschuhe anziehend). Ha ha! August! Also Deine Schöne aus der Blumen- stratze wird Dir einen Besuch machen, glücklicher Zunge! Liebmann Spotte nicht, Satan! Sturm. Und dabei glaubt Deine Frau, daß ich der Verworfene bin, der jene Dame mit frecher Zudringlichkeit belästigt hat? Nun, Du wirst einen höchst angenehmen, behaglichen Abend genießen, und da ich ohnehin gehen muß, so wäre es wirklich nicht Recht, wenn ich hier länger stören wollte — also — Liebmann (hält ihn fest). Was? Du willst fortgehen — einen alten Freund verlassen? Sturm. Ei, ich werde ja aus dem Hause geworfen. Liebmann. Lieber Sturm, sei nicht rachsüchtig — zerknirsche mich durch Deine Großmuth! Sturm. Za, ich kann nicht helfen — ich muß gehen. Liebmann. Fritz, edler Manm denke an die alten Zeiten — an die goldene Eule, an den wahnsinnigen Eber — oh laß mich nicht selbst wahnsinnig werde«! Sturm. Du siehst aber, daß ich nicht bleiben kann, man wartet aus mich. Lieb mann. Kannst Du nicht wenigstens so lange bleiben, bis das Fräulein angekommen ist, und irgend eine Entschuldigung für meine plötzliche Entfernung ersinnen? Sturm. Zch kann nicht, auf mein Wort; und überdies wäre es eine Lüge, und Du willst doch nicht, daß ich lügen soll? Liebmann. Warum denn nicht? Eine unschuldige Nothlüge — Sturm. Wie ich Dir schon sagte, im Aufträge meines Onkels Milborn muß ich jetzt zum Advokaten gehen und dann unverzüglich eine Dame auf- suchen. Zch habe einen Brief an sie abzugeben, den sie noch heute Abend bekommen muß — und es ist weit bis zu ihr — im Hotel äs kussie — Liebmann. Zm Hotel cle kussie? Wie heißt die Dame? ir Sturm (sich besinnend). So Etwas wie — Lieb mann. Helene Grünau? Sturm. Richtig — Grünau! Liebmann. Das ist ja ebendieselbe, die wir hier erwarten. Sturm. Wirklich? Liebmann. Za — sie ist's. DaS ereignet sich höchst glücklich, denn nun mußt Du hier bleiben, um ihr Deinen Brief abzugeben. Sturm. Za, da hast Du Recht. Lieb mann. Und ich kann mich davon machen, — Du wirst eine Ausrede erfinden — ich gehe in die Restauration am Ende der Straße; und wenn Du spater vorbeikommst, sprichst Du dort an, erzählst mir, wie es steht. Fritz, so geht'S köstlich — ich bringe mich durch eine schleunige Flucht in Sicherheit — ich hole meinen Hut — (indem er abgehen will; ertönt die Thorglocke; er sieht durch die Gartenpforte und macht sie schnell wieder zu). Fritz! Sturm. Was gibt'S? L i e b m a n n. Mein dämonisches Verhängniß! Sie ist hier! Sturm. Am Thor? Liebmann. Draußen am Thor — ich bin unrettbar verloren — ewig ruinirt! Sturm. Dummes Zeug — verstecke Dich irgendwo, bis sie rorbeige- gangen ist. Liebmann. Aber wo? Hier ist ja Alles so offenbar wie auf freiem Felde, nirgends ein Plätzchen zum Verbergen. Sturm (geht zum Meloncnbeet). Was ist dies? Liebmann. Unser Melonenbeet. Sturm. Ueberslüssiger Raum — geschwinde hinein. Lieb mann. Zch werde Clarissa's schönste Früchte zerquetschen. Sturm. Darauf kommt es jetzt gar nicht an — marsch hinein! (Er hebt die Decke des Melonenbeetes auf; Liebmann kriecht hinunter; Sturm läßt die Decke wieder herab und fetzt sich darauf.) (Es wird mehrmals an der Lhorglocke gezogen.) Siebente Seene. DieVorigen. Clarissa. Helene. Clarissa (im Hause). Marie! Marie ! Mach' das Thor auf! (sie tritt heraus, Helene kommt durch die Gartenpforte; sie umarmen sich.) Ach, meine theure Helene! Wie freundlich ist dieß von Dir! Welche Freude bereitest Du unS! Helene. Sicherlich keine größere, als mir selbst, meine gute Clarissa. Clarissa. Und so unerwartet! ES ist entzückend! Du findest uns hier ganz allein, und so können wir Deine liebe Gegenwart recht ungestört genießen. Helene. Das ist also Deine Wohnung — wie hübsch das Alles ist. Clarissa. Zch dachte, daß es Dir gefallen würde — aber wo ist August? (rufend) August! (sie wendet sich um und sieht Sturm.) Sturm (steht auf und verneigt sich). Herr Liebmann ist so eben auf einen Augenblick abgerufen worden, gnädige Frau. Clarissa. Abgerufen? Sturm. Za, eine plötzliche Veran- lassung, eö war durchaus nothwendig. Clarissa. Und darf ich fragen, mein Herr, warum Sie noch hier bleiben? Liebmann (hebt den Rahmen auf und schiebt einen Mauerziegel dazwischen). Sturm. Warum ich bleibe, gnädige Frau? Wegen eines sehr angenehmen Geschäftes; ich bitte mir nämlich die Ehre aus, dem Fräulein Grünau vorgestellt zu. werden. Clarissa. Dem Fräulein Grünau? Sturm. An welche ich einen Brief abzugeben habe von einem Banquier- Hause. Sie werden die Firma Mikborn und Compagnie kennen? Helene. Allerdings; das sind die 13 Banquiers, bei denen mein Vormund meine Fonds untergebracht hat. Sturm. Ich bin Agent dieses Hauses , und da ich von demselben beauftragt worden bin, diesen Brief noch heute Abend selbst in Ihre Hände zu liefern, so mögen Sie daraus erkennen, welche Wichtigkeit er hat. Helene. Die Herren Milborn sind sehr gütig. Sturm. Ich erlaube mir hinzuzu- fügen, mein Fräulein, daß ich zu jedem andern Dienst bereit bin; Sie haben nur zu befehlen. Helene. Ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit. Das trifft sich wirklich sehr günstig. Weißt Du, Clarissa, daß ich diesen Brief ängstlich erwartete — wenn Du mir also gestatten willst, so lese ich ihn, während ich Hut und Shawl ablege. Clarissa. Thue das, liebe Helene. Helene. Und vielleicht bleiben Sie noch, mein Herr, bis ich mich mit dem Inhalt bekannt gemacht habe? Sturm. Eine Pflicht, Fräulein, die mich beseligt. Helene (geht ins Haus.) Clarissa (bei Seite). In diesem abscheulichen Menschen steckt etwas RäthselhafteS; ich werde ganz irre. (Sturm ansehend, geht sie langsam ins HauS.) Achte Gerne. Sturm. Liebmann. Bald darauf Marie. Lieb mann (guckt unter dem Rahmen hervor.) S t u rm. Ein göttliches Wesen r Geradezu ein Engel, eine wahre Musterkarte aller weiblichen Vollkommenheiten. Lieb mann. He, Fritz, sind sie fort? Sturm. Jung, anmuthig, sanft und 16V00 fl. Vermögen. Liebmann. Es ist hier unerträglich heiß und höchst unbequem. Sturm. Mit einem Verstände so praktisch, klar, bestimmt. Liebmann. Fritz, hörst Du nicht? Sturm. Sei ruhig — lege Dich hin. Dieses Mädchen könnte — Liebmann. Ich soll ruhig sein — schöne Zumuthung. Sturm. Könnte die Erde in ein Paradies verwandeln. Lieb mann. Wirst Du mich bald herauslassen? Sturm. O seliger Gedanke! Himmlisches Entzücken! Liebmann. O miserabler Zustand. — Ich breche den Rahmen in Stücke. (Er hebt den Rahmen und will heraus.) (Marie tr'tt mit Lheetassen heraus, welche sie auf den Lisch stellt und geht dann wieder ab. Liebmann läßt bei ihrem Erscheinen den Rahmen wieder herunterfallen.) Sturm. Was sind alle andern Mädchen gegen sie? In ihr ist die höchste Vollendung — sie ist die Einzige, die mein Herz zu fesseln vermag. Was für ein herrliches Leben ließe sich mit solch' einem Weibchen führen! Ich zerfließe in Wonne, wenn ich mir das recht lebhaft vorstelle. (Er geht während dieser Worte auf und ab und kommt in die Nähe des Melonenbeetes.) Liebmann (faßt zwischen den Rahmen hindurch und hält Sturm beim Rocke.) Gefühlloser Barbar, willst Du mich hier nmkommen lassen?! Stermte Gerne« Die Vorigen. Clarissa. Helene. Darauf Marie. Gegen den Schluß der Scene ein Dienstmädchen. Sturm (reißt sich los, eilt Helenen entgegen und präsentirt ihr einen Stuhl am Lisch). Helene. Ich muß Dir sagen, daß 14 dieser Brief von höchster Wichtigkeit ist; mir droht ein bedeutender Verlust, der aber, wie mir die Herren Milborn schreiben, noch abgewandt werden kann. Sturm. So ist es, Fräulein, und wenn Sie mir einen Augenblick Gehör schenken wollen, so kann ich Zhnen über alle Einzelnheiten genaue Auskunft geben. Ich selbst werde die nö- thigen Schritte zur Abwendung der Gefahr thun und ich stehe Ihnen dafür, daß Sie keinen Heller verlieren. Helene. Ach das ist ja schön. Liebe Clarissa, Du entschuldigst mich wohl — Sturm (führt sie zu dem Tische, sie sehen sich und sprechen angelegentlich mit einander. Helene sitzt mit dem Rücken nach dem Hintergründe des Theaters gewandt). Clarissa. Wache ich denn wirklich? 3ch kann es kaum glauben! Das ist derselbe Mensch, der mich mehr als einmal durch sein dreistes Verfolgen beleidigt hat, und nun thut er hier, als ob er zum Hause gehörte, nimmt meine Freundin in Anspruch, auf deren Besuch ich mich so sehr gefreut hatte. — Und sie sagt mir, es sei nicht derselbe, der sich ihr neulich aufdrängte und dessen Regenschirm sie heute mit zu Volkmann gebracht hat —ich glaube kein Wort davon. Marie (bringt auf einem Präsentirtel- ler die Lheemaschine und Teller mit Kuchen und Butterschnittchen; sie entfernt sich wieder.) Clarissa. Und wer weiß, wie lange er sich hier noch aufhalten wird; unter dem Vorwände wichtiger Geschäfte kann er den ganzen Abend sitzen bleiben — und einem solchen Menschen muß ich Thee einschenken — ich möchte ihm lieber — Nun, Helene — hast Du Alles besprochen? Helene. Za, liebe Clarissa, die Hauptsachen, und ich fühle mich sehr beruhigt — (bei Seite zu Clarissa.) Euer Hausfreund ist in der Lhat höchst verbindlich und ich möchte gern noch Meh- rereS von ihm erfahren. Clarissa. Höchst verbindlich, ohne Zweifel — (bei Seite) Es ist unbegreiflich, wie er sie umstrickt hat- (Sie setzt sich an den Lisch und offerirt Thee.) Liebmann (hebt den Rahmen auf und steckt einen Mauerziegel dazwischen.) Helene. Aber wo ist Dein Mann? Sturm. Za, wo ist unser Freund Liebmann? Clarissa. Es ist wirklich seltsam — ganz unerklärlich, daß er noch nicht zurückgekehrt ist. Marie! Marie! Weißt Du nicht, wo mein Mann ist? Marie (im Hause). Nein, Frau Secretär, ich weiß es nicht. Clarissa. Ich kann mir gar nicht denken, wo er hingegangen ist. Lieb mann (bei Seite). Zu meinem Glück! Clarissa. Was in aller Welt kann er jetzt machen? Lieb mann. Er schmort mit den Melonen um die Wette. Sturm. Ach, wie köstlich — Thee im Garten — von allen Sommerfreuden die angenehmste für mich — Fräulein Grünau, etwas Kuchen? (anbietend, zu Clarissa.) Gnädige Frau, darf ich Zhnen anbieten? Clarissa. Danke. Sturm. Köstlicher Kuchen — ich möchte mich todt daran essen. Clarissa (bei Seite). Wenn er es doch thäte. Sturm. Und diese Butterschnittchen — ausgezeichnet: Ich glaube, es erfordert ein förmliches Studium, sie so schön zu bereiten. Liebmann. Ich glaube, jetzt schneidet er die Cour — welcher? — Meiner Frau oder dem jungen Mädchen? Sturm. Verehrte Frau, dürfte ich noch um etwas Thee bitten? Liebmann (bei Seite). Ich möchte gern auch einen Tropfen, ich verschmachte. 13 Clarissa (fängt an ihm tinzugießen). Sturm. Entschuldigen Sie, eS ist ein Theeblättchen mit hineingekommen. (Er spritzt den Inhalt der Lasse nach dem Melonenbeet, bei Seite zu Liebmann). Da hast Du Thee. Liebmann (nießt und verschwindet). Clarissa. Was war das — die Katze? Sturm. Die Katze! Es klang in der That wie von einem unglücklichen Thiere. (Sich wieder angelegentlich zu Helene wendend.) Za, Fräulein, wie ich Zhnen sagte — (er spricht leise weiter.) Clarissa (bei Seite). Ist das nicht entsetzlich! Zch glaube, er macht ihr noch eine Liebeserklärung — in meiner Gegenwart — aber ich werde Ordnung machen, (laut) Mein Herr, Sie werden entschuldigen, aber — Sturm (sich zu ihr wendend und einen Teller darreichend). Butterschnittchen, sagten Sie, gnädige Frau? Clarissa. Nein, mein Herr, keineswegs — Helene, Du vergißt ganz meinen Garten; Du mußt doch meine Blumen und Pflanzen sehen, vor Allem meine Melonen. Sturm. Zhre Melonen, sagten Sie? Clarissa. Za, meine Melonen dort im Treibbeet. Sturm (sucht mit der Harke den zwischen dem Rahmen gesteckten Mauerziegel wegzuziehen). Helene. Ach ja, Du sagtest mir, daß sie so vorzüglich angesetzt haben — bald reif sind. Sturm (aufstehend bei Seite). DaS fürchte ich auch. Clarissa (aufstehend). Nun komm', und besieh Dir meine Lieblingsfrucht. Sturm. Zch bitte um Verzeihung, gnädige Frau — aber — Clarissa. Nun, mein Herr, was ist Zhnen? Sturm. Halten Sie eS für gut, sie des Abends auszudecken? Clarissa. Was intereffirt Sie das? Sturm. Aber wenn eS schädlich ist, sie gerade jetzt zu entblößen? Clarissa. Zch bitte, sich darum keine Sorge zu machen. Sturm.Doch ich versichere Zhnen, was Sie thun wollen, ist nicht rathsam. Clarissa. Zn meinem Garten thue ich, was mir beliebt — gehen Sie uns aus dem Wege — ich bitte dringend. Zch soll nicht einmal mein Eigenthum besehen! (Sie geht zum Beet, wirft den Rahmen hastig zurück und schreit auf. Liebmann erhebt seinen Kopf, sie neigt den ihrigen, um ihn zu betrachten.) Was sehe ich? Sturm. Was Sie erwartet haben — Zhre Melonen schießen in die Höhe — sind reif — überreif. Helene. Zch traue meinen Sinnen nicht! Zst das Herr Liebmann? Sturm. Za, Fräulein, er selbst; und wahrscheinlich wundern Sie sich über seine gegenwärtige Situation? Clarissa. Und er wird unS gefälligst erklären, wie er da hineinge- kommen ist. Lieb mann. Vor allen Dingen wird es ihm gestattet sein, herauszukommen. (Er erhebt sich, steigt heraus und schreitet vor, alle seine Glieder schüttelnd.) Clarissa. Nun, August, dieses Geheimniß — ich möchte gern kaltblütig sein. Lieb mann. Zch auch, nachdem ich eine halbe Stunde in diesem Backofen gewesen bin. Clarissa. Zch bitte Dich sehr, erkläre Dich deutlich und aufrichtig. Sturm. Zch vermuthe, er war hineingestiegen, um die Melonen zu besehen, und da ist der Deckel unversehens über ihm zugefallen, nicht wahr, August? (Die Thorglocke wird gezogen.) Clarissa. Wer kommt da? 16 Ein Dienstmädchen (erscheint an der Gartenpforte mit Liebmann's Regenschirm.) Entschuldigen Sie, ich wollte mich nur erkundigen, ob Fräulein Grünau hier ist? Sturm und Lieb mann (sprechen eifrig mit einander). Helene. Ja, ich bin's. Dienstmädchen. Madame Volkmann läßt sich Ihnen empfehlen und bitten, daß Sie diesen Abend noch einmal bei ihr ansprechen, sie müßte Ihnen durchaus noch Etwas mittheilen. Helene. Noch diesen Abend? Dienstmädchen. Und da es zu regnen droht, so schickt sie Ihnen den Schirm, den Sie bei uns haben stehen lassen. (Sie lehnt den Schirm, mit dem Griff nach unten, an einen Stuhl und geht ab.) Helene. Ach, das ist ja verdrießlich — aber ich muß zu ihr hin. Wenn eS irgend möglich ist, komme ich morgen wieder, liebe Clarissa. Ich will nur hineingehen und meinen Hut auf- setzen. Sturm. Und wenn Sie gütigst erlauben, Fräulein, so werde ich die Ehre haben, Sie hernach zu begleiten. Helene (verbeugt sich gegen Sturm und geht ins Haus.) Zehnte Seene. Die Vorigen, ohne Helene. Clarissa. Nein, Herr Sturm, das sollen Sie nicht. Sturm. Ich soll nicht? Clarissa. Nein — mein Gatte wird die junge Dame begleiten- Liebmann. Ich, meine Liebe? Clari ssa. Ja, Du allein. Lieb mann. Nun, mit.dem größten Vergnügen, wenn Du es wünschest. Clarissa. An Deiner Seite wird meine junge Freundin ungefährdet sein, ich bin davon überzeugt. Also, lieber August, gehe hinein und kleide Dich an. Liebmann (bei Seite). Gott sei Dank, ich kann sie sehen, mich gegen sie aussprechcn, um mich ihrer Verschwiegenheit zu versichern — prächtig, wundervoll! (ab ins Haus.) Clarissa. Und jetzt, Herr Sturm, ein ernstes und bestimmtes Wort zu Ihnen. Ich durchschaue Ihre Absicht — Sie suchen ein neues Opfer — aber diese Dame ist meine Freundin, ein liebes, gutes Mädchen, und Ihr schändlicher Plan soll nicht zur Ausführung kommen. Sturm. Nun, wenn etwas Schändliches dabei ist, so werden Sie ganz allein Schuld sein. Clarissa. Ich? Sturm. Allerdings! Denn ich beabsichtige, dieser Dame meine Hand anzubieten, mit ihr in den heiligen Ehestand zu treten, und wenn Sie dieß verhindern, so werden Sie die Urheberin einer unmoralischen Handlung, indem Sie mich zwingen, sie zu entführen, denn ich muß sie besitzen, koste eS, was es wolle, ich liebe sie zu feurig! Clarissa. Sie lieben Helene!? Wirklich? Sie haben ja erst vor einer Stunde erklärt, daß Sie mich liebten. Sturm. Nun, gnädige Frau, waS schadet das? Clarissa. Was das schadet? Sturm. Sehen Sie, der Geist und das Herz des Menschen sind höchst wunderbar organisirt — wenige Minuten können die merkwürdigsten Umwandlungen Hervorbringen, und die größten Philosophen aller Zeiten — Clarissa. O schweigen Sie! Sie sind ein äußerst gefährlicher Mensch — ein boshafter Verführer. Ich sage eS Ihnen jetzt rund heraus: Wenn Sie nicht fortgehen und mir Ihr Ehrenwort geben, daß Sie dieses Mädchen nie wieder belästigen wollen, so entdecke ich ihr augenblicklich, wie Sie sich gegen mich betragen haben. Sturm (bei Seite). DaS wäre ein gräulicher Querstrich. Clarissa. Wählen Sie also — entweder Sie gehen, oder werden schonungslos entlarvt. Sturm (bei Seite). Ich sehe, ich muß kapituliren. (laut.) Nun denn, gnädige Frau — da Sie durchaus wollen, daß ich gehe — Clarissa. Sie willigen ein — das ist gut! Es möge dieß die einzige Buße für Ihre Frevel sein. Hier ist Ihr Schirm, den Sie meiner jungen Freundin in der Blumenstraße aufgedrungen haben und welcher so eben hier abgegeben wurde. Sturm (bei Seite). Liebmann's Schirm — nun kommt die zweite Ep- ploston! Clari ss a (hat den an den Stuhl gelehnten Schirm genommen, und hält ihn noch in der Hand, während sie das Folgende spricht). So nehmen Sie ihn, Herr Sturm, und wenn Sie wieder Einer von unserm schwächer» Geschlecht begegnen, wenn ein hülfloses Wesen — (der Griff des Schirms fällt ihr ins Auge, sie besieht den Schirm von allen Sekten und spannt ihn auf.) Unser Schirm! Gilfte Scene. Die Vorigen. Helene. Darauf Liebmann. Helene (mit dem Hut auf dem Kopfe). Nun, Clarissa, ich bin fertig, muß Dir aber noch ein Paar Worte sagen, ehe wir scheiden. Herr Sturm, Sie entschuldigen. Sturm (nimmt Clarissa den Schirm ab). Mit gütiger Erlaubniß. Clarissa (starrt auf den Griff des Schirmes). Unser — unser eigener Schirm! Zst es denn aber möglich, daß er — daß sie — oh entsetzlich! Helene, mir wird sehr unwohl! (Helene führt sie ins Haus.) Lieb mann (kommt angekleidet aus Wiener Theater-Repertoir. XXXVIII. dem Hause). Juchhe! lieber Fritz, juchhe! Gratulire mir — Alles in Richtigkeit — ich habe sie gesehen, mit ihr gesprochen— und das edle Mädchen würdigt meine Lage, wird mich nie ver- rathen. Ich bin gerettet — meine Frau wird nichts erfahren und — (er tanzt vor Freude umher. Sturm hält ihm den Schirm entgegen, den Griff nach Liebmann gerichtet.) Was ist das? Sturm. Dein Schirm, den Fräulein Grünau zu Volkmann's mitgenommen hatte und den man ihr hierher nachgeschickt hat — hier ist er Deiner Frau in die Hände gefallen, — August, Du bist verlegen! (Ec gibt ihm den Schirm und geht nach dem Hintergründe.) Liebmann. Das ist d er Fluch der bösen That! — Doch, was sage ich? ES war ja gar nichts Böses dabei — eine That der reinsten Menschenliebe — aber das hämische Schicksal hat mein Verderben beschlossen — ich bin zu Grunde gerichtet. Zch hielt mich schon für völlig sicher, das Unwetter schien vorüber, der Himmel wieder heiter — da fährt der Blitz in Gestalt dieses mörderischen Regenschirmes herunter und schlagt mich zu Boden! Oh! (Er läßt den Kopf auf den Griff des Schirmes niedersinken.) S t U rm (tritt mir seinem eigenen Schirm, den er von der Hinterwand ausgenommen hat, unter dem Arme vor). Es ist wirklich hart — er ist schon genug bestraft — ich möchte ihm gern heraushelfen — aber wie? Das ist die Schwierigkeit. Ist denn gar kein Mittel — gar keins? Doch halt — August! Ich habe eine Idee! (Er nimmt den Schirm aus Liebmann's Hand und vergleicht beide Schirme.) Lieb mann- Laß mich ungeschoren — quäle nicht einen armen Delinquenten , der den Strick schon um seinen Hals fühlt. Sturm. Aber es ist doch noch möglich , Dich zu retten. Läßt sich dieser Griff losmachen? r 18 Lieb mann, bosnischen? Sturm. Ja, abschrauben. (Er versucht es.) Wahrhaftig, es geht! Und nun ist die Hauptsache, ob er auf meinen Schirm paßt, der dieses Schmuckes schon lange entbehrt. (Er versucht es.) -Hurrah! er paßt. So, nun brauchen wir blos Deinen aus dem Wege zu räumen und — ha, da kommt sie! (Er wirft Lkebmann's Schirm über die Mauer und steckt den seinigen unter den Arm.) (Helene und Clarissa treten auf.) Helene. Nun, Herr Liebmann, wünsche ich Ihnen einen guten Abend — auf baldiges Wiedersehen. Clarissa. Helene dankt Dir für Dein Geleit. Herr Sturm wird so ge- fällig sein, sie zu Volkmann's zu bringen. Sturm. ES kann ihm kein größeres Glück widerfahren. Ich empfehle mich Ihnen, gnädige Frau — guten Abend, August — ich besuche Dich bald wieder. Fräulein Grünau,ich stehe zu Ihren Befehlen. (Er gibt ihr den linken Arm, unter dem rechten hat er den Schirm.) Clarissa. Entschuldigen Sie, Herr Sturm, ich denke, daö ist unser Schirm? Sturm. Der Ihrige? Clarissa. Ja, der Unsrige. (Sie ergreift den Schirm.) Sturm. Er schien Ihnen schon vorhin aufzufallen, — aber — Clarissa. August, ich denke, Du kannst darüber Aufschluß geben. Lieb mann. Er sieht dem Schirm, den ich verloren habe, sehr ähnlich. Clarissa. Aehnlich? ES ist ein und derselbe (bei Seite zu Lkebmann), den Du dem Fräulein Grünau in der Blumenstraße aufgedrungen hast und der nun zurückgeschickt worden ist. Es ist Alles heraus — Alles entdeckt, Du treuloser Verräther. Sturm. Nun, die Sache läßt sich bald entscheiden — denn da ich weiß, welch' unsicheres BesiHthum ein Regenschirm ist, und da ich nicht wohl im Stande bin, mir alle acht Tage einen neuen zu kaufen, so habe ich mich einigermaßen vorgesehen, indem ich meinen Namen darauf gravirt habe. Clarissa. Ihren Namen, Herr Sturm? Sturm. Und noch dazu mit sehr zierlichen Buchstaben, hier oben an der Zwinge, und wenn Sie die Güte haben wollen, sich zu überzeugen, so werden Sie deutlich lesen: Friedrich Wilhelm Sturm, Sperlingsgasse Nr. 75. Clarissa (lesend). Friedrich Wilhelm Sturm, Sperlingsgasse Nr. 75. Sturm (nimmt den Schirm und steckt ihn wieder unter den Arm). Ganz richtig, es ist der Meinige. Und jetzt, Fräulein Grünau, nachdem dieser kleine Jrrthum aufgeklärt ist, denke ich, können wir uns empfehlen. (Sie gehen durch die Gartenthürr ab.) . Liebmann (steht mit übereinander- geschlagenen Armen da). Clarissa (die Augen zur Erde gesenkt). Wie konnten sich meine Sinne so täuschen?! Ich hätte schwören mögen, daß es derselbe sei. Liebmann (bei Seite). Nun ist die Reihe an mir. Clarissa. War es nicht dieselbe Farbe, dieselbe Größe, derselbe Griff, dieser künstlich gearbeitete Griff? Ich dachte nicht, daß eß zwei so völlig gleiche geben könne. Lieb mann (mit feierlichem Ernst). Und ist es — so weit — gekommen! Clarissa (bei Seite). Was sagt er? Liebmann. Darum habe ich also meine Jugendfreunde aufgegeben— die goldene Freiheit des ledigen Standes — Clarissa. August! Lieb mann. Den heitern, zwanglosen Genuß des Lebens — habe gänzlich auf Jagd, Spiel und Wein verzichtet, mich von aller Gesellschaft zurückgezogen — LS Clarissa. Lieber August! Liebmann. Auf Alles verzichtet, jede andere Neigung aus meinem Herzen verbannt, um mich nur einem Wesen mit ganzer Seele zu weihen — und werde nun mit dem Vorwurf der Untreue, des Verrathes belastet — ist das mein Lohn? Clarissa. Zch sehe ja ein, daß es Unrecht von mir war, sehr Unrecht — der abscheuliche Regenschirm ist an Allem Schuld. Lieb mann (bei Seite). Er liegt hinter der Mauer; wenn ihn jetzt Einer fände und hereinbrächte. Clarissa. Ich bitte Dich, denke nicht mehr daran und gewähre mir Deine Verzeihung. Liebmann. Wie? Verzeihung für eine höchst grundlose Eifersucht, die sich vielleicht schon morgen wiederholen wird? Clarissa. O, niemals wieder — vergib mir, und mein Vertrauen zu Dir soll von nun an unerschütterlich sein. Liebmann. Nun, ich bin nur ein Mensch — wohlan, Clarissa, ich ver« zeihe Dir. (Er öffnet seine Arme.) Clarissa (wirft sich inseine Arme). Mein theurer August! Der Vorhang fällt. Wien 18S4. Druck und Verlag von I. B. Wallishausser. In demselben Verlage sind erschienen: Grillparzer, F., Die Ahnfrau. Trauerst), in 5 A. 6 . Aufl. gr. 8.1844.1 Thlr. od .1 fl.30 kr. — Sa pp ho. Trauerst), in 5 Akten 3. Aufl. gr. 8 . 1822. 26 Sgr. oder 1 fl. — Das goldene Vließ. Dramat.Gedicht in 3 Abtheilunzen, gr. 8 . 1822. Druck», geh. 1 Thlr. 25 Sgr. oder 2 fl. — Schreibt). 2 Thlr. 15 Sgr. oder geb. 3 fl. — König Ottokar's Glück und Ende. Trauerst), in 5 Aufz. 2 . Aufl. gr. 8 1852. 1 Thlr. 24 Sgr. oder 2 fl. — Ein treuer Diener seines Herrn. Trauerst), in 5 A. gr. 8 . Druckp 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. — Velinp. 1 Thlr. 15 Sgr. od. 2 fl. — Der Traum ein Leben. Dramat. Märchen in 4 Akt. gr. 8 . geh. 1840.1 Thlr. oder 1 fl.30kr.f.Ausg.1 Thlr. 15Sgr. oder 2 fl. — Weh' dem der lügt! Lustsp. in 5 Akt. gr. 8 . geh. 1840. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. feine Ausg. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Des Meeres und der Liebe Wellen. Trauerst), in 5A. gr. 8 . geh. 1840.1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. f. Ausg .1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Melusina. Romantische Oper in 5 Akt. Musik von Kreutzer. 1833. 8 . 15 Sgr. oder 48 kr. feine Ausg. 20 Sgr. oder 1 fl. Um den Ankauf sämmtlicher Stücke von Grillparzer zu erleichtern, ist der Verkaufspreis auf einige Zeit, bei Abnahme auf Einmal gestellt: 8 Thlr. statt 10 Thlr^ und 10 fl. statt 13 fl. 18 kr. Feldmann, L.,deutscheOriginal-Lust- spiele. 8 . I.—VI. Band. Inhalt: I. Bd. 1845 : Sohn auf Reisen. — Die Kirschen. — Das Porträt der Geliebten. — Die freie Wahl. — Die schöne Athenienserin. II. Bd. 1847: Der Pascha und sein Sohn. — Ein Freundschafts-Bündniß. — Ursprung des Korbgebens. — Eine unglückliche Physiognomie. — Drei Kandidaten. III. Bd. I84S: Ein höflicher Mann. — Der dreißigste November. — Ein Mädchen vom Theater. — Baron Beisele und sein Hofmeister Doktor Ei- sele in München. —Der Lebensretter. I V. Bd. 184S: Der Rechnungsrath und seine Töchter. — Der deutsche Michel, oder: Familien-Un- ruhen. — Kern und Schale. — Ahnenstolz in der Klemme. — Bekenntnisse eines Brautpaares. — DaS NarrenhauS. —V. Bd. 1851: Faustin I., Kaiser von Haiti. — Ein altes Herr. — Die beiden Kapellmeister. — Das Gastmahl zn Luxenhain. — Der neue Robinson, oder das goldene Deutschland. VI.-Bd. 1852: Die beiden Faßbinder, oder Reflexionen und Aufmerksamkeiten. —DieSchicksalsbrüder. — Die Industrie-Ausstellung, oder Reise- Abenteuer in London. — List und Dummheit. Preis eine- jeden Bandes S Thlr. oder 2 fl. 48 kr. Weissenthurn, Joh. Franul v., neueste Schauspiele. 11 . Band, oder neuer Folge 3. Band. Enthält: das letzte Mittel, Lustspiel in 4 Akten. — Der Traum. Lustsp. in 1 Akt. — Die Reise nach Amerika. Schauspiel in 1 Akt. — Die Engländerin. Lustspiel in 1 Akt. gr. 8 . 1826. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Desgleichen 12 . Band, oder neuer Folge 4. Band. Enthält: Die Pilgertn. Lustsp. in 4 Akten. — Die Burg Gölding, rom. Schausp. in 5 Akten. — So lohnt sich Kunst, Vorspielzum4. Oktober. gr.8.182S. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Desgleichen 13. Band, oder neuer Folge 5. Band. Enthält: Das Manuskript, Lustsp. in 5 Akten. — Pauline. Schausp. in 5 Akten, gr. 8. 1832. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Desgleichen 14. Band, oder neuer Folge 6 . Band. Enthält: Des Malers Meisterstück, Lustsp. in 2 Akten. — Der erste Schritt. Lustsp. in 4 Akten. — Der Brautschleier, Lustsp. in 1 Akt. — Die Geprüften Lustsp. in 5 Akten, gr. 8 . 1836. 1 Thlr. 22'/r Sgr. oder 2 fl. 20 kr. — Desgleichen 15 . Band, oder neuer Folge 7. Band. (Nachgelassene Schauspiele. Herausg. von Carl Engelbrecht. 1 . Band.) Enthält: Die Fremde, Schausp. in 3 Akten. — Die stille Braut. Alpensage in 1 Akt. — Ein Mann hilft dem Andern. Lustsp. in 1 Akt. — Alles aus Freundschaft. Lustsp. in 1 Akt. — Sie hilft sich selbst. Lustsp. in 4 Akten, gr. 8 . 1848. 1 Thlr. 24 Sgr. oder 2 fl. 40 kr. — Die Bestürmung von Smolensk. Romantisches Schauspiel in 4 Akten, gr. 8 . 1833. 18'/» Sgr. oder 48 kr. — Die Ehescheuen. Lustsp. in 1 Akt. gr. 8 . geh. 1833. 7'/r Sgr. oder 24 kr. — Die beschämte Eifersucht. Lustspiel in 3 A. gr. 8 . geh. 1833. io Sgr. oder 30 kr. — Die Erben. Lustsp. in 1 Akt. gr. 8. 20 Sgr. oder 1 fl. — DaS Mißverständnis Lustsp. in 1 A. gr. 8 . 1833. geh. 8 Sgr. oder 24 kr. — Die Radicalcur. Lustsp. in 3 Akt. gr. 8 . 1833. 12 Sgr. oder 36 kr. — Die Versöhnung. Schausp. in 3 A. N. d. Franz, gr. 8.1833.12 Sgr. od. 36 kr. — Der Wald bei Hermannstadt. Rom. Schausp. in 4 A. Nach dem Frans, gr. 8. 1833. 16 Sgr. oder 48 kr. Castelli, I. F., dramatisches Sträußchen. 1 — 20ster Jahrgang. 1809, 1817 — 1831. 16. gebunden, irder Jahrgang 1 Thlr. 15 Sgr. oder 1 fl. 48 kr» Dkl Arzt widkl Wille«. Schwank in zwei Acten, frei nach Moliöre, von K. Graefer *). Den Dühnen gegenüber als Fstanuscript. Personen r Lommert, Gutsbesitzer in Hinterpommem. Luise, seine Tochter. Laubmann, Verwalter Johann, Bedienter Barbara, Haushälterin in Lommert's Diensten. Hauser, Maler. Pflock, Besenbinder. Katharine, seine Frau. Kuntz, deren Nachbar. Erster Act. Waldgegend. An der Seite eine Hütte. Vor der Thüre derselben ein Schemel. Daneben Birkenreis, Besenstiele und fertige Besen. Erste Seene. Pflock und Katharine (kommen aus der Hütte). Pflock (eine Branntweinflasche in der einen Hand, in der andern eine Tabakspfeife). Ich habe aber keine Lust — will heute keine Besen binden. Ich bin mein eigener Herr — wer will mir Etwas befehlen? (Er rückt sich den Schemel mehr nach vorn, setzt sich und stopft seine Pfeife.) Katharine. Und ich sage Dir, daß i ch zu befehlen habe, und daß Du gehorchen mußt. Die Besen müssen heute fertig werden. Ich will Deine Faulenzerei nicht länger mit ansehen. Pflock. Ach, was ist doch ein Ehemann für ein geplagtes Geschöpf! Aristoteles hat Recht, wenn er sagt, daß ein zänkisches Weib im Hause noch schlimmer ist, als der Teufel in der Hölle. Katharine. Wohl einer von Deinen säubern Kameraden, dieser Aristoteles ? Auch so ein fauler Tagedieb wie Du! Pflock. Das verstehst Du nicht. Aristoteles war ein äußerst gescheidter Kopf, lebte vor langer Zeit in Rom oder Sparta, woselbst die Wissenschaften, die Malerei, Bildhauerkunst und die ägyptischen Pyramiden — ') Verfasser der Posse »Hempel, Krempel und Stempel." (Nr. 33 des Wiener Theater« Repertoirs.) Wiener Theater - Repertoir. XXXIX. 1 2 Katharine. Ei seht mir doch den klugen Besenbinder, schwatzt da von gelehrten Sachen, als ob er Etwas davon verstände. Pflock. Zch verstehe sehr viel da« von, habe lange genug unter Gelehrten und Künstlern gelebt.... Katharine. Der Prahlhans! Pflock .habe auf der Maler- akademie mit den vorzüglichsten Meistern verkehrt.... Katharine. Ja, als Laufbursche und Farbenreiber. Pflock .habe auf der Universität mit Juristen, Philologen und Medicinern in Verbindung gestanden und ihnen die wichtigsten Dienste geleistet. Katharine. Du? ha, ha, ha! Pflock. Ja, ich. Dem großen Professor Liborius, der sieben Sprachen durcheinander redete, habe ich wahrend eines Lrienniums die Stiefel gewichst; desgleichen bin ich dem weltberühmten Doctor Strahlinski bei der Zubereitung seiner rätselhaften Pillen behülf- lich gewesen, habe sein Recept gegen habituellen Leibschmerz studiert und kann es noch auswendig: kooipo Ammonium, 8onns, Horbs, Usllix, Oleum, Ipoeaouanba, ?snis, kiseis, Orinis — Katharine (hält sich die Ohren zu). Wirst Du bald mit Deinem Unsinn aushören? Pflock. Oh, ich hätte es weit bringen können in der Wissenschaft, wenn ich unter civilifirten Menschen geblieben wäre. Aber da mußte ich das Unglück haben, Dich kennen zu lernen. Katharine. Was?'. Ein Unglück nennst Du das, Du undankbarer Mensch?! Habe ich Dir armseligen Stiefelputzer nicht Alles hingegeben, mein ganzes Ersparniß von meinem langjährigen Dienst beim alten Salzinspector, daß Du dies Haus kaufen und ein selbstständiger Besitzer werden konntest? Pflock. Ja, ja, ein schönes Haus, eine prachtvolle Selbstständigkeit, ein versandeter Kartoffelacker, freie Promenade im Walde und eine großartige Besenbinderei in dieser hinterpommer'- schen Einöde — diese Herrlichkeiten habe ich Dir zu verdanken; — wenn ich dagegen an meine glückliche Uni- versttatszeit zurückdenke. — OK komo mi86rsbili88imu8! Katharine. Nun laß endlich Dein läppisches Geschwätz und mach Dich an die Arbeit! Pflock. Ich ha^e Dir schon einmal gesagt, daß ich heute nicht Lust habe — bin zu müde. Katharine. Seit sechs Tagen hast Du Nichts gethan. Pflock. Darum will ich am siebenten ausruhen. Katharine. Du bist ein abscheulicher Taugenichts. Pflock. Das sehe ich nicht ein. Katharine. Ich verwünsche die Stunde, in der ich Dich zum ersten Male gesehen habe. Pflock. Und ich wünsche, wir hätten uns damals zum letzten Mal gesehen. .Katharine. Es ist schändlich, wie Du's treibst. Du bringst mich an den Bettelstab; mein Bischen Hab und Gut wirst Du bald aufgegessen haben. Pflock. Du irrst Dich, Katharine, ich vertrinke es auch zum Theil. (Er setzt die Flasche an den Mund.) Katha rine. Du verkaufst ein Stück nach dem andern aus dem Hause. Pflock. Zur Verminderung der Umzugskosten. Katharine. Sogar meine Betten. Pflock. Um so früher wirst Du aufstehen. Katharine. Was soll ich mit den Kindern anfangen? Pflock. Was Dir gefällig ist. Katharine. Sie müssen verhungern. Pflock. Dummes Zeug! Wenn i ch gehörig gegessen und getrunken habe, muß Jeder im Hause satt sein. Katharine. Denkst Du, Trunkenbold , daß das immer so fort gehen kann? Pflock (steht auf). Hör' mal, Frau, jetzt sei still! Katharine. Daß ich Deine Nichtswürdigkeit, Deinen lüderlichen Lebenswandel länger dulden werde? Pflock. Soll ich Dich zur Ruhe bringen? (er ergreift einen Besenstiel.) Katharine. Glaubst Du, ich fürchte mich vor Dir? Du Schlemmer, Bärenhäuter, Lump, Galgenstrick — Pflock. Nun wird mir's zu toll. (Er will sie schlagen.) Katharine (schreiend). Räuber, Diebe, Mörder! Zweite Scene. Die Vorigen. Kuntz. KUNtz (zwischen Beide tretend und Pflock zurückhaltend). Heda, holla, Nachbar Pflock! Schämt Zhr Euch nicht? Ein schlechter Kerl, der seine Frau schlägt! Katharine. Was geht Euch das an, wenn ich mich schlagen lassen will? Kuntz. Dann habe ich nichts dagegen. Katharine. Was habt Ihr Euch in unsere Wirtschaft zu mischen? Kuntz. Ich habe Unrecht. Katharine. Ist das Eure Sache? Kuntz. Ihr habt Recht. Katharine. Seht mir doch den frechen Menschen! Kuntz. Ich nehme mein Wort zurück. Katharine. Müßt Ihr Eure Nase überall hinstecken? Kun tz. Nein doch! Katharine. Bekümmert Euch um Eure eigenen Angelegenheiten. Kuntz. Ich sage kein Wort mehr. Katharine. Es macht mir Vergnügen, mich schlagen zu lassen. Kuntz. Meinetwegen. Katharine. Es kommt nicht auf Euern Rücken. Kuntz. Das ist wahr. Katharine (ihm mit der Faust drohend). Untersteht's Euch noch einmal, Ihr Naseweis, Einfaltspinsel — Kuntz. Lieber Nachbar, ich bitte Euch um Entschuldigung. Thut nach Euerm Belieben, prügelt Eure Frau recht ordentlich durch, ich will Euch helfen, wenn Jhr's wünscht. Pflock. Dazu habe ich jetzt keine Lust. Kuntz. Ah, das ist etwas Anders. Pflock. Ich schlage sie, wenn mir's beliebt, und wenn mir's nicht beliebt, schlage ich sie nicht. Kuntz. Sehr wohl. Pflock. Es ist meine Frau und nicht die Eure. Kuntz. Ohne Zweifel. Psl o ck. Zhr habt mir keine Vorschriften zu machen. Kuntz. KeineSweges, lieber Nachbar. Pflock. Ich brauche Eure Hülfe nicht. Kuntz. Nicht im Geringsten. Pflock. Und Ihr seid ein unverschämter Bursche, daß Ihr Euch in fremde Sachen mengt. Merkt's Euch, daß Hippokrates sagt: Man muß die Finger nicht zwischen Thür und Angel stecken! (Er schlägt auf Kuntz los und treibt ihn fort.) Dritte Seene. Pflock. Katharine. Pflock. Na, Katharine, laß uns Frieden machen. Gib mir die Hand. Katharine (sitzend). Ja, nachdem Du mich gemißhandelt hast. Pflock. Hat Nichts zu bedeuten — schlag' ein. Katharine. Ich mag nicht. 4 Pflock. He? Katharine. Nein. Pflock. Na, Trinchen — Katharine. Will nicht. Pflock. So komm doch. Kath arine. Ich werde es nicht thun. Pflock. Mach doch nicht so viel Umstände um eine Bagatelle. Katharine. Laß mich ungeschoren. Pflock. Aber liebe Frau — Katharine. Du hast es zu arg getrieben. Pflock. Ich bitte Dich um Verzeihung — werde es nicht wieder thun. (Ergreift ihre Hand.) Katharine (überläßt ihm zögernd die Hand). Na, meinetwegen. (Bei Seite.) Aber Du sollst mir's doch bezahlen. Pflock. Du bist ein Närrchen, daß Du darüber so viel Aufhebens machst. Solche Kleinigkeiten sind von Zeit zu Zeit nothwendig in der Freundschaft; ein bischen Neckerei unter Leuten, die sich lieb haben, erfrischt die Zuneigung. Ich werde nun in den Wald gehen, Reisig holen und dann den Kartoffelacker graben — Alles Dir zu Liebe — Adieu! (ab.) Vierte Scene. Katharine. Gleich darauf Laub- mann und Johann. Katharine (aufstehend). Geh nur, ich werde es Dir doch nicht vergessen — mit dem Besenstiel auf mich loszu- gehen — der Bösewicht! — Das schenke ich ihm nicht — ich werde ihm schon einen Streich spielen. (Setzt sich und bindet Besen.) (kaubmann und Johann rreten auf). Johann. Eine schöne Commission! Da treiben wir uns nun schon den ganzen Tag herum und werden ihn doch nicht finden. Wer weiß, ob er überhaupt in dieser Gegend wohnt. Laubmann. ES hilft nichts, Johann. Wir müssen suchen, bis wir ihn finden. Unser Herr will es einmal und hat seine letzte Hoffnung auf diesen Wunderdoctor gesetzt, da die andern Aerzte seiner Tochter nicht helfen können. Johann« Ja, aber wo ist er? Hier kann er doch nicht sein. Ich habe in meinem Leben nicht gehört, daß berühmte Doctoren in wüsten Waldgegenden ihren Wohnsitz haben. Laubmann. Das ist'S ja eben. Dieser große Arzt ist ein Sonderling, hat sich ganz von der Welt zurückgezogen, mag mit Niemand umgehen. Unser Herr will bestimmt erfahren' haben, daß er hier in der Nähe eine schlechte Hütte bewohnt. Katharine (für sich). Ja, es ist schändlich, wie er mich behandelt und ich muß durchaus — Johann. Aber, sagen Sie, Herr Verwalter, wir können doch nicht länger vergeblich umherlaufen, ich bin schon todtmüde. Laubmann. Da ist eine Hütte, laß uns hineingehen. — Ah, da sitzt ja auch Jemand — Katharine (aufstehend). Fremde? — Was suchen Sie hier? Johann. Wir suchen, was wir wahrscheinlich nicht finden werden. Katharine. Kann ich Ihnen be- hülflich sein? Laubmann. Vielleicht. Wir sind ausgeschickt, um den berühmten Doctor Pickering zu holen; er muß hier in der Nähe wohnen. Katharine. Der Doctor Pickering? L au bmann. Ja. Er soll die Tochter unsers Herrn curiren, die plötzlich stumm geworden ist und seit 14 Tagen kein Wort mehr spricht. Katharine. Das ist ja traurig. Laubmann. Um so trauriger, als gerade jetzt ihre Hochzeit gefeiert werden sollte. Da ist sie nun mit einem Male krank geworden, und, wie gesagt, total stumm. Die Aerzte aus der 8 Stadt können nichts mit ihr anfangen, und so hat uns der Herr beauftragt, den großen Wunderdoktor aufzusuchen und zu ihm zu bringen. Katharine (bei Seite). Wie, wenn ich diese Gelegenheit — ja, wahrhaftig, das ginge und ich hätte doch wenigstens eine kleine Rache an dem Schlingel. (Laut.) Nun, meine Herren, da sind Sie an die rechte Stelle gekommen. Der Doctor Pickering ist hier ganz in der Nähe. Johann. Ei, das ist ja vortrefflich. Wo ist er? Katharine. Sehen Sie, dort zwischen den Bäumen; er schneidet Birkenreis zu Besen. Johann.Was? DerDoctor schneidet Besenreis? Laubmann. Sie wollen wohl sagen , er sucht medizinische Kräuter? Katharine. Nein. Dieser Doctor ist ein äußerst wunderlicher Kauz. Er findet sein Vergnügen gerade an solchen Sachen. Seit einiger Zeit legt er sich leidenschaftlich auf die Besenbinderei, kleidet sich wie ein Holzhacker, stellt sich ganz einfältig, lebt wie ein Bauerund nimmt,es übel, wenn man ihn Doctor nennt. Laubmann. Siehst Du, Johann, ganz wie der Herr uns gesagt hat, so macht er's. Katharine. Ja, ed ist kaum glaublich, daß ein Mensch die Tollheit so weit treiben kann; und doch kann er auch wieder ganz verständig sein und hat hier im Dorfe schon die schlimmsten Krankheiten curirt. Wenn er aber eigensinnig wird, so thut er's nicht und wenn ihn die Leute noch so sehr bitten. Es gibt dann nur ein einziges Mittel, ihn zur Vernunft zu bringen. Laubmann. Und welches? Katharine. Man muß ihm drohen, und wenn das nicht hilft, ihn durchprügeln, bis er gesteht, daß er der berühmte Doctor Pickering ist und nicht der Besenbinder Pflock. Laubmann. Das ist doch eine unerhörte Narrheit. Katharine. Ja, aber wenn er erst tüchtige Schläge bekommen hat. dann ist er im höchsten Grade dienstfertig und verrichtet die größten Wunderkuren. Ich könnte Ihnen viel davon erzählen. Vor drei Wochen fiel Schulmeisters kleiner Junge vom Kirchthurm und brach sich Arme und Beine. Der Doctor wurde mit Gewalt herbeigezogen; er rieb das Kind mit einer Salbe und nach fünf Minuten sprang es völlig gesund vom Bette auf und half seinem Vater die Glocken ziehen. Laubmann. Er muß ein Universalmittel haben. Pflock (singt in der Entfernung). Katharine. Da kommt er. Laubmann. Wir danken sehr, liebe Frau. Katharine. Nicht Ursache. Vergessen Sie nur nicht, was ich Ihnen gesagt habe; wenn der Doctor nicht will — (sie macht die Geberde des Schlagens.) Johann. Seien Sie unbesorgt; wenn'S weiter nichts ist, so werden wir ihn schon kriegen. Katharine (ab). Laubmann. Es ist doch ein Glück, daß wir diese Frau getroffen haben. Nun wollen wir uns gleich an ihn machen. Fünfte Seene. Laubmann. Johann. Pflock. Pflock (singt hinter der Scene). „Zerbrecht mir nur die Flasche nicht, sonst werd' ich wild und grauS." Johann. Wie lustig er singt. Pflock (tritt auf, die Flasche in der Hand, singend). „Sonst werd' ich wild und graus." — Ha! Ist mir doch sauer geworden! (er trinkt.) Laubmann. Er ist's. Johann. Wir haben ihn. Pflock. Ach, mein Fläschchen, meine beste, treueste Freundin. (Er bemerkt die Andern und setzt seine Flasche rechts zur Erde.) Was ist das — was wollen die hier ? Laubmann (zur Rechten, verbeugt sich tief.) Pflock (glaubt, daß Laubmann ihm die Flasche wegnehmen will; er ergreift sie hastig.) Johann (zur Linken, verbeugt sich tief). Pflock (verwundert bei Seite). Was haben diese Menschen vor? Jobs nn. Mein Herr, Ihr Name ist Pickering? Laubmann. Doctor Pickering. Pflock. Wie? Was? Laub mann. Wir erlauben uns die ergebenste Anfrage, ob Sie nicht der weltberühmte Doctor Pickering sind? Pflock. Warum soll ich denn Pickering heißen? Laubmann. Wir wollen Ihnen unfern tiefsten Respect bezeigen. Pflock. Wenn Sie das wollen, so nennen Sie mich meinetwegen Picke- ring; aber eigentlich heiße ich Pflock. Laubmann. Herr Doctor, imr sind hocherfreut. Sie zu sehen. Pflock. Hat nichts zu sagen. Laubmann. Wir wenden uns an Sie mit der gehorsamsten Bitte um Ihren Beistand. Pflock (nimmt die Mütze ab). Wenn ich kann, sehr gern. Vielleicht einige Besen — Laubmann. Aber die Sonne brennt, bedecken Sie sich gütigst. Johann. Wir bitten unterthänigst. Pflock. Was die Leute für Com- plimente machen. (Er setzt seine Mütze wieder auf.) Laubmann. Mein Herr Doctor, wir haben einen weiten Weg gemacht, um zu Ihnen zu gelangen; allein das darf Sie nicht wundern, Ihr hoher Ruf — Pflock. Das ist wahr, mein Ruf als Besenbinder — Laubmann. Ah. Sie belieben zu scherzen. Ihre erstaunlichen Leistungen— Pflock. Die besten in der ganzen Umgegend, tüchtige Stiele, gutes Reisig — Johann. Herr Doctor, davon kann ja gar nicht die Rede sein. Pflock. Ich verkaufe sie trotz dem nicht theuerer als meine College« — 9 Pfennige das Stück. Laubmann. Wir wollen nicht davon sprechen, wenn's Ihnen gefällig ist. Pflock. Billiger kann ich sie nicht lassen. Johann. Wir wissen sehr wohl, daß — Pflock. Na, wenn Sie's wissen, so werden Sie auch Nichts abhandeln. Laubmann. Aber, Herr Doctor, Sie treiben Ihren Spaß mit uns. Pflock. Nein, gewiß, nicht unter 9 Pfennige. Laubmann. So sprechen Sie doch in einer andern Weise. Pflock. Das ist so meine Weise — können Sie sie wo anders billiger bekommen, so brauchen Sie nicht von mir zu kaufen. Johann. So hören Sie doch endlich davon auf. Pflock. Und wenn Sie zu viel mäkeln, so lasse ich Ihnen gar keine ab. Ich bin kurz angebunden. Laubmann. Bester Herr Doctor, wie kann doch ein Mann von Ihren Kenntnissen und Talenten an so niedriger Verstellung Gefallen finden, sich herabwürdigen, den Besenbinder zu spielen? Warum muß ein so gelehrter und berühmter Arzt sich vor den Augen der Welt verbergen, der er so unendlich nützlich sein könnte? 7 Pflock (bei Seite). Der ist nicht recht gescheidt. Johann. Bitte, Herr Doctor, verstellen Sie sich nicht länger. Pflock. Wie? Johann. Alle diese seltsamen Pos - sen helfen Ihnen doch nichts; wir wissen , wer Sie sind. Pflock. Nun, für was halten Sie mich denn? Johann. Für einen großen Arzt. Pflock. Selbst Arzt, ich bin keiner, bin auch niemals einer gewesen. Johann (zu Laubmann). Seine Narrheit sitzt fest. (Zu Pflock.) Herr Doctor, treiben Sie eS nicht auf's Aeußerste. Seien Sie so gütig, uns nicht zu unangenehmen Maßregeln zu zwingen. Pflock. Wie so? Laubmann. Zu Maßregeln, die uns unendlich leid thun würden. Pflock. Thun Sie, was Sie wollen ; ich bin kein Arzt und weiß nicht, was Ihnen in den Sinn gefahren ist. Johann (zu Laubmann). Sie werden sehen, eö geht nicht anders. (Zu Pflock.) Noch einmal, Herr Doctor, gestehen Sie, wer und was Sie sind. Pflock (bei Seite). Die sind wirklich aus dem Tollhause entsprungen. Laubmann. Warum wollen Sie läugnen, was Jedermann weiß? Johann. Wozu die Ausflüchte; es hilft Ihnen ja doch nichts. Pflock. Lassen Sie mich in Ruhe. Ich wiederhole Ihnen, ich bin der Besenbinder Pflock. Laubmann. Sie sind also kein Arzt? Pflock. Nein. Johann. Kein Doctor? Pflock. Nein, sage ich. Laubmann. Weil Sie es denn durchaus wollen, so müssen wir Gewalt brauchen. (Laubmann und Johann schlagen auf Pflock los.) Pflock. Ah! Ah! Meine Herren, lasten Sie das sein — ich bin Alles, was Sie wollen. Laubmann. Mein geehrtesterHerr Doctor, warum nöthigen Sie uns dazu? Johann. Warum machen Sie uns die traurige Mühe, Sie durchzuprü- geln? Laubmann. Ich versichere Ihnen, daß es mir unendlich schmerzlich ist — Johann. Mir thut eS in der Seele weh — Pflock. Aber ich begreife nicht — was verlangen Sie denn eigentlich von mir? WaS soll die Posse bedeuten, daß Sie mich durchaus zum Doctor schlagen wollen? Laubmann. Wie? Sie ergeben sich noch nicht? Johann. Sie wollen kein Doctor sein? Pflock. Nein! Der Henker soll mich holen, wenn ich's bin. (Johann und Laubmann fangen wieder an, ihn zu schlagen). Pflock. Ja, ja, ja — ich bin'S, wenn Sie wünschen, bin Doctor, meinetwegen auch Apotheker, Alles in der Welt, nur hören Sie auf, mir so handgreiflich zuzureden. Laubmann. Ah, so ist eS schön, nun werden Sie wieder ganz vernünftig. Johann. Ich/freue mich herzlich, Sie so reden zu hören. Laubmann. Ich bitte Sie ganz gehorsamst um Verzeihung. Johann. Entschuldigen Sie gütigst die Freiheit, die ich mir genommen habe. Pflock. Aber sagen Sie, meine Herren Klopfgeister, sind Sie auch fest überzeugt, daß ich ein Doctor bin? Johann. Ja, wahrhaftig. Pflock. Ganz im Ernst? Laubmann. Ohne allen Zweifel. Pflock. Ich will verdammt sein, . wenn ich das gewußt habe. Laubmann. Sie sind ja der geschickteste Arzt von der Welt. Pflock. Ah! Ah! Laubmann. Der jede Krankheit heilen kann. Zohann. Za wohl. Vor drei Wochen fiel Schulmeisters kleiner Zunge vom Kirchthurm, brach Arme und Beine und Sie haben ihn augenblicklich cu- rirt. Pflock. Wer sollte das glauben! Laubmann. Kurz, mein Herr Doctor, Sie werden mit uns zufrieden sein. Begleiten Sie uns und fordern Sie, was Sie wollen für Zhre Bemühung. Pflock. Zch soll fordern, was ich will? Laub mann. Ja. Pflock. Dann ist's was Anders. Zch bin Doctor, ganz unstreitig. Zch hatte eS nur vergessen; jetzt erinnere ich mich. Um was handelt sich's? Wo ist der Patient? Laubmann. Wir werden Siehin- sühren. Sie sollen einem jungen Mädchen helfen, das die Sprache verloren hat. Pflock. Zch habe sie nicht gefunden. L a u b m a n n (zu Johann). Er kann das Spaßen nicht lassen. (Zu Pflock.) Bitte gehorsamst, Herr Doctor, begleiten Sie uns. Pflock. Za — aber in dieser Zacke — Laubmann. Bitte, wir haben keine Zeit zu verlieren. (Zu Johann.) Wenn wir ihn erst nach Hause gehen lassen, so entwischt er uns wieder. (Zu Pflock.) Seien Sie deshalb unbesorgt; sobald wir durch die nächste Stadt kommen, werden wir Zhnen gleich einen passenden Anzug verschaffen. Ueber- lassen Sie uns das. Pflock. Nun, mit Vergnügen. Da komme ich billig zu einem neuen Rock. Laubmann. Kommen Sie! Pflock. Halt! Noch einen Augenblick. (Er greift nach der Flasche, die er bei Seite gesetzt hatte.) Erlauben Sie, daß ich diese Universalmedicin mitnehme. Nun fort! (Laubmann und Johann nehmen Pflock unter den Arm. Alle ab.) Der Vorhang fällt. Zweiter Act. (Zimmer in Lommert's Hause. An der rechten Seite ein Fenster. Eine Thüre im Hintergründe, eine andere an der linken Seite.) Erste Seene. Lommert. Laubmann. Zohann. Barbara. Laubmann. Za, Herr Lommert, Sie werden zufrieden sein; wir haben Zhnen einen Arzt mitgebracht, wie es keinen zweiten in ganz Hinterpommern gibt. Lommert (am Tische sitzend). Wirklich? Zch darf also hoffen — Zohann. Gewiß. So etwas ist noch nicht dagewesen. Laubmann. Er hat Wunderkuren verrichtet. Zohann. Todte Menschen hat er wieder lebendig gemacht. Laubmann. Aber, wie ich Zhnen schon sagte, er ist sehr launenhaft und hat äußerst seltsame Manieren an sich; in manchen Augenblicken stellt er sich, als ob er nicht recht gescheidt wäre. Lommert. Zch habe schon früher Vieles über seine Sonderbarkeiten gehört. Johann. Za, er macht mitunter gar zu possierliche Streiche. Laubmann. Aber kehren Sie sich nicht daran; im Grunde ist er doch ein stupend gelehrter Mann. Bisweilen v ist seine Beredsamkeit wahrhaft hinreißend. Johann. Gerade so, als ob er aus einem Buch abläse. Lommert. Nun, ich bin begierig, ihn zu sehen. Laßt ihn doch schnell hereinkommen. Laubmann. Wir werden ihn gleich holen. (Laubmann und Johann durch die Lhüre im Hintergründe ab.) Zweite Scene. Lommert. Barbara. Barbara. Meiner Treu, Herr Lommert, der wird auch nicht mehr können als die Andern. Ich wüßte schon ein besseres Heilmittel für unser Fräulein; geben Sie ihr einen braven, hübschen Mann. Lommert. Still, Barbara, Du mengst Dich in Dinge, die Du nicht verstehst. Barbara. Wer sagt Ihnen , daß ich daS nicht verstehe? Ich bleibe dabei, das Fräulein ist liebeskrank — sie muß heiraten. Lommert. Wie kann sie denn jetzt heiraten? Wer wird eine stumme Person nehmen? — Uebrigens hatte ich ja schon vor ihrer Krankheit die Absicht, sie zu verheiraten; hat sie sich nicht da eigensinnig meinem Willen widersetzt? Barbara. Ganz natürlich. Sie wollten ihr den Müller Weißkopf auf- dringen, den sie nicht leiden mag, weil er dumm und häßlich ist. Hätten Sie ihr den Herrn Hauser angeboten, so wäre sie gewiß gehorsam gewesen. Lommert. Hauser? Von dem kann gar nicht die Rede sein. Ein Maler, der weiter nichts besitzt als seine Farbentöpfe. Barbara. Er hat ja einen reichen Onkel, den er beerben wird. - Lommert. Das ist viel zu weit aussehend. Künftige Erbschaften sind unzuverlässige Dinge. Vorläufig ist er nur ein armer Teufel und kann's noch lange bleiben. Darauf lasse ich mich nicht ein. Barbara. Zufriedenheit ist besser als Reichthum. Uebrigens sind Sie reich genug und könnten Ihrer Tochter so viel mitgeben, daß sie zu leben hätte. Aber Sie sind hartherzig, lassen das arme Fräulein lieber krank werden und sterben. (Weinend.) Ja, ja, sie wird ganz gewiß sterben, das arme, liebe Kind. Lommert. Ruhig, Barbara, Du machst viel zu viel Geschrei — der berühmte DoctorPickering wird sie heilen. Barbara. Ach was, Doctor hin, Doctor her — ich sage Ihnen, er wird ihr auch nichts helfen, und wenn das unglückliche Fräulein zu Tode curirt ist, dann werden Sie zu spät bedauern, daß Sie sie aus purem Geiz geopfert haben. Lommert. Barbara, Du vergißt Dich — Du wirst unverschämt — Dritte Seene. Die Vorigen. Pflock. Johann. Johann. Der Herr Doctor! Lommert (Pflock entgegcntretend). Ah, höchst erfreut, Sie bei mir zu sehen. Ihre Kunst und Gelehrsamkeit — Pflock (als Arzt gekleidet, in etwas auffallendem Costüm, mit großen Vatermördern, hohem Hut, langem Rohrstock mit silbernem Knopf rc., gravitätisch vorschreitend). Hippokrateß sagt — daß es — zweckmäßig ist — den Hut aufzu- setzen, um den Kopf warm zu halten. (Setzt seinen Hut auf.) Lommert. Sagt das Hippokra- tes? Ich glaubte, die Gesundheitsregel hieße: Füße warm, Kopf kalt und — Pflock. Nein, das können Sie nicht behaupten, denn in seinem fünfzehnten Kapitel — Lommert. Im fünfzehnten Kapitel -^-? Pflock. Ja, in dem Kapitel, wo er von den Filz- und Seidenhüten, sowie von der ksvalents srsbiea handelt. Lommert. Ah so,— nun entschuldigen Sie. Pflock. Also, Herr Doctor, gehorsamster Diener. (Er zieht seinen Hut vor Lommert.) Lommert. Zu wem sagen Sie das? P fl ock. Zu Ihnen. Lommert. Ich bin kein Doctor. Pflock. So? Nun, ich kann Sie dazu machen, wenn Sie mir erlauben wollen. Sie ein wenig zu bearbeiten. (Er erhebt seinen Stock gegen Lommert.) Lommert tzurückwrichend). Herr, was fällt Ihnen ein?! Pflock. Ich bin auf dieselbe Weise zum Doctor promovirt worden. (Er wirft verliebte Blicke auf Barbara und nähert sich ihr, sie zieht sich vor ihm zurück ) Lommert (zu Johann). Was für einen verdrehten Menschen habt Ihr mir in'S Haus gebracht. Johann. Ich sagte es Ihnen ja; es ist ein äußerst origineller Mann. Lommert. Er scheint mir verrückt oder betrunken. Johann. Allerdings hat er unterwegs verschiedene Stärkungsmittel zu sich genommen — aber achten Sie nicht darauf, es ist nur Spaß. Pflock. Entschuldigen Sie! daß ich so frei gewesen bin — Lommert. Sie scheinen gerne zu scherzen. Aber nun zu ernsten Dingen, wenn ich bitten darf. Ich habe eine Tochter, die in eine sehr seltsame Krankheit verfallen ist. Pflock. Es freut mich ganz unmäßig, daß Ihre Tochter meiner bedarf und ich wünschte von Herzen, daß auch Sie mit Ihrer ganzen übrigen Familie gefährlich krank wären, damit ich Ihnen beweisen konnte, wie groß meine Bereitwilligkeit ist, Ihnen mit meiner Kunst zu dienen. Lommert. Ich danke Ihnen für Ihre gütige Gesinnung. Pflock. Nicht Ursache. — Wie heißt Ihre Tochter? Lommert. Luise. Pflock. Luise? — Ein sehr schöner mythologischer Name. Kennen Sie Cabale und Liebe von Kotzebue? — Dann werden Sie wissen, was ich meine. — Nun, wo ist diese Luise? Lommert. Ich werde sie gleich holen. Pflock. Sagen Sie mir zuvor, wer ist denn (auf Barbara zeigend) diese stattliche Person in der Blüthe ihrer Jahre? Lommert. Das ist meine Haushälterin Barbara. (Durch die Seiten- thüre ab.) Vierte Seene. Pflock. Barbara. Johann. Pflock (bei Seite, nach Barbara schielend). Hm! Gar nicht übel! — Meine wertheste Barbara, Sie flößen mir eine ganz besondere Theilnahme ein — Sie sind krank — Sie leiden an der Leber — Ihr Puls — (er greift ihr an den Puls und umfaßt sie zärtlich). Barbara (sich losmachend). Ah, lassen Sie mich los, ich bin gesund, brauche keinen Doctor. Pflock. Gesund? — ha! Bedenklich krank, höchst bedenklich — Ihr Auge (er sieht ihr nahe ins Gesicht, bei Seite.) Ganz allerliebst — (laut) Ihr Mund deutet auf innere Hitze — ich muß Ihnen ein abkühlendes Medikament verordnen. Johann (tritt dazwischen und drängt Pflock zurück). Hören Sie mal, Herr Doctor, das lassen Sie bleiben. Die Barbara ist meine Verlobte. Pflock. Ha! Verlobte? Dann erlauben Sie, mein geliebtes Brautpaar, daß ich Ihnen meine herzliche 11 Gratulation abstatte. (Er breitet die Arme aus, Johann thut dasselbe, Pflock geht aber an ihm vorüber und umarmt Barbara.) Barbara (stößt ihn zurück). Pfui, was ist das für ein Mensch! Fünfte Scene. Die Vorigen. Lommert führt Luise durch die Seitenthüre herein. Lommert. Herr Doctor, hier bringe ich Ihnen meine Tochter. Pflock. Ich erwarte sie mit dem schwersten Geschütz der medizinischen Kunst. Luise (setzt sich auf einen Stuhl, den Johann herbeirückt). Pflock (setzt sich neben sie). Hm, diese Kranke ist gar nicht abschreckend , vielmehr recht appetitlich. Luise (lacht). Lommert (neben Pflock sitzend). Sie hat über Sie gelacht. Pflock. Um so besser: es ist immer ein gutes Zeichen, wenn die Patienten über den Arzt lachen. — Nun, wovon ist die Rede? Was fehlt Ihnen ? Worüber klagen Sie? Luise (Mund, Kopf und Kinn mit der Hand berührend). Hi, ha, ho. Pflock. Was meinen Sie? Luise. Ha, ho, hi. Pflock. Zch verstehe Sie nicht. Was ist das für eine Sprache? Lommert. Herr Doctor, das ist ja eben ihre Krankheit. Sie ist stumm geworden, ohne daß man die Ursache weiß. Wir haben deshalb ihre Hochzeit aufschieben müssen. Pflock. Deshalb? Lommert. Der für sie bestimmte Gatte will erst ihre Genesung abwarten. Pflock. Das muß ein rechter Narr sein. Je stummer desto besser. Lommert. Kurz, Herr Doctor, ich bitte Sie, Ihre ganze Kunst aufzubieten, um meine Tochter von ihrem Leiden zu befreien. Pflock. Seien Sie unbesorgt. Sagen Sie mir, klagt sie über Schmerzen? Lommert. Sie gibt häufig zu verstehen , daß sie Schmerzen hat. Pflock. Sehr gut. — Nießt sie manchmal? Lommert. Ja, das kommt auch vor. Pflock. Vortrefflich. — Ißt sie gern Schweinebraten mit Sauerkraut? Lommert. Sehr gern. Pflock. Bravo, das verräth einen guten Geschmack. Lommert. Ich begreife aber nicht, wie der Schweinebraten mit ihrer Krankheit zusammenhängt. Pflock. Sie begreifen nicht?! (er lacht.) Sehen Sie denn nicht. — Geschmack — (er deutet auf seine Zunge) Zunge — Stimmritze — Sprache — Stummheit — begreifen Sie jetzt? Lommert. Ja, daran hatte ich nicht gedacht. Pflock. Und nun zur Sache. (Zu Luise.) Ihre Hand — (er fühlt ihr an den Puls.) Dieser Puls deutet an, daß Ihre Tochter stumm ist. Barbara. Das haben wir schon längst gewußt. Pflock. Ja, wir großen Aerzte durchschauen es augenblicklich. Ein Ignorant wäre in Verlegenheit gera- then, hätte Ihnen gesagt, es wird wohl Dieses oder vielleicht Jenes sein. Ich gehe der Sache gleich auf den Grund und sage Ihnen mit vollster Bestimmtheit: Ihre Tochter ist stumm. Lommert. Ja, aber nun erklären Sie mir auch, woher das kommt. Pflock. Nichts leichter. Es kommt daher, weil sie die Sprache verloreiz hat. Lommert. Sehr wohl. Aber die Ursache, weshalb sie die Sprache verloren hat? Pflock. Unsere besten medizinischen Autoren werden Ihnen sagen, daß eö 12 eine Hemmung der Zungenthätig- keit ist. Lommert. Und Ihre Ansicht über diese gehemmte Zungenthätigkeit? Pflock. Hippokrates gibt darüber die unergründlichsten Ausschlüsse. Lommert. Das glaube ich. Pflock. O, es war ein großer Mann, dieser Hippokrates. Lommert. Ohne Zweifel. Pflock. Ein sehr großer Mann; er war (seine Arme über den Kopf erhebend) um so viel größer als ich. — Um jedoch auf unfern Gegenstand zurückzu- kommen, so halte ich dafür, daß diese Hemmung der Zungenthätigkeit durch gewisse Säfte hervorgebracht ist, die wir Gelehrte dumores peecantes nennen , das heißt — lmmoi-68 peccsn- te8; umso mehr, als die aufsteigenden Dünste von Einflüssen herrühren, die sich aus der Region der Krankheiten entwickeln, so zu sagen und gewissermaßen . . . Verstehen Sie lateinisch? Lommert. Nicht j,n Geringsten. Pflock (hastig auffahrend, Lommert bei der Hand fassend und mit ihm vertretend). Sie verstehen nicht lateinisch? Lommert. Nein. Pflock (mit Begeisterung). 6sbr!eis8 arei tliursm, Ostilina, 8in§ularit6r, nominstivo, don»8, dons, donum. L8t ne oratio Istina? Ltism. Husro? Warum? Oiiia 8ub8tsntivo ot* aä- Heetivum eoneorllst in §oneri, nume- rUM 6t 638U8. Lommert. Ach, warum habe ich doch nicht studirt! Zohann. Das ist so wunderschön, daß ich gar nichts davon verstehe. Pflock. Nun also, da diese auf- steigenden Dünste, wovon ich sprach, von der linken Seite kommen, wo die Leber liegt, und nach der rechten ziehen, wo das Herz ist, so findet es sich, daß die Lunge, die wir auf lateinisch 8ili8tri« nennen, in Verbindung mit dem Gehirn, welches griechisch Xnuto^vit8od heißt, vermittelst der Hohlader, auf hebräisch sps§6 to, auf ihren Wegen mit jenen Dünsten Zusammentreffen, welche die Milz ausfüllen, und weil jene Dünste — ich bitte Sie, merken Sie genau hierauf — weil jene Dünste eine gewisse Bösartigkeit haben — hören Sie gut zu — ich beschwöre Sie — Lommert. Zch höre. Pflock. ... eine gewisse Bösartigkeit haben, welche verursacht wird — seien Sie recht aufmerksam — Lommert. Ich bin eS. Pflock .welche verursacht wird durch die Schärfe, die in der Höhle des Zwerchfells erzeugt wird, so geschieht es, daß diese Dünste — (fuou8que tanllem — oomment vou8 porte? vou8 — 8tultitis, 6ixi! Gerade deshalb und aus keinem andern Grunde ist Ihre Tochter stumm. Johann. Ganz wundersam! Barbara. Da steht Einem der Verstand still. Lommert. Das Alles ist gewiß höchst gründlich und gelehrt. Nur Eins ist mir doch etwas aufgefallen. Sie sagten: das Herz läge auf der rechten und die Leber auf der linken Seite — ich glaubte immer, es sei umgekehrt. Pflock. Ja, das war ehemals so. Wir haben das Alles abgeändert. Die Umkehr der Wissenschaft ist sehr weit fortgeschritten und wir treiben die Medizin nach einer ganz neuen Methode. Lommert. Das wußte ich noch nicht. Ich bitte Sie wegen meiner Unwissenheit um Entschuldigung. Pflock. Schadet nichts. Sie sind nicht verpflichtet, so gelehrt zu sein, wie wir. Ohnehin ist es gut, wenn die Menschen nicht zu klug werden. Lommert. Gewiß. Aber, Herr Doctor, was denken Sie, was man hier gegen die Krankheit thun muß? Pflock. Was man thun muß? Lommert. Ja. 13 P fl ock. Meine Ansicht ist, daß man die Kranke wieder aufs Sopha bringt und ihr viel, sehr viel — Wein mit Zwieback eingibt. Lommert. Wozu das? Pflock. Weil im Wein und Zwieback eine sympathetische Kraft liegt, welche auf die Sprachwerkzeuge wirkt. Wissen Sie nicht, daß man den Papageien nichts Anderes gibt, und daß sie nur dadurch gut sprechen lernen? Lommert. Das ist wahr. Nun, so führt meine Tochter wieder in ihr Zimmer und gebt ihr recht viel Zwieback mit Wein. (Luise, Barbara und Johann durch die Seitenthüre ab.) Sechste Scene. Pflock. Lommert. Pflock. Zch werde bald wieder kommen und sehen, wie es mit ihr steht. Lommert (in seiner Börse suchend). Bitte, nur noch einen Augenblick — Pflock. Was wollen Sie? Lommert. Ihnen nur vorläufig meine Dankbarkeit bezeigen. Pflock. Ach lassen Sie doch — Lommert. Mein verehrter Herr Doctor — (er hält ihm ein Goldstück hin.) Pflock. Nicht doch — (streckt die Hand aus.) Lommert. Aber ich bitte recht sehr. Pflock. Nein, durchaus nicht, (er nimmt das Geld.) Lommert. Es ist ja nur ein geringer Beweis meiner Erkenntlichkeit. Pflock. Zch thue es nicht des Geldes wegen — bin kein gewinnsüchtiger Arzt. (Er wägt das Goldstück auf den Fingerspitzen.) Vollwichtig? Lommert. Allerdings. Pflock. Nun dann — mag's drum sein. (Er steckt es ein.) Lommert (verbeugt sich und geht zur Seite ab). Siebente Seene. Pflock. Darauf Hauser durch die Thüre im Hintergründe. Pflock. Hm, die Sache macht sich — (er besieht das Goldstück.) Gar kein übles Metier — wenn's aber herauskäme, daß ich eigentlich kein Doctor, sondern der ehemalige Stiefelputzer und gegenwärtige Besenbinder Pflock bin, dann könnte die Geschichte ein Ende mit Schrecken nehmen. (Er sieht zum Fenster hinaus.) Wer schleicht denn da in's Haus? — Der kommt mir ja bekannt vor — ist das nicht — ja, wahrhaftig, eS ist der Maler Hauser, dem ich die Farben gerieben habe, als ich noch die Akademie frequentirte — wenn er hereinkäme und mich trotz meiner Verkleidung erkennte! —Höre mal, Pflock, sei diplomatisch und mach' dich aus dem Staube, ehe es unangenehm wird. (Er will abgehen.) Hauser (tritt ihm entgegen, faßt ihn bei der Hand und zieht ihn nach vorn). Wir sind allein. Der Augenblick ist günstig. Herr Doctor, ich bedarf Zh- res Beistandes. Pflock (wendet den Kopf ab und zieht die Vatermörder höher ins Gesicht, bei Seite). Frechheit, steh' mir bei! (Er fühlt Hauser an den Puls.) Hm, ein sehr schlechter Puls — bedenkliches Symptom — Ha user. Zch bin nicht krank und komme nicht deshalb zu Ihnen. Pflock. Nicht krank? Warum sagen Sie das nicht gleich? Hauser. Nein. Aber dennoch ist mir Ihre Hülfe nöthig. Kann ich mich Ihnen anvertrauen? Darf ich das Lebensglück zweier Menschen in Zhre Hand legen? Pflo ck (streckt die Hand aus). Legen Sie nur zu. Was ist's denn eigentlich? Hauser. Zhr Ruf als Ehrenmann und Menschenfreund läßt es mich wagen. Erfahren Sie denn in wenig 14 Worten: Ich liebe die Tochter des Herrn Lommert, er weist mich zurück, weil ich nicht so reich bin als ein Anderer, dem er sie bestimmt. Luise verabscheut diesen Andern, und um die verhaßte Heirat wenigstens zu verzögern, hat sie sich krank gestellt. Pflock. Diese Stumme? Hauser. Sie ist nicht stumm — nur aus Liebe zu mir hat sie sich zu dieser Verstellung entschlossen- Jetzt kommt Alles darauf an, die Umstände zu benutzen, und ich würde ewig Ihr Schuldner sein, wenn Sie durch Ihren Einfluß den Vater bewegen möchten — Pflock. Herr! Was denken Sie von mir — ich sollte an einem polizeiwidrigen Complott Theil nehmen — ich, eine Medizinalperson — diese Zu- muthung empört mich viel zu sehr — ich verlasse Sie augenblicklich. (Er will hinaus.) Hauser (hält ihn zurück). O zürnen Sie mir nicht, ich habe nur die besten, redlichsten Absichten — ich — doch, waS seh ich — (er sieht Pflock scharf ins Gesicht.) So wahr ich lebe — dies Gesicht — Sie find — das ist ja Pflock! Pflock (sieht ihn ängstlich an). Glauben Sie? Hauser. Ja, wirklich — wie kommst Du hierher, Spitzbube? Und was bedeutet diese Maskerade? Pflock. Ja, sehen Sie mal, Herr Hauser, was aus dem Menschen werden kann. Mich haben sie wider meinen Willen und mit Gefahr meines Lebens zum Doctor promovirt. Dann haben sie mich hieher geschleppt, um das stumme Fraulein zu kuriren. Ich bin ganz ohne meine Schuld in diese Patsche gekommen und müßte dennoch einer Portion Peitschenhiebe entgegensehen, wenn die Geschichte entdeckt würde. Werden Sie mich verrathen? Hauser. Gewiß nicht. Im Gegen- theil, Du sollst Deine Rolle noch weiter spielen und mir dadurch einen großen Dienst erzeigen; es wird Dein Schade nicht sein. Pflock. Herr Hauser sind immer generös gegen mich gewesen und Alles was in meinen Kräften steht — Hauser. Horch! Man kommt. Schnell fort! Ich werde Dir meinen Plan erklären. (Er zieht Pflock mit zur Thüre im Hintergründe hinaus.) Achte Seene. Lommert und Johann (treten durch die Seitenthüre ein). - Lommert. Es ist doch merkwürdig, daß ein so grundgelehrter Mann sich so närrisch geberdet. Ich habe in meinem Leben keinen so kuriosen Doctor gesehen und würde ihn für einen Verrückten halten, wenn ich nicht mehrfach gehört und gelesen hätte, daß gerade die größten Gelehrten die vertraktesten Sonderbarkeiten an sich haben. Johann. Ja, Herr Lommert, ich habe es Ihnen gleich gesagt, der Wunderdoktor ist ein Bischen verdreht. Sie hätten nur sehen sollen, was er für närrische Capriolen machte, als wir ihn im Walde fanden. Unterwegs gab er die lächerlichsten Schnurren an und zweimal wollte er uns echappiren. Ich fürchte, daß er auch jetzt noch davon läuft, ehe er mit der Cur fertig ist. Lommert. Das wäre noch schöner. Sieh doch einmal, wo er geblieben ist, und wenn Du ihn triffst, so bringe ihn her. Johann (ab durch die Lhüre im Hintergründe). Neunte Seene. Lommert. Gleich darauf Barbara. Hernach Pflock. Lommert. Ich möchte mein halbes Vermögen darum geben, wenn 18 meine arme Luise die Sprache wieder bekäme. Barbara (durch die Seitenthüre). Lommert. Nun, Barbara, wie geht's meiner Tochter? Barbara. Oh, viel besser. Seit- dem sie des Doctors Arzenei gegessen und getrunken hat, ist sie gar nicht mehr traurig, sie singt und lacht. Lommert. Das ist ja sehr erfreulich. Wenn sie erst singen kann, wird sie auch bald wieder sprechen. Ah, da kommt der Doctor. Pflock (durch die Thüre im Hintergründe). Wo ist die Patientin? Lommert. In ih rem Zimmer. Barbara erzählte, daß sie sehr munter ist und singt. Pfl ock. Um so schlimmer. Lommert. Wie so? Pflock. Stumm bleibt sie doch, stumm bis an ihr Lebensende. Lommert. Sie erschrecken mich. Pflock. Und daran sind Sie Schuld. Lommert. Ich? Pflock. Ja, Sie ganz allein. Herr Lommert, eine Frage: Lieben Sie Ihre Tochter? Lommert. Freilich, sie ist ja mein einziges Kind. Pflock. Und doch wollen Sie der Mörder Ihres einzigen Kindes werden? Lommert. Unmöglich! Pflock. Sehr möglich. Das will ich Ihnen sogleich erklären. Ihre Tochter soll heiraten, nicht wahr? Lommert. Za, das soll sie. Pflock. Einen Mann, den Sie ihr aufdringen und den sie nicht leiden kann — sehen Sie, das sind die du- more8 peoosntes — darum ist sie krank und hat die Sprache verloren. Lommert. Woher wissen Sie das? Pflock. Oh, ich weiß noch mehr. Zhre Tochter liebt einen Andern, den Sie abgewiesen haben. Lommert. Weil er ein Maler ist, ein Mensch ohne Vermögen. Pflock. Nun aber wiederhole ich Ihnen, daß Zhre Tochter ewig stumm bleiben wird. Lommert. Ewig stumm?! Pflock. Wenn's nur dabei sein Bewenden hatte. Aber es kommt noch schlimmer. Die kumore8 p66esnl68 werden zum Herzen dringen; dann ist die Kranke rettungslos verloren und muß sterben. Lommert. Sterben?! Pflock. Ja, sterben! Seien Sie davon überzeugt. Barbara (weinend). Ach, Herr Lommert, wenn das arme Fräulein stirbt, dann halte ich's hier nicht länger aus; ich ziehe von Ihnen fort und Sie können sehen, wie Sie ohne mich fertig werden. Lommert. ES wäre entsetzlich. Pflock. So wird es kommen, wenn Sie sie zwingen, einen Mann zu heiraten, der ihr verhaßt ist. Wenn Sie aber wollen, daß Zhre Tochter gesund wird, daß sie augenblicklich die Sprache wieder bekommt, so gibt eS nur Ein Mittel, ein Einziges. Lommert. Was für eines? Pflock. Wollen Sie meinem Rathe unbedingt folgen? Lommert. Za doch, um'S Himmelswillen, sprechen Sie nur. Pflock. So lassen Sie Ihre Tochter hereinsühren und sagen Sie ihr, was ich Ihnen vorsprechen werde. Lommert. Liebe Barbara, hole sie schnell herbei. B arbara (zur Seite ab). Zehnte Seene. Lommert. Pflock. Gleich darauf Barbara und Luise. Lommert. Was soll ich ihr sagen? Pflock. Sie sollen sie fragen, ob sie den Müller Weißkopf zum Manne haben will. Lommert. DaS ist ja eben der, 16 den ich ihr geben wollte und den sie nicht mag. Pflock. Gut. Wenn sie dazu den Kopf schüttelt, so werden Sie weiter fragen, ob sie den Maler Hauser will. Lommert. Nein, das kann ich nicht. Pflock. Sie wollen Ihre Tochter ins Grab stürzen? —Dann zieheich meine Hand von Ihnen ab und überlasse Sie Ihrem Schicksale. Sie Kin- desmörder! Lommert. Sie spannen mich auf die Folter. Pflock. Und Barbara, Ihre vortreffliche Haushälterin, diese treue Seele, wird Sie auch verlassen. Sie werden einsam dastehen und keinen Menschen um sich haben, der Ihre Gewissensbisse besänftigt, Sie grausamer Kambyses. Lommert (tief seufzend). Nun, — ich will's thun, wenn's durchaus nicht anders geht. Pflock. Dann schnell und ohne Zeitverlust! (Luise und Barbara treten ein. Luise setzt sich.) Lommert (zu ihr tretend). Liebes Kind, wie ist Dir? Luise (läßt den Kopf hängen). Lommert. Bist Du noch immer so krank? Luise (nickt mit dem Kopfe). Lommert. Sieh, ich möchte gern von einer wichtigen Angelegenheit mit Dir sprechen. Du weißt, daß ich Dich dem Müller Weißkopf bestimmt habe. Willst Du ihn schlechterdings nicht heiraten? Luise (schüttelt heftig mit dem Kopfe). Lommert. Nicht?— Nun, dann muß ich diesen Gedanken aufgeben. Luise (erhebt sich halb und sieht ihn freudig an). Lommert. DenMalerHausermöchtest Du wohl lieber haben? Luise (springt entzückt auf). Ach mein lieber guter Vater! k°"m«7r.°' I S-- ha. g-sp.°ch-n. Luise (schnell sprechend). Wie selig machen Sie mich.' Ich bin vollkommen gesund, habe mich nie so wohl gefühlt, mein einziger, bester Vater! (sie fällt Lommert um den Hals.) Sie willigen also in meine Verbindung mit dem braven Hauser? Pflock. Merken Sie nun die Zun- genthätigkeit? Lommert. Ja, Kind, das ist doch eine schlimme Sache — ein armer Maler — Eilfte Scene. Die Vorigen. Hauser. Darauf Katharine und Johann (durch die Thüre im Hintergründe). Hauser (der während der letzten Rede eingetreten ist). Nicht ganz so arm, Herr Lommert, seitdem ich meinen Onkel beerbt habe, Ich werde mich in Ihrer Nachbarschaft ankaufen und den Malerpinsel mit dem Pfluge vertauschen, wenn eS Ihnen so lieber ist. Lommert. Sie haben Ihren Onkel beerbt? Hauser. Er ist leider vor 8 Tagen gestorben. Luise. O bester Vater, hindern Sie unser Glück nicht länger! Hauser. Schenken Sie mir die Hand Ihrer liebenswürdigen Tochter. Lommert. Nun, dann nehmt Euch in Gottes Namen. Pflock. Hippokrates sagt in seiner Abhandlung von den Verlobungen, Kindtaufen und Hochzeiten, so wie in dem höchst wichtigen Kapitel (die Hand nach Lommert ausstreckend) vom ärztlichen Honorar — (Katharina tritt hastig ein, hinter ihr Johann.) Katharina. Er muß hier sein — ich »habe seine Spur verfolgt — ach, da ist er — Pflock, ich dachte schon, 17 Du hättest mich ganz verlassen, würdest niemals wiederkommen, mein lieber Mann! (Sie fällt Pflock um den Hals.) Pflock. Nun wird die Bombe platzen. Lommert. Was ist das? Der Doctor—diese Frau — ihr Mann? Katha rine. Za, mein Mann, der vorzüglichste Besenbinder in ganz Hinterpommern. Lommert. Ein Besenbinder? Dieser Mensch — kein Doctor?! Also habt Zhr Alle Comvdie mit mir gespielt? Habt mich zum Narren gemacht? Luise. Lieber Vater, wir sind unschuldig an diesem Mißverständnis Lommert. Aber Zohann, Du Haft ja diesen Landstreicher hierher gebracht — also hast Du mich betrogen. Johann. Nein, Herr Lommert, ich bin unschuldig; die Frau da (auf Katharine zeigend) sagte, es wäre der Wunderdoktor. Lommert. Sie also hat die Geschichte eingerührt? Warte Sie, freche Person, ich lasse Sie einstecken. Katharine. Ach, lieber Herr, ich bin auch unschuldig. Zch wollte nur meinem Mann einen Streich spielen und konnte ja nicht wissen, was daraus werden würde. Lommert. Aber Er Hallunke, wie konnte Er sich unterstehen?! Er muß auf die Tretmühle. Pflock. Herr Lommert, ich bin der Allerunschuldigste; mich Opferlamm haben sie so lange geprügelt, bis ich zum Doctor geworden bin und haben mich dann hierher zur Schlachtbank geliefert, mich unglücklichen Familienvater ! Lommert. Aber wer ist denn eigentlich hier der Schuldige? Luise. Ein bischen schuldig sind wir wohl Alle miteinander. Aber, lieber Herzenspapa, da Alles so gut geendet hat, so zürnen Sie nicht länger und gewähren Sie uns Zhre Verzeihung! (Sie streichelt ihm die Wangen.) Alle (außer Lommert und Pflock). Ihre Verzeihung! Pflock (vor Lommert niederknieend). Zhre Verzeihung, Herzenspapa! Lommert. Nun, was soll ich machen — ich verzeihe Euch — nur diesem durchtriebenen Gauner nicht, (auf Pflock deutend) Der muß exemplarisch bestraft werden. Pflock (aufspringend). So? — Sie unversöhnlicher Tyrann! Sie wollen mich bestrafen? — Zch verlache Sie und appellire an das unparteiische Ur- theil (auf das Parterre zeigend) dieses großen Gerichtshofes! Der Vorhang fällt. Wien 1824. Druck und Verlag von I. B. WalliShausser. In demselben erläge sind ersch lenen: Grillparzer, F.. Die Ahnfrau. Trauerst», in 5 A. 6. Ausl. gr.8.1844.1 Thlr. od.1 fl.30 kr. — Sa pp ho. Trauerst», in 5 Akten. 3. Aufl. gr. 8. 1822. 26 Sgr. oder 1 fl. — Das gvldene Vließ. Dramat.Gedicht Ln 3 Abtheilungen, gr. 8. 1822. Druckp. geh. 1 Thlr. 25 Sgr. oder 2 fl. — Schreibp. 2 Thlr. 15 Sgr. oder geb. 3 fl. — König Ottokar's Glück und Ende. Trauerst». in 5 Aufz. 2. Aufl. gr. 8 1852. 1 Thlr. 24 Sgr. oder 2 fl. — Ein treuer Diener seines Herrn. Trauerst», in 5 A. gr. 8. Druckp. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. —Velinp. 1 Thlr. 15 Sgr. od. 2fl. — Der Traum ein Leben. Dramat. Märchen in 4 Akt. gr. 8. geh. 1840.1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. s. Ausg. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Weh' dem der lügt! Lustsp. in 5 Akt. gr. 8. geh. 1840. 1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. feine Ausg. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — DeS Meeres und der Liebe Wellen. Trauerst,, in 5 A. gr. 8. geh. 1840.1 Thlr. oder 1 fl. 30 kr. f. Ausg.1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Melusin a. Romantische Oper in 5 Akt. Musik von Kreutzer. 1833. 8. 15 Sgr. oder 48 kr. feine Ausg. 20 Sgr. oder 1 fl. Um den Ankauf sämmtlicher Stücke von Grillparzer zu erleichtern, ist der Verkaufspreis auf einige Zeit, bei Abnahme auf Einmal gestellt: 8 Thlr. statt 10 Thlr. und 10 fl- statt 13 fl. 18 kr. Feldmann, L..denIsche Original-Lustspiele. 8. I.—VI. Band. Inhalt: I. Bd. 1845: Sohn auf Reisen. — Die Kirschen. — TaS Porträt der Geliebten. — Die freie Wahl. — Die schöne Athenienserin. II. Bd. 1847: Der Pascha und sein Sohn. — Ein Freundschafts-Bündniß. — Ursprung des Korbgebens. — Eine unglückliche Physiognomie. — Drei Candidaten. III. Bd. 1849: Ein höflicher Mann. — Der dreißigste November. — Ein Mädchen vom Theater. — Baron Beisele und sein Hofmeister Doktor Ei- sele in München. —Der Lebensretter. I V. Bd. 1849: Der Rechnungsrath und seine Töchter. — Der deutsche Michel, oder: Familien-Un- ruhen. — Kern und Schale. — Ahnenstolz in der Klemme. — Bekenntnisse eines Brautpaares. — Das Narrenhaus. —V. Bd. 1851: Faustin I., Kaiser von Haiti. — Ein altes Herz. — Die beiden Kapellmeister. — Das Gastmahl zn Luxenhain. — Der neue Robin. son, oder das goldene Deutschland. VI. Bd. 1852: Die beiden Faßbinder, oder Reflexionen und Aufmerksamkeiten. — DieSchicksalsbrüder. — Die Industrie-Ausstellung, oder Reise- Abenteuer in London. — List und Dummheit. PxeiS eines jeden Bandes 2 Thlr. oder 2 fl. 48 kr. Weissenthurn, Joh. Franul v.. neueste Schauspiele. 11. Band, oder neuer Folge 3. Band. Enthält: das letzte Mittel, Lustspiel in 4 Akten. — Der Traum. Lustsp. in 1 Akt. — Die Reise nach Amerika. Schausviel in 1 Akt. — Die Engländerin. Lustspiel in 1 Akt. gr. 8. 1826. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Desgleichen 12. Band, oder neuer Folge 4. Band. Enthält: Die Pilgerin. Lustsp. in 4 Akten. — Die Burg Gölding, rom. Schausp. in 5 Akten. — So lohnt sich Kunst, Vorspiel zum 4. Oktober, gr. 8.1829. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Desgleichen 13. Band, oder neuer Folge 5. Band. Enthält: Das Manuskript, Lustsp. in 5 Akten. — Pauline, Schausp. in 5 Akten, gr. 8. 1832. 1 Thlr. 15 Sgr. oder 2 fl. — Desgleichen 14. Band. oder neuer Folge 6. Band. Enthält: Des Malers Meisterstück, Lustsp. in 2 Akten. — Der erste Schritt, Lustsp. in 4 Akten. — Der Brautschleier, Lustsp. in 1 Akt. — Die Geprüften Lustsp. in 5 Akten, gr. 8. 1836. 1 Thlr 22 Vr Sgr. oder 2 fl. 20 kr. — Desgleichen 1z. Band, oder neuer Folge 7. Band. (Nachgelassene Schauspiele. Herausg. von Carl Engelbrecht. 1. Band.) . Enthält: Die Fremde, Schausp. in 3 Akten. — Die stille Braut. Alpensage in 1 Akt. — Ein Mann hilft dem Andern. Lustsp. in 1 Akt. — Alles aus Freundschaft. Lustsp. in 1 Akt. — Sie hilft sich selbst. Lustsp. in 4 Akten, gr. 8. 1848. 1 Thlr. 24 Sgr. oder 2 fl. 40 kr. — Die Bestürmung von Smolensk. Romantisches Schauspiel in 4 Akten, gr. 8. 1833. 18"/» Sgr. oder 48 kr. — Die Ehescheuen. Lustsp. in 1 Akt. gr. 8. geh. 1833. 7Vr Sgr. oder 24 kr. — Die beschämte Eifersucht. Lustspiel in3 A. gr. 8. geh. 1833.10Sgr. oder 30 kr. — Die Erben. Lustsp. in 1 Akt. gr. 8. 20 Sgr. oder 1 fl. — Das Mißverständnis Lustsp. in 1 A. gr. 8.1833. geh. 8Sar. oder 24 kr. — Die Radikalkur. Lustip. in 3 Akt. gr. 8. 1833. 12 Sgr. oder 36 kr. — Die Versöhnung. Schausp. in 3 A. N. d. Franz, gr. 8.1833.12 Sgr. od. 36 kr. — Der Wald bei Hermannstadt. Rom. Schausp. in 4 A. Nach dem Franz, gr. 8. 1833. 16 Sgr. oder 48 kr. Castelli, I. F., dramatisches Sträußchen. 1 — 20ster Jahrgang. 1809, 1817— 1831. 16. gebunden, jeder Jahrgang 1 Thlr. 15 Sgr. oder 1 fl. 48 kr Am Gkavier. —— Lustspiel in einem Acte von IIi. Larrieiv und 1ule8 l-oiiu Nach dem Französischen srei bearbeitet von M. A Gran-jean. Nepertoirstück des k. k. Hofburgtheaters in Wien. Dritte Aussage. Alle Rechte Vorbehalten. Wien, 1878. Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1- Personen: JuleS Franz, Lieder-Compositeur. Bertha von Beaumont. Julie, deren Kammerfrau. Ein Bedienter. - (Die Handlung geht zu Paris bei Frau von Beaumont vor.) Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. (Boudoir bei Frau von Beaumont. Mittelthür im Hintergründe, mit dem Ausgange in ein Vorzimmer. Zu beiden Seiten derselben Thüren, nach den inneren Gemächern führend. Jene links geht nach einem Cabinet, dessen dem Zuschauer sichtbares Fenster ans die Straße sieht. Auf derselben Seite im Vordergründe ein Schreibtisch, rechts ein geheizter Kamin. Auf demselben eine Uhr. Armleuchter und ein Becher zur Aufbewahrung von Schmucksachen. Vor dem Kamin eine Causeuse und nahe bei derselben, gegen die Mitte de« Gemaches, ein Gueridon. Links, etwas vor den Schreibtisch gerückt, ein Clavier, ober dem Schreibtische ein männliches Porträt. Zwischen den Thüren Consolen mit Büsten, Statuetten, Porzellanvasen rc.) Erste Scene. Julie und Bertha. Julie (welche eben die Kerzen auf dem Kamin angezündet hat). Wünschen die gnädige Frau vielleicht das Bracelet? Bertha (inmitten der Bühne). Ich Hab' es schon. Julie (geht wieder nach dem Kamin zu). Bertha (ruft). Julie! Julie. Die gnädige Frau befehlen? Bertha. Wie spät ist's? Julie (nach der Uhr sehend). Diese Uhr zeigt auf acht — die andere im Schlafzimmer auf halb neun. Bertha. Gut. — Julie! Julie. Gnädige Frau? Berth a. Was haben wir für Wetter? Julie. Das Barometer im Vorzimmer weiset auf schön Wetter — draußen regnet es aber. Bertha. Julie! Julie. Gnädige Frau! Bertha. Wie lange bin ich Witwe? Julie. Mein Gedächtniß sagt — fünfzehn Monate — die Miene der gnädigen Frau — fünfzehn Jahre. Bertha (nähert sich dem Kamine). Das war sehr ungeschickt. Theater-Repertoir 40- Julie (verlegen in einem Album blätternd). Verzeihen Sie, gnädige Frau — (Pause.) Bertha. Julie — wie gefällt Dir mein Vormund, Herr von Nerville? Julie. Der zukünftige Herr Ge- mal? — Bertha (lebhaft — streng). Mein Vormund, sagt' ich, Herr von Nerville — Julie (mit einem Blick auf das Porträt). Er hat zu große Vatermörder und einen zu kleinen Schnurbart. Er sieht gar nicht ein bischen künstlerisch aus. Bertha. Ei — wie es scheint, liebst Du die Künstler? Julie. Ja wohl, gnädige Frau. Künstler sind amüsant, geistreich — B ertha. Und ungezogen. (Setzt sich auf die Causeuse.) Julie. Ungezogen? — Bitte um Entschuldigung, gnädige Frau. Mir haben sie immer sehr viel Artigkeiten und Aufmerksamkeiten erwiesen. Ich war bei einem Maler, bei einem Bildhauer, bei einem Musiker — und befand mich überaus wohl, ich bekam schmale Kost, aber ich war doch sehr, sehr zufrieden. ^ O gnädige Frau — versuchen Sie es nur mit — Bertha. Mit der schmalen Kyst? Danke schön. Ich weiß es wohl — Du 1 * 4 hast gewettet, ich würde nicht Frau von Nerville werden. Julie. Lassen Sie mich gewinnen — und nehmen Sie einen Künstler zum Mann. Bertha. Tolles Geschwätz! Julie. Versuchen Sie's nur, gnädige Frau. Bertha. Schweig davon. Wenn Du durchaus plaudern willst, so plaudere von Herrn von Nerville. Julie. Zu Befehl, gnädige Frau. (Nach kurzem Besinnen.) Ist es Wahr, daß Herr von Nerville des Nachts mit Handschuhen schläft? Bertha. Alberne Frage! Julie. Sein Bedienter hat mir's erzählt. Diese Mode ist spaßhaft, nicht wahr? Bertha. Schweige! — Um wie viel Uhr soll mich Herr von Nerville iu's Concert abholen? Julie. Um neun Uhr. (In ihren frühern Ton zurückfallend.) Glauben Sie mir, gnädige Frau, Sie sind den Künstlern mehr hold, als Sie selbst wissen und gestehen wollen. Bertha. Faselst Du schon wieder davon? Julie. Beweis dessen ist, — daß Sie sich noch immer gerne an die drei Monate erinnern, welche Sie vor fünf Jahren, noch vor Ihrer Heirat, im Elsaß verlebt haben. Bertha (aufstehend — geht ab und zu) Das geb' ich zu. Ich sehne mich zuweilen dahin zurück. Julie. Das heißt nach Ruhe, nach Einsamkeit. Bertha. Und noch — nach etwas Anderem. Julie. Das wäre — gnädige Frau? Bertha. Nach meinem Retter. Julie. Wie? Bertha. Nach dem jungen Hirten aus den Gebirgen, der eine so sanfte, liebliche Stimme hatte. Julie. Ei, ei — davon wußte ich ja gar nichts. Bertha. Eines Abends war ich von einem Feste in der Nachbarschaft auf dem Heimwege, ich trug das Costüm einer Elsaßer-Bäueriu, — da verirrte ich mich im Gebirge. Seit zwei Stunden suchte ich den Heimweg — umsonst — das Echo allein antwortete meinem wiederholten Rufen — da hörte ich eine silberhelle Stimme — nie werde ich das Lied des armen Ziegenhirten vergessen. (Singt leise vor sich hin.) Ich bat sie um die Rose, Sie sprach ein schnelles „Nein!" Ging lachend ihres Weges, Ich blieb betrübt allein. Es blühen viel tausend Blumen Und duften um mich her. Doch so wie jene Rose Find' ich wohl keine mehr. Julie. Das ist ja sehr rührend! Bertha (fort erzählend). Ich folgte der Richtung, von welcher der Gesang kam, und fand den Weg. Meinen Hirten Hab' ich später noch zweimal gesehen. Ich besuchte ihn in seiner Hütte und lauschte gar zu gerne seinen Liedern. Die Heldin derselben war stets ein junges Mädchen — das er sehr liebte — wahrscheinlich seine Verlobte. Julie. Ah, Sie hatten also eine Nebenbuhlerin? Berth a. Eine Nebenbuhlerin? Meinst Du denn, ich sei in den Ziegenhirten verliebt gewesen? Julie. Ich meine so. Bertha (lächelnd). Ich glaub'es fast auch. Seilte rauhe Gleichgiltigkeit gefiel mir. Er bekümmerte sich gar nicht um meine Anwesenheit — ja er that, als ob ich gar nicht da wäre — ich bat ihn zu singen und er sang. — Das war Alles. Einmal begegnete ich ihm fern von seiner Hütte und er erkannte 5 mich nicht — ging gleichgiltig vorüber. Da Hab' ich fast einen Augenblick gewünscht, eine arme Tochter der Hirten zu sein — im nächsten Augenblick war der kindische Gedanke verflogen. Julie. Uud dann haben Sie sich beeilt, Frau von Beaumont zu werden. Bertha. Hatte ich Unrecht? Julie. Nein, denn Sie wurden sehr bald wieder Witwe. Bertha. Julie! Julie. Wie war' es aber, wenn Sie jetzt einmal wieder einen Ausflug nach dem Elsaß machten? Bertha (dieß überhörend — sieht nach der Uhr). Es ist doch sonderbar — Herr von Nerville kommt nicht. Er hatte mit Herrn von Sareuil eine Partie zu Pferde vor — ich hörte etwas von einer Wette — Julie. Ein Wettreiten? Vielleicht hat er den Hals gebrochen. Bertha. Schweige! — Schweig', sage ich — und wenn der Wagen des Herrn von Nerville vorfährt, so be-! nachrichtige meine Tante, sie wird uns begleiten. Jetzt geh'! Julie. Sehr wohl, gnädige Frau. (Bei Seite im Abgehen.) O, Wenn er sich doch nur den Hals gebrochen hätte! (Ab durch die Mittelthür) Zweite Scene. Bertha (allein). Kindisches Ding — sie hat mir fast Angst gemacht! (Besieht sich in einem Hand- spiegel, welcher auf dem Gueridon steht.) Ach, diese Diamanten sind abscheulich gefaßt! Ich zittere noch, wenn ich daran denke! (Während sie eine Haarlocke zurückdrängt.) Aber — 's ist ja doch keine Gefahr dabei! Herr von Nerville ist ein vortrefflicher Reiter — er nimmt sich so gut zu Pferde aus — fast besser als Zu Fuß. — Mein Gott, wenn ich einen Künstler znm Mann nähme — was würde meine Tante, die gnädige Frau Aebtissin, dazu sagen? — Und mein Onkel, der gestrenge Herr Marquis? — Wie ich heute so blaß und eingefallen bin! Ich sehe ja aus wie der abnehmende Mond — wie eine sentimentale Hirten-Legende aus den Elsaßer Bergen. (Vor sich hinsummend.) Doch so wie jene Rose Find' ich wohl keine mehr — ES ist sonderbar — eigentlich lächerlich ist es — dieses Lied macht mich immer ganz weichherzig! Geschwinde einen andern Gedanken her — an einen heiteren Gegenstand — an Herrn von Nerville zum Beispiel. (Das Porträt besehend.) Er hätte sich auf seinem Rappen sitzend malen lassen sollen. Er ist so schön — sein Rappe! (Gähnt.) Ich fange an mich erschrecklich zu langweilen. Womit soll ich mir die Zeit vertreiben, bis mein zögernder Chevalier sich ein- ! findet? (Auf ihr Piano blickend.) Ah, diese Noten, welche schon so lange unbesehen liegen, müssen mir allerlei Hübsches zu sagen haben. (Setzt sich an's Piano.) Nun denn, weiße und schwarze Schwestern, sprecht ihr von Liszt oder Thalberg, von Weber oder Mozart? (Ein Musikstück znr Hand nehmend.) Was ist das? — Neue Lieder! von Franz — „Seelenstimmen!" — Franz! Das ist ja derselbe Compositeur mit dem deutschen Namen, dessen tragische Biographie ich gestern gelesen habe. Er soll erst 25 Jahre alt sein. — So jnng — so voll Talent und so unglücklich! — Ich möchte ihn wohl kennen! (Präludirend.) Alles, was er schreibt, ist so entzückend einfach — so wahr empfunden. (Singt, sich selbst am Piano begleitend.) Du hast mich arg betrogen, Den Frieden mir geraubt, Hast Liebe mir geschworen, Ich habe dir geglaubt. 6 Nun hast du mich verlassen, Ich fluch' dir dennoch nicht, Weil tief in meinem Herzen Erinnerung für dich spricht. Dritte Scene. Bertha. Julie (herbeieilend.) Julie (lachend). Gnädige Frau — o — es ist zu drollig! Bertha. Was gibt's? Julie. Ha — ha — ich war eben im Salon — und wollte die Fenster schließen — da bemerkte ich unten einen Hut, der wie besessen umherfährt — endlich guckt ein Gesicht in die Höhe — ein grimmig böses Gesicht. — Dieses Gesicht sieht herauf, öffnet den Mund, und lästert fürchterlich — dann bleibt der verrückte Mensch endlich stehen, stampft mit den Füßen, schlägt den Tact mit seinem Spazierstock, und schreit einmal über das andere Mal heraus: Mehr Ausdruck, langsam — oou moto — OOQ moto! Bertha. Wie? Julie. Ich brach in ein Helles Gelächter aus, das machte den unten aber gar nicht irre — er fuhr immer wieder hin und her wie ein Blutegel, weun's regnet, zischte und tobte: — O, wie erbärmlich! Schlecht, ganz schlecht. — Gar kein Gefühl, nicht ein bischen musikalisches Gehör! Bertha. Kein musikalisches Gehör? — das hat er gesagt? Julie. Das — und —noch mehr. Bertha. So? Was noch? Julie. Ich möcht' nur wissen, sagte er — welcher Stümper — Bertha. Stümper? Julie. Diese Person das Singen gelehrt hat — Bertha. Sagte er? Also kein Gehör — kein Gefühl — keinen Ausdruck? Was hat der Mensch darüber zu ur- theilen! (Setzt sich wieder an's Piano.) Ich bin in meinem Zimmer und kann so schlecht singen und spielen, als es mir beliebt. Julie. Ei. das Wohl. (Geht nach dem Fenster des Cabinets zu.) Bertha. Und ich will es auch thun. (Singt und spielt absichtlich ganz unrichtig.) „Du hast mich arg betrogen," (Zu Julien.) Steht nun der Herr Kritikus noch unten? „Den Frieden mir geraubt," (Zu Julien, welche das Fenster des Cabinets halb geöffnet hat.) Nun? Julie. Er läuft auf und ab wie ein friscvgefaugener Tiger im Käfig. Bertha. Gut. So will ich's haben. (Spielt und singt heftig.) „Hast Liebe mir geschworen. Ich habe dir geglaubt." — Julie (zurückkommend). Jetzt hat er seinen Stock zerbrochen. Bertha (laut lachend und noch schlechter spielend). Ha, ha, ha, — der Mann amüsirt mich köstlich! (In diesem Augen- blick fliegt etwas in's Zimmer, Bertha hält inne.) Nun, wirft er mit Steinen? (Steht auf.) Julie (die das hereingeworfene Papier geöffnet hat). Nein, gnädige Frau — es sind zwei Sous. Bertha. Zwei Sous? Eine Stimme (von der Straße). Mehr als genug! Bertha (gereizt). Welche Unver- schämtheit! — Jetzt treib ich es erst recht arg, ihm zum Possen! — Julie, spiele Du mit mir! Julie. Ich — ich kaun's ja gar nicht. Bertha. Wenn auch —komm nur, geschwinde. (Bertha und Julie spielen ein ohrenzerreißendes Durcheinander. — Klingeln von außen.) Julie. Gnädige Frau — mau klingelt! Bertha (innehaltend). Ah, das ist Herr von Nerville. — Endlich! — 7 Wäre er nicht so lange ausgeblieben, so wäre das Alles nicht geschehen! — Er ist Schuld daran! (Zu Julien.) Nun — so öffne doch! Julie. Justin ist im Borzimmer/ gnädige Frau. Bertha. Gut — geh' also zu meiner Tante hinauf — da hinaus — über die kleine Treppe. (Julie rechts ab.) Vierte Scene. Bertha. Später ein Bedienter. Gleich darauf Franz. Bertha. Solche Beleidigungen muß man sich gefallen lassen — von dem ersten besten Pflastertreter, der unter dem Fenster vorübergeht! — Ja, wenn man Witwe ist und im ersten Stock wohnt — hm — da ist zu helfet» — ich nehme einen anderen Mann und eine andere Wohnung — die Wohnung auf der Stelle und den Mann bald darnach! (Besieht sich im Spiegel über dem Kamin.) Jetzt bin ich purpurroth im Gesicht — vor Zorn — wie konnte ich mich aber nur so ärgern! (Setzt sich vor den Kamin.) Bedienter (meldend). Gnädige Frau — es ist — Bertha (schnell). Nur herein. (Bei Seite.) Jetzt will ich dem guten Herrn von Nerville ein wenig den Text lesen, dabei gewinne ich Zeit, mich zu sammeln. (Nimmt rasch ein Buch vom Kamin und schlägt es auf. Bedienter geleitet Franz herein und schließt die Thür wieder.) Fünfte Scene. Bertha und Franz. Franz (tritt hastig durch die Mittelthür ein, sieht sich einen Augenblick um, und geht dann gerade auf das Piano los). Ein Piano — hier war eS! Bertha (sich erschreckt umwendend). Ah! — Ein Fremder! — Mein Herr — was wünschen — was suchen Sie hier? Franz. Entschuldigen Sie — gnädige Frau — waren Sie es, die vorhin spielte? Bertha. O — waren Sie es, der vorhin rief: Mehr Ausdruck, con moto! Franz. Ja, Madame, Sie spielten die „Seeleustimmen" ? Bertha. Und dann — kein bischen Gefühl — Franz. I. Serie, Lied Nr. 7. Bertha. Kein musikalisches Gehör — Franz. Tonart! L-moU. Bertha (gibt ihm das Zweisousftück, welches Julie auf den Gueridon gelegt hat). Sie haben da ein Geldstück fallen lassen, mein Herr. Franz. Entschuldigen Sie, gnädige Frau — ein Moment des AergerS riß mich hin, denn — aufrichtig gesagt — der arme Componist wurde zu übel mißhandelt — das würmte mich — das hielt ich nicht aus — es war eine Ohrenmarter — wahrhaftig — und eine Gemüthstortur obendrein! (Bertha klingelr, Franz fährt fort.) Wie kann mau nur da so verkehrt, so verfehlt auffassen! Diese Worte — diesen Ausdruck der Musik — wie kann man das so gänzlich mißverstehen. — (Nimmt das Musikstück und nähert sich Bertha damit.) Bertha (zu Julien, die eben eintritt). Julie, leuchte diesem Herrn! (Mit einem kurzen Gruße links ab.) Sechste Scene. Franz. Julie. Julie (bei Seite). Was seh' ich — das ist der verrückte Blutegel! Franz (der verdutzt stehen blieb). Meiner Treu — die ist kurz angebunden! Dieser Ausdruck der vollständigen Ungnade läßt sich wenigstens nicht mißverstehen. — 8 (Benha iiachahniend). Julie, leuchte diesem Herrn! Julie (an der Thür, das Licht in der Hand). Ich warte eben deßwegen. Ist's gefällig? Franz. Später. (Wieder halb für sich.) Hätte ich ihr vielleicht sagen sollen, sie habe gesungen wie ein Engel? — Mir so «ans tnxon die Thür zu weisen! — Allerdings habe ich ihr meinen Namen nicht genannt. — Aber warum blieb sie nicht? Ich hatte ja gar keine Zeit, mich zu entschuldigen. — Vielleicht kommt sie doch wieder — ich will es abwarten. (Geht zum Piano und schlägt einige Töne an.) o-ä-6-k — brr — was für ein Hackbret! (Zu Julien.) Leuchte mir! Julie. Aber, mein Herr — Franz. Nun — ,,leuchte diesem Herrn," die gnädige Frau hat es befohlen. Julie. Was wollen Sie denn nur machen? Frau z. Das Clavier will ich stimmen — weiter nichts. So! (Hebt den Deckel des ClavierS ab und gibt ihn Julien zu halten, welche in der andern Hand den Leuchter trägt.) Julie (lachend — bei Seite). Welch' ein Original! Franz (stimmend), o-o Die Stimme kann ich ihr freilich nicht so zurecht bringen — k-k-e-t' — wenigstens will ich das Instrument in die Arbeit nehmen a-a-a, damit ich mir nicht täglich die Ohren zuhalten darf, e-K-o-A, wenn ich hier durch die Straße gehe. Julie (beiseits). Entweder ist der ein Künstler oder ein zudringlicher armer Teufel von Clavierstimmer, der durchaus ein paar Francs verdienen will. Franz. Nun — das Clavier ist eigentlich doch nicht gar so übel. (Schlägt einige kräftige Accorde an, und horcht nach der linken Seite hin — bei Seite.) Sie kommt nicht! (Steht auf.) Je nun, auch gut! — (Schließt das Piano.) Nun ist's in Ordnung, euer Instrument da — Adieu, mein Kind, Sage deiner Gebieterin — Julie. Was? Franz. Nichts — ich behalt es für mich. Mein Hut — wo ist mein Hut? — Ah — ich Hab' ihn noch auf dem Kopfe! Julie (bei Seite). Ein närrischer Kauz! Der muß ein Künstler sein. Franz. Nun geh' ich aber wirklich. Sage deiner Gebieterin — ick sei ernstlich böse auf sie. (Eine Vase besehend.) Schönes Porzellan! — (Sieht Bertha's Porträt.) Hm — was ist das? Julie. Das Porträt der gnädigen Frau. Franz. So? Ist es ähnlich? — Deine Herrin muß sehr hübsch sein. Julie. Sie haben ja die gnädige Frau gesehen! Franz. Ich habe nicht darauf Acht gegeben — ich war zu ärgerlich. Wie heißt sie denn? Julie. Bertha. Fw a n z. Bertha? So! (Ergreift einen Fächer und spielt damit.) Wie zart so ein Ding ist! Julie (bei Seite). Der genirt sich doch gar nicht! Frau Z (nimmt eine Vase in die Hand) chinesisch — hm? (Läßt die Vase fallen — sie zerbricht.) Julie. O — was treiben Sie! Franz (verlegen, setzt sich wieder an das Piano). Hm — 's ist mir so ans den Fingern geschlüpft! (Gibt ihr die Bruchtheile.) Nimm das fort — es sind ja noch genug solche Spielereien da. Julie (bei Seite). Den bringt nichts aus der Fassung. — (Lant.) Mein Herr, ist's noch nicht gefällig? Franz. Ja, ja. (Als ob er abgehen wollte — bei Seite.) So fortzugehen — es ist schimpflich! (Sieht nach der Thür, durch welche Bertha abging.) Will sie denn gar nicht kommen? Durchaus nicht? 9 Vielleicht, wenn ich rufe, Feuer! (Zu Julie.) Schrei Feuer! Julie. Wie so? Franz. Nein — das heißt — ich wollte sagen — Julie. Was? Franz. Nichts. Da (gibt ihr den Hut zum Halten), halte mir den Hut — und leuchte — mein Halstuch sitzt schief. Ist es in Ordnung? Ja? — Sag' mir — deine allergnädigste Frau ist wohl sehr ungnädig auf mich? Julie. Jst's ein Wunder — wenn man eine Dame so beleidigt. Franz. Diese Dame hat meine Ohren beleidigt — sie hat also die erste Schuld. Uebrigeus — war ich denn grob? Bewahre — ich Hab' ihr nur die Wahrheit gesagt — dafür soll sie mir Dank wissen. — Ja, ja — Wahrheit ist eine köstliche Musik, aber diese Musik ist nicht modern. Deine Gebieterin ist etwas zu sehr empfindlich, zu sehr stolz! Wie heißt sie doch eigentlich? Julie. Frau von Beaumont. Franz. Von — wirklich von Beau- mont — ja, wenn sie von ist — dann — (Bemerkt das Porträt des Herrn von Nerville.) Ist das der Gemal, dieser Herr da, mit der schönen Cravate? Julie. Nein — Herr von Beanmout ist todt. Franz (das Porträt betrachtend)' So! — das Original da aber lebt? Julie. O ja, und es befindet sich sehr wohl — immer ausgezeichnet wohl. Franz. Das könnt' ich mir denken. Julie. Wie so? Franz. Weil der Herr da oben dumm aussieht — die dummen Leute befinden sich immer ausgezeichnet wohl. Julie (lacht). Ha, ha, — aufrichtig — aber wieder sehr grob. Franz. Wahr, wahr. Julie. Dießmal ja — Herr von Nerville ist keiner von den Geistreichsten. (Seufzt.) Er soll die gnädige Frau heiraten. Fra nz (unwillkürlich heftig). Warum nicht gar! Julie. Gewiß. Die Sache ist so gut wie entschieden. Franz. Na, meinetwegen — was geht's mich an. Die gnädige Frau soll daun nur das Singen lassen — sonst gibt's eine schlimme Ehe — keine Harmonie. (Sieht wieder das Porträt an.) Hm — das hätte ich aber nicht von ihr gedacht — kein musikalisches Gehör — das mag noch hingehen — aber keinen Geschmack — keinen Geschmack! Wie kann man denn so ein Gesicht heiraten! — Nun, viel Glück! (Will an dem Licht, welches Julie hält, eine Cigarre anzünden.) Julie. Aber, mein Herr — Sie werden doch hier nicht rauchen wollen? Franz. Laß nur — ick gehe ja — (Aergerlich.) Es ist zum Davonlaufen — sie — und dieser Herr — Herr von Nerville — so heißt das Gesicht? — Ha — diesen Namen hörte ich ja eben vorhin nennen. — Ja, ja — ich irre mich nicht — es ist dieser Pferdenarr — Herr von Nerville war vor einer Stunde im Oakö ^NAlaiZ. Julie. Die gnädige Frau erwartet ihn — er soll sie in's Concert begleiten. Franz. So? Da kann sie lange warten. Julie. Wie? Franz (seine Cigarre auzündend). Stelle dir vor — Julie. Aber — ich bitte — Franz. Ich gehe ja. Stelle dir vor — Herr von Nerville war in Gesellschaft von einem halben Dutzend Modegecken — um 8 Uhr ungefähr — sie kamen, glaub' ich, vom Wettrennen der porte Nailiot. Julie. Ganz richtig. Franz. Die Eonversation war sehr lebhaft — Herr von Nerville hatte hundert Louis gewonnen von einem Herrn von — Herrn von — Julie. Sareuil. Franz. Meinetwegen. Kurz, Herr von Nerville bot diesem Anderen Revanche — wie glaubst Du wohl? Er bot ihm die Wette, er wolle vom Oat2 bis nach Auteuil rückwärts reiten — verstehst Du — so — Julie. So? Und die gnädige Frau wartet! Franz. Morgen Früh wird er wohl kommen. — Jetzt Adieu! Julie. Ist es dießmal Erust? Franz. Hm? Nein, ich kann nicht so fort — ich muß deine Gebieterin eher um Entschuldigung bitten. Laerebleu! Julie. O pfui, wie abscheulich es jetzt hier nach Tabak riecht! Franz. Wirklich — es riecht nach Tabak? — Nun, damit empfehle ich mich wieder nicht besonders. (Zieht das Schnupftuch aus der Tasche um den Rauch zu verjagen.) So — jetzt ist's gut — es riecht nicht mehr — wie? Julie. O ja, noch immer. Franz. Hm — hör einmal — sage nicht, daß ich hier geraucht habe — sage, es war der Kamin, oder Du selbst — wegen Zahnschmerzen. (Sieht einen Flacon auf dem Kamin.) Ah, das wird helfen! (Befprengt den Salon.) Lau äe OvloAue vertreibt jeden üblen Geruch. (Stellt den Flacon wieder hin.) Und jetzt noch einen letzten Versuch — Entweder, oder! (Setzt sich ans Clavier und singt.) Wenn du mir zürnst, kann ich nicht geh'n So laß dich endlich rühren; O, laß dich nur noch einmal seh'n — Sonst sprenge ich die Thüren! Noch nicht? Das heiß ich Eigensinn! (Spielt und singt mit allem Kraftaufwande.) O, laß dich nur noch einmal seh'n — Sonst sprenge ich die Thüren! Siebente Scene. Vorige. Bertha. Bertha (tritt mit spöttischem Lächeln heraus, eine Börse in der Hand). Franz (aufspringend). Doch endlich! Bertha (ihm die Börse anbietend). Hier, mein Herr — Franz (lachend). Diese Börse — für mich? Ist das kleine Münze für die beiden Goldstücke, welche ich zum Fenster hereingeworfen habe? Bertha. Es sind 25 Louis — das Honorar, welches ich gewöhnlich jenen Künstlern gebe, welche so gefällig sind, sich in meinem Salon zu produciren. Franz. Für mich zu wenig, gnädige Frau. Bertha. Ei — und was begehren Sie denn? Fr a n z. Verzeihung! Bertha (kalt). Das ist zu viel. (Legt die Börse auf's Piano und geht nach der rechten Seite.» Franz (bei Seite). Noch immer pikirt. (Laut.) Ich nehme die Börse gnädige Frau — für die Armen. (Schreibt ein paar Worte auf ein Papier, welches am Schreibtisch liegt.) Ich gebe morgen Abends ein Concert zu wohlthätigem Zwecke. Bertha. Ah! Franz. Hier meine Quittung. (Legt das Papier auf den Tisch ) Berth a (ein wenig verlegen). Mein Herr — Franz. Sie haben sich gerächt, gnädige Frau — und hatten Ursache dazu. Ich verdiene Ihren Zorn. (Bertha hustet) und doppelt sogar, denn dieser Husten erinnert mich, daß ich so unverschämt gewesen bin, hier — aus Versehen — ans Zerstreutheit — eiue Cigarre, — (lebhaft.) übrigens eine echte Havannah — nichts Gemeines. Also — gnädige Frau — (Bertha macht ihm eine kalte Reverenz). — Bei Seite.) Wie frostig und ceremoniös! Auf dem Bilde gefällt sie mir besser. (Sich von Neuem verbeugend.) Gnädige Frau — ich bitte, glauben Sie mir — glauben Sie nicht — (Bei Seite.) Bah — ich mach' es immer schlechter. (Laut.) Ich habe die Ehre mich zu empfehlen. (Geht nach rechts.) Julie. Bitte — nicht da hinaus! Franz (zu Bertha). O, Pardon. — (Geht nach links.) Julie. O — das ist das Zimmer der gnädigen Frau! Franz. Pardon! (Bei Seite.) Wo ist denn nur diese verd — Thür? Ah! (Berbeugt sich nochmals und geht ab. Julie folgt.) Achte Scene. Bertha. (Darauf) Julie. Bertha (lachend). Endlich hat er doch zur Thüre hinausgefunven! Merkwürdiger Mensch — ein Charakter — aber so ganz ohne Politur! — Ein Edelstein vielleicht, aber ungeschliffen! (Zu Julien, welche wieder eintritt.) Sage mir nur, was hat er denn so lange mit Dir geplaudert? Julie. Allerlei verwirrtes Zeug — ja, doch — — Eines wird die gnädige Frau interessireu. Herr von Nerville ist vor einer Stunde vom Onte nach Auteuil geritten und zwar so — nach rückwärts. — Bertha. Was soll das heißen? Julie. In Folge einer Wette mit Herrn von Sareuil. Bertha. Ah, das wäre arg! Während ich ihn erwarte — das wäre so uugenirt, wie — wie das Eintreten dieses unbekannten Herrn da — wie heißt er denn nur? Er hat mir ja seinen Namen nicht genannt. (Während sie au's Piano geht, um das von Franz zurückge- lassene Papier zu nehmen.) Das will ich gleich erfahren. — Ah, mein Gott! Julie. Was ist Ihnen, gnädige Frau? Bertha. Jules Franz — Compo- siteur. Julie. Wie — derselbe, welcher so schöne Lieder schreibt — Ihre Lieblingslieder ? Bertha. Derselbe! — Er, mit dem ich mich gerade heute erst so viel beschäftigt habe. — Was er schreibt, ist so interessant — und was er erlebt hat — noch viel mehr! Eben vor einer Stunde las ich da seine Biographie. Mit zehn Jahren verwaiset, mit zwanzig Jahren Gatte einer schönen, ange- beteten Frau, verllert er diese auf einer Wafferpartie, kaum drei Tage nach seiner Bermälung. Julie. Armer, junger Mann! Bertha. Und das war er! — Seine Züge kamen mir so bekannt vor — und seine Stimme klang so sympathisch — als hätte ich sie schon irgendwo gehört. Wo denn nur? Wo? — (Nimmt eiu Journal vom Tisch.) Da — das heutige Journal — da lese ich wieder seinen Namen! „Jules Franz, unser beliebter und berühmter Compositeur, hat diesen Morgen ein Duell im Gehölz von Saint-Mand6 mit einem uns unbekannten Gegner gehabt. Der Zwei« kampf, veranlaßt durch einen Streit im Foyer der italienischen Oper, hatte leider für Herrn Franz einen beklagenswerthen Ausgang — er erhielt einen Degenstich in die Brust und man zweifelt sehr an seiner Herstellung." Julie (lacht). Ein köstlicher Puff — Degenstich in die Brust. — Er! Man zweifelt an seiner Herstellung, — Ha, ha, ha! Bertha. Ist denn das Journal wirklich von heute? Jul i e. Ja, ja, gnädige Frau. Nun, wenn die Geschichte mit der tragischen Waffersahrt auch so wahr ist.— 12 Bertha. Dann Hab' ich mich zum Besten halten lassen, denn ich glaubte daran. Julie. Ah, nun ist Herr Franz schon weniger interessant! Bertha. Interessant — mir? — Ja, das heißt — er ist doch kein gewöhnlicher Mensch? Neunte Scene. Vorige. Franz (plötzlich eintretend.) B er th a und I u li e (fast aufschreiend). Ah! Franz. Entschuldigen Sie — gnädige Frau — es scheint vom Schicksal bestimmt, daß ich hier nicht hinaus finden soll. Ich bin zwar nicht böse darüber. Berth a. Aber ich — mein Herr — ich. Franz. Es ist nicht meine Schuld, gnädige Frau — ich wollte dießmal wirklich und in vollem Ernste fort — aber in meiner Verwirrung — in meiner Verlegenheit verfehlte ich draußen im Vorzimmer abermals die Thür und kam in ein Badezimmer, von da in ein kleines Boudoir, dann in ein großes Boudoir, dann in einen kleinen Salon — dann in einen großen Salon — dann — Sie müssen hier erschrecklich viel Miethe bezahlen, gnädige Frau? (Julie lacht hell auf. — Bertha, welche sich eine Zeit lang mit Gewalt ernsthaft zu bleiben zwang, folgt nun Juliens Beispiel.) Berth a. Ich sehe schon, mein Herr — ich muß Ihnen einen Führer geben. Fran z. Einen Augenblick — gnädige Frau — ich habe da vorhin einige rebellische Töne am Piano zurecht gemacht. — ich vergaß aber das o — das hohe e. — Bertha. O, bitte — hat nichts zu sagen. Franz. Ach, ja doch, ja — (geht zum Clavierund schlägt den genanntenTonan.) Ich gehe jeden Abend hier vorüber. — Bertha. Ihr Ohr scheint sehr empfindlich, mein Herr. Franz. So wie mein Herz. Und dieses Herz sitzt mir auf der Zunge, böse Zunge — gutes Herz — darum bin ich ein so wunderlicher Kauz (Hertha lacht.) Ah — Sie lächeln — gnädige Frau — Sie haben mir vergeben? Bertha, Sei es denn, mein Herr- Franz — ich vergebe Ihnen Ihre Künstlerlaune Ihres Künstlernamens willen — ich sage Ihnen Lebewohl und — auf Wiedersehen! Franz (freudig). Ach, Madame! Bertha. Scheiden wir nun als Freunde — aber scheiden wir! Franz. So rasch? Bertha. Es ist ja zehn Uhr- Franz. Nicht möglich — und wenn auch. — Bertha. Herr Franz — Sie sind Künstler, nach Ihrem Namen zu schließen, ein Deutscher — und ich habe eben darum doppelte Nachsicht mit Ihnen gehabt — ich hoffe, Sie werden mich nicht auf eine neue Probe stellen. Franz (verlegen). Gewiß — gewiß nicht, gnädige Frau. Bertha. Julie. (Julie nimmt eine Kerze und geht nach dein Hintergründe.) Franz (bei Seite). „Leuchte diesem Herrn." — Ich kann's zu keinem brillanten Abgang bringen. Julie. Ah, gnädige Frau — hören Sie, wie es regnet! (Geht zurück, nach der linken Seite zu.) Bertha. Es regnet? Franz, (bei Seite). Bravo! (Laut.) Dieser Regen, wie es scheint, ist mir freundlich gesinnt, und will mir einen Vorwand geben, noch einige Augenblicke hier verziehen zu können. Bertha. Aber mein Herr — Franz. Ich erkälte mich so leicht — ich fürchte den Schnupfen. . Bertha. Ei, es wäre auch schade für Ihre Stimme. — Bedienen Sie sich meines Wagens. 13 Franz. Zu gütig. — Bertha. Julie, laß anspannen! Julie. Sogleich. Bertha. Und so schnell als möglich. Julie. In fünf Minuten ist's geschehen. Franz (leise zu Julien). Zwei Pferde? Julie. Ja! Franz (wie oben). So lasse sechs Pferde anspannen, dann habe ich eine Viertelstunde Zeit. Julie (lacht — leise zu Franz). Man wird Ihnen Zeit lassen. (Bei Seite im Nb- gehen.) Herr von Nerville geht rückwärts. (Ab durch die Mittelthüre. — Justin bringt den Thee auf einer großen Platte und stellt dieselbe auf den Gueridon.) Zehnte Scene. Franz. Bertha. Franz (für sich). Jetzt nimm Dich zusammen, mein lieber Franz, jetzt gilt's! Bertha (während sie Thee einschänkt). Nehmen Sie Platz, mein Herr! Franz. Wenn'S erlaubt, gnädige Frau. (Bei Seite.) Courage, Franz, Courage! (Nähert sich dem Kamin.) Bertha. Sie singen also morgen im Coucerte? Franz. So ist es, gnädige Frau — doch — ich werde gewiß falsch singen — ich werde an Sie denken (schnell sich ver. bessernd), das heißt — ich wollte sagen — (Kleine Pause.) Bertha (bei Seite). Ich muß es durchaus wissen. (Laut.) Entschuldigen Sie, mein Herr, wenn ich iudiscret frage- Franz. Bitte! — Bertha. Sind Sie Witwer-? Franz. Witwer — ich? Ich war nie verheiratet — indeß — Bertha. Nun — . Franz (weich). Nichts — Pardon — eine Erinnerung — Bertha. Eine Thräne! Franz (wieder heiter). Ja, gnädige Frau — Eine Thräne — Oaprieeio für das Clavier — die Widmung ist noch zu haben — Wollen Sie vielleicht — ? Berth a. Aber ich erinnere mich doch, gelesen zu haben. Franz. Ah — in dem Journal dort? O gnädige Frau — au dem Artikel bin ich unschuldig. Der Verfasser desselben ist ein närrischer Freund von mir, der eS sich in den Kopf gesetzt hat, mich um jeden Preis berühmt zu machen. Da erfindet er denn allerlei nette Histörchen und tischt diese dem Publicum auf. Heute läßt er mich Witwer sein, morgen muß ich mich im Duell erstechen lassen, und übermorgen bin ich wieder kerngesund „zur Freude meiner zahlreichen Verehrer!" Bertha. Also — jenes junge Mädchen — schön wie ein Engel — jene tragische Wasserpartie — Franz. Lauter Puffs — lauter harmlose Zeitungsenten! Bertha (ein wenig verlegen). Es ist wohl sehr schwer, sich einen Namen zu machen? Fr an z. Allerdings — namentlich in Paris. Im Anfänge handelt es sich da nicht um den Namen, sondern um das tägliche Brot. — Ich kann davon erzählen. Ber tha. Ah! Franz. Ich könnte darüber lachen, wenn ich nicht dadurch an etwas erinnert würde — eine Erinnerung, über welche ich oft erröthen mußte — doch gnädige Frau — ich ennuyire Sie! Bertha. Durchaus nicht. — Fahren Sie nur fort! Franz (lächelnd). Die Geschichte ist durchaus nicht poetisch — ich sag es im Voraus. Bertha. Wenn auch — erzählen Sie nur! Franz. Ich fange damit an, gnädige Frau — daß ich von Abends bis zum 14 nächsten Mittag nichts gegessen hatte — aus Oeconomie — ich war fünfzehn Meilen weit zu Fuße gegangen und hatte daher natürlich einen sehr gesunden Appetit, der sich durchaus nicht mehr beschwichtigen ließ. — Knrz, ich war zum Aeußersten getrieben, entschloß mich auch zum Aeußersten und machte bei einem entfernten reichen Anverwandten, einem dicken behäbigen Pariser- Bürger, meine Aufwartung. Als ich ankam, war der Tisch gedeckt und anmu- thiger Bratenduft kitzelte gar verführerisch meine Nase. — Mein Herr Anverwandter ließ mich endlich vor — schwätzte und schwätzte — wahrscheinlich sehr Auferbauliches — ich dachte an den Braten und überhörte es. Da schlägt plötzlich ein Name an meine Ohren — der Name meiner Mutter! Sie war arm und verlassen gestorben — vergessen von ihren Verwandten, welche ihr eine Heirat aus Liebe nicht verzeihen konnten. Mein dicker Pariser kam über dieses Capitel zu sprechen — er tadelte die Aufführung meiner Mutter, und seine blöden Kalbsaugen schienen zu fragen: Habe ich nicht Recht? Bin ich nichtein praktischer, vernünftiger Mann ?" Mit seiner keifenden Fistelstimme warf er meiner Mutter vor, sie habe ihre Familie beschimpft — und ich hörte das an — warum gnädige Frau — weil ich Hunger hatte und gerne Braten essen wollte! — Das dauerte fünf volle Minuten — die Ehre kämpfte mit dem Magen — in der sechsten Minute war der Kampf zu Ende — mein dicker Bürger hatte einen Faustschlag im Gesicht, und ich war aus dem Hause! — Bertha (rasch — sich vergessend). Brav — so war's recht! (Hält betreten inne.) Franz. Micht reut es nur, daß ich den lieben Mann nicht todt geprügelt. — O Pardon — ich vergesse mich, gnädige Frau. — Entschuldigen Sie, daß ich Ihnen diese alberne Geschichte erzählt habe. Bertha. Albern? Durchaus nicht. — Ein Leben voll Leiden, Entbehrungen und Kämpfen wie sollte mich dieß nicht interessiren! (Geht nach dem Gueridon zurück.) Franz. Sie sind sehr gütig, gnädige Frau. (Betrachtet Bertha, welche eine Taffe Thee einschenkt.) Welch' ein herrliches Geschöpf — reizend und lieblich — in jeder Bewegung. Bertha (Franz einen Teller präsentirend). Ist Ihnen ein wenig Theebrot gefällig? Franz. Sie verwöhnen mich wahrhaftig. Bertha (seht sich). Etwas Brioche vielleicht? Franz (abwehrend). Danke höflichst. (Lächelnd). Heute habe ich keinen Hunger — wie damals. Bertha (lächelnd, bei Seite). Armer, junger Mann! Franz (bei Seite). Welche edle Ruhe in Allem, was sie sagt und thut — man muß vor ihr Respect haben — ich möchte ihr gerne heraussagen, daß ich sie schön finde — aber sogleich — auf' der Stelle? — Unmöglich! Es geht nicht! Bertha. Noch eine Tasse Thee — ja? F r a n z (setzt sich in Gedanken verloren und verbeugt sich stumm — für sich). Und doch — lasse ich mir diese Gelegenheit entkommen — ich finde sie vielleicht nie wieder. — Und sie nicht mehr scheu — das vermag ich nicht! Bertha (welche anfängt verlegen zu werden). Der Regen — hat nachgelassen, wie mir scheint. Franz (zerstreut). Ja — ja — es regnet sehr stark. Bertha (lächelnd). Sie — componiren jetzt wohl, Herr Franz? Franz (aufstehend). Ja — freilich, gnädige Frau! (Wieder für sich). Ei, jeder Mensch, sagt man, hat einmal im Leben das Glück in seiner Hand, und — Bertha. Warum so tieffinnig — die schlimmen Tage sind ja nun vorüber! 15 Franz. Wer weiß? (Bei Seite.) Vorwärts, — auf gut Glück! Bertha. Wer weiß? Jetzt sind Sie ja glücklich! Franz. Ja, Madame, aber doch weniger glücklich, als viele Andere, als z. B. jener Herr da oben. (Zeigt auf das Porträt des Herrn von Nerville.) Bertha (überrascht, frostig.) Herr Franz — nehmen Sie noch eine Tasse Thee? Franz. Sehr gerne, gnädige Frau. (Bei Seite.) Die große Dame schon wieder da — ich muß behutsam sein. (Laut.) Ja, er ist glücklich, denn er hat ohne Zweifel Freunde — Bertha. Und Sie haben keinen? Franz. Keinen. Bertha. Darf ich Ihre Freundin sein? Franz (freudig). Nur meine Freundin ? Bertha (streng). Mein Herr! Franz (schnell). Ein wenig Orems, wenn ich bitten darf. Bertha. Ohne Mittel — ohne Freunde — allein in der Welt! Wie haben Sie denn nur in sich jenes Talent entwickelt — Franz. Hm — die Vögel gaben mir Unterricht im Gesang — und die Harmonie studierte ich aus dem Pfeifen des Windes. Ich wurde ein Künstler, so wie mau verliebt wird — ohne zu wissen wie! — Man ist es, man fühlt es — so wie ich es fühle jetzt in diesem Augenblick! Bertha. Herr Franz! Franz. Gott — diese Stimme — so rein, diese Augen so mild! Bertha (aufstehend). Mein Herr — soll ich Julien rufen? Franz (gleichfalls aufstehend). Wozu? eines armseligen kleinen Complimentes wegen? Mein Gott — dergleichen sagt man auch von einer Madonna Rafael's — und die ruft darum doch nicht ihre Kammerfrau! Bertha (lacht). Ich bitte Sie, Herr- Franz — keinen Kunstenthusiasmus! Sprechen Sie, wo möglich, wie andere Leute. Franz. Das thu' ich ja — haben Ihnen denn andere Leute noch nie gesagt, daß Sie anbetungswürdig hübsch sind! (Bertha streckt die Hand nach der Glocke aus.) Gnade, gnädige Frau — Gnade! Bertha. Für dießmal noch — übernehmen Sie sich in Acht. Franz. Ich soll sprechen wie andere Leute — das ist sehr langweilig. Wovon denn? Etwa von Politik? Bertha. Warum nicht gar! Mein Oheim, der Herr Marquis, quält mich damit genug. Franz. Also von der letzten Predigt? Bertha. Danke — dafür sorgt meine Tante, die Frau Aebtissin. Franz. Nun denn — von der Heraldik ? Bertha. Ich deprecire. — Mein Herr Bruder Vicomte gibt mir darin gründlichen Unterricht. Franz. Vielleicht von Hunden, Pferden, Hahnenkämpfen und Wettrennen. Bertha. Nein, nein — da habe ich Herrn von Nerville. — (Hält plötzlich iune.) Franz. Ah, Herr von Nerville ist darin bewandert, das konnte ich mir denken. Das muß unendlich amüsant sein! Bertha (ein wenig böse). Ich bitte Sie — Franz. Gestehen Sie es, gnädige Frau, Herr von Nerville ist langweilig. — Bertha. Mein Herr — Franz. O, geniren Sie sich nicht — Gestehen Sie es aufrichtig! — Mir scheint er sehr langweilig, und ich kenne ihn nicht einmal. Bertha. Zum letzten Male — Herr Franz — 1 16 n a 3 h s- n » n b n L a^ tl ri w u: A L p> dl ai 6« ih ül to UI fr ui A er F- al H w A A de B sic de 0 N 1 Hk Franz. Ich bitte tausendmal — viel tausendmal um Entschuldigung, aber ich muß reden. Ich kann es nicht denken, daß Sie, Madame, so gut, so schön, so idealisch schön — diesen Pserdemenschen heiraten sollen! Bertha (gereizt). Erlauben Sie, mein Herr — Franz. Pardon — diesen Centauren, wollt' ich sagen — (Bertha lacht bei Seite.) Sie — Madame, Sie seine Frau, das ist unmöglich! Bertha. Sind Sie närrisch? Franz. Gnädige Frau, Sie werden es bereuen — neben Herrn von Nerville langweilen Sie sich zu Tode. Herr von Nerville ist kein Franzose mehr, er ist ein Engländer. — Er schwärmt nur für Windhunde, Racepferde und sleexls- ellass. Ob Sie ihn lieben, ob nicht, wie weiß er das zu schätzen! Wenn aber sein Vollblutrenner einmal nm eine halbe Pferdelänge geschlagen wird, dann wird er sich erschießen! Bertha (lächelnd). Wahrhaftig, mein Herr — Ihre Sarkasmen sind sehr treffend, und ich möchte gerne lachen. — Franz. Möchten Sie wirklich? Und ich könnt es wahrlich nicht! Mir schnürt es die Kehle zusammen vor Wehmnth — mir ist so sonderbar weich um's Herz — und alte Erinnerungen werden wieder lebendig. Bertha (sehr kalt). Mein verehrter Herr Franz — wollen Sie nicht vielleicht eine Ihrer schönen Romanzen zum Besten geben? Franz. Mit Vergnügen. Oder — ein Volkslied vielleicht? Ein deutsches Volkslied, wenn Sie erlauben? (Bei Seite.) Was ich nicht reden darf, werd' ich singen (Singt.) „Keine Kohle und kein Feuer kann brennen so heiß, Als heimliche Liebe, die Niemand nicht weiß. Keine Rose, keine Nelke kann blühen so schön, Als liebende Herzen, die still sich versteh'n. O stell' einen Spiegel in'S Herz mir hinein, Damit Du kannst sehen, wie treu ich es mein'." Bertha (gerührt). Mein Herr — Sie wählen sich besondere Texte — Franz. Gefallen Ihnen die Worte ^ nicht? » Bertha (mit sichtlichem Bemühen einen Hl strengen Ton zu behaupten). Im Gegen- theile — ich finde sie alltäglich. — Franz. Und die Musik? ^ Bertha. Ebenso. ' Franz (lächelnd). Sie ist ja nicht von mir! — Z Bertha. Ich bitte, gehen Sie! I Franz. Ich habe Sie schon wieder ^ beleidigt, gnädige Frau — ich bereue — aber ich liebe Sie — ich muß Sie lieben dürfen! ^ Bertha. Leben Sie wohl — leben Sie wohl! (Entfernt sich gerührt vom Clavier ? und wendet Franz den Rücken.) Franz. Bertha! Bertha. Ich bitte — nennen Sie mich nicht so — niemals. — Ich gehöre nicht mir an — ich habe mich ver- ' sprachen — ! Franz. Sie haben sich versprochen — ja — machen Sie den Jrrthum wieder gut. i Bertha. Vergessen Sie diesen Abend, vergessen Sie mich! j Franz. Sie vergessen! Kann ich ; das? Jetzt, je mehr ich Sie ansehe — j je länger ich Ihre Stimme höre, desto l klarer und bestimmter tritt eine halb- ! vergessene freundliche Erinnerung mir vor die Augen. — So war ihre Gestalt, ihre Stimme — so ihre Haltung, ihr Gang. — Bertha (wider Willen gerührt). Und > wo sahen Sie diese Erscheinung? Franz. Im Gebirge. Doch — Sie wissen ja meine Herkunft nickt. Ich habe vorhin meine Lebeusgeschichte mit 17 dem Ende begonnen. Ich bin ein halber Deutscher, ein armer Hirtensohn — mein Vaterland ist das Elsaß. . Bertha (bei Seite). O mein Gott! . Franz. Eines Abends sang ich so recht aus voller Brust, und blickte dabei wie gewöhnlich den fliegenden Wolken nach — da steht Plötzlich, von meinem Liede hergeleitet, eine schöne junge Dame vor mir — im Costüme einer Elsaßer Bäuerin, doch war's keine Bäuerin, das sah man auf den ersten Blick. Sie hatte sich verirrt, — und bat um ein Obdach über Nacht — ich überließ ihr meine Hütte, und legte mich wortkarg und ziemlich mürrisch vor die Thüre, denn damals mochte ich kein Weib leiden. Bertha. Weßhalb? Franz. Weil meine erste Geliebte, ein schönes Elsaßer Kind, mich betrogen hatte. Sie verschwand mit einem reisenden vornehmen Herrn — und ich traf meine entflohene Marie erst hier in Paris wieder. Sie ist im Ballet der großen Oper und heißt jetzt Angeline. Bertha. Und jene Dame, welche damals in der Hütte übernachtete? — Fr anz. Nun — die verschwand auch, aber ich besitze Etwas als Erinnerung an sie — eine Bagatelle, die sie wahrscheinlich im Schlafe verloren und nicht beachtet hatte. Bertha. Was denn? Fra n z. Hier (überreicht es ihr). Dieses kleine Ohrgehänge. Bertha (bei Seite). Er war es wirklich! Franz (heiter). Ich trug es immer bei mir, und doch kam ich zu Fuß, bettelnd nach Paris und für diese Bagatelle hätte ich meinen Hunger stillen können. — Das Uebrige wissen Sie, gnädige Frau. — Durch fünf Jahre habe ich mit eisernem Willen und mit eisernem Fleiße studiert und gearbeitet — jetzt bin ich ein sehr beliebter Compositeur geworden, meine Etüden, meine Lieder gehen reißend ab, und mein Verleger grüßt mich daher äußerst freundlich, zahlt prompt und gut, und nimmt unbesehen Alles, was ich schreibe — doch (lächelnd) nein — nicht Alles, eine gewisse Romanze vom Elsaßer Hirten hat er refüsirt — sie ist zu simpel, meint er. — Entscheiden Sie, gnädige Frau — (Singt.) (Arie wie jene zu Anfang des Stückes.) Ich bat sie um die Rose, Sie sprach ein schnelles „Nein" Ging lächelnd ihres Weges, Ich blieb betrübt allein. Ist das wirklich so simpel, wie? — Ich kann's nicht finden — (Fährt sich mit der Hand über die Augen und bemüht sich ein Lächeln zu erzwingen.) Ich Werde immer ganz weich und weinerlich dabei — das ist albern, nicht wahr? — (Bemerkt, daß Bertha gleichfalls ihre Rührung nicht verbergen kann.) Aber was seh' ich, gnädige Frau — auch Sie? Bertha. Ich? O — nicht doch (mit Ueberwindung). Adieu, Herr Franz! Leben Sie wohl! Franz. Ich soll jetzt gehen? Bertha (sehr weich). Leben Sie wohl! (Bertha will auf ihr Zimmer — Julie tritt ein.) Eilste Scene. Vorige. Julie. Julie (zwei Briefe in derHand). Gnädige Frau — der Groom des Herrn von Nerville gab mir vor ein paar Minuten einen Brief für Sie. — Ich wollte mit der Uebergabe warten, bis Sie allein wären, nun kommt er aber athemlos wieder, sagt er habe mir einen Unrechten Brief gegeben und will ihn wieder haben. Soll ich ihn zurückgeben? Bertha (wirft einen Blick auf die Adresse). Ah! 2 18 Franz. Was ist Ihnen? (kiest die Adresse). „An Mademoiselle Angeline, Tänzerin der großen Oper" — (Ueber. rascht.) Bah — Angeline — meine Entflohene — das trifft sich hübsch! Julie (beiSeite, lächelnd). Das Hab' ich gut gemacht! (kaut.) H^r, gnädige Frau ist der rechte Brief — für Sie. Bobh sagt mir, sein Herr schütze darin einen Sturz vom Pferde vor, es sei aber nicht wahr — er befinde sich vollkommen wohl und werde diesen Abend bei Mademoiselle Augeline soupiren. Bertha. Es ist gut. (Gibt den ersten Brief zurück.) Für Mademoiselle Angeline (Wirft den zweiten Brief ins Feuer.) Ich bin frei! — Julie (bei Seite). Herr von Nerville hat die Partie verloren! (Schnell ab.) Zwölfte Scene. Franz. Bertha. Franz (froh). Nun ist's also aus mit dem Herrn da oben? Bertha. Wahrscheinlich. Franz. Schön — da können wir — Bertha (gerührt). Die Romanze vom Elsaßer Hirten zu Ende singen. „Es blüh'» viel tausend Blumen Und duften um mich her; Doch so wie jene Rose Find' ich wohl keine mehr!" Franz (erstaunt). Wie, Sie — kennen diese Worte — den Urtext der Romanze? — Nur eine Frage — waren Sie — meine Erinnerung — meine Bäuerin aus dem Elsaß? Bertha (gibt ihm das andere Ohrge- hänge, welches sie aus dem Becher am Kamin nahm.) Hier die Antwort! Franz. Das andere Ohrgehänge! — Bertha — theuere Bertha! (Bedeckt ihre Hand mit Küsten. — Man hört Juliens Stimme. — Bertha reißt sich rasch loS — K n eilt an's Piano und spielt ein brillantes hei- teres Motiv — Franz ergreift einen nahe- liegenden Fächer und schlägt den Tact damit. — Julie tritt ein.) Dreizehnte Scene. Vorige. Julie. Franz. Doles — eou naoto! Sehr gut. — Jetzt geht es vortrefflich. Jetzt spielen Sie mir nach dem Herzen. Julie. Der Wagen ist angespannt. Bertha. Gut. (Steht auf und ver» neigt sich.) Mein Herr! Franz (verneigt sich gleichfalls mit cere- moniellem Anstande). Wenn es Ihnen also angenehm ist, gnädige Frau, meine Schülerin in der Harmonielehre zu werden, so werde ich morgen die Ehre haben, meine erste Lection zu geben. Bertha (sieht vor sich nieder).Ja, mein Herr. Franz. Ich denke aber, es werden täglich zwei Lectionen nöthig sein. Bertha Meinen Sie? Franz. Und zwar jede Lection drei Stunden. Bertha. Wirklich! Franz. Unumgänglich nöthig. Für- Heute habe ich die Ehre, mich Ihnen gehorsamst zu empfehlen. Bertha. Julie! Franz (halblaut und lächelnd). „Leuchte diesem Herrn!" Bertha (lächelt. — Franz geht mit Julie durch die Mittelthüre ab. — Bertha sieht ihm wie träumend einen Augenblick nach geht dann zum Piano, präludirt ein wenig und singt die Schlußverse der Romanze). Es blüh'n viel tausend Blumen Und duften um mich her — (Franz fällt von der Straße her ein — man hört eine Stimme unter dem geöffneten Fenster des CabinetS links; Beide zusammen; Doch so wie jene Rose Find' ich wohl keine mehr! (Die Stimme verhallt in der Ferne.) Der Vorhang fällt. d e. In unserem Berlage erschienene Piecen von W. A. chrandzean: Rothe Haare. — Das Pamphlet. Zwei Lustspiele in 1 Akt. 50 kr. — Heimlich. Lustspiel in 1 Akt. ..50 „ — Die geheime Mission. Lustspiel in 3 Akten.60 „ — Am Clavier. Lustspiel in 1 Akt.50 „ — Ein Hut. Lustspiel in l Akt.50 „ — Das hohe 0. Lustspiel in 1 Akt.50 „ — Drei Viertel auf Eilf. Schwank in 1 Akt.50 „ — Er kann nicht lesen. Posse in 1 Akt. . 50 „ — Einen Namen will er sich machen. Lustspiel in 1 Akt. . 50 „ — Hoffen und Harren. Schwank in 1 Akt.50 „ — Immer zu Hause. Lustspiel in Akt.50 „ — Eine fixe Idee. Lustspiel in 1 Akt.50 „ — Der Stiefvater. Lustspiel iu 1 Akt.50 „ — Der Blaubart. Lustspiel in 1 Akt. .... 60 „ — Ein empfindlicher Mensch. Schwank in 1 Akt. . . 60 „ — Die Prinzessin von Dragant. Komische Operette in 3 Akten, nach Nestroys Loheugrin-Parodie.50 „ — Ludwig der Vierzehnte. Lustspiel in 1 Akt.50 „ Ein lebendes Bild. Familie.nscene in 1 Akt.60 „ Nina. Schwank in 1 Akt. . .50 „ Die neue Magd. Schwank in 1 Akt.60 „ Die alte Magd. Schwank in 1 Akt. . 60 „ Ein Hotel-Hausknecht. Heitere Solo-Scene mit Gesang. 40 „ — — „ 80 1 M. — Pf. 1 H 20 ", 1 » n l n », 1 1 20 20 -- 1 .. 20 20 20 Kute Hlnler Haltung von M. A» 'Grandjean. I., IV. und V. Sammlung jede L 80 kr. II. und III. Sammlung jede L 60 kr. Die mit * bezeichnten Nummern sind in Versen (das Uebrige in Prosa). Jnhalts-Uebersicht: Grste Sammlung. Er sucht einen Platz. Scene, 2 Personen. Ein Wiener Fiaker. Localscene, 2 Pers. Complimente. Die Wiener Werkelmänner. Etwas über die Nase. Kegelbahn und Lebensbahn. Die Wiener-Maier. Die Kunst Inserate zu machen. Zur Naturgeschichte der Dummen. Humoristische Streiflichter. Gedanken über allerlei Kinder. * Was ist ein Jahr? * Die Gelegenheitsdichter. * Alles durch die Frau. * Ha, he, hi, ho, hu. * Mir hat amal vom Teufel tramt. * Ich bitte. * Die Bürgschaft und der Taucher. * Schon gut. Amelie Sammlung. Ehe und Eisenbahn. Vergnügen und Passion. Aus den Augen Gelesenes. Verschiedene Sterne. Selbstbiographie eines Witzes. Etwas Kleines über große Männer. Fragmaier. Geschwind, was gibt's Neues? Hinter dem Kutschbock. Gedanken über Worte. Fremdwörterliche Verwechslungen. Von der Jägerei. Schöne Leute. * Frauen und Vereine. (Vortr. für IDame.) * Ungeduld. (Par. des Schubert'schen Liedes.) *O welche Lust, Schauspielerin zu sein. Ariite Sammlung. Zum Capitel vom Schuldenmachen. Nur für Erwachsene. ! Irdische Seligkeiten. ! Wein, Weib und Gesang. ! Glossen über deutsche Sprichwörter. j Ein Schmerzensschrei aus der Thierwelt. ! Wienerische Sprachsünden. ! Biblische G'schichten und Sachen. Schule und Leben. Im Kaffeehause. I—IV. Gedanken über Tod und Teufel. (Ein humoristischer Gallimathias.) Aus den Memoiren eines Affen. * Allerhand G'schichten. * Auf dem Papier. * Was man im Kalender sucht. ! * Das Pfänderspiel. ^ Diese Sammlung Vierte Sammlung. Ein Hötel-HauSknecht, Scene für 1 Pers. ^larellssi OonLalani, Scene für 1 Pers. Gedankenstriche. Inserat und Annonce. Beim Chinesen. Bettler und Hausirer. Bei der Burg-Musik. Ein Vortrag über Köpfe. Frauen und Cigarren. JndiScrete Plaud ereien ans meinem Kleiderschrank. Allerlei Touristen. I—IV. * Was in Wien Alles merkwürdig ist. * Wer hat's g'sagt? ^ Blttmel-Blamel. Künste Sammlung. Eine Vorprüfung. Komische Scene, 2 Pers- Allerlei Mütter. Character-Scene, 2 Pers- Causerie auf der Pauke. Komische Solo- Scene mit Gesang. Die Kunst billig zu leben. Verschämte Arme- Eine musikalische Glosse. Im Fasching 1876. Musentheologische Vorstellung. Beim Stehbier. ^Prolog. (Zu einer Dilettanten - Wohl- thätigkeits - Vorstellung.) * Ich habe nichts. (Gesprochen von Frl. . Buska.) * Die Hoffnung. (Frei nach Schiller. Vorgetragen von einem Subalternbeamten.) * Des Kater's Herzenload. (Nach der Melodie des bekannten Liedes.) * S' ist Alles nur g'redt. wird fortgesetzt. w a t t i 8 h a u s s e r 's ch e r Hheater-Katalog. Neue Folge Nr. 6. Inhalt: Seite Verzeichniß von 6600 Stücken der modernen und auch der älteren bühnenfähig gebliebenen Theater - Literatur, ausgewählt aus dem handschriftlichen Lager- Katalog der Wallishauffer'schen Buchhandlung. .1—160 Register der Autoren mit Einschluß der Bearbeiter . 161 Register der Componisten . . .-. 176 Spezial-Verzeichniß de« Wiener Theater-Repertoirs.- . . . . 177 Spezial-Verzeichniß der Wallishauffer'schen Sammlung deutscher Bühnenwerke . 182 Verzeichniß von im Verlage der Wallishauffer'schen Buchhandlung erschienenen Theaterstücken, welche nicht im Wiener Theater-Repertoire enthalten sind 183 Vreis 50 kr. — 1 Mark. toll. Zakuachlspoffe Lu eivem Art. Frei bearbeitet nach Selby's trisnä in tti6 8trap8". von K. Graeser. Berfafser der Posse „Hemxel, Krempel und Stempel" und des Schwanles „Der Arzt wider Willen". Alle Reryte vorvehalten. Zweite Ziußage. Wie«. 1878. Verlag der tvallishaufser'schen Buchhandlung (Josef Rlemm) Statt, Hoher Markt Nr. l. Das Aufführungsrecht ist nur zu erwerben durch den Autor, Herrn Gymnasial- Lehrer K. Graeser in Marienwerder (in Preußen). Personen. Herr Schnuphase, Gutsbesitzer. Friedrich, sein Neffe. Randahl. Schiffscapitain Pfefferkorn. Anastasia, seine Frau. Caroline Blumfeld, Tobias Knurr, Schnuphase's Bedienter. Ort der Handlung: Schnuphase's Landgut. Den Aühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Im Original trienä in tlle 8trLps" gehen die drastischen Effecte mitunter weit über das dem deutschen Publikum erträgliche Maß hinaus. Der Bearbeiter hat demnach Vieles glättend und mildernd umgestaltet; sollte trotzdem manchem Leser, resp. Zuschauer, die überwältigende Komik dieses Stückchens „allzu toll" erscheinen, so verweisen wir auf den Titel, der kein feines Lustspiel, sondern eine „Fastnachtsposse" verspricht. K. G. Buchdruckern „Steyrermühl", Wien Erste Leene. Tin elegant möblirtes Zimmer; Thüre im Hintergründe mit Aussicht auf den Garten; Seitenthüren zur Rechten und Linken. Tobias (mit einer bunten Zipfelmütze auf dem Kopfe). Hierauf Friedrich. (Eine Thorglocke wird draußen gezogen.) Tobias (tritt langsam durch die linke Seitenthür ein). Schon gut — ich höre — hat nicht solche Eile. (Die Glocke wird wieder gezogen.) Hol' Euch der Henker! Ich wollte, es schnitte einer den Draht ab, — das ganze Haus voll Menschen — keinen Augenblick Ruhe — immer im Zugwinde hinauslaufen, (seine Mütze festfetzend) ich habe ohnehin schon das Podagra im Hinterkopfe — (die Glocke wird nochmals gezogen) — 's ist eine kolossale Unverschämtheit — (ärgerlich schreiend) ich komme ja! — Wahrscheinlich der Zeitungsjunge — na warte, Schlingel, ich werde Dich! (Die Glocke wird noch heftiger gezogen.) Schuftiges Volk! (Er stürzt wüthend ab.) Friedrich (draußen). Heda, seid Ihr denn Alle im Schlafe? Tobias (draußen). Ah, sind Sie's, Herr Friedrich? Freue mich sehr, Sie zu sehen. (Friedrich tritt ein, Tobias folgt ihm.) Tobias. Nun, was machen Sie? Wie geht's in der Stadt? Alles wohlauf? Hätten aber doch nicht so schrecklich an der Glocke reißen sollen. Wir haben Sie seit drei Tagen erwartet. Friedrich. Ich wurde durch Geschäfte abgehalten. Ist mein Onkel zu Hause? Tobias. Ja — und (ihn vertraulich anstoßend) auch Fräulein Caroline ist hier. (Geheimnißvoll schmunzelnd) Ah, ich weiß — nächstens Hochzeit — Thkater-Repertoir 41. Friedrich (vertraulich). Ist sie hübsch? Tobias. Hübsch? Und wie! Nett und frisch wie ein Paradiesäpfelchen. Friedrich. Bravo! — Sag' einmal, sind noch andere Gäste im Hause? Tobias. Ein ganzes Regiment, zu möiner Plage; sie machen mich todt mit ihrer Bedienung. Erstlich der Herr, Ihr Onkel, na, den rechne ich gar nicht, obgleich er alle Augenblicke Etwas will; dann Fräulein Caroline, auch nicht zu rechnen; die bedient sich selbst. Dann aber der Schiffscapitain Pfefferkorn, kommt geradewegs aus Brasilien, wo er lange Zeit gelebt hat, ein schlimmer Kunde, vom heißen Klima gelb wie eine verdorbene Wachskerze, eifersüchtig wie der Großtürke, von polizeiwidriger Heftigkeit, überhaupt ein höchst feuergefährliches Gebäude — dabei nennt er mich „Junge" und hetzt mich vom Morgen bis zum Abend mit seinen Aufträgen. Ferner seine Frau, eine schmachtende Schöne, nicht mehr- ganz jung, mit einem Affen, zwei Papageien und einem bunten Kater, abscheuliche Creaturen, die im Hause das Oberste nach unten kehren und mich fortwährend in Allarm setzen. Endlich ist Noch — (die Hausglocke wird mit Heftigkeit gezogen). Verwünschte Glocke, den ganzen Tag bim bam, bim bann Ich komme, tolle Brut — ich komme ja. (Ab.) Friedrich. Ha ha! Armer Tobias, er hat seine Noth. Es ist mir übrigens auch nicht erwünscht, daß mein Onkel Gesellschaft bei sich hat; ich Halle meine Zukünftige lieber allein und ungestört kennen gelernt. 1 4 Zweite Scene. Friedrich. Randahl. Tobias. Randahl (draußen). Ich bin hier ganz recht, alte Kratzbürste; ich bin Friedrichs Freund. Friedrich. Höre ich recht? Wahrhaftig, er ist's — mein böser Geist, Randahl, mein halbverrückter Universitätskamerad, mein Unzertrennlicher, wie er sich selbst nennt. Er hat richtig aus gespürt, daß ich hier zum Besuch bin, und nun kommt er, und fällt meinem Onkel ins Haus. Beispiellose Unverschämtheit; Randahl (draußen). Bah! Ehrwürdiges Nußknackergesicht, laß Deine altmodischen Förmlichkeiten und lerne Manier. Mein Name thut nichts zur Sache; ich gehöre zur Familie. (Er tritt ein mit einer Reisetasche auf der Schulter, Tobias hinter ihm.) Ah, Fritz, mein theurer Junge, was machst Du? Entzückt, Dich gefunden zu haben — wolltest mir eschappiren, schlauer Kerl — aber das geht nicht — habe Deine Fährte ausgewittert, und nun bin ich da (er legt die Reisetasche ab und wirft sich auf einen Stuhl), ganz vortrefflich untergebracht für die nächsten sechs Monate. (Er nimmt Tobias die Mütze vom Kopfe und stäubt sich die Kleidung ab.) Friedrich. Ich dachte mir, daß es so kommen würde — bei seiner Frechheit; — es ist zum Tollwerden! Tobias. Ei, das ist ja meine Mütze. Randahl. So? Nun desto besser. (Er besieht die Mütze.) Ein sehr hübsches . Möbel, ganz so hübsch wie Du; ihr seid wie für einander geschaffen. (Er setzt die Mütze auf Tobias' Kopf und zieht sie zurecht.) Sv! Tobias (reißt die Mütze wüthend ab und wirft sie auf einen Stuhl). Thun Sie das noch einmal und ich rufe die Polizei! Friedrich (für sich). Mit zarten Rücksichten ist bei Dem nicht durchzukommen; ich muß geradeheraus mit ihm reden. (Zu Randahl) Hören Sie, Herr Randahl — Randahl. Herr Randahl?! (Er steht auf, mit großem Bestemden) Herr?! — so nennst Du Deinen ältesten und besten Freund, der mehr als Vater und Mutter für Dich gewesen? Oh Fritz, Fritz, ich schäme mich Deiner. (Er schreitet mit vieler Würde über die Bühne, nimmt Tobias' Mütze vom Stuhl, fetzt sich und stäubt seine Stiefel ab.) Friedrich. Ich werde ihn wahrhaftig nicht mehr los. Randahl. Was! Noch eine Mütze? (er wirft sie Tobias zu). Packe Dich fort. Du alter Theekessel! Tobias. Theekessel?! Nun das hat mir noch Keiner gesagt — ich werde — ich werde — (setzt sich die Mütze auf) gehen und es dem Herrn sagen.— Theekessel! (ab.) Dritte Scene. Die Vorigen, ohne Tobias. Friedrich (bei Seite). Ich muß es mit gelinden Mitteln versuchen. (Zu Randahl) Nun, Randahl, lieber Freund — Randahl. Ah, wenn Du aus dieser Tonart spielst, so will ich Dir Gehör schenken. Du kennst meine schreckliche Heftigkeit, ich kann auffahren und platzen wie eine Stuwer'sche Rakete, wenn ich gereizt werde; aber wenn man mir freundlich und liebevoll begegnet, bin ich um den Finger zu wickeln. Nur so mußt Du mir nicht wieder kommen: „Herr Randahl!" — Denn sieh' mal, wenn ein Freund einen kalten, geringschätzenden Ton gegen mich annimmt, so kann ich so streitsüchtig und beißig werden, wie ein mit Zahnschmerz behafteter Orang-Utang, so wild und 5 eigensinnig wie eine Locomotive, die sich mit der Eisenbahndirection erzürnt hat und aus den Schienen rennt! Also, Fritz, nimm Dich in Acht! — Aber nun sage, was ist denn eigentlich hier bei Euch los? Friedrich. Du weißt, mein Haus, oder vielmehr meine Stube, hat Dir immer zu Dienst gestanden. Randahl. Ja doch, lieber Junge, ich weiß; sprich nicht von diesem unbedeutenden Beweise meiner Achtung und Zuneigung; es war das Geringste, was ich sür Dich thun konnte. Friedrich. Meine Börse ist stets offen sür Dich gewesen. Randahl. Ja doch, theurer Fritz, soweit sie reichte; leider war selten Etwas darin. Friedrich. Ich habe mich niemals geweigert, Bürgschaft sür Deine Wechsel zu leisten. Randahl. Niemals, tugendhafter Jüngling; unglücklicherweise wollten aber selbst die gutmüthigsten Wucherer Nichts auf Deine Bürgschaft geben. Friedrich. Nun sieh, ich bin jetzt in einer sehr delicaten, ich darf sagen, ganz besonders kitzeligen Lage. Mein Onkel Schnuphase hat mich hierher geladen, um mich einer Dame, die ich heirathen soll, vorzustellen. Randahl. Weiß schon, Fräulein Caroline Blumfeld, Tochter der Firma Zebedäus Blumfeld und Comp., solide Talg- und Lederhandlung, völlig freie Verfügung über ein sehr schönes Vermögen, eine sehr wünschenswerthe Partie. Friedrich. Woher weißt Du das? Randahl. Bah, ich weiß Alles. Ich hielt es für meine Schuldigkeit, als Dein intimer Freund Dir zu folgen, Deine Hochzeit mitzufeiern und Dir bei der Einrichtung Deines Hauswesens behülflich zu sein. Friedrich. Aber Du hast keine Einladung von meinem Onkel, und ich denke — Randahl. Darauf kommt's gar nicht an. Ich bin hier nothwendig; wenn man sich verheirathet, gibt es hundert Geschäfte, die man unmöglich selbst besorgen kann; denn so ein Bräutigam weiß in seinem Freudentaumel gar nicht, was er thut, und es ist daher im höchsten Grade erforderlich, daß ein treuer Freund für ihn sorgt und Alles leitet bis die Hochzeit vorüber ist. Friedrich. Du phantasirst, lieber Randahl. Aber jetzt Scherz bei Seite. Ein für alle Mal, Du kannst hier nicht bleiben, mußt nach der Stadt zurück. Mein Onkel Schnuphase ist ein peinlicher alter Herr; er würde Deine Gegenwart als eine impertinente Zudringlichkeit ansehen; übrigens mußt Du als gebildeter Mann wissen, daß bei einer solchen Gelegenheit ein Fremder überflüssig ist. Randahl. Ein Fremder, gewiß, (mit Nachdruck) ganz gewiß. Aber ich hoffe, Du wirst auch nicht einen Augenblick auf die thörichte Vermuthung kommen, daß ich mich als einen Fremden ansehe. Sind wir nicht Freunde von der Wiege her gewesen? Haben wir nicht gemeinsam in der Schule auf Erbsen gekniet? Sind wir nicht gemeinsam Studirens halber auf der Universität gewesen? Haben wir nicht zu- samen gewohnt, zusammen Schulden gemacht bei Schneidern, Schuhmachern. Conditoren und Weinhündlern? Hast Du nicht meine Röcke, Hüte und Stiefel getragen? Habe ich nicht meine Uhr versetzt, um Dir Geld zu schaffen, damit Du die Redoute oder die große Schlittenfahrt mitmachen konntest? Hätte das ein Fremder gethan? Nein, undankbarer Fritz, niemals! Friedrich. Nun ja, ich gebe zu, daß Du einige Ansprüche an mich hast; aber in meiner gegenwärtigen Lage ist es mir schlechterdings unmöglich, Dich bei meinem Onkel einzuführen. 6 Randahl. Ei, ich habe Dich oft bei meiner Tante eingeführt. Nun mache weiter keine Umstände. Ich bin entschlossen, zu bleiben; also stelle mich rasch dem alten Burschen, Deinem Onkel, vor; nenne meinen Namen; sage, ich bin Dein guter Freund und laß mein Selbstvertrauen das Uebrige thun. Beiläufig bemerkt, da ich von Selbstvertrauen spreche. Dir scheint es entsetzlich daran zu mangeln, und das wird Dich bei der Brautwerbung schlecht empfehlen, umsomehr als Dein Costüme jammervoll fadenscheinig für einen Liebhaber ist. Wie zum Henker hast Du denn nicht für ein besseres gesorgt? Friedrich. Aus zwei sehr mächtigen Gründen — kein Geld und keinen Credit. Randahl. Ach das ist eine wahre Seuche in unserm Beruf; ich kann so etwas tief mitfühlen, mein lieber Junge, obgleich ich mir selbst die Gerechtigkeit anthun muß, zu sagen, daß ich auch in der grimmigsten Geldnoth niemals um Credit bei den Schneidern in Verlegenheit gewesen bin. Z. B. dieser Paletot — ich schmeichle mir, er ist vollkommen untadelhaft; und in meiner Reisetasche Hab ich einen Ballanzug von einer Eleganz, die Alles überstrahlt. Friedrich. Wahrscheinlich baar bezahlt? Randahl. Wie gewöhnlich, mit einem Wechsel auf sechs Monate; beim Verfall solcher Papiere bin ich freilich etwas derangirt und werde bisweilen unsichtbar; aber diesmal wird's nicht so weit kommen — (feierlich) binnen Kurzem werde ich Alles mit baarem blankem Gelde bezahlen. Friedrich. Wahrhaftig? Wo willst Du das hernehmen? Randahl. Ich heirathe. Es scheint mir unanständig, fernerhin auf Credit zu leben, und ich habe mich entschlossen, meine Unabhängigkeit aufzuopfern und mich an ein Vermögen wegzuwersen. Ich bin wählbar für Alle und Jede von 16 bis 60 Jahren, wenn nur dar Circulationsmittel (er macht die Geberde des Geldzählens) in gehörigem Umfange vorhanden ist. Zwei haben schon angebissen. Friedrich. Wahrscheinlich sehr vornehme Damen? Randahl. Nein, die Eine war eine alte Jungfer, Erbin einer sehr respektablen Dampf-Chocolade-Fabrik; die Andere ein allerliebstes kleines Wesen von ungefähr achtzehn Jahren, Name und Familie unbekannt. Das ältliche Vögelein flatterte mir vorigen Winter auf einem Maskenball ins Netz. Obgleich etwas zu rund für eine ^-yl phide, hatte sie doch eine sehr hohe Meinung von ihrer Grazie und Gewandt heit; aber die Tänzer vernachlässigten sie über jüngere und hübschere Mädchen. Ich kannte ihren Werth und ergriff die Gelegenheit, ihr meine Dienste anzübieten. Du weißt, wie verhängnisvoll ich auf einem Balle bin, die erste Polka gewann die Hälfte ihres keuschen Herzens, und der Walzer machte mich zum vollständigen Sieger. Ich bat um die Erlaubnis, ihr am nächsten Tage meine Aufwartung machen zu dürfen; erröthend gewährte sie die Bitte, kurz, ehe eine Woche verging, erklärte ich ihr meine Liebe in bester Form und empfing das süße Gestündniß ihrer Gegenliebe. Friedrich. Was hat Dich denn aber gehindert. Deine Beute in Sicher heit zu bringen? Randahl. Ein unglücklicher Zufall. Einer meiner Wechsel war abgelausen, Geld zur Einlösung war augenblicklich nicht vorhanden, und um fatalen Weitläufigkeiten zu entgehen, setzte ich mich aus die Eisenbahn — so eine Eisenbahn ist doch etwas Schönes in unfern geld armen Zeiten; man versetzt sich in einem Nu aus dem mephitischen Dunstkreise seiner Gläubiger; — ich fuhr also nach Hamburg und quartierte mich ohne Umstände bei einem alten Freunde ein; Du kannst Dir denken, daß er sich überglücklich schätzte, mich bei sich zu sehen. Friedrich. O ja, ich kann mir das sehr lebhaft denken. Aber was machtest Du denn in Hamburg? Randahl. Was ich dort machte? Eine köstliche Bekanntschaft. Vis-a-vis war ein Fräuleinstift, lauter abschrek- kend ehrwürdige Exemplare; aber unter den Dornen war ein zartes Rös- lein, eine junge, sehr hübsche Pensionärin der alten Damen. Augenblicklich hatte ich ihre Aufmerksamkeit gefesselt und es entspann sich ein äußerst zarter Verkehr zwischen uns. Friedrich. Du hast also mit ihr gesprochen? Randahl. Nicht eine Silbe. Friedrich. Also nur correspondirt? Randahl. Noch weniger — aber höre nur. Sie war musikalisch — Du kennst meine Force in diesem Punkt — Musik verbindet die Herzen — wir pflegten auf unfern Balcons zu sitzen und im sanften Mondlicht Duette zu spielen und zu singen. Sie fragte mich mit ihrer Guitarre: (singend) „Wirst Du mich dann wie jetzo lieben?" Ich antwortete mit dem Waldhorn: (singend) „O Theuerste, dann lieb' ich Dich noch zehnmal mehr!" Auf solche Weise und mit Hilfe der Geberdensprache schwor ich ihr ewige Liebe und Treue; sie erwiderte mein Gelübde, und Alles war im besten Zuge zu einer Entführung, als mein Unstern abermals die Oberhand gewann. Eine abgeschmackte alte Tante witterte unfern Liebeshandel und fuhr in solcher Eile mit meiner Angebeteten nach ihrer mir unbekannten Heimat ab, daß ich nicht einmal ihren Namen und Wohnort erfahren konnte. Friedrich. Entsetzlich! Aber hast Du bei Deiner Rückkehr nicht Deine Liaison mit der ältlichen Schönheit wieder angeknüpft? Randahl. Ich hätte es gethan; aber ein verräterischer Nebenbuhler hatte meine Abwesenheit benutzt und die Dame beschwatzt, ihn zu heirathen. Treuloses Weib! Nach all den Opfern, die ich ihr gebracht hatte, mich in drei Monaten zu vergessen! Nach einer Million von Briefen wie dieser (nach der Tasche fassend) — nein, er steckt in der Tasche meines Rockes im Mantelsack; aber ich kann den Brief auswen dig: „O theurer Baron von Prudel- witz" — unter diesem elastischen Namen hatte ich mich bei ihr eingeführt — „komm' morgen Abend spät in meine Nähe, kein eifersüchtig' Auge wacht, das unser Glück erspähe. Auf ewig Deine Anastasia Sophia." — Sage mir, ist das nicht ein völlig legales Be weisstück zur Klage wegen Nichterfüllung eines Eheversprechens? Hat man nicht ein höchst empörendes Spiel mit meinen edelsten und reinsten Gefühlen getrieben? Bin ich nicht — Vierte Scene. Schnuphase. Tobias. Die Vorigen. Schnuphase (draußen). Ein Fremder bei meinem Neffen? Was hat das zu bedeuten? Friedrich. Da kommt mein Onkel. Was soll ich ihm sagen? Randahl. Bah! Nur dreist, ich helfe Dir durch. (Tritt bei Seite.) (Schnuphase tritt ein. Tobias, mit der Mütze auf dem Kopfe, folgt ihm.) Schnuphase. Ah, Friedrich, nun wie geht's, Junge? Erfreut, Dich zu sehen. Aber was hat mir denn der Tobias erzählt? Ich mag nicht, daß Fremde sich bei mir eindrängen. Nein, nein, das Haus ist schon zu voll. Ich will nicht noch mehr Besuch haben. 8 Friedrich. Ich versichere Ihnen, lieber Onkel — Randahl (die Reisetasche nehmend, zwischen Schnuphase und Friedrich tretend, und sich gegen Letzteren verbeugend). Verzeihung, gnädiger Herr, möchten Sie die Güte haben, mir zu sagen, wo Ihr Zimmer ist? Friedrich (erstaunt). Wie? Schnuphase. Wie ? Was ? Randahl (sich gegen Schnuphase verbeugend). Ich wünschte meines Herrn Zimmer zu wissen, um seine Sachen auszupacken. Schnuphase. Ah so — Ihr seid ein Bedienter? Randahl. Ja, gnädiger Herr, s o ist's. Tobias. Ein Bedienter'.? Das hätte ich in meinem Leben nicht gedacht. Friedrich (bei Seite). Seine Unverschämtheit versteinert mich. Schnuphase. Das ist also der Fremde? (Zu Tobias.) Du blödsinniger Mensch, was plapperst Du denn, daß mein Nesse einen Herrn mitgebracht hat. Doch (Randahl betrachtend) ich wundere mich nicht über das Mißverständ- niß, denn der Bediente ist besser gekleidet als sein Herr. Friedrich (verlegen). Ja, lieber Onkel — es ist — Rand ahl. Es ist so Mode, gnädiger Herr. Manchmal gehen vornehme Herren etwas schäbig, der Abwechslung wegen. Wir Bediente tragen dann ihre Kleider, um sie auszuweiten, wenn sie zu eng sind. (Er geht keck auf und ab, seinen Anzug wohlgefällig musternd.) Tobias. Der Kerl stolzirt wie ein Pfau; na wart nur, College! (Er ballt Randahl (vortretend). Nein, nein, Herr, bitte um Verzeihung, Sie können mich nicht entbehren. (Zu Schnuphase.» Bringen Sie mich unter, wo es Ihnen beliebt, Herr Schnuphase, unter dem Küchentisch, drei Stühle und ein Kopfkissen, ich bin nicht anspruchsvoll, werde mich schon behelfen. Schnuphase. Nun, wir wollen sehen, was wir für Euch thun können. Sorge für ihn, Tobias. Tobias. Ja, Herr. Er soll auf dem Heuboden schlafen und mir helfen Messer putzen und Stiefel wichsen; es fehlt mir gerade Einer dazu. Rand ahl. Fehlt Dir Einer zum Wichsen, Du alte Lederpuppe? Nimm Dich in Acht, daß Du nicht gewichst wirst. (Er reißt Tobias die Mütze vom Kops und wirft sie zur Erde.) Mütze herunter, Bursche, wenn Du mit Deinem Herrn sprichst. Lerne feine Sitte, Du grober Filz. Tobias. Das übersteigt meine Begriffe! Schnuphase. Sei still, Tobias; Du hast den Verweis verdient. Dein Kopf kann zwar die Zugluft nicht vertragen, aber im Zimmer mußt Du die Mütze nicht aufbehalten. Jetzt nimm meines Neffen Reisetasche und bringe sie auf sein Zimmer. (Bei Seite zu Randahl.) Ihr bleibt hier, ich wünsche mit Euch zu sprechen. Tobias (nimmt die Reisetasche). Hierher, wenn's gefällig ist, Herr Friedrich. (Für sich) Noch mehr Arbeit! Ich werde schlechter behandelt als ein russischer Leibeigener. (Er geht ab, die Reisetasche tragend. Friedrich, welcher Winke mit Randahl austauscht, folgt ihm.) die Faust gegen Randahl.) Schnuphase. Ich weiß kaum, was ich mit Deinem Bedienten anfangen soll, Neffe. Das Haus ist so voll, wir haben keinen Platz für ihn. Friedrich (schnell einfallend). Ich werde ihn augenblicklich nach der Stadt zurückschicken, lieber Onkel. Fünfte Zccne. Schnuphase. Randahl. Schnuphase (rückt sich den Lehnstuhl zurecht). Das scheint mir ein gerader und aufrichtiger Naturmensch zu sein; ich will ihn ein Bischen über meinen 9 Neffen ausfragen. (Er setzt sich.) He, junger Mann'. (Er dreht sich um und sieht, wie Randahl seinen Anzug vor einem Spiegel zurecht zieht.) He! Johann — Wilhelm — Gottfried — Randahl (sieht sich sorglos um). Rufen Sie nach Ihren Bedienten? (Schreiend) Hierher, Johann — Wilhelm — Gottfried! Ihr faulen Tagediebe, bedient Euern Herrn. (Er fährt in seiner Beschäftigung vor dem Spiegel fort.) Schnu Phase. Zum Henker, nein; Ich rief Euch. Randahl. Mich? (stolz) Nun, das ist sonderbar, alter Herr. Sie sind ungeheuer vertraulich nach einer so kurzen Bekanntschaft. Schnuphase (aufgeregt). Was! Er unverschämter Maulaffe! — Randahl (zornig vortretend). Oho! (Für sich) Ach ich vergaß meine Bedientenrolle. (Er macht eine tiefe Verbeugung.) Bitte um Verzeihung, gnädiger Herr; ich leide bisweilen an großer Zerstreuung — Schnuphase (besänftigt). Ein närrischer Kautz. Wie heißt Ihr? Randahl. Ganz wie es Ihnen beliebt. Schnuphase. Ihr müßt doch einen Namen haben? Randahl. Ich heiße — Barnabas. Schnuphase. Barna — Barnabas; ein merkwürdig häßlicher Name. Randahl (bei Seite). Eben nicht merkwürdiger und häßlicher als Schnuphase. Schnuphase. Nun, Barnabas, ich möchte einige Fragen über meinen Neffen an Euch richten. Rand ahl. Ich werde mich höchst glücklich schätzen, Ihnen vollkommen wahre Auskunft zu ertheilen. (Bei Seite) Also aushorchen? Warte, ich will Dir eine ordentliche Nase drehen, Du alter Pelikan. (Er nimmt einen Stuhl und setzt sich.) ! Schnuphase (ohne zu bemerken, ^ daß Randahl sich gesetzt hat). Mein Neffe hat sechs Jahre studirt; nun ist er endlich Doktor geworden; sagt mir, hat er denn auch schon einige Patienten? Randahl. Seine Praxis ist uu geheuer — unermeßlich. (Er streckt sich am seinem Stuhl lang aus, zieht eine Lorgnette hervor und spielt damit.) Ja unermeßlich, das ist das rechte Wort. Schnuphase. So? (Er bemerkt, daß Randahl sitzt.) — Aber was bedeutet das, he ? Randahl (ohne auf Schnuphase's Verwunderung zu achten). Die ganze Stadt schickt nach ihm — S ch nuph a s e. Ja, aber — (er steht auf). Randahl (fortfahrend). Aus der Kirche wird er mitten unter der Predigt gerufen, jede Nacht zwanzig Mal herausgeklopft — Schnuphase. Barnabas! Barnabas! Randahl (dreht sich ruhig um und streckt sich auf dem Stuhle aus). Ich wundere mich gar nicht, wenn Sie stolz auf ihn sind; seine Berühmtheit ist so furchtbar, daß alle anderen Aerzte bankrott werden. Schnuphase (klopft ihn auf die Schulter und deutet auf den Stuhl). Ja, ja, aber — Randahl. Ja, äußerst bequem, dieser Stuhl. Schnuphase. Barnabas, Ihr vergeht Euch. Randahl. Oh! (Bei Seite) Verwünscht! Schon wieder meine Bedientenrolle vergessen. (Steht auf, macht eine Verbeugung.) Bitte um Verzeihung, ich glaubte, ich sei zu Hause, tausend Mal um Verzeihung. Schnuphase. Na, schon gut, schon gut. Also, Friedrich macht Glück in der Welt; bin ausnehmend erfreut, das zu hören. Ich fürchtete, er würde ^räge und verschwenderisch sein. ^ Ran da hl. Wie konnten Sie so ^ etwas denken? Der fleißigste und or 10 deutlichste Mensch im ganzen Universum; immer am Studirtisch oder bei den Patienten, kein liederlicher Nachtschwärmer, wie leider so viele Andere. Niemals hat er sich die Qualen eines bösen Gewissens oder die Schrecknisse eines Katzenjammers zugezogen. Schnuphase. Braver Junge, braver Junge. Seine Tugend soll belohnt werden. Er soll unverzüglich ein liebenswürdiges Mädchen heirathen. Randahl (Schnuphase unter den Arm fassend). Recht so, recht so! Ich lobe Sie dafür aus vollem Herzen. Schnuphase. An seinem Hochzeitstage gebe ich ihm 10.000 Thaler und bei meinem Tode — nun wir werden sehen. Er soll Ursache haben, seinen Onkel nicht zu vergessen. Randahl. Edler, großmüthiger Mann, seine Dankbarkeit wird grenzenlos sein. Er hat schon so manchen Liebesbeweis von seinem gütigen Onkel empfangen, und dieser letzte Beweis! (Seine Hand schüttelnd) Sie honneter, alter Bursche, ich wünschte, ich Hütte so einen Onkel. Sechste Scene. Die Vorigen. Tobias (tritt mit einem Tafelgedeck ein). Schnuphase. Na, schon gut, schon gut. Vergeht Euch aber nicht wieder. Jetzt helft Euerm Collegen den Tisch decken. (Er setzt sich wieder, zieht Zeitungen aus der Tasche und liest.) Randahl. Ja, gnädiger Herr, (für sich) Jetzt geht mir's ganz leidlich. Tobias (im Hintergründe). Nun, Lakai, paß aus und hilf ordentlich mit. Rand ahl. Geh zum Kuckuck, alte Vogelscheuche. Hilf Dir selbst — ich bin hier Gast. Schnuphase. Barnabas! Keine Impertinenzen! Macht Euch nützlich, oder scheert Euch in die Stadt zurück. Randahl lbei Seite). Das möchte ich um keinen Preis. (Sich gegen Schnup Hase verbeugend) Gnädiger Herr, ich werde Alles thun, was Sie wünschen. (Heftig auf Tobias zugehend) Nun, Du schuppiges Krokodil, was soll's? Tobias. Hier, greif zu. Randahl (faßt den Tisch und zieht Schnuphase (schüttelt Randahl's Hand). Oh, ich bin davon überzeugt, ich — ich (besinnt sich und versucht seine Hand zurückzuziehen; Randahl hält sie fest.) Holla! Holla! Ran da hl. Was gibt's denn? i Schüttelt ihm die Hand.) Sie verdienen einen ausgezeichneten Platz in der Geschichte der Menschheit, ein Monument bei Lebzeiten, Sie — Schnuphase. Barnabas: Barnabas! (sucht seine Hand mit Gewalt loszumachen) Erinnert Euch — ihn heftig fort; Tobias, welcher am anderen Ende steht, fällt darauf). Tobias. Holla, sachte, Lakai, sachte, ich bin kein Elephant. Rand ahl. Ein Elephant? Beleidige dieses edle Thier nicht: Du bist ein Nilpferd. (Sie bringen den Tisch weiter nach vorn und decken auf. Randahl, welcher sehr verdrießlich ist, macht drohende Geberden gegen Tobias, wirft ihm eine Serviette an den Kopf u. dergl.) Randahl. Ach ja! (Schnuphase's! Siebente Scene. Hand loslassend, für sich) Schon wieder! Die Vorigen. Friedrich (in ele- (Er verbeugt sich.) Bitte um Verzeihung, ! » o ^ t Herr Schnuphase; meine Hingebung! ^ ^ für meinen Herrn hat mich überwältigt;! Friedrich. Nun, denke ich, werde Hunderttausendmal um Verzeihung! . ich meiner Braut mit der Gewißheit, Achte Scene. einen guten Eindruck zu machen, entgegentreten können. Schnuphase (aufstehend und auf Friedrich zugehend). Ah, jetzt bist Du wieder Du selbst, Friedrich. Nun prä- sentirst Du Dich, wie sich's gehört. ! Friedrich. Freut mich, Onkel,! wenn meine Erscheinung Ihren Beifall > hat. ! Schnuphase. Sehr! Vollkommen! guter Geschmack. i Randahl (Friedrich fehend, stutzig)-! Ei Potztausend, er hat meine Kleider j an. (Er wirft Messer und Gabeln fort und! schreitet hastig auf Friedrich zu. Bei Seite) ! Räuber — Mörder — Einbrecher —, wie kannst Du wagen, Dich meines! Eigenthums zu bedienen? ! Friedrich (bei Seite zu Randahl).! Freundschaft, mein theurer Junge, pure! Freundschaft. Du hast's oft ebenso mit meinen Kleidern gemacht und — Randahl. Ja, ja, ich weiß; aber es kann sich ein Unfall ereignen; es ist mein bester Anzug; nimm Dich um Gotteswillen in Acht. Schnuphase. Was gibt's, Neffe? Dein Diener scheint mit Deinem Anzuge nicht zufrieden zu sein. Randahl. Nein, gar nicht, gnädiger Herr; der Rock ist zu eng. (Friedrich bewegt seine Arme, Randahl hält ihn fest; bei Seite) Halt' die Arme still, oder die Rückennath geht auseinander; und die Pantalons sind so zart, der kleinste Fleck ruinirt sie; Du hast sie zu straff angezogen, sie werden an den Knieen platzen. Du wirst sehen, sie platzen. Dobias (ist während des Vorigen mit Tellern u. s. w. hin und hergegangen und hat den Tisch besorgt; er tritt vor). Die Tafel ist servirt. (Er gibt Randahl eine Glocke.) Läute zum Essen. Randahl. Sehr wohl! (Er läutet heftig.) Ich will meinen Aerger wenigstens an Etwas auslassen. (Läutet wüthend.) Zu Tisch! zu Tisch! zu Tisch! (Ab.) Die Vorigen, außer Randahl. Caroline. Hierauf der Schiffs- capitain Pfefferkorn und Anastasia, dessen Frau. Schnuphase (Caroline bei der Hand nehmend und sie Friedrich vorstellend). Fräulein Blumfeld, mein Neffe. (Bei Seite zu Friedrich.) Nun, Friedrich, wa? sagst Du dazu? Friedrich. Fräulein, meine Seligkeit läßt sich nicht mit Worten aus- drücken. (Für sich) Sie ist wirklich reizend. (Der Schiffscapitain und Anastasia treten ein.) Schnuphase (vorstellend). Herr Schiffscapitain Pfefferkorn, mein Neffe, die Frau Capitain. Der Schiffscapitain. Erfreut, Ihre Bekanntschaft zu machen. (Sie reichen sich die Hände; Friedrich wendet sich zu Anastasia.) Noch so ein artiger Schuft, um meinen häuslichen Frieden zu stören, ha! (Er sieht, daß Friedrich sich vor Anastasia verneigt.) Natürlich, ganz natürlich! Wie sie sich angrinsen; sie nimmt eine bezaubernde Miene an — er stellt sich, als wäre er von ihrer Schönheit frappirt. Daß sie verheirathet ist, daran denkt sie gar nicht, das hat gar nichts zu bedeuten. Sturm und Wetter! (Er geht wüthend aus und ab, Friedrich beobachtend, welcher sich lebhaft mit Anastasia und Caroline unterhalten hat und sich sodann zu Schnuphase wendet.) Friedrich. Mein theurer Onkel, ich kann Ihnen nicht innig genug danken. Caroline (mit Anastasia vortretend«. Wie gefällt Ihnen mein zukünftiger Gatte? Anastasia. Vortrefflich, meine Liebe. Er ist ein vollkommenes Muster männlicher Schönheit. Betrachten Sie dagegen meinen Mann. 12 Neunte Scene. Randahl. Die Vorigen. Der Capitain. Zum Teufel, da kömmt noch Einer. Der wird ihr auch die Cour machen. (Sich ccremoniös verbeugend.) Gehorsamster Diener! Randahl (des Capitains Hand ergreifend). Ganz ergebenster Diener; bin entzückt, Ihre Bekanntschaft zu machen — Sie kommen aus Brasilien, wie mir Tobias sagte, haben sich viel in der Welt umgesehen. Wie hat Ihnen das Leben in Südamerika gefallen? Schnuphase (vortretend). Dieser unverschämte Lakai vergißt sich schon wieder. Holla, He: Randahl (zu Schnuphase). Run, was gibt's? (Zum Capitain) Ich habe auch einen alten Vetter in Rio Janeiro, steinreich, aber höchst geizig — Sie haben ihn vielleicht kennen gelernt? Schnuphase (zornig). Barnabas: Barnabas: „ Randahl (bei Seite). Ah, die verwünschte Bedientenrolle. (Verbeugt sich.) Bitte um Verzeihung, mein Herr: (Er geht nach dem Hintergründe und hilft Tobias Schüsseln und Teller aufsetzen.) Der Schiffscapitain (erstaunt).! Wer ist dieser excentrische Herr? Schnuphase. Ein Herr? Ha, ha,! ha: — es ist meines Neffen Lakai, ha, ha, ha: — ! Der Schiffscapitai n(wüthend). ! Ein Lakai? den unverschämten Kerl! sollen ja Millionen Erdbeben zerschmettern: Ich will ihn über Bord werfen: Schn uphase (hält ihn zurück). ! Rein, nein, lassen Sie ihn; er ist ein - Bischen verrückt. Seine Vertraulichkeit ist spaßhaft, hat mich auch schon amü- sirt. Kommen Sie, das Essen steht bereit. — Meine liebe Caroline — (er nimmt ihre Hand und führt sie zu Tisch). Friedrich, spiele den Galanten bei der Frau Capitain. Friedrich (zu Anastasia). Darf ich die Ehre haben — (er bietet ihr die ! Hand und führt sie zur Tafel). ! DerSchiffscapitain. Der un- ! verschämte Hallunke, ich rathe ihm, ! mir nicht vor Augen zu kommen. — !Ha: Da ist der andere Zierbengel; wie l er meine Frau süßlich anguckt. Ich ! kann's nicht aushalten, ich werde ihn ! fordern, wahrhaftig ich thu's. (Geht >zur Tafel und setzt sich.) Randahl (setzt sich auf Schnuphase's ! Stuhl und fängt an zu tranchiren. Schnup- ! Hase stößt ihn fort). . Tobias (gibt Randahl einen Teller ! und legt ihm eine Serviette auf den Arm). !Nun, Lakai, an die Arbeit. Randahl. Wozu soll das? Tobias. Zur Aufwartung bei Tisch. RaN dahl (in einer verzweifelten Stellung). Oh: ist es so gemeint?! Schnuphase. Barnabas, etwas Brod. > Randahl. Gleich, gnädiger Herr. (Zu Tobias) Wo zum Teufel ist es? Tobias (zeigt ihm das Brodkörb- chen). Hier — hier. Rand ahl (ergreift statt dessen einen Teller mit Salat und reicht ihn Schnuphase mit einer lächerlichen Verbeugung). Schnuphase. Nein doch, nein, Brod, Brod. Randahl. Oh, bitte um Verzeihung. (Er nimmt das Brodkörbchen und hält es Schnuphase dicht unter die Nase.) Hier — nun so nehmen Sie, rasch: Schnuphase (nimmt Brod). Das ist doch der frechste Schlingel, der mir je vorgekommen ist, Neffe, Du mußt ihn fortjagen. Randahl (fetzt das Brodkörchen auf einen Seitentisch und schenkt sich ein Glas Wein ein). Tobias Holla: Laß das sein: Randahl. Halt Deinen Mund. (Trinkt.) 13 Schnuphase. Versuchen Sie von dem Ragout, Frau Capitain. — Barnabas, andere Teller; Schnuphase. Barnabas; Bar- «nabas; Paß aus Bursche. (Er deutet auf Caroline.) Randahl (eilt auf Anastasia zu und reicht ihr einen Teller mit einer übertrieben tiefen Verbeugung). Besehlen Sie, gnädige Frau. — Anastasia (wendet sich um, sieht Randahl an und fährt erstaunt zurück). Ah! Randahl. O Himmel; (er fährt zurück und läßt den Teller fallen). Anastasia (bei Seite). Der Baron von Prudelwitz; Randahl (bei Seite). Meine Sylphide von der großen Redoute. Schnuphase. Caroline. Was gibt's? Der Schiffs- Was ist los? capitain. Randahl. Nichts, gar nichts. — Der Teller entschlüpfte mir. Ziehen Sie ihn von meinem Lohn ab. Ich behalte die Stücke, können gekittet werden. (Er bückt sich um die Stücke aufzuheben und zupft Anastasia am Aermel. Bei Seite) Still, um Gotteswillen, oder ich bin des Todes. Anastasia (zieht sich von ihm zurück und blickt mit Verachtung auf ihn). Unverschämter Bursche, ich lasse Euch die Hetzpeitsche geben. Randahl (geht in den Hintergrund). Eine höchst angenehme Situation. (Er setzt sich auf einen Stuhl.) Tobias (wechselt die Teller, Friedrich reicht Anastasia eine Schüssel.) Der Schiffscapitain (für sich). Das kommt mir äußerst verdächtig vor. Meine Frau kennt den schuftigen Lakai. Ich schneide ihm die Ohren ab; Anastasia (bei Seite). Baron von Prudelwitz, ein Bedienter; Dieser verwegene Gauner — oh, mein schändlich bethörtes Herz! (sie ißt.) Schnuphase. Was suchen Sie, liebe Caroline? Caroline. Etwas Brod, wenn ich bitten darf. Randahl. Was rst schon wieder? Ich bin beschäftigt, molestirt mich nicht. Schnuphase. Bringt dem Fräulein Brod, rasch Mosje, Brod. Randahl. Ja, Herr, gleich. (Nimmt einen Teller mit Aepfel von einem Seitentisch und präsentirt ihn Carolinen.) Gnädiges Fräulein, bitte gehorsamst. Caroline (wendet sich um, blickt ihn an und fährt erstaunt zurück). Ah; Rand ah l Alle Wetter; (läßt den Teller fallen). Caroline (für sich), Mein interessanter Fremdling! Randahl (für sich) Meine Angebetete aus Hamburg. Schnuphase. Nun — was bedeutet das — was soll das? Randahl. Nichts, gnädiger Herr, gar nichts — bloß noch ein hingefallener Teller — ich habe Unglück, bin an einem Freitag geboren. Ich werde die Stücke auflesen. (Kniet nieder und zupft Caroline.) Süll; Seien Sie verschwiegen, oder ich werde in der Blüthe meines Mters hingeschlachtet. Caroline (sich von ihm zurückziehend und ihn verächtlich anblickend). Frecher Lakai, Er verdient das Zuchthaus. Randahl (geht nach dem Hintergründe, für sich). Noch eine allerliebste Ueberraschung. Ich muß einen Tropfen Kirschenwasser trinken, um meine Ner ven zu stärken. (Geht zum Schenktisch, drängt Tobias fort und gießt sich ein.) Tobias. Ihr thut doch wahrhaftig, als ob Ihr zu Hause wäret. Warum nehmt Ihr nicht lieber einen Stuhl und setzt Euch dort unter die Gesellschaft. Randahl. Schließe das Thor Deiner kindischen Gedanken, verrostete Pfefferbüchse. Schnuphase. Friedrich gib uns eine Probe Deiner Kunst; secire dieses Geflügel. 14 Friedrich (steht auf, um zu tranchiren). Mit Vergnügen. Randahl (auffahrend). O weh, meine feine Weste! (Er läuft zu Friedrich, -alb laut) Nimm Dich in Acht, nimm Dich ja in Acht, Du wirst meine Weste mit Sauce bespritzen. (Er drückt Friedrich auf seinen Stuhl und bindet ihm eine Serviette um den Hals.) Du Mußt eine Serviette vornehmen. Friedrich (sich sträubend). Laß doch sein — bist Du toll!? Randahl. Nein, nein; laß Dir die Serviette umbinden oder ich erwürge Dich. Der Schiffscapitain (sich von einer Speise zulangend). Dies scheint etwas Vorzügliches zu sein. Randahl (bei Seite mit Bezug auf den Schiffcapitain). Gar nicht dUMM, alter Schnurrbart. (Zu Fritz) Geflügel tranchiren ist eine äußerst verfängliche Sache und sollte nie in geborgten Kleidern unternommen werden. Tobias. Hier, junger Tollhäusler, sperre die Augen auf. (Er giebt Randahl einen Teller mit Confect in die Hand.) Randahl. Wozu soll das? Tobias. Confect für die Damen. Randahl. Sehr wohl, mir ganz recht. (Er schreitet vor, indem er von dem Confect ißt.) Ich habe hier hübsche Sachen angerichtet — ein Diplomat hätte es nicht besser gemacht — die Damen wüthend — die Männer eifersüchtig — die Eine will mir die Hetzpeitsche geben lasten, die Andere mich ins Zuchthaus schicken — daneben ein Duell in nächster Aussicht. Ich denke, ich mache es wie ein wohlerzogener Vudel, der sich aus der Küche empfiehlt, ehe der Besenstiel kommt. (Er ißt Confect.) Schnuphase. Barnabas! Barnabas! Was macht Ihr da! Rand ahl. Ruhig, ehrwürdiger Hausvater! Bekümmern Sie sich um Ihre eigenen Angelegenheiten und lasten Sie mich sammt Ihrer langweiligen Gesellschaft ungeschoren. Der Schiffscapitain (fährt wüthend auf). Oh, das ist allzutoll, Du frecher Bube. Wie kannst Du wagen, Deinen Herrn und uns Alle so zu beleidigen? Ich werfe Dich zum Fenster hinaus! Randahl (grimmig). Ich möchte den Versuch wohl sehen. (Alle erheben sich in Verwirrung; Schnuphase und Tobias stürzen auf den Schiffscapitain zu und halten ihn; Friedrich hält Randahl fest.) Der Schiffscapitain (wüthend). Schuft, Du drohst mir? Anastasia. O Himmel, es wird ein Mord geschehen. Caroline. Der Lakai ist wahnsinnig. Friedrich. Sei vernünftig, Du richtest mich zu Grunde. Randahl. Ist mir Alles gleich; ich bin von diesem brasilianischen Affen beschimpft worden, und ich will ihn Nasenstübern, komme, was da wolle! Der Schiffscapitain. Brasilianischer Affe!? Brasilianischer Affe?! Schnuphase. Kommen Sie, be ruhigen Sie sich. Der Kerl wird fortgejagt. Er ist toll, ich bin davon überzeugt. Wir wollen in den Saal zurück kehren. Komm, Friedrich. Meine Damen, es ist unter Ihrer Würde. Kommen Sie, kommen Sie! (Er versucht den Capitain fortzuziehen.) Der Schiffscapitain. Brasilianischer Affe! Brasilianischer Affe! Schnuphase. Kommen Sie, kommen L>ie! (Er zieht ihn mit Gewalt unter Tobias Beistand hinaus.) Anastasia. Entsetzlicher Affront! (Ab.) Caroline. Mein interessanter Fremdling ein gemeiner Lakai — ich sterbe vor Scham. (Ab.) Friedrich. Ich dachte mir's gleich, daß Du die tollste Verwirrung im Hause anrichten würdest. Mein Onkel wird 15 den Betrug entdecken, ich werde enterbt werden und meine Braut verlieren. Randahl. Nein, nein, vertraue mir nur, überlaß mir Alles. Geh zu den Andern. Ich werde Alles wieder ins Gleiche bringen. (Er drängt ihn hinaus.) Kein Wort — mach, daß Du fortkommst. Friedrich (ab). Randahl. Ich denke, es ist jetzt hohe Zeit, daß ich einige Erfrischung zu mir nehme. (Er setzt sich an den Tisch und legt sich vor.) Zehnte Scene. Nandahl. Tobias (tritt ein). Tobias (erstaunt). Was? Hat die Unverschämtheit noch kein Ende? (Er geht zum Tisch und schlägt mit der Hand darauf.) Holla, holla! Herr Lakai — das ist doch zu stark! Randahl (mit vollem Munde). Gib mir Champagner, schwachsinniges Subjekt. Rasch — wird's bald? (wirft die serviette nach ihm). Tobias. Champagner? Ha ba ha! So ein hirnverbrannter Lakai will Champagner. Ha ha ha! (bückt sich, um die Serviette aufzuheben). Randahl reißt ihm die Mütze vom Kopfe, schlägt ihn damit, und wirft sie zur Erde). Du unterstehst Dich, über mich zu lachen, Du runzeliger Bösewicht! Pack Dich fort, oder ich massakrire Dich. Tobias. Das wollen wir doch sehen! (stellt sich in Positur). Komm einmal an — ich brn zum Massakriren bereit. Raudahl. Na, laß gut sein. (Bei Seite) Verwünscht, ich habe meine Rolle schon wieder vergessen. (Zu Tobias) Achte nicht auf das dumme Zeug, guter Kamerad, es war bloß ein Scherz. Tobias. Meinetwegen, wenn Ihr Euch entschuldigt, so ist meine Ehre befriedigt. Nun denke ich, wir räumen den Tisch weg, wenn es dem Herrn Lakai gefällig ist. Raudahl. Ja, ja. Ich thue Alles aus Liebe zum Frieden. Lilstt Scene. Caroline. Die Vorigen. Caroline (bei Seite). Es steckt hinter diesem Bedienten ein Geheim- niß, das ich ergründen muß. Seine Kleidung, seine Manieren, seine Warnung, ihn nicht zu verrathen, Alles läßt mich glauben, daß er nicht ist, was er scheint. Ich will ihn fragen. Geh, Tobias, man verlangt nach Dir im Saale. Tobias. Zu Befehl, Fräulein. (Abgehend, für sich) Sie will im Geheimen mit dem Lakai sprechen — auch kein übler Geschmack. Verdorbenes Zeit alter! (Ab.) Randahl (bei Seite). Sie liebt mich noch immer — der holde Engel! Caroline (zaudernd). Herr — Herr — Barnabas. Randahl (auf sie zugehend). Fräulein — Fräulein — meine Geliebte! Caroline. Was berechtigt Sie, mich so zu nennen? Rand ahl. Was mich berechtigt? Die feurigen Gelübde, die ich Ihnen aus meinem Fenster in Hamburg mit dem Waldhorn zugeblasen, die zärtlichen Antworten, die sie auf der Guitarre geklimpert haben, die verzehrenden Küsse, die ich Ihnen quer über die Straße zuwarf, die himmlische Geberdensprache, durch welche Sie die Erwiderung meiner Liebe zu erkennen gaben, die — Caroline (in großer Aufregung). Sie sind also kein — Randahl. Kein Lakai! Nein, nein süßer Engel, nein. Caroline (schnell). Eine Verkleidung? 16 Rand ahl. Ja. — Caroline. Um mich vor einer verhaßten Verbindung zu retten — edler Fremdling, halten Sie mich, ich werde ohnmächtig. (Sie Mt in seine Arme.) Randahl (küßt sie). Meine Geliebte — mein Leben; Caroline (schnell wieder zu sich kommend, lächelnd). Aber doch nicht so rasch! Randahl. Hier zu ihren Füßen gelobe ich ewige Liebe und Treue. (Kniet nieder.) Caroline. O, das ist reizend — ein verkleideter Liebhaber — wie allerliebst romantisch. Zwölfte Lcene. Schnuphase. Die Vorigen. Schnuphase. He, Holla; Was geschieht hier? Randahl. Gestatten Sie mir — (bemerkt Schnuphase.) Da ist Herr Schnuphase; thun Sie, als ob Sie ihn nicht bemerkten. (Er nimmt Tobias Mütze von der Erde auf und stäubt damit Carolinens Schuhe ab.) Schnuphase (tritt vor. heftig). Barnabas! Barnabas; Was thut Ihr? Rand ahl (sieht sich kaltblütig um, zu Schnuphase). Befehlen? (Zu Caroline.) Den Anderen, gnädiges Fräulein, wenn ich bitten darf. Schnuphase. Was für einen Anderen? Randahl. Den andern Fuß, bitte. (Abstäubend) Ganz erstaunlich viel Staub draußen heute, könnte auch wieder einmal regnen — Danke, gnädiges Fräulein, bin fertig. Schnuphase. Ah so, er hat ihr die Schuhe abgestaubt. Randahl. Soll ich Ihre Stiefel auch ein Bischen abklopfen, gnädiger Herr? (Bei Seite) Na warte, alter Junge. (Er schlägt mit Gewalt auf Schnup- hase's Füße.) Schnuphase. Schon genug — schon genug. Au, meine Hühneraugen. — Kommen Sie, liebe Caroline; Friedrich ist höchst unglücklich über Ihre Abwesenheit; ich versprach, Sie zu ihm zu bringen. Kommen Sie in den Saal. Caroline. Ach, Herr Schnuphase, entschuldigen Sie nnch. Ich — ich habe plötzlich Kopfschmerzen bekommen, und ich — (auf Randahl blickend) Schnuphase. Bah! — Friedrich soll Sie curiren. Kommen Sie, kleine Schelmin, kommen Sie. (Er nimmt sie mit. Im Abgehen wirft sie Randahl Küsse zu, welche dieser mit leidenschaftlicher Geberde erwiedert.) Randahl (singend und tanzend). Heisa lustig, ich bin wieder oben auf. Endlich habe ich einen glücklichen Wurf gethan. Armer Friedrich, thut mir leid um ihn, aber meine Ansprüche sind älter, und reiche Partien findet man nicht alle Tage. Dreizehnte Scene. Anastasia. Randahl. Randahl (bei Seite). O weh, da ist mein anderer Speculationsartikel. Ich thue wohl am klügsten, wenn ich verschwinde. (Er will abgehen.) Anastasia. Bleiben Sie. Randahl. Gnädige Frau — (bei Seite) Das wird eine geschmacklose Geschichte werden. Sie sieht grimmig aus wie eine Tigerkatze. Ich will mich wenigstens außer dem Bereich ihrer Zähne und Nägel halten. Anastasia (bei Seite). Er ist kein Bedienter. Ich durchschaue Alles. Er ist hierher gekommen, um mir Borwürfe über meine Verheirathung zu machen. Armer Mensch; Ich muß ihn besänftigen. (Liebevoll) Baron von Pru delwitz! 17 Randal) l (bei Seite). O Jemine, j sie verfällt in süße Reminiscenzen. Ich! bin in einer gräulichen Sauce. Der! Ehemann wird mich todtschießen. (Zu Anastasia) Sie irren sich, gnädige Frau, mein Name ist Barnabas. Anastasia (liebevoll lächelnd). Ja, für alle Welt, nur nicht für mich. R andah l (bei Seite). Verdammt, ! sie wird mich ruiniren. (Zu Anstasia) Nein, nein, Sie sind im Jrrthum. Ich! bin Barnabas für alle Welt, ohne Aus-! nähme. Anastasia (zornig auffahrend und feinen Arm ergreifend). Ha, wagen Sie, Ihr Spiel mit mir zu treiben? Ich werde meinen Mann rufen. (Sie will! abgehen, er hält fie zurück.) j Randahl. Nein, nein — das! könnte ihn aus seiner Gemüthsruhe bringen. (Bei Seite) Jetzt werde ich mit einem Ausbruche tugendhafter Entrüstung losplatzen. (Zu Anastasia) Ihren Mann wollten Sie rufen? Ihren Ehegatten? Treulose Sylphide — sollte! ich nicht dieser glückliche Gatte werden?! Oh, ihr unsterblichen Götter und Göttinnen! Anastasia Sophia mit einem Andern vermählt! Oh (weinend) lebe! wohl, Du Falsche. Einen letzten —! einen sterbenden Blick — und dann! lebe wohl auf ewig. ! Vierzehnte Scene. Der Schiffscapitain. Die Vorigen. Der Schiffscapitain. Him meltausend Donnerwetter! Randahl. Seien Sie doch nicht so — (er bemerkt den Capitain) Ach, da ist Ihr Gemahl, verhalten Sie sich ruhig, oder wir sind geliefert. (Anastasia kommt plötzlich wieder zu sich. Randahl nimmt Tobias' Mütze von der Erde auf und stäubt ihr die Schuhe ab, der Capitain packt einen Stuhl und stößt ihn heftig zu Boden.) Randahl (stutzt und dreht sich zornig um). He, machen Sie doch nicht solchen Lärm. Können Sie denn den Stuhl nicht ruhig hinsetzen ? (Er wendet sich zu Anastasia, abstäubend) Den Anderen wenn ich bitten darf, gnädige Frau. Der Schiffscapitain (vortretend). Den Anderen'.? Randahl. Den anderen Fuß, bitte sehr. (Abstäubend) Ganz erstaunlich viel Staub draußen. Wie ich schon die Ehre hatte zu bemerken, es könnte auch wieder einmal regnen. So — nun wird's genug sein, gnädige Frau. Der Schiffscapitain. Ach so, — Ihr seid ein Stiefelputzer. Dann könnt Ihr meine Stiefel auch ein Bischen säubern. (Er setzt seinen Fuß auf Ran- Anastasia. Oh — ach — fangen Sie mich auf, ich falle in Ohnmacht. O mein Baron, mein Prudelwitz! (fällt in seine Arme). Randahl. Ei zum Henker, das ist mehr als ich wollte. Hier, setzen Sie sich nieder. (Er setzt "sie auf einen Stuhl und versucht, sie ins Bewußtsein zurückzurufen.) Anastasia — meine Geliebte — mein Leben! — (ärgerlich) Jetzt wird mir's allzu toll! Sie überspannte Schwärmerin, so kommen Sie doch wieder zu Verstände! i dahl's Knie.) Randahl. Nein, danke mein Herr. Ich beschränke mich auf die Damen. (Er steht hastig auf. Der Schiffscapitain verliert das Gleichgewicht und fällt auf den eintretenden Tobias.) Fünfzehnte Scene. Tobias. Die Vorigen. — Bald darauf Schnuphase, Friedrich und Caroline. Der Schiffscapitain (ergreift einen Stuhl und schwingt ihn in der Luft). 2 Wiener Theater-Repertoir 41. 18 Frecher Schurke: (Anastasia hält ihn zurück.) Randahl (faßt ebenfalls einen Stuhl und schwingt ihn). Schlag zu, Brasilianischer Eisenfresser: Ich werde Dein Compliment erwidern. Anastasia. O, theurer Pfefferkorn, beruhige Dich. Hülfe! Hülfe: (Schnuphase, Friedrich und Caroline treten ein.) Schnuphase. Heda: Holla: Was ist schon wieder los? Friedrich tritt hinter Randahl und hält ihn fest. Schnuphase und Tobias halten den Capitain. Caroline eilt zu Anastasia.) Der Schiffscapitain. Dieser höllische Lakai: Ich fand ihn knieend zu den Füßen meiner Frau; er gab vor, ihr die Schuhe abzustäuben, aber — Schnuphase. Gerade in derselben Stellung fand ich ihn vor Fräulein § Caroline: > Friedrich (auffahrend). Wirklich?^ Anastasia (mit argwöhnischem Tone j zu Caroline). Caroline: Tobias (seine Mütze aufnehmend). Und wahrscheinlich mit meiner Mütze — ja wahrhaftig; dieser schauderhafte Lakai: Schnuphase. Nein, Friedrich, ich will's nicht länger dulden, daß meine Freunde von Deinem Bedienten insul- tirt werden. Entlaß ihn augenblicklich. Friedrich. Ich will es thun, Onkel. (Zu Randahl) Ihr seht nun, was Eure Tollheit und Unverschämtheit über Euch gebracht hat. Entfernt Euch aus diesem Hause und laßt Euch nie wieder vor mir sehen. Randahl (sich ehrerbietig verbeugend). Ich gehorche, Herr — es thut mir unendlich leid. Sie werden wohl aber die Güte haben, mir zuvor meine Kleider herauszugeben. Friedrich (hastig). Ja, ja — natürlich. (Bei Seite) Willst Du mich zu Grunde richten? Randahl. Ich gehe nicht eher von der Stelle — also zieh' aus. Friedrich (wüthend zu Randahl). Du willst also durchaus meinen Untergang? Hier — nimm: (Er zieht heftig seinen Rock aus; ein Brief fällt aus der Tasche.) Schnuphase (auf ihn zueilend, verhindert ihn am Ausziehen des Rockes und hält ihn zurück). Nein, nein. Du wirst Dich doch nicht schlagen? Behalte Deinen Rock an. Jage den Bösewicht fort. (Er drängt Friedrich in eine Ecke. Tobias drängt Randahl in eine andere Ecke.) Der Schiffscapitain (hebt den Brief auf). Werft ihn in die Pferdeschwemme, den unverschämten Landstreicher, der eine ganze Familie beschimpft und in Aufruhr versetzt. (Zu Friedrich) Hier, mein Herr, ist ein Brief, der aus ihrer Tasche siel — (er sieht darauf und schreckt zurück) Tod und Hölle! Er ist von meiner Frau. Schnuphase.) Friedrich. ! Von Ihrer Frau? Caroline. - Randahl (bei Seite). Ihr Briefchen an mich. Das kommt davon wenn man anderer Leute Kleider trägt. Der Schiffscapitain (lesend). „Ewig Deine Anastasia Sophia." — Ich dachte mir's: Nun Madame — (zu Friedrich) und Sie, Herr, was haben Sie zu Ihrer Vertheidrgung zu sagen? Anastasia (bei Seite). Mein Brief an Prudelwitz. Ich bin verloren: (Sie fällt Schnuphase in die Arme.) Caroline. Friedrich falsch und treulos: Oh, halte mich Jemand. (Sie fällt Randahl in die Arme.) Friedrich (vortretend). Herr Capitain, ich — Der Schiffscapitain (wüthend auf ihn zugehend). Elender: zurück, oder ich morde Dich. Tobias (dazwischen tretend und sie aus einander haltend). Nein, das werden Sie gefälligst nicht thun. 19 Schnuphase (setzt Anastasia auf einen ! Stuhl). Beruhigen sie sich, liebe Frau! Capitain, ich bitte Sie. ^ Randahl. Bekommen Sie Krämpfe,! dann trage ich Sie hinaus und wir entfliehen; ich bringe Sie zu meiner Tante. Caro l i n e. Wollen Sie? Oh Theuerster! (Sie zappelt und schreit) Ach! Ach'. Anastasia (zappelt und schreit). Oh! Oh! Schnuphase. Ruhig, meine lieben Damen. (Er läuft von Einer zur Andern) Oh, ich kann's nicht länger aushalten. iEr wirft sich auf ein Sopha) Friedrich — Herr Capitain — Tobias — schickt nach der Polizei: Randahl. Luft! Luft: Das Fräulein mußt an die Luft. (Er nimmt Caroline in feine Arme und will sie davon tragen. Schnuphase, der Capitain und Tobias halten ihn zurück.) Schnuphase. Nein, nein, nein, Mosje — laßt sie los, laßt sie los. Friedrich (versucht Caroline von Randahl loszumachen). Fort von ihr! Niemand außer mir soll — Caroline (plötzlich zu sich kommend, zu Friedrich). Bemühen Sie sich nicht, Sie sind noch gar nicht darum gebeten. Ich ziehe den Beistand dieses Herrn vor. (Zu Randahl) Lassen Sie sich nicht hindern, Theurer, schaffen Sie mich fort. (Sie hängt sich an seinen Arm und Beide wollen abgehen.) Schnuphase (erstaunt). Wie? Was? Caroline:: — Haltet sie auf — haltet sie aus! (Er eilt nach der Thüre und schreit) Polizei: Polizei! (Der Schifsscapitain, Tobias und Schnuphase stellen sich vor die Thüre.) Randahl. Bleiben Sie: Bleiben Sie: Lassen Sie uns parlamentarisch verfahren, ohne Zank und Geschrei. Ich bitte ums Wort! Ich kann Alles erklären. (Er führt Caroline zu einem Stuhl.) Herr Schnuphase, Herr Capitain, gnädige Frau, Friedrich — thun Sie mir den Gefallen und nehmen Sie Alle Platz. Schnuphase. Ja, aber — Randahl (drückt Schnuphase aus einen Stuhl). Bitte um Entschuldigung, übersetzen sie sich nieder. (Er drängt auch die Uebrigen zum Sitzen.) Bitte, bitte, gönnen Sie mir nur wenige Worte. Nun — sitzen Sie Alle? Tobias (nimmt einen Stuhl). Ja, Alle? RaNdahl (lehnt sich über den Rücken seines Stuhles und räuspert sich). Meine Damen und Herren — Sie halten mich ohne Zweifel sämmtlich für einen höchst unverschämten Menschen. Tobias. Hört: Hört! Randahl. Zur Ordnung — dort der Mosje in der geschmacklosen Livree: — Um aufrichtig zu sein, gebe ich die Thatsache zu. Ich bin berühmt wegen meiner unerschütterlichen Dreistigkeit, mein Freund Friedrich kann es bezeugen. Schnuphase. Sein Freund?: (Er fährt erstaunt auf.) Randahl. Sitzen bleiben: Zur Ordnung, dort der Herr in der gelben Perrücke. (In seiner Rede fortfahrend) Mein Freund Friedrich; denn ich bin kein Lakai, bin aus guter Familie, obendrein ein Gelehrter, habe seit sieben Jahren die Universität frequentirt, nacheinander Theologie, Philosophie, Jurisprudenz und Medizin studirt und werde mir nächstens den Doctorhut aussetzen. Tobias. Ich hege Zweifel. Randal) l. Ruhig in der Bedienten- stube! — Eine feurige Anhänglichkeit an diese junge Dame, in welche ich i mich in Hamburg verliebte — Friedrich (auffahrend). Ist es möglich, daß — Randahl. Zur Ordnung dort der Herr in den geborgten Kleidern: Der Schifsscapitain (fahrt vom Stuhl auf). Geborgt: — also dann — Randahl. Sitzen bleiben, still dort der Herr mit dem gefärbten Backen- 20 hart — (in seiner Rede fortfahrend) Also jene feurige Anhänglichkeit verleitete mich zu dem romantischen Project, sie hier verkleidet aufzusuchen, um mich zu versichern, ob der von meinem alten und verehrten Freunde, Herrn Schnup- hase, für sie ausersehene Gatte auch wirklich ihr Herz besäße. Ich freue mich, meine Herren und Damen, Ihnen versichern zu können, daß meine Be- sürchtungen völlig ungegründet sind; sie haßt und verabscheut jenes unglückliche Individuum. — Ich glaube, Fräulein Caroline Blumfeld, daß ich die Thatsachen richtig vorgetragen habe? Caroline. Ja, ja, ganz richtig! Fahren Sie nur fort. Friedrich (erstaunt aufstehend). Darf ich meinen Sinnen trauen?! Randahl. Zur Ordnung, der Herr in der Minorität! — Nachdem ich mich überzeugt hatte, daß die junge Dame ihrer ersten Neigung treu geblieben — so ist es doch, Fräulein Caroline? Caroline Ja, ja! Rand ahl — so warf ich mich unserer gemeinschaftlichen Freundin, der Frau Capitain zu Füßen — Der Schiffscapitain (auf- stehend). Gemeinschaftlichen Freundin? Randahl. Sitzen bleiben! Sitzen bleiben! Nuhig, brasilianischer Seeheld! — auf deren Rath ich hieher kam — Anastasia (erstaunt aufstehcnd). Ah! Randah l. Zur Ordnung, dort die Dame mit der Blumenplantage auf dem Kopfe — und war im Begriff, sie zu bitten, die Sache mit meinem unschätzbaren Gönner, Herrn Schnup- hase zu ordnen, als mein höchst leidenschaftlicher Freund, der Herr Capitain, verblendet von grundloser Eifersucht, über uns Hersiel. Schließlich erlaube ich mir noch hinzufügen, daß ich unendlich die Ihnen verursachte Plage und Störung bedaure — aber es ging einmal nicht anders, und ich bin gern bereit, in jeder Art und Weise Alles wieder gutzumachen, auch jede etwa gewünschte Satisfaction unweigerlich zu geben. (Er verneigt sich ringsum und setzt sich, von innerer Bewegung überwältigt, hin.) Caroline (allein applaudirend). Bravo! Bravo! Randahl (aufstehend und sich ringsum verbeugend). Ich danke Ihnen, meine Herren und Damen, für den einstim- rn i g e n Ausdruck Ihrer Befriedigung. Nie werde ich Ihre Güte vergessen. Der Schliss- s <-msiprmg->,d,. Ja capitain > aber — das gehl Schnuphase Friedrich doch nicht so das ist zu arg — diese Frechheit — Randahl (schüttelt ihnen kräftig die Hände). Ich danke Ihnen, meine Herren, danke-Ihnen herzlich für Ihre Gratulation ; bin gerührt von Ihrer innigen Theilnahme; aber, ich bitte, sagen Sie nichts weiter, nicht eine Silbe mehr — denn es gibt Gefühle, die wahrhaft unaussprechlich sind; und (Carolinens (Hand ergreifend, mit Pathos) seliges Entzücken ist mehr denn Goldes werth, wie der große Dichter sagt. Darum freuen Sie sich mit mir dieses glücklichen Ausganges meiner Abenteuer und beehren Sie mich Alle bei meiner Hochzeit mit ihrer angenehmen Gegenwart. (Er geht mit Carolinen ab.) Die klebrigen (eine komische Gruppe bildend, in welcher sich Staunen, Bestürzung und Zorn ausdrücken). Nun, das ist doch allzu toll!! (Der Vorhang fällt.) i Pik GkldsriM Lustspiel in 5 Aufzügen, von Alexander Dumas, Sohn. Deutsch von P. I. Reinhard. Personen: Durieu. Madame Durieu Mathilde, beider Tochter. Gräfin Savelli. Diener. Der erste und zweite Aufzug spielen bei Madame Durieu; der dritte Aufzug bei Herrn von Ron- court; der vierte Aufzug bei der Gräfin; der fünfte Aufzug bei Herrn Durieu. Ort der Handlung: Paris. Ren 6 von Charzay. Jean Giraud. Von Roncourt. Elisa, seine Tochter. Von Cayolle. Erster Auszug. Saal in Durieu'S Landhause — die Thüre des Hintergrundes führt in den Garten; Seitenthüren. I. Auftritt. Gräfin, Durieu. (Die Gräfin fitzt auf dem Sopha.) Durieu. Sie fliehen unsere Gesellschaft, Gräfin? Gräfin. Ja! Sie haben ein vortreffliches Diner gegeben, mein wer- ther Herr Durieu, mit sehr liebenswürdigen Leuten; die Gesellschaft bringt nun den Abend im Garten zu; alle Anwesenden sind Franzosen, und finden, daß es noch sehr warm ist; ich aber, bin in Neapel geboren, mitten im Monat Juli — Ihre Abende ge- Wiener Theater-Repertoir. XI.II. gen das Ende des Sommers kommen mir daher.schon eisig kalt vor, und ich flüchtete mich deshalb hierher. Durieu. Wir werden uns hiermit Ihnen vereinigen.— Gräfin. Nein, lassen Sie Ihre Gäste ruhig ihre Zigarren rauchen und stören Sie dieselben meinetwegen nicht; sonst gehe ich fort. Ich bitte Sie nur, mir Ihren Neffen, sobald er angekommen sein wird, hierher zu schicken, ohne ihm jedoch zu sagen, wer ihn erwartet; ich will ihn überraschen, und habe ihm sehr unangenehme Sachen zu sagen. Lassen Sie unö dann Licht bringen, und mir wird nichts mehr auf dieser Welt zu wünschen übrig bleiben. Dur Leu. Rene ist so eben gekommen. Gräfin. Das trifft sich glücklich. DUrieu (ruft aus der Tbüre des Hintergrundes, welche auf eine Freitreppe nach dem Garten führt). Rens! Rens (erscheint). Herr Oheim! Durie.u. Eine Dame wünscht Dich zu sprechen.— Rene. Mich? Dur Leu. Dich! (Zur Gräfin). Sie bedürfen nichts weiter? Gräfin. Nein, danke! (Durieu geht ab, nachdem er der Gräfin die Hand geküßt.) r Auftritt Gräfin, Rene. Rene (vortretend.) Wie, Sie sind es Gräfin?.' Ah! Sie erwartete ich wahrhaftig nicht, hier zu treffen; Sie kennen also meinen Oheim? Gräfin. Seit 5 Jahren. Rene. Sie sagten mir nie etwas davon. Gräfin. Konnte ich errathen, was ich so eben erst erfuhr, daß Herr Rene von Charzay, der Neffe des Herrn Anatole Durieu ist? denn Ihr Oheim nennt sich Anatole. Rens. Ja, und das ist gerade nicht das Schönste an ihm. Gräfin. Jetzt antworten Sie schnell, wie kommt es, daß ich Sie seit fast einem Jahre nicht gesehen habe? Rens. Sagen Sie mir vorerst, wie Sie, die Gräfin Savelli, meinen Oheim kennen, den Bürgerlichsten aller Bürgerlichen — und hier bei ihm speisen? Auf dem Lande? Gräfin. Es sind jetzt 5 Jahre, als ich aus Italien ankam; ich war damals seit 3 Monaten Witwe. Ich bewohnte das Hotel Maurice. Eines Tagö fuhr ich nach der rue derniß zu besiegen ist, das Geld — so werde reich; — es muß ja sehr leicht sein, da es so viele Dummköpfe giebt, die sich bereichern. 3ean (immer rechnend). 6452 Franken 15 Centimen. Rene. Du hast Recht. Mathilde. Und Du wirst sogleich an's Werk gehen. Rens. Von Morgen an! Mathilde. Und wenn Du später glücklich bist, wirst Du Dich erinnern daß Du es dem kleinen Cousinchen verdankst. Jetzt gieb mir die Hand, umarme mich herzlich, und was auch kommen mag, vertrauen wir fest aufeinander. — die Verhältnisse benützt. Wir Börsen- I männer sind rasche, entschlossene Männer, bei uns geht alles in Galop. Wir machen ein Geschäft und gehen sogleich zu etwas Anderem über. Wir haben keine Zeit auf die ruhigen Bürger zu warten, die den Gesellschaftswagen nehmen. Sie wollen nicht, reden wir mcht mehr davon. Durieu (Giraud zurückhaltend). Aber — Geschäfte sind Geschäfte, Sie wissen das eben so gut als ich! wenn ich Ihnen mein Geld anvertraue, welche Bürgschaften bieten Sie mir überhaupt? Jean. Würde ich Ihnen so großen Gewinn anbieten, wenn ich Ihnen Bürgschaften geben wollte? Gäbe ich Ihnen , eine Bürgschaft, so würde ihr Geld 5"/, bringen; über diesen Zinsfuß hinaus, i garantirt man nichts mehr: JhreBürg- Ichaften sind meine Kenntnisse und meine Rechtschaffenheit: es fehlte nur noch, daß ich Ihnen eine Hypothek auf eines meiner Häuser gäbe, um Sie durch meine Hilfe vom 2. September bls zum 1. Oktober 20,000 Franken gewinnen zu lassen. Wollen Sie, daß ich offenherzig mit Ihnen reden soll? . Durieu. Oh ja! Jean. Nun — Sie haben so die spießbürgerliche Schlauheit, und halten ihre Taschen festzugeknöpft; Sie haben, w«e alle Welt, in der letzten Zeit an der Börse gespielt. Indem Sie sich sur pfiffiger als die Anderen hielten, haben Sie so ein 30,000 Franken Wiener Theater-Nepertoir XUl. verloren, und die wollen Sie nun wieder erwischen. Durieu. Sie haben mir es ange- boten. Jean. Und biete es Ihnen noch an: nun wollen Sie, daß ich Ihnen behilflich sei, Geld zu gewinnen, ohne daß Sie Ihr Geld herauszugeben brauchten: Sie sind eS nicht, welcher dieß erfunden hat! Sie sehen den Tag voraus, wo man kommen wird, um Ihnen zu sagen, daß ich Bankerott gemacht habe, und darauf wollen Sie antworten können: „Ich wasche meine Hände, ich verliere keinen Sou." Aber begreifen Sie doch, daß, wenn ich mich damit abgebe Sie zu bereichern, es nur deßhalb geschieht, weil Sie mir in irgend einer Sache nützen können: Sie sind Einer Derjenigen, die zu meinem Prospectus gehören, ich muß mich auf Sie berufen können und so müssen Sie mir wieder Nutzen bringen, — sonst wäre ich ja zu dumm. Man muß wissen, daß Herr Durieu, der ehren- werthe Herr Durieu bei meinem Hause betheiligt ist; man wird dadurch Vertrauen in mich setzen und wird mir die Capitalien übergeben, die jedes Ban- kierhaus außer den Seinigen nöthig hat. Dieß ist meine Berechnung; ich habe also weit mehr Interesse dabei Sie zu bereichern, als Sie zu Grunde zu richten, und ich habe nicht die mindeste Lust, Ihnen Ihre 40,000 Franken zu stehlen; — es würde wahrlich nicht der Mühe Werth sein. — Ihr Geld wird meine Cassa gar nicht verlassen, aber ich halte und bestehe darauf,, cs zu Hause, bei mir unter Schloß zu haben, um Sie an mich zu binden und um das Solidarverhältniß der Vortheile herzustellen. Gegen Ende des Monats ist mit der größten Sicherheit ein herrlicher Coup auszuführen. Wollen Sie nicht dabei sein; — steht Ihnen frei. — Wollen Sie aber im Gegen- theile, so nehmen Sie Ihre 40,000 3 34 Franken heraus, die in Ihrer Tasche stecken, — ich will mich herum drehen, um es nicht zu sehen — und geben Sie sie mir. Nächsten Monat haben Sie 20,000 Franken mehr — ist'S geschehen? Dur i eu (die Hand in die Tasche steckend). Man kann Ihnen nichts verbergen. Zean. DaS ist das A B C des Handwerks. Welcher Bankier liest nicht beim ersten Blick auf dem Gesichte eines Kunden, ob er Geld in seiner Tasche hat. Also, wo sind sie, diese armen kleinen Banknoten? Durieu. Da haben Sie- Zean (die Banknoten nehmend). Es zerreißt Ihnen das Herz.-Wollen Sie sie zurück nehmen? Noch ist es Zeit. Durieu. Nein, behalten Sie sie; nur bedenken Sie, mein werther Herr Giraud, daß dieses Geld einen Theil des Heirathögutes meiner Tochter auö- macht. Jean. Sie wollen mich rühren, aber haben Sie keine Furcht, Sie werden es Wiedersehen. (Steckt die Banknoten in die Tasche). Jetzt verlasse ich Sie. Durieu. Wohin gehen Sie? Jean. Ich gehe meinen Geschäften nach. Durieu. Aber- Jean. Ah! — Sie wollen mich nicht aus den Augen verlieren. — Durieu. Nein; 'S ist nur wegen der Quittung — Jean. Welche Quittung? Durieu. Die Quittung über das Geld, welches ich Ihnen so eben gab. Jean. Mein Caffier wird daö mit Ihnen ordnen. Durieu. Heute? Jean. Oder Morgen. Durieu. Morgen werde ich nicht hier sein. Jean. Also Uebermorgen. Durieu. Nein — nein — Morgen; ich kann die kleine Reise aufschieben — ich werde ihn erwarten — zu welcher Stunde? — Jean. Um 9 Uhr Vormittags. Durieu. Gut; übrigens hätte ich auch selbst zur Cassa gehen können. Jean (setzt sich zum Schreiben). Hören Sie — Sie machen mir zu viel Aerger; — hier ist die Quittung. — Gehen Sie nun selbst zur Cassa wann Sie wollen, und lassen es in die Bücher eintragen. Durieu. Schön; sehen Sie, es ist doch ordnungsgemäßer. Jean.. Ist das Alles, was Sie wünschen? muß ich Ihnen jetzt das Geld zurückgeben? Durieu. Nein. Jean. Ich kann also fortgehen? Durieu. Ja, Ah! Um wieviel Uhr geht Ihr Cassier fort? Jean. Um 5 Uhr. Durieu. Es ist halb zwei — Sie haben Ihren Wagen da? Jean. Ja. Durieu. Gut — nehmen Sie mich mit nach Parks, ich werde die Sache gleich in Ordnung bringen. Jean. Ich würde Sie mit Ihrem Gelds in meiner Tasche bis an's Ende der Welt führen, wenn ich wollte; kommen Sie also — aber Sie werden heute noch genug herum kutschirt werden. (Ende des zweiten Aufzuges). sr Dritte» Bei Herrn von Roncourt. L. Auftritt. Cayolle, ein Diener, dann Ren 6. Cayolle (eintretend). Ist Herr von Roncourt zugegen? Diener. Herr von Roncourt ist in Geschäften mit dem Sachwalter der Frau Gräfin. Wenn Sie mir gütigst Ihren Namen sagen wollten — Cayolle. Herr von Cayolle. Aber stören Sie ihn nicht, ich werde ihn hier erwarten. Geben Sie mir eine Zeitung. Ist die Frau Gräfin schon zurück? Diener. Noch nicht. Cayolle. Ah! Sie sind hier, mein lieber Rens; ich bin sehr erfreut Sie zu sehen. (Diener ab). Haben Sie Nachrichten von der Gräfin? Rens. Ich weiß wahrhaftig nicht, was ihr zugestoßen ist, sie hat mir einen kläglichen Brief geschrieben. Sie wollte in ein Kloster gehen; aber den dritten Tag darauf empfing ich einen neuen, sehr heiteren Brief, worin Sie mir mittheilte, daß sie die „Norma" gehört, welches ihr sehr viel Vergnügen gewährt habe; daß sie nun nach Schottland reise und in 14 Tagen wieder hier sein würde. — Cayolle. Welch reizende Thörin! Vergangene Woche waren Sie bei > mir? Zch fand Ihre Karte zu Hause vor. Rens. Sie waren bei einer Einweihung. Cayolle. Za, wir eröffneten unsere neue Zweigbahn. Hatten Sie mir etwas Wichtiges zu sagen? Nufzug. , — Cabinet der Gräfin. Rens. Ich wollte mir einen Rath von Ihnen erbitten. Cayolle. Ich stehe zu Diensten. Sprechen Sie. Rens. Die Lust überkam mich, Geld zu verdienen. Cayolle. Ein sehr guter Gedanke — welcher übrigens vielen Leuten kommt — unglücklicher Weise giebt es nur ein rechtmäßiges Mittel sich Geld zu verschaffen; da es jedoch eine Menge Leute nicht anwenden wollen, so entstehen dadurch eine Menge Jrrthümer. Rens. Und dieses Mittel — ? — Cayolle. Sie kennen es so gut als ich: es ist die Arbeit. Rens. Dies soll wohl ein Seiten- h.ieb — — Cayolle. Gegen den Müßiggang sein. Nehmen wir als Beispiel den Sohn deS Durieu an. Zu was nützt dieser Bursche? Er weiß nichts, er thut nichts — doch — er macht Schulden. Zst dieß nicht eine schöne Beschäftigung? Wissen Sie wo er jetzt ist? Rens. Nein. Cayolle. Haben Sie denn Ihren Oheim nicht gesehen? Rens. Es sind schon 14 Tage her, daß ich keinen Fuß über seine Schwelle setzte. Cayolle. Nun, sein Herr Sohn ist in Clichy. Rens. Der Vater wird wüthend sein. Cayolle. Zm Gegentheil, er ist entzückt. Er will ihn ein ganzes Jahr dort lassen, und er hat Recht; aber ist es nicht bedauerungswürdig, daß ein junger Mensch von 22 Jahren, von guter Familie, seine Kenntnisse — 3 * 36 so wenig er auch besitzt — hätte nützlich anwenden können, in solcher Weise sein Leben beginnt. Ach! Wenn wir die bürgerliche Konscription hätten — Reno. Was ist denn das? Cayolle. DaS ist eine Konscription, die ich erdacht habe, und welche die einfachste Sache der Welt ist. Sie würde der militärischen Konscription als Seitenstück dienen, und könnte sie selbst ersetzen; denn eö ist wahrscheinlich, daß in einer gegebenen Zeit, alle Völker durch ihren Vortheil, durch die Künste, den Handel, die Industrie, der Art verbunden sein werden, daß der Krieg aus der Welt verschwinden wird. Alsdann wird die Gesellschaft von den Menschen nur mehr den Tribut ihrer geistigen Fähigkeiten verlangen. Hat ein Mensch das zwanzigste Jahr erreicht, so wird der Staat ihn aufsuchen und fragen: „Mein Herr, welche Laufbahn haben Sie erwählt? Was thun Sie für Ihre Mitmenschen? — Nichts, mein Herr. — Ah! — Wollen Sie arbeiten? — Nein, mein Herr, ich will nichts thun. — Sehr wohl; Sie haben also Vermögen? — Ja, mein Herr. — Gut, mein Herr, Sie sind von der Arbeit befreit: aber Sie müssen alsdann einen Stellvertreter nehmen. Sie werden uns so und so viel des Jahres geben, auf daß die Leute, welche kein Vermögen haben, für Sie arbeiten, und wir werden Sie durch eine Faulheitskarte befreien, mit welcher Sie frei herumlaufen können." Ren6. Sehr sinnreich ausgedacht; aber wie beschäftigte man alle diese Stellvertreter? Cayolle. Bei'm Landbau, den man zu sehr vernachläßigt. Wenn das so fortginge, würde'von heute in 56 Jahren ein Ackersmann 25,066 Franken des Jahres kosten. Aber Alles würde sich ausgleichen, und es wird Platz für alle Menschen sein, wenn alle Menschen arbeiten werden. Ren6. Aber wo nimmt man das nöthige Geld her, um alle diese Arbeiter zu bezahlen? Denn das umlaufende baare Geld, könnte sich vielleicht nicht im Verhältniß zur Arbeit vermehren. Cayolle. Ah! — Ah! — diese Fragen interessiren Sie also? Ren6. Nun ja- Cayolle. Wenn Sie erst einmal die Nase hineingesteckt haben, werden Sie nicht mehr davon loskommen. Nichts ist anziehender, fesselnder, als diese Geldfrage, welche die Frage der ganzen Welt ist. Nun also, wenn die Arbeit, — ein unbegrenztes Capital — allgemein geworden sein wird, und in der That das Geld, — daS umlaufende Geld, — ein begrenztes Capital — ungenügend sein würde, die Arbeit vorzustellen, so ist es wahrscheinlich, daß man das Geld unterdrücken wird. Ren 6 (lacht). Ha! ha! ha! Cayolle. Schon gut! Diesen Ausbruch erwartete ich. Ich habe ihn schon 26 Mal gehört. Ren 6. Aber womit wollen Sie das Geld ersetzen? Dieß scheint mir unmöglich. Cayolle. Unmöglich wie alle Dinge, welche noch zu finden sind; eines Tages wird eS so einfach erscheinen, wie alle gethanen Sachen. — Merken Sie auf: Früher kaufte ein Pariser, nehme ich an, ein Landhaus in Marseille für 166,606' Franken. WaS machte er? Er packte die 100,600 Franken in harten Thalern in einen Postwagen und schickte sie dem Verkäufer, indem er sie durch 2 Gensd'armen escortiren ließ. Unterwegs fielen Räuber den Postwagen an, tödteten die Gensd'armen und theilten daS Geld unter sich. Man schickte andere Gensd'armen auf die Verfolgung der Räuber auS; man schlug sich nochmals. Endlich wurden die Räuber gefangen, verurtheilt, aufgehängt und die Gesell- 37 schaft war gerächt; aber Sie werden eingestehen, daß man sich viel Mühe geben mußte und vielen Kummer hatte um ein Landhaus zu kaufen. Eines Tages aber sagte sich ein Herr, welcher eine große Summe in weiter Ferne zu bezahlen hatte, und der ein ehrenhafter Mann war: „Zu wLs nützt es, diese starke Summe meinem Gläubiger zu überschicken, der doch wenn er ebenfalls Jemand Anderem schuldet gezwungen sein wird, sie wieder fortzuschaffen und so fort. Zu was nützt es, so viele Gensd'armen und so viele Räuber und Diebe zu bemühen? Ich werde die Summe zu Hause behalten, und meinem Geschäftsfreund schreiben, daß sie ihm aus sein erstes Anfordern übergeben werde; wenn er dieselbe Summe zu bezahlen hat, wird er meinen Brief mit allen seinen Rechten an denjenigen schicken, dem er schuldet, und mein Brief wird die Reise um die Welt machen können, ohne daß das Capital seinen Platz ändert. Dieser Herr hatte ganz einfach den Gedanken des Wechsels, und seit jenem Tag fing man an zu bemerken, daß das Geld fast nichts und daß der Credit Alles sei. Aber ich würde nicht fertig werden, wenn ich Sie in diese großen Fragen einweihen wollte, und darum handelt eS sich auch nicht. Sie wollen Geld verdienen, indem sie arbeiten? Rene. Jawohl. Cayolle. Woher kam Ihnen dieser Entschluß? RenDurch den Rath, den mir ein Kind gegeben, welches mich durch das Herz begreifen lernte, wie Sie so eben durch die Vernunft, daß ein Mann in meinem Alter nicht leben varf, ohne etwas zu thun, und daß dasjenige was ich Unabhängigkeit nannte, vielleicht damit aufhört Egoismus genannt zu werden. Cayolle. Sehr gut! Hören Sie also: ich bereite eine große Unternehmung vor, über welche ich die Entwürfe dem Minister übergeben muß. Es handelt sich ganz einfach darum einen Theil des noch in Frankreich liegenden unbebauten Landes urbar zu machen. Kommen Sie zu mir, und ich werde Ihnen einen Bericht über meine Entwürfe zu verfassen geben. Dieser Bericht wird Ihnen sehr viel Mühe machen, denn Sie sind kein praktischer Mann, und Sie werden ohne Zweifel viele Thorheiten darein setzen; aber ich werde doch daraus ersehen, zu was Sie zu brauchen sind und was ich mit Ihnen werde ansangen können. Ren6. Das ist Alles was ich wollte, ich danke Ihnen. Jetzt, noch ein Wort. Was denken Sie persönlich von Jean Giraud? Cayolle. Nun — dieser Jean Giraud ist nicht dumm — oh, weit gefehlt! Er ist was man so in Geschäften einen Schlaukopf nennt: er ist schon wirklich reich und hat Aussichten daß er ein unermeßliches Vermögen zusammenbringt. Er wird vielleicht eines Tages durch seine Capitalien und die Schnellkraft seiner Mittel, eine der ersten dieser rohen Gewalten werden, mit welchen die gewissenhaftesten Verwaltungen manchmal gezwungen sind zu verkehren. Diese Gewalten sind selten. Viele, bevor sie zum Ziele gelan- ' gen, versinken im Scandal; aber es gibt einige, welche außdauern, und alsdann unbestritten feststehen. Weßhalb diese Fragen über Herrn Giraud? Rene. Weil ich über ihn die Meinung eines Mannes wie Sie, hören wollte. Cayolle. Von Roncourt kommt nicht. Ich habe nicht mehr länger Zeit zu warten. Bleiben Sie hier? Ren 6. Ja. Cayolle. Wollen Sie sich wohl bemühen, ihm dieses kleine Packet zu übergeben? (Roncourt tritt auf). 38 L. Auftritt. Vorige, Roncourt. Ren Hier ist Herr von Roncourt. Roncourt. Ich bin trostlos, daß ich Sie, theurer Freund warten ließ, aber ich hatte ein sehr wichtiges Geschäft zu beendigen. (Zk.Nene). Guten Tag, Rens. Cayolle. Ich habe in sehr guter Gesellschaft gewartet. Ich bringe Ihnen — Roncourt. Zch rechnete darauf, heute bei Ihnen vorüberzukommen, um Ihnen zu danken; ich habe diese Summe nicht mehr nöthig. Cayolle. Sind Ihre Angelegenheiten geordnet? Roncourt. Ja. Cayolle. Fürchten Sie nicht, mir lästig zu fallen, mein lieber Roncourt — — Roncourt. Das Geld wäre mir jetzt ganz unnütz; nochmals Dank von ganzem Herzen. Cayolle. Reden wir nicht weiter davon; ich bin immer bereit Ihnen zu dienen. (Zu Rens). Auf baldiges Wiedersehen, lieber Freund. Ren 6. Morgen, wenn Sie wünschen. Cayolle. Frühzeitig? Ren 6. Ganz frühe! Cayolle (zu Roncourt). Und wann wird man Sie sehen? Roncourt. Sobald ich einen freien Augenblick habe, werde ich zu Ihnen kommen, um Ihnen die Hand zu drücken. Cayolle. Auf Wiedersehen. (Ab). s. Auftritt. Rens, Roncourt. Roncourt. Ich glaubte schon mit dem Sachwalter niemals fertig zu werden- Rens. Immer in Sachen der Gräfin? — Roncourt. Fortwährend. Sie hat mir ihre Angelegenheiten in der fürchterlichsten Unordnung hinterlassen. — Mit ihrem früheren Intendanten Unterzeichnete sie Verkäufe, Verpachtungen, Quittungen, Hypotheken; — es ist fast unmöglich, sich da herauszufinden. Sie hat ihr Hotel von einem Tage zum andern aushängen lassen, wie man ein möblirteS Junggesellen-Zimmer auS- hängt. Käufer fehlen nicht, aber Gläubiger auch nicht. Die Letzteren haben Angst bekommen, sie bilden sich ein, die Gräfin sei ruinirt, besonders seit man erfahren, daß sie abgereist ist. Wahrheit ist es freilich, daß die Gräfin trotz eines unermeßlichen Vermögens voller Schulden ist; sie bringt deshalb auch enorme Opfer, um ihre Besitzungen in bares Geld zu verwandeln. Sie hat bis jetzt 500,000 Franken flüssig machen können, welche sie Herrn Gi- räud anvertraute. Im Uebrigen hat sie mir unumschränkte Vollmacht gegeben und läßt mir freie Hand, ihre Angelegenheiten so gut ich eS verstehe, mit den Gläubigern und sonstigen Geschäftsleuten zu entwirren und zu ordnen. Wenn nun Alles verkauft und bezahlt, und die Rechnung abgeschlossen sein wird, werden ihr höchstens 80 bis 100.000 Franken Renten bleiben. Zetzt hören Sie auch, wie meine persönlichen Angelegenheiten stehen. Sie wissen, daß ich wegen der traurigen Verlassenschaft meines Bruders noch 100,000- Franken schuldete; vor 3 Wochen bot man mir eine General-Quittung gegen 10.000 Franken an. Diese Summe wollte mir soeben Hr. v. Cayolle bringen. Rens. Sie sagten ihm, daß Sie dieselbe nicht mehr nöthig hätten. Roncourt. Weil meine Gläubiger, sobald sie erfuhren, daß ich Intendant der Gräfin geworden, mit einem neuen 39 Rechtsverfahren gegen mich auftraten, und die ganze Schuld von mir forderten, indem sie mir die Wahl zwischen Bezahlung oder Clichy ließen.'— Ren6. Aber die Vorschläge, die man Ihnen letzthin machte- Roncourt. Ich besitze nichts Schriftliches, nichts Abgeschlossenes darüber. Wissen Sie, was der Geschäftsträger meiner Gläubiger mir dreist in's Gesicht zu sagen wagte? — Er sagte: — Desto schlimmer für sie — es ist ihre eigene Schuld; sie waren viel zu ehrlich. Ren 6. Ein hübscher Vorwurf! Roncourt. Meine Gläubiger willigten jedoch ein, mich zufrieden zu lassen, wenn ich mich verpflichte, ihnen von den 15,000 Franken, die ich verdiene, jährlich 10,000 Franken zu überlassen. In einem Monat wird die Gräfin genau wissen, wie sie meine Stellung in ihrem Hause einzurichten hat. Sie wird mich behalten, davon bin ich überzeugt, aber mit 3 bis 4000 Franken Gehalt. Es ist wahr, daß die Gräfin viel Geld braucht und aufnimmt, man kommt alle Tage zu mir und bietet mir Vortheile, damit ich sie bestimmen soll, gewisse Geschäfte abzuschließen . . Oh! Wenn ich wollte, konnte ich Alles, was ich schulde, in einem Jahre zahlen, meiner Tochter ein großes HeirathSgut mitgeben und 10,000 Livres Renten für mich behalten; nur würde die Gräfin ruinirt und ich ein Dieb sein. Es wäre hart, sollte ich damit im 60. Jahre anfangen. — Ren 6. Aber Sie würden bezahlt haben. Darin liegt die ganze Moral des Geldes; bezahle, und du wirst geehrt und geschätzt sein. Roncourt. Sie begreifen, lieber Freund, daß inmitten aller dieser Verlegenheiten, die Zukunft meiner Tochter weine größte Sorge ist. Ihre Lage ist noch beunruhigender, als vor Einem Monat; wenn ich plötzlich sterben sollte. - Ren6. Die Gräfin- Roncourt. Wird sie nicht verlassen, ich weiß es wohl; aber Sie kennen Elisa, wird sie je einwilligen, von Almosen zu leben? Ist dies eine Zukunft für sie? Und kann die Gräfin nicht auch sterben? Ren 6. Was alsdann beginnen? — Wenn ich reich wäre- Roncourt. Ach lieber Freund, wenn Sie reich wären, wüßte ich wohl, was Sie thäten, aber Sie sind es nicht. Inmitten dieser schlechten Aussichten leuchtet jedoch Eine gute hervor. Hr. Giraud liebt Elisa, er hat eS mir, wie Ihnen gestanden und kam, um Eli- sa's Hand offiziell von mir zu erbitten. Ich antwortete ihm, daß ich meine Tochter befragen würde, welche in dem Älter sei, um frei über ihre Hand verfügen zu können und heute kommt er, um sich Antwort zu holen. Ich weiß wohl, daß diese Verbindung nicht das Glück gewährt, wie es Elisa hoffte, wie ich eS für sie zu finden hoffte, aber sie gibt Reichthum, sichert die Ruhe meiner alten Tage, das materielle Wohlbefinden, ja mehr als dieses Alles, ist die Vergeltung für eine schmerzliche Vergangenheit. Herr Giraud ist ein Parvenü, er ist von sehr niederem Stande, hat seine Lächerlichkeiten; aber er ist Millionär, und die Millionäre, welche arme Mädchen heirathen, sind in unserer Zeit sehr selten. Ren 6. Nun? Roncourt. Nun, mein lieber Freund, sie schlägt diese Verbindung aus. Ren 6. Kennt sie Ihre Lage, so wie Sie mir dieselben eben geschildert haben? — Roncourt. Ja. Ren 6. Und weigert sich dennoch? Roncourt. Grad heraus. Ich wagte nicht, darauf zu bestehen, indem 40 ich fürchtete, ihr ein Opfer aufzuerle- aen, welches über ihre Kräfte ginge; ich habe ihr deren schon so viele auf- gebürdet-und dann- Rene. Und dann? Roncourt (mit Rührung). Und dann — ich habe keine Geheimnisse vor Ihnen — fürchte ich, daß Elisa, um diese Heirath abzulehnen, Gründe hat, welche sie mir weder sagen kann, noch sagen will. — Rene. Wie meinen'Sie das? Roncourt. Ach! Mein lieber Freund, man sagt und schreibt sehr Vieles über das Geld; man wird aber niemals gewisse Lagen, die es schafft, ganz kennen lernen, welche um so schmerzlicher, um so brennender sind, als sie geheim bleiben müssen. — Ich habe meine Tochter der Armuth preis- gegeben, — für eine ehrenvolle Sache, das ist wahr, —aber ich habe sie um das Erbtheil ihrer Mutter gebracht, habe ihr das einzige Mittel geraubt, welches die Welt einer Frau bietet, damit sie eine glückliche Gattin und glückliche Mutter werde. Sie hat nichts dazu gesagt, hat mir nicht den kleinsten Vorwurf gemacht. Sie hat das Opfer voll Muth, Erhabenheit und freudig dargebracht. Mit welchem Rechte sollte ich nun heute von ihr Rechenschaft über ihr Herz verlangen, da sie von mir keine Rechenschaft über ihr Vermögen forderte. Der Mann, welchen sie liebte, schien gut und wacker zu sein; er hatte Talent, Aussichten für die Zukunft; ich hoffte Alles von seiner Ehre und der Zeit. Konnte ich überdieß meine Tochter jeden Augenblick überwachen? Mußte ich nicht leben? Mußte ich nicht in eine Schreibstube gehen, um mein tägliches Brot zu verdienen, so wie sie ihrerseits es auch verdiente. Als ich vernahm, daß sich dieser Mann verheirathen würde, als ich den Schmerz meiner Tochter sah, lief ich zu diesem Mar Hubert; ich forderte von ihm die Wahrheit, welche ich nicht wagte, von meiner Tochter zu fordern; ich flehte ihn an, meine Tochter nicht zu verlassen. Er hat mir zugeschworen, daß seine Ehre zu nichts verpflichtet wäre, daß er frei sei, so wie auch meine Tochter. Hat dieser Mann gelogen? Ach! Mein lieber Freund, ich habe seit zwei Jahren viel gelitten; aber es ist jetzt noch eine Wohlthat für mich, meine Leiden endlich einem Manne von Herz, wie Sie es sind, anvertrauen zu können. Ren 6. Ich danke Ihnen für diesen Beweis Ihres Vertrauens — ich bin dessen würdig, glauben Sie es mir. Sie haben Recht, es gibt solch' herbe Fragen, welche zwischen einem Vater und seiner Tochter nicht berührt werden dürfen. Ein Freund muß da in's Mittel treten. Wünschen Sie, daß ich mit Frl. v. Roncourt spreche? Roncourt. Ja; Sie haben mich errathen. Wenn Sie mir nach Ihrer Unterredung mit Elisa sagen, daß diese Heirath unmöglich ist, werden wir nie mehr davon sprechen. Ren 6. Ich bin überzeugt, daß Sie sich täuschen und sich Alles ausgleichen wird. Roncourt. Gott erhöre Sie! Aber das Schicksal verfolgt mich seit mehreren Jahren mit einer solchen Hartnäckigkeit, daß es Augenblicke gibt, wo ich mich für überwunden erkenne, und an Allem verzweifle — — Diener. Herr Jean Giraud. Rene. Es wird gut sein, wenn ich erst mit ihm spreche, ehe ich mit Elisa rede, (drückt Herrn v. Roncourt die Hand). Bald sehe ich Sie wieder! (Roncourt ab). 4 Auftritt. Rene. — Jean. Jean. Guten Tag, mein Lieber. Hr. von Roncourt nicht da? 41 Rens. Er war eben hier. Er wird bald wieder kommen. Jean. Und Hr. Durieu? Rene. Ich habe ihn nicht gesehen! Jean. Er war heute Morgen bei mir, als ich nicht zu Hause war. Ich zitterte, ihn hier zu treffen; ich fliehe ihn. Rene. Schon! Jean. In früherer Zeit hatte ich Handelsgerichtsdiener auf meinen Fersen, niemals aber solche, welche von der Ausdauer des Herrn Durieu waren. Es ist wahrlich nicht gut, ihm etwas schuldig zu sein. Er verlaßt mich gar nicht mehr. Was nun Sie betrifft, so wird man Ihnen diesen Vorwurf nicht machen, den ich Ihrem Oheim machte, — ganz im Gegentheil; aber ich habe doch Neuigkeiten von Ihnen erfahren. Rens. Durch wem? Jean. Durch Ihre Cousine, welche vor Begierde brennt, Sie großen Reichthum erwerben zu lassen. — Rens. Ich werde hoffentlich dazu gelangen. Jean. Haben Sie schon Verbindungen angeknüpft? Rens. Wie so? Jean. Zu irgend einem Geschäfte. Rens. Nein. Jean. Sie wissen, was ich Ihnen vorgeschlagen habe — — bedienen Sie sich Meiner. Rens. Danke. Die Erklärung, welche Sie mir von Geschäften gaben — er- muthigt mich nicht. Jean. Und Sie rechnen darauf, reich zu werden? Rens. Nein, ich rechne nur darauf, das Meinige ein Wenig zu vermehren. Jean. Wie werden Sie das anfangen, wenn's beliebt? Rens. Ich werde versuchen, die Fähigkeiten, die mir Gott gegeben, nutzbar zu machen; nämlich: Muth, Kenntnisse und Rechtschaffenheit! Jean. Ja, ja, ja, das ist alsdann etwas Anderes; Wissen Sie, was in der Zeit, worin wir leben, die Fähigkeiten, welche Ihnen Gott gegeben, eintragen? Dafür gibt es einen bestimmten Preis, wie für die kleinen Pasteten. — Der Muth bringt einen Sou täglich, wenn Sie Soldat werden wollen; Kenntnisse 100 Franken monatlich, wenn Sie eine Anstellung annehmen und die Rechtschaffenheit 3000 Franken jährlich, wenn Sie dahin gelangen können, Cassierer zu wer-, den. Gegenwärtig gibt es ein Mittel, sich auf der Stelle zu bereichern und durch sich selbst.-Irgend eine Idee muß man haben — eine ganz einfache Idee, wie sie z. B. ein gewisser Herr eines Tages hatte. Dieser Herr kaufte nämlich 3 Jahre lang von den Pariser Bäckern alle Löschkohlen im Ganzen auf, welche diese im Kleinen, den kleinen Pariser Haushaltungen verkauften. Er verkaufte mit 3 Sous wieder, was er mit 2 Sous bezahlte und gewann damit 500,000 Franken. — Haben Sie irgend eine derartige Idee, und Ihr Glück ist gemacht. Aber Sie werden sie nicht haben; solche Ideen kommen nur Leuten, welche im Winter um 6 Uhr Abends, bei einem feinen kalten Regen, in einem abgeschabten Rock, und nnt zweifelhaften Schuhen spazieren gehen, und sich umsehen, ob sie nicht zwischen 2 Pflastersteinen 10 Sous finden, indem sie sich fragen, auf welche Art sie sonst zu Nacht essen werden. — Ich habe das mitgemacht, ich weiß was es heißt; Sie aber, Sie sind kein Armer. Sie 'sind ein Mann, der nicht reich genug ist. Das ist ein großartiger Unterschied. Es ist wahr, daß Sie ein Mann von Welt sind — nun gut bereichern Sie sich, wie ein großer vornehmer Herr. Sie haben Hilfsquellen, welche wir nicht haben. Heirathen Sie ein reiches häßliches Mädchen, welches in dem Zimmer hinter dem Gewölbe eines 4L Kaufmanns erzogen wurde, der sich nun gerne mit dem Adel verbinden möchte, oder noch besser — — Rens. Genug, Hr. Giraud. Sie sind auf ganz falscher Fährte. Mit diesen Theorien schaden Sie sich sehr. Anstatt zu suchen, Geld nur durch Geld zu gewinnen, sollten Sie sich lieber weniger mit den Erfolgen und weit mehr mit den Mitteln beschäftigen. Thun Sie Ihr Möglichstes, um sich . Männern, wie Herrn von Cayolle zu . nähern, damit Sie die Kenntnisse, welche Ihnen dieser zugesteht, im Dienste der großen, erhabenen Zdeen anzuwenden vermögen, welche Hr. v. Cayolle haben kann. Sie sind reich genug — es ist also nicht mehr Geld allein, was Sie nvthig haben; Sie bedürfen der guten Meinung, denn Sie haben Feinde, und zahlreiche dazu, — Sie dürfen es sich nicht verhehlen. — Zean. Ich weiß es wohl, und ich bin stolz darauf. Nur Arme und Dummköpfe haben keine Feinde. Meine Feinde — meine Neider, werden Sie sagen, wenn Sie erfahren, daß es alle diejenigen sind, die sich ärgern, zurückzubleiben, und sehen müssen, daß ein Mann wie ich sein Glück gemacht hat und vorwärts kommt. Aber wende ich denn meinen Reichthum schlecht an? Mache ich einen schlechten Gebrauch davon? Also — unter uns — denn man muß gerecht sein, — ich will mich jetzt ver- heirathen, an wen wende ich mich? An Frl. v. Roncourt! Haben Sie schon viele Leute gesehen, welche an meiner Stelle, diesen Gedanken gehabt haben würden? Wo ist unter allen denen, die mich beschreien derjenige, der auf solchen Gedanken gekommen ist? Ich liebe Frl. v. Roncourt, das ist wahr, aber für die Anderen ist dies wahrhaftig kein Grund, und Gott weiß, welche Kampfe ich in meiner Familie zu bestehen und ertragen haben werde. Rens. Alles gut — Hr. Giraud — aber lassen Sie mich Ihnen einen Rath geben. Zch setze einmal meinen Kopf darauf, Sie — trotz Allem — für gut zu halten. WaS man an Ihnen verwirft und angreift, lege ich Ihrer ersten Erziehung zur Last, dem erduldeten Elende und allen den verschiedenen Schwierigkeiten, denen Sie begegnen mußten; denn besser, als irgend Jemand weiß ich, woher Sie stammen, und ich kann es nicht lassen, mich gerade deshalb für Sie zu interessiren. — .Schlagen Sie aufrichtig einen anderen, neuen Weg ein. Sie wollen ein armes Mädchen heirathen — dies ist ein ehrenvoller Entschluß, wenn er ganz ohne Hintergedanken ist. Jean. Welche Hintergedanken könnte ich haben? Rens. Also nur, weil Sie Frl. v.Ron- court lieben, wollen Sie sie heirathen? Jean. Jawohl! - Rens. Und Sie wollen in den Gesellschaftskreisen, wohin sie gehört, ausgenommen werden? Jean. Das ist ganz natürlich. Rens. Glauben Sie mir, Hr. Giraud, diese Gesellschaftskreise verlangen von denjenigen, welche sie aufnehmen, ganz andere, als pecuniäre Garantien. Ihre Vermahlung wird Ihnen einige neue Thüren öffnen; aber von Ihrer Ehrenhaftigkeit wird es abhängen, sich auch die Anderen zu öffnen. Nehmen Sie sich wohl in Acht! Halten Sie sich immer auf der geraden Linie, wo Sie nur ehrlichen Leuten begegnen können und bedenken Sie stets, daß — welches auch die Aufnahme sein möge, die man Ihnen Anfangs gewährt — unsere Gesellschaft ohne alle weitere Erörterung denjenigen verwirft, den sie für unwürdig erklärt, in ihrem Schooße zu leben. Haben Sie das Alles wohl überlegt? Sind Sie fest entschlossen? Jean. Ja. Rens. Alsdann darf und kann ich den Einfluß geltend machen, den ich 43 auf Frl- v. Roncourt ausübe, um sie zu dieser Heirath zu bestimmen. Zean. Wie! Sie bestimmen? » Rens. Sie ist noch unschlüssig — Jean. AuS welchem Grunde? Rene. Welches auch der Grund ist, er kann nur ehrenhaft sein! Ich werde ihn bekämpfen!-ich habe es dem Vater versprochen, ich verspreche es Ihnen. Jean. Gut — da kommt sie — ich werde den Vater aufsuchen, und dann wieder kommen, um zu erfahren, was sie gesagt hat- Elisa (cintretend zu Rench. Mein Vater sagte mir, daß Sie mit mir zu sprechen wünschten. Ren 6. Das ist wahr- Elisa. Da bin ich- Jean. Mein Fräulein — — Elisa. Mein Herr- Jean. Ich lasse Sie mit Herrn von Charzay allein, da Sie mit ihm zu sprechen haben (grüßt und geht ab.) S. Auftritt Ren 6. — Elisa. Elisa. Was haben Sie mir denn zu sagen? Rens. Ich habe über sehr wichtige Dinge mit Ihnen zu sprechen. Sie wissen, weshalb Hr. Giraud heute zu Ihrem Vater kommt? Elisa. Er will sich eine Antwort holen. Rens. Nun? Elisa. Nun, ich habe ihn ausgeschlagen. Rens. Warum? Elisa. Wie! Sie fragen mich? Weil ich, wie ich Ihnen letzthin sagte, noch zu viel Herz habe, um einen Mann ju heirathen, den ich nicht liebe. Rens. Haben Sie Niemand über diesen Gegenstand um Rath gefragt? Elisa. Bei solchen Fragen erholt man sich nur Rathes bei sich selber. Obgleich Hr. Durieu, seine Frau, Mathilde mir diese Heirath, in Anbetracht meines eigenen Vortheils angerathen haben — selbst die Gräfin, an welche mein Vater geschrieben, schickte mir 4 Seiten lange Ermahnungen. — Rens. Man hat Ihnen da sehr weise Rathschläge gegeben. Elisa. Auch Sie.— Welche Sache vertheidigen Sie da? Rens. Ich vertheidige die Sache Ihrer Zukunft. Elisa. Meine Zukunft ist jetzt gesichert. Rens. Nein, und die Verwicklungen und Verlegenheiten sind vielleicht noch ernster, als sie vor einem Monat waren. Sie wissen es wohl- Elisa. Mein Vater ist jedoch nicht darauf bestanden! - Rens. Er fürchtete nach Ihrer förmlichen Weigerung, daß es schienen würde, er wollte Ihnen noch ein größeres Opfer auferlegen, als dasjenige,, welches er schon früher von Ihnen forderte. Elisa. Mein Vater wünscht demnach diese Heirath? Rens. Ihr Vater wünschte Sie glücklich zu sehen. Elisa. Und Sie? Rens. Ich — der ich jede Aufopferung, jede.Ergebenheit begreife, — ich versprach ihm, Sie dafür zu bestimmen. — Elisa. Sie rathen mir, Herrn Giraud zu heirathen? Rens. Ja. Elisa. Wenn Sie eine Schwester hätten, würden Sie ihr einen ähnlichen Rath geben? Rens. Wenn ich eine Schwester hätte, würde ich für sie thun können, was ich für Sie nicht unternehmen kann; denn obgleich ich Sie wie eine Schwester liebe, sind Sie mir doch 44 für die Welt eine Fremde. Wenn ich eine Schwester hätte und sie befände sich in der Lage, in welcher Sie sich vor L Jahren befanden, wenn sich dann für sie eine Verbindung darböte, wie die, welche sich Ihnen darbietet, und wenn diese Verbindung meiner Ansicht nach sie später glücklich machen könnte, in jedem Falle ihr aber das materielle Glück und die Ruhe für die letzten Jahre ihres Vaters sicherte, würde ich sie bei den Händen nehmen und sagen; „Es ist dies zwar nicht daS Glück, welches Du gehofft hattest, aber eS ist vielleicht die einzige Entschädigung, welche das Leben dir für den Kummer vergangener Tage bieten kann: Verheirathe dich — wenn dir nicht—" Elisa. Nun? Rens. „Wenn dir nicht die Liebe, welche du früher gefühlt, die Unmöglichkeit auferlegt, dich jemals zu verheirathen . . ." Und da sie als meine Schwester wüßte,-daß sie keinen besseren Freund hat. als mich, so würde sie mir das Geheimniß ihres Lebens, welches sie ihrem Vater nicht vertrauen konnte, mittheilen — und — Elisa. Und auf den Rath eines so ergebenen Bruders, würde sie sich vielleicht verehlichen können — nicht wahr — wenn auch — — Rene. Elisa! Elisa. Sie sagten sich: Seht, da ist ein junges Mädchen, welches wahrscheinlich einen Fehltritt begangen hat; ich selbst, ein ehrlicher Mann — würde sie vielleicht heirathen, was man auch über sie sagen könnte, — aber erst später, in 10 Jahren, in dem Alter, wo man von einer Frau keine Rechenschaft mehr über ihre Vergangenheit verlangt. Erst noch kürzlich haben Sie ja selbst dem armen Mädchen diese Hoffnung wie ein Almosen gespendet. Heute nun, bietet sich ein reicher Mann an, welcher mir die Ehre erweist, um meine Hand zu bitten; dies ist ein großes Glück für mich. Und Herr Giraud ist in der That sehr gütig; denn ein armes Mädchen erbittet man nicht, man erkauft es. Ich würde demnach sehr Unrecht thun, ihn nicht zu heirathen. Ganz recht! — Ich dachte an Alles dieses nicht! und muß mich wirklich für sehr glücklich halten! Ich danke Ihnen, Herr von Charzay, Sie haben mir die Augen geöffnet; ich betrachtete das Leben nicht von diesem Gesichtspunkte auS; ein Wort von Ihnen hat mehr bewirkt, als vielleicht die Bitten meines vortrefflichen Vaters vermocht hätten, (sie klingelt). Gut — es sei — Rens. Was thun Sie? Elisa. Ich folge dem Rathe, den Sie mir so eben gegeben. (Zum eintretenden Diener.) Bitten Sie meinen Vater und Herrn Giraud, sich gefälligst hierher zu bemühen. (Diener ab.) Rens. Leben Sie wohl! Elisa. Oh! Gehen Sie nicht fort! Ich wünsche, daß alle, welche an meinem Glücke Theil nehmen, genau wissen, was sie von meinem vergangenen Leben zu halten haben. tt. Auftritt. Vorige. Von Roncourt, Giraud. Elisa (geht zu Giraud.) Hr. Giraud, mein Vater hat mir Ihren Antrag nnt- getheilt; haben Sie noch immer dieselben Absichten? Giraud. Immer noch, mein Fräulein — Elisa. Für diesen Beweis von Achtung und Vertrauen, für welchen ich Ihnen — was auch geschehen möge— ewig dankbar sein werde — da diesrn Beweis einem Mädchen ohne Vermögen nur allein ein Mann geben konnte, der selbst die Armuth gekannt hat, — für diesen Beweis also will ich Ihnen nun 45 ebenfalls einen Beweis von Freumü- thigkeit und Rechtschaffenheit geben, nach welchem eS Ihnen frei stehen wird, Ihr Wort zurückzunehmen. Ich lege nun hier vor meinem Vater und Herrn von Charzay. welcher nach meinem Vater mein bester Freund ist, ein Bekenntniß ab. . Vor drei Jahren sollte ich einen Mann hei- rathen, den ich liebte. Alle meine Hoffnungen stützten sich auf diese Liebe; dann, mit einem Schlage arm geworden, sah ich, wie sich plötzlich alle Diejenigen von mir entfernten und abwendeten, welche früher meine Hand zu gewinnen suchten, um von Anderen ersetzt zu werden, welche den Muth und die Kühnheit hatten, einem armen Mädchen begreiflich zu machen, daß Anmuth und Schönheit noch immer ein großer Reichthum für sie wären. Um die Frau jenes Mannes zu werden, wollte ich warten, bis mein Vater oder ich selbst eine Stellung gefunden hätten, welche uns erlaubte, meinem Gemahl keine Last aufzubürden. Diese Lage dauerte ein Jahr; wahrend dieses Jahres wurde mein Bräutigam von meinem Vater wie ein Sohn, von mir wie ein Bruder betrachtet. Am Ende des Jahres hatten alle seine Versuche, vorwärts zu kommen, nichts bewirkt. Er war gut, aber schwach; der Kampf entmuthigte ihn. Er wrzrde von einem reichen Mädchen geliebt, deren Familie ihn ebenfalls annahm. Er überließ es mir, sein Schicksal zu bestimmen, und — ich gab ihm sein Wort zurück. Die Welt beurtheilte und erklärte sich mein Benehmen auf verschiedene Weise, und Herzen, welche mir stets theuer geblieben waren, zweifelten vielleicht an mir. Dies ist meine Vergangenheit, mein Herr! WaS nun die Zukunft anbelangt, so kann ich bekräftigen,, daß ich stets sein werde, was ich immer war, eine ehrliche, rechtschaffene Frau. Jean (zu Roncourt.) Herr von Ron- court, ich erneuere meine Bitte. Wollen Sie mir die Hand Ihrer Tochter bewilligen? Elisa (zu Roncourt). Sind Sie zufrieden, mein Vater. Roncourt. Mein theures Kind! Jean (zu Ren^). Nun? Ren 6 (zu Jean). Herr Giraud, Sie benehmen sich wie ein artiger, braver Mann. Jean. Sie geben mir Beifall —?— Ren 6. Von ganzem Herzen! Jean. Wie gerührt sie Alle sind! Diese Leute sind stärker, als du, Freund Giraud. Sie können dich rein um den Finger ivickeln — und Alles mit dir anfangen! Ende des dritten Aufzuges. 46 - - - ' ;§ ^ Bierte» Aufzug A K, (Saal bei der Gräfin). ».Auftritt. Gräfin, Mathilde, Madame Durieu, Durieu. Mad. Durieu: Es war sehr liebenswürdig, liebe Gräfin, uns Ihre Ankunft sogleich mitzutheilen! Sie haben eine gute Reise gemacht? Gräfin. Ausgezeichnet! Und Sie mein lieber Freund Durieu, haben sich immer wohl befunden? Durieu. Immer — ich habe eine eiserne Gesundheit. Gräfin. Ich hoffe doch, daß während meiner Abwesenheit - recht viele Ereignisse vorfielen — Mad. Durieu. Und noch dazu sehr, sehr glückliche. Durieu. Frl. von Roncourt wird eine vortreffliche Parthie machen. Mad. Durieu. Sie, liebe Gräfin, haben Beiden Glück gebracht, dem Vater wie der Tochter. Gräfin. Der Vater ist ein sehr würdiger Mann. Er hat meine Angelegenheiten mit ausgezeichneter Einsicht und unschätzbarer Rechtschaffenheit geordnet; auch- Durieu. ES giebt solche Leute. Nur Anderer Leute Geschäfte besorgen sie sehr gut. Gräfin. Was ist aus Herrn von Charzay geworden? Mad. Durieu. Schon seit längerer Zeit haben wir nichts von ihm gehört- Mathilde. Er hat Paris seit 14 Tagen verlassen. Durieu. Wer hat es Dir gesagt? Mathilde. Herr von Cayolle. Gräfin. Und wohin ging er? Mathilde. Nach der Sologne. Durieu. Doch wohl nicht zu seinem Vergnügen. Mathilde. Herr von Cayolle hat ihn beauftragt, sich mit 2 oder 3 Grundbesitzern in Verbindung zu setzen, um zu untersuchen, durch welches Verfahren bis heute die besten Erfolge erzielt wurden, um das Land urbar zu machen, und welches zum Beispiel auch da.s ökonomischste Verfahren ist: ob mit Mergel oder mit Kalk. Durieu. Wie? Mathilde. Der Boden jenes Landes theilt sich in kieselartigen, das heißt in große, steinreiche Flächen, und in Kalkboden, wo außer Kalk, öfters auch Magnesia gefunden wird; als — Durieu. Za, was erzählst Du uns denn da - Mathilde. Zch erkläre Ihnen die Zusammensetzung des Bodens, und dann werde ich Zhnen noch die verschiedenen Verfahrungsarten der Urbarmachung erklären. Durieu. Danke sehr. Was soll denn der ganze Spaß bedeuten? Mathilde. Ich spaße nicht, Papa. Durieu. Und wo hast denn Du die Urbarmachung der Sologne studirt? Mathilde. Zn einem großen Buch über den Landbau - Durieu. Wo hast Du das aufgefunden? Mathilde. Bei Zhnen! Durieu. Ich habe Bücher über den Landbau — ich? Mathilde. Za Papa, in Ihrer Bibliothek, sehr schön gebundene Bücher. Durieu. Sieh —sieh—und Du hast sie gelesen? Mathilde. Zch wollte sehen ob Ren6, viel Mühe haben würde, um die Arbeit auszuführen, welche Herr von Cayolle von ihm verlangt hat, und ich habe erfahren, daß er sich mit der Geduld und den Kenntnissen die er besitzt sehr gut herausziehen wird .... oh ! der Landbau ist sehr lehrreich und interessant. Gräfin. Mathilde hat sehr Recht; sie kann nun, wenn sie einst verheirathet ist, ihre Güter selbst verwalten und bewirthsckaften, was mir unmöglich war. Mathilde. Oh! Bis ich verheirathet sein werde — dann habe ich noch viel Zeit zum studiren. Durieu. Du bist aber auch so eigensinnig — Mathilde. Oh! Papa — das können Sie nicht sagen. Durieu. Man hat Dir Herrn von Bourville vorgestellt, er gefällt Dir nicht. Gräfin. Er ist jedoch nicht übel! Mad. Durieu. Kennen Sie ihn, Gräfin? Gräfin. Za. Durieu. Ein prächtiger Mann! Gräfin. Und in sehr guten Verhältnissen, wie ich glaube. Mathilde. Er ist nicht reich! Durieu. Wie, nicht reich! Mathilde. Aber nein! , Durieu. Er besitzt 250,000 Franken — — Mathilde. Zn Grundbesitz. Durieu. Er kann verkaufen. Mathilde. Nein. Sein Grundbesitz ist ein richtiges Majorat, — es sst unveräußerlich. Durieu. Wo hast Du nun das wieder gelernt? Mathilde. Zmmer in Zhrer Bibliothek. Gräfin. Aber, er hat eine Tante. Durieu. Deren einziger Erbe er ist, und die sehr krank liegt- Mathilde. Er hat keine Hoffnung mehr, sie ist gerettet- Mad. Durieu. Mathilde! Mathilde. Zch bin eine sehr gute Parthie — ich bringe 250,000 Franken Heirathsgut mit — in barem Gelde — ohne die Aussichten zu rechnen. Durieu. Aussichten — Aussichten — ich hoffe wohl — Mathilde. Oh! Auch ich, lieber Papa, hoffe wohl, daß Sie noch sehr — sehr lange leben werden, aber daS Wort Aussichten — bedeutet zweierlei Sachen. — Zch kann nicht dafür — aber Sie associiren sich mit Herrn Giraud, Sie werden ein sehr großes Vermögen erlangen — Durieu. Du hast einen Bruder! Mad. Durieu. Wie kommt es, daß wir gar keine Nachrichten von ihm erhalten? Durieu. Zch habe welche.bekommen. Mathilde. Wo ist er denn? — Weßhalb kommt er nicht zurück? Durieu. Er wurde unterwegs an- — aufgehalten, (zu Mathilde) Du meintest — Mathilde. Zch meinte also, daß ich eines Tages viel zu reich sein werde, um Herrn von Bourville zu heirathen. Durieu. Du wolltest jedoch Deinen Cousin heirathen! — Mathilde. Weil ich ihn zu lieben wähnte- Gräfin. Sie lieben ihn nicht mehr? Mathilde. Nein, Madame, er liebte mich nicht; übrigens will ich sehr gerne Herrn von Charzay — Herrn von Bourville will ich sagen, heirathen, 48 wenn Sie durchaus darauf bestehen. Aber vielleicht bietet sich doch noch irgend eine bessere Parthie dar. Elisa, welche gar kein Vermögen besitzt, schließt eine sehr schöne Ehe; weshalb sollte ich nicht eine ebenso gute Parthie machen können? Umsomehr, da ich weiß, was das Beste für mich wäre; ich muß einen gesetzten, reifen, verständigen, sehr verständigen Mann haben, den ich wie einen Vater lieben werde. Durieu (zu seiner Frau). Verstehst Du etwas davon? Mad. Durieu. Durchaus nichts. Gräfin. Ich hatte eine derartige Ehe geschlossen, und es ist also nicht an mir, Böses darüber zu sagen. Nun liebes Kind, ich habe vielleicht, was Sie brauchen. Mathilde. Wahrhaftig? Gräfin. Ein Verwandter von mir schrieb mir, daß er sich verheirathen wolle; er ist reich Mathilde. Wieviel hat er? Gräfin, ^hunderttausend Franken! Mathilde. Das ist herrlich! Wie alt? Gräfin. 55 Jahr! Mathilde. Ganz vortrefflich! Gräfin. Aber er hat die Gicht! Mathilde. Welches Glück! — Ich werde ihn pflegen; wir sitzen zusammen zu Hause am Kamin, das wird sehr unterhaltend sein. Wo ist er? Gräfin. Ah! Er ist weit weg. Mathilde. Wo denn? Gräfin. In Batavia; aber er will hierherkommen. Mathilde. Und glauben Sie, daß ich für ihn passe, und ihm gefallen werde? Gräfin. Davon bin ich überzeugt — übrigens verläßt er sich ganz auf mich. Mathilde. Nun Papa, waS sagen Sie dazu? — das wird man, hoffe ich, eine gute Heirath nennen! Durieu. Hast Du keine Angst, närrisch zu sein? Mathilde. Im Gegentheil, — ich habe Angst, daß ich zu vernünftig bin! Durieu. Du würdest einwilligen, Dein ganzes Leben lang mit einem Manne von 55 Jahren zu leben? Mathilde. Mein ganzes Leben — nein — aber sein ganzes Leben lang, — das ist ein großer Unterschied. Jedenfalls aber haben Sie gewiß keine so große Eile nothwendig, mich zu verheirathen; sechs Monate mehr oder weniger, was macht das? Die Frau Gräfin wird ihrem Verwandten schreiben und in drei und einem halben Monat kann er hier sein. Man braucht ungefähr 50 Tage bis Batavia. Durieu. Sage mir nur erst, wo liegt denn Batavia? Mathilde. Batavia ist die Hauptstadt von Java — — (zu Giraud, welcher eintritt.) Nicht wahr, Hr. Giraud? L Auftritt. Vorige, Giraud. Jean. Was, mein Fräulein? Mathilde. Daß Batavia die Hauptstadt von Java ist? Jean. Das ist sehr wohl möglich, mein Fräulein — aber Sie wissen, daß ich ein Ignorant bin — ich kenne nur die Länder, mit welchen ich Geschäfte mache .... Batavia ist noch nicht dabei. Frau Gräfin, ich vernahm Ihre Zurückkunft und komme, um Ihnen meine Huldigungen zu Füßen zu legen. Gräfin. Ich bin entzückt, Sie zu sehen, mein lieber Hr. Giraud. Jean (zu Mad. Durieu). Sie befinden sich wohl, Madame? Mad. Durieu. Ausgezeichnet, Hr. Giraud. Jean. Und Sie, mein werther Hr. Durieu? 49 Durieu. Mir geht es sehr gut — — und unsere Geschäfte! Zean. Sprechen Sie doch in Gegenwart von Damen nicht von Geschäften. Die Geschäfte! — die gehen immer gut! Gräfin. Mein lieber Hr. Giraud, ich habe Ihre bevorstehende Heirath vernommen, und ich bezeuge Ihnen darüber meinen ganzen Beifall; Sie werden eine liebenswürdige Frau bekommen, die ich sehr liebe und unendlich hochschätze; - empfangen Sie sogleich hier mein Hochzeitsgeschenk: In London begegnete ich einem Freunde, dem Geschäftsträger eines deutschen Fürsten; er kam nach England, um im Aufträge seiner Regierung ein Anlehen unter sehr vortheilhasten Bedingungen für den Darleiher abzuschließen. Ich sprach mit ihm von Zhnen; er wird in 3 Tagen hier sein und Ihnen die Sache Vorschlägen. Für Sie wird dies Geschäft der Anfang zu sehr wichtigen und ehrenvollen Verbindungen sein. Jean. Wie soll ich Ihnen danken, Madame? Gräfin. Und am Abend der Con- trakts-Unterzeichnung, welches hier, bei mir geschehen soll, werde ich Sie meinen besten Freunden vorstellen; ein Mann der von seinem Reichthum einen solchen Gebrauch macht, wie Sie von dem Ihrigen, verdient alle nur mögliche Aufmunterung. Mathilde. Ach! lieber Papa, wie schade, daß mein Bruder bei Elisa's Hochzeit nicht hier ist. Jean. Er wird hier sein, mein Fräulein. Durieu. Was wissen Sie — ? — Jean. So eben habe ich ihn gesehen. Durieu. Wo denn? Jean. Bei mir zu Hause. Mad. Durieu.' Wie kommt es denn, daß sein erster Besuch, bei seiner Zurückkunft nicht seinem Vater galt? Wiener Theater-Repertoir XIU. Jean. Jetzt wo die Gefahr be-- seitigt ist, können wir Ihnen Alles sagen. Mad. Durieu. Die Gefahr?! Jean. Beruhigen Sie sich, Madame. -Stellen Sie sich vor, Frau Gräfin, dieser arme Gustav Durieu — dem ich für immer dankbar ergeben sein werde, .denn ihm verdanke ich die Ehre, Sie Alle hier zu kennen, — dieser arme Gustav Durieu also hatte für eine erbärmliche Summe, Wechsel ausgestellt — für 6000 Franken — und man hat ihn nach Oben gebracht Gräfin. Nach Oben? Jean. Ja; das ist so der Geschäftsausdruck, dessen sich die Handels- Gerichtsvollzieher bedienen, um nicht Clichy zu sagen; aber Gustav schrieb mir, und heute Morgen ließ ich Mathien — den gewissen Gerichtsvollzieher — bezahlen, und Gustav wurde in Freiheit gesetzt. Mathilde. Sehr gut, Herr Giraud. (Madame Durieu trocknet sich heimlich ihre Augen). Durieu. Sie haben sich da in eine Sache gemischt, mein "werHer Herr Giraud, welche nur mich angeht. Gräfin. Herr Giraud hat seine Pflicht gethan: der Sohn des Herrn Durieu darf nicht in Clichy sein. Durieu. Es geht den beuten sehr gut dort — selbst zu gut — da viele wieder hinkommen. Ich würde ihn gewiß nicht dort gelassen haben, aber ich wollte ihm eine Lehre geben. Jean. Sie werden ihm diese ein Andermal geben; er hat Wechsel ausgestellt — Sie können ganz ruhig sein, er wird noch mehrere ausstellen, da es immer noch Leute genug giebt, die dumm genug sind, ihr Geld, ihr gutes Geld gegen.Wechsel von Söhnen aus guten Familien herzugeben. Wenn die jungen Leute sich untereinander verständen, würden sie eine geheime Gesellschaft bilden, mit einem Capital von 4 50 ein oder zwei Millionen in Wechseln; diese ließen sie durch ihre elenden Wucherer zu 25 bis 30"/) escomptiren, und ich der Bankier der Gesellschaft, würde sorgen, daß das einkaffirte Geld 60°/„ einbrächte: dies würde eine ganz sichere Spekulation sein — man könnte geheime Aktien creiren — wie alle guten Aktien. Sie sehen mein lieber Durieu, in allem steckt ein-guter Gedanke; aber unterdessen konnte ich selbst in meinem eigenen Intresse nicht erlauben, daß der Sohn meines künftigen Associe's unter der Last einer derartigen gerichtlichen Verfolgung dulde; die Vernunft verbot es — besonders die sociale Vernunft. Durieu. Gut! Ich schulde Ihnen 6000 Franken! Jean. Und die Gerichtskosten; aber ich bin ohne Angst, ich habe Deckung. Mad. Durieu (zu Jean). Danke Ihnen, mein Herr! Durieu. Ist mein Herr Sohn zu Hause? - Jean. Er erwartet Sie! Durieu. Schön — ich werde hingehen. « Diener (eintretend). Man bringt so eben die Stoffe, welche die Frau Gräfin befohlen haben. Gräfin. Man soll warten — ich komme gleich! Begleiten Sie mich, liebe Madame Durieu; es sind Kleiderstoffe für unsere Braut. Durieu. Leben Sie wohl Gräfin! Gräfin. Auf Wiedersehen, Herr Durieu. (Durieu ab). I eja n (zur Gräfin). Er ist wüthend! Diese Pfahlbürger bleiben immer die Nämlichen! Mad. Durieu. Komm mit uns Mathilde. (Elisa tritt ein). Mathilde. Da kommt Elisa — ich bleibe bei ihr. (Elisa geht zur Gräfin und zu Madame Durieu, welche sie umarmen). Gräfin (zu Elisa). Wir finden Sie hier wieder: wir gehen nur um uns mit Ihnen zu beschäftigen. (Gräfin und Mad. Durieu ab). Jean zu Elisa). Auch ich, mein Fräulein, werde mich mit Ihnen beschäftigen; dies ist meine einzige Entschuldigung um Sie so bald zu verlassen — (küßt Elisa die Hand, grüßt Mathilde und gebt ab. In dem Augenblicke, wo er die Thüre öffnet, befindet er sich gerade Herrn Durieu gegenüber). Jean. Sie waren noch da? Durieu. Ja, ich wartete auf Sie. (Schließen die Thüre und gehen zusammen ab). s. Auftritt Elisa, Mathilde. Mathilde. Du hast Herrn Giraud vollkommen verwandelt! Was vermag nicht die Liebe! Er hatte so eben ganz das Ansehen eines vornehmen Mannes, es gewährte mir ein wahrhaftes Vergnügen es mitanzusehen. Die Gräfin erkannte ihn nicht wieder. Du wirst recht glücklich mit Deinem Gatten werden. Elisa. Glaubst Du? Mathilde. Ich bin davon überzeugt, er betet Dich an! Er hat Mama und mich gebeten, ihm bei dem Ankauf Deiner Ausstattung für den Hochzeitskorb zu helfen; ach! es wird Alles prächtig sein; Nichts ist ihm zu schön oder zu theuer. Er hat die Ausstattung der Tochter des Herzogs von Riva gesehen, welche einen walachischen Fürsten heirathet, und er wollte, daß Deine Ausstattung ganz dieselbe sei. Nur hat er in Mitten der verschiedenen Gegenstände einen wahren Strom von Diamanten geworfen, welcher ganz friedlich zwischen 2 Ufern von Spitzen dahinfließt! Und wie man überall von dieser Heirath spricht- Elisa. Was spricht man? 51 Mathilde. Mama und ich haben nur deßhalb mehrere Besuche abgestattet, um zu hören, was man sagte: Die Frauen, welche Du von früher kanntest, machten sonderbare Mienen. ! ES ist so angenehm die Leute zu bedauern ! Man hatte sich so schön daran gewöhnt zu sagen: Ach, dieses arme Fräulein von Roncourt wird wohl nie einen Mann bekommen! Wie unglücklich! Jetzt heißt es ganz anders: Ah! Fräulein von Roncourt heirathet einen Finanzier, sie wird sehr reich, die Gräfin Savelli protegirt sie, ihr Haus wird eines der besten Häuser in Paris werden. Man kann nicht mehr be- ! dauern — das ist sehr traurig — man ^ muß also beneiden — und so sagt man denn: Man muß gestehen, daß sie Glück hat — ohne Vermögen eine solche Heirath zu machen, da es doch so viele heirathsfähige Mädchen giebt, die sich in einer besseren Stellung wie sie befinden. Wenn man gewisse Leute reden hört, daß man Glück hat, so ' glaubt man immer, daß man es einem Anderen wegnimmt. Und doch kommt das Glück von Gott — welcher gewiß volle Freiheit hat, es zu vertheilen, wie es ihm gut dünkt; und wer verdiente eS wohl mehr glücklich zu sein, als Du?! Elisa. Du bist sehr liebenswürdig! . Mathilde. Nein; ich liebe Dich sehr, das ist Alles! UebrigenS merktest Du gewiß auch, wie sich der Wind änderte, seitdem Dein Aufgebot bekannt wurde. Diener. Briefe für Fräulein von Roncourt. (Legt die Briefe hin und geht ab). Elisa. Hier meine Antwort! Das sind die heutigen Briefe; alle Tage > empfange ich eine gleiche Menge. ! Mathilde. Und Du lieSt sie nicht? Elisa. Ich lese sie nicht mehr — ich weiß zum Voraus was sie enthalten. Mathilde (nimmt 3 Briefe). Auf's Gradewohl! Ich habe so noch keinen Einzigen gelesen. . . . Fangen wir mit der garstigsten Handschrift an: (liest) „Der Mann, den Sie heirathen, ist ein Bösewicht." — (gesprochen.) Weiter nichts! (liest) „Wenn Sie nähere Auskunft wünschen, so schreiben Sie an Herrn (Jules) post restante, welcher Ihnen dieselben ertheilen wird. — Ich grüße Sie." — Keine Unterschrift — und Bösewicht ist: B-e-s-e-w-ü-ch-t geschrieben und grüße mit i. Ein anonymer Brief ist an sich schon etwas sehr Niederträchtiges; aber noch dazu ohne Ortographie — das ist noch schändlicher; was hältst Du davon? Elisa. Es ist vielleicht schon der zehnte Brief dieser Art, den ich empfange. Mathilde (wirst den Brief in's Feuer). Du hast sie in's Feuer geworfen. Elisa. Ganz gleichgültig! Mathilde. Sieh, da ist ein Brief von Gabrielle Valbray. Elisa. Seit 4 Jahren hörte ich nichts von ihr — Du erinnerst Dich ihrer? Mathilde. Das will ich glauben — in der Pension war sie schon bei den Großen — als ich noch bei den Kleinen war; aber wir hatten sie oft zum Besten und spotteten viel über sie; sie war sehr hochmüthig!— Ihr Vater hatte sich durch Talg bereichert und sie ärgerte sich immer tüchtig, wenn ihre Mutter ihr Leinwandärmel brachte, wie sie die Schreiber tragen, damit sich die Aermel ihrer Kleider nicht abnützten. Sie hat den reichen Herrn Valbray, einen gewesenen Steuereinnehmer, jetzt Particulier, geheirathet. Elisa. Und sie beglückwünscht mich zu meiner Heirath? Mathilde. Sie ist so glücklich darüber — fast nicht zum glauben. (Wirft den Brief in'S Feuer und öffnet einen Andern). „Mein Fräulein, bei Ihrer 4* 52 Verheiratung erlauben Sie mir, Ihnen mein Haus in Erinnerung zu bringen." Elisa (nimmt den Brief.) Benoit, Mo- dewaarenhändler, welcher früher durch mehrere Jahre unser Lieferant war, und uns dann wegen 125 Franken verklagte und auSpfändete. Lies nicht weiter — es ist immer dasselbe. Sprechen wir lieber von Dir! Wann wirst Du Dich verheirathen? Mathilde. Oh! Ich? Ich ver- heirathe mich noch nicht sobald! Elisa. Weßhalb nicht? Mathilde. Weil man — stell'Dir nur vor — weil man gezwungen ist mir einen Gatten aus Batavia kommen zu lassen. — Weit über's Meer her.— Elisa. Was soll das heißen? Mathilde. Das soll heißen, daß ich Zeit gewinnen will. Elisa. Bis — ? — Mathilde. Bis Rene eine Stellung errungen hat und mich heirathen kann. Elisa. Ist das schon zwischen Herrn von Charzay und Dir abgemacht? Mathilde. Nein, er ahndet gar nichts davon; er vermuthet sogar nicht einmal, daß er mich liebt, aber er wird mich lieben. Es wäre sonst wahrhaftig nicht der Mühe werth, daß die Zeitwörter eine zukünftige Zeit hätten, wenn Inan sich ihrer nicht bediente.... Er folgte dem Rathe, den ich ihm gab... Er hat sich an die Arbeit gemacht.... Wenn er nur erst eine genügende Stellung erlangt Hat, wird er ganz erstaunt sein, zu bemerken, daß er mich liebt.... Wo fände er wohl eine bessere Frau als mich? Elisa. Das ist wahr! Mathilde. Oh! Ich bin sehr boshaft und schlau, nicht wahr? Ich schrieb gestern an die Gräfin um sie vorzubereiten, und sie ging sehr hübsch auf meine kleine Combination ein, ohne mich sogar um die Ursache oder nach dem Zweck zu fragen. . . . Wenn ich meinem Vater die Wahrheit gesagt hätte, würde er ein Zetergeschrei erhoben haben-statt dessen wird er nun ganz ruhig den Verwandten der Gräfin abwarten. — Der Herr aus Batavia, den wir erfunden, ist nämlich ein Cousin der Gräfin. Na — der Mann wird Abentheuer erleben! denn Du wirst einsehen, daß seine Ankunft von Rens's Erfolgen abhängt. — Der arme Mann wird das gelbe Fieber bekommen, Schiffbruch erleiden — gerettet werden — uns seine Erlebnisse mittheilen; endlich wird er in Frankreich ankommen — sogar in Paris — ich will daß er bis nach Paris komme; — aber so wie er den Fuß aus dem Wagon setzt, wird er ausgleiten, auf die Schienen fallen, und mitten durch gerädert werden. Es wird schrecklich werden — aber es giebt kein Mittel es Anders anzufangen — also desto schlimmer für ihn! Rene und ich werden uns Mitten in bengalischem Feuer verheirathen, wie in einer Feen-Comödie, und wir werden sehr glücklich sein! Aber Du hörst mir nicht mehr zu! Was fehlt Dir? Du weinst, Elisa? Elisa (sich in ihre Arme werfend.) Meine gute, liebe Mathilde! Mathilde. Was ist Dir geschehen? Ich will nicht, daß Du unglücklich sein sollst; und ich errathe nicht, daß Du einen Kummer hast. — Laß hören, was fehlt Dir? Was soll ich für Dich thun? Willst Du Herrn Giraud nicht mehr heirathen? Zch werde es ihm sagen,— ich — wenn Du es nicht wagst. Ich werde Deinen Vater aufsuchen und mit ihm sprechen. Elisa. Mein Vater ist nicht hier; er beschäftigt sich mit den Vorbereitungen zu meiner Heirath, welche geschlossen wird, geschlossen werden muß. Mathilde. Aber warum weinst Du? Elisa. ES ist nichts — meine Nerven sind angegriffen! Ich bin schon seit 53 einigen Lagen so. Die plötzliche Veränderung meiner Lage, diese falschen Beweise von Sympathie, welche mir von allen Seiten zukommen, die Erinnerungen an meine Vergangenheit, welche Ju selbst so eben herauf- - beschworen hast, eine zu große Empfindlichkeit, überreitzt durch die letzten Ereignisse, — alles dieses steht wohl Kummer oder Verdruß ähnlich, und es giebt Augenblicke, wo ich Lust zum Weinen habe. Nervenschwäche ich wiederhole es Dir — Ju siehst, es ist schon vorüber. ... Es thut mir wohl, ein Wenig zu Weinen. . . . Ju hast da einen herrlichen Gedanken; wie hübsch Du als Braut sein wirst. . . . Mathilde. Da, — ja — ich werde sehr hübsch sein. Diener (meldend). Herr Rens von Charzay. ' Mathilde (macht eine Bewegung gegen die Lhüre). Der kommt gerade recht! Elisa (trocknet sich die Augen). Stille! . lzu Mathilde). Ich verbiete Dir — ich bitte Dich ihm nichts zu sagen. Mathilde. Schon gut — sei ruhig! Rens (eintretend). Guten Tag Ma- i thilde — Deine Dutter erwartet Dich unten, um mit Seinem Bruder, welcher fie abholte, sortzugehen. Mathilde. Gustav ist da — ich ^ gehe! — Wirst Du uns besuchen — ! letzt wo Du wieder in Paris bist? Rens. Ganz gewiß! Mathilde (zu Elisa). Auf baldiges s Wiedersehen! (zu Rene). Dir sage ich also nicht Lebewohl, (ab). 4. Auftritt. Elisa, Rens. Ren6. Wie geht es Ihnen? Elisa. Sehr gut, ich danke Ihnen.... Wann sind Sie angekommen? Rens. Heute Morgen. Elisa. Sind Sie mit den Erfolgen Ihrer Reise zufrieden? Rens. Da; die Arbeit, welche ich vollendete, wird mir in mehr als einer Beziehung sehr nützlich sein .... ich habe sie Hrn. v. Cayolle übersandt, und erwarte seine Antwort. Und Sie? Elisa. Sie geben mir die Hand nicht? Ren 6. Zm Gegentheil, von ganzen Herzen. — Elisa. Haben« Sie die Gräfin gesehen? Ren 6. Ich weiß, daß Sie zurück ist. Elisa. Seit gestern. Rens. Ich werde ihr gleich meine Aufwartung machen; sie ist noch immer gütig gegen Sie? Elisa. Mehr als je! (Eine Pause). Ren 6. Und Ihr Vater? Elisa. Mein Vater befindet sich wohl! Rens. Er ist glücklich? Elisa. Da — er hat mit seinen Gläubigern— nachdem sie erfuhren wen ichheirathe—einen für ihn viel vortheil- hafteren Vergleich abgeschlossen, als ihm früher vorgeschlagen wurde. Sie kamen nicht mehr um Geld von uns zu verlangen, sie boten uns welches an. — Rens. Der Ehekontrakt ist noch nicht unterschrieben? Elisa. Noch nicht — in 2 Tagen soll er unterzeichnet werden. Rens. Wer sind die Zeugen? Elisa. Herr Durieu und Herr von Cayolle, an welchen mein Vater geschrieben, der aber noch nicht geantwortet hat. Rens. Also — unwiederruflich beschlossen? — Elisa. Ja! (Eine Pause). Rens. Wahrscheinlich werden wir uns nach Ihrer Verheirathung nicht mehr so oft sehen. Elisa. Warum nicht? 54 Ren 6. Wenn ich die Stelle erhalte, zu welcher mir Herr von Cayolle Hoffnung machte, so werde ich in der Provinz wohnen. Elisa. Aber Sie werden öfters nach Paris kommen? Ren6. So wenig als möglich.... Die Arbeit wird meine größte Zerstreuung werden. Wollen Sie mir auch erlauben. Ihnen, wie alle anderen Leute, die Sie lieben, mein kleines Hochzeitsgeschenk anzubieten? Es ist nicht glänzend, denn ich bin nicht reich — aber es soll Sie an einen Freund erinnern, der Sie nie vergessen wird. Ich habe diesen sehr einfachen Ring ausdrücklich für Sie machen lassen: er öffnet sich: Mein Namenszug ist darauf gravirt, in der Kapsel befinden sich Haare von meiner Mutter. Elisa. Oh! Ich werde mich nie von ihm trennen. Ihre Mutter war eine heilige Frau; ich bin durch dieses Andenken sehr beglückt - es wird mir Glück bringen — davon bin ich überzeugt. Ren 4. Dieser Ring wird Sie an die schönen Pläne erinnern, die wir neulich machten! — Ja, so geht es, wenn man die Dinge Jahre voraus sehen will. Elisa (mit immer stärkerer Gemüthsbewe- gung, die sie um so mehr unterdrückt). Sprechen wir nicht davon — ich bitte Sie inständigst darum, kaffen Sie mir all' meinen Muth, dessen ich so sehr bedarf. Leben Sie wohl! Ren 6. Sie haben Recht, leben Sie wohl! Gräfin (eintretend zu Elisa, welche ihre Thränen schnell trocknet). Theuerste Elisa — meine Nähterin erwartet Sie; sie will Ihnen die Kleider, die ich selbst für Sie auswählte anprobiren; ich hoffe, sie werden Ihnen gefallen — Sie finden ein rosa Kleid für die Unterzeichnung des Contrakts und ein weißes für die Kirche. Ich will, daß Sie schön wie ein Engel sein sollen. (Sie küßt Elisa, welche dann abgeht.) s. Auftritt. Gräfin, Ren4. Gräfin. Also Sie sind da! — Und ist das Alles was Sie den Leuten sagen, die Sie Wiedersehen? Rene. Verzeihen Sie mir, ich habe meinen Kopf nicht mehr ganz zu' sammen. Gräfin. Die Sologne steckt Ihnen wohl darinnen und hat Sie in diesen Zustand versetzt. Ren 4. Spotten Sie nicht über mich — ich bin wahrhaftig nicht aufgelegt um zu spaßen. Gräfin. Ich ebenfalls nicht; ich habe einen sehr großen Kummer. Ren 4. Sie? Gräfin. Ich — Sie erstaunen — betrachten Sie mich doch — ich bin ganz verändert. Ren 4. Es ist wahr, Sie sind ein wenig bleicher — — Gräfin. Seit 3 Wochen habe ich nichts gethan als geweint. Ren 4. Was ist Ihnen denn geschehen? Gräfin. Ein wahres Glück, daß Sie sich endlich entschließen, mich darnach zu fragen. — Ein sehr großes Unglück ist mir geschehen; — vorerst — bin ich ruinirt. Ren4. Ruinirt! Gräfin. Oder beinahe — es bleiben mir nur 100,000 Franken Renten. Ren4. Ich wußte es! Gräfin. Und das ist der ganze Trost, den Sie mir bieten? Ren4. Ich kann mich doch wahrhaftig nicht zum Mitleid über Ihr Schicksal zwingen, weil Sie nicht mehr 5S als 100,000 Livres Renten haben.... Sie mußten sich nicht zu Grunde richten. Gräfin. Ich halte Sie nicht langer, wenn Sie mir nichts Anderes zu sagen haben. Ren 6. Vergebung! Gräfin. Was haben Sie nun? Ren 6. Mein Herz ist Schuld, daß ich eine grobe Ungeschicklichkeit begangen habe. Gräfin. Sie lieben? Ren 6. Ja. Gräfin. Und man liebt Sie nicht? Renv. So ist es! Gräfin. Sehen Sie nun, Sie Philosoph, daß Sie sterblich sind, wie wir Alle; und es giebt kein Mittel, um dies in Ordnung zu bringen? Ren 6. Nein. Gräfin. Sehr originell — wir sind beinahe Beide in gleicher Lage. Ren 4. Ihre Reise nach London also- Gräfin. Ungeschicklichkeit!— Als ich in der Zurückgezogenheit lebte, worin Sie mich vor einiger Zeit fanden, hatte dies, wie Sie wohl denken können seine Ursache . . . Ich erfüllte ein Gelübde. welches man mich ablegen ließ. Ren6. Wer? man? Gräfin. Wenn eine Frau in meinem Alter sagt: man, so muß man sie niemals fragen: wer! Man, ist Jedermann und Niemand! Also: Man war in London und ich wartete geduldig, daß man nach Paris zurückkehre — man schrieb, daß man krank sei, 'und daß man gezwungen wäre, seine Rückkehr um einige Tage zu verzögern; ich schrieb, daß ich Hinreisen wollte — man schrieb mir, es zu unterlassen. ^ Ich reiste aber doch ab. Ren6. Natürlich,—und Sie fanden „Man" sehr gesund und wohlauf. Gräfin. Ja. Ren 6. Und einer anderen Frau den Hof machend? Gräfin. Wer hat Ihnen das gesagt? Ren4. Ich errathe es. Gräfin (nach einer Pause). Massagen Sie dazu-ich wollte mich tödten. R e n ö. Sie? Gräfin. Ich! — Aber nicht aus Liebe, sondern aus Stolz, aus Hochmuts»! Denken Sie nur. während ich hier voll Vertrauen wartete, und während ich mich einschiffte — ich, die ich das Meer nicht ertragen kann—betrog man mich so schändlich, daß ich fast lächerlich wurde. Ich konnte den Gedanken nicht ertragen; glücklicherweise fand ich Freunde. die Alles aufboten was sie nur vermochten um mich zu zerstreuen. . . . Ich ging in's Theater — auf einen Ball, wo ich sehr viel Glück machte, und weinte, wenn ich nach Hause kam; aber man glaubte an meine Gleichgültigkeit, man wurde eifersüchtig, man schrieb mir, man wartete an meiner Thüre ... ich schlug es rund ab mich zu sprechen, und als ich fest überzeugt war, daß man unglücklich sei, reiste ich wieder ab. Ren 6. Und jetzt? Gräfin. Jetzt liebe ich nicht mehr! Rene. Sind Sie auch davon überzeugt? Gräfin. Oh! Ich glaube selbst,^ daß ich niemals geliebt. Ren 4. Nehmen Sie sich in Acht, wer zu viel beweisen will — — Gräfin. Sie werden sehen, daß es wirklich so ist. . . . Man folgte mir nach Paris — man bereut — man will mir sein ganzes Leben weihen — man fleht, daß ich verzeihe und man will mein Gatte werden. Rene. Verzeihen Sie — das ist eine Rache — Gräfin. Ich habe eine Bessere gefunden. Ren 6. Diese ist? Gräfin. Ich antworte, daß ich mich vermähle, und verheirathe mich dann wirklich! 56 Ren«. Mit wem? Gräfin. Mit einem Anderen! Rens. Sie sind eine herrliche Frau. Schreiben Sie: Zch verzeihe. Falten und siegeln Sie den Brief, sehen die Adresse darauf: Lord Nofton, Vendüme Platz — und geben mir den Brief, ich werde ihn hintragen. Gräfin. Auf Sie falle alle Schuld; Sie haben es gewollt. - — Rens. Weiter verlangten Sie ja doch nichts. (Nimmt den Brief.) Gräfin. Vielleicht. Rens. Sagte ich Ihnen nicht, daß ich noch damit aufhören würde, für andere Leute Gänge zu besorgen. Diener (eintretend). Für Herrn von Charzay. Rens. Für mich. Sie erlauben Gräfin — Gräfin. Gewiß. Rens (lesend). „Lieber Freund — „man hat mir so eben Ihre Arbeit „übergeben, aber ich habe augenblicklich „mit Ihnen etwas sehr Wichtiges zu „besprechen. Ich warte unten; ich sah „Jemanden zur Gräfin hinaufgehen, „mit dem ich nicht zusammen treffen „möchte, besonders heute; entschuldigen „Sie mich bei der Gräfin und ganz der »Ihrige „von Cayolle." Rens (zum Diener). Schon gut — ich komme sogleich. (Diener ab). Auf Wiedersehen, Gräfin. Gräfin (ihm die Hand gebend). Auf Wiedersehen, moin Freund. Diener (meldend). Herr Jean Giraud. Jean. Vertreibe ich Sie, Herr von Charzay? Rens. Nicht doch — ich war schon im Begriff zu gehen, als man Sie meldete. Jean. Aber wir werden uns noch Wiedersehen, nicht wahr? Rens. Ganz gewiß. 6. Auftritt. Jean, Gräfin. Gräfin. Welch schönes Portefeuille, Herr Giraud — Sie sehen aus wie ein Minister. Jean. Mein Portefeuille enthält nichts, als nur mich persönlich betreffende Papiere, hinsichtlich meiner Geschäfte und meines Ehevertrages, den ich so eben Fräulein von Roncourt vorlegen will. Gräfin. Mein werther Herr Gi- raud, wann werden Sie uns Nachrichten über unsere große Unternehmung geben? Jean. In 8 Tagen, Frau Gräfin. Gräfin. Auf welche Summe kann ich rechnen? Jean. Auf 150 bis 200,000 Franken. Gräfin. Und wie viel wird mir das Capital, welches ich Ihnen übergebe eintragen? Jean. Um vorsichtig zu sein — 10 bis 15,000 Franken monatlich. Gräfin. Wenn unsere erste Unternehmung gelungen und abgeschlossen ist, werde ich Alles Uebrige, was ich zu Gelde gemacht, bei Ihnen anlegen; und selbst für den Fall, daß ich Frankreich nicht mehr bewohnte- Jean. Das hat durchaus keinen Einfluß. Ueberdieß wird ja immer Hr. von Roncourt da sein, um Ihre Interessen zu überwachen! Vergessen Sie die famose Anlehe nicht, die Sie mir versprochen haben, Frau Gräfin. Gräfin. Sein Sie ruhig — ich vergesse nichts. (Geht ab). Jean (allein in seinen Papieren blätternd). Ah! Ah! Wie schlecht diese Schreiber des Herrn Notarn schreiben. V. Auftritt. Elisa, Jean. Elisa. Sie haben nach mir verlangt, Herr Giraud. Jean. Nicht doch, mein Fräulein, nicht doch. Ich ließ Ihnen nur sagen, daß ich über unsere kleinen Angelegenheiten mit Ihnen zu sprechen wünschte.... Wir sind Beide groß genug, um dieselben selbst zu verhandeln; ich will Ihnen unseren Ehevertrag vorlegen, den ich so eben bei meinem Notar mitnahm, und erst Ihre Bemerkungen hören, bevor er in's Reine gebracht wird — — Elisa. Herr Giraud, dieser Ehevertrag geht mich nichts an; ich bringe nichts zu. Sie allein bringen Alles. Alles was Sie daher thun werden, ist gut gethan. Jean. Im Gegentheile, Sie bringen sehr viel. — Sie bringen, An- muth, Geist, Geschmack, Ihre Verbindungen mit der großen Welt, kurz das Glück für mich. — Alles dieses ist ohne Preis und ich werde es niemals nach seinem Werthe bejahen können. Hören Sie:„VorMeister . . .sind erschienen, einerseits Herr Jean Giraud, Bankier, und andererseits Frl. von Roncourt; dieselben haben in Anbetracht der zwischen Beiden, beschlossenen Ehe, die bürgerlichen Bedingungen dieser Verbindung folgendermaßen festgestellt: 1. Artikel. Zwischen beiden Gatten wird Aufhebung der Gütergemeinschaft festgesetzt. ..." Ihr Vater sagte mir, daß Sie wünschten, daß wir unter dieser Form heirathen. Elisa. Ja, mein Herr; ich bestand Ihrer persönlichen Garantie wegen auf dieser Clausel. Jean. „Die Braut wird die Ver- waltung Ihrer Güter selbst führen und oen Genuß Ihrer Einkünfte beziehen." „2. Artikel: Zugebrachtes.der Braut: Fräulein von Roncourt bringt zu der Ehe und bestellt sich selbst als Hei- rathsgut: 1. Eine Ausstattung zu Ihrem Gebrauche, Spitzen, Caschimirs rc. rc., geschätzt auf 25,000 Franken. 2. Kleinodien, Diamanten, geschätzt auf 100,000 Franken. 3. Eine Summe im Betrage von einer Million in guten Werthpapieren." Elisa. Bitte, bitte. Herr Giraud, ich begreife nicht.- Jean. Es ist jedoch ganz einfach! Ich erkenne Ihnen eine Million Hei- rathsgut zu. — Elisa. Mein Herr- Jean. Unser Contrakt ist bis auf die Namen, genau wie der Contrakt der Herzogin von Riva verfaßt. Elisa. Die Herzogin bringt wirklich eine Million, während ich — — Jean. Aber der Mann den sie heirathet bringt gar nichts — daß kommt ganz auf ein's heraus, — und sie erkennt ihn 300,000 Franken zu. Es ist ja doch möglich, daß wir uns eines Tages aus irgend einem Grunde trennen; Sie dürfen also nicht der Willkühr Ihres Gatten preisgegeben werden. Auch ist es gar nicht schlecht, daß die vornehmen Herrn von Zeit zu Zeit von den Parvenüs lernen, wie man sich in gewissen Fällen zu benehmen hat. Elisa. Es ist jedoch sehr traurig mein Herr, noch bevor der Contrakt unterschrieben ist — unter welche nVerhält- nissen die Ehe auch geschlossen wird — schon die Möglichkeit eine Trennung voraus zu sehen. Jean. In Geschäften muß man Alles vorhersehen. Und dann, ich kann ja sterben. Ich will nicht, chaß Sie den mindesten Streit und Hader mit meinen Verwandten haben, welche über Geld nicht dieselben Ideen haben wie ich. Ich sterbe, die Kinder erben, Sie nehmen ihr Heirathsgut, kein Mensch 58 hat etwas darein zu reden, und Sie sind nicht gezwungen, sich ein zweites Mal zu verheirathen. Elisa. Wenn das Unglück will, daß Sie zuerst stürben, so konnten Sie für diesen Fall die Bestimmungen festsetzen, welche Sie schon jetzt glauben nehmen zu müssen, aber ohne mein Wissen und Authun. Dieses vorbeugende und glänzende Almosen beschämt und beleidigt mich. In der Lage worin ich mich befinde, nehme ich schon zu viel an, um noch mehr annehmen zu können. Diese Clause! muß gestrichen werden, ich bitte Sie darum, ich will es... Zean. Aber wenn diese Clausel eben so sehr zu meinem Vortheil, als zu dem Ihrigen ist . . . Elisa. Alsdann ist es etwas Anderes. Zean. Mein Gott ja ... ich stecke in Geschäften — ich betreibe dieselben nach einem großartigen Maßstabe. — Dieser Stab kann zusammen brechen. Es wird also nicht ganz schlecht sein, wenn ich für diesen Fall, eine hübsche Summe auf der Seite habe, welche mir hilft, mich wieder zu erheben. Mit einer Million lebt man bescheiden, aber man lebt, und man kann von Neuem sein Glück versuchen. Wenn ich ruinirt wäre, wenn ich mehr verlöre, als ich besäße, denn man weiß niemals wie es kommen kann — so fordern Sie Zhr Heirathsgut zurück und die Gläubiger haben nichts mehr zu reden. Elisa. Das ist wahr! Zhr Frei- muth beglückt mich sehr, Herr Giraud und endlich erkläre ich mir Zhre Heirath. Jean. Za. Sie hatten Furcht, daß ich nur ein gewöhnlicher Ehemann wäre, ein wahrer Ehemann, eifersüchtig und selbstisch; ich begreife das! Seien Die ruhig: Wir Geldmänner, die wir keine wahrhaften Freunde haben können, verlangen vor allem von unserer Gattin, daß sie unsere Freundin sei. Frauen findet man überall, aber diejenige, welche für uns paßt, ist schwer zu finden. Elisa. Za, Zhre Gattin muß Zhr anders Selbst sein. — Zean. Sie muß noch dazu ehrlich genug sein, daß sie sich nicht eines schönen Tages mit dem Gelds davon macht, welches wir gezwungen sind unter ihrem Namen anzulegen. Ist schon da gewesen! Zch sage das nicht Ihretwegen. Uebrigens werden .Sie Zhrerseits sehr reich werden; denn es giebt eine Menge Operationen, die Sie . . . Elisa. Aber sagen Sie mir Herr Giraud, für den Fall, daß Sie schlechte Geschäfte machten —? — Jean. Nun — ich habe es Ihnen schon gesagt, dann werden wir stets Zhr Heirathsgut vorfindcn- Elisa. Und alsdann desto schlimmer für die Gläubiger. Sie wissen doch, daß ich die Tochter eines Mannes bin, der sich zu Grunde richtete, um seine Gläubiger, oder vielmehr diejenigen seines Bruders, zu bezahlen. Zean. Das ist ganz etwas Anderes. Ueberdieß, Börsenschulden und Börsengläubiger, zählen für nichts; das Gesetz versagt ihnen Anerkennung. Elisa. Richtig! Aber wenn die Gläubiger meinen Ehevertrag anfechten, was würde ich antworten? Zean. Daß Sie Ihr Heirathsgut von Zhrem Vater her haben. Elisa. Aber mein Vater ist ohne Vermögen. Zean. Er ist nicht ohne Vermögen, er hat eine Stellung; er ist Zntendant der-Gräfin. Elisa. Wenn man nun sagte, daß er gestohlen habe, um seine Tochter auszustatten? Zean. So läßt man die Leute reden. — Die Hauptsache ist das Gesetz auf seiner Seite zu haben. Uebrigens werden wir aber nur sehr ehr- 59 -ff liche und ganz sichere Geschäfte machen. Ich muß Ihnen noch sagen — Elisa. Ist nun ganz unnütz, mein Herr. Jean. Wie so? Elisa. Ich habe nicht nöthig, weiter etwas zu hören. Oh! Wenn ich daran denke, daß Sie mir dies Alles, was ich jetzt hören mußte, erst nach unserer Verheirathung gesagt hätten!— Was würde aus mir geworden sein? (Sie zerreißt den Kontrakt). Jean. Was thun Sie? Elisa. Ich zerreiße diesen Con- trakt. Jean. Sie wollen nicht mehr meine Frau werden? Elisa. Für wen halten Sie mich, mein Herr? Jean (aufstehend). Madame! Ren 6 (welcher gegen den Schluß der Scene eintrat, zu Elisa). Geh'n Sie zur Gräfin; dieser Mann wird Sie beschimpfen! Das ist unnöthig — ich nehme das Uebrige auf mich! Elisa. Rens! Ren 6. Fürchten Sie nichts! Whrt sie bis an die Thüre ihres Zimmers. Elisa ab. Renö geht zu Jean, welcher abgehen will, und klopft ihm auf die Schulter). 8. Auftritt. Rens, Jean. Jean (sich umwendend). Gut! Jetzt kommt der auch noch! Ah! Sie sinds? Rens. Ja! Jean. Sie waren da, Sie haben gehört! Rens. Vollkommen! Jean. Nun, wie finden Sie die Geschichte? Sie ist gut, Hein!? Ein Mädchen welches — — Rens. Welches geliebt hatte, und Ihnen ehrlich und offen das Geständest davon ablegte. Jean. Geliebt! Geliebt! Wirwiffen wohl, daß ein Mädchen in ihrer Lage nicht daS Recht hat zu sagen, was sie sagte; wenn man sie heirathet, so ist es doch wohl das Wenigste, daß sie zu irgend etwas dienlich und nützlich sei. Rens. Alsdann heirathen Sie Fräulein Flora. Jean. Mein Herr! Rens. Von ihrem Gewissen erleuchtet. hat Frl. von Roncourt Ihren Namen und Ihren Reichthum weit von sich geworfen. Ich kam ausdrücklich deßhalb zurück, um ihr Alles mitzu- theilen, was sie nicht wußte. Man gab mir so eben über Sie sehr bestimmte Auskunft und fügte nähere Umstände bei. Sind Sie ganz sicher, kein Dieb zu sein? Jean. Sie beleidigen mich! Rens. Glauben Sie? Sie haben Ihren Reichthum damit anaefangen, indem Sie anvertrautes Geld unterschlugen, welches Ihnen von einer Frau anvertraut wurde, die sich in einer solchen Lage befand, daß ihr ein öffentlicher Scandal verboten war — Jean (sich zum Gehen wendend). Das ist nicht wahr; und dann habe ich ihr das Geld wieder ersetzt. Rens (ihn zurückhaltend). Rühren Sie sich nicht von der Stelle. Einmal sind Sie von der Börse ausgeblieben, ohne zu bezahlen. Sie gehören zu Denjenigen, welche die Börse entehren. Jean. Seither habe ich Alles wieder bezahlt. Rens. Und die Aktionäre der Minen, die Sie entdeckt hatten, denen Sie die Aktien um 5V°/y unter dem Emissionspreis wieder abkauften — was sagen Sie zu denen? Jean. Die Aktionäre — die waren sehr glücklich daran! Rens. Und Sie haben eine Million bei diesem Geschäfte gewonnen! Merken Sie nun wohl auf! Sie haben sehr 60 bedeutende Summen von der Frau Gräfin von Savelli und Herrn Durieu in Händen; da es unnöthig ist, daß Sie deren Geld an sich reißen, so werden Sie ihnen diese Summen zurückgeben und ferner nicht mehr hier erscheinen. Jean. Wahrhaftig. Und Sie haben das so eingerichtet? Ren 6. Ja. — Jean. Und wenn ich mich nicht dazu verstehe. Ren 6. So werde ich Sie dazu zu zwingen wissen. Jean. Wie, wenn's beliebt? Ren 6. Ich werde Ihnen die Larve abreißen. Jean. Und die Beweise? Rene. Mein Wort wird genügen! Jean. Was weiter! Rene. Alsdann werde ich Ihnen Ohrfeigen geben! Dean. Dies wäre eine Niederträchtigkeit; ich werde mich nicht schlagen. Glauben Sie, daß ich dumm genug sein werde, mich von Ihnen umbringen zu lassen?! Sechs Millionen gegen 60,000 Franken! Mein werther Herr, die Parthie wäre zu ungleich! Sie wollen Lärmen, man wird ihn machen — Sie sagen, daß ich gestohlen habe, ich werde sagen, daß eS nicht wahr ist und werde es beweisen; ich werde hinzufügen, daß Sie nur deß- ' halb Streit mit mir suchten weil ich Fräulein von Roncourt nicht heirathen wollte, deren Geliebter Sie gewesen. Ren6 (die Hand erhebend). Elender! Dean. Rühren Sie mich nicht an; ich schreie! Sie langweilen und ärgern mich am Ende. Was habe ich Ihnen gethan? Ich habe durch alle nur möglichen Mittel versucht, Ihnen Dienste zu erweisen; Sie haben mir stets nur unangenehme Dachen gesagt. Jetzt habe ich Ihre. Predigten satt; ich habe wohl gemerkt, welche Rolle Sie mich wollten spielen lassen, indem Sie mich Frl. von Roncourt heirathen ließen. Habe ich mich beklagt? Nichts habe ich gesagt! Sie will mich nicht mehr, ich will sie nicht mehr, .das geht aber Sie gar nichts an, und ich frage den Teufel nach Ihnen! Die können durchaus gar nichts gegen mich thun; Sie werden mich weder bei der Gräfin, noch bei Herrn Durieu verjagen, weil Beide mich zu nöthig brauchen; weil sowohl in der vornehmen Welt, wie überall der eigene Vortheil Allem Anderen vorgeht; weil ich endlich ihr Geld bin, undman das Geld niemals zur Thüre hinauswirft. Mischen Sie Sich also nicht mehr in meine Angelegenheiten, wie ich mich nicht in die Ihrigen mische, und Sie werden von mir nicht weiter sprechen hören. Jetzt habe ich die Ehre mich Ihnen zu empfehlen. (Ab). (Nen6 nimmt seinen Hut; er bleibt einen Augenblick nachdenkend stehen; darauf geht er entschlossen nach der Tbür, um Jean Giraud zu folgen. In dem Augenblick wo er abgehen will, steht Elisa zwischen ihm und der Thüre). Elisa. Lassen Sie diesen Mann gehen, mein Freund, ich bin so glücklich! Ende des vierten Aufzuges. Fünfte» Auszug (Bei Herrn Durieu in Paris). I. Auftritt. Gräfin, Ein Diener, dann Durieu. Gräfin, (durch die Mitte eintretend, zu dem Diener, welcher von Rechts kommt). Haben Sie Herrn Durieu benachrichtigt? ^ Diener. Zu dienen Frau Gräfin — der Herr folgt mir. (Ab. Durieu tritt aus). Gräfin. Guten Lag, werther Herr Durieu. Durieu. Meine Frau ist auöge- gangen, Gräfin . . . Gräfin. Ich komme auch eigentlich nur zu Ihnen — > Durieu. Ich bin ganz zu Ihren ! Befehlen. Gräfin. Ich rechnete immer dar- auf, Sie dieser Lage zu sehen.- Durieu. Es war nicht allein meiner Geschäfte wegen, daß ich nicht zu Ihnen kam, sondern auch — Gräfin. Wegen Fräulein vonRon- court — — ! Durieu. Ganz richtig; ich bin vor ! Allem Familienvater, und nachdem was I vorgefallen, mußte ich mich wohl entfernt halten- Gräfin. Unter uns, was halten Sie von der Geschichte? Durieu. Alle Wetter! Eine sehr ernste Sache! Es muß gewiß eine sehr i wichtige Ursache vorgeherrscht haben, ^ daß die Verbindung im letzten Augen- ! blicke gelöst wurde. Dieser Giraud ist ! "N sehr guter Bursche . . . eS war gewiß recht hübsch von ihm, Elisa zu heirathen; er warfest dazu entschlossen; sein Haus war schon ganz eingerichtet, eine Frau zu empfangen; er hatte eine kostbare, prächtige Ausstattung bestellt; verschrieb Elisa eine Million Heirathö- gut . . . . Gräfin. Nun, was hat Ihnen Giraud über diesen Bruch gesagt? Durieu. Er sagte mir: so ein gut- müthiger Bursche er auch wäre, gäbe eS doch gewisse Sachen, welche er nicht annehmen könne. Und Elisa? Gräfin. Elisa hat ihre früher gewöhnte Lebensweise ruhig wieder begonnen. Durieu. Wahrhaftig? Gräfin. Ja, Sie ist ein sehr ehrenwertheS Mädchen oder eine sehr starke Frau! Ich bin unterdessen in großer Verlegenheit: ich hatte diese Heirath bekannt gemacht. Einladungen zur Unterschrift des Contrakteö herumgeschickt; ich mußte meine ganze Gesellschaft wieder abbestellen lassen, und ich weiß nicht, waS ich Allen, welche mich deßhalb befragen und Erklärungen von mir verlangen, für einen Grund angeben soll. Wenn ich Frl. von Ron- court beschuldige, kann ich sie nicht mehr in meinem Hause bei mir behalten; gebe ich Herrn Giraud Unrecht, darf ich ihn nicht mehr bei mir empfangen; ich muß jede Verbindung mit ihm abbrechen, und er hat bedeutende Summen von mir in Händen. Es würde meinen Planen sehr hinderlich sein, müßte ich diese Summen von ihm zurückfordern besonders in diesem Augenblicke. An- 62 dererseitS spricht Herr von Roncourt davon, mein Haus zu verlassen, um seine Tochter nicht der Gefahr auszusetzen, mit Herrn Giraud zusammen zu treffen, und er hat mir derartige Dienste geleistet, daß ich ihn ohne Undankbarkeit nicht von mir lassen kann. Die ganze Geschichte bereitet mir große Verlegenhelten und langweilt mich sehr. . . . Sie ist ein Grund mit, daß ich abreise. Durieu. Für lange Zeit? Gräfin. Wahrscheinlich werde ich mich in England niederlassen. Durieu. Eine nagelneue Idee! Gräfin. Nein — ich dachte schon seit längerer Zeit daran. Durieu. Und wann reisen Sie ab, Gräfin? Gräfin. Sobald als möglich...— Sollte Ihnen nicht heute Herr Giraud die Antwort wegen des großartigen Geschäftes bringen? Durieu. Ja. — Gräfin. Dann hält mich nichts mehr ab, Morgen abzureisen. Durieu. Und Sie werden stets dieselbe Summe in Giraud's Händen lassen? Gräfin. Ja . . . und Sie? Durieu. Ich auch. . . . Überhaupt, die Herzensangelegenheiten des Herrn Giraud gehen mich nichts an; Geldfragen liegen ganz außerhalb solcher Sachen. Gräfin. Wenn Sie Herrn von Charzay sehen, so bestellen Sie ihm meine Abschiedsgrüße. Durieu. Sie haben ihn nicht gesehen? Gräfin. Ich habe nicht einmal mehr von ihm reden hören, — grade als ob er nicht mehr eristirte. Durieu. Wir haben ihn auch nicht wiedergesehen. Ein komischer Bursche! Gräfin. Auf Wiedersehen, mein lieber Herr Durieu. Durieu. Auf Wiedersehen Gräfin... Wenn Sie wieder nach Paris zurückkommen. ... Gräfin. Wenn Sie nach England kommen. — Meine herzlichsten Grüße an Madame Durieu — aber ich werde nicht fortreisen ohne fie noch zu sehen. . . . Bemühen Sie sich nicht. ... Durieu Bitte — bitte. ... (Gräfin ab. Durieu begleitet fie, kommt aber j gleich wieder). ^ r. Auftritt Durieu, Madame Durieu. Durieu. Oh! Du bist da, meine Liebe? Mad. Durieu. So eben kam ich... Durieu. Eine Minute früher, und Du hättest die Gräfin noch gesehen. Soll ich sie zurückrufen? Mad. Durieu. Nein — nein — - Durieu. Sie reist ab. Mad. Durieu. Ich werde ihr meinen Abschiedsbesuch machen. Durieu. Uebrigens — bin ich sehr froh, einen Augenblick mit Dir allein sprechen zu können — Du sollst mir einen Rath ertheilen- Mad. Durieu. Ueber waS? — Durieu. Die Sache ist nämlich die: Du weißt, daß Giraud in Folge seines Bruches mit den Roncourts frei geworden ist? Mad. Durieu. Ja! Durieu. Er hat sich bei mir angefragt. . . . Mad. Durieu. Wegen — ? — Durieu. Wegen Mathilden. . . - Mad. Durieu. WaS hast Du ihm geantwortet? Durieu. Noch nichts — ich wollte Dich erst um Rath fragen. . . . Mad. Durieu. Mich? Durieu. Dich! Bist Du nicht Mathildens Mutter? 63 Mad.Durieu. Wahr, mein Freund, aber ich werde mich Deiner Entscheidung fügen. Durieu. Das verlange ich nicht von Dir, sondern ich fordere Deine Meinung, um mich zu entscheiden. Wir haben unter 3 Parthien zu wählen: Herrn von Bourville, dem Verwandten der Gräfin, und Giraud. Mathilde hat keinen Willen, . . . welchen von den Dreien ziehst Du vor? Mad. Durieu. Du mußt mir nicht zürnen, aber ich bin ganz unfähig eine Wahl zu treffen. Es ist nicht meine Schuld, sondern die Gewohnheit die mir fehlt. Durieu. Wie so — die Gewohnheit ? Mad. Durieu. Seit den 24 Jahren, die wir verheirathet sind, hast Du stets nur allein und selbst die Kinder leiten wollen; Du warst in Deinem Rechte, denn ich verdankte Dir Alles! Ich begnügte mich, da ich Dir keinen Rath geben konnte, den Kindern ein Beispiel zu geben; dieß war Alles was ich thun konnte. Gustav jedoch hat die Lebensweise nicht eingeschlagen, die er einschlagen sollte, und wenn Dein Vermögen ihm je entgehen sollte? Durieu. Wie sollte mein Vermögen ihm entgehen? Mad. Durieu. Ich weiß nicht lieber Freund, es ist nur so eine Voraussetzung — Du kannst frei über Dein Hab und Gut verfügen, wie es Dir gut dünkt, und ich habe meinerseits so wenig Bedürfnisse, daß ich mich im Falle eines Unglückes mit sehr Wenigem begnügen würde. Du hast eine bedeutende Summe in Herrn Gi- rauds Hände gelegt, Du wirst ihm wahrscheinlich Deine übrigen Capitalien auch noch anvertrauen, ja selbst emen Gesellschaftsvertrag mit ihm ab- Ichließen. Durieu. Ich werde Herrn Giraud nur das Geld überlassen, welches ich durch ihn gewinnen werde. Ich laufe also durchaus keine Gefahr. Mad. Durieu. In diesem Augenblicke hat er aber doch 150,000 Franken von Dir in Händen. Durieu. Hunderttausend. Mad. Durieu. Er sagt 150,000. Jedenfalls hast Du ihm schon eine starke Summe anvertraut, die Du nicht durch ihn gewonnen. Durieu. Ich habe alle nur möglichen Erkundigungen eingezogen, — es ist keine Gefahr dabei. Mad. Durieu. Desto besser; aber er fing damit an, nur 40,000 Franken von Dir zu verlangen, und er hat Dich dahin gebracht ihm 60,000 Franks mehr zu geben. Nimm Dich in Acht! Durieu. Hast Du irgend einen Grund zu fürchten, daß Herr Giraud ...?... Mad. Durieu. Ich habe keinen gewissen Grund. . . Wir Frauen folgen mehr dem Gefühle als dem Verstände; ich kann daher nie glauben, daß der Mann, welcher nicht zartfühlend in Herzensangelegenheiten verfährt — jemals ehrenhaft in Geschäfts-Angelegenheiten sein würde — und Herr Giraud beträgt sich jetzt gerade sehr schlecht gegen Frl. von Roncourt. — Glaube mir, mein Freund, alle ehrbaren Gefühle wurzeln in unserem Herzen und wer diese mißachtet oder verwirft, wird vor nichts zurückschrecken. Die Ehre hat keine Abstuffungen. Durieu. Alles dieß sagt mir aber noch immer nicht, was ich mit Giraud thun muß. Mad. Durieu. Du solltest Dich auf die höflichste, geschickteste Art und so schnell als möglich, aus allen Verbindlichkeiten, zu welchen er Dich verpflichtete, zurückzuziehen suchen. Durieu. Gut — ich will offen gegen Dich sein: ich hatte niemals die Absicht, mich mit Herrn Giraud zu associeren. 64 Mad. Durieu. Du hast es ihm jedoch versprochen. . . . Durieu. Za — weil dieß das einzige Mittel war, um durch seine Hilfe die 30,000 Franks wieder zu gewinnen, die ich auf der Börse verloren, bevor ich ihn kannte. Mad. Durieu. Wenn Du aber durch ihn verlierst? Durieu. Oh! So ungeschickt ist er nicht, daß er mich bei dem ersten Geschäft, welches wir zusammen machen, Geld verlieren läßt.Bei dem Zweiten — sage ich nicht nein. Mad. Durieu. Ist eine solche Berechnung Deiner würdig? Durieu. Hm, — heute ist der 30. heute muß Herr Giraud kommen um mir Rechnung abzulegen. Mad. Durieu. Weißt Du es gewiß? Durieu. Zch habe ihn gestern gesehen; er sagte mir, daß ich ihn um 2 Uhr erwarten soll. . . es ist jetzt 11 Uhr — also . . . Mad. Durieu. Höre lieber Freund da Dir heute der gute Gedanke gekommen ist, mich um Rath zu fragen, so glaubst Du gewiß auch, daß ich Dir in wichtigen Fällen einen guten Rath ertheilen kann. — Willst Du nun auch thun. was ich Dir jetzt rathen werde und mich sehr glücklich machen? Durieu. Was ist's? Mad. Durieu. Eile allsogleich zu Herrn Giraud, und nimm — noch bevor Du den Erfolg seiner Operationen kennst — das Geld, welches Du ihm anvertraut, zurück, ohne alle Znteressen und ohne allen Gewinn. Du hast 30,000 Franken verloren, — Du wirst 30,000 Franken verloren haben; — das ist das Ganze! Aber Du wirst Dir Wenigstens nicht vorzuwerfen brauchen, irgend Jemand, wer er auch sei, betrogen zu haben. Erinnere Dich, mein Freund, an die sprichwörtliche Genauigkeit und Strenge Deine- Vaters in Geldsachen. Soll es heißen, weil sich seit einigen Zähren, neue Menschen der Geldsachen bemächtiget haben, daß dieselben auch eine neue Moral aufbringen konnten? Nach meiner Meinung, lieber Durieu, hat man wohl das Recht mit gewissen Leuten Geld zu verlieren, aber man hat nicht das Recht mit ihnen Geld zu verdienen, und die Ehre, wie wir Beide, Du und ich, sie verstehen, verbietet, selbst den zu betrügen, der uns betrügt. — Wenn Herr Giraud seine, gegen Dich eingegangenen Verpflichtungen hält, so wirst Du — was auch sein Zweck sei, ihm die Deinigen ebenfalls halten müssen, oder er wird das Recht haben zu behaupten, daß Du Dein Wort gebrochen. Dieß würde das Erstemal sein. Durieu. Du bist bestimmt das beste Wesen, das ich kenne. Mad. Durieu. Nein; aber ich habe ein gewisses Gefühl der Pflicht. ' Durieu. Gut — ich eile zu Giraud. Mad. Durieu. So ist's Recht. Durieu. Und wenn ich mein Geld wieder habe, werde ich ihm sagen, daß meine Tochter bereits verlobt ist. Mad. Durieu. Ganz recht. Durieu. Und wenn meine Tochter Ren6 liebt — nun — meiner Treue —! — Mad. Durieu. Wie gütig Du bist, mein Freund! — Sie liebt ihn noch immer; sie hat eö mir vertraut. Durieu. Aber der Cousin der Gräfin — ? — Mad. Durieu. Zst nur eine Erdichtung. Durieu. Ah! die kleine Schelmin. Mad. Durieu. Und wenn Du von Herrn Giraud zurückkommst, st gehe zu Herrn von Roncourt, und bringe ihn und seine Tochter mit zum Speisen. Durieu. Du bist also überzeugt — ? — 65 Mad. Durieu. Ich bin überzeugt, daß wenn ich nicht das Glück gehabt hätte, Dich zu heirathen, ich wie Elisa ledig geblieben wäre, und man wahrscheinlich über mich sprechen würde, was man über sie spricht. ..... Durieu (umarmt seine Frau). Wenn man bedenkt, daß ich seit 24 Jahren mit Dir lebte und Dich eigentlich noch gar nicht kannte! Mad. Durieu. Nun Du siehst, mein Freund, eS ist noch immer Zeit die Bekanntschaft zu machen. Diener (meldend). Herr und Frl. von Roncourt. S. Auftritt Vorige. Elisa, v. Roncourt. Durieu. Guten Tag, mein werther Herr von Roncourt. Mad. Durieu (zu Elisa). Wir sprachen so eben von Ihnen, theures Kind!- Roncourt. Ich hielt Sie für krank mein lieber Durieu. Durieu. Weshalb? Roncourt. Weil ich Sie gar nicht mehr sah, und Sie uns doch, nach den Beziehungen, in denen wir zusammen stehen, einen Besuch schuldeten. Durieu. Ich war sehr beschäftigt, theurer Freund; wollte aber grade ausgehen und später bei Ihnen vorsprechen. Ich bin sehr erfreut Sie zu sehen. Elisa. Und Mathilde? Mad. Durieu. Ihr Vater wird ihr sagen, daß Sie da sind, damit sie kommt um Sie zu umarmen. (Elisa wirst iich an den Hals der Mad. Durieu. Roncourt (zu Durieu). Ich halte Tie nicht länger auf, lieber Freund; lch weiß Alles was ich wissen wollte. (Drückt ihm die Hand). Durieu. In einer halben Stunde bin ich wieder zurück. (Ab). 4. Auftritt. Madame Durieu. Elisa, von Roncourt, später Mathilde. Mad. Durieu. Die Gräfin war vor Kurzem hier; — sie verreist also wieder? Elisa. Sie wird sich vermählen. Roncourt. Sie heirathet, glaube ich, Lord Nofton. Mad. Durieu. Der sehr reich ist? Roncourt. Unermeßlich reich! Ma-d. Durieu. Ist es eine Geld- heirath? Roncourt., Oh, nein! Sie könnten selbst schon lange verheirathet sein — aber es ist jetzt auch noch recht! Mathilde (eintretend zu Elisa). Ich schrieb gerade an Dich, als mein Vater kam und mir mittheilte, daß Du hier bist; Du befindest Dich wohl? Elisa. Was schriebst Du mir denn? Mathilde (lachend).. Allerlei! Ich werde es Dir schon erzählen! Mad. Durieu. Ah! Du schicktSt uns fort? — Gut — wir lassen Euch allein. (Zu Roncourt). Kommen Sie, lieber Roncourt; Sie waren oft der Vertraute meines Kummers, jetzt will ich Ihnen ein großes Glück mittheilen, welches mir wiederfahren. (Zu Mathilde). Mathilde! Mathilde. Mama! Mad. Durieu. Wenn Du Rens noch immer liebst, so bereite Dich auf ein großes Glück vor. — Mathilde. Ein Glück? Mad. Durieu. Dein Vater willigt in Deine Heirath mit ihm. — Stille — bewahre Deine Freude für den Augenblick, wo er eS Dir selbst mittheilen wird. (Mit Roncourt ab). Wiener Lheater-Repertoir XUI. 5 66 S. Auftritt. Elisa, Mathilde. Mathilde. Elisa? Elisa. Mathilde? Mathilde. Du scheinst sehr heiter! Elisa. Ich bin froh Dich w.ieder- zusehen, ich fürchtete, daß Ihr mich ganz vergessen, ich sehe, daß ich mich täuschte . . . Mathilde. Versprichst Du mir recht offenherzig zu sein? Elisa. Hast Du jemals an meiner Offenherzigkeit zu zweifeln gehabt? Mathilde. Nein.. Also antworte mir: Warum heirathest Du Herrn Gi- raud nicht? Elisa. Wie? Denkst Du noch immer an die Geschichte? Mathilde. Ich bitte Dich, —spaße nicht darüber! . . Elisa. Weßhalb nicht? Mathilde. Weil Andere nicht darüber scherzen. Elisa. Was willst Du damit sagen? Mathilde. Zch will sagen, daß über diesen Bruch sehr viel gesprochen wurde. Eine Frau, welche nicht boshaft ist, sagte vor mir: Schon zwei Heirathen sind Frl. von Roncourt fehlgeschlagen ; wenn sie nun noch einen Gatten findet, so müßte dieser ein sehr ehrenwerther Mann, um die beiden anderen vergessen zu machen. Elisa. Diese Dame hatte Recht. Zwei gescheiterte Heirathen, sind wirklich genug in dem Leben einer Frau, und ich habe deßhalb auch auf jeden weiteren Versuch Verzicht geleistet. Ich werde mich niemals verheirathen. Mathilde. Im Gegentheil, Du wirst Dich verheirathen; eS muß sein. Es ist unumgänglich nothwendig, sowohl für Deine Ehre, als die Ehre derjenigen, welche Dich lieben. Elisa. Wer liebt mich? Mathilde. Ich! Elisa, (lachend) Du kannst mich nicht heirathen . . . Mathilde. Ich bitte Dich herzlich, lache nicht. Es ist unmöglich, daß Du wirklich so heiter bist, wie Du es zu sein affectirst: Dein Lachen ist unwahr, verstellt. ... ES thut Dir wehe und mir auch! Antworte mir . . . warum hast Du Herrn Giraud nicht gehei- rathet? Elisa. Weil wir fürchteten, nicht glücklich zusammen zu werden. Mathilde. Oder weil Du einen Anderen liebst. Elisa. Niemand. Mathilde. Du täuschest mich: An dem Tage Deines Bruches mit Herrn Giraud, habe ich im Gespräch mit Dir seinen Namen ausgesprochen; ich theilte Dir meine Plane mit, Du konntest Deine Thränen nicht zurückhalten. An jenem Tage, kamRen6, und Du verbotest mir, ihm zu sagen, was vorgefallen war, und eine Stunde später brachst Du mit Herrn Giraud. Was Niemand erra- then, ich weiß es: Du liebst Rens. Elisa. Nein. .Mathilda. Und Ren« liebt Dich. Elisa. Du bist närrisch! Mathilde. Heute beherrschst Du Dich besser als neulich; aber ich weiß woran ich bin. Ich frage Dich also nicht mehr, ob Du Ren6 liebst, ich bitte Dich mir zu beweisen, daß Du meine Freundin bist: Ich liebe Ren«, Du weißt es? — und so eben wurde mir ein großes Glück verkündet. Mein Vater willigt in meine Heirath mit ihm- Wenn Dir Ren« nie gesagt hat, daß er Dich liebe, wenn Du ihm nie Deine Liebe gestanden hast, so schweige meinetwegen, opfere Dich für mich; ich bitte Dich inständigst, und laß ihn niemals merken, daß Du ihn liebst. Elisa. Ich schwöre Dir Mathilde, daß er nie davon gewußt hat, und niemals davon wissen wird. 67 Mathilde. Ah! Du siehst wohl, daß ich Dich durchschaut habe. Elisa. Mathilde. . . . Diener (meldend). Herr Ren«; von Charzay! Elisa. Er! Oh! Er darf mich nicht sehen! (ab). «. Auftritt. Renv, Mathilde. Mathilde (Renv entgegengebend). Wo kommst Du her? Ren<^. Ich komme von dem Bureau des Herrn von Cayolle, welcher mir heute eine bestimmte Antwort geben sollte. Mathilde. Du hast eine Anstellung? Ren 6. Ja, seit 10 Minuten. Mathilde. Mit einem Gehalt — ? Rene. Von 4000 Franken! Mathilde. Ich habe Dir demnach einen guten Rath gegeben? Ren6. Za. Mathilde. Und Du kamst, um uns diese Neuigkeit mitzutheilen? Ren 6. Zch war zuerst bei Herrn von Roncourt, man sagte mir, daß er hier sei. . . Mathilde. Ja, mit Elisa! Sie sind wirklich hier — warte ein wenig . . . Du bist nun gegenwärtig in der Lage Dich verheirathen zu können, nicht wahr? Rene. Za. Mathilde. Nun, so thue ein gutes Werk. — Herr Giraud hat Elisa ver- läumdet; ich bestätige, daß sie ein ehrliches Mädchen ist, aber sie muß den Namen eines ehrenwerthen Mannes tragen; es gibt keinen ehrenwertheren Mann als Dich, Du mußt Elisa, hei- rathen. Ren6. Du hast mich errathen, Mathilde, und ich kam- Mathilde. So schweige doch, ungeschickter Mensch! Laß' mich doch glauben, daß ich diesen Gedanken gehabt habe, wie den Anderen, den Du schon befolgtest; laß mich doch glauben, daß Du Elisa nicht anders, als wie eine Freundin liebst, daß Du Sie nur aus Aufopferung heirathest, und daß Du ihrer Ehre das Glück opferst, welches ich Dir gewährt haben würde, da- Rene. Da — ? — Mathilde. Za mein Vater heute seine Einwilligung zu unserer Verbindung gibt. Rene. (Sie umarmend) Mathilde Du bist ein Engel! Mathilde. Zch weiß es sehr gut! V. Auftritt. Vorige. Durieu. Durieu. Recht so—recht. Umarmt Euch. . . Ihr seid sehr glücklich, daß Zhr weiter nichts zu thun habt. Es gehen schöne Sachen vor . . . Mathilde. Was denn? Durieu. Hohle Deine Mutter. Elisa — Alle, Alle! (Mathilde ab.) R e n o. Was ist denn vorgefallen ? Durieu. Du wirst es hören . . . (Madame Durieu, Elisa, Roncourt, Mathilde treten ein.) Durieu, Seid Zhr Alle da? Mathilde. Za! Durieu. Merkt Zhr Alle wohl auf ? Roncourt. Wir sind gespannt! Durieu. Macht Euch auf Schreckliches gefaßt . . . Giraud ist durchgegangen ! Alle. Giraud! Mathilde (zu Elisa). Oh meine arme Elisa, welch' ein Glück für Dich! Renö. Wissen Sie das gewiß? Durieu. Nur zu gewiß! Renü. Wer hat es Zhnen gesagt? Durieu. Alle Welt! Renü. Zch bin ganz erstaunt! Durieu. Nur erstaunt! Zch dankeDü ! Ren 6. Ja — ich hielt ihn für schlauer . . . mit ein Wenig Geduld, 5* 68 würde er Sie vollständig zu Grunde gerichtet haben. Durieu. Oh! ES ist jedoch sehr schlau, nur von 2 Personen, 650,000 Franken mitzunehmen. Es ist wahr, daß eine Person allein 500,000 Franken dazu hergegeben. Die Gräfin wird nicht darüber lachen . . . Mad. Durieu. Du siehst mein Freund, daß ich mich also nicht getäuscht habe. Mathilde. Armer Papa . . Wir wollen Dich so lieb haben. Roncourt. Theurer Freund! Durieu. So ist's Recht — kommt nur an! — heraus mit all den ganz fertigen Redensarten für dergleichen Fälle! — Glaubt Ihr, ich habe mir nicht selbst Alles schon gesagt, waS Ihr mir sagen könnt — daß dies wohl vorauSzusehen war — und daß ich zuviel Geld verdienen wollte — und daß es mir ganz recht geschieht, daß eS so kommen mußte — und daß ich ein Dummkopf bin — Alle Wetter! Ich weiß dies Alles so gut, wie Ihr! .Mathilde. Vielleicht ist noch Hoffnung — Durieu. Gut! Jetzt kommt die Reihe an die Hoffnung . . . Mad. Durieu. Aber lieber Freund — man sagt Dir, was man denkt — und vor allen Dingen ist eS nicht unsre Schuld. Durieu. Und mit Vorwürfen wird man aufhören — immer die alte Leier! Ren^. Aber was ist denn geschehen? Durieu. Giraud speculirte auf's Steigen, aber alle Kourse sanken bedeutend; er hat 3,600.000 Franken in einer Stunde verloren; er hat nicht bezahlt, und ist gestern mit unserem Gelds abgereist: die Geschichte ist von evangelischer Einfachheit! Roncourt. Waren Sie bei ihm! Durieu. Gewiß! Roncourt. Nun? Durieu. Er wurde seit gestern nicht wieder gesehen, und die Commis und Diener schnitten Gesichter — Ren 6. Und packten ihre Koffer. Durieu. Gut — jetzt mache Du noch Witze, zeige Deinen Geist; ich bin gerade in der Stimmung . . . Mad. Durieu. Warst Du an der Börse? Durieu. Ich ging natürlich hin, sein Ausreißen war schon bekannt, und alle Welt entzückt darüber. Oh! Man hat mir Sachen über ihn gesagt — ah! Es scheint daß er zu einer Liquidation Vorschüsse empfangen hat. Roncourt. Was that er damit? Ren 6. Er hat sie eben verschossen. Durieu. Fahre nur so fort.. WaS mich wüthend macht, ist nicht so sehr der Verlust, als daß ich mich so leicht durch diesen Schurken hineinreiten lies . . . Ich würde 10,000 Franken dafür geben . . . Ren 6. Um die 140,000 andern wieder zu erwischen. Durieu (nimmt seinen Hut). Ihr werdet wohl einsehen, daß ich von dem Augenblicke an, wo es eine abgemachte Sache, sich über mich lustig zu machen... Ich gehe zur Gräfin.... sie verliert eine halbe Million, sie wird nicht spaßen . . . Diener (meldend). Die Frau Gräfin von Savelli! 8. Auftritt. Vorige, Gräfin. Durieu (zur Gräfin). Nun? Gräfin (lacht). Nun, wir sind bestohlen ! Durieu. Sie lachen auch Gräfin? Gräfin. Mein lieber Herr Durieu. ich glaube, daß dies daS Beste ist, was wir thun können. (Zeigt auf Elisa). Sehen Sie, hier ist ein edles und würdiges, junges Mädchen, an dem wir einen 69 Augenblick zweifelten, weil ein Elender eine Beschuldigung gegen Sie schleuderte; er stiehlt uns dafür unser Geld, — die Strafe ist eigentlich noch zu gering für unsere Schuld. Ich-verliere viel, aber ich wollte lieber das Uebrige was ich besitze, auch noch verlieren, als eine Secunde an einer ehrlichen Frau zweifeln. (NmaraU Elisa). Durieu. Ganz wahr, was Sie mir da sagen. . . Aber wird eS denn gar kein Mittel geben, diesem Schurken etwas anzuhaben? Gräfin. Wo ihn jetzt festnehmen? Und wenn auch — wir würden nichts dabei gewinnen, unsere Namen, neben dem Namen des Herrn Giraud vor Gericht herumzuschleppen, ohne zu erwähnen, daß er gewiß einen Advokaten findet, der uns zu seiner Vertheidigung recht unangenehme Sachen sagte. Ich glaube daS Beste ist zu schweigen: Es ist eine Lehre, sie kostet viel, aber sie wird wirksam sein, um so mehr, daß sie vorauszusehen war— der AuSgang war nicht anders möglich, — es ist immer dieselbe Geschichte aber jeder von unö hält sich immer für feiner, man hofft stets glücklicher als Andere zu sein. Ich habe bei dem Minister Erkundigungen eingezogen. ... Herr Giraud hat sich heute m Havre eingeschifft — er segelt nach Amerika. Glückliche Reise! ES ist nun ein Dieb mehr in der Welt — in der neuen Welt. Diener (meldend). Herr Jean Giraud? Alle. Jean Giraud! V. Auftritt. Vorige, Jean. 3 e a n (eintretend, grüßend). Meine Damen, meine Herren, mein lieber Herr Durieu, Frau Gräfin. . . . Durieu. Wie, Sie sind es?! . . Jean. Ja — ich bin'S! WaS haben Sie denn? Erwarteten Sie mich nicht? Habe ich Ihnen nicht für Heute um L Uhr eine Zusammenkunft zugesagt? Durieu. Das ist wahr! Jean (zieht seine Uhr). Nun, 2 Uhr, weniger 5 Minuten. Ich komme etwas früher, aber wenn es sich um Geschäfte handelt, kann man nie zu pünktlich sein. (Zieht Papiere aus der Tasche). Also — die Operation hat den günstigen Erfolg. gehabt, den ich hoffte. Sie haben mir 500.000 Franken anvertraut, Frau Gräfin, (übergiebt ihr ein Papier) hier sind sie in einer Anweisung an die Bank, wie Sie mir sie übergeben haben; hier ferner 200,000 Franken Gewinn in einer anderen Anweisung. Mein lieber Herr Durieu, hier ist Ihre Abrechnung 150.000 Franken Capital — hier sind sie, und hier 50,000 Franken Gewinn. Ich bin allen meinen Verpflichtungen nachgekommen, wie ich glaube: jetzt ist es an Ihnen mein werther Herr Durieu, die Ihrigen zu erfüllen, und nächsten Monat- Gräfin und Durieu (zusammen). Mein — Herr — ich muß Ihnen sagen — — Durieu. Vergebung, Frau Gräfin, beginnen Sie! Gräfin. Ich glaube, daß wir ganz dasselbe sagen wollen. (Giebt Giraud die Anweisung auf200,000 Fr. zurück). Ich Nehme den Gewinn nicht an, mein Herr. Durieu. Ich ebenfalls nicht. st ledenfalls mehr werth als Holland. — Wenigstens sind weniger Holländer dort. Paul. Ja, aber dort sind desto mehr Preußen. — Maximilian. Das ist wahr — sieh — sieh! Daran dachte ich nicht. Paul. Also was führt Dich heute hieher? Maximilian. Ich wette, daß Du es ganz vergessen. Paul. Was? Maximilian. Was ich neulich von Dir erbeten habe. Paul. Ich vergesse nichts . . . . Willst Du, daß ich Dir Deine eigenen Worte wiederhole? Maximilian. Wiederhole! Paul. Du sagtest mir: Mein lieber Paul, ich werde nächstens einen Dienst von Dir zu erbitten haben. Ich sagte Dir: Wenn Du willst, und Du erwidertest: Nun gut, ich werde wieder kommen. . . Da dies jedoch keine ganz genaue Erklärung war, und ich gern wissen wollte, welcher Art der Dienst sei, den ich Dir leisten könnte, so fragte ich Dich darum; und Du -antwortest mir, daß es sich ganz einfach darum handele, Dir mein Atelier eines Abends für eine Stunde zu leihen .. . Jst's richtig so? Maximilian. Vollkommen! Und Du hast vermuthet —? — Paul. Daß Du malen wolltest. Maximilian. Spaßvogel! Höre also, wie sich die Sache verhält denn ich will gegen Dich nicht den Verschwiegenen spielen. Paul. Ich würde gewiß der Erste sein, bei welchem Du es wärest, und um Dich zu bestrafen, will ich gar nichts wissen ... Du brauchst mein Atelier? (stehen auf.) Maximilian. Ja. Paul. Heute Abend? Maximilian. Ja. Paul. Zu welcher Stunde? Maximilian. Um 8 Uhr! 6 Paul. Es ist beinahe 7 Uhr . . . Du hast kaum noch Zeit, die Person zu benachrichtigen. Maximilian. Die Person? Paul. Die Person, welcher Du ein Uen 6 e 2 vou 8 gegeben hast. Maximilian. Ich erstaune nicht mehr, daß Du mich um nichts fragst, da Du schon Alles weißt. Paul. Alle Wetter! Ich glaube nicht, daß Du Allein hieher kommen willst . . . Maximilian. Was vermuthest Du denn? Paul. Daß Du mit Jemand zu sprechen hast, welcher weder zu Dir kommen, noch Dich bei sich empfangen kann. Maximilian. Jemand — Mann oder Frau. Paul. Du brennst, mir Deine Geschichte zu erzählen; Du bist nichts weiter als ein großer Geck . . . Verliere Deine Zeit nicht mit Plaudern — Geh' — mache die nöthige Mitteilung. — Maximilian. Oh! Sie ist von Allem unterrichtet. Paul. Aber wie so? Maximilian. Oh! Sie ist unterrichtet, daß in der Rue des Martyrs, Nr. 77 ein isolirt stehendes Haus ist, welches von einem Maler, Namens Paul Aubry, bewohnt wird. Paul. Das fängt gut an. Maximilian. Daß das Atelier des besagten Malers sehr merkwürdig zu sehen ist. Paul. Besonders am Abend, wo man nicht ganz klar sieht. Maximilian. Ganz richtig . . . und daß von 8 Uhr an, eine verschleierte Dame, welche vor Nr. 77 aus dem Wagen steigt, ohne daß sie ein Wort mit dem Hausmeister zu reden hat, nur einen Garten zu durchschreiten braucht, dann einen Schlüssel herumzudrehen hat, welcher im Schloß der Thüre stecken wird, um in das Heiligthum der Künste einzudringen, und dorten einen Freund zu finden, der fie mit der größten Ungeduld erwarte. Paul. Hübscher Styl! Maximilian. Ziemlich gut! He? Paul. Ich habe also nichts weiter zu thun als fortzugehen, und meinen Schlüße! in der Thüre zu lassen. Maximilian. Richtig! Paul. Alles wohl vorausgesehen. Maximilian. Gesandschafts - Gewohnheit. Paul. Ja so — — Maximilian. Nun- Paul. Oh! Es giebt ein Adver- bium! Maximilian. Nehmen wir an, daß die Conferenz sich in die Länge zieht, wie kommst Du herein? Paul. Draußen ist eine Treppe, welche nach meinem Schlafzimmer führt. Maximilian. Ausgezeichnet! Aber wenn der Zufall wollte, daß Du im Garten der Person begegnen solltest? Paul. So werde ich mich stellen, als sehe ich sie nicht, das versteht sich j von selbst. Maximilian. Du bist ein Engel. Paul. Glaubst Du? Maximilian. Ich bin davon überzeugt — sage doch. — Paul. Was! Maximilian. Also gut — abgemacht. — Paul. Wolltest Du nur das sagen? Maximilian. Nein — Paul. Nun so rede- Maximilian. Das junge Mädchen — Paul. Welches junge Mädchen? Maximilian. Das so eben von Dir ging — Paul. Nun? Maximilian. Wird sie heute Abend nicht wieder kommen? Paul. Nein. Maximilian. Denn Du begreifst wohl — wenn sie mit der Anderen zusammen träfe. Paul. Würde es eine schöne Geschichte werden, weil diese Andere wahrscheinlich keine Grisette wie Aurora ist. Maximilian. Sie heißt Aurora? Paul. Ja. Maximilian. Ein sehr lieblicher Name. Paul. Du bist sehr gütig... Was machst Du dann von jetzt an, bis zur Stunde des Uender-vous? Maximilian. Ich speise. Paul. Allein? Maximilian. Rede mir nicht davon — mit einen Verwandten, der mir so eben erst auf den Hals gekommen ist, und von dem ich mich nicht so geradezu losmachen kann; ich erbe von ihm. Paul. Eine sehr gute Entschuldigung — sonst würden wir zusammen gespeist haben. Maximilian. Ein Andersmal. Adieu! ! Paul. Adieu! I Maximilian. Da fällt mir noch j etwas ein. Paul. Was? Maximilian. Für den Fall, daß ich für sein zweitesmal Mein Atelier nöthig haben würde — — Paul. Zur selben Stunde? Maximilian. Wahrscheinlich! Paul. Wird es stets zu Deiner Verfügung sein. Maximilian. Die in Frage stehende Person könnte vielleicht nur einige Minuten heute Abend hier bleiben... Sie könnte vielleicht selbst gar nicht kommen. ! Paul. Du hast sie also nicht gesprochen? Maximilian. Aber nein, ich habe sie nicht gesprochen, da ich gerade um sie zu sehen und zu sprechen hieher kommen werde. Paul. Du hast ihr geschrieben? Maximilian. Ja. Paul. Und Sie ließ Dir sagen — Maximilian. Sie hat mir gar nicht geantwortet. Paul. Das nennst Du ein Uender- VOU8?! Maximilian. Sie wird kommen! Paul. Du hast demnach großen Einfluß auf Sie? Maximilian. Ich befinde mich dieser Frau gegenüber in einer ganz besonderen Lage. Ich sollte sie früher heirathen... Ich sage Dir, es ist eine ganze Geschichte! Man schickte mich auf Reisen und verheiratete sie während meiner Abwesenheit — ich muß sie um jeden Preis Wiedersehen. Paul. Und um dies zu erreichen, schriebst Du ihr ganz einfach, hieher zu kommen? Maximilian. Ja. Paul. Und Du glaubst, daß sie kommen wird? Maximilian. Ich würde darauf wetten! Paul. Und es ist eine verheirathete Frau? Maximilian. Verheiratet! Paul. Aus der guten Gesellschaft? Maximilian. Aus der allerbesten und vornehmsten Gesellschaft. Paul. Und Du liebst sie? Maximilian. Ich werde es Morgen wissen. Paul. Sieh — wenn diese Frau hieher kommt, werde ich anfangen Alles Böse zu glauben, was man manchmal von den Frauen aus der großen Welt sagt. Maximilian. Du würdest Unrecht haben. Paul. Weßhalb? Maximilian. Vorerst, weil diese Dame nicht kommt um BöseS bei Dir zu thun; ferner, wenn sie eS auch thäte, die anderen Frauen nicht dafür verantwortlich sein würden, und endlich, weil diese Frau nicht wie die anderen Frauen ist, im Gegenteil, sie ist eine 8 Frau von ganz besonderer und eigener Art. In den hohen Gesellschaftskreisen, in denen sie lebt, ist sie eine Ausnahme, welche Niemanden als sich selbst ähnlich sieht. Von Kindheit an gewöhnt nur ihre Fantasie als Führer anzuerkennen, würde Sie grundsätzlich ein Original sein, wenn Sie es nicht schon von Natur aus wären. In einer Gesellschaft, worin diejenigen welche nicht Sclaven der Pflicht oder sonstiger Rücksichten sind, es doch wenigstens dem äußeren Anschein nach stets sein werden, will sie unabhängig leben... An einem Mann mit einem großen Namen verheirathet, der sie vernachläßigt, ist sie, ganz jung noch, sich selbst überlaffen; sie hat keine Mutter mehr- ihr Vater immer kränklich und leidend lebt im Ausland, in Italien; sie hat keine Kinder, keinen Rath, keine Stütze; sucht ihre Zerstreuungen im Geräusche der großen Welt, im Luxus, liebt die Excentrici- tät... Sie ist Künstlerin... Ich biete ihr die Gelegenheit ganz nach Bequemlichkeit, das Atelier eines berühmten Mannes zu besehen, was sie wahrscheinlich noch nicht gesehen hat. Es wird sie zerstreuen, einige Augenblicke mit mir zu plaudern. — Zur größeren Sicherheit, schrieb ich ihr, daß es sich um sehr ernste Angelegenheiten handelt; also einerseits die Neugierde, andererseits die Erinnerung, die sie wohl an mich bewahrt haben muß — alles dieses sind gewiß mehr Gründe, als nöthig sind, damit sie zu den Ren- dez-vous komme. Was daraus entstehen wird? Ich weiß es nicht, das ist dann die Sache Ihres Gatten. Paul. Du sprichst wie ein Buch. Maximilian. Unterdessen verlasse ich Dich mein Onkel möchte sonst ungeduldig werden; wenn er mich enterbte um sich die Zeit zu vertreiben!- Paul. Werde ich Dich Wiedersehen? Maximilian. Wie kannst Du fragen! (Sieht auf die Uhr) Halb Acht! Ich werde gewiß die rechte Zeit versäumen... Adieu! Paul. Auf Wiedersehen, Undankbarer, gieb Deinen Befehle selbst an Vater Mahulot. Maximilian. Wer ist der Vater Mahulot? Paul. Mein Portier. Maximilian. Und wenn er mir nicht glaubt, daß ich das Recht habe, ihm Befehle zu geben? Paul. So gieb ihm 20 Franken, und er wird Dir glauben — überdieß, werde ich, wenn ich fortgehe, ihn ebenfalls verständigen. (Im Augenblick wo Maximilian abgeht, erscheint Taupin.) Maximilian. Adieu! (zu Taupin.) Verzeihung, mein Herr. Taupin. Bitte sehr, mein Herr. (Maximilian ab). Vierter Auftritt. Paul. Tau pin. Taupin. (Paul ein Papier übergebend). Hier ist der Empfangsschein! Paul. Danke vielmals, mein lieber Taupin. Tau pin. Wer ist der Herr? Paul. Ein Schulfreund, welcher einen Dienst von mir begehrte., ein liebenswürdiger Junge, ein wenig närrisch . .. (Während dieser Zeit zündete Paul die Lampe an.) Was ist für Wetter draußen? Kalt oder Warm? Taupin. So zwischen Beiden. Paul. Jetzt habe ich eine sehr genaue Auskunft. Tau pin. Ah! Ah! Sie machen sich schön! Paul. Ich gehe vielleicht heute Abend in's Theater. Taupin. Weßhalb? Paul. Um Aurora abzuholen. Tau pin. Ah so! Sie sind also in Aurora verliebt! Paul. Ich — nicht im Mindesten. Taupin. Aber Sie thun Alles was 9 sie will, Sie sind viel zu gut gegen sie. Paul. Aurora hat also Recht, wenn sie sagt daß Sie sie nicht lieben. Taupin. Ich liebe sie weder, noch verabscheue ich sie. Aber Sie, Paul, liebe ich, und ich fürchte, daß ich Si^ irgend einer Thorheil begehen sehe. Paul. Es hat keine Gefahr. Taupin. Dies ist keine Liebschaft, welche Ihrer würdig ist. Paul. Ah, mein Theurer, alle Liebschaften gleichen sich, aber das Allerbeste für Unsereinen ist gewiß noch, ein hübsckes, lächelndes und tolles Mädchen zu haben, ohne Erinnerung von gestern, ohne Sorgen für den anderen Tag; welches im Sommer mit Ihnen heiter durch den Wald lauft, ihren Hut in der einen Hand, den Sonnenschirm in der Anderen, sich von Zeit zu Zeit mit einen Kuß auf den Lippen umkehrt, und Ihnen dann sechs Monate nachher, wenn man ihr am Arme eines anderen ManneS begegnet, sagt: Gleichviel, ich liebte Dich sehr! — Sehen Sie, daS sind die wahren Liebschaften ... Sie werden mit dem blühenden Hollunder geboren, verzehren sich mit den Erdbeeren, und sterben mit den fallenden Blättern... die Alleen der Gehölze sind voll von ihren Nestern, und ihren Gräben . . . Für uns Künstler, die wir keine Zeit haben, ernsthaft zu lieben, ist dies die einzig, mögliche Liebe... Was würde sonst aus den Bildern und Statuetten, wenn wir ernstlich liebten? Taupin (melancholisch). Ja, Sie haben Recht, aber diese Frau muß uns alsdann verlassen, und es geschieht oft, daß sie uns nicht verläßt. Man behandelt sie ohne alle Wichtigkeit, die Leichtigkeit, mit welcher man glaubt, mit ihr brechen zu können, macht oft daß wan selbst nicht mehr daran denkt, mit ihr zu brechen. Man liebt, — alleThüren sind weit offen, und man bemerkt nicht, wie die Frau eine Lhüre nach der Anderen schließt; sie bemächtigt sich eines Winkels im Atelier; ihre Heiterkeit, ihr Gesang werden für uns ein nothwen- diger Lärm. Mit der Geschicklichkeit, welche die Stärcke der Frauen ist, überrumpeln und bemächtigen sie sich unserer Schwachheiten, unserer Manien, unserer Eitelkeiten, unserer schwachen Seiten; sie durchdringen dies Alles, hätscheln es, und lassen uns schnurren, wie einen großen, gefühlvollen Kater. Fügt nun noch Stunden der Traurigkeit, des Elendes oder der Ermuthigung hinzu, deren Vertraute sie wird, die sie uns zu bestehen hilft, und eines schönen Tags, ohne zu wissen wie, ohne sagen zu können weshalb, wird man sich mit einem Mädchen verheirathet findet, welches man nicht liebt, und welches weder mit unseren geistigen Eigenschaften noch mit unserer Erziehung übereinstimmt . . . Man kann dann an seine Freunde schreiben: (steht auf) Ich habe den Schmerz Ihnen meine Heirath mit Fräulein Aurora anzuzeigen! Oder irgend einen anderen Taufnamen. „Um il Uhr wird man im Sterbehaus Zusammenkommen" — denn es ist der Tod unserer Jugend, unseres Talentes, unserer Freiheit, alle Jlussionen und aller Hoffnungen eines Künstler-Lebens . . . Ist die Heirath vollzogen, so schneidet unsere fröhliche Liebe die Flügel ab, zieht ausgetretene Stiefel an, trägt einen großen, wollenen Shawl, bewohnt -ie 5. Etage, und verlangt Credit bei'm Schlächter, den er ihr abschlägt. . sehr glücklich trifft es sich noch, wenn der dumme Ehemann dann nicht zu spät erfährt, daß dieses Weib ihn von dem Tage an, wo er sie kannte betrog. — So habe ich mein Leben begraben.. . Deshalb bin ich — der ich etwas werden konnte, nichts geworden; deshalb entfliehe ich unaufhörlich meinem Hause; denn ich finde, wenn ich zurückkehre ein Weib, welches Alle Poesie daraus verjagt hat, Alle Begeisterung, Alle 10 Einsamkeit, Alle ernsthafte Arbeit — Zch mache nichts Gutes, habe kein Talent mehr, ich arbeite, um meine Frau zu ernähren, und ist diese Taglöhner Arbeit gethan, so entweiche ich, um die Freiheit Anderer einzuathmen und um mich selbst einen Augenblick zu vergessen ... Das ist es, was mtch zum Misantropen machte, mein theurer Paul, deshalb sage ich Ihnen, da Sie jung und stark sind, und eine schöne Zukunft vor sich haben: Ich habe mein Lebensziel verfehlt, machen Sie es nicht wie ich. Paul. Dank' theurer Freund, Dank'; aber wenn Sie mich lieben, so wünschen Sie daß die Dinge in dem Stande bleiben, wie sie sind. Taupin. Weßhalb? Paul. Weßhalb? Weil eine wahre Liebe, so wie ich mich kenne, ein großes Unglück für mich wäre... Ich habe einmal in meinen Leben eine ernsthafte Liebschaft gehabt. Ich war wie in einen Taumel. Gott wolle, daß er mich nicht mehr erfaßt... Ich habe Aurora's Heiterkeit zwischen mich und die Versuchungen gebracht — ich will nicht mehr lieben, denn ich würde zu sehr lieben! Taupin. Reden wir nicht weiter davon; in der That ist auch nicht alle Welt so dumm wie ich. Paul. Und das ist sehr glücklich für Sie. Gehen wir jetzt. — Taupin. Wie eilig Sie sind. (Geht nach der Thüre.) Paul. Nicht dort hinaus. Taupin. Warum? Paul. Ich habe meine Gründe. Taupin. Ich will den Schlüssel abziehen. Paul. Zm Gegentheil, lassen Sie ihn stecken. Taupin. Sagen Sie doch — Paul. Was? Taupin. Man öffnet die Eingangsthür. Paul. Beeilen wir uns — — Taupin. Soll ich Nachsehen, wer es ist? Paul. Um Gotteswillen nicht! Taupin. Ein Frauenkleid rauscht — Paul. Kommen Sie doch schnell! Taupin. Sogar zwei Frauenkleider — — Paul. Aber Unglücksel'ger, so kommen Sie doch! Tau pin. Wo hinaus? Paul. Hieher. (Beide gehen über die Treppe in's obere Zimmer ab.) Fünfter Auftritt. Diana. Marcel ine. Diana. Hast Du nicht sprechen gehört? Marceline. Ja. Diana. Still! Laß' Deinen Schleier herab. Marcel ine. Warum? Diana. Sind Sie da? Marceline. Wen rufst Du denn? Diana. So schweige doch. Marcel ine. Wirst Du närrisch? Diana. Sieh'Dich um, ob Jemand da ist. Marcel ine. Ah! Ah! Wo sind wir? Diana. Ich weiß es nicht... es soll ein Maler-Atelier sein... Ah! Ja, da sind Bilder — man sieht nicht recht klar. Marceline. Wirst Du mir erklären? Diana. Warte ein wenig, bis ich zu Athem komme — Mein Herz schlägt so stark. Marcel ine. Und mir erst! Diana. Schieb den Riegel vor. Marceline. Wie, ich soll den Riegel vorschieben? Diana. Damit Niemand herein kann. Marceline. Es könnte also mand eintreten? Diana. Man weiß nicht. Marceline. Du erschreckst mich. Diana. Nach was riecht es denn hier? Marceline. Nach Tabak — Gott verzeihe mir! — Zum Zweitenmale, willst Du mir sagen, was wir hier machen? Diana. Wir begehen eine Unvorsichtigkeit. Marceline. Eine Unvorsichtigkeit! Diana. Ja! Marceline. Hast Du den Verstand verloren? Diana. Ich fürchte es fast.... Wenn wir gingen? Marceline. Ich verlange mir nichts Besseres. Diana. Desto schlimmer für ihn! Marcel ine. Für wen? Diana. Ich habe Alles gethan, was ich thun konnte. Marceline. Aber um was handelt es sich nur? Diana. Wenn meine Schwägerin mich sähe! Marcel ine. Du läßt mich wahnsinnig werden. Diana. Man sieht jetzt etwas besser — er ist im Stande und hat sich versteckt - Marce line. Wer, Er? Diana. Ich habe Dir eine kleine Lüge vorgemacht... Ich sagte Dir,wir gingen um eine Visite zu machen, aber ich wollte Dir nicht sagen, wem, sonst würdest Du mich nicht begleitet haben, und ich hatte so große Lust hieher zu kommen, konnte aber nicht allein gehen. Marceline. Also — ? — .Diana. Erinnerst Du Dich am Maximilian? Marceline. Welchen Maximilian? Diana. Maximilian von Ternon? Marcel ine. NathalienS Bruder? Diana. Richtig, die mit uns im Kloster war. Marceline. Herr von Ternon, welcher Dich heirathen wollte? Diana. Derselbe. Marcel ine. Nun? Diana. Nun — er hat mir geschrieben, um mich zu bitten, heute Abend hieher zu kommen. Marceline. Und Du kommst? Diana. Er giebt an, daß es sich um eine sehr ernste Angelegenheit handelt, welche er nur mir sagen kann. Marceline. Oh Diana! Diana. Vielleicht ist ihm ein Unglück begegnet — Es sind 5 Jahre her, daß ich ihn nicht gesehen, vielleicht betrifft es seine Schwester. Marceline. Und wir sind bei ihm? Diana. Nein ... ich würde nicht zu ihm gegangen sein, und Dich nicht dahin geführt haben .. Wir sind... Marceline. So sprich doch ... Diana. Wir sind bei einer seiner Verwandten? Marceline. Welche Malerei treibt ? Diana. Ja. Marceline. Und bei welcher es nach Tabak riecht? Diana. Es scheint, daß sie raucht. Marcel ine. Du machst Dich über mich lustig. Diana. Nicht im Geringsten. Marceline. Und wo ist diese Verwandte? Diana. Sie ist ausgegangen. Marceline. Und Herr v. Ternon? Diana. Ist noch nicht hier. Marceline. Nun! Da befinden wir uns in einer hübschen Lage-Ich bin sehr unzufrieden mit Dir. Diana. Horch — Marceline. Was? Diana. Ich glaubte zu hören- Marcel ine. Du hast nichts gehört... Du willst mich nur von dem Gespräch abbringen — Diana ich erzürne mich für alle Zeiten mit Dir, wenn du nur noch eine Minute länger in diesem Hause bleibst. Du bist sogar selbst 12 sehr glücklich darüber, daß ich Dir verzeihe, mich hieher geführt zu haben. — Diana. Aber — wir thuen doch am Ende nichts so gar Böses. Marceline. Doch... Diana. Ich war neugierig Maximilian zu sehen. Marceline. Du mußtest ihm schreiben zu Dir zu kommen. Diana. Wohin ihm schreiben? — Er hatte keine Adresse in seinem Briefe angegeben und reis't Morgen wieder ab, wie er schrieb. Marceline. Wenn Du Dir Excen- tricitäten erlaubst, so ist das Meine Sache; aber daß Du mich zur Mitschuldigen machst, ist recht schlecht von Dir. Diana. Du hast Recht... Ich will ihm sogleich einige Worte ohne Unterschrift schreiben, die er hier finden soll... Ich werde ihm sagen, zu mir zu kommen, ist's so recht? Marceline. Zst Alles noch viel zu viel. Diana. Erzürne Dich nicht... Wir hatten heute Abend nichts zu thun, ich dachte es würde uns ein Wenig zerstreuen, — ich langweile mich so sehr! Marceline. Ich langweile mich nie! Diana. Oh! die Boshafte! Und wer wird es denn wissen? Marcoline. Wir wissen es, das ist genug. Diana. Wo ist Papier. Marceline. Wie soll ich das wissen? Diana (öffnet die Schublade der Truhe). Ohne Zweifel, in dieser Schublade. Marcel ine. Jetzt durchsuchst Du gar die Schubladen. Diana (bemerkt das Bild welches Paul gerade fertig gemacht hatte). Sh! das reizende Bild!... diese Frau ist hübsch! Sieh doch... Marceline. Die Verwandte Maximilians nennt sich Paul Aubry, nicht wahr? Diana. Sie nennt sich Paul Aubry? Marceline. Sieh hier die Signatur dieses Bildes. Diana. Ich versichere Dich, daß ich glaubte... Marceline. So lüge doch nicht.. Du hältst mich wohl für sehr dumm? Diana. Zürne, schelte nicht... Du bist bei einem Manne von großem Talente, alle Tage besucht man das Atelier eines Malers und kein Mensch hat etwas darüber zu sagen... Du übertreibst Alles. Marceline. Zum Letztenmale, willst Du kommen? Diana. Gleich—gleich (Sucht Papier). Marcel ine. Was machst Du denn? Diana. Ich habe Papier gefunden; aber es ist beschrieben. Marcel ine. Und Du lies't es? . Diana. Ich glaubte es wäre an mich. Marceline. Adieu! Diana. Es ist ein Brief den Herrn Paul Aubry für seine Mutter angefangen... er scheint sie sehr zu lieben... das ist schön... Du siehst, wir sind bei einem Manne, der seine Mutter liebt... das ist eine Entschuldigung... Ach! Wie glücklich ist er, noch seine Mutter zu haben! (Bewegung Marcelines) Ich komme schon! (Setzt sich zum Schreiben). Ich kann doch nicht mit Handschuhen schreiben — (zieht die Handschuhe ab, und wirft sie gedankenlos weg). Suche mir das Siegellack — ich muß den Brief versiegeln... In der Schublade. .. Marceline. Ist keines. Diana. Im Schranke alsdann, er muß wohl welches besitzen. Marceline (öffnet den untern Theil des Kastens, es fällt ein Frauen-Halstuch heraus, Mützen, Handschuhe und ein Paar Stiestetten) Ah! 13 Diana. Was ist's? Marcel ine. Da sieh', was eö isi und was Du mich thun läßt. Diana. Ein Halskragen! Siehst Du nun, daß wir bei einer Frau sind — Handschuhe, Mützen, Stiefletten. — Sie hat einen hübschen Fuß diese Herr Paul Aubry . . . Sieh nur ... Alles mit einem A gezeichnet. Marceline. Du bist unerträglich. Diana. Briefe! — Noch mehr — Ein ganzes Paket ... es sind Frauenbriefe — auf's Geradewohl! (Ziehteinen heraus.) Marcel ine. So gieb doch. Diana. Nur die Unterschrift! (Sie öffnet den Brief.) Bertha! — ein hübscher Name! Wie leicht man erräth, daß dies ein Liebesbrief ist . . . diese Art Briefe haben einen Parfüm, den andere Briefe nicht haben. Marceline. Sie riechen nach Bisam. Diana (lesend). „Paul, ich bin sehr unglücklich! Wenn Sie wüßten, wie sehr ich Sie liebe, würden Sie mich nicht so leiden lassen. . (Man klopft.) A^urceline (einen Schrei ausstoßend). Diana. Wie kann man so schreien! Marceline. Man hat geklopft, ich bin es überzeugt, wir sind verloren! (Sie verbirgt sich in, Hintergrund des Ateliers, hinter den großen Bildern.) Diana (nähert sich der Thüre). Wer ist da? Marimilian(vonAußen). Ich,Maximilian. (Diana schließt geschwind den Kasten, nachdem sie die Briefe vorher hineingeworsen.) Sechster Auftritt. Vorige, Maximilian. Maximilian. Ah! Gräfin! Diana. Nicht übel- Maximilian. Sind Sie schon lange hier? Diana. Aber, ja. Maximilian (steht seine Uhr). Es ist nicht meine Schuld, wenn ich Sie warten ließ, mein Oheim . . . Diana. Ich mache Ihnen keine Vorwürfe. Gehen wir sogleich zu wichtigeren Dingen über . . . Was ist Ihnen begegnet? (Sieht sich um.) Die arme Marceline! (Fängt zum Lachen an.) Maximilian. Warum lachen Sie so? Diana. Nichts! Nichts! Sprechen Sie schnell! Maximilian. Erst werden Sie wohl erlauben, Sie ein Wenig anse- hen zu dürfen, und Ihnen zu danken, daß Sie gekommen sind; dann muß ich Ihnen sagen, wie sehr glücklich ich bin, Sie zu sehen. Diana. Richtig! Wie kamen Sie auf den Gedanken, mich hieher kommen zu lassen. Maximilian. Ich habe Ihnen so Vieles zu sagen. Diana. Sagen Sie eö geschwind, denn ich muß nach Hause. Maximilian. Vor Allem, Sie sind tausendmal schöner als früher. Diana. Keine unnützen Geschichten! Maximilian. Ach! Wie oft habe ich seit 5 Jahren an Sie gedacht!! Diana. Weßhalb sind Sie nicht sogleich zu mir gekommen? Warum dieses Rendezvous hier? Diesem Herrn Paul Aubry ist doch mein Name unbekannt, nicht wahr? Maximilian. Natürlich! Diana. Denn Sie begreifen- Maximilian. Das versteht sich von selbst! Uebrigens ist er, der am wenigsten neugierigste Mann in der ganzen Welt . . . Also, Gräfin, ich bin nur deßhalb nicht gleich zu Ihnen gekommen. weil ich nicht wußte, ob ich vorgelassen würde. Diana. Und warum sollte man Sie nicht vorlassen? Maximilian. Wer weiß ? — Wenn so mancherlei Sachen in dem Leben einer Frau vorgegangen sind . . . 14 Diana. Was für Sachen? Maximilian. Sie sind verheiratet. Diana. Ah! Ja ... ja .. . Maximilian. So ist es denn wahr? Diana. Was? Maximilian. Das Ihr Gemal.. Diana. Das mein Genial—? — Maximilian. Ich werde vielleicht eine Indiskretion begehen. Diana. Nur heraus damit. Maximilian. Wie alt ist der Graf? Diana. 36 Jahre — glaube ich. Maximilian. Das — glaubeich — ist prächtig! Diana. Warum fragen Sie mich nach dem Alter meines Gatten Maximilian. Wissen Sie, durch wen ich Ihren Aufenthalt in Paris erfahren habe? Diana. Nein! Maximilian. Durch eine Frau. Diana. Was für eine Frau? M a xi mil ian. Ah! Glücklicherweise für Sie, ist es keine Frau, die Sie kennen, aber sie kennt den Grafen und sagte mir — — — Diana. Daß er öfters bei anderen Frauen wäre, als bei der Seinigen, das ist wahr, - deßhalb hatten Sie also gar nicht nöthig sich zu geniren, zu mir zu kommen . . . und gerade auch deßhalb konnte ich hieher kommen. Ich habe meinen Gatten seit 2 Tagen nicht gesehen. Maximilian. Ist er verreist? Diana. Ja, in Paris ... Ich bin recht froh, Sie wiederzusehen.... Sie kommen gerade recht . . . Ich langweile mich zum sterben. Maximilian. Noch mehr als im Kloster? Diana. Weit mehr ... Ach! Das war eine glückliche Zeit. Maximilian. Sie bedauern sie? Diana. O — sehr! Maximilian. Sie kann wiederkehren ! Diana. Sie erinnern sich ihrer? Maximilian. Ob ich mich ihrer erinnere —?! — Diana. Haben Sie meine Briefe noch? Maximilian. Gewiß habe ich sie! Diana. Sie werden mir dieselben bringen. Maximilian. Sie wollen, daß ich sie Ihnen zurückgebe? Diana. Nein, aber ich wünschte sie durchzulesen . . . Sie müssen sehr lustig sein . . . Briefe einer Schülerin . . . Ich habe die Ihrigen ebenfalls noch immer. Maximilian. Wahrhaftig! Diana. Ja, ich habe sie sogar öfters wieder durchgelesen. Maximilian. Das ist sehr gut. Diana. Es sind ganz herrliche Briefe darunter — Sie waren 18 Jahre alt, ich 17 — o glückliches Alter! Schöne Jahre! Ich werde mich immerfort daran erinnern . . . Wir spielten mit der Liebe, wie Kinder, die wir auch eigentlich waren ... Sie schrieben mir, daß Sie sterben würden, wenn ich nicht Ihre Frau werde, und da stehen wir nun Beide sehr lebendig einander gegenüber. Maximilian. Ich — ichliebeSie noch immer! Diana. Immer noch? Maximilian. Wie ehemals! Diana. Großes Kind! — Reden wir von Ihnen — lassen Sie hören — welche Dinge von so großer Wichtigkeit Sie mir zu sagen haben? Maximilian. Nur das allein, was ich Ihnen jetzt sagte ... Ich wollte mit Ihnen über die Vergangenheit sprechen; Diana, seien Sie offenherzig... Diana. Ich bin es stets. Maximilian. Warum haben Sie den Grafen geheirathet, nach all den Schwüren, die Sie mir geschworen? Diana. Hat man mit 17 Jahren einen Willen . . . Mein Vater und 15 » meine Mutter haben es gewollt . . . aber ich versichere Sie, daß ich viel geweint habe . . . Maximilian. Sie lieben also den Grafen nicht? Diana. Das sag' ich nicht. Man verheirathete mein Vermögen mit seinem Namen, und hat sich um zwei Herzen nicht viel bekümmert. Maximilian. Und seitdem? Diana. Seitdem — der Graf setzte sein Junggesellenleben wie früher fort Maximilian. Und Sie? Diana. Ich — mein Leben als junges Mädchen. Maximilian. So, daß — ? — Diana. So, daß ich mich manchesmal sehr gelangweilt habe. Maximilian. Das ist Alles? Diana. Das ist wahrhaftig wohl genug! Maximilian. Also? — ^ Diana. Was? ! Maximilian. Sind Sie nicht im- ! mer glücklich? Diana. Weit gefehlt! ! Maximilian. Es bleibt Ihnen demnach übrig, zu versuchen eS zu werden. Diana. Wie? Maximilian. Eine wahrhafte Liebe! Diana. Ah! Sie rathen mir einen Kummer durch eine Gefahr zu bekämpfen ... Danke sehr! .. . Und für wen j . diese wahrhafte Liebe? > Maximilian. Für mich, der ich Die glühender liebe als jemals ! Diana. Im Ernste? > Maximilian. Im vollen Ernste.. Sielachen... Diana. Ja, ich kann dem Lachen nicht widerstehen, wenn ich Sie sagen ^ Pore, daß Sie verliebt sind. Maximilian. Es ist jedoch nicht sehr lächerlich! Diana. Sie treffen mich wieder, und halten Sich für genöthigt, mir den Hof zu machen; ich danke Ihnen dafür, aber es ist nicht ernsthaft gemeint, gestehen Sie es ... Maximilian. Warum nicht? Diana. Liebe — jetzt noch, zwischen uns Beiden, ist das wohl möglich? Maximilian. Es scheint wohl, da ich Sie liebe. Diana. Welche Thorheit! Wenn gewisse Sachen und besonders Herzenssachen nicht in ihrer ersten Beschaffenheit geblieben sind, so würde es sehr ungeschickt sein, wieder darauf zurückzukommen . . . Sie sollten sterben, wenn Sie mich nicht heiratheten; Sie haben mich nicht geheirathet, und Sie leben noch ... Ich setze gar kein Vertrauen mehr in Sie; sterben Sie zuerst, dann werden wir sehen. Maximilian. Diana! Diana. Unsere heutige Liebe würde mit sich selbst nicht übereinstimmen; sie würde weder die Naivität besitzen, die wir früher hatten, noch die Leidenschaft, die wir jetzt haben müßten; sie würde aussehen wie ein Postscriptum am Ende eines Briefes. Bewahren wir unseren kleinen Roman, so wie er ist, lassen wir ihn einbinden, lesen ihn von Zeit zu Zeit durch, aber versuchen wir ja nicht ihn fortzusetzen, wir würden ihn gründlich verderben. Maximilian. Das Leben hat ihr Herz verfälscht. Diana. Gut! Jetzt sagen Sie mir harte Worte! (Stehen auf.) Maximilian. Ich wiederhole nur, was man mir gesagt hat. Diana. Und was sagte man Ihnen ? Maximilian. Das Sie nicht immer so grausam gewesen sind? Diana. Lassen Sie diese schönen Geschichten hören . . . Maximilian. Was würde es nützen? Diana. Ich bestehe darauf. Maximilian. Unnöthig. Diana. Und doch haben Sie dieselben geglaubt — Sie brauchen wohl 16 ganz versandete Liebeswege — oh! Ich verstehe — Sie sagten zu sich selbst: sieh, sieh, diese Frau hat Trost nöthig, ich habe sie gekannt, ich habe sie geliebt, ich habe Prioritätsrechte, habe Pfänder auf ihr Herz, das Schwierigste ist gethan, kehren wir zu ihr zurück — und Sie sind deßhalb gekommen. Nun — ich danke Ihnen fürdenVor- zug und zürne Ihnen deßhalb nicht . . . es ist zu ermüdend, Jemanden zu zürnen und böse zu sein ... so — geben Sie mir die Hand, und kommen Sie zu mir, um mich zu sehen, ohne daß Sie mich nach der Rue des Mar- tyrs laufen lassen . . . Werden Sie kommen? Maximilian. Ich weiß nicht! Diana. Nehmen Sie die Lage doch aufrichtig wie sie ist, da kein anderer Vortheil daraus zu ziehen ist. Maximilian. Ich sehe ein, daß ich mich im höchsten Grade lächerlich gemacht. Diana. Nein — aber noch 5 Minuten länger in der Weise und Sie würden es geworden sein. Maximilian. Ach! Diana! Diana. Wenn Sie Ihrer Schwester schreiben, so sagen Sie ihr, mich zu besuchen, wenn sie nach Paris kommt. Maximilian. Also? Diana. Also — Sie sind mein Freund, und werden stets willkommen sein, wann Sie kommen. Maximilian. Diana, Sie lieben Jemand? Diana. Ah! Der Geck! Er glaubt, man müsse Jemanden lieben, um ihn nicht zu lieben. Maximilian. Schwören Sie mir, daß Sie Niemand lieben — dies wird ein Trost für mich sein. Diana. Ich schwöre es Ihnen und verlasse Sie, denn es ist schon spät. Maximilian. Gehen wir; geben Sie mir den Arm ... Ich werde Sie zu Ihren Wagen führen. Diana. Nein. Sie werden zuerst fortgehen. Maximilian. Weßhalb? Diana. Weil ich nicht will, daß man uns zusammen fortgehen sieht; Sie sind zu compromittirend ; aber man wird Sie Wiedersehen . . . Maximilian. Da Sie es wünschen. Diana. So ist's recht — also Morgen. Maximilian. Morgen; ich schwöre Ihnen, daß ich sehr unglücklich bin. (Stößt einen Seufzer aus.) Diana. Noch besser—seufzen Sie, das macht sich im Abgehen sehr gut. > Maximilian (abgehend). Das war auch der Mühe werth, mich so zu bemühen. (Ab.) Siebenter Auftritt. Diana, Marceline. Diana. Marceline? (Marceline kommt vor.) Ah! Dieses ernsthafte, strenge Aussehen! — Du hast Dich wohl dorten sehr gelangweilt — ah! hast wohl ein wenig geschlafen . . . Wünscht Du nun ! daß wir gehen? Ei, ei — Du sprichst ! nicht mehr — Du bist stumm gewor- ^ den — Willst Du mich umarmen? — Du willst nicht? — Alsdann umarme ich Dich! ... Weißt Du, wo ich meine Handschuhe hingelegt habe? ... Ich kann doch nicht ohne Handschuhe fort- gehen . . . und dann muß ich diesen Brief zerreißen, er nützt zu nichts mehr ! . . . Wo sind nur meine Handschuhe? Aber wahrhaftig, wozu soll ich meine Zeit verlieren, sie zu suchen, während dort zu finden ist, was ich brauche. Marcel ine. Du willst diese Handschuhe anziehen? Diana. Ah! Ich wußte wohl, dap ich Dich zum sprechen bringe. Marceline. Die Handschuhe einer Frau, welche Du nicht kennst. Diana. Sie sind ganz neu — nrtt etwas zu eng ... Sie muß eine scholl 17 Hand haben ... ES ist höchstens Nr. 6'/,. Marceline. Und Du brauchst Handschuhe Nr. 6V2 und mußt Dich hinein zwängen. Diana. Eine große Bosheit, die Du mir da sagst ... Du bist also nicht mehr zornig? — Jetzt setzt Du Dich sogar — Du willst also nicht fortgehen? . . . Marceline. Nein, ich bleibe, ich bi» jetzt zu Allem entschlossen; ich will sehen, bis zu welchem Grade von Thor- heit Du gelangst. Brauchst Du auch einen Halskragen? Diana. Ironie! Spott! Marceline. Du weißt, es sind auch Stiefletten da, genire Dich nicht . . . Aber wahrscheinlich sind sie, wie die Handschuhe viel zu klein. Diana (nachdem sie ihren Ring auf den Tisch gelegt). Oh! Jetzt, nun wird der Handschuh passen. Marcelitte. Ich glaube nicht. Diana. Mein Ring war schuld, daß ich nicht hineinkam — nun paßt er; sieh, er ist zugeknöpft. Marcel ine (nach oben zeigend). Du weißt, daß man im obern Zimmer sprach. Diana. Weißt Du eS gewiß? Marceline. Und daß Licht darinnen ist. Diana. Eilen — entfliehen wir; aber so komm doch! Marceline. Endlich einmal — es Ist ein wahres Gluck (Beide eilen davon) Achter Auftritt. Paul, dann Laupin. , ^ § U l (die Tchüre halb öffnend). Sind sie fort? Ich höre nichts mehr... (Kommt etwas vor.) Niemand! Man schließt die Straßenthüre. Jetzt werde ich diemei- nige ebenfalls schließen. Taupin! Taupin (erscheint). Was gibt's? Paul. Sie können herunter kommen! Tau Pin. Ah! Ah! Was geht denn eigentlich bei Ihnen vor? Paul. Nichts — Nehmen Sie Betttücher, ich werde Ihnen ein Bett auf dem Kanapee zurecht machen. Taupin. Wozu? Ich werde ebenso gut, ganz angekleidet, mit einer Decke über mir schlafen. Sie sind mir doch nicht böse ? Paul. Wegen waS? Taupin. Daß ich so geradezu komme, Gastfreundschaft von Ihnen zu fordern. Paul. Ganz zu Ihren Diensten! Taupin. Es gibt nichts langweiligeres für mich, als bei mir zu Hause zu schlafen — dorten begegne ich fortwährend der Madame Taupin .. . Ich habe einen zu guten Tag verbracht, um ihn so schlecht zu beschließen. Paul. Werden Sie gut hier liegen? Tau Pin. Ausgezeichnet! Vortrefflich! Paul. Alsdann, gute Nacht? T a u p i n. Gute Nacht, theurer Freund. (Paul steigt die Treppen hinauf und fingt mit Taupin.) Ein rosig Weib mit blondem Haar, Hält mich umgarnet ganz und gar; Sie macht aus mir was sie nur will. Sogar zum Bösen schweig' ich still. Valentin! — herein! rc. rc. rc. Taupin (sich auf dem Canapee auSbrei- tend). Ah! Wie wohl befindet man sich, wenn man weit von seiner Frau ist. Ende deS ersten Auszuges. Wiener Theater. Repertoir. XUII. 2 Zweiter Aufzug. (Ein kleiner sehr eleganter Salon, Etageren. Luster, Medaillons, Kanapee'S, Causeuse, zierliches Tischchen mit Album- und Büchern, Basen mit Blumen, Kamin ebenfalls prächtig verziert, Schirm rc. rc.) Erster Auftritt. Ein Diener, dann Diana und der Herzog. (Ein Diener öffnet die Thüre, tritt ein und stellt ein Bild auf eine kleine Staffelet, die auf dem Tisch ist. Diana tritt ein, der Herzog folgt ihr.) Gräfin. Hat man daS Bild gebracht? Diener. So eben, Frau Gräfin. Diana. Gut! (Diener ab. Zum Herzog.) Sehen Sie doch, mein lieber Herzog, ein wahrhaftes Kleinod. Herzog (das Bild durch sein Lorgnon betrachtend). Oh! Bezaubernd schön! Von wem ist es? Diana. Von Herrn Paul Aubry; ich ließ es vor einigen Lagen kaufen, eS war bei dem Vergolder. — Ich habe das Seitenstück dazu bestellt. Herzog. Daran haben Sie wohl gethan. Diana. Sie lieben die Arbeitendes Herrn Aubry? Herzog. Sehr! Meine Mutter hat, wie ich glaube, mehrere Zeichnungen von ihm in ihrem Album. Diana. Sie sind ein wenig Künstler, mein lieber Herzog? Herzog. Oh! Ich zeichne — wie alle Welt. Diener (eintretend). Der Herr Graf läßt fragen, ob die Frau Gräfin zu sprechen sei. Diana. Gewiß. Herzog (aufstehend und Diana die Hand hinhaltend). Gräfin? Diana. Nun, wohin gehen Sie? Herzog. Ich entferne mich. Diana. Warum? Herzog. Hat man Ihnen nicht soeben den Grafen gemeldet? Diana. Ist das ein Grund für Sie, fortzugehen? Herzog. Ich fürchtete- Diana. Bleiben Sie, Herzog, bleiben Sie . . . mein Gemahl verreist. Herzog. Ah! Er reist ab? Diana. Ja, auf eines unserer Güter. Er kommt nur, um mir Lebewohl zu sagen; Sie sehen also, daß eS durchaus keine Indiskretion ist, wenn Sie bleiben. Graf (eintretend). Guten Abend theure Diana. Diana. Guten Abend, mein Freund. Graf (zum Herzog). Sie befinden Sich wohl, Herr Herzog? Herzog. Sehr wohl, Herr Graf, und Sie? Graf. Ausgezeichnet, danke Ihnen! (Zu Diana). Sie waren ausgegangen? Diana. Im Augenblick komme ich nach Hause. Graf. Haben Sie meine Schwester gesehen? Diana. Nein, aber ich glaube wohl, daß ich sie heute Abend noch sehe; ich hatte keine Zeit, bei ihr vorzuspre- chen — ich machte einige Einkäufe. Der Herzog hatte die Güte gehabt, mir seinen Arm anzubieten. Graf (steht das Bild). Gehört dieses Bild auch zu Ihren Einkäufen? Diana. Ja. Graf. Ich mache Ihnen mein Kompliment, das ist wirklich ein herrliches Bild. IS Diana. Nicht wahr? Herzog. In der That, eS ist entzückend ! Diana. Und Sie reisen ab? Graf. Zn einer halben Stunde. Diana. Bis wann werden Sie zurück sein? Graf. Spätestens in einem Monat, wenn Sie nicht vielleicht Lust bekommen, ebenfalls hinzureisen, um sich mit uns zu vereinigen. Diana. Vielleicht wohl. Graf. Das würde sehr liebenswürdig von Ihnen sein. Diana. Mit wem jagen Sie dorten? Graf. Mit Fernand, Agenor, Maximilian und Lucien. Diana. Ich sehe, daß Sie sich nicht langweilen werden. Graf. Wenn ein Brief vom Ministerium an mich kommen sollte, werden Sie wohl die Güte haben, mir ihn alsogleich zuzuschicken. Diana. Nicht allein diesen Brief, sondern alle die für Sie einlaufen. Graf. Der Minister sprach gestern mit mir über eine Mission, welche er mir aufzutragen gedenkt. Diana. Reisen- Graf. Sie wissen, daß ich Sie nicht zwinge, mich zu begleiten. Diana. Oh! Zch weiß eS! Graf. Haben Sie mir keine Aufträge zu übergeben? Diana. Za, etwas Putz und einige Kleidungsstücke für die Frau und Kinder Ihres Verwalters. Man sollte Ihnen schon Alles gebracht haben, fragen Tie doch Zenny darnach. Vergessen Tle es nicht, ich liebe diese wackere Frau sehr. Gras. ES soll Alles besorgt werden. Ist das Alles? Diana. Oh! Mein Gott, ja. Graf. So leben Sie wohl, meine theure Diana. Diana. Gute Zagd! Gras. Werden Sie mir schreiben? Diana. Ganz sicher! (Der Graf küßt ihr die Hand.) Graf (zum Herzog). Leben Sie wohl, Herr Herzog! (Drückt ihm die Hand.) Herzog. Herr Graf! (Graf ab.) Zweiter Auftritt. Diana. Herzog. Diana (fährt mit der Hand über die Stirne, stößt einen Seufzer aus und betrachtet dann das Bild). Herzog. Sie scheinen traurig, Gräfin? Diana. Zch, nein! Herzog. Die Abreise des Grafen, ohne Zweifel? Diana. Eine Trennung von einem Monat ist nicht sehr lang, und überdies mußten Sie aus der Unterredung, die dieser Trennung voranging ersehen, daS Eines nicht mehr Bedauern mit wegnimmt, als eö dem Anderen zurück- läßt. Herzog. Wenn Sie also nicht traurig sind, so sind Sie wenigstens verstimmt. Diana. Auch nicht. Ich langweile mich, das ist das Ganze. Herzog. ES gibt ein unfehlbares Mittel sich zu zerstreuen. Diana. Zu lieben, nicht wahr? Herzog. Ja. Diana. Zmmer dieselbe Geschichte! Herzog. Oh! Gräfin! Diana. Und Sie zu lieben, natürlich ! Herzog. Zch liebe Sie so sehr — Diana (nimmt ihr Portefeuille). Da, sehen Sie Ihre Nummer. Herzog. Welche Nummer? Diana. Oh! Sie sind eingeschrieben. Herzog. Wie, eingeschrieben! Diana. Sie haben gewiß von dem reichen Bankier reden hören, zu welchen viele Leute kamen, die Geld nöthig hatten, um von ihm zu borgen . . . Er gab ihnen nichts, aber er schrieb sich ihre Namcu, ihre Adressen und die Summen auf, welche man von ihm forderte und jedes Jahr rechnete er Alles zusammen. Herzog. Nun? Diana. So oft nun ein neuer Bittsteller kam, zeigte er ihm die Totalsumme, der an ihn gestellten Bitten und bewies ihm, daß, wenn er alle diese Bitten gewährt hätte, er nun vollständig ruinirt sein würde . . . Ich mache es auch wie dieser Bankier und schreibe alle diejenigen auf, welche mir sagen, daß sie mich lieben . . . Sie sind, glaube ich, der 138., seitdem ich verheirathet bin. Wenn ich allen diesen schönen Worten Glauben geschenkt hätte, würde ich längst ruinirt sein. Ich lüge Ihnen nichts vor, hier sehen Sie Ihren Namen: Herzog von Riva 25. November 1843. Es ist jetzt ein Jahr her, daß Sie mir zum ersten Male sagten, Sie liebten mich. Sie haben den 138. Contretanz, mein wer- ther Herzog. Herzog. Ich bin nicht so boshaft gegen die Anderen, wie Sie Gräfin gegen mich sind, und sage Ihnen, daß unter diesen Namen sich gewiß aufrichtige Herzen befanden, die Alle nur wie das meinige fühlten. Diana. Alle diese Leute befinden sich ausgezeichnet wohl; sie essen, schlafen, jagen, reiten, verheirathen sich ... Nicht ein Selbstmord, nicht eine Flucht auS der großen Welt, nicht einmal eine Reise. . . Sie haben mich Alle ohne Mühen und Anstrengungen vergessen . . . Da, sehen Sie, der zuletzt Eingeschriebene ist Maximilian von Ternon; Sie kennen ihn? Herzog. Ich habe ihn in Holland kennen gelernt. Diana. Er ist zurückgekommen; er liebte mich seit 5 Jahren, dies klingt schon etwas großartiger als bei Ihnen ... Er hat mir eine kleine Rede gehalten, die jch schon auswendig wußte, noch bevor ich sie hörte . . . Tags darauf schrieb ich ihm, um einen Dienst von ihm zu fordern, dessen Erfüllung für ihn sehr leicht gewesen wäre ... Er hat mir gar nicht geantwortet. Herzog. Stellen Sie mich auf die Probe, und Sie werden sehen. Diana. DaS will ich wohl ... Herzog. Sprechen Sie! Diana. Jch bin betrübt, daß ich mit einer guten und vortrefflichen Freundin seit einiger Zeit etwas gespannt bin. Herzog. Wer ist eS? Diana. Madame de Launay. Herzog. Wie kann das sein? . . . Sie liebt Sie! Diana. Jch allein habe Unrecht.. . Ihr werden Sie nicht sagen, daß Sie sie lieben. Herzog. Sie ist wahnsinnig in ihren Gemahl verliebt. Diana. ES thut mir leid, daß mein Gemahl Sie nicht hört. Herzog. Nun, was muß ich thun? Diana. Sie müssen ihr diesen Brief überbringen, in welchem ich sie um Verzeihung bitte und der mich mit ihr versöhnen soll. Herzog. Ist das Alles? Diana. Ja. Herzog. Sie sind boshaft! Diana. Weßhalb? Herzog. Weil Sie so wenig von mir fordern. Diana. Jch werde vielleicht später mehr fordern. Herzog. Dadurch würden Sie mir eine große Freude gewähren. — Und ich könnte Ihnen die Antwort überbringen? Diana. Natürlich! Herzog. Wann? Diana. Wann Sie wollen! Herzog. Heute Abend noch? Diana. Noch heute Abend, wenn Sie die Antwort heute Abend noch bekommen ? - Diener (die Thür öffnend). Die Krau Marquise von Nerey. 21 Diana. Meine Schwägerin! Ich hatte Sie nicht länger zurück, Sie würden sich nicht unterhalten. Herzog. Ihre Hand. (Er küßt ihr die Hand.) Adieu, Gräfin! Diana. Auf Wiedersehen! Herzog. Wie gütig Sie sind! Dritter Auftritt. Diana, Marquise dann Maximilian. Marquise. Guten Abend, Diana! Diana. Guten Abend, Marquise. (Der Herzog grüßt und geht ab.) Marquise. Was machten Sie? Diana. Ich plauderte mit dem Herzog. Marquise. Welcher Ihnen sagte? — Diana. Daß er mich liebe. Marquise. Und Sie hörten ihn an? Diana. Er sagte es nicht ganz schlecht. Marquise. Sie verlieren keine Zeit. Diana. Wie so? Marquise. Mein Bruder ist erst seit einer Viertelstunde abgereist und schon hören Sie alle diese Albernheiten mit an... Diana. Diese haben so wenig Gewicht, und ich bin überzeugt, Marquise, daß Sie selbst gar nicht böse darüber sein würden, so drei bis vier Anbeter von der Gattung des Herzogs um sich ju haben. . . Dies ist eine Art kleiner Hof, eine Schachtel voll Schmeicheln , m welche die Eitelkeit jeden Augenblick hinein greifen kann, um ein Bonbon zu nehmen ... Es ist alt, verbraucht, aber erheitert und belustiget, chut nichts Böses und- Marquise. Und compromittirt. Diana. Glauben Sie eS nicht! ^ Marquise. Doch, ich glaube es! Aue diese Sperlinge kommen nicht, wo ks kein Getreide gibt. Alle diese linnen seufzenden Liebhaber sind nicht so dumm, als sie auSsehen, und früher oder später finden sie doch Gelegenheit, sich in die Musestunden einer Frau einzunisten, welche sie aus Gewohnheit bei sich empfängt, und ihnen am Ende aus Mangel an Besserem doch glaubt. Diana. Ob man ihnen glaube oder nicht — LiebeSworte haben einen wirklichen Reiz, sie sind die Musik des Herzens. Marquise. Immer mit dem nämlichen Ritournelle und dem nämlichen Refrain. Diana. Oh! Sie sind nicht musikalisch. Marquise. Ihr Gemahl allein hat das Recht mit Ihnen von Liebe zu reden. Diana. Er mißbraucht eS nicht. Marquise. Dies verhindert ihn jedoch nicht, sich mit Ihnen zu beschäftigen. Diana. Ah! Marquise. Er ging soeben erst von mir fort, und sagte mir, daß Sie allein wären. Diana. Er irrte sich — der Herzog war hier, als er kam, um mir Lebewohl zu sagen. Marquise. Er wird ohne Zweifel gefunden haben, daß dies keine passende Gesellschaft für Sie sei und bat mich deshalb, Sie abzuholen. Diana. Um mich — wohin — zu führen? Marquise. Zu Madame Darne- ville, heute ist ihr Tag . . . Diana. Richtig, ich hatte eS ganz vergessen. Marquise. Wenn Sie wollen. — Diana. Oh! Nein, ich werde nicht hingehen. Marquise. Was haben Sie denn zu Hause zu thun? Diana. Nichts, als zu Hause zu bleiben. Marquise. Sie werden wohl irgend einen Besuch abzustatten haben? SL Diana. Keinen — da ich Ihnen sagte, daß ich nicht ausgehe. Marquise. Sie könnten vielleicht wieder in die Rue de Martyrs gehen wollen. Diana. Rue de MartyrS, ich? Marquise. Ja, Sie, meine theure Diana! Man hat Ihren Wagen dorten vor einigen Tagen mehr als zwei Stunden halten sehen. Diana. Ich erinnere mich, ich war mit Marceline bei einer ihrer Freundinnen. Marquise. Sie heißt? Diana. Ah! Meine theure Marquise, Sie sehen aus, wie ein Untersuchungs-Richter. Marquise. ES ist meine Pflicht zu wissen, was Sie thun. Diana. Unglücklicherweise habe ich weder Lust noch Neigung, mich Ihrer Überwachung zu unterwerfen; ich bin verheirathet, und brauche über meine Handlungen, nur meinen Gemahl Rechenschaft abzulegen. Marquise. Der aber diese Rechenschaft nicht oft genug von Ihnen fordert, so daß — Diana. So daß? — Marquise. So, daß Sie viel zu viel von sich reden machen. Diana. Finden Sie? Marquise. Ja. Diana. Nun gut — das geht nur mich an. Marquise. Sie irren sich, eS geht auch mich an. Diana. Und mit welchem Rechte? Marquise. Mit dem Rechte, das ich besitze, über die Ehre unseres Namens zu wachen. Diana. Ihres Namens? Marquise. Ja. Sie sind die Gattin meines Bruders, Sie führen unfern Namen, vergessen Sie es nicht. Diana. ES hat keine Noth, daß ich ihn vergesse; Ihr Name kostet mich sehr viel, ich habe ihn mit vier Millionen bezahlt. Marquise. Gräfin! Diana. Marquise! Diener (dieThür öffnend). Der Herr Vicomte von Lernon! Diana. Ah! Sie kommen zur guten Stunde! .... Meine theure Marquise — der Herr Vicomte von Ternon, einer meiner guten Freunde. (Die Marquise und der Vicomte begrüßen fich.> Maximilian. Ich hatte schon die Ehre der Frau Marquise bei der Frau von Nussay vorgestellt zu werden. Marquise. Ich erinnere mich nicht, mein Herr. Maximilian. Ich konnte es nicht vergessen, Madame. Marquise. Adieu, Gräfin. Diana. Adieu, Marquise. (Mar- quise ab.) JedeSmal, so oft auch meine Schwägerin hierher kommt, wiederholt sich dieselbe Scene: aber diesesmal denke ich, wird sie sich wohl merken, waS ich ihr sagte, und nicht mehr kommen, damit ich sie nicht wieder- sehe. Maximilian. Was gab es denn? Diana. Die Marquise hat nichts zu thun, als ewig Moral zu predigen und da sie mich gerade bei der Hand hat, so predigt sie mir in Einem fort. Maximilian. Die Marquise ist eine Frau, welche ihr Leben damit zubringt, den Graben zu verhüllen, in welchen ihre Schwachheit gerne hinein fallen möchte, und die, wüthend darüber, immer noch am Rande zu stehen und zu warten, daß man sie hineinstößt, Steine auf die andern Frauen wirft. Diana. Es fehlte nichts weiter mehr, als daß die Marquise Sie ankommen sah . . . Gott weiß, was sie nun sagen wird. . . A propos, warum habe ich Sie seit acht Tagen nicht gesehen? Maximilian. Ich habe Ihren 23 Brief erst vor zwei Stunden empfangen. Diana. Wo waren Sie denn? Maximilian. Auf dem Lande. Diana. Welch' triumphirendeS Aussehen Sie haben! Maximilian. Oh! Ich bin auch zufrieden genug. Diana. Was ist Ihnen denn Gutes widerfahren ? Maximilian. Wollen Sie es wissen? Diana. Ja. Maximilian. Nun wohl. Stellen Sie sich vor, als ich Sie neulich Abends verlassen hatte, war ich so traurig, ich wußte gar nicht waS ich anfangen sollte ... Ich ging in die Oper, wo ich seit zwei Jahren nicht gewesen war; ich sah da ein neues Ballet und entdeckte inmitten meiner großen Traurigkeit eine braune Tröstung mit blauen Augen, einer wundervollen Taille, und Füßchen-Oh! Füßchen! . . . Diana. WaS erzählen Sie mir denn da — Sind Sie närrisch? Maximilian. Nein, Gräfin, aber Sie forderten von mir eine Erklärung. — Diana. Schon gut, ich schenke sie Ihnen. Maximilian. Jedoch . . . , Diana. Mein lieber Vicomte, noch ein Wort mehr, und ich verabschiede Sie. Maximilian. Und der Ring? Diana. Ah! WaS haben Sie damit gethan? Maximilian. Ah! Gräfin! Diana. Sie sind so unbesonnen... Vor acht Tagen habe ich Ihnen geschrieben, diesen Ring wieder zu holen und Sie antworteten mir nicht. ^Maximilian. Ich war auf dem Lande. Diana. AuS welcher Ursache? Maximilian. Sie werden mir nochmals Schweigen auferlegen, wenn ich Ihnen sagte, warum . . . Ich kam heute Morgens zurück, fand Ihren Brief . . . Diana. Da sehen Sie also, was aus Ihrer großen Liebe geworden ist? Maximilian. Welcher Liebe? Diana. Die Sie für mich fühlten! Maximilian. Gräfin, Sie wollten nicht daran glauben; aber eö ist noch Zeit. Diana. Danke; ich habe Ihre Freundschaft lieber, man ist in einer weniger schlechten Gesellschaft. Maximilian. Meiner Treu Sie haben vielleicht Recht! Diana. Ah! Sie gestehen es ein! Das ist sehr glücklich! Maximilian. Hier ist übrigens Ihr Ring. . . . Aber wie konnten Sie' einen Ring in Paul's Atelier verlieren? Diana. Er ist wiedergefunden, das ist die Hauptsache. Was hat Ihr Freund gesagt? Er ahndet doch nicht, wem er gehört, nicht wahr? Maximilian. Nicht im Geringsten. Ihr Ring hat aber schöne Geschichten angestellt . . . Vor Allem war es nicht Paul, der ihn gefunden hat. Diana. Wer denn? Maximilian. Eine Dame. Diana. Was für eine Dame? Maximilian. Fräulein Aurora. Diana. Eine Dame, die sich Aurora nennt. Maximilian. Nur des Morgens. Diana. Aurora. . . Ah! so ist es — die Tücher waren mit einem A gezeichnet. Maximilian. Welche Tücher? Diana. Später —beendigen Sie erst Ihre Geschichte. Maximilian. Sie ist ganz einfach: Mein Freund kam nach Hause... und TagS darauf kam Frln. Aurora sehr Früh um ihn zu besuchen, sie fand Ihren Ring und alle Ihre Sachen untereinandergewühlt .... Darauf EifersuchtSscenen, Zänkereien, Bruch. Diana. Ihr Freund muß demnach L4 wüthcnd auf die unbekannte Dame sein. Maximilian. Nein. Diana. Er liebte also Frl. Aurora nicht? Maximilian. So scheint es. Diana. Hegt er eine andere Liebe? Maximilian. Nein, er behauptet, daß er keine mehr fühlen will. Diana. Spieler Eid! Maximilian. Wahrscheinlich! Ah! Aber was haben Sie nur gethan, um einen Ring bei ihm zu verlieren? Ein Ring verliert sich doch nicht wie ein Handschuh! Ah richtig — bei Handschuhen fällt mir noch ein: es scheint, Sie haben die Ihrigen dort gelassen und ein anderes Paar entführt. Was ist nur vorgefallen, denn in der That, ich begreife nichts davon! Diana. Welche Unvorsichtigkeit! Maximilian. Und Ihr Gemahl? Diana. Er hat nichts erfahren. Maximilian. Wo ist er denn? Diana. Er ist auf der Jagd! Maximilian. I'on isin, ton ton! Diana. Wie ausgelassen Sie sind! Ah! Ich würde eine Frau beklagen, welche sich ernstlich in Sie verliebte. Maximilian. Ah! Gräfin, Sie täuschen sich; glauben Sie gewiß, daß, wann ich einer Frau sage, daß ich sie liebe .... Also Gräfin, ich verlasse Sie. Diana. Schon? Maximilian. Ein liebenswürdiges „Schon"! Diana. Wohin gehen Sie? Maximilian. Ich gehe in die Oper. Diana. Ah! Maximilian. Nun! und das Ballet! Ich tanze heute Abend, aber ich nehme Paul mit. Diana. Sie wissen, daß Ihr Freund ein Don Juan ist, er hat große Leidenschaften eingeflößt. Maximilian. Wer hat Ihnen daS gesagt? Diana. Ich weiß nicht, wie eS gekommen ist, ich fand einen Frauenbrief bei ihm. Maximilian. Das soll heißen, daß Sie in allen Schubläden herumgestöbert haben. — Oh! die Frauen! die Frauen! Diana. Es ist allein Ihre Schuld, Sie kamen nicht... Oh! aber er wurde sehr heftig geliebt. Er ist wohl sehr verführerisch. Maximilian. Es ist ein liebenswürdiger Bursche; ich habe vielleicht sehr Unrecht, ihm Delphine zu zeigen. Diana. Sie sagten? Maximilian. Nichts! Diana. Er ist mit Ihnen? Maximilian. Ja, er erwartet mich unten auf der Straße. Diana. Oh! der arme Mensch! Wo ist er? Maximilian (zeigt durchs Fenster). Dort steht er — sehen Sie! Diana. Der Herr, welcher rauchend umherspaziert? Maximilian. Ja! Diana. Seit der Zeit, daß wir hier plaudern, muß er sich sehr gut unterhalten haben. Gehen Sie zu ihm! Aber was werde ich nun anfangen? Wenn ich meine Schwägerin bei Madame Darneville aufsuchte? Das würde mich mit ihr versöhnen! Maximilian. Zu was? Diana. Und dann ist es sehr langweilig bei Madame Darneville. Maximilian. Da fällt mir ein Gedanke ein, Gräfin. Diana. Ein guter? Maximilian. Ja. Diana. WaS kann der in Ihren Gehirn anfangen?! Maximilian. Ich will einen Augenblick in die Oper gehen und wiederkommen. . . . Sie werden mir wohl eine Tasse Thee geben. . . Wir schwatzen zusammen, ich habe Ihnen noch so Vieles zu sagen. 1 25 Diana. Und dann sind Sie nicht mehr gefährlich. Maximilian. Ich bin es also gewesen? Diana. Oh! Niemals! Maximilian. Hören Sie weiter; ich gehe hinunter und hole Paul, wir gehen in die Oper, ich führe ihn hinein, setze ihn in eine Loge und komme wieder. Diana. Gut — aber bleiben Sie nicht zu lange aus. Maximilian. Eine halbe Stunde... Oh! Mir kommt noch ein anderer Gedanke. Diana. Das macht zwei — nehmen Sie sich in Acht! Maximilian. Wollen Sie etwas sehr Unterhaltendes und sehr Originelles unternehmen? Diana. Sagen Sie an! Maximilian. Sie erwarten Niemand? Diana. Niemand! Maximilian (klingelt). Sie erlauben? Diana. Was thun Sie? Maximilian. Sie werden sogleich sehen. (Zum eintretetenden Diener.) Gehen Sie doch auf die Straße und bitten Sie den Herrn, welcher mich am Lhore erwartet, heraufzukommen. (Diener ab.) Verstehen Sie? Diana. Noch nicht. Maximilian. Ich will Ihnen Paul vorftellen. Diana. Sie sind ein Narr. Maximilian. Nicht im Mindesten. Diana. Aber es liegt mir gar nichts daran, diesen Herrn kennen zu lernen. Maximilian. Ein prächtiger Mensch ist er, und hat sehr viel Geist. Tie werden entzückt über ihn sein; er ^v.ird Ihnen, während ich in der Oper bin, Gesellschaft leisten. Oh ! Oh! Man kann ihn schon bei sich empfangen. . . UebrigenS wer wird es erfahren? Diana. Ziehen Sie sich da heraus, wie Sie können, ich gehe auf mein Zimmer. Maximilian. Oh! Gräfin, thun Sie das nicht, er würde an einen schlechten Scherz glauben, und er ist sehr empfindlich. Ueberdies haben Sie ja doch selbst ein wenig Lust ihn kennen zu lernen. Gestehen Sie es. Diana. Nun ja — aber — Maximilian. Die Gelegenheit ist günstig . . . Ich versichere Sie, indem Sie mit ihm plaudern, werden Sie ganz vergessen, daß Sie mich erwarten. . . Sie lassen ihn von Aurora und von Bertha sprechen ... und dann ist er Ihnen ja eigentlich einen Besuch schuldig, da Sie ihm einen gemacht haben. Diana. Und wenn er mich erkennt ? Maximilian. Ich wiederhohle Ihnen, daß Sie es nicht zu fürchten brauchen. Diana. Ihr Wort? Maximilian. Mein Ehrenwort! Diener (eintretend). Herr Paul Aubry wünscht mit dem Herrn Vicomte zu sprechen. Maximilian. Wollen Sie wohl erlauben, Gräfin, daß man Herrn Aubry eintreten läßt? Diana. Lassen Sie ihn eintreten. (Diener ab.) Ah! Wenn Marceline hier wäre, würde Sie mich ganz bestimmt tüchtig ausschelten! (Eilt gegen dieThüre.) Maximilian. Wohin gehen Sie denn, Gräfin? Diana. Ich will nur ein Häubchen aufsetzen, ich bin nicht frisirt. (Diener öffnet Paul die Thür, welcher eintritt. Diener ab.) Vierter Auftritt. Paul, Maximilian. Paul. Du ließt mich rufen? Maximilian. Ja. Paul. Was willst Du, und wo bin ich ? Maximilian. Du bist bei Jemand dem ich Dich vorstellen will. 26 Paul. Wer ist dieser Jemand? Maximilian. Eine Frau. Paul. Sie heißt? Maximilian. Die Gräfin de Lys. Paul. Die Gräfin de Lys? Maximilian. Ja, kennst Du sie? Paul. Nein, aber ich habe von ihr reden hören. Maximilian. Auf welche Art? Paul. Auf alle nur Mögliche. Maximilian. Nun, mein Lieber, Du bist bei ihr; sie ist eine Bewunderin Deines Talentes und als sie im Gespräche mit mir vernahm, daß ich Dich kenne, wünschte sie Dich kennen zu lernen; sie hörte, Du wartetest unten und ich habe Dich heraufgerufen, indem ich dachte, daß dies eine gute Gelegenheit wäre, Euch Beiden angenehm zu sein, um so mehr, daß ich zu Delphine zurückkehren muß. Paul. Ich gehe mit Dir, ich bin nicht zu einer Vorstellung angekleidet. Maximilian. Die Gräfin ist eine Frau, die sich sehr wenig um solche Sachen kümmert. Ueberdies stehe ich auf sehr vertrautem Fuße mit ihr. Paul. Du stehst also gut im Hause? Maximilian. Sehr gut. Paul. Wirklich ganz gut? Maximi li an. So gut als möglich. Paul. Vielleicht ist dies die Person, welche zu mir gekommen ist! Maximilian. Die Gräfin de Lys?! Paul. Ja. Maximilian. Sie würde nicht nöthig gehabt haben zu Dir zu kommen, da ich zu ihr kommen kann. Paul (mit-einer Miene des Zweifels) Richtig! Maximilian. Du glaubst also daß ich nur eine Frau in der Welt kenne?.. Nein, die Andere ist verreist. Oh! Ich habe im ersten Augenblick viel gelitten! — Diese hier ist eine meiner Freundinnen ... und wenn Du der Gräfin den Hof machen willst, werde ich eö nicht sein, der Dich daran verhindert. Paul. Wie zum Teufel willst Du daß ich einer Frau den Hof mache, die ich niemals gesehen habe? Warum machst Du ihr den Hof nicht? Maximilian. Ich habe es versucht; aber wir kennen uns schon zu lange Zeit. Meiner Liebe ging es wie naßem Pulver, sie fing nicht. Bei Dir — oh! das ist etwas Anderes, Du bist das Unbekannte — und das Unbekannte hat immer Reiz.. Sieh, da ist sie; wie findest Du sie? Paul. Reizend! Fünfter Auftritt. Vorige. Diana. Maximilian. Theuerste Gräfin, erlauben Sie mir gütigst Ihnen einen meinerbesten Freunde vorzustellen, Herrn Paul Aubry. Paul. Und entschuldigen Sie zugleich gütigst, Frau Gräfin, mich der Art vorstellen zu lassen. Diana. Sie waren im voraus entschuldigt, mein Herr; Herr von Ter- non hatte mich schon benachrichtigt... Nun mein lieber Vicomte, ich sehe daß Sie sehr angelegentlich die Uhr betrachten, ich will Sie also nicht länger leiden lassen; Sie haben Ihre volle Freiheit, nur lassen Sie sich nicht zu lange erwarten. Maximilian. Gräfin, Sie sind anbetungswürdig; in einer halben S tunde bin ich zurück. (Neigt sich zu ihr, indem er ihr die Hand küßt.) Nun, was denken Sie von unseren Maler? Diana. Noch gar nichts — warten sie doch, bis wir zusammen gesprochen haben. Maximilian. Sein Sie aufJh- ren Huth! Diana. Wie? Miximilian. Er ist ein gefährlicher Bursche! Diana. Wahrhaftig. . 27 Maximilian. Hüthen Sie sich; das ist Alles was ich Ihnen sage. Diana. Wir werden ja sehen, kommen Sie schnell wieder. Maximilian. Sie haben eine halbe Stunde, um ihn verliebt zu machen. Diana. Eine halbe Stunde? DaS ist viel! (Maximilian ab.) Sechster Auftritt. Diana. Paul. Diana. Finden Sie nicht, mein Herr, daß der Vicomte ganz unmöglich wird? Paul. Wie das, Madame? Diana. Sie sind sein Freund? Paul. So sehr ein Mann, welcher arbeitet, der Freund eines Mannes sein kann, der nichts zu thun hat... Ich liebe ihn, aber wir sehen uns sehr selten . . . Uebrigens, ist er fast immer auf Reisen. Diana. Nun wohl, so oft Sie ihn also sehen, predigen Sie ihm Moral... Begreifen Sie, daß er in eine Tänzerin verliebt sei? Paul. Ich begreife eine jede Liebe! Diana. DaS ist das Vorrecht des Künstlers, aber nicht... Mt inne). Paul. Aber... nicht des Mannes von Welt. Dies wollten Sie doch sagen, Madame. Diana. Nicht doch. Paul. Weshalb wollen Sie es läugnen?... Ich weiß, daß man einen großen Unterschied zwischen Männern von Welt und Künstlern macht. Diana. Und Sie haben Sich deshalb nicht zu beklagen. Paul. Ist dieses Zhre wahrhafte Meinung, Madame? Diana. Ja, und die Meinung aller verständigen Leute. Die Künstlerlaufbahn, wo der Mann kräftig und stark seinen persönlichen Werth darstellt, wo er Alles nur sich selbst verdankt, wo er nichts ist, wenn er nichts leistet; wo er, wenn er Genie hat, selbst die niedere Familie aus der er entsprossen adelt, die Frau, welcher er seinen Namen gibt; dieses Leben der Arbeit, des Studium, des Kampfes, des Triumphes... Alles dieses hat eine poetische, anziehende, fesselnde Seite, für jeden etwas enthusiastischen Geist und für eine wißbegierige Einbildungskraft wie eS die Meinige ist. Ich bewundere nicht nur allein die großen Künstler,... sondern es gibt Augenblicke, wo ich ihr ganzes Dasein beneide. Paul. Dieses Dasein, Madame, erscheint Ihnen, unter den schmeichelnden und vergoldeten Tinten eines entfernten Gesichtskreises, wie die dichten Wälder, welche die Fernsichten unter einer schönen Sommersonne begränzen; sie scheinen vereinigt, glänzend wie der Sammt, geschmeidig wie das Moos, aber diejenigen welche während dieser Zeit gezwungen sind diese Wälder zu durchlaufen , zerreissen sich darinnen Hände, Füße und das Gesicht, ohne auch nur einen Augenblick daS schöne Schauspiel zu genießen, welches sie in der Ferne darbieten. Unser Künstlerleben bietet Verdruß, viele Kränkungen, vielen Schmerz und viele Traurigkeit! Welche Schwierigkeiten und Hindernisse, welche Kämpfe, wieviel Stunden der Entmuthigung hat man zu bestehen! Oh! glauben Sie mir, Madame, für Sie, — so jung, so schön — ist daS wahre Leben, das Ihrige. Diana. Ebenfalls ein Effekt der Fernsicht. Ihre Leiden sind mit den Unsrigen nicht zu vergleichen, denn Sie haben einen ewigen Ersatz, die Freiheit. — Paul. Und Sie, Madame, sind Sie denn so sehr Sclavin? Diana. Vielleicht! Paul. Dies sagt man gerade nicht. Diana. Hat man denn mit Ihnen von mir gesprochen? 28 . Paul. Oh! Oftmals Madame! Diana. Alsdann sind wir ja alte Bekannte, denn man hat auch mit mir, von Ihnen gesprochen. Paul. Und ich sehe, daß man Ihnen nur Gutes von mir gesagt hat, da Sie erlaubten, daß ich Ihnen vorgestellt werde. Diana. Wer weiß! — Eine Frau ist manchesmal begieriger einen Mann kennen zu lernen, dem man Schlechtes nachsagt, als einen Mann, dem man nur Gutes nachrühmt. Im Allgemeinen sind Männer die man lästert, Männer von Verdienst... von Ihnen jedoch, mein Herr, hat man mir durchaus nichts BöseS mitgetheilt; im Gegentheile, ich habe Vieles zu Ihrem Lobe erfahren. Paul. Darf ich wohl bitten, mir etwas davon mitzutheilen, Madame? Diana. Es würde mich vielleicht doch ein wenig in Verlegenheit setzen, es zu wiederhohlen. Paul. Dies läßt mich nur um so eifriger wünschen es zu erfahren. Diana. Nun wohl! Man sagt, daß Sie sehr geliebt wurden- Paul. Geliebt! — Und von wem, mein Gott! Diana. Von einer Dame, die man mir auch nannte, aber deren Taufnamen ich nur sagen will — Bertha. Paul. Bertha! Arme Frau! Diana. Sie bedauern sie! Paul. Ja, Madame! Diana. Sie lieben sie also nicht mehr? Paul. Gott weiß, wo sie ist! Diana. Sie haben sie verlassen?.. Warum?.. Ich muß Ihnen wohl als sehr neugierig erscheinen, aber was gibt es wohl interessanteres als diesen ewigen Roman des Herzens. Paul. Gut, Madame, ich werde offen gegen Sie sein, da der Zufall Sie diesen Abschnitt meines Lebens kennen lehrte... Ich habe mit Bertha gebrochen, weil sie mich zu sehr liebte. Diana. Sie spannen meine Neugierde auf's höchste! Paul. Es ist ganz einfach, Madame! die Liebe eines Künstlers muß etwas Ausnahmsweise sein. Die Frauen welche uns lieben, verstehen uns selten recht zu lieben... Die Liebe ist in gewissen Fällen mehr als eine Leidenschaft, sie ist eine Wissenschaft. Nach der Natur der Person, die man liebt, zu lieben -ist eine sehr schwierige Aufgabe. Jene Bertha hatte mich nicht verstanden, sie liebte mich wie sie einen Mann geliebt hätte, der nichts Anderes zu thun hatte, als zu lieben... fortwährend mißtrauisch, war sie fortwährend traurig. Sie begriff nicht, daß es Augenblicke gibt, wo der Künstler so verliebt, so geliebt er auch immer sei, nöthig hat, allein mit seiner Jedes zu sein, einer weit eifersüchtigeren Geliebten als diejenigen dieser Welt, und welche schonungslos, und unbarmherzig davon eilt, wenn man sie nicht allsogleich empfängt. Wenn ich eine Viertelstunde später als die bestimmte Stunde zu ihr kam, fand ich sie in Thronen, sie trocknete schnell ihre Augen und machte mir durchaus keinen Vorwurf; aber ihre Augen waren roth und durch ihre anscheinende Heiterkeit blitzte die Unruhe und der Argwohn. Ein solches Leben wurde zuerst eine Last, dann einen Verdruß, zuletzt eine Folter. Ich arbeitete nicht mehr. Ich versuchte es ganz behutsam und sanft zu brechen, um mich von ihr loszumachen, indem ich mich etwas von ihr entfernt hielt. Ich ließ sie auf's Land gehen; sie schrieb mir Briefe auf Briefe. Ich näherte mich ihr wieder, denn ich beklagte sie im Grunde, aber der Egoismus riß sie immer weiter fort; ich war zu unglücklich. Sie schrieb mir ein letztesMal um mir anzubieten, Frankreich zu verlassen; wir hatten eine letzte Zusammenkunft, und ich ließ sie abreisen, ohne sie zu beweinen, wohl aber das Glück an dem wir Beide so nahe vorübergingen. LS Diana. Weil Sie sie nicht mehr> liebten. Paul. Vielleicht. Diana. Die Liebe urtheilt, vernünf- telt nicht so gut. Fragen Sie Raphael, ihren Ahnherrn in der Kunst, ob er die Fornarina würde haben abreisen lassen. Paul. Gestehen Sie Madame, daß er — weil er gestorben ist, da sie geblieben, —. daß er ebenso gut daran ge- than, wenn er sie hätte abreisen lassen. Diana. Sie haben auf Alles Antwort... Aber dies ist nicht der Einzige was man mir von Ihnen erzählte... Zch kenne von Ihnen noch andere Züge und eine Liebe, und die nicht sterben wird. Paul. Welche? Diana. Sie lieben Ihre Familie. Paul. Ach! Madame, meine Familie besteht nur noch aus meiner Mutter, und in der That, ich fühle Anbetung für sie. Diana. So sagte man mir. . Paul. Ohne Zweifel, Marimilan? Diana (absichtlich). Ja... Maximilian. Paul. Ich habe jedoch sehr selten mit ihm von meiner Mutter gesprochen. Diana. Aber es liegt wenig daran, ob er es war oder ein Anderer! — Tie arbeiten für mich? Paul. Für Sie, Madame? Diana. Za, das Seitenstück zu dem Bilde, welches Sie vor Kurzem beendigt haben, ist für mich; ich ließ es den Kaufmann wissen, daß ich es wünschte. Paul (aufstebend). Ah! Also Sie Duften dies Bild? Entschuldigen Sie Madame, dann ist es nicht Marimi- uan, welcher Zhnen von meiner Mutter erzählt hat. Diana. Warum kommen Sie wie- dsr darauf zurück? Nein, er war es nicht. Paul. Und Sie können mir nicht chen"?' ""t Ihnen davon gespro- Diana. Ich weiß es nicht mehr. Paul. Wünschen Sie, daß ich es men miltheile? Diana. Dies würde mich in Erstaunen setzen; wie konnten Sie es erfahren ? Paul. Zch weiß es noch nicht, aber ich werde eS wissen. Diana. Und wie das? Paul. Ich bin ein Wenig Zauberer, Madame. Diana. Wahrhaftig? Paul. Za. und ich werde Ihnen sagen wie. — Zch habe einen Freund, der das System, welches Gall für den menschlichen Schädel erfunden, auf die Hand übertragen und angewandt hat. Indem er die Hände einer Person besieht, sagt er derselben ihren ganzen Charakter, er überrascht manchmal sogar ihre Gedanken. Ich habe mit ihm studiert, und eine gewisse Stärke in dieser Wissenschaft erlangt. Wollen Sie mir Ihre Hand geben, Madame, vielleicht werde ich Ihnen Dinge sagen, die Sie wirklich in Erstaunen setzen. Diana. Da ist sie. Paul (die Hand gleich loslassend). Es genügte mir, Zhre Hand einen Augenblick zu sehen... Ich weiß Alles, was ich wissen wollte. — Diana. Oh! Aber das ist sehr merkwürdig — Lassen Sie hören. Paul. Sie erlauben, daß ich die Wahrheit sage. Diana. Reden Sie! Paul. Nun wohlan! Madame, Sie sind Frau bis in die Nagelspitzen; dies ist der richtige Ausdruck, wie ich glaube, und heißt, daß Sie so viel als möglich den Fehler an sich haben, der die erste Frau der Welt in's Verderben stürzte, die Neugierde. — Diana. Das habe ich Zhnen schon gestanden, eS ist also kein großes Ver, dienst, es entdeckt zu haben. Paul. Aber dieser Fehler hatte gewisse Folgen, die Sie mir nicht ver- 30 trauten; und welche ich vielleicht wider meinen Willen erspäht habe. Nun aber, beweist mir eine dieser Folgen, ja, ich bin davon überzeugt, daß Sie, vielleicht ohne es zu wollen, den Leuten, die nichts Anderes gethan haben, als Ihrem Herzen Dienste zu leisten, vielen Kummer und Schmerz verursachen können. Diana. Ich begreife ganz und gar nicht, mein Herr.. . Paul. Alsdann werden Sie mir erlauben, Ihnen eine Geschichte zu erzählen, Madame, und Sie werden vielleicht begreifen. Diana. Reden Sie mein Herr, ich höre. Paul. Vor 8 Tagen hatte einer meiner Freunde ein Rendezvous mit einer Frau, welches, wie es scheint, weder bei ihr, noch bei ihm stattfinden konnte... Sie erlauben, daß ich fortfahre, Madame? Diana. Fahren Sie fort. Paul. Dieser Freund kam zu einem Maler, um dessen Zimmer zu leihen, und obgleich der Maler wußte, daß es deshalb geschah, um eine Frau zu empfangen, so hat sich dieser Maler, wie ick glaube, doch so benommen, wie er sich benehmen mußte. Er hat durchaus auf keinerlei Weise versucht, diese Frau kennen zu lernen, und doch wäre ihm dies sehr leicht gewesen. Diana. Da hat er seine Pflicht als Mann von feiner Lebensart gethan. Paul. Aber diese Frau war vielleicht nicht ebenso diöcret, so daß während sie ihren Liebhaber erwartete — Diana. Ihren Liebhaber! Paul. Ihren Liebhaber, ja, Madame; mein Freund war wohl sicherlich der Liebhaber dieser Frau, sonst würde sie ihn öffentlich, in ihrem Hause empfangen haben. Diana. Sie sind sehr streng gegen die Frauen, mein Herr; es ist doch möglich, daß die Frau, von der Sie reden, npr zu dem Maler gekommen ist, um einen Freund zu sehen... oftmals trügt der äußere Anschein! Paul. Sei es, Madame, aber daran liegt wenig; gewiß ist — daß diese Frau hingekommen ist, und meinen Freund, ihren Freund, wenn Sie wollen, erwartend, ahmte sie in keiner Weise die Discretion ihres Wirthes nach; sie durchstöberte Alles und wühlte in allen Schubladen, welche er ohne allen Argwohn offen gelassen hatte. Sie fand da, ohne Zweifel, waS man wohl immer bei einem ledigen Manne finden kann, Frauen-Briefe, Papiere aller Art; dies mußte diese Dame sehr unterhalten und belustigen; kurz also, die Folge war, daß sie durch ihre Nachforschungen erfuhr, Derjenige, welcher sie bei sich empfing, hätte vielleicht Geld nöthig, um es seiner Mutter zu schicken, und zur Bezahlung für seine Gastfreundschaft könnte man ihm aus Barmherzigkeit ein Bild abkaufen. Diana. Mein Herr! Paul. Sehen Sie, Madame, wie sehr Sie diese Erzählung intereffirt — aber erlauben Sie mir, dieselbe zu beendigen. Bis hierher geht Alles ganz gut. Der junge Mann verkaufte sein Bild, schickte die Hälfte Geld seiner Mutter, und machte sich fröhlich an das zweite Bild, welches dieselbe Person bei ihm bestellt hatte. Unglücklicherweise hat aber die Neugierde keine Grenzen, und die Dame, nachdem sie die Kasten des Unbekannten durchsucht hatte, wünschte ihn kennen zu lernen, und ließ ihn sich durch ihren.... ihren Freund vorstellen. Diana. Und was geschah alsdann! Paul. Alsdann? Nun, Madame, der Maler erkannte die Dame, und vielleicht ein wenig zu empfindlich, — fühlte sich seine Würde durch eine derartige Neugierde beleidigt, welche mit einem Almosen endigte; ja fühlte sich um so mehr beleidigt, als diese Dame ihm beim ersten Anblick, alö ein seltenes Vorbild edler Schönheit, mit siolzer Seele und erhabenen Gesinnungen erschien; er begriff alsdann, daß sein Platz nicht da wäre, wo er sich befand, nahm also bald Abschied von der Dame, ihre Verzeihung erbittend, daß er sich ihr vorstellen ließ. Diana. Warten Sie, mein Herr, dahinter steckt eine Verrätherei, ich möchte fast sagen, eine Ehrlosigkeit, deren Erklärung Sie mir, wie ich hoffe, geben werden. Erlauben Sie mir demnach, Ihnen über das Ende Ihrer Geschichte eine Frage zu stellen, und um es Zhnen leicht und bequem zu machen, will ich den Personen, welche Sie auf die Scene brachten, die Masken abnehmen. Derjenige, welchen Sie den Liebhaber der Frau nannten, heißt Ma- rimilian von Lernon, der Maler sind Sie, die Frau ich selbst. Sie sehen nun wohl, mein Herr, daß ich entschlossen bin, eine offene und loyale Erklärung mit Ihnen herbeizuführen. Herr von Ternon gab mir sein Ehrenwort, daß er Ihnen niemals den Namen der Frau nennen würde, mit welcher er bei Zhnen war. Paul. Maximilian hat sein Wort gehalten, Madame, er sagte mir Ihren Namen nicht. Diana. Woher also wissen Sie ihn? Paul. Wollen Sie gefälligst Ihre Hand betrachten, Madame. Diana. Meine Hand? Paul. Sie tragen den Ring, den Sie bei mir vergessen hatten, den ich fand, den Maximilian Ihnen zurückgebracht und der mir sagte, wer Sie sind. Diana. Das ist wahr. — Unvorsichtige! Also der Zufall hat Alles verrathen. Sei es, es ist mir lieber, als daß ich einen Freund beschuldigen Mußte. — Jetzt, mein Herr, antworten Sie mir sreimüthig — kannten Sie Mich, bevor Sie eintraten? Paul. Nur dem Namen nach. Diana. Man hatte mit Ihnen von mir gesprochen, — Sie sagten es mir so eben. Paul. Das ist wahr! Diana. Und was hat man Zhnen gesagt! Paul. Mancherlei, Mcüanie. Diana. Nun wohl, mein Herr; dieses Mancherlei soll man nicht mehr sagen, und da wir gerade bei diesem Kapitel sind, so fordere ich, daß Sie meine Rechtfertigung hören. Paul. Zch habe durchaus kein Recht dazu- Diana. Sei eS — aber eö ist mein Wunsch .... Herr von Ternon .... Paul. So eben läutete man, Madame . . . ohne Zweifel ist er eS. Diana. Wer sonst sollte es in so später Stunde sein? Ich bin erfreut, daß er gerade jetzt kommt; die Erklärung soll in seiner Gegenwart stattfinden. (Sie öffnet die Thür) Kommen Sie, Vicomte, kommen Sie. (Die Thür wieder schließend.) Der Herzog! (ZuPaul) Ich bitte Sie dringend, mein Herr, treten Sie gefälligst einen Augenblick in dieses Zimmer. Mt Wuth) Mein Gott! Mein Gott! Siebenter Auftritt. Herzog. Diana. Diana. Wie — Herr Herzog, Sie sind es? Herzog. Ja, Gräfin. Diana. Will mich denn heute Abend Jedermann beleidigen?! Was ist denn geschehen, Herr Herzog, daß ich Sie zu solcher Stunde bei mir eintreten sehe? Herzog. Haben Sie mich nicht mit einen Auftrag beehrt, und mir erlaubt, Ihnen die Antwort zu bringen? Diana. Um 1 Uhr nach Mitternacht? 3L Herzog. Ich sah noch Licht in Ihrem Fenster. Diana. Ist das ein Grund? Herzog. Ihre Leute sagten mir sogar, daß Sie nicht allein seien; ich glaubte, Sie nähmen Besuche an. Diana.^ie irrten sich, Herr Herzog .. . Nur Unglückliche oder Liebhaber haben das Recht, die Thüre einer Frau um 1 Uhr nach Mitternacht zu öffnen . . . Glücklicherweise sind Sie weder das Eine noch das Andere. Herzog. Gräfin, ich glaubte nicht... Diana. Kehren Sie nach Hause zurück, Herzog, denken Sie nach, und wenn Sie morgen kommen mir Ihre Entschuldigungen zu bringen, werde ich mich nur an Ihre früheren Besuche erinnern. Gehen Sie, Herzog, gehen Sie! (Wenn der Herzog ab ist, so wirft sich Diana in einen Fauteuil und weint, sich das Gcficht in den Händen verbergend.) Achter Auftritt. Paul. Diana. Paul (eintretend). Leben Sie wohl, Madame! Diana (aufstehend, sich die Augen trocknend). Leben Sie wohl, mein Herr! Paul. Sie weinen, Madame. Diana. Wie soll ich Sie nun überzeugen? Ich schwöre Ihnen jedoch, daß der Herzog durchaus kein Recht hatte, sich so zu betragen, wie er es ge- than. — Ich schwöre es Ihnen! Paul. Wozu dieser Schwur, Madame ? Sind Sie nicht vollkommen frei und Herrin aller Ihrer Handlungen? Der Zufall ließ mich um 1 Uhr nach Mitternacht mit Ihnen hier allein sein; Sie wollten nicht, daß man mich sähe, und baten mich, in einem anderen Zimmer zu warten, bis Sie einen Zudringlichen, Ueberlästigen verabschiedet haben. Was ist wohl natürlicher? Diana. Aber was denken Sie nach einem solchen Auftritt von mir? Paul. Dasselbe, was ich vor 10 Mmuten dachte. — Diana. Oh! Sie sind grausam, mein Herr. Paul. Sie mißdeuten den Sinn meiner Worte, Madame. So mancherlei ich auch sah' oder hörte, meine Meinung über Sie stand von dem Augenblicke an fest, als ich Sie zuerst gesehen habe. Ich hatte Gelegenheit, Ihnen einen Dienst zu erweisen, Sie wollten erkenntlich sein, nichts ist einfacher. Da wo meine Empfindlichkeit ein Almosen sah, sieht jetzt mein Herz nur noch eine gute That. Ich danke Ihnen dafür, Madame, und bitte Sie um Vergebung für dasjenige, was ich Ihnen vorhin sagte. Diana. Welche Sprache! Paul. Es ist die Einzige, welche ich gegen Sie führen darf, Frau Gräfin; — .die Thränen, welche Sie so eben vergossen haben, find das vollständigste Dementi, gegen Alles, was man auch von Ihnen sagen möge. Nein, Madame, nein, nichts von all' dem Gerede ist wahr; Sie haben nicht erst nöthig, es mir zu sagen. Ich will nicht, daß es geschehe! Lassen wir Dummköpfe diese Verleumdungen glauben, schlechte Menschen sie wiederholen, aber wir, Leute von Herz, geschaffen, um uns zu verstehen, wollen sie verächtlich betrachten und ihres Weges ziehen lassen. -- Diana. Oh! herrlich, schön! Paul. Ich habe Sie in einem Augenblick verstanden, Madame; ich habe begriffen, daß Ihre unbeschäftigte Seele Alles Ihrem Geist überläßt, und der Geist ist oftmals ein schlechter Rathgeber für eine junge und schöne Frau. Wollen Sie den Beweis davon? Ich kenne Sie kaum seit einer Stunde erst, und diese kurze Zeit genügte, um mir fast Rechte über Sie zu geben. Sehen wir der Lage, in der wir unS 33 gegenseitig befinden, gerade ins Gesicht und dem, was ich thun könnte, wenn ich ein unredlicher oder auch nur ein schlecht erzogener Mann wäre. Sir sind zu mir gekommen, um dort mit einem meiner Freunde zusammen zu treffen. Sie willigten ein, mich zu empfangen und hier bin ich bei Ihnen um 1 Uhr nach Mitternacht. Ich bin allein mit Ihnen, Sie haben mich in Ihrem Zimmer versteckt und Sie weinen über die Beleidigung, welche Ihnen ein Mann angethan, dessen Abgeschmacktheit einige banale Koketterien für ernsthaft aufnahm. Währenddem Jener kam, kommt Derjenige nicht, den wir erwarten, und der am wenigsten Unverschämte ist sogar noch der, welcher gekommen ist. Sie fragten mich so eben noch, was mir wohl Maximilian von Ihnen gesagt hatte, Madame; hier, fünf Minuten bevor er mich Ihnen vorstellte, sagte er: „Mein Lieber, mache der Gräfin den Hof." Er kommt nicht! Warum? Um mir die Gelegenheit zu verschaffen, nachdem er mir den Rath gegeben; und weil er bei einer Tänzerin ist, welche er Ihnen nicht zu opfern gedenkt, Ihnen, der Gräfin de Lys!! Das ist es, was ich mir sagen könnte, denn es ist die Wirklichkeit! Diana. Ja! Paul. Und nach Allem was vorgefallen ist, würde ich nicht lügen, wenn ich Morgen zum Herzog sagte: Sie kamen gestern Nacht zur Gräfin de Lys, ich war im anderen Zimmer verborgen, und habe Alles gehört. Ich weiß chohl, daß dieß gemein und unanständig sein würde; aber es hätte so kommen können. Denn, was Sie auch sagen könnten, man würde Ihnen antworten, daß ein Mann, welcher Nachts w dem Zimmer einer Frau versteckt war, wohl Rechte und Ansprüche an d'ese Frau haben oder geltend machen kann. Ich würde Sie compromittirt haben, die vorhergegangenen Gerüchte Wiener Theater-Repertoir. Xl.HI. würden den neu auftauchenden Gerüchten einen leichten Weg bahnen, und doch find wir in Wirklichkeit einander gar nichts, sind uns beinahe noch ganz fremd; ich gebe Ihnen die Hand, wie einem Manne, und rede Sie Frau Gräfin an, grade so, als ob 100 Personen um uns wären. WaS beweist nun Alles dieses? Daß Sie in Ihrem Leben schon — ich weiß nicht wieviel — Unvorsichtigkeiten derselben Art begangen haben, welche keine Folgen herbeigeführt zu haben schienen, und diese doch hatten... Ist es wahr? Diana. Ja, es ist wahr. Wie schön ist es von Ihnen, so mit mir zu sprechen. Sehen Sie — ich weine nicht mehr, aber ich werde Ihnen Alles sagen. Es gibt Augenblicke, welche 20 Jahre alte Freundschaften schaffen. Sie werden mein Freund sein — mein Herr, ich wünsche es. Paul. Ja, Madame, Sie müssen auf diesem Wege innehalten, weil es noch Zeit dazu ist. Handeln Sie so, daß Ihre Würde Ihnen voranschreite und Sie beschütze, ohne daß Sie nö- thig haben, dieselbe zu Ihrer Hilfe herbei zu rufen, wie Sie es soeben thun mußten... Nicht wahr, es ist seltsam, daß Ihnen ein Mann in meinem Alter einen derartigen Rath gibt? Aber ich würde jetzt der erbärmlichste Mensch sein, wenn ich Sie nicht als die reinste der Frauen betrachtete. Diana. Dank, Dank! Dieser Abend wird eine Lehre für mich sein. An Ihrer hohen Achtung ist mir von jetzt an Alles gelegen, denn Sie besitzen einen erhabenen Geist, eine edle Seele! Sie werden mir helfen, nicht wahr? Ich bin schwach, ach! Niemand liebt, und Niemand beschützt mich! Sie werden öfters zu mir kommen. Ich werde Ihnen alle meine Handlungen mittheilen, — werde nichts thun, was Sie nicht erlaubt haben werden. Jst's so recht? Schon erwacht etwas Gutes, Edles in 3 34 mir. Ich liebe meinen Vater. Ich liebe ihn, wie Sie Ihre Mutter lieben ... wäre er in meiner Nähe, würde ich keiner andern Stütze bedürfen. Wenn ich unvernünftig sein sollte, werden Sie mir damit drohen, es meinem Vater zu sagen und Sie sollen sehen, wie folg- ^ sam ich sein werde. Also einverstanden,! nicht wahr? ! Paul. Alles was Sie wünschen! j Diana. Oh! Ich bitte Sie, neh- men Sie die Oberherrschaft über mich,! befehlen Sie, schelten Sie, strafen Sie,! wie es sein muß. Ich bin eine jener j Frauen, welche es nothig haben, be-! herrscht zu werden; meine Stärke liegt! in Anderer Kraft! — ! Paul. Sie vergessen, Madame, daß! eine Frau in ihrem Alter und von! Ihren Naturgaben sich nur von einem! Mann beherrschen läßt. Diana. Von welchem? Paul. Von demjenigen, den sie! liebt. ! Diana. Oder von dem Freunde,! (Ende des zwei! den sie hochachtet; wollen Sie dieser Freund nicht sein? Paul. Ewig! — Leben Sie wohl, Madame! Diana. Warum Lebewohl? Paul. Es ist spät für mich, wie für den Herzog. Diana. Aber Sie kommen wieder, nicht wahr? Paul. Wenn Sie eS mir erlauben werden. Diana. Sobald es Ihnen möglich sein wird. Morgen. — Paul. Morgen. Leben Sie wohl, Frau Gräfin. Diana. Leben Sie wohl, mein Herr. Denken Sie an mich; arbeiten Sie für mich, will ich sagen. (Paul küßt ihr die Hand und geht ab.) Neunter Auftritt. Diana (allein). Ah! Ein edleS, großes Herz! Aufzuges.) Dritter Auszug. (Ein Salon bei der Gräfin.) Erster Auftritt. Diana (allein, ordnet vor einem Spiegel die Blumen ihres Kopfputzes), dann Diener. Diana. Der Bediente kommt nicht. (Diener tritt auf) Ah! Da ist er— Nun? Diener. Hier ist die Antwort, Frau Gräfin. Diana. Gut; und diese anderen Papiere? Diener. Visitkarten. Diana. Der Vicomte von Ternon, — auf der Karte steht mit Bleistift geschrieben: zum 10. Mal. Die Karte des Herzog, (zum Diener.) Was haben Sie diesen Herren geantwortet? Diener. Daß die Frau Gräfin heute Abend bis 11 zu Hause blieben. Diana. Sagten die Herren, daß sie wiederkommen würden? Diener. Za, Frau Gräfin. 35 Diana. Gut! Sie können gehen. (Diener ab. Diana öffnet den Brief und liest.) „Bestehen Sie nicht darauf, ich bitte Sie darum; Ihnen etwas abschlagen zu müssen, ist mir zu peinlich, aber Sie wissen, — ich habe es Ihnen schon gesagt, — daß ich der Welt, welche Sie umgibt, nicht trotzen, nicht die Stirne bieten will, da ich zu sehr fürchte, daß diese mein Geheimniß durchdringt und Ihnen ein Verbrechen daraus mache. ES scheint mir, daß ich nicht genug Herr meiner selbst sei und daß ein Einziger meiner Blicke Sie ins Verderben stürzen würde. Bewahren Sie mir die Einsamkeit und daS Geheimniß, und erscheinen Sie schön und heiter inmitten Derjenigen, die Sie bei sich empfangen werden. Heute Abend um 11 Uhr gehe ich unter Ihren Fenstern vorüber; seheich das verabredete Zeichen, so komme ich einen Augenblick hinauf, um Ihnen zu sagen, wie glücklich ich seit drei Wochen bin; wenn nicht — bis morgen! Denken Sie ein wenig an mich, der ich meinen Abend arbeitend und an Sie denkend zubringen werde!" (Verbirgt den Brief in ihren Busen.) Es ist nichts dagegen zu erwie- dern, er hat vielleicht Recht. Diener (meldend). Madame de caunay. Zweiter Auftritt. Marceline, Diana. Diana. Ah! Du bist eS, theuerste Marceline. Schon in großer Toilette? Du gehst also auch zu der Fürstin von Cadignan? Marceline. Ja, und da Du an- sagen ließest, daß Du bis 11 Uhr zu Hause bleibst, so komme ich vor allen andern Besuchern. Wir werden einige Augenblicke für uns haben, um unge- ganz nach Gefallen plaudern zu können. Diana. Was hast Du mir zu sagen? Marceline. Ich habe sehr wichtiger und ernsthafter Sachen halber mit Dir zu sprechen. Diana. Wahrhaftig! Marceline. Ja! Diana. Desto schlimmer! Marcel ine. Warum? Diana. Weil ich bei glänzender, rosigster Laune bin und vor Deinem Ernste Furcht habe. Marceline. Du bist also glücklich? Diana. Sehr glücklich! Marceline. Und Du liebst mich noch immer? Diana. DaS Glück hat das Gute, daß man Diejenigen noch weit mehr liebt, die man, bevor man glücklich war, liebte. Marceline. Und Du glaubst gewiß, daß ich Dich auch liebe? Diana. Ich habe nie daran ge- zweifelt. Marceline. Und der Beweis davon ist, daß ich Dir die Unbesonnenheit verziehen habe, welche Du mich neulich mitmachen ließest, und daß ich zu Dir gekommen bin, da meine Freundschaft Dir nützlich sein kann; ich komme deßhalb auch, Dir einen Rath zu geben. Diana. Der ist ... . Marcel ine. Sogleich nach Deinem Landgute abzureisen und Dich mit Deinem Gemal zu vereinigen. — Diana. Gestehe selbst, daß dies ein sehr possierlicher Rath ist. Marceline. Hat er Dir nicht geschrieben und Dich darum gebeten? Diana. Hast Du es nicht ganz natürlich gefunden, daß ich hier blieb? Marcel ine. Aber damals wußte ich nicht . . . Diana. WaS? Marceline. Was man mir seitdem gesagt hat. Diana. Und was hat man Dir gesagt. 3 36 s, Marceline. Kennst Du Herrn Paul Aubry? Diana. Wir waren ja zusammen bei ihm. Marceline. Zu jener Zeit kanntest Du ihn eben so wenig, als ich ihn heute kenne .... Ist es nun wahr, daß Du seit jener Zeit mit ihm zusammen gekommen bist? Diana. Warum diese Frage? Marcel ine. Antworte mir nur. Diana. Ja, es ist wahr. Marceline. Ist es schon lange her? Diana. Drei Wochen. Marcel ine. Du hattest mir nichts davon gesagt. Diana. Es war geradezu der Zeit, wo wir entzweit waren, und nachher habe ich nicht daran gedacht. Marceline. Ist das gewiß wahr? Diana. Weißt Du auch, daß Du mich ein wahrhaft peinliches Verhör bestehen läßt. Hüte Dich; Du wirst meiner Schwägerin ähnlich werden. Marceline. Hat meine Freundschaft nicht das Recht, Dich ein wenig zu verhören? Diana. Je nachdem! Marcellne. Aber sie hat das Recht, Dich zu warnen. Diana. Vor was? Marceline. Vor einer Gefahr: Du compromittirst Dich. Diana. Du bist närrisch! Marcel ine. So mußt Du denn die ganze Wahrheit kennen lernen; weißt Du, was man sagt? Diana. Nein! Marceline. WaS vermuthet man wohl, wenn eine junge, schöne und reiche Frau, wie Du es bist, sich plötzlich absondert und aus der Gesellschaft verschwindet? Diana. Man vermuthet, daß sie einen sehr großen Kummer habe. — Marcel ine. Oder zu großes Glück! Unsere Welt verzeiht einen Kummer, niemals verzeiht sie ein Glück. Diana. Höre, meine theure Marceline. wir Beide befinden unS in ganz verschiedenen Lagen; der einzige Punkt, wo wir uns berühren, ist unsere Freund schaft. Möge diese Freundschaft Deinerseits nicht zu streng sein, möge sie der Meinigen vertrauen, dies ist Alles, waS wir brauchen. Du wurdest mit dem Manne Deiner Wahl vermält, Du liebst ihn und wirst von ihm geliebt, das Glück blüht in Deinem Hause, Du pflückst diese Blüthen ohne Mühe», lächelnd, zwischen einem Kusse Deines Gatten und einer Liebkosung Deines Kindes — desto besser für Dich. Dieses Glück wünschte ich zu kennen, und wenn ich es nicht kenne, so liegt die Schuld nicht daran, eS nicht gesucht zu haben. Marcel ine. Es ist wahr, Du hast vielleicht das Recht, Dich zu beklagen, aber auch nur allein Dich zu beklagen. Dein Recht hört da auf . .. Du lebst in der großen Welt, der Du angehörsi, die Dich umgibt und die schon anfängt, den schrecklichen Spruch über Dich auö- zusprechen. welcher einmal über daS Leben einer Frau in unfern Verhältnissen ausgesprochen, sich seinen Weg bahnt, und eine tiefe Wunde bohrt. Diana. Und dieser Spruch heißt? Marcel ine. Er heißt: „Sie hat einen Liebhaber!" Diana. Sehr gut! Die Welt ist noch sehr gütig gegen mich, mir nur Einen zu geben, da sie mir früher -- wieviel wohl? zutheilte, 2, 3 — was weiß ich? Eben alle Männer, mit welchen ich mich umgab. Marcel ine. Aber die Welt log damals und wußte es wohl; als Du Deinen Platz in der Gesellschaft einnahmst, verursachte Dein Auftreten du gewisse Aufregung, welche Deine Scho"' heit, Deine Jugend, Dein Vermögen Dein Name, Dein Charakter, Deine Originalität nothwendig Hervorbringen mußte. Du hast viel Eifersucht rege ge- 37 ^ macht, die Eigenliebe gekränkt, die ! Schmähsucht herausgefordert; aber alle diese schlechten Leidenschaften haben sich in v agen Vermuthungen, ohne sicheren ! Grund, ohne wirkliche Thatsachen verlau- i fen. Du thatest nichts Böses, eS war also ; nichts Schlechtes zu reden; man schwieg, ' aber mit der geheimen, still gepflegten - Hoffnung auf Rache. Diese Rache bietest Du jetzt dar, und heute flüstert die ^ Welt einen Namen, den des Herrn . Paul Aubry. Ich habe davon sprechen > hören, ich ängstigte mich und eile. Dich zu benachrichtigen. Du hast eine erbitterte Feindin, Deine Schwägerin, sie - lächelt Dir zu — sei auf Deiner Hut. Diana. Die Welt wird noch ein- - mal erkennen, daß sie sich täuschte und Alles wird gesagt sein. — Marcel ine. Man ist Dir mit Herrn Paul Aubry begegnet. Diana. DaS tst möglich, man begegnete mir wohl auch mit anderen Leuten. Marcel ine. Man sah ihn zu Dir kommen. Diana. Wie viele Andere. Marceline. Ja! Aber diesen Andern blieb Deine Thür verschlossen. § Diana. Nein, da ich heute Abend ^ empfange und auf den Ball gehe. Marcel ine. Weil Du selbst eingesehen hast, daß Du der Welt ein Zu- geständniß machen mußtest. Endlich — gehört Herr Paul Aubry nicht denselben Gesellschaftskreisen an, wie Du; er ist ein Künstler, man sieht ihn nicht, und man weiß, daß Du ihn empfängst. Man fragt sich, wie Du ihn kennen lerntest; Gott bewahre mich, Dich ju beschuldigen, ich warne Dich, das 'st Alles. Du bist glücklich, sagtest Du; ^enn Du jemals unglücklich wirst, weißt Du. wo Du eine Freundin findest. ap, und so sehen Sie mich denn hier oyn Obdach, aber glücklicherweise auch ohn Frau ... Ja, ja, heirathet nur Geliebte! 63 Maximilian. Es ist überall dieselbe Geschichte. Taupin. Sind Sie auch betrogen worden ? Maximilian. Ich — mein Herr, machte die Bekanntschaft einer Tänzerin. Taupin. Das ist eine ganz andere Gattung. Maximilian. Ich war wahnsinnig verliebt in sie. — Taupin. Natürlich, Sie richteten sich für sie zu Grunde. Maximilian. Zur Genüge. Taupin. Und sie hat Sie betrogen. Maximilian. Vollständig! Taupin. Sehr erfreut, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen, mein Herr. Maximilian. Und ich habe noch ihretwegen einen Degenstoß von demAn- dern bekommen, den ich Schlingel genannt hatte. Paul (zeigt auf die Degen). Dort stehen die Degen? Taupin (die Waffen begrüßend). Aber worüber beklagen Sie sich? — Diese liebenswürdige Person hätte warten können, bis Sie vollständig zu Grunde gerichtet waren und der Andere konnte Sie tödten. Paul. Wie zum Teufel konntest Du Dich auch in ein Frauenzimmer verlieben, welches Entrechats schlägt! . Maximilian. JchratheDir, Dich !a nicht über Leute lustig zu machen, die verliebt sind, als ob Du es nie gewesen wärest? — Aber reden wir von ernsteren Dingen... Sie sind nicht zu viel, Herr Taupin, im Gegentheil ^ - Ich habe Herrn v. Boursac gesehen . . . Wann ist die Hochzeit? Taupin. Welche Hochzeit? Max i m ilian. Die Hochzeit Paul's! Taupin. Ah! Sie verheirathen sich! Paul. Noch ist nichts abgeschlossen. Maximilian. Warum? Paul. Du frägst? Maximilian. Immer noch die Gräfin! — Aber, mein Theurer, wirst Du denn mit dieser Geschichte nicht einmal zu Ende kommen? — Du hast gleichwohl Alles gethan, was menschlicher Weise möglich war zu thun. Paul. Mag sein, aber ich gehöre mir nicht mehr selbst an. Maximilian. Weil — ? — Paul. Weil ich mir selbst einen Eid geschworen habe. Maximilian. Einen Eid — ? — Paul. Mich zu rächen. Maximilian. An wem? Paul. An dem Grafen! Maximilian. Was hat er Dir gethan? Paul. Du weißt es wohl. Maximilian. Mein werther Herr Taupin, Sie kennen die Geschichte? Tau pin. Ich kenne den Auftritt zwischen dem Gemahl und Paul in Lyon. Maximilian. Aber er hat Ihnen die Folge nicht gesagt. Taupin. Nein! Maximilian. Nun gut, so hören Sie; Sie sollen dann urtheilen. Der Graf reiste mit seiner Gemahlin ab; er war wohl in seinem Rechte; — was halten Sie davon? Tau pin. Alle Wetter! Maximilian. Was hatte nun Paul zu thun? Er sollte sich glücklich schätzen, so wohlfeilen Kaufes davon gekommen zu sein, denn genau betrachtet, konnte ihn der Herr Gemahl tödten .... er hätte sich sagen sollen, daß gegen eine derartige, wirkliche Unmöglichkeit, wie sie ihm begegnete, nicht anzukämpfen sei, mußte gleich nach Paris zurückkehren, sich an die Arbeit begeben, seine Mutter Wiedersehen, seine Freunde; er mußte ein Verhält- niß vergessen, welches keine Dauer haben konnte und Gott danken, daß sein ganzes Leben nicht durch eine Frau gestört wurde . . . Der Gräfin gegen- 64 über hatte er sich nichts vorzuwerfen; daß sie getrennt wurden, war weder des Einen noch des Anderen Schuld; die Schuld lag in den Ereignissen, den Stellungen, in den Rechten der Gesellschaft .... Wissen Sie nun, waS Paul that? Taupin. Lassen Sie hören? Maximilian. Er folgte dem Grafen und der Gräfin überall hin; weshalb? Ich frage Sie ein wenig. Paul. Weshalb? Weil mir dieser Mann ins Gesicht gesagt hatte, daß er mich tödten würde, und vor seiner Frau, in seiner Wohnung, in einem Augenblicke, wo ich ihm nichts antworten konnte. . . Dieser Mann ist ein Feigling! denn ich habe ihn nicht dazu bringen können, sich zu schlagen, und Gott weiß, ich habe Alles Mögliche deshalb unternommen . . . Ich folgte diesem Manne, wie der Hund seinem Herrn folgt, ich setzte meine Füße in seine Fußstapfen — Stieg er in einem Gasthofe ab, war ich ebenfalls da, setzte er sich zu Tische, setzte ich mich an denselben Tisch; ging er aus seinem Zimmer, so fand er mich auf der Schwelle.. . Nichts hat ihn berührt! — Er blieb kalt, wie eine Statue! — Nicht ein einziges Mal that er nur, als ob er mich sehe. Wenn der Muth in der Unempfindlichkeit liegt, so hast du Recht, dann ist dieser Mann mu- thig. Taupin. Zu was aber sollten alle diese Beleidigungen und Herausforderungen führen? Paul. Sie begreifen also nicht? er führte seine Gattin mit sich! Wenn ich ihn nicht durch irgend ein Mittel während der Reise aufhielt, so war sie für mich verloren! Verloren für mich, und lieber wollte ich Alles verlieren! Mit ihr zu entfliehen, war unmöglich, es gab also nur ein Mittel, nämlich den Mann zu tödten. Taupin. Sapperment! Sie Haben s eilig! Maximilian. Oder von ihm ge- tödtet zu werden! Dies würde auch sicherlich geschehen sein, denn was Du auch sagen magst, der Graf ist einer der tapfersten Männer, die es gibt. Er hat es bewiesen, und noch mehr, er ist einer der besten Schützen .... höre: Du bist ein Narr, der Graf hat sich im höchsten Grade als Mann von Geschmack und von Geist gezeigt; er wollte seine Frau behalten, und er hat sie behalten; er wußte wohl, daß Du früher oder später dieser lächerlichen Verfolgung entsagen mußtest ... Ein Künstler kann nicht lange Jagd auf einen Millionär machen; — der Graf hatte nur immer ganz gerade fortzureisen, um Dich los zu werden, und das hat er gethan . . . Der Tag kam, wo Dir das Geld ausging, und Du bliebst unterwegs ... So verliebt man auch sein mag, mit 2 Füßen folgt man keiner Postchaise, der Graf setzte ganz einfach seine Reise fort, und Alles war abgethan. Du mußtest zurückkehren, deshalb hieher schreiben, um Geld aufzutreiben, borgen, arbeiten und nachher um den halben Preis verkaufen, um zurückzubezahlen. Paul. Das ist wahr. - Taupin. Ah! Mein armer Freund, Ihr Gefühl wird Sie zu Grunde richten. Maximilian. Aber hören Sie uns ein Wenig zu, mein werther Herr Taupin, welches Glück dieser Bursche hat. Eine solche Unbesonnenheit, wie er sie begangen hat, würde viele Leute getödtet, oder sie doch wenigstens für alle Zeiten für die Welt zu Grunde gerichtet haben. Ihn ganz und M nicht. Er kommt wieder, die Geschichte wurde gerade bekannt genug, daß sie auch eine alte, sehr geistreiche Frau» eine Witwe hören mußte, die ma Madame de Lussieu nennt, und ein alter Philosoph, Herr von Boursac g' 65 nannt, der schon seit langer Zeit der Freund der alten Dame ist. . . Die alte Dame wünschte den Helden des Abentheuers kennen zu lernen, da sie dessen Heldin bereits kannte; Herr von Boursac stellte ihn vor. Die alte Dame hat eine Tochter, welche, statt die lächerliche Seite der Geschichte zu sehen, nur die romantische Seite derselben sah. Dieses junge Mädchen verliebte sich leidenschaftlich in Paul. Sie hat eine Million Mitgift, ist hübsch wie ein Engel, und erklärt, daß sie nur Herrn Aubry heirathen werde. Man spricht von dieser Heirath, Madame de Lussieu willigt ein; Paul geht in's HauS, macht dem Fräulein den Hof, compromittirt sie beinahe, und jetzt, wo es sich darum handelt, abzuschließen, ist er unschlüssig, zaudert und stößt die Gelegenheit, welche sich in dem Leben eines Menschen nur einmal darbietet, von sich, nämlich: sein Glück zu machen und sich ein Vermögen zu sichern. Taupin. Sie thun sehr Unrecht, lieber Freund; bedenken Sie doch Alles: Eine Familie 50,000 Franken Renten. Sie können die Kunst mit goldenem Pinsel betreiben . . . heirathen Sie, Lieber, heirathen Sie! Paul. Ich liebe daS junge Mädchen nicht. Marimilian. Und Du liebst immer noch die Andere? Paul. Vielleicht. Marimilian. Und Du glaubst, daß Sie wiederkommen wird? Paul. Wer weiß? Marimilian. Sie denkt eben so menig daran, zu Dir zurückzukehren, als ihr Gemahl daran denkt, sie Dir zuzuführen. . . Eine Frau, die Dir m 8 Monaten einen einzigen Brief schrieb. Paul. Einen Brief, der mir sagte: Mein Vater ist todtkrank, ich bleibe Wiener Theater-Repertoir. XI.Hl. bei ihm; aber ich schwöre Ihnen, daß wir uns Wiedersehen werden. Marimilian. Und Du glaubst diesem Versprechen? Paul. Ich werde so lange daran glauben, als sie mir nicht ein ewiges Lebewohl gesagt haben wird. Marimilian. Oh! Mein Theurer, in der Liebe gibt eS nur das eine ewige Lebewohl, welches man nicht sagt.... Uebrigens, wie erklärst Du Dir ihr Stillschweigen seit 6 Monaten? Denn am Ende findet eine Frau, welche liebt, doch immer Mittel und Gelegenheit, um schreiben zu können. Paul. Ich erkläre mir gar nichts — ich warte ... Es liegt darunter ein Geheimniß verborgen, dessen Aufklärung ich eines Tages erhalten werde; denn eS ist unmöglich, daß zwischen mir und dieser Frau Alles beendiget sei. Marimilian. Warum hast Du alsdann in die Heirath eingewilligt, welche man Dir vorschlug? Warum ließest Du sagen, warum hast Du eS selbst gesagt, daß Du Dich bald vermählen wurdest, und warum nanntest Du das junge Mädchen? Paul. Entmuthigung! Marimilian. ES gibt noch einen anderen Grund. Paul. Welchen? Marimilian. Willst Du offenherzig sein? Paul. Rede. Marimilian. Diese Heirath sollte Dir das letzte Mittel bieten, damit die Gräfin zurückkehrte . . . Du sagtest Dir: vernimmt sie nur, daß ich mich verheirathe, wird sie, wenn sie Dich noch liebt, eine verzweiflungsvolle Anstrengung versuchen, um zu Dir zurückzukommen, und deshalb machtest Du von dieser Heirath so vielen Lärm, als Dir nur möglich war; daS ist, was wir LiebeS-GalvaniSmus nennen. Paul. Vielleicht hast Du Recht! s 66 Maximilian. Ganz wohl! Aber mein Theurer, Du hast damit eine kleine Schandthat begangen, weil Du nicht das Recht hattest, einer Kokette wegen, die sich über Dich lustig macht, mit dem Glücke eines ehrbaren Mädchens zu spielen, welches Dich aufrichtig liebt. Paul. Maximilian! Maximilian. Oh! Mich wirst Du nicht umbringen! — Ich bin nicht der Herr Gemahl, und da ich es bin, welcher Dich der Frau vorstellte, kenne ich sie gewiß besser als Du . . . Also . . . Du verdienst, daß ich Dir jetzt mittheile, was ich Dir noch verbergen wollte; denn ich hatte Mitleiden mit Dir, und andererseits hoffte ich, daß Dir die Vernunft von selbst wiederkommen würde . . . Die Gräfin hat vernommen, daß Du Dich verheirathen wolltest, und ist nicht gekommen; weißt Du weßhalb?. . . Weil sie liebt . . . Paul. Wen? Maximilian. Die einzige Person, welche Du ihr nie verzeihen wirst, zu lieben. Paul. Und diese Person ist...?... Maximilian. Ich wette, Du er- räthst es nicht! Paul. Ich bin nicht zum Scherzen aufgelegt. Maximilian. Also Du erräthst eS nicht; und Sie auch nicht, Herr Taupin? Thatsache ist's, daß es seltsam ist: die Gräfin liebt ihren Gatten! Taupin. Ah bah! Paul. Ihren Gatten! Maximilian. Ihn selbst! Paul. Du bist verrückt! Maximilian. Nicht doch- Oh! Diana ist eine originelle Frau ... Ihr Gatte bewahrte sie, überwacht sie, läßt sie Niemand sehen! Anfangs weinte sie, darauf, da ihr Herz einen Abscheu vor aller Ruhe hat, betrachtete sie eines schönen Tages ihren ehelichen Kerkermeister; sie bemerkt, daß er geistreich ist, elegant, ein hübscher Mann; sie sagt sich dann, daß sie eigentlich sehr weit gesucht, was sie doch ganz in ihrer Nähe hatte und siehe -a — sie liebt den Grafen . . . Nun sagt man, daß sie auch Mittel gefunden, ihn mit sich selbst zu täuschen, indem sie ihn wie einen Liebhaber liebte und nicht wie einen Ehemann . . . Also, was meinst Du dazu — ist es nicht eine Frau, welche aus den Verhältnissen Vortheil zu ziehen weiß! Paul. Die Geschichte ist sehr sinnreich ausgedacht. Maximilian. Sie ist wahr! . .. Willst Du den Beweis davon? Paul. Ja! Maximilian. Kennst Du die Handschrift der Gräfin? Paul. Ob ich sie kenne! Maximilian. Wirst Du glauben, was ich Dir so eben sagte, wenn Du es Schwarz auf Weiß von ihrer Hand geschrieben siehst? Paul. Ich werde es glauben! Maximilian 6hm einen Brief zeigend) Erkennst Du die Handschrift? Paul. An wen ist der Brief adressirt? Maximilian. An Madame de Launay, bei welcher Du einmal gewesen bist, um Nachrichten von Diana zu hören, welche Dich aber nicht angenommen hat; es ist wahr, daß Du ihr einen Eid abgelegt, den Du nicht lange gehalten hast . . . Aber darum handelt es sich nicht. Lies — lieS ganz laut! Paul (lesend). „Ja, meine theure Marceline, ich bin glücklich, endlich habe ich das Glück verstanden, wie Du eS verstehst; die Ruhe ist in mein Leben zurückgekehrt, welches ich ganz meinem Gatten weihe, den ich jetzt liebe, und den ich lehren muß, Vieles zu vergessen .... Nichts kann Dir einen Begriff seiner Zärtlichkeit für mich geben . . . Gott hat mir den 6? rechten Weg gezeigt, ich wandle ihn ohne Zwang, vergesse die Vergangenheit, ja ich begreife sie selbst gar nicht mehr, und wiederhole Dir, ich bin glücklich. Wenn Du mich je im Schooße dieses neuen Lebens Wiedersehen willst, so mußt Du nach Neapel kommen, denn es ist gewiß, daß ich niemals wieder nach Frankreich, dem Lande der schmerzlichen und strafbaren Erinnerungen, zurückkehren werde!" „Ich küsse Dich und Dein Kind. Diana." Wie kommst Du zu diesem Brief? Marimilian. Madame de Launay hat mir ihn neulich vorgelesen, als wir von Diana sprachen; ich begehrte den Brief von ihr, und sie gab mir ihn, da sie wohl dachte, daß ich Dir ihn zeigen würde. Paul. Danke! — Empfängt Frau v. Luffieu heute Abends? Marimilian. Ja. Paul. Du wirst auch bei ihr sein? Marimilian. Ja! Paul. Und Du glaubst, wenn ich Fräulein Juliettens Hand von ihr erbitte, daß sie mir gewährt wird? Marimilian. Ich bin davon überzeugt. Paul. Noch heute Abend werde ich meinen Antrag stellen. — Marimilian. Endlich! — Ah! ES kostet viele Mühe, Dich glücklich zu machen. Paul. Ich sehe Dich noch vorher? Marimilian. Wir wollen zusammen speisen. Paul. Und Sie, mein lieber Laupin? Taupin. Ich reise heute Abend ab, und habe vor meiner Abreise noch einige Gänge zu machen. Paul. Sie speisen mit uns, nicht wahr? Taupin. Sicherlich! Paul. Also, um 6 Uhr, meine Herren. Ich muß einen Augenblick allein bleiben, und dann an meine Mutter schreiben. Marimilian. Sei ruhig! Paul. Ich bin es . . . Ach! ES gibt Schmerzen im Leben, welche in einem Augenblicke bewerkstelligen, was zehnjährige Vernunftgründe nicht auszurichten vermögen. Maximilian. Auf baldiges Wiedersehen ! Paul. Ja! (Er drückt Taupin die Hand.) Taupin. Sie leiden? Paul (in außerordentlicher Bewegung). Es wird vorübergehen. (Taupin und Maximilian ab.) Vierter Auftritt. Paul (allein. Er verbirgt einen Augenblick sein Gesicht mit den Händen und kann seine Thräncn nicht zurückhalten, dann steht er auf, sich die Augen trocknend). Ha! Muthl Muth! — Alle Spuren dieser lügnerischen Vergangenheit will ich vertilgen! — Wo sind die Briefe? — Hier, neben Bertha's Briefe . . . Arme Bertha! — Was ist aus ihr geworden? — Sie liebte mich, und ich verursachte ihr Leid und Schmerzen . . . Ich liebte diese, und jetzt leide ich — es ist nur Gerechtigkeit . . . Aber von Dir Bertha werde ich wenigstens eine fromme Erinnerung bewahren, während ich von dieser Frau nichts behalten will . . . r^ » »- » » < i^i-t',. izr'k' M;- iY<»L? ^ " r En t ' : a r ch n- ,.!e Der natürliche Sahn. Schauspiel in vier Aufzügen und einem Vorspiele in einem Aufzuge, von Deutsch von P. 0. Reinhard. ktara Mgnol. Henriette 81ernay. Die Marquise. Hermine. Madame gervais. Tart Sternay. Personen: Oakok. Marquis von Lrgekae. Aristide -freßard. Lucien. Dr. Ntanchard, Arzt. Diener. Das Vorspiel spielt 1819 in Paris. Der erste Aufzug in Jngouville, bei Madame Gternay. Der zweite Aufzug in Havre, im Hotel de France. Der dritte Aufzug bei dem Marquis von Orgebac, auf dem Lande, nahe bei Paris. Der vierte Aufzug bei Clara Bignot in Paris. Vorspiel. >Dei Clara. — Sehr einfaches, aber äußerst wohnlich und behaglich eingerichtetes Zimmer. — Dhüre im Hintergründe, welche zur Treppe führt. — Seitenthüren, links zu Madame Gervais, rechts zu Clara'S Zimmer. — Kamin im Hintergründe.—Mahagonimöbel. — Stickrahmen rc. rc.) Erster Auftritt. Lucien. Madame Gervais. Lucien (austretend). Guten Morgen, Madame Gervais. Mad. Gervais. Guten Morgen, Herr Lucien. Lucien. Wie befindet sich daS Kind? Mad. Gervais. Besser, viel — viel besser. Lucien. Herr Blanchard hat das ^ind gewiß mit vieler Sorgfalt behandelt ? — Mad. Gervais. Oh gewiß! — AuSgezeichnet!- Lucien. Er ist ein ausgezeichneter Mann und ein sehr geschickter Arzt.— Wiener Theater-Repertoir. XI.IV. Mad. Gervais. Und Sie haben «ich nur deshalb hierher bemüht, um sich nach unserem kleinen Jakob zu erkundigen? Sehr liebenswürdig von Ihnen. Lucien. Ich hatte keinen weiten Weg zu machen, da ich im Hause wohne. Mad. Gervais. Dessen Eigen- thümer Sie sind — man würde freilich keine Ahnung davon haben, wenn inan es nur durch Ihre ZinSquittun- gen erfahren sollte, denn diese muß man Ihnen erst dreimal abfordern, bevor Sie sie geben. Lucien. ES ist so lästig, seinen ZinS zu bezahlen! Und dann — unter Freunden legt man sich keinen Zwang auf. 1 Mad. Gervais. Unter Freunden? Sie gehen wohl zu weit! Lucien. Sollte Ihre Nichte keine Freundschaft für mich hegen? Sie würde großes Unrecht haben, denn ich fühle sehr viel Freundschaft für sie. Mad. Gervais. Eines ist gewiß — daß sie weit mehr und besser Ihre Freundin ist, als die Leute, welche sich Ihre Freunde nennen, und Sie das Leben führen lassen, welches Sie führen. Lucien. Was für ein Leben denn, Madame Gervais? Mad. Gervais. Ich wette, daß Sie gewiß jetzt erst nach Hause kommen ? Lucien. Nun ja. Mad. Gervais. Um 11 Uhr Vormittags! Lucien. DaS beweist, daß ich heute sehr frühzeitig ausgegangen bin. Mad. Gervais. Mit weißer Cra- vate und in seidenen Strümpfen — eS beweist, daß Sie gestern Abend nicht nach Hause gekommen sind. Lucien. Das habe ich ganz vergessen. Mad. Gervais. Sie sehen sehr übernächtig aus — Lucien. Ach! Jugend muß auö- toben! Mad. Gervais. Auf diese Art wird sie sehr geschwind ausgetobt haben. Lucien. Nun, und Sie? Mad. Gervais. Ich! Lucien. Ja; wohin gingen Sie denn gestern Abend, gegen die Vorstadt Saint-DeniS zu? Mad. Gervais. Ich ging in die Vorstadt Saint-Denis. Lucien. Was hatten Sie dazu thun? Mad. Gervais. Ich trug eine Stickarbeit in das Magazin, an der Ecke des Boulevard's. Lucien. Wer hat denn diese Stickarbeit gemacht? Mad. Gervais. Wer? Clara, meine Nichte, Sie wissen es wohl. Lucien. Solche Stickarbeit muß wohl nicht viel einbringen? Mad. Gervais. Wenn Leute wie Sie, die gewissen Frauen, welche nichts thun, so leichthin vieles Geld geben, wüßten, wie viel Mühe es einer Frau kostet, die arbeitet, um 20 Frauke» zu verdienen, dann würden sie Gewissensbisse haben, mein Ehrenwort darauf! Ihre einzige Entschuldigung ist, daß sie es nicht wissen. Lucien. Verkaufen Sie mir Stickarbeiten , ich wünsche mir gar nichts Besseres, als welche zu kaufen. Mad. Gervais. Man bietet Ihnen keine an. Lucien. Wenn ich sie aber nöthig brauche — Mad. Gervais. Sie? Und für wen? Lucien. Für jene Damen, welche nichts thun. Ich werde Sie mit Maaren abfinden, statt mit baarem Gelde, sie werden wüthend sein! — Nein, ich scherze nicht; verkaufen Sie mir Halsbinden und Manchetten, ich habe sie wahrhaft nöthig; ich habe eine Bestellung; ich werde sie Ihnen nach Werth bezahlen. Geben Sie mir den Vorzug. Mad. Gervais. Herr Lucien,ich bin schlau. Lucien. Sie sind Frau. Mad. Gervais. Ich bin es wenigstens gewesen, und ich sehe, daß sie gut sind. Lucien. Nur Dummköpfe sind nicht gut. Mad. Gervais. Dies beweist, daß Sie Geist haben, und daß Sie wissen, was man Ihnen nicht sagt. Lucien. Ich weiß nichts. Mad. Gervais. Lügen Sie doch nicht. Lucien. Gut also, ich weiß Alles .... reden wir nicht mehr davon. (Steht auf.) 3 Mad. Gervais. Legen Sie sich schlafen? Lucien. Nein, ich werde mich umkleiden und ausreiten. Mad. Gervais. Sie würden besser thun, recht tüchtig auszuschlafen. Lucien. Dazu wird heute Abend Zeit sein. Mad. Gervais. Oder Morgen . . . nicht wahr? — Sie werden sich umbringen . . . und für einen geistreichen Mann wird dies sehr etwas Dummes sein. Lucien. Ich habe eine eiserne Gesundheit. (Zum Doktor, welcher etntritt). Nicht wahr, Doktor? - Zweiter Auftritt. Vorige. Dr. Blanchard. Doktor. Was? Lucien. Nicht wahr, ich habe eine Gesundheit von Eisen? Doktor. Sie? Sie sind von Stahl und Eisen. Lucien (zu Mad. Gervais). Sehen Tie wohl — — — Mad. Gervais (zum Doktor). Ich werde meiner Nichte sagen, daß Sie da sind. (Ab.) Dritter Auftritt. Doktor. Lucien. Doktor. Ah, ah! Sie machen also d" Dame hier den Hof? Lucien. Ich? Nicht im Geringsten. Doktor. Man sagt eS jedoch. Lucien. Man thut Unrecht. Doktor. Sie ist hübsch . . . Lucien. Za. Doktor. Und dann hat sie auch das Aussehen einer recht guten, klei- "eu Frau. Lucien. Vortrefflich! Aber sie wird ""ch nicht wollen, und ich denke nicht ^ sie. Ueberdies hat sie ihren Gatten, sie anbetet. Doktor. Ist sie wirklich verheiratet? Lucien. Weshalb nicht? ES gibt wirklich verheiratete Frauen! . . .Wie Sie mich betrachten, mein lieber Doktor! Doktor. Sie sollten sich besser pflegen. Lucien. Wahrhaftig! Doktor. So stark man auch sein mag, muß man sich doch ein Bischen massigen. Warum machen Sie nicht eine Reise? Lucien. Nach Italien? Doktor. Za-oder noch besser, heiraten Sie. Lucien. Danke! Das ist zu weit für mich-Da ziehe ich Italien vor» (Zu Clara, welche auftrttt.) Guten Morgen, Madame, wie befinden Sie sich heute? Vierter Auftritt. Vorige. Clara. Clara. Sehr wohl. Zch danke Ihnen, Herr Lucien. Lucien. Das Kind befindet sich also auch besser? Clara. Wir wollen hören, waSder Doktor sagen wird. Doktor. Hat es geschlafen? Clara. Sehr gut. Doktor. Ein gutes Zeichen, ich gehe zu ihm. (rechts ab.) Fünfter Auftritt. Clara. Lucien. Clara (dem Doktor folgend). Sie erlauben, Herr Lucien? Lucien. Gewiß; gehen Sie. Clara. Hätten Sie mir vielleicht etwas zu sagen? Lucien. Nichts; nur — Sie waren gestern so traurig. Clara. Zch war ängstlich, und in Unruhe meines SohneS wegen. Lucien. Allein deshalb? 1 * Clara. Ja. Lucien. Und heute. Clara. Heute bin ich weniger unruhig. Lucien. Haben Sie Nachrichten von Ihrem Gemal? Clara. Ich erwarte ihn im Laufe des Tages. Lucien. Gehen Sie zum Doktor Blanchard. (Drückt ihr die Hand.) Clara. Sie haben das Fieber. Lucien. Ich glaube eö wohl . . . ich habe 85 Pulsschläge in der Minute, 16,000 Pulsschläge zu viel des Tages; das ist hübsch, ich habe die Berechnung gemacht. Clara. Aber alsdann sind Sie krank. Lucien. Sehr krank. Clara. Wie Sie das sagen? Lucien. Wie wünschen Sie, daß ich's sagen soll? Clara. Sie müssen sich Pflegen; ich werde den Doktor rufen. Lucien. Unnütz, er kann nichts dafür thun. Ich weiß besser als er, was mir fehlt. Clara. WaS fehlt Ihnen denn? Lucien. Es ist ganz einfach: ich bin der Sohn eines Vaters, der in seinem dreißigsten Jahre an einer Pulsadergeschwulst starb, und einer Mutter, die mit 23 Jahren an einer Brustkrankheit gestorben ist. Mit 18 Jahren war ich Herr meiner Handlungen, und mit 21 Jahren Herr meines Vermögens; das will sagen, daß ich noch Ein Jahr zu leben habe-— Clara. Welche Kinderei! Lucien. Ich weiß. waS ich sage. Auf Wiedersehen. Clara. Aber- Lucien. Oh! Ich bitte Sie, beklagen Sie mich nicht, und sagen Sie mir nicht, mich zu pflegen. Nichts ist langweiliger und lästiger, als sich beklagen zu hören. Ich bringe mein ganze- Leben damit zu, Leuten zu begegnen, die mir zurufen: Wie schlecht Sie auSsehen. — Sie sollten sich Pflegen. WaS fehlt Ihnen denn? — Sie sind so blaß .... Es gibt auch Leute, welche Einem ansehen und nichts reden, deren Gedanken man aber in den Augen liest. Das ist aber das Allerunerträglichste, was man sich einbilden kann. Ich weiß wohl, daß ich krank bin — eö thut nicht erst nöthig, mir es zu sagen; aber die gesunden Leute sind so glücklich und stolz, es zu zeigen, daß sie sich wohl befinden. Clara. Aus Theilnahme für Sie spricht man so zu Ihnen. Lucien. Warum nicht gar — wer nimmt wohl Theil an mir.? Clara. Sie sind nicht nur allein krank — Sie haben einen Kummer. Lucien. Ich hatte einen — aber das ist vorbei. Clara. Ohne Zweifel eine Frau—?— Lucien. Natürlich. Bei dem Kummer eines Mannes meines Alters, ist immer eine Frau betheiligt. Clara. Und um sich zu betäuben... Lucien. Habe ich die Nächte durchwacht — habe gespielt und wollte andere Frauen lieben. Ich konnte aber nicht vergessen und habe mich dadurch getödtet ... so geht eS immer. — Clara. Haben Sie denn Niemand, welcher Sie liebt? Lucien. Ich habe 50,000 Franken Renten . . . Man kann nicht Alles haben. Clara. Es gibt jedoch gute Frauen. Lucien. O ja -- Sie ...Wollen Sie mich lieben? Clara. Herr Lucien — — Lucien. ES ist ein einfacher Scherz, und nicht einmal vom besten Geschmack, aber man muß ein wenig lachen . . - Wenn ich Ihnen in dem Jahre, welches ich noch übrig habe, in irgend etwas gut und dienlich sein kann, ge- niren Sie sich nicht. Ach! Wenn ich eine Frau wie Sie gefunden haben 5 würde, als ich in das Leben eintrat . . . . Vielleicht würde ich Sie nicht geliebt haben . . . Wir Männer sind so dumm . . . Hat man gestern Abend die Spielsachen für den Kleinen gebracht? Clara. Ja- Er errieth gleich, von wem sie kamen . . . Ich danke Ihnen recht sehr. Lucien. Das liebe Kind — es ist herzig — allerliebst . . . Gehen Sie zu ihm. (Zum Doktor, der wieder auftrktt.) Auf Wiedersehen, Doktor. Nicht wahr, gebratenes Fleisch, keine Gemüthsbe- wegungen und eine Reise nach Italien. Doktor. Ja, ja — Sie Taugenichts! Lucien (zu Clara). Sie erlauben, Madame, daß ich komme, um Ihnen guten Abend zu sagen? Clara. So oft Sie wollen. (Lucien ab.) Armer Mann . . . Sechster Austritt. Clara. Doktor. Doktor. Sie beklagen ihn, Madame. Clara. Er ist sehr krank. Doktor. Ja, denn er will sich nicht pflegen, und durchschwärmt alle Nachte. Sein Körper muß wirklich sehr kräftig sein, daß er nicht schon seit langer Zeit begraben ist. Er wird aber plötzlich zusammenbrechen und nicht wieder aufstehen. Clara. Er weiß eS wohl. Doktor. Wahrhaftig! Clara. Er sagte mir so eben, daß " in einem Jahre todt sein werde. Doktor. Er täuscht sich. Clara. Nicht wahr! Doktor. Er wird in sechs Monaten todt sein. So überzeugt er ist, bald zu sterben, so vorbereitet er selbst aus seinen Tod sei, so glaubt jeder Mensch doch immer bei einer Krankheit , wie die des Herrn Lucien, daß er längere Zeit zu leben habe, als er wirklich hat. Von allen Gewohnheiten dieser Welt ist das Leben diejenige, welche man am schwersten aufgibt, weil es die erste ist, die man angenommen hat. Clara. Es ist schrecklich! Doktor. Es ist traurig! Clara. Ich wage gar nicht mehr Sie über meinen Sohn zu befragen. Doktor. Der hat nichts mehr zu befürchten. Clara. Darf ich Ihnen glauben? Doktor. Geben Sie ihm heute eine gute Suppe, morgen ein wenig Geflügel — und lassen Sie ihn ruhig gewähren; das ist Alles, waS ich Ihnen sagen kann. Clara (ihm einige Stücke Geld gebend). Hier, lieber Doktor, das Honorar für die Visiten, welche Sie uns gütigst machten; aber mit diesem Gelds bezahle ich nicht Alles, was ich Ihnen schulde. Sobald das Kind ausgehen kann, werden wir zusammen zu Ihnen kommen, um Ihnen zu danken. Doktor. So erwarte ich Sie in 3 oder 4 Tage spätestens. Clara. Dank für diese gute Verheißung. Doktor. Ich habe die Ehre, mich zu empfehlen, Madame. Clara Auf Wiedersehen, Doktor. (Doktor ab.) Siebenter Auftritt. Clara. Mad. Gervais. Clara (zu Mad. Gervais). Carl soll heute zurückkommen. Vielleicht wird er hier speisen. Du weißt, was er gerne ißt. Mad. Gervais. Sei ganz ruhig, ich werde ein vortreffliches Mittags- effen bereiten. Ich habe gerade die Fleischbrühe für den Kleinen fertig. Ihr werdet um sechs Uhr essen? Clara. Wahrscheinlich! Mad. Gervais. Laß^ mich nur machen. 6 Achter Auftritt. Vorige, Aristide. Aristide (die Thür öffnend). Darf man eintreten? Clara. Wie, Du bist eS, Aristide! Oh! Wie glücklich bin ich, Dich zu sehen. . . . Aristide. Aristide in höchst eigener Person! Guten Tag, Gervais. Sie verändern Sich aber gar nicht. Mad. Gervais. Sie gehen doch nicht gleich wieder fort? Aristide. Nein. . . . Mad. Gervais. Dann werde ich unterdessen auf den Markt einkaufen gehen. Ich komme bald wieder, (ab.) Neunter Auftritt. - Aristide, Clara. Aristide. Sieh mich ein Wenig an. Kann man Dich noch immer duzen? Clara. Za. Aristide. Genire Dich nicht, wenn eS irgend Jemand unangenehm sein sollte- Clara. Niemanden, mein lieber Aristide. Alle Leute, die mich kennen, wissen, daß ich Dich wie meinen Bruder liebe. Aristide. Du scheinst zufrieden? Clara. Du kommst an einem guten Tag. Aristide. Gibt es denn auch schlimme? Clara. Es gibt wenigstens hie und da weniger gute als die andern. Aristide. Und der Zunge? Clara. Dem geht es jetzt gut! Aristide. War er krank? Clara. Za, ein starkes Erkältungsfieber. — Aristide. Ah! der junge Herr hatte wol den Keuchhusten. Du warst gewiß sehr besorgt? Clara. Zch habe mehrere Nächte durchwacht. Aristide. Kann man ihn sehen? Clara. Dort ist er. Aristide. Und der Vater? Clara. Kehrt heute wieder zurück! Aristide. Jetzt erkläre ich mir Dein fröhliches, heiteres Aussehen. Er war also verreist? Clara. Seit sechs Wochen. Aristide. So gibt es demnach gar nichts Neues in Deinem Leben? Clara. Nichts; und in dem Deini- gen? Dein Vater vor Allem? — Aristide. Zst noch immer Färber aber bei mir geht etwas vor. Clara. Was denn? Aristide. So wie Du mich hier siehst, komme ich nur nach Paris, um gewisse Papiere zu holen, um- Clara. Um Dich zu verheirathen?— Und wen heirathest Du? Aristide. Ich heirathe das Notariat. . . (sich verbessernd). Ich heirathe die Tochter des Vater Chauveau. Clara. Also die Tochter Deines Prinzipates? Aristide. Richtig. Clara. So viel ich mich erinnern kann, war sie hübsch. Aristide. Sie ist es noch immer, und mehr und mehr; sie hat eine allerliebste Stülpnase, ich verabscheue diese kleinen Näschen durchaus nicht, welche sich bewegen, wenn der Mund spricht: das ist lustig, und belebt das ganze Gesicht; und sie befindet sich sehr wohl, eine Provinzgesundheit, sie ist ein wenig'fett. Aber wenn man eine Frau liebt, je mehr sie — und dann ist sie rechtschaffen, und man muß nicht mit ihr über die Liebe scherzen, dann fängt sie zum Wernen an. Wenn sie mich hörte. . . - Clara. Du liebst sie? Aristide. Ich — ich bete sie an. .. . Sie wird mir dicke Kinder gebären, rund wie die Aepfel. ... si^ wird die Kinder selbst stillen. ... und die Haushaltung sehr gut führen ... - und eS wird sehr viel Wäsche in den Schränken sein, und sie wird ausgezeichnetes, eingesottenes Obst und Zuckerwerk für den Winter bereiten; so müßte wenigstens die Frau sein, wie ich sie mir träumte. — Clara. Und Vater Chauvevau hat keine Schwierigkeiten gemacht? Aristide. Er selbst hat mir seine Tochter angeboren. Er hat gesehen, daß * wir uns liebten. Es war wol sehr sichtbar; wir trieben Abends großartig Poesie, ganz im Style Lord Byron's; wir stießen Seufzer aus. um alle Schlösser des HauseS rostig zu machen. Sie sagte zu ihrem Vater: Ich liebe ihn, ich will ihn heirathen! Der Vater antwortete: Es ist gut, heirathe ihn... Er nahm mich bei Seite und sagte mir: Mein Junge, ich gebe dir meine Tochter und ich verkaufe dir mein Notariat um die Hälfte, was eS werth ist; du wirst bezahlen, wann du kannst. Wir umarmten uns — ich lief, um die Geschichte zugleich dem Vater Fressard anzuzeigen, welcher also sprach: So ist das, man will mich beschimpfen, halt da! Warte ein Wenig; und er hat mir dann 40,000 Franken aufgezählt! Wer hätte das geahndet! Die Färberei muß ein lasterhaftes Geschäft sein! . .. . Aber reden wir von Dir, denn Deinethalben kam ich hieher. Ich liebe Dich noch immer sehr. Clara. Ich weiß eS, mein guter Aristide. Aristide. Deine Mutter liebte mich auch sehr. — Gute, arme Frau! Ich sehe sie noch in TourS, in ihrem kleinen Kramladen, gleich neben dem Gewölbe meines Vaters. Welche Streiche trieben ^ir zusammen! Und wie wir im Jn- mgo herumplätscherten — oh! wie viele Ohrfeigen ich dafür bekam! Und der Hund des Spezereihändlers, den wir palb gelb und halb grün färbten. War aer wüthend, der Spezereihändler näm- "ch! O glückliche Kinderzeit. Da kam Plötzlich der Unglücksfall — Deine arme Mutter wurde krank — sie starb, man mußte den kleinen Handel verkaufen, um leben zu können. Du bliebst bei Deiner Tante Gervais — eine brave Frau .. . aber sie sieht nicht viel weiter als ihre Nasenspitze. Du mußtest Dich also daran machen, für Andere zu arbeiten. Du warst schon 16 Jahre alt . . . ich studirte die Rechtsgelehrsamkeit in Paris, mit 75 Franken monatlich, alles zusammen genommen, hatte also nie Geld, und aß nicht alle Tage, aber ich glaubte an die Zukunft, an diesen fantastischen Pastetenbäcker, der uns leicht über die Gegenwart wegspringen läßt, indem er uns den Zwieback zeigt, an dem man sich später die Zähne abbricht, wenn man ihn ißt. Wir haben uns auS dem Gesichte verloren, und ich fand Dich vor 4 Jahren wieder in Paris, Du weißt, unter welchen Umständen. Arme Freundin! Kurz also — jetzt bist Du glücklich? Clara. So glücklich, als ich nur sein kann. Aristide. Daö ist keine Antwort. Wie führt sich der Vater des Kleinen auf? Clara. Gut. Aristide. Er liebt Dich noch immer? Clara. Immer. Aristide. Und er liebt seinen Sohn? Clara. Er liebt ihn! Aristide. Hat er ihn anerkannt? Clara. Nein. Aristide. Warum nicht? Clara. Seiner Familie wegen. Aristide. DaS ist kein Grund für einen rechtschaffenen Mann. Clara. Er wird ihn anerkennen, ec hat es mir versprochen. Aristide. Hat er wenigstens unterdessen eure Zukunft gesichert? Clara. Ich habe nie etwas von ihm verlangt. Aristide. Von was lebst Du also? Clara. Ich arbeite. — Aristide. Und dieser Mann erlaubt 8 in seiner Stellung, daß Du arbeitest, um seinen Sohn zu erziehen? Clara. Oftmals hat er mir eS angeboren, hat mir Geld gebracht, ich habe immer Alles zurückgewiesen. Es war genug, die Geschenke anzunehmen, welche er an Neujahrötagen, an meinem oder des Kleinen Namensfeste uns glaubte machen zu muffen. Er gab mir Alles, was Du hier siehst, und ich würde mich sehr unbehaglich fühlen, wenn ich nicht wüßte, daß er sich nur so hier heimischer fühlt, wenn er kommt, als mit den einfachen Möbeln, die ich haben könnte. Aristide. Du hast sehr Unrecht, so zartfühlend zu sein. Clara. Aristide! Aristide. Ganz gewiß. Du besitzest kein Vermögen, er hat welches, es ist also seine Sache für das Kind zu sorgen. Clara. DaS Kind kostet ja so wenig. Es scheint mir, als ob das Kind weit mehr mir gehöre, wenn eS nur von mir allein abhängt; so lange ich allein genügen kann, um unsere einfachen Bedürfnisse zu befriedigen, will ich zu Niemanden meine Zuflucht nehmen. Ich wünschte nicht, daß Carl auch nur einen Augenblick muthmaßen könne, eS wäre irgend eine Berechnung meinerseits im Spiele. Ich glaube, daß er mich liebt, ich will, daß er mich achte. Aristide. Er würde Dich dann nicht weniger achten, und er würde Dich mehr lieben, wenn Du ihm von Zeit zu Zeit die Pflichten in'S Ge- dächtniß zurückriefest, welche die Vaterschaft auferlegt. ... Ich — ich habe kein großes Vertrauen zu diesem Herrn Sternay. Ich habe überhaupt kein Vertrauen zu den Leuten, welche nicht arbeiten, die auf die Welt kommen, und ihr ganzes. Leben vollkommen fertig vorfinden. Der Müßigang solcher Männer wie Sternay, ist das Unglück solcher Frauen wie Du. Ich habe ihn manchmal betrachtet, wenn er um das Schloß seiner Mutter spazieren ging, ich sah ihn auch noch mit seinem Hofmeister nach der Stadt kommen, als er noch jünger war; er band seine Halsbinde mit 15 Zähren schon viel zu gut und beschäftigte sich schon viel zu sehr mit Pferden und Hunden, so, daß ihm wol bei diesen Beschäf-' tigungen nicht viel Zeit übrig blieb, auch auf sein Herz und sein Gemüth zu achten. Daß ein Mann aus der vornehmen Welt, der von seiner Familie abhängt, nicht auf der Selle das Mädchen heirathet, von dem er ein Kind hat, ist schon nicht sehr schön und gut, aber wenn das Kind- wie alt ist der Kleine? Clara. 3 Jahre. Aristide. Aber wenn daS Kind 3 Jahre alt ist . . . S'ist wahr, es sind 3 Jahre, daß ich es auf der Mairie anzeigte, am 5. Februar 1816; . . . wie die Zeit vergeht-also ich sagte, wenn aber daS Kind schon 3 Jahre alt ist, und sein Vater hat es noch nicht anerkannt, obgleich er nicht zweifeln kann, daß eS sein Kind ist, und sich die Frau so beträgt, wie Du eS thust, so kann ich das nicht als gut und recht anerkennen. — Wenn nun Herr Sternay morgen stürbe, nach einem Sturze vom Pferde, oder an irgend etwas Anderem, — gleichviel was wird dann aus Dir und dem Kinde, ohne Vermögen und ohne Namen ? ! Warst Du ein ehrliches Mädchen, als ihm der Gedanke gekommen ist, sich mit Dir zu beschäftigen? Ja nicht wahr? Nun also, eS gibt Verhältnisse, welche einen Mann für ftme ganze Lebenszeit binden und verpflicht len! Desto schlimmer für ihn! Ein Mann von 87 Jahren ist kein Kind mehr, er weiß, waS er thut! Herr Sternay brachte 3 Sommermonate auf dem Schlosse seiner Mutter zu, weil er 9 kein Geld mehr hatte, um in Paris bleiben zu können. Am Ende des ersten Monates eines gänzlich materiellen Daseins gingen Liebesideen,durch den Geist deS Parisers. — Das Schloß liegt 15 Stunden von der Stadt entfernt. Nicht eine einzige junge Frau ist da, um ihr den Hof zu machen, nichts als alte Damen mit Brillen und in amaratithfarbenen Kleidern, welche in einem großem Saale mit alterthümlichem Holzgetäfel eine Partie Whist zusammen knaupeln. Das ist nicht lustig — ich gebe es zu — aber es ist nicht Deine Schuld. Eines Tages nun ging dieser junge Mann durch die Wäschkammer, um von einem Boden Fischgeräth- schaften zu holen, und er bemerkt ein junges Mädchen, welches am Fenster nähte. An was hängt oft das Schicksal eines Menschen? Kurz, Du warst jung, Du warst hübsch, Du hattest keine Mutter mehr, welche Dich überwachte, Du arbeitetest um zu leben; Madame Sternay hatte nämlich eine Nähterin aus der Stadt verlangt, um die Wäsche auSzubeffern; — man hatte Dich ihr geschickt. 30 Sous Tagelohn, und Kost und Wohnung während eines Monats; einen solchen Gewinn konntest Du Dir nicht entschlüpfen lassen, und zudem war es ja auch ein vornehmes Haus! Herr Sternay hatte Jugend, Geist, Eleganz, Feuer und Beredsamkeit für sich, dazu — das idyllische Landleben und eine Gelegenheit, wie er sie traf. Du hast geliebt, Du hast nachgegeben; Du bist nicht die Erste. Heute stehen die Sachen aber nicht mehr so; Du hast ein Kind; Du lebst wie die rechtschaffenste Frau von der ganzen Welt; Du kostest diesem Manne nichts, bist eine gute Mutter; Deinem Kinde muß "ne Zukunft gesichert werden, und hör Allem muß es den Namen seines Vaters führen können. Ich bin der Pathe deS KindeS; ich habe ihm nur "neu Taufnamen geben können, an Herrn Sternay ist es nun, ihm einen Familiennamen zu geben. Willst Du, daß ich zu Herrn Sternay gehe? Clara. Einen solchen Schritt wirst Du nicht thun. — Aristide. Weil-— Clara. Weil ich in Nichts die Willensmeinung Carl's zwingen will. Aristide. Wenn Du 100,000 Franken Renten hättest, glaubst Du, daß Du nöthig hättest, ihn zu zwingen, Dich zu heirathen; — nein — nicht wahr? Wenn also ein Mann der Mutter seines Sohnes nur vorzuwerfen hat, nicht 100,000 Franken Renten zu haben, so ist es seine Pflicht und Schuldigkeit, sie zu heirathen, geradeso, als ob sie sie hätte. Clara. Mein lieber Aristide, unglücklicherweise ist Carl nicht Herr aller seiner Handlungen. Aristide. Er ist nur Herr der schlechten — ich sehe eS wol. Clara. Du beurtheilst ihn schlecht. Wenn es nur von ihm allein abhinge, würde ich schon längst seine Frau sein. Aristide. Hat er es Dir gesagt? Clara. Oft — oftmals! Ja hätte ich 100,000 Franken Renten, wie Du so eben sagtest, so würde diese Heirath sogleich vollzogen werden; daS ist nicht zweifelhaft, weil Carl's Familie mich nicht einer schmutzigen Berechnung beschuldigen könnte. Denn wenn ein junges Mädchen, welches mit einem jungen Mann von höherer Lebensstellung einen Fehler begangen hat, von diesem Manne geheirathet wird, so sagt man nicht: Sie war vertrauungsvoll oder leichtgläubig: — man sagt: Sie war listig, fein. — Ich bin kein listiges Mädchen, und will nicht, daß man es von mir sage. Aristide. Weißt Du alsdann, was geschehen wird? Eines schönen Tages wird Dich Herr Sternay sitzen lassen, Dich und Dein Kind, und Dir wird Recht geschehen. 10 Clara. Du kennst ihn nicht. Aristide. Sie find doch Alle gleich! Jede Frau hält sich für eine Ausnahme und bildet sich ein, daß ihr nie geschehen könne, was Andern tausendmal wiederfahren. — Gehe und frage die Flüsse und die Kohlenverkäufer, wie tausende von jungen Mädchen endigten, welche ebenso wie Du sprachen, ohne die zu zählen, welche es vorzogen, zu leben, Gott weiß wie. — Clara. Jene hatten kein Kind, wie ich, ein Kind, welches sie liebten; ich habe einen Sohn, und was auch geschehen möge, ich werde für ihn und für mich ehrenhaft fortleben. Aristide. Was ich Dir sagte, geschah aus warmer Theilnahme für Dich. Clara. Und ich danke Dir herzlich dafür; aber ich glaube, ich habe das beste Mittel gefunden, was Du auch sagen magst, nemlich: dem Zartgefühle und der Liebe Carl's fest zu vertrauen. So oft er einen Kummer, eine Verdrüßlichkeit mit seiner Mutter hat, die sehr strenge gegen ihn ist, kommt er, es mir mitzutheilen. Alle seine Sorgen und Kümmernisse vertraut er mir: welchen größeren Beweis von Achtung kann er mir geben? Nein, ich kenne ihn! Er ist ein schwacher Mensch; aber ein ehrlicher Mann. Und dann — liebe ich ihn, das ist meine Entschuldigung für die Vergangenheit, meine Hoffnung für die Zukunft. Kurz, ich dürfte ihm nicht glauben, wenn ich nicht volles Vertrauen zu ihm hätte. WaS würde ich gewinnen, wenn ich übertriebene Forderungen zeigte, und seine Mutter gegen mich aufbrächte? Nein; gedulden wir uns, das ist das Beste, was wir zu thun haben. Verfahren wir mit Sanft- muth, damit er uns nichts vorzuwerfen hat, darin ruht unsere Sicherheit. Ueberdies habe ich durchaus keine Rechte als die, welche er mir zu geben geneigt ist. Lasse die Zeit handeln; Carl wird sehen, daß man ihn hier liebt, er wird unsere Liebe und Zärtlichkeit nicht mehr entbehren können. Unterdeffyi sollst Du erfahren, daß ich auch fein bin! ich lese, lerne, unterrichte mich; ich erhebe mich so viel als möglich zu der Höhe der Stellung, welche ich für mich in einer entfernteren Zukunft erträume. Er darf nicht über seine Gattin erröthen. Meine Erziehung war sehr vernachlässigt, ich beginne deshalb die meinige von Neuem, um später die meines Sohnes leiten zu können. Du kannst nicht wissen, wie viel Nutzen und Freuden ich durch mich selbst, an meiner fortschreitenden Entwickelung durch meine erwachenden Ver- standeSkräfte finde. Jedesmal, wenn mich Carl wiedersieht, findet er mich klüger, gelehrter, es gewährt ihm größeres Vergnügen, mit mir zu plaudern, und ich fühle sehr gut, daß seiner Eigenliebe dadurch geschmeichelt wird. Was soll ich Dir noch ferner sagen? Ich arbeite, ich warte den Kleinen; Niemand kennt mich, ich thue Niemanden Böses, lebe hier mit meiner Tante, welche immer besser für unS besorgt ist, als es eine Fremde sein würde. Mein Sohn wächst empor, er ist gerettet; er ist klug und verständig, liebt mich; ich warte, hoffe! — Raube mir daher mein Vertrauen nicht, lasse mich noch an das Gute und an die Gnade Gottes glauben! Aristide. Reden wir nicht weiter davon — genug! Du wirst mir von Zeit zu Zeit schreiben, um mir Nachricht von Dir zu geben, und ich werde stets Dir ganz ergeben sein, in der Ferne wie in der Nähe, später wie heute. Clara. Reisest Du bald wieder fort? Aristide. Heute Abend; Viktoria erwartet mich. Sie sagte mir: Ich werde die Minuten zählen. — Du wirst mir schreiben. Clara. Und wenn Deine Frau eifersüchtig ist? Aristide. Sie weiß, daß ich Dich kenne und daß ich hieher gekommen bin, um Dich zu sehen; ich verheimliche ihr nichts. Du hast Recht, sagte sie mir, und thue Alles, was Du kannst, für das arme Mädchen. Clara. Wenn ich also Deiner Hilfe bedarf — ? — Aristide. Herr Fressard, Nachfolger des Herrn Chauveau, Notar in ChLteaurour, Zndre. Und jetzt wo ist das liebe Kind? Clara (öffnet leise die Thüre rechts). 2" meinem Zimmer. Aristide (sieht ins Zimmer). 2st es der junge Herr dort, der mit einem Hanswurst im Arme schläft? Clara. Ja. Aristide. Prächtiger Junge; in der That, wie sollte man auch nicht dieses kleine Wesen anbeten? Wie schön er schläft, erwecken wir ihn nicht; man sieht, daß er krank war, aber es wird nichts zu bedeuten haben. (Schließt sachte die Thüre. Während dem tritt Carl Sternay auf.) Zehnter Auftritt. Vorige. Carl. Carl. Clara! Clara (mit einem Freudenschrei). Endlich i Carl. Sei vorsichtig, wir sind nicht allein. . Clara (leise). Es ist Aristide Fres- lard, ein sehr guter Freund von mir, ein Gefährte der Kindheit, von dem Du mich so oft hast reden hören; Jakobs Pathe. Carl (grüßend). Mein Herr! Aristide (ebenso). Mein Herr! Lebe wohl, Clara! Clara. Lebe wohl, mein theurer Freund. (Aristide ab.) Eilfter Auftritt. Clara. Carl. Clara. Nun, Du Böser, sechs Wochen läßt Du mich hier allein, ohne mich zu sehen. Carl. Eine Reise, welche ich noth- gedrungen unternehmen mußte; ich habe es Dir geschrieben, — Du hast wohl noch gestern einen Brief von mir empfangen? Clara. Ich- beklage mich nicht; nur wäre das Kind beinahe gestorben . . . wenn es gestorben wäre, ohne daß Du es wiedergesehen hättest! Glücklicherweise ist keine Gefahr mehr, aber ich hatte große Angst. Komm', umarme es, wenn ich Dich noch einmal umarmt habe. (Umarmt ihn.) Komm jetzt. Carl. Sogleich; — hat Herr Fres- sard nicht gesagt, daß es schläft? Ueberdies habe ich mit Dir zu sprechen. Clara. Lass' hören, was hast Du mir zu sagen? Weißt Du, daß ich, wenn ich gestern keinen Brief von Dir empfangen hatte, heute abgereist wäre?! Carl. Nach — ? — Clara. Nach dem Schlosse Deiner Mutter. Carl. Wer hatte dir gesagt, daß ich dorten war? Clara. Ich vermuthete eS, es ist die Zeit, wo Du früher immer hingingst; beruhige Dich; man würde mich nicht gesehen haben; ich hätte Dich wissen lassen, wo ich wäre, und nachdem ich Dich umarmt hätte, würde ich wieder fortgegangen sein. Aber Du hast mir etwas zu sagen, waS ist es? Carl. Du versprichst mir vernünftig zu sein? Clara. Um was handelt eS sich? Carl. Wir haben plötzlich einen großen Theil — den größten Theil unseres Vermögens verloren, und ich bin genöthigt, Frankreich zu verlassen. Clara. Und Du gehst? IL Carl. Nach Amerika. Clara. Allein? Carl. Allein! Clara. Ich reise auch fort, nichts fesselt mich an Frankreich. Carl. Unglücklicherweise weiß ich nicht, in welchem Lheil von Amerika ich mich bleibend aufhalten werde. Ich werde viel reisen, um die letzten Trümmer unseres Vermögens zu sammeln, wie ich es seit 6 Wochen in Frankreich und England gethan habe; denn Du täuschtest Dich; ich brachte den vergangenen Monat nicht bei meiner Mutter zu. Clara. Du sagtest es mir bei Deiner Abreise. Carl. Um Dich nicht zu erschrecken. In jenem Augenblicke kannte ich das Mißgeschick, welches uns betroffen, noch nicht, es wurde uns erst nachdem mit- getheilt. Wenn wir nun statt drei Viertel zu Grunde gerichtet zu sein — was auch geschehen kann — ganz ruinirt find, so werde ich arbeiten müssen. Clara. Ein Grund mehr, Dich zu begleiten. Ich werde auch arbeiten. Je unglücklicher Du sein wirst, umsomehr ist es nöthig, daß Du Jemanden in Deiner Nähe hast, der Dich liebt, Dich ermuthigt, Dich tröstet. Wo wirst Du ein Herz finden, welches Dich besser zu lieben versteht, als das meinige? Ich segne dieses Unglück, da es uns näher bringt. Carl. Ich kann Dein Opfer nicht annehmen; was würde aus Deinem Sohne, entfernt von Dir, werden? Clara. Wir nehmen ihn mit. Carl. Ein Kind von drei Jahren, welches eben noch krank war, und welches diese Reise tödten kann! Nein, sei vernünftig; es gibt gewisse Verhältnisse, welche man mit allen ihren Folgen annehmen und tragen muß. Ich kann meinem Vater und meiner Mutter nicht abschlagen, was sie von mir s fordern; es ist eine Trennung von !8 Monaten, höchstens 2 Jahren. Clara. Und das nennst Du nichts?! Mein Gott! Mein Gott! Und heute Morgens noch war ich so zufrieden! Carl. Komm Clara, keine Thränen. Clara. Das kannst Du sehr leicht sagen, da Du mich nicht liebst; denn Du liebst micht nicht. Aristide hatte Recht. Carl. Du sprachst also von mir mit Herrn Freffard? Clara. Weiß er nicht Alles? Carl. Ich bat Dich, so wenig als möglich von mir zu sprechen. Ich halte darauf, daß meine Familie — Clara. Deine Familie ! Du wirfst mir diese imnrer ins Angesicht. Gehört Dein Sohn nicht auch, trotz Allem, zu Deiner Familie?! Und wenn man erführe, daß Du ein Kind hast, und es liebst, wo würde Unrechtes dabei sein? Ist es möglich, ergebener, aufopfernder wie ich zu sein? und dennoch so oft wir uns sehen, findest Du jedesmal irgend einen schmerzlichen und peinlichen Vorwurf, den Du mir sagen kannst. Wie! Nach einer Abwesenheit von länger als einem Monat, während ich ohne Nachricht von Dir blieb, wo mein Kind krank und ich aufs höchste beunruhigt war, kehrst Du zurück, um mir zu sagen, daß Du abreisest, daß ich Dich erst nach zwei Jahren wieder sehen werde, und statt mich zu trösten, machst Du mir Vorwürfe und trübst noch mehr unser letztes Beisammensein ! Ich denke nur an Dich, ist daS meine Schuld? und ich sehe Dich fast nie! Wenn ich nun zufällig mit dem einzigen Freund, den ich besitze, zusammenkomme, so ist es gewiß das Wenigste, daß ich von Dir rede, und ihm, wenn er mir sagt, Du liebtest mich nicht, antworte — daß Du mich liebest. Carl. Ich hatte Unrecht! Ich wollte den Kummer und den Verdruß, welche 13 diese Trennung mir verursacht, unter dem Anscheine schlechter Laune verbergen. Ich dachte gar nicht an das. was ich Dir sagte. Verzeihe mir, Du weißt wohl, daß ich Dich liebe. Clara. Gewiß wahr? Carl. Gewiß. Clara. Du siehst, mit einem Worte, wie dieses, beruhigest Du mich; mit diesem einen Worte kannst Du Alles von mir fordern, was Du willst . . Aber Du wirst dorten an uns denken? Carl. Zweifelst Du? Clara. Du wirst eS nicht Monate anstehen lassen, ohne uns zu schreiben, ich werde Dir Tag für Tag Rechenschaft über mein Leben ablegen; bist Du so zufrieden? Carl. Za. Clara. Der Kleine wird größer werden. Du erlaubst, daß ich mit ihm von Dir spreche, nicht wahr — und daß ich ihn gewöhne, Dich zu lieben? denn er kennt Dich nicht, er nennt Dich seinen Freund, ohne zu wissen, daß Du sein Vater bist. Armes Kind! Zwei Jahre ohne Dich zu sehen! Wenn Du nicht mehr zurückkehrtest! Carl. Als ich vor 6 Wochen ab- reiste, sagtest Du mir dasselbe; Du stehst wohl, daß ich zurückgekommen bin. Clara. Aber ich hatte nur 6 Wochen zu warten. Zwei Zahre! bedenke doch, was das heißt! Earl. Muth! Clara. Zch werde ihn haben; nur versprich mir, wenn währenddem Deine Angelegenheiten besser gehen — und Du Dich in einem Lande bleibend nie- oerlaßt, daß Du uns willst nachkom- wen lassen. Zn jedem Falle aber suchen wir Dich auf, wenn Du zurück- kshrst, wenn wir nicht früher schon ver- emigt werden konnten. Carl. So sei es. Clara. Und alsdann verlassen wir uns nicht mehr, was auch geschehen woge. Carl. Ich verspreche es Dir. Clara. Wann gehst Du schon? Carl. Morgen! Clara. Und diesen letzten Tag bringen wir zusammen zu? Carl. Unmöglich. Vor einer Stunde kam ich erst hier an, und habe noch unendlich viele Vorbereitungen zu treffen. Clara. Aber Du kannst zum Speisen wieder zu mir kommen? Carl. Zch werde bei einem Geschäftsmanne erwartet. Clara. Ach! Und ich glaubte ein Fest mit diesem geringen Mittagessen zu feiern. Genug — Lebewohl! Du hörst, ich bin die Erste, welche das Wort der Trennung ausspricht, bin ich gehorsam? Aber umarme, küsse mich recht herzlich. (Läßt ihren Kopf auf Carls Schulter fallen.) Oh! Unsere schönen, guten Tage von früher, wo sind sie? Wann werden sie wiederkehren? Du warst nicht unglücklich mit mir, nicht wahr? Habe recht Acht auf Dich, setze Dich keinen Gefahren aus; erinnere Dich, daß es zwei Wesen gibt, welchen Dein Tod den Tod bringen würde. An dem Tage, wo Du wieder kommst, kehren wir wieder auf's Land zurück, wo wir zwei herrliche Monate zusammen verlebt haben, ohne uns zu verlassen. Die Mutter Honors wird uns zwar nicht mehr empfangen, sie ist todt, die arme Frau. Du hast Thränen in den Augen! Du bist immer gut. Weine, mein Carl, spiele nicht den Starken vor mir. Es thut so wohl, in gewissen Momenten zu weinen! Weißt Du, was Du thun könntest, wenn Du mich recht sehr liebtest? Du ließest mich Dich bis Havre begleiten; ich würde einen großen, dichten Schleier übernehmen, Niemand würde mich erkennen; Du willst nicht? Carl. Wir müßten uns dort doch trennen. Höre zu mein Kind, laß uns von ernsthaften Dingen reden. Du darfst nicht in Paris bleiben; Du hast hier 14 nichts zu thun; die Landluft wird auch für den Kleinen und für Dich weit heilsamer sein. Wahrend meiner Abwesenheit mußt Du auf dem Lande leben. Clara. Aber, mein Freund, ich kann auf dem Lande nicht arbeiten. Carl. Ich will auch nicht, daß Du arbeitest, außer der Besorgung Deiner eigenen kleinen Häuslichkeit. Ich habe von dem, was mir bleibt, zwei Theile gemacht, einen für Dich, einen für mich. Ich gebe Dir den kleinsten Theil; Du siehst, daß ich mir keinen Zwang auferlege. Clara. Zch verstehe ganz und gar nicht. Carl. Nimm diese Papiere. Clara. Was sollen diese Papiere? Carl. Du wirst sie lesen, wenn ich fort bin. Clara. Nein; ich will sie sogleich lesen. Eine auf den Inhaber ausgestellte Urkunde! Eine Rente von 2000 Franken, Geld! Carl, Du verläßt mich, Du liebst eine Andere! Carl. Du bist wahnsinnig! Zch bringe Dir diese Summe, weil es Zeit ist, daß ich mich mit der Zukunft unseres Kindes beschäftige, dessen ganze Unterhaltung Du bis zu diesem Tage so edelmüthig allein getragen hast. Ich kann ganz zu Grunde gerichtet werden, ich kann sterben, könntest Du nicht auch sterben? Man muß auf Alles gefaßt sein. Sollte dann Dein Sohn der öffentlichen Wohlthätigkeit überlassen bleiben? Nein! Nimm diese Rente, sie ist nicht das Almosen eines Liebhabers, der seine Rechnung ausgleicht, sie ist das hinterlegte Gut eines voraussehenden, vorsichtigen Vaters. Höre weiter: In der Nähe des PachthofeS, wo wir zwei Monate verlebten , wovon Du soeben sprachest, liegt ein kleines HauS mit einem großen Garten; früher wünschtest Du sehnlichst, dort Dein Leben zubringen zu können, — ich habe es gekauft, es gehört Dein, dort wirst Du während meiner Abwesenheit wohnen. (Bewegung Clara's.) Dorthin wirst Du meine Briefe empfangen, dort werde ich Dich bei meiner Zurückkunft finden, und wir werden dort zusammen leben. Wenn ich mein Vermögen und dasjenige meiner Familie wieder erworben habe, werde ich quitt mit ihnen sein, und alsdann- Clara. Mein Carl! Carl. Du siehst wohl, daß ich an Dich denke, daß ich Dich immer liebe. Versprich mir klug zu sein, nicht zu weinen und morgen schon dieses Haus zu verlassen; ich wünsche es, ich will es! Clara. Zch werde Alles thun, was Du verlangst. Carl. Die EigenthumS-Urkunde des HauseS ist bei den andern Papieren, welche ich Dir übergeben. Alles ist abgemacht, nicht wahr? Clara. Ja; aber wenn das Geld, welches Du mitnimmst, nicht hinreichend ist, wenn Du Dich in Verlegenheit befinden solltest, so versprich mir, mich genug zu lieben, um Dich an mich zu wenden; denn dieses Geld, dieses HauS, Alles gehört Dir, und mir ist, als würde Dir dieses Geld in einem schwierigen Augenblicke Glück bringen. Du weißt, daß auch mein Leben Dir angehört, nicht wahr? Carl. Za, theureö Kind! Clara. Ich langweile Dich, Du bist eilig, man erwartet Dich? Muth, laß uns stark sein! Komm und umarme Dein Kind, und dann — Lebewohl. (Carl macht eine Bewegung.) Du kannst nicht fortgehen, ohne es umarmt zu haben. (Carl schreitet rasch gegen dte Tbüre rechts, öffnet sie und gehl einen Augenblick ab.) Clara (allein). Zch werde wahnsinnig! Carl (zurückkommend; er ist bewegt. umarmt Clara). Lebe wohl! Clara. Lebe wohl! (Er entfernt sich, sie ruft ihn zurück.) Carl! Noch einmal! IS Du schreibst mir gleich nach Deiner Ankunft in Havre? Carl, mein Freund — geh' — geh' — fort — fort! — Carl (umarmt sie ein letztes Mal und sagt im Abgehen:) Auf baldiges Wiedersehen ! (Clara fällt auf einen Stuhl und weint still, die Augen auf die Tbüre gerichtet, durch welche Carl abging. Mad. Gervais tritt mit den Couverts für das Essen auf.) Zwölfter Auftritt. Clara. Mad. Gervais. Mad. Gervais. Ich habe sehr gute Bisten für unser Mittagsesscn. Clarlk. Ich danke, liebe Tante, ich werde nichts essen. Mad. Gervais. Was ist denn borgefallen? Clara. Carl verreist auf 2 Jahre. Er geht nach Amerika; ich werde ihn nicht mehr Wiedersehen. Dreizehnter Auftritt. Vorige. Lucien. Lucien (auftretend). Sie haben mir erlaubt, zu kommen, um Ihnen guten Abend zu wünschen, Madame — Sie weinen? Clara. Za, ich habe einen großen Kummer, auf welchen ich nicht vorbereitet war, und den ich nicht erwartete. — Lucien. Ich ahndete es, und deshalb kam ich sogleich, als Herr Ster- "ay fortgegangen war. Clara. Sie wissen, warum ich weine, und Sie kennen Herrn Sternay? Lucien. Ich habe Herrn Sternay mehrere Male in Gesellschaften angetroffen; ich kannte das Verhältnis!, welches zwischen Zhnen und ihm bestand. Ich sprach nie mit Ihnen davon, weil Sie nicht mit mir davon sprachen; aber ich sah ihn öfters hieher kommen, und da Sie außer ihm Niemanden empfingen, so war es nicht schwierig, das Uebrige zu errathen. Ueberdies war eS das Geheimniß des ganzen Hauses; was heute vorfiel, mußte.früher oder später doch geschehen, und seit einigen Tagen besonders erwartete ich, so oft ich Sie zu besuchen kam, Sie in dem Zustande zu treffen, worin ich Sie jetzt finde. Clara. Alsdann wissen Sie, was Herr Sternay mir so eben gesagt? Lucien. Er kam, um Zhnen zu sagen, daß er von Zhnen Abschied nehmen müsse, da er sich verheirathet. Clara. Da er sich verheirathet? Lucien. (für sich.) Sie wußte es nicht! Clara. Und ich habe es nicht errathen .' (zu Mad. Gervais.) Gib mir mei- Shawl, meinen Hut; Sie haben mir sehr wehe gethan, Herr Lucien, ohne es zu ahnden: aber ich danke Ihnen dafür. (Nimmt Shawl und Hut). Ich komme sogleich wieder; gib gut auf den Kleinen Acht! (Rafft die Papiere auf. die Carl ihr übergeben.) Wenn er gelogen hat, so ist er ein Elender! (ab). (Ende des Vorspiels.) Erster Auszug. Bei Madame Sternay. — Eleganter Salon. Garten. — Piano. Erster Auftritt. Hermine. Jakob. Jakob, (zu Hermine gehend, die Clavier spielt) Nun, was treiben Sie, mein Fräulein? Hermine. Sie sehen es, ich spiele Clavier, um Haltung zu gewinnen, da ich allein bin. * Jakob. Wo ist denn Ihre Frau Tante? Hermine. Sie war so eben noch hier, aber ein Brief, den sie ohne Zweifel schnell beantworten muß, zwang sie, sich zu entfernen. Jakob. Eine schlimme Nachricht? Hermine. Ich hoffe nicht. — Doch schien Sie jener Brief etwas unangenehm zu berühren. Jakob. Gott gebe, daß ihr nichts Unglückliches widerfährt — ich liebe Ihre Tante sehr. Hermine. Muß ich eifersüchtig sein? Jakob. Wenn Sie wollen. Hermine, (ohne zu antworten, spielt die Melodie vor: „Gib mir mein leichtes Schiff- lein wieder" . . . Jakob fingt das Liedchen mit.) Kennen Sie das Lied? Jakob. Es ist sehr bekannt. Hermine. Ist es nicht reizend? Jakob. Gewiß. Her mine. Meine Mutter sang es oft und: Die Blume des Tajo. Jakob. Ach! dieses Liedchen erinnert mich an meine Kindheit. Hermine. Es gibt Lieder, welche für uns eine beiter der Erinnerung sind, mit deren Hilfe wir in die entfernteste Vergangenheit hinabsteigen. — Die Thüre im Hintergründe geht nach dem - Seitenthüren. — Ich kenne z. B. einen Refrain, an den ich nie ohne wahrhafte Rührung denken kann; nämlich: „Du gute Tante Margareth. verstehst doch nichts von Liebe." So oft mir dieser Refrain gerade in's Gedächtniß kommt, oder ich ihn zufällig höre, bildet sich stets wieder aufs Neue eiw liebliches Bild vor meinen Augen. Es war das Lieblingsliedchen meiner Großmutter, — nicht der Marquise, welche heute hier ankommen wird, oh! die Marquise hat nie gesungen! — nein, meine Großmutter mütterlicherseits, welche vor 10 Jahren gestorben ist. Noch glaube ich sie zu sehen, wie sie im Winter an der Kaminecke saß, mit ihrem schönen weißen Haar, welches sie unter ihrer Mütze mit breiten Hellen Bändern, kokett in 2 Winkeln gerollt, trug. Alles war heiter an ihr. Ich setzte mich auf ein Kissen zu ihren Füßen, legte meinen Kopf auf ihre Knie, und wurde schläfrig, eingewiegt durch jene Melodie, welche von ihr mit Heller Stimme gesungen wurde. Während einiger Zeit sumste noch das Gespräch der großen Personen, meines Vaters, meiner Mutter und einiger Freunde, die der Abend an unserem Herde vereinigte, in meinen Ohren; dann nahm mich meine Mutter in ihre" Arm und ich fühlte, daß sie mich in's Bett legte. Sie umarmte mich, auch ich umarmte sie, im Halbschlummer, murmelte mein Gebet, und schlief gänj^ lich ein. War eS bei Ihnen eben so- Jakob. Ja . . . Nur war, so viel ich mich erinnern kann, meine Mutter 17 immer allein. Sie arbeitete an meinem Bette, wiegte mich mit einem sanften und melancholischen Liede ein, denn sie war oft traurig, und wie Sie, Hermine, ging ich zwischen zwei Küssen vom Wachen zum Schlummer über. Hermine. Seltsam; ob Männer, ob Frauen, und ohne uns weiter zu kennen, haben wir doch alle dieselben Erinnerungen aus der Kindheit. Jakob. Weil die Kindheit für jedes Wesen, welches seine Mutter geliebt und von ihr geliebt wurde, stets dieselbe war. Hermine. Sagen Sie mir, bedauern Sie eS nicht, nicht mehr in jener zu leben? 3 akob. Nein. Mir ist das Alter lieber, wo ich bin, wo ich fühle, wo ich sehe, wo ich verstehe, wo mein Kummer eine Ursache, meine Freude einen Grund hat. DaS Kind genießt nichts von der Sorglosigkeit des ersten Lebensalters, welche es später bedauert, wenn eS sie mit der täglichen Unruhe und Bewegung deS Lebens vergleicht. Nur wenn man zu der Fülle der Kraft der Jugend, wenn man zur völligen Reife des Verstandes gekommen ist, gibt man sich eine genaue Rechenschaft über die hehren Gefühle des Geistes und des Herzens; weshalb sollte man dann eine Zeit der Unwissenheit, der Schwachheit bedauern, wo nichts einen starken Eindruck auf uns machte, weder die Freude noch der Schmerz? — Ich war noch ein ganz kleines Kind, als ich weinen Vater verlor; ich erinnere mich inner nicht mehr.' Meine Mutter hat ss mir nur so gesagt. Warum sollte lch also in dem Alter, wo Ihr Anblick ww ein so großes Glück gewährt, das «lter bedauern, in dem ich nicht einmal venTod meines Vaters bemerkte? Nein, glauben Sie bestimmt, der Mensch langt erst zu leben an, wenn er anfängt ru begreifen. Hermine. Wie kommt es nun aber, Wiener Theater-Repertoir. XI.IV. daß ich, da ich doch meine Eltern in dem Alter verloren, wo ich schon den unersetzlichen Verlust, der mich betraf, begreifen konnte, fortfuhr zu leben und damit aufhörte, wenn auch nicht diesen doppelten Todesfall zu vergessen, mich aber doch wenigstens an diese Erinnerung zu gewöhnen. Ist das nicht Undankbarkeit? Jakob. Sie folgten dem Gesetze der Natur, welches eine ewige Trauer verbietet. Sowol der Mann als das Weib haben eine Folge von Pflichten zu erfüllen, die sie immer treiben, vorwärts zu schauen und sich an die Abwesenheit ihrer Lheuersten und Liebsten zu gewöhnen. Die Welt hätte zu schnell aufgehi>rt, wenn das erste Kind nicht den Tod der ersten Mutter hätte überleben können. Hermine. Wissen Sie, daß daS Leben fürchterlich, schrecklich ist, mit dieser Gewißheit, daß man sich auf Nichts stützen kann. Man sollte fast an Allem verzweifeln. Jakob. Warum nicht den Tag benützen, weil man weiß, daß die Nacht darauf kommen wird? Warum an dem Frühling zweifeln, weil man den Winter voraussieht? Warum das Leben zu Gunsten deS Todes leugnen? Sie sind 17 Jahre alt, ich 23; ich liebe Sie. Sie lieben mich ein Wenig, die Welt gehört unS. Später werden die Jahre kommen, welche die Entzauberung über gewisse Dinge mit sich bringen, zu gleicher Zeit aber auch die Offenbarung gewisser Anderer: lassen wir also die Jahre nur machen. Wir werden über unsere Kinder wachen, sie mit Gesängen einwiegen, die sie sich dann eines TageS in'S Gedächtniß zurückrufen, wie wir unS so eben an diejenigen unserer Eltern erinnerten; und obgleich heute im vollen Glanze der Jugend, der Kraft und der Liebe, wird ein Tag kommen, wo wir zu nichts weiter gut sind, als einen Groß- S 19 papa und eine Großmama abzugeben, die des Zuckerwerks in ihren Taschen wegen geliebt werden, bis daß von uns nur noch zwei unbewegliche Bilder übrig bleiben, welche an der Wand des Salons unserer Enkelkinder hängen, die später dann werden, was wir gewesen sind, und so weiter fort. Dies ist das Leben in seinem einfachsten und regelmäßigsten Ausdruck. Es erscheint traurig, wenn man plötzlich durch den Gedanken die kalten Gebräuche des künftigen Alters, dem heißen Enthusiasmus des Gegenwärtigen nähret; aber da die Zeit mit Hilfe der Stufengänge, deren Geheimniß ihr die Natur verliehen hat, uns sanft Eines auf das Andere gestützt nach einem anderen Gesichtskreis geführt haben wird, so werden wir uns dann gerne ausruhen, und wenn man uns anbieten würde, den Weg wieder zu beginnen, würden wir uns gewiß weigern. Hermine. Gleichviel, ich liebe doch mehr von der Gegenwart oder der Vergangenheit zu reden, als von dieser so großen und so kalten Zukunft. Jakob. Reden wir, von was Sie wünschen. Her mine. Also — erinnern Sie sich des Tages, wo wir uns zum Erstenmale begegneten? Jakob. Am 6. Mai. Sie trugen ein weißes Kleid mit kleinen blauen Blümchen. Sie hatten einen großen Strohhut auf; über Ihren linken Arm hing eine Mousselin-Echarpe; in Ihrer rechten Hand hielten Sie einen Strauß Feldblumen; Sie hoben Ihr Kleid ein Wenig auf, damit es nicht naß werde, weil das GraS vom Thau feucht war, so daß ich sehen konnte, welch' reizendes Füßchen Sie haben. Ist es Recht so? Hermine. Vollkommen, fahren Sie fort. Jakob. Sie gingen nach den benachbarten Maierhof, um Milch zu trinken, ich ging vorbei. Ich folgte Ihnen. Ich wagte jedoch nicht, in den Maierhof zu treten, in welchen Sie mit Ihrer Tante gingen. Her mine. Sie erwarteten mich an der Thür? Jakob. Sie wußten, daß ich da war? Hermine. Man steht viele Sachen hinter sich. Jakob. Als Sie den Maierhof verließen, stand ich hinter einem Gebüsch, an einer Biegung des Hügels verborgen. Sie mußten einen sehr schmalen Fußsteig herunter gehen, dessen Steine sich unter ihren Füßen losbröckelten. Sie hatten Furcdt. Jetzt bemerkten Sie mich auf's Neue, und da Sie die Muthvolle zeigen wollten, was jedes junge Mädchen in Gegenwart selbst des gleichgültigsten jungen Mannes gerne thut, so rannten Sie, auf die Gefahr hin zu fallen, den Weg blitzschnell herab. Bei diesem eiligen Laufe verloren Sie ihren Strauß von Waldblumen, Goldknöpfen und Vergißmeinnicht, den Sie in der Hand hielten. Ich stürzte mich darauf, hob ihn auf und gab ihn Ihnen zurück, indem ich eine Blume davon für mich behielt. Sie sagten mir: Danke. — Ich entfernte mich, — sah mich aber noch mehrere Male um; und Tags darauf ging ich denselben Weg. — Ich liebte Sie. — Hermine. Und Alles dieses hatte ebenso gut nicht geschehen können. Dazu wäre hinreichend gewesen, daß ich rechts gegangen wäre, statt links zu gehen; alsdann würde ich mich nie verheiratet haben, denn ich war fest entschlossen, nur einen Mann zu heiraten, den ich lieben würde. — Jakob. Sie würden einen andern als mich geliebt haben? Her mine. Ich glaube nicht . . - Und was hätten Sie gethan? Jakob. Ich — ich hätte meine Reise vollendet, würde dann zu meiner IS Mutter zurückgekehrt sein, und wäre vielleicht jetzt im besten Zuge, ein großer und berühmter Mann zu werden. Hermine. Nichts weiter als das? Jakob. Nun ja — bevor ich Sie kannte, hatten sich, ich weiß nicht welche tolle Ideen von Ruhm und Ehrgeiz memer bemächtigt. DaS Bedürfniß nach Liebe, welches in meiner Natur liegt,— und welches ich nun auf Sie allein kon- centrirt habe, indem es damals sein Ziel noch nicht gefunden hatte, entwickelte in mir ein natürliches Geschick und eine unbegreifliche Energie für alles Große und Erhabene. Ich fühlte Kräfte in mir, die ich keinem Anderen zutraute. Ich hatte Eile, öffentlich und kühn zu beweisen, daß ich ein Mann sei. Wie Sie mich hier sehen, bin ich ein Gelehrter. Ich habe ernsthafte Bücher geschrieben, habe die schwierigsten Fragen der Politik, habe Geschichte, Staatsökonomie studirt. Ich habe sogar Verse gemacht. DaS ist fürchterlich! Wir werden sie zusammen lesen und sie nachher verbrennen. Ich war nichts weniger als überzeugt, daß es nur eines Funkens bedürfte, um in mir einen Newton, einen Chenier, einen Mirabeau zu entzünden. Edler und ehrwürdiger Ehrgeiz der Jugend! Ein Frühlingsmorgen , ein blauer Himmel, ein weicher Rasen von der Sonne beschießen, ein junges Mädchen, welches denselben Weg geht wie ich — und seht, alle meine Träume von Berühmtheit fliehen davon, um in den Wolken des Himmels und den Wohlgerüchen deS Landlebens zu verschwimmen! Ich bemerkte, daß ich nur ein Kind war, daß der Ruhm nur ein Trost für diejenigen ist, welche keine Liebe haben, und letzt besteht alle meine Wissenschaft dann, zu wissen, ob Sie mich lieben, all' mein Genie darin, Ihnen zu beweisen, daß ich Sie liebe. Hermine. Was wird Ihre Mut- "r zu dieser Veränderung sagen? Jakob. Meine Mutter wird mir beipflichten, mich loben; meine Mutter pries mir immer die Zurückgezogenheit des häuslichen und stillen Glückes. Hermine. Ich fühle, daß ich sie lieben werde. Jakob. Und Sie werden Recht thun, denn meine Mutter wird Sie lieben. Hermine. Wie alt ist sie? Jakob. Sie ist noch jung . . . und scheint vielmehr meine Schwester als meine Mutter zu sein. Hermine. Sollte Sie nicht hierher kommen? Jakob. Ich erwarte sie alle Tage; ich wollte sie abholen, als sie mir schrieb, daß sie es vorzöge, mich hier zu treffen. Aber, sagen Sie mir, die Marquise? Hermine. Meine Großmutter, welche heute ankommen soll? Jakob (lächelnd). Ich fürchte mich vor ihr, man schildert sie als sehr böse. Hermine. Thatsache ist, daß sie immer schlechter Laune ist. Die Marquise ist eine eigenmächtige, gebieterische Frau, welche Niemand Au-^ deren neben sich gelten läßt, welche glaubt, die ganze Welt gehöre ihr allein, und die im Voraus gegen Sie ist, ohne Sie zu kennen und ohne zu wissen warum, — nur aus Gewohnheit. Jakob. Das ist schrecklich! Hermine. Nein ... es handelt sich blos darum, noch starrköpfiger zu sein als sie. Jakob. Sind Sie denn starrköpfig ? Hermine. Oh! — Wenn ich mich in meinem Recht glaube. Sie find nun vorbereitet. Machen Sie sich also über ihrVornehmthun und ihr stolzes Gebühren, welches sie gewiß gegen Sie, wie gegen alle Welt, annehmen wird, keine weiteren Sorgen. 2 * 20 Jakob. Aber warum kommt denn Ihr Oheim, der Ihr Vormund ist, nicht zu gleicher Zeit mit der Marquise hieher? Hermine. Er macht seine Wahlreise. Jakob. Ah! Er stellt sich den Wählern vor? Her mine. Noch nicht, aber das wird kommen. Unterdessen hat er seine Candidaten, die er protegirt; dies amusirt ihn mehr, als sich mit mir abzugeben; und überdies ist er etwas mit seiner Mutter gespannt. Die ganze Familie, außer dem Marquis und ich, zittert vor ihr. Jakob. Ein liebenswürdiger Mann, der Marquis. Hermine. Er schätzt Sie sehr. . . ich that deshalb auch sehr gut, ihm zu schreiben, hieher zu kommen. — Er ist unsere sicherste Stütze, sammt meiner Tante, welche mich sehr liebt, aber die durchaus keine Macht über mich ausüben kann, und die auch meiner Großmutter nicht zu sagen wagt, was ihr der Marquis sagt. Zweiter Auftritt. Vorige. Henriette. Henriette (eintretend). Guten Tag, Herr von Boisceny. Jakob. Guten Tag, Madame! Henriette (zu Hermine). Die Marquise ist so eben angekommen, siefragt nach Dir. Hermine. Ich gehe sogleich — man darf sie nicht warten lassen. Henriette. Sie ist im Pavillon. (Hermine ab.) Jakob. Ist eS wahr, Madame, daß Sie eine schlechte Nachricht erhalten haben? Henriette. Je nachdem. Jakob. Sie sagten mir neulich, daß ich Ihnen vielleicht einen Dienst erweisen könnte. Ist der Augenblick nun gekommen? Henriette. Villeicht. Der Zufall hat Sie plötzlich in ein Geheimniß eingeweiht . . . Jakob. Ich habe eS vergessen. Henriette. Ich weiß, daß ich auf Ihre Diskretion und Ihre Rechtschaffenheit vertrauen kann. Deshalb habe ich Ihnen sogleich die Hand wie einem Freunde gereicht, obgleich ich Niemanden sagen könnte, wie sich eigentlich unsere Bekanntschaft gemacht hat. Beantworten Sie mir offenherzig meine Frage. Wußten Sie an dem Tage, wo Sie mir und Herminen in der Nähe deS Maierhofes begegnet sind, wer wir waren? Jakob. Nein, Madame. Henriette. Alsdann wußten Sie auch nicht, daß der Herr, mit welchem Sie reisten, uns — oder vielmehr mich kannte; denn derselbe sprach nie- mit Herminen, welche nicht einmal seinen Namen weiß und die glaubt, der Zufall allein habe Sie hierher geführt. Jakob. Hören Sie, wie sich die Sache verhält. Herr von Nervaur, welcher einige Jahre mehr als ich zählt, ist der Gutsnachbar meiner Mutter, die, wie ich Ihnen sagte, eine Besitzung in Chateaurour hat. Unser Nachbar besuchte uns sehr oft. Er rüstete sich, eine Reise nach der Normandie zu machen, wo er Pachthöfe besitzt, wie er sagte; er fragte mich, ob ich ihn begleiten wollte. Meine Mutter nöthigte mich dazu, damit ich mir ein wenig Zerstreuung gewähre; ich hatte nämlich seit einigen Monaten viel gearbeitet. Wir reisten ab. Eines Tages, als Herr v. Nervaur Geschäfte halber in Havre war. ging ich allein auf dem Wege nach Jngouville spazieren; ich begegnete Ihnen und Fräulein Her* mine. Abends theilte ich Herrn von Nervaur diese Begegnung mit, so wie. den Eindruck, den ich davon bewahrt hatte. Zch hatte mich nach Ihrem Namen erkundigt, und als ich Sie nannte, bot er mir an, mich Ihnen vorzustellen, aber unter der Bedingung, daß ich Niemanden sagte, durch wen und wie ich vorgestellt wurde. TagS darauf führte er mich nach einem kleinen Hause, welches er eine Stunde von hier besitzt, und von dem er mir nie etwas gesagt hatte. Wir begegneten Ihnen — zufällig —auf dem Wege. Er stellte mich vor. Seit jenem Tage hatten Sie die Güte, mich bei sich zu empfangen, als ob Sie mich schon lange Zeit kannten; ich gestand Ihnen, daß ich Hermine liebte, Sie haben mich berechtigt, es ihr vor Ihnen zu sagen, und so eben erst habe ich eS ihr zum Erstenmale gesagt, während Sie nicht da waren. DaS ist Alles, was ich weiß, Madame, und ich bin bereit, für Sie zu thun, was es auch sei. Henriette. Zch glaube eS; — auch bedauere ich deshalb weniger Ereignisse — die bedauerungswürdig waren — wenn die Folgen dieser Ereignisse, wie ich hoffe, Hermine zu einer glücklichen Heirat führen, zu einer Heirat nach ihrem Herzen. Herr von Nervaur sagte mir von Ihnen, was alle Welt von Zbnen bält. Ueberdies sind Sie einer dieser Männer, welche vom ersten Anblick an unbedingtes Vertrauen einflößen, und ich nehme Ihr Anerbieten nnt Freuden an. Sie sind jung, Sie lieben, Sie werden mich verstehen. Gewiß kennen Sie schon gewisse Verhältnisse, welche einerseits durch die Gleichgiltigkeit des Gatten und andererseits durch den Müssiggang der Frau geboren werden; die Träume, welche vielleicht deren Entschuldigung, die Gefahren und die Gleißnereien, welche die Bitterkeit und die Strafe solcher Verhältnisse sind. Durch Zufall sind Sie mitten in eines dieser Verhältnisse geworfen worden; aber dieses Verhältniß hatte das ganz Besondere an sich, daß in dem Augenblicke, als Sie in dasselbe eingeweiht wurden, der Mann und die Frau, nachdem sie einige Monate getrennt waren, bemerkten, dieses Verhältniß habe kein Recht mehr zu bestehen. Beide waren dahin gelangt, wie das oft geschieht, eine Gelegenheit, einen Vorwand herbeizuwünschen, damit die Frau wieder in die Regelmäßigkeit ihres früheren Lebens zurückkehren, und der Mann überhaupt in ein ordentliches, ! sittliches beben eintreten könnte. DaS ! Zartgefühl allein hielt noch ein doppeltes Geständniß zurück. Ein Jedes fürchtete dem Andern Kummer zu verursachen. Ein unbedeutendes, läppisches Ereigniß, ein aufgefundener Brief, hat dieses letzte Band zerrissen; endlich hat man das Wort des Bruches ausgesprochen, und man merkte auf beiden Seiten an der geringen Aufregung, welche dieses Wort hervorbrachte, vor welchem man früher erschrack, daß nichts leichter gewesen wäre, als dieses Verhältniß schon längst abzubrechen. Kurz, man ist jetzt bei der letzten Zusammenkunft, wo man sich, die zur Hälfte verwischten Briefe zurückstellt, die man sich sehr un- nöthigerweise geschrieben, und die Porträts, die sich nicht mehr ähnlich sehen, die man sich ebenso unnöthig gegeben. Finden Sie nun nicht, so wie ich, daß diese letzten Formalitäten eine sehr lächerliche Seite haben, und daß es besser sei, wenn ein Freund sich milder Bestätigung des Todesfalles und der Anlegung der Siegel befasse? Wollen Sie dieser Freund sein? Jakob. Was muß ich thun? Henriette. Sie müssen nach jenem Hause gehen, von dem wir soeben sprachen; Sie treffen dort Herrn von Nervaur, welcher wartet, und sagen ihm, was ich Ihnen gesagt habe, übergeben ihm dieses kleine Päckchen und bringen mir dasjenige zurück, welches er Ihnen übergeben wird. L2 Zakob. Zn einer halben Stunde werde ich zurück sein. Henriette (ihm die Hand drückend). Dank! Dritter Auftritt. Vorige. Marquis. Marquis (im Auftreten). Sie wollen fort, Herr von Boisceny? Jakob. Ja, Herr Marquis, doch nur für kurze Zeit. Marquis. Gehen Sie, gehen Sie, meine Schwester ist angekommen; ich halte Sie nicht zurück; es ist besser, wenn wir, die wir daran gewöhnt sind, die ersten Stürme aushalten. Sind Sie ruhig, wir werden uns mit Zhren Angelegenheiten beschäftigen. (Jakob ab.) Welch' hübscher Bursche! — Er gefällt mir sehr! Wo haben Sie ihn denn kennen gelernt? Oh! betrachten Sie meine Schwester, sehen Sie sie anrücken. Man sollte glauben, Ludwig XIV. wandle in seinen Gärten von Versailles; wie ernst sie daher schreitet! Sie sieht aus, als präsentire sie das Gewehr vor sich selbst. Wie sich Hermine amusiren muß! Ster- nay ist ein Pfiffikus! Er kommt nie hierher, wahrend wenn seine Mutter hier ist? Henriette. Niemals! Marquis. Das ist Einer, der keinen Streit, Zwist und Hader liebt! Ah! der gute Egoist! Uebrigens hat er Recht, da er glücklich ist! Henriette. Die Marquise ließ ihm sagen, daß sie ihn nicht mehr sehen wollte. Marquis. Seitdem er mit dem Hause Renaud associirt ist? Henriette. Za. Marquis. Das ist prächtig! Henriette. Ich muß ihr entgegen gehen. Marquis. Bleiben Sie doch hier; da ist sie überdies. (Marquise tritt mit Hermine auf.) Vierter Auftritt. Marquise, Marquis, Henriette, H e r m i n e. Marquise. Ah ! Sie sind da, Herr Bruder? Ich fürchtete, daß Sie nicht im Hause seien, da ich Sie bei meiner Ankunft nicht sah. Es ist feucht; Sie fürchteten gewiß, nasse Füße zu bekommen. Marquis. Ganz richtig! Marquise. Zch habe einen starken Rheumatismus und ich bemühe mich deshalb doch hieher. Solche Sachen hängen von den Charakteren ab. Ich gebe Ihnen Nachrichten über meine Gesundheit, obgleich Sie mich nicht darum befragen; aber ich nehme an, daß Sie mich fragen wollten. (Zu Hermine.) Und Du sagst, dieser Herr nenne sich? Hermin e. Welcher Herr, liebe Großmama? Marquise. Der Herr, den Ihr Alle hier heiraten wollt. Marquis. Das fängt schlimm an. Hermine. Nur ich allein, liebe Großmama, will ihn heiraten; und beruhigen Sie sich, man legt mir keinen Zwang auf. Marquise (sehr schnell). Und Du nennst ihn? Her mine. Wie sagen Sie, liebe Großmama? Marquise. Ich sage: Und Du nennst ihn? Hermi ne. Herr von Boisceny. Marquise. Von Boisceny . . - kennen Sie das, Herr Bruder? Marquis. Ja, ich kenne ihn . . - Ein junger Mann, braune Haare. . - nicht sehr groß ... Marquise. Ich frage Sie nicht nach der Farbe seiner Haare, noch nach der Höhe seines Wuchses ... ich frage Sie, ob Sie eine Familie von Boisceny kennen? Marquis. Ich kann nicht alle Fa- milien in Frankreich kennen. 23 Marquise. Ich kenne alle, bieder Mühe werth sind zu kennen, und es gibt keine einzige mit dem Namen von Boisceny. Es gab früher einen Bois- cöny, der nur eine Tochter hatte, welche Herr von Beautran heiratete, der erster Stallmeister Carl X. war, und dessen Mutter Ehrendame der Dauphine gewesen ist . . . aber das ist nicht dasselbe. Marquis. Augenscheinlich. Marquise. Das stammt wahrscheinlich aus dem Kaiserreiche her, der Vater wird irgend eine Schlacht gewonnen haben! Marquis. Nichts weiter! Marq ui se. Und wie weit ist man? Hermine. Herr v. Boisceny liebt mich und will mich heiraten. Marquise. Und Du? Hermine. Und ich auch. Marquise. Sehr wohl. Also habe ich nur noch meine Einwilligung zu geben? Hermine. Ja . . . Großmutter! Marquise. Woher kennst Du denn Herrn von Boisceny? Hermine. Wir sind ihm begegnet. Marquise. Zn der vornehmen Gesellschaft ? Hermine. Nein! Marquise. Wo denn alsdann? Hermine. Auf dem Wege. Marquise. Auf welchem Wege? Her mine. Dort, liebe Großmama, auf dem kleinen Wege, welcher sich dort unten hinzieht. Wenn Sie ein Wenig aufstehen, können Sie ihn sehen. Marquise. Mit wem war er? Hermine. Er war allein. Marquise. Wer hat ihn vorgestern? " Her mine. Er sich selbst. Marquise. Und Deine Tante hat 'hn bei sich empfangen? Hermine. Mit großem Vergnügen! Marquise. Sagen Sie doch, Herr Bruder! Marquis. Theure Schwester! Marquise. Hörten Sie? Marquis. Vollkommen! Marquise. Was sagen Sie dazu? Marquis. Sie hören, daß ich nichts sage. Marquise. Und Ihnen erscheint das Alles ganz natürlich? Marquis. Aber ... ja ... ein Weg auf dem Lande . . . ein Herr auf diesem Weg und andere Personen zu gleicher Zeit mit diesem Herrn auf demselben Wege ... das sieht man alle Tage. Marquise. Es scheint Ihnen demnach natürlich, daß man die Hand eines jungen Mädchens einem Menschen verspricht, dem man auf dem Wege begegnete; denn ein Individuum, welches auf einem Wege geht und welches man nicht kennt, ist kein Herr, sondern ein Mensch. Marquis. Vor Allem hat man Herrn von Boisceny die Hand Her- minen'S nicht versprochen, man hat es nur gebilligt und ihn bevollmächtigt, dieselbe von Ihnen zu erbitten, wenn Sie hierher kommen würden, wie dies alle Jahre geschieht, um einige Tage hier zuzubringen; endlich erscheint es mir ebenso natürlich, ein Mädchen einem Herrn zu versprechen, dem man auf dem Wege begegnete, wenn man diesen Herrn allsogleich für einen Mann von Welt und Bildung erkennt, und welcher dem jungen Mädchen gefällt, als einem Herrn, den sie niemals gesehen hat, und was leider alle Tage vorkommt. Marquise. Sie wissen nicht, was Sie sprechen. Marquis. Alsdann muß man mich nicht fragen, was ich zu sagen habe. Henriette. Wenn Sie Hrn. von Boisceny kennen würden. . . . Marquise. Das ist eS ja, worüber ich mich beklage, ihn nicht zu kennen. 24 Henriette. Ich will damit sagen, wenn Sie ihn ein einziges Mal gesehen haben würden, so werden Sie über ihn urtheilen, wie wir ihn beur- theilen! Es ist wahr, der Zufall ließ unS ihn kennen lernen; aber ich lernte sogleich an Herrn von Boisceny eine große Erhabenheit der Zdeen und des Charakters Hochschatzen. Zch sehe nicht ein, was wol Außerordentliches darin liegen kann, wenn man versucht, ein junges Mädchen nach seinem Herzen und nach den Regeln der Schicklichkeit zu verheirathen. Es ist sicherlich nichts Schlimmes, wenn von Zeit zu Zeit eine Heirath auf diese Art geschlossen wird, und wäre eS auch nur deshalb, um die Anderen zu entschuldigen — der Zufall weiß oftmals besser, was uns frommt, als wir selbst. Marquis. Vollkommen richtig. Marquise.Und Du Hermine, was denkst Du darüber? Hermine. Ich — ich bin ganz der Meinung meines Großoheims. Marquise. Alsdann bin ich wohl aberwitzig! Und mein Herr Sohn, ist er derselben Meinung wie Ihr Alle hier? Henriette. Ich habe meinem Gemahl über diese Angelegenheit geschrieben; er antwortete mir, daß er Ihrer Entscheidung folgen würde. Marquise. Das ist sehr glücklich! Was macht denn mein Herr Sohn jetzt? — Zst er noch immer beim Handel? In welchem Geschäftszweig arbeitet er denn? In Kolonialwaaren ? Marquis. Er beschäftigt sich mit der Industrie. Er baut, oder vielmehr er läßt bauen, — denn er könnte es nicht allein besorgen — also er läßt Schiffe bauen, große Schiffe, was äußerst bequem ist, um über daS Wasser zu kommen; er macht sehr gute Geschäfte. Marquise. Es ist sehr angenehm für mich einen Sohn zu haben, der Schiffe baut. Marquis. Sein Vater baute doch auch Häuser. Marquise. Mein Gemahl baute nichts. Marquis. Lheuerste Schwester, man muß sich vor allen Dingen ein für Allemal deutlich aussprechen: Sie waren ein Fräulein von Orgebac, wir stammen Beide von denOrgebac'S, und wir rühmen uns, Sie zum Wenigsten, königliches Blut in den Adern zu haben; wie es scheint, zeigte der große König Heinrich IV. große Zärtlichkeit für eine unserer Ahnfrauen. Es ist übrigens komisch, daß der Fehler einer Frau in einer Familie für die Nachkommen der Adelsbrief sei. Man hat damals die Sachen so abgemacht, ich bin's zufrieden. Mit ein wenig Bereitwilligkeit und Unterstützung würden wir vielleicht Rechte auf die Krone von Frankreich geltend machen können, aber ich halte es für unnöthig, davon Gebrauch machen zu wollen. Marquise. Nur weiter— weiter — geniren Sie Sich nicht. Marquis. Während der Revolution, während der Zeit des ErilS und des Elendes haben Sie einen kühnen Entschluß wegen unseres Adels gefaßt, und heiratheten Herrn Sternay, einen Bauunternehmer. Marquise. Architekten! Marquis. Einen Architekten, welcher der Vater Ihrer beiden Söhne ist, von denen der eine Schiffe baut, und der Andere als Divisions-General verstarb ; was jedenfalls sehr ehrenvoll ist. Dieser war HerminenS Vater; und ich darf sagen, wenn man ihn gekannt hat, findet man die Festigkeit seines Charakters in seiner Tochter wieder. Marquise. Ein hübsches Geschenk, das er ihr da gemacht hat! Marquis. Als das Kaiserreich gekommen war, setzten Sie auf Ihre Visitkarten und Unterzeichneten sich' Madame Sternay, geborne von Orge- 25 bac; als Ihr Gemahl starb, nannten Sie Sich nur noch Marquise von Orgebac, und Sie haben damit aufgehört, selbst zu glauben, Ihre Kinder gehörten zum ersten Adel Frankreichs. Dies ist ein Jrrthum, theuerste Schwester, es ist sogar mehr als ein Jrrthum, es isi eine Lächerlichkeit, welche man Ihnen nachsieht, weil Sie alt sind, und man in Frankreich viele Lächerlichkeiten gelten laßt; aber wenn wir unter unö sind, und es sich um den Adel eines Bewerbers um die Hand Herminens handelt, dürfen Sie sich nicht zu viel verlangend zeigen, da Sie eine Bürgerliche, und Ihre Kinder Bürgerliche sind, einfache Bürgerliche, worüber diese nicht erröthen. Ich — ich bin adelig; nur ich allein habe das Recht, unseren Titel und unseren Namen von Orgebac zu führen, welches mir aber zu gar nichts auf der Welt nützte, wenn ich nicht den glücklichen Gedanken gehabt hätte, mir in Indien ein großes Vermögen zu erwerben; und da ich keine Kinder habe, so wird der große Name derer von Orgebac, berühmt und verherrlicht durch die Launen unserer Ahnfrau Christine, Ange- lique, Gräfin von Orgebac, Dame von Parvilliers und anderen Orten, bestimmt an den Tag verlöschen, wo ich einwilligen werde zu sterben, denn Adelige wie ich, sterben nur an dem Tag, wo eS ihnen beliebt. Glau- ben Sie mir, liebe Schwester, beweisen wir unsere gute Geburt durch die guten Eigenschaften und nicht durch die klebertreibungen des Adels; zürnen Sie Ihren Sohn nicht, daß er seinen Namen bei einer ehrbaren Industrie betheiligte: er hat andere Fehler, welche zu bemängeln sind, und chica- mren wir Hr. von BoiSceny nicht all iu sehr wegen deS Alterthums seines Namens. Die Hauptsache ist, daß er Elu ehrlicher Mann sei, daß er Her- mmen liebe und von ihr geliebt werde. — Der Mann macht den Titel, und nicht der Titel den Mann. . . . So, und nun setze ich mich, denn ich habe niemals so viel gesprochen, selbst nicht in der Pairskammer, in welcher ich sitze, liebe Schwester, und worin Sie nicht sind! — welche Schande! — Fünfter Auftritt. Vorige. Ein Diener. Diener. Es ist ein Herr da, welcher mit der Frau Marquise zu sprechen wünscht. Marquise. Der Name deS Herrn? Diener. Hier ist seine Karte. Marquise. Aristide Fressard, Notar in Lhateaurour. WaS will der Herr? Diener. Er sagte, er sei der Notar des Herrn von BoiSceny. Marquise. Laß' ihn eintreten. (Diener ab.) Wahrscheinlich werden wir nun nähere Auskunft erhalten. Sechster Auftritt. Aristide, Marquis, Marquise, Henriette, Hermine. Aristide. Die Frau Marquise von Orgebac? Marquise. Ich bin eS, mein Herr. Um was handelt es sich. Aristide. Nur Ihnen allein, Frau Marquise, wünschte ich die Mittbeilung zu machen, mit welcher ich beauftragt bin. Henriette. Wir ziehen uns zurück, mein Herr. Marquis. Ein Zwischenfall! Ein Geheimmß! Meine Schwester muß entzückt sein! Henriette, (zu Hermine, welche Aristiden betrachtet). Erschrick nicht, liebes Kind. Her mine. Ich erschrecke nie. Sie wissen es wohl, liebe Tante. (Alle ab; außer:) 26 Siebenter Auftritt. Marquise, Aristide. Marquise. Sprechen Sie, mein Herr. Aristide. Erweist mir die Frau Marquise die Ehre, zu mir zu sprechen? Marquise. Za, mein Herr. Aristide. Die Frau Marquise ist schlechter Laune! Marquise. Za, mein Herr, weshalb diese Fragen? Aristide. Weil die Frau Marquise mitmir in einem Ton sprechen, der nicht in ihren Gewohnheiten als Frau von Welt liegen kann, wenn Sie zum Erstenmale eine Person sehen, die nicht die Ehre hat, von Ihnen gekannt zu sein, und die sich Ihnen auf eine schickliche Art vorgestellt hat. Marquise. Entschuldigen Sie mich, mein Herr. Aristide. Zch entschuldige Sie, Frau Marquise. Ueberdies verbieten mir mein Amt als Notar und meine zufällige Eigenschaft als Gesandter jede übertriebene Empfindlichkeit; es war nur eine einfache Bemerkung, die ich machte. Marquise. Ich bin bereit, Sie anzuhören; haben Sie die Güte sich zu setzen. Aristide. Uebrigens werde ich mich kurz fassen, Frau Marquise: eS ist das Beste für die Art von Botschaft, welche ich auszurichten habe. Herr von Bois- ceny liebt Zhre Enkelin und erwartet, um Sie um deren Hand zu bitten, die Ankunft seiner Mutter und der Papiere, welche sein Vermögen und seine gesellschaftliche Stellung beweisen. Nicht wahr, so weit stehen die Sachen? Marquise. Za wol. Aristide. Nun aber treten gewisse Hindernisse, Schwierigkeiten dazwischen. Marquise. Es gibt also solche? Aristide. Haben Sie deren vor- auSgesehen, Frau Marquise? Marquise. Wenigstens vermuthete ich welche. Aristide. Schon der einfache Gedanke, daß Ihre Vermuthungen sich verwirklichen, scheint Sie zu entzücken. Marquise. Sie sagten also? Aristide. Ich sage, daß Herr von Boisceny nicht Hr. v. Boisceny heißt. Marquise. Ich wußte es wol, daß es keine Familie dieses Namens gäbe! Ohne Zweifel der Name irgend eines Grundbesitzes? Aristide. Ganz recht, Frau Marquise. Marquise. Also blos ein Beiname? Aristide. Noch mehr, er ist nicht der Sohn einer verwitweten Frau, wie seine Mutter ihm sagte. Er ist der nicht anerkannte Sohn einer unverehelichten Arbeiterin Namens Clara Vignot. Marquise. Nicht möglich!? Aristide. Die reine Wahrheit. Marquise. Aber das ist ja das Allerkomischeste, was es geben kann. Aristide. Finden Sie, Frau Marquise? Nun sehen Sie, wie Unrecht Sie hatten, mich schlecht zu empfange». Marquise. Zch danke Ihnen sehr, mein werther Herr, daß Sie gekommen sind, um mir alle diese Aufklärungen zu geben: Sie kennen demnach Herrn von Boisceny ganz genau? Aristide. Zch bin sein Notar und sein Pathe. . . Marquise. Und da er es nicht wagte, dies Geständniß selbst zu machen, beauftragte er Sie, es an seiner Stelle zu thun? Aristide. Nein, Frau Marquise; Zakob weiß nichts von meinem Verfahren, so wie ihm auch die näheren Umstände noch unbekannt sind, die ich Ihnen so eben mitgetheilt. Marquise. Es ist kaum glaublich. Aristide. Ich versichere Sie, Frau Marquise. Marquise. Lassen Sie doch- Aristide. Auf Ehre! Marquise. Und sein Vermögen? — Aristide. Sein Vermögen ist That- sache. Marquise. Aus einfacher Neugierde nur habe ich diese Frage gestellt, ich verlange nicht zu wissen, woher es kommt. Aristide. Aus einer sehr ehren- werthen Quelle. Marquise. Ich zweifle nicht daran, mein Herr. Ist das Alles, was Sie mir zu sagen haben? Aristide. Oh nein, Frau Marquise, ich bin noch nicht fertig. Marquise. Desto besser! Aristide. Es belustigt Sie wohl, Frau Marquise? Marquise. Es interessirt mich. Aristide. Das Interessanteste kennen Sie noch nicht. Marquise. Vielleicht noch Aer- geres? Aristide. Wie bei — erlauben Sie, daß ich nach der Ordnung verfahre; ich habe mein Programm als Abgesandter, Sie erlauben wol, daß ich es zu Rathe ziehe! (Zieht ein kleines Papier aus der Tasche und sieht hinein.) 3ch bin methodisch. Ich hin Notar. Also, ich soll Sie fragen, ob Sie, nach dem, was Sie so eben hörten, in die Heirath deS Fräuleins Hermine mit Herrn von Boisceny einwilligen, »der vielmehr mit Herrn Vignot, da dies sein wahrhafter Name ist. Marquise. Nein, mein Herr, ich willige nicht darein. Aristide. Erinnert Sie der Name Vignot an gar Nichts, Frau Marquise? Marquise. An Nichts. Aristide. Nun, Sie werden so- gleich sehen, daß der Zufall sich den Spaß machte, eine sehr merkwürdige Geschichte zu Stande zu bringen. Herr Vignot ist der Vetter von Hermine, denn er ist Ihr Enkel. Marquise. Mein Enkel undHer- minens Vetter? Aristide. Ja, Frau Marquise; ist Fräulein Hermine nicht die Tochter eines Ihrer Söhne, der sammt seiner Gattin verstorben ist? Marquise. Za wohl! Aristide. Herr von Boisceny ist der Sohn des anderen, der lebt, des Herrn Sternay und der Clara Vignot, welche Nähterin bei Ihnen war, und die Ihr Herr Sohn verführt hat. Marquise. Wie!? das Mädchen, welches vor 23 oder 24 Zähren bei mir war, und die, ich weiß nicht welchen Scandal zur Zeit der Vermälung meines Sohnes machte, unter dem Vorwände, daß sie ein Kind habe? Aristide. Sie müssen zugestehen, daß der Vorwand gut war. Marquise. Abscheulich, mein Herr, dieses Kind geht Herrn Sternay nichts an. Aristide. Gehen wir nicht zu weit, Frau Marquise; Herr von Boisceny gehört zu Ihrer Familie. Marquise. Bei Leuten, wie wir sind, mein Herr, gibt es keine Familie, als wenn eine gesetzliche Verbindung besteht. Aristide. Zch habe Sie ferner zu fragen, Frau Marquise, ob Sie, nachdem Sie wissen, daß Herr Vignot Zhr Enkel, dennoch darauf bestehen, ihm die Hand Ihrer Enkelin abzuschlagen? Marquise. Immer und alle Zeit, so lange sie das Gesetz unter meinen Schutz stellt; ich verlange von dem Manne, der meine Enkelin heiraten will, dasselbe, was meine Mutter von meinem Gatten verlangte, was die Familie meiner Schwiegertochter von meinem Sohne forderte, eine gesellschaftliche Stellung, einen rechtmäßigen Namen, eine unantastbare Vergangenheit. 28 Aristide. Ich bitte um Verzeihung, Frau Marquise, wenn ich dringend erscheine; aber es handelt sich hier nicht um mich; ich muß alle Mittel des Vergleiches anwenden, bevor — — Marquise. Bevor? Aristide. Bevor ich zu Anderen schreite. Marquise. Zu welchen Anderen, mein Herr? Aristide. Diese betreffen andere Personen. Marquise. Man wird Scandal machen wollen? Aristide. Ich glaube nicht, Frau Marquise; die Mutter des Herrn Vig- not erbietet sich, wenn Sie in die Heirat willigen, ganz im Verborgenen und in Zurückgezogenheit zu leben und ihren Sohn nicht mehr wiederzusehen; wenn Sie verlangen würden, sie solle sich tödten, um gewiß zu sein, daß sie ihr Versprechen halte, sie würde sich umbringen. — Nein? Marquise. Nein, mein Herr. Aristide. Zch bin zu Ende, Frau Marquise, mit Ihnen wenigstens; ich muß Ihnen sagen, daß ich nicht einen Augenblick an Ihrer Antwort gezwei- felt habe. Marquise. Sie sind ein Mann des Gesetzes, Herr Notar; bin ich in meinem Rechte? Ja oder Nein? Aristide. Sie sind vollständig in Ihrem Rechte; und was auch geschehen mag, Sie werden weder sich noch mir etwas vorzuwerfen zu haben. Marquise. Und was wird denn geschehen? Aristide. Aller Wahrscheinlichkeit nach — wenn Herr Vignot Fräulein Hermine Sternay wahrhaft liebt, wovon ich überzeugt bin; wenn Fräulein Hermine Sternay Herrn Vignot wirk- !'h liebt, waS ich wol glaube, denn er verdient geliebt zu werden — nun also — so werden sie sich heiraten; denn der Fehltritt eines Individuums muß nicht eine ganze Generation verhindern, glücklich zu werden. Marquise. Und sie werden sich wider meinen Willen heiraten? Aristide. Wider- Ihren Willen, Frau Marquise. Marquise. Durch welchesMittel? Aristide. Durch ein Mittel, welches ich ihnen bezeichnen werde. Marquise. Und das ist — ? — Aristide. Sehr einfach. Dies ist Alles, was ich Ihnen heute sagen kann, Frau Marquise. Marquise. Ich gestehe, daß ich neugierig wäre, dies zu sehen. Aristide. Die Frau Marquise ist noch jung genug, um es zu sehen. Marquise. Unterdessen, mein Herr, werden Sie wohl die Güte haben, uns die Mühe zu ersparen, Herrn Vignot zu verabschieden? Aristide. Za. Marquise. Ich denke, wir haben uns nichts mehr zu sagen? Aristide. Nichts mehr. Marquise. Ich habe die Ebre, mich Ihnen zu empfehlen, Herr Notar. Aristide. Ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen, Frau Marquise. (Marquise ab.) Achter Auftritt. Aristide (allein), dann Jakob. Aristide. Armer Junge! Jakob (auftretend). Sie hier, Pathe? Aristide. Ja, mein lieber Jakob; Dir geht's gut? Jakob. Ausgezeichnet; aber wie kommen Sie hierher? Aristide. Ich kam mit Deiner Mutter. Jakob. Sie ist hier? Aristide. Nein, sie erwartet uns in Havre, im Hotel de France. Jakob. Schnell, eilen wir zu ihr! 29 Aristide. Höre mich ein Wenig. Bist Du ein Mann- Jak o b. WaS wollen Sie damit sagen? Aristide. Ich frage Dich, ob Du, wie es jeder verständige Mann sein soll und muß, auf alle Ereignisse dieses Lebens vorbereitet bist? Jakob. Meine Mutter ist'todt? Aristide. Nein; und da dies das erste Unglück ist, an welches Du gedacht hast, so ist dasjenige, waS ich Dir mitzutheilen habe, weniger groß. Jakob. Reden Sie. Aristide. Man verweigert Dir die Hand des Fräuleins Sternay. Jakob. Weshalb? Aristide. Weil Du ein natürliches Kind bist. Jakob. Wer sagte das?! Aristide (ihm ein Papier übergebend). Dein Geburtsschein; lies. Jakob (lesend): „Ein Kind, getauft mit dem Namen Jakob, Mutter Demoi- selle Clara Vignot; Vater unbekannt!" Dies ist mein Geburtsschein? Aristide. Ja. Jakob. Also habe ich gelogen! WaS hatte denn meine Mutter gethan, daß sie mein Vater nicht heiratete? Warum hat man mir die Wahrheit verheimlicht? Ich muß Alles wissen; dieser dem Gesetze unbekannte Vater hatte einen Namen? Aristide. Gewiß. Jakob. Er lebt noch. Aristide. Er lebt. Jakob. Und heißt? Aristide. Herr Sternay. Jakob (wendet sich zum Abgehen). Her- minen's Oheim? Aristide. Herminens Oheim! Wohin gehst Du? Jakob. Zu meinem Vater. Aristide. Was da thun? Jakob. Nun, ihn sehen, da ich ihn noch niemals gesehen habe. (Ende de- ersten Aufzuges.) zweiter dk«fz«g. Zimmer in einem Gasthofe. Erster Auftritt. Clara (allein, ordnet Papiere an einem Tische.) Aristide (tritt auf.) Clara. Endlich bist Du da. Ar istide. Ja ich bin da; ich glaubte daß dieser verdammte Wagen niemals Herkommen würde. Clara. Was für Nachrichten? Aristide. Schlechte. Clara. Ich habe sie nur zu gut vorausgesehen! die Marquise? — Aristide. War so wie sie sein mußte. Von dieser Seite ist nicht- zu erwarten. Clara. Madame Sternay? Aristide. Hat das Aussehen einer braven Frau. Es ist wahr, daß in dem Augenblicke, wo ich sie gesehen Habs, sie noch nichts von dem wußte, waS mich hinführte. Clara. Das junge Mädchen? Aristide. Ich glaube, dies ist die Beste in der ganzen Familie. Clara. Nun und — Jakob? Aristide. Du erräthst wol den Eindruck, den die Nachricht auf ihn herangebracht hat nicht mehr? Clara. Er hat mich verflucht. Aristide. Er! bist Du wahnsinnig? 30 Er wollte den Namen seines Vaters wissen; das war Alles. Clara. Und Du hast ihn genannt? Aristide. Wie sollte ich Anders? Clara. Alsdann? Aristide. Alsdann ging er fort ihn aufzusuchen. Clara. Und in diesem Augenblick? Aristide. Ist er bei ihm! Clara. Was wird geschehen? Aristide. Ich weiß nichts davon. Clara. Du mußtest ihn zurückhalten. Jakob ist gut, aber Du weißt, wie heftig er ist. Aristide. Hält man einen Mann, der plötzlich in solch eine unerwartete Lage gekommen ist, wol von etwas zurück? — Alles, was man thun kann, ist zu versuchen diese Sachlage zu leiten. Wenn Du auf mich gehört hattest, so würdest Du ihm längst Alles gesagt haben.— Kurz —ich kam hierher, um Dich von den Folgen meines Schrittes zu benachrichtigen, dies schien mir das Wichtigste. Jetzt laufe ich zu Herrn Sternay, um ein Wenig nachzusehen, was geschieht, dann komme ich sobald als möglich wieder. — Clara. Lieber Aristide, wie gut Du bist! Aristide. Nur noch eine Stunde Geduld. Zweiter Auftritt. Vorige, Jakob. Jakob (im Auftreten) Mutter! . . . Aristide. Zu spät! Clara, (an Jakobs Hals hängend.) Jakob ! Mein Freund! Mein Kind! Jakob, (nachdem er Aristide die Hand gereicht.) Ich komme von Herrn Sternay. Clara. Und er? Jakob. Ich habe ihn nicht angetroffen Ich ließ meinen Namen bei ihm zurück, den Namen, den ich noch vor 2 Stunden trug, und meine Adresse, ihn bittend, mir sagen zu lassen, wann er zu sprechen sein würde. (Zu Klara.) Ich bin über diesen Aufschub sehr zufrieden, da er mir Zeit gewährt, mit Dir zu sprechen. Clara, (zu Aristide, welcher abgebt) Entferne Dich nicht, ich wünschte Dich sogleich wiederzusehen. (Aristide ab.) Dritter Auftritt. Clara, Jakob. Jakob. Liebe Mutter, Du wirst mir nun Alles erzählen, nicht wahr? Clara. Frage- Jakob. Ich muß wol die ganze Wahrheit wissen, um mich mit Herrn Sternay erklären zu können. Clara. Was willst Du ihm sagen? Jakob. Dies wird davon abhängen, was Du mir gesagt haben wirft. Clara. Vergiß nicht, daß er Dein Vater ist. Jakob. Nicht mehr, als er vergessen hat, daß ich sein Sohn war. Clara. Er ist vielleicht nicht so strafbar, als es erscheint. Jakob. Du entschuldigst ihn schon? Clara. Dies ist meine Pflicht. Jakob. Obgleich Dich dieser Mann verlassen hat. ohne Dir einen Vorwurf machen zu können, — denn er hatte Dir nichts vorzuwerfen.... nicht wahr? Clara. Nichts! ich schwöre es Dir vor Gott! Aber bedenke wol, was Du thun willst. Jakob. Ich werde das Allereinfachste von der Welt thun: ich will wissen, welchen Grund ein Vater haben kann, um sein Kind zu verlassen, und ich will ihn selbst darum befragen. Wenn der Grund gut ist, werd ich ihn begreifen. Clara. Und wenn er sich weigert, Dir diesen Grund anzugeben? Jakob. Weshalb? Clara. Weil er es läugnen kann, Dein Vater zu sein; weil es durch Nichts bewiesen ist. Jakob. Vor dem Gesetz; aber vor uns- 31 Clara. Wohin wird diese Auseinandersetzung führen? Jakob. Die Wahrheit kennen zu lernen. Clara. Ich will sie Dir jetzt sagen, denn mein einziges Unrecht Dir gegenüber besteht darin, daß ich sie dir nicht früher gesagt habe. Ich glaubte Dich immer in dieser Unwissenheit lassen zu können, oder doch wenigstens bis zu meinem Tode. Ich habe dich von jeder Laufbahn entfernt zu halten gesucht, wo es unumgänglich nöthig sein mußte deine wahre Stellung einzustehen. Ich hatte nicht das Recht dazu, ich erkenne es an. Heute nimmt diese Offenbarung, in Gegenwart Deiner Liebe zu Frl. Sternay, des Fehlschlagens Deiner Hei- rath und des Verlustes Deiner Hoffnungen, die Verhältnisse eines nicht wieder gutzumachenden Unglücks an. Es ist jedoch nicht so, denn ich bin immer Deiner würdig, und Du bist noch immer ihrer würdig, denn ich war stets einegute Mutter, und Du wirst immer ein rechtschaffener, ehrenwerther Mann sein. Alles hängt also von der Erklärung ab, die Du mit Herrn Sternay, deinem Vater, haben wirst. Jetzt, wo die Leidenschaften beruhigt sind, wo Du ein' junger Mann bist und ich eine alte Frau, begreife ich Vieles, was ich früher nicht begriff. Sei also sanft und versöhnlich während dieser Zusammenkunft. Wenn Herr Sternay sieht, was aus seinem Sohn geworden, wird er stolz aus Dich sein; er nur allein kann das Unglück, welches Dich betrifft, wenn auch nicht materiell, doch wenigstens moralisch wieder gut machen, da er Herminens Vormund ist, und Du wirst nach Allem, was geschehen ist, wofern Du sie heirathest, glücklich werden. Rufe also seine besseren Gefühle an; er wird Dich anhören, wird Dich seinen Sohn nennen, — ich bin davon überzeugt, — nicht vor der Welt, aber im Innersten seines Herzens; und nachdem er Dich durch seine Verheirathung aus seiner Familie ausgeschlossen, wird er Dich durch die Deinige mit Herminen, in dieselbe wieder aufnehmen. Ist dies nicht der beste Rath, den ich Dir geben kann; nicht wahr, es ist das Klügste, was Du in diesem traurigen Ver- hältniß zu thun hast? Jakob. Nein. Mutter, nein! Glaubst Du, daß ein Mann wie ich, der seit 23 Jahren seine Mutter als die beste und heiligste der Frauen liebt und achtet, Alles dies so plötzlich hören kann, ohr e daß er, wenn er sich endlich seinem Vater gegenüber befindet, nicht von diesem eine Erklärung seines ganzen Leben fordern, und Alles vergessen wird oder nichts wissen will, unter der Bedingung, daß man ihm die Hand derjenigen gibt, die er liebt?! Du kennst mich zu gut, Du hast einen viel zu stolzen und rechtschaffenen Mann aus mir gemacht, um nur zu denken, daß ich, mit einem Zweifel, der auf Dir oder mir lastete, leben wollte. Ja, ich liebe Hermine, und diese Liebe war der Traum meiner Zukunft; aber vor 2 Stunden noch, hielt ich mich für einen Mann wie alle Uebrigen. Jetzt ist es Anders, und meine Liebe darf und muß erst nach meiner Ehre kommen. Ich werde Herminen lieben, wenn ich überzeugt sein werde, ein ehrlicher Mann zu sein. Clara. Jakob! Jakob. Sichst Du nicht, Mutter, oder willst Du es nicht sehen, daß, seitdem ich hier bin, ein einziger Gedanke meinen Geist beherrscht, daß eine einzige Frage ängstlich auf meinen Lippen bebt; fühlest Du denn nicht, daß in meinem vergangenen und gegenwärtigen Leben ein Geheimniß liegt, welches ich mir nicht erklären kann und dessen Aufklärung ich nicht von Dir zu fordern wage, so sehr bin ich noch gewöhnt Dich zu lieben und hochzuachten; und da ich diese Aufklärung haben 38 1 will, und ich sie nicht von Dir begehren kann, so bin ich genöthigt, sie von einem Andern zu fordern! Clara. Du sollst Alles erfahren, mein Kind! — Frage mich, richte mich, ich bin es zufrieden! Jakob. Nun also, Mutter, da Du ohne Vermögen warst, da mein Vater mich verlassen hat, wie kommt es, daß ich reich bin? Clara. Höre Jakob, höre mir aufmerksam zu, mit Ruhe, ich bitte Dich darum. Ein Diener. Herr .... Jakob. Was wollen Sie von mir? Diener. Es ist ein Herr da, bei dem Sie so eben waren, und der Sie zu sprechen wünscht... Herr Sternay. Jakob, (eine Seitenthür aufstoßend) Tritt hier hinein, Mutter, höre, was sich zutragen wird, und erscheine, wenn Du glaubst, daß es nothwendig ist. (Zum Diener.) Bitten Sie Herrn Sternay, einzutreten. (Diener ab. Jakob darnach seine Mutter). Clara. Du versprichst mir-? Jakob. Ich verspreche Dir, mich als Ehrenmann zu betragen. (Clara ab in dem Augenblick, wo Herr Sternay auftritt). Vierter Auftritt. Jakob, Sternay. Sternay. Ich habe wol die Ehre, mit Herrn von Boisceny zu sprechen? Jakob. Ja, mein Herr. Sternay. Sie haben sich die Mühe gegeben, bei mir vorzusprechen; ich bedaure, abwesend gewesen zu sein; aber als ich nach Hause kam, fand ich Ihren Namen und Ihre Adresse, und ich beeilte mich, zu Ihnen zu gehen, um Ihnen die Mühe zu ersparen, wieder zu mir zu kommen. Jakob. Ich bin Ihnen für diese Zuvorkommenheit sehr dankbar. Sternay. Sie ist ganz natürlich. Jakob. Madame Sternay, mit welcher ich die Ehre hatte, auf dem Land bekannt zu werden, hat ohne Zweifel schon von mir gesprochen? Sternay. In der That, in ihren letzteren Briefen erzählte sie mir oft von Ihnen, und in solchen Ausdrücken, daß Sie, obgleich mir noch unbekannt, doch schon kein Fremder mehr für mich waren . . . Sie theilte mir mit, daß Sie meine Nichte liebten, und daß Sie uns die Ehre erweisen, um deren Hand anzuhalten. Sollte meine Mutter noch nicht auf meinem Landbesitze angekommen sein? Jakob. Sie ist jetzt dort. Sternay. Sie haben sie gesehen? Jakob. Nein, mein Herr. Sternay. Ah! . . . Meine Mutter hat jedoch hauptsächlich über Hermine zu bestimmen. Es ist so weit schicklicher.. ..was siethun wird,kann ich nur bestätigen .... Aber die Überlassung meiner Rechte an meine Mutter hat weder meine Pflichten gegen Hermine verringert, noch meine Zärtlichkeit für dieselbe geschwächt; denn ich liebe Hermine, als ob sie meine Tochter wäre, und sie wird meine einzige Erbin sein, da ich keine Kinder habe. Jakob. Sie haben keine Kinder, Herr Sternay? Sternay. Nein. Jakob. Haben niemals welche gehabt? Sternay. Nie. Jakob, (nach einer Pause.) Ich hatte mich deshalb zu Ihnen begeben, Herr Sternay, um Sie zu benachrichtigen, daß mein Heiratsantrag wahrscheinlich als nicht geschehen zu betrachten sein dürfte. Sternay. Sie ziehen Ihr Gesuch zurück? Jakob. Nein. Aber Ihre Frau Mutter verweigert ihre Einwilligung, und Ihr Ausspruch wird ohne Zweifel mit dem Ihrer Mutter übereinstimmen. Sternay. Weshalb diese abschlägige Antwort? 33 Jakob. Weil ich, ebenso wie Sie keine Kinder habe, was man erklären kann, keinen Vater habe, welches sich nicht erklären läßt. St er nah. Keinen Vater! — Ich verstehe nicht. Jakob. Ich bin ein natürliches Kind. Vor zwei Stunden habe ich selbst eS erst erfahren, und ich beeilte mich, zu Ihnen zu gehen, um es Ihnen zu sagen. Meine Mutter hatte mir bis jetzt immer meine Stellung verheimlicht, sonst würde ich mir nicht erlaubt haben, um die Hand Ihrer Nichte zu werben. Ihre Frau Mutter, welche die Wahrheit erfahren, verweigert ausdrücklich ihre Zustimmung zu dieser Heirat, und so ruht denn meine ganze Hoffnung nur noch auf Ihnen, Herr Sternay. Sternay. Diese so einfache, aber etwas ungestüm hervorgebrachte Eröff-. nung war ich mir nicht erwartend. Jakob. Möge Ihre Antwort eben so freimüthig sein, als eö das Ge- ständniß war. Sternay. Alsdann sage ich Ihnen, mein Herr, daß Ihre Freimüthigkeit einen rechtschaffenen Mann beurkundet; unglücklicherweise aber . . . Jakob. Unglücklicherweise .... Sternay. Gehören meine Mutter und ich, sie durch die Geburt, ich durch meine Unternehmungen einer Elaste der Gesellschaft, ja selbst zwei Elasten an, bei denen dasjenige, was erhabene Geister Vorurtheil nennen, noch ein Grundsatz heißt. Hermine ist nicht meine Tochter, sie ist nur meine Nichte — wir können daher nur mit der größten Behutsamkeit und Vorsicht über ihr Schicksal entscheiden . . . Eine Heirat ist nicht nur allein die Verbindung zweier Personen, sie ist die Vereinigung zweier Familien; diese zwei Familien müssen also — — — Jakob. Wenn nicht von demselben Wiener Theater-Repertoir. H>IV. Rang, doch wenigstens von demselben Stamme sein. Sternay. Jawohl. Sie haben mich gebeten, freimüthig Zu sein, verzeihen Sie mir, ich bin es. Jakob. Und wir werden sehen, bis wie weit diese Freimüthigkeit geht. Meine Mutter heißt Clara Vignot. Sternay. Clara Vignot! Jakob. Ja, Herr Sternay. Sternay. Sie sind der Sohn der Clara Vignot! Jakob. Und folglich — der Ihrige. Sternay. Mein Herr- Jakob. Wenn Sie läugnen. daß Sie mein Vater sind, so verlasse ich Sie in demselben Augenblicke. Sternay. Ich läugne nichts. Jakob. Also, warum haben Sie meine Mutter nicht geheiratet? Warum haben Sie mir nicht Ihren Namen gegeben? Sternay. Ich habe Ihnen nicht- zu sagen. Jakob. Weil — ? -- Sternay. Weil ich nichts wieder gut machen kann . . . Jakob. Ich fordere nicht, daß Sie Ihr früheres Betragen wieder gut machen, ich verlange nur von Ihnen, daß Sie mir dasselbe erklären. Ich komme nicht, um einen Namen von Ihnen zu erflehen, ich fordere Aufschluß. Ich wurde bis jetzt über meine Geburt getäuscht, ich will wissen warum? — Sie allein können mich aufklären: sprechen Sie also ohne Umschweife mit mir; ich bin ein Mann und kenne das Leben. Haben Sie daher die Güte, mir zu antworten: Was trieb meine Mutter, als Sie dieselbe kennen lernten? Sternay. Sie arbeitete .... Jakob. Um zu leben? . . . Ich kenne nichts Ehrenvollere-. Hatte irgend Jemand das Recht, ihr etwa- Schlechtes nachzusagen? Sternay. Nein! Niemand! 3 34 I Jakob. Und Sie liebten sie? Sternay. Ich liebte sie. Jakob. Sie haben ihre Liebe gewonnen, indem Sie versprachen, ihr Gatte zu werden? Sternay. Sei es! AlS ich dieses Versprechen gab, glaubte ich, eö halten zu können. Jakob. Warum haben Sie es nicht gehalten? Sternay. Ereignisse, welche stärker waren als der Wille eines Menschen, tragen die Schuld; meine Stellung, meine Familie, die niemals in diese Heirat eingewilligt hätte; große Geldverluste, welche mich noch mehr zum Sclaven meiner Mutter machten, und gesellschaftliche Anforderungen . . . Jakob. Als Sie entschlossen waren, sich mit einer andern Frau, als mit meiner Mutter zu vermälen, kamen Sie damals zu ihr, um ihr diese Trennung sreimüthig zu gestehen? Hat sie entsagt? Hat sie eingewilligt? Sternay. Nein; ich sagte Ihrer Mutter damals nur, daß ich eine Reise unternehmen müßte. Jakob. Weshalb diese — Ausflucht ? Sternay. Weshalb? — weshalb? — Weil es gewisse Sachen gibt, die man nicht den Muth hat, einer Frau zu sagen, der man — es ist wahr — nichts vorzuwerfen hat. Ich hatte Furcht vor Thränen, Klagen, Vorwürfen. Sie werden dies wohl einsehen — denn Sie kennen das Leben ebenso gut als ich; — zu was nützt eö nun, mich zu zwingen, Ihnen noch zu sagen, was Sie errathen und was Ihnen nur Kummer verursachen muß? — Was soll ich Ihnen noch sagen! — Ich war 25 Jahre alt, war jung. Dieser Ausgang war vorauszusehen. Ich habe gehandelt, wie ein junger Mensch, wie viele Andere, wie Sie selbst an meiner Stelle gehandelt haben würden. Jakob. Ich glaube nicht. Sternay. Sieglauben nicht! Weil es sich in diesem Augenblicke um Sie handelt. Ich wünschte die Macht zu haben, das Unglück wieder gut machen zu können . . . aber wie? . . . ich bin verheiratet, ich kann meiner Frau die Wahrheit nicht eingestehen. Fragen Sie die Gefühle, welche Sie zu mir geführt haben, als Sie die Wahrheit über Ihre Geburt erfuhren, und Sie werden einsehen, daß eS keine kindlichen Gefühle waren. Dies beweist, daß die Familie mehr als ein Verwandtschaftsband ist; sie ist eine Gewohnheit des Herzens, die sich nicht aneignen läßt, wenn sie — sei es durch was immer für Ereignisse — seit 2V Jahren zerrissen ist. Alles, was sich nun in Ihrem Leben, sowie in dem meinigen verändert hat, ist — daß wir nun Beide eine Sache wissen, die wir vor Kurzem noch nicht wußten; welche Ihnen nur Kummer verursacht, mir aber Bedauern, — Gewissensbisse, wenn Sie wollen; — denn wenn ich vor 20 Jahren gewußt hätte, was ich nun weiß, so würde mein Leben wahrscheinlich eine andere Richtung genommen haben. Sie sind kein Kind mehr, und Ihr Herz sowohl als Ihre Vernunft werden sich nicht mit dem Namen eines Sohnes begnügen, der nur im Geheimen gegeben und empfangen werden darf. Sie sind unabhängig, haben Niemanden nöthig, ich habe Ihnen also nichts anzubieten. Jakob. Eö ist wahr, Herr Sternay, das erste Gefühl, welches sich bei mir für Sie regte, war kein Gefühl der Liebe, aber an wem lag die Schuld? . . . Gut, es sei — ich unterwerfe mich den kalten Vernunftgründen Ihres Alters, der Notwendigkeit des Geschehenen, und verlange nichts von dem, was ein Sohn von seinem Vater verlangen kann; aber waS Sie nicht für ein natürliches Kind ge- than haben würden, welches Ihnen unbekannt war, werden Sie es auch nicht für Denjenigen thun, dessen Vater Sie nun kennen? Nehmen wir an, daß ich — wie es mir meine Mutter rieth — an Ihr Herz appellire, welches sie mir als gut bezeichnete, daß ich mein ganzes Streben für meine Zukunft in der einzigen Befriedigung meiner Liebe begrenze, und daß ich mich damit begnüge, von Ihnen die Hand Ihrer Nichte zu verlangen; werden Sie mir Ihre Nichte geben? Ster nay. Gewiß, ich wollte es gerne, aber wie soll ich es anfangen? — Ich bin nicht allein Herr über meine Nichte. Meine Mutter ist Vormünderin. Ueberdies besteht noch der Familienrath. Es wird unmöglich sein, die Unregelmäßigkeit Ihrer Geburt zu verbergen. Man wird alsdann die kränkendsten Vermuthungen über Hermine aufstellen, denn man beschuldigt immer die Frau. Man wird sagen, auf daß meine Mutter und ich in diese Heirath einwilligten, — annehmend, meine Mutter willigte ein, — müßten wohl sehr ernste Ursachen bestehen, und man würde die Heirat mit dem Namen einer nothgedrungenen Ehrenrettung bezeichnen, vielleicht mit . . . Muß ich Ihnen die ganze Wahrheit sagen? — Man wird auf alle Arten über Scandal schreien. Man wird sagen, daß ich bei mir, unter meinem ehelichen Dache diejenige unter dem Titel einer Schwiegermutter ausgenommen habe, welcher ich früher den Titel Gattin verweigert habe; daß ich mit dem Titel eines Schwiegersohnes das Kind an meinem Herde sitzen lasse, welchem ich den Titel Sohn abgeschlagen. Man wird hinzufügen, daß ich durch daS Mittel einer Heirat auf dieses Kind ein Vermögen übergehen lasse, welches nicht mir gehört, da eS das Erbe meines Bruders ist, und daß ich meinem Kinde Schenkungen mit dem Gelds Anderer mache. Welcher ist nun derjenige von all' diesen Scandalen, den Sie bereit sind, für die Ehre Ihrer Gattin, für den Ruf Ihrer Mutter, für Ihre persönliche Würde auf sich zu laden? Jakob. Also ist mein ganzes Leben zerstört, meine Zukunft verloren; mein Herz ist durch einen Fehltritt verdammt, der nicht der meinige, sondern der Ihrige ist, und dessen ganze Folgen Sie mit der kalten Logik des socialen Egoismus auf mich zurückwerfen. Aber hüten Sie sich, Herr Sternay, Ihre Darlegungen und Schlüsse könnten nur zum Umsturz der geheiligsten Naturgesetze führen. Sternay. Wie das? Jakob. Wer wird mir wohl die Stelle in Ihrer Schlußkette zeigen, wo die Gesellschaft aufhört, wo die Natur anfängt? Weil die Welt nicht weiß, weil sie es nicht wissen darf, daß ich Ihr Sohn bin, so sieht sie ja auch in uns nur zwei sich ganz fremde Menschen. Nun gut, nehmen wir an, daß ich der Logik meiner Lage folgte, wie Sie der Logik der Ihrigen folgten, und daß ich von Ihnen Rechenschaft verlangte, nicht mehr wie ein Sohn von seinem Vater, sondern wie ein Mann vom Manne, über die Schande meiner Mutter! Was würden Sie mir antworten? Fünfter Auftritt. Vorige. Clara. Clara (welche während der letzten Worte auftritt). Jakob! Jakob. Fürchte nichts, liebe Mutter, der Herr und ich treiben nur Logik mit einander. Sternay. Nun gut, ich werde Ihnen antworten — immer logisch — daß Sie das Recht verloren haben, so mit mir zu sprechen, indem Sie seit langer Zeit eine Stellung einnehmen, bei welcher ich nichts mehr gethan 36 habe, und wovon mir mein Zartgefühl verbietet, mit Ihnen zu reden. — Sie zwingen mich, Ihnen noch positivere Gründe anzugeben, ich gebe sie Ihnen. Nicht dem Herrn Jakob, dem Kinde ohne Namen, nicht dem Sohne der Clara Vignot, der Arbeiterin ohne Vermögen, verweigere ich die Hand meiner Nichte, ich verweigere sie dem Herrn von Boisceny, dem Mann von Welt, weil er einen Namen trägt, dessen Ursprung ich nicht kenne, und der 25,000 Franken Renten besitzt, deren Quelle mir unbekannt ist. Jakob. Ich bitte Dich, Mutter, auf diese Fragen zu antworten, welche ich nicht zu beantworten wüßte, da ich sie selbst eben noch an Dich gerichtet. Clara. Sei mein Richter: Herr Sternay selbst hebt hier vor Deinen Augen den Schleier der Vergangenheit auf, um sich zu entschuldigen und um dahin zu gelangen, daß Du Deine Mutter anklagtest; er ruft eine schändliche , ehrlose Vermuthung zu seiner Hilfe herbei; sei es. (Wendet sich an Sternay.) Nicht wahr, Sie wissen noch, was eine Stunde nach unserer letzten Unterredung, vor 20 Jahren geschehen ist? Ich suchte Sie bei Ihrer Mutter auf, welche mich durch ihre Leute davonjagen lassen wollte, mich, die Mutter Ihres Sohnes. Was ich Ihnen damals sagte, erinnere ich mich nicht mehr, ich war wahnsinnig vor Zorn und Schmerz. Ich weiß nur, daß ich die Schenkung, daö Almosen, welches Sie zurückließen, zerriß, daß ich es Ihnen vor die Füße warf, und verzweifelnd, sterbend, ohne alle Hilfsquellen nach Hause zurückkehrte. Gott ist jedoch mein Zeuge, ich liebte Sie zu jener Zeit so sehr, daß ich — wenn Sie mir die Wahrheit gestanden hätten , anstatt zu lügen, gewiß entsagt haben würde. — Glauben Sie mir, während der langen Stunden der Einsamkeit, zu welchen Sie mich oft ver- urtheilten, während ich meinen Sohn wiegte, der heute ein Mann ist, welcher uns richtet und mich vielleicht verdammen wird, glauben Sie mir, in jenen einsamen Stunden hatte ich diesen schrecklichen Ausgang oft vorausgesehen. Ich sagte Niemanden etwas, aber ich dachte es wohl, daß Herr Sternay niemals die Arbeiterin Clara heiraten, daß er nie seinen Sohn anerkennen würde; denn wenn das Herz eines Vaters nicht gleich diesen Gedanken am Tage der Geburt seines Kindes hat, so kommt er ihm später nicht mehr; nur sagte ich mir: Wenn der Augenblick unserer Trennung ge- ^ kommen sein wird, so wird er mir es offenherzig und redlich bekennen, wird mich um Verzeihung bitten, ohne welche er nicht glücklich sein kann; er wird mir diesen letzten Beweis seiner Achtung geben, und von Zeit zu Zeit, wenn ich ihm begegne, wird ein mir nur sichtbares Lächeln, eine Thräne vielleicht Alles vergelten. was ich gelitten haben werde. Jakob. Mutter! Clara. Nach jenem schrecklichen Auftritte wurde ich krank. Ein junger Mann, der damals so alt war, wie Du jetzt bist Jakob, nahm sich meiner an und pflegte mich, wie es nur ein Bruder an einer Schwester thun kann; er war ohne Verwandte, ohne Freunde, und überdies von einer tödt- lichen Krankheit befallen, die sein Dasein nur noch auf wenige Monate, in Fiebern und Schlaflosigkeit hinsiechend, beschränkte. Und ich, — die ich an einem Tage alle meine Hoffnungen verloren hatte, nur noch Dich, meinen Sohn, besaß, um Dir meinen Kummer, meine Schmerzen zu erzählen, obgleich Du noch zu jung warst, um sie zu verstehen, — ich wurde von Rührung, von Mitleid, von Zärtlichkeit für dieses arme Wesen ergriffen, welches sein Leben verkürzte, um das 37 meinige zu retten. Ich fühlte für je-I nen Mann eine Art mütterlicher Liebe. Ich unternahm es meinerseits, den Kranken zu retten. Ich verlängerte sein Leben um 2 Monate, über die Frist, welche ihm von der Wissenschaft gesetzt war . . . Dies war aber auch Alles, was ich thun konnte, und eines Morgens im Monat April, starb er, indem er zuletzt noch an das Leben glaubte — die letzte Hoffnung, welche Gott öfters denjenigen gewährt, die sterben müssen. Es war ein großer Schmerz für mich, ich verberge es Dir nicht. Als man das Testament des Verstorbenen öffnete, fand man, daß er uns sein ganzes Vermögen hinterließ, welches ich aus Ehrgeiz für Dich annahm und als eine Vergeltung des Schicksals. Er hatte keine Familie, ich beraubte demnach Niemanden. Ich kaufte ein Landgut, welches man Boisceny nannte. Dorthin zog ich mich mit Dir von der Welt zurück. Die Leute der Umgegend gaben mir vielmehr den Namen jenes Landbesitzes, als daß ich ihn annahm; dieser Name blieb Dir. gerechtfertigt durch die Wohltaten, welche ich Dich, um Dich her verbreiten ließ. Ich erzog Dich nach meinen besten Kräften, indem ich Dir sagte, daß ich Wittwe sei, und daß Dein Vater gestorben, als Du noch ein Kind warst. Dies ist die einzige Lüge, deren ich mich schuldig gemacht, und Gott weiß, in welch' guter Absicht ich eS gethan habe. Jakob. Ist das Alles, Mutter? Clara. Za Jakob. Sie waren im Recht, mir zu sagen, was Sie mir vorhin gesagt hahen, Hr. Sternay; Sie haben das Recht, mir ihre Nichte zu verweigern. Empfangen Sie meine Entschuldigungen, der Worte wegen, die ich mir erlaubt habe. (Bewegung Sternay's.) Jetzt können Sie sich entfernen, wir haben uns nichts mehr zu sagen. (Sternay ab.) Sechster Austritt. Jakob, Clara. Jakob. Leb' wohl Mutter! Clara. Du verläßt mich? Wohin gehst Du? Jakob. Oh! Ich weiß eS noch nicht. Immer gerade vor mich hin. Clara. Was glaubst Du denn? Jakob. Ich glaube, daß Du mir die Wahrheit gesagt hast, Mutter; ich glaube, daß Du Dir nichts vorzuwerfen hast, ich bin davon überzeugt, aber ich bin sehr unglücklich! Clara. Jakob, ... Du zweifelst an mir! Jakob. Nein . . . aber ich bin gezwungen mir zu sagen, daß mein Vater gegen mich, wie gegen Dich, gegen die ganze Welt quitt ist. Clara. Weshalb? Jakob. Weil die unmittelbare Dazwischenkunft eines Fremden in Deiner Verlassenheit und Deinem Schmerz, weil der Einstuß dieses Retters auf Deine ganze Zukunft Herrn Sternay von Gewissensbissen und Reue lossprechen, die er so sehr wünschte, gar nicht zu haben. Und wie willst Du, daß ich jetzt lebe? Bei jedem Schritte, den ich machte, würde ich glauben um mich her zu hören: Seht diesen Mann, man nennt ihn Herr von Boisceny: es ist aber nicht sein wahrer Name! Sein Name ist Jakob! Was seinen Vater betrifft, den kennt er nicht! — Er ist reich .... Von wem hat er das Vermögen? — Von einem jungen Manne, welcher starb, und welcher durch die Mutter Jakob's beherrscht, ihm sterbend Alles hinterlassen hat, was er besaß. Clara. Jakob! Jakob. Dies durfte man schon 20 Jahre lang um mich her sagen, ohne daß ich es vernahm, verstand, jetzt würde ich es verstehen, da ich die Wahrheit kenne. 38 Clara. Ich war ein armes Mädchen ohne Erziehung, ohne Kenntniß der Welt, ich betete Dich an, was sollte ich thun? Jakob. Du mußtest viel lieber das Almosen meines Vaters annehmen, als das Geschenk eines Fremden, hättest Du mir auch nur Wasser und Brod geben können: später, wenn ich in dem Alter würde gewesen sein, zu begreifen und zu arbeiten, mußtest Du mir die ganze Wahrheit gestehen und auS mir einen geringen Arbeiter machen, ohne jeden andern Ehrgeiz als den des täglichen Brotes, ohne einer andern Erziehung als Ehrfurcht für seine Mutter und Rechtschaffenheit des Lebenswandels; wenn Du nichts hattest, um mich zu ernähren, mußtest Du mich in einer Wohlthätigkeitsanstalt unterbringen, aber Du mußtest nicht aus mir einen falschen Edelmann machen, der durch einen ausgeborgten Namen vermummt, ohne Scham und ohne Schande mit einer doppelten Schmach belastet dahinlebt. — Siebenter Auftritt. Vorige. Aristi d e. Aristide, (welcher während der letzten Worte eingetreten ist.) Elender! Jakob. Mein Herr! — Aristide. Oh! Mir jagst Du keine Furcht ein. Ich wiederhole Dir, daß der Mann, welcher eine Frau beschimpft, ein Feigling ist, daß aber der Mann, der seine Mutter beschimpft elender und erbärmlicher ist, als ein Lackei und als ein Dieb. Sprich kein Wort; mache keine Bewegung ... ich erwürge Dich wie einen Hund! — Wie dumm ich bin — ich erzürne, beeisere mich — ein Notar — und die ganze Situation ist unmöglich. (Nimmt Jakob beim Arm) Geh! umarme Deine Mutter, Dummkopf! Jakob, (wirst sich zu den Füßen seiner Mutter.) Ach! Sie haben Recht, ich bin ein Elender! Clara. Mein armes Kind! Jakob. (Aristide die Hand reichend, und sich immer an seine Mutter wendend.) Vergib mir, verzeihe mir, ich bitte Dich! Clara. Ja; ich begreife Dich und verzeihe Dir. Jakob. Einen Augenblick hatte mich Wahnsinn erfaßt, ich erwartete jedoch auch nicht im Entferntesten eine solche Nachricht. . . jetzt bin ich ruhig, und wir werden niemals darüber sprechen... Aber ich habe das Bedürfnis noch ein Wenig zu weinen. Ich trat mit so viel Vertrauen in das Leben ein! Dieser Mann war sehr grausam gegen mich. Ein Vater . . . Seltsam . . . Vielleicht ist es meine Schuld? Mir scheint es jedoch, daß ein Wort von ihm hingereicht hätte, auf daß ich ihn für 20 Jahren liebte; aber als er mir so ruhig sagte, er habe niemals Kinder gehabt, als ich mich so einfach und so leicht aus seinem Leben auSgestri- chen sah, fühlte ich mein Herz plötzlich wie mit einer Eisrinde überzogen ; kurz, eS scheint das Leben hat solche harte Prüfungen. Es bleibt mir das Bewußtsein, daß ich ein ehrlicher Mann bin und Deine Liebe, nicht wahr, Mutter? . . . denn Du vergibst mir, und liebst mich. . . Aristide. Und viele Andere noch lieben Dich! — Ich, zum Beispiel! und Fräulein Hermine auch! — Jakob. Ja, vielleicht . . . aber rechnen wir nicht zu fest darauf. . . Das arme Kind ist nicht frei . . . und dann wußte sie nicht . . . Man muß nicht zu viel von dem Herzen einer Frau verlangen. Das Beste ist auf Alles gefaßt zu sein. Wir wollen fort von hier. Wir werden zusammen aus dem Lande leben. Wir wollen sehen, was die Zeit bringen wird. (Zu seiner Mutter.) Bist Du damit einverstanden? Clara. Du srägst noch? Jakob. Es gibt noch andere Leute wie wir, welche leiden. . . Wir wollen trachten, Gutes zu thun! (Man klopft.) Aristide. Herein! — (Jakob, welcher vor seiner Mutter auf den Knieen lag. steht auf.) Achter Auftritt. Vorige, Marquis. Marquis. Herr von Boisceny? Jakob. Hier bin ich. . . Marquis. Ich bin beauftragt, Ihnen einen Brief zu übergeben, mein Herr, (gibt Jakob einen Brief.) Jakob, (liest.) „Mein Herr, Sie können mit vollem Vertrauen dem Herrn Marquis von Orgebac, meinem Oheim, die Papiere übergeben, mit welchen Sie die Güte haben wollten, sich zu bemühen. Ich bedauere abzureisen, ohne Ihnen selbst danken zu können, aber ich bitte Sie, an meine Dankbarkeit zu glauben, so wie an die Versicherung meiner ausgezeichnetsten Hochachtung. Heinriette Sternay." (Zum Marquis.) Hier sind diese Papiere, Herr Marquis; bitten Sie gefälligst Madame Sternay, mich zu entschuldigen, daß ich dieselben nicht sogleich übergab, als ich sie empfangen hatte, aber ich gestehe, daß ich es in Mitten persönlicher Sorgen vergessen hatte. Marquis. Wollen Sie mir wohl gütigst erlauben, Ihre Hand zu schütteln, mein Herr? ... Jakob, (ihm die Hand reichend) Mit vielem Vergnügen. Marquis. Auf Wiedersehen, mein Herr. Jakob. Auf Wiedersehen. Marquis, (zu Clara.) Sie können stolz auf Ihren Sohn sein, Madame, er ist ein Ehrenmann. Er hielt die Rache in seinen Händen, und er hat selbst nicht einmal daran gedacht. Clara. Dank, Dank, mein Herr. Jakob, (zum Marquis.) Bitte um Vergebung, Herr MarquiS; aber da Sie sich für mich zu interessiren scheinen, wollen Sie mir gütigst erlauben, Sie um etwas zu fragen? Marquis. Ganz gewiß. Jakob. Sie wissen, was zwischen mir und Herrn Sternay vorgefallen lst? Marquis. Ja, ich weiß es. Jakob. Und Madame Sternay? Marquis. Weiß nur, daß die Heirat abgebrochen ist, ohne die Ursachen dieses Bruches zu kennen. Jakob. Und Fräulein Hermine? Marquis. Hat den Befehl erhalten, nicht mehr an Sie zu denken, ohne jede weitere Erklärung. Jakob. Also .... Marquis. Sie wollte die Gründe dieses Befehls wissen; und da man eS abgeschlagen ihr dieselben zu sagen — Sie kennen Ihren Charakter — so war sie fest entschlossen hierher zu kommen und dieselben selbst von Ihrer Frau Mutter zu verlangen. Jakob. Und . . . Marquis. Da meine Schwester diesen Schritt nicht für schicklich hielt, so hat sie ihn verhindert; und um ihn nicht von Neuem verhindern zu müssen, so schickt Sie Hermine in's Kloster. Jakob. Bis — ? — Marquis. Bis zu ihrer Volljährigkeit. Jakob. Ich danke Ihnen, Herr Marquis. (Marquis ab). Jakob, (zu Aristide halb traurig. halb heiter.) Nun Pathe, ich glaube, daS war heute ein harter, saurer Tag. — (Ende des zweiten Aufzuges.) Dritter dkufzug. /Bei dem Marquis von Orgebac.) Erster Auftritt. Marquis. Aristide. Marquis. Also, mein werther Herr Freffard, Sie werden die Güte haben, dies für mich abzumachen. Sie haben wohl verstanden? Aristide. Vollkommen! Ich habe verstanden, daß Sie mich eingeladen haben, während meines Aufenthaltes in Paris, einen Tag bei Zhnen auf dem Lande zuzubringen, und daß Sie mich nun fortschicken, um einen Pacht- contract mit Ihrem Pächter abzuschließen. Marquis. Zch bitte Sie um Vergebung, mein werther Herr Fressard, aber . . . Aristide. Ich scherze, Herr Marquis. Seit einem Jahre, seit dem Tage, wo wir uns zum Erstenmale begegneten, und wo Sie Jakob so herzlich und aufrichtig die Hand reichten, bin ich Ihnen mit Leib und Seele zugethan. Sie erwiesen mir die Ehre, mich einzuladen, einen Tag mit Ihnen zuzubringen, und geben mir eine Urkunde zu verfertigen: das ist ein reiner Gewinn, und ich danke Ihnen dafür. Marquis. Ich liebe die geraden und offenen Naturen; Sie haben mir auf der Stelle gefallen. Ich bin Ihnen nur böse, daß Sie mir Madame Freffard nicht mitgebracht haben. Ich bin zwar ein Junggeselle, das ist wahr, aber ein sehr alter Junggeselle. Aristide. Ach! nicht deshalb ist Victoria nicht mitgekommen; aber sie geht und kann nirgends hingehen, — ihrer Kinder wegen. Marquis. Wie viel Kinder haben Sie denn? Aristide. Neun: die Zahl der Musen. Marquis. Sind es Töchter? Aristide. Lauter Jungens! Welches Unglück, daß ich kein Preuße bin! Marquis. Warum denn? Aristide. Weil ich bald die Medaille bekommen würde? Marquis. Welche Medaille? Aristide. In Preußen erhält jeder, der Vater von 12 Knaben ist, vom König eine Medaille, und unter uns, man ist dann nicht leicht dazu gekommen. Marquis. Und wie alt ist denn der jüngste Ihrer Knaben? Aristide. Der jüngste ist einen Monat alt. Marquise. Also ist Madame Fressard noch leidend? Aristide. Victoria! Man sieht wol, daß Sie sie nicht kennen. Herr MarquiS; schon seit 14 Tagen trottirt sie wieder im Hause herum, als ob gar nichts vorgefallen wäre, und ist ganz bereit wieder von vorne anzufangen . . . . wenn man will. Marquise. Und Sie sind glücklich, so viele Kinder zu haben? Aristide. Meiner Treu', ja, der älteste ist 19 Jahre alt. Er ist Tag für Tag, 9 Monate nach meiner Heirat auf die Welt gekommen; er befindet sich auf der Schule von Saint- Cyr. ES geht sehr gut mit ihm: Sein Lebensweg ist gefunden. Der Zweite ist 17 Jahre alt, er hat Geschmack am Handel: er. wird Kaufmann. Ich will wol meine Kinder leiten, aber ich will ihnen nicht hinderlich sein. Sehen Sie, Herr Marquis, ich habe immer in der Provinz gelebt. Durch mein Geschäft war ich in der Lage, die Laster, die Leidenschaften, die Bestrebungen der Männer ganz in der Nähe zu beobachten; sie sind alle auf falscher Fährte, so lange sie außer der Familie stehen, als Sohn, als Gatte, als Vater. Der Zweck der Natur ist, daß der Mann viele Kinder habe, daß er sie gut erziehe, auf daß sie nützlich, und daß er sie liebe, auf daß sie glücklich seien. Sich verheiraten, wenn man jung und gesund ist, sich ein gutes, offenherziges und gesundes Mädchen,gleichviel aus welcherClasse, zur Gattin wählen, diese von ganzem Herzen und mit allen Kräften lieben, aus ihr eine treue Gefährtin und eine fruchtbare Mutter zu machen, arbeiten, um seine Kinder zu erziehen, und ihnen sterbend das Beispiel seines Lebens hinterlaffen; das ist die Wahrheit. Alles Uebrige ist nur Jrrthum, Verbrechen oder Thor- heit! Marquis. Sie sind ein großer Philosoph, mein werther Herr Fres- sard. Aristide. Ich hatte einen guten Vater, habe einen guten Magen und eine gute Frau: das ist das Ganze. In diesen Ideen habe ich Jakob erzogen, denn ich ersetzte glücklicherweise seinen Vater; deshalb wollte auch der arme Junge, als er Ihrer Großnichte begegnete, nicht mehr von ihr loslassen. Endlich gibt es Leute wie Sie, Herr Marquis, die nie verheiratet waren und keine Kinder gehabt haben, doch den Kindern anderer Leute nützlich sind; solche Leute muß man segnen und sie lieben, wie ich Sie liebe, seitdem ichSie kenne. Und nun will ich Ihren Pachtkontrakt ausarbeiten, und er wird gut gemacht werden, dafür bürge ich Ihnen. Marquis. Ich bin ruhig. Aristide. Man speist um 6 Uhr? Marquis. Pünktlich um 6 Uhr. Aristide. Ich sage Ihnen im Voraus, daß ich Hunger haben werde. Die Regelmäßigkeit der Mahlzeit ist auch noch etwas sehr Wichtiges im menschlichen Leben. Der Appetit! Der ist das Gewissen des Leibes. Marquis. Und Jakob wird mit uns speisen? Aristide. Es ist nicht gewiß, ob er mit uns speisen kann. Vielleicht reist er noch heute Abend ab, aber er wird gewiß kommen, Ihnen einen Besuch zu machen. Auf baldiges Wiedersehen. Marquis. Aus baldiges Wiedersehen! (Sternay tritt in dem Augenblicke auf, wo Aristide abgeht.) Dritter Auftritt. Marquis. Sternay. Sternay. Dieses Gesicht kommt mir bekannt vor. Wer ist der Herr, lieber Oheim? Marquis. Es ist ein Notar — mein Notar. Sternay. Ich habe ihn schon irgendwo gesehen. Marquis. Wohl möglich. Du speisest mit uns? Sternay. Ja, ja. Wir Alle, die Marquise, meine Frau, meine Nichte; Sie haben meinen Brief empfangen. Marquis. Ja, und ich habe noch einige Personen eingeladen, auf daß wir uns nicht zu sehr langweilen, und um Deine Zurückkunft zu feiern; denn es ist beinahe ein Jahr, daß wir uns nicht gesehen. Sternay. Eilf Monate. Marquis. Und Du hast eine gute Reise gemacht? Sternay. Herrlich, prächtig; — diese Reise hat auch Henrietten sehr wohl gethan. Dieser Golf von Neapel ist göttlich. Was haben Sie während der Zeit gemacht? Marquis. Immer dasselbe. Ich bin in dem Alter, wo man nicht an- 4L fängt, sondern wo man fortfährt. Die Pairskammer, einige Commissions-Ar- beiten, eine Promenade zu Pferde oder zu Wagen, die Jagd, meine Bücher, zwei oder drei gute Freunde: da hast Du meine ganze Lebensweise. Sternay. Nun, mein theurer Oheim, ich komme mit ganz neuen Ideen zurück. Marquis. Ah! Ah! Sternay. Und ich komme, sie Ihnen mitzutheilen und Ihren Rath zu erbitten. Sie wissen, wie sehr ich Sie liebe und welches Vertrauen ich in Ihre Erfahrung, in Ihre Lebensweisheit setze. Marquis. Du bist sehr gütig. Ich höre . . . Sternay. Ich habe die Geschäfte aufgegeben. Marquis. Seit wie lange? Sternay. Seit sechs Monaten. Marquis. Gingen die Geschäfte schlecht? Sternay. Ausgezeichnet; aber es fand sich die Gelegenheit, einen schönen Gewinn herauszuschlagen, und dann wollte ich reisen! Ich habe meinen An- theil verkauft. Marquis. Deine Mutter wünschte es? Sternay. Ja. Marquis. Und wenn sie eine Sache will . . . Sternay. Will sie sie recht, dafür stehe ich Ihnen. Marquis. Uebrigens hat sie sich nicht zu beklagen. Du hast immer ge- than, was sie wollte. Sternay. Oh! mein Gott ja... Mit einem Worte, es ist eine Frau von. großem Verstände und großer Tugend. Marquis. Ja, ja. Sternay. Zch habe also meinen Antheil verkauft. Hatte ich Unrecht? Marquis Du hattest Recht. Sternay. Sie zollen mir Beifall? Marquis. Meinen ganzen Beifall. Sternay. Sie spotten nicht über mich? Marquis. Aus welchem Grunde? Sternay. Es ist schon oft bei Ihnen vorgekommen . . . Ich bin also frei! — Was thun? Da ist mir ein Gedanke gekommen. Marquis. Der ist? — Sternay. Es ist ein ehrgeiziger Gedanke. Marquis. Sieh — sieh! — Sternay. Aber ein solcher Ehrgeiz, der vom vierzigsten bis zum fünfzigsten Jahre bei den Menschen wächst. Marquis» Mit dem Bauch? Sternay. Richtig. Es ist langweilig, nicht etwas zu sein. Man bemerkt es, wenn man auf Reisen ist; es ist einem Manne in meinem Alter nicht mehr erlaubt, nicht wenigstens Mitglied des Generalrathes oder dekorirt zu sein. Marquis. Du willst bei Deinem Leichenbegängniß Nationalgarde haben — ah! ich sehe schon, wohin Du kommen willst. Sternay. Kurz, ich sehe so viele Dummköpfe, welche eine hervorragende Stellung einnehmen . . . Marquis. Daß Du zu Dir selbst sagst, Du habest ebensoviel . ... Du bist auf dem rechten Wege. Sternay. Sie verstehen mich? Marquis. Vollkommen. Sternay. Es gibt nur Ein Mittel, um zu irgend etwas zu gelangen. Marquis. Das ist? . . . Sternay. Die Deputirtenkammer. Ich habe eine ehrenvolle Stellung, besitze ein schönes Vermögen, viele Freunde in meinem Departement. Ich . habe meinen Einfluß für Andere oft geltend gemacht . . . jetzt soll an mich die Reihe kommen. Marquis. Mein lieber Freund, Du hast da einen vortrefflichen Gedanken. Werde ein Staatsmann . . . das kann Niemanden etwas Böses zufügen. Und Du rechnest wohl darauf, bei der Opposition zu sitzen? Sternay. Ah! Meiner Treu', nein. Marquis. Ah! Du verbindest Dich demnach mit der Regierung? denn Deine Mutter glaubt Legitimisiin sein zu müssen. Sternay. Das ist schon lange her. Marquis. Sie billigt also Deine Pläne? Sternay. Sie ist es ja, welche... (unterbricht sich.) Marquis. Vollende nur. Sie ist es, welche Dir diesen Rath gegeben hat? Sternay. Nun ja! Marquis. ES ist ein ausgezeichneter Rath. Sternay. Und Sie werden mir helfen? Marquis. Wie? Sternay. Indem Sie mich dem Minister empfehlen, mit dem Sie sehr befreundet sind. Marquis. Du wünschest folglich der Candidat des Ministers zu werden? Sternay. In meinem Departement, wo die Wahlen nächstens stattfinden. Marquis. Ich werde Dich dem Sekretär des Ministers vorstellen. Sternay. Wann? Marquis. Sogleich. Sternay. Er wird kommen? Marquis. Ich erwarte ihn; und er hat großen Einfluß auf den Minister. Sternay. Desto besser ... das Uebrige hängt nur von Ihnen ab. Marquis. Es gibt also noch ein Uebriges? Sternay. Ja. Marquis. Laß hören. Sternay. Sie werden mir mit Ja oder Nein antworten, ohne sich zu geniren. Marquis. Nur heraus damit. Sternay. Also gut! . . . Ich sage Ihnen ganz einfach: „Nur Sie allein besitzen den Titel und den Namen unserer mütterlichen Ahnen; Sie sind Junggeselle, Sie rechnen nicht mehr darauf, sich zu verehelichen. Dieser Titel und dieser Name wird mit Ihnen aussterben." Offenherzig, das ist nicht in Ordnung, ist nicht Recht, und da Sie nur ein Wort zu sagen haben, damit beide in der Familie bleiben.... Marquis. Wie? Sternay. Adoptiren Sie mich; Sie haben keine Kinder. Marquis. Du aber auch nicht. Sternay. Ich — ich bin verheiratet. Marquis. Und Deine Frau ist noch jung . . . Man weiß nicht, was geschehen kann. — Das ist ebenfalls noch ein sehr guter Gedanke, den Du da hast, aber Deine Mutter hatte ihn schon zwanzig Jahre vor Dir. Zur Zeit Deiner Verheiratung hat sie mir den Kopf damit heiß gemacht. Sternay. Und Sie haben sich damals geweigert? Marquis. Du mußtest eS wohl bemerkt haben. Sternay. Aber heute? Marquis. Heute verweigere ich es noch immer. Sternay. Halten Sie mich für unwürdig, Ihren Namen zu führen? Marquis. Nein. Aber weil Du schon einen hast, welcher derjenige Deines Vaters ist, und der auch sehr gut ist . . . Sternay ... das klingt ganz hübsch. Behalte Deinen Namen . . . ich werde den meinigen behalten. Ah! wenn Du gar keinen hättest. . . wenn es Dir z. B. wie Deinem Sohn erginge, dann will ich nicht sagen; — und — auch Du hast ja Deinem Sohne Deinen Namen verweigert, als er kam, ihn von Dir zu fordern. Sternay. Mein Sohn . . . mein 44 Sohn . . . Vor Allem ist er nicht gekommen, meinen Namen von mir zu begehren, und dann, ist dies doch ganz etwas Anderes; da Sie jedoch gerade von dieser Geschichte mit mir sprechen . . . Marquis. Mein lieber Freund, in Deinem Alter, wie in dem meinigen, weiß man, was man thut, und da Du die Mutter Deines Kindes nicht geheiratet, da Du Deinen Sohn nicht anerkannt, und ihm Deine Nichte nicht gegeben hast, so hattest Du gewiß dafür vortreffliche Gründe. Sternay. Ja, vortreffliche. Marquis. Ich wünschte sie kennen zu lernen. Sternay. Aber lieber Oheim, wollen Sie mir am Ende Moral predigen, nach dem Leben, was Sie selbst geführt haben? Marquis. Ich, mein Lieber, habe mir nicht vorzuwerfen, jemals eine Frau compromittirt oder ein Mädchen entehrt zu haben. Glücklicherweise begegnete ich nur solchen Personen, welche ihre Vorsichtsmaßregeln trafen, bevor sie mick kannten. Ich hatte nur tadls ä'dots-Liebschaften. Ich aß von der Platte, die mir mein Nachbar rechts reichte, schob sie meinem Nachbar links zu, und ging dann meiner Wege. Wenn ich an Deiner Stelle gewesen wäre-— Sternay. Würden Sie gehandelt haben, wie ich eS that. Marquis. Nein. Sternay. Sie würden eine Arbeiterin nicht geheiratet haben, deren Mutter Taglöhnerin in der Provinz war, der Vater Wegarbeiter und die Tante Haushälterin. Lieber Oheim, man muß gerecht sein, eine solche Ehe geht man nicht ein. Marquis. Sei es, aber man erkennt sein Kind an. Sternay. Ebensowenig. Man verkümmert und hemmt nicht sein ganzes künftiges Leben einer Jugendsünde wegen. Man sichert deS Kindes Lebensunterhalt, wie ich es gethan habe (es ist nicht meine Schuld, daß seine Mutter es nicht annahm), und man handelt, wenn man dies thut, so schön wie nur zwei unter hundert handeln; aber gewiß wird man nicht nach 23 Jahren ein Kind anerkennen, wenn man 20 Jahre nichts von ihm hörte, nicht mehr daran dachte, wenn man verheiratet und alt ist, und man gar nicht weiß, was aus ihm geworden; wenn es einen andern Namen führt, als den seiner Mutter, und man fast von ihm herausgefordert wird, denn ich sah den Augenblick schon vor mir, wo er mich zum Duell forderte; und Alles dies, damit man sich mit seiner Mutter und Gattin entzweie. Wenn der Bursche noch unglücklich gewesen wäre — aber er ist reicher als ich. Marquis. Ja, wenn er fast Hungers gestorben wäre, so würdest Du ihm eine Pension von 600 Franken ausgesetzt haben, und vielleicht der Mutter ebensoviel; aber er hatte nur einen Namen nothwendig . . . darauf hast Du, so wie es scheint, die Gesellschaft, die Moral angerufen. Du mußtest in jenem Augenblicke sehr erhaben gewesen sein, ich wollte, ich wäre dabei gewesen ... und, um aus der falschen Stellung, in der Du Dich befandest, herauszukommen, hast Du Deinem Sohn glauben machen wollen, daß seine Mutter einen Liebhaber gehabt hätte . . . obgleich Du das Ge- gentheil wußtest. Sternay. Man konnte Hundert gegen Eins wetten .. . Marquis. Du lügst ... Du wußtest recht gut, woran Du warst ... und auf jeden Fall, wenn auch Hundert gegen Eins zu wetten waren, so war eS doch nicht an Dir, die Wette zu halten, besonders gegen Deinen Sohn; und als seine Mutter sich vor Dir erklärt hatte, . . . konntest, durftest Du auf das zurückkommen, was Du gesagt hattest?! Aber auch zugegeben, daß Du gute Gründe zu haben glaubtest, um Dich nicht mit Deinem Sohne weiter zu beschäftigen, so hat doch Dein Stillschwei^ gen seit einem Jahre nicht einen einzigen Entschuldigungsgrund für sich. Stern ay. Aber woher wissen Sie alle diese Details? Marquis. Ich kenne sie — Dir kann wenig daran liegen wie — und ich finde, daß Du eine kleine Niederträchtigkeit begangen hast, mein ehrenwerther Biedermann. Dein Gewissen wirft Dir nichts vor, desto besser für Dich, und reden wir nicht mehr davon. Deshalb bist Du nicht hierher gekommen. Du willst Deputirter, willst ein Staatsmann werden ... ich hindere Dich nicht daran . .. Vergleiche Dich mit der Regierung . . . das ist ihre Sache . . . Aber Du verlangst, daß ich Dich adoptire und meinen Namen und Titel auf Dich übertrage? ... Das ist etwas Anderes, und ich schlage es Dir rund weg ab. Jeder hat seine eigenen Beweggründe. Ich gebe Dir die meinigen nicht an — es genüge Dir zu wissen, daß sie ausgezeichnet sind. Und nun — liebe nur Deine Mama recht sehr, thue nichts, um ihr zu mißfallen, und behalte den Charakter, den Du hast, so wirst Du fortwährend glücklich sein. Das sage ich Dir! Es liegt Dir wohl nichts daran, daß ich Dich nach dieser kleinen Predigt umarme. Es ist auch unnöthig, wir werden uns ohne dies lieben. (Zur Marquise, welche mit Hermine und Madame Ster- nay eintritt.) Guten Tag, liebe Schwester. Dritter Auftritt. Vorige. Marquise. Henriette. H e r m i n e. Marquise. Guten Tag, mein Freund. Marquis. Sie befinden sich wohl, liebe Henriette? Henriette. Sehr wohl, ich danke Ihnen. Marquis (zu Herminen). Und Du, mein Kind? Man hat Dich also heute aus dem Kloster gelassen? Her mine. Zu Ihrem Namenstage — das war wohl nicht mehr als billig. Marquis. Wahrhaftig — heute ist mein Namenstag. H e rmi ne (ihn umarmend). Und ich wünsche Ihnen alles mögliche Gute. Marquis. Danke, theure Kleine; aber das Kloster schlägt Dir sehr gut an. Hermine. Ich habe mich niemals so wohl befunden. Marquis. Thatsache ist es, daß Du prächtig aussiehst; Du bist dicker geworden. Her mine. Ich bin 10 Centimetres stärker um die Taille, und auch ein wenig gewachsen. Man befindet sich sehr wohl im Kloster. Marquis. Du gefällst Dir also dorten? Hermine (Legt ihren Hut auf ein Möbel). Sehr. M a r q uise (zu Sternay). Nun? Sternay. Er schlägt es bestimmt ab. Marquise. Unter welchem Vorwände? Sternay. Unter dem Vorwände, daß er nicht will. Marquise. Ich übernehme es, ihn zu bestimmen. Marquis (zu Henriette). Was mir ! Hermine sagte, ist also wahr? i Henriette. Ich glaube es. Marquis. Kein Wort von Herrn von Boisceny. Henriette. Nicht eine Sylbe. Marquis. Selbst an Sie nicht? Henriette. Selbst an mich nicht. Marquis. Was sagte Ihnen die Vorsteherin des Klosters? Henriette. Daß Hermine esse, trinke, schlafe, und mit ihren Gespielinnen plaudere und lache, wie früher. 46 Marquis. Und Sie haben Hermine nicht befragt? Henriette. Nein. Wenn Hermine meine Fragen offenherzig beantworten dürfte, so liebt sie mich genug, um nicht erst auf meine Fragen zu warten. Ich ehre ihr Geheimniß, wenn sie eines hat, und um so leichter, da ich nichts für sie thun kann. H e rIN in e (nähert sich dem Marquis). Darf ich dieses Buch lesen, lieber Oheim? Ist nichts darin, was ein junges Mädchen nicht lesen darf? Marquis. Nein . . . überdies ist es englisch — Hermine. Ich verstehe englisch, ich habe eS Heuer gelernt. Marquis. Lies also, so viel Du willst, oder vielmehr so viel als Du kannst. (Hermine setzt sich mit ihrem Buch in eine Ecke, und scheint sehr aufmerksam zu lesen.) Henriette. Sie sehen. Marquis. Ja, aber bei alledem, ein Jahr im Kloster ändert ein junges Mädchen sehr. Henriette. Sie gehört nicht zu denjenigen, welche sich in Einem Jahre ändern. Marquise. Lieber Bruder! Marquis. Liebe Schwester? Marquise. Ist es etwas Geheimes, was Sie mit Madame Sternay zu verhandeln haben? Marquis. Ja. Marquise. Also nach ihr nehme ich Sie in Beschlag. Es ist wohl nicht nöthig, eine Nummer zu nehmen? Marquis. Unnütz, ich werde mich erinnern. (Zu Henriette.) Und Hermine weiß immer noch nicht, warum ihre Heirat sich zerschlug? Henriette. Nein. Marquis. Wissen Sie aber jetzt die Ursache deS Bruches? Henriette. Ja: Die Marquise sagte mir, daß Herr v. BoiSceny den Rang, den er sich beigelegt, nicht hätte beweisen können, und daß er am Ende selbst eingesehen, er könne die Verbindung nicht mehr beanspruchen. Marquis. Ist das Alles? Henriette. Ja. Marquis. Und Sternay hat Ihnen nichts gesagt? Henriette. Nichts. Er bestätigte die Aussage seiner Mutter. Marquis. Ich werde Ihnen Alles sagen; denn Sie müssen wissen . . . diese Leute da sind zu große Egoisten, und wenn Sie die Wahrheit kennen, so werden Sie mir helfen, wenn sich die beiden jungen Leute noch immer lieben, diese Verbindung zu Stande zu bringen. Henriette. Gewiß ist, daß sich Herr v. Boisceny gegen mich wie der galanteste Mann von der Welt betragen hat. Marquis. Das ist wahr. Marquise. Nun, Herr Bruder? . Marquis. Ick komme schon, Schwester; Sie langweilen sich wohl sehr mit Ihrem Sohne. (Zu Mad. Sternay.) Darf man Sie wohl fragen, wie Ihnen diese Reise angeschlagen? Henriette (ihm die Hand reichend). Gut. Marquis. Sind Sie zufrieden? Henriette. .Ich fühlte mich nie so glücklich. Marquis. Er ist verheiratet? Henriette. Ja ; seine Frau ist sehr hübsch; wir begegneten uns in Venedig. Hermine. Verstehen Sie englisch, lieber Oheim? Marquis. Ja. Hermine. WaS heißt das Wort: stsaäivsss? Marquis. Standhaftigkeit. Hermine. Danke. Vierter Auftritt. Vorige. Jakob. Marquis (als er Jakob kommen sieht, zur Marquise). Wir müssen das, waö 47 Sie mir zu sagen haben, noch ein wenig aufschieben; glücklicherweise bringen Sie ja den ganzen Tag mit uns zu. (Jakob vorstellend.) Herr Jakob Vignot. (Die Marquise vorstellend) Madame Ster- nay, meine Schwester, geborne Marquise von Orgebac. Ihre Mutter begleitet Sie nicht, mein lieber Jakob? Jakob. Nein, Herr Marquis, Sie wissen, meine Mutter geht sehr wenig aus . . . und heute hat sie sehr viel mit den Vorbereitungen zu meiner Reise zu thun. Marquis. Sie reisen also bestimmt ab? Jakob. Heute Abend. Es ist eine gute Nachricht, die ich Ihnen überbringe. Marquise. WaS bedeutet dieser Scherz? Das ist der Sohn der Clara Vignot? Sternay. Ja, Mutter; ich begreife es nicht. Marquis (Sternay vorsttllend). Mein Neffe — Herr Sternay. Jakob (grüßend). Ich hatte schon die Ehre, diesen Herrn einmal zu sehen. Marquis. Madame Sternay — (Jakob grüßt sehr ehrerbietig). Henriette (zu Jakob). Ich erkundigte mich so eben nach Ihnen; nur kannte ich den Namen nicht, unter welchem Sie soeben vorgestellt wurden. Jakob. Gerade deshalb ließ ich mich von Neuem vorstellen, Madame. Der Name, den ich früher führte, gehörte mir nicht, ich legte ihn ab, und nahm meinen wahren Namen wieder an. Henriette. Welcher auch Ihr Name sei, er ist immer derjenige eines Mannes, den ich hochschätze, und ich bin glücklich, eS Ihnen sagen zu können. Jakob. Ich danke Ihnen, Madame. Marquise (für sich). WaS bedeutet das Alles? Jakob (geht zu Hermine, ihr die Hand reichend). Guten Tag, Hermine. Hermine. Guten Tag, Jakob; Sie haben also nicht an mir gezwei- felt? Jakob. Nicht einen einzigen Augenblick. Hermine. Ich auch nicht. Marquise. Bist Du plötzlich närrisch geworden, Hermine? Her mine. Ich glaube nicht, Großmama. Marquise. WaS soll alsdann diese Art mit dem Herrn umzugehen heißen? Hermine. Sie ist ganz einfach: der Herr und ich liebten uns im vergangenen Jahre, wir gestanden es uns, und ich habe diesem Herrn geschworen, seine Frau zu werden, wie er mir geschworen , mein Gatte zu sein. Sie glaubten sich unserer Verheiratung widersetzen zu müssen, ohne mir zu sagen weshalb, und ich konnte Ihrem Willen kein Hinderniß in den Weg legen, da ich noch minorenn war. Ueberdies sind Sie älter als ich; Sie besitzen Erfahrung, und ich konnte mich selbst getäuscht haben. Sie handelten wie eine verständige Person, aber Leute, wie dieser Herr und ich, haben nur ein Wort; und wenn sie es einmal verpfändet haben, so geschah es für'S ganze Leben. Nach einem Jahre gewaltsamer Trennung finden wir uns bei meinem Oheim wieder, bei Ihrem Bruder; kurz bei einem ehrenwerthen Mann, welcher diesen Herrn wie einen Freund empfängt; dies ist für mich der schlagendste Beweis , daß dieser Herr immerfort wenigstens meiner Achtung würdig ist. Wir reichen uns offen die Hände vor aller Welt und im vollen Vertrauen, welches mir weit schicklicher erscheint, als auf eine Gelegenheit zu warten, um in einem Winkel mit einander zu sprechen. Dies, liebe Großmama, ist die Erklärung meines Betragens. Marquise. Und darf man nun Deine weiteren Pläne wissen? 48 Her mine. Ja wol, Großmama: Wenn Sie mich früher gefragt hätten, würde ich sie Ihnen schon früher angegeben haben: Meine Pläne sind: Herrn Jakob Vignot zu heirathen, da ich ihn noch immer liebe, wie ich Hr. Jakob von Voisceny heirathen wollte; er trägt nicht mehr denselben Namen, aber ist derselbe Mann. Marquise. Und wann rechnest Du darauf den Herrn zu heirathen? Hermine. Wenn Sie nicht mehr anders können Großmutter, als sich überzeugen zu lassen. Marquise. Schon gut; aber bis dahin? Hermine. Bis dahin, Großmama, werden Sie mich, wie ich denke, wieder in's Kloster geben, wo ich noch heute Morgen war, und Sie werden ganz Recht haben; denn, außerdem daß es Ihnen ohne Zweifel unangenehm wäre fortwährend ein so ungehorsames, junges Mädchen um sich zu haben als mich, so ist das Kloster gerade der Ort, wo ich Meinerseits bis zum 21. Jahre zu bleiben wünschte, da ich großes Verlangen habe, noch viele nützliche Dinge zu lernen, die.ich noch nicht weiß. Marquise. Wenn Du daher willst, so gehen wir sogleich fort; denn meiner Meinung nach ist hier nicht mehr der rechte Ort für Dich. Hermine. Wie Sie befehlen, liebe Großmama. Marquise. Gehen wir also. He r mi ne. Gehen wir. (Nimmt ihren Hut.) Henriette. Frau Marquise. . . Marquise. Sie haben hiebei nichts zu thun. Sternay. Liebe Mutter. . . Marquise. Wenn Du mit mir zu sprechen hast mein Sohn, so wirst Du mich zu Hause finden. (Zum Marquis.) Was Sie betrifft, Hr. Bruder, so ist eS daS Letztemal, daß Sie mich bei Sich sehen, und ich würde Sie schon früher meiner Gegenwart enthoben haben, wenn ich die Begegnungen hätte voraussehen können, denen Sie mich aussetzten. Marquis. Wie es Ihnen gefällt, meine theure Schwester; aber Sie trafen in meinem Hause nur mit Personen zusammen, die ich achte und liebe. Marquise. Komm, Hermine. Hermine. Hier bin ich, liebe Großmama. Auf Wiedersehen, Jakob. Jakob. AufWiedersehen, Hermine. (Hermine und die Marquise ab.) Sternay (zu Jakob). Ich muß mit Ihnen reden. Jakob. Ganz zu Ihren Diensten, mein Herr. Marquis (zu Henriette). Diese Herren haben gewiß mit einander zu sprechen; kommen Sie, liebe Henriette, wir wollen einen Spaziergang in den Garten machen, dort werde ich Ihnen eine Geschichte erzählen und Ihnen meine Ideen mittheilen. Henriette. Ich verstehe nichts mehr davon; wer hat in dieser Angelegenheit Recht? Marquis. Jedermann; darin liegt ja gerade die Schwierigkeit. (Marquis und Henriette ab.) Fünfter Auftritt. Jakob. Sternay. Sternay. Wohin wollen Sie eigentlich gelangen mein Herr? Jakob. Ich? gar nirgens hin! Sternay. Ihre Gegenwart in diesem Hause, an dem Tage, wo ich nach längerer Zeit wieder hieherkomme, beweist jedoch, daß Sie einen Zweck haben. Jakob. Sie sind vollständig im Jrrthum. Sternay. WaS hätten Sie hier zu schaffen? Jakob. Ich kam um Herrn von 49 Orgebac zu besuchen, ihm Lebewol zu sagen , denn ich verreise heute Abend, und ich wußte nicht nur allein nicht, daß Sie bei ihm sein würden, sondern überhaupt nicht, daß Sie zurück, oder nur verreist waren. Ich gestehe Ihnen sogar, daß ich, wenn ich gewußt hätte, Sie und Ihre Frau Mutter hier zu treffen, die Einladung des Marquis ausgeschlagen haben würde, um uns nicht den Verlegenheiten einer Lage auszuseßen, welche für die Einen unangenehm, für die Andern peinlich, für Alle aber lächerlich ist. Der Marquis selbst aber wußte, wie ich nicht, daß Sie ihm heute einen Besuch abstatten würden. Der Zufall allein hat dieses Mal wieder Alles so zu Stande gebracht. Sternay. Sie sind also sehr befreundet mit meinem Oheim? Jakob. Wie ein Mann meines Alters mit einem Manne von dem seinigen befreundet sein kann. Ein von unserem Willen ganz unabhängiger Umstand hat uns vergangenes Jahr miteinander in Berührung gebracht, eine Stunde spater, als ich Sie kennen lernte. Hr. v. Orgebac faßte plötzlich große Freundschaft für mich, er versuchte es, mir nützlich zu werden; es gelang ihm und ich hege für ihn die lebhafteste Dankbarkeit und die aufrichtigste Zuneigung. Ich schließe mich sehr leicht an Jemand an. Ich besitze das, was man eine liebende Natur nennt. Seit 6 Monaten stehen wir nicht nur allein in freundschaftlichen, sondern auch in Geschäftsverbindungen zusammen; ich habe dem Marquis sehr oft Mittheilungen von Seiten des Ministers zu überbringen, dessen Sekretär ich bin. Sternay. Wie! Sie sind der Sekretär deS Ministers? Jakob. Zu dienen. Sternay. Ich mache Ihnen mein Wiener Theater-Repertoir. XI.lV. Compliment. Und dem Marquis verdanken Sie diese Stellung? J^kob. Ein Wenig, und einer Arbeit, die ich dem Minister überreichte, welche die Frage behandelte, die gegenwärtig den Orient in Bewegung setzt, und die ich genau studirt hatte. Der Minister hat den Aufsatz gelesen und wünschte mich kennen zu lernen; der Marquis stellte mich ihm vor, erzählte ihm sogar meine Geschichte, indem er — wohlverstanden — nur die Personen nannte, die er nennen durfte. Der Minister erwies sich gegen mich sehr wohlwollend und fragte mich, ob ich sein Sekretär werden wollte; ich habe es angenommen, und glaube, daß ich ihm ziemlich nützlich bin. Sternay. Sie handeln jetzt nach weit verständigeren Grundsätzen als im vergangenem Jahre. Jakob. Ich handle ganz einfach wie ein Mann, der in kurzer Zeit viel gelitten hat. Ich zweifelte einen Augenblick an meinem ganzen Leben, überließ mich dem Zorne, dem Hasse. Ich war jung, unerfahren, unbekannt mit großen Gemüthsbewegungen; aber die Gesinnungen meiner wahren Natur haben doch die Oberherrschaft wieder gewonnen, und ich bin wieder gut geworden, wie es mich meine Mutter gelehrt hatte zu sein. Es gibt viele wackere Leute in der Welt, und seit einem Jahre sind mir Sympathien entgegen gekommen, die ich bis dahin nicht kannte, welche mich berathen, ermuthigt, unterstützt und geleitet haben. Ich besitze sehr viele Freunde; die schmerzlichsten Ereignisse haben oft sehr gute Folgen. Oesters verleihen ein unerwarteter Schmerz, ein ungerechtes Unglück dem Manne eine Energie und eine Standhaftigkeit, welche er vielleicht nie im Glück gefunden haben würde, und Mancher ist ein bedeutender Mann geworden, nachdem er gelitten, der immer ein gewöhnlicher Mensch geblieben 4 50 wäre, würde er stets glücklich gewesen sein. Ich bin kein bedeutender Mann, aber ich fange an, ein nützlicher Mensch zu werden, und ich verdanke dies den unvorhergesehenen Ereignissen des vorigen Jahres. Ich habe Ihnen also nicht zu zürnen, ich habe Ihnen fast zu danken, obgleich Sie mir das Gute, welches Sie mir erzeigt, ein Wenig gegen Ihren Willen erwiesen haben. Ich diene meinem Vaterlande nach Maaß- gabe meiner Kräfte, ohne Aufsehen, ohne Prahlerei. Ich hatte einen ange- bornen Geschmack für die Verborgenheit, meine Geburt hat mir daraus eine Pflicht gemacht, und nur durch einen stärkeren Willen als den meinigen gezwungen, würde ich einwilligen, daraus hervorzutreten. Ich besitze keinen Ehrgeiz, und ich begreife, daß ich keinen Stolz oder Dünkel haben kann. Ich verdanke mein Leben einem Fehltritt, und es hieße ihn als unverzeihlich bezeichnen, wenn ich mir daraus ein Verdienst machen wollte. Ich erröthe weder darüber, noch rühme ich mich dessen; ich verheimliche es nicht, noch gestehe ich es laut; ich nehme es als eine Thatsache an, und ich glaube, daß Niemand das Recht hat, weder meiner Mutter noch mir einen Vorwurf zu machen, wenn man die Bescheidenheit unseres beiderseitigen Lebens sieht. Da jedoch Gott gerecht ist, schickt er mir einen Ersatz durch die Liebe Ihrer Nichte. Weder Sie noch ihre Mutter glauben, sie mir zur Gattin geben zu dürfen — sei es; statt meine Frau von ihrer Familie zu erlangen. werde ich sie von dem Gesetze erhalten, und wenn diese Familie eine Seite meines Herzens auch verwundet hat. so wird wenigstens die andere getröstet werden. Sie sehen, mein Herr, daß ich durchaus kein Recht habe, irgend Jemanden zu zürnen, daß ich mein Leben ziemlich gut geordnet habe, und daß ich mich, ich glaube eS wenigstens, auf dem einfachsten, nämlich auf dem rechten und wahren Wege befinde. Sternay. Ein herrlicher Bursche! Jakob. . . Sechster Auftritt. Vorige. Henriette. Jakob. Hier kommt Madame Ster- nay, ich entferne Mich. (Zu Henriette, ihr die Hand reichend.) Leben Sie wohl, Madame Henriette. Sie gehen schon? Jakob. Ich kehre den Augenblick nach Paris zurück, und verlasse es heute Abend. Henriette. Noch heute Abend? Jakob. Ja. Ich kam um Abschied von dem Herrn Marquis zu nehmen, und habe nur noch so viel Zeit, um meine Mutter zu umarmen. Erlauben Sie mir, Ihnen nochmals für Ihre Güte zu danken, die Sie mir stets erwiesen, und für die Theilnahme, die Sie mir fortwährend bezeugt haben. (Er grüßt und geht ab.) Siebenter Auftritt. Henriette, Sterna y. Henriette, (zu Sternay.) Der Marquis hat mir Alles erzählt! Sternay. Was hat er Dir erzählt, theure Freundin? Henriette. Er erzählte mir, daß Jakob Vignot Dein Sohn ist. Sternay. Nun denn, meine Liebe, so werde ich es Dir auch nicht länger verbergen. Henriette. Ich möchte überhaupt wissen, weshalb Du eS mir verheimlicht hast? Sternay. Wann sollte ich eS Dir sagen? Henriette. Vor unserer Verhci- rathung. Sternay. Deine Familie würde mir Deine Hand verweigert haben, und .... Henriette. Und . . . Sternay. Und ich liebte Dich! Henriette. Ich will es glauben. Auf jeden Fall aber, wenn Du nicht den Muth hattest, dieses Geständniß vor Deiner Verheiratung abzulegen, mußtest Du Geist genug haben, es nachher zu thun, wo man nichts mehr ändern konnte. . . Ich würde das Kind ausgenommen, es in unserer Nähe erzogen haben. . . Sternay. Das hättest Du ge- than? . . . Henriette. Warum nicht? Sternay. Aber die Mutter würde ihren Sohn nicht verlassen haben. Henriette. Das ist wahr, man denkt in solchen Fällen nie an die Mutter. Du mußtest also die Mutter heiraten. . . Dies wäre wahrscheinlicher Weise das Beste für Jedermann gewesen. Sternay. Henriette! Henriette. Aber es handelt sich hier nicht mehr um die Vergangenheit... Welche Pläne hast Du jetzt? Sternay. Was räthest Du mir? Henriette. Ich rathe Dir alles Mögliche von der Welt zu thun, um aus der Lage herauszukommen, in der Du Dich befindest, welche schmachvoll sein würde, wenn sie nicht lächerlich wäre; denn Du warst so eben lächerlich, in Gegenwart Deines Sohnes. Diese Lage wird sich jedesmal erneuern, so oft ihr zusammen treffen werdet. Sternay. Vor meiner Mutter, vor Dir konnte ich nichts sagen, besonders aber vor Herminen nicht, welcher diese Familiengeheimniffe unbekannt bleiben müssen; denn Du bist doch auch der Meinung, daß sie nichts davon erfahre. Henriette. Ganz bestimmt, aber es muß ein Mittel gefunden werden, sie sogleich mit Deinem Sohne zu verheiraten, da sie ihn noch immer liebt. Sternay. Finden wir es, ich verlange mir nichts Besseres. Henriette. Wie ist's mit der Mutter? Sternay. Welcher Mutter? Henriette. Der Mutter Deines Sohnes; was für eine Frau ist sie? Sternay. Es ist wahr, Du kennst sie nicht. Henriette. Wo sollte ich sie kennen gelernt haben? Ich sehe nur, wie sie ihren Sohn erzogen hat, und wenn man sie darnach beurtheilt, muß sie eine sehr ehrenwerthe Frau sein. Sternay. Clara! Clara ist die rechtschaffenste Frau der Welt. Henriette. Danke sehr. Also, auf was wartest Du noch? Sternay. Um? Henriette. Um Deinem Sohn um den Hals zu fallen, und ihm Deinen Namen zu geben? Sternay. Ich warte! Ich warte! — Du siehst diese Dinge wie eine Frau an, mit dem Herzen; ich betrachtete sie mit dem Verstände. Henriette. Die Rollen sind alsdann umgekehrt vertheilt; aber Dein Verstand, selbst Dein Egoismus verpflichten Dich, Deinen Sohn anzuerkennen, und ihm Deinen Namen zu geben. Sternay. Glaubst Du? Henriette. Wenn man dahin gelangt, aus Dir einen wahrhaften Vater zu machen, so wird man von Glück sagen können, aber, man kann es doch versuchen. . . . Vor Allem ist er Dein Sohn, das ist der beste Grund . . . dann haben wir keine Kinder . . . endlich mit dem Charakter, den ich an ihm kenne, denn von dieser Seite hat er Nichts von Dir, er hat Charakter — wird er, ob er Dein Sohn ist oder nicht, bei Hermi- nens Majorennität, Deine Nichte heiraten .. . nachdem die respektiven Aufforderungen des Gerichtes an Dich ergangen sein werden? 4 * 52 Sternay- Das ist nicht zweifelhaft. Henriette. Die Geschichte wird Aufsehen machen. Die Wahrheit wird an's Licht kommen. Man wird sich fragen , warum Du diesen Sohn nicht anerkannt hast . . . Man wird seinem Lebenswandel nachforschen... Was wird man finden? Einen ehrenhaften, klugen, gebildeten jungen Mann, der sich seine Stellung selbst, ganz allein errungen haben wird, und man wird sagen: Herr Sternay handelte sehr ungeschickt, einen Mann nicht anzuerkennen, der ihm so nützlich werden konnte. Sternay. Wie! Er mir so nützlich werden? Henriette. Nimm an, daß Herr Vignot, welcher vom Minister sehr geliebt und geschätzt wird, DeinenNamen führte, kann er nicht Alles, was er wünschte, für seinen Vater erlangen? Sternay. Das ist wahr. Henriette. Du bist ehrgeizig; er wird Dich vorwärts bringen; Du hast Deine Pflicht gethan, und dientest zugleich Deinem Interesse. Sternay. Vollkommen richtig; weiter? Henriette. Nun weiter? weißt Du, was geschehen wird, wenn Du Dich nicht augenblicklich entschließest? Sternay. WaS wird denn geschehen? Henriette. Ein Anderer wird thun, was Du hättest thun sollen, ein Anderer wird Deinen Sohn anerkennen. Sternay. Ein Anderer wird meinen Sohn anerkennen! Wer denn? Henriette. Der Marquis. Sternay. Mein Oheim? Henriette. Er selbst. Sternay. Dieser Scherz . . . Henriette. Ich scherze eben so wenig, als der Marquis so eben scherzte, wie er mir seine Absichten mittheilte. Sternay. Er sagte Dir..?... Henriette. Wenn der junge Mann nichts weiter als einen Namen haben muß, um Herminen zu heiraten, so werde ich ihm den meinigen geben; — und er wird halten, was er sagte. Sternay. Er ist es im Stande, aber glücklicherweise bin ich da . . . Du bist eine gute Frau, Henriette, und hast mir einen guten Rath gegeben . . . 'Jakob wird meinen Namen führen . . . Wo ist mein Hut? (Zum Marquis, der austrilt) Ah! Sie sind es, Herr Oheim! Achter Auftritt. Vorige. Marquis. Marquis. Du bist erstaunt, mich in meinem Hause zu sehen? Sternay. Nein, aber ich dachte an etwas Anderes. Henriette. Du hast mich nicht mehr nöthig? .Sternay. Nein, ich muß mit meinem Oheim sprechen. Willst Du wohl so gütig sein, mich in Paris zu erwarten .... bei meiner Mutter? Sage ihr ... . nein, sage ihr nichts . . . nur — daß sie ein wenig warte, bevor sie Hermine wieder ins Kloster bringt. Henriette. Adieu, Herr Oheim. Marquis. Auf Wiedersehen, mein liebes Kind. (Henrirtte ab.) Neunter Auftritt. Marquis. Sternay. Sternay. Was sagte mir Henriette so eben, lieber Oheim, Sie wollen Jakob anerkennen? Marquis. Ja; der Gedanke ist mir vorhin gekommen, als ich ihn umarmte, wie er Abschied von mir nahm; ich fühlte, daß ich diesen Mann liebte; in der That, gehört er ja auch zu meiner Familie, da er Dein Sohn ist. 53 Es schien mir, dies wäre das beste Mittel, um Alles gehörig zu ordnen. Ich habe nicht dieselben Gründe wie Du, und kam sogar, Dich um Rath zu fragen. Ster nah. Ich danke Ihnen recht sehr, lieber Oheim, aber Ihre Idee ist umsonst. Marquis. Wie so? Stern ay. Weil ich selbst Jakob anerkennen werde. Marquis. Bist Du gewiß, es zu können? Sternay. Wie, ob ich kann? Können Sie es? Marquis. Vollständig. Sternay. Nun, alsdann? Marquis. Ah! das ist nicht dasselbe. Sternay. Nein, es ist nicht dasselbe, denn ich bin sein Vater. Marquis. Welch schlechter Grund ! Sternay. Finden Sie? Marquis. Du bist cs nicht mehr, cs ist Verjährung eingetreten. Sternay. Ein guter Witz; Sie wollen mir doch nicht etwa gar Con- currenz machen? Marquis. Warum nicht? Sternay. Sie wollten meinen Sohn eher anerkennen als ich? Marquis. Jawohl; Du hattest 25 Jahre vor mir voraus; dies mußtest Du benutzen. Ich finde einengroßen Burschen, den ich sehr liebe, und der mich ebenfalls liebt, den Niemand in Anspruch nimmt, und der einen Namen nöthig hat. Ich habe gerade einen Namen, mit dem ich so nichts anzufangen weiß; der Beweis davon ist, daß Du hierher gekommen bist, ihn von mir zu verlangen, und ich schlug es Dir ab; ich habe nur noch einige Jahre zu leben, und sehe also nicht ein, warum ich mir nicht den Luxus eines Sohnes während meiner letzten Lebensjahre gewähren sollte. Dies würde eine Leibrente von Kindesliebe sein. Wenn das Kind erst noch geboren werden sollte — oh! das wäre nichts — aber da eS vollkommen ausgewachsen, da ist . . . Sternay. Ein herrliches Paradoxon! aber ich bin da und das Gesetz auch. Marquis. Das Gesetz? Sternay. Ja; das Gesetz, das Gesetzbuch. Marquis. Aber das Gesetz ist für mich, mein lieber Freund. Sternay. Da wäre ich doch neugierig zu wissen — wie? Marquis (welcher Fressard eintreten sieht). Willst Du es auf der Stelle wissen? Sternay. Ja. Zehnter Auftritt. Vorige. Aristide. Marquis. Da ist gerade mein Notar, und der kennt das Gesetz, dafür bürge ich Dir. Treten Sie näher, mein werther Herr Fressard, wir brauchen Sie, um einen Rechtsfall zu beur- theilen. Sternay. Fressard! Marquis (vorstellend). Mein Neffe, Herr Sternay ; mein Notar, Herr Aristide Fressard. Aristide. Um was handelt es sich? (Zum Marquis) Hier ist Ihr Pachtcon- trakt, Herr Marquis, und ganz in Richtigkeit. Marquis. Ich danke Ihnen. Sternay. Erkennen Sie mich nicht mehr, Herr Fressard? Aristide. In der That, mir scheint, daß ich schon die Ehre gehabt habe, mit Ihnen zusammen zu treffen. S ternay. Es ist schon lange her, bei ... . Aristide. Bei der Mutter meines Pathen. ES ging Ihnen immer gut, seit 20 Jahren? 54 Sternay. Sehr gut, ich danke Ihnen; und Ihnen? Aristide. Nicht schlecht, wie Sie sehen. Sternay. Mein werther Herr Fressard, ich bin äußerst glücklich, Ihnen bei den gegenwärtigen Umständen zu begegnen; Sie kennen besser als irgend Jemand alle die Details, in welche ich meinen Notar erst einweihen müßte, und ich glaube, Sie werden glücklich sein, mir den Dienst zu erweisen, um den ich Sie jetzt bitten will. Aristide. Ich bin Notar; mein Amt bringt es mit sich, Dienste zu erweisen. Was ist's? Sternay. Wollen Sie sprechen, Herr Oheim? Marquis. Nein, nein; rede Du zuerst, Du sprichst gut; sonst würdest Du sagen, daß ich auf das Gesetz einwirke. Sternay hu Fressard). Es handelt sich wegen meines Sohnes. Aristide. Sie haben einen Sohn? Sternay Sie wissen es wohl... Jakob. Aristide. Ah! Zakob ist Ihr Sohn ; seit wann? denn voriges Jahr war er es noch nicht. Sternay. Jetzt ist er es. Aristide. Für längere Zeit? Sternay. Für immer! Aristide. Sie haben ihn anerkannt? Sternay. Nein; aber ich will ihn anerkennen. Ist dies möglich? Aristide. Jawohl, ja; man kann ein Kind immer anerkennen. Sternay. Sehen Sie wohl, Herr Oheim. Marquis. Nur weiter. Sternay. Welche Formalitäten sind zu erfüllen? Aristide. Man muß das Kind durch eine rechtsgültige Arte bei der Mairie oder vor einem Notar anerkennen. Sternay. Dieser Notar werden Sie sein, wenn Sie gütigst wollen. Aristide. Ich stehe zu Befehl. Sternay. Das ist Alles? Aristide. Das ist Alles. Sternay. Nun, Oheim, Sie sehen, wie einfach es ist. Marquis. Jetzt ist die Reihe an mir zu reden. Mein werther Herr Fressard, ich will den Sohn meines Neffen anerkennen. Aristide. Sie können es. Marquis. Sind dieselben Formalitäten zu beobachten? Aristide. Ganz dieselben. Marquis. Ich rechne auf Sie. Aristide. Immer zu Ihren Diensten. Marquis. Siehst Du? Sternay. Ich mache Herrn Fressard darauf aufmerksam, daß es sich um ernste Angelegenheiten handelt, und als Jakobs und seiner Mutter Freund dürfte er gewiß ernsthafter sprechen, oder doch zum wenigsten deren Interesse wahren und berücksichtigen. Aristide. Bitte sehr, Herr Sternay, bitte um Vergebung ; es war hier die Frage über einen Rechtspunkt, und ich habe categorisch darauf geantwortet, wie das Gesetz selbst geantwortet hätte. Dies ist meine Pflicht als Notar; wollen Sie mich nun über das Interesse meines Pathen zu Rathe ziehen? oh! ich werde es nach meinen besten Kräften verteidigen, dies ist meine Freundespflicht; ich habe demnach zwei Seiten, um Ihnen angenehm sein zu können. (Sich auf die rechte Achsel klopfend) Freundeöseite, (sich auf die linke Achsel klopfend) Notarsseite. Ich bin bereit; wünschen Sie/ daß ich antworte, oder daß ich frage ? Ich bin nur eine Maschine, ich sage es Ihnen zum Voraus. Sternay. Haben Sie die Güte, die Fragen zu stellen . . . Aristide. Hier sind also zwei Personen, welche dasselbe Kind anerkennen wollen; neuer Fall! (Zu Sternay.) Ich werde mit Ihnen beginnen, mein Herr; Sie wollen ein Kind anerkennen? Sternay. Ja. Aristide. Haben Sie andere Kinder? Sternay. Nein. Aristide. Wollen Sie das Kind vielleicht auch lieber legitimiren als eS anerkennen? Sternay. Wie? Aristide. Indem Sie die Mutter heiraten. Sternay. Ich bin verheiratet. Aristide. Mit einer anderen Frau? Sternay. Ja. Aristide Sie können das Kind also nur anerkennen. (Zum Marquis) Sie wollen ein Kind anerkennen? Marquis. Ja. Aristide. Sind Sie verheiratet? Marquis. Nein. Aristide. Sie würden also die Mutter heiraten und daS Kind legitimiren können? Marquis. Ja. Aristide. Bis jetzt ist das Interesse des Kindes auf dieser Seite. (Zu Sternay.) Die Anerkennung kann von Allen denen bestritten werden, welche dabei interessirt sind; bestreitet Ihre Gattin die Anerkennung? Sternay. Nein . . . Aristide. Haben Sie noch Eltern? Sternay. Meine Mutter. Aristide. Wird diese Ihr Anerkennungsrecht nicht Abrede stellen, bestreiten? Antworten Sie. Sternay. Ja. Aristide. Werden Sie gegen Ihre Mutter einen Proceß führen wollen? Sternay Ich werde. Aristide. Wird aber der junge Mensch einwilligen, daß der Name seiner Mutter vor den Gerichten herumgeschleppt werde, um einen Namen zu erhalten, den er nicht verlangt? — Sie wissen eS nicht. Das Kind ist nicht hier, so werde ich, der Freund des Kindes, an dessen Stelle antworten: Nein! (Zum Marquis) Haben Sie einen Vater, eine Mutter, einen natürlichen Sohn, legitimirt oder unlegiti- mirt, eine Gattin, welche sich der Anerkennung widersetzen könnten? Marquis. Nein. Aristide. Sie können anerke.nnen und legitimiren ganz nach Ihrer Wahl. Herr Sternay kann es nicht. Der Vortheil des Kindes ist also hier. Sternay. Alsdann werde ich ihn adoptiren. Aristide. Gut. Haben Sie legitime Kinder? Sternay. Nein. Aristide. Willigt Ihre Gattin in die Annehmung an Kindesstatt? Sternay. Ja. Aristide. Sind Sie volle 50 Jahre alt? Sternay. Ja. Aristide. Können Sie beweisen, daß Sie dem zu Adoptirenden während seiner Minorennität wenigstens sechs Jahre lang ununterbrochen Unterstützungen und Beistand geleistet haben? Sternay. Aber.... Aristide. Können Sie es beweisen? Sternay. Nein! Aristide. So ist die Annahme an Kindesstatt unmöglich. Sternay. Ein Vater kann also sein Kind nicht anerkennen? Aristide. Doch, mein Herr, am Tage seiner Geburt. Marquis. Das ist das Allereinfachste. Aristide. Es gibt noch etwas Einfacheres, Herr Marquis, nämlich, nur eheliche Kinder zu haben; denn, sehen Sie, so lange man nicht verheiratet ist, erlaubt das Gesetz, Kinder in die Welt zu setzen, aber es erlaubt nicht, welche zu haben. Sternay. Ein sonderbares Gesetz, welches es einem Fremden leichter macht, 56 ein Kind anzuerkennen, als dem Vater selbst. Aristide. Das Gesetz hat Recht; ein Vater, welcher seinem Sohn seinen Namen nach Ablauf von 25 Jahren geben will, macht kaum eine schlechte Handlung wieder gut; ein Fremder, welcher seinen Namen einem Kinde ohne Vater gibt, vollzieht eine gute Handlung. — Niemand spricht mehr? — Das Kind wird dem Herrn Marquis gerichtlich zugesprochen. Marquis. Nun? Sterna y (nach einer Pause). Sie haben Recht, Herr Oheim; und wenn es ein Mittel gibt, damit Jakob meinen Namen führe, so liegt es in Ihrer Macht. Marquis. Du hast ein Mittel gefunden? St er nah. Ja. Marquis. Laß hören. Ster nah. Und ich hoffe, daß Herr Fressard hier keine Opposition einlegen wird; es ist ein Ausweg, welcher Alles nach Wunsch für Jedermann ordnen wird. Aristide. Vergleich also; Freundesseite . . . Marquis. Rede. Sternay. Das einzige Hinderniß der Anerkennung durch mich ist meine Mutter? Marquis. Ja. Aristide. Ja. Sternay. Mein lieber Oheim, Sie können die Zustimmung meiner Mutter erlangen. Marquis. Wie? Sternay. Adoptiren Sie mich, wie sie eS wünscht, unter der Bedingung, daß sie mich Jakob anerkennen läßt, wie ich es will. Aristide. Ah! Erlaß't mir die Sennesblätter, ich werde den Rhabarber einnehmen! Marquis (zu Fressard). Sehen Sie noch ein Hinderniß? Aristide. Als Freund oder als Notar? Sternay. Als Notar? Aristide. Nein! Marquis. Spitzbube! Du wirst erlangen, was Du willst. Sternay. Es geschieht nur für Jakob. Marquis. Ich willige ein, Deiner Frau zu Liebe, welche es verdient, Gräfin zu sein. (Zu Aristide) Jede Sünde findet Vergebung; vielleicht wird er seinen Sohn lieben. Aristide (zweifelhaft). Vielleicht. Sternay. Verlieren wir keine Zeit; ich will Jakob noch sprechen, bevor er abreist. Um wieviel Uhr reist er? Aristide. Um halb acht Uhr. Sternay. Es ist 7 Uhr, beeilen wir uns. Es ist anständiger, daß Jakob seine diplomatische Sendung nur mit dem Namen seines Vaters antritt. Aristide. Ah! Ah! Jetzt habeich den rechten Zipfel, ^sneo luxum auri- dus. — Vorwärts! (Ende deS dritten Aufzuges.) Vierte» Vufzug. (Bei Clara. — Einfacher eleganter Salon.) Erster Auftritt. Marquise. Clara. Marquise. Leben Sie wohl, meine Liebe. Ich verlasse Sie, Sie erwarten heute Ihren Sohn, er muß Sie allein finden. Clara. Frau Marquise, ich bin über diesen abermaligen Besuch sehr gerührt. Ich weiß nicht, wie ich Ihnen danken soll. Marquise. Wir würden uns schon längst öfters gesehen haben, wenn ich früher erfahren hätte, was ich nun weiß. Mein Sohn trägt die meiste Schuld. Hätte er mir früher gesagt, was er mir vor einem Monat mittheilte, so würde ich die Erste gewesen sein, ihn zu belehren, was er zu thun habe, da er es nicht wußte. Man muß ihm verzeihen, besonders jetzt, wo Sie glücklich sind und sich Alles ausgleichen wird, wenn Ihnen vor Allem die Ueberein- kunft, die wir getroffen, noch immer recht ist. Clara. Allezeit. Marquise. Wir Alle müssen die Vergangenheit vergessen und uns nur noch mit der Zukunft des großen Burschen beschäftigen, den wir Alle der Art lieben wollen, um unsere Fehler wieder gut zu machen. Jedermann hat Unrecht gehabt, es ist also natürlich, daß es nun Jedermann ein wenig auf den Andern schiebt. Wir werden vielleicht noch ein kleines Zugeständniß von Ihnen zu erbitten haben, aber darüber wollen wir später sprechen. Die Freude über seine Zurückkunft muß durch nichts gestört werden. Also, leben Sie wohl, oder vielmehr auf Wiedersehen, denn Sie werden mich im Laufe des Tages, wegen der Regulirung aller unserer Beschlüsse, noch Wiedersehen. Er weiß noch nichts von dem, was während seiner Abwesenheit abgemacht wurde? Clara. Nein; an dem Tage, wo Herr Sternay in die Anerkennung einwilligte und hieher kam, um uns diese frohe Nachricht mitzutheilen, war Jakob bereits eine halbe Stunde früher abgereist. Marquise. Ja, ja, ich erinnere mich; wollte er doch seinem Sohne nachreisen. Nichts konnte ihn zurückhalten. Diese unentschlossenen Leute sind immer so. An dem Tage, wo sie sich endlich einmal entscheiden, zu lieben, lieben sie stärker als alle Anderen. Clara. Und dann hatte er auch noch von früher her einen bedeutenden Rückstand abzutragen. Marquise. Ah! Sie ist zu liebenswürdig! — Aber mein Sohn ist doch nicht abgereist. Clara. Jakobs Mission war eine geheime; er hatte Niemanden, selbst mir nicht gesagt, wohin er gesandt sei. Ich bot Herrn Sternay an, sobald ich einen Brief von Jakob empfangen haben würde, und wenn ich wüßte, wohin man ihm antworten könnte, meinem wohne die Gesinnungen seines Vaters in Betreff seiner wissen zu lassen; aber Herr Sternay zog es vor, ihm die Ueberraschung bis zu seiner Rückkehr aufzusparen. Marquise. Und glauben Sie, daß ihm diese Ueberraschung angenehm sein wird? Clara. Ich bin eS überzeugt. Marquise. Armes Kind, wie freue ich mich, ihn zu sehen. 58 Clara. Und Frl. Hermine? Marquise. Sie weiß von Allem Andern nichts, als daß man in ihre Verheiratung willigt. Clara. Wie gütig Sie sind, und wie gerne wünschte ich, das junge Mädchen zu umarmen! Wann kann ich sie sehen? Marquise. Ich werde sie Ihnen baldigst herführen. Clara. Wahrhaftig! Marquise. Sind Sie nicht die Mutter des Mannes, den sie liebt, und den sie sehr liebt, ich bürge Ihnen dafür; aber er verdient es, denn ich liebe ihn ebenfalls, seit ich Sie kenne. Sind Sie mit uns zufrieden? Clara. Sie fragen noch? Marquise. Auf baldiges, recht baldiges Wiedersehen, meine Theure. (Küßt Clara auf die Stirne. In dem Augenblick, wo sie Clara küßt, tritt Aristide aus.) Zweiter Auftritt. Vorige. Aristide. Aristide (für sich.) Immer besser! Marquise. Ah! Sie sind eS, mein werther Herr Frefsard, ich bin sehr erfreut, Sie zu sehen; alle unsere kleinen Urkunden sind fertig! Aristide. Ja, Frau Marquise. Marquise. Also — auf baldiges Wiedersehen. (Sie grüßt und geht ab.) Dritter Auftritt. Aristide. Clara. Aristide (ihr nachsehend.) Sie geht wohl gar nicht mehr von hier fort? Clara. Dies war das vierte Mal, daß sie herkam. Aristide. Hast Du ihre Besuche erwiedert? Clara. Ich wollte es, aber sie widersetzte sich. Sie will nicht, daß ich mich bemühe. Aristide. Sie will nicht, daß man Dich bei ihr sieht, das ist 'S. Du gibst etwas auf diese Freundschaftsbezeugungen? Clara. Welches Interesse könnte sie haben, mir zu schmeicheln? Ich kann nichts für sie thun. Aristide. Du kannst Deinen Sohn abhalten, in ihre Combinationen einzugehen. Clara. Ich werde mich wohl hüten. Aristide. Du bist also vergnügt, zufrieden? Clara. Ich habe das Recht, es zu sein; ich hatte nur einen Gedanken, einen Traum einen Ehrgeiz mein ganzes Leben lang, daß Jakob den Namen seines Vaters führe; er wird ihn führen, ich kann morgen sterben, ich werde glücklich sterben. Aristide. Und Du würdest ihnen dadurch einen großartigen Dienst erweisen. .Clara. Wie so? Aristide. Ich habe so meine Gedanken. Ich glaube nicht, daß man in dem Alter der Marquise so plötzlich, binnen 24 Stunden, die Grundsätze, Gewohnheiten und Vorurtheile seines ganzen Lebens Lügen straft, ohne eine gewichtige Ursache dafür zu haben, und noch dazu eine vortheilbringende Ursache. Sie schmeichelt Dir, nichts Anderes. Sie ist nicht die Frau, um so plötzlich gefühlvoll zu werden. Wer kein Herz hatte, als er jung war, hat es niemals. Das Herz ist keine Winterfrucht , es reift nicht unter dem Schnee. Clara. Was glaubst Du denn? Aristide. Und Madame Sternay, kam sie auch Dich zu besuchen? Clara. Nein, sie ist auf dem Lande bei ihrer Mutter, oder bei ihrem kranken Vater — ich weiß nicht mehr recht: es ist wohl ein Vorwand. Aristide. Wahrscheinlich, aber wenigstens ist da keine Heuchelei. Sie 59 wird sich nicht an Deinen Hals werfen, wie es die Marquise thut, sie wartet, bis die Verhältnisse Euch zusammen führen; sie hat ganz Recht, und ich halte sie für eine gute Frau. Aber der Vater, aber die Marquise! Ah! Wenn ich Jakob wäre.... Clara. Ich bitte Dich, gib ihm keine schlechten Rathschläge. Aristide. Du kannst ruhig sein, eö wäre zum Erstenmale. Ich habe mir selbst gelobt, nichts darein zu reden; ich werde nichts sagen, aber Du kannst mich nicht abhalten, die That- sachen, die einfachen Thatsachen zu sehen und zu beurtheilen. Nach 25 Jahren willigt er ein, ihn anzuerkennen. Warum? Weil sein Sohn in einer Stellung ist, um ihm Ehre zu machen, und weil er dadurch den Titel seines Onkels gewinnt. Die Marquise, seine Mutter, wollte Dich aus ihrem Hause davon jagen lassen, als Du kamst, wegen des Verlassens Deines Kindes Beschwerde zu führen, und heute erkennt sie Jakob für ihren Enkel. Seit wann? Seit ihr Bruder eingewilligt hat, Herrn Ster- nay seinen Titel zu geben und folglich sein Vermögen, welches sich auf 6 bis 700,000 Franken beläuft. Sie macht Dir vier Besuche in vier Tagen. Warum ist sie nicht früher gekommen? Weil sie noch nicht wußte, was sie seit vier Tagen weiß, daß Jakob eine sehr wichtige Mission bekleidete, daß alle Zeitungen von ihm reden.... daß er nur Ruhm und Ehre über die Familie bringen kann, daß er bei Hofe sehr gern gesehen sein und man durch seinen Einfluß Alles erlangen wird, was man nur wünscht. Die Marquise liebt vielleicht ihren Sohn.... Herr Sternay liebt vielleicht seine Mutter.... aber daß sie Dich liebt, daß Herr Sternay Jakob liebe, nein.... nein, tausendmal nein.... es ist Hochmuth, Berechnung, Ehrgeiz, Alles, waS man wünscht, nur keine väterliche Liebe! — Ich verstehe mich darauf, ich weiß, was eS heißt, Vater zu sein, ich bin es oft genug — mir wird man nichts darüber weiß machen! Ich habe geredet! Clara. Liegt es in Jakobs Interesse, daß seine gesellschaftliche Stellung ordnungsgemäß sei und daß die Familie seines Vaters ihn wie ein legitimes Kind auf- und annehme? Aristide. Augenscheinlich. Clara. Alsdann, mein lieber Freund, mag auch der Grund sein, der sie handeln läßt, welcher er wolle, so gewinnen wir zu sehr durch den Erfolg, um die Ursachen zu erörtern. Aristide. Und Du glaubst, daß diese Leute Dich bei sich aufnehmen werden, als ob Du zu ihnen gehörtest? Clara. Die Marquise sagte es mir vor kaum 5 Minuten. Aristide. Nun gut, wir werden in einem Monat wieder davon sprechen. Vierter Auftritt. Vorige. Marquis. Marquis (im Auftreten.) Ist er angekommen? (reicht Klara die Hand.) Clara. Noch nicht. Marquis. Guten Tag, mein lieber Herr Fressard. Er kann nicht mehr lange ausbleiben, der Minister erwartete ihn heute Morgen um 10 Uhr. Clara. Sie haben den Minister gesprochen! Marquis. Er ist ganz entzückt über Jakob. Clara. Was hat er denn gethan? Marquis. Herrliche Sachen, sagt man, aber man muß ihm die Freude lassen, es Ihnen selbst zu sagen. Aristide. Und haben Sie Herrn Sternay gesehen? Marquis. Von Zeit zu Zeit bemerkte ich ihn — er rennt umher — zerarbeitet sich förmlich — läuft zu dem Einen und zu dem Andern. „Mein Sohn hier — und mein Sohn da. — 60 Sie hatten also einen Sohn? Nun ja — wie! Sie wußten es nicht? Einen großen Jungen!" — Ich hatte alle nur mögliche Mühe, ihm begreiflich zu machen, daß er schweigen sollte.... Noch ist nichts abgemacht. Clara. Sollten Sie Ihren Entschluß widerrufen wollen? Marquis. Nein, Madame .... weit entfernt davon .... Ich werde sehr stolz darauf sein, wenn Jakob es annimmt, was ich einwilligte zu tbun, um Alles auszugleichen, aber .... Clara. Aber.... Marquis. Aber er allein ist jetzt der einzige Richter in dieser Angelegenheit .... und meine Meinung ist, daß wir zu sehr geehrt sein werden, wenn er in unsere Familie eintritt, um nicht zu erwarten, daß er freiwillig eintrete. Aristide (zu Clara.) Was sagte ich Dir? (Zum Marquis.) Recht, Herr Marquis, das heißt sprechen wie ein Mann von Herz. Fünfter Auftritt. Vorige. Sternay. Sternay (läuft beim Eintreten gleich zu Clara und faßt ihre beiden Hände. Aristide setzt sich zum Feuer in einem großen Lehnstuhl, so daß er halb versteckt ist.) Ah! theuerste Clara .... Wo ist er? Clara. Ist er angekommen? Sternay. Ja — ja! Clara. Sie haben ihn gesehen? Sternay. Nein — ich glaubte, er sei hier. Der Thürsteher des Ministers sagte mir so eben, daß er ihn gesehen, und daß er schon wieder fortgegangen sei. Vielleicht ist er sogleich zur Marquise gegangen, um Hermine zu begrüßen. Clara. Nein, hierher wird er zuerst kommen. Sternay. Glauben Sie? Clara. Davon bin ich überzeugt. Aristide. Weiter fehlte nichts, als daß er seine Mutter nicht vor allen Andern begrüßte. Marquis. Der Thürsteher wird Dir das nur gesagt haben, um Dich los zu werden, er kannte Dich nicht. Sternay. Wie, er kannte mich nicht! Er weiß, daß ich Jakobs Vater bin. Marquis. Hast Du eS dem Thürsteher selbst gesagt! Sternay. Ja, gleich damals, als ich eine Audienz bei dem Minister erbeten hatte. Marquis. Du hast also den Minister gesprochen? Sternay. Natürlich, um Nachrichten von Jakob zu erlangen, da ich nicht wußte, wohin ich ihm schreiben konnte. Marquis. Der Minister weiß also .... Sternay. Ec weiß Alles; er hat mich mit der Mission Jakobs bekannt gemacht, so weit etwas davon bekannt werden durfte. Er hat mir die Depeschen meines Sohnes mitgetheilt. Clara (lächelnd.) Unseres Sohnes.... Sternay. Ja, theuerste Freundin, ja. Diese Depeschen sind bewunderungswürdig an Klarheit, Verständlich und Geschicklichkeit. Ich habe auch die Briefe unseres Gesandten und die des Sultans selbst gesehen.... übersetzt, wohlverstanden. Alle erkennen ganz einfach an, daß Jakob sie gerettet habe. Clara. Was hat er denn gethan? Sternay. Hat er eS Ihnen nicht geschrieben? Clara. Nein, es war nicht sein Geheimniß. Sternay. Also wissen Sie nichts? Clara. Nichts. Sternay. Nun denn: Jakob hat ganz Europa gerettet. Clara. Mein Sohn! Sternay. Unser Sohn, liebste 61 Freundin! — Za, ja, Ibrahim Pascha wollte den Laurus überschreiten, und — der Taurus einmal überschritten, hieß ein europäischer Krieg. Dann war England gegen Rußland, Frankreich war gezwungen, Partei zu ergreifen, Oesterreich auch.... gewiß, Frankreich war in der Lage — aber der Handel, das Interesse des Staates- Aristide. Schwatze Du und kein Ende! Clara. Und Jakob war es — ? Sternay. Jakob war es, welcher in dem Augenblicke, wo die vier Großmächte nicht mehr wußten, wo ihnen der Kopf stand, eine Idee hatte, welche er dem Minister mittheilte. Clara. Und diese Idee war.... Sternay. Diese Idee war gut, so wie es scheint. Clara. Sie kennen sie nicht? Sternay. Nein. Aristide. Trotz dem, daß ihm der Minister seine Geschichte erzählte.... Sternay. Aber gewiß ist, daß seitdem Jakob mit Mehemet Ali gesprochen hatte. Aristide. Ich glaubte, es war Ibrahim. Sternay. Mehemet ist der Vater, Ibrahim der Sohn. Aristide. Und Vater und Sohn ist ganz das Nämliche. Sternay. Ah! Sie sind's, mein werther Herr Fressard! Ich wußte nicht, wer mit mir sprach; ich erkannte die Stimme meines Oheims nicht. Aristide. Aber Sie antworteten doch, hingerissen durch die väterliche Liebe. Uebrigens befinden Sie sich wohl! Sternay. Und Sie? Aristide. Ausgezeichnet! Sie sagten also? — Sie sprachen vom Taurus. . . Sternay. Ich sagte, daß es sich darum handelte, Mehemet Ali zu bestimmen, daß Ibrahim den Taurus nicht überschritte; dies war eine sehr schwierige Unterhandlung, Jedermann scheiterte bis jetzt daran... Nun reiste Zakob ab. Zch weiß nicht, was er Mehemet Ali Alles sagte, aber gewiß ist, daß Ibrahim die Waffen niederlegte, und der Frieden abgeschlossen wurde. Nun denn, ich wiederhole es, der Friede im Orient ist der Friede für die ganze Welt! Die Civilisation ist vielleicht um 50 Jahre vorgerückt! — denn sehen Sie. . . . Aristide. Er übt sich für die Deputaten - Kammer. . . Clara, (zum Marquis.) Glauben Sie, daß Alles dies wahr sei, Herr Marquis ? Marquis. Ich weiß nicht, ob Zhr Sohn, liebe Madame, gerade Alles vollbrachte, was uns Herr Sternay erzählte, aber er hat sicherlich seinem Vaterlande einen großen Dienst geleistet. Von einem Manne von Herz, dem das Unglück Muth und Ehrgeiz verliehen hat, kann man Alles erwarten. Es ist ein Beweis mehr, daß man einen Mann nur nach seinen Werken würdigen und schätzen muß, welches auch sein Herkommen sei. Wer weiß, ob nicht die Menschheit diesem Kinde des Volkes, welches barfuß mit anderen Gassenjungen seines Alters ans den Straßen herumläust, eines Tages eine wichtige Entdeckung verdankt, und ob das kleine Wesen, welches seine Mutter weinend unter die Kinder ohne Namen eintragen läßt, nicht in seinem Kopfe das Schicksal einer Welt trägt! Gott ist überall; lassen wir ihn walten und urtheilen wir nur über fertige Thatsachen. Neulich Abends sprach man in einer Gesellschaft von Jakob, und ich weiß nicht, wer da zwischen den Zähnen murmelte: „Es scheint, er ist ein natürliches Kind, welches sein Vater nie anerkennen wollte." — „Desto schlimmer für seinen Vater, sagte darauf der englische Gesandte, welcher gegenwärtig war, denn 62 wenn man der Sohn seiner eigenen Werke ist, so ist man von der besten Familie der ganzen Welt, und der Name, den man sich selbst machte, gilt immer mehr, als der, den man empfing"... Aristide. Sehr gut! Was halten Sie davon, Herr Sternay? Sternay. Vom politischen Gesichtspunkt vielleicht, mag dies ganz hübsch sein, nicht aber vom moralischen und socialen Gesichtspunkte, und der Beweis hiefür ist, — da man hier nur durch Beweise spricht, — daß Jakob, als ihn der Minister fragte, was er wünschte, geantwortet hat: er wünsche ein Consulat in Egypten, obgleich er jetzt Alles fordern konnte, die Paine, oder eine Gesandschaft, was ihm beliebte. Also, weshalb verlangte er so wenig? Weil ihn, wie er es mir selbst sagte, seine Geburt zur Verborgenheit verurtheile. Klären wir also seine Geburt auf, so werden wir ihm seinen Lebensweg erweitern! Aristide. (Sternay betrachtend, für sich.) Er hat jetzt Furcht genug, daß sein Sohn ihn nicht anerkenne. Sternay. (zu Clara.) Sie haben meine Mutter gesehen? Clara. Ja. Sternay. Sind Sie zufrieden mit ihr? Clara. Sie schien sehr gütig gegen mich gesinnt zu sein. Sternay. Sie betet Sie an. Es ist eine sehr gute Frau, wenn man sie erst näher kennt. Henriette hat mir aufgetragen, sie bei Ihnen zu entschuldigen. Clara. Ist sie nicht bei ihrem kranken Vater? Sternay. Ja! Clara. Aristide hat mir überdies begreiflich gemacht, daß in der ersteren Zeit unsere gegenseitige Stellung zu einander, für uns Beide nur peinlich sein könnte, und daß es wünschens- werther wäre zu warten. Sternay. Sie sprechen da die allerrichtigsten Gedanken aus. Sie waren immer eine sehr vernünftige Frau. Ah! es ist seltsam, sich so wiederzufinden. Gute Clara! Meine Mutter hat Ihnen nichts weiter gesagt? Clara. Nein. — Hatte sie mir etwas zu sagen? Sternay. Nein, nichts. Aristide, (bei Seite Sternay betrachtend.) Ich muß Dein letztes Wort hören! Sternay. (zu Aristide.) Und Sie, mein werther Herr Fressard, zürnen mir nicht mehr? Aristide. Ich liebte Jakob; ich nahm Partei für ihn. Sternay. Dies war ganz natürlich. Sie haben Ihre Gemahlin nicht mitgebracht; das ist nicht schön von Ihnen. Wir würden höchlich erfreut gewesen sein, sie kennen zu lernen. Meine Mutter sprach noch gestern mit mir davon. .Aristide. Victoria ist sehr schüchtern. Ich bin Ihnen wahrhaftig sehr dankbar für die Art, mit welcher Sie mir die Ehre erweisen, mich zu behandeln. Sternay. Sie gehören ja fast mit zur Familie. Aristide. Fast genügt mir. Sternay. Die Zeit vergeht, Jakob wird bald kommen, bestimmen wir genau, was wir thun wollen. Vorerst wird Jakob gleich nach seiner Ankunft zu dem Minister gehen, daS ist seine Pflicht; dann wird er seine Mutter umarmen wollen, das ist natürlich; wir werden unsere Urkunden und Schriften darauf sogleich unterzeichnen: damit es endlich eine ausgemachte Sache sei! Da er nun gewiß Ruhe nsthig haben wird, so reisen wir — meine Mutter, Hermine, er und ich — gleich nach der Touraine, wo ich ein Landgut besitze, welches ich ihm bei der Unterzeichnung des Heirathscontractes übergebe. Dort wird er sich vermählen. . . . 63 Clara. Und ich? Mein lieber Herr Sternay, was geschieht denn bei Alle dem mit mir? Sternay. Sie kommen mit uns — natürlich, habe ich es nicht gesagt? Clara. Nein. Sternay. Vergessenheit! Aristide. Sagen Sie mir, mein werther Herr Sternay — Sie erlauben wohl — Sternay. O gewiß.- Aristide. Seit einiger Zeit schon geht mir etwas im Kopfe herum, und das ganz natürliche Betragen der Madame Sternay. hinsichtlich Clara's, so wie die Betrachtungen, welche Clara vcrhin machte, bestimmen mich mit Ihnen darüber zu sprechen: Aber es bleibt unter uns, nicht wahr? Sternay. Sicherlich! Aristide. Finden Sie nicht, daß die Stellung Clara's in Ihrem Hause eine ganz falsche sein wird? Sternay. Ach! Wem sagen Sie das? Aristide. Und glauben Sie nicht, daß wenn Jakob, nach dem Dienste, den er seinem Vaterlande erwiesen, so wenig fordert, so- Sternay. So that er es nur seiner Mutter wegen. — Ich bin davon überzeugt, der arme Junge hat eingesehen. . . . Aristide. Wir verstehen uns. Sternay. Ich glaubte, daß meine Mutter schon ein Paar Wörtchen gegen Clara hätte fallen lassen. Aristide. Sie wollte vor Allem ganz vertraut mit ihr sein, — das zeigt von Zartgefühl und Geist. Aber wünschen Sie, daß ich das Tereain rekognoöcire? Sternay. Glauben Sie, es erlangen zu können? — Aristide. Bot sich Clara nicht früher an, ganz in der Verborgenheit zu leben, sich ganz zurückzuziehen, wenn ihr Sohn Ihre Nichte heirate? Sternay. Ja, aber seitdem hat Jakob bedeutendes Ansehen gewonnen, ist berühmt geworden. Sie ist stolz darauf, seine Mutter zu sein, und wird es aller Welt sagen wollen. Aristide. Sie kennt keinen Hoch- muth, sie liebt ihren Sohn, das ist daS Ganze. Von solcher Liebe kann man Alles erlangen. Sternay. Meine Mutter wollte erst die Vermählung abwarten, und dann — Aristide. Wenn man schon einen Entschluß fassen muß, so ist das Beste, es gleich zu tbun. . . In den Urkunden habe ich für jeden Fall den Namen der Mutter noch offen gelassen. Sternay. In den Urkunden hat der Name nicht viel zu sagen. Aristide. ES ist jedoch ganz un- nöthig zu sagen, daß sie Arbeiterin war, schon Ihrer Stellung wegen. Jakob ist Ihr Sohn — das ist das Wichtigste — Ihr Name deckt Alles. War nun seine Mutter eine Grisette, war sie eine große Dame! Man weiß nichts davon. Sternay. Ich hatte einen Ausweg gefunden . . . daß sie vor den Augen der Welt als eine seiner Verwandten erscheine, z. B. als seine Tante, als die Schwester seiner Mutter. Dieser Muttername, neben meiner Frau, ist sehr unangenehm. Sie soll eine kleine Reise von einem Jahre machen. Aristide. Oder von 2 Jahren. Sternay. Oder auch 2 Jahre; -- mit einer ihrer Freundinen, oder sie kann ja auch zu Ihnen auf das Land gehen, mit Madame Victorien. Und dann, was soll man Hermine sagen? Wie ihr erklären? Sie sind ein Mann von Herz und Verstand, mein lieber Fressard, ordnen Sie diese Angelegenheit. — Aristide. Rechnen Sie auf mich, Clara wird nicht einmal im Heirats- contract erscheinen. 64 Stern ay. Aber was sagt man Jakob? Er liebt sie! Aristide. Sie wird schon einen Grund finden. Sternay. Sie ist überhaupt eine gute Frau.... Schade! — Schade! — Also, kann ich auf Sie rechnen? Aristide. Vertrauen Sie mir! Nur gehen Sie auf der Stelle zu Ihrer Mutter und benachrichtigen dieselbe, damit sie nichts zu ihr sage. Es ist besser, wenn der Rath von einem alten Freunde kommt. Sternay. Sie haben Recht — ich eile hin. Wenn Sie jemals meiner Dienste benöthigen sollten — Aristide. Na, man weiß nicht! Wenn Sie in der Deputirtenkammer sitzen werden. . . . Ich bin seit 7 Jahren Bürgermeister meiner Gemeinde... Sternay. Ein kleines, rothes Band würde sich nicht schlecht machen. (Mit Protections Miene.) Wir werden's schon machen. (Zum Marquis). Kommen Sie Herr Oheim? Marquis. Wohin gehst Du? Sternay. Kommen Sie nur mit, ich habe mit Ihnen zu sprechen, (leise.) Lassen Sie Herrn Fressard mit Madame Vignot allein, er bat ihr etwas zu sagen. Aristide. (Zu Sternay). Ich werde Sie hinab begleiten. Wenn ich ihr jetzt gleich mittheilte, was wir eben abmachten, so würden sie merken, daß es zwischen uns verabredet sei. (Laut) Ich begleite Sie , meine Herren — ich habe noch einige Papiere zu holen. (Zu Clara laut) Wenn Du aber gerne Jakob entgegen gehen willst? — Es gibt nur einen Weg vom Minister hieher. Clara. Nein, er schrieb mir, ihn zu Hause zu erwarten; — ich erwarte ihn hier. Sternay. Auf Wiedersehen, Liebe — Clara. Auf Wiedersehen — Sternay. Jakob soll uns ja erwarten, wenn er vor uns hierherkommt. Aristide (zu Clara). Es gibt was Neues. Clara. Was denn? Aristide. Ich komme sogleich wieder. Marquis. AufWiedersehen,werthe Madame. Clara. Auf Wiedersehen, Herr Marquis. (Alle ab. während dem öffnet Jakob die Thüre links.) Sechster Auftritt. Jakob. Clara. Jakob (halblaut). Mama! Clara (sich umwendend). Jakob! (Umarmen sich.) Jakob. Nicht so laut! Ich will nicht, daß sie uns hören! Ich war hier und wartete, bis sie fort waren. Ich wollte Dich allein sehen ... Ich liebe sie wohl, aber Dich liebe ich weit mehr und ich will Dich nach Herzenslust umarmen. Clara. Du bist wohl sehr ermüdet? Jakob. Nein. Es gibt Zurück- künfte, welche augenblicklich Ruhe für alle Beschwerden der Reise gewähren. Clara (auf Jakob's Knopfloch zeigend). Was hast Du denn da? Jakob. Das sind kleine Bänder. Sie sind fast von allen Landern und von allen Farben. Clara. Theures Kind, so ist es also wahr? Jakob. Was? Clara. Was uns Dein Vater sagte? Jakob. Wie, mein Vater? — Wann denn? Clara. So eben. Jakob. Er war also hier? Clara. Ja. Jakob. Ich habe seine Stimme nicht erkannt. Wie kommt es, daß er sich bei Dir befand? Clara. Seit Deiner Abreise ist Vieles vorgegangen. Ich werde Dir sogleich erzählen ... Ja, Dein Vater 65 erzälte uns, daß Du Europa gerettet hast. Jakob. Und Du hast es geglaubt? Clara. Zch bin bereit, noch ganz andere Sachen zu glauben. Jakob. Ich habe nichts gerettet, arme Mutter; ich habe eine Mission, mit welcher man mich betraute, mit Verstand und Einsicht vollzogen; — das ist Alles. Clara. Aber alle Zeitungen sprechen von Dir. Jakob. Macht es Dir Vengnügen? Clara. Ja! Jakob. Alsdann haben sie Recht. Clara. Täglich kam man, um sich nach Dir zu erkundigen. Du findest dort Karten und Briefe von den vornehmsten Persönlichkeiten. Der Minister selbst hat mir ein liebenswürdiges Briefchen geschrieben. Sei bescheiden gegen die ganze Welt, aber bei mir ist es unnöthig, und vor Allem umarme, küsse mich noch einmal. (Umarmung.) Jakob. Lheuerste Mutter! Clara. Lass' hören, sage mir Alles. Jakob. Nun. ich glaube, daß ich ziemlich geschickt gewesen bin, man muß jedoch nichts übertreiben. Aber in Frankreich ist man schon so. Die neu auftauchenden Männer hebt man bis in die Wolken, um sie später, ohne sie zu warnen, wieder herabfallen zu lassen, und einem Andern nachzulaufen. Be- ^ nützen wir die günstige Situation, theure H Mutter, aber lassen wir uns nicht den Kopf verdrehen, und danken wir den Ereignissen, die mir geholfen haben. Ich habe mein Schifflein gut gesteuert, aber ich hatte den Strom für mich; als mich daher der Minister fragte, was ich wünschte, verlangte ich von ihm ein einfaches Consulat, wo wir ruhig leben werden, bis daß sich eine neue Gelegenheit bietet, ein Held zu sein. Clara. Du hast immer Recht; — und Du wirst mich mitnehmen. Wiener Theater-Repertoir. Jakob. Würde ich Dich entbehren können? Clara. Wirklich wahr? Jakob. Zweifelst Du daran? Clara. Wie glücklich — wie stolz bin ich! denn ich bin Deine Mutter. Darüber darf man nichts sagen, nicht wahr . . . Dachtest Du manchmal in der Ferne an mich? Jakob. Ich habe Dir immerpünktlich geschrieben. Clara. Und ich danke Dir sehr dafür. Aber dachtest Du manchmal, wie glücklich ich sein mußte, glücklicher als eine Mutter nur sein konnte? denn Du bist Alles für mich, Jakob; ich habe weder Vater, noch Mutter, noch Gatten. Du bist meine ganze Vergangenheit, meine Gegenwart und meine ganze Zukunft. Du bist meine einzige Rechtfertigung, noch auf dieser Welt zu sein. Wenn Du stürbest, würde ich sterben. Jakob. Was hast Du, lheuerste Mutter, und weshalb diese traurigen Gedanken, in dem glücklichsten Augenblicke unseres Lebens? Clara. Immer in den glücklichsten Augenblicken kommen uns die traurigsten Gedanken, wie um uns zu warnen, daß das Glück nicht stets da gewesen und nicht immer da sein werde, und dann . . . Jakob. Und dann — was? — Was gibt's? Clara. Dein Vater willigt ein, Dich anzuerkennen. Er war deshalb eine Viertelstunde nach Deiner Abreise zu uns gekommen. Jakob. Was erzählst Du mir da? Clara. DieWahrheit . . . ich habe Dir deshalb nicht darüber geschrieben, weil Dein Vater Dir bei Deiner Zurückkunft eine Ueberraschung machen wollte. Jakob. Und welche Ueberraschung, in der That! Aber die Marquise? Clara. Die Marquise willigt ein, 5 66 Madame Sternay auch, alle Welt ist einig. Der Marquis ist äußerst liebenswürdig gewesen. Er adoptirt seinen Neffen, überträgt seinen Titel auf ihn, damit die Marquise ihre Zustim mung gab, daß ihr Sohn Dich anerkenne. Jakob. Mein Gott, welche Verwicklungen? Clara. Gleichviel, liebes Kind, wenn nur- Jakob. Wenn nur? Clara. Wenn Du nur glücklich wirst ... Du wirst Hermine heiraten. Jakob. Und Du? Clara. Oh! mein Gott — ich — ich werde mich nochmals opfern, wenn eS sein muß. Jakob. Dich opfern? — Haben sie von Dir etwas Besonderes verlangt . . . haben sie Dir Kummer, Verdruß verursacht? Clara. Nein, sie haben nichts von mir verlangt. Ich selbst habe überlegt, über Deine Stellung nachgedacht, und ich sagte mir, daß für Deine Zukunft Dir der Name Deines Vaters nützlicher sein werde, als der meinige, und daß für das junge Mädchen, welches Dich liebt, und welches so geduldig und ergeben war, der Name und der Titel ihrer Familie wünschenswerther seien. Ich hatte nichts als meinen Namen, mein armes Kind, ich habe Dir ihn gegeben. Es ist der Name sehr geringer, armer und unwissender Leute, und als ich ihn, begleitet von so großen Lobeserhebungen, in den Zeitungen las, konnte ich eS nicht verhindern, an diejenigen zu denken, welche ihn vor uns führten, an meine Mutter, an meinen Vater, der nicht einmal lesen konnte, und — tlächelnd) der nun einen Enkel hat, welcher die Welt errettet. Weißt Du, daß Gott sehr gütig gegen uns war. aber Du hast immer Deine Mutter geliebt und solche Kinder beschützt Gott! Du warst so liebevoll, so zärtlich, als Du klein warst! Ich sehe Dich noch in der Nähe des Tisches spielen, wo ich bis 2 und 3 Uhr Morgens arbeitete; Du schienst es damals schon zu verstehen, daß ich für Dich arbeitete. Du schlangst Deine kleinen Aermchen um mich und sagtest zu mir: Sei ruhig, Mütterchen, wenn ich groß sein werde, arbeite ich meinerseits für Dich, und Du wirst reich sein! — Reich! — Theures Kind! — Diese Erinnerungen erpressen mir Thränen, aber sie thun wohl. (Umarmen sich, Beide weinen.) Zakob. Doch ich will nicht, daß Du weinst, liebste Mutter, im Gegen- theil, Du sollst glücklich sein, glücklicher als Du jemals warst. Clara. Oh! Nein, ich sehe wohl ein, daß sie jetzt, wo Du berühmt bist, nicht mehr wollen, daß Du mein Sohn seist. Jakob. Ich? Du irrst Dich .. . So weißt Du denn nicht?.... Siebenter Auftritt. Vorige. Aristide. Aristide. Wie, man weint hier schon um 11 Uhr Vormittags? Jakob. Ja, ein wenig — um nicht ganz aus der Gewohnheit zu kommen. Aristide. Man mußte mir auch etwas davon sagen, so würde ich früher wiedergekommen sein, wir hätten dann alle zusammen geweint. Nun — für ein andermal. Du warst also vorhin schon da, als wir noch hier waren? Du ließest uns fortgehen, um mit Deiner Mutter allein zu sein. Du hattest vollkommen Recht; aber der Diener machte mir ein Zeichen , ich verstand es, begleitete den Marquis ein wenig und verließ ihn dann unter irgend einem Vorwände. Ein ausgezeichneter Mann — der Marquis, aber ich wollte Dich vor ihm umarmen. Jakob. Antworten Sie mir Pathe: Was ist's mit dieser Anerkennung, von welcher meine Mutter mir so eben sagte ? Aristide. Ah! Wahrhaftig! Du 67 wirft Herr Sternay heißen; Herr Graf von Sternay sogar, denn Du wirst adelig werden, in Folge der Combina- tion, die Herr v. Sternay gefunden hat. Ja, ja, ja, Alles ist abgemacht. Deine Verheiratung, Dein Name, und was Du von der Regierung verlangen mußt. Du hast Dich um nichts mehr zu bekümmern. Du wirst mit Herrn Sternay und seiner Frau leben; welche Ehre! Dein Papa hat alles so eingerichtet; er liebt Dich sehr, Dein zärtlicher Herr Papa! Diese Liebe ist ihm ein wenig spät gekommen, aber Sa- perlot, er sucht'ö wieder einzubringen. Er wird die Marquise herführen. Halte Dich wacker! — WaS Deine Mutter betrifft, welche Dich seit 25 Jahren erzogen, Dich nie verlassen hat und die Dich herzlich liebt — na, Du begreifst, — die kann jetzt zu gar nichts mehr nützen: An Jeden muß die Reihe kommen. Deine Mutter wird in die Provinz, in's Ausland gehen; wenn man sie nur nicht sieht, das ist die Hauptsache — So ist es! Jakob. Also — Alles vollständig abgemacht — ? — Aristide. Oh! Vollständig — ich bürge Dir dafür. Jakob. Sie mußten tüchtig gelacht haben, als Sie dies Alles so mit ansahen ! Aristide. Nein, ich habe auf Dich gewartet, um mit Dir darüber zu lachen! — Achter Auftritt. Vorige. Sternay. Sternay. Endlich sehe ich Dich wieder, mein theurer Jakob! (Umarmt ihn, bevor es Jakob hindern kann.) Jakob. Guten Tag, mein lieber Herr Sternay — guten Tag ... ich bin erfreut, Sie zu sehen. Sternay. Wie! Mein lieber Herr Sternay . . . aber alle Welt kennt die Wahrheit — in meine Arme. . . Jakob. Gleich — gleich . . . Und wie befindet sich die Frau Marquise? Sternay. Sie kommt mit meiner Nichte, aber ich besitze ihre Vollmacht zu Allem. Der Marquis begleitet sie, ich wollte vor ihnen hier sein, so sehr hatte ich Eile. . . Jakob. Da Sie also, mein Herr, den ganzen Familienrath repräsentiren und ich erpreß zurückgekommen bin, um mich zu verheiraten und meine Mutter zu holen, so benütze ich eS, da Fräulein Hermine noch nicht da ist, um Ihnen von Neuem officiell die Bitte vorzutragen, welche ich früher schon an Sie stellte. Ich heiße Jakob Vig- not, habe nur meine Mutter; besitze 500,000 Franken Vermögen, bin Ritter der Ehrenlegion und Consul. Ich liebe Ihre Frl. Nichte, bin von ihr geliebt; ich habe also die Ehre, Sie um deren Hand zu bitten. Sternay. Wir gewähren sie Ihnen, mein lieber Jakob, das ist schon beschlossen; nur irrten Sie sich, Sie heißen nicht mehr Jakob Vignot, sondern Jakob Sternay. Jakob. Ich! Seit wann? Sternay. Seitdem ich einwilligte, Sie anzuerkennen, seitdem ich Sie würdig befunden, meinen Namen zu führen. Jakob. Sie sind wahrhaftig sehr gütig, aber Sie mußten mich früher davon benachrichtigen. Sternay. Weil- Jakob. Weil ich, da ich keinen Namen hatte, mir selbst einen gemacht habe, und es würde also ein Pleonasmus herauskommen. Sternay. Ich sagte überall, daß Sie mein Sohn wären. Jakob. Ich bin gezwungen, Ihnen zu sagen, daß Sie Unrecht hatten, denn ich habe mir nirgends erlaubt zu sagen, daß Sie mein Vater wären. Sternay. Aber die Heirat kann ohne diese Anerkennung nicht vollzogen werden. 5 * 68 Jakob. Alsdann kann ich nichts entscheiden, bevor ich mich nicht mit noch Jemanden berathen habe.... Sternay. Und mit wem denn? Neunter Auftritt. Vorige. Marquis. Marquise. Hermine. Jakob (sieht Herminen und die Andern eintreten). Mit meiner Gattin; denn da sie denselben Namen führen soll, wie ich, so hat sie das Recht, zu wählen, welcher von beiden ihr am besten gefällt. Marquise (zu Clara). Guten Tag, Liebe . . . (reicht ihr die Hand.) Clara. Guten Tag, Madame. Jakob (zu Hermine gehend). Sie kommen gerade recht, Hermine; ich erbat so eben von Neuem Ihre Hand von Ihrem Oheim, er hat sie mir bewilligt; ich bedarf jedoch noch einer Einwilligung, die ich erlangen muß. Hermine. Welcher? Jakob. Der Ihrigen. Hermine. Haben Sie die nicht schon längst? Jakob. Aber, als Sie mir dieselbe gaben, wußten Sie Vieles nicht, was Ihnen freilich auch jetzt noch unbekannt ist, Sie aber nun erfahren müssen. .. Wenn Sie Alles wissen, dann werden Sie volle Freiheit haben, Ihr Wort zurückzunehmen. Her mine. Was ist's — reden Sie. Jakob. Seit dem Tage, wo ich mir erlaubt habe, Ihnen zu sagen, daß ich Sie liebte, Hermine, haben viele unerwartete Ereignisse mein Leben durchkreuzt. Zu der Zeit, wo ich Sie kennen lernte, glaubte ich nichts auf dieser Welt zu thun zu haben, als Sie zu lieben. Hermine. Sie lieben mich also nicht mehr? Jakob. Im Gegentheil, ich liebe Sie noch weit mehr; aber ich bin während der verflossenen 18 Monate um 10 Jahre gealtert. Ich bin kein Mann von Welt, bin kein junger Mann mehr, trotz meines Alters- Ich bin ein Mann der Arbeit und vielleicht ein Mann, der fortwährend zu kämpfen und zu ringen haben wird. Ich gehöre nicht mehr meinen Gefühlen allein an, ich gehöre meinem Vaterlande, welches mit übertriebener Großmuth den Dienst belohnte, den ich, vom Glücke begünstigt, ihm leisten konnte. Ich muß fern von Frankreich, fern von den Gebräuchen und zärtlichen Gewohnheiten Ihrer Jugend leben. Heißt dies nicht zu viel von Ihnen verlangen? Hermine. Habe ich nicht 18 Monate im Kloster gelebt, um den Tag zu erreichen, wo ich Ihre Frau werden könnte? Und, unter uns, im Kloster ist es nicht sehr unterhaltend. Glauben Sie, daß ich während dieser 18 Monate nicht reiflich nachgedacht habe, und nicht errieth, daß ein Kummer Ihres Herzens zu trösten, ein Geheim- niß Ihres Lebens zu achten sei, und daß Ihnen die Zukunft ein Unglück vergessen machen muß; daß ich Sie lieben müßte, nicht stärker als ich Sie schon liebte, denn dies wäre mir unmöglich gewesen, aber besser; — Sie verstehen mich, nicht wahr? — und daß ich mehr als Ihre Gattin, daß ich Ihre Freundin werden müßte! Ich habe mich reiflich geprüft, Jakob, ich wiederhole es Ihnen, und ich glaube die Gefährtin zu sein, welcher Sie bedürfen. Jakob. Jetzt ist es meine Pflicht, Sie das Unglück kennen zu lernen, welches Sie geahnt hatten. Der Mann, den Sie lieben, Hermine, ist ein natürliches Kind. Meine Mutter war nie verheiratet, mein Vater hat mich nicht als seinen Sohn anerkannt. Deshalb widersetzte sich die Marquise unserer 69 Verbindung. Sie warf mir meine Geburt vor und verzieh mir dieselbe nicht. Willigen Sie nun doch ein, daß meine Mutter Sie Tochter nenne? Hermine. Sie ist Ihre Mutter, Jakob; ich habe nicht nöthig, etwas Weiteres zu wissen. Jakob. Jetzt geben Sie mir einen Rath .... Her mine. O! Sprechen Sie. . .. Jakob. Mein Vater lebt noch. Er hat mich während mehr als 25 Jahren vergessen, heute bietet er mir seinen Namen an. Darf ich diesen Namen und den Titel, welcher ihn begleitet, annehmen, oder soll ich den Namen meiner Mutter behalten? Her mine. Sie dürfen Ihrem Vater verzeihen, denn man muß immer verzeihen; aber Sie müssen den Namen behalten, den Sie schon verherrlicht haben, und den Sie noch berühmter machen werden. Dieser Name, von Ihnen geführt, ist die Entsühnung für Ihre Mutter, und die Belohnung für das, was sie für ihren Sohn gethan hat. Was mich betrifft, so will ich keinen anderen, so stolz bin ich auf diesen Namen. Jakob. Theuerstes Mädchen! Ihr Herz ist für das meinige geschaffen und Sie haben mich ganz verstanden. (Clara Herminen vorstellend) Meine Mutter, Hermine! Clara. Meine Tochter! Marquise. Verzeihung, aber. . . Jakob. Ich weiß, was die Frau Marquise sagen will: von dem Augenblicke an, wo ich die abgeschlossenen Bedingungen nicht annehme, wären Sie Ihres Versprechens entbunden. Marquise. Ganz richtig, mein Herr. Jakob. Und meine Weigerung würde Schuld sein, daß Herr Sternay einen Titel verliert. Glüchlicherweise hatte ich ebenfalls, während Herr Sternay so gütig war, sich mit mir zu beschäftigen, die Idee, mich mit ihm zu beschäftigen, und ich fand, um Alle zu versöhnen, ein Mittel, welches erwünscht' sein dürfte. Der Minister fragte mich sehr gnädig, welche besondere Gunst ich mir im Augenblicke meiner Verheiratung wohl wünschte. Ich antwortete ihm: daß ich für mich nichts bedürfe; ferner daß ich in eine ehrenwerthe — aber bürgerliche Familie einträte; und ich erbat mir für den Chef dieser Familie den Grafentitel, da ich wüßte, daß er schon längere Zeit diesen Titel sehn- lichst wünschte, der übrigens seinen Vorfahren angehört, und den er nur durch die Heirat seiner Mutter verloren hätte. Der Minister hat an Se. Majestät ausnahmsweise diese Bitte zu meinen Gunsten gestellt, und mir die Schriften übergeben, welche die Gewährung bestätigen. Hier sind sie, mein Herr. Von heute an sind Sie Graf. Sternay. Sie haben sich edel gerächt, Jakob, aber wenn Sie mick nicht Ihren Vater nennen wollen, so werden Sie mir doch wohl erlauben, Sie meinen Sohn zu nennen? Jakob (lächelnd). Ja, Herr Oheim. — Nun Pathe, was treiben Sie denn da? Aristide. Ich? ... Ich weine! Ende. tttLNUtzkrssN' rsA -nkm 7ljv-^70V ^ ? .Kd>in < 1^147 « r-M ^ .^i:chln<-i>iup?LV j >n!^m ÄvÄ'.nn'ch>)6 rttktt-; ' ^ 77 '-- . - ?;nnK^ 7 ) 1^05 M ^ sn.'^m ö.'iU -r 1 v L. ! ,iM«E; ^ '"' "" - 77rl^. ,nr;'s 41rr.-:-L s67N7- ° St-mf» ^ '' ^,77i!7»s-'i)trL ü-rn^' ... - tS,'^ -<-»v^L7t ^ i.'. r»rirn.''...^im E - . .. ' uj .» chr's ,7/,'A r-1;'.i. 'st «Lki -' md ^ -!7 j r- - ^ .^7vn 1^7 iöi 7 ^ .' .inliä ' i IS 171 i-kq>ts»Ä. »n« nv-jS«vrG M .M - ' -? .tnH M t^Zö «r«r» «r l^tq^ftreL Mb«LiÄ sL .6oM chan j-iH aork .Lz M Die Dame mit den Camelien. Schauspiel in fünf Aufzügen von ^IvxsiriLvr vuin«8 (Solu»). Deutsch von P. I. Reinhard. Armand Duvat, 24 Jahre alt. Herr Duvat, Armand'S Vater. Haflon Rieux, 28 Jahre alt. 8aint-Hauden8, 55 Jahre alt. gustao, NtchettenS Liebhaber, graf von Hiray. Herr von Varville. Lin Arzt. Ein Lommisstouär. Mehrere Diener. Personen: Marguerite gauthier- Richetle. Prudence. Ranine. Olympe. Arthur. Esther. Snais. Adele. Grffe» Tkufzug. (MargueritenS Boudoir. — Thüre im Hintergründe. — Rechts ein Kamin. — Links ein Fenster. — Zwischen der Thüre deö Hintergrundes und der Thüre links eine offene Thüre. welche einen Tisch mit Candelabern sehen läßt. — Rechts zwischen dem Kamin und der Thüre des Hintergrundes eine andere Thüre. — Piano, Tische, Fauteuils. Stühle.) Erster Auftritt. Zweiter Auftritt. Nanine. (arbeitend.) Varville. (fitzt am Kamin.) Varville. Man hat geläutet, Nanine. Nan ine. Valentin wird öffnen. Varville. Ohne Zweifel Mar- guerite- Nanine. Noch nicht; sie wird erst um halb eilf Uhr nach Hause kommen, und eS ist kaum 10 Uhr. — Sieh, sieh, eS ist Mademoiselle Nichette. Wiener Theater-Repertoir. XI.V. Vorige. Nichette. Nichette. (öffnet die Thüre. und schaut nur herein.) Maguerite nicht zu Hause? Nanine. Nein, Mademoiselle. Wünschen Sie sie zu sprechen? Nichette. Ich ging gerade vorüber, und kam herauf, um ihr guten Abend zu sagen; da sie aber nicht da ist, so gehe ich wieder. Nanine. Warten Sie ein Wenig, sie wird bald nach Hause kommen. 1 s Nichette. Ich habe keine Zeit, Gustav wartet unten . .. Maguerite befindet sich wohl? Es geht ihr gut? Nanine. Wie immer! Nichette. Haben Sie daS kleine Päckchen zurecht gemacht, um welches ich Sie gebeten hatte? Nanine. Ja. Wollen Sie es mitnehmen? Nichette. Warum nicht? Nanine. Ich werde es Ihnen schicken, um Ihnen die Mühe zu ersparen. — Nichette. Zu was? Nanine. Es ist auch wirklich nicht sehr groß. Nichett e.SagenSie Maguerite, daß ich dieser Tage Herkommen werde, und daß ich sie herzlich grüßen lasse. Adieu, Nanine, Adieu, mein Herr. (Grüßt und geht ab.) Dritter Auftritt. Nanine. Varville. Varville. Wer ist das junge Mädchen? Nanine. Es ist Mademoiselle Nichette ! Varville. Nichette ist ein KaHen- name und kein Frauenname. Nanine. Es ist auch nur ein Beiname, und man nennt sie deshalb so, weil sie so krause Haare wie ein kleiner Katzenkopf hat. Sie war ebenfalls Arbeiterin in dem Magazin, wo Madame früher arbeitete. Varville. Marguerite ist also in einem Magazin gewesen? Nanine. Ja, Sie war Leinwäschnähterin. Varville. Sieh, sieh! Nanine. Sie wußten es nicht? Sie macht jedoch kein Geheimniß daraus. Varvile. Diese kleine Nichette ist hübsch. Nanine. Und sittsam! Varville. Aber der Herr Gustav? Nanine. Welcher Herr Gustav? Varville. Von dem Mademoiselle Nichette sprach, und der unten wartete. — Nanine. Das ist ihr Mann. Varville. Herr Nichette? Nanine. Er ist noch nicht ihr Ehemann, wird es aber werden. Varville. Mit einem Worte, er ist ihr Liebhaber. Gut, gut . . . sie ist sittsam, aber sie hat einen Liebhaber. Nanine. Welcher nur sie liebt, wie sie nur ihn liebt, und stets nur ihn geliebt hat, und der sie heiraten wird; das sage ich Ihnen. Mademoiselle Nichette ist ein sehr rechtschaffenes Mädchen. Varville. (steht auf, und geht zu Nanine.) Am Ende liegt wenig daran. Gewiß ist, daß meine Angelegenheiten hier nicht vorwärts kommen. Nanine. Nicht im Mindesten. Varville. Man muß gestehen, daß Maguerite. . . . Nanine. Nun was? Varville. Eine sonderbare Grille hat immer noch Herrn von Mauriac zu empfangen, der nicht sehr unterhaltend sein muß. Nanine. Armer Mann! das ist sein einziges Glück! ... Es ist ihr Vater, oder doch beinahe. Varville. Oh! Ja. . . . Man kennt eine sehr pathetische Geschichte darüber; unglücklicherweise. . . . Nanine. Unglücklicherweise? — Varville. Glaube ich nicht daran. Nanine. (aufstehend.) Hören Sie, Herr von Varville, eS sind vielleicht sehr viele wahre Sachen über Madame zu sagen, aber dies ist nur ein Grund mehr, um ihr nicht diejenigen nachzureden, welche nicht wahr sind. WaS ich Ihnen nun sagen werde, kann ich Ihnen bestätigen, da ich eS gesehen habe, mit meinen eigenen Augen gesehen habe, und Gott ist mein Zeuge, 3 daß eS mir Madame nicht einstudirt hat, da sie durchaus keinen Grund hat, Sie zu täuschen oder zu hintergehen , und gar nichts darauf gibt, weder gut noch böse mit Ihnen zu sein. Zch kann Ihnen also bekräftigen, daß Madame vor 2 Jahren nach ihrer Krankheit in's Bad gegangen ist, um sich zu erholen und zu stärken. Ich begleitete sie. Unter den Kranken des BadhauseS befand sich auch ein junges Mädchen, beinahe von demselben Alter wie Madame , von derselben Krankheit wie sie ergriffen, nur schon im 3. Grade, und welches ihr wie eine Zwillingsschwester ähnlich sah. Dieses junge Mädchen war Fräulein Mauriac, die Tochter des Herzogs. Varville. Fräulein Mauriac starb. Nanine. Ja. Varville. Und da der Herzog, welcher in Verzweiflung war, in den Zügen, dem Alter, ja selbst in Margue- ritens Krankheit das Abbild seiner Tochter fand, so bat er sie flehentlich, ihn bei sich zu empfangen und ihm zu erlauben, sie wie sein Kind zu lieben. Darauf gestand ihm Marguerite ihre Lage. Nanine. Denn Madame lügt niemals. Varville. Natürlicher Weise. Und da Maguerite dem Fräulein von Mauriac nicht so sehr an Tugend ähnlich war, als dem äußerem Aussehen nach, so versprach ihr der Herzog Alles, was sie nur wünschen konnte, wenn sie einwilligte, ihre Lebensweise zu ändern, wozu sich Marguerite auch verpflichtete, — und dann, auch natürlicherweise, als sie wieder nach Paris kam, sich wohl hütete, ihr Wort zu halten; der Herzog nun. 1 . da sie ihm nur die Hälfte seines verlorenen Glückes wiedergab, hat ihr deshalb auch die Hälfte der ihr früher bewilligten Einkünfte abgezogen, so daß Marguerite heute 50,000 Franken Schulden hat. Nanine. Die Sie sich erbieten zu bezahlen. Unglücklicherweise aber will man lieber Anderen Geld, als Ihnen Erkenntlichkeit schuldig sein. Varville. Um so mehr als der Herr Graf von Giray da ist. Nanine. Sie sind unausstehlich. Ich kann Ihnen nur sagen, daß die Geschichte mit dem Herzog wahr ist, darauf gebe ich Ihnen mein Wort. Was den Grafen betrifft, so ist dieser ein Freund. Varville. Drücken Sie sich doch deutlich aus! Nanine. Ja, ein Freund! Welch' böse Zunge Sie haben! — Aber, man läutet. Es ist Madame! Muß ich ihr Alles wiederholen, was Sie mir gesagt haben? Varville. (ihr eine Börse gebend.) Nein, Nanine! Nanine. (nimmt die Börse.) Sie verdienten, daß ich diese Börse gar nicht annähme. Vierter Auftritt. Vorige, Marguerite. Marguerite. Bestelle sogleich, daß man ein Souper herrichte; Olympe und Saint-GaudenSwerden kommen... ich bin ihnen in der Oper begegnet. (Zu Varville.) Sie hier? (Setzt sich am Kamin.) Varville. Ist es nicht mein Schicksal, sie zu erwarten? Marguerite. Aber ist es mein Schicksal, Sie immer zu sehen? Varville. So lange Sie mir Ihre Thüre nicht verbieten, werde ich kommen. Marguerite. Ich kann in der That nicht ein einziges Mal nach Hause kommen, ohne Sie hier zu finden. Was haben Sie mir noch zu sagen? Varville. Sie wissen es wohl. Marguerite. Bah! Immer die- 1 * selbe Geschichte; Sie sind monoton, Varville! Varville. Ist eS meine Schuld, wenn ich Sie liebe? Marguerite. Ah! Der prächtige Grund! Mein Theurer, wenn ich Alle die hören wollte, welche mich lieben, würde ich nicht einmal Zeit haben, zu Mittag zu speisen. Zum hundertsten Male wiederhole ich Ihnen, mein lieber Varville, Sie erreichen nichts. Ich lasse Sie zu jeder Stunde hierher kommen, eintreten,wenn ich da bin, warten, wenn ich ausgegangen bin, ich weiß aber wahrhaftig nicht gerade weshalb; wenn Sie jedoch fortfahren, mir ohne Aufhören von Ihrer Liebe vorzureden, so verbiete ich, Sie herein zu lassen. Varville. Vergangenes Jahr jedoch, Marguerite, in Bagnöres, gaben Sie mir einige Hoffnung. Marguerite. Ah! mein Theurer, das war in Bagnöres, ich war krank, ich langweilte mich , . . . Hier ist es etwas ganz Anderes, ich befinde mich besser und langweile mich nicht mehr. Varville. Ich begreife, daß, wenn man von dem Herzog von Mauriac geliebt wird- Marguerite. Dummkopf! Varville. Und wenn man Herrn von Giray liebt — Marguerite. ES steht mir frei, zu lieben, wen ich will, daS geht Niemanden etwas an, Sie noch weniger als Andere, und wenn Sie mir nichts Anderes zu sagen haben, so wiederhole ich Ihnen, gehen Sie Ihrer Wege. (Varville geht auf und ab.) Sie wollen nicht fortgehen? Varville. Nein! Marguerite. Dann setzen Sie sich ans Piano; das Piano ist Ihre einzige gute Eigenschaft. Varville. Was soll ich spielen? (Nanine tritt auf.) Marguerite. Was Sie wollen! Fünfter Austritt. Vorige. Nanine. Marguerite. Hast Du das Souper bestellt? Nanine. Ja, Madame. Marguerite. Was spielen Sie da, Varville? Varville. Eine Reverie von Rosellen. Marguerite. Sehr schön . . . Varville. Hören Sie, Marguerite, ich habe 80,000 Franken Renten. Marguerite. Und ich habe 100,000. Varville. Marguerite, Sie machen mich wahnsinnig. Marguerite (zu Nanine). HastDu Prudence gesprochen? Nanine. Ja, Madame. Marguerite. Wird sie heute Abend kommen? Nanine. Ja, Madame, so wie sie nach Hause kommt. Mlle. Nichette ist auch gekommen. Marguerite. Warum blieb sie nicht da? Nanine. Herr Gustav erwartete sie unten. Sie hat die Spitzen zum Aus- j bessern mitgenommen. Mlle. Nichette erspart Ihnen 1000 Thaler jährlich, Madame. Marguerite. Liebe Kleine! Ich werde sie morgen besuchen. ES ist besser, wenn ich zu ihr gehe, als daß ich sie hierher kommen lasse. Nanine. Der Arzt war auch da. — Marguerite. Was sagte er? Nanine. Er empfahl, daß sich Madame dock ja mehr ausruhen möchten. Marguerite. Der gute Doktor! Zst das Alles? Nanine. Nein, Madame; man hat ein Bouquet gebracht. VarvUle. Von mir geschickt. Marguerite (nimmt es). Rosen und weiße Syringen! Trage das Bouquet auf Dein Zimmer, Nanine. 5 VarVille (hört auf Clavier zu spielen). Sie wollen es nicht? Marguerite. Wie nennt man mich? Varville. Marguerite Gauthier. Marguerite. Und welchen Beinamen gibt man mir noch? Varville. Die Dame mit denCa- melien. Marguerite. Warum? Varville. Weil Sie niemals andere Blumen tragen als Camelien. Marguerite. Dies will sagen, daß ich nur diese Blumen liebe, und daß es verlorne Mühe ist, mir andere zu senden. Wenn Sie glauben, daß ich für Sie eine Ausnahme machen werde, so täuschen Sie sich. Wohlgerüche machen mich krank. — Trage dieses Bouquet fort! (Nanine ab.) Varville. Ich habe kein Glück. Adieu, Marguerite! — Marguerite. Adieu! Sechster Auftritt. Vorige. Olympia. Saint-Gau- denS. Nanine. Nanine (meldend). Madame, hier kommen Mlle. Olympia und Herr Saint-Gaudens. Marguerite. Endlich, Olympia, ich glaubte schon, daß Du gar nicht mehr kommen würdest. Olympia. Saint-Gaudens ist schuld. Saint-Gaudens. Immer ist's meine Schuld! Guten Tag, Varville. Varville. Guten Tag, lieberFreund. Saint-Gaudens. Soupiren Sie mit uns? Marguerite. Nein. Saint-Gaudens (zu Marguerite). Und wie geht es Ihnen, liebe Kleine? Marguerite. Sehr gut. Saint-Gaudens. Desto besser! Wird man hier recht luftig sein? Olympia. Man ist immer lustig, wo Sie sind. Saint« G audens.Boshafte! Ah! Aber daß der liebe Varville nicht mit uns soupirt, macht mir schrecklichen Kummer. (Zu Marguerite.) Als wir bei dem rn»i80n ä'or vorbeigingen, bestellte ich, daß man uns Austern und einen gewissen Champagner bringe, den man nur mir gibt. Er ist augezeichnet. . . Vortrefflich! Olympia. Und wird Prudence kommen? Marguerite. Ja. Olympia (leise zu Marguerite). Warum hast Du Edmund nicht eingeladen? Marguerite. Warum hast Du ihn nicht mitgebracht? Olympia. Und Saint-Gaudens? Marguerite. Ist er nicht daran gewöhnt? Olympia. Noch nicht, meine Liebe; in seinem Alter nimmt man eine Gewohnheit sehr schwer an, besonders eine gute. Marguerite (ruft Nanine). Das Souper muß wohl fertig sein? Nanine. Zn fünf Minuten, Madame. Wo soll es servirt werden?Im Speisesaal? Marguerite. Nein, hier, wir werden gemüthlicher sein. — Nun, Varville, Sie sind noch nicht fort? Varville. Ich gehe schon. Marguerite (am Fenster, rufend). Prudence! Olympia. Prudence wohnt also gegenüber? Marguerite. Sie wohnt sogar in diesem Hause, wie Du weißt; fast alle unsere Fenster sind einander gegenüber. Nur ein kleiner Hof liegt zwischen uns; es ist sehr bequem, wenn ich sie brauche. Saint-Gaudens. Ah! Was treibt denn eigentlich Prudence? Olympia. Sie ist Modistin. 6 Marguerite. Und nur ich allein kaufe ihr Hüte ab. Olympia. Die Du nie aufsetzest. Marguerite. ES ist wohl genug, daß ich sie kaufe, sie sind abscheulich; aber Prudence ist keine üble Frau, und sie braucht Geld. (Rust.) Prudence! Prudence (von außen). Da bin ich! Marguerite. Warum kommen Sie nicht, da Sie doch zu Hause sind? Prudence. Ich kann nicht. Marguerite. Was hält Sie ab? Prudence. Ich habe zwei junge Leute bei mir; sie haben mich zum Souper eingeladen. Marguerite. Bringen Sie dieselben mit herüber, um hier zu soupi- ren, das kommt auf Eines heraus. Wie heißen sie? Prudence. Den Einen davon kennen Sie — Gaston Rieur. Marguerite. Ja, ich kenne ihn. Und der Andere? Prudence. Der Andere ist sein Freund. Marguerite. Gut — also kommen Sie nur schnell .... Es ist heute Abend kalt . . . (Sie hustet ein wenig; zu Olympia, indem sie sich zu ihr setzt) Dir geht es gut? Olympia. Nun ja . . . Marguerite. Varville, legen Sie doch Holz in's Kamin, man erfriert ja; machen Sie sich doch wenigstens nützlich, da Sie nicht angenehm und liebenswürdig sein können. (Barville kauert fich vor dem Kamin nieder und macht Feuer.) Siebenter Auftritt. Vorige. Gaston. Armand. Prudence. Ein Diener. D ie n er(meldend). Herr Gaston Rieur, Herr Armand Duval, Madame Du- vernoy. Olympia. Ganz feiner Ton.'Man meldet hier an. Prudence. Ich glaubte, eS sei große Gesellschaft hier. Saint-GaudenS. Ha! Jetzt fängt Madame Duvernoy Ihre Höflichkeiten an. Gaston. Wie befinden Sie sich, Madame? Marguerite. Wohl, und Sie, mein Herr? Prudence. Ah! Wie man hier zu einander spricht! Marguerite. Gaston ist ein Mann eonnvs il kaut geworden; und überdies würde mir Eugenie die Augen auskratzen, wenn wir anders mit einander sprächen. Gaston. Eugeniens Hände sind zu klein und Ihre Augen, Madame, sind zu groß. Prudence. Genug der geschraubten Redensarten ! — Meine liebe Marguerite, erlauben Sie mir, Ihnen Hrn. Armand Duval vorzustellen. - Marguerite. Muß ich aufstehen? Armand. Nein, Madame, es ist unnöthig! Prudence. Der Mann, welcher in ganz Paris am meisten in Sie verliebt ist. Marguerite (zu Prudence). Besorgen Sie, daß man alsdann zwei Couverts mehr auflegt; denn ich glaube, daß diese Liebe den Herrn nicht abhalten wird, zu soupiren. (Sie reicht Armand die Hand, welcher sie küßt und fich verbeugt.) Saint - Gaudens (zu Gaston. welcher zu ihm kam). Ah! Der liebe Gaston! Wie freue ich mich, Sie zu sehen! Gaston. Immer jung, mein alter Saint-GaudenS. Saint-GaudenS. Nun ja . . . Gaston. Und wie geht'S mit der Lieve ? Saint-GaudenS (zeigt auf Olympia). Da sehen Sie. Gaston. Ich mache Ihnen mein Compliment. Saint-GaudenS. Ich hatte 7 eine entsetzliche Angst, Amanda hierzu finden. Gaston. Die arme Amanda! Sie liebte Sie sehr! Saint-GaudenS. Sie liebte mich zu sehr. Aber es war da ein junger Mann, den sie nicht abweisen konnte bei sich zu empfangen. Es war der Bankier (erlacht). Dies war eine Stellung, welche sie durcb meine Schuld nicht verlieren durfte. Ich war der Geliebte des Herzens. Es war sehr hübsch, allerliebst, aber man mußte sich in Schränken verstecken, auf den Treppen Herumstreifen, auf der Straße warten. G a st o n. Davon bekamen Sie Rheumatismus. Saint-Gaudens. Nein, aber die Zeiten ändern sich. Jugend muß austoben. Der arme Varville soupirt nicht mit uns, — es macht mir schrecklichen Kummer. Aaston (sich Margueriten nähernd) Er ist prächtigImmer 18 Jahre alt. Marguerite. Nur die Alten altern nicht. Er ist kostbar! Saint-Gaudens (zu Armand, den ihm Olympia vorstellt). Sind Sie ein Verwandter von Herrn Duval, dem Obereinnehmer? Armand. Ja, mein Herr, es ist mein Vater. Kennen Sie ihn? Saint-Gaudens. Bei der Frau Baronin von Nersay habe ich ihn früher, so wie Madame Duval, Ihre Mutter, welche eine sehr schöne und liebenswürdige Dame war, kennen gelernt. Armand. Meine Mutter ist vor drei Jahren gestorben. Saint-Gaudens- Entschuldigen Sie, mein Herr, eine traurige Erin- innerung erweckt zu haben. Armand. Man darf mich stets an meine Mutter erinnern; große und reine Zuneigungen haben das Schöne, daß nach dem Glück, sie empfunden zu haben, immer das Glück bleibt, sich ihrer zu erinnern. Saint-Gaudens. Sie sind der einzige Sohn? Armand. Ich habe eine Schwester . . - (Sie sprechen mit einander, indem sie nach den Hintergrund der Bühne gehen.) Marguerite (leise zu Gaston). Ihr Freund ist ein artiger Mann. Gaston. Ich glaub's wohl. Und noch mehr, er hegt für Sie die schwärmerischeste, extravaganteste Liebe; nicht wahr, Madame? Prudence. Was? Gaston. Ich sagte Maguerite, daß Armand wahnsinnig in sie verliebt ist. Prudence. Er lügt nicht; Sie können sich keinen Begriff davon machen. Gaston. Er liebt Sie der Art, meine Theure, daß er es gar nicht wagt, es Ihnen zu sagen. Marguerite (zu Varville, welcher Klavier spielt). ' So hören Sie doch auf, Varville. Varville. Sie sagen mir ja immer, Clavier zu spielen. Marguerite. Wenn ich allein mit Ihnen bin, aber wenn ich Besuch habe, nein. Olympia. Von was spricht man denn hier? Marguerite. Höre zu, und Du wirst es erfahren. Prudence (leise). Und diese Liebe dauert schon seit zwei Jahren. Marguerite. Dann ist ja diese Liebe schon ein wahrer Greis. Prudence. Armand bringt seine ganze Zeit bei Gustav und Nichette zu, nur um von Ihnen sprechen zu hören. Gaston. Als Sie vor einem Jahre, bevor Sie nach Bagnöres gingen, krank waren, erzählte man Ihnen von einem jungen Manne, welcher während der drei Monate, wo Sie das Bett hüten mußten, jeden Tag kam, um sich nach Ihrem Befinden zu erkundigen, ohne seinen Namen zu sagen. Marguerite. Ich erinnere mich — Gaston. Er war es. Marguerite. Sehr liebenswürdig. (Rust). Herr Duval! Armand. Madame . . . Marguerite. Wissen Sie, was man mir so eben sagte? Man erzählte mir, daß Sie während meiner Krankheit alle Tage gekommen find, um sich nach mir zu erkundigen. Armand. Es ist die Wahrheit, Madame. Marguerite. So ist es wohl daS Wenigste, daß ich Ihnen dafür danke. Hören Sie, Varville, Sie haben sich nicht so viel Mühe gegeben. — Varville. Es ist noch kein Jahr, daß ich Sie kenne. Marguerite. Und der Herr kennt mich erst seit fünf Minuten . . . Sie sprechen stets Albernheiten. (Nankne tritt ein, Diener folgen ihr, welche eine Tafel tragen.) Prudence. Zu Tische! Ich sterbe vor Hunger. Varville. Adieu, Marguerite. Marguerite.Adieu, mein theurer Freund; wann sieht man Sie wieder? Varville. Wann Sie wünschen. Marguerite. Alsdann — leben Sie wohl! V a r vill e (grüßend). Meine Herren ... . Olympia. Adieu, Varville, adieu, mein Guter! . . . (Während dieser Zeit haben die Diener die vollständig jervirte Tafel hingestellt, Stühle gesetzt. — Varville ab. — Man setzt sich zu Tische.) Achter Auftritt. Vorige, außer Varville. Prudence. Mein liebes Kind, Sie sind wahrhaftig zu boshaft gegen den Baron. Marguerite. Er ist gar zu lästig. Immerfort kommt er und schlägt mir vor, mir ein Einkommen auszusetzen. Olympia. Darüber beklagst Du Dich! Ich wünschte wohl, daß er mir den Vorschlag machte. Sai nt-Ga udens. WaS Du da sagst, ist sehr angenehm für mich. Olympia. Vor Allem, mein Theurer, bitte ich Sie, mich nicht zu dutzen, ich kenne Sie nicht. Marguerite. Kinder, bedient Euch, trinkt, eßt, aber streitet Euch nicht mehr, als gerade nöthig ist, um sich nachher wieder versöhnen zu können. — Olympia (zu Marguerite). Weißt Du, was er mir zu meinem Namenstage geschenkt hat? Marguerite. Wer? Olympia. Saint-Gaudens. Marguerite. Nein. Olympia. Einen Coupe. Marguerite. Von Binder! Olympia. Ja, aber ich habe ihn noch nicht dazu bringen können, mir auch die Pferde dazu zu geben. Prudence. S'Jst immer ein Coup6. Olympia. Wenn ich mich seiner bedienen will, muß ich mich also selbst vor den Wagen spannen; das würde hübsch mit anzusehen sein. Saint-GaudenS. Ich bin rui- nirt, lieben Sie mich meiner selbst wegen. Olympia. Wahrhaftig! Eine hübsche Beschäftigung! Prudence (auf eine Schüssel zeigend). WaS sind dies für kleine Thierchen? Gastsn. Zunge Rebhühner. Prudence. Geben Sie mir eines davon. Gaston. Ah! Sie muß nur ein Rebhühnchen auf einmal haben. Ein hübscher Bissen! Ist sie es, welche Saint-Gaudenö ruinirt hat? Prudence. Sie! Sie! Spricht man so von einer Frau? Zu meiner Zeit- Gaston. Ah! Jetzt wird sie uns von der Zeit Ludwig XV. erzählen. — Marguerite, lasse doch Armand trinken ; er ist traurig wie ein Trinklied. Marguerite. Nun, Herr Armand, auf mein Wohlsein! Alle. Auf Margueritens Wohl! P r u d e n c e. Apropos, Trinklied — wenn man irgend eines singen wollte — ? — G a st o n. Fortwährend die alten Traditionen! — Zch bin überzeugt, daß Prudence eine Leidenschaft für einen Dichter aus der vor alten Zeiten bestandenen Dichtergesellschaft gehabt hat. Prudence. Schon gut! schon gut! Gaston. Immer beim Soupiren singen, 's ist abgeschmackt! Prudence. Ich liebe es, es muntert aus. erheitert. Komm, Marguerite, singe uns das Lied von Philoröne, dem Dichter, der Verse macht. Gaston. WaS willst Du denn, daß er sonst mache? Prudence. Aber der Verse auf Marguerite macht . . . Das ist seine Specialität! Also vorwärts — das Lied! Gaston. Ich protestire im Namen unserer ganzen Generation! Prudence. Wir stimmen ab! (Alle, außer Gaston. heben die Hände auf.) DaS Lied ist angenommen. Gaston, gib den Minoritäten ein gutes Beispiel. Gaston. Gut — eS sei! Aber ich liebe die Verse des Herrn Philoröne nicht, ich kenne sie. Lieber will ich etwas Anderes singen, da eS doch sein Muß. (Singt.) 80 schön auch sei das Paradies, Da- Mahomet versprach. Die Lust, die er un- dort verhieß. Steht uns'rer hier weit nach. Wir glauben nichts als was wir seh'n, WaS wir mit Händen fassen, D'rum mag in seinen Himmel geh n. Wer nicht zur Erd' mag paffen. — Ich ziehe jenem Himmel vor. Zwei schöner Augen Winken, Die aus dem vollen Glase mir Freundlich entgegen blinken. Gott schuf so gut, die Lieb, den Wein Zu aller Menschen Freude. Wer sollte da nicht fröhlich sein. Nicht ganz der Wollust Beute. Man sage immer, was man will Und thue, was man kann. Am End' macht doch der Tod auch still Ja selbst den strengsten Mann. Wer Alles schwarz im Leben sieht. Der schau' durch's GlaS voll Wein, Da sieht er, wie das Leben blüht, Zufriedenheit ist sein! GastoN (sich wieder setzend). Es ist aber doch wahr, daß das Leben heiter und Prudence dick ist. Olympia. Es ist schon seit 30 Jahren so. Prudence. Hört doch endlich einmal mit Euren Späßen auf. — Wie alt glaubst Du denn, daß ich bin? Olympia. Ich glaube, daß Du 40 wohlgezählte Jahre auf dem Rücken hast. Prudence. Sie trifft'S gut mit ihren 40 Jahren; vergangenes Jahr war ich 35 Jahre alt. Gaston. Das macht nun schon 36. Aber wahrhaftig, Sie scheinen nicht älter, als 40 Jahre, auf Ehrenwort. Marguerite. Sagen Sie doch, Saint-Gaudens, da wir gerade vom Alter reden — man hat mir eine Geschichte, Sie betreffend, erzählt . .. . Olympia. Mir auch. Saint-Gaudens. Was für eine Geschichte? Marguerite. Es ist die Rede von einem gelben Fiaker. Olympia. Die Geschichte ist wahr, meine Liebe. Prudence. Marguerite, schiebe mir doch die Steinbutte her. Gaston. Ah! Prudence hat einen Magen von Blech. Prudence. Ist eS in jetziger Zeit verboten zu essen? Gaston. Lassen Sie die Geschichte von dem gelben Fiaker hören. Olympia. Ich muß Euch sagen, meine Kinder, daß dieser abscheuliche 10 Saint-GaudenS, denJhr hier vor Euch seht, der mir keinen Sou Einkommen ausgesetzt hat . . . Saint-Gaudens. Ich werde Dir ... . Olympia. Dützen Sie mich gefälligst nicht. Saint-Gaudens. Ich werde eS thun, sobald ich meinen Oheim beerbt haben werde. Olympia. Seinen Oheim! Ein guter Spaß! Mit seinem Alter will er noch Jemanden- Neffe sein! Ihr Oheim ist wohl der ewige Jude? Saint-Gaudens. Vielleicht! Gaston. Alsdann wird er nur 5 Sou Erbtheil haben .... schlechtes Geschäft — Olympia. Will man die Geschichte des gelben Fiakers wissen? Gaston. Ja, aber lassen Sie mich erst an Margueritens Seite setzen, ich langweile mich neben Prudence. P r u d e n c e. Ein wohlerzogener Bursche — Marguerite. Gaston, versuchen Sie es, ruhig zu bleiben. Saint-Gaudens. Ein herrliches Souper! Olympia (zu Saint-GaudenS). Ah! Ich seh' es schon kommen — er will der Geschichte mit dem gelben Fiaker ausweichen. Saint-Gaudens. Oh! Mir sehr gleichgiltig.' Olympia. Nun gut — stellen Sie sich vor, daß Saint-Gaudens in Amanda verliebt war. Gaston. Ich bin zu gerührt, ich muß Marguerite umarmen. Olympia. Mein Theurer, Sie sind unerträglich. Gaston. Olympia ist wüthend, weil ich ihr ihren Knalleffekt weggenommen habe. Marguerite. Olympia hat Recht. Gaston ist ebenso langweilig und überlästig, wie Varville, man soll ihn an den Katzentisch setzen, wie die kleinen Kinderchen, die unartig sind. Olympia. Ja, setzen Sie sich dort hinten hin. Gaston. Unter der Bedingung, daß m.ch alle Damen am Schlüße küssen. Marguerite. Prudence wird die Collekte machen, und Sie für uns Alle küssen. Gaston. Nicht doch — nicht doch, ich will, daß Sie mich selbst küssen. Olympia. Gut — gut, man wird Sie küssen; setzen Sie sich nur hin und reden Sie nichts mehr. — Eines Tages, oder vielmehr eines Abends — Gast 0 N (spielt den Malborough auf dem Piano). Das Piano ist verstimmt. Marguerite. Antworten wir ihm nicht mehr. Gaston. Die Geschichte langweilt mich. Saint-GaudenS. Gaston hat Recht. Gaston. Und dann, was beweist Ihre Geschichte? .Daß Saint-Gaudens von Amanda betrogen wurde! Man weiß sehr gut, daß man immer von seinen Freunden und seinen Geliebten betrogen wird. Das ist so alt wie die Straßen! Marguerite. Saint-Gaudens ist ' ein Held, ich schlage einen Toast auf Saint-Gaudens vor ... (Sie trinkt.) Wir werden noch Alle ganz närrisch in Saint-Gaudens werden! Diejenigen, welche närrisch in Saint-Gaudens sind, mögen die Hand erheben . . . Welche Einstimmigkeit! — Es lebe Saint- Gaudens! Gaston, spielen Sie unS etwas, damit Saint-Gaudens tanze. Gaston. Ich weiß nur eine Polka.— Marguerite. Gut — heraus mit der Polka. Vorwärts, Saint-Gaudens und Armand, stellt den Tisch fort. Prudence. Ich bin noch nicht fertig. Olympia. Meine Herren, Margue- rite hat schlechtweg Armand gesagt. 11 Gaston (spielend). Lummelt Euch, jetzt kommt der Theil, wo ich immer irre werde. Olympia. Soll ich mit Saint- GaudenS tanzen? Marguerite. Nein, ich werde mit ihm tanzen — Kommen Sie, mein kleiner Saint-Gaudens, kommen Sie! Olympia. Armand, zu mir! (Marguerite polkt ein wenig, und hält plötzlich inne.) Saint-Gaudens. Was fehlt Ihnen? Marguerite. Nichts, ich will nur ein wenig Athem holen. Armand (sich ihr nähernd). Sie leiden, Madame? Marguerite. Oh! eS hat nichts zu bedeuten; fahren wir fort. Gaston. Vorwärts! (Sie versucht eö von Neuem, und hält gleich wieder inne.) Armand. So höre doch auf, Gaston! Prudence. Marguerite ist krank. Marguerite. Geben Sie mir ein Glas Wasser. Prudence. Was fehlt Ihnen? Marguerite. Immer das Nämliche. Aber es hat nichts auf sich — ich wiederhole es Ihnen. Gehen Sie ins Nebenzimmer, zünden Sie sich ihre Cigarren an; in einem Augenblicke bin ich wieder bei Ihnen. Prudence. Lassen wir sie ein Wenig allein ; sie ist lieber allein, wenn sie einen solchen Anfall hat; es ist aber nicht weiter von Bedeutung. Marguerite. Bald bin ich wieder bei Ihnen. Prudence. Kommen Sie! (Für sich.) 's ist nicht möglich, sich hier einen Augenblick zu unterhalten. Armand. Armes Mädchen! (Alle ab.) Neunter Auftritt. Marguerite (allein). Ah! (Betrachtet sich im Spiegel.) Wie bleich ich bin! — Ah! — (Legt den Kopf in die Hände und stützt sich mit den Ellbogen auf das Kamingefimse.) Zehnter Auftritt. Marguerite. Armand. Armand. Nun — wie befinden Sie sich, Madame? Marguerite. Ah! Sie sind es, Herr Armand; danke Ihnen, es geht besser . . . Uebrigens bin ich daran gewöhnt. Armand. Sie tödten sich ... Ich wünschte Ihr Freund, Ihr Verwandter zu sein, um Sie daran zu hindern, sich selbst zu schaden. Marguerite. Sie würden nichts ausrichten. Kommen Sie näher . . . Ah! aber was fehlt Ihnen denn? Armand. Was ich soeben gesehen habe, hat mir vieles Leid verursacht. Marguerite. Ah! Sie sind zu gütig . . . sehen Sie die Andern, ob die sich um mich bekümmern!, Armand. Die Andern lieben Sie nicht, wie ich Sie liebe. Marguerite. Richtig, ich hatte diese große Liebe vergessen. Armand. Sie lachen darüber. Marguerite. Gott soll mich bewahren! Ich höre alle Tage dieselbe Geschichte, und lache nicht mehr darüber. Armand. Gut — es sei! Aber diese Liebe ist wohl eines Versprechens Ihrerseits werth. Marguerite. Was soll ich versprechen? Armand. Nicht ferner so zu leben, wie Sie es thun, und sich zu schonen. Marguerite. Mich schonen . . . Ist dies möglich? Armand. Warum nicht? Marguerite. Aber wenn ich mich schonte, würde ich sterben, mein Theurer. Was mich aufrecht erhält, ist ja gerade dies fieberhafte Leben, welches ich führe. Und dann, sich Pflegen, schonen ist gut für die Frauen aus der guten Gesellschaft, welche eine Familie und Freunde haben; uns aber, sobald wir nicht mehr dem Vergnügen oder der Eitelkeit irgend JemandenS dienen, verläßt man, und lange, lange Nächte folgen den langen Tagen. — Ach! ich weiß nur Alles zu gut — ich war 2 Monate an's Krankenbett gefesselt, — nach Verlauf von 3 Wochen kam Niemand mehr, um mich zu sehen. Armand. Es ist wahr, daß ich Ihnen nichts bin, aber wenn Sie es wollten, Marguerite, würde ich Sie wie ein Bruder pflegen; ich würde Sie nicht verlassen und ich würde Sie heilen. . . Wenn Sie alsdann die Kraft dazu hätten, würden Sie die Lebensweise, die sie jetzt führen, wieder anfangen, wenn es Ihnen gut dünkte; aber ich bin überzeugt, Sie würden ein ruhiges Dasein vorziehen, welches Sie glücklicher machte und Ihre Schönheit bewahrte. Marguerite. Der Wein macht Sie grämlich. Armand. Sollten Sie kein Herz haben, Marguerite? Marguerite. Ein Herz! das ist die einzige Sache, welche bei der Fahrt, die ich durcheilte, Schiffbruch gelitten hat. Armand. Sie haben demnach kein Herz? Marguerite. Vielleicht habe ich es — doch es würde mich sehr in Erstaunen setzen. Weshalb fragen Sie mich darum? Armand. Weil Sie, wenn Sie ein Herz oder nur Geist haben, nicht über meine Worte lachen sollten. Marguerite. Es ist also ernstlich gemeint? Armand. Sehr ernstlich! Marguerite. Prudence hat mich alsdann nicht getäuscht, da Sie mir sagte, daß Sie sentimental wären. Armand. Ist das so sehr lächerlich? Marguerite. Je nachdem — an wen man sich gerade wendet. — Also, Sie würden mich pflegen! Armand. Ja. Marguerite. Sie würden immerfort bei mir bleiben? Armand. Ja! Alle Zeit, so lange ich Sie nicht langweilte. Marguerite. Aber wie nennen Sie das? Armand. Ergebenheit. Marguerite. Und woher kommt diese Ergebenheit? Armand. Von einer unwiderstehlichen Sympathie, die ich für Sie fühle. Marguerite. Seit . . . Armand. Seit 2 Jahren. Seit dem Tage, wo ich Sie zum erstenmale sah, schön, stolz, lächelnd. Seit diesem Tage verfolgte ich von Weitem und im Geheimen Ihr ganzes Dasein. Marguerite. Wie kommt es, daß Sie mir dies erst heute sagen? Armand. Ich kannte Sie nicht, Marguerite! Marguerite. Sie mußten meine Bekanntschaft zu machen suchen. Warum, — als ich vor einem Jahre krank war, und Sie so emsig hieher kamen, um sich nach meinem Befinden zu erkundigen, — warum kamen Sie nicht herauf, um mich zu besuchen? Armand. Mit welchem Rechte sollte ich es thun? Marguerite. Macht man mit einer Frau, wie ich es bin, so viele Umstände? Armand. O ja — immer einer Frau gegenüber . . . und dann . . . Marguerite. Und dann. . . ? Armand. Ich hatte Furcht vor Ihnen, vor dem Einfluß, den sie auf mein Leben auSüben könnten. Ich habe heute Abend durch die Rührung, in welche mich Ihr Zustand versetzte, den deutlichsten Beweis davon. Marguerite. Sie sind also in mich verliebt? Armand. Wenn ich eS Ihnen eines Tages sagen darf, so ist dies doch heute noch nicht. 13 Marguerite. Sie werden besser thun, eS mir nie zu sagen. Armand. Warum? Marguerite. Weil auf dieses Geständniß nur zweierlei erfolgen kann... entweder glaube ich Ihnen nicht, alsdann werden Sie mir zürnen; oder ich glaube Ihnen, dann werden Sie eine traurige Gesellschaft haben — nämlich diejenige einer nervösen, kranken, traurigen Frau, oder wenn sie heiter ist, so ist diese Heiterkeit noch weit trauriger als der Kummer; einer Frau die 100,000 Franken jährlich verschwendet. Das ist ganz gut für eilten alten, reichen Kauz wie der Herzog, aber es ist sehr langweilig für einen jungen Mann wie Sie. Ah bah! Wir reden Kindereien! Geben Sie mir die Hand und kehren Sie in den Speisesaal zurück; man darf nicht wissen, was unsere Abwesenheit zu bedeuten hat. Armand. Gehen Sie in den Speisesaal, wenn es Ihnen gefällt, aber ich bitte Sie um die Erlaubniß, hier zu bleiben. Marguerite. Weshalb? Armand. Weil Ihre Fröhlichkeit mir sehr wehe thut. Marguerite. Soll ich Ihnen einen Rath geben? Armand. Reden Sie! Marguerite. Bestellen Sie Post- Pferde, und fliehen Sie, wenn das, was Sie mir sagen, wahr ist; oder besser, lieben Sie mich wie ein aufrichtiger, wahrer Freund, aber nicht anders. Besuchen Sie mich, wir wollen lachen, schwatzen; aber übertreiben, vergrößern Sie sich nicht selbst meinen Werh, denn ich bin nicht viel werth. Sie haben ein gutes Herz, Sie bedürfen fs geliebt zu werden; Sie sind zu jung und zu gefühlvoll, um in unserer Mitte zu leben. Lieben Sie eine andere Frau, oder heirathen Sie. Sie sehen, daß ich ein gutes Mädchen bin, und daß ich offenherzig mit Ihnen rede. Eilfter Auftritt. Vorige. Prudence. Prudence. (die Thüre halb öffnend.) Ah! Was zum Teufel macht Ihr da? Marguerite. Wir reden vernünftig; lassen Sie uns noch ein Wenig, wir kommen dann sogleich. Prudence. Gut — gut — plaudert nur, Kinderchens! Zwölfter Auftritt. Marguerite. Armand. Marguerite. Also, abgemacht, Sie lieben mich nicht mehr. Armand. Ich werde Ihrem Rathe folgen und abreisen. Marguerite. So weit ist es schon? Armand. Ja. — Marguerite. Wie viele Leute haben mir dasselbe gesagt, und sind nicht abgereist. Armand. Weil Sie sie zurückgehalten haben. Marguerite. Meine Treue, nein! Armand. So haben Sie denn niemals Jemand geliebt? Marguerite. Niemals. — Gott sei Dank! Armand. Ich danke Ihnen! Marguerite. Für was? Armand. Für das, was Sie mir so eben sagten; nichts konnte mich glücklicher machen. Marguerite. Welch' sonderbarer Mensch Sie sind! Armand. Wenn ich nun sagte Marguerite, daß ich ganze Nächte unter Ihren Fenstern zugebracht, daß ich seit 6 Monaten einen Knopf bewahre, der von Ihrem Handschuh abfiel. . . . Marguerite. So würde ich Ihnen nicht glauben. Armand. Sie haben Recht, ich bin extravagant; lachen Sie über mich, das ist das Beste, was Sie thun können. . . Leben Sie wohl! Marguerite. Armand! Armand. Sie rufen mich zurück! Marguerite. Ich will Sie nicht unwillig von mir gehen sehen. Armand. Unwillig — sagen Sie, wie ist das möglich? Marguerite. Reden Sie aufrichtig: Ist in Allen dem, was Sie mir sagten, ein Wenig Wahrheit? Armand. Das fragen Sie mich! Marguerite. Nun wohl! Geben Sie mir einen Händedruck, besuchen Sie mich manchesmal, oft . . . und wir werden weiter darüber sprechen. Armand. Das ist zu viel, und ist nicht genug. Marguerite. Dann, mein Theurer, machen Sie sich Ihre Karte selbst, fordern Sie, was Sie wollen, da ich wie eS scheint, Ihnen etwas schulde. Armand. Sprechen Sie nicht so. Ich will Sie nicht mehr über ernste Dinge lachen sehen. Marguerite. Ich lache nicht mehr. Armand. Antworten Sie mir. Marguerite. Reden Sie! Armand. Wollen Sie geliebt werden. . . . ? — Marguerite. Je nachdem. Von wem? Armand. Von mir. Marguerite. Weiter? Armand. Geliebt werden, mit heißer, ewiger Liebe? Marguerite. Ewig? Armand. Ja. Marguerite. Und wenn ich Ihnen so auf der Stelle glaubte, was werden Sie von mir sagen? Armand. Daß Sie ein Engel sind! Marguerite. Nein, Sie werden von mir sagen, was alle Welt sagt! Was liegt daran? Da ich nur noch kürzere Zeit als Andere zu leben habe, muß ich wohl schneller leben. Aber beruhigen Sie sich, so ewig auch Ihre Liebe sei und so kurze Zeit ich auch zu.leben habe, werde ich doch noch länger leben, als Sie mich lieben ! werden. Armand. Marguerite! Marguerite. Indessen, Sie haben ein gutes Herz, Ihre Stimme klingt aufrichtig nnd wahr, in diesem Augenblicke glauben Sie auch selbst, was Sie sagen. Alles das verdient' eine Belohnung. . . Nehmen Sie diese Blume. . . Armand. Was soll ich damit thun? Maguerite. Sie werden sie mir wiederbringen. Armand. Wann? Marguerite. Wenn sie verwelkt sein wird. Armand. Und wie viel Zeit braucht sie dazu? Marguerite. Nun die Zeit, welche jede Blume braucht, um zu verwelken, den Zeitraum eines Abends oder eines Morgens. Armand. Ah! Marguerite, wie glücklich bin ich! Marguerite. Nun gut, so sagen Sie mir nochmals, daß Sie mich lieben. Armand. Oh! Ja, ja, ich liebe Sie! Marguerite. Und jetzt gehen Sie fort! Armand (entfernt sich rückwärts gehend). Ich gehe! (Kommt wieder vor, küßt ihr nochmals die Hand und geht ab. — Lachen in den Couliffen.) Dreizehnter Auftritt. Marguerite (allein und die sich hinter Armand schließendeThüre betrachtend). Warum nicht? — Was soll es nützen! Mein Leben eilt dahin und verzehrt sich ohne Aufhören an einem oder dem andern jener beiden Worte. G a st on (öffnet die Thüre). Chor der Dorfbewohner! (Singt) Heil dem schönen Tage, Der sie froh vereint. Fern sei alle Plage — Hymens Fackel- Saint-Gaudens. Hoch Herr und Madame Duval! Olympia. Vorwärts mit dem Hochzeitsballe! Marguerite. Ich werde Euch sogleich tanzen machen. Saint-GaudenS. Ha! herrliches Vergnügen! Tanz. (Gegen den Schluß des Aufzuges setzt Prudence einen Männcrhut auf. Gaston nimmt einen Damenhut rc. rc.) (Ende des ersten Aufzuges.) Zweiter Nufzug. (MargueritenS Schlafzimmer. Thüre im Hintergrund. — Rechts eine geheime Thür, durch ein großes Bild maSkirt. Rechts erste Couliffe, eine elegante Toilette, Styl Pompadour. — Links ein Fenster, und erste Couliffe ein Kamin. — Fauteuils und Stühle.) Erster Auftritt. Marguerite. Nanine. Prüde n c e. Marguerite. Guten Abend, liebe Freundin, haben Sie den Herzog gesehen? Prudence. Za. Marguerite. Gab er Ihnen —?— Prudence (gibt Marguerite Bankbillets). Hier. Können Sie mir 3 oder 400 Franken leihen? Marguerite. Da haben Sie. Sie haben doch dem Herzog gesagt, baß ich beabsichtigte, auf's Land zu gehen ? Prudence. Ja. Marguerite. Was antwortete er? Prudence. Daß Sie Recht hätten, und daß es gewiß sehr heilsam für Sie sein würde . . . Werden Sie gehen? Marguerite. Ich hoffe es; ich war heute nochmals draußen, um das Haus zu besehen. Prudence. Wie viel Miethe soll es kosten? Marguerite. 2000 Franken. Prudence. Ah — ah — dahinter steckt gewiß die Liebe, meine Theure. Marguerite. Ich fürchte cs; vielleicht ist es eine Leidenschaft; vielleicht ist es nur eine Caprice; ich weiß nur so viel, daß es irgend etwas ist. Prudence. Er'ist gestern gekommen ? Marguerite. Diese Frage—?— Prudence. Und er wird heute Abend kommen? Marguerite. Er wird kommen. Prudence. Zch weiß eS wohl! Er blieb 3 oder 4 Stunden bei mir, in meiner Wohnung. Marguerite. Sprach er von mir? Prudence. Er that nichts anderes. Marguerite. Was sagte er zu Ihnen? Prudence. Daß er Sie bis zum Wahnsinn liebe. 16 Marguerite. Kennen Sie ihn schon lange? Prudence. Ja. Marguerite. Haben Sie ihn schon einmal verliebt gesehen? Prudence. Niemals. Marguerite. Ihr Wort darauf! Prudence. Wahrhaftig! Marguerite. Wenn Sie wüßten, welch ein gutes Herz er hat, wie er von seiner Mutter und seiner Schwester spricht! Prudence. ES ist ein wahres Unglück, daß solche Leute nicht 100,000 Franken Renten haben. Marguerite. Im Gegentheil, ein wahres Glück! Wenigstens sind sie überzeugt, daß man sie um ihrer selbst willen liebt. (Nimmt PrudencenS Hand und legt sie auf ihre Brust.) Da — fühlen Sie! Prudence. Was? Marguerita. Wie das Herz mir schlägt — fühlen Sie es nicht? Prudence. Warum pocht Ihr Herz so heftig? Marguerite. Weil es 10 Uhr ist und er kommen wird. Prudence. Also so weit ist es schon? Ich entfliehe. Sie sind gefährlich, wenn das um sich greift. Marguerite. Oeffne, Nanine! Nanine. Man hat ja nicht geklingelt. Marguerite. Ich sage Dir aber ja. (Nanine ab.) Zweiter Auftritt. Prudence. Marguerite. Prudence. Meine Theure, ich werde für Sie beten. Marguerite. Weil — ? — Prudence. Weil Sie in Gefahr sind. Marguerite. Vielleicht wohl! Dritter Auftritt. Vorige. Armand. Armand. Maguerite! Maguerite. Ich wußte wohl, daß er geklingelt hatte. Prudence. Sie sagen mir nicht guten Abend? Sie Undankbarer! Armand. Vergebung, liebe Prudence; Sie befinden sich wohl? Prudence. Ja, Kinder! Ich verlasse Euch; es erwartet mich Jemand bei mir zu Hause. (Sie geht ab.) Vierter Auftritt. Armand. Marguerite. I Marguerite. Kommen Sie — > setzen Sie sich hierher! Armand (sich vor ihr auf's Knie nieder- lassend.) Da bin ich! Marguerite. Sie lieben mich noch immer eben so sehr? Armand. Oh! Nein! Marguerite. Wie? Armand. Ich liebe Sie tausendmal mehr! Marguerite. Was haben Sie heute gethan? Armand. Ich besuchte Prudence, Gustav und Nichette; ich bin überall gewesen, wo man von Marguerite sprechen konnte. Marguerite. Und heute Abend? Armand. Mein Vater schrieb mir, daß er mich in Tours erwartete; ich antwortete ihm, daß er mich nicht erwarten möge. Bin ich jetzt wohl aufgelegt, nach Tours zu reisen? Marguerite. Sie müssen sich jedoch mit Ihrem Vater nicht veruneinigen. Armand. Oh! das hat keine Noth. — Und Sie, was haben Sie gethan, Madame? Marguerite. Ich — ich dachte an Sie. Armand. Wahrhaftig wahr!? 17 Marguerite. Wahrhaftig! Ich habe schöne, herrliche Pläne entworfen. Armand. Wirklich? Marguerite. Ja. Armand. Erzählen Sie mir doch. Marguerite. Später. Armand. Warum nicht sogleich? Marguerite. Vielleicht lieben Sie mich noch nicht genug; wenn diese Pläne sich verwirklicht haben, wird es Zeit sein, sie ihnen mitzutheilen. Einstweilen sollen Sie nur wissen, daß ich mich mit Ihnen beschäftige. Armand. Mit mir? Marguerite. Ja, mit Ihnen — den ich viel zu sehr liebe. Armand. Lassen Sie hören, was es ist? Marguerite. Zu was? Armand. Ich bitte herzlich darum. Marguerite. Kann ich wohl Geheimnisse vor Dir haben? Armand. Ich höre. Marguerite. Ich habe eine Com- bination gefunden. Armand. Welche Combination? Marguerite. Die kann ich Dir nicht sagen, sondern Dir nur die Resultate mittheilen, die sie haben wird. Armand. Und diese Resultate sind? Marguerite. Würdest Du glücklich sein, den Sommer mit mir auf dem Lande zuzubringen? Armand. Du fragst es! Marguerite. Nun also — wenn meine Combination gelingt, und sie wird gelingen, so werde ich von heute in 14 Tagen ganz frei und unabhängig sein; ich werde nichts mehr schulden, und wir gehen zusammen für den Sommer über auf's Land. Armand. Und kannst mir nicht sagen, durch welche Mittel? Marguerite. Nein; liebe mich nur, so wie ich Dich liebe, und Alles wird vortrefflich gehen. Armand. Und Sie allein haben diese Combination gefunden, Marguerite? Wiener Theater-Repertoir. XL.V. Marguerite. Wie Du mir das sagst- Armand. Antworten Sie mir! Marguerite. Nun ja, ich allein! ' Armand. Und Sie allein werden sie auch ausführen? Marguerite (zögernd). Ich allein! Armand. Haben Sie Manon LeS- caut gelesen, Marguerite? Marguerite. Ja, das Buch liegt im Salon. Armand. Achten Sie Des Grieur? Marguerite. Weshalb diese Frage? Armand. Weil sich in dem Buche eine Stelle vorfindet, wo Manon ebenfalls eine Combination entworfen hat, nämlich sich von Herrn von B*"Geld geben zu lassen, um es mit Des Grieur zu verzehren. Marguerite, Sie haben mehr Herz als Manon, und ich habe mehr Ehrenhaftigkeit als DeS Grieur. Marguerite. DaS soll heißen? — Armand. Daß, wenn Ihre Combination von der Art Manon'S ist, ich sie nicht annehme. Marguerite. Gut, mein Freund, sprechen wir nicht mehr davon . . . Es ist sehr schönes Wetter heute, nicht wahr? Armand. Ja, sehr schön! Marguerite. Waren viele Leute in den Champ-Elys6es? Armand. Sehr viele. Marguerite. Das Wetter wird wohl so bleiben, bis nach dem Vollmond, nicht wahr? Armand. Ah! WaS kümmert mich der Mond! Marguerite. Von was wünschen Sie, daß ich mit Ihnen spreche?. . . Wenn ich Ihnen sage, daß ich Sie liebe, wenn ich Ihnen den Beweis gebe, werden Sie widerwärtig — ich spreche also von dem Monde mit Ihnen. Armand. Ach! Marguerite, ich bin auf den geringsten Ihrer Gedanken L 18 eifersüchtig! — Was Sie mir soeben vorschlugen — — Margue rite. Oh! Wir kommen darauf zurück! Armand. Nun — mein Gott ja — wir kommen daraus zurück .... Also, was Sie mir soeben vorgeschlagen haben, würde mich närrisch vor Freude machen; aber das Geheimniß, welches der Ausführung dieses Planes vorausgeht..?... Marguerite. Komm, wir wollen uns die Sache ein Wenig besprechen und überlegen ... Du liebst mich und wünschest zwei oder drei Monate mit mir in irgend einem Winkel zuzubringen. wenn es nur nicht dieses abscheuliche Paris ist. Armand. Za, ich wünschte es! Marguerite. Auch ich liebe Dich und wünsche dies eben so sehr; aber es gehört dazu, was ich nicht habe. Du bist auf den Herzog nicht eifer-. süchtig, Du weißt, welche reinen Gefühle uns vereinigen, lasse mich also handeln. Armand. Aber- Marguerite. Ich liebe Dich — also — einverstanden? Armand. Aber — — Marguerite (ihn unterbrechend). Einverstanden — nicht wahr? Armand. Noch nicht! Marguerite. AlSdann wirst Du morgen mich wieder besuchen, wo wir weiter darüber sprechen. Armand. Wie! Ich soll morgen wieder kommen? Du schickst mich schon fort? Marguerite. Nein, ich schicke Dich nicht fort, Du kannst noch ein Wenig bleiben. Armand. Noch ein Wenig! Du erwartest Jemand? Marguerite. Ah! Fängst Du schon wieder an! Armand. Marguerite, Du täuschest mich! Marguerite. Wie lange ist es, daß ich Dich kenne? Armand. Vier Tage! Marguerite. Was zwang mich, Dich zu empfangen? Armand. Nichts. Marguerite. Wenn ich Dich nicht liebte, würde ich nicht das Recht haben, Dir die Thüre zu weisen, wie ich sie Varville und vielen Anderen weise? Armand.-Sicherlich! Marguerite. So lasse Dich also lieben, mein Freund, und beklage Dich nicht: Armand. Verzeihung, tausendmal Verzeihung. Marguerite. Wenn das so sort- geht, werde ich mein ganzes Leben damit zubringen, Dir zu verzeihen. Armand Nein, es war das letzte Mal. Sieh'! Ich gehe! Marguerite. So lasse ich es mir gefallen! Morgen um 12 Uhr komm', wir wollen zusammen frühstücken. Armand. Also auf Wiedersehen, Marguerite. Marguerite. Auf Wiedersehen, morgen. Armand. Um 12 Uhr. Marguerite. Um 12 Uhr. Armand. Du schwörst mir? Marguerite. Was? Armand. Daß Du Niemand erwartest? Marguerite. Schon wieder! Ich schwöre Dir, daß ich Dich liebe, und daß ich nur Dich liebe. — Genügt Dir das? Armand. Adieu! Marguerite. Adieu, großes Kind! (Armand zögert einen Augenblick und geht dann ab.) IS Fünfter Auftritt. Marguerite (allein, auf demselben Platze bleibend.) Das ganze Leben ist doch höchst wunderlich und seltsam! Wer mir vor acht Tagen gesagt hätte, daß dieser Mann, den ich nicht kannte, heute mein Herz und meinen Sinn so schnell und ganz und gar erfüllen würde? Wer weiß, was daraus werden wird? Eine wahre, ernste Liebe wird wahrscheinlich ein Unglück für mich sein! Liebt er mich überhaupt, weiß ich nur, ob ich ihn liebe, da ich niemals geliebt habe? Warum sollte ich aber eine Freude opfern? Man hat deren so wenige! Warum sollte ich mich nicht von den Launen des Herzens leiten lassen? — Wer bin ich? — Ein Geschöpf des Zufalls! Lassen wir also den Zufall mit mir machen, was er will! Gleichwohl scheint eS mir, daß ich glücklicher bin, als ich jemals gewesen war. Vielleicht ist dies von schlimmer Vorbedeutung; wir setzen immer voraus, daß man uns lieben wird, niemals, daß wir selbst lieben werden, so daß wir bei den ersten Anfällen dieses unvorgesehenen Uebels nicht mehr wissen, woran wir sind. Sechster Auftritt. Marguerite, Nanine, dann der Graf. Nanine (meldend). Der Herr Graf. Marguerite. Guten Abend, Graf- Graf. Guten Abend, theure Freundin. Wie befindet man sich heute Abend? Marguerite. Gut! Graf. ES ist teufelmaßig kalt! Sie schrieben mir. um halb eilf Uhr zu kommen — Sie sehen, daß ich pünktlich bin. Marguerite. Wir haben miteinander zu sprechen, mein theurer Graf. Graf. Haben Sie soupirt? Marguerite. Ja, warum? Graf. Weil wir dann soupirt und während des Soupirens gesprochen haben würden. Marguerite. Haben Sie Hunger ? Graf. Zum Soupiren hat man immer Hunger. Ich habe so schlecht im Club zu Mittag gespeist. Marguerite. Was machte man dort? Graf. Man spielte, als ich fortging. Marguerite. Verlor Saint-Gau- dens? Graf. Er verlor 25 Louisd'or und schrie für 1000 Thaler. Marguerite. Vor einigen Tagen soupirte er hier mit Olympia. Graf. Und wer war sonst noch da? Marguerite. Gaston de Rieur; kennen Sie ihn? Graf. Ja. Marguerite. Herr Armand Duval. Graf. Wer ist dieser Herr Armand Duval? Marguerite. Ein Freund Ga« ston's. Prudence und ich ... da haben Sie die ganze Souper-Gesellschaft. Man hat viel gelacht. Graf. Wenn ich eS gewußt hätte, wäre ich auch gekommen. A propoS, ging nicht soeben, ein Wenig früher, als ich eintrat, Jemand von hier fort? Marguerite. Nein, Niemand. Graf. Gerade als ich aus dem Wagen stieg, lief Jemand auf mich zu, wie um zu sehen, wer ich sei, und nachdem er mich angeschaut, entfernte er sich wieder. Marguerite (bei Seite). Sollte eS Armand gewesen sein? (Sie klingelt.) Graf. Bedürfen Sie etwas? Marguerite. Ja, ich muß Nanine etwas auftragen. (Zu Ranine leise.) Gehe auf die Straße, und sieh nach, L' ro ohne dergleichen zu thun, ob Herr Armand Duval dorten ist, komme dann wieder und sage eS mir. Nanine. Ja, Madame! (Ab.) Gras. Es gibt eine Neuigkeit. Marguerite. Welche? Graf. Gagouki verheiratet sich! Marguerite. Unser polnischer Fürst? Graf. Derselbe. Marguerite. Wen heiratet er? Graf. Rathen Sie. Marguerite. Wie soll ich wissen? Graf. Er heiratet die kleine Adele! Marguerite. Da macht sie eine fürchterliche Dummheit. Graf. Er — macht die Dummheit. Marguerite. Mein Theurer, wenn ein Mann aus der großen Welt ein Mädchen wie Adele heiratet, ist nicht er es, welcher eine Dummheit begeht, sondern das Mädchen ist es, welches ein schlechtes Geschäft abschließt. Ihr Pole ist total zu Grunde gerichtet, hat einen abscheulichen Ruf, und wenn er Adele heiratet, so thut er es nur wegen der 12 oder 15,000 Franken Renten, welche ihr, einer nach dem Andern, Adelen -eingetragen hat. Na ni ne (zurückkommend). Nein, Madame. (Ab.) Marguerite. Sprechen wir jetzt von ernsten Dingen, mein lieber Graf... Graf. Von ernsten Dingen; ich würde lieber von heiteren, lustigen Dingen reden. Marguerite. Später werden wir fthen, ob Sie die Sache lustig aufnehmen. Graf. Ich höre. Marguerite. Der Preis deS Stein« pelpapiereS ist bedeutend abgeschlagen. Graf. Bah! Marguerite. Ja, und eS ist gerade der günstigste Augenblick . . . Haben Sie baareS Geld? Graf. Zu was? Marguerite. Zum Unterzeichnen. Graf. Man braucht also Geld hier? Marguerite. Ach! Man braucht 15,000 Franken. ^! Mnrgwerite. Teufel! Ein hübscher Pfennig Geld! Und warum müssen es 15,000 Franken sein? Marguerite. Weil ich sie schuldig bin. Graf. Sie bezahlen demnach Ihre Gläubiger? Marguerite. Ich muß wohl. Graf. Müssen Sie schlechterdings? Marguerite. Ja. Graf. Also — abgemacht! Nanine. Madame, rin Eckensteher brachte soeben diesen Brief, und sagte, er müsse sogleich übergeben werden. Marguerite. Wer kann mir so spät noch schreiben? (Liest.) Armand! Was soll daS bedeuten? „Ich liebe nicht eine lächerliche Rolle zu spielen, selbst nicht bei der Frau, die ich liebe . . . In demselben Augenblicke, wo ich von Ihnen fortging, kam der Graf von Giray zu Ihnen . . . Ich habe weder das Alter, noch den Charakter von Saint-GaudenS; verzeihen Sie mir daS einzige Unrecht, daS ich habe, nämlich nicht Millionär zu sein, und vergessen wir Beide, daß wir uns gekannt haben, und daß wir einen Augenblick glaubten, uns zu lieben . . . . Wenn Sie diesen Brief empfangen, werde ich Paris schon verlassen haben. Armand!". ... . Nanine. Ist eine Antwort auf diesen Brief? Marguerite. Nein, eS ist gut. — Ach! Ein entschwundener Traum! Schade! Graf. Was ist daS für ein Brief? Marguerite. Dieser Brief? Mein lieber Graf, dieser Brief enthält eine gute Nachricht für Sie. Graf. Wie so? Marguerite. Siegewinnen durch diesen Brief 15,000 Franken. LI Graf. Bah! Das wäre der erste . Brief, der mir so viel einbringt. Margue rite. Ja— ja — ich habe das Geld, welches ich von Ihnen forderte, nicht mehr nöthig. Graf. Ihre Gläubiger schickten Ihnen wohl die quittirten Rechnungen? Oh! das ist sehr hübsch von ihnen! Marguerite. Nein., ich war verliebt, mein Theurer. Graf. Sie? Marguerite. Ich! Graf. Und in wen, guter Gott?! Marguerite. Zn einen Mann, der mich nicht liebte, wie das oft vorkommt; in einen Mann ohne Vermögen, wie das immer vorkommt. Graf. Ah! Ja, ja, mit einer solchen Liebschaft glaubten Sie sich mit ihren früheren Liebschaften abzufinden, und Alles wieder gut zu machen. Marguerite. Da lesen Sie, was er mir schreibt, (gibt den Brief dem Grafen.) Graf, (lachend.) Meine theuere Marguerite. . .sieh — sieh, es ist der Herr Duval. Dieser Herr ist sehr eifersüchtig. . . Ah! jetzt begreife ich auch die Nothwendigkeit und Nützlichkeit der Wechselbriefe. Es war sehr artig, was Sie da vorhatten. Marguerite. Sie haben mir ein Soupä angeboten. Graf. Und biete es Ihnen noch an. Sie werden niemals für 15,000 Franken aufessen. Es ist also immer eine Ersparniß, die ich da mache. Marguerite. Gut — gehen wir soupiren — ich brauche frische Luft. Graf. Es scheint, die Geschichte war ernsthaft. Sie sind sehr aufgeregt, meine Theure. Marguerite. Oh! eS ist nichts! ! (Zu Nanine.) Gib mir einen Shwal und einen Hut. Nanine. Welche befehlen Madame? Marguerite. Einen Hut, welchen Du willst und einen leichten Shwal. (Zum Grafen.) Man muß uns nehmen, wie wir sind, mein armer Freund. Graf. Oh!-Ich bin an derartige Sachen gewöhnt. Nanine. Sie werden frieren, Madame. Marguerite. Nein. Nanine. Soll ich Madame erwarten? Marguerite. Nein, lege Dich schlafen, vielleicht komme ich erst sehr spät nach Hause. . . Kommen Sie, Graf! (Beide ab.) Siebenter Austritt. Nanine. (allein.) ES ist irgend etwas vorgegangen, Madame ist sehr bewegt; ohne Zweifel war eS der Brief, welcher sie in den Zustand versetzte.... Da ist dieser Brief. . . Teufel! Herr Armand greift die Sachen fest an. — Vor 4 Tagen ernannt, heute schon verabschiedet, hielt sich gerade so lange, wie sich Staatsmänner halten. Sieh da! Madame Duvernoy. Achter Auftritt. Nanine. Prudence. Prudence. Ist Marguerite auS- gegangen? Nanine. Den Augenblick ging sie fort. Prudence. Wohin ist sie? Nanine. Sie ging soupiren. Prudence. Mit dem Grafen? Nanine. Ja. Prudence. Sie empfing so eben einen Brief? Nanine. Von Herrn Armand. Prudence. WaS sagte sie? Nanine. Nichts. Prudence. Sie kommt doch wieder nach Hause? Nanine. Ja, aber gewiß sehr spät. Ich glaubte Sie wären schon längst zu Bett. 22 Prudence. Zch war eS auch und schlief, als ich durch heftiges Klingeln erweckt wurde; ich öffnete... (Man klopft.) Nanine. Herein! Ein Diener. Madame verlangt ihren Pelz, es ist ihr zu kalt. Prudence. Ist Madame noch unten? Diener. Ja, im Wagen. Prudence. Bitten Sie sie heraufzukommen ! Sagen Sie nur, ich sei es, die nach ihr verlangt. Diener. Aber Madame ist nicht allein im Wagen. Prudence. DaS macht nichts, gehen Sie. (Diener ab.) Armand, (von außen.) Prudence! Prudence. Gut — jetzt fängt der Andere an ungeduldig zu werden! Oh! Oh! diese eifersüchtigen Verliebten sind alle nach einem Schnitt. Armand, (von außen.) Nun? Prudence. (am Fenster.) Zum Teufel, warten Sie ein Wenig! Gleich,- werde ich Sie rufen! Neunter Auftritt. Vorige. Marguerite. Marguerite. WaS wünschen Sie von mir, meine liebe Prudence? Prudence. Armand ist bei mir. Marguerite. Was geht das mich an? Prudence. Er will Sie sehen! Marguerite. Zu was? Ich will ihn nicht mehr empfangen, und überdies kann ich eS nicht, der Graf erwartet mich unten. Prudence. Ich werde mich wohl hüten, einen derartigen Auftrag auszurichten. Er würde sogleich hineilen, um den Grafen herauszufordern. Sie können sich gar nicht vorstellen, in welchem Zustand er ist. Marguerite. Ah! aber was will er? Prudence. Weiß ich's, weiß er eS. selbst? Aber wir wissen sehr gut, waS ein verliebter Mensch zu thun im Stande ist. Nanine. Wünscht Madame Ihren Pelz? Marguerite. Nein, noch nicht. Prudence. Nun gut — waS beschließen Sie?. . Margizerrte. Dieser Mann wird mich sehr unglücklich machen, wenn ich ihn wiedersehe. Prudence. So sehen Sie ihn also nicht mehr wieder, meine Theuere. ES ist besser, wenn die Sachen bleiben wie sie sind. Marguerite. Ist das Ihre Meinung? Prudence. Ganz gewiß. Marguerite. Was hat er Ihnen noch gesagt? Prudence. Schon gut, Sie wollen ihn wieder sehen. — Ich gehe ihn zu holen. — Und der Graf? — Marguerite. Der Graf wird warten. Prudence. Es würde besser sein, ihn ganz und gar zu verabschieden. Marguerite. Sie haben Recht. Nanine, gehe hinab, und sage Herrn von Girap, daß ich bestimmt sehr krank sei, und nicht soupiren gehen kann; — er möge mich entschuldigen. Nanine. Ja Madame. Pru den ce. (Zum Fenster hinaus.) Armand, schnell, kommen Sie! Oh' Er wird eS sich nicht zweimal sagen lassen. Marguerite. Sie werden hier bleiben, so lange er da ist. Prudence. Nicht doch! — da gewiß ein Augenblick kommt, wo Sie mir sagen werden fort zu gehen, so gehe ich lieber gleich. Nanine. (zurückkommend.) Der Herr Graf ist fort. Marguerite. Hat er nichts gesagt? 23 Nanine. Nein, er sah aber nicht sehr vergnügt aus. Zehnter Auftritt Vorige. Armand. Armand. Marguerite — endlich! Prüde nce. Kinderchen, ich lasse Euch allein! - (Prudence und Nanine ab.) Eilfter Auftritt. Marguerite. Armand. Armand, (wirft sich vor Margueriten auf die Knie.) Marguerite. . . Marguerite. WaS wünschen Sie? Armand. Ich will, daß Sie mir verzeihen. Marguerite. Sie verdienen es nicht! (Bewegung Armand's.) Ich lasse eS gelten, daß Sie eifersüchtig sind, und mir einen aufgebrachten Brief schreiben, aber keinen ironischen und impertinenten Brief. . . . Sie haben mir viel Kummer und viel Weh bereitet. Armand. Und glauben Sie Marguerite, daß Sie mir nicht auch Kummer und Weh verursacht haben? I Marguerite. Wenn ich es that, so geschah eS gewiß wider meinen Willen. Armand. Als ich den Grafen hier Vorfahren sah, als ich mir sagte, daß > Sie mich seinetwegen fortgeschickt hat- I ten, war ich wie ein Wahnsinniger, ich verlor den Kopf und habe Ihnen geschrieben. Aber als ich statt auf meinen Brief die Antwort zu empfangen, die ich erwartete, Sie mir, statt sich zu rechtfertigen, nur kaltblütig sagen ließen, es wäre gut, und Sie hätten mir keine weitere Antwort zu geben, da erreichte mein Unglück den höchsten Grad. . . Ich fragte mich, was aus mir werden sollte, wenn ich Sie nicht mehr Wiedersehen würde. — Um mich her gestaltete sich augenblicklich eine fürchterliche Leere. . . . Vergessen Sie nicht, Marguerite, daß, wenn ich Sie auch nur erst wenige Tage kenne, ich Sie doch seit 2 Jahren liebe. Marguerite. Mein Freund, Sie haben einen weisen Entschluß gefaßt. Armand. Welchen? Marguerite. Abzureisen. — Haben Sie es mir nicht geschrieben? Armand. Könnte ich es? Marguerite. Doch muß es sein. Armand. Es muß — ? — Marguerite. Ja. — Nicht nur allein Ihretwegen, sondern meinetwegen. — Meine Lage zwingt mich, Sie nicht mehr zu sehen, — und Alles verbietet mir, Sie zu lieben. Armand. Lieben Sie mich denn ein Wenig, Marguerite? Marguerite. Ich liebte Sie! Armand. Und jetzt? Marguerite. Jetzt habe ich nachgedacht, und was ich gehofft hatte, ist unmöglich. Armand. Wenn Sie mich übrigens geliebt hätten, würden Sie den Grafen nicht empfangen haben, besonders heute Abend. Marguerite. Gerade deshalb ist es nun auch besser, wenn wir nicht weiter gehen. Ich bin jung, hübsch, ich gefiel Ihnen; ich bin ein gutes Mädchen, Sie sind ein geistreicher, junger Mann, — Sie müssen mich nehmen wie ich bin, meine guten eben sowohl, wie meine schlechten Seiten, und sich um das Uebrige nichts weiter kümmern. Armand. Früher sprachen Sie nicht so zu mir, Marguerite, als Sie mir die beglückende Aussicht zeigten, einige Monate mit Ihnen allein zuzubringen; fern von Paris, fern von der Welt; daß ich aus dieser schönen Hoffnung in die Wirklichkeit zurückfiel, verursachte mir so vielen Schmerz. 24 Marguerite. ES ist wahr. . . ich ging sogar noch weiter; ich sagte mir: Ein Wenig Ruhe werde mir gut thun und heilsam sein; er nimmt An- theil an deiner Gesundheit, wenn eS also ein Mittel gäbe, um den Sommer ruhig mit ihm auf dem Lande, im Schatten irgend eines Gehölzes zuzubringen, so würde diese Zeit immer den folgenden schlechten Tagen geraubt sein. . . Endlich. . . nach 3 oder 4 Monaten würden wir wieder nach Paris zurückkehren, wir würden uns einen herzlichen Handschlag gegeben haben, und aus den Ueberbleibseln unserer Liebe eine wahre Freundschaft für mein kurzes Leben gebildet haben; denn die Liebe, welche man für mich fühlen kann, sei sie auch so glühend als man eS sagt, ist vielleicht nicht immer stark genug, um später in Freundschaft überzugehen. Du hast eö nicht gewollt; dein Herz ist wie ein vornehmer Herr, der nichts annehmen will... Reden wir nicht mehr davon. . .. Dü liebst mich seit 4 Tagen, du hast bei mir soupirt, schicke mir irgend ein Geschmeide mit deiner Karte, und wir werden quitt sein. Armand. Du bist wahnsinnig, Marguerite; ich liebe Dich. Dies will nicht sagen, daß Du schön bist, und daß Du mir 3 oder 4 Monate gefallen wirst, Du bist meine ganze Hoffnung, mein einziger Gedanke, mein ganzes Leben; ich liebe Dich — was kann ich Dir noch mehr sagen? ! Marguerite. Alsdann hattest Du Recht in Deinem Briefe, daß eS besser ist, gleich von jetzt an aufzuhören, uns ferner zu sehen. .Armand. Natürlich, weil Du mich nicht liebst. Marguerite. Weil ich ... Du weißt nicht, waS Du sprichst. Armand. Warum alsdann? Marguerite. Warum? Du willst eS wissen? Weil eS Augenblicke gibt, wo ich diesen angefangenen Traum bis zum Ende fortführte; weil eS Lage gibt, wo ich des Lebens, welches ich führe, müde bin, und ich in der Zukunft ein anderes, besseres erblicke; weil in Mitten unseres rauschenden Daseins zwar unser Kopf, unsere Eitelkeit, unsere Sinne leben. . . aber unser Herz aufschwillt, da es sich nicht ergießen kann, und unö erstickt. Wir scheinen glücklich, und man beneidet uns. . . In der That, wir haben Liebhaber die sich zu Grunde richten, aber nicht für uns, wie sie eS sagen, sondern ihrer Eitelkeit zu Liebe. Wir sind die Ersten in ihrer Eigenliebe, die Letzten in ihrer Achtung. Wir haben Freunde, Freundinen wie Prudence, deren Freundschaft bis zur Dienstbarkeit geht, niemals bis zur Uneigennützigkeit. Es liegt ihnen wenig daran, was wir thun und treiben, wenn man sie nur in unseren Logen sieht, oder sie sich in unseren Equipagen brüsten können. Alles um uns her ist also Eitelkeit, Schmach und Lüge.... So träumte ich denn, manchmal, ohne zu wagen, es Jemand zu sagen, einen Mann zu finden, der erhaben genug dächte, um über nichts von mir Rechenschaft zu verlangen, und welcher der Geliebte meiner Empfindungen sein wollte. . . Diesen Mann hatte ich in dem Herzog gefunden; aber das Alter beschützt weder, noch tröstet es, und mein Herz hat andere Bedürfnisse. ... Da begegnete ich Dir, jung, glühend, glücklich; die Thränen, welche ich Dich für mich vergießen sah, den Antheil, den Du an meiner Gesundheit nahmst. Deine geheimniß- vollen Besuche während meiner Krankheit, Dein Freimuth, Dein Enthusiasmus, alles dieses ließ mich in Dir denjenigen erblicken, den ich in meiner glühenden Einsamkeit herbeirief. In einem Augenblicke baute ich wie eine Wahnsinnige meine ganze Zukunft auf 25 Deine Liebe; ich träumte ein glückliches Landleben und Makellosigkeit; ich erinnerte mich an meine Kindheit, denn man hatte immer eine Kindheit, was man auch geworden ist. Es hieße das Unmögliche wünschen; ein Wort von Dir hat es mir bewiesen. — Du wolltest Alles wissen, Du weißt Alles. Armand. Und Du glaubst, daß ich nach solchen Worten Dich verlassen werde? Wann dergleichen Worte aus Deinem Munde gingen — wann das Glück zu mir kommt, sollte ich vor ihm ^ entfliehen! Nein, Marguerite, nein; Dein Traum wird in Erfüllung gehen, ich schwöre eS Dir! Reden wir nichts weiter mehr, wir sind jung, wir lieben uns, gehen wir vorwärts, indem wir nur unserer Liebe folgen. Marguerite. Täusche mich nicht, Armand ; bedenke, daß eine heftige Erregung tödtlich für mich ist; erinnere Dich wohl, wer und waS ich bin. Armand. Du bist ein Engel, und ich liebe Dich! Nanine (klopfend). Madame .... Marguerite. Was gibt's? Nan ine. Man brachte so eben einen Brief. Marguerite. Ah! Das ist wohl die Nacht der Briefe? Von wem ist er? Nanine. Von dem Herrn Grafen! Marguerite. Verlangt er eine Antwort? Nanine. Ja, Madame! Marguerite. Nun gut! Sage, daß es keine Antwort auf diesen Brief gibt. (Ende de- zweiten Aufzuges.) Dritte» 4k«szug. (Auteutt. Ein Zimmer im Erdgeschoße. — Im Hintergründe gegenüber dem Zuschauer ein Kamin. — Auf jeder Seite eine GlaSthüre. welche in den Garten führen. Links und rechts erste Coulisse. Seitenthüren. — Tische und Stühle.) Erster Auftritt. Nani ne (ein Tbeebrett tragend), Pru- dence — dann Armand.- Prudence. Wo ist Marguerite? Nanine. Madame ist im Garten mit Mlle. Nichette und Herrn Gustav, welche mit ihr frühstückten und den Tag hier zubringen werden. Prudence. Ich werde sie aufsuchen. Armand (tritt auf, während Nanine abgeht). Ah! Sie hier, Prudence. Ich habe über sehr wichtige Dinge mit Ihnen zu reden. Vor 14 Tagen sind Sie von hier in Margueritenö Gesellschaft fortgefahren? Prudence. Ganz richtig. Armand. Seit dieser Zeit sind aber weder der Wagen noch die Pferde wieder gekommen. Als Sie uns vor acht Tagen verließen, fürchteten Sie sich zu erkälten, und Marguerite lieh Ihnen einen Cachemir, den Sie nicht zurückgebracht haben! Endlich übergab Marguerite Ihnen gestern Bracelets und Diamanten, um dieselben zurecht machen zu lassen, wie sie sagte. — Wo sind die Pferde, der Wagen, der Cachemir und die Diamanten? 26 Prudence. Wollen Sie, daß ich aufrichtig sei? Armand. Ich bitte Sie sogar darum. Prudence. Die Pferde sind an den Pferdehändler verkauft, der sie als Abschlagszahlung zurücknimmt, denn sie waren nicht bezahlt. Armand. Der Cachemir? Prudence. Verkauft. Armand. Die Diamanten? Prudence. Versetzt. — Ich bringe gerade die Pfandscheine. Armand. Und warum haben Sie mir nicht Alles gesagt? Prudence. Marguerite wollte es nicht. Armand. Aber weshalb diese Verkäufe und diese Verpfändungen? Prudence. Um zu bezahlen. — Ah! mein lieber Freund, Sie glauben, daß es genügt, sich zu lieben,- um nur so außerhalb Paris ein schäfermäßiges und ätherisches Leben zu führen?. . - Gott bewahre — ganz und gar nicht! Neben dem poetischen Leben ist das wirkliche Leben, und die besten Entschlüsse werden durch lächerliche, aber eiserne Drähte zur Erde niedergezogen, die man nichtso leicht zerbrechen kann.Der Herzog, von dem ich gerade komme — denn ich wollte, wenn eS möglich wäre, so viele Opfer verhüten, — der Herzog will nichts mehr für Marguerite thun, wenn sie Sie nicht wenigstens aufgibt und verläßt, und Gott weiß daß Sie dazu keine Lust hat. Armand. Gute Marguerite! Prudence. Ja, gute Marguerite; viel zu gute Marguerite, denn wer weiß, wie Alles das endigen wird?! Ohne zu bedenken, daß sie nicht einmal dabei bleiben will, und daß sie, um Alles zu bezahlen, was sie schuldet, Alles verkaufen will, was sie besitzt- Ich trage einen Verkaussplan in meiner Tasche, den mir so eben ihr Geschäftsmann übergab. — Armand. Wieviel muß sie haben? Prudence. Wenigstens 30,VVV Franken. Armand. Fordern Sie 14 Tage von den Gläubigern. — In 14 Tagen werde ich Alles bezahlen. Prudence. Sie wollen borgen? Armand. Za. - Prudence. Da werden Sie etwas Schönes unternehmen — sich mit Ihren Vater entzweien und Ihre Hilfsquellen verstopfen. Armand. Ich ahnte, was geschehen ist, schrieb an meinen Notar, daß ich an Jemand eine Schuldverschreibung über das Vermögen, welches ich von meiner Mutter habe, ausstellen wollte, und empfing so eben seine Antwort; die Urkunde ist fertig, nur noch einige Formalitäten sind zu erfüllen, und heute soll ich nach Paris gehen, um das Aktenstück zu unterzeichnen. Unterdessen also verhindern Sie Marguerite, daß sie nichts von dem thue, was sie thun wollte. Prudence. Aber die Papiere, welche ich mitbrachte? Armand. Wenn ich fort sein werde, übergeben Sie dieselben an Marguerite, als ob ich Ihnen nichts gesagt hätte; denn sie darf nichts von unserer Unterredung wissen. Da sind sie — still! Zweiter Auftritt. Marguerite, Nichette, Gustav, Armand und Prudence. (Marguerite legt beim Eintreteten den Finger auf ten Mund, um Prudence ein Zeichen zu geben, daß sie schweigt.) Armand (zu Marguerite). Theures Kind — schelte Prudence tüchtig aus! Marguerite. Weshalb? Armand. Ich bat sie gestern bei mir vorbeizugehen, um nachzusehen, ob Briefe an mich da sind, und sie mitzubringen, denn seit 14 Tagen bin 27 ich nicht in Paris gewesen. Das Erste aber, was fie that, war, es zu vergessen, so daß ich Dich jetzt auf eine oder zwei Stunden verlassen muß. Seit einem Monat habe ich nicht an meinen Vater geschrieben. Niemand weiß, wo ich bin, selbst nicht einmal mein Diener, denn ich wollteZudring- liche abhalten. Es ist schönes Wetter, Nichette und Gustav sind da, um Dir Gesellschaft zu leisten; ich springe in einen Wagen, gehe nur einen Augenblick zu mir hinauf, und eile wieder zurück. Marguerite. Geh, mein Freund, geh! aber wenn Du nicht an Deinen Vater geschrieben hast, so ist es nicht meine Schuld. Oftmals ermahnte ich Dich, es zu thun. Kehre schnell zurück. Du wirst unS, Gustav, Nichette und mich, hier plaudernd und arbeitend wieder finden. Armand. In einer Stunde bin ich wieder da. (Marguerite begleitet ihn bis zur Thür; im Zurückkommen sagt sie zu Prudence) Ist Alles in Ordnung? Prudence. Ja. Marguerite. Die Papiere? Prudence. Hier sind sie! Der Geschäftsmann wird ohne Zweifel im Laufe des Tages kommen, um sich mit Ihnen zu verständigen; ich aber gehe jetzt frühstücken, denn ich sterbe vor Hunger. Marguerite. Nanine wird Ihnen Alles geben, was Sie wünschen. Dritter Auftritt. Die Vorigen, ohne Armand und Prudence. Marguerite (zu Nichette). Ihr seht, wie wir seit drei Monaten leben. Nichette. Du bist glücklich? Marguerite. Ob ich es bin! Nichette. Ich sagte es Dir oft, Marguerite, daß das wahre Glück in der Ruhe und Zufriedenheit des Herzens wohnt. — Wie oft sagten wir, Gustav und ich, eS uns: Wann wird Marguerite einmal Jemanden wirklich lieben, und ein ruhigeres Leben führen! Marguerite. Euer Wunsch ist erfüllt worden, ich liebe und bin glücklich; Eure Liebe und Euer Glück waren es, die mein Verlangen darnach weckten. Gustav. Thatsache ist eS, daß wir glücklich sind, nicht wahr, Nichette? Nichette. Ich glaub's wohl, und es kostet nicht viel. Du bist eine große Dame und kamst nie, um uns zu besuchen; sonst würdest Du immer und ganz und gar wie wir zu leben wünschen. Du glaubst hier einfach zu wohnen; was würdest Du aber sagen, wenn Du meine beiden kleinen Zim- merchen in der Rue Blanche in der fünften Etage sehen würdest, aus deren Fenster man Gärten sieht, in welchen diejenigen, denen sie gehören, nie spa- ziren gehen?! — Wie kann eS nur Leute geben, die Gärten besitzen, und nie darin spaziren gehen? Gustav. Wir leben wie in einem deutschen Roman, oder in einer Idylle von Göthe, mit Musik von Schubert. Nichette. Oh! Ich rathe Dir zu spotten, weil Marguerite da ist! — Wenn wir allein sind, spottest Du nicht, Du bist so sanft wie ein Schaf, und zärtlich wie eine Turteltaube. Du weißt nicht, daß er ausziehen wollte? Er hielt unsere Lebensweise für zu einfach. Gustav. Nein, ich hielt nur unsere Wohnung für viel zu hoch. Nichette. Du darfst nur nicht ausgehen, und Du wirst gar nicht wissen, in welcher Etage sie liegt. Marguerite. Ihr seid Beide allerliebst. Nichette. Unter dem Vorwände, daß er 6VV0 Franken Renten hat, will er nicht mehr, daß ich arbeite; dieser 28 Tage wollte er mir sogar einen Wagen kaufen. Gustav. Vielleicht geschieht es noch. Nichette. Wir haben Zeit; vorerst muß mich Dein Oheim auf eine andere Art betrachten, und Dich zu seinen Erben, mich als seine Nichte einsetzen und anerkennen. Gustav. Er sängt schon an, etwas von Dir zu halten. Marguerite. Er kennt Dich also nicht? Oh.' Wenn er Dich kennte, würde er vernarrt in Dich werden. Nichette. Nein, der Herr Oheim wollte mich niemals sehen. Er gehört noch zu der Gattung von Oheims, welche glauben, die Grisetten sind nur dazu auf der Welt, um die Neffen zu ruiniren; er wollte, Gustav sollte eine Dame von Welt heiraten. Was bin ich denn, gehöre ich nicht auch zu der Welt? Gustav. Er wird schon menschlicher und zugänglicher werden; übrigens ist. er, seit ich Advokat geworden bin, weit nachsichtiger. Nichette. Ach ja, ich vergaß es Dir zu sagen, meine Liebe, Gustav ist Advokat. Marguerite. Ich werde ihm meinen nächsten Proceß anvertrauen. Nichette. Er hat schon eine öffentliche Vertheidigung geführt; ich war in der Sitzung. Marguerite. Hat er gewonnen? Gustav. Ich habe klar und deutlich verloren, mein Delinquent wurde zu 10 Jahren Zwangsarbeit auf den Galeeren verurtheilt. Nichette. Glücklicherweise. Marguerite. Warum glücklicherweise. Nichette. Der Mann, den er verteidigte, war ein vollendeter Schurke. Welch ein komisches, drolliges Handwerk dieses Advokatenhandwerk! Ein Advokat ist deshalb auch ein großer Mann, wenn er sich sagen kann: Ich habe da unter meinen Händen einen Bösewicht, der seinen Vater umgebracht hat, seine Mutter und seine Kinder; nun gut! ich habe so viel Talent, daß ich ihn frei gemacht, und der menschlichen Gesellschaft, diese Zierde, welche ihr fehlte, erhalten habe. Marguerite. Da er nun Advokat ist, so werden wir wohl baldigst zur Hochzeit kommen. Gustav. Wenn ich mich verheirate — Nichette. Wie — wenn Sie sich verheiraten, mein Herr?! Aber ich hoffe sehr, daß Sie sich verheiraten werden, und noch dazu mit mir! Sie werden niemals eine bessere Frau bekommen, und die Sie mehr liebt. Marguerite. Wann alsdann? Nichette. Sehr bald! Marguerite. Du bist glücklich. Nichette. Wirst Du es nicht auch bald so wie wir machen? Marguerite. Wen willst Du, daß ich heirate? Nichette. Armand! Marguerite. Armand! Armand hat das Recht, mich zu lieben. — aber nicht, mich zu heiraten; ich will wohl sein Herz annehmen, aber niemals seinen Namen. Siehst Du, Nichette, es gibt Dinge, die eine Frau nicht aus ihrem Leben verwischen kann, und sie darf ihrem Gatten nicht das Recht geben, sie ihr vorzuwerfen. Wenn ich wollte, daß mich Armand heiratete, würde er mich morgen heiraten; aber ich liebe ihn zu sehr, um ihn etwas der Art thun zu lassen. Frage Gustav, ob ich nicht Recht habe. Gustav. Sie sind ein rechtschaffenes Mädchen, Marguerite. Marguerite. Nein; ich bin ehrlich gegen mich selber. Ich bin glücklich in einem Glücke, das ich niemals zu hoffen wagte; ich danke Gott dafür, und will die Vorsehung nicht versuchen. LS Nichette. Gustav macht nur große Worte, und er selbst würde Dich heiraten, wenn er an Armand's Stelle wäre; nicht wahr, Gustav? Gustav. Vielleicht wohl. Ueberdies gehört die Unschuld der Frauen ihrer ersten Liebe, und nicht ihrem ersten Liebhaber. Nichette. Wenn nicht wenigstens ihr erster Liebhaber zugleich ihre erste Liebe ist; es gibt Beispiele. Gustäv. Und gar nicht weit, nicht wahr? Nichette. Wenn Du nur glücklich bist, an allem Andern liegt wenig daran. Marguerite. Ich bin es. Wer mir jedoch eines Tages gesagt hätte, daß ich, Marguerite Gauthier, ganz und gar in der Liebe eines Mannes leben, daß ich oft ganze Tage damit zubringen würde, an seiner Seite zu sitzen, zu arbeiten, zu lesen, ihn anzuhören ? Nichette. Wie wir! Marguerite. Ich kann aufrichtig mit Euch Beiden sprechen, da Ihr mir glaubt, weil Euer Herz mich hört und versteht. Es gibt Augenblicke, wo ich vergesse, was ich gewesen bin; wo der vergangene Monat sich der Art von dem jetzigen Monat unterscheidet, als ob eS zwei verschiedene Frauen gäbe, und daß die zweite sich kaum auf die erste erinnerte; unkenntlich für mich selbst, bin ich eS auch für Andere. Wenn ich in einem einfachen weißen Kleide, einen großen Strohhut auf, und meinen Pelz auf dem Arme tragend, der mich vor der Kühle auf dem Wasser schützen soll, mit Armand in das Boot steige, welches wir mit der Strömung dahin gleiten lassen, und welches ganz von selbst unter den Weiden der nächsten Insel anhält, so ahnt wohl Niemand, daß dieser weiße Schatten Marguerite Gauthier ist. Ich habe für Blumensträuße mehr Geld verschwendet, alö eine anständige, rechtlicheFamilie braucht, um ein ganzes Jahr davon zu leben. — Und nun genügt eine Blume wie diese hier, welche mir Armand heute Morgen gab, um einen ganzen Tag zu durchduften, ttebrigens wißt Ihr wohl, was es heißt, zu lieben, wie die Stunden ganz von selbst dahineilen und sich abkürzen, und uns ohne Erregungen und ohne Ermüdung an das Ende von Wochen und Monaten bringen. Oh! Ja, ich bin glücklich; aber ich will es noch mehr werden... denn Ihr wißt noch nicht Alles. Nichette. Was denn? Marguerite. Du sagtest mir so eben, daß ich nicht wie Ihr lebte; Du sollst eS nicht lange mehr sagen. Nichette. Wie? Marguerite. Ohne daß Armand etwas davon ahnt, lasse ich Alles verkaufen, was meine Wohnung in Paris enthält, wohin ich nicht mehr zurückkehre. Ich werde alle meine Schulden bezahlen, werde eine kleine Wohnung in Eurer Nähe miethen, sie einfach möbliren lassen, und wir leben dann'ruhig, vergessend und vergessen. Zm Sommer ziehen wir wieder auf's Land, aber in ein einfacheres Haus als dieses hier. ES gibt Leute, welche fragen, was das Glück sei; Ihr habt es mich gelehrt, und jetzt könnte ich eS Andere lehren. Nanine. Madame, eS ist ein Herr da, der Sie zu sprechen wünscht. Marguerite (zu Nichette). Mein Geschäftsmann, den ich erwarte. Macht einen Spazirgang im Garten, ich folge Euch bald nach. Ich werde dann mit Euch nach Paris gehen, wir machen dann gleich Alles zusammen ab. (zu Nanine) Laß den Herrn eintreten. (Macht Gustav und Nichette. welche abgehen. ein letztes Liebeszeichen; geht dann gegen die Thüre, durch welche die gemeldete Person ein« tritt.) Vierter Auftritt. Duval. Marguerite. Duval (auf der Schwelle der Thüre). Mlle. Marguerite Gauthier? Marguerite. Ich bin es, mein Herr. Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen? Duval. Ich heiße Duval. Marguerite. Duval! Duval. Za, Mademoiselle, und bin Armands Vater. Marguerite. Aber Herr Armand ist nicht hier, mein Herr. Duval. Ich weiß es, Mademoiselle ! . . . Auch wünschte ich nur mit Zhnen eine Unterredung zu haben ... Hören Sie mich also. — Mein Sohn compromittirt sich und richtet sich mit Ihnen zu Grunde .... M'arguerite. Sie irren sich,mein Herr. Gott sei Dank, spricht Niemand mehr von mir, und ich nehme von Armand nichts an. Duval. DaS soll wohl heißen, da Ihr Luxus und Zhre Verschwendung allgemein bekannte Sachen sind — daß mein Sohn erbärmlich genug ist, mit Ihnen zu vergeuden, was Sie von Andern annehmen. . Marguerite. Verzeihen Sie mir, mein Herr; aber ich bin eine Dame und bin in meiner Wohnung, zwei Gründe, welche bei Ihrer Höflichkeit zu meinen Gunsten sprechen sollten;.der Ton, in dem Sie mit mir sprechen, ist nicht derjenige, den ich von einem gebildeten Manne erwarten durfte, den ich zum Erstenmale zu sehen die Ehre habe, und —- Duval. Und- Marguerite. Ich bitte Sie, zu erlauben, daß ich mich zurückziehe, mehr Jhret- als meinetwegen. Duval. Wahrhaftig, Madame, wenn man sich Zhnen und Ihren Manieren gegenüber befindet, so kostet eS viele Mühe, sich zu sagen, daß Alles dieses nur Schein ist, und Ihre Manieren nur angeeignet sind. Man hatte es mir wohl gesagt, daß Sie eine gefährliche Person wären. Marguerite. Ja, mein Herr, gefährlich, aber für mich, und nicht für Andere. Duval. Gefährlich oder nicht, bleibt es nichtsdestoweniger wahr, Mademoiselle, daß Armand sich für Sie zu Grunde richtet. Marguerite. Ich wiederhole Ihnen, mein Herr, mit aller Ehrfurcht, die ich dem Vater Armands schulde, daß Sie sich täuschen. Duval. WaS bedeutet alsdann der Brief meines Notars, welcher mich benachrichtigt, daß Armand Ihnen sein Vermögen verschreiben will? Marguerite. Ich versichere Sie, mein Herr, daß, wenn Armand dies gethan hat,' so that er es ohne mein W.issen und Willen; denn er wußte wohl, daß ich eS, wenn er mir eS an- geboten hätte, ausgeschlagen haben würde. Duval. Sie haben jedoch nicht immer so gesprochen. Marguerite. DaS ist wahr, mein Herr, aber damals liebte ich nicht. Duval. Und jetzt? Marguerite. Oh! Jetzt ist es ganz etwas Anderes; ich liebe mit Allem, waS nur eine Frau Reines und EdleS in ihrem Herzen wieder vorfinden kann, wenn Gott sich ihrer erbarmt und ihr die Reue schickt. Duval. Ah! Jetzt kommen die großen Redensarten. Marguerite. Hören Sie mich, mein Herr. Mein Gott, ich weiß, daß man den Schwüren von Frauen, wie ich, wenig Glauben schenkt; aber bei dem, waS ich am Lheuersten auf dieser Welt besitze, bei meiner Liebe zu Armand schwöre ich eS, daß ich von dieser Schenkung nichts wußte. 3l Duval. Sie müssen aber doch von Etwas leben, Mademoiselle? Marguerite. Sie zwingen mich, Ihnen zu sagen, was ich gerne verschweigen wollte, mein Herr, aber, da mir vor Allem viel an der Achtung von Armands Vater gelegen ist, so werde ich reden. — Seit ich Ihren Sohn kenne, habe ich — damit diese meine wahre Liebe nicht einen Augen- I blick derjenigen gleiche, welche bis dahin diesen Namen in meiner Nähe angenommen hatte, — habe ich einen großen Theil von dem, was ich besaß, verseht oder verkauft: Cachemirs, Diamanten, Kleinodien, Wagen und Pferde; und als man mir so eben sagte, daß mich Jemand zu sprechen wünschte, . glaubte ich einen Geschäftsmann zu empfangen, dem ich meine Möbel, meine Gemälde, meine ganze Einrichtung, den ganzen Luxus verkaufte, den Sie mir vorwarfen. Wenn Sie noch zweifeln — gut — sehen Sie hier — ich erwartete Sie nicht, mein Herr, und folglich können Sie nicht glauben, daß diese Urkunde für Sie vorbereitet wurde — wenn Sie also noch zweifeln, hier lesen Sie diese Urkunde. (Gibt ibm das Schriftstück.) Duval. Ein Verkauf Ihres Mobiliars zum Besten Ihrer Gläubiger, und der Ueberschuß Ihnen zu übergeben. (Betrachtet sie mit Rührung.) Mein Gott! Sollte ich mich getäuscht haben?! Marguerite. Ja, mein Herr, Sie haben sich getäuscht, oder vielmehr. Sie sind getäuscht worden; ja, ich war wahnsinnig; ja, ich habe eine traurige Vergangenheit; aber um sie zu verwischen, zu zerstören, würde ich, seitdem ich liebe, den letzten Tropfen meines Blutes hergeben. Oh! Was man Ihnen auch gesagt haben mag, ich habe Herz, Gefühl! ich bin gut! Sie werden sehen, wenn Sie mich besser kennen lernen. — Armand ist es, der wich so umgestaltet hat; er liebte mich, er liebt mich. Ein wenig Liebe gibt einer Frau ihre verlorne Keuschheit wieder! Ach! Seit drei Monaten bin ich so glücklich! Da Sie sein Vater sind, müssen Sie gut wie er sein; ich flehe Sie an, sagen Sie ihm nichts Schlechtes von mir; er würde es Ihnen glauben, denn er liebt Sie; und ich ehre und liebe Sie, da Sie sein Vater sind. — Duval. Verzeihen Sie mir, Madame, die Art und Weise, wie ich mich soeben bei Ihnen vorgestellt habe; ich kannte Sie nicht, kannte nicht die edlen Gefühle und Gesinnungen, die in Ihnen leben . . . Ich kam hier an, erzürnt über das Stillschweigen meines Sohnes und über seine Undankbarkeit, die ich Ihnen Schuld gab; Vergebung, Madame! Marguerite.OH! Dank, Dank für diese guten Worte, mein Herr. Duval. Im Namen dieser edlen Gefühle werde ich nun für das Glück meines SohneS ein größeres Opfer von Ihnen fordern, als alle die Opfer waren, die Sie seither gebracht haben. -Marguerite. Mein Gott! Duval. Hören Sie mich, mein Kind, und nehmen Sie es nicht übel auf, was ich Ihnen sagen werde. Marguerite. Oh! Schweigen Sie, ich flehe darum; Sie werden von mir etwas Schreckliches fordern, um so schrecklicher, als ich es immer vorausgesehen; ich erwartete Sie — ach! ich war zu glücklich! Duval. Nein, ich bin nicht mehr aufgebracht; wir wollen zusammen sprechen, wie zwei rechtschaffene Herzen mit einander reden, welche dieselbe Liebe, wenn auch in verschiedenem Sinne hegen, und welche beide eifersüchtig darauf sind, ihre Zuneigung zu erproben, um Denjenigen, den Sie lieben, glücklich zu machen. — Marguerite. Ja, mein Herr, ja, reden Sie. Duval. Bei wenig Frauen ist wol so viel Edelmuth zu finden, als in Ihrer Seele thront, deshalb spreche ich auch wie ein Vater zu Ihnen, Mar- guerite, wie ein Vater, der das Glück seiner beiden Kinder von Ihnen wiederfordert. Marguerite. Seiner beiden Kinder? Duval. Ja, Marguerite, seiner beiden Kinder! Erfahren Sie, was mich zu Ihnen führt: Ich habe eine Tochter, jung, schön, keusch wie ein Engel. Sie liebt einen jungen Mann — ja auch fie liebt — diese Liebe ist der seligste Traum ihres ganzen Lebens; aber sie hat ein Recht auf diese Liebe.- Ich will sie verheiraten; ich hatte Alles dieses an Armand geschrieben; aber Armand, ganz nur Ihnen' lebend, hat meine Briefe nicht einmal empfangen; ich hätte sterben können, ohne daß er es erfahren hätte. Also, meine vielgeliebte Tochter Blanche hei- ratet einen ehrenhaften Mann, sie tritt in eine ehrenhafte Familie, welche verlangt, daß auch in der meiniqen Alles ehrenwerth sei. Die Welt hat ihre Forderungen, mein Kind, und besonders in der Provinz; so gereinigt und veredelt Sie auch in Armands Augen — selbst in den meinigen — durch die Liebe, welche Sie empfinden, sind, so sind Sie es doch nicht in den Augen der Welt, welche immer nur Ihre Vergangenheit im Auge haben und Ihnen unbarmherzig ihre Thüren verschließen wird. Die Familie deS Mannes, der mein Schwiegersohn werden wird, hat erfahren, auf welche Art Armand lebt; sie erklärte mir, ihr Wort zurückzunehmen, wenn'Armand dieses Leben fortführte . . . Die Zukunft eines jungen Mädchens, welches Ihnen niemals im Leben ein Leid zugefügt hat, kann also durch Sie zerstört, vernichtet werden. Marguerite, im Namen Ihrer Liebe, gewähren Sie mir das Glück meiner Tochter. Marguerite. Wie gütig Sie sind, Herr Duval/ daß Sie mich würdigen, so mit mir zu sprechen! Und was könnte ich wohl solchen Worten verweigern? Ja, mein Herr, ich verstehe Sie, und Sie haben Recht. Ich werde fort von Paris gehen, werde mich für einige Zeit von Armand entfernen. ES wird schmerzlich für mich sein; aber ich will es thun, damit Sie mir nichts vor- zuwerfen haben . . . UeberdieS wird ja die Freude deö Wiedersehens den Kummer der Trennung vergessen machen. Sie werden erlauben, daß er mir manchesmal schreibe, und wann seine Schwester verheiratet ist... Duval. Dank, Marguerite, Dank für dieses Verständniß Ihres Herzens; aber eS ist etwas Anderes, was ich von Ihnen fordere, mein Kind. Marguerite. Etwas Anderes! Und was können Sie noch mehr von mir fordern, mein Gott?! Duval. Verstehen Sie mich wohl, Marguerite, und lassen Sie uns das. was wir zu thun haben, ganz und aufrichtig thun; eine kurze Abwesenheit genügt nicht.« — Margurite. Sie wollen, daß ich Armand ganz und gar, für immerverlasse?! Duval. Es muß sein! Marguerite. Oh! Nie — nie, mein Herr; mich jetzt von Armand zu trennen wäre mehr als eine Ungerechtigkeit, eS würde ein Verbrechen sein. Sie wissen also nicht, wie wir unS lieben; Sie wissen also nicht, daß ich weder Freunde noch Eltern, noch eine Familie habe, und daß Armand, als er mir verzieh, mir zugeschworen hat, Alles diese- für mich zu sein. daß ich mein Leben ganz in daS Seinige eingeschloffen habe?! Endlich wissen Sie nicht, daß ich von einer tödtlichen Krankheit befallen bin, daß ich nur noch weinige Jahre zu leben habe, und daß ich auf meine Liebe die ganze Hoffnung dieser wenigen Jahre I gesetzt habe?! Armand verlassen — besser wäre es, mich auf der Stelle zu tödten. Duval. Ruhe, mein Kind, Ruhe, und lassen Sie unS nichts übertreiben; Sie sind jung, schön, und Sie halten die Ermattung eines etwas bewegten Lebens für eine Krankheit; Sie werden — glücklicherweise — nicht vor dem Alter sterben, wo man glücklich ist zu sterben; ich fordere ein ungeheures Opfer von Ihnen, ich weiß es, aber auch, daß Sie unglücklicherweise gezwungen sind, es mir zu bringen. — Hören Sie mich noch; Sie kennen Armand seit 3 Monaten, und Sie. lieben ihn! Aber hat eine so junge Liebe das Recht, eine ganze Zukunft zu vernichten? Und es ist die Zukunft meines Sohnes, die Sie vernichten, wenn Sie bei ihm bleiben! Sind Sie auch von der Ewigkeit dieser Liebe überzeugt? Und wenn Sie plötzlich, aber zu spät bemerken, daß Sie meinen Sohn nicht lieben, wenn Sie einen Andern lieben würden? Verzeihung, Marguerite, aber Ihre Vergangenheit verleiht das Recht zu diesen Voraussetzungen. Marguerite. Nie, mein Herr, niemals; ich habe nie geliebt und werde nie lieben wie ich jetzt liebe! Duval. Gut — es sei! Aber wenn Sie sich auch nicht über Ihre Gefühle täuschen, wenn sich nun vielleicht Armand täuschte? Kann das Herz in Ihrem beiderseitigen Alter in eine ewige, bestimmte Verpflichtung einge- hen? Wechselt das Herz nicht unaufhörlich mit seinen Zuneigungen? Der Sohn liebt seine Eltern über Alles, der Gatte seine Gattin mehr als seine Eltern, der dann als Vater seine Kinder mehr als Eltern, Gattin und Geliebte liebt — und doch ist es immer dasselbe Herz. Die Natur ist viel verlangend, weil sie freigebig ist! Es kann also kommen, daß Sie sich täusch- Wimcr Theater-Neperteir. XI.V. ten, die Wahrscheinlichkeit besteht. Wollen Sie jetzt nun auch die Wirklichkeit und die Gewißheit sehen? Sie hören mich, nicht wahr? Marguerite. Ob ich Sie höre, mein Gott! Duval. Sie sind bereit, meinem Sohne Alles aufzuopfern; aber welches gleiche Opfer, wenn er das Ihrige annähme, könnte er Ihnen dagegen bieten? Er wird Ihre schönsten Zahre genießen, und später, wenn der Ueberdruß eingetreten, der kommen muß — was wird dann geschehen? Entweder wird er ein gewöhnlicher Mensch sein, und Ihnen Ihre Vergangenheit in's Gesicht werfen, wird Sie verlassen, indem er sagt, daß er nur wie die Andern handle; oder er wird ein rechtschaffener Mann sein, Sie heiraten oder Sie doch wenigstens bei sich behalten. Dieses Verhältnis oder diese Ehe, welche weder die Keuschheit als Grundpfeiler hat, noch die Religion als Stütze, diese bei einem jungen Manne vielleicht zu entschuldigende Sache, wird sie es auch bei dem reifen Manne sein? Welches höhere Streben wird ihm erlaubt, welche Laufbahn ihm noch geöffnet sein, — welchen Trost werde ich an meinem Sohne erleben, nachdem ich mich 20 Jahre für sein Glück geopfert habe? Ihre gegenseitige Liebe ist nicht die Frucht zweier reinen Sympathien, die Verbindung zweier keuschen Zuneigungen; es ist nur Leidenschaft irdischster, sinnlichster und menschlichster Art, aus der Laune des Einen und der Einbildung des Anderen entstanden; kurz, Ihre Liebe ist eine Wirkung und nicht eine Ursache. Was wird davon übrig bleiben, wenn Sie beide gealtert sind ? Wer sagt Ihnen, daß nicht die ersten Falten auf Ihrer Stirne ihm den Schleier von den Augen reißen , und daß seine Liebe nicht mit Ihrer Jugend sterben wird? 3 34 Ma rgueri te. Oh! die Wirklichkeit! Duval. Ihr Atter wird doppelt beschwerlich sein, einsamer, verlassener, doppelt unnütz! Welche Erinnerung werden Sie hinterlassen; welches Gute werden Sie gethan haben? Marguerite, es gibt grausame Nothwendigkeiten im Leben, an denen man zerschellt, wenn man sie bekämpfen will. Sie und mein Sohn haben zwei ganz verschiedenen Wegen zu folgen, obgleich Sie der Zufall einen Augenblick vereinigte, trennt Sie jedoch die Vernunft für ewig. Zn der Lebensweise, die Sie sich freiwillig, ohne Zwang gebildet, haben Sie nicht vorausgesehen, was kommen muß. Sie waren drei Monate lang glücklich, besudeln Sie dieses Glück nicht, dessen Fortdauer eine Unmöglichkeit ist; bewahren Sie daS Angedenken daran in Ihrem Herzen, auf daß eS Sie stark mache; dies ist das Einzige, was Sie von ihm zu fordern das Recht haben. Was ich sage, ist hart; was ich von Ihnen erflehe., ist grausam, aber die Achtung, welche ich für Sie hege, läßt mich so sprechen; ich will Ihrer Urteilskraft, Ihrem Herzen, Ihrer Liebe für mein Kind das Opfer schulden und verdanken, welches ich mit Gewalt und Kraft des Gesetzes von Ihnen verlangen konnte. Eines Tages werden Sie stolz darauf sein, was Sie thaten, und für Ihr ganzes Leben lang werden Sie die Achtung vor sich selbst errungen haben. Ein Mann, der das Leben kennt, spricht zu Ihnen, ein Vater ist's, der zu ihnen fleht. Marguerite, mein Kind, beweisen Sie mir, daß Sie meinen Sohn lieben — Muth — Muth! — Marguerite. (für sich.) Was man also auch thue, das gefallene Geschöpf wird sich niemals wieder erheben! Gott wird ihm vielleicht verzeihen, aber die Welt wird unerbittlich sein! In der That, mit welchem Rechte willst Du im Herzen einer Familie einen Platz einnehmen, den nur die Sittsamkeit allein darin in Besitz nehmen darf? Du liebst! Was liegt daran? Oh! ein hübscher Grund! Welche Beweise deiner Liebe du auch haben magst, man wird nicht daran glauben — und eS ist nur gerecht! Was willst du uns von Herz und Zukunft Vorreden? Woher diese neuen Worte? Betrachte den Schmutz deiner Vergangenheit; welcher Mann wird dich seine Gattin nennen; welches Kind wollte dich Mutter heißen?! Ich zürne Ihnen nicht, mein Herr, Alles, was ich so eben von Ihnen hörte, habe ich mir selbst oftmals mit Schrecken gesagt; da ich aber allein war, es mir zu sagen, so kam ich nie dazu, mich bis an's Ende zu hören, und vor mir selbst zu entfliehen. Sie wiederholen mir es, es ist also Alles wirklich — wahr! Zch muß gehorchen! Sie sprechen im Namen Zhres Sohnes. im Namen Ihrer Tochter zu mir, und es ist noch sehr gütig von Ihnen solche Namen mir gegenüber anzurufen! Nun gut, mein Herr, Sie werden eines Tages zu diesem schönen und reinen jungen Mädchen, ihrer Tochter, sagen — denn für sie will ich mein Glück opfern — daß es irgendwo eine Frau gab, welche nur noch eine Hoffnung, einen Gedanken, ein Glück in dieser Welt hatte, und daß diese Frau bei Anrufung ihres Namens auf Alles verzichtete, ihr Herz zwischen ihren Händen fest zusammengepreßt hat und gestorben ist; denn ich werde daran sterben, mein Herr, und Gott wird mir alsdann vielleicht verzeihen. Duval. Arme Frau. Marguerite. Sie beklagen mich, mein Herr, und weinen; Dank für diese Thränen, sie werden mich stark machen, — Sie wollen, daß ich mich von Ihrem Sohne trenne, seiner Ruhe, seiner Ehre, seiner Zukunft wegen — eS soll geschehen! Was muß ich thun, befehlen Sie, ich bin bereit. 35 Duval. Sie müssen ihm sagen, daß Sie ihn nicht mehr lieben, Madame. Marguerite (traurig lächelnd). Er wird eS nicht glauben. Duval. Sie müssen fort von hier. Marguerite. Er wird mir folgen. Duval. Also. . . . Marguerite. Glauben Sie, mein Herr, daß ich Armand liebe . . . daß ich ihm mit uneigennütziger Liebe zuge- than bin? Duval. Ja, Marguerite! Marguerite. Glauben Sie, daß ich auf diese Liebe den heiligsten Traum, die einzige Hoffnung, die Verzeihung für mein ganzes, vergangenes Leben baute? Duval. Za, Marguerite, ich glaube es! Marguerite. Nun gut, mein Herr, küssen Sie mich einmal, als wenn Sie Zhre Tochter küßten, und ich schwöre Zhnen, daß dieser Kuß, der einzig wahrhaft keusche, den ich empfangen haben werde, mich über meine Liebe wird siegen lassen, und daß Zhr Sohn, noch ehe 8 Tage verflossen sind, bei Ihnen sein wird; vielleicht für einige Zeit unglücklich, aber geheilt für alle Zeiten. Ich schwöre Ihnen ferner, daß er nie erfahren soll, was zwischen uns vorgefallen ist. Duval. Sie sind ein edles Mädchen, Marguerite, aber ich fürchte sehr — Marguerite. Oh! fürchten Sie ! nichts, mein Herr, er wird mich hassen. , (Sie klingelt. — Nanine tritt ein.) Bitte Madame Duvernoy hierher zu kommen. Nanine. Za, Madame! (ab.) Marguerite (zu Duval). Eine letzte Bitte, mein Herr! Duval. Oh! Reden Sie, Madame, reden Sie! Marguerite. Zn einigen Stunden wird Armand den größten, schneidendsten Schmerz fühlen, den er vielleicht, in seinem Leben empfunden hat und empfinden wird. Er wird eine- HerzenS bedürfen, das ihn liebt; kommen Sie wieder hierher, damit Sie in seiner Nähe sind. Und jetzt scheiden wir — Armand kann jeden Augenblick kommen, und Alles würde verloren sein, wenn er Sie hier sähe. Duval. Was wollen Sie thun? Marguerite. Wenn ich eS Zhnen sagte, würde es Ihre Pflicht sein, es mir zu verbieten. Duval. Marguerite, was kann ich aber für Sie thun? Marguerite. Wenn ich todt sein werde und Armand mein Angedenken verflucht, so können Sie ihm sagen, daß ich ihn sehr liebte, und eS auch bewiesen habe. Zch höre nahen, leben Sie wohl, Herr Duval; wir werden unS ohne Zweifel niemals Wiedersehen, mögen Sie immer glücklich sein. (Duval ab.) Fünfter Auftritt. Marguerite. Prudence. Marguerite. (bei Seite.) Mein Gott! Gib mir Kraft! (Sie schreibt einen Brief.) Prudence. Sie ließen mich rufen, meine liebe Marguerite? Marguerite. Ja, ich wünschte Zhnen etwas aufzutragen. Prudence. WaS? Marguerite. Hier diesen Brief zu besorgen. Prudence. An wen? Marguerite. Lesen Sie die Adresse. (Prudence macht eine lebhafte Bewegung.) Still! Eilen Sie schnell! (Prudence ab.) Sechster Austritt. Marguerite, dann Armand. Marguerite (allein). Und jetzt einen Brief an Armand. WaS werde ich ihm sagen? Mein Gott! vergib 3 * 36 mir das Leid, welches ich ihm zufügen werde, vergib ihm das Weh, das er mir bereiten wird. Oh! Ich werde wahnsinnig oder ich träume! — Es isi unmöglich, daß eS geschehe — ich werde nie den Muth haben. . . Man kann doch von einem menschlichen Geschöpf nicht mehr fordern, als es zu thun im Stande ist! Armand (welcher während dem eingetreten ist und sich Marguerite genähert hat). Was machst Du denn da Marguerite? Marguerite. (aufstehend). Armand! — Nichts, mein Freund! Armand. Du schreibst? Marguerite. Nein. . . ja. . . Armand. Woher diese Unruhe, diese Blicke? An wen schreibst Du Marguerite? Gib mir den Brief! Marguerite. Dieser Brief war an Dich, Armand, aber ich bitte Dich, im Namen des Himmels, ihn Dir nicht geben zw müssen. Armand. Zch glaubte, daß wir mit allen Heimlichkeiten und Geheimnissen ein Ende gemacht hätten, Marguerite ? Marguerite. Nicht mehr als mit Mißtrauen und Argwohn wie es scheint. Armand. Vergib mir, Marguerite! aber ich selbst bin sehr sorgenvoll. Marguerite. Großer Gott, was ist denn geschehen? Armand. Mein Vater ist angekommen! Marguerite. Hast Du ihn gesehen? Armand. Nein; aber er hinterließ in meiner Wohnung einen strengen Brief. Er hat meinen Aufenthalt hier erfahren, mein Leben mit Dir. Er will heute Abend kommen. Es wird eine lange Erklärung werden, denn Gott weiß, was man ihm gesagt haben mag , und was ich ihm Alles auszureden haben werde; aber er wird Dich sehen, und wenn er Dich gesehen hat, wird er Dich lieben! Ah! Was ist daran gelegen? Ich hänge von ihm ab, ja — aber wenn eS sein muß, werde ich arbeiten. Oh! Welche Arbeit wird wohl zu schwer für mich sein, wenn ich am Ende meines Tagewerkes Deine Liebe habe? Marguerite (bei Seite). Wie er mich liebt, mein Gott! (Laut) Aber Du mußt Dich nicht mit Deinem Vater entzweien, mein Freund. Er wird hierher kommen, hast Du mir gesagt, — nun gut — ich will mich entfernen, damit er mich nicht zuerst sieht; aber ich komme wieder, werde hier — in Deiner Nähe sein ! Ich will mich ihm zu Füßen werfen, will ihn so herzlich bitten, daß er uns gewiß nicht trennen wird. Armand. In welchem Tone Du mir dies Alles"sagst, Marguerite! Ah! es geht hier etwas vor! Nicht die Nachricht, welche ich Dir so eben mittheilte, ist es, welche Dich so stürmisch bewegt. Du kannst Dich kaum aufrecht erhalten. Hier gibt es ein Unglück— dieser Brief .— (streckt die Hand darnach aus). Marguerite (ihn zurückhaltend). Dieser Brief enthält etwas, das ich Dir nicht sagen kann; Du weißt, eS gibt Dinge, die man weder selbst sagen, noch in seiner Gegenwart lesen lassen kann. Dieser Brief ist ein Beweis von großer Liebe, drn ich Dir gab, mein Armand; ich schwöre es Dir bei unserer Liebe; frage mich nicht mehr! Armand. Oh! Behalte den Brief, Marguerite, ich weiß Alles! Prudence hat mir heute Morgen Alles gesagt, und gerade deshalb ging ich nach Paris. Zch kenne das Opfer, welches Du mir bringen wolltest. Während Du Dich mit unserem Glücke beschäftigtest, ließ ich eS mir ebenfalls angelegen sein. Alles ist jetzt in Ordnung gebracht. Das ist das Geheimniß, welches Du mir nicht vertrauen wolltest. Wie werde ich wohl jemals so viele Liebe belohnen können, gute und theure Marguerite!? Marguerite. Da Du nun Alles weißt, so lasse mich fort. 37 Armand. Fort? Marguerite. Mich wenigstens entfernen ! Kann Dein Vater nicht jeden Augenblick kommen? Ader ich werde nur 12 Schritte von Dir im Garten sein, bei Gustav und Nichette; Du brauchst nurzu rufen, auf daß ich komme! Wie könnte ich mich von Dir trennen? Du wirst Deinen Vater besänftigen, wenn er erzürnt ist, und dann wird unser Plan in Erfüllung gehen, nicht wahr? Wir werden dann fort vereinigt leben und uns wie früher lieben ; wir werden glücklich sein, wie wir es seit drei Monaten sind, denn Du bist glücklich, nicht wahr, Du hast mir nichts vorzuwerfen? Sage es mir, es wird mir wohl thun. Wenn ich Dir aber Kummer gemacht habe, so verzeihe mir, es war nicht meine Schuld, denn ich liebe Dich mehr als Alles auf der Welt! Und auch Du liebst mich, nicht wahr? — Und welchen Beweis von Liebe ich Dir auch gegeben hätte, Du würdest mich nicht verachtet, nicht verflucht haben _ Armand. Warum aber diese Thronen ? Marguerite. Ach! ich hatte wohl Ursache, ein Wenig zu weinen; aber jetzt siehst Du, bin ich beruhigt. Ich gehe zu Gustav und Nichette. Ich bin da, immer bei Dir, immer bereit, Dir zu folgen, Dich immer liebend! Sieh, ich lächle, auf baldiges Wiedersehen für immer. (Ab.) Siebenter Auftritt. Armand (allein), dann Nanine. Armand (zu Nanine, welche das Feuer schürt). Gute Marguerite, wie sehr sie der Gedanke einer Trennung erschreckt! Wie sie mich liebt! Nanine, wenn ein Herr kommt und nach mir fragt — er ist mein Vater — so lasse ihn sogleich hier eintreten. Wenn er nach Margue- riten fragt, so sage ihm, sie sei nach Paris gefahren. Nanine. Gut, Herr Duval! Armand. Ich ängstige mich vergebens. Mein Vater wird mich verstehen. Die Vergangenheit ist todt! Ueberdies, welch ein Unterschied zwischen Marguerite und anderen Frauen! Ich begegnete dieser Olympia, immer nur mit Festen und Vergnügungen beschäftigt; diejenigen Frauen, welche nicht lieben, müssen wohl die Leere ihres Herzens mit Lärm und Geräusch ausfüllen! In einigen Tagen gibt Olympia einen Ball; sie hat mich und Marguerite eingeladen, als ob Marguerite und ich jemals in diese Art Gesellschaft zurückkehren würden! Schon sieben Uhr! Mein Vater wird heute Abend nicht kommen. Nanine, bringe Licht, und man soll das Diner anrichten. Die Zeit scheint mir so lang, wenn sie nicht da ist! Ich will ein Wenig lesen .... Was ist dies für ein Buch? — Ma no n'Lescau t! Oh! die Frau, welche wahrhaft liebt, thut nicht, was du thatest, Manon! ... Wie kommt das Buch hierher? . . . (Nanine kommt mit einer Lampe, und geht ab; er liest, auf's Geradewohk eine Stelle aufschlagend). „Ich schwöre Dir, mein theurer Chevalier, daß Du der Abgott meines Herzens bist, und daß ich nur Dich auf der ganzen Welt so glühend lieben könnte, wie ich Dich liebe; aber siehst Du nicht ein, meine arme, theure Seele, daß die Treue in der Lage, auf welche wir beschränkt sind, eine sehr einfältige Tugend wäre! Glaubst Du, daß man recht zärtlich sein könne, wenn das tägliche Brod fehlt? Der Hunger würde mich irgend ein ver- hängnißvolles Versehen begehen lassen, ich würde eines Tages den letzten Seufzer aushauchen, indem ich glaubte, einen Liebesseufzer auszustossen. Ich bete Dich an, verlasse Dich darauf, oder überlasse mir einige Zeit die Lenkung unseres Glückes; wehe dem, der in meine Netze fällt! Ich arbeite, um meinen Chevalier reich und glücklich 36 zu machen! Mein Bruder wird Dir Nachrichten von Deiner Manon überbringen, er wird Dir sagen, daß sie über die Nothwendigkeit, Dich verlassen zu müssen, geweint hat". .. (Armand stößt da- Buch traurig von sich, und.bleibt einige Augenblicke gedankenvoll fitzen.) Sie hatte Recht, aber sie liebte nicht, denn die Liebe versteht nicht zu vernünfteln... (Geht an's Fenster.) Ah! diese Lectüre hat mir weh gethan, dieses Buch ist nicht wahr. . .(Klingelt — Nanine tritt auf). Mein Vater wird heute Abend nicht mehr kommen, bitte Madame hereinzukommen. Nanine. Madame ist nicht hier, Herr Armand. Armand. Wie, wo ist sie denn? Nanine. Auf dem Wege nach Paris; sie befahl mir dem Herrn zu sagen, daß sie baldigst wiederkommen würde. Armand. Zst Madame Duvernoy mit ihr fortgegan'gen? Nanine. Madame Duvernoy ging schon etwas früher als Madame fort. Armand. Gut . . . (allein.) Sie ist im Stande, nach Paris zu gehen, und den beabsichtigten Verkauf zu bewerkstelligen — glücklicherweise ist Pru- dence gehörig unterrichtet, und wird Mittel finden, sie daran zu verhindern. (Sieht durch'- Fenster). Dort im Garten, scheint mir, sehe ich eine Gestalt, (ruft). Marguerite! Marguerite! Niemand! — Nanine! Nanine! (klingelt). Nanine antwortet auch nicht! WaS soll daS bedeuten? Diese Leere erschreckt mich! In dieser Stille liegt ein Unglück verborgen! Warum habe ich Marguerite fortgelassen? Sie verbarg mir etwas. Sie weinte! . . . Sollte Sie mich betrügen?! — Sie, mich betrügen! Unmöglich, in der Stunde, wo sie daran dachte mir Alles zu opfern. . . Aber vielleicht ist ihr ein Unglück widerfahren. . . Sie ist vielleicht verwundet — todt vielleicht! Ich bin zu unruhig, und will selbst. . . Ein Commissionär (tritt ein). Herr Armand Duval? Armand. Zch bin eS! Commissionär. Hier, mein Herr, ist ein Brief an Sie. Armand. Woher bringen Sie ihn? Commissionär. Von Paris. Armand. Wer hat ihn Zhnen gegeben? Commissionär. Eine Dame. Armand. Und wie kamen Sie bis hierher in diesen Pavillon. Commissionär. Das Gitterthor des Gartens war offen, ich begegnete Niemanden, ich sah Licht in diesem Pavillon, und dachte. . . . Armand. Schon gut — Sie können gehen. (Commisfionär ab). Armand (allein). Der Brief ist von Marguerite. . . . Weshalb bin ich so bewegt! . . . Ohne Zweifel erwartet sie mich irgendwo, und schreibt mir, sie abzuholen. . . (Oeffnet den Brief). Ich zittere! Ach! Wie kindisch ich bin! (Während dieser Zeit ist Herr Duval eingetreten und steht hinter seinem Sohne. Armand liest). „Wenn Sie diesen Brief empfangen, Armand — (Einen Schrei ausstossend) Ha! (Er wendet fich um und fieht seinen Vater). Mein Vater! Mein Vater! (Wirst fich schluchzend in seine Arme, Duval nimmt den Brief und liest ihn). Duval (bei Seite). Armes Mädchen, wie muß sie leiden! (Ende de- dritten Aufzuges.) Vierter Auszug. (Boudoir bet Olympia. — Klügrlthüre im Hintergrund, welche nach einen glänzend erleuchteten Saal führt. — Rechts und links Seitenthüren. — Spieltisch und Spieler rechts; links ein Canaps, worauf Leute fitzen. — Diener mit Erfrischungen gehen hin und her. — Im Hintergründe Herren und Damen auf und abgehend. — Mufik eines Orchesters; Tanz; allgemeine Bewegung.) Erster Auftritt. Gaston, Arthur, derArzt, Prüden ce, Saint-GaudenS,Olympia, An als, Gäste. Gaston (Bank haltend). Wer hält noch, meine Herrn? Arthur. Wieviel ist in der Bank? Gaston. 100 Louisd'or. Arthur. Ich halte 5 Franken. Gaston. Das verlohnt sich auch der Mühe erst lange zu fragen, wie stark die Bank ist, um dann 5 Fran- ken zu setzen. Arthur. Ist Dir's lieber, daß ich 10 Louisd'or auf's Wort halte? Gaston. Nein, nein, nein! (zum Arzt.) Nun Doctor, spielen Sie nicht? Doctor. Nein! Gaston. Was treiben Sie denn da unten? Doctor. Ich plaudere mit reizenden Frauen; ich mache mich bekannt. Ga ston. Sie gewinnen sehr viel dabei, bekannt zu werden. Doctor. Ich gewinne sogar nur das.' Gaston. Wenn man so spielt, so gebe ich die Bank ab. Prudence. Warte, ich halte 10 Franken. Ga ston. Wo sind sie? Prudence. In meiner Tasche. Gaston (lachend). Ich würde 1ü Franken darum geben, sie zu sehen. Prudence. Sieh, sieh, ich habe meine Börse vergessen! ' Ga ston. Das ist eine Börse, die ihr Geschäft kennt. So — hier sind 20 Franken. Prudence. Ich werde sie Dir wiedergeben. Ga ston. Rede keine Dummheiten, (schlägt die Karten auf). Ich habe neun! (schiebt das Geld ein). Prudence. Er gewinnt immer. Arthur. Jetzt verliere ich schon 50 Louisd'or. Anais. Doctor, heilen Sie doch Arthur von der Krankheit der Dick- thuerei! Doctor. Das ist eine Jugendkrankheit, welche mit dem Alter vorübergeht. An als. Er behauptet 1000 Franken verloren zu haben; und er hatte doch nur 2 Louisd'or in seiner Tasche, als er hieherkam. Arthur. Woher wissen Sie das? Anais. Man braucht nur eine Tasche lange zu betrachten, um gleich zu wissen, was d'rinnen ist. Arthur. Was beweist das? Nu — daß ich 960 Franken schuldig bin. An ais. Ich beklage denjenigen, dem Sie sie schulden. Arthur. Sie haben Unrecht, meine Liebe, ich bezahle alle meine Schulden. Anais. Das sagen Ihre Gläubiger gerade nicht. Ga ston. Vorwärts, meine Herrn, setzen Sie; wir sind nicht hier, um uns zu belustigen. — 40 Olympia (mit Saint-Gaudens eintretend). Man spielt also hier? Arthur. Immerfort! Olympia. Geben Sie mir zehn Louisd'or, Saint-Gaudens, daß ich ein Wenig spiele. Gaston. Olympia, Ihre Soiree ist prächtig! Arthur. Saint-Gaudens weiß, was sie kostet. Olympia. Er weiß es nicht, aber seine Frau. Saint-G a ud ens. Der Witz ist hübsch! Ah! Da sind Sie ja, Doktor; ich muß Sie um Rath fragen; ich habe manchesmal einen Schwindel — Doktor. Ah? der Tausend- Olympia. Was sagte er Ihnen? Doktor. Er glaubt eine Gehirn- krankheit zu haben. Olympia. Der Geck! Ich habe verloren, Saint-Gaudens, spielen Sie für mich, und suchen Sie zu gewinnen. Prudence. Saint-Gaudens, leihen Sie mir drei Louisd'or. (Er gibt sie ihr) Anais. Saint-Gaudens, holen Sie mir ein Gefrornes. Saint-Gaudens. Gleich! Anais. Alsdann erzählen Sie uns die Geschichte von dem gelben Fiaker. Saint-Gaudens. Ich gehe schon ! Ich gehe schon! (Ab.) Provence (zu Gaston). Erinnerst Du Dich der Geschichte des gelben Fiakers? Gaston. Ob ich mich erinnere! Ich glaub's wohl; es war bei Marguerite, wo sie uns Olympia erzählen wollte. Ist Marguerite hier? Olympia. Sie soll kommen. Gaston. Und Armand? Prudence. Armand ist nicht in Paris . . . Wißt Ihr denn nicht, was vorgefallen ist? Gaston. Nein! Prudence. Sie sind getrennt. An als. Bah! Prudence. Ja, Marguerite hat ihn verlassen! G a st o n. Wann denn? , Anals. Vor einem Monat, und sie hat wohl daran gethan. Gaston. Wie so? Ana iS. Man soll die Männerim-' mer verlassen, bevor sie uns verlassen. Arthur. Nun, meine Herren, spielt man, oder spielt man nicht? Gaston. Oh! Welch ein Quälgeist Du bist! Glaubst Du, daß ich mir für Deine 100 Sous die Finger abnutzen werde, um Dir die Karten umzuschlagen ? Aber alle Arthur's sind wie Du! Glücklicherweise bist Du der letzte Arthur! Saint-Gaudens (zurückkommend). Hier, Anais, ist das verlangte Gefrorne. Anais. Sie blieben sehr lange, mein armer Alter; aber bei Ihrem Alter . . . Gaston (aufstehend). Meine Herren, die Bank ist gesprengt! Wenn man zu mir gesagt hätte: Gasion, mein Freund, man wird Dir 500 Franken geben unter der Bedingung, daß Du eine ganze Nacht Karten aufschlägst — so würde ich es sicherlich nicht gethan haben. Und nun schlage ich zwei Stunden Karten herum, um 2000 Franken zu verlieren? Ah! Ah! Das Spiel ist ein schönes Geschäft! (Ein Anderer nimmt die Bank.) Zweiter Auftritt. Vorige. Armand. Saint-Gaudens. Sie spielen nicht mehr? Gaston. Nein! Saint-Gaudens (zeigt auf zwei Ecarte-Spieler im Hintergründe). Wetten wir auf das Spiel dieser Herren? Gaston. Kein Vertrauen. Haben Sie sie eingeladen? Saint-Gaudens. Es findFreunde von Olympia. Sie hat die Herren im Auslande kennen gelernt. Gaston. Hübsche Bekanntschaft! Prudence. Seht — seht — da ist Armand! G a st o n (zu Armand). Wir sprachen so eben noch von Dir. Armand. Und was sagtet Ihr? Prudence. Wir sagten, daß Sie in Tours wären, und nicht kommen würden. Armand. Ihr tauschtet Euch demnach, meine Freunde. G asto n. Wann bist Du angekommen ? A r m an d^ Vor einer Stunde. Prudence. Nun, mein lieber Armand, was werden Sie mir Neues erzählen ? 'Armand. Nichts, theure Freundin; und Sie? Prudence. Haben Sie Margue- rite geschehen? Armand. Nein! Prudence. Sie wird hierher kommen. Armand. So? Alsdann werde ich sie sehen. Prudence. Wie Sic das sagen! Armand. Wie soll ich es denn sagen? 'Prudence. Das Herz ist also ge- j heilt? ! Arm an d. Oh! Vollkommen! Würde i ich sonst hier sein? Prudence. So denken Sie demnach nicht mehr an ste? Armand. Ihnen sagen, daß ich ganz und gar nicht mehr an sie denke, hieße lügen; aber ich bin glücklicherweise einer dieser Männer, bei denen sehr viel auf die Art und Weise ankommt, wie man ein Verhältniß bricht. — Marguerite nun hat mir meinen Abschied auf eine so leichtfertige Art gegeben, daß ich mir sehr albern und einfältig vorkam, so verliebt in sie gewesen zu sein, wie^tch es war; denn ich war wahrhaft sehr verliebt in sie. Prudence. Marguerite liebte auch Sie sehr und sie liebt Sie noch immer ein Wenig, aber es war Zeit, daß sie Sie verließ; man wollte Alles bei ihr verkaufen. Armand. Und jetzt ist Alles bezahlt? Prudence. Gänzlich! Armand. Und Herr von Varville hat die Gelder hergegeben? Prudence. Ja. Armand. So ist ja Alles auf das Vortrefflichste bestellt. Prudence. Es gibt Männer, die ausdrücklich nur dazu da sind. Kurz! er ist endlich zum Ziele gelangt; er hat ihr ihre Equipage, ihre Juwelen wieder gekauft, und ihr den ganzen früheren Luxus wieder gegeben . . . Ah! Ah! Sie ist glücklich! Armand. Und sie ist wieder nach Paris gekommen? Prudence. Natürlich . . . Sie wollte, seit Sie, mein Lieber, von Auteuil fort waren, nicht mehr dahin zurückkehren. — Ich ging hinaus, um Margueritens Sachen zu holen, und auch die Ihrigen — dabei fällt mir ein, daß ich Ihnen verschiedene Gegenstände zu übergeben habe; Sie können sie bei mir abholen. Nur ein kleincsPorte- feuille mit Ihrem Namenszuge wünschte Marguerite gerne zu behalten; wenn Sie es aber haben wollen, so werde ich es von ihr zurückfordern. Armand (bewegt). Sie mag es behalten ! Prudence. Uebrigens habe ich sie niemals so gesehen, wie sie jetzt ist; sic schläft fast nicht mehr; läuft auf alle Bälle und bringt ganze Nachte dort zu; neulich blieb sie nach einem Souper drei Tage im Bett, und als der Arzt ihr erlaubte, aufzustehen, fing sie von Neuem an, auf die Gefahr hin, daran zu sterben. Wenn das fortgeht, 4L wird es nicht lange dauern. Werden Sie sie besuchen? Armand. Nein, ich wünschte sogar jeder Art von Erklärung aus dem Wege zu gehen. Die Vergangenheit ist am Schlagfluß gestorben, Gott sei ihrer Seele gnädig, wenn sie eine hatte! Prudence. Schön! Sie sind vernünftig, ich bin sehr erfreut darüber. Armand (bemerkt Gustav). Meine liebe Prudence, da ist einer meiner Freunde, dem ich Einiges zu sagen habe; Sie erlauben wohl? — Prudence. O gewiß! (geht zum Spiel). 2ch halte 10 Franken. Dritter Auftritt. Die Vorigen. Gustav. Armand. Endlich; hast Du meinen Brief empfangen? Gustav. Jawohl, da ich hier bin . . . Armand. Du hast Dich gewiß gefragt-, warum ich Dich bat, zu einer dieser Soireen zu kommen, die so wenig mit Deinen Gewohnheiten übereinstimmen ? Gustav. Ich gestehe es! Armand. Hast Du seit längerer Zeit Marguerite nicht gesehen? Gustav. Nein; — seit ich sie bei Dir gesehen habe, nicht mehr. Armand. Demnach weißt Du nichts? Gustav. Gar nichts, unterrichte mich. Armand. Du glaubtest, daß mich Marguerite liebte, nicht wahr? Gustav. Ich glaube es noch. Armand (gibt ihm Margucriten's Brief). Lies! Gustav. Marguerite hat dies geschrieben? Armand. Sie selbst!, Gustav. Wann? Armand. Vor einem Monat. Gustav. Was hast Du auf diesen Brief geantwortet? Armand. WaS sollte ich antworten? Der Schlag war so unerwartet, daß ich glaubte, wahnsinnig zu werden. Begreifst Du? Sie, Marguerite! Mich betrügen, mich betrügen! Mich, den sie so sehr liebte! So plötzlich, auf die Gefahr, mich durch den Schlag zu tödten! Oh! diese Mädchen haben kein Herz, keine Seele. Ich bedurfte einer wahrhaften, zärtlichen Liebe, um mir zu helfen, nach dem Vorgefallenen noch ferner zu leben. Ich ließ mich von meinem Vater wie ein Wesen ohne Willenskraft führen. Wir kamen nach Tours. Ich glaubte einen Augenblick, daß ich dort leben könnte, es war unmöglich; ich schlief nicht mehr, ich erstickte. Ich hatte diese Frau zu sehr geliebt, als daß sie mir so gänzlich gleichgültig werden konnte; entweder mußte ich sie fort lieben können, oder sie hassen lernen; endlich konnte ich es nicht länger aushalten; eS war mir, als ob ich sterben müßte, wenn ich sie nicht wiedersähe, wenn ich sie nicht selbst sagen hörte, was sie mir geschrieben hatte. Ich wollte der Liebe durch Verachtung entfliehen, die Vergangenheit durch Haß auslöschen! Ich kam deshalb hierher, denn sie wird ebenfalls kommen. Was geschehen wird, weiß ich nicht, aber gewiß wird etwas geschehen, und ich könnte einen Freund nöthig haben. Gustav. Ich bin ganz und gar zu Deinen Diensten, mein lieber Armand; aber im Namen des Himmels überlege Alles wohl, Du hast mit einer Frau zu thun; das Leid, welches man einer Frau zufügt, sieht einer Niederträchtigkeit stark ähnlich. — Armand. Sei es! Sie hat einen Liebhaber; er wird Rechenschaft von mir fordern. Wenn ich eine Niederträchtigkeit begehe, so habe ich Blut genug, um sie damit zu bezahlen. 43 Ein Diener (meldend). Mlle. Mar- guerite Gauthier! Der Herr Baron von Varville! Armand. Da kommt sie! O lymp ia (ihnen entgegen gehend). Wie spät Du kommst. Vierter Auftritt. Die Vorigen. Varville. Mar- guerite. Varville. Wir kommen aus der Oper. (Varville wechselt mit den Männern, welche anwesend find, Händedrücke.) Prudence (zu Marguerite). Geht's gut? Marguerite. Oh! Sehr gut! Prudence. Armand ist hier! Marguerite. Armand! Prudence. Ja! (Jetzt bemerkt Armand, welcher fich an den Spieltisch setzte. Marguerite; sie lächelt ihn, ! schüchtern zu. — Er grüßt sie sehr kalt.) Marguerite. Ich that Unrecht, auf diesen Ball zu gehen. Prudence. Weshalb? Marguerite. Siefragen es mich? ! Prudence. Im Gegentheil; eines oder des andern Tages mußten Sie ! doch mit Armand Zusammentreffen, ! besser früher als später. Marguerite. Hat er mit Ihnen > gesprochen? Prudence. Ja. I Marguerite. Von mir? Prudence. Natürlich. Marguerite. Und er sagte Ihnen?-' Prudence. Daß er Ihnen gar nicht böse ist, und Sie ganz wohl ge- ihan hätten. Marguerite. Desto besser, wenn eö so ist; aber eS ist unmöglich, daß ^ sein kann — er grüßte mich zu kalt, und er ist zu bleich. Varville (leise zu Marguerite). Herr Duval ist da, Marguerite. Marguerite. Ich weiß eS. Varville. Sie schwören mir zu, daß Sie nichts von seiner Gegenwart hier wußten, als Sie hierherkamen? Marguerite. Ich schwöre es Ihnen. Varville. Alsdann versprechen Sie mir, nicht mit ihm zu sprechen. Marguerite. Ich verspreche es Ihnen ; aber ich kann Ihnen nicht versprechen, ihm nicht zu antworten, wenn er mich anrcdet. Prudence, bleiben Sie bei mir. Doktor (zu Marguerite). Guten Abend, Madame. Marguerite. Ah! .Sie sind es, Doktor! Wie Sie mich betrachten. Doktor. Ich glaube, daß dies das Beste ist, was ich thun kann, wenn ich mich Ihnen gegenüber befinde. Marguerite. Sie finden mich verändert, nicht wahr? Doktor. Pflegön Sie sich, Madame, Pflegen Sie sich, ich bitte Sie. Ich werde Sie morgen besuchen, um Sie nach Bequemlichkeit tüchtig aus- zuzanken. Marguerite. So ist'S recht! Schelten Sie mich aus, ich will Sie dafür lieben. Gehen Sie schon? Doktor. Noch nicht, aber bald — ich habe seit sechs Monaten alle Tage um dieselbe Stunde einen Kranken zu besuchen. Marguerite. Welche Treue! (Der Doktor drückt ihr die Hand und entfernt fich.) Gustav. Guten Abend, Marguerite. Marguerite. Oh! Wie glücklich bin ich, Sie zu sehen, Gustav! Ist Nichette auch da? Gustav. Nein! Marguerite. Vergebung! Nichette darf nicht hierher kommen! — Lieben Sie sie recht sehr, Gustav; eS ist so süß, geliebt zu werden. (Trocknet fich die Augen.) Gustav. Was fehlt Ihnen, Marguerite? Marguerite. Oh! Mein guter Gustav, ich bin sehr unglücklich! 44 Gustav. Weinen Sie nicht! Warum sind Sie her gekommen? Marguerite. Habe ich einen eigenen Willen? Und überdies, muß ich mich nicht betäuben? Gustav. Gut; aber nun folgen Sie mir, und verlassen Sie sogleich den Ball. Marguerite. Warum? Gustav. Weil man nicht weiß, was geschehen kann — Armand- Marguerite. Armand haßt und verachtet mich,-nicht wahr? Gustav. Nein, sondern Armand liebt Sie. Sehen Sie, wie blaß er ist; er ist nicht Herr seiner selbst, es könnte zwischen ihm und Herrn von . Varville zu einem bösen Auftritt kom- men. Schützen Sie ein plötzliches Unwohlsein vor, und gehen Sie fort. Marguerite. Ein Duell meinetwegen, zwischen Varville und Armand! Oh ! Unmöglich. Sie haben Recht, Gustav, ich werde fortgehen. (Dtebt auf.) Varville (nähert sich ihr). Wo gehen. Sie hin, Marguerite? Marguerite. Ich bin leidend, mein Freund, und wünsche mich zu entfernen. Varville. Nein, Sie sind nicht leidend, Marguerite, Sie wollen sich entfernen, weil Herr Duval hier ist, und thut, als ob er Sie nicht beachte; aber Sie werden einsehen, daß ich weder eine lächerliche Rolle spielen will noch darf, indem ich den Ort verlasse, wo er ist. Sie wollten auf diesen Ball gehen, Sie sind da, bleiben Sie also auch. Olympia lzu Marguerite). Welche Oper war heute Abend? Varville. Die Favoritin! Armand. Die Geschichte einer Frau, welche ihren Geliebten hintergeht. Prudence. Oh! Das ist etwas Alltägliches. Anars. Das heißt, es ist nicht wahr; es gibt keine Frau, welche ihren Geliebten hintergeht. Armand. Oh! Ich bürge Ihnen dafür, daß es welche gibt. Anars. Wo denn? Armand. Ueberall! Olympia. Aber es ist ein Unterschied zwischen Liebhaber und Liebhaber. Armand. Und zwischen Frau und Frau! Gaston. Aber mein lieber Armand, Du spielst verteufelt hohes Spiel! Armand. Nur um zu sehen, ob das Sprichwort wahr ist: „Unglück in der Liebe, Glück im Spiel!" Gaston. Oh! Da mußt Du höllisch unglücklich in der Liebe sein, denn Du bist sehr glücklich im Spiel. Armand Mein Lieber, ich rechne darauf, heute Abend mein Glück zu machen, und wenn ich viel Geld gewonnen haben werde, gehe ich auf's Land. Olympia. Allein? Armand Nein, mit Jemand, der mich schon einmal begleitet und mich verlassen hat. Vielleicht, wenn ich reich sein werde . . . (bei Seite). Wird Sie nicht antworten! Gustav. Schweige, Armand, sieh doch, in welchem Zustande das arme Mädchen ist. Armand. Oh! Es ist eine schöne Geschichte; ich muß sie Ihnen erzählen. Es kommt darin auch ein Herr vor, der am Schlüsse auftritt, so eine Art I)SU3 6X maebiva, — ein himmlisches Muster! Varville (vertretend). Mein Herr! Marguerite. Varville, wenn Sie Herrn Duval beleidigen, werden Sie mich niemals mehr im Leben Wiedersehen. Arman d (zu Varville). Sprachen Sie nicht mit mir, mein Herr? Varville. In der That, mein Herr; Sie sind so glücklich im Spiele, daß Ihr Glück mich reizt, nnd ich begreife die Anwendung, die Sie von Ihrem Gewinne machen wollen, I» 45 gut, daß ich Ihnen eiligst helfen will, noch mehr zu gewinnen — ich schlage Ihnen eine Partie vor. Armand. Die ich mit großem Vergnügen annehme, mein Herr. . Varville. Ich halte 100 Louis- d'or. Armand. Angenommen. — j e a „ Rrpertoirestück des k. k. Hosdurg-Lheaters. Zweite Auflage. Personen: Gonzales. Stefanie, dessen Gattin. Rodricourt, dessen Cousin. Am ade. Bedienter bei Gonzales, Henriette, Kammermädchen bei Gonzales. Der Portier. Ein Uhrmacher. (Ort der Handlung: Paris, in der Wohnung bei Gonzales.) Erste Scene. (km Speisesaal. Mittelthür im Hintergründe. 3m Vordergründe recht?: Zimmer Gonzale's, ein wenig zurück Stefaniens Zimmer. Links in der Ecke Eintritt nach dem Salon. Links vorne ein Fenster. Anrichttische rechts und links von der Mittelthür. Ein Ofen rechts in der Ecke. Stühle. Ein großer runder Tisch inmitten der Scene. Vor dem Fenster ein Ar- beitstischchen und ein Stuhl, aus letzterem ein Arbeitskorb.) Amadö (allein. Man hört aus dem Salon das Gepolter von dem Falle einer schweren Last, daraus einen Schrei. Amadö tritt angstvoll, verstört aus dem Salon). Niemand hier! Gottlob, man hat nichts gehört. (Wirft sich in einen Sessel, nahe am Salon.) Heiliger Gott, das wird einen Heidenlärm geben! . . . Der Schreck ist mir in alle Glieder gefahren! Wenn der Herr dahinter kömmt, bin ich verloren! Und der Herr Cousin Rodricout erst — ach Gott — ich verliere den Kopf — ich verliere den Verstand — das wäre noch das Wenigste — ich verliere den Dienst. — (Springt auf.) Ah — Mademoiselle Henriette — sie darf noch nichts von dem Unglück wissen und auf meinem Gesichte ist vermuthlich die ganze Geschichte mit Illustrationen zu lesen. Sie darf mich jetzt so nicht sehen! (Schnell ab in de» Salon.) Zweite Scene. Henriette (durch die Mittelthüre, ein Damenhäubchen tragend). Schnell an's Werk! Es ist heute der erste schöne Frühlingstag und es wird die gnädige Frau überraschen, wenn sie das Häubchen heute schon fix und fertig erhält. i 2 Es ist kaum 10 Uhr und wenn ich fleißig bin — (eine Uhr schlägt) ah — 1 — 2 — 3—4 — 5— 6 — 7—8— r. — 10 — 11 — oho 12 — nicht möglich, 13 — 14 — 15 — 16 — 17 — 18 — 19 — (lacht) und so weiter — Was hat denn der Amade wieder angestellt? (Die Uhr hat fort und fort geschlagen, nun hört man ein schnarrendes Geräusch wie von einem Uhrwerk, dessen Kette rasch ab- läust.) Aber was ist denn das? Was treibt er denn? (Will nach dem Salon zu.) Dritte Scene. Amade (aus dem Salon). Henriette. Amadö (die Hände ringend). S'ist aus — Alles ist aus! Henr. Was gibt es denn. Amade? Was ringen Sie denn so erbärmlich die Hände? Amadö. Ich ringe nach Fassung. . Henr. Sie haben die große Uhr im Salon zerbrochen? Amadö. Nein, ich that ihr nichts. Sie hat sich herabgestürzt — es ist Selbstmord — wahrscheinlich aus Melancholie. — Sie fiel aus mich — ich konnte ihren Fall nur mildern, aber nicht hindern — sie siel mit einem dumpfen Seufzer — jetzt haben Sie ihr Todesröcheln gehölt. Es war schauerlich! Henr. Nun, das ist hübsch! Diese prachtvolle Wanduhr, das alte Erb- und Paradestück! Der Herr wird rasen. Amadö. Und er ist schrecklich anzusehen in seinem Zorne, wenn ihm das spanische Vollblut in den Kopf steigt. Henr. Was Sie schwätzen! Er ist ja kein Spanier! Herr von Gonzalös ist ein naturalisirter Franzose. Amadö. Schön! Aber viel zu wenig naturalifirt. Er kommt mir noch sehr spanisch vor. Henr. Was ist jetzt zu thun? Amadö. Ich verlasse dieses Haus. Henr. Ah, nur nicht verzweifeln, wenn der erste Sturm vorüber ist — Am ad 6. Nein, nein, ich warte nicht so lange, das Gewitter könnte einschlagen und mein Rücken ist nicht assecurirt. Henr. Ist denn die Uhr ganz zerbrochen? Die goldene Venus, der Muschelwagen — die Tauben — die Amoretten? — Amads. Die Venus sieht noch ziemlich gut aus — für ihr Alter, die Physiognomie hat ein wenig gelitten—der Muschelwagen hält noch leidlich zusammen, die Amoretten sind ein bischen übel daran — Flügel caput — die schnäbelnden Tauben sind auseinander geflogen, liegen rechts und links von der Uhr, wenden sich den Rücken zu und schmollen mit einander wie ein paar brummige Eheleute — das Alles ließe sich noch machen — aber das Andere, das Innere, die Seele, das Uhrwerk — da ist keine Rettung. Der Wecker weckt nicht mehr, die Uhr schlägt nicht mehr und geht nicht mehr — sie steht auf 27°/. — sie ist ruinirt — ich bin ruinirt — 's ist aus — ich scheide. — Henr. Aber — nehmen Sie doch nur Vernunft an. Amadö (wendet sich traurig nach der Salonthüre). 's ist merkwürdig — ich habe sie kaum angerührt — so schüchtern - so mit Respect — Henr. Also doch — Amadö. Nur ein bischen — ich nahm sie so mit den zehn Fingerspitzen. (Will Henriette um die Taille fassen.) Henr. (sich zurückziehend). Bitte, bitte! Amadö (sehr ernst). Bitte! — Doch — das läßt sich nicht beschreiben! Ein solcher Fall ist mir noch nicht vorgekommen. Henr. Ich muß doch Nachsehen. (Geht in den Salon.) Amad6. Schade! Ich verliere einen guten Platz! Keine Kinder im Hause, keine Hunde — keine Livröe — die Men- 3 schenrechte auch im Bedienten geachtet! Kleine Zerwürfnisse mit dem Herrn abgerechnet war ich vollkommen zufrieden. Und nun jagt mich diese heidnische Venus aus dem Hause. O weh, o Venus! warum hast Du mir das gethan! Henr. (zurückkommend). Ja, die sieht hübsch aus! Aber ich denke doch, der Schaden läßt sich ausbessern. — Schnell, holen Sie Herrn Dollar, unfern Uhrmacher. Amadä. Ah — der Gedanke wäre nicht übel — aber ich darf nicht fort. Ich muß warten, bis der Herr fortgeht. (Gonzales' Stimme aus seinem Zimmer:) Amade! Hören Sie. er ruft schon. — Ich — komme — gleich — soll ich — nicht doch — gleich, gnädiger Herr! Henr. Schließen Sie die Salonthüre! (Amadä thut es, Henriette setzt sich an die Arbeit und stellt den Korb nebenan aus den Boden.) Vierte Scene. Henriette. Amadä. Gonzalös. Ganz, (ungeduldig aus seinem Zimmer). Amadä! was machst Du denn dort an der Thür? Amadä. Ich wollte eben — der gnädige Herr befehlen? Ganz. Andere Handschuhe —siehst Du denn nicht, daß diese schon schmutzig sind? Am ad 6. Nun — ein klein wenig — für mich wären sie noch ausgezeichnet schön. Gonz. (ihm die Handschuhe zuwersend). So behalte sie, aber gib mir andere. Amade (für sich). Er wirft mir den Handschuh hin — der Krieg ist erklärt. (Ab in Gonzalös Zimmer.) Fünfte Scene. Gonzales. Henriette (arbeitend). Gonz. Was seh' ich — mein Cadeau für Stefanien schon fast vollendet? Meiner Frau gefällt also das Häubchen? Henr. Das glaub' ich — es ist so niedlich, so zart — ein wahres Frühlingsgeschenk. Gonz. Nicht wahr? Henr. Alle Welt rühmt den geschmackvollen Putz der gnädigen Frau, und ich nur weiß, daß ihr galanter Herr Ge- mal Alles besorgt — Kleider, Coiffure, Hüte — Gonz. Ich muß wohl, denn meine Frau ist eine Ausnahme von der Regel — sie beschäftigt sich nicht viel mit dem Mode-Journal. Henr. Ja, wirklich, Madame hält nicht viel auf Toilette. Gonz. Sie hat es nicht nöthig — bei so viel natürlicher Anmuth. Henr. Wohl wahr — Alles läßt ihr gut. Gonz. Meine Frau zu schmücken ist meine liebste Freude. Aber wo bleiben denn die Handschuhe? Amade! Sechste Scene. Amade. Vorige. Amadä. Hier. Gonz. Meine Handschuhe! Amadö. Wie so? Gonz. Meine Handschuhe — ich warte darauf. Amadä. Sie liegen drinnen bereit am Kamin, ich glaubte, der gnädige Herr würde sie holen. Gonz. Oh! Amadö. Ich dachte — die Handschuhe 1 * 4 gehören nicht hierher in den Speisesaal. (Geht ins Zimmer zurück.) Ganz. Der Bursche ist merkwürdig boruirt. Amads (kommt mit den Handschuhen zurück). Da find die Handschuhe! Ganz. Ich erwarte meinen Cousin Rodricourt. Am ad 6 (bei Seite). Der Liebhaber der gefallenen Göttin-ich bin verloren. Gonz. Sage ihm, ich sei ausgegangen. Amado (schnell). Der gnädige Herr bleiben also zu Hause? Gonz. Warum? Am ad 6. Nun — wenn der gnädige Herr ausgeht, so sagt der gnädige Herr sonst nie, daß er ausgeht, und so meinte ich — Gonz. Du hast heute sonderbare Anfichten. Ich glaube, Dir ist etwas auf's Gehirn gefallen. Am adö (blickt erschrocken zu ihm auf).. Gonz. Sage also meinem Cousin, ich ließe mich entschuldigen, daß ich ihn nicht erwarten konnte, allein ich muß zu meinem Advocaten. — Ich werde um 5 Uhr zu treffen sein. Hast Du gehört? — Amadö (verwirrt zusammenfahrend). Sehr wohl-Euer Gnaden bleiben nicht zu Hause, und wenn der Advo- cat kommt, so ist er um 5 Uhr zu treffen. Gonz. Das ist zu arg! Mein Cousin wird kommen — und ich werde um 5 Uhr zu treffen sein. Am ade. Richtig, so ist es, der Herr Cousin wird kommen und ich werde um 5 Uhr zu treffen sein. Beeilen sich Euer Gnaden nicht zu sehr — der Herr Cousin kann ja warten. Gonz. Der Bursche könnte mir Spaß machen, wenn er nicht mein Bedienter wäre. (Ab durch die Mitte.) Siebente Scene. Amadö. Henriette. Amadö. Heute hat er wieder seinen bösen Tag — man kann ihm nichts recht machen — er verdreht Einem das Wort im Munde. Henr. Gehen Sie jetzt nur schnell zum Uhrmacher. Amadö. Kann ich denn? Der Herr Cousin soll ja kommen — und — Sie wissen ja, der sieht immer gleich nach seiner Uhr, nach seiner goldenen Venus. Ich habe das Götterbild in den Staub gestürzt, dieses Alterthum von der spanischen Urgroßmutter. Er darf nicht da hin- rin — ich muß Schildwache stehen. Henr. Ach, gehen Sie nur — der Cousin ist nicht so arg — ein wenig boshaft, aber nicht böse. Amadö. Ein neidischer Mensch ist er — den gnädigen Herrn beneidet er um Alles — um sein Vermögen, um seine Frau — Henr. Oh, warum nicht gar. Er ist ja selbst verheiratet und hat eine junge hübsche Frau, die ihn sehr liebt. Amadö. Na, das geht mich eigentlich nichts an — aber die Geschichte mit der Uhr geht wich sehr an — ich muß am Platze bleiben. Henr. Sie können ja Herrn Rodricourt auf gute Manier wieder fortschicken. Amadö. Was versteht der von guter Manier? Er setzt sich dahin, wartet, raucht dem gnädigen Herrn ein paar gute Cigarren weg und schnüffelt im Hause herum. Dafür ist er der Cousin. Nein — ich bleibe — und ich weiß, was ich thue. Im Salon räume ich auf, werfe Alles drunter und drüber, hänge Tücher über die Candelaber, über die Spiegel und die Uhr, dann geht's an's Abstauben — und 5 wie! ich will einen Staub machen, daß kein menschliches Auge da drinnen offen bleiben kann. Es ist ein desperates Mittel, aber es hilft für den Augenblick. Oh — Mademoiselle Henriette, Herzensjett- chen — wenn Sie die Güte hätten — selbst — vielleicht — Henr. Zum Uhrmacher zu gehen? Amadä. Ja — aus Mitleid — Henr. Ich kann nicht — ich habe Arbeit. Am ad 6. Aus Menschlichkeit — gehen Sie — ich will Sie dafür auf den Händen tragen, aber nie fallen lasten — ich schreibe mich in Ihr Stammbuch, ich schenke Ihnen eine Locke aus meinen Haaren-ich heirate Sie. wenn Sie wollen. Henr. Es kömmt Jemand! Achte Scene. Der Portier. Vorige. Amadä. Der Portier! Das ist mein Mann! Er fühlt Erbarmen und geht zum Uhrmacher, es kostet nur 15 Sous. Port. Ein Brief — sehr dringend. Amad6. Don der Post? Port. Nein. Ein Commisfionär hat ihn gebracht. Hier die Postbriefe und Zeitungen. Amadä (legt die Briefe u. s. w, aus den Ofen, für sich). Nur schlau — ein Portier ist neugierig und schadenfroh. (Laut.) Sind Sie sehr müde, guter Robineau? Port. Warum? Am ad 6. Je nun — ich hätte eben einen kleinen Geschäftsgang für Sie — und wenn Sie können — Port. Ist es dringend? Amadä. Nun, das heißt — ich brauche den Uhrmacher, und er kommt nicht. Port. So? Sie haben also eine Uhr zerbrochen? Amadä. Wer sagt das? Nein — bewahre— ich zerbreche nie etwas. Mir geht Alles so leicht von der Hand — ich weiß selbst nicht, wie das kommt, aber wie gesagt, ich zerbreche nie etwas. Port. Das kommt von Ihrer Geschicklichkeit. Amadö. Meinen Sie? Port. Also, was soll ich bei dem Uhrmacher? Am ad e. Nun, sehen Sie, es handelt sich um eineUeberraschung. Ich will einem Freunde ein Hochzeitsgeschenk machen, und da — möchte ich eine Uhr — eine silberne Taschenuhr. Port. Natürlich. Sie werden ihm doch keine goldene geben. Amadö. Oh — warum nicht, wenn ich sie um denselben Preis bekomme wie die silberne — das würde mich gar nicht geniren. Port. Das ist nicht wahrscheinlich. Amadä. Na. also, mit einem Worte, ich möchte mit dem Uhrmacher reden. Wollen Sie so gut sein, ihn zu bestellen? — Herr Dollar, Rue Choiseul — rechnen Sie auf meine Dankbarkeit und auf i5 Sous. Port. 15 Sous, das ist die Hauptsache. (Im Abgehen.) Uhrmacher Dollar— ich gehe gleich. (Ab.) Neunte Scrne. Henriette. Amadö. Am ad 6. Uf — das wäre überstanden. Ich war schlau, sehr schlau, wie? — O, dieser Uhrmacher erscheint mir jetzt wie ein Regenbogen nach dem Gewitter. O Mademoiselle Henriette — wenn er vielleicht findet, daß die Uhr gar nicht stark hergenommen ist! Henr. Oder gar, daß ihr der Fall recht gesund gewesen ist! (Die Thüre von Stefaniens Zimmer wird geöffnet.) Amad 6. Ah, da kommt wieder die gnädige Frau! — Keine Ruhe! — Das Dienen wäre hier so angenehm, wenn die Herrschaft nicht wäre. Jetzt geh' ich in den Salon — aufräumen. (Ab in den Salon.) Zehnte Scene. Henriette. Stefanie. St es. Mein Mann ist wohl schon fort? H enr. Soeben — Sie wissen es nicht, gnädige Frau? Stef. Ja wohl, ich vergaß nur ihm etwas zu sagen. Henr. Er ist zu seinem Advocaten gegangen-soll ich Amadä nach ihm schicken? Stef. Nein, das ist nicht nöthig. Was seh' ich — mein Häubchen nahezu fertig! Da kann ich es wohl Abends schon tragen? Henr. Ja, wenn ich nur erst die Bänder dazu hätte — aber gehe ich aus, um sie zu kaufen, so wird das Häubchen nicht fertig, gehe ich nicht aus, so bleibt das Häubchen ohne Bänder. Stef. Da will ich sie selbst kaufen. Henr. Das wäre wohl gut, gnädige Frau; Sie könnten da ganz nach Ihrem Gefallen wählen. Stef. Geben Sie mir ein Muster mit. Henr. (rin Stückchen Band aus dem neben ihr stehenden Arbeitskorbe nehmend). Hier, gnädige Frau — ein klein wenig dunkler, meine ich, dann soll sich das Ganze wunderzart ausnehmen. Stef. Ein Hut wäre mir doch fast lieber gewesen. H eur. O, wenn der gnädige Herr das wüßte — Stef. So würde er auf der Stelle auch noch einen Hut kaufen. Henr. Gewiß. Stef. Darum müssen Sie ihm auch ja nichts davon sagen, Mademoiselle — gewiß nicht. Henr. (lächelnd). Fürchten Sie nichts, gnädige Frau — Sie sollen keinen Hut bekommen. Stef. Nun gehe ich. (Da Henriette aufstehen will.) Bleiben Sie nur — Ihre Zeit ist kostbar. (Ab in ihr Zimmer.) Henr. (allein). Eine Musterehe, wahrhaftig! Vier Jahre verheiratet, und diese Aufmerksamkeit von beiden Seiten. — (Es wird von außen geläutet.) Eilfte Scene. Henriette. Amads. Der Uhrmacher. Amadä (aufgeregt aus dem Salon). Er ist's — der Uhrmacher! (Geht durch die Mittelthüre, um zu öffnen.) Henr. (steht auf und lauscht an Stefaniens Zimmerthüre). Amadö (zu dem mit ihm eintretenden Uhrmacher). Gott sei Dank, daß Sieda find, Herr Dollar — Uhrm. Sie wünschen Uhren zu sehen? (Stellt seinen Hut auf den Stahl, welchen Henriette verließ, und zieht ein Etui mi; Uhren aus der Tasche.) Am ad 6. Nein. Uhrm. Nicht? Wer denn? Amadä. Pst! (Zu Henriette, welche ihm zuwinkt.) Die gnädige Frau? Henr. Ja. Uhrm. (zu Amadä). Also! Am ade. Kommen Sie mit mir, Sie müssen mich retten! (Führt den Uhrmacher in den Salon.) Zwölfte Scene. Henriette. Stefanie (zum Ausgehen gekleidet). Stef. Dieses Musterstückchen ist doch zu klein, geben Sie mir ein größeres. Henr. (stellt einen Korb auf den Tisch in die Mitte der Scene und sucht). Sogleich, gnädige Frau. Amads (im Salon seufzend). Oh! Stef. Was war das? Henr. Amads seufzt im Salon. — Ich glaube er hat Zahnschmerzen. (Ein Stück aus dem Korbe nehmend.) — Dieses Stück wird eben recht sein — nicht wahr? Stef. Das genügt. Mein Mann kommt erst um fünf Uhr nach Hause, da habe ich ja Zeit im Ueberfluß. (Ab durch die Mitte.) Dreizehnte Scene. Henriette. Darauf Amads. Henr. (öffnet die Thüre des Salons und ruft hinein). Amads, seufzen Sie nicht so laut, die gnädige Frau hat es gehört! (Geht nach ihrem Arbeitstischchen zurück, ohne sich niederzusetzen, und stellt den aus ihrem Sessel stehenden Hut aus den großen Mittel- t'H.) Amadö (aus dem Salon). Was sagen Sie? Die gnädige Frau — Henr. Ja wohl. Jetzt ist sie aber schon fort. Nun, wie steht's? Ist der Uhr Zu Helsen? Amads. Alles in Ordnung. Es ist nur die Feder gesprungen, die Kette abgerissen, das Schlagwerk ruiuirt, sonst fehlt ihr gar nichts. Herr Dollar verspricht, in vier Tagen könne die Uhr wieder frisch und gesund am Kamin stehen. Ich bin gerettet — denn die Herrschaft benützt den Salon nur an Sonntagen und heute ist Dienstag. — O, ich bin so froh — ich muß Sie umarmen, Mademoiselle Henriette! Henr. Bitte, ist nicht nöthig. (Ab durch die Mitte, das fertige Häubchen mit sich nehmend.) Vierzehnte Scene. Amadö. Dann der Uhrmacher. Amads. Jetzt hole ich schnell einen Wagen und packe die Uhr sammt dem Uhrmacher hinein. (Es wird geläutet.) Man läutet? Es ist gewiß der Herr Coufiu. Was fange ich jetzt an? Er darf nicht sehen, daß man seine Venus entführt. — (Der Uhrmacher kommt aus dem Salon. Er trägt in beiden Armen die Uhr, in ein Tuch eingehüllt. Es wird wiederholt geläutet.) Oh — das ist nicht der Cousin — au diesem Zuge erkenne ich die Hand des Herrn! Uhrm. Wollen Sie mir nicht die Thüre öffnen? Amads. Ich kann nicht. Uhrm. Ich aber auch nicht. Gonz. (von außen rufend). Amads! — So mach' doch auf — zum Geier! — Amads! Amadö. Jetzt geht's los! der Herr schon zurück! Wo steck' ich den Uhrmacher hin? Lieber Herr Dollar, haben Sie die Gewogenheit — treten Sie in dieses Zimmer — schieben Sie den Riegel vor und antworten Sie nur auf meine Stimme! Uhrm. Warum nicht in den Salon? Amads. Nein, die Thür ist dort nicht zu verriegeln. Uhrm. Aber das ist ja das Zimmer der gnädigen Frau — Amads. Was schadet es — Sie find ja nur der Uhrmacher! (Drängt den Uhrmacher in Stefaniens Zimmer.) So, und 8 üun den Riegel vor — den Riegel. (Man hört das Geräusch eines Riegels, welcher vorgeschoben wird.) Gut! Gonz. (von außen). Amadv! Am ad 6. So — jetzt werd ich aus Verzweiflung Bauchredner — der Herr muß glauben, ich sei oben in meinem Zimmer. (Rust durch die vorgehaltenen Hände mit dumpfer Stimme.) Ich komme schon! — Aber um der Sache mehr Wahrscheinlichkeit zu geben, muß er glauben, ich habe mich oben gerade angekleidet und sei so herabgelaufen. (Legt den Rock und die Lravatte ab.) So ist's natürlich. — Nun muß ich mich ein wenig künstlich außer Athem setzen. (Läuft um den runden Tisch herum und ruft etwas lauter:) Ich komme schon! Fünfzehnte Scene. Gonzalös. Amade. Gonz. Dir sollen aber doch zehntausend Donnerwetter in dieBeine fahren. Amadö. Vergeben Sie, gnädiger Herr — ich war oben — in meinem Zimmer, um mich anzukleiden — Sie sehen — ich kann nichts dafür — bitte um Entschuldigung für mein Negligö. Hier find Briefe und Zeitungen gekommen. (Gonzales liest die Briese.) Amadö (beis. nach der Thür blickend, hinter welcher der Uhrmacher versteckt ist). Wenn der da drinnen nur nicht etwa den Schnupfen hat. Wenn er hustet oder gar nieset, dann—helf Gott. Amadö! (Man hört eine Uhr schlagen.) Oh — er zieht die kleine Wanduhr der gnädigen Frau auf. Verdammter Uhrmacher! Er kann das Geschäft nicht lasten! Ich muß Lärm machen, damit der Herr nichts hört. (Rückt die Stühle mit Geräusch hin und her.) Nun ist's wieder stille! (Sieht den Hut des Uhrmachers.) Himmel — sein Hut — er hat seinen Hut vergessen! Gonz. (der mehrere Briefe flüchtig durchblickt hat, stutzt plötzlich). Wie — ein anonymer Brief? Eine verstellte Handschrift — und gar Verse? (Liest.) »An einen Ehemann. Armer Gatte, der Du blind vertrau'st. Auf deines Weibes feste Treue bau'st! Wie sehr betrügt man Dich! Ein Marder haust in deinem Taubenschlag Und sucht ihn heim am Hellen, lichten Tag, O Mann, Du dauerst mich!« (Während Gonzalös liest, hat sich Amadö wieder anzekleidet und sucht den Hut unbemerkt zu entfernen, schreckt aber immer zurück, so oft er sich von Gonzales beobachtet glaubt.) Ein schlechter Scherz in schlechten Versen. — Es ist erbärmlich — und doch ärgerlich. Am ad 6 (stellt sich vor den Tisch und hält den Hut hinter sich). Wollen der gnädige Herr vielleicht in Ihr Cabinet? Es ist in Ordnung. Gonz. Gleich (Gibt seinen Hut an Amade, während er an ihm vorübergebt Amado, der beide Hüte in den Händen hält, macht verzweifelte Wendungen, um den Hut, welchen er hinter seinem Rücken hält, zu decken.) Amade (für sich). Nun— geht er denn nicht? Gonz. (bei Seite). Wie unwürdig! Stefanie — meine liebe, engelgute Stefanie zu verdächtigen. Auch sie hatFeinde! — Ich will zu ihr, meinen Aerger zu vergessen. (Geht nach Stefaniens Zimmer und will öffnen.) Amadö (bei Seite). Herr des Himmels! (AuS Schrecken vergißt er aus die beiden Hüte, stellt sie aus den runden Tisch und geht rasch aus Gonzalös.) Ganz. Stefanie! — Sie hört nicht! Der Riegel ist vorgeschoben. (Zu Amadö.) Ist meine Frau noch in ihr em Zimmer? 9 Am ad 6. Ja wohl! — Sie probirt glaub' ich, ein neues Kleid — mehrere Kleider — Ganz. Ich höre ja gehen — sehr schwere, dumpfe Schritte. Amadö (be Seite). Ec untersteht sich zu gehen, der unglückselige Uhrmacher! (Laut.) Das ist gewiß Henriette — die hat mitunter einen so ausgiebigen Auftritt. Gonz. Stefanie! Henriette! — Keine Antwort! (Sieht den Hut.) Wem gehört der Hut? Amade (kalt und gelassen). Weiß nicht. S'ist vielleicht nur der Schatten von dem Hut da. Gonz. (geht unruhig nach der Thüre zu Stefaniens Zimmer und fängt an ärgerlich zu werden). Am ad 6 (bei Seite). Ah — ein Gedanke! (Laut.) Wenn es Ihnen recht ist, gnädiger Herr, so will ich von der andern Seite, von der kleinen Treppenthüre aus anpochen. (Läuft durch die Mitte ab.) Gonz. (zerstreut). Meinetwegen. Aber dieser Hut! — Es ist ein Fremder hier — (Sieht durch das Schlüsselloch.) Ha — ich täusche mich nicht — ein Mann — ein Mann im Zimmer meiner Frau. Er lehnt am Kamin. — Nun sehe ich ihn nicht mehr. — O, ich muß Gewißheit haben -(Geht nach der Mittelthür. Man hört rechts das Geräusch eines Riegels.) Es ist ZU spät! Amadö (aus Stefaniens Zimmer), 's ist Niemand mehr da — die gnädige Frau ist über die kleine Treppe hinab ausae- gangen und Mademoiselle Henriette hat vergessen den Riegel zurückzuschieben. Gonz. Schon gut. (Bei Seite.) Ich werde mich doch überzeugen — (Schnell ab in Stefaniens Zimmer.) Amadö (allein). Gott sei Dank, der Uhrmacher ist fort — mit meinem Hut, der ihm zu klein ist. — Er muß ihn auf dem Kopfe balanciren. Der Herr ist heute besonders argwöhnisch, aber Amadö ist pfiffig! O — die Hintertreppen find eine prächtige Erfindung! Der verdammte Hut — wenn er nur den nicht gesehen hätte — aber ein Hut beweist nichts und plaudert nicht. (Trägt den Hut in den Salon.) Sechzehnte Scene. Gonzalös (allein durch die Mitte zurück). Niemand zu finden. Er ist fort. Und sie — verbirgt sich oder flüchtet sich aus Furcht. Nein — unmöglich! Stefanie ist unfähig mich zu hintergeheu. — Ich sehe das ein, aber — dieser Mann war da — ich sah ihn selbst. Hm — seine Anwesenheit kann ja eine sehr harmlose Ursache haben. Ich quäle mich umsonst — ich fühle es — ich möchte über mich selbst lachen — aber es geht nicht!-Und warum? Bloß der verwünschte Brief macht mich so argwöhnisch —! Hm! die- serHut — dasDerschwinden meinerFrau — Amadö's Verlegenheit. — Ja — Amadv soll mir Licht geben — er ist zu dumm, um lange zu lügen. Amadö! Siebzehnte Scene. Am ad 6. Gonzalös. Dann Rodricourt. Amadö (aus dem Salon). Sie haben gerufen, gnädiger Herr? Gonz. Ja. Wer war hier während meiner Abwesenheit? Am ade. Niemand. Gonz. So!?-Wem gehörte der Hut dort? Amadö (nach dem Tische zu gehend). Der? Gonz. Der ist der meinige. Amadö. Ja — es ist der Ihrige. Gonz. Und der andere? 10 Amadö. Der bewußte unbewußte — der ist nicht mehr anwesend. Ganz. Wo ist er hingekommen? Amade. Die Wahrheit zu gestehen — ich weiß es nicht. Er ist bereingekom- men—ich weiß nicht woher, er ist verschwunden — ich weiß nicht wohin. Gonz. Merkwürdig! Amadä. Za, 's ist vielleicht so eine Art Geisterhut, der sich unsichtbar machen kann, das wäre schauerlich. Gonz. Ist etwa Cousin Rodricourt hier? (Es wird von außen geläutet.) Amadö. Ich glaube, jetzt kommt er. (Durch die Mitte ab.) Gonz. Der Schlingel ist ganz verdutzt — er weicht meinen Augen aus. Aber nur ruhig, besonders vor Rodricourt muß ich mich zu fassen suchen. Rodr. (mit Amadö eintretend). Guten Tag, Cousin. — Wie geht's? — Immer glücklich — immer verliebt — immer zärtlich! Gonz. Immer. Rodr. Wie Du das sagst! — Es klingt fast, als spottest Du über Dich selber. Gonz. Im Gegentheile — ich spotte über Dich, der Du an mein Glück durchaus nicht glauben willst. Rodr. Hm! — Kann man mit Dir frühstücken? Gonz. Nun ja — ich habe zwar wenig Appetit, aber wir wollen frühstücken, viel, gut frühstücken. Rodr. (leise). Was hat er nur? Er ist nicht heiter. Gonz. (ruft). Amadö! Amads (vortretend). Zu Befehl? Gonz. Besorge uns ein Frühstück. (Amadö ab durch die Mitte.) Ich ging zeitlich aus dem Hause und vergaß wirklich aufs Frühstück. Dieser fatale Prozeß - Rodr. Hast Du ihn verloren? Gonz. Nein — die Entscheidung ist vertagt. Rodr. So? — Ich dachte nur, weil Du ausfiehst wie Jemand, der etwas verloren hat. (Amadö bringt das Frühstück auf einer Ser- virtasse.) Gonz. Ich — habe Kopfschmerz — — wenn ich ein wenig esse, wird fich's geben. Rodr. Und die schönste der Frauen, die Dame des Hauses — wo ist sie? Gonz. Sie ist ausgegangen. Rodr. Auf längere Zeit vermuthlich? Und des Abends kommt sie zurück mit einigen Ellen Seidenband, um derentwillen sie alle Kaufläden durchmustert hat. Ich kenne das. damit werden die Frauen nie fertig. (Bei Seite.) Er scheint ärgerlich, das amüsirt mich. Achtzehnte Scene. Gonzalös. Rodricourt. Amadö. Am ad 6 (die Couverts auflegend). So ein complicirtes Frühstück ist eine wahre Erfindung eines gelangweilten Gehirns für einen blasirten Magen. — Na — ich weiß wahrhaftig nicht, was ich thue! — (Trägt eine Lampe nach dem Ofen zurück, welche er aus den Tisch stellen wollte.) Rodr. (zu Gonzalvs). Willst Du wetten. daß Stefanie eineRundreise auf Bänder macht? Gonz. Nun — und wenn es so wäre — Rodr. Nun — so liegt weiter nichts daran — ich habe nur eben Lust zu wetten — um deine Denusuhr. — Amads. Was ist's mit der Venusuhr? (In seiner Verwirrung gibt er den Rettig in die Zuckerdose und den Zucker auf die Rettig- schüssel.) Rodr. Gestern sah ich bei Montbro eine Uhr im ähnlichen Styl, aber doch ohne Vergleich mit der deinigen — die 11 da drinnen ist ein Unicum. — (Nähert sich der Salonthüre.) Amadä (bei Seite). Jetzt ist der kritische Augenblick da. Ich halte die Position um jeden Preis. (Läuft nach der Salonthüre und fegt mit einem Staubbesen an der Thür herum.) Rodr. (iu den Salon blickend). Wo ist denn die Uhr — ich sehe sie nicht? Amadä (innen an der Thür). Ich sehe sie aber. Ich habe sie vom Kamingesims weggenommen, um abzustauben. Sie steht auf dem Divan — zugedeckt — die Kiffen liegen vor. Ich sehe sie deutlich durch — weil ich weiß, was dahinter steckt. Rodr. (gibt seinen Hut Amadä, der ihn in den Salon trägt und gleich wieder herauskömmt. Rodricourt geht nach der Mitte zu). Da drinnen sieht es ja aus wie nach einem Erdbeben. Alles steht aufeinander und durcheinander. Am ad 6 (aus dem Salon eintretend). Wird schon wieder anders aussehen. Bitte - Herr Cousin —wollen Sie nicht stühstücken? — Der Rettig wird kalt — das heißt — (Für sich.) Ich bin ganz confus. (Folgt Rodricourt, der sich links zum Tische setzt und fängt an auch dort das Geschirr u. s. w. abzustauben.) Rodr. (ihn sixirend). Was machst Du denn? Amadv (zurückprallend). Ob — Gonz. (der sich, in Gedanken verloren, an die rechte Seite des Tisches gesetzt — vor fish hin). Nein — gewiß nicht — sie nicht — es ist undenkbar. — (Nimmt den Rettig aus der Zuckerdose und wirst ihn iu seine Tasse.) Rodr. Du zuckerst deinen Thee wit Rettig — — wenn's noch Rüben wären — Gonz. Daran ist Amadä Schuld. Rodr. Richtig. Er hat den Zucker da herein in die Schüssel geworfen. Gonz. Amadü — bist Du heute ganz Am ad Um Verzeihung — ich bin ein wenig zerstreut. Rodr. Schenke ein, Gonzales, ich habe Durst. (Hält sein Glas hin, Gonzaläs schenkt ihm Thee aus der Kanne ein.) Eh! — Du verbrennst mir die Hand — ich wollte Wein. Gonz. So? Ich glaubte. Du wünschest Thee! Rodr. Meinetwegen auch das. — (Nimmt eine Tasse; Amade schenkt ihm Wein hinein.) Aber das ist doch zu toll. Wie der Herr, so der Diener. (Zu Amadö.) Geh', laß uns allein. Amadä (bei Seite). Mit Vergnügen. (Ab durch die Mitte.) Neunzehnte Scene. Gonzales. Rodricourt. Rodr. Verhehle es mir nicht, Freund — Dir liegt etwas auf dem Herzen. Erleichtere Dir's — wo fehlt's? Verdruß im Hause — eine Scene mit der Frau — vielleicht eine gewisse Eifersucht mit oder ohne Grund — Gonz. O nein Rodr. Aber doch ein Verdacht — die Ahnung eines Verdachtes? — Hm, quäle Dich nicht — bei jeder Frau muß man immer das Beste hoffen — das Beste glauben, aber — auf das Schlimmste gefaßt sein. — Soll ich weiter rathen? -Der Vicomte macht Dir Kopfschmerz, wie? Gonz. Was für ein Vicomte? Rodr. Der hübsche junge Mann aus dem Jokei-Clubb. Gonz. Oh — lächerlich! Rodr. Er verfolgt deine Frau mit Aufmerksamkeiten — ich sage nicht, daß sie darauf Acht gibt. Gonz. Davon bin ich überzeugt. Rodr. Sei nur nicht gar zu sicher. Du glaubst eine der hübschesten Frauen von l 12 Paris so ganz ruhig besitzen zu können, obne gefährliche Blicke und verdeckte Angriffe befürchten zu dürfen? Du glaubst, deine Frau muffe nnd dürfe nur Augen und Herz für Dich allein haben? Welchen Anspruch hast Du auf dieses ausschließliche Privilegium? Gonz. Bin ich nicht ihr Mann? Rodr. Ihr Mann! Nnd darum willst Du Dich als spanische Wand gegen ihre Bewunderer stellen? Gonz. Bewunderer kann ich nicht ab- wehren — so lange sie nicht zu nabe treten; übrigens hat es keine Gefahr — meine Frau ist nicht cokett. Rodr. Um so schlimmer. Die Koketterie der Frauen ist eine kleine Münze, die sie an bettelnde Verehrer auswerfen — hier ein Lächeln — dort ein freundlicher Blick. — Die armen Narren sind zufrieden und bescheiden sich — wenn aber die Frauen keine solche kleine Münze führen — Gonz. Bah — Stefanie liebte mich immer — liebt mich noch. Rodr. Das ist wahr — und aufrichtig gestanden — das hat mich immer gewundert. Gonz. Warum? Rodr Aus dem Grunde, den Du vorhin geltend gemacht hast. Du bist ihr Mann, das heißt wie alle Männer, brummig, struppig, borstig. Gonz. Ich bin kein Ehemann von der Sorte. Ich war meiner Frau gegenüber bisher stets wie ein aufmerksamer Verehrer. So hielt ich es seit vier Jahren. Meine Fr u sah mich nie brummig, struppig oder borstig, verstehst Du? Rodr. Sehr wohl (ausstehend) und ich höre das mit Vergnügen. Gonz. Wie so? Rodr. Ich machte mir zuweilen stille Vorwürfe; jetzt aber, da ich sehe, daß auch Zärtlichkeit und Rücksicht gegen die Frau nicht vor gewissen Gefahren schützen, jetzt bin ich getrost und froh. Gonz. Aus Dir spricht pure Bosheit. (Gleichfalls ausstehend.) Laß mich zufrieden mit deinen ehelichen Grundsätzen. Rodr. Du wirst mein philosophisches System schon nach und nach richtig finden. Oh, der Anfang der Erkenntniß ist schmerzlich, aber man gewöhnt sich daran, nnd am Ende ist die Lage eines dupirten Ehemannes gar nicht so übel. Oh. die Weiber werden unendlich liebenswürdig und zuvorkommend, sobald sie sich schuldig wissen; da suchen sie mit unermüdlicher Sorgfalt das Unrecht gut zu machen. Da studiren und schonen sie deinen Geschmack, deine Schwächen, deine Launen, sie find außerordentlich reizend in ihrer Reue, zum Küssen liebenswürdig in ihrem Schuldbewußtsein. Sie überraschen Dich mit kleinen Gelegeuheitsspenden. sie besorgen deine Garderobe mit musterhafter Genauigkeit, bringen deine Lieblingsgerichte auf die Tafel. Jst's bei Dir nicht so? Noch nicht? Nun, dann hast Du von dem Vicomte noch nichts zu fürchten. Gonz. (ärgerlich). Schon wieder dieser Popanz — ich kenne ihn gar nicht. Rodr. Aber er kennt Dich wohl. Als Du gestern in deine Loge tratest, verschwand er augenblicklich aus der seinigen. Gonz. (unruhig). Wie, ist es der schmächtige, blonde Geck, der gestern im Theater uns gegenüber war? Rodr. Ah. Du hast ihn doch bemerkt? Gonz. (für sich). Der Mann da drinnen hatte seine Statur — wenn er — Rodr. Er ist jung, schlank — ein gefährlicher Anbeter. Gonz. Satan! Rodr. Hm — nimm es wie ich — sei Philosoph. Gonz. (gereizt). Deine Philosophie ist teuflisch. Rodr. Du bist ja ganz wüthend — scherzte nur. Also hätte ich doch einen wunden Fleck getroffen? 13 Gonz. Nichts, nichts, aber geh' — laß mich jetzt allein. Rodr. Mein Freund, Du dauerst mich. Gonz. (drohend). Ich verbitte mir dein Bedauern. Rodr. Nun, nun. beruhige Dich nur. Auf Wiedersehen! (Bei Seite.) Sonderbar — wenn ich ihn glücklich sehe, ärgert's mich, und wenn ich ihn unglücklich glaube, thut es mir leid um ihn. (Sieht sich nach seinem Hut um.) Gonz. (für sich). Ja — Er war uns gegenüber. Rodr. Wo habe ich denn meinen Hut? (Geht in den Salon.) Gonz. (allein). Wo sie nur bleibt? O dieser Vicomte — ich fordere ihn. — Wenn ich nur seinen Namen wüßte —! Rodr. (zurückkommend, einen Hut in der Hand). Lebe wohl, Cousin. Ohne Groll! (Setzt den Hut des Uhrmachers auf, der ihm viel zu klein ist.) Was ist denn das für ein Hut? Gonz. (schnell). Ein fremderHut?(Für sich.) Es ist Jemand im Salon versteckt. Rodr. (ruft). Amads! Zwanzigste Scene. Amade. Gonzales. Rodricourt. Amade (durch die Mitte). Oh — ich bitte! (Hält Rodricourt zurück, der in den Salon gehen will, nimmt ihm den Hut ab und eilt in den Salon. Gonzaläs betrachtet scharf den Vorgang.) Rodr. (im Hintergründe Gonzales sixi- rend). Dahinter steckt etwas. Der Hut beunruhigt ihn. Amadä (zurückkommend — hält den Hut bts Uhrmachers hinter dem Rücken und gibt Rodricourt seinen Hut). Hier ist Ihr Hut. Rodr. Ich muß erfahren, wo der Vicomte ist. (Ab.) Eiuundzwanzigste Scene. Gonzales. Amade. Gonz. (der mit Mühe an sich hielt, stürzt in den Salon). Amads (wirst den Hut des Uhrmachers in den Anrichttisch zur Rechten und verfolgt Gonzales mit den Augen). Verdammter Hut! —Der Heerr fiht sich drinnen überall um. Jetzt steht er am Kamin. — Er sieht die Uhr, die nicht da ist — mein letztes Ständlein schlägt! Gonz. (kommt zurück, für sich). Der Salon ist leer —! Aber Stefanie — wo ist sie? (Faßt Amade am Rock und führt ihn in den Vordergrund.) Sprich jetzt, alter Sünder — wo ist sie hingekommen? Amade. Gnade, Herr, Gnade! — Es ist ja das erste Mal. Gonz. O. Du sollst an mich denken! Heraus mit der Sprache — wo ist sie? Am adä. Barmherzigkeit, Herr — ich kann nichts dafür — ich bin ein alter, blinder, schwacher Greis, der sich nicht zu helfen weiß. *) Gonz. Gestehst Du endlich, Elender! Amadä. Nun. wenn Sie es schon wissen! Gonz. Ich muß Alles erfahren — Sie ist fort? Amade. Ja — er hat sie mit sich genommen — Gonz. Er? Am ad 6. Ja, über die Hintertreppe. Aber — er wird schon auf sie Acht geben. Gonz. Fort — mit ihm? (Wirst sich in einen Stuhl.) Amadä. Sie müssen sich's nicht gar so arg vorstellen, gnädiger Herr — es wird Alles wieder gut werden. — — Es nützt nichts — er hört mich nicht — die Wuth *) Diese Rede ist nur als scherzhafte Ueber- treibung zu nehmen und Amade darf darum nicht in der Maske und Haltung eines gebrechlichen Alten gespielt werden. ( 14 hat sich bei ihm auf die Ohren geworfen — er ist taub gegen mein Flehen. Ganz, (im heftigsten Schmerz für sich). Also doch — doch — das Unglaublichste wahr! Meine Ehre vernichtet, mein Glück, mein Leben zerstört! Und ich hatte sie so von Herzen lieb! Amadö. Die gnädige Frau! (Stellt die Gedecke u. s. w. auf die Anrichttasse.) Gonz. (heftig aufspringend, zieht sich nach der rechten Seite zurück). Stefanie! Zweiundzwanzigste Scene. Stefanie (durch die Mitte). Amadö. Gonzales. Stef. (ein Papier in der Hand). Ist Henriette nicht da? Gonz. (bei Seite). Sie kömmt zurück — sie hofft mich zu täuschen — Ama d 6 (Stefanien zuwinkend). Mademoiselle Henriette ist auf ihrem Zimmer. Oh — gnädige Frau — Stef. Was ist's? Amade (leise). Um Gotteswillen, seien Sie sanft mit ihm — er ist fürchterlich wüthend! (Trägt das Plateau durch die Mitte ab und kommt gleich wieder zurück.) Stef. Mein Mann? (ZuGonzalös.) Du hier? Wie geht's mit deinem Prozeß? Gonz. (sich mühsam bezwingend). Er ist vertagt. Tu warst aus? Du sagtest mir doch, Du würdest zu Hause bleiben. Stef. Ein Zufall war Ursache. Hast Du mich schon vermißt? Gonz. (bei Seite). Ihre Stimme ist so sanft — so milde — so ruhig. Stef. Henriette bat mich, Bänder für sie zu kaufen. (Oessnet das Papier und zeigt Gonzalös die Bänder.) Gonz. Bänder? (Bei Seite.) Ah—Ro- dricourt hatte Recht. (Laut, mit erkünstelter Ruhe.) Die Bänder sind sehr hübsch — Du nahmst Dir übrigens Zeit zum Wählen — wohl eine Stunde, Stef. O, ich war auchbeimeinerCoufine Adele, sie ist in Modesachen bewanderter als ich und da fragte ich sie um Einiges wegen des Aufputzes zu dem Häubchen, was ich von Dir zum Geschenk erkalten habe. Gonz. Wirst Du es heute tragen? Stef. Das versteht sich. (Zärtlich schmeichelnd.) Du bist wobl böse über mein langes Ausbleiben? Gonz. O bewahre! Stef. Gesteh' es nur — ich lese es aus der großen Falte da mitten auf deiner Stirne. Aber ich fürchte mich nicht! Io zehn Minuten erscheine ich wieder, bis dahin muß die Falte verschwunden sein. (Umarmt ihnslüchtig und geht nach ihrem Zimmer.) Gonz. (bei Seite). Ihre Heiterkeit macht mich verwirrt. Stef. (wendet sich an ihrer Thüre nochmals um und sieht forschend zu Gonzales hinüber, für sich). Was er nur haben mag? Ich muß dochAmads fragen. (ZuAmade.) Amadö! Oeffne die Fenster in meinem Zimmer. (Ab in ihr Zimmer.) Dreiundzwanzigste Scene. Amadö. Gonzalös. Amado (will Stefanien folgen, wird aber von Gonzalös zurückgehalten). Gonz. Hier geblieben! Am ade. Jetzt krieg' ich den Gnadenstoß. Gonz. (bei Seite). Er winkte ihr — sie flüsterte ihm zu — o, es ist empörend. — Sie im Einverständnisse mit diesem Tölpel! Amadö. Gnädiger Herr — ich soll ja — (deutet nach Stefaniens Zimmer). Gonz. (für sich, Amade betrachtend). Sollte man's glauben, daß der Schafskopsim Stande wäre, den Helfershelfer zu machen? Ama d ö (für sich). Ich glaube, er überlegt noch, was er mir anthun soll. Gonz. Du wirst mein Haus augenblicklich verlassen - untersteh' Dich nicht, Dich noch einmal vor mir sehen zu lassen — sonst — (Wirst ihm die Börse hin.) Da, mach' Dich bezahlt und packe Dich! 15 Amade(stolz). Ich verzichte auf meinen Lohn. Behalten Sie ihn als Schadenersatz! Gonz. (greift nach seinem Stock). Als Schadenersatz! Frecher Sünder! kein Wort mehr, oder — Amadv (sich hinter den Tisch retirirend). Ich schweige nicht — ich bin ausbezahlt, also nicht mehr Ihr Diener—ich bin wieder Mensch — ein freier Mann, jetzt will ich reden, muß ich reden! Mein Platz ist hin — was riskire ich dabei!— Ich habe Alles gethan, um den Schaden zu verbergen, um Ihnen als ehrlicher Diener den Verdruß zu ersparen. (Nimmt den versteckten Hut hervor.) Ich habe diesen Hut versteckt, jetzt aber sollen Sie ihn haben. Da ist er — es ist sein Hut — ich habe ihm den weinigen gegeben — mit diesem ist er fort. Nun ist's heraus. Gonz. (ihn fassend). Und — wem — wem gehört der Hut? — Dem Vicomte? Amadö. Was, Vicomte? Bitte, keine Mißverständnisse! Gonz. (ihn loslassend). Wem sollst? Amadö. Wie kommt der Vicomte in dieseGeschichte? JchredevomUhrmacher — G onzl (plötzlich von einem Gedanken ersaßt). Tu hast diegroßeUhrimSalonzerbrochen? Amade. Nun ja — das wissen Sie. Gonz. Ab, Du hast sie also zerbrochen? A madö. Ja wohl, ich hab's ja gestanden. Gonz. Und der Mann, den Du versteckt hattest — war ein Uhrmacher? Amadö. Herr Dollar — ja. Er hat die Uhr mit sich genommen, das wissen Sie ja Alles schon. Gonz. (schlägt sich vor die Stirne). Dummkopf! Amade. Bitte — nicht mehr zu schimpfen — ich bw ein freier Mann. Gonz. (nach dem Vordergrund links zu- grhend, für sich). Ich schäme mich vor mir selbst — dieser Hut war im Stande — o, es war absurd! Amadö. Herr von Gonzales — ich jcheide — wir sind quitt — da liegt Ihre Börse — habe die Ehre mich Ihnen zu empfehlen. (Setzt den Hut des Uhrmachers aus, der ihm weit über die Stirne fällt — er nimmt ihn rasch wieder ab.) Ah so! — Gonz. (ihn zurückhaltend). Bleib', Amade — Du kannst deinen Dienst behalten. Amadö. Ich mag ihn nicht mehr. Sie find mir zu bösartig. Ich fürchte Ihren spanischen Humor und Ihr spanisches Rohr. Gonz. Bleib' — Du sollst doppelten Lohn haben. Amade (wirft den Hut unter den Tisch). Doppelten Lohn — für s Uhrzerbrechen? Gonz. (lacht). Du hast mir eine große Freude gemacht. Am ad6. Aber warum haben Sie mir das nicht früher gesagt? Die Freude hätten Sie schon lange haben können. (Bei Seite.) O, es ist merkwürdig — ich versteh' nicht, was das heißen soll — ein confuser Herr das! Vierundzwanzigste Scene. Amade. Gonzales. Stefanie. Henriette. Dann Rodricourt. Stef. Da bin ich wieder. Mein Häubchen ist hübsch, nicht wahr? Gonz. (eilt aus sie zu und umarmt sie zärtlich). Stef. Die Falte ist weg! Ich will gar nicht wissen, warum sie da war. Rodr. (durch die M. eintretend). Amade, sieh' doch zu, was der Portier will — er hat Dir einen Brief gegeben, der eine Treppe höher bestimmt ist. (Amadö geht hinaus, Rodricourt spricht mit Stefanien.) Gonz. (bei Seite, liest die Adresse des anonymen Brieses). .An Herrn Gorgelet, Weinhändler.* Also das galt nicht mir? Gut für den da oben, daß ich den Brief erhalten habe. — Bei ihm mag die Warnung am Platze sein — aber er soll nichts davon wissen. (Laut zu Amadö, welcher zurückkommt ) Ich habe den Brief aus Ver- 16 sehen geöffnet — es ist ein Circular — ganz unwesentlich. Rodr. (leise zu Gonzales). DerDicomte ist abgereist, Du hast nichts zu fürchten. Ganz, (fröhlich). Ich habe nie Etwas gefürchtet—ich war nur ärgerlich über den Tölpel da, der die große Uhr zerbrochen hat Rodr. Die Uhr ist zerbrochen? — Oh — (geht aus Amadö los). Amade, Sie ist zu retten. Herr Ro- dricourt — da kommt der Doktor! Fünfundzwanzigste Scene. Vorige. Der Uhrmacher. Uhrm. (hinter dem Tisch an der Mittelthür stehen bleibend). Bitte um Vergebung. Ich habe meinen Hut hier gelassen. Amadö. Ja, ich habe ihn gut aufgehoben. (Nimmt den Hut unter dem Tische hervor und gibt ihn dem Uhrmacher.) Rodr. (bei Seite, aus Gonzalös blickend). Ich errathe! Ganz, (zum Uhrmacher). Mein Herr — ich warne Sie, lassen Sie nie mehr Ihren Hut im Vorzimmer stehen. Uhrm. Warum? Gonz. Nun — er könnte Ihnen leicht abhanden kommen. Amadö (den Uhrmacher im Vordergründe bei Seite führend). Sie können sich bei mir bedanken für die Kundschaft! Don Morgen an wird hier täglich eine Uhr zerschlagen. — Ich werde dafür sorgen. Es ist ja unseres Herrn einzige Freude! Ende. Druck und Papier von 8. Sommer 6 domp. in Wien. (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Das hohek. Lukspicl m kwkm Act von M. A. Grand je au. Zweite Auflage. Repertoirestück des kais. königl. Hofburgtheaters. Personen: yornmüllrr, Professor des Eontrapunctks. Evrlinr, seine Tochter. Losalindr, seine Schwester. Hermann Brüütaer. Eberhard Willig. Ein Diener deS Professors Die Handlung spielt in der Wohnung des Professors. (Ein mit ziemlicher Elegante möblirtes Zimmer in Dornmüller's Wohnung, Mittelthür im Fond. und rechts Seitenthüren. Rechts vorne ein seoster nach der Straße zu. Eine Etagöre, mit Aotmhesten u. s. w. bedeckt, ist nahe an das Auster gerückt. Links im Vordergründe ein Tisch, Fauteuils u. s. w. — Zm Hintergründe ein Kleiderrechen mit Ueberrock, Hut u. dgl.) Erste Scene. biosalinde und Dornmüller (aufdem ^ofa; neben Ersterer E Veline auf einem Stuhle, ^beu Letzterem), Brückner (auf einem Fauteuil). ^ Dorum. Also wir sind einig, Herr Schwiegersohn in sps. Heute noch mag Verlobung sein, nach vier Wochen Hochzeit. Abgemacht! — Aufrichtig gesagt, ich hatte eigentlich den Wunsch, meine Tochter sollte einmal einen berühmten Künstler zum Manne nehmen — indeß ich will dem Glücke meines Kindes nicht im Wege sein. Brückner (scherzhaft). Meinen herzlichsten Dank, verehrter Herr Professor. Sie sollen Ihren Schwiegersohn schon lieb gewinnen. Sobald Sie mich nur erst recht kennen lernen, werden Sie verschiedene schöne Eigenschaften an mir entdecken. Dornm. Soll mich freuen. Ich wollte nur, Sie hätten doch irgend eine Beschäftigung. Von eigenen Mitteln leben, ist recht hübsch, aber man langweilt sich in der Ehe sehr oft, wenn man nichts zu thun hat, als sich gegenseitig zulieben. Evel. Ach nein, Papa — Rosal. Wenn zwei Herzen sich verstehen. Brückner. Seien Sie ohne Sorgen, Herr Professor — ich hoffe mir auch eine 1 V r Stellung zu verschaffen. Vielleicht kann ich Ihnen heute bei der Verlobung schon Näheres darüber sagen. Dornm. Das'ließe ich mir gefallen. Nun, Fräulein Schwester und Fräulein Tochter, der Familienrath ist aufgehoben. Geh' auf dein Zimmer, Eveline, und be- rathe Dich mit deiner weisen Tante. Ick habe einen nothwendigen Gang zu machen. Meinen Hut — meine Handschuhe — (Eveline bringt ihm Beides.) Danke, mein Kind. Nun, warum so nachdenkend und einsylbig? Rosal. Wie kann man so unzart fragen? Etwas Bangen und Schüchternheit — das ist doch begreiflich in einem solchen Augenblick. Dornm. Meinetwegen! — Nun, einer Sorge wär' ich los — meine Tochter hat einen Bräutigam. Rosal. (spöttisch). Hast Du Dir vielleicht Sorgen darum gemacht? — Tu hast ja keinen Schwiegersohn gesucht,—Du hast nur einen gesunden! Dornm. Fräulein Rosalinde! . . . Das kommt auf Eius hinaus — der Schwiegersohn ist da! Nim habe ich noch einerzweite Sorge — meine »Nosalinde«! Brückner. Ihr Fräulein Schwester? Dornm. Nein, meine lyrisch-romantische Oper »Rosalinde«, allerdings meiner Schwester zu Ehren so benannt, welche damals, als ich die Oper schrieb, zwanzig Jahre zählte. Rosal. (ärgerlich). Herr Bruder! Dornm. Das sind nun fünfundzwanzig Jahre — die Oper wurde damals hier einmal aufgeführt, und — gefiel nicht, weil sie erbärmlich ereeutirt wurde. Seitdem setzte ich Alles daran, sie wieder irgendwo auf die Bühne zu bringen, doch immer fruchtlos! — Sie ist ein bischen schwierig, das ist wahr, besonders dieTenor- partee mit dem hohen O. — (Nimmt einen Sto? Notenpapier von der Etagöre; zu Eveline und Rosaliudk.) In einer Viertelstunde bin ich wieder d«. (Eveline geht, nachdem sich Brückner vsn ihr verabschiedet hat, mit Rosalinde aus ihr Zimmer durch dir Eritrnthür links.) Zweite Scene. Brückner. Dorumüller. Brückner (hält Dornnchller, welcher sich zum Fortgehen anschicken will, an der Hand zurück) Einen Augenblick, Herr Professor! Dornm. Nun, was soll's? Ich dachte, wir wären im Reinen? Brückner. In der Hauptsache ja, — ich habe nur noch ein klein Bedenken. Sehen Sie, Herr Professor, jeder Mensck hat so seine schwache Seite, — Sie z. B. Ihre Oper — Dornm. Wie so? schwache Seite, bitte — Brückner. Nun also, seine Eigenthüm- lichkeiten, wenn. Sie das lieber hören. Meine Eigentbümlichkeit besteht nun darin, daß ich mir vorgenommen habe, nur ein Mädchen zu heiraten, dessen erste Liebe ich bin. Dornm. Ah, erlauben Sie, das ist ein bischen ercentrisch! (Legt die Roten und den Hut aus die Etagöre.) Ist vielleicht meine Tochter Ihre erste Liebe, wie? — Brückner. Allerdings! Dornm. Das glaub' Ihnen ein Anderer! ' Brückner. Und doch ist es so! Darum aber habe auch ich die Grille — Dornm. Der erste und einzig Geliebte meiner Tochter sein zu wollen. Nuu ja, Sie sind es auch, mein Wort darauf. Einmal, vor zwei Jahren, da verfolgte sie wohl ein schmachtender Anonymus, ein schwärmerischer Unbekannter, mit seiner Liebe — Brückner. Also doch, doch — Dornm. Nun, nun. nur nicht gleich eifersüchtig! Meine Tochter erfuhr gar nichts davon. Der unbekannte Amoroso hatte ge auf der Promenade, glaub' ich, gesehen, schrieb mir da anonym einen sentimentalen Brief, bar um die Hand seiner angebetett«, himmlischen Eveline n. s. w. Es war eine Epistel voll Unsinn und Ueberschwänglich A Kit; ich glaube, der Verfasser muß nicht recht bei Trost gewesen sein. Brückner. Sv? Und was tbaten Sie? Dornm. Ich wies ihn ganz kategorisch ab. Der Narr hatte höchst naiv geschrieben, er sei ein armer Teufel und eingehender Tenorist. Ich schrieb ihm unter der angegebenen Adresse zurück, wenn er einmal das Hohr 6 und sechstausend Thaler Gage besitze, solle er wieder ansragen — ein angehender Teufel — ein angehender Tenorist sei keine harmonirende Partie für meine Tochter. Na, er beschick sich, und ich habe nichts mehr von dem anonymen Incognito- Brautwerber gehört. Meiner Tochter verschwieg ich den ganzen Vorfall und damit war's gut. Brückner (den Kopf schüttelnd). Hm, hm! Dornm. Sie schütteln den Kops? Ich will nickt hoffen, dÄß die alberüe Geschichte 3hnen Scrupel macht? Brückner. Allerdings, allerdings. Nach dem ganzen Hergange zu schließen, war der Brautwerber ein romantisch-empfänglicher Sanguiniker, vielleicht ein genialer Kopf— Dornm. Warum nicht gar. Ein Narr war er und ein speculativer armer Schlucker, nichts weiter. Brückner. Wenn er nun trotz Ihrer Abweisung Evelinen doch geheime Aufmerksamkeiten erwiesen, ihr aus seinem in- Ureffanten Zncognito Sonette zugesendet, str besungen hatte, wie Petrarca seine Laura — wenn er sie vielleicht gar noch liebte? — Dornm. Herr Brückner, Sie «erden mich böse machen durch solche Phantasten! Meine Eveline ist ein sittsames Mädchen, eme gute Tochter. Brückner. Kann fie es bei alledem hindern, daß ein zum Sterben Verklebter Gerichte »att Gie« drucken läßt und ihrErem- pl«e auf Velinpapier zuschickt? Daß er ihr jnweile« gar-in Äouquet in^S Hans fen- A wenn er dabet nicht in da- Seitenzimmer rechts.) Sechzehnte Scene. Willig, dann Dornmüller. Will. Na, das ging ja wie Blitz und Schlag! Hm! Ich bin plötzlicher Bräutigam, ich heirate zwanzigtanftnd Thckker. DaS ist also dir Zukunft, die «« de* Herr Professor verschafft» wollte? Nun, immerhin, ich bin'» zufrieden! (D-mmütler tritt ein Willig geht chm gravitätisch entgegen.) Herr Professor, ich habe mich entschieden, sobald Sie es wünschen, ich bin der Mann für Ihre Rosaliude — ich finde stc acceptabel. Dorum. Wie» Sie haben — Will. Gesehen, geprüft und meinen Entschluß gefaßt. Dornm. Aber so rasch— wie war denn das möglich? Haben Sie gar keine Schwierigkeiten gefunden? Will, (lächelnd). O nein! Dornm. DaS hätte ich Ihnen gar nickt zugetraut. Diese Raschheit entzückt mich! Ich sagte es Ihnen ja — 'S ist eine gurr Partie! Will. Ja, ein bischen Umfang— Dornm. Na, 's ist nicht so arg — Also abgeschlossen! Will. Abgeschlossen? Wann machen wir Eontract? Dornm. Morgen. — O, ich lasse Sie nicht mehr aus! Will, (fik sich). Glaub's wohl! Dorn«,. Nun fordere ich mein Jahr hundert in die Schranken! Aber Herr, mm seien Sie ehrlich — weg mit Ihrem Jnco gnito! Will. Inkognito? Dorn.«. Sie sind kein Kuchenbäcker, Sie sind «in Künstler! Will. O — ich bitte—sch habe bisher nur mit Rosinen zu thuu gehabt — nun will ich's mit einer Rosalinde versuchen. Dornm. Schäcker! Gestehen Sie'S nur. Sie hatten von meiner »Rosalindc* gehört und führten sich deswegen auf so originelle Weise bei mir Ms Nttn weg mit der Maske — sagen Sie mir die Wahrheit! Siebzehnte Scene. Brückner, Eveline (von link-). Porige Brückner (der mtt Evckttrm Lei Sen letztes Wortes eingetretieü ist. zu KttMu. äUf Hallig deutend) Ist «S de»? rs , Evel. !,(«ickt.lächclnd). Dornm. Ah, Brückner—ich habe da eine Eutdeckung gemacht. — Dieser Herr Willig — Brückn. (zu Dornmüller, einfallend). Quälen Sie diesen jungen Mann nicht länger. Er ist nicht das, wofür Sie ihn halten. Aber.ich will Ihnen die Aufklärung geben. Was ich Ihnen heute Morgens sagte, war allerdings mehr als eine Grille. Es hat sich eine »erste Liebe« vorgefunden. (Holtdie Lhatouille herbei.) Hier der Beweis — verwelkte Blumen, Gedichte und dergleichen. Jener Anonymus, von dem wir sprachen, bat es trotz Ihrer Abweisung gewagt, ein zartes, romantisches Verhältnis mit dem Fräulein anzuknüpfen. Dornm. Wie? was? (Zu Gveliueu.) Nicht wahr, es ist nicht wahr? - Evel. Ja, Papa! . Dornm. Also doch! uud ich Hab' es nicht bemerkt? Evel. Nein, Papa. Dornm. Das ist ja gräßlich. (Für sich.) Das bringt mich wieder um meine gute Laune. Will, (für sich). In dem Hause gibt's ja lauter geheime Liebesgeschichten! — Brückner. Hören Sie weiter. Sie schrieben damals jenem jungenManne spöttisch, wenn er das hohe 6 und wenigstens sechstausend Thaler Gage habe, solle er wieder anfragen. Er ging — nahm seinen Much und seine Stimme zusammen — und besitzt gegenwärtig das hohe 6 nebst einem Engagement am Hostheater mit einer 3ahresgage von sechstausend Thalern. Dornm. O! Brückner. Nun fand er unter einem Inkognito in Ihrem Hause Eingang — und gewann von Neuem das Herz Ihrer Tochter! — Gestehen Sie's ohne Scheu vor dem Vater, Eveline, Sie sind ihm gut, dem Unbekannten — Bekannten! Evel. Ach ja, Papa. Dornm. Lieber Brückner, darauf war ich nicht vorbereitet? (Geht langsam aus Willig los. halblaut). Das war perfid, mein Herr, — Eveline ist Braut! Will. Aber Millionen Rosinen und Mandeln, Herr Professor, es ist mir gar nicht eingefallen, dieses Fräulein da zu lieben! Dornm. (zu Brückner). Aber — Sie sagten doch eben — Will. Ich heirate ja Ihre Schwester Rosalinde! Dornm. Meine Schwester! Will. Haben Sie mir denn nicht von der guten Partie, von der romantischen Rosalinde ein Langes und Breites erzählt? Brückner (leist zu Eveline). Wieder eine neue Wendung. Dornm. (zu Willig). Herr — ich sprach von meiner lyrisch-romantischen Oper »Rosalinde« ! Will. Was, Oper! ich meinte die Schwester — was geht mich die Oper an — ich verstehe nichts von Musik. Dorum. Wie, Sie haben nicht das hohe 6? Brückner. Er? Will. Das müssen Sie wissen, Sie behaupten es. Brückner (zu Dornmüller). Sie meinen, dieser Herr — (Lacht.) Ha, ha, das ist köstlich! Will. Der Eine lacht, der Andere ist desperat! Ick bin schon ganz verwirrt! Achtzehnte Scene. Rosalinde. Vorige. Rosal. (zu Dornmülkr). Du riefst mich, Bruder! — Nimm meinen Dank — ich verkannte Dich — Du hattest meiner nicht vergessen! Dornm. Laß mich, Du hast eine entsetzliche Confunon angefangen. Rosal. Ick — wie so? Dornm. Mit deinem Namen! 1 « Will. Bitte, Herr Professor — die Eonfusion haben Sie verschuldet. Rosal. Aber so erklärt mir doch! Dornm. Stille! Die Frage ist jetzt: Wer hat das hohe O? Will. Also doch nicht ich? Brückner. Vielleicht — ich? Dornm. Wer sang die Romanze: »Leb' wohl* u. s. w. Brückner. »Leb' wohl* u. s. w. — das sang ich! Dornm. Und der Sechstausendthaler- Tenor? Brückner. Bin ich, Hermann Brückner, unter dem Namen Hermann, erster Heldentenor der großen Oper. Dornm. Sie?— O— nun ist mir eine Last von der Brust gefallen! Brückner — Sie haben sich, im Komplott mit Eve- linen wahrscheinlich — böse an mir gerächt! — Aber nun erst gebe ich Ihnen meine Tochter mit Freuden, weil Sie nicht bloß von Ihren Mitteln leben. Brückner. Bitte, bloß von meinen Stimmmitteln. Rosal. Aber — erklärt mir nur die allgemeine Aufregung. Will. Unsere Heirat macht so viel Aufsehen. Dornm. Ja, ist's denn damit wirklich Ernst? Rosal. Warum nicht? Dornm. Nun, so lasse mich in Zukunft ja kein böses Wort über meine Oper hören — nur ihr verdankst Du dieses Glück. (Legt Brückner s und Evelinens Hände in einander — zu Brückner.) Ihr Herz fiir meine Eve- line, — und Ihre Kehle — für meine »Rosalinde«, romantische Oper in drei Acten! Rosal. Nun, und hastDu keinen Wunsch für mich? Dornm. Dir wünsche ich alles Mögliche. versteht fich — vor Allem keine Ehe in L-woU, denn da ist ein Kreuz vor« gezeichnet! Drr Vorhang fällt Ende, Dr»«t «d Papta »«« 2«0pold Sommer ü» Ätar. Das Konzert. Lustspiel in einem Akte von 3. Zll. Daghofer. Zum erstenmale aufgeführt im k. k. priv. Theater an der Wien am 20. Mai 1858. Personen. Monsieur Ehanson, Violin-VirtuoS. Emma Lerthat, Primadonna. Herr Hanglmeir, Privatier. /rau von Phillppi, Witwe. Scene: Der Foyer eines Konzertsaales. Lollchen, ihre Tochter. Heinrich 8itzer, Beamter. Ein Diener. Erste Scene. Mr. Chanson und Herr Ganglmeier treten ein; letzterer mit einem Biolinkasten unter dem Arm. Chans. Sie wurden mir als ^rrsn- Seur pur exoellenee empfohlen, und.ich erwarte daher, Alles.in bester Ordnung anzutreffen. Ganglm. Sie haben sich an keinen Unrechten gewendet. Konzerte arrangi- ren, Bälle in Gang bringen, berühmte Künstler in die hiesige große Welt einführen, ist meine Leidenschaft, mein Beruf. Ich kenne sie alle, die großen Namen der Gegenwart und der Vergangenheit. Als Knabe habe ich schon dem Paganini die Noten nachgetragen, die unvergeßliche Elßler habeich als Hantiger gezogen, als ihr die Pferde ausgespannt wurden, derRistori Hab' ich den Wagentritt aufgemacht. Ich besitze auch von allen Künstlern und Notabilitäten selbsteigene handschriftliche Autografien. Sie würden mich zum glücklichsten der Sterblichen machen, wenn — (er legt den Kasten ab.) Ruhe hier indessen, Sarg des darmbespannten Zauberkästchens! (Ein Album aus der Tasche ziehend.) Sehen Sie hier mein Heiligthum, die Blätter der Berühmten. Jedes einzelne eine Charakteristik! Hier Beethoven : „Der Geist ist der Adelsbrief des Menschen." Lanner: „In den Füßen weilt die Seele." Jenni Lind: „Wollen Sie mir gefälligst einen guten Clavierstimmerbesorgen"; da Bacherl: „Den Deutschen, dem Du mußt verdeutschen, Was deutsch, soll man aus Deutschland peitschen." Eigne Unterschrift, gerichtlich vidimirt. Dichter Sauter: „Heut Abend bei der Bretzen." Rossini: „IIn perro 6i psrro ls purLO il porro;" hier die Rachel — Chans. Das Blatt ist ja unbeschrieben. Gang! m. Ja, das heißt, es blieb ihr dazu keine Zeit. Aber siehst es sehr lange bei sich gehabt. Sehen Sie, es ist auch hier ein wenig beschmutzt, und da- dient mir vorläufig als Autograf. Da Salieri: „Verschonen Sie mich mit ihren Narrheiten—" 1 2 Chans. Ir68 dien! Bei mehr Muße werde ich Sie um weitere Mittheilung bitten. Jetzt wollen Sie mich freundlichst von Ihren getroffenen Anordnungen zu meinem Konzert unterrichten, das in wenigen Minuten beginnen soll. Ganglm. Ist Alles auf das Beste besorgt. Chans. Ich war von jeher gewohnt, meine Konzerte nie selbst in die Scene zu setzen und fühle den Werth Ihrer Güte um so mehr, als ich m dieser Stadt ganz fremd bin, und mein Sekretär krank in England zurück bleiben mußte. Ganglm: Fremd? Sie fremd? Uns fremd? Mir fremd? Der Ruf Ihrer Triumphe scholl schon aus Amerika zu uns, und Alles kauft Ihr Portrait; or- dinär 1 fl., auf Velin 1 fl. 20. Ich hab's auf Velin. Chans. Ich danke der Stadt für ihreTheilname und Ihnen Monsieur — Ganglm. Ganglmeir, seit ich denke. Auch kein unbekannter Name, Monsieur Chanson. Ohne Ganglmeir kommt kein Ball, keine Soiräe, kein Konzert zu Stande. Ganglmeir, versorgen Sie uns ja mit guten Tänzern! Ganglmeir, bringen Sie uns doch unfern lyrischen Tenor mit! Ganglmeir, deklamiren Sie etwas, singen Sie, spielen Sie, begleiten Sieden am Klavier, die ins Theater. Ganglmeir hier, Ganglmeir dort; oft hier und dort und noch wo. Ich spiele die zweite Bratsche im Quintett, und klarinettire Sonntags aufdemChor. In meiner Zugend nistete ich Harfe. Chans. Ihre Routine kommt sicher auch mir zu statten. Welche Nummern nahmen Sie außer meinen Piecen in das Programm aus? Ganglm. Erstens eine Ouvertüre. Chans. Welche wählten Sie? Ganglm. Wählten? — Die Zwei- kampferische von Herold. Der Direktor versicherte nämlich, daß das Orchester in Konzerten nur diese spiele; da wälte ich diese. Chans. Dann? Ganglm. Ginycini, unser erster Tenor; sigurirt zwar öfter auf den Programmen als in den Konzerten selbst — Chans. Aber diesmal, hoffe ich, haben Sie sich seiner Mitwirkung versichert. Ich hege zu viel Achtung für das Publicum, als es durch leere Versprechungen, für deren Erfüllung der Konzertgeber sich verantwortlich macht, anzulocken. Ganglm. Er kommt! Er kommt ganz gewiß. Bin ja Du und Du mit ihm. Mir sollt er heiser werden! Chans. Ihre Oper besitzt ja, wie der Ruf geht, eine ausgezeichnete Primadonna. Ganglm. Ist Numero drei! Ja, auch sie hat mir zugesagt. Eine Rarität, Monsieur Chanson. Wollte auch anfangs nicht daran, aber als sie Ihren Namen hörte, willigte sie mit Freuden ein. Mir zu Lieb hat sie gesagt. Ein Juwel, ein Engel, ein Phänomen! Haben Sie von ihr gehört? Schön, liebenswürdig. geistreich und mit einer Stimme, die Einem das Herz zerschmilzt und den Kopf verdreht. Eine Königin der Nacht, wie Sie bei Tag keine bessere finden. Chans. Emma Berthal ist nicht ihr Familienname? Ganglm. Das ist ein mysteriöses Dunkel. So viel ich ausspioniren konnte — und ich leiste etwas in diesem Artikel — ist sie aus Straßburg — Chans. AuS Straßburg? Ganglm. — und vornehmer Leute Kind. Liebe zur Kunst bewog sie, wie man sagt, das HauS ihrer Eltern zu verlassen und sich der Bühne zu widmen. Chans. Bei wahrer Begeisterung für die Kunst und echtem Talent ist sie um keine Stufe hinuntergestiegen. Ganglm. Ja wir Künstler stehen auf der Höhe der Menschheit. Endlich noch Frau von Filippi. 3 Chans. Wer ist Frau von Filippi? Ganglm. Sie pianofortet. Eigentlich nicht sie selbst, aber Lottchen, ihre Tochter. Zum erstenmal wird sie vor die Oeffentlichkeit treten und dann eine Kunstreise unternehmen, durch Europa nach Amerika, dann über Afrika zurück. Chans. Garantiren Sie für diese Pianistin? Ganglm. Garantiren? Ich habe sie oft gehört im Salon ihrer Mutter. Alle Donnerstage ist Gesellschaft. Chans. Sie leistet vorzügliches. Ganglm. Die Soupers sind exquisit und erringen allgemeinen Beifall. Chans. Aber ihr Spiel — was sagt man von ihrem Spiel? Ganglm. Gespielt wird, ja, aber nie Hazard. Nur einmal arrangirten wir ein Zwickerchen — Chans. Wenn Sie mich nicht verstehen wollen, so bitte ich diese Nummer ganz wegzulassen. Ganglm. Um Gotteswillen Monsieur Chanson! Die Mama hat mein Wort, übrigens sagt auch die Mama, so Etwas sei noch nicht da gewesen, besonders die Technik der linken 3 Finger in der rechten Hand. Chans. Io ne m'^ lie pss; doch das auf Ihre Gefahr. Es ist ohnedies zu spät es abzuändern. Ich gehe in die Künstlerloge, mir den Saal zu besehen. Machen Sie indeß die Honneurs und befehlen Sie nach Belieben über meinen Diener, der draußen harrt. Ganglm. Ihren Mohren? Haben ihn gewiß in Amerika gekauft, wie theuer das Pfund, wenn man fragen darf? Chans. Er ist das Geschenk eines indischen Fürsten. Ganglm. Für ein Adagio! Vermutlich auch mit einem diamantenen Maulkorb dazu. Chans. Er selbst ist eine Perle unter den Dienern, verläßlich und schnell. Verwenden Sie ihn nach Belieben. Adieu Monsieur Ganglmeier. (Ab.) Zweite Scene. Ganglm. Das ist ein Genie! Kümmert sich rein um gar nichts; kommt an, tritt ein und spielt; verdient sich also spielend sein Geld. Von der Hauptarbeit, die sonst einen Konzertgeber trifft, hat er gar keinen Begriff. Er braucht nicht 14 Tage früher von Früh bis Abends zu antichambriren, macht die Abend-Oercles nicht unsicher, indem er Jedem ein Billet meuchlings an die Brust setzt und küßt keinem Tenoristen für seine Mitwirkung die Hand. Er schreibt bloß, an dem und dem Tage gebe ich mein Konzert, thun Sie dazu, was hinein gehört und ladet Einem die ganze Verantwortlichkeit auf den Hals. Ich habe selbst schon Angst für meine Protektion, die Lotti.—Aber die Mama — ah, da kommt sie ja. Dritte Scene. Der Vorige. Frau von Filippi. Lottchen. Herr Sitzer. Später ein Diener. Ganglm. Den Damen meine Verehrung. Ah, Herr Sitzer, wollen auch die Triumphe Ihrer Braut mitgenießen? Sitzer. Ach Herr Gangelmeir! Gangelm. Erschrecken Sie mich nicht. Filippi. Mit dem heutigen Tage ist jede Verbindung zwischen meiner Tochter und Herrn Sitzer aus. Ganglm. Aus? Was fällt Ihnen ein? Filippi. Meine Tochter ist bestimmt für die Kunst. Herr Sitzer ist ein kleiner Beamter. Ganglm. Das paßt ja, er schreibt Noten, sie liest Noten. Filippi. Ein Künstler — mein Lottchen ist ein Künstler, darf an keine bürgerliche Existenz gebunden sein. Ganglm. Nicht? Filippi. Sie hat an Nichts zu denken, als an ihre Kunst, und wenn 1 * 4 sie einmal an dergleichen denkt, so soll sie es thun mit der den Künstlerinnen eigenthümlichen Vorliebe für — Ganglm. Fürsten und Banquiers. Filippi. Als berühmte Pianistin kann sie einmal selbst den Doctor- oder Hofrathstitel bekommen. Ganglm. Oder Franziskaner werden. (Ein Diener holt den Biolinkasten). Was wollen Sie? Wohin mit der Stradivari? Diener. Zu Monsieur Chanson: Die Ouvertüre beginnt. (Ab.) Ganglm. Wie, der Anfang fängt schon an? (Sieht auf die Uhr.) Richtig, die Stunde ist da und noch keine Primadonna, kein Ginycini! Haben Sie ihn nicht gesehen? Warum ist er noch nicht da? Die Berthal hat sich das Abholen verbeten; der Tenor wird doch nicht darauf warten? Fort zu ihm! Wo ist mein Hut? Bitte um Entschuldigung, meine Damen, wenn ich Sie allein laste. (Rust zur Thüre hinaus.) Warten mit der Ouvertüre! Ich bin in einer Aufregung, daß ich ein Fieber befürchte. Wenn er mir doch heiser geworden wäre! Wo ist mein Album? Ginycini! Nein, es ist nicht möglich. Hab ja sein Wort, — seine Stimme wäre mir lieber. (Nust wiederholt.) Aushalten mit dem Anfängen! Wo ist der Mohr? Sklave, hindostanischer Schwarzer, einen Wagen. Ein Königreich für einen Fiaker! Versprich die doppelte Tave. Auf nach Ginycini! (Eilt ab.) Vierte Scene. Vorige ohne Gangelmeir. SiHer. Lotti, das überlebe ich nicht. Lottch. Ach, Heinrich, die fatale Kunst. Sitz er. Ist sie Ihnen denn wirklich so Alles? Lottch. Gott bewahre; wenn ich spiele, denke ich immer auf etwas Anderes. Aber die Mama — Mama. Schweig Du thörichtes Kind. Sprich nicht so von der göttlichsten der Gaben, die nur wenige Auserwählte besitzen. Du bist eine Auserwählte, ich will Dich wenigstens dazu machen, kost' es was eS wolle. SiHer. Aber beste Frau von Filippi, sie ist ja schon meine Auserwählte. Mama. Sitzer, Freund, Beamter, Mann der sieben Amtsstunden, fühlen Sie denn den Abstand nicht, der sie scheidet von meiner Lotti, der gefeierten Kunstjüngerin? Lottch. Aber Mama, außer Heinrich hat mich ja noch Niemand gefeiert. Mama. Was sind Sie, wie viel haben Sie Gehalt? Sitzer. Ich bin Akzessist mit 400 Gulden, habe mit 350 angefangen und habe eine Carriere vor mir. Mama. Was bekommen Sie zunächst? Sitzer. Vierhundert fünfzig. Mama. Und dann? Sitzer. Fünfhundert. Mama. Herrlich! Das nennt er eine Carriere; — und Sie unterstehen sich sich um ein Mädchen zu bewerben, dem für einen Griff auf die Tasten Tausende zufliegen werden? Lottch. Aber bis jetzt Mama — Mama. Eben darum. Heute trittst Du in eine neue Welt. Mit dieser Stunde, die ich seit Jahren ersehnt, trittst Du auS dem Kreise gewöhnlicher Menschen. Du bist nimmer ein Fräulein Lotti, du bist die Filippi, ich bin nimmer Frau N. N. schlechtweg, ich bin Lotti Filippi's Mutter. Kind! Kind! alle meine herrlichen Träume werden sich erfüllen, Du wirst mich selig machen. Sitzer. Und mich unglücklich. Mama. Ich werde Dich herumführen von Stadt zu Stadt; nur in Residenzen wirst Du konzertiren. Von einer zur andern fliegt der Ruf dei- ries Genies; die Zeitungen kündigen uns Monate lang früher an; man erwartet uns im Bahnhofe; der hohe Adel, die Diplomatie zieht uns in ihre Salons, wir spielen vor Prinzen und Herzoginnen. Auch drüben wollen sie uns hören, man stellt uns einen Dampfer nach Amerika zur Verfügung, die Aankees bauen Triumphbögen, man bietet tausend Dollars für einen Sitz in unser Konzert. Ein Salzseefürst bietet uns die Hand an, wir schlagen sie aus; Europa, das uns gezeugt, soll uns wieder haben! Sitz er. Es wäre aber doch möglich — Mama. Was? Sitz er. Daß Ihre großen Erwartungen — Mama. Nicht erfüllt würden? Beunruhigen Sie sich darüber nicht, Herr von SiHer. Wenn auch nicht Alles, aber den Ruhm, den Schlüssel zum Uebrigen erwerben wir uns heute schon. Gleich nach dem ersten Auftreten fliegt er telegrafisch nach allen Richtungen. Das lassen Sie nur mich besorgen. Sitzer. Wenn aber Lottchen heute — Lottch. Ja Mama, wenn — Mama. Was wenn, was aber? SiHer. Es ist nicht denkbar aber möglich — Lottch. Er meint, wenn ich schon heute durchfiele. Mama. Wie? Lottch. Vielleicht ausgezischt — Mama. Wirst Du schweigen, ttn- glückskind! Siehst Du wie er Dich liebt, der Mensch! Er vermag es so einen Gedanken zu fassen. Ich will nichts mehr mit Ihnen zu thun haben. Gehen Sie, entfernen Sie sich augenblicklich. Ihre Gegenwart macht mich nervös. Sitzer. Ich wollte sie gewiß nicht beleidigen; aber ich gehe. Leben Sie wohl, Frau von Filippi und Sie theu- ersteS Lottchen. Möge Sie Ihr zukünftiger Ruhm beglücken. Denken Sie auch in der großen Welt, die nun die Ihre werden soll, auf Ihren unglücklichen Sitzer. Lottch. Er gebt Mama, er will mich nicht einmal hören. Mama. Er soll nur gehen, wir brauchen ihn nicht. (Sich besinnend.) Wie unklug! Sind doch die Liebhaber das beste Publicum. (Laut.) Herr Sitzer, es war ja nicht böse gemeint von Ihnen, von mir auch nicht, ich bin nun eben die Mama. Wir wollen scheiden, aber in Freundschaft. Sie lieben meine Tochter, Sie können ihr zu Liebe noch recht viel thun. Sitzer. Mit tausend Freuden. Mama. Gehen Sie in den Saal, mischen Sie sich, wo Sie können in das Gespräch und bringen Sie es auf die Pianistin. Sitzer. Auf Fräulein Lottchen? Mama. Die Sie natürlich gar nicht kennen. Sie haben von ihr gehört, daß sie Wunderbares leiste, daß Liszt sie seine kleine Meisterin genannt hätte, daß sie kartituren s vists lese, u. dergleichen. Thun Sie geheimnißvoll, reden Sie von romantischen Vorfällen aus dem Leben der jungen Künstlerin. Sitzer. Sie soll schon ein Duell gehabt haben. Mama. Warum nicht gar. Lassen Sie sich auf keine Details ein. Sie spielen nur an, können nicht mehr sagen, wurde Ihnen Alles im größten Vertrauen mitgetheilt. Sitzer. Ich will's besorgen, ich eile. Mama. Noch eins, applaudiren wird die Menge, versteht sich, aber sie ermüdet leicht; da beginnen Sie, ein Vorklatscher ermuntert. Sitzer (die Handschuhe auszkehend). Ich werde meine Hände nicht schonen. Leben Sie wohl. Mama. Warten Sie doch! Sie sollen auch — aus Dankbarkeit für Ihren guten Willen, Lottchen eine Erin- 6 nerung geben dürfen. (Reicht ihm ihr Brustbouquet.) Nehmen Sie diese Blumen und schenken Sie sie ihr. Sitzer. Dank, tausend Dank, beste Frau von Filippi. Empfangen Sie, theu- erstes Lottchen. Mama. Ach Gott, nicht jetzt; gele- genheitlich, wenn sie zum Beispiel nach ihrem Solo vom Piano aufsteht. Verstehen Sie denn gar nicht? Sitz er. Vor allen Leuten? Mama. Werfen Sie ihr sie unbemerkt zu; Lottchen wird schon wissen von wem sie kommen. Stellen Sie sich nicht so unbehilflich, gehen sie und befolgen Sie, was man Ihnen aus gutem Herzen räth. Sitz er. Ich gehe ja schon, freudvoll und leidvoll. (Ab.) Fünfte Scene. Mama und Lottchen. Mama. Wir nahen der großen Stunde. Du zitterst. Lottch. Nein Mama, aber Sie, wie mir scheint. M a m a. Ich bin sehr aufgeregt. — Wir sind allein. Noch einmal, mein Kind, behalte die Wichtigkeit dieser entscheidenden Stunde im Auge. Steh' gerade! Vergiß keine meiner Instruktionen. Du gehst hinaus mit niedergeschlagenen Augen, zitterst etwas, verbeugst dich dreimal, ohne aufzusehen, rechts, links und gegen die Mitte und schreitest dem Klaviere zu; Du beginnst. Lottch. Aber Mama , ehe ich beginne, schlage ich ja die Augen gegen Himmel. Mama. Richtig! vergiß mir um Gotteswillen nichts. Du schaust himmelwärts, Deine Inspiration kommt von oben. Spiele die erste Seite ruhig und ohne Affekt, daß Du auch die nöthige Sammlung erhältst. Beim ersten Zeichen, das ich in Deine Noten mit eigener Hand schrieb, wirst Du unruhiger, ein stärkeres Athemholen wird sichtbar. Lasse Dich hier von den Beifallsbezeugungen nicht irre machen, Du lebst jetzt nur in Deinen Tönen. Bei der Cantilene lächelst Du sanft — ich habe es Dir schon mit einem I, bezeichnet — bis Du zum Notabene kommst. Das ist die zweite Steigerung. Jetzt gilt's, wirf den Kopf anmuthig zurück, schüttle Dein Haupt graziös natürlich und halte Deine Kraft zusammen bis an's Ende. Beachte den Sturm, der sich erheben wird, noch nicht. Du sinkst erschöpft in den Sessel zurück und erhebst Dich plötzlich schnell, Dich gleichsam besinnend. Verneige Dich tief und eile davon. Lottchen. Soll ich nicht früher meine Anrede halten? Mama. Nicht jetzt, mein Kind. Sie rufen Dich, Du erscheinst und legst die eine Hand auf's Herz, beim zweiten Mal beide; jetzt — der Sturm läßt nicht nach — gibst Du mit flehentlichen Geberden zu verstehen, daß Du einige Worte des Dankes stammeln möchtest. Alles ruft nach Stille, der ganze Saal lauscht, jetzt rede! Lottchen (in Positur). „Den Beifall zu verdienen, den Sie in so reichem Maße meinem Talente —" Mama. Sag': schwachem Talente. Lottchen. — „Meinem schwachen Talente zollen, wird die Aufgabe meines ganzen Lebens sein. Er gibt mir den Muth, mein unablässiges Streben dahin zu richten, mich den großen Vorbildern meiner Kunst, wenn ich sie auch nie erreichen werde —" Mama. Hm! Lottchen. so viel in meiner kindlichen Kraft steht, zu nähern; denn der Beifall ist der höchste Sporn des Mannes (sich korrigirend) — des Künstlers. Ihre überaus große Nachsicht trifft mich unvorbereitet. Verzeihen Sie, wenn ich meinem überströmenden Dankgefühle Worte leihe, wie sie das Herz—" Mama. — und die Erregung des Augenblicks — Lottchen. „— eingibt. Nehmen Sie — — Mama. Still! es kommt Jemand. Sechste Scene. G a ng elmeir (in großer Aufregung). Die Vorigen, später ein Diener. Ganglm. Weg mit Allem, was tödtlich ist. Stellen Sie sich vor's Fenster, daß ich mich nicht Hinunterstürze. Ich bin blamirt, unmöglich gemacht. auf unabsehbare Zeiten. Mir das! Mir das! Mama. Beruhigen Sie sich doch. Waö für ein Unglück ist denn geschehen? Hat vielleicht — Ganglm. Aha! Sie ahnen schon das Aergste. Sie haben es getroffen; er kommt nicht; auch mir ist er heiser geworden. Mama. Ginycini? Ganglm. Nennen Sie mir den Namen nicht! Aber ich will mich rächen, so wahr ich Ganglmeir bin, ich zische ihn aus und wenn es auf der Straße wäre. Mama. Fräulein Bertal ist doch da? Ganglm. Za, die! Sie begegnete mir schon, als ich wegging, ich führte sie sogleich in die Loge zu Monsieur Chanson. Sie ist ein Engel, aber der — fordern will ich ihn! Mama. Auf Degen? Ganglm. Nein, nicht ihn, sondern das Geld, das er mir noch schuldig ist. Mama. Wenn Lottchen vorbereitet wäre — Lottchen. Mama, ich kann nur das eine Stück. Mama. Haben Ein weiblicher Montc-Christo. Charakterbild aus dem Pariser Leben in vier Abtheilungen und fünf Akten mit Musik und Tanz von Therese Megerle. Erste Lktheitung. Eine vornehme Dame und ein Mädchen aus dem Volke. Raron Selvigny. Helene, seine Tochter. Marfan, Advokat. Susanne, Kammerfrau im Hause des Barons Personen. Margaretha, Magd ckrau Ropinet, Portierin Arthur, ihr Söhn, Student. Peter, ein junger Bauer aus der Picardie. im Hause des Barons. Der Präsident des stecichtshofes. Marfan. straf d'Anmont. Helene, seine Gemalin. Margarethe. Susanne. Zweite Mtheilung. Personen. Popinet. Arthur. Peter. Mn" ^ Gefangene im Strafhause. Der Aufseher der Gefängnisse. Herr Lernard. Madame Piston, seine Wirthschafterin. Margarethe, Magd. Dominique. Gärtner. Colette, seine Tochter. Dritte Mtheilung. Eine Rosenkönigin. Personen. Michel. / Eotos. s Bauern. Andre,1 Manon, eine junge Bäuerin. Die Rakenkathi. Die strafin von Santa Crose. straf d'Aumont. sträfin Helene. Marfan. Madame Popinet, seine Haushälterin. Arthur, Advokatenschreiber. Bauern, Bäuerinnen, Tänzer, Tänzerinnen. Vierte Lötheitung. Die Gräfin Santa Croye. In zwei Akten. Prrsonen. Pierre Restonaille, Börsenagent, mcomte Oscar de Nevil. Ranguier Meyer. Ein Lommissionär. Der Ousti,zpräfident. Ein Lommissär. Gäste bei der Gräfin Santa Croye. Erster Mkt. Elegant möblirtes Zimmer. Rechts und links Seitenthüren. Im Hintergrund eine GlaStbüre, welche sich auf einen Balkon öffnet. Im Vordergrund rechts ein Putztisch mit einem geöffneten Hochzeitskorb, daneben ein Ankleidespiegel. Ein Brautkleid über einen Stuhl gebreitet, nebst anderen kostbaren Stoffen zeigen an, daß man eben beschäftigt ist, die HochzeitSgeschenke zu besichtigen. Erste Scene. Helene (steht vor dem Spiegel) , S U« sänne (hält einen Brautschleier über sie), Margarethe (ein Diadem von Brillanten). Helene. Mein Brautstaat läßt nichts zu wünschen übrig, die Auswahl der Hochzeitsgeschenke macht dem Geschmacks des Grafen Ehre. Susanne. Der Spitzenschleier ist das Kostbarste, waS ich je unter den Händen gehabt. Marg. (hält das Diadem gegen die Lichter). Und diese prächtigen Steine, wie das funkelt und blitzt, man kann sich gar nicht satt daran sehen. Helene (seufzend). Und doch werden sie oft zu einer schweren Last, wenn man sie nicht mit freudigemHer- zen trägt. Susanne. Bei Ihnen wird dies niemals der Fall sein, gnädiges Fräulein. Ihre Zukunft ist durch die Heirat mit einem der liebenswürdigsten Cavaliere für alle Fälle gesichert. Sie werden daS erste HauS in der Residenz machen und durch den Glanz Ihrer Erscheinung alle weiblichen Herzen mit Neid erfüllen. Helene. Der Graf ist sehr reich, und mein Vater hat ihn mir deshalb zu meinen Gatten gewählt. Susanne. Und hat sehr wohl daran gethan, denn ein Bräutigam, der einen so kostbaren Hochzeitsschmuck sendet, und dabei noch die Jahre des Gefallens nicht überschritten hat, findet sich nicht alle Tage. Marg. (zeigt auf den Schmuck). Das muß ein schweres Geld gekostet haben, dafür könnte man sich gewiß auf unserem Dorfe eine ganze Wirtschaft kaufen. Susanne (spöttisch). Albernes Ding! Der Schmuck ist wenigstens so viel als Dein ganzes Dorf mit Schloß und Herrschaft werth. Marg. (verwundert). Also wol viele tausend Gulden? Susanne. Mehr als 100,000 gewiß! Marg. So viel Geld für so ein paar glänzende Steine, man sollte eö kaum glauben. Helene. Du kannst Dich ja von dem Anblicke des Schmuckes gar nicht trennen. Findest Du denn so viel Gefallen daran? M a r g. (entzückt). Ah, so etwas Prachtvolles habe ich in meinen ganzen Leben noch nicht gesehen. Sie müssen sich recht glücklich fühlen, ein solches Kleinod zu besitzen. Helene. Man gewöhnt sich an Alles, zuweilen ziehe ich eine einfache Rose allen diesem Schimmer vor (wendet sich zu Susanne). Susanne, es war schon längst Ihr Wunsch, daö Theater zu besuchen, ich gebe Ihnen den heutigen Abend frei. Die Aufregungen deS TageS haben mich erschöpft, ich werde mich bald zur Ruhe begeben, und Margarethe kann den einfachen Dienst besorgen. Susanne. Das gnädige Fräulein sind sehr gütig; soll ich aber nicht 8 zuvor die Hochzeitsgeschenke verschließen? Helene. Nein! Es mag Alles so bleiben, wie eS ist. Wir werden eS morgen ja ohnehin brauchen. Susanne. So werde ich von der gütigen Erlaubniß Gebrauch machen. Helene (freundlich). Gehen Sie, und bringen SieZhren Abend angenehm zu. Susanne (mit einer Verbeugung durch die Seitenthür link- ab). Zweite Scene. Helene. Margarethe. Marg. Soll ich auch gehen? Helene. Nein! ich habe sie fortgeschickt, um mit Dir allein zu sein. Zch habe mit Dir zu reden, Margarethe! Du bist ein gutes Mädchen und ich habe Dich immer lieb gehabt, wenn Du auch nicht so geschickt wie Susanne bist. Marg. Das gnädige Fräulein ist recht gut, mir meine Fehler nicht vorzuwerfen. deshalb weiß ich doch, daß ich ein recht dummes Mädchen bin. Helene. Dafür bist Du auch nicht so verdorben, wie die Uebrigen. Zch habe Vertrauen zu Dir, und kann Dir sagen, daß ich recht unglücklich bin. Marg. (schlägt die Hände zusammen). Unglücklich! Bei aller dieser Pracht und Herrlichkeit, daS ist ja gar nicht möglich! Helene. Zch weiß nicht, ob Du eS begreifst, wenn ich Dir sage, daß ich mich morgen mit einem Manne verheirate, der mir gleichgültig ist, während ich einen Andern mit der ganzen Kraft meines Herzens liebe. Marg. Sie heiraten Einen, den Sie nicht mögen, und haben einen Andern lieb, (lachend) das ist ja gar nicht möglich! Helene. Es ist so. Marg. Warum heiraten Sie denn nicht Ihren Liebsten und schicken den Andern fort? Wir wenigstens auf dem Dorfe würden es so machen. Helene. Dafür habt ihr in Wirklichkeit einen Liebsten, während wir nur Verhältnisse anknüpfen. Marg. Wenn Sie ihn aber lieb haben, so kommt es ja auf eins heraus. Helene. Du denkst und fühlst als Bäuerin und bist glücklich — nach Deiner Art. Wir armen Bevorzugten dagegen, wir sogenannten Frauen vom Stande dürfen fast nie. oder nur selten der Stimme unseres Herzens folgen. Derjenige, den ich liebe, ist nicht meines Gleichen. Mein Vater würde niemals in eine unstatthafte Verbindung willigen, vorausgesetzt, ich hätte selbst den Muth. sie einzugehen. Marg. DaS ist mir Alles viel zu hoch! ich habe mir immer gedacht, wenn man Einen lieb hat, so recht von Herzen lieb, so hat man keinen andern Gedanken als auf ihn, und der Vater könnte thun, was er wollte, ich würde eher sterben, alö einen Andern heiraten. Helene. Du sprichst, wie Du es verstehst. Meine Familie ist von altem Adel, und ich bin unter meinen Standesgenossen aufgewachsen, an Luxus und Reichthum gewöhnt, kann ich Rang, Titel, Vermögen aufgeben, um das Weib eines Mannes zu werden, der keine Familie, keinen Namen, ja nicht einmal eine gesicherte Stellung in der Welt besitzt? Marg. Haben Sie denn daS nicht bedacht, als Sie ihm Ihr Herz zuwandten? Helene. Ich kannte ihn nicht. Er bewohnte die erste Etage des Hauses uns gegenüber. Zeden Morgen, wenn ich ans Fenster trat, grüßte er mich und legte dabei die Hand aufs Herz. Ich lernte diese stumme Sprache bald kennen. — Doch zu was erzähle ich Dir Dinge, die Du doch nicht begreifst. 1 ' Marg. Oh, ich bin nicht immer so dumm, als ich aussehe, ich weiß schon, was das für ein Ende nahm. Helene. Er suchte die Gelegenheit auf, mich allein zu sprechen, und gestand mir seine Leidenschaft. Ach, mein Herz flog dem seinigen entgegen, eS war ja meine erste Liebe. Er war jung, schön und elegant, ich fragte nicht nach Stand und Namen, denn ich zweifelte nicht, daß er meines Gleichen wäre. Marg. Aber er mußte den Abstand kennen, der sie trennte, und er hatte vernünftiger sein sollen, das gefällt mir nicht von ihm. Helene (ohne darauf zu hören). Du kennst die kleine Thüre unseres Gartens, welche auf eine wenig besuchte Straße führt, sie war nur durch einen Riegel verschlossen. Jeden Abend, den mein Vater außerm Hause zubrachte, schlich ich mich durch dieses Zimmer in den Garten und zog den Riegel zurück. Marg. Und er kam zu Ihnen. Sehen Sie, Sie wollten es vorhin nicht zugeben, daß er Ihr Liebster ist, auf dem Dorfe geht es gerade so zu! Helene. Nur mit dem Unterschiede, daß die Glückliche den Mann Ihrer Liebe nicht verleugnen darf. Marg. Ich hätte es an Ihrer Stelle auch nicht gethan. Wenn er nur gut und brav war, so brauchten Sie sich seiner nicht zu schämen. Helene. Nein! nein! eS geht nicht! er konnte niemals mein Gatte werden, ich habe auch deshalb eingewilligt, dem Grafen meine Hand zu reichen. Marg. Und das Herz ist Ihnen darüber nicht gebrochen? Helene. Wir werden nicht aufhören, uns zu lieben. Marg. (erstaunt). Wie, Sie wollen den Einen heiraten und den Andern lieb haben, daS ist ja eine Sünde. Helene. DaS verstehst Du wieder nicht. Man heiratet in unserem Stande selten aus Liebe; soll man deshalb sein Herz jedem wärmeren Gefühl verschließen ? Marg. Sie können recht haben, mein dummer Kopf begreift daS nur nicht, aber ich möchte es um Alles in der Welt nicht nachmachen. Helene. Ich habe Dich nicht zur Vertrauten gemacht, um über das Recht oder Unrecht zu streiten, sondern weil ich Deiner Treue und Anhänglichkeit bedarf. Du warst mir immer ergeben, Margarethe, willst Du mir einen Dienst erweisen? Marg. Verlieren Sie nur nicht so viele Worte und sagen Sie, was ich thun soll, ich gehe für Sie ja ins Feuer, wenn Sie es verlangen. Helene. Was ich von Dir verlange, ist ganz einfach. Oscar — Marg. (unterbricht sie) Das ist der Gewisse? Helene. Beschwört mich, ihm vor meiner Vermälung eine Unterredung zu gewähren. Ich habe sie ihm für den heutigen Abend zugesagt. Seit gestern ist jedoch die Gartent'hüre, durch welche er ungehindert bis hierher gelangen konnte, verschlossen, und der Schlüssel befindet sich mit den übrigen beim Portier. Du mußt Dir jenen Schlüssel zu verschaffen suchen und Oscar zu mir führen. Marg. Ich'- wie soll ich denn das anstellen? Helene. DaS wird Deine Sache sein. Es ist keine Gefahr dabei, denn sollte man Dich auch mit einem Manne im Garten sehen, so kannst Du ja sagen, daß es Dein Geliebter war, es wird sich Niemand darum kümmern. Marg. Ja freilich, ich bin viel zu unbedeutend, um mich srägt Niemand. (Bei Seite.) Nicht einmal der Peter. (Laut.) Wenn Sie es befehlen, gnädiges Fräulein, so will ich dem Herrn Oscar die Thür öffnen. 5 Helene. Ich verlange noch mehr als Gehorsam von Dir, Margarethe! Ich lege meine Ehre in Deine Hände. Niemals darf ein sterblicher Mensch erfahren, daß ein Mann um diese Stunde in diesem Zimmer war, hörst Du, Niemand! nicht Deine Mutter, nicht Dein Gatte, wenn Du heiratest , nicht einmal der Priester an Deinem Todtenbette. Willst Du mir das schwören bei Deiner Seele Seligkeit? Marg. (ängstlich.) Warum glauben Sie mir nicht auf's Wort, wenn ich Ihnen zn schweigen verspreche. Es läuft mir ganz kalt über den Rücken, wenn ich meine Seele verschwören soll. Helene. Weil ich Dich nur dadurch zum Stillschweigen zwingen kann. Die Ehre einer Frau meines Standes darf nicht durch den geringsten Ma- ckel verunreinigt werden. Mein künftiger Gatte verehrt in mir das Ideal von Weiblichkeit und Tugend, er darf nicht ahnen, daß mein Blut warm durch die Adern rinnt und daß mein Herz noch zu schlagen vermag. Sieh, Margarethe! das reiche, stolze Fräulein hat keine andere Vertraute, als ihre Magd. Ich habe Dir mein Herz erschlossen, willst Du mein Vertrauen rechtfertigen und mein Geheimniß bewahren ? Marg. (hebt die Hand auf.) Ich will! so wahr ich hoffe, daß Gott mir in meiner letzten Stunde gnädig ist. Helene. Gott hat Deinen Schwur gehört! nun gehe und hole den Schlüssel, (besinnt sich) doch warte einen Augenblick. (Nimmt eine volle Börse vom Putztisch.) Ich habe Dir Angst gemacht, armes Mädchen! Da nimm die kleine Erkenntlichkeit dafür, es soll Deine Aussteuer vermehren. Marg. (abwehrend.) Nein! nein! Wenn Sie mich für diesen Dienst bezahlen, so kommt es mir vor, als ob ich eine Schlechtigkeit zu begehen im Begriff wäre. Helene (stolz). Du machst mich böse, wenn Du das Geld nicht nimmst, ich kann doch Deine Schuldnerin nicht bleiben! Marg. Sie haben Recht, ich bin ja nur Ihre Magd, die für Alles bezahlt werden muß. Einen Augenblick vergaß ich darauf, das war recht hoch- müthig und muß bestraft werden (nimmt die Börse). Verzeihen Sie, gnädiges Fräulein, aber ich bin nun einmal die dumme Margarethe, wie die Leute sagen (bricht in Tbränen au§). Helene. Weine nicht! Wenn Du auch nicht so gescheidt bist, wie die Andern, so bist Du doch reines Herzens, und das ist auch ein Verdienst (reicht ihr die Hand). Marg. (küßt die dargereichte Hand). Ich bin auch nicht gar so dumm, ich kann es nur nicht so von mir geben, wie ich es gerne möchte (hält die Hand aufs Herz) aber hier fühle ich's, daß auch etwas vom Menschen in mir lebt, und es gibt viele Leute, mit denen ich nicht tauschen möchte (rasch ab durch die Glasthüre). Dritte Scene. Helene allein. Es war vielleicht nicht gut, daß ich ihr mein Geheimniß mittheilte, aber am Ende brauche ich eine Vertraute und Susanne ist zu klug, sie würde zu viel Vortheil daraus ziehen wollen, während Margarethe mir aufrichtig ergeben ist, und durch ihren Schwur gebunden mein Vertrauen niemals mißbrauchen wird. Ich werde sie auch in Zukunft in meinen Diensten behalten. Personen dieser Art werden immer seltener (sie näbert sich dem Balkon). Sie hat den Schlüssel bereits, sie eilt durch die Allee der Thür zu. Noch einige Augenblicke und Oscar wird hier sein; er wird jammern, weinen, mich der Treulosigkeit beschuldigen, aber konnte ich anders handeln? Nur Liebe kann die Kluft ausfüllen, die uns trennt, an Ehe zu denken wäre Wahnsinn. Wir werden ja nicht aufhören uns zu sehen, Margarethe wird die Vermittlerin unseres Verständnisses sein und Oscar wird sich in das Unvermeidliche fügen (horchend). Ich höre leise Schritte im Sande (blickt durch das Glasfenster). Er kommt, Margarethe begleitet ihn (wendet sich gegen das Licht). Wie unvorsichtig! das Licht könnte leicht zum Verräther an uns werden, man darf nicht einmal den Schatten eines Mannes zu dieser Stunde in meinem Zimmer sehen. (Ergreift den Armleuchter und geht in das Zimmer rechts ab.) Verwandlung. (Ein ziemlich elegant möblirteS Zimmer. Rechts und links Thüren.) Vierte Seene. Madame Bobinet, Peter kommen von links. Bobinet (zu Peter). SpazierenS nur derweil da herein, in der Loge draußt wird man als zu viel g'stört. Peter (verwundert). Loge! Ich habe gedacht, eS wäre die Portiersstube! — Bobinet. So hat man sich früher auSgedrückt. Sie sein gewiß vom Land, weil Sie das noch nicht wissen? Peter. Leider haben Sie es erra- then, aber ich bin willens, mich in der Stadt ansäßig zu machen; ich weiß nur noch nicht, wie ich es anfangen soll. Bobinet. DaS ist gerade nicht so schwer, eS hat hier schon mancher Stock sein Glück gemacht. Peter. Ein Stock bin ich eben nicht, ich war der gescheidteste Bursche im ganzen Dorfe, deshalb hat mich mein Vater auch hierhergeschickt. „Peter", hat er gesagt, „wenn es der Margarethe gelungen ist, in einem so vornehmen Hause Stubenmädchen zu werden , so kannst Du es wenigstens zum Gemeinderath bringen." Sie müssen nämlich wissen, daß ich ein Vetter der Margarethe und mit ihr ausgewachsen bin. Bobinet. Und vielleicht noch ein Bissel mehr? man kennt die Vettern schon, die den Madeln in die Stadt Nachkommen. Peter. Ich kann Sie versichern, das ist nicht der Fall, die Margarethe ist zwar ein hübsches Mädchen, aber (zeigt auf die Stirne) es fehlt ihr da, sie wird es niemals weit bringen in der Welt. Bo bin et. Weil Sie's selber sagen, so brauche ich mich nicht zu geniren. Sie ist noch immer die Alte. Seit 6 Monaten ist sie hier im Dienst und glauben Sie, daß sie ihr bäuerisches Gewand abgelegt hat? Sie sagt, daß sich die Volante-Kleider und die Amazonenhüte für ihren Stand nicht schicken; als ob bei der Zeit, was den Putz anbelangt, noch ein Rang-Unterschied eristiret. Peter. So sind es also nicht lauter vornehme Damen, die mir auf der Straße begegneten? Bobinet. Warum nicht gar, besonders um die Zeit, wo die Modistinnen und die Gewölbmamsellen aus der Arbeit gehen. Peter. Hören Sie! Sie könnten mir wol sagen, wie ich eS anfangen soll, um hier recht schnell mein Glück zu machen. Sie, ich bin ein gescheidter Kerl, ich schicke mich in Alles. Bobinet. DaS finde ich gerade nicht, sonst würden Sie Madame zu mir sagen. Peter. Und der Herr Gemal, wie wird denn der titulirt, eS ist nur, daß ich nicht wieder einen Bock schieße. Bobinet. Monsieur Bobinet schlechtweg, mein Mann ist noch vom alten Schlag, er hält nicht viel auf die Titulatur, ihm ist ein Glas Wein lieber. Bei meinem Sohn wird das einmal ganz anders sein. Peter. Sie haben einen Sohn! ist er vielleicht schon als angehender Portierpraktikant angestellt? Bob inet. Was fallt Ihnen ein, mein Arthur war schon in der Wiege ein Wunderkind, deswegen Hab' ich ihn auch schon in seinem fünften Jahre pensioniren lassen. Peter. Pensioniren? so einen kleinen Buben? Bob inet. Das heißt ich habe ihn in eine Pensionsanstalt gegeben, damit er in der ordinären Schul mit den Kindern von dem gemeinen Volk nicht zusamm kömmt. Peter. Erlauben Sie, wen zählen Sie denn hier unter das gemeine Volk? Bob inet. Das ist eine dumme Frage, gemein sind alle diejenigen, die weniger haben als sie brauchen. Bei uns ist das, Gott sei Dank, nicht der Fall, darum habe ich auch unserem Sohn eine standesmäßige Erziehung geben lassen. Seit 14 Tagen ist er ausgelernt. Peter. Was wird er denn eigentlich? Bobinet. Vor der Hand ist er ein Genie, er hat sich noch nicht entschieden, ob er ein berühmter Dichter oder ein Compositeur wird. Peter. Hat er denn die Fähigkeiten dazu? Bob inet. Das ist das Geringste! ES ist nur das der Umstand, daß ihm die Andern schon alles Gute vor der Nasen weggeschrieben haben, der Alexander DumaS und der Mozart, der Shakespeare und der Rossini, der Eugen Sue und der Meyerbeer haben ja gar nichts mehr übrig lassen, und seit der Richard Wagner sogar für die Zukunft gearbeitet hat, ist für die Gegenwart gar nichts mehr zu machen. Peter. ES gibt ja noch andere Metiers. Bob inet. Metier, pfui Teufel, haben Sie nicht g'hört, daß mein Sohn ein Genie ist, zu was braucht er denn da ein Metier; (man hört Akkorde auf einer Guitarre) himmlisch! göttlich! jetzt com- ponirt er gerad eine Fantasie auf der Fidl ll'amour. Peter. Fidl cl'nmour! was ist denn das für ein Instrument? Bob in et. Eine neue Erfindung aus der grauen Vorzeit. Fünfte Scene. Arthur (mit einer Guitarre an einem blauen Bande um den Hals hängend, tritt aus der Thür rechts). Die Vorigen. Arthur (fingt). Sie liebten sich Beide, doch keines Wollt' es dem Andern gesteh'». Sie sahen sich an so feindlich Und wollten vor Liebe vergeh'«. (karikirter Jodler.) Bobinet (trocknet sich gerührt die Augen). Wenn ich den Buben so fantasiren höre, so werd' ich oft zweifelhaft, ob ich denn richtig seine Mutter bin. Peter. Es ist sehr schön (bei Seite) aber fad! Arthur (fingt).) Sie trennten sich endlich und sahen sich Nur noch zuweilen im Traum, Sie waren endlich gestorben Und wußten es selber kaum. (karikirter Jodler.) Bobinet (winkt Peter zu). Göttlich! man könnte völlig aus der Haut fahren vor Freuden. Arthur (läßt die Guitarre sinken). Ach! so wird es auch mir gehen, ich werde gestorben sein und sie wird noch immer nichts von mir wissen- Bobinet (nähert sich Arthur). Bist schon wieder melancholisch, Arthur, ist Dir eine Saite auf Deiner Fidl 8 ä'smour abgerissen oder (leise) brauchst vielleicht ein Geld? Arthur (deklamirend). Am Kreuzweg wird begraben Wer selber sich brachte ein, Tort wächst eine blaue Blume, Die Arme-Sünder-Blume. Unsterblicher! warum hast Du mir diesen Gedanken aus meiner Seele gestohlen! Peter (zu Arthur). Sie werden doch nicht mit selbstmörderischen Gedanken umgehen? das soll jetzt sehr in der Mode sein. Arthur. Wenn ich wüßte, daß mir das ihr Herz gewinnt. Peter. Ich weiß zwar nicht, wen Sie meinen, aber ich glaube, daß es auf jeden Fall Schade um Ihr junges Leben war. Bob inet. Lassen's ihn gehen, er hat sein' Raptus, und da ist mit ihm nichts zu reden (nähert sich etwas der Thüre). Wo nur die Margareth so lange bleibt, sie hat doch versprochen, gleich herein zu kommen. Arthur. Die Margarethe! was soll's mit der Margarethe? B o b i n e t. Der Herr da ist ihr Landsmann oder Vetter, er hat's bei uns aufg'sucht. Arthur (bei Seite). Ein Vetter ? und ein Landsmann? Oh, diese Aufsucherei erfüllt mein Herz mit einer düsteren Ahnung! Peter. Wenn sie nicht bald kommt, so reißt mir die Geduld, und ich muß mich auch noch um ein Nachtquartier umsehen. Sechste Scene. Margarethe (durch die Thüre links). Die Vorigen. Bobinet. Wenn man den Wolf nennt, so kommt er gerennt. Arthur (bei Seite). Sie ist da, ich werde eine Luft mit ihr athmen. O Wonne! o Seligkeit! Marg. Guten Abend, Madame Bobinet. (Streckt Peter beide Hände entgegen.) Grüß Dich Gott Peter! Das ist recht hübsch von Dir, daß Du Dich meiner erinnerst und mich ausgesucht hast. Ich hatte vorhin nicht Zeit, Dich willkommen zu heißen, aber dafür thue ich es jetzt doppelt. Sei mir 100,OV0mal gegrüßt, Du mein lieber Peter! Arthur. Sie spricht per Du mit ihm, es ist schon richtig, er ist mein Nebenbuhler. Peter (will Margarethe die Hand küssen). Sein Sie nur nicht bös, Fräulein Margarethe, daß ich so keck war, und gleich hergekommen bin. Marg. (lachend). Warum sagst Du denn Fräulein zu mir und Sie, bist Du vielleicht verrückt geworden und hat man Dich deshalb nach der Stadt geschickt ? Peter. Wenn es Dir recht ist, so kann ich auch Du sagen, der Vater hat mir nur aufgetragen, Dich Fräulein zu tituliren, er meint, man könne nicht wissen, zu waS so eine Bekanntschaft gut ist, und Du könntest mir vielleicht zu meinem Fortkommen be- hülflich sein. Marg. (lachend). Hohl wie sollte ich denn das anfangen, ich bin ja selbst nur ein Dienstbote. Bobinet. Das macht gerade nichts, oft hängt von einem hübschen Dienstboten das ganze Haus ab, aber die Jungfer Margareth kennt sich noch nicht recht aus. Arthur (bei Seite). Das merk' ich am besten, seit sechs Monaten seufze ich um sie, und sie thut noch immer nichts dergleichen. Marg. (zu Peter). Was machst Du denn eigentlich in der Stadt? Peter Mich freut es nicht mehr auf dem Dorfe und dann ist mir die Arbeit auch zuwider. Mit einem Wort, ich möchte hier gerne mein Glück machen. 9 M a r g. Hast Du denn was gelernt ? Peter. Nein! aber das thut nichts, um so eher wird es mir gelingen, ich bin ein gescheidter Bursche und werde es schon herausfinden, wo Barthelden Most holt. Bo bin et. Das ist aber nicht so bald geschehen, und wir haben hier ein theures Pflaster; wenn der Papa die Brieftaschen nicht tüchtig angefüllt hat, so wird Ihnen in Kurzem der Faden ausgehen. Peter. Ich habe 10 baare Gulden in der Tasche. Bob in et flacht). Zehn Gulden, das ist gerad' auf einen hohlen Zahn, da kommens nicht zwei Tag aus. Marg. Ärmer Peter! trotz Deiner Gescheidtheit kennst Du das Leben in der Stadt noch nicht. Peter (traurig). Was soll denn mit mir dann geschehen? Arthur (bei Seite). Die Gefahr nimmt ab. Mein Nebenbuhler muß wieder dorthin, wo er Herkommen ist. Marg. (hat einen Augenblick nachgedacht). Zu Hause kannst Du doch nicht wieder — (lebhaft). Aber wie denn ich nur wieder bin; wenn es Dir an nichts anderem als an Geld fehlt, da kann ja ich Dir Helsen (zieht die Börse, die ihr Helene gegeben hat, aus der Tasche und hält sie Peter entgegen). Da nimm, es brennt mich ohnehin in der Hand und ist auf diese Art am Besten verwendet. Peter (öffnet die Börse). Dukaten, und goldene dazu! (verwundert) Wo hast Du denn das viele Geld her, Margarethe? Marg. Das brauchst Du nicht zu wissen. BobiNet (hat neugierig zugesehen). Wahrhaftige Dukaten! (bei Seite) Die Margarethe muß doch nicht gar so dumm sein. Arthur (bei Seite). Sie bestreitet die Kosten, die Gefahr wächst wieder. Peter (hat das Geld gezählt). Das war der glücklichste Einfall meines Lebens, Dich aufzusuchen. Mit diesen 5V Dukaten fange ich ein Geschäft an und ich müßte kein gescheidter Kerl sein, wenn ich es nicht bald zum reichen Mann brächte (umarmt Margarethe). Margaretha, Herzens-Margaretba, ich weiß gar nicht, was ich vor Freuden anfangen soll (er küßt sie). Arthur (bei Seite). Nun schwelgt er gar, wo ich von ferne anbete. Marg. (entwindet sich ruhig seinen Armen). Mach' kein solches Aufhebens wegen dem Bischen Golde, es hat mich nicht vlel Mühe gekostet, es zu erwerben. Peter. Aber ich werde Dir Zeit meines Lebens dafür dankbar sein. Wenn Du etwas brauchst, so kannst Du auf meine Freundschaft unter jeder Bedingung rechnen. Marg. Wer weiß, ob ich Dich nicht einmal beim Wort nehme, (plötzlich unruhig.) Aber ich vergesse ganz auf mein Fräulein (reicht ihm die Hand). Leb' wohl, Peter, es ist schon spät und ich muß hinauf. Peter. Was hast Du denn auf einmal? Marg. Nichts! frage nicht darnach, (b. S.) O mein Gott, ich habe ganz vergessen, daß der Herr Oscar oben ist, und daß ich ihn wieder zur Gar- tenthüre hinauslassen muß. (rasch) Gute Nacht alle miteinander (will fort). Bobinet. Wie kommen's mir denn auf einmal vor, Jungfer Margareth? jetzt wär' die Unterhaltung erst recht angangen. Marg. Ich kann nicht länger bleiben (reicht Peter die Hand). Vergiß nicht aufs Wiederkommen, Peter (rasch ab). Peter. Sei unbesorgt. Seit ich weiß, daß Du Geld hast, bist Du mir die interessanteste Person auf . . . . (folgt ihr.) Bob in et. Mit der Margareth hat's ein Hakerl, aber ich werde der 1Ü Sache schon auf den Grund kommen (folgt ihr ebenfalls). Arthur. Wenn der Todtschlag nicht kriminalisch wäre, so schlüge ich den Kerl wo nieder, (geht rechts ab.) (Verwandlung Zimmer mit einer Mittel- und 2 Seitenthüren.) Siebente Scene. Marsan und der Baron (treten (aus der Thüre links). Baron. Sie sind also fest entschlossen, den angetragenen Prozeß nicht zu übernehmen? Marsan. Nach Allem, was Sie mir über die Streitsache mitgetheilt, bin ich überzeugt, daß das Recht auf der Seite Ihres Gegners ist, und ich werde meine Hand niemals zu einer Ungerechtigkeit bieten. Baron. Diese Ansicht ist für einen Advokaten sehr sonderbar. Wenn Sie durch Ihre Talente den Prozeß gewinnen, so zwar, daß mir das Gericht die Erbschaft zuspricht, wo kann da von einer Ungerechtigkeit die Rede sein. Marsan. Doch, Herr Baron! Wenn der Advokat die Fähigkeiten, die ihm Gott gegeben, dazu verwendet, um das Gesetz zu seinen Vortheil auszulegen, wenn er durch seine Redekünste die Richter zu verblenden sucht, so zwar, daß sie Recht von Unrecht nicht mehr zu unterscheiden wissen, dann begeht er ein Verbrechen vor Gott und dem Gesetz, er wird zum Betrüger oder gar zum Diebe, und er ist in meinen Augen schlechter als der Straßenräuber, denn der nimmt nur das, was der Bestohlene in dem Augenblicke bei sich trägt, während Jener oft die Ehre, das Vermögen und die ganze Zukunft einer Familie zu Grunde richtet. Baron. Mit diesen Ansichten werden Sie es schwerlich weit bringen in der Welt; dächte jeder Advokat wie Sie, so würde es bald keine Gerichtshöfe und keine Prozesse geben. Marsan. Verstehen Sie mich nicht unrecht. Der Advokat, wenn er ein wahrhafter Vertreter des Rechtes ist, nimmt eine erhabene Stellung in der menschlichen Gesellschaft ein. Er ist es, der den Kampf aufnimmt gegen die Bosheit, den Eigennutz, den Geiz und wie die schmutzigen Laster alle heißen mögen. Er ist es, der dem betrogenen Mündel oft sein Erbe wieder schafft, wenn ein betrügerischer Vormund seine lüsterne Hand darnach ausstreckt. Er ist es, der dem Leichtgläubigen das Eigenthum rettet, das ein leichtsinniger Schuldner gefährdet. Er ist es endlich, der, wenn ein Unglücklicher auf einen falschen Verdacht hin verhaftet, auf dem Punkte steht, einer entehrenden Strafe zu erliegen, durch die Macht seiner Rede die Beweise seiner Unschuld liefert, und so einen Unglücklichen vor Schmach und Verzweiflung rettet. Baron. Was Sie da sagen, beweist mir, daß auf einer Seite das Recht, auf der andern das Unrecht sein muß, und daß folglich beide vertreten werden müssen. Marsan. Es gibt Fälle, wo die Parteien selbst nicht im Klaren sind. Der rechtliche Mann des Gesetzes wird aber von dem Augenblicke an, wo er von der Nichtigkeit seiner Ansprüche überzeugt ist, seinen Clienten zum Nackgeben oder zu einen Vergleich zu bringen suchen. Ich habe Ihnen schon gesagt, daß ich Ihren Fall als entschieden betrachte, und ihn deshalb nicht übernehmen kann. Baron. So glauben Sie also, daß ich verlieren werde? Marsan. Im Gegentheil, Sie werden wahrscheinlich gewinnen, da ihr Gegner nicht reich genug ist, um die Kosten auf die Länge bestreiten zu können, und ihm sogar Dokumente fehlen, welche Ihre Ansprüche widerlegen könnten. Baron. Man nennt Sie gegenwärtig den Armenadvokaten, weil Sie meist mittellose Clienten vertreten; wenn Sie Zhre Ansichten nicht ändern, werden Sie aber in Wahrheit als armer Advokat sterben. Mars an. Wenigstens werde ich eine ruhige Sterbestunde haben, keine Flüche der von mir um Ihre Habe Gebrachten werden zum Himmel um I Rache schreien und die Thränen armer Witwen und Waisen werden nicht als schwere Gewichte in die Wagschale j meiner Lhaten fallen; frei werde ich ! vor Gottes Angesicht hintreten und sagen können: Herr, hier ist Dein Knecht, er hat sein Tagewerk nach Deinem Willen vollendet. ! Baron. Sie werden begreifen, daß ich Zhnen unter diesen Umständen auch die Führung meiner andern Rechtsfälle zu entziehen gezwungen bin. Marsan. Nach Ihrem Belieben, Herr Baron, Sie werden Zhre Akten zu jeder Stunde bereit finden. (Nähert sich mit einer Verbeugung der Mittel- ! Thür.) Achte Scene. ! Susanne (au- der Thüre rechts). D i e Vorigen. Susanne (in höchster Aufregung). Diebe! Einbruch! wir sind bestohlen! Marsan (bleibt stehen). ^ Baron. Was macht Sie für ein Geschrei? Sie ist wol nicht recht bei Sinnen. Susanne. Der Brautschmuck der Baronesse fehlt auf dem Putztisch, eS ! muß ihn Jemand gestohlen haben. Baron. Der werthvolle Schmuck, das ist ja gar nicht möglich, (hastig in da« Zimmer rechts ab.) Marsan (zu Susanne). Vielleicht beruht die Sache auf einen Jrrthum, denn an Diebstahl ist hier nicht leicht zu denken. Susanne. Der Schmuck ist weg! als ich fortging, lag das Etui offen auf dem Tisch, die Baronesse hat ihn (Ende der erf nicht aufgehoben, also muß er gestohlen sein. Marsan. Wer war diesen Abend in dem Zimmer des Fräuleins? Susanne. Niemand als ich und das Stubenmädchen Margarethe. Neunte Scene. Der Baron (aus dem Zimmer tretend) Helene (folgt ihm). Die Vorigen (gleich darauf) Margarethe. Baron. Es ist nur zu wahr! der Schmuck ist fort, es muß ein HauS- dieb sein, der ihn gestohlen hat. Man muß sogleich das Thor schließen, und sämmtliche Diener durchsuchen lassen. Marg. (ist bei den Worten Hausdieb durch die Mittelthüre eingetreten) Um Gotteswillen, was ist denn geschehen? (fie tritt einige Schritte vor.) Baron (streng). Wo kommst Du her? statt nach Deiner Pflicht in dem Vorzimmer meiner Tochter zu sein — — Marg. (erschrickt, tritt zurück, und laßt einen Schlüssel fallen.) Baron (hebt rasch den Schlüssel auf). Was ist das für ein Schlüssel? Marg. (erschrickt noch mehr und ist keiner Antwort fähig). Susanne (besteht den Schlüssel). Es ist der neue Schlüssel zu der Garten- thüre, vor welcher gestern das Schloß angeschlagen wurde. Baron (strenge). Was hast Du mit dem Schlüssel zu schaffen, der in die Portiersstube gehört? Marg. i steht auf Helene, welche von den Andern ungesehen die Hände bittend empor hebt und ihr zu schweigen bedeutet.) Ich kann eS nicht sagen. Baron (steht fie von oben bis unten an). Man sende nach einen Gerichtsbeamten, daß er die Diebin verhafte. Margarethe hat den Schmuck gestohlen! Marg. (schreit laut aus. und stürzt ohnmächtig zu Boden. (Marsan hat Helene nicht aus den Augen gelassen, welche fich erbleichend an den Tisch lehnt. Baron und Susanne blicken auf die ohnmächtige Margarethe) n Abtheilung.) Zweite Abtheilung. (Gefängniß. im Hintergrund ein breites Gitter, welches in den Gefängnißhof führt. Rechts eine eiserne Thüre. Zwei Tische, einige Strohstühle und mehrere Bänke stehen umher.) Erste Scene. (Margarethe sitzt rechts an einen Tisch, sie stützt den Kopf in die Hand. Katon steht neben ihr. Fifine schlägt bei dem andern Tisch Karten auf. Im Hintergründe spielen mehrere Gefangene Karten auf den Bänken, andere plaudern lebhaft. Es geht ungenirt und munter unter den Gefangenen zu.) Katon (zu Margarethe). Was hängst Du denn den Kopf, etwa weil Deine Sache heute entschieden wird? Sei froh! Die paar Jahre, die Du bekommst, sind bald abgesessen, und dann bist Du wieder so frei wie der Vogel in der Luft. Marg. (fährt erschrocken auf). Verur- theilt, ich.' Ich bin ja unschuldig, ich habe den Schmuck nicht genommen, wie sollt' ich denn deshalb verurtheilt werden? Katon (lacht). Recht so! bleib dabei, daß Du unschuldig bist. Das Leugnen hat immer sein Gutes, wenigstens braucht man das Gestohlene nicht wieder heraus zu geben. Marg. Wie oft soll ich es Ihnen sagen, daß mich solche Reden beleidigen. (Etwas heftig.) Ich habe keinen Schmuck, ich weiß von keinem Schmucke, lassen Sie mich in Frieden. Katon. Du verkennst mich, und meinst vielleicht, daß ich Dein Vertrauet» mißbrauchen werde. Oh, wenn ich auch zum fünften Male hier bin, so habeich doch, was Kameradschaft anbelangt, Ehre im Leibe, und ließe mir lieber alle zehn Finger an meinen Händen abhauen, ehe ich eine Freundin verrathen würde. Ich habe es mir einmal in den Kopf gesetzt, Deine Freundin zu werden. Du dauerst mich, noch ein so junges Blut, und bist gleich bei dem ersten Versuch ertappt, es kann Dich für Dein ganzes Leben entmuthigen. Marg. (wendet sich unwillig ab und sagt halbleise). Elende! Katon. Als Du vor 5 Monaten herein kamst, warst Du noch ein rechtes Häschen, das die Worte kaum zu setzen wußte, aber Du hast Dich gemacht. DaS Gefängniß ist eine gute Schule, man hat Zeit, nachzudenken und sich zu bilden, besonders wenn man gute Kameradschaft findet. Ich habe meine Politur blos dem Arreste zu verdanken, darum sei kein Kind und weise meine Freundschaft nicht zurück. Wenn Du den Schmuck irgendwo versteckt hast, wo er nicht ganz sicher ist, so vertraue Dich mir an. Wenn ich auch gegenwärtig eingesperrt bin und nicht so bald herauskommen werde, so habe ich doch draußen Verbindungen, die mich nicht im Stiche lassen. (Etwas leiser.) Wenn Du gescheidt bist, so kann der Schmuck, während Du in der Strafe bist, verkauft werden und Du findest, wenn Du herauskommst, das Geld und kannst damit etwas anfangen. Wenn man so hübsch ist wie Du, braucht man nicht auf der untern Stufe stehen zu bleiben. Der gemeine Diebstahl ist immer der Anfang; es gibt Mittel und Wege genug, um auch ohne den in die Höhe zu kommen, Du mußt nur auf erfahrne Leute aufmerken. Marg. Entfernen Sie sich von mir, sonst werde ich mich bei dem Aufseher über Ihre Zudringlichkeit beklagen. Katon. Du willst Dich beklagen ? 13 Du Heuchlerin, Du Tuckmäuserin, willst vielleicht sagen, daß ich Dir schlechte Rathschlage gegeben habe. Wie ich aber sehe, bist Du ohnehin schon abgedreht genug; pfui, schäme Dich, so jung, und schon so durch und durch nichts nutz. Will sich über eine Freundin beklagen, die ein weiches Herz hat und es gut mit ihr meint. Marg. O mein Gott, die Schmach, eines Diebstahls beschuldigt zu sein, ist noch nicht so groß als die, mit dem Abschaume der menschlichen Gesellschaft eine Luft athmen zu müssen. Katon. Ich glaube gar, Du hältst Dich für etwas Besseres, Du verachtest uns? Marg. Ja, das thue ich aus dem Grunde meines Herzens. Ich bin hier, weil man mich eines Verbrechens be- schuldigt, dasich nicht begangen habe, das zu begehen mir niemals in den Sinn gekommen ist. Ihr aber seid Lasterhafte, deren Nähe mich schon mit Entsetzen erfüllt. Katon (zu den Andern). Heda Freundinnen, Leidensgenossinnen, kommt doch näher, die Schmuckdiebin macht sich mausig, sie will etwas Besseres sein als wir, unsere Gesellschaft ist ihr zu schlecht. (Die übrigen Gefangenen find alle näher gekommen.) Wenn man einenSchmuck um 100,000 Gulden gestohlen hat, gibt man sich freilich mit einem so gemeinen Gesindel, wie wir sind, nicht gerne ab. Nani (höhnisch). Sie fürchtet bei uns verdorben zu werden, die Unschuld. Sali. Die das Leugnen so aus dem Fundament versteht, als ob sie schon alle Bußen durchgemacht hätte. N a n i. Deshalb entgeht sie dem Zuchthaus aber doch nicht. Marg. (entsetzt). Ins Zuchthaus? Lieber den Tod. Sali. Vorher wollen wir ihr aber Respekt lehren, damit sie weiß, wie sie sich zu benehmen hat, wenn sie wieder hierher kömmt (nähern sich ihr mit erhobenen Händen). Marg. (weicht erschrocken zurück). Weg von mir. ihr Rasenden, oder ich rufe um Hilfe. Katon. Da hört ihr's, sie will die Angeberin machen. Sali. Dafür soll sie noch um einige Hiebe mehr bekommen. (Alle drängen sich schreiend gegen Margarethe.) Marg. (flüchtet sich gegen die Thüre rechts). Hilfe! Hilfe! Zweite Scene. Aufseher. Die Vorigen. Aufseher. Was gibt's da für ein Spektakel, wollt ihr Ruhe halten, ihr schlechten Weibsbilder! Nani (brummend). Weibsbilder! was das für Ausdrücke sind, wir könnten auf den Namen Damen Anspruch machen. Marg. (zu dem Aufseher). Schützen Sie mich, sie wollen mich schlagen! Aufseher. Das wollen wir sehen. (Zu den Weibern.) Zurück. ihr Gezücht, sonst gibt eS einen Fasttag, denn mit etwas anderem ist so bei euch nichts mehr auszurichten. (Zu Margarethe) Kommen Sie mit mir, Jungfer, Ihr Advokat will vor der Verhandlung noch etwas mit Ihnen reden, er hat einen Erlaub- nißschein. Marg. (freudig). Also wird es heute wirklich entschieden, und ich brauche nicht mehr mit diesen Weibern zusammen zu sein , ich kann dann fortgehen? Aufseher. Das wird eben heute entschieden. Hieher kehren Sie auf keinen Fall zurück. Marg. Gott sei Dank! So lassen Sie uns nur schnell gehen. Aufseher. Kommen Sie! (Schließt die Thür auf und geht mit Margaretha ab). Nani (ruft ihnen nach). Aus Wiedersehen im Zuchthaus! 14 Die Uebrigen (lachend). Auf Wiedersehen ! Marg. (die es noch hört, stützt sich auf ten Arm de- Aufsehers). (Verwandlung. — Kurzes einfache- Zimmer mit einem Tisch und zwei Strohstühlen. — Mittel- thür.) Dritte Scene. Marsan (kommt durch die Mitte). Die Sache meiner Clientin steht schlecht, ich darf mir es nicht leugnen. Alle Zeugenaussagen sind gegen sie, und doch bin ich von der Schuldlosigkeit des armen Mädchens überzeugt. Aber wer war der Dieb? AuS einigen unwillkürlichen Aeußerungen Margarethens muß ich vermuthen, daß noch Jemand außer den beiden Dienerinnen in dem Zimmer des Fräuleins war. Die Verlegenheit der jungen Dame und die Blicke, die sie dem Mädchen zuwarf, lassen mir keinen Zweifel übrig. Susanne weiß nichts und Margarethe schweigt beharrlich, so oft ich sie mit Fragen darüber bestürme. ES ist jedenfalls ein Geheimnlß da verborgen, das ich ergründen muß, sonst wird es mir nicht möglich sein, das Mädchen zu retten. Vierte Scene. Der Vorige. Margaretha. (Man sieht den Aufseher sie bi- an die Thür begleiten.) M a r g. (eilt aufgeregt auf Marfan zu). Sie mein Schutzengel sind hier? Sie halten mich für keine Diebin! Sie nicht! Marsan. Nein, mein Kind, sonst würde ich Dich nicht vertheidigen. Marg. Die abscheulichen Weiber, mit denen man mich eingesperrt hat, haben das Zuchthaus genannt; nicht wahr, das war nur ein böser Scherz? Man hat keine Strafe zu fürchten, wenn man kein Verbrechen begangen hat. Marsan. Gewöhnlich nicht. Aber der Schein ist wider Dich, Margarethe, Du bist eines Verbrechens angeklagt, und eS wird mir schwer werden, Deine Unschuld zu beweisen, weil Du nicht aufrichtig mit mir bist. Es ist durch Zeugen erwiesen, daß Du den Schlüssel zur Gartenthüre heimlich aus der Portierstube genommen hast, man hat Dich während der Zeit, wo der Diebstahl begangen wurde, hastig die Alleen des Gartens durcheilen sehen. (Ernst) Warum nahmst Du den Schlüssel, waö hattest Du um diese Zeit im Garten zu thun? Marg. Fragen Sie mich nicht darnach, ich kann die Wahrheit nicht sagen, und lügen will ich nicht, aber das seien Sie versichert, daß jener Gang mit dem Diebstahl in keiner Verbindung stand, und daß ich es nicht war, die den Schmuck genommen hat. Marsan. Du willst nicht reden und ich kann Dich nicht dazu zwingen. Ein neuer Zeuge ist vernommen worden, ein Vetter von Dir, Du hast ihm einen Beutel mit 50 Dukaten geschenkt; woher nahmst Du das Geld? Marg. (hastig). ES war ein Geschenk meines Fräuleins. Marsan (aufmerksam). Hatte das Fräulein Ursache, Dir ein so bedeutendes Geschenk zu machen? Marg. (etwas verlegen). Sie war mit mir zufrieden. Marsan. DaS Fräulein hat sich seitdem verheiratet und ist Gräfin d'Au- mont. Haft Du Ursache, zu glauben, daß Dir ihre Aussagen nützen werden, wenn sie bei der heutigen Verhandlung als Zeuge erscheint. Marg. (freudig). Gewiß. Das Fräulein hat nie daran gedacht, mich für schuldig zu halten. Wenn sie dabei ist, ist Alles gut, sie wird nicht zugeben, daß man mich verurtheilt, blos deshalb, weil der Schein gegen mich ist. Marsan (scharf). Du hoffest also, daß sie sagen wird, daß sie eS war, 1ü die Dich um den Schlüssel geschickt hat? Marg. (erschrocken). Habe ich es Ihnen gesagt? nein! nein! ich habe es Ihnen nicht gesagt, Sie können es nicht wissen. Marfan. Es war Jemand bei dem Fräulein und Du weißt wer. Gib den Eigensinn auf und sage endlich die Wahrheit. ES wird mir dann leicht werden, Deine Unschuld zu beweisen und den wirklich Schuldigen zu entdecken. Marg. Was Sie auch zu errathen glauben, geben Sie jeden Gedanken daran auf; sprechen Sie nichts davon vor dem Gericht, denn ich werde nichts sagen, und wenn man mich in Stücke risse. (Es schlägt 10 Uhr.) Marsan. Die Schuld komme über Dich, Margerethe, ich kann nichts mehr für Dich thun. (Geht ruhig ab.) Marg. (mit Ergebung). Gott wird mir helfen. Fünfte Scene. Aufseher. Die Vorigen. Aufseher. Die Stunde, wo sich der Gerichtshof versammelt, hat geschlagen, man wird Sie gleich dahin abführen. Marg. (fährt auf). Jetztschon? (sieht sich um) und er ist fort, er ist fort, er ist im Zorn von mir gegangen. Er wird mich für eine Undankbare, vielleicht für schuldig halten. Aber muß ich nicht schweigen, habe ich eS nicht geschworen? An ihr ist eS, sie muß reden, sie darf nicht dulden, daß man mich um eines falschen Verdachtes willen allein verurtheilt. Sechste Scene. Gerichtsdiener. LGenSdarmen vor der Thüre. Die Vorigen. Gericht - d. (tritt etwas unter die Thüre). Die Angeklagte. Marg. O mein Gott steh mir bei in dieser schweren Stunde. Aufseher (gutmüthig). Fassen Sie sich, und beantworten Sie alle Fragen des Präsidenten offen und klar, eS hilft oft besser heraus als alle Verstellungskünste. Marg. (halbleise). Und ich darf nicht reden, wenn ich mein Seelenheil nicht opfern will. (Geht langsam ab. Der Gerichtsdiener öffnet die Thür, sie tritt zwischen die beiden GenSdarmen, der Gerichtsdiener folgt. Siebente Scene. Aufseher allein. Sie sagen alle, daß sie unschuldig sind und daß ihnen Unrecht geschieht, aber man weiß schon, wie das zu nehmen ist, man kennt den Vogel an den Federn, es ist immer eine schlechter als die Andere. Aber bei der da werde ich selbst nicht recht klug; sie ist so anständig, so ruhig, gar nicht so wie die Andern, und ich möchte meinen Kopf verwetten, daß sie keine Diebin ist. Nun wir werden'S ja sehen, der heutige Tag entscheidet Alles. Wird sie freigesprochen, so mache ich mich an sie an. Ich hätte schon lange gerne geheiratet, aber hier im Hause kann man keine ordentliche Bekanntschaft machen, und mich in der Welt herumzutreiben, fehlt eS mir an Zeit. Na! vielleicht wirft mir der heutige Urtheilsspruch ein kleines Frauchen in den Arm. (ab). (Verwandlung. Der Gerichtssaal. Im Hintergründe die Gallerten mit den Zuschauern. Zn rer Mitte aus einer Erhöhung der Gerichtstisch mit den 12 Geschwornen. Bet einem Tische auf der linken Seite ebenfalls auf der Erhöhung der Präsident mit 4 Räthen. der Staatsprokurator ihm gegenüber bei einem kleinen Tisch. Recht» Marsan. Auf der Bühne rechts die Zeugen auf einer langen Bank. Susanne. der Portier, der Gärtner, Arthur, Frau Bobinet. Peter, Gräfin d'Aumont auf derselben Seite auf einem Fauteuil, neben ihr Graf d'Aumont, links Margarethe auf der Bank der Angeklagten, hinten stehen die GenSdarmen. 16 Achte Scene. Präsident, Gräfin, Graf, Margarethe, Marfan, Frau Vobi- net, Arthur, Susanne. Präsident (zu Bobinet wie im Verhör fortfahrend). Sie bleiben also bei Ihrer Aussage, daß die Angeklagte, nachdem sie unter einem nichtigen Vorwände die Portiersstube betreten, dieselbe, nachdem sie den Schlüssel heimlich hinweggenommen, schnell wieder verlassen, ohne selbst der Ankunft eines Verwandten viel Aufmerksamkeit zu schenken; Sie geben außerdem zu, daß sie ungewöhnlich erschrocken und verlegen ausgesehen habe. Bobi net (mit einem Knix). Wenn der gnädigste Herr Präsident erlauben, es ist Alles an dem. (Gelächter unter den Zuhörern.) Präsident (mit einem ernsten Blicke). Ruhe! (fortfahrend im Verhör.) Später ist die Angeklagte zu Ihnen gekommen, und zwar athemlos wie vom raschen Lauf. Sie schien abermals verwirrt und unruhig zu sein, und schenkte ihrem Vetter einen Beutel mit Gold? Bobinet (mit einem Knix). Ganz wie der gnädige Herr Präsident befehlen. (abermaliges Gelächter.) Präsident. Antworten Sie ja oder nein. Bob inet. Ja! Präsident (winkt). Bobinet (setzt sich). Präsident. Fünfter Zeuge. Peter (steht auf). Präsident. Sind Sie ein Verwandter der Angeklagten? Peter. Nicht so eigentlich, nur was man so sagt, sehr weitläufig, kaum der Rede werth. Präsident. Sie haben sie aufgesucht, um von ihr Geld zu verlangen? Peter. Nicht so eigentlich, ich bin nach Paris gekommen, um mein Glück zu machen, weil ich ein gescheidter Kerl bin; es fehlte mir der Anfang, und da mir Margarethe das Geld antrug, hatte ich kein Bedenken es anzunehmen. Präsident. Sie läugnen also den Empfang des Geldes nicht? Peter. Durchaus nicht, es waren 50 Dukaten, den leren Beutel Hab' ich noch im Sack. Ich habe damit ein Geschäft angefangen, und mir bereits ein kleines Vermögen erworben; ich werde auf jeden Fall mein Glück machen, denn ich bin ein gescheidter Kerl. Präsident. Sie haben hier blos auf die Fragen zu antworten, die an Sie gestellt werden. Peter (zieht sich schnell etwas zurück). Präsident. Angeklagte! wie kam eine so bedeutende Summe in Zhre Hände? von Ihrem Lohne konnten Sie diese Ersparniß nicht gemacht haben. Marq. (erhebt sich bei dem Worte ..Angeklagte", sie antwortet mit leiser, jedoch verständlicher Stimme). Mein Fräulein hat mir das Geld geschenkt. Marsan. Ich erlaube mir im Interesse der Angeklagten zu bemerken, daß man nur treue Dienste mit einer so großen Summe belohnt, und daß dieses Geschenk die außerordentliche Zufriedenheit des damaligen Fräuleins Delvegny jetzigen Gräfin d'Aumont bezeigt. Gräfin (unruhig bei Seite). Die Unglückliche! sie wird mich doch nicht verrathen. Graf (zu seiner Frau). Wenn Sie diese Summe wirklich verschenkten, so gibt sie nur einen neuen Beweis Ihrer Verschwendungssucht. Ueberhaupt ist mir diese Diebstahlsgeschichte höchst unangenehm. Gräfin (verlegen). Sie glauben doch nicht mein Gemahl? Graf (stolz). Wenn ich etwas glaubte, würde ich jetzt nicht an Ihrer Seite sitzen. Präsident (wendet sich zur Gräfin). Frau Gräfin, ich bin genöthigt, Sie zur Zeugenschaft aufzufordern. Gräfin (steht auf). Präsident. Bestätigen Sie die Aussage der Angeklagten? Haben Sie Ihrer damaligen Dienerin wirklich diese 50 Dukaten zum Geschenke gemacht? Marg. (Eicht erwartungsvoll auf die Gräfin . bei Seite). Endlich wird fie reden, sie wird meine Unschuld bestätigen. Gräfin (bewegt). Zch kann mich nicht erinnern, Margarethe war ein gutes Mädchen, aber ich hatte keine Ursache, sie besonders auszuzeichnen. Marg. (schlägt die Hände vor das Gesicht). O mein Gott! sie leugnet. Mar s an (der Margarethe und die Gräfin scharf beobachtet). Wenn Sie etwas daraus zu erwiedern haben, Margarethe, so reden Sie, eS handelt sich um Ihre Ehre! Marg. (blickt auf die Gräfin, welche fie bedeutend anfieht). Ich habe nichts zu sagen. Gräfin (athmet tief auf und setzt sich). Präsident. Fünfter Zeuge, Sie sprechen von einem Beutel, in welchem sich die Dukaten befanden. Peter (zieht die Börse aus der Tasche). Hier ist er, niedlich von rother Seide, mit Gold durchwirkt. Susanne (sich rasch erhebend). Die Börse gehört der Gräfin, und ich vermißte sie an demselben Abend, wo der Schmuck gestohlen wurde. Präsident (zur Gräfin). Erkennen Tie diese Börse als Zhr Eigenthum? Gräfin (mit leiser Stimme). Sie war eS! Präsident. Und wie ist sie in die Hände Ihrer Dienerin gekommen? Gräfin (mit noch bewegterer Stimme). Ich weiß es nicht. Präsident. Glauben Sie, daß sie mit dem Golde entwendet wurde? Gräfin. Auch das weiß ich nicht. Präsident. Angeklagte, häufen Sie Ihre Schuld durch böswilliges Leugnen nicht noch mehr. Sie haben die Aussagen der Krau Gräfin gehört; behaupten Sie noch, daß Ihnen die Summe geschenkt wurde? Peter. Zch erinnere mich auch noch, daß sie, als sie mir das Geld gab, hinzugesetzt: „Nimm es nur, es brennt mich ohnehin in der Hand." Sie wird doch nicht das Geld sammt dem Schmuck gestohlen haben? Präsident. Warten Sie, bis Sie gefragt werden. (Ernst zu Margarethe.) Angeklagte! woher hatten Sie das Gold? Marg. Ich habe die Wahrheit gesagt; wenn die Frau Gräfin es für gut findet, zu leugnen, so habe ich nichts mehr darauf zu erwiedern. Präsident. Der hohe Gerichtshof braucht keine weiteren Beweise mehr, um die Schuld oder Nichtschuld der Angeklagten zu erkennen. Ihr halsftär- riges Leugnen, die Unmöglichkeit eines Alibi's, während der Diebstahl vor sich ging, ihre offenbare Gemüthserschütte- rung sprechen nur zu sehr gegen die Verstockte. Vor dem Gesetz ist sie deS Diebstahles schuldig. WaS hat ihr Verteidiger dagegen einzuwenden? Marsan. Obwol Alles gegen die Angeklagte und nichts für sie spricht, als ihre Jugend und ihr früheres tadelloses Leben, so spreche ich dennoch hier vor dem hohen Gerichtshof als Advokat und Menschenkenner meine voll- konrmenste Ueberzeugung ihrer Unschuld aus. Es ist allerdings wahr, daß ein geheimnißvoller Schleier die Stunden bedeckt, wo jener unglückliche Diebstahl vor sich ging; sind wir aber überzeugt, ob ihn nur Margarethe allein, ob ihn nicht auch noch eine andere Person zu lüften vermag? (Mit einem Blick auf die Gräfin.) Es war noch Jemand außer den beiden Dienerinnen in dem Zimmer deS ehemaligen Fräuleins von Selvigny, und wenn Margarethe sprechen wollte, 2 18 so würden wir den wahrhaften Dieb nicht lange zu suchen brauchen. Präsident. Sie sprechen eine Beschuldigung aus, wo es darauf ankommt, die Unschuld ihrer Clientin zu beweisen. Marsan. Weil ihre Unschuld nur durch die Schuld des Andern bewiesen werden kann. Präsident. Angeklagte, Sie haben gehört, was Ihr Vertheidiger so eben vorbrachte, haben Sie etwas darauf zu erwiedern? Marsan. Lösen Sie endlich das Band Ihrer Zunge, Margarethe, geben Sie jene Bedenklichkeiten auf, die Sie nur in Schande und Elend bringen werden. Sagen Sie dem hohen Gerichtshöfe, in wessen Auftrag Sie den Schlüssel zu sich nahmen, und für welchen Liebesdienst man Sie mit einem Geschenke von 5V Dukaten belohnte. Graf (etwas heftig). Sie gehen zu weit, mein Herr! Marsan. Man kann nie zu weit gehen, wenn es darauf ankommt, einen Unschuldigen zu retten. Präsident. Angeklagte, Sie haben zu antworten. (Die Gräfin hat Margarethe fortwährend mit ängstlicher Geberde angeblickt; wie sich Margarethe erbebt, um dem Präfitenten näher zu treten, gleitet fie halb ohnmächtig von dem Fauteuil, doch so, daß fie auf die Knie fällt und gegen Margarethe die Hände flehend erhebt.) M a r g. (langsam). Ich habe nichts mehr zu sagen, als daß Gott in mein Herz sieht, und daß meine Hände rein von jedem Verbrechen sind. Präsident (wendet sich zu den Ge- schwornen). Die Jury hat von den Zeugenaussagen und den Geständnissen der Angeklagten hinlänglich Knnntniß genommen, sie mag nun nach ihrem Gutachten und Recht und Gewissen entscheiden. (Die Geschwornen erheben fich und verlassenden Gericht-saal.) Neunte Scene. Die VorigenohnedieGeschw ornen. Präsident (spricht leise mit den Räthen). (Während die Geschwornen abgehen, ist Susanne zur Gräfin geeilt, Margarethe ist ebenfalls teilnehmend näher getreten.) Susanne. Um Gotteswillen, die Frau Gräfin ist ohnmächtig ! (Sie ist bemüht, fie aufzurichten, Margarethe ist ihr dabei behilflich.) Gräfin (ist zu fich gekommen, fie hat unbemerkt Margarethens Hand ergriffen und drückt fie leise). Arme Margarethe! Marg. (leise). Ich habe Ihre Ehre gerettet! retten Sie die meinige! Graf (stößt Margarethe zurück). Welche Frechheit! (Zur Gräfin.) Kommen Sie, Frau Gräfin, Ihre Nerven sind zu zart für diesen Ort! (Er bietet ihr den Arm.) Gräfin (blickt noch einmal auf Margarethe, dann geht fie, aufden Grafen gestützt, ab). Marg. (wendet fich zu Peter). Peter, Du siehst mich ja gar nicht an. Peter (wegwerfend). Laß mich, und untersteh' Dich ja nicht zu sagen, daß ich Dein Vetter bin, ich will mit einer Diebin nichts zu thun haben (wendet fich ab). Arthur. Pfui, schämen Sie sich, einer Unglücklichen das Herz noch schwerer zu machen. (Zu Margarethe.) Jungfer Margarethe, ich bin zwar als Zeuge gegen Sie aufgetreten, deßwe- gen bin ich aber doch überzeugt, daß Sie den Schmuck nicht gestohlen haben. Marg. Guter Arthur! Arthur. Guter Arthur hat's gesagt! Endlich wird sie doch zum Einsehen kommen. 19 Zehnte Scene. Die Geschwornen (kommen zurück und nehmen wieder Platz). Die Vorigen (ohne Graf und Gräfin). Marsan (zu Margarethe). Noch ist eS Zeit, Margarethe! reden Sie um Gotteöwillen! Marg. (winkt verneinend). (Der Sekretär hat dem StaetSprokuratvr das Gutachten der Jury übergeben, welcher eS öffnet). Staatsp ro k urator. Die Jury hat die Angeklagte des Diebstahls an dem Schmucke für schuldig erklärt und das Gesetz erkennt dafür eine Strafe von 2 Jahren Zuchthaus. Marg. (finkt aus die Knie und verhüllt sich das Gesicht). Marfan. Ich melde bei dem hohen Gerichtshöfe die Berufung an. (Ende der zweiten Abtheilung.) Dritte Ylbtheikimg. (Ländlicher Gartenplatz mit Laubbögen. Den Hintergrund schließt eine Steinbalustrade ab. über welche Festons von Rosenguirlanden angebracht sind.) Erste Scene. (Junge Bursche find bemüht, die FestvnS zu ordnen, während Mädchen und Frauen ihnen Kränze zureichen und Blumenauirlanden winden.) Chor. Zweite Scene. Madame Piston. Dominique. ColetLe. Die Vorigen. Piston: Macht, daß Ihr fertig werdet, ich denke, Ihr habt den Garten nun genug geplündert. Domin. Ich glaube es auch, es ging nur so ripö raps, aber werwill's ändern, Herr Bernard hat's einmal erlaubt. Piston. Es ist nun einmal eine seiner unbegreiflichen Launen, jedes Jahr! ein Rosenfest zu veranstalten und dabei eine Rosenkönigin freigebig wie ein Prinz auszustatten, während er in seinem Haushalte knickert und knausert, als müßte er jeden Tag zu Grunde gehen. Colette. So arg muß es doch nicht sein, es riecht oft ganz köstlich nach Braten von der Küche herab. Pisto n. Meint das Leckermaul, daß wir etwa Hunger leiden sollen? Gott sei Dank, wir essen und trinken so viel, als wir vertragen können, deshalb bleibt es aber doch eine Bettel- wirthschaft. Colette. Eine Bettelwirthschaft? Piston. Für einen Millionär nämlich, Herr Bernard ist so reich, daß er sein Geld gar nicht zu zählen vermag. Domin. (verwundert). Also wirklich, man sieht's dem Manne gar nicht an. Piston. Das ist es eben, was mich ärgert, er macht nichts aus sich. Seit den 30 Jahren, die ich im Hause bin, trägt er fast denselben Rock, lebt wie ein Carthäuser und doch wird er von Jahr zu Jahr reicher. Colette. Warum hat er denn niemals geheiratet, wenn er so reich ist? Piston. Ich denke auS Geiz, eine Frau ist ein kostspieliger Artikel, die hätte sich die Knauserei nicht gefallen lassen. Colette. Das ist gar nicht hübsch von Ihnen, Madame Piston, daß Sie über Ihren Herrn so losziehen, erläßt 2 * 20 Ihnen gewiß nichts abgehen, und wenn er Launen hat, so muß man sie seinem hohen Alter zu Gute halten. Dom in. (drohend). Aber Colette! Piston. Laß' sie reden, Vater Dominique; was eine rechte Nessel werden will, brennt bei Zeiten. Aber ich plaudere und vergesse ganz auf unser Fest. Wir kochen und braten ja heute für's ganze Dorf. Colette. Und Sie nennen den guten Heren Bernard einen Geizhals. Piston (spottend). Guter Herr Bernard, die Jungfer hofft gewiß Rosenkönigin zu werden. Colette (traurig). Ach dazu bin ich noch zu jung! (lustig) aber auf's Jahr vielleicht, bis dahin bekomme ich auch einen Schatz. Piston. Wer Rosenkönigin werden will, darf ja keinen Schatz haben. Colette. Zu was bekäme man denn die Ausstattung, in der Geschwindigkeit kann man sich keinen ordentlichen Bräutigam auftreiben, und dann einen Schatz in Ehren kann Niemand wehren. Ma no n (zu M. Piston). So Madame, wir sind fertig, nun können sie jeden Augenblick kommen. Piston. Sie werden nicht lange mehr ausbleiben. Ich bin nur neugierig, wer dieses Jahr zur Rosenkönigin gewählt wird. Michel. Marie Fanchette. Colos. Nein, meine Louison. Andre. Oho, meine Manon hat das größte Recht dazu. Piston. Etwa weil sie rothe Haare hat und auf einem Auge schielt, die mußt Du schon ohne Ausstattung nehmen. Andr6. ES kommt mich auch nicht darauf an. Dritte Scene. Margarethe von links. Die Vorigen. Marg. (rufend). Madame Piston! Madame Piston! Piston. Die Margarethe! (Kneifend.) WaS hast Du mir nachzulaufen, und bleibst nicht in der Küche, um nach dem Truthahn zu sehen, den ich Dir zu braten befahl. Marg. Ach, es ist ein großes Unglück geschehen. Piston (etwas erschrocken.) Ist Herrn Bernard etwas zugestoßen? Marg. Ach nein, die Mandeltorte ist verbrannt. Piston. Da muß ich gleich selber Nachsehen. Ja wenn man nicht 10 Augen und 20 Hände auf einmal überall hat, richtet das dumme Volk gleich Schaden an. (Zu den Andern.) Aber daran seid ihr Schuld, ihr habt mich aufgehalten, doch als Strafe dafür sollt ihr heute keine Mandeltorte bekommen. (Ab nach links.) Die Burschen und Mädchen (drängen sich nach.) Deshalb kommen wir doch nicht zu kurz. Colette. Ich halte mich an's Tanzen. Domin. Und ich an die Flasche. (Alle ab bis auf Margarethe.) Vierte Seene. Margarethe allein. Marg. Was das heute für ein schöner Tag ist, das Herz geht einem völlig auf hier im Grünen. Wie die Blumen so lieblich duften, sie blühen für alle Menschenkinder ohne Ausnahme, Jeder darf sich ihrer freuen, sogar die arme Margarethe. (Sie nähert sich einem Rosenstrauch.) Fünfte Scene. Herr Bernard. Die Vorige. Bernard (etwas barsch). Was machst Du denn da im Garten so allein? Marg. Verzeihung, Herr Bernard, ich bin nur ein wenig auö der Küche 21 fortgegangen, um Madame Piston zu rufen. Bernard. Warum bist Du nicht berausgepuHt wie die andern Mädchen, ich sehe es nicht gerne, wenn meine Hausleute eine Ausnahme machen ; das Fest ist für alle junge Mädchen, folglich auch für Dich. M a r g. (traurig). Ach . Herr Bernard, Sie wissen ja. Bernard. Nichts weiß ich, was Dich davon auSschließt, nichts! Marg. Als Sie mich vor einem Jahre auf der Straße antrafen, ich hatte eben meinen letzten Sous ausgegeben und wußte nicht, wo ich die Nacht zubringen sollte. Ich weinte bitterlich , denn Niemand wollte mich aufnehmen. Sie nur hatten Mitleid mit mir, Sie fragten mich um die Ursache meiner Thränen. Ihr Gesicht erweckte mein Vertrauen, ich sagte Ihnen, daß ich aus dem Gefängnisse in Paris entlassen sei, daß ich einen Dienst suche, daß aber Niemand mich bisher habe aufnehmen wollen. Bernard. Aber ich habe Dich genommen, Du bist seit jener Zeit in meinem Hause und hast Dich brav aufgeführt, sogar Madame Piston gibt Dir das Zeugniß, Du hast Dich also nicht zu beklagen. Marg. Sie hatten keinen Abscheu von der aus dem StrafhauS Entlassenen. Sie ließen mich es wenigstens niemals fühlen. Bernard. Man muß den Gefallenen aufrichten und ihn nicht noch tiefer in den Koth flössen. UebrigenS hatte ich ja an Herrn Marsan, den Advokaten geschrieben, und mich erkundigt ob Du mir auch die Wahrheit gesagt hast. Marg. Und er wird eS Ihnen bestätigt haben. O Herr Marsan ist so gut, er hat meine Sache vertheidigt, und trotz des Urtheilsspruchs eine Milderung meiner Strafe erwirkt. Ich habe nur 6 Monate im StrafhauS zugebracht, aber sie waren hinreichend, mein ganzes Leben zu vergiften. Ich kann mich nicht freuen mit den Andern, denn immer flüsterts mir in's Ohr: Man hat dich für eine Diebin gehalten, du bist eine Ehrlose, und wenn ein Zufall jene Schmach entdeckte, so würde man sich mit Verachtung von mir wenden, und ich müßte wieder weiter ziehen. Bernard. Ich bin der Einzige, der Dein Geheimniß kennt. Wir sind weit weg von Paris, wer sollte eS denn verrathen? Darum freue Dich Deines jungen Lebens, mache kein so trübseliges Gesicht, ich kann die nassen Augen nicht leiden. Marg. Und doch habe ich Sie selbst schon einige Male weinen gesehen. Bernard (barsch). Da muß mir etwas in die Augen gefallen sein. Marz. Das waren Thränen, die aus dem Herzen kamen. Vor mir brauchen Sie sich nicht nicht zu verstellen, ich kenne diese Thränen zu gut. Bernard. Du fühlst Dich unglücklich, weil Du eines Verbrechens beschuldigt wurdest, das Du nicht begangen hast. Aber Deine Ehre kann wieder hergestellt, der wahre Thäter kann entdeckt werden. Du bist jung, Du hast noch ein langes Leben vor Dir. Mich macht eS oft traurig, daß ich das meinlge nur dazu benützt habe, um Reichthümer zusammen zu scharren. Man nennt mich hier in der Gegend einen Geizhals, weil ich immer denselben Rock trage und keine Leute bei mir sehe, die mit mir essen und trinken. Aber ich bin in Wahrheit ein Geizhals, ich hätte viele Glückliche um mich schaffen können, denn ich gebiete über Millionen. Doch mein Herz ist zu Eis gefroren, ich habe den Glauben an die Menschheit verloren und will mit der Undankbarkeit nicht- zu schaffen haben. Marg. Das sind böse unchristllche Gedanken, Herr Bernard. Wir sind nach dem Ebenbilde Gottes geschaffen und sollen uns bemühen, ihm auch ähnlich an Güte zu werden. Wie viele Undankbare, wie viele Frevler an seiner Gnade leben auf der Erde, und dennoch verhüllt er seine strahlende Sonne nicht, und seine schöne Welt blüht dem Bösen wie dem Guten in immer wiederkehrender Pracht. Bernard. Ich bin keiner von den Bösen, ich hänge auch nicht an meinem Golde, aber ich bin alt und meine Zeit ist bald um, es ist nicht mehr der Mühe werth. Marg. O wenn ich an Ihrer Stelle wäre, der Reichthum ist eine Gabe des Himmels. Bernard. Man kann damit ein Gott und ein Teufel der Menschen werden. Du hast Recht, Mädchen, aber ich bin zu alt — zu alt! —ich glaube gar, ich babe mich mit Dir in ein Gespräch eingelassen, und Du hast Dir herausgenommeki, mich zurecht weisen zu wollen. Zch will es Dir verzeihen, unter der Bedingung, daß Du Dich wie die übrigen Mädchen zum Feste kleidest. Du hast eben so das Recht, Rosenkönigin zu werden, wie die Andern und vielleicht noch mehr, denn Du bist brav, sittsam und tugendhaft, obwol Du 6 Monate Deines Lebens im Zuchthause zugebracht hast. Marg. Sie haben doch sonst ein so gutes Herz, warum erinnern Sie mich in diesem Augenblicke an jene unglückselige Zeit! (ab nach links.) Sechste Scene. Bernard (allein.) Sprach sie nicht von meinem guten Herzen, regt sich denn noch etwas von Mitgefühl und Theilname in meiner Brust? pocht es bei dem Elende meiner Mitmenschen etwas stärker? Nichts, als die Pulsader in seiner gewöhnlichen Verrichtung. Als ich jung war, da glaubt ich ein Herz zu haben, ich trug es dem Freunde entgegen, ich wollte es mit der Geliebten theilen, aber sie wiesen es zurück und griffen nach meinem Geldsacke. Seitdem ist das Geld an die Stelle des Herzens getreten, es ist freilich immer kälter und kälter in meiner Brust geworden, aber die Reichthümer haben sich von Jahr zu Jahr vermehrt, und als ich die erste Million zählte, da bemerkte ich auch keine Spur von Herz mehr in meiner Beust. (Geht nach rechts ab.) Siebente Scene. Die Rabe nkathi (Katon) kommt durch die Mitte. Katon (sieht sich um.) Da sieht es ja recht einladend aus, man feiert wahrscheinlich ein Fest. — Man hat mich zwar nicht dazu eingeladen, aber ich will dennoch von der Partie sein, habe schon lange nichts Lustiges mitgemacht; im Gefängiß geht es doch gar zu langweilig zu, nicht ein Bischen Abwechslung, immer dasselbe, und noch dazu arbeiten. Die zwei Jahre, die ich habe sitzen müssen, sind mir vom Leben abgestohlen, ich muß mich wieder zahlhaft machen. Aber wie? Aus Paris haben sie mich fortgeschickt, als ob ein Verdammter die Hölle heißer machte, dort hätte ich mich verloren unter den Andern, hier auf dem Lande ist das viel schwieriger; die Leute sind zwar dümmer als in Paris, aber sie haben noch so gewisse Ansichten, die mich geniren. Wer weiß, ob ich ihnen mit meinem Aufzuge da ein willkommener Gast bin, und ich muß etwas von dem Feste haben; der Bratenduft aus der Küche riecht bis hieher, ich muß meinen Magen wieder einmal so recht durch und durch erquicken, und wer 23 l weiß, ob nicht ein paar rasche Handgriffe auch meinen gesprengten Finanzen aufhelfen könnten. (Wendet sich gegen den Eingang und erblickt Colette, welche sich eilig näbert.) Da kommt schon so ein ungerupftes Gänschen, ich muß mich verstellen, um ihr Mitleid rege zu machen, auf dem Lande sollen die Leute noch empfindsam sein. (Läßt ihre Gestalt zusammen finken, so daß fie krank und elend ausfieht) Achte Scene. Colette. Die Vorige. Colette. Sie kommen schon durchs Dorf herauf! (erblickt Katon) die alte Bettlerin! ne! die würde sich gut ausnehmen zwischen den geputzten Leuten. (Au Katon) Guten Tag, Mutter! es thut mir leid, aber ich muß Euch aus dem Garten weisen. Der Zug mit den Rosenmädchen kommt hieher, sie werden die Königin für dieses Jahr auö- wählen, und da begreift Ihr wohl (zeigt auf die zerrissenen Kleider.) Katon (mit zitternder verstellter Stimme). Daß ich zu sehr abstechen würde, meinst Du? Ja freilich, wenn alle Mädchen so schön und jung sind wie Du, aber die Extreme müssen sich berühren, das macht den Anblick pikanter und mahnt an die Vergänglichkeit. Wer weiß, ob nicht Manche, die heute in Jugend und Schönheit blüht, nach 2V Jahren eben so zerlumpt und elend auSsieht wie ich, das Leben hat verschiedene Wege. Colette (halb bei Seite.) 34 verstehe nicht recht, was sie sagt, aber ich fange mich fast an, vor der Alten zu fürchten. (Laut.) Kommt Mutter, ich will Euch aus den Garten führen, da könnt Ihr bleiben. Herr Bernard würde zürnen. Katon (lachend). 3st er auch einer von denen, die die Leute verachten, wenn sie arm und elend sind? Colette. Ich wollt' Euch nicht kranken, gute Frau. Herr Bernard ist gut, ihm verdanken wir das heutige Fest, (mitleidig) aber Ihr sprecht von Elend, Ihr seid vielleicht müde und hungrig, und wir werden bald tanzen und sehr, sehr lustig sein. Kommt, ich will Euch an einen abgelegenen Ort des Gartens führen und Euch später etwas zu Essen bringen, es soll Niemand Hunger leiden an dem heutigen Tage. Katon. Du bist ein gutes Geschöpf, Gott wird Dich einmal segnen und Dir einen hübschen Mann geben, aber laß mich hier, ich möchte gar so gerne das Fest mit ansehen und will mich dort hinter die Büsche verstecken, es soll mich Niemand erblicken. Du hast mich auch in der Nähe, wenn Du mir etwas bringen willst, denn ich will es Dir nur gestehen, ich bin noch ganz nüchtern, und habe auch gestern nichts als ein Stück trockenes Brod gehabt. Colette (mitleidig). O du meine Güte! so alt und schwach und nichts als trockenes Brot! kommt, gute Frau, dort hinter dem Fliederbusch ist ein gutes Plätzchen, dort setzt Euch hin, da könnt Ihr Alles mit ansehen und sobald als es mir möglich ist. komme ich zu Euch, und bringe mit, waS nur meine Schürze tragen kann; aber nun kommt, ich höre schon die Musik, sie müssen gleich da sein. Katon. Mit der Rosenkönigin, ich hätte es auch einmal werden können, ich nahm mir nur keine Zeit dazu, hatte immer etwas Anderes zu thun. (Colette und Katon rechts ab.) Neunte Scene. (Musikanten in bretagnischer Bauerntracht eröffnen den Zug, dann kommt ein junges Mädchen, welche auf einem weißen Atlaskissen eine rothe Rosenkrone trägt, ibm folgen paarweise eine An- zahl junger Märchen. hinter ibnen Margarethe und noch fünf erwachsene Mädchen in ländlichen weißen Kleidern ohne Bänder und Blumen, dann da- Oorps äe Lallet, als bretagnische Schäfer gekleidet. Burschen und Mädchen im Sonntagsstaat folgen. den Zug schließt der Maire und sein Adjunkt, beide mit der dreifarbigen Binde geschmückt, der Pfarrer und Herr Bernard, Madame Piston mit einigen älteren Frauen. Der Zug hat stch so geordnet, daß die Musikanten die Erhöhung auf beiten Seiten hinter der Balustrade einnebmen. Die sechs Rosenmädchen und die Kinder bleiben unter den FestonS stehen, daS 6orps cke ksllet nimmt den Hintergrund ein, rechts und links ordnen sich die Bauern und Bäuerinnen.) Ballet. (Nach dem Tanze gruppirt sich daS Oorps 6e ksllet zu einer Gruppe, in deren Mitte Margarethe mit der Rosenkrone auf dem Kopf, von den kleinen Mädchen, welche Rosenguirlanden halten, umgeben, auf der Erhöhung gerade unter den FestonS sichtbar wird.) Zehnte Scene. Herr Bernard, der Pfarrer, der Maire, Mad. Piston. Colette treten alle in dem Augenblicke aus den Cou- lissen, wo sich die Gruppe bildet. Die Vorigen/ gleich darauf Katon. Die Burschen und die Mädchen. Es lebe. Margarethe, unsere Rosenkönigin! (Tusch der Musikanten). Katon (tritt höhnisch lachend hinter der Eoulisse hervor, so daß sie Margarethen gerade gegenüber zu steben kommt). Ihr habt eine würdige Wahl getroffen, die wegen Diebstahls Abgestrafte, die Entlassene aus den Gefängnissen von Paris wird eine prächtige Rosenkönigin sein! (Alles weicht von Margarethen zurück.) Die Burschen. Eine Diebin! Die Mädchen. Abgestrafte! M a r g. (schlägt die Hände vor daS Gesicht). O mein Gott, habe ich diese Schmach verdient? Katon. Sie hat Euch wohl berückt durch ihre heuchlerischen Mienen, ich kenne die Duckmäuserin, sie hat'S im Gefängniß eben so gemacht, wollte immer besser sein als andere Leute. Dafür habe ich ihr's jetzt eingebrockt, die Herrlichkeit hat ein Ende, oder wollt Ihr sie trotzdem als Rosenkönigin behalten? Die Burschen. Warum nicht gar, sie muß fort auS dem Dorfe. Die Mädchen. Wir dulden sie nicht unter unS! Piston. Sie darf mir keinen Augenblick länger im Hause bleiben, (zu Margarethe) schnüre Deinen Bündel und mach', daß Du weiter kommst. Marg. Wo soll ich denn hin, wo mich mein Unglück nicht verfolgt? Bernard. Ihr weicht von ihr zurück, weil ein böses Weib einGeheim- niß offenbarte, das mir längst bekannt war, lhr verachtet sie, weil sie ein Verbrechen gebüßt, das sie nicht begangen hat, Ihr stoßt eine Unglückliche hinaus in ihrer Entbehrung und Noth, statt sie theilnehmend aufzurichten, und alles deshalb, weil sie eine arme Verlassene ist, die Niemand auf der weiten Erde hat, der sich ihrer annimmt. Wohlan! ich will einmal die Macht des Goldes erproben. Ich schütte das Füllhorn des ReichthumS über sie (zu Margarethe). Margarethe, willst Du unter dem Namen Gattln meine Tochter werden? Meine Millionen sollen Dir Deine Ehre wieder schaffen! Marg. (erfaßt knteend seine Hand und preßt die Lippen darauf). (Ende der dritten Abtbeilung.) Vierte Abtheilung. (Erster Akt.) (Eleganter Salon bei der Gräfin d'Aumont Erste Scene. Gräfin d'Aumont (fitzt rechts auf einem Sofa, auf dessen Lehne sich RestoN- vi lle stützt). O s car l fitzt nachlässig in in einem Fauteuil und blättert in einem Album). Der Graf und Herr von Meyer (nehmen die linke Seite des Salons ein). Resto nv. (zur Gräfin). Wie ich Ihnen sagte, das Aufsehen, das sie machte, war kolossal. Die Masse der Diamanten, die sie trug, verdunkelte die Lichter des Saales und zog alle Blicke auf sich. Gräfin. Die Pariser sind doch höchst lächerlich, die obscure Erscheinung einer Frau, welcher der Ruf einen fabelhaften Reichthum gibt, bringt sie ganz aus der Fassung. Restonv. Sie ist keineswegs so obscur, wie Sie zu sagen belieben, sie hat Creditbriefe auf unsere ersten Häuser, und gestern erst sah ich den Wagen Pereire'S vor ihrem Hotel halten. Gräfin. DaS will nicht viel sagen, diese Geldmenschen kommen mir vor, wie die Bären, sie wittern den Honig von Weitem. Oscar. Sie haben da unwillkürlich einen sehr passenden Vergleich gemacht, Frau Gräfin, die schone Fremde ist ein wahrhafter Honigbaum, denn nicht nur die Bären, der ganze Schwarm der Pariser Wespen umschwärmt sie bereits. Gräfin (etwas piktrt). Sie werden wahrscheinlich nicht die letzte darunter sein. t. Zwei Seitenthüren und eine Mittelthüre.) Oscar. Ich war noch nicht so glücklich, Jemand zu finden, der mich bei ihr eingeführt hätte, doch habe ich bereits alle Maßregeln getroffen, bei einem ihrer nächsten Bälle eine Einladungskarte zu erhalten, und dann werde ich mich an die Spitze ihrer Anbeter stellen. Restonv. Ich habe dieselbe Absicht. OScar. Die Frau Gräfin Santa Cro^e soll nur die ausgezeichnetste Gesellschaft bei sich sehen. Restonv. Ich darf mir schmeicheln, überall gerne empfangen zu werden, denn meine Stellung und mein Geist — OScar (unterbricht ihn). Ja richtig, Sie halten sich für einen geistreichen Kopf. Gräfin. Ich würde mich niemals entschließen, den Salon einer Frau zu betreten, von der man außer ihrem Reichthum nichts kennt. Hr. v. Meier (wendet sich zurGräfin). Sie sprechen von der Gräfin Santa Croye; sie ist eine Dame von außerordentlichen Verdiensten, sie besitzt 14 Millionen baareS Vermögen, ich habe genaue Erkundigungen über sie eingezogen. Graf. Sie haben also das Glück, jenes Wunder der Eleganz, von dem ganz Paris spricht, zu kennen? Hr. v. Meier. Ich bin Geschäftsmann, und wenn ein Stern solchen Ranges am finanziellen Himmel erscheint, muß man seine Bahn verfolgen und untersuchen, ob sein Glanz auch 26 echt ist und nicht verschwindet gleich einem Meteor. Graf. Sie sind also mit den Verhältnissen jener Dame genau bekannt? Hr. v. Meier. Ob ich bekannt? wenn ich Ihnen sage, daß sie besitzt 14 Millionen, so ist das genug. Gräfin. Sie sprechen immer vom Gelde; ich wünschte Auskunft über ihre Familie zu erhalten. Hr. v. Meier. Familie! Was braucht man Familie, wenn man reich ist? Ich habe mich niemals gekümmert um meine Familie. Oscar (spöttisch). Sie mögen auch Ihre gegründeten Ursachen dazu haben. Hr. v. Meier. Ich handle niemals ohne Grund und bin damit geworden reich. Graf. Sie wollten uns ja etwas von der Gräfin Santa Cro^e erzählen, der Name klingt spanisch, ist sie vielleicht eine Mexikanerin? H. v. Meier. Das kann ich nicht- sagen, ich weiß nur, daß sie hat gekauft die spanische Insel Santa Cro^e, die nicht trägt ein V 2 Percent, um eine baare Million, blos um den Titel zu haben: Gräfin von Santa Croye! Gräfin (verächtlich). Wie ich mir's gedacht, eine Abenteuerin, die einen Titel usurpirt, um damit Zutritt in der guten Gesellschaft zu erlangen. Hr. v. Meier. Was braucht sie Zutritt, man wird sich drängen zu ihr, denn sie ist reich und führt ein großes Haus, sie wird geben Bälle und Diners und die gute Gesellschaft wird bei ihr speisen und tanzen. Restonv. Sie hat ja das Hotel nebenan gekauft und eS mit fürstlicher Pracht und indischem LuruS möbliren lassen, die Gräfin hat die muthigsten Pferde und die prachtvollsten Equipagen. Wer einen solch ausgezeichneten Geschmack hat, muß nothwendig auch die nobelsten Sentiments besitzen. Gräfin. Mich wenigsten- soll sie nicht zu ihren Gästen zählen (wendet sich zum Grafen). Ich hoffe, mein Genial, daß es Ihnen niemals einfallen wird, die Frau bei uns zu empfangen, noch ihre Einladungen anzunehmen. Graf. Das kommt auf die Umstände an, Sie wissen, daß ich mich nur mit höchst ehrenwerthen Charakter« umgebe. Gräfin (mißt die Umstehenden). Ja, mit höchst ehrenwerthen. Hr. v. Meier (sieht nach der Uhr). Die Frau Gräfin von Santa Cro§e will einige große Capitalien nutzbrin geud anlegen, ich habe ihr bereits meine Karte geschickt, vielleicht machen wir ein Geschäft zusammen, ich will nach meinem Comptoir sehen, ob sie noch nicht nach mir verlangt hat. Restonv. Sie hat eine Loge in der italienischen Oper abonnirt, ich will mich um einen Platz in ihrer Nähe umsehen. Vielleicht gelingt es mir, ihre Blicke auf mich zu lenken; sie ist, wie man sagt, Witwe, und eine 14fache Millionärin und ich bin — Oscar (steht aus). Ein geistreicher Kopf, wollen Sie sagen, nehmen Sie sich in Acht, Sie werden mich zum Nebenbuhler bekommen. Graf. Die Schilderung dieser interessanten Dame hat auch meine Neugierde erweckt, ich will ebenfalls in die Oper, um ihre Bekanntschaft zu machen. Wollen Sie mich vorher nach dem Bois de Boulogne begleiten, Vicomte? Oscar. Mit Vergnügen, vielleicht begegnen wir sie dort. Gräfin. Ich finde eS unartig, mich einer Neugierde halber allein zu lassen (zu Oscar). Sie werden noch öfter Gelegenheit finden, diese gefeierte Göttin zu bewundern, heute jedoch rechne ich auf Ihre Gesellschaft; was die übrigen Herren betrifft, so mögen sie thun, was sie nicht lassen können. OScar (gedehnt). Nach Ihrem Befehle, Frau Gräfin. Graf. Wir können uns nichts desto weniger in der Oper treffen. (Ab mit Mryer und Restonville.) Zweite Scene. Gräfin. Oscar. Oscar (wirft sich auf da- Sofa). Sie haben dieses Ms a Ms nicht umsonst herbeigeführt. Wohlan! Was haben wir uns zu sagen? Gräfin. Ich hätte es einst nicht für möglich gehalten, daß wir uns so kalt gegenüber stehen würden. Oscar. Sie wollen mir doch keine Vorwürfe machen? Gräfin. Daß Sie mich nicht mehr lieben? eS fällt mir nicht ein, Sie sind mir ja ebenfalls gleichgültig. Oscar. Danke für Ihre Freimü- thigkeit. Gräfin. Der Zweck dieser Unterredung ist, die Briefe zurück zu verlangen, die ich einst so unvorsichtig war, an Sie zu schreiben. Oscar (lachend). Worin Sie mich Ihrer ewigen Liebe versicherten? diese Briefe sind allerliebst geschrieben, ich würde mich sehr schwer davon trennen. Gräfin. Sie können keinen Werth mehr für Sie haben, warum weigern Sie sich also, sie zurück zu geben? Oscar. Weil sie mir große Beweise liefern können, wenn es Ihnen einmal einfiele, unser einstiges Ver- hältniß läugnen zu wollen. Gräfin. Sie haben also die Absicht mich zu compromittiren? Oscar. Gegenwärtig noch nicht, aber vielleicht wenn Sie mich herausfordern würden. Gräfin. Vergessen Sie, daß auch ich Waffen gegen Sie in Händen habe? Oscar. Die Sie sich hüten werden zu gebrauchen. Sie müßten sich ja zu meiner Mitschuldigen bekennen. G r ä f i n (empört). Und diesen Mann konnte ich einst lieben? Oscar. Täuschen Sie sich nicht Frau Gräfin. WaS Sie für mich empfanden, war jugendliche Tborheit, Mädchenlaune. Sie haben niemals Jemand geliebt als sich selbst. Ich hatte wieder andere Beweggründe, ich war arm, ohne Namen und ehrgeizig, ich wollte der Schwiegersohn des Herrn von Del- vigny werden, um dadurch einen Rang in der Gesellschaft zu erhalten. Meine Berechnungen waren falsch, Ihre Liebe war nicht von der Art, um Sie die Vortheile einer reichen Heirat verkennen zu lassen. Sie opferten den Liebhaber und wurden Gräfin d'Aumont. Gräfin. Erinnern Sie mich nicht an jenen entsetzensvollen Abend. Oscar. Ich entsagte Ihrer Liebe und verließ Paris. Sie trösteten sich, indem Sie sich mit einem Heere von Anbetern umgaben. Gräfin. Ich verlangte nach Zerstreuung, mein Herz war auf dem Punkte zu brechen. Oscar. Es ist aber nicht gebrochen. Frauen Ihrer Art haben sehr zähe Herzen. Ich fand es endlich langweilig, mich in fremden Bädern und Ländern herumzutreiben und kehrte nach Paris zurück. Ich fand Sie an der Spitze der tonangebenden Frauen und erneuerte unsere Bekanntschaft; da mich mein bürgerlicher Name genirte, hatte ich mir den Titel Vicomte beigelegt. Sie waren so gefällig eS gelten zu lassen, und übernahmen es, mich in alle vornehmen Häuser Ihrer Bekanntschaft einzuführen. Gräfin. Weil Sie mir drohten, die Briefe, die Sie noch von mir in Händen hatten, meinem Gatten zu übergeben. Oscar. Ich hatte Sie endlich gänzlich durchschaut. Sie knieten nur vor einen Götzen und der war Ihr unangetasteter Ruf, die Furcht in der öffentlichen Meinung zu fallen, war stärker als Ihre Leidenschaften. Sie hatten niemals einen Liebhaber gehabt, ob- L8 wol man überzeugt war. daß Sie gegen Ihren Gatten gleichgültig waren. Gräfin. Und dennoch duldete ich alle Qualen einer strafbaren Frau, denn Sie wurden mein Peiniger. OScar. Sie brachten mir einige Opfer, ich gebe es zu, doch seitdem ich die Ehre habe, der Freund ihres Ge- mals zu sein, haben sich unsere Verhältnisse freundlicher gestaltet. Ich habe meinen Plan erreicht, ich bin in der eleganten Gesellschaft eingeführt, und Niemand zweifelt an der Echtheit meines Adels und der Solidität meines Vermögens, obwol beide eine schwankende Basis zum Grunde haben. Gräfin. Sie gestehen, daß Sie meiner nicht mehr bedürfen, warum geben Sie mir denn die Briefe nicht zurück, deren Besitz allein mich für meine Zukunft beruhigen kann. Oscar. Ich habe Ihnen schon erklärt, daß diese Briefe für mich einen besonderen Werth haben. Wohlan! wir wollen diesen Werth bestimmen. Ich häbe fünfzig Briefe alle mit Ihrem vollkommenen Namen unterzeichnet, denn Sie waren damals noch etwas unerfahren. Bezahlen Sie mir für jeden dieser Briefe 1000 Franken, und ich bin augenblicklich bereit, Sie Ihnen zurück zu geben. Gräfin. Diese unverschämte Forderung sieht Ihrem abscheulichen Charakter ähnlich. OScar. ES ist mir ganz gleichgültig, wie Sie über mich denken. Gräfin. Sie wissen, daß ich kein eigenes Vermögen mehr besitze, und daß mir mein Gemal ein sehr karges Nadelgeld gibt. OScar. So machen Sie Schulden, Herr von Meyer wird sich eine Ehre daraus machen, Zhnen daS Nöthige vorzustrecken. Gräfin. Auf 50 Prozent soll ich mir auch noch eine solche Last aufbürden? ist eS nicht genug, daß ich, um Zhre Forderungen befriedigen zu können, mir Entbehrungen auflegen mußte, die eine Frau meines Standes nur schwer eltragen kann? Oskar (steht auf). So bleiben auch die Briefe mein Eigenthum. — Haben Sie mir sonst noch etwas zu sagen, Frau Gräfin? Gräfin. Nein! gehen Sie! Ihr Anblick flößt mir Entsetzen ein. Oscar. Sonderbar, es gab eine Zeit, wo Sie mir eben so leidenschaftlich Ihre Liebe versicherten. Ueberlegen Sie sich's Frau Gräfin, 56000 Franks und alle Erinnerungen an jene Launen sollen für immer für Sie aufhören. (Ab.) Gräfin. O über diese unselige Schwäche, die mich hindert, diesem Elenden die Larve herab zu reißen. Ein Wort würde genügen, um ihn der Oeffentlichkeit Preis zu geben, aber ich darf es nicht aussprechen, denn meine Ehre würde auf immer gebrandmarkt sein. (Ab nach rechts.) (Verwandlung. Einfach bürgerliches Zimmer bei Marfan mit einer Mittel-und zwei Seitenthüren.) Dritte Scene. Arthur von links, gleich darauf Madame Bobinet von rechts und ein Commissionär. (Man bört heftiges Klingeln.) Arthur. Was ist denn da loS? gewiß wieder ein Bettelclient, dem's ans den Fingern brennt. (Wiederholtes Klingeln.) Bob inet. Nu — nu! ich komme schon, nur ein wenig Geduld. (Oeffnet die Mittelthür.) Commissionär (eintretend). 3hr sitzt wahrscheinlich auf den Ohren, daß Zhr nicht hört oder glaubt, andere Leute hätten eben so viel Zeit zum Faullenzen. Bin ich da recht bei dem Armenadvokaten? wird mir auch der rechte sein. Armenadvokat heißt er wol LS deshalb, weil er den Armen die Haut über den Kopf abzieht. Arthur. Wenn er nicht mit mehr Respekt von meinen Prinzipal spricht, so werde ich ihn gleich zur Thüre hinaus werfen. Com Missionär. DaS kommt auf einen Versuch an, wer der Stärkere ist, ich glaube schier, daß der Moste eher draußen lieget. Bobinet. Da redet ich auch ein Wort drein. Uebrigens ist mein Sohn Advokatenschreiber und gibt sich mit solchem gemeinen Volke gar nicht ab. Was steht denn eigentlich zu Diensten? C o m m i ssi onär. Einen Brief babe ich abzugeben. (Likst die Adresse eine» Brieses. den er aus der Tasche ziebt.) Herr Advokat Marfan Rue 6s Üeläer Nr. 558, ich bin doch an der rechten Schmiede? Arthur (nimmt den Brief). Von wem ist denn der Brief? Com Missionar. Weiß nicht! geht mich auch nichts an, meine Bezahlung habe ich schon bekommen. B o biN e t (zeigt auf die Thüre). Ihr könnt gehen. Es ist schon gut. C omm i ssi onär. Nein, eS ist noch nicht gut. ich muß eine Quittung haben; daß ich den Brief richtig abgegeben habe, dafür bekomme ich noch ein 5 Frankenstück, und das laß' ich nicht in Ruhe, obwol Euch die Forderung wegen der Quittung geärgert hat, denn ich bin ein Auvergner, die sind zwar grob aber ehrlich. Arthur. Das haben wir gehört. Commissionär. Ist der Herr vielleicht der Advokat selber, er sieht mir zwar ein wenig zu dumm darnach aus. Bob inet. Moderire er sich, dieser jung« Mann ist mein Sohn. Commissi onär. DaS habe ich gleich bemerkt. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm. Wenn der Herr 'chreiben kann, so kratzel er mir ein paar Worte auf einen Wisch Papier, damit ich fortkomme. Arthur. Welche Voraussetzung, ob ich schreiben kann? Ich bin das Faktotum des Herrn Marsan, für jetzt sein sämmtlicheS Kanzleipersonale und so zu sagen seine rechte Hand — Commissio när. Und die Madame da wahrscheinlich die linke; jetzt möcht' ich den Körper kennen, wo diese beiden Hände daran herumschaukeln. Arthur (hat indeß geschrieben). So da hat er seine Quittung. Commissionär (wischt mit dem Aer- mel den Streusand weg). Sie, mit Erlaub- niß, werden Sle für diese Kritzlerei bezahlt? Das kann ja kein ehrlicher Mensch lesen. Da kann ich's besser, da hat jeder Buchstabe seine gehörige Größe und Dicke. Na mir ist's Alles eins, wenn ich nur meine 5 Franken dafür bekomme. Behüt Gott, und nichts für ungut, Sie alte Madame. — (Schlagt Madame Bobinet aus die Achsel und geht ab.) Vierte Scene. Madame Bobinet. Arthur. Bobinet. Alte Madame hat er gesagt! Nein, was man für Grobheiten einstecken muß, seit man aufgehört hat Concierge zu sein, eS ist nicht zum Aushalten. (Neugierig.) Was muß denn der Brief enthalten, kann man nicht ein wenig hinein schauen? Arthur. Nein! Kanzleigeheimnisse dürfen nicht auögeplaudert werden. Der Brief ist dick. eS sind wahrscheinlich Prozeßakten darin; wenn eS nur keine ex oküeio Arbeit ist! es wäre einmal Zeit, daß wir wieder etwas Ordentliches unter die Feder bekämen. Bobinet. Ja weiß Gott! Herr Marsan ist geschickt, er hat den besten Ruf, und seine Einnahmen sind doch so gering, daß wir kaum das Nöthige zum Leben erschwingen können, während seine College» große Häuser führen, sich Equigen halten und ein Land-- 30 gut um's andere kaufen können. Ich will mich nur mit den Gedanken trösten, daß es bei Dir, wenn Du einmal Advokat bist, aus einem andern Ton gehen wird. Arthur. Ich werde nicht so diffi- cil sein wie Herr Marsan, ich werde alle Prozesse annehmen, die man mir bringt. B o b i n e t. Ich finde überhaupt, daß eS diejenigen bei der jetzigen Zeit am weitesten bringen, die es mit dem Nehmen nicht gar zu gewissenhaft halten. Arthur. Auch aus die Galeere und in's Zuchthaus. Bobinet. Weil gerade vom Zuchthaus die Rede ist, so möchte ich doch wissen, was aus der Margarethe geworden ist. Arthur (mit Pathos). Mutter, wecken Sie den Leuen nicht auf, der seit 10 Jahren in diesen Busen schlummert. Oh Margarethe, warum hat sich dieses schaurigeSchmuckverhältniß zwischen dich und meine Liebe gestellt? du hättest eS doch noch einmal merken müssen, daß du mein Ein und mein Alles bist. (Geht mit karikirtem Schmerz in das Zimmer links ab). Künste Scene. Madame Bobinet allein. Da hat man den Narren; wenn man von der Margarethe anfängt, ist mit ihm nichts mehr zu reden. Ich bin nur froh, daß sie so zu sagen aus Paris verschwunden ist, er wäre im Stande gewesen, sie noch zu heiraten, das hätte meinen Hoffnungen vollends den Boden ausgestossen; sie sind ohnehin sehr herab gesunken. Mein Arthur, den ich zum Genie habe ausbilden lassen, ist nichts als ein armseliger Advokatenschreiber geworden und Herr Marsan sagt, daß er zu dem nicht einmal zu gebrauchen ist. Sechste Scene. Marsan eintretend. Die Vorigen. M a r sa n (bei Seite). Der Kauf ist so zu sagen abgeschlossen, aber ich habe mich noch nicht zur Unterschrift entschließen können. Oh, eS ist sehr schwer, einen Wirkungskreis zu verlassen, an den man mit allen Fasern des Lebens hängt. Bobinet. Sie sind heute schon aus dem Justizpalaste zurück, Herr Marsan? Marsan. Ich war gar nicht dort, eine Angelegenheit ganz anderer Art hat mich den ganzen Morgen beschäftigt. ES ist gut, Frau Bobinet, daß ich Sie allein treffe, in unseren häuslichen Verhältnissen wird eine Veränderung ein- treten, und ich muß Sie damit bekannt machen. Ich werde meine Praxis als Advokat aufgeben. Bob in et (erschrocken). Sie erschrecken mich Herr Marsan, was haben Sie für einen Grund dazu? Marsan. Ich habe für einen meiner Clienten, von dessen Redlichkeit ich überzeugt war, eme Bürgschaft von 20000 Franks übernommen, der Fall zieht sich durch die Chikanen eines meiner College» in die Länge. Morgen ist der Termin abgelaufen, und ich muß mein Wort einlösen. Bob inet. 20000 Franks, das ist viel Geld! Werden Sie eS denn zu sammen bringen können? Marsan. Da eS gegen meine Grundsätze ist, Schulden zu machen, so werde ich meine Stelle verkaufen. Der Erlös dafür wird hinreichend sein, jenen Betrag auszugleichen. Bob in et. Von was werden Sie aber leben, wenn Sie kein Advokat mehr sind? Marsan. DaS ist das Wenigste; meine Bedürfnisse sind gering, schmerzlicher ist es mir, einen Beruf aufgebe» zu müssen, der mich der leidenden Menschheit zum Helfer bestimmt hat. Bobinet. Ja, ja, Sie haben geholfen, bis Ihnen selbst nichts mehr übrig blieb. Marsan. Machen Sie mir deshalb Vorwürfe? Bob inet. Bewahre Gott! bin ich doch auch eine von denjenigen, die Sie in der höchsten Noth aufnahmen. Marsan. Als ich für den Gegner des Barons Delvigny jenen Prozeß gewann, der ihm fast sein ganzes Vermögen kostete, wurde das Hüte! verkauft, und Sie verloren den einträglichen Dienst. Ich hielt eS für meine Pflicht Ihnen ein anderes Unterkommen zu verschaffen. Bob inet. Als ich Witwe wurde, nahmen Sie mich als Haushälterin zu sich, und auch mein Sohn fand in Ihrer Kanzlei eine Beschäftigung. Marsan. Sprechen Sie nicht davon, ich hatte niemals Ursache, mit Ihren Diensten unzufrieden zu sein. Bobinet. Weil Sie so leicht zu befriedigen sind. Aber wenn Sie Ihre Stelle aufgeben, was wird denn aus uns werden? Marsan. Beruhigen Sie sich, ich werde so viel übrig behalten, um eine kleine Wohnung miethen zu können, und die Kenntnisse, die ich besitze, werden uns den nöthigen Lebensunterhalt ver- Ichaffen. Ist nichts vorgefallen während meiner Abwesenheit? Bobinet. Nichts, als daß Jemand einen Brief gebracht hat, ich habe ganz darauf vergessen, ihn zu übergehen. (Nimmt den Brief vom Tisch und reicht ihn Marsan.) Marsan. Machen Sie Ihre nöthigen Anstalten, wir werden die Kanzlei noch vor morgen räumen. Bobin et (halb bei Seite). Ich habe es mir immer gedacht, daß eS so kommen würde, daS kommt daher, wenn man zu gut ist! (Ab nach rechts.) Siebente Scene. Marsan allein. Delvigny hatte Unrecht, als er einst spottend zu mir sagte, daß ich als ein armer Advokat sterben werde. Ich werde bloö arm, aber kein Advokat mehr sein. Ich bin nie vom Pfade deS Rechtes gewichen, ich habe keinen Reichen bevortheilt und die Armen nach meinen Kräften unterstützt, und dennoch! dennoch! Oh man könnte an der Gerechtigkeit Gottes zweifeln, weil sie mir nicht vergönnt, den ein- geschlagenen Pfad bis zu meinem Ende zu verfolgen. Doch fort ihr Gedanken, die eines Mannes unwerth sind, ich darf meinen Grundsätzen auch im letzten Augenblick nicht untreu werden. (Nimmt den Brief.) Heute bin ich noch Advokat, ich muß sehen, was man von mir will. (Oeffnet den Brief.) Was ist das! Banknoten und von so großem Betrage (zählt) 30 Stück, jedes zu 1000 Franks. Was soll das bedeuten? — Ich habe keinen Freund, der mir in meiner Lage zu Hülfe kommen könnte. Doch hier ist ein Brief, er wird das Räthsel lösen. (Liest). „Eine Unglückliche, die Sie vor 10 Jahren vor Gericht verteidigten, war damals nicht im Stande, Ihr Bemühen zu belohnen. Gott hat sie seitdem mit Reichthum gesegnet, und sie beeilt sich, nicht jene alte Schuld zu tilgen, (denn was Sie für sie gethan haben, bezahlt man nicht mit Geld, sondern mit ewiger Dankbarkeit), Ihnen durch die Beilage die Mittel zu bieten Ihr Wort einzulösen, ohne einen Beruf aufzugeben. der Sie zum Helfer der leidenden Menschheit bestimmt hat." Wer du auch bist, du hochherziges Geschöpf, das mir seinen Dank auf eine so edle Art bezeigt, ich nehme deine Gabe an und verwende sie nach deinen Willen. O mein Gott, ich danke dir, ich darf meine Stelle nicht verkaufen, ich werde Advokat bleiben. 3L Achte Sene. Margarethe ist bei den letzten Worten eingetreten. Der Vorige. Margarethe. Und ich bin die Erste, die diesen Entschluß für Ihr Interesse in Anspruch nimmt. Marsan (geht ihr einige Schritte entgegen). Verzeihung Madame, ich habe Sie nicht eintreten sehen. Wer sind Sie, und was siebt Ihnen zu Diensten? Marg. Ich bin eine Ehrlose, die wegen eines Vergehens, dessen man sie beschuldigte, zu einer schmachvollen Strafe verurtheilt wurde, und komme nun zu Ihnen, um Sie zur Rechtfertigung meiner Ehre aufzufordern. Marsan (erkennt sie). Margarethe! Marg. Ja, ich bin Margarethe, jene arme Magd, die wegen Diebstahls verurtheilt wurde. Als sich Alle von mir wendeten, und mich selbst diejenigen, um derentwillen ich duldete, schamlos verläugneten, waren Sie es allein, der an meine Unschuld glaubte. Ich bin nicht mehr das leichtgläubige, vertrauende Mädchen, das sich durch ein Versprechen gebunden hielt, die Gräfin von Santa Croce wird endlich den Schleier lüften, der seit 10 Jahren eine heuchlerische Tugend umhüllte. Wollen Sie dazu mein Beistand sein? Marsan. Mit allen Kräften meines Willens und meines Talentes. Marg. Und mein Geld soll Sie unterstützen! (Ende des ersten Aktes). (Zweiter Akt.) Der glänzend erleuchtete Nebensalon eines Ballsaales bei der Gräfin Santa Croce. Der Hintergrund gewährt eine Aussicht in einen ebenfalls erleuchteten Wintergarten. er ist durch einen Bogen abgeschlossen, durch dessen Säulen man in den Ballsaal gelangt. Der Salon ist ohne Thüren, der Eintritt durch die Coultssen. Erste Scene. s Margarethe in glänzender Balltoilette, zwischen den Blumen des Kopfputzes schimmert ein Diadem von Brillanten, auf der Brust trägt sie eine Brillantrose, kommt von links. Restonville folgt ihr.) Marg. Sie behaupten also, daß Sie mich lieben, mein Herr? Restonv. Unsere Sprache hat keine Worte für die Größe meines Gefühls. (Stürzt zu ihren Füßen.) Ich bete Sie an, ich vergöttere Sie, ich sterbe, wenn Sie mich nicht erhören. Marg Sagen Sie mir, gilt diese Anbetung mir oder meinen Millionen? Restonv. Ihnen! Ihnen nur allein, ich würde Sie lieben, auch wenn Sie mir wie GriseldiS arm, nackt und bloS aus einer Köhlerhütte entgegen getreten wären. Marg. Ich möchte Sie nicht auf die Probe, stellen, obwol ich Ihre Gesinnungen vollkommen theile, denn auch ich würde bei der Wahl eines Gatten blos der Stimme meines Herzens folgen. Restonv. Und hat sich dieses Herz schon entschieden? Marg (etwas kokett). Vielleicht! die Entscheidung hängt von dem Erfolge deS heutigen Abends ab. Noch trennt mich eine Kluft von den Erwählten. Restonv. (bei Seite). Sie meint mich, es ist kein Zweifel, nur verstehe ich nicht, waS sie unter der Kluft versteht. (Saut.) Der Glückliche besitzt viel- 33 leicht kein so großes Vermögen, wie Sie? Marg. Ich lege keinen Werth auf das Geld, im Gegentheil, ich verlange, daß mein künftiger Gatte keinen Sous besitzt, er soll Alles mir und meiner Liebe zu verdanken haben. Restonv. (bei Sekte). O weh! am Ende ist mir hier mein Reichthum im Wege, aber ich will sie durch ein großartiges Opfer verblüffen. (Laut.) Ich bin reich, Madame, nicht so reich wie Sie, doch ich besitze genug, um bei dieser Zeit der Geldindustrie etwas zu bedeuten, aber ich will dieses Vermögen wie eine unnütze Last von mir schleudern, wenn ich nur dadurch Ihre Liebe gewinne. Marg. (lauernd). Ein solches Opfer wäre beispiellos, kein Mann ist es zu bringen im Stande. Restonv. Versprechen Sie mir, daß Ihre Hand der Preis dieses Opfers sein wird, und ich werde noch in dieser Stunde mein sämmtlicheS Vermögen dem Ersten Besten durch eine Schenkungsurkunde übergeben. Marg. Wenn Sie eine Bedingung daran hängen, hört es auf, ein Opfer zu sein. Mein Herz kann man nur durch eine extravagante Handlung erringen. Restonv. Nun denn, so soll noch heute ein Bettler zu Ihren Füßen liegen. (Rasch ab.) Zweite Scene. Margarethe (allein). Armseliger Spekulant! um meine Reichthümer zu erlangen, ist er im Stande, die Frucht jahrelanger Bemühungen aufs Spiel zu setzen; der armen Margarethe hätte er einen Sous verweigert, der Millionärin wirft er Tausende hin. O Bernard, verewigter Greis! du hattest Recht, wenn du den Besitz des Geldes über alle Tugenden der Menschen setztest. Was ist Unschuld? was der Adel des Herzens, ja selbst das Genie, wenn du sie nicht auf deinen glänzenden Schwingen empor hebst! Marsan, der redliche Advokat, das Prototyp von Edelmuth und Seelengröße, war auf dem Punkte, seine Stelle verkaufen zu müssen, weil ihm einige armselige Tausend Francs fehlten, die er großmüthig einem Andern geopfert hatte, während der herzlose Pereire sich auf den Trümmern des zerstörten Glückes seiner Mitmenschen einen Tempel des Ueberflusses erbaut. Vor 10 Jahren war ich verachtet, eines Diebstahls beschuldigt vor Gericht, weil ich eine arme Magd war und weil man das Verbrechen so gern mit der Armuth vereinigt. Heute bin ich die Königin des Tages, das interessante Rathsel, dem die ganze elegante Welt von Paris huldigt. Selbst die stolze Gräfin ist gekommen, ich hatte die Genugthuung, daß sie vor Neid erblaßte, als sie die Pracht meiner Gemächer bemerkte. Sie sind alle da, die mich in meiner größten Erniedrigung sahen. Sie sollen auch Zeuge der Rache sein, die sich meine beleidigte Ehre für diese Stunde aufgespart (rasch ab nach rechts). Dritte Scene. Arthur. Madame Bobinet (karri- kirt geputzt kommen von links). Arthur (zählt an seinen Giletknöpfen). Sie ist es, ist es nicht, ist es, ist es nicht, ist es! Sie ist es, ich habe mich nicht getäuscht (streckt die Arme gegen die abgegangene Margarethe aus) Margarethe! Bobinet. So nimm doch Vernunft an! es ist ja gar nicht möglich, daß sie's ist. Arthur. Das Auge der Liebe sieht auch durch ein Brett, und mein Herz schlägt nicht umsonst so ungestüm in meinem Busen. 3 34 B o - i n e t. Wie sollte denn die Margarethe zu aller der Pracht gekommen sein, schlag' Dir den Unsinn aus dem Kopf, die Gräfin ist ja viel größer, viel schöner und auch viel gescheiter. Arthur. DaS macht Alles der Rrichthum, die Frau Mutter schaut sie jetzt mit ganz andern Augen an. Für mich ist sie noch immer die Alte. Bob in et. Und wenn sie eS wäre, so wirst Du doch nicht glauben — Arthur. Daß sie endlich meine Liebe entdeckt hat, ich bin vollkommen davon überzeugt, warum hätte sie uns sonst eingeladen? Sie will mir jetzt auf eine gute Art entgegen kommen. O Margarethe, nur einen kleinen Deuter und ich schreie eS in die weite Welt hinaus, daß ich Dich liebe, Dich anbete, für Dich sterbe! Bob inet. Mache nur kein Aufsehen, die Leute im Saal haben sich so schon über uns lustig gemacht. Arthur. Ja, wir haben durch unsere Erscheinung Aufsehen erregt, und das ist mein Stolz. Wie der Thür- hüter so zwischen Grafen, Vicomtes und Marquis auf einmal Herr und Madame Bobinet gerufen hat, haben sich alle Blicke nach uns gewendet. Bob in et. Sie haben darauf die Köpfe ganz kurioS über unS zusammen gesteckt. Arthur. Sie werden sie noch besser zusammen stecken, wenn sie die ganze Bedeutung dieser Einladung erfahren, und ich als künftiger Graf von Santa Croye auf einmal mitten unter sie hinein treten werden. Bob in et. Wenn Du nicht gleich aufhörst, so muß ich mich noch um einen Platz im NarrenhauS für Dich umsehen. Hast Du denn keine Augen, hast Du denn nicht bemerkt, daß der Herr Marfan seit dem Tage, wo die Gräfin zum erstenmal bei uns war, wie ausgewechselt ist? Hat er sich seitdem um seine übrigen Parteien gekümmert, hat man ihn irgend wo anders als im Hotel der Gräfiu suchen müssen, wenn wir ihn zufällig gebraucht haben? Arthur. Streuen Sie nicht den Samen des Argwohns in diese ahnungsvolle Brust. Herr Marsan hat zwar manchen Fehler, den ich in den Akten machte, korrigirt, das gibt ihm aber noch nicht das Recht, ein ganzes Dintenfaß über meinen Himmel zu schütten. Bob in et. Er wird Dich nicht lange fragen; aber wer kommt denn dort, das ist unsere ehemalige Gräfin, mir scheint, sie ist schlecht aufgelegt, gehen wir ihr auö dem Weg. Arthur. Ja, gehen wir ihr aus dem Weg, denn auch ich bin schlecht aufgelegt. Sie haben mir da mit dem Advokaten einen Casus in den Kopf gesetzt, über den ich erst im Oorpus 5uris meines Herzens nachschlagen muß, und finde ich, daß ich der Verschmähte, der Betrogene bin, dann, Prinzipal, sollst Du die ganze Rache eines ergrimmten Advokatenschreibers kennen lernen (geht mit drohender Geberde nach rechts ab, Bobinet folgt ihm). Vierte Seene. Die Gräfin kommt sehr aufgeregt von links, OScar folgt ihr. Gräfin. Begleiten Sie mich an den Wagen, ich muß diesen Ball augenblicklich verlassen. Oscar. AuS welcher Ursache? das Arrangement des Festes ist ja ausgezeichnet, die Gesellschaft läßt nichts zu wünschen übrig, denn außer einigen lächerlichen Figuren, die nur der Zufall hierher gebracht haben kann, besteht sie ja aus der elegantesten von Paris. Gräfin. Haben Sie die Frau des Hauses, jene sogenannte Gräfin von Santa Croye gesehen? OScar. Ich hatte da- Glück, ihr persönlich vorgestellt zu werden, und bin von ihrer Liebenswürdigkeit begeistert. Gräfin. Und den Schmuck, den . sie trug, haben Sie keiner Aufmerksamkeit werth gefunden? Oscar. Ich habe nur in das Feuer ihrer Augen geblickt, und darüber das ihrer Diamanten vergessen. Gräfin (halblkise). Es ist derselbe Schmuck, der an jenem unseligen Abende von meinem Putztische ver- ! schwand. ! Oscar (etwas betreten). Sie täuschen ! sich wohl! jener Schmuck! wie wäre das möglich? der Juwelier hat einen zweiten ähnlichen verfertiget, und die Gräfin, die eine Freundin von glänzenden Gegenständen zu sein scheint, wird ihn gekauft haben. Zufall, nichts als Zufall. Gräfin. Nennen Sie daS auch Zufall, daß das Gesicht, die Augen, ja die Stimme dieser Frau jenem Geschöpfe angebören, das — Nicht umsonst weigerte ich mich, hierher zu kommen; von dem ersten Augenblicke an, wo ich von dieser Frau hörte, beklemmte eine düstere Ahnung von Gefahr meine Brust, und ich würde auch diesmal ihrer Einladung nicht gefolgt sein, wenn mich Ihr Brief nicht dazu i bestimmt hätte. ! Oscar. Mein Brief? ich erinnere mich nicht, an Sie geschrieben zu haben. Gräfin. Versprachen Sie mir nicht, mir auf diesem Balle meine Briefe zurück zu geben? Oscar. Sie scherzen, Frau Gräfin, jene Briefe befinden sich ja schon seit einigen Tagen in Ihren Händen. Da Sie so gütig waren, mir die bewußten 50,000 Francs zu übersenden, nahm ich keinen Anstand, mein gegebenes Wort zu halten. Gräfin (aufschrekend). Unglückseliger, Sie haben die Briefe weggegeben? Oscar. Ich begreife Sie nicht. Kamen denn die 50,000 Francs nicht von Ihnen? Gräfin (in höchster Aufregung). Nein! und tausendmal nein! Wem übergaben Sie die Briefe? Oscar. Ein Commissionär, den ich nicht kannte, zählte mir 5V Stück 1000- Francs-Billets auf den Tisch und verlangte dafür die bewußten Briefe, die ich ihm versiegelt übergeben sollte. Da nur Sie und ich die Bedingung kannten, unter welcher Sie die Briefe zurück erhalten sollten, so zweifelte ich keinen Augenblick, daß Sie es waren, die mir das Geld sandte. Gräfin. Es ist ein Verrath, ein abscheulicher Verrath, der uns Beide ins Verderben stürzen wird. OScar. Sie glauben doch nicht, daß Ihr Gemahl? Gräfin. Mein Gemahl ist viel zu geltzig, um den Beweis meiner Schande mit 50000 Francs zu bezahlen. Es ist die Rache des Himmels, die uns in der Person dieser Gräfin von Santa Croce ereilt. Sie ist es, für die jene Briefe Interesse haben können, denn Sie, die sich wie mir zum Hohne mit meinen Brillanten schmückt und mich ansieht mit den durchbohrenden strafenden Augen, ist entweder als ein Dämon der Hölle entstiegen, oder jene Margarethe selbst, die nun kommt, um das Gebäude meines zertrümmerten Stolzes über mich zusammen zu stürzen. Oscar. Ihre Angst ist ansteckend! kommen Sie Gräfin«, wir wollen dieses HauS verlassen. Gräfin. Ja, fliehen wir bis an'S Ende der Welt und wenn es möglich ist, bis in den Mittelpunkt der Erde. S' 36 Fünfte Scene. (Margarethe, am Arm des Grafen, kommt durch die Mitte, Restonville, Herr v. Meyer, der Präsident des Justizhofes und mehrere Damen und Herren folgen ihnen. Die Vorigen.) Gräfin (halbleise). Zu spät! Da ist sie schon. Marg. Wir suchen Sie, Frau Gräfin, um Sie zur Schiedsrichterin einer Frage zu machen. Ihr Gemahl behauptet, daß der Schmuck, den ich trage, demjenigen vollkommen ähnlich sei, der Ihnen vor 10 Jahren gestohlen wurde; da die Sache für mich ein besonderes Interesse hat, so wünsche ich, daß Sie denselben näher betrachten. (Nähert sich der Gräfin). Gräfin (bei Seite). Das Gewitter zieht sich über mein Haupt zusammen, Muth! sonst ist Alles verloren. (Laut zu dem Grasen.) Es ist sehr unzart, Herr Graf, eine solche Bemerkung gemacht zu haben, da Sie doch wissen wie unangenehm mir jede Erinnerung daran ist. Graf. Sehen Sie doch selbst, mein Engel, es ist dieselbe Fassung, sogar die Anzahl der Steine trifft zu. Ich kannte den Schmuck genau, da ich den Juwelier während der Arbeit öfter besuchte. Marg. (löst die Brillantrose los und reicht sie der Gräfin). Es befindet sich eine Chiffre in der mnern Seite dieser Brillantrose, vielleicht gibt sie nähere Aufschlüsse. Ich habe die Rose in Florenz gekauft und der Name des Verkäufers ist mir genau bekannt. Meyer (etwas betroffen). In Florenz! Gräfin (gibt die Rose, auf die sie kaum einen Blick geworfen, zurück). Ich besaß den Schmuck zu kurze Zeit, um mich seiner genau erinnern zu können. Marg. (zu Oscar). Vielleicht hat der Herr Vicomte ein besseres Gedächtnis Oscar. Ich hatte damals noch nicht daS Glück, die Frau Gräfin zu kennen. Marg. Sonderbar! daß Sie auf einmal alle Beide das Erinnerungs vermögen an jene Zeit verloren haben. Ich werde Ihrem Gedächtnisse zu Hilfe kommen müssen. Oscar. Geben Sie sich keine Mühe Frau Gräfin. Da eS nicht zu vermu- then steht, daß der Schmuck, den Sie tragen, und derjenige, welcher dem Grafen d'Aumont abhanden kam, ein und derselbe ist, so ist die Sache keiner weitern Beachtung werth; übrigens, wurde ja, wie ich gehört, die Schuldige entdeckt und einer gerechten Strafe überliefert. Die Frau Gräfin hat sich über den Verlust getröstet, und die Sache ist längst abgethan. Sechste Seene. Marsan tritt zwischen den Säulen hervor. Die Vorigen. Marsan. Nein, sie ist nicht abgethan, denn das junge Mädchen war unschuldig und es ist mir seitdem gelungen, den wahren Dieb zu entdecken. Gräfin (leise zu Marg.). Margarethe! denn Sie sind es, ich habe Sie im ersten Augenblick erkannt. Lassen Sie es mit dieser Rache genug sein. Haben Sie Mitleid mit meiner Angst, schonen Sie meine Ehre. Marsan. Diese Dame ist die Gräfin von Santa Croce, und nicht an sie haben Sie sich zu wenden. Ich bin der Vertheidiger jenes Mädchens und ich frage Sie in ihrem Namen. Hatten Sie Mitleid mit ihr, als jenes Urtheil, das sie für ihr ganzes Leben ehrlos machte, über sie gefallt wurde? Sie wußten, daß sie unschuldig an dem Verbrechen war, dessen man sie beschuldigte, Ihr Zeugniß hätte sie retten können. Sie häuften im Gegentheile noch eine andere Schuld auf sie, indem Sie daS Geschenk läug- neten, das sie ihr dafür gaben, weil 37 sie ihren damaligen Geliebten heimlich in ihr Zimmer geleitete. Gräfin (verhüllt sich das Gesicht). Diese Rache ist grausam! Marfan. Grausam? Weil sie eine Schuldige entlarvt, um eine Unschuldige zu retten? Graf (entrüstet). Sie besudeln die Ehre einer Frau, die die Ehre hat, meinen Namen zu führen. Sie werden mir Genugthuung geben, damit Ihr Blut diesen Flecken wieder rein wasche. Marsan. Ich bin Advokat und kämpfe nur mit der Zunge oder der Feder und halte mein Blut für zu kostbar, um es für eine Strafbare zu verspritzen. (Zur Gräfin.) Ihr unangetasteter Ruf war bisher der Stolz Ihres Lebens. Sie werden diese Glorie von nun an entbehren müssen, denn schon morgen werde ich von dem Tribunal die Cassation des Urtheilsspru- ches verlangen, und die Bekanntmachung des Prozesses wird Sie in der öffentlichen Meinung auf immer stürzen. Oscar (zu den Umstehenden). Meine Herrschaften, ich finde es höchst unzart von uns, bei einem so unangenehmen Auftritt als Zeugen zu figuriren. Wollen wir uns nicht entfernen? Marsan. Bleiben Sie Alle! Wie Sie hier sind, waren Sie mehr oder weniger bei dem Vorfälle betheiligt. lStark zu Oscar.) Du, Oscar Breton, fälschlich Vicomte von Neville, als der Dieb lenes Schmuckes. Oscar (sich mit Gewalt ermuthi'gend). Beweise, mein Herr! Beweise für diese schmachvolle Beschuldigung! Marsan. Diese Briefe alle mit dem Mädchennamen dieser Frau, die jetzt vor Scham vergeht, unterzeichnet, werden mehr als hinlänglich sein, Ihr früheres Einverständniß zu beweisen. Gräfin. Wie kamen diese Briefe in ihre Hände? Marsan. Durch ehrlichen Kauf, st« kosten 50,000 Francs, das war der Preis, den der galante Liebhaber für die Zurückgabe bestimmte. Die Frau Gräfin von Santa Croye war zufällig Zeugin eines Gespräches zwischen Ihnen Beiden, denn Sie müssen wissen, daß ihr Hotel früher mit dem Ihrigen verbunden war, und daß nur eine Ta- petenthüre das Cabinet der Gräfin von Ihrem Salon trennt. Die Entdeckung schien mir wichtig, und da mir als Advokat Ihnen gegenüber jeder Schritt erlaubt schien, benutzte ich den schmutzigen Eigennutz dieses sogenannten Vicomte. Oscar. Wenn ich auch das Ver- hältniß zugebe, so kann mich dies doch nicht eines so niedrigen Verbrechens überführen, vor den Augen meiner Geliebten einen Diebstahl begangen zu haben. Marsan (zu Meyer). Dazu wird das Zeugniß des Herrn BanquierS vollkommen hinlänglich sein. Meyer (betreten). Das Meinige? Ich bin Geschäftsmann, was geht mich die Schlechtigkeit dieses Herrn an? Marsan. Vor 10 Jahren bewohnte ein jüdischer Trödler, Namens Gerson Meyer, em Hinkerstübchen in der Straße d'Enfer. Der Handel mit alten Kleidern war nur das Aushängschild, er lieh auf Pfänder und machte zuweilen den Hehler gestohlener Gegenstände. Zu diesem brachte eines Abends ein junger Mann einen Schmuck im Werthe von 100,000 Francs zum Verkauf. Der Jude kannte das Gesetz und weigerte sich zu kaufen, aber er erbot sich, 10,000 Francs auf den Schmuck unter der Bedingung zu leihen, daß er, wenn er zur Verfallszeit nicht eingelöst würde, sein Eigenthum verbleiben sollte. Der junge Mann ging auf den Vorschlag ein und der Jude wurde Eigenthümer des Schmuckes, da sich der Verpfänder nicht mehr sehen ließ. Da der Verkauf in Paris zu einer Entdeckung führen konnte, so wurde der Schmuck, llachdem einige Jahre darüber hingegangen waren, von dem Trödler nach Florenz gesendet. Der Frau Gräfin von Santa Croye gelang es,-ihn für fich zu erkaufen. Der jüdische Trödler waren Sie, Herr Banquier und die schmutzige Höhle in der Straße d'Enfer war die erste Sproße der Leiter, auf der Sie zu Ihrem jetzigen Reichthume emporstiegen. Meyer. Sind Sie mit der Hölle im Bunde, daß Sie Geheimnisse entdecken , die ich auf ewig vergraben wähnte? Marfan. Das Gold und die Habsucht waren meine Verbündeten. Sie hatten einen Bruder, der damals Ihr Helfershelfer war, er wurde Ihnen später lästig und Sie schickten ihn mit einer kleinen Summe nach Deutschland zurück. Er verkaufte mir das Geheim- niß ebenfalls um 50,000 Francs. (Zu Oscar.) Sie sehen, daß auch zwischen Schurken eine gewisse Sympathie herrscht, jeder schätzt den Verrath auf eine gleich hohe Summe. (Wendet sich zum Präsidenten.) Herr Präsident, Sie waren Zeuge meiner Anklage; scheint sie Ihnen hinlänglich, um den Verbrecher dem Gerichte zu überliefern? Präsident. Lassen Sie sogleich die nöthigen Anstalten zu seiner Verhaftung treffen. Marsan. Ich habe sie bereits getroffen. (Geht einige Schritte zurück, und winkt.) Nehmen Sie den Dieb in Empfang, Herr Commissär! Siebente Scene. (Commissär tritt mit zwei Mann Wache in den Saal; e» haben fich noch mehrere Gäste dazu gefunden, darunter Arthur mit Madame Bvbincl.) Die Vorigen. Commissär (zu Oscar). Folgen Sie mir, mein Herr. Oscar (will sich einen Augenblick widersetzen. besinnt fich aber und folgt dem Com- missär). Marsan. Die anderen Betheiligten werden der gerechten Strafe nicht entgehen. Frau Gräfin, Herr von Meyer, Ihre längere Anwesenheit bei dem Feste könnte Ihnen vielleicht beschwerlich fallen. Gräfin (nähert fich dem Grafen). Ich bin nicht so strafbar, als es den Anschein hat, wollen Sie meine Rechtfertigung anhören? Graf. Nach dem Vorgefallenen rathe ich Ihnen, in einem Kloster eine Zufluchtsstätte zu suchen, bis die Trennung unserer Ehe entschieden sein wird. (Ab.) Gräfin. O mein Gott, Du strafst mich dort, wo ich am empfindlichsten bin, in meinem Stolze. Meyer. Wollen Sie mir Ihren Arm geben, Frau Gräfin, wir sind beide banquerott an der Ehre geworden. Wohlan, man muß sich mit Anstand in sein LooS zu finden wissen. (Beide ab, der Präsident ist sogleich nach dem Commissär abgegangen) Achte Seene. Die Vorigen ohne Oscar. Graf, Gräfin, Meyer und dem Präsidenten. Restonv. (zu Margarethe). Margarethe, theuere Cousine! erlaube mir, daß ich der erste bin, der Dir zu diesem glänzenden Triumphe Glück wünscht. Arthur. Sie ist also doch die Margarethe, ich habe eS ja gleich gewußt. Marg. Als Du mir vor 10 Jahren verbotest, Dich meinen Vetter zu nennen, da hättest Du Dir den heutigen Tag nicht träumen lassen. Restonv. Du wirst mir doch diese Dummheit nicht nachsagen? Ich habe Dich immer im Herzen getragen, Margarethe, der Beweis davon ist der, daß 39 ich mich augenblicklich in Dich ver- liebte, als ich Dich wieder sah. Marg. Ja, in meine Millionen, denn Du bist ein gesckeidter Kerl, Peter, aber Du bist mir zu reich, ich habe Dir schon gesagt, daß ich mir einen Mann ohne Vermögen wählen werde. Arthur (bki Seite). Endlich gehen ihr die Augen auf, sie meint mich. Restonv. Auch dieses Hinderniß habe ich aus dem Wege geräumt, ich bin so arm wie eine Kirchenmaus, denn ich habe mein ganzes Vermögen durch eine Schenkungsurkunde meinen Verwandten übergeben. Marg. Dann zerreiße sie unverzüglich, wenn eö noch in Deiner Macht steht. Ich habe meinen künftigen Gatten bereits gewählt, aber Du bist eS nicht Peter, eö ist ein Mann, dessen Neigung ich schon vor Jahren erkannt habe. Arthur (tritt etwas vor). Jetzt kommtS, ich bin der Glückliche! Restonv. Ich bin eS also nicht? Da ist es auch mit der Schenkung nichts, ich habe eine Clausel offen gelassen, denn ich bin ein gescheidterKerl. Marg. (zu Marfan). Die Verur- theilte durfte nicht der Stimme ihres Herzens folgen, die Gerechtfertigte braucht nicht zu erröthen, wenn sie ihm jetzt ihre Hand anbietet (Zu Marfan.) Ich weiß, daß Sie mich ebenfalls lieben, und daß nur die Furcht vor meinen Reichthümern Sie bisher abhielt, eö mir zu gestehen. Marsan. Margarethe! Arthur. Also er, auch nicht ich? Marg. Das Geld kann den Menschen entweder zum Gott oder zum Teufel seiner Mitbrüder machen, sagte einst Bernard. Wir haben eben seine Macht erprobt. Nur durch den Aufwand des Goldes gelang eS Ihnen, die Beweise meiner Unschuld herbei zu schaffen. Nehmen wir den Kampf auf gegen das Böse, meine Millionen sollen Sie zum Gott der leidenden Menschheit machen. Marsan (finkt zu ihren Füßen, Margarethe hebt ihn auf. Umarmung.) Ende. Aus I. B. Wallishaufser's k. k. Hoftheater-Druckerei. Ein Mann ohne Herz. G enrebild in drei Akten von As. '/r. Pa»n. Frei nach einer Erzählung des Dumas üls. («IS Manuskript.) ZNarquise von Hilaire. Antoinette, Raronin d'Etanges, Orene, General 51. Rrun. RIondor, Banquier. Llaudin, Arzt. Jules de greve. Personen. Roger, Chevalier d'Elme. deren Valentin. Töchter. Iofef, im Dienste der Marquise. ZVichet, im Dienste Roger's. Laronin Vermont. Rvnee, deren Tochter. Diener. Ort der Handlung: die Besitzung der Marquise. Erster Akt. (Kleiner, reich möblirter Salon, rückwärts Aussicht durch zwei Mittelthüren in den Park. Mehrere Seitenthüren. Ein Fenster rechts. Erste Scene. Mondor und St. Brun (spielen an einem Tische rechts vorne Piquet. Die) Marquise (sitzt links vorne, ein Buch in der Hand, neben ! ihr fitzen) Antoinette und Irene (mit Stickereien beschäftigt.) ClaUdiN (steht hinter Irenens Stuhl und bewundert deren Arbeit. Abend.) St. Brun. Wieder verloren! Sie haben heut' viel Malheur, lieber Banquier. Wollen Sie weiter spielen? Mondor. Geben Sie mir morgen Revanche, Herr General. St. Brun. Mit Vergnügen! Mondor. Wir wollen und jetzt den Damen zur Verfügung stellen. (Sie stehen auf.) Wiener Theater-Repertoir. ll. Marquise. Legt Eure Arbeit bei Seite, das Dämmerlicht verdirbt die Augen. Claudin. Man sollte glauben, Fräulein Irene habe ihre Augen in dieses Bild hineingearbeitet, so strahlen diese Perlen. Irene (mit einem tiefen Seufzer.) Za wohl! (Für sich.) Wie entsetzlich langweilig. Marquise. Die Herren werden morgen eine hübsche Jagd haben, denn das Wetter ist herrlich. St. Brun. Wen erwarten die Frau Marquise noch? Marquise. Den Herrn Jules de 1 2 Greve und einen seiner Freunde, den Chevalier Roger d'Elme. Antoinette. Er versprach um sechs Uhr hier zu sein, nun ist eS bereits acht Uhr. Claudin. Wenn ihm nur kein Unfall begegnet ist! Er hat immer sehr feurige Pferde. Irene (spöttisch). Er ist aber auch ein guter Reiter! St. Brun. Wer wird gleich Arges vermuthen. — Vielleicht hält ihn irgend ein Geschäft zurück. Antoinette (lachend). Ein Geschäft!? Das wäre originell. — Jules hat nie Geschäfte. Marquise. Er wird wohl noch kommen; wir wollen indessen eine Promenade in den Park machen. (Sie erhebt sich.) Claudin. Herrliche Idee! Irene (höhnisch). Wirklich! Zweite Scene. Josef. (Gleich darauf) I u l e s. V or i g e.- Josef (meldend). Herr de Greve! (Ab. Lichter werden gebracht.) Antoinette. Ich wette, er bringt uns eine interessante Neuigkeit mit. Jules (etwas blaß eintretend). Guten Abend! (Er küßt die Hand der Marquise, die sie ihm dargeboten, und verneigt sich gegen die übrigen Personen.) Marquise. Willkommen, lieber JulsS, wenn Sie auch nicht so pünktlich waren, wie gewöhnlich. Jnles. ES ist nicht meine Schuld, Frau Marquise, daß ich mich so verspätst habe, und meine Entschuldigung hierfür können Sie wohl in meinem Gesichts lesen. Antoinette. Es ist wahr, Sie sehen blaß und angegriffen aus. Irene. Waren Sie krank? Jules. Nein. Ich bin und war vollkommen gesund. Claudin. Sind Sie etwa vom Pferde gestürzt? Jules. Auch das ist es nicht. I rene (zu Claudin). Es scheint, daß Sie schwer von einer gefaßten Meinung abzubringen sind. Marquise. Nun ich bin begierig, den Unfall zu hören, der Sie auf diese Art aus der Fassung gebracht hat. — Er wird wohl gewichtig genug sein, um Sie zu entschuldigen. Mondor. Sie haben wahrscheinlich im Spiel verloren? Jules. Keinen Heller. Antoinette. Auch hätte ihn dies gewiß nicht aus der Fassung gebracht. St. Brun. Der junge Herr hat sich vielleicht duellirt? JuleS. Fehlgeschoffen, Herr General! Marquise. Mein Gott, geben wir doch unsere Vermuthungen auf und lassen wir Jules zu Athem kommen, damit er sich mit der Erzählung seines Unfalles rechtfertigen kann. Jules. Haben Sie jemals einen Menschen von dem vierten Stockwerk eines Hauses stürzen sehen? Marquise. Glücklicherweise nein! Jules. Nun, ich habe es heute gesehen. Antoinette. Mein Gott, das ist fürchterlich! Irene. Ein Mann oder eine Frau? Jules. Ein Mädchen von zwanzig Jahren. Marquise. Das arme Kind! St. Brun. War eS der Zufall oder — Jules. ES war ihre Absicht, sich zu tödten. Antoinette. Sie blieb todt?! Jules. Auf der Stelle. Marquise. Das ist ein gräßliches Unglück! Irene. Weiß man die Ursachen, weshalb sie sich aus dem Fenster stürzte? JuleS. Man hegte die verschieden- artigstenVermuthungen, aber Sie werden es sehr begreiflich finden, daß ich mich nicht damit unterhielt, sie anzuhören. 3 Claudin. Und sie waren dem Unglücksfalle nahe! Jules. Kaum einen Schritt vor mir fiel sie nieder. Es hätte wenig gefehlt und sie hätte mich und meinen Freund Roger erschlagen. Marquise. Den jungen Mann, den Sie uns vorstellen wollten? > Jules. Denselben. Antoinette. Er ist wohl zu sehr erschüttert und konnte deshalb nicht erscheinen. Jules. Er wird bald hier sein, denn Roger ist der einzige Mensch, den dieser entsetzliche Fall nicht im Mindesten ergriff. Antoinette. Wie ist das möglich! ? Jules. Hören Sie: Ich hatte unsere Pferde vor das Thor geschickt, wo sie uns erwarten sollten, und schlenderte mit Roger zu Fuß durch die Straßen. Wir waren kaum mehrere hundertSchritte von demselben entfernt, da fiel plötzlich mit einem gräßlichen Schrei das Mädchen zerschmettert zu unseren Füßen nieder. Ihre Kleider streiften das Gesicht Roger's. — Meiner Sinne kaum mehr mächtig, stützte ich mich an die Mauer, meine Knie zitterten, ich war einer Ohnmacht nahe. Irene. Und Ihr Freund!? Jules. Roger blieb kalt und unbewegt. — Er näherte sich dem unglücklichen Geschöpfe, nahm es in seine Arme und trug es mit den Worten: wenn sie todt ist, ist sie glücklich, in die nahegelegene Officin eines Chirurgen. — Er hat während dieser ganzen Katastrophe nicht einmal die Farbe gewechselt! Antoinette. Unglaublich fast, daß es einen solchen Menschen geben könne. Jules. Ich habe Roger in Gelegenheiten gesehen, die Alles um ihn erbeben machten und er blieb kalt und regungslos. Antoinette. Und sie nennen einen solchen Menschen, der keiner Empfindung fähig ist, Ihren Freund? Jules. Und warum nicht? Marq uise. Wie alt ist er? Jules. Einige Monate älter als ich. — Nach dem Unfälle kam er zu mir, führte mich in eine Restauration, um mich zu laben, und verzehrte selbst mit dem größten Appetit ein Cotelett sux üneL kerbss! — dann fuhr er nach Hause, um Kleider zu wechseln, versprach in einer halben Stunde hier zu sein. Mondor. Ist er reich! ? Jules. Er hat zu leben. St. Brun. Hat er sich schon geschlagen? Jules. Niemals! Antoinette. Hat er jemals geliebt? Jules. Seit ich ihn kenne, nicht! Marquise. Ich bin begierig, dieses Original kennen zu lernen.' Claudin. Ich möchte wetten, diesen Mann von Stein binnen einer Stunde von Sinnen zu bringen. Irene (boshaft). Es ist sehr möglich, daß Ihnen das gelingt, Doktor. Vielleicht machen ihn zwei Worte weinen. Antoinette. Auch ich verspüre Lust zu einer solchen Wette. JuleS. Gut denn! Wenn es die Frau Marquise erlaubt, so halteich die Wette gegen Jedermann mit dem doppelten gegen den einfachen Satz. Marquise. Ich habe nichts dagegen, mich interessirt die Sache selbst. Mondor. Auch ich bin bereit zu wette»! St. Brun. Ich ebenfalls! Antoinette. Alle Mittel sind erlaubt? ! Jules. Natürlich. Wer ihn zuerst aus der Fassung bringt, gegen den habe ich verloren, und von den Uebrigen dann nichts gewonnen. Antoinette. Es gilt! Jules. Fräulein Irene sind ebenfalls dabei? Irene. Ich werde blos zusehen! Claudin. Also Richterin! Irene. Und Sie Doctor? — Sie 1 * L können ihm den Puls fühlen und somit die Veränderungen desselben bekannt machen. Marquise. Ich mache jedoch zur Bedingung, daß, wenn Herr d'Elme aus der Rolle fällt, man ihn von der Sache in Kenntniß setze und sich gebührend entschuldige. — Auch darf Zules ihn nicht präveniren. Jules. Gewiß nicht! Antoinette. Ist er hübsch? Mondor. Blond oder schwarz? Jules. Lassen Sie sich überraschen! Dritte Scene. Josef. (Gleich darauf)Roger. Vorige. Josef. Chevalier d'Elme! (Ab.) Alle. Ah!! Roger (tritt ein und verneigt sich gegen sämmtliche Anwesenden.) Jules (geht ihm entgegen und führt ihn zur Marquise). Erlauben Sie, Frau Marquise. daß ich Ihnen einen meiner besten Freunde, den Chevalier Roger d'Elme, vorstelle. Marquise. Seien Sie uns herzlich willkommen, Chevalier. (Winkt ihm, sich zu setzen. Zu den übrigen Herren.) Der Herr General St. Brun — der Herr Banquier Mondor und unser Hausarzt Herr Doctor Claudin. Roger (verneigt sich gegen jeden Einzelnen). Marquise (die Damen vorstellend.) Meine Tochter — die verwitwete Baronin d'Etanges und Irene. Roger (verneigt sich wie oben). Ich bin meinem Freunde, wie auch er mich nennt, nun doppelt verpflichtet, da mir durch ihn die schmeichelhafte Erlaubniß ward, einem so schönen Gesellschaftskreise mich anschließen zu dürfen. — Jules. Roger mag mir nun gleich Zeugniß geben, daß meine Verspätung unabhängig von meinem Willen war. Marquise. Jules hat uns einen schrecklichen Unfall mitgetheilt, bei welchem, wie er sagte, Sie Beide Zeugen gewesen sind. Sie, Chevalier, haben der Armen beigestanden, was ist mit ihr weiter geschehen? Roger. Ich weiß es nicht, Frau Marquise, es kann auch nicht von Interesse sein, da das junge Mädchen todt ist. Antoinette. ES muß aber ein gräßlicher Anblick gewesen sein. Roger. Die zerschlagenen, bluttriefenden Glieder? Für viele Menschen allerdings. Antoinette. Ich bewundere, daß Sie die Kraft hatten, das unglückliche Wesen in Ihre Arme zu nehmen. Roger. Ich hielt es für vernünftiger, ihr wo möglich beizustehen, als von Sinnen zu kommen. Marquise. Ihre Kaltblütigkeit steht mit Ihrem Alter in keinem Verhältnis Roger. Ja, ich besitze glücklicherweise genug kaltes Blut. Marquise. Wir wollen nun den Thee nehmen. Josef! (Josef erscheint.) Den Thee! (Josef geht ab, gleich darauf wird der Thee gereicht, wobei sich die Gesellschaft nach Angabe des Regisseurs in Gruppen vertheilt.) Mondor (der sich Roger genähert hat, zu ihm). Chevalier werden morgen an unserer Jagdpartie Theil nehmen? — Sie jagen wohl gerne. Roger. Zur Abwechslung, aber nicht leidenschaftlich! (Sie sprechen leise weiter.) Marquise (zu St. Brun). Wie finden Sie den jungen Mann? St. Brun. Ich glaube, er besitzt eine seltene Charakterstärke, mit welcher er sich wahrscheinlich total zu beherrschen im Stande ist. Marquise. Ich muß aufrichtig ge- steben, General, daß ich ein heimliches Grauen empfinde; würde ich an Vampyre glauben, ich fürchtete einen in ihm. St. Brun. Er hat dem Tode noch nicht in's Auge geblickt. — Geben Sie Acht, bei diesem Anblick, betrifft er ihn 5 selbst, wird er die Farbe wechseln, (sprechen leise weiter). Antoinette (zu Irene). Wie gefällt Dir der Chevalier? Irene. Ich finde ihn viel interessanter, wenn man von ihm sprechen hört, als wenn man ihn sieht. Antoinette. Ist das Dein Ernst? Irene. Vollkommen. Ich mag die Männer nicht leiden, die Originale sein wollen, und Keinen, bei dem ich mir die Mühe geben soll, ihn zu studiren. Das Resultat eines solchen Studiums ist am Ende doch nur: Ein Mann wie alle! Antoinette. Ich muß gestehen, daß es mich gelüstet, den Chevalier zu bekriegen und zu besiegen. Irene. Wenn Du Geduld genug hast, wirst Du Deinen Wunsch erreichen. — Geduld ist das Einzige, was man hierzu braucht. Bei dem einen mehr, bei dem andern weniger. (Mondor und Roger kommen mit Jules in den Vordergrund.) Antoinette (wendet sich gegen dieselben). Worüber unterhalten sich die Herren? Roger. Ueber die menschliche Seele, Madame. Antoinette. Sie glauben an dieselbe? Roger. Gewiß. Besonders wenn ich eine Schönheit sehe, die eindruckslos wäre, wenn nicht die Seele ihren Glanz darüber breitete. Antoinette. Bei Gott, Sie sind Poet! Ohne Zweifel gibt es auch irgend eine Seele, die Ihnen glänzender erscheint als eine andere. Roger. Nein, Madame! (Die Nebri- gen ziehen sich zurück, so daß nur Roger und Antoinette vorne bleiben.) Antoinette. Sie liebten also wirklich Nichts und Niemanden? — — Warum sehen Sie mich so staunend an? Roger. Weil ich erst zehn Minuten das Vergnügen habe/ Sie zu kennen, und daher über den Grund Ihrer ernsten Frage nicht im Klaren bin. Antoinette. Ich fragte, Chevalier, weil ich aus Ihrem Munde die Bestätigung hören wollte, daß, wie man sagt, die ganze Außenwelt keinen Eindruck auf Sie hervorzubringen im Stande ist. Roger. Hat man Ihnen das von mir gesagt? Antoinette. Ja wohl, und ich glaube es fast, da Sie das unglückliche Mädchen nicht einmal bedauert haben. Roger. Das unglückliche Mädchen! Erlauben Sie, Madame, das Mädchen war im Leben unglücklich, deshalb suchte sie den Tod — nun wird sie wohl glücklich sein. Uebrigens beweist meine Theil- nahmlosigkeit, wie Sie es nennen werden, in diesem Falle nichts, denn ich kenne viele Menschen, die der Anblick des Blutes, zerschlagener Glieder ohnmächtig macht, die aber neben einer blutenden Seele lachen können. — Ich bin keiner von dieser Sorte! Antoinette. Eine leidende Seele ist also im Stande, Sie zu bewegen? Roger. Dann müßte ich ebenfalls Schmerz empfinden und ich bin gefühllos für Freud und Leid! Antoinette. Sie haben sich also über alle menschlichen Gefühle gestellt. Sie lieben Niemanden, als sich selbst. Roger. Auch mich nicht. Antoinette. Dann wünschen Sie wohl zu sterben? Roger. Nein! Ich bin ja glücklich! Antoinette. Das ist nicht möglich! Roger. Und warum nicht? Sehe ich wie ein Unglücklicher aus? Nein, ich bin glücklich. Die zwei edelsten Gefühle, die in der Brust des Menschen thronen können, sind Liebe und Ehrgeiz. Sie halten mich für einen Egoisten, glauben Sie, daß der Liebende oder der Ehrgeizige kein Egoist sei? Liebe und Ehrgeiz sind Egoismus ä. äsux. — Sagen 6 Sie einem Mann: dein Freund stirbt, wenn du ihm nicht deine Frau, die er anbetet, überläßt. Er wird den Freund mit aller Seelenruhe sterben lasten. Wenden Sie dieses Beispiel auf eine Frau an und sie wird ihren Mann, wenn sie ihn liebt, lieber todt neben sich, als in den Armen einer anderen sehen wollen. Antoinette. Wie können Sie über Liebe urtheilen, wenn Sie nicht Liebe zu fühlen im Stande sind. Roger. Man beurtheilt eine Dichtung, ohne Dichter zu sein. Sie können sich von der Wahrheit meiner Worte überzeugen, wenn Sie zwei Liebende beobachten wollen. Sie will ihn ganz für sich, er gönnt Andern nicht einmal den Anblick der Geliebten. Ein verzeihlicher Egoismus vielleicht, aber dennoch Egoismus! Was ist der Ehrgeiz? Er ist unerbittlich, er steigt über tausend Opfer, wenn es sein muß, nur seines Ruhmes wegen. So können Sie' jedes Gefühl auf Egoismus reduciren, wenn Sie Redlichkeit genug besitzen, eS zu wollen. Antoinette. Wo werden Ihre Theorien Sie hinführen, Chevalier. Roger. Dorthin, wo Ihre Theorien Sie hinführen, wo das Leben alle Welt hinführt. Die Philosophen nennen es Ruhe, die Gemeinen den Tod, die Gläubigen nennen es Ewigkeit und ich nenne es das Ende! Antoinette. Wissen Sie, Chevalier, daß eine Frau, die Sie liebte, sehr unglücklich wäre. Roger. Ich glaube es, aber ich glaube auch, daß keine Frau auf die Idee kommen wird, mich zu lieben. Antoinette (mit Anmuth). Werw eiß?! Roger. Sie haben sehr schöne Augen, Madame. Antoinette (verweisend). Chevalier?! Roger. Madame?! Antoinette. Ich glaube nicht, es ist unmöglich, daß es vollkommen wahr ist, was Sie sagten. Roger. Sie zweifeln daran? Antoinette. Ich kann, ich will eS nicht glauben! Roger. Das hängt von Ihnen ab. Antoinette. Und wenn es wahr ist, so will ich mit denselben Sie beleben, ich will Ihre Theorien, Ihren Egoismus, Ihre Ruhe stürzen. Roger. Versuchen Sie eS nicht, Madame — Sie werden Ihre Zeit dabei verlieren. Antoinette. Ich habe Zeit zu verlieren. Roger. Sie lieben also auch Niemanden? Antoinette. Niemanden! Aber es steht nicht in meiner Macht, nicht zu lieben, trotz dem Allem, was Sie mir sagten und besonders seit Sie es mir sagten. Wir werden dies Gespräch wieder aufnehmen und werden sehen, wer die Ueberzeugung des Andern besiegt, aber es darf uns dann nichts zerstreuen, nichts stören können. Ich erwarte Sie diesen Abend, wenn es ruhig im Hause geworden ist, hier in diesem Salon. Roger. Ich werde kommen, Madame! Antoinette. Also auf Wiedersehen, Chevalier (reicht ihm die Hand). Roger (küßt ihre Hand). Auf Wiedersehen ! Antoinette. Ich brauche Ihnen Discretion nicht zu empfehlen — Sie schweigen!? Roger. Das bin ich meinen Theorien, wie Sie sagen, schuldig!! (Marquise und St. Brun sind inzwischen nach vorn gekommen, die Nebligen folgen.) Marquise. Die Herren wollen morgen jagen und werden sich deshalb heute früher als sonst zurückzuziehen wünschen. Wir wollen ihren Wünschen entgegenkommen und den Anfang machen. Antoinette (leise zu St. Brun). Versammeln Sie sich alle in einer Stunde hier neben dem Salon, aber so viel möglich ohne Geräusch. St. Brun (leise). Sie scheinen die Wette schon halb gewonnen zu haben. Antoinette (wie oben). Wir werden sehen! Marquise. Gute Nacht für heute und gute Jagd für morgen, meine Herren! (Man verabschiedet sich gegenseitig.) Gute Nacht! (Diener begleiten die Damen mit Licht. Marquise, Antoinette, Irene links ab.) Vierte Scene. St. Brun, Mondor, Claudin, Jules, Roger. St. Brun. Ich will nun dem Beispiel der Damen so rasch als möglich folgen — Mondor. Auch ich bin sehr müde — Sie begleiten uns doch morgen, Doktor — ' Claudin. Gewiß. — Ich habe dem Fräulein so viel vorgeschwatzt, daß ich mich jetzt matt und schläfrig fühle — Jules. Wie mag es dann der armen Irene gehen, wenn Sie durch Ihre eigenen Worte schläfrig geworden sind — Claudin. Ich hoffe, sie wird sehr gut schlafen — Jules. Ich glaube selbst! St. Brun. Gute Nacht, meine Herren! (Man verabschiedet sich wie oben. St. Brun, Mondor. Claudin durch die Mitte ab. Sie werden von Dienern mit Lichtern begleitet.) Fünfte Scene. Roger und JuleS. Jules. Nun, Roger! ? Wie gefallen Dir diese Leute? Roger. Sie scheinen einen Kreis zu bilden, der konzentrisch mit allen derlei Gesellschaftskreisen ist. — Ihr Mittelpunkt ist eine LageSneuigkeit. Jules. Hast Du die verschiedenen Charaktere der Gesellschaft beobachtet? Roger. Ich hatte noch keine Gelegenheit dazu, denn nur mit der Baronin führte ich ein längeres Gespräch. Jules. Und Dein Urtheil über sie? Roger. Sie scheint Geist zu besitzen und einen lobenswürdigen Eifer, daß verstehen zu wollen, was sie eben nicht versteht. Jules. Findest Du sie hübsch? Roger. Hübsch? Bei Gott, darnach habe ich vergessen zu sehen. Jules. Soll ich Dich über die anderen Personen ein wenig informiren? Roger. Das kann nicht schaden. Jules. Da ist der General, ein sehr ehrenwerther Mann, der, wie ich glaube, die Baronin heirathen will und dabei auch seine Gicht vergißt. Die Baronin aber denkt gar nicht daran; Antoinette war in ihrer ersten Ehe nicht glücklich und scheint jetzt nach ihrem Herzen wählen zu wollen, übrigens kann ich es nicht beschwören, denn ihre Ansichten hierüber läßt sie nicht hören. Roger. Das ist sehr klug von ihr. Jules. Da ist ferner der Banquier Mondor, ein Geldaristakrat, der, wenn er heute zu Grunde gehen würde, morgen ein ganz gemeiner Mensch zu werden im Stande ist. Er will, wenn ich mich nicht irre, um Irenens Hand werben. Irene wird sie ihm aber, wie ich sie kenne, nicht geben, denn Irene lebt streng nach den Gesetzen der Gesellschaft, sie verlangt nicht mehr und nicht weniger, als ihr durch ihre Stellung zukömmt. Sie bewundert das Schöne, ohne dafür zu schwärmen — sie liebt ohne Wärme und haßt ohne Kälte — Roger. Du zeichnest mit scharfen Linien. Und weiter! Jules. Der Doktor Claudin speku- lirt bei den beiden Damen, wenn sie verheirathet sind, darauf, deren Hausfreund oder Hausarzt zu werden, das 8 weiß ich nicht so genau. Er hat bürgerlichen Witz und vornehme Kunden; das Hofmachen scheint er auf Hausbällen deS Mittelstandes erlernt zu haben. Roger. Nun bist Du wohl mit Deinen Erläuterungen zu Ende! Jules. Die Marquise ist eine Dame oommeilksut und ich ein junger Mann eommö il kaut. — Habe ich Recht? Roger. Was Dich betrifft, gewiß. JuleS. Ich weiß noch nicht, welchem von den Herren ich einen Strich durch die Rechnung machen soll, das heißt, ich weiß noch nicht, welche von den beiden Damen ich heirathen werde. Antoinette oder Irene? Roger (lachend). Oder die Marquise! Jules. Warum nicht gar. Aber es ist sehr möglich, daß derjenige, dessen Wünsche und Hoffnungen ich durchkreuze, sei es der General oder der Banquier, in aller Wuth die Marquise heirathet. Roger. Bist Du auch gewiß, daß Dich eine von. den Damen erhören wird? Jules. Wenn mich Antoinette nicht will, Irene gibt mir keinen Korb, weil sie bei ihrem Temperament nichts mit mir riSkirt. Roger. Ich danke Dir für diese Information -- Du hast sie mit viel Humor ausgeschmückt. JuleS. Wenn Du einige Tage hier bist, werde ich Dich fragen, ob ich die handelnden Personen richtig gezeichnet habe. — Nun laß uns auch zu Bette gehen. Roger. Ein sehr vernünftiger Vorschlag ! JuleS. Ich werde Dich nach Dei- nem Zimmer geleiten, (im Abgehen) denn morgen müssen wir zeitig auf die Beine. (Nimmt den letzten Armleuchter.) Roger. Leider. Früh aufstehen gehört nicht zu meinen Lieblings-Neigungen. (Beide durch die Mitte ab.) Sechste Scene. Antoinette (kommt in einem eleganten Negligä von links mit einem Armleuchter.) Antoinette (allein). Nun wird sich's zeigen, ob der Herr Chevalier nur eine Rolle spielt, oder ob er mit einem organischen Fehler geboren wurde! Meine Neugierde ist auf den höchsten Punkt gestiegen. Vergebens bemühte ich mich, die Ursache seiner Gefühllosigkeit zu errathen. — Alle meine Vermuthungen sind nicht stichhaltig. Kann ein Unglück, ein Schmerz seine Empfindungen gelähmt haben? Eine unglückliche Liebe? Auch das kann es nicht sein, denn wenn man auch nicht mehr lieben kann, so kann man doch bedauern, hassen, verachten! ? Und er nennt sich glücklich. — Wie ist dies möglich? Ein rätselhaftes Wesen. — Ja, er ist ein Räthsel, das ich lösen will und muß, und koste eS mein Lebensglück!-Und doch, warum fürchte ich fast, daß er aus der Rolle fällt, warum fürchte ich, daß der Schleier zu bald ein ganz gewöhnliches Gesicht enthülle! Ich möchte ihn zu meinen Füßen sehen und glaube, daß dieser Triumph mich schmerzen würde. Siebente Scene. Jules (durch die Mitte). Antoinette. Jules. So! Roger ist in seinem Zimmer und ich ging lärmend in das meine, aus dem ich mich aber wieder sehr leise davonschlich. — (Betrachtet Antoinette.) Wie schön Sie sind! — armer Roger! Antoinette. Warum bedauern Sie ihn! Jules. Ich bedauere ihn, weil er aus diesem schönen Traum erwachen soll. Antoinette. So glauben Sie, daß er träumen wird? Jules. Zweifeln Sie daran? An- toinette, hätte ich Sie so schon einmal 9 gesehen, ich hätte mit Ihnen nicht gewettet. Antoinette. Ich danke Ihnen, Jules, aber daß Sie bei einem Rendezvous mit mir nicht unempfindlich blieben, daS weiß ich bereits. JuleS. Ohne daß Sie den Versuch gemacht? Antoinette. Wie? Wollten Sie es vielleicht wagen, das Gegentheil zu behaupten. Jules. Das nicht, aber ich weiß Coquetterie von Liebe zu unterscheiden, und der ersteren falle ich nie zum Opfer! Antoinette. Also bin ich wirklich hübsch — verführerisch? Jules. Reizend! Man könnte toll werden — Sie anzusehen, ohne Sie küssen zu dürfen. Antoinette. Haben Sie schon die Erlaubniß dazu nachgesucht? Jules (feurig). Antoinette! (Eilt auf sie zu.) Antoinette (abwehrend, lacht). Hehehe! Jules, Sie sind viel zu leicht beweglich. — Sie sehen, ich habe es nicht nöthig, Ihnen ein Rendezvous zu geben. Jules. Armer Roger, nun habe ich einen Begriff, wie ihm morgen zu Muthe sein wird. Antoinette. Weshalb er noch zögert? Es ist doch schon ganz ruhig im Hause? JuleS. Schon seit einer halben Stunde! Ich werde ein wenig spioniren, was er treibt. Antoinette. Thun Sie das, aber vorsichtig! Jules. Seien Sie ohne Sorgen! (Mt ab.) Achte Scene. Antoinette. (Gleich darauf) Marquise. Antoinette. Sollte er uns vielleicht gehört haben? Oder sollte er noch irgendwo im Hause Licht bemerken? (Tritt in den Park.) Alles still — alle Lichter erloschen, auch in seinem Zimmer kein Licht — er muß also auf dem Wege hierher sein, oder er hat, um keinen Verdacht zu erregen, sein Licht gelöscht. MarqUise (an einer Thüre rechts). Nun, Antoinette? Antoinette. Sind sämmtliche Zeugen versammelt? Marquise. Alle! Still, ich höre kommen! Neunte Scene. Jules (kommt, dann treten) St. Bru n, Mondor, Claudin, Marquise und Irene (heraus). Antoinette. Jules. Arme Baronin — Antoinette (hastig). Nun? JuleS. Sie haben die Wette verloren — Marquise (heraustretend). Wie? (Alle übrigen folgen ihr.) Jules. Ja, die Baronin hat die Wette verloren, denn Roger d'Elme schläft! Alle (im höchsten Erstaunen). Er schläft! ? Jules. Fest wie ein Nachtwächter! Antoinette (fühlt sich an das Herz). Er schläft! (Gleitet langsam auf einen Stuhl nieder. Vorhang fällt.) (Ende deS ersten Aktes.) Zweiter Act (Dieselbe Dekoration wie im ersten Akt.) Erste Scene. Josef (fitzt bequem in einem Fauteuil und schläft — gleich darauf kömmt) M i ch e t (durch die Mitte). Zosef (reibt fich erwachend die Augen). Das Bischen Schlaf hat wohlgethan! Nun wird es ohnedem gleich wieder losgehen, die Jäger werden nicht mehr lange ausbleiben! Ah! (dehnt fich.) Mi ch et (tritt ein). Merkwürdig! In diesem Hause scheint Alles am Tage zu schlafen — der Portier schläft, da draußen schnarchen auch ein Paar Betreßte — ich finde keine wache Seele! Schone Wirthschaft! (bemerkt Josef). Ah — da kömmt einer zu fich — Josef. Wer ist da? (mustert Michet.) Was sucht Er? Michet. Habe ich die Ehre, mit einem Lakei zu sprechen? Josef (stolz). Ich bin Kammerdiener! Michet. Kammerdiener? Ist mir sehr angenehm. Sie befinden sich? Josef. Ich danke, ziemlich gut. Michet. Ihr Aussehen ist auch prächtig. Josef. Passirt. Aber was wünschen Sie eigentlich? Michet. Ich möchte Herrn Roger sprechen. Josef. Den Chevalier d'Elme? Michet. Ja, ich glaube, er heißt auch Chevalier d'Elme — Josef. DaS wissen Sie nicht einmal? Michet. Ich nenne ihn stets nur Herrn Roger — Josef. Sind Sie so vertraut mit ihm — Michet. Ja wohl — Ich bin sein Zimmer-, sein Kammer- und sein Hausdiener, stellenweise auch Portier und zeitweise Köchin. Josef. Also so Alles in Allem! Michet. Mehr Alles in Einem. Aber sagen Sie mir, Verehrtester Herr College, das heißt stellenweise Herr College, wo finde ich Herrn Roger? Josef. Herrn Chevalier d'Elme werden Sie sobald nicht sprechen können, er ist auf der Jagd. Zweite Scene. Antoinette (von links). — Vorige. Michet. Das ist mir eigentlich sehr unangenehm, daß ich Herrn Roger nicht sprechen kann, denn — Antoinette. Wer ist der Mann? Michet. Oh, ich bitte, ich bin kein Mann, ich bin bloS ein Diener. Josef. Ein Diener des Chevalier d'Elme! Antoinette (schnell). Roger's Diener! der kömmt mir sehr gelegen (zu Josef.) Sie können gehen, Josef, ich will allein mit diesem Manne reden. Michet (für fich). Sie sagt schon wieder Mann, ich muß doch so aussehen. (Josef verbeugt fich und geht ab.) Dritte Scene. Antoinette und Michet. Antoinette. Kann ich vielleicht Ihre Botschaft an den Chevalier bestellen? ri Mich et. DaS wäre sehr schön von Zhnen, denn ich kann mich nicht lange aufhalten, da Niemand jetzt im Hause ist. Antoinette. Der Chevalier bewohnt also ein HauS allein? Mich et. Ja wohl. Und ich bin sein einziger Diener. Antoinette. Sind Sie schon lange in seinen Diensten — Mich et. ES sind nun sechs Jahre, daß er mich gefunden hat. Antoinette. Gefunden? Wie das? Mich et. Za eS ist eine eigenthüm- liche Geschichte, wie wir, Herr Roger und ich, zusammenkamen. Antoinette (gespannt). Eine Geschichte? Wollen Sie mir dieselbe erzählen? Mich et. Warum nicht, wenn Sie sie anhören wollen, sie ist auch gar nicht lang. Antoinette. Um so besser (Für sich.) Vielleicht erhalte ich Licht über Roger's Charakter! Michet. Es war gerade an meinem Geburtstage, da kam Herr Roger bei meinem Vater, der ein Pächter des gnädigen Herrn ist, angefahren. Er sagte zu meinem Vater, daß er einen Diener suche, aber er müsse sehr dumm sein, einen gescheidten könne er nicht brauchen, da er eS nicht leiden mag, daß ein Diener sich bemühe, in dem Gesicht seines Herrn dessen Gedanken zu lesen. Mein Vater lachte und sagte, mit einem dummen Burschen könne er dem gnädigen Herrn wohl dienen, wenn er ihm nur nicht zu dumm wäre. — Das ist wohl eine dumme Geschichte? Antoinette. Nur weiter, sie in- reressirt mich. Michet. Das freut mich. Nun um kurz zu sein, ich wurde dem gnädigen Herrn vorgestellt und ich hatte noch mein Compliment nicht fertig gemacht, als Herr Roger schon zu meinem Vater sagte, daß er mich für vollkommen tauglich hielte, seinen Wünschen zu genügen. Des andern Morgens fuhr ich mit ihm nach der Stadt und da lebe ich nun sechs Zahre lang recht friedlich mit ihm. Herr Roger hat also in mir gefunden, was er gesucht. Das ist die Geschichte. Antoinette. Eine hübsche Geschichte. Herr Roger ist wohl stets traurig? Michet. Ach nein! Wenigstens zu Hause nicht, er lacht sehr häufig, wenn ich etwas mache und ruft mir dann sehr liebevoll zu: „Du bist unserm Herrgott gelungen, Michet!" Antoinette. Sie haben ihn also noch nie zornig, nie heftig gesehen — Michet. Nie! Ja, doch einmal glaube ich, wäre er bald heftig geworden. A n t o i n e t t e (neugierig). Und wann, bei welcher Gelegenheit? Michet. Zch stäubte gerade die porzellanenen Nippessachen, welche auf dem Kamin stehen, ein wenig ab, und Herr Roger betrachtete ein Bild an der andern Wand desselben Zimmers — Antoinette. Ein Bild? Was für ein Bild? Michet. Es ist ein Porträt, so denke ich stellenweise. Antoinette. Das Porträt einer Dame? Michet. O nein. Es stellt einen - Mann vor. Wir haben kein einziges Bild einer Dame — Antoinette. Nun und was geschah weiter? Michet. Da fiel mir ein zierlich gemachter und naturgetreu gearbeiteter Esel aus der Hand und zerbrach in viele Stücke. — Herr Roger kehrte sich rasch nach mir um, nnd als er das Unglück sah, sagte er kurz „Kain" zu mir; da ich ihn erschrocken ansah, setzte er jedoch gleich begütigend hinzu: 12 ,,das heißt Brudermörder," dann drehte er sich wieder gegen das Bild. Antoinette (für sich). Ich bin nicht klüger geworden. (Laut.) Ich danke Ihnen für die Erzählung. Aber nun, welche Botschaft bringen Sie? Mich et. Ja richtig. Gestern, gleich nachdem Herr Roger das Haus verlassen, kam ein fremder Herr und verlangte dringend, ihn zu sprechen. Ich sagte, daß er nicht zu Hause sei. Er ging und kam ein paar Stunden später wieder. Auch heute kam er zweimal und fragte mich, ob ich wisse, wo Herr Roger sei, ich sagte Ja und er bat mich, ihm sagen zu lassen, daß er ihn sehnlichst zu sehen wünsche, er möge bald nach Hause kommen. Antoinette. Gut, ich werde dies Herrn Roger sagen; Sie können aber jenen Fremden, wenn er wieder kömmt, auch hierher schicken. Er ist ohne Zweifel ein Freund des Chevaliers. Mich et. Das weiß ich nicht, aber ich habe ihn noch nie gesehen, auch sieht er mir für. einen Freund zu unglücklich aus. Antoinette. Warum soll er deshalb nicht sein Freund sein können? Mich et. Herr Roger hat nur fröhliche Menschen gern um sich; aber nun will ich gehen, wenn Sie es erlauben, Madame! Antoinette. Ich halte Sie nicht länger auf. Mich et. Vergessen Sie auch nicht die Bestellung. Antoinette (lächelnd). Seien Sie ganz ruhig — Mich et. Nun dann, guten Abend — stellenweise! — (grüßt und geht ab.) Vierte Seme. Antoinette (allein). Ich bin eine Thörin, ich habe meine goldene Ruhe auf eine Karte gesetzt und verloren.— Wäre ich ein Mädchen von 18 Jahren, ich wüßte mir die Bewegung meines Innern nicht zu erklären, wüßte nicht, weshalb ich mich beunruhige, warum ich bald lachen und bald vor Schmerz vergehen möchte, aber ich bin eine Frau, ich weiß, daß ich diesen Roger liebe oder lieben werde, ich will nicht feig mich selbst belügen. Wie unergründlich ist doch ein Frauenherz — Roger hat mich beleidigt und in jener Kränkung wurzelt meine Achtung für ihn. — Ich vergaß die Beleidigung, weil ich die Art derselben bewundern mußte und wenn wir Frauen wohl einen Charakter bewundern, dann lieben wir ihn auch, oft schon in der nächsten Stunde.-Was wird er mir sagen, wie wird er sich entschuldigen? -Was soll ich ihm sagen, wie wird er sich entschuldigen?-Was soll ich ihm sagen? — Keinenfalls werde ich des Dieners Botschaft bestellen, die ihn wahrscheinlich bestimmen könnte, uns zu verlassen. Jener Fremde wird ihn noch früh genug sehen. — Da haben wir's, gestern nannte ich ihn einen Egoisten und heute bin ich trotz meines Herzens selbst Egoistin. Fünfte Scene. Josef, (gleich darauf) Vermontund Rünve. — Vorige (von links, dann) Marquise und Irene. Josef. Frau Baronin Vermont! (Ab.) Antoinette. Welche Ueberraschung! (Eilt den Eintretenden entgegen.) R6n6e, theure Freundin, sehe ich Dich endlich wieder! (Umarmt Rkne'e.) R6nüe. Meine liebe Antoinette! Marquise und Irene (eilen von links heraus.) Marquise. Kaum traute ich meinen Augen, als ich Sie aus dem Wagen steigen sah. — Willkommen, tausendmal willkommen, liebe Baronin — willkommen, meine süße Renöe. 13 Irene. Wir waren schon sehr böse auf Dich, Renöe, daß Du uns gar nicht schriebst — Vermont. Ach die Arme, sie konnte ja gar nicht schreiben. Antoinette. Wie, warst Du krank? Wahrhaftig, Du siehst leidend aus. Rönöe. An Deiner Brust, Antoinette, wird mir wohler werden. (Hält das Taschentuch vor die Augen und lehnt sich an Antoinette'- Schulter.) Antoinette. Du bist unglücklich? Vermont. Za, leider durch zu viel Glück! Marquise. Das klingt so sehr mystisch! Irene. Zst das möglich? Vermont. Sie werden es sogleich begreifen. Zch bringe Ren6e hieher, um sie vor der Liebe ihres Mannes zu schützen! Marquise, Irene und Antoinette. Wie?! Antoinette. Du liebst ihn also nicht mehr — R6n6e. Oh ich liebe ihn mehr als mein Leben — Irene. Und Du fliehst ihn? Rän6e. Weil ich — muß — (Weint von Neuem.) Vermont. Aus Gesundheitsrücksichten. Marquise. Das begreife, wer's begreifen kann. Vermont. Nur Geduld, liebe Marquise, ich garantire, daß Sie die Sache ganz natürlich finden werden. Antoinette. Ach, erzählen Sie doch! Vermont. Sie wissen, daß sich Renöe vor zwei Jahren in Lyon mit dem jungen Oberst Grafen von Jarny vermählte. Antoinette. Diese Anzeige enthielt Rönöe's letzter Brief. Vermont. Die Neuvermählten begaben sich auf eine kleine Besitzung in der Nähe Lyons, ich nahm dies für die Hochzeitsreise, ich blieb in Lyon.- Nach 14 Tagen bekam ich einen Brief von R6n6e, worin sie mir ihr Glück und ihre Liebe mit wahren Regenbogenfarben schilderte. — Sie liebten sich mit einer mährchenhaften Zärtlichkeit! Rv n ä e (mit Thränen), Ach ja ! Vermont. Ich hielt dies für das Stadium der Flitterwochen; sie dauerten 3 Monate, ich erhielt keinen Brief und lächelte. Rvnöe (wie oben). Auch wir lachten den ganzen Tag — Antoinette. Ich beneide Dich um diese Tage, ich habe sie leider nie genossen, denn ich liebte meinen Mann nicht, den ich auf Wunsch meines Vaters heiraten mußte. — Vermont. Hören Sie nur weiter! Die Flitterwochen dauerten sechs Monate, ich erhielt keinen Brief. — Ich lächelte nicht mehr, ich wurde böse. R6n6e. Ich wollte jeden Tag schreiben, aber ich kam nicht dazu und wir dachten, wenn Mama uns besucht, wird sie sich unseres Glückes freuen und verzeihen. Vermont. Aber erstens fiel es ihnen gar nicht ein, mich einzuladen, zweitens konnte ich meineSehnsucht, sie zu sehen, aus eigenem Antrieb nicht befriedigen, denn ich wurde mittlerweile krank. Kurz, die Flitterwochen dauerten ein Zahr und ich erhielt noch immer keinen Brief. — Nun fing ich zu staunen an. R 6 n e e. Das Jahr verging so schnell! Vermont. Zm fünfzehnten Monate erst bekam ich ein Schreiben, aber nicht von Ren6e, sondern von ihrem Arzte, der mir anzeigte, Renöe sei krank, und mich ersuchte, so schnell als möglich zu kommen. Sie können sich mein Erschrecken denken. Glücklicherweise war ich schon im Stande zu reisen und machte mich eine halbe Stunde später auf den Weg. Antoinette. Arme Rvnee! Renöe. Zch weiß nicht, was mir 14 fehlte, ich war krank, denn ich hatte keinen Appetit, konnte nicht gehen, denn mir fehlte gleich der Athem, und dennoch fühlte ich mich so wohl, wenn ich saß oder lag und seine Hand in der meinen lag. Vermont. Denken Sie nur, 15 Monate Flitterwochen. — Ich kam an und sprach zuerst den Doctor, ich glaubte Wunder von ihm erzählen zu hören — „Ihre Tochter wird von ihrem Gemahl durch Liebe in's Grab gebracht/' sagte er zu mir. Kein Wetter ist ihm schön genug, um seine Frau demselben anzuvertrauen, sie ist stets in ihren Zimmern, in welchen kein Fenster offen sein darf, damit sie nicht in Zugluft käme, er wickelte sie förmlich in Baumwolle ein, sie hätte ersticken können. Rsnöe. Es ist wahr, mein Mann war übertrieben besorgt, er wurde wüthend, wenn es eine Fliege zweimal wagte, sich auf meine Hand oder auf mein Gesicht zu setzen — Irene. Ein solcher Mann muß ja fürchterlich sein — Rsnee. Das finde ich nicht. Vermont. Sie durfte sich mit nichts beschäftigen, er las ihr vor, er spielte ihr vor, er that alles Mögliche, um sie zu unterhalten — Ränöe. Ich unterhielt mich auch sehr gut. Er brachte mir Alles, wonach ich verlangte, ich hatte keinen Wunsch mehr — Vermont. Aber sie wurde krank dabei, da sie fast nie an die frische Luft kam und er wurde wo möglich noch toller; es war förmlich komisch, ihn an dem Bette seiner Frau zu sehen. R6n6e. Aber mir gefiel es. Vermont. Leider gefiel Dir Alles, was er that. — Mit vieler Mühe brachte ich eS endlich dahin, daß Beide nach Lyon gingen, aber dort wurde eS noch ärger. Wir empfingen Besuche, die er sehr schlecht aufnahm. Er hatte seine Stellung gleich nach der Hochzeit aufgegeben, es besuchte ihn ein ehemaliger Kamerad, der R6n6e die Kur machte, diesen insultirte er und wurde deshalb gefordert. Aber der Oberst stellte sich nicht, aus Furcht, seine R6nee nicht wiederzusehen. Bis zur Feigheit brachte ihn die Liebe — Antoinette. Das ist ja entsetzlich — Rsnse. Ach nein! Marquise. Das ist unmännlich! R6n6e. Er hat eS ja früher oft bewiesen, daß er ein Mann ist, der sich nicht fürchtet. — Hätte er sich nun erschießen lassen sollen, was wäre auS mir geworden? Vermont. Man machte in der Gesellschaft Bemerkungen über ihn, sie gingen ihm zur Seele — Ehrgefühl und Liebe kämpften — er wurde krank, und R6n6e auch. Da rieth mir der Arzt, R6n6e zu entführen, indem er mir versicherte, daß der Oberst, wenn er allein sein wird, und während des Aufsuchens seiner Frau, vollkommen zu sich kommen wird. R6nöe. Und mich dann nicht mehr lieben wird?! Vermont. Zwischen zu wenig und zu viel liegt das Husts unlisu. — Irene. Das allerdings bei den Männern in der Liebe eine Seltenheit ist. Marquise. Und Sie führten den Rath des DoctorS aus? Vermont. Ja und ohne weitere Schwierigkeiten, als welche Römöe machte. Wir fuhren bei Nacht und Nebel nach Paris, dort erkundigte ich mich nach Ihnen, Frau Marquise, und — da sind wir. — Wollen Sie uns einige Tage behalten? Marquise. Mit tausend Freuden. Wir wollen hoffen, daß sich R6n6e hier von der schwülen Liebe ihres Gatten erhole. 15 Rvnöe. Wenn nur mein Mann gesund wird! Vermont. Der Doktor wird uns hierüber Nachricht geben. Nach seinem ersten Briefe geht es dem Grafen viel besser. Antoinette. Wie hat er die Nachricht von Rvnöe'sFlucht ausgenommen? Rönüe. Ach, er glaubt nicht, daß ich geflohen bin, er denkt, ich bin ihm gestohlen worden. Vermont. Er soll kein Wort gesprochen haben. Er hat die Hand auf's Herz gelegt und hat sich in die Lippen gebissen, so schreibt der Doktor. — Was sagen Sie zu einem solchen Manne!? Zrene. Ein prächtiges Gegenstück zu unserem gegenwärtigen Gaste. Vermont. Sie haben einen Gast? Marquise. Mehrere sogar, darunter alte Bekannte, sie sind heute auf der Jagd. — Gestern erst wurde uns ein Chevalier d'Elme vorgestellt, und dieser ist daö Gegentheil des Grafen, wie dieser zu viel Herz zu haben scheint, hat der Chevalier zu wenig. Irene. Oder gar keines! Verm o n t. Wie? ES gäbe einen Mann ohne Herz? Ren 6 e. Ein Mann ohne Herz! Das muß eine unheimliche Erscheinung sein! Marquise. Mir kömmt er auch wirklich sehr gespenstisch vor. Antoinette. Mir nicht, ich finde ihn sehr interessant. Marquise. Denken Sie sich, wir haben mit JuleS de Greve, der ihn uns vorstellte, gewettet. Er behauptet, daß nichts in der Welt seinen Freund bewegen, rühren, aus der Fassung bringen kann; wir haben das Gegentheil behauptet und ich fürchte fast, wir werden die Wette verlieren. Iren e. Antoinette hat bereits verloren! Antoinette. Wer weiß! Marquise. Ich experimentire gewiß nicht, ich fürchte mich vor dergleichen fremdartigen Naturen. R 6 n 6 e. Ist dieser Chevalier ein junger Mann? Antoinette. Jawohl! Blos deshalb ist es merkwürdig, daß er gar keines Gefühles fähig sein soll. Bei alten Männern, die ihr Herz stückweise verloren haben, wäre eS nicht so wunderbar. Irene. Nun, der Chevalier hat sein Herz vielleicht auf einmal ganz verloren. Man sollte den Grafen mit ihm bekannt zu machen suchen, vielleicht entschlössen sie sich dazu, ihre Herzensdifferenzen auszugleichen. R6n6e. Das halbe Herz meines Mannes wäre mir zu wenig, wenn auch das ganze, wie die Mama meint, etwas zu viel für mich ist. (Waldhornklänge von außen.) Marquise. Die Jäger kehren heim! Wir wollen uns einstweilen zurückziehen, damit sich Rönee und die Baronin erholen können. Vermont. Sie werden uns wohl entschuldigen, wenn wir heute nicht an der allgemeinen Gesellschaft Theil nehmen. Wir sind etwas fatiguirt. Marquise. Kommen Sie, Baronin, wir wollen suchen, Sie so angenehm als möglich zu bequartieren. — R 6 n L e. Ich will auch jedenfalls noch an den Doktor schreiben. Antoinette (für sich). Er kommt! Ich brenne vor Verlangen ihn wieder zu sehen! (Alle links ab). Sechste Scene. M o nd or und C la ud i n, (jeder mit einem Bouquet von Feldblumen, u.) St. B rUN. St. Brun. Ich bin so verdammt müde, daß ich kaum mehr auf meinen Füßen stehen kann. (Setzt sich.) Mondor. So stellen Sie sich auf Freiersfüße. — St. Brun. Der Rath ist nicht so übel. — Morbleu, ich glaube, die beiden Herren stehen schon auf Freiersfüßen, weil sie keine Müdigkeit verspüren. — Ja, bei Gott, so ist's, ich erkenne sie an den Bouquets. Mondor und C l a u d i n (beide verlegen). An den Bouquets! ? (Betrachten ihre Bouquets, in welchem jedem ein kleines Briefchen steckt.) Das sind Feldblumen!? S t. B r u n. Und ich habe keine Feldblumen! — Claudin. Ein General ist ja selbst eine Feldblume! Mondor. Gut gegeben, Doktor! St. Brun. Nicht übel! Claudin (für sich). Wenn das Irene gehört hätte! St. Brun. Aufrichtig gesagt, meine Herren, ich habe die Absicht, zu freien. Mondor und Claudin. Ich auch! St. Brun. So? Mich langweilt das Alleinleben. Ich glaube nicht, daß ich Rival einer dieser Herren bin, denn obwohl ich gern Antoinette oder Irene — Claudin und Mondor (hastig). Irene!? . St. Brun. Ja, Irene oder Antoinette freien möchte, so riskire ich von diesen Damen einen Korb. — Claudin. Das ist sehr möglich! St. Brun. Ich danke Ihnen für die Bestätigung meiner Ansicht.— Ich bin schon zu alt, um einen solchen zu tragen, deshalb will ich sicher gehen und direkt um die Marquise werben. Habe ich da einen von den Herren zum Rivalen? Mondor und Claudin (schnell). Mich nicht! St. Brun. Bravo! Sie meine Herren, passen auch besser für die jungen Damen. Mondor. Natürlich! Eine junge elegante Dame muß einen Banquier haben, um wie viel besser, wenn sie ihn gleich im Hause hat. Claudin. Man weiß, daß Niemand mehr als eine Dame der großen Welt einen jungen Arzt braucht, der kommt fast nie aus dem Hause. Es ist also viel bequemer, wenn er sich dort gleich einquartiert! St. Brun. Vollkommen einverstanden! Mondor und Claudin (jeder für sich). Sollte Claudin (Mondor) mein Rival sein? St. Brun. Aber, meine Herren, vergessen wir hierüber auch unsere Wette mit Jules nicht, haben Sie schon irgend einen Plan, wie Sie Herrn Roger aus der Fassung bringen wollen? Mondor. Ich glaube das Mittel gefunden zu haben! — Claudin. Da erscheinen die Damen des Hauses! — Siebente Scene. Marquise, Antoinette, Irene (von links). — Vorige. (Lichter werden gebracht). Marquise. Guten Abend, meine Herren. — Haben Sie gute Jagd gemacht. St. Brun. Ich habe ein Dutzend Hasen geschossen. — Weiter nichts — Irene. Daß die armen Hasenherzen auch gerade auf einen General stoßen mußten. Antoinette. Und Sie, Herr Banquier? Mondor. Ich habe einen Fasan gefehlt! Antoinette. Einen Goldfasan? Mondor. Ja wohl. Er senkte sich zu schnell. — Antoinette. Also durch die Baisse. Irene. Nun, und Sie, Doktor? — Claudin. Ich habe einen Bock geschossen! Irene. Sie sind wohl ein geübter Schütze? Claudin. Es war nicht der erste, den ich geschossen. 17 Irene. Wird wohl auch nicht der letzte sein. Marquise. Wo bleiben die anderen beiden Herren? Waren sie glücklich? St. Brun. Zules schoß Alles, was ihm in den Weg kam, er hätte bald einen Bauer für ein Wild angesehen, angelegt hatte er auf ihn. Antoinette. Und Roger?! Mondor. Legte sich alle Augenblick auf den Rasen und schlief. Er ist das frühe Aufstehen nicht gewohnt. Er erlegte erst im Nachhausegehen einen Geier, der es auf ein paar arme Tauben abgesehen hatte. Antoinette. Hat er sich für heute schon zurückgezogen? Mondor. Ich glaube nicht. Jules wird ihn wohl hierher bringen. Claudin. Damit wir an ihm weiter erperimentiren können. Marquise. Ich muß gestehen, daß ich förmlich Angst vor unserer Abendunterhaltung habe. Ich kann mir nicht helfen, aber mir grauet vor diesem Menschen. St. Brun. Ich werde an Ihrer Seite bleiben, Marquise. — Marquise. Ja, ich bitte Sie darum. — Claudin. Da kommen sie Beide! Achte Scene. I u l e s und Ro g er (kommen.) Vorige. Jules. Wir haben uns verspätet, wie ich sehe. Roger. Entschuldigen Sie, meine Damen, aber wir konnten uns nur schwer von dem Genüsse des herrlichen Abends trennen. Jules. Er entschädigt sich an dem Abend, da ihn der Tag nicht unterhalten konnte. Er schlief beinahe fortwährend. Roger. Wenn ich früh aufstehen muß, bin ich den ganzen Tag matt und träge, ich weiß nicht woher dies kömmt. Claudin. Von der Gemüthsruhe, die macht schläfrig. Roger. Glauben Sie? Nun, ich habe viel geträumt, und Träume sind oft werthvoller als wirkliches Leben. (Geht zu Antoinette.) Wie geht es Ihnen, Frau Baronin? A n t o i n e t t e. Daß Sie danach fragen. Chevalier. (Sie ziehen sich seitwärts.) Roger. Was wundert Sie daran? Ist' diese Frage nicht die Einleitung zu jedem Gespräche? Oder man fragt: Madame, wie haben Sie geschlafen? Antoinette (verletzt). Chevalier, wozu der Spott? Roger. Spott!? Ich verstehe Sie nicht, was wollen Sie damit sagen? Antoinette. Sie fragen, wie ich geschlafen habe, und wissen, daß ich Sie hier erwartet habe. Roger. Mich erwartet? Antoinette. Um unsere Conver- sation von gestern ungestört fortsetzen zu können. Roger. Ja, es fällt mir ein. Entschuldigen Sie, Baronin, aber da ich für diese Conversation beiderseits kein ernstliches Interesse voraussetzte, habe ich dies Rendezvous, wie vieles, was man spricht, vergessen. — Sie zürnen mir doch nicht? — Antoinette (kurz, mit erstickter Stimme). Nein! — Roger. Wir werden wohl noch Gelegenheit finden, auf dies Gespräch zurückzukommen, wenn Sie es wünschen. — (Wendet sich gegen Jules, der sich näberte.) Nun? (Spricht mit ihm.) Anto inette (für sich am Fenster). Nein, Nein! Das ist zu viel! (Hält sich das Tuch vor die Augen). Mondor (zu Irene). Mein Fräulein, da ich keine Jagdtrophäe Ihnen zu Füßen legen kann, so nehmen Sie als 2 18 Beweis des guten Willens diese Blumen an. Irene. Mit vielem Vergnügen! (Nimmt die Blumen und bemerkt Antoinette.) Mein Gott, waö fehlt der Schwester! (Eilt auf sie zu.) Antoinette (schwach). Nichts, nichts! (Sinkt ohnmächtig in Irenens Arm.) Irene. Mein Gott, sie ist bewußtlos! Doktor! (Alles eilt auf sie zu, nur Roger bleibt ruhig an einem Tische stehen und klingelt.) Marquise und Jules. Mein Himmel, was ist ihr denn geschehen? Claudin. Ihr Herz schlägt kaum hörbar! Ma r q u i s e. Mein Kind, es stirbt! — Neunte Scene. Josef (kommt). — Vorige. R o g e r (zu Josef). Schnell frisches Wasser!! Claudin. Beruhigen Sie sich, Frau Marquise, es wird wohl nur ein vorübergehendes Unwohlsein sie befallen haben. — Sehen Sie, die Farbe kehrt zurück. — Irene und Jules. Gott sei Dank! Marquise. Mein armes Kind! (Josef kommt mit Wasser, Roger nimmt eS in Empfang und bringt es zur Gruppe.) Roger- Hier ist frisches Wasser! Claudin. Das ist gut. (Nimmt das GlaS und sprengt Antoinette einige Tropfen in's Gesicht.) Sie kommt zu sich — Marquise. Antoinette — wie ist Dir! Antoinette (schlägt die Augen auf). Mir? — Jetzt, jetzt ist mir wieder wohl — Marquise. WaS fehlte Dir, mein Kind? Antoinette. Ich weiß es nicht, Mama — es flimmerte mir plötzlich vor den Augen, und ich konnte mich nicht mehr aufrecht erhalten. Marquise. Du solltest auf Dein Zimmer gehen. — Antoinette (lächelnd). Wozu? — Mir ist wieder vollkommen wohl — ich will hier am offenen Fenster sitzen bleiben, das wird mich erquicken. (Gegen die Gesellschaft.) Wenn mir die Herren ein Vergnügen machen wollen, so lassen Sie sich in Nichts durch dieses fatale Intermezzo stören. Irene. Ich bleibe bei Antoinette! (Setzt sich an ihre Seite, die Uebrigen vertheilen sich.) Marquise (zu St. Brun). Ich kann mir nicht helfen, aber ich halte diesen Roger für einen Vampyr; denn offenbar ist er die Ursache von Antoinette's Unwohlsein. — St. Brun. Die Ursache mag er wohl sein, wenn er auch kein Vampyr ist. (Sie setzen sich.) Mondor (zu Roger). Chevalier, wollen wir nicht ein wenig spielen? Roger. Gern. Nur muß ich um die Erlaubniß bitten, mich um zehn Uhr zurückziehen zu dürfen, denn ich bin entsetzlich müde. Mondor. Nach Belieben. (Sie setzen sich zum Spieltisch, in der Mitte des Salons.) / Ire ne (das Bouquet zeigend). Sieh' j nur, Antoinette — Herr Mondor l war so galant, mir diese Feldblumen — was ist denn das? »(Bemerkt das Briefchen, nimmt und liest.) .1 Jules (zu Antoinette). Besinden 2 iSie sich wirklich wohl, Antoinette? ^ l Antoinette.JchdankeJhnen, Jules, für die Theilnahme, die ^ /in dem Ton Ihrer Stimme liegt; L /mir ist jetzt wohl! ^ ^ JuleS. Wenn Sie wüßten, ^ wie mich das freut. -- I Antoinette. Ich glaube eS A iJhnen! I Jules. Seit gestern Nacht I bringe ich Ihr Bild nicht aus mei- f ner Phantasie — seit jenem Augenblick offenbart sich mir fast in ^ jeder Minute ein neuer Reiz an ^ Ihnen. — ES muß ein paradiesi- Am Sophatische links. Gruppe am Fenster. IS /scheS Gefühl sein, von Ihnen ge- / liebt zu werden. I Antoinette. Sie schwärmen tja, JuleS, ich habe Sie noch nie »so poetisch den Hofmachen hören. — » I u l e ö. Wie kalt Sie das «sagen! / Irene (lachend). Hahaha. (Zu , Antoinette.) Was meinst Du, was ^in diesen Blumen verborgen stak — l Antoinette. Nun was? I Irene (halblaut). Ein Heiraths- lantrag! I Antoinette. Wie wirst Du s ihn beantworten? I Irene. Ja, daS weiß ich noch s nicht. St. Brun (zur Marquise). Die /Baronin d'Etanges wird sich wohl / wieder vermählen. I Marquise. Ich glaube, ja. — St. Brun. Auch Irene wird nicht mehr lange im Hause blelben. Marquise. Sie hat bereits die Jahre, um heirathen zu können, aber ich fürchte, sie wird sich sehr Zeit lassen und sehr wählerisch freien. — St. Brun. Wenn Sie aber gewählt hat, dann bleiben Sie, Frau «Marquise, ganz allein, da ich weiß, /daß Sie aus Grundsatz nie in dem / Hause Ihres Schwiegersohnes woh- X nen wollen. l Marquise (lächelnd). Nun, vielleicht findet sich auch für mich noch lein Freier! ^ St. Brun (hastig). Ich bürge »Ihnen hierfür, Marquise! I Marquise. Ei!? Und wenn »sich nun keiner fände? » St. Brun. Dann halten Sie I sich an den Bürgen. — Wollen Sie? (Faßt ihre Hand.) Marquise. Die Bürgschaft l kann man jedenfalls annehmen. ^ St. Brun. Ich danke Ihnen für diesen Credit! M 0 Nd 0 r (am Spieltische zu Roger). Sie gewinnen jetzt von mir? Roger. Zehntausend Francs! Mon d o r. Wollen wir Quitte ou äoudls spielen? Roger. Geben Sie die Karten! Irene (bemerkt Claudin, der bisher am Spieltisch gestanden und nun sich der Gruppe am Fenster nähert). Nun, Doktor, auch Sie haben Feldblumen gepflückt? Claudin. Ja, ich habe — um — Irene. Um zu botanisiren? Claudin. Nein, sondern um sie Ihnen, Fräulein, anzubieten, damit Sie sich überzeugen sollen, daß ich an Sie gedacht habe. (Ueberreicht es ihr). Irene (nimmt es). Sie sind sehr freundlich! Sie enthalten wohl kein verborgenes Gift. Cla u d in. Es sind größtentheils Heilpflanzen! (Für sich.) Himmel, sie hat ja schon ein Bouquet! — Sollte sich mein Verdacht bestätigen? (Nähert sich der Marquise. St. Brun steht dann auf und tritt an den Spieltisch.) Mondor (etwas unruhig). Ich verliere 40 Tausend Francs. Was setzen Sie, Chevalier? Rog er. Hrütts Oll clolldls! Irene. Diese Blumen kommen mir sehr verdächtig vor, ich muß sie doch ein wenig untersuchen. Richtig, da unter Camillen ein Briefchen. — (Oeffnet und liest). JuleS (zu Antoinette). Der Banquier hat bei seinem Versuch, Roger aus der Fassung zu bringen, viele Kosten, wie es scheint. Antoinette. Und scheint selbst die Fassung zu verlieren. JuleS. Er ist schon sehr unruhig! Irene (lachend). Richtig, wieder ein Heirathsantrag! Es scheint, daß diese Blumen die beiden Herren auf solche idyllische Gedanken brachten, oder das Fehlschießen! Roger. Sie verlieren 80 Tausend Francs, Banquier — 20 Mondor (sehr unruhig). Gewiß! Sie spielen wieder guitts ou äoudls? Roger. Nnn, denn da könnten Sie noch mehr verlieren, aber nichts gewinnen. Ich setze 160 Tausend Francs, so haben Sie auch die Chance 80 Tausend Francs zu gewinnen. (Pause.) Mondor. Gut — ich halte den Satz — Hier Ihre Karten! (Siebt.) Roger (besieht seine Karten). Zch kaufe. Mondor. Sie haben eine Figur? (Giebt ihm noch ein Blatt). Roger (schlägt um). 0ll26 et äerai! Und Sie haben? Mond or (besieht seine Karte und nimmt ficheine zweite). Ich habe — verloren! — Mein Herr, ich spiele nicht weiter — (Steht auf). Roger. Das ist Ihr Schade! St. Brun (nimmt die Karten). Sie haben Recht, Mondor, spielen Sie nicht weiter, Sie können nur verlieren, denn der Chevalier hat falsch gespielt. (Schleudert Roger die Karten in's Gesicht. Roger bleibt ruhig.) Alle, (ohne Roger, entsetzt). Herr General!! (Alle verlassen ihre Plätze.) Marquise (zu Roger, der sich ruhig erhebt). Um Gotteswillen, Herr Chevalier, seien Sie ruhig, denn — Roger (vollkommen ruhig, lächelnd). Ich bin es ja, Madame! Da der Herr General zu aufgeregt ist, um sprechen zu können, so ist es an mir, Sie wegen dieser Scene um Vergebungzubitten! (Zu St. Brun). Sie sagten also, Herr General, daß ich falsch spielte? St. BrUN (den Uebrigen ein Zeichen gebend, daß es sich um die Wette handle). Ich sagte es, und ich wiederhole es! Roger. Haben Sie das gesehen? St. Brun. Za, mein Herr! Roger. Ich werde mir nie erlauben, einen Mann von Ihrem Alter und Ihrer Stellung einer Lüge zu zeihen, am allerwenigsten aber vor der Frau Marquise, die so gütig war, mich gestern zum erstenmale zu empfangen. St. Brun. Das heißt, Sie geben zu, daß Sie falsch gespielt haben? Roger (lächelnd). Nein, General, ich sage weder, daß Sie lügen, noch, daß ich falsch spielte. — St. Brun. Was sagen Sie also? Roger. Nichts! St. Brun. Dann sind Sie ein Feigling! Roger. Warum? St. Brun. Weil jeder Mann, der sich eine solche Insulte, schuldig oder nicht, gefallen läßt, ein Feigling ist. Roger. Zch verstehe! Weil es Zhnen beliebte, zu glauben, daß ich falsch gespielt, weil Sie mir die Karten in's Gesicht geworfen, weil Sie vor diesen Damen eine Scene machten, die von schlechtem Geschmack zeugt, soll ich Sie nun fordern, damit Sie sich das Vergnügen machen können, mich zu erschießen, denn Sie schießen ohne Zweifel sehr gut. . St. Brun. Ich gebe Ihnen Zeit, sich einzuüben. Roger. Nicht nöthig, mein Herr, ich bin gewohnt. Alles so schnell als möglich abzumachen. — Wir können die Sache so arrangiren, daß wir beide gleiche Vortheile und gleichen Nachtheil haben. Wir schießen uns über ein Taschentuch. Antoinette und M a rq u i s e. Mein Gott! Roger. JuleS wird so gefällig sein, die Stunde für morgen mit Ihrem Zeugen zu bestimmen; nur bitte ich, nicht zu früh, denn Sie wissen, ich schlafe gern lange. — Sind sie damit zufrieden? St. Brun (reicht ihm die Hand). Chevalier, vergeben Sie mir, ich nehme meine Anklage zurück. — Es galt nur eine Wette! Roger. Wie? Eine Wette? Marquise. Vergeben Sie! Wir sind alle schuldig. — St. Brun. Jules bot die Wette, 21 daß Niemand im Stande sei, Sie aus der Fassung zu bringen. — Wir hielten sie und haben sie verloren! Marquise. Sie zürnen uns gewiß, und mit Recht. — Roger. Nein, Frau Marquise, nicht im Geringsten. — Und um Ihnen zu beweisen, daß ich gegen Niemand einen Groll hege, will ich Ihnen die Geschichte erzählen, die Ihnen meine Kaltblütigkeit, die Sie bewundern, erklären soll, — daS heißt, wenn Sie diese Geschichte hören wollen. Alle (begierig). Erzählen Sie, Chevalier. (Man nimmt Platz und Noger bleibt stehen.) Roger. Glauben Sie an einFrcund- schaftSverhältniß, wie es der begeisterte Schiller zwischen Posa und Don Carlos schildert? Irene. Gewiß! Was ein Dichter mit der glühendsten Phantasie erdichten kann, das kann die Natur, der größte Dichter, gewiß erschaffen. Antoinette. Nur glaube ich, daß, wie solche große Dichtungen, auch solche große Naturerscheinungen selten sind! Roger. Sie haben Recht, aber ich hatte einen Freund, wie jener Posa ist, und ich war sein Carlos! — Mein Freund, älter als ich, fühlte sich zu mir, der ich fast noch Knabe war, mehr hingezogen, als zu Leuten von seinem Alter. Er war geistreich, tapfer, von aller Welt geachtet, die mich beinahe um seine Freundschaft beneidete; ich lernte viel von ihm, sehr viel. Ich wurde stolz auf seine Achtung, der Stolz wurde Verehrung, wurde endlich schwärmerische Liebe. — So vergingen Jahre, das Band der Freundschaft schloß sich immer fester, die Welt schien mir ein Eden, wenn ich an seinem Arm hing. — Er war Soldat, sein Schicksal rief ihn nach Algier, wir mußten uns trennen. — Mein Schmerz war riesengroß, als ich in Marseille ihn verlassen mußte. Mir blieb nur der einzige Trost, ihm bald folgen zu können. Ich floh von Mar- saille, wo mich jeder Stein fast an einen schönen Augenblick erinnerte, nach Paris; ich suchte Zerstreuung und fand sie nicht. — Sechs Monate später las ich in einer Zeitung den Namen meines Freundes unter den Gefallenen. — — Marquise. Armer Chevalier! Antoinette. Was müssen Sie gelitten haben? Roger. Ich starrte das Blatt an, fühlte, wie sich all mein Blut zum Herzen drängte und sank bewußtlos zusammen. — Man rief einen Arzt — er schug mir eine Ader — ich kam zur Besinnung, sah mein Blut fließen und blieb — ruhig! Es mußte mein Herz sein, das, in Blut aufgelöst, dahinströmte, denn ich fühlte keinen Schmerz mehr. — Ich ward gesund, ja, heiter selbst, aber nichts freute und nichts kränkte, nichts wunderte und nichts erschreckte mich! — Mein Herz war ihm gefolgt, es starb, und ich lebe — ohne Herz!? -Sie staunen? Die Geschichte klingt Ihnen wie ein Mährchen? Mir geht es nicht besser, halten Sie es, wie ich, für ein Wunder, oder für einen gestörten Organismus, aber es ist so! (Zu Claudin.) Roger. Erklären sie nun den Damen, ob man ohne Herz leben kann- (Es schlägt 10 Uhr.) Ah! Zehn Uhr, Sie erlauben nun wohl, daß ich mich zurückziehe? Gute Nacht!! (Berbeugt sich und geht durch die Mitte ab. Alle sehen ihm stumm nach.) (Ende des zweiten Aktes.) Dritter Act. Dieselbe Dekoration wie im ersten und zweiten Act. Erste Scene. Roger (fitzt auf dem Sopha und liest eine Zeitung). Zules (kommt durch die Mitte.) Jules. Endlich finde ich Dich, ich suchte Dich schon im ganzen Hause. Roger- Und hast Dich dabei erhitzt, wie ich sehe. Jules. Za, mir ist warm, schwül sogar, aber die Ursache meiner Erhitzung ist eine andere. — Du willst uns schon verlassen, Du hast Dein Pferd satteln lassen? Roger. Ja wohl, ich denke für eine erste Visite mich lange genug aufgehalten zu haben; man wird mich nun auch gern ziehen lassen, denn die Neugierde der Damen ist befriedigt, und Du hast Deine Wette gewonnen. Jules. Du bist doch nicht böse? Roger. Ich wüßte nicht weshalb. Zules. Warum hast Du mir nie früher diese seltsame Geschichte erzählt? Roger. Ich habe sie noch keinem Menschen erzählt; diesmal zwangen mich die Umstunde dazu. Sprechen wir nicht mehr davon. Du bist wohl der Einzige, der dabei etwas gewonnen hat. JuleS. Gewonnen? Ich habe vielleicht noch viel mehr verloren. Roger. Wie das? Jules. So wisse denn, ich liebe Antoinette, die Baronin d'Etanges — Roger. Seit wann? Jules. Seit 48 Stunden! Roger. Nun und?! Hast Du eS ihr gesagt? Jules. Noch nicht! Roger. Du weist also nicht, ob sie Dich liebt!? JuleS. Ich weiß eS nicht, aber ich zweifle daran. Roger. Weshalb? Zules. Weil ich fürchte, sie liebt einen Anderen, und dieser Anderer bist Du. Roger. Mich?! Zules. Za, Dich! Roger. Sei ruhig; Antoinette kennt mich zu gut, um diese Thorheit zu begehen. JuleS. Ach, die Frauen begehen gerade in der Wahl ihrer Liebhaber meistens Lhorheiten. Roger. Ein nettes Compliment für mich. Jules. Entschuldige. Aber ist es nicht wahr, daß bei den Frauen die Liebe sehr oft bloS Eigensinn ist. Zudem hat sie Dir ein Rendezvous gegeben und Du kamst nicht; das reizt eine Frau, die jung, schön und reich ist, die von der ganzen Welt bewundert wird, sie kann eS nicht ertragen, daß man ihr v!s L v!s gleichgültig ist. — Du hast gesagt, daß Du kein Herz hast, aber das glaubt sie nicht.- Du hast Dich unempfindlich für Alles bewiesen, und Dich fühlen zu lehren, scheint ihr nun eine würdige Aufgabe. Mit einem Wort, Du liebst sie nicht und mußt einsehen, daß Du deshalb aller Wahrscheinlichkeit nach von ihr geliebt wirft — Roger. Ich bewundere Deine Logik, aber was ist zu thun, wenn eS so wäre, wie Du sagst. JuleS. Willst Du mir einen großen Freundschaftsdienst erweisen? Roger. Gewiß. Zules. Benutze die Vortheile, die Du Antoinetten gegenüber hast, nicht. Roger. Ich gebe Dir mein Wort darauf. Ich will noch mehr thun, ich will ihr sagen, daß Du sie mit aller Gluth der Jugend liebst — Jules. Und daß ich sterben würde, wenn sie nicht meine Frau werden wollte. — 23 Roger. Auch das will ich ihr sagen. Ich werde suchen mich bei ihr zu verab- . schieden, wenn sie allein ist. Jules. Ich werde Dir diesen Dienst nie vergessen. Vor einer Stunde traf ich sie im Garten, ich wollte ihr meine > Liebe gestehen, aber ich kam nicht dazu, ! denn sie sprach fortwährend nur von Dir. Sie gab Befehl, ihr Reitpferd zu > zäumen, sie wird reiten; ich trug mich i ihr zur Begleitung an, aber sie bestand darauf, allein, ganz allein zu reiten. Warum will sie allein reiten? Um ungestört sich mit Dir beschäftigen zu können, Du siehst, ich täusche mich nicht. Sie schwärmt für Dich, ich hoffe, es geht vorüber. Ich zeige Dir alle Chancen, die Du hast, von ihr geliebt zu ! werden, weil Du kein Herz hast, wie Du sagst. Bist Du aber auch Deiner Sache gewiß, hast Du wirklich kein Herz? Roger. Seit sechs Jahren hat es kein Lebenszeichen von sich gegeben. Jules. Auch die Marquise spricht viel von Dir. — Roger. Ist sie auch in mich verliebt? Jules. Im Gegentheil, sie hält Dich für ein Vampyr. Roger. Dann wird sie wohl sehr froh sein, wenn ich ihr Haus verlasse. JuleS. Gestern kamen noch ein paar Damen zum Besuch hierher, Baronin Vermont und deren Tochter Renve, ich habe sie eben im Garten begegnet, auch diese sind sehr neugierig, Dich kennen zu lernen, um so mehr, als Ränee einen Gatten haben soll, der zu viel Herz besitzt, also ein prachtvolles Gegenstück zu Dir. — Da kömmt Antoinette, nun, Roger, ich lasse Dich allein mit ihr. — Schlagt Dein Herz nicht? (Fühlt ihm an die Brust.) Gott sei Dank, nein! Roger. Sei ohne Sorgen! Jules. Wenn sie Dich verlassen, eile zu mir und bringe mir Leben oder Tod! Adieu! (Schnell ab.) Zweite Scene. Antoinette (im Reitcostüm von links) und Roger. Roger (tritt ihr entgegen). Erlauben Sie, Frau Baronin, daß ich mich bei Ihnen verabschiede. Antoinette (zerstreut). Sie wollen unS schon verlassen? Wir werden unS wohl Wiedersehen? Roger. Wenn Sie es wünschen — gewiß. Antoinette (hastig). Wie! (Gefaßt.) Ich hätte mir kaum so viel Einstuß zugetraut, Sie dazu bestimmen zu können. — Roger. Wollen Sie mir erlauben, offen mit Ihnen zu sprechen. Antoinette (aufmerksam). Sprechen Sie, Chevalier! Roger. Reichen Sie mir Ihre Hand — Antoinette. Hier ist sie! Roger (küßt ihre Hand und hält sie fest). Madame, man kann nur glücklich sein, wenn man ein Herz hat. Antoinette (verwundert). Das sagen Sie? Roger. Außer den Freuden des Herzens gibt es nichts Reelles in dieser Welt. Antoinette (mit steigender Verwunderung). Sie träumen! Roger. Sagten Sie dies gestern nicht selbst? Antoinette. Ja, aber — Roger. Und ich wiederhole Ihnen dies heute; und wenn ich Ihnen damit sagte, daß ich Sie liebe — Antoinette. Ich würde Ihnen das nicht glauben! Roger. Wenn ich Ihnen sage, Madame, Sie müssen die Meine werden — Antoinette. Chevalier! Roger (läßt sich vor ihr auf das Knie nieder, immer feuriger werdend). Madame, wenn Sie mich nicht lieben, weiß ich nicht, was aus mir werden soll. Ich L4 habe daS schönste Dasein an Ihrer Seite geträumt. Sie sind jung, ich bin es auch, Sie sind frei und ich Habs keinen Wunsch als Ihr Sklave zu werden. — Lassen Sie sich überzeugen, Baronin, das Leben ist so kurz, wir haben keine Zeit für Zweifel und Furcht. — Fordern Sie Beweise, Proben der Liebe, ich werde sie geben. Verfügen Sie über mich nach ihrer Phantasie. — Ich will mit Ihren Augen sehen, ich will in Ihrem Geiste denken; ich will Ihr Sklave sein, wie ihn jede Frau nöthig hat. — Lieben Sie mich! Antoinette (diese Veränderung nicht fassend). Und Sie — Sie Chevalier sprechen so?! Und zu mir? Roger. Ja, zu Ihnen. Sind dies nicht die Worte, die Sie zu Horen, meinen Worten von gestern vorziehen? Antoinette (fast sinnend). Und wenn ich schwach genug wäre, Ihnen zu glauben? Roger (stehet auf, ruhig). Dann wird er der glücklichste Mensch der Welt sein! Antoinette (erschreckend). Er?! Chevalier, wer? Roger. Jules! Antoinette. Warum Jules?! Roger. Jules ist's, der mit meiner Zunge sprach. — Antoinette. Chevalier, ich verstehe Sie nicht. — Roger. Jules liebt Sie, Baronin — Antoinette. Wer hat Ihnen das gesagt — Roger. Er selbst hat es mir gesagt, und da er es nicht wagte, Ihnen seine Liebe zu gestehen, so gestand ich Ihnen diese seine Liebe. — Antoinette (tief verletzt). Mein Herr — (sie hält inne und wischt sich schnell die Thränen aus den Augen. Roger wendet sich ab). Mein Herr, diese Beschimpfung einer Frau zeugt nicht für Herzlosigkeit, sie zeugt für Grausamkeit. Ich vergebe Ihnen. — Leben Sie wohl. — (Will ab.) Roger. Hören Sie mich, Baronin, und Sie werden mich entschuldigen! Antoinette (bleibt, ohne zu sprechen, halb abgewendet stehen). Roger. Sie wissen, daß ich unempfindlich für alle menschlichen Gefühle bin, daß ich keine Liebe fühlen kann. Ich will auch Niemanden Liebe zu mir einflößen. — Von allen Personen, die ich seit sechs Jahren begegnete, sind Sie die Einzige, die einen Eindruck auf mich machte, den ich mit keinem Worte unserer Sprache treffend bezeichnen kann. Ich war grausam, nicht um Ihnen weh zu thun, sondern um Ihnen ein großes Weh zu ersparen. — Ich sah Sie von einer großen Gefahr bedroht. — Antoinette. Von einer Gefahr? Roger. Von derGefahr, mich zu lieben. Antoinette. Chevalier! Roger. Ja, ich wiederhole es. Zur Abwechselung, zur Zerstreuung, die Damen, welche nichts zu thun haben, so sehr lieben, und des Reizes der Neuheit willen, wollten Sie über den Mann ohne Herz triumphiren. Sie dachten, den Besiegten dann ein wenig oder viel schmachten zu lassen, ganz nach ihrer Laune. — Dies war ein gefährliches Spiel, Madame. Ihr Herz hätte zwischen Ihrer Eigenliebe und meiner Gleichgültigkeit, meiner Fantasie zum Opfer fallen können; ich hätte in jedem Falle gesiegt. — Ich habe es nicht gewollt und um Ihretwillen habe ich Sie so schnell als möglich enttäuscht; ich sprach zu Ihnen, wie ein Mann, der Sie liebt, und dieser Mann, der Sie liebt, ist Jules. ^— 3ch zeige Ihnen den Weg zum Glück, genießen Sie die Freuden des Herzens, wenn es solche giebt, wozu wären Sie sonst jung, schön und reich. Lieben Sie Jules und Sie werden Beide glück-- lich werden, waS Sie Beide verdienen. Antoinette (ruhig). Nehmen Sie meinen herzlichen Dank für das In- teresse, das Sie an meinem Schicksal nehmen. Es schmeichelt mir sogar, denn Sie spielen nicht mehr mit Ihrer Sympathie. — Sie haben Recht, ich wollte über Ihre Gleichgültigkeit triumphiren, aber nicht blos aus Eitelkeit und Eigenliebe, ich wollte Sie überzeugen, ich wollte Ihr Herz beleben und für mich beleben, ich wollte das Glück genießen, das ich Ihnen kennen lehren wollte. Nennen Sie das Egoismus? er mag es sein. DaS Gefühl, das ich für Sie hegte, nährte sich groß an Ihrem Verstände, an Ihrem Muthe; ich liebe Sie, ich scheute mich nicht, es Zusagen. Auch Ihr Herz wird wieder erwachen, das Herz hat seine Zeiten, es kann nicht sterben, oder es hat nie gelebt. Sie werden lieben, Chevalier, und ich wünsche, daß das Weib, welches Ihr Herz belebt, Ihrer würdig sei, daß es Sie nie erfahren lasse, welche Leiden die Gleichgültigkeit verursachen kann.- Ich wußte nicht, daß Jules mich liebt, aber ich liebe ihn nicht und werde ihn niemals lieben.-Leben Sie wohl! (schnell ab). Dritte Scene. Roger (allein, gleich daraus) Jules mit Irene und Rönee (alle drei Blumen tragend). Roger (blickt ihr einige Zeit sinnend nach). Ein schönes Weib! Ein Weib voll edler Empfindungen! Man könnte wünschen, für sie geboren zu werden.— Und doch ein armes beklagenswerthes Weib — sie liebt mich und da drinnen (deutet auf seine Brust) ist alles todt. — --Die Perle, die in ihrem Auge strahlte, fiel wie Himmelsthau auf dieses Grab! (die Hand auf's Herz) Fast wünschte ich, sie lieben zu können, zu dürfen. — Armes Weib — -ich werde Dich nicht lieben! (tritt an'S Fenster und bleibt dort, an den Scheiben trommelnd, stehen). Jules (änglich). Nun, Roger, sie liebt mich nicht? Roger. Antoinette wird Dich niemals lieben — Jules. Niemals? Das ist mir sehr angenehm, ich hatte schon Angst, sie liebe mich. — Roger. Habe die Güte, Dich verständlich zu machen. Jules. Die Sache ist sehr einfach. — Ich ging in melancholischer Stimmung in den Garten und begegnete da die beiden Damen, ich begleitete sie, half ihnen Blumen pflücken, sprach aber kein Wort. — Wir kamen an den Fischteich, ich starrte auf den Grund, den ich nicht tief genug fand und seufzte. — Irene lachte laut auf und verspottete mich — ich schaute gerade mitten in ihre großen glänzenden Augen und seufzte noch einmal, aber in einer andern Manier. Dann sah ich sie noch einmal an und entdeckte, daß ich eigentlich Irene liebe, die besser für mich paßt, ich sagte es ihr, und sie ist derselben Ansicht. Jetzt wollen wir die Marquise um ihre Ansicht hierüber fragen. Entschuldige mich also. Ich danke Dir für Deine Gefälligkeit. — Wir sehen uns noch vor Deiner Abreise! (links ab). Roger (allein). Der hat nun ein Herz, trägt es Jahrelang mit sich herum und kennt es nicht, versteht es nicht, wenn es redet. — Sein Herz spricht offenbar eine andere Sprache. — Aber das thut ja nichts, man kann ja in Frankreich auch vergnügt sein, wenn man nicht französisch spricht! Man lernt schnell das zu begehren, was man braucht. — Vielleicht ist er aber dann schon alt, wenn er und sein Herz sich zu verstehen anfangen. — Ist er nun glücklicher als ich?-(geht rechts ab). Vierte Scene. Claudin, (ihm folgt bald) Mondor. Claudin. Irene ist nirgend sichtbar — aber sie muß jedenfalls bald hier erscheinen, ich werde also hier warten, (setzt sich). 26 Mondor (eintretend). Mir war, als hätte ich Irene im Garten von ferne gesehen, aber ich kann sie nicht finden. Claudin (für sich). Verdammt, da ist auch der Banquier — Mondor (sieht Claudin). Da ist auch der Doktor schon wieder, immer auf demselben Standpunkt mit mir. Claudin. Guten Morgen, Herr Banquier; haben Sie Ihren gestrigen Verlust verschlafen — Mondor (nobel thuend). Ich denke gar nicht mehr daran! Claudin. Nun, er hat Sie doch ein wenig touchirt. Mondor. Mich? mag sein, ich muß Ihnen offen gestehen, mich überfiel ein momentanes Grauen vor diesem Menschen. Mondor (für sich). Wenn ich nur den Doktor loswerden könnte! (laut). Wissen Sie, daß die Frau des Gärtners plötzlich erkrankte. Das schlägt in ihr Fach — besuchen Sie sie doch. — Claudin. Ich werde es thun. Fünfte Scene. Josef (kömmt mit zwei kleinen Blumenkörben). Vorige. Josef. Baronesse Irene läßt sich bei den Herren für die ihr gestern überreichten Feldblumen bedanken und läßt Sie ersuchen, in diesen Blumenkörben die Beantwortung ihrer Galanterie zu suchen (überreicht Mondor und Claudin einen solchen Korb. Ab.) Mondor und Claudin (eine Zeit die Körbe stumm betrachtend). Das ist ein Korb — mit Blumen? Mondor (für sich). Das soll eine Beantwortung sein? (besieht den Korb). Der Korb ist zweifellos — wozu aber die Blumen? Claudin. Unter den Blumen muß noch etwas stecken — sonst wäre es ja ein einfacher Korb — (sucht). Mondor (findet ein Billet). Ah, ein Billet! (erbricht und liest). „Lieber Herr Banquier! Sie haben Recht, jede elegante Dame braucht einen Banquier. Ich überlasse jedoch die Wahl meines Banquiers meinem künftigen Gatten, Herrn Jules de Greve. Mit Achtung Irene." (Starrt das Billet sprachlos an). Claudin (hat ebenfalls ein Billet gefunden und liest). „Lieber Doktor, Sie haben Recht, jede Dame braucht einen, wenn auch nicht jungen, Arzt. Ich überlasse jedoch die Wahl meines Hausarztes meinem künftigen Gatten, Herrn Jules de Greve. — Mit Achtung Irene." (Bleibt starr). Mondor und Claudin (sich rasch gegeneinander wendend zugleich). Wissen Sie schon — Was? — Irene und Jules haben sich verlobt! Mondor. Ein hübsches Paar! Claudin. O ja! Ich will jetzt die Gärtnerfamilie besuchen — Mondor. Wir können Zusammengehen, kommen Sie — .Claudin. Ja, gehen wir zusammen. — Was thun wir mit den Körben? Mondor. Wir müssen Sie jedenfalls behalten. — Claudin. Ich glaube auch — wir nehmen sie Mit.— (Sie geben sich einander den Arm.) Mondor. Kommen Sie — es ist ein wunderschöner Lag zum Promeniren. — Claudin. Jawohl, nur etwas windig ist'd! (Gehen durch die Mitte ab.) Sechste Scene. Valentin und M iche t (von der Mitte). Mich et. Treten Sie nur indessen hier ein, mein Herr, ich werde den Chevalier suchen und ihn hierher führen. Valentin. Beeilen Sie sich, mein Freund. Mich et. Seien Sie aber indessen auf Ihrer Hut, denn mir kömmt dieses HauS sehr verdächtig vor. Valentin. Und weshalb? Mich et. Ich habe der Dame, die wir eben zu Pferde begegneten, doch ge- sagt, sie möge dem gnädigen Herrn sagen, daß ihn ein Fremder — Sie nemlich — zu sprechen wünsche und er kommt nicht! Am Ende hält man ihn gefangen hier! — Valentin. Das ist wohl möglich. — Suchen Sie aber nur den Chevalier, ich werde ihn hier erwarten. Mich et. Wenn ich ihn nur gleich' finde. (Rechts ab.) Siebente Scene. Valentin, (gleich darauf) R 6 näe (von links). Valentin. Ob mir die Empfehlung an den Chevalier nützen kann — ich hoffe es. Er bewegt sich in der großen Welt, er wird die Neuigkeiten der Salons in seiner Brieftasche haben! — Wenn ich aber auf falscher Fährte wäre? — Mein Gott, es ist ja nicht möglich, daß ich Alles verlieren soll. — Nein, nein, ich fühle es, daß ich ihr nahe bin - R 6 N 6 e (kommt, eine Blume zerpflückend). Er liebt mich — vom Herzen — mit Schmerzen — ein wenig, oder gar nicht. Er liebt mich — von Herzen — Valentin (erblickt sie). Mein Gott!! (Wirst seinen Hut weg.) Renee!! R 6 n 6 e (ihn erblickend). Jst's ein Traum? (Entzückt.) Valentin! Valentin! Mein süßer Mann! (Eilt in seine auSgebreiteten Arme.) Valentin. Meine angebetete Rönee. Ronöe. Valentin! (Zwischen Lachen und Weinen.) Ach, wie glücklich bin ich nun wieder — und Du — Du liebst mich noch, Du zürnest mir nicht. Valentin. Ich, Dir zürnen, ich habe Dich wieder und Alles ist vergessen. Rsnöe. Sieh Valentin, man hat mich fast gewaltsam entführt. Valentin. Ich weiß es, Ronäe, der Doktor hat es mir erzählt, ich hätte ihn ermordet, hätte er länger geschwiegen. — Er sagte mir, daß Du wahrscheinlich in Paris seiest und gab mir auch, um Dich leichter auffinden zu können, ein Empfehlungsschreiben an einen hiesigen Kavalier mit, der sich in diesem Hause befinden soll. R6näe. In diesem Hause? Der General St. Brun? Valentin. Nein; ein Chevalier d'Elme!! Rense (erschrocken). Wie? An den Mann ohne Herz?! Valentin. Was? Der Chevalier hat kein Herz? - Achte Scene. Michet und Roger (von rechts). Vorige. Mich et (auf Valentin deutend). Da ist der Herr, der Sie zu sprechen wünscht! Roger (erblickt Valentin und prallt erschüttert zurück). Gerechter Gott! (Bleibt erstarrt stehen.) Valentin (ebenso). Jst's möglich — Roger! — Roger. Valentin! Du lebst! Valentin. Roger! — Roger! (Sie eilen sich in die Arme). (Pause.)' R6nee. Mein Gott, was ist denn das, Valentin, Du vergißt auf mich! — Roger. Du lebst. (Fährt mit der Hand an sein Herz). Ja ich fühle es — Valentin, mein theurer Freund! (Umarmt ihn wieder.) Ron6e. Aber Valentin! Valentin (reicht Renee die Hand). Er ist mein Freund — ihm gebührt ein Theil meines Herzens. — Roger. Du bist eS wirklich? Du fielst also nicht in Algier? Valentin. Ich fiel schwer verwundet auf dem Kampfplatze und wurde gefangen. — Fast 3 Jahre schmachtete ich in der Gefangenschaft, nur ein Zufall befreite mich. — Ich kehrte nach Frankreich zurück und suchte Dich in Marseille auf, aber alle meine Bemühungen waren vergebens, ich konnte nichts über Dich erfahren, als daß Du Deine 28 Besitzung verkauft und plötzlich verschwunden bist, man hörte nichts mehr von Roger d'Orsey. Roger. Zch nahm den Namen meiner Mutter an, denn Roger d'Orsey war ein anderer als Roger d'Elme. Valentin. Mein theurer Freund! Wie stürmisch schlägt Dein Herz! Rsnöe. Sein Herz?! Mich et. Nicht möglich?! Roger. Ja, mein Herz, es lebt wieder! lebt für Dich, für die ganze Welt! Valentin. Mein Roger! Rön^e. Aber Valentin. — Mein Gott, er vergißt mich. — Valentin! Valentin. Sei ruhig Ron^e, mein ganzes Herz war für Dich zu viel, laß jetzt, daß ich einen Theil meinem Freunde widme. R^nee. Aber nicht zu viel. Roger. Du bist vermählt. Valentin. Za und beneidenswerth. In ihrer Liebe fand ich die deine wieder, die ich für mich verloren glaubte. Zch liebte sie und Dich in ihr, und dieser Doppelliebe, die sie fast erdrückte, mußte sie entfliehen — dadurch — Rönve. Ach, wäre ich in Lyon geblieben. Neunte Scene. Z 0 sef (eilig, gleich darauf von links) Zules, Marquise, Zrene und Vermont. Vorige. Josef. Zu Hülfe, zu Hülfe! (Jules, Marquise, Irene und Vermont von links.) Alle. Was ist geschehen? Josef. Das Pferd der Baronin geht durch , der Zügel ist gerissen. — (Valentin entgegen eilend.) Roger (erschreckend). Antoinette! (Ab.) Marquise. Wer ist in Gefahr? Rönee. Antoinette! Ihr Pferd ist durchgegangen! Marquise. O mein Himmel! Vermont (erstaunt). Dein Mann? Zehnte Scene. Antoinette (kommt, geführt von) St. Brun. Vorige. Marquise (will ihr entgegen). Du bist verletzt? Antoinette. Danken Sie eS diesem Herrn, Mama, daß ich es nicht bin. (Deutet auf St. Brun.) Marquise. Mein Herr!? Vermont. Der Herr Graf von Jarny, mein Schwiegersohn. Rünoe. Mein geliebter Mann! (Eilt zu ihm.) . Vermont (drohend). Rönöe! Valentin. Fürchten Sie nichts, Baronin, ich habe nun mein Herz zwischen Liebe und Freundschaft zu theilen. (Reicht Roger die Hand, umarmt N6n6e.) Roger. Zch danke Dir heute den größten Dienst, mein Herz lebt wieder (zu Antoinette knieend) und wird ewig nur für Sie leben. — Nun rächen Sie sich, Baronin! Antoinette. Die edelste Rache heißt Vergebung. (Reicht ihm ihre Hand.) Jules. Gott sei Dank, nun hat doch wieder ein Jeder ein Herz, wie es sich gehört. — Irene. Wenn es auch bei Jedem am rechten Platze wäre!! Ende Aus I. B. WalliShauffer'S k. k. Hoftheater-Druckerei. Der Roman eines amen jmMii Mannes. Schauspiel in 5 Auszügen und 7 Haöleaur von Lctane ckeuiffet. Für die deutsche Bühne bearbeitet von C. Jmu und P. I. Reinhard. (Den Bühnen gegenüber Manuskript). Personen: Maxime Ddiot, Marquis von Champcey. Herr von Reoallon. Herr Laroque, ein achtzigjähriger Greis, /rau Larogue, seine Schwiegertochter. Marguerite, seine Enkelin. Laubepin, Ehrennotar. Älain, ein alter Diener. Do clor Desmarels. Hastou von Lußac. Vauberger, Hausbesorger. Louise, seine Frau. Lhamplein. Hoonnet. /räulein Hstouin. Gesellschafterin. /rau Äubry, Seitenverwandte des Hauses Laroque. Christine. Junge Mädchen. Die Handlung spielt in Paris und in der Bretagne. Erster Akt. Erstes Tableau. lDaS Innere eines Kabinette- in dem Hause deS Herrn von Champcey zu Paris. Einfache Möbel, eine Kommode, ein Sekretär, ein Tisch, eine Etagere, ein alter Lehnstuhl, mit Wollsammt überzogen. Thüre im Hintergrund.) Erste Scene. Frau Vauberger (einen Abstauber in der Hand und vorsichtig die Thüre öffnend). Er ist noch nicht zu Hause, daö dachte ich mir. (Sie tritt ein.) Ah pah, ich muß endlich einmal wissen, wie es Mit ihm steht. (Sie blickt auf den Kamin.) Eine Börse... leer! (Sie nähert sich dem Sekretär.) Er hat den Schlüssel stecken lassen; daS ist ein schlechtes Zeichen. (Sie öffnet die Laden desselben.) Wie in der Börse, nichts und wieder nichts , nicht der Schatten eines Hellers! Mein Mann hat leicht reden —eS ist klar... (Man hört einen Lärm, sie schließt eiligst die Laden und fängt an abzustauben; Maxime tritt ein, er ist sehr blaß, schwarz gekleidet.) 1 s Zweite Scene. Fr. Vauberger. Maxime. Maxime (sie übellaunig betrachtend) Was thun Sie hier, Frau Vauberger? Fr. Vauberger. Ich räume auf, wie Sie sehen. Maxime. Das haben Sie diesen Morgen schon gethan; Sie geben sich zu viel Mühe, scheint mir. Fr. Vauberger. Entschuldigen Sie, ich wollte nur Alles recht nett halten; aber ich gehe schon. Maxime. Ja, gehen Sie, gehen Sie! Dritte Scene. Maxime (allein, hierauf) Fr. Vauberger. Maxime. Will mich dieses elende Weib ausspioniren? Das Auge dieser Person haftet immer auf mir; es schien mir auch, als sei ihr Sohn seit gestern erpicht, mir auf Tritt und Schritt außer dem Hause zu folgen. Welches Interesse kann sie haben? Vielleicht bloße Neugierde, Klatschsucht. Ist der Fall eines Höhergestellten, die De- müthigung eines Reichen nicht immer die liebste Unterhaltung für Leute dieses Schlages? Und dieses Weib wurde von meiner Mutter mit Wohlthaten überhäuft, es sah mich geboren werden und heuchelte immer eine grenzenlose Anhänglichkeit an unser Haus... (Frau Vauberger tritt ein) Sie schon wieder! — Was gibt es denn? Fr. Vauberger. Es ist ein Herr unten, vor dem ich Sie nicht verläug- nen konnte, denn er sah Sie ins Haus treten; hier ist seine Karte. Maxime (die Karte lesend). Gaston von Lussac. — Er mag herauskommen. (Krau Vauberger ab.) Gaston.' Es ist mir nicht unangenehm, ihn zu sehen! Er ist ein Tollkopf, aber er hat das Herz auf dem rechten Flecke. Es ist schon sehr lange, daß ich keine Freundeshand gedrückt habe. Vor zwei Jahren waren wir die vertrautesten Freunde! (Lächelnd.) Wenn er mir jetzt zurückzahlte, was ich ihm damals geliehen... wenn er mir nur die Hälfte wiedergäbe, es wäre mir doppelt willkommen in meiner jetzigen, harten Lage. (Die Thüre öffnet sich.) Ah, guten Tag, Gaston! Vierte Scene. Gaston. Maxime. Ga st on (auf der Thürschwclle). Vor Allem, mein Freund, muß ich Dir die Versicherung geben, daß ich kein Geld brauche! Maxime. Wirklich? Gaston. Mein Wort darauf! — Ich bin reich, mein Theurer, ich komme, um Dir dieß zu sagen. Du siehst in mir einen Mann, der 50,000 Franken Renten zu verzehren hat. Maxime. Dein Onkel ist also — ' Gaston. Ja wohl — leider, Gott sei Dank, ja. — Nun, ich bin nicht Schuld, daß er das Zeitliche gesegnet, sein Arzt — sagte, es hätte keine Hilfe mehr für ihn gegeben! Aber wo kommst Du her, mein theurer Freund? Ich war wenigstens zwanzigmal in der Versuchung, nach Grenoble zu reisen und Dich in Deinen Wäldern aufzujagen... Ich glaubte zu träumen, als ich Dich vor wenigen Augenblicken auf dem Boulevard erblickte... Was zum Teufel hast Du denn begonnen? Maxime. Ich bin gereist! Gaston. Ah! (Er blickt um sich.) Hm! Du hast da eine sonderbare Wohnung?! — Habt Ihr denn nicht früher den ersten Stock des Hauses bewohnt? Maxime. Ehemals, ja! Gaston. Ja — was ist es denn mit Dir. mein Freund? — Du bist blaß, ganz verändert — in tiefster Trauer. Maxime (mit traurigem Lächeln). Freund, Du kamst zur Unrechten Zeit für Deinen fröhlichen Sinn; ich bin unglücklich und 3 bedarf eines Herzens, dem ich mich vertrauen kann. Gaston. Nun, dann rede schnell — ich bin ja da; Du weißt, ich bin ein närrischer Kerl; aber Du zweifelst doch nicht an meinem Herzen? Maxime. Nein, nein, ich zweifle nicht daran, und will eö Dir beweisen. Setze Dich zu mir (sie setzen sich). Ich hätte das Unglück, welches mich getroffen, schon längst vorhersehen können, wenn nicht jugendlicher Leichtsinn und kindliche Achtung mich blind gemacht hätten! Du warst 2—3mal während der Jagdzeit auf meinem väterlichen Schlosse, ist Dir je etwas Ge- heimnißvolles oder Ungewöhnliches in dem Kreise nnserer Familie ausgefallen? Gaston. Ganz und gar nichts i das heißt Deine Mutter war eine wunderliche Frau, übrigens war sie sehr liebenswürdig .. Deine Mutter.. aber sie kam mir so traurig vor, sie lebte so zurückgezogen, sie affektirte selbst in ihrer Kleidung eine übertriebene, fast klösterliche Einfachheit! Maxime. Und dennoch liebte sie in ihrer Jugend die große Welt — doch plötzlich zog sie sich aus derselben zurück, und die inständigsten Bitten meines Vaters, welcher sie anbetete, konnten sie nicht bewegen, ihre Einsamkeit zu verlassen. Du erinnerst Dich noch meines Vaters? Gaston. Oh! Ein charmanter, alter, einnehmender Herr! Welches Feuer! Immer der Erste bei jeder Unterhaltung! Ein Lebemann ohne Gleichen, ein Pferdekenner erster Klasse, ein blendender Gesellschafter, das Muster eines echten Edelmannes! Maxime. Dieser glänzenden Eigenschaften wegen, welche ich ebenso wie Du bewunderte, lud man ihn zu allen Vergnügungen, und er war stets der Held deS Tages. Meine Mutter folgte ihm nirgends, sie schlug eö sogar ab in dem einfachen Salon unseres Schlosses zu erscheinen, wenn Gesellschaft gegeben wurde. Ich schrieb diesen Verweigerungen, die meinen Vater erbitterten, die peinlichen, oft sogar heftigen Scenen zu, deren Echo bis in mein Zimmer drang. Ich glaubte meine Mutter leide an einem Nervenübel, an Melancholie und mein Vater bestärkte mich in dieser Meinung. Du weißt, mein Freund, daß ich eine Schwester habe, welche noch in den Kinderjahren ist? Gaston. Fräulein Helene, meinst Du ? Maxime. Wenige Tage nach ihrer Geburt, es werden ungefähr 7 Jahre sein, rief mich mein Vater zu sich und erklärte mir mit einer sichtlichen Verlegenheit, daß es der sehnlichste Wunsch meiner Mutter sei, ich solle die Rechte studiren. Zum erstenmale, mein Freund, erwachte der Gedanke in mir, daß die Vergnügungssucht meines Vaters, sein Widerwille, sich um seine Güter zu kümmern, eine versteckte Unordnung in unserem häuslichen Glücke verursacht hätten; vielleicht, sagte ich zu mir, will meine Mutter, daß ich einst im Stande bin die Nachlässigkeit meines Vaters zu verbessern, seine Fehler gut machen. Gaston. Nun? Maxime. Ich konnte die Idee nicht lange festhalten, obwol ich meinen Vater öfter über Verluste klagen hörte, welche unser Vermögen durch die Revolution erlitten; aber diese Klagen schienen mir immer sehr ungerecht. Du sahst selbst unsere Lage, unsere Lebensweise. Gaston. Nun, die war ganz angenehm. Ein schönes Hauö in Paris, ein herrschaftliches Schloß, ungeheure Stallungen voll der vorzüglichsten und theuersten Pferde. Maxime. Ich gehorchte meiner Mutter; ich studierte die Rechte; aber zur selben Zeit, ich war gerade 20 Jahre, begann ich sie zu fliehen, zu vermeiden — sie war immer leidend. Ach! welches Unglück ist es immer leidend zu sein, und i * 4 ich vernachlässigte diese Frau, welche mich so zärtlich liebte, von Tag zu Tag mehr. Ich und der Vater überredeten unö, ihre Krankheit läge in der Einbildung, wäre nur Manie. Wir waren nie glücklicher, als wenn wir außer demHause waren, in welchem diese ewige Kranke seufzte. Vorwärts, schrie mein Vater fröhlich, vorwärts Maxime, Galopp! und wir galoppirten! Eines Tages, als wir von unserem Ritte zurückkehrten — fanden wir eine Leiche.... sie war todt und mein Herz füllte sich mit Gewissensbissen, die nie enden werden. Gaston. Armer Freund! Maxime. Zwei Monate später befand ich mich, auf den ausdrücklichen Wunsch meines Vaters, in Italien, und so reiste ich fort und fort, mehrere Jahre durch die Welt, seinen Befehl erwartend, der meiner Wanderung ein Ende machen sollte. Seine Briefe an mich waren immer zärtlich aber kurz, zeigten jedoch nie den Wunsch an, daß er sich nach mir sehnte. Ich war daher desto mehr erstaunt, als ich vor 2 Monaten bei meiner Landung in Marseille Briefe meines Vaters fand, welche mich mit fieberhafter Hast zurückriefen. Gaston. Ah. damals ließ sich Dein Vater, wie ich hörte,in bedeutende Börse- speculationen ein? Maxime. Ich kam Abends an; ein leichter Schnee bedeckte den Boden, und wie ich die Allee zum Schlosse durchschritt, schüttelte der Wind den Reif von den Bäumen, und die Tropfen fielen auf mich als wären sie Thränen. — Als ich mich dem Schlosse näherte, sah ich hinter den Fenstern in dem halbbeleuchteten Salon einen Schatten, meinem Vater ähnlich! — Kaum hatte ich die Schwelle betreten, lief er auf mich zu und drückte mich mit solch wehmüthi- ger Innigkeit an sein Herz, daß ich deutlich das Schlagen seines Herzens hörte; er bot mir einen Stuhl und setzte sich rasch und ungestüm mir gegenüber (Maxime sitzt sich). Hierauf, als wollte er reden und hätte den Muth nicht dazu, hefteten sich seine Augen auf mich und ich laS darinnen Beklemmung, Demuth und Abbitte. Dieser Ausdruck in dem Gesichte eines sonst so stolzen Mannes zerriß mir das Herz. Ach, all das Unrecht, was er gestehen wollte, es stand in diesem Augenblicke klar vor meiner Seele, und Gott weiß, aus dem Grunde meines Herzens war ich bereit, ihm zuzurufen: Ich verzeihe Dir! Doch plötzlich wurde sein Blick, welcher nicht von mir abließ, starr und erschrecklich; seine Hand klammerte sich an meinen Arm, er schnellte von seinem Lehnstuhl in die Höhe und sank stumm zu Boden, — er war nicht mehr! Gaston (aufstehend). Armer Freund! Aber erzähle weiter — er war ruinirt? Maxime. Du hast es errathen. Die Börse hatte ihn gänzlich zu Grunde gerichtet. Bis jetzt kann ich den Abgrund gar nicht ermessen, an welchem ich und meine Schwester uns befinden, die Unordnung ist zu groß und als ich etwas Licht in der Sache bekam, wurde ich schwer krank; 2 Monate kämpfte ich mit dem Tode, und als ich mich nur etwas erholt hatte, eilte ich nach Paris. Gaston. Und wer befaßte sich unterdessen mit Deinen Geschäften? mit Deiner Liquidation? Maxime. Ein Mann, den ich nicht näher kannte, der aber der rechtlichste Mann sein muß, denn er genoß die höchste Achtung meiner Mutter; Herr Laubspin, ein ehrwürdiger Greis, einst der Notar unserer Familie. Gaston. Ah, ich glaube ihn bei Euch gesehen zu haben, ein etwas überspannter, fantastischer Kopf! Maxime. Ja, ein wenig! Seit mehreren Jahren mied er unser Haus; mein Vater war ihm nicht gewogen, er verspottete seine gespreizten und ehrfurchtsvollen Förmlichkeiten, und ü nannte sie eine Maske, unter welcher ein alter, mißvergnügter Bürger, ein Adelsfeind, ein Jakobiner stecke. Ich selbst lachte sehr oft auf Unkosten dieses alten Ehrenmannes und hatte keine Ahnung, daß ich einst aus seinem Munde das letzte Wort meines Geschickes vernehmen würde. Gaston. Nun. Ihr hattet einstens 10V,V00 Franken Renten — zum Teufel noch einmal, die Abfälle davon müssen noch ganz nett sein! Maxime. Du glaubst, daß ich noch etwas aus der Strandung retten werde? O mein Gott, wenn ich nur die Existenz meiner Schwester sichern könnte! Die Ungewißheit ist martervoll! Gaston. Hast Du denn den guten Laubepin noch nicht gesehen? Maxime. Kaum in Paris angelangt, eilte ich zu ihm, aber er war verreist; ich weiß nicht wohin, in irgend eine Provinz; und darum befinde ich mich seit 2 Tagen in einem qualvollen, beängstigenden Zustande an Leib und Seele, für den ich keinen Ausdruck kenne! Gaston (verwirrt und verlegen, was er sagen soll). Armer Freund! Ja, ja, das Leben ist bitter! sehr bitter! (seine Uhr hervorzkehend.) Ach lieber Freund, entschuldige mich, daß ich Dich verlasse, aber ich habe bei Tattersall ein Rendezvous, wo ich auf Ehrenwort Punkt 3 Uhr erscheinen muß, (auf die Uhr sehend) und jetzt ist eS halb 4 Uhr. Maxime (kalt). Geh nur, mein Freund. Geh nur. (Mit einem Anfluge von Ironie) Aber Du kommst doch wieder? Gaston. Donner und Wetter, Du wirst doch nicht zweifeln? Zum Teufel! In solchen Fällen verläßt man seine Freunde nicht, (zieht seine Zkgarren- tasche.) Du erlaubst mir doch, Dir eine Zigarre anzubieten, ich habe die feinste Sorte, es sind zwar nur mehr 2 darinnen, aber wir theilen brüderlich. — Auf Wiedersehen, Maxime und habe guten Muth! (Ab.) Maxime (welcher sich die Zigarre willenlos in die Hand stecken läßt, mit traurigem Lächeln). Ich werde sie rauchen! Fünfte Scene. Maxime. Frau Vauberger. Fr. Vauberger. Herr Marquis, Herr Laubspin ist hier! Maxime. Laubspin! O lassen Sie ihn eintreten! Schnell! (Für sich) Gott sei Dank, endlich werde ich diese qualvolle Ungewißheit loS werden! (Laubepin trit ein.) Sechste Scene. Laubspin. Maxime. Maxime. Ach mein Herr, ich erwartete Sie mit einer fieberhaften Aufregung. — Laubspin (sich verbeugend). Herr Marquis! — Ihr Befinden, Herr Marquis? Maxime. Besser, Herr Laubspin, ich danke Ihnen... Laubspin. Und Ihre Schwester Fräulein Helene von Champcey? Maxime. Sie ist noch hier... in ihrer Pension ... Das arme Kind kennt unser Mißgeschick noch nicht; kenne ja ich die Ausdehnung desselben noch nicht und erwarte aus Ihrem Munde — Laubspin. Entschuldigen Herr Marquis, aber es gehört zu meinen Gewohnheiten, in Allem methodisch zu verfahren. Maxime. Wollen Sie sich nicht gefällig setzen, mein Herr! (sie setzen sich.) Laubspin. Es war im Jahre 1820, mein Herr, als das Fräulein Louise Helene Dugald Delatouche d'Erouville von Herrn Charles Christian Odiot, Marquis von Champcey d'Hauterive zur Frau begehrt wurde. Da ich seit einer langen Reihe von Jahren mit 6 der Leitung der Interessen der Familie Dugald betraut war, und ich mich überdies des Vertrauens der jungen Erbin rühmen durfte, so bot ich alle Vernunftgründe auf, um Fräulein Dugald von jener verderblichen Verbindung abzubringen, welche man ihr vorgeschlagen hatte; ich sage verderbliche Verbindung, mein Herr, denn wenn man auch allen den vornehmen und lockenden Eigenschaften, durch welche sich Herr Marquis von Champcey auszeichnete, Gerechtigkeit widerfahren läßt, so erblickte ich schon damals deutlich unter dieser glänzenden Außenseite, Unbesonnenheit, bodenlosen Leichtsinn, brennende Begierde nach Vergnügen und endlich einen hohen Grad von Selbstsucht. Maxime. Mein Herr, das Andenken an meinem Vater ist mir heilig, und ich erwarte Achtung, wenn Sie in meiner Gegenwart von ihm sprechen. Laubepin (mit Bewegung). Mein Herr, ich schätze dieses Gefühl; aber wie kann ich von Ihrem Vater sprechen und dabei vergessen, daß er der Mann war, der Ihre Mutter, eine heroische Frau, eine Märtyrin, vor der Zeit in's Grab brachte. Maxime (aufstehcnd). Herr Lauböpin! Laub 6 pin (ebenfalls aufstehend und seine Hand auf den Arm des Marquis legend). Verzeihung, junger Mann; allein ich war ein rechtschaffener Freund Ihrer Mutter — ich habe sie beweint. Wollen Sie mir also verzeihen. Uebrigens, (sich wieder setzend) wenn Sie es wünschen, will ich nur mehr von dem jetzigen Sachverhalt reden. Maxime. Ich bitte Sie darum, (sie setzen sich). Laubopin. DaS Nähere meines Verfahrens werden Sie in dem umfangreichen Aktenbunde finden, welchen ich so eben durch Ihren Hausbesorger bei mir holen ließ; wenn wir aber die Sache kurz fassen wollen, so schulden Sie noch nach dem günstigsten Verkaufe Ihres Schlosses, Ihrer Güter und Ihres Hauses hier, den Gläubigern Ihres Vaters die Summe von 45,000 Franken. Maxime. Ist eS möglich? Es bleibt uns nichts als — Laub 6 pin (einfallend).45,000Franken Schulden. Maxime (sich erbebend, und einige Schritte auf- und abgehend, für sich). Arme Helene! Mein Gott, wohin soll dies führen? Laubopin. Jedoch muß ich Ihnen sagen, Herr Marquis, daß Ihre Frau Mutter in der Vorahnung des Ruins mir ihre Pretiosen im Werthe von 50,000 Franks zur Aufbewahrung anvertraut hat. Maxime. Ah! Laubüp in. Um zu verhindern, daß dieses kleine Capital, welches jetzt Ihr einziges Vermögen ist, nicht in die Hände der Gläubiger falle, können wir nns einer gesetzlichen Ausflucht bedienen, welche ich später Ihrer Zustimmung zu unterbreiten die Ehre haben werde. Maxime (mit rascher Ueberlegung). Dieselbe ist ganz unnöthig. Ich bin sehr glücklich mittelst dieser Summe die Ehre meines VaterS vollständig auszulösen. Laub 6p in (welcher nicht aufhört, Maxime mit fester Aufmerksamkeit zu betrachten). Ah! — Wie Sie glauben Herr Marquis; ich mache Sie nur aufmerksam, daß Sie in diesem Falle von aller Hilfe entblößt sind, und daß Sie mit Ihrem achtungswerthen Namen und Titel weder sich noch Ihre Schwester ernähren können! Maxime. Mein Gott, leider sind meine Pläne dann zerstört, solch nackte Armuth erwartete ich nicht, allein die Ehre meines Vaters muß gerettet werden. O wenn ich nur allein stünde, dann würde ich Soldat; aber ich habe eine Schwester! Ich kann den Gedanken nicht ertragen, das arme Kind auf Mangel und Entbehrung angewiesen 7 zu wissen. Wenn ich irgend eine Beschäftigung fände, ich würde mich gern auf das Acußerste einschränken, wenn sie nur soviel eintrüge, daß ich die Pension meiner Schwester bezahlen und für sie noch ein kleines Heiratsgut zurücklegen könnte; o dann wäre ich ja glücklich! Laub6pin. Ah! — In unseren gesellschaftlichen Verhältnissen findet man nicht so leicht von einem Tag zum Andern eine so einträgliche Beschäftigung, welche Ihren ehrenvollen Absichten genügte. Glücklicherweise habe ich Ihnen einige Vorschläge zu machen, welche der Art sind, um ohne Anstrengung von Ihrer Seite, Ihre Lage zu ändern, Herr Marquis. Zuerst werde ich als Wortführer eines vielvermögenden , gewandten und einflußreichen Spekulanten sprechen; der Mann hat den Plan zu einer bedeutenden Unternehmung entworfen, an deren Spitze aber nothwendig ein altadeliger Name floriren muß, um in höheren Kreisen Vertrauen zn gewinnen; Sie haben gar nichts zu thun, als Ihren Namen herzugeben, wie und auf welche Art Geschäfte gemacht werden, kümmert Sie nicht, aber Sie haben jährlich dafür eine sichere Prämie von.... Maxime (rasch und entwürdigt einfasiend). Ich muß Sie ersuchen, diesen Gegenstand unbedingt fallen zu lassen, da ich in keiner Weise darauf eingehen kann. Laub 6 pin (die Stimme erhöhend). Der Vorschlag gefällt Ihnen nicht; meinen Beifall hat er auch nicht, Herr Marquis, ich richte da nur einen Auftrag aus. Hören Sie jetzt meinen 2. Antrag , er wird Sie besser ansprechen. Ein alter Freund von mir, ein reicher Mann, ehemals Kaufmann, hat eine einzige Tochter, die sein Augapfel ist. — Dieselbe ist durch Zufall von Ihrer Lage unterrichtet, und ich bin sicher überzeugt, daß sie bereit ist mit Ihrer Hand den Titel einer Marquise von Champcey anzunehmen. Der Vater willigt ein und ich erwarte nur ein Wort von Ihnen, um Ihnen den Namen und die Wohnung dieser interessanten Familie zu nennen. Maxime. Mein Name eignet sich eben so wenig zum Verkaufe als zum Pachte; in meinen Verhältnissen ist mein Titel nur ein Spott, und da es scheint, daß man darauf Rechnung macht, sich seiner nur zu eigennützigen Unternehmungen zu bedienen, so bin ich fest entschlossen, ihn abzulegen; der Urname meiner Familie war Odiot und dies ist der einzige, den ich von jetzt an führen werde. Laub 0 pin. Ah! (sich fröhlich und freudig die Hände reibend). Wissen Sie auch junger Mann, daß Ihnen sehr schwer zu helfen ist mit diesen Ideen?.... Es ist erstaunend, mein Herr, wie ich seit einem Augenblicke von Ihrer Aehnlichkeit mit Ihrer Mutter betroffen bin. Maxime. Mit meiner Mutter? Ich dachte nicht.... Man hat mir immer gesagt, ich wäre das lebende Porträt meines Großvaters väterlicher Seite, deS Herrn ZacqueS von Champcey. Laub 6pin. Oh! Und dann noch... diese Augen, dieses Lächeln... Aber ich mißbrauche Ihre Zeit. Herr Marquis, ich verlasse Sie.... Siebente Scene. Vorige. Vau berge r. Vau berge r. Hier sind die Papiere, mein Herr! Laub 6pin. Ah! dies sind Ihre Akten, um die ich schickte; einige wichtige Papiere jedoch sind noch bei dem Notar, meinem Nachfolger. Er wohnt nur ein Paar Schritte von hier. Wenn Sie dieselben holen wollen, werde ich Ihnen gleich einige Papiere vorlcgen, die Sie unumgänglich eigenhändig unterzeichnen müssen. Maxime. Ich bin bereit; gehen wir (zu Bauberger). Legen Sie die Papiere dort auf jene Etagere. Kommen Sie, mein Herr. (Sie gehen nach einigen Ceremonken von Seite Lauböpin 'S.) Achte Scene. Vauberger,(dann)Fr. Vauberger. Vauberger (die Papiere ordnend). Er dankte mir nicht einmal für meine Mühe! Fr. Vauberger. Sag'mir Mann, weißt Du, ob der Alte ihn zum Speisen eingeladen hat? Vauberger. Zch weiß nichts, ich habe nichts gehört — was kümmert es mich auch? Fr. Vauberger. Armer Herr Maxime! Vauberger. Dahatman's! Höre, Du langweilst mich schon mit Deinem Maxime! Bin ich schuld, daß er rui- nirt ist? Ha? Fr. Vauberger. Du wirst sehen, Mann, Du wirst sehen, eines Tages wird sich der arme junge Mann tödten! Vauberger. Nun!? Wenn er sich tödtet, wird man ihn begraben, und die Welt wird noch bestehen wie zuvor! Fr. Vauberger. Ich sage Dir, Mann, eS würde Dir das Herz zerschnitten haben, wenn Du, wie ich diesen Morgen, gesehen hättest, daß er zum Frühstück nichts als ein Glas frisches Wasser trank. Denke Dir, Mann, er hat weder ein geheiztes Zimmer bei dieser Witterung, noch Brot, um sich satt zu essen, und der Junge war von Jugend auf in das feinste Pelzwerk eingewickelt uud mit Marzipan gefüttert. ES ist eine Schande und eine Schmach, daß sich die Regierung gar nicht um ihn annimmt. Vauberger (mit tiefem Hasse). Das kümmert die Regierung so wenig wie mich! Himmel sind die Weiber dumm! Und an Brot wird es ihm gewiß nicht fehlen — das ist gar nicht wahr! Fr. Vauberger. Aber ich weiß es gewiß! Er hat keinen Sou, Eduard hat ihn ausspionirt. Ich sage Dir, er hat heute noch gar nicht gefrühstückt, seine Beine schlottern vor Kraftlosigkeit — und ich wette, heute Abends geht er wieder hungrig schlafen, denn er ist zu stolz, um sich ein Nachtmahl zu erbetteln. Vauberger. Desto schlimmer für ihn. Wenn man arm ist, muß man den Stolz an den Nagel hängen! Fr. Vauberger. Mann, Du bist Hausbesorger, Du willst sogar, daß man Dich Haußinspektor rufe, aber Du bist ungeschliffener und roher als ein Hausmeister! Vauberger. Weib! (Maxime erscheint im Hintergrund.) Neunte Scene. Vorige. Maxime. Vauberger (untertänig). Herr Marquis, ich habe die Papiere geordnet, haben sonst nichts zu befehlen? Maxime (kalt). Nein! Geht! Vauberger. Zu dienen, Herr Marquis. (Sich beim Ausgange umwendend.) Ruinirt! Geh Du lieber! Zehnte Scene. Maxime (allein). Ich habe eS nicht gewagt — ich habe eS nicht gewagt, ein Almosen von Laub^pin zu verlangen — und es ist ja nicht einmal ein Almosen, denn er hat ja noch Geld von mir in der Hand... und dennoch wagte ich eS nicht. Ich werde ihn morgen sehen, und ich hoffe, er wird mir selbst Geld anbieten.-Man stirbt noch nicht Hungers wegen eines Fasttages! Wenn ich aus Ehrgeiz sündige, so bin ich genug gestraft, denn ich leide fürchterlich! — Wenn ich wo immer hin zum 9 Mittagsmahle ginge... man kennt mich ja — ich könnte sagen, ich habe meine Börse vergessen... ich that dieß zu anderer Zeit hundertmal ohne Bedenken. — Nein, alle diese Auswege, welche Betrug und Elend im Gefolge haben, widerstreiten meiner Natur. — Für die Armen ist dieser Abhang zu schlüpfrig; ich werde ihn nicht betreten. Wenn ich nur schlafen könnte! (Er setzt sich in den Lehnstuhl.) Der Hunger! — Er ist doch kein eingebildetes Wort! Es gibt also doch eine Krankheit dieses NamenS! Es gibt also wirklich menschliche Geschöpfe, die täglich mein jetziges Leiden empfinden! Und dann — was ist mein Leiden, ich leide ja nur allein! Das einzige Wesen auf dieser Welt, für daS mein Herz schlagt, meine Schwester, ist glücklich, ich sehe ihr theures Antlitz fröhlich, zufrieden, lächelnd! — Aber jene, welche das herzzerreißende Geschrei ihrer geliebten Angehörigen hören — jene, welche in ihrer kalten Wohnung Weib und Kind mit blassen, abgehärmten Wangen und hohlen Augen sehen, aus denen kein freundliches Lächeln, sondern das Elend spricht — jene armen Leute — o heilige Barmherzigkeit! (Er fallt in dumpfe» Brüten und schläft in der Ermattung ein. Musik bis zu seinem Erwachen.) Eilfte Scene. Maxime. Fr. V au b erg er (tritt leise ein, trägt einige Schüsseln auf einer Tasse. Sie setzt die Tasse auf das Gesimse des Kamins, rückt einen kleinen Tisch näher und bedeckt ihn mit einem Tischtuch) Maxime (halberwachend). Trauriger Schlaf! Ich träume wie ein Schiffbrüchiger! Zch sehe nichts als die Luftbilder von Tafeln und Banquetten. (Bemerkt die Tasse). WaS ist daS? (Er sieht Frau Bauberger) Was soll das heißen ? Was thun Sied Fr. Vauberger (die Ueberrascht« spielend). Haben der gnädige Herr nicht zu speisen befohlen? Maxime. Zch wüßte nicht! Fr. Vauberger. Eduard hat mir doch gesagt, daß der gnädige Herr — Maxime. Eduard hat sich geirrt: vielleicht eine Partei neben an; sehen Sie nach. Fr. Vauberger. Es gibt ja gar keine Partei sonst auf diesem Gange... ich begreife nicht — Maxime. Und doch war ich es nicht!. . Was soll dieß Alles heißen? Belästigen Sie mich nicht! Tragen Sie Alles fort! Fr. Vauberger (legt das Tischtuch zusammen und fragt nach einer Pause wieder). Der gnädige Herr haben gewiß schon gespeist? Maxime. Ja wohl! Fr. Vauberger. Schade! Jammerschade! denn das Essen ist einmal bestellt ... umsonst bestellt, und der Kleine wird von seinem Vater ausgezankt werden. Wenn der gnädige Herr vielleicht zufällig doch noch nicht gespeist haben, so würden Sie mich außerordentlich verbinden. Maxime (heftig). Gehen Sie, sage ich Ihnen, gehen Sie. (Er steht auf und nähert sich ihr sanft.) Louise... Ich verstehe Sie... ich danke Ihnen... aber ich bin heute Abends ein wenig leidend — ich habe keinen Hunger! Fr. Vauberger (nähert sich sichtbar bewegt mit der Taffe und stellt dieselbe leise auf den Tisch vor Maxime). Ach, lieber, guter, gnädiger Herr, wenn Sie wüßten, wie Sie mir weh thun! Sie sollen ja das Mittagsmahl gar nicht unentgeltlich haben, Sie zahlen eS mir, wie Sie zu Geld kommen; aber ich sage Ihnen, wenn Sie mir 100,000 Franken schenkten, könnten sie mich nicht so freuen, alö wenn Sie meine einfache Kost annehmen würden. Ach, das wäre ein Liebesdienst von Ihnen, auf den ich stolz wäre. Sie begreifen mich wohl, junger, gnädiger Herr, denn Sie sind ja ein geistreicher Mann. 10 Maxime. Nun denn, meine gute Louise, 100000 Franken kann ich Dir nicht geben, aber Dein Mahl will ich annehmen. (Er setzt sich ungestüm zum Tisch.) Fr. Vauberger. Lausend Dank, guter, junger Herr... Sie haben ein gutes Herz. Mari me. Und einen guten Appetit auch, Louise, auf Ehre! Aber Du läßt mich jetzt allein, nicht wahr? Fr. Vauberger. Ja, gnädiger Herr, und nochmals meinen Dank. Maxime (sie zurückrufend). Louise, gib mir Deine Hand. (Sie zögert.) Fürchte nicht, daß ich Dir Geld zustecke. (Nimmt sie bei der Hand.) Auf Wiedersehen! Fr. Vauberger (wischt sich die Thrä- nen ab und geht). Ach, Sie sind zu gütig! (Ab.) Zwölfte Scene. Maxime. (Hernach) Laubäpin. Maxime (wischt sich mit seinem Taschentuche die Augen). Pah! Keine Kindereien!. Essen wir lieber, da schon einmal etwas zu essen da ist. Das ist eigentlich die verbotene Frucht. Ich fühle nicht mehr den Hunger wie vorhin. Die arme Frau, ich beschuldigte sie so ungerecht — sie ist ein Engel. — So, bis auf morgen bin ich mit Lebensmitteln versorgt. .. DaS ist auch etwas! (Man hört Frau Dauberger mit Lauböpin auf der Stiege sprechen. Laubepin erscheint von Frau Bauberger geführt, welche sich dann gleich zurückzieht. Maxime erhebt sich ein wenig verlegen.) Laubepin (mit bestürzter Miene). In Hiwmelsnamen, Herr Marquis, warum haben Sie mir das nicht gesagt? (Sich nähernd). Junger Mann, das war sehr böse von Ihnen, Sie haben einen Freund sehr tief verletzt, und machen einen alten Mann erröthen! Maxime (bewegt.) Mein Herr! L aub 6 pin (ihn an seine Brust ziehend). Mein armes Kind! Pah! Denken wir nicht daran. Essen Sie, mein Freund, essen Sie fröhlich; denn, Gott sei Dank, ich bringe Ihnen eine gute Nachricht. Maxime. So? (Er bietet ihm einen Stuhl an.) Laubepin. Ich habe Ihnen eine Anstellung anzubieten. Maxime. Eine Anstellung? Laubepin. Aber ich weiß nicht, ob Sie dieselbe annehmen werden. Ich bin diesen Morgen aus der Bretagne angekommen, wie Sie wissen. Es ist dort am Ende der Haide von Morbihan eine angesehene, sehr reiche Familie, die Familie Laroque d'Arz, deren vollkommenes Vertrauen ich besitze. Die Laroque's haben seit 20 Jahren einen Verwalter, einen Intendanten, der ein Erzschelm war. Ich hörte dieser Lage, daß dieses Individuum sehr krank sei, ich reiste daher unverzüglich nach Schloß Laroque, und ich habe für einen meiner Freunde, dessen Namen ich nicht nannte, um die Stelle nachgesucht, eine Stelle, die jeder Wahrscheinlichkeit nach sicher erledigt werden muß. Maxime. Aber zuvor sagten Sie mir kein Wort davon. Laubopin. Zuvor, mein Herr, hatte ich kaum die Ehre, Sie zu kennen, und ich wollte doch eher erforschen, welchen Character Sie besitzen, und dann benachrichtigte mich erst, als ich nach Hause kam, ein Brief der Frau Laroque von dem Hintritte des Intendanten Uvart. — Nun zu den Bedingungen: Sie sollen in dem Schlosse einfach unter dem Namen eines Herrn Odiot auftreten und in einem abgeschlossenen Pavillon wohnen; Ihre Einkünfte werden aber der Art gestellt sein, daß Sie in einigen Jahren eine anständige Aussteuer für Ihre Schwester erübrigen können. Ist Ihnen dieser Vorschlag genehm? Maxime. Ich kann Ihnen für Ihre gütige Vorsorge gar nicht genug danken. Nur glaube ich in diesem Geschäfte ein Neuling zu sein. Lauböpin. Sind Sie nicht Advokat und heißt das nicht ein wenig zu Allem 11 tauglich sein? Zch schrieb der Frau La- roque auch, Herr Odiot wird in 2 Monaten der gewandteste Geschäftsmann sein, und überdieß besitzt er, was in fünfzigjähriger Praxis seinem Vorgänger fehlte, die Rechtlichkeit. Ich habe ihn im Feuer gesehen und stehe für ihn. Maxime. Nun denn, mein Herr, ich bin bereit. (Er steht auf.) Laubspin. Bereit, morgen zu gehen? Maxime. Morgen schon? Laubspin. Jawohl, morgen schon, denn diese gute Herrschaft ist nicht im Stande, die einfachste Quittung auszustellen. So eine ausgezeichnete Dame meine Freundin auch ist, in Geschäftssachen ist sie ganz unerfahren. Sic ist eine Crsolin. Maxime (lebhaft). Ah, eine Crsolin! L aubsp i n (trocken). 2« , junger Mann, eine alte Crsolin. Aber ihre Tochter — Maxime. Sie hat eine Tochter? Laubspin. Die jünger ist. Maxime. Natürlich! Laubspin. Sie werden sie sehen und selbst urtheilen. Maxime. Darf ich, ohne unbescheiden zu sein, im Interesse meiner Stellung mir einen näheren Aufschluß über jene Personen erbitten, mit welchen ich künftig in Berührung kommen werde. Laubspin (mit Behutsamkeit). Mein Gott, junger Mann, Persönlichkeiten zu schildern, ist immer eine sehr delikate Sache. Uebrigens — wir wollen sehen. 2n dem Schlosse leben immerwährend, ohne Nachbarn und Freunde zu rechnen, L Personen. Erst Herr Laroqne der Großvater, im Anfänge dieses Jahrhunderts als bevollmächtigter Korsar berühmt, dieß die Quelle des Reichtums... jetzt ist er ein Greis von 80 Jahren - Intelligenz nicht weit her... Dann Frau Laroque, seine Schwiegertochter, Wittwe, Abkunft Crsolin, einige Manie abgerechnet, eine ausgezeichnete Frau — ihre Tochter, Fräulein Marguerite, Crsolin und Bre- tagnerin verschmolzen, ein Trotzköpfchen, etwas Einbildung, aber herzensgut. Untergeordnete Personen: Frau Aubry, Cousine zweiten Grades, eine im Hause aufgenommene Wittwe eines in Belgien zu Grunde gegangenen Banquiers, sauertöpfischer Geist: endlich Fräulein Hslouin, Erzieherin, Gesellschaftsfräulein, gebildeter Geist, Charakter — (Er zögert und fährt fort', starke Bildung — Genug — Sie sehen — Maxime. Unter fünf Personen des Schlosses zwei schöne Seelen, das ist ja ein prächtiges Verhältnis Laubspin. Nicht wahr? Ah ja! Und Sie werden auf die Aussteuer Ihrer Schwester Helene nicht vergessen? Maxime. Ich werde an nichts Anderes denken, mein Herr! Laubspin. Also fort, lieber Freund, mit gutem Muth! Morgen früh erwarte ich Sie zum Frühstück und morgen Abends sind Sie auf dem Wege nach der Bretagne. (Ernst) Freund, ich kenne Sie erst seit wenigen Stunden und doch hafte ich für Sie, verstehen Sie, ich hafte für Sie; (herzlich) aber nicht wahr, ich werde es niemals zu bereuen haben? Maxime. Mein Herr, ich schwöre es Ihnen bei dem Andenken an jene Frau, welche ich zu spat erkannt habe, bei dem Andenken an meine gute Mutter, nie eine Handlung zu begehen, über welche die Verklärte zu erröthen brauchte. Laubspin. Ich bin beruhigt: morgen sehen wir uns wieder! Mari me. Ja, morgen! (Allein.) Ich Intendant! Muth, Bruder. Muth! Du bist ihn deiner Schwester schuldig! Muth! (Ende des ersten Tableau.) IS Zweites Tableau. Ein reicher Sommersaal, auf eine wett offene Terrasse führend, welche mit Statuen und -roßen Basen geziert ist, im Hintergründe der Terrasse ein festes Geländer, eine Stiege von mehreren Stufen führt von der Terrasse in eine andere Abtheklung des Gartens. Links ein Fenster, ein Fortepiano. Rechts ein Tisch, mit Büchern und Zeitungen bedeckt, Blumentischchen, Basen voll Blumen, ein angezündetes Brasero (Art Wärmpfanne). Erste Scene. Herr von Bövallan, Doktor Desmarets, Frau Laroque, Mar- guerite, Fräulein H6louin, Frau Aubry. (Beim Aufziehen des Vorhanges gehen mehrere junge Mädchen in Sommerkleidung ans der Terrasse spazieren, Herr von Bevallan spricht und lacht mit ihnen. Doktor DeSmaretS liest eine Zeitung, Frau Laroque, in Pelzwerk eingehüllt, ist mit Sammt- und gestickten Kissen umgeben, sie sitzt rechts und liest, indem sie ihre Hand von Zeit zu Zeit zur Flamme des Brasero hält. Marguerite sitzt in der Nähe ihrer Mutter und stickt. Fräulein Helouin ordnet Blumcn in einer Base. Frau Aubry fitzt links und strickt). Bkvallan stritt in den Salon nach einem Freudenschrei, den die jungen Mädchen ausgestoßen, welche in die Hände klatschen. Er spricht zu den jungen Mädchen hinaus). Ganz einverstanden, meine Fräulein. (Inden Salon.) Meine Herrschaften, die junge Damenwelt möchte gern einen Walzer auf der Terrasse tanzen. Fr. Laroque. Wie? bei Hellem Sonnenschein? Bevallan. Ja gnädige Frau, um zu zeigen, daß die Blumen die Sonne nicht fürchten! (seine Handschuhe anziehend und sich dem Fräulein Marguerite nähernd). Mein Fräulein, darf ich es wagen? Marguerite. O, ich fürchte die Sonne zu sehr; ich danke, ich ziehe das Clavierspiel vor. (sie steht auf, und geht zum Piano). B 6 VallaN (während er an ihr vorbeigeht, halblaut). Immer gvausam. (ZuFräu- lein Helouin). Und Sie, mein Fräulein, darf ich hoffen . . ? Frl. Hölouin. Sehr gerne! (sie legt ihren Arm in den seinigen). Bövallan (halblaut). Immer bezaubernd. (laut sich gegen die Terrasse wendend.) Also, mein Fräulein, zum Tanz! (Marguerite spielt einen Walzer. Bevallan, Fräulein Helouin unb die Mädchen tanzen und verschwinden). Fr. Laroque. Haben Sie mein neues Treibhaus gesehen, Doktor? DeSmaretS. Nein, gnädige Frau! Fr. Laroque. Ah, daß muß ich Ihnen zeigen, wenn ich so weit gehen kann. DeSmaretS. Warum denn nicht, Sie sind ja ganz gesund; diesen Morgen waren Sie frisch wie der Thau. Fr. Laroque. Frisch — soll eigentlich heißen kalt — frierend. — Es ist unglaublich! — Seit zwanzig Zähren daß ich die Antillen verließ und nach Frankreich kam, konnte ich mich noch nicht erwärmen. DeSmaretS. Desto besser, gnädige Frau, desto besser, die Kälte erhält, (links gehend zu Frau Aubry). Und Ihr Befinden? Fr. A u b ry (klagend). Immer schwach, Doktor, alle Morgen Hab' ich Schwindel! Desmarets. Gut! Sehr gut! Ausgezeichnet.' das ist ein Zeichen der Kraft. Fr. Aubry (vertraulich). Ach der Aerger untergräbt meine Gesundheit, Doktor, man behandelt mich hier so unwürdig. Desmarets. Noch immer? Auf welche Art? Fr. Aubry. Haben Sie nicht diesen Morgen mein Frühstück gesehen — die Kräutersuppe war ganz kalt — dann keine Wärmpfanne — alle mög- lichen Unbilden thut man mir an — ich bin der Spielball der Dienerschaft — und denken Sie nur Doktor, wenn man in meiner Lage war, und auf Silberzeug mit seinem eigenen Wappen zu speisen gewohnt war! Oh die Welt weiß nicht, waS ich in diesem Hause leide und kein Mensch wird eS auch erfahren, denn man besitzt Stolz, man leidet ohne zu klagen, daher schweige ich auch, Doktor, und denke kaum daran. DesmaretS (ungeduldig). Ja, ja, sprechen wir nicht mehr davon. Trinken Sie nur immer recht frisches Getränk, das wird Sie beruhigen. Fr. A u b r y. Ach nichts Doktor wird mich beruhigen — nichts als der Tod! DesmaretS. Gut, gut, wie Sie wollen (die Tanzenden erscheinen einen Augenblick; DeSmaretS kehrt sich um). Herr von Bsvallan ist ein wahrer Satan, unermüdlich! Nachdem er den ganzen Vormittag geritten ist, tanzt er jetzt wie besessen (der Tanz wird plötzlich unterbrochen, die jungen Mädchen stoßen einen Schrei aus und halten inne. Man erblickt Maxime im Hintergrund, er trägt ein Album unter dem Arm. einen kleinen Reisesack in der Hand und scheint sehr verlegen über jeine Haltung. Alain begleitet ihn). Zweite Scene. Vorige. Maxime. Alain. Margucri te (vom Claviere ausstehend). Nun, was gibt eS? Alain (allein vortretend, während Maxime im Hintergründe wartet). Gnädige Frau, Herr Odiot ist hier, der neue Intendant. Fr. Laroque (die aufgestanden, um Maxime zu betrachten). Wie? Der neue Intendant? Alain. Zu dienen, gnädige Frau! Fr. L a r o q u e. Er mag eintreten (während Alain zu Maxime geht und ihm dann seinen Reisesack abnimmt). Ich begreife Herrn Laubspin nicht, welcher mich von einem simplen jungen Menschen benachrichtet, und mir einen stattlichen Mann schickt! Bsvallon. Ganz gewiß, daß dies ein — origineller Intendant ist! Frl. Hslouin (welche linker Seite steht und Maxime beobachtet, mit Neberraschung bei Seite). Himmel! der Marquis von Champcey — ich habe ihn wenigstens zehnmal in der Pension gesehen. (Maxime tritt ein und grüßt). Fr. Laroque. Entschuldigen Sie mein Herr, sind Sie wirklich Herr. . . Maxime. Odiot, gnädige Frau. Fr. Laroque. Maxime Odiot, der Verwalter, der Intendant, von Herrn Laubspin gesendet? Maxime. Zu dienen, gnädige Frau. Fr. Laroque. Sind Sie dessen gewiß? Maxime (lächelnd).Vollkommen, gnädige Frau. Fr. Laroque. Nun dann, mein Herr, wir werden Ihnen dankbar sein, wenn Sie uns Ihre Kenntnisse weihen wollen — wir haben dieselben sehr nöthig. . . denn wir haben das Unglück sehr reich zu sein (Frau Aubry zuckt die Achseln). Za, meine liebe Cousine, ich sage das Unglück — zucken Sie nur die Achseln — der Reichthum ist für mich eine Bürde, dies ist die reine Wahrheit — denn ich — ich bin für Armuth, Entbehrung und Opfer geboren — ich wäre zum Beispiel eine ausgezeichnete, barmherzige Schwester geworden .... oder ich würde es noch lieber vorgezogen haben, die Welt wie die Zigeunerinnen zu durchstreifen, welche ihr armseliges Mahl unter dem Schutze irgend einer Hecke kochen — das ist poetisch, daS hätte mir gefallen. Aber der Himmel, mein Herr, hat es anders beschlossen; übrigens ist dieser Reichthum nicht mein Eigenthum und meine Pflicht ist es, denselben meiner Tochter zu bewahren, auf welchen dieselbe aber auch nicht mehr hält als ich, nicht wahr Marguerite? (Margue- rite antwortet durch ein geringschätzendes Zucken der Augenwimper). Alain, mein Herr, wird 14 Ihnen den Pavillon zeigen, ver zu Ihrer Wohnung bestimmt ist — aber vor Allem wird es gut sein Sie meinem Schwiegervater vorzustellen. Sehen Sie Alain, ob Herr Laroque jemanden empfangt. Oh! (sie erhebt sich mühsam und sich einhüllend). Nun Doktor, wollen Sie mein Treibhaus besehen? DeSmarets. Recht gerne, gnädige Frau. Fr. Laroque. Kommen Sie doch auch, Bövallon. Bsval lon. Zu Befehl! Alain (kommend). Gnädige Frau, Herr Laroque wird Herabkommen. Fr. Laroque. Haben Sie also die Güte ihn hier zu erwarten (zu ihrer Tochter halblaut). Sag' mir Marguerite, willst Du hier bleiben, und ihn dem Großvater vorstellen? Marguerite. Ja liebe Mutter! Fr. Laroque. Auf baldiges Wiedersehen, mein Herr (sie nimmt den Arm des Doktor an). Bevallon (für sich) Ein ganz eigener Mann dn Intendant! (Er bietet der Frau Aubry den Arm an). Frl. Hölouin (für sich). Es sei, ich will sein Geheimniß bewahren... bis auf weitere Zeit (sie geht mit den andern ab). Dritte Scene. Maxime, Marguerite im Vordergründe, Alain im Hintergründe. Marguerite (nach einer Pause der Verlegenheit). Kommen Sie das erste mal in die Bretagne, mein Herr? Maxime. Ja, mein Fräulein. Marguerite (ohne weiteres Gewicht). Es ist ein sehr interessantes Land für Fremde. Maxime. O sehr interessant mein Fräulein. Ich mußte es leider nur durchfliegen . . . aber was ich davon gesehen, hat mich entzückt. Diese Urwälder, diese großen, unabsehbaren wilden Haiden, in der That.... Ma r gu erite (mit einem Anflug von Geringschätzung). Ah Sie sind Künstler, mein Herr. Ich sehe, Sie lieben das Schöne, welches eben so sehr der Einbildung schmeichelt als zur Seele spricht... die freie Natur, die Haiden, das Gestirn ... die schönen Künste. Desto besser .. . Sie werden sehr schnell mit FräuleinHelouin vertraut werden, welche alle diese Sachen hoch verehrt, denen ich aber meiner SeitS keinen Geschmack abgewinnen kann. Maxime (heiter). Mein Gott, was lieben Sie denn, mein Fräulein, wenn Sie mir die Frage erlauben?. Marguerite (mit einem hochmütigen Blick, welcher ihm die Rede abschneidet). Ich gehe meinem Großvater entgegen, Alain, (sie geht; Alain kommt langsam die Scene vor). Vierte Scene. Maxime. Alain. Maxime. Element! Ich vergaß ganz, daß ich hier nicht das Recht habe eine Frage nach Belieben zu stellen, (sich gegen Alain wendend.) ausgenommen an diesen Mann . .. das ist etwas bitter! Sagen Sie mir mein Freund, Herr Laroque ist sehr alt, nicht wahr? Alain. Ja, sehr alt, mein Herr, sehr alt. Maxime. Er war einst Seemann, glaube ich. Alain. Ja mein Herr... und das ein stolzer Seemann.... In der Gallerte werden Sie mehrere Gemälde bemerken, die seine Schlachten vorstellen. Oh! er war ein schrecklicher Mann! Immer den Enterhacken in der Hand! Er war schrecklich für die Engländer, ein erbitterter Feind. Sie liebten ihn aber auch nicht sehr, und wenn sie ihn erwischt hätten. Maxime. Aber es gelang ihnen nicht. Alain. Niemals; das ward ihnen schön verwehrt.. Ob, er war ein ge- wattiger Mann! . .. Und jetzt noch, mein Herr, hat er Augenblicke, wo er Abends ganz allein in der Gallerie auf und ab geht und von Schlachten und Engländern laut träumet. . . denn er ist manchmal ganz geistesabwesend . .. Mir flößt er eine Furcht ein, deren ich mich nicht bemeistern kann. Maxime. So? Alain. Da ist er schon. Maxime (für sich). Armer Greis! Zch finde sein Aeußeresnicht so furchtbar. Fünfte Scene. Vorige. Marguerite. Herr Laroque. Marguerite. Hieher, mein Vater, hieher! (sie richtet ihm einen Stuhl, in welchen er sich setzt. Zu Maxime.) Mein Herr — mein Großvater (zu Herrn Laroque). Hier ist Herr Odiot, der neue Intendant, mein Vater. Hr. Laroque (sich setzend. Erbetrachtet Maxime und scheint plötzlich erstaunt und beunruhigt, Maxime, von seinem Blick überrascht, schweigt). Gut, mein Kind, gut! — Guten Tag, mein Herr. Marguerite (nach einer kleinen Pause). Mein Herr, wollen Sie nicht ein Gespräch beginnen? Maxime (verlegen). Mein Gott, Fräulein — Marguerite. Reden Sie doch! (zu Herrn Laroque). Herr Odiot, der neue Intendant, mein Vater! Maxime. Mein Herr, ich schätze mich glücklich, Ihnen meine Dienste widmen zu dürfen. Hr. Laroque (ihn immer mit einem zunehmend verwirrteren Blicke betrachtend). Aber, er ist ja todt! Maxime (sich an Marguerite wendend.) Wie? Marguerite. Der andere Vermalter (sie macht Maxime ein Zeichen fortzufahren). Maxime. Ah! —Um so glücklicher, da ich öfters Ihre glorreichen Waffen- thaten rühmen hörte, und ich selbst unter meinen Vorfahren Seeleute zähle, welche wie Sie, die Ehre hatten, die Engländer zu schlagen. Hr. Laroque (sich aufrichtend). Ah! die Engländer! Ja, sie sind eS . . . . aber sie sind bezahlt worden. Es gab Blut — Blut—und ich will nicht.... Marguerite. Mein Vater! .. . (zu Maxime). Möchten Sie nicht meine Mutter aufsuchen. Maxime (nachdem er sich vernelgt hat. für sich). Ein hübscher Anfang! Sechste Seene. Marguerite. Herr Laroque. Marguerite. Mein Vater! Mein Vater! Welche Gedanken durchkreuzen Sie?! Kommen Sie doch zu sich! — Ich bin es . . . Marguerite ... ihr Kind. Hr. Laroque (nach und nach zu sich kommend). Du bist's... Du bist's, Kleine? Ja — Nun, und was ist's? Du bist allein? — Wer war denn kurz vorher da? Marguerite. Unser neuer Vermalter, lieber Vater, Herr Maxime Odiot. Hr. Laroque. Maxime Odiot? Ich kenne ihn nicht! ... das ist sonderbar . .. Mir schien doch sein Gesicht so bekannt. Ich bin so alt, mein Kind . . . . Ich habe die ganze Welt gekannt. Es gibt so viele Gesichter, die wie Fantome vor meinem armen, fast hundertjährigen Gedächtnisse vorbeiziehen. Der junge Mann scheint mir ein recht stattliches Aeußere zu haben. Marguerite. Ja, mein Vater! Hr. Laroque. Ich glaube, daß er mir gefallen wird. Spielt er Piquet? Marguerite. Das weiß ich nicht, mein Vater! Hr. Laroque (lachend). Hoffen wir es, mein Kind, hoffen wir eS(FrauAu- bry kommt hastig.) 16 Siebente Scene. Vorige. Fr. Aubry. Fr. Aubry. Nun, mein theurer Vetter, wie befinden Sie sich? Man sagte mir, daß Sie leidend waren . .. ich lief mehr todt als lebend herbei. H r. Laroque (ein wenig spöttisch spaßend). Zu gütig, Cousine, zu gütig... Cs war nichts ... ein wenig Schwäche. Fr. Aubry. Ah! desto besser! desto besser!.. Kommen Sie, machen Sie einen kleinen Spaziergang auf der Terrasse — er wird Ihnen wohlbekommen — Bitte, nehmen Sie meinen Arm. Hr. Laroque. Nun, wenn Sie wollen ... Gehen wir (zu Marguerite). Auf Wiedersehen, mein liebes Kind (sich umwendend). Frage ihn, ob er Piquet spielt. Marguerite. Ja lieber Großvater! Hr. Laroque. Hoffen wir es! Fr. Aubry (während sie sich mit ihm entfernt und Herrn Laroque unterstützt). Stützen Sie sich nur recht sest auf mich! So! Achte Scene. Marguerite (einen Augenblick allein, dann) Mari me, Frau Laroque, Frl. Helouin, Bsvallon und die jungen Mädchen, welche im Hintergründe bleiben. Marguerite. Dieser Auftritt macht mir bange ... er hat mich ganz betäubt ... diese sonderbaren Worte ... ach! eS ist die Geistesschwäche eines Greifes! Es gibt in der That Augenblicke, wo ich selbst glaube, meine Gedanken verwirren sich (fich umwendend, erblickt fie ihre Mutter, die in Maxime eingehängt zurückkommt und in lebhaftem Gespräche begriffen scheint,. Wie? meine Mutter gibt diesem fremden Manne ihren Arm? (Maxime und Frau Laroque treten ein, Beval- lon, Hvlouin und die jungen Mädchen bleiben auf der Terrasse, aber immer sichtbar). Fr. Laroque (mit sehr freundlichem Tone zu Maxime). Vollkommen, wie ich, mein Herr! Ganz meine Ansicht! Es ist merkwürdig, wie wir Zusammentreffen ! (seinen Arm lassend und ihn grüßend.) Mein Herr! (Maxime bleibt etwas zurück, durchstöbert die Bücher, Frau Laroque geht zu ihrer Tochter und sagt) Du bist erstaunt, Marguerite . . . nicht wahr? Zch bin eS noch mehr als Du! Der junge Mann ist ein vollkommener Weltmann! Er unterhält ausgezeichnet!-Er ist viel gereist! und was außerordentlich ist, er theilt ganz meine Ansichten, er hat ganz meine Anschauungskraft. .. In dem Gespräche mit ihm habe ich vollkommen vergessen, was er uns eigentlich ist und reichte ihm meinen Arm ... Unter uns gesagt, mein Kind, ich glaube, daß er ein sehr schlechter Verwalter ist, aber gewiß ein ausgezeichneter Gesellschafter (sie setzt sich in den Armstuhl rechts). Marguerite. Desto besser, liebe Mutter (sie nimmt ihre Stickerei wieder). B 6 v a ll 0 N (zu den jungen Mädchen). Wollen Sie denn durchaus meinen Tod, meine Fräulein? .. . Nun denn, ich opfre mich! (Er kommt vor). Man verlangt stürmisch das Ende des unterbrochenen Walzers. Marguerite. Wie? Nochmal? dann bringe ich ja meine Stickerei nicht zu Ende, und ich muß sie noch diesen Abend nach Rouen zum Einrahmen schicken. Bövallon. Ah in diesem Falle muß ich wohl meine Tänzerin verlieren (er geht wieder in den Hintergrund). M a r i m e. Wenn Sie befehlen, gnädige Frau, zur Noth kann ich ein paar Walzer spielen! Marguerite (wechselt mit ihrer Mutter einen Blick der Neberraschung). Sie werden uns sehr verbinden, mein Herr (Maxime setzt sich an das Clavier und spielt). Fr. Laroque. Wie? Erspielt auch Klavier? B6p a llo n(für sich). Ein sonderbarer Intendant. (Geht nach der Terasse). Mein Fräulein, ich stehe zu Ihren Diensten, 17 aber nicht für lange, denn es hat eine barbarische Hitze. (Die jungen Mädchen verschwinden während deS Walzers.) Fr. Laroque. Weißt Du, mein Kind, daß mich dies Alles zu beunruhigen anfängt. Marguerite (betont). Warum, liebe Mutter? Man kann Piano spielen können und doch ein ganz anständiger Mann sein. Fr. Laroque. Das wohl — aber zu einer Gutsverwaltung gehört es doch nicht... Ich werde mich kaum getrauen, ihm einen Befehl zu geben — und wie kannst Du verlangen, daß so ein feiner Herr mit Holzschuhen in den aufgefurchten Feldern herumtappt, in den Ställen und bei der Wirtschaft nachsieht? (Sie bemerkt das Album, welches Maxime auf einen Tuenden gelegt hat.) Was ist denn dies für ein Album? Margue rite. Mir scheint, ertrug es in der Hand, als er ankam. Fr. Laroque (dasselbe öffnend). Das fehlte noch... er zeichnet... er zeichnet wunderbar... da sieh einmal. Marguerite. Ja, recht hübsch gemacht ! Bevallon. Meiner Seele, meine Fräulein, ich kann nicht mehr! Luft! Ich bin halb todt! (Er wirft sich in einen Armstuhl. Zu Maxime) Danke, mein Herr, danke. Sie sind ein Universalgenie! Marime (aufstehend und grüßend.) Mein Herr! (Er verläßt das Piano.) Fr. Laroque. Verzeihen Sie unsere Unbescheidenheit, Herr Odiot... Zeichnen Sie diese Sachen? Maxime. Ja, gnädige Frau... ich zeichne... ein wenig... aber dieses Album ist sehr arm. Fr. Laroque. Im Gegentheile... Sehen Sie doch, Herr von B6vallon... dieser kleine, düstere Winkel, ausgezeichnet! B^v allen. Meiner Seele! Ganz Salvator Rosa! Fr. Laroque. Wo haben Sie dieses ausgenommen, Herr Odiot? Maxime. In dem Parke des Prinzen von Villafranca in Sicilien. Büvallon. Villafranca? Da bin ich vorbeigefahren . . . aber in dem Parke war ich nicht! Ich wußte nicht, daß der Prinz Fremden den Eintritt gestatte! Maxime. Im Allgemeinen nicht... (Er bält plötzlich verlegen inne.) — Gnädige Frau, Ihre Güte läßt mich zu lange meine Pflichten vergessen. Mit Ihrer Erlaubniß beginne ich augenblicklich mein Amt und werde die Meierei von Langoat besichtigen, von der wir zuvor sprachen. Ich glaube, sie liegt eine kleine Stunde von hier. Fr. Laroque (sichtbar verlegen). Meine Meierei von Langoat? Aber... mein Herr... Entschuldigen... das ist unmöglich ... der Weg dahin ist so schlecht ... Warten Sie eine günstigere Jahreszeit ab, (Für sich.) Ein solcher Intendant bringt einen wirklich in Verlegenheit. Maxime (fröhlich.) Nein, gnädige Frau, ich werde nicht einen Tag länger warten — entweder ist man Verwalter oder man ist es nicht. Fr. Laroque. Aber... könnte man denn nicht — (Alain ist im Hintergründe, stellt ein Blumentischchen bin.) Alain? Alain (vortretend). Gnädige Frau, man könnte für Herrn Odiot die alte Kutsche des Vaters Avart anspannen, sie ist zwar nicht aufgehängt, aber — Fr. Laroque (befiehlt ihm durch ein Zeichen, zu schweigen). Nein, nein! — Kann denn unser Kabriolet nicht durch den Weg? Maxime. Gnädige Frau, ich bitte Sie — Alain. Nein, gnädige Frau, mit dem Kabriolet ist eS nicht zu wagen. Maxime. Ich proteflire gegen jedes Fuhrwerk, gnädige Frau, ich werde zu Fuße gehen. 2 18 Fr. Laroque. Und ich versichere Sie. daß ich dies nicht zugeben werde. — Aber halt, haben wir denn nicht ein halbes Dutzend Reitpferde im Stalle, die nur darauf warten, in's Freie zu kommen? Aber wahrscheinlich sind Sie kein Reiter? Mari me. Entschuldigen Sie, daß ich widersprechen muß. Fr. Laroque. Nun denn. Alain, laß ein Pferd satteln. — Welches denn, Marguerite? Bsvallon. Geben Sie ihm Pro- serpine! Marguerite. Nein, nein —dieses Pferd nicht — Gott behüte! Maxime. Und warum denn nicht, mein Fräulein? Marguerite. Es würde Sie bald in den Sand setzen, mein Herr! Maxime (lächelnd). Wenn es nur dies ist, mein Fräulein, dann fürchten Sie nichts... Sie können mir schon Proser- pine satteln lassen, Alain! (Alain ab.) Ist das Thier so übermüthig? Bevallon. O nein, es läßt nur niemand aufsteigen. Aber wenn man einmal oben ist und oben bleibt, dann geht es ganz gut. Wollen Sie Sporen, ich kann Ihnen ein Paar leihen! Marguerite (halblaut, mit einem Tone des Vorwurfes zu Bevallon). Herr von Bevallon ! (Bevallon entfernt sich und geht zum Fenster.) Maxime. Ich bin Ihnen sehr verbunden, mein Herr, und nehme sie an! Bevallon (links beim Fenster). Gebt dem Herrn meine Sporen! Maxime (grüßend). Meine Damen! (Er entfernt sich.) Fr. Laroque. Sie werden uns aber Mittags die Ehre geben! Maxime. Ich werde von Ihrer Güte Gebrauch machen, gnädige Frau. (Er entfernt sich.) Bevallon. Ein sonderbarer Intendant! Neunte Scene. Vorige (ohne Maxime). Marguerite. Herr von Bevallon, ich begreife Sie nicht... wollen Sie denn seinen Tod? Bevallon (sich ein wenig nähernd). Lassen Sie ihn doch machen, mein Fräulein! Fr. Laroque. Wenn er aber Schaden litte — Bövallon. Ah pah! Er fällt nur in'ö Gras! Und dann, offen gesagt, verdient er eine kleine Lehre! Fr. Laroque. Warum? Bsvallon. Er stellt sich in ein gar blendendes Licht! That er nicht, als wollte er uns glauben machen, er sei der vertrauteste Freund des Prinzen von Villafranca? Fr. Laroque. Davon hat er kein Wort gesprochen... daS wollen Sie ihm aufbürden! Ich sage Ihnen, wenn er Schaden leidet, mache ich Sie dafür verantwortlich. (Sie geht zum Fenster, wohin Marguerite sie begleitet.) Bevallon («ui Fenster). Seien Sie doch unbesorgt, gnädige Frau — da sehen Sie — das Pferd steht ja so lammfromm da! — Jetzt ergreift er es! Ich wette doch, daß er nicht in den Sattel kommt! 10 Louisdor! Wer hält die Wette? Marguerite. Ich, da Sie durchaus wetten wollen. Bövallon. Es gilt, mein Fräulein! Fr. Laroque. Herr von Bävallon, ich liebe solchen Scherz nicht, ich bin in Todesangst! Bävallon. Ah! er setzt den Fuß in den Steigbügel. — Gut! Paff prrrrr — da sehen Sie — es schlägt aus — prächtig macht das Thier seine Sache — er kommt nicht hinaus — ha ha ha! — Niemals! — (Sich umwendend.) Sik haben verloren, Fräulein! Marguerite (welche hinaus sieht). Gewonnen, wollen Sie sagen! 19 Bövallon (wendet sich wieder gegen das Fenster). Wie? Im Sattel? Ohne die Steigbügel berührt zu haben. Ah! Ah! Er ist ein Clown! Er ist ein Clown! Macht Musik! Er will tanzen, der Kunstreiter. Marguerite. Spotten Sie nur zu, er ist doch unser Meister. (Sie applau- dirt, alle Mädchen ebenfalls.) Bsvallon (applaudirt auch). Meiner Seele, sehr gut! Bravo! Bravo! (Sich umwendend.) Der Mann mißfällt mir mit jeder Minute mehr. Fr. Laroque. Ich weiß nicht warum, aber ich achte diesen jungen Mann sehr hoch! Bövallon. Nicht wahr, er ist liebenswürdig! Göttlich! Marguerite (träumend für sich.) Wer ist der junge Mann eigentlich? Frl. H6louin (ebenso). Wo ist mein Traum, daß ich Frau Marquise würde? (Ende des ersten Aktes.) » * Zweiter Jet. Drittes Tableau. Eine Art Aussicht oder Kreuzweg im Park des Schlosses Laroque. Der hohe Wald ist von mehreren Alleen durchschnitten; unter den Bäumen im Hintergründe ein stark in's Auge fallende- gallisches Felsengrab. Unter einem Baume links eine Rasenbank. Bäuerische Stühle und Bänke. Erste Scene. Maxime, Alain (der einen Feldstuhl und ein einfaches Tischchen trägt.) Marime sein Album unter dem Arm). Stellen Sie den Feldstuhl hieher; da ich heute Nachmittag nichts Besseres zu thun habe, so werde ich diese Baumgruppe und das gallische Felsengrab zeichnen. Alain. Ah! Ja.... das Felsengrab — der Herr Pfarrer wollte es gerne von hier fortschaffen. Mari me' Und weshalb? Alain. Ah! ES gibt da hier noch alte Leute, mein Herr, welche über diesen Steinhaufen, so ihre eigene Ideen haben, und hieher kommen, um sich da herum niederzuknien. Deshalb wollte der Herr Pfarrer auch — aber Fräulein Marguerite hat es nie haben wollen. — Sie sagte, es wäre die schönste Zierde des ganzen Parkes — und so ist eS denn da geblieben. Mari me. Haben Sie nicht heute Morgen einen Spazierritt mit Fräulein Marguerite gemacht, Alain? Alain (lächelnd). Ja, mein Herr. Mari me (sein Bleistift spitzend). Sie sind ein guter Reiter, Alain! Alain. Sie sind sehr gütig- das Fräulein ist eine bessere Reiterin als ich.... Wahrhaftig, wenn ich die Ehre habe, das Fräulein zu begleiten.... Maxime. Begleiten Sie es denn nicht immer, Alain? Alain. Oh! nein, mein Herr! das Fräulein reitet sehr oft ganz allein spazieren... Es ist dies so ein Gedanke der gnädigen Frau, welche in Sainte- Lucie auf den englischen Antillen erzogen worden ist, und dem Fräulein dieselbe Erziehung geben ließ, die in jenen Ländern Mode ist, wo die jungen Mädchen, wie es scheint, vor ihrer Verheiratung viel mehr Freiheit haben, als bei uns... Was ist'S auch weiter, es ist hier nicht zu befürchten, daß ihr ein Unglück zustößt! Fräulein Marguerite thut so viel Gutes, theilt so viel Almosen aus, daß es auf 10 Meilen in der Runde keine Hütte gibt, wo man sie nicht wie einen Engel verehrt. Maxime (für sich). Seltsames Mädchen! Alain. Ich wollte Ihnen also sagen, mein Herr, daß wann ich die Ehre habe, das Fräulein zu begleiten, ich meine Zeit damit zubringe eS zu bewundern. Fräulein Marguerite hat eine so ausgezeichnete Haltung auf ihrem Pferde, und sieht so gut aus mit ihrer schwarzen Feder und ihrem stolzen Anstand .... man könnte sie für eine Königin halten. Maxime (zeichnend). Aber weshalb, Alain, ist sie denn immer so ernst und düster, wie man sie sieht? Alain. Ja, da steckt's, mein Herr — früher war sie heiter und fröhlich wie ein Vogel in der Luft, hierauf aber, plötzlich, mit einem Schlage, hat sich das Alles geändert.... Warum? Man weiß es nicht! Ich fürchte daß eS irgend eine Herzensangelegenheit ist.... Ah! mein Gott! die jungen Mädchen! — Maxime. Wenn Sie damit sagen wollen, Alain, daß sie Herrn von B6- vallon liebt, so scheint es mir, daß eS ja nur von ihr abhängt, ihn zu heiraten ? Alain. Ah! gewiß, mein Herr, es hängt nur von ihr ab, denn Herr von B6vallon hat sie schon vielmals darum gebeten; und man muß sagen, daß dies einerseits eine sehr gute Heirat sein würde... da Herr von B^vallon nach den Laroques, der Reichste hier zu Lande ist... Man sagte auch, als der Herr vor 3 Monaten hier im Schlosse ankam, daß Fräulein Mar- guerite eingewilligt habe... dann aber Plötzlich besann sie sich anders und verlangte noch Zeit zur Ueberlegung. Maxime. Sie wünschten wohl diese Heirat, Alain? Alain. Warum? Maxime. Herr von Bovallon trägt einen schönen Namen, und Sie haben eine kleine Schwäche für den Adel. .. A l a i n. Mein Gott! Ja, mein Herr, ich habe eine kleine Schwäche für den Adel... das ist wahr... denn ich bin mit diesen Grundsätzen erzogen worden ... und bevor ich den Damen hier diente, hatte ich immer nur in adeligen, vornehmen Häusern gedient. . . . Weshalb macht es mir denn so viel Vergnügen, Sie mein Herr zu bedienen? Weil Sie ein edelmännisches Aussehen haben. Maxime. Oh! Sie schmeicheln mir, Alain. Alain. Nein, mein Herr, Sie haben ein adeliges Aussehen, moralisch und physisch- Ich sage also, daß es mehr werth ist einem Edelmanne gleich zu sehen und es nicht zu sein, als ein Edelmann zu sein und nicht den Anschein zu haben. — Da ist z. B. Herr von Bevallon, welcher sagt, daß er Fräulein Marguerite liebe, daß er sie heiraten will, und Sie können so wie ich sehen und bemerken, daß er sich unterdessen nicht geniren wird, hier im Schlosse den Sultan zu spielen! — Da ist Fräulein Hölouin... Maxime. Bitte, bitte, keine ver« messenen Urtheile, Alain. Alain. Keineswegs, mein Herr, keineswegs ... Sie haben Recht, mein Herr, Sie haben Recht... (Er entfernt sich einige Schritte, dann zurückkehrend.) Ach! Es ist schade daß Sie nicht wenigstens hunderttausend Franken Renten haben. Maxime. Wie so, Alain? Alain (altklug lächelnd). Weil — Sie bedürfen meiner nicht mehr, mein Herr? Maxime. Nein, danke, mein Freund'. (Alain entfernt sich.) Ah! Sagen Sie doch... Richtig, da ist Tinte und eine Feder — Aber der Brief... der angefangene Brief, den ich hier zu Ende schreiben wollte und den ich Sie gebeten hatte mitzubringen. Alain. Ich habe ihn nicht gefunden. Maxime. Wie? Aber ich hatte ihn ganz augenscheinlich auf meinem Schreibtisch liegen lassen. Alain. Ich habe alle Papiere durchsucht. Maxime. Ei, ei! Wo zum Teufel kann ich ihn denn hingethan haben? Ich will ihn suchen. Alain (nimmt ihm das Album aus der Hand). Erlauben Sie mir während der Zeit, diese Skizzen ein wenig zu betrachten? Maxime. Gerne! (links ab.) 22 Zweite Seme. Alain (einen Augenblick allein), (dann kommt) Bövallon und Frl. Hslouin (aus dem Hintergründe rechts). Alain (allein). Ah! Wackerer junger Mann! Er und das Fräulein, zwei wahrhafte Geschöpfe des lieben Gottes! — Nur, daß sich alle Beide nicht leiden können ... Wenn der Eine rechts geht, geht die Andere links; sagt die Eine weiß, so sagt der Andere schwarz... Auf alle Fälle würde es doch unmöglich sein — also ist Alles so auf das Beste bestellt... (Bemerkt Bsvallon und Fräulein Helouin.) Schön, da kommen die Anderen; schon wieder zusammen. (Bsvallon und Fräulein Helouin treten von rechts zweite Coulisse auf; Alain geht rechts erste Coulisse ab.) Bsvallon. Das ist eine abscheuliche Grausamkeit, mein Fräulein, ganz einfach eine abscheuliche Grausamkeit. Frl. H e lo u i n (lächelnd). Welch' ein Mann sind Sie doch, Herr von Böval-' lon; denn ich begreife durchaus nichts mehr. Bevallon (leicht). Welch ein Mann ich bin, mein Fräulein? Nun, ich bin ein liebenswürdiger Bösewicht. Frl. Helouin. Bösewicht, das glaube ich; aber — liebenswürdig — wenn man darunter versteht, würdig geliebt zu werden, so ist dies eine andere Frage. Bevallon. Aber das ist ja abscheulich hart, mein Fräulein, was Sie da sagen! Wissen Sie, daß Sie mich ernsthaft betrüben. Frl. Hölouin. Kurz also, lassen Sie hören, warum machen Sie mir den Hof? Bevallon. Weil ich Sie liebe. Frl. Hölouin. Und aus demselben Grunde wollen Sie doch auch Marguerite heiraten. Bävallon. Fräulein Marguerite! — Und woraus entnehmen Sie, daß ich sie heiraten will? Frl. Helouin. Wie! Sie halten ja alle 8 Tage um ihre Hand an. Bevallon. Ei, mein Gott! das geschieht — auS Rücksicht — ! — um das Schloß besuchen zu können. Frl. Helouin. Oh! Ueberzeugen Sie mich davon! Bevall an. Ah! Mein Fräulein, ich bemerke mit Kummer, daß Sie das männliche Herz nicht kennen. Frl. Hslouin. Ich habe ganz im Gegentheile große Furcht, das männliche Herz kennen zu lernen. Bävallon. Auf jeden Fall kennen Sie daS Meinige nicht. Ah! mein Gott! — Ich läugne sicher nicht... daß die Vernunft mir räth Fräulein Marguerite zu heiraten, aber das Herz ist vielleicht nicht gleicher Meinung ... und wenn daS Herz gegen die Vernunft spricht, so läuft es große Gefahr zu triumphiren, mein Fräulein, besonders bei mir, der ich immer der Spielball meiner 'Gefühle war, und überhaupt ein Mann der augenblicklichen Eingebung bin! Denn man kennt mich wahrhaftig nicht. Zch habe, für mein Alter, im Grunde eine fast unglaubliche Naivität! Ich habe noch ganz die unüberlegte Hitze, all den Wahnwitz des 20. JahreS. Kurz, ich bin heute noch im Stande mit einem jungen Mädchen aus dem Fenster zu springen und mit ihr in die Savannen Amerikas, in die Pampas zu entfliehen. Frl. Helouin. Ich aber glaube dies Alles nicht. Bevallon. Sie glauben dies Alles nicht? Frl. Helouin. Ganz und gar nicht. Bevallon. Aber im Namen des Himmels, was müßte man dann thun, um Sie zu überzeugen ... Frl. Hölouin. Man müßte es eben thun! (Bevallon scheint ein wenig ander Fassung gebracht; sie geht mit lautem Aachen T3 ab). Guten Lag, Herr von Bevallon, ich will mir meinen Blumenbedarf für den Abend holen — auf Wiedersehen, mein Herr (rechts ab). Bevallon (allein). Sie ist sehr unterhaltend; sie reizt mich, auf Ehre! Ich werde mich dort herumschleichen, und sie im Garten wieder treffen (durch den Hintergrund ab). Dritte Scene. Alain, welcher etwas früber auftrat, bevor Bsvallon abging, dann DtariMe. Alain (allein). Ich weiß nicht, was sie sprachen, aber ich traue diesem Fräulein Helouin nicht, ich mißtraute ihr übrigens schon immer ... (Maxime kommt von links). Nun, mein Herr, der Brief? Maxime. Ich habe ihn nicht gefunden; mir ganz unbegreiflich. Glücklicherweise war es ein geringfügiges Schreiben — 'es war ein Brief an Laub6pin. ES ist kein großes Unglück.. . Alain. Gleichviel, wenn ich ihn beim Aufräumen finde, so werde ich ihn Ihnen sogleich überbringen .. . Maxrme. Gut, ich danke... mein Freund. (Er zeichnet. Alain links ab). Vierte Scene. Maxime, Frl. Hälouin, (kommt von rechts, und trägt Blumen). Frl.Hälouin. Ah, Sie hier, mein Herr? Welches Wunder! Maxime (grüßend). Mein Fräulein! Frl. Helouin. Sie zeichnen? Zch Pflückte einige Blumen, für meinen Kopfputz zu heute Abend... Sie wissen, daß wir heute Abend einen Ball bei Frau von Castennec haben? Maxime. Ich wußte es nicht. Frl. Hölouin In der That, Sie wissen von nichts, was um Sie her vorgeht. (Legt ihre Blumen auf eine Bank links, und behalt nur einige davon in der Hand, deren verwelkte Blätter sie während des Redens abpflückt). Maxime. Ich bin so oft abwesend! Meine Geschäfte nöthigen mich dazu. Frl. Helouin. Oh! und dann sind Sie menschenscheu. Maxime. Zch bin nicht menschenscheu, aber es ist mir um meine Stellung zu thun . . . damit man nie versucht werde, mich derselben zu entsetzen. Frl. Helouin (erstaunt über seine Kälte). Herr Maxime? Maxime. Mein Fräulein? Frl. Helouin. WaS habeich gesagt, oder was habe ich gethan, das Zhnen mißfallen hat? Maxime. Aber nichts, mein Fräulein, weshalb? Frl. Helouin. Weil Sie früher ein wenig Freundschaft für mich zu haben schienen. Maxim e (etwas offenherziger). Die habe ich noch immer, mein Fräulein — und dies Gefühl meinerseits ist ganz natürlich . . . Sind unsere Glücksumstände nicht dieselben, oder doch beinahe? Wir Beide sind der Glücksgüter dieser Welt enterbt — allein stehend — ohne Stütze, ohne Freunde; ich weiß es, für ein Mädchen hat eine solche Lage noch weit mehr Schwierigkeiten, noch weit mehr Gefahren, als sie für mich haben kann! Sie können deshalb auch immer auf meine aufrichtige, wahre Sympathie für Sie zählen, und ich bedaure nur Ihnen keine anderen Beweise derselben anbieten zu können als einige Rathschläge — die vielleicht schlecht ausgenommen würden. — Frl. H 6 louin. Zch versichere Sie nein! Reden Sie, ich bitte darum. Maxime (Mg). Es ist erschrecklich, was ich Ihnen zu sagen habe. Frl. H 6 louin. Gleichviel, sprechen Sie! Maxime. Nun also, mein Fräulein, Sie sind reizend, allerliebst, aber Sie haben einen Fehler. 24 Frl. Hälouin. Einen einzigen? Aber Sie entzücken mich. Mari me. Einen Einzigen. Frl. Hälouin. Nennen Sie ihn! Mari me. Muß ich? Frl. H 4 louie. Ich flehe Sie darum an- M a r i m e. Nun, Sie sind ein wenig — Frl. Hälouin (amnuthig). Was? Mar ime. Kokett — nicht wahr? Frl. Helouin. Ich habe eS niemals an mir bemerkt. Maxime. Nun wohl, geben Sie genau Obacht — Sie werden es sehen! (Frl. Hälouin ein wenig eingeschüchtert, senkt den Kopf. Er fährt mit Güte und Milde fort). Mein Fräulein, es ist dies eine kleine Verkehrtheit — eine Grille — die am Ende sehr unbedeutend — und sehr unschuldig ist — aber ach! wir Beide sind zur Vollkommenheit verdammt ... Was bei Anderen unschuldig sein würde, ist bei uns strafbar... Zn dieser Welt sind alle Unglücklichen Verdächtige- Frl. Hälouin (nach einer Pause den Kopf erhebend). Sie sind sehr gütig Herr Maxime — Sie sind ein wahrer Freund . .. Maxime. Zch versuche es zu sein, mein Fräulein. Frl. Hälouin. Aber ein Freund, — wie sag' ich doch? Maxime. Ein wahrhafter Freund, Sie haben es bereits gesagt. Frl. Hslouin. Wahrhaftig? — Ein Freund der mich liebt — Lassen Sie sehen. (Sie bricht lachend die Blumenblätter einer Orangenblüthe ab). Ein Wenig? Maxime (errathend). Aber ohne Zweifel. Frl. Hälouin (sehr kokett). Von Herzen? Sehr? Maxime (erstaunt über den Ton des Frl. H6louin, den Kopf erhebend). Nein! (Frl. Helouin wirft voll Verdruß die Orangen- blüthe weg. — FrauAubry erscheint links). Fünfte Scene. Vorige. Fr. Aubry. Fr. Aubry. Ah! Fräulein Hälouin, Marguerite sucht Sie — Sie erwartet, glaubeich, Blumen um einen Kranz zu flechten. Frl. Hälouin. Sehr gut, Madame, ich gehe schon — (zu Maxime). Wir bleiben gute Freunde, hoffe ich? (Sie hält ihm die Hand hin). Maxime (sich verbeugend und des Fräuleins Hand nehmend). Was mich betrisst, mein Fräulein, so zweifeln Sie nicht daran (Frl. Helouin links ab). Sechste Scene. Maxime. Fr. Aubry. Fr. Aubry (steht über Maxkme'S Schultern). Sie zeichnen da etwas sehr Schönes, mein Herr. Maxime. Finden Sie, Madame? Fr. Aubry. Daö erinnert mich an mein Portrait — (Maxime betrachtet sie erstaunt.) welches ich malen ließ, als ich noch reich war — eS kostete mich schrecklich viel Geld — 2000 Franken — aber es war auch ein sehr berühmter Künstler, der es gemalt hatte; ich erinnere mich nicht mehr ganz genau, ob es Delaroche oder Zadin war. Maxime (ernst). Es muß wohl Zadin gewesen sein, Madame. Fr. Aubry. Ich erinnere mich nicht mehr; aber, sagen Sie mir, Herr Maxime, wissen Sie daß ich meinen armen Vetter Laroque sehr herabgekommen finde — ich habe ihn heute Morgen gesehen — er sprach sehr verwirrt. — Maxime. Ja, Madame, ich fürchte sehr, daß in nächster Zukunft — Fr. Aubry. Ach! Mein Herr, welches Unglück für mich, wenn ich mich dem Erbarmen und Willen Fremder preisgegeben sehen werde... wenn nicht wenigstens Herr Laroque so gütig war 25 an mich zu denken, und ich glaube, ich verdiente es wohl, nach all' den Mühen und Leiden die ich ausgestanden habe. . . Wissen Sie nicht zufällig, Herr Maxime, ob er irgend welche Verfügungen getroffen hat? Maxime. Ich weiß nichts, Madame. Fr. Aubry. Er liebt Sie jedoch sehr — Sie besitzen sein ganzes Vertrauen, er unternimmt nichts ohne Ihren Rath. Maxime. Ich hatte in der That das Glück, ihm meine Dienste angenehm zu machen. Fr. Aubry. Ich — ach! ich verlangte nicht viel — nur etwas, um unabhängig leben zu können. (Vertraulich.) Nun, Herr Maxime, lassen Sie hören — Maxime. Was, Madame? Fr. Aubry. Sie werden eS mit keiner Undankbaren zu thun haben, das versichere ich. Sie; Sie sollen mit mir zufrieden sein. Maxime (sehr ruhig). Madame Aubry, ich fürchte Sie zu verstehen: Wenn Sie mir Geld anbieten, um Ihnen zu helfen, Ihre und meine Wohltäterinnen zu berauben, zum Theil wenigstens, so sage ich Ihnen, ich will nicht. Das ist Alles. Fr. Aubry (nach einer starken Bewegung des Verdrusses). Aber Herr Maxime, ich verstehe eS durchaus nicht auf diese Art... Ich wollte Sie nur bitten, mir nicht zu schaden. Maxime. Ich schade freiwillig Niemand, Madame. Fr. Aubry. Nun gut, das ist Alles, was ich verlange... sehen Sie, man muß sich nur verständigen — wir sind nicht mehr böse auf einander. Maxime. Wir sind eS ja nie gewesen, Madame. Fr. Aubry. Wir bleiben gute Freunde, nicht wahr? Siebente Seme. Vorige. Bävallon. Bövallon (von rechts kommend). Meine liebe Madame Aubry, Herr Laroque verlangt nach Ihnen — ich bin beauftragt, eS Ihnen zu sagen. Fr. Aubry. Schön! Schön! Ich eile zu ihm! B 6 Vall 0 N (sie bei beiden Händen nehmend, wie sie bei ihm vorbeigeht). Liebe Madame Aubry! Immer bereit, sich gefällig zu erweisen! Ah! Wenn die Frauen gut sind, so sind sie ausgezeichnet! Aber man liebt Sie auch, Sie wissen, daß man Sie liebt, Madame Aubry, hoffe ich? Also, auf baldiges Wiedersehen, theure Dame. Fr. Aubry. Auf recht baldiges. (Geht links ab). Achte Scene. Maxime. Bevallon. Bevallon. Ah! Saperlott! Das ist ja ganz köstlich, was Sie da machen. Maxime. Sie sind nachsichtig! Bövallon. Nein, Sie haben einen ausgezeichneten Bleistiftstrich — wahrhaftig! — Ah! Was ich sagen wollte, eS scheint heute schlecht mit dem armen, guten Alten zu gehen? Maxime. Ja — die Lähmung nimmt sehr überhand. Bevallon. Oh! so! so! Ah! Wie schön dieser Baum ist! — Glauben Sie nicht, es wäre an der Zeit, daß er an seine Angelegenheiten dächte? Maxime. Ich vermuthe, daß er bereits daran gedacht hat. Bävallon. So — glauben Sie? Maxime. Ich vermuthe. Bevallon. So, so! Ich hoffe doch, daß er dieser abscheulichen Harpye, die soeben von unS ging, kein Legat vermacht hat. Maxime. Ich weiß es nicht. Bevallon. Das wäre gräulich! 26 Sie kennen das Geschöpf— Sie wissen, wie sehr sie irgend einer Sympathie unwürdig ist. (Nimmt einen Stuhl und setzt sich zu Maxime.) Maxime. Mir flößt sie sehr wenig Theilnahme ein. Bsvallon. Bravo! Alsdann — wenn Sie um Rath gefragt werden — Maxime. Oh! Ich werde es nicht. Bövallon (sitzt sich). Doch, doch— Sie werden — er hat Sie in sein Herz eingeschlossen—er wird sich mit Ihnen berathen — und — sehen Sie — Sie können unter diesen Verhältnissen Frl. Marguerite sehr nützlich sein. Maxime (mit Interesse). Wie das? Bövallon. Mein Gott, mein lieber Herr Maxime, ich werde darüber ganz freimüthig und offenherzig mit Ihnen reden. Sie kennen meine Stellung hier im Hause recht gut — meine Heirat mit Fräulein Marguerite ist beinahe fest beschlossen, folglich ist es für mich eine Pflicht, die Interessen der jungen Person zu wahren und sie Ihnen zu empfehlen. — Es wäre nun wohl vor allen Dingen sehr wünschenswerth, daß Madame Aubry ganz entfernt würde. — dann weiß ich nicht, welches Wit- thum Herr Laroque seiner Tochter, meiner künftigen Schwiegermutter, auszusetzen gedenkt. Aber Sie kennen sie so gut wie ich —sie ist eine vortreffliche Frau, die ich liebe und sehr hoch achte — aber sie hat sehr einfache Gebräuche: Sie wird von nichts leben — ein großes Witthum würde ihr Verlegenheiten bereiten.... Maxime. Mein Herr, ich weiß nicht, wohin Sie eigentlich kommen wollen! Aber ich sage Ihnen gerade heraus, daß jede Einmischung meinerseits in die testamentarischen Verfügungen deS Herrn Laroque, mir als ein schrecklicher Mißbrauch des Vertrauens erscheinen würde, welches man mir hier zu Theil werden läßt. Bevallon (unschlüssig). Ah! So beantworten Sie mein Vertrauen. Maxime. Ich habe es nicht von Ihnen verlangt, mein Herr. B 6 vallon. Bravo! Bravo! Schlagen Sie ein! Das ist die Handlungsweise eines rechtschaffenen Mannes! Sie haben mich falsch verstanden.... aber es ist die Handlungsweise eines rechtschaffenen Mannes; Sie haben mich ganz und gar nicht verstanden. (Aufstehend.) Ich lasse Sie ruhig fortarbeiten. Aber bauen Sie auf das, waS ich Ihnen jetzt sage... ich achte Sie nur um so mehr,.. und meine Freundschaft haben Sie für immer erworben. Maxime. Mein Herr! Bevallon. Auf Wiedersehen! Lassen Sie sich nicht stören! Lassen Sie sich nicht stören. (Links ab.) Neunte Scene. Maxime (allein; dann) Marguerite. Maxime (allein).So! Da habe ich nun drei Freunde! — Noch einige von dieser Art und man wird mich vor die Thüre setzen, davonjagen. (Marguerite kommt langsam von links, sie hat Blumen in der Hand; ersteht auf und verneigt sich.) Mein Fräulein. Marguerite (mit einer Nüance von Spott). Ah! Sie zeichnen das gallische Felsengrab, mein Herr. — In der That, dieser Ort muß Sie bezaubern! Sie befinden sich hier ganz vortrefflich, um poetische Erinnerung wachzurufen. Die Druiden in weißen Kleidern... Vel- leda — die geheiligte Mistel.... Ich bin überzeugt, daß Sie glauben, in jedem Sonnenstrahl eine goldene Sichel erglänzen zu sehen. Maxime. Ja, mein Fräulein! (Setzt sich nieder.) Marguerite (setzt sich links). Ich hielt Sie für gestorben. Maxime. Nein, noch nicht, mein Fräulein. Marguerite. Sie machen sich von Tag zu Tag seltener. 27 Maxime. Ich war die ganze vergangene Woche verreist. Marguerite. Oh! Und dann haben Sie eine Leidenschaft, die Sie ganz einnimmt. Wir wissen dies... Siebringen fast alle Ihre Abende bei unserer edlen Nachbarin, Fräulein vonPorhoöt- Gcwl zu. Maxime. Das ist wahr, mein Fräulein. Und ich läugne es um so weniger, als Fräulein von Porhoöt bereits 67 Frühlings zählt, ich also nicht denke, daß... Uebrigenö ist es wahr, daß ich sie sehr liebe... Ihre Vorfahren haben, glaube ich, in diesem Lande regiert... sie allein ist noch von ihrem Stamme übrig, arm und alt... und sie trägt die Majestät ihres Namens mit so vieler Würde, so wie diejenige ihres Unglücks, daß ich ihr die Zuneigung eines SohneS geweiht habe... Außerdem noch, haben Sie selbst und Ihre Frau Mutter mich ihr empfohlen. Marguerite. Oh! Man macht Ihnen durchaus keine Vorwürfe ... meine Mutter ist Ihnen sogar außerordentlich dankbar für Ihre Aufmerksamkeiten gegen diese würdige Dame. (Steht auf.) M a x i m e (lächelnd). Und die Tochter Ihrer Frau Mutter? Marguerite. Oh! WaS mich betrifft, so exaltire ich mich weniger leicht; wenn Sie auch eine gewisse anspruchsvolle Einbildung besitzen, die ich an Ihnen bewundere, so müssen Sie doch die Güte haben, noch ein wenig zu warten. Ich weiß zu gut, daß die menschlichen Handlungen gewöhnlich zwei Seiten haben, und daß die glänzendste nicht immer die glaubwürdigste, die echteste ist... Zudem hat Frl. von Porhoöt noch so eine Art von kleinem Vermögen, sie hat keinen Erben, und ich weiß nicht — Maxime (plötzlich aufspringend). Erlauben Sie mir, mein Fräulein, Sie ernstlich zu bedauern. Marguerite. Mich bedauern, mein Herr? Maxime. Ja, mein Fräulein! Gestatten Sie, daß ich Ihnen das ehrfurchtsvolle Mitleiden ausdrücken darf, welches Sie mir einflößen. Marguerite (mit zurückgehaltenem Zorne). Mitleid! Maxime. Ja, mein Fräulein, denn wenn der Zweifel an allem Guten und eine gänzliche Enttäuschung die bittersten Früchte der Erfahrung sind, so verdient nichts mehr unser Mitleiden, als daß ein Herz schon durch das Mißtrauen verwelkt ist, bevor es gelebt hat. Marguerite (heftig.) Mein Herr — Sie wissen nicht, was Sie reden — und vergessen, mit wem Sie reden. Maxime. Das ist wahr, mein Fraulein! Ich spreche hie und da ohne zu wissen was, und vergesse hie und da mit wem ich spreche: aber Sie selbst haben mir dazu Veranlassung gegeben. Marguerit e(bilt-r). Vielleicht müßte man Sie gar noch um Verzeihung bitten? Maxime (fest). Ganz sicher, mein Fräulein, wenn Jemand von uns hier Verzeihung zu erbitten hätte, so wären Sie es... Sie sind reich, und ich bin arm... Sie können sich demüthigen — ich kann es nicht. Marguerite. Ah! (Geht über dieBühne, als ob sie abgehen wollte, dann kehrt sie wieder um und sagt mit einem Ausdruck von stolzer Demuth) Nun gut! Verzeihen Sie! (Rechts ab.) Zehnte Scene. Maxime (allein). Maxime (mit schmerzhaftem Zorne). Auch Sie! Ah! das ist schlimm! Seither mußte ich ohne Zweifel Widerwillen, Antipathie bemerken, jetzt aber wird eS Haß, Verfolgung sein. WaS hat denn dieses Mädchen, was habe ich ihr gethan? WaS hat ihr die ganze Welt gethan? Oh! Ich weiß nicht, 28 was ich aber deutlich vor mir sehe, ist, daß sie mich von hier verjagen will. Nun gut! — Eilfte Scene. Frl. Hölouin, Maxime, Beval- lon, Fr. Aubry. Frl. Hvlouin (noch nicht sichtbar). Alain! Stellen Sie Stühle! Madame Laroque will sich einen Augenblick hier niederseßen. (Tritt von links auf.) Herr Maxime, ich melde Ihnen, daß Ihr Freund Herr Lauböpin, so eben angekommen ist. Maxime. Lauböpin! Ah! Ich danke Ihnen mein Fräulein! Frl. Helouin. Ist diese Zeichnung fertig? Lassen Sie sehen! Fr. Aubry. Köstlich! Bsvallon. Poetisch. Frl. Helouin. Sie werden mir eine Copie geben, nicht wahr? Maxime. Sehr gerne mein Fräulein; entschuldigen Sie... (links ab.) Zwölfte Scene. Bövallon,Fr. Aubry, Frl. H 6- louin. Bevallon. Ein ausgezeichneter Mensch! Fr. Aubry. Ausgezeichnet? Frl. H 6 louin. Oh! Ausgezeichnet? Bevallon. Er besitzt alle Talente — alle Verdienste und dabei eine Bescheidenheit — Frl. Helouin. Und eine Zurückhaltung — Fr. Aubry. Und eine solche Gefälligkeit — Bevallon. Er hat Alles für sich. Die 2 Frauen. Alles. Bsvallon. Absolut Alles... Schade daß um seine Person, so eine Art von Geheimniß schwebt. — Fr. Aubry. Richtig — daS sagte ich auch zu mir — dieses Geheimniß ist- Frl. H^louin. Oh! Was daS Geheimniß betrifft — das besteht wirklich — B6vallon. Nicht wahr! denn am Ende muß man sich nicht vom äußeren Anschein betrügen lassen, gewiß nicht... Man sieht in der Welt alle Tage Leute, welche mit den schönsten Äußerlichkeiten geschmückt sind, und die im Grunde nichts anderes sind, als- Frl. Helouin. Abenteurer! Fr. Aubry. Ach mein Gott — Industrie-Ritter ! Bevallon. Hum? Sagen Sie — offenherzig, unter uns, macht dieser ausgezeichnete junge Mann nicht auf Sie den Eindruck eines ächten In- triganten? he? Frl. Helouin. Ich fürchte es sehr! — Fr. Aubry (vertraulich). Ich bin davon überzeugt. Büvallon. Sie sind davon überzeugt! — (Zu Frl. Helouin). Sie ist davon überzeugt! — Nun also, wenn Sie davon überzeugt sind, Madame Aubry, so sagen Sie mir: wissen Sie, daß wir alsdann, wir alten Freunde der Familie, eine heilige Pflicht zu erfüllen haben... nämlich die, den Damen des Hauses über den wahren Charakter dieses Individuums — dieses Quidams — die Augen zu öffnen... Aber, Madame Aubry, sind Sie auch fest überzeugt, sagen Sie? Fr. Aubry. Ich habe Beweise. Bsvallon. Sie haben Beweise... (Zu Frl. Hölouin.) Es scheint, sie hat Beweise! — Ah! Wenn sie Beweise hat... Aber welche Beweise, Madame Aubry? Fr. Aubry. Mein Gott! — ES ist ganz einfach das Bruchstück eines Briefes... das der Zufall — der Wind, denke ich, heute Morgen zu meinen Füßen fallen ließ, als ich unter den Fenstern des Herrn Odiot vorüberging. - Bsvallon. Ah! Gott, Madame Aubry! — Immer Glück! — Sie findet immer etwas! — Nun, dieser Brief? — Frl. Hslouin. Zeigen Sie her. Fr. Aubry. Nun dieser Brief — wie ich glaube für Herrn Laubspin bestimmt — ist der Art, daß die Damen und besonders Marguerite über die Pläne und die Uneigennützigkeit dieses jungen Puritaners vollkommen aufgeklärt und sehr erbaut davon sein werden. — Bsvallon. Bah! Sollte zufällig der Herr Intendant Fr. Aubry (lachend). Ganz richtig! Bevallon. Ah! Bravo! das ist stark! — Frl. Hslouin. Ich ahnte eS! Fr Aubry. Ich habe diesen Brief bei mir. . . aber ich gestehe Ihnen, daß ich nicht weiß, ob ich darf... dieser Herr hat schon solchen Fuß im Hause gefaßt, daß ich in meiner Stellung Anstand nehme, in offenen Kampf mit ihm zu treten ... UeberdieS haben meine theu- ren Cousinen eine so sonderbare Geistesrichtung ... Frl. Hslouin (nach links sehend). Still! — Marguerite! (Frau Aubry geht in den Hintergrund der Bühne.) Bsvallon (zu Frl. Hslouin). Lassen Sie sich den Brief zeigen, Fräulein.. . Man muß hier keine unnöthigen und falschen Schritte thun, Sie kennen unsere Freundin. (Zeigt auf Frau Aubry.) Sie hat Geist wie der Satan... gerade — und — (Frau Aubry nähert sich.) Nicht wahr, Madame Aubry? Fr. Aubry. Was? Bsvallon. Zeigen Sie das Papier Fräulein Hslouin — sie kennt die Damen — sie wird sehen ob ... (Marguerite tritt träumerisch von links auf.) Frl. Hslouin. Es sei! — Aber lassen Sie mich mit ihr allein, tch kann einstweilen die günstige Gelegenheit vorbereiten. ArmeS Kind! Wenn sie in diese Falle gerathen wäre! Bsvallon. Kommen Sie, Madame Aubry? (Nimmt ihren Arm.) Es ist unglaublich, Sie finden immer etwas. Sie haben Luchsaugen. (Beide ab.) Dreizehnte Scene. Marguerite. Frl.Hslouin. Marguerite. Ich wohnte soeben einer sehr rührenden Scene bei. Frl. Hslouin. So? Marguerite. Ja! Herr Laubspin und Herr Marime haben sich mit einer Inbrunst umarmt — Frl. Hslouin. Ah! Marguerite. Und jetzt sprechen sie voll Feuer und Flammen miteinander. Sind Sie nicht neugierig zu wissen Fräulein, waS sich diese beiden geheimnißvollen Personen sagen? Frl. Hslouin. Nein; denn ich ahnte es. Marguerite. Ah! (sie sieht sie an.) Frl. Hslouin. Mein Gott, liebes Kind, Sie werden mir vielleicht Vorwürfe machen, daß ich nicht früher gesprochen habe — aber, ob mit Unrecht oder mit Recht, hatte ich es mir bis jetzt zur Pflicht gemacht, das Ge- heimniß des Herrn Odiot zu bewahren. Marguerite. Sein Geheimniß? Frl. Hslouin. Und erst, als ich seine Pläne sich deutlicher entwickeln sah, entschloß ich mich ein Schweigen zu brechen, welches strafbar werden konnte. — Jedoch mein Fräulein, glaube ich bis jetzt nur Ihnen allein schuldig zu sein — — Marguerite. Reden Sie. Frl. Hslouin. Sie wissen daß ich während Ihres Aufenthaltes in Paris, vor 4 Jahren einige alte Freundinnen in der Pension besuchte, in welcher ich erzogen worden bin. Marguerite. Ja: Nun? Frl. Hslouin. Ich hatte dorten mehrmals Gelegenheit, Herrn Odiot im Sprachzimmer zu begegnen, dessen 30 Vater sich damals Marquis Champcey d'Hauterive nannte. Marguerite. Ah! Frl. Hslouin. Man sagte schon zu jener Zeit, daß diese Familie halb ruinirt sei; jetzt ist sie es ganz und gar; der Vater ist todt, und der Sohn wurde durch einen alten Freund der Familie in eine Stellung gebracht, um sich durch Mittel, welche ich Sie selber würdigen lasse, wieder ein schönes Vermögen zu erwerben. Marguerite (schmerzlich). Oh! (Nach einer Pause.) Aber, mein Fräulein, wenn ich Sie recht verstehe, so scheint das Betragen deS jungen Mannes ihren Verdacht nicht sehr zu rechtfertigen — ich sehe ihn kaum — er flieht uns. Frl. Hslouin. Ah! Sein Freund Laubspin, der Sie sehr genau kennt, mein armes Kind, wird nicht ermangelt haben ihm diese kluge Discretion, diese schlau berechnete Zurückhaltung anzuempfehlen, welche Sie so sehr rührten.... Marguerite (aufstehenv). Es ist gut, Fräulein; genug, ich danke Ihnen. (Bsvallon tritt auf, Frau Laroque am Arm.) Vierzehnte Scene. Marguerite, Frl. Hslouin, (dann) Bsvallon, Fr. Laroque, Des- marets, Fr. Aubry, (später) Maxime und Laubspin. Bsvallon (von links). Einverstanden, gnädige Frau — er ist ein seltener Vogel... ^ der Phönix! Man suchte ihn, Sie haben ihn gefunden! Fr. Laroque. Ja, es ist so — ich verehre ihn. (Setzt sich links.) Bsvallon. Schön, heiraten Sie ihn, liebe Nachbarin; heiraten Sie ihn, mein Gott! Fr. Laroque. Oh! Nein! Soweit werde ich nicht gehen! Sein Sie ruhig, Nachbar! (Laubspin und Maxime, treten von recht- auf.) Nun, Herr Maxime, haben Sie mehr Erfolg gehabt als ich? Haben Sie den garstigen Mann bestimmt, bis Morgen bei uns zu bleiben? Maxime. Leider, nein, gnädige Frau -- Laubspin. Unmöglich, Meine Gnädige. — Ich bin blos gekommen, um Ihnen im Vorübergehen die Hand zu drücken — aber heute Abend werde ich in Rennes erwartet undMorgen in Paris.— Fr. Laroque. So kommen Sie lieber gar nicht, mein Freund! Lieber will ich Sie nicht wirklich vor mir sehen — — — L au bspi n (flch verbeugend). Gnädige Frau.... D esmarets (von rechts austretend. Frau Aubry am Arm führend). Ah! Ah! Madame Aubry, wahrhaftig, Sie könnten eS bewerkstelligen, daß ich über diese Bäume springe — ganz bestimmt... Fr. Aubry (welche ein Gespräch mit DeSmarets fortsetzt). Bah, Sie haben gut reden, Doctor . . . Das sind schöne Phrasen, sonst nichts. — (Setzt sich rechts.) Ehre, Ruhm und Alles dergleichen, ist sehr gut in Romanen... Ich aber, ich habe einen guten Wagen weit lieber. DesmaretS (steht hinter ihr). Das ist Geschmackssache, Madame! Fr. Aubry. Sehen Sie lieber Doctor, am Ende ist doch nur Geld die Hauptsache und geht über Alles. Ich habe immer in der Welt gesehen, daß man die Leute nur nach dem Verhält- niß zu dem Gelds, welches sie hatten, achtete. — An mir sehen Sie den spre- chensten Beweis, man verachtet mich jetzt. Oh! Ich weiß es ganz genau. (Betrachtet absichtlich Marime.) Aber ich tröste mich, indem ich denke, wenn ich wieder würde, was ich gewesen war, so würde ich alle diese Leute, die mich jetzt verachten, zu meinen Füßen sehen, ja, ja, zu meinen Füßen. DesmaretS (grob). Nur mich nicht, Madame! Und wenn Sie 10 Millionen Renten hätten, würden Sie mich doch 31 nicht zu Ihren Füßen sehen, darauf gebe ich Ihnen mein Ehrenwort! Maxime (heiter, fröhlich). Und ich bitte Sie ergebenst, Madame, zu meinen Gunsten gleichfalls eine Ausnahme zu gestatten. (Krau Aubry zuckt die Achseln.) Marguerite (mit Bitterkeit). Oh! Ohne Zweifel! Ich war fest überzeugt, daß sich Herr Odiot diese Gelegenheit nicht entschlüpfen lassen würde, um gegen die Gemeinheit, gegen die bürgerlichen Ideen zu protestiren! Geld — oh, pfui doch! Zu was ist es gut, Du lieber Gott! Wolken, blauer Himmel, ideale Sachen, das lasse ich mir gefallen! Außer diesen gibt es nichts, was auch nur würdig ist einen Augenblick die Gedanken eines Poeten, eines Künstlers wie Herrn Odiot zu beschäftigen. Maxime (mit ehrfurchtsvoller Festigkeit). Mein Fräulein, ich weiß durchaus nicht, kraft welchen Privilegiums Sie mich ohne Aufhören mit Ihren Sticheleien und Witzeleien über diesen Gegenstand beehren... Ich bin nicht mehr Poet, als ein Anderer. Nur gestehe ich ein, daß ich andere Vergnügungen, andere Bewunderungen und ein anderes Streben in dieser Welt begreife und empfinde, als diejenigen, von denen daS Geld die Quelle oder der Gegenstand sein kann! Ich nehme mir die Freiheit zu denken, daß, ohne ein Träumer zu sein, ein Mann sich doch manchmal für etwas begeistern kann — für ein gutes Buch, für einen schönen, klaren Himmel, für eine heldenmüthige That! Diese Poesie, ich glaube eS wahrhaft, ist nicht nur einem Jeden erlaubt, sondern befohlen! — Ich bin beschämt, mein Fräulein, über dieses vielleicht schlecht angebrachte Plaidoyer, aber diese idealen Sachen, wie Sie sie nennen, sind die einzigen Schätze derjenigen, welche keine positiveren haben, und man wird mich entschuldigen , mein einziges Gut vertheidigt zu haben. (Zieht sich einige Schritte zurück, den Arm Laub6pm's nehmend.) Kommen Sie, mein Freund. (Rechts mit Saubepin ab.) Fünfzehnte Scene. Die Vorigen, außer Maxi me und L a u b e p i n. V ö v a l l o n. Hm! Mir scheint, gnädige Frau, daß Ihr Herr Intendant sehr familiär wird. Fr. Aubry. Oh! Jawohl! jawohl! Fr. Laroque. Ihr Alle seid nur allein selbst Schuld daran! Ihr reizt ihn, ihr treibt ihn stets auf's Aeußerste! Und am Ende hat er ja ganz Recht! Ich bin vollkommen seiner Meinung! (Alain und die kleine Christine treten im Hintergründe links auf). Sechzehnte Scene. Vorige. Alain. Christine (im Hintergründe, fie trägt das bretagnische Bauern- coftüme und Holzpantoffel). Alain. So geh nur hin, Kleine! Fr. Laroque. Nun, Alain, was giebt's? Alain. Gnädige Frau, hier ist ein junges Mädchen, welches mit aller Gewalt mit denLeuten im Schloß, wie sie sagt, sprechen will. Fr. Laroque. Was will sie? Tritt näher, mein Kind. B 6 v a l l o n. Tritt doch näher, junge Hirtin ... sie ist ganz allerliebst, diese Kleine. Fr. Laroque. Wer bist Du mein Kind? Wie heißt Du? Christine. Christine Oyadec, Madame . .. Die Tochter des Vater Oyadec, des Blinden. Fr. Laroque. So? Was willst Du? Christine (steht sich voll Neugierde um). Ew. Gnaden, ich kam wegen der Sache von gestern Abend. Fr. Laroque. Was ist das, die Sache von gestern Abend? Christine. Ew. Gnaden weiß also nicht? 32 Fr. Laroque. Aber nein, ich weiß nicht. — So sprich doch — es inte- ressirt mich — ich liebe diese ländlichen Scenen außerordentlich. Christine. Sehen Sie, gnädige Frau — wir haben einen Hund— einen alten Hund, der Bidoux heißt — der alte Bidoux — Fr. Laroque. Nun also, was ist's mit Bidoux? was hat er gemacht? Christine. Er ist es, Ew. Gnaden, der meinen alten guten Großvater führt, wenn er sein tägliches Brot suchen geht... B 6 v a l l o n (lachend). Ah! Sehr rührend!... Die Leichenbegleitung des Armen! Christine. Und als wir gestern in der Abenddämmerung alle drei, Großvater und ich und Bidoux am Rande des Wassers saßen, da kamen die kleinen Jungen des Dorfes, welches alle böse Buben sind.— Ah! Ew. Gnaden, aber schon was für böse Buben! Fr. Laroque. Haben diese kleinen Taugenichtse Deinen Hund in's Wasser geworfen? Chriftine. Ja, gnädige Frau — grade unter die Schleuse, und das arme Thier hätte elendiglich unter den Schaufeln des Mühlrades zu Grunde gehen müssen, als gerade ein Herr vorbeiging — (Sie hält plötzlich inne, indem sie Maxime be« merlt, der mit Lauböpin auftritt.) Siebente Scene. Vorige. Maxime. Laubspin. Maxime (zornig). Wie, Du hier! Kleine Unglückliche. Hatte ich Dir nicht verboten... Du willst mich also ganz und gar lächerlich machen? Bsval l on (lachend). Wie — das waren Sie! Ah! Bravo! der Tugendpreis erster Classe des Herrn von Monthyon gebührt Ihnen alsdann! Maxime (zornig lachend). Nun ja — was weiter — ich war es! Ich bin der Retter Bidoux'S! ES ist abgeschmackt— Aber was sollte ich thun? Diese- arme Kind schrie wie ein Pfau! — (Allgemeines Lachen). Da siehst Du nun, wie Du mich blosstellst, kleine Thörin! — Geh' — geh'! — Du darfst nur in's Wasser fallen — Du kannst ruhig sein! Willst Du gehen! Fr. Laroque. Fahren Sie das arme Kind doch nicht so an! Schüchtern Sie sie nicht ein. Was willst Du Kleine? Weßhalb kamst Du hieher? Christine (verlegen). Ew. Gnaden — weil der Herr da so schnell davon gelaufen ist — so habe ich ihm nicht einmal danken können — und- B sv allo n. Ja! Ja! Ich sehe Dich kommen! — So sind diese Leute! Erweisen Sie ihnen einen Dienst, und sie werden einen zweiten verlangen! (Zieht rin Goldstück auS der Tasche.) Komm her — da — da hast Du 20 Franken! Christine. Ich verlange nichts von Ihnen — sondern von dem Herrn. M a r i me (wüthend). Kurz also! Was willst Du? Christine. Mein Herr, ich wünsche Ihnen von ganzem Herzen einen Kuß zu geben. (Man lacht). Maxime. Kleine Thörin! Willst Du wohl gehen! Fr. Laroque. Thun Sie es doch! Lassen Sie sich küssen — ich will cs! Maxime (lachend). Nun, so komm her! (Er hält Christine die Backe hin, welche ihn herzhaft küßt). Sie küßt sehr gut! Fr. Laroque. Nun küsse mich auch, Du artige- Kind, Du! (Christine küßt sie). BsVall 0 N (steht Christine sich entfernen). Und meine zwanzig Franken, so nimm sie doch! Christine (sie nehmend). Danke mein Herr! Bsvallon. Nun, mich küßt Du nicht? Christine. Meiner Treue, nein! — Ihre Dienerin — (Sie macht eine Verbeugung und geht ab; Alain folgt ihr). 33 Achtzehnte Scene. DieVorigen, außer Christine und Alain. (Alle stehen auf). Fr. Laroque. Du wirst Dich dieser armen Leute annehmen, nicht wahr, Marguerite? Marguerite. Ganz wohl, liebe Mutter. Fr. Laroque (führt sie bei Seite. Laubepin allein beobachtet sie und scheint zuzuhören). Und dann höre, meine Tochter: (Strenge). Ich bin sehr unzufrieden mit Dir, Du wirst es so weit bringen, den jungen Mann von hier zu vertreiben, dessen Dienste mir sehr angenehm und nützlich sind; weßhalb ihn denn immer verspotten, ihn ohne Aufhören beleidigen? Ein Mann der Dir nicht antworten kann, ohne sein Brod auf's Spiel zu setzen — oh! das ist nicht edel! — Marguerite. Mutter! (Sie betrachtet Laubepin, als ob sie mit ihm zu sprechen wünschte, doch als sie Maxime in seiner Nähe sieht, entfernt sie sich, wie mit Bedauern). Fr. Laroque. Ihren Arm Bsvallon. (Alle gehen links ab, außer:) Neunzehnte Scene. Laub^pin. Maxime. Laub6pin(bei Seite). Maxime will mir nichts sagen, es scheint, daß Alles schlecht geht. (Laut.) Was geht denn eigentltch hier vor, Maxime? Maxime. Lieber Freund, ich schrieb Ihnen gestern einen Brief — Ihre An- . kunft überhebt mich, denselben zu beendigen... Ich sagte Ihnen darin, daß meine Stellung hier im Hause nicht ganz ohne einige Verdrießlichkeiten wäre. Sie haben nun selbst urtheilen können. — Ich bitte also inständigst, lieber Freund, mich so bald Sie können, von hier fortzubringen... Laub6pin. Ah! Nun gut, mein Sohn, ich werde eS versuchen. Maxime. Ich bitte Sie darum; jetzt sage ich Ihnen Lebewohl, da Sie abreisen müssen. Ich selbst werde in Elven, beim Holzfällen erwartet. Laub^pin. In Elven — das liegt ja auf meinem Wege — ich habe einen Wagen — ich kann Sie hinführen. Maxime. Bravo! Ah! Aber wie komme ich wieder zurück? Laub 6pin. Nichtig! Maxime. Ich bedauere es in der Lhat recht sehr, um so mehr, als in kleiner Entfernung — im Holze — wie man sagt, prächtige Ruinen sein sollen; wir würden Sie zusammen besehen haben. — Es geht aber nicht! —Also, leben Sie wohl, mein Freund, und denken Sie an mich. (Marguerite kommt von links, beide beobachtend). Laub 6 pin. Leben Sie wohl, Maxime! (Maxime grüßt Marguerite und geht ab.) Zwanzigste Scene. Lauböpin. Marguerite. Marguerite. Ich suchte die Gelegenheit, Herr Lauböpin, Sie allein zu treffen. Lauböpin. Was gibt es denn, mein Kind ? (Sieht auf seine Uhr). Schnell, schnell, der Wagen wartet. Marguerite. Herr Laubepin, ich habe immer geglaubt, daß Sie ein rechtschaffener Mann wären! Laub 6 pin (sie erstaunt betrachtend). Ich auch, Fräulein! Marguerite. Was bedeutet jedoch diese Jntrigue, zu welcher Sie sich hergegeben haben? LaubSpin. Welche Jntrigue? Marguerite. Mit diesem jungen Mann, dem Intendanten, den Sie uns geschickt haben... Fräulein Hölouin begegnete ihm öfter in Paris —sie kennt ihn... Werden Sie mir wohl sagen, weshalb er nicht seinen Namen führt? Lauböpin. Aber er führt ja seinen Namen, mein Fräulein; den wahren 3 34 Namen seiner Familie ' Wenn er seinen Titel nicht führt, so geschieht es aus Gründen der Schicklichkeit und eines ganz gerechtfertigten Stolzes, die Sie wohl verstehen sollten. Da er Zhnen aber so sehr mißfällt, so dürfen Sie ihm nur seinen Titel in's Gesicht werfen, und ich garantire Ihnen, daß Sie auf immer von ihm befreit sein werden. Marguerite. Aber — was will er hier? Laubspin. Hier? — Sein Brod verdienen, weil er dazu genöthiget ist. Nun, wo ist denn die Zntrigue? Ich sehe keine! WaS ich aber sehe, ist, daß Ihr Verfahren und Ihr Benehmen in Betreff des jungen Mannes sehr seltsam sind. Sie lassen ihn Ihre Wohl- thaten sehr theuer erkaufen, mein Kind. (Abgang.) Marguerite. Herr Laubepin — ich glaube Ihnen — ich danke Zhnen ... Es ist so schmerzlich an das Schlechte zu glauben... Ihnen verdanke ich es. nun, daß ich heiterer, glücklicher bin, ich liebe Sie Herr Laubspin! Laubs Pin (heiter). Ach! Mein Gott! — Sagen Sie dies doch nicht in dem Augenblick wo ich fortgehe, mein Fraulein! Ah! daS ist sehr grausam! (Steht auf seine Uhr.) Denn ich muß fort—ich habe nur noch so viel Zeit um Ihrer Mutter Lebewohl zu sagen... Marguerite. Wissen Sie was ich jetzt thun werde um Ihnen zu danken? Ich werde mein Pferd satteln lassen und Sie ein Stück Weges begleiten. Laubspin. Ah bah! Mein Kind! Marguerite. Es ist ein Spazierritt für mich. — Laubspin. Nein! Lassen Sie das, ich würde zu viel Eifersüchtige machen. Marguerite. Ich will es! — Uebrigens kommt es mir sehr gelegen, das versichere ich Sie... Ich werde Sie bis Elven führen... Laubspin (absichtlich bei Seite) Nach Elven? Marguerite. Za... und dann werde ich an den Ruinen des alten Schlosses vorbei, — durch das Gehölz zurückkehren — und dies wird ein entzückender Spazierritt für mich sein... Laubspin (welcher sorgenvoll zu sein scheint). Ei, der tausend — mein liebes Kind — waS eine Dame will- Marguerite. Also, gehen wir! (Tie nimmt Laubepin'S Arm.) Laubspin. Gehen wir! — Oh! Ruinen! — Alte Schlösser! — Nehmen Sie sich in Acht mein Kind, da spukt es manchmal... (Singt fröhlich:) Habt nur Acht, Habt nur Acht! Die weiße Dame Euch betrachtet. Die weiße Dame sieht Euch an! — Ende des dritten Tableau. Viertes Tableau. Da- Innere eine- achteckigen Saale- in dem alten Thurme der Ruinen de- Schlosse- Elven. Strenge und düstere Architektur. Die Gewölbe de- Saale- sind theilweise eingestürzt. Gegenüber dem Publikum, in der Vertiefung eine- verfallenen Fenster-, ist ein Theil der Mauer vollständig eingesunken, eine breite Bresche, mit Epheu überwachsen, läßt die Gipfel mehrerer Bäume bemerken, welche in einem Graben wachsen, und etwa- weiter entfernt bemerkt man die Ruine eine- hohen WartthurmS, welche vom Himmel und dem entfernteren Wald bell absticht. Diese Bresche ist nicht ganz bi- auf da- Niveau des Boden- de- Saale- geöffnet; einige Steine welche unten liegen blieben, scheinen die Steinschicht eine- alten Fenster- zu bilden und erlauben aus eine Art Balkon oder äußere praktikable Matform zu steigen, welche über dem Abhang schwebt. Rechts eine Treppe von 2 oder 3 Stufen, an deren Fuße man die enge und massive Thür des Thurmes sieht. Ts wird Abend. Erste Scene. Avonnet, (dann) Maxime. (Beim Aufziehen des Vorhangs steht Avonnet auf dem Balkon, schaut nach Außen und scheint zu horchen: man hört von Weitem einige Töne einer Hoboe, welche von dem Echo wiederholt werden. Stimmen fingen im Feld in der Ferne.) Chor (hinter den Coulissen). Der Abendthau streut Perlen auf die Haide; — Es läuten die Glocken zur Ruh'. Der Hirt mit seiner Heerd' verläßt die Weide, Und ziehet heimwärts zu. — Der heil'gen Jungfrau sei nun Dank gebracht: Daß sie das Brod des Armen, Des Feldes Segen hat uns treu bewacht; Wir fleh"n um ihr Erbarmen. (In dem Augenblick wo der Chor aufhört, tritt Maxime ein und nähert sich dem Balcon.) Maxime. Was machst Du da, mein guter Bursche? Avonnet (ein wenig erschreckt). Ich hörte den Sängern zu, Herr. Maxime. Wer sang denn? Avonnet. Die Schnitter, welche jeden Abend durch das Gehölz ziehen. Maxime. Sage mir mein Junge, bist Du der Wächter dieser Ruinen? Avonnet. Ja, mein Herr. Ich bin Hirtenjunge auf dem Pachthofe des Herrn Grafen — ich bringe den ganzen Tag mit meinen Thieren im Walde hier in der Nähe zu, und wenn Fremde kommen um den alten Thurm zu besehen, so öffne ich ihnen die Thüre. (Zeigt den Schlüssel deS ThurmeS.) Maxime. Gut, mein Junge, hier Nimm. (Gibt ihm Geld.) Avonnet. Danke sehr, mein Herr. Maxime. Du fürchtest Dich nicht, hier, ganz allein? Avonnet. Oh! Während des Tages, nein — aber wenn eS Nacht wird, bin ich nicht mehr so sehr kühn. (Geht vorbei.) Maxime. Ah! Ah! Es gibt also Feen hier, Zauberer, Hexen — was? Avonnet (verächtlich). Oh! lieber Herr, das sind Alles Dummheiten — früherer Zeit war das ganz gut — aber jetzt glaubt man nicht mehr an solche Sachen. Maxime. Ah! Du glaubst also an nichts? Avonnet. Ich glaube nicht an jene Dummheiten... Ah! Wenn Sie mit mir von der schwarzen Dame reden — das lass' ich gelten — die schwarze Dame — das ist eine andere Geschichte — Maxime. So! Es gibt also eine schwarze Dame — Avonnet. Ei ja wohl — ja wohl — alle Tausend! Ja, es gibt eine, mein lieber Herr, welche man mit ihren weiten Röcken spazieren gehen sieht, bis auf die Spitze des alten WartthurmS dort unten — der doch keine Treppe hat... Aber das geschieht niemals während der Tageszeit, immer nur bei Nacht sieht man sie. Maxime (lachend). Ja... wenn man nichts sieht. Avonnet (welcher durch die Bresche nach Außen schaute). Ah! Schön! Da macht der Rothe schon wieder seine Streiche! Sehen Sie mein Herr, dieser Hammel hat nicht seines Gleiches an Bosheit; — er muß immer klettern... Oho! — Willst Du wohl heruntersteigen, Du böser Rothkopf? (Wirft einen Stein nach ihm.) Na, warte nur! (Läuft nach der Thüre.) Maxime (zeigt aufdie Bresche). Springe doch da hinaus. Avonnet. Springen Sie nur selbst um zu sehen was es ist, Herr Pariser! Eh! sagen Sie doch, bleiben Sie lange hier? Es wird schon Nacht... 3 ' 36 Maxime. Sei ruhig, ich gehe in 8 Minuten. Nvonnet. Gut; denn ich bin nicht tollkühn in den Nachtstunden. Nicht daß ich Furcht hätte, aber ich bin nicht tollkühn. (Ab.) Zweite Seme. Maxime (allein, sich umsehend). Wie schön es hier ist! Warum ist mir nicht früher der Gedanke gekommen, hier einzutreten? — Zch muß einmal bei Tage hieher kommen... (Traurig.) Ach! Ich vergesse ganz, daß eS für mich keine Zukunft, keinen anderen Tag mehr in diesem Lande gibt.. . Ich muß all den theuern Plätzen Lebewohl sagen, wo ich so oft — wo ich zu viel an sie dachte.. . Erbärmliches Herz, weil mir Alles verbietet sie zu lieben, Vernunft und Ehre, so willst Du — Ach! Wenn ich nicht für eine andere kostbarere Existenz als die meinige zu sor-. gen hätte, würde ich schon vor dieser Marter eines jeden Tages, einer jeden Stunde bis an's Ende der Welt entflohen sein. — (Marguerite tritt auf.) Sie! Oh! mein Gott! Dritte Scene. Maxime, Marguerite. Marguerite (macht einige Schritte, sich umsehend; plötzlich bemerkt sie Maxime, mit Unruhe). Herr Maxime — ich bitte Sie um Entschuldigung — ich wußte nicht — durchaus nicht, ich verlasse Sie. Maxime (lächelnd). Mein Gott, Fräulein, ich bin hier nicht zu Hause... und an mir ist eS fortzugehen... Ich bitte Sie zu bleiben... (Macht einige Schritte gegen die Thüre.) Marguerite (ihm entgegentretent). Herr Maxime — ich rechnete darauf heute Abend noch mit Ihnen zu sprechen — und da ich Ihnen hier begegne... nun gut, so sagen Sie, ist es wahr, daß ich gegen Sie so großes Unrecht begehe, wie man mir zuschreibt? Maxime. Mein Fräulein, ich denke nicht, daß ich mich je beklagt habe. Marguerite. Aber Sie wollen von uns fortgehen? Maxime. Mein Fräulein! Marguerite. Und man versichert, daß ich die Ursache sei... Ihr Abgang von hier, mein Herr, würde meiner Mutter einen großen Verdruß bereiten — den ich ihr zu ersparen wünsche, wenn es von mir abhängt... Also, welche Erklärung wünschen Sie? Was muß ich Ihnen sagen? daß die Sprache — durch welche Sie sich beleidigt fühlten — nicht immer ernsthaft gemeint war... daß ich vielleicht geboren war, um ebenso gut wie eine Andere Freuden und Feste zu verstehen, welche edler sind als über welche der Reichthum und die Welt verfügen ? Nun gut — das ist möglich... Aber bin ich denn so tadelns- werth, daß ich Alles was ich an Willenskraft und Muth besitze dazu anwende, um Gedanken — Gefühle — in mir zu ersticken, die mir verboten sind?... Maxime. Verboten? Marguerite. Verboten, ohne Zweifel! Mein Gott, Herr Maxime, eS ist vielleicht sehr lächerlich, uns über ein Geschick zu beklagen, um welches uns viele Leute beneiden; aber, durch eine Verkehrheit des Geistes, eine Grille, die ich wahrscheinlich von meiner armen Mutter habe, und welche wenigstens die Entschuldigung von Treue und Glauben für sich hat, fühle ich, daß, wenn ich weniger reich wäre, ich glücklicher sein würde. Sie haben mir mein ewiges Mißtrauen vorgeworfen. Aber auf was konnte ich denn vertrauen, sagen Sie? Bin ich nicht, seit ich mich kenne — sehe ich es nicht alle Tage? — nur von falschen Freunden, von habgierigen Verwandten, von verdächtigen Bewerbern und Freiern umringt? —Großer Gott, glauben Sie, daß ich alle diese 37 Sorgfalt, diese Zärtlichkeiten, mit welchen diese Schmarozer uns ermüden, — alle diese Ehrfurchtsbezeugungen, mit welchen so viele Feiglinge uns beschwerlich fallen, als baare Münze nehme? — Und wenn jemals eine große und edle Seele — wenn es eine solche gibt — im Stande wäre, mich aufzusuchen, mich zu lieben für das, was ich bin —nicht für das, was ich gelte — so würde ich es nicht erfahren. — (Absichtlich.) Ich würde es nicht glauben! Niemals? Nein! Ich würde es niemals wagen, mich einem leeren, unwürdigen, vergifteten Herzen hinzugeben — kurz einem Herzen wie das meinige! — Deßhalb entferne ich mich — deß- halb stoße ich Alles von mir — will ich Alles hassen, was schön ist —Alles, was Nachdenken macht — Alles, was mir von einem — verbotenen Himmel spricht. (Das Lhor der Schnitter fängt bei den letzten Worten wieder an. Sie sagt halblaut) Was ist das? (Sie nähert sich dem Hintergründe, horcht, senkt den Kopf und weint.) Maxime. Mein Fräulein — diese Aufregung, diese Thränen! Marguerite (mit überströmendem Gefühl). Nun ja, ich kann weinen! — Ich habe eine Seele! (Macht voll Verzweiflung zwei Schritte und beginnt wieder) Herr Maxime, ich hatte Ihnen nicht so vieles Vertrauen bestimmt; aber jetzt kennen Sie mich endlich, und wenn ich jemals Ihr Herz verwunden konnte, so hoffe ich, daß Sie mir verzeihen werden. (Maxime beugt sich auf die Hand, die sie ihm reicht und drückt sie an seine Lippen, sie fährt fort) Gehen wir! (Macht einen Schritt und wendet sich dann um.) Und ferner kein Wort mehr über diesen Gegenstand. Maxime. Niemals! Marguerite (unruhig). Kann man nicht hier durch diese Bresche hinausgehen? Maxime. Oh! Mein Fräulein, unter derselben ist ein Abgrund! Marguerite. Das muß ich doch sehen, bevor ich fortgehe. Ist da draußen nicht eine Art von Balkon? Maxime. Ich bitte Sie, mein Fräulein, nehmen Sie sich in Acht, das Ganze hängt an einem Nichts. Marguerite. Oh! Ich habe keine Furcht. Maxime. Nehmen Sie wenigstens gefälligst meine Hand. (Sie steigt auf die äußere Plattform. Es wird ganz Nacht.) Marguerite. Oh! Es ist wahr. Dieser Abgrund ist erschreckend genug, übrigens aber sehr schön. Man könnte hier eine Ewigkeit stehen bleiben. Vierte Scene. Maxime. Marguerite (im Hintergründe). Avon net. Zlvonnet (tritt auf; bleibt auf der Treppe stehen, und sieht schüchtern in das Innere des Thurmes.) Ah! — Er ist fort! Gut — ich werde nun auch nicht mehr lange zögern, um aus dem alten Neste fort- zukommen! (Ab.) Fünfte Scene. Maxime. Marguerite. (Vollständige Nacht; die Mondstrablen beleuchten die Riffe des Fensters und die Spitzbogen der entfernten Ruine des Wartthurmes.) Maxime (vom Balkon herabsteigend). Seltsam! Ich glaubte doch zu hören — Marguerite. Die Nacht ist schon vollständig eingebrochen; glücklicherweise ist sie hell, wir können unsere Pferde finden. Schnell, schnell, mein Herr, ich bitte Sie! (Steigt die Stufen an dem verfallenen Fenster berad, von Maxime unterstützt; sanfte Musik im Orchester; beide näbern sich der Tbüre, welche Maxime vergebens zu öffnen sucht.) Wie! die Thüre ist verschlossen? Maxime. Es ist nicht möglich! (Macht vergebliche Anstrengungen, die Thüre zu öffnen.) Dies ist ein verzauberter Thurm! — Dieser Hirte, der Dummkopf, muß die Thüre versperrt haben, während wir auf dem Balkon waren! 38 Marguerite (besorgt verkommend). Versuchen wir ihn zu rufen. Er kann nicht weit sein... Läuft er nicht dort unten? Maxime (auf der Plattform). Heda! Kleiner! Willst Du wohl Herkommen? — Gut! Er hat Sie gesehen — er lauft jetzt nur noch weit stärker. Sein dummer Aberglaube — Marguerite (herabsteigend und sich umsehend). Kein anderer Ausweg! —Was thun? — Zu Hause werden sie vor Unruhe vergehen! — Und dann — kurz es ist unmöglich! — Suchen Sie irgend ein Mittel, mein Herr, wir müssen von hier fortkommen! Marime. Mein Gott, Mademoiselle — ich habe gut suchen ... diese Thür — wie eine Gefängnißpforte — widersteht allen meinen Anstrengungen — ich bin wahrhaft in Verzweiflung.. Marguerite (während Maxime wieder zur Bresche geht, bei sich). Gott! — Welcher Gedanke! (Zu Maxime mit zurückgehaltenem Zorne.) Herr Marquis von Champcey! Marime (sich rasch umkehrend). Mein Name! Marguerite (langsam). Sagen Sie mir, gab es vor Ihnen viele erbärmliche Memmen in Ihrer Familie? Marime. Marguerite! Marguerite (heftig). Sie sind es — Sie haben diesen Knaben bezahlt, um uns hier einzusperren. Marime. Ich! Großer Gott! Marguerite. Sie! — Ah! Ich errathe jetzt Alles! — Ich begreife Ihre schlaue Berechnung! — Morgen wäre ich entehrt, berüchtigt, verloren in der öffentlichen Meinung — und ich könnte nur noch Ihnen angehören! Aber diese schmachvolle, schändliche Berechnung — welche allen Ihren seitherigen Handlungen die Krone aufsetzt, — werde ich zu Nichte machen. Gewiß kennen Sie mich noch sehr schlecht, wenn Sieglauben, daß ich nicht Alles — die Schande, das Kloster, ja selbst den Tod, der Verzweiflung, der Verachtung vorziehen würde, mein Leben mit dem Ihrigen zu vereinigen. Marime (ruhig). Ich beschwöre Sie, mein Fräulein, zu sich selbst, zur Vernunft zu kommen. — Ich begreife die Unruhe, welche Sie in diesem Augenblicke beherrscht und bewegt.... aber ich gebe Ihnen die feste Versicherung, daß Sie mir eine grobe Beschimpfung anthun. Zch konnte auf gar keine Art und Weise diese Schändlichkeit vorbereiten. (Mit überströmendem Gefühl.) Und wenn ich es gekonnt hätte, in wie fern habe ich Ihnen das Recht gegeben, mich derselben fähig zu halten? Marguerite (nach links gebend). Alles, was ich von Ihnen weiß, gibt mir das Recht dazu. — Was wollten Sie in unserem Hause, unter angenommenem, erborgtem Namen und Charakter? Wir lebten glücklich — Sie haben uns Unruhe und Kummer gebracht, die wir bis dahin nicht kannten. — Um Ihr Ziel zu erreichen, um die Lücken Ihres Vermögens wieder auszufüllen, haben Sie unser Vertrauen gewaltsam an sich gerissen, haben Sie mit unseren reinsten, mit unseren geheiligtesten Gefühlen gespielt! — Nun denn — ich bin es überdrüssig und von allem dem auf's Tiefste empört, das sage ich Ihnen! Und wenn Sie mir in dieser Stunde Ihre Ehre als Edelmann zum Pfand anböten, die Ihnen schon zu vielen unwürdigen Dingen gedient haben mag — so habe ich sicher das Recht, nicht daran zu glauben — und ich glaube auch nicht daran! Marime (geht rasch nach der Bresche und kommt gleich wieder vor). Marguerite — armes Mädchen! Hören Sie wohl zu! Ich liebe Sie, das ist wahr, und niemals noch hat eine glühendere, uneigennützigere, heiligere Liebe das Herz eines Mannes beherrscht!—Aber auch Sie — auch Sie lieben mich — Sie lieben mich, Unglückselige! — Und Sie 39 tödten mich! — Sie brechen mir das Herz! Aber dieses Herz gehört Ihnen — Sie können damit machen, was Ihnen gefällt... Was meine Ehre anbelangt, so gehört Sie mir, mir allein, und ich bewahre sie! Und bei dieser Ehre leiste ich Ihnen hiemit den feierlichen Schwur, daß Sie, wenn ich sterbe, mich beweinen werden, daß ich aber, wenn ich am Leben bleibe — nie — niemals, so sehr ich Sie auch anbete und liebe — und wenn Sie auf Ihren Knien bittend vor mir lägen — auch nur das geringste Vermögen oder Gut von ihrer Hand annehmen werde. — Niemals! Hören Sie? — Und jetzt beten Sie! — Erflehen Sie von Gott ein Wunder — es ist Zeit dazu! — (Läuft gegen den Balkon.) Marguerite (die auf die Bresche losstürzte, breitet die Arme aus und hält ihn auf). Gott im Himmel! Ich will nicht! Ich will nicht! Maxime. Oh! Beruhigen Sie sich — diese Zweige — diese Bäume werden mich tragen —und am Ende, was liegt daran — — Marguerite. Ich will nicht! Ich flehe Sie an, vergessen Sie, was ich gesagt habe, aus Gnade, aus Mitleid! Ich will nicht! Maxime (sie abwehrend). Nein !-Lassen Sie mich! — (Stößt sie zurück und steigt auf den Balkon. — Der Chor ertönt wieder aus der Ferne.) Marguerite (fällt auf die Knie bei den Stufen am Fenster.) Unglücklicher! Sie gehen in den sichern Tod! Maxime (auf dem Balkon). Für meine Ehre! (Steigt den Abgrund hinab.) Marguerite (einen schrecklichen Schrei ausstoßend). Ha! (Fällt auf den Boden.) (Ende des zweiten Aktes.) Dritter Akt. Fünftes Tableau. Ein Boudoir im Schlosse Laroque. — Thüre rechts. — Thüre links. — Thüre im Hintergründe. Tisch, Armstühle, der angezündete Brasero (eine Art Pfanne in der Feuer brennt) vor dem Armstuhle der Frau Laroque. Lampen und angezündete Lichter. Erste Scene. Herr von Bövallon, Doctor Desmarets, Fr. Laroque, Fr. Aubry, Frl. Hslouin, Alain (in der Nähe der Ausgangsthüre.) (Alle scheinen beunruhigt und besorgt.) Fr. Laroque. Marguerite ist aus- geritten, sagen Sie Alain? Alain. Za, gnädige Frau! Fr. Laroque. Allein? Alain. Allein. Fr. Laroque. Um welche Zeit? Alain. Gegen halb fünf Uhr. B6vallon. Aber hatte Fräulein Marguerite nicht beschlossen, heute Abends den Ball bei Frau von Ca- stennec zu besuchen? Fr. Laroque. Mein Gott, ja; deshalb ist ihre Verzögerung noch unerklärbarer. Ach, ich sterbe fast vor Angst. Desmarets. Beruhigen Sie sich meine Gnädige, Sie wissen, das Fräulein dehnt seine Spazierritte oft sehr lange aus. Fr. Laroque. Aber niemals bis in die Nacht... Weiß man nicht, nach welcher Gegend zu sie ist? Frl. Hölouin. Wenn man Herrn Odiot fragen würde — er könnte vielleicht ... Fr. Laroque. Sie haben Rechl meine Liebe — Alain, ich lasse Herrn Odiot bitten. Alain. Herr Odiot ist heute Nachmittag ebenfalls ausgeritten, und noch nicht zurückgekehrt. Bövallon (mit einer Anspielung von Verdacht). Ah! Um welche Stunde ist Herr Odiot ausgeritten? Alain. Ein wenig vor 4 Uhr, glaube ich! B6vallon. Hm! Hm! (Er wechselt Blicke mit Fräulein Helouin und FrauAubch.) Fr. Laroque (bestürzt für sich). Mein Gott! welche Zdee! ... (Eine Pause der Verlegenheit; in demselben Augenblicke tritt Maxime durch den Hintergrund ein; er hat auf der Stirne mehrere Blutstropfen.) Zweite Scene. Vorige. Mari me. Marime. (lachend und hinaussprechend.) Pah! Es ist nichts! Desmarets. Mein Freund, wie blaß Sie sind ... und was haben Sie denn auf der Stirne... ich glaube gar, eS sind Blutstropfen. Maxime. Oh nichts! Mein Pferd hatte nur ein wenig seinen Koller, und warf mich am Anfänge der Schloßallee in den Graben. Fr. Laroque. Ach mein Gott! Maxime. Zch bin mit der Angst und einer kleinen Betäubung davon gekommen! Fr. Laroque. Das ist doch ein Abend voll Unglück! 41 Maxime. Ein Abend voll Unglück? Wie so? Fr. Laroque. Meine Tochter ist noch nicht zurück. Maxime. Fräulein Marguerite? Ich begegnete ihr... Fr. Laroque. Sie begegneten ihr? Wo mein Herr, wo? ich bitte Sie — um welche Zeit? Maxime. Um 5 Uhr ungefähr — auf dem Wege nach Vannes — sie ritt hin — ich her — wir haben uns gekreuzt. Fr. Laroque. Und sie hat nicht mit Ihnen gesprochen? Sie hat Ihnen nicht gesagt... Maxime. Sie sagte mir, daß sie die Ruinen des Schlosses Elven besichtigen wolle. Fr. Laroque. 'Die Ruinen von Elven! Ach großer Gott — die liegen tief im Gehölze — die Gegend ist voll gefährlicher Sümpfe — daS arme Kind wird sich verirrt haben — man muß sie aufsuchen — ich selbst eile hin — Alain lassen Sie einspannen — meinen Shawl, meinen Hut Fräulein, ich bitte... Fr. Aubry. Zch gehe mit Ihnen, meine theure Cousine. Bevallon. Und ich reite Ihnen zur Seite wenn Sie erlauben ... Fr. Laroque. Ja, ja mein Freund — kommen Sie auch Doctor, ich bitte Sie — aber nur schnell fort. Me ab, außer Maxime.) Dritte Scene. Maxime (allein), (dann) Alain (ein Wasserbecken auf einem Präsentirbrett tragend). Maxime. Es war die höchste Zeit! (Er fällt auf einen Stuhl. Alain tritt ein.) Alain. Hier ist Wasser, Herr Maxime... Wle geht es Ihnen? Maxime. Besser. Freund, besser. (Er taucht sein Taschentuch in das Becken und wäscht sich die Stirne.) Alain. Oh! Es wird auch nichts sein, mein Herr!... Wegen eines Sturzes vom Pferde stirbt man grade nicht... aber gleichviel, es muß Sie tüchtig erschüttert haben... Ich habe ein eigenes Glück gehabt... Seit den 40 Jahren, daß ich reite, bin ich nie vom Pferde gefallen. Ich kann mir gar nicht vorstellen, welche Wirkung es auf einen macht. Maxime. Hast Du schon jemals geträumt, daß Du von der Höhe eines ThurmeS gefallen bist? Alain. O ja, sehr oft. Maxime. Das ist dasselbe Gefühl. Alain. Ah! (Geheimnißvoll.) Hören Sie mein Herr, während Sie der böse Schlag traf, empfing ich auch einen, der mir ebenfalls nicht gut that. Maxime. Wie so? Alain. Ich muß Ihnen schon Alles sagen, weil ich Ihres Rathes bedarf... denn es gibt Sachen, die sehr hart zu verdauen find. ES ist kaum eine Stunde, als ich vor dem Treibhause vorbeigehe, plötzlich höre ich den Sand der Allee knistern und dann L Stimmen zischeln. — Ich sage zu mir: wer zischelt denn da Nachts im Park? Ich ducke mich in das Gehölze und was sehe ich? Maxime. Nun? Alain. DaS Gesellschaftsfräulein mit Herrn von Bevallon... die sich gegenseitig in die Ohren wispelten und zuletzt so nahe bei mir, daß ich hörte... trotz der schuldigen Achtung die ich dem Herrn schulde. . . Maxime. Was? (Alain küßt vernehmlich seine eigene Hand.) Ah! Alain. Wie ich die Ehre habe zu versichern, mein Herr! Nun soll einem dies nicht das Blut unter den Nägeln siedend machen? Wie? Der Herr, der das Fräulein vom Hause heiraten soll — der küßt unterdessen ganz ruhig — ohne Scheu... Ah! Ah! Ah! Nein, das geht nicht langer so, ich werde sogleich Alles der gnädigen Frau erzählen. Mari me. Nein, Alain, nein! Man muß nie den Angeber machen. Sage nichts. (Für sich.) Diese Närrin! (Laut.) Ist Fräulein Helouin im Schlosse? Alain. Ja, mein Herr! Maxime. So bitte sie... sage, ich wünsche. .. (Fräulein Helouin tritt ein) laß uns allein und schweige. (Alain ab.) Vierte Scene. Maxime. Frl. Helouin. Frl. Hölouin. Frau Laroque hat mir befohlen, nachzusehen, ob Sie etwas bedürften ... Befehlen Sie nichts ? Maxime. Nichts, mein Fräulein... aber ich habe mit Ihnen zu sprechen. Frl. Helouin. Mit mir? Maxime. Ja, mein Fräulein. Sie haben mir Ihre Freundschaft entzogen, ich aber habe Ihnen die meinige ganz bewahrt, und wenn Sie erlauben, werde ich es Ihnen beweisen. Frl. Hölouin. Sprechen Sie. Maxime. Mein armes Kind, Sie stürzen sich in's Verderben! Frl. Helouin. Mein Herr! Maxime. Es hat Sie Jemand im Parke gesehen, gehört — vor einer Stunde ungefähr... Frl. Hölouin. Ach Gott... mein Herr... ich schwöre Ihnen... Maxime. Ich bin überzeugt, Fräulein, daß dieser kleine Roman von Ihrer Seite sehr unschuldig ist, aber von der andern Seite ist er eS vielleicht weniger. *) „Bitte sehr, überlegen Sie „sich'ö reiflichst. Ich würde nicht immer „die Folgen aufhalten können." Frl. Hölouin (den Kopf in ihre Hände verbergend)- Mein Gott! Maxime. „Vertrauen Sie sich mir „an! Sagen Sie, was kann ich für *) Die mit einem Anführungszeichen bezeich- netrn Reden können bei der Aufführung wegbleiben. „Sie thun? Existirt irgend ein Pfand, „ein Brief, den ich von jenem Mann „zurückfordern soll? Reden Sie, befehlen Sie wie über einen Bruder. Frl. Helouin. „Ein Bruder! Sie „sagen, Sie wollen mich retten und Sie „sind mein Verderben. Ja, Sie sind „die alleinige Ursache von all dem, was „geschehen mag ... nachdem Sie mir „eine Zuneigung vorgespiegelt haben, „haben Sie mich erniedrigt, der Verzweiflung preisgegeben. — Nun denn — Maxime. „Erniedrigt? Sie der „Verzweiflung preisgegeben? Wie? „Weil mir die Ehrenhaftigkeit befahl, „die Gefühle zu unterdrücken, die mir „Ihre Schönheit, Ihre Talente ein- „flößten? Ich sehe darin nichts erniedrigendes für Sie, mein Fräulein; „erniedrigen kann Sie nur ein Liebes- „verhältniß mit einem Manne, der fest „entschlossen ist, Sie nie zu heirathen." Frl. Helouin (zornig). Was sagen Sie? — Nicht alle Männer sind Glücksjäger! Maxime. Ah! Sollten Sie etwa auch eine bösartige Person sein, Fräulein ? In diesem Falle habe ich die Ehre — (Er grüßt sie, wie um sich zurückzuziehen.) Frl. Helouin. Bitte, Maxime! Bitte! Verzeihen Sie mir. haben Sie Mitleid mit mir! Stellen Sie sich lebhaft vor, was kann wohl der Gedanke eines armen Geschöpfes wie ich sein, dem man ein Herz, eine Seele, eine Bildung zu geben die Grausamkeit hatte — und das Alles dieses nur anwenden kann, um zu leiden — um zu hassen! — „Sie sprachen von meinen „Talenten... Nun denn, diese Talente, „so mühselig erlangt, kann ich sie für „mich benützen? Ich habe meine ganze „Jugend geopfert, um damit eine Andere „zu schmücken, damit sie schöner sei, „glänze, damit sie angebetet und noch „übermüthiger werde! Wenn sie nun dahin „gehen wird an dem Arme eines glück- 43 „lichen Gatten, wenn sie theilnehmen „wird an all' den schönsten Festen des „Lebens, dann werde ich allein, verfassen dastehen und in irgend einem „Winkel der Erde mit der Pension einer „Kammerfrau altern!" Was habe ich dem Himmel gethan, um ein solches Schicksal zu verdienen? Warum gerade mir dieses Loos, warum nicht ihr? Ich bin ebenso wie jene geboren, um gut, liebend und mitleidig zu sein. — O mein Gott! Wohlthun kostet ja so wenig, wenn man reich ist, die Güte fällt den Glücklichen so leicht. Wenn ich an ihrem Platze wäre und sie an dem meinigen, sie würde mich nicht mehr lieben, als ich sie liebe — man liebt seine Herren nicht. Maxime. Fräulein — Bitte! Bitte! Frl. Hslouin. Ach! Ja, ja, ich empöre Sie, nicht wahr? ich bin Ihnen ein Aergerniß? Sie werden mich jetzt mehr als je verachten — Sie, der mir mit einem Worte den Frieden, die Achtung vor mir selbst hätte wieder geben können. Sie, dem ich zum Erstenmale den Gedanken an ein Glück — an eine Zukunft — an ein Selbstbewußtsein verdanke.... O ich Unglückselige! — (Sie weint.) Maxime (ihre Hand ergreifend). Mein Fräulein... Ich werde Ihnen durch mein ganzes Leben für Ihre Neigung erkenntlich sein... aber ich gehöre nicht mir allein an. — Ich habe Pflichten, die mich ketten... Und selbst wenn ich wollte, so könnte ich doch an keine Heirat denken. Frl. Helouin (mitBitterkeit). Selbst nicht mit Marguerite? Maxime. Ich sehe nicht ein, was der Name des Fräuleins Marguerite bei der Sache zu thun hat. Frl. H^louin. O ich lese klar in Ihrer Seele — und ich versichere Sie, schon seit langer Zeit weiß ich, wer Sie sind — ich weiß, auf welche Beute Sie hier lüstern sind. Aber ich habe die Mittel, Sie zu entlarven, Sie zu Grunde zu richten, und ich werde mich derselben bedienen. Maxime. Das können Sie thun, und mit desto größerer Sicherheit, weil ich Ihnen auf das Feld der Verläum- dung, der bösen Nachrede nie folgen werde; darauf gebe ich Ihnen mein Wort; leben Sie wohl. (Rechts ab.) Fünfte Scene. Frl. H 6 lou i n (allein, dann) Marguerite, Bevallon, Fr. Laroque. Frl. Helouin. Und wenn ich mit ihm in's Verderben stürzen müßte!... so werde ich ihn doch zu Grunde richten. Und zudem werde ich damit zugleich das Herz dieses übermüthigen Mädchens auf das Tiefste verwunden, und wenigstens einen Augenblick glücklich sein. (Die oben angezeigten Personen treten ein.) Fr. Laroque. Nun da ist die Wiedergefundene, Gott sei Dank. Frl. H 6 l ou i n (zu Marguerite laufend). Ah mein theures Kind, da sind Sie ja! O, welche Freude! Ich starb vor Angst! Und wo waren Sie denn? Was ist Ihnen denn geschehen? Fr. Laroque. Wir fanden Sie eine Stunde von hier — denken Sie, der Wächter der Ruinen hatte sie aus Unachtsamkeit in den Wartthurm eingeschlossen... und wenn nicht ein Bauer zufällig vorbeigegangen wäre, so hatte sie die ganze Nacht dort zubringen müssen. Frl. Hölouin. Ach Gott, welche Angst müssen Sie ausgestanden haben. Marguerite (düster und gewichtig). Ja, ich hatte große Furcht. Bevallon. Mein Fräulein, ich wiederhole es, ich werde eS ewig bedauern, daß ich mich nicht mit Ihnen dort befunden habe. (Mit etwas leiserer Stimme.) In solchen Augenblicken erkennt man erst das Herz eines Mannes. Marguerite. Was würden Sie gethan haben? 44 Bevallon (mit Begeisterung). Was ich gethan hätte? Nun — Ich... (viel ruhiger) ich weiß es nicht. Marguerite. So denken Sie darüber nach! Fr. Laroque (die unterdessen Hut und Shawl abgelegt hat). Und nun gehen wir zum Nachtmahle.... nicht wahr? Frau Aubry ist bereits bei Tische und erwartet uns. Marguerite. Ich werde nichts essen, liebe Mutter. Der Schrecken hat mir allen Hunger geraubt. Fr. Laroque. Armes Kind! Nun denn, kommen Sie, Bevallon. (Sie nimmt seinen Arm.) Und Sie, Fräulein? Marguerite (eise zu Frl. HNouin). Ich habe ein paar Worte mit Ihnen zu sprechen. Frl. Helouin.Zch stehe zu Diensten. (Frau Laroque und Bävallon rechts ab.) Sechste Scene. Marguerite. Frl. Hülouin. Marguerite (düster). Sind Sie gewiß überzeugt, daß Sie sich nicht täuschen, wenn Sie Herrn Odiot als den Marquis von Champcey bezeichnen? Frl. Helouin. Ganz gewiß nicht, mein Fräulein — aber warum fragen Sie? Marguerite. Weil Sie sich so auffallend über seinen Charakter täuschen, daß Sie wohl auch irgend ein anderes Versehen begehen könnten. Frl. Hslouin. Ich verstehe Sie nicht. Marguerite. Wenn er wirklich adelig dem Namen nach ist, so ist er es auch von Herzen; ich bürge Ihnen dafür. Frl. Helouin. Zst dieß eine Entdeckung, die Sie erst kürzlich gemacht haben? Marguerite. Za, mein Fräulein ... dieser junge Mann — es liegt mir wenig daran, wenn man es weiß, — befand sich in meiner Nähe, als ich in den Ruinen eingeschlossen, gefangen war... und um meine Ehre und die seinige zu retten... denn ich beschuldigte ihn! — hat er sein Leben gewagt... er hat sich in einen Abgrund gestürzt. Frl. Helouin. Das ist helden- müthig, in der That — eines zweiten Horatius Cocles würdig. Herr von Champcey versteht es wunderbar, von seinen Talenten Gebrauch zu machen — gestern war es die Schwimmkunst, welche er so vortheilhaft in die Scene setzte — heute Abend ist es die Gymnastik. Dieser junge Mann hat eine sehr brillante Erziehung genossen. Marguerite (verdachtsvoll). Ihr leidenschaftlicher Haß verdächtigt Sie nur in meinen Augen, so lange Sie mir nicht sichere Beweise seiner Falschheit geben können. Frl. Helouin. Nun, um mich von dem Verdachte zu reinigen, nehmen Sie diesen Beweis seiner Schuld. (Sie zieht ein Papier aus ihrem Busen.) Ich hoffe, Sie werden ihn gelten lassen — denn er ist von seiner Hand geschrieben. Marguerite. Lassen Sie hören! Frl. H 6 louin (liest). „Mein theurer Laubvpin! Ich befolge alle Ihre Vorschriften buchstäblich. Aber ich gestehe Ihnen offen, daß ich mich manchen Tag Lvmal unter meiner Last beuge; um die Gegenwart zu ertragen, bin ich gezwungen, mir die Zukunft vorzuspie« geln, welche mir mein jetziges Elend bezahlen soll.. Um dieses Heiratögut —" Marguerite (nach dem Brief langend). Mein Gott! Frl. Helouin. „Um dieses Heiratsgut, welches ich zu erlangen geschworen habe, zu erlangen, würde ich wie der biblische Schäfer 40 Jahre dienen, wenn es sein müßte." — Schade, daß er hier aufgehört hat. Dieser Brief wurde von Frau Aubry aufgefunden und mir überbracht. — Was sagen Sie nun? 45 Marguerite. Rufen Sie meine Mutter; ich will diesen Augenblick.... Doch nein, bleiben Sie; nicht ein Wort; ich nehme Alles auf mich. (Die Tbüre links öffnet sich, Herr von Bsval- lon, Maxime, Frau Laroque und Frau Aubry treten ein.) Siebente Scene. Vorige. Bevallon. Maxime. Fr. Laroque. Fr. Aubry. Fr. Laroque (zu Maxime). Nun, spüren Sie nichts mehr von Ihrem Falle? Maxime. Nein, gnädige Frau! Fr. Laroque (zu Marguerite). Und Du, mein Kind, hast Du Dich schon ein wenig erholt? Marguerite (mit einer fieberhaften Fröhlichkeit). O vollkommen, liebe Mut< ter... und zwar so, daß ich im Stande bin, auf den Ball zu gehen und die ganze Nacht zu tanzen. Sie kommen doch mit uns, Herr von Bevallon? Bevallon. Ich bin ganz untröstlich, mein Fräulein, aber mein Anzug, wie Sie sehen.... Marguerite. O Sie müssen mit... Ohne Sie ist kein Fest vollkommen, das wissen Sie ja. Ach, begleiten Sie mich doch, Herr von Bevallon, ich bitte Sie! Bevallon. Mein Fraulein, ich bin Ihnen ewig dankbar für Ihre schmeichelhafte Einladung; aber wirklich... Marguerite. Wenn ich Sie aber inständigst bitte... Sie können mir dieß nicht abschlagen. — Kehren Sie schnell nach Hause — kleiden Sie sich um und holen Sie uns dann ab. — Ich verspreche Ihnen sogar bis Mitternacht zu warten, wenn eS sein muß. Bevallon. Sie überhäufen mich mit Güte, Fräulein, ich muß Ihnen schon die Wahrheit gestehen, alle meine Wagenpferde sind krank, und im Ballkostüm zu reiten, ist mir unmöglich. Marguerite (lebhaft). Nun dann nehmen Sie unser Cabriolet; ich will es. (Sich gegen Maxime umdrehend und ihm einen zerschmetternden Blick zuschleudernd.) Herr Odiot, gehen Sie und sagen Sie, daß man anspanne. Gehen Sie. (Dieser Befebl und der Ton MargueritenS erwecken in der Gesellschaft eine Ueberraschung, welche fich durch ein Schweigen der Verlegenheit kundgibt.) Fr. Laroque. Aber Marguerite! (Maxime einen Augenblick sprachlos, steht voll Würde auf, nähert fich dem Tisch und läutet. Alain tritt auf.) Maxime (zu Alain). Ich glaube, das Fräulein hat Ihnen einen Befehl zu geben. Bevallon (Maxime betrachtend). Auf Ehre, das ist doch etwas sehr sonderbar — — Marguerite (halblaut, wie um ihn zurückzuhalten). Herr von Bevallon. Bövallon (herausfordernd). Ich folge Ihrem Wunsche, mein Fräulein: aber erlauben Sie mir wenigstens mein Bedauern auszudrücken, daß ich nicht daS Recht habe, hier einzuschreiten. Maxime (fich ihm einen Schritt nähernd). Mein Herr, Ihr Bedauern ist sehr überflüssig; denn wenn ich auch nicht glaube, den Befehlen des Fräuleins gehorchen zu müssen — so stehe ich Ihnen doch jeder Zeit zu Befehl und warte nur darauf. Bevallon. Donnerwetter, mein Herr! Fr. Laroque (sich inzwischen stürzend). Bitte, meine Herren, bitte! Marguerite. Herr von Bevallon , ich muß Sie einen Augenblick sprechen, folgen Sie mir in den Salon. Kommen Sie, Mutter! Bevallon (sich verbeugend). Mein Fräulein! (Beim Fortgehen macht er Maxime ein Zeichen mit der Hand.) Ich stehe zu Diensten, mein Herr. (Fr. Laroque, Marguerite, Bevallon gehen links ab, Fräulein He- louin rechts, nachdem fie einen Blick auf Maxime geschleudert.) 46 Achte Scene. Maxime. Alain (welcher im Hintergründe Zeuge der vorhergehenden Scene gewesen war). Maxime (für sich). JeneUnglückselige hat Wort gehalten. Aber was hat sie ihr sagen können? Ah, was liegt daran? Es handelt sich jetzt nicht darum. Alain bist Du da, mein guter Alain, höre! ' A la i n (sich nähernd). Ach, lieber Herr, welch' ein Unglück! Maxime. Ohne Zweifel ist es ein Unglück, aber was soll ich thun? Sag' mir mein Freund, der Einnehmer des Fleckens ist ein alter Offizier, glaube ich-er hat gedient? Alain. Ja; er wurde sogar in der Krim verwundet- Maxime (sich vor den Tisch stellend und schreibend). Nun gut! Nicht wahr, Du bist so gut und bringst ihm augenblicklich diesen Brief? Alain. Ja Herr! Aber welches Unglück, lieber Herr. Und es ist allbekannt, daß Herr von Bsvallon eben so gut mit Pistolen wie mit dem Degen umzugehen weiß, daß er im ganzen Lande nicht seines Gleichen hat — dieser große Verräther! Maxime. Sei ruhig, sei nur ganz ruhig, er wird mir nichts anhaben. Alain. Ach, wenn Sie mir nur erlauben wollten, den Damen zu sagen, was ich heute Abend im Park gesehen habe. Maxime. Unglückseliger! Willst Du, daß man mich für einen elenden Verräther, für einen Feigling halte? Alain. Sie haben Recht; nein, jetzt ist nicht der rechte Augenblick dazu! Maxime. Also beeile Dich! Alain (im Abgehen). Ach, welches Unglück, o mein Gott. (Durch den Hintergrund ab.) Neunte Scene. Maxime (einen Augenblick allein, dann) Bsv allon. Maxime (überlegend).. Meine arme Schwester! — Es ist hart, sehr hart, aber die Ehre geht über Alles! Ein Wort noch an Laubspin, für alle Falle! (Bevallon erscheint links, Maxime steht auf.) B 6 V allon (mit Gewicht und Ernst). Mein Herr, ich muß gegen Sie ein etwas unregelmäßiges Verfahren ein- schlagen, daS mich Ueberwindung genug kostet; aber ich gehorche Befehlen, welche mir heilig sein müssen; übrigens habe ich als Soldat Beweise genug gegeben, welche meinen Muth außer Zweifel stellen. — Kurz ich bin von den Damen beauftragt, Ihnen ihr Bedauern zu bezeugen ; Fräulein Mar- guerite hat Ihnen in einem Augenblicke der Zerstreuung vorhin einen Auftrag gegeben, welcher offenbar nicht in Zhr Fach gehörte. Ihre Empfindlichkeit ist daher gerechter Weise erregt worden. Wir erkennen dieß an. Maxime. Mein Herr, dieß ist mir genug. Bsvallon. Ihre Hand. Maxime (ihm die Hand gebend). Hier, mein Herr! B sVall 0 N (mit weniger Steifheit). Und nun, Herr Maxime, hoffen die Damen, daß das Mißverständnis eines Augenblickes sie nicht der guten Dienste berauben werde, deren Werth sie vollkommen anerkennen. Ich selbst bin unendlich glücklich, seit wenigen Augenblicken das Recht zu haben, meine Bitten mit denen der Damen zu vereinen. Die Wünsche, welche ich seit langer Zeit hegte, werden nun erfüllt. Maxime. Ah! Bsvallon. Und ich würde Ihnen persönlich verbunden sein, uns nicht Ihre Mitwirkung abzuschlagen am Vorabende eines Ereignisses, welches 47 Familienverhältnisse und die Gesundheitsumstände des Herrn Laroque uns zu beschleunigen zwingen. Maxime. Ah! B 6 Vall 0 N. (Alain tritt durch den Hintergrund ein, trägt ein dickes Portefeuille.) Ah, Ich danke! (Er nimmt das Portefeuille aus Alain'S Händen und legt es auf den Tisch. Alain geht ab.) Hier sind die geheimen Papiere und Schriften des Herrn Laroque. Die Damen geben Ihnen hiermit das Zeugniß ihres vollkommensten Vertrauens, indem sie Sie bitten, Alles wohl zu benützen, waS zu benützen ist, um daraus die Auskünfte zu schöpfen, welche wir nöthig haben, um die Form des Heiratskontraktes aufzusetzen und später die gesetzmäßigen Anordnungen treffen zu können. Maxime. Ganz gut, mein Herr; rechnen Sie auf mich! B ^ Vall 0 N (mit gutmüthiger Aufgeregtheit). Ich rechne darauf, Herr Maxime ...und erlauben Sie mir zu hoffen, daß jedes Eis zwischen uns geschmolzen ist... Nicht wahr? Mein Gott, wir haben uns bis jetzt zu wenig gekannt; ich hatte, icb gestehe eS offen, gegen Sie einige Vorurtheile, welche nicht mehr existiren. Sie Ihrerseits konnten mich vielleicht für etwas frech halten... aber jetzt kennen Sie mich besser und Sie werden es jetzt klar und deutlich sehen... ich bin kein tückischer Satan — ich bin ein ganz guter Kerl. Ah! Gewiß habe ich Fehler — und vor allem hatte ich Einen! Ich habe stets hübsche Frauen geliebt! Aber daS beweist gerade, daß man ein gutes Herz hat, nicht wahr? Jetzt bin ich am Ziele — und unter uns gesagt, ich bin froh... ich stand immer auf glühenden Kohlen — jetzt aber will ich an nichts mehr denken, als an meine Frau und an meine Kinder — und Sie können vollkommen überzeugt sein, mein Herr, meine Frau wird sehr glücklich sein — das heißt, wie man eS mit einem Köpfchen wie das ihrige sein kann. — Denn ich werde die Zuvorkommenheit selbst gegen sie sein, ich werde ihre kühnsten Fantasien befriedigen! Aber wenn sie verlangt, daß ich den Mond und die Sterne vom Himmel reißen soll — so — so werde ich es nicht thun, weil mir das unmöglich ist. Nochmal Ihre Hand ! (Maxime gibt ihm die Hand.) Und ich eile jetzt den Damen mitzutheilen, daß Sie uns für immer gewonnen bleiben. (Bei der Thüre setzt er für sich hinzu.) Wenigstens bis nach dem Ehekontrakt. (Links ab.) Zehnte Scene. Maxime (allein). Das ist der Mann, den sie ihrer würdig hält. O ich begreife cs! Er wenigstens bringt ihr ein Vermögen zu. welches mit dem ihrigen das Gleichgewicht hält. ... Er ist weniger verdächtig in dieser Sache als sie!... Unglückliches Kind! Sie weiß nicht, daß in dieser Welt die größten Bettler nicht immer die Aermsten sind. — Und dann, sie ist ja ein Weib! Sie glaubt sich beleidigt und die erste Rache, die sich ihr darbietet, ergreift sie. Sie will sehen, mit welcher Stirn ich die Qualen trage, die sie auf mich häuft. Nun denn, diese Stirne soll unverändert bleiben bis zur Stufe des Altars. Ihr Stolz soll vor dem meinigen erbleichen. (Schmerzhaft.) Daß das Herz blutet, kann sie ja nicht sehen. — Aber vorwärts, an die Arbeit. (Er setzt sich.) Beschäftigen wir uns mit dem Kontrakt! Sehen wir diese Papiere durch. (Er öffnet das Portefeuille und durchläuft verschiedene Papiere. die eS enthält.) Ni ch tö neues für mich in allem dem... Urkunden über Grundstücke... nichts Geheimes ... mehrere Anempfehlungen... an meine Kinder!! (Plötzlich befremdet.) Mein Name! Was soll das heißen? Der Name meines Vaters! (Er ergreift heftig eines der Papiere und liest mit Hast.) 48 Der MarquisIacques von Champcey... mein Urgroßvater — ja auf den Antillen zu Sainte-Lucie hatten wir zu jener Epoche ungeheuere Besitzungen... und ich erinnere mich eines Verwalters Namens Laroque, aber er kam mit seinem Sohn in jener unglückseligen Nacht um's Leben, wo mein Urgroßvater seine letzte Schlacht lieferte — laß sehen: (Er liest.) „Beim Herannahen der Ereignisse wurde die Pflanzung durch die Vermittlung meines Vaters verkauft." — Sein Vater — der Greis wäre — (er liest.) „Wir hatten den Befehl, während der Nacht zu der Flotille zu stoßen, welche die Fregatte Thetis, die der Kommandant Herr v. Champcey befehligte, nach dem Mutterlande eskortiren sollte. — Während der Ueberfahrt nach der Flotille trafen wir auf einen englischen Kreuzer. — Wir wurden geentert — mein Vater wurde während des Angriffes getödtet, mir stellte man die Wahl, entweder augenblicklich füsilirt zu werden, oder das Geheimniß der geheimen Durchfahrt zu dem fast unbekannten und schwer zu passirenden Kanal von Gros-Jlet zu entdecken, wohin sich die französische Flotte geflüchtet hatte. Als Preis des Verrathes versprach man mir das Kapital der verkauften Güter, die beträchtlichen Summen, die ich bei mir trug!" Gerechter Gott! — „Ich war jung — fast noch ein Kind — hatte Lust am Leben — ich unterlag. Eine Stunde später war die Thetis in den Grund gebohrt und der Marquis von Champcey am Borde seines Schiffes getödtet." Elender! Ah! Und jetzt folgen Gewissensbisse! — „Gott weiß es, daß ich seitdem in dem Blute meiner Feinde und mit dem meinigen den unauslöschlichen Flecken einer schwachen Stunde von der Flagge meines Vaterlandes abgewaschen habe_" Und um nicht vor seinen Kindern zu erröthen, hat er die Frucht seines Verbrechens behalten. O göttliche Vorsicht! Aber dann habe ich ja hier als Herr zu sprechen. (Er steht auf; mit Entrüstung.) Und ich werde sprechen, ja ich werde sprechen. Ich habe genug gelitten! Ich habe genug Schimpf und Schande hier ertragen — und ich bin ja kein Heiliger! Es ist noch Blut in dem Herzen, wenn man es zerquetscht. — Man soll mich kennen lernen — dieses barbarische Kind soll wissen, waS Erniedrigung heißt. Sein stolzer Kopf soll die Schwere der Schande kennen lernen. Es ist zwar nur ein Weib — aber es hat jetzt einen Bertheidiger — er soll zeigen, daß er es vertheidigen kann (Die Thüre links öffnet sich, man hört die Stimme Marguerite's :) Ich gehe, liebe Mutter. Maxime. Ah! Gott! (Marguerite tritt ein, durchschreitet langsam den Salon und betrachtet Maxime. Die Entschlossenheit Maxime's schwindet während dieses Blickes. Marguerite geht durch den Hintergrund rechts ab.) Eilfte Scene. Maxime (allein.) Niemals, nein niemals, wenn es von mir allein abhängt, soll die Scham- röthe ihre edle Stirn erglühen machen. Dieses Geheimniß, dieses schreckliche Geheimniß — es gehört mir allein an... Der Alte, schon stumm wie im Grabe, kann es selbst nicht mehr offenbaren. Nun denn, dieses Geheimniß sei vernichtet! (Er wirft das Papier in die Flammen des Brasero.) O meine Mutter, wenn meine Schuld an Dir noch nicht gesühnt ist, nimm dieses Opfer! Ich widme eS Dir! Nun denn, eS ist geschehen, jetzt fort von diesem Ort! (Während er das Portefeuille nimmt, um sich zum Gehen bereit zu machen, öffnet Frau Aubry die Thüre des Hintergrundes, steht das Papier, welches in dem Brasero brennt und bleibt erstaunt stehen. Der Vorhang fällt.) (Ende deS dritten Aktes.) Vierter Akt. Sechstes Tableau. Ein sehr großer Saal, von den man gleich in den Park gelangt. Durch die Fenster und Bogen des Hintergrundes steht man einen Theil der Gärten. Man hört von Weitem die Klänge eines Orchesters, welches einen bretonischen Nationaltanz spielt. — Man hört die Mufik bis zu dem Auftreten Desmarets (3. Scene). Rechts und links Thüren. — Der Saal ist wie zu einem Feste beleuchtet. Links ein Tisch zur Unterzeichnung des Ehevertrages, mit allem dazu Nöthigen hergerichtet. — Eine Lampe steht auf dem Tisch. Rechts Canap6e, Fauteuils für eine feierliche Versammlung geordnet. Erste Scene. B 6 val l 0 N (in festlichem Anzug), Alain. B6vallon (auftretend). Alles ist bereit, nicht mehr? — Hier der Tisch — gut! Hier die Fauteuils für die Damen — sehr gut! Ist der Notar schon angekommen? Alain. Ja, mein Herr! Er geht im Park mit Herrn Maxime spazieren. — Bävallon. Schön! Bravo! Alain, geben Sie den Leuten unten so viel zu trinken als sie nur immer wollen — und vor Allem benebeln Sie das Orchester recht tüchtig... Noch eineS: das Programm kennen Sie doch? — Um 9 Uhr präcis wird der Ehevertrag hier unterzeichnet — und das Feuerwerk aus dem Rasenplatz abgebrannt. Alain. Aber Herr von B6vallon, ich habe da nur ein Bedenken: wenn Herr Laroque fragt was vorgeht? Bevallon. Wie? hört er denn? Alain. Er hört ganz gut — und wenn das Feuerwerk zu viel Geprassel und Getöse macht — Bövallon. Ah! Teufel! Teufel! — Lassen Sie also die Schlagschwärmer und Kanonenschläge weg! die werden nicht abgebrannt. Alain, wenn die Damen hier sein werden, so führen Sie die ländliche Deputation herein — aber nur die Mädchen, hören Sie! Wir haben hier keine wilden Figuren nöthig ... Nur die Mädchen und noch dazu nur die jüngsten. Bei einem Feste muß Alles anmuthig und hübsch sein... Alain! Alain. Befehlen! Bövallon. Also keine Kanonenschläge und Schlagschwärmer — wohl verstanden. Alain. Ja, mein Herr. (Wie Alain abgeht, tritt Fräulein Helouin auf.) Vövallon. Ah! Teufel! Teufel! (Trällert vor sich hin und sucht fich davon zu schleichen.) Zweite Scene. Bövallon, Frl. Helouin. Frl. Helouin. Ah! Endlich finde ich Sie allein? Bsvallon. Ah! Sie sind es mein Fräulein? Nicht wahr, das gibt eine Soiröe — die — sehr — eine Gesell- 4 so schaft, die äußerst — nicht wahr? — welche- Frl. H 6 l o u i n. Welche Ihre Wünsche und Zhre Treulosigkeit krönt; — nicht wahr? B^vallon. Oh! Bitte — bitte mein Fräulein, erhalten Sie mir meine Ruhe — ich bedarf ihrer sehr. Wenn Sie in meinem Herzen lesen könnten! Frl. Helouin. Wie! Dieser Spott und Scherz dauert fort! Sie wollen mich sogar noch in dieser Stunde glauben machen — B6vallon. Aber, mein Fräulein, Sie sind ganz erstaunlich ungerecht! Was ist denn geschehen? Sie wissen es so gut wie ich — lange Zeit bevor ich Gefühle empfand — die niemals vergessen werden —hatte ich mich schon anderer Seits — sehr tollkühn — verpflichtet — gebunden... Man hat mich plötzlich aufgefordert, meinen Verpflichtungen nachzukommen... Frl. Helouin. Ja, ja, Sie opfern sich, ich begreife. Dritte Scene. Vorige. Maxime (aus dem Hintergründe). Maxime. Herr von Bövallon, der Notar wünscht eine kurze Unterredung mit Ihnen zu haben. B 6 V allon (sehr eifrig). Schön ; dank Ihnen; ich gehe schon, ich gehe schon! (Zu Frl. Hsloukn.) Sie sind sehr grausam; währhaftig! (Ab.) Vierte Scene. Frl. Helouin. Maxime. Frl. H 6 louin (zu Maxime, der wieder gehen will). Herr Maxime! — Wie sehr müssen Sie mir in diesem Augenblicke fluchen! (Maxime antwortet nicht). Und Sie haben kein Wort gesagt, um mich anzuklagen; Sie konnten es doch so gut! Ach! Ein gütiges Wort von Ihnen würde mir wohl thun! Maxime (mit Anstrengung). Ich beklage Sie und ich verzeihe Ihnen. Frl. Hölouin. Dank! Dank! (Frau Laroque, Marguerite und Frau Aubry, alle in Festkleidern, treten aus dem Hintergründe auf; Maxime begrüßt fie und hält sich entfernt von ihnen. Alain im Hintergründe.) Künste Scene. Maxime, Alain, Fr. Laroque, Marguerite, Frl. Hälouin, Fr. Au bry. Fr. Laroque (im Eintreten zu Alain). Ich sehe Herrn DesmaretS nicht. . .. Ist er noch nicht angekommen? Alain. Ich bitte um Entschuldigung, Ew. Gnaden: aber er ist zuerst zu Herrn Laroque gegangen. Fr. Laroque. Ah! Sehr gut! (Frau Laroque, Marguerite und Frau Aubry wenden sich nach den Sesseln rechts.) Frl. Helouin (zu Marguerite, welche bei ihr vorbeigeht). Bitte, mein Fräulein, an Ihrem Kopfputz ist eine Blume locker und droht herabzufallen. — (Marguerite steht stille; Frl. Helouin, indem fie sich beschäftigt, den Kopfputz zu ordnen, sagt mit leiser Stimme und mit großer Rührung.) Mein Fräulein, wir wurden getäuscht: Herr Odiot hat eine Schwester, ich habe es soeben erfahren und gewiß bezog sich die Anspielung in jenem Briefe auf das Heiratsgut für seine Schwester. Marguerite (heftig erschüttert und ihr einen fürchterlichen Blick zuwerfend). Ah! Ihr mußtet mich lieber gleich morden — das wäre großmüthiger gewesen. Frl. Helouin. Aber ich wurde selbst betrogen — Marguerite (mit gewaltsamer Zurückhaltung). Sie liebten ihn! — Oh! Läug- nen Sie es nicht! — Dies ist Ihre einzige Entschuldigung. Frl. Hölouin. Vielleicht ist es noch Zeit... Marguerite (stolz). Noch Zeit! Und sein Wort! Und das meinige! — Oh! Wir sind Leute von Ehre! (Sie verläßt fie und nimmt ernst ihren Platz neben ihrer Mutter.) 51 Sechste Scene. Die Vorigen. B6vallon. Der Notar. Alain (im Hintergründe). Bovallon (zum Notar). Ausgezeichnet, mein theurer Freund — oh! Sie sind ein vollkommener Notar! Treten Sie ein, treten Sie ein! Meine Damen, ich komme, um Ihre Befehle zu holen. Draußen sieht eine ländliche Deputation, welche wünscht vorgelaffen zu werden, um Ihnen ihre Ehrfurchtsbezeugungen und Wünsche darzubringen. Fr. Laroque. Lassen Sie sie ein- treten, mein Freund. Bövallon. Alain, führen Sie sie herein — aber nur die Mädchen, und nur die jüngsten... Bei einem Feste muß Alles anmuthig und lieblich sein. Siebente Scene. Die Vorigen (dann einige junge Mädchen im bretagnischen Nationalkostüm; an ihrer Spitze) Christine Oyadec; (sie tragen Blumen in den Händen). Champlain, (ein alter Bauer von einfältigem Aussehen, ist mitten unter ihnen). B 6 Vall 0 n (bemerkt Champlain). Na — Na — nur die Mädchen! Wer ist der einfältige Schöps da? Was wollt Ihr hier? he? Champlain. Gnädiger Herr, ich bin bei diesen Mädchen. B6vallon. Das sehe ich wohl — daß Ihr bei diesen Mädchen seid — und gerade darüber beklage ich mich. — Ihr seid kein Mädchen, nicht wahr? Champlain. Ah! Nein, gnädiger Herr! Bävallon. Ah! Nein! Nun also, so geht.... Er ist abscheulich — dieser Bauer! Champlain. Ich bin der Schulmeister, gnädiger Herr — ich habe die Rede gemacht — und ich kam für den Fall mit, wenn ihnen daS Gedächtniß untreu werden sollte — B6vallon. MH! Ihr seid der Souffleur! Das ist etwas Anderes! Kommt nur herein, braver Mann! (Zu den Damen.) Er ist der Souffleur! — Und wer ist derMdner dieser liebenswürdigen Schaar? Champlain (zeigt auf Christine). Diese da, gnädiger Herr! B6vallon. Ah! die Kleine mit dem Hunde... ja, ich erkenne sie! — Komm also, mein Kind; ich werde Dich selbst diesen Damen vorstellen. (Führt sie an der Hand nach rechts; bei sich.) Sie ist außerordentlich hübsch diese Kleine — sie ist seither noch schöner geworden! (Galant zu Christine.) Wie heißt Du, mein liebes Kind, ich erinnere mich nicht mehr- Christine. Christine Oyadec, gnädiger Herr. Bävallon. Ah! Richtig. — Und Du wohnst ohne Zweifel hier in der Nähe? Christine. Ja, dicht bei der Mühle. Bävallon. Ah! Schön — sehr schön! (Christine steht vor Marguerite still; Champlain stellt sich hinter Christine auf; die Gruppe der jungen Mädchen etwas weiter zurück.) Champlain (zu Christine). Na, so fange an — vorwärts! Christine. Muß ich anfangen? Champlain Naja — nurvorwärts (ihr soufflirend). „Mein Fräulein..." Christine (recitirt ängstlich). „Mein Fräulein, die Alten hatten bei solch' schönen Hochzeitsfesten die sinnreiche Gewohnheit, eine Fackel anzuzünden. Diese" (sie stockt.) Champlain (ihr souflirend). „Symbolische Fackel!" Christine. „Symbolische Fackel — symbolische Fackel... mein Fräulein." CH amp lai n. „Zweimalsymbolisch!" Christine (zu Champlain). Aber ich habe es ja schon zweimal gesagt.. . Champlain. Kleiner Dummkopf! Christine. Was?! — Ah! Ich weiß 4 * LS nichts mehr — ich besinne mich auf nichts mehr! Mein Fräulein — entschuldigen Sie — aber ich versichere Sie — daß wir Sie alle sehr lieben — und daß wir von ganzem Herzen zum lieben Gott beten... daß Sie mit Ihrem Gatten recht glücklich werden mögen. B e v a ll o n (lachend). Brava! Brava! Marguerite. Sehr gut, ich danke Dir, mein Kind! Christine (zeigt auf Maxime, neugierig). Das ist der Herr, den Sie heirathen, nicht wahr? Marguerite. Nein, mein Kind! Christine (zeigt aus Bevallon). So ist es also der Herr? Marguerite. Za. Christine. Oh! Das ist schlimm! B 6 vallon (Lachen affektirend). Brava! — Brava! — Herrlich! Prächtig! Bäurische Naivität! Fr. Laroque. Ihr werdet morgen alle zu mir kommen, Mädchen! Die jungen Mädchen und Champlain (zusammen). Ja, ja, gnädige Frau! Bevallon. So ist's recht, abgemacht! — Geht, Kinder, geht! (Die jungen Mädchen ziehen sich in den Hintergrund zurück.) Und jetzt, mein lieber Notar, wenn Sie Ihr Amt verrichten wollen — hier — sehr gut! (Wie sich der Notar setzt, vernimmt man von außen eine gewisse Unruhe; Bevallon kehrt sich um.) Nun, was ist denn das, was geschieht denn? (DesmaretS tritt im Hintergründe auf; Bevallon geht ihm entgegen; Frau Laroque steht auf.) Achte Scene. Die Vorigen. DesmaretS. (Bevallon wechselt leise einige Worte mit DesmaretS.) Fr. Laroque. Nun — was gibt'ö denn? Bitte, meine Herren! Bövallon. Mein Gott, gnädige Frau, ich bin in Verzweiflung... Ihr Herr Vater ist kränker geworden... Fr. Laroque. Kränker? DesmaretS. Ja, gnädige Frau. — Er wurde plötzlich von einem starken, nervösen Anfall ergriffen, und derlei rasche, plötzliche Veränderungen indem Zustande eines Kranken sind stets sehr wichtige Symptome. Fr. Laroque. Ach! Mein Gott! — Ich eile zu ihm! — Marguerite, mein Kind — gehen wir — schnell — ach! (Dke jungen Mädchen, welche im Hintergründe versammelt standen, stieben voll Schrecken auseinander; Herr Laroque erscheint; der Auftritt Laroque'S muß streng und unheilverkündend sein; er steht still und stützt sich an die Thür- pfetler. Alain folgt ihm. Frau Laroque, ihre Tochter und DesmaretS nähern sich dem Greis.) Neunte Scene. Die Vorigen. Laroque. Alain. DesmaretS (halblaut zu Alain). Wie, Alain — Sie ließen ihn — Alain. Der Herr wollte fort — ich konnte es nicht verhindern — Marguerite (geht dem Greis entgegen). Mein Vater — erkennen Sie mich? (Laroque macht eine feierliche und zärtliche Bewegung mit dem Kopfe.) Wollen Sie meinen Arm annehmen? (Der Greis weigert sich.) Sie sind ermüdet? Wünschen Sie zu ruhen? (Laroque willigt durch ein Zeichen mit dem Kopfe ein.) Desmarets. Schnell, einen Fauteuil hierher —schließt diese Fenster... Sie müssen sich hier wohler fühlen... Man kann hier wenigstens Luft schöpfen, nicht wahr? (Nach einer schwachen Bewegung mit dem Kopfe setzt sich Laroque in den Fauteuil. DeSmaretö fährt fort, sich an die Frauen wendend.) So lange er sich hier wohl befindet, muß man ihn hier lassen... Was Sie aber betrifft, meine Damen, so würden Sie gut thun, sich zurück- zuziehen. Er ist jetzt viel ruhiger — es ist durchaus keine unmittelbare Gefahr 53 zu befürchten... Erhalten Sie sich Ihre Kräfte! Ich fürchte, Sie werden sie sehr bald nöthig haben. Fr. Laroque. Oh! Wir können ihn jetzt nicht verlassen ... mein Freund. Marguerite und ich wollen nur diese Kleider ablegen, welche hier einen zu grausamen Kontrast bilden, und wir kommen dann sogleich wieder. Desmarets. Gut, gnädige Frau, thun Sie das — Herr Maxime und ich werden ihn während der Zeit bewachen. Maxime. Sehr gerne! Bövallon. Mein Gott, ich biete mich gleichfalls dazu an. Desmarets. Später, mein Herr, später — es dürfen nicht zu viel Leute auf einmal um ihn sein.—Bitte, keinen Lärmen — er schläft, wie Sie sehen! (B6vallon im Hintergründe, alle andern links ab.) Zehnte Scene. Hr. Laroque, (eingeschlafen im Fauteuil halb ausgestreckt liegend; rechts) Maxime, Desmarets. (Halb Nacht. Man hat die Lichter ausgelöscht oder fortgetragen; nur die Lampe bleibt da, welche auf dem Tische links steht.) Maxime. Nun? Desmarets. Ich glaube — es geht zu Ende... aber nicht unmittelbar — der Lodeskampf — kann sehr lange währen. Maxime. Und ist nichts zu thun? Desmarets. Nichts! Man kann nur einen beruhigenden Trank versuchen... Ich werde Sie einige Minuten allein lassen, um ihn zu bereiten. Maxime. Gehen Sie, lieber Freund... Desmarets. Sagen Sie den Damen, daß ich in der Nähe bin. Maxime. Schon recht! (Desmarets rechts ab.) Eilfte Scene. Maxime. Laroque. Maxime (betrachtet den schlafenden Greis). Der Unglückliche! — Indessen er hat bereut — er hat gelitten — er hat gebüßt! — Und mich hat die Vorsehung bestimmt, seinen letzten Schlummer zu bewachen! Seltsames Schicksal! Ach! Ich beneide ihn um diesen Schlummer! — Dieser Tag hat meine Kräfte gebrochen! (Setzt sich an den Tisch.) Wie müde ich bin! (Stützt den Kopf in die Hand; das Licht der Lampe erhellt sein Gesicht. Der Greis erwacht; seine verwirrten Blicke fallen auf das Gesicht Maxime's; er scheint von Er» staunen und Schrecken ergriffen und steht mit großer Anstrengung auf. Maxime, erschreckt, steht zu gleicher Zeit auf. Die Thüre des Hintergrundes öffnet sich: Marguerite tritt auf und betrachtet ihren Vater mit erstaunten und erschreckten Blicken.) Zwölfte Scene. Maxime. Laroque. Marguerite (im Hintergründe links). Laroque (mit flehender Stimme). Herr Marquis, verzeihen Sie mir! Marguerite (bei Sette). Himmel! (Maxime, vom Schrecken erstarrt, bleibt unbeweglich und stumm.) Laroque (geht zwei Schritte gegen Maxime vor, mit der Feierlichkeit eine- Gespenstes.) Herr Marquis, verzeihen Sie mir! Marguerite (voll Schrecken). Mein Gott! Was sagt er? Maxime (plötzlich begreifend, geht zu dem Greis und bleibt vor ihm stehen, er hebt eine Hand über dessen Haupt). Gottes Segen sei mit Ihnen, Herr Laroque, ich verzeihe Ihnen ! (Das Gesicht des Greises drückt plötzlich eine begeisterte Freude aus. Er wankt. — Maxime unterstützt ihn) Marguerite (eilt zu Maxime). Was bedeutet dies, mein Herr? Sprechen Sie! Reden Sie! Sie kennen irgend ein schreckliches Geheimniß. Maxime. Ich! Keines! — ich gehe auf seine fieberischen Ideen ein — das ist Alles. 54 Marguerite. Vater — theurer Vater — reden Sie — reden Sie doch — ich flehe Sie an... Sie haben irgend einen Gedanken — eine Erinnerung, die Sie quält und ängstigt — nicht wahr? nicht wahr? — Sprechen Sie, Vater — im Namen des Himmels—im Namen des allbarmherzigen Gottes! (Der Greis öffnet seine Lippe», um zu sprechen. Marguerite horcht mit Todesangst. Plötzlich erhebt er die Arme, stößt einen tiefen Seufzer aus, und fällt ohne Bewegung in den Sessel zurück.) Marguerite (einen Schrei ausstoßend). Ach! Mutter! (Fällt auf die Knie.) Dreizehnte Scene. Vorige. Desmarets (schnell herbekeilend.) Desmarets (nachdem er an das Herz des Greises gefühlt). Beten Sie, Marguerite, Beten Sie! (Ende des vierten Aktes.) Muster Akt. Siebentes Tableau. (Dieselbe Dekoration wie im vorhergehenden Akte. — Ein Tisch in der Mitte des Saales. — Angezündete Lichter.) Erste Scene. Maxime, Bevallon (stehen amTische); Laub 6p in (fitzt in der Mitte). Fr. La- roque, Marguerite, Frl. H6- louin (fitzen rund um den Tisch). Laubepin. Halten Sie es nicht für angemessen, die Diener des Hauses hieher zu berufen, gnädige Frau? Fr. Laroque. Ist es notwendig, lieber Freund? Laub epin. Keineswegs. Fr. Laroque. Bleiben wir also unter uns< mir ist es lieber. Laub 6pin. Es sei! Frau Laroque und mein Fräulein, Sie waren so gütig, mich vor 8 Tagen, als Sie mir den schmerzlichen Verlust anzeigten, den Sie erlitten, einzuladen, mich zu Ihnen zu begeben und mich mit einem Auftrag von hohem Vertrauen zu beehren: nämlich das offizielle Jnven- tarium der Privatpapiere des verstorbenen Herrn Laroque, Ihres Schwiegervaters und Großvaters vorzunehmen. Ich werde Ihnen vorerst dem Hauptinhalte nach Rechnung über die Resultate meiner Untersuchung ablegen, nach welcher wir dann zu den Einzelnheiten übergehen. Vor Allem, meine Damen, muß ich Ihnen sagen, daß, obgleich alle Schriftstücke, welche sich auf die testamentarischen Verfügungen deS Herrn Laroque beziehen, mit Sorgfalt nume- rirt und überschrieben waren, ich doch biß jetzt das Schriftstück Nr. 1 noch nicht zu Händen bekommen konnte; das Schriftstück Nr. 1 fehlt. (Frau Aubry wirft einen Blick auf Maxime). Das Schriftstück Nr. 2 ordnet auf sehr ehrenwerthe Art das Erbgut der Frau Laroque. Fr. Laroque. Gut, gut, überschlagen Sie das, mein Freund; ich nehme an, daß meine Tochter mich nicht wird Hungers sterben lassen. Also bin ich vollkommen beruhigt. Bevallon. Was das betrifft, meine verehrte Dame, so bin ich da! (Halblaut zu Laubäpin). Wie hoch beläuft sich ihr Einkommen? Laub 6pin. Ein wenig Geduld, mein Herr, wenn's beliebt.... Das Schriftstück Nr. 3 sorgt für die Zukunft deS Fräuleins H6louin. (Frl. Helouin betrachtet Maxime, wie um ihm zu danken). Fr. Laroque. Ich bin wahrhaft höchst erfreut darüber, meine Theure. Frl. H6louin. Gnädige Frau! Laub 6pin. Das Schriftstück Nr. 4 bestimmt verschiedene Legate zu Gunsten der Diener des Hauses; so, das ist Alles! Fr. Aubry. Sind Sie auch überzeugt, daß dieß Alles ist? Laub 6 pin. Vollkommen überzeugt, werthe Dame. Ü6 Fr. Aubry. Also ist nichts für mich bestimmt? Fr. Laroque. Beruhigen Sie sich, liebe Cousine, wir werden dieselbe Hütte mit einander theilen. Fr. Aubry Hämisch). Ich danke Ihnen, Cousine, aber es bleibt doch nichtsdestoweniger außerordentlich... Uebrigens weiß ich wem ich es zu verdanke habe. (Betrachtet Maxime.) Dieser Herr hier hat mich immer mit seiner ganz besonderen Freundschaft beehrt-und ich glaube zu verstehen — Mari me. Ich verstehe nicht, was Sie meinen. Fr. Aubry. Vielleicht würden Sie eS besser verstehen, wenn ich fragte, was aus dem Schriftstück Nr. 1 geworden ist. — Maxime (verwirrt). Madame . . . (Alle Blicke richten sich auf ihn.) Fr. Laroque. Was wollen Sie damit sagen, Cousine? Laub 6pin. Ja, Madame, was wollen Sie damit sagen? Bitte sich zu erklären. Fr. Aubry. Ich will damit sagen, daß ich eines TageS mit diesen meinen eigenen Augen gesehen habe, wie der Herr hier eine Schrift verbrannte, welche er aus diesem Portefeuille unterschlagen hatte, und daß der Umschlag dieser Schrift, den ich auf der Erde, dicht bei Ihrem Kohlenbecken fand und den ich sorgfältig aufgehoben habe, gerade die Nummer hat, welche jetzt hier fehlt. Zum Beweis werde ich Ihnen diesen Umschlag holen. (Sie steht auf; Alle stehen zu gleicher Zeit aus; Diener tragen den Tisch in den Hintergrund.) Laubepin. Bleiben Sie, Madame .. . Maxime, antworten Sie! Fr. Laroque. Herr Maxime? Bsvallon. Nun, mein Herr! Maxime (verlegen). Madame Aubry sprach wahr — nur täuscht sie sich über den Charakter diese- Schriftstückes ; es enthielt durchaus keine Verfügung zu ihren Gunsten; eö war eine geringfügige Schrift, welche ich glaubte verbrennen zu dürfen. (Laubepin bettachtet ihn mit Erstaunen.) B 6 valon (bet Seite). Auf Ehre! Das ist etwas stark. Fr. Laroque (zu Maxime). Wie? Sie haben einen solchen Mißbrauch von unserem Vertrauen gemacht! Maxime. Gnädige Frau, ich wiederhole es, Sie täuschen sich über den Charakter- Lauböpin. Was war aber der Inhalt dieses Schriftstückes? Maxime (gezwungen). Ich weiß es nicht zu sagen. (Allgemeine Bewegung der Anwesenden.) Fr. Laroque. Herr Maxime, ich bedaure unendlich, aber Sie werden einsehen, daß wir von diesem Augenblicke an, nicht mehr unter einem Dache leben können. .Maxime. Ich sehe es ein, gnädige Frau. (Er verbeugt sich). Leben Sie wohl. (Er entfernt sich.) Marguerite. Herr Maxime, können Sie denn nichts — nichts zu Ihrer Verteidigung sagen? Maxime. Nichts. (Verbeugt sich und geht im Hintergründe ab.) Zweite Scene. Vorige (ohne Maxime). Laubspin (bei Seite). Ja — ja — ich verstehe! So ist es! Fr. Laroque. Nun. mein armer Laubspin. daS ist eine starke Enttäuschung. Laub spin. Ja, meine Gnädige, ja! Bsvallon. Ich erkläre, daß mich die Sache durchaus gar nicht überrascht ... Von Anfang an war mir der Herr- Fr. Aubry. Ja, ja, das ist Alles recht schön, aber Alles dies verschafft mir mein Legat nicht wieder... denn ich bin vollkommen uberzeugt, daß diese Schrift- Laubspin. Beruhigen Sie sich, Madame Aubry. — Wenn diese Schrift in der That Ihr Legat enthielt, so ist nichts verloren ... denn ich habe da eine Abschrift davon. Hier ist sie! Alle. Wie! Laubspin. Aus besonderer Vorsicht, welche heute ganz gerechtfertigt erscheint, vertraute mir Herr Laroque ebenfalls dieses Geheimniß, verbot mir aber streng, es zu offenbaren, so lange er lebe — ach! ich hoffte, es niemals offenbaren zu muffen ... Aber es muß sein. (Zu Marguerite und ihrer Mutter.) Lesen Sie. Marguerite (das Schriftstück schnell durchlaufend). Der Marquis von Champ- cey... Sainte-Lucie — Was? — Ist eS möglich... Oh! Gott! — Za, diese geheimnißvollen Worte — im Augenblicke seines Todes! — Jetzt verstehe ich sie — ach! Welche Schmach! Fr. Laroque. Liebe Marguerite! theures Kind! Laubspin (zu Marguerite). Wünschen Sie, daß ich ihn zurückrufe? Marguerite. Ihn! Nein! Er- röthen vor ihm! Nie! Nie! Mag er hier bleiben, denn an uns — an uns ist es jetzt von hier zu gehen. Kommen Sie, theure Mutter, kommen Sie... fort — fort von hier! (Zu Laubepin). Hören Sie! Nie! Niemals! Oh! Welche Schande! (Links ab. Frau Laroque und Fräulein Helouin unterstützen sie und gehen mit ihr ab.) Dritte Scene. Frau Aubry, Laubspin, Bs- vallon. Bsvallon. Aber, mein werther Herr — was bedeutet das Alles? Darf man nicht wissen — ? — Fr. Aubry. Ja, reden Sie, ich bitte! Laubspin. Ganz einfach: das Vermögen des Herrn Laroque gehört durch Familienereignisse, welche in diesem Schriftstück genau erzählt werden, dem Herrn Maxime, und Fräulein Marguerite scheint gewillt es ihm zurück zu erstatten. Bsvallon. Ah! Ah! Was erzählen Sie uns da? Laubspin. Ich darf Ihnen die Thatsachen nicht näher erklären; aber ich versichere Sie auf das Bestimmteste, daß es so ist wie ich sagte. Fr. Aubry. Aber alsdann gibt es ja nur ein Mittel — nur Eines, schnell in's Werk zu setzen, und ich eile es ihnen zu sagen . . . (Sich umdrehend, um links abzugehen.) Ueberdies lieben sie sich schon seit langer Zeit! — (Ab.) Vierte Scene. Bsvallon, Laubspin. Bsvallon (welcher nachdachte). Was sagte sie da? — Sollten sich die jungen Leute wahrhaftig lieben? — Aber alsdann, werde ich ihnen auch sagen, wie sie... baubspin (etwas spöttisch). Nein, nein — beruhigen Sie sich — Sie haben Margueritens Wort, und man kann von Ihnen nicht auch noch verlangen, daß Sie Ihre Gefühle aufopfern. Bsvallon (Edelmuth affectirend). Man kann von mir kein Opfer fordern! aber, mein Ehrenwort, ich weiß gar nicht, für was man mich hält... Zch weiß gar nicht was ich gethan habe, um so beurtheilt zu werden. Man beurtheilt mich ganz verkehrt, man hält mich für einen Elenden, ohne Seele, ohne Herz — aber im Gegentheil, ich bin der Mann der Opfer — der Hingebung — ich — Fünfte Scene Vorige. Alain. Alain (eilig aus dem Hintergründe kommend). Herr Laubspin, wenn Sie schnell 58 zu den Damen kommen könnten .. . Fräulein Marguerite befindet sich in einem Zustande, der Erbarmen erregend ist — und Madame Laroque bittet Sie herzlich- Laubepin. Ich gehe schon- Bevallon. Und ich begleite Sie — ich werde sagen, daß man so handeln kann, als ob ich gar nicht auf der Welt wäre. Was verlange ich denn! Daß man handle, als ob ich nicht auf der Welt wäre — das ist Alles! Man kennt mich wahrhaftig nicht! (Laubepin und Bevallon links ab). Sechste Scene. Alain, (dann) Maxime. Alain (die Kerzen auslöschend). Mein Gott! Was geht denn hier vor! Herr Maxime ging fort und Fräulein Marguerite will auch von hier fortgehen — in der Nacht — zu Fuß-— Maxime (durch den Hintergrund eintretend. schüchtern). Alain! Alain. Ach Gott! Wie glücklich bin ich, Sie noch einmal zu sehen, Herr Maxime. Maxime. Erweisen Sie mir einen letzten Dienst, mein Freund.... In meinem Zimmer liegen 2 oder 3 Packete — Haben Sie die Güte und bringen Sie dieselben an's Ende der Allee, wo ein Fuhrmann sie in wenigen Minuten abholen wird... Bitte, alter Freund — ich folge Ihnen sogleich — Alain. Herr Maxime! Maxime. Schlägst Du mir meine Bitte ab? Alain. Ach! großer Gott! Nein — gewiß nicht. Maxime. Nun, so gehen Sie ! — (Alain durch den Hintergrund ab, traurig vor sich hermurmelnd). Siebente Scene. Maxime (allein). Muth! Es muß sein! Ich muß fort von hier! Dies ist die letzte Prüfung, aber auch die härteste, die bitterste. Fort von hier! In diesem Augenblick ist eS mir, als ob ich nichts gelitten hätte. In dem Augenblicke, wo ich ihn für immer verlassen soll, ist dieser Ort fortwährender Qual und Pein ein Paradies für mich,! — Ah! Wie schwach ist man doch im entscheidenden Momente! So eben trieb ich mich wie ein Kind im Garten herum, um den Augenblick zu erspähen, wo ich mich in diesen Saal schleichen könnte — um noch eine Minute in ihrer Nähe zu weilen.,— Ja, hier ist es, wo ich sie den ganzen Tag bei ihrer Mutter sah... Diese Stickerei — ihre Hand hat sie berührt. (Nimmt die Stickerei und preßt sie an die Lippen.) Ach! Wie sehr liebte ich sie! Lebe wohl! Lebe wohl! (Marguerite tritt von links aus und steht still.) Achte Scene. Maxime. Marguerite. Maxime (ohne sie zu sehen). Zu viel der Schwäche! Fort — fort von hier. (Indem er sich umkehrt, bemerkt er Marguerite.) Ha! Marguerite (sich verbeugend). Herr- Marquis, verzeihen Sie mir! Maxime (mit großer Rührung und Aufregung). Ihnen verzeihen... (nähert sich ihr und fällt vor ihr auf die Knie) ich bete Dich an! Neunte Scene. Maxime, Margu erite, Bovallon, Laubäpin, Frau Laroque, Frau Aubry, Frl. Helouin, Alain. Fr. Laroque. Maxime, mein Sohn! Maxime. Gnädige Frau. (Zu Laube- pin.) Mein Freund — Bevallon. Herr von Champcey — ich fühlte stets für Sie eine Neigung, die ich mir nun erkläre. Maxime. Mein Herr! Alain. Er ist ein Cavalier— ein Edelmann — ich war davon überzeugt. LS Fr. Laroque. Marguerite, sage ihm... I Marguerite (»ührt ihn wenig in den Vordergrund der Scene). Tie wissen, daß ich von Zhnen nur die Hälfte Ihres Vermögens annehmen kann, und daß Ihre Schwester- Maxime. Marguerite! Marguerite (seelenvoll). Ach! Wie sehr liebe ich Ihre Schwester! Maxime. Verklärter Geist meiner frommen Mutter, sieh herab und segne den Bund unserer Herzen, die durch schwere Prüfungen geläutert, rein aus dem Kampfe hervorgingen, um fortan nach Deinem Beispiele auf dieser Erde zu leben, uns die Sünden ihrer Vorfahren vergessen zu machen. Fr. Laroque und Lauböpin. Gottes Segen über Euch! G « de i . ^ "ff Z4EW sjisP sd'i . .rvp-'r ^7-^ . . ?. LtttzH «Intt äL?S^ ^Kh n-,-k!N '. .1 : - ... .1 ch,« N-P--SnuHr !5'.1 -1.)) !'1 'L .'7? -uv Y1',1 kt)tz»v^l!)P. si'.'uchi.Hk'Z , k'?!'!«.' . ... ^ ' :ru. «m . n-tzn';tz7üÄ7^ iri.s .^ )r^L7t. ^6 ':n- nrisd^ tt-^r -ckiL' 7-/k>:-L juv WMtzL- ^kk« . 7)7 '^ - ...r., 8 -' ...^ j- - k nschl-m Uj .k! i-j.j r. !7 ckitt sUMr-S .7i? !^!§D M !chuV nM ttStzE . l. ', ' i ^' « >6uV iic. / - W )7iri7:.^ ! ^ .fZ^j -^.1^ V ^ 7 - 7 ' u 7 5, ' 7)!?)77ii>c§ behandelt sein will. Wenn er zornig word'n iö, bin ich ihm aus den Weg gangen, wenn er mit mir brummt hat, war ich stat; er hat sein Unrecht später immer wieder eing'sehen und die Sonn' is niemals hinter die Berg' hinunter gangen, ohne daß er mir nit d'Hand geben hat. So ist's blieben bis auf den heutigen Tag, und Du willst, daß anders werden soll z'wegen einer Dirn, die Du kaum 6 Wochen lang kennst, und von der Du'S nit amal weist, ob's Dich a mag? Josef. Sie wird mich mögen, wenn's erfahrt, daß ich's ehrlich mit ihr mein'. Vroni. Mir scheint immer, die Dori hat a heimliche Lieb' im Herzen, sie ist oft so traurig und ich hab's auch schon weinen gesehen im Stillen. Josef. Sie schaut ja kein' Burschen nit an. Vroni. Bei unö da hast Recht, weißt denn aber wie's z'Haus mit ihr steht? Schon zweimal hat ein alt's Weib aus'n Oberland nach ihr g'fragt, sie haben nacher ganz still mit einander g'redt, darauf hat die Dori Geld aus ihrer Truhen genommen und hat's der Alten geben. Wie ich's später g'fragt Hab', ob das vielleicht eine Anverwandte von ihr war, ist's brennroth worden im Gesicht, und hat nit gewußt, was g'schwind antworten soll. Gott behüt', daß ich ein' argen Gedanken in mein' Herzen trag', aber es is nit ganz in der Ordnung mit der Dori, sie hat Heimlichkeiten, das is ausg'macht (man hört Zusammenläuten). Es wird schon z'samgläut' in's Hochamt und der Vater wart' auf mich, er könnt' bös werd'n, wenn ich nit gleich ging. (Nimmt das Gebetbuch vom Tisch.) Josef (tritt ihr schmeichelnd in den Weg). Mutter, wenn's mich gern habt's, so schaut's, daß die Dori im Haus bleibt. Vroni. Was soll denn drauS werd'n? An a Hochzeit is doch nit z'denken. Der Vater gebet's sein Lebtag nit zu. (Zärtlich) Mach' mir kein schweres Herz, Josef, heut' ist Sonntag, und ich möcht' gern mit Andacht beten. Wenn ich dich z'Haus traurig weiß, muß ich an Dich denken und das wär' a Sünd'. Geh lieber mit in d'Kirchen. Vielleicht ändert Gott Dein Sinn. Josef. Geht d'Mutter nur voraus, ich komm' schon nach. Vroni. Denk', daß Dir nit bestimmt is. L 18 Ortsthaler (sieht zum Fenster herein). Na, Vroni! laßt mich noch lang warten? Vroni. Zch komm'schon, mein Alter, ich komm' schon. (Winkt Josef noch einmal zu, und geht dann durch die Mitte ab.) Fünfte Scene. Josef (allein). Josef. Die Mutter hat recht, die Dori hat was auf dem Herzen, denn so jung, so hübsch und dabei doch so traurig und verschlossen ist kein' Dirn ohne Grund. Ich muß d'rauf kommen, was ihr fehlt. Wenn ich heut' Gelegenheit find, so red' ich mit ihr, denn länger halt' ich's nimmer aus. Die Ungewißheit muß ein End' nehmen, ich muß wissen, wie ich mit ihr daran bin. (Ab durch die Mitte.) Verwandlung. (Zimmer bei RoSl, ist ebenfalls bäurisch meublirt, aber mit mehr Geschmack und reicher als das Vorige. Im Hintergrund ein großes Fenster mit Weinlaub umrankt, rechts eine Thüe nach Nosl's Kammer, links der allgemeine Eingang.) Sechste Seene. Rosl und Dori (kommen von links). Rosl (hat das Körbchen mit den Trauben in der Hand). Welcher Vetter schickt mir denn eigentlich die Weinbeer', der Alte oder der Junge? Dori. Der Ortsthalerbauer und sein' Wirthin lassen Ihnen schön grüßen, und Sie möchten heut auf Mittag mit ein Löffel Suppen drüben vorlieb nehmen. Rosl. Warum kommt denn der Josef nit selber und ladt mich ein? Dori. DaS kann ich nit sagen, mich hat der Bauer g'schickt. RoSl. Bist Du die Tochter von den alten Schnitter, den beim Fest der Schlag troffen hat? Dori. Der Großvater hat sich wieder erholt, dank' dem lieben Gott, und den braven Leuten, die uns bei sich behalten haben in unserer Noth. Rosl. Du g'hörst jetzt wol in'S Haus? Dori. Nit lang mehr. Nach der Weinles' gehen wir wieder in'S Oberland. Rosl. Gefallt's Dir denn nit bei der Ortsthalerin? Dori. Gefallen thät's mir schon, aber der Großvater und ich, wir sein unser Zwei, und ich kann doch nur für Eins arbeiten. So lang er krank war, Hab' ich die Wohlthat dankbar ang'nom- men, aber jetzt war'S Unrecht, die Gutherzigkeit noch länger zu mißbrauchen. Rosl. Bist denn so gewissenhaft? Dori. Ich kann arbeiten und brauch' nit von Almosen z'leben. Wir Arme haben auch unfern Stolz. Rosl (gutmüthtg) Es ist ja nit immer ein Almosen, wenn einer von sein Ueber- fluß ein Andern waS mittheilt aus guten Herzen. Wer kann dafür, daß die Güter nicht gleich vertheilt sein auf der Welt. Mir zum Beispiel könntest a rechte Freud' machen, wannst ein Andenken von mir annehmest. Aber ich trau mich gar nit, Dir was anz'tragen, Du schaust so hochmüthig drein. Dori. Ich bin doch nur a arme Dirn, wo soll denn da der Hochmuth Herkommen? Rosl. So gib mir den Beweis, daß Du's nit bist, ich Hab' a Menge Sachen, die ich nit mehr brauch, wart' a wenig, ich such' Dir in der Kammer drin was aus. Dori. Sie sein so freundlich mit mir, ich weiß gar nit, wie ich dazu komm'. Rosl. Du hast was Lieb'S an Dir daß man Dir gut sein muß, ob man will, oder nicht. (Ab in die Kammer.) Dori (sieht ihr nach). Es ist a recht hübsche Person, a scheint's ein gut's Herz z'haben, sie hat a fröhlich'S Ge- müth und wird s'ganze Haus auffrischen, wenn's einmal den Josef sein Weib iS. (Mit einem Seufzer) Ich wünsch' ihm recht viel Glück, denn er verdient's. IS Siebente Scene. Lerchenbauer (von links, er öffnet die Thüre und bemerkt Dort, welche am offenen Fenster steht, nicht gleich). Die Vorigen. Lerchenbauer. Heut' ist Sonntag, die Hausleut' sein in der Kirchen, heut' muß ich's Jawort von der Rosl kriegen. Dort (wendet sich um). Wann'stBäue- rin suchst, sie ist in der Kammer. Lerchenbauer (bei Seite). Hat denn der böse Geist die Dori überall? (laut) Bist Du vielleicht gar da im HauS? Dori. Fürcht' Dich nit, ich geh' gleich wieder, ich Hab' nur a Post bracht von meine Herrenleut'. Lerch enba uer. Du hast Dein Wort gehalten, und nichts von mir erzählt, ich dank' Dir recht schön. Dori. Ist nit vonnöthen. Lerchenbauer. Der Großvater hätt' bald Alles verdorben, zum Glück ist ihm das Uebel zug'stoßen, es hat sich Niemand recht auskennt. Dori (mit Borwurf). Daß der alte Mann bald den Tod davon g'habt hätt', das nennst Du a Glück, (verächtlich) das steht nur Dir gleich, Lerchenbauer. Lerchenbauer. ES war ja nit so gemeint. Sei mir nur bei der Rosl nit im Weg. Wenn ich's heurat', bin ich a gemachter Mann. Dori. Es soll ja mit'n Ortsthaler Josef schon Alles in Richtigkeit sein, heut' kommt die Bäuerin zu uns, und da ist wahrscheinlich das Versprechen. Lerchenbauer. Der Josef steht ja Dich gern, das weiß das ganze Dorf. Du wirst doch dein eigenes Glück nit mit'n Füßen treten. Wann ich die Riederbäuerin Heirat', nimmt der Josef kein' Andere als Dich. Dori. Gott behüt' mich vor so ein Gedanken. Wenn der Josef sein Eltern schon das HerzenSleid anthut und a armes Madel zum Weib nimmt, so muß wenigstens ein ehrlichen Namen haben. Ich müsset ja in d'Erd' sinken, wenn er erfahret, was mir die Leut' nachsagen und was sein Lebtag nicht mehr gut g'macht werden kann. Achte Scene. Rosl (mit mehreren Kleidern über dem Arm aus der Kammer). Die Vorigen. Rosl. Da Hab' ich Dir a ganze Kluft z'samglaubt, Du wirst nicht viel daran z'ändern haben, wir sein ja fast von einer Größ'. (Bietet Dort die Kleider an.) Dori (weist sie zurück). Sie müssen nit bös werden, aber die Kleider da kann ich nit nehmen. Rosl. Warum denn nit, ich gibS ja aus gutem Herzen. (Bemerkt den Lerchenbauer) Grüß Gott, Lerchenbauer, das iS ja gar a seltsame Vistt, (zu Dori) Du genirst Dich vielleicht z'wegen den da, (zeigt auf den Lerchenbauer) Mach' Dir nichts draus, der nehmet selbst was, wenn ich ihm was schenket. Dori. Das ganze Dorf weiß, daß ich arm bin, es hat mir noch Niemand mein schlechten Rock vorgeworsen, kommet ich aber mit derer Pracht, so thä- ten's aber g'wiß die Achseln über mich zucken und fragen: „Wo hat ste's denn her." Ich nimm mit dem Willen vorlieb und dank' recht schön, aber nehmen kann ich's nit. Rosl. So such'Dir wenigstens eine Kleinigkeit zum Andenken an mich aus. Dori (nimmt ein kleines buntes Tuch). Das Lüchel nimm ich mit Verlaub. Rosl. Du närrisch Ding! Dori. Das Tüchel werd' ich jeden Sonntag umbinden, wenn ich in d'Kir- chen geh'. (Nimmt den'leeren Korb.) Behüt' Gott, Frau Riederbäuerin. Wenn's zwölfe schlagt, wird bei uns ang'richt, ich sag's nur, daß nit drauf vergessen, unser Herr ist gar akurat- (Links ab.) Neunte Scene. Rosl. Lerchenbauer. Rosl (etwas gespreizt). Was verschafft L* mir denn eigentlich die Ehre, Vetter Lerchenbauer? Lerchen baue r. Es wird der Mahm wohl kein Gcheimniß sein, daß ich etwas auf'n Herzen trag'? Rosl. Vielleicht ein Brustfleck? Es ist ein unbeständigS Wetter im Gebirg, wer am Reißen leidt, der muß sich halten. Lerchenbauer. Mich reißt's freilich, aber zu Dir, Rosl, und mit solcher G'walt, daß ich z'Haus gar keine Ruh' mehr find'. Mit ein Wort, mein Herz ist krank, ich brauch' ein Doktor und der heißt Rosl. Rosl (schnippisch). Das Curpfuschen ist ja verboten. Lerchenbauer. Du bist heut zum Scherzen aufg'legt, ich mein's aber ernsthaft. Ich brauch' in'mein Wirtschaft a Hausfrau, und Du brauchst an Mann. Wenn wir a Paar werden, is uns allen Zweien geholfen, denn daß ich Dich gern Hab', wirst schon lang g'merkt haben. Rosl. Du könntest aber a gemerkt haben, daß ich Dich nit mag. Lerchen baue r. Das ist wenigstens deutsch. RoSl. Wie soll ich denn reden, wenn ich keine Französin bin? Lerchenbauer. Was hast denn an mir ausz'stellen, wann ich fragen darf? Rosl. Zuerst, daß ich kein Herz für Dich Hab' und nacher g'fallt mir Dein ganze Art nit. (Koket.) Ich bin auch schon halb und halb versprochen. Lerchenbauer (spöttisch). Etwan mit'n OrtSthaler Josef? Auf den mach' Dir kein' Rechnung, der hat schon sei» Theil. Rosl. Das iS nit wahr! kein' Bauern- dirn im Dorf kann sagen, daß er ihr z'Lieb' geht. Lerchenbauer «boshaft). Es is a kein Bauerndirn, eS iS nur a arme Magd, auf die kein Mensch denkt, aber ich weiß doch, wie viel's geschlagen hat, er laßt nit von ihr, und wannst noch zehnmal schöner und reicher wärst, als d'bist. Roöl. Das redt der Neid aus Dir, ich wußt nit, wer die sein könnt, die der Josef gern sieht. Lerchen baue r. Kein Andere als die Dori. die erst bei Dir war, der Du die alten Kleider hast schenken wollen, die letzte Magd im OrtSthaler Haus. Rosl. Das ist nit möglich, sein Vater will ja heut' Alles mit mir in Richtigkeit bringen, auf Kathrein ist d'Hochzeit. Lerchen baue r. ES kann ja sein, daß's der Alte will, weil ihm Dein Geld lockt, aber s'Her; von Josef g'hört der Dori, das kannst versichert sein. Auf Ja und Na wird's drüben Frau im Haus spielen. Rosl. Das gibt der OrtSthaler gar nit zu. Lerchenbauer. Der Josef iS ja kein Kind mehr, und der einzige Sohn. .Der Alte gibt schon nach, wenn er sieht, daß nichts hilft. Rosl. Lerchenbauer, wenn das wahr ist»was Du da sagst. Lerchenbauer. Mein Wort drauf. Rosl. Deswegen könnt'S doch d'er- logen sein. Ich bin heut beim OrtStha- ler zum Essen eing'laden, auf jeden Fall kommt was zur Sprach'. Jst's a so, als wie Du sagst, so komm' ich drauf, oder ich müßt' nit die Riederbäuerin sein, und nacher mach' ich heut' noch der G'schicht' ein End'. Lerchenbauer. Darf ich wieder anklopfen, wenn aus der Heirat mit'n Josef nichts wird ? Rosl. Meintwegen! heiraten muß ich doch noch a Mal und (besieht ihn) Du schaust mir g'rad' nicht zum Schlech- testen aus. Lerchen baue r. Dem Josef zum Trotz müßt d'Hochzeit recht bald sein. Rosl. Das ganze Dorf wurdet eing'laden, nur die Ortsthalerleut' nit. Aber eh' wir einig werd'n, mußt a wis- 21 sen, was ich von mein künftigen Mann alles verlang. Lerchenbauer. Die Stern vom Himmel werd ich doch nit h'runter holen müssen, und sonst thu' ich Alles, was Du von mir verlangst. Drum Rosel, sei überzeugt, daß mit mir kan Ursach' haben wirst, unzufrieden z'sein und laß vor der Hand um Alles in der Welt kan Traurigkeit g'spüre. (ab.) Lied. Rosl. Ich Hab'noch mein Lebtag kan Traurigkeit kennt. Bin eini in d'Welt wie am Tanzboden g'rennt, Hab' g'lebt, und Hab' g'liebt und Hab' g'lacht, und Hab' g'want Und Hab' mi am Tanzbod'n in'sEck eini g'lant Aber jetzt, o Du meint — wer kunt das vertrag'n? Man soll nit amal über d'Einsamkeit klag'n. Was iS denn a Leb'n ohne Lieb'auf der Welt? S'ist grad wie a Börsspeculant ohne Geld. Ich kann mirS nit denken, wie's Menschen kann geb'n Die no nit verliebt warn, wann'S 50 Jahr leb'n. Sie iS noch ein Fräulein, a Jungg'sell iS er: Doch bald kommen d'Nichten und Neffen daher Die hab'n nie von Vater und Mutter was g hört — Nur Onkel und Tante war ihnen bescheert. Es ist ja natürlich — a Leb'n ohne Lieb', Das kummt ma für wie a G'richt ohne Dieb. Beim Tag, wann ka Sunn scheint, iS finster und trüb Grad so iS a zwidricheS Leb'n ohne Lieb'. Bei Eheleut da gar, no! wann d'Sunn nimmer scheint, IS kohlrabenschwarz schon, da blitzt'S schon und greint. Wenns regnt, no dathuet ses; denn d'Weiber sein sein. Doch regnt'S nit, da blitzt'S halt und kracht und schlagt ein, A da küß' ich d'Hand, wann'S so Donnerschläg thät geb'n. Und g'scheiter warS doch, als ohne Lieb' so a Leb'n. Wie amal unser Herrgott erschaffen hat d'Welt Da hat er schon g'wußt, daß was recht iS, was g'fehlt. Recht tierf in der Erd', bat er eing'legt S'Gold Und Viecherln die hat er glei paarlweis g'holt Auf d'Letzt hat er's Weib bracht, mann nennt'S Masterstuck Er hat's dem Mann geb'n zum köstlichen Schmuck; Denn a Mann ohne Weib und a Weib ohne Mann Das kommt ma für wie a König ohne Krön. Und wann halt der Schnee von der Alm wegageht Wann'S grean wird und Sunn' schon hübsch hoch oben steht. Da wird's mir so ängstli, so bang! und vor Schmerz Da drinnen, da glaub i grad 'S z'springt ma mein Herz. Ja, war's denn a Wunder, i fich's ja in HouS Wie d'Schwalben glei pärlweis flie'gn ein und aus. Und Viecherln wie's alle san, mag kann'S allan leb'n WeilS ohne der Lieb' gar kan Leben kann geb'n. Wenn i so a Herr war, der was drein z'reden hält' I wußt schon, was i da für G'setz geben tbät, Die treulosen Madeln die müßten sterben. Da kunnt ma do öfter a Liebhaber erb'n. Die treulosen Männer, wern mit Ketten belegt Und zu der Geliebten ins Kammerl nein steckt. Ich wurd'S schon so richten, daß ihna z'wider wuro' so'S Leb'n Und g'beirat müßt werd'n, kann Pardon wurd' da geb'n ! Veriv»in-lung. (Offener Garten, rechts eine Weinlaube, links gegen den Hintergrund ein BoSket von Korne» liuSkirschen, dahinter erhebt sich eine kleine Anhöhe mit Birken bewachsen. Der Zugang zu den Garten wird von links angenommen.) Zehnte Scene. (Zwei Knechte bringen einen runden Tisch, Blafi und Dori folgen, sie trägt Tischzeug und er einen Korb.) Vl a s i (zu den Knechten.) Stellt's den Tisch nur da in d'Lauben und nachher könnt's wieder gehen. Knechte (stellen den Tisch und gehen wie» der ab.) Dori (zu Blafi.) Du kannst aufdecken, ich Hab' in der Küchel noch viel z'thun. Blasi. Ist den a Namenstag heut bei uns, daß so traktirt wird? LS Dori. Die Riederbäuerin kommt zum Essen. Blasi. Ahan! ich weiß a warum. (Pfiffig.) Dori merkst nichts? Dori. Es ist nit mein Sach', mich um den Herrenleuten ihre Angelegenheiten z'kümmern. Blasi. Wir kriegen bald a Hochzeit. Dori. Ich wünsch den besten Segen dazu. Blasi (dumm.) Die Riederbäuerin heirath unsern Josef. Dori g'spürst kein Herzklopfen? Dori. Was geht denn mich der Zosef an? Blasi. Der Josef nit, aber ich soll Dich was angehn. Wenn's gut geht, so stirbt den Herbst mein Göd und nacher krieg ich sein Häusel, und wenn man a Häusel hat, so braucht man a a Weib und das Weib sollst nachher Du sein. Dori (unwillig.) Ich Hab' Dir schon einmal g'sagt, daß Du mich mit solchen Dummheiten gehen lassen sollst. Blasi. Und warum den, das Hei- rathen ist ja keine Dummheit, zu was wär' man den auf der Welt? Dori. Ich heirath mein Lebtag nit. (Geht gegen das Haus ab.) Eilfte Scene. Blasi (gleich darauf) Joses. Blasi. Das ist doch g'spaßig, sonst fragt gleich a Jede Wie ist's? Hast a Haus, kannst mich auch heirathen? Und der Dori trag ich's Haus mit- z'sammt den Heirathen an, und sie sagt ganz trutzig, ich mag Dich nit. (Will ab und stößt gegen Zosef.) Josef. Bist den Schneeblind das Du so daher rennst? Blasi. Ich war nur in Gedanken, die Dori laßt mir kein Ruh'. Josef. Die Dori? Was hast denn mit ihr? Blasi. Noch nichts bis jetzt, aber ich thät gern was haben. (Lachend.) Ich möcht's heirathen. Josef. Esel! (Geht vorwärts). Blasi. Der heißt mich gar ein Esel, weil mir die Dori g'fallt, das ist wieder g'spaßig, ich meinet wieder, der müßt ein Esel sein, dem 's nit gefallen that. (Ab.) Zwölfte Seeue. Josef (gleich darauf.) Dori. Joses. Sogar der dumme Knecht hebt seine Augen nach ihr auf, es ist aber auch wahr, sie hat so was Besonders an sich, daß man ihr gut sein muß, ob man will oder nicht. Dori (trägt einen Stoß Teller und setzt sie auf den Tisch bei Seite.) Der Josef! (Will wieder abgehen.) Josef. Bleib ein wenig stehen Dori, ich mocht gern mit Dir a paar Wort reden. Dori. Ich Hab' kein Zeit, die Kücheln könnten z'braun werd'n. (Will fori.) Joses (hält sie auf.) Laß verbrennen, was liegt denn daran? (Faßt sie an der Hand.) Die Mutter hat g'sagt, daß Du nach der WeinleS fort willst, ist das wahr? Dori. Vielleicht gehen wir noch früher, wir waren Euch schon lang genug zur Last. Josef. Es hat Dir und DeinGroß- vatern gewiß noch Niemand von uns merken lassen, das ihr uns z'viel seid's. Dori. Sollen wir darauf warten, daß man uns fortschickt, besser wir gehen früher. Josef. Wenn ich Dir aber sag', daß mich Dein Fortgehn recht traurig machet. Dori (ausweichend). Das war' z'viel Müh', z'wegen einer armen Dirn. Josef. Du weichst mir aus und verstehst mich doch recht gut, warum wird'st denn so roth. Ich hält' Dir's «3 schon lang gern g'sagt, daß Du mein ganz Leben bist, daß ich nur auf Dich denk, auf alle meine Wege und daß Du mein Weib werden mußt. Aber wannst so dastehst vor meiner, mit den eiskalten G'stcht, nicht lachst und nicht weinst, da stockt mir die Red' und das Herz zieht sich z'samm. Dori. Ich Hab' ein aufrichtigs Gesicht, Herr Josef, daß sagt Ihnen deutlich, daß sich solche Reden für mich nit schicken. Drum halten's mich nit auf, es ist doch Alles umsonst. Josef. Warum denn? Sag' mir mit ein einzigen Wort, daß Du mich gern hast und ich red' mit'n Vätern, und wann er auch nit gleich Ja sagt, so wirst doch mein Weib, denn ich kann ohne Deiner nit leben. Dori. DaS Behüt Gott! Na! na! Herr Josef! Ich Hab' wollen in 14 Tag gehen, aber es ist besser, ich geh' schon morgen. Es thät kein Gut, wann ich länger bleib'. Josef. Bin ich Dir denn gar so z'wider? oder hast z'Haus vielleicht ein andere Lieb' ? Dori. Mein Herz denkt nit dran, aber wenn Alles auch nit war', soll ich denn aus Dankbarkeit für alle die Wohl- thaten, die wir im Haus genossen haben, Unfrieden stiften, zwischen Vater und Sohn. Der reiche Ortsthaler Bauer wird's niemals gutwillig zugeben, daß sein einziger Sohn ein arme Schnitterin zum Weib nimmt, die kan anders Heiratsgut als ein kranken Großvätern hat, und wenn ich auch so reich war' wie die Riederbäuerin, und der Vater mit Freuden sein Segen gebet, so könnt ich doch nit Ja dazu sagen. Josef (dringend.) Und warum nit? Dori. Denkens nit mehr an mich und fragend auch nit weiter, eS ist doch Alles umsonst. (Ueberredend.) Der Vater hat a Parthie für Ihnen ausg'sucht Herr Josef, sie ist reich, das ist aber ihr geringste Eigenschaft, sie ist a schön und gut, sie wird Ihnen gewiß glücklich machen. Josef (umfaßt sie.) Du bist mein erste und mein einzige Lieb', ich kann nur mit Dir glücklich werd'n! Dori (macht sich los). Ich hab's schon einmal g'sagt, unsere Weg gehen aus- einand. Wir sein Eins sür's Andere nicht geschaffen. (Deutet nach links.) Dort kommt der Vater, thun's ihm sein Willen, und vergessend auf die arme Dori, für die 'S kein Glück auf der Welt mehr gibt, alö den Tod. (rasch ab.) Dreizehnte Scene. Ortsthaler, Josef, Ddri (im Abgehen). Ortsthaler (Dori nachrufend). Sag der Frau, daß heut schon zwölfe g'läut hat in mein Magen. Dori. Wenn die Riederbäuerin kommt wird ang'richt. (Ab.) Ortsthaler. Es ist gut, daß ich Dich früher triff Joses, mach mit der Rosl heut ein End', sie ist brennt in Dich, Du darfst nur zurgreifen, so hast a Weib und 30,000 baare Gulden. Josef. Ich weiß gar nit. warum der Vater so ein Angehen mit'n heiraten hat, ich denk noch gar nit drauf, und am allerwenigsten auf d'Rosl. Ortsthaler. Du bist 25 Jahr vorbei, eS ist Zeit, daß Du Dein eigener Herr wirst. In unfern Hofstell ist schon noch mein Mann. Du mußt Dich um a gute Partie umschauen und da wüßt ich keine bessere als die Rosl. Josef. Als wenn's Geld allein nur glücklich machet. Wenn ich Heirat' darf's gerad keine Reiche sein. Ortsthaler. Da Hab' ich auch a Wörtl mit drein z'reden. Wir haben Gott sei Dank keine Schulden, aber für zwei Herrn ist der Hof z'klein. Josef. Bis jetzt ist's mir noch nit eing'fallen, mehr sein z'wollen, als der L4 Sohn vom Haus. Ich Hab' bei der Arbeit ein Knecht erspart und bin niemals im Weg umg'standen. Wenn ich den Vätern aber z'viel bin, so kann ich ja gehen. Ortsthaler. Was das gleich für Reden sein, ich will ja nur Dein Glück. Jeder Andere greifet mit Freuden zu, wenn sie ihm nur möcht, aber Du g'fallst ihr grad. (Gegen links deutend.) Dort kommt's mit der Mutter, ist's nit a stattlich's Weibsbild und immer gut aufg'legt, so a Schwiegertochter muß a Freud sein im Haus. Vierzehnte Scene. Rosl'mit Vroni. Die Vorige. R o s l. Grüß' Gott. Ortsthaler Vetter! Da bin ich, was soll's mit mir? Ortsthaler. Zuerst wird gessen, daß Andere kommt später, wann der 37ger die Gemüther a wenig auf- g'frischt hat. Rosl (zu Joses). Was stehst denn Du da, als wenn Dir die Hendeln s'Brod g'fressen hätten! bin ich kein Willkomm' werth? Josef. Schau Rosl, wir waren immer gute Freund und es thät mir leid, wann zwischen uns was kommet, daß uns auseinander treibt. Ortsthaler (leise zu Vroni). Endlich nimmt er sich ein Rand und redt. Vroni. Ich mein immer, daß Reden wird nit nach Dein Sinn sein. Rosl (leise zu Josef.) Zu was hältst mir denn a Vorred, sag's lieber gleich heraus, wie'ö Dir um's Herz ist. Josef. Ich weiß nit, was der Vater mit Dir abg'macht hat, wann aber mein Person dabei im Spiel ist, so seid's alle Zwei in ein gewaltigen Jrrthum. Rosl. Was willst denn damit sagen? Joses. Mit ein Wort, der Vater will, daß wir uns heiraten sollen. Ich bin Dir recht gut und weiß a Deine guten Eigenschaften g'wiß z'schätzen, aber zu mein Weib paßt nit und deswegen sag' ich Dir das lieber gleich, damit jede unnöthige Hin-und Herred' ersparrt wird. Rosl. Z'wegen die Grobheiten hätt's mich nicht her z'strapezieren braucht. Schaut's nur den Burschen an, er gibt der reichsten Frau im Ort, die nur d'Hand ausstrecken brauchet und es hängen an jeden Finger zehne, ein Korb, daß ist ja eine Impertinenz ohne Gleichen, aber an derer Blamage ist ja der Vetter Ortsthaler schuld, der alte Kniker, der hat mir so lang zu- g'redt, bis ich's richtig glaubt Hab', daß der Josef in mich verliebt ist. Es wär' zum Lachen, wenn man sich nicht darüber zu Tod ärgern müßt. Ortsthaler. Ich Hab richtig glaubt, der Bursch hat a heimliche Lieb im Herzen weil er so traumhaptet umergeht. Fünfzehnte Scene. Dori (kommt von links mit einen Suppentopfj. Die Vorige. Rosl. Freilich hat er was im Herzen (Zeigt auf Don.) Dort die hergeloffene Dirn, wegen derer nimmt er mich nit. (Boshaft.) Macht sich der Vetter nur g'faßt, die wird sein Schwiegertochter. Ortsthaler. Warum nit gar, ein solchen Schimpf wird mir mein Sohn nit anthun. Josef. Es ist kein Schimpf, wenn man arm ist, Vater! Die Dort ist brav und fleißig, und wenn sie mich will, so führ' ich's heut noch zum Altar. Vroni (ist schon bei Ortsthaler'S Rede Don entgegen gegangen und hat ihr den Suppen- topf abgenommen). Geh nur wieder, ich richt's schon selber. Rosl (stellt sich Dort in den Weg.) Du hast mir ja gar nichts von dem Glück erzählt, was Du auf einmal g'macht, Du falsch hinterlistigs Ding, Du! 25 Dori. Ich weiß nit, was die Frau für ein Glück meint? Rosl. Stell' Dich nicht so scheinheilig, hätt'st mir gleich g'sagt, wie's miteinander steht's, so hätt ich mein Mitleid nit wegg'worfen. Das hat man aber davon, wenn man sich mit so ein Volk abgibt. Dori (ruhig mit Würde). Ich Hab die Frau nit um ihr Mitleid beten, sie hat mir's aus freien Stücken antragen und ich hab's mit Dank ang'nommeu, denn ich Hab glaubt, es kommt aus guten Herzen. Wenn ihr aber leid drum ist. so nimm's Sie's nur wieder zurück, ich bin's schon g'wöhnt, daß die Leut' hart mit mir umgehen. Josef (hat sich zu Dori gekehrt). In unfern Haus wenigstens soll's Dir nit geschehen, so lang ich noch da bin. (Zu Rosl.) Rosl Du hast kein Recht, so mit den Madel da z'reden, sie hat von unfern Brod gessen und dafür ge- arbeit, wie niemals noch a Magd im Haus, die Mutter soll sagen, ob's jemals gefeiert hat, oder ob ihr eine Arbeit zu viel war. Daß arm ist, das ist keine Schand, Du hast a nichts g'habt, wie Dich der Riederbauer geheirat hat, und bist jetzt doch die Reichste im Dorf und trägst d'Nasen hoch als war' Dir keine gleich. (Zum Ortsthaler.) Vater! Ich hätt noch nichts g'sagt und eine bessere Zeit abg'wart, aber weil'- die Rosl nit anders haben will, so soll's heut noch abg'macht werd'n zwischen uns Zwei. Ich Hab' die Dori lieber als mein Leben, wenn sie mich gern hat, so ist da mein Hand, sie wird mein Weib, so wahr als ich auf ein seliges End' hoff'. Rosl (höhnisch). Jetzt hat's der Vetter g'hört. Nur die HochzeitSgäst g'schwind eing'laden, daß Glück ist schon einkehrt bei eng, gebt's nur Acht das Kasten und Truhen nit auseinander gehen, von den Heiratsgut das in's Haus bringt. Viel Glück und a recht schön's Wetter! Auf mich aber rechnet's nit, mich habt's in euern Haus zum Letztenmal gesehen. (Sie geht über den Birkenhügel ab.) Sechzehnte Scene. OrtSthaler, Josef, Vroni, Dori. OrtSthaler. Auf die Ueberraschung war ich nit g'faßt heut, aber wannst glaubst das Du mich überrumpelt hast und das ich gleich Ja sagen werd' zu der säubern Wahl, so hast Dich groß g'irrt. Ich gib mein Willen nit dazu. Gott sei Dank, ich bin noch der Herr im HauS. Eine Betteldirn wird mein Schwiegertochter nicht. Josef. Kein voreiligs Wort Vater, es könnt ihm sonst sein einzigen Sohn kosten. Dori (tritt zwischen Beide.) Kein Streit zwischen Vater und Sohn ich möcht' um all's in der Welt nicht die Schuld davon tragen. Es hat mich ja Niemand g'sragt, was ich zu dem Allen sag', und darum ist um ein jed's Wort Schad', daß drüber verloren wird. (Zum OrtSthaler.) Herr OrtSthaler! Ich dank schön für die große Wohlthat, die ich und mein Großvater bei Euch genossen haben, der Himmel wird Euch dafür segnen! (Zu Broni.) Fr. Vroni! ich bin nicht behandelt word'n, wie a gewöhnliche Magd, ihr wart's gut mit mir, wie a Mutter mit ihren Kind, dafür kann ich nit genug danken, den ein Bissen Vrod, wenn er freundlich g'reicht wird, schmeckt zwanzigmal besser als ein hingeworfener Braten. Ich geh mit schweren Herzen, aber ich muß. (Reicht ihr die Hand.) Behüt Gott auf niemals Wiedersehen. (Zu Josef.) Herr Josef! Der Vater meint's gut, wannS Ihnen a gleich nit so vorkommt. Heiratend die Riederbäuerin und vergessend drauf, daß mich jemals gesehen haben. (Zum OrtSthaler.) Das ist mein Antwort Herr Ortsthaler und ich glaub', sie werd'n damit z'frieden sein. (Trocknet sich r« die Augen mit der Schürze). G'segN Gott alle mitz'samm'. Wendet sich um zu gehen.) Josef (hält sie auf.) Du darfst nit fort, oder ich geh' mit Dir. Wenn ich aus freien Stücken so arm werd', wie Du, wirst mich nachdem auch noch verstoßen. Dori. Mein Willen steht fest. Siebzehnte Scene. Rosl (kommt zurück, sie führt einen kleinen Knaben an der Hand, eine alte Bäurin folgt ihr). Die Vorige. Rost. Ich Hab zwar g'sagt, daß ich nimmer komm', aber das alte Weib da, sucht die Mutter von dem Kind und da möcht ich gern dabei sein, wann sie's find't. (Der Knabe läuft auf Dori zu.) Dori dein Fried! ist da! Dori (kniet zu ihm nieder). Grüß Gott mein Kind! wie kommst denn Du daher? Die alte Bäuerin. Der Blitz hat zünd't bei uns im Dorf und da ist d'Hütten a mit verbrennt, wo her alte Thomas g'wohnt hat mit der Dori und den Kind. Wies in d'Arbeit gangen sein, haben's mich ang'redt, daß ich hinzieh und aufschau auf das Bübel. DaS Hab ich a than, aber jetzt haben wir alle miteinander kein Obdach und da Hab i mir denkt, ich führ den kleinen Schlanke! her zu seiner Mutter. Rosl (boshaft.) Jetzt darf doch Niemand sagen, daß die Dirn nichts in'S Haus bringt. (Zu Josef.) Na Josef. Was sagst denn zu den Heiratsgut? Josef (zu Dort.) Dori rede! Wer ist die Mutter von dem Kind? OrtSthaler. Da wird's doch kein lange Frag' nit brauchen. Vroni (zu Dort, welche noch immer mit den Knaben beschäftigt am Boden kniet). Du arme Dirn! jetzt weiß ich auch, warum Du immer so traurig warst. Josef. Dori. Wenn Du mich nicht um den Verstand bringen willst, so sag' mir, wem g'hört das Kind? Dori (kämpft einen Augenblick mit einen Entschluß, dann hebt sie die Augen gegen Himmel empor, halb für sich). Unser Herrgott selber macht den Ausspruch. (Erhebt sich, das Kind an der Hand behaltend, zu Josef.) Hab' ich Ihnen nicht oft g'sagt, daß ich nicht heiraten kann, und daß daS Beste ist, wenn ich geh', so weit mich meine Füß' tragen? Josef. Sag' mir ein einzigs Wort, daß Dich das Kind nichts angeht und ich will Dir glauben, wann auch Alle gegen Dich sein. Dori (fest). Das Kind gehört mir zu, es hat ja sonst Niemand auf der Welt. Josef (fällt vroni um den Hals und verbirgt sein Gesicht an ihrer Brust.) Mutter, das war a harter Schlag! Dritte Abtheilung. (Das Innere des Bauernhofes wie in der ersten Abtheilung). Erste Scene. Vroni. Ortsthaler. Ortsthaler. Das war recht g'scheidt von Dir, Alte, daß Du die armen Leut' gestern nicht fortlassen hast, erstens ist a Wetter am Himmel g'stan- den, das sich heut' zwar noch nicht verzogen hat, und nacher gehört ja der Sonntag nicht zum Wandern. Ueber- haupt wär's nit so eilig gewesen, der Josef sieht'S jetzt ein, daß er bald ein dummen Streich g'macht hatt'. Vroni. Die Dori war aber ehrlich und hat ihm's gleich g'sagt. daß nichts ist mit ihr. Ortsthaler. Der Josef hat mit seiner dummen Lieb' den alten Thomas um a friedliche Sterbstund' bracht', denn wie lang wird er's denn mehr machen, und wir sein schuldig, für die Leut' was z'thun. Wie wär's, wenn wir ihnen die Waldhütten gebeten, dort hätten's ein' prächtigen Unterstand für'n Winter. Vroni. Es ist besser, sie kommen weit fort, damit der Josef auf die Dirn vergißt. Gegen die Armuth hält' ich nichts einz'wenden g'habt, aber wie die Sachen jetzt stehen, muß Alles aus sein. Ortsthaler. Du hast recht, es ist a wegen der Rosl. Vielleicht bandelt er doch noch mit ihr an. Die Heirat' wär' einmal mein' Freud', und ich gib nit nach, die Zwei müssen doch noch a Paar werden. Vroni. Laß nur Zeit damit, die Wunden müssen erst heilen, ehe man auf ein' andere Lieb denken kann. Ortsthaler. Ihr Weibsleut' seid's immer gleich mit der Lieb' bei der Hand. Wenn nur alle Umständ' gut z'sampassen, die Lieb' kommt nacher schon von selber. Vroni. Geh' denke nur nach, hätt'st mich denn genommen, wannst mich nit mögen häst. Gewiß nit. Schau, warum vergunst denn dem Josef nit, daß er sich sein Theil nach sein Herzen sucht. Ortsthaler. Du thust gerad', als ob ich a Tirann wär'. Wann er die Rosl nit mag, so soll er sich um ein' Andere umschauen, wann's nur was hat. Vroni. Das doch der beste Mann seine schwachen Seiten hat, die Deinige ist amal s'Geld. Ortsthaler. Jetzt fehlt nur, daß d'mich ein Wucherer Heist. Vroni. Das Wort solltet man bei uns auf'n Land gar nit kennen, das ist blos a Lurus für d'Stadtleut'. Ortsthaler. Wir sein ja jetzt auch schon aufklärter, und wer weiß was wir nicht Alls noch lernen, wann erstd'Culti- virung durch die Berg recht bis zu uns durchdringt. Vroni. Der Bauer, glaub' ich, war' am besten d'ran, wenn er sich um sonst gar nichts kümmern thät', als um seine Felder und'sein Vieh. Ortsthaler. Das ist ja bei der Cultivirung die Hauptfach', daß man sich dabei immer um Sachen kümmern muß. die einem gar Nichts angehen, deswegen sein wir ja Weltbürger wurd'n. (Sieht sich um.) Aber schau, das Wetter kommt z'ruck, es wär' a Gewissenssach', den alten Mann mit dem schwachen Madel und den klein' Kind in's Ge- birg eini z'schicken. (Rufend.) He, Blasi! 28 Zweite Scene. Blasi (kommt aus der Scheuer, er trocknet sich die Augen mit den Händen). D i e Vorigen. Blasi (schluchzend). Was schafft der Herr? Ortsth aller. Ich glaub' gar, der Kerl flehnt? Was fehlt denn Dir? Blasi. Die Dori, Herr Ortsthaler! ich Hab' denkt, es ist schon richtig mit ihr und jetzt geht's fort. Ortöt Haler. Du wirst doch nit a narrisch nach der Dirn sein? Blasi (weinend). O Gott! i kann's gar nit sagen, wir — OrtSthaler. Spann die Schimmeln vor's kleine Wagerl, Du kannst sie nach ihren neuen Wohnort fahren. Vielleicht schickt sich dabei a Red' für Dich. Blasi. Es ist All's vorbei, ich bin a unglücklicher Bua. Vroni (tröstend). Du wirst schon Eini finden nach Dein Sinn. Die Dori war' ja doch zu zärtlich für Dich gewesen. Blasi. Das hat mir gerad' g'fallen an ihr. Ortsthaler. Mach' jetzt, daß d'weiter kommst. Blasi. Mich g'freut nur, daß ich ihr die letzte Treu' anthun darf. Herr Ortsthaler, wenn ich zurück komm', bin ich acht Tag zu nichts z'brauchen. Ortsthaler. Nachher kriegst a nir z'essen. Blasi. Das macht nir, derweil leb' von der Lieb'. Ortsthaler. Die Dirn hat doch was Eigenes in ihr, sogar der dumme Knecht ist in sie g'schossen. Vroni. D'rum ist s besser, sie geht bei Zeiten. (Beide ab.) Dritte Scene. Blasi (allein). Die haben gut reden, die wissen nit, wie's ein verliebten Buben um's Herz ist. Die sein schon z'lang verheirath'! die G'schicht' mit der Dori kost' mir's Leben, und was das Schlimmste bei der Sach' ist, ich kenn' mich nicht recht aus. Der Herr Josef weint, als wann ihn der Bock stoßet, jetzt weiß ich nit, hat's ihm z'wegen meiner, oder mir z'wegen seiner ein Korb geben. Murdigifti! die ganze G'schicht'ärgert mich. Js denn gar Niemand da, an dem i mein Gall' auslassen kann? So a paar Grobheiten, das war' a Herzenöerleichterung für ein liebendes Gemüth. Aber waS nutzts? Wenn man a Ein' findt, den man -'Grobheit, will i sag'n, -'Wahrheit in's G'ficht eini sagen kunt, 's zehntemal darf man ja nir reden, i bin nur a einfacher Bauer, d'Leut'sagen sogar i wär'dumm, aber so mannigsmal hält' i mein' eigenen Gedanken, und wann i mit der Färb' Herausrucken kunnt, wie i wollt' — aber wie man's Maul aufmacht — gleich heißt's ps! (Hält den Finger an den Mund.) Couplet. Wenn die jungen Stutzer aus der Stadt Zu uns kommen, manens 'S wär' a Gnad', Wenn sie mit ein' Bauer reden than, Schau'n uns alle nur für Trotteln an, Dieses Bauernvolk, ach wie gemein. Nein, ich möcht' auf Ehr' kein Bauer sein. Da zuckts mi, da druckts mi, und i saget gern so an Stadtg'schwuken, der sich über die Bauern alleweil lustig macht: So Streichmacher gibt» aufn Land freilich net Den d'Schuldner nachlaufen, wo er geht, wo er steht, Der, wenn er sein Madl auf'n Tanzboden führt. Sein' Uhr muß wohin trag'n, daß'S fleißi studirt. so an G'schwufen, den schon a schwach's Lüitl verwaht, llnd weg'n 'n Verstand, na da sein mir schon stad. 'S gibt Trotteln a Menge, die schwarze Frack tragen. Aber unser eins darf halt a so was nit sag'n. Wann a Bauernmadl in der Stadt Ost ein' Dienst bei einer Dame hat Unv sie macht der Frau nit All'S glei recht, Wird's sekirt, daß'S aus der Haut fahr'n möcht'. 29 Sein die Madln dumm da draußt am Land. Urschl, Gredl. Gans! Es iS a Schand'! Da zuckt's mi, da druckt's mi. Und i saget gern der gnä' Frau, die über die Dummheit von ein' armen Land- madl gar so räsonnirt: Mein' liebe Madam', bei uns hab'nS kein Begriff, Wie Sö in der Stadt, von die Schlich' und die Pfiff', Von Mascherln und Banderln. wie'S werten frifirt, Von dem Kopfputz, den'S haben dem Ehmann spendirt. Von G'spreiztheit und Flausen, von Ball und Soiree, Don Tritschi und Tratschi und G'sellschaftS-Kaffee. Wcnn'S a Bäuerin so treibet, wurd's unfinni g'schlag'n. Aber unser eins darf halt a so was nit sag'n. S'kommt ein Bauer eini kn die Stadt, Der sein Silbergeld vergraben bat. Endlich bat die G'fahr mit'n Geld ein End', Jetzt hol' i mir meine 30 Prozent. Ni! das G'ficht vom Bauern, wie er hört, S'Silber hat jetzt kaum den alten Werth. Da zuckt's mi, da druckt's mi. Und i saget ihm gern, wie er mit dem Sack'l Zwanziger und dem dummen G'ficht da steht: Ja siehst eS. da Haft es, was nutzt jetzt das Schau'n, Das ist nun die Straf', warum hast kein Vertrau'n. Warft außa g'ruckt damals. war'S Geld nit g'leg'n todt, War lang nit um'S Silber so g'wesen die Noth, OeS habts halt nir denkt und da sebt eS jetzund. A paar talkete Zwanz'ger richten Oest'rcich nit z'Grund. Jetzt kannst Deine Zwanziger zum Kupferschmied trag'n. Aber unser eins darf halt a so was nit sag'n. Wie'S den Galimeter hab'n entdeckt. Haben sich d'ZeitungSschreiber völlig g'ftreckt. Na. ihr Bauern, die ihr d'Milch verderbt, Jetzt wird euch das Fell gehörig g'gerbt. Schon zu lange dauert der Betrug, Endlich bricht beim Brunnen doch der Krug. Da zuckt's mi, da druckt's mi. Und i saget gern ein' Zeitungsschreiber, der's auf die Bauern wegen Millipritschen gar so scharf hat: Mein lieber Herr Schreiber. gehn'S lassen Sie'S sein. Mir san mit'n Pantschen aus der Welt nit allan. OeS mischtS manchsmal waS zusamm', meiner Seel', Man weiß nit, iS Stärk', oder Schmalz, oder Mehl. Dann wirtS g'börig zug'richt, bald kalt und bald beiß, Oes arbeit's schwarz und wir arbeiten- weiß. Und d'Mischung liegt Manchem wie Blei oft im Magen, Aber unser eins darf halt' a so was nit sag'n. Wenn i a Derndl sieh wo auf mein Gang, Plausch' i gern mit ihr und zwick'S in d'Wang'. Neuli will i aner a Bussel geb'n. Steht der Dorfschulmeister just daneb'n. „Schämst Dich nicht, das ist ja ein Skandal. Nein, wo bleibt im Dorf doch die Moral." Da juckt's mi, da druckt's mi. Und i saget ihm gern, dem alten Schulmeister mit sein' Parockerl, wie er mit die kleinen Aeugelein so tugendsam dreinschaut: Sie, wissen's no neuli, s'war Achte auf d'Nacht, I Hab' just in Hof hint' die Stalltbür zug'macht. Die Wawerl beim Nachbar hat g'molken die Küh' Und Sie sein dort g'standen bet der ang'lahnten Thür. Sie Hab'nS bei der Hand g'habt ein' ziemliche Weil', Und hab'n ihr was g'sagt, wahrscheinlich von der Moral, Oder habn'S Sie'S nur wollen um s ABC srag'n? Aber unser eins darf halt a so was nit sag'n. Neuli lieg' i auf der Wiesen dräust, Hab' mi von der Plag' a wen'g auspfnaust. Gebt der Schreiber von der Gmoan vorbei. „WaS, Du Lümmel, liegst da gar am Heu! Statt zu arbeiten, reißt auf das Maul, Schämst Dich nicht, so schläfrig z'sein und faul. Da juckt's mi, da druckt's mi. Und i saget ihm gern, wie er mich mit'n hochweisen wichtigen G'ficht durch die Glasaugen anschaut: Na! OeS habts eS nöthig; wann a Bauer was braucht. Wird alle vier Wochen a Feder eintaucht, Ein Vierteljahr dauert's, bis d'Bittschrift geht fort. Und anderthalb Jahr bleibtS dann lieg'n auf ein' Ort. 30 Bis zur Sitzung kommt und gar zum Urtel, oje! Thut meist der Partei schon kein Bank mehr weh. OeS solltet's zur Auszeichnung Schlashauben trag'«. Aber unser eins darf halt a so was ntt sag'n. Alleweil hört man jetzt die Stadtleut' klagen. Niemand soll sich mehr auf's Land 'naus wag'n. Weil die Bauern gar so grob schon wer'n, Nebermüthig wie die gnäd'gen Herrn. Und zum Essen darf man nix bestellen, All'S is schlecht und tüchtig thun'S ein' prell'n. Da zuckt's mi, da druckt's mi. Und i saget gern ein', wenn er auf einer Landpartie 30 kr. ausgibt, den Bauern glei mit'n Hansjörgel droht: Wie d'Stadtleut' no nit fan auf's Land außi g'rennt, Da hat a der Bauer kein Uebermuth kennt. Den haben sie bei Hausherrn von eng profitirt, Und'S Schnüren, das lernen wir d'rin von die Wirth. Und'S Grobsein, das macht nix, eS iS nit so g'mant, OeS ftid's mit die Bauern ja a nit galant. Bleibt's z'HauS in der Stadt, nacha habt'S nix zu klag'n. Aber unser eins darf halt a so was nit sag'n. 'S hat mi öfter schon unbändig gi'ft, Wann uns Bauernleut' der Vorwurf trifft. Daß wir das nit thuen, was wir soll'n. Nix verbessern, nix verschönern wollen. Daß wir'S alleweil wie d'Uhrandl'n treib'n. Und um hundert Jahr hintummi bleib'n. Da gift's mi, da druckt's mi. Und i saget gern Einem, der über den Mangel an Industrie und Verschönerung bei den Bauern red't: OeS G'schäftSleut' da drin, nehmt's eng selber beim Kopf, Oes Habt'S ja a no dahinten den Zopf, Sonst wärt'S gegen die Ausländer nit so herunt', '« gangen nit all' Jahr a paar Dutzend zu Grund'. Und wegem Verschönern, das will i erst glauben, Wann'S amal auf'n Tradmarkt wird nimmermehr stauben. Wann wo gepflastert wird, bricht man sich so fast den Krag'n, Aber unser eins darf halt a so was nit sag.'n. Vierte Seme. Vroni mit Josef (aus dem Haus). Vroni. Du weichst mir aus, Josef, hast Du mir denn gar nichts z'sagen, was Dir das Herz erleichtert? Josef. Ich Hab' nirgens Ruh', im Zimmer glaub' ich, die Decken mußt' über mir einstürzen und heraust im Freien mahnt mich jeder Baum, Alles, auf was mein Aug' fallt, auf sie. O Mutter! was soll ich noch hoffen von der Welt, wenn a Gesicht wie das Ihrige, voll Lug' und Hinterlist ist. Vroni. Sie braucht trotz dem noch nicht schlecht z'sein. Sie hat vielleicht ihren Theil z'Haus, oder er is Soldat word'n, oder etwan gar nit mehr am Leben, wer kann's wissen. Sie hat a rechtschaffenes Gemüth und will kein' ehrlichen Burschen nit betrügen. Sie tragt ihr Unglück allein und opfert ihrem Kind ihr Leben auf. Josef. Ja! ja! ich sieh's ein, ich Hab' ja kein Recht, ihr ein' Vorwurf z'machen, sie hat's ja immer g'sagt, daß für sie keine Heirat ist, jetzt weiß ich's auch warum. Vroni. Es ist wirklich eine ungerechte Einrichtung auf der Welt. Die arme Dirn trifft Schand' und Spott und Niemand fragt, warum denn gerad' sie allein? Niemand nimmt a Stückl Schuld von ihr und legt'S aus d'Um- ständ', auf d'Gelegenheit oder auf den gewissenlosen Buben, der erst die Unschuld betrogen und später Mutter und Kind herzlos einem grausamen Schicksal überläßt. Josef. Ich Hab' mit der alten Bäuerin g'redt, sie hat mich über Manches aufklärt. Der Lerchenbauer war vor 6 Jahren mit der Dori versprochen; wie der alte Thomas arm word'n is, da hat er sein Wort zurückg'nommen und 's Madl sitzen lassen. Jetzt wird mir auch den alten Thomas sein Betragen beim Erntefest klar, er hat den Lerchenbauer g'meint, wie er den Fluch ausg'sprochen hat. Vroni. Dem sieht die schlechte That 31 schon gleich, ich Hab' den Menschen in mein Leben nicht's Gut's zutraut. Zosef. Warum aber der Großvater nicht drauf drungen hat, daß er der Dori ihren ehrlichen Namen wieder gibt. Vroni. Wer weiß was davon die Ursach' ist. Doch schau dort kommt er grad und noch dazu mit der Riederbäuerin Arm in Arm, was nur die bei uns werden wollen? Josef. Den treibt mir sein Schicksal unter die Hand'. Jetzt auf der Stell' setz ich ihm zur Red' und ist's so wie ich mir'S denk, so muß er der Dori sein Wort halten, so wahr er ein Schelm und ich ein ehrlicher Bursch bin. Vroni. Und glaubst denn, daß sie glücklich mit ein Menschen werden könnt', denn Du selbst einen Schelm nennst. Ich kann mir'S nit denken. Fünfte Scene. Rosl. Lerchenbauer. Die Vor. Rosl. Ich Hab' gestern mein guten Humor da vergessen und möcht' mir'n gern heut' wieder holen. (Schlägt Josef auf die Schulter.) Bist noch immer tiefsinnig Josef? Schau, ich Hab' mich schon tröst' über Dich. Ich Hab' den Lerchenbauer da mein Ja Wort geben, seit heut' früh ist er mein Bräutigam. Vroni. Das war g'schwind überlegt. Josef. Wannst Dich nur nit übereilt hast. Der Lerchenbauer ist schon versprochen. Rosl. Der a! DaS wär' doch a stark'ö Stückl. Lerchenbauer (heftig). Was soll die vorlaute Red' bedeuten? Seit den Riederbauern sein Tod Hab' ich kein Andere im Sinn als die Rosl, ihr z'lieb komm' ich alle Tag a Stund weit Weg's daher. Kein Dirn in der ganzen Gegend kann sich prahlen, daß ich'S nur mit ein einzigen Blick an- g'schaut Hab'. Rosl. Er ist wenigstens nicht so wie Du, dem jede herg'loffene Dirn recht ist. Josef. Hüt' Dich noch a Wort z'reden, Rosl, oder ich muß glauben, daß Du ein erzschlechtes Herz in der Brust trägst. Wer ehe schon unglücklich genug ist, auf dem muß man nicht noch einen Stein werfen. Wer weiß, ob nicht vielleicht an Dich a amal die Reih' kommt. Es hat schon Mancher von ein hohen Sitz herunter müssen, der's nit amal in Traum für möglich g'halten hält'. RoSl. Mein Haus ist verassekurirt und wenn a Fehljahr kommt, so habe ich baare 30,000 Gulden, da kann man schon zuwarten. Josef. Muß denn g'rad ans Vermögen gehen? gibt's sonst kein verwundbares Fleckl an ein Menschen? Rosl (übermüthig). Ich bin's nit g'wohnt, daß ich mir was z'Herzen nimm. Vroni. Versünd' Dich nit Rosl, ein Unglück kommt oft über d'Nacht. Lerchenbauer. Zu was soll das Hin- und Herreden führen. Ein Brautpaar darf sich keinen traurigen Gedanken machen. Komm Rosl! Sie wissen jetzt, wie's mit uns daran sein. Josef (hält ihn auf). Du gehst nit von der Stell', bist Du nit ein Unrecht wieder gut g'macht hast, daß laut um Rache schreit. Lerchenbauer (trotzig). Seit wann bist denn Richter word'n, daß Du dich in andern Leut' Sachen einmischt? Josef. Seit ich an Dir erfahren Hab', daß schlechte ehrvergessene Buben gibt, die sich kein Gewissen daraus machen ein armes Madel um Ehr und Glück z'bringen und nachdem leichtsinnig davon gehen, unbekümmert, ob der Unglücklichen auch 's Herz drüber bricht und eine Andere zum Altar führen, weil'S zufällig mehr Geld hat, und weil a Heirat mit ihr a Leben ohne 32 Arbeit und ohne Sorgen in Aussicht stellt. Lerchenbauer. Ich bin Niemanden Rechenschaft über meine Handlungen schuldig, am allerwenigsten Dir, und überdem versteh' ich gar nit, von was eigentlich die Red' ist. Josef. Von einem armen Geschöpf, dem Du sein Zukunft g'raubt hast. Es sein jetzt 6 Jahr, daß Du bei ein alten Bauern um sein Enkelin ang'halten hast. Der Mann hat a schöne Wirtschaft g'habt und das Madel war tugendhaft. Sie hat auf Dein Wort vertraut und der Pfarrer hat Euch bereits von der Kanzel verkündt g'habt, da bricht ein Unglück über den alten Mann herein, es wird ihm Alles verkauft und es bleibt ihm nichts übrig, als der Bettelstab, denn er kann nicht mehr arbeiten, weil er alt und schwach ist. Ein ehrlicher Mensch hält' sein Wort gehalten, denn man nimmt sich kein Weib bloß z'wegen den Geld, ein Schurk aber tritt zurück, und überläßt die Unglückliche dem Elend und der Noth, und wann's ihm einmal wo begegnen, so stellt er sich als ob's ihm fremd war' und geht vor ihren Augen mit einer Andern zum Altar. Lerchenbauer. Du hast läuten g'hört und nit schlagen. Ich leugn's nit, das ich versprochen war, ich leugn's a nit das ich mich besonnen Hab', wie der Alte Haus und Hof mit einmal verloren hat. Aber ich bin in mich gangen und Hab' mein Wort einlösen wollen. Ich Hab' mein Braut aufg'sucht in ein klein Dörfl übern Gebirg. Aber der Verlust an Geld und Gut war nit der Einzige, denn's erlitten hat. Sie hat a ihren ehrlichen Namen verloren g'habt und denn Bräutigam möcht ich sehen, der da noch sein Wort halt und Hochzeit macht. Josef. Das ist eine niederträchtige Verläumdung und nur a schlechter Mensch kann so reden. Lerchenbauer. Nimm'Dein Wort zurück, Josef! ich Hab' mir schon viel g'fallen lassen, aber schimpfen laß ich mich nit zwegen einer leichtsinnigen Dirn. Sechste Scene. Thomas (tritt mit OrtSthaler aus dem Haus). Die Vorige. Thomas (der die letzten Wort gehört hat). Lerchenbauer wiederhole, was Du gesagt hast, mir scheint ich habe nicht gut gehört. Lerchenbauer (Beiseite). Ich Hab' glaubt die sein schon über alle Berg. Thomas. Du hast von einer leichtsinnigen Dirn geredet. Wenn hast Du damit gemeint? Lerchenbauer (ausweichend). Was geht das dich an! ES war nur so ein DiskurS. ' Josef. Kein Ausflucht jetzt. Ich Hab' Rechenschaft von ihm verlangt für sein Betragen. Er hat der Dort die Ehe versprochen und wird sein Wort halten, so wahr — T h o m a s (unterbricht ihn). Wer sagt Euch, Herr Josef, daß uns an ihm noch etwas gelegen ist. Als ich ihm vor 6 Jahren daS Glück meiner Enkelin anvertrauen wollte, hielt ich ihn für einen rechtschaffenen Menschen. Seitdem haben wir ihn kennen gelernt, und Gott oft im Stillen vom Herzen gedankt, daß er es so gefügt hat, eS wär' eine unglückliche Ehe worden, denn ein schlechter Mensch kann kein guter Ehemann, und wenn ihm Gott Kinder schenkt, kein guter Vater werden. Josef. Es ist aber ein Band vorhanden, daß Alles verknüpft, daß durch kein Eigensinn zerrissen wird und das über's Leben hinausgeht. Thomas. Gott sei Dank, von unserer Seite bindet uns nichts an ihr. 33 Siebente Scene. Dori (mit Frtedl, an der Hand ein kleines Bündel tragend, kommt aus dem Haus. Während den folgenden Reden schiebt Blafi einen kleinen Wagen auf die Bühne und macht sich damit zu schaffen). Die Vorige. RoSl. Lerchenbauer, das muß erst aufklärt werden zwischen uns, sonst ist von einer Hochzeit kein Spur. Lerchenbauer. Mein Gewissen ist rein, daß ich kein arme Dirn zum Weib Hab' nehmen wollen, daß ist mein einziger Vorwurf. Josef (faßt ihn heftig an der Hand und wendet ihn gegen Dort). Und dad Kind, spricht das nicht zu Dein Herzen? ThomaS (tritt dazwischen.) Mit dem hat er nichts zu schaffen, so arg hat uns Gott nicht gestraft. Dori (läßt Fried! stehen und eilt, fich zwischen Thomas und dem Lerchenbauer zu stellen). Großvater, ärgere Dich nicht, Laß uns in Frieden gehen. Thomas, Ja, wir gehen, aber nicht eher als bis der schmachvolle Verdacht von Dir genommen ist. O i bin noch nicht so schwach, daß ich Dich nicht verteidigen könnte, Du armes Kind! Dori. Zch Hab' mein Leben Gott aufgeopfert, Großvater und will Alles gern erdulden, was er über mich verhängt. Was liegt mir an der Nachred' der Welt, wenn mich nur mein Gewissen frei spricht. Josef. Dori, Du weißt, daß mein Lebensglück von Dir abhängt, verteidige Dich und mein Glauben an Dich kehrt zurück. Vroni. Wenn Du uns die Wahrheit sagen kannst, so thu'ö, vielleicht hängt Dein Zukunft von ein einzigen Wort ab. Dori (will reden, sie faßt Broni'S Hand, küßt sie, blickt dann auf Josef, welcher erwartend nach ihr hinfieht, ihr Auge bleibt auf dem OrtSthaler heften, welcher fich abwendet). Na! na! es ist besser, es bleibt beim Alten und wir gehen. (Reißt fich los und eilt auf Thomas zu). Komm' Großvater! Thomas. Wenn Du auch schweigst so muß ich reden. Gott kann nicht wollen, daß auf eines seiner Geschöpfe alles Elend allein zu tragen kommt. Du hast genug geweint und gelitten, aus diesem Haus wenigstens sollst Du als ein ehrliches Mädchen gehen. (Zum OrtSthaler.) Sie hat euch deßhalb bei dem Glauben lassen, daS sie die wirkliche Mutter von dem Kind ist, weil sie gedacht hat, euer Sohn wird den Gedanken an sie aufgeben, und weil sie nicht Ursach' hat sein wollen, an einen Streit zwischen Vater und Sohn. Josef (freudig). O ich Hab' gleich nicht daran glauben wollen. Vroni (reicht Dori die Hand.) Du red- lich's Herz! OrtSthaler. Aber alle Umständ' waren gegen sie, wem gehört den nachdem das Kind? Thomas. ES ist ein Findling und die Mutter kennt nur Gott. Es sind jetzt 6 Jahre, da hat meine Enkelin als sie eines Morgens erwachte, das Kind halb verhungert in ihrer Stube gefunden. Blast (der fich schon früher genähert). War das Haus nicht am End' vorm Dorf und vor dem Fenster ist ein großer Nußbaum g'standen? (Wie fich Blafi in'S Gespräch menget, wird RoSl aufmerksam). Thomas. So war's! Aus Mitleid haben wir das arme von seiner Mutter verflossene Kind behalten, den eS hätte ja zu Grunde gehen müssen, wenn wir uns seiner nicht erbarmt hätten, da hat der dort (Auf den Lerchenbauer deutend) und das war der schlechte Streich denn ich ihm niemals verzeihen kann, ausg'sprengt, daß meine Enkelin das Kind heimlich geboren hat. Um ihren guten Ruf war's von dem Augenblick an geschehen, denn der Verleumder findet überall ein offenes Ohr. Wir waren gezwungen, den Ort zu verlassen und in eine fremde 1 34 Gegend zu ziehen. Das Kind, die unschuldige Ursache unseres Unglücks, wollte ich in's FindelhauS bringen, denn wir hatten ja kaum für uns selbst Brod genug. Dori aber gab es nicht zu, sie nannte es ihren Schmerzensreich und arbeitete noch einmal so viel als vordem, um es ernähren zu können. Blasi! Mb für sich). Wann i g'wust hält', daß das Bübel so viel Umstand' macht, hält' ich's weiter tragen. Josef. Du weißt etwas davon und redtst erst jetzt? Blasi (sieht verstohlen nach Rosl). Es reut mich schon wieder, ich bin lieber stad. Thomas (faßt Blasi). Du hast schon zu viel gesagt, Du must reden. Josef. Du kennst das Haus mit dem Nußbaum? Blasi (bejahend). Auf den Fensterbrett sein Feigeln- und Basilikum- Stöckeln g'standen, ich sieh's noch vor meiner! Dori. Wenn Du weist, wem das Kind gehört, so wär's schlecht von Dir, wenn Du jetzt nicht die Wahrheit sagen möchtest. Blasi, wenn Du redt'st so gibst Du mir meinen guten Namen wieder. Ich hab's jetzt erst einsehen gelernt, wie wehe eS thut, wenn man von Denjenigen veracht wird, die man auf der Welt am Liebsten hat. Blasi. Ich Hab' versprochen, daß ich Niemanden was sag', weil aber Du's bist Dori, der damit a Gefallen g'schieht, so erzähl' ich Alles was ich weiß, mag mit mir nacher gescheh'n, was da will. Es war nach der Ernte so wie jetzt; auf Kathrein hat der Rosl dort ihr Hochzeit mit den alten Riederbauern sein sollen. Ich war damals Kuhhirt in einer Sennhütten im Ge- birg', da hat's einmal Nachts an mein Fenster klopft, ich bin aufg'standen von der Streu und Hab' g'schaut was gibt. A Weibsbild ist dräust gestanden mit ein großen Tuch übern Kopf, damit man ihr Gesicht nicht hat sehen können. Sie hat mich gefragt, ob ich mir 5 harte Thaler verdienen will. „Warum den nit," Hab' ich g'sagt, das ist ja a Lohn von ein ganzen Jahr. „Du must aber in d'Stadt gehen und a kleines Kind in's Findelhaus tragen, hat's wieder g'sagt. „Mir kann's recht sein." Hab' ich g'sagt, wann sie'S nur nehmen." Das ist kein Sorg' hat's g'sagt, da sein 50 Gulden, damit kaufst Du's ein. Drauf hat's das Kind zwischen Pöl- ster in mein Kraren packt, ich Hab' die 50 Gulden und die 5 harten Thaler in mein Westentaschel g'steckt und bin in Gottönam' fortgangen. Mitten in der Nacht. Wie ich so a paar Stunden gangen bin, hat's mich z'dürsten ang'fangt, in a Wirthshaus Hab'i mich nit eini traut, zwegen meiner klein Waar', so Hab' ich mir halt' a tüch- tigs Krügl Wein anfüllen lassen und hab's unterwegs trunken, drauf bin ich m.üd und schläfrig word'n. Kommst noch zeitlich genug in die Stadt. Hab' ich mir denkt, Hab' den klein Bübel, weil er immer g'raunzt hat a a tröpfl Wein kosten lassen und Hab' mich in's Gras g'legt Weiß Gott wie's gangen is, wie ich munter word'n bin, Hab' ich kein Geld mehr g'habt, die 50 Gulden mit- sammt die 5 harten Thaler waren nir- gens z'finden, Hab' ich's verloren oder hat mir's wer gestolen, ich kann's nit sagen. Ich hätt' mir gern d'Haar aus- g'rupft, wenn'S mir was g'nutzt hätt'. Was soll ich jetzt in der Stadt thun, Hab' ich mir denkt. Wer weiß, ob's das Kind nehmen ohne Geld, und wieder z'Haus gehen und die Mutter aufsuchen, das geht a nit. Da hör' ich ein' Finken schlagen, ich schau auf und siech a klein's Häusel vor mir am End' von Dorf als wie a verlassenes Waserl dastehen. Vielleicht gebenS Dir a wenig a Mili für Dein Klein, Hab' ich zu mir selber g'sagt, denn auf'n Wein hat er gar a sauerS Gesichte! g'macht. Drauf bin ich an'S 35 Fenster g'schlichen und Hab' in d'Stuben einiguckt, da d'rin hat's gar freundlich aus- g'schaut am Thürstock ist a Weihbrunnkessel g'hängt, im EckiS a Bett g'standen ganz weiß überzogen, a Muttergottesbild hat lieblich von der Wand herunter g'schaut und drüber ist a Kranz von Buchsbaum und a Palmbuschen aufg'hängt g'west. Das Kind ist gewiß da besser aufg'hoben als in meiner Kraxen, Hab' ich zu mir g'sagt, bin ganz stad zum Fenster eing'stiegen, hab'S Bübel auf's schneeweiße Bett g'legt und wie ich siech, hat's unser Herrgott und die liebe Frau behüt' und beschützt, es ist in keine schlechten Händ'kommen. Josef (zu Blafi). Die Mutter war also aus unserer Gegend und Du kennst sie! Blasi (mit einen Blick auf RoSl). Die Nacht war finster, ich Hab ihr Gesicht nicht recht gesehen. Rosl (mit raschem Entschluß). Dori, ich Hab' Dich bitter kränkt, ich Hab' Dir böse Wort geben und mich über Dein Unglück g'freut. Kannst mir verzeihen? (Reicht ihr beide Hände hin.) Dori. Sie haben dem Schein glaubt, wie die Andern, und (auf Zosef blickend) Sie haben wohl ein' Grund gehabt, auf mich bös z'sein. Rosl. Das ist jetzt vorbei, für'n Josef taugt nur Eine und die bist Du. Josef (zu Dori). Hast noch immer dieselbe Antwort für mich? Dori. Bin ich nicht noch dieselbe arme Magd? Nur mein guter Namen is herg'stellt und ich geh' jetzt mit leichtem Herzen fort, denn die zurück bleiben, werden mich nicht mehr verachten. (Nimmt Fried! bei der Hand.) Komm', mein Kind, (zu Thomas) komm', Großvater, der liebe Gott wird uns eine neue Heimat finden helfen. Ortsthaler (tritt ihr in den Weg). Halt! Glaubt's denn, ich Hab' a Herz von Stein. Dori, Du bist a brave Dirn, GotteS Segen muß überall mit Dir sein. Mein Josef war viel gescheidter als ich, der hat sein Theil gleich an Dir g'funden, aber wenn man einmal alt wird, hat man ein' hartnäckigen Kopf, der a bissel spät zum Einsehen kommt. Wannst kein anders Hinderniß hast, als mein'Einwilligung, so nimm Dir ihm nur g'schwind, ich sag' mit Freuden ja; und mein' Alte da, das siech ich ihr schon an, hat a nichts dawider. Vroni. Wannst a Herz für unfern Josef hast, so besinne Dich nit lang, er macht Dich gewiß recht glücklich. Dori (freudig bewegt). Ich weiß gar nit, wie ich zu dem Glück komm', daö ist ja all's z'viel für mich. Josef (umfaßt sie). Du willigst also ein, Du hast mich gern? Dori (verschämt). Deswegen Hab' ich ja immer fort wollen. (Sie verbirgt ihr Gesicht an Josef'S Schulter.) Lerchenbauer(z« Rosl). Jetzt wird doch zwischen uns alles aufklärt sein, wir feiern unsere Hochzeit an ein' Tag. Rosl. Ich Hab' mich anders besonnen , ich Heirat' nit. (Nimmt Fried!. der einsam stehen geblieben, bet der Hand.) Das arme verflossene Kind, das so lang fremdem Mitleid sein Leben verdankt hat, soll an mir eine Mutter finden. Er soll mein Hab' und Gut haben, noch heut' laß' ich ihn beim Gericht auf mein' Namen schreiben. Ortsthaler. Brav, RoSl, das macht Alles wieder gut! Dori. Der arme Friedl hat traurige Stunden mit uns durchlebt, soll er uns jetzt verlassen, wo wir glücklich sein? Vroni. Laßt ihr den Buben, Dori, er ist bei ihr in den rechten Händen. Rosl (umarmt das Kind). Willst bei mir bleiben, Friedl? Friedl. Wenn Du eine gute Mutter für mich bist. (Er umfaßt ihren Hals mit beiden Händen.) Lerchenbauer. Mir scheint ich bin da überflüssig? Blasi. Trösten wir uns miteinand. 36 Lerchenbauer (stößt ihn aufdie Sette). Geh zum Teufel, Du bist an Allem Schuld. (Wendet sich zum Gehen.) Blasi. Das ist a schlechter Kerl, der wird's niemals einsehen! (Die bisher düstere Gegend hat sich erhellt. die Sonnenstrahlen brechen hervor und ein Regenbogen breitet sich während Josefs Rede über die Bühne aus.) Josef. Dort blick' hin, Dort, der Himmel ist mit uns. die Wolken haben sich verzogen, und wie der Regenbogen über uns ein schönes Wetter anzeigt, so wird der liebe Gott und eine schöne Zukunft schenken! G rr d e Aus I. B. Wallis hauffer'S k. k. Hoftheater-Druckerei. Meöerakl Diebe! tlriginat-Schwank in einem Ucte von Alle Rechte Vorbehalten. Den Kühnen gegenüber als Wnnuscript gebrückt. Zweite Auflage. Men, 1876. Verlag -er Wallishau lser'schen Buchhandlung (Josef Klemm). Ltadt, Hoher Markt Nr. 1. Personen. Besetzung in Wien. Bauquier Thalheim .Hr. Conradi. Laroline, seine Tochter.Frl. Schmitz. Fritz M aifeld, Dichter.Hr. Leuchert. Earl Rollberg, Schauspieler .Hr. Neumann. Babette »in Thalheim'S.Frl. Seemann. Jacob ! Diensten .Hr. Gärtner. Caspar, Stiefelputzer . . ... Hr. Jg. Weiß. Die Handlung beginnt um Mitternacht, und endet am nächsten Morgen. Zum ersten Male im k. k. priv. Theater in der Josefstadt am 8. Jänner 1859 mit dem günstigsten Erfolge und später in vielfachen Wiederholungen aufgefuhrt. Aermliches Stübchen, vom Zuschauer rechts die EingangSthüre; an der Rückwand ein Paar alte Stühle und zwei Strohsäcke, darauf Polster und Decke, daneben ein Tisch mit Büchern, Schriften und einem schon ziemlich herabgebrannten Lichte. An der Wand hängen einige Rapiere, ein Baret mit Federn und Bruchstücke einer Rüstung. Erste Scene. Rollberg und Caspar. Rollberg sdurchschreitet in einem alten Schlafrock und in hohen gelben Ritter- stiefeln, ein Hauskäppchen auf dem Kopfe und aus einer langen Pfeife rauchend, simulirend die Stube). Heute Posttag und wieder kein Brief gekommen! Verdammte Säumniß ! fDeklamirend.) „Das Leben ist der Güter Höchstes nicht, doch der Nebel Größtes — sind die Schulden!" — Ja wohl! — Mich so lange auf Nachricht, oder vielmehr auf Geld warten zu lassen! fDeklamirend.) „Menschen! Menschen! heuchlerische Krokodilenbrut!" Sagt Moor. Ja Wohl! fBleibt vor Caspar stehen) Nu, Caspar, altes Hans, was sagt er? C as p a r fsteht vorne mit Stiefelputzen beschäftigt). Na, jetzt Krokodils sind die Menschen just nicht, aber — mit den Stieseln haben's oft eine frappante Aehnlichkeit, das muß ich als Wichsier am Besten versteh'»! Rollberg flachend). Hahaha! Menschen und Stiesel! Freund Caspar, das ist ein sehr ledernes Gleichniß! Caspar. Kann sein, aber wahr ist's! Betrachten wir zum Beispiel Kaufleut und Advokaten! Beneid't nicht ^ mancher Kaufmann seine Stiefel, weil sie einen bessern Absatz haben als er Theater-Reperloir SS. selber? Und gleicht nicht mancher Advokat einem engen Stiefel, den man inwendig fleißig schmieren muß, damit er Ein' nit druckt! Was? Nur ein Unterschied ist zwischen Menschheit und Stiefel, daß nämlich der Stiefel durch Wichs gewinnt, der Mensch aber durch Wichs verliert! Na also, Herr von Rollberg, ist mein ledernes Gleichniß nicht so klar, wie — Schuhwichs? — Was? Rollberg fihu lächelnd auf die Achsel klopfend). Ja, alter Freund, an ihm ging der Welt ein zweiter Cicero verloren! Ich wollte, ich hätte die hiesige Bühnenleitung, so wie Publikum und Kritik schon ebenso von meinem Schauspielertalente überzeugt! Ach! Wenn nur schon die heutige Nacht vorüber wäre! Caspar. O, Sie werden famos schlafen! fAuf die Strohsäcke zeigend.) Die Füllung ist bereits glücklich vor sich gegangen! Sechs Bund Stroh! Freilich lauter beim Greißler gepumptes, aber was thut's? 's ist doch g'scheid- ter, wir liegen auf Credit, als unser Credit lieget aus! Rollber g fwie zuvor). Da hast Du Recht, alter Knabe, und wenn ich bei meinem morgigen Debüt nicht durch- falle, kannst Du auf meine Dankbarkeit zählen ! 1 * 4 C aspar (komisch unwillig). Zähl'n! Zähl'n! Reden's doch nit so kindisch! Seit ich in Ihren Diensten bin, Hab ich's Zähl'n schon ganz vergessen! Uebrigens verlang' ich ja auch nix von Ihnen, ich bin schon zufrieden, daß mich die jungen Herrn als überzähligen Bettgeher bei Ihnen dulden. Rollberg. Treue, uneigennützige Seele! — Caspar (vertraulich). Ja, seh'n Sie, Herr von Rollberg, mich hat Ihr Freund, der Herr von Maifeld von seinem seligen Herrn Vater so zu sagen als ein Stück altes Hausmöbel inven- tarisck geerbt, drum bin ick ihm so anhänglich. Und sehen Sie, Herr von Rollberg, wann ich für and're Herrn die Stiefel wichs, da sparr' ich immer, daß auch Sie g'nug Wichs kriegen! — Ja, ja! Uns zwei hätten, wie ein zärtliches Eh'paar, die Tauben nit schöner z'sammtragen können! Sic haben nix, ich Hab detto nix, somit hebt sich Null von Null auf! — Aber, wo denn heut der Herr von Maifeld so lang bleibt? Rollberg (unruhig). Es ist schon Mitternacht vorüber und wenn er etwa gar nicht nach Hause käme, wär' eS um mein Engagement gescheh'n, ich könnte ja Morgen gar nicht Probe spielen, denn Fritz hat meinen besten und einzigen Rock an. Caspar. Das ist einzig! Sie und der Herr von Maifeld haben in seltener Harmonie: ein Herz, ein Sinn und ein Rock! Jetzt fehlt nur noch, daß Sie miteinander ein und dieselbe Geliebte hätten! Hahaha! Rollberg. Nein, Freund Caspar, so weit wird sich uns're Einigkeit wohl nie erstrecken, denn Fritz schwärmt bereits für Fräulein Caroline, die Tochter des Banquier Thalheim, welcher im Hause nebenan wohnt. Täglich sendet er ihr seine feurigsten Liebeslieder und die reizende Banquierstochter erwiedert diese poetischen Herzensergüße ebenso poetisch durch die zartsinnigsten Blumenspenden ! Caspar. Also eine Lieb' schon in der vollsten Blüthe? Na, brav! Ist sie sauber? I freilich! Eine Banquierische Tochter muß ja eine Capitalschönheit sein! Was? Rollberg. Ich habe das Fräulein seit den vierzehn Tagen, als wir hier logiren und so lange währt auch erst die interessante Bekanntschaft unseres Freundes, nur einige Male flüchtig geseh'n, ihren eller knpn aber, der trotz seines Reichthum's ein sehr fideles altes Haus sein soll, haben bisher weder Fritz noch ich zu Gesichte bekommen. Ich bin nur begierig, wie lange diese heimliche Laura- und Petrarkageschichte noch dauern und wie sie wohl enden wird? — Caspar. Ich meinet halt — mit einer Heirat? Na ja, warum sollt' denn ein Dichter nicht der Schwiegersohn eines Banqniers werden können? Sind ja schon Hausknechte — Hotelbesitzer und böhmische Köchinnen — gnädige Frauen wor'n. Nollberg. Freilich! Und ein ordentlicher Banquier muß sich ja auf alle Münzsorteu, folglich auch auf die griechischen verstehen und dann wird er wohl Talente zu schätzen wissen! (Horchend.) Tt! Caspar! Sind das nicht die Sturmschritte unsres verliebten Poeten? (Freudig.) Ja, ja, er ist's! Gott sei Dank! Endlich kommt Maifeld nach Hause und mit ihm mein Reck! Caspar. Da ist er schon, aber wie er ausschaut! Zwcile Stene. Vorige. Maifeld (tritt hastig ein.) ! Maifeld (zu Rollberg). Ach, Bru- j derherz! Bruderherz! Ich bin verlo- > ren, total verloren! 5 Rollberg. Wie so, Fritz? Was hast Du? Deine Desperation erschreckt mich, fasse Dich, Bruderherz und dann erzähle, was ist denn vorgefallen? Caspar smit komischer Theilnahme). Ist Ihnen vielleicht ein neues Stück durchgefall'n? Maifeld sganz erschöpftst Ach! Wenn's das wäre! So hört denn mein namenloses Elend und dann fühlt, wenn Ihr könnt, meine Tantalus-Qualen! szu Rollberg.) Du, Freund Carl, lärmst zwar als Richard III.: „Ein Königreich für ein Pferd!" Ich aber seufze als Bräutigam in spe: „Ein Königreich für einen schwarzen Frack!" Rollberg. Ich begreife noch immer nicht! Caspar. Ick versteh auch noch kein Wort! Maifeld skläglichst Ach! Ihr werdet mein Unglück gleich begreifen und verstehen ! Tretet näher ihr treuen Seelen und laßt Euch vorerst zur Linderung meines Schmerzes brüderlich umarmen! sBeide treten zu Maifcld, er schlingt seine Hände um ihren Hals.) Run denn, so hört, ihr theilnahmsvollen, edlen Wesen! Als ich heute Nachmittags unser gewiß sehr bescheidenes Stübchen verließ, in welchem kaum mehr Luxus an Möbeln herrscht, als in weiland Diogenes weltberühmtem Fasse, kam mir Babette, Carolinen's munteres Kammerkätzchen mit einem Lillet-äoux ihrer reizenden Gebieterin freudestrahlend entgegengehüpft und nun — meine Freunde! — nun denkt Euch meine Wonne und meine Verzweiflung! sGanz desperat.) Ein zweiter Tantalus stehe ich da, dem die goldenen Aepfel der Hesperiden an der Nase vorbeischwimmen, ohne sie jedoch erhaschen zu können! Ach! Ach! Es ist zum toll werden! Rollberg sungeduldig). Ja, was denn, Bruderherz, was denn? Caspar. Sind's so gut! Toll werden auch noch, ich Hab' ohnehin die Wasserscheu! Maifeld. Denkt euch, Kinder, meine thenre Caroline schreibt mir, daß sie nns're geheime Liebe endlich ihrem Vater gestanden, und dieser — — Ro ll b e r g seinfallend). Sagte natürlich „nein!" Caspar. Na ja, die Herrn Väter, besonders die millionärischen sind schon so bockbeinig! Maifeld. Im Gegentheil, meine Freunde, der gute, alte Herr sagte nicht geradezu „nein!" — Caspar. Edler Mann! Rollberg sverwundertst Nun also? - Maifeld. Jetzt kommt ja erst das Gräßliche! — Carolinen's Vater erklärte sich nach kurzem Bedenken dahin, daß er dem Lebensglücke seines einzigen Kindes zwar keine Hemmnisse in den Weg legen wolle, jedoch den Gegenstand ihrer Neigung, nämlich mich, vorerst kennen zu lernen wünsche, da er von der Liebe eines Dichters eben nicht allzu respectable Begriffe hege! Caspar srespectvoll). Muß das ein gescheckter Herr sein! — Maifeld. Der alte Herr nennt die Dichterliebe eine vielfüßige Gefühlsraupe, die sich leicht an jedes Blümlein hängt! Caspar. Hm! Da hat er Recht, der alte Herr! Die Dichter hängen aber nicht blos an Blümleins, sondern sie hängen auch sehr stark beim Hausherrn, Wirth, Schuster und Schneider! Rollberg. Da sehe ich noch immer nichts Gräßliches, Bruderherz? Im Gegentheil! Deine Herzenssache steht ja besser, als der kühnste Sanguiniker nur träumen könnte! Maifeld. Nur Geduld, Freund Carl, jetzt kommt ja erst mein Jammer, meine Noch! Caroline schrieb mir. daß ich Morgen, mit dem Frühesten, ihrem Pater mich ungescheut verstellen möge, weil er im Verlaufe des Tages eine Geschäftsreise antreten würde. Ach, Bruderherz! Ich soll mich ihm vor- 6 stellen, einem Banquier in dieser bankerotten Verfassung! Seht ihr, Kinder, da liegt nun der Hase im Pfeffer! Wie soll, wie kann ich mich Carolinen's Vater geziemend präsentiren? Wir haben ja Beide nur einen Rock, der eigentlich nur Dir allein gehört und überdieß schon seine Pension verdiente! Rollberg. Leider! Caspar. Na, auf die Pension wär' ich neugierig, denn der Rock hat ohnehin schon gar keinen Gehalt mehr! Maifeld. O, ich Unglücksmensch! Ich stehe nun an der Pforte des Paradieses, die sich aber nur einem schwarzen Fracke öffnet! — Ach! Ein Königreich für einen schwarzen Frack! Ich kann doch nicht im Schlafrock meine Aufwartung machen? Caspar. Nein, Herr von Maifeld, das geht nicht! Es gibt zwar Aepfel im Schlafrock, aber einen Liebhaber im Schlafrock kann man einem Banquier nicht präsentiren! Maifeld. Bei allen Trödlern und Bekannten klopft' ich um einen schwarzen Frack an, aber Alles umsonst! — Jetzt, meine Freunde! Rathet, helft! Woher bis Morgen einen schwarzen Frack nehmen? Ihr wüßt ja, bei einer solchen Vorstellung kommt aus den ersten Eindruck Alles an! Caspar ssimulirendf. Ja, jetzt ist guter Rath theuer und in unsrer Lage kann man sich eigentlich auf gar nichts Theures einlassen! — Aber, — halt! Ich Hab' da eine famose Idee! Maifeld spackt ihn hastigj. Mensch! Freund! Heraus damit! Caspar skomisch-patetischj. Ich will — noch eh' der Morgen graut — schon auf den Füßen sein! — Ich weiß einen Doctor, den ich täglich wichs, das heißt: seine Stiefel, — dessen Garderob ganz wie für Sie gemacht ist; — unter dem pfiffigen Vorwand, seinen schwarzen Frack zum Schneider zu tragen, weil er schon, wie ein altes Comsortableroß j nach Futter lechzt, will ich Sie mit diesem Doctorfrack für den morgigen Tag aus ihrer Verlegenheit reißen! Rollberg. Haha! Keine üble Idee! Maifeld sfällt Caspar jubelnd um den Halsj. Caspar! Goldmensch! Nicht mehr Wichsier! Nein, Freund, Bruder, Vater, Vormund, Lebensretter! Ja, der Gedanke ist genial! So geht's, nur so allein kann ich zu einem schwarzen Frack gelangen! Und nun, Kinder, zu Bette, daß wir dann gestärkt mit dem Frühesten an's große Werk schreiten! Rollberg. Verdammt! Unser Licht ist schon zur Neige und ich wollte zur morgigen Probe noch einmal meine Rolle durchgehen. Caspar. Na, wenn's nur nicht zum Durchgeh'n spielen! Maifeld. Ja, wenn nur der morgige Tag glücklich vorüber wäre! sLegt sich auf den, neben der Thitr befindlichen Strohsack.f Einen schwarzen Frack nur auf wenigen Stunden — und dann Caroline— Dein — auf ewig! Rollberg fLegt sich auf den andern Strohsackj. Wenn ich Morgen beim Probespiel reussire, Hab' ich meine jährlichen tausend Thaler schon im Sack! sGähnt.j Talent hätt' ich wohl, ich brauche nur Glück! Caspar shat das Licht ausgeblasen und legt sich zwischen beiden Strohsäcken auf einen bloßen Bund Stroh, den er sich als Lagerstätte an einem umgestürzten Stuhle zurecht machte). Gute Nacht, meine Herrn! Lassen Sie sich allerseits was Gutes träumen und ich sei, gewährt mir die Bitte, zwischen Euren Strohsäcken im Bunde der Dritte! Alle Drei sgähnend und halb im Einschlafen, in kurzen Pausen). Gute Nacht! sDie Bühne ist ganz finster. Alle Drei schlafen ein und eine leise Musik im Orchester beginnt, das Einschlummern und Träumen der Schlafenden zu charakterisiren; sehr paffend hiezu wäre die bekannte Traummusik aus dem „Lumpazi." Gegen das Finale der Musik tritt Thalheim eins. 7 Drille Scene. Vorige (schlafend). Thalheim. Thal heim (eine ziemlich dicke Figur> tritt etwas angestochen ein, im Finstern her« ! umtappend). Verdammter Hausmeister! Verwünschter Hausherr! Wozu zahlt man denn Beleuchtungsgeld? Das ist ja rein eghptische Finsterniß! Ich will Gas haben, verstanden? Gas um mein theures Geld! Schon alle Lampen verlöscht! Ich kann gar nicht die Stiege finden! Wo nur der Schlingel, mein Jacob bleibt? Caspar (sich in horchender Stellung aufrichtend). Alle guten Geister! Was war das? Thalheim (stoßt mit dem Fuße au Maifeld's Strohsack). Ach! Mir scheint, nun bin ich endlich an der Stiege! Maiseld (erwachtend). Was gibts? Wer ist da? (Sich rasch aufrichend.) Eine dunkle Gestalt? Ein Nachtwandler? Oder — sollte sich gar ein unverschämter Dieb in unser bescheidenes Logis verirrt haben? Th a lh ei m (herumtappend). Na, jetzt stockt's wieder! Mai selb. Wahrhaftig, ein Dieb! Und wie der Spitzbube herumtappt! Hahaha! Und nichts zum Mausen finden kann! (Springt auf und Packt Thalheim). Halt, Spitzbube! Nicht von der Stelle! Caspar, Rollberg! Aufgepaßt! Ein Dieb! Rollber gl (aufspringend). Wie? Was? Caspar 1 Ein Dieb! Ein Dieb! Thalheim (erschrocken). Meine Herren! Sie sind im Jrrthum! Ich habe noch in meinem ganzen Leben nichts gestohlen! O Himmel! Wo bin ich da hingerathen? In eine Spelunke, in ein Diebsnest, in eine Räuberhöhle! Die Banditen schießen ja hier wie Pilze aus der Erde! Zu Hilfe! Zu Hilfe! Rollberg. Wo ist denn nur mein Jngomarscbwert? Thal he im. Hilf Himmel! Jetzt sucht der gar sein Schwert! Rollberg. Den Frevel, uns bestehlen zu wollen, soll der Hallunke doch büßen! (Packt Thalheim.)Wir werden gleich kurzen Prozeß mit ihm machen! Caspar. Ja wohl, kurzen Prozeß, denn wir sind keine Advokaten! Maifeld (halblaut). Da kömmt mir eine Götteridee! Wie wär's, wenn nun zur Abwechslung wir den Dieb aus- raubten? Vielleicht findet sich gerade bei ihm, was ich brauche? (Laut.) Der Spitzbube hat heute gewiß auch schon anderswo seine langfingerige Visite abgestattet, d'rum, zur Strafe für den Frevel an uns, her mit dem Rock! Hahaha! Das ist eine köstliche Idee! Ja, her mit dem Rock! R o l l b e r g. I Caspar. I Thalheim. Ist das eine Horde! Die Kerle wären noch capabel, mich ca- put zu machen, d'rum ist's Vernünftigste, zum bösen Spiel noch gute Miene zu machen! (Laut). Nun denn, in's Teufelsnamen! Da — da, nehmt Alles, ihr lieben, gastfreundlichen Leute, nur laßt mich einmal los! Maifeld, Rollberg und Caspar (ziehen Thalheim hastig den Rock aus.) So — ! Und jetzt, Spitzbube, nimm das Fersengeld! Thalheim. Ich danke für diese Münze! Aber, mein Himmel, ich kann doch nicht in Hemdeärmeln über die Straße gehen? Die Patrouille könnte es doch übel deuten und dann würde ich gar noch arretirt! Rollberg. Aha! Diese Angst stempelt ihn vollends zum Verbrecher! Da wir aber selbst gegen Spitzbuben ein fühlend Herz im Busen tragen, so birg' in diesem morschen Futterale Deine sträfliche Hülle und entfleuch'! (Wirft ihm seinen Schlafrock zu.) 8 Thalhei m. Meinen innigsten Dank! Gottlob, daß ich noch so mit heiler Haut davonkomme! Ist das eine Nacht! und mein armes Kind zu Hause, wenn es wüßte —! — (Ist mit dem Anziehen des Schlafrockes beschäftiget.) Caspar. Daß so ein Spitzbub auch noch Kinder haben muß! Na ja, 's wär Schad', wenn so ein Stamm aussterben möchte! Vierte Scene. Vorige. Jacob fzur Thüre hereinsehcnd). i aus mit ihm, eh' uns unsre Nachsicht reut! Jacob (schreiend). Ach, mein Herr! Mein armer Herr! Caspar (schlägt ihm den Hut über die Ohren, zieht ihm rasch den Rock aus und stößtihn dann unter Püffen zur Thüre hinaus), 's Maul gehalten, Diebsvolk! Ein sauberer Herr! — Den Rock her! So, und jetzt lauf Deinem Compagnon nach ! Iaco b' (wie zuvor). Auh! Auh! Mein Rock! Gnädiger Herr! Mein Rock! (Ab.) Maifeld ) sdie Röcke schwingend). Rollberg> Hahaha! Ein originel- Caspar / les Abenteuer. — Jacob. Ich weiß nicht, mir war im Borbeigeh'n, als hält' ich hier die Stimme meines gnädigen Herrn vernommen ? Ca fpar(geht schnell auf Jacob loö und zieht ihn hastig in die Stube). Halt! Da ist noch Einer! Vermuthlich sein Helfershelfer, der indessen auf der Lauer gestanden! Wart', Kerl, Du bist mir als Opfer verfallen! Jacob (erschrocken). Ach! Ach! Wo bin ich denn? Was ist denn das für eine Art? Caspar. Die gebietende! Den Rock her und dann — Marsch! Thalheim. Ist das nicht meines Jacob's Stimme? Jacob. Ja, ich bin's! Sind Sie's gnädiger Herr? Wo sind wir denn? Thalheim. St! Nicht gemuxt, Jacob, sonst geht's uns an den Kragen! Wir sind in einer Mördergrube! — Jacob (fast in die Knie sinkend). Ha! Gott sei meiner armen Seele gnädig! Thalheim. St! Stille, Jacob! Gib nur Alles gutwillig her und nenne meinen Namen nicht, sonst spüren mich die Kerle aus und plündern noch mein ganzes Haus! Maifeld und Rollb e rg (drängen Thalheim zur Thüre hinaus). Und jetzt hinFünflk Scene. Vorige, ohne Thal he im und Jacob. Mai selb (jubelnd). Unsre Noch hat nun ein Ende! (Den Fnack befühlend.) Scheint ein famoser Frack zu sein, ganz feines Tuch! Caspar (hat indessen Licht gemacht). Den haben Sie unter der Hand (macht die Pantomime des Stehlens) wirklich sehr billig kriegt, rein umsonst! Rollberg. Der Kerl muß schon ein nobler Gauner sein! O, eS gibt dergleichen moderne Langfinger, aber bei uns hatte er sich groß geirrt! Hahaha! Ein bestohlener Dieb! In der That — originell! Maifeld. Ich werde Morgen ganz coliinio il kaut aussehen und auf Ca- rolinen's Vater in diesem superben Frack gewiß den günstigsten Eindruck machen! Caspar, Du ziehst den erbeuteten Rock des zweiten Gauners an, spielst meinen Kammerdiener und mel best mich bei dem Herrn Banquier. das wird dann den günstigen Eindruck um wenigstens zehn Prozente erhöhen! v Caspar. Vielleicht steigen deswegen sogar seine Papiere im Kasten! Haha! Ich bin also avancirt vom Wichsier zum Kammerdiener! Schön! Rollberg. Nun, Kinder, genug! des Entzückens und wieder zu Bette! Da uns Allen geholfen, wird sich's um so besser schlafen und von unsrem entscheidungsvollen Morgen um so süßer träumen lassen! (Legt sich nieder.) Schlaf wohl. Bruderherz! Maifeld fsich ebenfalls niederlegend). Ah! Ein zweiter Nabob! Ein wahrer Crösus lieg' ich hier! — Nun denn, Gott Morpheus! Umschlinge mich mit weichen Armen und trage mich in's Reich der gold'nen Träume! Gute Nacht, — Bruderherz! Caspar flöscht das Licht aus und legt sich gleichfalls nieder). Na, so probieren wir's halt mit der Fortsetzung lotteriefähiger Träumereien! Gute Nacht, allerseits! fDie vorige Traummusik). Maifeld fim Schlafe). Caroline! — Engel! — Dein — Auf ewig! Rollberg febenso). Bin's, dem alle Lippen fluchen — „Mörder — Bruder nennen — Räuber Iaromir! — Caspar fschnarcht sehr stark.) fUnter obiger Musik fällt die folgende Deco- ration vor.) Verwandlung. fElegantes Zimmer in Thalheim's Haufe mit einer Mittel- und Seitenthüre. Borne Tisch und Stühle. Es ist Tag.) Sechste Scene. Caroline und Babette saus dem Kabinete tretend.) Caroline sin elegantem Morgenan- zuge). Schon Heller Tag und Papa noch immer nicht zu Hause! Babette. Und Jacob auch noch nicht! Ach Gott, Fräulein, mir hat so was Furchtbares geträumt! Wenn ihnen nur kein Unglück passirt ist! Caroline fsich gewaltsam ermnthigend). Sei dock kein Närrchen, Betty! Mir scheint, Du willst mich mit Gewalt ängstigen! Träume sind Schäume! Plaudern wir, bis Papa kommt, lieber von etwas Anderem! B abette fpfiffig). Zum Beispiel vom Herrn Maifeld? Caroline. Ach ja. — Maifeld! Er schlummert wohl noch süß und träumt vielleicht von seiner Caroline, während ich schlaflos, in ängstlicher Spannung kaum des Tages Anbruch erwarten konnte, denn Papachen wünscht Fritz noch heute vor seiner Abreise zu sehen und zu prüfen, ob er meiner Liebe würdig! Fritz ist freilich nur ein armer deutscher Dichter, aber was thut's? Papachen ist ja reich und Fritz ein Genie, somit durchaus kein Hinderniß unserer Liebe vorhanden, nicht wahr, Betty? Babette. Freilich, liebes Fräulein, Freilich! fBei Seite). Wenn übrigens der Herr Papa wüßte, wie es in dem Dichterstübchen höchst armselig aussieht, würde der Herr Papa wohl ein etwas schiefes G'sichterl machen! Caroline fselig). Und Fritz liebt mich mit aller Glnth einer echten Dichterseele! Seine zarten Lieder, von denen jedes ein süßer Dollmctsch seiner Gefühle ist, künden mir ja täglich in jeder Zeile seine reinste innigste Liebe! fZieht ein Blättchen ans dem Busen.) Dieß ist das 150. Gedicht, welches er mir, seiner angebeteten Caroline, gewidmet und es athmet dieselbe Glnth der Leidenschaft, dieselbe Zartheit des Gedankens, wie sein erstes! Nein, nein, ein solcher Dichter kann nicht lügen! fLiest). 10 „Ich denke Dein beim Sternenflimmer, „DaS Herz von Sehnsucht angefacht, „Ich denke Dein beim Morgenschimmer, „Wenn kaum meine Auge froh erwacht. „Und so wie Du nur mein Gedanke, „So denk' auch Du im Stillen mein, „Und lass' mein Herz als Epheuranke „Um Deines fest geschlungen sein!" Babette sin die Hände klatschend). Ah, das ist herrlich! Himmlich! — „Flimmer und Schimmer!" Wie schön das klingt! sKomisch seufzend.) Ja, wenn mein Jacob auch so dichten könnt', dann gefiel er mir noch 'mal so gut! Caroline sschnell). Horch, Betty, waren das nicht Papa's Tritte im Vorgemach ? Babette sfreudig). Ja, ja, Fräulein! Gottlob, sie sind's! — Siebente Scene. Vorige. Thalheim sin Rollberg s Schlafrock.) Jacob sin Hemdeärmeln, sich den Rücken reibend) ThalheiIN sim Eintreten zu Jacob). Er ist und bleibt ein Esel! Jacob swill sprechen). Aber — Euer Gnaden! — Caroline seilt auf Thalheim zu). Gottlob, Väterchen, daß Du endlich da bist, mir bangte schon, es wäre Dir — sPlötzlich erschrocken ) Mein Himmel! Wie siehst Du denn aus? — In welchem Costüme? Babette sebenso zu Jacob). Mein Gott! Wie kommt denn der nach Haus? Ohne Rock, in Hemdeärmeln ! Was soll denn das bedeuten? Jacob. O schöne Geschichten, Jungfer Babett! Thal heim. Man hat uns unterwegs blos ein wenig die Garderobe gelüftet! Caroline. Mein Gott! Papa! Du wurdest angehalten, bestohlen? Jacob skläglich). Oh weit mehr noch! Wir wurden sogar ausgeraubt, ermordet! — Babette. Ach ja, meine Träume! sZu Jacob). So erzähl' doch der Jacob! Jacob. O es war schrecklich! Dieses Blutbad, Jungfer Babett! Frag' Sie nur den gnädigen Herrn! Caroline. Ach, Väterchen, erzähle doch, was ist denn eigentlich geschehen? Thal he im ssetzt sich). Als ich von dem Abschiedsschmause bei Banquier Wohlberg, den er, wie Du weißt, mir zu Ehren veranstaltet, ein bischen champagnerselig nach Hause ging, trat ich hier, in unsrer Gasse, in der festen Ueberzeugung an meinem Hause zu sein, in eine dunkle, ebenerdige Spelunke, wo mich sogleich einige Kerle überfielen und mich unter dem sauberen Vorwände, als wäre ich bei ihnen eingebrochen, sie zu bestehlen, rein ausgezogen, ein Wunder, daß mich die Spitzbuben noch in meiner eigenen Haut ließen! Jacob. Und als ich den gnädigen Herrn aus der Soiree als Schutzmann abzuholen, ahnungslos an dem Räubernest vorbeischlendern will, erkenn' ich plötzlich zu meinem nicht geringen Erstaunen die Stimme meines gnädigen Herrn darin. Aber kaum halt' ich meinen Kopf in das Rabennest hineingesteckt, als mich die Banditen auch schon Solo gefangen, mich gleichfalls entfrackten und noch obendrein beim Hinauswurf unzart durchwalkten. Mein Buckel muß rein ausschauen, wie eine Karte vom indischen Kriegsschauplatz ! Thalheim. Mit meiner heutigen Abreise ist'S nun nichts, Carolin- chen, ich brauche wenigstens einen Tag Ruhe, bis mir der Schreck über dieses Banditen-Abenteuer wieder ganz aus dem Leibe gefahren. Caroline sihm schmeichelnd). Mein armes Väterchen! 11 Babette. Haben diese unmenschlichen Räuber auch recht martialisch ausgeseh'n? Jacob (prahlerisch). Und ob, Jungfer Babett! 's war wenigstens ein Dutzend baumlauger Kerl's, gegen die der Riese Murphy ein reiner Zwerg ist! Und Alle waren bis an die Zähne doppelt bewaffnet! Sechs Pistolenläufe zielten nach meinem theuren Haupte! — Thalhei m. Warum nicht gar! Er ist ein Prahlhanns! So arg war'S eben nicht! Aus Mitleid warf mir Einer von den Gaunern diesen Kittel an den Leib, um nicht, wie der arme Jacob, in Hemdeärmeln nach Hause wandern zu müssen. Nun, Kinder, es ist zwar schon Heller Tag, aber ich will auf diese Strapaze doch noch ein Stündchen der Ruhe genießen! (Greift unwillkürlich in die Tasche des Schlafrock's, und zieht ein Papier, in Form einer Rolle, heraus.) Was ist denn das? (Besieht es nach allen Seiten und licöt dann.) „Came- raden! Noch in dieser Nacht brechen wir nach dem Kloster auf, den reichen Schatz zu heben! Alles — Weiber, Kinder, Greise, — was sich uns hemmend in den Weg stellt, wird schonungslos niedergemacht! Mord und Rache ist unser Gewerbe, Sieg oder Tod unsere Lo.sung!" — (Läßt erschrocken die Rolle fallen.) Entsetzlich! Das sind ja fürchterliche Kerle! Wenn ich nur wüßte, welches Kloster in so großer Gefahr schwebt? Davon muß ja gleich die Anzeige gemacht werden! Jacob verwahre er dieses Papier, ich will meine Hände nicht damit beflecken. Jacob (hebt die Rolle auf). Na, wartet ihr Mordbrenner, das Dokument soll euch den Hals brechen! Ich Hab' einen Vetter, der ist Grundwächter, dieser obrigkeitlichen Person will ich diese Räuberdepesche übergeben, und noch heute soll auf diese Galgenvögel eine Treibjagd veranstaltet werden! Caroline. Ach mein armes, armes Väterchen! Wie nahe warst Du daran Deine Caroline zur Waise zu machen. Thal heim, 's ist in der That merkwürdig! Logire in Mitte der Stadt, habe schon meinen guten Fünfziger auf dem jRücken, aber eine solche Affaire habe ich noch nie erlebt! Kinder! laßt Niemand vor, ich will für heute Ruhe haben! Komm', mein Linche n , begleite mich auf mein Zimmer! (Geht mit Caroline in's Kabinet ab.) Babette (zu Jacob). Na, e r ist mir schon der wahre Held! Seinen Herrn so ausplündern, und sich so durchwalken zu lassen! Ist das Courage? Pfui! schäm' er sich, er Hasenfuß! (Durch die Mitte ab.) Achte Scene. Jacob (allein). Ah! Ah! Da schau mal Einer die wunderlichen Frauenzimmer! Das machen aber Alles die verdammten Zeitungsromane! Wer sich nickt mit Räubern und Gespenstern herumbalgt und dabei halbtodt schlagen läßt, der ist in ihren Augen gleich ein — Hasenfuß! Ich wollte, ich hätt' ein Paar Hasenfüße gehabt, so wär' ich doch diesen mörderischen Püffen desto schneller entkommen! (Gähnt.) Die verdammte Geschichte hat uns Alle ganz aus der Fa9on gebracht! Der gnädige Herr schlummert bereits, so will ich's denn auch versuchen. (Setzt sich.) Na, also! — Gute Nacht, Jungfer Babett'! Sie herzloses Geschöpf! — (Er nickt ein; kurze Pause.) Neunte Scene. Voriger. Caspar (in Jacob's Livrve. rock). Caspar (noch von Außen). Heda! Domestique! Laquai! (Tritt ein.) Kein Mensch da, uns bei der gnädigen Herrschaft zu melden? 12 Jacob (wendet sich schlaftrunken). Schon wieder keine Ruh' ? Wer stört uns denn so zeitlich ? (Beide erkennen sich und starren sich eine Weile in komischer Ueberraschung an.) Jacob (erschrockenst Himmel! Meine Livree! Caspar (für sichst Ich weiß nicht, diese Hemdärmel sind mir so bekannt! (Plötzlich). Ah, das ist ja derselbe Spitzbub', der heut' Nacht bei uns eingestiegen? Ah! Ah! hat sich der Kerl auch hier eingeschlichen! Gott sei Dank, daß ich da g'rade noch zu recht komme! Jacob sebensost Wie muß uns denn nur der Bandit ausgeschnüffelt haben? Caspar (ohne seine Stellung zu ver- ändernst Was will man hier? — Jacob sebensost Ja, das möcht' ich auch gern' wissen! Was sucht man hier? Caspar (barschst Kennt inan mich noch? Jacob (bei Seitest Meiner Treu! Er ist's! Und mein ehrlicher Rock hängt an einem solchen Spitzbubenleib! (kamst Und ob wir uns kennen! Caspar. Aha! Man gesteht also ein? Jetzt ist für ihn an kein Entwischen mehr zu denken! Jetzt wollen wir ihm gleich sein sauberes Handwerk legen! (Packt ihn st Zu Hilfe! Ich Hab' ihn! Zu Hilfe! — Jacob (ganz verblüffst. Was? Ah! Da hört sich ja Alles auf! Auslassen, sag' ich, auslassen! (Sich mit Caspar balgend.) Jungfer Babett! Euer Gnaden! Zu Hilfe! Der Kerl bringt mich um! Zu Hilfe! (Wird von Caspar aus den Sessel gedrängtst Caspar. Nutzt Dir nichts, Spitzbube! Du kommst mir nicht mehr los! Diebe! Einbruch! Zu Hilfe! Zehnte Scene. Vorige. Babette. Dann Thalheim und Caroline. Babette (hercinstürzendst Aber Jacob! Was treibt er denn? Der gnädige Herr schlummert ja! — Mein Gott! Was ist denn das ? (Eilt erschrocken zur Seiteuthüre, hincinrufendst Euer Gnaden! Euer Gnaden! Der Jacob wird umgebracht! Zu Hilfe! Thalheim (noch in Rollberg's Schlafrock, tritt mit Caroline aus dem Kabinetest Ei, zum Kuckuk! Was ist denn das für ein Getöse? Ist denn die Hölle losgelassen? Caspar (hält Jacob noch immer festst Ich Hab' g'rade einen Dieb erwischt! — Jacob. Nein, Euer Gnaden, den Dieb Hab ich, er hat ja meinen Rock an! Thalheim. Was soll das heißen? Laßt los! (Caspar betrachtend). Wahrhaftig! Sehe ich recht? Das ist ja Einer von den Spitzbuben, die uns heute Nacht bestohlen? Der Unverschämte wagt sich sogar beim helllichten Tage in mein Haus hieher? Caspar (läßt Jacob ganz verdutzt los). Was? Euer Gnaden — der Herr Banquier — haben uns heute Nacht die Ehr'gegeben? Gehorsamer Diener! Jetzt geht's gut! Caroline (sich ängstlich an Thalheim schmiegend). Papa! Mich tödtet die Augst, wenn dieser Mensch heimlich bewaffnet wäre! Jacob (komisch couragirt). Ich geh' und hole meinen Vetter, den Grundwächter, aber zuerst meinen Rock her, Bandit! Na, Jungfer Babett', Hab' ich Courage? Bin ich ein Hasenfuß? hä? (Zu Caspar, ihm die Nolle zeigend.) O, wir haben's schwarz auf weiß, wer man ist! Da steht's: „Alles, — Weiber, Kinder, Greise, — was sich uns hemmend in den Weg stellt, wird schonungslos niedergemacht rc. re." Dieser Schlafrock hat uns alle eure Schändlichkeiten ver- rathen! Casp ar. Dieser Schlafrock ? Hahaha! Das ist zu dumm! Und dieses Papier, was der Esel für einen telegraphischen Räuberbericht haltet, ist ja eine Rolle aus einer Räuberkomödie, die sammt 13 diesem Schlafrock dem Schauspieler Rollberg gehört! Hahaha! Alle. Ja, was soll denn das heißen? Caspar. Ah, da kommt grad die Hauptperson in dieser confusen Angelegenheit, jetzt wird sich die ganze Verwirrung gleich aufklären! Eilfte Scene. V or ig e. Ma if e ld (in Thalheim's Frack). Caroline (freudig). Ach, Maifeld! Maiseld (für sich im Eintreten). Nnn, Fortuna sei mir gnädig, der wichtigste Moment meines Lebens naht! (Tritt vor.) Ach, thenere Caroline darf ich hoffen—? (Will auf sie zneilen, erblickt in dem Momente Thalheim und stottert ganz verblüfft.) Himmel! Was seh' ich —! Rollberg's Schlafrock! Thal heim febenso). Donnerwetter! Herr! Das ist ja mein Frack? — Sie waren — Jacob ftriumphirend). Der andere Spitzbnbe! Victoria! Zwei haben wir schon! Caroline ffrappirt). Mein Gott, Väterchen! Dieser Herr ist ja eben Herr Friedrich Maifeld! Du verlangtest ja, ihn kennen zu lernen? Maifeld fsich verneigend). Zu dienen, Herr Banquier, ich bin Friedrich Maifeld, dramatischer Schriftsteller, welcher das Glück hatte — T halheim flosplatzend). Mich heute Nacht für einen Dieb zu halten und zur Strafe rein auszuplündern, wie Figura zeigt! C aroline (erschrocken). Wie, — Fritz! Sie, der gefühlvollste Dichter? Thal heim (schnell). Der gefühlloseste Räuber, Ja, mein Kind! Caroline. O mein Gott! — Maifeld (ganz verwirrt). Herr Ban- qnier! In der That! — Ein heilloses Mißverständnis — ! (Zu Caspar.) Sprich Du für mich, ich finde keine passenden Worte, ich bin ganz consternirt! Caspar (komisch dreist). Mit Verlaub, Herr Banquier, die ganze Geschichte ist so: — „Mein junger Herr und sein Freund, der Schauspieler Rollberg, der Nämliche, der, wie Euer Gnaden bereits wissen, Alles umbringt, aber blos auf dem Theater, — diese beiden jungen Herren sind also vor einigen Wochen von einem Spitzbuben so ausgefegt geworden, daß ihnen nicht einmal ein Chemisetten-Knopf übrig geblieben, daher wir auch jetzt so mule- äetto-poveretto logiren! Wir schwuren nun allen Spitzbuben Rache, und wer kann dafür, daß grad Euer Gnaden das unglückliche Opfer gewesen? Nacht war's auch, da seh'n sich alle Spitzbuben gleich, daher dieser wahnsinnige Irrthum! Euer Gnaden werden jetzt hoffentlich einseh'n, daß wir so wenig zur Secte der Langfinger gehören, wie Euer Gnaden selber! (Zu Maifeld.) Herausgeputzt Hab' ich Ihnen, jetzt reden Sie weiter! Maifeld. So ist es, Herr Banquier, und meiner sämmtlichen Garderobe beraubt, benutzte ich nun ahnungslos die Ihrige, um mich Ihnen würdig zn präsentiren. Sagen Sie selbst, Herr Banquier, wäre das nicht ein origineller Lustspielstoff! „ein Liebhaber als Bandit und Brautwerber im Frack seines Schwiegerpapas?! Caroline. Gott sei Dank! Er ist kein so entsetzlicher Verbrecher! Thalheim. Hm! hm! ans Ehre kein übles Sujet! — (Geht überlegend ^ auf und ab.) Jacob (zu Caspar). Er ist also auch kein wirklicher Spitzbube? Gut (will ihm die Hand geben, zieht sie aber schnell wieder zurück). Nein, das geht nicht, meine Püffe! Caspar. Waren ja auch nur ein Mißverständnis weil ich — Wichsier ! bin! 14 Jacob. Ah so! (Gibt ihm die Hand.) Also Servns, Collega! Letzte Scene. Vorige. Rollberg. Rollberg (munter eintretend). Nun, Bruderherz, darf man gratuliren? Mein Probespiel fiel glänzend aus, ich wurde mit jährlichen tausend Thaler engagirt. Thalheim (plötzlich aufblickend). Wertst denn dieser Herr? Maifeld. Mein Freund, Schauspieler Rollberg, der heute Nacht gleichfalls ein solcher Dieb gewesen, wie wir Alle! Rollberg. Wie, der Herr Banquier wissen? — Ah, das ist ja — mein Schlafrock — Himmel! ich ahne! — Thalheim (lächelnd). Ja, ja, mein Herr, Sie ahnen ganz recht! (Tritt zu Maifeld). Und Sie — Sie poetischer Herr Bandit, Sie lieben also wirklich meine Caroline? Und Du — diesen Abällino? Caroline, ! Tha l h e i m (scheinbar streng). Aber Diebe muß man ja in Fesseln legen? Caroline, j Papa! Rollberg, r Herr Banquier! Caspar. I Euer Gnaden! Maifeld. ES war ja nur ein Mißverständniß! Thalheim (legt lächelnd Maifeld'S Hand in Carolinen's). Da haben Sie Ihre Fessel! Ihr Schauspiel: „Die schöne Sclavin" hat mir neulich recht wohl gefallen, und da Sie schon eine Sclavin so gut behandelt, werden Sie wohl eine Frau um so glücklicher machen? Caroline (ihn umarmend). Bestes Väterchen! Thalheim. Dock halt, noch Eines! — Ich bedinge mir ein Probejahr und ernenne Sie zu meinem Sekretär, um Sie auch als einen praktischen Menschen, von einer andern Seite kennen zu lernen, denn Schwiegersöhne, die ihre Schwiegerväter ohne Mißverständnisse ausziehen, gibt es leider genug! Sind Sie's zufrieden? Maifeld. Ach, edelster Schwiegerpapa in sps! (umarmt ihn.) Thal heim (lächelnd um sich blickend). Hahaha! Eine närrische Geschichte! Also überall Diebe, wohin ich nur schaue, und doch keiner ein eigentlicher Dieb? Doch halt ja, (auf Maifeld zeigend). Bis auf diesen, — (zu Caroline.) der Dir Dein Herz gestohlen! — Jacob (zu Betti). Aha! so wie ich ihr! — Maifeld (Caroline umschlingend). Welchen Diebstahl ich gerne zeitlebens mit meiner Freiheit büße! Jacob (umarmt Betti). Ich auch! Rollberg (schwingt feinen Hut). Hoch die Kunst und die Liebe. i ""e ehrliche» Babelte. I H°rz-»Sdieb°! - (Gruppe.) Ende. In der Jänner 1876 neu begründeten WalNshausser'schen Sammlung Dkltschn Dthmmecke sind bisher erschienen: 1. Das Trauerspiel des Kindes. Schauspiel in 2 Acten von Sigmund Schlesinger . . . fl. 1.20 2. Eine Jugendsünde. Schwank in 3 Acten von Julius Findeisen .fl. 1.20 3. Tiberius. Tragödie in 5 Acten von Julius Grosse . . fl 1.50 4. Der Seelenretter. Lustspiel in 1 Act von Hedwig Dohm. fl. —.90 5. Das heiß* Eisen, ein Nürnberger Fastnachtsspiel von Hans Sachs. Für die neuere Bühne eingerichtet von Rud. Genee . fl. —.50 6. Corsiz Alfeldt, der Reichshofmeister von Dänemark. Trauerspiel in 5 A. und einem Vorspiel von Martin Greif. 2. Ausl. . fl. 1.80 7. Dschingiskhan. Lustspiel in 1 Act von Karl Gutzkow. . fl. —.60 8. Die Philosophie des Unbewußten. Lustspiel in 1 Act von Oscar Blumenthal . . fl. — 90 9. Reine Hände. Lustspiel in 4 Acten von M. Oeribauer. fl. 1.20 10. Der Tanzboden. Dramatische Kleinigkeit in 1 Act von Moriz Epstein. 11. Rose und Distel. Schauspiel in 1 Aufzuge .... fl. —.80 In dieser Sammlung toerden in'rascher Aukeinanderkolge erscheinen: Ein Achtundvierziger. Orig. - Volksstück in 6 Bildern von Eduard Dorn. Bretislav. Trauerspiel in 5 Acten von Herrn an Schmid. Brüllvogel. Schwank in 1 Act von Paul Perron. ^ Camöens. Trauerspiel in 4 Acten von Herman Schmid. Eine deutsche Frau. Schauspiel in 3 A. von Herman Schmid. Didier. Schauspiel in 3 Acten, nach Pierre Verton, von Betty Paoli. Don Auixote. Von Herman Schmid. Durch Champagner. Lustspiel in 1 Act von Betti L)oung. Ehre für Liebe. Liebesdrama in 5 Acten, mit Benützung einer Erzählung aus d. Französ. von Eduard Dorn. Ein ernster Heiratsantrag. Lustspiel in 1 Act von Sigm. Schlesinger. Franz Schubert. Orig.-Singspiel in 1 Act von Hans Max. (Musik mit Benützung Schubert'scher Motive von Franz v. Supp6.) Frau Sonne. Lustspiel in 1 Act von Sigmund Schlesinger. Fürst und Stadt, oder: Die Münchener Kindeln. Volks stück in 5 Acten von Herman Schmid. Eine gute Lehre. Schwank in 2 Acten, nach einem italien. Stoff, von Heinrich v. Littrow. Ich liebe Sie! Lustspiel in 1 Act, frei nach Charles Hugo, von F. Zell. Im Posthause. Lustspiel in 1 Act, frei nach dem Polnischen des I. Korze- niowski von Hans Max. Ein Kuß. Lustspiel in 1 Act von Heinrich v. Littrow. Ludwig im Bart. Trauerspiel in 5 Acten von Her man Schmid. Männer von Ehre. Schauspiel in 4 Acten von Charles Garant». Deutsch von M. A. Grandjean. Maximilian. Von Herman Schmid. Melscnhaulser. Volksdrama in 8 Bildern von Eduard Dorn. Vcro. Trauerspiel in 5 Acten von Martin Greif. Oer neueste Seandat. Komödie in 3 Acten von Theodore Barriere. Deutsch bearb. von F. Zell. Einzige berechtigte Bearbeitung (für das Wiener Stadt-Theater). Bes Bnkets Liedchen. Schwank mit Gesang in 1 Act, frei nach d. Polnisch, des Joh. Alex. Graf Fredro, von Hans Max. Ein Bpser der Patienten. Lustspiel in 1 Act von Sigmund Schlesing er. Ein Dpfer der Wissenschaft. Lustspiel in 1 Act von Sigmund Schlesinger. Paul de Kock. Lustspiel in 1 Act von Carl Weiß. Poesie und Prosa. Von Herman Schmid. Der preußische Landwehrmann und die französische Bäuerin. (Kurmärker und Picarde.) Komische Scene mit Gesang, nach einem Genrebilde bearb. von Friedrich Kaiser. (Mnsik von Franz v. Supp 6.) >Die Schraube des Glücks. Lustspiel in 1 Act von Sigmund Schlesinger. Der Selbstmörder. Von Herman Schmid. Spartacus. Trauerspiel in 5 Acten von Franz Koppel. Straßburg, oder: Eine deutsche Stadt. Trauerspiel in 5 Acten von Herman Schmid. Thasstto. Tragödie in 5 Acten von H e r- man Schmid. Der Theuerdank. Lustspiel in 5 Acten von Herman Schmid. Eine Tragische. Dramat. Scherz in 1 Act von Sigmund Schlesinger. Die Veilchen. Lustspiel in 1 Act von M. v. Eschenbach. Die Veitchcndame. Orig.-Volksstück mit Gesang, mit einem Vorspiel und in 6 Bildern von Eduard Dor n. (Mnsik von C. Millöcker.) Warum haben Sic das nicht gleich gesagt? Schwank in 1 Act von Paul Perron. Fantippe. Lustspiel in 1 Act von Heinrich v. Littrow. Zu treu. VonSigmund Schlesinger. Zuvor die Mama. Lustspiel in 1 Act, frei nach d. Polnisch, des I. Kor- zeniowski, von Hans Max. Der Zweck heiligt die Mittet, oder: Der Kapellenbauer. Orig. - Charakterbild mit Gesang in 7 Bildern von Eduard Dorn. (Musik von Karl Kleiber.) Der Beginn unseres Theater-Berlages fällt in die Zeit der Gründung des Wiener Bnrgtheaters und bildet mit unserem Theater-Sortimente und mit unserem Theater- Antiquariate das größte und vollständigste Lager dramatischer Literatur, in dem auch selten gewordene und im Handel gar nicht vorkommende Piecen zu finden sind. Bon dem bekannten „Wiener Theatcr-Repertoir" find soeben Heft 300 bis Heft 313 ausgegeben worden (die neuesten Produkte von Berg, Bittner, Eirich, Grandjean, Kaiser, L'Arronge, Morländer, Rosen, u. A. enthaltend). Bon Grandjcan's „Gute Unterhaltung" ist Bändchen 4, von „Weil's gesammelten Borträgen" sind Heft 11—13 neuerdings erschienen. Wien, März 1876. Wattishavsstr'scht Dvchhan-lvug, (Z-fef Druck von I. B. Wallishauffer i» Wien. Lin Aekrut von 1859 . Volksstück mit Gesang in 3 Abteilungen von O. A Verg. Musik vom Kapellmeister 8tolz. (Zum ersten Male gegeben im Thalia-Theater am 21. Mai 1859 mit glänzendem Erfolge.) Personen: i. Abtheiluug: Ins F-ldr Werner, Lieutenant. Drummer, Korporal. Frau Negers, Fischweib. /ranz Strohmayer, Bandmachergesell, ihr Sohn. Rummel, Greisler. Dorothea, seine Gattin. Ehrisostomug, sein Sohn. Mali, ein Fabriksmädchen. Frau Sali. Oebstlerin. Spitz, Grundwächter. Tremmel. Bauer. Ursula, sein Weib. Steffel, deren Sohn. Eine Röchln. Volk. Soldaten. Rekruten. Ort der Handlung: Wien. 2. Abtheilung: Ein Gefecht in Piemont. Werner. Drummer. /ranz Strohmaier, Korporal. NmÄE'i S°Ida»„, Lonte Lavalino, piemontesischer Gutsbesitzer. Spinelli, Gypsfiguren-Fabrikant. Marietta, seine Tochter. Schmierofsky. Schlachtenmahler. Reindl, Kapitalist aus Wien. Aurora, seine Gattin. Carlo, ein Freischärler. Eine Ordonanz. Ein Josten. Iagues, AuroraS Diener. Ort der Handlung: Piemont. Spielt um 1 Monat später als die L. Abtheilung. 3. Abtheilung: Im Lager. Der Rommandant. Werner. Drummer. /ranz Strohmayer. Rummel. Lhrisostomus. /rau Regerl. Mali. Schnittling, Krankenwärter. Drindeau, ein französischer Verwundeter. An-r > Freiwillig-,. Ein /etdarzt. Ort der Handlung: Piemont. Spielt um 1 Monat später als die 2. Abtheilung. (Den Bühnen gegenüber als Manuskript.) Zu beziehen auf rechtmässigem Mege von L. /. Rerg, Ioseffiadt Nr. 105. Genau nach den, rensurirten Exemplare. Erster Art. Der Naschmarkt in Wien. Höckerinnen, welche theilS bei Obstständen sich mit der Ordnung ihrer Waare beschäftigen, theilS mit dem Publikum verkehren — die Meisten haben Zeitungen in der Hand. Seitwärts befinden sich Hütten von AuSkocherinnen, vor denselben Tische, an welchen arme Leute abgespeist werden. Publikum um einen Fischstand.) Chor: (Siehe Partitur.) Fr. Regerl, Fischweib und Fr. Sali (mit zwei Zeitungsblättern hervortretend). Fr. Regerl. Jetzt leS ich schon das vierte Blattl und weiß noch alleweil nicht, haben mir Recht oder die Franzosen. Fr. Sali. Allemal mir! Fr. Regerl. ES geht nichts über eine Zeitung — da hör' die Fr. Sali (liest). Mer die europäische Situation mit unparteiischen Blicken beobachtet, und sich nicht von Parteiansichten behelligen läßt, wird besonders in Berücksichtigung der Verträge von 1815 und in Anbetracht der damaligen Friedens-Präliminarien und bei Erwägung der Stellung der europäischen Großmächte überhaupt — endlich der finanziellen Gebahrung zur Einsicht kommen, daß bei der großen Tragweite eines europäischen Krieges vorläufig durch Einberufung von etwaigen permanenten Congressen, die Zustimmung dieser Mächte eingeholt werden mußte, daß ferner vorläufig über den bevorstehenden Lauf der Politik der Staaten sich noch gar nichts sagen läßt. Wir sind ermächtigt, diese wichtige Mittheilung aus sicherer Quelle zu verbreiten. (Wüthend) Wegen so was san die Zeitungen g'stämpelt! Fr. Sali. Ich bitt' Ihnen, ich bin ganz desperat, wohin wird'S kommen mit uns, wann's so fortgeht, — dieser Graf Cavour hat uns Oebst- lerinnen am G'wissen; der druckt Alles mit seinen Reden, so oft er in der Kammer eine solche lange Sauce loslaßt, gleich steigt Alles im Preis. Heut zu Tage leiden schon die Birn' unter der Politik. Die Frau Regerl wird sehen, wir geh'n z' Grund! Fr. Regerl. Was wollen denn Sö sag'n, bei Ihrem Geschäft iS eS so gut, — aber bei mir — mein Sohn sagt alleweil — die Piemontesen wern alle Fisch kriegen, was bleibt denn nachher für uns? Zweite Scene. (Der Wächter Spitz — eine Menge Zustellungen in der Hand — geht auf Reger! zu). Spitz. Höchste Zeit, daß ich Ihnen find', Frau Strohmeyer — ihna Quartier iS zug'sperrt — da kann man Ihna lang suchen — ich bin dort g'standen wie der — (stockt) Wächter am Berg. Fr. Regerl. WaS gibtS? Was gibts denn? Spitz. Da hat die Frau Regerl zuerst die Einmahnung von den rückständigen Steuern per 18 fl. 57 kr. 3 Fr. Reg erl. Mich trifft der Schlag — Spitz. Bei sonstiger exekutiver Feilbietung Ihres beweglichen und unbeweglichen Vermögens und Con- fiskation Ihrer sämmtlichen Fische, männlichen und weiblichen Geschlechts. Frau Regerl. Odu mein Gott! o du mein Gott! Spitz. Ferner hier die Einberufung Ihres Herrn Sohnes Franz Strohmeyer, Bandmachergesellen all- hier, — welcher sich heute Vormittag 11 Uhr im Gemeindehause behufs der Abstellung zum Militär (schmunzelnd) aus Anlaß des demnächst ausbrechenden Krieges, auch zur baldigen Abreise (schmunzelnd noch freundlicher) und ehrenvollen Tod für'ö Vaterland zu melden hat. Fr. Regerl. Mich trifft noch mehr der Schlag — mein Sohn — mein einziger Sohn! Spitz. Wann'ö eine Tochter wär — würd sie nicht assentirt. Fr. Regerl. Ich Hab gar nichts auf der Welt, als wie mein Sohn — jetzt soll i denn a noch verlier'»! Spitz. O Gott! es kommen ja manchmal a welche zurück. Fr. Regerk (trostlos die Hände ringend). 6 je mein Sohn! Spitz. Ich gehe jetzt meine andern Zustellungen austragen — und dann später bin ich ungeheuer patriotisch. Ich geh her und trink vier Maß Wein für's Vaterland (Ab). Dritte Scene. Vorige (ohne Wächter, gleich darauf der Greißler Rummel. Fr. Regerl (zu den andern Höckerinnen). Frau Sandl, Frau Reserl — denken's Ihnen, mein Sohn ist ein gestellter Mensch! Alle. Was? was? n'Franzl hab'nS a daglengt? Fr. Regerl. Z tröst mi nur damit, daß er ihnen z' grob iö — und nachher sein-Hunger! der paßt gar nicht zum Militär — wenn der in einer Festung iö, den hungern's in ein Vormittag aus — denn sein Appetit iS alleweil zehn Mann hoch — und für ein Mann kriegt er blos Commisbrot! — o du mein — der Franzl! Rummel (eine Butte auf dem Rücken, tritt herein). Guten Morgen, meine Damen! — Ich sag' Ihnen, wie es in meiner Greißlerei seit drei Tagen zugeht, das is enorm, ich derfet die Creditaktien um 200 nehmen — Jeder Vater gibt seinen Sohn noch eine große Wurst mit, oder sonst ein Angebinde seiner väterlichen Zärtlichkeit. — Jede Mutter stopft ihrem Sohn noch einen Strudel im Sack, und Strudeln macht meine Frau (stolz) wer die gegessen hat, kann ruhig sterben! Heut in aller Früh sein wieder zwei Bataillons Deutschmeister ankommen, wenn so viel Deutschmeister nach Piemont kommen, muffen ja die Pie- montesen deutsch lernen. Fr. Regerl. I wir vielleicht bei Ihnen heut a was kaufen. Mein Sohn, mein Franz wird a Soldat! (wischt sich eine Thräne aus den Augen). Rummel. Und da weint die Frau — anstatt daß die Frau stolz is — anstatt, daß die Frau juchezt — o es muß die größte Seligkeit für eine Mutter sein — ihr Kind für'ö Vaterland zu opfern! — Wer weis — was Jhna Sohn noch Alles durchsetzt — vielleicht haut er die Piemontesen so z'sammen, daß man das Pfund Salami um zwei Kreuzer kriegt; wer waß, vielleicht fangt er'n Cavour, und kriegt die H e len a - M e d aille — wann i nit Bürger von der Stadt wär, wann i nit verheirat wär, und Kinder hätt', — wann nit mein G'schäft wär, was i führen muß, — wann i nit schon so vorg'ruckt wär in die Jahr, und wann mein Tempe- 1 * 4 rament einen anderen Charakter hätt' — mit ein' Wort — wenn Alles ganz anders war, ich ging selber zum Militär. Fr. Regerle. O Sie haben leicht reden. Sie haben ihna Sach' im Trocknen — se haben's Geld, daß Ihnen Sohn loskaufen können, wann'S d rauf ankommt, aber was soll i thun? — Fischlieferantin bei der Armee? wird nicht angenommen! Rummel. Ha! (mit Eifer) wenn eS d'runter und d'rüber geht in der Schlacht — die Verwundeten ächzen — die Todten um Hilfe schreien — die Gewehre donnern — und die Kanonen blitzen — wenn der Dampf so groß, daß man nicht 5 Schritt siebt, a 1a Franz Josefs Quai, wenn die Köpf herumfliegen wie bei die schlechten Zündhölzeln — wenn vier Mann mit Todesmuth losstürzen auf eine feindliche Batterie und alles vernageln — daS ist ein Genuß, da möcht ich dabei sein, da beneid' ich Ihnen Sohn. Meiner Seel, wenn die Zeit nicht so schlecht wär, wann man daS Seinige nicht so zusammen halten müßt — ich gäbe Ihrem Sohn 2 Pfund Gr vier aus die Reis. Fr. Regerl. Das is Alles recht schön — aber z'Haus bleiben, is doch sicherer. Rummel. Sicherer wohl, aber nicht schön, (enthusiastisch). Wann heut Frieden wurd' und sie nehmen mich als General — meiner Seel' — ich geh auch! Fr. Regerl. Also glauben Sie auch daß es zu was kummt. Herr Rummel? Aus die Zeitungen wird man nicht klar. Rummel. Wie heißt: Nicht klar? aber wann man ein solcher Politiker is wie ich — so begreift man die Situation ganz genau. Sie wissen, daß in früherer Zeit Alles viel größer war als jetzt; das Brod war viel größer — die guten Kreuzer waren viel größer, — die Portionen in den Wirthshäusern waren viel größer, — mit einem Wort, Alles war viel größer in früherer Zeit. Und das is es, was den jetzigen Napoleon so gift: Wissen Sie warum?—Weil auch der frühere Napoleon viel größer war! Wann ein Knerzel, der blos so hoch ist, (deutet mit der Hand) gern einmal wissen möcht, wie Ein is als großer Mann, so geht er auf Stelzen, und wann einer gern um jeden Preis berühmt werden möcht so erfindt er ein Insektenpulver oder er führt ein' Krieg.' der erste Napoleon war ein Dichter — sein Werk war ein Trauerspiel, betitelt: „der Krieg". Das Stück Habens oft g'spielt! Der jetzige hat eine Posse geschrieben, betittelt: „Er mengt sich in Alles!" und jetzt stellt sich heraus, daß er bloß der Bacher! von sein Onkel is! die ganze gegenwärtige Krisis ist eine Pantomime in der, wie immer der Pierot entsetzliche Schläge kriegt. Sie können sich denken, wer der Pierot sein wird! Der Wächter (kommt noch einmal zurück). Spitz. Guten Morgen Herr Rummel! G'rad' war ich auf den Weg zu Ihnen, gut daß ich Ihnen find! da Hab' ich ein' Zustellung für Ihnen, (gibt sie ihm). Rumel. Ich fall hin — und werd u m! Ach Fr. Regerl hohln's ein Bal- birer, daß er mir Ader laßt, ich bin todt, wo ist der Dr. Gollmann? Alle. Was iS den — was is den? Rummel. Ich komme nicht zu mir, der Schrecken iS mir so in die Glieder g'fahren, daß ich nicht weiß, bin ich ein Mensch oder ein Greisler. Wenn das die Welt erfahrt, kommt ein Extrablatt heraus. Denkens Ihnen Frau Regerl (Thränen ersticken seine Stimme) Mein Bubi, mein Chrisostomus ist einberufen, o ich bin der unglückseligste Vater auf der Welt. L Fr. Regerl. Was? Jhna Sühn a? Na was liegt denn Jhna dran— Sie kaufen ihn los. Rummel. Richtig auf dös hätt'ich bald vergessen. Spitz. Loskaufen? döö gibts nicht. Nach dem Rekrutirungsgesetz kann das nicht mehr stattfinden, sobald der Stellungspflichtige einmal einberufen ist Chrisostomus muß in den Kampf. Rummel. Im Ernst? Ui je—mein armer Chrisostomus — am End' gschiht ihm was — es muß Frieden wern — ich bin im Stand und geh' nach Paris und red' selber mit dem Grafen Wa- lefski. Ich werd' ihm expliciren — wie langweilig es auf St. Helena — und wie unangenehm eS wär, wenn man solche Schläge kriegt — daß man sich von Turin bis Paris in Schupftücheln z'HauS tragen muß. Spitz. Mei'Post Hab' ich auSg'richt — ich gratulir allerseits. Fr. Regerl (tritt tröstend zu Rummel). Aber schaun's Herr Rummel — Sie hab'n ja selber g'sagt wie süß es is, für's Vaterland zu sterben. Rummel (weinend). Sehr süß! (weint). Fr. Regerl. Wir leben in einer Zeit, wo jeder das Seinige beitragen muß für'S Reich! — Rummel. Ich kauf ja den Soldaten das Commißbrod so um n' halb'n Preis ab. Fr. Regerl. SchaunS i bin nur a arm's Fischweib — aber so viel Lieb für mein' Kaiser und mein Vaterland Hab' ich doch noch immer, daß ich mein Sohn mit Freuden hergieb, wann ihn der Kaiser begehrt. Rummel (weinend). Ich freu mich ja auch! — Fr. Regerl. Weiber, wißts was — leg'n wir alle was z'samm — sei's Geld oder Waar' und bringen wir's nauS den Soldaten am Meidlinger- Bahnhof; eS is wenig waS wir bringen aber eS kommt vom Herzen; wir sind ja alle Mütter, und was vom Mutter- Herzen kommt, is immer eine willkommene Gabe. Alle. Ja, ja legen wir zusammen. Rummel. Jetzt is mein erster Weg zu allen Gesandten, wir müssen alles auf unsere Seiten bringen — Russen, Türken, Preußen, Schleswig-Holstein, Lippe-Detmold, Reiß - Schleiß- Greiz- Lobenstein und Nord-Amerika! — Auf der Stell' geh' ich zum Engl ander, er muß seine Motten auSrüsten. Alle Pulvervorräthe von Zacherl kauf ich auf; der Rozsa Sandor muß frei gelassen werden — damit Oesterreich auch seinen Garibaldi hat und statt G'selcht es muß es künftig heißen: Piemontesisches mit Knödeln! Alle (schreien.) Ah der Franzel kommt! der Franz!! Vierte Scene. Vorige, der Bandmachergesell Franz Stroh »naher. Servus, servuS Frau Mutter; Servus Fratschlerweiber! (mit affektirter Lustigkeit) I was nicht i bin heut so zum Tanzen aufg'legt, wann ich wußt, wo der Strauß oder a Werkelmann spielt i wär aufg'legt zu an Tanz. R ttMMel (drückt ihm die Hand und sagt vertraulich) Der Tanz sangt in Italien an! Fr. Regerl. Franz! du mußt auf's G'meindehauS. Du wirst a Soldat, (zeigt ihm die Zustellung). Franz!. Was? Sieh i recht! — Meiner Seel! — Rummel. So ein Schwächling und keine Schonung. Franz!. Hm, waS liegt denn dran? Sie wern mich behalten und es kummt mir grad recht; weiß die Mutter, daß ich heut' etwas erfahren Hab', was i nit so leicht wieder vergessen werd. I bin froh und lustig, daß ich weg kumm aus der Stadt wo mich jeder 6 Stein gift, und wo ich d'rein schlagen möcht, so oft i wen seh! Rummel (freudig). Der muß sich neben meinen Chrisostomus stellen. DöS is einer für d'Franzosen. Fr. Regerl. Du schaust so verstört auS! Du bist krank! Franzi, was is dir denn? Franz! (nimmt seine Mutter bei Seite). Die Mutter weiß — daß mein' Mali das arme Fabrikmad'l, bis jetzt mein Alles war, Sö Frau Mutter und die Maly — was Hab i denn noch g'habt auf der Welt! Ich war heut dort bei ihr, und Hab' ihr gratulieren woll'n zu ihr'n Namenstag, es is aus, alles auS! Fr. Regerl. Was is denn, was is denn? Franzl. Die Mali is a Putzgredl, das was die Mutter so — a seidenes Kladel und a Atlas-Tuch is ihr lieber als Essen — sie hungert wann sie sich nobel anziehen kann — jetzt natürlich, so was kann der Bandmacher nicht bestreiten; i kann ihr am Montag an Heurigen zahl'n, aber ka Eselstrum Crinolin — i kann mir nur so viel absparen vom Maul, daß ich ihr nach ein Monat a Waschkladl kauf, aber auf Oros-äs-blaxls bring is nicht. Rummel (wütbend). Sprechen Sie mir kein französisches Wort mehr auS, sonst verklag ich Sie als Demokraten — deutsch muß der Mensch sein — deutsch — deutsch im ganzen deutschen Deutschland, so weit die deutsche Zunge reicht! — Franzl. Dös war ihr schon lang nit recht, die noble Kluft is ihr immer im Kopf g'steckt, wanns a die andern Madeln ausg'lacht haben, wegen ihrer Nobleß. Mi hat's schon lang g'wurmt, aber i hab's Maul gehalten. Rummel. Wie die Leute in Paris. Franzl. Aber vor drei Wochen da is der Sohn vom Hausherrn, wo die Mali logirt, auf Urlaub ankommen, er ist Lieutenant, Hausherrn-Sohn! — «'Lieutenant! — junger Mann — schöne Uniform — na hat Geld, sieht die Frau Mutter — dös hat der Mali in d'Augen g'stochen! — wie i heut da war, iß sie nicht zu HauS und die Hausmeisterin hat mir erzählt, der junge Herr vom Haus wird'S heira- then, wann er z'ruck kommt aus dem Krieg, und i soll mir keine Hoffnung machen, soll nit hinaufgeh'n zu ihr. I Hab' daS Tüchel was ich für sie gekauft Hab', der Hausmeisterin g'schenkt und bin jetzt, wo i was, daß die Mali für die i alles geb'n hätt', mein Leben! so mir nichts dir nichts, so leicht für ein' andern schwärmt, so lustig und fidel, als wann gar nichts g'scheh'n wär. Ich bin recht lustig Mutter! Fr. Reg erl. Armer Franzl tröft dich, sie is deiner nicht werth. Franzl. D'rum werd' ich gerne Soldat, (denkt nach) nur Eins iS mir leid, -daß der nit beim Feind is, den suchet ich heraus, den Mann, der mir Alles geraubt hat — mit dem möcht' ich kämpfen —so lang noch ein Pulsschlag mich belebt. An dem mich rächen, is mein Aufgab!! — Rummel. Um Gottes willen, der g'hört ja zu unsere Leut. San mir froh daß wir so viel haben. Wann er nur nit für's Vorwärts maschiren iS. Um Gotteswillen nur immer hübsch in die Festungen bleiben, dann nur nicht razen — nurnicht razen, denn das Sprichwort sagt: Quäle nie den Feind zum Scherz, er fühlt wie du den Schmerz. (Man hört eine Bande.) Franzl. Gehts nur voraus — ich g'hör' ja bald zu Euch, vielleicht, daß a Schuß oder ein Bajonett die Brust durchbohrt; der Bandmacher Franz wird dem Feind gerne verzeih'«, der das bewegte Herz zur Ruhe bringt! Rummel. Ich kauf jetzt noch zwölf Stück Leinwand — nimm mir zehn Personen auf, und zupf für meinen Bub'n drei Zentner Charpie. (Alle ab.) Verwandlung. (Das Innere deS TranSporthauseS, nämlich ein großer Saal; an den Wänden hängen hie und da Gewehre, Mäntel, Soldatengepack, die Fenster find vergittert; Rekruten mit dem Sträußchen am Hut treten von ihren Müttern und Vätern gefolgt, ein, mehrere find schon montirt). Fünfte Scene. Korporal Brummer mit einem mächti- gen Schnurrbart geht ordnend auf und ab. Der Bauer Tremel und sein Weib Ursula stehen traurig neben ihrem Sohn Steffel. Brummer (barsch). Wird das Lame ntiren bald ein Ende haben — schämt Euch — so zu flennen, dummes Volk! Tremel. Na, san's nur nit bös Herr Hauptmann, wir haben'S ja nit bös gemeint, wir danken Ihnen recht daß uns erlaubt haben, unfern Sohn no einmal z'sehn, mir und mein Weib. Ursula (furchtsam). Ja, mir und mein Mann! Steffel (noch ängstlicher). Mein Vätern und meiner Mutter. Brummer. Werweiß, ob ihr ihn je wieder sehen werdet, wenn ich noch denke an die letzten Schlachten unter unserm ruhmgekrönten Feldherrn — unserm Vater Radetzky — gruselt selbst mir alttn Kriegsmann d' Haut — eS regnete Kugeln. Tremel (gibt seinen Sohn einen rothen Regenschirm). Nimm Dir'n mit, Steffel. Brummer. Die Kartätschen streckten Hunderte nieder und die feindliche Cavallerie sprengte unser Carre. Ursula (zupft ihren Mann). Die Alleen Haben'S g'sprengt, ui je! Brummer. Und Tod verbreiteten ringsum die feindlichen Feuerschlünde. Tremel. Na — so nehmen Reißaus ! ? Brummer. Wir aber empfangen sie mit einer Salve, welche ganze Reihen niedermacht — Tremel. So, das sehen— Alles liegen und stehen lassen — auf und davonrennen. Brummer. Nein, wir rücken vor im Sturm, nehmen die ganze Compagnie gefangen. Steffel (kratzt fich am Kopf). Dös wird a Weil dauern, bis i das g'wöhn! Ursula (packt aus). Da Hab i mein Sohn no a Bisl was mitbracht — a Schunken — an kälbernen Schlägel, an Gugelhupf und a große Schwarten Speck — Brum mer (nimmt Alles weg, komman- dirt). Habt Acht! Links g'schaut! (geht links ab.) (Steffel und seine Familie fleht ihm mit Verwunderung nach). Steffel. Na, Vater, pfürd eng Gott, und wann's ma schreibt'-, legt'S ma a Schunken eini — gebt's Obacht auf die trächtige Sau. und vergeßt'S nit auf mi. Frau Mutter, geben's den Sultl immer ein Wasser in der Früh, und wann Sö statt meiner den Ochsen 's Heu bringen, dann denken'S vielleicht an mi. Sagen Sö der Mirzel, daß das Glück vom Vaterland von mir abhängt, und daß i nit eher z'HauS kommen kann, als bis der Feind g'schla- gen is. Sechste Scene. 1LS treten ein ChrisostomuS, Franzl, ersterer von Vater und Mutter und mehreren Freunden, letzterer von seiner Mutter begleitet). Franl. Grüß Gott Kameraden! Christof. Da schaut's schrecklich auS, diese Pritschen, Vater so etwas thu ich nicht; schicken's mir meine Tu- 8 chet heraus — i krieg sonst Dippeln am ganzen Körper. Rummel. Mein Kind, das geht nicht, im Krieg heißt's auf der Erd' schlafen. Eris. Frau Mutter, haben's ma die Kaffeemaschine einpackt und an Zucker — wie viel Nachtleibeln haben's mir denn mitgeben. Dorothea. Der Wagen mit der Kisten kommt erst nach. Ich Hab Dir im Ganzen einpackt, 5 Pfd. Kaffee, 4 Pfd. Zucker, Vs Pfd. Cichorie, eine Halbe Hoffmannische Tropfen, ein Seite! Seifengeist, 2 Schachteln Zahnpulver, 12 Paar Gatien, 12 Nachthemden, 12 andere Hemden, Dein Schlafrock, nachher L Pfd. Salami, 2 Matratzen und was halt sonst zum Leben g'hört. Brummer. Rekrut darf gar nichts mitnehmen, als was im Tornister Platz hat. Was für eine Schande, so ein erwachsener Mensch und so verzogen. Chrisost. Ja, Sie halten mich vielleicht für stark. Ich Hab' bis jetzt gar nichts gethan, als Billard g'spielt und Cigarren g'raucht — ich bin so was nit g'wöhnt. Mehrere. Armer, armer Chriso- stomus. Rummel (zieht den Korporal bei Seite) Herr Korporal, ich bin nicht unempfindlich für den Schmerzensschrei Italiens; bedenken Sie, daß alle Menschen Menschen sind. Ich weiß zwar, daß man im Kriege daS Kind im Mutterleib nicht schont. Wenn Sie solche Kinder umbringen, liegt mir nichts daran. Aber schauen Sie nur, daß meinem Lebendigen nichts g'schieht. Heut zu Tage, wo eS so schwer ist, sich fortzubringen — Herr Korporal, schauen Sie, daß mein Sohn zur Bagage kommt (greift in den Sack, und sieht eine Menge weiße Papierchen heraus wovon viele auf die Erde fallen und davon flattern.) Hier haben Sie fünf Gulden in kleinem Geld, das waren einmal fünf Gulden Oesterr. Währ., aber behandeln Sie meinen Sohn mit Nachsicht. Postirn's ihn immer in uneinnehmbare Festungen und schaun's mir nur um Gotteswillen, daß Sie immer um 30VV0 Mann mehr sind, als der Feind. Wie gut haben's die Russen g'habt in der Krim. Wenn 200V Feind blieben sind, iS nur alleweil Einer g'fal- len, — bis da die Reih an mein Sohn kommet, könnt der Krieg 2000 Jahr dauern. Franzl. Mutter, sie haben mi b'halten, i bin tauglich befunden, was nützt jetzt 'S Weinen? sein's lieber stolz darauf, daß Ihr Sohn was beitragen kann für's Vaterland, und wann i nimmer z'rück komm, so denken's der Herr hat's so wollen, es war so gut. Herr Korporal, wir haben so eilig hie- her müssen in's Transporthaus — net wahr — sie haben ja nichts dagegen, wann an Mutter ihren Sohn hier segnet, wanns a nit der paffende Ort dafür iS. Brummer (gerührt). Jö nicht ge- gen'S Reglement. Franzl. Also Mutter, mein Schutzgeistauf der Welt, breiten's Ihre Hand über mich — und bitten's den allmächtigen Vater, daß er mich nicht verlaßt, daß ich Ihnen Ehre mach. Ihnen Mutter! und mein Land! (Er kniet nieder). (Melodram.) Fr. Regerl. Ein armes Weib, lieber Gott, bitt Dich um Dein Schutz für ihr Kind, ein armes Weib, die nichts am G'wissen hat — und die mit Vertrauen ihre Hand zu Dir auf- heben kann. Seg'n Du mein Sohn, damit er nie seine Pflichten vergißt, damit sein Arm und sein Herz stark bleiben! Sei mit all die Soldaten, die da fortgeh'n in den Krieg und laß s Deine Vaterhand über Ihnen ruh'n, und über unserm lieben, guten Kaiser! Brummer (nimmt den Czako ab, und wischt sich eine Thräne aus den Augen. Die anderen Mütter haben gleichfalls ihre Kinder gesegnet. Gleichzeitig ertönt die Trommel im Hof de- Gebäudes unterbrochen vom Hurrahge- schrei der Menge). Franz. Aha, die Andern marschi- ren ab. Jetzt wird die Reih an uns kommen (er umarmt seine Mutter). Brummer. Habt Acht! In Reih und Glied gestellt! Rechtsum, marsch! (Alle Rekruten reichen ihren Verwandten noch die Hände, gehen ab.) Fr. Regerl (nachrufend). Franz i sieh Dich noch am Meidlinger Bahnhof. (In diesen Augenblick hört man einen heftigen Schlag auf eine türkische Trommel, wie er dem Beginn eines Musikstücks vorausgeht. Rummel (fällt auf die Erde). Jetzt Hab i glaubt, die Schlacht ist schon angangen. (Ab) (Marsch.) Siebente Scene. Der Meidlinger Bahnhof, nach der Station ausgenommen. Der Bahnhof muß so mit Geschützen, Lafetten und Kriegsmaterial aller Art angehäuft sein, wie dies in der letzten Zeit der Fall gewesen ist. Der letzte Waggon eines Trains steht seitwärts in der Coulisse. Sehr viel Publikum nimmt Abschied von den Truppen, welche marschbereit dastehen. Die Höckerinnen der ersten Scene beschenken die Soldaten mit Obst u. dgl.) Chor der Soldaten. (Siehe Partitur). Achte Seene. (Die Rekrutenabtheilung aus dem Transportbaus erscheint, angeführt von Brummer, eben so werden unter dem Publikum ihre Angehörigen sichtbar. Lieutenant Werner tritt vor. Brummer tritt zu ihm und überreicht ihm eine Schrift.) Werner. Ganz gut, wo ist die Mannschaft. Brummer. Dort ist sie aufgestellt. Werner. Sie werden den Zug bis Triest begleiten. Neunte Seene. Mali (sehr elegant gekleidet mit einem Lorgnon, mit weiblicher Begleitung eilt auf Werner zu.) Herr Lieutenant, ich bin eigens heraus geeilt, um Sie noch einmal zum letztenmal zu sehen. Werner (küßt ihr die Hand). Auf baldiges frohes Wiedersehen! Franz (stürzt hervor). Werner. Wie kann er sich erlauben aus Reih und Glied zu treten; (für sich bestürzt) mein Nebenbuhler, welch' peinliche Situation. Franz. Sie sind mein Kommandant, Herr Lieutenant, Sie können mich einsperren lassen bei Wasser und Brod, und krumm schließen. Sie sein Herr über mich. Strafen Sie mich, so hart Sie wollen, aber erlauben Sie mir, daß ich der schlechten Person dahier die Larve vom Gesicht reiße. Ja, Mali Du hast Dich verläugnen lassen heut — gut, daß ich Dir's jetzt sagen kann, Du bist so schlecht — wie — wie — (fährt sich in die Haare und findet keine Worte, er greift an den Säbel) es kann kein Verbrechen sein, wenn ich Dich — (seine Mutter und Brummer fallen ihm in den Arm). Frau Regerl. Franz! Heiliger Gott! (Mali hat sich zu Werner geflüchtet). Franz. Mutter, ich dank Ihnen — Sie haben mich vor einem Verbrechen bewahrt. Die Pflicht wäre bald dem Herzen unterlegen. Ich bin von heut an nix mehr, als Soldat. 10 (Die anderen Truppen find mittlerweile eingestiegen. man bat den Abschied beobachtet, den fie von ihren Angehörigen genommen, der Radetzkymarsch ertönet. Die letzten auf der Bühne im Vordergründe find: Werner, Regerl, Franz, Mali, (Der Pfiff der Lokomotive ertönt). Franz. Mutter, der liebe Gott sei mit Ihnen! (Sie folgt ihm ängstlich bis zum Wagenschlag indem er den Fuß auf den Tritt setzt, umarmt er sie zum letztenmale. Mali, welche Werner noch die Hand reicht, will auf Franz zu und ruft: Kranz! (er wehrt fie ab). Werner (ist ab). Franz. Wienerstadt! Adje! (Das Publikum weht mit weißen Tüchern, ruft Vivat, der Radetzkymarsch tritt mit Fortissimo ein, der Zug setzt sich in Bewegung, der Vor- Hang fällt langsam.) Ende des ersten Aktes Zweiter AK1. (Ein Dorf in Piemont, seitwärts link- vom Publikum ein Haus, über welchem auf einer Tafel die Aufschrift. „Giacomo Spinelli, GypSfiguren-Erzeuger" natürlich in italienischer Sprache, rückwärts gebirgige Anhöhe.) Erste Scene. Conte Cavalino. Spinelli. Conte Cavalino. Lieber Freund ich habe sichere Nachrichten, daß noch heute die Vorposten österreichischer Truppen hier eintreffen werden. Es bleibt uns nichts anderes übrig, als uns gefügig zu zeigen, bis der Tag der Rache naht. General Porte hat gestern einen Botschafter zu mir gesendet und mir geschrieben, daß das von ihm gebildete Freikorps, welches drei Stunden von hier lagert, ganz von Pulvervorräthen entblößt ist. — Wenn eS uns auf irgend eine Art gelingen könnte, jenen öst'reichischen Pulvertransport, welcher sich zwei Meilen von hier befindet — unfern Truppen in die Hände zu spielen — so könnten wir unserer Sache einen großen Dinst erweisen. (Tumult in der Entfernung.) Stille, die Zeit der Verstellung naht, bald bin ich wieder da, (ab). (Man hört Franzl hinter den Bergen fingen.) Mein lieber Herr Napoleon, Mir scheint, mir scheint, es wackelt schon, I fürcht, i fürcht, das war net schön Sie wer'n a mal auf Urlaub geh'n. (Jodler.) (Die übrigen Soldaten stimmen ein, es werden zuerst einige Bajonetspitzen sichtbar; Nach und nach treten Franzl, ChrisostomuS und andere Soldaten hervor.) Zweite Scene. Vorige. Die Soldaten. Franzl. Werd's still sein mit euer Marseillaise, ös machts ja ein Specktakel als wann wir Deputirte wären in der piemontesischen Kammer. (Sie kom. men von der Anhöhe herunter.) Also hier is der Ort, wo wir recognosciren sollen. He da, keine Gemeinderaths-Deputation da die Vivat schreit, — keine weißgekleideten Jungfrauen?! Wo sind die Schlüssel der Stadt und die Feierlichkeiten. die Triumphpforten und die Kriegssteuer, die mir noch lieber iS, als die weißgekleideten Jungfrauen. Spinelli. Sein Sie uns gegrüßt Herr Unteroffizier, wir kommen Ihnen als Freunde entgegen. Franzl. Als Freund? Wünsch guten Abend! — No, mir is recht. (Zu seinen Kameraden) Da schauts her, so schaun die G'sichter aus, die uns mit Jubel empfangen. Spinelli macht ein finsteres Gesicht, Franzl (zu Spinelli). Also wenn der Herr gar so ein guter Freund is, so laß er fest auftragen, aber kein Hendelbrei, Polenta — oder wie's bei eng heißt — ka g'röste Pomeranzenschäler, 12 keine Feigen oder ein anderes Gotsche- iverg'fraßt — sondern einen ordentlichen Nierenbraten — oder einBack- händl oder ein wällischen Salat, — das is ja so das einzige G'nießbare bei die Wällischen. Spinelli. Entschuldigen Sie, Ercel- lenza, wir haben nichts zu essen, die durchmarschirenden Truppen haben uns alles mitgenommen. Franzl. Also bringens mir a halbe Wein — Vöslauer, Turiner oder — i was net, wie bei euch derGumpolds- kirchner auf italienisch heißt! Spineli. Entschuldigen Sie, Er- cellenza, wir haben keinen Wein. Franzl. Gelt! aber rothe Nasen habts! Was trinkts denn nachher? Spinelli. Wasser — Ercellenza. Franzl. Kriegts öS alle von Wasser Haarbeutel? (die Thür des Hauses öffnet sich und Marietta steht mit einer dampfenden Schüssel Maccaroni und einer Flasche Wein in der Hand unter der Thür.) Marietta. Padre! Ich trage das Essen auf. Franzl. Ah, was seh'ich! Is die- ser Padre ein Haderlumpo — haben nir z'essen, haben nir z'trinken. Kumm aussa Kleine, ich erklär dich in Belagerungszustand und verhafte diesen Austauf, (nimmt ihr die Schüssel weg) Glorie »1 Äaeearoni! (fängt an zu essen und trinkt) Famosamento! — I wir nachher selber zum Brunen schöpfen geh'n von dem Wasser. Schauts den Padre an! — CHriso st. Ich habe die Ehre zu melden, Herr Korporal, daß die übrige Mannschaft auch bei Appetit ist, weil der Herr Korporal (stockt) allein die Maccaroni — Franzl. WaS is das für ein subor- ditiästonswidriges Benehmen, — ich bin im Stand und laß a paar krumm schließen, daß sie sich net rühren können, wie die Zeitungsschreiber in Paris. CH ri so st. I Hab nur glaubt, weil wir gute Freund sein — Franzl. Im Dienst kenn ich keine Freundschaft (geht auf Marietta zu), ich werde eS versuchen in Italien als Eroberer aufzutreten. Sag kleine Wälli- sche, g'hörst Du auch zu den Schlechtgesinnten? Mar. O nein rn!o 8iAnor6. Franzl. Dann gib mir ein Bußel. Mar. (fährt zurück), siAnors! Chrisost. Mir auch mein Kind. Franzl. Gehst weiter! Im Dienst kenn ich keine Freundschaft. Mar. Kommt mit mir Signors — ich will euch euer Bett zurecht machen. Franzl. Bett? Ich sehe mein Kind daß Du zu den Gutgesinnten gehörst — geh' nur voraus. Ich werde noch meine Operationspläne auskochen, dann komm ich nach. Spinelli. Ich möchte bersten vor Wuth! Wie sich die Leute kek benehmen in meinem Eigenthum. Franzl (zieht seine Börse heraus). So mein lieber Herr! Ich Hab' bei Ihnen Maccaroni gessen — ich Hab' Ihren Wein trunken, Sie müssen net glauben daß sich a Wiener Soldat von einem Piemontesen was schenken laßt, — da Habens (giebt ihm eine Banknote), das Agio g'hört Ihnen! Und öSKam- meraden, machtö eng kommod, bleibtS hübsch beisammen, denn öS wißtS, die Piemontesen sind sehr brave, ehrliche und offene Leut — aber schreckliche Räuber. — (Die Soldaten stellen ihre Gewehre zusammen und formiren eine Art Lager. Hinter dem Hügel hört man eine Stimme.) Es gibt nur a Kaiserstadt, a Wien, O du mein Gott, dort möcht ich hin. (eS erscheint zuerst ein mit zwei Hunden bespannter Karren, auf welchem Branntweinfässer und Victualien sich befinden. Hinter ihm unter einem rothen Parapluie schwer bepackt) RUM- m el. Rummel. Gott sei Dank, da find ich doch a paar von unsere Leut! Ich 13 geh noch amal in Krieg als Armeelieferant ! Hie Blaßel! Mein Handiger ist ganz Piemonteser, der will alleweil z'ruck. Wann i net aus Liebe zu meinem einzigen ChrisostomuS mitgangen war, mich hätten zehn Cavourö net von Wien wegbracht. I weiß net, was die Franzosen haben, daß sie sich um das Land annehmen, — sie wern schon seh'n, wie's schwitzen müssen — ka Lerchenfeld, ka Krapfenwald, — ka Wurstlprater. — gar nix haben'ö da, als Pomeranzen — ChrisostomuS, stütze Deinen unglücklichen Vater, der einst j in der Geschichte des Vaterlandes mit! ehernen Lettern stehen wird. Chrisost. Aber was lamentiren'S denn so Vater. Sie machen ja die! besten Geschäfte, Sie verkaufen Jhner Waar dreimal so theuer, alö werth iS. Sie lassen Ihnen Alles unsinnig zahlen — Sie müssen unsinnig profi- tiren — Rummel. Alles fürs Vaterland! Herr Unteroffizier, mit der Feldpost iS der Brief kommen an Ihnen — ich hab'n mitgenommen, er iö auS Wien. Franzl. Her damit! her damit! (Das Siegel besehend). Von meiner Mutter ! (erbricht ihn, tief ergriffen, läßt er nach einiger Zeit die Hand mit dem Brief finken). Chrisost. WaS iS Dir denn Franzl? Franzl. Mein Mutier war acht Wochen krank — der Abschied hat's zu stark angegriffen — sie hat nix verdient die Zeit — Georgi iS kommen — sie schreibt mir, daß' in einigen Tagen ohne Obdach herumirren wird. Mein arme Mutter! Rummel. Jhner Mutter! das iS schrecklich. Wann i da jetzt in Wien wär, könnt i was für die arme Frau thun — ich bin aber nit in Wien. Franzl. In ein paar Lagen iS mein arme Mutter vielleicht am Bettelstab. Franzl, wie oft klopft denn no das Unglück an deine Thür! Dritte Scene. Der Maler Schmierofsky, eine Carri- tatur mit einer großen Staffelei, einer Masse Pinsel, Farbenkästen, tritt auf. Schmierofsky. Guten Morgen, meine Herren, entschuldigen Sie, iS nirgendswo ein Gefecht, wo man aus der Entfernung zuschauen kann, mit recht viel Verwundeten, wo die Tobten zu Hunderten herumliegen — Pulverdampf et caetera wissen Sie, was so ein recht interessantes Bild gibt. Franzl (stellt fich vor ihn hin). Ja, wer san denn So eigentlich? Schmier. Ich bin der Maler Schmierofsky. Ich Hab Jahre lang Porträts gemalt, daö Stück um fünf Gulden mit Oel — ohne Oel mit drei Gulden. Ich habe Stillleben gemalt und Landschaften, aber die Tandler haben'S immer nur für daß g'nom- men, was s' Holz werth war. Ich sag Ihnen, waS man mit der Kunst für ein G'frett hat, es iö schauderhaft! Jetzt mal ich schon drei Tage mit nüchternem Magen. Unlängst wie ich einen piemontesischen Posten g'malt Hab, mal ich vor lauter Verwirrung schwefelgelbe Rock. Franzl. Das iS freilich a Irrung. Warten'ö a paar Wochen, dann kön- nen's die Piemontesen vielleicht mit. der Patron malen mit lauter blauen Buckeln. Schmier. Sehen Sie, Herr Unteroffizier, da Hab ich mir gedacht, vielleicht, daß ich mit Schlachtenbildern a G'schäft mach, so waS iS interessant, aber nur muß 's recht gräßlich ausschauen, das bring ich nachher in Wien an. Franzl. Sagen's mir, sein denn Sö wirklich gar so dalket — So reisen den Soldaten nach, damit's Sterbende malen — So wollen a G'schäft treiben mit'n Unglück, Sö wünschen sich a Schlacht, damit'S a paar Kreuzer verdienen. 14 Schmier. Mein Magen — Franzl. Sö sehen, daß Ihnen Ihre Batzerei ni.r tragt und greifen zu kein andern G'schäft! I werd Ihnen einen Vorschlag machen: werfen'ö den Pinsel weg und nehmen's den Schießprügel in d' Hand. Als Maler werden'S ausgelacht, aber als Soldat wird man den Hut vor Ihnen zieh'n. Schmier. Aber ich bitt Ihnen — Franzl. Ka Wort weiter! Thun'S was Sö wollen. (Die Soldaten nehmen ihm die Palette rc. weg). Schmier. Mein Kremserweiß, mein Berlinerblau — mein Dunkelgrün — Sie nehmen mir ja alle meine Farben — Franzl. Er braucht keine anderen, als die kaiserlichen. Schmier. Mein theureS Gummi- gutti (wird von den Soldaten fortgeführt). Franzl. Wer iS denn das? Da seh ich schon wieder neue Gestalten. Vierte Scene. Reindl mit seiner Gattin Aurora, hinten ein Jokey, welcher viel bepackt ist. Reindl selbst ist mit vielen Waffen versehen. Während der letzten Scene hat Rummel sich beschäftigt den Soldaten gegen Geld Lebensmitteln zu verabfolgen. Reindl wird angerufen). Wache. Halt, wer da! Reindl. Gut Freund! Republikaner durch und durch. Posten (legt an). Ergib Dich, oder! Reindl. Wenn ich schon sag', ich bin ein Todfeind von Oesterreich — ich könnt jedem Menschen, der deutsch redt, Polenta eingeben — ich bin ein Schwager vom Garibaldi — ich g'hör zum piemontesischen Landsturm — Aurora. Non smi! was fallt Ihnen ein, das sind ja Oesterreicher. Reindl (erschrickt). Meiner Seel! Ich bin verloren! Entschuldigen Sie, ich habe mich nur versprochen — ich ich kenn diese Spitzbuben gar nicht — einen solchen Patrioten wie mich gibt's gar nicht. Nur die Todesangst hat mich confus gemacht. Franz (winkt ihm). 3 bin der Com- mandant! Reindl (rutscht auf den Knien zu ihm hin). Herr Lieutenant, lassen Sie mich nicht füsiliren — ich bin unschuldig Herr Hauptmann, ich kann Ihnen nur sagen, Herr Major, daß der Herr Oberstlieutenant nie einen unschuldigeren Menschen vor sich gehabt haben. Ich beschwöre Sie, Herr General, daß ich von einem Landsturm nichts wissen will, daß mir nichts lieber ist, als (schreit) Ruhe, Ordnung und Sicherheit. Franzl. Wer is der Herr? Reindl. Ich bin halb todt. Franzl. Ich muß Ihnen gründe lich ausforschen? Wer war dem HerrD sein Vater? Reindl. Grad das, was ich bin. Franzl. Er ist ein Esel. Reindl (traurig und verwirrt). Er ist schon todt. Franzl (mit dem Fuße stampfend). Werd ich endlich erfahren, wer der Herr is — was soll diese Bewaffnung? Weiß er, daß ich Grund habe, in ihm einen Spion zu erblicken, ihn an den nächsten Baum aufzuhenken? Reindl. Gott sei Dank! kommt's endlich dazu? Ich will Ihnen Alles gestehen. Mein Frau bild't sich ein, sie is krank. In der Früh hat sie Migraine — um neun Uhr kriegt's Halsweh — um halb eilf die Krämpf und um zwölf ist meistens ein Consilium — da haben mir die Aerzt ge- rathen, ich soll mit meiner Frau auf Reisen gehn — gut — ich reise ab und geh nach Paris — kaum komm ich hin, geht die Schimpferei an über Oesterreich — wann ich in'S Kaffeehaus gangen bin und hab's Maul aufg'macht. gleich haben Alle geschrien Aha, da is schon wieder ein Oesterreicher und wenig hat g'sehlt, so hätten 15 mich a paar patriotische Blousenmän- ner in der Nacht auö lauter G'sin- nun g und wegen meiner goldnen Uhr erschlagen. Franzl. Weiter, weiter! Reindl. Natürlich begehr'ich meine Pässe und geh' herüber nach Toscana. Grad bin i wieder zurecht kommen, zu einer G'schicht. — Uorts a! leässeki hat's wieder g'heißen, ich geh' nach Florenz — wieder: morts ai leässeki ich geh' nach Turin, noch mehr morts ai 'keäesctü. Erlauben Sie mir, das hält der Teufel aus. Franzl. Weiter, weiter! I weiß noch immer nicht wie Sie zu den Waffen gekommen sind. Reindl. Ich komme nach Genua — natürlich wieder morte ai 'I'säeselri — wem fall ich in die Händ? dem Garribaldi! Was is mir übrig blieben als mich anwerben zu lassen, als Oberst bei die Freischärler und jetzt geh' ich um als gutgesinnter Demokrat und vor lauter wvrle si l'eässolü Hab' ich g'laubt, Sö sein auch Piemonteser. Hier strecke ich meine Waffen (legt alles nieder) Halt, da Hab' ich noch etwas vergessen (legt ein Federmesser hin) Sagens mir nur um Gotteswillen, wie ich außa komm aus dem worte »! ledesetri- Land? Franzl (besieht seinen Paß). Der Paß iS in Ordnung. Der Mensch is zu dumm, als daß er verdächtig wäre. Reindl. Gott sei Dank, er hat mich erkannt. Aurora. O, suis trSs eoutsul, machen Sie, Herr Gemahl, daß wir davon kommen, nach Wien. Franzl. Die Frau Gemahlin a Französin? Reindl. WaS fällt Ihnen ein? Das ist die Tochter vom Fabrikanten Klimpfinger aus'm Schottenfeld, aber -'Französische geht ihr über Alles. Sie laßt sich d'Haub'n auS Paris kommen und kaust sich kan and'reö Kleid als! von Laporta um 70—80 fl., wann sie'S a in Mariahilf um fünfe krieget. Kan deutsches Wort bringenS aus ihr net ausser, da könnens thun was wollen. Franzl. Und So hab'nfrüher g'sagt daß Sö so gut g'sinnt sein — a Patriot. — Reindl. I bin zu jedem Opfer bereit. Wie ich z'HauS komm, geb ich 1000 Gulden her für die Freiwilligen. Franzl (klopft ihm auf die Schulter). I wer Ihnen sagen was thun, — wenn Sö a Patriot sein woll'n, so gewöh- nensJhrer Frau die französischen GustoS ab; sie soll a Kleid trag'n, was die Wiener Fabrikanten erzeugen, sie soll bedenken, daß mit dem Geld, was sie nach Paris für ein' Fetzen schickt, vielleicht in Turin die Banditen zahlt wer'n, die unsere Landsleut' erschlagen. Reindl. Du Frau! Franzl, Sie soll bedenken , daß die Wiener Fabrikanten zusperren müssen und die Kinder der Arbeiter kan Bissen Brot kriegen. Warum? Weil die noble Dam daß schlechte französische Erzeugniß lieber hat, als wie das solide praktische deutsche! Reindl. Du Frau! — Franzl. Sie soll bedenken, — daß die Franzosen das was sie san, durch uns worn sein — weil wir zu oft — anstatt selbstständig zu sein — ihre Narr'n warn, das sagens Ihrer Frau — und wann alle Oest'reicher so denken, dann brauchen wir keine 1000 fl. für die Freiwilligen mehr. Aurora. Wastl, geh'« ma? Franzl. Zwei Mann wer'n Ihnen begleiten bis in's Hauptquartier — (in dem Augenblicke) Halt! Wer da? Carlo. Gut Freund! Reindl (im Abgehen leise zu Franzl, wichtig). Den kenn ich vom Garibaldi! (ab mit Amalie). 16 Fünfte Seene. Vorige, ohne Reindl. Carlo (steckt Spinell! schnell eine Börse zu). An Conte Cavalino! Silv. Gut aufgehoben! Rummel. Habens g'hört! Gewiß is das ein Spion! Franzl. Ich werden verhaften lassen! Rummel. Das war g'fehlt. Auf die Art bringen wir nichts außer! Z schleich mich in's Haus — vielleicht daß ich wo was erlausch — i wett unser Wirth is einverstanden mit der Bagag'. Franzl. Gut iS! Rummler. Ich bring nur meine Großhandlung in Sicherheit — dann auf die Lauer! (ab.) Franzl. Kameraden! a halbe Stund habts Zeit eng zu unterhalten — verleitö kein Madel zum Treubruch — und kummtS nachher wieder zum Befehl austheilen. Carlo (zu Sylvester). Ich Hab'Euch Wichtiges mitzutheilen (beide ab). Sechste Seene. Franzl allein. Franzl. A Spion soll das sein? Vielleicht überfallenS uns? — Vielleicht komm ich nimmer z'Haus! Es ist erst gut, daß der Mensch sein Schicksal net weiß! Lied. Ein Dichter wird vom Publikum Begrüßet mit Applaus Wer da mit ihm so fühlen könnt', Im ganzen Schauspielhaus! Es wird ihm seine Brust zu eng und wie sein Herz erbebt, Es war der schönste Augenblick, den je er hat erlebt. Wann der sein Schicksal müßt' Obs ihn net schmerzen müßt — Daß er, der heute Lob und Ehr und so viel Gunst erwirbt Alt alter Mann in Abbs vielleicht als armer Pfründner stirbt. A Mutter weint vor lauter Freud' Sie hat a kleines Kind, Sie drückts an'S Herz und küßt es ab, Wie schon die Mütter sind. Du machst mir g'wiß viel Freud' im Leben, bist jetzt auch noch so klein, Du wirst im Alter meine Stütz' mein Glück und Segen sein. Wann die ihr Schicksal müßt, Wie'ö d'Mutter schmerzen müßt, Daß dieser Bub', statt daß er's Mutterl s'alte unterstützt Als fesches Lumperl s'ganze Jahr im Sterngass'l sitzt. Es sitzt a Schaar von Freund beisam' .Und Aner zahlt für Sie. Es lebe hoch, der Moritz schrein's Wir opfern all's für di— Und nachher führen'S den Moritz z'Haus vorbei is ja die Hetz Und jeder sagt: könnt ich nur zeigen, wie hoch als ich dich schätz'! Wann der sein Schicksal wüßt, Obs ihn net schmerzen müßt, Daß er, wenn er als Bettler einst zu Ein' von diese kummt, A Zeder sagt: Mein lieber Freund, Sie haben ja All's verlumpt. A Madel denkt — das Theater is Die Bahn für mein Talent 3 bin ja jung' Hab' schwarze Haar Und schöne weiße Zähnt. Und wie sie auftritt s'erste Mal, wie da die alten Herrn Gleich brava, fuora' schrei'n, und sagen: Mein muß daS Engerl g'hörn! Wann die ihr Schicksal wüßt, Obs sie'ö net schmerzen müßt, 17 Daß sie, die heut'bewundert wird und es zu Kränzen bringt, Vielleicht in ihren alten Tagen als Harfenistin singt. Reich will ich sein um jeden Preis, So sagt a G'schäftsmann sich, G'schwind auf die Börf und spekulirt, Mein ganzes Geld nimm' ich! Will meine Kinder glücklich sehen und meine Gattin reich, Will Equipag' und Diener hab'n, dieß Alles bring' ich Euch! Wann der sein Schicksal müßt, Obs ihn net schmerzen müßt, Daß er statt Glück nur Elend bringt, nach 14 Täg in'ö Haus — S'iS Alls verlor'» — jetzt blast er sich sein Lebenslicht! aus. A reicher Herr mit recht viel Geld Der hat a sein Maitreß, Wie die'n lieb hat, sagt er oft, Nir Zweites gäbet es! Der reiche Herr hat a ein Hund, doch der kriegt nix als Schläg' Und kummt er z'Haus, der Hund springt n'aus, so stoßt er'n aus'n Weg. Wann der sein Schicksal wüßt, ObS ihn net schmerzen müßt — Daß auf sein Grab a mal der Hund wird heulen Tag und Nacht, Doch daß d'Maitreß' nie nachschau'n kummt, die ihm ums Geld hat bracht. A Mutter die a Töchter! hat Um das die Welt beneidt. Die zwingts, daß sie ein Alten nimmt Der ihr gut's Leben bereit. Jetzt fahrt die Mutter um im Wagen hat seidene Volants Derweil das Töchter! weint und klagt — was liegt der Mutter dran? Wann die ihr Schicksal wüßt, Wie's Mutter schmerzen müßt, Daß ihr der droben sagen wird, wann'S amal anklopft oben, Dein Himmelreich war d'Equipag' — waö willst denn da heroben? Siebente Scene. Verwandlung. GipSsigurenniederlage bei Spinellk. GipSfigu» ren aller Gattung auf Postamenten. Im Hintergründe ein Napoleon I. in der bekannten Stellung. Chrisostomus sich ängstlich umsehend. (AuS einer Seit-nthür die Stimme Rummel's). Ich bin noch nicht ganz eing'staubt! I bin mit'n Hut noch nicht fertig. A da iS a weißer Bogen Papier! — Gleich bin ich da! — . Achte Seene. Rummel (ganz weiß als Napoleon I. stellt sich hin tiefsinnig und spricht) Ganz Napoleon zu Fontainebleau. Chrsost. Na Vater, Sie schaun ja gar nicht aus wie a Greisler. Rummel. Ich muß mich göttlich ausnehmen! Der Wirkliche kann nach der Schlacht bei Leipzig auch net mehr kasweiß g'wesen sein, als wie ich. Trage den Andern derweil eini nach St. Helena. Chrisost. nimmt die andere Statue herunter und trägt sie in ein Nebenzimmer). Rummel (stellt sich auf das Postament). Am End' fall' ich aber und brich in lauter Scherb'n! Crisost. (kommt heraus). Ah! Ah! der Vater! Rummel.Am End' kauft mich einer und stellt mich aus ein Ofen. Chrisost. Ui je! Sie kommen schon! I spring außi beim Fenster.in den Garten? (thut es.) Neunte Seene. Conte. Carlo. Spinell i. Conte. (den Brief noch einmal durchblickend). Sagen Sie dem Generalen, daß ich alles Mögliche thun werd um ihm jenen Pulvervorrath in die Hände zu schmuggeln. Ich habe mir über den hier stationirten Unteroffizier einige L Notizen verschafft; — sie werden uns Nutzen bringen. Da kommt er soeben — treten Sie bei Seite, ich werde sogleich zu unfern Gunsten einen Versuch machen. (Alle ab, bi- auf Conte, nach link-,) Zehnte Scene. Conte. Franzl (von recht-, ohne Bewaffnung). Conte. Sein Sie mir willkommen Herr Unteroffizier! Ich bin der Besitzer dieses Gutes und ein warmer Freund der Oesterreicher — obwohl Piemon- tese. Ich habe während meines längeren Aufenthalts in Wien,die Wiener lieben und schätzen gelernt, und bin deö Treibens hier im Lande müde. Rummel (droht hinten). O Lump! Franzl. Sie reden so schön dah er. Conte. Sie sind hier einmaschirt — um die Gegend zu recognosciren — und wollen noch heute zurück — Franzl Ja! Conte. Sie haben in Wien ein Mädchen geliebt — welches Ihnen durch einen Nebenbuhler weggekapert wurde. Franzl. Sie wissen? Conte. Wenn Sie reich wären — so könnten Sie nach Hause zurückkehren, und Ihre Geliebte glücklich machen — Notabene, wenn Ihr Nebenbuhler fällt. Fralrzl. Wann ich reich wär — und er fallet — Conte. Er hat Ihnen Ihr Lebensglück zerstört — es wäre eine süße Rache — Franzl. Er ist mein Todfeind, ich läugn'S nicht ab — Allen kann ich verzeih», ihm nicht. Conte (schlau). Wie wär eS. wenn sich eine Gelegenheit fände, welche Sie reich machen und von Ihrem Nebenbuhler befreien könnte. Franzl (horchtauf). Conte, Hier schenke ich Ihnen 1000 Gulden. — Sie bekommen das Fünffache, wenn Sie heute hier übernachten und Ihrem Kommandanten nicht zu Hülfe eilen, wenn in der Entfernung Schüsse ertönen. — (An der Thür erscheint lauschend Carlo.) Rummel. Jetzt wird er'n glei n i e- derfchlag'n! Conte (klopftihm aufdie Schulter). Denken Sie auf Ihren Todfeind — und an Ihre Geliebte! — '» MS A4»LS^KHr«/ Wtz . K^rU^sMii' '^.>-7 UKsei^tt Mo«ar^E.Md y K ^.1 ^ cx I -: a«r.-< re<^ § ufch7, >^.'M -ich 'ext Hv.!> un-e - Ksrfer' ^ Lft-kre?ch ^ Käiferk hoch - PräsrNLtt (ko2;^o Lef Ir-ch-t. die fKk Z-z d e. Den Bühnen gegenüber als Manuscripl gedruckt. Der lwfe Geist Lumpazivagaöundu oder: Aas liederliche Kleeblatt. Znuüerjiofse mit Gesang in drei Acien von Johann Nestroy. Musik vom Kapellmeister Adolf Müller. Wien. Verlag -er wallishausfer'schen Buchhandlung (Josef Klemm) Hoher Markt Nr. 1. K e r s o n e n: Stellaris, Feenkönig. Fortuna, Beherrscherin des Glücks, eine mächtige Fee. Brillantine, ihre Tochter. Amorosa, eine mächtige Fee, Beschützerin der wahren Liebe. Mystifax, ein alter Zauberer. Hilaris, sein Sohn. Fludribus, Sohn eines Magiers. Lumpazivagabundus, ein böser Geist. Leim, ein Tischlergeselle, vazirende Zwirn, ein Schnndergeselle, Handwerks- Knieriem, ein Schustergeselle, Burschen. Pantsch, Wirth und Herbergsvater in Ulm. Fasset, Oberknecht in einem Brauhause. Nannette, Tochter des Wirths. Hannerl, t Ein Hausirer. Ein Schustermeister. Ein Tischlergeselle. Erster i Zweiter ! Zunftmeister. Dritter ) Strudl, Gastwirth zum goldenen Nockerl in Wien. Hobel mann, Tischlermeister in Wien. Peppi, seine Tochter. Anastasia Hobelmann, seine Nichte. Ein Fremder. Gertrud, Haushälterin in Hobelmann's Hause. Reserl, Magd daselbst. Hackauf, Fleischermeister in Prag. Ein Maler. Erster Zw eiter Erster Zweiter Herr von Bedienter Geselle ! »indwachel. Herr von Lüftig. Herr von Papillon. Signora Palpiti. Camilla, Laura, ihre Töchter. bei Zwirn. Wirth in ! Dorfschenke unweit Wien. Ein Reisender (Stellaris). Zauberer. Magier und ihre Söhne. Nymphen. Genien. Gäste. Volk. Bauern. Handwerksleute verschiedener Zünfte. (Die Handlung spielt theils in Ulm, theils in Prag und theils in Wien). Druck von I. B- WalliShausser. Erster Act. (Wolkeu-Decoration.) Erste Scene. (Mehrere alte Zauberer und Magier, darunter Mystifax, treten auf und stellen sich im Halbkreis, jeder führt einen erwachsenen Sohn an der Hand, darunter Hilaris und Fludribns. — Stcllaris sitzt ans dem Throne.) Chor der alten Zauberer. Wir werden Euch schon Mores lehren, Ihr liederlichen Bursche Ihr! Was nun geschehen wird, soll't Ihr hören, Der Feenkönig richtet hier. Ihr kehrt im nächsten Augenblick Zur Ordnung wiederum zurück. Stellaris. Was versammelt Euch so zahlreich an meines Wohnsitzes gold'ner Pforte? Was verlangt Ihr von mir? Mystifax. Mächtiger Beherrscher! wir flehen um Deine Hilfe. Es treibt sich ein böser Geist im Zauberlande herum. Stell. Wie heißt er? Mystifax. Lumpazivagabundus. Stell. Was that Euch dieser böse Geist? Mystifax. Er hat sich der Herzen unserer Söhne bemächtigt und sie vom Pfade der Ordnung gelockt. Sie verabscheuen jetzt jede Beschäftigung, sie spielen, trinken, stürzen sich in tolle Liebesabenteuer, mit einem Wort, sie sind verloren, wenn Du den bösen Geist nicht bannst. Theater-Repertoir Nr. 55. Stell. Lumpazivagabundus, erscheine! (Musik fällt ein, Lumpazivagabundus kommt im Vordergründe aus der Versenkung.) Zweite Scene. Vorige. Lumpazivagabundus. Lnmpazi (nach der Musik). Da bin ich! Was steht zu Befehl? Stell. Du bist Lumpazivagabundus ? Lumpazi. Der bin ich, und zugleich Beherrscher des lustigen Elends, Beschützer der Spieler, Protector der Trinker rc. rc.; kurzum, ich bin ein Geist ans'm k'. Stell. Verwegener, der Dn's wagtest in das Feenreich zn dringen, ich verbanne Dich von diesem Augenblick auf ewige Zeit. L n m p a zi. Ha, ha, ha, ha, ha! (Versinkt lachend.) Stell, (ehe er noch ganz versunken ist) Halt! Lumpazi. (kommt wieder in die Höhe). Haben mir Eu'r Herrlichkeit noch was zu sagen? Stell. Du hast meinen Urtheilsspruch mit Hohngelächter erwidert? Lumpazi. Natürlich, weil er nichts nutzt. Ob ich^da biu oder nicht, diese jungen Herren bleiben auf alle Fäll' 1 * 4 meine getreuen Anhänger; denn meine Grundsätze leben in ihnen fort. Stell, (zu den Söhnen). Wie? Ihr seid nicht ernstlich entschlossen, znr Ordnung zurückznkehren? Fludr. (vortretend). Ich nehme im Namen meiner Kameraden das Wort. Wir haben den größten Theil unseres Vermögens durchgebracht, ob wir das Nestel haben oder nicht, das ist uns gleichviel; darum wollen wir das auch noch verjuxen. Alle Söhne. Ja, wir wollen es verjuxen. Die Väter. Entsetzlich! Stell. Und wenn Ihr nichts mehr habt, was dann? Fludr. Dann machen wir Schulden. Stell. Und wenn Ihr nicht bezahlen könnt, was dann? Fludr. Dann lassen wir uns einsperren. Die Söhne. Ja, ja, wir lassen uns entsperren. Fludr. Da gibt sich hernach die Ordnung von selbst. Lumpazi. (sich triumphirend die Hände reibend). Das sind meine Grundsätze. Mystisax (zu Stellaris). Was sagen Euer Herrlichkeit nun dazu? Stell, (zu den Söhnen). Wenn Ihr aber wieder bekämet, was Ihr liederlicher Weise verpraßt habt, würdet Ihr dann ordentlich mit dem Eurigen Haushalten? H il. Der macht uns wieder reich. Fludr. (zu Stellaris). Ja, wenn wir wieder reich würden, würden wir auch wieder brav. Die Söhne. Ja, dann würden wir brav. Stell. Nun denn, Fortuna, nahe Dich ! (Musik. Mehrere Nymphen mit Füllhörnern treten auf, zuletzt Fortuna, ihr folgt ihre Tochter Brillantine.) Stell, (nach der Musik). Fortuna, diese jungen Männer haben ihr Vermögen vergeudet; gib ihnen den verlornen Reich- thnm wieder. Fort. Beherrscher des Feenreichs! befehlen lasse ich mir nichts, auch nicht von Dir; doch weil ich gerade guter Laune bin (zu Lumpazivagabundus) und Dir, Elender, zum Trotze, mag eS sein. (Zu den Söhnen.) Ich schütte mein Füllhorn über Euch. Die Söhne. Tausend Dank! L u m pazi. Ha, ha, ha, das ist zum Todtlachen! Durch die Fortuna will Der mir meine Anhänger entreißen! Da werden g'rad noch ärgere Lumpen d'raus. Hil. Ich will aufrichtig sein; Reichthum wird mich nie bessern. M y st ifax. Wie? Was ? Mein Sohn, Du wärst der Incurabelste von allen? H il. Nur ein Mittel gibt's, das mich festhalten wird auf dem Pfade der Tugend; es ist Brillantinen's Hand. Alle. Was? Hil. Wir lieben uns. Fort, (entrüstet). Tochter! Brill. Verzeihung, Mutter! Lumpazi. (aufHillaris zeigend). Den geb' ich auf, die Anderen alle aber sind und bleiben in meiner Macht. Stell. Warum, Unhold? L u m Pazi. Weil die Fee Fortuna nicht im Stande ist, mir einen Anhänger abwendig zu machen, aber der (auf Hillaris zeigend) — der steht unter dem Schutze meiner größten Feindin, die mich einzig und allein überall vertreibt. Fort, (stolz). Wer ist die Fee, die mächtiger ist als ich? Lumpazi. Amorosa ist's, die Beschützerin der wahren Liebe. Stell. Amorosa! (Musik fällt ein, Amorosa schivcbt in einer lichten Wolke mit zwei Genien hernieder.) L u m Pazi. Sie naht schon, die Mächtige, die mir oft meine fidelsten Brüderln entreißt. — Jetzt empfehl' ich mich ! Aber noch einmal, Madam Fortuna, Sie fürcht' ich nicht; denn was meine wahren Anhänger sind, die machen sich nicht so viel aus Ihnen. Kommt's Glück einmal, so werfen sie's beim Fenster hinaus, und kommt's zum zweiten Mal und will sich ihnen aufdringen auf eine dauerhafte Art, so treten sie's mit Füßen. — So behandeln meine echten Brüderln das Glück — Gehorsamer Diener allerseits. (Tritt auf die Versenkung und versinkt unter Musik.) Dritte Scene. Vorige, ohne L n m pa z i v a g a b u n- dns. Amorosa. Amor. (Hilaris und Brillantine an der Hand fassend und sich Fortunen nähernd). Fortuna ! ich vereine meine Bitte mit dem Flehen dieser Beiden, beselige durch günstigen Ansspruch zwei Herzen, die sich der wahren Liebe geweiht. Fort, (zu Amorosa). Wie, Thörichte, Du hoffst, ich werde mich Deinem Wunsche fügen, in einem Augenblicke, wo eben ein frecher Unhold zu Deinen Gunsten mich erniedrigte und Du mit stolzem Blick auf mich herniedersiehst? Ich zerreiße das Band, das um diese Herzen geschlungen. Brill, und Hil. Weh' uns! Stell. Halt ein, bedenk' erst, was Du sprichst. Des Feenreiches unumstößliche Gesetze erlauben Dir nicht, Hilaris Antrag unbedingt zn verwerfen; nur eine schwere Bedingung festznsetzen, deren Erfüllung die Liebenden trennt, deren Nichterfüllung aber sie auf immer vereint, nur dies ist Dir gestattet. Fort. Nun denn, so sei's. Ich will eine Bedingung setzen, die zugleich jenem Frechen, der meine Macht verspottet und glaubt, nur Du (zu Amorosa) sei'st ihm gefährlich, das Gegentheil beweisen sott. — Ich wähle unter den Sterblichen drei seiner Anhänger, lockere Gesellen, jedoch nur solche, welche schon der Armnth drückend Los gefühlt. Diese will ich mit Reickthum überschütten; werfen sie, wie er gesagt, das Glück zum Fenster hinaus, so dringe ich es ihnen zum zweiten Male wieder auf; treten sie es dann mit Füßen, so erkenne ich mich als besiegt, und Hilaris werde meiner Tochter Genial; dock. wenn sie, wie kaum zu zweifeln ist, das Glück mit Dank empfangen und ans Furcht vor neuer Dürftigkeit, mit weiser Mäßigung, es sich für's ganze Leben bewahren, und ich sie so dem Lumpazivagabundus entreiße, dann bin ich Siegerin, und Hilaris werde auf immer von meiner Tochter getrennt. Stell. Wohlan! Nur Eines habe ich noch hinznznfügen, es gilt für beide Theile gleich. — Gelingt es Dir dem Lumpazivagabundus von den drei lockeren Gesellen auch nur zwei zu entreißen, so hast Du schon gewonnen; treten hingegen auch nur zwei von ihnen das Glück mit Füßen, so hast Du verloren. Dies beschwöre hier vor meinem Thron. Fort, (geht an die Stufen des Thrones und erhebt die Hand zum Schwur) Ich schwöre! (Drei kurze starke Accorde.) Stell. Dein Schwur ist angenommen. M Hst ifax (zu Amorosa). Und für die andern verlornen Söhne hier ist keine Rettung aus den Krallen des Lumpazivagabundus zu hoffen? Amor. Nicht eher, als bis wahre Liebe in ihrem Herzen Eingang gefunden. Hil. (Brillantinen umarmend). So leb' denn wohl auf ewig! Unmöglich kann die Bedingung zu unserem Besten sich erfüllen. A m o r. Verzweifelt nicht, baut auf die Beschützerin wahrer Liebe. (Sie besteigt > ihren Wolkenwagen. Kurze Musik fällt ein, . Alle ziehen sich zurück.) i Cho r. ^ So ist in dunkler Zukunft Schooß Verborgen unsrer Söhne Los. - (Die nächste Decoration fällt vor.) 6 Vermandtung. (Kurze freie Gegend, die Landstraße vorstel- lend, links eine hölzerne Bank unter einem Meilcnzeiger.) Vierte Scene. Leim — dann Knieriem — dann Zwirn. Leim (mit einem Felleisen, tritt gleich nach der Verwandlung auf). Da War' ich beim Thor. Es ist aber, so viel ich merk', eine ungefällige Stadt; denn wenn sie gefällig wär', so wär' sie mir auf halbem Weg entgegengekommen. Im Grund betrachtet, ist's a Schand, ich bin ein ausgelernter Tischler, und es geh'n mir ordentlich d'Füß aus'n Leim. Ist's denn aber auch anders möglich? Die Wirth auf der Straßen haben ja Herzen so hart als ein Ast in ein bnchsbaumenen Pfosten. Woher kommt das aber? Weil die Leut keine Bildung haben aus'n Land. Und warum haben's aus'n Land keine Bildung? Weil's lauter eichene Möbeln haben, drum kennt das Volk keine Politur; und wer keine Politur kennt, ist ein Socins. — Jetzt will i halt a bisserl ausrasten da und nachher um d'Herberg fragen. (Setzt sich auf die Bank.) (Das Ritor- nell des folgenden Liedes beginnt. Knieriem, ein Ränzchen auf dem Rücken, tritt aus.) Knieriem. Es kommen d'Stern, es wird schon spat, Zeit is, daß's einmal da is d'Stadt, Ich brauch' ein Guld'n jetzt zum Verhau'«, Da muß i gleich zum Fechten schau'n. Und wie i ein Gulden z'sammbettelt Hab', Da laßt's mir drei Maß Bier hinab, A drei Maß Bier laßt's mir hinab. Mein Rausch Hab i Jahr aus Jahr ein, Es wird doch hent kein Ausnahm' sein. (Er setzt sich auf die Bank rechts.) (Die Mnsik verändert sich. Zwirn tritt von derselben Seite ein, er ist abgeschaben, aber dennoch so viel wie möglich geputzt, und trägt ebenfalls den Wauderbundel auf dem Rücken.) Zwirn (äußerst lustig). D'Stadt ist in der Näh', D'rnm schrei ich Jnheh! Jnheh! Jnheh! Jnheh! Wer d'Madeln gern hat, Jnheh! find't g'nng in der Stadt. Blauer Montag is alle Tag, Darum lass' ich nicht nach, Bis die Sonn' morgen scheint, Grad' so lang tanz' i heunt; Ich tanz' mir doch nit g'nu, Darum gib ich kein' Rnh', Spring wie a Gas in d'Höh' Und schrei Jnheh! Was sitzen denn da für ein paar Man er? Leim. Ich bin ein Tischler. Knier. Und i bin a Schuster. Zwirn. Seid's öS schon so weit gangeil heut, daß's so müd seid's? Leim. Das just nit, aber mit'n Essen hat's schlecht ausg'schaut. Ich Hab' nit mehr als zwei Meilen g'macht. Knier. Und ich Hab' mir eine halbe Stund von hier ein Rausch ausg'schlafen, das war aber schon ein Milliouhaar- bentel das — und was Hab' i trunken? Neun halbe Bier; aber seit dem letzten Kometen greift mich Alles so an. Zwirn. Pfui Teuxel! Schamt's Euch nit? Auf so ein Trümmerl Weg rasten's aus! Ich geh' heut' schon meine drei Stationen, und kann den Augenblick nit erwarten, wo ich zum Tanzen komm. Leim. Hör auf, Brüderl, Du schneid'st auf. Ich bin g'wiß nit schlecht auf die Fuß; aber drei Stationen geh'n und noch tanzen woll'n, das is g'log'n. Jetzt schaun wir halt, daß wir g'schwind auf d'Herberg kommen. Kn i er. Ich Hab' einen enormen Durst. 7 Leim. Zuerst geh'n wir fechten. (Das Beiteln parodirend.) Euer Gnaden, ein armer reisender Handwerksbursch bitt gar schön um a bissel was ans a Musik; nachher wird's ein Leben werden heut Nacht. Zwirn. Fidel mnß's zuzehen. Kni er. Ich dudl mir heut ein an, wie ich seit'n letzten Kometen kein g'habt Hab'. L e i m. Also frisch in die Stadt marschirt. Alle Drei. Lied. Wir wollen in die Stadt marschiren, Und drinnen unser Glück Prokuren. Der Weg wird uns zur Herberg führen, In der Herberg nachher da geht's an. Was uns 's Fechten g'winnt, Durch die Gurgel rinnt, Und is All's verthan, Liegt uns a nix d'ran; Darum nicht lange spekuliren, In der Hcrberg zeigt sich, was man kann. (Gehen Arm in Arm ab.) Verwandlung. (Schänkstube in der Herberge.) Fünfte Scene. Fassel. Mehrere Bräu knechte und Handwerksburschen von verschiedenen Professionen. Pantsch. Nannette. Sepherl. Hannerl. — Dann Zwirn, Leim und Knieriem. (Alle sitzen theils an den Tischen und trinken, theils tanzen sie mit Hannerl und Sepherl, Fasset tanzt mit Nannetten.) Alle. Bivat! der Herr Bestgeber soll leben! Fassel (im Tanzen.) Ein Glas her. (Pantsch gibt ihm während dem Tanz eine Flasche.) Die ganze Gesellschaft Bivat! (Er trinkt im Tanzen die Flasche aus, wirst sie dann zur Erde und tanzt weiter.) (Zwirn, Leim und Knieriem treten ein.) Zwir n. Halloh! da Hab' ich a Musik g'hört! Knier. Herr Vater! a Halbe G'mischt's. (Setzt sich links.) L e i m. Mir eine Halbe und eine Portion Niernd'ln. Hanner l. Wie schaffen Sie's denn ? Leim. Mit Semmelbröseln oder mit Sagschaten, das ist ein' hungrigen Tischler alles eins. (Setzt sich. Die Kellnerinnen bringen das Verlangte.) Zwirn (zu einem Musiker). Da sein acht Groschen, jetzt macht's mir einen säubern Walzer ans. (Gibt ihm Geld.) Fassel (bei Seite.) Das ist ein fideler Kerl. Zwirn (zu Fassel, neben welchem Nannette sitzt.) Sie erlauben schon eine Tour. (Nannette auffordernd.) Mein Fräulein, darf ich so frei sein? (Ein Ländler beginnt, Zwirn haut auf und schlägt ungeheure Fußtriller.) L e i m. Ah wart, Schneider, du sollst mich nicht spotten. (Nimmt Hannerl, welche ihm das Bier bringt, und tanzt mit ihr ein paarmal herum, endlich sieht er einen Handwerksburschen sehr ärmlich und traurig dasitzen — er hört zu tanzen auf, und sagt zu ihm.) Ich glaube gar, das ist ein Tischler? (Die Musik hört auf.) Handwerksbursch. Ja, leider! Leim. Wo fehlt's denn? Handwerksbursch. Ueberall. Leim. Mir auch; aber wer wird denn deßwegen traurig sein? — Heda! Ein- g'schenkt da für den eine halbe Wein aus meine Rechnung. 8 Fasset. Nix, das lass' ich nicht au- geh'n, heut' geht Alles aus mein' Sack. Ich Hab' tausend Thaler g'wouneu in der Lotterie, heut' traktir ich ganz allein. Knie r. Tausend Thaler? — A Halbe G'mischt's! Leim. Ah schön! da werd'n wir schon so frei sein und werden's uns schmecken lassen. Zwirn. DaS wird schon ein schön's Glück sein; wenn ich das hätt', ich setzet mich gar nicht mehr nieder, da gings alleweil a so. (Er haut auf.) Ah verdammt! ich Hab' mir den rechten Wadel überstaucht — ich muß mich schon niedersetzen. Fasset. Warum setzt's Euch denn nicht zu unserem Tisch, Kameraden? Leim und Zwirn. Mit Verlaub. (Setzen sich zu Fasset und den Bräuknechten.) Knier. Noch ein G'mischt's! (Gibt der Kellnerin das leere Zimment, und setzt sich ebenfalls an diesen Tisch.) Ein schlechter Zeitpunkt war's halt doch, jetzt was z'gwinnen. Fasset. Warum? Knier. Weil man's nicht mehr anbringen kann. Auf's Jahr kommt der neue Komet, der die Welt z'Grnnd richt, nachher ist der Herr pfutsch mit sammt sein Treffer. Leim. Red nit so dumm, gar nichts g'schieht, mir hat's ein Professor g'sagt. Knier. Ich werd's doch besser versteh'» als ein Professor? Ich Hab die Astronomie aus'« Büchel g'lernt, und mach' alleweil meine Beobachtungen, wenn ich hamgeh' in der Nacht. Leim. Ja, wenn Du besoffen bist. Zwirn. Mit'n Tanzen ift's hent schon Feierabend bei mir. Fasset. So singen wir Eins, weil wir so Ln caritrrtibus beisammen sitzen. Knie r. Gut is! Ich Hab' ein superbes Lied g'macht. Leim. Heraus damit! Knier. Oes müßt's aber Alle mitsingen. Der Text ist von mir nach einer Rittergeschichte frei bearbeitet. Fasset. Das ist recht. O ich Hab' die romantischen Sachen so gern. Knier. Schaut's mir auf's Maul, und singt's Alle mit mir zugleich. Gesang. Eduard und Kunigunde, Kunigunde und Eduard, Eduard und Kunigunde, Kunigunde und Eduard, Eduard und Kunigunde, Kunigunde und Eduard. Fasset. Das ist wirklich einzig. Leim. Ordentlich rührend. Knier. Ein G'mischt's! — Also jetzt singen wir die zweite Strophe, die is noch schöner. Gesang. Eduard und Kunigunde, Kunigunde und Eduard, Eduard und Ku— Leim. Hört'S auf! Das ist ja allweil 's Nämliche. Kn i er. Ihr wißt nicht, was schön ist. Fasset. Halt! Ich weiß schon was schön ist. Wir ziehen alle da in's Kaffeehaus hinüber, und ich zahl' dort ein Jeden ein Glasel Punsch. Wer mitgeh'n will, geht mit. He, Musikanten! Aufg'rebellt! (Chor und Alle ab bis auf) Sechste Scene. Zwirn. Leim. Knieriem. Pantsch. Kellnerinnen. Leim. Dem sähet man's auch nicht an, daß er tausend Thaler gewonnen hat. 9 Kliier. Warum? er schaut dumm genug aus. Zwir n (zum Wirth). Wer ist er denn? Pantsch. Der Oberknecht in der Brauerei da darneben. Zwirn. Da haben wir'S, so ein ungebildetes Volk hat ein Glück. Ein Schneider gewinnt in seinem Leben nichts. Pantsch. Ich bin ihm d'rum gar nicht neidig, ich dank Gott, daß ich die tausend Thaler nicht g'wonnen Hab'. Leim. Ist der Herr verrückt? Pantsch. Könnt's nit sagen. Morgen Vormittag ist die Hauptziehung, da gewinnt man hunderttausend Thaler, und das war' so meine Passion. Leim. Na, die Passion war' freilich nicht schlecht. Pantsch. Ich g'winn's auch; denn meiner Frau Ahnl hat ja's Numero träumt. Lei m. Ah, hernach ist's schon g'wiß. — Weil aber der Herr heut' noch kein Ca- pitalist ist, so macht's uns ein Stroh herein, daß wir uns niederlegen, es wird so bald Tag. Pantsch. Recht gern. O mich macht's Glück nicht stolz. (Zu den Kellnerinnen.) He! laßt's Stroh bringen. (Ab mit Hannerl und Sepherl.) Leim. Das ist ein recht ein rarer Mann der Wirth, er ist gar nicht stolz ans den Treffer, der noch gar nicht gezogen ist. Knier. Hunderttausend Thaler! das gibt über eine Million Maß G'mischt's — die kann der Mensch nicht versaufen, mit'n besten Willen nicht. — Zwirn. Schuster, Du bist ein gemeiner Kerl. Knier (auffahrend). Du, Schneider, trau mir nicht! Leim (sie beruhigend). Seid's ruhig — Schaut'S, wenn ich mir's recht überleg, glücklich — so was man sagt, recht glücklich machet mich halt doch das viele Geld nicht, wenn nicht noch etwas dabei war' — (seufzend) ein Etwas — Knier. Da bist Du ein Nimmersatt. Zwirn (zu Knieriem). Aber merkst denn nicht, er ist ja verliebt. Knier. Schwachheit. Zwirn. Ja wohl Schwachheit, in meiner Gegenwart von Madeln und Verliebtsein sprechen. Da müßt's mich erzählen lassen, ich könnt Euch meine Amonren bataillonweis aufmarschiren lassen. Leim. Ich war nur in eine Einzige verliebt. Zwirn. In eine Einzige? Brüderl, das ist ja gar nicht der Müh' Werth, daß inan davon red't. Wie ich in der Lehr war, war ich schon in Zehne verliebt. Mein erster Meister, zu dem ich als Gsell' kommen bin, hat ein schön's jung's Weiberl g'habt, das Weiberl hat mir g'fallen, und ich ihr auch, denn ich war damals ein sehr liebenswürdiger Jüngling. — Einmal gibt mir das Weiberl ein Bussel, da kommt der Meister dazu, und der Esel halt sich drüber auf, daß mir sein Weib ein Bussel geb'n hat, und jagt mich auf der Stell davon. — Mein zweiter Meister hat fünf Töchter g'habt — das waren Zwilling — da war ich Dir aber in alle fünfe zugleich verliebt. — Einmal haben wir Pfänder g'spielt — no Du weißt, das geht auch mit'n Busselgeben aus — Knier. Allemal. Zwirn. Wie wir die Pfänder aus- g'löst haben, kommt der Meister dazu — der geht her, gibt mir für eine jede Tochter zwei Watschen und jagt mich fort. Knie r. Zwei Watschen? Das ist zu viel. 10 Zwirn. Nicht wahr? Ich war' ja hinlänglich zufrieden gewesen, wenn er mir für eine jede Tochter eine Watschen gegeben hätte, aber zwei Watschen, das ist ja ein offenbarer Luxus. — Mein dritter Meister, der hat ein G'schwisterkind g'habt von 21 Jahren — aber hörst, Schuster, so ein schönes G'schwisterkind Hab' ich in meinem ganzen Leben nit g'sehen. Da Hab' ich aber hernach eine saubere Köchin kennen g'lernt, mit der bin ich dnrch'gangen, und 's G'schwisterkind Hab' ich sitzen lassen. Knier. Meine G'schicht ist nicht so lang, aber äußerst tragisch. Erstens ist mir meine Profession z'wider, ich Hab' nur Sinn für die Astronomie — und dann Hab' ich nichts als unverschuldete Unglücksfälle gehabt. — In Bndweis Hab' ich mein Meister g'haut. Leim. Warum denn? Knier. Weil ich ein Rausch gehabt Hab', also kann ich nix davor. In Alt- brünn hätt' ich bald ein Lehrbuben zerrissen. Leim. So was ist aber auch abscheulich. Zwirn. Aber was soll denn ein zerrissener Lehrbub anfangen? Und gar ein Schnsterlehrbub — kann es denn etwas Zarteres geben als einen Schusterbuben? Knier. Ich Hab' damals einen unsinnigen Haarbeutel g'habt, also kann ich nichts davor. Ich sag' Euch, ich Hab' schon so viel Malheur g'habt, und allzeit durch meine Räusch'. Wann ich mir meinen Verdruß nit versaufet, ich müßt mich g'rad aus Verzweiflung dem Trunk ergeben. (Zwei Hausknechte kommen mit Stroh und bereiten die Schlafstellen.) Leim. Sie, machen'S mir mein Bett etwas in Entfernung von den Andern, denn ich schlag' furchtbar herum bei der Nacht. Zwirn. Warum denn? Leim. Das ist Alles mein Herzens- kummer. Ihr werdet mir's nicht glauben, — ich seh' einem lustigen Kerl gleich, aber das iS Alles nur auswendig, inwendig schant's famoS aus bei mir. Wie ich trink, glaub' ich, ein jeder Tropfen ist Gift — wie ich iß, so ißt der Tod mit mir — wenn ich spring und tanz', so ist mir inwendig, als wenn ich mit meiner Leich' ging — wie ich einen Kameraden seh', der nix hat, so gib ich ihm gleich Alles, obwohl ich selbst nix Hab', und das bloß, weil ich in Gedanken alleweil mein Testament mach'. Zwirn. Ja, Brnderl, wer ist denn Deine Geliebte, daß sie Dich gar so enderisch macht. Leim. Sie ist eine Tischlermeisterische. Knier. Hat's Laschi? Leim. Was? — Knier. Knöpf. Leim. Wie? Zwirn. Nein, nein — er fragt, ob sie Batzen hat. Leim. Geld? —Freilich hat's Geld. Sie ist die Tochter vom reichen Meister Hobelmann in Wien. Zwirn. Von dem? Schuster, den reichen Tischlermeister Hobelmann mußt ja kennen. Knier. Ich bin ein Schuster, was geht mich ein Tischler an. Beleidigt's mich nicht! Zwir n. Wart', ich werd' Dir gleich d'raufhelsen. Der reiche Tischler Hobelmann logirt — — in Wien logirt er. — Du kennst den reichen Tischler Hobelmann nicht? Knier. Nein. Zwirn. Ich kenn' ihn auch nicht. Knie r. (zu Leim). Da weiß ich Dir ein Rath, schau daß Du'S kriegst. Leim. Das hätt' ich selber gewußt; aber da ist's zu mit'n kriege«, ich glaub', es hat's schon ein Anderer. Knier. So nimm Du Dir auch eine Andere. 11 Leim. Das bring' ich nit über's Herz. O meine Peppi! Zwir n. Ja, mag sie Dich oder mag sie Dich nicht? Leim. Das ist's eben, was ich nicht weiß. Ich Hab' drei Jahr' bei ihrem Bater gearbeitet. — Zwirn. Und weißt nicht, ob Dich's Madel mag? Tischler, Dn hast jaHobel- schaten im Kopf! Leim. Der Vater ist reich, er lebt in Pracht und Herrlichkeit, er war zwar selbst immer beim Geschäft, aber die Tochter haben wir Gesellen kaum alle Monat einmal zu sehen kriegt. Einmal bringt meine himmlische Peppi ihrem Vater eine Schale Kaffee in die Werkstatt — ich schau sie zärtlich an, sie laßt ihre Blicke auf mich und die Schalen auf die Erd' fallen — der Vater, der Jähzornigste Patron von der Welt, wirft'S Stemmeisen auf sie — ich erseh' das, halt mich vor und das Stemmeisen fahrt mir zolltief in die Achsel hinein. Zwirn. Ah Spektakel! (Setzt sich auf's Stroh.) Knie r. Hast'n nit g'haut, den Alten? — Wann mir das g'schehn wär'! Leim. Warum nicht gar! Ich bin umg'fallen, und wie ich wieder zu mir kommen bin, war der Alte und die Peppi bei meinem Bett. Der Alte hat g'sagt, ich möcht' das nicht übelnehmen, es war nicht so bös gemeint. Knier. Bedank' mich. Leim. Es wird Sein Schaden nicht sein, hat er g'sagt, Er hat meiner Tochter das Leben gerettet; bis Er wieder gesund ist, wollen wir weiter reden über Sein künftiges Glück. (Mittlerweile hat Zwirn sich mit einem zerrissenen Tüchel den Kopf eingebunden und sich auf das Stroh gelegt.) Ein paar Wochen d'rauf, wie ich schon wieder hergestellt war, hör' ich auf einmal, der dicke, reiche Strudl, der Wirth vorn goldenen Nockerl, Heirat — ich frag' wen? so heißt's die Hobelmanni- sche. — Das hat mir den Gnadenstoß geben; denn der Meister Hobelmann hat keine andere Tochter gehabt, als meine Peppi. Knier. Na, da wirst aber doch aus Verzweiflung g'redt hab'n? Leim. Nein — es war g'rad Samstag, der Meister hat uns auszahlt — da bin ich den anderen Tag in der Früh anfg'standen, Hab' auf ein Zettel g'schrieben: „Adieu, Peppi, aus Bosheit Heirat ich jetzt auch" — und dann bin ich fort über Berg und Thal, ohne b'hüt' dich Gott und ohne Allem; und so flankir' ich jetzt schon über zwei Jahr' in der Welt herum. Knie r. Ich hätt' den Alten und den Wirth g'haut und 's Mädel hätt' ich g'h eirat. Leim (legt sich nieder). Mit mir ist's aus, ich Hab' nichts mehr zu hoffen. Ich lauf' halt so mit, so lang's sein muß. Knier. Und ich sauf' halt so mit, so lang's geht. (Zieht den Rock aus.) Ich hätt' jetzt ein Gusto zu astronomischen Beobachtungen, denn mich hat's G'mischte ein wenig duslich g'macht. (Gähnt.) Leim. Ich Hab' schon seit ein paar Jahren kein Schlaf mehr. (Gähnt.) Knie r. (löscht das Licht aus und legt sich nieder) Zwirn. Werdt's nit bald still sein? (Schläft ein.) Leim einschlafend). Peppi — Pep- -pi- Knie r. (ebenso). Noch — ein—G'misch- tes — denn der Komet — (Leise Musik beginnt. Wolken senken sich über den Hintergrund. Nach einer Weile theilcn sich die Wolken, Fortuna wird sichtbar mit einem Füllhorn, daraus kommt die transparente Zahl 7359. — Der Schlaf der drei Gesellen wird unruhig. Die Wolken erheben sich wieder.) 12 Leim (sich nach nnd nach ermunternd). Ah — ah — (Gähnt.) Das war ein kurioser Traum — 7359. — Wenn ich's nur nicht vergiß. — Ah, ich merk' mir's schon bis morgen. (Will wieder schlafen.) Es laßt mir keine Ruh', ich muß — He, Schneider, Schneider! — Der schlaft fest. — Landsmann! Zwirn (sich ermunternd). Was ist's denn? Leim. Hast keine Kreiden? Zwirn. Ich glaub' nit. — Zn was denn? Leim. Mir hat ein Numero tramt. Zwirn (ihm eine Kreide gebend). Ein Numero hat Dir tramt? Leim. Ja. Nr. 7359. Zwirn. Und mir hat auch ein Numero getramt — es war Nr. 7359. Leim. Was? das nämliche Numero? — Bruder, Das hat was zu bedeuten. Nur g'schwind aufg'schrieben. (Schreibt- das Numero auf den Tisch.) (Es wird von außen stark geklopft.) Stimmen (von außen). Heda! Aufg'macht! Aufg'macht! Siebente Scene. V orig e. H an n erl. S ep h erl. Dann mehrere Maurer, Zi m m erleute, Marktweiber rc. Hau n. Ich komm' schon! (Oeffnet die Thüre.) Seph. Gar keine Ruh' hat man! Zwirn. Kellnerin! Bring' Sie mir ein Spiegel und ein Köllnerwasser. Seph. (anfräumend). Vor drei Uhr kommt man in kein Bett und um halber Sechse soll man wieder auf'n Füßen sein. (Sie wischt das Numero aus.) Leim. Unglückliche! Was hast Du gethan? Seph. (erschrocken). Was sein denn das für Dummheiten? (Die Eintretenden haben Schnaps rc. verlangt und setzen sich an die Tische.) Leim. Schneider, da schau her, 's Numero hat sie ausg'wischt. Zwiru. War' nicht übel! — (Zn Sepherl.) Sie ist eine unüberlegte Person, ein von der Natur vernachlässigtes Geschöpf. Leim. Weißt Du das Numero uoch? Zwirn. Freilich weiß ich's. Schreib' auf das Numero. Es war 87 tausend — Leim. Das war's nicht. Hann. (Knierim aufweckend). Aberhör' der Herr, schlaft man denn bis Mittag? Sieht Er denn nicht, daß schon wieder Gast' da sein? Kuier. (sich halb im Schlaf erhebend, lallt). Sieben tausend — drei hundert — neun und fünfzig. Leim (schnell auf ihn losfahrend). Brüder!, was hast g'sagt? Knier. Mir war im Traum, als wenn in einem ganzen Nebel von G'mischten — ist auf einmal erschienen — Nr. 7359. Leim. Nein, das geht nicht natürlich zu, alle Drei den nämlichen Traum! Zwirn. Auf d'Letzt ist uns gar das Glück bestimmt. Leim. Wie können wir denn was g'winnen, wenn wir kein Los habeu? Knier. Wenn's Glück will, braucht man kein Los. Achte Scene. Vorige. Ein Hausirer. Hausirer (mit seinem Anhängtrüherl, worin verschiedene Maaren sind, eintretend). Guten Morgen, allerseits. Kaufen die Herren Hosenträger, Brieftaschen, Pfei- 13 fenröhrln, Tabaksbeuteln — auch noch einige Lotterielose Hab' ich — die Ziehung geht schon in einer Stunde vor sich. Kaufen Sie, vielleicht gewinnen Sie heut' das große Los, probiren Sie Ihr Gluck. Leim. Laß anschau'n, was sein's denn für Nummern? Hausi r er (zeigt die Lose). Nr. 439. Leim. Das kann ich nicht brauchen. Hansirer. Nr. 8521. Knier. Das is ein alt's Numero. Hansirer. Nr. 7359. Zwirn (auf ihn losspringend). Der hat unser Numero! Knier. (zu Leim). Frag' ihn, was's kost'L. Leim (zum Hansirer). Was kost't das Los? Hansirer. Sechs Gulden Silber. Leim (zu seiueu Kameraden). Sechs Gulden Silber hat er g'sagt. Zwirn. Das bringen wir nit z'samm'. — Wißt's, was wir thnn? — Schlag'n wir'n todt. Leim. Ah, wer wird denn so grob sein? Ein Menschen, den wir 'S erste Mal seh'n — wir wurden ansg'richt. Knier. Ja, hing'richt wurden wir. — Ich Hab' da in mein Brnstfleck ein Thaler eing'uaht. (Trennt ihn heraus.) Leim. Ich Hab' auch sechs neue Zwanziger. Zwirn. Da sein fünf Zwanziger — und zwei Zehnerln. Hansirer. Na, wie ist'S? Kaufen's die Herren? Leim (legt den Thaler auf das Triiherl). Das ist ein Thaler vom Schuster — und da sein sechs neue Zwanziger von mir. (Wendet sich zum Schuster.) Knier. Der Thaler ist von mir, daß keine Irrung g'schieht. Zwirn (zum Hausirer.) Der Thaler ist vorn Schuster — und die sechs Zwanziger seirr vom Tischler. (Steckt den Thaler in die Westentasche und tritt bei Seite.) Hansirer. Ja, wo ist denn der Thaler? Knier. Der Thaler ist von mir. Leim. Da Hab' ich ihn hergelegt. Hansirer. Er ist aber nicht da. Leim (zieht den Zwirn herbei). Du hast g'sehn, daß ich den Thaler da herg'legt Hab'. Zwirn (verlegen). Ja — ja — der Thaler ist eh'nder da g'leg'n. Hausirer. Aber wo ist er denn jetzt? Zwirn. Wo er jetzt ist, wollen'S wissen? — Eh'nder ist er da g'leg'n. Knie r. Du, mach' mich nicht süchtig! Leim (bei Seite zu Knierim). Sei still', ich Hab' schon ein Mittel, den Thaler zu entdecken. (Laut zu den Anwesenden.) Meine lieben Leut', es ist ein Thaler weggekommen, halten Sie daher Alle, wie Sie hier im Zimmer sind, die Hände in die Höh'. (Alle thuu, wie Leim gesagt.) Leim. Haben Alle die Hand' in der Höh'? Alle. Ja! Leim. Der auch, der den Thaler genommen hat? Zwirn. Ja! (Bemerkt in diesem Augenblick, daß er sich »erschnappt hat, und schlägt sich mit der Hand an die Stirn'.) O je! Knier. Haben wir Dich erwischt!? Zwirn (den Thaler zuriickgebend). Nur nicht kindisch — ich Hab' den Thaler nur wechseln woll'n. Knie r. Ja, Du bist der, der'S Geld wechselt. Leim (zum Hausirer). Also, da ist der Thaler vom Schuster — da sein die sechs Zwanziger von mir — und da sein fünf Zwanziger und zwei Zehnerln vom Schneider. — Jetzt her mit'n Los. Hansirer. Da haben Sie's. Ich wünsch', daß Sie damit gewinnet!. Schaffen's ein andermal. Neunte Scene. Vorige ohne Hausirer. Sepherl. Das ist stark, wie ich's Geld so hinauswerfen könnt'! Leim. Das wird sich kurios rentiren. Zwirn. Aber Sie reden ja schon wieder drein? Leim. Um wie viel Uhr ist denn die Ziehung? Sepherl. Gleich nach sechs Uhr fangt's an, grad drüben, und dauert den ganzen Tag. (Man hört trommeln.) Leim. Was trommelns denn? Alle Weiber. Die Ziehung geht schon schon los. Ein Zimmermann. Weiß man nicht, wer's gewinnt? Sepherl. Gewiß wieder Einer, der's nicht braucht. Zwirn. Das könnt' man von uns nicht sagen, wenn wir's gewinneten. (Leim steht traurig und tiefsinnig.) Kuier. (zu Leim). Was machst denn Du wieder für trübselige Faxen? Das ärgert mich von Dir. Leim. Meine Peppi ist mir ein- g'fallen. (Wieder heiter.) Aber es macht nur ein BremSler, 's ist gleich vorbei. Zehnte Scene. Vorige. Pantsch. Pantsch (rabiat einstürzend). Das ist entsetzlich. Alle. Was ist'S denn? Pantsch. Das ist unbegreiflich! Ich Hab' den Haupttreffer nicht. Alle. Ist er schon da? Pantsch. Auf'n ersten Zug war er heraus. Nr. 7359. L e im, ZWirn, Knierim (außer sich vor Freude.) Mich trifft der Schlag! (Alle Drei fallen um.) Alle. Was ist denn das? Zu Hilf'! Leim, Zwirn, Kn i er im (springen jubelnd auf.) Den Treffer haben wir! Den Treffer haben wir! Juheh! Alle. Was? Nicht möglich! Leim. Da ist's Los, was wir grad kauft haben. — Wir wollen uns lustig machen. Alle Tischler von der ganzen Stadt sind eingeladen. Knier. Herr Wirth, alle Schuster vom ganzen Land! Zwirn. Alle Schneider von der ganzen Welt! Alle. Juheh! Juheh! Juheh! (Alle ab.) Leim (indem er mit Zwirn und Knieriem vortritt). Jetzt sagt's mir aber, Kameraden, was fangen wir mit unserem Neichthum an? Ich Hab' meinen Plan. Zwirn. O ich auch, aber nur nobel! Knier. Ich Hab' ganz eine eigene Idee. Leim. Ich reis' nach Wien, morgen in aller Früh; find' ich meine Peppi noch ledig, so bin ich der glücklichste Mensch auf der Welt; ist sie verheiratet, daun nutzt mich mein ganzer Reichthum nichts — da geh' ich dann nach Haus, bau ein Spital für unglückliche Tischlergesellen, und da leg ich zuerst mich selber hinein und stirb auch d'rin. Zwirn. Nein, dieser Plan ist mir zu traurig. Ich werde von nun an mehr Don Juan als Schneider sein. Kn i er. Und ich Hab' keine Leidenschaft als die Astronomie, d'rum g'wöhn ich mir's Biersanfen ab und verleg mich von heut an bloß auf'n Wein. Auf's Jahr geht so die Welt zu Grund, da zieh' ich halt Heuer noch von einem Weinkeller in den andern herum, und führ' so ein zufried'nes häusliches Leben. L e i m. Mir ist leid, daß wir auf die Art nicht beisammen bleiben können. Zwir n. Wir haben jeder uns're aparte Passion. 15 Kuier. Auseinander müssen wir. Leim. Aber wie Einer vom Andern hört, daß er im Unglück ist — Knier. Von Unglück ist gar keine Red' nicht, wenn der Mensch einen Treffer macht. Zwirn. Wenn's halt aber doch der Fall ist, so wollen wir Einer dem Anderen beistehen. Leim. Die Hand d'rauf. Zwirn und Knier. Gilt allemal. (Reichen sich die Hände.) Leim. Und heute über's Jahr, am heutigen Tag, an dem Gedächtuißtage unsers Glücks, kommen wir alle Drei in Wien zusammen beim Meister Hobelmann, dort bin ich entweder glücklich, oder Ihr erfahrt, wo ich in meinem Unglück zu finden bin. Zwirn und Kni er. Gilt detto. (Reichen sich die Hände.) (Pantsch und viele Männer und Weiber treten ein.) Alle. Wir gratuliren! ' Leim. Danke, danke! — Herr Wirth! Pantsch. Euer Gnaden! Knier. Wir geben eine Tafel bei Ihm. Pantsch. Euer Excellenz — Zwirn. Heute ist bei mir dal xarö. Pantsch. Euer Durchlaucht — mein Saal in der Vorstadt Hab' ich auf's Prächtigste neu arrangiren lassen, es kann alle Stund der Ball anfangen. Leim. Und jetzt aufg'rebellt. Musikanten! Jetzt marschiren wir im Zug zu der Ausspielung, um unser Geld z'ho- len, und nachdem geht's gleich an's Essen, Trinken und Tanzen bis morgen Früh! Chor. Es kommt halt das Glück Aus einmal oft dick; Die Hut' werft's in d'Höh', Schreit's Juheh! Juheh! (Unter dem Chor Alles jubeln ab.) (Der Vorhang fällt.) Ende des ersten Aetes. Zweiter Act. (Die Bühne stellt die Tischlerwerkstätte des Meister Hobelmann in Wien vor. Mittel- und Seitenthüren.) Erste Scene. Ein Fremder. Dann Gertraud. Fremder (die Wcrkstätte musternd). Hat wirklich eine schöne Werkstätte der Meister Hobelmann. G ertraud (kommt aus der Seiteuthüre rechts — im schwäbischen Dialect). Euer Gnaden, ich hab's dem Meister Hobelmann schon gesagt, er wird gleich da sein. Da kommt er schon. (Geht durch die Thüre ab.) Zweite Scene. Der Fremde. Hobelmann. Hobel m. Unterthänigster Diener, Euer Gnaden Mit was kann ich zu Diensten steh'n? Fremder. Ich etablire mich hier, und habe ein großes Möbelgeschäft mit Ihm abzumachen, lieber Meister. Hobelm. Ist mir eine Ehr'. Aber dürft! ich nicht bitten, wenn's möglich wär', die Sach' auf morgen zu verschieben? Heut kann ich nicht, und wenn ich tausend Gulden profitiret, denn ich Hab' heut eine Hochzeit im Haus. Fremder. Nach Gefallen, ich bin nicht pressirt. Hobelin. Dann Hab ich aber noch eine Bitt. Der Hochzeitsschmaus ist zwar schon zu End', aber ein Schalerl.Kaffee, wenn Euer Gnaden bei uns zu sich nehmen wollten — die Ehr' müssen Euer Gnaden der Braut anthun. Fremder. Mit Vergnügen, lieber Meister. Hobelm. (ruft zur Thüre herein). Peppi, richt' den porzellanenen Weidling zum Kaffee für den gnädigen Herrn. (Beide ab.) Dritte Scene. Leim. Etwas später Gertraud. Leim (im schlechten, zerrissenen Rock, den Wauderbündel auf dem Rücken, tritt ein). Ich weiß nicht, was das ist, kein Mensch fragt mich, zu wem ich will. In der Küchel Hab' ich eine Menge Dienstboten g'seh'n, die jubeln was's Zeug halt, und ! Einer sitzt vor der Thür, dem muß übel sein. (Umhersehend). Da wär' ich halt wieder in meiner lieben Werkstatt. — Das sind Erinnerungen für mich! Aus dem Platz Hab' ich einen Tisch g'macht und Hab' d'Füß vergessen, denn meine Gedan- 17 ken waren bei der Peppi — an dem Platz ! Hab' ich ein Kastenb'schläg' an ein Spuck- trüherl g'nagelt, denn meine Gedanken waren nicht bei der Arbeit. — O ich war ein Stockfisch, daß ich nie g'redt Hab', und mir g'schähet recht, wenn sie schon längst den Wirth gehet— Gert, (zur Mitte eintretend.) Wie kommt denn Er da herein? Leim. Nu, wie jeder andere Mensch, bei der Thür. Gert. Wann Er Arbeit suche thut, so komm' Er morge, heut ist's nix, heut Hanne wir Hochzeit. Leim (erschrocken). Wer hat g'heirat? Gert. Der Herr Strudel, der Wirth im goldene Nockerle, hat g'heirat' — Vormittag war die Copnlation. Leim. Wem hat er g'heirat'? Gert. Die Mamsell Hobelmann. Leim (fährt auf sie los). Schwabin! ich bring Dich um! Gert, (schreit, indem sie abläuft). Zu Hülfe! zu Hülfe! er Witt mich verschlage. Vierte Scene. Leim. Hobelmann. Hobelm. He, he! was gibt'S denn da? Leim. Meister Hobelmann — Hobelm. (erfreut). Wasseh' ich! Leim, Er ist wieder da? Na das freut mich! (Ruft in die Thüre.) Peppi! Peppi! g'schwind komm', der Leim ist da! Leim. Um Alles in der Welt, nein! Ich will sie nicht sehen. Fünfte Scene. Vorige. Peppi. Peppi (heraushüpfend, einen weißen Kranz auf dem Kopf, ganz weiß gekleidet). Ach Vater — wo — ist er? Ha! endlich kommt er wieder zurück. Ist das auch recht, daß Er so lange auf sich warten ließ? (Faßt ihn sanft am Arme.) Leim (sie in heftiger Bewegung, aber nicht unsanft abwehrend). Zurück, junge Frau! Peppi. Vater, was ist ihm denn? Hobelm. Das wird sich geben. Peppi. Ach Gott, Johann, ich bin so froh, daß Er wieder da ist, so froh. Das muß ich gleich dem Strudl erzählen. (Jn's Seitenzimmer ab.) Sechste Scene. Vorige, ohne Peppi. L e i m. O Strudl! — Der Strudl liegt mir im Magen wie ein Knödel. Hobel m. Er schaut etwas abg'schaben aus, mein lieber Leim, Er hat nicht viel aufg'steckt in der Fremd'. Sei Er froh, daß Er wieder bei mir ist, ich Hab' mit Ihm einen Plan. Leim. O jetzt geht der Leim aus'n Leim, für mich plant sich nichts mehr. — Meine Peppi! Hobelm. Ah! ist es das? Sieht Er, mein lieber Johann, wie er mir damals so unverhofft davongegangen ist, hat Er ja geschrieben, Er wird aus Bosheit heiraten. Leim. Das Hab' ich nur aus Bosheit g'schrieben; aber ich bin so ledig, als nur ! was sein kann. ! Hobelm. Ich hätt' vor zwei Jahren > durch einen gähzornigen Wurf meine 2 Theater-Nepertoir Nr. 55. 18 Tochter nm'bracht, wenn Er nicht gewesen war', für diese That hat Er sich's Madel verdient; aber Er hat ja nix g'redt — oder hat Er glaubt, daß ich ihn um Gotteswillen bitten soll, daß er's Madel Heirat'? Leim (verzweifelnd). O ich war ein Esel! so was kommt nur alle Jahrtausend einmal auf d'Welt. Siebente Scene. Vorige. Strudl. Anastasia. Peppi. Der Fremde. H obe l m. (auf Leim zeigend). Da, meine Freunde, seht's, da ist er! Alle. Willkommen! Willkommen! Strudl (gutmüthig zu Leim). Das war nicht schön von ihm, daß Er uns so ab- g'fahren ist. Leim (bei Seite grimmig). Der Dickwanst foppt mich noch? Das ist zu viel! (Grob zu Strudl.) Sie haben's nöthig, daß's mich aufzieh'n wollen. Pfui Teufel! ich schämet mich, heiraten mit dem Bauch. Sie sollten sich lieber zwischen Ihre Weinfässer setzen, von denen kein's so dick ist, als Sie, und so lang trinken, bis Sie liegen bleiben im Keller unten, das war' g'scheidter, als auf der Welt heroben einem ehrlichen Kerl seine Lieb' abfischen. Alle. Was? Hobelm. Leim, jetzt sei Er still! Wie kann Er einen ehrenfesten Mann in meinem Haus so traktiren? Leim. Ja, ehrenfester Mann — Hobelm. Da geh' Er her; ich muß Ihn ja erst bekannt machen mit der ganzen Gesellschaft. Leim. O, ich kenn' Alle. Hobelm. (auf Strudel zeigend). Das ist mein Freund Strudl, der Bräutigam, jetzt eigentlich schon Eh'mann — das (auf Peppi zeigend) ist meine Tochter Peppi, die Kranzeljungfer. Leim (froh überrascht). Kranze! — Jungfer? Hobelm. (Anastasia vorführend). Das ist Anastasia Hobelmann, die Tochter von meinem verstorbenen Bruder, gegenwärtig ehrenfeste Strudl. Leim (in höchster Freude losbrechend). Also die Peppi ist nicht seine Frau? sie ist noch frei? (Zu Peppi eilend). Du bist also noch mein, Peppi? — bist keine Strudl? (Anastasien die Hand küssend.) O meine Gnädige! erlauben Sie, daß ich Ihnen die Hand küsse. (Zu Strudl.) Und Sie, mein bester, liebster, schönster, goldener Herr von Strudl, jetzt Hab' ich Ihnen so lieb, weil Sie nur die Peppi nicht g'heirat' haben. Verzeihen Sie, ich war ein Flegel — ich begreif' gar nicht, wie ich Hab' schimpfen können über Ihre respektable Westegegend — (Dreht ihn um und streicht über seinen Rücken.) Sie sind so schön, so proportionirt — gar kein Bauch — lassen Sie sich umarmen. (Um- armt ihn.) — Und Sie, Herr Schwiegerpapa (sich zu Hobelmann wendend). — Hobelm. Was? Schwiegerpapa? Er hat ja noch nicht einmal mit'n Madel Richtigkeit g'macht, sein Wort angebracht, bei mir gar nicht angehalten um sie. L e i m. O Peppi! himmlische Peppi! Peppi. Ich sollt' bös' sein, Johann. Leim. Ja, ich verdien'S. Peppi. Du hast mir viel Kummer verursacht. Leim. Und das bloß durch meine Dummheit, weil ich nix g'redt Hab. Peppi (ihm die Hand reichend). Du hast mir daS Leben gerettet, ich bin Dein. Hobelm. Halt! da Hab' ich auch ein Wort d'reinzuredrn. Dem ersten besten Hasenfuß, der nix ist und nix hat, kann ich meine Tochter nicht geben. Indessen das ist mit Ihm anders geworden, Er ist ein Mann, der seine Batzen hat. 19 Leim. Was? Wie weiß denn der Meister das? Ho beim. Nu, wenn ich's nicht wüßt', wer sollt's denn hernach wissen? — Ich Hab' für ihn damals, wie Erden Wurf aufg'fangt hat, der meine Tochter getroffen hält', 500 Dukaten angelegt, die g'hören sammt Interessen Sein. Jetzt fang Er halt sein Meisterstück an, in drei Wochen ist Er Meister, und dann soll Er—s Madel haben. Alle. Wir gratuliren! Leim. Bester, großmttthigster Herr Schwiegerpapa! Ich nehm's an; übersetzt müssen auch Sie und die Peppi erlauben, daß ich das auch dazuleg', was ich Hab'. Hobelm. Hat Er sich auch was erspart ? Leim. Was man sich halt so erfecht' auf der Straßen. Ich werd' gleich die Kisten hereiutragen lassen. (Läuft zur Thüre.) Heda, Leut'! Nur herein! (Vier- Träger tragen eine große Kiste herein.) Alle. Was ist das? Leim (den Deckel ausreißend). Das gehört Alles meiner- Braut. Hobelm. Lauter- Geldsäck'? — Was tausend! Leim. Nip tausend — über dreißigtausend Thaler sind da drin. Ich hab's in der Lotterie gewonnen, ich bin jetzt ein Mandel mit Kren. Alle (ganz verwundert). Ah! Ah! Leim. Der alte zerrissene Rock da war nur Verstellung, ich Hab' Dich nur prüfen wollen, ob Du mich noch liebst. Peppi. Johann! Mein Johann! Ich verlang' mir nichts als Dein Herz. (Sinkt in seine Arme.) Hobelm. Das Geld gehört also alles Sein? Jetzt muß Er's Madel nehmen! (Vereinigt ihre Hände.) Heut' Vier- Wochen ist Hochzeit, da soll die ganze Stadt reden davon. Leim. Das Geld g'hört mein — die Peppi g'hört auch mein, jetzt nimm' ich mein ganze Bagage zusamm' und zieh' aus. (Er hebt Peppi in die Kiste auf die Geldsäcke, die Träger tragen sie ab, ergeht nebenbei, alle Andern folgen.) Nermandtung. (Elegantes Zimmer in Zwirn's Wohnung mit Mittel- und Seitenthüren. Im Vorgrunde rechts und links Tische und Stühle.) Achte Scene. Zwirn (allein, tritt in einem modernen Palmenschlafrock auf). Jetzt bin ich schon über ein Vierteljahr hier in Prag etablirt — ist das ein Leben in dem Prag, wenn der Mensch ein Geld hat. Ich betreib' zwar mein Handwerk auf eine noble Manier, aber es bleibt halt doch Schneiderei, und mich hat die Natur zu etwas Höherem bestimmt, Alles zeigt, daß ich nicht zum Schneider- geboren bin. Neunte Scene. Zwirn. Mehrere Bediente und Gesellen. (Einer nach dem Andern.) Erster Bedienter (aus der Mittel- thüre). Eu'r Gnaden, es ist eine Kundschaft da. Zwirn. Ich bin heut' nicht mehr zu sprechen. Erster Bedienter. Sehr wohl, Eu'r Gnaden. (Ab.) 2 * Zwirn. Die Leut'glauben grad, ein Schneider ist nur wegen ihnen auf der Welt. Erster Geselle (aus der Seitenthür links). Herr von Zwirn! Zwirn. Was gibt's? Erster Geselle. Der Herr von Fidibus hat seinen Konto bezahlt. (Will ihm Geld geben.) Zwirn (ihn stolz zurückweisend). Das geht den Buchhalter an. (Der Geselle will gehen.) Zweiter Geselle (ebenfalls von links kommend). Herr Meister — Zwirn. Grobian! Weiß Er meinen Titel nicht? Erster Geselle (leise zum zweiten). Herr von Zwirn mußt sagen. Zwirn. Noch einmal das Wort Meister und Du hast ausgerungen. Zweiter Geselle. Herr von Zwirn, der Konto da ist nix nutz g'schri^ben. Zwirn. Man trage ihn schleunigst noch einmal in die Kopiatur und melde dem Kanzleipersonale meinen Zorn. (Beide Gesellen ab.) Erster Bedi enter (durch die Seitenthür links). Euer Gnaden, es ist Samstag, die Gesellen wollen ihr Geld. Zwirn. Sie sollen zu meinem Kassier gehen, ich bekümmere mich nicht um solche Gemeinheiten. Erster Bedienter. Das Hab' ich ihnen auch g'sagt, aber sie sagen, sie sein überall vom Meister auszahlt worden. Zwirn. Zum Kassier, Hab' ich g'sagt! Hinaus! I'ilou! (Erster Bedienter ab.) Zweiter Bedienter (durch die Mitte). Euer Gnaden, der Maler ist da. Zwirn. Herein mit'» Maler. Zweiter Bedienter. Sehr wohl. (Ab.) Zehnte Scene. Zwirn. Maler. Maler (mit vielen Verbeugungen zur Mitte eintretend). Wenn es gefällig Wäre, mir nur noch gütigst auf ein Biertel- stündchen die Ansicht ihrer höchst interessanten Physiognomie zu verstatten. (Richtet seinen Apparat ans den Tisch.) Zwirn. Na, ein Viertelstnndchen Hab' ich grade noch Zeit. (Setzt sich.) Aber Sie dalken lang herum mit inein' Porträt. Maler. Heut' wird der Dalk fertig. Zwirn. Was? — Wie meinen Sie das? Maler. Ich meine meine eig'ne Wenigkeit — ich werde heute fertig mit Hochdero Porträt. Zwirn. Ah so! Male r (indem er malt). Dieselben .hätten sich aber doch sollen gefälligst in Oel malen lassen. Zwirn. Wegen meiner, wenn wir wo ein gutes Oel kriegen. — Schaun's nur, daß's mich gut treffen, es wär' Schad' um jeden Zug, der daneben geht. Maler. Ihre Nase ist sehr schwer zu treffen. Zwirn. Meine Nasen? Gar nicht. Schaun's, mir hat voriges Jahr im Bierhaus Einer ein Halbglas in's G'sicht g'haut, der hat meine Nasen sehr gut getroffen, sag' ich Ihnen. Eilfte Scene. Vorige. Hackauf. Hackauf (zur Mittelthüre eintretend, im böhmischen Dialekte). Ale Gagramente, was wär' denn das? Sie sein's nit auf zu 21 Haus und sitzens da und lassens Ihne paladatschete G'fries mal'n? Zwirn. Hinaus! Hack auf. Ah, da muß ich bitten! Ich bin ich Kundschaft, die zahlte gleich. Gleich af der Stell' meßt er mir ein' Rock an. Zwirn. Hinaus! Hackauf. Was? Ich soll hinaus geh'n ? (Er packt Zwirn und dräliat ihn auf den Sessel, worauf der Maler das Bild gelegt. — Bediente treten ein und drängen Hackauf zur Mittelthüre hinaus.) M aler. Wo ist denn mein Porträt? Zwirn. Das hat gewiß der Fleischhacker mitgenommen. (Geht an die Thiire; das Porträt klebt an seinem Schlafrock.) Maler. An Ihrem Schlafrock klebt's. Zwirn (besieht sich). Ah, verflucht, jetzt Hab' ich mich auf mein Miniatur- g'sichtl gesetzt. Maler. Das ist hin, doch eS macht nichts, Sie zahlen um 50 Dukaten mehr und ich mach' es Ihnen von Neuem. Zwirn. Aber heut' kann ich nicht mehr sitzen, ich bin zu alterirt. Maler (hat seine Sachen znsammen- gepackt). So werd' ich morgen die unter- thänigste Ehre haben. (Mit Verbeugung ab.) Zwölfte Scene. Zwirn (allein, sehr erschöpft). Den Fleischhacker klag' ich — ich muß Satisfaktion haben. Ich arbeit' einmal für keine Kundschaft, die mir meinen Respekt nicht gibt, und wenn's mich zehnfach bezahlt. Dreizehnte Scene. Zwirn. Windwachel. Luftig. Windw. Theurer Freund! Hier Hab' ich das Vergnügen, Dir einen Dutz- bruder von mir vorzustelleu, Herrn von Lüftig. Llistig. Herr von Zwirn, ich hatte schon lange den Wunsch, den berühmten Mann kennen zu lernen — Zwirn (geschmeichelt). Ich bitte, die Ehre ist meinerseits. Wind w. Mein Freund will sich bei Dir Verschiedenes machen lassen. Zwirn. O ich bitte, mein ganzes Magazin steht zu Befehl. Belieben Sie sich nur nach Gusto auszusuchen. Lüftig. Ich brauche aber ziemlich viel. Zwirn. Je mehr, desto besser. Lüftig. Bin aber für den Augenblick nicht bei Kassa, um gleich bezahlen zu können. Zwirn. Thut nichts, ich Hab' Geld genug; übrigens kennt Sie mein Freund Windwachel, und das ist genug. — Spazieren Sie nur in mein Magazin. Lüftig. Ihr unterthänigster Diener, Herr von Zwirn. (Im Abgehen zu Wind- wachet.) Der Schneider kriegt keinen Kreuzer von mir. (Ab.) Zwirn. Jetzt sag' mir, Freund, kommt die Frau von Palpiti? Wiudw. Ich war heute Vormittag bei ihr, sie nahm Deine Einladung sammt ihren beiden Töchtern mit Vergnügen an. Zwirn. Du hast doch nichts merken lassen, daß ich ein Schneider bin? Windw. Keine Silbe. Zwirn. Hast g'sagt, daß ich ein Kapitalist bin aus — aus — aus karti- eullsr? Windw. Freilich. — Nun hält' ich aber eine Bitte an Dich. In Deinem Magazin ist nicht ein Stück, was mir paßt; Du mußt schon die Güte haben, und mir selbst das Maß nehmen. Zwirn (sehr bereitwillig). Ja, Freund! Mit Dir mach' ich eine AuSnahm'. 22 (Läutet. Erster Bedienter tritt ein.) Johann, geh' Er hinüber und hol' Er mir eine Schneidermaß. (Bedienter ab.) Windw. Du wirst finden, daß ich seit einiger Zeit etwas schlanker geworden bin. Zwirn. Es ist wahr, Dn bist bedeutend magerer geworden, Du brauchst auf ein' Frack jetzt nicht mehr als anderthalb Achtel Kasimir. (Der Bediente hat das Maß gebracht.) Was willst denn haben? Windw. Einen modernen Caput. Zwirn (ihm Maß nehmend). Was nehmen wir denn für eine Färb'? Windw. Ich denke, kastanienbraun. Zwirn. Die Hand halt so, daß wir die Armlänge kriegen. (Nimmt ihm die Länge zu einem Schlepp.) Was nehmen wir denn für einen Kragen? Windw. Schwarzblauen Sammt. Zwirn. G'fallt mir nicht — ich glaubet, pomeranzengelb. Windw. Ah, was fällt Dir ein! Vierzehnte Scene. Vorige. Frau v. Palpiti, Laura, Eamilla (treten, von beiden unbemerkt, ein). Palpiti. Wir haben die Ehre — Zwirn. So, jetzt die Mitte. Palpiti. Wir haben die Ehre — Zwirn (sie bemerkend, wirft Maß und Scheere weg). Mich trifft der Schlag! Palpiti. Wir haben gestört — Zwirn (sehr verlegen). O nein — eö war — ich Hab' nur — Windw. Ein Scherz, weiter nichts. Zwir n. Ja, nur ein G'spaß — wir wollten sehen, wer dicker ist um die Mitte. — Ich bin noch ganz im Negligä. Sie erlauben schon — ich werd' gleich mein Sonntagskleid anleg'n. Windwachel, unterhalte die Damen indeß. (Ab in die Seitenthüre rechts.) Fünfzehnte Scene. Vorige ohne Zwirn. C a m. Ah, das ist ein kurioser Mensch! Laura. Was ist denn das? Palpiti (zu Windwachel). Sie haben uns gesagt, daß der Herr vom Hans ein gebildeter Weltmann ist. Weh' Ihnen, wenn Sie meine Töchter durch eine ignoble Bekanntschaft blamiren. Cam. Ich Hab' schon geglaubt, Sie haben uns in eine Schneiderwerkstatt geführt. Wind w. Was fällt Ihnen ein? Der Herr vom Haus ist ein Mensch, der von seinem Gelde lebt und viel Geld hat; ist Ihnen das nicht genug? Laura. Freilich, wenn ich an die brillantenen Ohrringe denke. Windw. Dann finden Sie, daß er eine charmante Bildung hat. C a IN. (zu Windwachel). Wir sind Ihnen verbunden für die Oomiaisanes, zu der Sie uns verhelfen haben. Palpiti. O, nicht ihm habt Ihr das zu danken, sondern nur mir; denn erst seitdem Ihr nach meiner Idee Euch für Italienerinnen ausgegeben, habt Ihr einigen Anwerth. Laura. Es liegt doch in unserem interessanten Benehmen, daß man es uns glaubt. Cam. (zu Laura). Meine wällische Aussprache hat schon Manchen irrege- sührt, bei Dir aber wird er sich bald 23 auskennen, daß Du nur eine Purkers- dorferin bist. Laura. Das könnte wohl bei Dir der Fall sein. Windw. Nur keinen Streit, meine Damen — da kommt der Herr vom Haus. Cam. Jetzt will ich gleich Eindruck auf sein Gemüth machen. Sechzehnte Scene. Vorige. Zwirn (nach dem neuesten Journal, aber carikirt gekleidet). Cam. (sich stellend, als ob sie weine). O ich Unglückliche! Freund, weinen Sie mit mir. Zwirn. Was ist denn geschehen? Cam. Ich habe meinen Mopperl verloren. Zwir n. Ha, ha, ha! Ist nicht Schad' um so ein Viecherl? Cam. O ich bin untröstlich! Jetzt erst Hab' ich den Verlust bemerkt. Zwirn. Er kann ja noch nicht weit sein. Cam. Das Hundert ist sicher nach Italien geloffen. Zwirn. Lassen wir'n anschlagen.Ich zahl' zwanzig Ducaten, wer ihn bringt. — Windwachel! — Windwachel! hörst denn nicht, wenn ich Dich ruf? Windw. (der mit Frau von Palpiti gesprochen, wendet sich zu ihm). WaS willst denn? Zwirn. Schreib' eine Annonce. Windw. Schreib' sie selbst. Zwirn (leise zu ihm). Ich kann nicht schreiben. Windw. Ah so! (Setzt sich an den Tisch.) Zwirn (dictirt). Verlorner Hund — C a m. Halt! das geht nicht; die Annonce muß italienisch sein, sonst versteht's dort Niemand. Zwirn (bei Seite). Jetzt kocht's. (Leise zu Windwachel.) Kannst Du wälisch? Windw. Kein Wort. Zwirn. Italienisch auch nicht? Windw. Eben so wenig. Zwirn (für sich). Ich Hab' vier Wochen in Triest gearbeitet, da ist so Manches hängen geblieben. (Zu Windwachel.) Probiren wir's. Schreib' italienisch. (Dictirt.) Oane xcräuto — I^ou avsto vc- cluto — eanc xcräuto. (Zu Camilla.) War der Mopperl ein Mandel oder ein Weibel? Cam. Er war männlichen Geschlechtes. Zwirn (dictirt). Hu68to Mopperl — un Liquors. (Zu Camilla.) Was für einen Charakter hat er gehabt? Cam. Je nun, wie alle Mopperln. Zwirn (nachdenkend). Aha.— (Dictirt) earattorv — ealkuetsristieo. (Zu Camilla.) Wie alt? Cam. Drei Jahre. Zwirn. Drei Jahr' — wie heißt denn das — (Dictirt.) trs conto anni veeeüio. (Zu Camilla.) Hütte er keine besonderen Kennzeichen? Cam. Er trug ein schwarzes Halsband. Zwirn (dictirt). kortats nu ncro eravattcl. (Zu Camilla.) Hatte er abge- schnittene Ohren? Cam. Natürlich, er war ja ein Mopperl. Zwirn (dictirt). Gestutzte orsoelü. (Zu Camilla.) Wie hat'S denn mit dem Gebiß ausg'schaut? Cam. Er hatte fast gar keine Zähne. Zwirn. So? (Nachsinnend, für sich.) Keine Zähn', wie heißt denn das auf Wälisch? — Hab's schon. (Dictirt) 2uni kanl. — War er klein oder groß? 24 Cam. Ein ganz kleines Hnnderl. Zwirn (dictirt). kieeolo Viech mit gualtro Ha^en. — Keoowx6ll2» zwanzig 2 eeliini iu buona woneta. (Läutet.) He, Bediente! E rst e r Bedienter (eintretend). Eu'r Gnaden! Zwirn. Das kommt in die Buchdruckerei. (Gibt ihm das Blatt.) Erster Bedienter. Wo wird's denn angeschlagen? Zwirn. In ganz Italien. Erster Bedienter (für sich). Mein Herr ist ein Narr. (Ab.) Cam. (zu Zwirn.) Ich dank Ihnen vielmals. Zwirn. O Sie schöne Signora, es ist gern geschehen. (Sich zu Laura wendend.) Haben Sie auch vielleicht etwas verloren ? Laura. Und wenn ich mein Herz verloren hätte? Zwir n (entzückt für sich). Die geht scharf drein, ganz das italienische Feuer. Windw. Die Gesellschaft kommt. Siebzehnte Scene. Vorige. Mehrere geputzte Herren und Damen, unter ihnen Lüftig (im neuen Frack). Chor der Gesellschaft. Geladen haben Sie uns, Herr von Zwirn, Wir thun von Ihrer Güte profitir'n. Wer Ihre Gastfreiheit und Freundschaft kennt, Macht Ihnen auch ein tiefes Compliment. Zwirn (nachdem er sie begrüßt). Das ist wahr, die ganze schöne Welt von Prag Hab' ich da versammelt. Lüftig. Herr von Zwirn, eine schönere Wohnung als Sie kann man hier nicht mehr haben, hier fehlt nur Eins zur vollständigen Eleganz. Zwirn. Wie? Bei mir fehlte noch was? Lüftig. Sie müssen die Gasbeleuchtung einführen. Zwirn (beleidigt). Gasbeleuchtung? — Ich kann beleuchten, mit was ich will, das geht Ihnen gar nichts an. Lüftig (erstaunt.) Ich meinte nur — Zwirn. Trau'n Sie mir nicht, wenn ich meine Scheer' erwisch'—(sich corrigirend) will ich sagen, meinen Degen, wenn ich erwisch' — Lüftig. Sie sind ein Narr! Zwirn. Marschiren Sie, sonst wirf ich Ihnen ein Bügeleisen nach! Lüftig. Adieu, Sie, Herr Zwirn Sie. (Mit Windwachel ab). Cam. (zu Zwirn). Sie haben Verdruß gehabt. Zwirn (sich fassend). Das eben nicht, aber — Laura. Kann theilnehmende Freundschaft Sie wieder erheitern? Zwirn. Freundschaft? Nein, die Liebe könnte das viel besser. Cam. Die Liebe, glauben Sie? Laura. Je nun — Zwirn (beide in die Wangen kneipend). O Ihr seid Beide ein paar liebenswürdige Schnecken! Quodlibet. Terzett mit Chor. Camilla. Wie mich der Mann betrachtet, Ach, das ist stark, auf Ehr'. Laur a. Auf mich allein er schmachtet, Es ist kein Zweifel mehr. 25 Zwirn. Necitativ. Allen Zwei'n möcht' ich zugleich ein Büffel geben. Ich weiß nicht, wie mir g'schieht, Ich fühl' mein Herz hier erbeben. Ich möcht' ein kleines HUttchen nur Wo haben auf einer stillen Flur, Bei diesem Hüttchen fließt ein Bach, Und diesem Bach fließet Liebe nach. Camilla. Der Gesang zart und still Weckt Liebesqual, Daß ich für einen Mann was fühl', Jst's erste Mal. Lattr a. O fließt ihr Thränen, Ertönt ihr Klagen, Vergeblich Sehnen Nach sel'gen Tagen, Des Herzens Bangen, Kennt kein Verlangen, Als nur den Tod allein. Zwirn. Welch' ein Reiz in ihren Tönen, Thränen selbst sie noch verschönen, Neu entflammt der Liebe Glut. Camilla. Wo die Donau brav rauscht, Und kein Stadtherr nit Plauscht. Biel Meilen weit von hier, Möcht' ich schmachten mir Dir. Zwirn. Wenn mir Dein Auge strahlet, Ist mir so leicht, so gut. Laur a. Und meine Wangen malet Noch nie gefühlte Glut. Camilla. O weile! Zwirn. Lass' mich. Camilla. Weile! Zwirn. Lass' mich! Dort hinten bei der Linden Sitzt ein unbekanntes Reh, ^ Das schaut kerzengrad in d'Höh. Auf der G'stetten war's a Metten, Auf der G'stetten sitzt a Mann, Der hat ein' Pudel und ein Hahn; Und weil's dort gar so zieht, Hat der Pudel d'Strauchen kriegt, Da wird desperat der Mann, Frißt g'schwind seinen Hahn. Camill a. Willst Du kalt mir widerstreben, Ach, dann ende auch mein Leben, Kannst Du mir nicht Liebe geben, Ja, dann weih' ich mich dem Grab. Laura. Ei! — Nun, Schwester, was sagst Du denn? Er kann nicht länger widersteh'n, Er find't mich einmal gar zu schön. C a in i l l a. Du glaubst, es sein alle Leut' In Dich verliebt, na da hat's Zeit, Versteht sich, da hat's Zeit. Zwirn. Halt! In diesen heil'gen Hallen Kennt man die Rache nicht, Und ist a Mensch hier g'fallen, Das wär' a verfluchte G'schicht. Laura. 0 enro, enro min! C a m. Oonts tslies 80N io. Zwirn. Nehmt's mir's nit krumm, Ich bin nicht so dumm, Die wälische Sprach' Bringt mir a no nit um. Oar» näo s tsnäi mi, krovo so ave palpiti, 6li' esprimsrs non sü non sü Ron sä non sö non sö. 26 Camilla. Es ist doch ein Glück Ein Berliner zu sein. Chor. Ja, ja, ein Berliner zn sein. Laur a. Wir sind mit den Männern Stets Pfiffig und fein. Chor. Ja, wir sind pfiffig und fein. (Laura dudelt.) Chor. Es geht ihm die Arbeit So flink wie das Maul, Auch ist er beim Essen Und Trinken nicht faul. Alle mit Chor zusammen. Laura. Lasset jeden Streit uns enden. Chor. Wie die Schwestern sich versöhnen rc. Laura. Mag er sich zu Einer wenden, Räumt die And're dann gern das Feld, Viel tausend Männer gibt's auf der Welt. Ja, es wird mir doch gelingen. Ihn gewiß in's Netz zu bringen. Einen reichen Mann zu fangen, Darnach gehet mein Verlangen. Zwirn. Laura. Camilla. Ja, es wird mir schon gelingen rc. Chor (fällt mit ein.) Täuschet nur nicht leerer Schein, Welche Freude wird das sein. (Der Vorhang fällt.) Ende des zweiten Actes. Dritter Act. (Die Bühne stellt ein nobles Zimmer im Erdgeschoß in Meister Hobelmann's und Meister Leim's Hause in Wien, mit Mittel- und Seitenthüren, und zwei prac- ticablen Fenstern im Hintergründe vor, durch welche man auf die Straße sieht.) Erste Scene. Gertraud. Reserl. Gert. Also heut ist der g'wisse Jahrestag, wo'S Zusammenkommen sollen alle drei Brüderln. Reserl. Ich hör' einen Wagen, mir scheint, es kommt schon Einer ang'fahren. Gert. Ja, mir scheint auch. (Beide eilen an das Fenster rechts im Hintergründe, und schauen rechts in die Scene.) Reserl. Nein, das ist der gnädige Herr, der daneben wohnt im ersten Stock. 27 Zweite Scene. Vorige. Zwirn (kommt ärmlich und abgerissen, aber wohlgemuth zur Mittelthüre herein). Zwir n. Schön' guten Abend wünsch' ich. Logirt da nicht der Meister Hobelmann ? Gert. Ja. Und was Witt Er? Zwir n. Sagen'ö nur, der Zwirn ist da wegen dem Jahrestag. Beide. Wie? Was? - Zwirn. Ja, so schaut ein Zwirn aus, dem der Zwirn ans'gangen ist. Gert. Sie machen ein' Spaß — so ein reicher Herr, der so viel gewonnen hat, in der Maskerade. Zwirn. O nix Maskerade, das ist mein schönster, mein einziger Anzug, denn ich Hab' gar kein' andern. Reserl. Hören's aus! Zwirn. Auf Ehr', wenn ich auf einen Baum steig', so Hab' ich nix zu suchen herunt' auf der Erd'. Gert. O du blau's Herrgottle, das ist kaum zum glauben. Zwirn. Unter Andern, war noch kein Schuster da? Knier. (von außen). Fixstern, Kometen! Wenn ich nicht bald ein Schnaps krieg, so — Zwirn. Ah, da kommt er schon. Dritte Scene. Vorige. Knieriem. Knier. (ebenfalls zur Mitte eintretend, sehr abgeschaben). Ist das die Boutique, wo der Herr Hobelmann logirt? Zwirn. Brüderl, kennst mich nicht? Knier. Halloh! Der Zwirn! (Umarmen sich.) Zwirn (betrachtet ihn von oben bis unten). Armer Mensch, wie siehst Dn aus! Knier. Du hast Ursach', daß Dich wunderst, wie ein Anderer ausschaut. Zwirn. Kamerad, mir scheint, wir sein alle Zwei mit unfern Kapitalien in Ordnung. — Du, mir ist's noch schlecht 'gangen. Knier. Mir ist's auf die Letzt gar nicht mehr 'gangen; denn ich bin g'sessen, zwei Monat in Arrest. Zwirn. Aber nobel Hab' ich das Meinige durchgebracht, das braucht ein- g'macht — da sind gar kuriose Weinkeller — so oft ich zu viel 'trunken Hab', allemal war meine Brieftaschen weg. Unbegreiflich! Dann Hab' ich im Rausch immer Händel ang'fangt, Straf' zahlen müssen, wie ich nix mehr g'habt Hab', haben's mich eing'sperrt — mit einem Wort, nichts als unverschuldete Unglücksfälle! Zwirn. Wir sein halt jetzt alle Zwei betteltutti. Knier. Bei uns heißt's: Gleiche Brüder, gleiche Kappen. Zwirn. Aber dabei immer Allegro und fidel. Knier. Allemal! Vierte Scene. Vorige. Hobelmann. Hob elm. (ist schon früher aus der Seiten- thüre rechts getreten). No brav, da hör' ich ja recht auserbauliche Sachen. Zwirn (sein Kompliment machend). Hab' ich die Ehr', den Herrn von Hobelmann zu sprechen? mal nix. Knier.. Ich Hab' a Reis' am Rhein 28 Knier. Sein Sie der, der seiner Tochter einmal 's Stemmeisen nach- g'worfen hat? Hobelm. Der bin ich. — Ihr habt es aber weit gebracht mit eurem Geld. Zwirn. Grad so weit, als das Geld g'lengt hat. Hobelm. Ihr habt Euer Glück zum Fenster hinausg'worfen. Zwirn. Deßwegen wird aber doch der Jahrestag celebrirt. Knier. Geben's nur ein' Schnaps her. Zwirn. Vor allem Andern, was macht denn der Bruder Leim? Hobelm. Da müßt's mich nicht d'rum fragen. Knier. Ist er nicht Ihr Schwiegersohn ? Hobelm. Lassen wir das. Mit einem Wort, er ist nach und nach um Alles 'kommen — Zwirn. Ich kann nicht begreifen, wie. der Mensch so liederlich sein kann. Hobel m. Und wie's Geld weg war, bis ans zweihundert Thaler, da hat er hundert Thaler bei mir zurückg'lassen, und mit die andern hundert ist er auf's Gerathewohl fort in die weite Welt. Heut' Hab' ich 'glaubt, er wird sich wieder einfinden, aber statt seiner ist der Brief da kommen, an Euch Zwei adrcssirt. Zwir n. An uns Zwei? Ah, da bin ich neugierig. (Nimmt den Brief und öffnet ihn.) Du, Schuster, bist Du auch neugierig? Knier. Freilich bin ich neugierig. Zwirn. No da hast, lies! Knier. Weißt — ich les' nicht gern. Zwirn. Ich leset wieder für mein Leben gern, aber ich kann nit lesen. Knier. Bei mir ist das der nämliche Fall. Zwirn. Mir fallt was ein, ich pro- bir'S! (Geht zu Hobelmann.) Herr Hobelmann, Sie scheinen ein vernünftiger Mann zu sein — obwohl der Schein manchmal trügt. Hobelm. Nein, nein! Dießmal trügt er nicht. Zwirn. Sie werden wissen, ein Unterschied der Stände muß sein. — Sie sind Meister, wir Zwei Gesellen — (ihm den offenen Brief reichend) lesen Sie! Hobelm. Recht gern will ich Euch den Gefallen thun. (Liest.) „Liebe Freunde und Brüder! Wie gern wär' ich heute bei Euch, — aber —" Zwirn. Ehre dem Ehre gebührt. Hobelm. No ja, ich les' ja recht gern, ich fühl' mich auch geehrt. (Liest.) „Wie gern wär' ich heute bei Euch —" Zwirn. Das werden Sie gar nie erleben, daß ich in Ihrer Gegenwart lesen werd'. Hobelm. Wann Er's so fortmacht, so wird auch Er nicht erleben, daß ich in Seiner Gegenwart lesen werd'. — Also — (Liest.) „Wie gerne wäre ich heute bei Euch, aber —" (Zwirn mur- melt etwas vor sich.) Hobel m. Was murmelt er denn da? Zwirn. Jetzt, Schuster, sei einmal still. Knier. Ich Hab' kein Wort g'redt. Hobelm. Der Schuster red't ja gar nichts. Zwirn. O, Sie kennen ihn nicht so, wie ich ihn kenn'. Hobelm. Aber er hat ja gar nichts g'redt. Zwirn. Aber er hält' was reden können. — Das kommt g'rad' so heraus, als wenn Sie unser Narr wären. Hobelm. Jetzt sei Er einmal still, sonst leg' ich den Brief nieder, nachher kann Er lesen. Zwirn. Nachher kann ich lesen, wenn Sie den Brief niederlegen? 29 Hobelm. Ich mein', daß Er hernach gar nicht erfahrt, was in dem Brief steht, weil Er selber nicht lesen kann. — Kann Er denn nicht zwei Minuten still sein? Zwirn. O, auch noch länger. Hobelm. Also schweig' Er. (Liest.) „Wie gern war' ich heute bei Euch, aber —" Zwirn. Herr von Hobelmann, ich werd' Ihnen einen Vorschlag machen. Damit Sie im Lesen nicht inehr können unterbrochen werden, so lesen Sie uns den Brief g'schwind vor, und wir Zwei gehen derweil hinaus. (Geht gegen die Thüre.) Hobelm. Aber wie dalket! Wie kann Er denn hör'n, was ich da herin les', wenn Er dranßt ist? Knier. Dableib'n müssen wir. Zwirn. Richtig — das Hab' ich nicht überlegt. Hobelm. Jetzt sei er einmal ruhig. (Liest.) „Wie gern war' ich heute bei Euch, aber meine traurige Lage macht es unmöglich. Ich bin krank —" Zwirn. Da sollten's doch mit ein' Doktor reden. Hobelm. Warum denn? Zwirn. Sie sagen ja, Sie sein krank. Hobelm. Das schreibt ja der Leim, der ist krank. Zwirn. Ja, von wem ist denn der Brief? Hobelm. Von Leim. Knier. Von Leim. Zwirn. Ah so — von Leim. Hobelm. (liest weiter). „Ich bin krank und liege in Nürnberg im Spital —" Zwirn. Herr Hobelmann, foppen müffen's mich nicht! Ich kann auch grob sein. Wie können's denn sagen, Sie liegen in Nürnberg im Spital und stehen da neben meiner? Hobelm. Aber den Brief schreibt ja der Leim. Knier. Der Leim. Zwirn. Ah so — der Leim. Hobelm. (liest). „Ich habe vor vier Monaten, wie ich von Wien fort bin, Herrn Hobelmann hundert Thaler zurücklassen —" Zwirn. Wer? Hobelm. No, der Leim. Knier. Der Leim. Zwir n. Aha, der Leim. ' Hobelm. (liest). „Herrn Hobelmann hundert Thaler znrücklassen —" Zwirn. Also zweihundert Thaler. Hobelm. Nein, nur ein hundert Thaler. Zwirn. Verzeihen Sie, Sie haben vorhin gelesen: Ich habe Herrn Hobelmann hundert Thaler zurücklassen — dann haben Sie wieder gelesen: Ich habe Herrn Hobelmann hundert Thaler zurücklassen — sein also zweihundert. Hobelm. Wie ich das erste Hundert gelesen Hab', hat Er mich unterbrochen, dann Hab' ich's repetirt, und so ist das zweite Hundert herauskommen. Zwirn. Das müssen Sie sich abge- wöhnen. Hobelm. So muß Er mich nicht immer unterbrechen. (Liest.) Herrn Hobelmann hundert Thaler zurückgelassen —" Zwirn. Jetzt sein's drei. Hobelm. (böse). Es gilt nur einhundert Thaler, ich halte mich an das, was in dem Brief steht. Knier. Nein, nein, es gilt nur hundert Thaler. Zwirn. So müssen Sie also nicht mehr herauslesen, als d'rin steht, Sie stürzen sich sonst in eine Schuldenlast. Hobelm. Jetzt lass' Er mich einmal zum Schluß kommen. (Liest.) „zurücklassen, für den Fall, daß Ihr ebenfalls Nichts mehr haben solltet und ein Reisegeld braucht. Ich hoff' Euch daher vor meinem Ende noch zu sehen. — Euer Bruder Johann Leim." Zwirn. Herr Hobelmann, jetzt geben's nur g'schwind die hundert Thaler her. Hobelm. Da könnt's Euch einen frohen Tag d'rum anthnn. 30 Zwirn. Ja, das wollen wir anch. Knier. Aber auf eine andere Art, als der Herr Hobelmann glaubt, wir bringen ihm das Geld in's Spital und nichts wird davon versoffen. Zwir n. Wir wollen unterwegs Erdäpfel essen, daß uns der Staub bei die Ohren herausfahrt. Fünfte Scene. Vorige. Leim. Leim (gut gekleidet, aber häuslich, ftand schou etwas früher unter der Thüre und stürzt auf sie zu). Brnderln! Laßt's Euch umarmen ! (Umarmt Beide.) Ihr seid's Lumpen, aber treue Seelen, wahre Goldkerls. Zwirn. Wa — was ist denn das? Knier. Ist da d'rin Dein Spital? Leim. Der ganze Brief ist erlogen. Ich bin gesund, glücklich und mein Reichthum hat sich noch um Vieles vermehrt in dem Jahr. Den Brief Hab' ich nur geschrieben, um zu sehen, ob bei Euch 's Herz anf'n recht'n Fleck sitzt, und davon Hab' ich mich jetzt vollkommen überzeugt. Daß sich bei Euch das Geld nicht halten wird, das Hab' ich im Voraus g'wußt, aber es freut mich, daß ich jetzt in der Lag' bin, Euch dauerhaft glücklich zu machen. (Zu Gertraud und Reserl, die nach Leim herausgetreten sind.) Geht's und holt'S Wein und Braten. (Die Mädchen ab.) Knie r. Ich trink' keinen Wein mehr, ich trink' jetzt nur Schnaps. — ^ xro- xo8.' Wie ist's mit der Peppi? Hast Du'S? Leim. Freilich Hab' ich'S. Knier. Führ' sie uns auf. Leim (öffnet die Thüre rechts). Peppi! Peppi! Sechste Scene. Vorige. Peppi. Leim. Da schau her, das sein meine Kameraden, die das große Loos mit mir g'wonnen haben — reiche Kerls, man sieht's ihnen an. Peppi. Es freut mich herzlich, die alten Freunde meines Mannes kennen zu lernen. Zwirn (sehr galant). Erlauben Sie mir, Ihre schöne Hand zu küssen — und daß die andere Hand nicht böse wird — und daß das liebe Goscherl da nicht böse wird — (Will sie küssen.) H o b e l m. (springt dazwischen). H^, Schneider! Leim. Zwirn! Was treibst denn? Zwirn. Sei nicht kindisch, Bruder, wir sein ja Kameraden. Leim (zu Zwirn). Du, Zwirn, mit Dir Hab' ich aparte eine Menge zu reden. (Zu Gertraud und Reserl, welche mittlerweile Braten und Wein gebracht haben.) Briugt's uns die Sachen in mein Zimmer. — Komm', Zwirn, komm' mit mir. Zwirn (zu Reserl, die er in die Backen kneipt, indem er mit Leim in die Seitenthüre links abgeht). O Du lieber Schneck Du! (Die Mädchen tragen Wein und Braten links hinein, kommen zurück und gehen rechts ab.) Hobelm. (zu Peppi auf Knieriem zeigend). Mach' ihn nur gleich vorläufig mit unserem Plan bekannt. (Rechts ab.) Peppi. Schon recht. Vater. Siebente Scene. Peppi. Knieriem. (Peppi schenkt ihm Rosoglio in ein Fläschchen und reicht es ihm.) Knier. Ich bitt', haben's kein anders Glas? Peppi. Warum denn, das gehört ja znm Rosoli. 31 Kliier. Ah nein — da seh' ich ein Stutzen. (Nimmt ein großes Glas vom Tisch.) Bei die klein' Gläser plagt man sich mit'n Einschenken z'viel. (Schenkt sich ein und trinkt.) Peppi. Nun, mein lieber Freund, ich hoffe, daß Er von nun an ein beständiger Freund unseres Hauses sein wird. Er muß sich hier ansässig machell, muß Meister werden. Knier. Meister soll ich werden? Peppi. Freilich. — Wie schmeckt der Liqueur? Knier. Gut, recht gut. Aber eine Bitt' hätt' ich halt. Peppi. Was denn? Knie r. Wenn Sie mir einen Zwanziger schenken möchten, daß ich in's BralintweinhauS geh'n könnt'. Peppi. Wozu denn das? Er bekommt ja bei uns Alles viel besser. Knier. Madam, das versteh'» Sie nicht. Im Haus schmeckt Einem der beste Trunk nicht. Im Wirthshaus muß man sein, das ist der Genuß, da ist das schlechteste G'sänf ein baut ^out. Peppi (gibt ihm Geld). Nun, da hat Er. Ich muß ihm aber sagen, daß mich das recht verdrießt von Ihm. Knier. (nimmt das Geld). Ich küss'die Hand. Peppi. Er muß solid werden, Er muß sich bessern. Knie r. Nein, das thu' ich nicht. — Es ist nicht der Müh' werth wegen der kurzen Zeit. In ein' Jahr kommt der Komet, nachher geht eh' die Welt z'Grund. Peppi. Hör' Er auf mit solchen Albernheiten, ich weiß schon ein Mittel, Ihn auf andere Gedanken zu bringen: Er muß heiraten. Da ist z. B. die Witwe Leist, eine recht hübsche Frau, mit der bekommt Er gleich das G'werb'. Knier. Ich brauch' kein Weib und kein G'werb'. Zu was soll ich mich noch plag'n im letzten Jahr. Es rentirt sich nicht mehr. Peppi. Mit ihm ist nichts anzu- fangen. Er ist und bleibt ein Bruder Liederlich. Knier. Madam, denken Sie an den Kometen — Peppi. Hör' Er auf mit sein dalketen Kometen. (Im Abgehen für sich.) Ueber den muß ich meinen Vater schicken, der bringt ihn doch noch zur Raison. (Ab rechts.) Knier. Madam, der Komet — Achte Scene. Knier. (allein). Die glaubt nicht an den Kometen, die wird Augen machen. — Ich Hab' die Sach' schon lang heraus. Das Astralfeuer des Sonnenzirkels ist in der goldenen Zahl des Urions von dem Sternbild des Planetensystems in das Universum der Parallaxe mittelst des Fixstern-Quadranten in die Ellipse der Ekliptik gerathen; folglich muß durch die Diagonale der Approximation der perpendikulären Cirkeln der nächste Ko- ! met die Welt zusammenstoßen. Diese Berechnung ist so klar wie Schuhwix. Freilich hat nicht Jeder die Wissenschaft so im klein' Finger als wie ich; aber auch der minder Gebildete kann alle Tag' Sachen genug bemerken, welche deutlich beweisen, daß die Welt nicht lang mehr steht. Kurzum, oben und unten sieht man, es geht rein auf'n Untergang los. Lied. Cs is kein' Ordnung mehr jetzt in die Stern', D'Kometen müßten sonst verboten wer'n; Ein Komet reist ohne Unterlaß Um am Firmament und hat kein' Paß, Und jetzt richt' a so a Vagabund UnS die Welt bei Butz und Stingel z'Grund; Aber lass'n ma daS wie's oben steht, Auch um' sieht man, daß's ausn Ruin losgeht. Abends traut man in's zehnte G'wölb' sich nicht hinein 32 Vor Glanz, denn sie richteu's wie d'Feen- tempel ein; Der Zauberer Luxus schaut blendend hervor, Die böse Fee Crida sperrt nacher 's G'wölb zur. Da wird Einem halt angst und bang, Die Welt steht ans kein' Fall mehr lang. Am Himmel is die Sonn' jetzt voll Capriz, Mitten in die Hundstag' gibt's kein' Hitz'; Und der Mond geht auf so roth, auf Ehr', Nicht anderster, als wann er b'soffen wär'. Die Millichstraßen oben, die verliert ihren Glanz', Die Milliweiber ob'n verpantschen's ganz; Aber lass'n ma das, herum' geht's z'bunt, Herum' schon sieht man's klar, die Welt geht z'Grund. Welche hätt' so ein g'schecketen Wickler einst mög'n, A Harlekin is ja g'rad nur a Spitzbub' dageg'n; In Sommer trag'ns Stiefel, L ^onr-Strumpf' im Schnee, Und statt Haub'n hab'ns gar Backenbart' von tuU an^Irris. Da wird Einem halt angst und bang, I sag: D'Welt steht auf kein' Fallmehr lang. Der Mondschein, da mög'ns einmal sag'n, was woll'n, Ich find', er is auf einer Seiten g'schwoll'ü, Die Stern' wer'n sich verkühl'n, ich sag's voraus, Sie setzen sich zu stark der Nachtluft aus. Der Sonn' ihr G'sundheit ist jetzt a schon weg, Turch'n Tubus sieht man's klar, sie hat die Fleck'; Aber lass'n ma das, was oben g'schiecht, Herum' schon sieht man, 's thnt's in d'Länge nicht. Sie hab'n Zeitungen jetzt, da das Pfennig- Magazin, Da is um ein' Pfennig all's Mögliche d'rin; Jetzt kommt g'wiß bald a Zeitschrift heraus, i parir', Da krieg'n d'Pränumeranten umsonst Kost und Quartier. Da wird Einem halt angst und bang, Die Welt steht auf kein' Fall mehr lang. Repetition. Die Venns kriegt auch ganz eine andere G'stalt, Wer kann davor, sie wird halt a schon alt; Aber wenn auch ob'n schon Alles kracht, Hernnt' ist was, was mir noch Hoffnung macht. Wenn auch 's Meiste verkehrt wird, bald drent und bald drüb'n, Ihre Güte ist stets unverändert geblieben; D'rum sag' i, aus sein' G'leis' wird erst dann Alles flieg'n, Wenn Sie Ihre Nachsicht und Huld uns entzieh'». Da wurd' Ein' erst recht angst und bang. Denn dann stund' d'Welt g'wiß nicht mehr lang. (Ab.) Neunte Scene. Zwirn. Gleich darauf Reserl. Zwirn (aus der Seitenthür links). Der Leim gibt mir nichts als lauter gute Lehren — gute Lehren Hab' ich schon in der Schul' kriegt, wenn ich'S hätt' befolgen wollen. Referl (aus der Seitenthür rechts und will zur Mitte hinaus.) Gleich den Augenblick. — (Für sich.) Das ist doch ein beständiges Befehlen in dem Haus. Zwir n (hält sie auf). Da geblieben, liebenswürdiger Dienstbot! Reserl. Ah gehen's, Ihnen ist auch nicht zu trauen. Zwirn. Was fallt Dir ein! Die Treu' von ein' Schneider halt fester als eine doppelte Naht. Reserl (kokett). Ja, wenn ich mich d'rauf verlassen könnt'! Zwirn. Ein Mann, ein Wort — schlag' ein! (Hält die Hand hin.) Reserl aufrichtig sagen, Mich hatt s ohnehin Kein' saub're Sonnenfinsterniß mehr z'samm'. i nicht lang gelitten in dem Hans. 33 Reserl. Nicht wahr, das ist ein fades Leben da? Zwir n. Da thun's nix als arbeiten, essen, trinken und schlafen — is das eine Ordnung? — Da wird nicht an- geign't, nicht aufg'haut, nicht Zither g'schlag'n. Reserl. O ich kenn' das — ich war! ja selbst einige Jahr' Kellnerin. Z wir n (entzückt). Kellnerin warst Du? Jetzt Hab' ich Dich noch einmal so lieb, jetzt sein unsere Herzen zusamm'g'naht, kein Teufel trennt sie mehr ans. — Morgen Früh, wenn Du's Obers holst, paschen wir ab miteinander. Reserl. Warum denn abpaschen? Sie können ja Ihrem Freund, dem Herrn Leim, sagen, daß Sie mich mitnehmen. Zwirn. Das mag ich nicht. Laß mir diese Grille, ich will Dich entführen. Reserl. Hören'S auf, Sie sein doch ein rechter Vocativus. (Ab zur Mitte.) Zwirn. Jetzt geh' ich gleich hinein zum Leim und sag' ihm, daß ich nicht da bleib'. — Ah, da ist er selbst. Zehnte Scene. Leim. Schau, damit Du siehst, daß ich Dein wahrer Freund bin, so leg' ich für Dich hundert Dukaten an, die kriegst aber nicht eher, als bis Du Dich fest und ordentlich wo ansässig machst. Außerdem hast Du keinen Groschen von mir zu erwarten. Zmir n. Wann krieg' ich die hundert Dukaten? Leim. Wenn Du ordentlich und fleißig geworden bist. Zwirn (für sich.) Da krieg ich mein Leben keinen Kreuzer. (Laut.) Ick» will Dir einen Vorschlag machen : gib Du mir jetzt 4 oder 5 Ducaten, das ist mir lieber als wenn Du mir nachher 1000 gibst. Leim. Keinen Kreuzer eher, als bis Du brav und ordentlich geworden bist! Zwirn. Na so b'hüt Dich Gott. (Für sich.) Jetzt weiß ich nicht, soll ich ihm was sagen davon, daß ich ihm seinen Dienstboten entwend'? — Nein — Zu was braucht er das zu wissen. — (Laut.) Bruder Leim, der Abschied von Dir fallt mir schwer — aber — ich halt's nicht aus. Leim. Du kriegst Alles, wenn Du fleißig, brav und arbeitsam geworden bist. Zwirn. Das halt' ich nicht aus. (Läuft ab.) Zwirn. Leim (von links). Leim. Du bist ein Lump in Folio. Du trittst Dein Glück mit Füßen. Wegen meiner, wenn Du die guten Tag' nicht ertragen kannst, so geh' hin, wo der Pfeffer wachst. Zwirn. Bruder Leim, Du mußt nicht bös sein, ich blieb' gern bei Dir, aber ich halt's nicht aus. Ich Hab' eine Herzensangst in mir, eine Bangigkeit — mit einem Wort, Bruder, ich halt's nicht aus. Wiener Theater-Repertoir Nr. 55. Eilste Scene. Leim, gleich darauf Knieriem. Leim. Er halt's nicht aus, sagt er. Hätt' der Kerl Alles bei mir, was sein Herz verlangt, er kann's aber nicht erwarten, bis er wieder draußen im Elend ist. Knie r. (sehr betrunken, kommt von außen an's Fenster). Bruder — mach' die Thür auf. 3 Leim. Da ist die Thür. — Nu, der hat schön aufgeladen, sieht der 's Fenster für die Thür an. Knie r. (tritt ein). Kamerad — lass' Dich umarmen. Leim. Du hast schwer g'laden. Knier. Bruder, gib mir die Hand! Leim. Na da — da ist meine Hand. Knier. Einen Kuß — Bruder, meinst Du's auch ehrlich mit mir? — Bru — Leim. Du bleibst bei mir, so lang Du lebst, was willst denn mehr? Knier. Du mußt es aber auch aufrichtig mit mir meinen, sonst geh' ich fort. (Wankt zur THUre.) Leim (ihn aufhaltend). Wo willst denn hin? Knier. In's Wirthshaus. Ein' Brannt — wein muß ich haben. Leim (setzt ihn auf den Stuhl). Da bleibst — da drin hast ein Schaffet Wasser, das kannst trinken. (Versperrt die Thüre.) So — jetzt geh' in's Wirthshaus, wenn Du kannst. Knier. Er hat mich eing'sperrt. Leim. Astronom, schau, daß bei Dir einmal ein trockenes Viertel eingeht. (Ab in die Seitenthüre rechts.) Zwölfte Scene. Knieriem (allein.) Was ist das? — er hat — hat — mich eingesperrt? — Das hat er nicht nöthig — ich war schon eingesperrt — wie er noch Lehrbub' war, war ich schon eingesperrt. Bruder, das ist schä—schändlich von Dir. (Es blitzt und donnert.) Ich weiß, was ich thu — ich steig' beim Fenster hinaus. (Er schlägt das Fenster ein.) Ich muß ein Branntwein haben. (Steigt hinaus.) (Einige Tacte Gewittermusik fällt ein, bis Knienem gänzlich vom Fenster verschwunden ist) Verwandlung. (Beleuchtete Bauernwirthsstnbe.) Dreizehnte Scene. Wirthin. Stellaris (als Reisender). Wirthill (indem sie den Fremden hereinführt). Ich Hab' leider kein anderes Zimmer als das da daneben und da wird's halt unruhig sein, denn die Bauern kommen vom heutigen Wettrennen zurück, sie werden bald kommen, und da gibt's Lärm. - Stell. Das macht nichts. (Bei Seite.) Diese Gestalt Hab' ich gewählt, um mich von dem Treiben der drei lockeren Gesellen zu überzeugen. Fast fürchte ich, Fortuna möchte Siegerin in dem Kampfe bleiben. (Die Wirthin geht mit einem Licht in die Seitenthüre rechts ab.) Vierzehnte Scene. Vorige. Knieriem. Knier. Ein armer reisender Handwerksbursch thäl' bitten um eine kleine Unterstützung. Stell. Da hat er ein paar Kreuzer. (Gibt ihm Geld.) Er sieht ja elend aus. Knier. Ich küss' die Hand — ich werd' fleißig d'rnm beten. Frau Wirthin, ein' Schnaps! Stell. Da hat Er auch eine Weste und ein Hemd von mir. 35 K liier. O ich kttss's Kleid, das ist Alles zu viel. (Stellaris geht in die Seiten- thüre rechts ab, tritt aber bald darauf, den Handwerksburschen beobachtend, ans der Thüre.) Fünfzehnte Scene. Vorige ohne Stellaris. Gleich darauf Bauern, Musikanten und Zwirn. Wirthin. Aha, da kommen die Bauern schon. Alle Bauern. Juhe! Das Wettrennen ist heut' prächtig ausg'fallen. Knier. Ah, Musik, jetzt wird's erst fidel da. Zwirn (welcher tanzend herein kommt, erblickt Knieriem). Was Teuxel, Brnderl, machst denn Du da? Knier. (sein Glas Schnaps nehmend.) Juhe, der Zwirn, Du, ich geh' jetzt betteln. Zwirn. Ich auch. — Aber Du, im G'meinhaus drüben geht's fidel zu. Knier. Gehen wir hinüber. Zwirn. Wenn ich da zahl', kann ich drüben nicht zahl'n. Knie r. Da zahl' ich. (Zur Wirthin.) Wir haben kein Geld bei uns, da nehmen's die Weste, das ist für uns Zwei mit eineinander. (Gibt ihr die Weste, die er von Stellaris bekam.) Wirthin (sie nehmend). Das werden doch ein paar schöne Lumpen sein. Zwirn. Ein Tanz möcht' ich haben! Knier (wirft den Musikanten das Hemd hin). Aufg'haut, Musikanten! Da ist bezahlt. (Musik beginnt, Zwirn und Knieriem wollen tanzen, zwischen ihnen und den Bauern im Hintergründe fällt eine Wolkendekoration vor ) Sechzehnte Scene. Zwirn. Knieriem. Stellaris (im Ornat.) Stell, (mit starker Stimme). Halt! Zwirn und Knier. (erschrocken.) Was ist das? Stellaris. Unglaublich schien mir der Grad der Liederlichkeit, den Ihr Beide erreicht habt — verfallen seid Ihr ganz dein bösen Geist Lumpazivagabundus — nun denn, so verbann ich Euch zur Strafe eures Wandels in den Abgrund, wo der ganze Troß der bösen Geister haust. (Er winkt, Musik fällt ein, die beiden Seitenversenkungen öffnen sich, auf jeder Seite kommen zwei Furien herauf.) Zwirn (in größter Angst zu Stellaris Füßen). Gnade! Barmherzigkeit! Knier. (ebenfalls zu seinen Füßen). Ich werd' mich bessern. Zwirn. Ich bin schon gebessert. Stell. Es ist zu spät. — Fort mit Beiden! (Musik fällt ein, die Furien packen Zwirn und Knieriem und versinken zu beiden Seiten mit ihnen.) Siebzehnte Scene. Stellaris. Fortuna. Amorosa. Hilaris. Brillantine. Fort. Ich bin besiegt. Amorosa, ich erkenne Deine Macht für höher als die meine; Du bist Siegerin. Hilaris werde meiner Tochter Gemahl. (Sie fügt die Hände der Liebenden zusammen.) H il. (Brillantine umarmend.) Ich bin überglücklich! Amorosa (zu Stellaris). Mächtiger Herrscher! Auch die verirrten Söhne des Feenreiches habe ich auf den rechten Pfad zurückgesührt, und so ist Lumpazivaga- bundus gebannt auf immerdar. 36 Stell. Nimm meinen Dank! Amor. Hab' ich ihn verdient, so überlasse mir die beiden lockeren Gesellen, die Du zn streng bestraft. Stell. Es sei! Amor. Wohlan, so folget mir, ich will sie Euch durch nwine Macht nun gebessert und glücklich zeigen. (Alle ab.) Verwandlung. Der Wolkenprospect erhebt sich, man sieht im Hintergründe in einer sich öffnenden etwas tieferen Wolkengruppe das Haus, welches Leim, Zwirn und Knierrem bewohnen. Zn ebener Erde ist die Tischler-Werkstätte, in welcher Leim mit den Gesellen ihre Arbeit beendigen. Leim zur Seite steht Peppi. Im ersten Stockwerke sieht man durch ein offenes Fenster Knieriem auf dem Dreifuß arbeiten, indem er dabei immer zärtlich nach einem ihm zur Seite stehenden jungen Weibe in bürgerlicher Hauskleidung blickt. — Bei dem anderen Fenster des ersten Stockwerkes sieht man Zwirn, wie er mit großem Fleiße biegelt, und dazwischen immer ein neben ihm nähendes junges Weib nmarmt. In beiden Zimmern sieht man mehrere Kinder.) Knie r. (zu seinem Weibe). Äst das ein Glück, Weib, der Komet is ausblieb'n, d'Welt steht alleweil noch, und wir stehen mitten d'ranf mit unserer unsinnigen Familie. Zwirn (ruft aus dem Fenster hinüber). Du, Knieriem, wir sein eing'laden beim Bruder Leim; bist bald fertig? Kni er. Den Augenblick; die Tischler machen eh' gleich Feierabend unt.' Zwirn. Ich muß nur noch mit der Meinigen die klein' Kinder einschlafern. (Es schlägt 7 Uhr.) Alle Gesellen. Feierabend! Feierabend ! Leim. Kommt's herunter, Kameraden! Nach vollbrachtem Tagewerk schmeckt ein'm der Feierabend, die Lustbarkeit geht los! Alle. Ätthe! (Die Gesellen und Hausmädchen reihen sich zum Tanz, Knieriem und Zwirn mit ihren Werbern und Kindern kommen herab.) Chor. Jeder hat nun seine Arbeit gethan, Jetzt bricht ein fröhlicher Fei'rabend an; Häuslich und arbeitsam — so nur allein Kann man des Lebens sich dauernd erfreu'n. (Tanz beginnt.) (Unter passender Gruppe und Beleuchtung mit griechischem Feuer fällt der Vorhang.) K rr d e. FMnidLmMgilit. Charakter-Bild mit Gesang in drei Akten von A.V arryi Musik von Adolf Müller. Den Bühnen gegenüber als Manuskript. Personen: Baron Brilecki, galizischer Gutsbesitzer. KenMNin, Musikus- Frink, ) Gutmann, r Mäkler. Fanny, Stubenmädchen, Karg» ) Fouise, Frink S Frau. Theodor, ihr Sohn, MüN-», ! rh-°d°-'s Adele, Gesellschafterin bei Mad. Frink. Ein Wirlh. Klara Gleich. Ein Trödler. Adelheid, i Ein Kellner. Betti, ihre Pfleglinge. Jean, Comptoir-Diener bei Frink. Wilhelm, ^ Simon, Haufirer. Gälte, Spaziergänger, Aufmärter. Erster Akt. (Eleganter Salon bei Frink mit Mittel- und Seitenthüren, vorne links vom Schauspieler ein Fenster, rechts und links kleine runde Tische mit grünen Ueberzügen, Tischglocken, Schreibzeug rc. Frink am Tische links, Gutmann am Tische rechts. Karg und Brilecki in der Mitte.) Grfte Szene. Frink. Gutmann. Karg. Brilecki. Frink (lesend). „Baron Brilecki verpflichtet sich anmit, bis zum genannten Tage jene mehrerwähnten 18,000 Scheffel Korn und 12,000 Metzen Hafer um so gewisser beizuschaffen, und an den Lagerplätzen der Herren Frink und Kompagnie abzustellen, als er im Nichteinlieferungsfalle verpflichtet wäre, der genannten Firma den ihr aus der Zögerung erwachsenden Schaden vollgültig zu ersetzen, welcher Schadenersatz darin bestände, daß Herr Baron Brilecki verhalten wäre, nach Verlauf der zur Beistellung der Waare bestimmten Frist nicht nur auf die Hälfte der stipulirten Kaufsumme zu verzichten, und binnen anderen 3 Wochen das Getreide dennoch zu liefern, sondern auch an die respektiven Käufer gegen Wechsel drei Monat a dato, den Pönalbetrag von 20,000 fl. Neuwährung zu entrichten. So geschehen den 4. März 1850." (ausstehend). Und nun die gegenseitigen.Unterschriften, wenn es gefällig wäre. Gutmann und Karg (schicken sich an, zu unterschreiben). Brilecki. Halt, meine Herren, so weit sind wir noch nicht, das ist eine verteufelte Klausel. Gut mann. Wie, was, Sie wollen zurücktreten? Frink. Einer leeren Formel wegen? Brilecki. Den Teufel auch! Diese Formel ist nichts weniger als leer, sie ist voller Spitzfindigkeiten. Darauf lasse ich mich nicht ein, meine Frau mag thun, was sie will. Frink. Aber bedenken Sie doch, L bester Baron, daß es durchaus nicht unsere Absicht ist, Sie prellen zu wollen. Die Sachlage ist ganz einfach. In dem Augenblicke, als vorliegender Kontrakt in allen seinen Lheilen rati- fizirt ist, geben Sie Ihrem Güterkom- miffär die Weisung, das auf Ihrem Schüttkasten liegende Quantum zu verladen und zum bestimmten Tag hieher zu senden. Gutmann. Die Vertragßklau-- sel, die Ihnen so gefährlich scheint, ist in Wahrheit nichts alö eine Formel, um den Kontrakt rechtskräftig zu machen. Karg. Und dann haben Sie den Vortheil der Assekuranz, wir aber den Nachtheil des etwaigen Sinkens der Kornpreise. Gutmann (einfallend). Wir handeln auf Ehre nur im Interesse der Menschheit, die Brot haben will, Brot haben muß. Frink. Bedenken Sie nur, wenn wir 30,000 Säcke auf den Platz werfen, welchen Schlag das den Kornwucherern gibt. Die Blutigel müssen dann herab mit ihren Preisen, und die hungernde Menge wird Sie segnen. Brilecki. Ganz recht, aber dieser Paragraf. — Frink. Was riskiren Sie dabei? Weniger als nichts. Ihre Güter liegen ja nicht am Ende der Welt. Bis Krakau steht Ihnen der Wasserweg, von da ab die Bahnlinie zu Gebote. Gutmann. Ihre Aengstlichkeit ist wahrlich spaßhaft. Brilecki (aufgeregt). Aengstlichkeit — einer lumpigen Summe wegen — Brilecki. Hier — die Sache ist abgemacht (unterschreibt). Frink (indem er unterschreibt, sein Entzücken mühsam verbergend). Sie werden es nie bereuen, einer Firma wie der unsrigenJhr Vertrauen geschenkt zu haben. (Nach Frink unterschreibt Gutmann)' Karg (unterschreibt). Ihr Gewinn ist wirklich enorm, und wenn die Witterung so bleibt — Brilecki. Ich hoffe zu Gott, sie wird sich ändern. Karg (ängstlich). Aendern? Ver- muthen Sie Regen — Landregen? Brilecki. Nein, nur ein christliches Donnerwetter, um unchristliche Hoffnungen niederzuschmettern und unsauberen Philistern die Köpfe tüchtig zu waschen. Karg. Ah so! Ein moralisches Gewitter. Brilecki (bedeutend). 3a, ja — ein moralisches Gewitter, dessen Blitze zündend in die Häuser Derjenigen niederfahren, welche die Noth zur Mutter ihres Reichthums machen, die dem Himmel seinen Segen stehlen, und ihn der Armuth als Fluch verhandeln, die den Hunger besteuern und die Verzweiflung der Mitwelt als nie versiegende Erwerbsquelle auszubeuten wissen. Guten Tag, Ihr Herren! (ab). Zweite Szene. Vorige, ohne Brilecki. Karg. Was will er damit sagen? Frink. Daß er die Maschine seiner Frau ist. Sie will, er muß. Karg. Und seine Anspielung auf den Wucher? Frink. Veraltete Redensarten, denen man's anmerkt, daß der Mann, der sie sprach, aus der Provinz ist. Es gibt keinen Wucher, es gibt nur gute und schlechte Geschäfte. Doch abgemacht. Laßt den Hänfling schreien, vielleicht ahnet er, daß er sich verfangen hat. Karg. Aber wenn er das Getreide dennoch liefert bis zur bestimmten Zeit? Frink. DaS ist platterdings unmöglich ! (öffnet ein Schubfach des Schreibtisches und nimmt Papier heraus). Hier die Antwort der Betriebödirektion auf un- s sere Anfrage: „Bis inclusive 16. Mai kann ein derartiges Quantum wegen Mangel an verfügbaren Waggons nicht versendet werden." Und hier, und hier — und hier die Verpflichtungen sämmt- licher Schiffsmakler, auf der Weichsel binnen jetzt und 6 Wochen nichts verführen zu wollen, waS nicht von der Firma Frink und Comp, signirt ist. Karg. Kann er nicht auf gewöhnlichem Güterwege — Frink. 30,000 Säcke spediren? Lächerlich ! (sich vergnügt die Hände reibend). Der Handel ist gewonnen. Wir sind um eine kleine Herrschaft reicher. Gut mann. Die Sache ist wirklich scharmant eingeleitet. Frink. Und wem verdankt Ihr das? Wer hat binnen Jahresfrist Euer Kapital verdreifacht? Ich! Karg. Du bist aber auch nicht zu kurz dabei gekommen. Frink. Dem Himmel sei Dank, ich bin wieder rangirt. (seine inzwischen eingetretene Frau erblickend). Ah, meine Frau! Dritte Szene. Vorige. Louise; (ist mit allen Zeichen der Entrüstung eingetreten, hat Frink ein Schreiben eingehändigt, er- wiedert kaum Gutmann'S stummen Gruß durch eine flüchtige Verbeugung, und spricht nach einer Pause, während Frink den Brief liest, schnippisch). NUN? Frink (den Brief gleichgiltig weglegend). Die alte Leier! Wen genirt das? Louise. Mich! Eine derlei Unverschämtheit überschreitet alle Schranken. Als ob wir selbst keine Kinder hätten. Karg (für sich). Und was für Kinder, den Aeltesten ausgenommen,— Gott bewahre mich vor solchem Nachwuchse. Louise (rasch). Wie meinen Sie? Karg (im Begriffe abzugehen, mit grinsender Freundlichkeit). Ich — ich Meine, daß Freund Frink ein glücklicher Vater und der glücklichste Gatte ist, daß er gut geartete Kinder hat, und eine reizende, über jeden Tadel erhabene Frau besitzt. Empfehle mich bestens, (ab). Vierte Szene. Vorige, ohne Karg. Louise (zu Gutmann in ihrer früheren Rede fortfahrend). Meines Mannes Bruder, der im Elende starb, weil er sein Talent in besseren Zeiten nicht zu verwerthen verstand. Gut mann. Ah — Sie meinen den Schauspieler — ich erinnere mich. Louise. Denken Sie, seine sogenannte Pflegetochter muthet uns zu, die ganze Brut zu versorgen, die der Leichtsinnige hinterließ — es ist zum rasend werden. Frink. Nun, Etwas muß ich denn doch für die Waisen thun, schon des Leumunds wegen. Louise. So? Hast Du für meine Familie Etwas gethan? Sprich! Hast Du Dich meines Vaters angenommen, als er verarmte? Nein ! und mein Vater war doch ein Ehrenmann. Gutmann (boshaft). Ist er denn schon todt? Louise (betroffen). Ec ist bürgerlich todt. Gutmann. Aha — verstehe — Louise. Und um die Rangen des Komödianten willst Du Dich kümmern — der sogar unseren ehrlichen Namen verschmähte, nur unter fremdem Possen trieb und schrieb. Frink. Aber so bedenke doch — Louise. In dem Momente, wo Du Dich unterstehst, der Wohlthäter der hübschen Pflegetochter und ihrer Sippschaft zu werden, sind wir geschiedene Leute, und ich ziehe mein Vermögen aus dem Geschäfte. G u t mann (bedeutsam). Wäre mir sehr unangenehm, einer solchen Bagatelle wegen meinen Associä zu verlieren. 1 * 4 Fkltlk (der bisher an seinem Tische saß, steht plötzlich auf und stellt sich mit verschränkten Armen vor seine Frau). Wie lange ist.es, daß mein Bruder starb? Louise. Drei Monate ungefähr. Frink. Wie viel Briefe und Besuche erhielt ich seit der Zeit von seiner Ziehtochter mit der dringenden Bitte um Hilfe? Louise (schnippisch höhnend). Wöchentlich drei mindestens. Frink. Und womit unterstützte ich seither die Waisen? Louise (stockend). Mit — mit — Frink. Mit gutem Rath und leeren Ausflüchten. Zn drei Monaten fragt wieder an, und haben die Hinterbliebenen dann einen Heller mehr erhalten. als bis jetzt, dann (zuGutmannl scheide Du aus meinem Geschäfte, (zu Louise) und Du aus meinem Hause, (setzt sich wieder ruhig an seine Arbeit). Gutmann (etwas verblüfft). Das nenn' ich Consequenz. Fünfte Szene. Vorige. Klara (ärmlich gekleidet). Klara (öffnet hastig die Thüre, in welcher sie, einen Moment nach Fassung ringend, stehen bleibt. Dann nähert sie sich Frink mit bittender Geberde). Ich komme, meine dringenden Bitten mündlich zu wiederholen. Frink (gelassen). Ah, schon wieder! (klingelt). Gut mann (zu Louise). Ist das die Bewußte? (lorgnetirt sie). Louise. Za, sehen Sie nur, wie hingegossen, wie malerisch reizend'. Gutmann. Sie ist wirklich allerliebst (steckt das Glas in's Auge). Louise. Und bettelt mit diesem Erterieur! Ist das nicht zum toll werden? Gutmann. Bei mir dürfte Die nicht betteln, im Gegentheil, bei der würde ich betteln. Bedienter (tritt ein). Frink (der indessen weiter gelesen, zum eintretenden Bedienten). Jean, habe ich nicht wiederholt verboten, diese Person einzulassen? Johann. Allerdings, gnädiger Herr, aber die Mamsell ließ sich nicht abweisen. Frink. So — nicht abweisen? Aber Hinausweisen vielleicht doch? Klara (springt entsetzt auf, wie Johann sie anfassen will). Die Kinder Ihres Bruders verhungern! Durch Monate Hab' ich Tag und Nacht für sie gearbeitet, aber meine Kräfte reichen nicht aus. L ou i s e (zu Gutmann). Muß sie nicht sehr echauffirt haben, die Tag- und Nachtarbeit, der Teint ist noch recht frisch, recht blühend. Klara (sich zu Louise wendend).Ma- dame, Sie sind Mutter— Sie haben Kinder, die Sie lieben, von denen Sie geliebt werden, bei diesen heiligen Gefühlen, die Gott in jede Brust gelegt, beschwöre ich Sie, zu retten, zu Helsen. Gutmann (für sich). Jetzt hat sie sich an die Rechte gewendet. Klara. Daß ich Alles versucht habe, um die Kinder meines verstorbenen Wohlthäters zu versorgen, können Sie glauben. Louise (höhnend). Alles? Daran zweifle ich sehr. Klara (ohne sie ganz zu verstehen). Zweifeln Sie nicht; doch meine Mühe, eine Anstellung bei irgend einer Bühne zu erlangen, war vergebens; da versuchte ich es mit meiner Hände Arbeit, ich war zu schwach — und ohne die milden Gaben fremder Menschen wären wir bereits verdorben. Louise. Ihre Lage ist allerdings keine beneidenswerthe, aber was können wir thun? Klara. Was Sie thun können, überlasse ich Ihrem Herzen, was aber Ihr Gemal, der Bruder des Verstor- 5 benen thun muß, will ich Ihnen sagen: Er muß die Waisen versorgen. Louise (höhnisch lachend). Er muß? — Ei seht, wie naiv die Mamsell ist, erst bittet sie, dann droht sie. Klara. Mein Herr! Die Dankbarkeit gegen den Edelsten der Menschen, gegen meinen Wohlthäter, der das Unglück hatte, Ihr Bruder zu sein, veranlaßte mich, Sie schonend zu behandeln, indem mich der Gedanke belebte, endlich müsse es mir gelingen, Ihr Pflichtgefühl zu wecken. Um dieses Gedankens willen ertrug ich alle Qualen der Noth und des Elendes, es war vergebens. Sie blieben nicht nur taub gegen die Stimme der Natur, auch gegen die Mahnungen der Ehre. Wohlan denn! ich betrete einen neuen Pfad, der mich vielleicht glücklicher zum Ziele führt. Frink (betroffen für sich). Wo will denn das hinaus? Klara. Ihr Bruder vertraute Ihnen in besseren Zeiten, als er noch gesund und rüstig, Sie ein geachteter Kaufmann waren, die Früchte seines Fleißes im Betrage von 8000 Lha- lern an. Frink (heftig). Wer kann mir das — ? Klara (mit Würde). Erlauben Sie mir zu endigen. Der Empfangsschein, den Sie ihm ausgestellt, ging verloren. Voll brüderlichen Vertrauens benachrichtigte er Sie von diesem Verluste, ein Vertrauen, welches Sie benützten, Ihren einzigen Bruder um die ganze Summe zu betrügen. Louise (außer sich). Wird die Komödiantin noch lange deklamiren? Klara. Ich bin rasch zu Ende. Bald darauf bankerotirten Sie; mein Wohlthäter sprach die schrecklichen Worte aus: „So bin ich denn von Allen betrogen, die mir lieb und theuer waren auf Erden," und erwähnte nie mehr dieser Angelegenheit. Louise. Weil die 8000 Thaler nie anders existirt haben, als in der Einbildung des halbverrückten Possenfabrikanten. Klara. Ein Dokument, welches ich vor wenigen Stunden in einem alten Manuskripte fand, wird die Wahrheit meiner Worte beweisen. Frink. Alle Teufel! Louise (spionirend). Ein Dokument! — Wirklich? Charmant! Nun, die Mamsell hat doch den hochwichtigen Fund allsogleich gerichtlich deponirt? Klara. Der letzte Weg, Ihren Gatten öffentlich als Betrüger anzu- klagen, bleibt noch immer übrig. Ihm diese Schmach zu ersparen, kam ich hieher. Frink (aufstehend). Wo ist das Dokument? Es muß ein verfälschtes sein, das echte habe ich ja verbrannt. Klara (einen Moment betroffen). Wie? Frink. Ja, ja, mein Kind, es ist so, ich habe es verbrannt. Klara. Und das gestehen Sie selbst? Frink. Warum nicht? Der bei dem Gericht gegen mich ohne Originale etwas auSrichten könnte, mein Bruder — ist todt, die Copie in fremder Hand nutzlos. (Macht seiner Frau Zeichen des Einverständnisses und geht ab). Klara (eine Schrift hervorziehend). Das Papier, worauf ich meine letzte Hoffnung baute, womit ich die Waisen vom Hungertode zu retten meinte, wäre nutzlos? O ewige Barmherzigkeit! Louise (nimmt ihr unbefangen das Papier). Nutzlos in Ihren Händen, in den meinen wird es Früchte tragen. (Zerreißt es schnell in kleine Stücke). Klara. Allmächtiger Gott! was haben Sie gethan? Gutmann (für sich). Schulden bezahlt. Louise. Und nun, Mamsell, dort 6 ist die Lhüre; wagen Sie eS noch ein einziges Mal, diese Schwelle zu betreten, lasse ich Sie als Betrügerin ar- retiren, die darauf ausgeht, ehrliche Leute in den maliziösen Verdacht einer abgefeimten Gaunerei zu bringen, (zu Gutmann graziös). Adieu, Gutmann, beim Souper sehen wir uns. (ab). Sechste Szene. Vorige, ohne Louise. GUtMaNN (liest, während Klara spricht, alle Stücke des zerrissenen Papieres sorgfältig auf). , Klara (nach einer Pause des starren Entsetzens). Wenn mein Bruder gestorben wäre im Elende, nachdem ich ihn um seine Habe gebracht, — und die verlassenen Waisen dieses Bruders kämen zu mir und flehten um Hilfe, um Erbarmen, dürft' ich auf den Namen eines Menschen, des Ebenbildes der Gottheit, Anspruch machen, wenn ich bei solchem Jammer mich weigern würde zu helfen? Und er und sie? Sind es denn nicht auch Geschöpfe mit warmen Blute und unsterblicher Seele? Und doch — und doch verloren! Alles verloren! Gutmann (der das Geschäft des Auslesens beendigte und Klara'S letzte Worte gehört). Noch nicht, mein Kind — noch gibt es Mittel, Ihnen zu helfen. Klara. Es wäre Rettung möglich? O sprechen Sie. Gut mann. Ich bin ein warmer Freund der leidenden Menschheit. Wenn ich will, muß Frink den Waisen die 8000 Thaler bezahlen. Klara (rasch). Und was hemmt Ihren Willen? GUtMaNN (verlegen um eine passende Einleitung). Sehen Sie. meine Theure, Frink ist mein Freund, wir stehen in enger Geschäftsverbindung. Gegen einenFreund gerichtlich auftreten, selbst, wenn er Unrecht hat, ist keine kleine Aufgabe; man muß dazu einen Hebel haben, einen Grund, eine Ursache. Klara. Ist die schreiende Be- vortheilung der Waisen nicht Ursache genug? Gut mann. Theilweise. Aberdas reicht nicht aus, es müßte ein mächtigerer, so zu sagen, ein moralischer Grund sein, zum Beispiele — Haß — Rache — Eifersucht — Liebe u. s. w. Klara. Ich verstehe Sie nicht. Gutmann. Zur Rache ist kein Grund vorhanden, zum Hasse gleichfalls nicht, auch Eifersucht lodert nicht in mir. denn seine Frau ist zu alt, als daß ich mit ihrem Manne eifern sollte; es bliebe daher nichts übrig als die Liebe. Klara. Die Liebe? Gut mann. Ja, die Liebe. Gesetzt, ich fühlte so etwas in mir von diesem Himmelsfeuer, gesetzt, wir wären ineinander verliebt — Klara. Mein Herr! Gutmann. Lassen Sie mich ausreden. Gesetzt also, ich wäre in Sie verliebt, und Sie nicht abgeneigt, mir gut zu sein, so wäre das für mich ein moralischer Beweggrund, Sie gegen Ihre Feinde zu vertheidigen, und Ihnen— oder wenigstens Ihren Schützlingen den Besitz der fraglichen Summen zu erkämpfen. — Wenn Sie sich also entschließen könnten — Klara. Sprechen Sie nicht aus, Ihr Antrag ist eben so frech wie unverschämt. G utmann (trocken). Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich Ihnen denselben nie gemacht hätte, wenn Sie nicht sehr jung und überaus reizend wären. Klara (mit zum Himmel gerichteten Blicken sich von Gutmann wendend). O Vater! jetzt verstehe ich die Befürchtungen für meine Zukunft in Deinen letzten Augenblicken. Gutmann (will vertraulich ihre Hand 7 fassen). Nun, mein Täubchen, Sie überlegen? WaS haben Sie beschlossen? Klara (mit Abscheu). Eher von Haus zu Haus betteln, als eine Minute länger Worte anhören, die den entehren, der sie sprach, wie den, der sie gehört. (Sie geht schnell ab). G utm a nn (nimmt eine Prise, nach einer Pause achselzuckend). Auch gut. — Eine Liebschaft ist ohnehin auf die Länge unbequem, und für einen Scherz die Bekanntschaft mit einem Mädchen, welches drei Kinder zu versorgen hat, ein Bischen zu kostspielig. Wenn sie nur nicht gar so hübsch wäre. Halt! Einem Freunde gegenüber, wie mein Geschäftsfreund ist, kann man nie wissen, wozu so etwas gut ist. (lachend). Ich stecke diesen anatomirten Schuldbrief ein, indem ich mit Percival spreche: Ich warte auf meine Zeit, und sie wird.kommen. (ab). Verwandlung. (Klaras ärmliche Dachstube, im Hintergründe rechts neben der EingangSthüre das Fenster mit der Aussicht auf die Dächer der Nachbarhäuser, rechts eine Seitenthüre. Links lehnt eine Harfe an der Wand). Siebente Szene. Benjamin (tritt, die Violine unterm Arm, nach Art der reisenden Virtuosen, linkisch und unbeholfen ein, geht vor bis an den Rand der Bühne, verbeugt sich eben so linkisch, wischt sich mit einem weißen Sacktuch den Schweiß von den Händen, und beginnt die leeren Saiten zu streichen). Entree-Lied. (Melodie: Mich fliehen alle Freuden). Der Vogel in den Lüften Fi'nd't üb'rall frei Quartier. Ich kann mich d'rüber giften, Daß'S nicht so ist bei mir. JH soll Verschied'nes zahlen. Und Hab' so wenig Geld. Wem kann da 's Leben g'fallen. Wenn ihm das Dasein fehlt. D'rum flieh'n mich alle Freuden, Ich sterb' vor Ungeduld, An allen meinen Leiten Ist bloS die Geige schuld. Ich bin Virtuos, das kann mir kein Mensch abstreiten, ich habe soeben Beweise meiner Virtuosität gegeben. Andere Virtuosen haben ihre Force auf der G Saite, und maltraitiren dieselbe, bis das Publikum geht; bei mir ist's umgekehrt: Bei meinen Konzerten ist das Publikum nie gegangen, im Gegentheil, es ist gar nicht gekommen. Während meiner großen Kunstreise habe ich anderthalb hundert Konzerte gegeben und 150mal auf die Kosten zahlen müssen. Was war aber Schuld an dem Malheur? Ich bin überall zu spät gekommen. Ueberall waren just vor mir ein paar andere Virtuosen da, die haben Alles dergestalt für sich eingenommen, daß für mich gar nichts mehr übrig geblieben ist. Auf diese Art habe ich mein väterliches Erbtheil nach und nach verkonzertirt.— Jetzt bin ich Sekundant in einem Orchester, nehme an den Schlachten Theil, welche auf dem Felde der Tanzmusik geschlagen werden, und bei denen geht es sehr heiß her, so heiß, daß nach jedem Gefecht im Dreivierteltakt mein armer Bogen einige Haare lassen muß, was aber noch immer nicht so viel sagen will, als die Haare, die ich als reisender Virtuos nach einem leeren Konzert lassen mußte, (sieht sich um). Noch immer kein Mensch da? — Ich geb' doch heute kein Konzert! (sich besinnend). Ach, richtig! zuvor Hab'ich eineKraft- piece gespielt, das ist also wahrscheinlich Nachwirkung. Aber meine Geliebte könnte doch hier sein, wenigstens um mich zu sehen, wenn sie mich schon nicht hören will. (An der Thüre rechts horchend). Mir scheint sie kommt, schnell die Violine versteckt, sonst wird sie tragisch. (Stellt die Violine in das Fach einer Kommode, die zwischen der EingangSthüre und dem Fenster steht). Es ist merkwürdig, ich habe es so weit gebracht in meiner Kunst, daß den Leuten die Augen übergehen, wenn sie mich nur sehen mit meinem Instrumente. 8 Achte Szene. Voriger, Fanny. Fanny. Bist endlich einmal da? Gib Geld her, die Kinder wollen essen. Benjamin. Sonderbar, ich bin zwar kein Kind, habe aber denselben Gusto. Fanny. Desto besser, so kannst Du mit uns essen. Benjamin. Wenn ich, Du, Dein Fräulein und die drei Kinder von dem Souper satt werden wollen, was ich bezahlen kann, werden wir sehr bald wieder hung'rig sein. Fanny. Wie viel hast Du denn? Benjami n (sein Portefeuille öffnend). Sehr wenig, denn mein bisheriger Gönner und Freund, der Baron Bri- lecki, mit dem ich dreimal die Woche Duetten gegeigt habe, hat diese Musikübungen eingestellt; so besteht mein ganzes aktives Vermögen hier aus diesen fünf Sechserln, respektive Zeh- nerln. Fanny (nimmt das Geld). Das ist Dein ganzer heutiger Verdienst? Benjamin. Nein, nur seine schönere Hälfte. Fanny. Was hast Du denn mit der andern gemacht? Benjamin (etwas verlegen). Mit der anderen? Die Hab' ich wechseln lassen. Fanny. So gib das kleine Geld her. Benjamin. Für das Hab' ich Colofonium gekauft. Fanny. Um einen ganzen halben Gulden? Benjamin. Nein, um 6 Kreuzer ; das übrige Hab' ich verwendet, um die Erinnerung an Liesing nicht zu verlieren. Fanny. Ja warum sagst denn das nicht gleich? Laßt er mich so lange fragen. Benjamin. Ich habe geglaubt, Du wirst mir's übel nehmen. Fanny. Daß Du einige Gläser Bier getrunken hast? Warum nicht gar, bin ich neidisch? Benjamin. Das nicht, im Ge- ^ gentheil, aber in unserer Lage ist die geringste Vertilgung einer Flüssigkeit, die nicht nach Wasser schmeckt, einehor- rible Depense. Wir haben uns einmal der verlassenen Familie angenommen, also ist's auch unsere Pflicht, sie nach Kräften zu unterstützen. Fanny. Eben darum muß man aber auch schauen, daß man bei Kräften bleibt, Du hast also ganz recht ge- than, Dich zu stärken. Benjamin. Es ist ein wahres Glück, daß ich kein Talent zum Trinken Hab' — sonst müßt' ich aus reiner Zärtlichkeit für Dich ein Säufer werden. Fanny. Zum Trinken hast kein Talent, zum Konzertgeben auch nicht, jetzt sage mir, zu was hast denn eigentlich Talent? Benjamin. Zum Heiraten. Fanny. Ah geh' , mit Dir ist nichts zu reden. — Wenn das Fräulein kommt, so sag' ihr, ich bin um ein Nachtmal gegangen. (Will fort), B enjamin (fle zurückhaltend), Fanny, noch einen Augenblick! Zweifelst Du an der Wahrheit meiner Worte? Glaubst Du nicht auch, daß ich's im Ehestand zur Virtuosität bringen könnte? Fanny. Warum denn nicht? Die Anlagen sind da, die Stirne hoch und breit, verspricht ein ungeheueres Auffassungsvermögen. Wenn Du das Glück hast, eine Frau zu bekommen, die es versteht, Deine natürlichen Anlagen durch die Kunst zu vervollkommnen, wirst Du es in dieser Beziehung sehr hoch bringen. Ihre Dienerin, Herr Benjamin, (schnell ab). 9 Neunte Szene. Benjamin (allein). (Wiederholend, sehr verduzt). „Wenn ich das Glück Hab' eine Frau zu bekommen, die meine natürlichen Anlagen durch die Kunst zu vervollkommnen versteht" — ja, aber ich will sie ja heira- then! Ist sie vielleicht eine solche Künstlerin ? (Es wird geklopft, barsch). Herein.' Zehnte Szene. Voriger. Adam (ein Trödler). Adam. Sie verzeihen, ich weiß nicht, ob ich da recht gehe. — es war ein junges hübsches Frauenzimmer bei mir. — Benjami n. Bei Ihnen? (Mr sich). Die muß ein säubern Gusto haben. Adam. Sie hat mich herbestellt. Benjamin (argwöhnisch). Eine Bestellung? Ein Rendezvous, doch nicht mit meiner Fanny? (Adam genauer betrachtend). Nein, nein, der ist zu alt, der ist über die Jahre deS Verdachtes hinaus. Adam (fortfahrend). Es soll eine Harfe zu verkaufen sein. (Sie erblickend). Richtig! da steht sie ja. (Untersucht sie). Schon stark strapezirt, 's nicht viel mehr werth! Benjamin. Wäre das Instrument ein Frauenzimmer, könnt' er'recht haben, aber bei Harfen und Violinen ist's gerade umgekehrt, je alter, je besser! (Trübselig). Also, so weit ist's gekommen, das einzige Vermächtniß ihrer seligen Mutter muß auch schon d'ran? DaS ist traurig, sehr traurig. Adam (der die Harfe genau beguckte). Was will denn der Herr dafür? Benjamin. Ich gar nichts, denn sie gehört nicht mir, und das Fräulein, dem sie gehört, ist nicht zu Hause. Adam. Einer Fräul'n gehörts? wahrscheinlich der, die bei mir war? und sie verkaufts aus Noth? Benjamin. Nicht grad' aus Noth — o bewahre — nur aus Mangel an Raum — sie nimmt zu viel Platz weg. Adam (ungläubig). So so, na, nichts für ungut! Ich will halt wieder herauf schauen, wenn das Fräulein einmal z'Hausist. Adies derweil! (will fort). Benjamin (plötzlich einen Gedanken fassend). Halt, bei der Gelegenheit könnt' ich in Erfahrung bringen, was meine Cremoneserin w rth ist. (Lautzu Adam, der schon an der Thüre steht). Sie Herr Jnstrumenten-Tandler, haben Sie die Güte auf einen Augenblick — Adam (stehen bleibend). Na, was ist's? Benjamin (läuft zum Schrank, nimmt die Violine sammt Bogen). Ich habe hier ganz was Ausgezeichnetes. Wollen Sie mir nicht gefälligst sagen, was fiie werth ist diese Violine? Adam (zurückfahrend). Eine Geige? Kanns nicht brauchen! Will nichts wissen von einer Geige, Hab den ganzen Laden voll und bring' in einem Jahre kaum eine an! (ab). Benjamin (ihm nachrufend). Aber das Anschauen kostet ja nichts! (Sieht ihm nach). Läuft fort, wie besessen. (Mit Resignation). Es ist ein eigener Fluch! — Schon wieder Einer der geht, wenn ich mit meiner Violine komme. Mein Spiel muß rein zum Davonlaufen sein. — Vor Zeiten sind doch nur die Dichter verhungert, die Virtuosen aber reich worden, wenns so fortgeht, werden die Dichter zwar auch nicht reich, aber die Virtuosen verhungern ganz gewiß. (Legt seine Violine neben die Harfe). Cilfte Szene. Voriger. Adelheid 4 Jahre, Betty 5 Jahre, Wilhelm 6 Jahre alt, alle ärmlich aber reinlich gekleidet. Wilhelm. Lieber Herr Benja- 10 min, ist die Fanny noch nicht fertig mit dem Nachtmahl? Benjamin. Noch nicht, aber bald; hilf mir indessen den Tisch Herrichten. (Stellt den Tisch in die Mitte der Bühne, Wilhelm bringt aus dem Schrank einige Teller, Messer und so weiter. So wie gedeckt ist, setzen sich die beiden Mädchen erwartungsvoll zu Tische. Das Alles geschieht während gesprochen wird). Wilhelm (seufzend). Uns hungert - schon sehr stark. Benjamin. Tröste dich, mein Sohn, das ist ein Schicksal, welches du mit der halben Welt theilst. — Wilhelm. Muß die auch so lange warten bis sie satt wird? Benjamin. Im Gegentheil, der wird der Hunger nie gestillt. Wilhelm. Ja, warum denn? Benjamin. Weil — weil — das ist eine kuriose Frage. Ich werde mich doch mit Dir in keinen nationalökonomischen Diskurs einlassen sollen? Zwölfte Szene. Vorige. Klara (tritt erschöpft ein, ohne die Uebrigen zu beachten, finkt in einen Stuhl, und verhüllt sich weinend das Gesicht. Pause). Wilhelm (geht zu Klara, und zieht ihr eine Hand vom Gesicht, naiv). Klara, weinst Du, weil wir hungrig sind? Tröste Dich, wir wollen schon warten. Klara. O Himmel! und Alles verloren durch meine Schuld. Benjamin (für sich). Das könnt ich mit Variationen auch sagen. Alles verloren durch meine Geig'n. Klara (rafft sich voll Energie auf, nachdem sie Betty geküßt hat, die sich voll Liebe mit den andern Kindern an sie drängt). Wo ist Fanny? War Niemand hier, der die Harfe kaufen wollte? Benjamin. Der Tandler kommt morgen wieder, er will mit Ihnen selber reden, die Fanny besorgt ein Nachtmahl für die Kinder. Klara. Wer hat ihr Geld dazu gegeben? Benjamin (ausweichend). Ich glaub', sie hatS zu leihen genommen. Klara (trostlos). Borgt denn mir noch Jemand, mir, die ich so arm, so elend bin? Dreizehnte Szene. Vorige. Fanny (mit einer Schüssel Kartoffeln). Fanny, 's Essen ist da! Benjamin (zu Fanny). Endlich! Aber wo bleibst denn gar so lang, die Kinder hungern ja entsetzlich. Fanny (die Kartoffeln den Kindern vertheilend). Warum hast Ihnen nichts vorgespielt? Da war ihnen der Appetit ganz gewiß vergangen. Benjamin. Du, stichel nicht! (Besieht die Schüssel). Und Erdäpfeln, ewig Erdäpfeln! Hast nichts Anders kochen können? So ein ungesundes Essen! Weißt Du nicht, daß die Erdäpfeln alle krank sind? Fanny. Freilich weiß ich das! Benjamin (hat sich gesetzt und ißt.) Und hast's doch gekauft? Fanny. Bloß um Dir Gelegenheit zu geben, einige dieser Patienten in die Kur zu nehmen, Du Erdapfel- Doktor. (Fanny, welche indessen den Kindern vorlegte, die, wie Benjamin, mit Appetit essen, geht durch die Mitte ab, kommt aber gleich wieder mit einer Tasse Kaffee zurück). Benjamin. Das muß wahr sein! Meine Geliebte ist ganz das Mädchen, wie es sein soll, nichts an ihr ist an Unrechter Stelle, Alles paßt ineinander, vorzüglich 's Maul hat's am rechten Fleck, (hat eine Kartoffel geschält und rasch in den Mund gesteckt). Sapperment, jetzt hätt' ich mir's bald verbrennt. Fanny (liebevoll). Fräulein Klara, trinkens den Kaffee, ich Hab ihn eigens für Sie heut Früh auf d'Seiten g'stellt. Klara. Ich danke Dir, aberlaß mich. 11 Benjamin. Trinken Sie unbesorgt; der Kaffee, den uns die Fanny seit einigen Tagen zum Besten gibt, schad't Ihnen g'wiß nicht, er ist kein hitziger Araber, im Gegentheil, er ist das Produkt vaterländischer Industrie, der echte Sprößling deutscher Eichen. Fanny. Den ganzen Tag haben Sie nichts gegessen, wie leicht könnten Sie uns krank werden, was sollen wir dann anfangen? Vierzehnte Szene. Vorige. Si m'o n. Simon (steckt den Kopf zur Thür herein). Herr Musikus, auf ein Wort! Mamsell Klara, guten Abend! (zu Benjamin). Sind Sie auf heut schon versagt ? Benjamin. Nein, ich bin disponibel ! Simon (tritt vollends ein). Der Bäckermeister daneben veranstaltet eine Familienfestivität. — Wollenö die paar Gulden mitnehmen? Benjamin. Ja, warum denn nicht? Simon. Nein, ich frag, ob Sie die Tanzmusik arrangiren wollen. Benjamin (elektrifirt). Eine Tanzmusik arrangiren, Kapelle leiten, Orchester dirigiren. — Ich bitte Platz zu nehmen, wie viel Instrumente werden benöthigt? Wünscht der verehrungswürdige Broterzeuger Blech oder Harmonie ? Simon. Harmonie! Blech hat er so g'nug. Benjamin. Also Streichinstrumente! Wie viel Stück? Simon. Nun, ich meine, wenn Sie mit der Geige und die Mamsell Klara mit der Harfe; — Benjamin. Und die Fanny mit dem Triangl. Warum nicht gar! Ich werde ein Quartett besorgen, ein famoses Quartett. Simon. Da schaut aber nichts heraus dabei, da müssen's mit den Andern theilen. Benjamin. Aus besonderer Gefälligkeit werden's freilich nicht Mitwirken. Simon. Sie Zwei hingegen könnten bei der Gelegenheit ein hübsches Stück Geld verdienen. Fanny. Was fällt Ihnen ein, das Fräulein wird sich just herablassen — Simon. Wenn der Schmalhans Kuchelmeister ist und die Noch Oeko- nomie-Verwalter, braucht's keiner Herablassung sich auf ehrliche Weise ein paar Gulden zu verdienen. Uebrigens das Fräulein wird am besten wissen, was sie zu thun hat; ich Hab es gut gemeint. Klara (rasch entschlossen). Bleibt mir eine Wahl? Soll ich aus falscher Scham einem Erwerb entsagen, der den Kindern einige Tage das Leben fristen kann? Benjamin (entzückt). Wie? WaS? Fräulein Klara,Sie wollten wirklich — Klara. Ich will! ich will! O* Gott, ich danke Dir für den Strahl des Lichtes in finsterer Nacht, er bezeichnet mir die Bahn, die ich zu wandeln habe. Kein Hohn, keine Demü- thigung, keine Erniedrigung soll mich schrecken; der Gedanke wird mich mit Stärke waffnen, für die Kinder des Mannes zu leiden, den meine Mutter betrog. — Kommt — kommt! und keine Minute laßt uns zögern! Simon. Oho Mamsell! So eilig ist's nicht, wir haben schon noch Zeit. Ich geh voraus, und melde Sie an. (Mit einem Anfluge von Herzlichkeit). Mächens Ihnen nichts daraus, schaun's mich an, vor 50 Jahren bin ich nach Wien gekommen, und Hab' mit Feuersteinen g'handelt, das G'schäft hat sich rentirt, ich bin im wahren Sinn deS ! Wortes ein steinreicher Mann gewor- IS den, Hab gheirath, Kinder kriegt, Hab' mir ein Haus gekauft, bin in eigener Equipage g'fahren, und jetzt steh' ich ohne mein Verschulden auf demselben Punkt, wo ich vor 50 Jahren g'stan- den bin, nur mit dem Unterschied, daß ich jetzt mit Zündhölzeln Hausire, statt mit Feuersteinen, daß ich jetzt alt und schwach bin, wie damals jung und kräftig, daß ich damals freudvoll in der Hoffnung war auf eine schönere Zukunft, jetzt leidevoll im Rückblick auf eine trübselige Vergangenheit; und was wird das Ende sein vom langen Liede? Vier bezahlte Männer tragen einen Sarg vor die Linie hinaus, und senken ihn in eine Grube, an der kein weinendes Kindesauge dem verstorbenen Vater eine herzliche Thräne nachweint. Wie das Alles kommen ist, erzähl ich Ihnen ein anderes Mal. In einer Stunde sehen wir uns wieder. (Ab). Klara (tonlos). In einer Stunde also! (Zu den Kindern die während der letzten. Worte Simons das Tischgeräthe sorgsam aufgeräumt und in den Schrank gestellt). Kommt! »Vor dem Bilde eures Vaters laßt uns zu Gott um Hilfe flehen ! (mit den Kindern rechts ab). Fünfzehnte Szene. Benjamin. Fanny. Später Gutmann. Benjamin, (der seine Violine her- gerichtet und in ein Futteral sorgfältig gepackt, den Bogen mit Kolofonium bestrichen hat, jedoch ohne durch auffallende Lazzi den Gang derHandlung zu unterbrechen, stellt sich, so wie Simon ab ist, mit wichtiger Miene vor seine Geliebte). Fanny! Von heute an, wirst Du Dich wieder im Singen üben. Fanny. Im Singen? Benjamin. Und im Guitarre spielen. Fanny. Im Guitarre spielen? Benjamin. Za, in meinem Gehirn gähren schöpferische Gedanken, der alte Hausirer hat mich auf Zdeen gebracht, die realisirt werden müssen. Ich errichte eine Sängergesellschaft; das Fräulein mit der Harfe, Du mit der Guitarre, ich mit meiner Violine, das gibt ein Terzett, wie noch keines da war. Fanny. Du wirst doch keine Harfenistin aus mir machen wollen? Benjamin. Nichts Harfenistin, eine Concertistin, die sich im Freien producirt, eine Sängerin, um die man sich in allen Salons reißen wird. Fanny. In Garten-Salons. Benjamin. Alles Eins! Salon bleibt Salon. — Anlage zum Singen hast Du, einige Griffe auf der Guittarrehast Du auch schon weg, wie jedes Stubenmädel, unser Glück ist gemacht! Der Plan ist göttlich, kann gar nicht fehlschlagen. Morgen komme ich um die Bewilligung zu unserer Heirath ein, in sechs Wochen ist Hochzeit. Fanny. Du, mir scheint wirklich, das „Liesinger" ist dir zu Kopfe gestiegen. Benjamin. Wie? Was? Du schreibst einer Halben Liesinger meine Begeisterung zu? Lächerlich! Das, was mein Gehirn durchglüht, ist kein Ho- pfen-Ertract, es ist etwas Höheres. — Es bleibt dabei! ich werde Prinzipal- Vorstand-Direktor einer Liedertafel, Du krima Donna assoluta, und Fräulein Klara mein Kompagnon! (hüpft jubelnd herum und stößt auf Gutmann, der Inzwischen eingetreten und verwundert stehen geblieben ist). Alle Leusel! Ein Fremder! Gutmann. Bitte sich nicht stören zu lassen, sind vermuthlich Tanzmeister? Benjamin. Zm Gegentheil Con- certmeister. Womit kann ich dienen? Gutmann. Wohnt hier nicht ein Fräulein, Klara Gleich mit Namen? Fanny. Allerdings mein Herr! 13 Benjamin (barsch). Und was wollen Sie bei der? Gut mann. Ich habe in einer wichtigen Familien-Angelegenheit mit ihr zu sprechen. Benjamin (sehr freundlich). Ah, das ist was Anders, ich Hab schon geglaubt, Sie wären Einer von denen, die, aber Sie haben eine Familien- Angelegenheit, wie gesagt, das ist was Anders. Fanny. Red' doch nicht gar so viel, du hörst ja, eine wichtige Fami- lien-Angelegenheit. Führ den Herrn hinein. — Benjamin (an die Thüre rechts tretend). Wenns gefällig wäre. Gutmann. Mit Vergnügen. (Im Abgehen zu Fanny, aufBenjamin deutend). Ist das vielleicht der Liebhaber? Fanny (ihn einen Moment fixirend, schnippisch). Wenn Sie nichts dawider haben, ja! Gutmann. So, so — also darum so spröde heute Früh — hätte mir's denken können. Benjamin. Und Du, vergiß nicht, üb' Dich inzwischen im Singen (mit Gutmann ab). Fanny. Nun, meinetwegen, so will ich denn versuchen ob ich bei Stimme bin. Lied der Fanny. 1. Ich Hab' überzeugt mich schon lang. Wie der Mensch iS, so iS auch sein Gang. — 'S geht Einer vor mir mit schafsartigem Blick, Die Nasen hübsch hoch, wirft den Kopf er zurück. Die Hand hängen h'runter, die Füß hebt er kaum. Man glaubet wahrhaftig, er geht wie im Traum; Bei dem sieht man doch g'wiß WaS er für ein GeisteSkind iS — Ein Tapschädl, ein Tapschädl — iS der doch ganz g'wiß. 2 . Den Dogel erkennt man am G'sang. Doch den Menschen dagegen am Gang. — Es schleicht Einer fuchsartig Kreuz und der Quer, Den Rücken gekrümmt, schaut bald hin, schaut bald her. Er schleicht auf den Zeh'n, hat kein sicheren Tritt Und wackelt beständig, und zählt jeden Schritt — Bei dem sieht man doch g'wiß Was er für ein Geisteskind iS — Ein Schlüpfer, ein Schlüpfer — iS der doch ganz g'wiß. 3 . Den Thaler erkennt man am Klang, Doch den Menschen dagegen am Gang. 's richt Einer d'Frisur sich von Früh bis auf d' Nacht, Springt um wie ein Aalfisch so g'schwind, S' is a Pracht, Bald daher, bald dorthin, wirft d'Haxerln herum — IS gleich drauf verschwunden, man weiß nicht warum. Bei dem sieht man doch g'wiß. Was er für ein GeisteSkind is — Ein HandlungS-Bcflissener is der doch ganz g'wiß. 4 . Es tritt, ganz erfüllt von Bonton, So ein Landfräulein in ein Salon, Macht Buckerln bald links, und macht Buckerln bald rechts, Hält sich für die Reizendste ihres Geschlechts, Sagt einer Flatusen. versteht 'S davon nix. Heißt 's Einer ein Engel, so macht'S drauf ein Knir. Bei der sieht man doch ganz g'wiß Was sie für ein Geisteskind is — Ein Tschaperl, ein Tschaperl — is die doch ganz g'wiß. 5 . Man kann öfters Gschwuserln auch sehn, Die kennt man ganz deutlich am Gehn. — A Bürscherl fpaziert auf'n Graben famos — Ein' Zwicker im Aug', und a Maschen so groß. Der schimpft über All's, und macht Witz über d'Leut, Tragt weiße Glace und den Hut nach der Seit'. — Bei dem sieht man doch ganz g'wiß Was Der für ein Geisteskind iS. —-(Jetzt was glauben's wer Der is ?- Ein Stritzi, ein Stritzi — is Der doch ganz g'wiß. (Ab). 14 Sechzehnte Szene. (Nach einer Pause). Klara. Gutmann (ausderSeitenthüre). Gut mann. Sie sind also mit meinem Vorschläge einverstanden? Klara. Vollkommen. Nur begreife ich Ihre plötzliche Sinnesänderung nicht, insbesondere, da Frink Ihr Freund ist. Gutmann. Zwischen Geschäftsund Herzensfreundschaft ist ein himmelweiter Unterschied. Morgen lege ich Ihnen die Vollmacht zur Unterschrift vor, dann betreiben wir die Sache vor Gericht; wir müssen den Prozeß gewinnen, da Sie zwei Zeugen, mich und den jungen Mann, von dem Sie vorhin sprachen, aufzubringen im Stande sind, welche die Existenz des Schuldbriefes eidlich bekräftigen können. Klara. Benjamin war zugegen, als ich das Dokument fand. Er hat es mehrere Male durchgelesen. Gutmann (für sich). Sie nennt ihn beim Taufnamen, ohne Zweifel, es ist der Liebhaber, hätte-ihr auch einen besseren Geschmack zugetraut. Herr Benjamin hat wahrscheinlich Vermögen ? Klara. Er ist so arm wie ich. Gut mann (überlegend). So, so — dann werde ich die nöthigen Auslagen wohl vor der Hand aus Eigenem bestreiten, und sie mir seiner Zeit vom Kapitale mit der üblichen Provision abziehen. Klara. Ich weiß nicht Rath, noch Hilfe. Gutmann. Geben Sie mir ein Schriftchen extra darüber, und die Sache ist im Reinen; für heute also: Guten Abend ) (will fort, kommt aber gleich zurück, sehr rasch). Noch eins, brauchen Sie Geld? Klara (schweigt befremdet). Gut mann (zieht seine Brieftasche heraus). Wie viel benöthigen Sie? 100 — 150 Gulden auf Abschlag — sprechen Sie. Klara. Wie aber, wenn ich den Prozeß verliere? Gutm ann. Das ist meine Sorge und mein Risico! Ich gebe Ihnen also? — Klara (nach einem augenblicklichen Kampfe mit sich selbst). Nichts, nichts, mein Herr! Nicht einen Heller! Gutmattn. Sie mißtrauen noch? (Beleidigt seine Brieftasche cinstcckend). Nach Belieben! (für sich). Du entgehst mir dennoch nicht. (Laut und kalt). Gute Nacht! (ab). Klara (allein). War ich zu rasch mit meiner Weigerung? Hätte ich die Summe nehmen sollen? Wo die Noth am größten, ist die Hilfe am nächsten — war das Hilfe und ich habe sie auSgeschlagen, wie dann? Doch sein entehrender Antrag heute Früh, und jetzt seine grinsende Freundlichkeit, sein Spott am Morgen und Abends seine Herzlichkeit — nein — nein — ich habe recht gethan. O wie traurig ist es, in der Welt zu stehen, ohne einen Freund, dem man vertrauen, ohne ein Herz, an welchem man seine Leiden ausweinen kann. Siebzehnte Szene. Vorige. Fanny. Fanny. Die Kinder schlafen. Fräulein, es ist Zeit, der alte Simon kommt schon, (ab). Klara. Die Kinder schlafen; sie träumen lächelnd künftigen Leiden entgegen wie künftigem Glück, während ich um Bettelsold den Leuten musizire. Achzebnte Szene. Vorige. Benjamin. Fanny. Benjamin. Ohne Glacshand- 15 schuhe, ohne Fantasiefrack, mit ungebrannten Haaren, durchaus nichts Gat- terbenglisches an mir, das wird ein trauriges Debüt werden, (schleicht betrübt zum Schranke und nimmt seine Violine heraus ; zu Fanny). Gute Nacht, Geliebte! (zu Klara). Wenn's gefällig ist. Klara (wie aus einem Traume geschreckt). Ich bin bereit.' (An der Thüre kehrt sie um, geht zur Seitenthüre, welche sie öffnet und spricht mit weicher Stimme). Gute Nacht! gute Nacht! (Kniend in der Mitte der Bühne). Vater, der über den Sternen wacht. Laß mich deine Gnade preisen. Gib mir Brot sür diese Waisen, Schütze sie durch diese Nacht; Herr und Gott, nur Dir vertrau' ich. Nur auf Deine Güte bau' ich — Laß die Kleinen engelrein Deinem Schutz empfohlen sein. (Passende melodramatische Musik. Klara erbebt sich mit Hilfe Fanny'S, die ihr die Harfe trägt, Benjamin trocknet sich die Augen, wie sich Alle zum Gehen wenden, fällt der Vorhang.) Ende des ersten Aktes Zweiter Akt. (Bierhalle in einem Borstadt-Gastbause mit Glasfenstern, durch welche man in den Garten steht. Mittel- und zwei Seitentbüren, Tische und Bänke, rechts vorne ein runder Tisch mit drei Stühlen. Kellner find beschäftigt, die Tische zu decken, Eßbestecke herzurichten, kommen und gehen rc. Durch die Mittelthüre steht man in den Garteneingang, über welchem mit transparenter Schrift geschrieben steht: „Reunion.^ Es ist Abend und wird nach und nach, sowie die Tische mit Lichtern besetzt werden, ganz Nacht, während der Salon hell bleibt.) Crste Szene. Leeberg. Mühlenau. Theodor Frink. Karg. Leeberg (zu Theodor). Zum Guckguck, in welche Spelunke führst Du uns denn? Karg. Hier ist also die Donna, die Ihnen den Kopf verdrehte? Mühlenau (lachend). Seine Herzensaktien müssen in der Stadt außer Kurs sein. Theodor. Sie ist noch nicht hier, wir kommen zu früh. Leeberg. Er kann es gar nicht erwarten, bis sein Engel heranschwebt, die klingende Harfe in den zarten Händen, eine zweite Cäcilie. Karg (der fich indessen eine Cigarre an dem einzigen Lichte, welches auf einem der Tische steht, anbrannte). Und zu einer Reunion dieser Gattung haben Sie Mama geladen? Leeberg (lachend). Die wird Augen machen. Mühlenau. Sie kehrt augenblicklich wieder um. Theodor. Das befürchtete ich auch, und darum ersuchte ich Euch, mit mir zu kommen, damit sie wenigstens einige Bekannte findet. Karg. Was beabsichtigen Sie durch diese Zusammenkunft? Theodor. Ich will sie beschwören, daS herrliche Geschöpf einer Beschäftigung zu entziehen, bei der sie an Leib und Seele verkümmern muß, ich will sie bitten, Klara als Gesellschafterin in's Haus zu nehmen, (geht mit Karg leise sprechend einige Schritte bis zur EingangSthüre). Leeberg. Ei seht, wie pfiffig, er will seine Rendezvous bequemer haben. (Stoßt im Vorübergehen die Seitenthüre links auf). Mühlenau. Mit der Holden unter einem Dache wohnen? O Du verruchter Bösewicht. Leeberg. Alle Wetter! da ist ja gar ein Billardzimmer. Mühlenau, willst Du drei Partien riökiren auf diesem Prachteremplar von einem Nudelbret? Mühlenau. Meinetwegen, mir ist die ganze Affaire ohnehin ziemlich langweilig; also schnell, wer drei Partien verliert, bezahlt — Leeberg. Das Souper — komm' (rufend). Marqueur! Kegelpartie aufsetzen. (Beide ab). Ein Kellner (aus dem Garten eilig in die Thüre links, wohin Mühlenau und Leeberg abgegangen). Sogleich Euer Gnaden! (ab).' Zweite Szene. Karg mit Theodor (vorkommend). Sie haben also wirklich Absichten auf das Mädchen? Theodor. Die redlichsten von der Welt, sie — oder keine. 17 Karg. Das ist zwar die kürzeste LiebeSformel, die wir haben, aber es hat sie schon Mancher sehr lange bereut. (kopfschüttelnd). Eine Harfenistin! Theodor. Ein Mädchen, welches drei Waisen ernährt, die der Geiz der Verwandten dem Elende preisgab. ist zweifellos der wärmsten Achtung würdig. Karg. Sie, der Sohn eines reichen Mannes — Theodor. Mein Vater ist Spekulant — Kartoffelfäule kann ihn zum Millionär, plötzlicher Witterungswechsel zum Bettler machen, von ihm hoffe — von ihm erwarte ich nichts — Karg (durch das Wort „Witterungswechsel" erschüttert). Witterungswechsel? Herr, bleiben Sie mir mit dem verdammten Witterungswechsel vom Leibe, (rennt an die Gartenmauer und observirt das Firmament). Ah! der Himmel ganz rein, kein Regen zu befürchten. Theodor (befremdet). Was haben Sie denn? Karg. Ich Haffe die Inkonsequenz der Witterung, bald warm, bald kalt — bald trocken, bald feucht, wie die Sünde. Beständiges Wetter, sehr lange trocken oder sehr lange feucht, ist mir das Liebste. Theodor (ironisch). Weil dann die Kornpreise steigen. Karg (hält ihm den Mund zu). Pst! Freundchen, wissen Sie etwas? Theodor. Ich? Kein Wort! Was soll ich wissen? Karg. Hat Ihnen Papa nichts vertraut? Theodor. Nicht eine Silbe! Karg (feierlich). Nun denn, so hören Sie: in fünf Tagen, in fünf kurzen Tagen ist die Firma Frink und Compagnie — Dritte Szene. Vorige. Benjamin (der seine Violine im Arm, voll Aufregung, obne Theodor zu bemerken, hereinstürmte). Zu Grunde gerichtet! es ist schändlich — zu Grunde gerichtet durch solche Kapitalspitzbuben. (Rennt unwirsch auf und nieder). Karg (dem bei Benjamins ersten Worten im entsetzlichen Schreck Hut und Stock entfiel, stammelt). We — we — wer ist zu Grunde gerichtet? Benjamin. Ein ehrlicher Mann, sin seelenguter Mensch! Karg (erleichtert, fich den Schweiß von der Stirne trocknend). Ach — so. Theodor. Was habt Ihr denn? Sprecht doch, was empört Euch so? Benjamin (immer aufgeregt). Eine Schurkerei, eine niederträchtige Schurkerei, aber ich will nicht reden. (Zu Theodor). Und mit Ihnen schon gar nicht, denn Sie sind verliebt, und mit Verliebten ist nichts Gescheidtes zu reden. (Aus Karg zeigend). Aber mit dem Herrn werde ich reden, mit der ganzen Welt werde ich reden und ihr sagen: Es ist abscheulich! (rennt in die Thüre rechts, läßt seine Violine da und kommt wieder zurück). Karg. Mir scheint, bei dem — (Pantomime des Verrücktseins). Wie er Mich erschreckt hat! Kennen Sie ihn? (Theodor bejaht). Suchen Sie herauszubringen, was ihn affieirt, ich sehe nach unseren Freunden, (links ab). Benjamin (jammernd). Es ist beispiellos! Wo ist denn der Andere? Mag er nichts hören? Thut nichts, ich erzähl' es Ihnen. — Ich komme soeben vom Baron, meinem Gönner. Das ist ein Mann wie die gute Stunde, ein Mann, der sich aus Grundsatz durch 14 Jahre von einem Weibe hat maltraitiren lassen, das boshafter ist, als eine verzogene Hauskatze. Alles hat er gethan, was sie hat haben wol- L 18 len, sein halbes Vermögen hat er durchgebracht, weil fie's hat haben wollen, in gefährliche Spekulationen hat er sich eingelassen, weil fie's hat haben wollen, seine musikalischen Uebungen mit mir hat er eingestellt, weil sie's hat haben wollen, ja sogar scheiden hat er sich von ihr lassen, weil sie's hat haben wollen. Theodor (lächelnd). Und was ist denn diesem Muster von einem Ehemann begegnet? Benjamin. Etwas Infames; eine abgekochte Niederträchtigkeit! Aber halt! Wie ist mir denn? Sie sind ja angestellt im Central-Bureau bei der galizischen Eisenbahn? Theodor. Allerdings! Benjamin. Sie können, Sie müssen ihm helfen, schon mir und der Mamsell Klara zu lieb. Er ist unser Wohlthäter, er hat mich unterstützt, und durch mich die Klara, und durch die Klara meine Fanni, und durch die Fanni die drei Binder. Theodor. Wenn es in meiner Macht steht, herzlich gerne. Benjamin. Sie dürfen nur zu Stande bringen, daß in der Frist von fünf Tagen die 30,000 Scheffel Korn, um die cs sich handelt, von Tarnow über Krakau hieher spedirt werden. Theodor. Das ist unmöglich, die verfügbaren Waggons sind bis zu dieser Frist sämmtlich in Beschlag genommen. Benjamin. Das ist ja ebendie Gaunerei! und Wissens wer die Waggons auf dieser Tour alle belegt hat? Die saubere Kompagnie, mit der er den Contrakt abgeschlossen: 30,000 Scheffel bis 16. zu liefern, oder die Hälfte von der Kaussumme des Borns und 20,000 fl. extra zu büßen. Theodor (eltktrifirt). Alle Teufel! WaS hör' ich? Wißt Ihr die Namen dieser Schurken? Benjamin. Die sind mir entfallen, denn für so Schlechtes Hab' ich ein noch schlechteres Gedächtniß. Theodor (überlegend). Eigentlich ist es meine Pflicht, der Sache auf den Grund zu kommen, und die List der Schurken zu vereiteln. (zuBenjamin) Wo wohnt der Baron, von dem Sie sprachen? Benjamin. Keine drei Gassen von hier. Theodor. Wenn die Direktion noch heute die Ordre gibt, daß eine entsprechende Anzahl von Lastwagen nach Tarnow dirigirt werde, so könnte — Benjamin. Sie sind ein Goldmann — Theodor. Das Quantum bis 16. d. allerdings noch gestellt werden. Da ist aber auch keine Minute mehr zu versäumen, und der Telegraf muß sofort zu spielen beginnen. Benjamin (drängend). Kommen Sie, ich fang' jetzt schon zum telegra- firen an. Theodor (bleibt stehen). Doch noch eins. Warum that der Baron nicht dießfals selbst die geeigneten Schritte? Benjamin. Aus zweierlei Gründen. Erstens weiß er vielleicht nicht, daß noch Rettung möglich ist, und zweitens hat es eine eigene Bewandt- niß mit ihm, er ist ein Fatalist, er nimmt Alles hin, wie's kommt, wenn's ihm auch noch so fatal ist. Gehen wir gleich durch's Billardzimmer, da haben wir näher. (Beide links ab). Vierte Szene Biber (überladen elegant gekleidet durch die Mitte). Den ersten Witz hat der Teufel geliefert in Gestalt einer Schlange, wie er die Eva mit dem gewissen Apfel hat aufsißen lassen, und seit der Zeit nennt man auch jeden witzigen Menschen einen Teufelskerl, obwohl mit 19 Unrecht, ein guter WiH hat etwas Göttliches in sich, und ich schlage daher vor, daß man in Zukunft jeden Witzling einen Götterkerl nenne.' Auch bin ich mit der Redensart: er hat einen Witz gemacht, er hat einen Witz gerissen, nicht einverstanden, eigentlich sollt'ö heißen: er hat einen Witz geliefert, denn die Meisten, die sich mit dem Witzigsein abgeben, sind heut zu Tage schon geliefert ; jeder Witzbold läßt die Leute blau anlaufen, und da geschieht es denn manchmal, daß die Leute v!os versa den Witzbold blau anlaufen lassen, wie Figura zeigt, (reutet auf sein blau geschlagenes Auge). Die Entstehung dieses Vergißmeinnichtes ist ganz einfach. Nach der gestrigen Produktion haben mich mehrere Verehrer meiner Kunst mit Champagner traktirt, denn ich trink' keinen andern Wein. Bei der siebenten Flasche war ich schon über die Maßen witzig, jedes Wort war ein Bonmot, jeder Laut ein Spaß. Wir waren ungeheuer geistvoll, unter Anderem wurden auch Rebus aufgegeben. Wie die Reih' an mich kommt, nimm ich einen Eierdotter, gieß ihn einige- male aus einer Schale in die andere, und frage: WaS bin ich jetzt für ein Professionist? Niemand errath's, Alles zahlt Strafe. Endlich schrei ich trium- phirend: „Ein Gelbgießer." Alle lachen, bis auf Einen, den hat das Tiefpoetische meines Rebußes dergestalt aus der Fassung gebracht, daß ihm sein Champagnerglas aus der Hand und mir in's Aug' g'fallen ist. Wenn wir wieder Rebus auflösen, bleibt mir nach der gestrigen Erfahrung nichts übrig, als zu Jedem, der in meiner Nähe steht, zu sagen: Zehn Schritt vom Leib, wenn ich bitten darf. (Nimmt von einem der Tische eine Gabel und schlägt damit an ein nebenstehendes Glas). Fünfte Szene. Voriger. Kellner. Kellner. Was schaffend? Biber. Ist mein Prinzipal noch nicht da? Kellner. Was soll er denn da? Es wundert mich auch, daß Sie da sind. Biber. Geht das Dich was an, lebendiger Klingelbeutel. Ob mein Prinzipal da war, will ich wissen. Kellner. Er war noch nicht da. Biber. So wird er noch kommen. Bring mir ein Seite! Rüster und ruf mir Deinen Herrn, Trinkgeld-Kro- kodill. Kellner (im Abgeben). Aha, weil wir's nicht mehr spielen lassen in unserem Salon, Werdens grob. (ab). Sechste Szene. Biber allein. Der Wirth muß verrebelt werden! Untersteht sich der Dampfnudelfabrikant uns sein Lokal zu verbieten, uns — der ersten Volkssängergesellschaft der Residenz! — 's liegt zwar nicht viel d'ran, wir haben noch Beiseln genug, wo man sich reißt um uns — aber — ärgerlich ist's doch! (blickt nach rechts). Aha, da wackelt er ja schon daher. Siebente Szene Voriger. Wirth. Wirth (höflich, etwas verlegen). Herr von Biber haben mich rufen lassen? Biber. So was dergleichen. Wirth. Wünschen, Herr von Biber? Biber. Ein Seitel Rüster, aber an echten, ohne Weinberl undZibeben. Wirth. Sollen augenblicklich bedient werden (ruft in die Szene). Lorenz! g'schwind ein Seit! Rüster für den Herrn von Biber. L 20 Biber (stellt sich dicht vor ihn, die Hände in den Hosentaschen, den Hut auf dem Kopf). Sie haben Reunion hier mit neugebackenen Harfenisten? Wirth. Allerdings, nach dem Wunsche meiner verehrten Gäste — (Kellner bringt Wein und gebt gleich wieder ab). Biber. Fährst nit ab, Backhändelerzeuger ! Jetzt thut er, als ob ihm an den Wünschen seiner Gäste was gelegen wär'! Die verehrten Gäste wünschen seit Jahren größere Portionen, haben Sie ihren Wunsch erfüllt? Die verehrten Gäste wünschen das Wasser allein und den Wein auch ertra. haben Sie ihren Wunsch erfüllt? Sprich, Magenschänder, Gurgelverderber (schenkt sich ein). Wirth. Herr Biber, keine Beleidigung ! Biber (nachdem er getrunken). Jetzt nennt er das Beleidigung, wenn man ihm die Wahrheit sagt, (geht auf ihn los). Was würden Sie sagen, wenn ich Sie wirklich beleidigen wollte, wenn ich mich für einen Tonkünstler, und Ihr Gesicht für eine Guitarre anschau, auf der ich einige Griffe versuchen wollte? Achte Szene. Vorige. Karg, dann Leeberg und Mühlenau (von linke), Breselmeyer (durch den Haupteingang). Karg (zurücksprechend). Pst! Pst! Hier gibt's Skandal! Wirth. Soll ich meine Kellner rufen? Biber. Rufen Sie's nur unge- nirt, die KerlS kommen erst, wenn man schon sechsmal gerufen hat, bis dahin ist meine Rache längst g'stillt. (erblickt Breselmeier. der den Wirth von der anderen Seite attaquirt). Ah, der Prinzipal, g'rad recht. Leeberg. Hier geht's ja lustig zu! (bleibt mit Karg und Mühlenau an der Thüre stehen). Mir scheint, die prügeln sich? Wirth (Breselmeyer erblickend). Herr Jemine, — jetzt ist der auch da! Breselmeyer (den Noblen spielend). Ja, er ist auch da, um Sie die Nichtswürdigkeit Ihres Benehmens fühlen zu lassen ! — Wenn ich ein gemeiner Mensch wäre, würde ich Ihnen sagen — Wissen Sie, was ich Ihnen sagen würde? Ich würde Ihnen sagen — Biber. Was reden's denn lang mit dem Salonrauber, fahren's ihm mit der flachen Hand rechts a paar Mal über's G'stcht (deutet eine Ohrfeige), und ich accompagnir mit der geballten Faust links (macht eine Faust), so ist die Sache abgethan; — (wollen aus den Wirth losfahren, in diesem Augenblick tritt Leeberg vor). Leeberg. Halt! halt, Ihr Herren, nicht so hitzig. Wirth (sich schnell an ihn klammernd). Um's Himmelswillen, schützen Sie mich vor diesen Rasenden. Biber (scharf). Schändlich! das Werk der Rache ist vereitelt. Leeberg. Sie sind der Wirth? Warum wollen sich diese Menschen an Ihnen vergreifen? Biber. Der fragt noch. Ah das ist stark! Bresel meyer (Karg, Leeberg und Mühlenau mit Stolz musternd). Meine Herren, kennen Sie mich? Karg und Leeberg. Wir haben nicht die Ehre. Breselmeyer. Ich bin der Volkssanger-Gesellschafts-Direktor Breselmeyer. Biber. Und ich sein Compagnon. Breselmeyer. Eigentlich bin ich mehr Schriftsteller als Sänger. Biber. Ja, aber zu Zeiten singt mein Prinzipal auch das, was er ge- schriftstellert hat. Breselmeyer. Da sich jedoch alle modernen Bestrebungen in neuester Zeit dem Volke zuwandten, wollt' auch ich nicht Zurückbleiben und bin ri Volkssänger geworden. Sie wissen nun, wer ich bin, und jetzt will ich Ihnen auch sagen, wie dieser Mensch gefre- velt hat an mir. Biber. Eigentlich an uns, denn ich bin Compagnon. Neunte Szene. Vorige. Klara, Fanny (mit der Guitarre am Arme), Simon (Klaras Harfe tragend und ein kleines Kästchen, kommen durch den Haupteingang, gehen quer über die Bühne in die Thüre links). Wirth (zu Karg und Mühlenau). Andere Harfenisten Hab' ich spielen lassen, das ist das Ganze. Biber (die Etntretenden erblickend), Herr Prinzipal, dort schauenß hin. Breselmeyer (höhnisch lachend). Also, das sind die Tausendkünstler, die uns verdrängt haben? Biber. Eine armselige Bagage, die sich die Instrumente selbst tragen, 'sist lächerlich. M ü h l enau (zu Karg). Welche von Beiden ist Theodor's Flamme? Karg. Das weiß ich selbst noch nicht. Leeberg. Kommt, besehen wir sie genauer. (Wollen den Abgegangenen nach). Wirth (vertritt ihnen den Weg). Ich bitt' meine Herren, dort ist der Haupteingang für die Gäste, hier ist nur daS Schenkzimmer, das mit der Kellnerei in Verbindung steht. Leeberg. Aber wir wollen den Mädchen nach! Wirth. Versuchend das nicht, Euer Gnaden, der alte Herr ist ein wenig grantig. Mühlenau. Oho! Ein Cerberus also? Wirth Und das was für Einer! 's wird besser sein, die Herrschaften versuchen im Saal ihr Glück. (Begleitet fie bis zur Saalthür). Mühlenau (im Abgehen). Nun, wie Sie glauben. Karg (ebenso). Kuriose Wirtschaft das! Wirth (zu den Zurückgebliebenen drohend). Wir sprechen uns noch. (Schnell ab in den Salon). Biber. Allemal! Rostbratlver- kleinerer. Zehnte Szene. Biber. Breselmeyer. Breselmeyer (rasch auf und ab gehend). O Volksgunst, wie bist du wandelbar! Zehn Jahre meines Lebens Hab' ich deinem Vergnügen gewidmet, und jetzt — Biber (trinkend). Und jetzt aban- donirts uns, wie eine Weltdame a paar zerrissene Glac^-Handschuh' — das ist Weltlauf-Schicksal, — und cavourlt mich nicht im Geringsten. Breselmeyer. Sie, Sie — waS reden Sie? — Sie waren Maschine meiner Gedanken, Sprachrohr meiner Empfindungen. Biber. Jetzt nur nicht lang per Maschine und Sprachrohr, das bitt' ich mir aus! Ich Hab' so viel geleistet mit mein Bierbaß, wie Sie, ja noch mehr wie Sie mit Ihrem bockledernen Tenor. Breselmeyer. Herr Biber, keine Gemeinheiten — Biber. Herr Prinzipal, keine Grobheiten, sonst geh' ich gleich aus'n Engagement, und etablir' mich selber. Breselmeyer (ihn mit Verachtung firirend). Zu klein für meinen Haß. Biber. Na freilich, wegen Ihnen werd' ich halt wachsen! (entrüstet). Ach, da schaut's her, na wart! (will rechts ab). Breselmeyer. Wohin? Biber (rechts deutend). Zu den Andern! Mit uns ist's aus! ich refignire. (Madame Frink und Adele kommen mit Gut- wann durch den Haupteingang und gehen in den Salon, vor und nach ihnen mehrere Gäste). Breselmeyer (tragisch). Wie Biber, auch Du? — Nein Biber, Du kannst mich nicht verlassen, ich werde, was ich nie gethan, für meine Gesellschaft einige Frauenzimmer rekrutiren. das wird Dich zerstreuen und Dich erheitern, und Du wirst es nie bereuen, daß Du gehörst zu meinen Streitern. Biber (ergriffen, beinahe weinend). Na seh'ns, Prinzipal, wenn's so reden, nachher sind wir schon wieder gut. Breselmeyer (ihn küffend). Leb' wohl, Bruderherz! ich geh' in den Salon. Auf Ehre, ich engagire das Mädchen auf'n Fleck, (in den Salon ab). Eilfte Szene. Biber. Hm! die Zdee war nicht dumm, die Eine besonders, die mit der Quitarre, die schaut in d'Welt, als ob's fragen wollt: „Wie theuer bist denrr, ich kauf dich auf der Stell'". Die g'fallt mir, sie hat so was Entschiedenes in ihrem ganzen Wesenich muß doch schauen, warum's noch nicht anfangen. (blickt durch das Schlüsselloch). Zwölfte Szene Voriger. Benjamin mit Theodor (durch die Mitte). Theodor. Grüßen Sie mir die Mädchen. Benjamin (pfiffig). Schon recht, schon recht, später sehen wir uns ja wieder. (Kommt, während Theodor in den Salon geht, an die Thüre, wo Biber steht; mit Befremdung zu diesem). Sie erlauben schon. Biber (barsch). Was haben Sie da zu suchen? Benjamin (erschreckt). Nichts, aber darf ich fragen, was Sie da verloren haben? Biber. Was ich verloren Hab'? Mein Herz, wann's der Herr schon wissen will; ich Hab mich g'rad durch's Schlüsselloch verliebt. Benjamin (starr). Und in wen denn, wenn ich bitten darf? Biber. In die schwarzäugige Harfenistin! (fieht wieder durch's Schlüsselloch). Benjamin (für sich). Zn meine Fanny? Nicht übel! (laut). Und hat die besagte Schwarzäugige besagtes Herz auch schon gefunden? Biber. Noch nicht, aber bald, denn ich werd' ihr's zu Füßen legen. Benjamin (für sich). Gott sei Dank! (laut). Sie haben wohl Ihr Herz schon öfter verloren und bald wieder g'funden? Biber. Nicht so oft als der Herr seinen Verstand, den er aber noch nicht gefunden hat. Benjamin. Empfehl' mich ergebenst! (will hinein). Biber (stellt sich vor die Thüre). Da darf kein Mensch hinein, ich leid's nicht. Dreizehnte Szene. Vorige. Fanny (von Innen die Thüre öffnend). Benjamin. Jetzt ist's recht. Fanny. Aber Benjamin, wo bleibst denn? Wir warten schon. Benjamin. Du siehst ja, ich kann nicht; der Herr laßt mich nicht hinein. Fanny. Warum denn nicht? Wer ist er denn? Benjamin. Vermuthlich ein Theaterdirektor, weil er den freien Eintritt aufgehoben hat. Fanni (ist herausgetreten und zieht Benjamin mit sich fort). Komm nur, komm, es ist die höchste Zeit. (Beide ab). 23 Vierzehnte Szene. Biber (Allein, nach einer Pause). Abgeblitzt; schmachvoll abgeblitzt! Das Lokomotiv ihres Herzens ist bereits geheizt, der Kondukteur hat geblasen, der Train ist in Bewegung, nur die Lastwägen sind noch nicht angehängt, und auf denen ist für einen Passagier meiner Gattung kein Platz zu kriegen. Ich war zu voreilig, ich hätte bedenken sollen, daß eine Harfenistin ohne Liebhaber gar nicht denkbar ist. Ich gebe aber doch nicht alle Hoffnung auf. Ein Mann, wie ich, kennt kein Hinderniß. (In den Salon ab). Fünfzehnte Szene. Fanny (von rechts), Kellner (von links). Fanny. Die Hitz' da drinn ist unausstehlich, wenn mir nur Jemand — Kellner (geht aus dem Billardzimmer in den Garten). Fanny. Wollen Sie mir nicht ein Glas Wasser bringen? Kellner. Mit Vergnügen, Mamsell. (eilt ab). Fanny. Ich möchte nur wissen, was der Fräulein Klara fehlt; seit einer Viertelstunde ist sie wie ausgewechselt, zittert am ganzen Leibe, wird bald blaß, bald roth. Sollt' Ihr wirklich der junge Mann im Kopf stecken, der uns überall nachsteigt? (Kellner offe- rirt ihr auf einem Teller das verlangte GlaS Wasser). Er scheint ein recht solider Mensch zu sein. Keil Iler (Fanny's letzte Worte auf sich beziehend). O ich bitte — zu gütig' Fanny (für sich, lachend). Jetzt glaubt der, ich meine ihn. (trinkt und gibt das Glas zurück). Ich danke recht sehr. (Kellner ab durch die Seitenthür). Fanny (will fort). Sechzehnte Szene. Biber und Breselmeyer (stehen vor der Thür, die Hände ineinander haltend, daß Fanny nicht durch kann). Breselmeyer (galant). Schönes Kind, wer hier durch will, muß Zoll geben. Fanny (für sich). Das ist ein nagelneuer Witz. (laut). Meine Herren, ich Hab' kein kleines Geld bei mir. Biber (will den Niedlichen spielen). Wir begnügen uns auch mit Naturalien. Breselmeyer. Oder mit Pfändern, die später ausgelöst werden müssen, (will ihr das Schnupftuch nehmen). Biber. Nein, ich bleib' schon bei den Naturalien. Fanny. Bleiben Sie, bei was Sie wollen, aber nur mir hübsch vom Leibe. Breselmeyer (wichtig). Wenn Sie wüßten, wer wir sind, würden Sie Ihren Ton bedeutend ändern. Fanny. Wer Sie sind, weiß ich nicht, aber was Sie sind, kann ich mir denken. Biber (halblaut zu Breselmeyer). Prinzipal, die wird anzüglich. Breselmeyer. Mamsell, ich bin der Volkssanger- Gesellschafts-Direktor Breselmeyer. Biber. Und ich sein Kompagnon. Fann y. Also ein Harfenist sind's? Na, da sind's auch was recht'ö. Breselmeyer (empört). Harfe —Harfe—Harfenist — das Wort schnürt mir die Kehle zusammen! Ich, der Mann, von dem die Possendichter monatlich mehr Gedanken ausleihen, als das Jahr Tage hat — ein Harfenist! 's ist zu toll! Mamsell — wenn Sie ein Mann wären und kein Frauenzimmer. für dieses Wort sollten Sie mirblutig büßen. Ich, der Troubadour! der Minstrel des neunzehnten Jahrhunderts — ein Harfenist, ich, dessen 24 Werke 10 Auflagen erlebt ein Harfenist. Sie haben Ihr Glück verscherzt, ich verachte Sie. (stürzt ab). Siebzehnte Szene. Vorige, ohne Breselmeyer. Fanny (erstaunt). Ah! da muß ich bitten! Biber. Na! Sie hab'n was Schön's ang'richtet; ist steh'für nichts! Fanny. Ist denn zwischen einem Harfenisten und einem Volkssänger gar so ein großer Unterschied? Biber. Das will ich glauben! Da kann man eher einen Oommis vo^a- Asur Musterreiter, einen Tonkünstler Musikant, einen Llaryon Kellnerbuben und einen Lohnbedienten Stiefelputzer schimpfen, als einen Volkssänger an Harfenisten. Fanny. Mir ist unendlich leid, diesen Verstoß begangen zu haben, und in meiner Zerknirschung bleibt mir nichts übrig, als mich reuevoll Ihrem geneigten Andenken zu empfehlen, (will ab). Biber (hält sie zurück). Sie fühlen die Größe der uns angethanen Schmach, schauen's, Sie, das söhnt mich wieder mit Ihnen auS. Ich meine es gut mit Ihnen! Fanny. Bin überzeugt davon, (immer unruhiger). Aber jetzt muß ich fort. Biber. Ich offerire Ihnen eine fixe Anstellung in unserem Künstler- Verein. Fanny. Ihre Güte setzt mich wirklich in Verlegenheit. Biber. Das thut nichts! Verlegenheiten sind bei Frauenzimmern was Gewöhnliches. Tritt ein Mädchen zum ersten Male in die Welt, so ist sie verlegen, überrascht man sie bei einem Rendezvous, so wird sie verlegen, und kriegt sie keinen Mann, so bleibt sie verlegen, und das glaube ich ist die größte Verlegenheit. Sie nehmen also meinen Antrag an? Fanny. Ich bitt'Ihnen, laffenS mich aus. Achtzehnte Szene. Vorige. Benjamin (aus der Seiten- thüre rechts). Benjamin (mit einem tragischen Anflug). Im Gegentheil, halten Sie'S fest, denn ein Frauenzimmer, das mit einem Andern konversirt, während ihr Geliebter musizirt, ist werth, von einem Manne Ihres Gleichen festgehalten zu werden. Biber. Ui, der Liebhaber! Fanny. Der Herr hat mich aufgehalten! Benjamin. Und Du hast Dich bei ihm aufg'halten. Ich weiß! Fanny. Er hat mir einen Antrag gemacht. Benjamin. Einen Antrag? Zweifle keinen Augenblick. Biber. Aber in allen Ehren. Benjamin. Ist das möglich? Du hast den Antrag doch angenommen ? Fanny. Ohne Dich zu fragen? Wie kannst Du glauben — Benjamin. Fragen willst mich also auch? DaS kommt ja immer besser. Fanny. So versteh' mich unr recht. Der Herr hat — Benjamin. Dir sein Herz zu Füßen gelegt und Du hast's aufgehoben — ich weiß Alles, er hat mir's ja früher g'sagt. Fanny. Ah, das ist stark! Benjamin. eontraire! es war schwach, sehr schwach Deinerseits. Ich hätt' Dir mehr Stärke zugetraut — Fanny! Fanny. Aber um Himmelswillen, so redend doch— sagenS ihm doch — Biber. Erlauben Sie mir. 25 Benjamin. Ich erlaube Ihnen gar nichts, Sie haben sich ohnehin schon zu viel erlaubt — verstanden? Biber. Aber — Sie sind — Benjamin. Still! (Bibrr musternd). Also so schaun's aus, die einem d'Ma- deln abspenstig machen? — Ich hätt' mirs anders vorg'stellt, ich Hab mir gedacht, ein Mann, der zugleich Herzensdieb sein will, muß mehr vom Apollo, und weniger vom Spatzenschrecker hab'n. Biber. Spatzenschrecker? Herr, ich Hab' in meinem Leben noch keinen Spatzen g'schrcckt. Benjamin. Was nicht ist, kann noch werden, als Monument auf ein' Krautacker wird er sich prächtig ausnehmen. Biber (perplex). Da hört Alles auf! Benjamin (sehr heftig). Still,—! oder (zu Fanni, sentimental). Und nun zu Dir, Verbrecherin. Fanny (nimmt ihn sanft bei der Hand und streichelt ihm mit der andern 'S Kinn). Jetzt ist wieder nichts z'reden mit Dir, Du bist zu sehr in der Hiß, wenn Du ruhiger bist, so komm hinein, dann werden wir mit einander abrechnen (zärtlich). Du kommst doch bald? Benjamin (ganz vergessend, daß er rabiat ist). 3» zwei Minuten. Fanny. Adieu! (ab). Benjamin (sehr freundlich). Leb' wohl! — Sie hat recht, mir ist warm, sehr warm, die G'schicht hat mich echauffirt, ich muß mich abkühlen. Biber (verwundert). So was ist mir noch nicht vorgekommen. Benjamin (wieder heftig). Was ist Ihnen noch nicht vorgekommen? Biber. So viel Zärtlichkeit von der einen, und so viel Heftigkeit von der andern Seite. Benjamin. Bin ich heftig gewesen, da weiß ich kein Wort davon. Biber. Aber ich. Sie hab'n ja daß arme Kind ang'fahren als ob's weiß Gott weiß was verbrochen hätte, und sie hat gar nichts gethan als mit mir g'redt. Benjamin. Ja, das ist ja kein Verbrechen. Biber. Freilich nicht. Benjamin. Warum haben's mir denn das nicht gleich g'sagt? Biber. Sie haben mich ja nicht zum Wort kommen lassen. Benjamin. Auf die Art Hab' ich ihr Unrecht gethan, und Ihnen auch? Biber. Na. und wie? Sie sollten uns eigentlich alle Zwei um Verzeihung bitten. Benjamin. Das werd' ich mir überlegen (sehr höflich). Mit wem habe ich die Ehre? Biber. Ich'bin Gesangs-Künstler. Benjamin. Was der Tausend! Opernsänger? Biber. So halb und halb, das heißt, ich sing' aus Opern, aber nicht grad' in der Oper. Benjamin. Aha! im Concert- saal! aber das trifft sich ja herrlich, ich bin auch Virtuos. Biber. Hab' schon die Ehre. Benjamin. Das wäre! Nun wie finden Sie meinen Strich? Biber. Ganz paganinisch. Benjamin. Und mein Stac- catto? Biber. Der Ernst ist nichts dagegen! Benjamin (immer rascher). Und mein Tremollo? Biber. Der Benot muß von Ihnen Lection genommen haben. Benjami n. O ich bitte, zu schmeichelhaft! Sie sind wirklich ein sehr interessanter Mensch! — wir müssen uns näher kennen lernen. In einer halben Stunde komm' ich in das Gastzimmer hinüber, da trinken wir Freundschaft 26 Biber. Schön, schön, also ich erwarte Sie dort! Benjamin. ^ rovoir, Sie lieber Kerl! (ab). Biber (im Abgehen). Zuerst war ich mit ihm grob, dann war er mit mir grob, und jetzt sind wir alle Zwei höflick miteinander, daß es wirlich eine Schande ist. Das ist übrigens Weltlauf, und kommt im Leben sehr oft vor (zur Mitte ab). Neunzehnte Szene. Gutmann. Mad. Frink. Adele. Th eod 0 r (aus dem Salon). Theodor (tritt zuerst heraus und spricht zurück). Mama, hier ist ein ganz charmantes Plätzchen, auch die Hitze nicht.so lästig, wie da drinnen. Oar^on! (Ein Kellner stürzt dienstbeflißen herein, eine Speisekarte in der Hand. Theodor wählt aus, während Adele Hut und Shawl aus einem Stuhl am Tische links ablegt. Das Nachfolgende wird rasch und leise gesprochen). Mad. Frink. Was sagen Sie zu der Geschichte? GUtMaNN (zuckt die Achsel). Mad. Frink. Theodor muthet mir zu, die Dirne ins Haus zu nehmen. Gutmann. Wird seine Gründe haben. Vielleicht will der Sohn sühnen, was der Vater verbrach. Mad. Frink. Sind Sie rasend? Theodor weiß von der Affaire kein Wort, ahnt nicht einmal, daß ich die Person schon öfter sah, aber er ist verliebt in sie. G utmann und Adele (beinahe zugleich). Wie? Was? verliebt? Theodor verliebt in das Harfenmädchen? Mad. Frink. Merkten Sie denn das nicht? Theodor (im Hintergründe). Mama, befehlen Sie Champagner oder Bordeaux? Mad. Frink. Bordeaux! (zu Gutmann fortsahrend). Er hält sie für einen Tugendspiegel, wenn ihm das Dämchen nicht auf irgend eine Weise verdächtigt wird, ist er im Stande sie zu heirathen. Gutmann (nach einem Moment der Ueberlegung). Seien Sie unbesorgt, diese Mariage hintertreibe ich mit drei Worten. Mad. Frink. Wenn Sie das könnten. — Zwanzigste Szene. Vorige. Mühlen au. Karg. Lee- berg. Theodor. Kommt ihr endlich, ich dachte schon, wir müßten Euch holen. Karg. Zu Eurem Souper, mich? Das wäre LuxuS! In derlei Angelegenheiten kenne ich keine Ziererei (geht zum Fenster). Leeberg. Gnädige Frau, wie fühlen Sie sich in solcher Atmosphäre? Mad. Frink. Der Tabaksqualm greift meine Nerven an. Adele. Hier ist's noch leidlich, aber dort (auf den Salon) unerträglich ! L e eberg (zu Theodor). Wirst Du die reizende Harfnerin nicht zu unserer Tafel ziehn? Theodor (zögernd). Wenn die Mama nichts dagegen hat-, — Mad. Frink (blickt Gutmann fra- gend an, dieser nickt bejahend). Ich nicht das Geringste! Thodor. Dann eile ich sie zu holen (ab). Leeberg. Meine Gnädige, Sie sind eine Mutter eonuvo 11 kaut. Müh len au. Wenn die Meinige so viel Nachsicht mit- meinen Schwächen hätte; — Adele (zweideutig). Wer weiß, würde es dann nicht klug sein, so zu handeln wie Frau von Frink. 27 Karg (der abermals bas Firmament beguckt). Alle Teufel, es zieht sich ein Gewitter zusammen! Leeberg. Mir scheint Sie träumen, es ist ja der herrlichste Abend. Karg. Aber dort am Gebirge. Adele. Lagert sich der Nachtnebel, weiter nichts. Karg. Es wäre gut, wenn es so wäre, wie Sie sagen, aber ich fürchte, ich fürchte. Mad. Frink (welche inzwischen mit Gutmann sprach). Wenn es mißglückte, bedenken Sie die Blamage! Gutmann. Ohne Sorge, ich bin meiner Sache gewiß. (Führt Mad. Frink zum Tisch). Mühlen au (zu Theodor, welcher eben eintritt). Nun, kommen Sie? Theodor. Nach der letzten Nummer. (Alles hat sich gesetzt. Zwei Kellner servilen, eS tritt eine momentane Pause ein). Gutmann. Freund Theodor, Sie wollen also par tout mit Harfenisten soupiren? Theodor (kurz). Wie Sie eben hörten, ja. Gutmann. Wozu haben Sie dann uns geladen? Theodor. Um meine Mutter mit dem herrlichen Wesen näher zu befreunden. Gutmann (ironisch lächelnd). Eine derlei Freundschaft wird sich Mama höflichst verbitten. Theodor (rasch). Wie meinen Sie das? Gutmann. WaS ich eben sagte, war deutlich genug. Theodor. Zweifeln Sie an der Tugend dieses Mädchens? Gutmann. Tugend und Harfenistin — wer will diesen RebuS lösen? Theodor. Mein Herr, Sie werden beleidigend. Gutmann. Nicht im Geringsten, ich wollte Ihnen nur sagen, daß ich Geschöpfe dieser Gattung, um mich . gelinde auszudrücken, bedaure. Theodor (aufspringend). Das ist zu viel. Leeberg, Müh len au, Adele. Meine Herren! Mad. Frink. Theodor ! (fast zugleich). Karg. Jetzt wird die Geschichte pikant. Gut mann. Was gilt die Wette, Ihr Ideal bewilligt mir ein Rendezvous ? Theodor (verächtlich). Abgeschmackter Geck. GUtMaNn (hat aus seinem Portefeuille eine Vifitkarte gezogen, auf die er einige Worte schreibt, dann selbe Leeberg zeigend). Was steht auf dieser Karte? Leeberg (lachend). Hübsche Klara, wann kann ich Sie morgen ungestört sprechen? Gut m ann (zu einem der Kellner). Kellner, gib das der blaßen Harfnerin, und laß Dir die Antwort auf die Kehrseite schreiben. (Kellner ab). Theodor (will ihm nach). Ich dulde nicht, daß ein Mädchen meinetwillen beschimpft wird. Gut mann. Oho! Sie haben Angst? Leeberg (hält Theodor zurück). Laß doch den Einfaltspinsel, wenn er sich mit Gewalt blamiren will. Theodor (sich bezwingend). Nun denn, so sei's (drohend) wenn aber — GUtMaNN (einfallend mit frecher Zuversicht). Wenn aber das Rendezvous nicht zugesagt wird, leiste ich kniend Abbitte. Karg. Ganz Königin in der Griseldis, schade, daß er einen Backenbart trägt. Kellner (kommt zurück und gibt Gutmann die Karte, der sie jedoch nicht nimmt und dem Theodor zuweist). Theodor (liest mit zitternder Stimme). Um 10 Uhr Früh erwarte ich Sie! (Allgemeines Erstaunen). Das ist Betrug, 28 satanischer Betrug — und doch — ich kann nicht zweifeln — . Gut mann (lachend). Nun, mein junger Herr, was sprechen wir nun? T heodor. Daß ich ein blinder Thor gewesen, dem Sie den Staar gestochen, (beinahe weinend). Das Helle Licht thut meinen Augen weh. (mit bitterem Lachen). Doch holla! — nein! Ein solches Weib ist keiner Lhräne werth. (Mad. Frink anscheinend ruhig zum Tische führend). Verzeihung. Mutter, daß ich in einer Pfütze einen Engel suchte. (Alle setzen sich). Gutmantt (mit erheuchelter Herzlichkeit die Hand reichend). Sie zürnen mir doch nicht? Theodor (Gutmann'S Hand schüttelnd). Die Arznei war bitter, aber sie half. (Stürzt ein GlaS Wein aus). Einundzwanzig^ Szene. Vorige. Benjamin. Klara. Fanny (rechts), dann Simon (mit seinem Kästchen). Benjamin (Klara herausführend), Benjamin. Kommen's nur Fräulein Klara, Sie haben nichts zu fürchten, er ist ein solider junger Mann, ich stehe gut für ihn, und seine Mama ist ja auch dabei, (erblickt die Uebrigen). Aha! dort fitzens! (zu Theodor). Weil Sie's erlaubt haben, sind wir so frei — Sie haben uns eingeladen, und wir kommen — (Pause). Klara (Fanny krampfhaft bei der Hand nehmend). Was ist das? Fanny. Vielleicht hat sich der Benjamin wieder einmal geirrt. Benjamin (ganz perplex, weiß nicht mehr, was er sagen soll). Sie — Herr von — wie heißen's? Theodor (gezwungen, als ob er sie eben bemerkt hätte). Ah, Ihr seid's? — Habt recht charmant gespielt, laßt Euch auf meine Rechnung Esten bringen. Benjamin (im höchsten Erstaunen). Erlauben Sie — Theodor. Schon gut, schon gut. (zieht aus seinem Portefeuille eine Banknote) und dieß hier schenkt Euch meine Mutter, doch nun mit Gott! (In diesem Momente tritt Simon aus der Seitenthüre). Simon (zu Theodor, der seiner Mutter gerade gegenübersitzt). ZÜndholzel, Fidibus, Zahnstocher! Schaffens was, meine Herren? Theodor (barsch). Wir brauchen, nichts. (Bei Simon'S Stimme fährt Mad. Frink in die Höhe und starrt denselben an, der auch sie zu kennen scheint). Benjamin (in höchster Verlegenheit zu Fanny). Ja, wie ist mir denn? Fanny. Du wirst halt nicht recht verstanden haben. Simon (geht an Leeberg, Mühlenau, Karg vorüber und bleibt bei Mad. Frink stehen). Zündhölzel, Fidibus, Zahnstocher — schaffend was? Auch gute Nachtlichter Hab ich da, gnädige Frau, kaufend mir was ab. (Mad. Frink macht eine heftig verneinende Bewegung und wendet das Gesicht zu Gutmann). Theodor (heftiger). Packt Euch, wir kaufen Nichts. Simon (ohne sich stören zu lassen). Nachtlichter, gnädige Frau, brauchend keine Nachtlichter? (Bewegung wie oben). Es gibt Augenblicke, wo man nicht schlafen kann, wo man sich den Magen überladen hat, oder wo einen das Gewissen druckt; — kaufens mir was ab. Theodor (auffahrend). Wenn sich der Gauner nicht augenblicklich entfernt — (sucht nach einem Stocke). Simon. Oho! oho! Ich geh ja schon, Hab nur von der Gnädigen der Seltenheit wegen auch einmal a Geld lösen wollen, (zu Mad. Frink). Sie kaufen also nichts? Theodor. Noch ein Wort und die Flasche fliegt an Deinen Kopf. LS Mad. Frink (in höchster Angst abwehrend). Mein Sohn, was willst Du thun? Theodor. Den Schurken züchtigen für seine Frechheit. Mühlen au und Leeberg (suchen ihn zu beruhigen). Simon. (Hut und Stock entfällt ihm sammt dem Kästchen, er faßt Mad. Frink mit Heftigkeit am Arme). Das ist Dein Sohl» ? Sprich, meine Tochter, zum Erstenmale nach 15 Jahren, nenn' ich Dich so, — ist das Dein Sohn? Mad. Frink (vernichtet). Vater! Er kannte Euch ja nicht. Alle. Ihr Vater? Simon (die Hände ringend). Der mich schlagen wollte, ist ihr Sohn. Theodor (stürzt zu Simon'S Fü- (Gruppe: Madame Frink fingirt Ende des ztt ßen). Ihr, Ihr der Vater meiner Mutter 1 O Du mein Gott, was wollt ich thun? Simon. Za, 'sist meine einzige Tochter, der ich die Früchte vierzigjähriger Anstrengung und Betriebsamkeit zum Opfer gebracht, meine Tochter, die im Vereine mit ihrem liederlichen Manne meinen Kredit benutzte, um mich zu ruiniren, meine Liebe, um mich an den Bettelstab zu bringen. —'sist Alles gelungen, im vollsten Maße gelungen; ja, zuletzt hat sie mich um meinen ehrlichen Namen gebracht, im Schuldenarreste büßte ich die Thor- heit, die mich verleitete, meinem Kinde mehr zu vertrauen, als mir selber, — und der mich schlagen wollte, — ist ihr Sohn!— n'ne Ohnmacht in Adele's Armen.) eiten Aktes. Dritter Akt. (Dachzimmer bei Klara wie im ersten Akt). Erste Szene. Simon. Klara. Klara. Er war bei Ihnen? Simon. Ja, und es hat mich herzlich g'freut, daß er gekommen ist. Ich habe dadurch' die Ueberzeugung gewonnen, daß auch ein kranker Baum gesunde Früchte tragen kann; wie herzlich war seine Reue der gestrigen Behandlung wegen, und im Grunde kann ihn kein Vorwurf treffen, er hat ja keine Ahnung gehabt von der Existenz seines Großvaters. Klara. Wie? seine Eltern verschwiegen ihm — Simon. Alles, was mich betrifft und ihr Verhältniß zu mir, sie gaben mich für todt aus. Eigentlich bin ich'S ja auch, denn ein Vater, der arm geworden, ein Vater, der nimmer nachrucken kann, wenn das Heiratögut verschwendet ist, ein Vater, den man verlockt hat, als Bürge Schuldscheine mit zu unterschreiben, wegen denen er dann in Schuldenarrest wandern muß, ein solcher Vater ist sür manche Familie todt — maustodt! Klara. Warum aber Lheodor'S Heftigkeit, dieser kalte Hohn schon vor Ihrem Erscheinen? Simon. Das Alles hat einen anderen Grund, der wird auch in's Klare kommen. Wie viel Uhr haben wir denn schon? Klara. Gleich zehn. Simon. Da kommt wohl bald der Gewisse wegen der 8000 Thaler, dem Sie gestern ein Rendezvous auf die Stunde zugesagt haben. Ist er selbst der Schuldner Ihres verstorbenen Pflegevaters? Klara (verneinend). Simon. Nicht? Wer denn? Klara. Gutmann ist nur der Vermittler. Simon. Und der eigentliche Schuldner? Heraus damit! — Sie zögern — Klara. Erlassen Sie mir die Antwort! Simon. Also mein Schwiegersohn. Nach einem Tropfen Süßigkeit, wieder ein Meer voll Galle. Ja, ja, 'sist schon so, ich erinnere mich; Frink hatte einen Bruder — und die drei Kleinen sind seine Kinder? (Rasch und energisch). Nicht um einen Pfennig dürfen's verkürzt werden. Oho! ich bin nicht so arm, als man glaubt; zehn Jahre Hab' ich geknickt, gespart, gebettelt, Hab' selbst mir nie Rechenschaft geben können, warum — jetzt weiß ich's, und dank meinem Gott, daß ich's gethan habe. Zweite Szene. Vorige. Gutmann. Gutmann (hineindeutend). .Verwünscht, wieder nicht allein! '(laut). Mademoiselle! Klara. Sie wünschten mit mir zu sprechen? Gutmann. Ohne Zeugen — in Geschäftsangelegenheiten. 31 Simon (beinahe grob). Meine Gegenwart wird nicht geniren, ich bin von Allem unterrichtet. Gutmann. So? Dann entschuldigen Sie. (für sich). Das ist ja der Wü- therich von gestern, was will denn der hier? Klara. Hat mein Gegner endlich die Echtheit des Schuldbriefes anerkannt? Gutmann. Nach vielen Ausflüchten, ja; doch schützt er jetzt das Recht der Verjährung vor, und somit habe ich als Ihr Bevollmächtigter einen Vergleich erwirkt, mit dem Sie zufrieden sein werden. Sie erhalten nach Unterzeichnung dieser Schrift — Simon. Erlauben Sie. (Nimmt Gutmann die Schrift aus der Hand, die dieser eben aus der Tasche zog). Gut mann. Mittelst welcher Sie von jeder ferneren Forderung an Frink abstehen, die Summe von 5300 Tha- lern — Simon (ungeduldig). Haben Sie das Geld bei sich? Gutmann. Geht das Sie was an? Simon (gibt Klara das Papier). Freilich geht's mich an, ich muß ja den Rest zulegen! Mamsell Klara, un- terschreibens, ich werde indessen das Geld zählen. Gutmann. Hier fünf Kassenanweisungen zu 1600 und hier drei Bankscheine zu hundert Thaler. Simon. Alles in Ordnung, (zu Klara). Gebens dem Herrn die Schrift, (es geschieht). Gutmann (während Simon rechnet, für sich). Die sitzen schneller auf, als ich dachte, Frink muß mir das Ganze bezahlen, ein recht nettes Geschäftchen. Simon (zieht eine wohlverwahrte, mit Bändern zusammengebundene, alte Brieftasche hervor und nimmt Geld heraus). Sieben macht sechse. dann zehn macht sieben, und wieder zehn — die achte sind voll, und dem Theodor bleibt doch noch was. (Händigt Klara das Geld ein). So, für die Waisen ist nun gesorgt, jetzt bleiben nur Sie noch übrig. Gutmann. Wenn das Fräulein meiner ferneren Dienste bedürfen sollte — Simon. Ganz und gar nicht — im Gegentheil, sie verzichtet auf jeden ferneren Freundschaftsdienst von Ihnen und Ihres Gleichen. Gutmann. Mein Herr! Simon. Habens mich nicht verstanden? Ah — da muß ich deutlicher reden. Warum haben denn Sie gestern dem jungen Frink verschwiegen, daß Ihre heutige Visite lediglich ein Geldgeschäft betrifft? Gutmann. Weil — weil — Simon. Weil Sie gern im Trüben fischen, weil Sie einem Mädchen das Herrlichste rauben wollten, was sie besitzt, ihren guten Ruf — weil Sie ein Schurke sind, der sich — Gut mann. Um dritthalbtausend Thaler, die er bei diesem Geschäfte profitixt, einige Sottisen gefallen läßt, von einem alten Sonderling, wie Sie einer sind. Wer ist nun der Geprellte? He? (lachend). Empfehl'mich bestens, (ab). Dritte Szene. Vorige, ohne Gutmann. Klara. Großer Gott! Was sind das für Menschen? (ab). Simon. Jammerseelen, die eine eigene Sprachlehre haben, in welcher die Gaunerei Pfiffigkeit, ein Schurkenstreich Industrie, eine Niederträchtigkeit Spekulation und die Ehrlichkeit Blödsinn heißt. Aber mein, mein, was ereifere ich mich denn? Kann ich die Menschen anders machen, als sie sind? Wär'n alle gut, gäb's ja keine besseren, und die Welt wär' kein Jammerthal, sondern ein Paradies. 32 Couplet für den alten Simon. 1. So Mancher, der lebt mit dem Himmel im Zwist, Weil er Alles — „w i e'S sein sollte" nimmt, nicht, wie es ist. Den ewigen Frieden denkt er sich so schön. Und der wird doch hkernieden gar niemals bestehen. Ja, wären „w i e'S sein sollten" die Länder und Leut: Blieb' Friede geschlessen für ewige zeit. 2 . Lhät' Einer dem Andern, was recht ist, zu lieb. Da möcht' ich gern wissen, was zu wünschen noch blieb? Schlüg' 's Herz bei ein' Jeden nach Christi Gebot, Wo blieb' da der Kummer, wo Elend und Noth? Wär' Alles, wie's sein sollte, thät' jeder seine Pflicht, Wär'n die Menschen ja Engel, aber Menschen wären'S nicht. 3 . Wer die Welt will begreifen und 's Menschengeschlecht, Der prüf' an sich selber, was falsch ist, was echt, .. Und find't er da rein nur gediegenes Gold, Hat er recht, wenn er zürnt mit dem Schicksal und grollt.» Doch zweifl' ich, ob Einer zu finden in der Welt, Der sagen kann : Nie schw ach war ich. und nie Hab' ich g'fehlt. Vierte Szene. Fanny. Brilecki. Fanny (im Eintreten). Spazieren Euer Gnaden nur da herein, mein Benjamin muß gleich kommen. Brilecki. Ich wünschte eine Adresse von ihm zu erfahren, und zwar möglichst schnell. Fanny (präsentirt ihm einen Stuhl unmittelbar in der Nähe der Harfe). Ich bitte indessen Platz zu nehmen. Sehen Euer Gnad'n, das ist ein eigenes Malheur, was der Mensch hat; fragt Niemand um ihn, sitzt er den ganzen Tag da und weiß nicht, was er machen soll, braucht ihn aber Jemand, oder gibt's ein Geschäft für ihn, ist er gewiß nicht z'Haus. Brilecki (blickt zufällig auf die Harfe). Ei sieh da, eine Harfe, spielen Sie dieß Instrument? Fanny. O nein, meine Virtuosität beschränkt sich bloß auf einige Griffe auf der Guitarre, aber unser Fräulein — Brilecki (die Harfe genauer betrachtend). Diese Harfe, diese Harfe — Fanny. Fräulein Klara hat's von ihrer Mutter geerbt, 's war das Einzige, was sie ihr hinterlassen hat. Brilecki. Kannten Sie die ursprüngliche Besitzerin dieses Instrumentes ? Fanny. O nein, Euer Gnad'n, die ist schon gar lang g'storben, aber ihre Tochter kenn' ich, und diese ist ja eben mein Fräulein. Brilecki (unruhig auf und ab gehend). Ihre Tochter! Und wovon lebt sie, wo-^ mit ernährt sie sich? Fanny. Mit — mit — Sie verzeihen schon, Euer Gnaden, aber man sagt's nicht gern. Es ist ein trauriges Brot für ein so engelgutes Geschöpf, aber Noth bricht Eisen. Brilecki (für fich). Großer Gott! was werd' ich hören! Fünfte Szene. Vorige. Benjamin (ein wenig benebelt. Arm in Arm mit) Biberund Arese l m e y e r. Benjamin. Fanny! da bin ich mit Lorbeern bedeckt und mit Ruhm, viel Ruhm. Fanny. Aber sag' mir nur, wo warst Du denn so lange? Benjamin. Jetzt fragt sie, wo ich war, frag' lieber, wo ich bin? Ich bin außer mir vor Freude, Jubel, Seligkeit, Entzücken! Fanny, ich Hab ein neues Talent in mir entdeckt, ein kul- turfähigeS. 33 Fanny. Laß das jetzt (auf Br'i- leckl zeigend). Dieser Herr — Benjamin. Wer? Fanny. Dieser Herr wünscht eine Auskunft von Dir. Benjamin. Ah — der Herr Baron — schamster Diener, na, wie ist's, hat die Gnädige eingewilligt, dürfen wir miteinander wieder? (Pantomime deS GeigenS). Fanny. Der Herr Baron wünscht eine Adresse zu wissen. Brilecki. Ich habe nothwendig mit dem Mann zu sprechen, den Sie die Güte hatten, mir aufzuführen. Benjamin. Ah der, das ist der Theodor. Sie hörn's Baron, mit dem ists nichts. Das ist ein Mensch ohne Charakter. Brilecki. Wie so? Benjamin. Za so! Sie wissen die Geschichte noch gar nicht, hören Sie, das ist eine famose Geschichte. Fanny. Aber der Herr Baron will ja keine G'schicht, er will die Adresse wissen vom Herrn Theodor. Benjamin. Ja so — die Adreß — er logirt, — ja, wo logirt er denn? Fanny. Ja, wann Du's nicht weißt — Benjamin. Nein, ich weiß's nicht! Aber halt — halt — ist der alte Simon zu HauS? Fanny. Der-ist bei dem Fräulein. Benjamin. So? desto besser! der Großvater muß am Besten wissen, wo sein Enkel logirt — Ich bitt' nur hinein zu spazieren. Fanny. Kommen Euer Gnaden, mit dem ist heut nichts z'reden, vielleicht sagt Zhnen der alte Herr, was Sie wissen wollen. Benjamin, Dich haben die Geister schön zugericht. (mit Brilecki ab). Sechste Szene. Benjamin. Biber. Bresel- meyer. Benjamin. Was hat's g'sagt? Die Geister hätten mich zugericht? Blasphemie, im Gegenthelle — Breselmeyer. Sie sind mit ungeheuerem Erfolg, so wie man sagt, mit beiden Füßen in die VolkSthüm- lichkeit hineingesprungen.' Biber. Und haben sich 's Gnick nicht gebrochen, das will viel sagen bei der Zeit. Breselmeyer. Ihr Glück ist gemacht, in unserer Gesellschaft wer'n Sie's noch weit bringen. Wir haben bisher als Volkssänger das Außerordentlichste geleistet, Sie heute als Volksgeiger, unser Bund ist geschlossen für die Ewigkeit. Biber. Nun ja, wenn Sie daS Volk angeigen und wir'S Volk ansingen, kann's uns ja gar nicht auskom- men daS Volk. Breselmeyer. Es bleibt also dabei, Sie sind der Uns'rige. B enja min (sich besinnend). Das heißt, wenn meine Fanny damit einverstanden ist. Breselmeyer. Was, Sie werden doch nicht Ihre Virtuosität, Ihren Willen, Ihre Energie, Ihre Talente, Ihre Kunst von der Laune eines Frauenzimmers abhängig machen wollen? Biber. Das wäre schmachvoll! Benjamin. Aber, sie ist meine Geliebte. Breselmeier. Die Sie noch mehr lieben wird, wenn sie sieht, wie Sie von Tausenden geliebt werden. Benjamin. DaS bezweifle ich stark, wenn ich mir den Fall umgekehrt denk'. Zch glaub', ich hätte meine Fanny bei weitem nicht mehr so gern, wenn ich müßt', daß sie extra noch von einigen Hunderten geliebt würde. 3 34 Aber da kommts just, reden'ß selbst mit ihr. Siebente Szene. Vorige. Fanny. Fanny stm Heraustreten unwillig). Jetzt sind die Zwei noch da! Biber (in demselben Moment leise zu Breselmeyer). G'scheidt reden, von der hängt Alles ab, unser G'schäft wieder in Flor zu bringen. Breselmeyer (galant). Mein Fräulein, das Mißverständnis von gestern wird der Schwamm Ihrer Herzensgute bereits von der schwarzen Tafel Ihres Gedächtnisses gewischt haben. Biber. Nur zu in der Dicken. Breselmeyer. Wir sind gekommen, Ihnen Glück zu wünschen. Fanny. Wozu denn, wenn ich bitten darf? Breselmeyer. Der Stamm, (auf Benjamin deutend, der ziemlich albern da? steht) an welchem sich die Gefühle Ihres Herzens wie ein zarter Epheu um den starken Eichbaum hinaufranken — Biber. Bravo! Nur zu so! Breselmeyer. Hat heute ein so großartiges Talent entwickelt. Fanny. Im Trinken — ? Benjamin. Aber Fanny! Breselmeyer (etwas verblüfft). Im Trinken, sagen Sie? O nein! (sich fassend) das heißt: o ja! Ihr Bräutigam hat getrunken — hat sehr viel getrunken — Biber (zupft Breselmeyer, dieser fährt fort). Jedoch aus einer Quelle, die über jeden prosaischen Rausch erhaben ist, aus der Quelle der reinsten Begeisterung. Fanny. War'S Märzen oder Kulmbacher? Benjamin (herausplatzend). Nein, bloS Liefinger. Fanny. Hab' mir'S gleich gedacht, 's Liefinger war von jeher seine Leidenschaft. Biber (mit einem galanten Anlauf). Sind Sie vielleicht eine Liesingerin? Fanny. Meine Herren, ich glaube, es wird am besten sein, wir sagen einander frei heraus, was wir am Herzen haben. — Wenn ich Ihre wiederholten Anspielungen richtig verstanden habe, wollen Sie den begeisterten Herrn dort, mich und Fraulein Klara Ihrer Sängergesellschaft einreih'n. — So sehr wir einerseits die Ehre zu würdigen wissen, die Sie unseren geringen Talenten angedeihen lassen, so müssen wir andererseits, wenigstens was Fräulein Klara und mich betrifft, bedauern, von Ihrem Anerbieten keinen Gebrauch machen zu können. Breselmeyer (aus der Rolle fallend). So? Also ist Nichts? xar tout Nichts? Dann seh' ich nicht ein, was wir noch hier thun? Biber. Recht haben's, Prinzipal! Mich reut'S ohnehin schon, daß wir uns so lange haben foppen lassen, wegen so a paar g'spreizte Mamselln. Fanny. Der Herr dort, überden ich und mein Fräulein durchaus keine Gewalt haben, ist sein eigener Herr, und kann thun, was er will. Breselmeyer (verächtlich). An dem — an dem Bierfiedler war uns nie was gelegen. Biber. Nur auf Ihnen war's abg'sehn, weils mir in die Augen g'stochen haben, und auf das blaße Kaprizg'friesel da d'rinn mit den Schmachtlocken. Breselmeyer. Ihr habt Euer Glück mit Füßen getreten, wir überlassen Euch Eurem Schicksal an der Seite dieses Bratelgeigers. (Geht stolz bis an die EingangSthüre). Biber (nachrufend). Prinzipal! soll ich mir nicht das Liefinger quittiren lassen, was er aus unsere Rechnung vertilgt hat? 35 Bresel meyer. Pfui Biber, nicht gemein. Biber, 's ist auch wahr! Also die verschiedenen Seitln sind Dir g'schenkt, Proletarier! Jetzt geh' ich, aber mein Haß (zu Fanny), meine Verachtung (zu Benjamin) bleibt hier zurück. (Mit Breselmeyer ab). Ackte Szene Fanny. Benjamin. Fanny (nach einer Pause). Nun, mein glorreicher, durch und durch begeisterter Herr Volksgeiger, warum denn so stumm auf einmal? Benjamin (macht sich, höchst verlegen, mit der Harfe zu schaffen). Biersiedler — hat er g'sagt, (wehmüthig). Fanny,fiedl ich wirklich Bier? Fanny (spöttisch). Den neuesten Berichten zufolge hast Du Dich vollständig dazu qualifizirt. Benjamin. Fanny! Wenn Du noch einen Funken Gefühl für mich hast, sag' mir das Einzige: Bin ich ein Bierfiedler? Fanny. Ich bin nicht so tief in die Geheimnisse der Bierfiedel- und Bratelgeigerei eingedrungen, um Dir darüber gründliche Aufklärung geben zu können. Benjamin. Du bringst mich zur Verzweiflung! Ich stürz' mich in's Wasser, ich thu' mir was an! (lauft wie besessen auf und nieder, bleibt dann stehen dicht vor Fanny). Fanny, Fanny! Fanny (für sich). Ich muß nur einlenken, sonst wird er ganz desparat, (laut). Du bist zwar kein Virtuos — Benjamin. Aber ich Hab' ja doch so viel Conzerte gegeben. Fanny. Das ist noch kein Beweis; wer gut Manderln zeichnen kann, is noch kein Historienmaler, so wenig als Jemand ein Dichter ist, der Schnadahüpfeln fabrizirt. (lachend ab). Benjamin (allein nachdenkend). So! Hm, hm! — Sie meint also, ich war als Conzertist Schnadahüpfel- Fabrikant. Neunte Szene. Voriger. Brilecki. Simon. Brilecki (spricht mit einer gewissen Aufregung in die Thür zurück, zwischen welcher Simon stehen bleibt). In einer Stunde hoffe ich Sie mit Ihren Schutzbefohlenen bei mir zu sehen. Simon. Werden gewiß nicht ermangeln. (geht in Klara's Kabinet zurück). Brilecki (zu Benjamin). Ah, da sind Sie ja noch; haben Sie Zeit, mir zu folgen? Benjamin (zerstreut). Steh' zu Befehl. Brilecki. So kommen Sie. (zur Mitte ab). Benjamin (allein). „Schnadahüpfel-Fabrikant." Das ist eine sehr bittere Wahrheit, aber, wie mir nach und nach klar wird, dennoch eine Wahrheit, und „Wahrheit über Alles" ist mein Wahlspruch, leider hört man sie heutzutage nur in den seltensten Fällen. ' Couplet: 1. Ein kleiner Beamter ist höchlich entzückt. Daß der Amtsvorstand mit seiner Huld ihn beglückt, Der kommt auf'n Sprung fast tagtäglich vorbei. Zuweilen auch, wenn der Mann in der Kanzlet. Die Frau de- Beamten, zwar alt ist ste nicht. Dafür aber hat sie ein hübsches Gesicht, Die Welt denkt, der Amtsvorstand macht ihr die Cour, Und doch geschieht dieß Alles aus Wohlwollen nur. Za, würd' um den Freundschastsgrund man ihn auch fragen. Der Amtsvorstand würde die Wahrheit nicht sagen. 2. Potz Bomben und Raketen, jetzt Hab' ich eö satt, Du fütterst mich z'tod mit gekochtem Salat, Ein' Braten will ich hab'n und ein feines Compot, Zch gib Dir ja Geld genug, giftsapperlot. 3 * 36 Fünf Neugulden täglich bloß für'S Mittagmal, Ist wahrhaftig kein Pappenstiel, Blitz und . Skandal. Wann- lang noch so fortgeht, komm ich am Ruin, Weib sag' doch, wo kommt denn das viele Geld hin? Der Mann ist am Holzweg, seine Frau d'rum zu frag'n. Ein Lotterie-Kollektant nur könnt d'Wahrheit ihm sag'n. 3 . Ein Herr, der sein Auskommen hat und sein Amt, Der ist für ein Mädchen in Lieb' ganz entbrannt. Er macht ihr die Cour, und sie wird ihm so Werth, Daß von der Mama er zum Weib sie begehrt. Schon find fie verlobt, da erblickt er, o Schmerz, Wie grad' ein Husar seine Braut drückt an's Herz. Der Bräutigam fragt sich: was ist denn das nun. Was bat meine Braut mit Husaren zu tbun? Sie selbst wird'S wohl wißen, doch thät' er fie ftag'n. Ich zweifle, ob fie ihm die Wahrheit thät' sag'n. 4 . Eie find voller Krazer und Dibeln im G'ficht, „Ich Hab mich rafirt und mein Messer schneidt nicht." Aberhörn'S, Ihnen fehlt ja ein ganz's Büschel Haar, „Sie gehen mir aus, weil ich krank unlängst war." Sie hab'n ein blau'S Aug, ja, wo kommt denn das her? »Ich geh* auf der Stieg'n und fall' nach der Längst her." Heut' Nacht war bei Ihnen ein großer Skandal, „Mei Frau hat die Möbeln bloS ausklopft amal." Es war ein Spektakel, doch will ich nicht frag'n. Sie woll'n mir vermuthlich die Wahrheit nicht sag'n. 5 . Ich bitt Herr Professor, ich Hab fleißig studirt. Doch der Wust aller Gegenstände hat mich verwirrt. Haben'S Nachficht und warten's, bis ich mehr gefaßt. Weil zeitweilig mich dat Gedächtniß verlaßt. Der Professor, der wartet, fragt wieder und kriegt Eine Antwort, die weit vom „Glernthaben" liegt. Und begreift nicht, wie Jemand, der fleißig studirt. So stupid bei der Prüfung kann sein und verwirrt. Ueber fleißiges Studium, thät' er darnach frag'n. Da könnt nur der Engländer d'Wahrheit ihm sag'n. 6 . Ein Jungg'sell, der stets nur im WirthShauS gespeist. Urplötzlich die Hausmannskost dringend anpreist. Er nimmt sich 'ne Köchin und ist ganz entzückt, Daß fie sich so schnell seinem Hausbrauch gefügt. Die kocht ihm fünf Monat, d'rauf sieht man's nicht mehr. Und im Gasthaus speist wieder der ledige Herr. Die Welt ftagt sich staunend, wohin hat er'S geschickt, WaS gibt's, daß die Köchin man nirgends erblickt, Der Jungg'sell wird'S wissen, doch thät man ihn ftag'n. Ich zweifle, daß er einem die Wahrheit thät sag'n. 7 . Bei der Prüfung da gigerzt und gagerzt a Bua, Auf d'letzt, weil er gar nichts weiß, weint er dazua. Und doch kriegt das Luberl im Zeugniß sehr gut. Der Vater ist selig, wie er'S durchlesen thut. »Nit war, Sie Herr Lehrer, mein Sohn ist halt g'scheidt. Mein Jean ist mein Alles, mein' einzige Freud!" Ja, sagt der Herr Lehrer, er ist ein Genie, Voll Talent und voll Geist, und auch voll Fantasie — Er lobt ihn unfinnig, und thät man ihn ftag'n: Er müßt' auch, warum er thut d'Wahrheit nicht sag'n. 8 . Ein sehr hübsches Mädchen, von Dingsda kam's her, Ihr Herz war zwar voll, doch die Börse gar leer, Ihr einziges Kleid hint und vorn war'S gflickt, L jour die Mantille. dort und da auch g'ftickt. Und wer fie jetzt sieht, der verwundert sich sehr, In Seide und AtlaS stolzirt fie einher. Die Welt ftagt sich, hat fie eine Erbschaft gemacht. Auf welche Art hat ihr das Glück denn gelacht? Sie selbst wird'S wohl wissen, doch thät' man fie ftag'n: Ich glaub' nicht, daß fie einem d'Wahrheit thät sag'n. (Benjamin ab). Verwandlung: (Zimmer bei Baron Brilecki, festlich beleuchtet). 37 Zehnte Szene. Karg. Gutmann. Frink (kommen tm lebhaften Gespräche aus der Mittelthüre rechts, die in den Salon führt). Karg. Ich sage Ihnen, dahinter steckt etwas! Gutmann. Ein Fest arrangiren in dem Momente, wo man im Begriff steht, um hundert tausend Gulden ärmer zu werden, ist allerdings etwas auffallend. Karg (jammernd). Wir sind rui- nirt, wir sind verloren, die Witterung hat sich geändert, der Kornpreis ist gesunken, und wir sinken mit ihm, wenn er das Quantum liefert. Frink. Jammern Sie doch nicht wie ein Schulknabe, der Schläge fürchtet. Kar^g. Schläge furcht' ich nicht, aber einen Schlag, einen furchtbaren Schlag, von dem ich mich zeitlebens nicht erholen werde. Frink. Nur nicht gleich das Schlimmste denken! Ihre Besorgnisse sind ganz ungegründet, das Korn kann nicht eingelangt sein, meine Agenten hätten etwas wittern müssen. Apropos Gutmann, wissen Sie, daß Sie sich den ganzen Zorn meiner Frau zugezo- gen haben? Gutmann. Ich? Frink. Sie haben die Sachen mit der Klara recht nett eingeleitet, meinem Sohn ein hübsches Mädchen und mir einige tausend Thaler abgenommen, so viel profitiren Sie doch bei diesem Geschäfte? Gutmann. Sie könnten wirklich glauben — Frink. Daß Sie der jammernden Sippschaft einen Theil bezahlt und von mir die ganze Summe beanspruchen, ist's nicht so? Doch kommen Sie nur zum Whist, vielleicht gewinn'ich Einiges von dem Meinigen zurück. Eilfte Szene, Vorige. Madame Frink. Mad. Frink (aufgeregt aus dem Salon). Die Herren stehen so ruhig beisammen, Sie wissen ohne Zweifel nicht, wer hier ist? Karg. Doch nicht die 30000 Säcke? Frink. Wer soll denn hier sein? Mad. Frink. Die Unverschämte, welche sich das Pflegekind Deines Bruders nennt. Frink. Klara? Mad. Frink. Eben sah ich sie im Salon am Arme des Barons. Karg. Räthsel auf Räthsel, die Geschichte wird immer verwickelter. Frink. Ah, jetzt wird mir Alles klar! (lachend). Das gäbe einen göttlichen Spaß, wenn der Baron wirklich so naiv wäre — wißt Ihr, daß ich die Absicht des BaronS durchschaue? Alle. Nun, wie so? Frink. Er hat in Erfahrung gebracht, in welcher Beziehung Klara zu mir steht, will mich dupiren. Karg. Aber wir lassen uns nicht dupiren, wenn es sich um Geld handelt. Gutmann. Er glaubt vielleicht gar, Sie würden, um Aufsehen zu vermeiden, den Contrakt rückgängig machen? Karg. Lächerlich — eher bekenne ich mich zu zweitausend verwahrlosten Cousinen, ehe ich zwei Groschen verliere. Frink. Ganz meine Meinung. Doch halt — dort kommen sie, gehen wir einstweilen in den Speisesalon. Karg. Ja, ja, lassen wir ihn noch ein wenig zappeln, zur Catastrophe ist noch immer Zeit. (Treten in die Sei- tenthüre). Zwölfte Szene. Brilecki. Klara. Vrilecki. Und die Mutter hat Ihnen nie den Namen Ihres Vaterö genannt? 38 Klara. Nie! — Als sie im Sterben lag, meine zitternden Hände ihren Hals umklammerten, drückte sie mich mit schwacher Kraft an sich und stammelte: Möge Gott ihm und mir vergeben um Deinetwillen. — Beinahe in demselben Momente stürzte ein bleicher Mann jammernden Blickes in die ärmliche Stube, bleibt aber, entsetzt vor dem Elende, das ihn umgab, an der Thüre stehen, laut aufschreiend: zu spät, zu spät! Bei seinen Worten richtet sich meine Mutter empor, ihre brechenden Blicke haften an dem Fremden, sie will die Arme ausbreiten nach ihm, — doch kraftlos sinken sie zurück. Mühsam nach Worten ringend, stöhnt sie nach einer Sekunde entsetzlichen Schweigens: „Ferdinand, ich sterbe, erbarme Dich meines Kindes, es ist die Tochter Deines Freundes!" Gleich und starr lag sie nach diesen Worten in meinen Armen — sie hatte ausgerungen.— Schluchzend drückte der Fremde den letzten Scheidekuß auf die Stirne der Verblichenen, und führte mich dann aus dem Trauerhause. Der letzte Wunsch meiner Mutter ging buchstäblich in Erfüllung— mein Pflegevater liebte mich wie seine eigenen Kinder. Brilecki. (sehr bewegt). „Es ist die Tochter deines Freundes!" Das waren ihre letzten Worte. — Wissen Sie Klara, daß ich ein Freund Ihres Pflegevaters war? Wissen Sie, daß ich, dem er sein Heiligstes, die Ehre seiner Braut anvertraute, ihn betrog — (breitet die Arme nach ihr aus). Klara, Du bist meine Tochter. Dreizehnte Szene. Gutmann. Herr und Mad. Frink. Karg. Vorige. Alle. Bravo, bravo! Allerliebst! das ist ja ein recht rührendes I'ets » tsts. Karg. Nur dächt' ich, der Platz ist nicht passend gewählt; — hier im Salon — Brilecki. Ich denke, meine Herren, jeder Platz ist passend, wo ein Vater seine Tochter umarmt. Frink. Ihre Tochter? Mad. Frink. Etwas zu plump ersonnen diese List. Karg. Wieder etwas Neues! (zugleich). Brilecki. Staunen Sie immerhin, Klara ist meine Tochter. Mad. Frink. Wie kam denn mein Schwager dazu, die Mamsell zu erziehen? Brilecki. Madame, Ihr Schwager war mein Freund, der mir sein Heiligstes vertraute, die Ehre seiner Braut (nach einigem Kampfe mit sich selbst). Ich habe dieß Vertrauen mißbraucht. Frink. Ah, ich entsinne mich der Geschichte. Die Naivität meines Bruders hat mir damals viel Spaß verursacht. Er liebte die Tochter des Bürgermeisters in einer kleinen Stadt. Da er als reisender Thespiskarren-Schieber keine Hoffnung hatte, die Einwilligung der Eltern zu erringen, beschloß er, seine Dulcinea zu entführen. Um jedoch jeden Verdacht von sich abzuwenden, ersuchte er einen Freund, dem er blindlings traute, seine Stelle einzunehmen. Karg. Und dieser Freund waren Sie? Frink. Wie Figura zeigt, (auf Klara deutend). Baron, ich gratulire vom Herzen — die Adoption einer so liebenswürdigen Tochter wird Sie für den Verlust entschädigen, den Sie heute erleiden. Karg. DaS versteht sich — waS sind 30000 Säcke gegen eine einzige solche Tochter — nicht wahr Gutmann? Frink. Wollen wir die Angelegenheit gleich heute in's Reine bringen? Die Frist ist um. Brilecki. Noch nicht, meine Herren, noch nicht, und ich bin eben gesonnen, Ihnen behufs des Vertrages 3S eine Proposition zu machen. Sie wissen, daß ich nicht aus eigenem Antriebe, nur aus übergroßer Nachsicht für die Launen meiner Gattin das Geschäft abgeschlossen habe; das Verhältnis hat sich in der Zwischenzeit anders gestaltet, ich bin von meiner Frau durch Richterspruch getrennt — Karg. Condolire, oder gratulire — ganz nach Umständen. Brilecki. Ich habe meine Tochter gefunden. Mad. Frink. Nun, da ist ja wohl der Verlust der Frau Gemalin ersetzt. Brilecki. Ganz recht, Madame, doch nicht der Ausfall, den ich an meinem Vermögen erleide, wenn das Getreide nicht heute noch eintrifft. Karg. Sie muthen uns doch nicht zu, daß wir den Vertrag rückgängig machen sollen? Baron. Allerdings, mein Herr, doch unter Bedingungen, welche Ehrenmänner nicht verschmähen werden. Ich erstatte Ihnen die volle Hälfte deS empfangenen Kaufschillings — vernichten Sie den Vertrag! Frink. Jetzt, wo unser Spiel gewonnen ist? Sie scherzen, Baron! Karg. Man müßte uns für verrückt halten, solchen Zumuthungen Gehör zu geben. Gutmann. Der Kontrakt ist rechtskräftig; wüßte nicht, warum er gelöst werden sollte. Brilecki (zu Frink). Ich habe die genauesten Erkundigungen eingezogen; wenn ich das Getreide zur Stelle schaffe, müssen Sie Ihre Zahlungen einstellen — werden Sie bankerott. Frink. Baron, ich denke, Sie haben uns zu einem Souper eingeladen, sollen diese Sentenzen die Entre- mets dazu sein? Brilecki (beinahe heftig). Nun denn, so ereile Sie das Schicksal, und zwar durch Ihren eigenen Sohn. (Oeffnet die Seitenthüre). Junger Freund, unser Vorschlag wird nicht acceptirt. die Herren Frink und Comp, bestehen auf Erfüllung des Vertrages. Vierzehnte Szene. Vorige. Theodor und Simon, (der an der Thüre stehen bleibt). Frink. Mein Sohn? Mad. Frink. Theodor! Karg. Ich ahne Entsetzliches. Theodor. Vater, Sie haben die Offerte des Herrn Baron nicht angenommen? Frink. Nein, dreimal nein! Und was ist'S weiter? Theodor. Dann sind Sie rui- nirt, das Quantum wird eben auf den Lagerplätzen der Herren Frink und Comp, abgestellt. Frink. Das ist nicht möglich. Theodor (liest aus einer Schrift, die er hervorgezogen hat). „Auf Grundlage der beigeschlossenen Details eines Lieferungs- Contraktes wird die Betriebsleitung der Bahnstrecke Tarnow-Krakau hiemit beauftragt, die Verfrachtung des in Tarnow eingelagerten, an diehierortige Firma Frink und Comp, signirten Fruchtquantums um so gewisser bis 16. d. M. zu ermöglichen, als nicht zugegeben werden kann, daß zufällige, vor Abschluß eines Lieferungsgeschäftes in Erfahrung gebrachte Verkehrshemmnisse zum Nachtheil und zur Uebervortheilung der betreffenden Lieferungsverpflichteten ausgebeutet werden." Von der Gen.-Direktion. Karg. Luft! Luft! Ich ersticke! (finkt in einen Stuhl). Frink. Und wer ist der Unglückliche, der die General-Direktion in Kenntniß setzte? Theodor. Ich, mein Vater, doch wußte ich nicht, welches der hiesigen Häuser bei diesem unsauberen Geschäfte betheiligt war. Mad. Frink (die wüthend, ihr Schnupftuch beinahe in Stücke reißt). O suche Dich 40 nicht rein zu waschen, wir kennen Dich, Du naseweiser Kopfhänger, der nur bei Harfenistinnen aufthaut. Du hast von jeher keine Liebe für Deine Eltern gefühlt, daö zeigt fich am klarsten durch Deine heutige That. Ich sage mich los von Dir, Du bist nicht mehr mein Sohn. (ab). Frink (mit kaltem Hohn). Der mei- nige bleibst Du, obwohl ich's bereue, Dich so philisterhaft erzogen zu haben. Vergnügten Abend allerseits. (Durch die Mitte ab). Karg. Er geht, — ich gehe mit ihm, und wenn er festgesetzt wird, setze ich mich zu ihm, weiche nicht von seiner Seite, bis ich das Meinige wieder habe. (Stößt im Abgehen auf Benjamin, welcher mit einem großen Kornsack hereinstolpert). Benjamin. Stock an! Karg. Geh' er zu allen Teufeln, Tölpel! (ab) Benjamin (indem er den Sack niederstellt). Sie entschuldigen, das ist ein Polak, der versteht nicht deutsch. —. So das ist der Erste der sehnsuchtsvoll Erwarteten, die andern 29999 habe ich stehen lassen, die waren mir zu schwer. Brilecki. Aber wozu denn das? Weßhalb haben Sie sich dieser Last unterzogen ? Benjamin. Zch bin ein Bräutigam, gnädiger Herr, und da ist eS sehr angezeigt, daß man seine Kräfte prüft, um zu sehen, wie viel man im Ehestande ertragen kann. (Bleibt verwundert stehen). Aber, was ist denn das? Der Moöje Theodor steht dort und das Fräulein Klara da? — Aber Herr Baron, was treibend denn? DaS ist ja gar kein Arrangement, die zwei gehören ja schon lang z'samm. Brilecki (lächelnd). Meinen Sie? Benjamin. Freilich — da waren Sie noch gar nicht unser Vater, so waren wir Viere schon verliebt untereinander, das heißt, der junge Herr in das Fräulein und die Fanny in mich, aber, wo ist denn meine Fanny? Simon. Bei den Kindern. Benjamin (ohne aufzutragen). Bei den Kindern, allweil bei den Kindern! Da ist ja noch Zeit, wenn wir verheiratet sind. (Sieht, daß der Baron Klara in Theodor'S Arm führt). So ift'ö recht, aber der Großvater g'hört in d'Mit- ten. (zum Baron) Euer Gnaden rechts, ich links, (zu Gutmann). Und Sie? Wo g'hören denn Sie hin? Gut mann (der bisher, starr vor fich hinsehend, in einem Stuhle saß). 2"'s Narrenhaus, weil ich mich von solchen Philistern prellen ließ. (ab). Benjamin. Meine Empfehlung an die Herren College«. So, die Luft ist rein, jetzt kann die Fanny — (rennt zur linken Seitenthür). Fanny! Fanny! Aber wo bleibst denn so lang? Fanny. Zch bin ja schon da! Was schreist denn gar so, als ob's brennen thät? Benjamin. Freilich brennt's, in unfern Herzen brennt's. D'rum wollen wir ja heiraten, damit der Brand bald wieder gelöscht wird. Herr Baron, wollen Sie uns dazu behilflich sein? Brilecki (zu Theodor und Benjamin). Euch verdank' ich mein Glück, so laßt denn das eure zu gründen meine Sorge sein. Ende. «u» I. B-e,1»hd<-'Ufser'r k. k. Hoftheater - Druckerei. Der Wunderdoktor. Original-Lebensbild mit Gesang in zwei Akten von Karl Gründors. Aufgeführt in Wien im Thalia-Theater und im Josefstädter Theater. Ignatius Zeuger, genannt der Wunderdoktor. Frau Kathi, seine Wirthschafterin. Matzl, sein Kräutersammler und Knecht. Paucraz Scharrmaun, ein reicher Spekulant. Allna, seine Tochter. Elise, Scharrmanns Anverwandte und Hausbesorgerin. Heinrich Justus, absolvirter Jurist. Oskar Blitzer, ein junger Künstler, Heinrichs Freund. Herrmann Bittucr, Heinrichs Freund. Rumpler, Stiefelputzer. Herr von Kahlschädel. Herr von Kleivbeiudl. Fräulein Alterl. (Die Handlung geht in einer großen Stadt vor sich, und zwar theilweise in der Stadt selbst, und theilweise in einer nahe liegenden Ortschaft.) (Den Bühnen gegenüber als Manuskript.) Musik ron Kapellmeister Hopp. Personen: Aurelia Berger Mathilde Berger Beamtens - Töchter. Beamtens - Töchter. Emma Helming, eine arme Waise. Erster Gast. Zweiter und Dritter Gast, stumm. Kaspar. Oberkellner. Heinrichs Freunde. Gäste. Volk. Genau nach dem rensurirtrn Exemplare. Erster Äkt. (Einfaches Zimmer bei den Freunden Heinrich und Oskar. Links ein Fenster, Rechts eine Thür. In der Mitte die Eingangsthür, beim Aufrollen des Vorhanges bläst Heinrich die Flöte.) Erste Scene. j Blitzer. Na, und wodurch? wenn ich Heinrich (der am Fenster steht, hört auf zu fragen darf? -> c. c. koe., spielen). Sie hört mich nicht! Sie scheint fE>e"lrich. D. das Hab ich schlau an- so vertieft in ihr- Arbeit, doß sie nichts H°r- und Lck-mne! Ich kaufte ew sieht, noch hört.-Ah! jetzt blickt sie -ns! ch°n-s Böuquett, und stellte Mtch dos. sie sieht herüber! o! Himmel! in diesem>f^^" Hand^altend, auf^die SNege Blick lag eine Welt voll Seligkeit! — "" " ' " des Hauses, wo sich die Musik Lehranstalt befand — die Begleiterin ging nämlich immer nur bis zum Hausthor mit, sie ging also allein über die Stiege hinauf! Ich stellte mich auf den ersten Treppen- Zweite Scene. Voriger. Oskar (aus der Seitenthür Rechts, iu-l-g°»,. demnach in seierlicher Positnr, und Blitzer. Was treibst Du denn schon wie sie herauf kam, überreichte ich ihr das wieder da am Fenster? Du toggenburgerst Böuquett, indem.ich bloß die Worte stam- ja ganz entsetzlich! Hör doch auf zu schwär-melte: »ich bitte.« Sie schlug verlegen men! Was nützt es Dir denn? Du kannst , und über und über erröthend die schönen sie doch nicht über die Gasse zu Dir herü-lAugen zu Boden und sagte halblaut: »ich berseufzen, wenn Du auch eine förmliche danke,« ließ das Böuquett in meinen Hän- Seufzerbrücke da hinüber baust! — ^den und eilte an mir vorüber; oben ange- Heinrich. Ach! laß mir diesen einzi-! langt aber, sah sie sich nach mir um. — gen Trost! So ein rechter Seufzer ist! Blitzer dachend). Entschuldige, daß ich der Wetterableiter eines liebesschwülen! lache! aber das ist ja der Superlativ von Herzens. Befangenheit. Blitzer. Ich würde an Deiner Stelle Heinrich. Geh! Du bist ein Spöt- etwas dafür thun, mich ihr zu nähern!—!ter! ich wette Du würdest in meinem Falle Du aber begnügst Dich, vor Dich hinzu- auch nicht besser manövriren! brüten, und zu warten, bis Dir die ge- Blitzer (lachend). Ich hätte schon längst bratenen Tauben in den Mund fliegen! einen genialen Streich ausgeführt, um Das Mädchen Deines Herzens ahnt viel-j gleich in inellius res — das heißt, in ihre leicht da drüben noch gar nichts von der > Nähe zu kommen! — Gluth, die Dich herüben indessen quintel-j Heinrich. Zum Beispiel? was nennst weis verzehrt? «Du einen genialen Streich! — Heinrich. Wenigstens hätte sie es! Blitzer (lachend). Zum Beispiel: ich schon längst merken können, denn ich that> würde mich in irqend einer Verkleidung mein möglichstes, ihr zu zeigen, wie sehr in's Haus aufnehmen lassen; im Noth- ich sie liebe. ifall, als Stiefelputzer. 9 Heinrich. Ach? geh! als Stiefel-!—selbst die allerplatonischesten sehen auf Putzer — ein Doctor jiu'i'8 utriukque. ein gewisses kmbonpoint. Blitzer. Nun, warum denn nichts Heinrich (geht zum Tisch und ißt). Nur Jupiter verwandelte sich sogar in einen Dir zu Liebe! — Ochsen, um die Europa aufsitzen zw Blitz er (lachend). Iß nur Dir selbst zu lassen.— ! Liebe! ich habe nichts davon! Rumpler Heinrich. Meinst Du Oskar? daß fang zu lesen an! Du Ideal von einem sie nun wohl schon merkt, daß ich sie^Wixier! Du Stolz des Jahrhunderts! anbete! ! Rumpler, 's politische lassen wir Blitzer. Etwas merkt sie in jedem > ausnahmsweise geh'n! s'is ja gestempelt! Fall! I Blitzer. Nicht doch! lies nur! aber Heinrich. Nun? — ^ nur die kleinen Notizen! — Blitzer. Daß Du in iu siuuelo nmo- Rumpler (liesy. »Schweiz! in der >>8 das Pulver nicht erfunden hast. Na> Schweiz hat man eine neue HundeSver- tröste Dich, ich will für Dich denken, fürffammlung beantragt.« Dich sorgen, für Dich erfinden, und Blitzer. Was? Hundeversammlung wenn's nöthig ist, auch für Dich han-j— vielleicht Bundesversammlung. deln! — Jetzt genir Dich vor mir nicht,! Rumpler (sich verbessernd)? Richtig! (buch- schau nur wieder hinüber auf das Fenster, istabirmd) B—u—n—d—e—s (weiter lesend/ (parodirend declamirend) »Bis die liebliche sich Ms kriecherische Königreich hat einen zeiget, bis das theure Bild sich zu Dir neuen Hefen gewonnen. herüber neiget. Ruhig Engelsmild!« Blitzer (hineinsehend). Was? »das grie- ,chische Königreich hat einen neuen Hafen Dritte Sceue. gewonnen.« ^ Rumpler. Hefen oder Hasen! Hafen Vorige, Rumpler (mit Kaffeeservice mitiis halt hochdeutsch und Hefen is nieder- Kaffee, zwei Schalen und einigen Kipfeln, un-i ländisch (weitcrkesend) »Amerika!« der ame- d.m Arm di. ZnNmg d« Präsident von Freistadl. - ^ ! Blitzer (lachend). Was? Freistadl, es' Rumpler. Servus meine Herrn! heißt Freistaaten, heute haben wir ausnahmsweise ein' gu-! Rumpler (lesend). »Hat eine neue ten Kaffee. ! Treppenaushebung angeordnet!« Blitzer. Ah! Willkommen! ^ Blitzer. Truppen — nicht Treppen! Heinrich (nimmt keinen Antheil, sieht immer! Rumpler. Ah! da is ein Heiratsschmachtend zum Fenster hinaus). - Antrag. Rumpler. Da Hab' ich auch 's Frem-j Blitzer. Den lies! — das ist etwas denblatt mitgebracht! ffür unfern Heinrich! der will immer hei- Blitzer (-simd). Nun lies es auch vor!> raten. — Rumpler. AH1 ich kann nur aus-! Rumpler (liesy. Eine alte Patrone nahmsweise lesen! wünscht sich zu verehelichen! Sie hat kein Blitzer. Nu! so lies halt ausnahms-Geld, aber 14 Hunde, und bürgt für ein weise was vor. — Aber Heinrich jetzt ruhiges einsilbiges Still-Leben! — komm, der Kaffee wird kalt! — Blitzer. Da könnt einer schön auf Heinrich. Laß mich! ich Hab keinen den Hund kommen, bei der Partie. Appetit. Rumpler (li-sy. Afis (Avis) für le- Blitzer. Heinrich! ich rathe Dir! dige oder verwitwete Ärzte. Ein bejahriß' nicht so wenig, sonst wirst Du magerster Mann, der schon seit zwei Jahren an und Magerkeit lieben die Mädchen nicht,!einem schrecklichen Übel leidet, fordert die 1 * betreffenden Ärzte auf, an ihm ihre Kunst läßt dich bei ihrem Vater als Arzt mel- zu erproben. Das Honorar für die glück- den und gelangst so in das Allerheiligste liche Heilung besteht in der Hand seiner des Hauses! du siehst Sie — sprichst sie schönen einzigen Tochter. ^— hörst Sie — und gehst beruhigter, Blitzer. Halt ein — Du zweiter oder mindestens vernünftiger, weil du Sie Cicero pro llomo no8tia! »Du sprichst ^ gesehen— Sie gesprochen, Sie gehört! — ein großes Wort gelassen aus.« — Steht das wirklich so da, wie Du gelesen hast?— Rumpler. Ja wohl, ausnahmsweise! Blitzer (entreißt ihm das Blatt und liest weiter). Nähere Auskunft im Hause Nr 2222 in Heinrich. Ich kann aber den Vater nicht kuriren?-— Blitzer. Das sollst du auch nicht! nur auf den Zahn fühlen sollst du ihm, ob sein Entschluß, seine Tochter nur dem der KärnthnerstraßebeimHausherrn selbst!§ Mann zu geben, der an ihm die glück- Heinrich. Das ist ja im Hause da liche Cur vollbringt, so fest steht, wie es drüben bei meiner Angebeteten. Blitzer. Dein Schwicgcrpapa ist selbst der kranke Mann! Heinrich. Höchst wahrscheinlich! Ich hörte schon etwas dergleichen! » Blitzer. Freund! Dir ist geholfen! In dieser Annonce liegt Deingauzes künftiges Glück. Heinrich. Ich begreife Dich nicht! Blitzer. Ihr Verliebten begreift gar scheint — dann überlasse das Uebrige mir! Heinrich. Also du wolltest? Blitzer. Nun, ob ich will! — Was ich will, ist mir den Augenblick selbst nicht klar! doch laß mich nur! — Ich habe einen Plan! — Heinrich- Und du glaubst, daß er gelingen wird? Blitzer, .^uctueo loituna ^uvat Verstand, guter Wille — frischer nichts, weil Ihr an das zunächstlicgendc Math! sind die drei Faktoren, und wenn immer erst am allerletzten denkt. wir uns nicht arg verrechnen, so geben Heinrich. So erkläre mir doch!—.sie für dich — das Hauptprodukt des Blitzer. Gauz einfach! Vor Allem Lebens: Glückseligkeit! Also (Xirsxxio verschafft Dir dieses Inserat, die Mög- Kajaxxo! Hinauf aufs Straffseil der lichkeit, deine Liebste von Angesicht zu An- Jntrigue! gut balansirt, elastisch sich sengesicht zu sehen, das heißt: zu ihr in's^end und hebend, und um alles in der Haus zu kommen, mit einem Wort freies Welt keinen Fehltritt gemacht! — Rump- Entree! — !ler, sind unsere Fräcke, Gilets rc. rc. in Heinrich. Wie so denn? ich bin ja>Ordnung? kein Arzt. ! Rumpler, (verbengend) Ausnahmsweise. Blitzer. Du kannst Dich aber für Blitzer. Also Heinrich! en avant! eineu solchen ausgeben! Also frisch ge- Heinrich. Ich bin beklommen! — wagt — nicht verzagt! Blitzer. Das heißt, du hast die Heinrich. Aber ich begreife Dich noch!1'i6,ua,ota! »Heinrich, mir graut vor nicht ganz. — Blitzer. O! 8anetum e,» pn> j«ui8! haben Dir denn die Pandekten schon ganz das bischen Hirn verrammelt, daß keine gesunde Idee mehr Eingang findet. — Heinrich. Was nennst du aber in diesem Falle »gesunde Idee?« Blitzer. Ganz einfach den Plan, den ich dir, gerade vorschlug, du gehst reela via in's Haus deiner Duleinea, dir!« Nimm dir an NM- ein Beispiel! Es gilt doch nicht meine Sache, und doch bin ich so voll Muth und Zuversicht, als gält es, einen deutschen Michel, zu wandeln in einen Siciliauer. Dir fehlen noch einige Clüssen von der Hochschule des Lebens, sie werden sich finden (mit Heinrich ab). Rumpler (in, Abgehen bei Seite). Ich bin neugierig, ob da ausnahmsweise was G'scheidtes herauskommen wird, (ab.) 2 Verwandlung. (Einfaches Zimmer in Scharrmann's Hause. Rechts und Links Sth. rückwärts in der Mitte ein Alkoven, dessen Vorhänge zugezogen sind. Links vom Alkoven ist die Haupt-Eingangsthür. Links Vorne ein Fenster, auf dessen Brett Blumenstöcke stehen. Rechts vorne ein Schreibtisch mit Schriften bedeckt.) Vierte Scene. Elise, dann Scharrmann. Lisi. Entree-Lied. Als Stubenmädchen dien ich Mar Und seh ganz einfach aus Doch s'folgt mir der Herr sogar Und ich regier das Haus. Ja ich, ja ich (Ja ich regier das Haus.) Hat man ein Anlieg'n an den Herrn Un't traut sich nicht recht h'raus So will man erst mein' Meinung hörn Denn ich regier das Haus. Ja ich, ja ich (Ja ich regier das Haus.) Und wehe dem, der mir nit g'sallt Mit dem ist's auch schon aus Der wird in diesem Haus nit alt Denn ich regier das Haus. Ja ich, ja ich (Ja ich regier das Haus.) Manche haben den Lebenstakt noch so wenig weg, daß sie unser Einen mit einer gewissen Geringschätzung behandeln. O! es ist ein großer Fehler, uns dienende Geister zu unterschätzen, und es geschieht nie ungestraft, lieber ein bist überschätzen, das schmeichelt uns, und wird belohnt. Elise (lachend). Verzeihns, das ist zu spassig! Sie und Bettelstab! — Scharrmann. Was spaßig? — Sehr traurig ist es, daß mein Haus so schlecht bestellt ist, und ich bereue es, daß ich Sie als Wirthschafterin ins Haus genommen! Aber das hat man davon, wenn man ein weiches Herz für die Anverwandten hegt! Elise. O! wenn cs sie reut, so will ich wieder geh'n; ich finde unter fremden Leuten vielleicht — Scharrm. Was geh'»?! nix geh'n! (v. S.) wär nicht übel, ihr geb ich keinen Lohn, eine Fremde müßte ich bezahlen! (laut mit mehr Scmftmuth) Nein! Nein! so WÜv's sa nicht gemeint. Ah wollte nur sagen, Sie sollten sich's mehr angelegen sein lassen, zu sparen, in Ihrem eigenen Interesse; denn wenn ich einmal sterbe, so wird gewiß auch meiner Anverwandten im Testamente gedacht sein — (b. S.) Nicht einen rothen Heller vermach' ich ihr! — Elise beruhigt). Ach! lieber, gnädiger Herr! wer denkt denn daran? — Scharrm. Nun freilich! Sie haben Recht! solche Gedanken muß man fern zu halten suchen! (b. S.) das Krokodil denkt an nichts anderes, als an meinen Tod und an die Erbschaft! — Elise. Haben Sie sonst die Rechnungen richtig gefunden? Scharrm. Richtig wohl, aber enorm hoch! l6 fl. für Fleisch in einem Monat! das ist ja ein Capital! Sie ruiniren mich! Elise. Aber gnädiger Herr! in dem Monat waren ja die vielen Feiertage! Aber natürlich, das vergessen Sie zu leicht, denn für Sie gibt's keine Feiertage, wenn es gilt, Wechsel einzukassieren, arme Schuldner zu pfänden, — Säumige zu mahnen, oder neues Sündengeld auf ?. h°h°Zms°n °u-z-b°rgm. eines Geizhalses und auch im Anzug charakteristischej Scharrm. Elise, was ertauven Sie Spuren seines Wesens). 16 fl. für einen Mo- sich für eine Sprache gegen mich? — nat! blos für Fleisch allein! das ist ja! Elise. Die Sprache, die eine Wirth- himmelschreiend! Was treiben Sie denn?! schafterin zu führen berechtigt ist, wenn Sie stürzen mich ja ins Elend, bringest sie nebstbei eine Anverwandte zu sein die mich an den Bettelstab! j Ehre hat! — 6 Scharrm. Ja — schöne Wirtschafterin — Verwirtschaften» sollten Sie sagen. Elise. Gnädiger Herr! jeder Person, die dient, steht, dem Himmel sei Dank, doch das Recht zu, diesen Dienst zu kündigen, wenn sie ungerechter Weise be drückt wird — Sie — gnädiger Herr und Onkel, werden mich zwingen, von diesem Rechte eines Dienstboten mit nächsten zu profitiren. — Scharrm. Na, na! schon wieder oben aus! Sie müßen nicht alles aufs schlimmste auslegen. Elise. Wenn ich das zu thun gewohnt wäre, so wtzr' ich schon längst nicht mehr im Haus, aber dann und wann geht doch s'Häferl bei mir über, wenn's zu viel in mir kocht! — Scharrm. Na, wir wollen wieder Frieden schließen, aber ein für Allemal keine solchen Fleischrechnungen mehr! — Ueberhaupt seh ich nicht ein, wozu wir Fleisch essen bei der teuren Zeit! Emma. Herr! wie können Sie so grausam-kalt fragen? Sie kennen doch das traurige Schicksal unserer Familie.— Scharrm. Das heißt: ich kenne das selbstverschuldete Unglück Ihres Vaters. Wer zwang ihn denn, dem leichtsinnigen Menschen sein Vermögen anzuvertrauen, wer wird denn einen Schwindler zum Compagnon nehmen — das kann nur ein Thor thun! Emma. Es war mein Vater, von dem Sie sprechen! — Scharrm. Was wollen Sie aber mit dem allen sagen, das gehört nicht hieher! Wo haben Sie das Geld? — Emma. Da Sie die Geschichte unseres Unglücks theilweise kennen, so begreife ich nicht, wie Sie mit dieser entsetzlichen Kälte — Geld von mir fordern können; ich bin gekommen, Sie um Nachsicht zu bitten. Scharrm. Nachsicht — ach! das heißt: ich hätte dann das Nachsehen! nein! mein schönes Fräulein! So war Elise (lachend). Ja freilich, das ist es nicht gemeint! Ich habe Ihrem Va- eigentlich rein überflüßig, wir haben oh- ter das Geld in Barem gegeben und for- nedem genug an uns (auf Scharrm. zeigend) chere es nun von dessen Erben eben so und können schon eine Weil' vom cige-zurück, sonst'mach' ich von meinem Rechte nen Fett zehren! — ! Gebrauch. Scharrm. Negern sie mich nicht! ha-j Emma. Von Ihrem Rechte?! Sie ben Sie denn gar kein Mitleid mit ei-!erschrecken mich; worin besteht dieses? — nem Kranken! Sehen Sie nicht, wiej Scharrm. Kindische Frage! einfach schlecht ich aussehe (es wird geklopft) Herein! darin, daß ich mich mit Ihren Möbeln, Kleidern rc. bezahlt mache. — E m m a (erschreckt). Wie! Sie wollten?— ^ Scharrm. Das heißt, ich muß — jwenn nicht — ! Emma. Geben Sie mir doch wenig- Emma. (ganz schwarz gekleidet, schüchtern ein- stens Frist, mich zu erholen von dem Fünfte Scene. Vorige. Emma Helming dann Anna. tretend). Scharrm. (fieansehend). Ah! Sie brin- Schlage, der mich getroffen! gönnen Sie mir Zeit, durch meiner Hände Arbeit das gen mir gewiß das Geld zurück, dasichzu verdienen, was Ihnen mein Vater vor 6 Wochen ihrem Vater geliehen habe, schuldet. Ich will ja gerne Tag und Nacht Emma. Herr! mein Vater ist vor-arbeiten, und keinen Augenblick unthätig gestern begraben worden! ffein, um Ihnen nach und nach die 300 fl. Scharrm. So? na, und was hat!abzuzahlen, das für eine Beziehung zu meiner For-i Scharrm. Nach und nach? Sind derung? — iSie bei Sinnen? Ich will meine runde Summe auf einmal, wie ich sie gab! Hab' ich sie vielleicht nach und nach ausbezahlt?— Emma. Das wohl nicht; doch dem letzten Ausspruche meines Vaters zu Folge — gaben Sie ihm ja nur 400 fl., wofür er in der höchsten Bedrängniß, in die ihn jener Leichtsinnige gestürzt. Ihnen einen Schuldschein auf 300 fl. ausstellte.— Scharrm. (sie unterbrechend). Wer sagt das? wer wagt, das zu behaupten? — Emma. Ein Sterbender sprach es in seinen letzten Augenblicken, und die Worte eines Sterbenden sind von Gewicht! Scharrm. (ängstlich). Doch nicht so sehr, als die Unterschriften der beiden Zeugen, welche auf dem Schuldschein bekräftigen, daß Ihr Vater von mir die volle, runde Summe von 800 fl. erhalten habe — Zwei Zeugen, die — Emma (einfallend). Die mein armer Vater selbst gebeten hat, ja bitten mußte, sich für eine Unwahrheit zu verbürgen, weil er sonst das Geld, dessen er so dringend bedurfte, von Ihnen gar nicht erhalten hätte! O! solche Schuldverschreibungen sind in der Kanzlei des Satans verfasst!! — Übrigens beruhigen Sie sich! ich will Ihnen nicht etwa mit dem Gerichte drohen; denn mein Vater beschwor mich, Niemanden, äußer Ihnen, mitzutheilen, daß ich vom wahren Sachverhalt in Kennt- niß gesetzt bin; gegen das Gesetz schützt Sie die Unterschrift der Zeugen, doch gegen die Sprache des empörten Herzens einer armen Waise, schützt Sie nichts; (Anna kommt aus der Thür links und bleibt stehen.) gegen den Aufschrei des Elends, in das mich Ihre Hartherzigkeit stoßen würde, schützt Sie nichts; Herr! meine arme^ Mutter, deren Schmerz über unserem unersetzlichen Verlust, die Last des Kummers verdoppelte, liegt krank zu Hause; meine kleinen Geschwister weinen an ihrem Bette! Herr! Nur einen einzigen Blick thun Sie auf diese Wahlstätte des Leidens — nur einen Blick! — und Sie werden weich werden — werden der kranken Mutter nicht die letzten Habseligkeiten und den Kindern nicht das einzige Erbe ihres Vaters nehmen? — Scharrm. Sie sprechen recht gut, recht fließend; doch das macht bei mir keine Wirkung! ich bin das gewohnt! solche Scenen sind mir alltäglich! — Emma. So kann Sie nichts erweichen? — Scharrm. Nichts! gar nichts! — Anna (vortretend). Auch nicht die Bitte deines einzigen Kindes! (umschlingt den Alten.) Scharrm. Du hier? was willst du hier? wer hat Dich herbeigerufen? ! Anna. Die Stimme meines Herzens, ^die mir sagte: jetzt sei die Gegenwart ^ Deines Kindes nöthig, um Dich von seiner Grausamkeit fern zu halten. — ! Scharrm (v« Seite). Sie hat Alles gehört! Vor ihr darf ich mich nicht grausam zeigen, (laut) Auch ohne Deine Da- ^zwischenkunft, meine Tochter! hätte ich dem Fräulein die Nachsicht angedeihen ! lassen! Ich wollte nur sehen, ob sie deren Wirklich bedürfe, denn solche Scenen werden auch oft von denen gespielt, die nicht zahlen wollen. — Also halte das nicht für Grausamkeit, was nur geschäftliche Vorsicht, gebotene Klugheit war! Und Sie — mein Fräulein, gehen Sie beruhigt nach Hause — ich verlängere Ihnen den Zahlungstermin auf ein Jahr — aber dann — ohne Nachsicht. Anna. Wie Vater! nur verlängern— nicht vergessen? Scharrm. (entsetzt). Anna! bist Du verrückt! ? — Anna. Ist das etwas so Außerordentliches ? — nun dann weiß ich ein natürliches Mittel! — Diese Perlen (deutet auf eine Perlenschnur am Halse) sind Mein EigkN- thum, das Erbtheil meiner Mutter! (löst selbe vom Halse) Nehmen Sie sie hin, liebes Kind und> bezahlen Sie mit dem Erlös die Schuld Ihres Vaters an den meinen (will dir Perlen der Emma geben). 8 Emma. Fräulein Anna! Sie sind ein Engel an Güte! doch Geschenke mH» me ich nicht — ich Hab' nicht nur die Armuth, ich habe auch den Stolz meines Vaters geerbt! — (weist die Perlen zurück.) Scharrm. (verlegen). Anna, Du beschämst mich. — Anna. Nicht doch — ich wollte der Armen helfen, für die meine ganze Empfindung rege geworden! Du, als Geschäftsmann kannst dies nicht, ich kann's!— Scharrm. (mit Anstrengung). Fräulein Helming — Sie werden mich bezahlen wann und wie Sie eben können — doch jetzt rufen mich Geschäfte (Uuks ab). Emma. Tausend Dank! Herr Scharr- Mann! (geht zu Anna, will ihr mit Thränen die Hand küssen; diese jedoch erhebt sie, und schlingt ihre Arme um sie, beide halten sich in stummer Rührung umschlungen). (Kleine Pause.) Wie Wird Meine kranke Mutter aufleben bei der frohen Nachricht, die ich ihr nun bringen kann! der Kummer, den ihr diese Schuld be- oder verwitwete Aerzte! — (murmelt be, Seite, die Annonce lesend). Tut — ganz gut so ! — Hat mich aber auch genug gekostet! doch wird es seine Wirkung sicher nicht verfehlen! Mir wird geholfen werden! Ich fühl's, diese Krankheit frißt mir am Lebensmark und sterben — hu! wie entsetzlich ! ich würde weinen um das viele Geld, das meine Leiche kostet! drum will ich mich an's Leben klammern; und derjenige Arzt, der im Stande ist, mich zu heilen, der ist auch werth, daß ich ihm meine Tochter zur Frau gebe! — (reibt sich die Hiinde). Ich gewinne dabei doppelt: erst die Gesundheit und dann die ärztlichen Visiten, die ich meinem Schwiegersöhne nicht zu bezahlen brauche! Und das ist ein großer Gewinn heutzutag! — (Anna erblickend). Ah! Dl! noch da, meine Tochter! ? eben recht, da lies! (Reicht ihr die Zeitung.) Anna (still lesend). O mein Gott! (Sir läßt dir Zeitung fallen, und bedeckt sich das Gesicht.) Scharrm. Was ist dir? — Anna (deutet ckit dem Finger aus die am Boden reitete, ist nun theilweise gehoben! sie wird wieder genesen! Und das alles ver-!liegmd'e Zeitung)" danken wir Ihnen— Ihnen allein ! O!> Scharrm. (streng). Geht es Dir zu kommen Sie mit mir! sehen (sie die!Herzeii, daß ich Dich demjenigen zur Frau Thränen der Freude und L>ie werden ^eben will, der an mir eine Wunderkur belohnt sein, reichlich belohnt! — -vollbringt — kränkt Dich das? — Ist Anna. Nicht jetzt — doch ich komme Dir des Vaters Wohl nicht wichtig ge- bald — recht bald! — nug?— Hast Du vielleicht außer mir Emma (sich losreißend). Gott segne Sie! noch Jemanden, der Dir theuer ist? — Leben Sie wohl! («m durch die Mine ab.) ^ Hann freilich muß der Vater zurück stehen, muß lieber zu Grunde gehen, damit dem Sechste Scene. Herzchen der ungerathenen Tochter nicht Anna (allein). So selig Hab' ich mich geschieht. noch nie gefühlt! Ich möchte lachen weinen zugleich! O! Himmel ich dankei^ ^"Adoch^n^ ^ hart. Ich null dir, daß du mir ein Herz gegeben! Glu^ (Setzt sich zum Arbeitstische am Fenster.) ^NN dies Opfer Nvthlg , doch daran zweifle lch — Siebente Scene. - ScharrNU So? daran zweifelst Du? . ,Hab' ich nicht schon drei Ärzte um Rath der Haud haltend aus Rechts.) gefragt, und theuer bezahlen müssen. (Leidenschaftlich). Schade um die schönen blan- Scharr. (»« Seite). Da — da stehts! ken Dukaten! Was thaten sie für mich? mit großen Buchstaben ! Avis für ledige der Eine nahm mich gar nicht in Behänd- 9 lung, weil es ihm an Zeit fehlte, eine so langwierige hartnäckige Krankheit zu stu- diren, der Andere sagte mir ins Gesicht, ich sei unheilbar; der dritte gab mir drei Jahre Lcbeusfrist; so bin ich nun nach 24 Monaten, die ich größtentheilS schlaflos zugebracht, nach einer Aufopferung von 3 Stück Dukaten auf dem Punkt, wo ich vor 2 Jahrdn war, nur mehr herabgekommen und mehr entmuthigt! — Mußt ich da nicht zu dem allerdings außerordentlichen, aber hoffentlich wirksamen Mittel greifen, eine förmliche Concurrenz zu eröffnen, indem ich Dich als Preis ausgesetzt! A n n a (weinend). Ja wohl, ausgesetzt! doch will ich nicht darüber weinen, wenn nur Du mir dadurch erhalten wirst, und ich mit meinen Glück Dein Leben erkaufe! — Scharrm. Das wirst Du, meine Tochter! Sie werden sich um die Wette bemühen, mich zu heilen! ^-i Leite). Und ich erspare dabei meine lieben, blanken Goldfüchse ! (Reibt sich die Hände.) Achte Scene. Vorige. Elise (durch die Mitlelthür.) Elise. Draußen steht ein junger hübscher Mann! Er sagt, daß er ein Arzt ist, und den Herrn zu sprechen wünscht. — Scharrm. Aha! har schon gewirkt! die erste Schwalbe kommt schon geflogen. — Laß ihn herein! — ich erwarte ihn mit Sehnsucht. Elise (dki Seite,. Mit Sehnsucht? Als ob er ein Frauenzimmer wäre. («r>.) Scharrm. Liebes Kind! laß mich allein, eine Unterredung mit dem Arzt ist oft heiklicher, wie eine Beichte. Geh nach Deinem Zimmer! - Anna. Gott gebe, daß der Dir helfen könne, lieber guter Vater! — Scharrm. Und daß er ein liebenswürdiger Mann sei! — das betest Du wohl im Stillen extra dazu. — Anna (mit einem Seufzer). Wie der Himmel will! (Bei Seite). Er ist es ja doch jnicht, denn er ist kein Arzt, und ohne ihn gibts für mich kein Glück! <«b.) Neunte Scene. Scharrm. (allem). O! daß es ein Er- stenchteter wäre! — Zehnte Scene. Voriger. Heinrich Justus. Scharrm. (ihm entgegengehend). Sein Sie mir willkommen! — Heinrich (bei Seite). Mir bangt! — S ch arrm. Sie scheinen befangen, junger Mann! fast zu befangen für einen Arzt! — Heinrich (bei Seite). Ja richtig, ich bin ja Arzt, da muß ich wohl keck auftre- ten. — Nun denn ich will'S versuchen! (Laut). Die Zunge heraus! Scharrm. (erschreckt, die Zunge zeigend). Heinrich (bei Seite). Himmel die ist lang! So eine Zunge Hab ich mein Lebtag nicht gesehen! Scharrm. Sie scheinen erstaunt? Sie schweigen? — Wie finden Sie meine Zunge? Heinrich (schnell). Sehr lang! Scharrm. Wie? — Heinrich (sich verbessernd). Schon sehr laug müssen Sie krank sein, wollt ich sagen. Scharrm. (aufseufzend). Leider! Sie haben dies also schnell erkannt? Heinrich (»es werdend). Gleich auf den ersten Blick! 0! die Diaxnosis Hab' ich! Scharrm. (bei Sette). Der scheint Praxis zu haben, trotz seiner Jugend. (Lauy. Woran, wenn ich fragen darf? Heinrich (sich umsehend). Ich schwitze Angstschweiß! wenn ich nur sie sehen könnte. Scharrm. (wiederholend und betonend). Woran haben Sie nun das erkannt, wenn ich fragen darf? — Heinrich (»erlegen). Woran? — woran! — an — an — an der Nasenspitze ! 10 Scharrm. (erschrecktsich beider Rase nehmend). Bin ich vielleicht schon so auffallend mager? — Heinrich. Sie? o! nein! im Gegen- theil! (bei Seite). Wenn er mich nur um nichts inehr fragt. (Wischt sich den Schweiß von der Stirne.) Scharrm. Fühlen Sie mir doch einmal den Puls, lieber Herr Doktor! — Heinrich. Den Puls? — ja freilich, den wollen wir doch einmal befühlen. (Faßt ihn bei der linken Hand.) Schar rm. (entzieht ihm die Hand). Das ist die Linke! Heinrich ftes). Das ist mir ganz egal, bei mir ist jede die rechte. Wir jungen Aerzte aus der neuen Schule sind nicht so heiklich!— (bei Seite) Das war schon sehr sicher! — Scharm, (bei Seite). Seine Zuversicht erweckt mir immer mehr Vertrauen. Sie haben meine Leiden gewiß schon erkannt — Herr Doktor! — Heinrich (kecker). Ja freilich, prima vikt:»! (deklamirend). luilium xnpientiae 6^1. limor tlounni! — Scharm, (bei Seite). Das ist ein Arzt, (laut) Und wie, wenn ich fragen darf, nennen Sie meine Krankheit? — Heinrich (frappirt). Wie? (bei Seite), jetzt kochts! wenn nur sie schon käme (wischt sich den Schweiß ab.) Scharrm. Ist Ihnen so warm, Herr Doktor? — Heinrich (bei Seite). Er macht mir so warm, (laut) Eine kleine Blutwallung, es geht vorüber! (bei Seite) Sie kommt noch immer nicht! Sehen muß ich sie, eher geh' ich nicht (busi umher). Scharrm. Also lieber Herr Doktor! wo glauben Sie den Sitz meiner Krankheit? — Heinrich. Wo? (bei Seite). Jetzt weiß ich nimmer aus! (fsm plötzlich vom Stuhl). Scharrm. Ums Himmelswillen, Herr^ Doktor! Was fehlt Ihnen denn? Hülfe! Hülse! Wasser! Wasser! Meinen Doktor hat der Schlag getroffen. Eilfte Scene. Vorige. Anna (ein Glas Waffet auf einer Taffe bringend). Elise (einen Krug Wasser tragend). Anna. Was ist denn geschehen? — Heinrich (bei Seite). Ihre Stimme! O Gott! (blickt sie an). Anna (läuft zum Stuhl, neben dem Heinrich liegt, erkennt ihn, lässt die Taffe sammt dem Glase fallen und schreit). Himmel! Er! Scharrm (erstaunt). Wer Er? was Er? Wie so Er? warum Er? — was soll das heißen ? (steht in der Mitte zwischen Auna und Heinrich). Was willst Dll sagen mit Deinem geheimnißvollen: Himmel Er?! — Anna (niederknieend). Verzeihung, lie-t ber Vater, wir kennen uns! ^ Heinrich (sich bis zum Knien von der Erde erhebend). Verzeihung, lieber Herr! A wir kennen uns! Scharrm. (streng). So? Du kennst meinen Doktor, woher denn, wenn ich fragen darf? (sanft) Nun das hat jetzt nichts auf sich! (streng) Sie sind aber doch ein Doktor? Heinrich (noch knieend). Ja,der Rechte! Scharrm. Das hoff' ich auch, in Ihnen den rechten Doktor gefunden zu haben. Und wenn dem so ist, will ich gar nicht fragen, wie Sie meine Tochter kennen gelernt haben! Helfen Sie mir nun erst, das weitere wird sich leicht finden! — Heinrich (aufstehend). Herr! wenn Sie einen Prozeß haben, will ich Ihnen helfen! sonst kann ich's nicht! — Scharm. Was heißt das, mein Herr! Anna (schüchtern aufstehend). Das heißt, bester Vate^! der Herr dä ist Jurist und nicht Arzt'/ Scharrm. (wild). Was? man hat es gewagt, mich so zu düpiren? Herr! Wer? und was sind Sie? Sagen Sie es selbst! Aus Ihrem Munde will ich's hören. Heinrich. Ich bin Ihr ergebenster Diener, Herr von Scharrmann — nebst- 11 bei aber habe ich die Ehre zu sein: der Doktor Juris Heinrich Justus! — Scharrm. Also wirklich? man hat mich hintergangen ? — man hat es gewagt, sich mir unter einer Maske vor- zustellen! Herr! ich lasse Sie auf die Polizei führen ! — Anna. Later! — Heinrich (fest, doch ruhig). Das werden Sie nicht! Sie werden einen Jugendstreich, ohne böswillige Absicht, nicht bestrafen wollen, wie ein Vergehen; Sie werden einem Liebenden verzeihen, daß er diese Maske gewählt, um sich der Geliebten zu nähern. Sie werden unfern vereinten Bitten nachgeben, und mich Anna (betrübt links ab). Scharrm. (laut). Nein, es ist unerhört, mich so zu hintergehen, das ist empörend! — Elise. Na, was ist denn daran gar so empörendes? Er hat sie gern, sie hat ihn gern, und so haben'sie sich wenigstens sprechen können! — Warum sind Sie so ein Tyrann gegen Ihre Tochter, daß sie gar nirgends hingehen darf, und immer zu Hause hocken muß, da müssen die jungen Leute zu solchen Mitteln ihre Zuflucht nehme! Ich machet es noch feiner, mir kommeten Sie nicht auf meine Kniffe! — Scharrm. Ja, das glaub' ich, aber nach längerer Prüfung meines Charak-!Gott sei Dank: meine Tochter ist noch ters mit der Hand Ihrer liebenswürdigen!zu unschuldig, um mich so systematisch Tochter beglücken, ohne die ich nicht leben zu täuschen! (es klopft). Herein! — kann! Dreizehnte Scene. Vorige. Oskar Blitzer. Scharrm. Was bringen «Hie mir, Anna. Pater! bester Vater! Scharrm. (sie zurückdrängend). Nein, mein Herr! das Alles werde ich bleiben lassen! Ich werde Sie bloß als Betrüger anzeigen, werde meine Tochter einem Arzt^ zur Frau geben, und Sie zum Hause!mein Herr? hinaus werfen lassen, wenn Sie sich iw Blitzer. Mich selbst, mit Erlaubniß! irgend einer Gestalt noch einmal bei mkld. h. meine Kenntnisse, meine Wissen- einschmuggeln wollten! Das werde ich! schuft! — verstehen Sie mich ? — und jetzt basta!! Scharrm. Ah! Sie sind — Aus meinen Augen! für immer! — Blitzer. Zu dienen, ich bin! — Heinrich. Herr! Sie sind grausam! Scharrm. (zu Elise). Wieder Einer! Vielleicht ändert die Zeit ihre Gesinnung Am Ende ist das auch nur ein Vermum- gen! Meine Gesinnungen gegen Ihre ter?! (laut) Mein Herr! entschuldigen Tochter werden immer die gleichen blei-lSie die Frage. — Sind Sie aber auch ben. Sie können den Bund unserer ^ wirklich Arzt- Seelen nicht trennen. Fräulein Anna!i Blitzer (leise). Ich Hab' meinen Uni- leben Sie wohl, doch nicht für immer ^versitäts-Jmmatriculationsschein bei mir. (laut) Hier mein Doktor-Diplom, welches ich für alle Fälle mitgenommen! (überreicht die Schrift). Scharrm. Oh! Charmant! — (nimmt die Schrift und wirft einen Blick hinein, dann leise zu Elise). O weh! das ist lateinisch! — Elise (leise). Das ist Ihnen halt spanisch? — Scharrm. (gibt die Schrift zurück). Schon gut, ich bin vollkommen überzeugt! Also (Mrzt verzweifelnd durch die Mittelthüre ab). Zwölfte Scene. Vorige ohne Heinrich. Anna (schüchtern). Aber liebster, Vater! — Scharrm. Schweig ungerathenes Kind! Geh' aus meinen Augen! Später werde ich mit Dir Abrechnung halten. bester 42 geehrter Herr Doktor! Sie wollen mich in Behandlung nehmen? — Blitzer. Wenn Sie sich mir anvertrauen, vom Herzen gerne; natürlich unter den von Ihnen selbst gestellten Aussichten auf die Hand ihrer liebenSwür digkN Tochter! (weist auf Elise.) E'li s e. (geschmeichelt). O ich bitte! — Scharrm. (gekränkt). Das ist nicht meine Tochter, Gott bewahre! Das ist nur meine Wirthschafterin! — Blitzer. Wirthschafterin! da muß Segen im Hanse sein, wo Sie mein Fräulein wirthschafteu (küßt ihr die Hand). Scharrm. (ihn unterbrechend) Die ist gesund, Herr Doktor! Kerngesund! Mir sollen Sie.ihre Aufmerksamkeit zuwenden. Blitzer. (Elisefixireud). Ja so, entschuldigen Sie! — ich stehe zu Diensten. Scharrm. Soll ich Ihnen meine Krankheitsgeschichte erzählen? Blitzer. Ich werde bitten; doch setzen wir uns erst! (stellt Elisen einen Stuhl) wollen Sie nicht auch Platz nehmen, Fräulein? — Scharrm. von der Person nit reden, das is gar eine achtenSwerthe Person! — 14 Kleinbeindl (mit hoher Stimme), kann man mit ihr sprechen? Wie haben, da müßt man ja mehr Lehmbatzen als wie Mensch sein! — Aber ich weiß's Kaspar. Wie mit jeder Andern, mit'mschon, warum's fragen ! Maul, hahaha! Uebrigens kommt sie jeden' Fr. Kathi. Na, warum frag ich denn? Tag daher zu uns, weil ihr unser Vierer Matzl (Pfiffs. So hab'n g'wiß selber so gut schmeckt! — Da könnens nachher wieder ein Eselsdurst, und da wolln's mit ihr reden — sie wird gleich da sein! wieder mein Durst mißbrauchen, damit's Frl. Alterl. Da nehmen Sie für glei'a Maßt hergeb'n lassen können, aber den guten Rath (gibt ihm ein Guldenzettel). beim Trinken brauchen's nachher mein Kaspar. O! ich bitt' das is zm Durst nimmer! — O! Sic sein g'scheidt! viel! — ' Fr. Kathi (Mri». Das kommt ja so Frl. A l t e r l (leise). Wenn sie kommt, heraus, als ob i gern trinket, so zeigen Sie mir sie sogleich, damit ich Matzl. Ob's gern trinken, weiß i nit, die erste bin. — aber viel, daß sieh ich! — (Die Areunzeme- Kaspar. Ich bring sie gleich zn Ihnen, s verstellend). Heute bin ich aber schon so müd' wie sie sich blicken laßt! Für einen Gulden und matt als wie ein Maikäfer im Juni! Trinkgeld schlepp' ich's bei die Haar her!! Fr. Kathi. Bist schon aus kühlt? — — (es klingelt am rückwärtigen Tisch, laut rufend)! traust Dich schon ZU trinken? — Gleich! Sie verzeihen schon; — wie> Matzl (lachend). Aber — jetzt denk ich gesagt, verlasscns Ihnen auf mich! (wirft mir wieder das, was ich fi üher nit Hab' sag'nwoll'u! — Fr. Kathi. Na ich Hab' halt g'laubt, Du bist noch z'warm — und weil ich den Wein nur weg'n Deiner hergeb'n laß. Matzl (lacht.) Fr. Kathi. Still sei und lach' nit so dumm! Caspar! eine Maß Vierer für den Matzl! Matzl (rnsend). Aber zwei Gläser dazu! Fr. Kathi. Mußt denn das so laut sagen! Er weiß eh', daß ich immer ein bisl kost davon! M atzl (vor Lachen aufschreiend.) ,Fr. Kathi. Was lachst denn, dummer Kerl! — Matzl. Jhua kosten, kost mich ein den beiden Herren einen verächtlichen Blick zu und geht dann stolz zu den rückwärtigen Tischen, wo geklingelt wurde). Frl. Alterl. Den Hab' ich für mich gewonnen, jetzt nur noch die Andere! — Sechzehnte Scene. Frau Kathl, Matzl (mit einer Kreunze auf dem Rücken). Vorige. Matzl. Ah! das is aber a Hitz heut, rein zum Umfall'n! Und mit so einer Kraxen am Buckel, is's noch einmal so heiß! So eine Kräutersammlerei is a Bärenarbeit! Frau Kathi (hilft ihm die Kreunze abneh men). Na, jetzt kannst Dich doch ausrasten, Lacher; wenn das kost' is, nachher möcht jetzt bist ja z'Haus Matzl (lachend) Das heißt iw Wirths- haus; da bin ich aber wie z'Haus. — FraU Kathi (verstohlen und schüchtern). Matzl, hast Du Durst? Matzl. Frau Kathi! sein's nit bös, aber auf dö Frag' muß ich mir die Antwort denken. Frau Kathi. Na, außa damit! ich Ihnen einmal trinken sehen! (Lacht.) Kaspar (bringt eine Flasche Wein mit zwei Gläsern und stellt sie auf den 4. freien Tisch links.Heim lich zu Kathi). Sie liebe Frau Kathi! thuus mir den einzigen G'fallen und schauns, daß die Frau da mit'n Herrn Zenger reden kann! Sie hat mich so schön gebeten ! Fr. Kathi. Sie wissen aber — daß der Herr von neuen Patienten gar nix M a tz l. Verzeih'ns, dös war zu dumm mchr wissen will, es ^ein ihm schon die g'fragt! Bei der Hitz und kein Durst j alten z'viel! — 18 Kaspar. Aber wegen der einen! Sie können ja Alles, wenn's wollen — Sie sein ja sein Factotum! hahaha! — Fr. K a th i (geschmeichelt). Na ich werd' sehen! Kaspar (bei Seite). Die andern zwei laß ich sitzen. (Laut). Ich dank im Voraus, Frau Kathi! — (Zu Frl. «lterl laufend, leise). S'is Alles in Ordnung! hahaha! (Dann hinten ab.) Matzl (anstoßend). Auf Ihre G'sund- heit, Frau Kathi, schmeckts Ihnen? Fr. Kathi (welche schon früher ein Glas geleert, sich verstellend). Ich Hab' ihn heut noch nicht kost! (Thut, als ob sie erst setzt nippte). Na, nit Übel! — Matzl (fürchterlich lachend). Fr. Kathi. Na, was hast denn jetzt wieder? was lachst denn? Matzl. Weil Sie so unbekannt thun, mit ein uralten Bekannten! — Siebenzehnte Scene. Vorige. Blitzer. Kaspar. Blitzer (Kaspar am Arm). Sagen Sie mir, lieber Herr Oberkellner, wo finde ich denn den sogenannten Wunderdoktor? Kaspar. Wo Sie ihm jetzt findeten, weiß ich nicht, denn er ist in einer vernehmlichen Eglibasch abgeholt und in d'Stadt nein g'führt wor'n! hahaha! Blitzer. Wird er bald zurück kommen ? Casp ar. Ehe der Hahn dreimal kräht, wird er wahrscheinlich schcn zurück sein. Blitzer. Unsinn! was heißt denn das? Caspar. Das heißt, ich weiß nit, ob er heut noch kommt! hahaha! — Blitzer (bei Seite). Ah, mit dem muß man anders reden! (Laut) Da nehmen Sie diese Kleinigkeit. (Gib, ihm 5 p.) Caspar (bei Seite). 8 sl.!! — Das nennt der a Kleinigkeit! da möcht' ich nachher erst was Großes kriegen! ha! ha! ha! Blitzer (heimlich zu Kaspar). Jetzt geben Sie mir aber genaue Auskunft über Alles, was Sie von dem sogenannten Wunderdoktor wissen? Sie dürfen nicht etwa glauben, daß ich etwas ausspioniren will, ich bin nichts etwa — Kaspar (wie oben)" Ah, das Hab' ich gleich g'wußt, sonst hättens mir ja kan Fünfer in die Hand druckt! Also hören Sie Alles, was ich weiß! der Wunderdoktor wird weit -und breit in der Umgegend für einen Mann gehalten, der durch überirdische Kraft die außerordentlichsten Cure« Vollbringt. (Es wird geklingelt) Gleich komm ich! — (Fortfahrend). Ich für meinen Theil glaub nicht recht an die übernatürliche Kraft! das macht aber nix! ich bin ja kein Patient, ich bin ja nur ein — Erster Gast (ruft und klingelt . Verdammter Kellner! Kaspar (zurülkrusend). Ja wohl! weiß schon! (fortfahrendl. Ich glaub vielmehr das, was der Wunderdoktor selber da bei uns erzählt hat, nämlich daß er bei Belgrad ein medizinisches Buch gefunden hat, was ein uralter Arzt aus Griechenland bei seiner Verfolgung dort selbst — vergraben haben soll, und so viel is jedenfalls g'wiß! — Erste r G a st Mmgely. Der Kellner ist ein Esel! — Kaspar (zurücklaufend). Na ja, ich weiß schon! (Fortfahrend) Also so viel ist g'wiß, daß er nach dem Buch kurirt, und daß er daraus seine Weisheit schöpft! Uebri- gens genießt er ein großartiges Vertrauen! Erster G a st. Dem Kellner soll man eine herunter hauen! — Kaspar (fortfahrend). Er verdicnt's auch! — Jetzt Wissens für 3 fl. genug, das Andere spar' ich mir für den nächsten 8er. — Blitzer. Aber Eins noch, kann ich hier warten? Erster G ast (rückwärts). Wann kommt denn der Satanskellner? Kaspar (ru Blitzer fortfahrend.) Heut 16 kommt er noch, soviel ist schier g'wiß, re- dens nnr nur derweil mit der Frau da, das ist seine Wirthschafterin, wann die Ihnen ein gutes Wort red't, so hört er Ihnen g'wiß an! Erster Gast (schreiend). Ich geh' ohne Zahlen fort! Kaspar (rufend). Ah! Verdammt! Sie verleihen! (läuft schnell zum Gast hin, macht im Stillen die Rechnung und geht bald dort, bald hirr bedie- die Kräuter z'Haus, dö der Herr in aller Früh sammelt, ich kann also auch a Wörtl d'rein reden! Ich bin, was man in der Stadt sagt, sein Farmazeitlich! Frau Kathi. Geh du Haspel! du weißt grad so viel von dem, was du trägst, als wie a Gans weiß, was mit ihr'n Federn einmal g'schrieben wird. (ES führt eine Equipage vor, und hält an dem Garten - thor, und heraussteigt Herr Zenger.) nrnd unter die Gäste.) Blitzer (setzt sich zum Tisch der Kathi). Mit Erlaubniß! Oder genire ich vielleicht? — Frau Kathi. Sie — uns? — o! na! wann wir Ihnen uit geniren. Blitzer. Im Gegeutheil, ich, frohlocke sogar darüber — Matzl (eillwerfend). Der locket froh! Blitzer. Darüber, daß ich an Einem Tisch mit Ihnen (zu Frau Kathi) sitzen darf, denn Sie sind eine sehr scharmante Frau! Frau Kathi. Sie woll'n g'wiß was von mir, weil's mir so 's Goderl streich'n! Blitzer. Eigentlich nichts von Ihnen, aber viel von dem Herrn Zenger! — Frau Kathi. Denkt Hab ich mir'-! Sie sein gwi'ß krank? Blitzer (erstaunt). Ich? — ja so — ja freilich bin ich krank! Frau Kathi. Sehn auch schlecht genug aus! M atzl. Ja wohl, dös is ja a Krttdels Ausg'schau! FrauKathi. Und da möchteus Ihnen an Herrn Zenger wenden? Blitzer. Ja, ich Hab volles Vertrauen auf ihn! — Matzl. Lassens es lieber geh'n! Sie machcus so nimmer laug (aus die Brust zeigend). Sie Habens ja schon im letzten Gschradium! Blitzer (lachend). Na, wer weiß, vielleicht bin ich noch zu retten? — Matzl. Sö? gar ka Spur! für Ihnen is ka Kräutl g'wachsen. FrauKathi. Red' doch nit so dumm, Matzl! du verstehst ja nix. Matzl. Ich muß das versteh'n! Ich trag schon seit 10 Jahren in der Kraxen Achtzehnte Scene. Vorige. Zenger. Entree-Lied des Zenger. Von Einem zumAndern lauf ich hin und her (Und Jedem soll ich helfen, ja so was ist schwer) Dem Einen thut der Magen weh, Der Eine braucht ein Kramperlthee, Der Dritte ach Herr Jemine! Hat sich die Nasen g'frört im Schnee; Dem Vierten schadet der Kaffee, >Der Fünft' ist krank in der Idee, Der Sechste und der Siebente Die leiden an dem Glück der Eh' (Kurz, Jedem thut was And'res weh Und Jeder will von mir sein Thee) Wer da sein Verstand nit will selber verlier« (Der brauchet wahrhaftig ein doppeltes Hirn.) Der Eine seufzt O! und der Andere seufzt Ach! (Der Eine schreit laut und der And're klagt schwach) Oer Eine ungeduldig schreit, So Helsens doch, sis d'höchste Zeit, Der Zweite reißt den Mund auf weit, Und stöhnt: zum Tod bin ich bereit, Der Dritte jammert allezeit Ach! war ich nur vom Schmerz befreit! (Der Fünfte schreit vor lauter Freud' Wenn er mich sieht von aller Weit.) Wer da denVerstand nit will selber verliern, (Der brauchet wahrhaftig ein doppeltes Hirn.) 17 Ah! guten Tag Kathi! grüß' Gott! Matzl! Wie geht's?— > Frau Kathi (Zenger bei Seite nehmend). Heut geht's wieder zu da — rein nit zum aushalten; wo man hintritt, tritt man auf Patienten. — Zenger. Jetzt ist die ganze Welt a Krankenhaus, denn jeden fehlt's irgendwo, aber zu kurieren ist da nix! Habens denn den Leuten nit g'sagt, daß ich nix x wissen will — und daß zu ein Andern geh'n sollen? — Frau Kathi. Was nutzt denn das, sie gehen halt nit fort! Zenger (wm geh'n). Na, so geh' ich fort! Frau Kathi (einschmeichelnd). Ah! ein Paar Werdens schon anhören müssen! die haben gar so schön gebeten.— Zenger. Na wegen meiner, die 3 oder 4, die da vorn sitzen, will ich mir ver- gunnen, aber mehr nit. FrauKathi. Na also zuerst die Frau da, die wart schon lang. Zenger. Was wird denn die wieder wollen? vielleicht soll ich ihr eine neue Larven hinauf zaubern, brauch'n thät ste's! — (setzt sich an den Tisch, wo Frl. Alterl sitzt.) Na wo fehlt's? Frl. Alterl (seufzend). Hier! (deutet auf's Herz). Zenger. Wahrscheinlich ein Herzfehler? das kommt häufig vor! — Denn leider, ist es schon ein Fehler, wenn man heut zu Tag ein Herz hat! — haben Sie starkes Klopfen? — Frl. Alt er l. Ah sehr! besonders wenn ich ihn sehe. —' Zenger. Ihn? wen? Frl. Alterl. Ach! ihn, den ich liebe, den Jüngling meiner Wahl! Zenger. Sie lieben? — und noch dazu einen Jüngling? incurabel — gehn's z'Haus! da is nix zu helfen! — Frl. Alterl. Ich will auch nicht, daß S)e mir dieses süße Gefühl benehmen sollen: sondern — ich — nun — ich — möchte — Zenger. Na, heraus mit der Färb! Was Habens denn eigentlich fürSchmerzen? Kathi (leise zu Matzl). Was muß denn eigentlich der Alten fehlen? Matzl (lachend). Vielleicht ein Junger! Frl. Alterl (verlegen). Ich Hab' g'hört Sie könnten einen Trank bereiten, der — den — dem — man — den — mit einem Wort: einen Liebestrank. Zenger (sie unterbrechend). Sie hören's, wer hat Ihnen denn das g'sagt? Meine Empfehlung an das Rhinoceros! Es soll nicht so lügen, sonst stopf ich ihm sein Stadlthor! Und Sie — verzeihen's mir — Sie sein wirklich so dalket — so was zu glauben? — Als gebildete Frau oder Fräulein könnten Sie wirklich ein bisl g'scheidter sein, denn der Aberglauben ist die größte Dummheit! — und theilweis auch die gefährlichste! — Na, nix für ungut, schaun's,'daß gut z'Haus kommen; wann Sie aber für ein Augenblick erlauben wollen, daß ich Ihren Seele n a r z t mach, so rath ich Ihnen: schauns Ihnen fleißig in den Spiegel, aber in der Früh, ohne Schmink, ohne Crinolin und ohne Amazonenhut und sagens dabei die Worte! Ich bin doch noch recht mudelsauber! — wanns dabei nit roth werden bis über die Ohren und sich selber ins G'sicht lachen, so ist Hopfen und Malz verloren! — Empfehl mich Ihnen (stehtauf uud geht an den Tisch, an welchem Herr von Kleinbeindl fitzt, Frl. Alterl geht beschämt in den Hintergrund, bezahlt dort den Kellner und geht dann ab). Matzl. Mir scheint, die ist abbrennt sammt ihren Strohdach! Ich bin neugierig, wie's dem jungen G'schwufen geh'n wird? — Zenger (hat si, Alfa ans!'""St-llu..g, . wem denn? -Lenzer Das macht er gut, Zenger. Nur auf Ein! tMn wrchtnli-^^ itchs nit vertragt mit sein Amt, daß Auf den, der mich --zeigt " Humus lammt, ,° wart er, bat, »>»-»»,»»- Aber mir scheint»"»« ' d-h-re-»konim, Uebr.genS daS macht Sie halten mich für -in Bauern: weil« "'k' «-« lammt bei mir öfter -°r. Ich mich so anssrag'n thnn! da« heißt man 2""' ^ bei uns z'Haus — Ein ausfratscheln. kommen, rn schlechten Rocken und al- Sie' das Hab ich nit gern ^ Hüten, damit ichs nur mt erkennen Kerkerm. Glanb'ns ja nit, daß ich^ - I kenns aber doch - halt aber Sie befrage, um vielleicht Ihre Antwor-^.^? Maul, dafür (vertraulich) ziehn ten weiter zu tragen, Gott bewahre mich-M^ diese unbekannten Bekannten wre- Dazu fühl ich mich zu gut. Ich möchts aus der Klemm, wenns mich em- nur deßhalb gern wissen, weil ich in dem ^ ^ bist emzwickt habn. Sie wern Fall, als Sie mir nichts nachtragen, eine 'bhn, fftz r nit. Bitt an Sie hält'. Kerkerm. Ich wünschet es Ihnen Zenger (gespannt). Sie bitten mich aus ganzem Herzen. Aber so lang soll- um was? Ah! das g'hört in Telegrafen, tens doch bleiben, bis meine Tochter Kerkerm. Lachens nit! es ist eine g'sund is. ernste Angelegenheit! Schauns; meine Zenger (lachend). Da schauts den Ego- Tochter, die Lini, mein einziges Kind, ein! isten an, wegen seiner Tochter soll ich liebes gutes 18jähriges Madl, leidt schon Länger sitzen, (gutmütig) No, seins nur seit 8 Jahren an der Bleichsucht, da thät ! ruhig, wegen ihrer Tochter wer'n wirs ich halt den Herrn Zenger gar schön bitten x— Zenger (auffahrend). Doch nit etwa, daß ich ihr da im Gefängniß was eingeben soll! Ah! das war zu gspaßig. Aber ich kenn mich schon aus. Sie hab'n auf mich auf.gricht! Aber der alte Zenger, geht nit mehr in die Falln. Er hat zu oft schon zappeln müßen. Also lassen Sies gut sein mit dö Gspaß von der kranken Tochter, die's vielleicht gar nit hab'n. schon machen. Kerkerm. Also ja, darf ich hoffen? Zenger. Nur zu, Hoffnung ist die beste Medizin, gebens derweil Ihrer Tochter auch gleich ein paar Löffel voll von der Arznei ein. Kerkerm. I werd ihrs gleich sagen, bin gleich wieder da. (zu dm Arestanten) Jetzt muß ich aber bitten (schließt die Thüre rechts auf, die Arrestanten gehen stumm hinein, dann verschließt er die Thür» und Nr. s schließt er auf, geht hinein und schließt von Innen hörbar zu.) 23 Dritte Scene. Zenger, die drei Gefangenen bleiben. Zenger (ihm nachsehend). Das ist eine Kernnatur, der ist noch Mensch durch und durch. Das is aber grad sein Fehler, denn der Vater hat in ihm den Kerkermeister s'Wilde gehörig herunterputzt. Ja Vater bleibt Vater! Aber ich muß mich doch a Bißl umschau'n, was ich eigentlich da für Kollegen Hab. Wenn man auch in der Fremden-Loge sitzt, möcht man halt doch gern wissen, wer die sein, die neben ein sitzen, (zum ersten Gefangenen) Sie erlauben junger Herr, was haben denn Sie verschuldt, dass Sie hier einlogirt worden sein?- Erster Gefangener. Ich bin Schriftsetzer in einer Buchdruckerei. Mich! hat ein Druckfehler, den ich aufn Gwis-j sen Hab, da herein gebracht. Ich Hab ein U statt ein A erwischt, so daß aus der Hand ein Hund worden iS, und der Hund war so Sinnverkehrt und hat so böswillig dreing'schaut, daß sie mich selber für ein bösartigen Hund g'halten habn, drum habns mich derweil auf 9 Tag daher in das Thierspital geb'n, damits sehn, ob nit etwa die Wuth bei! mir ausbricht, s'is aber ka Gfahr! Ich bin ganz zahm. Zeuger (b. S.) Das is gar nit übel, (laut) Gebns aber nach der Hand hübsch acht, damits nit wieder einmal am Hund kommen, (zum zweiten Gefangenen). Und Sie, wann ich fragen darf, wodurch sein denn Sie mein Nachbar wordn? Zweit er Gefangner (ärmlich geneidet). Ich Hab schlag'n Hausherrn meinige, weil hatte mich wulln steigern mit Zins. Zeng er. Und weg'n den Bißl habns Ihnen so einzwängt? Zweiter Gefangener. Alle war e nit bißl, war e bisl stark ausfalln — Schlag was hatte kriegte Hausherr meinige auf Bukel seinige — warns unsinnige, schwerfällige. Zeng er. Aber wie kann man denn auch so dumm sein, ein Hausherrn z' schlagen, ein Hausherr kann nie ein g'schlagener Mann sein. Zweiter Gefangener. Alle, er hat mich wulln steigern bei Dachbuden h'naus, bis in freie Luft. Z e,n g er (lachend). Wie so? Zweiter Gefangener. Erst Hab ich wohnte im dritten Stock, Hab ich zahlte 80 fl. — A — kummte Hausherr — a sagte — wanns wullns bleiben in Haus meinige, um 80 fl., so müßens ziegn hinauf in vierten Stock. — Alle — im nächsten Jahr kummte Hausherr wieder und sagte: wanns wullns bleibn in Haus meinige um 80 fl., so müßens ziegn in fünften Stock. Na, denk ich, biste wider gutes Lammet — und zieh ich wieder in fünfte Stock. Voriges Jahr kummte wieder a sagte: wanns wullns bleibn in Haus meinige um 80 fl. müssens ziehn auf Buden hinauf. — Na ich zieg ich hinauf auf Buden — Alle — wie kumte Heuer wieder und will grad aufmachen Maul seinige großes, da gib ich ihm dwa Fatzky und werf ich ihm über Stiegen hinunter, (weinend) Hausherr liegte noch im Bett — ale ich — sitz ich auf Pritschen. Zeuger. Das is a traurige G'schicht, aber Mancher kann sich was herausklauben. (zum dritten Gefangenen) No , UNd Was fehlt denn Ihnen, daß Sie da die Luftkur brauchen. ! Dritter Gefangener (stolz). Mein entschiedener Karakter hat mich hieher ! gebracht. Zenger. Wie so? Was haben denn Sie für einen Karakter? Dritter Gefangener (st-lz). Ich bin von Haus aus unverbesserlicher Lump. (geht stolz auf und nieder.) Zenger. I küß d' Hand, ich Hab schon g'nug. (bei Seite) Da is mir der versetzte Setzer, und der hausherrnfeindliche Böhm schon lieber. Na, im ganzen ist die G'sellschaft klein, aber honett (man hsn die Thür Nr. 2 von Innen aufschließen) Nv, WkM bringens denn da jetzt wieder? 24 Vierte Scene. Vorige, Matzl, (aus der Thür Nr. S.) Matzl. Herr Zenger, Herr Zenger (will etwas sagen, bringt aber nichts heraus als) da bin ich. Zenger (erfreut). Matzl! grüß Dich ^en wer'n. Also Du läufst jetzt gleich jz' Haus und gehst in mein Schlafzim- Kerkermer ster^r! Da wirst Du meinen Schlafrock finden, und darinnen 2 kleine Schlüsseln, der Eine g'hört zum Kasten, der andere zum Schubfach — verstehst mich? Matzl. Ja, Herr Zenger. Zenger. Also da sperrst nachher da- Gott — was bringst denn Du mir Gutes?,mit auf, nimmst das Buch heraus, und Matzl. Mich selber! wann Ihnen thust die Schlüsseln wieder dorthin, wo das vielleicht z'schlecht is, ich bring' auch noch was besseres! viele Grüße von der Frau Kathi! und Sie möchten bald z' Haus kommen, hats g'sagt. Zenger. Ja, ich möcht' so — aber — Matzl. Aber sie lassen Ihnen halt nit. Zeuger. Freilich nit — sie hab'n mich einmal z' gern da. Aber sag' mir, wie hast denn Du da herein können? Matzl. Ich Hab halt dürfen, das heißt, i Hab beim Herrn Richter recht schön beten, daß er mir erlaubt zu mein Herrn z'gehn, und a bißl mit ihm z're- den und das is gar a guta Herr, der der hat ma an Zettel g'schrieb'n, und nacher hat er was d'rauf g'stempelt, is ma ordentlich warm worn dabei, so feierst hat er das g'macht, und da auf den Zettel steht, daß i mit Ihnen ^4 Stund lang in Gegenwart des Herrn Kerkermeisters reden darf. Kerkerm. (bestätigend). Ja, 'sis Alles in Richtigkeit. Ich will Euch gar nicht geniereu (zieht sich mit den s Gefangenen zurück und spricht leise). Zenger (umsehend). (Die ganze Unterredung ist halblaut.) Matzl, jetzt hör' mich an; wir hab'n uur a viertel Stund Zeit. Was ich Dir zu sagen Hab, is von der höchsten Wichtigkeit. Zu Hause in mein Schlafzimmer, in dem großen Kasten, is ein kleines Schubfach, in den Fach liegt mein Arzneibuch! das mußt Du heut noch auf die Seiten bringen, verstehst mich? Matzl Ja. Zenger. Es könnt eine Hausuntersuchung bei mir vorg'nommen wer'n und das Buch darf mir um kein Preis g'nom- Dus herg'nommen hast. Das Buch aber thust in a blecherne Büchsen einmachen und vergrabst's im Garten beim Birnbaum! Hast mich verstanden? Matzl. Ja, als a ganzer. Zenger. No, Gott sei Dank! Jetzt mach' aber Deine Sachen gut! Und vor allem Andern plaudere ja nix aus! Denk Dir nur, ich vertrau Dir viel! In mein' Kasten hat noch Niemand hineing'schaut. M a tz l (seine Hand fastend). O! ich werds recht gut machen. Ich Hab Ihnen ja z'gern; und g'freun thuts mi a so viel, daß Sie mir so viel Vertrauen schenken. Zenger. No, schau nur, daß es nit zu Schanden wird. Matzl. A na! zu Ehren will ichs bringen! und recht gut werd' ichs machen. A Freud soll'ns haben übern Matzl, a unsinnige Freud. O! der Matzl is a g'scheid- ter Kerl, wann er will; und Wenns gilt, sein Herrn was z'lieb zthun, da will er immer, denn er hat Ihnen so gern, wie an Vätern (küßt seine Hand). Z enge r (klopft ihn auf die Achsel). Ich glaub Dirs Matzl, ich glaub Dirs. Pfürt Di Gott. (Matzl schnell ab.) Fünfte Scene. Vorige (°hn-) Matzl. Zenger (bei Seite). Das is a kreuzbraver Bursch. Auf den kann ich mich verlassen. Kerkerm. (vorkommend). Na hat er- Ihnen gute Nachricht von z'Haus bracht? Zenger. Ja, recht gute (l«se zu Zenger (reicht ihm die Hand). Sie sein a^ guter Mann. Äerkerm. (zieht schnell seine Hand zrrUck). Bst! das dürfen ja die andern nit seh'n. Sonst verlieret i mein Amt. Sie sein Oben gar streng, wenn Ihnen so eine Vertraulichkeit zu Ohren kommt. — Also bleibens noch a Weil heraußt,"ich werd derweil die andern hinein expediren, weil ich MUß. (spricht mit den Gefangenen noch, denen er winkt, zu ihm zu kommeil, und führt sie in daS Gefäng- niß Nr. 2 hinein, jeder der 3 Gefangenen geht seinem Karakter gemiisi ab). . Sechste Scene. Z enger (allein, hat sich gesetzt). 'S gibt doch auch gute Seelen auf dieser zerstückelten, zerbröckelten, zerfaserten Erden; man findts auch ohne Latern, wenn man ein halbwegs g'snndes Aug und ein richtigen Blick hat. Bei vielen is freilich Hopfen und Malz verloren, und für solche Seelenkranke, da g'hört wirklich a Wunderkur. Aber wozu? Es gibt jetzt schon so viel verschiedene Arten, natürlich zu kuriren, daß es wirklich ein Wunder is, daß nit Alle g'sund wer'n. Lied. 1 . Ein steinreicher Herr hat eine eigene Wuth Gedichte zu lesen, ob schlecht oder gut; Er kauft Alles z'samm, was ein bisl gereimt, Wenn auch oft die Vers an einander sein g'leimt; Er kauft sie, und was noch weit merkwür- d'ger ist, Ist das, daß er Alle die Dichter auch liest. Prosa. Jetzt da sollt man wirklich glauben, daß dieser Mann zuweilen an stillen Wahnsinn leidet? (fingt) Ah na gar ka Spur, der Mann, der braucht die Wasserkur. ! 2 . Vom Lerchenfeld h'rein so die kreuz und die quer, Kommt täglich des Abends ein noblicher Herr; Den Hut auf der Seiten, die Augen verglast, Halt er alle Augenblick wiederum Rast; 0 selig, o selig, ein Kind noch zu sein. So singt er halb lallend und zwazelt herein. Pros a. Man könnte glauben, dieser sonst so choble Herr hätte dann und wann eine ! höchst innoble Passion auf den Heurigen, (singy Ah gar ka Spur, !Dcr Mann braucht nur die Traubenkur. 1 3. >Im Sommer am Wasserglacis in der Früh, Wann noch die Frau Gattin liegt in tiefer Ruh, Sieht man einen alten Herrn aus einer ^ Bank, Und neben ihm ein Mägdlein, zierlich und schlank, !Und neben diesem Paar angebunden aGais, Mit deren Besitzerin schäckert der Greis. Prosa. Jetzt könnte man glauben, der alte Herr hätte da am Wasserglacis, bevor er ins Bureau geht, ein kleines Rende- vous singy Ah gar ka Spur, Der Alte braucht die Molkenkur. 4 . Ein G'schäftsmann ein A'grundgangener sammelt den Rest, Von dem was Einmal sein Vermögen is g'west, Und weil er ein Schwindler war, bleibt er auch keck, Er pachtet ein Bäckeng'schäft und wird a Beck; Der Mann, der als Kaufmann ganz mager und dünn, Kriegt jetzt einen Bauch wie ein klcin's Magazin. 26 Prosa. Jetzt da könnte man glauben: beim Mehleinkauf und Brodverkayf schauet so viel heraus, daß er sich sein Ranzel so mästen könnt, (fingt) Gar ka Spur, Der Bäck braucht halt die Semmelkur. 8 . Zwei Eh'leut, die einstens geschworn am Altar, Daß stets ihre Zärtlichkeit bleibt, wie sie war; Die machen jetzt manchmal ein argen Rumor, Und werfen sich allerhand nach oder vor; Sie jagt mit'n Besenstiel 's Mannerl herum, Und er mit'n Ochsenzehn sie wiederum. Prosa. Jetzt könnte man wirklich glauben: die deuteln leben in ehelicher Zwietracht (singt) A gar ka Spur, Die brauchen nur die Turnerkur. 6 . Ein Dandy ein fescher von Gunkel gekleid't Als Gentlemann überall bekannt weit und breit; Der stets nur von Austern und Rheinweine spricht, Der kauft sich, Wenns finster wird, daß 's man nicht sicht: Um ein Kreuzer ein Wecken und lauft damit z'Haus, Und halt da sein täglichen Abendbrod- Schmaus. Prosa. Man könnte glauben, der junge Herr wäre ein Windmacher, der nur in gepumpten Kleidern groß thut und dabei nix zu beißen und zu nagen hat. (fingt) A gar ka Spur, Der G'schwuf braucht halt die Hungerkur. 7. Geh, Mannerl! geh schick mich nach Baden hinaus. Wirst seh'n, wie ich blühend und frisch komm nach Haus; lSo sagt sie und er sagt, no geh' wenn's Dich g'freut, Tags drauf is die Gattin vom Gatten ! schon weit; !Jn Baden draußt sitzts in der Früh schon im Wald, Und neb'n ihr der Doktor, recht hübsch ! ^ und nit alt. j Prosa. ! Jetzt da könnte die böse Welt glauben, die Dame empfangt deshalb so früh im iWald die ärztlichen Visiten, um mit dem Doktor einsam zu schwärmen, (fingt) Ah i gar ka Spur, iDas Weiberl braucht die Tannenkur. ! 8 . In einem sehr reichen und ang'seh'nen ! Haus, ^Geh'n täglich die hübschesten Leut ein und aus; Jour Fixes und Soireen, die sind an der Tour, Doch thuns ein mit so ein Jour Fixe nur ein Schur; Der Thee wird in Fingerhut-Schalerln servirt, 's Gebäck, was man eintunkt, das is nu- merirt. Prosa. Jetzt da könnte man glauben: diese sonst so anständige Familie wäre in punkto Punkt! ein bißl schmutzig, (fingt) A gar ka Spur, Das Haus ist homöopatisch nur. (ab.) Verwandlung. (Die Scene stellt das Schlafzimmer im Hause Zencstr's dar, die Dekoration hat einen dunklen Anstrich. Der Eingang ist durch die Mittelthür. Links von der Thür an der Rückwand steht ein hoher, schwarzer Kasten, mitDoppelflügelthüren; rechts ein Himmelbett mit grünen Vorhängen, welche zugezogen sind; rechts vorne ein Schreibtisch mit Gläsern und Büchern. Alle Einrichtungsstücke einfach, aber sauber. Rechts vorne ein Fenster). Siebente Scene. Frau Kathi (am offenen Fenster und sieht hinaus). Ich weiß nicht warum? aber ich 27 Hab' eine Angst in mir, als ob uns ein Unglück bevorstände! — Wenn ich d'ran denk, daß unfern Herrn was g'schehn könnt', — wird mir siedig heiß, und schwere Thränen fallen mir auf die Hand, wie die ersten großen Tropfen von ein' Platzregen, (weint) Mir scheint der Platzregen is schon da! — Aber ich weiß auch nit, wo's — so lang bleiben? — Wenn nur wenigstens der Matzel kommet! — Ah! da kommt er! aber was is denn das! Es geht ja ein Fremder mit ihm, so ein junger Stadtherr, und der redt in einem fort in ihm hinein! Und der Matzl deut' immer, ja! — uud a Maß Wein tragt er in der Hand! Sie kommen da auf's Haus zu, ja, was will denn der Stadtherr?—(gehtvom Fenster) mir wird Angst und bang! — Was thu' ich denn nur g'schwind! Ah! da wcrd' ich mich hintern Borhang verstecken! (nähert fich dem Bett) Ich muß hören, was der da will (versteckt fich hinter den Bettvorhang). Achte Scene. Vorige (versteckt) Blitzer. Matzl (treten ein). M atzl (sehr aufgeregt von dem bereits getrunkenen Wein, trägt eine volle Maßflasche. Er ist angestochen). Also da sein wir jetzt z'Haus bei uns! Da is sein Schlafzimmer, das is sein Bett! — Es freut mich recht, daß Sie mein Herrn so verehren thun, daß schon bloß froh sein, wenn's sein Studierzimmer sehen können! — Das will ich Ihnen gern zeigen, wenn's mir a kein Wein zahlt hätten. — Blitzer (welcher beim Eintreten etwas ängstlich ist, blickt überall schüchtern umher). Also düs ist das Studierzimmer seines Herrn!? Matzl. Ja! Studier-, Schlaf-, Sitz-, Eß- und Trinkzimmer, alles miteinander! So schaut's halt aus in der »Fülla Zenger!« Blitzer. Wo mag denn nur d'Frau Wirthschaftcrin sein? Matzl. No weit wird's nit sein, weil'S offen lassen hat. Blitzer (bei Serie). Desto mehr Eile und Vorsicht habe ich nöthig. Matzl. Setzen wir uns! ich weiß nit, ich stehe mich heute so schwer (setzt sich, indem er die Flasche auf den Tisch stellt, auf dem auch zwei Gläser stehen). , Blitzer. Ja, setzen wir uns, ich bin auch ganz erschöpft (schenkt beide Gläser voll). Matzl (schmerzlich) Die Flaschen wird auch bald erschöpft sein (trinkt auf einen Zug das Glas leer). Ich weiß nit, warum die Glaserer nit a Flaschen erfinden, die nie ausrinnt! Dö rinnen ja alle aus! — (bei diesen Worten schenkt er sein Glas voll, welches er gleich wieder leer trinkt). Blitzer (bei Seite). Der Wein wird seine Wirkung thun! (laut) Ja, so eine Erfindung müßte eigentlich Dein Herr machen, der is ja so ein Wundermann! (schenkt ihm ein). Matzl (etwas lallend). Ja, das is er auch — er ist ein ganzer Wundermann. Er soll leben, der Wundermann! (trinky. Frau Kathi (leise) O! Du liederlicher Strick! na wart! Blitzer. Und schöpft er das Alles aus sich selbst? Aus seinem eigenen Kopf? — Matzl (stark lallend). O, warum nit gar! (vertraulich) Verrathens mich, wenn ich Ihnen was sag? — Blitzer. Was denkst Du, das war zu undankbar. Matzl (gutmüthig). Ja, das wär' sehr undankbar für das — daß ich mit Ihnen aus einer Flasche trink, (trinkt) Gelt Brüderl! Du verrathst mi nit? — (fällt ihm um den Hals) Brüderl! das wär pfui Teuxel! — Blitzer. Nein! nein! ich verrath keine Silbe! erzähl' nur Alles, was Du weißt? Matzl (stark lallend). Alles — was Du weißt — Alles — aber erst trinken. Frau Kathi (leise). Was wird da heraus kommen? Matzl. Brüderl! nit verrathen — gib mir ein Gußel d'raus! («ißt ihn) Also 28 — siehst, er hat seine Weisheit in — in ein alten Buch — ja — das Buch — das is da in dem Kasten, im Schubfach cing'sp — errt.^- (lachend) aber ich weiß' die Schl—üsseln! Fr. Kathi (leise). O du Haupthallunk! Blitzer. Wo? — wo? — Zeig sie mir! — Matzl. Erst trinken — Bruder!! trinky. Bon was haben wir denn grad g'redt? — Blitzer. Du wolltest mir die Schlüssel zeigen! Matzl. Ja richtig — die Schlüsseln! -- Wo Hab ich's denn nur Llei — (sucht in dm Taschen). Ah da seins — aber wart, erst trinken! (trinky. Blitzer. Schnell wo? —- Matzl. Nimms heraus, Brüderl, au'sn Schlafrock! - Blitzer (nimmt 2 Schlüsseln heraus). Ah! da Hab' ich sie, vun ist der Schatz mein! Matzl. Hast du auch an Schatz Brüderl ? ich Hab auch an Schatz! a liebs Trnt- scherl! sie soll leben! Stoß an Brüderl! Blitzer (thutes). Soll leben! doch hör mich jetzt: da wir heute so gemüthlich beisammen sind, und da die Gelegenheit so günstig ist, so könnten wir doch sehen, was denn der Wundermann in diesem Kasten verborgen hält — Matzl (ausgelassen). Ja, Brüderl, schau'n wir! — ich war schon lang neugierig! — Aber na! dös geht ja nit, dös därf ich ja nit, na na! na na! — Blitzer, 's ist ja nichts Böses dabei! Ich verehre den Mann so sehr, daß ich mich glücklich schätzen würde, einen Blick in seinen Kasten thun zu dürfen! Matzl. Brüderl! du bist ein guter Kerl! Blitzer. Freilich, freilich! komm nur! (er unterstützt ihn tm Gehen, sie nähern sich dem Kasten). Matzl. Wo Hab ich denn die Schlüs sein? (sucht in den Taschen). Blitzer. Du hast sie mir schon gegeben. Matzl. (ihn kopirend). Ja richtig — du hast sie mir schon gegeben! — Blitzer. Also sperr auf! — Matzl. Brüderl! s'is ka Sünd, gelt na? Blitzer. Keine Idee! mach nur! — M atzl (sperrt mühsam, auf, trifft nicht gleich das Schlüsselloch und rüttelt am Kasten), 's geht schon aber Brüderl! is gwiß ka Sünd? — Blitzer. Verlaß dich aus mein Wort! Matzl (beruhigt). Du mußt's wissen, du bist a G'studirter! —(er sperrt auf, und reißt die Flügel des Kastens ungestüm auf, im selben Augenblick fällt ihm ein Skelet ans den, Kasten in die Arme, er schreit laut auf, und fällt um wie ein Stück Hol,. Als sich die beiden dem Kasten uäher schleichen, schleicht Kathi aus ihrem Versteck, ergreift einen Stuhl und schwingt denselben hoch über ihren Kopf; dann geht sie leise vorne über die Bühne, so daß sie mit cincmmal schlagfertig hinter dem Rücken des Blitzer steht; in dem Moment aber, als das Skelett herausfittrzt, sinkt sie mit einem Schrei zusammen.) Blitzer (welcher einen Augenblick doppelt erschreckt war, fasst sich schnell und spricht). Jeder Augenblick ist kostbar! Ich muß wissen, was in dem geheimnißvollen Buche steht, (er sperrt die untere Lade ungestüm auf, und sucht in derselbm nach dem Buche). Ah! da ist's! jetzt Hab ich ihn, den unschätzbaren Talisman»! (stürzt vor) Ich brenne vor Begierde nach den geheimen Mitteln! (er schlägt das Buch aus.) Kein Titel? (blättert um) nichts — (blättert) wieder nichts! lauter leere Blätter ! — (er blättert wüthend das ganze Buch durch) Nichts — als leere, weiße Blätter — keine Silbe darauf! — (schlägt das letzte Blatt um) ah! da — da stehen ei- nige Zeilen ! — (liest mit Leidenschaft- »Der Geist der Medizin ist leicht zu fassen — Man durchstudirt die groß' und kleine Welt, Um es am Ende gehn zu lassen, Wie's Gott gefällt!« Ha! abermals getäuscht! Verdammter Auark, da lieg' ! (schleudert das Buch von sich und will zornig abstiirzen. In demselben Augenblick, als er an der Thür ist, tritt Zenger durch dieselbe herein. Zenger hält ihn sogleich am Arme fest. Neunte Scene. Blitzer. Zenger. Zenger. Halt mein Herr! B litzer (b. S.) Ah! verdammt, derAlte. 29 ' Zenger (der sich rings umgesehkn). Ja wie! Blitzer. Seit einigen Jahren Hab' schauts denn da ans, der Kasten'offen, ich's gelernt! das Skelett herausgeworfen, das ist ja Zeng er. Geben Sie mir Ihr Ehren- die Zerstörung von Jericho? wort, daß Sie Niemanden das mitthei- Blitzercv. S.) Ein offenes Gestand-len, was ich Ihnen jetzt anvertraue, niß ist jetzt das Beste. >so will ich Ihre Frage wegen des Ge- Zeng er. Was haben Sie denn hier heimnisses dieses Buches beantworten! gewollt? (geht zum Kasten, sieht in die offene Lade ! Blitzer. Mein heiliges Ehrenwort!— und bemerkt den Abgang des Buches). Ah jetzt be- ^ Zeuger (leise und geheimnißvoll). Ich bin greif ich Alles! Arzt, diplomirter Arzt, so gut, wie je- Blitzer. Herr! ich will Ihnen Alles ^ der andere! gestehen! Ich verleitete den Matzl durch Blitzer. Sie? Arzt? Wein und gute Worte dazu, Ihren Ka- i Zeuger. Nicht wahr, da staunen Sie!? sten aufzusperreu, weil ich hoffte, durch Da sehen Sie her! — hier in dein Deckel einen Blick in Ihr Buch, Nutzen daraus zu ziehen. Jedoch ich fand mich fürchterlich enttäuscht. Nicht für mich wollt' ich dieses Buches, der sich auseinander legen läßt, ist mein ärztliches Diplom verborgen, das ich in dieser Gegend noch Nieman- daraus Nutzen ziehen, sondern für meinen den gezeigt Hab' (them den Umschlag des Buches einzigen Freund, der die Tochter des alten aus einander, und nimmt eine Schrift heraus). Nun Scharrmann liebt, und dem ich meine wissen Sie auch, warum mir au dem Buch Rechte auf ihre Hand abgetreten hätte, so viel liegt? — wenn es'mir gelungen wäre, mittels die- Blitzer. Ah! Ich ahne! ses Buches den Alten zu kuriren! Das Zeng er. Sie ahnen den Grund die- ist mein umfassendes, aufrichtiges Ge-ser Handlungsweise? Hören Sie ihn! ständniß, und darin liegt zugleich meine In keinem Stande gilt das alte Sprich- Entschuldigung! - Zenger. In Himmelsnamen! ich nehm' sie an und lasse sie gelten! — Doch vor Allem geben Sie mir mein Buch zurück! — Blitzer. Ihr Buch? ich nahm es nicht mit mir! im Zorn der Enttäuschung schleuderte ich es von mir! Es muß hier in der Nähe liegen. — wort: »Die Welt will betrogen sein, also werde sie betrogen!« Je mehr einer in die Lärmtrompete zu stoßen versteht, desto wohler geht es ihm, je bescheidener hingegen Einer auftritt, desto bescheidener muß er auch seine Ansprüche an's Leben stellen! Wir leben nun einmal im Jahrhundert der Erfindung und daher auch in dem des Charlatanismus! deßhalb Frau Kathi (welche gleich gesucht hat, findet breitete ich den Nimbus des Außeror- es unterm Bett). Da — da — da is es! — deutlichen, Illegalen um mich und sah' Zeuger (hastig darnach greifend). Sie haben ^mich in meinen Erwartungen dicht getäuscht halt geglaubt, wenn's mein Buch haben, ^ denn dem, aus sich selbst schöpfen- so brauchens mich nicht! — den, nicht diplomirten Arzt, dem so ge- B l i tz e r (leise zu Zenger). So ist's! doch nannten Wunderdoktor sind die Kranerlauben Sie mir jetzt eine Frage, —ken von allen Seiten zugelaufen, ich bin Wie ist es Ihnen möglich, dieses Buch berühmt geworden und habe im Stillen zu benützen?— jüber die Narren! über die wuudergläu- Zenger (ihn ganz vorftthrnid leise zu ihm). Sie scheinen mir trotz Ihrer Kühnheit — oder vielleicht grad wegen Ihrer Kühnheit — ein gerader, ein edler junger Mann! Sie können gewiß auch schweigen? — bigen Thoren gelacht! Blitzer. Weßhalb ließen Sie sich aber nicht dazu bewegen, mir für den alten Scharrmann Arzneien zu geben? Zenger. Weil's für den alten Geiz- 30 hals nur ein Mittel gibt, und das kann! Zenger Machend). Na, s'is schon so ich ihm nicht schicken, das müßt' ich ihm gut. Steh nur auf und bessere Dich, selber bringen! denn die Medizin raucht, Matzl. Ohne Schläg wird das schwer- aus, wenn man's übertragt! — ,lich gehn! — Schauns, ich merket mirs Blitzer. Diese wäre? besser, ich bitt' gar schön (macht d» Mimik Zenger. Das ist die Macht der^-s Prügelns). Rede! wann die bei ihm nix ausricht, ^ Zenger (lachend). Na, merk dir's nur dann is er inkurabel! Aber Sie kön-!so — Du Hanns Narr, nen doch nicht verlangen, daß ich von! Matzl (noch knieend). Seins aber wieder da aus, wie ein Thurmwachter, durch ein gut auf mich? ganz gut? Sprachrohr mit ihm reden soll! führcns Zeng er. Na ja, steh' nur auf, Du mich hin zu dem alten Schweden! Sa->Dalk. gMs aber llit, daß ich der alte ZeNger ' Matzl (mit beiden Füßen zugleich aufspringend). bin, denn er hat kein Vertrauen zumir,Juhe! Jetzt is Alles wieder gut! Ich lassens mich mit ihm allein und ich kurir küß' d' Hand Herr Zenger, ich küß' tau- ihn.— ohne Medizin! isendmal d' Hand, (thuts.) Blitzer. Also Sie wollten? — Zenger. Aber jetzt sei ^'scheid! merk Zenger. Ich wills Prokuren, ob's auf, was ich Dir sag': Du bleibst jetzt nicht schweißtreibende Worte der Wahr- allein z'Haus, gibst aber besser acht, das heit gibt, die den inneren Menschen in sag' ich Dir! Ich fahr in die Stadt zu Transpiration bringen, ich will's probi- einem Patienten! Aber wo ist denn die ren, ob ich die Mumie seines Herzens, Frau Kathi? nit auswickeln kann, und ist das ge-i Matzl. Die liegt vielleicht als schöne scheh'n und Hab' ihn gebracht, dann iS die Zehnte Scene. Vorige. Matzl (herauskommend und Blitzer bemerkend). Ah da ist er, Na wart (ihn packend). recht in die Hitz Leiche in ihrer Kammer. Schmelzung leicht. Zenger (zu Blitzer). Die wollen wir mitnehmen d Vielleicht bekommt sie auch eine Rolle bei dem Rührstück, das ich zum Besten aller Geizkrägen, unter gefälliger der Verführer! Mitwirkung mehrerer Dilettanten, in die Scene setzen will (bedeutet den Blitzer voraus zu Blitzer. Laß mich los! gehen und führt ihn rechts ab). Matzl. Ah na! ich muß mich. ja erst Eilfte Scene. kdrtk'!?^« Matzl Jetzt laßt er mich wieder Jenaer Laß'iduloS aus der Stelle^' weil er sagt, daß ich von der >-aß >Y» w« au, der stelle. mich aber ich dulde tu meinem Haus- Mn Matzl Aber er HÄ . rvc. was Ihm fehlt. (Zum Publikum) (Lue glau- m Ihrem Hau auch — bens „it? na Wartens, ich will ihnenS Zenger Ich weiß Alles, was hat, ^ ^ B.: ich weiß aber auch, was Du hast! Du^ ^ ^ hast Dich unterstanden (g-hr drohend auf ihn zu). Lied. sN atzl (niederknieeud und den Rücken hinhaltend) Ich Hab' mich unterstanden, durstig zm sein, das ist mein Verbrechen. Karbat-Ein Geschäftsmann, ein kleiner, dem's just schen's mich so recht nach Herzenslust^ so viel tragt, durch, ich verdien's, aber nachher verzei- Daß er gut kann leben, ohne daß er sich Heus mir und seins wieder gut. Plagt; 31 Den sticht jetzt der Haber, er laßt's Metier, Er qeht über d' Schmelz kerzcngrad nach Und wird gar auf einmal ein kleiner Fünfhaus, Rentier; Beim Schwender da Werfens ihn end- Er kauft sich Papiere und thut spekulier^ lich hinaus; Geht auch auf die Börse und läßt sich; Bei der Bierhalle laßt's ihn auch noch anschmiern; j nit vorbei, Auf einmal ist's Gerstel hin, daß's ihwMir scheint, der hat die Wasserscheu. jetzt reut, ; ^ Der leid', an dem Schwindel unserer Gesellschaft »an Tänzern die lammt in Ein Valksdich.er, der nicht damit iszn.^ ^ Ballet g'schhAhat; Daß er als der Größte genannt w'ird^i- und springen rech, fleißig Der sitzt imTheater bei eine n°7em Swck.!D°ch '«d-r das Publikum fragt nix Mit dem auch ein anderer amal^at a!^ H^s-r bl-ib'u leer und di- Paar, 'ch-u'°" «rge^Ü^LLil- D-un'S Paschen bei Andern" d^ischm -"dlich ab mit'n Eisenbahn. - - oamps, Der Dichter leidet halt an zn großer G'all, D' °°nz- G's-llschast hat deu^Wadel. Ein Stutzer hat neulich im Gasthaus^ H^rr, der'S nll nöthig hat, daß herum, gespeist, er Der W-in war so köstlich voll Feuer h„, ^ die Dichtkunst'Am Hand- und Geist; Die Speisen snperb die Bediennug sehr ^ g^^de^i! j°d?m Ge- prompt, Der Herr nimmt sich vor, daß er oster,,^°r di- Musen erhören ihu'Aicht; .d . .» KV. e.» . » LSÄS eel- oie ^zecy; j Wo Hab ich mein Geld? 's Portemonais - . . a. . r«, z ha verflucht, >der hat tue Podagra IM Kops, Der hat d' Geldbeutel-Wassersucht. , ^ 7. 4. Ein Herr, der so eigene Meinungen hat, Von Weinhaus nach Währing geht öfters,Der red't oft gan) laut in den Straßen ein Mann, der Stadt; Dann schaut in Hernals er die Gegend Er schimpft über Alles und nix is ihm sich an; recht, In Lerchenfeld hat er beim Stiefel was Weil er d' Welt nur nach seinem Kopf z'thun, einrichten möcht; Dort laßt ihn die Krankheit noch immer Auf einmal verschwind't er, laß nix von nit ruhn; sich hör'n, 32 Und erst nach ein Jahr sieht man wieder den Herrn; Auf der Gasse so heimlich, so still und so zahm, Der wird gewiß die Maulsperr ha'm. (ab.) Verwandlung. (Großes Zimmer bei Scharrmann, im tiefen Hintergründe ein Vorhang, bei dessen Oeffnen man in einen etwas dunkleren Alkoven sieht. Rechts und links Thüren, der Haupteingang ist links, vorne ein Tisch, darneben eine große Kassa. Der Alkoven hat eine Thür links, ein Bett im Hintergrund und ein kleines Fenster rechts.) Zwölfte Scene. Elise (allein von links). Was ist der Doktor für ein interessanter Mann! Eine wahre Rarität! denn heut zu Tag sind die Männer viel mehr interessirt, als interessant! Wenn ich aufrichtig sein will gegen mich selbst, so muß ich mir's gestehen, daß es hier (aufs Herz deutend) laut für ihn.spricht, und wenn ich sein Kommen ahne, so ruft's hier ungestüm — (es wird geklopft) Herein! — Dreizehnte Scene. Vorige, Blitzer. Blitzer. Guten Tag, liebe Elise! Elise (schüchtern). Guten Tag, Herr Doktor. Blitzer. Wie befindet sich unser Patient? — Elise. Wie immer, schlaflos! Erbeklagte sich darüber, daß er noch keine Arznei von Ihnen bekommen habe. — Blitzer. So? — (b.S.) Es war die höchste Zeit, (laut) Von mir wird er auch keine Medizin erhalten. Ich bin gekommen, um ihm einen andern Arzt vorzuschlagen, einen Magnetiseur, weil ich mich diesem Falle nicht gewachsen fühle, und wahrscheinlich bin ich heute das letzte Mal hier im Hause! (die letzten Worte betonend.) Elise (erschrekt). Das letzte Mal? —' Blitzer. Mein Gott! wie ist Ihnen denn? Ihnen ist unwohl! (faßt sie bei der Hand). Elise (ihn rillen Augenblick ins Auge fassend, dann schnell ihre Hand zurückziehend) Mir? 0 nein! Sie täuschen sich — Blitzer (ihre Hand fassend). Doch nicht ganz, wie mir scheint. Ihr Puls über- schtägt ja ordentlich! O, ihr Zustand scheint bedenklich! — Elise. Meinen Sie? — (Hm d» Hand entziehend), (b. S.) Das fürcht ich auch! — Blitzer. Sie scheinen an Vollblütigkeit zu leiden, (er berührt ihre Wangen). Elise (dieAugen nicderschlagend,erröthend). W vhl möglich! — Blitzer. Vielleicht zu fest geschnürt (faßt sie um die Taille). Elise (znriickweichend). O nein! o nein! Blitzer. Hm! schon wieder steigt Ihnen das ganze Blut zu Gesicht! — Sie leiden an Congestionen gegen den Kopf! Elise (b. S.) Oder gegen das Herz! Blitzer (besorgt). Sie sollten Brause- pulver trinken! Ich werde Ihnen welche besorgen. > Elise. Danke Herr Doktor! Ich weiß ein besseres Mittel. Blitzer. Das wäre? Elise. Baldige Luftveränderung! Blitzer. Weßhalb? Elise. Die Wiener-Luft hat für mich seit einigen Tagen etwas so schwüles, drückendes! — Blitzer. Weil's eben Sommer ist. Elise. Nein, nein! für mich ändert sich das nimmer! Ich muß fort, recht schnell fort aus diesen Mauern! — Blitzer (im aufbrausendem Gefühl) Nein! beim Himmel, das sollen Sie nicht, (fi- bei den Händen fassend) düs Werde» Sie nicht! Ich bitte! — Elise. Sie bitten mich, sie freuen sich darüber, wenn ich bleibe? Blitzer. Ich würde trauern, wenn jsie gingen! > Elise. Wirklich! — Blitzer. Sie sind mir werth und itheuer! ich sah vor einigen Augenblicken ,auf den Grund Ihres Herzens! (EM- 33 zuckt zusammen) Ihre Antwort fühl ich am lung vorzubereiten! Die übrigen Vor- Schlagen der Pulse! Mädchen, du bist kehrungen sind getroffen. — Mein! (umarmt sie innig.) ! Sechzehnte Scene. Vierzehnte Scene. Vorige, Scharrmann. Vorige. Anna (rasch aus derSeilenth. links.) Scharrm. (verstört aussehend.) Brill- ZI n na. Ach was seh ich? unser Dok-!gen Sie mir endlich Medizin, Doktor! tor und '— ^ Blitzer. Noch nicht, doch einen Vor- Blitzer. Und — seine Braut! —Schlag bring ich Ihnen wieder. Ich habe -Anna. Wirklich! (Elisens Hand fassend) meinen alten Freund sorgfältig darüber Ich gratulire Dir: ach! wär ich doch M Rathe gezogen, der nun mit mir auch schon meines Heinrichs Braut! vereint an Ihnen seine Kunst prüfen Blitzer. Geduld! !will! Lassen sie sich erst von ihm mag- Anna. Geduld ist eine Frucht der netisiren. — Gleichgiltigkeit, welche nicht gedeiht im Scharrm. (erstaunt). Magnetisiren? — heißen Klima eines liebenden Herzens'.! Blitzer. Haben Sie zu dieser Heil- deßhalb nehmen Sie diesen Brief an ihn Methode kein Zutrau'n? (übergibtihm einen Rosabrief) Sie treuer Freund. > Scharrm. Doch, allein das kostet Blitzer. Und Postillion 6'amoul- ! Geld, viel Geld! werden Sie den Mag- Behalten sie übrigens diesen Brief mein netiseur bezahlen? Fräulein, und übergeben Sie ihn selbst, Blitzer. Er nimmt keine Bezahlung, denn in wenigen Minuten ist derjenige^ ist mein Freund! hier, für den er bestimmt ist. Scharr m. Wirklich? — dann herein Anna (freudigerschreckt)? Heinrich! — Blitzer. Wie er leibt und lebt! Anna. Doch wie? Blitzer (einfallend). Das wird ihnen später klar werden! Jetzt lassen Sie mich gefälligst allein, ich habe mit Ihrem Herrn Vater äußerst Wichtiges zu kennt ihm, nur schnell! Ich sehne mich nach dem lieben, großmüthigen Mann! Blitzer. Nun wohl, er ist bereit! doch erlauben Sie mir, ihn mit Ihnen allein zu lassen, denn die Gegenwart eines Dritten stört. Scharrm. Wie Sie es für nöthig sprechen. Und Sie, liebe Elise! unter- !finden! Nur herein mit ihm. (plötzlich sich richten den Herrn Scharrmann von mei- unterbrechend) Doch wird er auch wirklich ner Anwesenheit! draußen im Vorzimmer sehen wir uns wieder. Elise. Wie Geheimnißvoll! (rechts ab). Anna (b. S.) Ach, ich werde Heinrich sehen! (links ab.) keine Bezahlung fordern? Ich bin ein armer Mann, und könnte ihm nichts geben! — Blitzer. Verlassen Sie sich auf mein Wort! (zur ThUre gehend) Kommen Sie ge- ...... . !sSll,gst herein! — Blitzer (.°«>. ' Siebzehnte Scene. Vielleicht geling, -s nns. °uf dich B°rig-. L-ng-r (durch die Mittelth). Art ans Ziel zu kommen. Ich höre nicht Blitzer (auf Scharrm. deutend). Hier der auf, zu hoffen und versuchen! der alte Kranke (drückt Zenger d>e Hand). Gott sei mit Zenger ist im Vorzimmer beschäftigt, die Ihnen! (geht leise links ab. kleine Pause.) Rollen zu vertheilen, mir bleibt's also Scharrm. Wir sind allein! nur Vorbehalten, den Kranken auf die Zenger (geht °»f ihn zu und legt ihmdie Hand eigenthümliche Art und Weise der Hei- auf« Herz). Ja, wie ichs mir gedacht Hab', 3 34 kaum merklich! Herr, was haben Sie statt dem Herzen da drin? — Scharrm. Wie meinen Sie das? Zeng er. Ist denn das ein Herzschlag! Sie könnten eben so gut eine gefüllte Brieftasche da drin haben, weniger Leben könnt' sie kaum entwickeln! — Scharrm. An Herzklopfen Hab' ich nie gelitten! Zeng er. Das glaub ich aufs Wort! als wie wenns inwendig den Krebs hätten! Scharrm. (flH faßend). Herr Gott! Sie haben Recht, es zwackt mich auch wirklich! es beißt da innen! Ah! Zeng er. Sehen Sie, das sind die letzten Zuckungen Ihrer Menschlichkeit! dann und wann gibts Ihnen.noch ein' Deuter von innen heraus! — Wollte Gott! Sie verstünden diese Winke, be- Ein Stummer kann sich nit z'todt re-! vors zu spät is! Sonst könnte Sie der den und einem Tauben kann's nit s'? Himmel strafen, und Sie könnten jen- Ghör verschlagen, drum können Sie auch^seits zu ewiger Schlaflosigkeit verdammt nit an Herzklopfen leiden. Bilden denn! werden-! Sie sich ein, wirklich noch jenes kleine/ S ch a r r m. taufschreiend). Ewige Schlaf- räthselhafte, geheimnißvolle Stück des flosigkeit! Entsetzlich! (M bei der Brust fassend) innern Körpers, das wir Herz nennen, !da zuckts bei dem Gedanken, schmerzlich, zu besitzen? Bilden denn Sie sich ein/o! fürchterlich schmerzlich! — daß Sie überhaupt leben? Gar ka Spur! Z en g er (b. S.) Der is noch zu ku- Scheintodt sind Sie, schon lang schein-riren, zu der Kur brauch ich nit einmal todt! Sie geh'n nur noch als War-eine Apotheke. — nungstafel für die wirklichen Menschen Scharrm. (mir gepreßter Stimme). Und herum. Sie glauben, daß ich meine verlorne Scharrm. Herr Doktor, Sie füh-!Nachtruhe wieder erlange', wenn — wenn ren eine Sprache — ich anders würde? Zenger. Die Sie vielleicht noch nicht Zenger. Ich glaubs nicht nur, ich g'hört haben, weil's die Sprache der bin so fest überzeugt davon, daß ich Wahrheit is! Sie wolleen den verlor- drauf schwören könnte, nen Schlaf wieder bekommen? Wenn Scharrm. (auslebend). Was müßte ich Sie das wollen, so Werfens Ihnen erst selber aus Ihnen hinaus! das heißt: weg mit dem Geiz, mit der Gewinnsucht, mit der Geldgier, die die Satanskrallen einsetzt in jegliche Empfindung und sie zerfleischt. Reinigen Sie diesen Augiasstall von dem 30jährigen Schmutz, dann sind Sie auf dem Wege, zu gesunden, von Innen heraus zu genesen! denn Ihnen fehlt's nur da! (auf's Her, deutend) der Körper iS g'sund! aber thun, um — Zeng er. Um anders zu werden ? — Viel — sehr viel! Sie müssen einen ganz neuen Menschen anzieh'n! das is wohl ein bisl viel verlangt! denn man trennt sich nit so leicht von dem G'wandel, was man so viel Jahre getragen hat, wenn's auch noch so fadenscheinig und schadhaft ist! — aber es geht doch, wenn man ernstlich will! — Scharrm. Wie soll ich das können? Scharrm. Glauben Sie wirklich — Zenger. Für's allererste müssen Sie daß mein Körper — !sich selbst zuschwören, nie mehr wuche- Zenger. Sie haben eine von jenen rische Geldgeschäfte zu machen! Naturen, die, was den Körper anbelangt, Scharrm. Das will ich, bei Gott! gar nicht umzubringen sind; außen fehlt das will ich ! Ihnen nix, gar nix; aber da drin, da! Zenger. Da wer'n Sie gleich sehen, is nit ein einziges g'sundes Platzl, da! wie Ihnen ein ganzer Cimborasso von is wurmstichig, faul und ausgefressen, iSchuldbewustsein von der Brust fallt! 38 Denn was Sie nicht schlafen laßt, das ist das Gewissen, was jetzt in den alten Tagen rebellisch wird, wie ein indisches Regiment! — Scharrm. Und dann? — Scharrm. (entsetzt). Noch mehr!? Zenger. Ihre Tochter liebt einen braven jungen Mann, der bereits bei Ihnen um die Hand angehalten hat. Scharrm. (bestimmt). Nie! nie! dem Zenger. Für'S zweite müssen Sie^ettelhaften Kerl wird der reiche Schanden Theil Ihres Vermögens, den Sämann niemals seine Tochter geben! — durch Wucher errungen und woran das Zenger. Nun, das ist Ihre Sache! Herzblut und die Thränen der von! Sie werden's sich schon noch überlegen! Ihnen Gepfändeten hängen, denjenigen! — Indessen wollen wir an's Werk ge- wieder erstatten, — von denen es her- hen! — Versuchen wir's zuerst mit dem stammt, das wird Ihr Gewissen bedeu-I Magnetismus! Sie haben doch volles tend erleichtern. — ^ Vertrauen zu dieser Heilmethode? Scharrm. (aufstehend). Ich sollte mich! Scharrm. Unbedingtes Vertrauen! trennen von meinem schönen Gelde, das^ Zenger. Nun so wollen wir in Him- ich so mühselig zusammengebracht! Nein!?melsnamen beginnen! Doch ich bitte Sie, das kann ich nicht. — Das werd' ich! sich unter allen Umständen ruhig zu vernicht! nie! nie! halten, damit die Wirkung nicht verlo- Zenger. Dann sind Sie unrett-ren geht. — Schließen Sie die Augen!— bar verloren, die Geister derjenigen, die' Scharrm. (thut es). Ihre grausame Hartnäckigkeit zur Ber-i Zenger. (macht alle vorgrschnebenm Striche, zweiflung gebracht und in den Tod ge-! die zum Magnetifiren erforderlich find), jagt, werden nicht eher aufhören, Ihre! Scharrm. Wie wohlthuend wirkt Schlafstelle zu umflattern, und mit ma-iIhre Hand auf mich ein! gischen Kreisen zu umziehen, bis Sie Z e n g e r (bei Seite). Er glaubt an mich! den Mammon von sich geworfen, der! Es wird die Täuschung gelingen! — doch Ihnen nicht gehört! Sie werden! Scharrm. O! wie wohl! — ihre dürren Leichenfinger grinsend in^ Zeng er. Sie dürfen nicht sprechen, die Brust eingraben, und nach dem Her-das paralisirt die Wirkung. Bleiben Sie zen suchen! — still, regungslos und vertrauend! (macht Scharrm. (welcher in der höchsten Aufregung einige Striche) Jetzt ist's Zeit! (erwendetden zugehvrt, wendet sich schaudernd ab, und bedeckt sich! Fauteuil, auf welchem Scharrmann fitzt ganz leise her- daS Gesicht mit beiden Hiinden). um, so, daß er gerade dem Vorhang des Alkovens gegen- . . . . . über zu fitzen kommt, doch auch dem Publikum ganz Zeuger, l^sst dann werden die Gei- bleibt, und denselben Augenblick tritt Zenger ster gesühnt werden und Ihr Lager ver- hinter den Stuhl, und der Vorhang des Alkovens thcilt schonen, wenn auch nicht ein Dukaten stch-) mehr von jenem Sündengelde in Ihrer Erstes Bild. Cassa bleibt! ^ . cv . S charrm. (m sxtase). Fort damit! fort!! " Abmessung des jnngenJu- ich will'« hingeben - will nichts von st"«, nachdem er um Annens dem fluchbeladenen Gelde behalten — Hand angehalten; genau so genehmen Sie es — nehmen Sie es — wie sie rm ersten Akte vor- (deutet auf die Eafsa), geben Sie es den Ar- 6 Kommen, so datz sie als Sple- men — Alles, was mir nicht recht- ^lblld der Erinnerung angese- mäßig gebührt. hen werden kann. -) Zenger. Ah! das ist ein Wort! <^el«cki-»m«li8cke Austk.» Nun stehe ich Ihnen für Ihre gänzliche!(Die übrigen Personen alle in Genesung. Doch noch eines! — natürlicher, eigener Repräsen- 3 * 36 tation, Scharrmann hingegen!(Zenger zieht Scharrmann die Hände von den durch Blitzer mittelst Perücke Kcharrmann b,i« hm, md verbirg, und Kleidung dargestellt, D-rj Antt.tz,m »sftn d.s " Alkoven muß ganz dunkel gehaltensein, nurdurch daseineFen ster fällt ein magisches Streiflicht des Mondes herein.) Scharrm. (öffnet die Augen). Wassehich? Stille). — Pause. Zeng er (b. S.). Die Täuschung war vollkommen! Möge sie ihre Wirkung nicht verfehlen. Scharrm. (langsam die Hiiude vom Gesicht (ziehend). Wach ich? träume ich? — Hab Zeng er (ihn niederhaltend, legt ihmbeideHcinde ich das wirklich gesehen oder war es nur auf die Augen). Zweites BUd. (DerBorhang theilt sichwieder und Zenger entfernt seineHände von Scharrmanns Augen. Anna liegt mit aufgelösten Haaren in ein Traumbild? — Zenger. Sie waren im magnetischen Schlaf, also hellsehend. Scharrm. (aufseufzend). Hellsehend?! Also sollte es wahr werden? sollte das gräßliche Bild einst lebendig vor mich treten? — Herr! gehen Sie zu mei- einem Gro ßvaterstuhl auf wer-an Tochter, sie möge sogleich kommen! AbuKlssen; rhrKopf gestutzt von möge der junge Justus allsogleich Elise, ste lregt lm Sterben, dlt-^überkommen, — ich will die Beiden tzer,a s Scharrmann, steht neben ^ich machen. - rhr, legt ferne Hand aufs Herz " Zanger. Wirklich? der Sterbenden und bedeutet Scharrm. Ja, denn Sie hatten den Umstehenden, daß sie aus-^cht es muß sein, also sei es lie- gerungen habe, FrauKathr, als^/^E Krankenwärterin, drückt ihr die Zenger (b. S.). Dem Himmel sei Todeskerze rn dre Hand.) - Dank! (geht »ach links ab.). ,u-,«ckr-m».!veü° Nuv.k.» Achlzchnlc Scene. Scharrm. (öffnet die Augen, erblickt das Bild, . stößt einen Schrei des Enffetzens aus und verhüllt fichl ScharrMÜNN (zum Himmel gewendet.) das Gesicht mit beiden Hünden. (Der Vorhang schließ Jft'g ^ xxcht? Hab ich genug gethüN? "z7ng-r .. ... h°. g-wirN. d-si^ L Unstch.b°r°, - 3° hat fern Vaterherz getroffen! Scharrm. (bleibt regungslos). Drittes Bild. (Der Vorhang theilt sich wieder, und man erblickt auf einer Ihr seids! ich fühle es an der süßen Mattigkeit, die meine Glieder durchzieht, daß sich der Fluch gelöst, daß ich des süßen,' langentbehrten Schlummers endlich genießen werde, (schlummert ein). Neunzehnte Scene. großen Kassa sitzend den altenVoriger, Zenger, Blitzer, Hein- Scharrmann, durch Blitzer dar- rich, Anna, Elise, Frau Kathi. gestellt, fürchterlich bleich, mit Alle (stehen bleibend). Er schläft! — wüsten, eingefallenen Z ü gen, Anna und Heinrich (umarmen den ai- wirremHaare und verzweifeln-^ Zenger). Wie können wir Ihnen danken? den Geberden. Das Blld soll Blitzer (-»rückt Eli,--ms H-r»). den Eindruck einer derartigen Zenger. Das ist meine erste Wun- entsetzlichen Einsamkeit Hervorbringen. tAlelockrsmatisedv Ausili) Ende. der-Kur! — (Alles in gewißer Stille um den Schlummernden, nicht störend, gruppirt). (Der Vorhang fällt ganz leise.) Der Nord in der HHmessergM. j)osse in einem Act, frei nach dem Französischen von A. Sergen. (Repertoirstück des k. k. priv. (Larltheaters.) Den Wuhnen gegenüber als Manuscript gedruckt. Dritte Auflage. Wien, 187S. Vrrlsg der Wsllichnusser'-chen Zuchlmndlung (Josrk Klemm) Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Personen: Traunthaler, Privatier. Charlotte, seine Frau. Poll mann, Traunthaler's Vetter. Ein Unbekannter. Jacob, Diener im Hause Traunthalers. * Buchdruckern „Steyrermühl", Wie«. Tie Bühne stellt Traunthaler's Schlafzimmer vor. Im Hintergründe steht ein Bett mit Vorhängen, welche geschlossen sind. Rechts und links im Hintergründe eine Thür, ebenso a» jeder Seite; Stühle, Fauteuils, links ein Tisch, worauf ein Wasserkrug und ein Glas steht, rechts ein Waschtisch mit dem nöthigen Waschgeräthe, Männerkleider liegen zerstreut umher. Erste Scene. Jacob, später Charlotte. Jacob (leise eintretend). Der Herr schlaft no und s'is schon neune. No, wann mir dös amal g'schehet, das Spektakel! Wie man aber von Fünfe Nachmittags bis Neune in der Früh schlafen kann, dös war' sogar mir z'viel. Charlotte (tritt auf den Fußspitzen ein, sie trägt zwei Liqueurflaschen und eine Tabakvase, welche in ein Zeitungsblatt eingewickelt ist). Ist der Herr schon munter? Jacob. No immer net — er schlaft wie a Sack. Charlotte. I bitt' mir mehr Achtung aus, wenn Du von Dein' Herrn redt'st; Du weißt, er hat gestern Kopfweh g'habt. Jacob. I bitt um Verzeihung! Soll ich'n net aufwecken und sagen, daß d' gnädige Frau da is? Charlotte. Gottbewahre! Jwill ihm eine Ueberraschung machen. Heut' is sei Geburtstag. Die Tabakvasen stell' i daher (stellt sie auf den Kamin), i Hab' ihm's mit'n besten türkischen Tabak an- g'füllt, weil er'n so gern raucht. Jacob (für sich). I a! und werd' türkisch dazuschau'n! Charlotte. Und dahier Hab' i zwei Flaschen Vaniglie, die trinkt der gute Mann so gern. Jacob (für sich). I a! Sapperlot, den muß i kosten; (sich vergessend) Sehr gut! Sehr gut: Stellen's 's nur amal nieder. Charlotte. Wie? So red't man mit mir? Jacob. I bitt' um Verzeihung! I Hab' nur glaubt, weil der türkische schon dasteht, so — Charlotte. G'rad deshalb stell i die Flaschen in's Nebenzimmer, damit mein lieber Mann zweimal überrascht wird. Jacob (für sich). Na, was die Frau für a G'fühl hat, bei der Dicken, ma sollt's net glaub'n! Charlotte (im Abgehen). Das Nebenzimmer is frisch g'malt worden und deshalb die Luft noch feucht, heiz' also gut ein da drinn, damit der Herr kan Schnupfen kriegt. Jacob (niest). I hab'n schon: Charlotte. Wann eing'heizt is, nachher such' das Parapluie, was mir der Vetter Pollmann g'liehen hat, solche Sachen muß ma pünktlich zurückgeb'n; es is grün und oben am Griff is an Affenkopf. Jacob. Z'erst muß i den Herrn seine Kleider ansputzen. Charlotte. Das kann später auch g'schehen. Jacob. Wann's der Herr aber früher braucht? Charlotte. Muß alleweil wider- 4 sprechen, der Bursch! I Hab' Dir g'schafft, Du sollst einheizen und nachher wird's Parapluie g'sucht mit'n Affenkopf und jetzt is genug. (Mit den Flaschen durch die Nebenthür links ab.) Jacob. Sie sekirt mich mit dem dummen Parapluie und i werd' doch n'Herrn seine Kleider früher ausputzen! Justament! (reißt sie von den Stühlen, wo sie umherliegen, unwillig an sich). Da is der Rock, die Stiefeln! Aber i sieh keine Hosen! (er stolpert über ein zweites Paar Stiefeln.) Noch a Paar Stiefeln, und voll Kohlenstaub, a, das is curios! und noch a Rock und wieder ka Hosen, ja, is denn der Herr mit der Pantalon schlafen gangen? Vielleicht is dös gut für's Kopfweh (rr niest). Der Teuxels- Schnupfen! (Putzt sich die Nase sehr laut.) Traunthaler (hinter den Vorhängen). Was is denn das für eine Trompeten ? Jacob. O je! I Hab' den Herrn aufg'weckt, jetzt fahr' i ab. (Durch die Nebenthür rechts ab.) Zweite Lerne. Traunthaler (steckt den Kopf zwischen den Vorhängen heraus). Ka Mensch da — aber es is ja schon Heller Tag! (er kommt hervor. Die Vorhänge schließen sich hinter ihm. Er hat das Beinkleid an und sucht umher). Wo is denn meine Pantalon? (bemerkend, daß er sie an sich trägt). Ah, das is merkwürdig— I Hab' damit g'schlafen! (geheimnißvoll) Wann mei Lotti wüßt, wie lustig wir gestern g'wesen sein — aber heut' nix als Durst (geht an den Tisch und trinkt Wasser). Meine Frau sieht die Männergesellschaften net gern, man will 'n Hausfrieden net stören — i Hab' mi also gestern g'stellt, als ob i fürchterlich Kopfschmerzen hält', und Hab' mi Nachmittag um Fünfe schon niederg'legt. Mei Lotti hat mir wollen! an Thee kochen, kalte Umschlag' machen, j — I hab's um nix beten, als um! Ruh. — Beim Kopfweh is am besten, wenn man allein is, Hab' i g'sagt. Das gute Weib hat mich allein lassen, und i Hab' mich anzogen und bin fort- g'schlichen. A so a zwölf Spezi beisammen hab'n ma a kleine Unterhaltung geben und i muß sagen, so weit ich mich erinnern kann, war Alles famos. Vom Bratl ang'fangen weiß i aber nix mehr. — S'is ka Wunder: Madeira, Gumpoldskirchner, Vöslauer, Champagner, Menescher Ausbruch: Herr Gott! Der Durst: (trinkt wieder). I glaub' gar, i Hab' an Katzenjammer. Scham dich, Traunthaler, ein solider verheiratheter Mann, — wann ich nur wüßt, was ma für a Bratl g'habt haben und was nachher zum Dessert kommen is? Hab' ich an Salat 'gessen — oder net? Da is a Lucken in mein Gedächtniß, wer sagt mir, ob i an Salat 'gessen Hab'? Welchen Weg ich nach Haus gangen bin, weiß ich auch nicht. Das Souper war beim Sperl und ich wohn' hier in der Josephstadt, wer sagt mir, welche Straßen ich gewandelt bin? Da is schon wieder a Lucken! (Er geht zum Tisch, wo eine Taschenuhr liegt) Schon halber Zehne! Jetzt heißt's anziehen: (Man hört hinter dem Vorhang schnarchen.) Was ist denn das — da schnarcht ja wer in mein Bett — es hat wer bei mir g'schlafen — am End' Hab' i mir wem mitg'bracht. (Er will auf das Bett zu — Charlotte tritt ein.) Dritte Lerne. Traunthaler. Charlotte. Charlotte. No lieber Wastl — bist endlich auf? Traun th. O je! Mei Frau! Charlotte. No, Du gibst mir kan guten Morgen — Du umarmst mi net? Traun th. Scht: Ruhig, red' nit so laut, liebes Weiberl! (Für sich.) Sie wird ihn aufwecken. 5 Charlotte. Ja warum denn? Traunth. Weißt — es pumpert mir no'so in mein Kopf herum. Komm', geh'n wir a bisl spazieren, die frische Luft wird mir gut thun. (Reicht ihr den Arm.) Charlotte. Spazieren! Du bist ja no net anzogen. Hast denn no Kopfweh? Traunth. Ich muß gestehen, daß ich — Charlotte (ängstlich). Du bist krank, leg' Dich wieder nieder! Jacob! Traunth. Aber ruhig — net so schrei'n. — Mei Kopf! (Für sich.) Dös is a schöne G'schicht! Charlotte. Ich werde Dir Dein Bett richten. (Geht nach dem Bett zu.) Traunth. (Sie zurückhaltend.) Halt — nein — es ist schon gut — i mag nimmer ins Bett — geh'n wir spazieren! Charlotte (für sich). Was hat er denn, er kommt mir so curios vor. (Laut.) Lieber Mann, weißt net, wo n' Pollmann sein Parapluie is, mit dem Affenkopf, er hat grad darum g'schickt, weil's so regnerisch ausschaut, und wir suchen's schon im ganzen Haus. Traunth. Parapluie? I weiß von kan Parapluie! Mr sich.) Herr Gott, i hab's gestern mitg'nommen, g'wiß Hab ich's beim Sperl vergessen. Das liegt auch in der Lucken. Charlotte (hat gesucht und hat eine Tour falscher Locken gefunden). Was is denn das? Traunth. (erschrickt). Was? Charlotte. Das sind ja falsche Locken — Herr Traunthaler? Traunt h. Falsche Locken! Mr sich.) Am End' Hab' ich ein Frauenzimmer mitbracht! (Blickt furchtsam nach dem Bette.) Charlotte. Herr Traunthaler! I bitt um Antwort! Traunth. Ja, Kind, errath'st Du denn nicht, es is ja a Präsent für Dich. Charlotte. Was? Falsche Locken für mich: I trag', Gott sei Dank, meine eigenen Haare. Traunth. Ja jetzt — aber später! — Denk nicht an heut nur — auch auf morgen, man muß für die Zukunft sorgen. (Man hört schnarchen). Charlotte. Was ist denn das? Traunth. Das bin ich — der Krampf — o mein Magen (er sucht das Schnarchen zu überschreien). CHarlotte. Wahrscheinlich hast Du Dich verkühlt, Du gehst schon so lang halb angezogen herum, mach' Dich fertig — Du hast wohl vergessen, daß n' Pollmann sein Bub heut getauft wirb, und daß wir'n aus der Tauf heben. (Neues Schnarchen.) Traunth. (klatscht in die Hände). Charlotte (für sich). I sang mich schon bald zu fürchten an, der Mann kommt mir so kurios vor. (Laut.) Was thust denn? Traunth. Ich applaudire, weil — wir Taufpathen sind, ich Hab a narrische Freud: Bravo! Bravo! Charlotte. Mit Dir kenn' ich mich heut net aus, — ich will mich lieber anziehn gehn, schau daß D'amal in d'Ordnung kommst, wir essen heut früher als g'wöhnlich wegen der Tauf. (Links ab.) vierte Scene. Traunthaler. Mistelbach. Traunth. (öffnet die Vorhänge). Sie Madam oder Mamsell, jetzt fort von hier und das so schnell als möglich. Mistelb. (auswachend). Wer is's? (Er setzt sich im Bette auf, seine Nase ist sehr roth.) Traunth. Gott sei Dank, es is wenigstens a Mann! Mistelb. Wünschen Sie etwas? Traunth. Ich wünsche, daß Sie 6 aus meinem Bette steigen und so schnell alsmöglichschaun,daß S'weiter kommen. Mistelb. In Ihrem Bett? (Sich umsehend.) O je! Wo bin ich denn? Traunth. In der Josephstadt bei mir im Bett. Mistelb. (auS dem Bette springend, er hat das Beinkleid an). In der Josephstadt und ich wohne in der Leopoldstadt! Herr, mit welchem Rechte schlafe ich hier in der Josephstadt? Traunth. A dös is net übel! Jetzt begehrt er auf! Mistelb. Sie werden mir erklären, wie ich in Ihr Bett komme, ich kenne Sie gar nicht. — Traunth. Ich Sie auch nicht. (Bei Seite.) Wer er nur sein mag, der rothnasigte Kerl! Mistelb. Herr Gott! Der Durst! (Er trinkt.) Traunth. Sie erlauben — ich möcht auch trinken. (Er trinkt.) Haben Sie vielleicht gestern Abends auch beim Sperl soupirt, daß S' so an Durst haben! Mistelb. Das geht Sie gar nix an. Traunth. Wanns dabei waren, so hab'n ma Bruderschaft trunken — das is die letzte Erinnerung eh die Lucken kommt — wir haben alle Bruderschaft trunken — nachher Hab' i gnua g'habt. Dürft' ich wohl um den werthen Namen bitten? Mistelb. O i bitt! I bin der Herr von Mistelbach. Traunth. Und i heiß Traun- thaler; Anton Traunthaler, ehemals Leinwandhändler — ohne Baumwolle, jetzt Privatier. Mistelb. (ihm die Hand reichend). Bruder Traunthaler — mi g'freut's! Traunth. Bruder Mistelbach! mich a! (Für sich.) Wann er nur schon dräust war mit seiner Nasen. (Laut.) Sagen Sie amal — a ich will sagen, sag amal — weißt denn gar net Brüderl wie 'st in mein Bett kommen bist? Mistelb. Wart amal. Z'erst haben wir soupirt — a Suppen, Sardinen, Forellen, Eingemachtes, Bratel — vom Bratel ab weiß ich nix mehr. Traunth. Grad so wars bei mir, es is a Lucken in mein Gedächtniß. Mistelb. Was haben wir in der Zeit, wo die Lucken is, g'macht? Traunth. Wer kann das wissen, I weiß nur, daß i a Parapluie mit an Affenkopf verloren und den Affen ganz allein z'Haus bracht Hab'. Mistelb. I weiß rein gar nix — aber i Hab' an fürchterlichen Durst. (Er trinkt.) Fünfte Scene. Vorige. Jacob (mit den Kleidern). Jacob (als er den Fremden sieht). A Fremder und in Hemdärmeln! (Laut.) Gnädiger Herr, da bring' ich die Kleider. Traunth. Schon gut! Ist s Essen bald fertig? Mistelb. Ein Bedienter — Sapperment das is a nobles Haus. (Laut.) Bruder Traunthaler, wenn Du es erlaubst, so speise ich heut bei Dir. Traunth. Mit Vergnügen! (Halblaut.) I muß nur gute Saiten mit ihm aufziehen, sonst verrath er mich. (Laut zu Jacob.) Deck für Drei auf, Jacob! Jacob. Gleich, gnädiger Herr; (Für sich.) Wo der nur herein kommen ist, und ohne Stiefeln. (Ab.) Srchstc Scene. Vorige ohne Jacob. (Beide setzen sich und ziehen ihre Stiefeln an.) Traunth. Jetzt werd' ich Dich meiner Frau vorstellen, Brüderl — aber mußt nix sagen vom Sperl, weißt? Mistelb. Versteh' schon! Aber sind denn meine Füß' kleiner worden? 7 Traunth. Meine sind, glaub' ich, g'wachsen! Wie kommt denn das nur? A ja so, wir haben die Stiefeln vertauscht. (Sie wechseln.) Jetzt sag' mir, Bruder, wer bist Du denn eigentlich? Mistelb. Der Herr von Mistel- bach! Traunth. Ja, ja, aber von Profession! Mistelb. Von Prosession-a ja so — ich bin Chef! Traunth. Chef? Bataillons-Chef? Mistelb. Nein. Traunth. Kanzlei-Chef? Mistelb. (deutet nein). Traunth. Also Handlungs-Chef? Mistelb. Auch nicht — ich bin Kuchel-Chef! Traunth. Kuchel-Chef. Mistelb. Herrschaftlicher Küchen- Chef! (Er sucht auf dem Tisch.) Traunth. (bei Seite.) A Koch! O je! Und i Hab Bruderschaft trunken mit ihm. — Was suchst denn? Mistelb. Ich möcht' mich rasiren! Traunth. (unwillig.) I Hab' ka Messer zu Haus, sie sein alle beim Schleifen — (für sich) nur a Koch! Mistelb. Net amal a Rasirmesser! Na so schau, daß wir bald essen — mir is so öd, und i Hab' heut no a Menge Laufereien, weil ich morgen in der Früh abfahr! Traunth. (freudig). Morgen Früh! Gott sei Dank! Bleibst recht lang aus? Mistelb. Ich komme gar net z'ruck. I geh' nach Braunschweig in ein vornehmes Haus — Fürst Schmieransky — famoser Platz — 100 fl. monatlich und Schmalz auf Discretion. Sehr eine fette Anstellung. Traunth. (für sich.) Is a ganz gemeiner Kerl! — Wie ich zu dem kommen bin — wann ich ihn nur könnt' in der Küchel essen lassen; Mistelb. (besieht seine Hände). Was is denn das? Traunth. (hat die Hände in den Hosentaschen). Na, was der für Sachen hat, — Du hast ja Händ'wie a Schlosser- g'säl! (Zieht die Hände aus der Tasche, er ist ebenfalls schwarz.) Mistelb. Deine Hand, scheint mir, sein g'rad a nit von Alabaster! Traunth. (besieht seine Hände). Pfui Teufel! Ja was is denn das? (Er greift in den Sack, und zieht ein Stückchen Holzkohle hervor.) Kohlen! Mistelb. Ja, waren wir denn in Kaltenleutgeben? Traunth. Am End' Hab' i auch noch mit an Kohlenbrenner Bruderschaft trunken. Siebente Scene. Charlotte. Vorige. Charlotte (geputzt mit Haube). Nun, Sebastian, bist Du fertig! (Sieht den Fremden.) Ein Unbekannter? Wer ist der Herr? Traunth. Ein meiniger Freund — ein Gerichtsrath! Mistelb. Eine famose Frau! Erlauben! (Küßt ihr die Hand.) Charlotte (mit Verbeugung). Herr Gerichtsrath! Mistelb. Nein, bitte — ich bin Chef! Traunth. (ihn unterbrechend). Von einer zahlreichen Familie. (Leise zu ihm.) So halt doch Dein Schnabel: Charlotte. Lieber Mann! s'Essen ist fertig. Sie verzeihn schon, aber wir haben a Tauf! Bringt's gleich Alles auf einmal! (Jacob und eine Magd tragen einen gedeckten Tisch herein. Jacob servirt, er und die Magd bringen die Speisen, welche aus Suppe, Rindfleisch, Sauce und Omelette bestehen. Eine Flasche Wein und eine Flasche Wasser.) Mistelbach (setzt sich und kostet Alles). Traunthaler (will zum Waschtis ch, um sich die Hände zu waschen). Charlotte (nimmt Traunthaler unter 3 den Arm und führt ihn zum Tisch). So geh' doch! Traunth. (sür sich.) So recht! jetzt kann ich mich mt amal waschen! Charlotte (sieht, daß Mistelbach sich auch zu Tische gesetzt hat). Du, Sebastian, hast denn Du den Herrn Gerichtsrath eingeladen? Traunth (verlegen). Ja, ich Hab nicht ausweichen können! Weißt, er is halt a Jugendfreund von mir, ein alter Schulkamerad! Gib aber nur auf die Silberlöffel Obacht! Charlotte. A dalketer G'spaß! (Zu Mistelbach.) Verzeihn schon, Herr Gerichtsrath, daß wir hier essen, 's Speiszimmer is erst g'malen wor'n, es is noch feucht! (Gib ihm Suppe.) Mistelb. I bitt Ihnen — 's is ja alles eins. (Er wischt sich die Hände im Tischtuch ab.) Charlotte. Ich bedaure nur, daß Sie grad heut uns beehren, wo wir so wenig haben wegen der Tauf! A gute Suppen, a Rindfleisch und ein Omelette — das is Alles. Sie müssen schon vorlieb nehmen. Mistelb. O ich bitte. — Aber is das die gute Suppen? Die schmeckt ja wie ein warmes Wasser! Charlotte. Wie? Mistelb. O je, da sollten's amal a Suppen von mir — Traunth. (leise). Wirst stad sein: (Laut.) Iß doch, Lotti! Charlotte (beleidigt). Ich dank', ich Hab' kein Hunger! Trag die Suppen hinaus, Jacob — die Köchin soll's selber essen, sie schmeckt wie warmes Wasser. Der Herr Gerichtsrath scheinen ein bissel heiklich zu sein: — Mistelb. (kostet). Und die Sauce — da gehört a Madeira hinein! Pfui Teufel: Charlotte (ärgerlich). Jacob, trag die Sauce hinaus. Traunth. Aber ich hält' gern a bissel davon gessen, Lotti! Charlotte. Warum nicht gar! Verdorbene Sachen essen wir nicht: Mistelb. Nehmens a Bissel Omelette, Lotti — die is nicht schlecht! — Charlotte. Ich dank — ich Hab schon abg'speist!- (Zu Traunthaler.) Er sagt Lotti zu mir! — Traunth. Mein Gott — unter uns—wir kennen uns schon so lange! Charlotte (verdrießlich). Jacob.' Jacob (hat indessen im Hintergründe die Sauce gegessen). Befehlen! Charlotte. Gib mir die Zeitung! Jacob. Die Zeitung? Charlotte. No ja, die Zeitung — verstehst denn nicht deutsch, dummer Mensch? Jacob (bei Seite). Jetzt geht's gut! Die Zeitung Hab' ich dem Kindsmadl im ersten Stock g'liehen wegen der Räuber'gschicht! Was mach' ich denn nur? Charlotte. No — wird's? Jacob. Gleich! (Nimmt die Zeitung von der Tabakvase herunter, glättert sie auf dem Knie, und gibt sie ihr dann.) Mistelb. Brüderl! Gib mir ein Wein! Traunth (schenkt ihm ein). Du sollst lieber Wasser trinken — unser Wasser ist sehr gut! Mistelb. Wasser trink ich nie: Traunth. (bei Seite). Das sieht man ihm an der Nase an! Charlotte (lesend). O! Du mein Gott! Mistelbach und Traunthaler. Was ist denn? Charlotte Da ist schon wieder was Fürchterliches g'schehen! Mistelbach und Thraunthaler. No?! Was denn! Charlotte (lesend). „Heute Morgens hat man in der Kohlmessergasse Nr. 476 die gräßlich verstümmelte Leiche einer jungen Kohlenhändlerin gefunden. Man ist den Verbrechern, deren meh- 9 rere gewesen zu sein scheinen, bereits auf der Spur!" Mistelb. Gräßlich! Traunth. Mehrere gegen einWeib — miserabel: Lies weiter Lotti! Charlotte (weiter lesend). „Auf der Spur, denn es haben sich zwei Gegenstände vorgefunden, welche als Erkennungszeichen dienen werden!" Traunth. Aha! — Sie werden's schon verwischen die Spitzbuben! Charlotte (lesend). „Ein grüner Regenschirm mit einem Thierkopf am Griff —" grad wie'n Vetter Pollmann sein Parapluie: Traunth. (gedehnt). Was?! Charlotte (lesend). „Und ein weißes Schnupftuch mit den Buchstaben D. M." Mistelb. D. M. Meine Anfangsbuchstaben! — Daniel Mistelbach! Sonderbares Zusammentreffen! Wo Hab ich denn mein Schnupftüchel? Charlotte (lesend). „Beide Gegenstände haben die Mörder im Magazin, wo die Unthat verübt wurde, auf einem Kohlensack zurückgelassen!" Traunth. und Mistelb. Auf ein'm Kohlenfack?! (Verbergen ihre Hände unterm Tisch). Charlotte. Was is denn? Traunth. und Mistelb. O nichts — nichts! Charlotte. „Außerdem behauptet ein benachbarter Lehrbub, er habe nach 2 Uhr Früh zwei Männer in berauschtem Zustande das Haus verlassen g'se- hen! — —" Warum effens denn nicht? Mistelb. O ich danke — ich bin schon satt! Charlotte. Und Du, lieber Sebastian? Traunth. (in Gedanken). Ich wünsch' wohl gespeist zu haben! Charlotte. Jacob, bring' den Käs! Mi stell». Für mich nicht, wenn ich bitten darf. — Traunth. Wir essen nix mehr! — Charlotte. Vielleicht ein schwarzen Kaffee? Mistelb. und Traunth. Nein — um Gotteswillen, nur nix Schwarzes! — Charlotte (zu Traunth.). Geh, schenk mir a Glas ein! — Traunth. Ich Hab' den Krampf in die Händ'! — I kann nit. — Charlotte. Früher in Magen, und jetzt in die Händ'! — Ich hab's gesagt Du wirst's Rheumatische kriegen! (Zn Mistelb.) Wollen Sie so gut sein? Mistelb. Ich Hab' auch den Krampf! (Sie verbergen ihre Hände.) Jacob (ist früher abgegangen und kommt jetzt mit Kaffee, einer Flasche Liqueur und mehreren Gläsern zurück). Gnädige Frau, der Herr von Pollmann is in L-alon — er möcht' a paar Wort reden! — (Ab.) Charlotte (steht auf). Ich komm' schon! Bitt' ein Augenblick um Entschuldigung — ich komm' den Augenblick wieder. — Ächte Scene. Traunthaler. Mistelbach. Traunth. (umherlaufend). Gräßlich! Mistelb. (ebenso). Entsetzlich: Traunth. Die schwarzen Händ'! Mistelb. Der Rausch! Traunth. Das grüne Parapluie: Mistelb. Das weiße Schnupftüchel! Traunth. Kein Zweifel mehr! Mistelb. Wir haben das Verbrechen begangen! Traunth. Der verfluchte Wein! Mistelb. Sonst bin ich so a guter Kerl, aber wenn ich ein Rausch Hab', bin ich a Vieh! — Traunth. Die arme Kohlenhändlerin — Mistelb. Jung wars auch — Traunth. Also eine Blume geknickt in der Blüthe ihrer Jahre! — Mistelb. Mit Parapluiestreichen langsam erschlagen! Waschen wir uns die Hand'; Traunth. Guter Gedanke — da wir's uns in Unschuld nicht waschen können, so waschen wir's uns hier im Lavoir! Mistelb. Die Seifen! die Bürsten! (Beide waschen sich eifrig die Hände, und entreißen sich gegenseitig Seife, Bürste und Handtuch.) tlenilte Scene. Vorige, Charlotte, dann Pollmann. Charlotte (irit ein). Was geschieht denn da? Traunth. Wir — wir waschen uns die Hände. — Mistelb. Aber nur zum Vergnügen — denn schmutzig sind wir durchaus nicht! Charlotte. Zum Vergnügen die Hand' waschen?! Traunth. No, — heut an mein Geburtstag, werd' ich mir doch so ein Vergnügen machen können?! Charlotte (für sich). Und dabei seins ganz verlegen! Merkwürdig! Pollmann (eintretend). Stör ich vielleicht, Vetter? — Traunth. O durchaus nicht! Bitt nur hereinzuspaziren! Pollmann. Ich möcht' ergebenst um mein Parapluie bitten! Traunth. und Mistelb. Parapluie?'. Charlotte. Ich begreif' gar nicht, wo's hingekommen is, wir haben's schon überall g'sucht wie eine Spennadel! Poll mann. Verloren geh'n kann's nicht, denn auf dem Griff ist mein ganzer Nam' eingravirt! Traunth. (leise). Ich bin verloren! Man wird ihn vor Gericht ziehen, er wird sagen, daß er es mir geliehen hat! Mistelb. (leise). Um Gottes Willen — Fassung! ! Traunth. (laut). Ich Hab' das ! Parapluie gar nicht gesehen! ! Pollmann (fest). Sie irren, lieber ^ Vetter — Sie haben's gestern Abend ! mitgenommen — ich bin Ihnen ja in der Leopoldstadt begegnet, da ^ haben Sie's noch gehabt! i Traunth. (zupft ihn). Das ist curios ! Charlotte. Was? Du warst gestern Abend aus — Sebastian? Traunth. Keine Idee! Pollmann (lachend). Aber Herr Vetter — ich Hab' Ihnen ja selber gesehen — ich kann's beschwören! Traunth. und Mistelb. Beschwören: Ein Zeuge:! ! Traunth. Es ist nicht wahr, aus ^war ich, aber dort war ich nicht! ! Mistelb. Wir waren ganz auf der entgegengesetzten Seiten, ich kenn' die Kohlmessergassen gar nicht! — Charlotte. Wo warst Du denn, Du schlechter Mensch? ! Traunth. Ich war im Prater beim Feuerwerk: ! Pollmann, (bei Seite). O weh, da !hab' ich den Armen in Verlegenheit bracht. (Laut.) Wer spricht denn von ! der Kohlmessergasfen — ich Hab' ja Leopoldsladt gesagt, dort Hab' ich den Herrn Vettern getroffen, bin mit ihm !in Prater gegangen, und dort waren wir den ganzen Abend beisammen! ! Traunth. und Mistelb. (fallen ^ihm um den Hals). Den ganzen Abend! z — Juche! Wrr waren den ganzen Abend beisammen! (für sich.) Ein Entlastungszeuge! ! Charlotte. Was is denn das? ^Mir scheint mei armer Mann wird a Narr! — ^ Traunth. Vor lauter Freud'! — j Jetzt will ich ausgehen, frische Luft i schöpfen, den kleinen Buben aus der 11 - ^K- ",'' ^k» »^r -«M»« Tauf heben und Ihren nächsten a, — denn nit wahr, wir sein den ganzen Abend beisammen g'wesen im Prater! Sie bezeugen mir das, Juche! Jetzt lad' ich die ganze Welt zu der Tauf' ein! (Umarmt seine Frau.) Charlotte. Laß mich gehn, schlechter Mensch, Du verdruckst mich ja ganz! Also Kopfweh — und derweil sind wir heimlich in Prater! Na wart', g'freu Dich, vor dem fremden Menschen da will ich nix anfangen, — aber nach der Tauf'. Traunth. Da kommt die Bescherung! O weh! Sei gut, Lotti! Charlotte. Kommens Vetter! Ich werd' Ihnen das Taufzeug für den kleinen Buben zeigen! (Ab.) PollmaNN (begleitet sie zur Thür). Frau Mahm — Sie machen Ihnen so viel Unkosten! (Kehrt zurück.) Traunth. (leise zu Mistelb). Wir waren im Praterl — Mi slelb. Er hat uns dort gesehen — wir sind gerettet! — Pollmann (lachend). Aber meine Herren — Sie sind ja ein Paar Hauptspitzbuben! Ich Hab' Ihnen nur herausgeholfen wegen den häuslichen Frieden! s'Feuerwerk is gar nicht abbrennt worden, weil's Nachmittag geregnet hat! Na, wann ich vor der Frau g'sagt hält', was ich weiß! — Mistelb. Er weiß was! Traunth. Was Wissens denn? Poll mann. Nix! Allen Nespect vor solche Mordkerln! Charlotte (ruft von innen). Vetter Pollmann! P o ll m a nn. Ich komm schon! (Ab.) Zehnte Scene. T ra u nt h aler. Mi stel b ach. Traunth. Was sein wir? Nt istelb. (sinkt in einen Stuhl). M 0 rd- kerln! Traunth. Er weiß Alles: (Greift in die Tasche um sein Schnupftuch zu nehmen und findet ein Damen-Negligehäubchen.) Was ist denn das? — A Schlafhauben! Mistelb. (findet einen Damenschuh in seiner Tasche). Ein Damenschuh? Am End' haben wir die Unglückliche auch noch geplündert? — Traunth. Ich, ein solider Ehemann, trage eine fremde Schlafhauben im Sack? Charlotte, (von außen). Bringt's das Taufzeug hinunter in den Wagen'. Traunth. Himmel — meine Frau — wo versteck' ich's denn? da hinein! (Steckt die Haube in die Tabakvase.) Mistelb. Aber wo soll denn ich mit dem Schuh hin? Traunth. Kannst'n nit aufessen? Mistelb. Warum nicht gar! — er ist zu zäh! — ich werd' ihn verbrennen! Aber wo? Traunth. (zeigt nach links). Da drinn' im Ofen! (Bemerkt, daß seine Hände wieder schwarz sind, schreit auf) Ach! Mistelb. Ach!! Was is denn? Kommt die Gensd'armerie schon? Traunth. Unsere Händ' sind schon wieder schwarz, Mistelb. Gräßlich! Das ist die Nemesis! Traunth. Ganz Lady Macbeth! Mi slelb. In mein' Leben bring ich keine Kohlenhändlern: mehr um: Traunth. Man wird zu schmutzig dabei: (Sie gehen wieder an den Waschtisch und waschen sich.) Elfte Scene. Vorige. Charlotte, dann Poll- man n. Charlotte (tritt ein). Was ist denn das? Wäschst denn Du Dir heut den den ganzen Tag die Händ'? Traunth. So laß mir doch das unschuldige Vergnügen an mein' Geburtstag! 12 Charlotte. Dein Geburtstag ja, aber von der Ueberraschung, die ich Dir gemacht Hab', redst gar nix?! Traunth. Eine Ueberraschung? Wie so? Charlotte. No die Tabakvasen; G'sallt's Dir nicht? (Will die Vase nehmen.) Traunth. und Mistelb. Nicht anrühren, um Gotteswillen! (Leise) Die Schlafhauben! Mistelb. Der Tabak verliert den ganzen G'ruch, wie man 'n Deckel aufmacht! (für sich) Ich geh' und verbrenne mein' Schuh! (Schleicht bei Seite ab.) Charlotte (bei Seite). Da steckt wieder was dahinter! (Laut.) Wannst Dich jetzt nicht tummelst, so kommen wir zu spät. Pollmann (eintretend). Nein, das Taufkleid ist zu schön! Sie haben Ihnen so viel Unkosten g'macht! Charlotte. Sein Sie nicht unser einziger Verwandter? Wir haben Gott sei Dank Vermögen und können also schon was thun für unfern Gevatter! Pollmann. Ach, Sie sind so groß- müthig gegen mich — Ihre Güte gibt mir den Muth, noch eine Bitte vorzutragen. Charlotte. Mir? Pollmann. Ihnen und dem Herrn Vettern. Traunth. Himmel, er will mich pressen! der schlechte Mensch! — Charlotte (leise zu ihm). Er ist gewiß in Verlebenheit und braucht a paar Gulden, daß D' es ihm nicht abschlägst: Traunth. Keine Red' — aber er soll mir allein sagen, was er will — ich genir' mich vor Dir, weilst bös bist auf mich! Charlotte (abgehend). Wegen meiner! Aber schau, daß 'd bald in Ordnung kommst. (Ab ) Zwölfte Scene. Thraunthaler. Poll mann. Traunth. (geheimnißvoll). Jetzt sind wir allein — jetzt reden's — aber still! — Pollmann. Still? — Warum denn still? Traunth. (weinend). Nicht wahr, es ist fürchterlich! Pollmann. Was denn? Traunth. Sie haben mich heut' Nacht g'sehn? Pollmann. Ja! Ich bin Ihnen sogar nachgangen: — Traunth. Gerechter Gott! Poll mann. Sie haben mit mein Parapluie immer auf die Mauer g'schlagen und dabei g'sungen: Piff! Paff! Puff: Würget sie: — Piff, Paff! Puff! Tödtet sie! Traunth. Gräßlich! Pollmann. Ja, ja, mir scheint, wenn Sie amal anfangen,da können Sie's gut! T r-a unt h. Ich schwör's Ihnen — es war mein erster Versuch! Die Unglückliche: Pollmann. Na, na, lamentirens nur nicht gar a so! Ihre Frau wird nichts davon gemerkt haben! Traunth. Sie nicht, aber die Andere! Pollmann. Sie haben noch eine Andere? Traunth. Die Verstorbene! Pollmann (lachend). So, is sie todt, die Andere? na nachher is ja die Gefahr vorüber: Traunth. Für sie — aber nicht für mich! Vetter, ich Hab' a recht a schöne Bitt' an Ihnen! — Pollmann. Ich auch! — Traunth. Wenn Ihnen jemals wer fragt, ob Sie mir a grünes Parapluie mit einem Viehkopf g'liehen haben — geltens — Sie werden nein sagen?! Pollmann. Warum denn?! Traunth. Sagens, Sie haben's verloren, oder versetzt: 13 Pollmann. Das Parapluie? Traunth. Denkens, daß wir Blutsverwandte sein! Pollmann. Nun ja, ich versprech's Ihnen — aber jetzt Hab' ich auch eine Bitt': Traunth. (weinerlich ) Redens — Sie wissen recht gut, daß ich Ihnen nichts abschlagen kann! Pollmann. Es ist eine Geldangelegenheit ! Traunth. (bei Seite). Er laßt sich zahlen, der Schändliche! (Laut.) Redens, ich hoff' Sie werden keine übertriebenen Forderungen machen! — Poll mann. Meine Frau is in die letzten ^ Jahr so g'naschig g'wesen — nicht zum sagen! denken Sie sich — durch die ganze Zeit hat sie nix als Melonen essen wollen! — Sie wissen die Melonenzeit dauert nicht lang, und außer der Zeit sind sie unbändig theuer —was wollt ich machen — die Frau hat amal das G'lüst g'habt — und ich könnt' doch nicht riskiren — Traunth. Daß Ihr Sohn als Melon auf die Welt kommen wär' — Gott bewahre! — Pollmann. Ich Hab' deßwegen bei einer Obsthändlerin 500 Gulden Schulden g'macht — die Frau drängt mich — ich soll zahlen! Traunt tz. (plötzlich freudig). 500 Gulden? Mehr nicht? Was machens denn für lange G'schichten. — Da Habens ein Tausender! Pollmann. 1000 Gulden! Diese Großmuth! Lassens Ihnen umarmen! Traunth. Aber dafür schwören Sie mir, einen dichten Schleier zu werfen — Pollmann. Ein dichten Schleier — über was? Traunth. Ueber die Ereignisse der verflossenen Nacht. Pollmann (lachend). Kein Mensch soll was erfahren — kein Mensch — außer meine Frau, der Hab' ich's schon g'sagt! Traunth. Ihrer Frau! Barmherziger Gott! Da hält' ich's ebenso gut können austrommeln lassen! Pollmann. Ja, die lockt mir Alles heraus — ich sag's lieber gleich offenherzig. Aber jetzt schau ich nach'n Wagen! (Ab.) Traunth. (wirft sich in einen großen Lehnstuhl, der ihn ganz verdeckt). Und ich Hab' ihm noch em Tausender geben! O ich Esel! — Dreizehnte Scene. Vorige. Jacob (tritt ein, bemerkt Traunthal nicht). Jacob. Nein, wie's heut in unfern Haus zugeht, das is zum Todt- lachen! Der Herr Gerichtsrath sitzt draußen in der Küchel, und hat den ganzen Kümmel-Liqueur austrunken — jetzt brat er ein alten Schuh auf'n Rost und weint dabei! Traunth. (für sich leise). Wenn ich den Pollmann und seine Frau heimlich umbringen könnt', da wär' ich nachher sicher!! — Jacob (fortfahrend>. Nachher phan- tasirt er in sein Affen von einer Koh- lenhandlerin, der man eine Schlafhauben g'stohlen und untern Tabak versteckt hat! Es is zu g'spaßig! — Traunth. (für sich). Es wird nix Andres übrig bleiben! — Jacob. Beim Tabak fallt mir ein — daß ich 'n Herrn ein Türkischen Hab' schnipsen wollen! Mein Pfeifen Hab' ich da — einmal stopfen merkt er Nit! (Oeffnet die Vase.) Traunth. (steht in demselben Moment auf, bemerkt Jacob. — Laut). Was machst Du da? Jacob (erschreckt, dreht sich um, stopft die Pfeifen von rückwärts, und bringt die Bänder der Hauben mit hinein). Nix, gnädiger 14 Herr, ich steh da und wart bis man mir was schafft. Traunth. Geh', bring mir mein Hut! Jacob (bemerkt, daß er die Schlafhaube mitgestopft hat). A Schlafhaub'n untern Tabak?! Also is 's am End do' wahr die G'schicht' mit der Kohlenhandlerin? Traunth. (packt ihn). Ha! Unglücklicher! Du weißt? Jacob. Ja, ich weiß! Traunth. Elender! ich bring'Dich UM! (Er sucht etwas.) Jacob (entspringt durch die Mitte). Zu Hilft! zu Hilft! — (Ab). Vierzehnte Scene. Traunthaler, dann Mistelbach Traunth. Ich muß fort, heut noch! So schnell als möglich! Nur den Burschen muß ich vorher noch für mich gewinnen — ich werd ihm 500 Gulden geben — für sein Schweigen — will er das nicht, so — muß ich ihn auch umbringen. Es ist entsetzlich! — So zieht ein Verbrechen das andere nach sich! — M i st e l b. (tritt ein). Brüderl (er ist betrunken). Traunth. Bist Du noch da? Mi st elb. Ich halt's nit aus! Traunt h.(aeängstigt). Was hast denn? Mi st elb. Mich beißt's ungeheuer — mein Gewissen — das halt' ich nicht aus. Ich muß mich betäuben — hast Du nix zu trinken? Traunth. Wo hast denn den Schuh gelassen? Mi st elb. Ich Hab ihn gebraten — er ist stumm — aber einen Geruch hat er verbreitet — einen fürchterlichen — und das wird unser Unglück sein. Traunth. Wir müssen so schnell als möglich fort, ich reis' heut Abend! Mistelb. Ich morgen in der Früh! Traunth. Vorher aber müssen die Zeugen des Verbrechens zum Schweigen gebracht werden! Mi st elb. (bei Seite). Die Zeugen des Verbrechens? Er meint mich! der is im Stand und murkst mich auch ab! (Sucht nach Waffen.) Traunth. (ihn beobachtend). Was sucht er denn, der fürchterliche Kerl! Ha, er wird mich ermorden wollen. (Sucht eine Waffe.) Mi st elb. (findet einen Stiefelknecht). Das könnt's thun! Traunth. (hat einen großen Suppen- fchöpfer gefunden). Selbsterhaltung ist die Hauptfach'! Beide (verbergen die Gegenstände in ihren Aermeln). Traunth. (gib ihm einen Sessel). Aber so setz' Dich doch nieder, lieber Bruder! Mistelb. (hat die Zeitung genommen). Ich dank Dir! (Bei Seite) Er will mich besser zur Hand haben! (Laut) Nur, wenn Du Dich setzst! Traunth. Aha! Magst nit laut lesen. Brüderl? — Mi st elb. Ich kann nicht! Les'Du! (Gibt ihm die Zeitung.) Traunth. Was soll ich denn lesen? (Sie bewachen sich gegenseitig.) Mi st elb. Les' mir die G'schicht von der unglücklichen Kohlenhandlerin noch amal! Traunth. Gott soll mich bewahren! Ich bin froh, wenn ich nicht dran denk. (Liest.) „Künftigen Monat wird die Eisenoahn bis Temesvar dem allgemeinen Verkehr übergeben werden!" Das muß ein Druckfehler sein! Mistelb. DuwirstDich geirrt haben! Beide (halten sich immer im Verthei- digungszustand). Traunth. Nein, nein, da steht's ja deutlich, man hofft bis längstens den 15. November — M istelb. Schau'n Datum von der Zeitung an! Traunth. (lesend). Dritten Oktober 1857. Mi st elb. 57?! (Beide stehen auf.) Traunth. Das is ein altes Journal! 15 Mistelb. Und die G'schicht' von der Kohlenhandlerin? Traunth. Js vom Jahr 1857 (Sie werfen ihre Waffen weg.) Beide (umarmen sich). Wir sind unschuldig! Fünfzehnte Scene. Vorige. Jacob, dann Pollmann. Charlotte. Jacob (tritt ein). Die gnädige Frau läßt sragen! — Traunth. Jacob, komm' her, Du bist ein Götterkerl, da, ich schenk Dir 5 Gulden. Jacob. Küß d' Hand, Ew. Gnaden! (Für sich) Die Großmuth! Pollmann (tritt ein). Aber Herr Vetter, jetzt müssen wir fahren, es is die höchste Zeit. Mistelb. Gehn's her — Sie sein a Götterkerl, i schenk Ihnen 5 Gulden! Pollmann. Mein Herr! Mistelb. Unschuldig! Jetzt Hab' ich aber schon wieder Durst: (Jacob hat Traunthaler den Oberrock angezogen.) Traunth. Ich spür' schon wieder Kopfschmerz! Charlotte (tritt ein, hat einen Hut auf). Du, Sebastian — was muß ich denn da hören! Du warst heute Nacht um 12 Uhr noch nicht zu Haus? Traunth. (lustig.) Nein, Lotti! — ich war nicht zu Haus — aber wo ich gewesen bin, das weiß der Teufel! — Charlotte. So! Ich weiß es! Da schau her! Draußen steht a Feuerbursch aus'n Kaffeehaus und bringt a Rechnung. (Liest.) „Herrn Traunthaler, Wohlgeboren: Punsch 2 fl., Liqueur 1 fl., zerbrochenes Kaffeeg'schirr 5 fl. 30 kr., eine zerschlagene Rechentafel von der Kassierin 1 fl., eine Haube von der Kaffeesiederin aus Spaß mitgenommen 3 fl. 40 kr., eine Tour falsche Locken dito 10 fl., 1 Schuh mit Ram- sohlen, weil der andere allein jetzt nimmer z'brauchen is, 2 fl. Summa 25 fl. 10 kr." - O, Du schlechter Mensch! Traunth. (triumphirend). Triumph! Die Lucken is ausg'füllt! Jetzt weiß ich Alles: Mistelbach muß die Halbscheid zahlen! Wo is er denn? Charlotte. Den Skandal vor die Leut'! Ihr wart's beide so berauscht, hat mir der Feuerbursch g'sagt, daß man Euch, bis der Kaffeesieder kommen is, hat in die Kohlenkammer einsperren müssen. Traunth. (sucht in den Taschen). Wart! Ich muß noch Kohlen haben! Charlotte. Jetzt laß's gehen — wir haben kein Zeit mehr! aber nach der Tauf werden wir reden mit einand'! Traunth. (bittend). Weiberl, es is mein Geburtstag! und ich werd's nimmer thun! Mistelb. (ist wieder zu Bett gegangen und schnarcht). Alle. Was is denn das? Traunth. Da schnarcht schon wieder Einer — Hab ich mir vielleicht noch ein' Brüdern mitbracht? (Er macht mit Jacob die Bettvorhänge auf.) Alle. Der Herr Gerichtsrath! Traunth. S'is nicht wahr, er is nur a Koch! Alle. Ein Koch!? Traunth. Will denn der Kerl ewig in mein Bett liegen? Lotti, gib mir mein Stock! oder nein — Jacob! Jacob. Gnädiger Herr! Traunth. Wir gehen zu der Tauf, wie wir fort sein, wickelst den Herrn in a Dacken ein, schnürst'n mit a paar Strick fest zusammen und bringst'n auf die Eisenbahn unter der Adresse: Ein Koch nach Braunschweig — gebrechlich — ohne Werth. E n d e. Auszug ans unserem Katalog einaktiger Stücke. Titel Die Gewerbsfreiheit. Posse mit Gesang von Al. Berla. 50 kr- Gewohnheiten. Lustspiel nach d. Französ. von Max Stein. 50 kr- Glück durch Unglück. Lustspiel von Schildbach . . . . 60 kr. Die goldene Hochzeit. Fest-Scene v. Jos. Weyl. (H. B. 6) . . . Gottschalk Schlemmer. (Eine schauderhaste Murithat.) Scherzgedicht von Jos. Weyl. (H. V. 2). Das grauenhafte Berhängniß einer altgriechischen Königs- samilie in Folge genealogischer Berwutzelung, oder: Antigone. Komische Scene von Jos. Weyl. (H. B. 11). Die Großmutter. Genrebild von Rod. Benedix .... 60 kr. Ein Guldenzettel. Original-Schwank von C. Gründorf . 50 kr. Gutes Beispiel. Lustspiel nach d. Französ. v. I. F. Castelli. 80 kr. Gute Nacht, Rosa! Dramat. Genrebild v. Fried. Kaiser. 50 kr. Halb meschugge vor Liebe. Solo-Lustspiel (in jüdischem Dialekt) von I. Krüger . . :.40 kr. Ter Harem. Lustspiel von A. von Kotzebue.40 kr. Der Hasenschrecker. Posse mit Gesang nach einem älteren Stoffe, mit neuen Couplets von O. F. Berg. Musik von S. Brandl. 50 kr. Das Häuschen in der Au. Lustspiel nach dem Französischen von H. Herzenskron.50 kr. Der häusliche Zwist. Lustspiel von A. von Kotzebue. 40 kr. Heimlich. Lustspiel von M. A. Grandjean.50 kr. Hempel, Krempel und Stempel. Posse nach d. Englischen von K. Gräser.60 kr. Hercules als Schutzmann. Lustspiel nach dem Französischen von Alex. Bergen.50 kr. Herrn Merseburgers Ehestands-Exercitien. Solo-Lustspiel (in jüd. Dialekt) von I. Krüger.25 kr. Das Herzbünkerl. Charakterbild mit Gesang von Al. Berla. 50 kr. Die heutige Bildung, oder: Der hyperboreeische Esel. Ein drastisches Drama und philosophisches Lustspiel für Jünglinge von A. von Kotzebue.50 kr. Das heyß Eisen. Ein Nürnberger Fastnachtsspiel des Hans Sachs. Schwank für die neuere Bühne eingerichtet von Rud. Gense. 50 kr. lloanx-vuLk. Posse nach d. Französ. frei von H. Herzenskron. 50 kr. Die Hochzeit unterm Schleier. Lustspiel v. Louis Julius. 50 kr. Hoffen und Harren. Schwank von M. A. Grandjean . 50 kr. (Für Dilettanten sehr geeignet.) Das hohe 6. Lustspiel von M. A. Grandjean .... 50 kr. Ein Hotel-Hausknecht. Heitere Solo-Scene mit Gesang von M. A. Grandjean. Musik von I. Koch von Langentreu. 40 kr. (Die dazu gehörige Musik ist im Clavierauszug von uns für 75 kr. zu beziehen.) Die Hungercur, oder: Enge Sperre. Schwank mit Gesang von Al. Berla.50 kr. Das Husten. Scherzgedicht von Jos. Weyl. (H. V. 4). Ein Hut. Lustspiel frei nach dem Französ. v. M. A. Grandjean. 50 kr. Der hyporboreeische Esel, oder: Die heutige Bildung. Ein drastisches Drama und philosophisches Lustspiel für Jünglinge von A. von Kotzebue.50 kr. Jaiukef Katz aus der See. Solo-Lustspiel (in jüdischem Dialekt) von I. Krüger.40 kr. Ich bitte! Scherzgedicht von M. A. Grandjean. (G. U. 1) . . . Ich habe nichts. Scherzgedicht von M. A. Grandjean. (G. U. 5) Ich liebe Sie! Lustspiel frei nach CH. Hugo von F. Zell . 60 kr. 5 3 2 2 3 2 1 1 1 — 8.är. X. X. L. X. CH. vr. X. vr. X. X. vr. X. vr. Vr. X. X. 8.är. 8.är. vr. L. 4 2 vr. 6 5 8 6 2 CH. ICH. 2 — 1 — 8.är. vr. X. vr. 4 2 1 — vr. 8.är. 6 1 5 Ilr. X. X. vr. 4 2 1 — 1 — — 1 4 2 vr. vr. X. X. X. Möbel-Fatalitäten. von Auton Bittncr. (Repertoir-Stück des k. k. priv. Carltheaters.) Personell: Frau Rosine Blüml, eine Nähterin. Fritz Kausch er, Winkelagent.*) Florian Stängel, Stärkemacher. Damian Sportl, Fleckputzer. Paul Scheitfellner, Holzhändler von Oberösterreich. Wilhelm Koller, Musiklehrer. Franz, PePPi, Kinder der Frau Rosine Blüml. Ein unmöblirtes Zimmer. — Nur auf einem kleinen Schemmel liegen eine Tasse mit mehreren Gläsern, eine Tischplatte und unter anderen weißen Möbel-Ueberzügen auch der eiues Fauteuils und einer Harfe und eine Tischdecke. Erste Scene. Rosine Blüml. Wilhelm Koller. Blüml. Also morgen, Wilhelm, kommt Dein Onkel? Wilhelm. Rein, heute kommt er! — Blüml. Du irrst Dich; — Du hast mir g'sagt den fünfundzwanzig- sten! — Wilhelm. Nein, den Vierund- zwanzigsten. B l ü ml. So les mir den Brief vor, daß ich mich selbst überzeug', ob Du mich nicht anplanscht hast. Nebenbei möcht ich doch auch gern wissen, was der Onkel antwortet ans den Brief, wo Du ihn mit unserem Heiratsplau bekannt gemacht hast. Wilhelm. Na, aus dem will ich Dir kein Geheimnis; machen. (Er nimmt den Brief und liest.) „Lieber Wilhelm! Da ich als Holzhändler vom Land mit dem Briefsthlisiren nicht gut umgehen kann, so schreib ich Dir nur ganz einfach und kurz, daß ich gegen diese Heirat nichts einznwenden habe, und wenn die Person sauber is und ordentlich, und ihre gehörige Einrichtung auszuweisen hat; so gib ich meine Einwilligung. Um mich aber von ihrem Werth selbst zu überzeugen, so komm ich am Vieruudzwauzig- sten mit'n Dampfschiff nach Wien, wo *) Mit Johann Nestroy in der Rolle des „Fritz Kauscher" hat dieser Schwank in Wien über siebenzig Aufführungen erlebt. ich Euch a paar tausend Gulden und meinen Segen mitbring." B l ü m l. Also richtig heut kommt er? Ah, das ist zum Verzweifeln! Wilhelm. Warum denn? Blüml. Weil ich, wie Du weißt, all mein bist Einrichtung zum Poli- tireu g'schickt Hab, und morgen krieg ich erst z'rnck die Möbeln. Der Tischler ist noch nicht fertig. Wilhelm. Ah, das ist unangenehm ! Bluml. Besonders da der Onkel von Deiner zukünftigen Frau nicht nur Sauberkeit und Ordnung, sondern auch eine anständige Einrichtung verlangt. Wilhelm. Ach, das sind veraltete Ansichten aus dem vorigen Jahrhundert, damals war es Sitte, daß jede Braut eine ordentliche Einrichtung als Aussteller mitgebracht hat, jetzt is das anders, jetzt braucht man nur ein Herz voll Liebe. Bluml. Uud Eifersucht? — Wilhelm. Aha, das ist eine Anspielung auf mein reizbares Temperament! — Blüml. Und Du hast doch gewiß keine Ursach? — Wilhel m. Nicht die Mindeste, deßhalb bin ich aber doch eifersüchtig wie Othello — aber beruhige Dich, in zehn Jahren ist Alles anders. Jetzt aber muß ich zum Dampfschiff, den Onkel erwarten. — Leb' wohl, liebe Rosi, auf baldiges Wiedersehen. l(Er küßt sie und geht durch die Mitte ab.) Zweite Scene. Blüml (allein). Was fang ich denn nur an? Er kommt, und ich habe keine Möbeln,— wann nur in diesem Monat der Bier- undzwanzigste am Fünfundzwanzigsten fallen möcht', da war' ich gerettet. Dritte Scene. Blüml. Fritz Kanscher. Kausche r. Ah, guten Morgen, Madame Blüml, küß die Hand, mache mein uuterthänigstes Kompliment, neige mein Haupt ehrfurchtsvollst auf die Brust, laß die Knie in gehöriger Devotion wie ein Guttaperchaschlauch zu^ sammenschrnmpfen, und lisple mit einem paar zinoberfarbenen Lippen, die die Natur wie zwei Nosenblatteln zwischen Nase und Kinn als sprechendes Muttermaal adoptirt: wie geht es Ihnen denn immer, meine hochverehrte Verehrteste ? Blüml. So ziemlich — und Ihnen Herr Kanscher? Keuscher. Passabel-misserabel, nicht zu gut und nicht zu schleckt, so gewiß comsortableroßartig, ohne Aussicht auf eine bessere Zukunft, zwischen Tugend und Sitten, steh' ich als Esel in der Mitten. Blüml. Und was für ein Wind führt Sie denn zu mir? Kall sch er. Ein guter, ein südwestlicher, der Einem aber warm macht, — der so heiß ist, daß er in Afrika die Menschen kaffeebraun färbt, daß's ausschall-en, als wie die lebendigen kupfernen Waschkessel. Blüml. Aber ich weiß noch immer nicht — Kanscher. Was ich zusammenred!? — Das weiß ich selbst nicht, ich red' halt, weil es so viele Leute gibt, die sagen, man darf bei der Zeit nichts reden, und da will ich Ihnen das Ge- gentheil beweisen, und red' das ganze Jahr und es hat sich noch Niemand darüber aufgehalten, als höchstens Diejenigen, die's anhören haben müssen. Doch um auf Ihre Frage zurückzukom- men — in welcher Angelegenheit glauben Sie, schöne Frau, daß ich vor Ihnen steh? — 3 Bliiml. Nun? Kauscher. In Heiratsaugelegenheiten. Bliiml. Und da kommen Sie zu mir? Kausch er. Natürlich, eine Witwe, wie Sie, die schon einen Verstorbenen selig gemacht hat, kann die nicht auch einen Lebendigen beglücken? Blüm l. Und der Lebendige sind doch wohl nicht Sie? — Kauscher. O nein! Zum Heiraten bin ich schon zu g'scheid — zu alt wollt' ich sagen. Wer in den Ehestand treten will, muß es thnn bevor er dreißig Jahre zählt, daß ihm doch noch eine Zeit übrig bleibt, diesen Schritt ordentlich bereuen zu können. Bliiml. Also redens, was wollens denn eigentlich von mir? — Kauscher. Ja, was ich will, das gehört eigentlich nicht hieher, was aber Andere von Ihnen wollen, das will ich Ihnen entdecken und zwar schneller, als der Christof Co ln mb ns Amerika entdeckt hat! — Blüml. Nun, so redens! Kan sch er. Das thu' ich ja so — ich Hab ja noch gar nicht ausgehört, bei mir wird der Diskurs fabriksmäßig erzeugt, nach'm Dutzend, und der Abnehmer von zwölf Worten kriegt's dreizehnte mit einem kleinen Monolog gratis. Also schöne Frau, Sie haben neulich und im Vertrauen so um halber Sechse, wie Sie grad den neuen Handschuh zerrissen haben und ich mir's Maul, daß diese Geschästsleut so schlecht arbeiten, sich geäußert, daß Sie nicht abgeneigt wären, in so ferne Ihnen ein Mann nahe stehen könnt', noch ein zweitesmal zu heiraten. Blüml. Ja, das Hab' ich g'sagt! — Kau sch er. Und das war mir schon genug, mehr als genug, beinahe um drei Seitel zu viel, denn kaum Hab' ich das g'hört, so bin ich wie ein ans- gekommeneS, wahnsinniges Locomotiv davon g'rennt und ohne mit Gas gefüllt zu sein, schneller als ein Luftballon über die Ferdinandsbrücken durch den Prater unter die Weißgärber g'flo- gen, und Hab da einen guten Freund, der zugleich Stärkmacher und zugleich Protektor aller Vatermörder ist, mit- getheilt, was ich so eben von Ihnen gehört Hab; denn Sie müssen wissen, dieser Stärkmacher ist ein Mann, ein Mann-wie alle Stärkmacher sind, nur mit dem Unterschied, daß er schon seit zwei Jahren in Ihnen verliebt ist. Blüml. Wie? Kausche r. Er hat Sie einmal, wie Sie in Hernals mit Ihren Eltern beim Heurigen gesessen sein, g'sehen und kennen gelernt, und zwar gerade in dem Augenblick, wo Sie eben beschäftigt waren in schwesterlicher Zuneigung ein gebratenes Gansel zu verzehren, und da hat sich Ihr Bild in seinem Herzen so abphotographirt, daß er es nimmer ans seinem Gedächtniß bringt, und seit dieser Zeit, selbst in den Momenten, wo er Stärke erzeugt, befällt ihn eine Schwäche, die eierklar darauf hindeutet, daß er, obwohl er noch Stärkmacher ist, doch nicht mehr der, derer war, sondern ein Anderer und nicht mehr der Nämliche ist! — Blüml. Und da soll ich — Kausche r. Ein gutes Werk verrichten und ihn heiraten! B l ü m l. Aber Herr Kauscher — was fällt Ihnen ein? Kan sch er. Daß er auch ein Haus ^ besitzt, und daß dieses Haus auch einen Stock hat, das heißt, wenn er g'rad zu Haus ist — Blüml. Das ist Nebenfach! Ist er noch jung? Kauscher. Nicht sonderlich! Er ist so in dem gewöhnlichen Stärkemacheralter zwischen 45 und 50. Blüml. Also mehr Greis als Jüngling. — 4 Kau sch er. Und mehr Schöps als Mensch, doch das macht Alles nichts, wenn Ihnen der zu alt ist, Hab' ich auch noch Einen, der etwas jünger ist und der Ihnen ebenfalls außergewöhnlich, wie man sagt, extraordinär gern hat. Blüml. Wie? — Kau sch er. Wer? wollen Sie sagen, und ich entgegne Ihnen, der zweite ist ein sehr anständiger, ordentlicher junger Mann, Fleckputzer, blauäugig, blond- härig, gut dressirt, wohnt bei der Rosa- nofskybrücken, lind trägt an hohen Feiertagen, wenn er nicht in die Sonne geht, einen schwarzen Frack mit Patent- knöpf, wo immer Einer abreißt, wenn er zuknöpfeln will. Blüml. Und was soll's mit dem? Kauscher. Na, der will Sie ebenfalls ehelichen. B l tt m l. Aber wie kommen denn Sie dazu, mir diesen Antrag zu machen? K a u s ch e r. Mein Gott! — Ans Gefälligkeit, pure Gefälligkeit, diese zwei EhestandScandidaten, wo a jeder um anderthalb Ellen zu wenig Courage hat, ersuchten mich, ihr Fürsprecher zu sein, deßhalb bin ich auch hier, weil ich da bin Ihnen zu sagen, daß Beide bereits unten beim Hausthor stehen, und nur auf den entscheidenden Ausspruch warten und auf den Moment, daß ich sie hierher rufe, was auch den Augenblick mit Ihrer gütigen Erlaubniß geschehen wird. (Oefsnet die Thür und ruft hinaus.) Herr, Herr Stängel, Herr Sportl! (Zu Blüml.) Sie sollen nun ans Ihrem eigenen Munde erfahren, welcher der Bevorzugte ist! — Blüml. Aber was unterstehen Sie sich? — Was ist denn das für eine Manier? Kauscher. Die einfachste und zugleich die modernste, wie wir's eben erst von Paris kriegt haben — ganz neu und morgen kummts erst im Journal heraus. Vierte Scene. Vorige. Staugel und Sportl. Kauscher. Ah! bitt nur herein zu spazieren, meine Herren, ich Hab' bereits mit der reizenden Witwe gesprochen, einige don Mus von Ihnen ausgerichtet, und es ist Alles in der schönsten Ordnung. Sportl (seufzend). Wirklich? Stängel. Ich darf also-? Kauscher. Kein Wort mehr reden; — wenn Sie zum reden anfangen, verliert Sie ja den Gusto ! — Es ist Alles in der Ordnung. Blüm l. Erlanben's, Herr Kauscher, — was ist in der Ordnung? Kauscher. Daß dieser Herr ein Fleckputzer und dieser Herr da ein Stärkmacher ist — das ist in der Ordnung. B l ü m l. Daß ich diese Besuche aber zurttckweis, ist ebenfalls in der Ordnung. Erstens empfang ich als junge Witwe keine Visiten, und zweitens mangelt mir auch die Gelegenheit, Besuche zu empfangen, da ich meine Möbeln beim Politiren Hab' und deßhalb nicht einmal in der Lage bin, Ihnen einen Stuhl anzubieten. Kau scher. O ich bitte, wir sind nicht müd, wir können schon stehen. Sportl. Meine Gnädige — Stängel. VerehrnngSwürdige — Sportl. Wir Beide — Stängel. Sind ein Paar — Kauscher (für sich.) Ja wohl, aber was will ich nicht sagen. Sportl. Und sind hierher kommen — Kauscher. Richtig! Stängel. Unsere Aufwartung zu machen — Kauscher. Famos! Sportl. Und Ihnen zu sagen — Kauscher. Jetzt kommt's — Staugel. Daß wir ebenfalls Witi- ber sind. 5 Kau sch er. Ausgezeichnet! Sportl. Und den Entschluß gefaßt haben — Kau sch er. Herrlich! Stängel. Uns znm zweiten Mal zu verehelichen. Kausch er. Bravo! Sportl. Und deßhalb — Stängel. Deßhalb — deßhalb — Kauscher. Deßhalb — bleiben alle zwei grad' im wichtigsten Moment stecken. Lassen's mich reden! Und deßhalb wollen sie Ihnen sagen — Sportl. Nichtig! Kausche r. Daß sie gesonnen wären — Stängel. Famos! Kau scher. Ihnen das Geständniß zu machen — Sportl. Daß Jeder von ihnen geneigt ist — Stängel. Ausgezeichnet! Kausche r. Ihnen Herz und Hand — Sportl. Herrlich! Kau sch er. Und Hof und Haus und Geld anzubieten. » Stängel. Bravo! Kauscher. Und nun sprechen Sie, reizende Witibin, kann der Fleckputzer aus diesen süßen Kaukaublicken sich die Worte entrebusen: „Auch ich war, obwohl ich ein Schottenfelder bin, in Arkadien geboren?" Oder darf der Stärkmacher jetzt im Oktober sprechen: „Mir lacht aus diesen Augen der Liebe Lenz? — Oder müssen wir Alle im Chor mit Hamlet ansrufen: „O hätt'st es gehen gelassen!?" — Blüml (lachend). Das ist mein Ausspruch. Ihre Anträge, meine Herren, waren mir sehr schmeichelhaft, doch ich Hab' ohnedies schon einen Bräutigam, den ich jeden Augenblick mit seinem Onkel hier erwarte. (Sieht zum Fenster hinauf und ruft:) O Himmel! Kauscher. Was ist denn? Blüml. Da kommen sie schon beide die Gasse herauf — Kauscher. So? Da schauen wir, daß wir weiter kommen. (Will mit den Anderen ab.) Blüml. Zu spät! Sie sehen gerad ans unser Hausthor, und wenn mein Bräutigam drei Männer aus'n Haus schleichen sähet — o Himmel, ich und Sie wären des Todes — seine Eifersucht ist ohne Grenzen! Kauscher. Na, das fehlet noch! Was ist denn aber da zu machen? Blüml. Ich weiß nicht — ich bin in einer verzweifelten Lage — der Onkel kommt, findet drei Männer bei mir und keine Möbeln — nichts als die weißen Ueberzüge. Kauscher. Wie? Was? Wo? Blüml. Dort! Kauscher. Ha! Ich Hab' eine Idee zu einer Idee. So geht's, ich schütze uns drei vor dem Eifersuchts-Vulkan ihres Bräutigams, und Ihnen schaff' ich für den Augenblick die nothwen- digsten Möbeln. Stärkmacher — Sie setzen Ihnen da auf den Sessel ohne Lehn' — Stängel. Was soll ich denn? Kausch er. Mächens keine G'schich- ten, sonst bringt Ihnen der Bräutigam um; — auf die Stärkmacher hat er's eh' so scharf! (Er nimmt einen weißen Ueberzug.) Stängel. Was machens denn da? Kauscher. Aus Ihnen mach' ich einen Fauteuil, einen gesperrten Sitz, znm Menschen taug'ns a so nicht recht. (Hat Stängel den Fauteuilüberzng über den Körper gezogen, bindet ihn nun zu, und dieser stellt einen Fauteuil vor.) Was ist denn das für ein Ueberzug? Blüml. Von einer Harfen! Kausch er. Sehr gut! Fleckputzer — Sie sind musikalisch, stellens Ihnen da her in's Winkel! — Sportl. Was? Ich soll — Kausch er. Auch ein altes Möbel machen, und zwar eine Harfe. — Streckens die Hand aus — nehmens den Vorhangsstock — so — ruhig 6 stehen, oder ich schlag' die Harfen, daß Ihnen Hören und Sehen vergeht. (Hat den Ueberzug über ihn geworfen.) So, und jetzt komm' ich — diese Tischplatten kommt auf meine Kopfplatten und nachher heißt's balanziren! Wenn ich auch keine vier Fuß' Hab', — das macht nichts — es gibt auch Tische mit ein' Fuß. (Nimmt die Tischplatte auf den Kopf und setzt sich damit auf die Erde. Der weiße Ueberzug, der bis auf den Boden geht, deckt ihn gänzlich zu.) Blüml. Nur fünf Minuten, meine Herren — ich führ's gleich wieder fort — sie kommen schon — Gott, die Angst, die ich Hab'! — Fünfte Scene. Vorige. Scheitfellner (ein Fäßchen Wein unter dem Arme) und Wilhel M. Wilhelm. So! Da sind wir, lieber Onkel — jetzt aber stellen's das Fasse! weg und breitens Ihre Arm' ans, denn hier steht meine Zukünftige! Blüml. Und es is mir a rechte Freud', Sie kennen zu lernen. Scheitfellner. Wirkli? Na so kommens her und gebens mir a Bußl — aber recht a großes, daß man gleich zwa d'rans machen könnt'! (Umarmt und küßt sie.) No — nit schlecht — Sö küssen recht gut! — Sö scheinen Uebung z'haben in dem Fach! (Er sieht sich um.) Da schaut's ja recht sauber aus, — die Einrichtung is a biß! mager, aber das Wenige scheint im guten Zustande zu sein. Blüml. Mein Gott, so ziemlich! Ich Hab' noch mehr Möbeln, die sind aber beim Tischler — einstweilen hat er mir nur die g'schickt. — Scheitfellner. Und was seh' ich? — a Harfen? Spielen denn Sie? — Blüml. Mitunter, Abends — S ch eit fell n er. Aha — wenn der Mond scheint — Wilhelm. O sie spielt sehr gut! -- Scheitfellner. Na das g'freut mich, denn ich versteh' ah a Bißl was von der Musi — a Harfenist hat mir zwa Stückeln eing'lernt — auf der Ziedern und auf der Harpfen — war- ten's, ich will Ihnen gleich einen Marsch machen. (Will auf die Harfe zu.) Blüml (ihn zurückhaltend). Halt! nit! Ich glaub's schon. Sie können nicht spielen darauf — die Harfen ist verstimmt. Kan sch er (durch den Tischüberzng, der in der Mitte theilbar ist, blickend). I glaub's — der Fleckputzer ist gar nicht gut ans- g'legt. Wilhelm. Nehmen's lieber Platz. Sie werden müd' sein. — Scheit seltner. Freilich, wann Sie's erlauben, will i mir's komod machen. (Will sich auf den Fauteuil setzen. B l ü M l (ihn zurückhaltend — in höchster Angst). Halt — setzens Ihnen da nieder. (Gibt ihm den Holzstuhl ohne Lehn.) Da sitzens weicher. — S ch eitfellner (lachend). Was, ans den Hölzern? Sie glauben, weil ich vom Land bin, können's mich anplan- schen? Dös gibts nit, ich weiß schon, daß man auf einen polsterten besser sitzt. — (Setzt sich auf Stängel, der den Fauteuil vorstellt.) Ah! Da sitzt slch's weich! (Er lehnt sich behaglich zurück.) Karl sch er (unter dem Tisch hervor- fprecheud). Stärkmacher, jetzt halt ans! Scheitfellner. Aber Eins fehlt, — wißt's, bei uns in Oberösterreich, da haben wir an die Schlafsesseln so lederne Ohrwascheln — Eselsohren heißen's. Kauscher (unter dem Tisch). Das ist eine Anspielung auf'n Stärkmacher. Scheitfellner (steht auf). Jetzt wollen wir ein Glast Wein trinken, und zwar von dem, was ich da im Fasset mitbracht Hab'. Wilhelm, stell's auf'n Tisch. 7 Kausch er (unter dem Tisch). Jetzt komint's auf mich! Wilhelm. Da ist's scheu, Oukel. (Stellt das Faß mit Gewalt auf deu Tisch.) Kauscher (gibt, als er die Schwere des Fasses suhlt, einen quickenden Ton von sich). Meh! — Scheitselluer. Was war denn das - Wilhelm. Was? Scheitselluer. Mir war als — B l ü m l (voll Angst). Als ob der Tisch kracht hätt'? — Na, das is leicht möglich — so a Faßl hat a G'wicht — Scheitselluer. Ich glanb's — vierzig Maaß habeu schon a kuriose Schweren. Kauscher (unter dem Tisch). Ich g'spür's! — Scheitselluer. Jetzt den Spund losschlageu — gieb ein Hackel her. (Nimmt eine Hacke und beginnt den Spund loszuschlagen. Wilhelm und Bli'unl sind ihm dabei behilflich.) Stängel (benutzt diesen Augenblick, steht mit dem Ueberzug auf, reibt sich die Füße und streckt sich der Länge nach aus). Ich halt's nicht mehr aus! Mir sind alle zwei Fuß' eingeschlafeu und so fest, daß ich wenigstens a paar Trompeten znm Auf- wecken brauch'. (Setzt sich wieder in die vorige Stellung.) Scheitselluer (hat den Spund los- geschlagen, die Gläser gefüllt)- So, jetzt trinktS! (Haut mit der Faust auf den Tisch.) Bnmm! Ich sag' Dirs — ich bin ganz selig, daß d'heirat'st, ich Hab mir schon laug gewnnschen, daß Du in den Ehestand trittst, denn da wird man ein ordentlicher Mensch. Ich weiß das von mir. Oh, ich war amal a verflixter ^ Kerl. Bissig und fidel — da haben wir ausg'haut — (er schlägt mit der Faust wieder auf den Tisch) daß a Passion war. Sechste Scene. Vorige. Peppi und Franzl (zwei Kinder). Peppi. Küß d'Hand, Frau Mutter! Franzl. D'Schul' is schon auS! Scheitfellner Was seh' ich? Blüml. Meine Kinder, die ich mit meinem verstorbenen — Scheitselluer. Ah, das g'fallt mir — na ich gratulir' Dir zu Dein Ehestand — da hast ja Alles, was Du Dir nur wünschen kannst! Zwei Buben gleich, komint's her, ihr kleinen Gras- teuselu, und setzt Euch auf meine Schooß, ich laß Euch in die Stadt reiten. (Setzt sich auf Stängel und läßt die beiden Kinder aus den Knien reiten.) Hopp — hopp — hopp — im Galopp — hopp — hopp — hopp — im Galopp. — Blüml. Aber Onkel, thun's Ihnen nicht, mit die Kinder so abhetzen — sie werden Ihnen zu schwer. — Kausch er (unter dem Tisch). Ihm nicht, aber dem Stärkmacher! Peppi. Hopp — hopp — hopp — So — jetzt sau wir in der L>tadt. (Springt vom Knie.) Franzl. Jetzt können wir schon vom Noß absteigen. (Hüpft herab.) Jetzt kanf'ns uns was! Scheitselluer. No freili — Ha haha — a das sind liebe Kerls, kommts, Ihr solltS was kriegen, und Du a, Wilhelm, und Sie a — Zukünftige — eine schöne Aussteuer — a iLtück Leinwand — ein' lebzeltenen Reiter — na, den kriegen die Kinder — dann a hübsches Brautkleid und a Wiegen — kommts nur, ich kauf' Alles z'samin. — Geld Hab' ich gnua, und gieb ich z'viel aus, so wird halt aus künftigen Winter die Klafter Hol; wieder um a paar Gulden thenrer. — O wir Holzhändler wissen unsre Sach' schon einznrichten, daß wir d'rans kommen. (Er hängt sich in Blüml und Wilhelm ein, die Kinder folgen und gehen durch die Mitte ab — man hört von außen zusperren.) 8 Siebente Scene. Kausch er. Stängel. Sportl. Stängel (als Fauteuil aufstehcnd). Ah! 'S is ans! der Holzhändler hat mir 'ö Kreutz abdruckt. Kausch er (mit der Tischplatten aufstehcnd). Und mir hat er den Kopf ein- g'schlagen. Sportl. Ich bin so steif wie ein Eiszapfen. Stängel (als Fauteuil gebückt auf- und abgehend). Sie haben's Zimmer zu- g'sperrt. Kauscher. Da bleibt nichts übrig, als wir bleiben auch für die Zukunft Möbeln. Stängel. Nicht um eine Welt! (Will den Ueberzug abnehmen — im selben Augenblick hört man von außen:) S ch e i tse l l u er. Bleibt's nur, Kinder — der Stock liegt am Tisch — ich werd'n gleich habeu. Kauscher. Himmel, mau kommt Kausch er. Zur Gesundheit! Scheitfelluer (in höchster Angst). Ha — die Harfen niest — Tisch und Sessel reden. Hilfe! Räuber! Möbeln! — Zauberei! Hexerei! Hilfe, Hilfe! (Die Möbeln sind während dieser Reden auf ihn losgegangen und haben ihn in die Mitte genommen. Auf das Geschrei kommt:) Neunte Scene. Vorige. Wilhelm. Blüml. Peppi. Franzl. Wilhelm. Onkel, haben Sie keine Angst, meine Rosi hat mir soeben Alles entdeckt. Meine drei Freunde Kauscher. Sportl und Stängel haben sich den Spaß gemacht, um die Ersten zu sein, die mir zu meiner Verlobung gratuliren. ^ Kauscher (wirft die Tischplatte ab.) To ! ist es, lieber Wilhelm. Wir wünschen i Dir alles Gute! — ! Staugel (hat ein Loch durch den Ueber- > zng geschnitten und schaut mit dem Kopf nicht rühren, sonst krieg'tt wir Schläg'. — Auf die Plätz'! — Stängel. Ich seh' nichts! — Sportl. Ich auch nicht! — (Alle Drei lausen in der Verzweiflung durch- > einander, und Jeder nimmt einen anderen i Platz ein. Kauscher setzt sich auf den Platz, wo Stängel war, und Stängel auf Kauscher's! Platz. Sportl kommt statt auf die rechte Seite,! wo er früher war, auf die Linke.) Achte Scene. Vorige. Scheitfelluer (sperrt die Thüre auf und tritt ein). Das ist so z'wider, alleweil vergiß ich meinen Stock! (Will auf den Tisch zu und bemerkt die Veränderung.) Was iS denn das? Zauberei! Es war kein Mensch hier und die Möbeln haben die Plätze verändert ! Sportl (mest). Stängel (stehtauf und sagt): Helf' Gott! heraus). Und alles Schöne! — Sportl (hat ebenfalls durch den Harfen- Überzug eine Oeffnung gemacht und steht mit dem Kopf durch). Was Du Dir selber wünsch'st! — Scheitfelluer. Ja — i woas nit, soll i lachen oder soll i mi giften! — Kauscher. Sei nit grandig, altes Haus! — Diese übertragenen Möbeln werden stets die treuesten Anhänger Deiner Familie bleiben. Stängel. Ich tiefer 's ganze Jahr die Stärk' umsonst! Sportl. Alle Fleck' werden unentgeltlich ausgeputzt. Kauf che r. Und ich besorge sportl- frei die übrigen Geschäfte! S ch e i tf e l l n e r ^die vor ihm kniende Rosi und Wilhelm an "eine Brust ziehend). Na da habts Eng, Oes G'sindel übereinander! —^ Kauscher, Sportl und Stängel (noch immer als Möbeln, springen herum und schreien): Vivat!! — (Der Vorhang fällt rasch.) Vorlesung bei -er Hausmeijterin Hosse in einem Act nach dem Französischen von Alexander Bergen. Alle Rechte Vorbehalten. Wien, L 881 . Verlag der Malllshausser'schen Buchhandlung (Io sek Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Personen Frau Maxl, Hausmeisterin. Frau Czerditak. Geldgeschäftlerin. Mamsell Charlotte, Wirtschafterin. Crescentia, Tochter der Frau Maxl. Hippelberg. Seppl, Schusterjunge. Ein Herr. ^ Eine Dame. Den Bühnen gegenüber als Manuseript gedruckt. Buchdruckerei „Etcyrermühl", Wie«. (Die Bühne stellt die Wohnung der Hausmeisterin vor. Im Prospecte eine Thür und ein nach dem Hofe gehendes Fenster. Ein Bett. Rechts eine Seitenthür. Ofen, Kasten, Stühle, Schwarzwülderuhr. Vorne rechts ein Tisch mit vier Stühlen. Nahe bei dem Fenster steht ein Tisch, worauf Leuchter von verschiedenen Formen und Größen, in welchem Kerzen von verschiedenen Längen stecken. Eine kleine Lampe auf dem Tisch. Es ist Abend.) Erste Lerne. Crescentia. Cr esc. Die Mutter kehrt den Hof zusammen, da kann ich g'schwind mein' Brief lesen. (Zieht ein Briefchen hervor.) Er ist g'wiß von ihm — weil mir 's Herz so schlagt. Ich Hab' aber auch noch nie einen Menschen g'seh'n, der mir so g'fallen hat. (Oeffnet den Brief und liest.) „Mein Fräulein!" er weiß doch, daß ich a Hausmeisterische bin, das thut so wohl, wenn man einen Titel kriegt, der einem nicht g'hört. (Liest.) „Es ist Zeit, daß Sie mich kennen lernen, doch verschweige ich Ihnen einstweilen meinen Namen. Dies geschieht nicht wegen meiner Familie, sie wird meiner Neigung gewiß kein Hinderniß entgegensetzen, denn sie sind Alle todt. Nur eine Tante blieb mir noch, die ich aber nie gesehen. Jetzt, da ich weiß, wo Sie wohnen, soll mich nichts abhalten, mich Ihnen zu nähern. Hippelberg." — Das is gut, im Anfang will er mir seinen Namen verschweigen, und zum Schluß unterschreibt er sich. Er ist ein liebenswürdiger, ein so interessanter junger Mann, und hat sich neulich, wie ich im Theater war, sterblich in mich verliebt. — Still — die Mutter kommt. (Verbirgt den Brief im Busen.) Zweite Lerne. Frau Maxl. Vorige. Maxl (tritt mit dem Kehrbesen in der Hand ein und spricht in den Hof zurück). Das Abwischtücher in den Hof herunter abbeuteln leid' ich nit, und wenn ich einmal sag', ich leid's nicht — so darf's nit g'schehen. Cr esc. Mit wem zankt denn die Frau Mutter? Maxl. Mit'n Stubenmadl vom zweiten Stock. Was die den ganzen Tag ausz'stauben hat, das is ja der Welt ungleich! Was man sich giften muß in ein'm Athem wegen die dalketen Parteien! Geh' her, Zenzi, Du bist halt mein einziger Trost. (Küßt sie.) Cr esc. Müssen Ihnen nit so ärgern, Frau Mutter, 's is nit der Müh' werth. Maxl. Is die Mamsell Charlotte nicht herunt' g'wesen, derweil ich'n Hof zusammenkehrt Hab'? Cresc. Hab's mit keinem Aug' g'seh'n. Maxl. I hält' gern g'redt mit ihr. A bissel a Diseurs, das is noch mein einziger Trost. Cr esc. Sie hat uns ja heut a neu's Buch versprochen. Maxl. Das wer'n wir heut' Abend lesen. Mein Gott, 's Lesen is no mein einziger Trost. i Cr esc. Die Madam' Czerditak und die Mamsell Charlotte sind ganz närrisch auf die Bücher; die Frau Mutter lest aber auch famos vor. Maxl. Mein Gott, die Czerditakin sieht nit gut, und die Charlotte, hör' ich, kann gar nit lesen. Schrecklich, wie manche Aeltern d' Kinder auftvachsen lassen. Jetzt muß i mich aber a bisserl niedersetzen, mir thun schon völlig alle Glieder weh. Cr esc. D' Frau Mutter plagt sich z'viel den ganzen Tag. Maxl. Was will man machen bei der Zeit! Unsereins hat halt kein Glück. — Geh', hol' mir a Seite! Wein, das is noch mein einziger Trost. Cr esc. Ich werd' nur 's Flaschel auswaschen, nachher geh' ich gleich. (Geht durch die Seitenthüre ab.) Dritte Scene. Frau Maxl (allein). A gut's Madl! und sauber wird's! Sie is schon a hell's Bild. Wenn nur die a gute Partie macht, das wünsch' i ihr. Jetzt wird's neunzehn Jahr auf Aegydi; ich weiß wie mir war in dem Alter, 's Heirathen war noch mein einziger Trost. Aber leider is mein Mann bald g'storben. Vierte Scene. Hippelberg. Vorige. Hipp, (eintretend). Entschuldigen Sie, ist nicht in diesem Hause ein Zimmer zu verlassen? Maxl. Ja, und gleich zu beziehen. Hipp. Im wievielten Stock? Maxl. Im dritten — ohne Mezzanin. Hipp, (für sich). Das ist das glückliche Haus, dessen Mauern sie umgeben. (Sich umsehend, für sich.) Wo sie nur sein mag? Maxl. Der Mensch schaut sich so verdächtig um, als ob er was suchet — vielleicht findet er gern was. — (Macht die Pantomime des Stehlens.) Hipp. Kann ich die Wohnung sehen? Maxl. Ja, seh'n Sie, mein bester Herr, da frag ich erstens: Sind Sie ledig ? Hipp. Ganz gewiß. Maxl. Haben's kleine Kinder? Hipp. Was fällt Ihnen ein? Sie hören ja, daß ich ledig bin. Maxl. Das sind die Fragen, ohne die keine Partei ausgenommen wird. Drittens: Schlagens Clavier? Hipp- Ich Hab mich nie auf die Kunst verlegt, meine Mitmenschen zu quälen. Maxl. Na, wir hab'n vorig'n Michaeli Ein'm aufg'sagt, der hat alle. Tag acht Stund' d' Finger spazieren g'führt auf'm Clavier. Haben's an' Hund oder an' Kanari? Hipp. Nein. Maxl. Bei uns wird höchstens a Zeiserl duld't. Hab'n Sie wem, der für Ihnen gutsteht weg'n den Zins? Hipp. Ich habe Niemand als eine Tante, welche selbst Hauseigenthümerin ist- Maxl (für sich). Das ist schon wieder verdächtig, wenn die Tant' a Hausfrau ist, z'wegen was logirt er nicht bei ihr? (Laut.) Was haben's denn für einen Stand? Hipp. Ich bin akademischer Künstler! Maxl. A Künstler sein's? O je! 5 Hipp. Erschrecken Sie nicht, ich zahl' mein' Zins — — in Betreff des Preises bin ich auch nicht heiklich, denn meine Tante unterstützt mich. Wenn mir nur die Wohnung convenirt. Maxl. Noch a Hauptsrag' hätt' ich bald vergessen. — Sehen Sie, dieses Haus is so zu sagen ein weibliches Haus, es g'hört einer Wittfrau, ich bin auch Wittib, und da kann man nicht genug auf solide Parteien schauen. Gott sei Dank, uns kann man nicht so viel nachsagen (schnalzt mit den Fingern), weder der Hausfrau, noch mir, das ist noch mein einziger Trost. Hipp. Ich hoffe, Sie werden mit mir zufrieden sein. Maxl. Es is auch heut' schon a Partei dag'wesen wegen dem Zimmer — kommen's später — ich werd' seh'n. Hipp. Ich komme gewiß in einer Stunde. — Maxl. Es ist nicht so pressant.- (Für sich.) Er kommt so umsonst, denn der g'fallt mir nit. Hipp. Sie werden es bereuen, wenn Sie mir die Wohnung nicht geben. — Also auf Wiedersehen: Maxl. Ich empfehl' mich. (Hippelberg durch die Mittelthüre ab.) Fünfte Scene. Frau Maxl (allein). Bereuen? Ich glaub' gar, der untersteht sich und droht! Und das verdächtige Umschauen, was er hat — durchaus ka Mensch, wie's mir g'fall'n oder eigentlich g'fall'n hab'n. Jetzt, mein Gott, jetzt bin ich über das hinaus, das is no mein einziger Trost — aber a bissel heiklich war ich, wie ich a jung's Mad'l war, mir war der Zehnte nit recht, und selbst beim Elften war's erst noch die Frag'! Sechste Scene. Vorige. Frau Czerditak. Czerd. (eintretend). Wünsch' ich schönen guten Abend, — wie gehte Madame Maxliczek? Maxl. Gleichfalls, aber mein'n Nam' lassen's mir ungeschoren, ich Hab' Ihnen schon hundertmal gesagt, ich heiß' Maxl. Czerd. Klingle doch viel schöner wenn setzt man zu Maxl Ausgang böhmische: Maxliczek. Sag' ich Ihne, lauf' ich schon um seit sechse halbete. Ich war ich in Lotterie, weil Hab' ich Tram alle Nacht nämliche, curiose; noche bin ich zu Advocat, weil muß ich Herrn einklagen, was hatte Wechsel acceptirte und nicht zahlte. Maxl. Gibt's also wirklich solche Herren? Czerd. O, ich sag' Ihnen, man stehte aus viel, bis kriegteme paar Gulden procentische für Lauferei geld- zubringerische unsinnige. Und was kuste Advokat juridische, schreckliche! Maxl. Na, Sie seh'n sich doch hinaus, wenn man einmal Hausfrau ist, das is schon was. Czerd. O Jekus! wann wär' nur größer Haus meinige, hat nur Stuck einzige! Tragte Zins biffige. Maxl. Na ja, a Haus wie das is es freilich nicht — aber — C zer d. Unter andern, wissen's Neuigkeit grnße von Hausfrau Ihrige? 6 Hat'e Vetter, Mannsbild junge weitschichtige bildschöne. M ax l.Das is was Alt's. Der därf aber nicht zu ihr, weil sie sich vor zwanzig Jahren mit seinem seligen Vater zertrag'n hat. Wir kennen ihn gar nit. Czerd. Ich kenn' ihn auch nit. Aber Hausfrau hatte Vertrauen zu mir, weil mach' ich ihr Geschäft mit Capital ihrige, und da hat'e mir erzählt, daß hatte sich versöhnt mit Jüngling charmante, bildschöne. Maxl. Wann's nur halt die Versöhnung, mir hat heut' Nacht von Katzen tramt, da Hab' ich kein' rechten Glauben. Mir war's schon recht, — denn sehn's, mein' beste Czerditakin, wie lange kann unsere Hausfrau noch leb'n? und dann is mir halt um mei'n Platz da z'thun, wenn a Anverwandter das Haus erbt, Hab' ich doch mehr Hoffnung, als wann's in wildfremde Händ' kommt. Czerd. Stehle su in Testament, Neffe kriegte Haus, und ich weiß ich noch mehr; wirde kumme, heut' oder muring mit Ausred pfiffige und wirde anschau'n Alles zur Ueberzeugung hamliche, daß sichte, wie wird g'halten saube Haus seinige künftige. Maxl. Eine Ausred—! ? Herkommen! — heimlich nachschauen! — das riegelt meine Krämpfl — mir wird schwach! (Sie sinkt in einen Sessel.) Czerd. Wus ise kumme plötzliche auf Ihne, Madam Maxliczek? Maxl. Der künftige Hausherr war schon da! Czerd. Deibl! Maxl. Und ich Hab' ihn völlig aussig'schafft bei der Thür. Czerd. Jekus, da verlieren Sie Dienst hausmeisterische. Maxl. Ich Hab' ihn für was Verdächtigt g'halten und für kein'n zukünftigen Hausherrn. Czerd. O, es gibte auch Hausherren, was sein's verdächtige. Maxl. Nein, bin ich a unglückselig's Weib, wenn ich den Dienst verlier', thu ich mir was an. Czerd. Was fallt Ihne ein mit Gedanken selbstmordionische? Maxl. So war noch kein weiblich's G'schöpf zum Unglück geboren, als wie ich. Czerd. Sie sind's nit Einzige, was hat gehabte Marell. Werfen's Blick auf mich, da seh'n Sie Frau unglückliche, was hat in Herz ihrige Wurm nakete fünfundzwanzigjährige. Maxl. Ich Hab' nit g'hört, daß Ihnen was passirt wär'. Czerd. Jetzt ise mir nix passirt, aber vor fünfundzwanzig Jahr', da Hab' ich g'habte Kindele klane — Maxl. Und is's Ihnen g'storben? Czerd. Nein, lebte großmächtige, bildschöne, wie Vater seinige, was ise pritsch, wie noch gar nicht war auf Welt Sohn seinige. Maxl. Na jetzt, das kann man schon für a Schicksal gelten lassen. Bedauere von Herzen; o, die Männer, beste Czerditakin, die Männer! — Czerd. Wärt nit besser, wennt gar nit gebet auf Erdboden Mannsbilder schlechte, zudringliche, verführerische? Maxl. Gott sei Dank, daß wir das schon All's überstanden hab'n. 7 das is noch mein einziger Trost. Still, i glaub', die Charlott' kommt, die singt, wo's geht und steht. Siebente Seeue. Die Vorigen. Charlotte. Charl. (tritt ein, sie ist zum Ausgehen gekleidet und trägt ein Buch in der Hand, wovon der eine Deckel und das Titelblatt abgerissen ist. Sie singt aus „Fra Diavolo"). „Fürwahr, mein Wuchs ist nicht übel, und ich bin eine Magd doch nur." Czerd. (sich die Augen trockend). Sie sind's halt Glückliche, was ise lustig und singte immer, und ich Hab' ich Kränkung innerliche tiefmächtige. Charl. Wenn man jung und hübsch ist, da laßt ma ka Traurigkeit aufkommen. Maxl. Und wie Ihnen das neue Kleid gut steht! — Da haben's d' Schneider halt leicht, wenn ein Mädchen so schlank is wie Sie. Charl. Mein Gott, man is halt jung und sauber, da steht jeder Anzug gut, ich Hab' im einfachen Waschkleid! schon Damen verdunkelt, die g'strotzt haben vor lauter moirs-avll^us. Maxl. Einer Dicken steht überhaupt gar nix gut. Czerd. (beleidigt). No da müßt' ich bitten, Männer hab'ns viel lieber Molleie, als wenn is eine g'wachsen langmächtige, zaundürre wie Hupsenstang. Maxl. Goethe sagt nicht umsonst: „Schlank wie eine Rebe." Charl. Das hab'n Andere auch schon g'sagt, aber alle Männer sind ja keine Dichter, es gibt prosaische d'runter, auf die man auch kein' Spott legen darf. Mollei, das ist das große Wort, was den Materialisten anzieht, > wie den Schwärmer. Czerd. Ich mag ich nix g'schwärmtes, auße in Buch romantische. Charl. (gibt Maxl das Buch). Da bring' ich ein's, das ist nach Ihrem Gusto, aber ich bitt', Acht geben d'rauf, es g'hört nicht mein. Maxl. Da is ja der eine Deckel ab- g'rifsen, da soll ma' no Acht geben? Czerd. Fehlte auch, wie seh' ich Bildltat. Charl. Titelblatt wollen Sie sagen. Czerd. Richtig. Bladltit. Charl. Unser Pintsch zerreißt alle Bücher, von dem Roman hat er's ganze erste Kapitel g'fressen. Czerd. Gibte auch Bücher, was frißte ka Hund. Charl. Ich bin eigentlich mehr für die französischen Romandichter, die schreiben so aufregend, so sympathisch, man sieht All's, man fühlt All's mit, na ja, wenn man jung und sauber is, kann einem ja auch All's g'scheh'n. M a x l. Man setzt sich in die Situation. Czerd. Ich setz' ich mich in gar nix, aber hör' ich gern zu. Charl. Den süßesten Genuß hat mir „der ewige Jud" gewährt. Maxl. Aber meine beste Charlotte, ist es auch ein Buch für meine Zenzi? Sie wissen, daß ich sehr strenge bin in dem Punkt. Charl. A bissel gar zu streng; mein Gott, was lesen die Hausmeisters- töchter nicht Alles bei der Zeit! Wenn man Grundsätz' hat, so macht das Alles nix. Ich bin gewiß nicht durch Bücher 8 verdorben rvor'n, das heißt nämlich, ich bin überhaupt nicht verdorben. Czerd. Sie nehmen's mir g'rad Wurt aus Maul. Maxl. Alles laß' ich meiner Zenzi doch nit lesen, vor Allem nur nix Puldekokenes. Sie, das ist das Gefährlichste für a jung's G'schöpf, das bringt so a Mädl auf Gedanken. (Sie setzt sich und strickt.) Czerd. Ich Hab' ich ganze Puldekuk in Kupp, machte mir gar nix — Charl. Und für die Bildung is er unendlich, man lernt, wie man sich zu benehmen hat bei Landpartien, bei Bällen, man gewinnt an Welt, das ist nicht zu leugnen. Maxl. Von der Welt braucht Tochter nix z'wisfen. Charl. Dürfen keine Angst haben, liebe Maxlin, das Buch ist eine Rittergeschichte. Maxl. Ah, dann is es auf jeden Fall was Solides. Czerd. Mittelalter wäre streng mu- ralische. Charl. Da waren die Fräuleins noch auf die einsamen Schlösser ein- g'sperrt, folglich brav. Maxl. Knappen waren unter der Würde, die jungen Ritter sind auf's Burgenerobern oder in's Geisterlösen ausgezogen, und die gesetzten Ritter haben Vormittag gejagt, nach'n Essen hat schon jeder fein altdeutschen Affen g'habt. Charl. Dawar's nix mit'nKokettiren. Czerd. Aber Sie haben woll'n ausgeh'n, Mamsell Charlotte? Charl. Gar nicht weit, wolln's mich begleiten? Czerd. Ich geh' ich mit, hol' ich mir nur Hut. Ächte Lceue. Vorige ohne Czerditak. Charl. Nur g'schwind wie der Wind! (Dreht sich, um ihre Kleider fliegend zu machen wie die kleinen Mädchen.) Maxl. Is halt immer lebendige Uebermuth die Mamsell Charlotte. Charl. Warum soll ich nicht? Ich bin jung und sauber! — Maxl. Sie sein nur zu jung und zu sauber für so ein Alten wie Ihr Herr, denn daß der ein Aug' auf Ihnen hat, das ist klar. Charl. 's hängt nur von mir ab, so heirath' er mich. Maxl. G'scheidter wär's freilich, er sterbet und setzet Ihnen zur Universalerbin ein, Sie nehmeten dann ein'n Jungen! Charl. Nein liebe Maxlin, ich Hab' die jungen Männer verschworen. Meine erste Lieb', das war ein blutjunger Künstler, Maler, eigentlich Daguer- rotypeur, der hat mich sitzen lassen, aber nicht zum Porträtiren. Maxl. Na ja, das war Ihre erste Liebe, gut, aber Ihre einzige — (Sie schüttelt den Kopf.) Charl. Sie zweifeln? Maxl. Was is's denn mit dem Zuckerbacher vis-a-vis? Charl. O, gar nix, wenn ich Ihnen sag' — auf Ehr', nein! Maxl. Und der Kaufmannsdiener, der interessante G'würzg'wölbjüngling da daneben? Charl. O, der is noch weniger, das wär' nicht übel, so a Ladenschwengel. 9 Maxl. Ich Hab' nur glaubt. (Frau Czerditak kommt wieder.) Charl. So geht's, wenn man jung und sauber is, is man immer dem Verdacht ausgesetzt. Also auf Wieder- seh'n bei der Vorlesung. (Hängt sich in Frau Czerditak's Arm und hüpft singend mit ihr ab.) (Lassen die Mittelthüre offen.) Ueuute Lceue. Frau Maxl, dann Seppl. Maxl (allein). Is das ein fescher Geist die Charlott', und auch die Czerditak, diese Lustbarkeit, diese Temperatur, wie a jung's Mädl! Jetzt lassen's gar die Thür offen. — (Geht gegen die Thüre.) Seppl (erscheint außerhalb der Thüre). Sö, höru's!? Maxl. Was willst denn? Geh' herein! Seppl (eintretend). Loschirt in dem Haus nit a Vetter von mir? Maxl. Wie kann i denn das wissen? Seppl. A Hausmeisterin muß Alles wissen. Maxl. Wer is denn Dein Vetter? wie heißt er? und was soll er denn sein? Seppl. Freilich — das werd' ich der Frau grad' auf d'Nasen binden. Maxl. Aber dummer Bub', wie kann ich Dir denn Auskunft geben? Seppl. I sitz der Frau nit auf; das Ausfratscheln kennen wir schon. Neugierig's Hausmeistervolk! (Läuft fort.) Zehnte Scene. Frau Maxl, später Hippelberg. Maxl (allem). Na wart! — Die Erziehung wird alleweil schlechter. Und jetzt woll'n sie's Beutel'n a no abbringen bei die Lehrbuben. — (Setztsich.)' . Wassolldeunnoch werden aus der Welt? Hipp, (eintretend). Nun, liebe Ma-./ dam, wie steht's mit der Wohnung? Maxl (respektvoll aufspringend). L), ich. bitt',steht zu Diensten jede Stund', wenn'ä beliebt, mir is ja nur d'rum zu thun, daß wir ordentliche Parteien kriegen. Hipp. Hab' ich's nicht gleich gesagt, Sie nehmen mich? wozu also waren die Schwierigkeiten? Hier das D'rangeld. Maxl. O ich bitt'! Wenn es also gefällig ist — / Hipp, (vertraulich). Sie werden spätes / erst erfahren, was eigentlich meines,' Absicht ist. Ich kann es Ihnen übri- gens auch gleich sagen — es befindet ^ sich hier im Hause ein junges Mädchen — Maxl. Von dem Artikel haben wir in jedem Stock a etliche. Da müssen's ^ schon sagen, wie sie heißt diejenige.!^ Hipp. Der Name dieses Engels ist § Crescentia. Maxl. Crescentia ist nur eine im ^ Haus, und diese ist meine Tochter, meine Zenzi. Hipp. Ach, Ihre Tochter ist schön wie eine Venus! Maxl. (geschmeichelt). Na ja, sie hat viel von ihrer Mutter. Mein Gott, man hat auch einmal die Männer in Raserei gebracht. Hipp. Nicht wahr. Sie erlauben mir. Sie öfters zu besuchen, um Ihre Tochter kennen zu lernen? M ajx l. Ich bitt', es is'mir ein' Ehr'. Hipp. Ich habe sie vor acht Tagen im Theater gesehen, und seitdem fühle ich's, ich bin der Ihrige auf ewig. 10 Maxl (für sich). Gott das Glück, meine Tochter wird Hausfrau! (Ruft.) Zenzi! Zenzi! Hipp. Ich darf also mit Ihrer Erlaubniß — '> Maxl. Wird mir eine unendliche Ehre sein. (Ruft.) Zenzi! wo steckt denn die Zenzi? Liste Scene. ^ Zenzi. Die Vorigen. Crese. (noch unter der Seitenthüre). Ich VMM' schon! (Eintretend.) Was schreit denn d' Frau Mutter so? Maxl. Ich schrei' vor Freuden! Laß' dich umarmen, Zenzi — Gott, diese Rührung! (Trocknet sich die Augen.) > Cr esc. (für sich). Der Hippelberg! Maxl. Mir hat heut' Nacht nicht umsonst von ein'n golden Affen träumt, das bedeut' immer Glück in der Familie! Hipp, (sich Zenzi nähernd). Mein Fräulein, Ihre Mutter weiß Alles. Crese. (schüchtern). Herr von. Hippelberg — Maxl. Ja, Alles weiß ich, und das »is mein einziger Trost. Hipp. Sie erlaubt mir in's Haus zu kommen. Maxl. Erlauben?! ich bin froh, wenn ich dableiben darf! Hipp. Sie scherzen! Maxl. Heut nach'n Zusperren kommen zwei Freundinnen her, da wird ein Romanbuch vorg'lesen — wenn Sie uns auch die Ehre erweisen wollen? Hipp. Mit Vergnügen. Maxl. Was ich frag'n Hab' wollen, trinken Sie 'n Most gern? Hipp. O ja; Maxl. Ganz wie mein Seliger, der hat aber immer g'wart'i, bis er sechs Jahr alt war, da hat er ihm ungeheuer g'schmeckt. Wir haben ihn vom Land kriegt! — Also Sie kommen gewiß? Hipp. Unfehlbar, ich werde nur noch zu Hause Einiges ordnen, damit ich morgen mit dem Frühesten herüberziehen kann. Aus Wiedersehen. Schwiegermama, auf Wiedersehen, Geliebte! (Er küßt Zenzi die Hand.) Maxl. Gott, ist das ein artiger Mensch! (Dem abgehenden Hippelberg folgend.) Ich werd' die Ehre haben, Sie hinauszubegleiten, ich sperre gleich 's Thor zu. (Beide ab.) Zwölfte Lcene. Crescentia allein; dann Frau Maxl. Cresc. (allem). Daß sich die Mutter über'n Hippelberg seine Lieb' zu mir gar so g'freut, hätt' ich mein' Lebtag nicht glaubt — ich kenn' mich gar nicht aus — aber zu was Nachdenken? ich will mich freuen und weiter gar nichts — Maxl (zurückkommend). Zenzi, künftige Hausfrau, meine Gratulation! Cresc. (erstaunt). Hausfrau? Maxl. Ja, Zenzi, Du wirst mir meine alten Täg' versüßen, 's hat mich so schon verdrossen das Hofkehren, (man läutet an der Hausglocke) das Thor- aufsperren, wegen die paar Kreuzer. (Sie geht ab.) Cresc. (allein). Ja, was meint denn die Mutter? Ich a Hausfrau? Soll der Hippelberg ein verkleideter Hausherr gewesen sein? 11 Dreizehnte Lcene. FrauM axl.Charl otle. Die Vorige. Charl. (von Maxl hereingeführt). Ah, haben diese Kästen eine Hitz! d'Finger verbrennt man sich völlig! (Wirft ein großes Skarnitz mit gebratenen Kastanien auf den Tisch.) Aber gut sind's zum Most. Maxl. Und die Menge! das is ja eine Verschwendung. Charl. Wenn man jung und sauber ist, denkt man nicht an's Wirtschaften. Maxl (schalkhaft drohend). Mir scheint, mir scheint, mit dem wällischen Maroni- arostiti-Mann ist es auch nicht ganz richtig. Sie kaufen zu oft Kastanien dort. Charl. O, der war' mir zu schwarz und er sticht auch so mit'm Bart. Maxl. Woher wissen's denn das? Charl. Und glauben Sie denn, daß mein Herr mich sortlasset? Bin ich ihm nicht unentbehrlich? Maxl. Das is wohl wahr, und dann is das auch ein guter Platz, den Sie haben. Jeden Abend, wenn er seine Spielpartie hat, sind Sie frei. Charl. Alles hat auch seine Schattenseiten; wann er ffpüt z'Haus kommt, wann so ein alter Herr was im Kopf hat, ich sag' Ihnen — Maxl. Aller wo Habens denn die Frau Czerditak lassen? Charl. Ich bin ihr davong'laufen, weil sie mir zu langsam geht, und da keucht's noch dabei, sie is so dick — (Es wird geläutet.) Maxl. Das is sie. (Eilt das Thor auf- zufperren.) Cresc. (steht am Kasten). Oder er, er wird es sein. Charl. Warum so nachdenkend, liebe Zenzi? Cresc. (seufzt.) O Gott! Charl. Müssen nicht so verschlossen sein, wir Mädchen müssen^ uns Alles vertrauen. , , Vierzehnte Lcene. Frau Czerditak. Frau Maxl. Die Vorigen. Czerd. (von der Frau Maxl begleitet). Mir is'e Athem ausblieben vor Schwind- lichkeit und Schrecken. Maxl. Wo war's denn? Czerd. Mannsbilder sein's ja wie T)eibl, wenn's schon seh'n Frau solide, was denkte an nix, und sie geben's noch kein' Fried. Charl. Sie wollen von Nachgeh'n reden? Da wird's wohl keine Zweite geben, der so massenhaft nachg'stiegen^ wird, als wie mir. Grundsätze muß man haben, liebe Czerditak, das ist das Einzige, was uns vor die Männer schützt. Czerd. Grundsatz' man hatte nit immer su bei der Hand, und Mannsbilde sein's gar so garstige. Da Hab' ich bracht Gugelhupf. (Legt ein Packet aul den Tisch.) Maxl. O Schad', daß es schon zu spät is zu ein'm Kaffee. Charl. Gott soll mich bewahren, wenn ich auf die Nacht Kaffee trinket! meine Nerven haben eine Sensib- lichkeit — Maxl. Also fangen wir zum Lesen an. Zenzi, füll' die Lampen frisch am 's brennt gar so tumper. Cresc. O weh', Frau Mutter, 's is kein Oel z'Haus. 12 Maxl. So? Es is halt doch gut die neue Einrichtung', die ich getroffen Hab'. (Zu Charlotte und Czerditak.) Ich Hab' in unserm Haus eing'führt, daß a jede Partei ihren Leuchter dahaben muß, damit's nit fallen auf.der finstern Stiegen, 'wann's spät nach Haus kommen. Zünd' a paar an von die Lichter dort, Zenzi. Cresc. (zündet zwei Kerzen an, und Alle setzen sich um den Tisch). Czerd. Ich freue ich mich schon auf Buch neue romantische. Maxl. Wenn nur der Anfang nicht weggerissen war'. (Das Buch besehend.) Zweites Capitel, das erste fehlt. Czerd. Und man muß doch wissen, wie fangte an G'schicht. Charl. O, das Hab' ich mir schon rzählen lassen, das Buch heißt: „Die -chauergruft auf der Todtenburg, oder .as mitternächtliche Leichenbankett im ungerthurm", und das erste Capitel mthält nichts als: Der Ritter kommt urück aus Palästina, und findet nach »reijähriger Abwesenheit in der Heimat llles, sogar seine Geliebte, so wie er's »erlassen hat. Maxl. Das soll Einer jetzt probiren. Czerd. Jekus! Jekus! Charl. Fangen Sie an, liebe Maxlin. Maxl (liest). Unerschrockenen Schrittes etrat Ritter Hugo von Zitterthal die ;ugbrücke der verlassenen Todtenburg. )ie Thurmuhr schlug Mitternacht. Charl. Herrliche Schreibart! Die hurmuhr schlug Mitternacht. — Wie ese Worte gleich den originellen achter verrathen. Czerd. Ordinari Dichter hätt' bluß schrieben: Hate Zwölfe gffchlagen. Maxl (liest). Er blickte um sich und sah, wie Raben von ungewöhnlicher Größe mit riesigen Fledermäusen koseten. Czerd. (schaudernd). Gott, wann's kriegen's Junge mit einand, Rab mit Fledermaus, müßte sein Vugl deiblische. Maxl (liest.) Er hörte, wie die Unken im Schloßgraben mit unheimlichem Neide nach den Eulen quakten, die hoch nach den Thurmlöchern flogen, während ihnen nur vergönnt war, im gistblasigen Schlamm zu Hüpfen. Charl. Welch' ein Schauergemälde! Ich hör' ordentlich, wie dem jungen Ritter 's Herz geschlagen haben muß. Maxl (liest). Er trat in das Thor (Man hört läuten, Alle erschrecken.) Das is g'wiß die z'widre Partei vom zweiten Stock. (Sie geht ab.) Charl.- Diese Unterbrechungen sind höchst unangenehm. Czerd. Man verliert ganze Faden. Charl. G'rad' beim Interessantesten. Czerd. O! ich bin ich auch — inter- essirt. Cresc. (für sich). Mein Herz schlagt — vielleicht is er's. Fünfzehnte Scene. Die Vorigen. Maxl. Ein Herr. Maxl kommt zurück, ein Herr folgt ihr). Herr (ihr folgend). Frau Hausmeisterin! (Geheimnißvoll.) Haben Sie nichts für mich ? Maxl (laut). Ein jung's Mad'l hat den Brief für Ihnen abgeben. (Gibt ihm einen Brief.) Herr (wie oben). Still, meine Frau steht draußen, sie darf nichts davon wissen, es ist eine Ueberraschung für sie. — Ich bitte um meinen Leuchter. 13 Cr esc. (zündet eines von den bereitstehenden Lichtern an und gibt es ihm). Bitte, da ist er. Herr. Gute Nacht! (Geht ab.) Sechzehnte Scene. Die Vorigen ohne Herrn. Cresc. Das war a Glück, daß wir nicht g'rad sein Licht brennt haben. Maxl. Da hält' ich halt g'sagt, ich hab's schon anzunden, damit er nit so lang warten darf — da hält' er sich noch, bedanken müssen für die Aufmerksamkeit. Man muß sich z'helfen wissen. (Setzt sich nieder.) Zenzi, zünd' noch zwei Lichter an, die Kerzen werden täglich schlechter. Cresc. Gleich, Frau Mutter. (Thut es.) Charl. Aber sind das Männer! Hat der Mann so a schöne Frau und laßt sich Brieferln von die Madln bei der Hausmeisterin abgeben. Czerd. Hate abe g'sagt, is Überraschung für Frau seinige. Charl. O, die Ueberraschungen, die kennen wir schon! Maxl. Wo sind wir denn geblieben? Czerd. Wir warens grad, wo quakte Frusch im Stadtgraben. Charl. O nein, wir waren schon da, wo der Ritter hineingetreten is in's Thor. Maxl. Richtig! (Liest.) Da erblickt er in der finsteren Wölbung, vom fahlen Licht des Mondes bestrahlt, ein Burg- vogt-Gerippe, welches ihm zu winken schien. Hugo folgte und gelangte in einen labyrinthisch gekrümmten Gang, in welchem von Zeit zu Zeit Stufen nach abwärts führten, während Grabesluft den Odem immer mehr beengte. Charl. Czerditak, wie geschieht Ihnen, mir wird schon ganz gruslig. Czerd. Ich krieg' ich eiskalt auf Buckel. . Maxl (liest). Bei jeder Treppenwendung war eine dürre Todtenhand an der Mauer befestigt, die nach abwärts zeigte. Charl. So wie sie's jetzt in die Zeitungen haben, „Nicht zu übersehen" l' oder „Alles umsonst". st Czerd. Und war das wirkliche Hand, todte, schauervolle? " Maxl (liest). Die letzte Wendung ^ war erreicht und Hugo stand an der weitgeöffneten Thüre eines runden Thurmgemaches — es war der Saal der Todten, vom blauen Schimmer re einer großen Ampel erhellt. Czerd. Schad', daß damals nicht ^ haben's g'habt Crinolingas. ^ Charl. Pinolingas heißt es. Czerd. Sag' ich ja Crinolingas. . (Man läutet heftig, Alle fahren zusammen.) ^ er Maxl (ärgerlich). Schon wieder! (Geht ^ hinaus.) Czerd. Schön is die G'schicht', aber schauerlich. (Sie nimmt einen Feder- ^ Polster vom Bett und hält sich ihn über den Rücken.) Mich frierte schon. Charl. (zu Zenzi). Ihnen scheint sieA nicht besonders zu gefallen? Cresc. O Gott! ^ Charl. Auf mich wirkt so eine Ge-^" schichte sehr, von meiner nervösen Reiz-^ barkeit hat ja kein Mensch einen Begriff. Czerd. O, ich Hab' auch Nerven wie^ Deibl. 14 Liebzehnte Lcene. Vorige. Maxl und eine Dame. Dame (tritt mit Maxl ein). Bitte, nur . meinen Leuchter. j Cr esc. (zündet ihn an und gibt ihr ihn.) , Maxl (zur Dame). Da is auch ein ^ Brief, a junger Herr hat ihn in der Dämmerung gebracht. § Dame. Geben Sie mir die Briefe nur immer, wenn ich allein bin, mein § Mann ist so mißtrauisch — es soll ihr Schade nicht sein, liebe Frau Haus- ^ Meisterin. (Hat das Licht von Crescentia ^ genommen und geht fort.) Zichzchnte Lccne. Die Vorigen ohne Dame. i Maxl. Die hat doch wenigstens einen alten Mann, da kann man schon t ein Aug' zudrucken. - Czerd. Is e was Trauriges Mann >n alte. u Charl. Das müssen Sie mir nicht .r sagen. y Maxl. (fetzt sich). Alsdann — (Liest ,breiter.) Um den reichlich mit Pokalen . besetzten Tisch saßen dreizehn Todten- ' gerippe. . Charl. Dreizehn? Gott, da stirbt - Eines. ^ Czerd. Zum Glück sind's schon u stürben, weil sein's Geripp. )j, Maxl. Hugo's Blut drängte sich tzum Herzen beim Anblick dieses zwitterhaften Gemisches von Verwesung und ^Lustbarkeit. Charl. Ist das ein herrlicher Styl. ^(Es wird geläutet.) .. (Alle erschrecken.) Maxl. Das ist unerträglich. Zenzi, tracht', daß Du mich bald von der Aufsperrerei befreist. (Sie bleibt sitzen.) Charl. Es ist aber auch wahr, die Mamsell Zenzi könnt' ihre Mutter leicht ablösen. Maxl. Na sein's so gut, glauben Sie, ich zieh' meine Tochter zum Hausmeistergeschäft auf? (Es wird wieder geläutet.) Na ja, ich komm' schon. (Ab.) Neunzehnte Lcene. Vorige ohne Maxl. Charl. Jetzt hätt' ich die Frau Maxlin bald bös gemacht. Czerd. Na ja, weil's glauben, Sö, sie wird Tuchter ihrige lasten Thor aufsperren, wann kummen's Herrn nach Haus in Stimmung fidele, illuminirte. Charl. Wohl wahr, was wir Mädchen Alles ausgesetzt sind. Man kann sich nicht genug schützen vor die Männer. Zwanzigste Scene. Vorige. Frau Maxl. Maxl. Die Madam Meier haben's g'holt. Die Welt stirbt halt nit aus! Zenzi, zünd' noch a paar Lichter an — (Setzt sich.) Wie heut' die Kerzen tumper brennen. (Liest weiter.) Das obenan sitzende Gerippe erhob sich vom Stuhle, hielt den Humpen empor und begrüßte die Versammlung, indem es an den kahlen Schädel griff, als wollte es ein unsichtbares Sammtbarett mit weißen Federn abnehmen. „Meine Herren," sprach es mit hohler Gräberstimme — alsbald ertönte lauter Jubelruf. Die Skelette brachen in ein jauchzendes Gejohle aus. 15 Charl. Das is schon das Schauerlichste, was es gibt von ein' Roman. Maxl (liest weiter). „Laßt uns die Humpen leeren auf das Wohl der Grabesnacht und auf eine langdauernde glückliche Verwesung." Die Gerippe folgten der Aufforderung, und man sah den Wein in rothglühenden Strömen hinunterperlen in den rippenumgebenen leeren Raum, in das Innere der Skelette. Czerd. Schad'um den guten Wein, rinnte ja durch. Maxl (liest). Seht Ihr den Ritter dort am Eingänge des Todtensaales?" zischelte ein heiseres Gerippe. Da sprach das Obergerippe, gegen Hugo gewendet: „Wer stört die Ruhe der Todten?" (Es wird geläutet, Alle erschrecken.) Charl. Gott bin ich jetzt erschrocken — daß grad in diesem Momente wer anläuten muß — Czerd. Hab' ich Haut wie Gans frischgerupfte. Maxl. Ich mach nicht auf, jetzt wird's zu interessant. lLiest.) „Hugo von Fichtenthal stört Eure Ruhe nicht," erwiderte dieser. „Hugo von Fichtenthal!?" rief ein anderes Gerippe und ging auf Hugo zu, ihm die Knochenhand darreichend. (Stärkeres Läuten.) Der laut' mir lang gut! Czerd. Soll noch a bissel in a Kaffeehaus gehen. Maxl (liest). Da schlug die Thurmuhr Eins. (Stärkeres Läuten.) Charl. Der reißt noch die Glocken ab. Maxl (obstinat). Just nicht, weil er glaubt, er setzt's mit Gewalt durch, jetzt mach' i ihm no weniger auf. Cr esc. Wenn's aber keine Partei war', wenn am End' gar er — Maxl (springt auf). Zenzi, Du kannst Recht haben. (Ab.) Lirum-zwanzigste Scene. Vorige ohne Maxl. Cresc. Das muß er sein. Ich hol' den Most und richt Alles her. (Geht durch die Seitenthür ab.) Czerd. Ich werd' ich nehmen Kästen vom Kasten, und werd' ich schälen, daß komm' ich auf andere Gedanken. Zweiun-zwanzigste Scene. Hippelberg. Maxl. Vorige ohne Crescentia. Hipp, (mit Maxl eintretend). Ich bitte UM Verzeihung, wenn ich Sie habe warten lassen. Maxl. O ich bitt', nehmens Platz — liebe Freundinnen, das ist der Neveu von der Hausfrau, meiner Zenzi ihr Zukünftiger. Czerd. Schamste Diener! Charl. (sieht Hippelberg). Himmel und Erden! Maxl. Was is denn? 1 Beide Czerd. Was is e g'schehn? /zugleich. Charl. Der Hippelberg — mein treuloser Daguerrotyper! (Sinktineinen Stuhl.) Czerd. (heftig ergriffen). Hippelberg? Das is e ja Nam, auf was is e e eing'schrieben in Taufbuch. — Junge Mann, wie alt sein Sie? 14 16 Vor Da meinen Cre Ma Brief, Dämm Dan !rur im Mann Hipp. Fünfundzwanzig Jahre und zwei Monate. Czerd. Er ist's Kind meinige! (Sinkt in einen Stuhl.) Maxl. Das is ihr Kind!? Also er is nicht der Neveu und zukünftiger Hausherr? Mir wird übel! — (Sinkt ebenfalls in einen Stuhl.) Hipp. Eine angenehme Situation — drei ohnmächtige Weiber, und sie machen gar keine Anstalt, zu sich zu kommen. Charl. (aufspringend). Ja, ich komme hrSchc ^ mir, um Ihnen zu sagen, daß Sie neisteri Elender sind! lenomme Maxi (aufspringend). Sich unter fremdem Namen einschleichen, sich für den Neveu meiner Hausfrau auszu- Di, geben — o meine Tochter, mein un- M glückliches Kind! Sie sind ein Betrüger, ^ ein Filou! men ab ^ ' in Aua Cäerd. (aufspringend). Ich laß ich g./; nicht schimpfen auf Kind meinige er- ^ Wachsens. Er hatte nit g'wußt, daß Cbar ^ Mutter seinige, denn was ich ihm Hab' schickte, als wann wär' ich Max,bluß Tant' seinige. eiter) 1 Maxl. Es is aber traurig für Letzten meine Zenzi! wippe. Czerd. Madam Maxlitschek, Sie Charlwissen's daß Hab' ich Zaplati — auch ines. Hab' ich Haus passabliche, und wann Czerd. is e Sohn meinige verliebt auf Tochter von Ihne — ich bin zärtliche, weichherzige Mutter — ich kann ich nit sehen Kind meinige sterben vor Liebesgram! Maxl (für sich, überlegend). Was will ich machen? (Laut.) Aus Freundschaft für Ihnen soll er meine Zenzi haben. (Für sich.) So wird's mit der Zeit a no a Hausfrau. Charl. Und um meinige Gefühle kümmert sich Niemand? Dreiun-zwanzigste Scene. Vorige. Crescentia. Cre sc. (bringt auf einem Präsentirteller die vollgefüllten Gläser). Frau Mutter, da ist der Most. Maxl. Und da ist Dein Bräutigam. Hipp. Geliebte Braut! Czerd. Trinkme auf G'sundheit vun Brautleut'. Maxl (gibt Charlotte ein volles Glas). Mamsell Charlott, is's g'fällig? Charl. (schüttet den Most aus). Ich trinke nicht mit solchen Leuten — ich sage nur: ich bin jung und sauber — ich werde mich rächen! (Sie geht wüthend ab.) Maxl. Morgenwird Ihnen aufg'sagt. Czerd. Lassen's geh'n, hatte Glück bracht, hatte Most ausg'schütt,' bedeut' Kindstauf! (Sie stoßen an und trinken. Der Vorhang fällt.) irben, r Maxl. m Herze ften Ge lstbarkei Charl. S wird gr /L z. bleuer 8rr6r-L3rI!or1ielL 1ML83 ^ pennv wesen wnl,ben nri2l_Eo ^ttobLenbcft^i- ve^75ctt^ft LÜNNL^I^^cErlÖssKi^ Vk5 021^1^. L('k1^^^^e«^e2 Wien, Vt. QurnpencZo^fei-Llr-LLLe 122 '» : ^' Lulenspiegel als Schlüpfer. - Posse in einem Act von Anton Littner. Alle Rechte Vorbehalten. Zweite Auflage. ^07-S Wien, L87S. »Wr-susser'sche» Zuchhsudlmrg (Josef Klemm) Stadt. tzohrr Markt Nr. 1. 7 Brumler. Was war's denn? Eul. O, diese Welt ist sehr verdorben; Brumler. Erzählens doch! Eul. O, das ist eine gottlose Zeit! Brumler. So reden's nur! Eul. Aber ich red' ja so in Einem fort! Brumler. Was aber g'schehen is, erzählens noch immer nicht. Eul. Ah so, also hörn's: Zu diesem Tandler kommt ein Mann, ziemlich bei Jahren, so in meinem Alter, und der hat die schändliche Idee-Absicht gehabt, ihm was zu stehlen. Brumler. Na, der Dieb hält' zu mir kommen sollen, den hält ich hamg'leucht. Eul. Vermuthlich mit einer Milly- kerzen? Brumler. Na, mit ein'Haslinger; Eul. (bei Seite). Meinem Buckel wird ganz unheimlich. Brumler. Also reden's, hat er richtig was g'stohlen? Eul. Freilich! Brumler. Und wie hat der Dieb denn das ang'fangen? Eul. Das, das rst schwer zu erzählen, das laßt sich nur bildlich dar- stellen. Brumler. Bildlich? Eul. Nehmen Sie an, Sie wären der Tandler vom Platz, und ich wär' der Gauner; setzens einmal ein' alten Hut auf. Brumler. Aber wegen was? Eul. Um die Sache bildlich darzustellen. Brumler. Na also, sonst wer'ns mit der Erzählung nicht fertig. (Setzt einen alten Hut auf, der ihm zu weit ist.) Eul. Sehr gut, g'rad so hat der Tandler aus'n Platz ausg'schaut, und grad so is er dag'sessen wie Sie, und der Dieb is vor ihm g'standen wie ich. Brumler. Weiler! Eul. Der Schlüpfer war nämlich, wie diese Schlüpfer schon sind, sehi^ gesprächig und plauscht da von der Eisenbahn, vom Rosenmadlball, von den Creditaciien, von der Miß Bessi, von dem haarlosen Roß und von hundert andern Dingen. Der Tandler duckt sich (Brumler bückt sich), da hebt der moderne Gras'l hoch die Hand auf und treibt ihm den Hut an. (Treibt ihm den Hut so an. daß die Krempen am Halse sitzen, im selben Augenblicke wirft er Anton den im blauen Sacktuche eingemachten Frack hin, der ihn aujfängt, ihm ebenfalls den blauen Bündel zuwirft den Eulenspiegel auffängt, unter'n Arm nimmt, und dann ruhig vor Brumler dasteht. Florian und Anton eilen mit dem Bündel in's Gasthaus. — Diese Scene muß sehr schnell gespielt werden.) Brumler (hat sich endlich vom Hute befreit, im höchsten Zorne). Millwndonner- wetter! Herr, Sie haben sich erlaubt — Eul. (steht ruhig vor ihm). Ihnen den Hut anzutreiben — Brumler. Das g'spür ich, aber weßhalb — Eul. Blos wegen der bildlichen Darstellung. Brumler. Also der Dieb hat — Eul. Mit dem Kopf des Tandlers am Platz ebenso manipulirt, wie ich mit dem Ihrigen. Brumler. Und der Diebstahl — Eul. Js während der Zeit ruhig vor sich gegangen. Brumler. Ah, der Tandler am Platz ist ein Esel, ich wär' dem Dieb gleich nachg'loffen. Eul. Der Dieb ist ja gar nicht davon g'laufen. Brumler. Wie? Eul. Der Dieb is ruhig vor ihm stehen blieben, hat mit ihm weiter plauscht und aus dem Hutantreiben ein' Spaß g'macht. Brumler. Na, so eine Unterhaltung sollt' sich Einer'mit mir erlauben, ich bringet ihn um. Eul. Mein Gott! gegen Sie wird sich so ein Schnipfer auch das nicht erlauben! Brumler. Und wann und wie ist der Tandler d'raufkommen, daß der alte Herr ein Schnipfer war, und ihm was g'stohl'n hat? Eul. Wie der Dieb fortgangen is, hat der Tandler g'merkt, daß ihm ein schwarzer Frack fehlt. — Jetzt muß ich aber schau'n, daß ich z'Haus komm', ich empfehl' mich. (Eilt mit dem Bündel ab.) Brumler Mt ihn zurück). He, Freunderl, ich krieg' noch neun Gulden dreißig Kreuzer! Eul. Richtig, da hätt' ich vor lauter Diseurs darauf vergessen. (Legt den Bündel auf den Stuhl.) Ich werd' gleich, wo Hab' ich denn nur meine Brieftaschen — Himmel, da ist's nicht, und da ist's nicht, — die muß ich z'Haus vergessen haben! Brumler. Das is mir sehr leid. Eul. Na, macht nichts, ich geh' später so vorbei, da bring' ich dann das Geld her. Brumler. Nach Belieben. Der Binkel bleibt mit'n Frack aber einstweilen da auf'n Sessel, Sie könnten per Zufall, so wie's die Brieftaschen vergessen haben, auch mein' Adreß aus'n Gedüchtniß verliern und mit'n Geld nimmer herfinden. Eul. Sie wer'n mich doch für kein' Spitzbuben halten? Brumler. Gar kein' Red, mich müssen's aber auch für kein' dummen Kerl halten, ich bin ein g'scheidter Mann, mich führt man nicht so leicht an, wie den Tandler am Platz. Eul. O, Sie sind — ein — ein — Brumler. Ein schlauer Kopf'. Eul. So was Entgegengesetztes habe ich sagen wollen. Also in zehn Minuten bring' ich die neun Gulden dreißig Kreuzer. Brumler. Und dann kriegen's Ihren Frack. Eul. Wenn ich mein' Brieftaschen nur nicht verloren Hab', oder wann's mir nur nicht gar g'stohlen wor'n is, 11 es gibt jetzt schlechte Menschen, Leute, die aussehen wie die personificirte Ehrlichkeit und doch sind's Spitzbuben. (Geht ab.) Ächte Lcene. Brumler dann Marie. Brumler. Ihr Diener! — Also in zehn Minuten. Der Kerl hat so em ehrliches G'sicht — und doch kommt er mir verdächtig vor, mir scheint er hat mir woll'n ohne Geld den Frack herauslocken. Anpumpt, — o ich bin ein g'scheidter Mann'. Marie. Herr Vater! — Brumler. Na, was gibts? Marie. Js Ihnen noch nicht's g'schnipft wor'n? Brumler. Na! Marie. Das is mir leid! Brumler. Wirklich! Marie. O, es ist ein Unglück, wenn man ein' Vater hat, dem man nichts schnipsen kann. Brumler. Es ist aber auch ein Unglück, wenn man eine Tochter hat, die ihrem Vater nur alles Schlechte wünscht. Marie. Das müssen's mir schon verzeihen, ich mein's nicht so bös', ich Hab' halt den Anton gar so gern. Brumler. Fängst schon wieder an? Marsch in die Küchel. Marie. Ich geh' — wenn ich aber in mein' Schmerz d' Suppen anbrenn', s' Fleisch verbrat' und die Zuspeis versalz', so müssens mir verzeihen. (Halb weinend.) Sie wissen halt nicht, wie mir um's Herz ist, Sie war'n halt noch nicht in ein' Oberkellner verliebt. (Geht ins Gewölb.) Brumler. Das ist wahr, ich Hab' mein Herz mehr an Köchinnen verschenkt, ich Hab mit ihnen beim Röhr- brunn g'schwärmt, daß sich selbst der Mondschein hinter die Wolken ver- > steckt hat, weil er sich genirt hat, uns zu belauschen. O, ich war ein verflixter Kerl! Neunte Lcene. Vorige. Florian Sterz l. Flor, (aus dem Gasthause, ein schwarzer Frack hängt um seinen Arm). Jetzt kommt an mich die Reih', mein Sohn und mein Protögö lassen mich nicht aus, ich muß auch ein Spitzbub' werden, und den schwarzen Frack, den er g'stohl'n hat, soll ich dem Tandler jetzt wieder verkaufen. Das ist eine kitzliche G'schicht — ich, ein Hausherr von Linz — tritt hier in Wien als schlechter Kerl auf; aber was will ich machen. Es g'schieht ja nicht in schlechter Absicht: Vorwärts also! — (Schleicht sich ängstlich gegen Brumler's Hütte.) Brumler. Was schleicht denn da für eine verdächtige Figur um mein' Hütten? Auf den muß ich ein wachsames Tandleraug' haben. (Zu Florian.) Sie, suchen's was? Woll'ns was kaufen? Flor. Im Gegemheil, ich möcht' was verklopfen, ich Hab da ein' schwarzen Frack. Brum ml er. Ich kauf' keinen. Flor. Ich gib ihn aber sehr billig. Brumler. Lassen's ihn anschaun. (Besieht den Frack.) Flor, (bei Seite). Himmel, wann ihm die Fisiognomie vom Frack bekannt ist, dann bin ich verloren! Brum ml er. Was soll er denn kosten? Flor. Ich denk', zwölf Gulden wär' er werth. Br um ml er. Nit fünfe! Da Hab' ich erst ein' verkauft, da liegt er noch im Binkel, der noch viel schöner als der ist, und was Hab ich dafür verlangt? Vier Gulden dreißig Kreuzer. Flor. So billig sind's? 12 Brumler. Die Zeiten sind schlecht. Also süns Gulden, wenn's wollen. Flor. Na, so geben Sie's her. Brumler. Da! (Gibt ihm Geld.) Mir is leid, daß ich ihnen den Frack so abdrucken muß, aber Gott, die Zeiten sind schlecht. Flor. Es geht halt nicht anders. Pfirt Gott! Jetzt trink' ich ein' Pfiff Wein, der Durst thut weh. (Jn's Gasthaus ab.) Brumler. Schaffen's ein andersmal, wenn's was zu verkaufen haben. (Lacht). Ah, da Hab' ich wieder a herr- lichs G'schäft g'macht. Der Frack ist wenigstens noch einmal so viel wertk. (Besieht ihn genau.) Was ist das, — ah, das ist kurios — der Frack schaut g'rad so aus, wie der im Binkel, und 's Futter is auch das nämliche; der Frack muß ein Zwillingsbruder von dem sein, der dort im Binkel steckt. Wie is denn aber das nur möglich, zwei ganz gleiche Frack können doch nicht auf der Welt existiren, da muß ich mich überzeugen. (Oesfnet den Bündel, altes Papier und Bücher fallen heraus.) Himmel, Zauberei, ich bin betrogen, bestohlen! Zehnte Scene. Vorige. Marie. Marie (hat die letzten Worte gehört-) Wirklich! Jst's wahr? Ach, die Freud'! Brumler. Was? Marie. Das Glück! Kommens her, lieber Vater, daß ich Ihnen um den Hals fallen kann. Brumler. Schau, daß Du weiter kommst oder ich vergreif' mich an Dir, weil ich's an den Dieb nicht mehr thun kann. — Mein' Hut, mein' Rock, ich geh' auf die Polizei — na, in's Wirthshaus, — er hat g'sagt, er trinkt ein' Pfiff Wein, vielleicht — (Eilt gegen das Wirthshaus.) Eiste Scene. Vorige. Eulenspiegel (als Wächter verkleidet tritt ihm entgegen, er hält Florian Sterzl, dem die Hände mit einem Stricke gebunden sind, beim Kragen.) Brumler. Was seh' ich? Eul. In mir den Arm der Gerechtigkeit und in dem den Helfershelfer von ein' Dieb. (Zu Brumler.) Heut' is Ihnen ein schwarzer Frack g'stohlen worden? Brumler. Ja, obwohl ich nicht begreif — Eul. Macht nichts, es war ein alter Herr, er sitzt schon. Brumler. So g'schwind? Eul. Und der hier war sein Kompagnon, der Ihnen denselben Frack wieder verkauft hat. — Jetzt soll das Laster bestraft werd'n. Brnmler. Sperr'ns nur an Jeden a paar hundert Jahr ein, denn das sind zu schlechte Kerl'! Eul. Wo ist der gestohlene Frack? Brumler. Hier. Eul. Her damit. (Leise zu Florian.) Jetzt schnipsen wir ihn zum zweiten Male. (Laut.) Der Frack ist das Corpus delicti, — der muß mit auf's G'richt, daß ich ihn der Behörde vorlegen kann. Brumler. Wie Sie befehlen. (Gibt ihm denselben.) Eul. (drohend zu Florian.) Ich werd' Euch die Schwarze-Frack-Entwenderei schon vertreiben. Her Tandler, morgen kommen Sie zu mir, da wer'n Sie nähere Auskunft erhalten, auf welche Weise Sie bestohlen worden sind. Brumler. Sie sind also der Wächter, — der — Eul. Versteht sich. — Hab' ich nicht alle Kennzeichen, die ein Wächter besitzen muß? — Ein' dreieckigen Hut — ein spanisches Rohr — eine rothe Nasen. Herr Tandler — auf eine kleine Jausen: Brumler. Mit Vergnügen. (Will ihm Geld geben.) Eul. Daß es aber der Delinquent nicht sieht, geben's mir's heimlich, daß ich nichts davon weiß. (Wendet sich und hält die offene Hand auf den Rücken.) Brumler. So. (Druckt ihm Geld in die Hand.) Eul. Was hinter meinem Rücken vorgehl, für das kann ich nicht. (Steckt das Geld ein.) Was ein Wächter Alles einstecken muß, das ist guldenzettelfabelhaft. Vorwärts Gauner. Empfehl' Mlch. (Führt Florian am Kragen gegen das Gasthaus.) Brumler. Wart' Beutelschneider, dir soll die Lust vergehen, noch einmal lange Finger zu machen. Marie. Aber Papa — er braucht Ihnen ja nicht noch einmal was zu schnipsen. Die Wett' ist schon verloren. Zwölfte Leem. Vorige. Anton. Anton. Und der Preis die Hand meiner Marie: Brumler. Gar kein Red': Der Frack hält' mir müssen durch Ihre Veranlassung g'schnipft wer'§. Eul. Das is so g'scheh'n. Glaub'n denn Sie, ich bin der Wächter? Ich bin der Schwarze-Frack-Schlüpfer, der Ihnen denselben zweimal g'schnipft und durch den Herrn einmal verkauft hat. Anton. Sie haben nach meinen Instruktionen gehandelt. Eul. Und ich war für Sie der Omnibus, auf dem sie aufg'sessen sind. Brumler. Was, is das wahr? Flor. So wahr ich dein Schulkamerad, der Sterzl, bin. Brumler. Du bist — Flor. Der Florl, dem du immer nach der Schul' den Schopf beutelt hast. (Stürzt in seine Arme.) Eul. Gott, ist das eine angenehme Jugenderinnerung. Brum l er (zu Anton und Marie). So nehmt's mein' Segen. Eul. Das is g'scheidt, daß Sie ihn im Guten hergeben, sonst hätt' ich Ihnen den auch noch g'schnipft. Brumler. Wer sind denn Sie? Eul. Ich bin der Eulenspiegel. Brumler. O Sie Schnipfer! Auszug aus unserem Katalog einactiger Stucke. Titel Meinungsverschiedenheit. Scherzgedicht v. Jos. Weyl. (H. V. 3.) Meister Maso, oder: Zufall und Kunst. Lustspiel von Friede. Kaiser.60 kr. Der Mentor. Lustsp. frei n. d. Französ. v. I. W. Lembert. 50 kr. Die Milch der Eselin. Posse mit Gesang, nach dem Französischen von Ant. Bittner.50 kr. Eine Million! Posse mit Gesang von Ed. Dorn .... 50 kr. Miß Flora Welton. Posse mit Gesang von Th. Taube. 50 kr. Das Mistverständniß. Lustspiel v. I. F.v. Weissenthurm 60 kr. Mit Vorsicht. Lustspiel von G. Neuse.50 kr. Da Moarhof entern Berg'n. Ländlicher Schwank mit Gesang von A. Blank. Musik von A. Müller.60 kr. Möbel-Fatalitäten. Schwank von Ant. Bittner ... 50 kr. Der Mord in derKohlmeffergaffe. Posse frei nach dem Französischen vonA. Bergen.50 kr. Der Müller und sein Kind. Scherzgedicht von Jos. Weyl. (H. V. 2). Mylord und der Teufel. Scherzgedicht v. Jos. Weyl. (H. B. 11). Mysterien eines Jagdgewehres. Komisches Genre-Bild (Original) von Dr. März rot h.50 kr. Nach dem Balle. Lustsp. frei n. d. Französ. v. C. Ducqe. 50 kr. (Für Dilettanten vorzüglich geeignet.) Nach dem Balle. Solo-Lustspiel mit Gesang von I. Krüger. Musik von E. Siiegmann.25 kr. Nach der letzten Redoute. Scherz von Betty Doung 50 kr. Nach der Speckvertheilung. (Fabel für kleine Beamte.) Scherzgedicht von Jos. Weyl. (Pendant zur „Speckvertheilung." s. d.) (H. V. 2). Nach vierzig Jahren. Lustspiel von-A. Scholz . . . . Die Nachbarschaft. Lustsp. n. d. Französ. v. A. W. Jffland. Die Nachschrift. Lustspiel von Fr. von Holbein . . . . (Für Dilettanten geeignet.) Der Nachtwächter. Posse in Versen von Th. Körner . . Einen Namen will er sich machen. Lustsp. v. M. A. jean. Nantes Christuachtsgedanken. Scherzgedicht (in Berliner Dialekt) von Jos. Weyl. (H. V. 2). Eine Nase für IOVV Pfund. Burleske von E. Arram . 50 kr. Nero. Bürgerliches Familiendrama von Jos. Weyl. (H. B. 13) . . Der neue Don Quichote. Lustspiel nach dem Französischen von Alex. Bergen.50 kr. Das neue Jahrhundert. Posse v. A. von Kotzebue . . 40 kr. Die neue Magd. Schwank von M. A. Gr and jean. (Hiezu als Pendant „Die alte Magd." S. d.).60 kr. Die neue Wirthschafterin. Posse m. Gesang v. Al. Berla. 50 kr. Ein Nihilist. Lustspiel v. C. Gründorf.50 kr. Nina. Schwank frei n. d. Französ. v. M. A. Grandjean . 50 kr. >'odlv88s «dlixv. Dramat. Studie v. C. Gründorf . . . 50 kr. Nur ein Held. Schwank v. A. Cornelius.50 kr. Nur ein Stündchen war er fort! Lustspiel nach d. Französ. von Theodor Hell.60 kr. Nur nicht reden! Dramatischer Scherz nach d. Französischen von C. F. Stix.50 kr. (Nur eine Person spricht, die anderen haben stumme Rollen!) Nur solid! oder: Carnevalsabenteuer im Schlossergaffel. Faschmgsposse mit Ges. u. Tanz v. Ludw. Gotts leben. . 50 kr. 50 kr. 40 kr. 60 kr. 30 kr. Grand- 50 kr. I Herren L 6 5 « s 1 - — L. 6 1 L. 4 3 — vr. 3 2 8.är. 7 2 — vr. 3 5 1k. 8.ckr. 3 2 — L. 1 3 — 8.är. 3 4 L. 5 1 2K. 8.är. 4 1 — 8.är. 1 L. 1 — — L. 3 1 _ L. 1 1 — L. 1 L. 3 4 — vr. 1 L. 6 4 — vr. 6 1 — L. 1 1 — L. 3 1 CH. L. 8 — CH. vr. 1 L. 9 4 — 8är. 4 3 — 8.är. 3 2 vr. 6 1 — L. 3 3 vr. 2 3 — 8.är' 3 2 — 8.är. 4 3 — vr. 3 2 — k'. 1 5 — L. 3 3 — L. 4 3 - 8.är. 15 12 vr. Auszug aus unserem Katalog einactiger Stucke. itel DreiWochenverheirathet. Schwankn. d.Franz.Jos.Braun. 50 kr. Der dreißigste November. Original-Lustspiel von L. Feldmann .fl. 1.20 (Für Dilettanten geeignet.) Der dreizehnte Mantel. Posse mit Gesang v. Ant. Bittner. 50 kr. Der Druiden-Barbier, oder: Enorma. Opernconfusion von Jos.t W e y l. (L>. B. 3.).l Dschingiskhan. Lustspiel von Karl Gutzkow . . . . 60 kr. Durch Ehampaguer. Lustsviel vonBettyAoung. . 60 kr. L. 8. 8., oder: Die Ausstaffirung. Posse v. C. Ju in (Giugno) 50 kr. Die edle Lüge. Schauspiel von A. v. Kotzebue. (Fortsetzung von „Menschenhatz und Reue") . . ,.40 kr. Eheliche Strafe. Lustspiel in freien Versen v. I. F. Castelli. 80 kr. Ehemann aus Probe. Lustspiel von Betty Young . 50 kr. Die Ehescheuen. Lustspiel v. I. F. v. Weissenthurn . 40 kr. Ehcstands-O.ualen. Lustspiel in Alexandrinern von Deinhard- st ei n.60 kr. Der Ehrgeiz in der Küche. Posse nach Scribe und Mazeres von W. Lembert .50 kr. Der Eichenkranz. Ein Dialog von A. W. Iffland . . 20 kr. Die Einladungskarte, oder: U. A. w. g. Schwank von A. von Kotzebue .40 kr. Die Ein,chleicher. Schwank von Al. Berla .50 kr. Der Einsiedler im Lerchenwalde, oder: Die geheimuißvolle Laube. Lustspiel nach dem Französischen v. I. F. Castell i. 80 kr. Die Eleganten. Posse nach Moliere von Heinr. Zs ch okke. 50 kr. Ein empfindlicher Mensch. Schwank nach dem Französischen von M. G. Grandjean .' . . . . 60 kr. Enge Sperre, oder: Die Huugercur. Schwank mit Gesang von Al. Berla .. ..50 kr. Enorma, oder: Der Druiden-Barbier. Opernconfusion von Jos. i .W e y I. (H. V. 3).) Die entsetzliche Literatur, oder: Ueberspanntheit. Lustspiel nach dem Französischen d. Scribe von I. F. Castelli . . . 80 kr. Die Entstehung der ersten Ballettänzerin. Scherzgedicht von I o s. W e y l. lH. V. 3). Er eompromittlrt seine Frau. Lustspiel nach dem Französischen v. Moreno .60 kr. Er entzieht mir seine Hände. Lustspiel von Graf Emer. Stadion .50 kr. (Für Dilettanten besonders geeignet.) Cr hat das Pulver erfunden. Lustspiel nach dem Französischen v. AI. Bergen .50 kr. Er ist ein Narr. Posse von Morländer .50 kr. Er ist fehlbar. Schwank von Friede. vonRadler. . 50 kr. Er ist schwer zu befriedigen, oder. Die beiden Portraits. Nachspiel von I. F. Jünger .40 kr. Er ist unsichtbar. Burleske mit Gesang v. Cle m. Fr. Stix. 80 kr. Er kann nicht lesen. Posse von M. A. Grandjean . 50 kr. Er soll sich austobeu. Lustspiel v. C. Gründorf . . 60 kr. Er sucht einen Platz. Komische Scene von M. A. Gr and je an. (G. U. 1) ....... . Er nicht sterben. Dramatischer Scherz v. C. F. Stix 50 kr. Dre Erben, oder: Der Schiffbruch. Lustspiel.60 kr. ernster Heiraths-Antrag. Vorspielv.Sigm.Schlesinger 80 kr. L>er erste Katzenjammer. Scherzgedicht v. Jos. W ey l. (H. B. 2.) Herren j Damen Neben-" Personen D 3 2 — vr. 3 2 2K. vr. 4 3 vr. 4 2 CH. vr 4 Kinder 2 3 — L. 3 1 — L. 4 2 — 8.är. 4 2 2K. L. 3 3 — L. 3 2 — k. 5 2 CH. L. 3 2 — 5 1 CH Z.är. 6 2 CH. L. 6 1 vr. 5 2 — 8.är. 4 3 CH L. 6 3 — L. 4 1 — 8.är. 6 2 2K. L. 4 2! CH. vr 4 Kir ider 4 2 — L. 1 - — L. 5 2 — 1 2 — L. 4 2 L. 4 2 — vr. 4 1 — vr. 3 2 L. 6 1 3K. 8.är. 3 2 — 8.är. 4 1 — L. 2 8.är. 3 4 CH. L. 6 2 — L. 2 2 — L. 1 — — L. Auszug aus unserem Katalog einactiger Stücke. Titel Die lauge Nase. Posse mit Gesang von C. Haffner. Musik von I. Hopp.50 kr. Latz das bleiben, oder: Der Spiegel. Lustsp.v.A. v.Kotzebue. 40 kr. Latzt mich lesen! Lustspiel von Dr. Carl Töpfer . . . . 60 kr. Ein lebendes Bild. Familien-Scene v. M. A. Grand jean. 60 kr Lebende Bilder bei Herrn Hersch. Solo-Lustsp. v.J. Krüger. 40 kr. Leiden einer Berliner Köchin. Solo-Lustsp. v. I Krüger. 30 kr. Die Leiden eines jüdischen Choristen. Solo-Scherz mit Gesang von I. Krüger. Musik von E. Stiegmann.25 kr. Ter Leineweber. Schauspiel von A. von Kotz ebue. . . . 40 kr. 's letzti Fensterlu. Alpen-Scene in österr. Mundart v. I. G. Seidl. (Hiezu als Forts. „Drei Jahrl'n nach'm letzten Fensterln". S. d.) 50 kr. Das lebte Ideal. Schauspiel in 1 Aufzuge v. Alph. Daudet und L'Eprne. Für die deutsche Bühne von G. Ritter . . . . 50 kr. Liebe, Hatz, Rache, Reue, Romantik, Selbstmord und moralisches Bewußtsein, oder: Ritter Toggenburg. Unglaublich tragisches Fastnachtsspiel von G. Schönstein . . . . 30 kr. Liebe um Liebe. Ländliches Schauspiel von A. W. Jffland. 40 kr. Liebes Mütterchen, ich bleibe bei Dir! Solo-Lustspiel von I. Krüger.25 kr. Ein liebenswürdiger Mensch. Lustspiel nach dem Französ. von von M. Stein.50 kr. Das Lied vom Clavier. Travestie nach Schiller's „Lied von der Glocke" von M. A. Grandjean. (G. U. 6). Lori. Bürgerliche Parodie von Jos. Weyl. (H. B. 7). Luasfan, Fürst von Gariseue. Ein Prolog v. A.W. Jffland. 40 kr. Ludwig der Vierzehnte. Lustspiel von M. A. Grandjean. 50 kr. Luftschlösser eines Berliner Stubenmädchens. Solo-Lustspiel von I. Krüger.-.30 kr. Lully und O-uinault, oder: Die Künstler in Verlegenheit. Lustspiel in Berten nach dem Französ. von I. F. Castelli 80 rr. Die Lustspiel-Concurrenz. Schwank in 1 Akt von Carl Saar . Die Macht der Eiub.lduug. Lustspiel von L. Feldmann. 50 kr. Ein Mädchen ift's und nicht ein Knabe. Lustspiel nach dem Französ. von H. Herzenskron.50 kr. Das Mädchen vom Dorfe. Solo-Lustspiel von I. Krüger. 25 kr. Mädchenfreundschaft, oder: Der türkische Gesandte. Lustspiel von A. von Kotzebue . ..40 kr. Mädchenlist. Lustspiel in Alexandrinern v. Deinhardstein. 60 kr. Mädcheuträume. Liedersp. v. B.Poung. Musik v. G. v. Zavtz. 50 kr. Das Märchen von einer Mutter. (Frei nach Andersen.) Gedicht von Jos. Weyl. (H. B. 8). Der Magnetismus. Ein Nachspiel von A. W. Jffland . 40 kr. Ein Mann hilft dem Andern. Lustspiel von I. F. v. Weissen- thurn .60 kr. Der Mann von vierzig Jahren. Lustspiel nach d. Französ. von A. von Kotzebue.40 kr. Slarebsss konralani. Komische Solo-Scene von M. A. Grandjean. (G. U. 4). Der Marquis. Schauspiel (Original) von Dr. Marzroth. 50 kr. Die Masken. Schauspiel von A. von Kotzebue .... 40 kr. Mein Album. Lustspiel nach d. Französ. von M. Stein . 50 kr. Mein Fräulein Bruder. Lustsp. n. d.Franz, v. Alex. Bergen. 50 kr. (Für Dilettanten geeignet.) Mein Onkel Hammelmeier. Schwank frei nach d. Französ. von Erik Neßl.50 kr. Herren I Damen l Neben- I Personen j V 5 4 CH. 8.är. 2 2 — L. 9 4 CH. L. 3 3 — L. 1 — — vr. — 1 — L. 1 vr. 4 1 — L. 1 1 — L. 2 1 — L. 2 2 CH. 8.är. 5 2 — L. — 1 — L. 6 3 — I'. 1 L. 1 — — L. 3 3 CH. L. 5 2 — vr. — 1 — L. 4 3 L. 4 2 — L 3 1 — vr. 2 3 Ilr- L. — 1 — L. 2 5 5K. L. 2 l — L. — 1 — L. 1 L. 6 1 — L. 4 1 — L. 3 2 — L. 1 vr. 6 2 L. 4 2 L. 3 1 — 2 2 L. 4 2 8.är. -er vollständige Katalog der Einakter steht ans Verlangen gratis r» Dienste». Kunst- und Luchdruckerei „Steyrermühl", Wien. Kling! Kling! -- ^ - Posse in Einem Akt von Morlander. (Nepertoirstück des k. k. Mv. Larllhealers.) Personen- (Besetzung Hitzpus, Apotheker einer kleinen Stadt. Rosa, feine Frau. Frau Treschler, deren Mutter. August Sturm, ihr Cousin.. Erasmus, t Laborant t bci . Christian, / Hausknecht j Hipp US . Erster t . Zweiter l. Hochzeitsgast. Dritter s . im Carltheater.) Herr Grois. Frl. Zöllner. Frau Szathmäry. Herr Treumann. Herr Nestrcy. Herr Hopp- Herr Uchatzi. Herr Gottdank. Herr Büchner. Die Handlung spielt in einer kleinen Stadt, im Hause des Apotheker» HippuS. Das Laboratorium einer Apotheke. Rechts im Hintergründe eine offene Thüre. durch welche >an in das Apothekergewölbe sieht. Links im Hintergründe die allgemeine Eingangsthure, we ch- u HippuS' Schlafzimmer führt. Links, zweite Coul., führt eine Seitenthüre in das Tpei»ezim- rwr; neben der Seitenthüre rechts, ein großer Garderobekasten auf Rollfüßen. Mitten rua- oärt» und vorne zu beiden Seiten Tische mit Apotheker-Requisiten; die Wände sind angetullt liit Schtebladen, auf denen die Namen der darin befindlichen Medikamente lesbar nnd. Flaschen, -chmelztiegel, Mörser. Vom Plafond herab hängt in der Mitte der Bühne eine alkmobrlche !ampe mit vier Armen, welche das Laboratorium beleuchtet. Auf den Tischen mehrere Leuchter. Aus dem Seitenziunuer rechts tönt eine lustige Tanzmusik (Klavier und Violine, Mazur). Erste Scene. Er asm. (allein. Er stößt beim Auszie- en des Vorhanges nach dem Takte der Tanz- aufik in einem ungeheuren Mörser ein Mevi- ament. Neben ihm steht ein Teller mit Back- verk und ein großes Glas Punsch, wovon er nitunter etwas nimmt; er ist in Hemdsärmeln, aber hochzeitlich gekleidet, weiße Weste, weißes Halstuch, Schürze). Das Apothekerg'schäft soll der Teure! hol'n! Nit amal in der Nacht hat man ein' Ruh'! Und heut' gar liegt die ganze Verantwortung auf mir allein. Unser Prinzipal hat heut' g'heirath und muß zur Straf jetzt da d'rinn mit die zur Hochzeit eing'ladnen übertragene!) Mahmen und Godeln Mazur tanzen; unser Provisor hat sich zur Feier des Tages z'Mittag a so ein' Esels-Haarbeutl antrunken, daß er sich aus diplomatischen Rücksichten bereits um halber sechse schon in seine Gemächer unter'm Dach zurück zu ziehen für angemessen erachtete. Der Christian, der Hausknecht, sitzt draußen in der Apotheken auf der Wacht und schlaft und ich muß Kampfer stoßen, weil die Frau Triestiner-Feuer-Wasser- und Hagelschaden-Assekuranz-Agentens- Gattin da daneben ein nervös-chroni- kal-scandalöses Schädelweh mit Ohrenreißen affectiren will, weil ihr Mann jetzt um ein Uhr in der Nacht noch nicht z'Haus ist. (Ec trinkt. (Die Musik hört auf.) Man hört draußen die Hausglocke läuten.) Kling! — Kling! — Da ar- beit' schon wieder einer an der Hausglocken, nit amal das Glasl Punsch lassens einem mit Ruh' trinken! — Haben denn die Leut' bei Tag nicht Zeit genug zum krank werden! - Zweite Scene. Voriger. Christian. (Christian kommt mit einem Necept und einem großen versiegelten Brief aus der Apotheke in's Laboratorium.) E r a s m. (trinkend). Was gibt's denn schon wieder? Christ. Der Bursch von daneben will den Kampfer, und a Recept is da, mit ein' Dienstbothen. Er asm. Her damit. Christ. Sie will nit herein! Eraöm. Mit'n Recept! Christ. Ja so, ich Hab' glaubt mit'n Dienstboten. Erasm. (bas Rerept lesend). War' jetzt Zeit zum Speanzeln! Alle Stund' sechs Stück zu nehmen. Christ, (sieht mit in's Necept). Das san Pillen! Er asm. Er wird mir's sagen. — Für wem g'hort's denn? Christ. Für den Rath Brockel. EraSm. Was muß denn überden kommen sein, daß er uns mitten in der Nacht sekirt! — Christ. I waß nit. — Das Madel sagt, eS druckt ihn im Magen! Er asm. Das schad't nix — er soll ein' Hafendeckerl auflegen, jetzt is zwa, in der Früh um neun kann sie's abholen. Christ. Ah na, sie will warten d'rauf. Erasm. Krutzitürken — glaubt denn die, die Pillen dreh'n sich von selber, — meinetwegen soll's warten! Christ. Ich werd' ihr derweil G'sellschaft leisten drauß', — es wird schon gehen, Sie sein ja sehr g'schickt! — Apropos! — ich Hab' ganz vergessen in der heutigen Remassuri, da is a Brief kommen Nachmittag vom Gericht — er is an Herrn — der Wächter hat g'sagt, es is sehr wichtig. (Ab in die Apotheke mit dem Mörser.) Dritte Scene. Erasmus (allein, dann) Christian. Erasm. (versucht das Recept zu lesen). Schon gut! Schon gut! 8oI — son — tine — doll — rksb — pulv — extra — sssssr — eto. — DaS soll der Teufel lesen! Wann'S wenigstens deutsch schreiben möchten, daß man's wußt! — Ich muß nachschau'n, gestern hat der Provisor Pillen an- g'schafft, wo ich um a paar Dutzend z'viel g'macht Hab, — die müssen ja noch wo liegen! (Sucht herum.) Ah, da in der Schachtel! — (Schüttelt diese ohne sie aufzumachen.) Da sein's schon! (Schreibt auf die Schachtel.) „Alle Stund sechs Stück zu nehmen." So! — Christian! Christ. Sein's schon fertig? — EraSm. Alles in Ordnung. — 2ch lasse dem Herrn Rath gute Besserung wünschen. Christ. Werd's auSrichten! (Ab.) Er asm. Die Pillen haben wir zwar aufheben wollen, wenn die Dosis repetirt werden sollt; sie haben für die Millimeierin g'hört. die vis-a-vis ihr Kunstinstitut hat, aber 's macht nir. — wann's bei Tag schicken, und der Herr Provisor wieder nüchtern is, können wir ja andere machen. Vierte Seeve. Vorige. Hippus (im HochzeitSgewande, sehr heiter, dann) Frau Treschler. Hippus. Erasmus! EraSm. Herr Prinzipal! HippuS. Zch komm' nachschau'n, ob du vielleicht noch ein' Punsch magst. An den heutigen Freudentag sollen meine Leut' auch lustig sein, so wie ich. — denn ich muß sagen, heut' ist der glücklichste Tag meines Lebens. Wenn nur die Gast schon weiter gingen. daß a Ruh würd'! Magst Du noch a Glas! Punsch? — Er asm. Zch bitt', ich werd' lieber morge n weiter trinken. Einer muß doch nüchtern sein im Haus und bei unserm G'schäft, wo so viel davon abhangt! H i p p u s. Du bist a braver Mensch, daß weiß ich, — wannst auch manchmal a Dummheit machst, man muß Dir doch nachsagen, daß Du den besten Willen hast. (Sucht herum.) Erasm. Suchen der Herr Prinzipal etwas? — Hippus. Ich weiß nit, ich Hab' da a Schachterl herg'stellt. Erasm. WaS für a Schachterl? Hippus. A Schachterl mitKnall- kügerln, — ich brauch'S da d'rinn zu der neuen Cotillon-Figur, wo muß's denn nur hinkommen sein? Erasm. Bitt', wo is denn g'stan- den? Hippus. Da hier, aufn Tisch. Erasm. (für sich). Ui je! (Laut.) s'wird herunterg'fallen sein. HippuS (suchend). Aber finden müßt man'S doch! Zum Glück Hab'ich da in der Lad' noch mehr, sonst war' ich in der größten Verlegenheit. (Nimmt aus einer Schieblade ein Papier mit Knallkügelchen und steckt es in die Tasche.) Erasm. (verlegen). Zch bitt', hätt' bald vergessen — da iß auch a Brief. Hippus (erbricht das Schreiben und liest). Vom Gericht?—Was der Tausend! — „Da in neuester Zeit von „mehreren Seiten begründete Klagen „über die Nachlässigkeit der hierortigen „Apotheke einlaufen. so wird hiermit „dem Inhaber derselben eingeschärft, „daß er persönlich für die prompte „Ausführung der ärztlichen Verordnun- „gen zu sorgen habe, und namentlich ..für den Nachtdienst verantwortlich „sei! —" (Spricht.) WaS das für Sachen sind! E raS m. (kleinlaut). In unserm Hauö kommt so was doch S'ganze Zahr nicht vor. Hippus (ärgerlich). Na, na, gar so sicher bin ich nicht, — Nachtdienst, a schönes Wort. — heut' Nachmittag Hab' ich g'heirath, — morgen früh um fünf Uhr muß ich mit'n Eilwagen nach Wien wegen einer Erbschaftsangelegenheit, die mich vielleicht a vier Wochen aufhalt, das ging mir g'rad noch ab, daß ich mich in der Brautnacht da in die Apotheken herstellet. 4 EraSm. Warum nehmend denn die Frau Gemahlin nicht mit nach Wien? Hippus. Ach nein, ich muß den ganzen Tag bei Gericht herumsteh'n, und da könnt' ich meine Frau ganz allein im Gasthof lassen! ? — Das gibt's nit, — und nachher die Löwen, die'ö da gibt, der Graben und der Kohlmarkt, das sind die offenen Menagerien, wo diese Ungeheuer herumsteigen, und auf Beute lauern;— nir da — sie soll nur so lang hier unter der mütterlichen Obhut bleiben! ' Erasm. Na, trösten Sie sich, — Sie kommen ja wieder zurück. Hippus. Vier Wochen sind für einen neubackenen Ehemann eine doppelt prolongirte Ewigkeit, — ja, wenn ich schon länger verheirathet wäre, — machet's mir vielleicht ein Vergnügen mich von meiner Frau zu trennen, — aber so, — so bin ich trotz unsrer Vermählung eigentlich noch gar nicht verheirathet, weil ich von meiner Gattin nicht einmal noch daS erste Buss, kriegt Hab'; sie genirt sich vor den Hoch zeitsgästen! Erasm. Und die gehen leider nicht fort, so lang's was zum Essen gibt, — ich kenn' das, — ich hab's auch immer so g'macht, wenn ich wo eing'laden war. (Man hört einen Walzer spielen.) Frau Lreschler (tritt heraus). Herr Schwiegersohn, der Cotillon geht los! — Jst's gefällig eine Tour? Hippus (für sich). Das wird a Tour werd'n! (Laut.) Mit Vergnügen! (Für sich.) Das fehlt mir noch, daß ich diesen weiblichen Omnibus in Bewegung setzen muß ! (Reicht ihr den Arm.) Frau Schwiegermama, Sie machen mich so seelig! (Geht mit ihr rechts ab.) Fünfte Scene. Erasmus, dann August. Erasm. (allein). Er is fort. Jetzt muß ich gleich nachschau'n! (Er sucht.) Richtig, — da sein die Pillen — 'ich Hab' dem Herrn von Bröckel die Knallkügerln g'schickt! — Wann der sechs Stück frißt, und die geh'n los in ihm, der wird schau'n!— Schaden werden'S ihm nir, — er is a Hausherr und hat a gute Natur. Eine Angst Hab' ich aber doch. daß'S mir ein Spektakel machen, und. wann's der Alte erfahrt! (Hat eine große Flasche in die Hand genommen, um sie von einem Tisch zum andern zu tragen; in demselben Augenblick klopft man ungestüm an die Mitteltbüre links, er erschrickt und läßt die Flasche fallen, welche zerbricht.) Ha! August (von außen). Aufgemacht! Erasm. So is recht! — Zetzt is die ganze aqus morisonis beim Teufel! (Sammelt die Scherben.) August (von außen). Aufgemacht! (Tritt die Thüre ein.) Erasm. Ah, der G'stanken! August. Jst's schon vorbei? Erasm. Den Augenblick is g'scheh'nk August. Ha, mein Lebensglück ist zertrümmert! Erasm. In tausend Scherben! August. Warst Du dabei, wie sie - Erasm. Leider, ich hab's ja daher tragen! August. Also ist sie ohnmächtig geworden? EraSm. Was ohnmächtig? — Hin iS worden! — August (schüttelt ihn). Von wem sprichst Du, Tölpel? Erasm. Von meiner nyus myri- sonis! 5 August (laßt ihn los). Narr! — Was gehen mich deine Giftmischereien an. ich frage nach meiner Cousine Sali! Ist die Hochzeit wirklich vorüber! E r a s m. Glücklich überstanden! Heut' Nachmittag um fünf Uhr sein's als a lediger fortgangen, und um Viertel auf sechse herum sein's als verheirather wieder z'Haus kommen. August. Weh' mir, ich vergehe — Erasm. Ich werd' ihm ein'Kampfer unter die Nasen halten. August. Geh' hinein zu ihr, — ruf' sie heraus, ich muß sie sprechen, — geh', ich will dich königlich belohnen, da hast Du ein Silbersechserl, — geh'. Erasm. Naja, ich geh'ja schon, mir scheint, der braucht Eisumschläg'? (Will nach links ab.) Sechste Seene. Vorige. Rosa stritt heraus im Brautschmucke). Rosa. Da d'rinn hat's eine Hitz, ich muß mich ein' Augenblick abkühlen. (Sieht August.) Was seh' ich, Herr Vetter! — Sind Sie'ö wirklich? „August. Ja, ich bin's, der Unglückselige! — EraSm. (zieht sich in den Hintergrund zu seiner Arbeit zurück). Rosa. Na, das ist wirklich eine Ueberraschung, — mitten in der Nacht, — wir glaubten Sie in Triest! Bitte nur in den Tanzsaal zu spazieren, — mein Mann wird sehr erfreut sein. August. O Rosalinde, warum hast Du mir das gethan! Rosa (erstaunt). Du? — August. Bin ich darum zwei Jahr lang in'S Haus 'gangen, Hab' ich darum Deine korpulente Mama zu allen Garten-Concerten und Illuminations-Festivitäten spazieren getragen, um Dich jetzt nach einer kaum dreimonatlichen Abwesenheit in den Armen eines Andern zu finden? — Ich komme Abends zehn Uhr mit dem Eilwagen an. und gehe gleich in'S Gasthaus, mir die Freude des Wiedersehns der Geliebten für morgen Früh aufhebend: —- Meine Tischgesellschaft flüstert sich höhnisch grinsend in die Ohren, man spricht von verschmähten Liebhabern, und ich Argloser Hab' gar keine Idee! — Endlich schlagt die Polizeistund, die Patrouille erscheint, wir werden eingeladen nach Haus zu gehen. Alles erbietet sich, mich bis zu meiner Woh- mung zu geleiten, ich schlage vor, hier durch die Krautgaffe zu gehen, man genehmigt laut lachend meinen Vorschlag, und nach fünf Minuten stehe ich vor dem Hause — dieses elenden Pillendrehers, aus dessen hell erleuchteten Fenstern mir eine ohrenergreifende Tanzmusik entgegentönt. — Ich erkundige mich nach der Ursache dieser spanischen Fliegenbelustigung, und mit schadenfrohen Mienen wird mir endlich das Entsetzliche in klaren Worten mit- getheilt: — als Neuverwählte empfehlen sich Sebastian Hippus und Jungfrau Rosalie Tre schler. Rosa. Herr Cousin! Nur Ihrer Aufregung verzeihe ich die beleidigenden Ausdrücke, welche sie sich gegen meinen guten Mann erlaubten; ich habe Ihnen durch mein Benehmen nie Ursache zu Hoffnungen auf meineHand gegeben; — auch haben Sie sich ja, soviel ich mich erinnere, niemals ernstlich um mich beworben: August. O, ich war ein Stockfisch! — Aber könnt' ich glauben daß Sie so plötzlich — warum diese Ueberstür- zung in der Sache? Rosa. Vor zwei Monaten hielt Herr Hippus um mich an, er ist ein achtungswerther Bürger, vermögend, sanften Charakters, er wußte sich meine 6 Zuneigung zu erwerben, und ich hoffe mit ihm recht glücklich zu sein. Die Hochzeit sollte erst in vierzehn Tagen stattfinden, da jedoch mein Mann morgen Früh fünf Uhr in dringenden Angelegenheiten nach Wien zu fahren be- müssigt ist, so beschleunnigten wir unsere Verbindung. August. So sei's denn! DaS Ge- schehene^ungeschehen zu machen, liegt nicht in meiner Macht. Verzeihen Sie mein ungestümes Betragen — aber soll man denn da nicht rasend werden wie ein junger Roland, wenn man sieht, wie eine zarte Taube so die Beute eines alten Geiers wird. — O, ich seh' ihn schon, den alten Liebes-Rabulisten, wie er sie zärtlich bei der Hand faßt und sagt: Rosalie, — erlaube mir den Brautigamskuß auf Deine Rosenlippen! (August küßt sie.) Rosa (gibt ihm eine Ohrfeige). Jetzt ist's genug, mein Herr, auf Nimmer- wiederseh'n! (Ab.) (Die Musik endet.) Siebente Scene. August. EraSmuö. August. Ich bin geschlagen! EraSm. G'schieht Ihnen ganz recht. Meinen Prinzipalen seine Frau, die erst g'heirath hat, so mir nichts, dir nichts, da im Laboratium abzu- bußeln! August. Ich bin Cousin! — Als solcher Hab' ich das Recht. EraSm. So. — in was für ein G'setzbuch steht denn das? Wissen Sie, daß mein Prinzipal Ihnen verklagen kann, — wegen vorsätzlicher Beschädigung des EigenthumS? — Glauben Sie, an so einer jungen Frau wird nix ruinirt? Sie haben keine Conzession ein Lippenquartett aufzuführen, bei dem der Herr Gemahl als erster Hornist angagirt ist. August. Nicht? — Wohlan, so will ich Euch zeigen, was ein verschmähter Liebhaber im Stande ist. Keinen ruhigen Augenblick soll er haben, kein zärtliches Wort soll er bis fünf Uhr früh, wo er abreist, mit seinem jungen Weiberl plaudern, und statt mit ihr in friedlicher Zurückgezogenheit zu kosen, soll er im Dienste Aesculaps hier hinter seiner Bude stehen! Er asm. (retirirt hinterm Tisch). Hinaus ! — August. Die ganze Apotheke kehre ich um, ich verwechsle die Etiquetten seiner Theebüchsen, man wird von ihm Eibischwurzeln verlangen, und er wird Senftmehl geben, statt Lakritzenstangen wird er Löwenpomade erwischen; der Bevölkerung werden in den Mägen Schnur- und Backenbärte wachsen; sämmtlichen Blutegeln gebe ich Amnestie und schenke ihnen die Freiheit, so wird er elend zu Grunde geh'n, seine Zahlungen einstellen, sich zu Tode kränken, — ich heirathe dann seine Witwe, und räche mich auf diese Weise an dem Mörder meines Glückes. (Stürzt ab.) Achte Scene Erasm. (allein. Wirst ihm mehrere Me- dizinfiaschen nach). Hinaus! Werft's ihn hinaus! DaS ist ein Viechkerl! Wann ich das mein' Prinzipal in der Früh erzähl', werden wir schon unsere Vorkehrungen treffen gegen den Spitzbuben. — Heut' Nacht will ich ihn nicht giften, weil ihm eh der Ehrentag in die Glieder steckt. 7 Neunte Sceue. Erasmus. Hippus. Rosa. Frau Treschler. Hochzeitsgäste (in Mäntel und Kaputzen, worunter die Ballkleider sichtbar find. Zwei Musikanten, einer mit einer Geige). Hippus (sehr freundlich.) Also Sali, mein Kind, geh' auf Dein Zimmer und schau, daß d'einmal den Kranz aus die Haare bringst. Rosa (die Damen umarmend, gerührt). Behüt' Gott, Carolin! Pepi, leb' wohl! Mali, Dir dank' ich noch vielmals, Du Haft uns a große Freud' g'macht. — Lebt's wohl Kinder, gute Nacht! (Mit Frau Treschler rechts ab.) Hippus. Also meine Herren, ich werde erst in einigen Wochen wieder das Vergnügen haben, und wenn ich aus Wien zurückkomm', wollen wir eine kleine Nachfeier halten. Erster Gast. Ach nein, das ist nit a so! — Zweiter Gast. Wlr sehen uns noch vor der Abreis'k Dritter Gast. Wir kommen noch am Wagen! Hippus. Aber — Erster Gast (zum Zweiten), 's Kaffeehaus vi8-ü-vi8 ist die ganze Nacht offen, wir gehen noch auf ein' Punsch! — Ich muß seh'n, ob er richtig fortfahrt, — ich glaub's nicht. Zweiter Gast. 3 a nit! Gute Nacht Freund! Alle. Gute Nacht! Gute Nacht! Erasm. (leuchtet Allen Mitte links zur Thüre hinaus). Zehnte Sceue. Hippus. Erasmus. Hippus (ärgerlich). Gott sei Dank, daß's endlich einmal d'rauß find, — jetzt iS halber drei, — das iS ja eine Indiskretion! Erasm. DaS Volk ist nicht zum Weiterbringen. Hippus. Geh', gib mir mein Schlafrock! Erasm. (bringt von rückwärts Schlaf- rock und Nachtmütze). Ich bitt', da iö Alles, die Schlafhauben auch, — sehr gut sehen Sie aus, Herr Prinzipal, — wenn ich Ihre Frau war', jetzt war' der Moment, wo ich mich verliebet in Ihnen. Hippus (lacht geschmeichelt). Närrischer Bursch, ich sag' Dir ErasmuS, das Heirathen ist doch eine eigene Sach', mir iS so sonderbar zu Muth', — weißt — so ängstlich! Erasm. So wie ein Feldherrn vor der Schlacht! Eilfte Scene. Vorige. Frau Treschler. Treschler (kommt weinend aus dem Zimmer und spricht zurück). Gute Nacht Sali, — schlaf g'sund, mein liebes einziges Kind, — unser Herrgott sei mit Dir! — Ach! — Hippus (tbeilnehmend). Iö Ihnen was, Frau Schwiegermama? Treschler. Was das für eine herzlose Frag' iS! Hippus. Wie so? — warum weinen's denn? Treschler (stärker weinend). An an so ein' Tag werd' ich vielleicht nicht weinen? HippuS. Na, — na. — beruhigen Sie sich nur. — ich hoff' Ihre Tochter recht glücklich zu machen. Treschler (weinend). Ich Hab' halt nur daS einzige Kind! Erasm. Mein Gott, da können ja doch wir nichts davor! Hippus. Der Wagen wird schon da sein! 6 Treschler (weinend). Wie viel Uhr is denn? Hippus. 's wird gleich drei Uhr schlagen. Sie kommen um Ihren ganzen Schlaf. Treschler. Schlaf? — Ich werd' doch heut' nicht an's Schlafen denken? — Da wäre ich eine schöne Mutter! — O nein! — ich fahr' zu Haus, zieh' mich um, und komm' gleich wieder her, — denn wir müssen jetzt dafür sorgen, das Sie alles Nöthige zu Ihrer Abreis' beisammen haben. Hippus (ängstlich). Um Gotteswillen, — nein, das geb' ich nicht zu, auf keinen Fall! Treschler (umarmtHippus und küßt ihn). Ich weiß, Sie haben ein gutes Herz, Herr Schwiegersohn, aber ich laß' mich in meiner Pflicht nicht irre machen. Leben's wohl unterdessen! (Weinend ab.) Er asm. (hat während dieser Scene an einem Stricke die Lampe heruntergelassen und ausgelöscht und leuchtet mit einem Licht Frau Treschler hinaus). Zwölfte Scene. Hippus (allein). Gott sei Dank, endlich amal a Ruh! So eine Schwiegermutter ist des Teufels Unterfutter, — sagt ein altes Sprichwort, ich will der meinigen nicht zu nah' treten — aber mir scheint sie gehört auch mit unter das Kaliber, was die Veranlassung zu diesem unbarmherzigen Gedicht 'geben hat. Christian, paß' gut auf, es wird wohl nix mehr Vorfällen. (Hat das Licht genommen und will in's Zimmer.) Ich muß recht stad sein, meine Frau wird' schon schlafen. (Will rechts ab. in demselben Augenblicke ertönt in der Apotheke die Glocke.) Kling! Kling! Das ist die Apotheker- Glocke, da will noch Jemand ein Medikament. He, Erasmus! Erasmus! der is net da, ich muß selber, und g'rad jetzt — es ist zum Verzweifeln! Dreizehnte Scene. Vorige. August (maskirt). August. ksrclon monsieur, ai-je l'lionnenr äe parier au maitre äe 66tt6 6lk>bIi886M6Nt? Er asm. Blissement wollend? Den Artikel führen wir nicht, möglich, daß der Greisler — Hippus. Ich bin der Apotheker, was wünschen Sie? August. ^6 vien8 6e Vienne — ich komme von Wien — je traver8e ee villa^e — ich reis' hier durch! — Erasm. Wenn man hier durchreist , so geht der Weg nicht durch uns're Apotheken. August, ^e 8ui8 ne lranyai8, ick sein nn enkant 6e ?ari8. Hippus. Das geht mich nichts an. August, ^uoontraire— Sie muß Alles wissen — ich bin gekomm' in Ihr deutsche Land pere-land — kapa- land — in Ihr Vaterland zu kennen zu lern' lei» art8 et le8 srti8te8— der Kunst und Künstlerin — et je 1'ru tronvö! — Ich Hab' gefunden Sie! — Erasm. Mich? —Und deßwegen sein's extra herg'reist? — August. Nit Sie — Is §ranüe artige, — der großer Künstlerin — der Hab' so viel Talent, so viel kumor und len ll'ai titiee! EraSm. WaS für Füß! Augu st. Nix Füß EraSm. Zu was sagen Sie's denn nachher? — Füß' heißt einmal Füaß! August. Du len — Feuer künstlich — nonnit künstlich — Kunstfeuer — als ob sie wäre geboren in Frankreich — oki je l'sllore — ich bet' ihr an! Hippus. Aber wen denn? s 1 August. I^a ^ranäe srti8te, der kleiner Algäemoiselle, waS macht ku- reur in der Komödie von die Madame Birk — pi — Hippus. Der is verrückt! EraSm. Geben wir ihm ^ntipss moüieum mit Saliter. August. Birk — Pi — (Er pfeift.) Hippus. WaS soll das Pfeifen? August. Pfeifen? — 6'e8t ys — Birk-Feifer — das sein der Madame, was Hab' geschrieben der Comödie — was macht immer ziep — ziep — Hippus. Ziep — ziep — August. Oui, Is petite böte, — der kleine Vieh. — ls schwarz und macht hupp in die Gras — sein groß wie die kleine Finger, — et ebsnt tou^ours ziep — ziep — Hippus. Mein Herr, ich habe keine Zeit ihnen die Grillen zu vertreiben! August. Grill'! — 0'e8t §s! eui- I)rs 8862 moi, das sein der ziep— ziep — von der Madame Birk — pi — Eraöm. Grill'n sucht der in der Apotheken! Spanische Flieg'n wenn's woll'n — Hippus. Was woll'n Sie denn eigentlich von mir? August, ^e 8uir> mslsäe, mon smi, ü me lsut un meäiesment — ich brauch' Medizin! Er asm. Wenn wir nur was fertig hätten! (Zu Hippus.) Pantschen wir ihm halt was z'samm. . Hippus. Wo fehlt'ö Ihnen denn? § August. Hier! <1«N8 ms tele! ^ in mein Kopf! " Hippus. Das Hab' ich mir gleich denkt ! Erasm. Sein Sie vielleicht aus'n -Kopf g fall'n? Da müssen Sie sich ^ mit einen Tippe! auSweisen! ^ Augu st. ^ttenäer! Ich muß Sie 2 kkzahl' mein bi8toire! Hippus. Nur keine G'schicht. Ich Hab' keine Zeit zum G'schichten anhö- ren, ich bin erst seit sechs Stunden verheirathet ! August. Das mach' mir gar nix, su eontrsire! — Ich komm' nach Wien, steig' ab in der Ikütel su esnsrü ä'or. Eraöm. Be»'m Kärnthnerthor? Da weiß ich kein Hotel! August. Non, su eansrä 6'or, was macht immer qua — qua! Erasm. Ah — beim Frosch! August. OK non! esnarä, was macht immer qua — qua! Eraöm. Ah. bei der Anten, dort kenn' ich ö'Paschischörzimmer-Stuben- mädl. August. 6's8t §s! ^U8tement ich leö' auf der slNebe der Ziep! Ziep! von der Madame Birk — pi! — O quel bonbeur! — ick ruf'6sryon! Lkt-oe-que vou8 sver un billet? von Uon8ieur! que fsire? — Ick stell' mir an die Porte von die Theater üv !s eour und wart', bis man nzak auf. Ick steh' drei Stund' — sutour üe moi — eine Maß von alte Weib und Ssryon rle plsee, mit Faust wie Schüssel von die Supp'! — Sie druck mir — sie stoßen mich in die Seit', sie lret' auf die Aug' von die Kikeriki! Eraöm. A Hendel! August. Ick ruf' I^688i6UI8 3^62 pitie tlo moi — sie versteh' mir nicht, ich werd' wuth, die xsryon 6e plsee schlagen mir auf mein Nas', reißen mir ab ein SoS von mein Frack, et msltrsilent inon ekspesu. Erasm. Ja die okspesu'8 werden oft malträtirt! August. Endlich on ouvre Is porte — ich stürz' hinein in die Kasse, un billet ä'entrse! voll»! enün le rlüesu 86 löve! ick Hab' ihr geseh'n! er Hab' gespielt wie ein snxe, ob non, comme 10 un potit üisdlo et der ganze Nacht, ick Hab' kaum in qua! qua! von die ziep! ziep! — von die Madame Birk pi! — Hippus. Hat die G'schicht jetzt ein End? August. 1.o lonüomsin der andere Tag ich lauf' fort zu kauf' ein kortrsit, ick habe gefind', was man hat geschrieb' darunt' un souvenir drei Wort! Oll quo! Arsncle 16^o! (Zieht ein Porträt heraus.) leiser! Hippus (liest). Du dummer Junge! August. Ol, o'est moi. — Das bin ick! Erasm. Das geht aber nicht Ihnen allein an, das iS eine weit verzweigte Sekte. Hippus. Ich bin'S nicht, und mag' auch nicht gelten davor, deßwegen frag' ich Sie zum letzten Mal', was für eine Medizin wollen Sie? — A u g. Ouelqus ellose vor der oon- §68tion — von die Blut in die Kopf. Hippus. Also etwas Niederschla- gendeS? August. Oui Llon8i6ui, ein Mittel was schlagt mir nieder. H i pp u s (zu Erasm.) Bring' Schwal. benwasser herein! Erasm. Dort im Winkel lahnt auch was Niederschlagendes! HippuS. Mach' schnell! Erasm. (ab in die Apotheke). (Man hört in der Apotheke eine Flasche fallen und zerbrechen.) Hippus. Das ist ja ein heilloser Tölpel! — Was treibt er denn wieder? (Eilt in die Apotheke.) Bierzehnte Scene. August (allein, bricht in lautes Lachen aus, im natürlichen Tone). Alter Sünder, ich Hab' es Dir geschworen, daß Du keine ruhige Minute haben sollst heut' Nacht, und ich werde Wort halten; vorerst das in's Schlüsselloch. (Steckt einen Zettel in die Thüre deS Schlafzimmers.) Jetzt eine Barikade vor die Thür. (Er schiebt den Kleiderkasten vor die Thüre.) Famos! Die Fortifications-Arbeiten stnd vollendet, der Kampf kann beginnen! (Blaöt das Licht aus.) Fünfzehnte Scene. Hippus. Erasmus. Vorige. Hippus. Ah, das ist zu viel, diese Ungeschicklichkeit! — EraSm. Kann ich davor, daß die Glaserer so schlecht arbeiten? Wie man a Flaschen fallen laßt iö hin. Hippus. So, das is das Niederschlagende! Wer hat denn's Licht auS- g'löscht, wer hat denn das 'than? August. ksrcion Llon8i6ur, e'ötait moi, ick Hab' gestoß' an die tsdlo und umgeworfen das Leucht'! o'o8t jo n'ai p1u8 onvio quo ä'uno 0K086, o'e8t 6'sIIor mo oouokor, ick haben nur noch die Wunsch zu gehen zu Schlaf ot probsdlomont — ver- muthentlich Sie auch. Hippus. Ja, wann's erlauben werd' ich so frei sein. August. Wo sein die porto-vrsi- mont — ich seh' gar nichts. HippuS. Kommen'S da! — (Führt ihn zu der allgemeinen EingangSthüre.) Da is die Thür, da hinaus — A u g u st (an der Thüre). ülloroi, mon- 8iour — llormor bion — millo xrs- 008 — jo V0U8 S88Uro; VOU8-öte8 — Sie sind ein, wie heißt der kleiner Vieh, waS macht immer meh — Erasm. Lampel, Gasbock! August. Oui! — Sie sind ein GaSbock, was macht meh — weil sie sein so gut und Hab' so viel pstioaoo 11 — Geduld — mit mir! ^u revoir! mon trös-eker smi — su revoir, Normer — dien! (Von EraSmuS begleitet ab.) Sechzehnte Scene. Hippus (allein). Scheren Sie sich in's Narrenhaus, — (ärgerlich) kein Licht, — jetzt muß die Lieb' mein Leuchter sein, ihr Strahl wird mir in Ermanglung des Lichtes dienen, mein Zimmer find' ich auch bei der Nacht, mit verbundenen Augen. (Stößt gegen den Tisch.) Was ist denn das? Wie kommt denn der Tisch daher? — bin ich denn statt in dir Mitten vom Zimmer in ein Eck, da muß ich mich mehr links halten. (Streift mit der Hand über den Tisch und wirst mehrere Teller herab«) Ach! mein Porzellain! Sapperment noch einmal, ich werd' mich doch orientiren können, das Schlafzimmer muß ja doch dort sein! (Kommt zum Kasten.) Aha! Da greif' ich schon die Thür, der Schlüssel steckt. (Er dreht den Schlüssel um. öffnet die Thüre des Kastens und ruft hinein.) Sali! schläfst schon? Warum hast denn's Licht auö- gelöscht? Keine Antwort! — Sie wird wahrscheinlich in der Erwartung mich zu erwarten, eing'schlafen sein, — macht nichts. — sie wird schon munter werden! (Geht in den Kasten.) Was ist denn das? Daö ist ja mein Garderobekasten, und statt meiner jungen Frau, umarm' ich einen alten Kaput, — Krutzitürken. was iS denn mit mein Quartier g'scheh'n, — ich kenn' mich nicht mehr aus, man hat mir die Thür von mein' Schlafzimmer gestohlen, ich Hab' mich in mein eig'nen Zimmer verirrt, — wie im Labyrinth vom Schönbrunnergarten. — Erasmus! — Wo steckt denn der Kerl! — (Findet herumtappend wieder den Tisch.) Himmel, wie sieht's denn da aus! (Stellt Alles bei Sette). Die Plag' — wie bei der Georgi-Ausziehzeit; jetzt halt' mich nichts mehr zurück. (Nimmt das Licht und will in da< Schlafzimmer geh'», im nämlichen Augenblicke ertönt die Glocke.) Kling! Kling! Allgerechter! Was ist den schon wieder los, — eS ist g'rad, als ob sie'S auf mich abg'sehn hätten, und ich muß aufmachen, und noch obend'rein auf obrigkeitlichen Befehl! Siebzehnte Scene. Hippus. August. Erasmus. ' Er asm. (August einführend). Da is ein Herr, der möcht' was! Anton (einen großen Shawl um den Hals, heiser). Hab' ich die Ehre den berühmten Apotheker Herrn HippuS zu sprechen ? Hippus. Der bin ich. ja! — Wer sind Sie? August. Zhr Diener. Hier meine Karte! Hippus. Ohne Komplimente! Was wollen Sie, ich hab's sehr eilig! August. Bitte sich nicht zu geniren, ich werde warten, bis Sie Ihre Geschäfte beendet. Hippus. Das kann Nichtsein! — Redens, — was wollen's? August. Ich bin Tenorist! — s — b — o — Hippus. Mir pomad! August. Melchthal und Lohengrin sind meine Glanzrollen; ich habe vor sieben Jahren in Detmold sehr gefallen. Er asm. Dort iS, hör' ich, ein Preis ausg'schrieben für Ein'n, der daS z'sammbringt, daß er nicht g'fallt. Hippus. Warum sind Sie denn nicht in Detmold geblieben? (BeiSelte.) So könnt' er mich jetzt nicht malträ- Liren. August. Sett vierzehn Monat bin ich stockheiser, ich habe die Grippe, mir zieht'S die Gurgel zusammen, als ob ich ein Schnürmieder geschluckt hätte — 12 das » bleibt mir im Kehlkopf stecken, ich bringe diesen Ton nicht heraus, und da ich hörte, daß Sie der Erfinder des berühmten Pulvers gegen Brustbeschwerden sind — so — HippuS. Erasmus! — August (hält ibn zurück). Entschuldigen, — Sie müssen erst die näheren Details — Hippus. Die brauch' ich nicht zu wissen. August. Augenblicklich nur — Hippus. Ich habe keine Zeit! August. Was haben Sie denn zu thun? Hippus. DaS geht Zhnen nicht's an, ich muß zu Bett, es ist halb vier Uhr! August. Macht nir, ich gehe nicht vor fünf Uhr schlafen! Hippus (verzweifelnd). Die heutige Nacht überleb' ich nicht! Er asm. Sie sehen doch, der Herr hat einen Eselöschlaf! August. Wissen Sie, ich habe eine Geliebte! — Mein Gott, welcher Tenorist hat keine Geliebte! Meine aber war ein Muster von Schönheit! Dabei eine ganz reine Seele im Busen! — Eine Blondine mit schwarzen Augen! Sie würden Augen machen, wenn Sie einen Augenblick diesen Augen in die Augen blickten! Und diese Augen blicken nur in meine Augen! Hippus. Das ist mir ja ganz gleichgiltig! — August. Mir aber nicht, denn würde sie auf Andere kokettiren, ich würde meinen Nebenbuhler bei der Brust packen und ihn — (Packt Hippus bei der Brust und beutelt ihn.) Hippus. Himmel Mordtausend — Erasm. WaS thun's denn? Beuteln! den Prinzipal! Da muß ja der Untergebene den Respekt verlieren! August. Um mich kurz zu fassen, muß ich Ihnen noch sagen, meine Geliebte heißt Rosau — Rosau — (Es würgt ihn km Hals.) Erasm. Das ist ja eine Vorstadt in Wien! August. Rosaura heißt sie! — ich liebe das Mädchen rvahnsinnnig; ihr Vater aber, der nebstbei Holzhändler ist, und die Prügel nach der Klafter verkauft, wollte von uns'rer Liebe nichts wissen, und schwur mir ewige Rache. Eines Abends nun stehe ich vor dem Fenster meiner Rosaura, sie seufzt vom ersten Stock auf mich herab — ich sing' ein Lied von Mendelsohn und blaS die Flöte dazu, und so schwängerten wir mit unfern Tönen die Lüfte; — im selben Augenblick aber kommt ihr Vater, bemerkt uns, und da er ein längliches Gewächs, einen Ableger von einer Haselnußstaude in Händen hielt, schwang er dasselbe in retograder Richtung durch die Luft, und ließ eS mehrere Male in horinzotaler Lage auf meinen Rücken fallen, und das gerade in dem Momente, als ich eben das hohe « herauslassen wollte; seit jenem Abend bringe ich diesen Ton nicht mehr zu Wege, der Haölinger hat ihn mir verschlagen. Hippus. Und da wollen Sie? August. Ihre Wunderpulver für meine Heiserkeit; morgen soll ich Probe singen — wenn es gelingt, bin ich als erster Tenor für Budweis engagirt — Alles steht auf dem Spiele! — Ich muß das s wieder haben! — (Halb weinend.) Ich beschwöre Sie, helfen Sie mir! Eras M. (ist aus einen Wink von Hipp, nach rückwärts gegangen eine Schachtel zu holen). Da, wann'ö g'fällig is. Hippus. Man nimmt jede Stunde einen Mefferspitz voll. Erasm. Und daS muß fortgesetzt werden bis die ganze Heisrigkeit gut is. August. Wie lang' kann das ' dauern? Erasm. Sechs Wochen, acht Wochen, a halb's Jahr, ein Jahr. ^ manchmal auch lebenslänglich, daß ist ü aber selten. 8 August. Das werd' ich kürzer ma- r chen. (Schlickt alle Pillen hinab.) 4 Hippus. Ah, gehn's zum Leusel! August. Robert der Teufel? Z (Räuspert sich und fingt.) „Der tapfere Rit- Z ter darf nicht zagen!" — Ha, ich bin H kurirt — ich Hab' wieder das a! Hören Sie selbst! — Pah! Hippus. Schrein's nicht so! E rasM. (bringt tie Schachtel und gibt sie August). August. Statt des Honorars stnge ich Ihnen die Arie aus dem „Nachtlager" vor. Hippus. Lassen Sie mich lieber in mein Nachtlager kommen. Erasm. SiervartenS— (ZuAugust.) ^ Können Sw das Stückel : „Bei Männern, welche Liebe fühlen!" Hippus. Hinaus! August (fingt die Melodie). ! Erasm. (secundirt). Hippus (nimmt einen Stuhl auf und ! treibt ihn damit zur Thüre hinaus). Erasm. (begleitet ihn). § Achtzehnte Scene. M Hip PU s (allein, dann) Erasmus. V HippuS. Es war die höchste Zeit V daß er gangen is, mein' Geduld hat ^ ein' End'. Erasm. (zurückkommend). So — der wär' fort! Hippus. Du bist auch so ein' Kerl, denn ich zerreißen möcht'! Erasm. Warum denn? Schau'n der Herr Prinzipal lieber daß Sie in'S Bett kommen. Hippus. Kann ich denn? —So oft ich mich niederlegen will, macht'S kling! kling! —und ich muß Medizin hergeben, und heut' g'rad muß das Rescript kommen, daß der Apotheker bei der Nacht in eigener Person die Arzneien hergeben soll, na, ich hoff', jetzt wird endlich a Ruh' sein. (Will den Schlüssel in die Thüre stecken, findet den Zettel im Schlüsselloch.) Was ist denn das? Ein Papier im Schlüsselloch? Wie kommt denn das daher? (Liest.) Himmel! „Jemand, den Sie fürchterlich beleidigt haben, will sich vor ihrer Abreise noch an Ihnen rächen, gehen Sie nicht zu Bette. Einer Ihrer Freunde." Erasmus, was sagst denn dazu? Erasm. Da kann man gar niv mehr sagen, aber schrecklich ist die G'schicht! Hippus. Von wem kommt der Zettel? Wem Hab' ich beleidigt? Erasm. Mich haben's wohl schon öfter beleidigt, aber ich Hab' den Zettel nicht geschrieben! Hippus. Ich hab's — der Brief ist von dem Cousin meiner Frau, dem August Sturm, von dem mir die Sali erzählt hat, daß er so a Wuth hat auf mich! Erasm. Schon möglich — da dürfen Sie sich freilich nicht niederlegen. Hippus. War' nicht übel!—Ich weiß ein' Ausweg — Du wirst statt meiner hier wachen. Erasm. Wenn ich aber einschlaf'! Ich bring' schon jetzt kein Aug' zu dem andern. HippuS. Du setzt Dich in's G'wölb hinaus zum Christian auf'n Schlafsessel und da vor die Schlafzimmerthür streu' ich diese Knallkügerln; kommt nun irgend ein Hallunk und macht nur einen Schritt gegen das Kabinet — Erasm. Nachher knallt's, piff, paff, puff-ich hör's, — spring' 14 4 auf. pack' ihn beim Gnack, und hau' d'rauf los, was Platz hat. Werlassen's sich d'rauf, gehen's ruhig schlafen, wünsch' gute Nacht! (Geht in's Grwölb.) Hippus. Das war ein göttlicher Einfall! — Jetzt bin ich ruhig— also schau'n wir, daß wir in's Bett kommen; endlich liebe Sali — (geht gegen das Zimmer, im selben Augenblicke ertönt die Glocke.) Kling! Kling! (Bleibtverdutzt stehen.) Verfluchte Glocken, ist das der Verschwörer! (Spricht hinaus.) Wer ist's denn? Er asm. (von außen.) Ein Dienst- both ist da, sie sagt, sie will a Medizin haben, er — Hippus. Wer? Er asm. Der Dienstboth, sie — Hippus. O du grundgütiger Himmel, ist denn heute der jüngste Tag! (Oeffnet die Thüre.) Neunzehnte Scene. Vorige. August (als hanakischtr Dienst» boihe). A u g u st szuiücksprechend). Wern's me nicht halten zurück. Sie Graußliche — LassenS mich gehen, sonst geb' ich Ihnen Fatzko. Hippus. WaS will der Kuchel- trabant? August. Küß d'Hand gnädiger Herr von Abdecker! Sein'S nicht übel, daß komm' ich so früh — ich brauch' ich Pflaster — weil 'scheh'n iö Malor schreckliche bei Herrschaft meinige, — o Jekuscha! (Weint.) HippuS. Was gibts? Heraus damit! EraSm. Sie müssenö nicht'so an- schrei'n, ein böhmischer Dienstboth iS gar was HeiklicheS! August. Ich bin auf zu HauS in Branowitz was is bei Brünn auf Nordbahn eiserne — hat Vater sagt — schau, Marianka — das kummste nach Wien, kannste machen Glück deinige, a potam bin ich gewesen so lang fleißig und brav, bis Hab' ich kriegt Platz gute bei Herrschaft gräfliche, wo bin ich word'n Ammel bei Bubele kleine, winzige — Hippus. Zu was brauch' ich das zu wissen? EraSm. Sie haben Kucheltrabant g'sagt, also muß sie Ihnen doch sagen, daß sie eine höhere Stellung einnimmt! Ammel. das is schon was! August. Von da bin ich kummen ins andere Dienst, wo haben's braucht Kindsmadl und is e Frau grantige, was sagte: Marjanka, — daß d'mir gut schaustes auf Kindel meiniges. — O Jekus, — sag' ich — wer me schon machen. — Mußte schon fleißig spazieren geh'n mit die Kleine, sagte Frau, na sag' ich — werd' me halt geh'n auf Bastei! — Warum nicht gar, sagt Frau, da fallt die Kindel in die Stadtgraben; — na sag' ich. — so werd'n me halt geh'n in Prater! — Nein, nein, sagte Frau, do iS a zu naß. — Na, sag' ich, — so werd'n me halt Kind trag'n in Backstub'n! — Nachher mußt gut schaun, sagte Frau. daS Kind hatte Appetit und ißt regelmäßig. Na, sag' ich. wann er nicht will essen, sperr' ich ihm auf Guschele und schütt' ihm ein Supperle. — Jekus, sagte Frau, war' nicht übel, — da kunnte sich verzucken. — Wann e sich verzückt, gib ich ihm Brackele auf Buckel rückwärtige. — Zo? — Du glaubfle doch nicht, daß ich laß' schlagen Kindele meinige? — Nicht? so werd' ich ihm schön bitten, vielleicht ißte nachher. HippuS. Wann Sie jetzt nicht sagt was Sie will, so lasse ich Sie hinauSführen! August. Jetzt sein mer da herauS- zogen, Frau leidte nicht, daß man hat Liebhaber und ich Hab' Bräutigam, was is e bei Regiment Infanterie § - 15 ^ und schlagte Trummel großmächtige ^ bei Bande türkische; gestert auf d'Nacht kummte zu mir auf Zimmer, weil wir » haben g'habt Fasan, Hab' ich ihm geben ? paar Stücke!, — geht e immer mit ^ ihm Fleischhackerhund unsinnige, was Z ziehte Trummel bei Bande, wann mar- H schirte. — Ich sprich ich mit Liebhaber, i kummte Pintscherl kleinwinzige, was ^ tragt Frau all'weil auf Schoß, knauft H auf Hund musikalische, der versteht L verkehrt, macht happ! beißte weg Ohr- Z wasche!! — O Jekus! — wann Frau 8 sichte, bin ich Dienstboth g'schlagenes, H — bin ich aufg'standen zeitlich, wo is 4 noch finster und gangen in Apotheken, daß mir geben Flasterle, das wachste wieder z'samm, was is ruinirte an Pintscherle unglückliche. Er asm. Da wird kein and'reS Mittel sein, als Sie schneidt dem Pintscherl das andere Ohrwaschel auch weg. August. Dann merkte Frau nicht, wann iS Pintscherle egal auf alle zwei Seiten, aber das wird weh thun Vie- cherle arme verschandelte. Erasmus. Naja, man muß ihm's halt nicht gleich auf einmal wegschneiden, pomali. alle Stund a Stücke!. August. Da is doch besser wann gibt Pflaster HundSdoctor g'schickte! H ippu s. Jetzt hat Sie die höchste Zeit, daß Sie sich weiter trollt! August. Zo? — Alle satrazene — was wollen'ö denn? — Traun's mi 1 nit — sonst kratz ich Ihnen weg Augen alle zwei kälberne. Sie woll'ns nicht helfen armes Dienstboth, was kummte bitten um Hilf barmherzige! Alte Pflasterschmierer — wem te tschert — alte Schippe! grausliche, da haste Grobheit, kannste Dir aufbewahren in Spiritus medizinische. das denkste an Dienstboth hannakische. — Stare blazen! (Ab von Erasmus begleitet.) Zwanzigste Scene. Hippus (allein. dann) Erasmus. Hippus. Oh, oh! Hat man so was erlebt! Das ist mehr als ein Mensch ertragen kann. Jetzt aber Hab' ich's satt! Ich kümmer mich um nichts mehr, wegen meiner kann der ganze Ort sterben, — wegen meiner sollen's mich mit Geld, Kerker oder Verlust meiner Apotheken strafen, ich rühr' mich nicht, und wenn's die Glocken abreißen! (Er geht gegen das Schlafzimmer, tritt auf die Knallkügerln, er läßt erschrocken den Leuchter fallen, es wird dunkel.) O sapperlot — auf das Hab' ich ganz vergessen! Er asm. (im komischen Nachtgewande stürzt, bewaffnet mit einem Stock, berein, packt in der Dunkelheit HippuS und schlägt auf ihn los). Wart' Du schlechter Kerl, ich werd' Dir geben! — Diebe! — Räuber! — Polizei! — Zu Hilfe! Einuudzwanzigste Scene. Vorige. Rosa (mit einem Lichte von rechts). Frau Treschler (im Negligee von der Mitte). Rosa. Waö gibt's? Treschler. Was ist denn los? Erasm. Ich Hab' Einen erwischt! Hippus. Aber Du Esel, ich bin's ja selber! Erasm. O je! bitt' tausendmal um Verzeihung, — ich Hab' glaubt Ihr Buckel gehört einem Andern? Treschler. Aus welcher Ursach'! Hippus. Ein Mißverständnis, — das Nähere werd' ich Ihnen später erklären, — jetzt gute Nacht! (Nimmt seine Frau bei der Hand und will mit ihr in'S Schlafzimmer gehen.) Treschler. WaS? — Schlafen geh'n? Warum nicht gar! — Jetzt! — es ist gleich halber fünf — um Fünf müssenö fort! 16 Hippus. Verfluchte Wirtschaft! Abreisen — jetzt — mich trifft derSchlag! (Sinkt auf einen Stuhl. Es läutet wieder.) Schon wieder? — Nicht aufmachen! Erasm. Es war' auch unnöthig, sie sein eh schon da. (Oeffnet.) Zweiuadzwanzigste Scene. Vorige. August. Gäste. Alle. Guten Morgen! — Guten Morgen! Hippus (außer sich). Was wollen denn Sie hier meine Herrschaften? August. Leider bin ich zu spät angekommen, um bei Ihrer Hochzeit mitzutanzen; da ich Ihnen jedoch gerne den Beweis liefern möchte, welch' innigen Antheil ich an Ihrem Glücke nehme, so Hab' ich die Herrschaften bewogen, vis-ü-vis im Kaffeehause zu bleiben, um gleich mir sicher bei Ihrer Abfahrt gegenwärtig zu sein. Hippus (im höchsten Zorne). Ich dank' Ihnen allerseits! August. Wie haben Sie geschlafen, wenn ich fragen darf? Hippus (sich verstellend). Oh, sehr gut! Erasm. (bringt Reisemütze, Mantel, Handschuhe und Reisesack, und zieht Hippus unter Folgendem an). Der Wagen wird gleich da sein! Tresch ler und Rosa (helfen Hippus beim Anlegen der Kleider). Rosa. Mach' Dich nur recht warm zusammen! August (mit den Gästen kichernd). 3ch Hab' geglaubt Sie haben gar nicht geschlafen ! Hippus. Wie so? August. Ihr angestrengter Beruf — Hippus (gezwungen lachend). Sie werden doch nicht glauben, daß ich die ganze Nacht in der Apotheken g'stao- den bin ? August. Nein, der Edelmuth ist zu groß! Weg mit der Maske, wack'- rer Mann, wir wissen Alles. Ihre Aufopferung für die leidende Menschheit muß an das Tageslicht! OK, je le eonnais trös bien le vieux ^entilkome, qui vous s nasltrsits cette nuit, — oder glauben Sie vielleicht ein Mensch wird so undankbar sein und verschweigen, daß Sie ihm durch Ihre Wunderpulver seinen Tenor wieder gegeben haben! Die ganze Stadt wird es erfahren, alle Kindsmadln werden erzählen G'schicht merkwürdige an Liebhaber ihrige! — Sie erhalten das Ehrenbürgerrecht, und nach Ihrem Tode werden Sie ausgestopft. Hippus. Was — Sie haben mir die Drei g'schickt? August. Nein — ich war's selber! Hippus. Oh! — Sie verfluchter Kerl! Schlußgesang. Ende. Aus I. B. Wallishausser's k. k. Hostheater-Druckerei. Den Kühnen gegenüber als Manuskript gedruckt, und der Lheatrr-GrschSfts-Agrntur de» Herrn I. Schreiber in Wien zum ausschließlichen Pühnrn-Drbit übergeben. CH. Baronin v. Graven. oder: Was em Milchen uns Nüchrm lernt. originat-Lustspiet m vier Lctev von Charlotte Baronin v. Graven. Im Stadttheater zu Hamburg und Altona bereit- siebenmal mit großem Erfolge gegeben. Don den Hoftheatern: Dresden, Hannover, München, und dem Stadttheater zu Prag bereit- zür Aufführung angenommen. Personen r ReichSgraf von Düren, General a. D. Herr der Grafschaft Düren am Rhein. Seine Gemalt n. Victor Graf Düren, Husarenmajor, x L Mathilde, - ZA Freiherr v. Drosten auf Drosten, Oberst außer Diensten. Loui^se."^"' ! leme Kinder 13-11 Jahre Lottche'n', *) ) Baron Bühnau, Lieutn. in östr. Diensten. Senator Barnikow, Chef eines großen Handelshauses in Hamburg. Frau Barnikow. geb. v. Halden, seine Frau. » Carl, l Pauline, > ihre Kinder. Softe, 1 Wilkens. erster Buchhalter Strom im Comtoir Diener de- Grafen. Diener de- Obersten. Diener de- Senators. bei Barnikow. Der erste Act spielt in Hamburg in BarnikowS Haus. Der zweite auf Schloß Düren. Der dritte auf Schloß Drosten. — Der vierte auf Schloß Düren. Erster Art. Im Hause de- Senator Barnikow in Hamburg. Sehr eleganter, mit allem Comfort versehener großer Salon. SophaS links und rechts, Fauteuile, Tische rc. rc. Recht- und links vom Zuschauer angenommen. Erste Scene. Carl und C 0 N st a N t i N kommen vom Hintergründe recht- herein, hinter ihnen W i l- ken s. Carl (in Reisekleidern). Also Niemand von den Meinigen zu Hause! Wie unangenehm ! Und ich habe mir den Empfang im elterlichen Hause so schön, so feurig ausgemalt. WilkenS (ihm die Hand schüttelnd.) Mein theurer junger Herr! begnügen Sie sich vorläufig mit dem herzlichen Händedruck Ihres ältesten Freundes — Carl (ihn umarmend). Gern, guter Wilkens! ^ *) Die Rolle de- LottchenS kann, wenn keine passende Repräsentantin dafür da ist, -erau-gestrichen werden. L Wilkens. Ihr Brief, der uns so liebe Gäste meldet, traf erst heute Morgens ein, und der Herr Senator sammt den Damen haben sich schon gestern Mittags nach Blankenese begeben, um dort dem Sängerfeste beizuwohnen, von welchem sie heute Morgen zurückzukom- men beschlossen. Carl. Sie haben Recht! Wir hätten erst Morgen hier ankommen sollen. Aber nun sind wir einmal da, und so lassen Sie unS zu materiellen Dingen übergehen. Sie haben doch befohlen, daß man unsere Effekten in die für uns bestimmten Zimmer bringe? Wälkenö. Gewiß. Aber nun will ich auch eben dahin Wein und Frühstück besorgen. Carl. Ganz recht. Wir folgen Ihnen sogleich und wollen dann, ehe die Eltern zurückkommen, einen Spaziergang , in der Stadt machen. WilkenS. Gut, gut! ich besorge schnell Ihr Frühstück. — Hier links lieber Herr Carl! links im blauen Zimmer sollen Sie schlafen, wie einst als Knabe, Ihr geehrter Freund daneben im gelben, (sehr geschäftig ab). Zweite Scene. Carl. Constantin. Carl. Da sind wir alter Junge! sei herzlich willkommen im elterlichen Hause. — Constantin. Ich gestehe Dir lieber Carl, daß ich über die momentane Abwesenheit Deiner Familie nicht böse bin, sie gibt uns Zeit über mein unvorsichtiges Erscheinen hier, nachzudenken. Carl (lachend). Noch immer die alten Grillen! Constantin. Nenne dies Gefühl nicht Grillen. Ich, der Gebundene, der Bräutigam einer Andern — Carl. Die Du nicht kennst, die Du als Kind von 8 Jahren zum Letzten- male gesehen. Constantin. Die aber mein, und besonders meines Vaters Wort hat. Ich sollte mich nicht unvorsichtig in die Nähe jenes herrlichen Wesens, Deiner Schwester Pauline wagen, welche bei ihrer Anwesenheit in Leipzig so tiefen Eindruck aus mich machte. — Carl. Und wie ich fürchte, ist das Wohlgefallen gegenseitig — darum haben wir beschlossen hierher zu reisen und PaulinenS Gefühl für Dich zu prüfen. Liebt sie Dich auch, so treten wir in den Kampf gegen Deines Vaters Härte und Despotie, und machen ein Paar aus Dir und Pauline. Constantin. Ach Carl! Du weißt nicht, wie sehr mein Vater an dieser Heirath hängt — und wie die Familie meiner Braut — Carl (spöttisch). Die reichsgräfliche Familie von Düren. — Constantin. Auf die endliche Vollziehung dieses Bündnisses dringt. Carl. Laß sie warten Constantin! laß sie warten! Genieße die Freiheit noch' so lange als möglich! Die Universität haben wir nun zusammen verlassen, so wie wir ihre Leiden und Freuden brüderlich getheilt, und liebt Dich meine Schwester, wie Du sie — nun so schlagen wir uns mit der ganzen reichsgräflichen Sippschaft! Constantin. Wie gerne! Aber mein alter Vater? Carl. Den wollen wir auf irgend eine Art mürbe machen. Constantin. O Du kennst ihn nickt! Sein Wille ist fest und unumstößlich ! Aber auch mein Wille ist fest. Liebt mich Pauline wie ich sie, so wird sie meine Gattin, und Du der liebenswürdigste Freund, mein Bruder, Du dem alle Herzen entgegen fliegen, der Alles bezaubert. Carl. O Freundschaft! wie verblendest du die Augen dieses, sonst so klar- sehenden, reichsfreiherrlichen grünen Zweiges, vom mächtigen alten Stamm* 3 bäume! Denk an meine Pyrmonter Tän- j zerin — die doch wahrlich nicht Beweise von Sympathie für mich gab. Constantin. Du hast mir das nur flüchtig erzählt. Carl. Und Du überhörtest wie eS scheint, die Pointe der Geschichte. Nun denn, es sind jetzt gerade 3 Jahre, daß ich einen Ausflug nach Pyrmont machte, wohin Du mich leider nicht begleiten konntest. Kaum dort angekommen bekam ich Streit mit einem österreichischen Offizier, einem Baron ^ Bünau — über die wichtige Frage, ob -I die weiße Farbe der österr. Uniform ^ praktisch oder nicht sei, und die Ge- - schichte endete mit einem Duell. ^ Constantin. Bei welchem Du dem ^ Lieutenant ein kleines Andenken gabst. — H Carl. Und er mir desgleichen eine z unbedeutende Fleischwunde in den Arm. H Denselben Abend tanzte ich auf einem ^ Balle, mit einem wunderhübschen Mäd- ^ chen, welches mich durch ihre edlen i Züge, durch die Grazie ihrer Bewe- / gungen und die Eleganz ihrer Gestalt in Entzücken versetzte. Ich tanzte ein ^ zweitesmal mit ihr — sie blieb kalt ' und einsilbig und als ich sie zum drit- Z tenmale aufforderte, da lispelte sie: „es ist nicht üblich, so oft mit ein und s demselben Tänzer zu tanzen, machte mir ^ eine Verbeugung und wendete sich ab. " Ich war durch Wein, Tanz, etwas > Wundfieber und getäuschte Erwartung ^ aufgeregt, und beging die unverzeihliche » Rohheit, das Mädchen zu beleidigen. ^ Ich trat ganz nahe zu ihr heran und j sprach leise und lächelnd, als ob ich ^ ihr eine Galanterie sagen wolle: Mein i Fräulein! Sie scheinen sehr krank zu sein, fahren Sie nach Hause, trinken > Sie Thee — Fliederthce dürfte am geeignetsten sein, er wird Sie in Tranö- ^ Piration versetzen und wenigstens eine 'Z gewaltsame Aufregung in Ihrem eisigen ^ Temperamente Hervorbringen — ich will Ihren Wagen besorgen, denn tanzen dürfen Sie nicht mehr, da Sie mir die Tour versagt haben. Constantin. Ist es möglich! Du konntest Dich so weit vergessen. Carl (wükhend). Ja! ja! glaub es nur endlich! ich war solch ein Flegel. Sie erbleichte, zitterte und sprach: O Sie irren — ich aber ließ sie nicht weiter reden und sagte schnell: Ihre geistvollen edlen Züge haben mich allerdings irre geführt — Sie sind nicht was sie scheinen! Bebend lispelte sie: „Gewiß ich verdiene" — doch ich hatte sie schnell verlassen und zugleich den Ball, und kam wüthend und auf mich selbst aufgebracht nach Hause. Glaubst Du Constantin. daß jene Dame mich auch für das Prototyp der Liebenswürdigkeit hält, wie Du? Constantin. Nein! bei Gott, sie hat dazu nicht Ursache Du hast Dich unverantwortlich gegen sie benommen. Cars. O sage wie ein Bandit! wie ein Pyrat! Aber was ist zu thun — ich sah sie Gottlob nicht wieder und werde sie hoffentlich in diesem Leben nicht wieder begegnen — sie weiß auch kaum wer ich bin! — Laß uns nun schnell frühstücken und dann bis zur Rückkehr meiner Eltern einen Spaziergang machen. (Beide Arm in Arm ab, nach links.) Dritte Scene. Strom (ein ganz junger fader, geckenhafter Bursche, outrirt geputzt und frifirt, trat schon bei der letzten Rete durch die Mitte ein). Strom (sich umsehend). Also das ist der junge Herr, der künftige Chef unseres Hauses und sein Freund. Ein schöner junger Mann — und wie ich fürchte fast schöner noch als ich. Sollte er Sofiens Herz mir entreißen wollen — bei Gott — ich — ich würde ihn todten müssen! Wüßte ich nur erst ob sie mich liebt, ich kann nicht ins Klare damit kommen! Sie'sieht mich nie an ohne zu lachen — sie wird mir nicht wicder- 1 * 4 stehen können — ich soll ja der hübscheste Jüngling Hamburgs sein, wie mein Spiegel und meine Freunde sagen, so oft ich ihnen Geld leihe. Vierte Scene Strom. WilkenS (von links). Wilkenö (freudig die Hände reibend, sieht Strom, ernst) WaS führt Sie hierher, in die Zimmer der Familie, Herr Strom? Warum verließen Sie das Comptoir? Strom (verlegen). Ich suchte den Herrn Buchhalter — WilkenS. Sie scheinen sich oft und ohne genügende Ursachen in die Privatwohnung unseres Chefs zu drängen. Herr Strom — ich will nicht errathen, welche Absicht Sie dabei haben — aber ich warne Sie väterlich, mir nicht Grund zu Ihrer gänzlichen Entfernung zu geben, und sich nicht auch noch gränzenlos lächerlich zu machen. Strom (unendlich verlegen). Herr WilkenS — ich — WilkenS. Schon gut, schon gut! Gehen Sie an Ihre Arbeit und vermeiden Sie in Zukunft sich hier treffen zu lassen. Strom (für sich). Noch heute soll sich mein Geschick entscheiden. Ich muß sie heute noch sprechen (ab). Fünfte Scene. WilkenS. Einfaltspinsel! kokettirt nach unserer Purpurrose, nach unserem Goldkind — nach Sofien! ein Bursche, ganz Moschus und Pomade, und dieses kerngesunde, frische, herrliche Wesen! diesen Juwel — (horcht) Ah! da sind sie! (geht an'» Fenster). Wahrhaftig der Wagen fährt in den Hof! Und nun sind die jungen Herren spazieren gelaufen! Aber desto besser — so können die Damen doch erst ein BiSchen zu sich kommen. Sechste Sceue. WilkenS. Barnikow. FrauBar- nikow. Pauline. Sofie. Sofie (eilt voraus, den Hut in der Hand). Ist eS wahr WilkenS! o sprechen Sie, ist Carl wirklich angekommen? P au li ne (ebenso). Wo, wo ist unser Bruder?! Barnikow (seine Frau führend. Beide elegant und in MaSke und Benehmen nobel und fein). Unser Carl ist hier? wo ist er? Frau Barnikow (sehr aufgeregt). Mein geliebtes Kind, wo, wo böser WilkenS haben Sie ihn versteckt? WilkenS (die Mädchen von sich abwehrend, die ihn umgeben). Aber so hört doch nur Kinderchenö! er ist mit seinem Freunde dem Baron Drosten spazieren gegangen — der Brief, der sie ankündigte, kam heute Früh erst, (zieht ihn ander Tasche und gibt ihn Barnikow). Barnikow (liest, seine Frau sieht mit in den Brief). Sofie. Nun, erzählen Sie WilkenS! wie sieht er aus? ist er hübsch wie'wir?-Jst er groß — ist erstark? WilkenS. Wer, der Baron? Sofie. Ach, was kümmert unS der? der Bruder. Pauline. O sprich nicht so von seinem Freunde, Sofie! Unser toller aufbrausender Carl lebte nicht mehr, wenn — Frau Barnikow (hinzutretend). Gewiß, mein Kind! Wir danken nur diesem aufopfernden Freundesherzen daö Glück, unfern Carl wieder zu sehen, dessen Heftigkeit — die unS schon an dem Knaben erschreckte — mit den Jahren wuchs, dessen störrischer,oft biö zur Wuth auSartender Sinn, unS viel Sorge machte. Sofie. Er hat eben ganz den Charakter. aber auch die Schönheit der Mama geerbt! Frau Barnikow (sehr heftig). Sofie! zähme Deine ausgelassene Laune! lch rathe eS Dir! 5 Sofie. Aber Mama schon wieder zürnen Sie mir, weil ich die Wahrheit spreche — so wie sie mir ins Herz geschrieben ist! — Barnikow (kommt näher zu setuer Frau). Was zankst Du Mütterchen? Immer wieder mit meinem kleinen Koboldchen? Was hat sie verbrochen? gewiß wieder die Wahrheit gesagt? Doch laßt den HauSkrieg. Pa ul ine (zuWilkenS.) Aber so sprechen Sie doch — wie sieht er aus unser Carl? Sie haben noch nicht geantwortet. Als ich ihn in Leipzig mit Mama besuchte, war er vom überstandenen Nervenfieber noch leidend und bleich. Sprechen Sie. — Wilkens (auf Sofie zeigend). Ließ mich der Unband denn zu Sprache kommen? Sofie (affektirtAerger). Monsieur Wil- kenS! Sie sehen nie mehr eine meiner beliebten ReverenceS, wenn Sie mich lästern! WilkenS. O so hart straft mich mein kleiner Liebling nicht! Sofie. Aber wozu fragt Ihr WilkenS, wie Carl aussieht. — Dies alte Rechenexempel har weder Talent, noch Beruf zum Malen — ich dagegen will den Bruder treu zeichnen. So hört denn : Breit von Schultern, stämmig und gewaltig — gerade wie Papa — schöne braune Haare — braune Augen feurig und kühn — wie Mama — blauen Bart, frische lebenskräftige Gesichtsfarbe und gesunde Zahne, wie Papa — elegante Bewegungen und klangvolles Organ, wie Mama! Frau Barnikow. Albernes Geschwätz. Barnikow. Jch'für meinen Lheil. dank Dir mein Töchterchen für den Vergleich — ich kam gut weg dabei. — Aber sprich, woher nahmst Du alle diese Vermuthungen? To sie. Der Grundriß, mein Her- zenSväterchen, ist eine Reminiscenz auS den schönen Tagen meiner Jugend, wo wir daS holde Original hier unter unS wandeln sahen. Kolorirt habe ich ihn mit den Farben, die seine Briefe mir gaben und durch die Ähnlichkeit mit Papa und Mama, deren ich mich noch gut erinnere, die selbst bis zur Leichtigkeit der Hand reicht, die ich an Mama sehr oft zu bewundern Gelegenheit hatte. Frau Barnikow (sehr heftig, aber mit Anstand). Es ist genug! Merke Dir genau, was ich Deinem so lebhaften Erinnerungsvermögen jetzt einzuprägen beabsichtige. Wenn Du Dich noch einmal unterstehst dergleichen alberne Bemerkungen zu machen — so werde ich Dir deinen eigenen holden Grundriß derart koloriren, daß Du dich in die schönen Tage Deiner Jugend lebhaft zurück versetzt fühlen sollst. Siebente Scene. Vorige. Carl. Constantin (kommen lebhaft durch die Mitte herein, besser gekleidet. als Anfangs.) Carl. Papa! Mama! Da sind wir! Frau (eilt ihm entgegen, umarmt ihn). Mein geliebter Sohn! Pauline (grüßt Constantin verlegen, wendet sich schnell zu ihrem Bruder, nimmt seine Hand, drückt und küßt sie und umschlingt ihn von der anderen Seite). Lieber, lieber Bruder! Barnikow (reicht de« Baron dieHand). Willkommen in meinem Hause Herr Baron! Der Freund meines Sohnes ist auch unser Aller Freund. Verzeihen Sie — (auf seine Frau deutend), wenn die Mutter alles Andere vergißt, im Momente deS Wiedersehens! (geht zu seinem Sohn und umarmt ihn.) Sofie (zu Constantin). Sie sehen mein Herr! ich kann dort (auf Carl zeigend.) noch nicht ankommen, ich habe die letzten Ansprüche, denn ich bin die Jüngste, darum stelle ich mich Ihnen 6 indessen vor und mache dem Freunde meines Bruders die kvvoi enee rUmilie wie sie mich meine Tanzmeisterin, die berühmte Delain, in ihren tiefbedeutenden, vielerlei Abstufungen gelehrt hat; denn Sie müssen wissen, daß mich Madame Delain verschiedene Reverenzen lehrte: (zählt an den Fingern.) die keverenoe journsliere, die keve renee Arsoieuse, die kevereno» Uscksme, 6e 6oquetto, rie pruüo, ä'smitiö, ü'smour seerete. — Constantin. Mein Fräulein, nicht eingeweiht in die mystische Bedeutung der verschiedenartigen Reverenzen, kann ich Ihnen nur einfach sagen: Ihr Empfang entzückt mich! Sofie. O damit bin ich vollständig befriedigt! Und hier (nimmtPaulinens Hand.) stelle ich Ihnen unsere sanfte, milde Pauline vor — die Sie ja bereits kennen und die mir oft und viel von Ihnen erzählte. — Sie ist der Engel unseres Hauses — wahrend ich, als Kobold, Zankapfel, Unband rc. rc. im Familienkreise figurire. Constantin (zu Pa u l i ne). Mein Fräulein! wie glücklich bin ich Sie wiederzusehen. P auline (verbeugt sich schüchtern). Möge es Ihnen bei uns gefallen. Constantin (herzlich). Wo Engel am Eingänge des Hauses stehen — Sofie. Das Hab ich schon einmal wo gelesen. — Constantin (mit der Hand aus's Herz). Vorläufig steht es hier geschrieben. — Carl (hat seitdem mit seinen Eltern seitwärts gesprochen, lebhaft und mit vielen Umarmungen unterbrochen). Meine Eltern heißen Dich innig willkommen lieber Constantin. Frau Barnikow. Sie erfüllen einen der innigsten Wünsche meines Herzens, indem Sie uns die Freude Ihres Besuches gönnen. Barnikow (herzlich). Und da wir Sie einmal bei uns haben, so lassen wir Sie auch so schnell nicht wieder fort. Constantin. Solch ein Empfang könnte allerdings auf jede andere Rücksicht vergessen lassen — leider aber bin ich gezwungen, schon in wenigen Tagen Ihrem liebenswürdigen Kreise Lebewohl zu sagen. Sofie. Warum nicht gar! doch das werden Papa und Mama nicht zugeben. Nicht wahr Mama? hier wird einer Ihrer determinirten Befehle am geeignetsten Platze sein. Frau (mit einem strafenden Blick auf Sofie). Ich hoffe, eS soll dies nicht nöthig sein, wir werden durch Bitten erreichen können — Carl. Ganz recht Mama! vorläufig noch nichts von Trennung — sind wir doch kaum warm geworden im heimath- lichen Neste. Constantin. Aber nun erlauben Sie, daß ich Sie mit Ihrem Sohn allein lasse. — In die ersten Momente des Wiedersehens nach so langer Trennung, gehört kein Fremder. Barnikow. Der sind Sie uns nicht! Aber ermüdend dürften für Sie die wiederholten Liebkosungen sein, durch welche sich die elterliche Freude kund giebt. Darum mag Pauline Sie i» unseren Garten führen und Ihnen unsere Gewächshäuser zeigen, die manches Interessante bieten. Sie Beide kennen sich ja schon. Constantin (zu Pauline). Werden Sie so gütig sein, mein Fräulein? Pauli ne. Wie gerne! (geht mit ihm durch den Hintergrund ab). Achte Scene. Vorige (ohne Pauline und Constantin. Bernikow (nachrufend). Entfernt Euch nicht zu weit, es ist bald Essenszeit! (zu seiner Frau.) Wer hat nun Recht gehabt Mütterchen, sieht unser Carl nicht 7 eben so aus, wie unsere kleine Wahrsagerin ihn geschildert? Carl (Sofien umschlingend). So hast Du dich deS Bruders noch lebhaft erinnert, kleine Sofie? Sofie. Aber so sieh mich doch erst recht an Bruder — ich bin ja erwachsen, und wahrlich kein Wickelkind mehr. Carl (mit Entzücken sie betrachtend). 3a wahrhaftig! ich glaubte noch ein Kind zu finden, und sehe eine vollendete Dame vor mir. Sofie (mit einer tiefen Verbeugung). Die Dame dankt durch eine keverenee xrsvieliss. Die Schwester — (fliegt ihm an den Hals.) thut was Besseres! Barnikow (zu seiner Frau, neben der er steht). Sie ist bezaubernd! Sofie (die es gehört schnell). Sie dankt für dies gerechte Urtheil durch eine ksverence 6e ooquette! (verbeugt sich koquett.) Alle (lachen). Barnikow (küßt sie). Mein süßes Kind! Sofie. Papa! sehen Sie, sogar Mama lacht! O dreimal glücklicher Lag! — .DaS dank ich dir Carl! Die Freude des Wiedersehens stimmt Mama so gütig, so weich, daß sie selbst für mich, die ihr so viel Verdruß und Aerger macht, durch mein ungeschliffenes Wesen, durch die mir angeborene unüberwindliche Sucht immer und bei jeder Gelegenheit die Wahrheit zu sagen, ein freundliches Lächeln hat! O Carl! süßer Bruder! wenn Du diesen schönen Moment benützen, und mir von Mama einen Kuß erbetteln könntest, so innig und herzlich wie Du und Pauline sie immer erhielten — um die ich Euch stets heimlich beneidete und oft stille Thränen weinte, o wenn Du sie dazu bewegtest — so würde dies heute mein eigentlicher ConfirmationStag sein! Earl (zu seiner Mutter). Mutter! was sagt sie da? Frau Barnikow (hat fich während Sofiens Rede links gesetzt und ist sehr bewegt). Ach, höre nicht auf ihr Geschwätz. Barnikow (sehr bewegt zu seiner Frau). Marie! — kannst Du dies hören, ohne im Innersten der Seele getroffen zu werden? (zu Sofie.) Geh' mein Löchter- chen! küße deine Mutter, sie liebt Dich wie ihre älteren Kinder. Sofie (stürzt ihr zu Füßen, küßt ihre Hände). Mama! Herzensmama! ist dies wahr? Frau (steht auf, preßt fie ans Herz). Mein Kind! Sofie (zwischen Lachen und Weinen). O Mama! das thut wohl! o ja! ich bin Dein Kind — Dein gutes Kindl und Dein jüngstes Kind, drum Hab mich lieb — lieb — ich will Dir folgen — Dir ähnlich werden in Allem — gut und klug wie Du — hübsch wie Du, und einst meine Kinder erziehen wie Du, mit fester kräftiger Hand. Alle (lachen gerührt und herzlich). Sofie (wieder ganz heiter). Ja, lachen Sie nur meine Herrschaften — Sie sollen es bald erleben. Ich habe mein Erziehungssystem aus sehr guten lehrreichen Büchern geschöpft. Frau (lachend). Wo hättest Du denn diese herbekommen? Sofie. Von Wilkens. Wenn ihr zum Ball oder in Gesellschaft ginget, da saß ich weinend und trübselig zu Hause — und da hatte er Mitleid mit mir. Ich bat ihn so schön —ich machte ihm eine keverenoe 6e ooquette nach der Andern — was bekanntlich seine größte Delice ist — und endlich brachte er mir denn auch, aus Gott weiß welchem Winkel, vortreffliche Bücher. Z. B. Tantchen Rosmarin, Mimili v. Clauren. der gehörnte Siegfried —die entführte Nonne, Liebe und Betrug, der Liebe stille Freuden, dann sämmtliche Romane von Lafontaine welche besonders lehrreich für die Jugend sind — und die L,6ttr68 Ninon cke I^snolo8 hat 8 mir früher schon meine Tanzlehrerin gegeben. Barnikow. Gott erbarme sich! herrliche Lektüre für ein 17jährigeS Mädchen. Sofie (ernst). Lehrreich und voll guter Beispiele! Carl. Hoffentlich hat Sofiechen wenig davon behalten. Sofie (plötzlich lachend). Wenigstens soviel, wie ein Mädchen nicht handeln soll und daS ist ebensoviel werth, als manches langweilige moralische Buch, be» dem man einschläft und sich doch nichts davon merkt. Barnikow. Sie hat Recht. Frau (schüttelt den Kopf). Barnikow. Za, ja Marie! sie wird eS dir beweisen; ihr praktischer, richtiger Sinn wird sie leiten. Sofie (schmeichelnd und ihre Mutter küssend). Und MamaS Beispiel! Frau (zu Carl, der auf der anderen Seite sie umarmt). Wie glücklich macht uns Alle Deine Wiederkehr, mein einziger theurer Carl! Du bleibst unS doch nun für lange? Barnikow. DaS versteht sich! Carl. Ich versprach meinem Freunde »hn zu begleiten. Constantin ist gezwungen, sich den Wünschen seines Vaters zu Folge, nach Schloß Düren am Rhein zu begeben und sich seiner Braut vorzustellen, die ihm, durch ein Uebereinkommen der beiden Familien schon als Kind bestimmt ward. Sofie. Und liebt er seine Braut? Carl. Er hat sie nie gesehen. — Barnikow. Armer Junge! also eine Convonienz-Heirath. Sofie. Ach wie wär' eS, wenn wir deinen Freund von dieser gezwungenen Heirath erlösten? Carl. Und wodurch mein Schwesterchen? Sofie. Indem wir ihn hier sein Herz verlieren lassen. Sieh mich z. B. an. Was meinst Du, wenn er sich in mich verliebte und ich würde: Llsäsme la Lnronns äs Drosten und ich könnte bald die kevsrsnos äs läsäsms machen (macht eine ceremoniöse Verbergung.) und Du könntest sagen. ^kostte dellsLsronne! sUs sst ms soeur! WaS meinst Du? und Du Mama, und Du Papa? Frau. Sofie! ist daS vernünftig? Sofie. Gewiß! ich habe auS äußerst guten und lehrreichen Büchern geschöpft, daß man eine gezwungene Ehe durch eine anderweitige Liebe zerstören, und unmöglich machen kann. Barnikow. Laß Du nur den Baron selbst für sich sorgen! Aber kommt Kinderchen inS Speisezimmer und Du (zu Sofie) rufe Pauline und den Baron zu Tisch (umschlingt Carl und seine Frau und gehen recht- ab) Sofie. Wenn meine Weisheit nicht trügt, so genießen die beiden Prome- nirenden Himmelsspeise — denn Pauline liebt den Baron, daS laß ich mir nicht nehmen, umsonst erröthet sie nicht, so oft von ihm gesprochen wurde und er — hu! — er verschlang sie fast mit den Augen und sah mich kaum an. Da sind sie! Neunte Scene. Vorige. Constantin undPauline (kommen Arm in Arm, Pauline sehr bewegt.) Pauli ne. Fanden Sie unfern Garten, unsere Blumen, schön, Herr Baron? Constantin. Gewiß! ich fand in Zhrem Garten die seltenste, kostbarste Blüthe — eine klora rsrissims — wie keine Zweite mehr, so rein und reihend blüht! Sofie. Wirklich? (für sich). In meinen äußerst guten Büchern steht: Liebende muß man allein lassen, denn sie haben sich stets viel und Auferbauliches zu sagen. Gut also, ich gehe! Sie sollen sich verständigen, das wird daS Beste sein, (zu Constantin.) Ich kann Jh- s nen nicht helfen, lieber Baron! ein Paar Minuten müssen Sie sich nun schon noch mit meiner siillen Pauline begnügen, mich rufen wichtige Geschäfte. Aber kommen Sie auf den ersten Ruf zu Tische. Constantin (verlegen). Mein Fräulein! Sofie. O ich weiß — dies macht Sie trostlos, (abgehend.) Aber diesmal kann ich schon nicht helfen! es ist grau« sam, ich fühle das wohl, aber wo die häusliche Pflicht ruft — da schweigen alle Rücksichten! (ab nach recht».) Zehnte Seene. Vorige ohne Sofie. Constantin. Mein Fräulein! Ich verstehe Ihre liebenswürdige Schwester, sie sieht in mein Herz! sie gewährt mir den höchsten Wunsch meines Lebens, eine wichtige Frage an Sie zu stellen. Pauline (sehr bewegt). Mein Herr! was könnten Sie mir zu sagen haben, was nicht meine Schwester, meine Mutter hören dürften? Constantin. Pauline! eS sind mir vielleicht nur Minuten mit Zhnen allein gestattet — darum lassen Sie uns diese nicht mit leeren Worten verlieren! Ich erbitte von Ihnen einen Rath, eine Entscheidung, die meine Zukunft gestalten, mein Glück oder mein Elend fürs ganze Leben bestimmen wird. Pa ul ine. So sprechen Sie! Constantin. Sie kennen daS unselige Band, welches mich an ein un- gekanntes, ungeliebte- Wesen kettet; Sie wissen, wie mich auf der einen Seite Rücksichten für meinen Vater binden, während mein Herz unwieder- ruflich an das edelste, holdeste Wesen gefesselt ist! Seit ich eö kennen lernte, sind meine Seele, mein Herz, mein Geist, die Beute eine- fürchterlichen Kampfes! WaS soll ich thun? o rathen Sie Pauline! Pauline. Zhre Pflicht. Nur diese darf und kann von Zhnen berücksichtigt werden. Constantin. Wenn aber durch eine gezwungene Verbindung daS Unglück der mir aufgedrungenen Gattin, so wie daS Meinige gewiß wäre? Pauline. Mit festem Willen und moralischer Kraft vermag man Alles zu überwinden. Constantin. Und nennen Sie es kein Unrecht, wenn ich mit dem'Bilde einer Anderen im Herzen, einen Meineid schwöre? Pauline (bebend). Sie müssen dies Bild zu verdrängen, jene Liebe auS Zhrem Herzen zu reißen suchen. Constantin (immer lebhafter). Auch wenn ich dadurch einem edlen schuldlosen Herzen, welches sich in gleicher Liebe mir zugewendet, namenlose Leiden bereiten würde — wenn ich daS Glück derjenigen vernichte, die mich liebt? Pauline (kaum hörbar). Auch dann! Sie wird in dem Bewußtsein erfüllter Pflichten, Muth und Kraft zu leiden finden. Constantin (dumpf). Und — ist dies Ihre letzte Entscheidung? Pauline (bebend). Ich habe keinen anderen Rath zu geben. Constantin. Und glauben Sie eS nie bereuen zu müssen, diesen Ausspruch gethan zu haben ? Pauline (mit letzter Kraft). Ich hoffe es! Constantin. Und Sie werden mich nicht Haffen — mir nie fluchen? — Pauli ne. Nie! Constantin. Sie werden — mich nicht ganz vergessen? — Pauline (außer sich). Nie! so lange ich lebe, so lange ich athme! (finkt in einen Stuhl.) Constantin (auf fie zueilend). Pauline ! Geliebtes Wesen — o sprich ein Wort noch — sag! ich liebe Dich — sei mein — uud ich breche alle Ketten 10 die mich fesseln! O Pauline! sei gütig! laß die Stimme Deines Herzens entscheiden, folge nicht den kalten Aussprüchen der Vernunft! Pauline sei mein! Pauli n e (finkt an seine Brust). Con- stantin! Eilfte Scene. Vorige. Sofie. Sofie (öffnet rasch die Thüre rechts und rust herein). Mama und Carl kommen zurück! Ah! da scheine ich was Schönes veranstaltet zu haben. (Sie kommt herein, eilig.) Ich nehme Mama in Empfang und schicke Euch Carl, der wird rathen und helfen! — Vertraut Euch ihm an. (Sie eilt über die Bühne durch die Mitte ab.) Pauline. Ich vermag es nicht, dem Bruder in dieser Aufregung zu begegnen. Sprechen Sie mit ihm, mein Freund, und folgen Sie seinem Rathe! Ich unterwerfe mich Allem dem, was sie Beide beschließen — (wendet sich zum Gehen.) Zwölfte Scene. Vorige. Carl (durch die Mitte). Carl (hastig) Sofie schickt mich hierher, mit einer Hast und Angst — ich soll rathen — helfen — sagt sie. (sieht Pauline, welche weinend ab will, eilt auf sie zu.) Und Du in Thränen Paulinchen — und Constantin in Verzweiflung — waS soll daS bedeuten? Pa U line (sich an seinen Hals werfend). O mein Bruder! rathe, hilf! ich erliege fast! Carl (Beide betrachtend). O nun verstehe ich, hier hat eine Erklärung statt gefunden! Hm! Geh Paulinchen, laß uns allein und vertraue auf Deinen Bruder (führt sie links ab.) Dreizehnte Scene. Carl. Constantin. Carl. Sprich Constantin! starre nicht so vor Dich hin, laß und zu einem Entschluß kommen. Constantin (lebhaft). Ja Carl! zu einem Entschlüße, Du hast Recht, aber meinerseits ist dieser bereits gefaßt. Carl. Und weichend Constantin. Kannst Du fragen? Pauline liebt mich — ich liebe sie namenlos, sie muß mein werden; aller Welt zum Trotz! Carl. Es giebt nur ein Mittel — dies Chaos zu entwirren. Constantin (heftig). Sprich, sprich! Welches?! Carl. Deine Braut — oder deren Familie — müssen selbst, freiwillig zurücktreten. Constantin (wie oben). Ja, bei Gott das ist's! sie sollen zurücktreten. Carl. Ja, aber wodurch sie dazu bewegen? Constantin. Das sollst Du mir rathen. Carl. Ich? das ist leicht gesagt. Constantin. Du bist stets der Unternehmendere, Fantasiereichere von uns Beiden gewesen — Deine Erfindungsgabe wird Dich wohl nicht eben dann verkästen, wo es wichtige Interessen gilt, und wo daS Lebensglück Deiner Schwester, Deines Bruders in Frage stehen. Carl- Du hast Recht! und mein Plan ist bereits fertig. Constantin. O sprich! mein einziger Freund! Carl. Ich wollte Dir erst rathen Deinen Vater um Rücknahme seines Wortes zu bitten — aber — Constantin (giebt ihm einen Brief). Hier lies, ehe Du weiter sprichst, ich habe dies bereits vor 8 Tagen gethan. da ist seine Antwort. Carl (liest). »Ein Mann von Ehre, ein Cavalier hält in allen Lagen des Lebens sein Wort und bringt nicht sich und zwei respektable Familien in der Leute Mund — ein guter Sohn trübt nicht die letzten Tage seines alten Vaters — wer anders denkt, ist ein wort- und herzloser Wicht, und da ich ein 11 solcher nicht bin, so bleibts beim Alten." C o n st a n t i n. Lies was meine Schwester Louise beifügt. Carl (liest). „Armer Bruder! nähre keine, keine Hoffnung auf eine Sinnesänderung deS VaterS, Du kennst seine Heftigkeit, seinen unbeugsamen Willen. Die einzige Hoffnung für Dich wäre, wenn Dürens selbst zurücktreten — Sie find sehr aufgebracht über Dein langes Ausbleiben und der Vater beschloß, daß Eure Hochzeit bis Ende Juli sein müsse — wenn daher — (spricht) o herrlich mein Fräulein! Ihre und meine Ideen begegnen sich! (zu Constantin) Muth Freund! Muth! noch ist Polen nicht verloren. Merke nur wohl auf. Deine Braut muß zurücktreten — muß Dich aufgeben, und damit sie dies thue, mußt Du Dich ihr zuwidek. wo möglich unausstehlich machen. Constantin. Mein Gott! wenn es mir aber nicht gelingt! Carl. Ich rechne dabei auch durchaus nicht auf Dich. — Constantin. Wie verstehe ich dies? Carl. Du bist viel zu gut und liebenswürdig, um dies zu Stande zu bringen. — Es muß ein anderes, energisches Mittel angewendet werden, um Dich der reichsgräflichen Familie unausstehlich zu machen. Constantin. Soll ich hingehen, und den jungen Grafen fordern und todtschießen? Carl. Mein Gott behüte, eS gibt noch mildere Eventualitäten. Vorher also sage: Wie alt warst Du, als Du Deine Braut zum Letztenmale sahst? Constantin. Zwölf Jahre ungefähr und sie acht. — Carl. Die Eltern und den Bruder kennst Du gar nicht — das weis ich. Hat sie ein Porträt von Dir? Constantin. Nein! Carl. Briefe? Constantin. Einen Einzigen, den Ihre Mutter aber sogleich an meinen Vater sandte, um die darin ausgesprochene Kälte und Gleichgültigkeit anzuklagen. Carl. Gut. Mein lieber Freund, Du hörst von diesem Momente an auf zu sein, Hamlets geistvoller Monolog hat für Dich seine Bedeutung verloren. — Du bist nicht mehr Du— auch nicht ich — Du bist Niemand, ein Nichts, denn Du trittst mir Deinen Namen, Wappen, Deine Rechte und Deine Pflichten ab, und ich reise als Baron Constantin von Drosten nach Schloß Düren, und ziehe zwischen der reichsgräflichen Familie und mir, oder vielmehr Dir, einen Schlagbaum, bringe Dir in acht Tagen Deine Freiheit und meiner Schwester den Brautkranz zurück. Nun, was sagst Du? Constantin. O Du bist mein Lebensretter! Ja, Du hast recht! Düren liegt 80 Meilen von Hamburg entfernt — meines Vaters Gut 20 Meilen von Düren, Du bist gewandt und geistvoll, ja, Du wirst das Werk vollenden. Carl. Nun aber zum Detail. Fürs Erste gibst Du mir Deine Wäsche, Deine Papiere, Dein Siegel, Dein Wappen muß auf meinen Wagen kommen, Du begleitest mich bis auf 10— 12 Meilen von Düren, und verbirgst Dich dort irgendwo, besorgst die Cor- respondenz mit Deiner Schwester an mich nach Düren — denn diese mußt Du mit inö Complott ziehen, und gibst mir eine ganz spezielle Beschreibung der Güter Düren und Drosten, die ich auf der Reise auswendig lerne. — Ferner unterrichtest Du mich in der Landwirth- schaft, als deren eifrigen Schüler sie Dich kennen. Constantin. Das wird so leicht nicht gehen, in so kurzer Zeit. Carl. O sorge nicht um meine Gelehrigkeit! Uebrigens weiß ich bereits, daß Dünger das ausschließliche Lebens- ir Prinzip der ganzen Landwirthschaft ist. — Auch weiß ich, wie ein Ochse zum Pfluge brauchbar gemacht wird; aber wie das Heu, und daS Mehl, und die Buchweizengrütze gesät werden — wie das Feld gegraben und geharkt werden muß, wann der Hanf, der Hopfen und der Kohl gemäht werden, das mußt Du mir sagen, davon Hab ich keinen Begriff; die Pferdezucht verstehe ich so ziemlich, und die edle Schweinezucht läßt sich aus der Odyssee leicht entnehmen. Con ft antin (lacht herzlich). Ich sehe. Du hast herrliche Vorkenntniffe von der Landwirthschaft. Aber hoffst Du denn wirklich Dich unangenehm machen zu können. Carl. Darauf kannst Du Dich ver- lassen. UebrigenS wird erst mein Dortsein die Mittel bestimmen, durch welche ich ihnen am schnellsten unerträglich werden kann. Constantin. Wohlan es sei, ich lege mein Geschick in die Hände meines heften Freundes. Vierzehnte Seeue. Vorige. Barnikow. Sofie. Barnikow. Nun Kinderchen, wo bleibt Zhr denn? die Mama wartet mit dem Essen. Carl. Ein glücklicher Zufall ist'S, der Sie eben jetzt zu uns führt, lieber Vater. Wissen Sie denn, Uebermor- gen schon reisen wir wieder ab, und zwar nach Drosten zu Constantin'S Vater, und von da zur Brautschau nach Düren. Barnikow. Also doch? Kaum angekommen denkt Ihr schon wieder an die Abreise? doch wenn eS Zhr Wohl fördert, sei eS drum und Gott geleite Sie lieber junger Freund! Sofie (lelse zu Constantin). Und führe Sie frei und aller Bande ledig zu uns zurück — denn ich müßte mich sehr irren, wenn Sie nicht soeben im hohen Rathe beschlossen hätten, sich frei zu machen. Constantin (leise zu ibr). Gewiß meine theure Schwester! wachen Sie über Pauline, seien Sie ihr Trost und Beistand und sagen Sie ihr, daß ich wiederkehre um sie mein zu nennen, oder nicht mehr lebe! Sofie (eben so). Nun, das wird sie schon trösten, wenn ich ihr von Zbrem Tode vorschwätze. O über diese leichtsinnigen Männer, wie sie mit ihrem bischen Leben umgehen! — Barnikow (zu Carl, mit dem er im Hintergründe auf und abgehend gesprochen, vor- kommend.) So sei es mein Sohn! wenn Du denn durchaus keine Lust hast in irgend welche amtliche Stellung zu treten, und der Kaufmannstand so ganz Deiner Neigung widerstrebt, so kaufe ich Grundstücke, Güter an, und wir werden Landleute. ' Carl (lacht). O herrlich Papa! Ich besitze bereits sehr schätzenswerthe Kenntnisse über Landwirthschaft und Viehzucht. Sofie. Zch unterstütze Dich! Denn aus äußerst lehrreichen Büchern, habe ich gleichfalls über daS Landleben tiefes Wissen geschöpft. Man ißt das Obst wenn eS reif geworden — von der Milch nimmt man die Sahne ab und je dicker sie ist, desto besser wird der Kaffee davon — man schlachtet die Kälber, wenn sie fett sind und die Hühner. wenn sie keine Eier legen wollen. Auch die Naturgeschichte der Gänse ist sehr interessant — Barnikow. Genug, genug von Deinen ökonomischen Citaten. Fünfzehnte Seene. Vorige. Pauline. Mama bittet zu Tisch! Sofie. Beinahe zur Henkersmahlzeit, denn eS ist beschlossen worden, daß uns die Herren in wenigen Tagen schon wieder verlassen werden. 13 Pauline (erschreckend). Wie? Carl. Wirreisen in drei Tagen ab, um bald (bedeutend) recht bald wiederkehren zu können. Barnikow (zu Consi antin). So sei eS denn, junger Freund! kehren Sie uns nur recht bald zurück. Carl (leise zu Pauline). Verlaß Dich auf den Bruder, Paulinchen, hoffe und vertraue. Sofie (von der andern Seite.) Das heißt: Du sollst ihn haben, nur mach ein freundliches Gesicht, sonst kriegst Du ihn nicht. Const antin (leise zu Pauline). Bauen Sie auf den Freund und den Bruder, ich kehre frei zurück und treu. Sofie. Reimt sich sogar, mit Anwendung etwas poetischer Lizenz. Atellmrg. Barnikow. Carl. Pauline. Con- stantin. Sofie. Sechzehnte Scene. Vorige. Frau Barnikow. Frau Barnikow (erscheint unter der Thür linke). Mein Gesandter scheint seine Mission schlecht erfüllt zu haben — ich sitze und warte — Barnikow. Wir sind auf dem Wege zu Dir! Alle. Zu Tisch denn! (Alle ab bts auf Sofie.) Sofie. So, jetzt zeige Sofie, daß du die guten Bücher nicht umsonst gelesen hast. Hilf den Liebenden oder mache sie vernünftig — je nach Umständen. Jetzt beginnt für mich die Be- rufSerfüllung! Ein Mädchen ist entweder da um selbst zu lieben, was so viel ist, als sehr unvernünftig sein — oder um andere Liebende zu beschützen, was so viel ist als sehr vernünftig sein! — Wir wollen also nun vernünftig, wir wollen ganz Vernunft sein von heute ab. (will schnell den Andern folgen. Siebenzehnte Scene. Vorige. Strom (diese ganze Scene so rasch und lebhaft als möglich). Strom (durch die Mitte rasch herein kommend für sich). Sie ist allein, es sei gewagt! Mein Fräulein! Sofie (bleibt an der Thür stehen). Was wünschen Sie? Strom. Mein Fräulein, machen Sie mich zum glücklichsten Sterblichen! Sofie. Wodurch? Strom. Indem Sie mir das reitzendste Bild der Erde zeigen — indem Sie für mich eine kvversnee «i'^mour machen! Sofie (zuckt zusammen für sich). Ist eS möglich! Unverschämter! (schnell zu ihm eilend, der im Hintergründe in der Mitte steht). Hier haben Sie die Reverence, die man mich für alberne Gecken gelehrt. (Gibt ihm einen Nasenstüber, macht rasch einen höhnischen Knix und eilt den Andern nach ab.) Strom (steht verblüfft). (Der Vorhang fällt). 14 Zweiter Aet. Schloßgarten zu Dürrn. Im Hintergründe parkähnliche Anlagen. Rechts seitwärts ist ein Flügel des Schlosses zu sehen, alterthümlich und großartig. Links eine Fontaine dem Schlosse gegenüber, Marmorfiguren zieren den im französischen Style zugeschnittenen vorderen Theil des Gartens. Ganze Tiefe. Erste Scene. Graf. Gräfin. Victor. Mathilde (von rechts). Graf (ein äußerst schöner, alter Mann mit silberweißen Haaren, feinem aristokratischen Benehmen, aber durchaus nicht outrirt). Da Kinder! ein Brief von meinem alten Drosten, er kündet seines Sohnes unmittelbar darauf folgende Ankunft an, und eS bleibt wie er schreibt, bei der Hochzeit, zu der er am 28. Juli selbst auch kommen wird mit seinen beiden Töchtern, wenn wir keine anderen Arrangements wünschen. Victor. So ist Constantin in Drosten bei den Seinigen? Graf. Nein! er kömmt direct von Hamburg, wohin er einen Freund begleitet, hierher zu uns. Gräfin (pikirt). So werden wir denn endlich die große Genugthuung haben, seine Entschuldigung zu hören. Victor. Wer weiß? er scheint es kaum der Mühe werth zu halten, auf unsere Ansichten über ihn, Rücksicht zu nehmen. Graf (gutmüthig). Hören wir ihn erst selbst, Kinder — urtheilen wir nicht, ehe wir ihn gesprochen. Victor. Seine Handlungen sprechen, dächt ich, laut genug. Gräfin. Nimmt es doch fast den Anschein, als ob die Familie Düren sich keinen anderen Schwiegersohn denken könnte, als diesen jungen, unbedeutenden Mann, von dessen Werth wir noch keineswegs überzeugt sind. Graf. Er ist der Sohn meines Jugendfreundes; wir gaben einander das Wort — als wir in den Feldzügen von 1813 — 1814 Gelegenheit hatten, einer dem Andern das Leben zu retten — wir schworen, wenn wir einst Kinder hätten, sie zu verbinden. Drosten hat später bedeutende Summen auf Erhaltung unserer Güter vorgestreckt — ich bin ihm zehnfach verpflichtet — Mathilde hat keine andere Neigung, somit bleibt es — ich wünsche eS von ganzer Seele — bei dem langjährigen Uebereinkom- men. Victor (heftig). Wenn er aber nicht genügende Entschuldigungen für seine Kälte und Hintansetzung aller Rücksichten hat — so soll er sich mit mir schlagen. Mathilde. Mein Bruder, hören wir erst seine Gründe. Gräfin. ES ist Deine Pflicht, mein Sohn, die Ehre unseres Namens zu vertheidigen. Graf. Friede, Kinderchen! Friede! Gräfin. Allerdings, so lange dieser ohne entehrende Zugeständnisse bestehen kann. Ich gestehe, daß ich sehr neugierig bin, auf den persönlichen Eindruck, welchen Drosten hervorbringt. Seine Schwester Louise schildert ihn als einen schönen, jungen Mann mit imposanter Figur. — Mathilde. Und schwärmt für seine- blauen Augen. Graf (lächelnd). Mein Thildchen hat ja das Kapitel der blauen Augen recht gut behalten. — (Ein Posthorn ertönt). 1L Victor. Wir bekommen Besuch. Mathilde. Mein Gott, wenn er eS schon wäre? Graf. Leicht möglich. Zweite Sceue. Vorige. Diener (in reicher Livree tritt ein vom Schlosse her). Diener. Baron Drosten bittet um die Ehre. Graf. Führe ihn hierher, Anton. Zch will den Sohn meines alten Kameraden, meinen Schwiegersohn, nicht mit steifem Ceremoniel begrüßen. (Dienerverbeugt sich. ab). Gräfin. Aber lieber Freund — Victor. Nach seinem vorausgegangenen Benehmen — sollte doch vorher — Graf. Laßt mir meinen Glauben und meine frohe Zuversicht und fordert von mir nicht, daß ich kalte Rücksicht gelten lasse, wo mein Herz laut spricht. Dritte Scene. Vorige. Carl (im Frack und Paletot, den er im Hintergründe dem ihn begleitenden Diener gibt). Graf (ihm beide Hände entgegen haltend). Willkommen, mein theurer, mein langerwarteter Sohn! Haben wir Sie endlich ! (umarmt ihn herzlich). Carl (verlegen). Herr Graf! (verbeugt sich vor der Gräfi n). Mathilde (steht im Hintergründe rechts, erschreckt und sagthalblaut). Gerechter Gott! was ist das? Wo Hab ich diese Gestalt denn schon gesehen? Gräfin (ihn fixirend). Graf (vorstellend). Meine Frau! — mein Sohn! (Victor verbeugt sich kalt, Carl erwiedert es, Gräfin steht Car! immer sehr auffallend an). Graf. Nun Zda? was überrascht D»ch denn so sehr an unserem künftigen Schwiegersohn. daß Du ihn so auffallend betrachtest? Gräfin (fich verbeugend). In der Thal 7-- ich gestehe, mein Herr, daß Ihre Persönlichkeit mich überrascht. SK1lu«g. Victor. Carl. Gräfin. Mathilde. Carl (für sich). Alle Wetter! was fällt der Alten ein? Gräfin. Ihre Schwester schilderte Sie uns als groß von Gestalt, und Ihrem Vater sehr ähnlich — sie sprach von blauen Augen, während Sie dunkle Augen haben, und Ihrem Vater durchaus unähnlich sind. Carl (verlegen lachend). Ja! es ist höchst kindisch von meiner Schwester, wir stritten uns ewig über die Farbe meiner Augen — meine Schwester scheint mir nun ein Mal absolut blaue auf- disputiren zu wollen. Graf. Ach laßt doch die Farbe der Augen, wenn sie nur ehrlich und treu glänzen, wie diese! — Nun wo steckst Du denn, Thildchen? (nimmt ihre Hand und führt sie zu Carl) Meine Tochter Mathilde! Carl (sich verbeugend). Meine gnädige Gräfin! (küßt ihre Hand, steht sie an, für sich). Alle Donnerwetter! meine Tänzerin von Pyrmont, der ich rieth, Fliederthee zu trinken. Alle. Was ist Ihnen? Carl (sich fassend). Zch bin überrascht — diese Schönheit — diese Grazie — der Geist, der aus so schönen Augen leuchtet — Mathilde (betonend). Gewiß, mein Herr! ich verdiene nicht — Carl (für sich, heftig). Sie ist es — dieselben Worte, die sie damals sprach, als ich ihr rieth, Fliederthee zu trinken (zu ihr). O mein Fräulein, Sie verdienen im Gegentheil die Anbetung der ganzen Welt, und ich fühle mich unwürdig, — ja buchstäblich in Nichts vergehend, so vielen Reizen und gegründeten Ansprüchen gegenüber. Mathilde. Sie übertreiben mein Herr! Sie scheinen exaltirt — vielleicht durch die Hitze deS Tages — durch die Reise echauffirt — etwas Kühlen». 16 deS — ein GlaS Limonade — oder eine Taffe nervenberuhigender Thee dürfte vielleicht dienlich sein. Carl (für sich). Da Hab ich meinen Thee — sie revangirt sich mit denselben Waffen. Graf. Ach was da, wer denkt an Thee und Limonade, wenn die Herzen vor Freude hoch aufklopfen! Wein, Wein laßt uns trinken auf unsre endliche Vereinigung! Victor. Mein Vater sprach das richtige, für die Umstände passendste Wort aus, unsere endliche Bereinigung! Sie ließen seit einem Jahre meine Eltern, meine Schwester ohne jede Nachricht — und ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß Ihr Betragen bereits anfing, unser Mißfallen in hohem Grade zu erregen. Carl (zu Allen,) Ich begreife dies — und habe nur zu schweigen, so gerechten Vorwürfen gegenüber. Aber ich darf hoffen, daß auch Sie mich hören und meine Rechtfertigung gelten lassen werden. Graf. Gewiß, daß wollen wir. Ich wußte es vorher, daß meines alten Drosten Sohn nur edle Motive zu all seinen Handlungen haben konnte. Victor. Ich will aufrichtig wünschen, daß Ihre Gründe und befriedigen mögen. Carl. Sie sind ganz einfach. Je mehr und mehr sich der Zeitpunkt der beabsichtigten Verbindung näherte, desto tiefer fühlte ich, wie unwürdig ich des hohen, mir zugedachten Glückes sei! Mathilde (für sich). Was will er damit? Carl. Ich bin ein wilder, lebenslustiger Bursche — noch — wie ich fürchte, wenig geeignet, daS Glück der Häuslichkeit würdigen zu können — ich bin flatterhaft, leichtsinnig — unbeständig in meinen Neigungen — ich fürchte, der schlechteste Ehemann der Welt zu werden. Graf (herzlich lachend). Ah! köstlich, wahrhaft originell! an mein Herz, prächtiger Junge! wir durchschauen Deine Absicht! Da kömmt der Bursche an. sieht die Braut, stutzt, weil er sie hübscher findet, als er gehofft — und macht gleich seinen Plan fertig — fängt an, sich selbst zu verläumden, um zu sehen, ob seine Persönlichkeit genug Eindruck auf die Braut gemacht hat, um sie über so viele seiner angedichteten Fehler hinwegsehen zu lassen. Gräfin. Wahrhaftig, lieber Baron, wir kennen Sie besser! Ihre Schwester hat uns oft genug von Ihrem gesetzten, stillen, ernsten Wesen erzählt, und ich gestehe Ihnen, daß ich schon ein wenig ängstlich war, deS Ernstes zu viel bei Ihnen zu finden — denn ich liebe eS, wenn die Jugend etwas brauset. Carl (für sich). O Gott! nun liebt die Gräfin die brausende Jugend! Da bin ich schön abgeblitzt! Gräfin. Darum begrüße ich Sie denn nun auch mit um so froherem Herzen als meinen Sohn und versichere Sie, daß ich durch Ihre ganze Erscheinung unendlich freudig überrascht bin! (umarmt ihn). Wahrlich, ist mir's doch, als seien Sie mir gar nicht fremd, als habe ich Sie schon gesehen. Carl (für sich). In Pyrmont, versteht sich! am Ende erinnert sie sich! Gräfin. Umarmen Sie mich, mein lieber, lieber Sohn! Carl (für sich, umarmt sie). O weh! o weh! auch der gefalle ich also! Victor. Diese Rücksicht also konnte eS nicht gewesen sein, welche Sie so lange von unS ferne hielt. Carl. Der Herr Graf scheinen ein besonders feindseliges Motiv in meinem späten Erscheinen suchen zu wollen, und werden daher begreiflich finden, wenn ich in diesem offenbar absichtlichen Haschen nach mißliebigen Gründen. auch meinerseits eine Absicht sin- 17 den muß. Ich erkläre daher ganz offen — daß wenn mein seitheriges Verhalten, das Mißfallen der hochverehrten gräflichen Familie erregt hat — ich bereit bin — augenblicklich zurück- ! zutreten und meinen Ansprüchen zu entsagen, (für sich). Das war gut! Graf (zu Victor). Wäre noch schöner! Was soll das, mein Sohn: ^ warum dies schroffe Benehmen, wo wir Alle bereits entzückt sind über den neu- i gewonnenen, vortrefflichen Sohn, der ! all unsere Erwartungen übertrifft. Carl (für sich). O weh! Gräfin. Ja, bei Gott, so ist es! Diese Bescheidenheit bei so großer persönlicher Annehmlichkeit, dieses edle Verzichtleisten, vollendet meine Bezaube- ^ rung, denn so, ganz so habe ich mir den 1 Sohn, den Gatten meiner einzigenToch- ^ ter gewünscht (gibt ihm zärtlich die Hand). 1 Carl (küßt sie. für sich). Was fang ich - nun an, um zu mißfallen? Alles schlägt ? zu größtem Wohlgefallen an mir aus. ! Graf (zu Mathilde). Ich be- ^ greife nicht, Thildchen, wie Du so steif und kalt bleiben, und Deinem Brauti- ^ gam nicht ein Wort der Ermuthigung ^ gönnen kannst? Mathilde (ist strts ihn aufmerksam be- ! trachtend seitwärts gestanden). Ich bezweifle, daß dieser Herr meiner Ermuthigung .! bedarf. Graf (ärgerlich). Dieser Herr! dieser Herr! Du kennst doch den Namen des ! Barons! Mathilde. Allerdings weiß ich, ! daß Baron Drosten Constantin heißt. ^ Nicht wahr, (bedeutend) so heißen Sie! ä C a r l (lacht verlegen). Meine gnädige ? Gräfin, wahrhaftig! Sie scheinen un- 1 endlich zerstreut — ein Name, den Sie ? seit ihrer Kindheit gehört — 1 Graf (wie oben). Ich muß gestehen, H daß ich Dich nicht begreife, Mathilde! H Gräfin (rasch). Die Ueberraschung, 1 der Eindruck, den Ihr Erscheinen ge- j macht, müssen für daß sonderbare Benehmen meiner Tochter als Entschuldigung gelten. Carl (eben so schnell). O gnädigste Gräfin! wozu der Beschönigung, wo die Wahrheit so laut für sich spricht. Gräfin Mathilde haßt mich — ich mißfalle ihr — fie wünscht mich 1VV0 Meilen weit entfernt o ich will nicht aufdringlich erscheinen — wenn auch mit blutendem Herzen, trete ich zurück — sie will, sie verlangt es! — Herr Graf! Baron Drosten bittet Sie hiermit. geben Sie ihm sein Wort zurück — er will dem Herzen Ihrer edlen Tochter keinen Zwang auferlegen, (für sich) Jetzt ist's gelungen. Graf. Donnerwetter! wohin ge- rathen wir! ich mein Wort zurücknehmen ? Dich fortschicken? Kostbarer Junge, mit jedem Worte wirst Du mir lieber und werther! Du wirst mein Sohn! und obgleich ich meine Tochter nie zu einer Heirath zwingen würde, so weiß ich doch, daß meine Mathilde ihres Vaters Wünsche ebenso heilig hält — und hoffe heute noch die Freude zu erleben, daß Ihr, meine Kinder, den elterlichen Segen erbittet. Carl (schnell). O möge die gnädige Gräfin sich Zeit lassen zu vollständiger Sammlung und zu reiflichem Ueber- legen. Ein Schritt, der über das ganze Leben entscheidet, bedarf der Prüfung. Mathilde. Sie haben recht, Herr Baron! wir haben uns gegenseitig noch viel zu sagen — eine Prüfung, wie Sie klug bemerken, ist um so nöthiger, als wir uns ja doch ganz fremd sind, uns nur einmal im Leben sahen. Carl (sehr verlegen). Allerdings nur einmal. Gräfin. Vor 10—12 Jahren. — Ihr wart Beide noch Kinder. Graf. Aber nun kommt in's Schloß — unser Gast wird Durst und Hunger haben. Victor (zu Carl halblant). Wollen 2 18 Sie mir noch zwei Minuten schenken, ehe wir den Eltern folgen. Carl. Mit Vergnügen (für sich). Ah endlich doch Einer, der mich haßt. Den muß ich anders packen (denkt nach). Victor (bat mit seinen Eltern gesprochen). Ich gebe Ihnen mein Wort, daß ich ihn nur auf freundschaftliche Weise befragen werde. Graf (zu Carl). Wir erwarten Sie also in drei Minuten im Schlöffe. Gräfin (sehr herzlich). Nur ungern überlasse ich Sie meinem Sohne! entlaufen Sie ihm, wenn er Sie zu lange zurückhält, denken Sie daran, daß wir Sie mit Ungeduld erwarten. Graf. Gräfin (in's Schloß ab). Mathilde (in den Garten ab). Vierte Scene. Carl. Victor. Victor. Herr Baron! wie angenehm und befriedigend auch der Eindruck ist, den Ihr ganzes Wesen auf uns Alle macht, so kann ich Sie doch nicht eher von Herzen Bruder nennen, bis Sie mir den wahren Grund genannt, der Sie zu Ihrem vorhergegangenen Benehmen gegen meine Familie bewog, denn mir genügen die angegebenen Gründe nicht. Carl (für sich). Wart, dein Stolz soll sich empören — du machst mich frei, dafür steh ich! (zu Victor). Herr Graf! Sie haben recht, und ich achte Sie um so höher, als ich Ihren Scharfblick bewundern muß. Darum will ich denn auch Ihnen gegenüber offen und frei mich auösprechen. Victor. Wie es dem Manne einem Manne gegenüber geziemt, und in unserem speciellen Falle Pflicht ist. Als Sie vor einem Jahre Ihre Einwilligung schriftlich zu der, von den Eltern vor Jahren beschlossenen Verbindung gaben, und meiner Schwester Jawort erhielten, da war es, scheint mir Ihre Pflicht, sich mit der Braut in einen innigen Verkehr zu bringen — da mußten Sie ihr Herz zu gewinnen suchen, und sich nicht, wie Siegethan, in kalter rücksichtsloser Ferne halten, ohne eine Silbe von sich hören zu lassen. Carl (entschlossen). Beklagen Sie mich, Herr Graf! — wenn ich jetzt genothigt bin, Ihnen ein Geständniß zu machen, welches mir vielleicht Ihre Achtung und Freundschaft entzieht. Aber Sie fordern Wahrheit — hier ist sie: Hätte der Zufall mich mit Gräfin Mathilde zusammengeführt, ohne unsere verwandtschaftlichen Beziehungen, so würde ich es wahrscheinlich als das höchste Glück betrachtet haben, wenn ihre Liebe, ihre Hand meinem zärtlichen Werben — zu Theil geworden wäre. Aber dem freiem, selbstständigen Geiste des jungen Mannes widerstrebte der Handel mit Herzens- und LebenSglück, den die Familien beschlossen, und ich schob den Moment einer persönlichen Bekanntschaft der mir also bestimmten Braut so weit hinaus als möglich, und kam endlich mit Widerstreben und um dem ausdrücklichen Befehle meines Vaters, zu gehorchen, hierher, um der Familie, die ich achte und schätze, nicht Ursache zu geben, an dieser meiner Hochachtung zu zweifeln. Victor (war ihm lebhaft gefolgt). So war es also der scheinbare Zwang, der in dem ganzen Verhältnisse liegt, der Sie von uns ferne hielt — Carl. So ist es — mein Ehrenwort ! (für sich). Jetzt wird er losfahren, der wenigstens bleibt mein Feind. Victor (war lebhaft auf und abgegangen). Mein Herr, ich gestehe Ihnen, daß ich tief empört — Carl (für sich). Aha! Gott sei Dank! der ist endlich empört! Victor. Und gränzenlos erbittert gegen Sie war — ehe ich noch Ihre Motive kannte — jetzt aber sage ich Ihnen: ich verstehe und begreife Sie — und wenn ich einen Blick in mein IS eignes Herz thue, dem gleichfalls jeder Zwang verhaßt ist — so kann ich Ihnen nur die vollste Sympathie meiner Ansichten mit den Ihrigen versichern; und so hat denn Ihr offenes, männliches Wort Ihnen meine brüderliche Zuneigung vollständig gewonnen — und jetzt erst heiße ich Sie von ganzer Seele bei UNS willkommen! (reicht ihm beide Hände hin). Carl (versteinert)- Ist es möglich, auch der?! (schnell gefaßt seine Hände nehmend). Sie machen mich unendlich glücklich! (umarmen sich). Victor. Und nun kommen Sie in'S Schloß — erst jetzt kann ich Sie an der Schwelle des Vaterhauses, mit vollem Herzen Bruder nennen. Carl. Jetzt habe ich nur noch eine Feindin, die Braut, wenn die mich nicht verschmäht — dann scheitert mein Schiff im Ocean meiner Liebenswürdigkeit! Sie soll, sie muß mich hassen! (gehen in's Schloß). Fünfte Scene. Mathilde (kömmt von rechts aus dem Garten, wohin sie abging). Was soll dieß Alles? Warum kam er hierher, wenn er nicht Drosten ist, und ist er es, warum hat er sich uns in Pyrmont unter einem anderen Namen vorstellen lassen? Mein Gott! wie schmerzlich ist dies Alles für mich! — Wüßte ich nur ob er wirklich Drosten ist — oder nicht — doch dieß muß sich ja aufklären, und darum sei vorsichtig Herz, und klopfe nicht so ungestüm dem Fremden entgegen, dessen Absichten vielleicht nicht die edelsten sind. — Ich werde ihn fragen, auf Ehre und .Gewissen fragen, und er wird eö nicht wagen, mich in Ungewißheit zu lassen über seinen wahren Namen! (ab in's Schloß). Verwandlung. Alterthümlich aber sehr reich verziertes großes Zimmer im Schlosse Düren. Zwei Seiten- und eine Mittelthür. Sopha, Stühle, Tische, Alles mit kostbaren Stoffen und Decken bezogen. Schöner Fußteppich. Sechste Scene. Carl (allein, kommt von links herein gerannt — läuft wie außer sich, mit der Harbin den Haaren wühlend, umher). Es ist umsonst — ich weiß mir nicht zu rathen! — Alle meine Pläne, meine noch so klugen Berechnungen scheitern, und zwar an mir selbst! An der wahnsinnigen Liebe, die mich für dieses stolze Marmorbild gepackt hat, seit ich sie wie- Versah! — Aber was nun! Noch bin ich nicht um einen Schritt vorwärts gekommen — statt mich zu hassen, schwärmen die Reichsgräflichen für mich. — Alles was ich thue, gefällt ihnen. — Nur sie, die Einzige, deren Liebe ich mit meinem Leben erkaufen möchte — sie bleibt kalt und still — und das dank ich jenem unverzeihlichen Recepte m Pyrmont. O dieser Fliederthee! dieser Fliederthee! ich verfluche ihn!! — Hört es, medicinische Collegien sämmt- licher Universitäten Europa's, ich verfluche Euer schweißtreibendes Universalmittel! (geht hastig umher). Was nun? — Mit welcher Sehnsucht wird Con- stantin, werden Pauline und Sophie eine trostbringende Nachricht erwarten! und was kann ich ihnen schreiben? daß ich statt Haß und Abscheu Liebe errungen von den alten Reichsgräflichen — Freundschaft vom Bruder — und daß ich wie ein Gimpel an der hübschen Leimruthe: Mathilde genannt, festsitze. — Ich muß mit ihr sprechen! sie ist im Garten, ich fliege zu ihr hinab, stürze ihr zu Füßen, ich gestehe ihr, daß ich in Pyrmont ein Bär, ach Gott, eine ganze Menagerie wilder Bestien gewesen — flehe um ihre Liebe, ihre Vergebung und — Siebente Scene. Carl. Mathilde (durch die Mitte mir Hut, Shawl und einem Buch in der Hand). L* 20 Carl (sieht sie. eilt auf sie zu). Sie hier, mein Fräulein? Gott ist gütiger, als ich zu hoffen wagte. Mathilde (verlegen). Ich komme aus dem Garten und will in mein Zimmer. Aber warum ließen meine Eltern un- fern werthen Gast allein? Carl (heftig). Ich bin Ihnen entlaufen! — O mein Fräulein! Glauben Sie an den Zufall? oder an eine Prädestination? Mathilde. Ich glaube an eine allwaltende Vorsehung, welche für alle ihre Geschöpfe das Beste bestimmt — wenn unsere schwachen Augen es auch nicht zu durchschauen vermögen. Carl. Nun denn! so bin ich dieser gütigen Vorsicht Dank schuldig, die Sie in demselben Augenblick mir in den Weg führte, als ich zerfallen mit mir selbst, die Frage aufwarf: Ist es noch der Mühe werth, fort zu leben oder nicht? — Mathilde. Zn wie fern könnte ich mit dieser Frage in Verbindung stehen? Carl (heftig). Sie fragen noch? Mathilde (bitter). Ja so, Sie haben recht, ich bin ja Ihre Braut! Carl. O nicht diesen Hohn! Lassen Sie uns wahr sein gegen einander. .Mathilde (wie oben). Sie fordern Wahrheit von mir und stehen in einer Maske vor mir — verhüllt mit undurchdringlichen Schleiern? — Wer sind Sie, mein Herr? Hofften Sie mich ebenso zu täuschen wie meine Eltern. meinen Bruder? Carl. Ehe ich hierauf antworte, ehe ich den bergenden Schleier lüfte — müssen Sie mir Trost geben, mein Fräulein, über einen Umstand, der mir auf Herz und Seele brennt. Mathilde. Sprechen Sie! Carl. Haben Sie die Beleidigung, die Kränkung vergeben, die ich Zhnen, als wir uns in Pyrmont begegneten - angethan? Mathilde. Za. Carl. Und vergessen? Mathilde. Auch das. Aber es peinigte mich stets der Gedanke, daß ich Ihnen nicht sagen konnte, warum ich Ihnen so schroff, so unfreundlich erscheinen mußte. Meine Mutter hatte mir befohlen, mit allen meinen Tänzern nur daS allergewöhnlichste Thema im Gespräche festzuhalten. Carl. Also darum! Und ich Ungeheuer kränkte Sie für Ihren kindlichen Gehorsam! — o verzeihen Sie mir, Mathilde! mein Fräulein — wollte ich sagen. Mathilde. Es ist längst vergeben — sprechen wir von der Gegenwart — Carl. Nein Mathilde, lassen Sie mich Ihnen erst noch sagen, daß Ihr holdes, herrliches Bild mich begleitet hat durch diese drei Jahre — daß kein weibliches Wesen den Eindruck zu vernichten vermochte, den Sie auf mich gemacht, daß ich Sie vom ersten Augenblick an liebte — daß nur Ihre auffallende Kälte mich bis zu jener Raserei Hinreißen konnte (gutmüthig). daß ich nur so bengelhaft grob war, weil ich Sie liebte! Mathilde (sehr bewegt). Und hat diese sogenannte Liebe Antheil gehabt an Ihrer gegenwärtigen Maskerade? Carl. Ich könnte meiner Stellung, Ihnen gegenüber einen ungeheuren Vortheil verschaffen, wenn ich hierauf mit Ja antwortete, aber ich verschmähe Lüge und Betrug. Mathilde (ihn fixirend). Wirklich? Carl (sich besinnend, für sich — sich heftig vor die Stirn schlagend). Mein Gott! mein Gott! ich verschmähe Lüge und Betrug, und meine ganze momentane Existenz ist eine Lüge! (zu ihr). Mein Fräulein! helfen Sie mir! Beantworten Sie mir ehrlich und aufrichtig die Frage: Würden Sie sehr unglücklich sein, wenn irgend ein Umstand Sie von der Heirath mit Baron Drosten — das heißt — (erschrickt) mit mir — befreite? ri Mathilde. Ich setze dagegen die Wiederholung der Frage: Sind Sie ! Constantin oder nicht? Carl. Und wenn ich es nicht wäre? Mathilde. So würde ich Sie bitten, mir zu sagen, wer Sie sind — und warum Sie seinen Namen liehen > oder usurpjrten. Eine edle Absicht könnte Sie dann in keinem Falle leiten. Carl. Ah, Sie denken also, wenn ich nicht Drosien bin, so müsse ich ein l Dieb, ein Betrüger sein, der jenen Namen stahl, um hier eine schändliche Absicht auszuführen? — Zch bin ein ehrlicher, redlicher Kerl, ein guter Sohn, ein liebender Bruder und der treuste Freund — Mathilde (schnell). Und heißen? Carl (eben so mit einer Verbeugung). Baron Drosten der Jüngere, Bräutigam des holdesten, vortrefflichsten Wesens, Mathilde, Reichsgräfin von Düren. Mathilde (ängstlich). Also doch? sollte es möglich sein? Aber warum verläugneten Sie in Pyrmont Ihren Namen? Carl. That ich dies? Nannte ich mich Ihnen anders? Mathilde (verlegen). Ich erinnere mich nicht, ob Sie mir überhaupt einen Namen nannten — aber gewiß ist, daß Sie sich uns nicht als Baron Drosten vorstellten — und als ich eine Dame, i welche mit Ihnen gesprochen hatte, nach > Ihrem Namen frug — da nannte sie, denk ich, einen mir fremden. Carl (freudig). Also haben Sie damals nach mir gefragt — so habe ich Sie intereffirt — so haben Sie mich dennoch beachtet? Mathilde (lächelnd). Ich wollte doch wissen, wer mein weiser Arzt gewesen - Carl (schnell). O vergessen Sie den unseligen Fliederthee! Mathilde. Gut. Aber alles dies gibt mir noch keinen Aufschluß. Carl (entschlossen). Lieben Sie Ihren Bräutigam, mein Fräulein? Mathilde. Wie kann ich das? ich kenne ihn nicht — und er thut wahrlich nichts, um mein Herz zu gewinnen. Carl (traurig). Also Sie hassenmich? Mathilde (gequält). Mein Gott! wer spricht von Ihnen? Carl. Bin ich nicht Ihr Bräutigam? Mathilde (fest und bittend). Endigen Sie dies Spiel mit meinem gequälten Gemüth — sprechen Sie offen und ehrlich zu mir! Carl. Kann ich das? Werden Sie stark und muthig genug sein zu schweigen, selbst wenn das, was ich Ihnen zu sagen habe, nicht Ihren Ansichten entspricht? Mathilde. Ich werde schweigen. Carl. Wohlan denn. Drosten — verstehen Sie wohl, mein Fräulein — ich sage damit nicht, daß ich nicht Drosten sei — ich spreche nur von mir in der dritten Person, weil das die Erzählungsmethode erleichtert — Drosten liebt ein junges braves Mädchen, und wird wieder geliebt. Mathilde (bebend). Sie lieben? Carl (bittend). Bleiben wir bei der Methode mit der dritten Person, sagen Sie also, er liebt, und ich antworte darauf: Ja, allerdings, Drosten liebt — und da er überzeugt ist, daß Sie, die Sie ihn nicht kennen, also auch nicht lieben — gerne von dem ohnehin auf- gedrungenen Bande befreit sein würden, so hat er beschlossen, Ihren Herrn Vater zu bewegen, sein Wort selbst zurückzunehmen — und zu diesem Zwecke kam ich hieher. Da aber Ihr Herr Vater — beiläufig gesagt, der liebenswürdigste Greis, den ich kenne — mich mit seiner Güte überhäuft — und von seinem Worte nicht abzulassen gedenkt — so sind Sie, meine gnädige Gräfin, noch unsere einzige Hoffnung — d. h. Drostens, meine Hoffnung — und Sie werden viele glückliche Menschen machen, wenn Sie mich — zum Teufel schicken. LL Mathilde (sehr bewegt). Ich verstehe Sie nicht. Carl. Mein Gott! ich spreche doch so klar und deutlich. Sie erklären Ihrer Familie, daß Sie Drosten nicht hei- rathen können, daß Sie Ihr Wort zurücknehmen wollen — und Drosten ist frei, seine Geliebte ist gerettet — Sie selbst sind frei und ich segne Sie als den Engel unseres Geschickes, ich bete Sie an. Mathilde (sehr bewegt). Wahrlich mein Herr! Sie schmeicheln mir wenig. Indem ich also erkläre, daß ich Sie nicht lieben kann, und nie Ihre Gattin werden will — Carl (sich komisch windend). Das heißt Drostens — ja — natürlich — meine Gattin nie werden wollen. — Mathilde (zitternd). Ja, mein Herr! ich werde meinen Eltern sagen, daß ich Sie Haffe, daß ich nie die Ihrige werden kann — daß ich Ihre — Entfernung wünsche — daß ich (weinend.) Sie niemals wieder sehen will. Carl (ist ihr athemlos gefolgt). Sie beben—Sie werden bleich! Mathilde, Sie weinen! (stürzt zu ihren Füßen und umschlingt sie.) Mathilde, Engel! süßeö Wesen, Du liebst mich! Du liebst mich! Du weinst nicht um Drostens nie besessene Liebe — Du weinst um mich — Du willst mich, mich nicht aufgeben — sei ich nun Drosten oder ein Anderer — sei ich. wer ich sei — Dein Herz ist mein! Rede! antworte! sage ja! steh wie meine Seele aufjauchzt in dieser Hoffnung — steh wie meine Pulse toben — mein Blut kocht! Mein bist Du, mein! und nun heran Zeder, der Dich mir entreißen will! (hat sie an sich gedrückt.) Mathilde (legt ihr Haupt an seine Brust). Und wenn eS so wäre — ich Aermster weiß ja noch nicht einmal, wer eS ist, den ich — nicht hasse! Carl. O jetzt sollst Du Alles wissen. Ich bin der Sohn des Seuator Bar- nikow, eines der reichsten Handelsherrn in Hamburg. Mathilde! bis heute schien uns der Adel unnöthig zu unserm Glücke, aber wenn Du es wünschest, so liegt eS in meines Vaterö Macht, seinen alten, vom Großvater aufgegebenen Adel frisch immatrikuliren zu lassen, und unser Geschlecht steht dem der Freiherrn von Drosten weder an Alter noch Würde nach. Constantin liebt meine Schwester Pauline — ein gutes, edles Mädchen. Ich bewog meinen Freund, mich an seiner Stelle hierherreisen, und mich in seinem Namen allerseits so unangenehm machen zu lassen, daß man mich fortschickt, und dem alten Baron freiwillig das Wort zurückgiebt. Mathilde (lächelnd)- Sie wollten also uns Allen hier unausstehlich werden? O mein Freund, das mußten Sie anders anfangen. Carl. Ich kam und sah meine Pyr- monter Tänzerin, die schon damals mein Herz so sehr in Aufruhr brachte, dastich — Mathilde. O schweigen Sie, lieber Freund, über die Theegeschichte! — Carl. Alle meine Absichten scheiterten, und in dem erfolglosen Abmühen nach dem Vorgesetzten Ziele, verlor ich mein Herz, meine Ruhe, an dem Himmelsglanze dieser Augen, (küßt ihre Hand.) Mathilde. Was aber soll nun geschehen ? Carl. Sie erklären heute noch — gleich, theure Mathilde, daß Sie mich hassen, und bitten Ihren Vater sein Wort zurück zu nehmen, und eS sogleich nach Drosten zu schreiben an den Obersten, und Constantin ist frei. Wollen Sie dies thun? Mathilde (gibt ihm die Hand). Zch gelobe es Ihnen. Carl. Dann reise ich sogleich ab. Mathilde (erschreckend). Sie reisen! Carl. Um spätestens in 8 Tagen mit meinem Vater wieder zu kommen. — O wer hätte mir gesagt, daß ich > heute noch so namenlos glücklich sein würde! Geliebte, einzige Mathilde! o sieh mich an mit Deinen süßen, holden Augen — gieb mir Deine Elfenhändchen (nimmt ihre beiden Hände.) drücke die ! meinigen — so — so — damit ich ^ fühle, daß alles dies Wirklichkeit ist — daß mich kein Traum neckt — o sage nur ein Wort der Liebe — lächle — o so — so süß, so himmlisch — sei nicht geizig, wie das Meer mit seinen Perlen, zeige Deine köstlichen Perlen- schätze — so — o so — mein Engel — mein Idol — mein Seraph'! M a t h i l d e (überwunden). Mein theu- rer Freund! ich liebe Dich! (finkt an seine ^ Brust). Carl (jauchzend, hält fie in seinem Arm). > Sie sprach es aus — sie liebt mich! Habt ihr es gehört, ihr ehrwürdigen Räume dieses Hauses — hast du es gehört, du selbst — (schlägt fie auf die Brust.) Du unwürdiger, erbärmlicher Sterblicher! Sie liebt dich! falle nieder in den Staub und bete sie an! Mathildesinnig lächelnd). Nein mein Freund, ich will nicht angebetet, aber ! von ganzem Herzen geliebt sein — denn ^ ich liebte Sie schon vom ersten Moment an, als ich Sie in Pyrmont sah — und Ihr Bild stand immer frisch vor meiner Seele! Carl. O meine Mathilde! und ich konnte Dich so bitter kränken! Mathilde. Still mein Freund, > wir sind ja nun glücklich! ! Carl (drückt fie an fich). Glücklich, wie Sterbliche es nur zu sein vermögen! Achte Scene. Vorige. Gras (durch die Mitte). Graf. Victoria! da sind sie endlich einig! O meine Kinder, wie glücklich macht Ihr mich! Ich wußte es ja, wenn Ihr Euch nur erst kennen würdet, so konnte eS nicht ausbleiben, daß Ihr einander anbetet, (nimmt ihre Hände und fügt fie in einander). Ich segne Euch, meine Kinder aus der Tiefe meines väterlichen Herzens! Mathilde (für sich). Mein Gott! und jetzt soll ich — Carl (bedeutend zu Mathilde). Meine gnädige Gräfin! Jetzt ist der Augenblick gekommen, dieWahrheit zu sagen. Mathilde (greift an eine Stuhllehne). Ich verstehe! Mein Vater, es schmerzt mich tief, Ihnen eine Freude, einen Jahre lang gehegten Wunsch zerstören zu müssen — Sie sind ganz im Jrr- thum über unsere Gefühle. — Carl. Ja Herr Graf — Sie haben durchaus keine richtige Ahnung von dem. was in uns Beiden vorgeht. — Graf. Aber Kinderchen! was treibt Ihr denn? wozu denn diese Verlegenheit — Constantin ist Dein Verlobter, Ihr liebt Euch — waS ist somit natürlicher, als daß Ihr Euch umarmt. — Mathilde. Im Gegentheil. mein Vater! muß ich Sie bitten, heute noch an Ihren alten Freund zu schreiben, und ihm mitzutheilen, daß ich mich zu dieser Verbindung nicht entschließen kann. — Graf (erstarrt). Was — träume ich denn? sah lch Euch denn nicht eben hier Eins in des Andern Armen liegen ? Carl (verlegen). Ja. Herr Graf! wir umarmten uns — das ist faktisch — aber — Mathilde (fest). Mein Vater! als Sie mich in den Armen dieses, unseres jungen Freundes trafen, da besiegelten wir durch diese einzige, erste und letzte Umarmung den Bund einer Freundschaft für's Leben. Carl. Allerdings, so ist es. — Mathilde (schmerzlich). Ich kann Drosten nicht lieben. Gestatten Sie, daß ich mich entferne! ich bin angegriffen, und leidend! geht heftig bewegt ab.) 24 Neunte Scene. Vorige ohne Mathilde. Carl (für sich). Jetzt entleert sich das Gewitter über meinem Haupte! Graf (erwacht endlich und geht heftig hin und her). Bin ich denn verrückt? Sie liegt in seinen Armen und will ihn nicht — den lieben, prächtigen Jungen? Und er steht da wie ein armer Sünder, und läßt sich das Alles sagen — ohne Himmel und Hölle in Bewegung zu setzen? Carl (für sich). Jetzt vorwärts zum Hauptangriff! (laut.) Herr Graf! die Stunde ist zu ernst, als daß ich Sie nicht über meine Empfindungen ins Klare setzen sollte. Wie edel, schön und liebenswürdig Ihr Fräulein Tochter auch ist — so muß ich doch leider gestehen, daß auch mein widerspenstiges Herz sie nicht zu lieben vermag. Graf (fast weinend vor Aerger). Auch nicht?! so habt Ihr Euch wohl aus lauter Haß und Abscheu umarmt? Carl. AuS Freundschaft, Herr Graf, nur aus Freundschaft! Graf (wüthend). Der Guckuck hole Eure Freundschaft! aber Ihr Vater soll mir Herkommen — heute noch schreibe ich ihm — und Sie bleiben hier, bis er kommt. Carl (für sich). O weh! — ich habe hohe Zeit, fortzukommen. — Graf. Wir wollen doch sehen, ob wir Euch junges Volk nicht zur Raison bringen! Carl. Wollen Sie dem Herzen Ihrer Tochter Zwang anthun? Graf (ruhiger). Nein, Gott behüte, das werde ich nie! — Zehnte Scene. Vorige. Victor. Baron Büh- n a u. Graf (grüßt Bühnau dann zu Carl). Ich gehe zu meiner Gemahlin, sie soll die Neuigkeit erfahren, folgen Sie mir, mein Sohn, sobald Sie hier (auf Bühnau zeigend.) Bekanntschaft gemacht haben, (zu Bühnau.) Adieu, Baron, wir sehen Sie doch bald wieder? (grüßt und geht rechts ab). Carl (steht Bühnau an), (für sich.) Alle Tausend Teufel! ist die Hölle wider mich verschworen? das ist mein Gegner aus Pyrmont! Bühnau (steht Carl scharf an). Ah, eine alte Bekanntschaft auö Pyrmont! Nicht wahr, war's nicht in Pyrmont, wo wir — Carl (schnell). Uns kennen lernten — allerdings! Bühnau (ihm die Hand reichend). Sehr erfreut, Sie hier zu treffen. Carl. Desgleichen — wirklich sehr erfreut! Victor. Ah, die Herrn kennen sich also, charmant! In Pyrmont hast Du, (zuBüh n au) meinen künftigen Schwager kennen gelernt? Bühnau (erstaunt). Deinen Schwasagst Du? — Dieser Herr soll Dein Schwager werden? — Herr — Herr — kann ich doch auf Ihren Namen nicht gleich kommen. Victor (verstellend). Baron Drosten! — Allerdings, ein altes Uebereinkom- men bestimmt meine Schwester zur künftigen Gattin des Baron Drosten. Bühnau (ganz erstarrt). Diesen Herrn nennst Du Baron Drosten? Victor (lachend). Ich finde Dein Erstaunen höchst komisch! über was nur wunderst Du Dich so sehr? Carl (fest). Ja mein Herr! Ich finde Ihr Erstaunen nicht nur komisch, sondern sogar höchst beleidigend für mich, und ich erlaube mir, Sie zu erinnern, daß ich Beleidigungen zu strafen verstehe. Bühnau (lachend). Allerdings! diese Narbe gibt davon Zeugniß! (zeigt eine Narbe auf der Stirn). Carl. Damals handelte es sich nur um die weiße Farbe der österreichischen Uniform, heute aber würde es sich um L5 die reine, unbefleckte Ehre meines Namens handeln — ich erkläre daher — Victor (beruhigend). Ein Mißverständnis mein Freund! Elfte Scene. Vorige. Diener. Diener. Seine Gnaden Herr Graf lassen den Herrn Baron von Drosten dringend bitten, fich sogleich zu ihm zu bemühen. Carl. Ich komme. Diener (ab). Carl (zu Bühn au). Ich stehe zu Ihren Diensten, mein Herr — im Falle Sie mich zu sprechen wünschen. Bühn au (verbeugt fich). Carl (desgleichen und geht rechts ab). Zwölfte Scene. Victor. Bühn au. Victor. Ich begreife nicht — erkläre endlich. — Bühn au. Du hältst diesen jungen Mann für Baron Drosten? Victor. Natürlich, denn er ist es ja. Bühn au. Ich sage Dir aber, daß er eS nicht ist. Zn Pyrmont hieß er Stresow oder Barnow — so etwas Aehnliches und galt für einen Kaufmann — ich bekam Streit mit ihm, wir schlugen uns, und ich muß eS gestehen — der Bursche benahm fich kavaliermäßig genug, und haut eine Klinge zum Entzücken. Victor. Ich bin ganz betäubt von Allem, was Du da sagst! Mein Gott, das kann ja gar nicht sein, Du irrst Dich gewiß! Bühnau. Ich gebe Dir mein Wort, eS ist so. Ich glaube, er ist ein Kaufmann aus Bremen oder Hamburg — und Ihr seid furchtbar betrogen — wenn er sich für etwas Anderes ausgab! Victor (wüthend). Schändlich! schändlich! aber wenn eS so wäre, so sollte er es fürchterlich büßen. Schnell, laß uns zu meinem Vater eilen, und den Burschen entlarven. Bühn au. Unmöglich mein Freund, ich habe Dir gesagt, was Dir zu wissen nöthig ist, heute und Morgen bindet mich, wie Du weißt, der Dienst — bedarfst Du Uebermorgen meiner, so rufe mich. Du weißt, daß Du auf mich zählen kannst. Mein Wagen wartet, auf Wiedersehen denn! Bictor (schüttelt ihm die Hand und begleitet ihn zur Thür hinaus). Dreizehnte Scene. Carl (stürzt von links herein.) Carl. WaS nun? jetzt schweigt meine tiefe Weisheit! ein Duell mit Victor ist unvermeidlich — entweder er tödtet mich, — oder ich ihn. — Fall ich, so ist auch Drostens und meiner Schwester Glück zerstört — und tödte ich ihn, den Bruder meiner Geliebten — so sind wir Alle unglücklich! Nun, Herr Carl Barnikow, nun zeigen Sie Ihre Lebensklugheit — nun biegen Sie dem Schicksal ein Paroli — nun retten Sie sich und dem Freunde die beinahe strandende Glücksgaleotte aus dem Sturme! Vierzehnte Scene. Vori ge. Vi ctor. Mathilde, (öfter an der Thür sichtbar.) Victor. Ich suche Sie, mein Herr! Carl. Sie haben Glück im Finden, da bin ich. Victor. Baron Bühnau erzählte mir ein Märchen. Carl. Wenn Sie solche lieben — so kann ich dienen, ick bin äußerst produktiv in geistigen Schöpfungen. Victor. Mein Herr! Wahrheit verlange ich von Ihnen, wer sind Sie? Carl. Sollten Sie neue Feindseligkeiten gegen mich im Sinne haben? Victor. Weichen Sie mir nicht auS — wozu die Verstellung? Sie L6 wissen nur zu gut, warum ich in diesem Tone zu Ihnen spreche. Carl. Den anzuhören mir denn doch nicht länger belieben dürfte. Victor. Mit Freuden will ich Ihnen jede Beleidigung abbitten, was sonst eben nicht nach meinem Geschmacks ist, wenn Sie mir beweisen können, daß ich Unrecht habe. Carl. Wodurch soll ich Ihnen den Beweis geben? Victor. Sind Sie Drosten oder nicht? Carl. Wer bezweifelt dies? Victor. Sie haben sich mit Baron Bühnau in Pyrmont geschlagen? Carl. Wenn es geschehen, so geht dies Niemand etwas an. Victor. Dann aber sind Sie nicht Baron Drosten? Carl. Kann sich Drosten nicht mit Bühnau schlagen? Victor. Allerdings — aber Bühn- au's Gegner war ein Kaufmann aus Bremen — ein Bürgerlicher — Carl. Weiß Herr von Bühnau das so gewiß? — Konnte Baron Drosten nicht seine Gründe haben, unerkannt in Pyrmont zu bleiben? konnte er nicht z. B. seine Braut, welche zu gleicher Zeit damals in Pyrmont war, beobachten und kennen lernen wollen, ohne von ihr gekannt zu werden? Victor (froh). Ja daS wäre möglich! O mein Herr, sagen Sie. daß es so ist, und ein Centnergewicht fällt mir von der Seele — wenn derjenige, welcher meiner Schwester Liebe zu erlangen strebt — Carl (achselzuckend). Vor einer Stunde fand eine Unterredung zwischen Ihrer Fräulein Schwester und mir statt, wir gaben uns gegenseitig wegen persönlicher Abneigung das Wort zurück; Ihr Herr Vater weiß es bereits — und lch reise heute noch ab. Victor (heftig). Oho, mein Herr! So entkommen Sie mir nicht! Wie klug ersonnen! Sie sahen Bühnau, wußten, daß Sie nun entlarvt werden müssen, und beschlossen sich meiner Strafe zu entziehen. Carl (sehr heftig). Strafe? Herr Graf! Victor (ebenso). Züchtigung, wenn Ihnen dies besser zusagt! Ja ich werde den frechen Eindringling in das Heiligthum der Familie züchtigen, wie einen — Carl (wüthend). Halten Sie ein, Herr Graf! kein Wort weiter — ehren Sie das Gastrecht — so wie mich die Hochachtung für Ihre Familie abhält, Ihnen augenblicklich die Erwiederung zu geben, die solche Behandlung verdient. Victor (ruhiger). Sie haben ein Recht, mich an die Pflicht der Gastfreundschaft zu erinnern, und Graf Düren verletzt diese nie mit Willen! Nun denn, mein Herr, so verschieben wir eine weitere Unterredung, bis Sie nicht mehr mein Gast sein werden; da aber von Ihnen selbst schwerlich die Wahrheit über die Identität Ihrer Person zu erfahren sein dürfte — und dies die Hauptsache ist, so werden Sie hier bleiben,'bis (höhnisch) Ihr Herr Vater, Oberst Baron Drosten hier eingetroffen ist, der hoffentlich das Problem lösen wird. Carl. Es beliebt mir nicht, von Ihnen Verhaltungsregeln anzunehmen. Ich werde abreisen, wenn es mir ge- fällt. — Victor (außer sich). So folge ich Ihnen bis über die Marken meiner Grafschaft, und schieße Sie dort nieder wie einen Wilddieb — der im fremden Revier gejagt — geraubt hat! — Carl. ES ist zu viel! Kommen Sie! Victor (ebenso). Nein, erst sollen Sie vor uns Allen entlarvt, gedemü- thigt dastehen! Küufzehute Sceue. Vorige. Graf. Gräfin (von links). L7 Mathilde (von rechts). Graf (heiter). ! So Kinderchen! ich habe bereits an meinen alten Freund geschrieben — in einigen Tagen wird er kommen, und dann soll noch hoffentlich unser aller Wunsch erfüllt werden! Carl (für tich). Zum Glück empfängt . Louise alle Briefe! (laut). Erlauben Sie mir, Herr Graf, daß ich an meinen Vater einige Zeilen beifüge. Graf. Herzlich gerne! der Postbote geht ohnedies erst morgen früh zur Stadt. Victor (für sich). Also dock? — Er schreibt an ihn — welch ein Chaos! Gräfin (zu Carl). Wir gehen in den Garten. Sobald Sie geschrieben haben, kommen Sie uns nach. Graf. Vorher fordere ich Ihr Ehrenwort, lieber junger Freund, daß Sie uns nicht eher verlassen, als bis Ihr Vater angekommen ist. Carl. Herr Graf! (fleht auf Mathilde — M a t hi ld e steht seitwärts zurück, fleht ihn an und faltet bittend die Hände. Carl gibt dem Grafen die Hand). Es sei, ich bleibe! Gräfin. So ist es recht, sprecht Euch aus, Kinder! Ihr versteht Euch wahrscheinlich selbst noch kaum, — ich kenne ja der Jugend übermüthige Launen. Ihr werdet Euch gewiß noch verständigen (nickt ihm herzlich zu und geht mit dem Grafen Arm in Arm ab). ^ Graf (zurücksprechend). Victor, ich bedarf Deiner! der Verwalter unserer ^ Meyerhöfe wartet auf Bescheid (ab). Z Victor (tritt dicht zu Carl heran). ^ Ich will meiner Eltern Unruhe nicht ! vermehren und schweige daher gegen ^ sie. Aber merken Sie sich wohl, mein ^ Herr: Es wacht bei Tag und Nacht ^ das Auge des beleidigten Sohnes und i Bruders — wagen Sie eS nicht, mir ^ entfliehen zu wollen — meine Kugel - würde ihr Ziel nicht verfehlen (ab). Sechzehnte Scene. Carl. Mathilde. Mathilde (rasch zu ihm, halblaut). Ich habe Alles gehört — und ich habe bereits einen Entschluß gefaßt. Carl (fie umschlingend). Süßes Kind, und welchen? Mathilde. Ich schreibe sogleich Alles Ihrem Vater — Sie legen einen Brief ein — meines Kammermädchens Bräutigam ist unser Revierjäger, ihm kann ich vertrauen, er trägt den Brief zur Post. Ihr Vater muß kommen, er allein kann diese ganze Misöre zum Guten lenken. Carl. Unterdessen kömmt der alte Baron — entdeckt Alles, und Ihr Bruder tödtet mich, oder ich ihn! Mathilde. Der alte Baron erhält den Brief meines Vaters nicht eher, als unser Brief nach Hamburg kömmt, denn nach Hamburg fliegt er mit der Eisenbahn, nach Drosten aber geht er Morgen Abend erst mit der indirekten Post ab — und kömmt übermorgen hin. Sie schreiben Louisen, daß sie ihren Vater, den Obersten, noch einige Tage aufhalten soll, was ihr leicht wird, wenn sie ein Unwohlsein vorschützt, denn ohne Louischen reist der Oberst nicht. Carl (entzückt). So geht eS! zugleich schreibe ich auch die ganze Geschichte an Constantin, er soll sich mit Louisen oder mit meinem Vater berathen (zu Mathilde). Meine holde Rathgeberin! was ist Männerweisheit und alle Gelehrsamkeit — was sind alle Wissenschaften sämmtlicher Fakultäten gegen ein Körnchen dieses weiblichen, ange- bornen Vorrechtes, gegen den Jnstinct der Intrigue!! (umfaßt fie). Meine süße, kleine Jntriguantin! ich gebe mich unter Deinen Schutz! breite Deine Flügel aus und decke mich! aber flattre mir nicht davon, holder Seraph, ent- 28 flieh mir nicht jetzt schon in Deine Heimath! (deutet nach oben). Mathilde. Nein, lieber Carl! ich finde es zu schön hier unten! wir wollen unsere himmlische Abstammung noch ein Weilchen verleugnen, und versuchen, einfach menschlich glücklich zu sein! (Arm in Arm ab). (Der Vorhang fällt.) Dritter Act. (Schloß Drosten. Ein großes schönes Zimmer mit Gewehrschränken, und Bücherschränken. Recht wohnlich, eine gewisse Solidität und Wohlhabenheit spricht sich in Allem aus. Altmodische Fauteuils und Sofas aber mit sehr schweren Stoffen überzogen. In der Hinterwand zwei große Fenster, durch die man in den Garten sieht, der sich weit auSdehnt. Erste Scene. Louise. Lottchen (muß ein Kind von 12—13 Jahren sein). Constantin (in einen Mantel gehüllt, den Hut fest herein gedrückt. Alle drei schleichen vorsichtig überall umsehend durch die Mitte herein). Louise. Niemand hat uns gesehen — Gott Lob ! (nimmt ihm Mantel und Hut ab). Der Vater ist noch im Bette — es hat noch eine halbe Stunde Zeit ehe er läutet, so lange kannst Du ruhig hier bleiben, und uns den Erfolg Deiner Reise nach Hamburg erzählen. Lottchen. Ja lieber Bruder — o erzähle, wir vergehen schon fast vor Angst um Dich, und vor Neugierde. Constantin. Nun denn also. Kaum hatte ich am Dienstag Carls Brief erhalten, in welchem er mir alle Ereignisse auf Düren mittheilt —so flog ich nach Hamburg, denn auch ich sah nur zu gut ein, daß Vater Barnikow allein im Stande sei, all diese Wirren zu lösen. Louise. Und wie fandest Du ihn gestimmt? Constantin. Die kluge, prächtige Sofie hatte bereits Alles zum Besten geleitet — der Senator war schon entschlossen hierher zu reisen, und sich mit unserem Vater zu berathen, und entdeckte uns einen Umstand, der all dem, was wir fürchteten, eine günstige Wendung geben kann. Louise. Ich errathe, Du sprichst von seinem Adel. Constantin. Allerdings. Seit einem Jahre schon, seit der Senator Barnikow nämlich die Ueberzeugung gewann, daß seines Sohnes Abneigung gegen den Beamten- so wie gegen den Kaufmannsstand unüberwindlich sei, hatte er beschlossen, sein ungeheures Vermögen in Ankauf von Gütern zu verwenden, und da der Adelstitel bei solchem Unternehmen bedeutende Vortheile gewährt, so ließ er seinen alten, vom Großvater aufgegebenen Adel, erneuern, und machte daraus gegen uns ein Ge- heimniß. Lottchen. Sonderbarer Mann — ein Jahr lang über etwas schweigen zu können! — Constantin. Du mein kleines Plappermäulchen hättest es freilich nicht vermocht. Lottchen. O lieber Constantin, wir müssen zu gar vielem schweigen — Papa ist so heftig, so unfreundlich, zuweilen sürcht ich mich recht vor ihm. Louise. Der Senator hat, wie Du wissen wirst an Papa geschrieben, wir werden sie Alle heute noch hier sehen. Aus seinem Briefe geht hervor, daß er Dich mit Freuden Sohn nennen wird, da er nur seiner Tochter Glück will. Const antin. Und wie nahm unser Vater dieß Alles auf. Louise. Er fluchte und tobte wie noch nie — aber die edle, ruhige Sprache in Barnikow'S Brief — meine Bitten und Vorstellungen, und ich darf es Dir wohl gestehen, wohl auch ein Bischen der Reichthum Deiner Braut — haben denn endlich sein Gemüth beruhigt. Lottchen. Du aber guter Constan- tin darfst Dich vorläufig noch nicht vor Papa sehen lassen — auf Dich ist er wüthend. — O Du hattest die Litanei der zärtlichen Namen nur hören sollen die er Dir beilegte. Louise. Er ist besonders böse auf Dich, daß Du Carls Reise, und abenteuerliches Unternehmen zuließest — und ich muß Dir daher rathen, so lange versteckt hier zu bleiben, bis Barnikow'S da sind, und Papa für Dich milder gestimmt sein wird. Constantin. Nun, so verstecke mich denn Louischen, und gib mir die Kleine mit, zur Unterhaltung, sie soll mir vorplaudern. Louise. Das geht nicht. Lottchen muß hier sein, wenn Papa seinen Kaffee hier trinkt. Lottchen (ärgerlich). Und still sitzen — und weder sprechen, noch kaum ath- men — lachen niemals — und stets stricken und nähen, und Papa's Pfeifen stopfen! (Es läutet im Nebenzimmer). Louise (zu Lottche n). Der Papa! Lottchen. Führe Constantin in's blaue Zimmer, und schließe ihn ein — ja — Du mußt mir versprechen , ruhig dort zu bleiben, bis wir Dich erlösen. Constantin. Nun es sei! Um den Preis, heute noch meine Pauline wie- > der zu sehen. Louise. Ich muß zum Vater! habe also Geduld guter Constantin. Lottchen. So komm denn, damit ich auf meinen Posten bin bis Papa kömmt, sonst gibts Donnerwetter und Einschlag — freilich nur mit Worten — aber Papa versteht es die so zu setzen, daß sie weher thun als Schläge. Constantin (bittend). Sperr' mich nicht ein kleines Lottchen! Ich ver- sprech Dir auch dafür eine Puppe, so groß wie Du selbst — Lottchen. Was thu' ich mit Puppen — verschaffe mir lieber auch bald einen Bräutigam, damit ich hier fortkomme. Still, der Papa hustet. Schnell da hinein! Constantin (links ab). Lottchen (macht die Thüre zu, und setzt sich mit dem unschuldigsten Gesichte an ihre Strickerei ans Fenster im Hintergrund). Zweite Scene. Lottchen. Louise. Oberst. Oberst (von rechts, im Schlafrock — ein rüstiger, alter Soldat, sehr barsch, eine lange Pfeife in der Hand, die er L 0 ttcheN hinreicht als er eintritt). Stopfen! Lottchen (geht an einen Tabakskasten im Hintergrund und stopft die Pfeife). Oberst (setzt sich rechts in einen Sorgenstuhl am Tisch, und legt einen Brief darauf). Kaffee! Louise ckchellt). Diener (tritt ein). Louise. Kaffee! Diener (ab). Oberst. Was für Wetter? Louise. Sonnenschein. Diener (bringt Kaffee und geht ab). Louise (schenkt ein). Oberst (tr.nkt) Nichts Neues? Louise. Ein Fohlen ist gestorben. Oberst. Donnerwetter! (Beide Mädchen fahren erschrocken zusammen) Oberst (zornig). Nun, ich fresse Euch nicht. Wer sagt denn auch gestorben von einem Pferde. — Louise. O Papa! es endete mit schmerzlich auf mich gerichteten Augen, wie ein Mensch. 30 Oberst. Deßhalb sagt man darum doch nur: Das Fohlen ist — Lottchen. Hier Papa! (hält den Fidibus brennend und läßt ihn anrauchen). Lottchen (setzt sich wieder und strickt). Oberst (deutet auf den Brief). Hab' mir die Geschichte da recht überdacht — ist eine recht fatale Situation für mich, Dürens gegenüber. Das Donnerwetter soll den Constantin treffen — er soll mir nur kommen. — Aber vor Allem Louise heißt es nun die — Ehre unseres Hauses im Auge haben, unseren Gästen jede Bequemlichkeit schaffen, die Schloß Drosten bieten kann. Gastfreundschaft ist die erste, heiligste aller gesellschaftlichen Pflichten. Louise. Es ist Alles zu ihrem Empfang bereit. — Oberst. Nimm doch einmal dort aus der zweiten Reihe das große Leri- con, 1. Lheil, A bis C, und bring es her. Louise (geht an einen Bücherschrank, öffnet und nimmt ein großes Buch). Oberst. Aufschlagen. Louise (liest). Leben, Lhaten, Abstammung und Ende derer Patriarchen, Apostel, Päpste, berühmter Männer, Künstler, sogenannter Ketzer, Könige, ingleichen ausführliche Nachrichten von den ansehnlichsten Familien, adeligen Geschlechtern, von Concilien rc. rc. Volumen I. bis 6. Basel 1729. Oberst Suche Barnikow, unter Bar — Louise (sucht). Oberst. Hoffe, daß das Geschlecht bekannt ist — sonst — Louise (liest). Barnikow. eine alte, adelige Familie in Pommern, welche ihre Güter auf Rügen besitzet, und sich auch in Norwegen und Dänemark ausgebreitet hatte. Dagobert Barnikow fand sich Anno 1072. — Constantin (öffnet leise die Thür und horcht). Oberst. 1072. Ah! hübsches Alter das! Louise (lesend). 1072 an dem Hofe BogislavV. Herzog von Pommern, und Anno 1350 — wurde Jaroslaw Barnikow in den Freiherrnstand erhoben. — Oberst. Gut — von dieser Seite wäre also.gegen die Sache nichts einzuwenden. Vermögen scheint die Auserwählte Constantins auch zu haben. — .Louise. 400,000 Lhaler, wie ihr Vater schreibt. — Oberst. Auch dieser Punkt wäre nicht übel, und gut und brav soll das Mädchen auch sein. Aber mein Wort, mein Wort! Louise. Lassen Sie Alles Papa! bis Barnikowö kommen. — Oberst. Hast recht. Will meinen Morgenritt machen — sie werden wohl erst nach Mittag kommen können, wir haben also noch 5—6 Stunden Zeit für uns. (steht auf). Constantin (verschwindet). Oberst (hält die Pfeife hin). Wegnehmen ! Louise (will sie nehmen). Oberst. Warum ist Lottchen nicht auf ihrem Posten? Lottchen (schnell). Bin schon da! O b e r st (heftig). Wollte Dir'S auch gerathen haben. Macht Euch an die Arbeit, daß nichts unseren Gästen fehle — sind Städter — üppiges Leben gewöhnt — Also aufgepaßt! (rechts ab). Dritte Scene. Louise. Lottchen. Constantin. Constantin (kommt herein). Gott sei Dank! Louise. Ich sehe schon, Du bleibst nicht in Deinem Gefängniß. So komm denn mit mir hinunter zu unserm Fisch- hälter, und vorher im Jagdhaus Befehle geben, uns Wild zu schaffen, wir haben ja noch Zeit ehe unsere Gäste kommen. Lottchen — bleibe auf dem Observatorium und unterrichte uns wenn etwas vorfallen sollte. (Louise mit Constantin ab). 31 Vierte Scene. Lottchen. ! Lottchen bleib zv Hause, Lottchen I sitze still — so» heißt eS immer, und ^ dabei soll man wachsen und gedeihen! j (Geht an's Fenster.) Da gehen sie durch den Garten — jetzt sind sie schon um , die Ecke und dort reitet Papa — also I bin ich nun Herr im Schlosse. Ach wenn ich doch bald Herrin eines schönen ^ Schlosses und hübschen Mannes wäre! Is Wie schön muß es sein befehlen zu kön- ^ nen — und keine Strümpfe stricken und s keine Pfeifen stopfen zu müssen! — horch! ! ist das nicht ein Wagen der in den i Hof fährt? (Läuft nach einem Fenster im L Hintergründe). Wahrhaftig, ein bepackter I Reisewagen! Das sind sie! (läuft links ab). ^ Fünfte Scene. Senator Barnikow.Frau Bar- nikow. Sofie. Pauline (in Reisekleidern). Ein alter Diener. Diener. Ich bitte die gnädigen Herrschaften sich's hier unterdessen gefallen zu lassen — die gnädigen Baronessen werd' ich sogleich suchen, der Herr Oberst sind ausgeritten (mit Verbeugung ab). Frau Barnikow. Sonderbarer Empfang! Sofie. Warum Mama? Man konnte uns nicht vor Abend erwarten, denn wir danken unser früheres Eintreffen doch nur dem Ertrazug den Papa in Berlin nahm. Barnikow. Und den guten Rath zu nehmen, danken wir Dir, mein kleiner Minister. s Sosie. Still, Papa! keinen Scherz! Mama hat ihn alles Ernstes verboten. ^ Frau Barnikow. Und ich wie- ' derhole Dir jetzt Alles Ernstes, daß ich hier von Dir ein stilles anständiges Benehmen erwarte. Sofie. O Mama! ich werde stumm und still sein wie ein Geschworner im Schwurgericht. Pauline. Aber Constantin müßte doch schon hier sein — wo bleibt er? Barnikow. Gewiß ist er bereits angekommen. Pauline. Ach ich zittre! Wie wird dies Alles enden? Barnikow. Und ich kann es nicht verhehlen, daß ich mich nicht so ganz behaglich fühle. Der verwetterte Junge, der Carl, hat sich und uns in eine ganz verwünschte Situation gebracht. Sofie, bi äone üllonsieur le Lsron llu Lsrniliorv — (zu ihrer Mutter). Sie vergeben doch gnädigste Baronin Mama, daß ich jetzt, so enlre nou8 noch hie und da ein Wort mitspreche, nachher in Gegenwart Anderer, werd' ich schon zu schweigen wissen. Also ki äono, mon ?r»ps — wer drückt sich jo derb aus, wenn man Baron ist? Das muß jetzt ganz anders werden. Sie müssen sich nobler benehmen, leichter — elastischer in Ihren Bewegungen — Sie müssen delikatere Ausdrücke wählen — so viel als möglich französische Brocken einwerfen — das ist nobel.und geistreich ! Denn Sie wissen doch, der Deutsche schämt sich seiner Muttersprache, und die Wenigsten kennen sie überhaupt genau und finden es auch nicht der Mühe werth, sie zu studiren — da füllen sie denn ihre Geisteslücken mit französischen Floskeln aus — und finden sich ungemein interessant dabei. Aber selbst wenn sie sich der deutschen Sprache bedienen, Papa, müssen Sie immer durch die Nase sprechen, (fiethutes). Damit eS immer den französischen Anklang hat, als hätten sie den Stockschnupfen, denn Sie dürfen nicht vergessen, daß bei den Franzosen die Nase eine große Rolle spielt, so las ich nämlich neulich in einem Journal — oder hieß es: eine große Nase spielt eine große Rolle in Frankreich, das weiß ich nicht mehr so recht genau. 3L Frau Barnikow. Ein herrlicher Anfang des versprochenen Schweigens. Sofie. Nur jetzt noch ödere msms, dann aber — (legt den Finger auf den Mund). Barnikow (küßt sie). Mädchen! Mädchen! Welch ein Junge ging in Dir verloren. Sofie (schnell). Ja Mama! Warum bin ich nicht ein Junge geworden? Frau Barnikow. Es würde vernünftiger sein, uns auf die erste Zusammenkunft mit dem Obersten vorzubereiten. Sofie. Und haben wir das nicht bereits auf der Reise gethan? Papa wird ihm tüchtig aufs Collet rücken, und den Alten müßte ja der Satan plagen — Frau Barnikow. Welche Ausdrücke — wo hat das Mädchen sie nur her? Sofie. Don meinem Bruder und aus guten Büchern. Aber Sie haben recht, ich gebe Papa gute Lehren über elegante Sprechweise, und spreche selbst wie ein alter Husar. Mein Gott, Mama! es ist eben noch so kurze Zeit, seit ich weiß, daß. ich Baronesse bin, — man gewöhnt sich das Vornehmsein doch nicht so schnell an, wie man neue Handschuhe anzieht. Sechste Scene. Vorige. Constantin. Louise. Lottch en. Constantin (eilt durch die Mitte herein). Gott lob, da sind sie! theure Pauline! (küßt ihre Hand). Verehrte Frau! theurer Vater! (umarmt den Senator). Barnikow. Sie erwarteten uns nicht so schnell, nicht wahr? Louise. Mein Bruder vergißt in seiner Freude uns vorzustellen. Frau Barnikow (sie küssend). Mein liebes Fräulein, wir kennen Sie ja bereits, aus Ihrem lieben Briefe, und freuen uns herzlich Sie persönlich begrüßen zu können (deutet auf die Mädchen). Meine Töchter Pauline und Sofie! Pauline (umarmt sie). Theure Schwester ! Constantin (führt Lottchen zu Paul ine). Meine Schwester Lottchen bittet auch um einen Kuß. (Alle küssen und herzen sich, nur Sofie steht ceremoniös da und macht Verbeugungen). Louise (ür sich). Ist das die herrliche liebenswürdige Sofie? dies steife, kalte Wesen? Ein Diener (meldend). Der Herr Oberst. Constantin. Schnell in mein Versteck. (Zu Barnikow). OPapa! Ich beschwöre Sie, erlösen Sie mich, (eilt ab nach links). Siebente Scene. Vorige. Oberst. Oberst. Willkommen in meinem Hause, Herr Senator! Meine Damen, lassen Sie es sich gefallen in dem einfachen Schlosse des alten Soldaten, der wenig von den Gebräuchen der großen Welt mehr weiß. Barnikow. Vergeben Sie dem Drange der Umstände, Herr Oberst, daß wir so zahlreich Sie überfallen. Meine Frau! Frau Barnikow. Die sich glücklich schätzt den Vater deS jungen Mannes kennen zu lernen, der unseres Hauses Freund ist! Barnikow. Meine Tochter Pauline! Pa ul ine (eilt bewegt auf ihn zu und küßt seine Hand). O mein Herr Oberst! könnte es mir gelingen, Ihr Wohlwollen zu erringen. Oberst (freudig überrascht). Mein liebes, liebes Fräulein! Wervermöchte es, so milden schönen Zügen nicht gut zu sein! Barnikow. Meine Tochter Sofie! Sofie (macht eine sehr kokette Verbeugung und Wirft dem Obersten feurige Blicke zu). 33 Barnikow. Was ist das? Zum Erstenmale schweigt meine Sofie, wo sich Veranlassung zum Sprechen bietet? S 0 fie (macht eine neue Verbeugung, und bombardirl den Obersten mit Blicken). Oberst (sieht sie verwundert und kopfschüttelnd an). Desto feuriger sprechen die schönen Augen des gnädigen Fräuleins. Sofie (zu ihrer Mutter leise). Potz Lausend, das heißt doch schweigen können, Mama? Frau Barnikow (leise). Wirst Du gleich sprechen? Soll ich Dir die Zunge lösen? Sofie (wie entlastet). Ah! nicht Ur- sach! (laut). Verehrter Herr Oberst, der Bann ist gelöst — ich darf sprechen. Meine Mama, welche die Güte und Klugheit selbst ist, gebot mir nämlich unterwegs, in Gegenwart älterer Personen zu schweigen, wie es der unerfahrenen Jugend geziemt. Zch schwieg also und ließ nur meine Augen sprechen — ob Sie sie verstanden haben (verschämt) das weiß ich nicht! — Oberst. Vor 40 Jahren, mein gnädiges Fräulein, hätt' ich Sie gewiß verstanden, das kann ich Ihnen zuschwören. Sofie (kokett). Sollten Sie schon so alt sein? DaS sieht Ihnen kein Mensch an! Oberst. Fünfundsechzig, mein liebes Kind! Sofie. Nicht möglich! Man gibt Ihnen höchstens fünfundvierzig. — Lottchen (zu Louise, halblaut). Die ist verwegen, spricht mit Papa, wie mit Unsereinem! Barnikow. Aber lassen Sie uns, wenn eö Ihnen gefällig ist, zu unseren Angelegenheiten kommen. Sie begreifen, daß ich in großer Unruhe bin, unserer Söhne wegen. Louise (zu Frau Barnikow). Wenn die Herren sich besprechen, so darf ich vielleicht die Damen unterdessen bitten, an ihre Ruhe zu denken, die gnädige Frau haben zwei Nächte nicht geschlafen. — Frau Barnikow. Ja, mein theu- res Fräulein, ich gestehe, daß ich gern etwas ruhen würde. Wir sind (zu den Herren) im Rathe überflüßig, Sie erlauben also — Barnikow Kinderchen! Ruht Euch aus — aber laßt mir meinen Minister hier — bei den zu eröffnenden Conferenzen ist er nöthig. Sofie. Nun, unsere Conferenz hat wenigstens den Vorzug, daß sie sogleich zu Stande kommt, da alle betheiligten Partheien bereits ihre Vertreter hier haben. (Frau Barnikow, Pauline, Louise und Lottchen links ab). Achte Scene. Oberst. Sofie. Barnikow. Oberst. Aber bedarf Fräulein Sofie nicht auch der Ruhe oder eines Frühstückes, und Sie, Herr Senator; ein Glas Wein wenigstens — Sofie. Gefrühstückt haben wir schon zweimal, und Ruhe verlange ich erst nach beendeten Geschäften, so sollten es alle guten Staatsbeamten halten. Die Conferenz kann beginnen, (setzt sich in die Mitte). Die Sitzung ist eröffnet. Barnikow. Vergeben Sie, Herr Oberst, daß ich diesen jungen Wildfang Antheil nehmen lasse an unserer ersten Berathung — aber lassen Sie mich Ihnen gleich von vorne herein gestehen, daß ich auf den richtigen Verstand dieses Kindes ungemein viel halte — denn stets trifft sie das Beste, das Zweckmäßigste, und beschämt oft mit ihrem einfachen, naturgemäßen Urtheil, mein Alter und meine Erfahrungen. Sofie. Der erst/ Minister ohne Portefeuille dankt, und fühlt sich durch Anerkennung seiner geleisteten Dienste zwar belohnt — hofft aber nach Abschluß der Geschäfte wenigstens auf einen Orden! Kann man bescheidener sein? 3 34 Oberst. Wahrlich, mein Fräulein, Sie sind ein liebes, munteres Kind! — man fühlt sich in Ihrer Nähe gleichsam verjüngt. Sofie (ihn kokett anblickend). Wirklich, Herr Oberst? Sie haben dies nicht nöthig — und gerade so wie Sie, muß ein Mann audsehen, wenn er mir gefallen soll. Oberst (lacht herzlich). Hüthen Sie sich, daß ich Sie nicht auf die Probe stelle. Sofie (Wieoben). Thun Sie es, ich werde sie bestehen. Barnikow. Zur Sache denn, Herr Oberst, wenn's Ihnen gefällt! Darf ich mir für's Erste Ihre Meinung über unsere ganze Angelegenheit ausbitten? Oberst. Ich kann Ihnen nicht verhehlen, werther Senator, daß ich in großer Verlegenheit bin — Barnikow. Ich nicht weniger — Oberst. Daß ich bei Gott nicht weiß — Barnikow. Eben so geht es mir — Sofie (für sich). Recht erbaulich! (laut). Papa, darf ich sprechen? Barnikow. Wenn Du guten Rath weißt — Oberst. Wir hören — Sofie. Für's Erste, Papa, muß ich Ihnen sagen, daß ich durchaus nicht alö Ihr Ministerhier fungire, sondern daß Sie sich selbst vertreten müssen. Ich spreche für die Abwesenden — werde bald da, bald dort vermittelnd ein- schreiten und bilde somit einen selbstständigen Theil in unserm interessanten Trifolium. Zur Tagesordnung denn! Meine Herren.' wollen wir es den Ca- binetten verschiedener Mächte nachmachen, und hin und hersprechen, ohne zum Zwecke zu kommen, wie Sie so eben gethan, wollen wir herumsuchen, als gingen wir auf Eiern ? — Ich denke, wir machten es gerade umgekehrt, wir fingen mit dem Ultimatum an, und brächten erst nachher die einzelnen Noten zur Sprache. Oberst. Vortrefflich! So verkünden Sie denn, mein Fräulein, Ihr Ultimatum ! Sofie. Nun denn, meine Ansicht ist, daß, ehe wir über die mit uns kriegführenden Mächte berathen,^ wir erst untereinander einig sein müssen. Ist dies auch Ihre beiderseitige Meinung? Oberst. Gewiß. Barnikow. Unbedingt. Sofie. Hab' ich auch von Ihnen ausgedehnte Vollmachten, Herr Oberst? Darf ich in Ihrem Namen vermittelnd auftreten und Ihr Ultimatum sagen? Oberst. Ich gebe Ihnen die unumschränktesten Vollmachten! Sofiessteht auf, zu ihrem Bater). Herr Senator, Baron von Barnikow, der hier anwesende Freiherr von Drosten, königlich preußischer Oberst außer Diensten, Ritter des GroßkreuzeS verschiedener hoher und niederer Orden rc. rc. rc. gibt sich die Ehre, im Namen seines Sohnes, deö Freiherrn Conftantin von Drosten, derzeit noch ohne Orden und ohne besondere Verdienste, außer seiner treuen Liebe, einem redlichen Herzen und einiger ruhmvoll bestandenen Uni- versitätspaukereien, um die Hand Ihrer älteren Tochter Pauline. Freiin von Barnikow zu werben. Barnikow (erschrickt). Was thust Du, Sofie? Sofie. DaS Vernünftigste, denn das Glück Ihrer Kinder, meine Herren Conferenzler, muß Ihnen vor allem das Wichtigste sein! Oberst. Sie hat recht, und mit Freuden würde ich einstimmen, aber mein Wort, an Düren verpfändet — Sofie. Löst sich von selbst, denn Mathilde, die Ihrem Sohne bestimmt gewesene Braut, liebt meinen Bruder. Oberst. Das scheint allerdings so zu sein, aber — 35 Varnikow. Und wenn anderweitige Bedenken obwalten — wenn Sie, werther Herr Oberst, die Verbindung mit der Familie Düren vielleicht auch einerseits aus pekuniären Rücksichten wünschen sollten, — da Sie, wie ich gehört, bedeutende Summen vorgestreckt haben — mein halbes Vermögen steht zu Gebot, um auszugleichen. Oberst. Nein, mein lieber Herr Senator, daö ist Nebensache, mir gegenüber — Barnikow. Wenn Gräfin Mathilde meines Sohnes Gattin wird, so dürfte die halbe Million, die ich ihm geben wollte, hinreichen, die Grafschaft Düren, welche in sehr mißlichen Umständen sein soll, wieder empor zu bringen. Sofie. Davon später! Die Herren gerathen auf Abwege, Sie verlassenden Rechtsboden; ich bin noch der Antwort auf mein Ultimatum gewärtig. Oberst. Mein lieber kleiner Bevollmächtigter, wer könnte Ihnen wohl zuwider handeln. Nun denn, (gibt Barnikow die Hand) ich meinerseits willige mit Freuden in die Verbindung unserer Kinder, wenn eS uns gelingt, mit meinem alten Düren in's Reine zu kommen. Sofie. Darf ich Sie umarmen, mein Herr, daS heißt, nicht in offizieller Stellung als Minister, denn daS schickt sich nicht, kommt auch nie vor, sondern als die Schwester des braven lieben Mädchens, welches Ihn ja unendlich glücklich macht. Oberst. O mein Fräulein, wie gern! (umarmt sie). Sofie (fireicht ihm schnell und zärtlich den Schnurbart). Süperber Schnurbart das! Oberst. O warum Hab' ich nicht noch einen Sohn für dieses prächtige Mädchen, oder warum bin ich nicht 40 Jahre jünger! To sie (mit einem koketten Blick). Nun was hindert denn Ihr Alter? (plötzlich ernst). Aber nun zu den einzelnen Noten, Sie haben das Wort, Herr Senator ! Barnikow. Es handelt sich nun hauptsächlich darum meinen Sohn, Dürens gegenüber in eine sichere Stellung zu bringen. Ich wollte eigentlich vorher nach Düren reisen, aber mein kleiner Minister sprach dagegen und behauptete: Vor Allem muß nach Drosten gereist werden, denn der Herr Oberst ist der Mann dazu, die ganze Sache zu ordnen; zu ihm müssen wir zuerst. Oberst (geschmeichelt). Wirklich? Nun, mein liebes Kind, Ihr Vertrauen soll nicht getäuscht werden. Ich vermag Alles über meinen alten Freund Düren, das ist wahr — ich bin es Ihrem Bruder schuldig, der sich für meinen Sohn opferte, vermittelnd aufzutreten; — ich sage Düren, wie die Sachen stehen, und er wird Ihrem Sohne seine Tochter nicht verweigern, besonders da Ihr Adel, wie ich weiß, alt und ächt ist. Warum nur haben Sie ihn so lange verleugnet, Herr Senator? Barnikow. Sehen Sie, Herr Oberst, in Hamburg gibt man nichts darauf, man würde dort ganz einfach Herr Zieten, Herr Düren, Herr Wallenstein sagen, ohne zu glauben, damit einen Fehler zu begehen, und ich hätte auch als Edelmann nach unserer dortigen Verfassung meine amtliche Würde nicht begleiten können — die ich nun auch aufgeben werde, meinen Kindern zu Liebe. Oberst. So lassen Sie uns also morgen, wenn Sie ausgeruht haben, nach Düren aufbrechen. Sofie. Halt, meine Herren, so geht das nicht, Sie vergessen das Wichtigste. Soll dieser Eisenfresser, dieser rasende Roland, Major Graf Düren so leer ausgehen für die Drohungen gegen meinen Bruder, ihn niederschießen zu wollen wie einen Wilddieb — und soll er noch obendrein recht behalten - Glauben Sie nicht, daß in dem Augenblick, in wel- 36 chem Sie dem Vater dies Räthsel lösen, der Major Düren und mein Bruder schon mit blanken Degen einander gegenüberstehen? Soll Einer oder Beide das Opfer werden? Oberst. Sie hat nicht Unrecht, der Major ist entsetzlich heftig. Barnikow. Mein Sohn nicht minder! Oberst. Aber wie soll man dem Allen entgegen arbeiten? Sofie. Ganz einfach, indem Sie, Herr Oberst, meinen Bruder bei unserer Ankunft in Düren, als Ihren Sohn begrüßen. Oberst (entsetzt). Wie? Ich sollte lügen? sollte die Komödie, über die ich Tod und Teufel herabgeflucht habe, verlängern und selbst mitspielen? Nein, mein liebes Kind, daraus kann nichts werden! Sofie. Wie eS Ihnen beliebt! So sind die Friedenskonferenzen abgebrochen, und ich lasse meine Truppen über die Gränze marschieren — und — Oberst. Aber sehen Sie denn nicht ein, liebes Kind — daß dieß unmöglich ist? Sofie. Im Gegentheil bin ich fest überzeugt, daß wir nur durch dieses Mittel zum Ziele kommen. Soll ich meinen Bruder todtschießen lassen — weil er für Ihren Sohn eingestanden ist? O Herr Oberst! (sich gekränkt stellend). Sie handeln nicht großmüthig gegen uns! — Barnikow. Aber Sofie! Oberst. Alle Teufel, sie hat recht! ich komme da aus einer verwünschten Situation in die andere! Aber selbst wenn ich mich nun zu der tollen Komödie hergäbe, durch wen und wie sollte sie denn dann zu Ende gespielt werden ? Sofie. Durch Sie und mich! Durch Sie, indem Sie Ihrem alten Freunde Alles beibringen in einer guten Stunde — und ihn zu versöhnen suchen; durch mich, indem ich den rasenden Roland zähme, den Major, mit welchen Waffen, das wird Mama Natur mich wohl lehren. Oberst. Wunderbares Kind! Sie könnten mich wahrhaftig noch zu Thorheilen verleiten. Sofie (springt ihm an den Hals). Papa Oberst, sagen Sie ja! Oberst. Herziges, liebes Kind! lassen Sie mich nur erst überlegen! ich weiß bei Gott nicht, wie ich — Sofie (küßt ihn, streichelt ihm die Wange). O nichts da von Ueberlegen. bedenken Sie, eS sind die einzigen Söhne, die sich todtschießen wollen — wir thun ein gutes Werk. Oberst. In Gotteönamen denn! Ich will mit Komödie spielen! Diesem kleinen Satan zu Gefallen! Ah, Sie sind ein glücklicher, beneidenswerther Vater! Waö haben Sie für prächtige Kinder! Barnikow. Mein Daterherz dankt Ihnen für diese Worte. Ich hoffe, wir sollen Freunde werden. Oberst (umarmt ihn). Wir sind es schon! Sofie. Halt! halt! Bringen Sie mir meinen Papa nicht um! Sie drücken ihn todt! Aber da gibt es noch andere Leute zu umarmen, (läuft links zur Thüre des Pavillons). Heraus Ihr Glücklichen! Neunte Seeue. Vorige. Frau Barnikow. Pauline. Louise. Lottchen. Consta n- t i n. (Alle aus dem Pavillon). Sofie (zu Eon sta nt in und Pauline; (führt sie zum Obersten). Da kniet hin und holt Euch den Segen. Oberst. Alle Donnerweiter! Du hier? Sofie. Nichts geflucht, Papa Oberst, sondern frisch weg gesegnet! Oberst (zu Eon st an Lin). Nun, wir sprechen uns später. Vorläufig habt Zhr meinen Segen, meine Kinder, seid 37 glücklich, und dankt dort Eurem mächtigen Fürsprecher. Constantin und Pauline (umarmen Sofie). Sofie. Schon gut. (Constantin und P a u lin e umarmen Barnikow und seine Frau). Oberst. Meine gnädige Frau! Wir treten in nahe Verwandtschaft und ich bedaure nur, daß ich nicht noch einen Sohn habe, oder nicht selbst jünger bin, um Ihnen auch dies prächtige Goldmädchen entführen zu können. Sofie (schmachtend ihn ansehend). Wenn keine anderen Rücksichten Sie hindern, so genieren Sie sich nicht. Ihre Kinder und Ihr Haus will ich schon Zusammenhalten und dirigiren, daß es eine Freude sein soll! Frau Barnikow. Sofie! Mein Gott, waS plauderst Du wieder Alles! Oberst. O lassen Sie sie — sie ist zum Entzücken. Ja, wenn meine Mädchen mich so zu packen wüßten — Lottchen. Papa, da kämen wir schön weg! Sofie (mit mütterlicher Affectation zu den Mädchen). Merken Sie sich das, meine lieben Kinder! (reicht ihnen die Hände zum Kusse hin, reißt sie an sich und küßt sie Beide, halblaut). Nur Geduld meine lieben Herzensmädchen ! Wenn ich meine Komödie auSgespielt habe, dann machen wir erst Bekanntschaft, und gewiß, wir verständigen uns, ich verhelfe Euch zu Allem, was Zhr wünscht. Louise. O liebe Freundin, wir verstehen Sie schon von ganzer Seele! Lottchen. Und ich nehme Sie mir schon zum Muster. Sofie. Vortrefflich! Dich erziehe ich zu meiner Nachfolgerin, Kleine! (B arnikow hatte seitdem mit Constantin und Pauline gesprochen. Frau Barnikow mit dem Obersten). Oberst. Aber nun denk' ich, dürfte es Zeit sein, auch an das Materielle zu denken. Sofie. Allerdings, jetzt muß ein Festessen folgen, so bedingt es die richtige Abwickelung der Geschäfte. Louise. Es ist Alles bereit für unsere lieben Gäste — Barnikow. Und morgen mit dem Frühesten reisen wir nach Düren. Der Herr Oberst stellen mich für's Erste als einen Bekannten vor. Sofie. Sie sagen zum Beispiel: hier mein Freund Barnikow wünscht Güter in unserer Gegend zu kaufen; wir trafen uns in der Nähe Dürenö, und ich beredete ihn, mit seiner hübschen Tochter — das bin ich nämlich, denn ich muß dabei sein — mit mir zu kommen — Graf Düren wird thun, als sei er entzückt über unser Erscheinen — Sie begrüßen Ihren Sohn, unfern Carl, mit der väterlichsten Zärtlichkeit — und das Andere ist meine Sache! Frau Barnikow. Sofie! mir däucht, daß diese Herren wohl selbst wissen werden, was sie zu beschließen haben. Barnikow. Laß sie, liebe Marie! Es ist ganz gut, wie sie vorschlug, und vorläufig bleibt Constantin mit den Damen hier zurück, und kommt erst einen Tag später, als wir in Düren an. Oberst. Das ist auch meine Meinung. Sofie. Das heißt, Ihr kommt einen halben Tag nach unS an und bleibt in irgend einem Gast- oder Jägerhause, damit wir Euch zur Hand haben, wenn wir Euch brauchen. Constantin. O darf ich nicht vorauseilen, und meinen guten aufopfernden Carl unter irgend einer Verkleidung sagen, daß sich Alles glücklich lösen wird? Sofie. Pauline, halt ihn fest, den Ausreißer! er ist im Stande, uns Alles zu verderben! Pauline. Lassen Sie uns vertrauen 38 auf die Anordnung unserer Väter und unseres klugen Schutzgeistes. Sofie. Ja, da ist man klug und Schutzgeist. Engel und Seraf, wenn man Verlobten zu einander verhilft. Oberst. Aber liebes, einziges Kind! sagen Sie mir nur, woher haben Sie denn all diese Klugheit und diese praktischen LebenSansichten? Sofie. Aus äußerst guten und lehrreichen Büchern, nicht wahr, süße Mama? Auch dank' ich meiner früheren Tanzlehrerin und ihren vielseitigen Erfahrungen so Manches. Eins aber beding' in mir, lieber Oberst! sehen Sie mich nicht so feurig an, sonst steh' ich für nichts — in einem meiner lehrreichen Bücher, betitelt: Die Entführung, oder allzuscharf macht schartig — standen auch unter andern weisen Sprüchen die inhaltsschweren Worte! „Die Alten sind die Schlimmsten!" — (nimmt r,s Obersten Arm). Nun zeigen Sie uns aber Ihr schönes Schloß! Oberst. O wären Sie doch die Herrin desselben — Sofie. Nun, wer kann denn wissen, was noch aus unserer gegenseitigen zarten Neigung wird? (Alle lachen herzlich, und gehen lebhaft ab, während dem (Der Vorhang fällt). Vierter Aet. Das frühere Zimmer auf Schloß Düren. Rechts auf dem Sopha sitzen Gräfin und M a- thilde, beide mit weiblichen Arbeiten beschäftigt. Links am Tisch spielen Graf und Carl Schach. Victor steht hinter dem Grafen und sieht zu. Erste Scene. Graf. Gräfin. Mathilde. Victor. Carl. Gräfin. Es bleibt mir ein Räth- sel, warum der Oberst gestern Abend noch nicht eingetroffen ist. Mathilde. Vermuthlich ein Unwohlsein. Gräfin. Er wollte doch den 23. zur Vermählung hier sein, wir haben heute schon den 26. und es ist die ganze Angelegenheit noch so weit in Frage. Graf (wendet sich zu ihr). Aber, liebe Jda, wir hatten ja beschlossen, über all dies kein Wort mehr zu verlieren, bis der Oberst hier sein würde. Gräfin (seufzt). Victor. Aber Baren, Sie spielen ja verdammt schlecht heute—sollte die Sehnsucht nach Ihrem Vater Sie so zerstreut machen? Gras. Im Gegentheil, ich weiß nicht, was Ihr wollt, er hat ja noch seine Königin, seine Thürme, 4 Bauern und 1 Springer. Carl. Sie haben recht. Herr Graf, so lange ich meine Königin habe, brauche ich nichts zu fürchten (sieht Mathilde bedeutend an). Victor. Sie allein könnte Ihnen denn doch nichts helfen — aber Ihr Spiel steht allerdings gut, es fragt sich nur, ob Sie Ihre Chancen werden zu benutzen verstehen. Zweite Scene. Vorige. Diener. Diener. Ein Wagen kömmt die 39 Allee herauf gefahren, eS scheinen die Schimmel des Herrn Oberst zu sein, (bleibt im Hintergrund). Victor. Gott sei Dank, endlich! Graf. Dann laßt uns ihm entgegengehen (Diener ab). Nun, lieber Con- stantin, endlich sehen wir Ihren Vater, (gibt der Gräfin den Arm und will sie abfüh- ren). Victor (läßt Carl nicht aus den Augen). Carl (für fich). Könnt' ich mich doch jetzt nur unsichtbar machen. Teufel! so kommt der Alte doch noch vor meinem Vater an! Mathilde (leise zu Carl). Was nun, mein Freund! Carl (schnell). Es ist Alles verloren. Mord und Todschlag sind unvermeidlich. Dritte Scene. Vorige. Oberst. Sofie. Senator. Oberst. Ich bringe Gäste, mein alter Freund. Carl (für sich). Ah, mein Vater und Sofie. Oberst (umarmt den Grafen und küßt der Gräfin die Hand.) Zch traf meinen werthen Freund. Baron Barnikow, nebst seiner liebenswürdigen Tochter hier in der Nähe, und bat sie, mich nach Düren zu begleiten, überzeugt, daß Du mir für diese schätzens- werthe Bekanntschaft dankbar sein wirst. G r a f (herzlich). Willkommen, willkommen in meinem Hause! Oberst. Aber wo steckt denn nur mein Junge? Victor (boshaft auf Carl deutend). Dort ist Ihr Sohn, Herr Oberst. Oberst (mit offnen Armen auf Carl zugehend). Laß Dich umarmen, Du Herumtreiber! Hast wohl kein gutes Gewissen, weil Du Dich so in den Hintergrund steckst. Carl (in seinen Armen, für sich). Was bedeutet daS? Mathilde. Ha!! Oberst (schnell und leise zu Carl). Die Parole ist: Sophie und List gegen Gewalt. Carl (lchnell). Ich verstehe! (laut). O mein theurer Vater, sind Sie endlich da. Sie können sich keinen Begrist von der Sehnsucht machen, mit welcher ich Ihrem Erscheinen entgegen sah. Oberst (lachend). Ja. ich kann mir'S denken, Junge. Nun, ich bin da — und verlaß Dich darauf, nun soll sich Alles friedlich auSgleichen. Victor (stand seit der Umarmung des Oberst und Carl (starr für sich). Also doch — mein Gott, was Hab' ich gegen ihn nun Alles gut zu machen! (Während Vorhergehendem haben der Graf, die Gräfin, der Senator und So- f i e offenbar fich einander vorgestellt. ohne die Scene zu stören). Sofie und M a- thilde stehen neben einander, und sehen fich mit Interesse an). Mathilde. Sie waren nie in dieser Gegend, mein Fräulein? Sofie. Persönlich nie — (halblaut), aber desto mehr mit Geist und Seele. Carl (zu Mathilde). Darf ich Sie bitten, Gräfin, mich dem gnädigen Fräulein vorzustellen. Sofie. Ich habe bereits vernommen, daß Sie der Sohn des Herrn Oberst sind, und somit auch ein Universitätsfreund meines Bruders, Baron Barnikow. Carl (verlegen lachend). Ja. ja, versteht sich, Baron Barnikow, o ja, einer meiner besten Freunde. Prächtiger Bursche das, Ihr Bruder, mein Fräulein. Sofie. Sie schmeicheln, Herr Baron, mein Bruder ist ein ganz guter Junge, aber ein Windbeutel sonder Gleichen — macht Streiche, die kaum zu repariren sind, und wenn er mich nicht hätte, so würde er auch jetzt wieder in einer Klemme sitzen, aus welcher ihn sein eigner Witz nimmermehr erlösen könnte. 40 Carl. Was Sie sagen! Zch weiß doch nicht, mir erschien mein Freund Carl stets so gesetzt, so klug, so vernünftig, so liebenswürdig mitunter. Sofie. O Freundschaft! wie verklärst Du die unbedeutendsten Gegenstände! Sie zeichnen da ein ganz falsches Bild von meinem Bruder (zum Senator). Papa, denken Sie nur, dieser junge Herr hier lobt unfern Carl über alle Gebühr. Senator (gibt Carl die Hand und schüttelt sie herzlich). Ich danke Ihnen, Herr Baron, es thut dem Herzen eines Vaters wohl, sein Kind geschätzt zu wissen — wenngleich mein Sohn — Carl (umarmt ihn heftig). Herr Baron, ich muß Sie umarmen, Sie sind der Vater meines Freundes. Senator (leise zu Car l). Warte nur, Junge, wenn wir unter vier Augen — (Gras, Gräfin, Oberst sprachen zusammen). Oberst. Ich nehme es an und habe ohnedem mit Dir zu sprechen, der Tag ist süperb, gehen wir denn in den Park, (mit dem Grafen durch die Mitte ab). Gräfin. Wäre eS Ihnen gefällig, Herr Baron.' Senator (gibt Ihr den Arm, ab durch die Mitte). Vierte Scene. Mathilde. Sofie. Carl. Victor. Sofie (wechselt immer mit Victor Blicke). Kteüuvg. Sofie. Mathilde. Carl. Victor. Victor (halblaut zu Carl). Ich bitte mir eine Unterredung von einigen Minuten aus, Baron, um Ihnen meine aufrichtigen Entschuldigungen ausspre- chen zu können. Carl. Nicht nöthig, Herr Graf, ich bin vollkommen überzeugt, daß Sie Ihr Unrecht Einsehen müssen, über den Wilddieb und dergleichen sprechen wir später. Victor. Wie eS Ihnen beliebt. Sofie. Gräfin, wenn Ihnen zu Muthe ist, wie mir, so drücken wir einander an's Herz. Mathilde (umarmt sie innig). Von ganzer Seele. Sofie (zu Mathilde leise). Lassen Sie mich mit Ihrem Bruder allein. Mathilde (zu Carl). Baron wollen wir den Eltern folgen? (zu S o- fie). Und Sie, liebes Fraulein. Sofie. Wenn ich darf, so bleibe ich hier — ich habe genug Luft genossen für heute — wir Städterinnen gehen mit diesem Artikel nicht so luxuriös um. Victor. So erlauben die Baronesse vielleicht, daß ich Ihnen hier Gesellschaft leiste? Sofie. Wenn Sie mir versprechen mich gut unterhalten zu wollen. Victor. Ich will es wenigstens versuchen. Carl. (Gibt Mathilde den Arm). WaS gilt's, in 10 Minuten hat sie ihn behext, (beide durch die Mitte ab). Fünfte Scene. Sofie. Victor. Sofie (für sich). Müßt'ich nur schon, wie ich den packen soll, (setzt sich in einen Fauteuil und sieht ihn an:) Nun? Victor (sehr fein und galant). Sie befehlen ? Sofie. Ich erwarte, daß Sie mich unterhalten werden. Victor. Mein Fräulein! Sie kommen auö großen Städten zu Landleuten, ich dürfte daher eher erwarten, daß Sie die Güte hätten, einen Stoff zu unserer Conversation anzuregen. Sofie. Sie sind Offizier, folglich nicht Landmann, — oder sind Sie vielleicht Willens aus dem Dienst zu treten? 41 Victor (heftig). Ich den Dienst verlassen — nimmermehr! Sofie (für sich). Aha, da Hab' ich ihn. (zu ihm). Warum nicht? Waö finden Sie an Ihrem Stande so Anziehendes? Die Uniform vielleicht? (ihn betrachtend). Sie kleidet Sie nicht einmal besonders gut. Victor. WaS sagen Sie, mein Fräulein? Bisher — Sofie. Hat man Ihnen gesagt, Sie sehen wie der Kriegsgott darin aus? O das glaub' ich gerne — ich aber, die personificirte Wahrheit, wie mein Vater mich nennt, ich sage Ihnen, Sie wären tausendmal hübscher in Civil- kleidern. Victor (heftig). Unmöglich! Dies kann Zhr Ernst nicht sein. Sie wären die erste Dame, deren Geschmack gegen unsere Uniformen gerichtet wäre. Sofie. O glauben Sie das nicht; Viele theilen meine Ansicht. Bunte Farben passen nicht für Männer. Ich las einmal in einem äußerst guten Buche hierüber eine sehr geistreiche Abhandlung, und ich versichere Sie, daß mir jeder Officier immer wie eine Maske vorkommt. Dieses zweierlei Luch in seiner oft unharmonischen Zusammenstellung, wie z. B. grün und blau, roth und schwarz s ls Lsmiel, gelb und blau wie sächsische Briefträger, roth und gelb, grau und braun wie Nachtwächter, — ist mir ein Gräuel, — ich könnte nie einen Officier lieben! (sieht ihn schmachtend an). Victor. Sie scherzen mein Fräulein. Wenn der Charakter deS Mannes Ihnen zusagte, wenn Gestalt und Züge Ihnen gefielen, wenn Ihr Herz für ihn spräche, so würde die Uniform Sie gewiß nicht hindern, ihn zu lieben. Sofie. Gewiß! denn ich kenne über- dem nichts Schrecklicheres als dasPrin- cip, welches dem Militärstande zum Grunde liegt und welches stets vor meiner Seele schweben würde, wenn mein Mann oder mein Geliebter mich umarmen wollte — Vernichtung, Mord, Lodschlag, Plünderung — Grausamkeit. V i c t o r (lachend). O mein Fräulein, dies sind aber doch keineswegs — Sofie. Und warum geschieht all der Gräuel? Weil sich ein Paar Menschen nicht verständigen können, oft über eine Lappalie, über einen Begriff, oft sogar über ganz begrifflose Dinge. Da feinden sich denn Tausende an, ohne recht zu wissen warum — da schlagen sich Millionen todt — da würgen sich ganze Völker gegenseitig ab, ohne Grund, ohne Haß, ohne Leidenschaft, nur^o auf Kommando, psr oräro 6u mukti. Ah, wenn ich Soldat wäre und sollte in den Krieg ziehen, so würde ich sagen: ich danke verbindlichst — ich habe mit Niemand Streit, mich hat Keiner beleidigt — wer sich beleidigt glaubt, der mache es mit seinem Beleidiger aus — und wenn alle Soldaten so dächten, so bliebe denen, die sich für beleidigt halten, nichts übrig, als sich zu versöhnen oder sich mit dem Gegner auf Tod und Leben selbst zu schlagen, dann wäre der Krieg in einer viertel Stunde entschieden, und Tausende blieben am Leben. Victor (lachend). Das kann Ihr Ernst nicht sein, mein Fräulein, Ihre geistund seelenvollen Augen widersprechen Ihren Worten. Sofie. Was gehen Sie meine Augen an? Ja, eS ist mein Ernst. Sehen Sie, da lob ich mir den Civilstand, der doch auch seine Aufregungen hat, aber seine bei Weitem friedlicheren Zwecke. Sehen Sie, z. B. den Jäger! Welch ein Leben voll Genuß und Frische! Nur Kampf gegen die armen Thiere deS Waldes, die ich zwar auch herzlich be- daure, die dies aber nun einmal nicht besser wissen, als daß sie todt geschossen werden müssen. Ach, so im Walde Herumstreifen, die würzigen Lüste einsau- saugen, welch ein Leben (fingt). Im Wald, im Wald, wo'S Echo schallt." Victor (lachend). Ihre muntere Laune ist köstlich, mein Fräulein, aber wenn Sie grüne Wälder lieben, so bietet Düren seinen schattigen Park, seine uralten Forsten. Sofie. Prächtig! Unseres Bleibens wird hier leider nur nicht lange sein. Mein Vater beabsichtigt, in dieser Gegend Güter anzukaufen und wünscht, daß der Oberst ihn begleite, aber so viel ich aus dem Gespräch des Herrn Obersten mit meinem Vater entnommen, sollte hier eine Heirath vollzogen werden, die Hindernisse fand. V i c t o r (lebhaft). Wir hoffen gleichfalls, diese höchst bedauerliche Angelegenheit durch Vermittelung des Herrn Obersten geschlichtet zu sehen. Sofie. Hoffen Sie daS nicht. Victor. Wie so, mein Fräulein? Sofie. Ich könnte Ihnen hierüber Vieles sagen — aber wir kennen uns ja kaum — ich weiß ja nicht, ob ich Ihnen trauen dürfte. Victor (lebhaft). O mein Fräulein, ist mir's doch, als kennten wir uns schon seit Jahren — ja seit wir zu denken fähig sind. Ist mir'S doch seit Sie hier unter uns sind, als habe sich Alles um und in mir vervollständigt, — als habe mein besseres Selbst mir gefehlt, bis Ihr reizendes Bild, das mir wohl in den Stunden stillerWünsche und illusorischer Träume vorgeschwebt, zur entzückendsten Wahrheit geworden! Sofie. Halt! Herr Major, nicht so heftig vorwärts gestürmt, Sie flehen nicht vor dem Feinde — sondern einem kleinen, unbedeutenden Mädchen gegenüber, welches aber dennoch viel zu gut ist, um zur Zielscheibe Ihres Scherzes zu dienen. Victor (leidenschaftlich) Mein Fräulein! WaS ich gesagt, ist Wahrheit! Ich bin ein schlichter, einfacher Soldat, erzogen und berufen für diesen Stand — ich verstehe nicht zu lügen, noch zu heucheln, und fühle recht gut, daß ich unzart gehandelt, als ich Ihnen, kaum gesehen, schon die Gefühle beschreibe, die mich so überraschend schnell erfaßten, und die mein ganzes Innere in Aufruhr bringen — aber ich wollte Ihnen damit auch durchaus keine Liebeserklärung machen — bei Gott nicht! Sofie (sich komisch verbeugend). O ich bitte, sehr aufrichtig Victor. Nein, mein Fräulein. Es war der unwillkührliche Ausbruch meiner Empfindungen, der Ausdruck meiner Gefühle. Ich glaubte bisher nicht an die Gewalt des ersten Eindrucks. Sofie. Nicht? Ich desto mehr. Der erste Eindruck ist immer der entscheidendste. Und sagt nicht unser großer Schiller schon: „Das ist der Liebe heil'ger Götterstrahl, „Der in die Herzen trifft und schlägt und zündet. Victor. „Da ist kein Widerstand und keine Wahl. Es trennt der Mensch nicht, was der Himmel bindet." Sofie. Sehen Sie wohl! Also bekehren Sie sich gefälligst von Ihrem Unglauben. Victor. Ich muß es wohl, denn ich fühle nur zu klar, wie Unrecht ich gehabt. Sofie (mit einem feurigen Blick). Kommen wir auf unser früheres Thema zurück. Victor. Sie wollten mir ein Ge- heimniß anvertrauen. Sofie. Wenn ich wüßte, daß Sie schweigen könnten. Victor. Ein Soldat, mein Fräulein, muß schweigen können. Sofie. Richtig! Denn er darf selbst den Mund nicht aufthun, wenn ihm offenbar Unrecht geschieht, — da heißt es: Subordination — Ordre pariren, und schweigen. Nun denn, da ich auch so ein Bischen — hören Sie wohl. 43 nur so ein ganz klein Bischen von dieser geistigen Wahlverwandschaft spüre, von der Sie für mich durchdrungen zu sein behaupten — Victor (entzückt). O mein theureS Fräulein! Sofie. Still da! Keine Betheurungen! So will ich Zhnen denn etwas mittheilen, was allerdings eine große Ueberraschung für Sie sein wird. Schwören Sie mir aber vorher Verschwiegenheit, und Ihre Unterstützung in dem, was ich zum Wohle für uns Alle beabsichtige. Victor. Mit Freuden — mein Wort zum Pfände, daß ich bei Allem, was Sie für gut finden zu unternehmen, zu Ihren Diensten stehe. Sofie (geh.imnißvoll). Nun denn, Ihre Schwester Mathilde wird nie des Baron Drosten Gattin werden, denn sie liebt meinen Bruder. Victor. Was sagen Sie? Zhren Bruder, mein Fräulein, liebte Mathilde? Wäre es möglich? Aber wo lernte sie ihn denn kennen? Sofie. Die näheren Umstände erzähle ich Ihnen später — denn vor Allem will ich wissen, ob der Gedanke, mein Schwager zu werden, für Sie ein unangenehmer ist. Victor. Er entzückt, er bezaubert mich. Wenn Ihr Bruder nur im Entferntesten Ihnen gleicht, mein Fräulein, so begreife ich Mathildens Neigung. Sofie. Mein Bruder ist der liebenswürdigste junge Mann, den ich kenne — (verbeugt sich kokett). — Verzeihen Sie, ich lasse ab und zu auch eine Ausnahme gelten! — Er ist voll Seele, Geist und Gemüth, liebt Ihre Schwester mit Leidenschaft, und ist Herr einer halben Million — was ich auch nicht unter seine Fehler rechne. Victor (lacht). Gewiß nicht! Aber wie meine Eltern für die Parthie stimmen? Sie sind ganz entzückt von diesem Drosten, der mir — ich gestehe es aufrichtig — unausstehlich ist, und schon, um ihn nicht meinen Schwager nennen zu müssen, bin ich glücklich über die anderweitige Wahl meiner Schwester. Sofie , (pikirt). Nun, mein Herr, diese Abneigung finde ich übrigens sehr ungegründet. Baron Drosten erschien mir als ein höchst liebenswürdiger, angenehmer. junger Mann — sein Benehmen ist fein — voll Anstand, seine Züge sind schön und edel — in seinen Augen liegt eine Genialität, ein Feuer, wie ich es selten gesehen. Victor (schmerzlich). Ach so! O mein Fräulein, ich verstehe jetzt. Vergeben Sie, ich wollte Sie nicht verletzen durch meine Aeußerungen über Baron Drosten. Ich sehe nun klar, Sie interessi- ren sich so lebhaft, für meiner Schwester Verbindung mit Ihrem Bruder, weil Constantin dadurch frei wird — und — Sofie (stampft mir dem Fuße, aber natürlich mit Gracie.) Sie beleidigen mich, Herr Major — Sie wissen, daß ich Baron Drosten vor einer Stunde zum ersten Mal in meinem Leben sah und glauben, daß in meinem 16jährigen Kopfe bereits ein Plan entstanden sel, wie ich mich ihm am Besten an den Hals werfen kann — ihm. mit dem ich kaum zehn Worte gewechselt! Victor (parodirend). »Das ist der Liebe heil'ger Götterstrahl, der in die Herzen — Sofie. Schweigen Sie, Sie haben mich gekränkt — ich will nichts mehr hören, gehen wir zu den Andern. Victor (dringend). O sagen Sie mir, daß er Ihnen gleichgültig ist. Sofie. DaS kann ich nicht — denn ich würde lügen, und ich lüge nie (für sich) außer, wenn ich muß (laut), aber ich liebe ihn nicht, — so was man unter Liebe versteht, waS ich aus äußerst guten Büchern weiß. Victor. O mein Fräulein, dann 44 rechnen Sie auf mich! nur verzeihen Sie mir. Sofie (mit einem zärtlichen Blick). Ich will mir's überlegen, unter welchen Bedingungen ich Ihnen vergeben kann. Geloben Sie mir, auf jede einzugehen? Victor. Unbedingt! — denn Sie können nur Gutes und Edles von mir verlangen. Sofie. So kommen Sie, — ich habe jetzt Lust, Ihre Bäume und Blumen zu sehen — den Balsam Ihrer Lüfte einzuathmen — war das poetisch? Ihren Arm, mein Herr Verbündeter. Verschwiegenheit, und unbedingten Gehorsam — sie können dem Soldaten nicht schwer werden. Victor (für sich). Zauberisches Kind ! Ich quittire, wenn sie mich in der Uniform nicht will, (gibt S osie den Arm — Beide ab). Verwandlung. Großer schöner Garten bei dem Schlosse Düren. Im Garten ein großer Pavillon. Sechste Scene. C 0 Nst a N ti N (steht im Vordergründe links hinter einer Hecke. Im Hintergründe zwischen Hecken und Gängen steht man den Grafen, den Oberst und die Gräfin in lebhaftem Gespräch gehen, aber daß sie C 0 N- staNtiN nicht sehen können. Seitwärts rechts im Hintergründe ist Barnikow, Math ild e und Car l, B arnikow küßtund umarmt Mathilde und geht dann dem Grafen nach. Mathilde und Carl gehen rechts hinein. Alle verlieren sich endlich.) Constantin (kömmt). Ich ertrage die Ungewißheit nicht länger. Bei jedem Geräusch glaube ich die Degen Carls und Victors klirren zu hören. Da ist er mit einer jungen Dame — jedenfalls Mathilde — sie wenden sich hierher — ich wage es, ich muß ihn sprechen (verbirgt sich hinter einer Hecke). Siebente Scene. ß Carl. Mathilde. Constantin. ^ Carl. Könnt' ich Dir, theure Ma- ff thilde nur einen kleinen Theil meiner s Zuversicht, meiner festen Ueberzeugung, ^ daß Alles glücklich enden wird, geben. Mathilde. Ich kann mich des schrecklichen Gedankens nicht erwähren, daß die Heftigkeit meines Bruders > Alles verderben wird. ! Constantin (kommt leise vor und um- l fängt Carl). Geschehe, was da wolle, I ich muß Dir sagen, daß ich hier bin. lt Carl. Um GotteSwillen Constantin. was thust Du? Wo ist die Mutter, Pauline und Deine Schwestern« Mein Vater sagte uns eben, daß Ihr morgen erst kommen solltet. Constantin. Die Damen sind dort im Pavillon gut verborgen. Louise wußte klüglich durch den Gärtner den Schlüffe! zu bekommen, und sie warten auf das Signal, herauskommen zu dürfen — ich hielt es nicht länger aus in der Ungewißheit. Carl. Meine Mathilde, sieh' hier den Dir bestimmten Bräutigam. — Wenn wir so neben einander stehen, so möchte ich leicht fürchten viel in Deinen Augen zu verlieren. Mathilde (reicht Constantin die Hand). Wir waren als Kinder schon Freunde — ich hoffe wir werden es wieder sein, wenngleich — Constantin (küßt ihre Hand). Meine theure Gräfin, die Sprache ist zu arm, um Ihnen für so viel Huld zu danken. Achte Scene. Vorige. Sofie (kommt von rechts ge-' laufen). ' Sofie (lacht). Gottlob, daß ich endlich meinen Roland ein wenig loSge- worden (zu Mathilde). Ich habe ihn nach meinem Sonnenschirm geschickt, er kann lange suchen, denn ich habe keinen mitgebracht. Ich mußte Euch 45 sprechen, (sieht Conftantin). Donner und Doria, sagt der Oberst; was thun Sie denn schon hier? Wollen Sie wohl gleich verschwinden? Consta nt in. Alle find wir schon hier, wir halten'S nicht länger mehr in der Ungewißheit aus. Sofie. Wirklich? Ei, glaubt Ihr denn, wir können Heren! Conftantin. Ja, Sofiechen, das trauen wir Ihnen zu — also — Sofie. Still da und schnell verschwunden! ES ist die größte Gefahr für Sie, wenn mein Berserker —(zu Mathilde.) Sie vergeben schon, Gräfin, — kömmt, (altklug) Der Mama werd' ich übrigens mein höchstes Mißfallen zu erkennen geben, über das Durchkreuzen unser Pläne. Earl (in komischer Entrüstung). Ja, wad die Eltern stets leichtfinnig find, daö ist schon entsetzlich! Wenn die klügeren Kinder nicht wären — Sofie (schlägt ihn mit dem Handschuh). Du hast Ursache zu spotten ! Mathilde. O erzählen Sie, wie benahm sich mein Bruder. — Sofie. Liebenswürdig, wie seine Schwester. Ich weiß nicht, waS Ihr wollt, der Major ist ein höchst lebhafter, leidenschaftlicher Charakter, aber auch ein Kind an Gemüth und Weichheit, man muß ihn nur zu behandeln wissen. Carl. Sagt ich es nicht, sie wird ihn verzaubern? Sofie. Ich habe bis jetzt keinen Mann gesehen, dessen ganzes Wesen meinen Begriffen von ächter Männlichkeit so sehr entsprochen hätte. Carl. Wir bedanken uns. Sofie. Nicht Ursache. Conftantin. O, ich verrathe. Die kleine Schlingenlegerin hat sich selbst gefangen. Sofie. Alle Anspielungen 'werden feierlichst verbeten. Mathilde. O welch ein Glück wäre eS, wenn mein Bruder Ihr Herz gewänne — wenn sie — Sofie (kokett). Ist mir unendlich leid, aber ich bin schon versagt. Mathilde und Carl. Wie? Sofie. Allerdings, (zu Conftantin). Sie können eS bezeugen lieber Sohn, daß ich mich bereits mit Ihrem Vater verlobt habe, und daher — Alle (lachen). Carl. Wenn Viktor.keinen gefährlicheren Nebenbuhler hat — Sofie. UebrigenS weiß der Major wenigstens, daß Gräfin Mathilde meinen Bruder liebt. — Carl (freudig, sie umarmend). Ist es möglich! und er billigt eö — o meine Sofie, Engelsschwester. Sofie, (ihn abwehrend). So warte doch, er weiß ja noch nicht, daß Du der Bruder bist. Carl (sie umarmend). O Du wirst unser Aller Retterin sein — o wie bist Du gut und klug, ich mußt eS ja. Sofie (ihn ebenfalls küssend). Mein guter Junge, Dein Glück ist ja auch das meine. Neunte Scene. Vorige. Victor (trat schon beiCarls Umarmung auf. erschrickt und bleibt im Hintergründe bebend vor Zorn stehen.) Victor (bringt einen Sonnenschirm, mit unterdrückter Wuth). Mein Fräulein, da ich Ihren Schirm nicht finden konnte, so bringe ich hier den meiner Schwester. Alle (stehen erschrocken). Sofie (verlegen auf Conftantin sehend, zu Victor). Ich danke Ihnen Herr Major. Victor (leise zu ihr). So viel Heuchelei bei so viel Jugend, unbegreiflich — ja empörend! Sofie (ebenso). Das liefert Alles die auögewählte Lektüre, der ich mich eifrig hingab. 46 Victor. Sie spotten noch. Also Drosten ist es nicht, den Sie lieben? Sofie. Nein! Victor. Er ist es aber — ich sah ja eben — Tod und Teufel! Aber warum dürft ich nicht auch dieses Geheimniß wissen? Sofie. Weil es nicht existirt. Victor (bitter). Und doch umarmten Sie ihn eben? Sofie. Ich kann Ihnen dies Räth- sel noch nicht lösen. Victor (wie oben). O man bedarf wenig Scharfsinn um es auch ohne Ihre Hülse zu entziffern. Sofie (dachte nach). Meinen Sie? Dagegen erlauben Sie, daß ich Ihnen ein anderes Problem löse. Victor (erblickt C o n st a n t i n) Aber wer ist dieser Herr, der so vertraulich mit Drosten und meiner Schwester spricht. Sofie. Eben dies wollt' ich Ihnen sagen, es ist — eS ist — mein Bruder Carl. Victor. Ah, derselbe, der — Sofie (nickt). Ja, ja, ganz derselbe, der — Victor. Und er kommt — Sofie. Weshalb kömmt ein Verliebter? Victor (zu Const antin). Mein Herr! Ich bin durch Fräulein Sofie von Ihren Gefühlen für meine Schwester unterrichtet und wenn ich auch nicht die Ehre habe, Sie persönlich näher zu kennen, so bürgt mir meiner Schwester Wahl und der Umstand, daß Sie der Bruder dieser Dame sind, für Ihren Werth. Constantin (giebt ihm die Hand). Sie machen mich glücklich, Herr Graf, denn wenn auch vielleicht keine verwandtschaftliche Bande uns in nähere Beziehung bringen sollten — Victor. Fräulein Sofie hat mir Alles gesagt. Ich kenne Ihre Liebe, Ihre Aufopferung für meine Schwester und Ihren Freund — wer solcher Gefühle fähig ist, der ist ein edler Mensch. Carl (für sich). Ich danke für die indirekten Elogen. Victor. Ich schwöre Ihnen, Sie sollen meiner Schwester Gatte werden. Mathilde (zu Sofie die lei>e zu ihr trat). Ach, helfen SietheureFreundin. Sofie. Nur Geduld — es ging im Augenblick nicht anders — Konstantins Ungeduld bereitete uns diese neue Verlegenheit. Victor (zu Carl halblaut). Mein Herr! wir schießen uns. Carl. Schon wieder? Was Hab' ich Ihnen denn jetzt wieder gethan? Victor (wie oben). Wenn Sie vielleicht Angst haben sollten — Carl (sehrheftig). Herr Graf, Sie vergessen alle Rücksicht, die Sie sich und mir schulden. Bestimmen Sie Zeit und Ort und Sie sollen sehen, ob ich die Waffen zu führen verstehe. Sofie (zu Carl). Mein Herr, ich verbiete Ihnen — Victor (wüthend). Man gebietet Ihnen sich zu schonen, mein Herr — (höhnisch) solcher zärtlichen Besorgniß gegenüber, werden Sie doch wohl Ihre Kampfeslust verlieren. Carl (sieht ihn an und So fi e, und bricht plötzlich in Lachen aus). Ah, so ist das? Endlich Hab' ich den Schlüssel zu diesem neuen Wuthausbruch gegen mich. Herr Graf, ich erkläre Ihnen, daß diese Dame mir unendlich theuer ist, mehr als Sie ahnen können — aber wenn Sie mich für ihren Geliebten halten, so thun Sie uns Beiden sehr Unrecht. Sofie. Schweigen Sie, Unbesonnener! Zehnte Scene. Graf. Senator. Gräfin. Oberst. Vorige (treten sehr lebhaft auf. Consta n- tin (tritt ganz zurück). Graf. Also Täuschungen von allen Seiten! 47 Oberst. Aber lieber alter Freund, ich hätte nie gedacht, daß es Dich so sehr in Heftigkeit bringen könnte — wenn — Graf. Wenn meine Tochter einen Andern liebt, als diesen herzigen Zungen, Deinen Sohn? (deutet auf Carl) der mir nun einmal von allen jungen Männern die ich kenne, der Liebste ist. Gräfin. Auch ich gestehe, daß diese Verbindung nicht unserer lang gehegten Pläne, sondern seiner persönlichen Eigenschaften wegen, mein innigster Wunsch war. Carl (für sich). Wie sie mich Alle vergöttern und wenn ich meinen Namen nenne, doch nicht zum Sohne wollen. Senator und Oberst (nicken sich freundlich zu). Victor (entschlossen). Mein Vater! meine Mutter! Sie wissen, daß ich bisher nie Ihren Wünschen zuwider gehandelt — aber in diesem einen Falle, der das Glück meiner Schwester bestimmt, muß ich für diese vermittelnd austreten, und so bitte ich Sie denn, geben Sie Ihren Segen zu der Verbindung Mathildens mit dem Sohne des Herrn Senator v. Barnikow. Alle. Ist es möglich ? WaS sagt er ? Victor (nimmt ConstantinsHand). Hier ist er — Oberst (zu Constantin). Donner und Doria! was thust Du denn schon hier? / Graf und Gräfin. Was bedeutet— ! Senator. Welche Unbesonnenheit! ! Sofie. Da haben wir's! l Mathilde. Alles ist verloren. ! Carl. Die Truppen sind aufmarschirt. ) Victor. WaS sagt der Oberst? Graf. Willst Du uns erklären, lieber Freund. Ob erst(fieht sich nach Sofie um). Za gewiß! die Zeit der Erklärung ist da. Mein kleiner Minister, wie nun? Was thun wir nun? Sofie (tritt in die Mitte). Meine verehrte Versammelten! Sie werden allerseits nicht in Abrede stellen, daß die Welt seit einiger Zeit einen Ruck bekommen hat, und gewissermaßen auf den Köpfen steht, mein Vater behauptete dies wenigstens! Lassen Sie daher, auch hier unter uns das verkehrte Princip gelten, und gestatten Sie mir, der Jüngsten, für die Klügeren, Aelteren in die Schranken zu treten. Herr Graf, Frau Gräfin, Sie wünschen, daß dieser junge Mann Zhr Schwiegersohn werde — mein Bräutigam, der Herr Oberst — Oberst (hustet und droht ihr). Victor (macht heftige Bewegungen). Graf und Gräfin. Was sagen Sie? Sofie (naiv). Wissen Sie daS noch nicht? Hielt er seine Liebe noch verborgen? Ja, tiefe Gefühle suchen den bergenden Schleier. Also mein Bräutigam der Herr Oberst hat Ihnen gesagt, daß Ihre Tochter Gräfin Mathilde den Sohn meines Vaters liebt, den jungen Baron Barnikow. Namen, Alter der Familie, Vermögen meines Bruders sind dem Range der Braut vollständig entsprechend. Die Parthie kann Ihnen also nur unangenehm sein, weil Sie gerade auf diesen Schwiegersohn hier verpicht sind — ah, vergeben Sie — entetirt sind. Nun denn, ein Wort löst alle diese Wirren und erfüllt Aller Wünsche. Äieser junge Mann, den Sie absolument zum Sohne wollen (steht den Major bedeutend an, und sehr laut:) er ist mein Bruder. Graf und Gräfi n (freudig). Ist es möglich? Sofie (nimmt schm ll Victors Hand und zieht ihn seitwärts, wo fie lebhaft sprechen). Senator. Ja, Herr Graf, für den ich um die Hand Ihrer Fräulein Tochter bitte. Carl. Halt Papa! Jetzt vertrete ich meine Sache selbst. Herr Graf, Frau Gräfin, Sie gaben mir zu wiederholten Malen Zhr Wort, Sie ver- 48 sicherten mich Ihrer Liebe und Gewogenheit — der veränderte Name kann daher kein Hinderniß sein. Graf. Gewiß nicht, mein Sohn, denn ich habe Sie Ihrer selbst Willen lieb gewonnen, und da mein Freund Oberst zurücktritt — Gräfin (führt Mathilde zu ihm). So wird unser Wunsch dennoch erfüllt. Oberst und Senator. Gott sei Dank! Graf (zum Oberst). Was aber nun mit Deinem Sohn, armer Oberst! Oberst. O, der ist versorgt. Gras. Ich verstehe, Du sagtest, daß er eine Tochter des Herrn Senators liebt — also dieser kleine Engel hier (deutet auf So sie). Victor (tritt lebhaft zu seinem Vater hin). Mein Vater, erlauben Sie, daß ich den Herrn Senator um die Hand seiner Tochter Sofie bitte. Graf und Gräfin. Wie? Du, mein Sohn? Diese Dame ist leider schon vergeben. Sofie (zart). Allerdings, Herr Graf! aber an Ihren Herrn Sohn, den ich zahm zu machen beschlossen habe, wie einen Kanarienvogel (küßt der Gräfin die Hand). Darf ich? G r äfi n (sie umarmend). Liebes, herziges Kind, mit Freuden nenne ichSieTochter. Constantin (geht zum Pavillon und führt Alle heraus). Graf. Die Freude betäubt mich. Nun, Herr Senator, (umarmt Sofie. Senator (zu Victor mit dem-er sprach). Ich gebe Ihnen das Kind meines Herzens, ein unschätzbares Juwel. Machen Sie eS glücklich! Sofie. Und gönnen Sie dem sogenannten Juwel noch ein Jährchen Zeit zum Wachsen, dann gilt eS mehr. Zum Heiralhen bin ich wohl noch zu klein, was meinen Sie? Victor. O meine Sofie, meine süße Braut! Carl (zu Victor). Schießen wir uns nun noch? (Gruppe. Victor (gibt ihm die Hand). Mein Bruder, vergeben Sie mir. Graf. Aber lieber Oberst, Dein armer Sohn geht somit ganz leer aus — ich dachte, er liebe Fräulein Sofie. Eilfte Scene. Vorige. Constantin. FrauBar- nikow. Pauline. Lottchen. Louise. Constantin (führt Pauline). Hier meine Braut und deren Mutter. Alle. Willkommen! Willkommen! Sofie (tritt vor, während sich die Andern mehr zurück begrüßen). Ich bin jung, sehr jung, aber ich fühle mich deshalb um so mehr gezwungen mir selbst, als Anerkennung meiner diplomatischen Talente eine rvversnce respeetueuse zu machen, und gestehe Ihnen (zum Publikum) aber nur Ihnen ganz heimlich, daß ich mich ganz entsetzlich auf die erste reve- rsnce 60 Uaäame freue, die ich nun bald machen werde können. Victor. Sofie. Woran denken Sie in diesem glücklichen Momente? Sofie (schälmtsch zärtlich). An die Uniformen. die ich doch nicht so gar häßlich finde, seit ich sie von Ihnen getragen sehe. Victor. Süße, geliebte Sofie. Sofie. Still! daö gehört unter vier Augen. Oberst. Ihr vergeßt Alle, Kinder, wem Ihr Euer Glück verdankt. Carl. O nein, unserer Sofie, unserer klugen, besten aller Schwestern, der gegenüber selbst all mein Witz-und meine Klugheit schweigt. Ihr danken wir AlleS! Sofie (in der Mitte). O seid nicht ungerecht. Waö Euch alle in diesem Augenblick beglückt, was für die hier gegenwärtigen, und späteren Generationen von Segen werden kann, was jetzt in unser Aller Herzen Wonne gießt, Hab' ich nicht aus mir selbst, sondern auS dem Born der Weisheit geschöpft, auS äußerst guten und lehrreichen Büchern. — Aktus.) Am solid! oder: Larnemls-Abenteurr im Schlossergallel. Faschingspoffe mit Gesang und Tanz in Einem Akt Ludwig gottstebeu. Rkpntoirstnck des k. k. priv. Carllheaters. Modistinkn. Personen. Simon Mausberger, Pfaidler aus Krems. Margareth, dessen Frau. Madame Putzler, Inhaberin eines Mode-MagazinS. Therese, Mausberger's Mündel. Jofestue, Louise. Friderike, Pauline, Rosa, Adeline, Nanette, Mina, Lorenz Aermlich, Zimmermaler und Ballettänzer im Kärnthnerthor-Theater. KasPar Flick, Gaderobeschneider. Felix Engländer, französischer Handschuhmacher. Albertine, dessen Frau. Rost, ihr Kind. Wilhelm, Jean, Charles, ) Kommis. Oskar, Julius. Adolf, Hausherrnsohn. Ferdinand, Friseur. Josef, Marqueur. Peter Dusel, Hausmeister. Schm-, ! Musi-E», (Modemagezin. Zn der Mitte v. Htgd. eine breite GlaSthür, nahe daran mehrere Stellagen mit Hauben und Hüten zur Ansicht aufgestellt. — Zm Vordergründe ein großer Arbeitstisch, darauf Stoffe, Bänder rc. Mehrere Lampen brennen. Am Tische fitzen: Erste Szene. Mad. Putzler, Therese, Josefine, Louise, Friederike, Pauline, Rosa, Adeline, Nanette, und Mina (arbeitend). Md. Putzler. So gefallen Sie mir, meine Damen, ruhig und mäuserl- still sitzen Sie beisammen, ohne Faschingsgedanken, weder Walzer- noch Polkasüchtig, wie sich's für solide Mädchen geziemt. Sittsam und züchtig! 1 L Louise. Wer wird aber auch immer auf solche Dummheiten denken! Pauline. Wir haben genug zu sorgen, daß sich Andere gut unterhalten; wenn nicht unsere Hüte und Coiffüren manchmal so einem Passee- G'sichterl nachhelfen würden, bliebeten Viele als Zimmerverzierung sitzen. Md. Putzler. Ja wohl! Sie haben, um mich poetisch auszudrücken, den Nagel auf'n Kopf 'troffen. Therese, vergessen Sie nicht darauf, daß der Kopfputz für die Frau von Schwindler heut' noch fertig werden muß. Therese. Ich weiß es, und steh' nicht früher auf, als bis er in der Ordnung ist. Dienstmagd (tritt aus d. Seitenthüre). Gnädige Frau, der Thee ist fertig! Md. Putzler. Gleich, Nani. — Ich zieh' mich, um mich poetisch auszudrücken, in meine Gemächer zurück. (Es schlägt sechs Uhr.) Es ist sechs Uhr, wer noch arbeiten will kann bleiben, wer nicht, kann gehen. ^ rsvoir, meine Damen! (Ab.) Alle (aufstehend). Wir küssen die Hand ! (Springen auf und lachen, nur Therese bleibt fitzen.) Zweite Szene. Vorige, ohne Mad. Putzler. Louise (lachend). Die Madam' glaubt, wir wissen gar nicht, daß Fasching im Kalender steht und vor meinen Augen tanzt in großer Frakturschrift nichts als Fasching und wider Fasching! Paul. In mein' Kopf spielt ein ganzes Strauß'fcheS Orchester. Louise. Meine Füße kommen selbst bei der Arbeit aus dem Zepperl- polka-Tempo gar nicht heraus! Ach, wenn's nur schon achte wäre! Friedr. Bravo, meine Tapferen, so seid Ihr wie ich Euch brauche! Eine echte, unverfälschte Modistin darf nicht Himbeergefrornes, nein, sie muß heißen Punsch, brausenden Champagner in den Adern haben. Louise. Und daß wir Alle so beschaffen sind, werden wir heute um acht Uhr auf Deinem Hausball beweisen. Friedr. HauSball? — Fidonc! — Höher Peter! — Hört mich an! — Mein Ball wird nicht ein Ball wie Millionen Andere, wozu nichts nöthig ist. als zwei Dutzend schwarze Commis, und eben so viel weißgewaschene Modistinen, Pfänderspiele, Tritsch- tratsch und Zepperlpolka! Nein! kas äs äsux sn wasyus 1a tulips, äavss äss moämtss sts. sie. sollen losgelassen werden, mit einem Worte, heute präcis acht Uhr, Schlossergasse, Nr. ohnedem schon wissen, vierter Stock. Thür links, ereignen sich in meinem Appertements die Carnevals-Abenteuer von Paris. — Louise. Kennt Ihr Euch aus? Alle. Nein! — Friedr. (stolz lächelnd). Glaube eS. Der Gedanke geht über Euren Horizont, eine so hohe Idee kann auch nur im fünften Stock des Kärnthnerthortheaters entstehen. Ich war mit meinem Wilhelm in den Carnevals-Abenteuern, ich sah sie tanzen! Was tanzen! Schweben! Fliegen! Ich habe sie gesehen, diese gehüpften Juchhei'S und Hollah's, ich habe es gefühlt das heiße Freudenfeuer, das glühend über den Tänzern zusammenschlägt, und in dem Moment, als mir Wilhelm eine Portion Ribisel- GefrorneS versprach, und Adeline im kas äs woäslls ein Beifallsgebrülle zu Stande brachte, da rief es plötzlich in mir laut : was die Andern können auf Erden, bei Gott, das können wir auch! — 3 Louise. Jetzt versteh' ich! Du willst also, wir sollen — F r i e d r. ^.äslivs, k'aueliottss, lourloursttss, I^olos sein; wir dürfen uns von unfern Kopien nicht beschämen lassen, bedenkt nur, wir sind Originalmodistinen und Ihr werdet mit meinem Plan einverstanden sein. Alle. Ja, ja. wir sind dabei! — Louise. Aber da brauchen wir ja auch andere Kleider! Friedr. Ich habe für Euch Alle schon mütterlich gesorgt. Da seht hinein! (Oeffnet die Thür.) Alle. Ah! — Friedr. (schließt die Thüre). Schon genug, Ihr sollt damit ganz überrascht werden! Geht jetzt, ich habe noch eine halbe Stund' zu arbeiten, das Uebrige was wir brauchen, besorgen meine Freunde. Louise. Ich bin nur neugierig, ob meine Füße französisch können, bis jetzt haben'S kein Begriff davon. — Friedr. Verlaßt Euch auf mich, wenn ich Euch's zeige, dann geht'S gewiß! — Wie ich noch bei meiner Tante in Berlin war, habe ich Einmal einen sächsischen Schulmeister, der dürr und lang wie die Ewigkeit gewesen ist, ein Czardas gelernt, daß ganz Moabit ' gejubelt hat. Ihr seid Modistinen, Wienerinnen. und werdet Wien daher die Schande nicht anthun wollen, etwas Französisches nicht nachmachen zu können! — Louise. Aber die Herrn müssen ja auch dressirt werden, ich glaub' nicht, daß in mein Ferdinand ein Frap- part steckt! Friedr. Auch für die Herrn werde ich einen Lehrer besorgen, mein' Wilhelm wird'S gewiß zuerst begreifen, er hat feuriges Teperament! Dritte Szene. Vorige. Wilhelm. Wilhelm (hat mit Charles und Ferdinand schon öfter hereingeblickt, und rusy. Rickerl! Rickerl! Friedr. Ah, da ist er! W i l h. Mich friert schon in die Füß', tummle Dich! Friedr. Im Augenblick sind wir fertig! (Wilhelm schließt die Thür.) Louise. Mein Ferdinand ist auch da! — Josef ine. Mein Karl auch! Mi na. Und mein Julius wird auch schon passen. (Alle ziehen sich an.) Paul. Ich bin neugierig, ob mein August auch kommen wird! Na ja, genirt's Euch nicht, laßt's halt Euere Liebhaber divisionsweise vor'm G'wölb Front machen. Louise. Geniren, wegen einer Liebs'gschichk, jetzt im Fasching, wo jeder kleine Bub' in sein Kindsmadel verliebt ist! Hahaha, das war' zu dumm! Zose fine. Wegen meinen Friseur Hab' ich mich auch nicht zu schämen, er hat mich rasend gern, und er ist ein solider, braver, gutmüthiqer Mensch ! Friedr. Wir wissen'ö, er kann Niemand ein Haar krümmen, Dein Friseur. (Alle lachen.) Louise. Und warum soll denn Einer, der 's ganze Jahr so viele Andere verbrennt, nicht auch einmal verbrennt sein? (Alle lachen.) Friedr. (ist mit dem Anzug fertig). Habt Ihr Anderen Eure Freunde alle benachrichtigt, daß sie zur rechten Stunde eintreffen? Pauline. Ich habe meinem August einen drei Seiten langen Brief auf Goldschnittpapier geschrieben, 1 * 4 Louise. Da bin ich viel kürzer — „Lieber Ferdinand — Morgen Abends Punkt acht Uhr abholen" — er weiß genug, und jetzt vorwärts und zwar im Galoppschritt. (Faßt Pauline und tanzt mit ihr zur Thür rechts hinaus.) Tralallalla. Vierte Szene. Vorige. Mausberger, Margarethe am Arm. Mausb. (an den die Mädchen antanzen). Ha, bin ich denn da in einer Reitschul? — (Alle lachen.) Jetzt lachen's noch! — meine Damen, so eine Behandlung bin ich nicht gewohnt, ich bin Haus- eigenthümer und Pfaidler aus Krems. Louise. DaS ist dort, wo der Senf und die Simandeln wachsen. (Alle lachen.) Theres (springt auf.) Mein Vormund! F r i e d r. (spöttisch). Nehmen Sie nicht ungütig, werthester Kremser, eS war nur ganz etwas Menschliches, und daß Ihnenso was dergleichen nur selten passirt, ist nicht unsere Schuld. (Lachend zur Seitenthür links ab.) Louise. Der Kremser ist vor Gall ganz kremserweiß. (Alle lachen. Ab zur Mittclthür.) Fünfte Szene. Therese. MauSberger. Mar- gareth. LH er. Liebe Tante — lieber Vormund! (Umarmt Margareth.) Mausb. Mußt nicht bös sein, aber ich kann Dich jetzt nicht umarmen, mir ist eher zum Karbatschen. Ein Hauseigenthümer und Pfaidler aus Krems wird in Wien so behandelt! Marg. Aber Alter, es ist Dir ja nichts g'schehen. Mausb. Alte, das verstehst Du nicht — Habens mich nicht auSg'lacht. weil ich aus Krems bin? — No also, wo soll da in der Welt einmal Ruhe werden, wenn unter den verschiedenen Nationalitäten immer solche Reibungen Vorkommen. Ther. Der Herr Vormund hat Recht, die Mädeln sind so ausgelassen. Mausb. Und mein Wahlspruch ist: „Nur solid." Du Rest, wenn Du Dir diese Muster, die g'rad fortgegangen sind, zum Muster genommen hast — nachher — Ther. Da kommt die Madam, fragens sie selbst, ob ich so bin. Sechste Szene. Vorige. Madame Putzler. Ther. Frau von Putzler — meine Tante — M. Putzler. WaS? Die Frau Tante? O, freut mich unendlich, die Ehre zu haben. Befinden sich immer? Mausb. Ich bitt', ohne Komplimente. M. Putzler. O ich bitt, Herr v. Mausberger. M argar. Unsere Mündel bat uns g'schrieben, daß sie gern heiraten möcht. Mausb. Und wie wir den Brief kriegt haben, sind wir sogleich aufgebrochen, um ihren Liebhaber kennen zu lernen, ich Hab' die Rest nicht nach Wien geben, daß so ein liederlicher Großstädter, so ein Residenzler, auf ihr Vermögen spekuliren soll; derjenige muß früher geprüft werden, und das durch und durch. L T h e r. DaS können Sie jetzt gleich, mein Lorenz wird bald kommen, er leistet mir alle Abend, wenn die Mädeln alle fort sind, eine Stunde Gesellschaft. M. Pu Hl er. Früher darf er nicht kommen. Mausb. Allein? M. Putzler. Nein! Ich selbst bin dabei, ich Hab' ihn auch recht gern, weil er ein so viel solider Mensch ist. Aber bleiben Sie nicht da im Laden! Ther. Za, kommen's ins Zimmer. M. Putzler. Bitte nur hinein- zuspaziren. Machen Sie sich komod. (Begleitet Margarethe zur Thüre.) Mausb. (bet Seite). Geht mir gar nicht aus'n Kopf, wo der Senf und die Simandeln wachsen, wenn ich das zu Haus erzähl, so ist zwischen Wien und KremS eine bedeutende Spannung zu befürchten. (Folgt Margarethen. Ab.) M. P u H l e r (allein). Ein bisserl lügen schad't nichts, wenn's bei der Theres ihren Geliebten auch mit der Solidität nit gar zu weit her ist, das wird sich im Ehestand Alles geben. (Will ab.) Siebente Szene. Vorige. Engländer (blonden Backenbart, grauen Kaput, Reisetasche, ist wahrend obiger Rede durch die Mittelthüre eingetreten, seufzt) Ach! M. Putzler. Ich Hab' was seufzen g'hört. Engl. Das war ich, Entschuldigen schon. Ja wohl gibt sich in der Ehe Alles, aus dem lustigsten Schmetterling wird im Ehestand ein schläfriger Maikäfer. auS dem fidelsten Garcon ein murriger Pintsch. M. Putzler (lacht). Das kann wohl wahr sein, nur begreif' ich nicht, warum Sie gerade da — Engl. Eigentlich bin ich bloß gekommen, um mit einer gewissen Friederike zu sprechen, sie hat mich und meine Frau zu einem HauSball eingeladen, und darum möcht' ich meine Frau gerne unpäßlich melden, natürlich nur pro form», ich werde dafür um desto rüstiger sein. M. Putzler. Das heißt, Ihre Frau ist zwar gesund, muß aber zu Hause bleiben, daß Sie ungenirt aus'n Ball gehen können. Tngl. (pfiffig). So ist's! Sie hat keine Idee davon, ich Hab' den Kaput ungezogen, die Reisetasche in die Hand genommen und meiner Frau weiß gemacht, ich muß nach Graz reisen — jetzt geh' ich denn hin und — (spricht leise).' Achte Szene. Vorige. Albertine. Alb. (bei Seite). Ah, da ist er noch, es war doch gut, daß ich ihm nachgeschlichen bin, er betrügt mich, es ist kein Zweifel—daß er schnurg'rad da hergeht, wo meine Freundinen arbeiten, ist ein Verdachtsgrund mehr. (Laut.) Guten Abend wünsch' ich. Engl, (erschreckt). Meine Frau! Alb. Ich Hab' Dich noch ein wenig begleiten wollen, Du gehst aber so geschwind, wie Einer, der sich aus dem Staub machen will; wenn Du Dich in diesem Marchandemodladen nicht aufgehalten hättest, wäre ich Dir gar nicht nachgekommen. Engl, (bei Seite).,Wenn Sie wüßte, über was ich mich gerade aufgehalten habe. (Laut.) Ja, liebes Weiberl, ich hatte hier noch ein wichtiges Geschäft abzumachen. (Verlegen zu Putzler.) Ich wollte — ü M. Pu Hl er. Ja, der Herr Genial wollte vor seiner Abreise noch ein Andenken hinterlassen, darum hat er einen hübschen Hut für Sie ausgesucht. (Bet Seite.) Wart', Heuchler! Engl, (verlegen). Die Madam' hat Recht, ich bin bloß da, um Dir einen schönen Hut zu kaufen. Alb. Du lieber Mann, Du. Und wo ist denn — M. Pu Hier (nimmt den Hut vom Tische). Sie sehen ja, daß sonst keiner da ist, der da, eS ist einer von meinen allerfeinsten, und kostet nur fünf und zwanzig Gulden. Engl, (läßt die Tasche fallen). Nur? Alb. Du bist zu galant, übrigens, daß Du mich für den heutigen Ball, den ich wegen Deiner Abreise versäumen muß, entschädigst, ist nicht mehr als recht und billig. Engl, (bei Seite). Rechtwär's schon, aber billig ist'S nicht. (Laut). Da, Madame, haben Sie Ihre fünf und zwanzig Gulden. — (bei Seite.) Ich möchte sie in einer ganz andern Währung zahlen. Albert, (bei Seite). Er schneid't ein verdrüßliches Gesicht, ich weiß, was ich davon zu halten Hab'. (Laut.) Jetzt geh' ich gleich zu der Friederike und sage ihr ab. Engl, (hastig). Nein, das ist gar nicht nothwendig — das — das kannst Du ihr schreiben — geh'lieber gleich nach Hause, unsere kleine Rosi ist ganz allein. Albert, (bet Seite). Aha! —(Laut.) Du hast recht, ich werd' thun, was Du für gut findest — einem so galanten Herrn Gemal, wie Du, muß man ja in Allem folgen. Engl, (süßsauer). Schon gut, liebes Weiberl, komm jetzt. (Bei Seite.) Fünf und zwanzig — mir ist, als ob ich sie kriegt hätt'. (Mit Albertine ab.) M. Putzler. Ich werde den Hut schon hinüberschicken. Glückliche Reise! («b.) Neunte Szene. Lorenz Aermlich. (Cilinder, schwarze Blouse, lichte Hose, aufgeweckt und heiter.) Entree-Lied. 1. Fasching, schöne Zeit der Krapfen, Schöne Zeit der Dalkerei — Fasching, gute Zeit des Tanzen, Gute Zeit ter Walzerei. — - Fasching, du mein ird'scher Himmel, Halt der Teuxel mich beim Frack — Stürz' ich mich ins Ballgetümmel, Und brich tanzend mir das G'nack. Aber stad! DeS derf i nit. „Nur solid." 2 . Seufzen, raunzen, lamentiren Hebt man sich für d'Fasten auf, Nusspielen laß ich, mufiziren. Bis der letzte Knopf geht d'rauf. Fang' ich einmal an zu tanzen. Ist eS wieder gar nit aus. Bis die Sohlen vorn Stiefel fliegen, Auf die Strümps geh' ich nach Haus. Aber stad! des derf i nit. „Nur solid." Wenn's auf mich ankäm', so müßt in jedem Fasching nicht nur eine Stadt-, sondern gleich eine Welterweiterung vorgenommen und d'rüber ein Dachstuhl, ein Himmel voller Geigen auf- g'hängt werden. Mich werden diese überirdischen Violinen bald Heimgeigen, dafür werde ich nachher alle Engeln singen hören. — Was thut der süße Unsinn „Liebe" nicht Alles — ich habe meiner Resi eine ernste Kriegserklärung , vulgo HeiratSantrag gemacht. ich Hab' zwar verflucht wenig; wenn ich mich Abends in's Bett lege, liegt mein ganzer Reichthum neben mir auf dem Nachtkastel — aber Hab' ich nur mal Familie, dann werde ich eine ganze Armee und noch einige Divisionen in meiner Faust fühlen, Wenn ein Mensch nur so viel Fähigkeiten hat, auf dieser Welt nur sein eigenes dummes „Ich" zu erhalten, der soll aus der Welt hinausgehen und derweil draußen warten, bis er g'scheidter wird. DaS einzige Hinderniß, das ich noch zu überspringen habe, ist der Rest ihr Vormund aus Krems, wo der französische Senf erzeugt wird. Der Mann soll die Solidität selber sein. — Gleich und gleich gesellt sich gern, wie wir unS zwei gesellen werden, bin ich neugierig. — Ah was, ich werde halt auch solid, wenigstens so lange er vor mir steht. Diese angeborne Fädigkeit, die unter der Firma Solidität herumkriecht, bring' ich auch noch zusammen; — ich höre eine Stimme — sollte das schon die Kremser Vormund- schaftSstimme sein? Soll kommen wer will. — Ich bin solid! — (Tritt in den Hintergrund, zieht den Hut ab, zieht die Achseln hinauf, und nimmt in der ganzen folgenden Szene eine bescheidene Stellung an.) Zehnte Szene. Voriger. MauSberger. Marga- reth. Therese. Mad. Putzler. Mausb. (zu Madame Putzler). Mir geht der Senf gar nicht auS'n Kopf. Aerml ich. Unterthäuiger Diener! MauSb. Die Eine hat gar g'sagt, eS ist uns leid, daß Ihnen was Menschliches so selten passirt, das kommt ja g'rad so heraus, als ob ich ein Viehkerl wär'! Aer ml ich. Gehorsamer Diener! M. Putzler. DaS ist gewiß die Friederike oder die Pauline gewesen, ich werde ihnen einen Verweis geben. Aermlich (laut). Wünsch' guten Abend! Ther. Der Lorenz! MauSb., Marg. Wo? Aerml. (linkisch verbeugend). Entschuldigen, daß ich auch da bin! Marg. (halblaut). Er ist ein hübscher Mensch! Mausb. (sieht sie groß an). Alte, vergiß Dich nicht. (Zu Aermlich.) Also sind Sie Derjenige, welcher meine Mündel heiraten will? Aermlich. Wenn das Fräulein Therese Zhre Mündel ist, dann sind Sie vermuthlich Ihr Vormund aus. Krems. Mausb. Errathen — aber blei- ben's nicht immer im Winkerl stehen, kommen'S hervor und lassen's Ihnen anschaun. (Aermlich nähert sich.) M. Putzler. Wollen Sie nicht Platz nehmen, allerseits? Mausb. (bei Seite). Den werd'ich jetzt sondiren. (Setzt sich.) Sagen Sie mir vor Allem, sind Sie auch im Stande, eine Frau auszuhalten. Aermlich (setzt sich). O ja, ich habe sehr viel Geduld. Mausb. (beiseite). Der muß aus einer gar dummen Familie sein. (Saut.) Ich meine, ob Sie eine Stellung einnehmen, was Sie für eine Profession haben. Aermlich (verlegen lächelnd). Ich bin beim Ballet. Mausb. Bei was? Marg. Beim Ballet hat er gesagt. Mausb. (schreit aus). Also beim Theater? Aus der Heirat wird nichts. Ther. Mein Gott! Mausb. (spitzig). Ein Theaterspieler — ein Mensch, der den Leuten Faxen Vormacht, kriegt meine Mündel nicht. Aerml. Erlauben Sie. ich habe mich nie einer Faxe schuldig gemacht, ich weiß gar nicht, was das ist. MauSb. Das kennen wir schon. Beim Theater gibts nur Unkraut, Gersil — nichts als Liebschaften, Bandlereien, und besonders beim Ballet. Aermlich. Entschuldigen, daß ist vielleicht im Hoftheater zu Krems der Fall, aber hier nicht; jede Regel hat eine Ausnahme, und bei unserem Ballet sind nur Ausnahmen engagirt, es sind lauter einfache, wohlerzogene Mädchen, schon an ihren Kleidern sieht man, wie kurz eine Jede gehalten wird. 8 Thsr. Er spricht die Wahrheit. Mausb. Ich lasse mir nichts weiß machen, die ganze Welt weiß, daß die Theaterleut' ein leichtes Volk sind, die das Geld spielend verdienen, aber eben so g'schwind wieder hinauswerfen. Aerml. Verehrtester Vormund, Sie scheinen nie beim Ballet gewesen zu sein, sonst würden Sie wissen, was die Tanzkunst für Schweiß kostet: manche Tänzerin schwitzt so stark, daß Alle, die ihr in die Nähe kommen wollen, mitschwitzen müssen, und dabei leben alle so eingezogen, wahre Einsiedlerinnen. Die junge Männerwelt — besonders die uniformirte — Haffen sie, und trifft man einmal eine Tänzerin in männlicher Gesellschaft, so ist'ö höchstens ein ehrwürdiger, alter Herr. Mausb. Papperlapap! Ich Hab' zwar nicht die Ehre, zu kennen, aber das weiß ich gewiß, die Resi ist nicht ihre erste Liebe, tausendmal wird sich schon so eine Komödienspielerin an Ihnen angemacht und gethau haben, als wenn sie verliebt wär'in Ihnen, wenn'S auch nicht wahr gewesen ist, und so machen Sie's mit der Resi auch, das ist die Ansicht von mir, Mausberger heiß ich und Pfaidler aus Krems bin ich. Aerml. Ich kann nichts zu meiner Vertheidigung sagen, als daß ich monatlich fünf und zwanzig Gulden Gage Hab', wer jetzt noch glaubt, daß eine Ballettänzerin jemals Absichten auf mich gehabt hat, der —muß wirklich Pfaidler und aus Krems sein. Mausb. Auf d' Letzt wirft der mir auch den Senf vor. Ther. Wenn Sie wollen, Herr Vormund, so kann er ja vom Theater abgehen — er hat noch ein anderes Geschäft. Aerml. Ich habe die Zimmermalerei studirt. Mausb. (besänftigter). Zimmerma- lerei — das Geschäft ist zwar nicht ganz rein, aber doch nicht gar so unmoralisch, übrigens seid Ihr Zwei noch zu jung zum heiraten. Aerml. (hastig). Jung gefreit hat niemals gereut, ich weiß zwar nicht, wie das in KremS ist. Mausb. (zuTherese). Aber ich be- reu's jetzt, daß ich nachgeben und Dich nach Wien g'schickt Hab, Du wärst sonst nie eine Marchandmod worden, und die ganze Dummheit hätt' sich gar nicht ang'fangt. Aerml. Erlauben Sie, warum soll denn eine Modistin keine Liebschaft anknüpfen? eS sollen sogar Haubenputzerinen existiren, die Verhältnisse haben. M. Putzler. Wenn's mir erlaubt wäre, ein Wort darein zu reden, so würde ich sagen, die Resi kriegt bei ihrer Verheiratung so viel, daß sie sich mit einem braven Mann anständig durch die Welt bringen kann, und ein solider Mann ist der Herr Aermlich. Aerml. Die Mad. Putzler kennt mich; seit vier Monaten darf ich jeden Abend, wenn die Madeln fort sind, Herkommen und den Damen aus meinem Pfeningmagazin vorlesen, jetzt sind wir g'rad bei der Naturgeschichte des Rhinozerosses. Mausb. (bei Seite). Er scheint doch nicht gar so ein arger Wüstling zu sein. Marg. (halblaut). Ich halt' ihn für ein' ganz lieben — Mausb. (hastig). Vergiß Dich nicht, Hab' ich g'sagt — (Zu Aermlich.) Ich bin nicht gegen die Heirat, weil sie ein armer Teufel sind, arm sein ist keine Schande. Aerml. Aber gar angenehm ist's auch nicht. MauSb. Da haben Sie recht, ich wollte auch gerne helfen, Ihre Lage zu verbessern, aber Eins fordere ich streng, und das ist: Nur solid. Scharm Sie mich an, seit fünfzig Jahren bin ich eine Zierde, ich möchte sagen, ein 9 Edelstein von Krems, Hausherr, und was noch mehr ist, Armenvater. Aerml. Auf diese Stufe hoff' ich's nach meiner Verheiratung, wenn ich Kinder kriege, auch noch zu bringen. Mau Sb. D'rum nehmen Sie sich zusammen, ich bin da, um Ihnen heimlich zu prüfen, und wenn Sie diePrü- fung nicht bestehen — Ther. O, da Hab' ich keine Angst, Sie werden finden, daß er brav und sparsam ist. Aerml. Ein gehaltloser — Praktikant ist ein leichtsinniger Verschwender gegen mich. M a u s b. Von all' Dem werd' ich mich selber überzeugen, geben Sie Acht, jetzt im Fasching treibt der Teufel sein Spiel, lassen's Ihnen nicht verleiten. Aerml. O nein, ich gehe jetzt, wie alle Tage zu Hause, esse mein Nacht- mal, das ich mir gerade beim Greißler gekauft habe (zeigt Brot und zusammenge- wickrltes Papier), um fünf Kreuzer Quargel, um zwei Neukreuzer einen Hausmeisterwecken (Beim HerauSziehen des Brodes entfallt ihm ein Brief.) Mau Sb. Solche Sachen soll ein solider Mensch nicht einmal im Sack haben. Aerml. Weil sie einen in üblen Geruch bringen könnten, ich werde den Quargel einem armen Teufel schenken, und nur den Hausmeisterwecken essen. Mau Sb. Thun's das, leben Sie wohl, und schreiben Sie sich'S hinter die Ohren: nur solid! Aerml. Ich gehe und erzähle der ganzen Welt, daß ich da war. (Verbeugt sich und geht ab.) Eilfte Szene. Ohne Aerml ich. Ther. Nun, lieber Vormund, was sagen Sie zu meinem Lorenz? Mausb. Vis jetzt noch gar nichts, er hat das Ballet vertheidigt. und das hat sehr was Bedenkliches an sich, denn wenn diese schönen Reden nur Heuchelei, wenn diese Quargel nur Verstellung gewesen wäre — wie gesagt, eigene Ueberzeugung. (Sieht das Billet.) Was liegt denn da, es schaut aus, wie ein Liebesbrief, den hat er verloren. (Hebt es auf und liest.) „Theuerster Freund!" (Blickt Therese an.) Arme Betrogene ! Ther. Wer schreibt ihm denn? Mausb. Auf jeden Fall eine Sie. (Liest.) „Theuerster Freund! hiermit schicke ich Dir eine Einladungskarte zu dem Kostümball, von dem ich Dir schon gesagt habe. Du wirst dort mich und viele hübsche Marchandmoden finden, es kann Dir also an Unterhaltung nicht fehlen." — Arme Betrogene. — „Komme heute Abends ganz gewiß zu mir, meine Adresse" — Arme Betrogene! — „Meine Adresse ist: Schlossergassel, das mittere Eckhaus, im vierten Stock." Ther. Wie heißt sie denn? MauSb. (liest). „Krispin Flik, Garderobeschneider." — ES scheint doch keine Sie zu sein — aber verdächtig ist es auf jeden Fall, der Name Schlos- sergasse klingt schon so, als wenn dort ein schwarzes Verbrechen gegen die Solidität begangen werden müßt. M. Putzler. Er geht auch gewiß nicht hin. Ther. Sonst hätte er uns was davon gesagt. Mausb. Ich werde der Sache auf den Grund kommen, laßt nur mich machen, ich laß' Euch jetzteine Stunde allein. M. Putzler. Sie werden ja ohnedem bei uns übernachten. Ther. Kommen Sie, liebe Tante. MauSb. Alte — noch Eins, ich laß' Dich allein. Bedenk', wir sind in Wien, und eS ist Fasching, vergiß Dich nicht. (Durch die Mittelthür ab, die Uebrigen durch die Seitenthür rechts ab.) 10 Verwandlung. (Einfaches Zimmer, eine Mittelthür, rechts und links Seitenthüren, auf jeder Seite zwei Tische und Stühle.) Zwölfte Szene. Krispin Flick. Entreelied. 1. 'S Ballet iS das Höchste, das bleibt einmal S'wiß. Es gibt Ein'm ein Vorg'jchmack vom Paradies, Diese kühne Behauptung braucht keine Beweise, DaS finden die jüngsten und d'ältesten Greise. Derjenige, den nicht mehr 'S Ballet unterhalt. Der iS älter als alt — der iS älter als alt. 2 . Die Hupfer, die Dreher, die Sprünge, die Pas, Und diese Tricots, und dann Alles von Gaye, Und wenn eine Tänzerin hört applaudiren, Diese Blicke, das Lächeln und das Kokettiren, Derjenige, den so was nicht mehr unterhalt. Der iS älter als alt — der iS älter als alt. 3 . Und die Pirouett's nach ästhetischen Regeln, Man könnt sich bei so was die Augen auskegeln. Die Aermerln, das Halserl, die Wangerln so roth. Diese Fußerln und Alles miteinander, o Gott, Derjenige, den so was nicht mehr unterhalt. Der ist älter als alt — der ist älter als alt. Ja, das Ballet, diese Tänzerinen, o du mein! Die Entrechas, diese Pirouett's! Ein Pirouett ist das Höchste für die Fantasie! Wer a biß! Fantasie hat, schaut eine Tänzerin, die a Pirouett macht, für ein aufg'spanntes Paraplui an, das is halt was Großes! Wenn das Ballet, überhaupt der Tanz, also auch der Fasching nicht war', die Welt wurd zum Arrest, und die Menschheit ginge darauf herum mit einem ewigen „Ich - mocht - hinaus-"Gefühl. Dafür hat aber die Natur weise gesorgt, und den Sperl, Engländer, Sofiensaal, Elisium und Universum erschaffen. Diese Ensemble-Unterhaltung, diese wilde, verwegene Jagd von den schwarzen Gesellen und weißen Kö- chineu — o, das ist was Reizendes. (Zwei Burschen kommen mit j Bündeln.) Aha, meine zwei Famulusse mit der Garderobe, tragt's nur in jedes Kabinet einen Bünkel. (Burschenab.) ES ist Zeit, daß auch ich mich in den Angriffsstand versetze. (Zieht den Ueberrock aus.) Dieses Röckel ist gegenwärtig ein ganzes Arsenal, in den obern Seitentaschen stecken die Pistolen, um das Duell pantomimisch darzustellen, und unten befinden sich zwanzig Zärtlichkeitsraketen, die heute beim Ball noch auf die verschiedenen Marchandemoden geworfen werden, zu diesen Raketen noch ein paar Floskeln, von der schönen Seite folgen einige Phrasen, o, wenn ich einem Frauenzimmer mit meinen Floskeln komm', da bleiben die Fräsen nie aus. (Hängt den Rock im Hintergründe auf.) Dreizehnte Szene. Vorige. Aermlich. Aerml. (mit ganz verdepschtem Hut und zerrissenem Rock). Grüß dich Gott, Kaspar. Flick (erstaunt). Wie schaust denn Du aus? Deinem Anzug nach mußt Du unter Kostümball so eine Art Rastel- binder-Soiree verstehen. Aerml. (lachend). Kann'S nicht anders thun, mein Buckel war jetzt g'rad ein Waterloo, auf dem eine Schlacht geliefert wurde; ich gehe da unten beim WirthShauS vorbei, da wälzen sich aus der Thür vier Menschen mit vier Affen heraus, der Erste mit einem wirklich imposanten Haarbeutel begabt, und der nach dem Stiefel, den er diskurirt hat, offenbar ein Schuster war, packt mich gleich beim Kragen und doppelt auf mich loS, ich denk' mir anfangs: der arme Kerl hat ein' Rausch, „wer niemals einen Rausch gehabt" u. s. w., kurz, braven Männern muß man nichts in den Weg legen, und lasse meinen braven Schuster ruhig fortdoppeln, auf einmal reißt mir der Rockschößel und gleich darauf die Geduld, und ich 11 dopple wieder zurück, da fallt die ganze Gesellschaft wie ein Heer Tandler bei einer Lizitation über mich her, und reißt an meiner Garderobe herum, so daß ich schon eine Angst kriegt Hab', in kurzer Zeit nicht mehr als Lorenz Adam Aermlich, sondern bloß als Adam dazustehen — zum Glück wirft mich gleich darauf Einer in den Gaffen- schank hinein, und meine Feinde gehen auf und davon. Flick. Merkwürdig, das Glück ist mir noch nie geschehen, daß ich war' in ein WirthShauS hineingeworfen worden. Aerml. Ich Hab' bis jetzt auch nur daS Gegentheil kennen gelernt — jetzt von etwas Wichtigerem. Du hast mir da geschrieben (greift in den Sack) Teufel, jetzt Hab' ich bei dem Scharmützel meine Einladung verloren, die Karte ist vielleicht todt auf dem Platze geblieben. Flick. Vor allem Anderen zieh' den meschanten Rock auS. Aerml. DaS ist leicht gesagt, wenn Du mir nicht einen anderen leihst, oder nach dem neuesten Modejournal die Hemdärmeln salonfähig geworden find, so muß ich ihn anbehalten. Flick (deutet in den Hintergrund). Lieber Freund, wähl' Dir aus meiner Garderobe auS, waS Du willst, berocke oder vielmehr befracke Dich. Aerml. (zieht seinen Rock aus und Flick's seinen an). Daß Du aber gegen Niemand was erwähnst. Flick. Mein Wort— kein Mort! Vierzehnte Szene. Vorige. Albertine mit Rosa (welche drei Jahre alt ist). A l b. (in der Thür stehend). Wünsch' guten Abend! Flick. Wünsch' gleichfalls. A l b. (verlegen). Ich weiß nicht, ob ich hier recht gehe, ich bin gekommen. um Verzeihung zu bitten, wegen — Aerml. (bei Seite). Eine sonderbare Manier, in fremde Quartiere herumgehen und um Verzeihung bitten. Flick (galant). Sie haben uns ja nichts gethan; kommen Sie herein, und sagen Sie uns, mit was wir Ihnen dienen können. (Bei Sekte.) Das war doch gewiß eine Floskel (halblaut) dienen können. Alb. (eintreteud). Ich will zu meiner Freundin Friederike, sie ist Mar« chandm ode-und soll daim vierten Stock logiren, ich habe von ihr diese Einladung lzeigt eine Karte) zu ihrem heutigen Hausball erhalten, weil aber mein Mann heut' Abends nach Graz gereist ist, um Leder einzukaufen, und ich mit meinem Töchter! nicht allein kommen kann, so Hab' ich absagen und die Karte zurückgeben wollen. Aerml. Sie sind also verheiratet und ihr Mann, der Tyrann von Syrakus, reiSt nach Graz, und während seine Frau in Wien auf'n Ball gehen will, kauft er dort Leder. Flick. Er thut sich in Graz bese- dern. Pfui Teufel! Albert. So etwas muß einen empören. Flick. Ein belederter Gemal. Alb. Ich bin gewiß die gute Stund' selbst. Flick. WaS gute Stund, da kann man schon sagen. gute anderthalb Stund. Aerml. Js a liebe Frau! Alb. Ich habe mich schon so gefreut, mit meinen alten Kolleginen, die ich seit meiner Verheiratung nicht mehr gesehen habe, wieder einmal ein' vergnügten Abend zuzubringen, mein Mann hätte sich gewiß auch unterhalten, wenn er meine Freundinen kennen gelernt hält'. Aerml. WaS, Ihr Mann kennt Ihre Freundinen, und ebenso Ihre ir Freundinen Ihren Mann nicht? Bitte, wie heißt der Herr Genial, und waS ist er? Albert. Felir Engländer, befugter Handschuhmacher. Aerml. (bei Seite). Der Frau kann geholfen werden. (Laut.) Ich möchte auch gerne auf den Ball gehen, habe aber bei einem hitzigen Gespräche meine Eintrittskarte vergessen, erweisen Sie mir also die Freundlichkeit, und wählen Sie mich als Ersatzmann. Alb. Wie soll ich — Sie sind mir ja wildfremd. Aerml. Ich verlange nicht, daß Sie mich schönfremd finden sollen. Alb. Spaßig wär's wohl, wenn Sie, den ich gar nicht kenne, meinen Mann vorstellen würden, aber wenn er'S erfahrt—wenn er selber kommt — Flick. Aber, er ist ja nach Graz. Alb. So hat er gesagt, aber er hat die Reise nur vorgeschlagen, um heimlich da den Ball besuchen zu können, und darum bleibet ich gern da, um zu sehen, ob mein Verdacht gegründet ist. Aerml. Ohne männliche Begleitung können Sie das nicht; also machen Sie mich zu Ihrer Ehehälfte. Alb. Das wäre recht schön, aber — nein, nein — es geht doch nicht, wenn's aufkommt, diese Blamage! Aerml. Wir werden's schon so einrichten, daß Sie nicht ausgerichtet werden können, ich gebe mich nebst dem Vater Ihres Kindes auch noch für einen Fäustlingerzeuger aus. Ich heuchle Handschuhmacherei. Alb. Wenn auch ich den Spaß mitmachen wollte, meine kleine Rosi würde doch gleich Alles verrathen. Aerml. So ein kleines Ding wird sich doch nicht mit schwarzer Mama- verrätherei abgeben. (Z» Rosi schmeichelnd.) Nicht wahr, Du willst mich zum Papa? sag' einmal lieber Vater zu mir. Rosi. Lieber Vater! Aerml. So oft Du das sagst, kriegstDu zwei Neukreuzer von mir — mit welchem Gefühl sie „lieber Vater" sagt. Flick (horcht). Mir ist, als wenn die Marchandmoden anruketen, wenigstens höre ich von der Weiten ein Getöse, wie es anno dazumal gewesen sein soll, wie das Kapitol in Gefahr war. Fünfzehnte Szene. Vorige, Friederike, Pauline, Louise, Iosefine, Rosa, Adeline, Na nette, Mina, Wilhelm, Jean, Karl, Oskar, Julius, Adolf, (Wein- und Bierflaschen und Essen tragend). Ferdinand und Josef (tragen eine lange Tafel). Friedr. Nur hier herein, die Tafel in die Mitte. (Zu Flick.) Sind Sie nicht böse, wenn wir Ihr Zimmer in Beschlag nehmen, aber unsere Kolleginen haben sich so massenhaft versammelt, daß mein Etablissement zu klein wird, darum verlegen wir die Kredenz hieher. Paul, (sieht Albertine). Die Albertine ! Alle Mädchen. Die Albertine! (Alle küssen sie.) Aerml. (wischt sich den Mund ab). Wilh. (mit zwei Flaschen hereintretend). Will eine von den Damen vielleicht ein Glasl auspußen? , Adolf (zwei dampfende Schüsseln mit Würsteln). Heiße Würsteln! Jean, (mit Tasse mit Punsch und BiS- quits). Punsch! Limonade! Mandelmilch! Gefrornes! (Alle lachen.) Flick. Das ist ja eine förmliche Völkerwanderung. Friedr. Sind wir Ihnen vielleicht unangenehm? F l i ck (galant). Bitte, so ein Volk kann nur angenehm sein, (bei Seite.) 13 Das sein halt Floskeln. (Laut.) Ich gehe jetzt um den Hausmeister, er - blaSt Klarinette, d'rum Hab'ich ihn und noch zwei Mann Orchester bestellt. (Ab.) Pauline (zu Albertine). Mir hast noch kein Bußl geben, Tini, ich zahl' Dir dafür ein ganzes Dutzend zurück. (Küßt sie.) Aerml. (hat lüstern zugesehen). Verfluchte Situation, bei so einer wohl- thätigen Bußlvertheilung unberührt dazu stehen, mir lauft schon das Wasser in Mund, als wenn ich ein Röhr- brunnen im Hals hält'. Louise (zu Albertine). Zst das Dein Herr Genial? Aerml. Ja, meine Damen, ich habe die Ehre, mich als Mann meiner Frau vorzustellen, das ist hier meine Tochter Rest. Rosi. Rost heiß' ich. Aerml. Da hören sie selbst, Reosi heißt sie, sie schlagt Klavier, spricht ungarisch, französisch, englisch, und nächsten Winter, wenn's recht kalt wird, vielleicht russisch. Da hast zwei Neukreuzer. (Gibt Rost Geld.) Rosi. Lieber Vater! 3 o s. Du liebes Mauserl Du. (Küßt fle.) Aerml. (bei Seite). Geht schon wieder los, die Bußlerei Friedr. Warum haben Sie denn das andere Kind nicht auch mitgebracht? Ich habe gehört, Ihre Frau hat zwei Töchterchen. Aerml. Davon habe ich nichts gehört, wollen Sie gefälligst meine Frau fragen. Alb. Mein Mann macht Spaß, er will nicht mehr darauf denken, daß unsere Betti voriges Jahr gestorben ist. Aerml. Wenn Jemand in der Familie stirbt, so gehört das zu den häuslicken Beschäftigungen, und damit befasse ich mich nicht. Reden wir von etwas Angenehmerem. Meine gute Frau hat mir von Ihnen so viel Liebes und Schönes erzählt, daß ich, erlauben Sie. (Führt auf Friederike los und küßt Alle nacheinander). Paul. Wie sich's der gut geschehen läßt, und Du schaust so ruhig zu. Alb. Was kümmert das mich! Paul. Was? Albert. Er ist der Mann und muß wissen, was er zu thun hat. Aerml. (küßt Albertine). Freilich weiß ich's. (Bei Seite.) Wenn ich mir nur ein paar Dutzend für Morgen zum Frühstück aufheben könnte, so ein Bußerldepot wär' gar nicht bitter. Flick (kommt). Meine Herrschaften, hier sind die beiden Herren Tonkünstler, die extra von der Stadt Belgrad zu unserem Zweck gewonen sind, das da hier — wo ist denn der Herr Hausmeister? Dusel (tritt ein). Da bin ich schund ! Flick. Der Herr Hausmeister ist Dilettant, und wird uns mit seiner Kunst erfreu'n. Dusel. Ja, ich bin ich Driletant, ich blas Kralinet. Flick. Greifen Sie zu Ihren Instrumenten. Dusel. Da ist e L-Aralinet, waS nennte man Holz süßes. Flick. Na, so beißen's in ihr süß's Holz. ' Dusel. Ja, wann ich anfang', blaS' ich, daß Schand iS! Flick. Ich dirigir! dann können wir sagen, unter der persönlichen Leitung des Kapellmeisters Flick! Friedr. Haben Sie auch das Kostüm besorgt? Flick. ES wartet binkelweise in den verschiedenen Kabineten. Paul. So können sich Einige gleich anziehen. Alb. Erlaubt, daß ich noch ein wenig Toilette mache. Friedr. Das kannst Dwim Ballsaale, gleich die nächste Thür. 14 Aerml. Soll ich Dir behilflich sein, liebe Frau? Albert. Danke. Ist gar nicht nothwendig. (Mit einigen Mädchen recht- ab.) Paul. Jetzt wollen wir Probe halten. Friedr. Wo ist denn der Ballettänzer, den Sie uns versprochen haben? Aerml. (bei Seite). Das bin wahrscheinlich ich. Louise. Wer soll uns denn die verschiedenen Figuren beibringen? Flick. Um die Figuren war' mir nicht so bang, aber mein Freund ist gestern vom Schnürboden auf's Bodium g'fallen, und da ist er heut' etwas unpäßlich. Vielleicht der Herr dort. Friedr. Können Sie tanzen? Aerml. Ob ich tanzen kann? Ich thue den ganzen Lag nichts Anderes. Flick. Die Damen glauben nur, weil Sie ein Handschuhmacher — Aerml. Ja so! — die Damen haben Recht, die Handschuhmacherei ist ein sehr ernstes Geschäft. aber deß- wegen tanz' ich doch, ich werde Ihnen gleich ein Muster vortanzen. (Singt) Jetzt mit Grazie Ohne Lazzi, Gebt'S zur Polka Euch die Händ'! Nur auf d'Seiten Schon von Weiten, Sonst wird Einer niederg'rennt. (Alle- tanzt, mit demselben ab bis auf) Sechzehnte Szene. Vorige. MauSberger. MaUsb. (welcher während des Tanzes einqetreten ist). Das ist also Ihre Soli- dität? Aerml. Herr von MauSberger — Edelstein — ich bin — . Mausb. Ein unsolider Mensch — ein Mädeljäger — ein Nachtschwärmer, kurz, ein Faxenmacher, sonst könnten Sie sich unmöglich mit einer solchen Sorte Frauenzimmer abgeben. Flick. Erlauben Sie, das sind lauter gebildete, schüchterne, unschuldige Mädeln. Aerml. Marchandmoden. Mausb. Lassen Sie mich auS, was Sie reden, ist Alles hinterlistige Verstellung, sogar Ihre Quargel waren falsch, die Weinflaschen und käl- bernen Schlögel beweisen eS. Aermlich. Aber diese kälbernen Schlögel sind ja nicht von mir. Mausb. Ausreden! Flick (bei Seite). Ich flucht' mich zu den Marchandmoden. (Ab) Aerml. Ich auch, sonst kommt mein Buckel aus dem Fasching in die Fasten hinüber und kriegt seine Fisch. (Ab.) Siebzehnte Szene. MauSberger (allein). Ueberall, wo man hinschaut, zeigt sich die Lumperei, ich Hab' genug gesehen! — Frische Luft! Ich muß hinaus. — Wo bin ich denn hereingekommen, so etwas macht Einen damisch. Ah was, da ist eine Thür. (Geht an die SeitentSür recht-, man hört von innen einen Schrei.) Ein Frauenzimmer! Ich glaub' gar in Neglige? Nein, eS sind zwei! Jung und sauber sind sie auch noch? Mir steigt das Blut zum Kopf. Ich halt's nicht auS, hinaus in die frische Luft. (Geht an die Thür links, man hört abermals einen Schrei.) Da sind gar drei d'rinn. Achtzehnte Szene. Vorige. Aermlich. Aerml. Wer schreit denn da Zeter? Mausb. Ich Hab' hinaus wollen. Aerml. Sie haben die Damen beleidigt. — Begreifen Sie das Ent- 15 seHliche Ihrer Situation, das sind lauter Marchandmoden, eine gereizte Modistin hat nicht gar weit mehr zur Leopardin, und ich glaube immer, der Schiller hat die Worte: „Da werden Weiber zu Hyänen und treiben mit Entsetzen Scherz" — in einem Mar- chandmodladen geschrieben, wo seine Frau schon fünf Vierteljahre einen Hut schuldig war — ich höre die vereinigten Flotten anrücken, leben Sie wohl, in einer Viertelstunde sind Sie zerrissen. MauSb. Bleiben Sie da, und sagen's mir, was zu machen ist. Aerml. Vor allem Anderen eine sehr freundliche Visage. Alles thun, was die Mädchen wollen. Mau Sb. Ich bin schon freundlich, wenn's nothwendig ist, aber — Neunzehnte Seeue. Vorige. Alle Mädchen, Fried- rike an der Spitze, dann Flick, Wilhelm, Jean, Charles. Oskar, Julius. Ferdinand, Josef, die Musiker. Paul. Wir haben schreien gehört. Friedr. Wer hat unS gerufen? Aerml. Der Herr von Mausberger. Friede. Der Ballzerstörer? Louise. Der mit der Thür in's HauS Gefallene. Alle Mädchen (aus der Thür). Der Unsbelauscher! Alle (dringen aus ihn ein). Was will er? — WaS gibt es?—WaS ist es? Flick. So muß eS vor zwei Jahren in Konstantinopel zugegangen sein. Aerml. Ruhig, meine Damen, er will seinen Fehler wieder gut machen. Sie beliebten zu sagen Ballzerstörer, im Gegentheil, er will nicht zerstören, er will selbst mittanzen. Alle. Bravo! Aerml. (fingt). Schließt den Reigen, ihm zu zeigen, Wie sich schlinget Hand in Hand! Vorwärts bitte, solche Schritte Lernt ja selbst der Elefant. (Aermlich, Friedrike und Pauline packen MauS- berger und dringen ihn in'S Tanzen hinein, die Ankeren lachen.) Mausb. (nachdem Tanze). Ach! — eine Hitze habe ich in mir! Aermlich. Darf ich Ihnen mit meinem Sacktuch aufwarten. (Er zieht ein Sacktuch, die 20 Briefchen fallen heraus.) Alle. Was ist denn daS? Flick (bei Seite). Uije! meine Ra- keteln! Aerml. Din ich denn die Madame Hofjinser? (Die Mädchen heben jede- ein Brieschen auf.) Paul, (liest). „Morgen um sieben Uhr erwarte ich Sie." Jean. Was? Louise (liest). Tag und Nacht denk' ich an Dich." Ferd. Wer? Friedr. (liest). „Angebetete Friederike." Wilh. An Dich schreibt er auch. Jos. (liest). Schenk' mir Dein Herz und ich bin ein Nabob." Flick (bei Seite). Das ist halt ein Styl. Mausb. Ich kenn' mich nicht aus. W i l h. (zornig). Der Spaß geht zu weit. (Auf Aermlich.) Der hat die Brie- ferln alle geschrieben, und will uns damit die Geliebten abfischen. Aerml. Aber lieber Herr Hand- lungSdiener — Wilh. (stolz). Wer ist ein Hand- lungsdiener? Flick. Handlungsdicker kann er doch nicht sagen! Jos. Ich soll ihm mein Herz schenken. Ferd. (drohend zu Aermlich). Tag und Nacht denken Sie an meine Louise! Aerml. Ich weiß gar nichts, ich 16 kann doch nicht sagen, daß ich einen fremden Rock anhab'. Wilh. Er muß uns Satisfaktion geben. Jean. Wir stecken diese Beleidigung nicht so ruhig ein. Mausb. Da haben die Herren recht, so ein Wüstling muß exemplarisch gestraft werden, ich hätte vielleicht auch noch ein Auge zudruckt, aber Sie sind ja ein Mensch, der die Liebschaften betreibt wie ein türkischer Pascha. Ferd. Wer weiß, was er noch Alles bei sich hat, womit er unsere Damen beleidigen will. Jean. Er muß sich untersuchen lassen. Ferd. Und das auf der Stelle. Alle Herren. Ja, ja! — (untersuchen ihn). Aerml. Die beiden Grasel! Wilh. (zieht eine Pistole hervor aus seiner Seitentasche). Ha! eine Pistole! — (Tie Märchen schreien laut auf.) Mausb. Waffen! Aerml. Unten bin ich Don Juan und oben Rinaldini! Flick (bei Seite). Da muß ich ihm heraushelfen. (Laut). Die Pistolen gehören mein! Mausb. (zu Aermlich). So, also stehlen thun Sie auch? Wilh. Geschwind fortschicken um die Wache. , Jean. Patrouille! Zwanzigste Szene. Vorige. Albertine. Rosi. Alb. Was ist denn daS für ein Spektakel? Rosi. Lieber Vater! Mausb. WaS? Aerml. Die haben mir noch g'fehlt. (Gibt Rost Geld.) Rost, da hast fünf Neukreuzer, aber sag' nur nicht mehr: lieber Vater. Friedr. Du kommst gerade recht, um Dich zu überzeugen, was Dein Mann für ein ungetreuer Gemal ist. Mausb. Was? Mann? Gemal? — Er ist? — Alle Mädchen. Ihr Mann! Mausb. Sie ist! Alle Mädchen. Seine Frau. Mausb. (zu Albert.) JhrMannist ein räudiges Schaf, er hintergeht Sie. A l b. Habe ich also doch recht g'habt? Mausb. Während dem Sie verheiratet zu Hause sitzen, hat er sich ledigerweise bei meiner Mündel in den Marchandmodladen eing'schlichen. Alb. Deßwegen war er auch heute dort. MauSb. Noch vor einer Stunde und hat ihr einen Heiratöantrag ge- macht. Alb. (weinend). Und mir macht er weis, er geht Leder einkaufen. Aerml. Ich bin ja! — Mausb. Ein schändlicher Mensch sind Sie. (Zu Albertine.) Ihnen gib ich einen güten Rath, geben Sie von jetzt an auf den da Acht, wie ich auf meine Mündel. (Zu Aermlich.) Kommen Sie mir nicht mehr vor'S Gesicht. Ich geh' jetzt und erzähl' der Resi von Ihnen eine G'schicht, daß sie vom Kopf bis zu den Zehen eine GanShaut kriegt. Servus. (Ab.) Aerml. Wenn ich ein Frauenzimmer wär', so krieget ich auch eine GanShaut. (Will fort.) Herr von MauS- berger. Flick (hält ihn. halblaut). WaS thust denn? Bist ja ganz außer Dir! Aerml. (will sich loSreißen). Ich kann sein, wo ich will. Alb. Ich kenn' mich nicht aus. (Spricht mit den Mädchen.) Flick. Fasse Dich, morgen wasche ich Dich vor Deiner Geliebten wieder rein. Wenn Du das saubere Weiberl da blamirst, so war das St.-Anna- 17 bübisch. — Meine Herrschaften, ich schlage ein Versöhnungsfest vor. (Zu Albertine.) Bewilligen Sie Ihrem Mann allgemeine Amnestie, g'schwind heiße Umarmungen, einige glühende Versöh- nungSküffe — Paul. Unsere Freundin ist zu arg gekränkt worden, als daß sie ihren Mann jetzt schon wieder abbußeln könnt. Sie geht jetzt mit uns in den Ballsaal, und wenn sie sich wieder erholt hat, wird sie ihm schon sagen lassen, ob er wieder kommen darf, bis dorthin soll er zur Straf' allein da warten. Alle Mädchen und Herren. Recht ist'S. (Im Abgehen zu Aermlich.) Sie sauberer Herr Gemal! (Alle ab.) Aerml. DaS Hab' ich für meine Gefälligkeit. (Ab.) - Flick (hält ein paar Mädchen zurück). Er wird als neuer Mensch vor ihnen erscheinen, er wird so liebenswürdig sein, wie Sie, und das ist viel gesagt, denn Sie, meine Gnädigen, kommen einem in dem Aufzug fast so vor, wie ein Anschlagzettel vom Burgtheater. Alle Mädchen. Was? Flick. Ja wohl, wo d'rauf steht ! „Zu schön," Lustspiel in einem Akt. O Gott, hätte ich nur eine einzige Szene von diesen drei Akten. (Alle lachend ab.) Verwand lung. (Größeres, mit brennenden Lustern geschmücktes Zimmer, im Hintergründe Orchester mit Musikern.) Einundzwanzigste Scene. Alle Mädchen und Herren. Engländer (schreitet durch die Reihen der Tanzenden, daS Balletkorps führt einen Tanz aus, nach dem Tanze) Alle. Bravo! Da Capo! Paul. Jetzt sind wir Alle in Glanz! Louise. Wie schauen wir aus? F erd. (als Spanier). Ausgezeichnet, nix Zweites. Engl, (kommt vor). Reizende Kinder, auf Ehre, der Witz mit der Reise nach Graz ist mir gelungen, meine Frau glaubt mich jetzt auf der Eisenbahn, während ich mich dabei ihren Kolleginen in meine verlorne Ledigkeit zurück versetze. Ich werde meine Zeit gut anwenden. (Zieht einen großen Blumenstrauß hervor.) DaS kann seine Wirkung nicht verfehlen; aber welcher gebe ich den Vorzug? hab's schon! (Reicht Louise galant den Strauß.) Schönes Kind! Louise. Was will denn der Lon- ginus? Engl. Dieser Strauß sei ein schwaches Zeichen meiner starken Verehrung. Paul, (rasch). Erlauben Sie, wir sind anständige, brave Mädeln, merken's Ihnen das, was soll der Buschen bedeuten? Engl, (verlegen). Wie gesagt, bloß ein starkes Zeichen meiner schwachen — ein schwaches Zeichen meiner schw — star — (bei Seite.) DaS anständige Mädel bringt mich ganz aus der Fassung. Friedr. Was verschafft uns denn eigentlich die Ehre? Engl. Ich bin gekommen, meine Albertine zu entschuldigen. Da sie unpäßlich ist, kann sie Ihren Ball nicht besuchen. Louise. Albertine heißt Ihre Frau ? und Sie? Engl. Felix Engländer. Paul., Friedr., Louise. Das ist nicht möglich! Engl. Daß ich Engländer heiße? Kommt Ihnen das so schwer vor? Paul. Wir kennen den Engländer aanr aenau. Engl. DaS glaub' ich schon. Jos. Unsere Freundin Albertine hat ihn uns schon vor einer halben Stunde vorgestellt. 18 Engl. Wen? Friedr. Ihren Mann. Engl. Aber der bin ich ja. Louise. Das könnte Jeder sagen. Sie wollen sich bloß unter fremdem Namen bei und einschleichen. Engl. Ich ein falscher Engländer, bis jetzt hat noch Niemand an meiner Echtheit gezweifelt, aber ihre Freundin wird eine verfälschte Albertine sein. Friedr. Ueberzeugen Sie sich, da kommt sie g'rad sammt ihrem Mann. Zweiuudzwanzigste Scene. Vorige. Aermlich, Albertine im Arm, Rosi an der Hand führend, Ae rM l. gewöhnlicher Kleidung). Also, wir sind wieder auögesöhnt, liebe Frau? Alb. Ja, lieber Mann. Engl. Ha — das ist — Alb. Mein Mann. Engl. Sie sagt eS selbst. (Wirst den Strauß weg, den Josrfine aushebt, und stürzt wüthend auf Aermlich.) Also Sie sind der Mann meiner Frau? Aerml. Ihrer Frau? (Bei Seite.) Aha, das ,st der Handschuhmacher, wenn der nicht gleich hinausgeworfen wird, wirft er mich hinaus. Ihre Frau? Sie lächerlicher Kerl, Sie haben ein paar Maß Wein getrunken, und sind vermuthlich in Ihrem Kopf nur Wasser gewohnt. Engl. Ah, das ist zu arg. (Zu Albertine.) Weib, red' Du selbst, bist Du mein Weib — nein, Dich falsches Weib-Krokodill will ich nicht fragen. (Zu Rost.) Aber Du, unschuldiges Kind, sag', welcher von uns Beiden ist Dein Vater? Aerml. Erlauben Sie, bringen Sie meine Tochter nicht in Verlegenheit, wie kann man denn ein Kind so was fragen. (Steckt Rofi Geld zu.) Sie ist mein liebeö Kind, ich ihr lieber Vater, und daS ist meine liebe Frau. Engl, (wüthend). Ich lasse mich von ihr scheiden. Aerml. Von meiner Frau? (Alle lachen.) Engl. Nein, von der meinigen, und von diesem Kinde auch, daS mich nicht mehr kennen will, und ich bin doch der Vater! Aerml. DaS kann Jeder sagen, der arme Kerl ist ihnen im Narrenthurm auökommen, und treibt sich jetzt herum mit der siren Idee, daß man jedes hübsche Frauenzimmer wie seine Frau behandeln kann, solche Narren gibt'S im Fasching mehrere. Louise. Ja, er ist verrückt. Wilh. Hinaus mit ihm. Engl. WaS? Aerml. Gleich wird er toben, einen spanischen Janker her. Dreiundzwanzigste Szene. Vorige Flick. Flick (in gewöhnlichen Kleibern). Um Alles in der Welt, wo brennt's denn? Aerml. (iuf Engländer). In den sein Kopf, der glaubt, er ist der Engländer, (stoßt Flick.) Flick (schneidet Grimassen). Der ist'S? Ui je! Engl, (schiebt die Aermeln hinaus). Ich werde ihm eine Lektion geben. Aerml. (ebenso). O, soviel versteh' ich vom Schulfach auch. En g l. (stürzt zu Aermlich). Komm' her da! Flick. Halt, der Handschuhmacher fangt an — Sie müssen ihm nachher seine Schlag' großmüthig schenken. Engl. Nichts wird nachg'lassen. Aerml. Ich Hab' auch nichts zu verschenken. (Stürzen auf einander lo».) 19 Bierundzivanzigste Scene. Vorige. Mausberger. Margarets ThereS. Mausb. Eine Rauferei? Aerml. Resi, da ist Dein Lorenz. Mausb. Felix Engländer heißt er, Gatte und Vater ist er, das kleine Madel da ist der größte Beweis. Flick. Aber Sie thun ihm Unrecht. reden wir einmal als Männer ernst und ruhig über die Sache. Mausb. Reden soll ich mit zwei solchen — Aerml. WaS? MauSb. Wurstln sind'S, und nicht nur Ihr zwei allein, nein, Alles, was da vorkommt, ist Faxenmacherei. Friedr. Warum haben Sie denn nachher diese Faxen mitgemacht, wie Ihre Frau nicht dabei war? Aerml. (bet Seite). Ja wohl — haben Sienicht vor einer halben Stunde mit diesen Damen noch getanzt, wie der schönste Pappendeckel-Bajazzo. Marg. Simon, Du hast? Aerml. Er hat! MauSb. Ich bab' nicht — es ist nicht wahr! Aerml. O, ich habe Zeugen — Sie werden sich nicht nur an diese Blondine, sondern auch an die Schwarz- augete erinnern. Flick. Ich bin Zeug'. Marg. Das thust Du? MauSb. Aber liebe Margareth — Marg. O, es ist schon gut, da sag' ich noch nicht-, aber zu Hause in KremS, da g'freu Dich. Engl. Satisfaktion. Friedr. Sie selbst haben g'sag t Ihre Frau sei unpäßlich. Louise. Während Sie hier gesunden Mädeln die Cour machen. Flick. Za wohl, gesunden Mädeln. Alb. So was muß ich an Dir erleben — ich habe nur so lange geschwiegen, um mich von Deiner Untreue zu überzeugen. Engl. Aber der da — Alb. Der junge Mann war nur mein Begleiter. Flick. Er war Ersatzmann. Th er. Mein Lorenz ist also nicht verheiratet? Flick. In Nürnberg hängen sie keine», bevor sie ihn nicht haben. Therese. Wir haben dem Lorenz Unrecht gethan. Mausb. Liebe Margareth, ich glaub' — Marg Du hast gar nichts zu glauben. — Therese ist Ihre Braut! Friedr. Und hier auch vollkommene Versöhnung. (Albertine und Engländer umarmen sich.) Aerml. Vivat! Meine Damen, Sie haben sich benommen wie Männer! dafür will ich Sie jetzt gleich revan- giren und einen Freudentanz en kurio88 losgehen lassen. (Klatscht in die Hände.) Vorwärts! der Herr Onkel und die Frau Tant' müssen auch mittanzen. (Tanz). G n d e. Aus I. B. Wallisbausser's l. k. Hostheater-Druckerei. »- R< . - k- ^ 2XD'.-r ' 4tchr- chai« ^-k j. <^7 7^' '-.y k-E! . /I '..<^^ 3 ? Ä'^M -.chLMM ^ -> ^ E k»j; Ut- , '.^ :Z ^ / '-j-j .: ^ . ' ^^M'kSDM-^3! 7ft^.': ^k/k^ :-?L'' Hn: chis "::>§v ^r ^ kr- k: .!-^l»tzj i')L'. E r! H. - : : - rnt7(tN-). -^. ' -^9 ij- rL° .j'. »^L's ^'7!»7tz' k' . ?-^.-.».<4 'tt' EE)^' ..''4^ k-'^' , --»^. -' ;;/. .'tH.ustt i k.'k L / 2E .'S oder: -Gnginas-Dolks-Schauspies in vier Abtheilungen, nebst einem Vorspiele: Lin gegebene Mort. Von Heinrich Hausmann. Personen des Vorspiels. Bernhard Haller, Geschäftsmann. Gertrud, seine Frau. Anna, beider Tochter. Dorothea Steinbach, Witwe, Schwester der Gertrud. Wilhelm Berger, absolvirter Akademiker des Bergbaues. Maria Müller, die Tochter eines Todten- gräberS. Peter Raimann, ein verarmter Bürger. Volk. Personen des Schauspiels. Roderich Waldberg, Fabrikant, Witwer. Arthur, sein Sohn. Bernhard Haller, Geschäftsmann. Gertrud, dessen Frau. Anna, beider Tochter. Dorothea Steinbach, Gertruden- Schwester. Der Pfarrer Ehrmann. Wilhelm Berger. Frau Berger, dessen Mutter. Peter Raimann. HannS Müller, Todtengräber. Maria, seine Tochter. Ernestine, eine Waise, ein Kind von 8 bi» 9 Jahren. Der Wirth eine- GasthauSgarten». Jakob Mahner, t Veit Halme r, > Arbeiter. Fritz Grundmann, s Ein Gast. Hochzeitsgäste. Gäste im Gasthaus- garten. Kellner. Volk. Der erste Akt spielt 3 Monate später als da» Vorspiel, der zweite Akt um 2 Jahre später al- der erste, der dritte Akt um 6 Monate später als der zweite, und der vierte Akt um 4 Wochen später als der dritte Akt. — Rechts und links ist vom Schauspieler angenommen. Vorspiel. (Freier Platz, rechts und links Häuser, im Hintergründe die große Kirche. Die Bühne bleibt eine kurze Zeit leer. Man hört die Orgel und den Kirchengesang herübertönen.) Hrste Scene. Wilhelm (tritt aus der Kirche. Man hört noch bis fast zum Schluffe seiner Rede die Orgeltöne und den Gesang). Ich habe sie gesehen — auch mich hat sie gewahrt, und eine freudige Röthe zuckte über ihre Wangen. Ja Anna, Dein Wilhelm ist zurückgekehrt, mit freudiger Hoffnung im Geleite! — (Ungeduldig.) Wenn sie nur käme, meine Anna — denn jetzt darf ich sie mein nennen! Mein — Anna mein! O Gott, eine ganze Seligkeit 2 umschließen diese zwei Worte: „Anna mein!" — (Mit steigender Ungeduld.) Noch immer kommt sie nicht! — Sie mußte doch mein Fortgehen bemerken. — Wie unendlich lang dehnt sich doch eine Minute, wenn man seiner Liebe eine hoffnungsreiche, fröhliche Nachricht mit- zutheilen hat. (Es treten einige Leute aus der Kirche.) Die Kirche ist zu Ende — jetzt wird auch Anna kommen. (Er eilt mit raschen Schritten gegen die Kirchenthüre.) Wenn ich sie im Gedränge nur nicht aus den Augen verliere! Zweite Scene. Marie (tritt ihm aus der Kirche entgegen, Wilhelm weicht, merklich unangenehm berührt, etwas zurück). Ntarie (tue es bemerkt hat). Ich glaube gar, Wilhelm, Du erschrickst vor mir? Wilhelm (verlegen, und stets nach der Kirchenthüre blickend). Ich — ? Marie. Leugne es nicht — Du hast jemand Andern erwartet, ich weiß es recht gut. Aber vor mir zu erschrecken brauchst Du deßhalb nicht. Wilhelm. Erschrecken! — Warum sollte ich das? — Sind wir nicht zusammen ausgewachsen, warst Du mir nicht stets Freundin, wie ich Dein wahrer Freund war? Liebe Marie, vor der Jugendsreundin erschrickt der Wilhelm nicht. Marie (schmerzlich lächelnd). Wenn die Haller-Anna Dir entgegen tritt, wirst Du nicht zurücksahren wie bei mir — denn auf die wartest Du doch! Wilhelm. Warum sollte ich's leugnen? Ja, Marie, ich erwarte sie — denn ich habe meiner Anna eine Nachricht zu überbringen -— eine Nachricht so gut, so erfreuend, als ob ein Engel vom Himmel sie geschickt hätte. Marie (mit Wehmuch). Ich gönne Dir und ihr das beste Glück, und wenn es von mir abhinge, wäre es Euch gewiß — aber ihr Vater, wie mir die Anna selbst vertraut hat, denkt nicht so. Wilhelm. Ihr Vater? nun! — Marie. Du weißt es ja ohnehin, daß er Dir nicht geneigt ist. Wilhelm. Die Tochter bleibt stets die Hauptperson — ihrer Neigung bin ich gewiß, und den Vater stimmt meine Nachricht zu meinen Gunsten. — Marie. Und die Schwägerin — die Witwe Steinbach? Wilhelm. Auch die — Alles wird umgestimmt, und die Mutier war ja ohnehin stets auf unserer Seite. Marie (seufzend). Da kommt Deine Anna — sie wird sich unendlich freuen, Dich wieder zu sehen. (Sie trocknet sich verstohlen die Augen.) Sritte Scene. (Die Menge kommt aus der Kirche, unter dieser Anna, welche langsam geht und Jemand zu suchen scheint. Als sie Wilhelm erblickt, eilt sie rasch auf ihn zu. Die Menge geht theils links, theils rechts langsam und ohne Geräusch ab.) Anna. Wilhelm! Wilhelm. Anna! Anna. Wo kommst denn Du auf einmal her, wie vom Himmel herabgefallen, Wilhelm? Ich traute meinen Augen kaum, als ich Dich in der Kirche erblickte. Ich wußte ja gar nicht, daß Du hier bist. Wilhelm. Ja, Anna, Du hast mich — ich habe Dich wieder. Ich kam gestern Abend spät hier an; mein erster Gang mar zu Deiner Wohnung — aber ich sah Dich nicht. — Und wenn ich auch nur Deinen Schatten gesehen hätte — aber ich hoffte vergebens — ich mußte trostlos heimkehren. Anna. Als ich Dich in der Kirche unter den Andächtigen mit meinen Augen fand, Wilhelm — betete ich noch inniger als zuvor — ich war gefaßter und meine Andacht war herzlich und heilig 3 — Ich habe inbrünstig zum lieben Herrgott gebetet, er soll doch nicht zugeben, daß der Wille der Menschen zwei Herzen, wie die unsern, trennt, die doch nun einmal einander angehören sür diese und sür jene Welt. Marie (schmerzlich für sich). Glückliche Anna! — arme Marie! Wilhelm (der während Anna'S Rede seine Freude nur mit vieler Mühe verbergen konnte, sie innig an sich ziehend). Anna! Du srommes Kind! — daß wir uns nach monatlanger Trennung zuerst in Gottes geweihtem Tempel wieder sahen, mag uns Beiden als Ahnung eines künftigen ungetrübten Glückes erscheinen. — Anna (kopfschüttelnd). Eines ungetrübten Glückes, Wilhelm? — Wilhelm. Wenn nun Dein Gebet erhört, wenn Gott das größte Hinderniß, das uns im Wege stand, in seiner unendlichen Gnade hinweggeräumt hätte ? Anna. Das größte Hinderniß ist wohl Deine Armut. Wilhelm (lächelnd). So? — also meine Armut? Anna. Die Mutter sagt freilich wohl: gesunde, kräftige Arme, ein gottergebener, frommer Sinn, Fleiß und Genügsamkeit sind ein starker Schirm und Schutz gegen jede Noch. — Der Vater aber meint: Mangel und Entbehrung sei das Grab der Liebe. — Und die Schwägerin sagt gar: Arme Leute sollten lieber gar nicht heiraten. Wilhelm (ärgerlich). Weil die Frau Steinbach boshaft und neidisch ist, weil sie Niemandem ein Glück gönnt, außer sich selber. Anna (verweisend). Aber Wilhelm, wir treten eben aus der Kirche und Du redest Uebles von Deinem Nächsten. Wilhelm. Du hast recht, Anna. Ich schweige schon. Aber die gute Frau Dorothea soll mit ihrem Spruche, daß arme Leute nicht heiraten sollten, bald zu Schanden werden — sie wird mich nicht mehr wie bisher mit schelen Blicken ansehen. — Glaube mir, Anna, unser Schicksal hat sich plötzlich — und zwar zu unserm Besten gewendet. Anna (verwirrt). Deine Worte —- die Zuversicht — aber so erkläre mir doch, Wilhelm — Du hast doch keinen Schatz gefunden. — Wilhelm. Einen Schatz habe ich gesunden, das ist Dein Herz, Dein frommes, liebes, treues Herz — einen andern brauche ich nicht. Anna. Ich verstehe Dich nicht. Wilhelmsfreudig erregt). Anna, heute noch sehe ich Dich bei Deinem Vater, mit dem ich eine Unterredung zu haben wünsche. Dann wirst Du meine Worte verstehen und meine freudige Hoffnung 1hei len. Anna (traurig). Ich fürchte — Wilhelm. — Wilhelm (freudig aufgeregt). Ich fürchte nichts mehr! Und Du, Anna, sei getrost und hoffe! — Wir stehen am lange Lrsehnien Ziele. — In Gegenwart Deines Vaters, Deiner Mutter und — meinetwegen auch in Gegenwart der Frau Schwägerin — erfährt meine liebe Anna, was mir den Muth gibt, noch einmal ein Haus zu betreten, das mir voit Deinem Vater verboten wurde. Anna. Gott gebe, daß dieser Gang kein vergeblicher ist. Vierte Scene. Vorige. Raimann (kommt sinnend aus dem Hintergründe links). Nai m ann (als er Wilbe lm erblickt, ruft er freudig). Ah, Wilhelm! (Er eilt auf ihn zu.) Ist das eine Fügung des Himmels, daß ich gerade Dich finden muß? Wilhelm. Was gibts denn, Vetter Raimann? Raimann. Nur ein paar Worte. — Anna. Ich muß ohnehin nach Hause eilen, die Mutter wird mich gewiß schon längst erwarten. i* Marie. Ich begleite Dich, Anna, mein Weg führt ohnehin an Euerm Hause vorüber. Anna. Leb' wohl, Wilhelm! Gott möge geben, daß Deine Hoffnung in Erfüllung geht. Wilhelm. Anna! (Reicht ihr die Hand.) Bald sehen wir uns wieder. (Reicht auch Marien die Hand.) Leb wohl, Marie, und grüße mir den Vater. (Wendel sich zu Raimann). Nun, Vetter! was ist's denn? (Beide treten m den Hintergrund und gehen dann, indem sie angelegentlich miteinander leise sprechen, links ab.) Marie (an der man eine wehmüthige Bewegung während der ganzen früheren Scene bemerkte, ebenso zu Anna). Anna — wenn der Wilhelm wahr gesprochen hat — wenn — Ihr ein Paar werden solltet — mache ihn recht glücklich — er verdient es — gewiß. Anna (zweifelnd). Noch kann ich an mein Glück nicht glauben — ich kann mir nicht denken, welcher günstige Zu- fall eine so schnelle Aenderung unserer Verhältnisse hervorgebracht haben sollte ? Marie. Und doch bist Tu schon so glücklich in Deinem stillen Hoffen — Du liebst und wirst geliebt. (Weinend.) Ich habe nichts auf der Welt — mir muß das Herz brechen in meiner Einsamkeit unter den Gräbern. — Und doch — doch kann ich Keinen von Denen gram sein, die an meinem Herzeleid schuld sind. Anna (erstaunt). Marie — was bewegt Dich so? . Marie. Es fällt dem Unglück schwer, dem Glücke seine Noch zu klagen, und doch erleichtert Mittheilung. — Anna. Marie, rede doch! Du hast etwas aus dem Herzen — Vertraue der innigsten Freundin Deinen Kummer. Marie (rasch und lebhaft). Ich habe den Wilhelm lieb — so wahr, so rein und innig lieb, daß, wenn ich ihm mit meinem Leben zu seinem Glück verhelfen könnte, ich ruhig sagte: Nimm hin das arme Leben, das ohne Dich keinen Werth für mich hat. Anna (überrascht). Marie! Marie (indem sie ihre Thronen trocknet). Du darfst nicht eifersüchtig sein, Anna — er liebt mich ja nicht wieder, und mein Geheimniß wird er aus meinem Munde nie erfahren — er darf nicht wissen, wie unglücklich ich bin. — Hier aus Erden nicht, aber dort — dort, wo die seligen Geister frei von irdischer Liebe sind — dort soll er es wissen, daß mein Herz um ihn gebrochen ist — aber aus Erden nicht — nein, nein — auf Erden nicht. (Geht mit verhülltem Antlitz rechts ab.) Anna (indem sie ihr folgt). Arme, arme Marie! (Rechts ab.) Wilhelm (kommt mit Raimann wieder zurück). Ja, Vetter Raimann, da kann ich llicht Helsen, wahrhaftig nicht. — !Ja, wenn es später wäre, und ich schon (klopft auf seine Tasche) — doch jetzt ist's Unmöglichkeit. Raimann. Jetzt Hab' ich nur noch eine Hoffnung — schlägt die fehl — Wilhelm. Ich wünsche nur Vetter, daß Ihr nicht auf verknöcherte Herzen stoßt, die nicht helfen wollen, obwohl sie es recht gut könnten. Auch nicht aus Solche, die der Armut ihr bischen Habe, ihre Noch zum Vortheil ausbeutend, um eine Bagatelle abdrücken. Bei mir habt Ihr leider ein Herz gefunden, das auch schon die Noch kennen lernte, und daher gern bereit zur Hilfe wäre, wenn es nur helfen könnte. Raimann. So will ich den letzten Versuch wagen. Nichts für ungut, Vetter Wilhelm! (Geht rechts ab.) Wilhelm (allein). Es ist hart — vor Kurzem noch wohlhabend — sich aus einmal verarmt zu sehen. — Wer in Armut geboren ist, spürt ihren kräftigen Truck nicht so sehr — als Der, der plötzlich vom Mangel überrascht wird. — Meine Anna ist schon heim- 5 gekehrt. — Jetzt noch einen Gang' hinaus in Gottes aufgeschtagene Offenbarung — in die freie, herrliche Natur, ein frommes Dankgebet, eine innige Bitte zu Gott — dann mit frohem Muthe zu dem Vater meiner Anna! (Links ab.) Verwandlung. (Zimmer bei Bernhard Haller, nicht reich, aber anständig bürgerlich möblirt. Eine Mittel- und zwei Seitenthüren. Links im Vordergründe ein Fenster.) Aünfte Scene. Dorothea (kommt rechts aus dir Seitenthür und tritt zum offenen Fenster, hinauS- sehcnd, Gertrud tritt durch die Mitte ein). Dorothea. Ich sehe noch keine Anna aus der Kirche kommen! Das währt heute wieder sehr lange. Gertrud (ruhig). Mein Gott! sie wird schon kommen. Dorothea. Wird schon kommen! — Freilich, Du bist immer frohen Muthes — läßt dein lieben Töchterchen stets freien Willen, zu gehen, wann sie will und zu kommen, wenn sie Lust hat. Es ist des Kindes Pflicht und Schuldigkeit, zu gehorchen. Gertrud (Ms ruhig). Nun, ich denke, an Folgsamkeit fehlt es meiner Anna nicht. Dorothea. Ja, die Mütter sehen immer Alles rosensarben an den lieben Kindern, bis das Unglück klar am Tage liegt und durch keine Lamentation wieder ausgeglichen werden kann. Der Krug geht so lange zum Brunnen, bis er bricht! — (Boshaft.) Weißt Du auch, Schwester, daß der Mosje Berger wieder hier ist? Gertrud (fast freudig). Der Wilhelm Berger! — Ist er wieder hier! Dorothea. Ja, der saubere Mosje ist wieder da. — Schon gestern Abend hat ihn die Magd vor dem Hause auf und ab patrouilliren gesehen und hat 'inir's augenblicklich hinterbracht. Wäre er mir nur unter die Augen gekommen! Gertrud. Das Gehen in den Straßen kann man ihm nicht verbieten, Schwester. Dorothea. Es gibt Straßen die Hülle und die Fülle in der Stadt, da kann er herumspazieren, so viel er mag und Lust hat — hier vor diesem Hause aber und in dieser Straße hat er nichts zu suchen. Gertrud. Aber Schwester — Dorothea. Er wird der Anna so lange überall auspassen und ihr nachlausen, bis es um ihren guten Ruf. geschehen ist. Wenn Du dem Mädchen nicht mit Gewalt die Liebe zu dem jungen Taugenichts aus Kops und Herzen treibst, wirst Du sehen, was herauskommt. Ich habe genug geredet, ich wasche meine Hände in Unschuld. Gertrud. Ein Taugenichts ist der junge Mann wohl nicht. Niemand hat eine Klage über ihn — und es ist nicht christlich, daß Du so redest, Schwester. Dorothea. Junges Blut thut selten gut! Einem jungen Mädchen den Kopf verdrehen, sie aus dem Kirchgänge auszuhalten, ihre Gedanken vom Himmlischen abziehen und aus irdische Dinge lenken, ist nicht nur nicht christlich — sondern geradezu schlecht! Gertrud. Warum ereiferst Du Dich so? Weißt Du denn so ganz gewiß, ob er das gethan hat? Dorothea. Jugend hat nicht Tugend ! Und bei jungen Leuten steht das Herz eher dem Bösen als dem Guten offen. Gertrud. Die beiden Leute haben sich nun einmal gern, unsere Anna ist in Frömmigkeit und Sittsamkeit erzogen, der Wilhelm eine Ausnahme von den jungen Männern heut zu Tage, seine Mutter eine ehrenwerthe alte Frau, die Alles geopfert hat, damit dem jungen Mann seine Kenntnisse zu einer glücklichen Zukunft verhelfen. Wie kann man 6 von solchen Menschen mit gutem Gewissen Uebles reden? Ich könnte es nicht. Dorothea. Ich sage Dir nur, die Anna hat den Mosje Berger nicht zu ihrem Glücke kennen gelernt. Seine Hantirung gefällt mir schon nicht — ewig das Unter-der-Erde-herumwühlen — da fällt Einem immer ein, daß nur das Böse im Finstern schleicht. Glaube mir, es wäre ein großes Glück für unser Haus, wenn wir einmal so hörten, der Wilhelm Berger ist unter der Erde verschüttet worden. Gertrud. Pfui Schwester, schäme Dich! Ich möchte um Alles in der Welt meinem Feinde so etwas nicht wünschen! Dorothea. Ach was! Wessen das Herz voll ist, davon geht der Mund über! Gertrud. Gott sei Dank! mein Herz kennt solche Gedanken nicht. Dorothea. Und bei alledem ist der Mosje noch arm wie eine Kirchenmaus. Gertrud. Mein Gott, Schwester — Armut ist wohl ein Unglück, aber kein Verbrechen. Es ist schon Mancher reich geworden, der sich schämen müßte, wenn man ihn um die Quelle seines Reichlhums einmal fragte. — Tritt an das Sterbebett eines Armen, das oft nur aus einem elenden Strohlager besteht, und sieh, wie ruhig, wie gottergeben er hinüberschlummert — denn er verliert ja nichts an dem armseligen Leben, und seinen Schatz, ein gutes Gewissen, nimmt er mit sich auf die lange Reise zum Himmel — wohingegen mancher Reiche, dem die bittern Thränen die schlaflosen, kummervollen Nächte, die er dem Unglück, durch das er reich geworden, verursachte, in der letzten Stunde schwer auf die Seele fallen, einen wahrhaften Henkertod stirbt. Dorothea. Wie die That, so der Lohn! das ist ein wahres Wort! Halt nur den Leuten die Stange, damit der lieben Anna und dem braven Mosje Wilhelm ja kein Unrecht geschieht! (Seufzt.) Wir wollen sehen, wie weit Du damit kommst, denn an eine Heirat ist im Entferntesten nicht zu denken. Gertrud. Wenn der Vater wollte — warum nicht? Dorothea. Zu so einer Pauvritäts- Verbindung gibt er seine Gwilligung nie. Gertrud. Sind wir denn vielleicht reich, daß wir gar so hoch hinaus wollen? — Das würde sich ja am Ende Alles noch zum Guten lenken, denn — Dorothea. Vorgethan und nachbedacht hat Manchen in groß Leid gebracht. Die Anna kann noch eine recht glänzende Partie machen, sie ist jung und hübsch — und eine solche Tochter muß man nicht an den ersten Besten verschleudern, wie eine Sache, die man nicht mehr braucht. Gertrud. Mit meiner Zustimmung wird mein Kind einmal nicht unglücklich. Die Sünde will ich nicht auf mein Gewissen laden. Es hat schon Mancher sein Kind als einen Gegenstand der Spekulation bettachtet und sich nachher über die Folgen aus Verzweiflung das Haar zerrauft. Dorothea. Zum Glück ist der Schwager gescheidter als Du! (Pause.) Das liebe Töchterchen kommt noch nicht — wir werden am Ende auch ohne sie essen müssen. — Na, meinetwegen! ich sehe in der Küche nach. Wer nicht hören will, muß fühlen! (Geht ab durch die Mitte.) Sechste Scene. Gertrud, dann Raimann. Gertrud (der Abgegangenen nachsehend). Sollte man es wohl glauben, daß uns eine Mutter unter ihrem Herzen getragen hat? (Gehr zum Fenster.) Aber 7 das lange Ausbleiben der Anna macht mich jetzt wirklich selbst besorgt, (ss klopft von außen.) Herein! Raimann (tritt ein). Gertrud. Was führt denn Euch zu uns, Nachbar? Raimann. Was sührt mich her? Ich hätte ein dringendes Anliegen — es ist freilich nicht schicklich an einem Sonntage. — Gertrud. Nur heraus damit. Meinem Nächsten zu helfen, ist mir jeder Tag gleich. Raimann. Ihr kennt ja das Unglück, das mich heimgesucht hat — Gertrud. Ich habe es mit Bedauern gehört, daß man Euch gepfändet hat. Raimann. Mein gutes Herz hat ein falscher Freund mißbraucht und mich mit Undank belohnt. Das thut mir weh. Aber ich könnte mich noch in mein Schicksal finden — ich bin rüstig und stark, mein Weib ist eine gute Hausfrau — ich muß in Gottes Namen wieder als Geselle arbeiten. — Aber wie kein Unglück allein kommt, so ist jetzt auch noch mein Weib erkrankt, der Schreck und der Kummer haben sie angegriffen. Meine Tochter, die Toni, hat die kranke Mutter gepflegt und gewartet, bis ihre Jugend- krast unterliegen mußte, und jetzt habe ich statt einer, zwei Kranke zu Hause. Gertrud. Das ist freilich hart. Raimann. Ich weiß nicht, ob Der, der die ganze Schuld an meinem Unglück trägt, es wird droben verantworten können. Gertrud. Und worin kann ich denn helfen? Raimann. Ihr Mann, liebe Frau Gertrud, und ich — wir haben, als wir noch intime Freunde waren — leider ist auch alle Freundschaft in meinem Unglück mit untergegangen — also wir haben damals zusammen ein Loos in der großen Lotterie genommen. Ich bin jetzt gedrängt, und möchte meine Hälfte gerne mit einigem Verlust verkaufen, obgleich die Ziehung bald vor sich gehen wird. Gertrud. Aber das Loos kann ja gewinnen? Raimann. Wenn auch — obgleich das Gewinnen eine sehr unzuverlässige Sache ist — ich bin zu gedrängt und muß Hilfe schaffen. Ich will lieber den ganzen Bettel nicht haben, als mein braves Weib und meine Tochter verlieren. Gertrud. Ich handle Euch nichts ab, ich nehme das Loos um das, was es gekostet hat. Raimann. Meinen herzlichen Tank für die Hilfe in der Noth — und wenn ein Gewinnst darauf fallen sollte, Gottes Segen damit. Das Loos ist ohnehin das Einzige, was ich aus dem Schiffbruche gerettet habe. Mein Gewinnst ist der, daß ich mein nach und nach ausgelegtes Geld auf einmal zurück bekomme, um damit meinen Kranken zu Hause einige Erleichterung und Pflege zu verschaffen. Gertrud. Aber — reinen Mund, Nachbar Raimann. Weder mein Mann, noch meine Schwester dürfen von dem Kaufe wifsen. Raimann. Ich weiß schon. Alle Herzen in dem Hause sind nicht so gut, wie das Ihrige, Frau Gertrud. Gertrud. So kommt mit mir. (Beide ab, link- in die Seitenthüre.) Siebente Scene. Anna und Dorothea (treten zur Mitte ein. Dann Gertrud und Raimann von da. wo sie früher abgingen). Dorothea (spitzfindig). Ich dachte schon, wir hätten heute nicht einmal die Ehre bei Tische von der Jungfer? Anna. Ich war ja in der Kirche! Dorothea. So? So lange? — Nun, was lange währt, wird gut. 8 Anna. Ich weiß nicht, ob ich Ursache dazu gegeben habe, daß Sie so spitzfindig mit mir reden. Dorothea. Wem die Wahrheit bitter schmeckt, hat kein gutes Gewissen. — Der Mosje Wilhelm hat Dich ver- muthlich zu Hause begleitet, damit die Jungfer mit ihren zarten Füßchen ja nicht an einen Stein stoßt. Siehst Du — wie roth Du wirst — diese Röche ist ein klares Geständniß. Anna. Und doch sind Sie in großem Jrrthume. Ich bin mit einer Jugendfreundin, mit Müller's Marie, hergegangen, und dagegen wird weder der Vater, noch die Mutter etwas einwenden. Dorothea. Müller's Marie! da haben wir s! das ist die Unterhändlerin zwischen Euch Beiden. O Gleich und Gleich gesellt sich gern. Anna. Sie scheinen übel aufgelegt, Base, ich will mich lieber entfernen. Raimann (der mit Gertrud emintt). Gott zum Gruß, Frau Steinbach. Dorothea (erstaunt). Was will der Herr hier bei uns? Gertrud (einsallend). Es ist nicht des Redens werth. (Zu Raimauu.) Behüt' Euch Gott, Nachbar, ich wünsche von Herzen, daß bei Euch zu Hause bald Alles wieder in die gehörige Ordnung kommt. Raimann. Nichts für ungut! (Durch die Mitte ab.) Dorothea (verwundert). Was hat denn Der mit Dir gehabt, Schwester? Gertrud. Der arme Mann ist zu bedauern, Weib und Kind liegen krank daheim. Anna. Und das Unglück der plötzlichen Armut dazu! Dorothea. Wie man's treibt, so gehts! — Das ist die Strafe! Am Ende geht er schon betteln? — Du wirst ihn doch nicht gar unterstützt haben? Gertrud. Nur mit einem guten Rathe, und — der kostet ja nichts. Achte Scene. Vorige. Wilhelm (durch die Mitte). Wilhelm (mit Höflichkeit). Jft's erlaubt? — Anna (freudig für sich). Der Wilhelm ! Dorothea (mit Spott). Wie kommen wir denn zu der Ehre? — Eine so überraschende Visite — Gertrud. Was steht denn zu Diensten? Wilhelm. Ich wünschte Herrn Haller zu sprechen — Anna. Gleich werde ich den Vater rufen. (Will rechts in die Seitenthür abeilen.) Dorothea (hält sie zurück). Warum denn so eilig? Ich glaube nicht, daß dem Schwager der Besuch willkommen sein wird. Anna (halb leise zu ihr). Aber Base, >das ist ja unhöflich. ! Dorothea. Wie man in den Wald ^ineinruft, so antwortet das Echo! (Sehr laut.) Der junge Herr hat einmal j seinen Bescheid bekommen — und wer ^ein Haus, das ihm mit klaren, ver- I stündlichen Worten verboten ist, wieder betritt, verdient — daß man ihn — Wilhelm (lächelnd). Hinauswirft — wollen Sie sagen. Ereifern Sie sich nicht, Frau Steinbach — hören Sie erst die Ursache meines Besuches. Anna. Da kommt der Vater! Neunte Sceue. Vorige. Haller (rechts durch die Sei- tenthür). Haller (bei Wilhelm'- Anblick be- troffen). Sie wieder hier? Dorothea. Aha! Wilhelm (mit ruhigem Ernst). Herr Haller — ich weiß, Sie haben mir 1 vorgestellt, daß eine Heirat zwischen Ihrer Tochter und mir nie stattfinden jkann — 9 Dorothea. Also! Haller. Ich denke heute noch eben so wie damals. Wilhelm. Allein Sie haben mir durch diese Aeußerung noch nicht alle und jede Hoffnung benommen. Dorothea. Wenn Jemand sagt: Ich verbiete mir Ihre ferneren Besuche, so heißt das doch gewiß nicht: Kommen Sie bald wieder? Haller. Ich finde nicht, daß meine Worte eine Hoffnung enthielten. Wilhelm. Wenn auch in Ihrer Antwort nicht, so doch in dem Grunde, den Sie mir entgegenstellten, und der war meine Armut. Haller. Dabei bleibe ich auch heute noch. In dieser Zeit kommen Diejenigen nicht vorwärts, die schon ein Vermögen haben, um wie viel mehr müssen Die nun zurückgehen, die mit Nichts an sängen. Dorothea. Sehr wahr! Wie man sich bettet, so schlaft man. Wilhelm. Wenn diese Gedanken aus der Sorge für Ihres Kindes Wohl entspringen, kann ich Ihnen nicht ganz Unrecht geben. — Allein, ich hätte nie den Muth gehabt, noch einmal vor Sie hinzutreten und neuerdings um die Hand Ihrer Tochter zu werben — wenn sich nicht so Manches geändert hätte — Alle (sehr gespannt). Wie?! Wilhelm (zieht ein Papier hervor). Hier — erstens meine Anstellung — freilich nur mit 400 Gulden jährlichen Gehaltes — aber mir legen zu dieser kleinen Summe unsere Genügsamkeit, und sie wird zum zinsentragenden Kapitale. — (Neberreicht Haller das Papier.) Anna (die Hände faltend). O mein guter Gott, ich danke Dir! (Sie sinkt an die Brust ihrer Mutter.) Haller (hat gelesen). Das ist freilich nicht zu verwerfen, und wie das Dekret sagt, ist ja gegründete Aussicht vorhanden, daß es bei den 400 Gulden nicht lange bleibt, daß sich der Gehalt steigert. Wilhelm. Allerdings! — (Zieht eine zweite Schrift hervor.) Diese Zuschrift wurde mir durch das Gericht zugestellt. — Alle. Durch's Gericht! Wilhelm (überreicht Haller die Schrift). Wollen Sie sich von dem für mich günstigen Inhalte überzeugen! Gertrud (Anna an ihr Herz pressend). Anna, Deine Mutter soll Dich doch inoch glücklich sehen. Dorothea. Da bin ich doch sehr begierig! Wilhelm. Und Sie, Frau Haller, was sagen Sie? Werden Sie mir den theuren Namen Sohn versagen? Gertrud (leise zu ihm). Mein Herz hat ihn Dir längst gegeben. Haller (hat mit immer gröberer freudiger Aufregung gelesen). Wilhelm — das ändert die Sache. — Es hat mir wehe gethan, einen so braven, jungen Mann abweisen zu müssen — doch jetzt — komm in meine Arme, mein Sohn, und mache meine Anna glücklich. (Er schließt Wilhelm in seine Arme.) Anna. Vater! — Das Glück — o meine Mutter —! Gertrud. Wer Gott vertraut, hat wohl gebaut. Dorothea. Aber werden wir denn nicht erfahren — Haller. Wie diese Schrift hier sagt, ist ein Verwandter des Wilhelm, der seit Jahren schon im Auslande lebte, gestorben, und hat ihn zum Miterben eingesetzt. Nach gerichtlicher Schätzung kann sein Antheil nahe an zehntausend Gulden betragen. Da die Erbschaft aber meistens in Realitäten besteht, so ist die persönliche Gegenwart des Wilhelm unerläßlich, um sich mit den Miterben auseinanderzusetzen. Das ist die ganze Sache. Dorothea. Der Mensch denkt und Gott lenkt! 10 Anna (fast weinend). Wie kommt denn so viel Glück auf einmal! Dorothea. Herr Berger, ich gra- tulire! Wilhelm (herzlich). Sind wir nun ausgesöhnt, liebe Frau Steinbach? Werden auch Sie unfern Bund segnen? Dorothea. Ei, wie können Sie daran zweifeln? — Jung gefreit, hat noch Niemand gereut! Ich füge zugleich die Bitte bei, es sich heute Mittag an unserem Tische gefallen zu lassen — Gertrud. Auch ich bitte darum — Wilhelm. Ich würde ein zerstreuter, langweiliger Gesellschafter sein. — Wem das Herz so voll Glück und Wonne überströmt, wie mir, taugt nicht für laute Freude. Ich nehme lieber jetzt schon Abschied von Denen, die mir so lieb und theuer sind, und trete noch heute, obgleich ein Feiertag ist, meine Reise an, denn je eher ich abreise, um so viel schneller kehre ich zurück. Dorothea. Wohl wahr! Je länger hier, je später dort! Wilhelm (Haller die Hand reichend). Leben Sie wohl, Herr Haller, bei meiner Wiederkehr umarme ich Sie als meinen theuren Vater. Haller (ihn umarmend). Ich nenne Dich jetzt schon Sohn! Anna. O Wilhelm — mein Herz pocht so angstvoll und bange — Gertrud. Mein Kind, das unerwartete Glück drückt Dich nieder. Anna. O Mutter, nein, noch fühle ich mich nicht glücklich. Wilhelm lfie umsaffend). Wir haben des Vaters Wort, der Mutter Segen — und meine Treue bleibt Dir bis zum Grabe — Du bist mein einziges, mein wahres Glück, für das ich der Vorsehung inniger danke, als wenn sie mich mit allen Erdengütern überschüttet hätte. — Gott erhalte Euch alle — mein heißester Wunsch ist erfüllt, Anna ist mein — mein! — (Küßt fie auf die Stirn.) Leb wohl mein Leben, als Braut — als meine geliebte Braut sehe ich Dich wieder. Bald kehre ich zurück in des Himmels Geleite! — Gott erhalte Dich mir, meine Anna! (Ab durch die Mitte.) Anna. Wilhelm! ach! wärst Du doch schon wieder zurück! (Sinkt auf einen Stuhl. Gruppe.) (Der Vorhang fällt rasch.) Erste Abtheilung. (AermlicheS, aber reinliche» Gemach de» Todtengräber» Hann» Müller. Eine Mittelthür und recht» eine Thür zu einem Rebengemache. Link- im Vordergründe ein niedere» Fenster, auf dessen Bret einige Töpfe mit Blumen stehen.) Hrste Scene. Marie (allein, fitzt links an einem Tische, den Kops auf die Hand gestützt. Eine Zither liegt vor ihr auf dem Tische. Ehe der Vorhang aufgeht, hört man einige Akkorde aus der Zither anschlagen. Mich freut nichts mehr — auch selbst meine Zither nicht. — Sonst stimmt Musik die Menschen zu Lust und Fröhlichkeit — bei mir ist's grade das Gegentheil, mich macht sie traurig. — Ach, ich möchte fast glauben, der liebe Gott hat dem Menschen das Herz zur Qual in die Brust gelegt — das meinige wenigstens preßt sich oft so zusammen, daß ich meine, jetzt muß es aufhören zu schlagen! das Ende meiner Leiden ist da — und das Leid meines alten Vaters fängt an — denn er müßte für sein einziges Kind das Grab graben. Die Arbeit wäre ganz gewiß die schwerste, die er noch gehabt hat, so lange er Todtengräber ist. Zweite Scene. Marie. Raimann (durch die Mitte). Raimann. Guten Morgen, Jungfer! Meister Hanns nicht daheim? Marie. Er ist auf dem Friedhofe beschäftigt, man hat ein Grab bestellt. Raimann. Ich komme eben auch in der Absicht. Marie. Doch nicht für Jemanden aus Eurer Familie? Raimann. Gott sei Dank, nein! so schlimm ist es nicht. — Ter liebe Gott hat meinem Weib und meiner Tochter die Gesundheit wieder geschenkt. — Aber es kommt mir doch vor, als ob das Glück bei mir immer daneben schießt und sich ordentlich scheut, bei mir, wenn auch noch so leise, anzu- klopsen. Marie. Vom wahren Glück — ich meine das, was im Innern des Menschen, wie in einem Schatzkasten liegt — werden Wenige reden können. Raimann. Was soll man thun? Es ist kein Unglück so groß, daß es nicht noch größer sein könnte. Marie. Da kommt der Vater. Dritte Scene. Vorige. Hanns (mit einem zerbrochenen Spaten in der Hand, durch die Mitte). Hanns. Ah, Meister Raimann! Was führt Euch denn da heraus zu mir? Raimann. Wenn man den Todtengräber heimsucht, so sucht meistens Einer ein ruhiges Quartier. Ein Grab soll ich bestellen. Hanns. Das wird gemacht, und noch dazu mit einem ganz neuen Spaten — denn der alte hat mir eben den Dienst ausyekündigt. (Legt die Stücke de» Spaten in einen Winkel.) Raimann. Morgen Nachmittag um vier Uhr bringen wir den neuen Bettgeher. Hanns. Gut. Raimanik. Das Grab ist für die 12 Leiche eines jungen Mannes, der kaum sechsundzwanzig Jahre gelebt hat. Es, ist doch traurig, so früh schon die Welt wieder verlassen zu müssen. Hanns. Die Welt ist wie ein Wirthshaus, ein Gast kommt, der andere geht. Mein Spaten gräbt sür Jung und Alt die Grube zur ewigen Ruhe. Raimann. Euer Gewerbe hat Euch abgestumpft, Meister. Aber der junge Mann hätte Euch noch lange nicht belästigt und die Zahl der Todtenhügel vermehrt, hätten ihm andere Menschen nicht srüher die Grube gegraben, die alle seine Freuden, seine Hoffnungen und seine Zukunft verschlang. — Der junge Mann hatte eine Braut zurückgelassen, als er zum Militär abgestellt wurde. — Sie hat ihm freilich versprochen, zu warten, bis er zurückkommt — aber den Alten ist die Zeit zu lange geworden, sie haben die Tochter theils überredet, theils gezwungen, den frühern Liebhaber aufzugeben. Wie nun der junge Mann zurrückkommt, findet er seine Braut verheiratet — und noch dazu sehr unglücklich. Er hat sich das so zu Herzen genommen, daß er wie eine abgebrochene Blume täglich mehr verwelkte — bis der Gram ihn: endlich das Herz abstieß; da er zu unserm Verein gehört, so lassen wir ihn nun begraben. Marie. Das ist wohl traurig — so jung noch und — Hanns. Ich bin der beste Tröster in solchen Fällen — bei mir haben alle Herzensleiden ihr Ende gesunden, und jeder Schmerz hört aus. Raimann. Aber wenn solche Vorfälle nur andere Menschen belehren möchten — aber daran ist nicht zu denken. — Mit dem jungen Berger und der Haller Anna werden wir auch noch etwas erleben. Marie (rasch). Mit dem Wilhelm? — Ist er wieder zurück? Raimann. Ich glaube nicht. — Aber es möchte wohl besser sür ihn sein, wenn er nie mehr zurückkäme. Hanns. Wieso denn? Marie (mit Hanns fast zugleich). Was ist denn geschehen? So redet doch! Raimann (ärgerlich). Ich könnte vor Zorn in die Lust fahren, wenn ich an die Familie Haller nur denke. Marie. Die Frau und die Anna sind die besten Menschen aus der Welt. Hanns. So meine ich auch! Raimann. Alle Achtung vor denen — aber der alte Haller und seine Frau Schwägerin — die — sind nicht werth, daß Gottes Sonne über ihnen ansgeht. Marie. Was ist's denn aber mit dem Wilhelm? Hanns. Und mit dem Alten? Raimann. In den Alten ist plötzlich der Hochmuthsteufel gefahren, der kennt sich selbst nicht mehr vor Hoffahrt und Uebermuth. — Aber so gehts sehr oft! der Reichthum verblendet. Hanns (verwundert). Was? Reichthum? Ist er denn reich geworden? davon höre ich jetzt das erste Wort. Raimann. Weil Ihr Euch nur um die Todten und nicht um die Lebendigen kümmert. Hanns. Hm! hm! Wie ist denn das zugegangen? Raimann. Sonderbar genug! — Als ich noch in bessern Verhältnissen war, habe ich mit dem alten Haller zusammen ein Loos in der großen Lotterie genommen — ich die eine Hälfte, er die andere — da hat das Unglück bei mir angeklopft — mein Weib war krank, meine Tochter ebenfalls, das war zu viel auf einmal. Kurz, ich war gezwungen, mein Loos zu verkaufen. — Schnelle Hilfe that mir Noth, ich bot mein Loos Jedem an, aber — Keiner mochte es kaufen, bis es mir endlich die Frau Haller aus Mitleid abnahm — mir aber verbot, aus Rücksicht für ihren häuslichen Frieden Niemandem ein Wort davon zu sagen. Das habe ich bis heute gehalten — verkauft ist und bleibt einmal verkauft. — Wie auf das Loos des alten Haller der Haupttreffer fällt, springt er deckenhoch vor Zorn und Galle, daß er nur das halbe und nicht das ganze Loos genommen hat — bis die Frau herausrückt, und ihm gesteht, daß sie im Besitz der andern Hälfte ist. — Aber so isi's, je mehr Einer kriegt, desto mehr will er haben! — Mir ist's so gegangen wie manchem Fischer, der einen großen Fisch aus dem Wasser ziehen will, dem aber die Angelschnur reißt und der Fisch sammt der Angel verloren ist. Ein Anderer findet ihn dann am User schwimmen, der nicht einmal die Angel darnach ausgeworfen hat. Marie. Ich hätte Euch gern den Gewinn gegönnt. Rai mann. Wie ich von dem Riesenglück gehört habe, bin ich zu ihm gegangen, und habe ihn nur um ein Darlehen gegen Interessen gebeten — Hanns. Billig und recht wäre es von ihm gewesen, Euch eine Summe — nicht zu leihen, sondern zu schenken. Raima nn. Das hätte ich gar nicht verlangt, aber wenn er meine Bitte erfüllte, hätte ich mein Geschäft wieder auffrischen können — und mir wäre geholfen gewesen. Marie. Er wird es Euch doch nicht abgeschlagen haben? Raima nn. Er hat es gethan. Hat mir die Thüre vor der Nase zugeschlagen und dabei von Bettelvolk und Gesindel gebrummt. Marie. Aber was hat denn der Wilhelm dabei verloren? Ich weiß ja durch die Anna selbst, daß sie mit ihm verlobt wurde noch vor seiner Abreise — Raimann. Verlobt ist noch immer nicht verheiratet. — Daran liegt dem Alten wenig, wenn er einmal seinen Sinn geändert hat. Der Wilhelm ist! ,wor sechs Monaten abgereist — und i— entweder hat die Ausgleichung det Erbschaft sich in die Länge gezogen, oder wird er durch andere Verhältnisse zurückgehalten — kurz, er ist noch immer abwesend. Hanns. Wenn sein Ausbleiben einen reellen Grund hat, wird es an der Sache nichts ändern. Raimann (lachend). Glaubt Ihr? da bin ich nicht Eurer Meinung. Hanns. Wort bleibt doch Wort! Raimann. Vier Wochen war der Wilhelm fort, so kam der große Treffer — und nur vierzehn Tage später hat sich schon der Fabrikant Waldberg für seinen Sohn Arthur um die Tochter des Haller — die Anna beworben. Marie (fast freudig). Und Anna? Hanns. Ter Alte wird doch nicht — Raimann. Er hat sie ihm zuge- sagt, und das arme Kind wird so lange von ihm und der boshaften Frau Schwägerin gefoltert und gemartert werden — bis die Anna, um Ruhe zu haben, aus Verzweiflung „Ja" sagt. Marie. Und Wilhelm? Raimann. Dem geht es gerade ' wie den: armen jungen Mann, den wir morgen um vier Uhr hier begraben — er findet auch bei seiner Zurückkunft seine Braut als Frau eines Andern. Hanns. Das wäre traurig, sehr traurig! Marie. Und der arme Wilhelm hat sich nur über seine Erbschaft so gefreut, weil sie das einzige Mittel war, seine Anna — (seufzend) als Frau heimzuführen. Raimann. Bei alledem soll auch der junge Arthur ein leichter Mensch, ein Bruder Liederlich sein, der nicht dem Geschäft, sondern nur seinen Unterhaltungen nachgehl. Der bringt am Ende in kurzer Zeit das ganze Vermögen durch, und das Ende von der ganzen Herrlichkeit ist: daß ein paar unglückliche Menschen mehr auf der Welt sind. Hanns. Aber ist denn der Vater blind und taub bei einer so wichtigen Angelegenheit? Raima nn. Den blendet der Gedanke, dag seine Tochter die Frau eines Fabrikanten wird. Vielleicht macht ihm auch die Frau Schwägerin die Hölle heiß — und nach ihrer Pfeife müssen Alle tanzen, die im Hause sind. Hanns. Daß doch die meisten Menschen immer selbst den Grundstein zu ihrem Unglück legen! Raimann. Hier wenigstens kann es der Fall werden. — Doch, meine Bestellung habe ich gemacht; — ausgeplaudert habe ich mich auch, und mein Weg ist weit. Frau und Tochter erwarten mich gewiß längst, und so muß ich den Heimweg antreten. Gott befohlen, Meister Hanns! Behüt' Sie Gott, Jungfer Marie! (Geht ab durch die Mitte.) Hanns (nachrufend). Kommt gut nach Hause, Meister Raimann! Vierte Scene. Marie. Hanns. Marie (hat sich während der letzten Reden an den Tisch gesetzt und uachdenkend den Kops aus die Hand gestützt). Hanns (tritt zu ihr und betrachtet sie lange, dann legt er seine Hand sanft auf ihre Schulter). Maria! Marie (aus tiefen Gedanken auffahrend). Vater — Hanns (sanft). Schlag' Dir das aus dem Sinne, woran Du jetzt denkst. Marie (zerstreut). Ich — Vater — an was sollte ich denn denken? Hanns. Marie, Dein Herz, mit allem seinen Kummer liegt offen vor mir. Du Haft Dein Geheimniß an meiner Brust — der treuesten, die Du aus dieser Welt finden kannst, ausgeweint. Von jener Zeit an trägt Dein Vater Deine Leiden, so wie Deinen Kummer mit. — Ich habe Dich getröstet durch Gründe der Vernunft, habe Dich zu erheben gesucht, durch Hinweisung aus die Religion, die die aufrichtigste Trösterin in Tagen der Trübsal ist. — Richte Dich auf, Marie — suche Dich zu fassen, denn Dein Gram ist auch der meinige, und Deine Schmerzen fühlt auch Dein Vater — Marie (an seinem Halse). Ach, Vater! reiße mir meinen Wilhelm aus dem Herzen, und Du findest Deine lebensfrohe Tochter, Deine muntere Marie wieder. O mein Gott, warum muß er da kalt vorübergehen, wo er so innig, so wahr, so herzlich geliebt wird — warum muß er da eine heilige Liebe fühlen, wo ihm Bosheit, Falschheit und Arglist entgegentreten? Hanns. Das zu ändern, liegt nicht in unserer Macht. — Doch warne ich Dich, hoffe nichts von der Verbindung Anna's mit einem Andern. Glaube ja nicht, daß dann Wilhelms Herz sich zu Dir wendet — dieser Vorfall kann den armen Manu wohl unglücklich machen — doch Dich nimmermehr glücklich. Marie. Das sehe ich wohl ein. Gesagt habe ich ihm nie, was mein Herz für ihn fühlt — aber er müßte es ahnen — meine Liebe ist so rein, so frei und ledig von allen irdischen Wünschen, daß ich mit Freuden für ihn sterben könnte. — Ihn glücklich mit einer Andern — ich glücklich in kühler Erde — doch leben ohne ihn vermag ich nicht. (Stürzt zur Mitte ab.) Hanns (ihr nacheilend). Marie! mein armes Kind! (ab). Verwandlung. (Saal im Hause de- Bernhard Haller, mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren. Möbeln und dergleichen zeigen von Reichthum.) Aünfte Scene. Haller. Gertrud. Dorothea. Waldberg. (Alle find festlich gekleidet und treten au- der Seitenthüre rechts.) Haller. Hier werden wir die Gäste empfangen. 15 Dorothea. Wo bleiben denn die jungen Brautleute? Waldberg. Liebende unterhalten sich am besten allein. Gertrud (für sich). Liebende? Gott möge sich erbarmen! Haller. Ihre Bekanntschaft ist auch noch neu. Dorothea. Was sein soll, schickt sich wohl! Werden in der Ehe Zeit genug haben, sich kennen zu lernen. Gertrud (leise zu Haller). Bernhard! hast Du bedacht, was Du thust? Sagt Dir Dein Gewissen nicht, daß Du eine schlechte Handlung begehen willst? Haller (verdrießlich). Höre endlich auf mit Deinem Predigen. — Die veränderten Verhältnisse erfordern dringend eine geänderte Handlungsweise. Dorothea. Aber schämt Ihr Euch nicht, Ihr Alten, verliebte heimliche Unterhaltungen in unserer Gegenwart zu haben? — Waldberg (laut lachend). Wenn die Liebe so lange nachhält, ist es ein sicheres Zeichen, daß die Ehe eine glückliche ist. Dorothea. Und so wird es in fünfzig Jahren auch noch mit den jungen Brautleuten sein. — Wie die Alten sungen, so zwitschern auch die Jungen. Gertrud (wie früher zu Haller). Wenn Du nicht reden willst, so muß ich es thun. Haller (ebenso). Es ist bereits Alles in Ordnung, und was einmal abgemacht ist, das bleibt abgemacht in alle Ewigkeit. Gertrud. War mit dem Wilhelm nicht auch Alles abgemacht? Haller (aufgebracht). Schweig' von dem — ich will nichts von ihm hören. Gertrud. Weil Du Dich vor Dir selber schämst! (Da- anfangs leise Gespräch wird im Verlaufe desselben immer lauter.) Waldberg (aufmerksam). Was ist*s denn? Vielleicht ein Wortwechsel über die Hochzeitsfeierlichkeiten? Dorothea. Jedenfalls! Gertrud (laut). Und wenn es mein Leben kostet, ich kann nicht schweigen — ich muß, ehe es zu spät wird, den letzten Versuch wagen. Haller. Und ich befehle Dir, zu schweigen! Gertrud (entschlossen). In diesem Falle gibt es für mich keinen Befehl. Du bist der Vater der Anna, ich aber die Mutter, und die Eltern haben, was ihr Kind betrifft, unbestritten gleiche Rechte. — Du siehst nur aus eine glänzende Außenseite, auf Pracht und Schimmer, die den bisher einfachen Bürger blenden, daß er die Thränen seines einzigen Kindes nicht sieht. Ich aber, die Mutter, die das Kind unter ihrem Herzen getragen, an ihrer Multerbrust nährte, ich bin die natürliche Vertraute meiner Tochter — In der Mutter Herz legt das Kind seine Geheimnisse, seine Empfindungen der innigsten Freude, wie die der bittersten Leiden nieder. Wovon der Vater oft nicht einmal eine leise Ahnung hat, das ist der Mutter längst schon kein Geheimniß mehr. — Sieh am Morgen die Augen Deiner Tochter cm, sie verkünden Dir eine durchweinte Nacht — sieh ihre Wangen an, das frische Roth ist verschwunden und ist der Todtenfarbe des Grames gewichen. — Kannst Du als Vater das ganze Lebensglück Deiner Tochter gefühllos unter die Füße treten, um vielleicht über ihrer Leiche eine kleine Stufe im Leben höher zu klimmen — ich als die Mutter kann Dir nicht folgen — allein wirst Du dastehen in Deiner kalten, leblosen Herrlichkeit und Dich vergebens nach einem tröstenden Worte sehnen. Will der Vater in seiner unbegreiflichen Blindheit sein einziges Kind seinem Starrsinn opfern, mag 16 er allein die Verantwortung tragen — die Mutter aber darf der Vorwurf nun und nimmermehr treffen, daß sie ihr Kind ohne alle Widerrede auf die Schlachtbank führen ließ, eine Mutter, die gern und willig Alles opfert, um ihr Kind glücklich zu sehen. — Ich habe mein Herz reden lassen, und überlasse jetzt Deinem Kopfe das Nachdenken. Dorothea. Aber Schwester! — Haller. Noch bin ich der Bernhard Haller, noch bin ich Herr, und ich will doch sehen — Waldberg (besänftigend). Ruhig, ruhig, Freund. — Tie Frau Hai gesprochen, man erlaube mir die Antwort. (Zu Gertrud.) Fallen denn alle Kon- venienz-Heiraten unglücklich aus? — Ich gebe zu, daß es weniger ein schnell aufloderndes Feuer der Liebe als Vernunftgründe waren, die eine Verbindung zwischen Ihrer Tochter und meinem Sohne wünschenswerth und passend erscheinen ließen. Wen wollen Sie darum tadeln, wenn er den bessern Theil erwählte — gleichviel, ob das liebende Herz oder die überlegende Vernunft dazu riech? Haller. Das ist auch meine Meinung. Gertrud. Ich gebe zu, Herr Waldberg, daß eine Heirat, aus Vernunftgründen geschlossen, nicht durchaus und immer unglücklich aussallen muß — Dorothea. Aus den Heiraten aus Liebe schmeckt auch nicht immer der Honig heraus — Gertrud (fortfahrend). So lasse ich das gelten bei zwei jungen Leuten, deren Herzen noch völlig frei von einer Neigung sind. — Ist aber das Gegen- theil der Fall, hat sich in eines oder das andere Herz schon eine leidenschaftliche Liebe eingenisiet, so weben Diejenigen, die das Herz losreißen von dieser Leidenschaft, an einem Netze, um ja recht sicher das Unglück darin zu sangen. Ich bin eine schlichte Frau, und an die Stelle der klugen Ueber- legung tritt bei mir das richtige Gefühl, und das sagt mir, daß diese Heirat nie zum Glücke führen kann. Waldberg. Sie übertreiben. Man muß sich eine Sache, die nicht ganz weiß ist, nicht schwarz wie die Nacht vorstellen. Dorothea. Die Schwester ist zu ängstlich — weil das Mädchen verweinte Augen hat. — Du mein Gott, so lange die Welt steht, weinen Bräute, das ist einmal so Mode. Aber Braut- thränen und Frühregen halten nicht lange an. Haller. Und jetzt hoffe ich, ist die Sache abgemacht. Waldberg. Unter uns Männern war sie das längst. Gertrud. Und ich sage nein! Da der Vater der Braut es nicht that, so muß die Mutter Ihnen die Verhältnisse des Mädchens, welches mit Gewalt zu einem verhaßten Bunde gezwungen wird, näher bezeichnen. Wissen und erfahren Sie denn, daß die unglückliche Braut Ihres Sohnes schon mit einem andern Manne, nach der Wahl ihres Herzens, verlobt war. Wenn Sie diese beiden, so fest verschlungenen Herzen trennen, geht von jedem der bessere Theil des Lebens mit. Nicht alle Mädchen sind leichtsinnig genug, um ihre erste, innige Liebe in ein paar Tagen zu vergessen, und tragen sie — obwol sie mit einem Andern zum Altäre treten müssen, bis an ihr Grab im blutenden Herzen; und es gehört bei einem Manne entweder viel Muth oder — Verworfenheit dazu, seine Frau lebensüberdrüssig an seiner Seite dahin schleichen zu sehen — bis sie endlich der Tod von der stündlich wachsenden Marter befreit. Mit meiner einzigen Waffe, der Liebe zu meinem Kinde, kann ich der Gewalt nicht entgegentreten und wird mein Kind unwiderruflich in den Rachen des Unglücks gestoßen, falle die Verantwortung auf die Henker, die in ihrer Verblendung ihr Glück in dem lebenslangen Jammer meines Kindes fuchen! — (Geht reckt» zur Seite ab.) Haller. Es ist ihre Tochter —ihr Kind — verzeihen Sie ihr. Dorothea. Wer läuft, den jagt man! — Waldberg. Solche kleine Liebes- händel hat wohl jede Frau und jeder Mann im Leben aufzuweisen. — Die glänzenden Verhältnisse, welche Ihre Tochter in unserer Familie umgeben, werden einen dichten Schleier über die Vergangenheit werfen. Dorothea. Kinder wissen nicht immer, was ihnen zum Guten dient, und auf Regen folgt Sonnenschein. — Die Anna wird auch noch vergnügt und lustig werden. Haller. Das hoffe ich. — Doch ich glaube, ich höre unsere Gäste. Sie erlauben schon. (Durch die Mitte ab.) Wal ob erg. Jetzt, meine liebe Frau Steinbach, nehmen Sie nochmals meinen Dank für Ihre Unterstützung meines Vorhabens, und seien Sie versichert, daß ich Ihre Freundschaft zu lohnen weiß. Dorothea. Ich habe schon lange auf eine Gelegenheit gewartet, diesem aufgeblasenen Burschen, dem Wilhelm, eine Grube zu graben. Lange geborgt, ist darum nicht geschenkt — jetzt ist es mir gelungen. Waldberg. Sind keine Briefe weiter von ihm eingelaufen? Dorothea. O, dann wären sie sicher auch in meinen Händen, ich habe die Augen überall. — Ein schlafender Fuchs fängt kein Huhn. — Waldberg (lachend). Weil auf keinen seiner herzbrechenden Briefe eine Antwort erfolgte, wird er des Schreibens überdrüßig geworden sein. Dorothea. Doch jetzt muß ich dem Schwager Nacheilen, um die Gäste zu empfangen. Der junge Herr Arthur soll sich nur einzuschmeicheln suchen bei meiner gefühlvollen Schwester, wem: es ihm auch sauer wird. — Wer den Kern will, muß die Nuß beißen. (Ab Mitte.) Waldberg (allem). Die Mutter ist klüger, als ich dachte, doch — sie hat keinen Willen. Der Vater ist ein aufgelegter Simplex, der sehr schwer begreift, und ist wie alle solche bornirte Menschen eigensinnig. — Die Schwester der Frau ist eine eitle und dabei boshafte Kreatur. — Wir haben alle diese- Charaktere zu unserm Vortheil zu benützen verstanden, und wenn man die schwachen Seiten des Feindes kennt, ist der Sieg nicht schwer. Sechste Scene. Waldberg. Arthur (aus der Seiten- thüre rechts eintretcnd). Waldberg. Ah, da bist Du ja. Arthur. Gott sei Dank, daß ich eine Gelegenheit fand, mich von der langweiligen Braut loszumachen. Gott im Himmel, ist das ein fades Geschöpf! Waldberg. Willst Du leise reden! Die Wände haben oft Ohren. Arthur. Wenn Jemand dahinter steckt und horcht — sonst nicht. Waldberg. Wir gehen hier auf glattem Boden und bedürfen noch immer der Vorsicht. Lege eine ungemein zarte Aufmerksamkeit an den Tag, so- wol jetzt gegen die Braut, als auch später gegen die Frau. Soeben hat die Mutter in ihrer Aengstlichkeit ver- rathen, daß die Tochter noch immer den frühem Geliebten im Herzen trägt. Arthur (leichthin). So? eine Liebschaft? — Dann heben wir gegenseitig aus. — Ich hatte deren unzählige und werde in der Folge noch ebenso viele haben. Waldberg. Ich wußte um diese Liebschaft längst durch die Schwägerin, 18 und habe den schriftlichen Herzensergießungen den Paß abgeschnitten, da alle Briefe aufgefangen wurden. Arthur. Vater, Sie sind ein großer — Diplomat, wenn auch eben nicht der feinste. Waldberg. Es hat viele Klugheit und Schlauheit erfordert, diese Partie zu Stande zu bringen. Arthur. Und ich bin das Opfer, ich muß diese ewige Thränenquelle heiraten. Waldberg. Aber die Mitgift ist groß! Ob sie mit Thränen benetzt ist oder nicht, wenn wir sie, die unsere einzige Rettung war, nur haben, das Uebrige ist gleichgültig. SieVente Scene. Haller. Dorothea. Hochzeitsgäste (durch die Mitte eintretend). Vorige. Waldberg (ihnen entgegen). Willkommen, willkommen, meine Freunde! Es freut mich, daß Sie durch Ihre Gegenwart diesen Freudentag verherrlichen. (Zu Arthur.) Hole Deine Braut mein Sohn, um sie den Gästen vorzustellen. Arthur. Ich bin stolz darauf. (Will rrchtS zur Seite abgehen, in der 2 hüre tritt ihm Gertrud, welche Anna geleitet, entgegen) Ah! da ist sie schon! Achte Scene. Geduld, Muth und Ergebung in Dein Schicksal für Dich von Gott erflehen. Anna (venwciselnd). Mutter — meine Sinne verlassen mich — ich kann nicht mit reinem Gewissen an Gottes Altar treten — an dem mein gesprochenes Ja ein Meineid wird — denn Wilhelm lebt in meinem Herzem bis zum Grabe! — Gertrud. Armes, armes Kind! Auch unser Erlöser hat im Todeskampfe zum Vater gebetet: „Lasse diesen Kelch an mir vorübergehend — Und hat ihn doch leeren müssen. Haller. Die Glocken rufen uns zur Kirche. Komm, meine Tochter. Anna. Du mein himmlischer Vater, wende Dein Erbarmen nicht von mir, und steh mir bei in dieser schweren Stunde. Arthur (ihr den Arm reichend). Theure Braut. — Waldberg. Gehen wir in Gottes Geleite. Anna (läßt sich wankcnd und wie besinnungslos sortführeii). Wie ich setzt— so muß der arme Sünder fühlen, wenn er die Stufen des Schaffots betritt! (Alle gehn, durch die Mitte lautlos ab. Man hört das entfernte Geläute der Glocken.) Verwandlung. (Areier Platz wie im Anfänge des Vorspieles. Im Hintergründe die Kirche. Man hört die Orgel und den Gesang.) Gertrud. Anna (im weißen Brautkleide. den Kranz im Haare, sehr blaß und wankend an der Mutter Seite). Arthur. Hier, meine Freunde, meine Braut, mein höchstes Glück! Alle. Wir gratuliren! Haller. Anna, Du bist eine gute, gehorsame Tochter. Anna (in sich hinein). Eine geopferte — verlorene. — Gertrud (weinend). Arme Anna — ich kann nur mit blutendem Herzen, Neunte Scene. Marie (lehnt an dem Pfeiler der Kirchcu- thüre, dann nach einer Pause tritt sie langsam vor). Ja — ich habe recht gesehen — es ist Haller's Anna, die mit ihrem Bräutigam zum Altar getreten ist — aber Wilhelm war es nicht — es war ein Anderer — ein Fremder! — Mein Herz hätte aufgehört zu schlagen, wenn ich den Wilhelm an ihrer Seite gesehen hätte. Wie sie bleich war, die arme Anna — man hat sie fast zum Altar 19 tragen müssen. O sie hat auch den Wilhelm noch im Herzen — ich weiß es am besten — was einmal so recht sest (mit den Händen auf dem Herzen) da drinnen sitzt, das bleibt darin, wenn auch schon längst das Gras auf dem Grabhügel wächst! Zehnte Scene Wilhelm (im Reisckleide kommt von links und will nach rechts über die Bühne eile») Marie. Wilhelm (Hätz inne, als er die Orgel- löne hört) Soll ich zuerst in diesen Tempel treten und Gott für meine glückliche Wiederkehr, für seinen Schutz und Beistand danken. — (Marie hat sich gewendet, NM zur Kirche zurückzukehren. Er erkennt sie und eilt freudig auf sie zu.) Marie! Tu! (Faßt ihre beiden Hände.) Tie FreilN- din ist's, die mir zuerst begegnet nach meiner Rückkehr — ich nehme es für eine gute Vorbedeutung. Marie (wie vernichtet, droht zu sinken und sagt tonlos für sich). Ter Wilhelm! Wilhelm. Hast Du meine Anna, meine Braut vor Kurzem gesehen und gesprochen — hat sie meinen Namen oft genannt? — O so rede doch, Marie! Marie (hat ihn sprachlos und bebend angestarrt, schlägt tief bewegt beide Hände vor das Gesicht und rnft schluchzend). Armer Wilhelm! Wilhelm (erstaunt). Arm? ich arm in diesem glücklichsten Augenblicke meines ganzen Lebens? — Sprich, Marie, sprich: Anna lebt doch? (Marie nickt stumm mit dem Haupte.) Nun, dann droht mir auch kein Unheil. — Die Kirche ist geöffnet — komm mit mir, Marie, ein Dankgebet zum Höchsten, und dann — (Er weudet sich.) Marie (ihn krampfhaft zurückhaltend). Geh' nicht, Wilhelm! Um Alles, was Dir heilig ist, flehe ich Dich an, betritt jetzt — nur jetzt die Kirche nicht! Dein Gebet würde zum Fluch — das Gotteshaus für Dich zur Hölle werden! Wilhelm. Marie, bist Du von Sinnen, was ist mit Dir vorgegangen! Marie (ihn stets aushaltend, aufgeregt und mit Aengstlichkeit). Komm, Wilhelm! folge mir zu Deiner Mutter! — Ich beschwöre Dich! — Wilhelm. Marie, was hast Du? Warum so aufgeregt, so sah ich Dich noch nie! — (Er wendet seinen Blick nach der Kirchenthüre. die sich in diesem Augenblicke öffnet.) Doch sieh — die Thüre öffnet sich — es ist ein Hochzeitszug. Ein glückliches Paar ist eben an Gottes Altäre verbunden. (Freudig aufgeregt?, O bald, bald werde auch ich so glücklich sein! (Ist bei den letzten Worten auf die rechte Seite getreten, seine Augen heften sich aus den Zug. der jetzt auS der Kirche tritt.) Hikfte Scene. (Ein Theil der Hochzeitsgäste ist schon an Wilhelm vorüber. Er wendet sich einen Augenblick ab und zu Marie, die sich bebend an ihn klammert, als er sein Auge von Marie ab und wieder dem Zuge zuwendet, stehe» Haller, Waldberg, Dorothea und Gertrud vor ihm. In deren Mitte Arthur, welcher Anna geleitet, welche die Augen zu Boden schlägt.) Wilhelm (mit dem Ausrufe des Schreckens und des höchsten Entsetzens.) Anna! — (Er starrt sie sprachlos au.) Anna (aufgeschceckt). Wilhelm! (Sinkt in Arthur'- und Gertrud'- Arme.) Wilhelm (ohne Leben und Regung). Ist es ein Traum, was ich sehe? — Ja, ja! es muß so sein! Ich kann nicht wachen, muß träumen — meine Seele umgaukelt Fiebertraum und quälender Wahnsinn! Alle (haben sich um Anna grnppirt). Arthur. Mein Herr, was unterfangen Sie sich? Wilhelm (ohne auf Arthur jtt achte», stürzt aus Haller zu. den er mit Heftigkeit aus 2 * -- 2 <) — der Gruppe zieht). Das ist der Mann, der mich aus meinem Traume wecken kann. — Was geht hier vor? Waldberg (der mit Arthur vortritt). Was fragen Sie, Unberufener! Hier, mein Sohn ist heute mit Anna, der Tochter dieses Hern:, verbunden. Wilhelm (laut oufiachend). Ha! ha! Lüge! Lüge! — Euch glaube ich nicht! Nur Anna's Mund soll mir dies Näthsel lösen. — (Vor Anna niedertnieend.) Anna, meine Anna! Bist Du die Gattin eines Andern? Sage nein! nein! — Ich müßte ja an allen Menschen, ja selbst an Gott verzweifeln! Anna (schwach). Wilhelm — ich bin — vermält. — Wilhelm (springt auf, will reden und vermag e« nicht. Endlich stürzt er aus Haller >n). Was ist der Räuber — der einem Schlafenden sein Hab' und Gut raubt, gegen diesen Mann, der mir für immer Ruh' und Frieden raubte! Was ist der Mörder, der den arglosen Wanderer auf seinem Wege mordet gegen dieses Scheusal, der meine Seligkeit gemordet. — Geh', Meineidiger, des Priesters Segen, den er über dieses Paar gesprochen, werde Dir zum Fluch und martre Tein wundes Gewissen mit dem Stachel der nagenden Reue! Er scheuche Dir den Schlaf vom kummermüden Auge und vergifte jeden Sonnenstrahl, der Dir den freudenlosen Tag verkündet. — (Wie im Wahnsinn lachend.) Ha! wie es sich im Kreise dreht über meinem Haupte, als wollt es mich Hinabdrücken in den mit giftigen Dünsten geschwängerten Schacht der Erde! Das Licht meiner Seele ist gebrochen und erlischt in dem verpesteten Onalm der Lüge! — Welt, von heute an bist Du für mich todt — doch all' Dein Elend, all' Dein Jgmmer und alle Deine Leiden sollen sich zu einem Riesenkörper ballen und vernichtend und zerstörend niederschmettern auf das Haupt dieses wortbrüchigen Mannes! Mein Fluch vereinige sich mit dem tausendfachen Fluch des Schicksals und begleite Dich dereinst zum Grabe, er klammere sich noch an den Tobten — bis die Donnerstimme des letzten Gerichts ertönt. (Er sinkt in der Mitte der Bübne wie leblos zusammen.) Marie (wirft sich weinend neben ihm nieder). Hast Du vollendet, Wilhelm — laß mich nicht allein zurück — nimm mich mit Dir hinüber in das Land des Friedens. (Gruppe.) (Der Vorhang füllt.) Zweite Abtheilung. (Einfache- Wohnzimmer bei der Frau Berger.) Erste Scene. Ar. Berger (allein, sitzt am Tische mir. liest in einem Gebetbuche). Und in der Noch - mit Zuversicht, Zum Himmel blicke auf, Ueb' unverdrossen Deine Pflicht, So folgt auch Segen draus. Der liebe Gott vergißt nicht Dein, Drum denk', o Christ, auch immer sein. (Schlägt seufzend da- Buch zu.) Ich habe wohl immer in meinem Leben Gott vor Augen und im Herzen gehabt, und doch ist ein so großes Unglück über mich gekommen; denn wenn Ein Kind unglücklich ist, so ist es gewiß die Mutter tausendfach. (Es klopft von Außen.) Klopft da nicht Jemand? Es hat ja seit undenklicher Zeit kein fremder Fuß meine Schwelle betreten. (Es klopft wieder ) Herein! Zweite Scene. Frau Berger. Marie. Fr. Berger (ihr freudig entgegen). Marie, Du bist's? Das macht mir eine große Freude, daß Du mich einmal wieder heimsuchst. Marie. Mich hat es ordentlich hergezogen, Mutter Berger. Wie geht's denn mit dem Wilhelm? Fr. Berger. Wie soll's gehen? Schlecht! Marie. Ist er nicht daheim? Fr. Berger. Ich seh' ihn oft den ganzen Tag nicht. — Seitdem die Waldbergs ihre Sommerwohnung bezogen haben, hält er sich immer dort in der Nähe ans, und wenn er seine ehemalige Anna nur von weitem mit einem Blick gesehen hat, so ist er froh und heiter — aber bei seiner Lustigkeit muß ich oft bitterlich weinen. Er kann und wird die Anna nie vergessen. Nieinen Trost, so wie meine Vorstellungen hört er das zehntemal gar nicht, und sitzt so verloren da, daß mir oft ganz ängstlich in seiner Nähe wird. — „Jetzt ist ja doch einmal Alles vorbei, Ihr ward nicht für einander bestimmt", — Hab' ich ihm oft schon gesagt. „Sie ist nun einmal das Weib eines Andern, und Du begehst eine Sünde, wenn Du noch immer an sie denkst!" Dann antwortet er mir: Mag sie auch hier einem Andern angehören — dort, wo uns Beide das Leben nicht mehr quält, ist sie mein in alle Ewigkeit. Marie. Der arme Wilhelm! Fr. Berger. Warum hat denn seine Liebe gerade aus die Anna fallen müssen? Hätte er sich um eine Andere umgethan, als ihn der Vater das erstemal abwies' — es wäre Alles anders und besser geworden. — Damals war der alte Haller ein Geschäftsmann, der gerade sein Auskommen hatte, und hat einen reichen Schwiegersohn für seine Tochter gesucht. Da ist die unglückselige Erbschaft dazwischen gekommen, und da hat der Alte mit Freuden zugegriffen, wie der Wilhelm sich wieder gemeldet hat. — Zuletzt hat der böse Feind den letzten Trumps, das große Loos ausgespielt, da hat der Alte in seinem Hochmuth statt einen reichen, einen angesehenen Mann für seine Tochter haben wollen. — 22 Nun, Du weißt es ja ohnehin, Marie, ich fürchte, das große Loos hat uns Allen, den Hallers so gut wie uns das Unglück ins Haus gebracht. ÜKarie. Das ist leider wahr, Mutter Berger. Fr. Berger. Atem einziger Trost ist, daß wir uns keinen Vorwurf zu machen brauchen, aber was hilft das Alles — leiden müssen wir doch. — Aber bei allem dem, möchte ich nicht mit dem alten Haller tauschen, denn muß man nur sehen, wie er seit den zwei Jahren, die seine Tochter verheiratet ist, gealtert hat. Scham und Reue über seine voreilige Handlung beugen ihm den starren Kopf zur Erde — er kann Niemandem mehr gerade in's Gesicht sehen, er schlägt die Augen wie ein Verbrecher vor jedem ehrlichen Menschen zu Boden. — Hier sieht man klar und deutlich, daß der Reichthum nicht immer glücklich macht. Marie. Mein Gott — Reichthum! — wie man hört, soll es damit bald am Ende sein — und ist es so, dann bleibt ihnen nichts als das bittere Elend, was sie dafür eingehandelt haben. Fr. Berger. Wohl wahr, aber wir sind und bleiben unglücklich. Hätte mein Sohn einer Andern sein Herz und seine Liebe geschenkt, könnten wir mit der Erbschaft und seinem Gehalte wie im Himmel leben. — Warum ist denn sein Auge nicht auf Dich gefallen? Marie (verlegen). Aber Mutter Berger — Fr. Berger. Ja, Deine Mutter wäre ich gern gewesen — ich hätte meine Tage, die mir noch beschieden sind vom lieben Gott, in der Freude über das Glück meiner Kinder beschließen können, wo ich jetzt alle Abend wünsche, daß ich die Sonne am nächsten Morgen nicht mehr sehen möchte. Ach, mein Sohn leidet und will es mir verbergen — sein Gesicht ist bleich, seine Augen roth geweint. — Kann ich schlafen, wenn ich iveiß, mein Wilhelm weint die ganze Nacht hindurch? Kann ich froh sein, wenn ich ihn mit Riesenschritten dem Friedhofe zueilen sehe? Marie. Wir müssen unser Schicksal tragen, bis Gott es uns abnimmt. (Sriisjend.) Ach, wenn ich noch an die Zeiten denke, wo der Wilhelm uns fast jede Woche ein paarmal besuchte — ich ihm schöne Lieder Vorsingen und dazu Zither spielen konnte. Ach, damals war ich glücklich! Ich meinte — (zögernd) es würde Alles ganz anders kommen. — Aber das Herz, gute Mutter, ist gar eigensinnig — wo es sich einmal nicht hinneigt, bleibt es für ewig abgewendet — und wen man einmal im Herzen hat, den kann man nicht Herausreißen, ohne daß das Herz verblutet. Fr. Berger. Ich verstehe Dich recht gut, Marie. — Tu hast den Wilhelm,lieb gehabt. Marie. Gehabt? (Innig, mit der Hand auf dem Herzen.) Hier lebt er bis zu meinem letzten Athemzuge. Fr. Berger. Wenn der liebe Gott doch seinen Sinn auf Dich lenken möchte! Marie (schüttelt den Kopf). Nein, Mutter! — Eine Heirat kann durch einen Dritten herbeigeführt werden — aber Liebe nicht. Dritte Scene. Vorige. Wilhelm. Wilhelm (tritt ein, ohne die Anwesenden zu bemerken. Er ist i» einer ungewöhnlichen Aufregung. Sein Gesicht ist bleich, seine Kleidung sehr nachlässig. Er geht heftig aus und ab). Ich sehe sie nicht — acht lange Tage ist es mir nicht einmal vergönnt, auch nur ihren Schatten wahrzunehmen. — Ist sie erkrankt unter ihren Leiden, oder haben ihre Folterknechte sie entführt — daß ich sie nicht einmal mehr sehen soll? Ich muß Ge- 23 wißheit haben und sollte es mein Leben losten! (Bleibt stehen und lacht bitter.) Mein Leben! — Habe ich denn nichts Werthvolleres zu wagen, als ein elendes, qualvolles Leben, das ich bereitwillig gegen den ruhigen Schlummer des Grabes eintauschte! — Anna, Anna — ich muß Dich sehen — wenn Dich diese Räuber mir auch hinterlistig raubten, Tu bleibst dennoch mein! mein — in alle Ewigkeit! Fr. Berger. Aber Wilhelm — wo bleibst Du denn stz lange? Wilhelm. Bist Du da, meine gute Mutter? Ach, ich sah Dich nicht — ich habe sie ja auch nicht gesehen. Fr. Berger (führt Marie vor). Da sieh her — den lieben Besuch. Wilhelm (freundiicb). Du Marie — Du? — Ach, ich habe Dich lange, sehr lange nicht gesehen. — Wie ging es Dir? Wirst Du nicht bald heiraten? Marie. Aber Wilhelm — Wilhelm (erust). Höre, Marie — nimm ja keinen Alaun, den man Dir aufdringt. — Du machst Dich, ihn — und wohl noch eine dritte Person unglücklich. — Fr. Berger. Bleibst Du zu Hause, Wilhelm! Sag'! Wilhelm (ohne aus sie zu achte«). Sieh, Marie — ich bin auch unglücklich. — Ich habe meine Anna schon acht lange Tage vergeblich gesucht — nur ihren Schatten wollte ich am Fenster vorbeischweben sehen — nur das Rauschen ihres Kleides wollte ich hören — doch, diese Seligkeit ward mir versagt — und siehst Du, Marie — der Wortbruch ihres Vaters ist der Keim, der, vom giftigen Thau befeuchtet, blut- rothe Blüthen und schwarze Früchte Herauftrieb — Marie (zu Frau Berger, leise). Allmächtiger Gott! er redet ja ganz verwirrt! Fr. Berger (ebenso). Leider thut er das — seit sie ihn von der Kirche leblos zu Hause brachten. — Wilhelm. Ich aber — ich halte mein Wort. — Ich habe meiner Anna Treue gelobt — und das Wort reicht über das Grab hinaus bis dorthin, wo der Geist, von irdischer Hülle frei und fessellos über allen Welten und Sonnen schwebt. — Marie. Warum hast Du uns denn so lange nicht heimgesucht, Wilhelm? Ich habe so schöne neue Lieder gelernt, die ich zu der Zither singe — das hast Du ja früher so gerne gehört. Wilhelm. Früher! (Schwer slufzend.) Ach ja, früher! Da rollte das Blut noch frisch durch meine Adern, jetzt schleicht es träge und langsam — da schlug das Herz noch froh und fröhlich — jetzt pocht es ängstlich und bange. — Fr. Berger (wehmütbig). Warum quälst Du Dich und uns so, Wilhelm? Schlag Dir das, was einmal verloren ist, aus denl Sinne — kehre doch zu Deiner frühern Beschäftigung zurück, und die Arbeit wird Dich zerstreuen und erheitern. Wilhelm. Ich soll fort von hier, wo sie lebt und athmet? Soll mich dem Maulwurf gleich in die finstere Tiefe der Erde vergraben? — Fr. Berger. Das Bergwerk war ja sonst Tein Liebstes — Wilhelm. Sonst? O ja — aber jetzt schaudert mir vor dem Schachte: die Grubenlichter scheinen wie blutrothe Fackeln an Anna's Hochzeitstage zu leuchten — ich kann nicht unten in der Tiefe mehr weilen, und wie vom Berggeiste verfolgt, jagt es mich hinauf zum Tage. Marie (zu Frau Berqer). Das Herz will mir zerspringen. Sollte ihn denn nichts auf andere Gedanken bringen können? Fr. Berger. Was einer Mutter 24 nicht gelingen will, wird auch kein Anderer vermögen. Marie (zu Wilhelm). Wirst Du uns nicht bald einmal wieder besuchen, Wilhelm? Wilhelm (für sich hin). Ich komme vielleicht eher, als Ihr es denkt! — Wenn der Herbstwind die gelben Blätter von den Bäumen streift — oder wenn die erste Lerche den Frühlings- thau von ihrem braunen Kleide schüttelt. — Ihr nehmt ja Alle auf in Euerm großen Garten — Arm und Reich, Hoch und Nieder, Gute und Böse bettet Ihr unter Eure Trauerweiden. — Ja selbst der Schurke, der jedes Menschen Feind war, findet bei Euch Ruhe und ewigen Schlaf, wenn sein schwarzes Herz nicht mehr Verrath und Berderben brütet. — Ja, ja, ich komme bald, und sehe bei Euch dem schöner» Morgenroth entgegen. Fr. Berger. Wilhelm! Sohn! Sollte Dir denn gar kein Glück mehr auf der Erde blühen, daß Du solche Grabesgedanken hegst? Wilhelm (ihre Hand fassend). Nein, Mutter, nein! Mein Glück ist versenkt tief, tief in einer verlassenen Grube — so tief, daß selbst meine Erinnerung es nicht mehr erreichen kann. Marie. Da kann, ich nicht länger bleiben, die Reden drücken mir das Herz ab. Da geh ich lieber heim und weine zwischen den Grabhügeln meinen Schmerz aus. (Reicht der Krau Berger die Hand.) Lebt wohl, Mutter Berger, der liebe Gott möge sich Eurer und Eures unglücklichen Sohnes erbarmen! (Geht weinend ab.) Merke Scene. Wilhelm. Frau Berger. Wilhelm (ohne nmznfthcn.) Ist Marie böse? Fr. Berger. Warum sollte sie böse sein? — Wilhelm, höre mich, Deine Mutter, Marie ist gewiß eine fromme, züchtige Jungfrau, ich weiß, daß sie Dir recht vom Herzen gut ist — schenke ihr Dein Herz; glaube mir, Du kannst keine Bessere wählen. Nimm die Marie als Ersatz für die verlorene Anna, und sei wieder mein glücklicher Sohn! Wilhelm. Meine Anna ist für mich nicht verloren — es kann keine Andere ihren Platz in dem zerdrückten Herzen einnehmen, so lange ihr Bild darin wohnt — es hieße in unserm Bunde, den das Unglück fest umschlingt, noch eine dritte Unglückliche aufnehmen — Nein! Nein! — Liebe ist eine höhere Bestimmung. — (Rach einer Pause.) Doch — es dunkelt bald — ich muß noch einen letzten Versuch wagen — drum fort, fort — ehe die schwarze Nacht hereinbricht! (Er eilt zur Thüre.) Fr. Berger (ängstlich). Wilhelm! — Um Gotteswillen! Wohin — Wilhelm (unter der Thür) Zu ihr — zu meiner Anna! Fr. Berger (führt ihn zurück). Geh' nicht, Wilhelm! Höre das Flehen Deiner Mutter. Wilhelm. Und wenn tausendarmige Ungeheuer mich zurückhielten — sie könnten mich zerreißen, aber meinen Weg nicht hemmen, so lange sich noch ein Pulsschlug in mir regte. — Von dem Wege zu meiner Anna hält mich weder Himmel, noch Erde ab! — (Macht sich loS und stürzt ab.) Fr. Berger (ihm nach). O Gott, verhüte ein Unglück! Mir ahnt, er geht seinem Verderben entgegen! (Ihm nach- eilend ab.) Verwandlung. (Boudoir. Recht» und link» Seitenthüren. 3m Prospekt find zwei Thüren. diejenige recht- führt in da» Innere de» Gebäude», zur Thüre link» führen einige Stufen hinaus und durch deren geöffnete Flügelthüre gewahrt man eine Art Balkon, welcher nur auf einer Seite geschloffen ist. E» ist anzunehmen, daß von unten eine 25 Treppe an der Außenseite de» Haust» zu dem Balkon führt, wie da» bei Landhäusern häufig der Fall zu sein pflegt. Die lehtern Stufen der Treppe muffen sichtbar sein, so daß die Personen, welche hier durch die Balkonthüre auftreten, sichtbar von unten heraufsteigen. Die Gegend, welche man durch diese geöffnete Thüre ficht, ist vom Mondlichte beleuchtet.) Fünfte Scene. (Ein Diener stellt Lichter auf die Tische und geht links durch die Seitenthür ab, darauf treten Waldberg und Arthur recht» durch die Thür im Hintergründe ein.) Arthur (aufgeregt). Wie ich Ihnen sage, wenn ich die Wechsel von viertausend Gulden morgen nicht einlöse, bin ich verloren — dann werden sie Demjenigen präsentirt, aus dessen Ordre sie lauten, und (leise) — die Wechsel sind Falsifikate. Waldherg (schaudernd). Es überläuft mich eiskalt — hier ist meine Weisheit am Ende. Wie um aller Welt willen soll da geholfen werden? — Da sitzen wir in einer schönen Klemme. Arthur (rasch). Der Alte muß Herausrücken. Waldberg. Der alte Haller? Arthur. Ja, er. Waldberg. Weißt Du keinen andenl Rettungsweg? Arthur. Keinen. — Doch er wird müssen. Waldberg. Müssen? Arthur. Ja, ja, müssen! — Er kann seine Tochter nicht in's Verderben stürzen lassen. Waldberg. Gott erhalte Dich bei dem Glauben — ich aber bin ein großer Ungläubiger. Arthur. Es bleibt ihm nichts Anderes übrig. Waldberg. Ich mag dem alten Bären den Antrag nicht machen. Arthur. Ich auch nicht. Waldberg. Was ? — Du auch nicht? Arthur. Wie ich sagte, nein! Waldberg. Einen Unterhändler in dieser delikaten Angelegenheit läßt er zur Thüre Hinauswersen. Arthur. Den ich dazu ausersehen, schließt er in seine Arme — und rückt mit dem Gelde heraus. Waldberg. Jetzt verstehe ich — Du meinst. Deine Frau soll — ? Arthur. Sie soll ihm unfern unvermeidlichen Untergang, unser aller Verderben offen und ohne Rückhalt mittheilen — und — glauben Sie mir, lieber Papa, er läßt sein Schoßkind nicht mit unglücklich werden — und ist so gezwungen, die rettende Hand uns Allen zu bieten. Waldberg. Nun, glücklich ist Deine Frau wohl auch dann nicht zu — preisen. Arthur. Wenn ein Mädchen blos um des lieben, unentbehrlichen Metalls willen als Frau heimgesührt wird, müssen ihre Ansprüche aus Glück sehr bescheidene sein. Das weiß der Vater gewiß eben so gut, als die Tochter. Waldberg. Ich zweifle sehr, daß Deine Frau sich dazu versteht, den Vater neuerdings zu hintergehen? Arthur. Hintergehen? — Das ist diesesmal nicht nothwendig — sie kann ihm die nackte Wahrheit beichten. Waldberg. Der Alte ist nur schon zu oft gebrandschatzt worden. Es thäte wahrhaftig Noch, um das aushalten zu können, er gewänne alle vier Wochen den Haupttreffer. Höre, Arthur, ich komme doch nach und nach zu der Einsicht, daß Du ein bischen gar zu flott gewirthschaftet hast. Arthur. Das ist Ihre Schuld, Papa. Waldberg. Die meine? Arthur. Ja, Sie haben mich in einer Weise erzogen, die mich das gewöhnliche Alltagsleben eines pedantischen Geschäftsmannes unausstehlich und abgeschmackt erscheinen ließ. Von Ihnen 26 habe ich den unüberwindlichen Abscheu gegen jede ernste Beschäftigung geerbt. Von frühester Jugend an war ich nie gezwungen, mir auch nur den kleinsten Wunsch versagen zu müssen. Daß ich mich jetzt plötzlich ändern soll, werden Sie doch nicht verlangen? Waldberg. Aber — das Ende! — das Ende! Arthur. Ei, Papa, Sie sind ja auf einmal rasend vernünftig geworden! Welcher lebensfrohe Mensch wird denn an das Ende denken? Ich habe in Allem stets Ihrem väterlichen Rathe gefolgt, so wie Ihrem Beispiele. Waldberg. Ja, doch nur dann fand mein Rath Eingang, wenn er dem Herrn Sohne konvenirte. Arthur. Da thun Sie mir Unrecht. Konvenirte mir die Heirat mit dieser Anna, dieser widerwärtigen, lebendigen Sentimentalität? Nein! — Aber ich habe sie doch geheiratet. — Apropos! ich habe dem Alten eine schriftliche Einladung gesandt. Waldberg. Und glaubst Du, daß er kommen wird? Arthur. Ich habe ihm geschrieben, daß Anna ihn zu sehen und zu sprechen wünscht — und das zieht ihn jedenfalls her, denn er weiß ja, daß sie sich unwohl befindet. Drum muß ich eilen, meine Frau zu instruiren, damit er uns nicht unvorbereitet überrascht. Waldberg. Mit der Frau wirst Du einen harten Stand haben, fürchte ich. Arthur. Ich werde schon Mittel finden, sie zu zwingen, denn ich bin der Herr im strengsten Sinne des Wortes. Waldberg. Ich höre sie kommen. Arthur. Wie gerufen. Desto besser, so darf ich die nach Medikamenten riechende Krankenstube nicht betreten. Waldberg. Ich werde mich entfernen. Arthur. Nein, bleiben Sie, Sie können mir bei dem Sturme nützlich sein. Sie sind in solchen Fällen ein geübter Steuermann. Sechste Scene. Anna (tritt langsam aus der Seitenthüre rechts, man merkt ihr in Sprache, Gang und Haltung die Kranke an). Arthur (ihr freundlich kntgegeneilend und sie führend). Du kommst wie gerufen, liebe Anna — ich habe Wichtiges mit Dir zu reden. Anna (welche von Arthur auf einen Lcbnsessel neben dem Tische geführt wurde). Wichtiges? — Dann kann es mich wohl nicht betreffen, denn ich gehöre hier im Hause nicht zu dem Wichtigen. Arthur. Anna, warum diese Bitterkeit? Habe ich das verdient? Anna. Das überlasse ich Deinem eigenen Urtheile. Seit acht Tagen leide ich fürchterlich — diese langen acht Tage, wo ich mich in Schmerzen auf meinem Lager wand, nahte sich mir der Mann nicht, dem durch des Himmels Rathschluß mein ganzes Leben gehören muß. Waldberg (mit erzwungener Laune). Liebe Tochter, wenn zwei Liebende ganze Tage allein sich gegenüber sitzen, so werden sie sich zu alltäglich, zu — Anna (seufzend für sich). Zwei Liebende! (Laut) Mit bitterm Hohn und Spott sollten Sie wenigstens die Kranke verschonen. Arthur (ungeduldig). Ich wollt Dir nur mittheilen, Anna, daß ich für diesen Abend Deinen guten Vater eingeladen habe. — Anna (seufzt). Mein Vater — wann wird er kommen? Waldberg. Wir erwarten ihn jeden Augenblick. Arthur. Und da möchte ich Dich bitten, Anna. — Anna. Bitten? Ich war bis heute nur an Befehle gewöhnt. Waldberg. Mein Gott, Kind, ein Ehemann hat oft Sorgen — Geschäftsangelegenheiten, und da geschieht es leicht, daß seine Sprechweise zu Zeiten etwas determinirt klingt — aber das Herz hat keinen Theil daran. — Arthur. Ich nähere mich Dir mit vollem Vertrauen. — Anna. Das geschähe heute zum erstenmal in der langen Zeit unserer Verheiratung. Waldberg (gezwungen lachend). Die Frau Tochter scheinen heute guten Humors zu sein, daß sie zwei Jahre eine lange Zeit zu nennen beliebt. Das ist ja eigentlich noch die Morgenröthe des Ehestandes. Anna (in sich hinein). Dem Gefangenen im Kerker dehnt sich ein Jahr zur Unendlichkeit. — (Laut.) Was hattest Du mir zu sagen, fasse Dich kurz — denn ich fühle mich sehr leidend. Arthur. Ich werde sogleich nach dem Arzte senden. Anna (schmerzlich lächelnd). Ein Arzt? Was soll der? — Ich zweifle, daß er ein Drittel finden wird, meine Leiden, meine Schmerzen zu lindern, denn sie keimen aus der Seele. Arthur (unwillig md leise zu Waldberg). Die ewige Sentimentalität treibt mich noch zur Verzweiflung. Waldberg (ebenso). Sei doch ruhig, sei ganz Diplomat. — Wenn Du Deinen Zweck erreichen willst, darfst Du nicht mit Fäusten drein schlagen, sondern ganz gelassen ein Auge zudrücken und die bitlern Pillen geduldig verschlucken. Arthur (zn Anna). Eine sehr drin- gende, nothwendige Ausgabe zwingt mich, eine nicht sehr bedeutende Summe — nur für kurze Zeit aufzunehmen — ich weiß keinen Freund, an den ich mich in dieser Angelegenheit wenden könnte. — Anna (bitter). Daran zweifle ich durchaus nicht. Arthur. Was ist daher natürlicher, als an den Mann mich zu wenden, welcher durch meine Verbindung mit seiner Tochter mein zweiter Vater wurde. Anna (unwillig). Also wieder — und abermals mein Vater! Waldberg. An wen soll man sich anders wenden, als an nahe Verwandte, zu denen man Vertrauen hat? Anna (mit Wehmuth). Zwei Jahre sind wir verbunden — in der ersten Hälfte dieser Zeit schon war die Mitgift meines Vaters, die nichts weniger als unbedeutend zu nennen war, verschwunden. Schon dreimal hals mein Vater in: zweiten Jahre seinen — Kindern aus dringenden Verlegenheiten — ohne daß Tu im Stande warst, auch nur den kleinsten Theil dieser Schuld zu ersetzen. Die gänzliche Vernachlässigung Deines Geschäfts, Dein unwiderstehlicher Hang zu Vergnügungen und Zerstreuungen haben das Fundament unserer Existenz untergraben — und bald wird das morsche Gebäude über uus Zusammenstürzen und uns unter seinen Trümmern begraben. — Du kannst und darfst nicht verlangen, daß ich die Gehilfin sein soll, die den alten Vater um den Rest seines Vermögens betrügt. Arthur (auffahrend). Betrügt?! — Anna. Ich nehme das Wort nicht zurück. — Wer weiß, wie bald ich vor Gottes Richterstuhle erscheinen muß — an diesem Betrüge will ich wenigstens keinen Antheil haben. Arthur (leise zu Waldberg). Lassen Sie uns allein. Waldberg (ebenso). Habe ich nicht vorausgesagt, Du wirst einen harten Stand haben? Ich warne Dich, Arthur, laß Dich nicht vom Zorne sortreißen, sei sanft, geschmeidig, ganz zärtlicher Gatte, wenn Du dem Felsenherzen dort eine Zusage entlocken willst. (Geht durch die Lhürc links im Prospekt ab.) 28 Siebente Scene. Anna. Arthur. Arthur (nach einer Panse). Anna, laß mich nicht vergeblich zu Deinem Herzen reden — Du weißt nicht, was Alles auf dem Spiele steht — Beschwöre Deinen Vater auf den Knieen, daß er uns rettet — nur diesesmal soll er uns nicht verlassen — Anna. Hoffe nichts von mir! Weder Deinem Wunsche, noch Deinem Befehle werde ich in diesem Falle Folge leisten. Mein Vater that mehr für uns, als er zu thun schuldig war. — Ich müßte von Sinnen oder ein Kind sein, wenn ich nicht erkennen würde, daß hier jede Hülfe nutzlos ist, denn wir stehen am Abgrunde. (Erhaben.) Ich stürze willig mit Dir hinab, denn ich bin an Dich gefesselt, ich habe am Altäre gelobt, nicht allein die guten, sondern auch die Tage der Trübsal mit Dir zu theilen. Deßhalb muthig herab von unserer erborgten Höhe und hinunter in die Tiefe des Verderbens — aber nur wir — ganz allein, meinen Vater — das schwöre ich Dir bei dem ewigen Vergelter über den Sternen — meinen Vater ziehe ich nicht mit hinab! Arthur (düstet. Mir muß Hülfe werden, oder ich bin verloren. Anna. Arthur — wenn noch ein Funke von Menschlichkeit in irgend einem Winkel Deiner Brust schlummert, o so wecke ihn — habe Erbarmen mit meinem Elende, laß mich zurückkehren in die Arme meiner trauernden Eltern. — Es ist die erste Bitte, die ich an Dich richte — o ich beschwöre Dich, laß mich nicht vergebens flehen, wenn Gott sich Deiner einst gnädig erbarmen soll. Arthur. Was soll das unnöthige Gewinsel! Erfülle meinen Wunsch, und Alles wird sich anders gestalten — ich verspreche es Dir. Anna (vor ihm niederfinkend). Aus meinen Knieen beschwör' ich Dich — gib mich meinen Eltern zurück — es ist ja doch nicht Liebe, die Dich an mich fessellt. — Gib mich frei, um diesen Preis verzeihe ich Dir jedes Unrecht, das Du an mir begingst, jede traurige Stunde, die Dich zum Schöpfer hatte — um diesen Preis falle keine meiner bittern Thränen, die Du mir schon erpreßtest, dereinst in die Wagschale Deiner Sünden. Arthur (düster). Bald vielleicht — wird Dir der Wunsch erfüllt. — (Ent- schloffen.) Höre denn — um was es sich handelt, und überlege, was Du thun willst. Eine Stunde — Anna, merke es wohl — eine Stunde Bedenkzeit ist Dir gestattet. — Dann hängt von Deinem Entschlüsse meine Schande, meine Schmach, ja selbst mein Tod ab — wenn ich nicht den Händen der Justiz überliefert sein will. — (Dumpf.) Ich habe — falsche Wechsel ausge- stelt. — Anna (mit einem Schrei). Ha! — Arthur. Eine Stunde — eine kurze Stunde — und in ihr liegt Leben — oder Tod! (Rasch ab durch die Thür recht- im Prospekt.) Achte Scene. Anna (allein. Sie schleppt sich mühsam zu einem Rubebette. Lange Pause). O mein Herr — mein Gott! — So bin ich die Gattin eines Verbrechers! — O Vater — verblendeter Vater! wessen Händen hast Du Tein unglückliches Kind überliefert. (Angstvoll die Hände ringend.) O mein großer Schöpfer, sieh, wie ich mich in Todesangst vor Dir im Staube winde. — Erlöse mich von dieser Höllenpein — nimm mich hinaus zu Dir — laß mich nicht in Schmach und Schande enden, und erlöse mich durch den Tod von meinen Leiden! (Verbirgt ihr Gesicht heftig weinend in die Kiffen des Ruhebette».) 29 Neunte Scene. Man sieht Wilhelm langsam die Treppe von Außen herauskommen und auf den Balkon treten, wo er sich, im Saale umsehend, stehen bleibt. Anna. Wilhelm (mit zitternder Stimme). War es keine Täuschung? — Hörte ich nicht ihre Stimme? — Sie sehen — und mit diesem Blicke aus dem Leben scheiden — wäre ein schöner Tod! (Ist unter den letzten Worten etwa- vorgetreten.) Mir ahnt es — mein Herz flüstert mir zu: Anna ist in meiner Nähe. Nur einen Augenblick laßt mich in ihrer Nähe athmen — (trübe) dann kehre ich auf lange wieder in meine Finsterniß zurück. — (Er erblickt sie. lebhaft.) Das ist sie — das muß sie sein! — (Nähert sich ihr. sanft.) Anna — meine Anna! Anna (erschreckt emporfahrend). Wer ruft? Wer ist hier? Wilhelm (monoton). Der arme, verstoßene Wilhelm. Anna (zurückbebend). Wilhelm! Du? (Vermag sich kaum aufrecht zu erhalten, dumpf) Welch' unseliges Geschick führt Dich hierher? Wilhelm (dem man ansieht, daß er den Ernst der Situation nicht begreift, er ist fast geistesabwesend und stets ruhig). Ich mußte sehen, ob meine Anna lebt. O, Anna — seit acht Tagen nagte die Sehnsucht wie ein Vampyr an meinem Herzen — Anna (in höchster Angst, sich gewaltsam zusammenraffend). Unseliger — fliehe! fliehe! Bedenke — ich bin das Weib eines Andern! Wilhelm (schwer). Das Weib eines Andern — das eben macht mir oft so bange. — Ach! da treibt es mir das lobende Blut zum Herzen — da braust es mir im Kopfe — und die Gedanken umschleiert schwarze Nacht. — Da dreht sich Alles um mich in wirbelndem Kreise — und wenn ich erwache aus dem Fiebertraume, ist Alles so öde — so leer — da! und da! (auf Kops und Herz deutend). Anna (in Verzweiflung). Unglücklicher, fliehe! fliehe! wenn ich nicht selbst Leute herbeirufen soll. — Erspare mir diese schwere Pflicht, die mich tödten würde — und fliehe. Wilhelm (wie für sich). Ja — ja — ich habe sie gesehen — ich habe sie gehört und ihre süße Stimme wird noch lange nachklingen im Herzen — wird mich retten, wenn die Nacht wieder kommt und meine Sinne einhüllt in ihren schweren, drückenden Mantel — (Man hört in der Entfernung die Stimmen Waldberg's und Arthur's.) Anna (in wahrer Todesangst). Allmächtiger Gott! — Wilhelm — wenn Du mich je geliebt hast — erbarme Dich meiner und fliehe — ehe es zu spät wird! — Du tödtest mich! (S,e zUht ihn in furchtbarer Aufregung gegen den Balkon.) Arthur (von unten rufend). Schließt das Thor und laßt die Doggen von der Kette frei! Anna (die Hände vor das Gesicht schlagend und in die Knie finkend in der Nähe des Balkons). Herr, mein Gott — erbarme Dich meiner! Wilhelm (welcher bereits auf dem Balkon steht) Gott beschütze Dich! Mein Licht! mein Leben! (Er geht die Treppe hinab.) Anna (noch auf den Knieen). Bedecke ihn Du, Allmächtiger, mit Deinem Schilde, vergrößere meinen Jammer nicht noch mehr — zeige dem Unglücklichen in Deiner Gnade einen Rettungsweg, daß er den blutgierigen Krallen seiner Henker entrinne. (Sie schleppt sich mühsam bis zum Ruhebette schon während der letzten Worte.) Jeßnte Scene. Arthur (stürzt durch die Thüre rechts im Prospekt herein. Dann Haller, durch dieselbe Thüre eintretend.) Arthur (in größter Heftigkeit). Wer hat es gewagt, dieses Zimmer zu betreten? — Wer war der Elende — 30 Anna (tonlos). Ich — ich weiß von nichts. — Arthur. — Ehrlose! — Du weißt von nichts?! Anna (wie früher). Nichts — nichts. Arthur. Der Elende entgeht meiner Rache nicht! Du sollst nicht tri- umphiren über meine Schande! (Höhnisch.) Darum also Dein Trotz — deßhalb Dein Auflehnen gegen meine Wünsche! — (Streng). Wer war der Elende? Sprich! Anna (fast leblos). Tödte mich — ich weiß von nichts — Haller (rasch eintretend). Sie haben mich zu keinem schönen Anblick herberufen — was gibt es hier? Anna (ohne ausznstehen, für sich). Mein Vater! Arthur (auf Anna deutend). Dort sehen Sie die Ehrlose, die dieses Schauspiel heraufbeschwor. Haller. Herr — meine Tochter — ehrlos?! (Großes Getümmel unten im Hof. Geschrei von vielen Stimmen.) Arthur. Ha, welcher Lärm? — Soll die ganze Gegend Zeuge meiner Schande sein? Hilfte Scene. Wilhelm (stürzt durch den Eingang links im Prospekt herein, die Haare hängen wild umher, seine Kleider find zerrissen und man bemerkt Blutspuren an denselben. Eine Menge Menschen verschiedener Stände dringen ihm nach, unter ihnen Raima NN.) Wilhelm (mit ergreifendem, ängstlichem Tone, noch ehe er sichtbar ist). Erbarmen! Hilfe! Rettung! — Die wüthenden Bestien zerfleischen mich! (Er schleppt sich mühsam bis vor.) Sie wollen das treue Herz mir aus der Brust reißen! — Anna — erbarme Du Dich meiner — rette mich! — Anna! (Stürzt wie leblos vor ihren Küßen zusammen.) Arthur (wüthend). Der ehemalige Seladon! Tod und Verderben! Nun wird mir Alles klar! Die Volksmenge (dringt herein). Hierher ist er geflohen! Arthur (ans Wilhelm deutend). Der Verbrecher hat seinen Lohn! Rai mann (kniet sich zu Wilhelm). Seh ich recht? — Das ist ja Wilhelm Berger! — Haller (der zu seiner Tochter geeilt war). Was? — Der Unglückliche? Arthur (knirschend). Der ist der Verräther meiner Ehre! Haller. Herr, der Arme ist weder ein Verbrecher, noch ein Verräther, und den Unglücklichen lassen Sie mit Hunden Hetzen? — Pfui! — das kann nur die schwärzeste Bosheit, der Verworfenste der Menschen! Ist Ihr Gewissen noch nicht belastet genug? mußten Sie auch das noch auf sich laden? — (Sanft zu AnniU Komm meine Tochter, Du gehst mit mir, in solcher Schurkengemeinschaft laß' ich Dich nicht länger — vielleicht kann ich dadurch einen Theil meiner Schuld abtragen. (Zu Arthur.) Herr! wenn hier ein Verbrechen begangen wurde — sind Sie der Verbrecher, und zwar der größte unter der Sonne — denn Sie morden mit kalter Ueberlegung den Seelenfrieden und das Glück harmloser Menschen. Bei Ihrem ersten Erscheinen trat der Fluch meiner Zukunft über meine Schwelle — doch dieser Fluch falle jetzt auf Sie zurück und vergifte dereinst Ihre Sterbestunde. Mein Auge wird Sie nie mehr sehen, wir sind getrennt für immer! Arthur (dumpf für sich). Jetzt ist mein Spiel verloren! Welt, wir sind quitt. (Ab.) (Raimann kniet noch immer neben Wilhelm. die Andern bilde» eine Gruppe.) Dritte Abheilung. (Oeffentlicher GaflhauSgarten. Die Tische find mit Gästen besetzt. Reges Lebe». Rechts ein Tisch ganz unbesetzt.) Erste Scene. Mahner. Halmer. Grundmann. Ein Gast (fitzen an einem Tische links. Wirth und Kellner bedienen die Gäst ). Mahner (klopft mit dem Glase). Noch einmal einschenken! — Haben wir die ganze Woche hindurch fleißig gearbeitet, darf man sich auch am letzten Tage einen Trunk mehr vergönnen. Halmer. Wer sich kein Geld zu verzehren getraut, der getraut sich auch keines zu verdienen. Grundmann. Recht ist's! Arbeiten, um zu leben, und leben, um zu arbeiten, ist einmal unsere Bestimmung. Zweite Scene. Vorige. Waldberg. Waldberg (in sehr abgerissener Kleidung. hat aber immer noch da- Benehmen eines nobel» Weltmannes. Er kommt und setzt sich ganz abgesondert an den leeren Tisch rechts, indem er mit einer alten Reitpeitsche, welche er in der Hand trägt, auf den Tisch klopft und sich nach einem Kellner umsteht). Heda! he! Garcon! Wirth (;n ihm tretend). Sie wünschen? Waldberg. Einen frischen Trunk, lieber Mann; Frisch, ganz frisch — verstanden! Es ist heute sehr heiß! — Wirth (ihn musternd, für sich). T)as ist eine sonderbare Figur! — Das ist am Ende ein Fremder, der hier bei uns Gast bettelt. (Holt das Verlangte.) Ein Gast (leert sein Glas und steht auf). Na, jetzt heißts: zu Hause gehen. Grundmann. Jetzt schon? > Der Gast. Ich muß, mein Sohn liegt zu Hause krank. Mahner. Ausrede! Er war ja vorgestern noch frisch und gesund. Der Gast. Freilich wohl! So etwas läßt sich nicht erst lange anmelden, das kommt plötzlich zur Thür herein. Halmer. Was ist ihm denn auf einmal zugestoßen? Der Gast. Das große Rad von der Maschine hat ihn ziemlich arg zugerichtet. Wenn er mit graden Gliedern davon kommt, will ich dem lieben Gott danken, wie ich ihm noch niemals gedankt habe. Ich habe sechs Kinder zu ernähren und das ist bei jetziger Zeit schwer, und der Einzige von ihnen, den ich seit einem halben Jahre im Geschäfte verwenden kann, muß jetzt das Unglück haben. — Na, lebt wohl allerseits! Gott wird ja helfen. Alle. Leb wohl, Christel! Wir wünschen dem Sohn baldige Besserung! Der Gast. Das gebe Gott! (Geht ab.) Mahner. Daß sich doch das Unglück immer die Armuth aussucht und die Reichen verschont. Gr und mann. Das thut's nun gerade wohl nicht, es macht dem Reichen und Vornehmen auch seine Visite! Waldberg (an seinem Tische). Das Beispiel habe ich an mir. — Mahner. Aber der Reiche kann's eher verschmerzen. Grundmann. Kommt darauf an, von welcher Sorte das Malheur ist — 32 denn die Musterkarte ist so bunt, daß einem Jeden Etwas treffen kann, das ihm wehe thut. Halmer. Das ist wohl wahr! Dem Einen stirbt die Frau, die sein Leben war, dem Andern eine Braut, dem Dritten ein Kind, aus das er seine Hoffnung baute. — Grün dmann. Oder das Kind bleibt leben und wird später die Ursache, daß ein Verdruß und ein Unglück aus das andere kommt. Waldberg (für fick). Wie diese gemeinen Leute philosophiren! Man sollte fast glauben, sie hätten die Ehre, mich zu kennen, und redeten das Alles nur, damit ich's hören soll! Grundmann. Wohl dem, der sein Unglück nicht selbst bei den Haaren herbeizieht, wenn es so unverschuldet kommt, kann man's leichter verschmerzen. Waldberg (wie früher). Mein Unglück haben die Verhältnisse herbeigezogen, darum verschmerze ich's auch — (seufzend) obgleich mit unendlich vielen Schmerzen. Mahner (nach Waldberg hinübersehend). Wer mag denn der dort an dem Tische gegenüber sein? Er brummt immer für sich in den Bart. Halmer. Vielleicht schmeckt ihm's Trinken nicht und das macht ihn verdrießlich. Mahner (lachend). Das ist schon möglich. Ich kenne ihn nicht. Grund mann. Ich auch nicht! (Winkend.) Sie! Wirth! Wirth (kämmt näher). Befehlen? Grundmann. Kennen Sie den nicht da drüben? Wirth. Nein, ich sehe ihn heut' zum erstenmale. Grundmann. Er muß einmal etwas Nobles gewesen sein, denn mit dem Rock, wie er noch neu war, hat er gewiß einmal Wind gemacht. Wirth. Mir scheints eher Einer, der zu Grunde gegangen ist und sich trotz allen dem die Noblesse nicht ab- gewöhnen kann. Dritte Scene. Vorige. Raimann. Grundmann. Ah, der Nachbar Raimann! Willkommen! Mahner. Aber wer wird denn ein so verdrießliches Gesicht in's Wirths- haus milbringen? Halmer. Da setzt Euch her und seid freundlich, sonst verderbt Ihr uns den Feierabend. Raimann (seht sich so, daß er Wald- berg den Rücken zukehrt). Da MÜcht Einer freundlich dreinsehen, wenn Einem das Leben durch die Niederträchtigkeit anderer Menschen so verbittert wird. Halmer. Na, wo sehlts denn eigentlich? Raimann. Den Wilhelm Berger, der, seit seine Braut gezwungen wurde, einen Schuft zu heiraten — Wald berg. Der meint meinen Arthur. — Raimann (sortfahrend). Immer so tiefsinnig umher geht — kennt Ihr gewiß Alle. Grundmann. Nun freilich! Was ist's mit dem? Raimann. Daß er in seinem Ties- sinn, weil er seine ehemalige Braut so lange nicht gesehen hat — in das Haus getreten ist, das sie mit ihrem säubern Herrn Gemal bewohnte und ihn auf Geheiß des jungen Schurken der alte Schuft mit großen Hunden im Hofe Hetzen ließ, ist Euch auch bekannt. Waldberg (für sich). Wie diese Art Leute sich gemein ausdrücken, ist nicht zu glauben, wenn man es nicht selbst hört! Grund mann. Er soll, jämmerlich zugerichtet gewesen sein, habe ich sagen hören. 33 Mahner. Pfui Teufel! Das möchte ich nicht auf meinem Gewissen haben. — Halm er. So ein beklagenswerther Mensch, der nicht recht weiß, was er thut. — Mahner. Pfui der Schande! Waldberg. Recht weiche, zartfühlende Gemüther! Raimann. Seit jener Zeit hat der arme Mensch einen ungemeinen Abscheu vor jedem Hunde — wenn nur einer bellt, überfällt ihn ein heftiges Zittern. Grundmann. Bei seiner Geisteskrankheit ist das leicht begreiflich. Raimann. Jetzt eben, wie die Leiche der verstorbenen Frau Haller eingesegnet werden soll — kommt mein armer Wilhelm, mit seiner alten, be- klagenswerthen Mutter, um der Leiche zu folgen, wie so viele andere Menschen — den Kopf gesenkt, schleicht er an der Seite der alten Mutter daher — plötzlich springt ein großer Hund auf ihn zu — der erschrockene Wilhelm stößt einen herzerschütternden Schrei aus und ruft in Verzweiflung: „Die Bestien verfolgen mich, um mich zu zerreißen!" sinkt wie ein Mensch, den plötzlich der Schlag trifft, um — bis ich mich seiner erbarmte und ihn mit einigen Männern nach seiner Wohnung getragen habe, wohin uns die arme Mutter wehklagend gefolgt ist. Alle. Das ist ein trauriges Schicksal! Raimann. Da soll Einer nicht Gift und Galle kochen, wenn man so viele Menschen durch Dummheit und Bosheit in's Unglück gestürzt sieht. Die Frau Haller hat das traurige Schicksal ihrer Tochter unter die Erde gebracht, und es ist sehr zu bezweifeln, ob die Tochter im nächsten Frühjahr noch einen Finken schlagen hört — der alte Haller geht in Verzweiflung herum — aber leider kommt er jetzt zu spät zur Vernunft. Und wodurch das Alles? Durch die beiden abgefeimten Schufte: den alten und den jungen Waldberg. Waldberg. Diese plumpen Redensarten! Der Mann hat nicht einen Funken Bildung! Raimann. Und genutzt haben ihnen doch alle ihre Schurkenstreiche nichts. Grundmann. Die Leute haben ja so geredet, als ob der junge Waldberg sich selbst das Leben genommen hätte. — Raimann. Es ist wohl eigentlich schwer, auf die Wahrheit zu kommen, wenn man einen todten Menschen im Wasser findet, ob er hineingesprungen oder hineingefallen ist — darüber war man eben im Zweifel, denn von diesen beiden Fällen ist der eine eben so gut möglich als der andere. Bei den erwiesenen zerrütteten Vermögensumständen, bei den Vorgefundenen falschen Wechseln, die er verkauft hat, glaube ich nach meinem schlichten Verstände, er hat'.s gerade so gemacht wie der Skorpion — wenn der nicht mehr aus, noch ein weiß, bringt er sich auch um. Halm er. Ich habe weder den Alten, noch den Jungen gekannt. Raimann. Das muß Euch eine Ehre sein. Waldberg Ärgerlich). Nein, diese Jndelikatesse! Wenn es nicht gemeines Gesindel wäre, so sähe ich mich ge- nöthigt, Satisfaktion zu fordern. Grund mann. Was ist denn aus dem Alten geworden, der war ja ein reicher Fabrikant? Raimann. Und jetzt ist er ein armer Bettler, der seine ehemaligen Kollegen tagtäglich brandschatzt. Sie wissen aber Alle recht gut, daß der elende Mensch selbst Schuld an seinem Malheur ist. Waldberg. Unglück, mißlungene Spekulationen nennt dieses rohe Volk eigene Schuld. — Raimann (r„st). Heda, Wirth! 3 (Wendet sich bei diesem Rufe und erblickt Waldberg.) Herr meines Lebens! Gr und mann. Was gibts denn? Wirth (ist vorgekommen). Was ist gefällig? Ra im ann. Nichts! — Jetzt, da ich den Menschen in meiner Nähe weiß (heimlich auf Waldberg deutend), brächte ich keinen Tropfen hinunter. Kommt, Freunde, machen wir, daß wir aus der Gesellschaft kommen. (Man hört aus der Ferne die Tranermusik des vorbeiziehenden Leichenzuges.) Hören Sie — Sie, Herr Waldberq? — Hören Sie die Trauermusik? Alle. Was — Waldberg. Rai mann. Ja, das ist der Ehrenmann ! Waldberg (vornehm). Kennen Sie mich? Raimann. O ja — bin aber nicht stolz aus die Bekanntschaft. — Hören Sie das Leichenbegängniß? Waldberg. Was kümmern mich die Leichen! Raimann. Diese kümmert den Herrn vielleicht doch. — Es ist der Leichenzug der Frau Haller. Waldberg. Ah, eine Verwandte! Da muß ich mich doch dem Zuge au- schließen. (Trinkt aus und sucht dann in allen Taschen nach Geld.) Das ist doch fatal — Raimann. Freilich, das ist sehr fatal, wenn man überall sucht und nirgends Etwas findet. — Geben Sie sich keine Mühe, wir zahlen Ihre Zeche schon — (barsch) machen Sie nur, daß Sie aus der Gesellschaft ehrlicher Leute fortkommen. Waldberg (nobel). Meine Börse muß auf dem Sekretär liegen geblieben sein. Ich danke Ihnen sehr — (Herab- lassend). Werde meine Schuld schon aus- gleichen. (Rasch ab.) Raimann (nimmt die Reitgerte, welche Waldberg auf dem Tische liegen ließ). Da hat er in der Eile seine Reitpeitsche vergessen. (Rachruscnd.) Sie — da haben Sie Etwas liegen lassen, nehmen Sie das Ding mit, Ihr Reitpferd möchte daran gewöhnt sein! (Wirft sie ihm nack.) Grund mann. Den Leichenzug holen wir noch ein, schließen wir uns an und geben der Frau die letzte Ehre. Alle. Ja, ja, gehen wir! (Alle gehen ab. — Die Verwandlungsgardine fällt vor.) Verwandlung. (Zimmer in Haller'» Wohnung mit einer Mittelund zwei Seitenthüren ) Vierte Scerre. Der Pfarrer tritt durch die Mitte. Haller rechts durch die Seitenthüre ein. Haller (ihm entgegen). Herzlichen Dank, Herr Pfarrer, daß Sie meine Bitte um eine Unterredung so schnell erfüllen. Ich bin mit mir nicht so recht einig und da möchte ich gern Ihre Meinung hören. Pfarrer. Meinen Nebenmenschen zu rathen, zu helfen, gebietet mir nicht allein die Pflicht, sondern auch das Herz. Haller. Herr Pfarrer, ich darf vor Ihnen kein Geheimniß haben, und bekenne daher, daß ich mich einer großen Schuld anzuklageu habe. Pfarrer. Das ist ein trauriges Bekenntniß. Doch vertrauen Sie dem Seelenfreunde, denn wer zur Erkenntniß seines Unrechts gelangt, hat dasselbe schon halb gesühnt. Haller. Meine arme Frau, die jetzt ihre Erdenleiden überstanden hat, war mir stets eine treue Gefährtin in Leid und Freude. — Da hat mich der Hochmuthsteufel verblendet und hat den ersten Samen des Unfriedens zwischen uns gestreut — Falsche — oder eben so wie ich — verblendete Menschen haben fleißig geholfen, daß der ausgehende Same gewuchert und für uns Alle traurige, giftige Früchte getragen hat. — Durch meinen Eigensinn, von dem ich weder durch Bitten, noch überzeugende Gründe meiner Frau zu heilen war, habe ich das arme Weib in's Grab gebracht, meiner Tochter- Habe ich als Ausstattung das größte Unglück mitgegeben — einen braven jungen Mann in's Verderben gestürzt — und ich habe durch Alles das nichts gewonnen als — ein ewig nagendes, blutendes Gewissen, denn wenn ich der eigenen Vernunft, die ich nur mit Gewalt zum Schweigen bringen konnte, und dem Rathe meiner entschlafenen Frau Gehör geschenkt hätte, wäre ich der glücklichste Mensch aus der Welt, wo ich jetzt der unglücklichste bin. Pfarrer. So bestraft sich stets die Kurzsichtigkeit des Menschen! dann erst sehnt er sich ängstlich nach Rath und Hülfe, wenn er sich in seiner Blindheit so verstrickt hat, daß ihn der Seelenarzt wohl bedauern, bemitleiden kann, seinen Rath aber darauf beschränken muß: zur Geduld und Ergebung in sein selbstverschuldetes Mißgeschick zu ermahnen. Haller. Betrachten Sie mein weißes Haar, Herr Pfarrer — die Zeit, das Alter haben es nicht gebleicht, aber das belastete Gewissen, der nagende Wurm der Reue — und wo wahrhafte Reue einkehrt, in dessen Herzen geht auch der Wunsch mit dem Vorsätze zusammen, gut zu machen, so viel es möglich ist. Pfarrer. Hoffen Sie die Möglichkeit Ihrer Fehler gut machen zu können? Haller. Ganz wohl nicht, aber doch zum Theil vielleicht. — Meine Frau kann ich nicht mehr zum Leben erwecken — aber die Tochter lebt noch, ihr kann ich vielleicht noch mit Gottes Beistände die Zukunft erheitern. Meiner Tochter frommes, kindliches Herz habe ich damals gebrochen, als ich sie zwang, einem verworfenen Manne die Hand zu reichen, der das Unglück meines Hauses dadurch vergrößerte, daß er eines Todes starb, von dem man nicht weiß, war er Zufall oder Selbstmord. — Wenn ich nun jetzt in die Verbindung willigte, aus eigenem Antrieb, mit freudigem Herzen, die ich früher aus Verblendung Hintertrieb — Pfarrer. Wenn Sie Jemandem eine blühende Rose geraubt haben und stellen ihm dieselbe entblättert und verwelkt zurück — glauben Sie, das Vergehen des Raubes dadurch wieder gut gemacht zu haben? Haller (traurig). Es ist wahr, meine Anna welkt dem Grabe zu — aber sie kann ja, wenn die Ursache ihres Kummers verschwindet, wieder neu aufblühen, denn ihre Krankheit rührt ja lediglich nur von dem Herzenskummer her, daß man ihr den Wilhelm, den sie über Alles lieb hatte, mit Gewalt entriß. Die Hoffnung, daß ich die Tochter noch glücklich sehe, ist der einzige Trost, den ich noch habe in meinem Leid. Pfarrer. Wird diese Hoffnung Sie nicht täuschen? Haller. Daß Sie es sind, der das sagt, Herr Pfarrer, macht mich traurig, denn diese Hoffnung ist ja noch der einzige Anker, an den ich mich klammere. Pfarrer. Meine Pflicht ist, Wahrheit zu reden, und wenn sie noch so bitter wäre — ich muß Ihnen gestehen, bauen Sie nicht zu sehr auf die wiederkehrende Gesundheit der kranken Tochter, der Gram hat die Wurzel ihres jungen Lebens untergraben — ich habe keinen Glauben an ihre Genesung. Haller (mit Schmerz). O mein Gott! das darf nicht sein! Pfarrer. Wir müssen uns mit ruhiger Ergebung den: Unvermeidlichen fügen. Zudem soll der Gemüthszustand jenes Wilhelm Berger sehr beklagens- werth sein. Haller. Sein Leiden und das 36 meiner Tochter entspringen ja aus einer Quelle, also — Pfarrer. Weiß Ihre Tochter um Ihr Vorhaben? Haller. Nein, noch nicht. Ich baue viel aus die Ueberraschung bei Beiden! — Ach, Herr Pfarrer, wenn der liebe Gott da mein Gebet erhörte und ich meine Anna wieder frisch aufbliihen sähe an der Seite des wackern jungen Mannes — ich würde ja dann in dem Glücke meiner Kinder auch wieder neu aufleben, denn ich würde am Tage Glück und Freude und (seufzend) des Nachts nach langer Zeit wieder die Ruhe finden. Herr Pfarrer, der Gedanke schon macht mich so unendlich glücklich — erlauben Sie mir den Versuch. Gelingt er, so tilgt unser Vater da droben in meinem Schuldbuche, wenn auch nicht Alles, doch einen Th eil meiner Schuld. Pfarrer. Der Versuch wird wol nicht nachtheilig wirken. — Künste Scene. Wilhelm (tritt ein und bleibt mit gesenktem Blick neben der Thüre stehen. Sein ganzes Wesen deutet Ermattung und Furchtsamkeit an). Pfarrer (ihn erblickend). Mir scheint — Haller (eilt auf Wilhelm pr, welcher sich von ihm willenlos vorführen läßt). Da ist ja der brave Wilhelm schon! Pfarrer (ihn betrachtcnd). O mein Gott! Wilhelm (dessen Blick im Zimmer verloren nmherschweift). In diesem Zinnner war ich schon — hier fand ich mein Glück — (seufzt schwer) aber da senkte sich eine schwarze Wetterwolke nieder und trübte meinen heitern Himmel. Pfarrer (ergreift seine Hand). Fassen Sie sich, junger Mann, Sie kommen hier zu Freunden, die Ihnen wohl wollen! Wilhelm (schaudert). Mir wird so ängstlich, wenn ich in ein Zimmer trete. Werden — werden die Hunde mich nicht zerreißen? — Ich thue ja Niemanden ein Leides. Haller. Der Unglückliche! Pfarrer (zeigt auf Haller). Sind Ihnen die Züge jenes Herrn noch im Gedächtnisse? Wilhelm (Haller ansiarrend). Dieser — o das ist ein wortbrüchiger Mann — glauben Sie ihm ja nicht — erlügt! Haller (bittend). Wilhelm! — ich mache Alles gut. — O Gott, gib ihm nur einen lichten Augenblick! Wilhelm. Sein gebrochenes Wort hat sich hier (auf das Herz deutend) tief eingegraben — ach, und das schmerzt oft so sehr — und brennt. — Pfarrer (zu Haller). Steht Ihr Vorsatz noch fest? Sie sehen — Haller. Nur eine kurze Geduld! — Seine Besinnung muß zurückkehren. — (Zu Wilhelm tretend und seine beiden Hände fassend.) Wilhelm, hast Du Deine Anna denn ganz vergessen? Wilhelm (plötzlich auslodernd und lebhaft). Anna — Anna — (Plötzlich wieder abgespannt und trübe.) Ach! dieser Name war einst mein Leben — meine Seligkeit — und ist doch jetzt mein Verderben geworden. Haller. Sie war stets Deine Anna — und ist es noch. — Wilhelm (wkhmüthig lächelnd). Nein, o nein! (Wie im Zorn und Furcht auflodernd.) Man hat mich mit Hunden gehetzt — wie ein bösartiges, reißendes Thier, mich durch ihre scharfen Zähne zerfleischen lassen — als ich nur einen Augenblick in ihrer Nähe athmen wollte. Haller. Anna ist Witwe — ist wieder frei. — Wilhelm (ihn kräftig und rasch an der Hand sesthaltend) Anna — frei! — Halt halt! Laßt das Wort nicht entfliehen — damit es sich eingräbt in mein Denken — daß ich es fassen kann. — 37 (Gl,,,; Leben und ffeuer.) Anna — Anna>Gott — in diesem Augenblicke sterben, srei — ohne Fesseln! — O das Wort klingt so erhaben, wie Sphärenharmonie, die ans jenen lichten Räumen zu uns herübertönt. Haller. Höre es von ihr selbst, daß sie Dein ist — hier und dort! (Acht rechts durch die Seit.nthüre ab.) Pfarrer (zu Wilbeim). Fassen Sie sich! Sie werden Ihre Anna Wiedersehen. Wilhelm (starrt ihn an. dann freundlich lächelnd) Ah — jetzt erkenne ich meinen ehemaligen Lehrer — unfern ehren- werthen Herrn Pfarrer. — ^lnd Sie — Sie sagen auch meine Anna? — Sie? O sagen Sie es noch einmal — (traurig) meine Gedanken verwirren sich oft — sagen Sie es noch einmal das süße Wort: meine Anna! —Ihrem Worte vertraue ich fest und innig — denn Sie sind ein Mann der Wahrheit, ein Diener des höchsten Richters, der keine Lüge duldet. Pfarrer (für sich). Himmlischer Vater, ich danke Dir für Deine Gnade — dieser Augenblick scheint den Schleier wegznziehen, der seine Sinne mit Nacht bedeckte. (Laut. Wilhelm's Hand ergreifend.) Ich sagte die Wahrheit, junger Freund — doch nur Ruhe — und Gelassenheit! Sechste Scene. Haller und Dorothea (fuhren die leidende Anna rechts aus der Seitenthüre und find schon eingetreten, „och ehe der Pfarrer seine letzte Rede beendet. Wilhelm steht mit dem Rücken nach jener Thür gewendet). Vorige. Wilhelm. Ich folge Ihnen in Allem. Anna (welche auf einen Lehnstuhl gefühlt wurde, schreckt bei dem To» der Stimme freudig auf). Wilhelm! bist Du es? Wilhelm (sich blitzschnell wendend). Welche Stimme! — (A»f A»»a Mur- zend.) Ja! es ist Anna! — Anna! — meine Anna! (Sinkt vor ihr meder.) D wäre Gottes Gnade! Anna (legt die Hand auf den gesenkten Kopf des knieenden Wi l Helm). Wilhelm — mein Wilhelm! — Ach, diese Freude habe ich nicht mehr erwartet. Wilhelm (zu ihr aufsehend). Anna! — O wie Dein Anblick gleich dem heitern Sonnenstrahle in die schwarze Nacht meines Innern dringt! — Wie hell ivird es plötzlich um mich her — ich empfinde — ich denke — und doch kann ich meine Gedanken nicht in Worte fassen, so übervoll von Seligkeit ist diese Brust. — Jener Alarm, durch dessen Mund unser himmlischer Vater zu uns spricht, sagt: — Du bist frei, bist wieder meine Anna — ich darf Dich wieder lieben wie früher — ist es so, Anna? O sprich! sage Deinem treuen Wilhelm, daß Du ihn auch noch liebst. Anna (die Hände über der Brust falten^). Bis zu meiner Tage letzten wohnt Dein Bild in dieser Brust. Die Hand des Schicksals hat die Kluft ausgefüllt, die uns von einander trennte. Wilhelm (freudig aufgeregt). ^>0 preise ich Dich, Schöpfer und Vater mit den himmlischen Thränen der Freude, der Du mich ans dem finstern Schachte der Trübsal an das Licht der Freude zu Tage gefördert. Du gabst mir heute zum zweitenmale das Leben, denn Du gabst mir meine Anita zurück! Pfarrer (;„ Haller). Dieser Augenblick scheint wohlthätig auf seinen zerrütteten Geist zu wirken. Haller. Ich wußte es wohl und danke Gott dafür! Wilhelm. Anna, hast Du Deines Wilhelm's oft gedacht in der langen Zeit unserer Trennung! Anna (seufzend). Äch, ich Hütte es nicht thun sollen, es war gegen meine Pflicht — aber wer kann vergangene, glückliche Tage aus der Erinnerung verwischen — sie sind ja der einzige Bnl- 38 sam für die Wunden, die uns eine marternde Gegenwart schlägt. Haller. Meine Kinder — Gott möge Euch für die Pein und Qualen, die Ihr erduldet habt, recht frohe und glückliche Tage schenken. Anna — wenn Du Dich Deiner Gesundheit im vollen Maße wieder erfreust, segne ich Euren Bund, wie ich ihn einst in unseliger Verblendung trennte — und unser Herr Pfarrer legt Eure Hände ineinander und segnet Euch im Namen Gottes. Wilhelm (in höchster Frende) Anna! Anna! Du meine Gattin! — Bin ich denn dieses Glückes auch würdig? — Du sollst an meiner Seite ein neues Leben beginnen, die Zeit und meine zärtliche Liebe werden die von diesen bleichen Wangen verschwundenen Rosen wieder in voller Jugendfrische hervor zaubern — in meinen Armen sollst Du Alles Leid vergessen, was Du gelitten und erduldet. In Deiner Freude will ich die meinige — in Deinem Besitze mein Glück, meine Wonne, meine Seligkeit finden. Anna (nach einer Pause, schmerzlich) Wilhelm — armer Wilhelm — es ist zu spät! — Wilhelm. O nein! — nein! Anna (schwach) Meine Blüthe ist durch den Frost des Lebens abgestreift — und ich schreite dem Grabe zu. — Ich fühle es nur zu sehr, daß der Kummer jeden Keim zu künftiger Freude wie ein giftiges Insekt zernagte. — Ich fürchte, ich werde den Tag nicht oft mehr Hereinbrechen sehen, und wenn der Herbstwind die abgestorbenen Blätter von den Bäumen streift, wird man mir neben meiner Mutter das kühle Bett zur ewigen Ruhe bereiten. — Du sollst an Deiner Seite keine Leidende durch's Leben schleppen, nach der der Tod bereits seine Kuochenhand ausstreckt. — (Sie streckt die Hand nach dem still für sich weinenden Wilhelm an« ) Weine nicht, mein Wilhelm und reiche mir Deine Hand. Erhalte mein Andenken in Deinem treuen Herzen, so wie ich mit Deinem Namen auf den Lippen hinüberschlummern werde, dort, wo mich der strahlende Schimmer von Gottes Majestät umgibt. Für diese Welt sind wir nicht für einander bestimmt. — In der Blüthe meiner Jahre zerriß der eigene Vater den Bund unserer Herzen — jetzt trennt ihn der unerbittliche Tod — und die Stimme des ehernen Schicksals ruft uns gebietend zu: Es soll nicht sein! Haller (zum Pfarrer). Jedes ihrer Worte hringt mir wie ein glühendes Eisen in das Herz. Pfarrer. Ich habe ihren Entschluß wohl geahnt! Wilhelm (schluchzend). Und ich soll allein, verlassen Zurückbleiben in dieser kalten, gefühllosen Welt? sott leben in der Nacht des Jammers, wo keine Blume der Liebe und der Freude sproßt? — O Anna, Anna, fliehe nicht von dieser Erde! Anna. Wilhelm — ich darf Dir es nicht verhehlen, daß ich an der Grenze stehe, wo dieses Leben aufhört — der letzte Schlag meines Herzens aber gehört Dein — mein letzter Gedanke bist Du — und wenn Du mir einst folgst, eilt Deine Anna Dir freudig entgegen — und führt Dich an ihrer Hand ein zu den himmlischen Freuden! — Dann, Wilhelm — dann bleiben wir vereint, und nichts tritt mehr feindlich uns entgegen. Wilhelm. Anna! Anna! — Dorothea. Liebe Anna, die Er^ regung schadet Dir, brecht ab Kinder! — Laß Dich wieder zur Ruhe führen, Anna, sie thut Dir Noch. Der Abend bricht herein. Anna. Sie haben recht, Base. (Man hört in der Ferne zum Ave-Maria läuten.) Hörst Du Wilhelm, sie läuten zum Gebet. So oft Du künftig die Glocke hörst, bete für meine arme Seele und 39 gedenke meiner. — Lebe wohl, mein Wilhelm, und komme oft, um Deine Anna heimzusuchen — mein Vater wird es feiner Tochter nicht versagen — daß sie Dich oft — recht oft wiedersieht, damit ich meine letzten Augenblicke in Deiner Nähe verlebe — daß ich Dir zur langen Trennung zum letztenmale die Hand herzlich drücken kann. Und — Wilhelm — habe ich dann mit dem lotzten Athemzuge des irdischen Lebens Fesseln abgestreift — Hab' ich vollendet — dann bitte ich Dich, daß Deine liebe, sanfte Hand — die der Priester hier nicht segnend in die meine legen durste — mir den letzten Liebesdienst erweist — und mir die Augen schließt — die so oft in bittern Thränen schwammen bei dem Gedanken an unser Beider Leid. (Sic sinkt in den Sessel zurück.) Wilhelm (an ihr niederglkitend). Anna! meine Anna! — Du stößt mich zurück in die schwarze Nacht des Trübsinns! (Passende Gruppe.) (Der Vorhang sinkt langsam.) Vierte Abtheilung. (Zimmer beim Todtengräber Müller. An der Wand hängt eine Zither.) Krste Scene. Marie (allein, siht am Tische und flicht a» einem Jmmortellenkranze ) Wer hätte das vor einigen Jahren wohl gedacht, daß ich heute am Allerseelentage einen Tod- tenkranz für das Grab der armen Anna binden würde. Das arme Kind hat auch viel zu früh hinunter müssen in die Grube. — Und wer trägt die Schuld? — Doch wozu darüber denken? — Der alte Vater steht jetzt allein und verlassen da — und hat jetzt Zeit zu büßen imd abzubitten, was er an Allen verbrochen hat, die durch ihn unglücklich geworden sind. — Vier Wochen schon ist die arme Anna bei uns da ^einquartiert. (Seufzt.) Sie hat doch wenig- Achstens einen sanften Tod gehabt — sie DU ist in den Armen ihres Wilhelm eingeschlafen — und seine Hand hat ihr ^ die Augen zugedrückt. — Armer Wilhelm! (Seufzend.) Mir scheint, Du wirst bald mit Deiner Braut auf einem Friedhofe ruhen. — O wie Hütte Alles anders sein können — wenn - (Steht auf.) Still, arme Marie — es ist einmal so und hat so sein sollen. — Zweite Scene. Marie. Hanns. Müller (mit einem Spaten und einem schwarzen Todtenkreuze, tritt durch die Mitte ein). Hanns. So! Jetzt wäre mein Garten in Ordnung. (Stellt das Kreuz und den Spaten in einen Winkel.) Marie. Mein Kranz ist auch fertig. Hanns. Das Kreuz da sollte ich eigentlich noch zu dem Grabe des kleinen Kindes stecken, das sie uns gestern erst zum Aufbewahren gebracht haben. Marie. Das acht Wochen alte Kind des Müllermeisters? Hanns. Hat auch frühzeitig wieder umkehren müssen auf dem Wege, der ins Leben führt. Marie. Wer weiß, ob es nicht so besser ist? Hanns. Was der liebe .Herrgott thut, ist stets zu unserm Bestell. Ich habe damals auch gemurrt, als er Deine Mutter von meiner Seite nahm — aber Jemanden, den mail recht vom Herzen lieb hat, drei volle Jahre leiden zu sehen — das thut auch weh. — Der Tod hat ihren Schmerzen ein Ende gemacht, und sie ruht jetzt draußen unter dem Jasmingebüsch. Stundenlang sitze ich oft neben ihrem Grabhügel, rede mit ihr, als ob sie neben mir säße und erzähle ihr, wie es uns geht. Wenn dann der Abendwind über die Gräber haucht und das Laub an den Trauerweiden anfüngt, lebendig zu werden — da ist es mir immer, als wehte ihre Antwort von drüben aus der Geisterwelt zu mir herüber. Und so lebt meine gute Walltrud für mich noch immer. Marie. Der Vater weiß Allem eine gute Seite abzugewinnen, das versteht nicht jeder Mensch. Hanns. Wer das nicht versteht — verliert manche frohe Stunde. — Es war mir auch damals nicht recht und ich habe den guten Freund lange von oben bis unten gemessen, der mir die Todtengräberstelle antrug — und jetzt sehe ich ein, daß es das Beste war, was ich ergreifen konnte. Reich war ich nie, aber zufrieden immer — und so Hab' ich nie nöthig gehabt, Klagelieder anzustimmen. Du warst kaum vier Jahre alt, als mein Herr, dem ich zehn Jahre als Gärtner gedient, starb. Seine Güter kamen durch Erbschaft in andere Hände, wurden theils verkauft, theils verpachtet — so war es ganz natürlich, daß ich als überflüssig an die Lust gesetzt wurde. — Atarie. Erst Gärtner, dann Tod- tengräber — das ist freilich ein großer Abstand! Hanns. Er ist nicht gar so groß, wie Du Dir vorstellst. Als Gärtner wühlte ich mit dem Spaten in der Erde, das thu' ich jetzt auch als Todtengrä- ber. Früher hatte ich einen Lustgarten unter meiner Aufsicht — jetzt einen Gottesacker. — Als Gärtner legte ich den Keim zur Frucht für die Menschen in die Erde — jetzt pflanze ich für den großen Erntetag da oben. Ehemals wurde ich zornig, wenn ein Samenkorn nicht aufgehen wollte oder wurmstichig war — jetzt mag der wurmstichige Samen, der etwa da draußen in der Erde liegt, das selbst verantworten, wenn er einst zur Rechenschaft gezogen wird, i ch bin außer aller Verantwortlichkeit. Da siehst Du, mein Kind, daß der Abstand vom Gärtner zum Todtengrüber nicht gar so groß ist. Marie (lächelnd). Auf die Art, freilich nicht! Da seht, Vater, ist der Kranz nicht recht hübsch geworden? Hanns. Wem ist denn der bestimmt? Marie. Der gehört aus das Grab meiner unglücklichen Freundin, der armen Haller Anna. Hanns. Die hat auch nichts Besseres thun können, als da bei uns einkehren. Marie. Der Wilhelm wird sich freuen, wenn er das Grab seiner Anna so geschmückt sieht. Er kommt gewiß bald. Hanns. So lange sie bei uns ruht, hat er jeden Tag ihr Grab besucht, so wird er heute gewiß nicht aus- bleiben. Marie. Aber unsere Wohnung betritt er nie, wo er doch sonst so oft und gerne war. Hanns. Weil er tiefsinnig und menschenscheu ist. Es ist kein Wunder, die Menschen haben es auch nie gut mit ihm gemeint. Marie (seufzend). Die arme alte Mutier! Hanns. Und meine arme junge Tochter! Dich sollte der Gedanke trösten: der Wilhelm war Dir so wenig wie der Anna bestimmt. Marie (abbrechend). Ich will den Kranz an seinen bestimmten Platz hängen, damit ich nicht etwa später den Wilhelm in seiner Andacht störe. Hanns. Thu' das, Kind! Marie (öffnet die Thür). Da ist Jemand. — Wollen Sie zu uns? Waldberg (unter der Thür). Mit dem 41 Todtengräber wünschte ich eine Konvention zu treffen. Marie. Hier ist mein Vater! Treten Lie nur ein. (Läßt Waldberg ciutreten und geht ab.) Dritte Scene Hanns Müller. Waldberg. Hanns. Sie sind der erste Mensch, der mit dem Todtengräber eine Konvention treffen will. Das ist mir neu. Meine Parteien unterhandeln nie mit ihrem Quartiergeber. Also, was suchen Sie bei mir? Waldberg. Was ich gewiß finden werde — ein geneigtes Gehör sür mein Anliegen. Hanns. Nur heraus damit. Waldberg. Der weite Weg hat mich sehr ermüdet — ein Waget! war nicht zu bekommen, und so weite Fußreisen zu machen, bin ich nicht gewohnt. (Er setzt sich.) Hanns. Sie werden sich doch nach und nach daran gewöhnen müssen, denn mit den Equipagen wird's wohl am Ende sein. — Na, also, das Anliegen — meine Zeit ist mir heilte nicht mit dem großen Maß gemessen, also schnell. Waldberg. Lieber Mann — da hat — ich weiß es aus sicherer Quelle — eine Schwester meiner verstorbenen Frau — also eine nahe Verwandte — Euch eine kleine Summe gesendet. — Hanns. Das ist die Wahrheit. Waldberg. Die gute Dame ist sonst in jeder Hinsicht so gemein, und ohne alle Noblesse — daß sie mir jedes Darlehen versagt. — Hanns. Dazu mag sie wohl ihre Gründe haben. Waldberg. Das Geld ist bestimmt, um das Grab meines unglücklichen Sohnes — der draußen ganz abgelegen, an der Friedhofsmauer ruht — am heutigen Tage zu schmücken. Hanns. Sie, Herr, tragen die Schuld, daß Ihr Sohn dort liegt, denn Sie haben es nicht verstanden, ihn zu einem soliden Menschen heranzubilden. Waldberg. Was nimmt man sich heraus, Todtengräber! Ich habe den Sohn, meinem Stande gemäß, zu einem Weltmanne erzogen, der nicht in die Fußstapfen der Alltäglichkeit treten konnte. Die Bildung denkt und handelt anders als der gemeine Plebs! Hanns. Bildung! Bildung! das ist bei Euch sogenannten nobeln Leuten stets das zweite Wort. Ihr könnt Eure Kinder besser unterrichten lassen, als der gemeine Mann, weil Ihr mehr Geld und Zeit darauf verwenden könnt — aber dann steckt bei Euren verzogenen Kindern meistens nur die Bildung im Kopfe, und das Herz wird vernachlässigt. Beim gemeinen Manne aber ist's gerade umgekehrt, da wird aus mancherlei Ursachen oft der Kops vernachlässigt, doch hingegen richtiges Gefühl in's Herz gepflanzt, und ich glaube immer, das ist der Scheinbildung und asfektirten Noblesse vorzuziehen. — (Auf das Herz deutend.) Da muß die Noblesse sitzen, das ist der rechte Platz dafür! Waldberg (steht auf). Ich bin nicht gekommen, um mich mit dem Todtengräber in eine Konversation über Bildung und Erziehung einzulassen. Hanns (lachend). Ja, richtig! Wir kommen ja ganz vom rechten Wege ab. Marie (lehrt zurück, setzt sich zum Tische und nimmt eine weibliche Arbeit zur Hand) Waldberg. Also — Ihr sollt für dieses Geld — welches die Verwandte gespendet — den Grabhügel meines Arthurs schmücken. — Hanns. So ist es. Waldberg. Ich aber halte das sür unnöthigen Luxus — und ich habe in dieser Sache auch ein Wörtchen zn reden! Hanns (mit Berwuuderuiift). L>0? — Waldberg. Todt ist todt — und 42 bleibt es. — Was nützt Dem, der unter dem schweren Hügel liegt, die Ausschmückung desselben mit Blumen, Lichtern und dergleichen Tand, wenn die zurückgebliebenen Lebenden das Geld zu weit nöthigern Dingen gebrauchen. Hanns. Hören Sie — das sind eigene Ideen, die aber nicht viele Menschen mit Ihnen theilen werden. Waldberg. Also kurz — gebt Euch mit dem Grabe keine Mühe, und stattet mir das Geld zurück — ich mar stets nobel, ein gutes Douceur soll Euch nicht entgehen. Hanns (sich gewaltsam zurückhaltend). Ich habe das Geld nicht von Ihnen, sondern von Ihrer Frau Schwägerin erhalten. Waldberg. Einerlei! Es gehört der Familie. Hanns. Der Meinung bin ich nicht. Waldberg. Lieber Mann — so seid doch vernünftig — ich habe eben eine dringende Ausgabe. — Wißt Ihr was, wir wollen die Summe theilen, das ist doch gewiß ein ehrenhafter Antrag. Hanns (losbrechend). Herr, jetzt ist es Zeit, daß Sie gehen! Sind Sie ein Vater? Sie wollen Ihren eigenen Sohn im Grabe noch um Dasjenige betrügen, was Andere in frommen Sinn für ihn gethan haben! Sie sind ja ein Mensch ohne Gefühl und ohne Religion — denn wenn Sie nur einen Funken davon in Ihrer Brust hätten, so würden Sie hinknieen am Grabe Ihres Sohnes, der durch Sie allein unglücklich geworden ist, und für seine arme Seele beten. — Glauben Sie mir, Sie zusammengeschrumpfter nobler Herr von ehedem, es würde ihm wahrhaftig nicht schaden — so wenig wie Ihnen, wenn Sie zu Gott beten möchten, daß er Ihnen die schwere Sündenlast erleichtere. — Haben Sie mich verstanden? Waldberg. Auch das will ich thun — ich will auch beten — aber geben Sie mir vor Allem die anvertrauten Familiengelder heraus. Hanns. Kein Wort mehr mit Fhnen! (Zeigt nach der Thüre.l Da ist die Thür, machen Sie, daß Sie fortkom- men. Ich gebrauche meinen Spaten sonst nur, um den Todten ihr Ruhebett zu graben — aber er möchte bei Ihren Reden plötzlich die Bestimmung ändern und auf dem Rücken eines lebenden Schurken tanzen! Waldberg. Bemühen Sie sich nicht! Hanns. Entweihen Sie den heutigen heiligen Tag hier nicht länger durch Ihre fatale Gegenwart, und stören Sie die Andacht Derer nicht, die jetzt draußen für ihre entschlummerten Lieben inbrünstig beten. Marsch, sag' ich — Waldberg (trotzig). Ich will doch sehen — Hanns (den Spaten ergreifend). Wenn Sie sehen wollen, sollen Sie auch dazu fühlen — Waldberg. Jnteressirter Pöbel! (Geht rasch ab.) HaNNs (schlägt mißmnthig die Thüre zn »nd wirst den Spaten hin). Lauf zur Hölle, Abschaum der Verworfenheit! Gott mag mir die Sünde vergeben! Marie. Aber Vater, ein solcher Mensch ist ja gar nicht werth, daß nian sich ärgert. Hanns. Freilich wohl! Ein Mensch, der die Zeichen der Liebe, die Blumen, Kränze und Lichter von Freunden und Verwandten in liebevoller Erinnerung den Abgestorbenen gewidmet, Ltlxus nennen kann, verdient nicht, daß er die reine Luft einer so herrlichen Schöpfung einathmet. Ich muß mich mit Gewalt zurückhalten, daß meine Flüche sich nicht mit den andächtigen Gebeten der Frommen auf dem Friedhofe vermischen. 43 Merke Scene. Vorige. Die kleine Ernestine. Marie. Ernestine, Kind! Kommst Du auch einmal zu uns her. Hanns (etwas barsch). Was gibt's denn? Ernestine (erschrocken). Fahre mich doch der Meister Todtengräber nicht so an. Es ist ja nicht meine Schuld, daß ich so spät komme. Unsereins hat die Zeit nicht so zum Aussuchen, wo man auf Augenblicke sein eigener Herr ist. Marie. Was willst Du denn, mein Kind? Hanns (milder). Es war nicht so böse gemeint, Ernestine. Kann ich wo Helsen, so sag's. Ernestine (vertraulich). Ach ja! — Sieht der Meister — ich habe mir seit drei Wochen da einen kleinen Noth- pfennig, wie es die Mutter immer nannte, zusammengespart. — Ihr wißt's ja — (traurig) mein Vater ist vor einem Jahre begraben worden. — Hanns. Ich weiß! ich weiß! Ernestine. Und meine arme Mutter vor acht Wochen. Hanns. Richtig! Ernestine. Seit uns der Vater gestorben mar, ist es der Mutter oft recht schlecht gegangen, aber sie hat lieber selbst gehungert, damit ich nur keine Roth gelitten habe. Da Hab' ich denn so für mich gedacht: hat die gute, alte, treue Mutter so viel für mich ge- than, so muß ich auch Etwas für sie thun. — Hanns. Nun, und was hast Du denn gethan? Ernestine (schlägt die Augen nieder). Ich habe manchmal des Abends nichts gegessen, mich hungerig in's Bett gelegt und die Kreuzer zusammengespart, um — Hanns. Nun, um — Ernestine. Nun — wenn ich heute an dem Grabe meiner Mutter und meines Vaters bete, wie doch gewiß jedes dankbare Kind thut — möchte ich doch gar gern auch ein Licht und ein paar hübsche Blumen auf den Grabhügeln haben, damit Vater und Mutter im Himmel sehen, daß ihr Kind fromm und dankbar ist. Hanns (trocknet sich die Augen). So? Und was wäre denn da zu machen? Ernestine. Deßhalb habe ich eben den Meister Todtengräber um einen guten Rath bitten wollen, denn der Meister ist auf jeden Fall viel klüger als ich. — Etwas habe ich da wohl zusammengebracht — das ist aber gewiß viel zu wenig (hat in ihrem Tuche einen Knopf aufgebunden und daS Geld herauS- genommen) es sind gerade dreizehn Kreuzer. — Aber der liebe Gott wird wohl ein Einsehen haben und mehr auf den herzlichen guten Willen, als auf das sehen, was ich für dreizehn Kreuzer kaufen kann. Marie (kauert sich zu dem Kinde nieder). Du herziges, liebes Kind Du! Ernestine (niedergeschlagen und kleinlaut zu HannS). Nicht wahr, Meister, für das Geld bekomme ich noch nicht einmal eine Blume — ach, und ich möchte gern so recht viele große haben mit vielerlei schönen Farben und einen hübschen grünen Kranz an das Kreuz. Meine Eltern waren stets so gut gegen mich und ich habe sie so über Alles lieb - und möchte ihnen dankbar sein, bis mich der liebe Gott auch zu sich nimmt. Hanns (gerührt). Recht, mein Kind, Du hast ihnen auch viel zu danken, denn sie haben Dich so erzogen, daß eine Fürstentochter sich Deines Herzens nicht zu schämen hätte. Gib her Deine zusammengesparten dreizehn Kreuzer. — Marie. Aber Vater — Hanns (zu Marie). Ruhig! Ernestine (kindisch fröhlich). Bekomme ich doch ein paar Blumen dafür? — 44 da, Meister, sind meine Kreuzer zähl' der Meister genau nach, daß wir nicht etwa später Verdruß haben, es sind gerade dreizehn. Geld muß man zweimal nachzählen, sagte die Mutter immer, damit man nicht betrogen wird. Hanns (nimmt das Geld). Richtig! dreizehn Kreuzer! Ernestine. Wenn es nicht unschicklich wäre, Schulden zu machen — so möchte ich wohl sagen — ich gehe noch ein paar Mal hungrig in's Bett und zahle in vierzehn Tagen noch einige Kreuzer daraus — aber auf eine große Summe könnte ich mich nicht einlassen. Hanns (lächelnd). Mein Kind, Du wärst wirklich der erste Mensch, der vom Todtengräber einen Kredit begehrte. (Das Geld in seiner Hand betrachtend, für sich). Diese dreizehn Kreuzer von dem frommen Kinde und das schändliche Begehren von dem säubern Herrn vorhin — ist das nicht gerade ein Gegensatz wie Hölle und Himmel? Ich mache jetzt auf einmal die Erfahrung, daß man als Todtengräber auch Menschen- kenntttiß sammeln kann. (Zn Ernestine.) Mein Kind, die dreizehn Kreuzer behalte ich zum Andenken an Dein kindlich frommes Gemüth — da hast Du einen blanken Zwanziger dafür. Ernestine (bittend). Bitte! Bitte! kein Geld — nur ein paar Blumen — Geld brauche ich nicht. Hanns. Sieh Dir heute Abend die Gräber von Deinen Eltern all, und Du wirst schöne große Grablaternen, Blumen und Kränze finden. Du wirst mit mir zufrieden sein. Da nimm getrost Deinen Zwanziger! (Dringt dem Kinde das Geld auf.) Ernestine (freudig). Ach, mein Gott! so glücklich war ich ja lange nicht! (Will HannS die Hand küssen.) die Freude, die Du mir gemacht hast. «Legt die Hand auf ihr Hanvt ) Gott segne Dich, mein Kind und erhalte Dir Dein unverdorbenes kindliches Gemüth. (krocknet sich die Augen.) Geh, mein Kind, und wenn Du all den Gräbern Deiner w ackern Eltern betest, so sei fest versichert, Dein Gebet fliegt allen andern voraus und gelangt sicher bis zu Gottes Throne. Ernestine (innig). Ich will auch für Euch beten, zum Dank für die Freude, die Ihr einer armen Waise gemacht! (Geht ab.) Zünfte Scene. Hanns Müller. Marie. Hanns. Solche Erfahrungen sind der Balsam auf die Wunden, die uns schlechte, erbärmliche Gesinnungen verwahrloster Menschen schlagen. Marie. Wo nur der Wilhelm so lange bleibt? Der Abend bricht bald herein. Hanns. Der betet wohl schon längst am Grabe seiner Anna — doch jetzt muß ich Nachsehen, was meine Gäste machen und die Gräber aufputzen von den Eltern des braven Kindes. (Geht ab.) Sechste Scene. Marie. Dann Wilhelm. Marie (geht zum Fenster) Wie die Lichter durch die Blumen und Kränze flimmern — der Kirchhof ist zum Wech- nachtsbaum geworden — da ist auch das Grab der Anna — aber Wilhelm ist noch nicht da. — Doch — dort tritt er eben durch das große schwarze Thor ein. — (Geht vom Fenster weg ) Es möchte seine Andacht stören, wenn er sich beobachtet glaubt. Wilhelm (tritt ein. er ist sichtbar kör- Hanns. Nichts da! einem Todtengräber die Hand küssen, warum nicht gar! — (Hebt sie aus und küßt sie aus den Mund.) So einen herzlichen Kuß für perlich geschwächt, sein Geist aber Heller, man merkt ihm an, daß er seine Schwäche zu verbergen sich bemüht. Sanft, aber etwas iidcr- reizt freundlich). Guten Abend, Marie! 45 Marie (überrascht). Guten Abend,!entheiligt? — O nein! denn Musik Wilhelm! Kehrst Du heute doch auch einmal bei uns ein? Wilhelm. Warum Euch mit meinem Besuche belästigen, der Euch nicht angenehm sein kann. Ich bin ein gar schlechter Gesellschafter. Ich muß mir stets neue Hoffnung am Grabe meiner Anna holen. (Rach einer Pause.) Marie — ich hätte eine Bitte an Dich — willst Du mir diese erfüllen? Marie. Frage doch nicht so, Wilhelm ! Mein Leben, wenn Du es willst, gehört Dein. Wilhelm. Ja, Marie, ich weiß ja, Du bist meine beste Freundin, meinst es treu und redlich mit mir, deßhalb verdienst Du auch mein Vertrauen. Also höre, Marie. (Tritt «an; nahe zu ihr.) Wenn mich des lieben Gottes Wille abruft, von dieser Erde — Marie. Aber, Wilhelm — Wilhelm. Höre mich geduldig an, Marie. — Wenn ich scheide aus diesem Leben, so bitte Deinen Vater, mir mein Grab an der Seite meiner Anna zu bereiten, so daß unsere beiden Gräber ein Rasenhügel deckt. — Versprichst Du mir das, Marie? Marie (meinend). Ja, Wilhelm — Wilhelm. Ich danke Dir, ich weiß — Du hältst Dein Wort. (Erblickt die Zither an der Wand). Ah, sieh, dort hängt ja Deine Zither. — Ich habe Dich so lange nicht spielen und singen gehört. — Ach, Marie, ich fühle mich heute so wohl, so fröhlich gestimmt — ein seliges Gefühl, dem ich keinen Namen zu geben weiß, bebt durch alle meine Adern. — O Marie, singe und spiele — so wie einst — damit ich glaube, jene selige, frohe Zeit sei zurückgekehrt — wie der sonnige Frühling wiederkehrt auf den eisigen Winter. Marie. Heute — heute Abend — und an — Wilhelm. Ich verstehe Dich, Marie! Aber glaubst Du, daß Musik den Tag erhebt, begeistert und belebt uns zum Schönen und Erhabenen — mit den Tönen des Gesanges schwebt der freie Geist empor, der Gottheit näher. Marie (schwer). Wenn es Dir Freude macht, Wilhelm, so erfülle ich Deinen Wunsch. (Nimmt die Zither von der Wand.) Soll ich etwas Lustiges singen, das Dich erheitert? Wilhelm. Nein, singe ein frommes, einfaches Lied — weißt Du das — ach, ich hörte es sonst so gerne — das, von der Liebe glaub' ich — und dem dunklen Meere — Marie. Jetzt weiß ich's schon. Wilhelm. Das singe und spiele — aber leise — leise — ich höre Dir zu, und glaube dann, wenn ich die Augen schließe, ich höre den Gesang, der zu meiner Vereinigung mit Anna aus der Kirche herüberklingt. Marie (für sich). Das Herz möchte mir zerspringen — meine Stimme wird zittern und beben — und doch kann ich dem armen Wilhelm nichts abschlagen. Wilhelm. Ich werde Dir aufmerksam zuhören. Marie. Mit solchem Schmerze habe ich die Saiten meiner Zither noch nie berührt. — Wilhelm (ohne sie anzuschen). Nun — Marie — Marie. Ich fange schon an — Wilhelm — (Sie singt mit zitternder und gedämpfter Stimme. Wilhelm, der sich schon früher ermattet setzte, hört den ersten Tönen ruhig zu, faltet dann die Hände und läßt den Kopf wie im Schlafe auf die Brust finken.) Lied*). Auf der Liebe dunklem Meere Wogte hin und her mein Kahn, Und wo Land zu finden wäre Zeigte kein Magnet mir an, Einen Stern nur sah ich blinken, Hell in hehrer Strahlenpracht, Freundlich schien er mir zu winken Doch er sank in dunkle Nacht. *) Die Melodie so einfach als möglich, im langsamen Tempo und sozusagen religiös. Siebente Scene. (ES ist gänzlich Nacht geworden. Während der letzten Zeile tritt HannS Müller mit einem Lichte ein. bleibt an der Thüre stehen, bis dir letzten Töne verklungen find, dann tritt er vor und stellt das Licht auf den Tisch.) Hanns. Da ist ja der Wilhelm! (Laut.) Wilhelm! Marie (welche, nachdem der Gesang bk- endet, und sie Wilhelm schlummern sieht, den Kops auf die Hand gestützt hat). Nicht wecken, Vater! — Er ist während dem Gesänge eingeschlafen — er scheint sehr ermüdet. Hanns. Die Nacht ist da und er will an dem Grabe seiner Anna beten. (Weckt Wilhelm sanft.) Wilhelm! wache auf! Wilhelm (erwachend). Ach! das war ein sanfter Schlummer — so sanft muß die Ruhe des Grabes sein. — Ich danke Dir, Maria, Dein Gesang hat den wohlthätigen Schlummer hervorgezaubert, den ich so lange entbehrte. Hanns. Wilhelm — die meisten Andächtigen haben sich schon entfernt — geh' zum Grabe Deiner Anna. Wilhelm. Ja — ich gehe — im süßen Traume schwebte Anna's Bild zu mir hernieder und reichte mild und freundlich mir die Hand. —^O, wie war sie so erhaben, so überirdisch schön — so im Lichtglanze, wie ich sie im Traume jetzt erblickte, wird sie mich stets umschweben. — Ich gehe jetzt zu ihrer Ruhestätte — Marie — wenn ich in Andacht versunken an ihrem Grabe kniee — singe und spiele ein frommes Lied — (Marie nickt weinend mit dem Kopfe.) Ich danke Dir! Es wird mich erheben Und stärken. (Reicht ihr die Hand.) Gute Nacht! (Matt.) Gute — Nacht! (Geht langsam wankend ab, gleichsam wie erblindet.) Marie (heftig weinend). Vater — Vater! — Ich möchte mich in Thränen auflösen — daß ich dem Armen den Wunsch erfüllen MUß. — (Nimmt das Licht und die Zither und geht rechts ab.) Hanns (ibr lange nachsebend). Kommendes Jahr, an diesem Tage, wird er Dich nicht mehr darum bitten — dann wirst Du wohl an seinem Grabe beten. (Geht ab.) Verwandlung. Das Innere des Friedhofes. Die Gräber sind mit Blumen, Kränzen, Lichtern. Grablaternen und dergl. aufgepntzt. Rechts, so viel als möglich im Vordergründe ist daS Grab der Anna, besonders schön aufgepntzt. Man bemerkt am Grabmale den Jmmortellenkranz, welchen Marie am Anfang diese- Aktes wand. Ganz in der ersten Koulisse rechts ist daS Haus deS Todten- gräberS, durch dessen kleines Fenster man einen matten Lichtschimmer gewahrt. Die Gräber find links und rechts der Bühne, symmetrisch nebeneinander, in der Mitte ein breiter Gang. Ganz tiefes Theater. Achte Scene. Wilhelm (kniet ganz im Gebet versunken vor Anna'S Grab. An vielen Gräbern sieht man Betende beiderlei Geschlechtes knieen. Das Ganze muß einen imposanten Anblick gewähren. Waldberg lehnt im Vordergründe links an einem Grabsteine. Pause.) Waldberg. Ich sehe ein, daß ein zweiter Sturm auf das Herz des ungebildeten Todtengrübers so gut wie der erste mit dem drohenden Spaten abgeschlagen würde. Ich muß zu einem andern Drittel greifen, meine Finanzen zu regeln. (Sirht sich um.) Es ist dunkle Nacht — es kennt mich hier wohl ohnehin Niemand — ich stelle mich am Eingänge des Friedhofes in einem dunkeln Winkel, wo man nur meine Gestalt ausnimmt — vielleicht daß 47 mitleidige Seelen sich des alten Mannes erbarmen. (Seufzend.) Ach, von seinen Renten zu leben, ist doch weit bequemer, als des Nachts zu betteln — um das im Dunkeln erhaltene Almosen am Hellen Tage als Pension verzehren zu können! (Geht ab.) Aeurrte Scene. Vorige. Pfarrer. Haller (kommen au» dem Hintergründe, ihnen folgt) HüNNs Müller. Haller (zum Pfarrer). Ich danke Ihnen recht vom Herzen für den Trost, Herr Pfarrer, der meinem Herzen so wohl gethan hat. — Jetzt noch ein herzliches, so recht inniges Gebet am Grabe der geopferten Tochter — damit auch sie beim lieben Gott mir Vergebung erfleht. Pfarrer. Dort kniet bereits ein andächtig Betender. Hanns. Mit Verlaub, Herr Pfarrers das ist der unglückliche junge Mann, Wilhelm Berger. Haller (rrgriffrn). Der Wilhelm? (Düster.) Meine Gegenwart müßte die Worte seines Gebetes in Flüche verwandeln — o fort, fort! daß er den Mörder seines Glückes nicht erkennt. Pfarrer (ihn zurückhaltend). Bleiben Sie. Wilhelm (hat versucht, sich emporzurichten, seine Kniee brechen ober und er finkt in fast liegender Stellung aus den Grabhügel). HüNNs (da» Vorgehende bemerkend). Was ist das? — Sehen Sie doch, Herr Pfarrer, er sinkt — Pfarrer. Der Augenblick hat ihn ergriffen und erschüttert. — Wilhelm (gewaltsam sich etwa» emporrichtend). Anna! Anna! Der Tag der Erlösung bricht an — in rosigem Schimmer — ich fühle Deine Nähe — mich umwehen — die Fesseln des Lebens sind gebrochen — Anna, Anna — meine Braut — ich komme — jetzt keine Trennung mehr. — (Er finkt leblos nieder.) Alle (find aufmerksam geworden). Haller. Er stirbt — auf Anna's Grabe. — Pfarrer. Das wolle Gott verhüten — Hanns (der zu Wilhelm trat). Das Herz hat aufgehört zu schlagen — sein Leiden hat geendet. Pfarrer. Todt? Haller (zerschmettert). Anna — hat ihn abgerufen. Pfarrer. Was Menschenwille trennte — Gott hat es in seinem weisen Rathschlusse vereint — der Allmächtige nehme ihn gnädig auf in seinem Freudenreiche! (Hanns kniet bei Wilhelm'» Leiche, der Pfarrer in der Mitte der Bühne. Haller neben ihm mit verhülltem Antlitz. Die früher Betenden find ohne Geräusch nach dem Vordergründe geeilt, und knicen im Halbkreise um die vordere Gruppe. Beim Anfang der Schlußrede des Pfarrers hört man aus der Ferne das Ave-Maria läuten. Aus der Wohnung deS TodtengräberS tönt Mariens Gesang mit sanfter Zitherbegleitung herüber.) Marie. (Rach der bekannten Melodie.) Das arme Herz hienieden. Von manchem Sturm bewegt; Erlangt erst wahren Friedelt — Da, wo es nicht mehr schlägt. Die Gruppe bleibt während des Gesanges in betender Stellung; am Schluffe desselben im Orchester einige lang gehaltene Akkorde von vier Posaunen, während welchen der Vorhang sehr langsam fällt. Ende. WNllrshAirsser'sche §al»mlling Aeiltschkl Dihliemerkr. BcrzeichniK der erschienenen Bändchen. 1. Das Trauerspiel der Kindes. Schauspiel in 2 Akten von Sigmund Schlesinger fl. 1.20 2. Eine Jugendsünde. Schwank in 3 Akten von Julius Findeisen.fl. 1.20 3. Tiberius. Tragödie in 5Akten von Julius Grosse . . fl. 1.50 4. Der Seelenretter. Lustspiel in 1 Akt von Hedwig Dohm fl.—.90 5. Das heyß Cisen, ein Nürnberger Fastnachtsspiel des Hans Sachs. Schwank in 1 Akt. Für die neuere Bühne eingerichtet v. Rud. Genöe fl.—.50 6. Corstz Ulfel dt, der Reichshofmeister von Dänemark. Trauerspiel in 5 Akten und einem Vorspiele v. Martin Greif. (2. Ausl.) . . . fl. 1.80 7. Aschingiskhan. Lustspiel in 1 Akt von Karl Gutzkow fl.—.60 8. Die Philosophie des Unbewußten. Lustspiel in 1 Akt v. Oscar Blumenthal fl.—.90 9. Reine Hände. Lustspiel in 4 Akten v. M. Oeribauer fl. 1.20 10. Der Tanzboden. Dramatische Kleinigkeit in 1 Akt von Moriz Epstein . . .fl.—.70 11. Rose nud Distel. Schausp. in 1 Aufz. von H. Schmid fl.—.80 12. Spartakus. Trauerspiel in 5 Aufzügen von Franz Koppel-Ellfsl^ . . . fl. 1.50 13. Durch Champagner. Lustspiel in 1 Akt v. Betty Voung fl.—.60 14. Augebete Elisabeth. Lustspiel in 1 Akt von Carl Saar ..fl.-.70 15. -rütlvogel. Schwank in 1 Akt von Paul Perron fl.—.70 16. Paul de Kock. Lustspiel in 1 Akt von Carl Weiß fl.—.60 17. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Schwank in 1 Akt von Paul Perron fl.—.60 18. Der Herr College. Schauspiel in 4 Akten von M. Frank fl. 1.20 19. Nero. Trauerspiel in 5 Akten von Martin Greif . . fl. 1.80 20. Marino Falieri. Trauerspiel in 5 Akten von Martin Greif.fl. 1.80 21. Der stammende Stern. Dram. Gedicht in 5 Akten v. Louis Notel. (2. Auflage) . . fl. 1.50 22. Konvois. Schauspiel in 5 Akten von Moriz Loebel fl. 1.50 23. Sultanuud Prinz. Trauerspiel in 5 Aufzügen von E. Rene fl. 1.50 24. Äffaire Thoru-Thilo. Ein Trauerspiel in 4 Akten von Dr. S. Rothseld . . fl. 1.— Mechitharisten-Buchdruckerei (W. Heinrich) in Wien. so»»o Ein junger Gelehrter. Lustspiel in einem Akt. Rach dem Englischen von Alexander Bergen. Herr Am der seid. Heinrich, sein Sohn. Frau Müller. Personen: Charlotte, ihre Nichte. Thomas. Bedienter bei Herrn Amber- s e l t. Erste Scene. (Heinrich'- Zimmer. Bücherkästen, Tische mit Büchern, Landkarten und einem Globus. Heinrich fitzt im Schlafrock und liest. Er sieht ernst und in sich versunken aus.) Heinrich. Ein großer Schriftsteller machte einst die weise Bemerkung : „DaS Leben ist eine Wanderung voll Betcübniß!" (Seufzt) Es ist nur zu wahr! Kaum lernen wir denken, überlegen, uns selbst erkennen, so quält unS banger Zweifel; nach und nach erfaßt er uns ganz — und wir gehören ihm sogar zuletzt mit Liebe. Ich wäre so glücklich in meinen philosophischen Studien , allein häusliche Sorgen lassen mich dieses Glück nicht genießen, wie ich es wünsche. Mein Vater — wie schmerzlich ist eS doch für einen Sohn, mißachtend über seinen Vater sprechen zu müssen — ist die Quelle meines Unglücks. Seine Frivolität, sein Leichtsinn stören meine Ruhe, machen mich unglücklich. (Er schellt.) Was kann ich jedoch thun? Ich darf ihn nicht verlassen, meine Pflicht ist es, über ihn zu wachen. Alles aufzubieten, um ihn zu bessern. Zweite Scene. Thomas. Heinrich. Heinrich. Thomas, um wieviel Uhr ist mein Vater heute Nacht nach Hause gekommen? Thomas (verlegen). Ich weiß es nicht, junger Herr — Heinrich. Man hat Dir verboten, es mir zu sagen — wie es scheint — Thomas (hustet verlegen). Heinrich. Willst Du antworten, Bursche? Thomas. Mein Gedächtniß ist so schwach — Heinrich. Ich rathe Dir, eS an- zustrengen. Um welche Stunde ist mein Vater nach Hause gekommen? Thomas. ES war so — nahe an halb fünf — Heinrich. Entsetzlich! Wie sah er aus? Thomas. Lebhaft und munter, wie eine junge Katze. Er rauchte eine Cigarre, sang, küßte Susanne, die ihm die Thür öffnete, und wollte mir Wein zu trinken geben. Heinrich (steht auf). Genug, ge- nug! Erwähne nicht gegen ihn, daß ich Dich um Etwas gefragt habe. Thomas. Sehr gut, junger Herr. (Für sich.) Gleich laufe ich zu meinem Herrn und sage ihm Alles. Ich halte es mit ihm. Der Zunge ist mir viel zu langweilig. (Ab.) Dritte Scene. Heinrich. Ich muß ernstlich einschreiten, er geht sonst seinem Verderben entgegen! All' mein Rathen und Bitten war umsonst. Der Geist des Leichtsinns, der Liederlichkeit durchströmt ihn, er ist taub für die Stimme der Vernunft. Ach, wäre er doch mein Sohn — ich würde ihn durch mein Beispiel leiten, seine irren Gedanken durch weise Rathschläge auf den rechten Weg bringen. Vierte Scene. Heinrich. Amberfeld. Amberfeld (fingt von außen und tritt rasch ein. Er bewegt sich lebhaft, ist in eleganter Morgentoilette, ein Mann in den Bierzigen). Guten Tag, Junge. Heinrich wollte ich sagen, denn jung bist Du nicht (klopft ihn auf die Schulter). Heinrich (kühl). Guten Morgen, Vater. Amberfeld (setzt sich). Was fehlt Dir? Du siehst so trübselig aus — freilich ist das nichts Neues, aber heute ist's noch um ein paar Grad mehr als gewöhnlich. Heinrich. Ich wollte, Sie könn- ten mir von Ihrem Ueberslusse an Lustigkeit etwas mittheilen, Vater. Ambers. Nicht möglich, habe keinen Ueberfluß. brauche sie alle selbst. Lachen ist Athmen, Heiterkeit — Leben! Heinrich. Darf ich fragen, wie Sie geschlafen haben? Ambers. Warum nicht? (Scherzend.) Wenn Du mir versprichst, Deinen armen Vater nicht zu strenge anzusehen — sage ich Dir, ich habe die Nacht mit einigen Freunden sehr lustig verlebt, nicht verschlafen, das ist langweilig. Heinrich. Wie lange blieben Sie mit diesen — Ambers, (unterbricht ihn schnell). Freunden? Bis der Morgen anbrach, bis die Sonne uns grüßte.. Heinrich. Wie lange soll, wie lange kann das währen? Ambers. So lange ich lebe, hoffe ich. Heinrich. Bedenken Sie — die Zukunft — Ambers, (hält ihm den Mund zu). Warum bist Du nicht Prediger geworden — Du hättest sehr viel Talent dazu! — Alles Unsinn, waS Du sagen willst, erspare Dir'S! Wirf Deine verschimmelte Philosophie zum Teufel, studire das Leben, genieße das Leben. Deine Jugend — sie kehrt nie wieder! Lerne die Welt und Menschen kennen. Heinrich. Vater — Ambers. Laß mich in Ruhe mit Deiner Trauerstimme. Ich Haffe dieses Stöhnen arger als den Biß eines wüthenden Hundes. Heinrich (seufzt). Ambers. Wenn eS schon sein muß, so schreibe Betrachtungen über die menschlichen Schwächen, aber seufze und predige nur nicht. Dein Buch lese ich gewiß nicht, was Du sprichst, höre ich leider. Heinrich. Ich werde ein Buch schreiben, Vater. Ambers. Thue das, aber witzig muß eS sein. Ich bete den Witz an — den lustigen Sinn, ein warmes Herz und ein feuriges GlaS Wein! — Weg mit aller Melancholie und Philosophie! Heinrich. Es müssen wirklich ernste Maßregeln getroffen werden, um 3 Sie vor dem Abgrund zu retten, in dem Sie sich blindlings stürzen wollen. Amberf. Der Sohn will gegen den Vater ernste Maßregeln nehmen — (Lächelnd.) Darf ich wissen, was Du mit mir beginnen willst? Heinrich. Zch will — Sie verheiraten ! Amberf. Ein süperbeS Mittel. Ich nehme eS an, aber die Braut muß jung, schön, liebenswürdig und reich sein. Finde mir eine solche Partie, und Dein dankbarer Vater wird Dir gehorsam sein. Heinrich. Ich werde Ihnen eine solche Frau finden. Amberf. Willst Du?! Gib mir Deine Hand — ich bin stolz auf Dich, denn eS wird nicht leicht sein, das Alles vereint zu finden. Heinrich. Dieser Plan beschäftigt mich seit jenem Briefe, der die bevorstehende Ankunft unserer Anverwandten, der Frau Müller und ihrer Nichte meldete. Amberf. Zch freue mich auch wirklich auf ihren Besuch. Ich hoffe, sie werden längere Zeit bei uns bleiben. Sie ist so gut gelaunt, ein einziges Mal sah ich sie ernst, und da — brannte das Haus über ihrem Kopfe. Fünfte Scene. Thomas. Vorige. Thomas. Frau Müller ist so eben angekommen. Heinrich. Da muß ich mich an- kleiden; empfangen Sie die Damen. (Geht gravitätisch ab.) Sechste Scene. Amberfeld. Thomas. Amberf. Führe die Damen herauf, übernimm ihre Bagage, sei aufmerksam auf alle ihre Wünsche. (Thomas ab.) Der arme Heinrich! Das viele Studiren hat ihn verrückt gemacht. ES gibt nur ein Mittel! Ein paar hübsche schelmische Mädchenaugen, — sonst habe ich keine Hoffnung. Amor wird das Griechische und Lateinische zum Fenster, Mathematik und Astronomie zur Thüre hinauöwerfen. Siebente Scene. Frau Müller. Amberfeld. Amberf. Wie freueich mich, Sie wieder zu sehen — Sie sind reizend und blühend wie eine Rose. Wollen Sie mich mit Ihren Blicken verderben ? Frau Müller. Noch immer ein Schmeichler, Vetter? Amberf. Nur Wahrheit — auf Ehre! Wo ist Ihre Nichte Charlotte? Fr. Müller. Vielleicht vor dem' Spiegel. Sie ist eitel vom Morgen bis in die Nacht, wie alle jungen Leute. Amberf. Gott segne sie, wenn sie wirklich jung ist — mein Sohn ist es nicht. Fr. Müller. Als wir zu Hause auf dem Lande waren, da gab eS nichts als Gleichgültigkeit, ja oft Nachlässigkeit. Abgetragene Kleider, geschmacklose Bänder, schlecht gekämmtes Haar, aber als es hieß, wir reisen in die Stadt, zu Ihnen, welche Veränderung trat da ein! Za, so sind wir, schon der Schatten eines Mannes verändert Alles. Die Hände werden geschäftig, Bänder, Spitzen, Blumen werden hervorgesucht, die Grazien zu Rathe gezogen, sie kommen aber nicht immer, wenn man sie ruft, kleine Künste werden eingeübt, nur um eure Aufmerksamkeit zu erregen, um euch schwache Männer zu gewinnen. Amberf. Wenn wir so schwach, und folglich leicht zu gewinnen sind, 1 * 4 warum also noch Hilfsmitteln um uns zu erober«? Doch Scherz bei Seite, haben Sie mein Projekt nicht vergessen ? Fr. Müller. Den odiosen Plan einer Heicath zwischen Ihrem Sohne und meiner Nichte? — Lieber Freund, geben Sie den Gedanken auf. Amberf. Warum? Fr. Müller. Warum — fragen Sie Ihr Gewissen. Ist er nicht ein Pedant, ein Bücherwurm, ein kaltherziger Gelehrter — kann der ein guter Ehemann werden? Alt mit zwanzig Jahren, was wird er sein, wenn er vierzig alt ist? Er träumt nur, spricht nie, ist kalt wie Marmor, er würde chr in seinen besten Stunden von Algebra und Sternenkunde vorschwätzen. Herzlichkeit, Aufmerksamkeit, Liebe und alle die Dinge, die uns Frauen allein glücklich machen, kennt er so wenig als ein neugebornes Kind. Ihn hei- rathen, eher würde ich Sie nehmen. Amberf. (verbeugt sich). Zu viel Ehre — ich stehe zu Diensten, bestimmen Sie den Tag. Fr. Müller (lachend). Es gehörte viel Muth dazu — Sie zu heiraten! Ambers. Ich habe Muth für Beide — heiraten wir, und wenn die jungen Leute wollen, geben wir sie an demselben Tag zusammen. Fr. Müller. Meine Nichte scheint nicht geneigt — Amberf. Darauf soll sie selbst antworten, denn da kommt sie. Achte Sceuc. (Durch die Mttelthür.) Charlotte. Heinrich (durch die Seitenthür, er ist sehr nett, schwarz, aber sehr keif gekleidet, er verbeugt sich ernst und förmlich). Vorige. Amberf. Ich sehe, Heinrich hat es darauf abgesehen eine Eroberung zu machen, er hat sich in Galla geworfen. Heinrich. Ergebenster Diener. Fr. Müller, (verbeugt sich lachend). Charlotte (für sich). Ich kann daS Lachen nicht verbergen. Ein Großvater in verjüngter Ausgabe! Heinrich (zu Frau Müller). Frau Tante, mein Vater hat einem Plane beigestimmt — welcher sein zukünftiges Glück — seine Wiedergeburt bewerkstelligen soll. Meine kindliche Pflicht gebietet mir die gegenwärtige Gelegenheit zu benützen um diesen Plan zu fordern. Wollen Sie mir eine geheime Unterredung mit meiner Cousine erlauben? Charlotte (für sich). Was will der Mensch von mir? Fr. Mülker. Sie Beide allein lassen ? Amberf. (Me). Geben Sie es zu — bei dem hat es keine Gefahr. Fr. Müller. Ich will Ihnen weine Nichte für einigeAugenblicke anvertrauen. Amberf. (führt Frau Müller ab, leise im Borübergehen zu Heinrich). Führe Dich brav auf, Junge! Heiwrich (entrüstet). Water! Amberf. Ich traue Dir nicht, stille Wässer sind tief. (Ab mit Fra« Müller.) Neunte Scene. Charlotte. Heinrich. Heinrich (seht Stühle). Bitte, setzen Ste sich, mein Fräulein. (Ersetzt sich entfernt von ihr nieder.) Charlotte (für sich). Die Vogelscheuche! (sie fitzen und sehen sich an). Heinrich. Hm! (Er hustet verlegen.) Charlotte (für sich). Warum spricht er nicht? Heinrich. Mein Fräulein — ich fühle — Charlotte (ihn nachahmend). Mein Herr, ich fühle auch — Heinrich. Ein lebhaftes Interesse für Ihre Wohlfahrt, für Ihr Glück — Charlotte. Ich bin Ihnen sehr verbunden. s Heinrich. Der Mensch neigt sich natürlich — Charlotte. Ja, mein Herr, der Mensch neigt sich. — (Sie verbeugt sich.) Heinrich. Zur Freundschaft — zur Liebe. — Der Mann ist ein fehlerhaftes Thier — Charlotte. Zugegeben. Und bitte, was ist das Weib? Heinrich. Ein notwendiges Uebel. Charlotte (für sich). Der Grobian! Heinrich. Sokrates sagt— Charlotte (ihn unterbrechend). Waß Sokrates sagt, ist »nir höchst gleichgültig. Heinrich. Bewundern Sie die Klassiker nicht? Charlotte. Nein, ich liebe das Moderne. Heinrich (für sich). lAvorowu8! Charlotte (für sich). Der Pedant! Heinrich. Könnten Sie mich als Ihren Vater betrachten? Charlotte. Ich habe wenigstens nicht den Wunsch — etwas Anders in Ihnen zu sehen. Heinrich (steht auf). Die Ehe ist eine ernste Handlung. Charlotte (seufzt). Ja wohl! Heinrich. Daö weibliche Gemüth beschäftigt sich jedoch gerne mit diesem Gedanken. Charlotte. Nicht immer. — Eö kommt auf Umstände an. Heinrich. Das Jneinander- schmelzen verschiedener Charaktere, Ideen, Gebräuche, Gewohnheiten ist oft schwierig, dadurch entstehen Widersprüche — Charlotte. Ich liebe den Widerspruch. Ohne ihn wäre das Leben langweilig. Heinrich. Lieben Sie die Ehe? Charlotte. Das ist eine Gewis- senSfrage — je nachdem! Heinrich. Verzeihen Sie, — haben Sie schon eine Wahl getroffen? Charlotte. Bis jetzt nicht. Heinrich. Welches Glück! Charlotte (für.sich). Die Krisis naht! — Heinrich. Wollen Sie mir erlauben, für Sie zu wählen? Charlotte. Ich danke, ich wähle lieber selbst. Heinrich. Oder Ihnen doch Jemand vorzuschlagen — Derjenige, den ich meine, ist reich —. guter Laune, in mittleren Jahren — , Charlotte. Gewiß ein sehr würdiger Gegenstand. (Für sich.) Also nicht er selbst, oder hält er sich schon für alt? (Laut.) Wer ist es? Heinrich. Mein Vater. Charlotte.. Was, ich soll Ihren Vater heirathen? (Lacht.) Das ist köstlich! Heinrich. Willigen Sie ein? Charlotte (immer lachend). Das ist die sinnloseste Idee, die mir je vorgekommen ist — Ihren Vater heirathen — warum nicht lieber gar Ihren Großvater .' Heinrich. Der ist leider schon gestorben. (Charlotte lacht.) Ich habe es auf mich genommen, meinem Vater eine Braut zu wählen — meine Wahl fiel auf Sie — ist das lächerlich? Charlotte. Die Ehre, die Sie mir erweisen', ist groß — ich bin Ihnen sehr dankbar. (Ernst) So lächerlich der Vorschlag ist — unter einer Bedingung nehme ich ihn an. Heinrich (rasch). Sprechen Sie! Charlotte. Ich heirathe Ihren Vater, wenn — Sie meine Tante hei- rathen. Heinrich. Ich! Heirathen! Charlotte. Sie, meilie Tante! So wird der Unsinn doch vollständig. Heinrich. Meines Vaters Lebensweise muß geändert werden. Um ihn aus seinen leichtfertigen Gewohnheiten herauszureißen, will ich ihn ver- heirathen. Wenn eö gilt ihn zu retten, opfere ich mich gerne. Ihre Tante ist 6 noch in den besten Jahren, liebenswürdig und gesetzt, sie wird eine gute Gattin sein. Charlotte (für sich). Er ist verrückt, sie könnte seine Mutter sein! Heinrich. Wohlan, ich nehme Ihren Vorschlag an. Charlotte, (für sich). Hat der Mensch keine Augen? Wenn er schon heirathen will, kann er nicht — ein junges Mädchen nehmen? (Sie geht heftig auf und ab.) Heinrich. Wir werden eine glückliche Familie bilden. Charlotte. Wir werden das Gelächter der ganzen Stadt bilden, und so unglücklich werden, als wir es verdienen. (Für sich.) Er ist ganz hübsch — Heinrich. Wir werden sehr glücklich sein! Diese Ehe wird unö in die klassischen Zeiten zurückführen. Charlotte. Was kümmern mich die klassischen Zeiten! Heinrich. Die alte Philosophie lehrt uns — Charlotte. Ich kenne nur die moderne Philosophie und die sagt mir — Heinrich. Was? Charlotte. Daß Sie blind, verrückt sind. Sic sind ein Gelehrter und wissen nicht, daß Gott Ihnen Augen zum Sehen und ein Herz zum Fühlen gegeben hat? Oder haben Sie vielleicht kein Herz? Fast scheint es so! Ihr Gehirn ist mit Staub und alten Spinnengeweben gefüllt, das haben Sie von Ihren alten, klassischen Büchern. Lernen Sie die Welt und die Menschen kennen, wie sie sind, wie sie leben, werfen Sie Euclid, Plato und Aristoteles in s Feuer, und lernen Sie — Heinrich. Was. Charlotte Lieben! Heinrich. Wer soll mich unterrichten ? Charlotte Meine Tante! (Sie lacht und geht ab.) Zehnte Scene. Heinrich. Sie lacht mich offenbar aus, und ich fühle mich doch nicht beleidigt — eine sonderbare Bewegung durchzieht mein Herz — ein so fremdartiges Gefühl — Charlotte ist ein leichtsinniges Mädchen, sie lacht über Alles, aber ihre Manieren sind nicht unangenehm, ihre Erziehung wird nur nicht ernst genug gewesen sein. Sie ist sehr hübsch. — Wie mein Herz schlägt (er legt die Hand an's Herz). Meine Wangen glühen, meine Pulse schlagen, ich muß das Fieber haben. Gewiß, ich bin krank! Ich werde Galenus oder den Hippo- krates zu Rathe ziehen. (Seufzt.) Sie hat wunderschöne Augen! (Seufzt.) Zhr ganzes Wesen ist so frisch und munter — ich werde sie sehr lieben, wenn sie meine Mutter sein wird. (Ab.) Eilfte Scene. Charlotte (kommt spähend zurück). Schon fort? Er ist jedenfalls verrückt. Ich soll seinen Vater heirathen? Sehr schmeichelhaft für mich! Warum fiel eS ihm nicht ein, mich heirathen zu wollen? Der arme junge Mensch lebt im Traume, und ich bin nicht der gute Genius, der ihn zum Leben erwecken soll! Schade, daß er so steif, so pedantisch ist. er ist recht hübsch. Wenn er sich nur verlieben würde, das würde ihn gewiß zu seinem Vortheile verändern. Zwölfte Scene. Frau Müller. Charlotte. Fr. Müller. WaS sagte Heinrich, liebes Kind? Charlotte. Mir? Nichts, oder Schlimmeres als Nichts. Fr. Müller. Warum wollte er Dich also allein sprechen? 7 Charlotte. Rathen Sie! Fr. Müller. Herr Amberfeld sagte mir, er wolle Dir einen Heirathöantrag machen. Charlotte. Einen Heirathöantrag wohl, aber nicht mir. Er will meine liebenswürdige, gesetzte Tante hei- rathen. Fr. Müller. Er mich heirathen? Charlotte. Sie! Ist daS nicht lächerlich? (Lacht.) Fr. Müller. Ganz und gar nicht. Sie sollen auch nicht darüber lachen, Fraulein! Charlotte. Sie haben Recht Tante, es ist eine zu traurige Geschichte! Ein junger vernünftiger Mensch und solche Gedanken. Sie könnten ja seine Mutter sein! (Lacht.) Fr. Müller. Charlotte, Du bist meine Nichte, vergiß den schuldigen Respekt nicht. Wie kannst Du an des jungen Menschen Vernunft zweifeln? Gerade seine Wahl bezeugt, daß er über die Frivolitäten seines sonst unvernünftigen Alters hinaus ist. Das ist ein seltenes Beispiel! Charlotte. Gottlob, daß eS selten vorkommt! Fr. Müller. Wenn Du mit mir über diesen Punkt ernst sprechen kannst, komm' wieder, jetzt wünsche ich allein zu sein. Charlotte (,m Abgehen). Eine solche Heirath! (Lacht.) Fr. Müller. Charlotte, ich verbiete mir dieses Benehmen! Charlotte (gezwungen ernst). Verzeihen Sie, liebe Tante, ich will gehorchen, wenn ich nur kann. Meinen Respekt an meinen zukünftigen ehrwürdigen Onkel! (Sie bricht in ein Gelächter aus und läuft ab.) Dreizehnte Seene. Fr. Müller. Daö Mädchen wird unausstehlich! Wir müssen uns tren. nen. Ihr Leichtsinn würde Heinrich beständig verletzen. Ich hatte ihn ganz unrichtig beurtheilt. Wie weise, wie gelehrt er ist — ich werde viel studi- ren müssen, um seiner einigermaßen würdig zu werden. Vierzehnte Scene. Amberfeld. Frau Müller. Ambers. Nun, liebe Cousine, ist Alles in Ordnung? Fr. Müller (seufzt astrktirt). Scho« nen Sie meine Gefühle. Ambers. Willigen Sie ein? Fr. Müller (verschämt). Ja. Ambers. Er sprach also offen? Fr. Müller. Za, der theure Mann! Ambers. DaS freut mich. Ich wußte, der Bursche setzt Alles durch. (Reibt sich dieHLnde.) Ein prächtiger Junge! Fr. Müller. Verzeihen Sie meine Verwirrung — meine Bescheidenheit erlaubt mir nicht — Ambers. Lassen wir jetzt die jungen Leute und denken wir an unsere Heirath. Wir haben keine Zeit zu verlieren, also eilen wir glücklich zu sein. Fr. Müller (bestürzt). Um Gotteswillen, vergessen Sie die Vergangenheit. Ambers. Vergessen? Haben Sie andere Pläne? Fr. Müller. Fragen Sie mich nicht — Sie sollen später Alles erfahren, das Schicksal trennt uns für immer! Ambers. Das Schicksal hat sich also plötzlich entschlossen grausam zu sein — xor einer Stunde noch wollten Sie meine Frau werden — Fr. Müller. Jedes Wort ist em Dolchstich für mein zartfühlendes Herz. — Ich kann nicht die Ihre sein. Ambers. Warum nicht? Fr. Müller. Ich gehöre einem Andern — für immer, unwiederruflich. 8 Amberf. Sie Sind verheiratet? Fr.Müller. Noch nicht.' Aber unsere Herzen baden sich gefunden. Amberf. Wer ist der Glückliche? Fr. Müller. Einer, der über die Eitelkeiten der Welt hinaus ist — der Erhabenste, Weiseste seines Geschlechtes. Ich kann nicht Ihre Frau sein, aber ich werde Sie immer als Freund schätzen und als Vater lieben. (Ab.) Fünfzehnte Scene. Amberf. Ist sie verrückt, oder träume ich? Wer kann der Glückliche sein? Also verschmäht! Und bis jetzt war ich der Liebling der Frauen! Weiber und Wetterhähne sind veränderlich wie der Wind! Oder sollte ich wirklich anfangen alt zu werden? Ich fühle noch nichts davon. Sechszehnte Scene. Heinrich. Amberfeld. Heinrich. Alles ist in Ordnung, Vater. Amberf. (unwillig). Ich weiß es. Heinrich. Sind Sie nicht erfreut darüber? Amberf. Freuen soll ich mich auch noch? Vielleicht über meinen Korb? Heinrich. Willigt sie denn nicht ein? Amberf. Keine Idee! Sie hat mich rundweg abgewiesen. Heinrich. Sie versprach mir doch — Charlotte wird doch nicht lügen — Amberf. Was soll Charlotte? Heinrich. Soll sie nicht Ihre Frau werden? Amberf. Charlotte, meine Frau? (Lacht.) Unsinn! Heinrich Ich machte ihr in Ihrem Namen den Antrag. Sie willigte ein, und in einer Woche können Sie der glückliche Mann eines jungen, schönen, reichen Mädchens sein — wie ich eS Ihnen versprach. Amberf. Ich bin Dir wirklich sehr dankbar, lieber Junge, allein ich kann es nicht glauben. Heinrich. Schicken Sie um den Notar, bringen Sie Alles schnell in Richtigkeit, damit ich Sie bald verheiratet und glücklich sehe. Amberf. Die Welt ist ein Nar- renhauS— jedoch mir ist's recht. Ich gewinne bei dem Tausch. Die Nichte ist mir jedenfalls lieber wie die Tante. Nur begreife ich Dich nicht. Aufrichtig gesagt, ich hatte Charlotte für Dich bestimmt. Trittst Du sie mir ab? Heinrich. Wie meinen Sie das Vater? Amberf. Hast Du ihre Augen gesehen? Heinrich (seufzt). Sie sind wunderbar! Amberf. Hast Du ihre Zähne bemerkt? Heinrich (seufzt). Wie Perlen! Amberf. Nun also, bist Du bei Sinnen? Sie gefällt Dir. sie ist Dir nicht gleichgültig, und Du willst sie mit mir verheiraten? Sprich mit ihr, habe Muth und der Sieg ist Dein! Heinrich. Ich — ich? Amberf. Ja Du — Du! Ist das so außerordentlich? Heinrich. Wie soll ich es an- fangen, sie zu lieben? Amberf. Sie wird es Dich schon lehren. Heinrich. Wird sie mich aber lieben können? Amberf. Sei liebenswürdig! Heinrich. Das würde aber alle meine Pläne ümstoßen — Amberf. Sei gescheidt und heirate das junge Mädchen, sie paßt viel besser für Dich, wie für mich. Wirs alle unpassenden Gewohnheiten von Dir, sage ihr. daß Du sie anbetest, daß Du auS Liebe zu ihr stirbst, sie wird Dir glauben, sie glauben uns ja Alle. — Schwöre ihr bei dem Mond, bei der Sonne, bei allen Sternen ewige Liebe und Treue, die werden Dich nicht zur Rechenschaft ziehen, wenn Du Deinen Schwur nicht hältst. — Sage ihr, Du denkst nur an sie, sie allein kann Dich dem Leben erhalten. Du wirst sehen, sie ist Dein. (Ab.) Siebzehnte Scene. Heinrich (der während der letzten Rede seines Vaters öfters zusammenznckte). So ist eS ja auch — ich darf ihr ja nur sagen, was ich fühle. Sie allein kann mich dem Leben erhalten!. Mein Inneres brennt, entzückende, ganz neue Gefühle durchströmen meine Brust — mir ist so leicht, die Luft scheint mir duftig und mild, Alles ist verschönert, überall Sonnenschein, wo ich hinsehe Freude, Licht und Liebe! (Er sinkt in einen Stirbl.) Achtzehnte Scene. Frau Müller. Heinrich. Fr. Müller (für sich). Da ist er, und allein, wie ich zittere! Heinrich. Ich werde sie ewig lieben! Fr. Müller (für sich). Der liebevolle Mensch! Heinrich. Mein Leben sei ihr allein geweiht! Fr. Müller (für sich). Wie glücklich werde ich sein! Heinrich. Wir werden nur einen Gedanken, einen Wunsch und eine Hoffnung haben, wir werden eine Seele sein! Fr. Müller (für sich). Da- ist zu himmlisch! (Sie nähert sich ihm.) Heinrich! Heinrich. Gnädige Frau! Mit Freuden ergreife ich die Gelegenheit, um Ihnen zu erklären — Fr. Müller. Sprechen Sie, allein vorsichtig, meine Nerven sind schwach — Heinr. Werden Sie einwilligen? Fr. Müller (verschämt). Sprechen Sie — Heinrich. Lausend Dank! Sie gewähren — Fr. Müller. Alles! Kann ich solcher Zärtlichkeit widerstehen? Heinrich. Wollen Sie fürspre- chen für mich — wollen Sie bald den glücklichen Tag festseHen? Fr. Müller. Nicht so schnell — sein Sie barmherzig! (Sie fällt affektirt in Ohnmacht, in seine Arme.) Heinrich. Sind Sie unwohl, gnädige Frau? Fr. Müller. Meine Natur ist kräftig, es ist schon wieder vorüber. Meine Gefühle überwältigten mich! H einri ch (für nch). Wie sie theilneh- mend ist! (Laut.) Sie werden also mit Ihrer liebenswürdigen Nichte sprechen? Fr. Müller. Zu was? So ein junges Mädchen wird bei derlei Dingen nicht zu Rathe gezogen. Heinrich. Aber bei Etwas, was sie so nahe betrifft — Fr. Müller. Ueberdieö muß sie aus dem Hause, wenn wir (verschämt) verheiratet sind. Heinrich (zurückprallind). Wir — wir verheiratet? Fr. Müller. Sie wollten sie doch nicht im Hause behalten? (Zärtlich.) Sind wir uns nicht Alles? Wollen Sie mir nicht allein Ihr Leben weihen? Wir werden eine Seele sein! Heinrich. DaS ist ein Mißver- ständniß, gnädige Frau. Ihre Nichte ist der Gegenstand meiner Liebe! Fr. Müller. Meine Nichte — haben Sie die ganze Zeit über von meiner Nichte gesprochen? Heinrich. Za freilich! Fr. Müller. Fürchterlicher Betrug! Grausame Täuschung! Meine Gefühle so zu verspotten. Sie Ungeheuer! (Sie wkint.) Der Himmel wird mich rächen! 10 Heinrich. Erlauben Sie — Fr. Müller. Ich erlaube gar nichts — fort von mir! Ist das Ihre Eingezogenheit, Ihre Gelehrtheit? Ein treues Herz brechen haben Sie gelernt! O Sie heimlicher Blaubart! Sie Lira»! Meine Nichte wird Sie abweisen, sie will einen gesetzten Mann, keinen Buben! Sie wird sich in die Mauern eines Klosters zurückziehen und ich werde sie begleiten. (Sie gebt weinend ab.) Neunzehnte Scene. Heinrich. Welcher Jrrthum! Welchem Abgrund entkam ich! ES wäre fürchterlich gewesen, der Mann dieses Weibes zu sein! — Doch wo ist die Erwählte meines Herzens? (Er stößt auf die Bücher.) Weg mit den Stoikern und Klassikern (Er wirst die Bücher unter den Tisch). Ich will nichts als Jugend, Schönheit und Liebe! (Charlotte fingt von außen.) Welche wohltönende Stimme! Sie kommt, Beredsamkeit stehe mir bei, Herz, leite mich, daß ich sie für mich gewinne. Allein, wie ich sie nahen höre, zittere und bebe ich, mein Ge- dächtniß verwirrt sich, ich weiß nicht mehr, was ich ihr sagen soll — Zwanzigste Scene. Charlotte. Heinrich. Heinrich (für fich). Ich habe nicht den Muth, sie anzusehen. Charlotte. Sie haben meine Tante tödtlich beleidigt. So halten Sie Ihr Wort — nach all' den schönen Versprechungen, die Sie mir gemacht? Heinrich. Wie konnte ich halten, was ich im Wahnsinn versprach? Ich war blind, fühlloS, ein lebendiger Stein, unzurechnungsfähig. Nun bin ich zu neuem Leben erwacht, Dank sei es Ihren schönen Augen, aus denen das Licht in meine Seele drang! Sie haben dieses Wunder bewirkt, jetzt weiß ich erst, daß ich lebe! Lassen Sie mich Ihnen mein Leben und Alles, was ich habe, weihen. Sein Sie barmherzig, vergessen Sie, waS vorüber ist, lassen Sie mich hoffen! (Er faßt ihre Hand.) Charlotte. Nicht übel für einen ersten Versuch? WaS sagt Ihr Vater? Heinrich. Daß ich schon früher hätte so zu Ihnen sprechen sollen — er sagte mir. daß Sie mich wieder lieben werden! Charlotte. Was kann er wissen? Heinrich. Nein, nein, ich liebe Sie ja so sehr, daß Sie mich wieder lieben werden. (Küßt ihre Hand.) Charlotte. Da ist ein Wunder geschehen! Sprechen Sie auch wahr? Heinrich (ernst). Fräulein, ich spreche immer die Wahrheit. Charlotte. Auch ich, junger Herr! Wenn ich auch lustig, manchmal sogar etwas leichtsinnig bin. Heinrich. Sagen Sie mir, daß Sie mich lieben, ich sehe eS ja in Ihren lieben Augen, in Ihrem holden Lächeln — ich bin außer mir vor Freude. Wie schön ist doch das Leben und ich Narr lebte nur in todten Büchern. Ich muß die verlorne Zeit einzubringen suchen. (Er küßt fie.) Charlotte. Sachte, sachte, junger Herr — Sie glauben, weil Sie sich ein wenig spät auf die Reise machten, jetzt doppelt schnell reisen zu müssen, nur hübsch Zeit lassen. Heinrich. Hören Sic mich, Charlotte — Charlotte Wo bleibt denn die Philosophie? Heinrich. Sie liegt zu Ihren Füßen. (Er kniet vor ihr.) Einnndzwanzigstc Scene. A mberfeld (tritt rasch ein). Vorige. Ambers, (klatschtindieHände). Bravo, Bravo! So ist'S recht! ri Charlotte (springt auf die Seite). Himmel! Heinrich. Mein Vater! Amberf. Nein, Dein Nebenbuhler, Dein beleidigter Nebenbuhler. So wirbst Du für mich, und Sie. Fräulein, vollenden seine Erziehung, wie eS scheint — Heinrich. Verzeihen Sie! Amberf. Verzeihen — was? Du Schelm — gleich küsse sie, ich bin herzlich froh, daß Du endlich zur Vernunft kommst. Gebt mir eure Hände. (Ergibt ihre Hände zusammen.) Gott segne euch! Zweiundzwanzigste Scene. Frau Müller. Vorige. Fr. Müller. Was geht hiervor, Charlotte, was thust Du? Charlotte. Ich verheirate mich, Tantchen! Amberf. Ja, ja, eS fehlt nur Ihr Segen. Wünschen wir dem jungen Paare Glück! Fr. Müller. Niemals! Charlotte (streichelt sie). Tantchen, liebes Tantchen! Fr. Müller. Ich bin Deine Tante nicht mehr. Amberf. Heiraten Sie mich, so werden Sie gleich wieder ihre Tante. Der Bursche war ja immer verrückt, wäre er vernünftig, würde er nicht die Nichte der Tante vorziehen, einer so blühenden Tante — verzeihen Sie ihm, er verliert ja am meisten dabei, die Strafe wird schon kommen. Charlotte wird gewiß dafür sorgen, nicht wahr? (Charlotte bejaht lächelnd) Haben Sie Mitleid, verzeihen Sie ihnen und heiraten Sie mich! Fr. Müller. In Gottesnamen, heirate Deinen trocknen Gelehrten. (Zu Amberfeld.) Glauben Sie denn, daß ich auch nur einen Augenblick seinen Rhapsodien Glauben schenkte? Ich stellte mich nur so, weil mich seine Narrheit unterhielt. Ich — an diesen steifen Menschen denken, nicht einen Augenblick. (Sie lacht affektirt.) Amberf. Das wußten wir ja. Lassen wir die Jugend der Jugend, und das Alter — Fr. Müller. Alter! — Mein Herr — Amberf. Bitte sehr — ich meinte mich — das Alter dem Mittel- alter! (Er küßt ihr galant die Hand). Ende. - ,TlaS I. B. WaMSHansser'S k.^. Hostheater-Druckerri. >»s . chim .f ?'» 'Uu <> i -il' l^rnri ch^is. -tT « 76 E .rM?7s- 77Mvrr r-r ivÄ -chjluK 7^6 ^<§,»56 ^ ,m^r »rI «s^r7ßV7.-^- 7w»r '«>6rn6tti^' ru6 ,i'-4v6 kirr» »k irrik'tS. 7» 6lt« >st-U§ ? 7k-t »-tbi-'t «»-,!7>.ckI) ^ rtttk7!.ä'6nu !l7N^r 7,-L tttz<»f777 .6t»l! : ' !chinr )sK j ,snmc»nSrttyG .7'LU«M .rH : ^ ^nrjr^Is^) ii^ttL^ir tt7ny^ rtkii-H 6n -L6 >kmr6 '-iL k-4ubM> '/s^5Wll)klr47Z)'ll4n7r»ujt n,nr^ 7«« chim s '!>:! : ch?) f-Hn'rchf nvlukIA n>!4.' .rn:.» tnüllks!; vnr Sikömz.»?, »ttM» !Di?7/„Itttä! ' ' ^ i .kj 7!« Hr.'L fr>6m^ ? .6.'!»!.»^ 7>Ä 6tl)k„^' '»r6 7»« — 77t!jk -h4 Z/m. ttps^' Il'/tjK .7^!!t'kE .7^ ^ " ^ . slirtLM Ht — 7ä>' Uli^L ! -r7tlt^? ltt-6 77tljk tz«6 - chkttl^ VI Inc^H !qül r»l! !7)f!k/j .yni^L- 'rri ,E 1-Ä7^.- r 7 k 6 K-' 2 ' - - ! 7-rvkL «nM «b r 7 tt ksch. nrxD,nn-? f 7 » Sm ä ft4n«r 7»1tzj6t»!r4 tt»-L .tt»»!uv7^ 6lui <.chi kn 7u'1 »L -7 7!« > , 8Mk47if7^ 7N,-'» k,46n»v >,4,löH. 77U- /ika riiG .ftmmvf l 'dtt» N«)7Z ?U(L ^!!^t öl.« ,7tt0!7«-6H .Kim '»7v7j7ä?77 chs^ .»Nyl7V^L,.vr - ^ ' !srrä-l.'r»L l'jA 7U!t Ss ,dj ,l-r-. f 7 7 s m X' H »npk'tt'l M!>6 7!« .ürck'tNllW rr»8»L- ^ IdulÄ »7K7.P ! .7 7N ü M .7^ .lirchtLbA .,? rlxr-nitz o 11 v,! 7 b . . ?NLchtkll,L S)s7r! '»iits-L LN!7^ nr4 .7»N«W.7K .7^rm rchjü . 6ktO > - -7 ' ''Aktt Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Wirthin Charakterbild in drei Alten * von Friedrich Kaiser. Personen: Baron von Hoch mark. Herr von Saarfttin, ehemals Bankier, nun Gutsbesitzer. Emma, seine Tochter. Kapler, Gütertirektor. Rudolf. Kammerdiener. Paul, Bedienter. Kassier. Osttmar. ein Virtuose. Hartkopf, ein reicher Bauer. Eilli, seine Tochter. Elise, deren Muhme. Wilhelm Echtmann, Gastwirtb. Vinzenz, Lohnbetienter. Pippmann, Gemeindkmirtb. Weißling, Müller. Christl, dessen Sohn. Jgelbauer, i . Grundtnger. s Nani, Köchin beim Echtmann. Gäste, HerrschastSbeamtr. Musiker, Dienstleute Bauern und Bäuerinnen re. rc. Erster Akt. (?tube im GemeindewirthShause zu Altenhausen, bäuerisch eingerichtet. Eine Mittel», zwei Sei tenthüren. Seitwärts ein Fenster. Im Vordergründe zu beiden Seiten Tische.) Erste Scene. Grundinger, Jgelbauer, mehrere andere Bauern (fitzen an einem Tische im Vordergründe, zum Theil stehen sie an dem Fenster). Grund, (zum Fenster hinauSsehend). A schön's HauS — das neue Haus da droben auf der Anhöh' — jetzt', wo's die G'rüst wegg'nommen haben, sieht man erst, was das für a Pracht ist. Jgelb. 'S g'hört aber nit zu unfern Grund, denn der Platz, auf dem'S steht, gehört schon zu der Besitzung von Baron Hochmark. Grund. Aber wem's nur g'hören muß? Jgelb. DaS werd's erfahren, wann der G'meindwirth zurückkommt — den hat die Neugier 'naufg'trieben — er will fragen — 1 2 Zweite Scene. Vorige. Hart köpf. Weißling. Christ l. Hartkopf (ein stattlicher Mann, an fünfzig Jahren, mit aufrechter, von einem gewissen Stolze zeigender Haltung; seineKleidung verräth bäuerische Wohlhabenheit, er tritt mit Graviät durch die Mitte ein), Weißling und Christ! (folgen ihm). Alle Anwesenden (mit dem Ausdrucke des Respektes ihn grüßend). Ah, der Herr Hartkopf! guten Morgen, Herr Hartkopf! Hartk. (herablassend grüßend). Auch so viel, auch so viel! (Zu den a» Fenster Siebenden etwas verdrießlich.) Na, was gafft's denn alleweil da hinüber? Grund. Weil wir halt gern wissen möchten, wem das schöne neue Haus g'hört? Hartk. WaS geht dös unS an? — Für's Erste g'hört's nicht zu unfern Grund, für's Zweite sieht man'S dem HauS im Gesicht an, daß's ka Bauernhaus iS. Dritte Scene. Vorige. Pi pp mann. PippM. (eilt bei den letzten Worten Hart- kopf's ganz bestürzt herein). Nein, kein Bauernhaus, wißt's aber, was daö für ein Haus ist? Alle. Na — na? Pippm. A Wirthshaus! Hartk. Was? das schöne stockhohe Haus? Pippm. Ja — a junger Wirth aus der Stadt hat's bauen lassen. Hartk. (finster). Was? a Stadtwirth? a Stadtwirth? Pippm. Ja, — und g'rad mir auf d'Nasen setzt er sich, — also hat er's auf meine Gast abgeseh'n, auf die Gast, die bisher mein Wein ang'lockt hat — eS sind sauer erworb'ne Gäste, und der will mir'S abspenstig machen! Hartk. Seid's ruhig. Gemeindwirth, Ihr wißt, wie ich von die Stadtleut überhaupt denk'! Weiß!. Ja, Ihr könnt'S es nit auS- steh'n, das wissen wir Alle. — Hartk. Und warum kann i'S nit aussteh'n? Weil ich ihren Stolz nicht leiden kann. Wann i so manigsmal einikomm' in die Stadt, so schaut mich jeder so z'sammg'statzte Windbeutel nur so gewiß wegwerferisch über die Achsel an, und cö heißt alleweil nur „der Dauer da!" als ob's nit ein Unterschied gebet zwischen Bauer und Bauer! — 2a, ich bin a Bauer — aber (yolz) was für einer! Weißl. Ja, a Mann wie Ihr, der seine hunderttausend Gulden hat und dem sein Stimm a G'wicht hat in der Gemeind. — Hartk. Weil Alle wissen, daß ich Alles durchsetz', was ich einmal will, bei mir gibt's kein Widerspruch, ich Hab' gar ein festen Kopf! — Aber dafür halt ich's auch mit der Gemeinde, und ich — ich werd' mei' Geld zu kein so aufgeblasenen Stadtwirth hintragen. Pippm. Ja — Ihr! Hartk. Und wo ich hingeh', da geh'» die Andern a hin. Weißl. No, das versteht sich, — ist ja Allen eine Ehre mit Euch beisammen z'sein! D'rum (zu Pippmann) seid nur ruhig, bringt's uns ein Wein und laßt's uns jetzt von was G'scheidter'n reden! Pippm. (gebt ab und bringt Wein rc.) .Christ!. Ja, ich weiß was viel G'scheidteres! hehehehe! Weißl. (zu Hartkopf). Setzt Euch da nieder, Herr Hartkopf, ich Hab' ein ernsthaftes Wort mit Euch z'reden. Hartk. (fichsetzend). So?2hr—mit mir? Weiß l. (setzt fich zu ihm). Ja? Ihr wißt's, ich Hab' ein einzigen Sohn, den Christ! da — und Ihr — Ihr habt'- eine einzige Tochter — 8 Hartk. Ja, meine Cilli. Weiß!. Schaut's Eng mein Christl einmal an. Christi. Ja, schaut's mich an, he he he.' Weißl. A sauberer Bursch — nit wahr? Er kriegt mei'Mühl und zwan- zigtausend Gulden bar. Hartk. Hm! meine Tochter hat von ihrer Mutter her zwar nur zweitausend Gulden, aber 's Andere gib ich ihr d'rauf — versteht sich, wann's nach mein Willen heirath. Weißl. Na, und was war'ö denn so? War' der Christi nicht nach Eueren Sinn? Hartk. (Weißling ÜI, sehend). Ist das im Ernst geredt? Weißl. Mein vollkommener Ernst. Christl. Und der meine a — ja — ich mocht gern heirathen — hehehe! — Hartk. Hm, der Antrag ist jedenfalls nachdenkenswerth. — Weißl. (,h,u die Hände hinhaltend). Na, so schlagt'S ein —! Hartk. Das geht nit a so, wann i amal mein Handschlag gib, nachher iö's a so viel, wie als wann's g'scheh'n wär'! — Weißl. Na, und wann nur Ihr wollt's — nachher isi's ja a so viel! Hartk. In allen Fällen, aber in den Fall nit. Weißl. Was? in Euerem eigenen Haus, bei Euerem eigenen Kind? Hartk. Na, g'rad bei dem! — Wißt's. meine Selige hat mich gegen ihren Willen heirathen müssen; ich hab's gern, recht gern glsabt, aber doch Hab ich'ö nie dahin bracht, daß sie so recht lustig g'wcseu wäre, und — wie's am Sterb'bett g'legen ist, hat'S mich beten, ich soll ihr schwören, daß ich unsere Tochter nie zu einer Heirat zwingen, sondern daß ich's den gib, den sie sich selbst wählt! — Weißl. Und Ihr habt's das geschworen ? Hartk. Wer hätt denn in so ein' Augenblick nicht g'schwor'n? — Na — und jetzt muß ich also den Schwur wohl halten! Weißl. Aber Euere Tochter hat doch nicht am Ende schon eine andere Lieb? Hartk. (auffahrend). Na, das soll sie sich untersteh'« — ohne meine Einwilligung! Weißl. Aber Euer Schwur! Hartk. Alleseins! Nach dem Schwur darf ich ihr nur's Heirathen nit verbieten, aber verliebtsein gegen meinen Willen. — da sollt's mich kennen lernen, Sakerment. Einmal hat's eh schon g'rathen. Christl. Was? was? Hartk. Ich sag 's hätt bald g'ra- theu! d'rau war zum Glück noch nichts, als a Kinderg'spielerei. Weißl. Aber mit wem denn? Hartk. Na. Ihr wißt ja, daß ich mich vor a fünfzehn, sechzehn Jahren Hab' bereden lassen, einen Buben aus'n Waisenhaus zu mir zu nehmen. Weißl. A ja, — wie hat er denn nur g'schwind g'heißen? Hartk. Ottmar; na, ich hab's aus guten Herzen than. Hab' ihn etwas Ordentliches lernen lassen wollen, aber der Bursch war zu nichts anstellig — nicht zur Feldarbeit — nicht zum Vieh — er hat Euch den ganzen Tag nichts thlin wollen, als ans seiner Fiedel scheren. die ihm der Schulmeister g'schenkt hat! Pippin, (ist wieder zum Lisch getreten). Ach, mein! — was wahr ist. muß wahr sein, er hat sehr sauber g'spielt. Hartk. Na ja — ist Alles recht, aber daß er oft halbe Nächte unterm Fenster von meiner Cilli g'fiedelt hat, daß alle Hofhunde g'heult haben — Weißl. Unterm Fenster von der Cilli? Hm! Hm! Hartk. Ich Hab' anfangs nit so d'rauf y'acht, na ja, mein Madel war " 1 * 4 ja erst zwölf Jahre — aber einmal triff ich'S mit einander am Bach sitzen, er hat'n Arm um ihren Halö g'legt und sagt: „Cilli, Du bist mein Engel! Du mußt einmal mei Weiberl werden! Pippm. Nein, was die Kinder für Einfäll haben — Hartk. Da bin ich aber dazwischen g'fahren, und Hab kurzweg g'sagt: „Bursch, Du darfst nicht mehr in mein Haus bleiben, — 's thut ka Gut! — Marsch fort! — heut noch!" — Und glaubt's, daß der Bursch g'want hält oder beten? — Ka Red! — Er hat g'sagt: „Ja, ich muß fort, das seh' ich selber ein, aber — Ihr sollt's mich wieder sehen!" und mit dem hat er sein Fiedel von der Wand g'rissen, ist fort — und seit dem sein'S acht Jahr, und i Hab' nir mehr g'seh'n und g'hört von ihm. Weißl. Seid's froh! — Na, damals war die Cilli noch a Kind, (zu Christ!) da darfst Du Dir nix d'raus machen. Christ!. Ich mach mir a nix d'rauö, wenn nur der Herr Hartkopf erlaubt, das ich um die Cilli anhalten darf. Hartk. Das könnt'S thun, meinetwegen heut noch, und ich sag' Euch, ich thu' kein Einspruch. Pippm. Halloh! Da gibt's wieder a Lustigkeit im Ort! — Aber Herr Hartkopf, nit wahr, d' Hochzeit laßl'S doch bei mir halten? Hartk. Auf alle Fälle — wenn mei' Tochter heirath, muß -'ganze Dorf eing'laden werden, und da ist mei Haus z'klein. — Pi pp mann. Bei der Gelegenheit sollt'- erst sehen, was ich für ein Wein im Keller liegen Hab', wollt'- vielleicht a kleine Prob' machen? Hartk. I- recht! — ich werd' Euch dann gleich sagen, von welcher Sort' Ihr derweil in Flaschen abzieh'n sollt'-! Pippm. Na, so geh'n wir gleich hinunter in Keller. (Au den Uebrigen.) Ihr sollt'S Euch überzeugen, daß'- der neue Wirth mit mir nicht sobald aufnehmen kann! Alle. Juhe! a Weinprob! Nehmt'S die Krügeln mit! juhe — in Keller! (Stehen auf und nehmen die Krüge.) Pippm. Aber nur Prob vom Wein, nicht daß'ö etwan die verschiedenen Gat« tungen von Räuschen probiren wollt'S! Hartk. Sorgt's Euch nicht, ich bin dabei, das halt an Jeden in Zaum! — Also gehen wir! (Geht voraus zur Kellerthür und durch dieselbe ab.) (Die Uebrigen folgen ihm.) Vierte Scene. Vinzenz Preller (in einem neumodischen Landkostüme, einen breit- krämpigen Hut auf dem Kopfe, einen Retsesack in der Hand tragend, tritt durch die Mitte ein). Lied. 1. Es dreht sich die Erd' um sich selbst um und um, D'rum wird sie vom ewigen Drehen so dumm, Und eS geht oft so damisch zu auf unserer Welt. Das g'rad auf den Kopf wird so Manches gestellt; Man merkt eS bei All'm, was man sieht, was man hört. Die Welt ist verkehrt, die Welt ist verkehrt. 2 . In der Prater-Allee fährt ein Wagen dahin. In der Chaise dehnt sich ganz gemächlich der Kutscher drinn', Und vom droben am Lock, mit den Zügeln in der Hand, Sitzt die gnädige Frau, ganz geputzt elegant — Die kutschirt g'rad so. wie die Fiaker die Pferd. Die Welt ist verkehrt, die Welt ist verkehrt. 3. ES streiten sich Zwei, und 'S Recht will Jeder hab'n. Um den Platz, vo'S vor Jahren ein' Künstler begraben. Trotzdem, daß noch strittig, wir sehen daß zuletzt 'S Monument voll Prangen dem Mozart wird g'skpt. Und vielleicht liegt dort a Strumpfwirker unter der Erd'. Die Welt ist verkehrt, die Welt ist verkehrt. Ja, die Welt ist verkehrt, aber g'rad im Gedanken liegt ein ungeheurer Trost, für den, der in einer niederen Stellung ist, denn g'rad weil die Welt verkehrt, ist er zum Bewußtsein berechtigt, daß das Niedere eigentlich was Hohes ist, was aber nur durch die allgemeine Verkehrtheit von seinem Platz verschoben worden ist. — Ich z. B. bin ein Lohnbedienter! — Das Wort Bedienter wird gewöhnlich so gewiß geringschätzend, so über die achselseherisch ausgesprochen, und doch ist die ganze Welt im Grunde nichts Anderes, als ein großes Bedienten-Zimmer, wo sich Einer von den Andern nur durch die Livree und die Lohnverhältnisse unterscheidet; davon wollen die Philosophen eine Ausnahme machen, indem sie sagen: „Der ist frei, der sich selbst beherrscht". Lächerlicher Widerspruch, den man einem Philosophen, der doch Logik studirt haben muß, gar nicht Zutrauen sollt! — Wenn Einer sich selbst beherrscht, so muß er ja auch sich selbst unbedingt gehorchen, und könnt sich daher eben so gut seinen eigenen Sklaven nennen, als seinen eigenen Herrn! — Ueberhaupt was Alles zur Abschaffung der Sklaverei g'redt und g'than worden ist, es handelt sich doch nur immer um den Namen — daö Wesen der Sklaverei wird fort bestehen, so lang eS Menschen gibt! — Gerade der edelste Mensch macht sich selber zum Sklaven einer sehr strengen Tyrannei, nemlich der Pflicht, und opfert ihr nicht nur allein seinen Körper, sondern auch seinen Geist. — Mindere Charaktere bringen ihren Despoten mit sich auf die Welt, und der heißt Magen, für den müssen sie arbeiten, von der Kindheit bis in's späte Alter, und die Geschichte hat keinen BrutuS aufzuweisen, der den Muth g'habt hätt' sich selber von diesem grausamen Zwingherrn zu befreien; im Ge- gentheil, der Sklave bietet noch alle- Mögliche auf, damit dieser Herr Magen sich eines ungestörten Wohlseins erfreue, und hat seine Freud' daran, wenn der alle Tag zur bestimmten Stunde durch seinen Herold Hunger den Tribut einkassiren läßt. — Zarter Organisirte beugen ihre Knie vor einer andern Herrin — vor der Liebe. DaS ist gar eine feine, aber nicht minder grausame Gebieterin; sie umwindet ihre Fangschlingen mit Rosenguirlanden, wie man's aber eine Weile tragt, fallen die Blüthen ab, und man hat das Dornkravatel mit nach innen gekehrten Stacheln am Hals, was man dann „Verheirathsein" heißt, deß- wegen versteht man auch unter dem Wort „Freier" nurden, der erst auf's Heirathen auSgeht, zum Zeichen, daß er aufhört Freier zu sein, sobald er ka- pitulirt hat, das heißt, gefesselt — ist! — Man plauscht sich ferner oft selber mit dem schönklingenden Satz an „die Gedanken sind frei"! G'rad vor dem Thore der besten Gedanken hängt oft das Schloß des Schweigens. — Man kann, man will, man muß oft schweigen — Schweigenkönnen, zeigt von Willenskraft; — Schweigenwollen, zeigt von Nachsicht und Schweigenmüssen, zeigt von Rücksicht, die man oft nehmen muß! — und aus dieser Rücksicht will ich auch jetzt schweigen, obwohl ich noch über das eben besprochene Thema ein ganzes Magazin voll Gedanken hätt'. Fünfte Scene. Vinzenz. Wilhelm Echtmann. Wilhelm (städtisch, doch noch geckenhaft gekleidet, tritt durch die Mitte ein). Nun, Vinzenz. Du läßt mich lange auf Dich warten! Vinz. Sie haben mich daher voraus inSGemeindewirthShauS geschickt, um Erkundigungen einzuziehen, wie Sie sehen, ist aber kein Mensch da, nicht einmal 6 a Bauer. Dieser Umstand verspricht nicht viel Gutes für Ihr neues Unternehmen — eine Gegend, deren Bevölkerung nicht an einem ewigenDurst leidet, ist sehr ungesund für einen Wirth! Wilh. Rechne ich denn bei meinem neuen Etablissement auf die Bauern? Dazu hätte ich nicht nöthig g'habt, es so elegant herzustellen. Meine Berechnung ist eine andere! Durch einen Freund erfuhr ich, daß sich ein Verein von Aktionären gebildet habe, welche von der einige Meilen von hier entfernten Eisenbahn eine Seitenbahn bis hierher in dieses reizende Thal anlegen wollen. Ich bekam den Plan zu sehen, kaufte den Platz, neben welchem der Bahnhof gebaut werden soll, und ließ ein niedliches Hotel aufführen. Ich hoffe, Städter, für deren Unterkunft hier sonst sehr schlecht gesorgt wäre, werden es mir Dank wissen, daß ich es ihnen möglich mache, die Reize des Landlebens mit allem Komfort zu verbinden. Vinz. Die Spekulation ist nicht übel, Sie rechnen auf die Stadtleut' und die schwärmen alle für die Schönheit des Landlebens; wenn's aber nicht gleich daneben gute Backhendel und eiskühlcn Champagner haben können, so kommt ihnen die reizendste Schweizergegend wie eine öde Sahara vor! Wilh. Ich erwarte einen guten Erfolg ; mein Geschäft verstehe ich — bin an Thätigkeit gewöhnt und will keinen übermäßigen Gewinn, und so hoffe ich werdet, die Gäste gern und zahlreich bei mir einkehren. Binz. Nur gleich im Anfang ein' recht großen Lärm davon machen! — In allen Zeitungen annonciren, an allen Straßenecken in der Stadt d'rinn klafterlange Anschlagzetteln mit so großen Buchstaben, daß jedes J-Tüpfel sich von weitem wie a Vierundzwanzig- pfünder - Kanonenkugel ausnimmt — nachher eröffnen wir das Gasthaus mit einer großen Fest-Illumination, Feuerwerk, und sechs Musikanten-Banden; so machen's ja die meisten WirthShaus- lokalitäten-Besißer. damit sich die Gast' gleich daran g'wöhnen, so bedient zu werden, daß ihnen Hören und Sehen vergeht. Wilh. Nein, nein, ich bin kein Freund von solchen Zugmitteln. — Und nun gar die Eröffnung! — Nein! — Wenn Gott will, so soll kein rauschendes Fest, sondern die stille Feier beglückter Liebe dem neuen Hause die Weihe geben. Vinz. Ein „Fest beglückter Liebe"!? famoser Titel, das kann zieh'n! Das ist ganz originell! Mädchen unter zwanzig Jahren zahlen die Hälfte, Frauen in gewissem Alter ist der Eintritt gar nicht gestattet, Kinder sind frei! Wilh. Du bist ein Narr! — Es soll kein Fest für's große Publikum werden, nur wenige Gaste werden dazu geladen — meine Verwandten und die meiner Braut. Vinz. (überrascht). Braut — Braut? Unmöglichkeit! — Ich Hab' doch alle Ihre Schritte beobachtet, aber noch nie entdeckt, daß Sie auf» Rehfüß'l geh n! Wilh. Hab' ich Dich nicht vorausgeschickt, um Dich hier zu erkundigen, wo das Haus eines gewissen Landmanns stehe? — Vinz. Na ja, aber — Wilh. Dieser Landmann ist der Vater meiner Geliebten! Vinz. Warum nicht gar? — Sie wollen a Bauerndirn heirathen? Wilh. Wähle Deine Ausdrücke besser, wenn Du von meiner Braut sprichst! Sie ist ein liebliches unverdorbenes Kind dieses — dieses Dorfes — Vinz. Also eine Erpese von Mi- mili! A Bekanntschaft, die Sie wahrscheinlich bei ein' Ausflug auf's Land gemacht haben — im duftenden Wald, wo die Vöglein sangen und die Quellen rauschten — Mailüftchen kosend mit den Blüthen spielten! — Ungeheuer romantisch, aber sehr wenig praktisch für einen Wirth. Wilh. Du irrst! ich lernte sie auf dem Felde kennen, auf welchem sich die Wirthin erprobt — in der Küche. Binz. Also ein Versprechen hinter'm Herd. Wilh. Ihr Vater hatte sie vor zwei Jahren in die Stadt geschickt, damit sie dort in einem der ersten Gasthäuser Unterricht im Kochen erhalte — ich konditionirte zur selben Zeit dort — sah sie, mein Herz entbrannte — Vinz. Auf die Art hat sie wenig Talent zur Kochkunst verrathen, wenn daS Erste, was sie ang'richt hat, ein anbranntes Herz war — Wilh. Sie gestand mir ihre Gegenliebe und ich gelobte ihr Treue, als sie daS HauS lvieder verließ. — Die ganze Zeit über konnte ich sie nicht sehen, jetzt erst erhielt ich mein kleines Erb- theil, wollte mich selbstständig etabliren. und hochwillkommen war mir das neue Projekt, welches möglich machte, hier an dem Orte, wo meine Geliebte wohnt, mich ansässig zu machen. Vinz. Aber daß Sie, so lang daS Haus noch im Bau begriffen war, gar nie herausg'fahren sein? Wilh. Ich konnte mich auf den Architekten verlassen, und wollte absichtlich mein liebes Mädchen nicht früher sehen, als bis das HauS, in welches ich sie als Frau einführen will, ausgebaut sei, und denke Dir nur die freudige Ueberraschung — das Glück unserö Wiedersehens — Vinz. Es muß entzückend sein — vor der Hand wär' mir aber schon a Seite! Wein lieber. — der Weg über den Berg hat mich wahnsinnig durstig g'macht — laßt sich Niemand seh'n? (Rust.) Heda? Kellner! Kneipenbesitzer! (Klopft endlich heftig mit dem Stock am den Tisch.) Wein heraus! Pippmann's Stimme (aus dem Keller). Na, na, nur Geduld! Ich bin schon beim letzten Faßel. Vinz. Er ist schon beim letzten Faßel und wir sind noch nicht einmal beim ersten Glase!! — Ah, den Kellergeist müssen wir a Biß'l kräftiger beschwören. (Geht zur Kellerthür und schlägt mit dem Stock an dieselbe.) Heda! Kreuz- Million-Donnerwetter! Herauf da. oder ich reiß' die ganze Krischen z'samm! — Sechste Seene. Vorige. Pippmann, Hartkopf, Weißling, Christ!, Jgelbauer, Grundinger, die andern Bauern (sämmtlich mit glühenden Gesichtern und vom Wein etwas aufgeregt, kommen aus dem Keller zurück). Pipp M. (eine Laterne in der einen und eine Flasche in der andern Hand haltend, tritt zuerst heraus). WaS gibt's da für ein Spektakel? (Die Laterne gegen Binzenz haltend.) Jetzt Hab i glaubt, wer's is, derweil sein's a paar Stadtleut! Hartk. Na, ist's schon der Müh' Werth, daß wir wegen Denen herauf sein! Binz, (zu Wilhelm auf Pippmann weisend). Schauen'S Ihnen die Personage an. — rein Diogenes! Pippin. Was? Dioges! — mir so ein Schimpfnamen? Die Bauern. Was war daS? Wilh. Nein, nein, lieber Herr Wirth, beruhigt Euch — es ist ja der Name eines Philosophen — Pippm. Viel g'soffen? Wer kann sagen, daß wir viel g'soffen haben? Vinz. Aber nein, Diogenes das war ein Weltweiser, der am helllichten Tag mit der Latern 'rumgangen ist, um einen Menschen z'finden. Pi ppm. Das war ein dummer Kerl! Vinz. So seid Ihr ein doppelter Diogenes. Ihr tragt zwei Lampen, die wirkliche und dann die Flaschen — 8 Pippm. Aber ich such' keinen Menschen ! Vinz. Und doch habt Ihr im Keller unten was gefunden, was die meiste Ähnlichkeit mit einem Menschen hat. (Leise zu Wilhelm.) Ein Affen, nemlich. Hartk. (zu Pippmaim). Äaßt's Euch doch nicht in kein langen Plausch ein mit den Schwablern, wir haben ja heroben noch den G'rebelten (auf Pipp- mann's Flasche weisend) kosten wollen. Pi ppm. Ist wahr! na, setzen wir uns. (Setzt die Flaschen auf den Tisch, alle Uebrigen setzen sich ebenfalls, er schenkt ihnen ein.) Binz. Na, was ist's denn so? kriegen wir nichts? Pippm. (ruft). He! Michel! — Michel, gib den Herrn auch a Flaschen! Ein Kellner (trägt auf den andern Tisch eine Flasche und Gläser). Vinz. (zu Wilhelm). Na, setzen wir uns auch ! (ES geschieht, er schenkt ein.) Pippm. (zum Kellner). Laß' Dir aber glei in Voraus zahlen. Wilh. Ihr fürchtet doch nicht, daß wir Euch mit der Zeche durchgehen — Pippm. Vorsicht schadet nie! — meine bekannten Gäste können spater zahlen, aber bei solche, die nur so der Wind daherwaht, muß man auf der Huth sein! Wilh. WaS kostet die Flasche? Pippm. Einen Gulden! Wilh. (gibt dem Kellner Geld). Hier. Vinz. (kostet den Wein, sich schüttelnd). Prr! (Hustet beftig.) Pfui Teufel! — is das a G'söff! purcS aeiärun sioreni- num. (Zu Pippmann.) Jetzt begreif' ich, warum Ihr Euch in Voraus zahlen laßt! Pippm. Ra, warum denn? Vinz. 'S ist nur wegen Leben und Sterben, denn wenn Einer den Wein einmal trunken hat, so könnt's leicht g'scheh'n, daß Ihr auf Euer Geld warten müßt, bis die Erbschaftshandlung gepflogen ist. — Pippm. WaS? mir scheint gar, das soll g'schimpft sein?! Weiß!. Mir kommt's auch so vor — Pippm. (steht auf, tritt zu den. Tisch, an welchem Wilhelm und Vinzenz fitzen, stemmt sich mit beiden Händen auf und fragt). Was habt'S damit sagen wollen? Ich frag! — Wilh. (der ebenfalls den Wein gekostet, ganz ruhig). Ich sage, daß der Wein im Ver- hältniß zu seinem Preis schlecht ist — Pippm. (entrüstet zu den Nebrigen). Habt's es g'hört, Männer, der Wein — unser Wein, der auf unfern Grund und Boden wachst, schlecht!! — Das ist eine Beleidigung für ganz Althausen! Hartk. (etwas spöttisch). Ja. die Herren haben halt a gar feine Zunge — wir trinken den Wein alle Tage, und er hat noch kein'n von uns g'schadt. Vinz. Na ja, die Naturen sind verschieden. Hartk. (hitzig werdend). WaS will der Herr damit sagen? (Steht auf und tritt auch zu Wilhelm'S Tisch.) Ich frag', was der Herr mit den verschiedenen Naturen sagen will? Wilh. Nun, nun, beruhigt Euch, lieber Mann. Hartk. Der Teufel ist Euer lieber Mann! (Wieder zu den Bauern.) Verschiedene Naturen, das heißt so viel, als für den Bauern ist bald was gut! Zgelb. und Grund, (ebenfalls aufstehend.) WaS? was? wer sagt das? Hartk. (zu Wilhelm). Ich bin a Bauer, aber was für a Bauer — was mir z'schlecht ist, is noch lang gut für solche hergeloffene G'schwufen! Vinz. (leise zu Wilhelm). Er nennt UNS G schwufen! Wilh. (verdrießlich). Herr, mäßigt Euere Ausdrücke! Hartk. Wegen Eng schon lang nit! wir haben Eng nit herg'ruft — g'fallts Eng nit, so schaut's, daß weiter kommtö, sonst werd's erst seh'n, was Eng dahier Alles blüht — Wilh. tauschend). Ich sehe bereits, daß hier nichts besser gedeiht, als die Grobheit! — Hartk. (immer heiliger). Was? mir das, — mir in's G'sicht? Weißl. (aufstehend). Wer untersteht sich das? G r u n d. (zugleich). Macht's doch keine Umstände mit ihnen — ihnen — Jgelb. «zugleich). Werfl's eS außi — Christ!. Halloh! da gibt'ö aG'raff'! (Faßt einen Sessel beim Fuße und erhebt ihn. Die übrigen Bauern erheben sich ebenfalls tu» multuarisch.) Vinz. (ängstlich und leise zu Wilhelm). Der Landsturm bricht loS, schauen wir, daß wir weiter kommen, ein strategischer Rückzug ist noch keine verlorne Schlacht! Weißt. Macht's nur nit viel Umstände mit ihnen — werft's es hinaus! Pippm. Na, ja — zahlt haben's. ich Hab' nix dagegen —. Mehrere Bauern (aufBinzenz ein. dringend). 'Naus, 'naus, mit Eng! V inz (furchtsam zurückweichend). Ich bitt' — das (auf Wilhelm zeigend) ist mein Herr! Es wäre gegen alle Standes- Ordnung, wenn ich mich vor ihm hinauswerfen ließ! Wilh. (zuden eindringenden Bauern). Zurück da! — Ihr werdet keine Gewalt- thätigkeit üben! — Hartk. Hinauswerfen ist noch keine Gewaltthätigkeitdas ist bei uns so ein alter Brauch, und alte Brauche muß man ehren! — Also geht's oder — Wilh. Ja, wir geh'n! ich habe mir nur die Ueberzeugung verschafft, daß für kiesen Ort ein Gasthaus, worin die Gäste gut und mit Höflichkeit bedient werden, ein Bedürfniß ist. Euere Grobheit ist also nur ein Vortheil für mich und mein neues G'schäft — Pi ppM. (aufmerksam). Was ? was? neues G'schäft — dahier — ? Ihr seid doch nicht — — Wilh. Ich bin der Wirth, dem daS neue Gasthaus g'hört — Alle (erstaunt). Der Wirth?! Wilh. In kurzer Zeit werdet Ihr vielleicht Ursache haben, mich nicht so geringfügig zu betrachten — bis dahin lebt wohl! (Geht rasch ab.) Alle (wiederholt). Der Wirth! V i n z. Ja — er ist der maitre ä'ÜStel, und ich — wißt Ihr, was ich bin? ich bin der Cicerone! (Geht stolz ab.) Pi PPM. (noch ganz verdutzt). Der Eine der Wirth. der Andere Cttrone? — Es ist nicht möglich! — daß a Wirth — Hartk. Ja, ja, dös ist schon möglich — ich kenn ja die Stadtwirth — g'rad' so schauen'ö auS.z'sammg'schnieg'lt und aufpflanzelt und hint und vorn nix dran. — Na, Leulel'n, jetzt habt's ja g'seh'n, wie so Einer auSschaut. — Hat noch einer von Eng Lust in den sein Wirthshaus z'geh'n? Die Bauern (durcheinander sprechend). Na na, kein einziger! Hartk. Also abg'macht, geben wir uns untereinand die Händ als Männer, daß keiner nur mit ein' Fuß sein Schwellen betritt — (hält beide Hände hin). Jgelb. (bedenklich). Na, ich denk', verreden soll man nix. Hartk. (heftig). Ich verred's! Und ich werd' seh'n ob mei Wort a G'wicht unter Euch hat! ich geh' nit hin, und so lang i nit hingeh' halt ich jeden für einen Freund, der's thut! — Also aus! Aber (aus seine Uhr'sehend) ich habe mich länger aufg'halten, mein Cilli wird schon mit'n Essen auf mich warten — gehen wir —. Weißl. Herr Hartkopf! Erlaubt'ö vielleicht, daß wir nach dem Essen zu Euch kommen? Christl. Ja, mir schmeckt sonst ka klaner Bissen. Hartk. Gut — kommt's vor'n Essen, ich werd' derweil mei Tochter vorbereiten und wann All's geht, wie ich hoff', so könnt's glei beim Mittagmahl bei unS bleiben! Aber jetzt gehen wir — b'hüt Eng Gott, Männer! — Die Heu- 10 tige Sitzung war wieder sehr interessant (Gehl ab. Alle folgen ihm.) Siebente Sceue. Verwandlung. (Garten bei Hartkops's Hause, seitwärts da< Gebaute, gegenüber von demselben eine Weinlaube, in welcher eine Rasenbank steht. — Quer über die Bühne läuft ein lebender Zaun, hinter demselben eine waldige Anhöhe, in deren Mitte man ein in elegantem Styl erbautes stockhohes HauS erblickt). Ottmar (in einem lustigen Anzuge) Mir kommt die ganze Welt vor, wie ein großes Orchester, die Menschen sind die Banda d'rinn, jeder spielt sein eigenes Instrument — die Stutzer sind Violinspieler , beschäftigen sich bloS mit Streichmachen, spannen die Saiten zu hoch und müssen dann andere Saiten aufzieh'n! — Kaufleute sind Trompeter. die können keinen Ton angcben, wenn ihnen das Blech fehlt. — Alle Pedanten sind fagotische Spieler, die brummen überall d'rein und sind allein gar nicht anzuhören! Wucherer sind Paukenschläger, die müssen erst Einen die Haut abg'zogen haben, damit sie mit ihrem überspannten In. strument eine Wirkung machen! — Ganze Länder gleichen oft nur Instrumenten: so ist z. B. Frankreich ein Klavier und Deutschland der Resonanzboden davon, was dort kräftig angeschlagen wird, brummt hier dumpf nach. Aber alle diese Musiker sind noch lauter Stümper, denn seit Jahrtausenden sitzen sie da in dem irdischen Orchester und halten immer Proben und 's will halt doch noch nicht recht zusammen- geh'n, ewig noch Dissonanzen und Fehlgriffe, wie auch der große Kapellmeister „Schicksal" oft mit seinen Taktprügeln d'reinschlägt. D'rum glaube ich immer, so viel wir auch da herunten im diesseitigen Konzertsaal streichen und blasen, und wie sich der Eine abschwitzt und der andere die Backen vollnimmt, eS wird hier ewig nur Probe bleiben, und die eigentliche Produktion, wo Alles im gehörigen Ensemble zusammengeht, wird erst in einer andern Welt stattfinden, wo uns ein tieferer Blick in die Partitur gestattet wird, wodurch wir erst den eigentlichen Geist der Komposition begreifen werden. Vor der Hand soll deßhalb Jeder, während der Probe, nur trachten, daß er wenigstens mit seinem eigentlichen Part vollkommen in's Reine kommt, taktfest dasteht und nicht immer Gickser macht; denn zu dem jenseits abzuhaltenden Riesenkonzert werden wohl alle Musiker berufen, aber es wird noch eine taktische Auswahl getroffen werden; wir, die wirklichen Virtuosen, werden rechts postirt und mit ewigem Dekret als himmlische Kammermusiker angestellt, wer aber während der Probe schlechte Griffe macht, oder falsch geblasen hat, der wird ausgemustert und bleibt für ewige Zeiten Brodgeiger im Höll'n- beisel, wo sie im Chor heulen, statt zu singen und beim Tanz statt der Kastagnetten mit den Zähnen klappern, prr! ich krieg Ohrenschmerzen bei dem bloßen Gedanken! — Aber dahin kommt'ö nicht mit mir, ich habe die Musik stets als meine Heilige betrachtet. habe nie in Freude Anderer einen Mißton gebracht, habe nie einen schlechten, sondern höchstens nur tollen Streich gemacht, und auch dafür will ich Buße thun, ich will ! sfr .1111, -> rH '6^6: ch.- ' .iichrZ; .4«,6,,a» . ,»6.s 'nv^jG ^pitchiir ^k« icj»^ (Freier Platz vor dem Gemeindewirthshause. seitwärts der Eingang in's Haus, auSgeziert mit Tannenreisern rc., hinten eine geschmückte Tanzhütte, vorn rechts und links Tische.) Erste Scene. Tanz. (Kapellmeister gibt das Zeichen.) Bauernbursche, Christ! (mit ihren Dirnen tanzen, Dorfmufikanten spielen auf, Bauern fitzen vorn an den Tischen, Kellner gehen ab und zu. Haufirer). Weißling. Grun- dinger und Pippmann. Pi PPM. (tritt nach dem Tanze aus dem Hause, zu den Musikanten). Heda Musikanten, Hab' ich Euch nicht g'sagt, Zhr sollt'S alle halbe Stund' Rast machen, es ist nit bloß Kirchtag, damit d'Leut tanzen, sondern damit's ordentlich trinken. (Zu den Burschen.) Bub'n, geht's zur Schank, ich Hab' a Faß! Bier anschla- gen lassen — das Bier kost's das ist das höchste Gefühl. (Mehrere Bauern mit ihren Dirnen ab in's Haus). Weißl. (zu Christi). Na, Christ!! Du treibst es ja gar sakrisch, alleweil beim Tanz, hast Dir wieder vielleicht a Dirndal ausg'sucht, de da g'fallt? Christ! (trübselig). Na. Vater! — I probir's wohl alleweil, manche kommt mir recht sauber vor, aber wie i hernach wieder an die Cilli denk', da iS jede Andere schiach wie a Astel. Weißl. Denkt da Bua noch alleweil an die, jetzt ist's schon über'S Jahr, daß verheirath ist, und mir scheint, er ist noch immer verliebt'in sie? Christ!. Na, Vater? verliebt bin i nimmer — na' i kann's nit mehr an- schau'n, aber — i kriag's halt nit auS'n Kopf, i ma'n alleweil, wann ich ihr nur amal so was Recht's anthun kunnt, nachher wär' mir leichter. Weißl. Dera braucht ka Mensch was anz'thun, sie ist g'straft g'nua. Pippm. G'schiacht ihr recht! warum hat'ö den beirathen müssen, der mich hat z'Grund richten wollen. Weißl. Aber wer Ander'« a Grub'n grabt, der fallt selber hinein! Wie lange ist's denn her, daß ihr Mann sein nobles WirthShauS aufg'macht hat! Pippm. Und jetzt ist's schon d'rum und d'ran, daß er's wieder zumachen muß. Beiden heißt'S: Warst nit aufi- g'stiegen, warst nit obig'fallen. Grund.(sieht in die Scene). Pst! Pst? da kommt der alte Hartkopf her — Weißl. (ebenso). Richtig! Jetzt nicht's mehr von dem neuen Wirthshaus! Ihr wißt's, er will nicht's davon hören! Zweite Scene. Vorige. Hartkopf. Hartk. (kommt gedankenvoll, den Hut in die Stirn gedrückt, die Hände auf dem Rücken). Mehrere. Guten Abend, Nachbar! Hartk. (an den Hut greifend). Auch so viel! (Setzt sich, den Stock zwischen den Beinen und die Hände daraus stützend.) Pippm. (ruft in's Haus). Heda! 's Glase! vom Herrn Hartkopft! (Kellner bringt eS, stellt eS vor Hartkopf.) Weißl. Na, Herr Nachbar, warum denn gar so finster d'reinschau'n? ist das a Kirtaggesicht! 24 Hartk. So? ist heut Kirtag? (Sich umsehend.) Richtig! ich Hab' wirklich nicht d'ran denkt. Pippm. Aber, wie kann man denn auf daS wichtigste Ereigniß im ganzen Jahr vergessen! — Auf den Tag, wo die Kranken g'sund und die Traurigsten lustig sein müssen? — Geht's, das thut kein gut, alleweil seinen Gedanken so nachz'hängen — entweder — oder! Hartk. WaS? — Entweder — oder? Pippm. Entweder vergessen oder verzeihen! Hartk. Verzeihen — wem? Pippm. Na, Ihr versteht's mich schon — Eurer Tochter! H artk. (fährt in die Höh', mißt Pipp- mann mit strengem Blick). Pippm. (erschreckt). Jetzt ist mir die Tochter in Hals stecken blieben! H artk. (zieht Geld heraus, legt es auf den Tisch). Da ist mein Geld — Weißl. WaS? Ihr wollt'S schon fort? Hartk. Und komm nimmer wieder daher! Ich Hab' Euch's Allen g'sagt, von was ich nicht reden hören will, und kommt der (auf Pippmann zeigend) alleweil d'rauf, der Dummkopf! Pippm. Aber Herr Nachbar. — Hartk. Mir scheint es g'schiecht mit Fleiß — Ihr wollt'S mich vertreiben — na gut, wann Euch a G'fall'n damit gschiecht, kann ich Euch wegbleiben. (Will fort.) Weiß!., G ru nd. (halten ihn zurück). Weißl. Na, na, bleibt's da — er hat's ja nit so bös g'mant! Pippm. Ich Hab s ja rein .nur aus guten Herzen so g'redt, weil Euere Tochter mich dauert, der's so schlecht geh n soll. Hartk. (finster). Woher wißt's daS? Pippm. Mein Gott! daS sieht man ja von selber, und nachher kommt der Vinzenz, der Lohnbediente von droben öfters her, der erzählt hat, wie's mit der neuchen Wirtschaft bergab geht! Hartk. So, so, das ist die Straf Gottes für ihren Ungehorsam — für ihren Trotz! — Aber jetzt seid'ö wieder stad davon! (Trocken.) Ihr wißt, seit ein' vollen Jahr Hab' ich von ihr nichts hören wollen — einmal Hab' ich's von mein Fenster auS aufs Haus zukommen g'seh'n, aber ich Hab' den Riegel vorg'schoben und Hab' auf Ihr Klopfen nit aufg'macht; dann is a Brief von ihr kommen, ich Hab' ihn nicht auf- brochen, sondern z'ruckg'schickt, ohne daß ich ihn gelesen Hab' — d'rauf Hab' ich Ruh g'habt und so soll's bleiben, für immer! (Geht zum Tisch, leert das Glas, fahrt mit der Hand über die Stirn.) Dritte Sceur. Vorige. Bauernbursche. Ottmar. Vinzenz. Burschen (hinter der Scene). Nur daher! daher! Pippm. (steht in die Scene). Was gibt'S denn? OttM. (als Harfenist, gebeugt, mit einer Harfe am Rücken). Burschen. A Harfenist, a Harfenist ! Vinz. Ja, den bring' ich Euch daher. (Zu Pippmann.) Stellts Euch vor, Gemeindewirth, spielt der alte Blondel über a halbe Stund' im Hof vor unfern Hotel und singt mit seiner Kapuzinerstimm die erbaulichsten Lieder, ohne auch nur einen alten Ratzen aus dem Kellerloch herauszulocken, denn sonst haben wir ohnehin keine Passagiere da, da Hab' ich mich seiner erbarmt, und Hab ihm den Rath geben, er soll daher geh'n — dahier (höflich Alle grüßend) findet er das gewählteste Publikum! Mehrere Bauern. Ja, er soll uns was singen! Pippm. Aber nur was recht'S G'spaßig's! Binz. Ich hoss er wird wohl auch Lü damit versehen sein. Aber so viel ich g'merkt Hab', dürft sich seine Stimme L 1a Oamsra besser ausnehmen! Pi PPM. ^ la Kamera? WaS ist das für a G'sang? Vinz. Das ist ein Ausdruck, den man nur für fertige Sänger gebraucht, nämlich für solche, die mit ihrer Stimme schon fertig sind. Ich glaube also, es wird besser sein, wir richten die Gaststube zum Konzertsaal ein, ich pränu- merire derweil leere Sitz! Pippm. 3a, ja, wir schieben die Tische z'samm', so daß jeder gut hören und sehen kann; — geht's, Leutel'n, helst's mir a Biß'l. Weißt. Ja, daS thun wir. (Zu den Andern.) Kommt's, legt's Hand an. (Alle ab außer Vinzenz.) Vinz. (zu Ottmar). So. — und Ihr frischt's derweil Euern Tenor mit einem Seite! Heurigen auf. damit ich eine Ehr' mit meiner Rekommandation aufheb'. Ottmar (setzt sich an einen Tisch seitwärts). Hartk. Also so schlecht geht'S ihr — die Leut' reden davon — wissen möcht ich wohl — (blickt auf Vinzenz). Hm! der da! — Vinz. (will in's Haus, erblickt Hartkopf, bleibt stehen, für sich). Der da? mit den möcht' ich nicht gern karamboliren! (Will auf einem Umweg in'S HauS.) Hartk. (geht ihm entgegen). Wohin? Vinz. (steht, für sich). Ich komm ihm nicht aus! (Ueberrascht, den Hut abziehend, sehr höflich.) Ah, Herr Hartkopf! — hätt' bald nicht die Ehr' g'habt. — Unter- thänigster! befinden sich immer? Hartk. (mürrisch). DaS geht Ihnen nichts an! Vinz. Ah, freut mich! — Na, mir geht's auch so! G'sund sein wir! Hartk. Das geht mich nicht'- an. Vinz. Ich dank' für die Teilnahme, habe die Ehre! (Will fort.) Hartk. Na, hat Er's denn gar so eilig? Vinz. Das just nicht, aber- Hartk. (mürrisch). So setz' Er sich daher. Vinz. (unentschlossen, für sich). Was will er denn? Hartk. (heftiger). Na, — so setz' Er sich — Vinz. (furchtsam). O, ich bitte.' (Setzt sich.) Hartk. (erhebt den Stock). Vinz. (fährt in die Höhe). Na, sein'S so gut! Hartk. (schlägt mit dem Stock auf den Tisch). Heda! — Wein heraus! Vinz. (beruhigt sich, setzt sich). Ah so, ich Hab' schon glaubt- Hartk. (setzt sich auch). Vinz. (etwa- wegrückend, für sich). A G'sicht macht er, als wann alle Augenblick a Wetter loSbrechen wollt. — Und der Stock — (will ihm den Stock abnebmen, laut) ist'S nicht gefällig abzulegen? Hartk. Laß' er das, der Stock ge- nirt mich nicht! Vinz. (für sich). Aber mich — (Kellner hat Wein gebracht.) Hartk. (schenkt ein). Da — trink' Er. Vinz. Ich bin so frei, — auf Euere Gesundheit! (Kür sich.) Er atzt mich — scheint also doch friedliche Absichten zu haben. Hartk. (für sich). Ich weiß nicht, wie ich anfangen soll — Vinz. (für sich). Wenn ich nur wnßt, wo'S eigentlich hinaus soll — Hartk. (sieht Vinzenz an). Vinz. (ebenso). Hartk. (nach einer Pause unwillig). Na, so red' Er doch was! Vinz. O bitte — bitte, gleich — gleich — (Kür sich.) Von was red' ich denn nur g'schwind? (Laut.) A recht schön'S Wetter haben wir heut! Hartk. DaS seh' ich selber — Vinz. Die neuesten teleqrafischen Depeschen- Hartk. Hab' ich in der Zeitung g'lesen. 2 « Vinz. Bin recht neugierig, wiedaS auSgeht? Hartk. Meinetwegen, wie's will! Vinz. Also Ihr mengt'S Euch nicht d'rein, habt'S Recht, ich mach's auch so! Auf meine Neutralität können sich die Potentaterer verlassen. Hartk. Schafskopf! plausch'Er keine Dummheiten. (Pause.) Na, so red' Er doch! Vinz. Ich weiß auf Ehr' nicht mehr was, Ihr scheint's weder an meinen metrologischen Betrachtungen, noch an meinem Ueberblick deS politischen Horizontes Geschmack zu finden. Hartk. (zu ihm sich wendend, ihm ein Glas zuschiebend). Trink' Er, ich zahl' Alles! Aber sei Er dafür aufrichtig, ich verlang' nichts umsonst! (Läßt Geld klirren.) Vinz (obrenspitzend). Was sind das für seltene Klänge! Hartk. Hm! Ich glaub' wohl, daß Er nit so viel zum Scheppern hat — Er in sein Dienst. Vinz. (seuszt) Ja wohl, wenn einmal der Titel „Lohnbedienter" zur reinen Ironie wird. Hartk. Was will Er damit sagen? Vinz Na, ja, z'bedienen Hab' ich d'roben Niemanden, und den Lohn blei- ben's nur schuldig, wie heißt hernach Lohnbedienter!? Hartk. So? soweit sein's schon, daß's den Dienstboten 'n Lohn schuldig bleiben! Hab' ich's nit vorausg'sagt? — Na, red' Er nur weiter, Er kann mir jetzt schon Alles sagen — da, nimm' Er derweil. (Drückt ihm Geld in die Hand). Vinz. (erstaunt). Ein' Lhaler? Hartk. s' geht ihnen nit z'samm? sag' Er's nur, das hat sich in voraus auf die Finger abzählen lassen — dahier, mitten im Gebirg, baut der Mann a vornehm's WirthshauS! 'S ist ja purer Wahnsinn! Vinz. Er hat halt auf d'Eisenbahn g'rechnet, die daher hätt' ang'legt wer'n sollen, es war auch Alles im besten Zug, die Aktionäre waren beisammen, 's Geld war da — der alte Baron Hochmark hat ein' Theil von seinem Grundstück zu den Zweck an sie verkaufen wollen, da stirbt der alte Baron. Sein Vetter, der das ganze Gut geerbt hat, will von ein Verkauf nichts wissen, 'S sein heut wieder von den Herren a Paar ankommen, um neuerdings anzuklopfen, sein aber nicht einmal vorg'lassen word'n. Mit ein' Wort, die G'schicht hat sich verschlagen und unser WirthshauS weiß jetzt gar nicht, warum's dasteht. Hartk. Sieht Er's, daS kommt heraus mit solchen Spekulationen; aber sie haben ja a paar tausend Gulden g'habt? Vinz. Mein Gott! mein Gott! was sein a paar tausend Gulden? — Die sein noch auf die innern Einrichtungen d'rauf'gang'n — auf Möbel — Silberzeug — Hartk. Mit ein' Wort auf lauter vornehme Streichmacherei. Vinz. Na, 's Silberzeug hab'n sie sich schon wieder abg'wöhnt — der Herr hat schon wieder Alles verküm- melt, jetzt sein unsere Eßbesteck nur von Chinasilber. Hartk. Chinasilber? WaS ist daS? Vinz. 's ist halt a so eine falsche Komposition, die man wahrscheinlich nur deßwegen Chinasilber nennt, weil'ö nur a Chineser für a echt's Silber halten kann! Hartk. S'Silberzeug verkauft? — also die Noth klopft schon an? Vinz. Die paar Gäst', die wir anfangs g'habt haben, haben sie sich auch noch muthwillig vertrieben. — Hartk. So? waö waren denn das für Gäst'? Vinz. Die Herren aus. der Herrschaftskanzlei, darunter auch der Güterdirektor. Herr von Papier, der ist alle Tag kommen, a recht freundlicher, g'fäl- liger Herr, der hat unfern Wirth sogar 27 UM a paar hundert Gulden Wein auf Kredit in den Keller g'legt, und sich dafür nur ein' Wechsel ausstellen lassen — und den Mann behandelnS hernach grob. Hartk. Grob? grob? warum denn? Winz. Na, er hat halt bei uns was kosten wollen, was nicht am Speiszettel g'standen ist. (Heimlicher.) D' hübsche Frau Wirthin hat ihm in d' Augen g'stochen. Hartk. Za, dem setzt sich ein Weib aus, wann sie sich zu an G'schäft hergibt. — Vinz. Aber sie ist für alle Gast' a Schüssel, an der sich a jeder die Finger verbrennt, der sich nur 's Geringste herausnehmen will, und darum hat's auch so g'schrien, wie er ihr einmal in die Küchel nachg'stiegen ist, und sie mit G'walt hat küssen wollen — da iS hernach der Herr dazukommen und hat ihn hinauSg'schupft — ich bitt' Euch — ein' Manu, dem er auf ein' Wechsel schuldig ist — hinauswerfen, daS ist ja gegen alles Wechselrecht. Hartk. Na, und iS der Herr hernach ausblieben? Vinz. Und hat auch alle andern Gäste abg'redt — jetzt sitzen wir allein in unfern Hotel und können zum Zeitvertreib Fliegen fangen! — 'Hartk. Hm! hm! hm! Und was denkens denn in der Zukunft anz'stellen? Winz. Na, — wegen der Zukunft darf ihnen weniger bang' sein, wann a Frau ein' so reichen Vater hat, wie Ihr seid'S — Hartk. Der aber nichts hergibt! Vinz. Na ja, aber früher oder später kriegts Euer Geld doch. Hartk. (in die Höbe fahrend). Was war das? — Sie rechnen auf meinen Tod?! Mein Kind, mein einzig'- Kind? Vinz. Na, das Hab' ich g'rad nit nit g'sagt. Hartk. O, ich versteh' Alles. (Aus, geregt auf» und abgehend.) Früher oder später! Haha! der Herr Schwiegersohn sieht sich wohl schon wie er, wann ich amal die Augen zudruckt Hab', in meinen Kasten und Truhen herumstieren wird, aber ich werd' ihm einen Strich durch die Rechnung machen. — Meiner Seel, ich bin im Stand, ihr zum Troß heirath ich noch einmal. Vinz. Aber wer wird sich denn wegen so was gleich ein Leid anthun?! Hartk. Was? bin ich nicht noch ein Mann, der's riskiren kann? Vinz. Na ja — das schon, wenn Zhr wollt's? Hartk. Und ich werd'S wollen! A Weib soll wieder in's HauS und Kinder soll's nur noch bringen, die ich mir besser dressiren will! Ja, es bleibt dabei, von beut' an schau ich mich um — OttM. (hat bis jetzt zugehört, beginnt zu präludiren.) Hartk. (sieht sich um.) Ah, der ist auch noch da? (Zu Ottmar.) Recht, Alter, legts los, singt'S waS recht's G'spaßi- geS! Jetzt bin ich aufg'legt. (Setzt sich näher zu Ottmar auf einen Stuhl in reitender Stellung.) OttM. (im Sprechen wie ein zahnloser alter Mann). Za. ja. was recht G'spaßig's, lost's nur auf. (Präludirt weiter.) Vierte Scene. Vorige. Pippmann, Weißling, Bauern (kommen während des Gesanges heraus, bilden einen Kreis um ihn). Ottmar (singt). Am Schädel schon grau, Und im Herzen schon kalt. Will a junge Krau Noch ein Alter mit G'walt. So geht zu der Dirn Er arssn Rehfüßl in'S Haus; D'rauf wachsen auf der Stirn Ihm die Hirschg'weih heraus! (Bauern klatschen in die Hände, wiederholen die letzten Verse.) Hartk. (von seinem Sitz auffahrend). Das iS a dummeö Lied! O t t»»,. (fingt). Unterm Schnee wachsen zwar Noch die Feigerl'n heraus — Deckt der Schnee aber d'Haar, Dann ist'S mit der Lieb' aus. D'rum spar Dir'n Verdruß. Und denk' immer d'ran. Wat nutzen den d'Ruß? Der'S nit aufbeißen kann. (Bauern wie oben.) Vinz. Aus was für aner Oper is denn die Arie? Hartk. (für sich). Mir scheint, der Alte hat früher zug'hört und stichelt jetzt auf Mich! Und wie da die (auf die Burschen) gleich mit einstimmen. (Nachdenklich). 'S ist wahr, ein Mann in mein' Jahren, der noch an'S Heirathen denkt., wird zum G'spott der Welt — und das ertraget ich nicht — nein — nein, damit ist's nichts mehr, ich muß auf ein anderes Mittel denken, damit Denen d'roben von meinen Geld nicht'S zufallt! Pippm. (in die Scene). Was seh' ich? Da schaut's! — Der Güterdirektor vom Baron Hochmark. Hartk. (zu Vinzenz). Ist das der? — Vinz. (leise). Der nämliche! Pippm. So a vornehmer Herr kommt zu uns. (Zu den Andern.) Leuteln! Nehmt's Eueren Respekt z'samm'. (Mit der Mütze ab, ihm entgegen.) Fünfte Scene. Vorige. Papler. (Pi'ppmann und die Bauern verneigen sich tief.) Papler (vornehm herablassend). Guten Tag — guten Tag! Pippm. Herr Güterdirektor! die Ehr', ich bitt' womit kann ich denn aufwarten? Papler. Ihr glaubt'ö doch nicht, daß ich gekommen bin, um (verächtlich) einen Bauernkirchtag mitzumachen? Es ist mir fatal genug, daß ich hieher mußte. Es hat hier einen so ordinären — — Adieu! (Das Sacktuch vor die Nase haltend.) Vinz. (leise). Freilich, bei uns in der Kuchl raucht's ihm besser in die Nasen! Papler. Jndeß ein Auftrag deS Herrn Baron — also rasch! — Ist Einer hier unter Euch Namens Hartkopf? Hartk. (erstaunt, für sich). Was, an mich? Pippm. (zu Hartkopf). Herr Hartkopf, habt'S g'hört? Euch geht's an! Papler (durch'- Lorgnett Hartkopf betrachtend). Wie? Ihr? Derselbe Hartkopf, der vor ungefähr achtzehn Zähren einen Knaben, Namens Ottmar, aus dem Waisenhause zur weiteren Verpflegung übernommen hat? Ottm. (aufmerksam, tritt näher, für sich). Was soll das? Hartk. Ja, der bin ich — Papler. Wie lange blieb er bei Euch? Hartk. So lang' bis ich ihn fortgejagt Hab! Papler (entsetzt). Wie? Was! Zhr habt ihn fortgejagt? Wie konntet Ihr Euch nntersteh'n? Und habt Ihr keine Vermuthung wohin sich der junge Mensch damals begeben haben kann? Hartk. O ja, das weiß ich schon! Papler (gespannt). Nun, nun? Hartk. In die weite Welt. Papler. Treibt keinen Scherz mit mir. (Dringend.) Zhr wißt nicht wie viel mir daran gelegen ist, ihn aufzufinden! Hartk. Da müssen's ihn halt suchen. Vinz. Na ja, die Adresse haben's jetzt, „die weite Welt", nur 'S Haus- nummero können wir Ihnen nicht sagen! Papler M sich). ES bleibt sonst nichts übrig als ein Aufruf in einer Zeitung! (Laut.) Ihr könnt uns einen wichtigen Dienst erweisen. Hartk. Und wie das? Papler. Wenn Zhr — versteht sich auf unsere Kosten — in mehreren verbreiteten Zeitungen eine öffentliche Aufforderung an Eueren ehemaligen Pflege- sohn ergehen ließt, zu Euch zurückzukehren. 29 Hartk. Zu mir? (Plötzlich den Gedanken ergreifend, laut.) DaS bringt mich auf einen Gedanken! (Hastig.) Ja. ja, das thu ich — ja meiner Seele, daö thu ich, er soll nur gleich kommen, wann er a Reisegeld braucht, ich schick ihm's! Papler. Schön, schön, und wenn er eintrifft, so schickt ihn gleich aufs Schloß in die Herrschaftskanzlei. Hartk. (im Gedanken). I, ja — das soll gescheh'n! Papler. So dank ich Euch vor der Hand für Euere Bereitwilligkeit — Adieu, mein Alter, Adieu! (Ab.) Winz, (nachrufend). Die Frau Wir- thin läßt Ihnen schön grüßen. Papler (betonend). Ich werde heute noch mit dem Herrn Wirth ein ernstes Wörtchen sprechen! Hartk. (heftig auf- und abgthend). Ja, ja — er soll kommen, er muß kommen, er muß kommen zu mir und ich laß ihn gar nimmer fort. Vinz. Aber habt's den nit g'rad g'hört, daß wann er hier ankommt, auf die Herrschaftskanzlei abgeliefert werden muß? Hartk. Richtig! (Denkt nach.) Hm, was mögen denn die da droben von ihm wollen? Vinz. Hm, hm! Ich Hab' da so meine eig'nen Gedanken. — Er war g'rad' in dem Alter, in dem der männliche Nachwuchs für den Schießprügel zeitig wird. Hartk. Er meint doch nicht, daß man ihn aufsucht wegen der Rekruti- rung, — und wenn auch; — das macht nix, ich stell' ein Ersatzmann, das kost' a paar hundert Gulden, die zahl' ich gern, wann er mir verspricht, immer bei mir z'bleiben. Weißl. Also Ihr wollt's Euren Pflegesohn wieder aufnehmen? H ar t k. Ja, ich will! ich will wieder a Kind haben, ich nehm' ihn an an Kin- desstatt. O t t M. (vortretrnd). Wollt'S das? Euer Wort d'rauf! Hartk. Ich hab's g'sagt, und die Alle haben'ö gehört, — wann er nur schon da wäre! OttM. (wirft die Verkleidung weg). Na, also, da habt's ihn! Alle (staunend). Was ist denn das?! Hartk. (ebenso,ansehend). Was? — Du! bist Du's denn? Meiner Seel ja, er ist's. Vinz. Der gepflogene Sohn! Hartk. Aber Teufelsbursch! Wie kommst denn Du auf einmal daher? Und was war denn die Maskarade? O ttm. DaS war so eine Laune, ich wollte unbekannt sehen, wie es in meiner Heimath zugeht, und ob man sich meiner noch erinnert? Vinz. Aha, jetzt kann ich mir es erklären, warum Sie zuerst in unseren Hotel musizirt haben, Sie haben g'wiß glaubt, daß a G'wiffe an'S Fenster kommen soll? Ottm. Warum kam sie denn nicht an'S Fenster? — Vinz. Weil bei unfern Hotel gar nichts mehr herausschaut! Hartk. (Ottmar betrachtend). Aber Du schaust ziemlich luftig aus. Ottm. Ja, so ein wandernder Musikant ist wie ein Zugvogel, er säet nicht, er erntet und findet doch immer just so viel Körnlein, daß er nicht verhungert. Hartk. D'rum mein' ich, müßt'S Dir wohlthun, Dich einmal in ein warmes Nest z'setzen! Du sollst so viel sein, als mein Sohn, an Geld soll's Dir nicht fehlen, ich Hab' g'nug, 100,000 Gulden Hab' ich. Ottm. DaS sind jährlich 5000 Gulden! — Na, zu viel ist's mir aber nicht, denn Ihr müßt wissen, ich Hab' ein ungeheures Talent zum Gelddurchschlagen' Hartk. DaS ist mir g'rad recht! — So will ich'ö haben, Du brauchst 30 Dich auch nicht bloß an die Interessen z'halten. Ottm. Ja, — das wäre auch so eine gewisse Einschränkung — und ich als Künstler — Vinz. Ja, der Künstler muß frei sein, gedankenlos wie ein Schranken — will ich sagen schrankenlos wie der Gedanke. Hartk. Mit einem Wort, bring'an, waS'd willst, kommst mit den Interessen nit drauß, — macht nix, greif's Kapital an — mach meinetwegen Schulden auf mein HauS. Pipp m. (zu Harikopf). Aber Nachbar! — seid'S den wahnsinnig? Hartk. Nein, ich wäre nur dann wahnsinnig, wenn ich der Narr wäre, der sparet und scharret, nur damit amal mei Tochter als lachende Erbin hinter mein Sarg gehr! (Boshaft.) Nein, ich will schon machen, daß's weint, wenn ich todt bin — wahrhaft weint, weil sie's leere Nachschauen haben wird! HiQ nj»nr chijsi-rvm uü >ki>L -yiw^ ' .H.L«V uz iltzM - I.-ürHiurT' rttrlilüan ^ ^ ^ -- ,.. -- «-»K, ii'r»l ch'r 4iLjö-7krh cr^USvtz ' n 1 ^ >'-'' -'^ 's-j 8L . - j.-ff. .,4 -,chtz) kt- i8b . chtt ^ '..^^ E-r .<-,m>»» ^) .m,r-> ^.i Ä4dvtr,».Zü.,riHl^- . r.Nij-5^-.^. m .: ivrMri^-SttErvbS^t >.»^,j'^ . Ättu -Mlmr-H .ki? ä l v! !--v'^-r. -^(,7tz ,1,^ chH»si - vsS,^ ..rö,v^ Ni ^rnb-A. !t.?,')j . ... V rttunlMtiv ^r4rüm ,na»M-»,ä ü,rüS !'fjttttSL .-.«ihm kki ^-»G ' ,ru)t.Q Hk ßtt7ki > Ui-l ri)W 77N. HLmLo d'^ch.chim »^vV-nk! ,;»;z «».^<1 »Mkw Dhl,'»HtzO mV, /MomtBnn^ nsnttnr «z bir!^,^.. i-,unm iiv ,ttS'nr4 '(^,iMrüL jjv; 1» -:^ kl,M tzuws chii 1^7 ^'^Ün»h.7>m -7- ^7ruyH-A n-v ck II!»') ^nkHr>rL 7 7 ^ r^> E-- - -' W^r .k"MOM.M W«'E t»>. V-rtt c kch r Ls,:!. 'L^.v-'^ «»«N- ^. .^-1 » '' ^ .'sr^ -EHßk?) Mr-- p .. .1- kyW^ ..^ WArü^-r^r^ 'iE ?" k. .-rLsrSÄk»»-^-- r L'i'W > ^ N- ürlr',' 8L "GN-k ! Z.-? ^ rM' ' ^ . M- - - >^...^..- .. >^„ ^ O^ckÄ E - ' . w LVl -".- ^'--- . - M ^ » Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Die Milch der Eselin. Posse mit Gesang in einem Me. Nach dem Französischen von Anton Bittner. (Repertoire-Stück de- k. k. priv. Karltheaters.) Personen. Feliz Flauser. Schmierar, ein Bader. Rehhuber, Inhaber einer Milchmeierei. Frau von Tuschet, eine Witwe. Rosa, sein Weib. (Die Handlung spielt in einem Dorfe in der Nähe Wiens.) (DaS Innere eines reichen Bauernhofes, rechts daS HauS, link- ein schmaler Gang mit einer Gitterthür; das Ganze ist mit einem niederen Gartenzaun umgeben, im Hintergründe außerhalb de- Bauernhofes steht ein Schild mit der Aufschrift: „Rehhuber'S Meierei, hier bekommt man Früh und Abend-Frische Eselmilch".) Erste Scene. S ch mierax (durch die Mitte). Rehhuber. Schmierax. Ach, guten Morgen, Herr Rehhuber! — Rehhuber (rechts am Tische schreibend). Sie sein'ö, Herr Bader — Grüß' Ihnen Gott! — WaS verschafft mir die Ehre? - Schmierax. Na, ich muß doch bei meinem Kranken die Morgenvisite machen; — waö macht unser Patient? Rehhuber. Mein Gott, er befindet sich, wie sich halt ein Mensch befinden kann, der sonst nix kriegt als in der Früh und auf d'Nacht eine Eselömilch; fett wird er dabei nit. — Schmierax. Aber gesund! O meine Kur hat noch Jedem geholfen; — die Wirkung eines besseren Lebens wird sich bei ihm bald zeigen. Rehhuber (bei Sette). Ja wohl, eines besseren Lebens, den auf der Welt wird er bald nix mehr z'sucheu haben. (Laut.) Herr Bader, ich muß 1 Ihnen aufrichtig sagen, der junge Mann macht mir mit seiner Krankheit bang, denn er schaut auö — Schmierar. Schlecht — sehr schlecht — ich weiß eS; doch das kommt hauptsächlich daher, weil er ei» unruhiger Kopf ist, der sich meinen Anordnungen nicht fügen will; er möcht immer gut essen und trinken — daß darf aber nicht sein, und ich rechne darauf, daß Sie ihm nichts geben, als die Milch von ihrer ausgezeichneten Eselin. — Rehh. Wenn er aber verhungert — Schmierax. Das wird er nicht; — und sollt' es auch geschehen, so ge- schiehtö im Interesse der Heilwissenschaft — für die zu sterben ist Seligkeit! — Doch, wo ist denn ihre junge Frau? — Rehh. Bei der Nachbarin, bei der Frau von Tusche!! — Schmierax. Aha, bei der jungen Witwe, die hier als Sommerpartei das Landleben genießt? — Rehh. Ja, bei der! Aber was erkundigen Sie sich denn immer um mein Weib? — Sie, das ist mir verdächtig. Schmierax. Sie werden doch nicht glauben — Rehh. Man kann nicht wissen. — Ah, da kommt sie g'rad — Zweite Scene. < Vorige. Rosa. Rosa. Ah, Grüß Gott Herr Bader - no Alter, waS machst denn Du für ein z'widers G'sicht? — Rehh. I!AG'sicht? Gar kein'Red! Ich bin recht gut aufg'legt. Schmierax. Und der Herr Rehhuber hat auch Ursache, wenn man so eine hübsche Frau besitzt — Rehh. (aufgeregt). Herr Bader — Rosa (ihn besänftigend). No, N0 Mannerl, nur nit eifersüchtig, sonst — Du kennst mich! Ich bin ein gutes Weib, aber Dein immerwährender Verdacht — das war ja bald nimmer zum Aushalten, Du schaust ja schon jeden Maikäfer für ein verkleideten Liebhaber an! — Rehh. Das nit, aber --- Rosa. Und wann das so sortgeht, dürft ich mich nit einmal mehr im Spiegel schauen, denn der sagt mir dasselbe. waS mir der Herr Bader sagt, daß ich ein sauberes Weiberl bin. Rehh. Das sag i ja a — und ich mein's ja a nit bös, — i red halt, daß i waö red — der Tag ist lang. — Roso. DaS g'spür i; denn Du sc- kirst mich von Sonnenaufgang bis sie untergeht — und wenn amal ein' Tag kein' Sonn' scheint, sekirst mich a! — (Mau hört von innen rufen: Krau Rosi!) Schmierax. Ah, der Kranke. Rosa. Da muß ich glei — Rehh. Ja geh', Rosel — Du kommst am leichtesten mit ihm d'raus. Rosa. Mein Gott, man muß halt Geduld haben, mit ein' kranken Mann! Du bist ein G'sunder, und was steh' ich mit Dir aus l — (Rechts durch die Gitterthür ab.) Schmierax. Mich wundert's nur, daß Sie auf unseren Patienten nicht auch eifersüchtig sein — ? Rehh. Mein Gott, der ist froh, daß er 'S Leben hat — von dem Hab' ich nicht- z'fürchten; wann man einmal so dekrepid ist — Schmierax. Still! Daß er so waö nicht hört. — Dritte Scene. Vorige. Felix Flauser (kommt auf Rosa'S Arm gestützt, in der andern Hand hält er einen Krückenstock). Entree. Rosa. Na, lieber junger Herr, Lamentiren's nit so kläglich, ES wird ja besser täglich, Sie husten gar nicht mehr. 3 Flau ser.Ach, wie ein junges Reh, Befände ich mich heiter, - Wär'nSie stets meinBegleiter. Au weh! au weh! — (Hustet nach dem Liede sehr stark, und nimmt eine Schachtel aus der Tasche.) Ich bin sehr miserabel! — Schmierar. Was haben Sie denn da? Kl au ser. Das sind die Pastillen, die Sie mir verschrieben haben; das ist bereits die zwölfte Schachtel. (Hustet.) Schmierax. Je mehr desto besser. O die sind ausgezeichnet! (Nimmt ein Stückchen und ißt es.) Rosa. Ich werd' auch so frei sein! Rehh. Und ich werd' auch ein Paar — Sie erlauben schon! — Flau ser. Nur zu — hilft'- nichts, so schadt'S nichts — und wenn ich nicht gesund werde davon, so werden Sie doch vielleicht krank! — Schmie rar. Also, wie ist Ihnen heute ? Fla user. Miserabel! Wie mir heut ist, dürft' ich keine drei Maß Wein trinken glaub' ich, ich krieget ein' Rausch. Schmie rar. Das wäre möglich; dergleichen Fälle sind im Medizinischen schon vorgekommen. Flau ser. Und so matt bin ich — (Zu Rosa.) Sie erlauben — es thut mir wohl, wenn ich einen kleinen Anhalts» punkt finde! — Rosa. Geniren'S Ihnen nit — (Bei Seite.) Na, der is krank! — Wie er mich immer anlacht in sein' Schmerz, der Arme, er muß viel auSstehen. — Rehh. No i glaub'S! — S ch m i e r a x. Darf ich jetzt um Ihren PulS bitten. (Greift ihm den Puls.) Hm — hm — der geht sehr langsam. Flauser. Er läßt sich halt Zeit er versäumt ja nichts. — Herr Bader, ich habe hier so ein Gefühl, ich glaub' immer, ich sollt was essen. S ch miera x (erstaunt). Was? Flauser. Das weiß ich nicht; einen Aalfisch, einen Rostbraten. Schmierar. Sonst nichts? Flauser. Ein paar Leberwürste oder sonst eine leichte Speis. Rosa du Rehhuber). Der arme Teufel muß AlleS entbehren! — Rehh. Ja, wenn Einer krank ist. — Schmierax. Aalfisch — Rostbraten — Leberwürste — ja, HerrFlauser, sind Sie verrückt? Fl au ser. Nein, aber hungrig; in meinemMagen läutet es schon seitvierzehn Tagen in einem fort zwölf — und einen Appetit Hab' ich. daß ich jeden Bauern für eine Portion Rindsbraten anschau — und jede Bäuerin für a jung'S Ganöl, die ess' ich gar gern. Rehh. No, so haben's wenigstens noch kein verdorbenen Geschmack. Schmierar. Sie dürfen nichts genießen — alö Eselsmilch! So erfordert es — Fla user. Die vorgeschriebene Kur. und das ist eine kuriose Tour — besonders wenn in einem Haus so viel gebraten und gekocht wird, wie bei unS; als ich vorhin an der Küchenthür vorbeiging, dampfte mir ein Schweinsbraten entgegen, der meine Nase in ein völliges Elisium versetzt, und als ich erst die Knödel betrachtet habe, die wie eine schlagfertige Armee bereit- aufgestellt waren, da hätte ich gewünscht, der Feind zu sein,, um wenigstens ein Bataillon von diesen Knödeln zu vernichten! Rehh. DaS wird schon mein Vetter thun, der heut von Krems ankommt. Fl au ser. Ah der, von dem mir die Frau Rosel erzählt hat — daß Sie ihn noch nicht kennen!? Rosa. Ja der! — Rehh. Der kommt g'wiß ganz auS- g'hungert an — da soll er sich anessen, daß er auf a vier Wochen g'nur hat. Flau ser. Glücklicher Herr Vetter! 1 ' 4 Schmierax. Also sie bekommen Besuch? Und bleibt dieser Vetter für immer bei Ihnen? Rehh. (heimlich). Kann schon sein, — Wissens ich bin ein alter Schübel, Hab' a jung's Weib, Hab' oft im G'meinde- wirthshauS was ju thun — und da soll mein Vetter während der Zeit auf meine Rosel aufpassen, daß ihr der Herr Bader und andere Stadtherren nicht zu stark die Cour machen. S ch m i e r a r. Aber Herr Rehhuber — Rehh. (lachend). Besser bewahrt als beklagt; — mich wundert nur, daß der Detter noch nicht da ist; er hatt' sollen gestern ankommen. Rosa (einen Schrei ausstoßend, indem Flauser ihr auf den Fuß tritt). Ah! Was treten'S mich denn auf'n Fuß? Flauser. Ich? Das muß ich in meinem Schmerz gethan haben — Rosa. Warten'ö — ich hol' Ihnen a EselS-Mili. da wird Ihnen gleich besser wer'n. (Rechts ab.) Schmie rar. Nur Geduld, Herr Patient, nur Geduld! — Flauser. Und Eselömilch — Schmierar. Richtig, dann werden Sie sich sehr bald erholen. Jetzt muß ich noch bei meinen andern Patienten Nachsehen; auf dem Rückweg besuche ich Sie nochmals. Rehh. Und ich begleit' Ihnen — ich Hab' einen nothwendigen Gang in'ö GemeindewirthShaus! Flauser. Zch weiß. Sie haben dringend einige Halbe Bier zu trinken! Rehh. Ach, gar kein' Red' — ich habe wegen einem Roß was zu reden. Flauser. Also in eigenen Angelegenheiten? Rehh. Pfirt Gott, Herr Flauser! Schmierar. Halten Sie sich gut! Rehh. In einer Viertelstunde sehn'S UNS schon wieder. (Beide durch die Mittel- thür ab.) Bierte Scene. Flauser (allein, er sieht den Abgehenden nach und hustet sehr stark, als diese aber fort sind, springt er schmll auf und beginnt zu fingen und zu tanzen). Beleuchtung, Feuerwerk, Illumination, Abendunterhaltung bei hellichtem ! Tage — angeschmiert, Herr Doktor — angeführt Esels-Entrepreneur. (Wirft den Stock weg.) Fort mit dir in's Znva< lidenhaus, ich bin mir selbst Stock genug; — auch keinen falschen Bart, mir wächst der eigene, und zwar so stark, daß ich auS meinem Schnurbart allein drei Perrücken für den König Lear fa- briziren könnte, wenn er sich in der Wahnsinnsscene alle Haare auSreißt. (Mustert seine Gestalt, indem er sich herumdreht.) Ich glaube für einen Kranken befinde ich mich sehr wohl. — Ich könnte mit der Weltkugel Ballon spielen, und fie einem Kometen an den Kopf schleudern; was könnte ich nicht Alles! Jetzt muß ich den Augenblick benützen, meinen Freunden in Wien Nachricht zu geben, wie und wo ich mich befinde. (Setzt sich und schreibt.) „Verehrte Champagnerbrüder! Edle SonntagSreiter! Emerirte Sperlhupfer!" Nur viele Titel, das ist die Hauptsache — (Schreibend.) „Ich befinde mich seit vierzehn Tagen im Kah- lenbergerdorfel, wo ich wie ein kleines Kind von einer reizenden Eselin geam- melt werde; nebenbei bin ich verliebt, aber nicht in die Eselin, sondern in eine Milchmeierin; mehr darf ich Euch nicht schreiben, denn meine Moralität verbietet es, Euch die Mittel anzugeben, die ich brauche, um meine Schöne — Gedankenstrich — in mein Netz zu locken." Mehr brauchen sie nicht zu wissen. — Halt! Ein Notabene muß ich noch hinzufügen. (Schretbrnd.) „Dies soll mein letzter toller Streich sein; dann werde ich solid, heirate meine Kousine Emilie, und meine Abenteuer 5 haben ein Ende. Mit ausgezeichneter Estime, Euer Freund Felix Flauser, Student der Philosophie und EselS- milch-Consumeur am Kahlenberg." — So, fertig! (Steckt den Brief ein.) Die werden lachen, mehr noch als ich gestern lackte, als ich — während mich mein Doktor in Morpheus Armen glaubte, einen heimlichen Abstecher nach Nußdorf machte, um den heißersehnten Herrn Vettern aus Krems zu erwarten. Herrgott, was machte der für ein Schafsgesicht, als er mit dem Dampfschiff ankam, und ich ihm entdeckte, daß sein Herr Vetter über Nacht gestorben sei! WaS, todt? rief er aus. Mausetodt! entgegnete ich mit Ruhe. Das macht aber nichts, er hat Sie zum Erben seines ganzen Vermögens eingesetzt. — Was, mich? — Za wohl, fahren Sie augenblicklich wieder nach Krems zurück, um Ihrem Herrn Vater und ihrer Frau Mutter diese traurige Nachricht zu bringen, in vier Wochen schicke ich Ihnen die Erbschaft, Sie haben sich um gar nichts mehr zu kümmern. — Bei diesen Worten setzte ich ihn auf einen Zeiselwagen, den ich gemiethet hatte, und ehe unser Kremser zur Besinnung kam. kutschirte er wieder zurück in seine Senftheimat. War daS ein brillanter Einfall? Ja, mein lieber Herr Vetter aus der Stadt, wo die Si- mandelbruderschaft ihren Ursprung hat, Sie sollen sich nicht bemühen, hier Schweinsbraten und Knödel zu essen; die werd' ich schon verzehren, denn wenn man vierzehn Tage Eselsmilch säuft, so will man den fünfzehnten Lag etwas Solideres haben, besonders da heute Sonntag ist. Ach, wär ich in Wien, wie wollte ich polken, walzen, quadrillen, umgeben von den Freunden des starken und schwachen Geschlechtes! — Wie wollt' ich sie durcheinandertreiben! — Ich Hab' nicht umsonst in Paris meine Studien gemacht — und ruhe auch nicht eher, bis ich ihnen nicht daS echte Tänzerblut in ihre schwerfälligen Füße eingeimpft habe! Couplet. Paris, Paris, dich lieb' ich sehr. Doch deine Schönen noch weit mehr. Die reizend find wie ein Gedicht, Aus welchem die Liebe spricht; Jeder Mund gibt es kund. Und erst beim Tanz, welch' ein Genuß) Da spricht der Kuß: Llr lump! Orissttss s! elmrss, Ld lump! LontsL ms8 nuururs, Lli lump! pollrsusss lexsrss, kllr lump! KaloppSL tousonrs. Dort schwebt ein blondes Elfenkind Dahin im leichten Wirbelwind, Man schwimmt in lauter Wonne. Dort dreht sich keck in wilder Hast Ein schwarzer Lockenkopf, und rasit Bis früh zeigt sich die Sonne. Paris, Pari-, dich lieb' ich sehr »c. (wie früher). Champagnerwein, das edle Naß, Füllt perlend bis zum Rand das Glas. Als Hebe naht da- Schätzchen, Kredenzt mit stürmisch feurigem Kuß Den Göttertrank, o Hochgenuß. Zum Lohn wird ihr ein Schwätzchen. Paris, Parts, dich lieb' ich sehr rc. (Nach dem Lied reibt er sich den Magen.) Ich Hab' einen Hunger, daß ich als Wolf Gastrollen geben könnte — und wer ist Schuld ? Niemand als dieser verwünschte Bader mit seiner malitiösen Diät. — Man kommt — schnell wieder den Patienten gespielt. (Nimmt den Bart und den Krückenstock in die Hand). Ich bin schon wieder sehr unpäßlich! (Setzt sich, und spielt den Kranken.) Fünfte Scene. Voriger. Rosa. Rosa (mit einer Schale Milch). So da bin ich schon. — Trinken Sie's nur g'schwind, sie ist noch ganz warm, und sehr gut — sie ist von der dunkelgrauen Liesel, wissen's, die Ihnen kennt, wenn'S zu ihr in Stall kommen. Flauser. Und die so freundlich mit mir ist; wie sie mich nur sieht, schreit 6 sie mir entgegen: I-A. —O das ist eine geistreiche Eselin, sie kann schon einige Buchstaben auS dem Alphabet, in ein paar Jahren lieSt sie vielleicht, die moderne Räuber-Romanliteratur findet dann gewiß ein dankbares Pub. likum. (Strht auf). Rosa. Trinken'- doch — Flauser (bei Seite). Wenn'- Champagner wäre. (Laut.) O Sie liebe, schöne Frau Rosel — Sie glauben nicht — Rosa (mitleidsvoll). Wie schlecht als Sie sind? Fla user. Nein, wie gut ich bin — und wie gut ich Ihnen bin! Rosa. Trinken'-. Flauser (bei Seite). Ja so — gleich wieder a Mili d'rauf — Rosa. Nicht wahr sie ist süß? Fla user. O sehr! Die Eselin muß lauter Zuckerkandel fressen. (Steht Rosa an und zitternd ruft er) Ah! Rosa (besorgt). Was ist Ihnen denn schon wieder? F l a u s e r. Meine gewöhnliche Schwäche. Rosa. Halten Sie sich nur an! Flauser. Wenn Sie erlauben. (Legt seinen Arm auf ihre Schulter.) Jetzt ist mir schon wieder etwas leichter. (Umarmt sie.) So! Rosa. O, Sie Armer, alle Tage kriegen'- den Zustand; manchmal auch zweimal — Flauser. Auch drei- und viermal! Rosa (Hilst ihm niedersetzen)- 's is nur ein Glück, daß ich immer da bin, wenn Ihnen so waS zustoßt! — Wenn nur der Vetter von Krem- einmal da is, da wird-'- Ihnen glei besser gehen! Flauser. Wie so? Rosa. Der wird Ihr Begleiter sein. Flauser. Der Vetter- Rosa. Wird Ihnen pflegen! — Kleine Spaziergang' mit Ihnen machen. Flauser. Das wird unterhaltlich werden. Rosa. Auf Ihnen schauen — Flauser. Warum wollen denn Sie nicht mehr auf mich schauen? Sie haben so hübsche Augen. die ganz geschaffen wären, um nur auf mich zu sehen. Rosa. Das schon; aber ich Hab' halt viel z'thun. — Jetzt z. B. muß ich gleich wieder einen Brief nach Krem- schreiben und fragen, auS welcher Ur- sach' der Vetter nit schon gestern kom» men ist. Flauser. O warten Sie damit — er wird schon kommen, bald, heut' noch — ganz gewiß (Bei Seite). Alle- wäre verloren, wenn er nicht käme! Deßwegen muß ich jetzt gleich — (Will gehen) Rosa. Wo wollen'S denn hin r Flauser. Auf mein Zimmer, mir iS sehr miserabel. Sechste Szene. Vorige. Frau v. Tusche l. Fr. v. Tusche!. Ach, Frau Rosel, gut daß ich Ihnen finde. Oh! Sie sind in Gesellschaft?! Flauser. Aber in sehr schlechter! — Ich ein ein kranker Mann! Fr. v. Tuschel (bet Seite). Je mehr ich diesen Menschen ansehe, je mehr finde ich eine Aehnlichkeit mit dem wüthenden Polkatänzer, der beim Sperl letzthin die großen Sprünge gemacht hat. Flauser (bei Seite). Ich habe eine gute Nase gehabt, unter der Nasen einen falschen Bart zu nehmen, die hätt' mich gleich erkannt. (Laut ) Meine Damen, ich empfehle mich — bin heute wieder sehr miserabel! — Ich fürchte, (bei Seite) daß ich nicht mehr lange es aushalte, (laut) daß ich (Rosa weint, er hustet) bald auf einer unsichtbaren Eisenbahn in da- ferne (hustet) Jenseits hinüber fahre, und die schönen Damen dann nicht mehr in der Nähe, sondern nur aus den HimmelSfenstern betrachten kann! (Hustet.) Gott segne Euch. Kinder! (Hustend ab.) Siebente Scene. Rosa. Frau v. Tuschet. Rosa. Der arme Mensch! Aber Frau von Tuschet, was verschafft mir das Vergnügen — Fr. v. Tuschet. Eine sehr wichtige Angelegenheit! Ich bin nämlich bei einer guten Freundin, die ebenfalls hier in der Nähe auf dem Lande wohnt, heute Abends zu einem HauSball geladen — befinde mich aber nun in der größten Verlegenheit, da ich doch nicht als junge Witwe mit meinem Neffen, der erst fünfzehn Jahre alt ist, den Ball besuchen kann — die böse Welt, die stets nur Arges denkt, könnte am Ende Witze machen, ich brauche deshalb eine Begleiterin. Rosa. Und die soll doch nicht ich sein? Fr. v. Tuschet (heimlich). Jawohl, Sie! — Ich werde Ihnen schöne Kleider bringen. Sie werden göttlich auSsehen. Rosa. Ach, das wäre schön! — Aber mein Mann? — Fr. v. Tuschet. Der soll kein Wort davon erfahren; wie Sie mir selbst erzählt haben, geht er jeden Abend ins Gemeindewirthshaus und kommt vor zwölf Uhr Nachts nie zurück; diese Zwischenzeit wollen wir benützen; bis Ihr Mann nach Hause kommt, haben wir uns schon einige Stunden famos amüsirt, und sind von dem Ball langst wieder zurück; — mein Gott, ich hätte ja ähnliche Rücksichten auch gegen den Herrn Bader Schmierar zu beobachten — denn, im Vertrauen, er hat bereits um meine Hand angehalten, und ich — wer weiß, was geschieht! — Also Sie gehen mit auf den Ball? Sie werden sich gewiß auch sehr gut unterhalten. Also Sie begleiten mich, Frau Mosel — was? Rosa. Nein, ich glaub' nit, daß ich das Vergnügen haben werde. Fr. v. Tusch el. Keine Weigerung! Um 8 Uhr, wenn eS dunkelt, hole ich Sie ab, und dann — jetzt muß ich aber rasch zu Hause, unsere Balltoilette ordnen — o Sie werden reizend aus- sehen, und sich nach Jahren gewiß noch auf den heutigen Abend erinnern. — Auf baldiges Wiedersehen! (Durch die Mittelthür ab.) Achte Scene. Rosa (allein). Auf'n Ball möcht' ich schon gehen, schöne Kleider möcht ich auch — aber mein' Mann betrügen? Nein, das thät ich doch nit gern, wann'S nit sein muß — auf gar kein Fall! — Rennte Scene. Vorige. Rehhuber. Flauser (in dem Kostüm eines Landmanns aus der Gegend von Krems). Rehh. Na, endlich bist angekommen, Vetter — herein da — jetzt sind wir schon zu Haus. Flauser (tölpisch lachend). Ich bin überall gleich z'hauS. Rehh. Was lachst denn alleweil so dumm? Flauser. Weil mir das a Freud macht — i unterhalt mich recht gut. Rosa. Also das ist — Rehh. Freilich iS er's! — Der Vetter Hanns von Krems! Flauser. Js das die Frau Mahm? Rehh. Mein Weib! Flauser (leise zu Rehhuber). Herr Vetter! die Frau Mahm iS a saubere Frau Mahm! Rehh. (lochend). No, das kannst ja laut sagen. Du brauchst mi nit in's Winkel zu ziehen. Flauser (winkt Rehhuber). Rehh. No was gibt's denn schon wieder? Fla user. A Mordweib die Frau. Mahm! Rehh. Das hast mir ja schon g'sagt. — Aber warum bist denn nit schon gestern angekommen? Rosa. Wir haben Dich erwartet! Fla user. 's Dampfschiff muß viel z'thun g'habt haben; wie i kommen bin, sind's schon wegg'wesen — ich Hab' alleweil g'schrien: Halt! glauben's sie hätten umkehrt und mich mitg'nommen — gar kein' Red'. Rehh. Aber warum bist denn nit z'recht kommen, habt's denn kein' Uhr? Fla user. Ja freilich; sie geht alleweil um zwei Stund z'spat, und da wissen wir nie wie viel's g'schlagen hat; wir haben's vergangenen Sommer nach der Sonn g'richt — d'Sonn muß aber den Tag nicht recht gangen sein, seit der Zeit geht unsere Uhr alleweil daneben ! Rosa (lachend). Bei Euch j'Haus muß g'scheidte Leut geben! Flauser. No ich mein's — sein beinahe alle so g'scheidt wie ich. (Lacht.) Herr Vetter! — Rehh. Was ist's denn schon wieder? Flauser. Ich möcht der Frau Mahm UM den Hals fallen ! (Breitet die Arme aus.) Rehh. Zn Gottes Namen! Flauser. ZeHt von der Seiten und nachher von der andern Seiten, und wieder von der Seiten und nachher wieder — Rosa. Ob'st aufhörst — Rehh. Du druckst ja mein' Weib 's Kreuz ab. Flauser. Sie braucht kein Kreuz — (Winkt wieder Rehhuber auf die Seite.) Pst! Pst! Rehh. Was ist'S denn? Flauser (leise). Mordweib, die Frau Mahm! Rehh. Jetzt hör' auf — oder — erzähl' unS lieber, was Deine Leut' machen? Flauser. Ich dank! der Herr Vater is g'sund und wird alle Tag älter, — hat alle Sonntag sein' Rausch — und im Sommer, wann der Tag lang ist, zwei — Einen in der Früh, und Einen auf d'Nacht — Rehh. Und waS macht d'Mutter? Flauser. D'Frau Mutter iS a g'sund — seit drei Jahren hat's d'Ab- zehrung! Rosa. Und d'Schwester? Flauser. Is a g'sund — ein' Liebhaber hat's auch — sie laßt Zhnen schön grüßen und — und — Rehh. Und — und — Flauser. Jetzt Hab' ich's vergessen; — ja richtig, sie laßt Zhnen schön grüßen und — und — Rehh. No? — Flauser. Jetzt Hab'ich's noch einmal vergessen; ich weiß' schon — sie schickt Jhna den Hasen, den ihr Liebhaber, der Jager g'schossen hat. (Wickelt den Hasen aus einem Schnupftuch.) Rosa. DaS ist ja sehr a schönes Vieh — und die Grök' — Flauser. Ja, bei uns gibt's große Bisher! Rehh. No. das wird a herrlich's Nachtmahl heut geben. Morgen z'Mit- tag haben wir nachher in einer Sauce 'S Junge davon. Flauser. Pst! Herr Vetter! Ein Zung'S wird er nit haben — Rehh. Warum denn nit? Flauser. Mir scheint, es ist a Mandel! Rehh. Und mir scheint — aber na, das weiß ich g'wiß — Du bist ein dummer Kerl. r i, j rL'rüi' rvsch'j 7i6 4nU .bjoZK .Sru,?^) tz'tz-:i:4i? s ^ ' i Ln^Lur 2« ?ub 77ss7vn rft ri L - ! 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Charakterbild mit Gesang m drei Akten, von Friedrich Kaiser. Musik vom Kapellmeister Karl Binder. Vers Baron Feldstein. Agathe, dessen Schwester. Herr v. Weichherz, deren zweiter Gemal, Hausbesitzer. Doktor Bern, Notar. Härtner, Steinmetzmeister. Peter Schartig, l Paul, ! dessen Gesellen. Jakob. > Marie. Frau v. Heldenfeld. George, ihr Diener. Frau Regtne, Obsthändlerin. Gäste. Marktleute. < inen: Christian Tanzapf, Patron der Chirurgie. Babette, Brotverschleißerin. Pftffmann, i Gäste Matzner, j im WtrthShause. Altberger. Milchmeter. Przischek, Schustermeister. Franz, ein Lehrjunge. Maruschka, eine kroatische Spielwarenverkäuferin. Martin, Hausmeister. Kaspar. Oberkellner ln einem . Einkehr- wirth-hause. Zean, ein Diener des Baron Feldstein, esellen. Dienerschaft. Erster Akt. (Hofraum bei Meister Härtner'S HauS — ringsumher stehen und liegen IheilS rohe, theils schon behauene Steine — der Hof ist im Hintergründe durch eine Mauer von der Tasse getrennt; — in dieser Mauer befindet sich ein breites CinfahrtSthor.) Erste Scene. Härtner, Paul, Jakob, mehrere andere Gesellen. Die Gesellen (find sämmtlich mit Steknmetzarbeit beschäftigt). Härtner (geht die Arbeit besichtigend umher, und bleibt endlich bei einem Grabsteine, an welchem Paul eben arbeitet, stehen). Paul (sich zu Härtner umwendend, und auf seine Arbeit weisend). Na, Meister k was sagen Sie dazu? Härtner. Hm! Es geht wohl an! Paul. Sie sagen aber das so, als ob's just nicht anginge! — Hören Sie, Meister! Für Sie ist schwer zu arbeiten! Härtner. Nein, Nein, ich mach Dir ja keine Vorwürfe! — Du machst eS halt so gut, als Du es kannst! Paul. Und ich mein', so gut, als irgend ein Steinmetzgesell kann! Härtner. Da sagst Du wieder zu viel! (Tritt näher zum Grabstein, und deutet 1 auf eine Verzierung.) Da schau einmal die Rosetten an, die Du auSgehauen hast — und da (geht zu eine» daneben stehend«, Steine, und weiSt auf eine Unltche Berzieruog) schau einmal die Arbeit an! (Käst entzückt). Ist das nicht, als ob die Rose gar nicht auS Stein gearbeitet, sondern grad aus Wachs poussirt wäre? Wie fein die Blätter und der leichte Schwung! Paul, Jakob, mehrere andere Gesellen (treten ebenfalls hinzu). Jakob (etwas gereizt). Na freilich! so was bringen wir nicht zusammen! Dazu gehört so ein Wunderkind, wie der Musje Peter! Paul. Aha! wird uns der wieder vorgerieben! Härtner. Na, das müßt Ihr doch einsehen, daß Jhr's mit dem nicht aufnehmen könnt! Jakob.'Nein! Oft acht Tage lang gar nicht auf den Arbeitsplatz kommen, und dafür die ganze Zeit im Wirthö- hauS zubringen, — das treffen wir freilich nicht! Härtner. Ja leider! daß der Peter ein solcher Lump geworden ist! Paul. Er hat Recht! Wenn er dafür jede Woche einmal Ihnen die hohe Ehr' erweist, in Ihrer Werkstatt zu arbeiten, so küssen Sie ihm ja völlig die Hand dafür! Jakob. Und zahlen ihm doppelt so viel, als uns! Die andern Gesellen. Ja, ja, so ist's! — Das soll uns gewiß freu'n! Härtner. Ich zahl' ihm doppelt so viel, weil er, wenn er einmal was macht, es auch doppelt so gut macht, als Ihr! Paul (Mtisel und Schlägel wegwerfeud). Na. so schau sich halt der Meister um, daß er lauter PeterS kriegt, und lassen Sie uns gehen! Die übrigen Gesellen. Ja, ja, wir gehen! Härtner (beschwichtigend). Na, na. nur nicht gleich so obenauS! Paul. Ah was! — jetzt muß es einmal heraus! — Es wurmt uns alle schon lang! — Der Peter ist bei Ihnen nicht förmlich als Gesell aufgedungen, und d'rum leiden wir's nicht, daß er grad nur kommt, wenn's ihn freut! — Entweder er soll unser ordentlicher Mitgesell sein, oder er soll ganz wegbleiben! Jakob. Ja — Eins von den zweien oder wir gehen alle! Die übrigen Gesellen. Ja, ja, wir gehen! Härtner (für sich). Auf das darf ich's doch nicht ankommen lassen! — sind alle brave Arbeiter, und auf den Peter ist sich nie zu verlassen! Paul (leise zu den Uebrigen). Aha! — es hat schon gewirkt — er besinnt sich doch! (Laut.) Na — also? Härtner (tritt in di« Mitte). Na. ich werd' nochmals mit dem Peter reden, daß er sein unordentliches Leben aufgibt — und wenn das nicht wirkt — dann — na dann geb' ich ihn auf! — Also seid Ihr jetzt zufrieden? Die Gesellen. Ja, das laßt sich hören! Härtner. Na, also bleiben wir die Alten! Und jetzt kommt zum Mittagmal — da kennen wir über die Sache noch weiter reden! Alle. Ja — zum Mittagmal! kommt! (All« ab nach links in'S HauS.) Zweite Scene. Peter Schartig (in seinem Anzuge ver- nachläsiigt. da» Haupthaar wirr in die Stirne hängend, mit struppigem Barte, einen zerdrückten breitkrämplgen Hut schief auf dem Kopfe, und beide Hände in die Beinkleidsäcke gesteckt, tritt durch da» Thor ein). Lied. Man sagt: „'S ist nicht gut, daß der Mensch ist allein!" Doch oft ist viel schlechter, daß Zwei bei« samm' sein. 3 Das Eheband druckt, wie ein eiserner Gürtl, Wird einmal d' Ehhälfte zum Ehftands» Dreiviertll Dem bin ich nicht auSg'setzt — ich steh' ganz allein. Nenn' weder ein Weib, noch ein' andere Katz' mein. Und g'nieß' d'rum das Gute, daß ich stolz sagen kann: WaS ich thu', was ich treib', geht keinen Menschen was an! Ich thu' nie die Zeit mit der Arbeit verläppern, So lang in mein'm Sack noch Papterzehnerln scheppern Der Wirth ist mein Wechsler, zu dem trag' ich'S h'nein. Der gibt für'S Papier flüffig's Gold nämlich Wein! Und trink' ich ein Seitel nach'm andern still aus, Kommt Niemand, der brummt: „Du — 'S ist Zeit! — geh' nach Haus!" Und lieg' ich zuletzt unter'm Tisch auch sodann. So geht halt das All'S keinen Menschen was an! Ich wüßt' nicht, zu was ich sollt' z'sammspar'n mein Geld, Ich Hab' ja für Niemanden z'sorg'n auf der Welt — Und wenn ich einmal nichts mehr arbeiten kann, So nährt ja der Bettelstock auch noch sein'« Mann! Und geht'S dann auf d' Neig', und mach' ich'S Testament, Beding' ich als Grabschrift mir das vor mein'm End': „Geh' Wand'rer nur weiter! — Denn hier liegt ein Manu, Wer er war? und wie alt? — geht kein'n Menschen was an!" — DaS Bewußtsein: Ich habe keinen Menschen, den ich, und Keinen, der mich was anginge, macht mich so ruhig, aber gar so ruhig, daß eS mir völlig vorkommt, als gehörteich eigentlich gar nicht mehr auf die Welt, als hätten die Leute nur so zufällig darauf vergessen, mich zu begraben! — Ich bin eigentlich nur ein Scheinlebendiger, und das ist noch viel ärger, als scheintodt zu sein! — Wenn man so selber verspürt, daß das Herz für nichts mehr einen warmen Pulsschlag hat, daß alle Empfindungen vor innerem Frost zu starren Eiszapfen geworden find, die keine Frühlingssonne mehr aufthaut: da sind dann die zeitweisen Bewegungen von Händen und Füßen rein nur galvanische Zuckungen eines Leichnams — die haben so was Schauerliches — und das — das Hab' ja ich auch für and're Leute! — Ich hab's ja oft mit eigenen Ohren gehört, wie die Leute über mich geredet haben: „Das ist ein schauerlicher Lump!" oder: „Ich möcht nur wissen, zu waS der auf der Welt ist?" — Mein Gott! ich seh's ja selber ein, daß mir gar kein Platz mehr auf der Welt gebührt, sie müßten mir höchstens eine Anstellung im Antiken-Kabinet geben, als Mumie! Aber bei Besetzung dieses Postens werden auch nur die Egyptier protegirt, während ich als Landeskind mir die Füße ablaufen darf, bis ich'S nur bis zu einem gewöhnlichen Grab bringe! — Meiner Seel! die ganze Leberei wird mir schon zu lang und zu fad, — und ich war auch schon oft so nah' dran, an diesem Stück ohne Handlung eine eigenmächtige Kürzung vorzunehmen! DaS wär' im Grund waö Leichtes, ich könnte mich z. B. aufhängen, wenn einmal die Witterung dem Unternehmen günstig, das heißt, ein recht windiger Tag ist. aber mir ist meine Unabbängigkeit zu lieb, als daß ich noch nach meinem Tod von irgend einem höheren Gegenstand abhängig sein möchte! — Oder ich könnte mich erschießen. aber ich will nicht zeigen, daß mein Leben so feig ist, daß es schon bei dem ersten Schuß entflieht! — Mit dem Inswafferstürzen ist's auch so eine Sache — die Donau kennt, keine 1 * Gastfreundschaft, den sie wirft Jeden, der in ihren Fluthen ein Asyl gesucht hat, wieder aus, und der Grobheit will ich mich nicht noch nach meinem Ende aussetzen! Wenn ich endlich an Gift sterben wollte, da brauch' ich keinen Arsenik, ein Leben, wie daS meinige, ist ohnehin Gift genug, denn es reibt mich langsam inwendig auf, und so geh' ich herum als kontinuirlicher Selbstmörder, der sich so zitzelweis (nach und nach) zu Tod lebt. Dritte Scene. Peter. Härtner. Härtner (kommt Wieoer aus dem Hause, Peter erblickend, mit dem Ausdrucke der Freude). Ah, da ist er ja! Grüß Dich Gott, Petcr! Peter. Sie auch! Härtner. Was führt denn Dich wieder einmal daher? Peter. Nichts! Härtner (befremdet). Nichts? Peter. Na ja — das wissen Sie ja, daß mich nur daS Nichts in eine Werkstatt führt — ich meine nämlich daS Nichts in meinem Sack! Härtner. Aha! Also der letzte Groschen wieder verthan — und jetzt zwingt Dich der Hunger zum Arbeiten! Peter. Und der Durst! Nur in diesem Zustand Hab' ich so einen Straußenmagen, daß ich mich sogar von Steinen nähren kann. Also weisen Sie mir einen Stein an, aus dem ich als MoseS der Zweite mir die ersehnte Flüssigkeit herausschlagen kann! Hartner. DaS geht nicht mehr! Ich kann keinen Gesellen brauchen, der nur arbeitet, wenn'S ihn just freut! Peter. Das ist bei mir nicht der Fall — freuen thut mich die Arbeit nie! Härtner. Hör' mich an. Es gibt nur zwei Wege, entweder Du trittst förmlich als Geselle bei mir ein, bist alle Lage mit den andern Gesellen zugleich in der Werkstatt, und arbeitest so lang als sie. Peter. Diese Proposition wird unbedingt verworfen. — Härtner. Na, dann sag' ich Dir, daß ich Dir unter keiner Bedingung mehr eine Arbeit gebe — meine andern Gesellen halten sich darüber auf! Peter. Aber da gibt's ja einen Mittelweg! Geb' mir der Meister nur den Lohn — die Arbeit laß ich dann mit Vergnügen den andern Gesellen. Härtner (unwillig). Nein — nicht einen Kreuzer! ich unterstütze keinen Faullenzer! (Wieder gutmüthtg.) Schau — laß mit Dir reden, Du weißt, daß ich'S immer gut mit Dir gemeint Hab', Dir gern zu Deinem Glück verholfen hätte- Peter. Zu meinem Glück?! (Bitter lachend.) Hahaha! — ja, so schauen die Glücklichen aus! Härtner. Wie Du bei mir einge« standen bist. Hab' ich gesehen, daß Du Talent zu was Besserm, als zu einem gewöhnlichen Steinmetzgesellen hast — ja, daß in Dir eigentlich ein Künstler steckt — Peter. Hätten Sie den Kerl in mir stecken lassen, eS war' gescheidter g'wesen! Aber da haben Sie eigens einen Bildhauer dafür bezahlt, daß er mir Unterricht in seiner Kunst gibt, und das war mein Unglück! Härtner. Aber wie ist denn daS möglich? Peter. AlS Bildhauer Hab' ich gelernt, vor Allem auf schöne Formen zu sehen — meine Schuld ist's nicht, daß gerade die Frauenzimmer, rrot«.- irsvs die jungen, so schöne Formen haben! Härtner. Da hast Du angefangen, liederlichen Dirnen nachzurennen. Peter (wichtig). Ich habe Formstudien gemacht! UebrigenS haben gerade meine leichtsinnigen Verhältnisse für mich keine so traurigen Folgen gehabt, als eine einzige solide Lieb- 5 schaft! — Ich sag' Ihnen, eS schaut bei der Solidität nichts heraus. Härtner (zweifelnd). Du — eine solide Liebschaft? Peter. Wenn ein schönes Mädel zugleich arm ist, so ist das der beste Beweis von Solidität! — Und wie schön war sie — diese Formen! — Meister! ich hätte sie alle Tage hauen können — aus Alabaster nämlich — als Bildsäule, und die me- dicäische VenuS hätte eine Zwillingsschwester bekommen. — (Begeistert.) Ich sag' Ihnen — aber (sich mit hervorbrechendem Schmerz unwillig abwendend) reden wir nichts mehr davon! Härtner. Und hat sie Dich auch wieder geliebt? Peter. Za, gestanden hat sie mir's, — und — der Augenblick, wo ich sie zum ersten Mal an meine Brust gedrückt, — zum ersten Mal — (wieder wie oben) reden wir nichts mehr davon! Härtner. Und warum hat sich denn die Geschichte zerschlagen? Peter. Der HochmuthSteufel ist in sie gefahren! — Ein junger Kavalier hat ihr auch die Cour geschnitten — sie hat sich schon als künftige Kavalierin gesehen — und daö ist gewiß, wenn ein Mädel hoch hinaus will, so fällt sie gewöhnlich sehr tief! — Mit Einem Wort, der Kavalier, dessen Familie ein solches Verhältniß nie geduldet hätte, ist fort von hier, und sie — sie ist ihm heimlich nach! — Ich Hab' später gehört, sie soll jetzt in einer kleinen Provinzstadt ein großes Haus führen — statt das ehrliche Weib eines fleißigen Handwerkers zu werden, hat sie's vorgezogen , die-(wie oben.) Reden wir nichts mehr davon! (Finster.) Aus ist auS! Und mit mir war von dem Augenblick an auch Alles aus! — Härtner. Pah, pah! Du mußt Dich von der Erinnerung losreißen, mußt Deinen Gedanken eine andere Richtung geben! Peter. Gerade das geht nicht. — Die Gedanken sind wie die Schwalben, wenn eS in uns kalt wird, so fliegen sie den wärmeren Gegenden, den Erinnerungen an unser verlorenes Glück zu! Härtner. Aber das zieht Dich ab von der Arbeit, und — bedenk nur, — Du mußt doch leben! Peter. Zch seh'eigentlich gar nicht ein, wozu das nothwendig ist! — Wenn man Niemanden hat, für den man lebt, so ist die ganze Geschichte nicht der Mühe werth, daß man sich deßwegen plagt! — Wenn ich dann und wann arbeite, so geschieht's nicht, um mir das Leben zu erhalten, sondern nur, um mir die nöthige Narkose anschaffen zu können, die mich unempfindlich für die ganze Misere macht! Früher hat'S der Wein gethan, aber nach und nach bemerk' ich, daß der Branntwein noch heilsamer für meinen Zustand ist. Härtner (entrüstet). Pfui Teufel! wenn Du so redest. .grauSt mir ordentlich vor Dir! Peter. Und mir vor der ganzen Welt! — Aber Sie haben jetzt durch Ihr Ausfratscheln (Ausholen) meinen ganzen Schmerz wieder roglich (wach) gemacht, jetzt geben's mir auch was. damit ich ihn wieder einschläfern kann! Meister! Ich brauche jetzt einen starken Trunk so nothwendig, wie einen Bissen Brot! — Lassen Sie mir ihn geschwind verdienen! Härtner. Zch Hab' Dir schon meine Bedingung gesagt. — Peter. Ha! — Sie wollen den Moment meiner Geldlosigkeit benützen, um mich zu Ihrem Sklaven zu machen — aber davon ist keine Rede! Härtner. So ist auch keine Rede von einem Verdienst! — Wem nicht zu rathen ist, dem ist auch nicht zu helfen! — Gott behüt' und Gott bessere Dich! («b tn's Hau-.) 6 Peter (ihm nachrufend). Wünsch' gleichfalls! Haha! - er glaubt, er kann mich zwingen, seinen Willen zu thun! Als ob ich nichts Anderes könnte, als fteinmetzen! O ich versteh' noch eine andere Arbeit, die mir meinen Abendtrunk verschafft! — ich kann auch pumpen! — Ich Hab' beim Wirth einen Kredit, der alle Flaschen und Krüge für mich mobil macht! — Ich werde also heute mein Glück in diesem Orsckit molrilisr versuchen! (Geht links ab.) Vierte Scene. Christian Tanzaps (in einem gekenhaf- ten und geschmacklos mit Schmuck überladenen Anzuge, kommt durch die Mitte.) Lied. Was geben sich d'Aeltern für Müh' mit ein'm Kind, Damit eS das Reden nur lernt recht geschwind; Doch kaum kann'S erst plauschen, dann seh'ns wieder ein. Wie g'sährlich das Red'n für sie selber könnt sein! Wie oft, wenn das Kind nur so paperlt: Papa — Und „Köchin" — und „Bußi" — da stutzt die Mama — „Hätt' ich" — seufzt der Vater, der g'schwlud sich entfernt. „Dem Kratzen statt'm Reden lieber 'S Maulhalten g'lernt!" Ein Hausherr ist reich — hat ein'n staatlichen Bauch, Macht sich ganz famos als Gemeinderath auch, D'rum möcht' er als Redner auch d'rln excellir'n, Thut sich vierzehn Tag lang fünf Zeil'n ein- studir'n — Doch wie er im Saal d'rin das Maul nur aufmacht. Wird vom ganzen Gremio solenn er au-g'lacht — Da flucht er, indem er beschämt sich entfernt: „Hält' ich statt der Red' lieber 'S Maulhalten g'lernt!" Ein Witzbold, der oft d'ganze G'sellschaft ergötzt. Weil er über Alles sein'n Schnabel gleich wetzt, Parlkrt auch im WirthShauS, und sprüht von Bonmots. Und nimmt auch zur Zielscheibe öfter- wa- Groß'S — Da wird er hinau-g'ruf'n — und draußt steht ein Herr — Mit dem muß er fortfahr'n — man sieht ihn nicht mehr. — Er seufzt im Verließ, von den Freunden entfernt : „Hätt' ich, statt dem Witzreißen 'S Maulhalten g'lernt!" Wie oft kommt der Fall vor, daß der Mensch, leider immer zu spät, sich selbst auf'S Maul schlagt, um sich an dem Organ zu strafen, mit dem er gesündigt hat! Reden können hat schon Manchem in'S Unglück gebracht, aber durch die Kunst zur rechten Zeit schweigen zu können, bringt'ö Einer, wenn auch sonst zu nichts Gescheidterm, doch wenigstens zum Titel eines Philosophen! „8i tavuissss, pkilosotus mavsissss* haben schon die Römer gesagt; und wie beliebt man sich bei manchen Damen dadurch macht, daß man bei gewissen Gelegenheiten, Begegnungen u. s. w. zu schweigen versteht, daS wissen die Damen am besten! — In Anbetracht all' dieser Bortheile deö Schweigens ist's mir eben unbegreiflich, daß eS so viele Sprachschulen, Sprachlehrer, Vorträge über die Redekunst u. s. w. gibt, während noch Niemand auf den glücklichen Einfall gekommen ist, Vorlesungen abzuhalten über die Kunst, daS Maul zu halten! — ES wär' auch nicht so übel, wenn man statt eines Wörterbuches, worin für jeden Begriff ein Wort steht, ein Verzeichniß von Dingen, Gelegenheiten, Evenements, Affairen u. s. w. herausgäbe, bei welchen man vernünftigerweise nichts als schweigen soll; daS wäre ein sehr nützliches Volksbuch! — Schweigen ist der Gott der Weisen, also folgt als logische Antithese: „Reden ist der Gott der Dummen!" — Darum wird auch die Beredsamkeit bildlich dargestellt als eine Figur, welcher Ketten aus dem Munde fließen, das ist gleichsam ein Warnungszeichen, um anzu- deuten, zu was Einem das unüberlegte Plaudern verhelfen kann; denn man 7 verbrennt sich daS Maul bei weitem seltener mit Dem, was man hineinsteckt, als mit Dem, was man heraus läßt! Eine Brandwunde der letzteren Art ist gar nicht wieder zu heilen!— Ich muß daS verstehen— ich als Chirurguö! — Bin darum auch selbst so schweigsam! — Oh! bis man aus mir ein Wort herauöbringt — gar keine Möglichkeit! Wenigstens tausendmal deS Tag's sag' ich mir selber: „Nur nicht viel reden!" Man glaubt gar nicht, wie leicht bei dem einfältigen Reden waö Dummes herauskommt! Knuste Scene. Christian. P e t e r (von links). Peter (kommt wieder zurück, anfangs ohne Christian zu bemerken, mehr im Hintergründe suchend). Zch ließ vor acht Tagen, wie ich das letzte Mal da gearbeitet Hab', mein Werkzeug hier liegen — das muß ich mir doch mitnehmen für den Fall, daß ich'S brauchte. (Geht zu einem Gestelle an der Mauer, und sucht unter den dort liegenden Werkzeugen). Christ, (für sich). Aber ich vergesse ganz, warum ich eigentlich daher gegangen bin! — Ist denn Niemand da? (Sieht sich um und erblickt Peter.) Ah! — dort! (Ihm zurufend.) He, guter Freund! Peter (fleht auf — murrend). Es ist wirklich niederträchtig! Christ. Was ist niederträchtig? Peter (lo-polternd). Daß die ganze Welt mit dem Wort „guterFreu nd" gar so freigebig ist! Das ist der beste Beweis, daß es gar keine wirkliche Freundschaft gibt, sonst könnte man den schönsten Titel „guter Freund!" nicht so bagatellmäßig an jeden Kerl verschleudern! Christ. Na, na, ereifer' Er sich nur nicht so über eine Redeformel! Er sieht gerade in mir einen Menschen, der seine Freunde nie vergißt, ich bin eben hierher gekommen, um einen solchen aufzufuchen. — Peter. Da brauchen Gis gewiß ein Geld — denn in de« Fall sucht man meistens seine Freunde auf! Christ. Nein, nein, ganz im Gegen- theil! Aber sag' Er mir — Er gehört doch hier zum Haus — kennt Er nicht einen gewissen Peter Schartig? — Peter (aufmerksam werdend). Peter Schartig? (Kommt vorwärts.) Nein, g'rad' Den kenn' ich am wenigsten! Christ. Warum g'rade Den? Peter. Weil der Mensch im»«r sich selbst am wenigsten kennt! Christ. Sich selbst? — wie? Er — Du? — Du wärst der Peter? Peter. Na ja — da steht er! Aber — per Du? — (Faßt jetzt erst Christian schärfer in'S Auge.) Christ. Ja — ja — Du bist's! — Aber beim Himmel! Ich hätt' Dich gar nicht wieder erkannt! — Von Deinem Gesicht ist nicht viel zu sehen — der verdammte Vollbart — Peter. Mein Bart ist ihm zuwider ? — DaS muß ein Barbierer sein! — Und — wenn ich daS dumme Gesicht länger anschau' — meiner Seel! — der Christ!! — Der Seifenknecht! Christ, (beleidigt). Seifenknecht?! — Ich bitte, die Ausdrücke besser zu wählen! Peter. Na also — der Pflasterschmierer — der Diaculumstreich«.' Christ. Noch höher! ich bin (sich stolz in die Brust werfend) Patron der Chirurgie! Peter. Arme Chirurgie, die solche Patrone zu Patronen hat! Christ. Nein, nein! Spaß » parte! — Ich Hab' den chirurgischen Lehr- kurS absolvirt, und wie ich mein Ri- gorosum gemacht Hab' — da- hätt'st nur sehen sollen! — Alle Professoren haben die Händ' über den Kopf zusäm- mengeschlagen und auSgerusen: „Daist ein Patron!" — Und so bin ich 8 fortgezogen als Patron der Chirurgie — Hab' hernach ein Geschäft in einer Provinzstadt übernommen — eine Offizin nämlich. — Peter. Na. nach Deiner Aeußer- lichkeit zu urtheilen, muß sich das Geschäft brillant rentirt haben! — Es ist auch begreiflich, so ein Bader hat beinah' dieselbe Vollmacht, wie ein Feldherr, er kann eine ganze Stadt rasiren! Christ. Ja, bei dem Geschäft hält' ich fett werden können! — Miserabel sag' ich Dir — keine Kundschaften! — Ich bin oft den ganzen Tag müssig am Fenster gelegen. Peter. Na, da hat freilich nichts GescheidteS dabei herauSgeschaut! — Christ. Aber jetzt Hab' ich ein anderes, ganz eigenthümliches Geschäft, daS sich brillant rentirt! Peter. Na — und das ist? Christ. Mein Geschäft ist, daß ich gar kein Geschäft Hab' — ich Hab' nichts zu thun, als nichts zu thun, — dafür Hab' ich eine sehr nette Wohnung, ausgezeichnete Kost und Geld, so oft ich ein's brauch und so viel ich brauch'! Peter. Hast Du nicht noch extra eine Lheuerungszulage? — So eine Anstellung nehme ich übrigens auch an! — Sag' mir, könntest Du mir bei Deiner Stelle auch ein solches Plätzchen auSwirken? Christ. Ja, lieber Freund, das geht nicht so leicht! — Um so eine Stellung einzunehmen, muß man zuerst etwas ganz Besonderes wissen.— Peter (zweifelnd). Und daS sollte bei Dir der Fall sein? Christ. Ja wohl! — Ich weiß Etwas, was ich aber keinem Menschen sagen darf — ich bin nur als Ge- heimnißbewahrer angestellt! Peter. Aber daS kommt mir kurioS vor. Christ. Dring' nicht weiter in mich — aus mir bringst Du nichts heraus, ich bin ganz feuerfeste Kassa, selbst durch die heißeste Freundschaft wird das nicht verletzt, was in mir verwahrt ist. Peter. Na, bei mir hast Du eS leicht — ich bin nicht neugierig — ich kümmere mich um die ganze Welt — und also auch um Dein Geheimniß nicht! Aber sag' mir nur, warum Du mich eigentlich ausgesucht hast? Christ. Ja richtig — da hätt' ich jetzt beinahe selber darauf vergessen! Hör' an! in dem HauS, wo ich wohne, ist jetzt grad' eine Arbeit, die in Dein Fach schlägt, und da Hab' ich gleich an meinen alten Freund Peter gedacht. Peter. Mit einer Arbeit? — So sind die Freunde! Christ. Sie schlägt so halb in'S Steinmetzfach — halb in'S Bildhauerische — Peter. Na. das wär' wohl für mich — ich metze nicht nur Stein, ich haue auch Bild — Du weißt ja noch — ich hätt' ja so ein Canova-Nachwüchs- ler werden sollen.' — Also waö ist'S denn? Christ. Ueber unserm Hausthor sind, so quasi als Schild, zwei steinerne Engeln, die schon ein wenig schadhaft sind, die möchte der Hausherr auSbes- sern lassen, ehe sie ganz herunterfallen. Peter. Die Engeln müssen bereits gefallen sein, weil sie erst einen Menschen brauchen, der sie bessert! Christ. Mein Gott! die Steingruppe ist schon alt, da hat sich hin und wieder etwas abgebröckelt, daS muß frisch angesetzt und daS Ganze sauber geputzt werden! — Wenn man sich da an einen ordentlichen Bildhauer wendet, kostet eS gleich ein Hei» dengeld! Peter. D'rum suchst Du einen unordentlichen — na, den hast Du in mir gefunden! s Christ. So geh' nur gleich mit mir hin — der Hausmeister hat schon ein kleine- Gerüst aufgeschlagen. — Aber das sag' ich Dir gleich, zu viel darfst Du nicht verlangen, denn der Hausherr — Peter. Zst ein Hausherr! folglich nicht geneigt. Etwas aus Eigenem zur Verschönerung seines Hauses beizutragen! Christ. Ja, er ist etwas knickerisch, aber, wie er sagt, spart er nur. um wohlthätig zu sein! Oh, er ist renomirt als ein sehr wohlthätiger Mann — ist Mitglied von allen frommen Vereinen — steht bei allen Sammlungen in der Zeitung — Peter. Ich Hab' schon genug! — Führ' mich hin, wir werden halt sehen, wie viel die Engel gelitten haben, seitdem sie als Aushängschild verwendet werden! (Geht mit Christian' durch die Mitte ab.) Sechste Scene. Verwandlung. (Platz in einer Borstadt. — Die Mitte des Hintergrundes nimmt das Haus deS Herrn von Weichherz ein, ober dem HauSthore die in der vorigen Scene erwähnte Steingruppe, vor letzterer ein kleines Bretergerüst, dessen Stützbalken zu beiden Seiten deS HauSthoreS stehen — eine schief stehende Leiter führt hinauf. Im Vordergründe, vom Zuseher rechts, ein Brotver- schleiß, links ein WtrthShauS, vor demselben unter einer Mache ein Tisch und Stühle, welche hinauSgetragen werden.) FrauBabette. Marie. Bab. (tritt mit Marie aus dem Brotver- verschleiß, auf Weichherz'S Hau- weisend). Da schauen Sie sich einmal das Hauö an! DaS schönste Haus auf dem ganzen Grund! — In einem solchen Haus dienen zu können, da? nenn' ich halt ein reines Glück! Marie (ärmlich aber nett gekleidet, in ihrem Gesichte die Spuren von Gram tragend und in ihrem ganzen Wesen etwas Besser-, verrathend, fortwährend schüchtern und ängstlich). Wenn ich nur schon ausgenommen wäre! Bab. Wenn ich Ihnen den Dienst verspreche, so ist'S so viel, als wenn Sie ihn schon hätten! Gott sei Dank, meine Rekommandation wird überall respektirt. Die Herrenleute vom ganzen Grund wissen, daß bei mir alleweil die besten Dienstboten zu haben sind, und die Dienstboten wissen wieder, daß ich ihnen nur gute Plätze verschaffe — versteht sich, gegen eine anständige Erkenntlichkeit! Marie. An dieser soll'S bei mir nicht fehlen! — Gewiß — ich werde Ihnen sehr dankbar sein! Bab. DaS will ich hoffen! — Ich sag' Ihnen, Sie dürfen froh sein, daß man Sie an mich adressirt hat, ich bin ein solides Haus! — Daß Sie hernach, wenn Sie in dem Dienst sind, das Gebäck für Ihre Herrschaft nur bei mir nehmen, das versteht sich von selber. — Marie. Ja, ja, gewiß! Bab. Und daß Sie bei der Gelegenheit mir Alles sagen, was in Ihrem Haus vorgeht — Marie. Wozu denn das? Bab. Das muß ich wissen — das ist wegen der Platzkenntniß, die mein Geschäft fordert, dafür werd' wieder ich Ihnen erkenntlich sein! Wenn Sie im Fasching Jemanden brauchen, der Sie auf einen Ball führt, werd' ich Ihnen einen säubern Herrn rekom- mandiren, wenn Sie nicht schon versehen sind — ich Hab' sie immer vor- räthig — Marie. Davon ist keine Rede — aber ich bitte Sie, sprechen Sie lieber von der Herrschaft, in deren Dienste ich treten soll — ach! Sie glauben nicht, wie ich mich fürchte! Bab. Na ja, weil eS halt Ihr erster Dienst ist. Wenn Sie einmal 10 öfters gewechselt haben werden, werden Sie schon couragirter auftreten! Marie. Nein, nein! Wenn der Dienst wirklich so anständig ist, wie Sie sagen, und wenn — (stockend und in banger Angst mehr für sich selbst) wenn meine Erwartung in Erfüllung geht, dann werd' ich Alles aufbieten, um in dem Dienst bleiben zu können! — Also — Sie haben mir gesagt, es wären so gute Leute? Bab. WaS, gute Leute?! Wahre Engel sind sie! Die Frau — na. die ist wohl ein Bischen g'spreizt (stolz) — man kennt ihr's noch an, daß ihr erster Mann ein Baron war — sie ist auch alleweil kränklich — wie's halt schon zur Vornehmigkeit gehört, aber der Herr — der Herr von Weichherz — was das für ein lieber, charmanter Herr ist — die gute Stunde selber! Er ist ja auch Armenvater! Marie. Armenvater! (Für sich.) Ein Dater der Armen! — Oh! wenn er sich in allen Fällen als das bewährt! — Bab. Keinen Hund, der sich in sein HauS verläuft, jagt er wieder hinaus! Marie (für sich). Dann wird er ja auch gegen einen hilflosen Menschen nicht unbarmherzig sein! Bab. (in die Scene sehend). Aber — da — da — kommen sie g'rad! Marie (fast erschreckt). Wer? — wer? — Bab. in die Scene weisend). Na, der Herr von Weichherz und die gnädige Frau — sie waren vermuthlich im Segen. — Marie (ebenfalls hinsehend). Diese? — DaS ist also meine künftige Herrschaft? Bab. Ja, und da werd' ich Sie gleich vorstellen — Marie. Gott! — Mir ist so bang — Bab. Aber sein's nur g'scheidt, das ^ ist nicht gut, wenn man den Herren-z leuten gleich im Anfang zeigt, daß man sich gar so fürchtet vor ihnen! Lassen'S nur mich machen! Still! Sie sind schon da! Siebente Scene. Vorige. Herr von Weich hsrz und Agathe (kommen Arm in Arm von der rechten Seite). Weich h. (in schwarzer Kleidung, darüber einen grauen Paletot, seine Haare glatt zurückgekämmt). Agathe (in einem schwarzen Seidenkleid«, einen schwarzen bplhenschleier auf dem Hute und ein Gebetbuch in der Hand). Bab. (den Kommenden entgegengehend). Küß' die Hand, Ew. Gnaden! Weichh. Gott geb' Ihnen seinen Segen, Frau Babett'! Bab. Darf ich um ein gnädiges Gehör bitten? — Weichh. Sie ist eine arme Frau, und (fromm die Augen verdrehend) wozu hat der Mensch seine Ohren, als um sie armen Leuten zu leihen! Bab. Ew. Gnaden haben mir den Auftrag gegeben, mich um ein neues Dienstmädel für Sie umzuschauen. — Weichh. Ja, ich hätte mich gern selber umg'schaut, aber meine Frau Gemalin sagt, eS schickte sich nicht. Bab. Freilich, für so einen angesehenen Herrn- Weichh. Oh deßhalb — (Demüthig.) Ich kenne keinen Stolz! Bab. Dafür ist ja unsereins da! — Ich Hab' mir auch Mühe gegeben, und glaube, Ew. Gnaden werden mit mir zufrieden sein! Weichh. Mit Ihr — Frau Ba- bette? Bab. Ich mein' nämlich mit der Person, die ich Ew. Gnaden rekonu- mandiren will — Weichh. Ah so! — Na, so schick' Sie halt die Person zu uns. ^ Babette (nimmt Marien, welche schüch- 11 lern etwas zurückgetreten war, an der Hand, und führt sie vor). Da ist ste — Weichh. (laßt den Arm seiner Frau los, tritt näher zu Marten, von ihrem Anblick überrascht, für sich). Teufel l — DaS ist ein Engel! Bab. (zu Marien). Na, so kommen Sie nur naher. — Weichh. Za, ja, — nur näher — ich bin etwas kurzsichtig (für sich) und mit Der werd' ich auch nachsichtig sein! — Marie (schüchtern). Ew. Gnaden verzeihen schon — Weichh. Ich verzeih' AlleS! Nur näher! (Zu Agathen.) Na, Gemalin, was sagst Du zu dem Mädel? Agathe. Zch sage nur, daß ich eS höchst sonderbar finde, daß man uns da auf offener Straße ein Dienst« Mädchen vorstellt. Bab. Verzeihen Ew. Gnaden! Ich weiß schon, daS sich daö eigentlich nicht schickt, aber ich kann von meinem Laden nicht fort, und das Mädel wollte nicht so allein zu Ew. Gnaden gehen. Weichh. Aber warum denn nicht? (Zu Marien.) Zch hätte Sie eben so freundlich ausgenommen, wenn Sie allein gekommen wäre. * Marie (zu Agathen). Also, darf ich hoffen — gnädige Frau? Agathe. DaS läßt sich ja doch nicht so schnell abmachen. Weichh. Du hast Recht, liebe Gemalin! Da muß erst Verschiedenes besprochen werden — daS will ich thun — aber ich sehe, Dir ist'S unangenehm, da auf der Straße zu stehen — hast auch Recht — eS weht so eine scharfe Herbstluft, und es zieht dahier — es muß wo ein Fenster offen sein. — Agathe. Und eS wird auch schon Abend — Weichh. Freilich — freilich! — Da kommen die Nebel — also laß Dich nicht avfhalten. liebe Gemalin! (Sehr zärtlich.) Geh' in's Haus hinein — der Kaffee wird schon fertig sein-, wir nehmen ihn heut' in Deinem Schlafzimmer, (für sich) von dem gehen dieFenster in den Hof. (Laut.) Ich werd' indessen hier Alles in's Reine bringen — (zärtlich) Du weißt ja, wie gern ich Dir alle Geschäfte erspare. — Du sollst Dich mit den dienstbotlichen Angelegenheiten gar nicht befassen — laß sie mir! Agathe. Es ist wahr, ich treffe den Ton gar nicht, in welchem man mit solchen Leuten verkehren muß — also mache Du daö ab, und wenn Du Dich mit ihr verständigt hast — Weichh. Ich werd' mir alle Mühe geben — Agathe. So kann sie dann in's Himmelsnamen morgen ihren Dienst antreten! Weichh. Du bist ein Schaß, Gemalin! — Also schau nur, daß Du in's Haus hineinkommst — (hustet) die Luft wird so rauh — (auf Marien blickend) es beengt mir fast schon die Brust! Agathe. Sieh, daß Du bald nachkommst! (Zu Marien und Babetten mit herablassendem Kopfnicken.) Adieu — Adieu! Bab. Küß' die Hand, Ew. Gnaden ! — Marie (will Agathen die Hand küssen). Agathe (ihre Hand zurückziehend). Laß Sie das! — Adieu ! (Geht durch das Haus- thor ab.) Weichh. (begleitet sie bis zum Thor, und ruft ihr noch nach). Behüt' Dich Gott, Gemalin! (Ihr eine Kußhand nachwerfend). Adieu, Engel! (Für sich.) Sie ist auf der Stiege! (Kommt rasch wieder vorwärts, zu Marien.) So, mein liebes Kind! (Willst- am Kinn fassen, bemerkt aber, daß Babette noch zugegen ist, für sich.) Die alte Hexe ist noch da! (Laut zu Babetten). Aber, liebe Frau, hat Sie nichts in Ihrem Laden zu thun? — Laß' Sie sich nicht aufhalten. — Bab. O ich bitt', Ew. Gnaden —- Weichh. Nein, nein, ich will nicht, daß Sie wegen mir waö versäumt — geh' Sie meine Liebe! (Indem er seine 12 Börse und aus derselben Geld herauszieht.) Da hat Sie für Ihre Bemühung! Bab. (das Geld besehend). Zwei Gulden! — Aber Ew. Gnaden, daS ist ja viel zu viel. — Weichh. Sie weiß, wenn sich's um ein neues Dienstmädchen handelt, wie mir das am Herzen liegt. — Da schau ich lieber ein Paar Gulden nicht an! — Aber geh' Sie jetzt! Bab. Ich sag'S ja — es gibt auf der Welt keinen so guten Herrn mehr, als Ew. Gnaden! (Zu Marien.) Ich gratulire Ihnen, Mamsell, zu dem Dienst! — Weichh. (ungeduldig für sich). Aber ob denn so ein alte Schachtel weiter zu bringen ist! (Laut.) Schau Sie, daß Sie zum-(sich bemeisternd) zum Geschäft kommt! Bab. (fortwährend knizend). O bitte — ist nicht so pressant — küß' die Hand tausendmal. — (Entfernt sich in den Brod- laden.) Weichh. (sieht sich anfangs behutsam um, für sich.) Es ist kein Mensch da! (Lautzu Marien.) Also, mein liebes Kind — (Näher zu ihr tretend und sie am Kinne fassend.) Sie ist wirklich ein liebes Kind — Marie (zurückweichend.) Euer Gnaden — Weichh. Na na, nur nicht so schüchtern, nicht so furchtsam — ich bin kein Tirann — Sie wird wohl schon von mir gehört haben — Marie. Za — alle Welt spricht von Ew. Gnaden nur das Beste — man hat mir Ew. Gnaden geschildert als einen Vater aller Hilfsbedürftigen. Weichh. Ja, daS bin ich — und so bin ich auch gegen meine Dienstleute, immer bemüht, ihnen gegenüber als Vater zu erscheinen. ES ist ja viel schöner, wenn man nicht gefürchtet, sondern geliebt wird. — Also sag' Sie mir, war Sie schon in einem Dienst? Maria. Nein, gnädiger Herr! — eS ist mein erster Dienst. — Weichh. (für sich). Ist mir sehr lieb! (Laut.) Da wird Sie noch etwas unerfahren sein — aber das macht nichts — ist mir sogar lieber, als wenn Sie schon zu viel erfahren wäre. — Marie. Zch weiß aber noch nicht, in welcher Eigenschaft mich Ew. Gnaden in den Dienst nehmen wollen? Weichh. Zn was für einer Eigenschaft? hm! Wir brauchen halt so — wie man sagt — ein Mädel für Alles! Marie. Ew. Gnaden haben (stockend) kein — keine Kinder? Weichh. Nein. — (Dich betrübt stellend.) Ich Hab' nie ein Kind gehabt, und muß auch die Hoffnung aufgeben! — Sie hat ja meine Frau gesehen! Marie. Za — sie scheint etwas leidend. — Weichh. Za, immer kränklich, besonders seit ihr Sohn, den sie aus ihrer ersten Ehe gehabt hat, auch gestorben ist — über daS kränkt sie sich noch immer — nicht einmal ich kann ihr einen Ersatz bieten! Marie. Also werden mich Ew. Gnaden als Stubenmädchen aufnehmen ? Weichh. Za! — Sie kann doch weibliche Arbeiten? Marie. Zch habe bisher davon gelebt — aber Ew. Gnaden werden wissen, wie wenig diese Arbeiten ein- bringen — Weichh. (mitleidig). Armes Kind — (nimmt ihre Hand und betrachtet sie) mit den zarten Händchen! — Oh! ganz zerstochen ist dieser liebe Finger! (Küßt ihre Fingerspitzen.) Marie (ihre Hand rasch zurückziehend). Gnädiger Herr — Weichh. Lass' mich! O Du glaubst nicht, welche Achtung ich dem Fleiße zolle! — Wenn ich Deine Fingerspitzen küsse (thut es, trotz Mariens Sträuben), so ist das gleichsam eine Huldigung, die ich der Arbeitsamkeit darbringe. Marie. Za — ich arbeite gern. Weichh. Ra, wir werden Dich nicht zu stark anstrengen! — Aber so — was wir in'ö HauS brauchen — das Weißzeug nähen — die Wäsche merken — das kann Sie doch? Marie. Za wohl — Weichh. DaS ist gut, denn meine Frau darf nie etwas merken, — eS könnt' ihren Augen noch mehr weh thun! Marie. O ich will der gnädigen Frau gewiß jede Last abnehmen — Weichh. DaS wird mir sehr lieb sein! — Und was verlangt Sie denn Lohn? Marie. Bestimmen Sie das selbst — ich bin mit Allem zufrieden. Weichh. für sich). Ein charmantes Mädel! (Laut.) Na, weiß Sie, der Lohn, den meine Frau zahlt, ist fünf Gulden monatlich — Marie. ES ist vollkommen genug! Weichh. Aber eS bleibt nicht dabei — wenn ich seh', daß sich ein Dienstmädchen gut anstellt, leg' ich selbst noch was zu — denn meine Frau kümmert sich nicht um'S Hauswesen — sie weiß nicht, waS ein Dienstbote bei uns Alles zu thun hat! — Da muß man menschlich sein! Und ich — ich bin sehr menschlich! — Also — Sie ist ausgenommen? Marie. Ich küsse die Hand. Ew. Gnaden! (Will es thun.) Weichh. O nicht — nicht, ich lass' mir nicht gern die Hand küssen. — Aber ich werd' ihr jetzt gleich das Drangeld geben. — (zieht jetne Börse, und drückt ihr ein Goldstück in die Hand.) Da — da — . nehm' Sie'-! — Marie (erstaunt). Wie! — ein Dukaten! — Gnädiger Herr! — Weichh. Nur keine Umstände machen! Ich kann daö nicht leiden! — Sie steht morgen bei uns ein und ich — ich stell mich heut bei Zhr ein — das ist so vice vsrsa. — Marie. Gnädiger Herr! Sie sind so gut — Weichh. O, Sie wird erst sehen. waS ich für ein Herz Hab' — ein Herz sag' ich Zhr — für alles Schöne und Gute empfänglich — na — schön ist Sie — also sei Sie nur auch gut! (Will fie wieder am Kinn fassen. besinnt sich aber, und legt ihr die Hand auf das Haupt, dann mit Salbung.) Denn wenn Sie nicht gut ist, nützt alle Schönheit nichts! — Also leb' sie jetzt wohl, und denk' Sie ja auf nichts Anders, als wie Sie Ihre neuen Herrschaften in jeder Beziehung zufrieden stellen kann! (Geht zum Hausthor und sieht auf Marien zurück, für sich.) ES ist ein lieber Schatz! (Ab.) Marie (allein). Der Mann hat ein Benehmen, das mir fast sonderbar vorkäme, wenn nicht die ganze Welt nur von seiner Herzensgüte zu erzählen wüßte! — Ja, wenn sein Herz wirklich so gut — so mitleidig ist — dann — (mit einem ängstlichen Blicke zum Himmel) dann wird Alles noch gut werden! Gott! ich zittre vor dem, waS ich thun will, als ob eS ein Verbrechen wär' — und doch — doch! Gott! Du weißt eS — eS gibt kein anderes Mittel! — Jetzt fort — und dann — in'S Himmelsnamen gewagt! (Eilt rasch fort, nach Seite recht».) Achte Scene. Christian, Peter (kommen von links). Christ. Also — da sind wir — hier oben (auf das Gerüst weisend) ist der Schauplatz Deiner Thaten! Du siehst, mir ist eS nicht genug, daß ich mich emporgeschwungen Hab' — ich verhelfe auch meinen Freunden zu einer hohen Stellung — Peter. DaS heißt: Du lassest steigen! (das HauS betrachtend.) Also in dem Haus wohnst Du? Christ. Ja wohl! Noch dazu in der Lell'ötLxe! — Solltest nur sehen, wenn ich so in der Früh am Fenster lieg' 14 und meine Morgenpfeife rauche — wie gut mir das HauS steht! — Und all' das Hab' ich bloS dafür, daß ich schweige! Peter (den Kopf schüttelnd). Das muß ein Hausherr sein, der gern ruhige Parteien hat! — Za, wenn alle Hausherrn sür's bloßeNichtSreden gleich freies Quartier gäben, dann bliebe die ganze Menschheit stumm! — Aber jetzt werd' ich mir die Geschichte da (auf die Steingruppe weisend) anschauen. — (Steigt auf die Leiter, sein Auge fällt aber aus da- WirthShauS. und er bleibt plötzlich stehen.) Christ. Na — was hast Du denn? — so steig' doch hinauf! — Peter. Zch kann nicht — mich blendet waS! Christ. Was denn? Peter. DaS WirthShauS da! Schau — wenn man so den ganzen Tag noch nichts getrunken hat, und man soll vor einem WirthShauS vorbei an die Arbeit, da ist'S Einem g'rad, wie einem eisenbeschlagenen Schiff, waö vor einem Magnetberg vorbei soll — man wird von einem unsichtbaren Macht festgehalten, daß man nicht weiter kann! Christ. Hahaha! Alte Gewohnheit! — Nun so geh' hinein! Peter. Ja, aber ich Hab' noch eine alte Gewohnheit, daß ich nämlich sehr häufig kein Geld Hab' — und dahier bin ich nicht bekannt. Christ. Thut nichts — dafür bin ja ich da! Peter. Du willst zahlen? — Na — da hat Dein Dasein doch noch einen vernünftigen Zweck! Christ, (ruft). He da — Kellner! — eine Maß vom besten! (Zu Peter.) Na. komm' — setz' Dich daher, und trink' ein Glas Steh wein, eh' Du an die Arbeit gehst. (Setzt sich an den Tisch.) Peter. Na ja — eS wird eh' schon ein wenig dumprig (dunkel) — da schadet eS nicht, wenn man ein Licht aufsteckt! (Auf seinen Kopf weisend.) Neunte Scene. Vorige. — Ein Kellner. Kellner (bringt eine Flasche Wein und Gläser). Hier, meine Herren! (Stellt das Gebrachte auf den Tisch und entfernt fich wieder.) Christ, (schenkt beide Gläser voll). Also trink' — sollst leben! Peter (sein Glas leerend). Sollst meinetwegen auch leben. wenn'S Dich freut! — Hm — der Wein thut's! — Ist daS Dein gewöhnliches Wirths- haus? Christ. Nein! (Trinkt.) Für gewöhnlich geh' ich in gar kein WirthShauS — aber nach HauS lasst ich mir den Wein von da holen! Peter. Den Wein daheim trinken! — daö ist geschmacklos! Christ. Ja freilich, so angenehm ist'S nicht, als wenn man so mit ein paar guten Freunden kneipen kann. Peter. Aber das Vergnügen könntest Du ja leicht haben, wenn Du immer die Zeche zahlst, wirst Du immer gute Freunde haben! Christ. Das ist aber g'rad, waS ich meiden muß! (Trinkt.) Schau, zu Dir Hab' ich Vertrauen — Du warst immer ein ehrlicher Kerl — stoß' an! Peter. Weil ich ein ehrlicher Kerl bin? Na ja — da stoßt man am öftesten an! — Christ. Du — Du würdest gewiß Niemanden in'S Unglück bringen! Peter (stutzend). In'S Unglück bringen ? — Hörst — Du redest mitunter . so gewiß — als ob's mit Deinem Gewissen nicht recht in Ordnung wäre? Christ. Gewissen? (Trinkt wieder.) Pah! Gewissen! — ich sag' Dir, eö ist am besten, wenn man gar kein Gewissen hat. (Trinkt rasch sein Gla- aus und füllt es wieder.) 15 Peter. WaS? Auch kein gutes Gewissen ? Christ. Es gibt gar kein gutes Gewissen, denn ich frag': AuS was macht man sich ein Gewissen? Nur aus etwas Schlechtem, wie kann'S also hernach ein gutes Gewissen geben?! — Alles Dummheit! (Trinkt.) Aber trink' doch auch! Peter (sein Glas heftig von sich schiebend). Nein! Ich kann Dir meine Verachtung nicht besser beweisen, als indem ich nicht einmal den Wein, den Du zahlst, trinke! (Sieht auf und will fort.) Christ, (dem man die Wirkung des Weines bereit- anfieht, ihn zurückhaltend). Peter! bleib' da — ich — ich will Dir Alles auseinanderseHen! (Sich immer mehr verwirrend.) Gewissen Hab' ich gesagt? — ja — Gewissen! — siehst — eS ist so — was ist ein gutes Gewissen? sag' Du mir's! Peter (überdrüssig). Ah was! — das kann ich nicht so erklären, aber bei mir ist gutes Gewissen das, wenn man ruhig schlafen kann! Christ. Siehst eS — grad das ist nicht wahr — ich — ich war ein ganz ehrlicher Kerl, und — Hab' doch nicht ruhig schlafen können! Peter. Warum denn nicht? Christ, (fast weinerlich). Weil ich so viele Schulden gehabt Hab'! — Du glaubst nicht, wie schlecht eS mir gegangen ist in der Provinzstadt! — ich sag' Dir, ich hätte mich manchmal hungrig in'S Bett legen müssen, wenn ich nicht noch in meinem Kasten ein paar Schachteln mit alten Pillen gefunden hätte, die ich mir hernach statt grüner Erbsen abgeschmalzen habe! — Da kannst Du Dir hernach die Nacht darauf vorstellen! Peter (für sich). Ich muß wissen, wie ich mit dem Kerl d'ran bin! (Laut.) Na, und was hast Du denn hernach ge- than, damit es Dir besser gegangen ist? Christ. Ich? — ich Hab' gar nichts gethan! — Aber andere Leute — o Gott — das war eine schauerliche Geschichte! Setz' Dich nieder — denn stehend hältst Du'S gar nicht aus! (Zieht Peter wieder auf seinen Sitz zurück.) Aber (den Finger auf den Mund legend) pst! — sehr pst! — versprich mir das! Peter. Zch muß erst hören, was eS ist! — Christ. Ja so! — na also! — Stell' Dir vor — ich werd' einmal in der Früh aufgeweckt — vor meinem Haus steht ein Wagen, und d'rin sitzen zwei Herren, die sagen, ich muß gleich mein Verbandzeug mitnehmen, und mit ihnen fortfahren! — Ich denk', eS ist wo ein Unglück geschehen, und steig' ein. — Wir fahren weit fort — in einen Wald — da sind noch zwei Herren gestanden — und stell' Dir vor — Pistolen sind da gelegen — Peter. Waren die Herren vielleicht Räuber? Christ. Nein — sie waren Duellanten! — Bevor sie aber auf einander losgegangen sind, nimmt mich Einer von den Herren bei Seite und sagt, die Sache wäre so schnell gekommen, daß er nicht die nöthigen Verfügungen hätte treffen können, er hätte aber in aller Eile einen Brief geschrieben, und für den Fall, als er fiele, sollt' ich den Brief persönlich an seine Adresse bestellen — ich würde dafür fünfzig Dukaten auSgezahlt kriegen. — Er hat mich aufgefordert, ihm zu schwören, daß ich das wirklich thun will. Peter. Und hast Du geschworen? Christ. Na, um fünfzig Dukaten werd'ich nicht schwören! — Also— ich schwör's, steck' den Brief ein, und gleich d'rauf geht's los — piff! paff! — mir ist Hören und Sehen vergangen, und — wie ich wieder zu mir selber gekommen bin, — liegt der Herr, der 16 mir den Brief gegeben hat, richtig da — mauStodt! — Die andern Herren fahren davon — und ich lauf davon. — Ich Hab' mich gar nicht mehr nach Haus getraut, und bin gleich, wie ich war, daher — (auf das Haus weisend). Peter. Daher? — Also war der Brief an den Hausherrn adressirt? Christ. An ihn und seine Frau — aber die war just krank — ich Hab' also den Brief nur dem Herrn von Weich- herz geben können. Peter. Hm! eigentlich hast Du Deinen Auftrag nur zur Hälfte erfüllt. Christ. Warum denn? — Mann und Weib ist Ein Leib, wenn ich also dem Mann den Brief gegeben Hab', war'S g'rad so viel, als wenn ich ihn allen Zweien gegeben hätte. Peter. Und hat er Dir die fünfzig Dukaten ausgezahlt? Christ. O noch weit mehr! Der Herr von Weichherz ist nämlich gar so ein guter Herr — er hat mir entdeckt, daß Der, der in dem Duell erschossen worden ist, der Sohn seiner Frau aus ihrer ersten Ehe gewesen wär'. und daß in dem Brief Sachen stünden, die seine Frau zu stark angreifen könnten — sie könnte den Tod davon haben, hat er gesagt, und d'rom — bloß um ihr den Tod zu ersparen — hat er mich ganz sorgenfrei gestellt, gegen mein Versprechen, daß ich Niemanden was davon sag', daß überhaupt ein Brief von ihrem Sohn gekommen wäre! — Das Hab' ich versprochen, und Hab' auch noch keinem Menschen was gesagt. So! jetzt weißt Du Alles! was sagst Du jetzt dazu? Peter (sich mit beiden Armen auf den Tisch stemmend und Christian scharf in'S Auge blickend). Sag' mir — glaubst Du wirklich, daß der Hausherr seiner Frau bloß aus dem Grund den Brief verheimlicht ? Christ. Ich? — hm! ich muß eS wohl glauben — und ich will auch an gar nichts Anders denken. Peter. Aha, weil, wenn Du dahinter noch waS Anderes vermuthest. Du Dir selber gestehen müßtest, daß Du der stillschweigende Helfershelfer von einer Hallunkerei bist! Christ, (ängstlich um sich blickend). Aber pst! pst! (Leise.) Ich bitt' Dich um Gotteswillen! — Hallunkerei! — Der Herr von Weichherz! Armenvater! Wohlthä- ter! Vereinsglied k Peter. Hm! Solche Titulaturen sind oft nur der Schafpelz, hinter dem der Wolf steckt! — Die Geschichte gefällt mir nicht — sie gefällt mir einmal nicht! (Steht auf und geht nachdenkend auf und nieder.) Christ, (steht ebenfalls auf und begleitet Peter Schritt für Schritt). Peter! Um Got- teswillen, Peter! Du machst doch keinen Verräther?! — Mach' mich nicht unglücklich! Peter. Bist Du denn gar so glücklich, mit dem Schloß vor Deinem Maul? Christ. Wenigstens Hab' ich keine Sorgen, und glaub' mir, das größte Glück für den Menschen ist doch, daß er keine Sorgen hat. Denk' Dir nur, wenn der Herr von Weichherz mich nicht mehr erhielte, wenn ich wieder zu meiner Praxis zurückkehren müßte... Peter. Ja, das wär' ein Unglück für die leidende Menschheit! — Uebri- gens weiß ich auch gar nicht, warum ich mich für die ganze Geschichte so interessire? — Ich Hab' abgeschlossen mit der ganzen Welt! ES ist nichts verloren dabei, wenn die Menschen sich gegenseitig hinter's Licht führen, denn eS ist eh' an Keinem waS GescheidteS zu sehen! — Aber eS fängt schon an, dunkel zu werden, und ich bin nicht zu meiner Arbeit gekommen — Hab' nichts verdient. — Christ. DaS schadet nicht — steig' nur noch ein wenig auf'S Gerüst hinauf — ich sag' dann dem Hausherrn, daß Du schon den ganzen Nachmittag 17 da gearbeitet hast, dann zahlt er Dir I doch Deinen Lohn aus! Peter. Hast Recht! Red' Du für mich, damit i ch auSbezahlt werde — ich will dafür nichts reden — damit Du nicht auSbezahlt wirst! (Geht zu de« Gerüste und steigt die Leiter hinan — er ist oben von dem Bretergeländer beinahe ganz verdeckt.) ! Christ, (allein). Damit ich nicht ausbezahlt werde? — WaS will er damit sagen? — Er macht mir völlig Angst! (Sich vor die Stirne schlagend.) Warum Hab' ich auch plaudern müssen! — Der Wein — der verdammte Wein! (Während er den Rest der Flascht in sein GlaS I schüttet.) Der hat mir so die Zunge ^ gelöst — ich darf wirklich keinen mehr trinken! (Leert da- Glas.) Ich muß besser 1 auf mich Acht geben! ES ist ein Unglück, wie sehr ich für mich sorgen muß, damit ich nur ohne Sorgen leben kann! (Geht ab tn's Haus.) Zehnte Scene. Peter (auf dem Gerüste). Marie (von rechts). (AL. Es ist während der vorhergehenden Scene Dämmerung eingetreten, und nun nimmt die Dunkelheit immer mehr zu. Die Bühne bleibt ! kurze Zeit leer.) Marie (kommt, einen großen, mit einem Tuche bedeckten Korb tragend, sieht sich überall ängstlich um. mit beklommener Stimme). Gott sei Dank! — ES ist kein Mensch da! (Geht dicht an der Wand deS Hauses unter die dunkle Einfahrt desselben, stellt dort den Korb nieder, bückt sich dann, lüstet da- Tuch ein wenig, blickt hinein, erhebt sich aber rasch wieder, faltet die Hände wie zum Gebet, und blickt zum Himmel). Gott! Gott! gib Du Deinen Schutz! (Eilt rasch au- dem Hausibore hervor.) Ich darf nicht in der Nähe bleiben — Niemand darf mich sehen — fort! — fort! (Eilt rasch rechts ab.) Peter (der bisher auf dem Gerüste gebückt gestanden, sich nun erhebend). ES ist rein nichts mehr zu sehen. ES ist über- > Haupt keine Zeit mehr zum Arbeiten, um diese Stunde gehört ein or« > deutlicher Mensch schon in'S WirthShauS! (Steigt wieder die Leiter herab). Jetzt will ich zum Hausherrn — ich Hab' zwar heute noch nichts Eigentliches gearbeitet, aber ich war gleichsam Besichtigungs-Kommission zur Erhaltung alter Baudenkmale, muß also, auch wenn ich nichts thue, meine Diäten kriegen! (Geht unter die Einfahrt und fällt in der Dunkelheit beinahe über den Korb — auffchreiend.) Himmelkreuztausend! — WaS haben Sie denn da wieder mitten unter die Einfahrt gestellt? — Ich wäre jetzt bald der Länge nach hergefallen! — Und Beleuchtung ist auch keine da! Wo ist denn der Hauögrobian?! — (Rust.) He da! Hausmeister! Portier! — öunoierSö! — läßt sich denn Niemand sehen? Eilfte Seme. Vorige. Martin (aus der Mitte von links.) Martin (erscheint mit einem Lichte unter der Einfahrt). Na — was gibt'S denn da für ein' Spektakel? WaS will denn der Herr? Peter. Meine g'raden Glieder will ich behalten! Sagt mir. soll vielleicht unter dem HauSthor ein Stosple - olisse abgehalten werden, daß man heut' schon die Hindernisse vorbereitet? (Deutet auf den Korb.) Da schau der Hausmeister her! Martin (hinleuchtend). Ein Wäsch- korb? Den hat wieder eine von den Mägden da vergessen! Wie leicht könnte Etwas gestohlen werden! — Ist denn was d'rin? (Hebt das Tuch auf und fährt erschreckt zurück.) Herr Gott! Peter. Na — was ist'S denn? Martin. Da — da schau der Herr her! Peter (sieht ebenfalls in de« Korb). Million! Ein schlafende- Kind! Martin. Wer hat daS hergestellt? — Da steckt ein Verbrechen 16 dahinter! (Schreit.) He da! Wache! Patrouille! Peter. Aber so schrei der Hausmeister nicht so! — Er weckt ja das Kind auf! Martin. Ist mir Alles Eins! (Schreit noch lauter.) Zu Hilfe! Zu Hilfe! Peter. Der Hausmeister ist ein Esel! — Schreit er um Hilf', als wenn Er statt dem kleinen hilflosen Wurm einen versteckten Sobri oder Rinaldini unter'm Hausthor gefunden hätte! — Martin. Ist mir Alles Eins! (Schreit wieder aus voller Kehle.) He da! — Wache! — Patrouille! Zu Hilfe! Zu Hilfe! Zwölfte Scene. Vorige. Babette (aus dem Brotladen). Mehrere Dienstmägde (aus dem Hause.) Herr Pfiffmann, Herr Mahner, einige andereGäste (aus dem Wirthshause herbeieilend). Später Weichherz. Christian. Bab. Wer schreit denn da? ) Mehr. Mägde. Was gibt's!^ denn? Pfiffm. Was ist geschehen? Mahner. Hat man denn! 2. nicht einmal im Wirthshauö einei^ Ruh'! /' Peter. Na, na, Leute! Erschreckt nur nicht!-Zm Gegentheil, freue Dich, Bevölkerung dieses Grundes! DaS heutige Ereigniß gibt Euch auf vierzehn Tage Stoff zur Konversation! Alle» Aber was ist's.denn? Martin. Stellt Euch vox.!-Unsere Einfahrt ist der Schauplatz eines gräßlichen Verbrechens geworden. Alle. Was — waS? Martin. Dort (auf den Korb weisend) ist das oorpus äLliextss! —Lin Kind — ejn wirklich lebendiges Kind ist hier auSgoseht worden! Die Mägde. Ein Kind? (Wollen zu dem Korbe.) Lasten Sie es doch anschauen ! Martin (fit abwehrend). Zurück da — nicht anrühren! Die Mägde. Aber so lassen Sie doch — Peter (sie ebenfalls zurückdräugend). Aber könnt Ihr es denn nicht erwarten? Ihr werdet noch zeitlich genug dazu kommen! Weichh. (kommt im Schlafrock, mit der Hausmütze auf dem Kopfe und ein Licht in der Hand haltend, ebenfalls unter die Einfahrt). Was ist denn das für ein Höllenlärm in meinem Haus? Martin (die Mütze abziehend, feierlich). Der Hausherr! Die Mägde (ebenfalls respektvoll zurückweicheud). Der Hausherr! Weichh. Also was ist denn geschehen, daß man mich auf so profane Weise in meinem Abendgebet stört? Martin. Da schau'n Ew. Gnaden nur her — (zieht den Korb hervor und lüftet das Tuch). Weichh. (blickt hinein, erschreckt). Ein Kind! — Herr im Himmel! ein Kind! Martin. Da — unter die Einfahrt ist es gestellt worden. Weichh. Entsetzlich! (Sieht mit einem streng prüfenden Blicke alle Dtenstmägde an). Einige Mägde (sich beleidigt abwendend). Na — sein'S so gut — Weichh. (zu Martin). Hausmeister! ist ihm keine von Denen verdächtig vorgekommen? Martin. Gott bewahr'! — Und wenn man daS Kind anschaut, eS muß ja schon fast ein Jahr alt sein! Weichh. So! DaS ist. waS Anders! — Aber wie ist das Kind hergekommen? — Wer hat es zuerst entdeckt? ^ Peter (tritt vor). Ich! .Weichh. (mustert ihn vom Kopf bis zum Kuß). Er? Er? (Mißtrauisch.)- Was hat. IS denn Er in meinem Haus zu thun gehabt? Peter. Ich wollte zu Ihnen — trotz allen Beleuchtungskreuzern, die Sie wahrscheinlich Ihren Parteien abnehmen, war'ö stockfinster unter der Einfahrt. Weichh. Moquir' Er sich nicht! — Gott sei Dank! Ich gehöre nicht zu den Jlluminanten! — Aber weiter — weiter! Peter. Ich Hab' nicht weiter können , denn ich wäre bald über den Korb gefallen — na — da Hab' ich den Hausmeister gerufen. Weichh. So? so? — Schon gut? (Zu Martin.) Schick' Er um die Wache! P e t e r (erstaunt). Um die Wache? Weichh. Ja, mein Freund! — Ich werd' ihn auf die Direktion führen lassen, denn es ist Grund zur Vermuthung vorhanden, daß Er selber das Kind dahergelegt hat! Peter (entrüstet). Sie sind ein — — hätte bald waS gesagt! Weichh. Nur die Wache! (Zu Pfiffmann, Mahner und den Gästen.) Meine Herren! Ich fordere Sie auf, Den da (auf Peter weisend) indeß festzuhalten! Die Männer (wollen Peter festnehmen). Peter (sie von sich drängend). Rühr' mich Keiner an, oder — — (Ervlickt Christian, welcher ebenfalls aus dem Hause kommt.) Ah da ist ein Zeuge meiner Unschuld! (Rust.) Christian! Christian! Christ, (erstaunt). Peter! — Ja, was haben sie denn mit Dir? Peter. Ich steh' im Verdacht als Kindesmördecin! Christ. Du? Hahaha! Weichh. (zu Christian). Was? Sie kennen den Kerl? Christ. Ist ja mein Spezi aus alter Zeit — der Steinmetz. — Peter. Der sich allerdings mit Km- dern, aber nur mit steinernen über — nicht mit den fleischernen unter Ihrem HauSthor beschäftigt hat. Weichh. Also ist Ec unschuldig? Peter. Freilich, denn wie ich gefallen bin, war das Kind schon da. — Weichh. Ah, dann entschuldigen Sie mich, daß ich Sie für einen schlechten Kerl gehalten Hab'. — Peter. Bitte, bitte— Sie sind in der ganzen Stadt als ein Ehrenmann bekannt, — eine falsche Ansicht ist leicht möglich. Martin. Aber waö soll denn jetzt geschehen? Wir können das Kind doch nicht unter der Einfahrt liegen lassen? — Christ. Man muß Nachsehen, ob nicht vielleicht Etwas beigelegt ist, was auf eine Spur führen könnte. (Geht mit Peter zu dem Korbe und nimmt das Tuch ab.) Peter. Der arme Wurm — er schläft noch wie ein Ratz (Ratte). Christ. Aber halt! — da — da steckt ein Zettel! (Zieht einen Zettel aus dem Korbe.) Haltet mir ein Licht her! Martin (eilt mit dem Lichte zu ihm.) Christ, (liest). „An den Herrn Hauö- eigenthümer Alle (erstaunt). Was? Weichh. (auffahrend). Was? — An mich? Christ, (leise zu Wrichherz). Soll ich den Zettel laut lesen? Weichh. (rasch). Nein, man kann nicht wissen, was da gegen mich an- gezettelt ist! — Lassen Sie mich erst schauen. (Nimmt den Zettel und liest) Peter (für sich). Hm! hm! an ihn selber. — MehrereMägde (die Köpfe zusammensteckend). An den Hausherrn! — siehst es! siehst es! (Sprechen leise miteinender fort.) Weichh. (wendet sich, nachdem er gelesen, und bemerkt di« Flüsternden). Was steckt Ihr da die Köpfe zusammen? (Zn den Mädchen.) Was murmelt Ihr da in die Bärte? — O schmähliche Wett! Sogar L' L0 der Reinste ist nicht frei von Verdächtigung — aber da — (zu Christian, ihm den Zettel hinhaltend) lesen Sie — lesen Sie laut! Christ, (liest). „Gnädiger Herr! Ihre Herzensgute, Ihr Wohlthätig- keitfknn sind allgemein bekannt — nehmen Sie sich des armen, vaterlosen Kindes an, dessen Mutter nicht im Stande ist, eS zu erhalten. GotteS reichster Segen wird Sie lohnen!" Wendet den Zettel um.) Sonst steht nichts mehr d'rauf. — Peter. Waö soll denn noch d'rauf stehen? Ich glaub', das wird genug sein, daß der reiche Herr von Weich- herz — der gute, der wohlthä- tige Herr von Weichherz auch wirklich was für das Kind thut! Weichh. Was? ich? — Ist er wahnsinnig? Peter. Aber Sie sind ja Armenvater! Und gibt's denn einen ärmeren Armen, als ein kleines Kind, das von seiner eigenen Mutter weggelegt wird? — Der Arme ist in 2hr HauS gelegt worden, also sind Sie der Vater von dem Hausarmen! (Geht wieder zu dem Korbe.) Mehrere der Anwesenden. Ja — ja — thun Sie das! thun Sie daö! (Nähern sich bittend.) Weichh. (sie abwehrend). Ob Ihr mich auslasset! — Ruhig! Still! — Hört mich an! Ich bin ein Mann nach dem Gesetz! — Wenn ein Verbrechen geschehen ist, will daö Gesetz, daß man die Spur desselben verfolge. — Peter. Na, das kann Alles geschehen, aber lassen Sie nur derweil das arme Kind in ein warmes Zimmer bringen — eS muß wirklich von guten Aelt^rn sein, wenn eS von dem Zug unter dem Hausthor nicht schon die Gicht in allen Gliedern hat! — Hausmeister, trag' Er's doch hinauf! Weichh. Nicht unterstehen! DaS Kind bleibt da liegen, wo eS hingelegt worden ist, damit die Behörde sich durch Augenschein von dem Thatbe- stand überzeugen kann. — Die Mägde. Aber Hausherr! Weichh. Ruhig! Still! — Und Ihr — Alle hinauf in'S HauS —.ich kann daS Herumstehen von den Dienfi- leuten nicht leiden! Marsch — hinauf, sag' ich! Die Mägde (entfernen sich zögernd). W e i ch h. (zu Babette). Und was steht Sie noch da? — Geh' Sie wieder in Ihren Laden und sitze Sie Brot! — Babette (geht ab). Weichh. (zu den Gästen). Und Sie, meine Herren, werden sich auch entfernen — ich kann nicht dulden, daß hier vor meinem HauS Zusammenrottungen stattfinden! (Zu Martin.) Er geht gleich auf'ö Gericht, und zeigt den Vorfall an — waS dann das Gericht verfügen wird, dem werd ich pünktlich Nachkommen — bis dahin bleibt Allein ststu guo! — (Die Mütze abziehend.) Gute Nacht! meine Herren! — Sehen Sie — so handelt ein Mann nach dem Gesetz! (Geht ab. Christian folgt ihm.) Peter (zu Martin). Hausmeister! Er wird doch das Kind nicht so liegen lassen? Martin. Der Hausherr hat'- befohlen, und (achselzuckend) er ist der Hausherr! — Ich werde nur geschwind noch die Latern unter'm Hauöthor anzünden! — (Thut es.) So — und jetzt geh' ich aufs Gericht. (Geht ab.) Peter (zu den Gästen). Aber, meine Herren! wir können daS doch nicht so angehen lassen? Matzner. Ich meng' mich da nicht d'rein — eS soll Jeder nur vor seiner Thür kehren! (Geht tn's Wirthshaus zurück.) Peter. So? wenn der Hausherr vor seiner Thür kehrt, so kehrt er daS Kind in den Mist! Aber Leute! Pfiffm. Ich habe mich mit der dummen Geschichte schon zu lange herau-'t aufgehalten! Mein Rostbraten LI wird schon ganz kalt geworden sein! (Geht ebenfalls in das Wirthshau«.) Peter (allein, beinahe ingrimmig). So? wenn der Rostbraten kalt wird, das geht ihm zu Herzen, wenn aber ein armes Kind erfriert, da liegt ihm nichts d'ran! — Und der Hausherr! — der Hausherr! — Für die steinernen Figuren sorgt er, da laßt er ein eigenes Gerüst aufschlagen, aber für ein armes Kind hat er nichts Christliches! (Geht wieder zum Korbe und zieht da« Tuch ab.) Mein Gott! die kleinen Händchen werden schon zwetschkenblau — eS geht zu Grunde, das Luch ist nicht warm genug — Hab' denn ich nichts WarmeS bei mir? — hm! — meinen Rock. — (Zieht ihn rasch aus.) Da muß wohl ich in Hemdärmeln bleiben, aber — (indem er rasch den Rock über den Korb breitet) ich Hab' noch etwas Warme- (auf's Herz weisend) da! — (Sieht wieder ans da« Kind.) Jetzt schlägt'S die Augen auf — eS lacht! — lacht in dem Augenblick, wo es von seiner eigenen Mutter weggelegt worden ist! — Hm! vielleicht glaubt eö in mir seinen Vater zu sehen! — Und — wenn ich'S werden wollte! — Ja — ich lass' das Kind nicht so da liegen, bis eS auf die Gerichtstube gebracht wird — so jung, und schon auf dem Gericht — daS wär' eine schöne Erziehung! Nein — nein — ich nehm' Dich mit! (Hüllt da- Kind ganz in den Rock, und nimmt eS aus dem Korbe). Nur geschwind nach HauS — da erfriert's doch nicht! (Will rechts ab.) Dreizehnte Szene. Peter. Frau Reg ine. Reg. (in der Tracht einer Höckerin, kommt eilig de« Wege«). Ich Hab' g'hört, da soll waö geschehen sein — (Erblickt Peter.) Ah — MuSje Peter! Peter. Meine Unterstandsgeberin — die Frau Regerl (Regine). — Wie kommt denn die Frau daher? Reg. Ich war da in der Nähe bei einer Bekannten — da hör' ich, daß eS dahier einen Auflauf gibt. Peter. Na, und da hat die Frau dabei sein müssen — das ist natürlich! — UebrigenS kommt Sie zu spät — (Auf da« Kind weisend.) Aber hier sind seine Folgen — Reg. (erblickt da- Kind). Ein Kind? — ja wie kommen denn Sie zu dem Kind? — Peter. Gefunden Hab' ich'S! Reg. Und daö wollen Sie behalten ? Peter. Ja — Reg. (verwundert die Hände zusammenschlagend). Ja, wie kommen Sie mir denn vor?! Peter. Verwundere sich die Frau später! — jetzt geh' die Frau heim, und richte Sie derweil was zum Essen her für das Kind. Reg. Und wer zahlt'S? — ich frag' wer zahlt'S? Peter. Sie können dem Kind unumschränkten Kredit geben — ich steh' gut! Reg. Sie? — Ein Mensch, der selber oft keinen Kreuzer Geld im Sack hat? Peter. Der Fall tritt wohl öfter ein, aber heute können Sie nicht sagen, daß ich nichts Kleines bei mir habe. — R e g. (entrüstet). Er macht noch Spaß! — Peter. So hör' mich die Frau ernsthaft an — die Frau hat nie ein Kind gehabt? Reg. Nein. Peter. Also probir' Sie eS einmal! Schau die Frau, ich war auch in der Lage — aber eben d'rum möcht' ich einmal wissen, wie die Baterfreuden auSschauen! Ls Reg. Die Baterfreudsn? Wissen Sie, in was die bestehen? Im Zahlen, immer nur zahlen! Petpr. Va ja, ich will auch zahlen. Reg. Wenn Sie nicht einmal den MonatzinS f/>r fich selber zahlen? ^ Petzer (für ßch). Ha! mein Kredit ist erschüttert! Aber was soll ich denn jetzt gjNsangen? (Beleibt nachdenkend stehen.) Vierzehnte Scene. Vorige. Härtner. Härtner (kömmt von links, und wist quer über die Bühne Lehen). Peter (ihn erblickend). Ha! — der Meister Härtner! Jetzt ist geholfen! (Zu Reginen.) Halt Sie das Kind einen Augenblick! (Nebergibt ihr das Kind.) Herr Meister! Härtner (ihn nun erst erkennend.) Ah — Au bist's, Peter! Na, was soll'S? Peter. Meister! Was haben Sie gesagt — wie viel Wochenlohn geben Sie mir, wenn ich förmlich als Geselle bei Ihnen eiptrese? Härtner (rasch vorwärts kommend). Was? Hast Du Dich besonnen? Peter. Na, besinnen nurS i e sich nicht lang' — sagen Sie eS laut — wie viel? Härtner. Na — zwölf Gulden — (hält ihm hle Hand hin.) Schlag' ein! Peter (einschlagend). Gut! Mit dieses Handschlag unterschreib' ich meinen Kontrakt — aber geben Sie gleich einen Vorschuß! Härtner (mißtrauisch). Einen Vorschuß? Peter. Reden Sie nicht lang' — entweder fünf Gulden Vorschuß, oder ich geh' an der Stelle zu einem andern Mei» ster — Leute wie ich, werden gesucht! Härtner. Na, ich kenn Dich zwar als einen liederlichen, aber auch als einen ehrlichen Kerl — ich will Dir vertrauen! Da ! (Zieht aus seiner Brieftasche eine Banknote, die er ihm gibt.) Pete r. Bravo! Abgemacht! Also morgen um 6 Uhr früh auf dem Arbeitsplatz! (Der Borh Härtner. Das will ich hoffen ! E4 freut mich — Peter! Za, ich sag' Dir's aufrichtig, eS freut mich, daß wir wieder die Alten werden! Also — behüt' Dich Gott, Peter! Behüt' Dich Gott! (Schüttelt ihm die Hand, und geht rechts ab.) Peter (mit einem gewissen Stolze). Na. die Frau sieht jetzt, daß ich eine feste Stellung Hab' — da hat Sie die fünf Gulden — also find wir in Ordnung! Reg. (nachdem fie bastig das Gelb genom« men, das Kind zärtlich betrachtend). Na, wie könnt' man denn so ein armes Würme chen hilflos lassen? Man muß doch barmherzig sein! Peter. Besonders, wenn man dafür bezahlt wird. Aber jetzt geh' die Frau nur nach Haus — aber das Kind werde ich tragen. (Nimmt ihr das Kind wieder ab.) So — jetzt lauf' die Frau — kauf' die Frau was ein — heiz' die Frau derweil den Ofen — wärme Sie eine Suppe — den Sutzel nicht vergessen — kurz, richte die Frau Alles zum Empfang der neuen Afterpartei! Reg. Ja, ja, werd' Alles Herrichten — kommen Sie nur bald nach! (Eilt rechts fort.) Peter (allein, da- Kind auf dem Arme wiegend). Ich begreife mich eigentlich selber nicht — für mich selber Hab' ich nie gern gearbeitet, und jetzt — jetzt verkauf' ich mich für das Kind, von dem ich noch gar nicht weiß, ob ich eine Freude damit erleben werde! Aber weiß denn das Kind, ob eS an mir eine Freude erleben wird? Es hätte vielleicht eher Ursache, gegen mich mißtrauisch zu sein — aber nein — nein! Ich fühl' es, es ist in mir was Eigenes vorgegangen — seitdem ich doch weiß, daß ich wen habe, der mich, und dem ich was angehe! Also (seinen Kopf zu dem Kinde niederbeugend) fertigen wir UNS gegenseitig ein Vertrauens-Votum auS — und für's Weitere — lassen wir den Herrgott sorgen! — (Bleibt, da- Kind betrachtend, stehen). ang fällt.) 23 Zweiter Akt. (Ein Platz in einer Dorstadt — die Dächer der Häuser sind mit Schnee bedeckt — eS ist bereits Abend, die Laternen an den Häusern find angezündet, au- den Fenstern schimmern die Lichter -- ring« umher sind Ständchen aufgeschlagen, auf welchen kleine Chrtstbäume, Kinderspielwaaren — Aepfel, vergoldete Nüsse und Backwerk zum Verkaufe auSgestM find; auf jedem solchen Ständchen brennt entweder eine Laterne, oder ein Kerzenlicht in einer Glasglocke. In einem der Häuser im Vordergründe ein Caf6.) Erste Seeue. (Der ganze Platz ist belebt — die Verkäufer hinter ihren Ständchen. Viele Leute, die Weiber meistens mit Körben versehen, gehen ab und zu — verweilen bei den einzelnen Ständchen — kaufen ein, u. s. w. Man hört bunt durcheinander das Ausrufen der Verkäufer, unter welchen sich auch eine Kroatin befindet, welche ihr Kind auf dem Rücken in einem Tuche trägt, und vor sich in einem Korbe hölzerne« Spielzeug stehen hat. ferner ein Bauer mit noch ungeschmückten Tanneubäumchen — dann Peter.) Erste Höcker in. Schöne Ma-^ schanzker — rothe Paradies-Aepfel!! 2. Zweite Höckerin. Vergoldete/Z Nüsse — Lebzelten! Kaufen Sie N^ Die Kroatin. Spielerei! Schöne Spielerei! ld. DerBauer. Kaufet Tannabam! Grüne Tannabam (Tannenbäume)!/- Peter (in seinem ganzen Wesen verändert, mit glattrafirtem Gesichte, in seinem Anzuge ordentlicher, erscheint von links mitten unter dem Volke und tritt, nachdem er Verschiedene- besichtigt hat, mehr in den Vordergrund, mit sich selbst sprechend). So ein Christkind-Markt am heiligen Abend ist doch was Eigenes! ES kommt mir vor, als wenn da alle Leute besser wären, als sonst, denn alle gehen nur aus, und kaufen nur ein, um Andern nur Freude zu machen. — Habe mich schon lange Jahre auf keinem solchen Markt Herumgetrieben. aber heute hat'S mich natürlich auch daher gezogen ! (Er tritt zu einem Ständchen, die Maaren besichtigend.) Zweite Scene. Vorige. Peter. Härtner (von links). Härtner (kommt des Weges, sich dicht in seinen Winterrock hüllend). Das ist einmal ein Christabend, wie er sein soll — Alles voll Schnee — eS ist gut — weiße Weihnachten — grüne Ostern! (Will vorübergehen, erblickt aber Peter.) Ah. da ist ja mein Peter ! (Tritt zu ihm und klopft ihm freundlich auf die Schulter.) Guten Abend, Peter! Peter (sich umsehend). Ah, Herr Meister! Guten Abend! Härtner. Was treibst denn Du Dich da herum? Peter. Na — Sie haben uns ja heute früher Feierabend machen lassen. Härtner. Das versteht sich von selber! Am heutigen Tag wird in keiner Werkstatt vom Mittag an mehr gearbeitet — diese Regel stell' ich nicht ab — ich gönne meinen Arbeitern gern eine Freude, und besonders Dir, Peter! Peter. Warum denn grad mir? Härtner (herzlich). Weil ich an Dir auch meine Freude Hab'! Ich Hab' im Anfänge nicht recht dran glauben wollen — aber jetzt sind eS schon über zwei Monat her, daß Du förmlich bei L4 mir in Arbeit getreten bist, und Du hast Dein Versprechen redlich erfüllt — bist alle Tag der Erste bei der Arbeit, und der Letzte, der fortgeht! Na — jetzt über die Feiertage kannst Du Dir Ruhe gönnen! Peter. Ruhe am Feiertag? — 2ch sag' Ihnen, ich Hab' fast mehr Ruhe, wenn ich arbeite! Früher, so lang' ich allweil müffig gegangen bin, haben mir gewisse Erinnerungen keine Ruhe gelassen, aber jetzt, wenn ich so in der Werkstatt bin, da schlag ich nicht nur die Zeichnung auö dem Stein — ich schlag' mir zugleich ein gewisses Bild auö dem Kopf! — Härtner. Also hast Du endlich auf Deine unglückliche Lieb' vergessen? Peter. Hm! v ergessen just nicht, aber in meinem HerzenSquartier ist sie in ein Hinterstübchen versetzt, und den Haupttrakt hat eine neue Partei bezogen ! Härtner. Was? — eine neue Liebschaft?! Na. ich hoffe doch, Du wirst eine vernünftige Wahl getroffen haben, keine ganz junge Person — Peter. O ja — es ist eine ungeheuer junge Person. Härtner. Hör auf! — Schau — Du bist zwar noch immer ein Mann, der an'S Heiraten denken kann — Peter. O ja, wenn ich jetzt noch heiratete, dächte ich vielleicht mein Lebtag dran. — Härtner. Wenn Du aber verliebt bist — Peter. Aber in wen? Zn ein kleines Kind, welches noch kaum anderthalb Zahr alt ist! Härtner. Ah so — Du meinst das Kind, das Du damals angenommen hast! Und da sprichst Du vom Verliebtsein! Peter. O glauben Sie mir. man kann in so ein kleines Kind mehr verliebt sein, als in'S schönste Kind, was schon 16 bis 17 Jahre alt ist! Sehen Sie, ich weiß eigentlich gar nicht, ob mein Kind schön ist — aber Augen hat's — Augen — eS ist mir immer, als wenn ich in einen tiefen blauen See hineinschaute, in dem meine eigene Vergangenheit und mein ganzes Glück versunken ist, und da möcht' ich mich ordentlich hineinstürzen! — Und wie gern mich der kleine Kerl hat! Wenn ich heimkomme, da sollten Sie sehen, wie er zappelt, und die kleinen Händchen nach mir ausstreckt! Man braucht nichts, als zu sehen, wie Einem so ein kleines Geschöpf gern hat, und man muß es wieder gern haben, wenn man nicht ein schlechter Kerl durch und durch ist! Härtner. Du hast schön an dem Kinde gehandelt, und ich wünsche Dir nur, daß eS, wenn eS einmal größer ist, Dir auch dankbar dafür ist — Peter. Das Kind mir dankbar? Ich sag' Ihnen, ich muß dem Kind mehr dankbar sein, denn, was daS Kind bereits für mich gethan hat, ist mehr, als was ich jemals für das Kind thun kann! Härtner. Wie meinst Du das? Peter. Na, sehen Sie! Zch Hab' erst den redlichen Willen, aus dem Kind einen ordentlichen Menschen zu machen, das ist nicht so schwer, denn es ist ja noch ganz unschuldig, das Kind hat aber faktisch mich schon zu einem ordentlichen Menschen gemacht, und daö war viel schwerer, denn ich war ein Hauptlump durch und durch, bis ich mir den kleinen Hofmeister in'S HauS genommen habe. Härtner. Aber Du hast Dir doch damit eine große Sorge aufgebürdet. Peter. Das ist eben die Wohlthat! Jetzt fühl' ich's erst, welches Glück eS ist, wenn man Jemanden hat, für den man sorgen muß! — Glauben Sie, ich hält' ehemals an's Sparen gedacht? Gar keine Zdee! Jeder Groschen, den ich im Sack gehabt Hab', hat mich ordentlich gebrannt, bis ich ihn im WirthshauS umgesetzt Hab' — jetzt aber fällt'- mir all'weil ein, waS denn auS dem kleinen 1 Würmchen werden sollte, wenn ich einmal nichts mehr verdienen könnte; d'rum geb' ich keinen Kreujer mehr auf etwas UeberflüffigeS auS; — ehemals war ich allweil schwer im Kopf und leicht im Sack — jetzt ist'S grad umgekehrt, > mein Sack ist schwerer und mein ! Kopf viel leichter und freier, seitdem I ich nicht nur das Kind, sondern auch ! mich selber beim Wasser aufziehe! Härtner. Und eS schlägt Dir auch viel besser an — Du schau'st jetzt besser auS, als früher, wo Du herumgegangen bist, wie ein halber Wilder — mit Deinem zerzausten Bart. — . Peter. Ja, früher Hab' ich mich um ! die ganze Welt nicht geschert, aber jetzt Hab' ich gemerkt, daß der kleine Kerl sich vor dem Bart fürchtet, und da Hab' ich ihn über die Klinge springen lassen, — den Bart nämlich! — Aber jetzt, Meister, müssen Sie nicht übel nehmen, wenn ich mich nicht länger aufhalten kann — Sie wissen, als Familienvater Hab' ich heute eine eigene Pflicht. — Härtner. Aha — Du willst gewiß auch einen kleinen Christbaum aufrichten ? Peter. Das versteht sich — und Lichter drauf, vergoldete Nüsse — denn a n d're Nüsse (mit der Pantomime de» Schlagen») soll er nie von mir kriegen! Härtner. Na wart' — da helf' i ch Dir einkaufen — Du mußt dem Kleinen von mir auch was bringen, denn ich bin ihm auch Dank schuldig, weil ich durch ihn einen so tüchtigen Arbeiter mehr habe. — (Hängt sich tn Peter» Arm.) Peter. Na, so kommen Sie, Mei- ! ster! Glauben Sie mir, auf einem sol- ! chen Markt kann man mitunter ganz interessante Studien machen. — (Ste gehen -auf die Kroatin mit den Spielwaaren zu.) Kroatin (ausrufend.) Spielerei! — Kaste Spielerei! — Peter (bückt sich zu ihrem Korbe und nimmt ein Wägelchen mit einem hölzernen Pferde heraus). Wie wär'ö denn, wenn ich meinem Buben gleich eine Equipage kaufte? (Zur Kroatin) WaS kostet da- ? Kroatin. Zwanziger! Peter. Einen Zwanziger? — DaS ist mir zu raß (zu theuer)-und ich brauche just keine Race-Pferde! — WaS hat denn die Frau da auf dem Buckel? Kroatin (schiebt da» Tuch so in die Höhe, daß da» in demselben eingewickelte Kind mit dem Kopfe über ihre Schulter sieht.) Klane Kindel! — Peter (überrascht) Ein kleines Kind! — Auch eigenes Erzeugniß? — Und daS tragt die Frau gar aus Krovatien (Kroatien) mit daher? Kroatin. Muß! — Kann ich nit allan lassen auf zu HauS. — Dritte Sceue. Vorige. Eine sehr geputzte Frau. Hinter derselben ein Diener, welcher ein Hündchen trägt. Die Frau (geht an der Kroatin vorüber, und wendet sich zu dem Diener). Aber James! Wie trägst Du doch meine Nerina — sie wird sich verkühlen — gib her — ich nehme sie auf meinen Muss! (Nimmt da» Hündchen, und bedeckt e» sorgfältig mit ihrem Pelze.) Ach — die arme Kleine, wie sie zittert! — Du bist recht ungeschickt, JameS! — (Geht recht» fort.) Diener (für sich murrend). WaS ich wegen dem Best für Verdruß Hab' — nichts kann man ihm recht machen! Peter (zum Diener, leise). Sie — erlauben Sie, hat Ihre Gnädige keine Kinder? — Diener. Freilich — zwei Stück. Peter. Aber die tragt sie nicht selber auf dem Arm? Diener. Was Ihm nicht einfällt ! — Dazu hat sie Dienstboten genug! r« Sie wird ihre Kinder selber tragen — eine solche Frau! (Folgt seiner Frau.) Peter. Za so eine Frau - das ist eine Mama — aber das — (auf die Kroatin weisend) ist eine Mutter! (Nimmt schnell das Wägelchen und gibt der Kroatin Geld.) Gib her — Kravatin! Da hast Du 24 Kreuzer — Du handelst so, daß ich mit Dir nicht handeln mag l (Geht mit Härtner gegen die andere Sekte der Bühne.) Vierte Scene. Vorige. EinkleinerLehrjunge. Ein Schustermeister. DerLehrjunge (steht schon seit Anfang des Aktes bei einem Ständchen mit Figuren, und betrachtet dieselben). Der Schuster m. (kommt von rechts, und erblickt den Jungen, für sich). Aha — Hab' ich mir'S denkt! Da steht er und gasst ! (Geht rückwärts hinter dem Jungen und packt ihn bei den Ohren.) Du Tagdieb ! Lehrj. (aufschreiend). Au weh! Meister! Auslässen! Peter (rasch hinzutretend). Aber was treibt denn der Herr! Schusterm. Daß geht Ihn nichts an — das ist mein Lehrjunge! (Schüttelt denselben fort.) Schon seit einer halben Stunde wart' ich auf ihn, und da steht er und hat Maulaffen feil. — Lehrj. Meister! Ich bitt — ich (weinend) Hab' nur die Spielereien an- g'schaut. Schusterm. Zu Haus sollst Holz tragen! Heute kriegt mein Knieriem Dienst! Der Lehrj. (läuft weinend nach rechts fort, der Schustermeister hinter ihm drein). Peter. So werden die Lehrjungen behandelt — aber das macht nichts — wir haben ja einen Verein gegen Tierquälerei. Härtner. Aber ich weiß nicht, warum Du Dich da Hineinmengen wolltest. Peter. Weil mich nicht- mehr dauert, als ein Kind, welches keine Kindheit hat! Der arme kleine Kerl hat halt die Spielereien ang'schaut, die er nie gehabt hat, und wird deßwsgen gepufft, weil er ein Kind ist. Härtner. Mein Gott, wenn man sich da überall annehmen wollte! Peter. Ich war früher auch nicht so — aber seitdem ich selber Vater geworden bin, kann ich so was nicht sehen. Und gar am heutigen Tag — der ist ja eigens für die Kinder auf der Wett. Härtner. Aber jetzt komm', und laß uns einkaufen. (Sie verlieren sich unter den übrigen Leuten. Härtner geht dann nach links ab.) Fünfte Scene. Vorige. Christian (von links). Christ, (kommt in einen Mantel gehüllt, sich überall umsehend). Sie ist einkaufen gegangen — da muß Sie hierher kommen! Ich muß noch einmal mit ihr allein und ungestört reden — sie muß mich hören und erhören — ich halt's sonst nicht auS! Wenn ich sie nur nicht überseh' in diesem Gewirre. Oh, wenn ich nur an allen Ecken zugleich stehen könnte! Eigentlich sollte das möglich sein, denn ich bin ganz aufgelöst und zerrissen. O, daß mir da- geschehen muß — mir! (Geht, den Hut tief in die Augen drückend, mehr de« Hintergrnnde zu, von welchem Peter, einen kleinen Bündel tragend, eben hervorkommt, so, daß Beide beinahe zusammenstoßen.) Peter. Oho! Stock an! Christ, (aufblickend.) Die Stimme — ah! — Du bist's! — Peter. Christian! Was für ein Wind weht denn Dich daher? Christ. WaS für ein Wind? O das ist kein Wind mehr, daß ist glühheißer Sturm, Original-Sirocco, der mich herumtreibt. (Wirst den Mantel zurück, und fächelt sich mit dem Gacktuche Luft zu.) Ah! Ich vergehe ! Ich brenn' inwendig aus, wie ein alter Vulkan. 27 Peter (fieht ihn erstaunt an). Meiner Seel'! Du schaust aus, wie ein wandelnder Gluttopf! Du schwitzest bei einer Kälte von ly Grad unter Null. Ist denn nicht überall der Schnee unter Deinen Füßen zerflossen* Christ, (tragisch.) Nein — nein — für mich ist Alles zugefroren — ich bin auf's Eis gegangen. Peter. Na, hoffentlich nur ein Mal,' wenn ein altes Sprichwort nicht zu Schanden werden soll! Christ. Peter! Scherze nicht! Wenn Du erfahren wirst, was mit mir vorgegangen ist, seitdem wir uns das letzte Mal gesehen haben — Peter. Das letzte Mal? Das war damals, wie Du mir die Arbeit bei Deinem Hausherrn hast zukommen lassen wollen — weißt Du noch — die Engeln — Christ. Die Du aber nicht ausgeführt hast. — Peter (mehr für sich). O dock — grad dort Hab* ich einen Engel ausgeführt. Christ. Es liegt auch nichts dran — wenn auch das steinerne Schild herunterfällt — (schwärmend) das Haus wird doch immer zum Engel heißenden« gleich TagS d'rauf ist ein leibhaftiger Engel nicht nur in das HauS. sondern auch in mein Herz eingezogen. Peter. Du bist also verliebt, und in eine eingezogene Person? Na, ich gratulire! Christ. Kondolir mir lieber, denn die Liebe schafft mir nur Schmerzen! — Stell' Dir vor — sie liebt mich nicht wieder. Peter. Die Person floßt mir immer mehr Achtung ein. Wer ist sie denn? Christ. Ein Dienstbote! Aber nein — nein! Pffui Teufel! der Ausdruck ist zu ordinär — wenn sie schon dienen muß. so sollte sie nur den Göttern im Olymp Nektar kredenzen! . Pst er. Aha. Du möchtest sie zur Hebe erheben, und dann der Jupiter sein, der sich, wenn er just Appetit hat, einen Pfiff (Glas) Nektar einschenken läßt — oh, ich kenne Deine Pfiffe. Christ. Nein, ich habe ehrliche, felsenfeste Absichten, ich Hab' ihr sogar schon das Heiraten angetragen. Peter. Sogar damit hast Du ihr schon gedroht? Und sie gibt noch nicht nach? Merkwürdiger Dienstbote! Christ. Ja — sie ist ein ganz eigenthümliches Geschöpf — ganz unbegreiflich! Oft — ich versichere Dich — ist's mir schon vorgekommen, als ob sie an einem stillen Wahnsinn litte — die Blässe im Gesicht — das unruhige Auge — Peter. Was? Sie ist wahnsinnig, und Du wolltest sie doch heiraten! Na, da geh' Du derweil voraus in s NarrenhauS, und mach' ihr Quartier. Christ. Läge mir auch nichts dran! Lieber mit ihr im Narrenhaus, als ohne sie auf der Welt, die für mich zur Hölle wird! Peter, wir werden's noch erleben, daß ich mich erschieße! Peter (ganz gleichgiltig). Wenn Dir um's Pulver nicht leid ist, meinetwegen! — Aber da will ich nicht stören! Stirb' wohl! (Will rechts ab.) Christ, (ihn zurückhaltend.) Wie? Du kannst mich jetzt verlassen in der Stimmung? Peter. Eben deßwegen — der Anblick zweier Liebenden soll zwar ein Schauspiel für Götter sein — aber das Anhören eines einspännigen verzweifelnden Liebhabers ist für eine gesunde Menschennatur reine ksdix Ipe- oscusnda — und ich will Deine poetischen Ergießungen nicht prosaisch erwidern. — (Kill wieder fort.) Christ, (hält ihn wieder zurück). Nein — um Gotteswillen — bleib' da! Es naht ein entscheidender Augenblick — ich hoffe sie hier zu sehen — will sie nochmals fragen: »Ja," oder »Nein!" — Und — sagt sie „nein", — dann stürz' ich mich — Peter. In die zugefrorne Donau. Christ. Nein — aber in irgend ein Wein- oder Kaffeehaus, um mich zu betäuben. Bleib' bei mir, wir trinken. — spielen die ganze Nacht — das ist ja ohnehin in der heutigen Nacht ein allgemeiner Brauch. Peter. Ein kurioser Brauch, den ich übrigens nicht mitmachen kann — meine Verhältnisse erlauben das nicht. Christ. Macht nichts — ich leihe Dir Geld, wenn Du so arm bist. Peter. Die Leute, die den heutigen Abend im WirthsbauS zubringen, die sind arm, wenn sie auch Hunderte verspielen können; aber Der, den's heute nach Hause zieht, Der ist reich, wenn er auch keinen Groschen im Sack hat, denn er hat — Kinder! Christ. Das ist ja aber bei Dir nicht der Fall! Peter. Wer sagt denn daS? Ja — ich Hab' ein Kind — zwar nur ein einziges, aber meine Liebe zu dem Kind ist so groß, daß sie für Zehne auSreicht. Christ. Aber wie bist denn Du dazu gekommen? Peter. Na, weißt Du Dich denn nimmer zu erinnern — daS auSgesetzte Kind unter Eurem Hausthor — Christ, (plötzlich heftig aufgeregt). Wie — was? — das — das Kind — das hast Du?! Peter. Ja — Ihr seid ja Alle davongelaufen, da Hab' ich's angenommen — ich bin jetzt die Aeltern dieses Kindes. Christ, (für fich). Welche Entdeckung! (Laut.) Peter! Jst'S gewiß? Sprichst Du die Wahrheit? Peter. Na ja — auf Ehre! — Aber was hast Du denn? Christ, (fällt ihm um den Hals). Peter! Goldener Peter! Peter. Aber so red' doch — waö ist Dir denn auf einmal? Christ, (sich beherrschend). Nicht- — nichts! Ich — ich bewundere nur Deinen Edelmuth. Wir Alle waren der Meinung, daß dieselbe Weibsperson, welche das Kind hingelegt hat, es später, wie sie gesehen, daß ihr Plan fehlschlagt, wieder mit fortgenommen hat. Aber Du behältst doch da- Kind? Peter. Ist das eine Frage! Ich das Kind weggeben? Ich glaub', ich könnte gar nicht mehr leben, ohne ihn. denn das Kind ist mein ganze- Leben. Christ. Und — sag' mir — wo wohnst Du denn? Peter. Na. wo ich früher gewohnt habe — in der Herzgasse bei der Oebstlerin, der Frau Regine. Christ. Gut — gut! (Für sich reka- pitulirend). Herz-Gasse — Frau Regine — Oebstlerin — Oebstlerin — Herz- Regine — Frau-Gasse — nein Herz- Gasse — nur nicht vergessen! Peter (sieht thn erstaunt an). Aber warum fragst Du denn? Christ, (sich wieder gleichgültig stellend). Ich? je nun — weil — weil ich Dich einmal besuchen will — ich muß Dir doch sagen, wie meine Angelegenheit auSgegangen ist. (Wieder für fich.) Regina- Gasse — Frau Herz — Peter. Na, wird mich freuen, wenn Du kommst — aber jetzt Hab' ich schon zu viel Zeit verplaudert — ich muß noch eine Menge einkaufen. Christ. Ja — ja — laß' Dich nicht aufhalten — geh' nur — geh'! (Blickt in die Scene nach link». Wieder heftig.) Ha — dort — dort — beim Laternenschein — ja — sie ist'S! (Zn Peter.) Ich bitte Dich — bleib' nur noch einen Augenblick da — damit Du sie siehst. Peter. Ich dank', ich muß nicht von Allem haben! Schwärme Du Dich aus nach Belieben! Gute Verrichtung! (Geht im Hintergründe recht» ab.) rs Sechste Seeue. Christian allein. Dann Marie. Später Herr v. Weichherz (von links). Christian (fortwährend in die Scene blickend). Ja — mein Auge hat mich nicht getäuscht — sie schwebt daher. Heute glaub' ich eine Zauberformel zu haben, die sie bannt! (Sieht wieder in die Scene, stutzend.) Aber was ist das? — hinter ihr eine dunkle Gestalt? — Alle Teufel! mein Hausherr! — Beim Gaslicht erkenn' ich den Bock! — Waö hat der vor? — Er folgt ihr auf Schritt und Tritt. — Ha! — in mir rührt sich ein kleiner Othello! — Da muß ich mir Ueberzeugung verschaffen — geschwind — da — (auf da- Kaffee. Haus rechts weisend) hinter die GlaSthür auf die Lauer gelegt! (Geht in das Kaffeehaus. und wird später hinter den Vorhängen der Glasthür lauschend gesehen). (AL. Während der folgenden Scene ver. lieren sich nach und nach die Leute von der Bühne. Die Verkäufer räumen ebenfalls ihre Ständchen ab, so daß bis zum Schluß der Scene der Platz leer wird.) Marie (kommt, am Arme ein Körbchen tragend, gesenkten Hauptes, und verstört vor sich hinblickend, langsam von links). Gehen möcht' ich, immer gehen, bis ich todt- müde zusammensinke, nur nicht ruhig im Hause bleiben, nicht unter den Leuten, sie reden auf mich, und ich hör' sie nicht, ich will arbeiten und kann nicht — kann nicht! O Gott — Gott! (Ihre Hand an die Stirne drückend.) Willst Du mich für meinen Frevel mit Wahnsinn strafen?! Ach! vielleicht wär' daS für mich noch eine Wohlthat! — (Bleibt starr vor sich hinsehend stehen.) Weichh. (in einen reichen Pelz eingehüllt, den Hut tief in die Augen gedrückt, ist ihr nachgeschlichen, hat sich zuerst sorgfältig rings umgesehen, jetzt für sich). Endlich bleibt sie stehen. — Sie hat'S gemerkt, daß ich ihr nachgehe, aber so laug wir noch in den bekannten Straßen waren, hat sie gethan, als bemerke sie'S nicht; gescheidt, sehr ge- scheidt! — Dahier kann ich's aber riskiren! (Tritt leise hinter Marien, und tippt sie mit dem Finger auf die Schulter.) Marie (heftig erschreckt zusammenfahrend). Mein Gott! — wer? — (Sieht sich um und erkennt Weichherz.) Ach! Sie, gnädiger Herr! Weichh. Na, na — was fährst Du denn so zusammen? Du hast doch gewußt, daß ich hinter Dir her bin. Marie (erstaunt). Ich? — gewußt?! — Weichh. Geh', stell' Dich nur nicht so — warum bist Du denn hernach g'rad da stehen geblieben? Marie (verwirrt). Ich — stehen geblieben? — Za — die gnädige Frau hat mir so viele Aufträge gegeben, und ich — (fährt sich mit der Hand über die Stirne) ich behalt' es so schwer — mein Kopf ist so wüst — da — ich wollt' mich nur besinnen — Weichh. Das ist nicht gut — ich kann daS nicht leiden, wenn Du Dich so lang besinnst. (Faßt ihre Hand, und will dieselbe unter seinen Arm nehmen.) Marie (fast erschreckt, ihre Hand rasch zurückziehend). WaS thun Sie, gnädiger Herr? Weichh. (ihre Hand wieder fassend). Laß' mir Deine Hand — ich will Dein Schutz und Schirm sein! (Zieht sie, trotz ihres Sträuben- näher an sich.) Marie (bittend). Lassen Sie mich fort — eS ist schon spät — bald bricht die Nacht herein. Weichh. Eben deßwegen will ich Dich nicht allein gehen lassen. — Kind! Du glaubst nicht, waS eS für zudringliches MannSvolk gibt — besonders die jetzigen jungen Männer — ich kann Dir nicht genug väterlich rathen — nimm Dich nur vor den jungen in Acht! (Will mit ihr fortzehen.) Marie (macht sich endlich von ihm los, sehr ernst). Ich bitte Sie — lassen Sie mich allein gehen. Wenn Ihnen an meinem Rufe nichts liegt — be- so denken Sie, was man sagen würde, wenn man Sie Arm in Arm mit einem Dienstmädchen sehen würde. Weichh. Du hast Recht! bist ein sehr gescheidteS Frauenzimmer — es muß Einem am Uriheil der Welt viel gelegen sein. Marie (bittend). Nun so gehen Sie. Weichh. Nein, wir gehen nicht — wir fahren — ich rufe einen Fiaker. Marie (beleidigt). Gnädiger Herr —! Weichh. Ja — ich bin gnädig — sehr gnädig, aber man muß mich verstehen! Schau — und das ist das Einzige, was ich an Dir auSzusetzen habe. Du bist jetzt schon zwei Monat in unserm Haus, und verstehst Deinen Herrn noch immer nicht! O Marie! (Will sie mit einem Arme umfassen.) Marie (stößt ihn in heftiger Aufregung beinahe mit Wildheit zurück). Lassen Sie mich! — Weichh. (zurücktaumelnd). Was war das?! Christ, (tritt in demselben Augenblicke rasch aus dem Kaffeehause heraus — sehr höflich den Hut abziehend). Guten Abend, Herr von Weichherz! Weichh. Der da! da? Himmel- sapperment! Marie (zugleich). Gott! nun Dieser auch da! Christ, (zwischen Beide tretend, zu Weichherz). Was ist Ihnen denn? Sie haben ja völlig getaumelt? Weichh. (verlegen). Ich? — hm — ja ich bin g'rad ein Bischen auöge- rutscht. — Christ. Ja, so ein alter Herr sollte halt nicht auf so schlüpfrigen Wegen gehen! hahaha! Weichh. (erbittert). Was geht das Sie an — und waS unterstehen Sie sich für ein malitiöses Gesicht zu machen?! Ich kann gehen, wo ich^ will!. Christ. So? so? Da muß ich doch einmal die gnädige Frau fragen? Weichh. (etwas verdutzt). Meine Frau ?! (Sich rasch fassend.) Ja — fragen Sie sie! Meine Frau kann unmöglich waS dagegen haben, wenn ich mich von der Moralität unsers HauöpersonalS überzeuge! (Sich erbittert stellend.) Ja — so ist's! Glaubt Ihr Zwei, daß ich'S nicht schon lange gemerkt habe, daß Ihr einen Techtelmechtl (Liebschaft) Mit einander habt? Marie (beleidigt). Gnädiger Herr! Weichh. (immer aufgebrachter). Aus ist'S mit der G nädigkeit! Die hat Sie sich durch Ihr Benehmen verscherzt! O ich komme hinter Alles. Christ, (fortwährend höhnisch lachend). Hahaha! Ja — hinter der Mamsell Marie sind Sie gekommen, das ist wahr. Weichh. Und Hab' gesehen, wie sie langsam gegangen, wie sie da stehen geblieben ist, weil sie gewußt hat, daß der Kerl schon im Kaffeehaus auf sie wartet. Marie. Herr von Weichherz — Weichh. Nicht mehr Weichherz — von jetzt an bin ich Hartherz — Tirann — Nero — Cacaralla! Christ. Hahaha! Weichh. (immer wüthender). Lach' Er nicht! — ich will jetzt meine Autorität zeigen! Christ. Ich bin nur neugierig, wie sie auöschaut! Weichh. Das soll Er gleich sehen! (Nimmt eine imposante Haltung an, setzt den Hut schief auf ein Ohr, und kreuzt die Arme. Zu Marie.) Sie ist von mir entlassen! Marie. Ich danke Ihnen — ich wär' ohnehin nicht mehr in Ihrem HauS geblieben! Weichh. (überrascht). Was? Sie bittet nicht einmal um Pardon? Marie. Ich werde heute noch Ihr HauS verlassen. Weichh. (für fichk O verflucht! Christ. Hahaha! 31 Weichh. (für sich). Der verdammte Kerl lacht mich noch auS.! Aber warte! (Laut zu Marie.) Heute noch? das geht nicht — Sie wird Ihre vierzehn Tage auShalten — ich kann nicht ganz ohne Dienstboten bleiben! Marie. Nun, wenn Sie darauf bestehen - Weichh. Ich bestehe darauf, und während dieser Zeit wird Sie noch blind meinen Befehlen gehorchen. Marie. DaS werde ich. Weichh. Also vernehme Sie jetzt gleich meinen UkaS! — Sie wird dorthin (deutet nach recht«) gehen und einkaufen ! Und Er (zu Christian) wird mit mir dahin (deutet nach links) gehen! Also: halb rechts — halb links! Marsch! Marie (will gehen). Christ. Halt! halt! Weichh. Halt Er sein Maul! Christ. Ruhig — ruhig! Ich will Ihnen zeigen, was Ihre Autorität nützt, wenn ich eine Gegen-Ordre gebe! Weichh. Frechheit ohne Gleichen! — das möcht' ich doch sehen! Christ. Warten Sie nur — die Mamsell Marie wird hier bleiben! Marie. Nein — ich gehorche. — (Will wieder fort.) Christ. Nur einen Augenblick! (Tritt rasch zu ihr und spricht ihr leise in's Ohr.) Weichh. (für sich) WaS soll denn das Mispeln! Marie (nachdem sie gehört, einen Schrei freudigen Schreck« ausstoßend). Ha! (Bleibt unbeweglich, beide Hände an'« Herz gedrückt, stehen). Weichh. (mit den Füßen strampfend). Ja, was ist denn das? (Zu Marien.) Wird Sie denn nicht gehen? Christ, (höhnisch). Nein, sie wird nicht gehen, aber Sie — Sie wer« den gehen! — Weichh. (empört). Wa — as? Christ. Ja — ja — ganz ruhig, ohne ein Wort zu verlieren, werden Sie dorthin. (gegen link« weisend) langsam »ach Hause gehe«, und zu Hauö bleiben, wie sich's für einen alten Herrn schickt, der so leicht auSrutscht. Weichh. Sie! Bringen Sie mich nicht auf's Aeußerste — meiner Seel' — ich riskire fünf Gulden, und geb' Ihnen eine Ohrfeige! Christ. Leihen Sie mir nur Ihr Ohr. — (Tritt zu ihm, und sagt ihm leise in'« OH-). Ich bin's überdrüssig, Ihr Geheimnißbewahrer zu sein! Weichh. (heftig erschreckt). Um AlleS in der Welt — Christian! Christ. Ich werde mich heut' noch mit einem Advokaten darüber besprechen! Weichh. (am ganzen Leibe zitternd). Christian! Lieber Christian — Sie werden doch nicht deS Teufels sein! — Ich thu' ja Alles. — Christ. Wirklich? — Also — halb links — Marsch! Weichh. (für sich, vor Wuth die Hände ballend). Verfluchter Kerl! Christ. Na, werden Sie gehen, oder soll ich gehen? Weichh. (ganz kleinlaut). Nein — nein — bleiben Sie — ich — ich geh' schon! Christ. ^Ner! Fort! Und nicht umschauen! Weichh. (für sich). Jetzt bleibt der Lump mit ihr allein — und ich darf nicht einmal mucksen! Christ. Na — wird's? Weichh. Ja — ich gehe. (Geht langsam einige Schritte', und will sich wieder umsehen.) Christ, (mit dem Finger drohend). Nicht umschauen — oder — Weichh. Nein — nein! (Zieht höflich den Hut ab). Wünsche gute Unterhaltung ! (Geht links ab.) Christ, (bricht in laute- Lachen au«). Hahaha! Hähaha! — Bin ich ein Mordkerl! Marie (hgstig). Er.sst fort! — Wir sind allein! Herr Christian! — Das Wort, welches Sie mir^in'S Ohr g§-- rr flüstert haben — ist'- Wahrheit? — Wahrheit? — Um Gotteswillen, reden Sie — denn ich — ich bin — weiß Gott! einer Ohnmacht nahe. — Christ, (sie erstaunt ansehend). Aber ich begreife Sie eigentlich gar nicht! — Damals, wie Sie beim Herrn von Weichherz in den Dienst getreten sind, haben noch alle Leut' im ganzen Haus von nichts Anderem zu reden gehabt, als von dem kleinen Kinde, welches Tags zuvor unter unser HauSthor gelegt worden war. Marie (mit ausbrechendem Schmerz). Za — und dessen sich Niemand angenommen hat. das man erbarmungslos hat liegen lassen — bis es gestohlen — geraubt worden ist das arme, arme Kind! Christ. Aber wer wird denn ein Kind stehlen — bei der theuern Zeit — ! Marie. Oh, mir haben sich fürchterliche Bilder aufgedrängt! — Ich Hab' immer das arme Geschöpf vor meinen Augen gesehen — wie es fortgeschleppt wird von irgend einer verworfenen Weibsperson. Christ. Na jetzt, Diejenige, die eS wieder fortgetragen hätte, könnte unmöglich viel verworfener gewesen sein, als Die, die eS hingelegt hat — das Kind hätte also schwerlich einen schlechten Lausch gemacht! Marie (schmerzlich betroffen, drückt die Hand auf'S Herz, mit gebrochener Stimme). Man soll Niemand verurtheilen, eh' man ihn gehört hat. Christ. Mit Einem Wort, Sie haben sich die Sache so zu Herzen genommen, daß Sie völlig krank darüber geworden sind. Marie. Za, mir war, als läg'ein Fluch auf dem HauS, wo man im Ueberfluß schwelgt, und einen unglücklichen, verlassenen Wesen eine warme Stube versagt! — Ich Hab' den Herrn vom Hau- gehaßt, und Alle — Alle, die in seiner Nähe waren! Christ. Und deßhalb haben Sie auch mich zurückgestoßen, wie ich Ihnen meine wahnsinnige Liebe — Marie (hastig einfallend). Sprechen Sie jetzt nicht davon! — Nur jetzt nicht — Sie haben mir vorhin in'S Ohr gesagt, Sie können mir sagen, was aus dem Kinde geworden ist! — Herr! wenn Sie mich nur getäuscht — nur hingehalten hätten, wenn das nur ein roher Scherz gewesen wäre — (btiuahe wüthend) ich müßte Sie — Christ, (weicht erschreckt zurück). Näseln Sie so gut! (Kür sich.) Sie ist wirklich ein Bischen übergeschnappt. — Marie (beinahe gänzlich erschöpft, doch sich fassend). So reden Sie — reden Sie — das Kind — (wieder in banger Aufregung) eS — eS ist — Sagen Sie es nur — eS ist — gestorben? (Sieht ihn mit ängstlicher Spannung an.) Reden Sie! Christ. Aber nein! so viel ich weiß, ist's frisch und gesund. Marie (in höchster Freude). Cs lebt? — es lebt? Christian! Schwören Sie mir das? Christ. Mit Vergnügen! Za. ich schwör's, so wahr ein Gott im Himmel ist! es lebt, und ist in guten Händen! Marie (in höchster Freude — will sprechen — kann aber nicht, bricht endlich in laute» Schluchzen au», faßt Christian» Hand, und will sie küßen). Christ. Aber waS treiben Sie denn? Marie! Mir die Hand küssen — da werd' ich Ihnen ein bessere- Plätzchen anweisen I — (Beugt sich zu ihr nieder und spitzt den Mund.) Marie (mühsam nach Fassung ringend). Verzeihen Sie — ich — wollte — Zhnen — Ihnen danken — denn Sie — Sie haben sich wohl — viel Mühe gegeben um zu erfahren — Christ. Feilich — eS hat mir entsetzlich viel Mühe gekostet — und wenn Sie mir schon danken wollen, wa- 33 halt Ihr guter Wille ist. (Will sie zart, lich umschlingen.) Marie (sich rasch losmachend). Ich werde Ihnen dankbar sein, ewig — ewig — aber erst volle Gewißheit — man könnte Sie selbst getäuscht haben! Ich will mich überzeugen — ich will — ich muß da- Kind sehen! Christ. DaS können Sie auch, wenn's Ihnen g'rad Vergnügen macht. Marie (heftig seine Hand fassend). Wo — wo? — Geben Sie mir das HauS genau an! Christ, (sich besinnend). Warten Sie ein wenig — wo war's denn? Ja — in der Reginengafse — nein — in der Oebstlergafse — nein — nein — das auch nicht — Marie (die in höchster Spannung die Worte gleichsam von seinen Lippen Haschen will, ungeduldig). Mein Gott! wie Sie mich martern! (Klammert sich mit beiden Händen an seinen Arm, denselben krampfhaft pressend.) Besinnen Sie sich doch um des Himmelswillen! Christ. Ja — ja jetzt Hab' ich'ö, — in der Herzgasse, bei der Oebstlerin, der Frau Regine. Marie (rasch nachsprechend). Herzgasse — Oebstlerin — gut — gut — ich werd' — ich kann nicht fehlgehen! (Zu Christian.) Herr Christian! Sie wissen nicht, welch' großen Dienst Sie mir erwiesen haben — ich werde Ihnen auch dankbar sein — ewig — ewig! — Doch jetzt fort! fort! — (Will eilig fort.) Christ. Aber wohin denn? Marie (sich in ihrer freudigen Aufregung nicht mehr bemeisternd) Sie können noch fragen? Wohin denn anders — als zu dem Kind?! Halten Sie mich nicht auf — lassen Sie mich! (Setzt den Korb in der Zerstreuung auf die Erde.) Und jetzt fort — schnell — wie die Schwalbe zu ihrem Nest fliegt. (Will fort; ihre Füße wauken.) Was ist das? Meine Füße wanken — Gott! gib mir Kraft — nur bis zu dem HauS — nur bis dorthin laß mich kommen — ich muß — ich muß! (Sammelt ihre Kräfte, und eilt endlich rechts ab.) Siebente Scene. Christian (allein). Christ, (bleibt ganz verblüfft stehen, den Korb betrachtend). Sie sagt, sie will mir dankbar sein — und dabei stellt sie mir einen Korb her? Sie wird sich erst überzeugen wollen, ob ich die Wahrheit geredet habe, nachher wird sie mir den süßen Minnelohn nicht versagen, um so mehr, da ich mir mit der Auffindung dieses KindeS so entsetzlich viel Mühe gab. Ich Hab' mir zwar eigentlich gar keine Mühe gegeben, es ist Alles von selber gegangen, aber das macht nichts, ich bin nicht der Erste, der einen Lohn empfängt für Etwas, woran er im Grund ganz unschuldig ist. Couplet. Von cin'm Fabrikanten der Sohn. Geboren als reicher Mann schon. Denkt, noch was zu lernen wär' Schad', D'Fabrik geht von selber ja g'rad'! Soll ich mich da plagen? Kein' Spur! Er nimmt sich 'neu Lerksührer nur, Der denkt und erfindet für ihn Und bringt ihm den reichsten Gewinn! Wo immer waS auSstell'n sich ließ, In London sowohl als Paris, Werd'n seine Erzeuznisi' hiug'schickt, G'fall'n Jedem auch, der sie erblickt! Gibt'S Medaillen dann und and're Ehr'n. So bleib'n sie nicht aus — für den Herrn Mit dem Stolz deS Verdienstes hängt der sie sich an, Und dabei ist er selber ganz unschuldig d'ran. Der Bürgermeister von ein'm kleinen Nest Begeht feierlichst sein Geburtsfest. Die Rathsherrn, die eing'laden sind. Die möchten ihm 'ne Freud' machen g'schwind; Sie sorgen für'n Keller und Topf, Der schickt Wein, der 'nen Wildschweink«pf, Der Dritte, zu mehren den Glanz. Schickt ganz feierlich 'nen grün'n Lorbeerkranz! 3 34 Der Diener nimmt All's in Empfang, Besinnt sich mit'm Lorbeer nicht lang, Thut den Wildschweinkopf kurz vor'm Servir'n Mit'm Lorbeerkranz sauber garnir'n! Er bemerkt nicht die Inschrift aus'm Band, Da steht d'rauf: „Anerkennung nur wand Diesen Kranz, den kein edleres Haupt tragen kann!" — Und da war doch das Wildschwein ganz unschuldig d'ran. Der Mensch kann sich wehr'n gegen den Feind, Gott schütze Ein'n nur vor dem Freund! Ein Schulmeisterlein dacht: nie Bor der Welt auszutrel'n als Genie, Doch die Freunde, die guten, die lieb'n Haben ihn in die Polemik h'neing'trieb'n, Verkünden mit Pauk'n und Trompet'n Ihn der Welt als 'nen großen Poet'n! D'rauf erbeb'n die Journal' ihre Stimm', Man lieSt jeden Tag was von ihm! Der Mensch sollt's gar nicht glauben, daß man So ein Bacherl (Bächlein) so stekg'n lassen kann. Daß es mit der wäss'rigen Fluth Von Gedichten überschwemmen All's thut! Jetzt laßt sich sogar noch sür's Geld seh'n der Mann, Und er selber — er ist doch ganz unschuldig d'ran. Eine Dam', schon in d'Fünfziger bald. Bestellt sich 'nen Maler, der'S malt. Aber wenn sich der setzt an d'Staff'lei, So ist immer ihr Töchter! dabei. Der Maler, anstatt daß er fest Seinen Blick aus der Alten rub'n läßt. Schaut all'weil auf's saubere Kind. So kommt cs, daß. eh' er sich b'finnt, 'S Porträt, wie er's will überreichen. Aus ein Haar g'rad' dem Töchterl tbut gleich'«. Der Maler wird verlez'n immer mehr, Der Alt'n aber -'fallt das Bild sehr; „So gut", sagt'S. „ich g'fteh's Ihnen off'n. Hat mich gar kein Maler noch g'troff'n." Sie zahlt'» doppelt, empfiehlt ihn noch überall an. Und er ist doch wirklich ganz unschuldig d'ran. (Geht links ab.) Achte Scene. V erwandlung. Aermlich eingerichtete Stube der Frau Regine. — Eine Mittel- und eine Seitenthür — in einem kleinen eisernen Ofen, uni welchen Kinderwäsche zum Trocknen aufgehangen ist, brennt Feuer — auf dem Tische im Vordergründe stell in einem kleinen Blechleuchter ein ange- zündeteS Licht. Peter (allein, kommt, einen mit bunten Ketten behangenen und mit WachSkerzchen besteckten Tannenbaum in der einen, ein Bündel in der andern Hand tragend, zur Mittelthür herein). Die Thüre offen — und meine After-Hausfrau nicht da? (Gebt zum Tische vorwärts, stellt den Weihnachtsbaum auf denselben, und legt Mütze und Bündel ab.) Ah — sie wird beim Kleinen d'rin sein! (Auf die Seitenthür zugehend und dieselbe leise öffnend — hineinsehend.) Da isi's sinsier d'rin — (Ruft leise.' Frau Regine — sind Sie da? (Verwundert.) Da ist sie auch nicht! (Horcht.) Der Kleine rührt sich nicht — er schlaft — da will ich ihn jetzt auch nicht aufwecken! (Macht die Thür ebenso leise wieder zu, und geht auf den Zehen bis zu dem Tische.) Na — weit kann wohl die Frau Regine nicht fort sein — sonst hätte sie die Thüre nicht offen und das Licht brennen lassen — aber dumm ist's doch — wie leicht ist ein Unglück geschehen! (Während dieser Rede packt er aus dem Bündel vergoldete Nüsse, Aepfel, Backwerk und Spkelwaaren aus.) Neunte Scene. Peter. Regine (durch die Mitte). Reg. (kommt, in jeder Hand einen Tops tragend, durch die Mittelthür). Ah — der Müsse Peter ist schon da? Peter. Ja, wie die Frau sieht — aber daß die Frau Regerl nicht zu Haus war — das Quartier und das Kind leer stehen läßt, daS ist nicht in der Ordnung. Reg. (welche die beiden Töpfe auf den Ofen gestellt hat). Na, mein Gott, ich bin ja nicht aus dem HauS gekommen, war n.ur bei der Milchmeierin d'rüben über'm Hof. Peter. Und hat wahrscheinlich dort im Stall große Gesellschaft gefunden. Reg. Na ja, wo erfahrt denn unsereins was Neues, als beim Greißler oder bei der Milchfrau — einen kleinen Plausch gibt's freilich immer. (Vom 35 Ofen weggehend und zum Tische tretend, verwundert.) Aber was thun Sie denn da? Peter (welcher indeß die Nüsse, Aepfel und das Backwerk auf den Baum gehängt hat, und nun daran ist. die Wachskerzen anzuzünden.) Na, das sieht die Frau, einen Christbaum richt ich her! Reg. Einen Christbaum für ein anderthalbjähriges Kind! Na, ich sag's, der Musje Peter wird noch rein verrückt ! Peter. Schrei' die Frau nicht so, — sie weckt sonst das Kind auf! Reg. Aber ich bitt' Sie, glauben Sie denn, daß das Kind so was schon versteht? Peter. Macht nichts — es gibt große Leute genug, die die eigentliche Bedeutung nicht wissen! Die Hauptfach' ist, daß der Kleine eine Freude haben soll — und das wird er. — (Selbst mit kindischer Freude den nunmehr vollends geschmückten Ehristbaum betrachtend.) Schau' die Frau nur das Bäumchen an — schaut's nicht fast aus, wie ein Hochaltar? Aber jetzt soll erst der Engel dazukommen. (Nimmt den Leuchter vom Tische.) Ich geh' jetzt in meine Kammer, zum Bett des Kindes, und gib ihm ein Buß'l (Kuß) da wird's immer munter, — und dann nehm' ich's auf den Arm, und trag'S da heraus — da werden Sie gleich sehen, wie ihm der ganze Schlaf vergeht, und wie eS zu spielen anfangcn wird, und ich mit ihm — hahaha! Heute kommen wir alle Zwei vor eils Uhr nicht mehr in's Bett, der Kleine soll auch einmal wissen. was über die Schnur hauen heißt. (Geht in das Seitenzimmer rechts ab.) Reg. Nein — das muß ich sagen, mit dem Mann kenn' ich mich nicht mehr aus — wenn ich denk', wie er früher war und jetzt — ich sag's, er muß ein wenig — (deutet auf die Stirne). (Man hört die Stimme Peter- von innen schreiend.) Frau Regerl — Frau Regerl! — Reg. (erschreckt). Was ist denn das? WaS ist ihm denn geschehen? Mein Gott! Ich fürchte mich fast. (Retirirt sich aus die entgegengesetzte Seite.) Peter (erscheint plötzlich ganz verstört — das Licht noch in der Hand haltend — noch schreiend unter der Seitenthür). Frau — Regerl — wo — wo ist Sie? Reg. (sich ängstlich noch mehr an die Seitenwand drängend). Na — da — bin ich ja. Peter (mit fast vor Wuth erstickter Stimme). Komm' die Frau her, damit ich Ihr den Hals umdrehe. (Wankt zum Stuhl am Tisch und finkt erschöpft in denselben.) Ich kann nicht weiter! Reg. Aber was haben Sie denn? Peter (mit ausbrechender Verzweiflung) Nichts — nichts Hab' ich mehr — mein Alles ist weg! (Bricht zusammen.) Reg. (theilnehmend, etwa- näher kommend). Was?! Es ist doch nichts gestohlen worden! Musje Peter! (Tritt zu ihm und rüttelt ihn.) So reden Sie doch! Peter (fährt bei ihrer Berührung plötzlich auf, und faßt sie an beiden Schultern, wüthend). Weib! Unterstandsgeberin! Gefaulte Oebstlerin! Das Kind! Gib mir das Kind, mein Kind! Reg. Aber so lassen Sie mich doch los! Was ist's denn mit dem Kind? Peter. Fort, fort ist's, das Bett ist leer! Reg. Es ist nicht möglich! Vor einer halben Stunde Hab' ich's erst eingeschläfert. Peter. Und bist fortgelaufen zu Deinem Plausch im Kuhstall. Du bist Schuld — von Dir begehr' ich das Kind — schaff' mir'S, oder meiner Seel' — Reg. Aber es ist ja nicht möglich! Peter (faßt sie heftig am Arm und zieht sie zur Seitenthür, die er aufstößt und mit dem Lichte hineinleuchtend.) Da — da schau' die Frau mit Ihren Katzenaugen hinein. Reg. (hineinsehend). Das Bett ist richtig leer. 3 * 36 Peter. Keine Spur von einem Kind — also — gestohlen — von Zigeunern. Reg. Aber es ist ja nicht möglich! Peter (in höchster Wuth). Bring' mich die Frau mit Ihrem „nicht möglich" nicht auf, sonst bring' ich Sie um! (Faßt sie am Halse.) Reg. Gott im Himmel! — Er thut mir was an! (Schreiend.) Zu Hilfe! Zu Hilfe! Mord! — Todtschlag! Au weh! LoSlassen! Zehnte Scene. Vorige. Mehrere Hausbewohner. Der Milchmeier Altberger. DieBewohner (zurMittelthür herein- eilend). Was gibt's denn! Frau Regerl! Herr Peter ! (Einige Männer drängen Peter mit Gewalt von Reginen weg.) Reg. (taumelt ganz erschöpft zu einem Stuhl in welchen sie finkt). Ah — ah — er — er hat mich erwürgt! Peter (ebenfalls von der Aufregung erschöpft). 3st mir leid, daß ich's nicht ge- than Hab' — aber mir scheint, ich Hab' den Unrechten Schlund erwischt! Mehrere. Aber was hat's denn gegeben ? Peter (fich von seiner Umgebung los- machend). Fragt nicht lange — da — da muß gehandelt werden! — Vielleicht — vielleicht könnt Ihr mir einen Aufschluß geben! — Das Kind — mein Kind — Ihr kennt es Alle — Alle (neugierig). Na — na? Peter. Es ist fort — seit einer halben Stunde — fort! Alle (überrascht). Fort? — Das Kind? Peter. Ich muß es wieder haben — ich muß — oder ich werde in ein paar Tagen bei Fsschamend am Ufer gefunden! (Bittend.) Weiber! Ihr wißt doch, was ein Kind ist! — Männer! Zhr seid alle mehr oder minder Väter! Habt Erbarmen mit mir — helft mir wieder zu meinem Kinde! (Aus seiner Weichheit wieder in Wuth übergebend, schreiend.- Helft mir zu meinem Kinde, oder ich stürz' im ganzen Haus das Oberste zum Untersten! Steht nicht so da — gafft nicht so gleichgültig d'rein! Altb. (Immer sehr phlegmatisch). Ja, Mein Gott, was laßt sich denn da machen? Peter. Steckt die Köpfe zusammen! Besinnt Euch — habt Ihr denn niemanden Verdächtigen in's Haus herein- gehen sehen? Altb. (nachdenkend.) Nein! herein nicht — (sich besinnend) aber halt! halt! wart' ein bißl (bischen) — Peter (gespannt). Nein — ich warte gar nicht! Milchmann! Nimm Vorspann für Deine Gedanken! Altb. Richtig, richtig, ja — daS war aber noch keine Viertelstunde. Alle. Wad — was?! (drängen fich um ibn.) Altb. Da bin ich an meiner Stallthür gelehnt — die ist gleich neben dem Hausthor — und da — es war noch die Laterne nicht angezündet — da Hab' ich ein Weibsbild mit einem großmächtigen Bünkel am Arm hinausschlüpfen sehen. Peter (fast verzweifelnd vor Aerger). Und das — das sagt der Stallbewohner jetzt erst! Und wobin, in welcher Richtung ist die Person? Altb. Hm! so viel mir scheint, durch die Quergasse gegen die Glacis zu. — Peter. Und Er hat sie nicht aufgehalten? Altb. Was Hab' denn ich gewußt! Peter. Aber ich — ich will mich selber jetzt nicht aufhalten — fort — fort! — nur meinen Stock — (faßt einen Knüttel, der in der Ecke lehnt) für den Fall, daß sie sich weigern sollte. — Und Ihr (zu trnHausbewohnern). Ihr seid ja überall dabei, wo's Skandal gibt, heut' lad' ich Euch zu einem ein, kommt alle 3 - mir nach, eine Treibjagd soll's werden, eine Hetzjagd! — Wir vertheilen uns in allen Gassen, wenn sie vor Einem davonlauft, so schreit er — dann kommen die Andern von der andern Seite ihr entgegen: — Jede Patrouille, die wir begegnen, muß sich unserm Zug anschließen! O! Ihr sollt heut' erfahren. was für Feldherrn-Talent in mir fieckt! Also auf, meine Braven! Hinaus in die Nacht! — Es gilt ein gestohlenes Kind zu finden, und das ist keine Kinderei! (Schwingt den Stock, und eilt durch die Mittelthür ab.) Die Männer. Ja — wir sind dabei — ihm nach! (Eilen ihm nach.) Ein Weib. Was? — Und wir sollten nicht dabei sein? Alle Weiber. Das gibt'S nicht — nach — nur nach! (Drängen sich rasch zur Thür hinaus.) Reg. (die noch immer ganz erschöpft in dem Stuhle liegt.) Ich ging gern nach — aber mich tragen meine Füße nicht mehr! (Erhebt sich mühsam.) Altb. Zu was denn selber dabei sein? Was mich nicht brennt, das blase ich nicht! Komm' die Frau Regerl! Warten wir. bis die Andern zurückkommen, — da profitiren wir auf jeden Fall dabei! Reg. Profitiren? Altb. Na ja — wenn wir selber dabei sind, sehen wir nur, was wirklich geschieht, wenn wir aber warten, bis die Andern zurückkommen, so erzählen sie uns gewiß vielmehr, als wirklich geschehen ist — also ein offenbarer Profit ! (Geht, Regln«« führend, mit ihr durch die Mittelthür ab.) Eilfte Scene. Verwandlung. Ein Glacis. welches von der Borstadt gegen die Stadt führt. — Eine Allee läuft gegen len Hintergrund zu. — Alles ist mit tiefem Schnee bedeckt — einzelne Laternen sind angezündet — mehr im Bordergrunde rechts eine Bank. Marie (kommt, das Kind dicht in ihr Nmhängtuch eingehüllt, auf den Armen tragend, von der rechten Seite, eine Hand auf da- Gesicht des Kindes haltend, und sich fortwährend furchtsam umsehend). Gott sei Dank, ich bin aus den belebteren Gassen! (Zudem Kinde.) Wein' nicht — schrei' nicht, mein Kind: Ach! Du kennst Deine Mutter nicht mehr! (Wankt zu der Bank.) Einen Augenblick muß ich rasten — ich bin ja gelaufen, daß mir fast der Athem ausbleibt! — Der Wind weht kalt — und doch glüh' ich — es ist wie ein Fieber — ich werde krank werden — aber (das Kind an ihre Brust drückend) ich Hab' mein Kind — mein Kind wieder! (Plötzlich aufhorchend.) Was ist das? — hör' ich nicht rufen? (Sieht ängstlich in die Scene.) Und dort — Gestalten — sie bewegen schnell sich näher — verfolgen sie mich? — Fort! Fort! (Rafft sich auf, und will gegen die Allee.) Stimmen (hinter der Scene, von derselben Sette her, von welcher Marie gekommen). Aufhalten! Aufhalten! Marie (heftig erschreckt). Das gilt mir — Gott, wo verberg' ich mich? (Will gegen die entgegengesetzte Seite — weicht aber ebenfalls erschreckt zurück.) Auch von dort her — Gott! Mein Gott! Steh' Du mir bei — ich laß' nicht mehr von dem Kinde! (Drückt sich hinter einen Baumstamm auf den Boden nieder.) Verworrenes Rufen (hinter der Scene). Aufhalten! — Wir haben sie — daher! (tönt immer näher von beiden Seiten her, bis endlich) Zwölfte Scene. Peter, die Hausbewohner (Elfterer von der rechten, letztere von verschiedenen Sekten herbeieilen). Peter. Da — da war's! — Ich Hab' die Gestalt deutlich gesehen — Ein Hausbewohner. Ich auch, Sie kann doch nicht verschwunden sein! Mehrere (gehen gegen die Allee). Ha! — Da — da! 38 Alle. Wo? — Wo? (Eilen ebenfalls hin.) Mehrere. Sie ist'S — sie hat das Kind! (Nmdrängen Marien und zerren sie in die Höhe.) Peter (vor Freude aufschreiend). Das Kind? — Das Kind?! — Wo —wo ist's? — (Zu den Leuten, welche Marien umdrLngen.) Auseinander! Auseinander! Marie (welche rings von den Männern umgeben, nicht gesehen wird, kreischend). Schlagt mich todt! Eher laß' ich das Kind nicht! (Allgemeines Durcheinanderschreken. Ein Schrei des Kindes wird gehört.) Peter (vor Schreck starr). Gott im Himmel! — DaS Kind — sie erdrücken eS im Gedränge! Sie thun ihm ein Leid. — (Mit allem Stimmaufwand die wirren Stimmen der Uebrigen übertönend.) Halt! Halt! — Ablassen! — AuSein« ander! Laßt sie los — auskommen kann sie uns ja doch nicht! — Leute! Um Gotteswillen! Lasset mich handeln! (Der Menschenknäuel. welcher sich um Marien gebildet hatte, löst sich aus, man sieht nun in der Mitte desselben Marien mit herabgerissenen Kleidern in halb knieender Stellung, das Kind mit einer Hand an die Brust drückend, die andere Hand abwehrend gegen ihre Umgegend auS- streckend.) (DaS Ganze muß in diesem Augenblicke ein Tableau bilden. — Einige Augenblicke wortlose Pause.) Peter (mit tonloser Stimme, ängstlich). Ist — dem Kinde — was geschehen? Ein Mann. Nichts — nichts! Peter (zu Marien, ohne zurück zu treten). Weib! Jetzt hör' mich an! — Gib' gutwillig das Kind her — und wir lassen Dich laufen! — Gib'S her, sag' ich! Marie (ängstlich daSKind an sich drückend). Nein — nein! - Nein! Peter (dringender). Laß'es nicht d'rauf ankommen — ich schone Dich nur, damit nicht bei einer Balgerei dem Kleinen waS geschieht — aber wenn Du's nicht gutwillig da in meine Arme legst — ruf' ich die Wache — und dann ist's mit Dir vorbei — Du Kinderdiebin ! Marie (sich erhebend). Diebin? — Wer kann sein eigenes Gut stehlen! — DaS Kind ist mein — ich — ich bin seine Mutter! Peter, die Uebrigen (etwas zu- rückweichend). Die Mutter? Peter. Das ist eine Ausflucht! — Laß' Dich einmal beim Licht anschauen — ob so wie Du eine Mutter ausschauen kann ! (Eilt zu ihr, faßt sie am Tuche, und führt sie zu einer GaSlaterne.) Marie (sieht ihm in's Gesicht). Peter (überrascht zurücktaumelnd). Um Gotteswillen! Marie! — Meine Marie! — Marie (ihn ebenfalls erkennend). Peter! Du — Du! — (Bricht zusammen und finkt in die Knie.) Peter (mit matter Stimme.) Geht — geht Alle — ich bitt' Euch — sie ist die Mutter — jetzt Hab' ich's mit ihr allein abzumachen ! (Beugt sich über Marien, um sie zu erheben.) Schluß-Gruppe. Der Vorhang fällt. 39 Dritter Akt. (Zimmer in einem Etnkehr-Wirthshause in der Vorstadt mit ordinärer Einrichtung. Eine Mittel- thür — rechts und links nummerirte Seitenthüren, auf dem Tische ein Licht.) Erste Scene. Peter. Der Zimmerkellner Kaspar. Peter (geht, noch in heftiger Aufregung, auf und nieder). Kaspar (stehr, ihn etwas mißtrauisch betrachtend, mehr im Hintergründe). Peter (aus seinen Gedanken aufwachend und Kaspar erblickend) Was steht Er noch da? Wenn ich was brauche, werd' ich schon läuten! Kaspar. Ja — ich möchte nur Eines wissen — Sie sind heute Nacht schon ziemlich spät bei uns eingekehrt mit dem Weibsbild — (auf eine Seitenthür weisend). Peter (beleidigt). Weibsbild?! Red' er mit mehr Respekt von seinen Passagieren ! Kaspar. Na — ich weiß nicht, wer sie ist, und wie ich sie nennen soll — Peter. Wenn man nicht weiß, wer ein Frauenzimmer ist, so nennt man sie Dame! Also ich Hab' für diese Dame das Zimmer begehrt — was weiter? Kaspar. Ich weiß aber nicht, wer's zahlen wird? Peter. Ich — auf jeden Fall ich. Kaspar. Hm! — ich Hab' aber auch nicht die Ehre Sie zu kennen. Peter. Ah so! und (fich selbst betrachtend) ich Hab' allerdings nicht das Ansehen eines reisenden LordS! Sag' Er's also nur kurz heraus, Er will im Voraus bezahlt sein — das hat keinen Anstand! (Greift nach der Sritentasche — dann in den Sack, - bestürzt für fich) Teufel! ich habe daheim meine Brieftasche und meinen Geldbeutel weggelegt, und wie ich fort bin, da war's noch zu wundern, daß ich nicht auch meinen Kopf vergessen Hab'! Kaspar (Peter's Verlegenheit bemerkend). Aha — Hab' ich mir's gedacht! Das wäre wieder so ein Passagier, der ohne alles Gepäck einzieht, und dann schaut, wie er verschwinden kann! (Grob.) Da schauen Sie nur, daß Sie gleich weiter kommen — Sie und die — (spöttisch) die Dame. Peter (für fich). Himmelsapperment! die Schand'! Und grad' vor ihr! — aber — (rasch nach der Westentasche fühlend) halt! da! (Stolz.) Ich Hab' noch Prä- tiosen bei mir! (Zieht eine silberne Uhr aus der Tasche.) Da schau Er her — den Chronometer. Kaspar. Na — wenn Sie die Uhr indessen als Pfand hergeben — Peter. Was? Versetzen? die Uhr? Um keinen Preis! — so weit sind wir noch nicht! Ich geb' Ihm die Uhr nur als ein Wahrzeichen — gib' Er sie einem Hausknecht, der soll damit in meine Wohnung gehen — Kaspar. Sie haben eine Wohnung? Peter. Ja, ich wohne! und zwar in der nächsten Vorstadt — Herzgasse Nr. 73 bei der Frau Regine, der soll der Hausknecht nur die Uhr vorweisen damit sie ihm mein Portefeuille übergibt — ich werd' ihn königlich für den Gang belohnen! Kaspar (etwas artiger). Ah — das ist was Anders! Schaffen Sie nur. wenn Sie sonst was wünschen. 4ft Peter. Vielleicht — später — wenn die Dame ein Souper wünscht, werd' ich Ordres geben — (Für sich.) Mir ist für heut' aller Appetit vergangen! Kaspar (durch die Mitte ab). Peter (allein, geht zur Seitenthüre rechts und lauscht). Sie schläfert das Kind wieder ein, dann — dann wird sie wohl herauskommen — und doch einmal reden; denn auf dem ganzen Weg ist sie nur langsam neben mir hergegangen, hat nicht gefragt, wohin ich sie führe, nichts geredet und nichts gedeutet, grad als wär' sie ein Schatten, der aus einem Grab aufgestiegen ist! — Ich Hab' im Anfang wirklich nicht gewußt, was ich mit ihr anfangen soll? Zu mir Hab' ich sie nicht bringen wollen, das hätte ein Aufsehen im ganzen Haus gemacht — d'rum bin ich lieber da herein — in das EinkehrwirthshauS — dahier auf neutralem Boden soll unsere Konferenz stattfinden! — Ich fürchte mich fast auf die erste Unterredung! Ich weiß gar nicht, wie man sich am gescheidtesten benimmt, wenn man nach Jahren mit einer treubrüchigen Geliebten wieder zusammentrifft! — Hm! auf jeden Fall kalt — gemessen — aber nobel! Unter allen Verhältnillen nobel! (Beinahe erschreckend.) Still — sie kommt! Zweite Scene. Peter. Marie (aus rechts. Später ein Kellner). Marie (tritt langsam aus der Seitenthüre, und bleibt, Peter erblickend, mit gesenktem Haupte stehen). Peter (nimmt eine gemessene Haltung an). Schläft das Kind? Marie (nickt mit dem Kopfe). Peter (auf einen Stuhl weisend). Nehmen Sie Platz. Marie (gehorcht mechanisch). Peter. Wünschen SievielleichtEtwas zu sich zu nehmen? Marie. Ich danke! — Nur — ein Glas Wasser — bitte ich. Peter (zieht an einem Glockenzuge). Das wird wohl zu haben sein! Kellner (tritt ein). Sie schaffen? Peter. Bringen Sie ein Seite! Wasser — oder eine Halbe! (Für sich.) Nur nicht schmutzig sein! Kellner (ab). Peter (Marien von seitwärts betrachtend, für sich). Schön ist sie noch immer — nur etwas gebeugt! Natürlich! damals war sie wie ein Pfirsich-Bäumchen in der Frühlingsblüthe — jetzt hängt an dem Baum eine Frucht, und die beugt ihn! Der Kellner (kommt wieder mit einem GlaS Wasser). Peter (auf Marien weisend). Dorthin! Der Kellner (stellt das Glas auf den Tisch und entfernt sich wieder). Marie (trinkt, dann sich vom Sitzt erhebend, nach einem sichtbaren inneren Kampfe, zu Peter). Peter! Peter. Sie nennen mich noch mit dem Vornamen, so wie vor? — Und es ist doch jetzt Alles zu ! Also bleiben wir bei dem Zunamen! — Für Sie bin ich nicht mehr der Peter — für Sie bin ich Schartig!— Aber was wollten Sie mir sagen? Marie. Vor Allem wollt' ich Dir — (sich selbst verbessernd) Ihnen danken, danken, daß Sie sich meines KindeS erbarmt haben. — Peter. Hm! Es ist das Loos der armen Teufeln, daß sie das aufheben müssen, was Andere weggeworfen haben. — Marie. Hören Sie mich — Peter. Wollen Sie sich entschuldigen? — Wird nicht gut möglich sein, denn da drin im Nebenzimmer liegt der schreiende Beweis, daß Sie, nachdem Sie sich selbst weggeworfen haben, später auch der Frucht dieser Selbstwegwerferei ein gleiches Schicksal bereitet haben. Marie (sich aufrichtend). D e n Vorwurf muß ich widerlegen Ich darf 41 nicht vor Ihnen als verworfenes Geschöpf erscheinen — nicht als leichtsinniges verführtes Mädchen — ich war verehlicht — bin seit einem halben Jahre — Witwe! — Peter. Sie waren verheiratet? — sind Witwe? Und. weil die Erbschaft, die Ihnen Ihr Mann hinterlaffen hat — das Kind nämlich, so klein war, haben Sie'S lieber gar nicht behalten wollen! Marie. Hören Sie mich — und Sie werden mich nicht mehr verdammen! — Uns're Ehe war im Geheimen geschlossen — Peter. Aha! so geheim, das außer Ihnen und Ihrem Mann Niemand davon gewußt hat. — Marie. Sie haben den jungen Mann gekannt, der sich mit solcher Leidenschaft um mich bewarb. — Peter. Sie meinen den jungen Herrn von Sonnenberg? Marie. Ja — er bot mir seine Hand an. — Peter. Der hat ja, so viel ich weiß, noch einen Vormund gehabt, hat noch keine freie Hand gehabt, wie hat er also auf Freiersfüßen gehen können? Marie. Er leugnete es nicht, daß seine Verwandten nie ihre Zustimmung zu dieser Verbindung geben würden, ja daß sein alter, überaus reicher Oheim ihn enterben würde, wenn er sie ohne dessen Wissen schließen würde — deß- halb überredete er mich, ihm über die Gränze zu folgen, wo ein ihm befreundeter Prediger unfern Bund segnen sollte! Peter. Und Sie haben sich überreden lassen — an mich haben Sie nicht gedacht! Natürlich — ich hätte Sie auf' ganz gewöhnliche Wesse vor aller Welt geheiratet, und das wär' ja bei weitem nicht so romantisch gewesen, als heimlich durchgehen — heimliche Ehe — geheime Baronin werden! Marie. Gewiß, ich war Ihnen zugethan — doch vor einer Verbindung mit Ihnen wurde ich gewarnt! Alle, die Sie kannten, schilderten Ihren Leichtsinn, Ihren Hang zu einem regellosen Leben. — Peter. Na ja! So geht's immer! — Wenn man will, daß die Leute gut von Einem reden sollen, so muß man sterben, wenn man aber will, daß alle Leute alle schlechten Seiten von Einem noch schlechter schildern, so braucht man nur Bräutigam zu sein! — Aber Sie — Sie hätten das nicht - glauben sollen. — Marie. Nicht glauben — ich überzeugte mich ja selbst. — Peter. Alles eins, Sie hätten's doch nicht glauben sollen! Aber (wieder eine gemessene Haltung annehmend) das ist vorbei! — Sie sind hier — sind mein Gast — ich darf Sie also' nicht mit Vorwürfen bedienen. — Erzählen Sie weiter! (Mit dem Ausdrucke des Zweifels). Sie sagen also, daß Sie wirklich verheiratet worden sind — Marie. Ja- Peter (die Achsel zuckend). , Sie sind mein Gast, also muß ich Alles glauben, was Sie sagen. — ' Marie. Leider fehlt mir jeder Beweis, — Peter. Thut nichts! — Erzählen Sie nur weiter! Ich will zuhören, als ob mir Jemand seine Memoiren vorläse! (Für sich.) Wahrheit und Dichtung! Marie. Mein Mann miethete ein prachtvolles HanS in einer Provinz- stadt. — Ach! ich mußte den Glanz, d/r mich umgab, mit meinem Rufe bezahlen, denn ich hatte meinem Gatten geschworen, so lange sein Oheim lebe. Niemanden unser Geheimniß zu entdecken — ich galt also nicht für seine Frau — sondern für seine Geliebte — und bald — war ich auch dies nicht mehr! 42 Peter. Was? Nicht einmal mehr die Geliebte? Marie. Die Flamme seiner Leidenschaft erlosch im Besitze. — Bald vernachlässigte er mich, iin Kreise leichtsinniger Freunde schwärmend — erst, als ich ihm das Kind geboren, schien er ernsteren Gedanken Raum zu geben, er versprach dem Kinde zu Liebe, Schritte bei seinen Verwandten zu thun, doch — bevor es dazu kam — ereignete sich das Entsetzlichste! Peter. Was denn? Marie. Er wurde eines Morgens in einem Wald gefunden — als Leiche — er war in einem Zweikampfe gefallen ! Peter (sich besinnend). Zweikampf? — Wald? Duell? — wer hat mir denn schon schon eine ähnliche Geschichte erzählt? (Sich plötzlich erinnernd, für sich ) Ja — ja — der Christian! (Rasch zu Marien.) Sagen Sie mir nur Eins — ist der junge Sonnberg in irgend einer Beziehung zum Weichherz'schen Hause gestanden? Marie. Er war der Sohn der Frau von Weichherz aus ihrer ersten Ehe. — Peter (heftig ergriffen, für sich). Richtig — richtig — so was hat mir der Christian ja auch erzählt — und der Brief, den er von dem Erschossenen überkracht hat — von dem grad die Frau von Weichherz nichts erfahren sollte! — Teufel! Teufel! da hängt was zusammen — aber ich weiß nicht wie? (Zu Marien.) Aber ich bitte Sie, reden Sie nur weiter — jetzt fängt die Geschichte erst an, mich ungeheuer zu in- teressiren. — Marie. Meine Lage begann min fürchterlich zu werden! Nach dem Tode meines Mannes erfuhr ich erst, daß seine Einkünfte nie zngereicht hatten, um seinen Aufwand zu bestreiten — in der Hoffnung auf die reiche Erbschaft hatte er sich in Schulden gestürzt, der ganze Glanz unseres Hauses war nur ein erborgter — nun fielen die Gläubiger darüber her, Alles wurde fortgeschleppt, ich stand da mit meinem Kinde — eine Bettlerin! Peter. Aber haben Sie sich denn nicht an die Verwandten Ihres Mannes gewendet? Marie. Ich konnte es nicht, denn wie ich auch suchte, jene Dokumente, welche unsere eheliche Verbindung bewiesen, fanden sich nirgends vor. Peter (fürsich). In meinem Kopf geht ein Licht nach dem andern auf! Mir wird schon völlig heiß! Marie. Da wanderte ich denn mit meinem Kinde zu Fuße hierher, nährte mich kümmerlich von meiner Hände Arbeit, bis ich erfuhr, daß man im Hause der Mutter meines Gatten ein Dienstmädchen aufnehmen wolle. — Eine noch unklare Hoffnung dämmerte in mir auf — der Ruf der Wohlthä- tigkeit, in welchem der Herr des Hauses steht, nährte dieselbe, ich nahm den Dienst an, und legte vertrauend vorher mein Kind an die Schwelle des Hauses, denn ich zweifelte nicht, daß es dort ausgenommen, daß dann i ch es würde betreuen können! — Doch meine Hoffnung wurde fürchterlich getäuscht — daS Kind war verschwunden — Niemand wußte, waS damit geschehen erst heute erfuhr ich, wo es sei. ich ieilte hin, fand die Wohnung offen, das Kind allein, und unmöglich war eS mir, ohne dasselbe daS Haus wieder zu verlassen — ich nahm den Kleinen mit mir fort, obgleich ich nicht wußte, was aus uns am nächsten Lage werden sollte, ich hatte ja nicht einmal ein Obdach! Peter. Und wären so vielleicht sammt dem Kind im Schnee erfroren! Mare (karr vor sich Hinblicken!). Mit meinem Kinde sterben! Es wäre vielleicht das Beste für mich — und für das arme verlassene Wesen 43 Peter (beinahe auffahrend). Was verlassen !? — Bin ich nicht da? — Ich Hab' das Kind angenommen, und werde mich also auch um das Kind annehmen! Ja, ja, für das muß gesorgt, es muß seine Zukunft gesichert werden! — Das hat mir ja so oft Kummer gemacht, waS auS dem Kinde werden sollte, wenn ich früher stürbe, aber jetzt weiß ich. welchen Weg ich einzuschlagen habe, um ihm zu seinem Recht, und mir zu dem tröstenden Gedanken zu verhelfen, daß ich nach Belieben sterben kann, wann ich will! Marie (mit auflebtnder Hoffnung). Peter! Was wollen Sie thun? Peter. Was ? Za, das weiß ich eigentlich selber nicht, aber ich will — und aus einem guten festen Willen macht schon unser Herrgott was! Drum wischen Sie sich nur die Thrä- nen aus den Augen (umschlingt sie mit einem Arme, und trocknet ihr mit der anderen Hand die Augen) je schwerer das Werk, desto lustiger muß man dran gehen! Marie (überwältigt, sich an seine Brust schmiegend). Peter! — daß eben Du unser Schützer werden mußtest! Dritte Scene. Vorige. Christian. Kaspar. Christ, (erscheint mit Kaspar unter der geösstieten Mittelthüre). Kaspar (auf Peter weisend). Dort steht der Mann, den Sie suchen. Christ. Ja. ja, der ist's — und mit einem Frauenzimmer? (Kür sich) Da schau einmal den Duckmäuser an! (Zu Kaspar.) Na, gehen Sie nur wieder! Kaspar (ab). Christ, (auf den Zehen vorwärts schleichend.) Ich muß doch sehen, was für einen Geschmack er hat. (Kommt ganz vor» värts, beugt sich so, daß er Marien in'S Gesicht sehen kann, plötzlich sie erkennend, und aufschreiend.) Himmelkreuzmillion-Donnerwetter! Marie und Peter (fahren erschreckt auseinander). WaS ist — ? Marie. Herr Christian — Peter. Du — Du — bei mir? Christ, (außer sich). Ja — da — bei Dir — aber nicht bei mir selber! — Elender Verräther! — Und (zu Marien) Sie! — Sie Scheinheilige, Spröde, Sie unantastbarer Tugendspiegel! — Von meiner reinen Liebe haben Sie nichts hören wollen, aber bei der Nacht treff' ich Sie mit so einem Kerl (auf Peter weisend) in dem Extrazimmer eines Wirthshauses?! Marie (beleidigt). Herr Christian — Peter (leise zu Marien). Ruhig — nur ruhig — Sie wissen nicht — wie nothwendig wir g'rad Den brauchen! Aber jetzt lassen Sie mich mit ihm allein! (Will sie in's Nebenzimmer abführen.) Christ, (rasch vor die Thür des Sekten- zimmerS eilend). Halt! nicht von der Stelle, sondern auf der Stelle mit mir! — Mamsell! ich bin bevollmäch« tigt, auf Sie zu fahnden! Marie und Peter. Was? Christ. Ja — noch stehen Sie im Dienst beim Herrn von Weichherz — Sie sind Abends nicht nach Haus gekommen — man hat sich's nicht erklären können, hat befürchtet, daß Zhnen was zugestoßen ist, da ist mir eingefallen, daß ich Ihnen die Adresse von der Wohnung (auf Peter weisend) dieses Menschen sagte — ich übernehm' eS also. Ihre Spur zu verfolgen, geh' zu Dem (aus Peter weisend), hör' aber, daß er sich durch einen Hausknecht sein Geld in das Hotel hat bringen lassen — ich stürze hierher — und da treff' ich Sie in den Armen deS schnöden Buhlen! Jetzt ist'S auS mit unS — rein aus! Ich stehe nicht mehr als Anbeter vor Ihnen — sondern als Bevollmächtigter des Hausherrn, der seinen kontraktbrüchigen Dienstboten reklamirt! — Sie folgen mir jetzt auf 44 der Stelle — oder ich geh' auf's Gericht und begehre Assistenz! Marie (ängstlich zu Peter). Peter! Um Gotteswillen — schützen Sie mich! Peter (der während Christians Rede zuerst nachfinnend dagekanden, dem man aber an- sehen konnte, daß er einen Plan gefaßt, leise zu Marien). Nur ruhig! — Von Dem haben Sie nichts zu fürchten, sondern nur zu hoffen! Lassen Sie mich nur machen! (Laut zu Christian.) Christian! — Zuerst ein Wort im Vertrauen ! (Winkt ihm seitwärts zu kommen.) Christ, (mit dem Stolze des Beleidigten). Was haben Sie mir noch zu sagen, mein Herr! (Tritt zu ihm.) Peter (wichtig thuend, leise). Aber es bleibt unter uns! Christ. Nun, was ist'S? Peter (ihm in's Ohr). Du bist ein ungeheurer Esel! Christ, (entrüstet). Was war das? Peter (leist, ihn an der Hand fassend). Still! wenn Du wüßtest, wer dieses angebliche Dienstmädchen ist — warum sie bei mir war — und was sie für Dich für Gefühle fühlt! — Christ, (aufhorchend). Gefühle — für mich? — Peter. Ich könnte Dir eine Mit- theilung machen — Christ, (hastig). So mach' sie — mach' sie — Peter. Ja, wenn ich mit Dir allein sein könnte — Christ. DaS kannst Du ja — führ' sie indeß auf ihr Zimmer! Peter. Na, wenn Du nichts mehr dagegen hast. — (Zu Marien in etwas feierlicher Haltung.) Gnädige Frau Baronin — Marie. Peter! Peter. O, ich bitt' um Vergebung — Ew. Gnaden haben mir's zwar verboten — aber mein Freund wird keinen Gebrauch machen! Christ, (steht mit offenem Munde). Was ist das? Ist er ein Narr, oder will er mich dafür halten. Peter (zu Marien). Belieben Sie sich auf Ihre Appartements zu begeben — Sie werden in Ihrer Ruhe nicht weiter gestört werden! Ihren Arm, Baronin! (Hält ihr seinen Arm hin und fübrt sie in'S Nebenzimmer ab, leise zu ihr sprechend). Lassen Sie mich nur machen — widersprechen Sie mir in nichts! Marie (in's Nebenzimmer ab). Peter (bleibt noch an der Thüre stehen und macht tiefe Berbeugunzen). Christ. Was treibt Er denn? (Sieht durch die noch offene Seitenthür.) Alle Wetter! Was ist daS wieder? Peter (macht die Seitenthüre wieder zu und tritt zu Christian). Was hast Du denn? Christ. Was haben meine Augen in dem Nebenzimmer im Bett liegen sehen? Peter. Ah das — daS ist mein Kind. Christ. Aber was hat die Marie mit dem Kind zu thun? Peter. Kuriose Frage — es ist ja ihr Kind?! Christ. De in Kind — Ihr Kind?! Peter! ich zerreiße Dich! Peter. Halt — halt! Nur keine Mißverständnisse! Wenn Du daS Kind in der Nähe gesehen hättest, hättest Du selber gleich bemerkt, daß daS Kind nicht von einem so ordinären Kerl, wie ich bin, abstammen kann! — der Vater war edler als ich! Christ. Aber die Mutter — die Mutter? Peter. Die Mutter ist dieser für ein Mädchen geltende Dienstbote. Christ, (verzweifelnd). Also doch die Marie! Sie — Sie — ein Kind! Jetzt ist erst recht Alles — Alles aus! (Sinkt in einen Stuhl und birgt das Gesicht in die Hände.) Peter (tritt zu Christian). Fasse Dich, — laß' mit Dir reden — 45 Christ. Was laßt sich da noch reden! Alles — Alles hält' ich ihr verziehen — aber ein Kind —! Peter. Das Kind ist klein — das Vermögen aber, welches das Kind und seine Mutter kriegen kann, ist ungeheuer! Christ, (aufhorchend). Vermögen?! — (Ausstehend.) Ah dann ließe sich doch reden. Gag' mir: wie so Vermögen? — von wem Vermögen? — Peter. Ich will Dir's im Vertrauen sagen — der Vater dieses Kindes war der Sohn der Frau von Weichherz. Christ. Was? der junge Baron Gonnberg? der Erschossene? Peter. Der Nämliche — er war mit der Marie heimlich verheiratet! Christ. WaS Du sagst! Peter. Jetzt kannst Du Dir wohl denken, was der Brief, den g'rad D u seiner Mutter hättest übergeben sollen, enthalten hat! Christ. Ich — mir denken? — Ich kann mir noch gar nichts denken! Peter. Christian! Du bist erst nicht so dumm, als Du ausschaust — nein — Du bist noch dümmer! — Vor dem Duell hat der Sonnberg doch gewiß das Schicksal der Seinigen sichern wollen, hat also wahrscheinlich in dem Brief, den er Dir übergeben hat, Alles entdeckt. Christ, tsitht Peter groß an). Aber Peter! WaS Du für ein gescheidter Kerl bist! Ja — meiner Seel, — das kann schon sein! Peter. Jetzt denk aber noch um ein paar Spannen weiter! Was könnte der Grund sein, warum der Herr von Weichherz das Bekenntniß seines Stiefsohnes unterschlagen hat? Christ. Hm! dafür liegt wohl ein Grund nah' — der fieinalte und steinreiche Onkel Feldstein hat sein Vermögen früher dem jungen Sonnberg vermachen wollen, und jetzt, wo Dieser todt, kann Herr von Weichherz auf die Erbschaft rechnen, aber nur dann, wenn der Sonnberg keine Kinder hinterlassen hat. Peter. Siehst Du — da liegt der Hund begraben! Christ. Aber wenn das so wäre, — dann wäre ja der Weichherz ein so schlechter Kerl, daß er seines Gleichen suchte. — Peter. D'rum hat er Dich zu seinem Kompagnon genommen! Christ. Mich? Peter. Ja — Du warst sein Helfershelfer bei der Brief-Unterschlagung — und wenn jetzt die Sache gerichtlich anhängig gemacht wird — Christ, (erschreckt). Gerichtlich? Um GotteSwillen? — Peter! auf allen meinen Knien beschwör' ich Dich — mach' keine Anzeige! Peter. Die könnt' ich nur dann Unterlasten, wenn Du selber mir behilflich wär st, der Sache aus den Grund zu kommen. Christ. Ich will ja Alles thun — rede — befiehl' — schaff' an — ich bin ja bei Allem dabei — nur nicht beim Einsperren! Peter. Na also — hör' mich an! Christ. Ich bin ganz Ohr! Peter. Na— wenigstens größten- theils! Also gib Acht! — Die Marie behauptet, daß sie die Dokumente, die ihre Ehe beweisen, nach dem Tode ihres Mannes nicht mehr hat finden können, — hast Du nicht bemerkt, daß der Herr von Weichherz auch nach waS Aehnlichem Nachforschungen angestellt hat? Christ. Nach Dokumenten? davon war nie eine Rede — von ein paar alten Möbelstücken wohl. Peter (rasch die 3?ee ergreifend). Von alten Möbeln? — rede — wie so? Christ. Besonders aber von einem antiken Schrank, aus der Hinterlassen- schaft deS jungen Sonnberg, der ein wahres Kunstwerk gewesen sein soll. — Peter (gespannt). Na — und hat er den bekommen? Christ. Oh — es hat lange Zeit gebraucht, aber vorgestern erst hat sein Kommissionär geschrieben, daß der alte Rumpelkasten doch ausgefunden und angekauft ist, und heute noch auf der Eisenbahn ankommen soll. Der Herr von Weichherz hat mir noch gestern den Auftrag gegeben, Anstalt zu treffen, daß wir ihn ^ wenigstens gleich nach den Feiertagen in's Haus bekommen können! Peter. Das ist mir zu spät — das muß heute noch geschehen: Christ. Heute? das wird nicht möglich sein. An einem solchen Feiertag findest Du ja gar keinen Träger. Peter. G'rad' an einem Feiertag ist jeder Mensch träger, weil er nichts arbeitet. Uebrigens — wenn ich mir einmal was in den Kopf setze, frag' ich nicht lang, ob's möglich ist! (Nachdenkend und dabei rasch auf- und niedergehend.) Aber zuerst muß ich mich überzeugen, ob!s mit dem Schrank auch wirklich die Bewandtniß hat — eS kommt zuerst auf eine Probe an. — (Stehen bleibend.) Er hat den eigentlichen Schrank nicht selber gesehen — und der Trödler in meiner Gasse hat auch so altes Grasselwerk! (Nach kurzem Nachfinnen.) Ich hab's — ich hab's! Aber Du mußt mein blindes Werkzeug — mein Leibund Seel-Eigener sein. Christ. Ja — ja — ich bin, was Du willst — wenn ich nur mit keinem Gericht in Collision komme! Peter. Also an die Arbeit! — Es ist zwar heute der heilige Tag- aber mit der Arbeit, wenn man das Heiligste. das Recht zur Geltung bringen will, wird der Tag gewiß nicht entweiht! (Ab in das Nebenzimmer rechts.) Christ. (Ab durch die M'ttelthür) Vierte Srene. Verwandlung. (Modern eingerichtetes Zimmer im Hause deS Herrn von Weichherz. Eine Mittel- und zwei Seitenthüren.) Weichherz. Agathe. Weichh. (kommt noch im Schlafrccke, aber unter demselben vollständig angezogen, aus dem Seitenzimmer rechts). Ich Hab' nirgends Ruhe noch Rast — die ganze Nacht ist sie nicht nach Haus gekommen! — Oh — es drängen sich fürchterliche Gedanken auf, wenn ein schönes Dienstmädchen über die Nacht ausbleibt! — Agathe (in gewählter Morgentoilette ist ihm aus derselben Thür gefolgt). Was hast Du denn — Du springst vom Frühstück auf — ohne nur eine Tasse Kaffee berührt zu haben! Weichh. Was fragst Du noch? — Du weißt, was mich allarmirt. — Ein Dienstmädchen — mir entspringen! — DaS ist noch nicht dagewesen! Aber es soll ihr nichts nützen — ich schicke auf's Telegraphen-Amt — ich lasse sie mittelst Elektrizität fangen — ich laß' sie drucken, und an alle Straßenecken anschlagen! Agathe. Ich bitte Dich, mache Dich nicht öffentlich lächerlich! Weichh. DaS verstehst Du nicht — ich bin Mitglied deS Vereins für verwahrloste Dienstboten — ich kann mir also nicht so — mir nichts, Dir nichts, einen verwahrlosten Dienstboten entgehen lassen. — Agathe (ernst und ruhig). Versuch eS nicht, mich zu täuschen, wie Du die ganze Welt täuschest! — Ich er- rathe den wahren Grund — und habe mich längst, ohne zu klagen, in mein Schicksal ergeben. — Ich hätte nach dem Tode meines ersten Gemals dem Rathe meines Bruders folgen sollen! Weichh. Ja, Dein Bruder, der Baron Feldstein, der aufgeblasene 47 Stammbaumler hat'S freilich nicht billigen wollen, daß Du einen Bürgerlichen wählst! — Aber was hat Dir denn Dein erster Mann (spöttisch) der Herr Baron — hinterlafsen? — Gar nichts — Alles war verschwendet! Agathe. Wage es nicht, sein Andenken zu lästern! — Er kam unverschuldet um sein Vermögen! — Friede seiner Asche! Weichh. Nun ja — die zweimal verheirateten Frauen brauchen immer die Asche des ersten Mannes zu der Lauge, mit der sie den Zweiten waschen! Das ist etwas Bekanntes! — Aber, Gott sei Dank! — Ich kenne meinen Werth, und (scheinheilig) der Himmel straft Die, welche Etwas gegen mich unternehmenDas hat Dein Bruder schon erfahren! — Er glaubte, mir einen Possen zu spielen, indem er nicht Dich, sondern Deinen Sohn zum Erben bestimmte — nun — der Plan ist vereitelt! Agathe. Mußt Du mich daran erinnern! (Das Tuch vor die Augen drückend.) Mit meinem Sohne Hab' ich Alles verloren! (Sinkt in einen Divan.) Weichh. 2m Gegentheil — wir haben gewonnen — denn jetzt kann uns das Vermögen nicht mehr ent, gehen. Seine Gesinnung gegen mich hat sich endlich geändert. Agathe (zweifelnd). Meinst Du? Weichh. Daö beweist schon der Umstand, daß er zu dem heutigen Feste, welches er zur Feier seines GeburtS- tages gibt, nicht wie sonst, nurDich allein, sondern auch mich eingeladen hat. Agathe (aufstehrnd). Gut, daß Du mich erinnerst — wir haben versprochen, zeitlich zu erscheinen, und ich muß noch Toilette machen! Weichh. WaS will der Hausmeister? Martin. D'runten sind ein Paar Träger von der Eisenbahn. Weichh. (aufmerksam). Eisenbahn? — (Für sich.) Ha! Sollte der Christian meinen Auftrag schon vollzogen haben? (Rasch zu Agathen.) Laß' Dich nicht auf- halten, liebe Frau — ich habe nur noch ein kleines Geschäft, dann werf' ich mich auch in Staat und begleite Dich. (Führt während dieser Rede Agathen zur Seitentbüre rechts.) Agathe (ab). Weichh. (rasch,, zu Martin). Nun — was ist's mit den Eisenbabnträgern? Bringen sie Etwas? Martin. Ja — einen alten Rum- pelkaflen. Weichh. (in höchster Freude). Er ist's — Er ist's! — Nur herein mit ihm — laß' die braven Leute nur schnell herein ! Martin (steht durch die Mittelthür). Ah — sie sind schon heroben. (Ruft hinaus.) Nur daher! Weichh. (für sich — beinahe inbrünstig die Hände faltend). Jetzt lieber Himmel wird sich'S zeigen, ob Du mir Deine Gnade erhalten hast! — Wenn Du bis heute jede unberufene Hand von dem Schranke ferne hieltst — dann — dann ist erst mein Glück gesichert! Sechste Scene. Vorige. Peter und Christian (durch die Mitte), Peter und Christ, (beide als Lastträger der Eisenbahn, in gestreiften Blousen. auf dem Kopfe Mützen aus Lackleder — durch falsche Haare uud Bärte unkenntlich, bringen einen altmodischen Schrank auf einer Tragbahre herein). Martin. Acht geben! Acht geben! — Die Thur ist frisch angestrichen. Fünfte Scene. Vorige. Martin. Martin (tritt durch die Mitte KÜß' die Hand, Ew. Gnaden! ! Peter (mit angenommener rauher Stimme) kin). WaS liegt denn da d'ran? In solch' .einem HauS ist bald wieder was an- 48 geschmiert! — So! — (Zu Christian.) Setz' nieder! Christ, (setzt die Bahre nieder und macht sich von den Tragriemen loS). — Ah das war eine Tour! Wenn man die ganze Nacht nicht geschlafen hat, und nachher am frühen Morgen — eine solche Arbeit! (Trocknet sich den Schweiß von der Stirne.) Weichh. Nu — nu — soll Euer Schaden nicht sein. — (Klopft Beiden aus die Schulter.) Wackere Leute — brave Arbeiter! Christ, (gähnend). Ah! — Ich kann kaum mehr auf den Füßen stehen! (Dehnt sich wie schlaftrunken ) Wir Zwei haben heut' die Nachtwach im Magazin gehabt — da kommt der Frühtrain und der alte Kasten d'rauf. Peter. Wir haben ihn derweil in'S Magazin stellen sollen — da hat aber schon ein Herr d'rauf gewartet, und gesagt, wir könnten uns was Rechtes verdienen, wenn wir ihn gleich daher in'S Haus trügen. Christ. Na — und da (gähnt wieder) haben wir's halt gethan! (Wankt.) Aber ich bin schier zum Umfallen müde. Weichh. Na — ruh' Er sich ein Bischen aus — setz' Er sich. Christ, (wankt zu einem Fauteuil im Hintergründe und wirst flch darauf). Ich bin so frei — daß ich den Schlaf nicht auStrage! Peter. Na — jetzt (indem er die Hand gegen Wrichherz autSie mir, wie kommt meine Frau «Z ^hierher zu Ihnen? 2 > StriH m. Sie Kerl! Jetzt sagen ^lSie mir, wie kommt meine Toch- iter hierher zu Ihnen? Sprudl. WaS wollen denn Sie von ihm? Jetzt g'hört er mir. Stritzm. Was geht er denn Ihnen an, der g'hört jetzt mir! — (Sie rütteln ihn hin und her.) Beide (zugleich, indem sie ihn hin und her rütteln). Jetzt erklären Sie, reden Sie, reden Sie, reden Sie! Heinr. (indem er ausspringt und Jeden auf eine andere Seite stößt). Was zu viel ist, ist zu viel! Das halte ein Anderer auS; da könnte man ja ein Narr werden. Ich weiß schon selbst nicht mehr, ob Eine und was für eine meine Geliebte ist. — Wenn ich gewußt hätte, daß ein Rendezvous so etwas Gefährliches ist — Sprudl. und Stritzm. (zugleich). Also wirklich ein Rendezvous?! Sehr schön! — (Beide wollen wieder auf Heinrich loSgehen, doch die Damen treten beiderseits dazwischen. Stri'tzmann hat sich die Aermel zum Kampfe aufgestreist.) Marie. Aber lieber Vater — Stritzm. Geh' mir auS den - )Augen. 2! Louise. Aber lieber Mann — -D-j Sprudl. Laß' ab von mir! Heinr. So nehmen Sie nur halbwegs Vernunft an und lassen Sie mich nur einen Augenblick zu Worte kommen! dann kommt ja Alles in's Klare! Sprudl. und Stritzm. (zugleich). Nun also, so reden Sie! Alle. Ja, reden Sie! reden Sie — Heinr. (mit einem tiefen Seufzer). Vergelt's Gott tausendmal, daß ich endlich reden darf! Also hören Sie. Sprudl. Schnell! ohne Einleitung! Stritz m. Nit erst eine Weil herumkneten! — Heinr. (zu Stritzmann). Schon seit längerer Zeit besitzt Ihre Tochter mein ganzes Herz, und weil ich morgen verreise, so wollte ich Marie heute noch fragen, ob ich bei meiner Rückkunft um ihre Hand anhalten dürfte. Deßhalb bat ich sie in ein paar Zeilen , die ich auf einen Guldenzettel schrieb — Stritzm. Aha! — Heinr. (sortfahrend). Um sechs Uhr hierherzukommen. Marie. Ja, Vater, so ist eS; ich Hab' seinen Bitten nachgegeben, weil er mir so ehrlich geschrieben hat. , Stritzm. Also heiraten will er Dich. daS is was Anderes. (Streift die aufgestreckten Rockärmel wieder herab.) Louise. Dieser Gulden nun kam mir zufällig in die Hände, und ich ging theilS auS Neugierde, theils auS Freundschaft für Marie hierher. Sprudl. Nur aus Freundschaft? — dann war ich ja ein — Louise (schnell einfallend). Ein Bischen zu voreilig. Sprudl. (zu den Vertrauten). Ich danke Ihnen. Sie können schon geh'n. (Die Männer entfernen sich.) Stritzm. Nun weil Ihr doch schon so vertraut seid miteinander, so will ich in Eure Herzensangelegenheit nicht den Sauerteig des Väter- 16 lichen Unwillens mischen, a-er der Herr da kriegt Deine Hand erst dann, wenn er sich alle Tag' statt einen Kreuzerwecken um einen Gulden Vacht bei mir kaufen kann. Heinr. O weh, da werd' ich noch lang' warten müssen. Sprudl. Nicht so lange, als Sie glauben, junger Freund. Zch werde, um mein Unrecht wieder gut zu machen , für Ihr rasches Avancement Sorge tragen. StriHm. Ah, das iS etwas Anderes, dann Hab' ich nichts mehr dagegen. Für alle Väter, die hübsche Töchter haben, geht die weise Lehr' hervor: „Schaut'ö jeden Guldenzettel vorn und hinten an, damit Ihr nicht betrogen werdet."- (Gruppe.) Der Vorhang fällt rasch. Druck von I. B. WaMSHausser. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Die Studenten von Rummetstadt. Genrebild mit Gesang und Tanz in drei Akten, von Carl Haffner. Musik vom Kapellmeister Adolph Müller. (Zum ersten Male ausgeführt an dem k. k. priv. Theater an der Wien ) Theodor, der Erbprinz. Baron v. Eschen Biktor Felix Louis Hermann Albert Rudolf Konrad Franz Leopold Adolf Moritz Julius Ernst Konstantin Leo Kasimir Kunzvon Rummelstein, Personen: Leipziger Studenten. Studenten von Rummelstadt. Storch, herrschaftlicher Amtmann im Dorfe Rummelstein. Elise, seine Tochter, Magerl, Richter von Rummelstein, Anna, seine Tochter, Bums, OrtSwächter, Hamster, Fruchthändler. August Grinzinger, ein junger Baumeister, Wenzel Frosch, ein Greis, Pächter von Konradsau. Brigitte, sein Weib, Wolf l MauseV Spekulanten. Jtzig s Peter. Handlanger, Ok^/vio j Lakaien des Prinzen. Offiziere, Studenten, Winzer und Winzerinnen. — Bürger, Landleute. AmtSdirner. Maurer, Zimmerleute, Junggesellen, Brautjungfern. (Die Handlung spielt anfangs in der kleinen Universitätsstadt Rummelstadt, und später in dem zunächst liegenden Dorfe Rummelstein.) AnmerkungfürdieRegie. Die Studenten von Rummelstadt werden von den Damen des Ballets und Ehw- dÄMM! Zu den Studenten- und Nationalliedern im Ensemble des ersten Aktes werden ^didchÄanütesi BÄkS- Melodien benützt. " .. w izAlivlii ucichf kl -!r(bljcl"s ' hisulis) Il->u,lk Theater-Rrpertoir Nr. 71. Erster Akt. Platz in einer kleinen Stadt. Zm Hintergründe ein neu gebautes, aber noch nicht ganz vollendetes Haus mit offenem Thor. Rechts ein großes Brauhaus. Vor demselben eine dichte Laube, und in dieser Bank und Tisch, auf welchem ein halbgefüllter, gläserner Bierkrug steht. Links kleine Wohnhäuser. Erste Scene. Handlanger führen Kalk und Mörtel auf Schubkarren dem Neubau zu. Einzelne Maurer sind mit Dach und Mauern beschäftigt. August bespricht sich mit Peter im Hintergründe. Chor. Bringet Mörtel! bringet Sand! Legt an's Werk die letzte Hand, Frisch und flink, Kameraden! Heut noch vor dem Abendgrau, Ist vollendet dieser Bau, Und das Werk gerathen! (Die Arbeiter ziehen sich in das Haus zurück.) AUgU st. (Mit Peter vortretend.) Nun geschwinde, Peter — wer ist das Mädchen ? Ich habe mich bis zum Wahnsinn in sie verliebt. Peter. Die einzige Tochter deS reichen Amtmanns von Rummelsicin. Aug. O verflucht! Der alte Storch und mein Vater waren in ihrer Jugend Nebenbuhler, und sind noch immer bitterböse Feinde. Peter. O, das genirt nicht! Die Väter liegen sich oft in den Haare n, wenn sich die Kinder in den Armen liegen. Aug. Zum Glück kennt mich der Amtmann nicht. —' Zch will auf's Amt, und mein Glück bei dem Mädchen versuchen. Ach, wenn ich nur nicht gar so ein armer Teufel wär! Theodor und Eschen (erscheinen im Hiutergrunde links). Peter. Genirt auch nicht! Es hat ja schon mancher arme Teufel einen reichen Engel erwischt! (Beide durch das Thor deS neuen Hauses ab.) Zweite Scene. Theodor. Eschen. (Beide in Studententracht.) Eschen (indem sie vortreten). Das war der junge Baumeister August Grinzinger. Theod. Dessen Plan mit dem ersten Preise gekrönt wurde? Eschen. Derselbe. Er ist ein Architekt von seltenem Talent. Theod. Desto besser. So dürfen wir der Residenz ihre Talente nicht entziehen. Der Ankauf ist also geschlossen? Eschen. Die Herrschaft Rummelstein gehört seit einer Stunde der Krone — mit Ausnahme jener Ruine auf dem Hügel. Theod. Was sagen Sie da! Das durchkreuzt ja meinen ganzen Plan. Hc.: denn die Ruine einen anderen Herrn? Eschen. Leider, Euer Durchlaucht. Einen gewissen Kunz von Rummelstein, seit zwölf Jahren im Exil. Theod. Einen Verbannten? Eschen. Der sich im AuSlande wahrscheinlich auch nicht auf Rosen gebettet hat — denn auf seinen Betrieb soll die Ruine mit dem Schloßberg heute Mittags öffentlich versteigert werden. Theod. (schnell). Der junge Baumeister soll Theil nehmen an der Lizitation, und das Feld behaupten, das er zu bebauen berufen ist. — Sagen Sic ihm, es soll sich dort eine Fabrik erheben, die jeder bedrängten Familie im Umkreise einen Wcbestuhl, und mit ihm Arbeit und Verdienst bieten soll. Ach, Eschen, mir hat das Herz geblutet in den Hütten dieser armen Gebirgsbewohner — und ich habe mir gelobt, daß nach zehnjähriger Abwesenheit ein Werk der Menschenliebe mein erster Gruß an mein Vaterland sein soll. Studenten (im Brauhause singend). Uiili 68t prop68itum - In tsdern« nwri. Eschen. A — die Burschenschaft von Rummelstadl! Theod. Auch mit der will ich mich bekannt machen, indeß Sie sich mit unserm Baumeister besprechen. — Aber vergessen Sie unser Incognito nicht, Herr Baron! Eschen (verbeugt sich und geht durch das Thor in das neue Haus). Theod. (allein). Ja, Fabriken will ich bauen, statt Paläste — den Segen unsers fruchtbaren Bodens im Lande verbreiten, und unsre edlen Metalle nicht länger für fremde Produkte zahlen, wenn sie die einheimische Industrie selbst zu Tage fördern kann. — Ich will mit Gott als Kürst der erste Bürger meines Volkes sein. (Geht ab in's Brauhaus.) Dritte Scene. Kunz (ebenfalls als Student, aber etwas luftig und fadenscheinig gekleidet, tritt mit einem Ränzclchen auf dem Rücken aus dem Hintergründe links auf). Lied Die alten Herrn von Rummelstein, Das waren tapfre Ritter. Sie leerten ihre Humpen Wein, Und das war gar nicht bitter. Ich bin ihr letzter Sprosse, Die Füß' find meine Rosse, — Ich leere keine Humpen, Mein RitterwammS sind Lumpen. Und fechten muß ich leider Wie Schuster oder Schneider —! O Jerum, o Jerum, Welch' ein' mutsläo rorum! Die alten Herrn von Rummelstein, Das waren große Prasser. Ihr Enkel nagt an einem Bein, Und trinkt bescheiden Wasser. Ich bin ein armer Kämpe, Mein Hut hat keine Krampe, Mein Stiefel keine Sohle, Und ich bin schwarz, wie Kohle. Der Ritter ohne Tadel, Hat wie ein Sperling Wadel! O Jerum, o Jerum, Welch' ein' mutslio rerrma! (Kläglich.) Ja, so sieht der edle Kunz von Rummelstein aus, der letzte Sprosse eines uralten Rittergeschlechtes. — Mir wäre es aber lieber, mein Ahnherr hätte Amschel geheißen — denn ich würde mich bedeutend besser dabei befinden, wenn ich ein James oder Salomo Rothschild wäre. (Weh- müthig nach der rechten Seite blickend.) Dort liegt Rummelstein. das schöne Rittergut meiner Vorfahren — aber es gehört jetzt einem Seifensieder, und dem letzten Ritter von Rummelstein ist nichts geblieben, als das Stammschloß seiner Ahnen, das heute wahrscheinlich um ein Butterbrod verschachert, und vom hungrigen Amtmann verschluckt werden wird, — und ich habe mich vielleicht nur mit Gefahr in meine Heimath geschwärzt, um ihm guten Appetit zu wünschen. (Auf das Brauhaus blickend.) Das scheint ein Brauhaus zu sein — denn meine Zunge zeigt auf Bier, und auf den Biero Meter kann ich mich verlassen. — Vorwärts! Noch ist Hopfen und Malz nicht ganz an mir verloren, denn ich habe ja noch ein altdeutsches Barbiermesser zu versetzen. (Indem erin's Brauhaus will, erblickt er den Bierkrug aus dem Tisch in der Laube.) Ha — da hat ein edler Menschenfreund ein paar Schluck für mich armen Schlucker deponirt. — Ritter Kunz von Rummelstein, dein altes Barbiermeffer ist vor der Hand gerettet. (Setzt sich zum Tische und ergreift den Krug.) Es scheint mir baß ein guter Labetrunk zu sein. (Trinkt und schneidet Gesichter.) I * 4 Es ist zwar kein Nieren steiner — aber ein Nieren schneide r ist es! Vierte Scene. Kunz. Hamster. Hamster (eine lange, hagere Figur, tritt, sich vergnügt die Hände reibend, aus dem Brauhause). Heißa — Mißwachs, überall Mißwachs! Alle Kornkammern leer, und ich habe Vorrath, das ganze Land zu verproviantiren! — Krieg auch in Aussicht, wenn'S Glück will, bin ich über Jahr und Tag ein Millionär! Kunz (für sich). Ein Mehlwurm — ein Kornwucherer ist der Gauch! Hamster. Das alte Schloß Rummelstein liegt dicht an der Grenze — ich will es kaufen und ein Magazin hinbauen — (pfiffig) damit ich in Kriegszeiten der Lieferant deS Fre und es und vielleicht auch desFeindes sein kann. Kunz (für sich). Der alte Spitzbube ist ein sauberer Patriot! Hamster. Za, ich kauf's — ich kauf's auf jeden Fall. — Geschwinde noch einen Trunk, und dann — (geht zum Tisch und sieht verblüfft auf Kunz, der sich beeilt, den Krug zu leeren). Freundchen, das ist mein Bier! Kunz. A — waS Sie sagen! Wenn ich das früher gewußt hätte, hätt' es mir vielleicht besser geschmeckt. Hamster. A — das ist stark! Kunz. Nicht stark — sauer war's! Hamster. Wenn Sie trinken wollen, so kaufen Sie sich Bier. Kunz. Ich kaufe das nie, was ich umsonst haben kann. Wenn ich nur die alte Schloßruine dort auf dem Hügel heute ebenso wohlfeil kaufen könnte, wie Ihr Bier. Hamster (M sich zu ihm). A — Sie kommen auch zur Lizitation? Kunz. Zu dienen! Ich will eine große Branntweinbrennerei auf jenem Hügel bauen. Hamster. O pfui! Kunz. Warum pfui? Da ist gar nichts zu pfuien! Branntwein ist ein so nothwendiges Medicament für den gesunden, wie Opium für den kranken Mann. Schnapps ist nicht nur der öffentliche Agent der einheimischen Ruhe, sondern auch der geheime Agent der auswärtigen Unruhe. — Er ist ein Arcanum zum Einschläfern und Verdummen. Er macht im Osten einen' guten Magen, und befördert im Westen den Appetit — denn so lange man sich in Osten mit dem deutschen Schnapps benebelt, wird man in Westen den Appetit auf den Rheinwein nicht verlieren. Hamster. Ihr Projekt wird nicht durchgehen bei der Herrschaft. Das Meinige ist solider. Kunz. Sie wollen auch Schloß Rummelstein kaufen? Hamster. Ja wohl, um ein großes Fruchtmagazin zu bauen. Kunz. Aha — Sie belieben wahrscheinlich mit Korn zu wuchern? Hamster. Zu spekuliren, Freundchen! K u n z (ihn anschnaubend). Der Teufel ist ihr Freundchen! (Zornig den Krug schwingend.) Fort, elender Gauch! Hamster (entspringt schnell). Oho! Kunz (verläßt ebenfalls den Tisch). Welche Schmach! Ich habe aus einem Bierglase getrunken, in das auch ein Kornwucherer seine Schnauze gesteckt hat. Hamster. Herr, greisen Sie meine Ehre nicht an! Ich wuchere nicht — ich kaufe nur in fetten Jahren ein, und schlage in mageren Jahren los — das hat Joseph in Egypten auch gethan. Kunz. Still, Mumie! Hamster. Jetzt sollen Sie das Schloß just nicht haben! Freuen Sie sich, wie ich Sie steigern werde! Kunz (schnell). Das wird mir ein großes Vergnügen sein! (Für sich.) Eine 5 famose Idee! Ich will mein Schloß steigern helfen. Hamster (immer heftiger). Ich werde Sie thurmhoch steigern! Kunz (ebenso). Ich Sie bis zum Blocksberg hinauf! Hamster. O, ich kann aushalten, ich habe Geld! Kunz. Und ich eine gute Lunge! Hamster. Und wenn ich Sie recht hoch Hinaufgetrieben habe, hör' ich plötzlich auf und last' Sie sitzen! Kunz (drohend). Unterstehen Sie sich, Mumie! Hamster. Herr, Sie sind ungezogen. Kunz. Wenn ich auch ungezogen bin. kann ich noch gezogen werden, weil ich kreditlos bin! Hamster. Sie wissen selber nicht, was Sie wollen! Kunz (heftig). Steigern will ich und gesteigert werden, dis ich genug habe! — Aber wenn Du aufhörst und mich sitzen läßt, zertret' ich Dich, Mehlwurm ! Künste Sceue. Vorige. Theodor, Viktor, Felix. Louis und Hermann (kommen aus dem Brauhause.) Die Studenten. He— was gibtS da, Philister? Hamster. Ein Narr, der dem Tollhause entsprungen ist! (Links im Hintergründe ab.) Viktor (freudig überrascht, indem er Kunz erkennt). Donnerwetter — seh' ich recht? Kunz (in seine Arme stürzend). Viktor, Herzensjunge, grüß' Dich Gott! Viktor. Tausendmal willkommen, Du sideles Haus! (Ihn den Studenten vorstellend.) Ritter Kunz von Rummelstein, meine Herren! Alle. Rummelstein? Kunz (ängstlich). Pst! Um's Himmelswillen, verrathet mich nicht! Wenn man mich erwischt, sperrt man mich ein. Viktor. Teufel ja — jetzt fällt mir's ein — Du bist ja ausgewiesen. Alle. Ausgewiesen? Theod. WaS haben Sie denn angestellt, Kamerad? Kunz. Ich bin zu oft Kapellmeister gewesen. Alle. Kapellmeister? Kunz. Kapellmeister verschiedener Katzenmusiken. Alle. Hahahahaha! Viktor. Ja. ein fleißiger Kater war er, aber sonst der beste Junge von der ganzen Welt. — Ich kenne ihn ganz genau, denn wir waren die intimsten Kameraden auf dem Gymnasium. Aber wegen Deiner Konzerte allein hätte man Dich nicht verwiesen — Felix. Er hat wahrscheinlich auch ein loses Maul gehabt — Kunz (kläglich). Ja wohl! Louis. Oeffentliche Reden gehalten — Kunz. Auch das! Ich habe öffentlich über Schafsschur und Stallfütterung gesprochen — darum wurde ich als Aufrührer verhaftet. Alle. Hahahahaha! Viktor. Dein Feind hat aus Mücken Elephanten gemacht, und dieser Feind soll der Amtmann von Rummel- stein sein. — Man sagt, er habe heimlich gegen Dich intriguirt, weil es in seinem Interesse lag, Dich zu expediren. Kunz. Daö begreife ich nicht, der Amtmann kennt mich ja nur durch Korrespondenzen — Viktor. Ich glaube es auch nicht, obgleich der Herr Amtmann ein aus-, geprägtes Galgengesicht hat. — Aber gewagt finde ich eS auf jeden Fall, daß Du hier auf verbotenen Wegen wandelst. Kunz. Ich bleibe nur ein paar Stunden hier. Nach der Licitation drück' ich mich wieder. Viktor. Ja richtig — Dein altes Stammschloß wird ja heute versteigert. Sage mir einmal, ist das das ganze Vermögen, das Dir Dein Vater hinterlassen hat? Kunz. Das ganze. Und doch hat mir mein Vater mehr als tausendmal gesagt, daß für meine Zukunft gesorgt sei. — Als er aber vor acht Jahren starb, schrieb man mir, er habe nichts als jenes alte Eulennest hinterlassen. Viktor. Armer Teufel! Das Lösegeld dafür wird Dir keine Tasche zerreißen. Sind schon Kauflustige dar Kunz. O ja — ein alter Kornwucherer. den ich incognito selber steigern will. — Apropos, Viktor — Du könntest ja auch mit steigern helfen? Viktor. Von Herzen gern. Felix. Louis. Hermann. Wir sind auch dabei! Theod. Auch ein Leipziger Bruder Studio und seine Freunde, wenn Ihr erlaubt. — Ich eile, sie zu informiren. (Ab in den Neubau.) Viktor. Nehmen wir gleich die ganze Burschenschaft von Rummelstadt mit. K u n z (freudig). Ja, ich bitt' — kommt Alle! Meine Thore stehen Euch gastlich offen. Alle. Das gibt einen famosen Znx! Viktor. Aber mit unserm Liziti- ren allein.ist Dir nicht geholfen. Kunz. Freilich'nicht. Vogelfänger allein sind nicht genug — es müssen auch Gimpel zum Aufsitzen da sein. Viktor. Wir wollen das Gerücht verbreiten, der Staat müsse das Grundstück kaufen, weil es die neue Eisenbahn durchschneiden soll. Ille. Famos! Kunz. Das ist eine köstliche Leimruthe für Spekulanten. Viktor (mit Pathos zu Kunz). Also Gruß und Handschlag, edler Ritter von der traurigen Gestalt! Schickt uns Eure Pagen und Knappen entgegen, die Ratten und Mäuse — und sagt Eurer Hausfrau, der züchtigen Nacht-, eule, sie möge für einen guten Imbiß sorgen zum gastlichen Empfang! Euer Burgfräulein, die Flederm aus und Eure Zofen, die Kreuzspinnen, mögen uns wohlgemuth erwarten im luftigen Prunkgemach, denn wir sind junge Kämpen mit dem Banner deS Frohsinns und der bekannten lustigen Losung — (singend, indem er mit seinen Kameraden Arm in Arm im Hintergründe rechts abgeht). 6SUÜ6SMU8 ißfitur, ^UV6N68 üum 8UMU8! Kunz (jubelnd). Heißa — großer Ausverkauf von altdeutschen Ziegelsteinen! — Eine halbe Million zum Ersten! Wer gibt mehr? — (Ab links im Hintergründe.) Verwandlung. Bauernzimmer. Sechste Scene. Theodor, Eschen und Anna (treten durch die Mittelthüre ein). Anna. Der Vater ist noch auf dem Amt — aber er kommt noch nach Hause vor der Lizitation. Warten Sie ein Bischen — (kokett) wenn Ihnen bei mir die Zeit nicht zu lang wird. Theod. Studenten wird nie die Zeit zu lang bei hübschen Mädchen. Anna. Das Hab' ich mir auch gedacht. — Sie sind gewiß fremde Brüder Studios — denn die R u m m e l- städter kenn' ich Alle. (Zögernd.) Sind Sie vielleicht — Füchse? Eschen (lachend). O nein, mein Schatz, eher bemooste Häupter. Wir haben in Leipzig studirt und find erst 7 gestern in unser Vaterland zurückgekehrt. Anna (die Hände zusammenschlagend). Gar Leipziger Studenten! Das sollen ja schon die Supergescheidten, die Ueberstudirten sein. Na, solider sehen Sie schon aus, wie die uns'rigen, denn das sind wahre Teufel! Wenn ich früh Morgens die Milch in die Stadt trage, stecken sie aus allen Fenstern ihre Köpfe heraus und rufen und winken — denn Jeder hat eine kranke Brust und will Milch von mir kaufen. Lheod. Da machst Du ja recht gute Geschäfte — und wirst recht gerne die kranken Studentenbrüste kuriren. Anna. Ich muß wohl — denn man kann sich ja nicht einmal eine Magd halten in der schlechten Zeit. Theod. Also auch Du klagst über schlechte Zeit? Anna. Wer soll denn heutzutage nicht klagen? Alle Scheuern sind leer — und nichts, nicht einmal Grünzeug will Heuer gerathen. — Ich bitte Sie, das Brod ist ja schon so theuer, daß wir alle Tage Gugelhupf essen müssen zum Kaffee. Theod. Aber Ihr habt ja viele gesegnete Zahre gehabt — wo sind denn die Feldfrüchte hingekommen? Anna. Was der Herr Amtmann nicht über die Grenze erpedirt hat, hab'n die Kornwucherer aufgekauft, und die lassen jetzt nichts aus, weil sie auf den Krieg spekuliren. Theod. So?— Kann man diesen säubern Spekulanten denn nicht das Handwerk legen? Anna. Nein — das geht nicht. Theod. Und warum nicht? Anna (grheimnißvoll). Weil es auch große Spekulanten gibt — und die großen Herren haben lange Arme. Eschen. O, die Großen mit den! langen Armen' sind nicht so gefährlich, als die Kleinen mit den langen Fingern. Siebente Scene. Vorige. Hamster. Hamster. Dienerchen, Dienerchen! Hier wohnt ja wohl der Richter deS Orts? Anna. Der Vater ist nicht zu Hause, aber daS genirt nicht. Der Herr kann schon sagen, was er will, denn ich bin eigentlich der Richter, der Vater heißt nur so. — Wenn sich die Bauern geprügelt haben, kommen sie immer zu mir, weil sie wissen, daß ich kurzen Prozeß mach'. — Bei mir bat immer der Stärkere Recht, und Der, der die meisten Schläg' bekommen hat, muß die Gerichtskosten bezahlen. Theod. (leise zu Eschen). Eine ganz neue Gerichtsordnung. Eschen (leise). Nicht so ganz neu. Sie ist schon dagewesen, nur in einer andern Form. Anna (zu Hamster, sich in die Brust werfend). Wer ist der Herr? Man rede! Hamster. Ich bin der Fruchthändler Jakob Hamster, und will das alte Bergschloß — Anna. Wenn getrommelt wird, ist Lizitation. Hamster. Ich weiß — ich weiß — aber ich möchte zuvor die OrtSvor- stände ein wenig günstig stimmen für mein Projekt. Anna. Da muß der Herr zum Amtmann geh'n und was spendiren. Ec selbst nimmt nichts an, denn er ist unbestechlich — aber er weiß das Ding immer so zu drehen und zu wenden, daß man seiner Tochter eine kleine Freude macht, sonst setzt man nichts durch im Amt. — Die Bauern sagen: Der Amtmann ist das Wäger! und seine Tochter ist das Rad erl, und wer gut fahren will mit dem Wagerl, muß das Ra der! schön schmieren. Theod. (für sich), kist Justitia! Hamster. Aber ich mochte nicht nur der Tochter des Amtmanns, sondern auch der Tochter des Richters eine kleine Freude machen. — (Zeigt ihr eine Uhr.) Mit dieser kleinen goldenen Uhr zum Beispiel — he? Anna. Was? Verleitung zum Mißbrauch der Amtsgewalt? (Zornig mit dem Fuße stampfend). Jetzt schau der Herr, daß er weiter kommt — gleich aus der Stell'! Achte Scene. Vorige. Mager l. Kunz. Magerl. Fort, per Schub mit ihm! Kunz. Warum nicht gar! Es ist ja auch ein Lizitant! (Auf Theodor und Eschen deutend.) Da steht noch ein Paar. — Wenn's Ihnen Vergnügen macht, Herr Richter, erpediren Sie uns Alle per Schub! Magerl. Ah — Lizitanten! (Grüßend.) Gehorsamster Diener! Kunz (Hamster die Wange streichelnd). Mein lieber alter Mehlwurm darf mir nicht fortgeschoben werden! — Bleiben Sie nur da, Sie lieber Kerl — ich brauch' Sie nothwendig zum Steigern. Anna. Das kann ich ihm nicht verbieten — aber bestechen laß'ich mich nicht von ihm. Magerl. Was wäre das? Bestechen hat er Dich wollen? Anna. Mit einer goldenen Uhr. Magerl (empört zu Hamster). Donnerwetter, Herr, für was halten Sie uns? (Diktatorisch.) Sie werden mein Zimmer nicht eher verlassen, bis Sie die Uhr hergegeben haben! Hamster (reicht ihm die Uhr). Aber ich wollte ja nur — Magerl (streng). Nicht mucksen! (Steckt die Uhr ein.) Die Uhr wird konfiszirt! Kunz. Und das Gesetz ist versöhnt. Anna. Trag' der Vater die Uhr nur auf'S Amt! Magerl. Das thu' ich nicht, sonst steckt sie der Amtmann ein, statt meiner. Anna lauf Kunz deutend). Herr Vater — ist der saubere junge Herr auch ein Lizitant? Kunz. Einer der Tapfersten, mein Schatz. — Ich heiße Bambus von Peitschenstiel, und will eine große Branntweinbrennerei auf dem Schloßberg bauen. Magerl (bedenklich). Wird nicht durchgeh'n, Herr von KrampuS, — wird schwerlich durchgeh'n. Kunz. Warum denn nicht? Magerl. Zch und der Amtmann trinken keinen Branntwein. Eh 0 r (der Studenten auf der Straße). Der Ritter Kunz von Rummelstein. Wie stolz saß er zu Roß! O Rummelstein, o Rummelstein, Du wunderschönes Schloß! Hamster, Magerl, Anna (eilen zum Fenster). Was ist denn daS? Kunz. Eine Katzenmusik! Anna. Herr Jerum — im ganzen Dorf wimmelt eö von Studenten. Was woll'n denn die? (Eilt hinaus.) Magerl (zum Fenster hinausrufend). Sperrt die Weiber ein vor den Studenten! Und wenn sie den ledernen Papa singen, soll der Wächter trommeln! Kunz (ebenso). Jn's Horn stoßen, Thurmwart! Laßt die Zugbrücke herunter —. eS kommen Schöppen des heimlichen VehmgerichteS! Anna (zurückkehrend). Ach Spektakel über Spektakel! Im WirthShaus sind über fünfzig Studenten, die Alle Schloß Rummelstein kaufen wollen. Magerl. Hamster (erstaunt). Die Studenten? Anna. Auch Bürger aus der Stadt woll'n lizitiren. 9 Magerl. Famos! Der junge Herr von Rummelstein soll zwar ein großer Lump sein — aber lieb war' mir'S doch, wenn wir für den armen Teufel ein paar hundert Gulden herauSschla- gen könnten. Anna. O gewiß, denn es schaut ein gutes Geschäft heraus für die Spekulanten. — ES heißt, unser Erbprinz läßt hier die Eisenbahn bauen. Hamster. Geschwinde zum Amtmann. (Läuft eiligst fort.) Theodor, Eschen (ebenso). Wir auch — wir auch! Kunz (jubelnd). Zuhe — der Mehlwurm läuft aufsitzen, juhe! (Tanzt auf einem Fuße und fingt.) O Rummelstein! O Rummelstein! Du wunderschönes Schloß! Magerl, Anna. Ah — Der ist lustig! Kunz. So ungeheuer lustig, daß ich Sie an'S Herz drücken muß, Herr Richter! (Umarmt Anna.) Magerl (zieht ihn weg). Ich bin der Richter — ich! Kunz (sehr vergnügt). Alter Spezi — wenn die Lizitation nach meinem Wunsch ausfällt, Heirat' ich Deine Tochter! Anna (aufschreiend). Ha — mich trifft der elektrische Schlag! Magerl (ebenso). Heiraten? Bei Ihrem ersten Anbot schlag' ich zu und laß trommeln. Kunz (entsetzt aufschreiend). Warum nicht gar! Magerl. Lassen Sie mich nur machen! Wenn Sie meine Tochter heiraten wollen — gehört die alte Ruin Ihnen. (Eilt ab.) Neunte Scene. Kunz. Anna. Kunz (ihm nachschreiend). Ich zünd' das ganze Dorf an, wenn er sie mir anhängt! Anna. Reden Sie denn von mir? Kunz. Nein, vom Schloß! Um kein Schloß möcht' ich daS Schloß! — ES wäre niederträchtig, schändlich, wenn mich der Richter protegirt. Anna. Aber Sie wollen's ja kaufen? Kunz. Nicht kaufen — steigern will ich's nur. Den Kornwucherer will ich aufsitzen lassen. Anna. Warum denn? Kunz. Weil der schlechte Kerl ein guter Freund von mir ist. Anna. Da kenn' ich mich nicht aus! — Kunz. Mädel — nur wenn die Ruine recht theuer an den Mann gebracht wird, wirst Du umsonst an den Mann gebracht. Anna. Ach geh'n Sie doch! Ich kann's gar nicht glauben, daß Sie mich heiraten wollen. Kunz. Warum denn nicht? Du scheinst mir ein Mädel zu sein, das für den Bambus wie geschaffen ist. Anna. Für den Bambus? Kunz. Nicht für's Bambusrohr — nur für den Bambus, und der bin ich. Anna. Aber ich kenne Sie ja noch gar nicht. Kunz. Desto besser für mich. Anna. Und Sie kennen mich auch noch zu wenig. — Fürchten Sie sich denn nicht, die Katz im Sack zu kaufen? Kunz. Darauf bin ich gefaßt. Heutzutage kauft ein Jeder, der heiratet, eine Katz' im Sack — und Katz bleibt Katz, ob im Sack oder im Herzen, ob Salon- oder Zimmerkatz — ob Katz der Kunst oder Katz der Natur — ob Meerkatz oder An- gorakatzerl — kurz, jeder Ehemann g'hört der Katz, und kratzen thun die Katzen Alle — besonders die alten und wilden. Anna (eitel). Nun — alt und wild bin ich g'rad nicht. 10 Kunz. Nein, ein sauberes HauS- miezerl bist Du. das auf den ersten Sprung eine Maus gefangen hat. Anna. Aufrichtig gestanden — es freut mich, daß ich die Maus gefangen Hab' — denn Sie sind ganz nach meinem Geschmack. — Aber zur Liebe gehört doch noch ein wenig mehr. Duett. Anna. Man sieht so manchen säubern Mann Mit Lust und mit Vergnügen an. Und denkt: Der Mann gefällt mir sehr. Jedoch zur Liebe g'hört noch mehr. Kunz. Manch' Schneckerl ist so lieb und schön, Man könnt' eS essen ohne Kren. — Denn so ein Schneckerl schmeckt uns sehr — Jedoch zur Liebe g'hört noch mehr. Anna. Rur, wenn'S im Herzen recht rumort, — Kunz. Wenn'« ganz verzwickt d'rin sticht und bohrt — Anna. Wenn'S bald vergnügt ist. bald verzagt — Kunz. Und wie ein Glockenschwengel schlagt — Anna. Mir scheint — mir scheint — ich fühl' so was — Kunz. Mir scheint — mir scheint — die Lieb' ist das — Beide (stürzen sich in die Arme). So laß' Dich umschlingen. Mein Herzbinkerl Du. Und jauchzen und fingen Und springen dazu! Laß' tändelnd uns scherzen In glücklicher Eh' —. Und küssen und Herzen, DaS ist ein Gaud^l Anna. Wenn so ein junger Bösewicht, 'nen zuckersüßen Stiefel spricht, Und rw'ge Treu und Liebe schwört. Der ist nicht einen Groschen werth. Kunz. Wenn Eine schwärmt von MondeSglanz, Von Zephirhauch und Sternenkranz. Vom Morgenroth und Wolkenschloß, — Da- Fräulein ist 'ne fade Sauce. Anna. Doch wenn sie dastebt, ganz verzagt — Kunz. Und kaum uns anzublinzeln wagt — Anna. Ein Bisserl nur die Hand ihm druckt — Kunz. Und heimlich in die Augen guckt — Anna. Mir scheint — mir scheint — ich fühl' so was — Kunz. Mir scheint — mir scheint — die Lieb' ist da- — , Beide (stürzen sich in die Arme). So laß' Dich umschlingen. Mein Herzbinkerl Du, Und jauchzen und fingen Und springen dazu! Laß' tändelnd uns scherzen In glücklicher Eh' — Uns küssen und Herzen, Das ist ein Gaud6! (Sie tanzen mit einander ab.) Verwandlung. Ruine eine- Saales in einem alten verfallenen Ritterschlosse. Die Hinterwand ist ganz ringe« stürzt, und man hat die Aussicht aus die Landstraße und das Gebirge. Rechts im Vordergründe ein Tisch mit Schreibzeug und Papieren, und ein leerer Tisch. — Links ein Tisch mit einer Steinplatte, auf welcher ein großer Hammer liegt. Mehrere alte Stühle im Hintergründe. Zehnte Scene. Elise. August. Elise (im Auftreten). Ich find' es sehr sonderbar, junger Herr, einem Mädchen, daS man zum erstenmal sieht, gleich von Liebe vorzuschwatzen. August. Nicht zum ersten Male! Ich bin Ihnen ja heute Früh schon am Waldbach begegnet. Elise. Also seit heute Früh lieben Sie mich schon? Das ist eine merkwürdige Beständigkeit! August. Sie scherzen, — folglich zürnen Sie mir nicht, mein Fräulein! Elise. Verdient hätten Sie allerdings meinen Zorn. August. Das ist möglich, aber ich verlange durchaus nicht, nach Verdienst 11 belohnt zu werden. Ihr Zorn würde mich übrigens nur kränken, aber nicht entmuthigen, denn Sie müssen mein werden, und wenn ich Sie mir stehlen müßte! Elise. O Sie Dieb, Sie! (Seufzend.) Ach, es wäre am Ende ein Glück für mich, wenn ich gestohlen würde — denn ich spiele eine zu traurige Rolle an der Seite meines Vaters. Eilfte Scene. Vorige. Storch,Theodor, Eschen, Kunz, Hamster, Mager! und Bums (mit einer großen Trommel). Storch. Ja ja, meine Herren — die Herrschaft ist heute Früh für den Kronprinzen angekauft worden. — Ich hoffe jetzt, fürstlicher General-Inspektor zu werden. Theod. Eschen. Wir gratuliren! Kunz. Also das ist die Realität? (Sich umsehend.) Großartig! Das Prunkgemach ist ganz im byzantinischen Styl gebaut. Magerl. Aber behalten Sie nur die Hüt' auf, meine Herren, sonst fliegen Ihnen die FledermäuS in die Haare. (Geht mit BumS zum Tische link-, nimmt den Hammer in die Hand und setzt sich. BumS stellt sich mit der Trommel hinter ihm.) Storch (bemerkt August, indem er mit Theodor voltritt und die Andern im Hintergründe bleiben). Ah — noch ein Konkurrent? Elise. Ja, er konkurrirt um meines Vaterö einzige Tochter. Der junge Herr will mich stehlen, Papa. Storch. Sonst nichts? O ich bitte, sich nicht zu geniren. August. O — ich bin immer un- genirt, Herr Amtmann! (Zieht sich zu Eschen zurück und bespricht sich mit ihm.) Theod. Nochmals Herr Amtmann — es liegt mir viel daran, dies Grundstück zu ersteh'u. Storch. Nun — eS ließe sich vielleicht machen — ich vermag viel — (lauernd) und wenn Sie Mittel besitzen und ein kleines Opfer nicht scheuen — Theod. Nicht das größte Opfer, denn ich will es ja den Armen bringen. Storch. Ja wohl — denn eine Fabrik ist jedenfalls ein sehr zweckmäßiges Unternehmen. Elise. Sie würde hier ein Institut der Menschenliebe sein. Storch (Elise Theodor vorstellend). Elise, meine einzige Tochter. (Elise verbeugt sich artig gegen Theodor.) Ein ZUteS, braves Mädchen. Sie glauben gar nicht, wie zärtlich ich sie liebe. — Man kann mich nicht höher verpflichten, als wenn man meinem lieben Kinde eine kleine Freude macht! Elise (verlegen und bittend). Aber Vater — Magerl (zu Bums). Merkst was, Bums? Bums (nickt blinzelnd mit dein Kopfe). Storch. Denn wer i h r eine Freude macht, macht sie mir, und (bedeutend) mein Vaterherz versteht dankbar zu sein. DaS arme Kind hat noch nicht einmal einen Schmuck — in einer Zeit, wo schon alle Bauernmädel ihre Schmücke haben. (Mit Wehmuth.) Nicht einmal einen kleinen Ring mit einem großen Diamanten hat sie — und sie liebt Di amanten (die Amanten) so innig! Um Diamanten seufzt sie jede Nacht und jeden Morgen. Theod. Ein so schönes Mädchen bedarf der todten Steine nicht, um sich damit zu schmücken. (Elisen eine Rose bietend, die er im Knopfloch stecken hatte.) Eine frische Rose ist der schönste Schmuck für Sie! Elise. Ich danke herzlich, junger Herr! (Setzt sich zum leeren Tisch.) Storch (empört). Donnerwetter, Herr, Sie unterstehen sich, uns mit einer Rose bestechen zu wollen? Ha, daS ist zu viel! Magerl. Nein, zu wenig ist's! Theod. Wenn Sie diese kleine Gabe beleidigt — Storch. Kleine Gaben beleidigen mich immer! — Aber schon gut, mein Herr, schon gut! Wie heißen Sie? Lheod. Wie — wie ich heiße? (Kür sich.) Wie heiß' ich denn nur geschwinde ? (Schnell entschlossen, indem er auf Eschen blickt, der auf August deutet.) August Grinzinger heiß' ich. August (für sich). O verflucht! Storch. Was? August Grinzinger? — Vielleicht gar der Sohn deö Rentmeisters Grinzinger in Dlasedorf? Theod. Za ja, ganz recht! Storch. Und Sie wagen es, mir unter die Augen zu treten? Sie, der Sohn meines ärgsten Feindes, der mir Ihre Mutter dicht vor der Nase weggeheiratet hat? — Herr, was würden Sie sagen, wenn ich Ihnen meine Mutter vor der Nase weggeheiratet hatte, he? — Treten Sie ab! (Theodor tritt zu Eschen, der August deutet, mit Storch zu sprechen, indem sich dieser brummend zum Schreibtisch setzt.) Und so ein elendes Projekt! Eine Fabrik ist ja das unzweckmäßigste Unternehmen, das es gibt. August (tritt zu ihm). Was sagen Sie zum Baue einer Fabrik auf diesem Hügel, Herr Amtmann? Storch. Ah — das ist ein sehr zweckmäßiges Unternehmen! — Ei sieh doch, Elise, was der junge Herr für eine wunderschöne Busennadel hat! Meine Tochter wünscht schon lange so was dergleichen. Elise (unwillig). Vater - ich laufe davon. Storch. Wo kauft man denn diese geschmackvollen Busennädel? August. Auf dem Graben bei Biedermann, Herr Amtmann. Storch. So? bei Biedermann? Hm — hm! Also eine Fabrik? Hm — hm! ES ist doch ein etwas unzweckmäßiges Unternehmen, und wird mir verdammte Mühe kosten, durchzubringen. Haben Sie mir noch sonst Etwas zu sagen? Oder meiner lieben Tochter vielleicht? August (schnell). O, der Hab'ich noch recht viel zu sagen — auch Etwas zu geben, wenn Sie erlauben. Storch (sehr freundlich). Zu geben? Ei — ei — was denn? August (indem er Elise schnell umarmt und küßt). Einen zärtlichen Kuß! Storch. Hölle und Teufel, mein Herr — (stürzt zornig auf August. der in den Hintergrund entspringt). Kunz (Storch besänftigend entgegentretend). Ruhe! Ruhe! Er hat ja Ihrem Fräulein Tochter nur eine kleine Freude gemacht! Storch. Mit wem Hab' ich die Ehre — ? Kunz. Bambus von Peitschenstiel, von uraltem Adel und ein Ritter ohne Furcht und Tadel — nebstbei bürgerlicher Branntweinbrenner und Mitglied aller Mäßigkeits-Vereine. Aber bevor wir weiter sprechen, erlauben Sie auch mir wohl, Ihrem lieben Kinde ein kleines Zeichen meiner Verehrung zu bieten! (Reicht Elisen graziös ein altes Bar- biermesser.) Elise. Hahahaha — das ist zu arg! — Storch (mit gestrecktem Halst). Ein altes Barbiermeffer! ? Kunz. Scheren Sie die Bauern damit, berühmter Barbier, und erlauben Sie mir, Sie an mein edles ritterliches Herz zu drücken! (Preßt ihn in seine Arme.) Storch (ihn zornig von sich schleudernd). Gehen Sie zum Teufel! Hamster (ist zu ihm getreten). Aergern Sie sich nicht. Herr Oberamtmann (präsentirt ihm eine sehr große goldene Dose) und nehmen Sie ein Prischen Contenance! (Storch schnupft und blinzelt auf 13 die Dose, die Hamster auch Elisen präsentirt). Beliebt auch ein PriSchen? Elise. Danke schön— ich schnupfe nicht! Storch. Na — na — na — schnupfe nur mein Kind! Herr Hamster ist ein alter Geschäftsfreund — vor dem brauchst Du Dich nicht zu geniren. (Zu Hamster.) Sie ist eine leidenschaftliche Schnupferin — ihre vier Loth braucht sie alle Tage. Elise. Ich schäme mich zu Lode. Storch. Ah — daS ist merkwürdig! Sieh nur, mein Kind — diese goldene Dose hat ganz die Fayon, wie die Dose Deiner innigstgeliebten Großmutter gehabt hat! Hamster (indem er die Dose vor Elisen auf den Tisch stellt). O dann müssen Sie auS dieser Dose schnupfen, bis Sie selber Großmutter werden, mein Fräulein ! — Zwölfte Scene. Vorige. Wolf (mit großen Zagdstieftln in der Hand). Krapps (mit einem Schinken). Mauser (mit einem großen Rtise- Itzig (mit einer großen Meerschaum- pfeife, und andere Bürger und Pächter mit verschiedenen Präsenten). Kunz (indem er den Ankommenden alle Effekten abnimmt und Alles auf den Tisch zu Eliscn trägt). Da kommen noch mehr kleine Freuden! — Eine Meerschaumpfeife — ein Wolfspelz — ein Schinken und ein 'paar juchtene Kourierstie- fel für das gnädige Fräulein! Jtzig (schreiend). Euer Gnaden, Herr Amtmann — die Meerschaumpfeife mit Silber beschlag'n — ist von mir! Ma g e rl (ärgerlich). Trommeln BumS, sonst wird er noch mehr geschmiert! Bums (trommelt stark). Storch. An die Plätze meine Herren! Die Lizitation beginnt! (Alle Kauflustigen placiren sich im Hintergründe.) Ensemble. Storch. Es liegt dies schöne Ritterschloß Jetzt unter unserm Hammer — Es hat kein' Stall mehr für die Roß'. Für Menschen keine Kammer, Doch trotzdem ist es immer noch Ein gutes deutsches Mauseloch. A l l e. Ja, ja, das ist eS immer noch. Ein gutes deutsches Mauseloch! (Marsch hinter der Scene.) Alle (horchend). (F u ch s l i e d.) Was kommt dort von der Höh'? Die Burschenschaft, o weh, — Sie kommt fidel vom Weinbeer-Thee! Dreizehnte Szene. Vorige. Viktor, Felix, Louis, Hermann, Albert, Rudolf, Konrad, Franz, Leopold, Adolf, Moriz, Julius, Ernst, Konstantin, Leo, Kasimir und andere Studenten marschiren, von Viktor kom- mandirt, Jeder eine Champagnerflasche als Gewehr im Arm, im Hintergmnde auf. Die Studenten (marschirent). Ltlil.; *) Kilnt6 Oollkbiglor»! ?N8t multu sseula ?oeuls kiullu Viktor. Halt! Präsentirt! Die Studenten (machen Halt und Front, und präsentiren mit den Flaschen). Storch (ängstlich). Mit so grimmigen Musketen In den Saal herein zu treten, Find' ich wirklich sonderbar, Und gefährlich auch sogar. Die Studenten. Nur Karabiner aus dem Keller. Mit gutem, echten Muskateller. ') Studenten-Trinklied. 14 Doch, um den Dorftirannen nicht zu schrecken, Laßt vor der Schönheit uns die Waffen strecken! (Sie beugen vor Elisen die Kniee. und stellen die Flaschen zu ihren Füßen.) Kunz. Um die Zeit nicht zu verlieren, Laßt uns schnell jetzt lizitiren. Dieses schöne Rummelstein, Muß heut' uns're Beute sein! Die Studenten (indem sie sich wieder im Hintergründe in Reih' und Glied stellen). Dieses schöne Rummelstein Muß heut' uns're Beute sein! Storch. Man reißt sich um das alte HauS — Da schaut ein gutes G'schäft heraus! (AuSrufend. nachdem Bums wieder getrommelt.) Das Schloß und seine Gründe ringS umher, Zum Ersten hundert Gulden, wer gibt mehr? (So oft Kunz bietet, wollen Magerl und Bums Zuschlägen und trommeln, was Kunz, der sie überwacht, immer ängstlich zu verhindern sucht) Hamster. August. Ich gebe Zwei! Kunz. Ich gebe Drei! Die Andern. Noch Hundert Wir! Wir geben Vier! Die Studenten. Mein Vaterland muß größer sein!* **) ) Wir zahlen blanke Tausend rein! Alle (fortissime). Sie sollen es nicht haben Das alte Rummelstein, Bis dieses Nest begraben Den letzten Guldenschein! *) Das deutsche Vaterland. **) Rheinlied. Storch (ausrufend). Das Schloß und seine Gründe rings umher, Zum Ersten Tausend Gulden, wer gibt mehr? Hamster. August. Ich gebe Zwei! Kunz. Ich gebe Drei! Ztzig. Au wei! Die Andern. Noch Tausend wir! Wir geben Vier! Die Studenten. Mein Vaterland muß größer sein! Zehntausend für Schloß Rummelstein! Alle (außer den Studenten, schwächer). Sie sollen eS nicht haben, DaS alte Rummelstein, Vis dieses Nest begraben, Den letzten Guldenschein! Storch (für sich). Sind sie besessen? Sind sie toll? Ich weiß nicht, was ich denken soll! Kunz (heimlich zu den Studenten). O steigert nicht zu hoch hinauf, Sonst sitzen wir statt Andern auf! Storch (auSrufend). Das Schloß und seine Gründe rings umher, Zehntausend bare Gulden — wer gibt mehr? Hamster. August. Ich geb noch Zwei! Kunz. Und ich noch Drei! 3Hig. Au wei! Die Andern. Zwei leg'n wir zu, Und damit Ruh! Die Studenten. Mein Vaterland muß größer sein! Wir geben Achtzehntansend rein! 15 Kunz. Hamster (ganz piano, indem sie einander ansehen.) Sie sollen es nicht haben Das alte Rummelstein, Bis dieses Nest begraben Den letzten Guldenschein! Storch (ausrusend). Das Schloß und seine Gründe rings umher, Zum Ersten Achtzehntausend — wer gibt mehr? Zum Ersten und zum Zweiten und — Kunz (sehr ängstlich). Halt! Mir wird 4 vor Angst schon heiß und kalt! (Schreit Hamster in'S Ohr.) Sie Mehlwurm — ich zahl' fünf und zwanzig noch! Hamster (ihn überschreiend). Ich Zwanzigtausend für das Mauseloch! Kunz (schnell heraussprudelnd). Zum Ersten und zum Zweiten und zum Dritten — Jetzt g'schwinde zugeschlagen, muß ich bitten! (Lauft eiligst zu Magerl, entreißt ihm den Hammer, und schlägt heftig auf die Steinplatte, indem er gleichzeitig Bums trommeln Hilst.) Die Studenten (indem sie sich jubelnd umarmen, uud herumschwenken, indeß Hamster an Storch den Kaufschilling erlegt). (Stndentenlied.) Lecs quuiu bonum konum et jueunäum, Hsditsre fratres k>str68 in unum! Landleute (hinter der Scene). Vivat! Vierzehnte Scene. Vorige. Anna. (Junge Landleute mit' Blumen und Kränzen. DaS Gebirge belebt sich ebenfalls mit jungen Burschen und Mädchen.) Anna (fast athemlos hereinstürzend, indem sie Alle umringen, mit Ausnahme der Landleute, die im Hintergründe bleiben). Herr Amtmann — Herr Vater — Herr Wächter, gebt Acht, Damit ihr nicht wieder 'nen Plutzer heut macht! Alle. Was hat sich zugetragen? Anna (zu Storch, Magerl und BumS). Die Herrschaft läßt Euch sagen. Macht ja heut die Gescheitsten, Denn mit den jungen Leuten Hier auf dem Schloß von Rummelstein, Soll der Herr Kronprinz selber sein! Alle (höchst erstaunt, indem sie einander ansehen). Prinz Theodor? Auf Rummelstein? Storch, Magerl (mit den Knien schlotternd). Vor Angst erstarrt mir das Gebein! Storch. Mir fängt vor Entsetzen der Kopf an 'zu brennen, Wie soll und wie kann ich den Prinzen erkennen? Er ist ganz gewiß nur inkognito hier, O gnädiger Gott, gib 'nen Fingerzeig mir! Eschen (zu Storch). Wie — hier im Saal — Storch (zu ihm mit vielen Komplimenten). kxeoll6Nti88iM6 ! Viktor (zu Storch). DaS wäre fatal — Storch (zu ihm, wie vorher). 0 86reni88ime! Kunz (zu Storch). 'S ist Fopperei! Storch (zu ihm, wie vorher). Lx6eIl6Nti88im6! Jtzig (zu Storch). Der Ferst — au wei! Storch (zu ihm wie vorher). 0 8er6ni88ime! (Indem er sich in der ängstlichen Verlegenheit mit tiefen Komplimenten von Einem zum Ändern seiner Umgebung wendet.) 16 0 Lerenissime, Lxcellenlissime! O Admirabelster, Allererhabenster! O Allerwehrtester! » O Hochverehrtester! LxceUentissime! 0 Lerenksinw! (Indem er sich den Schweiß von der Stirne wischt.) Wie find' ich den Rechten heraus, Da kenne der Teufel sich aud! Alle. O seht nur, seht! Der arme Mann, Er sängt vor Angst zu zittern an! Kunz (legt Storch die Hand auf die Achsel.) O Fassung, Fassung, Dorftirann! Storch (von einem Gedanken ergriffen, ihn onstarrend). Ha — der sprach von seinem alten Adel — Ernannte sich neu Ritter ohne Tadel — Dieß Falkenauge, das so feurig strahlt, Die ganze majestätische Gestalt — (Mit tiefen Reverenzen zu Kunz.) Lxcellenlissime! 0 Lerenissime! (Zu Allen.) Ha — jeder Zweifel ist verschwunden, Denn der Rechte ist gefunden, Ich täusche mich nicht länger mehr — (Auf Kunz deutend.) Kein Andrer ist der Prinz, als er! Die Studenten (lachend, den Jrrthum unterstützend). Ja, ja, das ist der Rechte schon! Hoch Theodor, der Fürstensohn! Anna (auf einen Stuhl finkend). Er ist der Prinz — das überleb' ich nicht! Kunz (für sich in äußerster Verlegenheit). O Gott — o Gott — das ist 'ne saubre G'schicht! Ich darf mich nicht nennen, sonst sperrt man mich ein. Und muß noIeri8 volenL Prinz Theodor sein! . Storch (konfus). Trompeten geladen, — die Böller geblasen, — Die Trommeln versammelt zum festlichen Mahl! Die Bauern geschossen auf duftendem Rasen! Die Mädchen gewirbelt im fröhlichen Thal! Chor. Auf zum Feste! Auf zum Tanze! Windet Blumen ihm zum Kranze AuS deS Lenzes buntem Flor! Nehmt ihn jubelnd in die Mitte, Rufet froh in jeder Hütte: Vivat hoch, Prinz Theodor! Alle (indem Kunz von den Studenten umrungen wird, und Storch und Magerl ihm auf beiden Seiten zu Füßen finken). Vivat.' (Die Burschen und Mädchen bewerfen Kunz mit Blumen und Kränzen, die dieser von sich abzuschütteln sucht. Bums trommelt aus Leibeskräften, indeß im Dorfe Böller gelöst und die Glocken geläutet werden. Endlich wird Kunz von den Studenten auf den Tisch gesetzt, und im Triumph davongetragen. Während dessen fällt der Vorhang.) 17 Zweiter Akt. Tiefer Saal im Schlosse. — Links und rechts Säulengänb«. Ein Fauteuil rechts im Vordergründe, mehrere andere im Hintergründe. Erste Scene. Kunz, Theodor und Viktor (treten rechts aus dem Säulengange). Kunz (aufgeregt). Nein, nein, meine Herren — Alles, was recht ist, aber daS heißt den Muthwillen zu weit getrieben! — Ich kann mich gar nicht im Dorfe sehen lassen, ohne mit Kränzen, Blumen, Kohl und Spinat bom- bardirt zu werden! Wenn der Prinz erfährt, daß Ihr mir hier seine Rolle aufgedrungen habt, kommt Ihr alle in die Teufelsküche, und ich kann vielleicht wie weiland Prinz Lieschen auf Zeitlebens zum Brummen verurtheilt werden. Viktor. Warum nicht gar gespießt und gebraten! Prinz Theodor ist selber ein fideleS Haus und würde sicher lachen über unfern Scherz. Theod. Gewiß — wenn Sie die Grenzen eines harmlosen Scherzes nicht überschreiten. Viktor. Sei froh, daß sich Dir Gelegenheit bietet, den Amtmann in'S Eramen zu nehmen — denn daß er Dir sehr übel mitgespielt hat, ist gar nicht zu bezweifeln. Kunz. Was soll ich thun? Als Rummel stein darf ich mich nicht außweisen, weil ich als Solcher schon ausgewiesen bin. — Ich mag wollen oder nicht, ich muß schon ein Bischen Prinz sein in den Gauen meiner Väter. V iktor. So ist's recht, Euer Durchlaucht! Theod. Wo haben Euer Durchlaucht bis jetzt restdirt? Thrater-Repertoir Nr. 71. Kunz. Fünfzehn Meilen jenseits der Grenze, in dem kleinen Marktflecken Flausendorf. — Meine Residenz war die Schulstube, und mein Szepter ein Scheckel, den ich als Gehilfe des Dorfschulmeisters schwang. Theod. Und von Flausendorf aus haben Sie mit dem Amtmann korre- spondirt? Ku nz. Um den Verkauf der Schloßruine zu beschleunigen. — Das war eine wahre Pariser Correspondence — denn alle Briefe des Amtmanns waren so mit Verwarnungen gepfeffert, daß sie schon von Weitem nach Cajenne gerochen haben. — Der Kerl muß mich für einen Grafel anschauen, auf dessen Kopf man einen Preis gesetzt hat. Zweite Scene. Vorige, Eschen, TituS und Oktav io (in reicher Livree). Eschen (zu Kunz). Die Leiblakeien Titus und Oktavio, die Euer Durchlaucht zur Bedienung zugetheilt sind. Kunz. Hahahaha — das wird ja immer lustiger! Nun wohlan — Ihr habt einen Staatsstreich gemacht, und mich auf den Thron erhoben — und jetzt will ich regieren, daß der Jungfrau Europa der Kopf brummen soll! Viktor. Nur zu! Ich bin überzeugt, Du wirst Dich mit Ehren aus der Affaire ziehen. Theod. (zu Eschen.) Wie weit sind Sie mit dem Fruchthändler? Ist er bereit, uns den Schloßberg abzutreten? s 18 Eschen. Das wohl — aber unter so überspannten Bedingungen, daß ich eS für gut befand, alle Unterhandlungen abzubrechen. Kunz. Hätte ich von Ihrem humanen Projekt früher gewußt, meine Herren — würde ich der Lizitation kein so gewaltsames Ende gemacht haben. — Aber lassen Sie das Projekt dennoch nicht fallen — denn ich gebe Ihnen mein Wort, — der alte Wucherer . wird sich noch glücklich preisen, wenn er die Realität wieder loS wird. Eschen. Das Schloß ist aber bereits umzäunt — auch sollen schon mehrere Fruchtwagen den Schloßberg passirt sein. Kunz. Desto besser! Heda Lakaien! (Diese springen devot herbei. Zu TituS.) Du eilst zum Richter und befiehlst ihm, ein Dutzend Arbeiter aufzunehmen, und am Fuße des Schloßbergs, dicht unter der Ruine, einen Flächenraum von fünf bis sechs Quadratklaftern einzäu- nen zu lassen. Fort! (Titus eilt rechts ab. ZuOktavio). Und Du suchst den Amtmann auf. Ich lasse ihm befehlen, augenblicklich vor meiner Durchlaucht zu erscheinen! (Oktavio eilt links ab.) Viktor. Was hast Du vor? Kunz. Ich fange an zu regieren, auf meine Manier. — Wenn ich die Welt auf den Kopf stelle, müßt Zhr's Euch gefallen lassen — warum habt Ihr mich zum Regenten gemacht? Dritte Scene. Vorige. Wenzel. Wenzel (im hohen Greisenalter, kommt von der rechten Seite). A — gehorsamster Diener, meine Herrn Studenten! Viktor. Grüß Euch Gott, Vater Wenzel! Was führt denn Euch wieder einmal nach Rummelstein? Wenzel. Die Freude, junger Herr, die Freude! Sehen Sie mir denn nicht an Ich bin ja Bräutigam heut! Alle. Bräutigam? Wenzel. Und noch dazu ein lustiger Bräutigam. Wir feiern ja heute unsere goldene Hochzeit — ich und meine Alte. Alle. A — da müssen wir auch dabei sein! Wenzel. Na freilich! ES ist ja gar kein rechter Rummel, wo die Herrn Studenten nicht dabei sind. — Za, kommen Sie Alle, ich bitte recht schön. Spotten werden wir uns nicht lassen — und auch ein Tänzchen gibtS, denn wir haben bildsaubre Kranzeljungfern — ich und meine Alte. Kunz. O dann bleiben wir sicher nicht aus — denn wir sind große Freunde von Kranzeljungfern. Theod. (zu Viktor). Wer ist der Greis? Viktor. Wenzel Frosch, der reiche Pächter oder Eigentümer von Kon- radsau — das ist ein kleines Paradies hier in der Nähe. Wenzel. Und kein verlorenes Paradies, denn es wird dort von keiner verbotenen Frucht genascht. Aber sagen Sie mir doch meine Herrn — ist's denn wahr, daß die alte Schloßruine gar so gut verkauft ist? Viktor. Um zwanzigtausend Gulden. Wenzel (vergnügt). Herr Jerum — da wird mein Herr Junker deckenhoch springen vor Freude. Kunz (erstaunt). Habt Ihr denn den Junker Kunz gekannt? Wenzel. Ich soll den Wildfang nicht gekannt haben? Mehr als tausendmal Hab' ich ihn ja auf meinem Rohrstock reiten lassen, wie er noch ein ganz kleiner Junge und sein Vater hier noch Gutsherr war. — Ach Herr Jerum — das war ein fideler alter Herr! — Der hat Geld verputzen können — und sein Herr Sohn soll'S noch besser können in Amerika. IS Alle. In Amerika? Wenzel (geheimnißvoll). Und schon tief d'rin in Amerika, — mitten unter den Mohren — und selbst als Mohr, weil man ihn hier so schwarz angestrichen hat. Der arme junge Herr! Wenn ihm dort auch nichts abgeht, — geht ihm doch das beste, seine liebe Heimathab. Die Frei h eit verlieren , ist traurig — aber^ioch trauriger ist es, sein Vaterland verlieren, und er hat beides verloren — denn eine Freiheit in der Fremde ist nichts werth — nur im Vaterlande gibt eS eine goldene Freiheit. DaS Schicksal hat mein Junker nicht verdient, denn ein schlechter Mensch ist er, bei Gott, nicht gewesen. Aber in den Zeiten der Bewegung muß so mancher Unschuldige für den Schuldigen leiden — (wtscht sich die Thränen aus den Augen), und meine alten Augen gehn mir über, wenn ich denke, daß der Sohn meines seligen wackern Herrn auch Einer der Unschuldigen war. Viktor. So ganz wohl nicht — denn er soll ein sehr böses Maul gehabt haben. Wenzel. Ein böses Maul ist noch kein böseS Herz — und die losen Mäuler haben eS noch immer am ehrlichsten gemeint. Theod. Hat man denn keine Schritte gemacht, um — Wenzel. O mein Gott, Schritte genug! Der Herr Amtmann hat Bittschriften über Bittschriften eingereicht für meinen Junker — Alle (ungläubig). Der Amtmann? Wenzel. Aber man hat alle zurückgewiesen, weil er zu gravirt sein soll. Ich weiß zwar nicht, wer der Graveur ist, der ihn so gravirt hat — aber was ich zu thun habe, weiß ich. Wenn'S wahr ist, daß unser Herr Erbprinz in Rummelstein ist — will ich selbst einen Fußfall wagen für meinen armen Junker. Viktor. Thut das, und zwar gleich — denn der Prinz — Kunz (schnell). Halt, Herr Bruder l Hier stehen wir an der Grenze unsere- Spaßes, denn dieser treue Diener seines Herrn darf kein Opfer unseres MuthwillenS werden ! Zu Wenzel, indem er ihm herzlich die Hände drückt.) Deine Hand, alter ehrlicher Wenzel! Laß' Dich nicht irreführen in dem Vertrauen zu Deinem Junker — und wenn Du ihn nicht wieder siehst, so denke Dir: er hat von seinem Vater den Stolz, mit gutem Gewissen nie um Gnade zu betteln, und eher unschuldig zu leiden, als sich vor einem ungerechten Richter zu demüthigen. Theod. (für sich). Brav, junger Mann! Vierte Scene. Vorige. Storch. Storch (tritt festlich gekleidet unter tiefen Reverenzen von der linken Seite auf). Aller« gnädigster — (heftig erschrocken für sich, als er Wenzel erblickt). Der alte Frosch! Welcher Satan führt denn den daher? Wenzel. Grüß' Gott, Herr Amtmann, grüß' Gott! Kunz iwirst sich gravitätisch in den Lehnstuhl auf der rechten Seite). Warum so spät, Herr Amtmann? Storch. Mein durchlauchtigster Prinz — Wenzel (höchst erstaunt für sich). Prinz? Storch. Mein Beruf — die Sorge für daS Wohl der Unterthanen — ich bin fortwährend auf den Beinen in der Sommerhitze, und rein wie gekocht, gnädigster Herr! Kunz. Dann hätten Sie sich schon noch etwas länger kochen lassen können, denn Sie scheinen mir.noch etwas roh zu sein. Also für daS Wohl der Bauern sorgen Sie? — Die müssen sich sehr glücklich fühlen. 2 * so Storch. Ungeheuer! Sie leben, als ob sie alle Tage Festtage hätten! Kunz. Fest tage ? Sie werden wahrscheinlich Fasttage meinen. Storch. Es gibt freilich auch Unzufriedene,— und die allein sind Schuld, wenn'S hin und wieder etwas gährt. Kunz. O eS gährt überall, aber man weiß nicht recht, ob Wein oder Essig wird auö der Gährung. Apropos — ich höre, daß Sie sich lebhaft für das Schicksal des Junkers Kunz von Rummelstein interessiren? Storch (gedehnt). O ja — o — schon aus Verehrung für seinen Vater, der mir viele Jahre ein gütiger Herr gewesen ist. (Für fich.) Wenn nur der Frosch nicht da wäre! Kunz. Sie haben Schritte gethan, um ihm die freie Rückkehr zu erwirken? Storch. O ja — o sehr— o! (Für sich). Wenn nur der Frosch nicht da wäre. Kunz. Also halten Sie ihn dieser Gnade würdig? Wenzel (zu seinen Füßen stürzend). Wenn er's auch nicht ist, so lassen Sie Gnade für Recht ergehen — und Sie werden mich und den Herrn Amtmann überglücklich machen, gnädigster Herr! Storch (für fich, ingrimmig). O Du verfluchter alter Frosch! Kunz. Steh' auf, alter Wenzel! Für Dich bin ich kein Prinz — ich bin's nur für den Amtmann. Storch (geschmeichelt). O diese Huld und Gnade — Wenzel (kniend). Gnädigster Herr — der liebe Gott sprach einst: es werde Licht auf Erden — und Sie haben wie Gott gesprochen: es werde Licht im Vaterlande! — Sie haben e n freies, ehrliches Wort erlaubt — so manche Kerkerthüre geöffnet, und vielen armen Kindern ihre Väter wieder geschenkt. O schenken Sie auch einem armen Verbannten seine liebe Heimat wieder, gnädigster Herr! Kunz (in tragikomischer Verlegenheit). Wenn ich könnte, wie ich wollte, hinge ja Dein Junker schon an Deinem Halse, denn es wäre mir gewiß ebenso angenehm, wie Dir — aber es geht, nicht, mein guter Alter — es wäre ein sehr unzweckmäßiges Unternehmen, sagt der Amtmann. Storch (schnell fich vergessend.) Sehr! Wenzel (bestürzt, indem er aufsteht). O mein Gott — so muß ich ohne Hoffnung scheiden*? Theod. Nein, nein, das sollst Du nicht! Sei guten Muthes! Prinz Theodor wird Dir die Freude Deiner goldenen Hochzeit nicht verderben. Er wird auch Dir ein Herz voll Liebe bringen, denn er hat sich auf die Flügel seiner Zeit geschwungen, und nennt nicht nur die F u r st e n, sondern alleMenschen. von GotteS Gnaden seine Brüder. Storch (für fich). Was hat denn der Grinzinger da d'rein zu reden? Wenzel. O dann wird er den alten Bruder Wenzel auch nicht vergessen. (Zu Kunz). Schau'n Sie mich an, gnädigster Herr — ich bin das echte bemooste Haupt — so ein altes Haus mit weißem Schnee auf dem Dach, das bald zusammenstürzen muß. — Brautleute, wie ich und meine Alte, haben nach dem Gesetze der Natur nur die paar Flitterwochen noch zu leben — aber wir stiegen mit Freuden heute noch in die kalte Brant- kammer unter der Erde, wenn wir unfern lieben kleinen Ritter noch einmal sehen könnten vor unserem Tode. Und wir werden es — wir werden es gewiß — mit dieser Hoffnung treten wir heute vor dem Traualtar! Gott segne Sie, mein gnädigster Prinz, Gott segne Sie! (Ab zur rechten Seite.) Fünfte Scene. Vorige ohne Wenzel. Storch (aufathmend, für fich). Gott sei Dank — der Frosch ist fort! Kunz. Was meinen Sie, meine 21 Herren? Soll ich den Burschen par- doniren? Theod., Viktor, Eschen. Wir bitten für ihn, Durchlaucht! Kunz. Nun meinetwegen! Wir wollen dem Herrn Amtmann diese kleine Freude machen. Storch (schnell). Dieser Rummelstein wieder bei uns? Dann ist das ganze Vaterland verloren! Alle. Verloren? Kunz. Und gleich das ganze Va- ' terland? Storch. Ja wohl — denn dieser Rummelstein ist ein schrecklicher Kerl — ein gefährlicher Wühler, der alle Länder durchwühlt. Kunz. Das muß ja ein wahrer Maulwurf sein. Ah — dann thut mir'S leid, meine Herren — solche Thiere können wir nicht brauchen — und wenn wir sie brauchen, werden uns schon die Franzosen versorgen. — Ich danke recht sehr, Herr Amtmann, und bedaure nur, daß wir diesem politischen Maulwurf die zwanzigtausend Gulden schicken müssen. Storch (schnell). Das Hab' ich mir auch schon gedacht. Kunz. Davon bin ich überzeugt. Storch. Wie wohl thäte uns das Geld! Ich habe den Plan, ein schönes Kasino in Rummelstein zu erbauen — aber es sind leider nur sechstausend Gulden in der Gemeindekaffe. Kunz. Ein schönes Kasino für die Herren Beamten? Ah, ein sehr zweckmäßiges Unternehmen! (Indem er Storch zum Fenster winkt.) Sehen Sie doch — Herr Amtmann — dort mitten auf der Straße ist ein Wagen gebrochen. Storch. O das geschieht fast alle Tage bei uns. denn die Fahrstraße ist miserabel! Kunz. Was ist denn das für ein baufälliges Haus dort an der Ecke? Storch. DaS Schulhaus, Euer Durchlaucht! Kunz. Und die Frau, die mit dem weinenden Kinde auf dem Steine sitzt? Storch. Eine Bettlerin, gnädigster Herr! Kunz (ernst und streng). Und Sie sinken nicht vor Scham in die Erde, indem Sie mir diese Auskunft ertheilen? Und Ihr Lügenmaul erlahmt nicht, indem Sie sich mit dem Wohlstände Ihres Dorfes brüsten? — Ein schönes Kasino wollen Sie für das Geld der Gemeinde erbauen, während Reisende auf der schlechten Fahrstraße verunglücken, und die Armen vor dem Schulhause betteln, das über den Köpfen der Jugend zusammen zu stürzen droht? — Nicht Männer, die laut und mu- thig ein ernstes Wort sprechen in ernster Zeit — nein, Männer, wie Sie, sind die wahren Wühler, denn mehr als Worte reizen unsaubere Tbaten zum Mißmuth und zur Empörung auf. Storch (ganz perplkx). Gnädigster Lx- 66ll6Nti88IM6 — Kunz. Statt ein Kasino zu bauen, werden Sie mit dem Gelds der Gemeinde die Armen unterstützen, daS Schulhaus repanren und die Straßen ausbessern lassen, — aber daS muß gleich geschehen — — ehe ich mich von der Regierung zurückziehe! — Storch (für sich). Ah, wenn das nur gestern schon geschehen wä-.e! Kunz. Vor Allem Brod für die Armen im Dorf und im Gebirge. Storch. Aber eS fehlt hier an Getreide — Kunz. An Getreide fehlt's?— Ah — ah — wo haben Sie denn Ihre Gedanken, Herr Amtmann? — Das ganze Schloß Rummelstein ist ja voll Getreide. — Herr Jakob Hamster wird mit Vergnügen liefern, was die Gemeinde braucht. Storch. Himmel — der wird springen! Kunz. O er wird schon noch besser springen, denn er hat einen guten LL Tanzmeister bekommen. — Also fort, und meinen Befehlen die strengste Folge geleistet, bei meiner Ungnade! (Storch will fort.) Noch Eins! Alle Ihre Ausgaben werden vom Richter und den Geschwornen streng kontrollirt, denn ich liebe Ordnung im Geschäft. — Sie sind entlassen! Storch (für sich, indem er sich hinter den Obren kratzt und zur rechten Seite abgeht). Ich fange an, mich etwas unbehaglich zu fühlen. Sechste Seene. Kunz. Theodor. Viktor. Eschen. Viktor. Aber um's Himmelswillen, was treibst Du denn? Kunz. Nu, ich regiere. Theod. Und recht brav — fahren Sie nur so fort! Viktor. Aber Häuser umbau'n — Straßen ausbessern und Arme betheilen — das kostet ja Geld. Kunz. Das genirt mich nicht, weil ich auf Regiments-Unkosten regiere. Eschen. Pst — Herr Jakob Hamster! Kunz (sich vergnügt die Hände reibend). Ah — der Mehlwurm! Den will ich mir noch mehr zu Gemüthe nehmen, alS den Amtmann! (Wirft sich in den Lehnstuhl.) Eschen. Nur herein, Herr Hamster! Siebente Seene. Vorige. Hamster. Hamster (kommt geschlichen von der rechten Seite). Mein gnädigster Prinz - Kunz (sehr freundlich). Ah ServuS, mein liebes Hamsterchen! ServuS! WaS wünschen Sie denn, mein liebes Hamsterchen? Hamster. Euer Durchlaucht zu danken, daß Sie mir Gelegenheit geboten, ein gutes Werk zu üben. — Mein Magazineur hat bereits den Auftrag, sich mit der Gemeinde zu verständigen. Kunz. Das gute Werk soll Ihnen keine Opfer, kosten — Ihnen sogar Prozentchen tragen, aber christliche Prozentchen, mein liebes Hamsterchen. — Jetzt sprechen Sie ungenirt, mein liebes Hamsterchen, wenn Sie sonst noch Etwas auf dem ledernen Herzen haben. Hamster. Am Schloßberg unter der Ruine wird auf Euer Durchlaucht Befehl ein Bauplatz abgesteckt — soll - vielleicht schon die neue Eisenbahn — Kunz. O nicht doch! Der Bau der Eisenbahn ist ein leeres Gerücht, das einige lustige Vögel verbreitet haben. — Aber weil uns der Krieg bedroht, laß' ich ein WachthauS bauen, um hier die Grenze strenge zu überwachen, und jeden Lieferanten erschießen zu lassen, der dem Feinde Fourage zuführt. Hamster (ganz erstarrt). Er— er— erschießen? Kunz. Erschießen oder nach Umständen auch hängen, — denn der Soldatentod ist zu ehrenvoll für einen Wucherer, der den Truppen des Vaterlandes das Brod entzieht, um die Tornister des Feindes zu füllen. (Sehr freundlich). Finden Sie das Hängen nicht zweckmäßiger, liebes Hamsterchen? Hamster (wie vorher, stotternd). Sehr zwe— zwe— zweckmäßig! Aber das WachthauS so dicht am Schloßberg — Kunz. Nein, etwas seitwärts. — Dicht am Schloßberg wird der Thurm gebaut. Hamster. Ein Thurm? Kunz. Ja wohl — ein Pulverthurm! Hamster (aufschreiend, indem er erschrocken in die Höhe schnellt). Ein Pulver- thurm! Gott sei mir gnädig! — Wenn da ein Unglück geschieht, werde ich ja mit meinem ganzen Magazin in die Luft gesprengt! 23 Viktor. DaS ist leicht möglich im Kriege. Aber es ist schön, für's Vaterland zu fallen. Hamster. Ja zu fallen, aber nicht zu steigen. (Zu Theodor.) Herr Grinzinger — ich verkaufe Ihnen das Schloß. Theod. Jetzt danke ich bestens! Hamster (verzweiflungsvoll und sich vergessend)- O ich geschlagener Mann! Meine ganze Spekulation ist gescheitert! Die liebe Noth! der gute Krieg! der schöne Mißwachs! Mehr als zweihundert Perzent hätte ich gewonnen! Alle. Zweihundert Perzent? Kunz. O Sie Vielfraß, Sie! Theod. (entrüstet). Das ist ein entsetzlicher Frevel gegen göttliche und menschliche Gesetze! Alle Achtung dem Manne, welcher in der Zeit des Ueber- flusseS sammelt für die Zeit der Noth, und ein ehrliches Gewerke treibt, aber Abscheu der Wucherseele, die ihre Speicher füllt, um für den letzten Tropfen Blut der Armuth sie zu leeren. Hamster. A bah — es ist Gewerbefreiheit — Theod. Ja, es i st Gewerbefreiheit, aber nicht damit der Wucher zum Gewerbe wird! — Es ist Gewerbefreiheit, damit Industrie und Thätig- keit auf keine Schranken mehr stoßen, der arme, ehrliche Bürger mit Meißel und Hammer sein tägliches Brod erwerben kann, und nicht an Teufel Ihresgleichen sein ganzes Erdenglück verpfänden muß. — Schämen Sie sich Ihres grauen Haares, mein Herr! Kunz (sieht ihn verdutzt an). Ja — sagen Sie mir einmal, wer ist denn eigentlich der Prinz. Ich oder Sie? Theod. Bitt' um Verzeihung, gnädigster Prinz. Ich werde nie wieder — Kunz. Nein, nein, Sie reden recht gut — aber mehr im Amtston, etwas gröber bitt' ich. Hamster. Ich Hab' an Dem schon genug! Ku n z (zu den Studenten). Und jetzt Ihr lustigen Räthe und fidelen Stützen meines Thrones, wollen wir uns ein wenig in der Amtsstube umsehen, und für zweckmäßige Reformen sorgen. Ich MUß mich tummeln — (schwermüthig) denn mir ahnst es, mein Reich ist nicht von dieser Welt! Ich werde nicht lange regieren! (Mit den Studenten ab zur linken Seite.) Achte Scene. Hamster allein. Später Storch. Hamster. So Hab' ich mich in meinem ganzen Leben noch nicht verspekulier! Eine Million Hab' ich profitiren wollen — ja prosit! Erschossen oder in die Luft gesprengt kann ich werden, statt Millionär. Und für das Vergnügen Hab' ich zwanzigtausend Gulden gezahlt, und muß extra noch einige hundert hung'rige Bauern füttern! (In komischer Verzweiflung.) O Rummelstein, o Rummelstein — Du niederträchtiges Schloß! — Man hat mich angeschmiert damit — o Du grundgütiger Himmel, laß' mich wieder einen Andern damit anschmieren! Storch (kommt vorsichtig von der rechten Seite). Ist er fort? Hamster. Ja, Gott sei Dank! Storch. Hat er Sie auch in der Arbeit gehabt? Hamster. Und wie! Auf mich ist er ganz besonders erboßt, weil ich ihm das Schloß weggekauft habe. Storch. Aha — wegen der Eisenbahn — Hamster. Man baut bereits am Schloßberge. Storch. Sehr fleißig wird schon gearbeitet. Sie haben da einen Haupttreffer gemacht. Hamster (ihm die Hand bietend). Herr Amtmann, wir sind alte Bekannte — Storch (einschlagend). Und intime Geschäftsfreunde — L4 Hamster. ES böte sich jetzt eine Gelegenheit, und gegenseitig sehr große Dienste leisten zu können. Storch. Gegenseitig? Wie denn Freundchen? Hamster. Sie gelten viel bei Sr. Durchlaucht — Storch. O ja — o — er hält große Stücke auf mich! Sehr schmeichelhaft für mich — sehr! Hamster. Es kostet Zhnen nur ein Wort, und ich bin Armee-Lieferant. Storch. Hm — hm — es haben mich zwar schon Andere um meine Protektion gebeten — Hamster. O thun Sie mir das nicht an! Eine Gefälligkeit ist der andern werth. Wenn Sie mich prote- giren, biete ich Ihnen Gelegenheit, Seiner Durchlaucht einen sehr großen Dienst zu leisten, und nebenbei ein gutes Geschäftchen zu machen. WaS ich für keinen Bruder thäte, thu' ich für Sie — ich verkaufe Ihnen das Schloß ohne Profit! Storch (freudig). Edler Hamster! Hamster. Edler Storch! Beide (indem sie einander in die Arme stürzen). Ewige Freundschaft! (Jeder für sich, indem sie die Köpfe abwenden.) O Du dummer Spitzbube! Storch. Aber Freundchen — ich besitze gegenwärtig nicht mehr bares Geld als zehntausend Gulden. Hamster. Nun so geben Sie mir die zehntausend Gulden bar, und die andern zehntausend bleiben Sie mir schuldig. Storch. Also gut — die einen zehntausend zahl' ich Ihnen nicht, und die andern bleib' ich Ihnen schuldig» Hamster. Nein, nein — die eine Hälfte bar und die andere in Wechseln — sonst — Storch. Ja doch, ja — aber meiner Tochter müssen Sie eine kleine Freude machen. Hamster. Schon gut, ich kenne ja den Hausbrauch ! (Für sich, indem sie links abgehen.) Er ist glücklich angeschmiert! Himmel, ich danke Dir! Verwandlung. Zimmer des Richters. Neunte Sceue. Mager l. Anna. Magerl (indem fie eintreten). Das wilde Heer der Studenten ist schon wieder da! Meinen ganzen Haber haben sie mi,r schon zertreten auf dem Feld. Anna (schluchzend). Der Haber ist beim Teufel und der Liebhaber auch! Magert. Jetzt sperre einmal Deine Thränenschleuße zu! Man sollt' gar nicht glauben. daß ein Frauenzimmer so viel Wasser im Kopf hat. Anna. Glaubt denn der Vater, eS ist ein Spaß, wenn einem Mädel ein sauberer Bub das Heiraten verspricht — und dann — wenn sich das Mädel recht verliebt in ihn hat, wird ein Prinz aus dem säubern Buben. Magerl. Schmeichelhaft bleibt es aber doch für mich, daß Du ihm so gefallen hast. Anna (auf die Wange zeigend). Auf den Fleck da hat er mir einen durchlauchtigsten Kuß gegeben. Da laß' ich mir einen goldenen Rahmen d'rüber machen. Magerl. Das muß man ihm aber lassen, seinen Dienst versteht er. Du hättest nur sehen sollen, wie er die Beamten unter einander getrieben hat. — Na gesund ist's, daß das faule Blut endlich aufgerüttelt wird. Zehnte Scene. Vorige. Kunz. Kunz. Viel Glück in's Haus! Magerl, Anna (erschrocken). Da ist er! 25 Kunz. Nun, warum erschreckt Ihr denn? Anna (äußerst verlegen). Weil — weil — ich muß zum Maier-Jodel geh'n. Kunz. Zum Maier-Jodel? Anna. Frisches Heu zu bestellen. Kunz. Für Deinen Vater? Anna. Nein, für unfern Fuchs — der Vater ißt kein Heu. Magerl. Bleib nur da, Nannerl — der Fuchs hat schon abgespeist. Aber ich will mich verlieren, denn der gnädige Herr Prinz will vielleicht un- genirt sein. Kunz. Nein bleibt— ich habe mit Euch Beiden zu sprechen. (Geht zu Anna und sieht ihr in's Auge.) Aber was seh' ich? — Du hast ja geweint? — Warum denn, Nanni? Anna (weinend). Weil — weil ich anpumpt bin! Magerl. Ja, sie ist an pumpt und weint, weil sie sich wieder auspumpen will. Kunz. Was heißt denn diese Pumperei ? Anna (wie vorher). Euer Durchlaucht haben mich sauber angesetzt — denn wenn Euer Durchlaucht gesagt hätten, daß Euer Durchlaucht ein Prinz sind, hätt' ich Euer Durchlaucht nichts geglaubt — aber Euer Durchlaucht haben mir gesagt, daß Euer Durchlaucht ein Bambus sind — und weil Euer Durchlaucht ein sauberer Bub sind, haben mir Euer Durchlaucht gefallen, da Hab' ich mich verliebt in Euer Durchlaucht, und — (heftig schluchzend) und darum bin ich anpumpt für's ganze Leben! Kunz. Gib mir ein Küßchen, Nanni! Anna. Nicht um tausend Millionen! Kunz. Nun, so geb' ich Dir Eins! Anna (hält ihm die Wange hin). Das ist waS Anderes! Kunz (küßt sie). Das ist der Verlobungskuß, denn heut über vier Wochen ist unsre Hochzeit. Anna (auf einen Stuhl finkend). Ha — mich trifft schon wieder der elektrische Schlag! Mag erl (mit den Beinen schlotternd). Und ich brauch' einen dritten Fuß, sonst fall' ich um! Kunz. Ja, mein lieber Richter, der Vater des Vaterlandes wird Ihr Sohn, damit Sie Großvater des Vaterlandes werden (küßt Anna), und somit ist die Annexion von zwei Großmächten besiegelt. — Aber jetzt gebt mir einen guten Rath, Leutchen. — Vater Wenzel hat mich und alle Studenten heut zu seiner goldenen Hochzeit eingeladen. Magerl. Anna. Uns auch. Kunz. Nun gut — so können wir alle Drei miteinander berathen, wie wir dem alten Brautpaar eine Freude machen können. Magerl. Vielleicht ein paar Eimer Bier — Anna. Warum nicht gar! Der Vater kennt kein anderes Vergnügen, als Trinken. Da wüßt' ich was Besseres. — Wir haben Etwas auf dem Boden, das den alten Leuten mehr Freude machen wird, als Alles. Magerl. Kunz. WaS denn? Anna. Daö Bild unseres verstorbenen Gutsherrn. Kunz (freudig). Das Bild des alten Rummelstein? — Ja, ja, das ist das beste Angebinde. Geschwinde her damit! Anna. Ich hol's und werd' es gleich putzen, denn die Tauben haben's schmutzig gemacht. — Gleich bin ich wieder da, Euer Durchlaucht — Herr Bräutigam — mein lieber, lieber Prinz! (Eilt ab.) Kunz. Bah — meine liebe Prinzessin .' Eilfte Scene. Kunz. Magerl. Kunz. Jetzt sagen Sie mir. Herr Richter — hatte der alte Herr von 26 Rummelstein noch irgend eine Forderung an die neue Herrschaft oder an das Amt, als er starb? Magerl. Nicht einen Kreuzer. Als sein Gut verkauft wurde, ist ihm Alles, was seine Gläubiger übrig gelassen haben, bei Heller und Pfennig baar ausgezahlt worden. Kunz. Aber ich habe zehn Quittungen des Herrn von Rummelstein im Amt gefunden — Zede über zweitausend Gulden, die der alte Herr seit Verkauf dieser Herrschaft bis zu seinem Tode jährlich vom Amtmann bezogen hat. Magerl. A —das ist merkwürdig. Kunz. Der Amtmann war dem alten Herrn nichts schuldig, das beweisen klar die Bücher und Verrechnungen — warum hat er also diese Ratenzahlungen geleistet? Mag. Das ist mir auch ein Räthsel. Kunz. Es scheint gar kein Unterschleif möglich zu sein, und doch ist es auffallend, daß der alte Rummelstein bis zu seinem Tode hehauptet hat, daß für die Zukunft seines Sohnes gesorgt sei. Zwölfte Scene. Vorige. Anna. Anna (mit dem Brustbilde eines alten Herrn im Goldrahmen). Da bring ich den alten Herrn Ritter Konrad von Rummelstein! Kunz (nimmt das Bild und betrachtet es mit gemüthlichem Humor). Ja, es sind seine heiteren Züge — sein gutmüthiges lebenslustiges Gesicht! Er lächelt so zufrieden, als ob er so eben seinen Kaviar mit Porter gefrühstückt hätte. Eine lustigeJagd — eine guteTafel, hübsche Mädchen und sein kleiner Junker Kunz waren die vier Elemente seines Lebens, in denen er wie ein munterer Fisch im Wasser schwamm! — Du hast keinem Menschen weh gethan durch Haschen und Jagen nach Rang und Reichthum, denn Du hattest ein genügsames Herz! Eine harmlose Freude war Dein ganzer Ehrgeiz, und eine stille Zufriedenheit Deine ganze Politik! Solche Leute lieb' ich — und darum muß ich Deine Lippen küssen, als ob ich Dein kleiner Kunz wär', Du alter guter und fideler Graubart! (Küßt das Bild.) Anna (zupft ihn). Aber so küssen Sie doch nicht das Bild! Magerl. Sei nicht so neidig, Nanni! Kunz (umarmt sie). Nun da — da — damit Du nicht zu kurz kommst! Anna (erwiedtrt seine Küsse). Mein lieber — lieber Prinz! Dreizehnte Seene. Vorige. Storch. Storch (tritt während der Umarmung erstaunt in die Thüre). A — Seine Durchlaucht regieren — (will sich zurückjiehen). Kunz. Bleiben Sie nur — hier ist die Jungfrau der regierende Planet. Sie kommen gerade recht, um mir ein Räthsel aufzulösen. (Zeigt Storch, der sich genähert, mehrere Quittungen.) Was bedeuten diese Papiere? Storch (etwas frappirt). A — a — das sind ja die Quittungen unseres frühern Gutsherrn. Kunz. Ueber Summen von zweitausend Gulden, die er jährlich von Ihnen bezogen. Storch (mit erheuchelter Bescheidenheit). Ach — es ist traurig, daß man nicht einmal mehr eine Wohlthat im Verborgenen üben kann. Kunz. Wie, mein Herr? Diese Zahlungen — Storch. Ein Tribut der Nächstenliebe, Euer Durchlaucht, — ein Opfer der Dankbarkeit, das ich meinem armen Herrn gebracht. Kunz (streng). Lüge, mein Herr Amtmann, eine unverschämte Lüge! 27 Herr von Rummelstein hätte eher gedarbt, als Unterstützungen angenommen, und von Ihnen am allerwenigsten. (Gemäßigter.) Aber vielleicht thue ich Ihnen Unrecht — denn auch ein Fürst kann fehlen, das ist menschlich — aber fürstlich ist es, wieder in das rechte Gleis zu lenken vom verfehlten Wege. Irrte ich — und hat der alte Gutsherr von Ihnen wirklich dieses Geld als Darlehen angenommen, will ich dafür sorgen, daß der Sohn mit Dank des Vaters Schulden tilgen soll! (Wieder lustig, indem er Mager! die Hand reicht.) Nun, auf Wiedersehn, Schwiegerpapa .' (Anna umarmend.) Adieu, meine liebe kleine Prinzessin-Braut! — ES bleibt dabei, in vier Wochen ist unsere Hochzeit, wenn ich da nicht zufällig brummen oder schwitzen muß! (Gehtab). Vierzehnte Scene. Storch. Magerl. Anna. Storch (wie versteinert). Prinzessin! Braut! Hochzeit! Anna (stolz). Natürlich — denn mein Prinz heiratet mich ja! Magerl. Meine Einwilligung hat er. Storch. Unglaublich! Aber bei dem Prinzen ist Alles möglich! Magerl. Du mußt Dich jetzt in Galla werfen, Prinzessin-Tochter. Morgen werd' ich Dir einen großen Reifkittel kaufen — eine ungeheure Krill o l i n e. Storch (sehr süß und devot zu Magerl). Mein lieber Herr Richter — ich bitte, mir auch für die Zukunft Ihr gütiges Wohlwollen zu bewahren. Magerl (aufgeblasen). Schon g4lt, mein Freund, schon gut! Storch. Mein einziges Bestreben — Magerl (kurz und barsch). Komm Er morgen! Storch. Seien Sie versichert, daß — Magerl (wie vorher). Sei Er nicht zudringlich! Marsch! Anna. Aber wie spricht denn der Vater mit dem Amtmann? Magerl. Gerade so, wie er mit den Parteien spricht im Amt. Storch (ebenso devol zu Anna). Fräulein Anna — Sie wissen, daß Ihr Herr Vater stets mein lieber Herr Kollege war — Anna. Ich weiß, wenn Sie was angestellt haben, hat er immer den Putzer bekommen. Magerl. Das ist so Sitte im Amt. Wenn der Vorgesetzte Dummheiten macht, haben eS immer die Subalternen gethan. Storch. Vergessen Sie meine menschlichen Schwachheiten und erinnern Sie sich nur meiner bürgerlichen Verdienste. — Schon als Armenvater hätt' ich längst die Salvatormedaille verdient. Anna (im Protektionston). Nun, so werden wir unser Möglichstes thun, daß Sie sie bekommen die Serviladi- Medaille. Storch. Ich habe Seiner Durchlaucht wieder einen Beweis meiner patriotischen Gesinnung zu geben. Er wünscht Schloß Rummelstein zu besitzen. Ich habe es Herrn Hamster um den billigen Preis von fünf und dreißig tausend Gulden abgelöst, um es wieder Seiner Durchlaucht zu überlassen. Magerl. Ach Herr Jerum — da hat Sie der Hamster noch mehr auf- sitzen lassen, als er selber aufgesessen ist. Der Prinz ist froh, daß er das Schloß nicht gekauft hat, und wenn eS jetzt versteigert wird, kommt keine Katz zur Lizitation. Storch (verblüfft). Keine Katz? Aber die Eisenbahn — Magerl. Das war ja der Aufsitzer. 'S ist nichts mit der Eisenbahn — Storch (ängstlich). Aber am Schloßberg wird ja schon gebaut — Magerl. Ein großer Pulverthurm! 28 Storch (heftig schreiend). Verrath, Betrug, Gaunerei! Laßt den Hamster nicht fort mit meinem Gelbe! (Indem er hknausstürzi) Amtsdiener — Wächter — Bauern — sucht mir den Spitzbuben auf! — O. ich bin ein großer Gimpel gewesen! Magerl (indem er ihm folgt). Haha! Hahaha! Da hat ein Fuchs den andern geprellt! Fünfzehnte Scene. Anna (allein. Läuft Magerl mit dem Bilde nach, und wirst es zur Thüre hinaus). Der Hans soll anspannen und das Bild gut verpacken, Vater! (vortretend.) Also das Bauernmädel ist eine Prinzessin geworden — das ist ein kurioser Sprung. So geschwind kann gar kein Mann avanciren. wie ein hübsches Mädchen. Ein Soldat braucht wenigstens vierzig Jahre, bis er General wird — und ein hübsches Mädchen kann schon mit sechzehn Jahren Generalin werden, und braucht gar keine Schlacht zu gewinnen. Na, finden werd' ich mich schon in die Nobleß — aber immer mag ich doch nicht eine noble Nina sein — heimlich, ganz heimlich, wenn's Niemand sieht, muß ich die lustige, fidele Nanni auch wieder sein. Lied. Wenn ich so herumspazier'. Acht Bediente hinter mir. Halt' ich mich ganz nobel nur. Steif wie eine Wachsfigur. Sage, wenn ich gnädig bin. Ganz rrgeb'ne Dienerin. So mit Anstand und Nobleß, Wie die nobelste Prinzeß. Doch heimlich — so heimlich — bin ich ganz allein, Muß wiedrr die lustige Nanni ich sein! Da jauchz' ich und fing' ich. Da lauf' ich und spring' ich! Gehüpft wird, gesprungen, Gejodelt, gesungen! Im Thal und im Wald und auf duftender Flur, B'n ich wieder d'Nanni, das Kind der Natur! Mein Gemal ist im Palast, Wetter gar nichts als mein Gast, Wenn ich ihn von Weitem seh'. Sag' ich: Servus, Herr Musjö! Beim Empfang im großen Saal, Reich ich meinem Herrn Gemal, Nur das Fingerspitzel dann, Daß er daran zuzeln kann. Doch heimlich — so heimlich — find wir ganz allein. Muß wieder die lustige Nanni ich sein! Da sag' ich: Lieb'S Manni, Ein Küßchen für d'Nanni, DaS Küßchen verschluck' ich, In d' Augen ihm guck' ich. Und ganz so verliebt, wie ein Kätzchen dann nur, Bin ich wieder d' Nanni. das Kind der Natur! Geben wir 'neu großen Ball, Da ist Alles in der Gall', — D' Herrn find g'waschen — 'S 'ne Pracht, D' Waden hat der Schneider g'macht, — Und die weite Krinolin, Reicht von Potsdam bis Berlin, Nun da tanz' ich steif und g'rad'. So recht nobel, faul und fad! Doch heimlich — so heimlich — bin ich ganz allein. Muß wieder die lustige Nanni ich sein! Da mach' ich 'nen Schnalzer, Und tanz mir 'nen -Walzer, Und Polka'S fidele Mit Leib und mit Seele, Und denke mir lachend und tanzend dann nur: Ich bin wieder d' Nanni, das Kind der Natur! (Tanzt jodelnd ab). Verwandlung. Romantisches Thal. Im Hintergrund« Wein- gebirge, durch welches sich ein praktikabler Weg bis zu einer glänzend beleuchteten Kapelle auf der Spitze der Anhöhe zieht. Rechts im Vordergründe ein freundliches, ebenfalls beleuchtetes Landhaus. — Bor demselben ein alter, dichtbelaubter Nußbaum. Links Obstbäume, an denen Lampen angebracht find, die die Bühne hell beleuchten. ES ist Abend. Sechzehnte Scene. Studenten mit Fackeln bilden auf dem Gebirgswege Spalier bis zur Kapelle. — Storch postirt zwei Amtsdiencr mit Säbel und Gewehr als Ehrenposten vor die Tbüre deS Landhauses. — Theodor, in einem Briefe lesend, und Eschen i stehen mehr rückwärts auf der entgegengesetzten L9 Seite. — Kunz auf dem Nußbaum. Später Wenzel, Brigitte, Magerl, Anna, August, Elise, und Hochzeitsgäste. Theod. (zu Eschen). Lustige Jugendstreiche — weiter nichts — das ist das ganze Resultat meiner Nachforschungen. Eschen. Also richtig ein Opfer der Verläumdung. Theod. Man beruft sich auf den Amtmann Storch, der einen unerklärbaren Groll auf den jungen Mann zu haben scheint. Storch (zu den Amtsdienern). So — und wenn das Brautpaar aus der Kapelle kommt, wird präsentirt! (Zu Theodor und Eschen, indem er vortritt). Das Amt gibt den Jubilanten Ehrenposten, meine Herren. — DaS ist eine schöne Auszeichnung, und kostet keinen Kreuzer, Theod. Der brave Wenzel verdient diese Ovation. Storch. Das will ich meinen. Ein Soldat, der fünfzig Jahre im Feuer gestanden ist, — ist nichts gegen einen Mann, der fünfzig Jahre ein Weib gehabt hat. — Das hält der Tausendste nicht aus! Kunz (wird auf dem Nußbaum sichtbar). Herr Amtmann! Storch (erschrocken). Himmel, der Prinz! DaS ist ja ein wahrer Ueberall und Nirgends. Sogar auf den Bäumen krarelt er herum. (Laut.) Euer Durchlaucht auf dem Nußbaum? Kunz. Ich übe mich im Nußknacken, denn heut zu Tage hat mancher Fürst eine harte Nuß zu knacken. — Aber ich komme schwerer herunter von meinem Thron, als ich heraufgekommen bin. — Kein Stein — kein Stock — kein Klotz — leihen Sie mir doch gefälligst Ihren Kopf, Herr Amtmann! Storch. Mit Vergnügen, gnädigster Herr! (Während er sich zum Baume stellt und Kunz an ihm heruntergleitet, zu den Amtsdienern). Präsentirt! (Die Amtsdiener präsentiren vor Kunz.) KUNZ (indem er sich mit Storch zu Theodor und Eschen gesellt). Das ist ein Mann, meine Herren! Er versteht es nicht nur, die Kleinen zu treten, sondern sich auch von den Großen treten zu lassen. O, solche Leute sind nicht mit Gold zu bezahlen! Storch. Und man bezahlt mich nur für daS. was ich weiß, für das, was ich nicht weiß, kann man mich gar nicht bezahlen. — Rummelstein kennt mich, und wird mich sicher zum Deputirten wählen bei der nächsten Wahl. Kunz. Das kann Ihnen gar nicht fehlen, denn Sie sind ein Mann, der die Farben zu wechseln weiß. Storch (geschmeichelt). Ja. ich bin ein guter Schwimmer auf dem Strom der Politik. — Wenn ich von einer Partei über Bord geworfen werde, schwimm ich zu den andern. Nebenbei Hab' ich Kenntnisse — Praxis — und als politischer Redner einen wahrhaft glänzenden Styl. Kunz. Ja, so glänzend, wie ein lackirter Stiefel. Eh 0 r (in der Kapelle, während die Glocken läuten. — Theodor, Eschen, Kunz und Storch ziehen die Hüte ab. Die Amtsdiener präsentiren). Herr im ew'gen Sternenkreise, Segne dieses Liebesband! Lege auf das Haupt der Greise, Deine milde Vaterhand! Theod. Die heilige Handlung ist vorüber! (Wenzel und Brigitte, ein ganz greises Mütterchen, Magerl, Anna. August, Elise, Junggesellen und Brautjungfern, die das Brautpaar führen. Winzer und Winzerinnen kommen aus derKapelle. Die feierliche Musik gehl in eine fröhliche Tanzmusik über, und während die Studenten auf dem Gebirge dem Brautpaar falutiren, kommen Winzermädchen mit zierlichen Körbchen voll Blumen, und Studenten mit Fackeln von beiden Seiten, und es beginnt ein kurzer) Tanz. Alle (nach dem Tanze, indem fie Wenzel und Brigitte in ihre Mitte nehmen, und in das Thal hinabführen). Hoch! das Brautpaar! Hoch! Wenzel und Brigitte (indem sie, Allen die Hände schüttelnd, in den Vordergrund treten). Wir bedanken uns recht schön! Brigitte. Daß Sie uns so eine große Freude machen an unserem Ehrentage. Wenzel. Und laden Sie auch gleich zu Gevatter ein. Brigitte. Schämst Dich denn nicht. Du Narrentattel Du? Wenzel (auf die Amtsdiener deutend, die noch präsenttren). Da schau hin Alte — Schildwachen haben wir auch! Brigitte. Und präsentiren thun sie vor Dir, als ob Du ein alter Korporal wärst! Kunz. Nehmt auch meinen Glückwunsch, Vater Wenzel! Wenzel (erschrocken den Hut lüftend). Potz Element — der Prinz! > Brigitte (Kunz neugierig betrachtend). Das ist ein Prinz? (Ungläubig den Kopf schüttelnd.) Ach geh' — der hat ja keine Stern'. — Theod. Die schönsten Sterne eines Fürsten sind die Augensterne, wenn sich die Liebe seines Volkes darin spiegelt. Kunz (tritt zwischen Wenzel und Brigitte, und drückt ihnen herzlich die Hände). Vergeßt den Fürsten, meine Freunde! — Ich bin heut' nichts als Euer Gast, mit dem Zhr schon ein wenig freundlich sein müßt — denn er bringt Euch ein Geschenk von einem gewissen Junker Kunz! Wenzel. B rigi tte (freudig). Jst's wahr? (Leise Musik. In der Mitte de- Baumes entfalten sich die Zweige, und man erblickt in einem Blumengewinde und Transparent beleuchtet das Bild de- alten Gutsherrn.) KllNj (indem er ihre Köpfe sanft gegen den Baum dreht). Blickt dorthin, meine Freunde! Wenzel. Brigitte (gerührt und sreudigst überrascht). Unser alter Herr! Storch (ängstlich für sich). Ich muß schon wieder auf Eiern tanzen! Brigitte. Wie freundlich er uns anschaut! Wenzel. Und wie vergnügt er lacht! Brigitte. Wenzel (zum Bilde). Grüß' Gott, gnädiger Herr, — grüß' Gott! Wenzel. Und daS Bild schickt uns der Junker Kunz? Brigitte, (zu Storch). AuS Amerika, Herr Amtmann? Ist er denn noch dort? Storch (äußerst verleget. Nein, nein — vorgestern ist er nach Afrika gereist. Wenzel (zum Bilde). Hörst Du das da oben? — AuS Deinem Sohn hat die Politik einen ewigen Juden gemacht, und Du kannst lachen, alter Vater? — Geh' — lach' nicht — nein — nein — lach' nicht, (auf Kunz deutend), bis der Mann hilft, der helfen kann, weil ihm der liebe Gott seine Macht gegeben hat auf Erden. (Zu Brigitten.) Alte — ich habe heute schon umsonst einen Fußfall gemacht — probiren wir's jetzt mit einander! Vielleicht geht's besser mit vereinten Kräften. Brigitte, Wenzel (indem sie Kunz zu Füßen finken). Gnade, gnädigster Prinz! Kunz (mit humoristischer Rührung). Donner und Wetter, mir läuft das Herz mit dem Verstände davon! — Mag'S gehen. wie'S will — ich danke ab, ich kann nicht länger regieren. (Zu Wenzel und Brigitten.) Du altes, Nimmersattes Brautpaar, bist mit dem gemalten Vater allein nicht zufrieden? (Die Arme ausbreitend.) Na, da habt Ihr auch den lebendigen Sohn dazu! 31 Die Dorfbewohner (erstaunt)^ ^ Sohn? !« Die Studenten. O weh.'!«, o weh! Wenzel, Brigitte (Kunz be-lA bend anstarrend). Euer Gnaden find—/- Kunz (in ihre Arme stürzend). Euer Zunker — der lebendige Junker Kunz! Storch (verblüfft). Alle Donnerwetter ! (Winkt die Amtsdiener zu sich und spricht mit ihnen). Wenzel, Brigitte (heftig bewegt). O mein Gott! Mein Gott! Mager! (zu Anna). Dein Prinz ist ein Lumpaci, Nani! Anna (freudig). Das ist ja viel gescheiter! Storch (mit den Amtsdienern zu Kunz tretend). Ritter Kunz von Rummelstein, Sie sind mein Arrestant! Alle. Arrestant? Anna (ängstlich). Mein Liebhaber? Theodor. Herr Amtmann — wir bitten für diesen jungen Mann! Storch (barsch zu ihm). Schweigen Sie, Sie Grinzinger, Sie! Wenzel, Brigitte, Anna (bittend). Gnade! Storch. Da gibt's keine Gnade! So gefoppt ist noch kein Amtmann worden! Viktor (auf sich uud die Studenten deutend). Wir allein tragen die Schuld und wollen auch die Strafe dulden. — Kunz von Rummelstein soll sich selbst der Behörde stellen, aber arre- tiren lassen wir ihn heute nicht! Die Studenten (machen Miene. Kunz aus der Mitte der Amtsdiener zu befreien). Nein, nein, das leiden wir nicht! Kunz (ernst und energisch, indem er ihnen entgegentritt). Achtung vor dem Ge- setze, junge Herren! (Wieder mit Laune.) Es ist besser, ich brumme allein, als wir Alle miteinander! Wenn außer mir noch Jemand schuldig ist, so ist's nur der Amtmann, denn er war der Erste, der mich zum Prinzen machte, und mich im Triumph mit Vivat, Kohl, Poller, Kraut, Trommeln und Salat durch'ö Dorf führen ließ! Aber ich bin ein guter, fideler Kerl und kein Denunziant — und will die Suppe allein ausessen, die Andere eingebrockt haben. (Umarmt Wenzel und Brigitte.) Lebt wohl, meine Freunde, und hebt mir den Rohrstock auf, Vater Wenzel — ich reite doch noch einmal wieder auf ihm! (Umarmt Anna.) Adieu, abgesetzte Prinzessin! Mach'Dir nichts d'rauS — ich bleibe dennoch Dein lustiger Prinz, und wenn ich ausgebrummt habe, brummen wir miteinander. (Zu Storch.) Allons, Rummelsteiner Gerechtigkeitsversilberer, thun Sie Ihre Pflicht! (Während er sich, umgeben von Storch und den Amtsdienern, zum Abgehen wendet. Anna die Hände ringt, Wenzel und Brigitte einander weinend in die Arme finken, — und die Andern eine der Situation entsprechende Gruppe bilden, fällt dir Vorhang.) 32 Dritter Akt. Der Kotter. Rechts ein vergittertes Fenster. In der Mitte die Hauptthüre. Links zwei Seiten« thüren. Rechts im Vordergründe ein kleiner roher Tisch, auf welchem ein zusammengefaltetes Papier liegt. Einige rohe Stühle und leere Fässer auf der Seite. — Im Hintergründe bildet eine Lade auf einem Block die Pritsche, auf welcher ein Strohsack liegt. Erste Scene. Kunz (schlafend und träumend auf dem Strohsack). Kunz. Sorgt für die Armee — sie ist die Mauer meines Rcich's, und soll Jahrtausende siehen! Weh Euch, wenn meine braven Soldaten Noth und Mangel leiden! (Man hört links von außen an der Mauer brechen, klopfen und Steine fallen, was sich öfter wiederholt.) Horch! Man begehrt Einlaß! Sehen Sie nach, Herr Kammerjunker, wer der Ungestüme ist, und legen Sie mir dann sogleich alle Bittschriften vor. (Starke Schläge an der Mauer. Steine poltern geräuschvoll.) — Er erwacht und erhebt sich schnell.) Teufel — Kanonenschüsse — (Reibt sich die Augen.) Ich habe so süß geschlummert, wer stört mich im Regieren? (Stehtauf, steht sich um und orientirt sich.) Wo bin ich? — Aha — ich brumme! O weh — o weh — der Prinz von gestern gibt heute im Kotter Audienz. (Indem er sich zum rische setzt.) 8ie trsnsit Aloris munüi! (Bemerkt das Papier auf dem Tische und nimmt es.) Was ist denn das? (Liest die Adresse.) „An den unglücklichen Ritter Kunz von Rummelstein!" Schön! (Entfaltet das Papier.) Donnerwetter, eine Hundertgulden Banknote! Wer ist denn der Wohlihäter eines armen Arrestanten? (Liest.) »Fliehen Sie, Unglücklicher — weit über's Meer — und kehren Sie nie zurück! Hier ist Ihr Schicksal ewiger Kerker oder Schaffst." — Sonst aber nichts? Ah, das ist ja eine recht freundliche Aussicht! — Keine Unterschrift. — Wer mag denn der edle Menschenfreund sein, der mich so liebevoll tröstet? Fliehen soll ich? — Das ist leicht gesagt — aber schwer gethan hinter Schloß und Riegel. — (Indem er zum Fenster tritt und das Gitter erfaßt.) Das Fenster hat ja Eisengitter, die kein Samson brechen kann. (Das Eisengitter bleibt ihm in der Hand.) Ah, sapperlot, ich bin noch stärker als Samson. (Blickt zum Fenster hinaus.) Eine Leiter lehnt am Fenster — brav, man hat mir daS Durchbrennen recht kommod gemacht. (Es werden abermals mit Gepolter Steine auS- gebrochen.) I potz Tischchen, mir scheint, auf der andern Seite wird auch an meiner Freiheit gearbeitet. (Verläßt das Fenster.) Aber übereilen wir unö nicht — denn diese gegenseitige Sorge für mein Fortkommen kommt mir etwas sonderbar vor. (Das Schloß der Thüre wird geöffnet.) Ah — eine Visite! — Man holt mich vielleicht schon zum ersten Verhör. DaS wäre merkwürdig, denn in den ersten neun Monaten Hab' ich diese Begünstigung nicht erwartet. Zweite Scene. Kunz. Storch. Storch (für sich, indem er eintritt). Er ist noch nicht durchgegangen — verflucht! Kunz (ihm sehr freundlich entgegenetlend) Ah — schönen guten Morgen, Herr Amtmann! WaS machen Sie? Wie geht's, wie befinden Sie sich? (Bietet ihm einen Stuhl, mit der Lehne zum Fenster.) 33 Bitte, Platz zu nehmen. Geniren Sie sich nicht und thun Sie so, als ob Sie hier zu Hause wären. Storch. Danke, danke.' Kunz (Für sich). Wenn er nur nicht bemerkt, daß das Fenstergitter ausgehoben ist. (Laut, indem er dem Amtmann da- Fenster zu decken sucht). Nun, wie haben Sie geschlafen, mein Verehrtester Herr Storch? Storch. Sanft und süß, wie daS gute Gewissen. Aber Sie werden nicht so gut geschlafen haben? Kunz. O famos! Ich habe mich gestern am Wohle meiner Unterthanen so müde gearbeitet, daß ich die ganze Nacht wie ein Murmelthier geschlafen habe. Storch (srhr ernst, iudem er den Stuhl au- seiner Stellung rückt und sich setzt). Leichtsinniger junger Mann, ich bedaure Sie! — Kunz (dreht den Stuhl wieder vom Fenster ab, was er wiederholt, so oft Storch die Stellung wechselt). O wie gut Sie sind, mein lieber Herr Amtmann! Storch (rückt den Stuhl wieder). Ihnen droht ein entsetzliches Schicksal! Kunz (wie vorher). Vielleicht nimmt eS doch noch eine günstige Wendung. Storch. Eine günstige Wendung? (Wie vorher.) Füreinen Verirrten Ihresgleichen? Kunz (wie vorher). O jeder Verirrte kann wieder auf den rechten Weg geführt werden. Storch. Es ist zu spät für Sie, Herr von Rummelstein. waviehaussrr. (Den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt.) Der neue Don Quichotte FujWel in einem Arte. Nach dem Französischen von Alexander Bergen. Personen: Baron Bergheim. Henriette, seine Frau. Nestor Baron v. Rosenholz. Julie, Kammermädchen der Baronin. Johann, Reitknecht des BaronS. thealer-RepeNoirr Nr. ?2. Erste Scene. (Ein eleganter Salon. Im Hintergründe ein Kamin zum Schließen. Thüren zu beiden Seiten des KaminS. die linke führt auf die Straße, die rechte inS Schlafzimmer der Baronin. Zwei Seitenthüren. Rechts steht ein Gueridon. auf welchem sich eine Ehatouille befindet. Links ein Arbeitstischchen und ein Fauteuil. Neben dem Kamin zwei Fauteuils. Unweit des Gueridon eine Eauseuse; mehr im Hintergründe ein Tisch, worauf eine Livräe liegt und eine Bürste Ein großer Stehspiegel. Wenn der Vorhang aufge- zogen wird, ist der Schuber des Kamins offen; man fleht ein brennendes Feuer darinnen.) Henriette (später der Baron). Henriette (vor dem Spiegel). Das Kleid ist gelungen, die Taille paßt unvergleichlich, auch die Farbe läßt mir ganz gut. Baron (aus der linken Seitenthür). Henriette! Henriette. Sieh' doch, mir kommt es vor, als ob hier auf dem Rücken eine Falte — links — stehst Du nichts?^ Baron (sie oberflächlich betrachtend). Eine Falte? Ich sehe keine. — WaS soll das neue Kleid? Henriette. Sonderbare Frage! Zu was hat man Kleider? Baron. Um sich zu bedecken. Henriette. Hast Du Dich nie bemüht, schön zu erscheinen? Baron. Kommen wir von der Frage nicht ab. Was soll das neue Kleid? Das ist keine Toilette für das Land! Henriette. Wohl wahr, allein wir sind in der Stadt. Baron. Wir sind aber im Begriffe, die Stadt zu verlassen und aufs Land zu ziehen. Henriette. Ah, das ist noch nicht so ganz gewiß. Baron. Wie? Henriette. Es regnet. Baron. Wir fahren und werden Regenschirme mitnehmen. Henriette. Ich danke. Baron. Du wirst mir danken, wenn Du die hübsche Villa siehst, die ich gekauft habe, ein kleines Paradies ! Es kostet mich 60,000 Gulden. Dort werden wir fern von der Welt und ihrer Unruhe friedlich leben. Henriette (seufzt). Eine schöne Aussicht- Baron. Wir werden lesen, Luftschlösser bauen. Henriette. Und gähnen. Baron (ungeduldig). Du hast aber auch gar keinen Sinn für die schöne Natur! Henriette. Wenn Du das weißt, so ist eS grausam von Dir, mich im April aufs Land verbannen zu wollen. Baron. Ich sehne mich nach Luft, nach freiem Raum. Henriette. Es ist unbegreiflich! Ist die Stadt nicht groß genug? Kannst Du denn nicht leben, ohne das Gras wachsen zu sehen? Wenn Du mir eine Freude machen willst, so gehen wir wenigstens erst morgen. Heute ist ein Concert. Baron. Um Gottes willen, kannst Du denn ohne Clarinettenlärm nicht leben? Henriette. Für Dich sind alle Instrumente Clarinetten. Baron. Für mich ist alle Musik unerträglicher Lärm, und da von allem musikalischen Lärm mir der Ton der Clarinette der gräßlichste ist — so ist mir Alles Clarinette, was Concert heißt. Henriette. Wer würde eS glauben, daß Du, ein Adeliger, so profane Gesinnungen hast? Baron. Ach was, in meinem Wagen sind keine Clarinetten. 3 Henriette. Macke Dick nickt schlimmer, als Du bist. Komm', sei galant, gib mir den Arm und führe mich ins Concert. Baron. Unmöglich; um dreiUhr kommt der Mann, dem ich die 60.000 Gulden auszahlen muß für die Villa. Henriette. DasConccrt wird bis dahin vorüber sein. Baron (ernst). DieseBeharrlichkeitmacht mich glauben, daß Du nickt allein der Musik wegen in das Concert willst. Henriette. Was glaubst Du denn? Baron. Seit einiger Zeit umschwärmen Dich so viele Zierbengel — Henriette. Waö kann ich dafür, daß jetzt alle Männer guten Geschmack haben. — Du wirst doch nicht eifersüchtig sein? Baron. Ich habe diese Besitzung auf dem Lande nur gekauft, um Dich deinen Anbetern zu entziehen. Henriette. So — also dieses Landvergnügen ist so eine Art Zellengefängniß! Baron. Ich werde diese Zelle mit Dir bewohnen. Henriette. Der Gefängnißwärter zählt nicht. Barop. Henriette!! Henriette. Willst Du mich in's Concert führen oder nicht? Baron. Nein! nein! und dreimal nein. Ich habe noch zu thun, Abschiedskarten ab- zugeben. Henriette. Schicke sie durch den Bedienten. Baron. Du scheinst zu vergessen, daß ich ihn gestern fortgejagt habe. Der neue Diener soll heute kommen, ich erwarte ihn jeden Augenblick. Er ist mir sehr gut empfohlen, und ich nehme ihn jedenfalls, er mag aussehcn wie er will. Henriette. Du hast Recht. — Für's Land ist Alles gut genug. Baron. Adieu, Henriette, ich komme bald zurück! Henriette (trocken). Adieu! Baron (Mitte ab). Zweite Scene. Henriette. So sieht ein Ehemann aus, wenn er zwei Jahre verheiratet ist. Armes Kleid! Auf's Land nehme ich Dick nicht mit, ich laffeDich hier in der schönen Stadt. Wenn ich Dick wiedersehe, bist Du wohl verblichen und aus der Mode; nun, Du sollst wenigstens nicht auf dem Lande sterben! Ich will die Gräfin Stern abholen, und mit ihr in's Concert fahren. (Zum Kleide.) Abgemacht — wir gehen in's Concert! (Sie schellt.) Dritte Scene. Julie au» der Mittrlthür rechts. Vorige. Henriette. Meinen weißen Hut und Mantille. Julie. Wollen Frau Baronin ausgehen? Henriette. Ja. Julie. Es regnet, — soll ich nicht anspannen lassen? Henriette. Nein. (Julie ab.) Mein Mann könnte der; Wagen brauchen, er würde erfahren — (Julie tritt mit Mantille und Hut ein.) Die Fiaker stehen gerade gegenüber — Julie. Frau Baronin wollen in einem Fiaker — Henriette (kleidet sich an). Ja. Wenn der Baron vor mir nach Hause käme, sage ihm — Julie. Was, Frau Baronin? Henriette. Nichts — ich werde jedenfalls zuerst nach Hause kommen. (Eie geht durch die linke Mittelthür ab ) Vierte Scene. Julie. Die Frau fährt allein aus und im Fiaker, in großer Toilette, was soll das bedeuten? Der Herr Baron sckeint nichts davon zu wissen — soll das Zufall sein? O, vor Erstaunen vergaß ick ihr zu sagen, daß der neue Bediente nicht kömmt, er will nicht auf's Land. 1 * 4 Fünfte Scene. Henriette. Julie. Henriette (in großer Aufregung). Der Ungeschickte! Julie (erstaunt). Wer, Frau Baronin ? Henriette (zeigt ihr Kleid, welches fehl bemerkbar mit Straßenkoth bespritzt ist). Da sieh her! Julie (schreit auf). Mein Gott, wie schade; das schöne Kleid! Henriette (nimmtHut und Mantille ab). Als ich kaum aus der Thür getreten war und einen Fiaker nehmen wollte, reitet ein junger Mann vorüber, — o ich könnte ihn erwürgen! Schnell ein anderes Kleid! Julie (ab). Sechste Scene. Henriette. Baron Roscnholz (tritt lebhaft ein. Baron Rosenholz ist sehr elegant gekleidet, eine Reitpeitsche in der Hand). Rosenholz. Endlich finde ich Sie! Henriette. Er! Rosenholz. Gnädige Frau, erlauben Sie mir, Sie kniend um Verzeihung zu bitten. Henriette. Sie wagen es hier einzudringen? Rosen Holz. Ich überliefere mich Ihrem Zorne. Henriette. Mein Herr, was wollen Sie hier? Rosen Holz. Verzeihung, ein Lächeln — Henriette. Ich bin gerade zum Lächeln aufgelegt — Rosenholz. Das Unglück ist noch zu neu, ich werde warten, bis es trocken ist. Henriette. Sie wollen warten — wo? Roscnholz. Hier zu Ihren Füßen! (Er kniet.) Henriette. Gehen Sie, mein Herr! Rosen Holz. Bedenken Sie, daß es Entschuldigungsgründe für mich gibt! Die Straße, die Sie zu bewohnen würdigen, ist sehr eng! Henriette. Wer sagt Ihnen, daß Sic in dieser engen Straße reiten sollen? Rosenholz. Ich segne den Einfall — denn gerade dadurch wurde cs mir vergönnt, — Sie — Henriette. Mit Koth zu bespritzen! Rosenholz. Nein, Sie zu sehen. Sie sind so schön, Sie sind gewiß auch gut. Henriette. Ich bin nicht gut! Roscnholz (sie beruhigend). Wohlan denn, nein, so sind Sie nicht gut, nur sehr schön! Henriette (ihr Kleid betrachtend). Welcher Zustand! Rosenholz. Ich habe ein llloire s,i>- tiyutz-Verbrechen begangen. Henriette. Das ist Damast, mein Herr. Rosenholz. Also ein Damastverbrechen (er zieht die Brieftasche heraus). Ich habe 2000 fl. bei mir, erlauben Sie mir den Schaden gut zu machen. Henriette. Sie unterstehen sich, mir Geld anzubieten? Rosenholz. Verzeihung, ich weiß nicht mehr was ich thue. Wenn Sie mich näher kennen werden — Henriette (ironisch). Ich werde Ihre nähere Bekanntschaft nicht machen. Im Regen galoppiren — durch enge Straßen, sind Sie vielleicht Kunstreiter? Rosenholz. Nein, ich bin Baron! Baron Nester von Rosenholz und habe mich zum Ritter der Damen geweiht. Wo eine Frau leidet, da bin ich, — wo eine Frau weint, da tröste ich, wo man eine Frau unterdrückt, da beschütze ick! Henriette. Der neue Don Quirotte? Roscnholz (lächelnd) Wenn ich nur vom Himmel erflehen könnte, daß Sie ein großes Unglück träfe, wie wollte ick Sie trösten und beschützen. Henriette. Sehr verbunden. — Aber nun gehen Sie. Rosen Holz. Ein Lächeln und ich gehe. 5 Henriette. Ich lächle nicht! (Sieweist ihm stillschweigend die Thür und geht in ihr Zimmer.) Siebente Scene. Baron Rosenholz. Welches Abenteuer! Ich, Nestor von Rosenholz, der Ritter der Damen, bespritze das Ideal der Schönheit mit Koth. Ich betrage mick wie der Kutscher eines Omnibus. — Was jetzt thun? — Ohne ihre Verzeihung kann ich nicht fort. Mein Reitknecht und mein Pferd erwarten mich unten. Doch ehe ich gehe, noch einen Versuch. (An der Thür rechts ) Verzeihung! Achte Scene. Julie. Voriger. Julie (aus der Thür tretend) Sie stnd noch immer da? Rosenholz. Trocknet's noch nicht? Julie. Wenn das der Herr Baron steht, — er soll gar nicht wissen, daß die Frau Baronin ausgegangen ist. Rosenholz. Er verbietet ihr auszugehen? Julie. Es scheint so! Rosenholz. Der Tyrann! Ihre Frau ist also unglücklich? Julie. O nein, der Herr Baron ist nur ein bischen eifersüchtig. Rosen Holz (entzückt). Sie leidet, sie ist unglücklich (er stellt seinen Huk auf den Tisck). Ich bleibe! (Man hört die Stimme des BaronS hinter den Couliffen.) Julie. Um Gottes willen der Herr Baron! Er darf Sie hier nicht sehen. Verstecken Sie sich schnell! Rosenthal. Er ist eifersüchtig, er würde mich für einen Liebhaber halten, sie wäre compromitirt. — (Er geht gegen den Hinter- qrund)' Ah diese Livree, ein Wink des Schicksals. (Er zieht schnell seinen Rock auS und die Livree an.) Julie. Was machen Sie? Rosenholz. Ich rette die Unglückliche und gelte es mein Leben! Neunte Scene. Der Baron. Vorige. Baron (tritt ein, er bemerkt Rosenholz noch nicht). Julie, lege Holz in den Camin. Julie. Sogleich, Herr Baron. (Sie legt Holz zu und geht) Baron (steht Nestor). Wer ist das? Ach wahrscheinlich der Bediente, den ich erwarte. Rosenholz. Ja, Herr Baron. Baron. Wie heißt Du? Rosenholz. Nestor! Baro n. Seltsamer Name! Nimm meinen Hut. Rosenholz. Wie? Baron. Was sichst Du mich so an mit deinen dummen Augen? Nimm meinen Hut. Rosenholz (für sich). Ich habe dumme Augen? Das hat mir noch Niemand gesagt. Baron. So nimm doch den Hut, laß ihn trocknen! Rosenholz (für sich). Der Ritter der Damen soll einen Männcrhut trocknen, welche Schmach! (Nimmt den Hut) Zehnte Scene. Henriette (anders gekleidet aus ihrem Zim. wer) Vorige. Henriette (zum Baron). Bist Du schon zurück? (Sie crl lickt Rosenholz, der den Hut abtrocknet). Was seh' ich?! — Baron. Was hast Du denn? Henriette. Ich, nichts. (Für sich.) Er kroch hier und in dieser Kleidung? Rosen Holz. Hier ist der Hut. Baron. Stell' ihn nur weg! — (Zu yenriette.) Hast Du den Burschen ausgenommen? Henriette. Ich? Nein — das heißt — Rosenholz. Ja, die gnädige Frau hat mich ausgenommen. Baron (zu Henrietten). Was thatest Du, während ich aus war? 6 Nestor. Die Frau Baronin stickte ein Paar Pantoffel für den gnädigen Herrn. Baron. Wie liebenswürdig! Henriette (für sich.) Ich darf ihn nicht einmal Lügen strafen. (Sie setzt sich). Baron (zu Rosenholz). Hast Du schon gegessen? Rosenbolz. Um diese Zeit trinke ich gewöhnlich Thee. Baron. So? Ich gebe meinen Leuten keinen Thee. Rose «Holz. Ich trinke auch Chocolade. Baron. Wirklich?! Komm näher. (Er setzt sich auf die Causeuse. Rosenholz setzt sich im Gedanken neben ihn.) Was machst Du da? Rosenholz. Verzeihung, ich vergaß — Baron (für si») Ist das ein Tölpel! (Laut.) Was kannst Du? Rosenholz. Nicht viel, Herr Baron. Baron. Du bist wenigstens aufrichtig. Kannst Du rasiren? Rosenholz. O ja, aber ich schneide und kratze gern. Baron. Da ist ja recht angenehm. Was kannst Du noch? Rosenholz (für sich). Ist ihm das noch nickt genug? (Laut ) Ich blase die Clarinette. Baron. Das darfst Du bei mir nie, hörst Du, niemals! — Kannst Du mit dem Ankleiden umgehen? Rosenholz. Gar nicht. Baron. Du wirst schon Alles lernen. Du bist ausgenommen, da hast Da eine Angabe. (Gibt ihm Geld. Für sich.) Der Bursche ist ein Original, er wird uns auf dem Lande Stoff zum Lachen geben. Rosenholz (für sich). Was? Einen Gulden, mir? Doch, ick bin Ritter der Damen, ich rette die Unglückliche! Für sie — nehme ich auch einen Gulden! — (Sr steckt daS Geld ein.) Eilfte Scene. Johann (in der Livröe eines Reitknechtes). Vorige. Rosenholz (für sich). Mein Groom. (Er wendet sich ab.) Baron (zu Johann). Wen sucht Er? Johann. Um Vergebung, ich suche meinen Herrn. Henriette (für sich). Himmel! Baron. Wer ist dein Herr? Rosenholz (geht an Johann vorüber und sogt schnell und leise zu ihm.) Schweig' Und geh', oder ich erwürge Dich. Johann (für sich). Au! Baron. Nun? Johann. Ich habe mich geirrt, er wird nebenan sein, ich werde ihn schon finden. (Schnell ab.) Zwölfte Scene. Vorige ohne Johann. Baron. Ist der Mensch verrückt? Rosenholz. Ein Reitknecht, der zu viel getrunken haben wird. Henriette. Freilich, ein Reitknecht, der zu viel getrunken hat. (Für sich.) Er bringt mich auch noch zum Lügen. Baron. Welche Kühnheit, sich so in's Zimmer einzudrängen. (Zu Rosenholz.) Mach' Feuer an! (Rosenholz hört ihn gar nicht.) Nun? — Bist Du vielleicht harthörig? Rosenholz. Manchmal. Baron (für sich). Eine schöne Eigenschaft mehr. (Schreit.) Ich will meine Kleider wechseln. Rosenholz (schreit auch). Bitte sich nicht zu geniren. Baron (ebenso). Andere Kleider, schnell. Der ungeschickte Schlingel! Geduld, verlaß mich nicht! (Er geht in die Seitenthür links hinein.) Dreizehnte Scene. Henriette. Rosenholz. Henriette. Jetzt erklären Sie mir, mein Herr — Rosenholz. Gnädige Frau, keinen Tank, nur ein Lächeln. Henriette. Ich sollte Ihnen noch danken, wenn Sie mich compromittircn? Wie kommen Sie in diese Livree? Rosenholz. Ritterpflicht! Henriette. Geben Sie Ihre Ritterpflichten, oder besser'gesagt, Ihre Narrheiten auf. Rosenholz. Ich weiß, Sie sind unglücklich ! Henriette. Ich? Rosen Holz. Ihr Mann läßt Sie nicht ausgehen — er ist ein Tyrann! Henriette. Mein Herr, was kümmert Sie das? Mit welchem Rechte mischen Sie sich in meine Angelegenheiten? Rosenholz. Es ist die Pflicht des Mannes, die Frauen zu schützen. Henriette. Gehen Sie! Rosenholz (sehr betrübt) Gut, wenn Sie meine Hilfe zurückweisen, so gehe ich — gehe mit gebrochenem Herzen zu jener Unglücklichen, die, wie ich hoffe, dankbarer sein wird. Henriette. Gehen Sie, aber schnell. Rosen Holz. Sie wohnt auf der Landstraße L97. Henriette. 197? Auf der Landstraße? Rosenholz. Dieses Fräulein beging die Unvorsichtigkeit, einem meiner Freunde drei Briefe zu schreiben. Er wollte mich alle drei lesen lassen, ist das nicht abscheulich? Henriette (für sich). Landstraße 197, und gerade drei Briefe? Rosenholz. Diese Briefe, sagte mein Freund, waren zart und poetisch wie Rosenblätter, später aber heiratete sie einen Andern, einen Baron — Henriette (für sich). Mein Gott! Rosenholz. Armes Weib, wie kann sie ihrem Mann gerade in's Auge sehen. Sie muß beständig fürchten, beständig zittern. Ich, ohne sie zu kennen, ohne ihren Namen zu wissen, entschloß mich, ihr die Ruhe, den Schlaf, das Leben wiederzugeben. Ich sagte zu Arthur — Henriette. Wie heißt Ihr Freund? Rosenholz. Arthur v. Felsenstein. Henriette (für sich). Himmel, er ist's! Rosenholz. Ich sagte: Arthur, als Mann von Ehre darfst Du diese Briefe nicht behalten. Er wollte sie mir nicht hergeben. Ich forderte ihn — Henriette. Sie schlugen sich? Rosenholz. Fürchten Sie nichts, er brauchte 5000 fl., ich lieh sie ihm unter der Bedingung, daß er mir die drei Briefe gebe, und er willigte ein. O, er hat ein edles Herz. Henriette. Und Sie haben diese Briefe? Rosen Holz. Ja, mrd jetzt bring ich sie ihr. (Will gehen.) Henriette. Wo wollen Sie hin? Rosenholz. Landstraße 197. Henriette (die Augen niederschlagend). Ich fürchte, Sie werden den Weg umsonst machen, — denn die Dame wohnt jetzt in der Stadt. Rosenholz. Sie wissen? Henriette (verwirrt und zögernd). Ich glaube, Sie steht vor Ihnen. Rosenholz. Was? Sie, gnädige Frau? Das ist der schönste Tag meines Lebens. Sie haben diese poetischen Briefe geschrieben ? Henriette. Ich war so unvorsichtig. Rosenholz. Arme Frau, was müssen Sie gelitten haben! Henriette. Allein die Briefe — Rosenholz. Gleich! (Er sucht in den Taschen der Livree.) Endlich können Sie Ihre Kinder wieder ruhig an's Herz drücken! Henriette. Ich habe keine Kinder. Rosenholz. Nicht? Schade! (Bei sich.) Nein, nicht Schade, um so besser, Ihr Mann verdient das Glück nicht, Vater zu sein. Henriette. Eilen Sie, mein Herr! Rosenholz. Ja so, die Briefe, ich finde sie nicht. (Er bemerkt seinen Jrrthum.) Ah, dort, in meiner Brieftasche, in meinem Rock, Arthur hat sie eingesiegelt; ich habe sie aber nicht gelesen — auf Ehre! (Er nimmt den Rock in die Hand und durchsucht die Taschen.) Henriette (für sich). Ich glaube Ihnen — aber geben Sie — schnell! — Vierzehnte Scene. Baron. Vorige. Baron (aus seinem Zimmer in Hemd, ärmelni. Nun, bringst Du mir endlich meinen Rock? (Er nimmt Rvsenholz den Rock aus der Hand und zieht ihn an.) Henriette. Himmel! Rosenholz (für stch). Mein Rock, in dem die Briefe sind, und er zieht ihn an! Baron (zuHenriette). Mache Dich bereit, meine Liebe/ in einer halben Stunde fahren wir, ich habe nur noch einen kleinen Gang. Henriette. Im leichten Rock, in diesem Wetter? Du wirst Dich erkälten. Baron. Keine Sorge, mein Kind. (Er gre.st auf die Brusttasche.) Habe ich meine Brieftasche? Ja! (Zu Henriette.) Lebe wohl, mein Kind, ich komme bald wieder. (Ab.) Fünfzehnte Scene. Henriette. Rosenholz. Henriette (finkt auf den Stuhl) Er geht! Rvsenholz. Das wäre das Wenigste, aber er hat die Briefe in der Tasche! Henriette. Ich bin verloren. Rosenholz. Verloren? — Noch lebe ich! Ich tödte ihn. Henriette (erschrickt). Mein Herr? Rosenholz (durchläuft die Bühne) Waffen, wo sind Waffen? Ha — diese Bürste (Er ergreift sie. und eilt dem Baron rufend nach.) Herr Baron, Herr Baron! (Ab.) Sechzehnte Scene. Henriette, dann der Baron und Rosenholz. Henriette. Was will er thun? Ich zittere! Ach, wie leichtsinnig war ich! Rosenholz. Herr Baron, so können Sie nicht fort! Baron. Warum? Willst Du mich los- laffen? Rosen Holz (zieht den Baron herein und bürstet ihm den Rock). Der Rock ist ja ganz weiß. Baron. Weil Du mich an die Mauer gedrückt hast, Dummkopf! Mach' schnell, damit ich fortkomme. Rosen Holz. Drehen Sie sich um. (Er bürstet und greift dabei nach der Brieftasche) (Für sich )Döbler, steh' mi: bei! (Ec versucht den Rock aufzuknöpfen.) Jetzt inwendig! Baron. Willst Du mir die Taschen ausbürsten? Rosenholz. Der Rock muß doch rein sein; wollen Sie auswendig hui und inwendig pfui sein? Baron (findet einen Cigarrenspitz in einer Rocktasche). Was ist denn das? Eine fremde Cigarrenspitze. Henriette (für sich). Himmel! — Rosen Holz (winkt ihr). Eine Ueber- raschung von der Frau Baronin. Henriette (verwirrt). Ja — von mir. Baron. Aber ich rauche ja nicht. Rosenholz. Vielleicht auf dem Lande — aus Langeweile. So drehen Sic sich doch um! — Baron (zieht auS der andern Tasche ein Schnupftuch heraus) Ein Battisttuch, ich trage ja nur Foulards. Rosenholz. Auf dem Lande ist Battist kühler, drehen Sie sich um! Baron. Ewig umdrehen, als ob ich gebraten würde, laß' mich in Ruhe, ich gehe jetzt! Rosenholz (er bürstet noch und reißt schnell einen Knopf ab). Da ist ein Knopf los. Baron. Dummkopf! Henriette. Schnell einen andern Rock! (Sie bezeichnet die Thür des Barons. Rosen- Holz eilt hinein, bringt einen Rock und hilft dem Baron den Rock wechseln.) Baron. Tölpel! — Rosenholz (halblaut). Alles für die Damen! Baron. Was? Rosenholz (hat die Brieftasche). Nichts! — Endlich! — (Er drückt die Brieftasche an'ö Herz.) 9 Baron (steht die Brieftasche). Ah, meine Brieftasche, gib her. Rosenholz (für sich). Tod und Teufel! Henriette (für sich). Alles ist verloren! Baron (für sich). Das ist der dümmste Kerl, der mir je vorgekommen ist. (Laut.) Ich habe die ganze Lust verloren, den Besuch zu machen. (Er legt die Brieftasche in die Lha> touille, sperrt sie zu mit einem goldenen Schlüssel, der an seiner Uhr hängt.) Komm, mein Kind, wir wollen jetzt die Koffer schließen. Henriette (für sich). Ich muß die Briefe haben um jeden Preis. (Ab mit dem Baron.) Siebzehnte Seene. Rosenholz, späterJohann. ! Rosenholz. So benimmt sich ein Ehemann, und das will geliebt sein. (Er schüttelt die Chatouille.) Fest verschlossen. Ich muß hinein, und sollte ich einen Einbruch begehen. Alles für die Damen! Johann (steckt den Kopf zur Thür herein, sieht sich vorsichtig um und sagt leise.) Gnädiger Herr, soll ich noch warten? Rosenholz. Nein, marsch! Entferne Dich, ich will ein Verbrechen begehen — nein, bleib', — nein, geh' und hole mir einen Schlosser. Auch das nicht; es wohnt ^ einer gegenüber, trage dies Kästchen zu ihm, er soll es aufsperren, zerschlagen, was er will, nur bringe es mir offen und schnell wieder. Johann. Ich fliege. (Gr eilt ab mit der Chatouille.) Achtzehnte Scene. Rosenholz (wirft sich in einen Etuhl)- Jch bin todtmüde. Edles Weib, in zwei Minuten kannst Du deine Kinder ruhig an's Herz drücken, — richtig, — sie hat keine Kinder, so kann sie ihren Mann an's Herz drücken. (Er steht auf.) nein, — der verdient es nicht! — O Himmel, wen wird sie umarmen? — Theattr-Rtperioirt Nr. 72. Neunzehnte Scene. Henriette. Vorige. Henriette (eilt herein mit der Uhr des Barons). Schnell, ich habe den Schlüssel, er hat mir die Uhr gegeben, ich gab vor, die Pendeluhr darnach richten zu wollen. (Sie sucht mit den Augen.) Wo ist denn die Chatouille? Rosenholz. Fort! Henriette. Fort? Rosenholz. Ich habe sie zum Schlosser geschickt — Henriette. Sie machen doch nichts als dumme Streiche! Wollen Sie mich denn mit Gewalt zu Grunde richten? Rosenholz. Ich? der ich den letzten Blutstropfen für Sie gäbe? Henriette. WaS nützt mich Ihr Blut, ich brauche die Briefe! Rosenholz. Fürchten Sie nichts, ich bin da! Henriette. Wären Sie lieber nie dagewesen. Rosen Holz. Ich gehe und hole die Chatouille. (Ab.) Zwanzigste Scene. Henriette, später der Baron. Henriette. Der Mensch bringt mich um's Leben. Baron (aus seinem Zimmer, mit einer Brieftasche in der Hand). Das ist sonderbar. Ich habe doch meine Brieftasche in die Chatouille gelegt, und nun finde ich sie in meinem Rock. Ich muß mich überzeugen, gib mir meine Uhr! Henriette (ist einer Ohnmacht nahe). Was willst Du? Baron. Wo ist die Chatouille? Henriette. Du hast ja die Brieftasche in der Hand. Baron. Wo die Chatouille ist, frage ich! Henriette. Ich weiß es nicht. Baron. Wie, Du weißt nicht? r 10 Henriette. Vielleicht ist sie in deinem Zimmer! Baron. Unmöglich! Ich komme ja so eben von dort. Henriette. Ich weiß es gewiß. Baron. Gewiß? — So will ich Nachsehen. (Ab) Einundzwanzigfie Scene. Henriette, dann Rosenholz. Henriette. Wenn er nur käme! Rosenholz (tritt athemloS ein) Hier ist die Chatouille. Henriette (freudig). Ach! Rosenholz. Ich riß sie dem Schlosser aus den Händen. Henriette. Schnell, geben Sie mir meine Briefe. Rosenholz. Geben Sie mir den Schlüssel. Henriette (sehr erschreckt). Ist sie nicht offen? Rosenholz. Nein, sie haben ja den Schlüssel. Henriette. Nicht mehr, mein Mann hat ihn zurückgenommen. Rosenholz. Entsetzlich! Henriette. Sie sind mein Unglück. Warum haben Sie mir diese dummen Briefe wiedergebracht, wer hat sie verlangt? Mein Mann sucht jetzt die Chatouille. Roscnholz. Er soll sie nicht bekommen, ich bin da. Henriette. Um die Sache immer mehr zu verwirren. Rosenholz. Ich verwirre sie, — ich? Baron (hinter der Couliffe). Henriette! Henriette. Hören Sie, er ruft mich. Rosenholz. 3a, der Tiger brüllt. Baron (wie ober). Henriette! Henriette (ruft). Ich komme schon. (Zu Rosenholz) Retten Sie mich! Die Chatouille muß verschwinden. Rosenholz. Ich kann sie doch nicht essen! Henriette. Sie haben drei Secunden Zeit, so lange werde ich meinen Mann aufzuhalten suchen. (Geht in da« Zimmer de« Baron«) Zweiundzwanzigste Scene. Rosenholz lallein). Drei Secunden, um eine Chatouille aufzueffen! Aber etwas muß damit geschehen, ich kann mich doch nicht mein Leben lang mit dieser Chatouille abquälen, es muß ein Ende haben! (Sr bemerkt im Kamin da« brennende Feuer ) Ha! Ein leuchtender Gedanke. In's Feuer damit! (Er läuft hin. bleibt aber plötzlich stehen.) Weh mir, meine Brieftasche mit 2000 Gulden ist darinnen! Rosenholz, Du zauderst, wo es sich um die Ehre einer Dame handelt? In's Feuer damit! (Er wirft die Chatouille in's Feuer, und läßt den Schieber de« Kamin« herab.) Dreiundzwanzigste Scene. Henriette. Der Baron. Rosenholz. Baron. Es ist unnütz, die Chatouille ist nicht in meinem Zimmer. (Er sucht.) Rosenholz (leise und schnell zu Hen- riette.) Gerettet! Henriette (ebenso). Die Briefe? Rosen Holz (ebenso). Verbrannt. Henriette (freudig). Gott sei Dank! Rosen Holz (für sich). Sie freut sich! Meine armen 2000 Gulden! Baron. Wie verschwunden. Henriette. Du wirst sie bei Gelegenheit wicderfinden. Baron. Bei Gelegenheit? Tic Sache ist wichtig! Henriette. Was hast Du denn so Wichtiges in der Chatouille? Baron. Mein Gott, die 60.000 Gulden, um die Villa zu bezahlen. Henriette und Baron Rosenholz. Himmel! (Beide finken in einen Stuhl) Baron. 60.000 Gulden in Banknoten. Setzt Euch nicht wieder, sucht lieber. n Henriette und Rosenholz. Suchen! Baron (zornig zu Henrietten). Es ist dein Eigenlhum so gut wie meines, hier stand sie, hier ließ ich sie. Nestor, ich mache Dich dafür verantwortlich. Rosenholz. Mich? Baron. Ich kenne Dich nicht — wo sind deine Zeugnisse? Rosenholz. Ich habe keine. Zahlen Sie mir meinen Lohn — ich gehe. Baron. Du bleibst. (Er zieht seine Uhr aus der Tasche.) Wenn die Chatouille in drei Minuten nicht hier ist, gehe ich zu Gericht. (Er gibt Henrietten die Uhr.) Keinen Schritt von hier. Ich lasse das Hausthor schließen. (Ab.) Vierundzwanzigste Scene. Henriette. Rosenholz. Rosenhvlz. Welche Lage! Henriette. 60.000 Gulden, haben Sie es gehört? Rosen Holz. Es ist viel! Aber meine 2000 sind auch mit verbrannt; die 5000, die ich Artbur geliehen habe, sind auch so viel wie Zunder. Es ist viel Geld für drei Briefe! Aber, Sie sollen nichts verlieren! Ich verkaufe mein Gut. ich verkaufe mein« Pferde, ich werde zu Fuß gehen, wenigstens werde ich keine Damen mehr mit Koth bespritzen! (Er zieht die Livröe aus und den Rock an.) Henriette (mit Bewunderung). Wie, mein Herr, das wollten Sie thun? Rosenholz. Alles für die Damen! Fünfundzwanzigste Scene. Julie. Vorige. Julie. Wer hat denn den Kamin geschlossen, da wird ja das Feuer verlöschen. (Sie zieht den Schieber in die Höhe.) Was liegt denn da drinn? (Sie zieht die Chatouille her- aus Henriette und Rosenholz eilen zum Kamin Rosenholz nimmt die Chatouille.) i Rosenholz. Werthheim und Wiese, die schönste Probe, das muß in die Zeitung. (Zu Julie.) Schweig', oder ich erdolche Dich. (Er schiebt Julie zur Thür hinaus.) Sechsundzwanzigste Scene. Henriette. Rosenholz. Henriette. Die Chatouille riecht nach Rauch. Rosenholz. (Oeffnet die Chatouille mit dem Schlüssel ) Endlich find Schlüssel und Chatouille vereinigt! Henriette. Schnell die Briefe. Rosen Holz (gibt ihr die Briefe). Hier sind sie. Sie sind gerettet! (Er schließt die Chatouille wieder.) Henriette (reibt den Umschlag weg und liest). »Verzeihen Sie, gnädige Frau, daß ick Ihnen nur leeres Papier schicke. Ihre Briefe verbrannte ich am Tage Ihrer Hochzeit. ES ist ein Scherz, den ick mir mit meinem Freunde Rosenholz erlaube.« (Sie lacht laut.) Rosenholz (lacht auch, hält aber plötzlich i.,ne »nd sogt ) Der Scherz kostet mich 5000 Gulden; pfui, Arthur! Aber ich bereue es nickt — ick habe Sie gesehen. Henriette. Mein Herr — Rosenholz. Verkennen Sie mich nicht, ich fordere keinen Dank. Henriette. Ich achte Sie, hier meine Hand. Rosenholz. Sie lächeln, Sie baben verziehen? (Küßt ihr die Hand.) Mein Werk ist vollbracht! Es bleibt mir nichts zu thun übrig, als fortzureiten. (Er zieht die Livräe aus und seinen Rock an.) Siebenundzwanzigste Scene. Baron. Vorige. Baron. Die drei Minuten sind vorüber, wo ist die Chatouille? Rosenholz. Fürchten Sie nichts mehr. 2 * 12 eBaron. Wie kommst Du zu diesen Kleidern? Wer bist Du? — Wer sind Sie? Rosenholz (verwirrt). Mein Herr, ich — Baron. Antwort! — diese Verlegenheit, diese Verkleidung, das thut nur ein Dieb oder ein Liebhaber. — Die verschwun-j dene Chatouille — j Rosenholz (nimmt die Ehatouille, reicht sie ihm und sagt ruhig). Ist hier! — Ich hatte sie. Wenn Sie einen Dieb kennen, der 60.000 Gulden wiederbringt, so bitte ich Sie um seine Adresse. Baron. Zum Teufel, Du Taugenichts! (Weist ihm die Thür.) Nestor (für sich). Alles für die Damen! Ende. Von demselben Verfasser sind im Verlage der Walllshauffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, am hohen Markt Nr. 541 erschienen: Der Mord in der Kohlmessergaste. Posse in 1 Act. 35 kr. Eine Vorlesung bei der Hausmeisterin. Posse in 1 Act. 30 kr. Ein junger Gelehrter. Lustspiel in 1 Act. 30 kr. Druck unv Papier von Leopolr Sommer in Wien ( Den Bühn en gegen über als Manus k ript gedruckt.) Ein Juchs. Posse mit Gesang in drei Aufzügen von Carl Zum (Giugno). Musik vom Lapellmttster Carl Dinier. Zum ersten Male aufgesührt in Wien im Carl-Theater Mil außergewöhnlichem Erfolge. Personen: Eduard Graf von Warting. Clotilde von Burgen! verwandt. Doctor Pfeffer, Testaments-Executor. Lord Hamilton. Herr von Clairence. Ehrmann, Güterdirector. Hecht, Amtmann. Hans Gradaus, ein Müller. Anna, sein Weib. Wirthschaftsrath Schürer, ihr Bruder. Marie, ihre Base, in Diensten des Amtmanns. Gabriel 24 Jahre alt » Godaus' Josef 12 -» » / P»ul » . . > Kmd,r. Kathi 7 Zabre alt j Gradaus' Reserl 4 » » j Kinder. Pudel, ein armer Stiefelputzer. Biegier, mrütrt; tsilleur. Madame Biegler. Frau Dorothea, Wirthschafterin beim Amtmann. Mariannes Balthasar, Bedienter Jacob, Diener des Grafen. Franko is, Kellner. James, Hamilton s Jokai- Ein Kolatschenweib. Zacharias, ^ Veit, ! Geschworne. Klaus, ! bei Clotilde Bauern. Geschworne. Ortswächter. Dienerschaft. Badegäste. Die Handlung spielt theils in Taubenhain auf den Gütern des Grafen von Warting theilS in einem nahegelegenen Badeorte. Erster Lei. (Bauernstube in GradauS' Mühle.) Erste Scene. Anna. Zosef. Paul. Kathi. Reserl. (Rechts vorn am Tische fitzt Anna, eine Brille auf der Nase, zwischen ihren Söhnen Josef und Paul, welche lesen und schreiben, und von ihr überwacht werden. Auf einem Fußschämel fitzt Kathi, an einem großen wollenen Strumpf strickend. Reserl sitzt auf der Erde und spielt mit der Katze.) Anna (auf Josefs Schreiben blickend)- Was is das wieder für ein Krickelkrackel? Josef. Das is lateinisch, Mutter! Anna. Was brauchst Du lateinisch zu lernen? Josef. Der Schulmeister hat g'sagt: Deutsch schreib i schon passabel, viel besser als der Vater! Anna. Warum nicht gar! — Bild' Dir nur nir ein! — dein Vater kann curios schreiben — der macht die schönsten Schnirkeln, wenn er will langmächtig! — Josef. Der Schulmeister hat g'sagt, ich soll mich nur recht zusammennehmen, daß ich a Gelehrter wcrd'. und nit so dal- ket wie die Bauern in unserm Dorf. - Anna. Wcrd' Du nur so g'scheidt, wie dein Vater is, nachher bin i schon zufrieden! Josef. Der Vater is auch a Bauer, hat der Schulmeister g'sagt. Anna. Dein Vater is Müllner, — aber der Schulmeister soll sich nur in Acht nehmen, daß er ihn nicht einmal in die Arbeit nimmt. Josef. Ja kotzengrob is er — das sagen alle Leut! Anna. Weil er a grader, aufrichtiger Mensch is, aber so sein dieLeut, wenn einer heut zu Tag die Wahrheit red't, gleich muß er grob sein, oder sie legen ihm gar einen Maulkorb vors Maul. Zweite Scene. Vorige. Marie (mit einem Einkaufkorb voll Grünzeug). Marie. Grüß Gott—Alle mitsammen! Alle Kinder (sie umringend). O je! die Manischer!! die Maritscherl! Marie. Hehe! — Ihr erdruckts mich ja! — Da, Ihr kleinen Naschkatzen, da Hab' ich Euch süße Marschanzker mitbracht! (Zu Anna.) I bin einkaufen gangen, und da Hab i mir denkt, i muß g'schwind einmal hereinspringen und schau'n, was denn eigentlich g'schehen is — i hör' da beim Amtmann so viel reden, und kenn' mi nit aus — sag' mir d' Frau Mahm, was hat denn der Herr Vetter wieder mit'n Rentmeister g'habt? — Anna. Ach, meine liebe Marie, i kum aus die Sorgen schon gar nimmer heraus! Du weißt, daß jetzt schon bald seit ein' Jahr unsere Mühl' still steht, weil das Wasser bei der letzten Ueberschwenunung alle Wehren ausg'rissen hat, und die Gang' nimmer treibt — mein Mann hat für sein Geld die halbe Arbeit Herstellen lassen, und die andere Hälfte sollt' die Gutsherrschaft bestreiten, es is aber bis jetzt von oben nir g'schehen, und wir haben uns in Schulden g'steckt bis über die Ohren! Vor 8 Tagen is der neue junge Graf ankommen, der ein guter, lieber Herr sein soll — aber mein Mann kann nit Vorkommen bei ihm, weil der Amtmann und der Rentmeister ihn nit leiden können! 3 Marie. Aber mein Gott, was hat er ihnen denn gethan? Anna. Der Rentmeister hat vor a vierzehn Tagen in sein'm Zorn an Knecht fast Vorschlägen dräust anf'm Feld, und kein Mensch hat's gesehen, als mein Alter. Wie die G'schicht vor Gericht kommen ist, haben sie's gern wollen vertuschen, und der Rentmeister hat verlangt, er soll aussagen, daß der Knecht z'erst g'schlagen hätt' auf ihn, und ihn in d'Wuth bracht. Na, da is er natürlich an den Unrechten kommen, denn lugen thut mein Alter nit, das woast! Marie. Conträr — er sagt oft a Bissel z'viel die Wahrheit. Anna. Mit einem Wort, er hat gegen den Rentmeister ausg'sagt vor G'richt, dar über is der Rentmeister süchtig wor'n, hat alle unsere Schuldschein an sich kauft, und dringt jetzt auf die Bezahlung! — Mein Alter is just hingangen zu ihm bitten, daß er noch a Bissel Geduld mit uns hat. — Marie. Gott geb's, daß er nit umsonst gangen is! Wann nur der Gabriel da war', der wurd gewiß ein'n Rath wissen. Anna. I bitt' Dich! red' nur nir gegen nrein'n Alten von dem Buben — er will nir wissen von ihm! — Seit er aus der Lehr g'loffen und a Student wor'n is, darf i gar sein'n Namen nimmer nennen vor sein'n Vätern. Dritte Scene. Vorige. Hans (sehr aufgeräumt). Hans (noch hinter der Scene). So laßt doch den Hund von den Ketten los, Oes Sapperloter! — Die armen Vieher wollen a a bisserl herumspringen, und ihre Freiheit genießen, wie wir. — Alle. Der Vater! Der Vater! (Die beiden Buben laufen geschwind wieder zu ihren Plätzen am Tisch und stellen sich eifrig arbeitend.) Anna. Er ist lustig — da bringt er gewiß a gute Post! Hans (hereintretend). Grüß Eng Gott, Kinder! — Sckau, schau, die Marie hat ein'n Abstecher gemacht! — Gib Obacht, daß Du kein'n Putzer kriegst, die alten Weiber san hantig, wenns amal anfangen. Marie. Der Herr Vetter is ja gar gut aufgelegt? — Anna. Is g'wiß Alles gut ausgangen beim Rentmeister. Hans. Hahaha! — Dem Hab' ich's g'sagt! Der hat d'reing'schaut! — Ich Hab' mir wieder amal Lust gemacht auf vierzehn Tag! — Den Sack voll Wahrheiten, den ich ihm spendirt Hab', den ertragt er nicht, und wenn sein Buckel noch fünfzigmal breiter war'. Marie. Ui jeh! I Hab' mir's denkr! Anna. Das nennt der Mann bitten gehen! — Um Alles in der Welt, Hans, was hast denn schon wieder angestellt? — Hans. Ang'stellt? — nir! — Ich Hab' ihm nur g'sagt, daß er ein schlechter Kerl is. Marie. Der Rentmeister wird jetzt g'wiß die Schuld einklagen. Anna. Jetzt kannst Dich nur glei um ein Advocaten umschaun! Hans. Zu was? — Daß ich dem Rentmeister schuldig bin, das kann kein Advocat wegdisputiren. Anna. Das kann man nit wissen, so a Herr macht oft das Krumpe grad, und das Grade krump! Marie. Deßwegen studieren ja die Advocaten! Hans. I will aber nit krump gewinnen — lieber will i alles grad verlieren. — Wann die Herrschaft droben anf'm Schloß ihr Wort nit halt, so is das a Halunkerei, die sie vor Gott zu verantworten hat. — I Hab' als ehrlicher Kerl gehandelt, und wenn sie mir auch mein' Mühl da verkaufen, und mich von Haus und Hof wcgtrci- ben — heucheln und schmeicheln kann i deßwegen do nit — und jetzt Punctum, Alte, und redt's mir kan Wort mehr davon. Wo sind denn meine Buben? — Josef. Hier, Vater! Hans. WaS treibst denn da, Pepi? — Josef. Ich mach lateinische Buchstaben! 1 * 4 Hans. Seh'n laßt's! — Für beut l Gottes Namen! Komm mit, Alte! — Du habt's genug studiert! Nehmt's engere Sabeln, geht's nunter in den Hof und spielt's Soldaten! Joses und Paul. Hollah! — (Lpcm- gen hinaus und nehmen Katherl und Rkserl mit.) Anna. Was treibst denn die Buben von ihrer Schreiberei fort? — Hans. Ich kanns nit leiden, wann's den ganzen Tag nir anders thun, als Federfuchsen! — I bin a Bauer, und brauch keinen Professor unter meine Kinder! — Hast no nit g'nua an dem einen nirnutzigen Bub'n, der a nir anders than hat, als daß er den ganzen Tag in die Bücher d'rin g'steckt is? — Was is aus ihm word'n? — a Tagdieb! — der seinen Aeltern nir als Schand macht. Marie. Vetter! Schimpf der Vetter nit aufm Gabriel! Hans. Na freili — a Freud' werd' i hab'n über ihn. Wann er wieder a ordentlicher Mensch wird, der sein Vater sein'n Stand achtet und ehrt — so soll er mir recht sein — sonst soll er mir nimmermehr vor die Augen kommen. Vierte Scene. Vorige. Zacharias. Zach. Gevatter! Du sollst glei zum Herrn Amtmann kommen — um zehn Uhr is Sitzung. Hans. Da schau her — der Herr Amtmann laßt mi einladen — ein schön Gruß — und i brauch kein Sitzung — i sitz z'Haus viel besser. Zach. Aber vielleicht nimmer lang — der Renkmeister hat Di einklagt. Marie und Anna. Ach Du mein Gott! Zach. Sie haben Dir'n Gerichtsdiener schicken wollen, aber weil i a guter Freund bin zu Dir, so Hab' i Dir d'Freud g'macht, und bin selber gangen! — Hans. OTu gute Seel'! I dank' Dir! Gedt's mir mein Hut, und geh'n wir in kannst mi stupsen, wann i vielleicht wieder gegen'« g'strengen Herrn den Respekt vergiß. Alt na. Was wird das noch für ein End' nehmen mit uns? — Hans. Wie der da oben will — der wird's schon machen! —Alles können's uns nehmen — alles bis auf'n letzten Rock, aber besser sie verkaufen mir mein Haus und meine Wirthschaft, als daß ich ihnen meine Ehr' verkauf. Und wenn uns auch nir bleibt, als der Bettelstab, so werd' ich ihn mit Stolz tragen, denn i Hab' a besseres G'wissen, als all die Herren da droben, die mich so gern zum Halunken machen möchten. — Kommt's, Kinder! — (Alle ab.) Verwandlung. (Ein Theil einer Promenade in einem Badeorte. Hinten führt eine Allee quer über die Bühne, welche mit Statuen verziert und m>t Bänken versehen ist, auf welche die promenirenden «Käste sich setzen. Rechts ein WirthShauS !m eleganten Style mit der Ueberschrift: Casino. Links im Vordergrund ein freundliches Wohnhaus mit einer großen Tafel: »Pierre Biegel. Maitre Tailleur» über der Thür. Neben der Thür hinunter eine Tafel mit der Aufschrift: »Ausschließlich privilegirte Genie-Rocke,» welche deutlich zu lesen sein muß — Ganz im Hintergründe sieht man einen breiten Fluß, über welchen ein Steg in die Wohnungen der Cur- gäste führt ) Fünfte Scene. Lord Hamilton. Herr von Clairence. Schürer. Ehrmann. Badegäste (pro- meniren — trinken Brunnen — funge Bäuerinnen als Blumenverkäuferinnen — Bursche mit Cigar- ren, ein anderer mit Zündhölzchen rc DaS ganze Bild muß recht lebendig sein, und bleibt in seinen kleinen Nuancen der Fantasie des Regisseurs überlasten.) Chor. Aus dem Gesteine sprudelt der Quell, Reicht uns credenzend zur Cur Silberne Ströme so frisch und so hell, Wunderarznei der Natur! Ehret und preiset die stärkende Kraft, Die neue Freude zum Leben uns schafft! 5 Ham. (im Reitcostüme, tritt vor). Ich sage Ihnen, Clairence, mein Hector ist ein Götterthier, ein Pferd zum Küssen! Er muß heute den ersten Preis bekommen! Ich Hab' auf ihn noch ertra mit dem Grafen Bernburg hundert Louisd'or gewettet. Elair. (ihm folgend). Reiten Sie selbst? Ham. Versteht sich! — Um 11 Uhr ist das Rennen, um 12 Uhr die Wettfahrt nach Taubenhain. Kommen Sie, Freund, Sie müssen meinen Triumph sehen. Clair. (geckenhaft) Thut mir leid, Mylord, aber gerade heute kann ich nicht von der Partie sein — ich erwarte einen höchst wichtigen Herbst-Modebericht aus Paris, den darf ich nicht versäumen. Sobald ich aber meinen Schneider und das Journal erpedirt habe, folge ich Ihnen sogleich. Ham. Nun also, auf Wiedersehen bei der Steeple-Chase! — (Im Abgehen für sich) Eitler Geck! (Ab.) Clair. (ihm nachsehend). Den bringen seine Pferde noch einmal um den Verstand! — Ist mir unbegreiflich, wie ein Mensch eine so lächerliche Leidenschaft haben kann (Besteht sich in einem kleinen Taschenspiegel.) iVlais mon Dien! was seh ich! — da hat mir der ungeschickte Friseur die linke Locke um einen halben Zoll zu nahe an's Ohr gedrückt! Wenn das ein Mensch bemerkt! Den Schlingel bringe ich um! — (Stürzt ob.) Sechste Scene. Pudel (ärmlich gekleidet — ein Tischchen und einen Schemel auf dem Kopf tragend, ein AuSklopsstaberl in der Hand — die Taschen voll Bürsten, WichS-Flaschen rc.) Enlree-Lied. In einer Wiege lag vor Zeiten Ein schön geformtes Engelskind, So zart, daß alle Leut' sich freuten, Weil andere Kinder nicht so sind! — Das Aug' verrieth des Geistes Flammen, Und dieses Kind — war ich! Jetzt drückt mich mein Stand, Es ist eine Schand, So, daß ich vor Gall Recht tüchtig einmal, Die ganze Welt, weil's an mir handelt, so schlecht Mit Hochgenuß wixen und ausklopfen möcht'! Denn obschon an der Wiege mir Grazien gelacht, Hab ich's leider doch bis zum Wirier nur gebracht. (Setzt seinen Tisch neben Biegler'S HauS — breitet Bürsten und Wichse darauf auS, und setzt den Schämel davor.) O Mutter! Mutter! warum hast Du mich geboren! Grausames Schicksal, das mich zum Stiefelputzer auserkiesen, und mich einem Beruf entgegen« führte, der bei all' seinem verlockenden Glanze doch eine so schmierige Seite hat! Und die Menschen sind so schlecht! Erst gestern hat mich derWirth von der »silbernen Anten« ermorden wollen — er hat mir erklärt, daß ich bei ihm nichts mehr auf Puff kriege, und weiß doch recht gut, daß ich nir zahlen kann, und außer ihm kein Wirth so dumm ist mir zu borgen — er gibt mich also dem Hungerstode preis! Niedrige Seele! Auf diese Art bleibt mir nir Anderes übrig, als wieder das verhaßte Geschäft des Stiefelputzens zu ergreifen, was mich um so mehr kränkt, da ich fühle, daß ichzuwasH 5- herem geboren bin! — Zu was ich eigentlich geboren bin, das weiß ich zwar nicht recht genau — aber es wird sich schon noch einmal zeigen! Ich geb' die Hoffnung nicht auf! Unser Herrgott verlaßt keinen Deutschen — und wenn der Deutsche auch hin und wieder einmal Hunger lcidt, so hat er doch immer desto mehr Durst dafür! (Geht an seinen Stand.) Siebente Scene. Voriger. Ehrmann. Schürer (treten vor — während dieser Scene wird die Bühlie nach und nach leer). Ehrm. Wie ich Ihnen sage, lieber Schürer, penstonirt bin ich! das war das 6 erste gute Werk unseres jungen Grafen, als er das Erbe seines verstorbenen Oheims übernahm. — Schürer. Und das nennen Sie ein gutes Werk! — Ehrm. Allerdings! Ich bin alt und schwach geworden, und habe meine Ruhe verdient! Den größten Beweis seines Vertrauens gab mir unser junger Herr jedoch dadurch, daß er mich mit dem Aufträge beehrte, ihm selbst meinen Nachfolger zum Güterdirector zu empfehlen. — Pudel sfür sich). Bei denen schaut nir heraus! Die kenn' ich — das sind ein paar Oeconomen, die putzen sich ihre Stiefel selber. Schürer (schmeichelnd). Ei, da könnten Sie ja durch Ihr Fürwort einen Menschen glücklich machen. Ehrm. Ja, meine Empfehlung allein würde nicht genügen. Ich kenne das! — Wer in Taubenhain Güterdirector werden will, braucht vor Allem die Protection der hohen Verwandtschaft. Vor Kurzem erst habe ich selbst das bitter gefühlt! Sie kennen meine Brochure über die verbesserte Stallfütterung?! — Schürer (sckmeickeind). Versteht sich — ein wahres Meisterwerk! Ehrm. Glauben Sie, daß ich meine Ideen bei uns hätte durchsetzen können? Nicht möglich! Die Verwandtschaft unseres Herrn erklärte sich dagegen, und der Graf, der leider gar keine Selbstständigkeit entwickelt, ließ mein Werk unberücksichtigt! Was sagen Sie dazu? Schürer. Es ist unbegreiflich — Ehrm. Kommen Sie — bei einer Flasche Rheinwein schwatzen wir von unseren alten Erinnerungen. (Beide ab ins Casino.) Pudel (allein, ihnen nachrufend im Ge- schäftstone). Bürsten! Bürsten! Stiefelwichsen! A bisserl ausklopfen! S' is wiederarecht hübscher Tag heut! — Nit ein anständiger Mensch laßt sich sehen, der sich wichsen lassen möcht! Die Straßen werden immer reiner — und dieMenschen werden immer schmutziger! Meiner Seel', i könnt' mich vor lauter Zorn selber ohrfeigen— aber — ich bin zu etwas Höherem geboren! — Da kommt Einer — der laßt sich vielleicht ausklopfen! — verwaht gnua schaut er aus! — Achte Scene. Vorige. Gabriel (in ärmlich zerrissenem Studentenonzug, ein kleines Bündel unter dem Arm tritt aufgeregt aus dem Hintergründe auf). Entree-Lied. Hinaus aus dem Leben — hinaus aus der Welt. Die der Mammon beherrscht, das erbärmliche Geld, In welcher der Arme trotz Sorgen und Müh', Trotz redlichem Streben, Fleiß und Genie — Vor'm Hausthor des glücklichen Pinsels verdirbt, Der schlafend sich Ehre und Reichthum erwirbt. Mein Testament ist gemacht, und mein Haus ist bestellt, Hinaus aus dem Leben, hinaus auS der Welt! Wie bring ich mich um? — Durch Vergiften? — o nein! Verzwickt war mein Leben, doch der Tod soll's nicht sein. Ich jagte mir gern eine Kugel durch's Haupt, Doch darf ich nicht schießen, das ist nicht erlaubt. Erhängen? — pfui Teure!! — da schaut nir heraus, So a kleiner Strick halt so an Großen nicht ans; Drum spring' ich ins Wasser — im Wasser ist Ruh, Die Fische werden wenigstens schweigen dazu. Ja, ins Wasser! Das Wasser war zwar von jeher mein Todfeind — aber der Mensch soll sich mit seinen Todfeinden versöhnen, 7 wenn er stirbt! — Wozu ist der Mensch auf der Welt? — Zu nichts, als dem Schicksal als Fragezeichen zu dienen! — Er wird geboren, und weiß nicht wie? —er muß etwas lernen, und weiß nicht wozu? — Er nimmt sich eine Frau, und weiß nicht für wen? — Er bekommt Familie, und weiß nicht woher? — Er wird ein Greis, und weiß nicht wie so? — und endlich stirbt er, und weiß nicht warum? Und um was dreht sich die ganze Begebenheit? — Wie heißt das Triebrad, welches die ungeheure Maschine in Bewegung setzt? — Geld! Geld! — Und dieser dumme Metallklumpen, den Gott den Unbedeutenden angehängt hat, damit sie in seiner Schöpfung nicht ganz verloren gehen, — dieser glatte Glockengriff am Thore der Glücklichen zwingt mich — mich in dasWirthshaus zu stürzen, wo Karpfen und Stockfische aufwarten, wo jeder arme Schlucker doch nock wenigstens etwas zu schlucken findet, und wo man die Zeche mit dem Leben bezahlt. Pudel (tritt vor). Schaffens wichsen oder ausklopfen? Gabriel. Danke, mein Freund — das Schicksal hat mich schon bedient! Pudel. Mir scheint, Ihnen gehts a nit z'samm, so wie mir! Gabriel. O Du bist viel glücklicher, als ich — Du hast doch noch etwas zu verwichsen! — ich nicht! —Du hast die Macht, deinen Freunden eine glänzende Stellung zu "erschaffen, und deinen Feinden den Pelz ausklvpfen zu können. Pudel. Ja, das is wahr — ich bin zu etwas Höherem geboren! — Aber sagens mir, sind Sie denn krank? Gabriel. Allerdings! —Ich habe die Wassersucht! — Pudel. Das merkt man — geschwollen redens g'nua! Gabriel. Und an Heilung ist bei mir gar nicht zu denken, denn mein Magen ist zu gesund zur Hungercur — und meine Säcke zu krank zur Cbampagnercur, für die Schule des Lebens bin ich zu alt, und für das Jnvalidenhaus der Erfahrung bin ich zu jung! — Pudel. Sehr schön! — aber ich Habs nit verstanden! —Mir scheint — dazu bin ich zu dumm. Gabriel. Danke dem Himmel, der Dich mit dieser Dummheit ausgerüstet, und wenn Du Kinder hast, so laß sie nichts lernen, als drei Kreuze machen, damit sie einst wohlhabende Staatsbürger werden! — Mein Vater meinte es so gut mit mir! — Er gab mich zu einem Schneider in die Lehre, aber ich ging dem Schneider durch, weil mir eine andere Schneiderei im Kopfe steckte — ich wollte Welttheile zusammennähen, zerrissene Nationen ausflicken — den Occident zuscbnciden, den Orient ca put machen. — das kalte England wattiren. — das magere Irland füttern — und alle Differenzen der ganzen Welt ausbicgeln. — Ich studierte Tag und Nacht — büffelte alle Wissenschaften in mich hinein, und als ich endlich gelehrt genug war, um die Menschheit auf den Kopf stellen zu können; tratichauf, und verlangte meinen Wirkungskreis. — Aber der impertinente Bittsteller wurde zur Rübe verwiesen. — Jetzt schrieb ich ein ökonomisches Werk über Bodenkultur, und legte es der Akademie zur Preisbewerbung vor; ich erwischte auch richtig ein artiges Compliment — aber den Preis bekam ein Anderer, der ein Buch über die Wadencultur der Tänzerinnen geschrieben hatte. — Kurz, — all mein Streben war umsonst — ich bin immer, nach meines Vaters Beispiel, den geraden ehrlichen Weg gegangen, und konnte nichts durchsetzen. — Endlich riß mir die Geduld — ich beschloß in mein Dorf — zu meiner Familie zurückzukehren, jetzt aber, wo ich noch eine Stunde Wegs vor mir habe, fällt es mir wie Blei auf's Herz — denn was habe ich dort zu erwarten? — Mein Vater haßt mich, weil ich kein Schneider worden bin, und würde mich nur für einen Wurm anschen, der ihm die Kohlstauden abfrißt! Das Mädchen, das ich liebe, ist arm, und hofft mich, meinem 8 Versprechen gemäß, als gemachten Mann wieder zu erblicken! — Mein Onkel Schürer ist Wirthschaftsrath, und könnte mir vielleicht nutzen, aber der verachtet seine in Staub ge- bornen Verwandten, und bittet jeden Tag, daß seine ganze Bauernfamilie der Teufel holen soll. Alle Auswege sind versperrt, darum will ich meinem Leben ein Ende macken, und weil ich es zu keiner Höbe bringen konnte, so will ich denn hinunter in dieTiefe! — Aber damit ich wenigstens anständig in jener Welt erscheine, so putze mir zu guter Letzt ein wenig den Staub von den Stiefeln, denn auf den ersten Eindruck kommt Alles an. (Zieht ein Paar zerrissene Glacehandschuhe an.) Pudel (putzt ihm die Stiefel) Aber erlauben Sie mir, wann Sie nir haben, so können Sie mich am End' nicht einmal fürs Stiefelputzen zahlen. Gabriel. Diesseits nicht — aber jenseits! Pudel (hört auf zu bürsten) Jenseits? Wo ist denn Jenseits? Gabriel. Gegenüber vom Diesseits! Pudel. Gut, so geh' ich das Stückel Weg mit Ihnen! — Gabriel.Nun, so wollen wir mit einander in's Wasser springen. — Pudel. Sonst nir? I küß d'Hand! Springens nur allein! Gabriel. Du willst nicht? — Feige Seele! Wohlan, so will ich Dich zur Strafe für deine Mutlosigkeit zu meinem Universalerben machen. Nimm! — Drei Vatermörder ohne Bandeln — Zwei paar Glacehandschuhe ohne Finger—Ein Augenzwicker ohne Glas — ein Geldbeutel ohne Geld — ein paar Stiefel ohne Sohlen — und hier, dieses feine Battistschnupftücherl! (Zieht ein durchlöchertes Battisttuch hervor.) Du siehst, bei mir ist Alles im schönsten Zustande! Da Hab' ich auch noch ein paar Cigarren! Nimm und verdampfe sie. — Die Asche davon kannst Du Dir zur Erinnerung an mich in einer Urne aufbewahren. Pudel (löst daS Papier von den Cigarren ab). Ja! da bin ich ja auf Einmal ein Ca- pitalist! — (Hat das Cigarrenpapier eifrig betrachtet.) Erlauben Sie! Js das Papier nir werth? Da steht was d'rauf! Gabriel. Vielleicht ein Lebewohl des Schicksals an mich! Lies! Pudel. Ja — aber — I weiß nit, wo's anfangt. Gabriel. So gib her! — (Liest.) »Der Rabe und der Fuchs.« »Ein Rabe, der auf einem Baume saß, »Hielt in dem Schnabel einen Käß zum Fraß, »Den Käse roch ein Fuchs, der ihm zu Lieb' »Süß schmeichelnd grüßt den schwarzen Käsedieb. »O holder Rabe, darf ich mich Dir nah'n? »Du bist viel schöner als der Goldfasan. »Wie sehn' ich mich nach deiner Stimme Schall, »Man sagt, Du singst noch schöner als die Nachtigall. »Der Rabe dankt geschmeichelt drauf: Wohlan »Ich will so schön jetzt singen, als ich kann! »Er reißt den Schnabel auf, läßt seine Stimm' erschallen, »Jedoch den Käs' zum Fuchs hinunterfallen. »Der frißt ihn auf, der Rabe ist geprellt, »So kommt zu was ein Schmeichler auf der Welt!« Ja, die alte Fabel hat Recht! — heucheln und schmeicheln, schlau wie der Fuchs muß man sein, wenn man etwas erschnappen will auf der Welt, und ich Thor ging bis jetzt immer den geraden ehrlichen Weg, und habe hungern müssen dabei. — Die Vorsehung gibt mir einen Fingerzeig — Jetzt sehe ich deutlich die Bahn vor mir, auf der man wandeln muß. — Durch Dich, Freund, habe ich die Fährte des Glückes gefunden, Dich nehme ich dafür aus Dankbarkeit in meine Dienste! —Wie heißt Du? Pudel. Pudel! Gabriel. Pudel? O da bist Du ja zum 9 Aufwarten und Wedeln wie geschaffen! — Pudel! — ich will Dich zu meinem Tieger machen! — Pudel. Nein! ein anderes Vieh mag ich nicht werden! — Ich bin zu etwas Höherem geboren! Gabr. Wirf deinen Kram zum Teufel und folge mir, wenn Du dein Glück machen willst. (Man hört bei Biegler eine Dame mit Clavierbegleitung singen ) Horch! da bietet sich schon eine Gelegenheit! Bravo! bravissimo! (Zu Pudel) Schrei mit bravo! Pudel (ihn imitirend). Bravo! bravissimo! — Aber warum denn Bravo für so a G'sangel? (Gesang hört auf.) Gabr. Um Raben zu fangen! —Siehst Du das Schild: »Ausschließlich privilegirte Genie-Röcke.« — So was konnten wir gerade brauchen. (Spiel und Gesang wie frü> her mit gesteigerter Stimme.) — Ah! Ah! Göttlich! Charmant! Pudel (ebenso). Ah! Ah! Charmant! Gabr. Welche zaubervolle Töne! Welck entzückend süße Harmonie! Neunte Scene. Vorige. Biegler —später Mad. Biegler (am Fenster). Biegler (für sich aus dem Hintergrund vortretend). Was treiben denn die Spitzbuben da unter meinem Fenster ? Gabr. Nein! das ist keine menschliche Stimme! Nur einen Augenblick lang sehen möcht' ich die süße Nachtigall, die hier ihr Nest gebaut, nur sehn! Pudel. Ja, nur sehen möcht' ich ihr Nest, nur sehen! Mad. Biegler (ein schwärmerischer Kops mit langen Locken biegt sich nachlässig zum Fenster hinaus). Ach, meine Herren, meine Stimme ist heut entsetzlich umflort! Pudel. Ein altes Hefen ist ein Glockenspiel dagegen. Gabr. So dacht' ich sie mir, reizend wie die Muse, wenn sie in die goldenen Eier (sich verbessernd) oh' in die gold'ne Leier greift. Mad. Biegler. O ich bitt! Sie sind zu galant! Gabr. Diese schmelzende Stimme — Pudel. Ja — dieses Schmalz in der Stimme — Biegler (tritt vor und klopft Gabriel au die Schulter) Will der Herr mir das Weib narrisch machen? — Mad. Biegler (ihren Mann erblickend). Ha! (Verschwindet vom Fenster.) Gabr. (für sich). Aha! das ist der Schneider! (Laut im Berliner Dmlert), Wie, mein Herr, hat sich diese wunderbare Künstlerin noch in keinem öffentlichen Con- cert hören lassen? — Biegler. Warum nit gar — die Frau eines Schneiders. — Gabr. Mein Herr, ich seh nicht ein, warum die Frau eines Schneiders nicht singen soll? Es scheint überhaupt, daß Sie den segensreichen Stand der Schneider verachten. — Ein Schneider ist ein edles Wesen, denn während alle andern Leute die Schwächen ihrer Nebenmenschen aufdeckcn, deckt der Schneider alle Blößen zu. Er weiß jede schiefe Richtung auszugleichen, denn er sieht es am besten, wo es einen Faden hat — ja, ein Schneider muß schon bei der Erschaffung der Welt als Beirath fungirt haben, wie hätte sonst die Schöpfung wissen können, wie viel Stoff zu einem Menschen gehört? — Diese Dame wird als Künstlerin sicher noch den ersten Preis gewinnen — diese Stimme wie eine Glocke. Pudel. Haben Sie's denn noch nicht brummen gehört? Gabr. Diesen Schmelz in der Kehle! Biegler. Paperlapapp! das rührt mich nickt! Pudel. Der Rab ist zäh! Der will den Käs nit anslassen. (Gabriel will in s Haus.) Biegler. Ick werde bitten, dieses Haus fernerhin zu verschonen. Gabr. Thut mir leid, aber ich habe in diesem Hause Geschäfte. 10 Biegler. Geschäfte? Gabr. Allerdings! — Ich reise im Aufträge meines Oheims, des Präsidenten der ini nächsten Jahre in Berlin zu creirend« Welt-Industrieausstellung, um Erzeugnisse des deutschen Gewerbfleißcs aufzufindcn, welche geeignet wären, bei der Verleihung des großen Preises zu con- currircn! Aus meiner ganzen Reise hörte ich von nichts Anderem, als von den ausgezeichneten Genieröcken des Herrn Biegler reden, und habe mich deshalb sogleich hie- her gewendet, um den Künstler zu bewegen, sein großartiges Werk der allgemeinen Bewunderung nicht länger zu entziehen. Biegler (mit steigender Freude). Wie? — Ihr Herr Onkel wäre Präsident der Industrieausstellung? — Gabr. Ah! — Sie wundern sich, den Verwandten eines solchen Mannes in diesen Kleidern zu sehen? — Ein galantes Abenteuer bewog mich heute Narbt, mich und meinen Bedienten hier so zu costumi ren. — Um nicht verrathcn zu werden, ließ ich alle meine Effecten in meine Equipage tragen, und mein Kutscher, der Tölpel, den mein langes Ausbleiben geängstigt haben muß, und der mich wahrscheinlich hier nicht mehr vermuthete, ist auf und davon nach der Residenz zurückgefahren. Pudel (für sich). Der lügt wie gedruckt!— Gabr. Herr von Biegler aber ist ein genialer Künstler, und wird gewiß verzeihen, daß ich in dieser Maskerade vor ihm erscheine. — Leben Sie wohl! Biegler. Einen Augenblick, meinHerr! — Den Mann, den Sie suchen — Sie haben ihn bereits gefunden — der geniale Künstler bin ich selbst. Gabr. Was? — Sie? — Sie selbst sind der große Biegler? — In meine Arme, berühmter Mann! — Biegler. Und ich dürfte mir schmeicheln, daß der Herr Onkel-Präsident meine Erfindung belohnen wird? Gabr. Und wie — ein Band — Pudel. Ein Strumpfband! — Gabr. Und die goldene Preismedaille! Biegler. Die große? Gabr. Nein, die kleine! Pudel. Warum denn? — Geben wir ihm gleich die Große. Biegler. O meinHerr, wie soll ich Ihnen danken? Gabr. Nichts von Pank! Leben Sic wohl, genialer Biedermann! — Bald sollen Sie von mir hören! — (Will fort.) Biegler. O bitte — bleiben Sie dock noch ein wenig! — So kann ich Sie unmöglich fortlassen — Ihr Anzug muß Sie geniren — wenn ich es wagen — wenn ich mir schmeicheln dürfte — Pudel. Schmeicheln Sic sich nur! Biegler. Ick habe ein großes Lager der elegantesten Kleidungsstücke. Gabr. Wenn sie wirklich elegant sind — aber recht sehr elegant müssen sie sein. — Pudel. Sonst bleiben wir lieber so! (Mit Stolz). Sie sehen, wir halten etwas auf unser Erterieur. — Biegler (zu Gabriel). O, ich hoffe Sie zufrieden zu stellen! — Bitte, spazieren Sie mit hinauf in mein Atelier. Sie verzeihen, daß ich voraneile — Jacques! Anzüge herunter — premiöre Qualität — (Unter tiefen Verbeugungen ab ins HauS ) Gabr. Hahaha! Triumph! Der Rabe hat gesungen, und der Fuchs holt sich sein Stückchen Käse! — (Ihm nach ab ) Pudel (ihm nachrufend). Pergessens nit auf mick! O Du armer Schneider! — Es war ordentlich rührend, wie schön als er aufgesesscn is. — Wenn das so fortgeht, so bringen wir's am Ende richtig noch zu etwas Großem. Fort mit Dir, elende Stiefelputzern! Ich werde jetzt der Welt beweisen, daß ich zu etwas Höherem geboren bin! Gabr. (erscheint oben am Fenster). Da Pudel! da ist eine Tiegerhaut für Dich: (Wirft eine Jokai-Jacke und eine Kappe her- unter.) Pudel. Küß die Hand! Gleich macht II die Menagerie Toilette. — (Zieht seinen Frack aus.) Sie, aber wo soll ich denn ein Frühstück hernehmen? — Der Tiger-Pudel hat Hunger wie ein Wolf. Gabr. (am Fenster). Sosteb zu. daßDu was erwischst—mach's so wie ich — fange Naben! (Zieht sich zurück.) Pudel (hat die Jacke anqezogen und die Kappe aufgesetzt). Fang Raben! — das ist leicht gesagt — aber wo bernebmen? — Halt, da kommt ein altes Kolatschenweib. Zehnte Scene. V o riger. Ein Kolatschen weib (mit einem großen Korb auf dem Rücken). Kolatsch. Frische Kolatschen! kauft's frische Kolatschen! — Pudel (Gabriel imitirend) Ha diese Stimme!—reizende Muse mit der geschmolzenen goldenen Leier! Zhr Götter, das ist keine menschliche Stimme! Kolatsch. Kolatschen gefällig? — Pudel. O Du Glückliche! Du hast den ersten Preis in der großen Industrieausstellung. — Deine Kolatschen kriegt ein Band ins Knopfloch! — Kolatsch. Ich wett' um mein Kopf — der Herr is verrückt! — Pudel. O nicht um deinen Kopf, wetten wir um nichts Altbackenes — wetten wir lieber um a Kolatschen! Kolatsch. Laß mich der Herr gehen! — Frische Kolatschen kauft's! frische Kolatschen! — (Ab.) Pudel. Halt, Mensch gewordene Lyra — süße Nachtigall mit dem Kolatschennest, ich bin noch nicht fertig mit Dir! — (Rennt ihr nach.) Eilfte Scene. Gabriel (sehr elegant, modern schwarz geklei det, hat einen Earbonari-Mantel um). Gleich darauf Clairenee. Gabr. (ins Haus rufend). Auf Wiedersehen, mein lieber Biegler, wenn ich etwas für Sie thun kann, wenden Sie sich nur direkte an mich! — (Vortretend.) Es gehl vortrefflich! — das erste Erforderniß, die anständige Außenseite, der unfehlbare schwarze Frack wäre erobert, jetzt können wir auch an die inneren Angelegenheiten, an denMa- gen denken! Wo ist denn mein Pudel hingekommen? — Vermuthlich ist er auf die Jagd gegangen, ein Frühstück zu erhaschen, das soll jetzt auch meine erste Sorge sein. Clair. (tritt auf). So, die Frisur wäre in der Ordnung, und ich kann der Mittagspromenade rubig entgegensehen. — He, Franxvis! — Fran§. (t, ittaus dem Castno). Befehlen?— Clair. War derCourier mit demModc- journal nicht da? — Fran§. Ick habe Niemand gesehen! — (Ab.) Clair. Das ist mir unbegreiflich, wo der Mensch bleibt! — Ick kann nicht früher fort, und versäume dadurch das interessante Rennen! — Zwölfte Scene. Vorige. Pudel. Pudel. Triumph! Mein alter Rabe hat gesungen! — Gnädiger Herr, da schaun's die marbe Kolatschen an! (Hält eine Kolatsche in der Hand — die sich in sehr großer Länge zieht.) Gabr. Geb zum Teufel mit deiner Kolatschen! Es gilt einen neuen Fang, dort steht unser Mann! — Clair. DaS ist eine Aufregung — die läßt sich nicht beschreiben. — Gabr. (im Deutsch-Holländer-Dialect). O Jean, warum hast Du gerade heute meine Zcichnungsmappe zu Hause gelassen? Wie lange schon suche ich ein Modell zu einem Adonis — hier hätte ich cs jetzt gefunden, wie ich mir's nicht vollendeter träumen konnte, — O! Zum Malen! — Pudel. Oder doch wenigstens zum Anstreichen! 12 Gabr. Diese schwellenden Formen — dieser edle Körperbau. — Pudel. Was Bau? — Das ist schon Architektur! Clair. (qeschmrirbelt). Siesind ohne Zweifel Maler, mein Herr? — Gabr. Zu dienen! — Ich bin einHol- länder Künstler, mein Name ist van der Null! — Pudel. Und ich bin van der Pudel! Gabr. Dieser Geschmack in der Klei düng, ich wollte wetten, Sie sind ein Franzose- Clair. Ganz recht! mein Vater war der Chevalier von Clairence! Sie scheinen viel Menschenkenntniß zu besitzen. Gabr. Ich habe nicht das Vergnügen Sie zn kennen, und dennoch lese ich deutlich wie aus einem Buche alle Ihre Vorzüge und Fehler in Ihren Augen. Clair. (lachend). Nehmen Sic sich in Acht, das Wahrsagen ist verboten. Gabr. Das Wahrsagen nicht, nur das Wahrsprechen! Wollen Sie mich auf die Probe stellen? Zch wette um meinen kleinen Finger, daß ich Sie von der Untrüglichkeit meines prophetischen Geistes überzeuge. Pudel. Warum denn um den kleinen Finger? Das ist für unfern Hunger viel zn wenig. Wetteu's um was Anderes — um ein Zwanziger — oder um ein Dejeuner ü In Fourchettel! Gabr. (lachend). Ein Gabelfrühstück? — Auch gut — sind Sie einverstanden, Herr Chevalier? Clair. (lachend) Es gilt! He,Fran§ois! Ein Gabelfrühstück und zwei Couverts! Gabr. Also zuerst Zhre Vorzüge! — Ich lese aus Zhren Augen, daß Sie einer der geistreichsten und liebenswürdigsten Männer unseres Jahrhunderts sind, witzig, an- muthig, galant und durchaus eingebildet — wollte sagen ausgebildet. Clair. Herr! Sie sind einHerenmeister! Gabr. Bei den Damen haben Sie ein merkwürdiges Glück! Sie kommen — sehen und siegen! Pudel. Ganz Don Juan, aber ohne Musik von Mozart! — Gabr. Endlich lieben Sie die Wahrheit über Alles, und sind ein entschiedener Feind aller Complimente und Schmeicheleien. Clair. Vortrefflich! Meine guten Eigenschaften haben Sie alle errathen — aber jetzt haben Sie erst zur Hälfte gewonnen! Meine Fehler? — Pudel. O je! Gabr. (ihn herumdrehend). Fehler? — Sie haben nicht einen einzigen Fehler! Pudel (kür sich) Da hat er Recht. — Der ganze Kerl is ein Fehler. Clair. Nein! So ein Menschenkenner ist mir noch nicht vorgekommen! Sie haben gewonnen, Herr van der Null! (Umarmt Gabriel und geht dann freudig zum Tisch, welchen Francois gedeckt.) Pudel (heimlich zu Gabriel). Sie — da stehen ja nur zwei Teller! — Gabr. Halt's Maul! Für Dich schickt sich's nicht, mit uns zu frühstücken, Du kannst aufwarten! (Geht zum Tische.) Pudel. Aufwarten? — Nein, das thu ich nickt! — aber hinstellen werd' ick mich doch — vielleicht erwisch ich ein Biegel, denn (macht die Pantomime deS EtehlenS) ich bin zu etwas Höherem geboren! (Stellt sich hinter den Tisch, und stiehlt von Zeit ;u Zeit Wein und Braten ) Dreizehnte Scene. Vorige. Schürer — später Frangois. Schürer (aus der Restauration zurücksprechend). Bitte nur einen Augenblick zu verziehen, lieber Herr von Ehrmann, ich werde mich gleich nach einem Wagen für uns Umsehen! (Tritt vor) Hahaha! —Was hat der Tropf jetzt von seiner Ehrlichkeit — nichts! — Wenn mein Plan gelingt, und ich Güterdirector werde, so will ich meinen Schnitt schon machen. — Wenn man den Esel an die Krippe stellt, soll er fressen. 13 Gabr. (für fick). Das ist ja mein Onkel Wirthschastsrath! Clair. (zu Gabriel). Sie sind wohl aus einer sehr alten Familie, mein Herr! Gabr. O aus einer sehr alten! Meine Großmutter war 80 Jahre alt! und mein Großvater hätte schon seinen Hunderter, wenn er nicht früher gestorben wäre. — O wir sind noch aus einer jener alten Familien, welche ihrem Vaterlands stets mit einem wahrhaft verzehrenden Eifer dienten. Schürer (wird aufmerksam). Der Ton dieser Stimme ist mir so bekannt, und doch scheint sie so verstellt. Gabr. (fortfahrend). Das weiß man aber auch höheren Orts zu schätzen. Schürer (für fick, genauer hinsehend). Das ist ja mein Neffe, der Schneider! Gabr. Erst gestern hatte ich eine Con- serenz mit Sr. Ercellenz dem Herrn Präsidenten des Ackerbaues, um ihm einen Onkel von mir, einen gewissen Schürer, für einen bedeutenden vacanten Posten zu empfehlen. Schürer. Was? — der Schneider hat mich beim Präsidenten empfohlen? — Gabr. Denn wenn er auch ein eigensinniger Patron ist, der mich und meine Familie aus Dorurtheil verfolgt, so hat er doch seine Verdienste, und dem Verdienste muß man seine Krone geben. Schürer (laut). Er wird saubere Kronen austheilen! — Er! — Gabr. Täuscht mich mein Auge? — mein Onkel Wirthschastsrath! Fran§. (tritt auf). Herr Chevalier! der Courier mit dem Modejournal! — Clair. (aufspringend). Das Modejournal! — Geschwind,Frangois — Feder und Tinte — dem Courier ein anderes Pferd — er muß in einer Stunde in der Residenz bei meinem Schneider sein. (Ab.) Pudel (hat sich auf Gabriels Platz gesetzt, eine Serviette vorgebunden und will effen). FraNtz. (nimmt die Scküfseln und die Champagner-Flasche vom Tisch und will Llai- rence nach). Pudel (hält ihn am Fracksckooß). Halt! Was überbleibt, g'hört mein! (Bittend.) Edelster der Kellner! ehrliche Seele, die Du noch nie einen Gast um einen Kreuzer geschnellt hast! Und was für ein schöner Mann Du bist! — Frantz. l8o perfsetl^ well tlre Aer-rnan lanANLAe. ich spreche auch der deutscher Sprache sehr §ood, — also Sie sein das Hausmeisterin hier? Mar. Hausmeisterin? Clot. Hausherrin, wollen Sie sagen?— Gabr. Vo8! — I oould not nttond tlie tirne, ich Hab nicht kehr können erwarten der Zeit, um to 8ee der lowel^ mi88, was sein hier zu heiraten von mir! — Ooddam! — 8tio i8 lronutifnl! — Vorzf lrenutitnl! — Mar. Wir fühlen uns unendlich ge, schmeichelt! — Clot. Unsere Eltern standen in freundschaftlichen Beziehungen zu einander. — 32 Gabr. O /es! — 21/ katlier dag told me ok /our ÄatterinA otkert, mein Vater hat mir erzählen, daß Sie Appetit haben auf mir, und als ich sein ein Fremd von die Absonderlichen, ich bab mir gemacht in tke Moment die resolution zu machen eine mariuAe witk tlie lovel/ miss, and Sie zu reisen mit mir auf mein stiip nach 8ineapore, wo ich Hab mein possession, mein Besitzlichkeit! — Clot. (lachend). Nun, was meinst Du, Marianne — ist das nicht lockend? Mar. (leise). Ich glaube wahrhaftig, Sie sind noch nicht curirt! —- Bedenken Sie doch nur den Scandal, wenn so eine Färb in die Familie kommt! — Gabr. I am a kree /outk! — ich sein ein freier Zentleman, Hab ein Vermögen von 100.000 Pfund, und weil mir gefall sehr /our admirakle Laos, will ich sein tlie liuskand von die miss to morrow alread/. Clot. Sehr schmeichelhaft! Aber man muß sich denn doch erst näher kennen lernen. Gabr. Olrno! — Ikatis rro neees- sar/! — Ich brauch nicht das — ich Heirat der miss aus Seltsamlichen, kut no aus domme Lieb! Clot. Herr von Falconbridge belieben zu scherzen. Gabr. No! — never! — Sein mein Ernstlichkeit! 6ut! — Sie muß not glauben, daß ich Hab kein Gefühl — ok no! — Ich Hab eink'riend, vor das laß ich mein Leben, witk pleasure, in tlie Moment — ok — ich sein sehr gutes Mensch! — Clot. Ich zweifle durchaus nicht! Gabr. 21/ kniend Oroxkox kommt not krom in/ side — der verlassen mir niemals! — Clot. Cr — or- Gabr. Rox — /es! — Ein College von mir — ein Mitglied von die assoeia- tion ok like insurenee, von die Lebens- Geficherungs-Versellschaft. Clot. Ah — ein vornehmer Herr! Gabr. No! — Ein DoA von Newfoundland — eine große Hund! Clot. Was? — Ein Hund? —! Mar. Er hat richtig einen Spleen. Gabr. Oroxkox hat kriegt ein Diplom und ein Medaille von die oompan/ soeiet/! — Bei ein groß Storm der water- haben schlagen seiner Wellen über unser Kopp der stripp haben gemacht einmal so — und einmal so — ha! — ein lVIidslnppman fall über die Backbord — sido in die Meer. — Otr! — Ire was tost, Aood niZkt — Aood ni^kt! — Kein Hüls mehr vor trinr von all die Mann — kut Oroxkox, was is gelegen auf die Deck! — Plump! spring hinein in die water, pack dielVlidskippman bei die Hals mit sein Zähn, dam! Zähn so lang!— und slepp ihn an die Bord! — O Oroxkox — sein ein groß 81am! Clot. Hat ihn der Hund denn nicht erwürgt? Gabr. Ves — kut nicht versoffen! — Von diese Tag speis Oroxkox immer an meine takle mit sein Medaille und ein serviette! Clot. Das würde sich aber doch hoffentlich jetzt wohl ändern? Gabr. O uo! — 21/lad/ kann auch manchmal mit uns speisen — ich erlaub schon das, wenn ich sein lustig so wie heut. — O Oroxkox sein ein Engel — sanft wie Lamm — nur wenn er sein Hunger — — Clot. Nun? und dann? Gabr. O da sein er ver/ muelr vivaeil/, viel Lebhaftigkeit. — Ich erinnere mir in Dissakon, inDortuZal — der Wirth hat vergessen sein Diner Oroxkox Hab ihm gefressen. — Mar. Den Mittagstisch? — Gabr. No, der Gastwirth! Clot u. Mar. Was? — Gabr. Des! — In Livorno er Hab' gefressen zwei! — Clot. Ja, mein Gott, wie haben Sie denn das wieder gut gemacht? — Gabr. Mit mein mone/! — Mit Geld geht Alles! — Ich Hab mir lassen setzen 33 der Gastwirth, auf die novount, auf die Rechnung!— Clot. (steht auf und macht einen Gang nach rückwärts). Mar. Und man hat dieses Ungeheuer nicht gleich erschlagen? Gabr. VVlmt? — Ein Mitglied von die Lebens-Gesicherungs-Versellschaft! — Oam! — Oroxliox stehen unter Schutz von 016 LnAlnurl und ^moricm — so lang er heiß Hausländer — sein kein Schaden vor uns! Clot. (lockend). Eine hübsche Ansicht das! Gabr. Vos — das sein englische Ansichten! — Rut! ich will Sie vorstellen an Oroxliox als mein drille, er lieg in mein Wagen, er muß haben sein äiuer — Hab heut noch nir speisen—He, Pudel! (Pfelst.) Neunzehnte Scene. Vorige — Pudel. Pudel. Mister! Gabr. 6rinA tlro Oroxliox! — Clot. Genug, mein Herr — ich danke für die interessante Bekanntschaft, und hoffe, daß Sie mein Haus mit Ihrem Ungethüm in Zukunft meiden werden. Gabr. Zm6 our umrrmAs — probet?—Und unser Geschäft mit der Eirath? Clot. (lackend). Ich will nicht den Vorwurf auf mich laden, Ihr Herz einem Wesen entzogen zu haben, welches Ihnen so nahe steht! — Gabr. Olr — 6 n88uro von. — Sie sein ein große Unbeständlichkeit! — Sie haben mir machen reisen hieher, und ich will not return wieder nach Liuonporo, ohne Sie zu haben gefreut. Clot. Welche Sprache? — Wenn auch eine Laune mich bewogen hat, meine Einwilligung zu einer allenfalls projectirten Verbindung mit Ihnen zu geben, so können Sie doch überzeugt sein, mein Herr, daß auch ein deutsches Mädchen Begriffe von Frauenehre und Freiheit haben kann, welche hinreichen, um derlei Geschäftsanträge mit Verachtung zurückzuweisen. rhtattl'Rrprrtoir Nr. 7V. Mar. Und da wir bereits anderweitig vergeben sind, so dürfte es gerathen sein, sobald als möglich wieder zu Ihren Menschenfressern zurückzusegeln. — Gabr. Holä ^our touAno! — Clot. undMarianne (kaut aufschreiend) Ha! — Gabr. 6006! — V rvill Ao; lrut tliou slmll 8l>s timt I am not n lilooklmaä, ok ivliom ^ou 6LN nmlce n kool: öut, n!a8! tlro rrmlco ms ^ 6n«6 ü^uro, kor tlrv limo ok 86orn, Io poiut tii8 8lorv un nnnvinA ün^er nt Vet ooulck I lrenr tlurt too; rvell ver^ veil 6ut tlisre, rvlmro I lravo ^arner'6 up lieart, Wliore oitlior I mu8t live, or lrenr no llke Ilis kountain krom tlie rvlneli m^ eorrent revt — Or elke 6rv88 up, to lis 6i8onräeä tlienee Or Icoeji it N8 emtern. kor koul tonckg Io Icnorv an6 Kencler in! — turn tlr^ eomplexion liiere; ^ntienee, tlrou ^ounA nn6 rogolipp '6 elrerulrin; tlrere, loolc Arnmm N8 lreil! (Ab.) Zwanzigste Scene. Vorige— ohne Gabriel. Clot. Das ist ja ein reiner Barbar! — Mar. Ich glaube gar, er hat unS noch Grobheiten gesagt; sein Glück, daß ich ihn nicht verstanden habe. Clot. Meine schönen Träume sind in Nichts zerflossen, — aber auch solche Enttäuschungen haben oft ihre lehrreiche Seite. (Ab.) Einundzwanzigfte Scene. Vorige ohne Clotilde. Mar. (zu Pudel). Nun was steht Er noch da, Pavian? — Hat Er nicht gehört, daß 3 dieses Haus von säimntlichen Menschenfressern geräumt werden soll? — Pudel (zärtlich), o Airl! — Iio^v äo ^ou äo! — Ooäckam! — MN6 ftuditgolika!— (Will sie küssen.) Max. Da hat Er was auf die Reise. (Gibt ihm eine Ohrfeige und läuft ab.) Zweiundzwanzigste Scene. Pudel (allein). (Leise Musik spielt im Orchester: »So leb denn wohl» du stilles HauS* und man steht während Pudels Schlußrede hinten GradauS mit seiner ganzen Familie auSwandernd über die Bühne gehen.) Pudel. Au weh! — Heut geht's bei mir ja Schlag auf Schlag! — Aber diese Ohrfeige ist keine Ohrfeige, sondern eine Trophäe unseres Sieges! Wir erreichen dennoch die Stufe, die wir wollen, denn wir verstehen unsere Kunst! Wir wandeln auf krummen Wegen, wir sind nicht so dumm, wie die da mit ihrer talketen Wahrheit! Ehrlichkeit! (Nach dem Hintergründe zeigend, ab.) (Der Vorhang fällt.) (Musik wird stärker.) Ende des zweiten Actes. Dritter Art. (Prachtvoller Salon im Schlosse.) Erste Scene. Eduard von Warting. Hetzfeld. Frau von Zartenau. (Eduard liegt im eleganten Schlafrock halb aus- gestreckt auf dem Divan, Hetzfeld und Frau von Zartenau fitzen in angemessener Entfernung.) Hetzf. Wie gesagt, lieber Eduard, wenn es Ihr unerschütterlicher Entschluß ist, schon morgen in die Residenz zurückzukehren, so müssen wir uns dareinsinden! Sic sind der Herr hier, und haben Ihren freien Willen! Was die Verwaltung des Gutes betrifft, so können Sie ganz ruhig sein — die Forst- und Oeconomieangele- genheiten überwache ich selbst, und das Wohl der Gemeinde wird unsere würdige Base hier vertreten! — Fr. v. Zart. Der Himmel wird mich stärken mit Kraft und Geduld. Eduard (gelangweilt). Wo könnte ich jemals eine festere Bürgschaft finden für Alles dies, als in Ihrer Freundschaft und Erfahrung! — WaS mich betrifft, ich muß fort von hier! — Durch das Testament meines seligen Oheims Herr dieser Besitzungen, eilte ich frohen Herzens hierher, ich malte mir ein heiteres Bild der Zukunft. Clotilde, die Gespielin meiner Jugend, stand mit all ihrer Liebenswürdigkeit vor mir-ich hoffte sie und mich glücklich zu machen-ich hatte mich getäuscht — mit stolzer Gleichgiltigkeit wies sie meine Bewerbung zurück! — Fr. v. Zart. Wehe den Hochmüthigcn und Spöttern — sie werden zur Linken stehen! — Hetzf. (der mit Frau von Zartenau wäh- rend Eduards Rede einen bedeutungsvollen Blick gewechselt). Ich Hab' es immer gesagt, das Mädchen hat kein Herz und keinen Verstand! — Eduard. Hier auf dem Schlosse duldet es mich nicht länger. — Ich kehre in die Residenz zurück, um dort meine verlorne Laune wieder zu finden, und wo möglich Clotilde zu vergessen. Fr. v. Zart. Der Himmel wird Ihnen Trost senden. Hetzf. Die Geschäftsangelegenheiren sind durchgehends in musterhafter Ordnung. Es handelt sich vor Ihrer Abreise nur noch um die Besetzung der erledigten Güter-Di- rectorsstelle. Eduard. Verschonen Sie mich mit allen derartigen Geschäften! — Sie werden einen würdigen Mann für den genannten Platz 35 finden, und wen Sie wählen, den bestätige ich. MN einer freundlichen Verbeugung rechts ab ) Zweite Scene. Vorige ohne Eduard. Hetzf. Alles geht vortrefflich! — Wir haben es glücklich so weit gebracht, daß Eduard und Clotilde einander gram sind, und an eine Verständigung unter ihnen ist um so weniger zu denken, als sie gar keine Ahnung von der Wichtigkeit eines solchen Schrittes haben. Fr. v. Zart. Die Vorsehung segnet und schützt unfern Plan. Hetzf. Jetzt handelt sich's nur noch darum, jede zufällige Zusammenkunft Clotil- dens mit dem Grafen zu verhindern, und im Einverständniß mit Pfeffer einen Güter- director zu ernennen, der nach unserer Pfeife tanzt! — Heut um II Uhr eröffnen wir das Codicill — bis dahin müssen wir wachen! — Still, man kommt. — Dritte Scene. Vorige. Balthasar. Hetzf. Was Teufel! — Clotildens Diener!? Wen suchst Du, Balthasar? Balth. Mein gnädiges Fräulein schickt mich her, und läßt fragen, ob es den Herrschaften und dem Herrn Grafen gelegen wäre, wenn sie herüberkäme, um eine kurze Abschiedsvisite zu machen, da sie heute Vormittag noch zu einer Freundin nach Feldberg abzurcisen gedenkt, und längere Zeit da zu verweilen beabsichtigt! Hetzf. (freudig). Wie? — Das Fräulein will fort? — (Für sich ) I, das ist ja herrlich! — (Laut.) Melde dem Fräulein, daß der Herr Graf bereit ist, sic sogleich zu empfangen, oder — noch besser — ich werde selbst sogleich bei ihr erscheinen, um sic hic- her zu geleiten! Balth. Ganz wohl, Euer Gnaden! — (Ab links.) Hetzf. Teufel noch einmal! — Jetzt heißt's vorsichtig sein, und das Reh nicht aus den Augen verlieren — Kommen Sie, liebe Base — ich geleite Sie auf Ihr Zimmer. (Beide ab.) Vierte Scene. Gabriel. Pudel. Jacob. Jacob. Wollen Sie nur hier einstweilen warten, mein Herr! Ich habe den strengsten Befehl, Jedermann ohne Ausnahme bei Herrn von Hetzfeld zu melden, bevor ich den Herrn Grafen belästigen darf! — Gabr. Vortrefflich! — Sie kommen meinen Wünschen zuvor. — (Zu Pudel.) Kann es denn möglich sein? — Sie sind ausgewandert, sagst Du? Pudel (heimlich zu Gabriel). Freilich! — I hab's ja selber g'sehn. Gabr. Entsetzlich! — Und die Ursach' hast Du nicht erfahren? — Pudel. Er hat mir erzählt, die Leut' könnten ihn hier nit leiden, weil er ein'm Jeden die Wahrheit ins G'sicht sagt! überhaupt, ich versichere Ihnen — das is a strohdummer Kerl! — Gabr. Respect vor ihm — er ist mein Vater! — Pudel. Was? — Jhner Vater? — nachher sein Sie auf die Art sein Sohn? — Gabr. Wahrscheinlich! — Pudel (staunend) Ah! — da muß i bitten! — na Wissens — mir scheint — er is gar nit so dumm — er verstellt sich nur! — Gabr. Schon gut! — ' Pudel. Na, da Hab ich mich schön verhaspelt! — Künste Scene. Vorige. — Marie (tritt langsam und schüchtern durch die Mitte ein). Gabr. In zwei Stunden, hoffe ich, sind meine Geschäfte hier beendet, bann müssen wir ihm nach; jetzt, da es sich um 3 * 36 das Schicksal meiner Angehörigen handelt, werde ich mit verdoppelter Energie meinem Ziele entgegenstreben. Jacob (der während der vorigen Scene im Hintergründe aus. und abgegangen, die em- tretende Marie bemerkend). Was will S i e hier? — Wen sucht Sic? — Marie (schüchtern). Ich bitt gar schön, Herr Bedienter, verzeihens, i möcht gern Ulit'n gestrengen Herrn reden. Jacob. Was Mt Ihr ein? — Die Herrschaft ist für Niemanden zum Sprechen! — Gabr. (bei Seite). Himmel! Marie! — Pudel (zu Gabriel eilend). Sie — da schauns her — das is den Müllner sein Trutscherl — jetzt können Sie's gleich überraschen! — Gabr. (für sich). Und ich darf ihr nicht um den Hals fallen! — Wenn ich mich verrath', ist Alles verdorben! — Jacob. Was kann denn Sie beimHerrn Grafen wollen? — Marie. O Tu mein Gott! — i hatt so nothwendig z'reden mit ihm! — Wissens — i bin die Mahm vom Müllner Gradaus, den der Rentmeister aus seiner Mühl'trieben hat, und weil ka Mensch uns helfen will da im Ort, so Hab i mir a Herz gefaßt, und bin da heraufgangen, 'ng'strengenHerrn zu bitten, daß er ein Erbarmen hat, mit uns armen Leut!—Mein Vetter is gestern auf d'Nacht nach Lohdorfzogen zum Amtmann, heut geh i, aber ender möcht ich dock noch versuchen, ob denn da heroben die Herrschaft gar kein Mitleid hat mit uns! (Pudel erblickend.) Aber wann i nit irr — ja,- ja — richtig — das is der verrückte Ding — fragens nur den, der kennt mi! — Pudel (sich die Backe reibend). Ja, ich habe bereits das Vergnügen! Marie (zu Pudel). Haben Sie a was z'reden da? — Nachher bitt i Ihnen recht schön, legens a guts Wort ein für mi, daß er mi einilast zum — ha! — (Sieht Gabriel und schreit laut auf.) Jacob und Pudel. Was is? — , > Marie. Gabriel! — Mein Gabriel! i — Du bist da? — Jetzt is alles gut! — (Stürzt auf ihn zu.) Gabr. Was wollen Sie von mir, mein Kind! — ich kenne Sie nicht! — Marie (starr). Was? — Du? — Sie? — Ew. Gnaden — Du bist nit der Gabriel? — Gab. (zu Jacob). Sagen Sie ihr, wer ich bin! — Jac. Sie einfältiges Ding — das ist Herr van der Null aus Holland! — Marie (bricht in Thränen auö). Aber wie geschieht mir denn? Das is ja nit möglich! Jac. Mach Sie hier kein Aussehen! — Pudel. Ich möchts gern trösten — aber i trau mi nit recht! — Gabr. (zu Jacob). Das Mädchen tauscht vielleicht eine zufällige Achnlichkeit — Sie würden mich sehr verbinden, wenn Sie mich jetzt dem Herrn von Hetzfeld melden wollten — (Gibt ihm Geld.) Meine Zeit ist gemessen! — Jac. O ich bitte! — (Für sich.) Ein blanker Ducaten! — (Sehr höflich.) Sogleich werde ick Alles vorbereiten! — (Zu Marie.) Und Sie trollt sich hinaus — Betteleien werden hier nicht geduldet! — (Ab links.) Sechste Scene. Vorige ohne Jacob. Mar. Ach Gott! — was bin ich für ein unglückliches Geschöpf! Was Hab i denn than, daß mi der Himmel gar so straft! — (Wendet sich zum Gehen.) Gabr. (ihr nachrufend.) Marie! Mar. Ha! — Das is sein Stimm! — so lieb redt gar kein anderer Mensch — jetzt weiß i no alleweil nit, bist Du's Euer Gnaden — oder sein Sie's nit? — Gabr. Ich bin's, mein Manischer! — — ich bin dein Gabriel! — Mar. (fällt ihm unter Thränen lachend um den Hals). Hahahaha! — I hab's ja glei g'wußt, daß Du's bist! — Warum hast mi denn verläugnet, Du schlechter Mensch?— 37 Gabr. Weil mich hier jetzt noch Niemand kennen darf, sonst sind wir auf ewig getrennt! — Heut noch wird sich alles aufklären — nachher bin ich wieder dein Gabriel — für Jetzt aber muß ich noch Herr van der Null bleiben!—Verstehst Du?— Mar. Nit a Wort! — Aber i thu gern Alles, was Du verlangst, wenn i Di nur wieder Hab! — Gabr. (ruft) .Pudel! — Pudel (welcher an der Seitenthür horchte). 6oimrmnä6L-vou8 — iVlonmeur? — Gabr. Da hast Du Geld! — Du fährst an der Stelle mit meiner Marie hinüber nach Lohdorf, und holst gleich meine Familie zurück; in zwei Stunden erwarte ick Dick! — Marie. O mein, die Freud! — Gabr. (zu Pudel). Aber mach mir keine Dummheiten! — Pudel. Ich werde Ihr Vertrauen zu rechtfertigen wissen! — Otrapeun ä'Hon- neur! — Jetzt zeigt sich denn doch, daß ich zu was Höherem geboren bin! Gabr. Still! — der Bediente kommt zurück! — Siebente Scene. Vorige. Jacob (von links). Jacob. Herr von Hetzfeld wird sogleich erscheinen! — (Zu Marie.) Ist Sie noch; da? — hat Sie mich nicht verstanden? Marie (für sich). Jetzt muß ich mich z'sammnehmen! — (Laut.) Küß d' Hand — Glei werd i gehn! — Ich Hab nur mein Ga — den Herrn van der Null beten, ob er nit vielleicht a guts Wort einlegen möcht für uns, weil er gar a so guter Herr is, und mein Gabriel so ähnlich sieht! — Aber er is es nit! — nein — Gott bewahr! — Glauben Sie's nur! — Wissens, in zwei Stund! — Nachher, da wir i 'n Ihnen zeigen — amal — mein Gabriel — den Rechten! — Verstanden! — Hahaha! — Pfürt di Gott — Ga — Herr van der Null — kommens — gehen wir! — Pudel (häugt sich in Marie ein — mißt Jacob verächtlich vom Kops bis zu den Füßen, und dann stolz mit Marie ab). Achte Scene. Gabriel. Jacob. Gabr. Hahaha!—Mein Diener scheint an dem Gänschen Gefallen zu finden! — Jetzt ein Wort im Vertrauen, Freund — Sie müssen wissen, daß ich hier bin, um die erledigte Stelle zu erringen, wozu ich jedoch, wie ich recht wohl weiß, die Protection der gesammten Verwandtschaft des Herrn Grafen bedarf. Iac. Allerdings — die ist sehr noth- w endig! — Gabr. Um nun diese Protection zu erlangen, halte ich es für gerathen, die schwachen Seiten der Leute zu benützen! Iac. Ein sehr kluger Gedanke! Gabr. Mein Plan ist bereits entworfen, — und wenn Sic mir zur Seite stehen, und ein bischen mit Komödie spielen wollten, so können Sie auf meine unbegränzte Dankbarkeit rechnen! (Gibt ihm Geld) Iac. O Sie sind so gütig!—Und meine Rolle? — Gabr. Wird sich von selbst entwickeln! — Die ersten Erfordernisse sind: Hören, Sehen und Schweigen! Iac Still! — da kommt der Herr von Hetzfeld! — Neunte Scene. Vorige. Hetzfeld (von links im Jagd- rostüme). Gabr. (leidenschaftlich und im rauhen Tone). Piff! Paff! Puff! gings hintereinander! — Keiner traf! — 50 Ducaten, rief ich, ich schieße den rechten Hinterlauf kurz weg, ohne auch nur ein einziges Haar des Balges zu verletzen! —Ich drückte los 38 und -um! da hinkte der Hase auf drei Läufen davon, und ich hatte die Wette gewonnen. Hetzf. (der -iS jetzt aufmerksam zuhörte mit Theilnahme zu Gabriel tretend). Blitz und Knall! Und auf welche Distanz schossen Sie, mein Herr? — Gabr. Einige hundert Schritte! — Jetzt spannte ich den zweiten Hahn an meiner Doppelflinte — noch 50 Stück Duca- ten, rief ich — ich schieße dem Hasen auf einen Schuß beide Löffeln vom Kopfe! Es gilt, rief man, und paff! sprangen die bei- den Löffel in die Luft, und der Hase ohne Hinterlauf und Löffel hinkte wieder weiter! Das Thier hinkt der Donau zu — springt in einen Kahn, der sich durch den Druck vom Stricke löst, in die Fluten gerissen wird, und mit dem Hasen verschwindet. Einige Tage später lese ich in der Zeitung, ein junger Hase ohne Hinterlauf und Löffel ist am 15. November ganz allein in einer Waidzille in Constantinopel eingetroffen. Nach genauer Untersuchung haben ihn Naturforscher für einen verwundeten Märzhasen aus dem Wiener-Prater erkannt, der zu seiner Genesung eine Reise nach dem Orient unternahm. Hetzf. Blitz und Donnerwetter! Jac. (zu Gabriel). Das ist der Baron von Hetzfeld! — Gabr. O ich bitte tausendmal um Verzeihung — meine unselige Waidmannslust hat mich schon wieder hingerissen. Hetzf. (zu Jacob). Ist das der junge Holländer? — Jac. Aufzuwarten, Herr Baron.—Herr van der Null! — Hetzf. Sie scheinen ein tüchtiger Jäger zu sein, mein Herr? — Gabr. Mit Ihrer gütigen Erlaub- niß — ja! Hetzf. Lieben Sie das Hochwild? Gabr. Ob ich es liebe!—Zärtlich und innig bis zum letzten Hauche meines Lebens! Hetzf. Er schwärmt für das edle Wild! — Ihre Hand, junger Herr — bei der nächsten Treibjagd sind Sie mein Gast! — Gabr. Gibt es auch A. erochsen hier? Hetzf. Auerochsen und Wildschweine! — Ha! — wir wollen schießen, daß es eine Freude ist! — Gabr. Was uns ausstößt, brennen wir nieder! — Hetzf. O auch ich bin ein famoser Jäger! — Der Teufel soll mich holen, wenn ich nicht der Schwalbe den Wurm aus dem Schnabel schieße! Gabr. Bah! — Ich schieße dem galop- pirenden Roß die Eisen von den Hufen — ich schieße Ihnen auf 500 Schritte die Brille von der Nase — ich schieße der Henne das Gelbe aus dem Ei, ehe sie's noch gelegt hat! — Hetzf. Hahahaha! Sie sind ja rein wilder Jäger!—Sie wünschen Audienz beim Grafen? Dermuthlich, um eine Anstellung zu erhalten? — Sind Sie schon von irgend Jemand empfohlen? Gabr. Leider nein! —Mein einziger Empfehlungsbrief ist diese Karte! (Gibt ihm die von Dr. Pfeffer im zweiten Acte erhaltene Karte ) Hetzf. (die Karte nehmend). Was seh' ich? — Von Dr. Pfeffer? — da er sich für Sie intereffirt, müssen Sie ein Mann von Talent und Verdienst sein! — Gabr. Bitte — auch von Geburt — ich bin im Schützen geboren! Hetzf. Hahaha! — Vortrefflich! — Morgen prellen wir den Fuchs mit einander. Blitz und Knall! Sie werden einen gefährlichen Rivalen an mir finden. (Rechts ab.) Gabr. Hahaha! — Der Nimrod ist der uns'rige! — Jac. (zu Gabriel). Frau von Zartenau ! (Beide ziehen sich etwas zurück. — Gabriel nimmt eine demüthige Stellung an.) Zehnte Scene. Vorige. — Frau von Zartenau. Fr. v. Zart. Jacob! — Jac. Zu Befehl! — Fr. v. Zart. Ist Herr von Hetzfeld im Zimmer des Herrn Grafen? 39 Jac. So eben ist er eingetreten! — ! Fr. v. Zart. Wer ist dieser junge Mann? Jac. Herr van der Null, ein Holländer, der Audienz beim gnädigen Herrn erlangen möchte. Fr. v. Zart. Was hat diese Stellung zu bedeuten? Jac. Ich begreife es nicht—so zerknirscht und demüthig steht er bereits eine halbe Stunde da. — Gabr. (mit Salbung). O laß mich gut bleiben, mein Schicksal — gut, o gut! — erhalte mir die jungfräuliche Reinheit meines Herzens auf dem Pfade, den ich betrete. — O laß mich gut bleiben, gut, o gut! — Jac. Mein Herr- Gabr. Ich geize nicht nach Geld und Ruhm — nein, o nein! —Nicht nach eitlen Freuden und weltlichen Genüssen, nein, o nein! — Jac. Aber ich bitte Sie — Gabr. Ich würde lieber in einer bescheidenen Hütte leben, denn man kann leicht straucheln unter dem goldenen Dach des Palastes, ja, o ja! — O nur nicht straucheln, nein, o nein — gut, o gut! — Jac. Aber, o hören Sie dock, Frau von Zartenau- Gabr. (sich erschrocken stellend). Ach — in tiefster Demuth bitt ich um Verzeihung. Fr. v. Zart. Treten Sie näher, mein Herr! — Gabr. O ich bin so schüchtern, in der Nähe schöner Frauen weiß ich mich noch gar nicht zu benehmen. Fr. v. Zart, (für sich). Er scheint noch ganz unverdorben zu sein. Gabr. Wenn ich mich Ihrer gütigen! Fürsprache erfreuen dürfte — die erledigte Stelle — Fr. v. Zart. Ich werde mich für Sie verwenden, erwarte jedoch, daß Sie sich meiner Empfehlung würdig zeigen werden — Nicht in Saus und Braus Ihre Zeit vergeuden. Gabr. Ich habe noch nie gesaust und gebraust. Fr. v. Zart. Keine nächtlichen Gelage! Gabr. In keiner Nacht bin ich noch nicht gelegen! — Fr. v. Zart. Nicht spielen — nicht trinken! — Gabr. Ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht getrunken! Fr. v. Zart. Die Aerzte sagen höchstens einige Gläser zu Mittag! — Gabr. Das habe ich auch gehört! — Nur habe ich statt Gläser Bouteillen verstanden! — Fr. v. Zart. Keine Liebesintriguen spinnen! — Gabr. O, Sie erlauben schon, daß ich auf einer Wange ein wenig roth werden darf! — Fr. v. Zart. Sie sind ein hübscher junger Mann! — Gabr. Jetzt wird meine andere Wange auch roth! — Fr. v. Zart. Man wird sich in Sie verlieben ! — Gabr. O bitte — jetzt weiß ich schon nicht mehr, wo ich noch roth werden soll! — Fr. v. Zart Hüten Sie sich vor Verführung — fliehen Sie den Lurus, und halten Sie auf Sparsamkeit! — Gabr. Drehe jeden Kreuzer zehnmal um, ehe Du ihn einmal ausgibst, hat meine Frau Mutter immer gesagt. Fr. v. Zart. Meiden Sie den Champagner. — Gabr. Champagner ist ein Gebräu der Hölle — aber er schmeckt gut, hat mein Herr Vater immer gesagt. — Fr. v. Zart. Lassen Sie Ihr Gesicht > nicht so verwachsen, wie die wilden Bären im Walde! — Gabr. Trage dein Bärtchen kurz und deinZöpfchen laug, hat meine Frau Mutter immer gesagt. — Fr. v. Zart. Besuchen Sie keine Bälle! Gabr. Ein Ball ist die Küche des Lasters, da werden die Sünden gekocht, und die Verführung gebacken, hat mein Herr Vater und meine Frau Mutter immer ge- 40 sagt, und was mein Herr Vater und meine Frau Mutter einmal gesagt haben, dem folge ich nach! — Fr. v. Zart. Bewahren Sic dieses reine, kindliche Gemüth, und Sie werden die Stelle erhalten. Gabr. (schluchzend) Ich kann meinen Dank nicht aussprechen, gnädige Frau — ich kann ihn nur ausschluchzen; o ich will gut bleiben, gut, o gut! — und wenn ich je den kleinsten Fehler mir zu Schulden kommen lasse; — so soll mein Diener Pudel wenigstens 14 Tage fasten dafür. Fr. v. Zart, (reicht ihm die Hand zum Kusse). Hoffnung und Vertrauen! — In meiner stillen Zurückgezogenheit werde ich Ihrer mit Wohlgefallen gedenken. — Morgen erwarte ich Sie zu eitler Whistpartie in meinem Salon! (Rechts ab ) Gabr. (sanft). Der Himmel schenke Ihnen immer eine Hand voll Atouts, und viele große Slkins, denn Sie sind gut,o gut! Eilfte Scene. Vorige ohne Zarteuau. Gabr. u. Jacob. Hahahahaha! — Jacob. Fräulein von Burgen! Zwölfte Scene. Vorige — Clotilde (tritt ein). Gabr. (sprudelnd) Hahaha! Es war zum Todtlachen! Die Herrin des Hauses war wüthend! Wie Elisabeth trat sie mit ihrem ganzen Stolze mir gegenüber! Die gesammteLokalität zitterte für mich, da sang ich mit dem bezaubernden Schmelz meiner Stimme Bellini's rührendes Klagelied: »O widerrufe die harten Worte« — und die Gewalt der Töne bewältigte sie, die Falten schwanden von ihrer Stirne — ihre Augen senkten sich, und bei der Stelle: »welch edles Herz hast Du gebrochen,« sank sie in meine Arme, und die ganze Gesellschaft feierte mit mir diesen göttlichen Triumph der Kunst. — Clot. (vertretend). Eine recht artige Tenorstimme. Jacob. Sie gehört Herrn van der Null, einem jungen Oeconom, der sein Glück in Ihre Hände legen möchte, gnädiges Fräulein. — Gabr. O, mein Glück konnte keine schönere Wiege finden. — Clot. Sie scheinen ein geübter Sänger zu sein, mein Herr. — Gabr. Und ein leidenschaftlicher Tänzer, mein Fräulein. Ich liebe den Tanz wo möglich noch mehr als den Gesang, denn so hoch ich auch die Tonkunst schätze, halte ich sie doch mehr für eine mechanische Fertig, keit, wogegen mir die Tanzkunst als eine geistige Größe erscheint. — Clot. (lackend). Als geistige Größe? — Gabr. Versteht sich! — Das haben bereits die scharfsinnigen Kunstrichter bewiesen — denn Sie haben oft genug geschrieben, daß diese oder jene ausgezeichnete Tänzerin Schiller oder Goethe tanzt, aber so viel ich weiß hat noch nie ein Kritiker geschrieben, daß irgend ein Sänger oder Virtuose Schiller oder Goethe gesungen oder geblasen hat. Clot. (bei Seite). Der Mensch ist amüsant. — Gabr. Ich habe den Tanz zum Gegenstände meines historischen Studiums gemacht. Ich kenne die Tänze aller Völker, aller Nationen, vom zarten Elfentanz der Mythe bis zum Barbarentanz der Zulu- Kaffern. — Vom indischen Bajadere- bis auf den deutschen Bärcntanz, und bin dadurch ein so vollkommenerTänzer geworden, daß ich, wenn ich heut das Unglück hätte, ftumm zu werden, mich allein durch die Bewegung meiner Beine in 24 Sprachen verständlich machen könnte. Clot. Hahahahaha! Gabr. Sie lachen, mein Fräulein? Ich frage, wodurch haben unsere berühmtesten Tänzerinnen ihre welthistorische Bedeutung 41 gewonnen? Weil jede ihre Bewegungen ein Stück Weltgeschichte ist. — Wenn Fanny Elsler so anspruchslos ihre Cachucha ranzt, so erzählt sie uns mit dieser Cachucha nicht nur Cachucha, nein — sie erzählt uns damit den ganzen Abfall der Niederlande! — Betrachten Sie dagegen den poetischen S chjrttentanz der Lucile Grahn—Sie denken dabei vielleicht nicht an Tasso und Leonore, und doch schildert dieser geistreiche Tanz nichts Anderes, als den gemeinen Seelenverkehr zweier Liebenden. — Wenn Fanny Cerrito in grotesken Sprüngen so, über ihren eigenen Körper voltigirt, so versinnlicht sie damit den ganzen Zug der französischen Armee über die Alpen — und die Tänze der Charlotte Grisi haben sogar eine geografische Bedeutung, denn solch ein Rundsprung von ihr zeigt ganz deutlich, wie sich die«gute alte Crde um ihre eigene Achse dreht. — Die reizende Taglioni tanzt Phi- sik — sie beweist, daß cs Magnete gibt, denen Niemand widerstehen kann, und Pepita Oliva, die glühende Tochter Hispa- niens — die tanzt Naturgeschickte. Clot. Hahahaha!— vortrefflich, mein Herr! — Ick bin zwar willens, noch beute abzureiscn, und kann daher nickt viel für Sie thun; wenn Ihnen jedoch mit einer einfachen Fürsprache beim Herrn Grafen gedient ist, so können Sie darauf rechnen, daß ich Sie ihm sogleich bestens anempfehle. (WM ab.) Gabr. Sie verschwenden Ihre Gunst gewiß an keinen Undankbaren, mein Fräulein — und wer weiß, ob ich nickt beute noch Ihnen auch nützlich werden kann. Clot. fab. Jacob öffnet ihr die Thür rechts und folgte ihr nach). Dreizehnte Scene. Gabriel (allein). G ab r. (ausgelassen). Ist denn Niemand mehr da, den ich für mich einnehmen könnte? — Kein Friseur — keine Küchenmagd — kein Stalljunge! Bei solchen Gelegenheiten muß man Alles mitnehmen, denn das unbedeutendste Wort des Unbedeutendsten kann über Sein und Nichtsein entscheiden. Victoria, mein Plan ist gelungen, ich werde allein mit dem Grafen sprechen, und ihm Alles entdecken können. Das Kästchen mit den Dokumenten wird abgeholt, und die Schuldigen ihrer Strafe überliefert. Sie werden curios dreinschauen, diese mißtrauisch verschlagenen, unter dem Deckmantel spielenden Wesen, aber zu was diese langen Worte? Hallunken sind's! Da is All's damit g'sagt. Ueberhaupt lassen sich manche Umschreibungen und Ausreden der Leute mit einem Worte sagen — Lied. 1. Znm Sckuldircctor kommt in der Früh ein Papa Und sagt: Herr Professor, verzeih'», ich bin da, Um mich zu erkundigen, ob denn mein Sohn Hübsch Fortschritte macht — wie weit is er denn schon? Drauf sagt der Professor: Ja seh'n Sie, mein Herr, Ihr Sohn find't sich halt in den Schulzwang sehr schwer; Sein Geist ist so lebhaft. Geschichte, Latein, Mathematik, das scheint ihm zu trocken zu sein. Jetzt, was sich der Mann mit dem Wort- - kram so plagt? — Ihr Sohn is a Lump! Ta war All's damit g'sagt! Cs klopft an der Thür, man ruft freundlich: »herein!« Ein Herr, äußerst nobel gekleidet, tritt ein— Verzeih'», wenn ich störe, ich komme zu fragen, Ob Sie sichIlickt möchten ins Buch hier eintragen; 42 Ich will meine Dichtungen drucken jetzt lassen, Und mag mich mit Buchhändlern nicht gerne befassen, Drum Hab' ich eröffnet hier die Subscription, Sie finden nur Namen hier von Di- stinction; Jetzt, zu was Ein' der Mann mit die Flausen so plagt, A feine Bettelei! — da iS All's damit 6'sagt! — Ach, schwärmt eine Frau in 'ner Damen- Kott'rie, Ein Mann, wie der meine ist, lebte noch nie! Wenn ich was befehle, so thut er's auf's Haar, Er wascht und frisirt mir mein Pintscherl sogar, Wenn's regnet, tragt er die Galloschen mir nach, Vorn Thor wart' er, wann ich Visiten wo mach', Ich darf ihm nur winken, und.Alles is g'scheh'n; Meine Damen, der Mann is ein reines Phänomen; Jetzt, zu was sich die Frau mit der Idylle so plagt? Mein Mann ist ein Esel — da is All's damit g'sagt! — Ein Festessen hatten wir gestern auf d'Nacht, Erzählt einer, Kinder, das war eine Pracht! — Laut krachten die Stöpsel vom perlenden Wein, Wir glaubten in Mahomeds Himmel zu sein, Und als nun die Kerzen heruntergebrannt, 's Bewußtsein der irdischen Sorge verschwand, Da sank sich einander in die Arme fürwahr, Wie Brüder, die ganze begeisterte Schaar; Jetzt was sich der mit blimili blamili plagt? — An Affen haben's g'habl — da is All's damit g'sagt! — Ein Richter sagt freundlich zu seiner Com- mun: Der Sommer kommt, Freunde, wir müssen was thun, Daß wir unfern Kurort erhallen in Flor, Schlag ich neue Pflast'rung der Hauptstraßen vor, Die Fußsteige möchten wir auch gern pla- niren, Den Park und die Aussichten neu renoviren, Zwar die Cassa ist leer, doch ich weiß, die Eommun Wird für den gemeinnütz'gen Zweck gern was thun; Jetzt, zu was sich der Mann mit'n lfm- schneiden so plagt, Gebt's Geld her, Ihr Leut'ln, da is All's damit g'sagt! Es sagt eine Zeitung in ihrer Kritik: Wir müssen gestehen, daß das gestrige Stück Ein dramatisches Werk, ist von vielem Gehalt, Doch leider ließ es unser Publicum kalt; Das Publicum ist noch nicht auf jenerHöh', Um einzugehen in des Verfassers Idee, Wenn die Situation auch der Neuheit entbehrt, So ist doch die Sprache oft nicht ohne Werth; Jetzt, zu was sich der Mann mit dem Senf da so plagt? — Das Stück is a Schmarn — da is All's damit g'sagt! — (Ab.) Verwandlung. (Der Garten des Schlosses — vorn rechts und links Gartenbänke — im Hintergründe das schloß selbst die ganze Breite der Bühne ein- nehmend, mit einer eben so breiten Terrasse durch Orangenbäume geziert.) Vierzehnte Scene. Schürer. Ehr mann (links aus dem Hintergrund austretend). Schürer. Also, Freund, es ist wirklich wahr! — Ehrmann. Es ist so, der Kammerdiener des Grafen hat mir's selbst erzählt, daß van der Null eine Privataudienz bei dem Grafen hat. Schürer (bei Seite, fick die Hände rei- bend). Bravo! Ich bin schon so viel als Güterdirector! Fünfzehnte Scene. Porige. Dorothea (kommt händeringend aus dem Hintergrund links). Dor. Ach das Unglück! Ich arme geschlagene Person! — Schürer. Ehrmann. Was ist denn geschehen? Dor. (weinend). Meine schönen Sachen — Leinwand, Prätiosen — der Strumpf mit die harten Thaler — Alles verloren! — Das is der Lohn für zwanzigjährige Dienste. Ehrmann. Wie ist das möglich? Dor. Ich sitz ruhig in meiner Kammer, und rechne meine ausgelegten Gelder z'samm, ans einmal kommt ein Gerichtsactuar, nimmt alles Werthvolle in Empfang, außer mich. Sogar das Kästchen mit den Schriften ist mitgenommen worden zu demHerrn Grafen. Sechzehnte Scene. Geschworne, Bauern uud Bäuerinnen (strömen unter der Musik von allen Seiten herbei). Schürer. Ehrmann. Dorothea. (Später.) Hetzfeld. Fr. v. Zar- tenau. Clotilde. Diener. Hetzf. (zu Clotilde). Was das für Nar- renspoffcn sind; das ganze Dorf zusammenzurufen! Mehrere Weiber und Kinder (der Bauern find bei ElotildenS Erscheinen aus den Reihen getreten, umringen sie, küssen ihr die Hände, und ziehen sich wieder zurück, ohne sich um Hetzfeld und Fr. v. Zartenau zu kümmern). Clot. Ich muß gestehen, daß auch mich diese Anordnung überrascht! — Es ist wohl das erste Mal, daß Eduard selbst etwas befohlen hat! — Fr. v. Zart. Wunderbar sind die Wege des Schicksals! Hetzf. (zu Clotilde). Ich an Ihrer Stelle wäre abgereist, ohne mich weiter um die Launen des jungen Herrn zu kümmern.— Clot. Der Graf ließ mich ersuchen, bei diesem feierlichen Act seines Abschieds von hier gegenwärtig zu sein — warum soll ich das nicht gewähren? (Die Bauern schreien .Vivat* Musikanten blasen einen Tusch.) Hetzf. (führt Clotilde links zu den Stühlen, setzt sich neben sie; neben Hetzfeld nimmt einer von den Herren Platz — gegenüber setzt sich Frau von Zartenau den Andern Beiden.) Siebzehnte Scene. Vorige. Eduard. Gabriel. Jacob, vier Bediente. Graf (tritt, nachdem zwei Diener sich am Eingänge aufgestellt haben, rasch aus dem Schlosse über die Terrasse herunter, sein Benehmen ist fest und würdevoll, und bildet einen vollständigen Contrast zu seinem früheren Wesen). Gabriel und Jacob (folgen ihm). Zwei Diener (beschließen den Zug). Alles. Vivat! Graf. Ich dank Euch, Kinder! — Es ist das erste Mal, daß ich zu Euch spreche — bisher sah ich mich genötbigt, das Wohl meiner Unterthanen fremden Händen anzuvertrauen, deren Ergebenheit und redlicher Wille mir unzweifelhaft erschien; ich hatte mich getäuscht! Hetzf. (bestürzt). Welche Sprache! Clot. Diese Veränderung! — Ist es möglich! — Graf (fortfahrend). In Folge dessen faßte ich den Entschluß, entweder dem Titel eines Erb- und Gerichtsherrn von Taubenhain gänzlich zu entsagen, oder selbstständig 44 meine Rechte und das Heil meiner Unter- thanen zu vertreten! — Clot. (freudig). Ist das Wahrheit oder Traum? — Eduard. Heute noch wird sich mein und euer Schicksal entscheiden! — Jene heuchlerischen Creaturen hielten es für gerathen, mir einen Engel zu entfremden, der bestimmt ist, mein Dasein zu verschönern, der jedoch selbst in diesem Augenblick noch zürnend auf mich herniederblickt. Beharrt er fernerhin in seinem Zorn, so bleibt mein Leben freudenlos und leer, gelingt es mir jedoch, den Engel zu versöhnen, dann werde ich mich ganzdemWohle meiner Unterthanen weihen, Gerechtigkeit üben — und dem Bedrängten eine Stütze sein. Alle. Es lebe unser neuer Gutsherr! — Elot. (auf Eduard zueisend). Eduard! Eduard (schließt sie in seine Arme). Elo- tilde, verzeih dem Blinden, der so schwer den Weg zu deinem Herzen fand! — Fr. v. Zart, (leise für sich). Jetzt ist Alles verloren! — Hetzf. (aufstebend). Dürften wir uns über all das anzügliche Gerede da wohl eine deutlichere Erklärung erbitten, Herr Graf? — Eduard. Mit Vergnügen! Hier das bodicill des verstorbenen Grafen in bester Form Rechtens, worin Eduard Graf War- ting nur unter der Bedingung Herr aller Güter bleibt, wenn Fräulein Clotilde von Burgen seine Gattin wird. (Zu Clotilde.) Sie haben sich, und zwar ohne den Inhalt dieses Eodicills zu kennen, entschlossen, mich durch Ihre Hand zu beglücken; ich trete somit von diesem Augenblick an in den Besitz dieser Herrschaft, und werde mein Werk damit beginnen, die Heuchler zu entlarven und zu bestrafen! — Achtzehnte Scene. Vorige. — Dr. Pfcffer (mit zwei Gerichts- dienern). Pfeffer (schon im Hintergrund schreiend). Wo ist der schändliche Betrüger? — Ha! — da steht er! Packt mir den Burschen augenblicklich! — er ist ein gefährliches Subject, ein Schwindler — ein Fälscher — ein- Gabr. O, der Herr Doctor sind zu gütig! — Eduard. Der Schuldige wird seiner verdienten Strafe nicht entgehen! — Gabr. Es kömmt nur darauf an, wer's eigentlich ist! — Ich Hab' freilich mit Ihnen a Bissel Komödie gespielt, aber nur so war es möglich, von einem alten verschmitzten Raben den Käs zu erhaschen, den wir uns jetzt reckt gut schmecken lassen werden. (Zeigt daS Aästcken.) Pfeffer (erschreckt). Teufel! — Eduard (scharf). Warum haben Sie es uns nicht früher mitgetheill? Pfeffer (verblüfft). Es ist, so viel ich weiß, kein Termin zur Veröffentlichung darin angegeben! — Eduard. Sie haben sich vor Gericht darüber zu erklären! (Streng.) Fort mit ihm ins Gefängniß! — Pfeffer (wird von den zwei Gerichtsdienern fortgesührt). Gabr. Es ist doch gut, wenn man auf Alles gefaßt ist — er hat die Wächter gleich selber mitgebracht! — Hetzf. Nehmen Sie meinen Glückswunsch, Herr Graf, und erlauben Sie, daß ich mich jetzt entferne! — Fr. v. Zart. Auch ich bitte mich zu entschuldigen! (Mit Hetzfeld ab.) Neunzehnte Scene. Vorige — ohne Hetzfeld und Zar- tenau. — Schürer — Ehrmann und Dorothea (treten vor). Eduard. Jetzt zu einem angenehmcrn Geschäfte! — Dieser junge Mann hier hat Anspruch auf mein größtes Vertrauen! — Ich ernenne ihn hiermit zu meinem Güter- director. Gabr. Herr Graf — diese Gnade — Eduard. Sie haben sie verdient, denn 45 Sie gaben mir dieses Wesen wieder! — Sein Sie recht glücklich! (Geht mit Clotild. ab.) — Alle. Vivat, das hohe Brautpaar! — Zwanzigste Scene. Gabriel — Ehrmann — Schürer — Dorothea — Bauern rc. — (gleich darauf) Hans — Anna — Marie — die Kinder und Pudel. Schürer (wüthend zu Gabriel). Also sur mich hast Du nichts gethan? — Ich gehe leer aus? — Gabr. Lieber Onkel — die Vorsehung bat das Alles so gelenkt, nicht ich! — Ehrmaurr. Und Sie sind kein Holländer? — Gabr. Nein— thut mir leid wegen Holland. — aber ich kann nicht helfen! — Dor. Und haben Sie mir denn gar nichts mehr zu sagen? — Gabr. Geh' in ein Nonnenkloster, Ophelia! — Dor. Was? — und gestern hat er mich vor Lieb' auffreffen wollen! (Ab.) Gabr. O Gott, warum Hab' ich das nicht gethan! Hans ^hinter der Scene). Wo ist er — Gabriel? — Gabr. Sie kommen! — Jetzt geht's Glück auf mich los! — Hans — Anna — Marie — die Kinder — Pudel (eilen auf Gabriel loS und umringen ihn). Gabriel! Mein Gabriel! Gabr. Vater! Mutter! Braut! Kleines Gesindel von Geschwister! — O Gott, die Freud' drückt mir's Herz auseinander! — Hans. Mein Sohn! — Hab' i Di wieder?—Aber sag' mir nur, was bedeut't denn das Alles? (NufPudel deutend.) I werd' nit klug, aus all' dem Zeug, was der Dalk da z'sammplauscht! Pudel (für sich). Dalk?—Dieser Bauer bat gar keine Bildung! — Anna. Erklär' uns nur! Gabr. Das Alles später. — Für jetzt nur so viel, daß eure Noth ein Ende hat. Ich bin Güterdirector, und Du, Marie, wirst mein liebes Weib! Marie (an seinem Halse). Gabriel — mein lieber Gabriel! — Pudel. Und ich soll gar nir kriegen? — Gabr. In Anerkennung deiner Verdienste ernenne ich Dich zum Grundwachter. Pudel (einem nahestehenden GerichtSdiener den Hut und den Haslinger entreißend, in Ertase, indem er den Hut aufsetzt und den Haslinger schwingt). Grundwachter! Ha! — Ich werde der Gemeinde zeigen, daß ich (macht mit dem Haslinger die Pantomime des Schlagen«) zu etwas Höherem geboren bin. Alle. Vivat! — (Musik fällt ein.) Ende. In unserem Wiener Theater-Nepertmr werden demnächst erscheinen: Er comjiromiltirt seine /rau. Lustspiel in einem Act. Nach dem Franrösischrn von Moreno. 35 kr. Therese Krones. Genrebild in drei Acten von Carl Haff n er. 60 kr. Eine Ausnahme von der Regel. Lustspiel in 1 Acte von A l o i s B e r l a. 30 kr. Zwei Testamente. Charakterbild mit Gesang von Friedrich Kaiser. 60 kr. Im Verlage der MaMshausser'schen Ruchhandlung (Josef Me mm) sind folgende Theater von Friedrich Kaiser erschienen: Männerschönheit. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit Titelkupfer. 8. ged. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8 geh 14 Sgr. oder 75 Nkr. Eine Posse als Medicin. Originalposse mit Gesang in 3 Acten. Mit allegorischem Bilde. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Fürst. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischem Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Mönch und Soldat. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbild«. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Rastelbinder, oder: 10,000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titel» bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Junker und Knecht. Characterbild mit Gesang in 3 Acten Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Acten. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. DeS Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Dienstbotenwirthschaft, oder: Chatoulle und Uhr. Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr Doctor und Friseur, oder: die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 Acten» 7^/, Sgr. oder 35 Nkr. Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr. Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. EinneuerMonte»Christo. Original-Characterbild in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Die Frau Wirthin. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Etwas Kleines. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Von Friedrich Kaiser erscheinen demnächst: Zwei Testamente. — Unrecht Gut. — Des Krämers LSchterlein. — Eine Feindin und ein Freund. — Ein Lump. — Verrechnet. — Ein Jagd. Abenteuer. — Palais und Irrenhaus, Druck und Papier von Leopold Sommer in Wien. 11Ü OttinrrHl, - 4rro;ö^'»Ä4gtöf ÄiffH.- » li'siüK ^i76)iiF :n;nW^, .„iqiMrtiL liM .nrlrtk L ni hNLs-V lim Aij4r^7biKjld.;il,n^'7!IL ^i»^nvch^ 7 »nn^M sr '^7'^.zrr . / , ^ ^ 7 ; r j ' - 5 -- E E » > - tim ,fta. 4>8 8 .,4ti4t»1)^. t tZM .nataV L ni tim 4ti4i,t)N7Ll. 7 a^Y->dnitzi 7<2 .a,uaiL,rrL i ,«8 : 7 , 4 a ,n,m 7 lß 7,4 »luckL 7 ,Äk L7 „4a .ihL ct ^ ^ l ti!>L n,„tk 4 .j, 1 ,r t .n,r,s L in hmft»G tim ,Ha tim ,ftaP .»Itaiß ,tK ,1 87 ,t,i^>tli4N^:^4a '-4 L ^t»i 4 ^t 7 i atnßlH 4 ft n, i ^ 7,!ß 0-, 7t4a .-ltzG §k ^ -8 ,'4ti4t,uL 1'tiM'.n,t,ft- 8 .u,t7-k 8 «i HNk.i»«r) tim ,fta(ss .„„«,ti>,'t2 chän tcknT ,i4 :„4a , 7 U,ii 7 L 4«u aatroF .74itz ^a .ihS ^'7 7ljß LL i,4o 7tzL »^'7 .,t,L t ni .7,tr.,tlr. mj ,ia!(tz n,fti » muL äirß 05 7,4a 7hS Ot .«»taS 8 -ft ßnv?,V tim ,ftaP .7,ft;,»'NichD 4nu 7,itd^ u,trjK 8 ni b« Ot. * ' .74??^9 7,4s .7^T 8t mE r: ni 4y47,1,t.7v^.r>!Lni^7r2 »fti7 ^A.,tna«L 7 ,u,n niH .74K 08 7,4a .74L 8k f. äi M-7»ytz7i.-A .ni-tIiA uv7^ »i^ .7l!ß 0^7,4v .,pD Lt .n,t,!k L n^,na),G tini 4ij47,jrL7aä?) .H,ni»tL »bMtd ' ^ ^ ^ : 5»chLnm,4 n-ttirrk^-. p)iaA. chi^-n^ iE — .ni»t7,tchüL -L«mä7L r,L - — -,tn,mLft,L i,mk ^ .4tzbx nid — 1,ntur>4«,77L 4nu 8 iütL(ss .7,u,ta,4tS v«8k «t i>n»m»A »»» ,«» ! (Den Bübnen ge genüber a ls Manuskript gedruckt.) Lustspiel in einem Acte. Aach dem Lranzösischea Versanen: Dickelberg, Börsenagent. Sch wachenzopf, vormals Notar. Ernest von Tümmelkainm. Hector von Bernstein. Frau von Sternau. Henriette Dickelberg. Johann, Lehndiener. Die Handlung spielt in Ischl im Hotel »zur Kaiserin Elisabeth«. . .seine.Imi. von Moreno (Ein gewöhnlicher Salon im Hotel; im Hintergründe zwei Thüren; rechts und links Seiten- thüren. Rechts ein Pianoforte; im Uebrigen Fauteuils, Stühle, Sopha, Tisch rc ) Erste Scene. Sternau. Henriette. Schwachenzopf. Bernstein. Später Johann. (Beim Aufrollen deS Vorhangs sitzen Sternau und Henriette links beim Tisch. Sternau stickt, Henriette putzt ihren Etrohhut mit Bändem auf. Bernstein lehnt am Piano und blättert in einem Album. Schwachenzopf liest sitzend ein Journal.) Sternau (zu Schwachenzopf). Ist das Alles, Herr von Schwachenzopf? Schwach. Nein, Alles! — ah nein, doch nicht! Da steht ja noch etwas auf der letzten Seite! Nämlich die Namen der Neuangekommenen Badegäste! Henr. Da sind wir wohl auch dabei? Schwach. Noch dazu obenan, schönes Fräulein! Henr. (leise Sternau). Fräulein!? Wenn das mein Mann Horen würde! Bern, (für sich) Ohne Hut ist sie noch schöner! Schwach, (liest). »Frau von Sternau sammt Nichte von Wien.* Sternau. Schön! Bern. Bin ich auch dabei? Schwach. Ja wohl, junger Herr! (Liest.) »Herr Hcctor Bernstein von Wien.« Bern. Bloß Bernstein? Wo ist denn das von? Schwach. Nun es steht ja, von Wien. Bern. Aber eS sollte heißen: Hector von Bernstein. Schwach. Die Setzer sind halt ein Bischen ökonomisch. Bern. O das hat einen andern Grund; ich habe Feinde unter den Journalisten! — Aber ich werde reclamiren! Schwach. Halt! Man hat meinen hohen Namen auch verhunzt! (Liest.) »Herr Schwachenkopf, vormals Notar.* Ich heiße Schwachenzopf, aber ich — werde nicht reclamiren! Henr. (aufstehend und den Hut aussetzend und festbindend). So, jetzt kann ich jedem Sturmwind trotzen! Bern, (für sich). Mit dem Hut ist sie noch schöner! Sternau (steht aus. zu Henriette). Es muß bald Mittag sein! Wie wär's, wenn wir auf's Postamt gingen? Henr. Recht gerne! (Leise zu Sternau.) Vielleicht finden wir schon einen Brief von meinem lieben Mann! Joh. (durch die linke Thür im Hintergründe). Herr von Scbwachenzopf, Ihr Bad ist bereit — so eben brachte der Badewärter die Post. Schwach. Schon gut, ich komme schon! Joh. Sie müssen sich aber tummeln, denn länger als eine halbe Stunde darf kein Gast baden; es sind ihrer zu viele da, die alle baden wollen! Also bitt' ich, nur schnell! Schwach, (aufstehend). Zum Teufel ja! ich gehe schon! Ich kenne ja die hiesige schöne Badeordnung! — Wie die halbe Stunde um ist, prrr! geht das Ventil auf, das Wasser fließt ab, und — man sitzt im Trockenen! Joh. Ja, so ist's in der Ordnung. Schwach. Nein, daS ist gar nicht in der Ordnung, daß man die Leute so aussitzen läßt. Joh. Ja Ischl ist halt ein Schnellbad! — Also tummeln Sie sich! Sternau (grüßend). Meine Herren, wir empfehlen uns — Bern. Ist es erlaubt, die Damen zu begleiten? 3 Stern au. Wenn es Ihnen Bergnügen macht — Bern, (für sich). Ich werde der Alten den Arm reichen, um bei der Jungen zu reufsiren! (Bietet Sternau den Arm und geleitet sie durch die Unke Thür im Hintergrund hinaus; Henriette folgt den Beiden; Schwa- chenzopf geht durch dieselbe Thür den Anderen nach.) Zweite Scene. Johann, später Tümmelkamm, dann Dickelberg. Joh. Mittag ist's bereits! — Die Post von Ebensee kann jeden Augenblick an- kommen. Tumm. (durch die rechte Thür im Hintergründe. gefolgt von einem Lohndiener, der seinen Koffer und seinen Nachtsack trägt). He! Kellner! Joh. (für sich). Ah, ein neuer Gadebast — wollt' ich sagen Badegast! (Laut.) Wünschen vielleicht ein Zimmer? Tümm. Mehr als das! — Ich wünsche eitle vollkommene Wohnung sammt allem Comfort. Joh. (aus eine Thür rechts zeigend). Da wäre z. B. Nr. 7; dieß Zimmer hat eine Verbindung mit Nr. 8 und 9, es sind also zwei Zimmer und ein Salon. Tümm. Comfortable? Joh. Bitte, Comfortable haben wir hier keine; das gibt's in Ischl nicht! Tümm. (lachend). Aber Esel, die gibt's hier? Joh. Aufzuwarten, Euer Gnaden! Tümm. (lachend). Schon gut! (Deutet auf die Thür rechts und gibt dem Diener, der das Gepäck trägt, einen Wink.) Hier hinein! (Rechts ab, Lohndiener folgt.) Dick, (erscheint im selben Augenblick in der linken Thür deS Hintergrundes; er trägt in der einen Hand einen Reisesack in der anderen sorg- faltig mit den Fingerspitzen haltend ein Packet sammt Düte von Papier). He! Gar§on! Joh. Befehlen! (Leise.) Noch ein Gast! Dick. Wo ist meine Frau? Joh. Ihre Frau? — Die kenne lch nicht! — Wie schaut sie aus! — Dick. Schönschautsie aus, sehrschön! — Joh. O, ich bitte, das sind bei uns hier alle Damen! Dick. Ich frage Dich aber um Frau von Dickelberg! Joh. Ich bitte, die gibt's bei uns nicht! Dick. Ah, Schafskopf! Wo ist meine Tante! Joh. Was für eine Tante? — Wir ha- ben hier fast lauter Tanten! Dick. Frau von Sternau, meine ick — Joh. Ah! die Frau von Sternau? — Ja, die ist da, mit ihrer Stickte, einem sehr hübschen Mädl! Dick. Na, also — das Mädl ist meine Frau! — Joh. Ab Unsinn! Wie kann denn ein Mädl eine Frau sein?! Dick. Schafskopf! Das geht Dich uickts an! Wo sind also diese beiden Damen jetzt? Joh. Sie sind zur Post gegangen, werden aber gleich wieder da sein! Dahier (zeigt auf eine Thür links ) ist ihre Wohnung ! Dick. Gut, gut; ich werde Sie erwarten! — Haben sie heute schon Gabelge- frühstückk? — Joh. Wer? Ich? Dick. Dummkopf! — Die Damen! Joh. Ah so! — Nein, die haben noch nicht — Dick. So bestelle um ein Couvert mehr! Joh. Wollten mir Cw. Gnaden nicht Ihren Reisekvffer anvertrauen? (Nimmt denselben, will auch die Düte nehmen.) Dick, (wehrt sich dagegen.) Unglücklicher, rühre das nicht an, das ist ein Heiligthum! Joh. (trägt den Reisekoffer links ab). Dritte Scene. Dickelberg, später Bernstein. Dick, (auf das Packet zeigend). Hackee- Wandeln von Kriegler in Wien. Ich bringe sie meiner Frau mit; die sind ihre Leiden- 1 * 4 schast! Hachee-Wandeln und ich; das istj das Einzige, was sie liebt! D'rum kauf' ich ihr aber auch, wenn wir in Wien sind, alle Tage warme Wandeln! — Wenn ich von der Börse komme, so kaufe ich ihr ans dem Wege in die Leopoldstadt in der Rothenthurmstraße bei Kricgler warme frische Wandeln und trage diese süße Last mit den Fingerspitzen behutsam heim! Jetzt Hab' ich gar welche von Wien nach Ischl mitgenommen, und halte sie so wie jetzt auf der ganzenReise in der Hand!—Eommodwar das eben nicht, denn ich habe wegen den Wandeln kein Auge zugcmackt aus der ganzen Reise. Nur in Gmunden, da war' ich beinahe einen Augenblick cingcschlafcn und mir scheint, da Hab' ich ein paar zerdrückt! Wollen gleich scheu! — (Oeffnet das Packet und sieht sorgfältig hinein.) Bern, (durch die rechte Thur im Hintergründe). Sie ist verheiratet! Malheur! In dem Augenblicke, als ich bereits meinen Heiratsantrag machen wollte, erfuhr ich, daß wir zur Post gingen, um einen Brief des geliebten Göttergatten zu holen. Dick, (für sich). Muß richtig geschlafen baden; eins ist zerdrückt! (Legt die Düte sorgfältig aus den Tisch und bemerkt Bernstein.) Was Donner! Seh' ich recht? Mein Client, der Herr von Bernstein?! Bern. Ei, Sie da, Herr von Dickelberg! Mein stets bereiter Börsenagent? (Reichen sich die Hände.) Dick. Wer hätte gedacht, daß man Sie hier in der Alpenregion treffen würde? Bern. Nun und jetzt bin ich doch da! (Stellt seinen Hut auf die Düte.) Ja, so finden sich schöne Seelen überall zusammen! Apropos! Wie stehen die Westbahn? Dick. 182°/.. Bern. Also gestiegen! Aha! Das sind die Folgen der letzten Generalversammlung, wo so Manches klar geworden. Dick. Belieben Sic vielleicht zu kaufen? Ich stehe immer zu Diensten! Hier ist mein Notizbuch! (Zieht es aus der Tasche.) j Bern. Wie wäre das möglich? Hier in Zschl — Dick. Ah, das ist ganz einfach. Wir tele- graphircn! Der Telegraph ist ja nur wegen der Börsespeeulanten bis nach Ischl geleitet worden! Also, wie ist's? 182/. Westbahn! — Werden sehr stark gekauft! Wie viel Stück brauchen wir? Bern. Lassen wir's heute gut sein! Ich habe hier keinen Sinn für Börsensvecula- tionen; hier speculire ich bloß auf Herzen! Dick. Herzen? Schlechte Speculation heut zu Tage! Das ist kein Geschäft! (Steckt das Notizbuch ein) Bern. Dießmal ist's wirklich kein Geschäft! Ich habe wenig Aussicht auf Erfolg; sie ist verheiratet. Dick. Und das genirt Sie? Bern. Nu, ich dächte doch — Dick. Ah, im Gegentheil, — das macht die Sache erst pikant! Das war von jeher meine Schwäche, d. h., so lange ich ledig war. Bern, (lachend). Im Ernste? Dick. Gewiß! — O, ich war ein rechter Schwerer,öther! — Em wahrer Don Juan! — Aber jetzt, nun, jetzt bin ich dick geworden; jetzt habe ich die schönen Liebesintriguen aufgegeben und mache statt in jungen Frauen nur mehr in jungen Bahnen! Sie finden daran keinen Geschmack, also Adieu! (Will ab.) Bern, (ihn zurückhaltend; ihn auf einen Stuhl ziehend). Halt, Don Juan Dickelberg! Gib erst Auskunft mir, wie so Du die Damen besiegtest und die Männer narrtest! Nenn' mir deine Waffen! Dick. Soll ich aber auch? Bern. Warum nicht? Dick. Sie sind mein Client — wohlan, es sei! (Beide sehen sich.) Hören Sie denn, welches Zaubermittel, welcher Talisman, die Herzen der Frauen und die Thüren der Häuser öffnet! Geben Sie sich nie für ledig aus! Sagen Sie immer: »Ich bin verheiratet!* Bern. Weshalb? Dick. Das ist ganz einfach! Die Ehemänner fürchten nur ledige Männer! Das freiwillige Cölibat der jungen Leute ist der gefährlichste Feind der ehelichen Treue. Vor dem Junggesellen schließt man die Thür, mau fürchtet ihn wie den Teufel, d. h. wie man den Teufel einst gefürchtet bat. Den Verheirateten hingegen betrachten die Ehemänner wie einen Bruder, Leidensbruder natürlich, wie einen Verbündeten, wie einen — mit einem Worte, ich spielte den Ehekrüppel! Bern Das ist eine ganz gute Idee! Aber gesetzt den Fall: man fragte Sie um Ihre Frau? Dick. Das ist eben der Witz! In diesem Pnukl war ich ganz Machiavelli! Wenn man mich um meine Frau fragte, so erröthete ich erst, dann stotterte ich, und endlich gestand ich mit geheimnißvollcr Miene, zaudernd und zagend, daß -daß meine Frau; die Unglückselige, vergessend ihre ehelichen Pflichten — Bern, (gespannt). Nun? Dick. Daß die Elende eines Tages mein Haus flüchtig verlassen. Bern. Wie? — Sie gaben sich für einen Betrogenen — Dick, (einlallend). Ganz richtig; für einen betrogenen, verratbenen, verkauften Ehegatten! — Aber es gehört Keckheit dazu! — Ich habe in dieser Beziehung wirklich phänomenistische Erfahrungen gemacht! — Der Gatte, dem ich mein Unglück mit der Farbe der Phantasie schilderte, lachte gewöhnlich herzlich! Es ist zu drollig, über so etwas als Ehemann zu lachen! Bern. Nun, was sagte die Gattin? Dick. Die Gattin machte ein mitleidiges Gesicht und sah mich mit einem Ausdrucke an, als ob sie sagen wollte: Armer Junge! So jung und nun so allein, so traurig! — Ich Ueß nun enorme Seufzer los, das verdoppelte das Mitleid der Weiber! Und so ging's! Für ihn war ich komisch, ihr war ich tragisch, sympathisch, interessant! Ich hatte Tröstung notb, und sic tröstete mich, na und — das Trösten verstehen die Damen aus den k'k'. Bern. Aber das ist doch ein bischen stark! Dick Ja, Sie müssen nicht glauben, daß wir Börsenagenten auf den Kopf gefallen sind! (Lachend.) Ah, die letzte Geschichte, die ich in dieser Beziehung erlebte, ist zu komisch! Damals war ein Notar das Opfer meiner Schlauheit! Bern. Ein Notar?! Ihnen ist ja gar nichts heilig! Dick. Es war in Carlsbad. 's ist jetzt drei Jahre her, ein Jahr, bevor ich heiratete! Ich langweilte mich damals schauerlich bei einem Sprudel, den ich täglich schluckte! — Eines Tages begegne ich dem besagten Notar, am Arme eine schöne junge Dame führend, brünett mit blauen Augen und rothen Armen! Die rothen Arme haben mich gerade nicht angelockt, aber mein Gott, — im Bad, beim Sprudel! Mit einem Worte, der Mann war eifersüchtig und argwöhnisch wie ein Nino Birio; — ich entschloß mich daher, bei den Beiden mein eheliches Schauerdrama als unglücklicher Gesponse in Scene zu setzen! Ich habe ihnen weiß gemacht, daß ich mir sechs Messerstiche und dreizehn Tropfen T.auäu- num beigcbracht hätte, um mein Unglück nicht zu überleben! — Kurz und gut, ich war in Folge dieser Rührkomödie sein Vertrauter. In vierzehn Tagen nannte er mich Du und seine Frau auch! Er lud mich ein, bei ihm zu wohnen, wir aßen mitsammen, wir tranken mitsammen, wir spazirten mitsammen, wir — wir machten Alles mitsammen! Er arrangirte Landpartien, nur um mich zu zerstreuen; aber er selbst konnte nicht reiten, sondern folgte uns von Weitem auf einem Esel, Sonnenschirm und Shawl der Gattin tragend! Bern, llackend) Ein famoser Mann! Dick. Ein göttlicher Kerl! — Nach zwei Monaten wollte ich abreisen, er ließ mich nicht; er fand, daß ich mich noch bei Wei« 6 ten nickt genug zerstreut hätte! — Und seine Frau fand das auch! — Er wollte mich gar mit sich nehmen auf sein Landgut! Bern. Nun, und Sic? Dick, (aufstehend). 3ck — ick habe mich holländisch bei der freundlichen Familie empfohlen, habe ihnen eine falsche Adresse hinterlassen und seither kein Sterbenswörtchen mehr gehört! Bern, (aufstehend). Gut; ich will's versuchen, von Ihrem Recepte vorschriftmäßi- gen Gebrauch zu machen! — Ich riskire ja nichts dabei! — Dick. Sie wollen schon gehen? Bern. Ich muß ein zweites Glas Molken trinken gehen! — (Bei Seite.) Ich laufe den Damen nach! (Nimmt seinen Hut und laust ab.) Vierte Scene. Dickelberg, später Schwachenzopf. Dick. Ach zum Teufel! Jetzt war sein Hut auf meinen Hachöe-Wandeln postirt! (^effnet behutsam die Düte.) Ja, ja, jetzt sind schon zwei gebrochen! Legen wir's da herüber! ^Legt die Düte sorgsam auf daS Pianoforte.) Schwach, (wütheud, rechts Hintergrund). Ach Sapperment! Heute bin ich schon wieder im Trockenen gesessen! — Nicht einmal die ganze halbe Stunde haben sic mir heute das Wasser gelassen! (Wirft zornig seinen Rock auf daS Piano, und trifft die Düte.) Dick, (sich umwendend). Donnerwetter! So geben Sie gefälligst Acht! Schwach, (ihn erkennend). Seh' ick reckt?! — Edmund! — Du — Dick, (bei Seite). Ach! Jetzt kann's schön werden! Der alte Notar aus Carlsbad! Sckwack. (ihn in die Arme schließend) Mein Freund! Mein lieber, guter Freund! Dick. Schwachenzopf! Wer hätte gedacht, Dich hier zu treffen? Schwach. Sag' mir nur, was bast Du denn seit den drei Jahren gemacht? Dick. Seit den drei Jahren? Ich — ich — Schwach. Ich bin bei unserer Zurückkunft von Carlsbad gleich in die auf deiner Karte angegebene Wohnung gegangen, um Dich aufzusuchen, aber — Dick. Aber Du hast mich nicht gefunden! Ja, ich war schon ausgezogen, ick war verreist. Schwach. Ich bin recht böse, daß Du mir gar nie geschrieben hast! Dick. Ja, mein Gott, auf der Reise, Du weißt ja — Schwach. Ja, Du bist wieder gereist, um deinen Kummer zu vergessen! — Nun sage, bist Du jetzt glücklicher als damals? Dick. Ohhh! — Ja! — Ja! — Die Zeit — die Reise — Schwach. Armer Junge! — Und was ist mit jenem Elenden geworden, der — Dick. Mit welchem Elenden? Schwach. Nu — mit Ernest — Dick. Was für ein Ernest? Schwach. Ei Du mein Gott! Mit dem Verführer und Entführer deines Weibes, mit Ernest von Tümmelkamm! Dick. Pst! Nicht so laut! (Für sich.) Ich habe ihm damals bloß einen erdichteten Namen genannt, von einer Eisenbahnstation der Westbahn! Schwach. Also was ist mit dem geschehen? — Du wolltest ihn damals tödtcn! Dick. Diese Sache ist abgethan! Schwach. Aber wie? — Sprich! — Rede! — Dick. Wie? (Für sich.) Das ist ein neugieriger Kerl, der Notar! (Laut.) Also, eines Abends auf dem Franz-Josef-Quai beim Schuster'schen Kaffeehause, es war eben Nachtnebel oder Nebelnacht; — große, schwere Gewitterwolken bedeckten das Firmament, der Blitz züngelte zickzackmäßig über die Ziegeldächer — Schwach. Tu malst mit entsetzlichen Farben! Dick. Es sind Deckfarben! (Für sich.) Ich will damit meine Verlegenheit verdecken. 7 (Saul -Also er kaufte eben in dem Tabakladen ander Ecke »das Vaterland«, der Elende! Ich stand mit einem Sprunge an seiner Seite, und — Schwach. Und schlugst ihn mit einem Handschuh in's Gesicht! (Aengsilich.) Erforderte Dich, ihr duellirtet Euch? Dick. Beruhige Dich! — Er weigerte sich, sich zu schlagen! Schwach. Der Feigling! — Weiter — weiter! Dick. Ick sprach seitdem kein Wort mehr mit ihnr, und hörte auch nichts von ihm. Schwach. Ist wohl sogleich abgereist? Dick. Daran that er wohl, denn wenn er mir nochmals begegnet wäre, so — Schwach. Ich verstehe Dich, und begreife deinen heiligen Zorn! Dick. Aber diese Erinnerungen greifen mich jedesmal außerordentlich an, und wenn Du mir einen Gefallen thun willst, so versprich mir, nie mehr von dieser traurigen Geschichte zu sprechen, — versprich mir das! (Plötzlich in einem andern Tone.) Bleibst Du lange in Ischl? Schwach. Ich wollte schon abreisen, denn die hiesige Badeordnung ist zu meotmnts! — Aber jetzt, wo Du da bist, jetzt bleibe ich! — Dick. O, ich bitte Dich, genire Dich meinethalben durchaus nicht. — Schwach. Laß' gut sein! — Ich weiß, was ich einem unglücklichen Freunde schuldig bin, — ich bleibe! — Dick. O Du einziger Freund! (Bei Seite.) Hol' Dich der Teufel! (Laut.) Und deine Frau, wo ist denn die? Hast sie wohl mit im Bad? — Schwach. Nein, Heuer reise ich allein. Dick, (für sich.) Ah! Ich athme wieder auf! — Ich habe schon an ihm genug! Fünfte Scene. Vorige. Sternau, Henriette (noch im Hintergründe). Hcnr. Tante! Tante! Er ist hier! Dick. Henriette! Henr. Edmund! (Umarmung.) Schwach Teufel! Die Beiden kennen sich! Sternau (eintretend) Mein lieber Neffe! Dick. Beste Tante! (Umarmt sie) Henr. Das ist hübsch von Dir, daß Du uns überrascht hast; wir erwarteten Dich erst künftige Woche! Dick. Hast Du denn meinen Brief erhalten? Sternau. Eben erhielten wir ihn! Hcnr. Uebrigens Du bist da, und das Uebrige ist Nebensache! — Ich wußte es ja, daß Du es nicht acht Tage lang ohne mich, ohne dein Weibchen aushalren würdest! Sch wach, (bei Seite.) Was? Sein Weibchen?! (Leise zu Dickelberg.) Das ist deine Frau? Dick, (leise.) Ja, ja; aber nur leise, leise. Schwach, (leise). Also sie ist doch zurückgekehrt? Dick, (wie oben). Ja, ja; ich werde Dir schon Alles erzählen. Aber nur still jetzt, um Gottes willen! (Laut zu Henrietten.) Mein liebes, gutes Weibchen! Henr. Hast Du wohl öfter an mich gedacht in Wien? Dick. Wie kannst Du nur fragen? Schwach. Diese kleine Schlange! Für einen Tugeudspiegel könnte man sie halten — Sternau (darstellend). Mein Neffe'.Hier, Herr Schwachenzopf! Schwach. O daS ist ganz unnöthig! Wir kennen unS schon! Henr. Ah, die Herren kennen sich? Schwach. O, ich war sein Vertrauter zu einer Zeit — wo — Dick, (leise). So schweige doch! Schwach. Ich Hab' ihn damals oft trösten müssen! Henr. Trösten? — Worüber? Schach. Das fragen Sie? — Ach, das ist gut! Dick, (leise). Aber so schweige doch in Teufels Namen! (Für sich.) Das ist ein ver- 8 fluchter Mensch, dieser neugierige Notar! (Nimmt die Düte vom Piano und prälentirt sie seiner Frau.) Hier, süße Henriette, bring ich Dir etwas — Henr. Was ist denn das? Dick. Deine Leibspeise! Henr. Hachec-Wandeln?! Dick. 2ch bringe sie Dir gar aus Wien mit! Henr. Ah. das ist zu galant! Schwach. Er bringt ihr Hach^e-Wan- dein aus Wien?! Das ist ein ausgezeichneter Ehemann! 3 »h- (kommt mit dem Fremdenbuch, zu Dikkelberg). Euer Gnaden, das Gabelfrühstück ist servirt! Dick. Nun, so kommt! 3 oh. Wollen Euer Gnaden nicht 3hreii Namen einzuschreiben geruhen? Tick. Später, später! (Mit Henriette und Stcrnau links ab.) die hier im Hotel wohnen, namentlich über die Damen — Schwach. Aha, er fragt schon nach den Damen! — 3oh. 3a, ja; er hat so etwas von einem Liebhaber an sich! — Schwach, (bei Seite). Kein Zweifel mehr, er ist's! — er will sich der Frau meines Freundes wieder nahen! Er verfolgt sie — aber ich werdr es nicht dulden! — Edmund ist mein bester Freund! — Dieser Herr von Tümmelkamm muß abreisen, augenblicklich abreisen!! (Laut.) 3ohann! 3oh. Befehlen?! Schwach. Bitte Herrn von Tümmcl- kamm in meinem Namen hieherzukommen! 3oh. Zu 3hnen?— Ganz wohl! — (Bemerkt den eintretenden Tümmelkamm.) Ah, da kommt er eben. Schwach. Laß uns allein! 3 oh. (Ab.) Sechste Scene. Schwachenzopf, 3ohann. Schwach, (bei Seite). Er hat ihr verziehen, der gute Mann! 3 oh. (ihm das Fremdenbuch weisend). Euer Gnaden, Herr von Schwachenzopf, eine große Persönlichkeit ist heute hier angelangt, die gleich eine ganze Wohnung in Beschlag genommen hat — Schwach. Und wie heißt denn diese beschlagnehmende Persönlichkeit? 3 oh. Warten Sie, da steht sein Name! (Liest.) » Ernest von Tümmelkamm!« Sckwach. Was? 3st's möglich?! — Tümmelkamm wäre hier?! — (Entreißt Johann das Buch, steht hinein.) Wahrhaftig, er ist's! — Er im selben Hotel wie Dickelberg?! — 3oh. Ah, das ist ein lieber jungerMann, er hat mir schon einen Vereinsthaler geschenkt ! Schwach. Wofür? — 3 oh. Für eine geistreiche Conversation! Er hat mich um alle ausführlich befragt, Siebente Scene. Schwachenzopf, Tümmelkamm. Schwach, (bei Seite). Der ist wohl weit hübscher als Dickelberg! (Sie grüßen sich gegenseitig. Laut.) Habe ich die Ehre, Herrn von Tümmelkamm zu sprechen? Tümm. So heiße ich! Schwach. Ernest von Tümmelkamm! Tümm. 3a, mein Herr! Doch habe ich nicht die Ehre — Schwach, (bei Seite). Er ist's! (Laut in feierlichem Tone:) Mein Herr! Als Freund — als Vertrauter, und — ich darf wohl sagen — als gewesener Notar, muß ich 3H- iien bemerken — Dick, (hinter der Scene). Gargon! Gar§on! Schwach, (erschreckt, bei Seite). Himmel! Dickelberg's Stimme! — Gott! wenn sich die Beiden hier begegnen — Tümm. Was wünschen Sie eigentlich, mein Herr? — Schwach, (verlegen). 3ch — ich muß 3hnen sagen — es ist meine Pflicht — daß ich 3hnen sage — daß eine Person, 9 die eben von Wien angekommen ist', Sie! im Vorsaal erwartet! Tümm. (erstaunt). Wie? — Schon jetzt? — Zch erwartete sie erst morgen; — ich danke Ihnen, mein Herr! — (Er grüßt ihn und geht lebhaft durch die Thür links im Hintergrund ab.) Achte Scene. Sckwachenzopf, Dickelberg. Dick, (kommend). Gartzvn, Feuer! Schwach, (für sich). Es war die höchste Zeit! Dick. Während meine Frau ihreHachee- Wandeln verzehrt, will ich mir eine Cigarre anstecken! Schwach, (bei Seite). Gäbe der Himmel, daß der Andere nicht zurückkommt! Dick. Ah, da ist das Fremdenbuch; ich muß gleich meinen Namen einschreiben! (Nimmt eS ) Schwach, (es ihm entreißend). Nein, nein! Das wäre höchst überflüssig! Dick. Was hast Du denn? Schwach. Nichts, nichts! Zch will mich eben selbst einschreiben! (Bei Seite.) Wenn er Tümmelkamm's Namen fände — Dick. Was machst Du denn für ein tragisches Gesicht? Schwach. Das kommt von der Hitze! — ich habe den Sonnenstich gekriegt! Tick, (nimmt das Journal, welches auf dem Tisch liegen geblieben). Ah, da ist der Ischler Anzeiger! (Liest.) »Neu angekommene Badegäste!« Schwach, (es ibm entreißend). Nicht! Um Gottes willen nicht! — Dick. Aber zum Teufel, was hast Du denn? Schwach. Ich war schon vor Dir darauf vorgemerkt. Dick. Nun meinetwegen, bei mir hat's keine Eile! — Was machst Tu denn für ein wildes Gesicht? Schwach. Das ist der Sonnenstich! Tümm. (hinter der Scene). Ah, das ist eine große Albernheit! — Schwach, (bei Seite). Himmel! Der Andere! (Laut.) Du, deine Frau hat Dich gerufen. — Dick. Mich? Ich habe nichts gehört! Schwach. Ganz sicher! Geh' nur, geh! (Schiebt ihn hinaus.) Dick, (links ab). Neunte Scene. Schwachenzopf, Tümmelkamm (von rechts im Hintergründe). Schwach, (bei Seite). Es war die höchste Zeit! Tümm. Bittesehr, mein Herr, cs war Niemand draußen! Sie haben mich, wie cs scheint, nur mystificiren wollen? Schwach. Stille! stille! Ich wollte Sie entfernen! Tümm. Mich? Weshalb? Schwach. Er ist da! Tümm. Er? — Wer? — Schwach. Edmund! Tümm. Was für ein Edmund? Schwach. Nun — er, der Gatte, der Dickelberg — Tümm. Dickelberg? — Den kenne ich nicht! Schwach. Brav, junger Mann, das ist hübsch von Ihnen, daß Sic so discret sein wollen und nichts verrathen! Aber das ist hier unnütz, ich weiß ohnehin Alles! Tümm. Was wissen Sie?— (Bei Seite.) Ter Mensch langweilt mich! Schwach. Nu, Ihr Verhältnis mit der Frau von Tickelberg! Tümm. (erstaunt). Wie? Sie wissen — Schwach. Daß die Treulose um Ihretwillen ihren Gatten verließ — Tümm. Frau von Dickelberg? Schwach. Der Arme soff I^rruclrrnnm aus Verzweiflung! Doch nun hat er sic wieder bei sich ausgenommen; er hat ihr verziehen, der Edle! Tümm. So? Schwach. Nur wenn er Ihren Namen nennen hört, da fühlt er plötzlich etwas am 10 Kopf, einen gewissen Andrang des Blutes zum Gehirn; und wenn er Ihnen begegnete — Tn mm. Nun, was würde dann? Sckwach. Dann würde sich die Scene vom Franz-Josefs-Qnai wiederholen! Tümm. Was für eine Scene? Schwach. Nu, Sie werden sich wobl erinnern; jene gewisse Geschichte mit einem gewissen Handschuh, den ein gewisser Jemand erlebte, als er eben ein gewisses »Vaterland« bei einer gewissen Trafikantin kaufte. Tümm. Mit einem Handschuh? Schwach. Mit dem er Sie geohrfeigt hat! Tümm.Was?!— geohrfeigt—mich?! Schwach. Ja, ja, worauf Sie sich weigerten, sich mit ihm zu schlagen — Tümm. Entschuldigen Sie, mein Herr, wer hat Ihnen das Alles erzählt?' Schwach. Er selbst; er, der beleidigte Gatte, der betrogene Dickclberg! Tümm. Und er sagte, daß ich seine Frau entführt batte? — Schwach. Ja wobl! Tümm. Und daß er mich geohrfeigt habe? — Schwach. Das that er! Tümm. Und daß ich mich weigerte, mich zu schlagen? Schwach. Ganz richtig! Tümm. Und nannte er meinen Namen? Schwach. Ja wohl: Ernest von Tüm- melkanun! Tümm. (bei Seite). Das fängt an bedenklich zu werden! Schwach. Herr von Tümmelkamm, ich bitte, ich beschwöre Sie, als Freund, als Vertrauter, und — ich darf wohl sagen — als gewesener Notar, seien Sie edel! Stören Sic nicht von Neuem diese ohnehin schon ganz verdorbene Ehe! Tümm. Seien Sie ganz unbesorgt! Schwach. Um Gottes willen, gehen Sie, ich beschwöre Sie! — Tümm. Ich soll gehen? — Schwach. Ja, ja! Nicht wahr? Sie entfernen sich? — Ich nehme Sie beim Wort! — Also, Sie gehen? — Tümm. Einen Augenblick Geduld! Schwach. Freund, es muß sein! — Sie müssen sick entfernen! Bedenken Sie nur — hier ist das Zimmer Dickelberg's! — Wenn er Sie hier träfe — es wäre entsetzlich ! — Die Post geht in drei Viertelstunden ab; — gehen Sic in sich, packe,» Sie Ihre Siebensachen zusammen, ich besorge indessen einen Platz für Sie im Postwagen! (Schnell rechts im Hintergrund ab.) Zehnte Scene. Tümmelkamm, später Dickelberg. Tümm. Jetzt bin ich aber doch begierig, diesen beleidigten Gatten kennen zu lernen, diesen Helden, der mich geohrfeigt hat; ah, da ist also sein Zimmer! — (Geht gegen die Thüre; in demselben Augenblick erscheint Dickelberg unter derselben.) Ah, ohne Zweifel ist er es! Dick, (für sich). Meine Frau hatte mich nicht gerufen! Tümm. Habe ihn in meinem Leben nicht gesehen. (Laut.) Habe ich das Vergnügen, mit Herrn von Dickelberg zu sprechen? Dick. Zn dienen! — Mit wem habe ich die Ehre? Tümm. Ich heiße: Ernest von Tümmelkamm! Dick, (bei Seite). Da seh' mal Einer! Meine Eisenbahnstation eristirt wirklich! (Laut.) Freut mich, freut mich sehr, Ihre Bekanntschaft zu machen! — Sie gebrauchen wohl das Bad hier? — Tümm. Es heißt aber: ich verfolge Ihre Frau! Dick. Sie? Meine Frau! — Oho! Tümm. Ferner heißt es, daß Sie mich geohrfeigt haben, und endlich heißt es gar, daß ich mich geweigert hätte, mich mit Ihnen zu schlagen! Dick. Wer hat das Alles gesagt? 11 Tümm. Einer Ihrer Freunde. Ein gewisser Notar — Dick. Der alte Schafskopf macht eine Dummheit nach der andern! Tümm. Mein Herr, ich muß Sic hierüber um Aufklärung bitten. Dick. Ab, die ist sehr bald gegeben! — Das ist sehr einfach, Sie werden herzlich darüber lacken. Tümm. Zweifle sehr! Dick. Also sehen Sie! Ich war Junggeselle, wie vielleicht Sic es sind! — Ick liebte die Weiber, namentlich, wenn sie Männer hatten, wie vielleicht Sie es auch lieben! Tümm. Bitte fortzufahren! Dick, (leist). Er lacht noch nicht! (Laut.) Also, ich will Ihnen die kleine List mit- theilen, die ich immer gegen die Ehemänner anwendete! Sie können davon profiti- ren! — (Lachend.) Ja, die Ehemänner, die Armen! Tümm. Weiter, weiter! Dick, (für sich). Ter versteht keinen Spaß, das ist ein ernster Ritter! Ter hält aus Ehre! (Lau» ) Also ich pflegte mich immer für einen betrogenen Ehemann auszugeben; so etwas flößt den Ehemännern Vertrauen ein; man intcressirte sich für mich, man bedauerte mick, man tröstete mich, — und Sie wissen ja, vom Mitleid bis zur Liebe ist nur ein kleiner Schritt! (Ge- zwungen lachend.) Ja, ja, ein kleiner, ganz kleiner Schritt! Tümm. Entschuldigen, mein Herr, ick begreife noch immer nicht, was mein Name hierbei zu thun hat? Dick. Das ist ganz natürlich! Wenn ich meine Frau als Entführte ausgab, so mußte ich doch einen Entführer nennen; nun, und da nahm ich einen Namen aus der Luft; ich nannte eine Eisenbahnstation, auf der Westbahn, nicht weit von Linz, und dachte nicht, daß ein Mensch wirklich so heiße; und so — nun sehen Sie, so ist's gekommen! — Die Geschichte ich so harmlos als möglich! Also beruhigen Sie sich! Schlagen Sie ein! (Hält ihm die Hand hin) Tümm. Mein Herr, mich interessiren Ihre Liebesintriguen sehr wenig; aber wie soll ich es hinnehmen, daß Sie sagten: Sie hätten den Ernest von Tümmelkamm geohr- feigt, und er hätte sich geweigert, sich zu schlagen? Dick. Ja, das ist freilich — Tümm. Sie müssen wissen, daß ich allein diesen Namen sichre! Dick, (gezwungen lachend). Sie, und die Eisenbahnstation! Tümm. Lassen Sie Ihre Scherze! Dick, (bei Seite). Er lackt noch immer nicht! Tümm. Sie werden begreifen, mein Herr, daß ich diesen Schimpf nicht auf mir sitzen lassen kann. Sie werden mir also öffentlich eine Ehrenerklärung geben! Sie werden sagen, daß Sie die gewisse Scene nur fingirt haben! Dick. Oeffentlich?—Vor mcinerFrau!? Das kann nicht sein! Tümm. Mindestens vor Ihrem Freunde müssen Sie mir abbitten! Dich. Vor Sckwachenzops?—Jawohl, ja wohl! — Doch nein, das geht auch wieder nicht! Tümm. Weshalb nicht! Dick. Ich kann doch vor ihm nicht erzählen— (Leise.) Er ist ja der Düpirte! Tümm. Ist das Ihr letztes Wort? Dick. Ja wohl. — Ich kann nickt — wenn Sie wüßten — Tümm. Lassen wir's einstweilen gut sein! (In gemüthlichem Tone.) Ich glaube, heute Abend ist ein großes Eoncert im Cur- salon! Dick. Ja wohl! Die Liebhardt singt zu einem wohlthätigen Zwecke! Tümm. Ich denke gegen acht Uhr Abends hinzukommen! Dick, (für sich). Gott sei Dank! Erläßt sich besänftigen! (Laut.) Also werde ick das Vergnügen haben, Sie dort zu sehen, und — 12 Tümm. Ja wohl; ich werde Ihnen punct ein Viertel auf neun auf den Fuß treten! Dick. Oho! Tümm. Sie werden sich darüber erstaunt und erzürnt stellen — Dick. Ich? Tümm. Und darauf werde ich die Ehre, baden, Ihnen eine Ohrfeige zu verabreichen. Dick. Eine Ohrfeige! Tümm. Ja, ja, eine ganz wohl con- ditonirle. Dick (für sich). Und das trägt er mir so an wie eine Partie Piquetl (Laut.) Ach! Ich bitte sehr! Tümm. (grüßend). Also auf heute Abends auf angenehmes Wiedersehen. Punct ein Viertel auf nenn Uhr! ^rsvoirl (Wendet sich gegen die Thür.) Dick, (für sich.) Ta werd' ich mich wohl hüten hinzugehen I / Eilfte Scene. Vorige. Henriette, Sternau. ^ Henr. Lieber Mann, eine angenehme Neuigkeit! Dick. Was denn? — Henr. Wir gehen heute Abends ins Concert, da sind die Billets. Dick, (für sich). O verflucht! Tümm. (für sich). Also, das ist seine Frau! — Das ist eine reizende Frau! (Nähert ück Dickelberg und sagt leise zu ihm.) Lieber Freund, ich habe jetzt eine andere Ansicht! Ich werde Ihnen heute Abends nickt auf den Fuß treten! Tick, (freudig). Also auch keine Ohr- fcige? Tümm. Nichts von alledem! Dick. Ach, bester Freund, Das freut mich! Tümm. Wissen Sie, daß Sie ein allerliebstes Weibchen haben? Dick. Nicht wabr? Und erst ihre Toilette sollten Sie sehen! Tümm. Ich freue mich schon sehr! Dick. Nicht wahr, heute Abend!? Tümm. Ja wohl, beute Abend, morgen Abend, alle Abend — Dick. Alle Abend! — Wie? Tümm. Natürlich! —^lls Entführer Ihrer Frau — Dick, (leise). Still, um Gottes willen, still! Tümm. Und ich gebe Ihnen mein Wort: ich werde Alles aufbieten, um Ihre Erfindung wahr zu machen! Dick. Oho! Tümm. Stellen Sic mich 'mal Ihrer Frau vor! Dick. Das wird doch nicht wohl an- gchen! Tümm. Stellen Sie mich vor, sage ich! — Dick. Ja wohl, ja wohl, mit tausend Vergnügen! (Vorstellend.) Meine Damen, erlauben Sie mir, Ihnen Herrn von Tüm- melkamm vvrzustellen, ein bekannter Name von der Westbahn aus, ein Bekannter von mir! Tümm. Sagen Sie ein Freund! (Tritt keck vor.) Und zwar ein sehr guter Freund, ein Vertrauter. (Zu Henriette.) Mir danken Sie Ihren Gatten! Sternau. Wie? Henr. Ihnen? Tümm. Ja wohl; denn vor drei Jahren war ich es, der Ihrem Gemal das Leben rettete! Dick, (bei Seite). Ach, der lügt wie eine Zeitung! Tümm. Ja, so ist es! Ihr Gatte liebte es damals im Prater zu fischen — mit der Angel — Henr. Tu, ein Angelsischer? — Dick. Wer? Ich? Henr. Von dieser Leidenschaft hast Tu mir nie etwas erzählt; ich möchte Dich wohl einmal so angeln sehen. (Lacht.) Dick, (für sich). Der Kerl macht mich jetzt lächerlich! (Laut.) Das heißt fischen und fischen — 13 Tümm. Ohm ins Wort fallend). Es war am Ufer des Kaiserwassers in einem Gehölze; er saß da am Gestade und angelte, und fing nichts; — da plötzlich glitschte sein Fuß ans und er — verschwand — .^DA^ide Damen. O mein Gott! ^Dick. Nu, nu! Tümm. Er war verschwunden! — Zch, der ich träumend an einer Buche lehnte, ich sah den Unglücklichen ins Wasser stürzen! Ich — überlege nickt lange, stürze mich hinein, faß' ihn beim Schopfe, ziehe ihn ans Ufer, und trage ihn zappelnd wie einen nassen Pudel an's Gestade, wo ich ihn hin legte! Beide Damen. Sie edler Mann! Tümm. Er ist gerettet! — Ich stürze ihn um wie rin ausgeleertes Bierfaß, wende und trete ihn so lange, bis alles Wasser von ihm gewichen — Dick, (bei Seite). Nrin, wie der lügen kann! Henr. Welch' edle Selbstaufopferung! Welch'einMuth! Erlauben Sic mir, Ihnen dankbar die Hand zu drücken! (Reicht ihm die Hand.) TÜMM. Sie sind zu gütig! (Küßt ihr innig die Hand.) Dick, (dazwischen tretend). Bitte, bitte — Tümm. (seife zn Dickclberg) Ein charmantes Weibchen! Henr. Du hast uns aber nie etwas davon erzählt! Ich glaube, Tu spielst gegen deinen Lebensretter den Undankbaren! Dick. Qhhh! Tümm. Durchaus nickt! Wenn Sie seine Freude, sein Entzücken bei unserem Wiedersehen gesehen hätten, ah! mein lieber guter Freund! (Drückt ihm die Hand.) Dick, (leise). Mein Herr, gehen Sie zum Teufel! Ich kenne Sie nicht! Tümm. Heute wollen wir zur Feier des Wiedersehens eine kleine Bergpartie zu Pferde machen! Dick. Zu Pferde? Tümm. Meine Gnädige — sind wohl von der Partie? Henr. O sehr gerne! Mit tausend Freuden! Dick. Nein! Kinder, das geht nicht! Henr. Warum nicht? Dick. Es wird ja gleich regnen! Stern au. Es ist ja der schönste Sonnenschein! Kein Wölkchen am Himmel! Tümm. Also abgemacht! Wir reiten! Zch bestelle indessen die Pferde! Auf baldiges Wiedersehen, meine Damen! — Freund! > Tümm. Wohlan denn, meine Damen, ich will's versuchen; doch ich bedaure schon im Voraus Ihre Gehörsorgaue! Dick, (bei Seite). Jetzt kommt die Blamage! (Laut.) Henriette, sing' doch das hübsche Duett mit ihm, weißt Du, das vom »Stern der Liebe.« (bei Seite.) Das ist recht schwer! (Setzt sich auf einen Stuhl nächst vem Tische. Sternau nimmt am Sopha Platz). Henr. Ist's gefällig? Tümm. Ganz nach Ihrem Befehle! Dick.(fürsich).Jetztwird-gleich eine ganze Sündflut von Girern losgehen! TÜMM. (fingt eine Strophe des Liedeö.) Dick, (bei Seite). Teufel, der singt nicht schlecht! — Er hat eine ganz nette Stimme! 15 Stern au. Ah! bravo! bravo! Ausgezeichnet! (Nach der zweiten Strophe.) Sternau. (applaudirend). Ah! Bravissimo! Ercellcnt! Dick, (bei Seite). Ah verdammt! Jetzt bin ich aufgesessen! — Hätte ich ihn nur nicht zum Singen aufgcfordert; aber ich war ein E- Schwach, (eintretend). Der Postwagen fährt davon! (Die Scene übersehend.) Teufel! Er bei ihr? — Sternau. Pst! pst! (Macht ihm Zei chen, daß er sich ruhig verhalten und nieder- setzen soll; nach der dritten Strophe.) Ach! charmant! charmant! bravissimo! Henr. (aufstehend). Sie haben wirklich eine superbe Stimme, Herr von Tümmel- kamm! — Nicht wahr, lieber Mann?! Dick. Oh! Ah! — Schwach. Oh! Ah! — Dick. Leichter Tenor! Schwach. Ja, fast zu leicht! Sternau. Ich kenne ein Lied, das müßte für Sic, Herr von Tümmelkamm, wie gemacht sein! — Hast Du es bei Dir, Henriette? Das Lied heißt: »Abschied von Venedig!« Henr. Das haben wir leider in Wien gelassen! Tümm. Ich glaube es unter meinen Noten zu haben, ich werd' es gleich hervor- snchen und Hieherbringen! Sternau. Ja, ja! Suchen Sie es, und singen Sie es dann! Schwach, (bei Seite). Das ist hübsch! Die Tante bietet noch die Hände und macht Gelegenheit! TÜMM. (im Abgehen zu Dickelberg leise). Ein göttliches Weib! Sechzehnte Scene. Vorige ohne Tümmelkamm. Dick, (für sich). Ach, das geht nicht, da muß ich wie der Blitz dazwischenfahren! rhrattr-RrptNoik Nr. 74 (Laut.) Kinder, packt zusammen! Aber nur schnell! Wir reisen ab! Sogleich! Schwach. Das ist recht, reise ab! Sternau. Wie? Wirreisen? Henr. Weshalb und wohin? Dick. In die Schweiz! — Nein! — Nach Italien! Henr. So plötzlich? Sternau. Was hast Du denn aus einmal? Dick. .Als Du von dem schonen venezianischen Liede sprachst, habe ick plötzlich eine solche Sehnsucht nach Venedig gefühlt. — Ich muß Venedig sehen! Schwach. Venerüs ln lwlla! Henr. Aber wir kennen ja Italien schon! Dick. Ja, das frühere Italien, aber das jetzige kennen wir nicht! — Schwach. Das sieht dem Alten' gar nicht mehr ähnlich! — Denken Sie nur das Königreich Italien! Dick. Also nur schnell, wir reisen. Sternau. Aber Neffe. Henr. Aber Manu! Dick. Einpacken! Fertig machen! Basta! (Sternau, Henriette ab.) Siebzehnte Scene. Dickelberg, Schwachenzopf, später Johan u. Dick, (lebhaft). Er macht Fortschritte bei meiner Frau! Schwach. Ich glaube, er könnte keine größeren Fortschritte mehr machen, als er schon früher gemacht hat! — Dick. Oho! — Wie so? (Sich besinnend.) Ja, ja — damals! Richtig! Joh. (ein Bouquet tragend). Ist Frau von Dickelberg zugegen? Dick. Was willst Tu von ihr? (Sieht das Bouquet.) Ach, ein Bouquet! Gehört das für meine Frau? — (Nimmt es ) Joh. Ich bitte, Ew. Gnaden — Dick. Laß' uns allein! Geh! Joh. (ab). § 18 Dick, (findet im Bouquet einen Brief ver- steckt). Ach! Ein Brief! Schwach. Dieser Tümmelkamm ist ein schrecklicher Mensch! —Nichts schreckt ihn! — Nichts ist ihm heilig! Dick, (hat den Brief geöffnet). Halt! Dieser Brief ist nicht von ihm! Schwach. Dann wird er wahrscheinlich von Jemand Andern sein! Dick. Die Unterschrift lautet: Hcctor von Bernstein! Schwach. Wie? Der kleine Don Juan? Dick, (liest). »Meine Gnädige, ich ehre und liebe Sie zu sehr, um Sie zu betrügen!«— (Spricht für sich.) Ei, ei, was wird denn da herauskommen? Lieber Freund! (Reicht den Brief Schwachenzopf.) Schwach, (liest). »Meine Gnädige, ich ehre und liebe Sie zu sehr um Sie zu betrügen! Ich reise ab, aber ich kann den Gedanken nicht ertragen, daß Sie von mir eine üble Meinung hegen. Ihr Gemal hat mich verleumdet!« Dick. Der Spitzbube! Schwach, (liest). »Ich war niemals verheiratet!« Dick. Das ist wahr! Schwach, (liest). »Das hätte nur eine List sein sollen, die ich von Ihrem Gemal gelernt Hab —« Dick. Kommt immer besser! Schwach. »Und die er selbst in Carls- bad vor drei Jahren mit vielem Glück angewendet hat — Dick. Ganz richtig! (Besinnt sich plötzlich.) Oh verdammt! Er selbst liest das! — Schwach, (liest.) »Um die Frau eines alten dummen Notars zu bethören!« Dick, (ihm den Brief wegnehmend), 's ist schon genug! Schwach, (sich besinnend). Schau, schau! Dor drei Jahren in Carlsbad ein alter dummer Notar; es war ja kein anderer dum—kein anderer Notar dort, als ick — Dick, (bei Seite). O verdammt! Jetzt wird die Bombe platzen! Achtzehnte Scene. Vorige. Tümmelkamm. Tümm. (aus seinem Zimmer). Jean! Zum Teufel, wo ist denn mein Koffer? Schwach. Im Postwagen! Tümm. Ach — Sie scherzen! Schwach. Nein, nein, es ist mein vollkommener Ernst! Uebrigens, jetzt ist schon Alles klar! Sie, Herr von Tümmelkamm, haben von mir aus freies Spiel, denn ich weiß nun, daß Sie Frau von Dickelberg nie geliebt haben, und daß Sie von ihrem Gatten nie geohrfeigt worden sind! Sie sehen — ich weiß Alles! — Tümm. Sie haben Recht! Schwach. Diese ganze Komödie war nur eine Erfindung, um einen alten Esel von Notar zu foppen! Tümm. Im Ernste? Schwach. Jawohl! Und wissen Sie, wer der alte E— wer der alte Notar war? — Der war ich! Tümm. (lachend). Jst's möglich? — Schwach, (leise zu Dikkelberg). Aber Geduld, meinHerr, nun kommen wir Zwei an die Reihe! Dick. Ich stehe zu Diensten! Aber nur kein Aufsehen! Schwach. Stille, die Damen! Neunzehnte Scene. Vorige. Henriette. Sternau. Stern au. Also, wir sind bereit! Henr. Wir können nun abreisen! Dick, (ernst). Später, später! Ich habe vorher noch eine Angelegenheit mit Herrn von Schwachenzopf ins Reine zn bringen! Damen. Um Gottes willen! WaS gab es denn! Tümm. Ah, meine Damen! Wenn Sie morgen noch hier sind, so werde ich das Vergnügen haben, Ihnen meine Frau vor- zustellcn, welche morgen Früh ankommr. Alle. Sie sind verheiratet? 19 Tümm. Seit fünfzehn Tagen; und ich bin nur vorausgereist, um für meine Frau, welche mit ihrer Mutter zurückgeblieben, eine Wohnung zu besorgen! Dick, (bei Seite). Wenn ich das gewußt hätte! Schwach, (zu Dickelberg). Jetzt war alle deine Besorgniß umsonst! TÜMM. (leise zu Dickelberg). Siesindwohl nicht böse, daß ich verheiratet bin, sonst — Dick, (ihm die Hand reichend). Ich verstehe! (Bei Seite.) Also die eine Angelegenheit ist im Reinen! Jetzt zur anderen! (Laut zu Schwachenzopf.) An welchem Orte? — Zu welcher Stunde? — Mit welchen Waffen? — Schwach, (leise). Seifroh, daß ich nicht verheiratet bin, sonst — Dick, (leise). Wie? — Die Dame mit den rothen Armen —? Schwach, (leise). Pst, Pst! Das war nicht meine Frau — Das war nur so eine kleine Schwäche von mir — Dick. O Du Hauptschwerenöther! Schwach. Es war nur meine Wirth- schafterin! Dick, (leise). Seine Wirthschasterin! — (Laut.) Also nichts für ungut! Schwach, (leise). Alles in der schönsten Ordnung! Aber Eines kannst Du Dir zur Witzigung sein lassen: der Mann verdient Strafe, der seine Frau compromittirt! Tümm. Und jetzt hoch zu Roß! Und Sie, Herr von Schwachenzopf, hoch zu Esel! — Alle (lachend). Hoch zu Roß! Hoch zu Roß! — (Wenden sich zum Gehen.) (Der Vorhang fällt.) *) Ende. *) Die verehrlichen Intendanzen und Directoren, welche dieses Stückchen aufzuführen wün. schen, belieben das ihrem Etat, nach eigener Bestimmung, angemessene Honorar für den Unterzeichneten an die WalliShaussersche Buchhandlung (Jos. Klemm) in Wien einzusenden. Moreno. In unserem Wiener Theater-Repertoire erscheint demnächst: Therese Krones. Romantisch-komisches Genrebild mit Gesang und Tanz von 12 Sgr. od. 60 Nkr. Carl Haffner. Im Verlage der IvaMühausser'schen .Buchhandlung (Joses Blei»in) find folgende Theater von Friedrich Kaiser erschienen: Männerschönheit. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit Titelkupfer. 8. ged. 15 Sgr. oder 75 Nkr Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8. geh. 14 Sgr. oder 75 Nkr. Eine Posse als Medicin. Originalposse mit Gesang in 3 Acten. Mit allegorischem Bilde. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Fürst. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischen Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Mönch und Soldat. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbilve. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Rastel Kinder, oder: 10,000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Junker und Knecht. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Acten. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Dienstbotenwirthschaft, oder: Chatoulle und Uhr. Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr Doctor und Friseur, oder: die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 Acten- 7'/, Sgr. oder 35 Nkr. Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Ein neuer Monte-Christo. Original-Characterbild in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Die Frau Wirthin. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Etwas Kleines. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Non Friedrich Kaiser erscheinen demnächst: Zwei Testamente. — Unrecht Gut. — Des Krämers Töchterlein. — Eine Feindin und ein Freund. — Ein Lump. — Verrechnet. — Ein Jagd. Abenteuer. — Palais und Irrenhaus, Druck und Papier von Leopold Sommer in Men (Den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt.) herese Kranes. Genrebild mit Gesang und Tanz in drei Acten von Carl Haffner. Musik vom Kapellmeister A. Müller. Mit glänzendem Erfolge zuerst aufgeführt am k. k. priv. Theater an der Wien.^ Personen: .. n tt " N Therese KroneS, ^ Sartory, Direktor des Leopoldstädter Theaters. Ferdinand Raimund, Ignaz Schuster, Korntheuer, Fermier, ^Schauspieler, Tomaselli, Kemetner, Landner, Rainoldi, Balletmeister, Demoiselle Huber, Schauspielerin, Heloise, Hermine, Bianca, Wenzel Müller, Kapellmeister, Doberauer, Theaterfeldwebel. Wenzel, Theaterarbeiter. Dr. Kanne, Komponist und Kritiker. Sevre. Samuel, dessen Diener. es Gabriele, Tochter eines Garteninspectors. Madame Herbst, Witwe, Theresens Tante. Leopold, Maler, z ihre Kinder. Schauspieler einer kleinen Provinz- bühne. Adalbert, Christine, Ehrenzweig, Rosenfeld, Blüthenduft, Lilienstengel, Malvina, später Madame Ehrenzweig, Florine, Thekla, Hamlet, Malvinens Sohn. Dr. Würger, Theaterarzt. Peter Wolf, Wucherer. Hahn, Gerichtsvollzieher. Anton, Raimund s Diener. Joseph, Marqeur. Ein Mann in der Arbeitsjacke. Zwei Männer in Blousen. Herren und Damen. Schauspieler. Tänzer und Tänzerinnen. Choristen. GerichtSpersonen. Wache. Landleute. Bediente. Der erste Act spielt in einer kleinen Provknzkalstadt. Der Zweite in Wien um fünf Jahre fhätrr als der Erste, und der Dritte in Wien und Dorndach um einige Wochen später als der Zweite. Erster Act. (Platz in einer kleinen Stadt. Im Hintergründe daS Theater. Rechts im Vordergründe das Kaffee- Haus, vor welchem in einem gedeckten Zelte Tische und Stühle stehen.) Erste Scene. Herren und Damen, unter diesen Heloise, sitzen im Zelte und frühstücken. Josef bedient sie. Alle Platze sind besetzt. Den letzten nimmt ein Mann in der Arbeitsjacke ein. Gleich darauf Raimund. Chor (während eS heftig regnet). Welch' ein Wetter, welch' ein Regm! Schirmend decket uns dicß Zelt, Doch der Frucht wird er zum Segen Auf dem grünen Saatenfeld, — Und so lang die Frucht gedeiht, Freu'n wir uns der guten Zeit. Raim. (mit einem Regenschirm unter dem Arme tritt triefend und sich schüttelnd von der linken Seite out). Brbrbr! — Ein paar Stunden in solch einem Wetter spazieren geh'n, kann nur ein Mensch wie ich. Der Teure! weiß, wo der junge Maler logiren muß, den ich da such. — Das Nest ist klein wie a Haselnuß, und doch kennen sich die paar Würm nicht, die d'rin herumzappeln, und der Maler Leopold Herbst ist doch einMann, den jedes Kind kennen sollt', wenn nur ein bißl Kunstsinn hier zu Haus wär. He! Marqueur! — Josef (nähert sich ihm, indem er eine Serviette über den Kopf hält, zum Schutz gegen den Regen). Euer Gnaden, befehlen? — Raim. Hast kein Platz! mehr für mich? Josef. O ja — drin im Kaffeehause. Raim. Hör mir mit deinem Kaffeehause auf! Das ist a Tabaksdofin und kein Kaffeehaus — Ich mag in kein Dampfbad — da d'raußen will i sitzen. Josef. Es ist zwar alles besetzt — aber dort sitzt ein armer Taglöhner, der nichts verzehrt, den werd ich geschwind erpe- dircn. Raim. (aufbrausend). Der arme Mann wird nicht erpedirt weg'n meiner. (Indem er ihm Geld gibt) Da ist auf ein Glas Punsch für ihn — jetzt ist er ein Cavalier so gut wie ein Anderer. Mir hol ein Bankl oder ein Sessel aus'mHaus — und ein Platzl wird sich schon a finden, wo ich austrocknen kann, denn ich bin waschlnaß bis aus d'Haut. Josef. Warum spannen denn Euer Gnaden das Paraplui nicht auf? Raim. (polternd) Dalk? Wer hat a Paraplui? Wo ist a Paraplui? (Bemerkt, daß er den Regenschirm unter dem Arm hat und schlägt sich auf die Stirne.) O ich Confusivns- rath! — Lauf ich da zwei Stunden im größten Regen um mit dem Paraplui unterm Arm und vergiß ganz darauf. Das ist a wieder so ein Hirschauerstückl von mir! Josef. Hahaha! Euer Gnaden scheinen ein wenig zerstreut zu sein! (Läuft ins Haus und bringt einen Stuhl heraus, auf welchem Raimund später Platz nimmt.) Raim. Er hat Recht, daß er mich auslacht — denn manchmal kommt mir's vor, als ob mir unser Herrgott den Kopf rein umsonst gegeb'n hätt'. (Ss hat aufgehört zu regnen.) Zweite Scene. Vorige. Ehrenzweig. Ehren, (tritt aus dem Tbeater und ruft zurück). Meine Scenen überschlagen! Ein Künstler, wie Ehrenzweig, bedarf keiner Probe! Raim. (für fick). Schau, schau, ein Herr Collega! — Na, weil ich schon über d'Nacht dableiben muß, will ich mir die Husaren ein bißl anschauen, incognito. — Vielleicht find ich a Perl, die ich da aus'm Dunkel an's Leopoldstädter Lampenlicht zieh'n kann. 3 (Rufend.) Marqueur! Ein Glas Barbaras mit Limoni! (Geht unterS Zelt, und nimmt Besitz von dem ihm bestimmten Stuhl.) Ehren, (hat sich unter tiefen Complimen- ten der Gesellschaft im Zelte genähert). Meine hochverehrten Gönner — der Tragöde Ehrenzweig erlaubt sich, Sie zu seiner heutigen Beneficevorstellung ganz ergebenst einzuladen. Ich gebe den Hamlet, Prinz von Dänemark, frei nach dem Englischen bearbeitet von mir. Ra im. (für sich). Von wem sich so ein alter Klassiker Alles bearbeiten lassen muß! Ehren. Nebstbei kann ich Ihnen noch einen Hauptjur versprechen. — Ein junges Mädchen aus der Stadt, das nicht genannt sein will, tritt heute als Ophelia auf. — Sie ist zwar nicht übel vom Gesicht aber als Künstlerin eine solche Null, daß sie sicher ausgepfiffen werden wird. Hel. Ich finde es nicht nur boshaft, sondern auch unklug, solche Gerüchte zu verbreiten, Herr Ehrenzweig — denn Sie verkürzen dadurch Ihr eigenes Interesse. Ehren. 2m Gegentheil — ich mache heute eine brillante Einnahme — denn ein Theatcrscandal lockt mehr als die berühmteste Kunstnotabilität. Dritte Scene. Vorige. Malvina. Malv. (kommt lachend auS dem Theater). Hahaha! Ich weiß nicht, ob ich mich ärgern, oder lachen soll über diese arrogante Person, die es wagt in einer meiner Glanzrollen aufzutreten. (Zu Shrenzweig.) Es ist mir nur Leid um deine schöne Dichtung, Aleri. — Diese Mamsell Therese Kroncs wird Dir deinen ganzen Hamlet verderben. Hel. (für sich). Therese Krones? Malv. Aber ich habe dafür gesorgt, daß die Mamsell heute gehörig bedient wird. — Mehrere Dutzend Galleriebillets Hab ich ver- rheilt, damit sie ihr Standerl kriegt. Ehren. Sie muß ausgczischt und ausgepfiffen werden, denn unser ganzes Kunstpersonal ist darüber einig, daß nicht ein Fünkchen Talent in ihr steckt. (Indem er Mal- vinen den Arm reicht.) Jeder verdient so eine derbe Lection, der mit uns zu rivalisiren wagt — denn außer Ludwig Devrient und Sofie Schröder nimmt es so leicht Niemand mit uns auf. (Ab mit Malvina zur lin- ken Seite.) Mehrere. Den Spaß müssen wir uns heute anschauen im Theater. Vierte Scene. Vorige. Therese. Th er. (tritt einfach, aber sehr geschmackvoll gekleidet mit einer Rolle in der Hand lachend aus dem Theater). Lied. Hahaha — es ist's Theater Doch ein Wunderhaus auf Ehr' — Ohne Kinder wird man Vater, Ohne Geld ein Millionär. Ohne Ziegel fängt man Häuser Keck in d'Luft zu bauen an, — Heute ist man König, Kaiser, Morgen d'rauf ein Bettelmann, Da wird man mit grauen Haaren Durch die Kunst ein junger Mann, Und ein Weib mit fünfzig Jahren Jungfrau noch von Orleans. Kennt man sich nicht aus vor Schulden, Da ist gleich ein Onkel da, — Der bringt hunderttausend Gulden G'schwinde aus Amerika. Einer, der nir hat im Schädel, Wird da ein Gelehrter bald, Und ein kreuzfideles Mädel, So wie ich, a Jammerg'statt. — Na, ich werd kurios mich machen Heute als Ophelia — Ich muß selber drüber lachen, Hahaha! Hahaha! Das wird a sauberes Trauerspiel werd'n! Der König schwäbelt, der Hamlet redt berlinerisch — »Sint oder nicht sint, det ist mal hier die Frage!« Den Geist schlagt der 1 * 4 Böhm in's G'nack — die Königin hat sich eine italienische Arie eing'legt, und ich als Ophelia komm' mir vor, als ob ich auf Stelzen gehet. — Schaden thät's nit, wann heut der große Shakspeare im Eli- fium ein bisserl die Augen zudrucket, damit er sich einen klemm Verdruß erspart. Hel. (vortretend zu ihr). Grüß Dich Gott, Resi! Ther. (freudigüberrascht in ihreArmeeilend). Loisl, grüß Dich Gott tausendmal!— Du bist doch nicht gar beim Theater hier en- gagirt? Hel. Das nit, ich bin nur auf der Durchreis'! — Man hat mich als erste Tänzerin für d'Leopoldstadt engagirt. Ther. Ich wünsch Dir vom Herzen Glück, mein brav's Madel! Wann's gut geht, werden wir vielleicht noch einmal Colleginnen, denn unter uns g'sagt (ge- heimnißvoll), ich spiel heut Komödie dahier. Hel. (lachend). Ich Hab schon g'hört von dem Unglück. — Was hat denn Dich aus dem soliden bürgerlichen Leben heraus- g'rissen und hicher zum Theater g'führt? Ther. (seufzend). D'Lieb, Loisl! Hel. Das ist deine alte Schwachheit — denn verliebt bist Du schon als zehnjähriges Madl g'wesen. — Ther. Na — jetzt ist's Ernst, denn der Rechte ist über mich gekommen. Ich bin Dir bis zum Sterben in meinen Vetter Poldl verliebt. Hel. Aha — das is der junge Maler, bei dem Du wohnst. — Will denn der, daß Du zum Theater gehst? Ther. (geheimnißvoll). Bei Leib! Ich tritt unter fremden Namen auf, ohne daß er was davon weiß, sonst könnt er mich wieder ausgreinen, denn er ist gar streng mit mir — und es thut mir immer bis in die Seel weh', wenn er nicht zufrieden mit mir ist. — Und doch will ich nur wegen seiner Schauspielerin werden, um Geld zu verdienen, damit ich ihm helfen kann, denn er ist gar so arm, muß sich den ganzen Tag Plagen, um seine alte Mutter und seine Geschwister kümmerlich zu ernähren — und doch möcht' er für sein Leben gern eine Kunstreis' durch die Schweiz und Jta- lien machen. Ach, Loisl, wenn ich mir durch mein Bisl Talent so viel erwerben könnt' — um ihn heiter und zufrieden zu machen — ein größeres Glück verlanget ich mir gar nicht auf der Welt. Hel. Hat Dich denn dein Vetter a so gern, wie Du ihn? Ther. (herzlich). So gern, wie ich ihn? — Das ist gar nicht möglich. — Aber ein Bisl gern hat er mich doch. (Traurig.) Und doch ist er allerweil unz'frieden mit mir — ich bin ihm zu lustig— zu windig, zu leichtsinnig. — 'S ist schon möglich, daß erRecht hat — aber ich kann ja nir dafür, daß ich so ein pudelnärrisches Ding übereinander bin. Hel. Und als pudelnärrisches Ding willst Du die Ophelia spielen? — Das wird sauber werd'n! Sag mir nur, was Dir eing'fallen ist? — Warum trittst denn nicht als muntre, jugendliche Liebhaberin auf? Ther. Das erlaubt die alte Directrice nicht, weils die muntern, jugendlichen Liebhaberinnen alle selber spielt. Und nachher hat mich der arme Schauspieler Ehrenzweig so gebeten, in seiner Benefice heut die Ophelia zu spielen, damit er ein Bißl was einnimmt, und es hat mir immer Freud g'macht, wenn ich armen Leuten was Guts thun kann. Hel. Dieser Ehrenzweig verdient deine Aufopferung nicht, denn er und seine Geliebte kabalisiren gegen Dich. Ther. Ich thu den Armen Gutes, und frag nicht lang, ob sie's verdienen oder nicht. Hel. Wenn Dir nur heut kein Malheur passirt. Ther. Na, wenn auch heut der Shakspeare nicht mit mir zufrieden ist, vielleicht Werdens später der Bäuerle, der Gleich und der Meisl mit mir sein, — denn ich glaub all'weil, daß ich in den lustigen Wie- 5 ner Possen so recht mit Animo spiel'n könnt! Hel. Ich glaub's a, denng'schmacki List gnua dazu. Na, wenn ich was thun kann für Dich in Wien, auf meine Protection kannst Du Dich verlassen. (Sie umarmend.) Und jetzt leb wohl derweil, und schau zu, daß Du diesen Abend glücklich durchkommst. — 2ch werd paschen, was's Zeug halt, und nach'm Theater soupiren wir mit einander. B'hüt Dich Gott, Reserl! (Geht ab. Alle ha. den sich entfernt, bis auf Raimund, der der vorigen Scene seine Aufmerksamkeit zugewen- det hat.) Th er. B'hüt Dich Gott, Loisl! Ein gutes und so g'fälliges Madl — aber das sein d'Madeln alle beim Ballet. Fünfte Scene. Therese. Raimund. Raim. (sich ihr nähernd). Geh' in ein Nonnenkloster, Ophelia! Th er. Schaut's den an! Raim. Geh' in ein Nonnenkloster, Ophelia. Th er. Könnt mir nicht einfallen. Das wär kein Quartier für mich. Raim. (lachend). Das glaub' ich selber. Sie schaun mir gar nicht darnach aus. — Nehmens Ihnen z'sammen heut, denn Sie werden ein nobles Publikum bab'n — i bin dabei! Th er. Der Herr ist g'wiß ein Fremder, der recht weit herkommt? — Raim. Ja — ich komm weit her — bin aber nicht weit her — nur so ein Wie- nerfrüchtl, sonst nir. Th er. Aus Wien sein's? — Ach, wie beneid' ich Ihnen, daß Sie in Wien leben können, in dem schönen, heitern Wien, das so reich an Freuden und an großen Künstlern ist! Raim. 's ist a nicht Alles Gold, was glänzt. — 'S gibt Pfuscher g'nug, die sich als Meister bewundern lassen. Ther. Sie b'suchen g'wiß a recht oft 's Leopoldstädter Theater, geltens? — Raim. O ja, — ich Hab' oft ein Bisl was z'thun in der Hütten. Ther. Da kennen's a den Raimund? Na, versteht sich, welcher Wiener sollt' den Mann nicht kennen, der mit seinem Herzen voll Gemüth d'Leut unter Thränen zum Lachen, und während des Lachens wieder zu Thränen bringen kann. Raim. (schnell). 2a — ja — ich kenn den z'widern Ding so genau, als ob er mein Vater sein eigener Sohn wär! Ther. (pi,irt.) Zwidrer Ding? — Plau- schens nit! — a lieber Narr ist er, und kein zwidrer Ding. Raim. A Narr kann er sein'— aber ein lieber Narr, das glaub i nit. — So ein rechter Grandian ist er, der d'Menschen nicht leiden kann. Ther. (kokett). D'saubern Madeln anit? Raim. (ihre Hand streichelnd). Ah mit denen macht er eine Ausnahme — denn er kann nur d'Menschen nicht leiden, und d'Madeln g'hörn ja nicht unter d'Menschen. Ther. Was? Raim. Na, die g'hörn unter d'Enge rln, wann's so sauber sein wie Sie. Ther. Ah so! — Alle Madeln müssen in ihn verliebt sein, und das verdient so ein großer Künstler a. Raim. 2ch bitt' 2hncn, hörn's mir nur mit seiner Künstlerschaft auf. — Das Bisl Spaßmachen kann ich so gut wie er. Ther. (pikirt). Hörn's, Sie leben a ein Bisl stark in der Einbildung. Raim. Nicht zehn g'sunde Wort brächt er heraus, wenn ich ihm seine Rollen nicht einstudieret. Ther. (für sich). O du mein — der kann aufschneiden! Raim. Dafür is er quasi mein Kam- nkerdiener — er muß mich täglich aus- und anziehen und wöchentlich zweimal barbiren. Ther. (für sich). O, Du Lugenschippel Du! (Laut.) Wenn's den Raimund gar so gut kennen — so sagen's mir doch, wie ist er denn im gewöhnlichen Leben? — Ist erI recht gesellig? — Ra im. Gesellig? — Gar kan Spur! — Er ist am liebsten allein. Th er. DaS ist grad ein Beweis, daß er gern in guter Gesellschaft is. Raim. Visiten macht er a nicht gern, denn er denkt sich, die beste Visit ist, wenn der Mensch zu sich selber kommt. — Er ist ein Mensch ganz ohne Kopf, so zerstreut, daß er mit dem Paraplui unterm Arm im größten Regen spazieren geht. — In der noblen Gesellschaft sitzt er oft wie ein Haubenstock und redt kein Wort, und im Gebirg plauscht er mit den Bauern bei Selchfleisch und Knödeln, als ob er a Kaffeeschwester war'. Wenn ihm wer a Grobheit sagt, gift's ihn, und wenn ihm wer a Complim ent macht, ist's ihm a nit recht. Wenn er Komödie spielt und nicht selber mit sich zufrieden ist, ärgerts ihn sogar, wenn ihn's Publicum applaudirt — ja, so einen Dickschadl wie den gibts keinen zweite i mehr in Wien. Th er. (unwillig). Hörn's auf! Sie machen ja einen ganzen Krampus aus ihm! — Jedes Genie muß kleine Schwachheiten hab'n, wenn's liebenswürdig sein soll — Jst'S denn wahr, daß er jetzt a zu dich- ten anfangt? — Raim. Ja, das g'wöbnt er sich a noch an. Na der wird was Saubres z'samm- dichten. D'Mäus in der Theaterbibliothek freu'n sich schon auf seine Werke. Th er. Himmel — wcil's gar so ein g'strenger Herr sein — sein's vielleicht gar ein Recensent? Raim. Das hättens ja gleich mein grandigen G'ficht anseh'n können. Ther. (mit Eifer). Wanns ein Recensent sein, der's ehrlich meint mit der Kunst, sollens einen Künstler achten, der durch Gemüth und harmlosen Humor das Volk Moral und Tugend lehrt—der das Volkstheater zu einer Schul für die Jugend zu machen sucht — denn wenn der Raimund spiett, können d'Eltern ungenirt ihre Kinder in's Theater führ'n, weil'S überzeugt sein, daß er jed's Wort überwacht, damit kein trivialer G'spaß so ein junges Herz verdirbt. — Ich bin nur ein einfaches Madl, das kaum lesen und schreiben g'lernt bat — aber so viel kann ich Ihnen sagen. Sie g'strenger Herr Recensent, daß Raimund der Mann ist, dem das Dolks- thcarer seine g old'ne Zeit verdankt, — und daß man seinen Namen noch mit Achtung nennen wird, wenn kein Mensch mehr wissen wird, daß so ein Reccnsenterl einmal auf der Welt g'wesen ist. Raim. (halb verlegen, halb gerührt, auf. brausend). No — no fahren's mir nur nicht gleich in d'Haar! 'S ist schon gut — ich will mich bessern und Ihnen z'Lieb mich aussöhnen mit meinem Balbierer. Er wird sich g'freu'n, wenn ich ihm sag, was ich auf meiner Reis für eine prächtige Eroberung für ihn g'macht Hab. Ther. Ja, thun's das — ich bitt gar schön und sagen's ihm nur, daß ich ein sauberes, fesches, krcuzfidels Madl bin, auS der mit der Zeit so recht a wife Schauspielerin werden könnt.—Glauben's nita? — Raim. Freilich! — Talent müssen's haben, — denn alle Frauenzimmer sind geborne Schauspielerinnv. In der Jugend spielens naive Gurlirollen mit Papa und Mama; — mit vierzehn Jahren fangens schon an erste Liebhaberinnen zu spielen und bilden sich nach und nach für's Mutterfach aus. — Im Mutterfach hörn's aber noch nicht auf d'Ver- liebten zu spiel'n. — D'rum müffen's g'schwind in's Fach der komischen Alten übergeh'n. Ther. Ach, wenn ich durch Ihre Protection in der Leopoldstadt engagirt werden könnt. — Sie wüßten gar nicht, wie glücklich Sie mich macheten. Raim. No — wir wollen sehen — für eine kleine Gage derweil. Ther. (schnell). Na — na, ich muß gleich a große Gage haben, denn ich muß 7 an'n säubern Vettern von mir unterstützen — (versckämt) in den ich verliebt bin. Raim. Wie — schon verliebt? Ther. Schon! Wenn ich a noch ein paar Jahrl jünger wär, wär ich a nicht mehr z'jung dazu. Raim. Und wer ist denn derGlückliche? Ther. Auch ein Künstler — ein Maler — Leopold Herbst heißt er. Raim. Leopold Herbst? — a da muß i bitten! Das is ja derselbe Maler, in den ich auch verliebt bin. — Wo wohnt denn unser Liebhaber? Ther. Dort auf'm Theresienplatz Nr. 3 — vierten Stock, gleich unterm Dachl. Raim. Gleich unterm Dachl? Da sieht man gleich, daß er ein deutscher Künstler ist, weil er sich zu hoch versteigt. Da muß ich gleich dem deutschen Genie im Dachkammer! eine Viflt machen geh'n. — Ther. (ängstlich). Aber ich bitt' Ihnen, sagen's ihm ja nicht, daß ich heut Komödie spiel dahier. Raim. Stumm wie ein Fisch. Ther. (neugierig) Sie,was haben's denn zu thun bei meinem Cousin? Raim. Entführen will ich ihn. Ich Hab' a Arbeit für ihn in Wien. Ther. (freudig). Ah, das war' prächtig, wenn wir alle zwei nach Wien kämen. (Bittend.) Lieber Herr Recensent — ich bitt Ihnen gar schön,schaun's, daß ich g'schwind in der Leopoldsradt engagftt werd! Raim. Wenn's mir versprechen, mich auch ein bisserl liebz'haben — Ther. Warum denn nicht? Ich verlieb mich sehr leicht. Lang bitten Hab ich mich mein Lebtag nit lassen. Raim. Schamster Diener! Ther. Der Doctor sagt, 's Herz hat zwei Kammern — die eine Kammer ist für die Afterparteien, Passagiere, die g'schwind ein- und auszieh'n — aber in der andern Kammer wohnt mein Poldl als Iahres- partei, die ich nicht aus zieh'n lass' — (Mit der Hand am Herzen ) denn ichfühl's,daß das ganze Haus z'sammenbrechen müßt! — (Wieder zur Heiterkeit.) Na — schaun's mich heut an in meiner Katzenjammerroll' — aber wenn ich als Ophelia zu jodeln an- 7ang, kann ich nir dafür, denn ich bin a Vogel, der singen muß, wie ihm der Schnabel g'wachsen ist. Raim. Da muß ich heut noch a Vogelfänger werden — denn Du g'fallst mir, Ophelia, Du sprudelst wie ein leichter Champagner, und es steckt ein edler Geist in solchem Wein. (Tberese die Hand reickend.) Vielleicht mischen wir den leichten Champagner bald mit einem guten alten Oesterreicher, und das muß ein prächtiges Trankl werd'n gegen die Hippochondric. Na b'hüt Ihnen Gott, und b'haltcns mich a biß! lieb, sie sidele Ophelia. Sie! Hahaha! Das ist eine Ophelia, die in kein Nonnenkloster geht, hahaha! (Ab zur linken Seite) Sechste Scene. Ther. (allein). Na, da bin i viel zu verliebt dazu. — Der Doctor sagt, ein g'sun- des Herz muß in jeder Minute achtzigmal schlag'n — mein Herz muß recht g'sund sein, denn das schlagt wenigstens a paar hundertmal in jeder Minute — und darum kann mir's kein Mensch verdenken, daß ich gar so verliebt bin. Und warum soll ich's a nit sein? Ist doch die ganze Natur nir als a Schul der Lieb — und in der Schul lernt man am allerbesten, weil die Schüler der Lieb die allerfleißigsten sein. Lied. Die Lieb regiert die ganze Welt, Im tiefen Thal, auf grünem Feld, Wo nur das kleinste Blümerl blüht, Hört man ein süßes Liebeslied. Die Lerche trillert in der Luft, Wenn liebend sie ihr Wciberl ruft, — Der Tauber girrt so stolz er kann, Mit krummem Hals sein Täuberl an! (Indem sie das Girren der Taube nachahmt.) Gugurugu! Gurregu! Gurugu! Schnaberl, i Hab ka Ruh, Bist mein liebs Weiberl du, Guregu! 8 Der Hahn singt schon in aller Früh > Der Henne vor sein Kikriki — Wenn sich der Frühling melden laßt, Pfeift's Schwalberl schon in seinemNest — Das Zeiserl pfeift aus kleiner Brust Sein Weiberl an mit Liebeslust — Es klagt vom süßen Liebesweh Der Wachtelschlag im grünen Klee — (Indem sie den Wachtelschlag nachohmt.) Auwauwau! Auwauwau' Auwauwau! Auwauwau! findst mich nit, Bin im Klee, siehst mich nicht, Auwauwau! Und auf dem Dach da pfeift der Spatz Sein frisches Lied an seinen Schatz — Sogar der dumme Gimpel schreit Vom Liebesgram und Herzensleid. — Der blinde Fink, der arme Narr — Singt noch von Lieb im Kerker gar — Am schönsten singt von Liebcsqual Das süße Lied die Nachtigall. (Indem sie das Flöten der Nachtigall nachahmt.) Dudidu! Dudidu! Dudidu! Hin is mein Fried und Ruh Herzerl, wo steckst denn du? Dudidu! (Ab zur linken Seite ) Verwandlung. (AermlicheS Zimmer mit Fenster. Mittel- und Seitenthüren. — Eine Staffelei und Malerge- räthschasten.) Siebente Scene. Madame Herbst, darauf Therese. Mad. Herbst (indem sie aus der Seitenthür tritt, zurückrufend). Fleißig, fleißig, Adalbert! — Du hast erst ein paar Zeilen geschrieben. — Dein Bruder wird böse werden, wenn Du bis sechs Uhr mit deiner Aufgabe nicht fertig bist. (Vortretend.) Wo nur Therese wieder steckt? — Der Himmel weiß, was das Mädel vor hat seit einiger Zeit. Ja, ja, leichtes Blut, thut selten gut, sagt das Sprichwort, — uns're Rest hat leider ein zu leichtes Blut. — ! Th er. (eilig durch die Mittelthür eintretend). Ist der Poldl z'Haus, Frau Tant? Mad. Herbst. Bist Du endlich einmal da, Therese? Th er. Ja, ich bin da — aber ob der Pold a da ist, möcht ich gern wissen? Mad. Herbst. Leopold ist zur Post gegangen, und ich will die paar Augenblick benützen, um ein paar ernste Worte mit Dir zu sprechen. Ther. Ach, Sie sein g'wiß wieder recht Harb, liebe Frau Taut? Mad. Herbst. Traurig bin ich, daß auch Du uns Sorgen mackst. — Welch ein Geheimniß verbirgt dein Herz? — Tber. (verlegen). Ach — das darf ich nickt sagen. — Aber der Himmel weiß, daß ich nir Böses tbu, liebe Frau Tant! — Mad. Herbst. Ich bedaure, daß wir dein Vertrauen verloren haben. Aber Du kennst die strengen Grundsätze meines Sohnes — glaubst Du wohl, daß ihm deine geheim- nißvollen Gänge gleichgiltigsein können? — Ther. (mit unterdrückter Freude). Nicht gleickgiltig? — (Für sich.) Er wird doch nicht am End gar eifersüchtig sein? Gott, wenn er mich mißhandeln thät aus Eifersucht, das wär ein Hochgenuß für mich! Mad. Herbst. Er liebt Dich, wie ein Bruder seine Schwester liebt. Ther. (kleinlaut). Wie ein Bruder seine Schwester? — (Weinerlich ) So eine lederne Bruderlieb brauch ich nicht von ihm. Mad. Herbst (verweisend). Therese! — Ther. An Liebhaber Hab ich nickt au- ßerm Haus' — das weiß er nur zu gut — und auf's Rauben oder Stehlen geh i a nit aus, das könnens mir glauben, Frau Tant. Sagen kann ichs ihm noch nicht, was ich z'thun Hab' außen» Haus' —aber er soll sich weg'n meiner denken, daß ich 'nen heimlichen Schatz für ihn heben will. Mad. Herbst. Einen Schatz? Ther. (schnell). Kein Schatz mit Hand und Füß — den kann er z'Haus a finden, wenn er will — nein, einen gold nen Schatz, den Schatz des Talents will ich 9 heb'« für ihn, damit er sich seines jungen Lebens freuen kann, und sich nicht mehr mit Arbeit und Torgen z'Grund richten darf.— Mad. Herbst. Ich begreife nicht — Th er. Sein's stat — er kommt! — Achte Scene. Vorige. Leopold. Leop. (stürzt ausgereizt durch die Mittelthür ms Zimmer). O mein Gott! So ist denn auch meine letzte Hoffnung gescheitert! Der Kunstverein sendet mir meine Bilder zurück. (Biiter.) Süße Worte der Anerkennung meines Talents — aber keine Käufer haben sich für meine Werke gefunden. Jeder Tagelöhner ist glücklicher als der Künstler — denn jedes Tagewerk hat seinen bestimmten Preis — aber das Werk, an dem ein Künstler monatelang geschaffen und gebaut, hat keinen Werth, wenn es nicht zuweilen die Laune eines reichen Dummkopfs nach dem goldenen Rahmen tarirt. (Seiner Mutter in die Arme stürzend.) 2 meine arme Mutter, meine Kunst kann das tägliche Brot nicht mehr bezahlen! Th er. (schluchzend für sich). Und eineTän- zerin kriegt hundert Ducaten für ein bissel hupfen. Mad. Herbst. Laß uns auf Gott vertrauen, mein guter Sohn! Leop. Wenn Gott die Kinder liebt, die er prüft, dann muß uns Gott sehr gern haben, denn die Zeit unserer Prüfung hat beinahe die Grenze der Geduld erreicht, liebe Mutter! Ther. (schüchtern, indem sie sich ihm näbert). Wenn die Noth am größten ist — ist Gottes Hilf am nächsten Leop. (kalt). Du hier,Therese?—Welch ein Glück, daß Du noch eine Stunde für deine armen Verwandten übrig hast. Ther. (mit thränenerstickter Stimme). Das sagst Du mir? — Ach mein Gott! — jetzt glaubt er gar, i könnt ihn verlassen, weil er in der Noth ist! — Geh weiter — das ist nicht schön von Dir, daß Du mich für eine so gefühllose Person halten kannst (schluchzend) und ich Hab' doch so viel G'fühl, viel z'viel G'fühl Hab ich. Leop. (herzlich, indem er ihre Hand ergreift). Zürne mir nicht — weine nicht — ich Hab es ja so böse nicht gemeint. Ther. (lachend). Hahaha! Das weiß ich ja so, Du feuerst ja nur immer mit Kanonen auf mich, in denen keine Kugeln g'laden sein. (Bittend ) Gelt — Du bist nit Harb, weil ich auf ein paar Stund alle Tag den Holländer mach? Leop. Wie könnt ich? — Dein Gemüth ist froh und heiter — kann ich Dir's verargen, daß dein Herz die Freude sucht, wo sie zu finden ist? In der Dachkammer eines armen kummervollen Künstlers ist dieFrtude nickt zu Hause. Mad. Herbst. Mein Sohn! Tber. (Bittend) Geh — geh, Poldl — wer wird denn gleich verzagt sein, wenn Ein' ein bißl was über die Quer' kommt? — Geh — mach wieder ein — freundliches G'sickt! Wer weiß ob dein Glück nicht schon an der Hansthür draußen steht. Ein Herr — ein Recensent oder sonst eine g'fährliche Person ist da, um Dick nach Wien zu holen, weiler dort eine Arbeit für Dich hat. Leop. und Mad Herb st (freudig). Nach Wien? Ther. Nimm die Arbeit an, wenn a nicht viel herausschaut dabei. — Ich kenn noch eine Person — hier ganz in der Näh, — eine Person, die Dich ganz entsetzlich gern hat, Poldl — die wird nicht eher Ruh geb'n, bis sie Dir alle deine Säcke voll Ducaten stecken kann, damit Du die niederländische Kunst in Rom studiren kannst. Leop. (ernst). Du weißt, daß ich keine Almosen annehme, Therese. Ther. (schnell). Na — na — nur nicht gleich wieder hopatatschig! — Von der Person, die ich mein', darfst schon was an- nebmen, du stolzer Prinz — denn Du weißt gar nicht, wiegutsie's mit Dir meint. (Indem sie in seine Arme eilt, und ihn an'S Herz drückt) Du g'strenger, lieber, herziger Bua Du! 10 Neunte Scene. Vorige. Raimund. Raim. (durch die Mittelthür eintretend) Solche Bilder kann ich a malen. Ther. (aufschreiend und aus Leopolds Arm fahrend). Ah! (Mit komischem Unwillen zu Raimund) Sie hätt'n a nit nothwendig g'habt, so in's Zimmer eini z'rumpeln. — Man muß die Leut' nicht in ihrem Vergnügen stören. — Raim. Wenn das Genrebild noch nicht ganz fertig ist, geh' ich derweil hinaus. Leop. (zu Ra im u Was wünschen Sie, mein Herr? — Ther. Das ist ja der fremde Herr aus Wien, der mit Dir z'reden hat. Raim. (herzlich, indem er Leopold die Hand reicht). 3 «, lieber Herr Herbst — ich komm' ertra weg'n Ihnen aus Wien daher, um Ihnen für a große Freud z'danken, die's mir g'macht hab'n. Leop. (erstaunt.) Ich? — mein Herr — Raim. Ja ja, Sie! Ich Hab' in der Näh' von Wien ein hübsches, freundliches Platzl, wo ich mich nach meinem Tagewerk erhol, und mich am warmen Herzen der Natur der schönen herrlichen Schöpfung freu' — und das mir so liebe werthe Platzl Hab' ich treu und wahr bis auf's letzte Blü- merl im Thal — in der heurigen Kunstausstellung wieder g'funden. Mad. Herbst (freudig) Dein Bild, mein Sohn! Leop. (ebenso) Guttenstein! Raim. Ja, mein Tusculum — mein geliebtes Guttenstein! Ich bin kein großer Kenner von Gemälden — aber ich verlaß mich auf mein Herz. Wenn das so recht freudig schlagt vor einem Kunstwerk, dann bin ich g'wiß, daß das Kunstwerk ein Meisterwerk is. Leop. Der erste Augenblick des Glücks nach vielen Jahren. — Raim. Ich Hab den Meister in seinen Werken liebgewonnen, und nehm' jetzt herzlich Theil an ihnen. Und meine Theilnahme ist aufrichtig — denn ich g'hör nicht zu den Leuten, die nur da theilnehmen, wo's was zu theilen oder zu nehmen gibt. Leop. (ihm die Hand reichend). Ich danke Ihnen, mein Herr. Raim. Der Schauspieler Raimund, der g'rad a Komödie g'schrieben hat, hat mit mir a ihre Bilder ang'schaut, und weil er g'rad a großartige Landschaft braucht für sein Stück, capricirt er sich d'rauf, daß Sie ihm seine Decorationen malen müssen, und in seinem Auftrag bin ich da. — Wir sind überzeugt, daß wir mit Ihrem Talente den Wienern a große Freud' machen werden. Mad. Herbst (wie früher). Hilfe in der Noth, mein Sohn! Ther. (für sich in Bezug auf Raimund), 's ist doch ein guter Mensch, wenn er a ein Recensent ist. Raim. (zu Leopold). Spreizens Ihnen nicht, sonst schick' ich den Raimund selber über Ihnen. Leop. Meiner bedrängten Familie zu Liebe nehme ich Ihren Antrag an, mein Herr — obwohl ich Jbnen aufrichtig gesteh'n muß, daß ich kein Freund des Theaters bin. Raim. Weil Sie hier nur die Schattenseite des Theaters kennen gelernt haben — aber Sie werden in Wien a die Lichtseite kennen lernen, wenn'S z. B. unser Hofburgtheater besuchen. — Apropos, ich Hab mir g'rad eine Log' für die Schal tenseite dahier gekanft. — Damit wir die Zeit nicht lang versplittern, müssen Sie und Ihre Frau Mutter und das Fräulein da (auf Therese deutend) mir schon den Gefallen thun, und mit mir den »Hamlet* anschauen. Ther. (für sich erschrocken). D Du boshafter Ding Du! Leop. (ablehnend). Entschuldigen Sie, mein Herr — Mad. Herbst. Nein, nein, Du brauchst Zerstreuung, mein Sohn, laß uns von der freundlichen Einladung Gebrauch machen. 11 Th er. (schnell). Ich nit — ich mag nit in'S Theater geh'n! Raim. (m ikr) Aber — 's ist eine interessante Vorstellung. Ein junges saub'res Madl aus der Vorstadt tritt heut als Or- phelia auf. — Th er. (ärgerlich). Was geht mich die Ur- schel an! — Leop. Du hast Recht, Therese, wenn Du das Theater fliehst! — Man nennt die Bühne einen Spiegel des Lebens und das ist sie auch, denn wie der Spiegel verführt sic zur Gefallsucht und Eitelkeit. (Zu Raimund.) Erlauben Sie, daß wir ein wenig Toilette machen. Wir stehen gleich wieder zu Ihren Diensten, mein Herr! (Ab mit Madame Herbst in'S Eeitenzimmer rechts.) Zehnte Scene. Raimund. Therese. Ther. Sie haben da was Sauber's an- g'stellt. Sie Schadenfroh, Sie! — Schämens Ihnen, daß Sie so ein Plauschmiedl sind! Raim. 's g'schieht Ihnen schon recht, warum bandeln's mit Recensenten an! Ther. Was wird mein Vetter sagen, wenn er mich heut Komödie spiel'n siebt? Raim. Er wird sagen, Sie sollen künftig eine fescke Wienerin und keine wahnsinnige Ophelia mehr spielen. Ther. Aber Sie hab'n ja g'bört, daß er kein Freund vom Theater is. Raim. 'S ist Mancher kein Freund vom Theater, aber von einer säubern Schau spielerin desto mehr. Ther. Wenn er nur nit Harb wird. — Raim. Das thut nir. Ein Liebhaber ist wie der Most — er kriegt erst a rechte Schneid, wenn er in Gährung kommt. Ther. Gelten's — sauber ist mein Cousin? Raim. 2 ja— aber seine Cousine g'fallet mir viel besser. Ther. Ich hoff' recht glücklich z'werden mit ihm. — Raim. Traun'S der Hoffnung nicht z'viel. Auch d'Hoffnung ist ein Weib, d'rum wird man so oft zum Narren g'hal- ten von ihr. — Ther. Aber sapperlot — jetzt muß ich an meine Ophelia denken. — Ich bitt' Ihnen, wenn mein Vetter Harb ist — sagen's ihm nur, daß ich nur ihm z'lieb zum Theater 'gangen bin — daß er mein einziger Gedanke ist, daß alles, was ich thu', nur wegen seiner g'schieht, daß ich verliebter in ihn bin, als Ophelia in ihren Hamlet! — Das heißt, wahnsinnig bin ick in ihn verliebt! — Ach, das ist ein rechts Kreuz, wenn man gar so närrisch verliebt ist! (Eilt ab durch die Mittelthür.) Raim. (allein). A rechts Eichkatz!das!— Ich selber Hab' mich durch d'Lieb nicht glücklich machen können, denn d'Madeln hab'n mich nie recht mögen. — Im Grund kann ich's ihnen a nit verdenken, denn ich Hab nir Liebenswürdiges an mir — aber 's freut mich doch immer, wenn ich a paar glückliche Liebesleut'seh. —Na, auf die Ophelia bin ich neugierig! —A närrisches Madl — spielt öffentlich Komödie und verlangt, daß es a ganz g'heime G'schicht bleiben soll. (Geht ab.) Verwandlung. (Garten — die Rückseite deS beleuchteten Theaters bildet den Hintergrund. Eö ist Abend.) Eilfte Scene. Ehrenzweig, Malvina, Rosenfeld, Lilienstengcl, Blüthenduft, Florian und Thekla. (Alle in Charakteren aus Hamlet. nach Art ambulanter Truppen caniküt costumirt,—kommen lachend vom Theater vor.) Alle. Hahahaha! EYrenz. Ist das ein Skandal! Da ist meine Malvina eine andere Ophelia! Malv. Wie diese Person cs nur wagen kann, in einer Rolle vor dem Publicum zu erscheinen, in der ich Furore gemacht Hab'! — Ich begreif' heut die Geduld des Publikums nicht! — 12 Ehrenz. Noch herrscht ein dumpfes Schweigen — aber das Donnerwetter wird um so furchtbarer sein nach dieser Schwüle. (Man hört applaudiren im Theater.) Malv. Himmel, man applaudirt die Mamsell dock nicht etwa gar? — Wenn man mir das anthut, betret ich nie mehr die Bühne vor diesem undankbaren Publicum. Zwölfte Scene. Vorige. Leopold, Madame Herbst, Raimund (kommen aus dem Theater). Leop. (aufgeregt in den Vordergrund stür zend). Lassen Sie mich! Lassen Sie mich! Mad. Herbst. Aber mein Sohn — Raim. Lieber Herr Herbst — Leop. (wie vorher). Also darum diese heimlichen Gänge — dieses versteckte Treiben hinter verschlossener Thür! — Alles — Alles hätte ick ihr verzeihen können — aber diese Schmach, sich wie auf öffentlichem Pranger verspotten und verhöhnen zu lassen, verzeihe ich ihr nie! Raim. Na, was ist's denn weiter? — 'S ist schon manche Schauspielerin ausgepfiffen und später besungen worden. Malv. Diese Mamsell wird schwerlich jemals besungen, denn dazu ist vor allem Talent nothwendig, und das ist da nicht zu finden. Ehrcnz. Vielleicht Talent zur Köchin — aber nicht zur Künstlerin. Raim. (ironisch). Es hab'n g'wisse Leut auch mehr Talent zum Lampenputzer als zum Hamlet. (Lärm und Zischen im Theater.) Malv. Aha, das Publicum spricht ein gerechtes Urtheil! — Raim. Hörn's auf! — Die Krähwinkler hier können a besser Kegelscheib'n als einen Hamlet kritisiren. (Lärm und verworrene Stimmen im, Theater.) Alle. Was bedeutet der Lärm? — Dreizehnte Scene. Vorige. Heloise. Hel. (stürzt erschrocken und in höchster Aufregung aus dem Theater) Allmächtiger Gott — das arme, unglückliche Mädl! Alle. Was ist denn gescheh'n? Hel. Die arme Therese hat sich das Unglück, das sie betroffen — die Strenge des Publikums — so zu Herzen genommen, — daß sie in der Wahnsinnsscene wirklich wahnsinnig geworden ist. ^8 l Alle (mit Entsetzen). Wahnsinnig! Leop. Mad. H er bst. (ebenso). Barm- L (herziger Himmel! Raim. Lauft's nach einem Doctor, g'sckwind! Hel. Der Theaterarzt ist schon bei ihr — aber er gibt wenig Hoffnung — er sagt, in Folge der heftigen Gemüthsbewe- gung sei das Unglück geschehen. — Raim. (strenge zu Ehrenzweig und Mal- vina). Das habt's Jhr auf eurem G'wissen, Ihr heillosen Cabalenschmieder! — Aus eurem Brotneid hat die Mamsell da Frei- billets ausgetheilt, um daS arme Madl auszischcn zu lassen. Alle. Sie kommt! — Vierzehnte Scene. Vorige. Therese (stürzt als Ophelia bleick mit aufgelösten Haaren und den starren Augen des Wahnsinns aus dem Theater. Hinter ihr Dr. Würger. Statisten. Arbeitsleute, Personen auö dem Publicum u. s. w). Alle. Haltet Sie auf! Haltet Sie auf! Th er. (in den Vordergrund stürzend und mit dem tiefsten Schmerz der Verzweiflung auf eine Stelle hindeutend). Ein Wolf! Ein Wolf! Wer rettet mein Kind, mein armes Kind! — Leop. (mit großem Schmerze). L) Himmel, erbarme dich ihrer! Th er. (wie vorher auf einen Fleck hin- starcend). Hilfe! Hilfe! Das Unthier streckt ! seine Krallen nach dem schlafenden Engel 13 — seht — seht den Purpurstrom, der aus seinen Adern quillt — (mit tiefem Schmerze aufschreiend) es ist Blut — Blut meines Kindes! — O, ist denn Niemand unter euch, der Mitleid mit dem Schmerze einer verzweifelnden Mutter hat? — (MN gellendem Aufschrei) Zu spät! zu spät! Mein liebes Kind ist todt — seht — seht — dort tragen es weinende Engel in den Himmel. Leop. (in äußerster Bewegung zu ihr eilend und ihre Hand an seine Lippen pressend). Therese — meine arme Therese! — Th er. (singend, als ob sie ein Kind ein- schläfern wollte). Schlafe, Kindlein— gute Nacht! Fürchte nichts — die Mutter wacht! Mutterliebe wiegt Dich ein, Süß wird dein Erwachen sein! Mad. Herbst (die ebenfalls zu ihr geeilt ist). Therese—erkennst Du uns nicht, mein Kind? Th er. (sich mit Majestät erhebend). Wohl erkenne ich Euch! — Ihr seid meine treulosen Vasallen und ich bin eure Königin! — In meiner Hand trage ich das Zepter der Gewalt, und auf meiner Stirn glänzt das Diadem der Gerechtigkeit! — Kniet nieder zu den Füßen der Elisabeth! — Mög' euer Lohn nicht eure Strafe werden. Raim. (mit inniger Theilnahme). Was aus dem heitern, herzigen Madl geworden ist! Das Herz druckts einem ab, wenn man so was sieht. Leop. Höre mich, Therese, undkein hartes Wort soll Dich je wieder kränken. Th er. (geheimnißvoll, im Charakter eines naiven Bauernmädchens). Auf' N Kirchtag neuli Hab' i an bildsaubern Bub'n erobert — der Tiroler Wastl war's. Sein' Muda hat a großmächtige Wiesen und zwa Küh', kugelrund wie die Walzen und was das Beste iS, Mäus hat's a. — Der Wastl hat mir was in d' Ohren gwispelt, aber i sag nit was — nachher hat er mir in G'ham auf's Göscherl was geb'n, aber sag i nit was — und nachher — (sie fingt einen be. kannten Jodler und tanzt dazu.) Dr. Würger. Das arme Mädchen! Th er. (plötzlich tragisch zu ihm). D mein theurer Siegfried — Dein rother Golo ist ein schwarzer Derräther — er trieb mich hinaus in dunkle Waldesnacht — meine Kräfte schwanden — Hunger und Durst nagten an dem zarten Faden meines Lebens — O, ich wäre eine Beute des Todes geworden — (indem sie dle Hand auf Mal- vineris Achsel legt) aber D u hast mich gerettet, meine geliebte Hirschkuh! — Malv. O, da muß ich bitten! Ther. (stößt einen durchdringenden Schrei aus, unarticulirt und gellend. Alles bebt erschrocken zurück. Dieser Schrei löst sich in ein Piano auf. welches in den damals beliebten Pulver- stoffel-Galopp übergeht. Diesen fingt sie mit aller Kraft, indem sie mit Mehreren herumtanzt, dann finkt sie erschöpft in Dr. Würger'S Arme). Raim. Jetzt wird's vielleicht zu sich kommen. — Leop. (zu Würger). Helfen Sie, Herr Doctor! — Retten Sie! Dr. Würger (mit Pathos). Hier ist nichts mehr zu retten. Der Schleier der Nacht hat ihren Geist auf ewig umhüllt. Ther. (Indem sie sich plötzlich erhebt, mit natürlicher Stimme ausgelassen lachend.) Hahahaha! Hahahaha! Glaubens, Herr Doctor, mein Verstand ist wenigstens eben so g'sund wie der Ihrige! Hahahaha! Alle (erstaunt). Was ist denn das? — Ther. (zu allenNmherstehenden). Eine allgemeine Täuschung. Wer kann jetzt noch behaupten, daß ich kein Talent zur Schauspielerin Hab? Leop. (empört für sich). Heuchlerin! Raim. (ebenfalls überrascht). A, da Muß i bitten! — Die Spitzbübin hat Komödie mit uns g'spielt. Ther. Ein klein's Kunststückl Hab ich g'macht — das müsscns dem Raimnnd erzählen. Raim. Der Raimund weiß es schon — (Küßt sie) und bedankt sich mit einem 14 Bußl, weil Du ihn selber so schön g'foppt hast, Du Tausendsappermentsmadl, Du! Alle (erstaunt). Ferdinand Raimund! Th er. (mit ausgelassener Freude). Er ist's selber, mein liebenswürdiger Rappelkopf! — Er hat a a Komödie mit mir g'spielt! Raim. Das wird schon noch öfter g'scheh'n! Ther. (freudig). Ja? — (Zu Leopold eilend.) I wcrd' a Schauspielerin in der Leopoldstadt, Poldl — wir reisen mitsammen nach Wien. — Gelt, Du bist doch a zufrieden mit meiner Talentprob? Leop. (kalt). Die Probe Ihres Talentes, die Sie hier abgelegt — ist für mich eine Probe der List und derVerstellungs- kunst — und ich werde mich hüten, auf der Bahn, die Sic betreten, Ihnen jemals wieder zu begegnen. Leben Sie wohl auf ewig! (Ab mit Madame Herbst.) Ther. Aber Poldl! — (Schluchzend.) Da haben wir's! Ich Hab glaubt, jetzt wird er recht z'frieden mit mir sein — und jetzt sagt er mir gar Lebewohl auf ewig! — Ach — 's wär mein Tod, wenn er Wort haltet. Raim. D'Vcrliebten halten kein Wort. Dein Talent wird a Magnet werden, der den Mann von Stahl und Elsen schon nachziehen wird. Ther. (vom Weinen zum Lachen übergehend). Hahaha! — ja, ja, Sie hab'n Recht, just, mein Talent soll das Liebcstran- kerl werd'n, das ich ihm misch. — Gel- tens, Sie nehmen mich mit? Raim. I laß Dich gar nimmer aus.— So a fesche Localsängerin findt man nicht alle Tag. Ther. (mit sprudelnder Laune). A Schauspielerin will ich werd'n, mit so rosenfarb'- uem Humor, daß ganz Wien an mir a Freund hab'n soll! — Die Armen will ich zufrieden — die Unglücklichen glücklich — die Traurigen lustig—die Melancholischen fidel — und die Hagestolzen verliebt machen auf a paar Stund alleTag durch mein' Humor. — Mt und Jung soll zu meinen Füßen schmachten, und wenn ich mit meinem Uebermuth ein Bissel ausreißen will, rufenS nur »halt, Rapperl, halt« — nachher werd ich stehen wie ein solider Grenadier und präsentiren vor dem Großmeister des Humors! Raim. Wenn ich ein Maler wär', würd' ich so die lustige, lebendige, überschäumende Jugend malen. Aber wenn ich auch kein Corregglv bin—so ein Stück Rem- bran dt bin ich doch, der seine Figuren aus dem Volke zeichnet. Ich verdank den Wienern eine fröhliche Jugend — aber ich Hab' nicht Acht darauf gegeb'n—ich Hab' sie verloren. (Indem er Therese bei der Hand nimmt.) Da Hab' ich jetzt a Andre g'funden — a recht a fesche Jugend— (Therese umarmend.) und meine lieben Wiener werden zufrieden mit mir sein! (Musik mit Anklängen des Liedes der Jugend aus dem »Bauer als Millionär*. Gruppe um Beide.) Der Vorhang fällt. Zweiter Äct. (Salon im Theater. Mittelthür. Rechts eine große Thür, welche auf die Bühne führt. Neben dieser Thür hängt eine große schwarze Probentafel, auf welcher mit Kreide geschrieben lieht: Vorstellung: »Der Bauer als Millionär.* llm zehn Uhr Probe vom »Diamant*. Links eine kleinere Thür, auf derselben eine Blech- tafel mit der Aufschrift: »Ferdinand Raimund.* Erste Scene. (Ignaz Schuster sitzt rechts im Vordergründe und liest ein Journal — ihm gegenüber links an einem kleinen Tische Korntheuer, seine Rolle studierend. Tomaselli im Oberrock und kleinen dreieckigen Hütchen » la Waterloo steht am Fenster und blickt durch ein langes Perspectiv hinaus. Wenzel Müller, mit einem Notenblatt in der Hand, steht in der Mitte des Vordergrundes, neben ihm Rainoldi die Noten trillernd und dazu etwas unbeholfene Tanzschritte machend. Fermier, mit einer Rolle in der Hand, agirend im Hintergründe. Demoi- seüe Huber, Heloise und andere Damen sitzend, 15 plaudernd im Hintergründe neben einander. Landner, Kemetner — Herren und Damen vom Thor und Ballet promeniren plaudernd durch den Saal.) Rainoldi (singend und schwerfällige Schritte machend). Lalalalalalala, den« VL, doue Ms-estro! (Tanzend.) Lalalalala mit der Figura werden wir macken Furore. W. Müller. G'fällt Ihnen der Tanz, lieber Rainoldi? Rainoldi. Wem wird denn nite gefallen der Compositione von Maestro Wenzel Müller! Jste nur ein kleines picolo Man- derl, der Maestro Wenzel Müller, sichte noch gar niren aus — aber seiner echten Volksmusik« werden leben so viele honder- ter Jahrhondert. W. Müller (lächelnd). Oho! oho! Nach einem Müller wird ein anderer Müller kommen. Wir thun halt alle, was wir können. Rainoldi (kläglich). Aber ick können nitte mehr viel. IS mußen schon tanz mehr mit der Händ als mit der Füß. — Ick fürchten, ick aben Talent zu der Podagra, Maestro. Tom. (Aus dem Fenster rufend). Schaut' s den Feind an, der kecke Ding will sich wehren. Quarre, meine braven tNrenadiere! Rainoldi (auf ihn blickend). Was treiben der Tomasclli? W. Müller (lachend). Der ist schon wie- der in der Schlacht bei Waterloo — Weil er dem Kaiser Napoleon etwas ähnlich ist, thut er so, als ob er's selber wär! (Geht zu )g. Schuster. Rainoldi zieht sich zu den Tänze- rinnen zurück und zeigt ihnen eine Figur ) Was gibts Neues in der Zeitung, lieber Schuster? 1. Schuster. Der Tod des ehrwürdigen St. Pierre füllt noch immer die Spalten der Journale. W. Müller. Ist man dem Mörder noch nicht auf der Spur? 2. Schuster. Ich hoffe. Auch die Nemesis hat ihre Sonne, um alle schwarzen Thaten ans Tageslicht zu ziehen. Ferm, (zu I. Schuster tretend). Ich habe eine Beschwerde, Herr Regisseur. 2- Schuster. Worüber, Herr Fermier? Ferm. Man hat mir die Rolle desWam- pelino geschickt. Sehen Sie diesen Kopf an — jeder Zug ein Wallenstein! Wie kann man von Wallenstein verlangen, daß er den patschaten Wampelino spielen soll? 2- Schuster. Ich bin überzeugt, Sie werden auch in dieser Rolle zeigen, daß Sie ein Künstler sind. Ferm, (geschmeichelt). Das wohl — das Genie läßt sich nicht so leicht verläugncn. I. Schuster. Sie haben den Ruf, daß Sie Charaktere zu zeichnen verstehen. Aber aus riner so unbedeutenden Rolle läßt sich freilich nicht viel machen. Ferm, (schnell). Ich mach waS aus ihr! Sie werden sehen, was ich Ihnen für einen Wampelino Herstellen werde! — Geben Sie Acht — ich schlage den BimS. Raimund darf sich zusammennehmen, Herr Regisseur. I. Schuster. Ich habe es ja gewußt, daß die Rolle in den besten Händen ist. Ferm. O ich bitt — Sie werden mit nrir zufrieden sein, Herr von Schuster! (Zieht sich zurück.) W. Müller (zu Schuster). Hahaha! Sie kennen Ihre Leute. Tom. (wie vorher). Den Kosaken in die Flanke! Türkisch dreinhauen auf die Kosaken — Laore äi non ckieu, knter ckr Kuli! — S'ist merkwürdig der ganze Napoleon. Dlle. Huber (gereizt zu Schuster tretend). Ist es denn eine neue Sitte,Herr von Schuster, uns um neun Uhr zu berufen und bis zehn Uhr warten zu lassen? I. Schuster (aufstehend). Nicht ich, Fräulein Huber — der Herr Direktor hat die Gesellschaft berufen. Dlle. Huber. Aha! gewiß wieder neue rassinirte Additions-Klauseln — aber ich unterschreibe nichts mehr, denn Sie wissen, daß ich nächstens Baronin Oscar werde. I. Schuster (mit Ironie). Ich habe Ihnen ja schon vor fünf Jahren dazu gra- tulirt. Dlle. Huber. Und wo ist denn Frau- 16 lein Krönest Wenn ich zu dieser Versammlung erscheinen kann, kann es diese Dame wohl hoffentlich auch. W. Müller. Fräulein Krones ist im Probesaal und repetirt ihre Musiknummern am Clavicr. I. Schuster (zu Dlle. Huber). Sie scheinen keine intime Freundin unserer guten Krones zu sein. Dllc. Huber (stolz). Eine Baronin Oscar sucht sich keine Krones zur intimen Freundin aus. W. Müller (unwillig). Das ist Neid, mit Erlaubniß. Dlle. Huber (verächtlich lächelnd). Neid! — O — ich gönne ihr ihre Lorbeern von Herzen, — obwohl die übertriebenen Huldigungen, die man dieser Dame bringt, ein wenig ans Lächerliche grenzen. I. Schuster. Das hat das Publicum zu verantworten. W. Müller. Dessen erklärter Liebling einmal die Krones ist. Dlle. Huber. Mein Gott! wir wissen ja, wie solch ein Wetter gemacht wird. — Wenn ich mit Parterre und Logen kokettsten wollte, würde ich ganz andere Triumphe feiern. Mein Baron Oscar hat mir nach meiner letzten Rolle einen Fackelzug bringen wollen, aber ich habe es mir ernstlich verbeten. W. Müller. Hören's mir mit Ihrem langweiligen Baron auf. Dlle. Huber. Langweilig? W. Müller. Ja, langweilig, sonst würde er nicht schon fünfzehn Jahre Ihr Bräutigam sein. Dlle. Huber (erbost). Das ist impertinent! Tom. (zu ihr tretend) Wer wagt es meine alte Garde zu beleidigen? Dlle. Huber (im Wiener Jargon sprechend). Dalketcr Ding übereinander! Tom. Ich kenne Dich, mein Braver! Du hast schon bei Austerlitz eine Kanone bedient. Dlle. Huber (gereizt). Gehns weiter — ich bitt Ihnen. Tom. Deine Grenadiermütze steht Dir gut. Dlle. Huber (wie vorher). Mächens mi nit Harb! Tom. Ich ernenne Dich zum Brigadegeneral, alter Schnurbart. Dlle. Huber (zornig). Mein Baron Oscar muß mir Satisfactiou verschaffen. Mehrere (im Hintergründe). Was treibt denn der Korntheuer? Hahahaha! (Alle bli> cken auf Korntheuer.) Kornth. (sitzt noch am Tische mit der Rolle in der Hand und macht mit dem ernsthaftesten Gesicht komische und groteske Grimassen und Geberden, als ob er von einer Fliege gepeinigt würde. — (klv. Bekannte Scene Korntheuer'S. die hier der imitirende Schauspieler möglichst treu wieder zu geben hat.) Pause der allgemeinen Aufmerksamkeit auf ihn.) Rainoldi (nach einer Pause sich ihm nä- hernd). Sekiren Ihnen einer Fliegen? Ick sehen nste — Kornth. I a nit. I fopp mi nur a Bißl selber. Alle (lachen). Hahaha! Zweite Scene. Vorige. Sartori. Sart. (durch die Mitte eintcetend). Ei, da geht cs ja recht lustig zu. Alle. Guten Morgen, Herr Director. Sart. Entschuldigen Sie, meine Herren und Damen, daß ich mich ein wenig verspätet habe — aber ich habe so eben das Repertoir für drei volle Monate gemacht. Kornth. (halb für sich). Aber was morgen geben wird, wissen wir noch nit. Sart. Belieben Sie Platz zu nehmen allerseits. Herr Kemetner, bitten Sie doch Herrn Raimund sich gefälligst zu uns zu bemühen. (Kemetner in die links alsRaimundS bezeichnete Wohnung ab. Alle Anderen außer Sartori und I. Schuster setzen sich in einen Halbkreis im Hintergründe.) Ich habe Ihnen heute eine sehr traurige Neuigkeit mitzutheilen. 17 Tom. Sind uns vielleicht die Finanzen ausgegangen? Kornth. Traurig war das schon — aber kein' Neuigkeit net. Sart. Schlimmer — schlimmer! Mein Oberregisseur, Herr Raimund, will unö verlassen. Alle (bestürzt). Raimund? I. Schuster. Ohne Raimund sind wir ein Körper ohne Seele. Kornth. Eher ein Körper ohne Kopf, glaub ich. Sart. Der Kopf bin ich. Kornth. Aha! Dritte Scene. Vorige. Raimund, Kemetner, Anton (hinter der Scene). Ra im. (indem er mit Kemetner aus seiner Wohnung tritt; zurücksprechend). Sperr Dich ein, Toni, und laß Niemanden hinein, sonst durchstöberns mir wieder meine Schriften. Sag nur: der Herr is nit z'Haus — es darf kein Mensch eini. Anton (von innen). Schon recht, Herr von Raimund! (Die Thür wird geschloffen.) Raim. (vortretend, schließt sich der Gesell- shaft an). I sapperlot! ist denn ein europäischer Congreß dahier? Sart. Ich habe die Gesellschaft berufen, um ihr mitzutheilen, daß Sie von uns zu scheiden gedenken, Herr Raimund, und als erwählter Vorstand dieser Bühne Sie im Angesicht des ganzen Personals zu fragen, ob ich Ihnen Veranlassung zur Unzufriedenheit gegeben habe. Raim. (sucht auözuweichen). Also wegen meiner diese Volksversammlung? Was ist's denn weiter, wenn ich mich in den Ruhstand versetzen will? Ich will aufs Land hinaus. — Ich bin ja der Graf von Gleichen, der zwei Weiber hat — die Kunst und die Natur — wen» das eine Weib a Bis- gurn wird, mach' ich mich g'schwind an die Andere. I. Schuster. Nein,mein lieber Freund, — Du weickst uns aus. Raim. Ich bitt Euch — sekirts mich net — ich muß auf's Land — mein Gc- dächtniß nimmt a ab — ich fang an gar so vergeßlich z'werd'n. Drum will ich mich a Bißl zerstreuen, weil i gar so zerstreut bin. Sart. So entkommen Sie mir nicht. Ich verlange eine bestimmte Erklärung, was hat Sie unzufrieden g'macht mit Ihrer Stellung? Raim. (herauSpoltcrnb). Na, ins Teufels Namen, wann ich denn schon deutsch reden muß. Ihr Repertoire hat mich unzufrieden g'macht. Wir wollens a Bißl anschauen. (Läuft zu seiner Thür und klopft.) Mach auf, Toni! Anton (von innen). S' darf kein Mensch eini — der Herr is nit z'Haus. Raim. (zerstreut). Dein Herr is nit z'Haus? Na so grüß ihn, und sag' ihm, ich werd a Bissel später kommen — (Wieder vortretend.) Das ist ärgerlich, daß der just nit z'Haus sein muß. Kornth. Sie find's ja selber, der nicht z'Haus is! Raim. (polternd). I bin a nit z'Haus! (Auf den Kopf deutend.) Da oben bin i nit z'Haus. (Zu Sartori.) Sagens mir nur, was haben »Hamlet« — »EmilieGalotti« und .Wallenstein« in unseremRepertoir zu thun? Sart. Sie können fragen? So klassische Stücke. Raim. Elastische Werke gehören auf einen klassischen Boden, und den hat unser Volkstheater nicht. Hieher kommt der arme Mann nach schwerem Tagwerk, und opfert freudig seine paar Kreuzer, um in dem heitern Spiegel des Lebens sich wieder zu finden mit seiner biedern Herzlichkeit, seinem g'sunden Mutterwitz und seinem frischen, kernigen Humor. Seinen »PrinzSchnudi«, sein .Gisperl und Fisperl« will er sehen — und Sie wollen ihm mit unserer Mannschaft einen »Wallenstein* verarbeiten lassen? Lassens doch dem armen Mann aus l-ral«>Rrptrtoir Nr. 7ö. s dem Volk sein Volkstheater, lieber Direktor! Es hat den schönen Beruf ihn zu belehren — ihn zu erheitern — auf sein Herz und sein Gemüth zu wirken — das ist die ehrliche Aufgabe eines Volkstheaters, lieber Dlrector — und weiß Gott! wenn ich mit meinem bißl Talent dazu was beitragen kann, bin ich stolz darauf, ein Dolksdichter zu sein. 3- Schuster (ihm die Hand reichend). Mein theurer Freund! Sart. Sie meinen es gut, aber — Raim. Wir sind noch nicht fertig, lieber Direktor. Ich Hab erst s'Publicum vertreten— jetzt muß ich die Schauspieler a noch vertreten. — Sagens mir nur, welcher Ri- naldini hat Ihnen denn das Formular zu Ihren neuen Contracten gegeben? Leb'n wir denn in Afrika, daß die Direktoren mit ihren Schauspielern wie die Pflanzer mit ihren Negersklaven contrahiren? Das sind ja keine Contracte mehr, das sind ja Mausfallen — Corsarenbriefe, lieber Direktor. — Also, diese Corsarenbriefe und Ihr Repertoire trcib'n mich hinaus aus dem Tempel. Sart. (ihm die Hand reichend). Nein, nein — das sollen Sie nicht, denn ich verspreche Ihnen, diese Uebelstände zu beseitigen. I. Schuster. Du darfst dein liebes Volkstheater nicht verlassen, theurer Freund! Alle. Nein, nein — wir lassen ihn nicht fort. Vierte Scene. Vorige. Therese. Th er. (sehr einfach aber höchst reizend ge- kleidet, hüpft fröhlich zur Thür rechts herein, eilt zu Raimund, schlingt einen Arm um ihn und singt). Mariandel hat Dich lieb, d'Mariandel ist Dir treu, Und wenn Du sie verlassen kannst, Ist all ihr Glück vorbei. Raim. (in komischer Rührung sich sträu- bend). Gehst mir weiter! Jetzt kommt mir die a noch mit'n g'roben G'schütz. Th er. Schauen's mi a bissel an?— Sie woll'n uns verlassen, Raimund will's Leopoldstädter Theater verlassen, wo er'S Kind vom Haus ist? DaS wär der erste traurige G'spaß, den er g'macht hat. Raim. Na, so mach' ich lieber an'n lustigen Spaß und bleib wieder da. Alle. Bravo! Rainoldi (sich eine Thräne aus den Augen wischend). Er bleiben wieder bei uns, unsere krumpe Haschemann — das ist gute. Tom. (auf ihn deutend). Mein alter Grenadier weint Freudenthränen dort an den Pyramiden. Kornth. Na — er weint Eiszapfen an der Bukowina. Raim. (zu Sartori). Also — i bin wieder der Alte — aber Wort halten, Direktor. Th er. (zu Sartori). Sonst werd' ich aus Bosheit unpäßlich auf a halbes Jahr, wanns unsere Harmonie zerstören. So ein eractes Quartett wie Raimund, Schuster, Krones und Korntheuer bringens so g'schwind nimmer zusammen. Raim. Die Tauben hätten uns nit schöner z'sammtrag'n können. (Therese wohlgefäl- !ig betrachtend.) Wie ein Dragantpuppcrl schaut das Madel wieder aus. — Völlig anbeißen könnt man's. Kornth. A paar Zahnderln riskiret ich a. (Es wird hinter der Thür rechts das Zeichen zur Probe gegeben.) Alle. Zur Prob, zur Prob! Tom. Das Signal zur Schlacht! Denkt an die Sonne von Austerlitz. Kornth. Uud an die Nachtlampe von Leipzig! Tom. Aber der ganze Napoleon. (Alle, außer Sartori, Raimund, I. Schuster und Therese durch die Thür rechts ab.) Sart. (zu Raimund und I. Schuster). Ich werde Sie im Dircctionszimmer erwarten, um das Beste unsers Instituts zu berathcu. Jeden Samstag soll künftig Consilium bei mir sein, ganz wie im Hoftheater, meine Herren. (Zur Mitte ab.) Ther. Es bringtS Hoftheater nicht mehr aus'm Schädel. 19 Ra im. Er soll reden,was er will, wenn er nur thut, was wir wollen — und wir wollen unser Volkstheater ehrlich vertreten. Gelt, Natzel? I. Schuster (seine Hand drückend). Mit Wort und That. Wir wollen die Ritter unserer Volksmuse werden, und wenn sie auch noch ein wenig frivol aussieht in ihrer Prehauser-Negligee — wir werden schon nach und nach ihre Blöße decken, lieber Raimund. (Durch die Thür rechts ab.) Raim. Ein Halstüchel hat's schon. Fünfte Scene, i-- Raimund. Therese. Ther. Jetztsagens mir g'schwind, lieber Raimund, waren's bei ihm? Ratm. Bei deinem Maler? — Freilich! — Aber ich bring Dir nir Gut's. Er hat's erfahren, daß Du's bist, die ihm durch geheime Agenten um schweres Geld seine Bilder hat abkaufen lassen. f Ther. (erschrocken). Himmel! A Raim. Du kannst Dir denken, wie er g'sprudelt hat. Auf der Stell' hat er sich mit Leib und Seel einem Wucherer verschrieben, und wannst z'Haus kommst, wirst dein Geld wieder finden. Ther. (schmerzlich). Das kann er mir an- thun? — Der Mensch hat ja ein Herz im Leib, als ob er ein Schneemandl wär! Raim. Er will nir wissen von Dir — Du bist ein garstigs Madl, hat er g'sagt. Ther. Garstig? —Nein, solche verkehrte Ansichten kann er als Maler doch nicht haben. Raim. Von einer so leichtsinnigen Co- kette will er kein Almosen. Ther. Nicht einmal das bißl Cokettcrie vergunt er mir. Raim. Ich weiß, liebe Resi, Du bist wie die Maria Stuart, besser als dein Ruf — aber schau — wenn'st Dich auf'n Theater ein bißl z'viel geh'n laßt, steht Dir's gut, und s'Publicum sicht's gern, aber im g'w ähnlichen Leben mußt ein bißl mehr ob- acht gcb'n auf Dich, denn d'Leut machen gleich aus einer Gelsen ein Elephanten, wanns an einer Schauspielerin a klane Schwachheit g'fpür'n — und wann's Kleid nur ein kleins winziges Fleckerl hat, sagens gleich, 's ganze Kleid is nir mehr nutz. Ther. Das heißt: Weil i a schwarz' Puncterl im G'sicht Hab, muß i glei a ganze Mohrin sein, geltens? Raim. Und was für a Mohrin! — Schau — ich meins gut mit Dir — na — das weißt's ja eh — und darum muß ich Dir aufrichtig sagen — Du bist mir viel zu freundlich mit den Mannsbildern. Ther. (treuherzig). Nur mit den Saubern — mit den Andern nit. Raim. Ah! Und deine Bekanntschaft mit diesem Herrn von Sevrö A'fallt mir schon gar nicht. DerMensch ist ein Schlemmer — ein Spieler und hat so was Unheimliches in seinem Blicke, daß es nrir immer einen Stich gibt, wenn er mich anschaut. Ther. Er g'fallt mir selber nit, aber ich Hab an'n g'hetmcn Plan mit diesem Millionär. Raim. Wird schier was abgeh'n von seiner Million, denn er hat mir mit zu viel Wechseljuden z'thun. Und wenn er auch ein Millionär wär' — Du wirst Doch nicht aus Eigennutz. — Ther. Ich und Eigennutz! — Die letzte Person, an die ich denk, bin ich allweil selber. Sie wissen ja, wem sein Glück das meinige ist. Für ihn könnt' ich betteln geh'n, denn ich Hab ihn ja so lieb, daß ich mit Freuden mein jünges Leben für ihn opfern könnt. Raim. (ärgerlich). Du bist ein Dalk mit deiner Lieb' zu dem gefühllosen Haubenstock. Sechste Scene. Vorige. Malvina (sehr ärmlich gekleidet, tritt mit Hamlet an der Hand durch die Mittelthür ein, die ihr Doberauer öffnet. Dober. Dort ist Fräulein Krones, Madam. (Zieht sich zurück.) 2 * 20 Th er. Nach mir fragt die Frau? Aber was ist denn das? Das ist ja ein bekanntes G'sicht. Raim. Das ist ja die Cabalistin, die Dich vor fünf Jahren hat auszischen lassen als Ophelia. Th er. (kalt zu Malvina). Womit kann ich dienen, Madam? Malv. (gepreßt). Eine kleine Unterstützung. Raim. Schau, Resi, so hat auch 's Theater seine Nemesis. Die Frau, die gegen Dich intriguirt, die Dich aufs empörendste gekränkt und beleidigt hat — die steht jetzt als Bettlerin vor Dir. Mal. Ich bin unglücklich — ein Jahr ohne Brot — mein Mann ist krank — meine Kinder von Allem entblößt. Th er. (Nach einer kleinen Pause.) Was stehst denn da hinten, komm näher! Ist das dein kleiner Bua? Mal. (sich nähernd). Ja, gnädiges Fräulein. — Th er. Resi heiß ich — ich mag kein gnädiges Fräulein sein für a alte Kameradin von mir. (Hebt den Knaben ans den Arm.) Ein lieber kleiner Kerl! Was er für pechschwarze Aeugerln' hat! — Wie heißt d'denn, kleiner Spitzbub? Ham. Hamlet! Th er. Hamlet? — O Du armer Prinz vom Tandelmarkt, Du! — Weißt was Hamlet — Geld hat dein Ophelia jetzt kcins — denn sie ist alleweil schwarz wie ein Rauchfangkehrer, aber, da hast was, was Dir der erste beste Jud abkaufen wird. Raim. Wie? Das kostbare Armband — Th er. Ich bau's an, daß für die Armen Brot d'raus wachst. (Zu Malvina.) Ich werd schon weiter für Euch sorgen. Raim. Du, ihre Feindin? Th er. Nur die Glücklichen haben Feinde — die Unglticklichen nicht, der liebe Gott will, daß wir feurige Kohlen auf dem Haupte unserer Feinde sammeln. Malv. (will Therese gerührt die Hand küssen). Therese! Th er. Was fallt Dir denn ein mir d'Hand z'küffen! — (Sie umarmend.) Komm an mein Herz, Du armes Hascherl, Du! (Mit der herzlichsten Theilnahme.) Wie blaß und abgehärmt Du ausschaust! — Du mußt viel g'litten haben, seitdem wir uns nit g'sehen haben! — Ach, mein Gott! nicht haben — geben wär' mein Freud — und wenn Thränen Perlen wär'n — so lustig ich bin, mein ganzes Leben hindurch könnt' ich weinen, um alle Armen reich und glücklich z'machen Raim. (gerührt für sich). Mit solch einem Herzen kann man schon ein bißl leichtsinnig sein. Malv. Gott segne Dich, Therese! Siebente Scene. Vorige. Sevre, später Korntheuer. Sevrä (sehr elegant gekleidet, tritt etwas aufgeregt durch die Mittelthür ein, eilt auf Therese zu, und küßt ihr sehr artig die Hand). Schon wieder ein Segen der Armuth für unsere Krones! — Den Glücklichen schlagen Sie Wunden und den Unglücklichen heilen Sic sic, holde Zauberin. Th er. O, Sie kommen gerade recht, Herr von Sevr«, um ein gutes Werk zu thun. Eine bedrängte arme Freundin — Sevrs. Wen die Armuth und Therese Krones empfehlen, hat einen doppelten Creditbrief auf meine Börse. (Reicht Malvina seine Börse.) Malv. (ihm die Hand küssend). Gott lohn' es Ihnen, gnädiger Herr! (Zum Kna- den.) O, komm, mein Sohn — wir müssen mit dem Vater unsere Freude theilen. Ham. (freudig.) Juchhe! wir bringen Ducaten! Die Medicin nimmt er g'wiß gern ein. (tzilt mit Malvina ab.) Th er. (zu Sevrv). Schaun's — so ists doch besser sein Gold verschwenden als am grünen Tisch. S evr 6 (lachend) Ah, Respect vor dem grünen Tisch — das ist der Arbeitstisch für Müßiggänger meines Schlages. Raim. Habens am grünen Tisch nir 21 von dem verruchten Scheusal g'hört, der an unserm ehrwürdigen Gelehrten St. Pierre den Raubmord verübt hat? Sevrv saufgeregt). Nichts — nichts habe ich erfahren. Ther. «schnell zu Raimund). Reden wir nicht "von dieser traurigen G'sckickt vor Herrn v. Sevr^ — er Horts nickt gern. Sevre (gefaßter). Nein — nichts vom Tod! Geschwind' ein heitres Thema, lieber Raimund. Ich danke Ihnen für das Glück, heute nock einmal un'sre reizende KroneS als Jugend bewundern zu können. Wer weiß ob mir dieses Vergnügen je wieder zu Theil wird, denn auf morgen Früh habe ich meine Abfahrt bestimmt. Ra im. Was, abfahr'n woll'ns uns? Ther. Und morgen schon? Sevre. Unwiederrusiich — und darum wünschte ich heute nock im gemüthlichen Kreise einiger heiterer Künstler dieser Bühne ein kleines Abschiedsfest in meiner Wohnung zu feiern. (Galant zu Thkrkse). Ick darf wohl nicht erwähnen, auf welche Kö nigin dieses Festes ich hoffe. Ther. No perse! Wv'S lustig zngeht, bin ich all'weil dabei. ^ Sevre. Dann dürfen Sie mir aber ja Ihre liebenswürdige Laune nicht vergessen. lMit Bezug auf Raimund.) Denn, wie dieser nene Barde seines Volkes singt: »Wir wollen bei Tanz und Wein der Freude alle Thore öffnen.« (Man hört verworrene Stimmen rechts.) Rann. Was ist denn da g'schehn? Kornth. (erscheint in der Thür rechts) Empörung in der Natur! Die Bäum' kommen auf d'Köpf herunter, der Mond fallt vom Himmel — die Häuser hängen in der Luft und d'Wolken fallen uns auf d'Nasen, alles, weil dem Schnürmeister sein Namenstag ist. Ra im. Und da hat er sich an'n Rausch antrunken? Na wart's, s' wird gleich Ordnung sein in der Natur, wann der Jupiter mit'n Donnerwetter dreinfahrt. Sie entschuldigen schon, Herr von Sevrv — aber s'G'schäft geht über Alles — ich muß schopfbeuteln gehn. (Ab mit Korntheuer durch , die Thür rechts.) Sevrs. Also darf ich Ihnen meinen Wagen senden? Ther. Ich bin ja gezwungen, Sie zu besuchen, (listig) denn ich Hab ja noch ein g'heims G'schäft mit Ihnen, sonst könn- tens drauf vergessen. Sevre. Wünsche seiner schönen Jugend vergißt man nicht so leicht. (Indem er ihr zwei Rollen Ducaten reicht.) Werden fünfhundert Ducatcn hinreichend sein, zur Kunstrcise für Ihren jungen Apelles? Ther. (freudig). Fünfhundert Ducaten! Ach mein Gott! für so viel Geld kann er ja ein ganzes Jahr die Meisterwerke in Rom studiren. — Aber wissen darf ers nickt, daß ich d'Hand im Spiel Hab, sonst nimmt er das Geld a nit, der stolze Ding! — Raimund muß ihm's bringen, der weiß am besten mit ihm umzugehn. Sevre. Wie ungerecht doch die Welt zuweilen urtheilt! — Man nennt Sie eigennützig — und doch bitten Sie nie für sich, sondern nur immer für Arme und Bedrängte. Man nennt Sie flatterhaft, leichtsinnig — und doch füllt nur eine einzige innige Liebe Ihre ganze Seele. (Ihr die Hand küssend.) Wahrlich, Sic sind eine Wunderblume im Garten der Musen, schöne Therese! — Also auf Wiedersehen in meinem Salon. (Durch die Mittelthür ab.) Achte Scene. Ther. (allein). A kurioses Madl bin ich — das iS wahr, je mehr er nir von mir wissen will, desto lieber Hab ich den Schlan- kel. — Leichtsinnig —cokett nennt er mich, er redt grad so, als ob ich alle Tag zehntausend Mann zu verzehrenhätt', — «bisserl gern Hab ich alle Männer, daS is freilich wahr — aber ich kann nix dafür — so was steckt in der Natur — (innig) aber er ist doch der Einzige, den ich lieb! — Und ein ganzes langes Jahr soll ich ihn jetzt nickt sehen — das zieht mir g'wiß eine 22 G'müthskrankheit zu — aber was liegt d'ran, wann ich auch unglücklich bin — ' wenn er nur glücklich ist! — Wenn ich nur sein Bild wenigstens hätt — aber halt — er hat sich ja vor sechs Jahren selber auf ein Stücke! Elfenbein g malt — das Bildl muß ich hab'n. Raimund muß's ihm abbetteln. Vielleicht könnt' ich mich auch mit ihm ins Hans schleichen, und mir den Barbaren noch einmal heimlich so recht nach Gusto anschau'n, eh' er abreist. Ach — a verlicbts Madl ist ja schon mit a bißl was z'srieden. (Abermals Lärm rechts.) Das ist heut a unruhige Prob, weil der Schnür- meister an'n Rausch hat. Neunte Scene. Therese, Raimund, gleich darauf To- maselli und Wenzel. Raim. (Mit der Hand auf der Wange aus der Thür rechts). Million Donnerwetter, — das is a sauberer Vorschuß auf meinen neuen Contract. Th er. (besorgt). Ist Ihnen was g'schehn? Raim. Im heimlichen Dunkel des Schnürbodens hat mir Einer a feste Ohrfeigen gegeben. Th er. (erstaunt). Ihnen? Wer? Tom. (der Wenzel aus der Thür rechts stößt, und ein großes Schwert über ihn schwingt). Hier ist der Feind, der meinen Marschall aufs Haupt geschlagen hat. Raim. (in äußerster Wuth). Der Wenzel war's? Der Wenzel hat mich so bedient? Na wart, Wenzel, ich will ein Beispiel gebn, daß d'ganze Welt darüber schaudern soll. Wenzel (bittend). Ich Hab Ihnen für ein Dub'n g'halten. Th er. (bittend). Er hat Ihnen nit kennt. Raim. (wie vorher). Na ja, — ein guter Bekannter hätt's auch noch sein soll'n. (Zu Wenzel.) Marsch sott, auf der Stell! Du hast nir mehr z'thun bei uns! Marsch! Du oder ich? — Also Du! Wenzel (schluchzend). I bitt um Verzeihung ! — Dreißig Jahr dien' ich schon in dem Hans und soll jetzt brotlos wer'n mit meinem Weib und fünf Kindern. Th er. (wie vorher). So a alts Möbel vom Hans dürfens doch nit fortjagen. Raim. Das nit. (Grimmig.) Aber a Straf muß sein, a exemplarische Straf, ganz nach dem Gesetz. A Ohrfeig'n kost't fünf Gulden nach'n G'setz. (Indem er schnell Geld ouS der Brieftasche nimmt und eS Wenzel gibt, polternd.) Da sind d'fünf Gulden, und jetzt marsch an d'Arbeit, Du Grobian. Wenzel (freudig). Herr von Raimund! Raim. (schnell und polternd). Marsch an d'Arbeit und nicht mucksen gegen das G'setz. (Wenzel läuft schnell durch die Thür rechts ab. Zu Tomaselli.) Sein's so gut und sagen's, daß ich Satisfaktion Hab' und daß der Mensch gehörig abg'strast ist. Tom. Nach aller Strenge des Kriegsgerichts— l)Ov! — (Ab durch die Thür rechts.) Th er. Ich kann mir nit helfen. I muß Ihnen a Bußl geb'n. Raim. Genir Dich nicht. Th er. Ich genir mich nie! (Indem sie ihn derb küßt.) Da hab'ns Eins — Sie Wüthrich von Marzipan. Raim. Der Marzipan muß mir noch vom Zuckerbäcker blieben sein. Th er. (indem sie ihm die Geldrollen gibt). Jetzt sein's so gut und steckens die Ducaten ein. Raim. Studirst Du solche Rollen, a so! — Hast Recht — das sein die wahren Glanzrollen. Th er. (nimmt ihn untern Arm). Und jetzt schau'n wir, daß wir g'schwind an Fiaker auftreiben, Sie müssen mit mir fahren. Raim. Wohin? Th er. Zu meinen Herrn Vettern, (zieht ihn gegen die Thür) kommcn's nur! Raim. (aufbrausend und sich sträubend). Wirst mi gleich geh'n lassen, Du verliebte Urschl! Wir hab'n Prob! Th er. (wie vorher). Wir treffens ohne Prob'n — ^tiovü — Allons! Raim. (polternd, indem er widerstrebend 23 von ihr fortgezogen wird.) Tausend MillivN- donnerwetter, wirst mi glei auslafsen — Du weißt ja, daß i a Menschenfeind und Weiberhasser bin! —'s nutzi nir — meine Jugend reißt rnick zu allerlei Dummheiten bin! —Der Teufel soll d'Verlicbten holen. (Beide durch die Mitte ab.) Verwandlung. (Kleines GattenhäuSchen mit Garten. Rechts im Vordergrund eine Laube, in welcher eine Staffelei mit einem verdeckten /weiblichen Porträt steht, im Hintergründe dicbteS Gebüsch.) Zehnte Scene. Mad. Herbst und Gabriele treten von der rechten Seite auf. Gabr. Da ist er auch nicht. — Aber heute ist ja der junge Herr gar nicht zu finden. Mad. Herbst. Du mußt ihm schon verzeihen — er hat zuweilen auch außer dem Hause Geschäfte. Gabr. Er soll aber außer dem Hause keine Geschäfte haben, und sie alle in seinem Atelier besorgen. Mad. Herbst (lächelnd). Damit er den ganzen Tag mit seiner Geliebten plaudern kann. Gabr. (verschämt). Warum denn nicht — er studirt ja recht gern mit mir. Mad. Herbst. So? — Und was plaudert er denn mit Dir? Gabr. Von der Politik gewiß nicht. Wir sprechen von den schönen Bildern, die die alten, berühmten Meister geschaffen — von dem heitern Himmel Italiens, — von den Bergen in der kräftigen Schweiz, — von den schönen Blumen meines Vaters, — Mad. Herbst. Und von seiner schönen Tochter auch zuweilen. . Gabr. (lächelnd). Auch zuweilen. Erst gestern hat er mir gesagt, daß mein Vater eine recht saubere Tochter habe. Mad. Herbst. So? und was hast Du ihm geantwortet? Gabr. (verschämt). Daß der Sohn seiner Mutter auch nicht übel ist. Mad. Herbst. So, so! Mir scheint ihr seid schon ein wenig familiär mit einander geworden. Gabr. (wie oben). Scheint mir auch so. Mad. Herbst. Und es wird wahrscheinlich schon zu ganz besonderen Erklärungen zwischen Euch gekommen sein. Gabr. (wie vorhin). Das darf ich nicht sagen. Von so was spricht man nicht gern. Aber Sie werden es sehr leicht errathen, wenn ich Ihnen sage, daß Leopold gestern eine sehr lange und geheime Unterredung mit meinem Vater gehabt Hab. Mad. Herbst. Worüber denn? Gabr. Na, über alte zerbrochene Blumentöpfe gewiß nicht. (Listig.) Hat er mit Ihnen noch keine geheime Unterredung gehabt? — Mad. Herbst. O ja! Gabr. (neugierig). Nun? Mad. Herbst. Er hat mich gefragt, ob eine gewisse Gabriele nicht ein ganz allerliebstes Weibchen für ihn wär' ? Gabr. (sie freudig umarmend). Sie werden doch ja gesagt haben, liebe Fr. v. Herbst? Mad. Herbst. Dom Herzen ja, mein Kind! Du bist ein armes, aber ein braves Mädchen, das meinen guten Sohn gewiß glücklich machen wird. Gabr. (aufhorchend). Stille! Mad. Herbst. Die Thür wird heftig in'S Schloß geworfen, seine Schritte — er ist nach Hause gekommen. Gabr. Endlich! Geschwinde zu ihm, daß ich ihm recht tüchtig den Text lese. — So ein leichtfüßiger Künstler muß alle Tage tüchtig ausgezankt werden, sonst findet er nicht nach Hause, bis ihm nicht die Laterne am Himmel heimwärts leuchtet. O ich werde eine gestrenge Hausfrau werden. dort ein paar gelbe Patzen, ein paar him- 25 melblaue Circonfler und wenn die Leinwand vollg'schmiert ist, ist die effectvolle Landschaft fertig. Leop. (ironisch). Arbeiten nur Ihre Maler — oder auch Ihre Dichter nach diesem System? Rann. Ter Dichter muß a manchmal patzen, wenn er beim Theater sein Glück machen will. — Aber sag'ns mir doch — Habens das Bild unserer Krones für sich g'malt? Gabr. (schnell). Warum nicht gar! Leop. Ein reicher Ochseuhändler hat das Bild bestellt. (Man hört einen leisei SchmerzenSruf Theresens im Gebüsch.) Ra im. (für sich). Da ist wer aus dem Himmel g'falln. Das arme Madl! Leop. Jetzt eine Neuigkeit, Herr Raimund. Ich werde Wien verlassen, um in irgend einem kleinen Ort wieder eine Dachkammer zu beziehen. Raim. Nir da! — Das Eapitol oder den Vatikan Werdens beziehen — darum bin ich hier. Leop. Sie scherzen. Raim. Herr von Sevre, ein reicher Mäcen, ist auf Ihr Talent aufmerksam geworden — aber er glaubt, es braucht noch tüchtige Studien, um ausgcbildet zu werden, d'rum schickt er Ihnen durch mich (indem er ihm die Geldrollen gibt) 500 Ducaten, damits a bißl nach Rom in d'Schul gehen können. / Leop. (mit freudestrahlenden Augen). I lNach Rom! Mad. Herbst und Gabr. (freudig). (Welch ein Glück! — Raim. (schnell). Sie dürfen das Geld schon annehmen, denn er schenkts Ihnen nicht — 's ist nur ein Vorschuß, den's ihm nach Ihrer Heimkehr mit Ihren drei ersten Kunstwerken z'ruckzahlcn müssen. Mad. Herbst. Du mußt dem edlen Herrn persönlich danken, mein Sohn! Leop. (Raimund freudig in die Arme schließend). O mein theurer Freund — noch gibt es Leute, die mit ihrem Reichthum Glück und Segen verbreiten! — Ja, ich nehme das Darlehen dankbar an, und schwöre bei Gott, daß diese Saat auf keinen unfruchtbaren Boden fallen soll. Ther. (ist wieder aus dem Gebüsch heraus- getreten und äußert lebhaft ihre Freude). Leop. Morgen reis' ich, liebe Mutter. Mad. Herbst. Gottes Segen möge Dick begleiten. Raim. Morgen wollen's schon fort? Ah, da müsskus mir noch heut was für mein Album geb'n, lieber Herbst, a kleine Zeichnung, oder so was dergleichen. Am liebsten wär mir Ihr Bild. Wenn ich mich nicht irr' — Hab ich einmal so ein kleines MiniatmiPortiät auf Ihrem Schreibtisch g'sehn. Leop. Mein Porträt? — Ach, das ist nicht mehr mein Eigeutbum. (Gabrielens Hand ergreifend.) Da müssen Sie sich hier an meine Braut wenden, lieber Raimund. Ther. (die mit gespannter Erwartung an dieser Scene Antheil nahm — mit einem gel- le' den Schmerzschrei, indem sie mit beiden Händen daS Gesicht verhüllt) Ach! (Eilt schnell davnn.) Mad. Herbst, Gabr., Leop. (sich nm-ebend). Was war das? Mad. Herbst. Eine Dame, die dort aus dem Garten flieht. (Eilt rechts ab.) Gabr. (argwöhnisch). Ah — die muß ick mir doch ein wenig anschauen. Gewiß wieder eines Ihrer verliebten Modelle, Herr Leopold? (Eilt ebenfalls rechts ab.) Dreizehnte Scene. Raimund, Leopold. Raim. Ja, so ein arm's Modell, das der Herr Maler sitzen g'lassen hat. Leop. Therese Krones! Sie haben dos Bild für sie verlangt? Raim. (mürrisch) Na, und wennS so war', was ist's nachher weiter! — Daß d'Resi in Ihnen verliebt ist — wissen's so gut wie ich. Sie hat Ihnen noch einmal heimlich anschau'n wollen vor Ihrer Abreise— darum Hab ich's mit mir g'nommen. 26 Leop. Herr Raimund! Raim. Aber glaubens ja nicht, daß ich's Ihnen vielleicht zum Weib aufdispu- tiren will — wenn ich das auch könnt', thät ich's nicht, denn aus so einer Heirat pur ftrree kommt nir Guts heraus, das weiß ich aus eigner Erfahrung. Wenn ich als Ritter der Therese Krones gegen Sie in die Schranken treten wollt', würd' ich nicht Ihr Lieb' — sondern Ihre Achtung für sie erkämpfen. Leop. (lächelnd). Achtung! Raim. Ja, ja, Achtung! Ich will nicht behaupten, daß Ihre Cousine fehlerfrei ist, denn rein ist nir auf der Welt und selbst d'Sonn am Himmel hat ihre Flecken, aber leichtsinnig ist noch nicht leichtfertig, jnn ger Herr! Leop. Ich begreife nicht, wie Sie nach dem, was die Welt spricht — Raim. (auflodernd). Was die Welt lugt, sagens lieber. Die Lug ist ein Trauerspiel, das derTeufel g'schrieben hat. Jeder Mensch spielt a Roll' d'rin und läßt sich so gern von seinem Herzen souffliren, nur weil er von seinen Leidenschaften applaudirt werden will. Und was sagt denn die Welt? Daß sich die Krones die Huldigungen aller galanten Herren g'fallen laßt?— Die muß sie sich g'fallen lassen, wenn sie nicht als Schauspielerin riskiren will, vom ersten besten Gecken, der sich ein Parterrbillet bezahlen kann, öffentlich blamirt z'werden. — Aber trotz dieser Huldigungen ist sie noch immer eine Lucretia gegen manche Dame, von der die Welt nir als Liebe- und Gutes sagt, Herr Herbst. Leop. Ihre Moralität hat einen kräftigen Vertreter g'funden. — Aber ihr grenzenloser Leichtsinn— ihre Verschwendung— Raim. Sie muß leichtsinnig sein, denn sie ist eine Tochter der Musen — und die cokettiren a mit der ganzen Welt. Auch eine Verschwenderin ist sie, denn sie hat ihre ganze Gage, die sie sich sauer verdient, auf lauter Bilder vrrschwendt', nur um dem Mann, den'- so innig liebt, ein sorgenfreie- Leben zu bereiten. Und a Schuldenmacherin ist's a — aber für wem macht'S Schulden? — Nicht für sich — für die Armen und Unglücklichen mackt's Schulden, denn so reich an Talent sie ist, so ist sie reicher noch an Herzensgüte. Jedem Leidenden reicht's ihre Hand, kein Armer geht unbcschenkt von ihrer Thür, — sie zahlt den Zins für arme Handwerker, — Doctor und Apotheke für arme Kranke und würd' mit Vergnügen selber darben, nur um die Thränen eines Unglücklichen zu trocknen. Leop. (hingerissen). Ja — sie ist gut — von Herzen gut! — Raim. Das ist sie — d'rum schützt sie die Freundschaft eines ehrlichen Mannes gegen Ihre Verachtung, junger Herr! Leop. (mir Gefühl). Nein — nein — beim allgerechten Gott, ich verachte sie nicht mehr. Naim, (für sich freudig). Cr wird warm, vielleicht macht sich's noch. Gern hat er's doch — man braucht gar keine Brill'n, um das zu seh'n. Leop. Ja, ich bin hart und ungerecht gegen sie gewesen — aber ich will — Raim. (schnell einfallend). Besser — gerechter von ihr denken — mehr verlangt'S nit. Urtheilen's künftig nicht wie der blinde Haufe, nach dem Schein. Ein Schauspieler kann der beste Familienvater, der treueste Staatsbürger sein — na — er muß ein Lösewicht sein, weil er auf dem Theater den Bösewicht spielt. Die Soubrette ans der Bühne hält man auch für eine leichtsinnige Cokette im Leben, wann'- a das solideste M der Welt war — und den Komiker man zur Tafel, denn man erwartet den G'spaß eines Bajazzo von ihm, wenn er a, wie ich, gar oft, eher zum D'reinschlagen als zum Spaßmachen auf- g'legt ist. (Indem er Leopold im Abgehen unter den Arm nimmt.) O glauben Sie mir — manche noble Dame, die stolz die Nasen rümpft über unsere Krones — sollt' nicht d'Nasen rümpfen, sondern sich lieber selber bei der Nasen nehmen, denn wenn man- 27 ches Boudoir ein Theater wär', könnt man curiose Komödien aufführen seh'n. (Mit Leopold ab zur rechten Seite.) Verwandlung. (Großer, glänzend beleuchteter Saal, den eine Glaswand vom Vorsaal scheidet. In der Mitte der Glaswand eine große Flügelthür. — An den beiden Enden der Glaswand kleine offene Tbüren, die über einige Stufen auf die Gallerie hinausführen. Der ganze Hintergrund ist matt beleucbtet. Auf der rechten Seite gegen den Vordergrund eine Art Estrada und auf derselben eine große, glänzend gedeckte Tafel, Giran- deaur, Champagnerflaschen, Blumen, Vasen u. s. w. auf dem Tisch ) Vierzehnte Scene. Sevre, Therese, Heloise, Hermine, Bianca (und andere Damen sitzen im Vordergründe in bunter Reihe an der Tafel trinkend und früh- lich plaudernd. In der Mitte Sevr? — ihm zur Rechten Therese, zur Linken Heloise. Be- diente serviren. Musik und Tanz reuender Tänzer und Tänzerinnen im Costüme der Jugend im Vordergründe). Sevrv (nach dem Tanz aufgeregt). Tanz — Wein — Spiel und holde Mädchen — das sind die vier Elemente, irr denen sich Mein Leben bewegt! (Zu den Bedienten.) Brecht den Flaschen die Hälse und löst in jedem Glase eine Perle der Cleopatra auf! Ich bin in der Laune ein Königreich zu verschenken, meine Damen. Ther. (ebenfalls aufgeregt, indem sie nach einem vollen Glase greift). Ja, Wein, Wein! Ich will noch mehr als ein Königreich — ich will meine Jugend verschenken. Hel. Was ist Dir denn, Resi! So aufgeregt Hab' ich Dich ja noch gar nie g'sehen. Ther. Hahaha — ja — ich bin aufgeregt — das macht, weil ich a Bißerl Herzklopfen Hab'. (Singend, indem sie mit Sevre anstößt.) Vergessen ist schön und es ist gar nicht schwer, Denn was man vergißt, davon weiß man nichts mehr. Sevrv. Ja vergessen — die Gedanken tödten, denn das Gedächtniß macht den Herrn zum Knecht, und nur auf dem Grabe der Gedanken blüht die Blume der Freiheit! (Das Glas erhebend.) Der Vergessenheit ein Toast! Alle (anstoßend und die Gläser leerend). Hoch! Ther. (nachdem sie das Glas geleert, im Charakter einer alten Frau). So a gut's Glaserl Wein is besser als zehn Glaserln Medicin, sagt d'alte Frau von Gablenz. Alle. Hahaha! — Die Frau hat Recht! Sevrv. Wer ist de-n diese weise Frau von Gablenz? Ther. Das ist die Frau Gcmalin Eines unserer hundert Theatcr-Directoren. Alle. Hundert Theater-Directoren!? Ther. Ja, denn unser Leopoldstädter Theater hat so viel Gläubiger, daß man sagen könnt', jeder Stein hat ein' andern Herrn — und jeder Gläubiger glaubt, er ist Direktor des Theaters. — Wer nur an'n Haussatz hat, groß wie a Spennadl- kopf, gibt sich schon an Kren im Parterre. (Im Charakter der verschiedenen Personen, die ste sprechen läßt.) »Ah — das is wieder a skandalöse Beleuchtung,« sagt die alte Frau von Gablenz, »da muß i glei mein Alten sag'n, daß er an andere Wirtschaft macht!« — »Alle Donnerwetter, ich werd' mir diesen Sartori morgen a Bißl unter's Hackmesser nehmen,« schreit der Fleischhacker Knoll, »so ein miserables Orchester könnt' i brauchen.« — »Ach,« lispelt die Frau von Trudelfinger, »ich muß mir gleich den Ignaz Schuster holen lassen, wie kann er sich denn erlauben, dieser unbedeutenden Person eine so bedeutende Rolle zu geben, das werd' ich mir für die Zukunft ernstlich verbieten!« — »Wir müssen das Budele zuschließe, denn das ischt nit mehr zum aushalte, was die Leutle mit uns treiba,« sagt ein schwäbischer Wirth zu einem böhmischen Lebzelter und »is me gut, 8atru- Lsns machen mir zu uppotum gleich mur- gen Luch — nirnutzige,« gibt ihm der zur Antwort, — »Diese ordinären Stücke sind eine Qual für mich,« schnofelt die 28 Frau v. Knofel, »ich habe der Direktion erst gestern angezeigt, daß ich »Cabale und Liebe« sehen will, es ist eine Impertinenz, daß man nicht augenblicklich die Wünsche einer Dame berücksichtigt, der das Institut so bedeutendeVerbindlichkeiten schuldig ist.« — »O haben Sie gehört, Raimund bat es gewagt, sich in einem Couplet über die Schneider lustig zu machen,« sprudelt ein IVlaitrs tailleur, »ick bin auch ein Schneider, habe den 23sten Satz auf das Haus — denen könnt' ich den Geißbock cintränken, wenn ick wollt' — ick will es ihnen für dasmal noch so hingehen lassen, aber Raimund hat mein Wohlwollen für immer verscherzt, denn den Geißbock verzeih ich ihm nie.'« — »Ich bitt' Sie, scharmantester Herr von Sternberger,« ratscht das Fraulein Potsdorf, »sehen Sie nur, scharmantester Herr von Sternberger, was die frivole Person — die Krones, wieder treibt! Das ist ja rein zum Rasendwerden, scharmantester Herr v. Sternberger! Mein Herr Vater muß dieser Person augenblicklich kündigen lassen, sonst geh ich mit keinem Schritt mehr in dieses Theater, denn meine Frau Mutter hat nur schon vor zwanzig Jahren gesagt, daß ein junges Mätzch?,, leickt verdorben werden kann im Theater, und ich will nickt riskiren, verdorben zu werden, scharmantester Herr von Stern- bergcr.« — »Was ist das,« schreit die dicke Frau von Christ!, und wackelt stark mit'n Kopf, »warum spielt denn der Kemetner nicht den ersten Liebhaber? — Der Kcmet- ner is ein guter Spieler — er is jung — sauber — hat a dralle Figur und den schönsten Berliner Dialect von der Welt — der Kemetner muß d'ersten Liebhaber spiel'n, ich protegir ihn, und Krutzitürkcn, wann der Kemetner nicht d'ersten Liebhaber spielt — ruinir ich die ganze Boutick.« — »Wai — viel Geschrei,« schreit ein türkischer Jud, »es geht schief, man schmeißt um, ich sag auf mein Capital, denn ich will nischt werden capores als Direktor.* Alle. Hahaha! Th er. Das sind Einige von den hundert Direktoren, die uns z'Grund richten wollen. Wozu hundert? Das ist ein Lupus — um ein Theater zu ruiniren, is oft Einer mehr als g'nua. Sevre. Ihre Laune ist entzückend, liebenswürdige Krones. Th er. Ja, das Glück Hab' ich. — Wann ich auch mit einem Aug' wein' — muß ich mit dem andern lachen, d'rum kann ich ausg'laffen lustig sein,"wenn ich auch noch so traurig bin. Aber, sapperlott! Es kommt noch kein recht's Leben in die G'sellschaft! G'schwind die Gläser und Raimund's Tischlied an die Freude ' Chor. (Indem Alle die Gläser ergreifen.) Freunde hört die weise Lehre, Die zu Euch Erfahrung spricht, Schickt die Freude ihre Heere, Oeffnet alle Thore nicht, Mann für Mann laßt — (Glockengeläuts und Leichenmusik aus der Straße. Alle verstummen plötzlich.) Fünfzehnte Scene. . . Vorige. Paul, gleich darauf Leopold. Zuletzt Gerichtspersonen, Gerichts- diencr, Wacke. Alle. Eine Leickenmusik! Paul. Der Leichenzug des unglücklichen Doktors St. Pierre geht hier vorüber. Sevre (zerbricht convulsivisch das Glas, das er zum Munde führen wollte. Krampfhaft für sich). Mein Blut erstarrt. Leop. (erscheint rechts in der kleinen Tbür zur Gollerie und bleibt überrascht in derselben stehen, als ec Therese erblickt). Ther. (zu Sevrä). Aber was is denn das? Sie machen ja ein G'sicht, als ob Sie's Paperl g speist hätten? Gleich weg mit der Falten von der Stirn! — Unser Abschiedssest muß ein fröhliches sein. (Singt, indem sie sich zu Sevrö neigt.) Brüderlein fein, Brüderlein fein Es muß geschieden sein! Scheint die Sonne noch so schön, - Einmal muß sie untergeh'n. 29 Brüdcrlein fein, Brüderlein fein, Darfst nicht traurig sein. Paul (der sich schon früher der Tafel zu nähern und seines Auftrages zu entledigen suchte, zu Sevrs). Gnädiger Herr — es sind Leute von der Mauth im Vorsaale, die nach geschwärzter Waare bei uns suchen. Alle (lachend). Geschwärzte Waare? Sevre (aufstehend). Ich, ein Schwärzer? Habaha! Zehn Körbe Champagner den Herren von der Mauth für diesen Witz! (Geht zur Mittelthür hinaus.) Th er. (zu den Damen). Hahaha! Am End' sein wir die g'schwärzte Waar', die unser Direktor rcclamirt. Die Damen (lachend). Hahaha — das ist schon möglich! Paul (mit dem Tone des Entsetzens, indem er zur Tafel stürzt). Fort — fort! um's Himmels willen, fort über die Gallerte hinaus! (Gewehrklirren, verworrene Stimmen und ein schwerer Fall im Vorsaale.) Alle (indem sie erschrocken von der Tafel aufspringen). Gerechter Himmel! was ist gcschehn? Th er. (stürzt gegen die Flügelthür, stößt dieselbe auf — und taumelt mit dem Ausdrucke des Entsetzens zurück). O allbarmhcrziger Gott! (Der ganze Hintergrund hat sich plötzlich durch Fackelschein beleuchtet. Man erblickt Sevr« bleich und mit gebundenen Händen auf den Knien zwischen Wache und Gerichtödiener. — In der Thür zur Gallerie links erscheinen Gerichtspersonen. Großes Tableau.) Alle. Sevre! Lcop. (der sich In den Hintergrund der Gallerie zurückgezogen hatte, tritt auf die Stufe herab und ruft mit lauter Stimme, indem er auf Sevrö deutet). Der Mörder St. Pierre's! Alle (schaudernd). Entsetzlich! Th er. (zu Leopold hinwankend und ver- zweiflungSvoll vor ihm auf die Knie sinkend). Ich bin unschuldig, Leopold, veracht' mich nicht! Leop. (kalt, indem er die Geldrollen vor sich hinschleudert). Zahle das Blutgeld zurück, Gauklerin. Ther. (zusammensinkend). Barmherziger Himmel! (Musik. Tableau.) Der Vorhang fällt. Dritter Lei. (Schreibzimmer Raimund'S mit Mittel- und Sei- tenthür rechts. Nächst der Seitenthür ein Alkoven. deu eine spanische Wand deckt. Rechts im Vordergründe der Schreibtisch, links ein kleiner Tisch, auf welchem ein Album liegt.) Erste Scene. Ra im. (sitzt am Schreibtische und schreibt. Nach einer Pause.) Wenn ich wirklich ein Dichter bin — bin ich recht a kindischer Dichter, denn ich Hab halt die Märchen gar so gern. A Komödie ohne Fee oder wenigstens einenGeist brächt' ich gar nitz'samm. Die Zeitungen sagen zwar: das paßt nicht mehr für unsre Zeit — aber ich denk' mir, ein Märchen paßt für jede Zeit, denn kleine und große Kinder wird's immer geb'n, und dicMenschen sind die glücklichsten, die große Kinder sind. Zweite Scene. Raimund, Therese. Ther. (in leichter Sommerkleidung und großem Florentiner Strohhut, tritt durch die Mittelthür ein und schleicht sich hinter Raimund). Ra im. (ohne Unterbrechung). So lang der Mensch an Wunder glaubt, fürchtet er Gott und achtet das Gesetz — aber die sogenannten Freigeister, denen kein Kopf licht genug ist — Ther. (sich über ihn beugend). Was geht denn uns Menschen 'S Licht an? — Dazu ist d'Sonn da, die wird uns schon selber so viel Lickt machen, als wir brauchen. Raim. (freudig aufspringend). Rest! Hast Dich schon herausgemacht aus deinem Nest, mein krank's Vogerl? 30 Th er. Nur a bisserl ausg'flogeu bin ich — ich muß gleich wieder z'ruck nach meinem Dornbach. Raim. (besorgt). Na, wie schauts denn aus mit der G'sundheit? — Na, wie kann ich denn frag'n? — Prächtig! Du blühst ja wieder wie a Röserl, mein Reserl! Th er. Wie a Röserl, das vom Busch broch'n iS, und in ein paar Tagen das Köpferl hängen lassen muß. (Aufathmend. indem sie ihre Hand auf das Herz legt.) Da fehlt's! Raim. (gutmüthig polternd). Da fehlt nir — conträr, da steckt was d'rin, was heraus muß. Ther. (mit der Hand auf dem Herzen). Bald — wennsHaus z'sammenfall'n wird. Raim. (wie vorher). Tausendsappclot, red mir nicht so narrisches Zcug's daher! — Muß ich denn allweil greinen mit Dir? — Gleich machst wieder ein lustiges G'sicht — so, das g'wisse Schelmengfrießerl — so — so — so ist's recht — jetzt lach — lach, sag ich — wirst gleich lachen, Fisperl? Hahahaha! Ther. (herzlich lackend). Hahahahahaha! Sie sein halt a ein Dalkerl! (Beide lachen.) Raim. (ihr die Wangen streichelnd). So g'fallst mir, mein' Alte! Ther. Sie wissen ja so, daß ich nicht lang traurig sein kann. So was gibts bei mir gar nicht. Raim. Du sollst aber gar nicht traurig sein, und Dir's nicht so zu G'müth nehmen, daß das Publicum nach jenem unglückseligen Abschiedsfest ein bisserl streng gegen meine Jugend g'wesen ist, weil's ein paar Tropfen Wein aus dem Glas eines Räubers getrunken hat. Ther. Ach er war noch strenger mit mir! Raim. (polternd) Drum sollst Dir dritten Leopold a ganz auS den Gedanken schlag'n! — S' nutzt a nir — denn er ist schon lang über alle Berg. — Gestern hat er mir aus Cairo g'schrieb'n, daß.er auf zeitlebens als Hofmaler beim Vicekönig von Egypten ang'stellt ist. Ther. (sieht ihn lächelnd an). Lug'tt- schippl! Raim. Da hab'n wir's! Sie glaubt mir nicht, und wenn ich noch so schön d'Wahrheit red! Ther. (mit Gefühl). In der schlechtesten Hütt'n in Dornbach wohnt ein deutscher Künstler, der ärmer ist als der ärmste Bauer im ganzen Ort. Raim. Also drnm ist's nach Dornbach, weil's ihm schon auf der Spur war. Ja Nasen haben die Verliebten, daß man's prächtig auf der Schnepfenjagd brauchen könnt! Red'n wir von wasG'scheidteru. — Ich Hab den »Millionär« aufs Repertoir g'bracht. Wann willst wieder auftreten? Ther. Ach recht bald — denn ich Hab' kein Ruh, bis das Publicum wieder gut ist, das ich so Harb g'macht Hab'. Raim. Fürcht'Dichnicht — dasPubli- cum wird Dir beweisen, daß es nicht vergessen hat, wie viele heitere Abende eS seinem Liebling verdankt. Ther. (freudig). Glaubens? Ach, nur noch einmal so a freundliche herzliche Aufnahme — 's is ja so d'letzte vielleicht. Raim. (erstaunt). Was? Ther. Denn ich will nur noch einmal meine Jugend spielen — und mich nachher auf ein paar Jahrl in's Privatleb'n z'ruckziehn? Raim. Ja, wovon willst Du leben ein paar Jahrl? Ther. Von meinem Vermögen. Raim. (lackend). Von deinem Vermögen? — Du hast ja nir als Schulden im Vermögen. Ther. (stolz). Oho — ich bin ein kleiner Rothschild worden — ich Hab ein'n Terno g'macht. Raim. An'n Terno hast g'macht? — Das is das G'scheidteste, was Du in deinem ganzen Leb'n g'macht hast. Ther. Vorgestern Hab' ich von meinem Vetter geträumt — Raim. Von dem träumst allweil. Ther. Am fünfzehnten ist dem Vet- 31 ter sciuNamcnstag — am fünfuudzwau- zigften ist der Vetter geborn — und am dreißigsten ist der Vetter nach Wien kommen — d'rum Hab' ich fest g'spielt auf'n Detter. Ra im. Und der Detter ist richtig herauskommen? Th er. 15, 25, 3V. Fünfzchntausend Gulden Hab' ich g'wonnen. Raim. A da muß i bitten! — Da muß ich mich g'schwind a um a Geliebte um- schaun, blos damit ich Nummern von ihr träum'. Th er. Jetzt hol' ich mir meinen Rcsconto aus Dornbach, cassir mir mein Geld ein, und nachher such ich mir ein stilles Platzerl in ländlicher Einsamkeit auf. Raim. (lachend). Ja, so. Du bist ganz die Person für die stille ländliche Einsamkeit — aber Manöver muß alle Tag in der Einsamkeit sein. Th er. S' muß sein, meiner G'sundheit wcg'n, denn die ist wie ein Zwetschenbaum g'schüttelt word'n in der letzten Zeit. Raim. (sieht sie an). Na, wennst glaubst, daß es deiner G'sundheit wegen uothwcn- dig ist — mit fünfzchntausend Gulden kann man sich schon a bisserl pflegen a Zeitlang, wenn man's Geld z'sammenhalten kann. Aber das kannst Du nicht — zum Finanzminister bist Du nicht geboren. Th er. Lassens mich nur geh'n. Ich Hab jetzt eilt eigenes Sparsystem. Raim. Hör' ans — mir wird nicht gut, wenn Du von deinem Sparsystem anfangst. Dein' Sparbüchse hat kcin'n Bod'n. Was ob'n hineinfallt, fallt unten wieder heraus. Th er. O — jetzt bin ich schon viel g'scheidter worden. Sie werden sich wundern, wie ich jeden Kreuzer von meinem Tcrno z'sammenhalten werd! Nur meinem armen Claviermeister muß ich ein paar hundert Guld'n geb'n — und meinem armen Dienstmadl auch a paar hundert Gulden — und dem armen Kemetner doch auch a paar hundert Gulden — und dem armen Souffleur auch a paar hundert Gulden — und dem Theatcrmeister mit seilten sechs Kindern auch a paar hundert Gulden — und den armen Choristen auch a paar hundert Gulden —und meiner armen Wäscherin auch a paar hundert Gulden — und der armen Liserl auch a paar hundert Gulden — und — Raim. Und der armen Resi bleib'n nachher a paar hundert Groschen übrig. — Ich seh schon, ich muß deinen Kurator mach'n. — Bring' mir deinen Resconto — ich werd dein Geld eincassiren geh'n. Ther. Ach ja, sein's mein Herr Vormund. — Aber so viel Geld als ich will, müssen's mir immer geben. Raim. So viel Du brauchst — nicht so viel Du willst, sonst könnst alle Wochen dreißigtausend Guld'n Spennadlgeld von mir wollen. Ther. (treuherzig). I glaub nit, daß ich so viel Spennadeln brauchen werd' — Raim. Wirklich nit? — O Du sparsames Madl Du! Dritte Scene. Vorige. Anton, gleich darauf Kanne und Leopold. Anton (anmeldend). DieHerren Doctor Kanne und der junge Maler Herbst. Ther. (erschrocken). Himmel! Raim. O Sapperlot — ich Hab' ganz darauf vergessen, daß ich die herbestcllt Hab! Ther. Ich versteck mich hinter die spanische Wand. (Verbirgt sich hinter dieselbe.) Raim. Ich laß dieHcrren bitten, Toni. Anton (öffnet die Thür und geht ab. nachdem Kanne und Leopold eingctreten find). Kanne (Raimund die Hand bietend, im. mer mit derber Ehrlichkeit). Grüß Euch Gott, altes Haus! — Seit wann muß man sich denn anmelden lassen bei dem Herrn? — Wir pfuschen g'wiß da wieder jo eine verteufelte Herenkomödie zusammen, he? Raim. (ihm die Hand schüttelnd). Ihr könnts schon Recht hab'n — Nur 's Messer wetzen, Freund Scharfrichter, 's gibt wieder was zu trangiren. 32 Kanne. Hehehehe! Wenn das Kind! nur Hand und Fuß hat, sonst ist nichts zu^ trangiren. Raim. Kopf hat's so nicht, meint Ihr? Erst sagt er mir Grobheiten und nachher bohrt er mir erst das Sondirmesscr in d'Rippcn. (Mit komischem Grimm, indem er ihm unwirsch einen Stuhl hinsetzt.) Setzt Euch, alter Währwolf- Kanne. He, he, hübsch manierlich, alter Rappelkopf! (Setzt sich.) Raim. (Indem er Leopold die Hand reicht) Grüß Ihnen Gott, lieber Herr Herbst! (Auf den Tisck links deutend.) Sein's so gut! und schaun's Ihnen derweil das Album! dort a bisserl an, bis ich mit dem Währ- wols fertig bin. Leop. Wenn die Herrerl Geheimnisse haben — Kanne. Mit Dichtern und Schauspielern Hab' ich keine Geheimnisse. Nützen auch keine geheimen Interpellationen bei mir! Wenn ein Stück schlecht ist, so sag' ich, cs ist schlecht, und wenn ich's selbst geschrieben hätte. Und wenn ein Schauspieler schlecht spielt, so sag' ick, er taugt nichts, und wenn er mein eigener Bruder wär. Raim. Na ja, ja, wir wissen ja, daß Ihr ein grader Michel seid, den man nicht so leicht krumm biegen kann. Euch können weder die Reize einer Tänzerin, noch die goldnen Füchse eines Tenoristen, weder die rollenden Augen eines Helden, noch der Champagner eines Componisten vom geraden Wege ableiten, denn Ihr seid als der Unbestechliche bekannt. Kanne. Drum kann ich mit Stolz sagen: Ooama men meounr porto. Raim. Und grad darum Hab' ich Euch zu mir bitten lassen, weil ich d'Wahrheit hören will, Freund Kanne — Ihr kommt mehr unter d'Leut wie ich — was meint Ihr, darf ich's wagen, die Kronrs wieder auftreten zu lassen? Kanne. Ei Potz Wetter, das versteht sich! — Ganz Wien freut sich, seinen Liebling wieder zu sehen. Also ist das Blitz- mädl endlich gesund? Leop. (der das Album durchblätterh wen- det — mechanisch sorlblätternd — den Kopf etwas gegen Raimund und wird aufmerksam auf das folgende Gespräch). Raim. Ganz g'sund ist sie noch nicht, denn ihr Gemüth ist zu erschüttert durch die Ereignisse, — die leider bekannt genug sind in der Stadt. Kanne. Donnerwetter, ich glaubs! Unser sonst so gütiges Publicum hat das arme Mädel etwas zu arg bedient für die kurze Mahlzeit an der Tafel eines Banditen. Kann das nicht einem Jeden gescheht:? — Wie hat sie denn in dem gebildeten Kunstfreund ein solches Ungeheuer vermuthen können? — Sie hat ja nicht das Auge Gottes, das dem Menschen ins Herz sehen kann. Aber Potz Wetter, warum laßt Ihr denn das Mädel auftreten, wenn es sich noch leidend fühlt? Raim. Nur Einmal wills noch spielen, um ihr liebes Publicum versöhnt zu sehen, und dann wills das Theater verlassen aus ewige Zeiten. Kanne. Das wäre schade — jammerschade! Raim. Und 's Glück hat ihren sehnlichsten Wunsch begünstigt, ein paar Zahrl der Ruh pflegen zu können. Sie hat von ihrem Detter geträumt und auf ihn die drei Nummero 15, 25 und 30 in der Lotterie g'spielt und richtig einen Terno mit fünfzehntausend Gulden g'macht. Kanne. Potz Tausend! Prost die Mahlzeit, liebe Krones! Raim. Darum Hab ich Euch bitten wollen, in einer kleinen Notiz dem Publicum das Wiederauftreten der Krones anzuzeigen. Ein paar freundliche Wort kömr- ten auch nicht schaden — denn eure Stimm achtet man, wenn sie auch manchmal so rauh wie die Stimme eines jungen Elefanten klingt. Kanne. Na, der junge Elefant wird das Seinige thun, mein Älter, — aber— 33 Raim. Auch der blondgelockte Großmogul in der Theatcrzeitung wird das Sei- nige thun — denn seine scharfe Feder ist nur für Arroganz und Unverstand eine Geißel — für Talent und Verdienst ist sie ein feuriges Schwert, mit dem er die Ehre der Kunst vertritt. — Er tadelt streng, aber er belehrt — und alle Achtung vor solcher Kritik! — Aber die Kritik, die nur blind zuschlagt, ohne auf Fehler aufmerksam zu machen, die nur nach Launen oder Willkür lobt oder tadelt — die nur um einen Witz zu reißen, einen Künstler auf den Pranger stellt — eine solche Kritik ist ein alt's Weib, das blos d'Leut ausrichten kann, und aufs Geplausch alter Weiber halt ich nichts, Freund Kanne. Kanne (indem er aufsteht und seinen Stuhl bei Seite stellt). Auch die Flöhe hat Gott geschaffen, darum laß't es Euch gefallen, wenn sie beißen. — Das Genie beißen sie doch nicht todt. Raim. (lachend). Lassen wir's hupfen! (3hm die Hand reichend.) So lang's noch Kritiker gibt, die's ehrlich meinen mit der Kunst, wird's uns im Nothfall an Insektenpulver nicht fehlen. Ihr wollts mich schon verlassen, Freund Kanne? Kanne. Ich muß. Soll heut' noch bis zum Kränzchen ein Quartett componiren. (Ihm die Hand schüttelnd.) Ra, behüt Euch Gott, wackerer Zotenvertilger! — Grüßt mir unfre Krones, und sagt ihr, sie wird zufrieden sein mit dem Publicum. — Aber schonen soll sie sich — nicht so flott d'raus los leben wie ein Leipziger Student! — Das Dolkstheater will sie nicht verlieren, denn solch' ein Blitzmädel wird ihm nicht alleTage geboren. Prost die Mahlzeit, meine Herren! (Geht ab durch die Mitte) Raim. (indem er ihn bis zur Thür beglei- tet). Besuchts mich in Guttenstein, alter Währwolf! (Zurückkehrend.) Ein Dutzend Kritiker wie der, und a Theaterschul für ganz Deutschland wär fertig — ThtLter'Rtperloir Nr. 75. Vierte Scene. Raimund, Leopold, Therese (hinter der spanischen Wand). Raim. Jetzt zu Ihnen, junger Herr! — Ich Hab' gehört, daß Sie sich förmlich dem Teufel verschrieben hab'n. Ist denn das wahr? Leop. (bitter lächelnd). Wenn auch nicht dem Teufel selbst, doch einem seiner besten Gesellen — Raim. Man erzählt sich curioseG'schich- ten von Ihrem Contract mit dem Wucherer Peter Wolf. — Redens aufrichtig mit mir. — Sie wissen, ich bin Ihr Freund, und wenn ich Ihnen auch nicht helfen darf, Sie stolzer Herr — so ist ein guter Rath doch manchmal a ein Bisl was werth. Leop. Sie wissen, zu welchem Zweck ich ein Darleh'n machte bei Peter Wolf. Er lieh mir nicht nur das, was ich verlangte, sondern auch ein kleines Capital, für welches ich unfre Hütte in Dornbach gekauft habe. Raim Gegen wie viel Percent? Leop. Gegen gar keine Percent. —Er helfe mir aus reiner Nächstenliebe, sagte er, ganz ohne Interesse. Raim. Das war der Wurm an der Angel — jetzt wird der Haken kommen. Leop. Da er aber ein großer Kunstfreund sei, müsse ich mich schriftlich verpflichten, ihm bis zur Zurückzahlung des Capitals, alle meine Gemälde zu überlassen, die ich schaffen würde. Raim. Umsonst? Leop. Das nicht — aber um den Preis, den er dafür bestimmen würde. Raim. Aha, und jetzt wird er Ihnen Ihre Bilder rechtabdruckenum ein'n Spottpreis, geltens? Leop. Das können Sie sich denken. — Er hat mir zum Beispiel für das Bild einer Madonna, an dem ich volle vier Wochen gearbeitet habe, fünfzehn Gulden gezahlt! Raim. (ingrimmig lachend.) Hihihihi — Bravo, Peter Bravo, Peter Wolf! 3 34 Leop. So habe ich ihm bereits mehr als das Sechsfache meiner Schuld gezahlt, und bin ihm dennoch das ganze Darleh'n schuldig.— Darum habe ich die Sclavenkette gebrochen, und arbeite nichts mehr für ihn. — Ra im. Nicht für ihn arbeiten — (grim- mig) aber ihn verarbeiten möcht' ich. Leop. Jetzt hat er seine Wechselrechte geltend gemacht — heute Nachmittag um drei Uhr sperrt er uns unsere Hütte, und nimmt unsere ganze kleine Habe in Beschlag. Raim. (zornig die Fäuste ballend). Aus purer Nächstcnlieb? — Heuschrecken — Erdbeben — Krieg und Pestilenz sind Landplagen, die Gott uns schickt, drum kann man sich vor ihnen schützen — aber der Wucher ist a Landplag, die vom Satan kommt, drum gibts keinen Schutz gegen ihn, denn er schleicht sich wie eine Schlange durch alle Schichten der Gesell schüft, hangt sich wie ein Vampyr an das Glück des friedlichen Bürgers, und laßt nicht eher los, bis er ihm den letzten Tropfen Kraft aus dem Mark des Lebens gesogen. — O, — auf einen Scheiterhaufen mit der ganzen Brut! Leop. (lächelnd). Dazu-hätten wir nicht Holz genug im Lande. Raim. Doch's Giften nutzt nir — wir müssen handeln, denn Ihnen muß g'hol, fen werd'n. Ja — wauns nit gar so g'spreizt wären, wüßt ich schon a Person, die a kindische Freud hätte, wenn — Leop. (schnell und heftig). Nimmermehr! Naim. Na, na — beißens mich nur nicht gleich! (Nachdenkend.) 11m drei Uhr kommt der alte Spitzbnb' zur Pfändung nach Dornbach? Leop. Ja, aber — Raim. (von einem Gedanken ergriffen). Sie hassen die Schauspielkunst — vielleicht versöhn ich Sie heut mit ihr. — Punct drei Uhr bin ich bei Ihnen — aber thun's nir dergleichen, als ob's mich kennen, vor dem Wucherer — vielleicht kann Ihnen ohne Geld a g'holfen werden. Leop. (ihm die Hand reichend). Sie sind ein Ehrenmann, dem ich unbedingt vertraue. — Auf Wiedersehen, in der Wolfsgrube, lieber Herr Raimund! (Ab durch die Mittelthür.) Fünfte Scene. Raimund, Therese, später Korn- theuer. Ther. (ängstlich auS ihrem Bersteck zu Raimund eilend). Ach, mein Gott, das ist ja eine schauderhafte G'schicht! Um Alles in der Welt, was thun wir denn g'schwind? Raim. (streng). Du thnst nir! — Das ist mein G'schäft, und wirst mir nicht drcinpfuschcn, das rath ich Dir. Ther. (schüchtern). Wenn man dem Wolf meinen Terno — Raim. (polternd). Ruhig, Himmels- milliontausendsapperment, der Wolf wird eben so wenig deinen Terno als deinen Detter fressen, dem werd' ich ganz was Anders zu verspeisen geb'n. Ther. (bittend). Aber 's wär doch besser — den Resconto — Raim. (wie vorher). Den Resconto wirst Du auf der Stell' mir geben, wie ich nach Dornbach komm', sonst siehst dein Lebtag kein freundliches G'sicht mehr von mir. Ther. (ihm schmeichelnd die Wange streichelnd). Aber Manncrl — wer wird denn glei so Harb sein? — Das versteht sich ja von selber, daß ich Ihnen den Resconto gib —das ist ja schon a ausg'machte Salb zwischen uns, Sie müssen mir ja wirth- schäften helfen, alter Speci! — Raim. (steht sie an). Du — deine Zart lichkeit kommt mir verdächtig vor. Kornlh. (durch die Mitte eintretend, freu big. als er Therese erblickt). Mein Fispell! Ther. (ihm die Hand reichend.) Als a Halbetc bin i da, wenn a noch nit als a Ganze. Kornth. Aber allweil ein fidelcr Kampl! 35 Th er. Allweil fidel! Ich Hab' einen Terno mit fünfzehntausend Gulden g'macht — laden's die ganze G'sellsckaft heut zu mir nach Dornbach ein. — Kommts hinaus, Leutln, denn heut möcht ich wieder einmal, recht fidel sein unter meinen Kameraden! — Ganz Dornbach und Neuwaldegg trac- tirc ich,—wenigstens zehntausend Flaschen Champagner gib ich zum Besten. Ra im. Das ist der ihr Sparsystem! Kornth. Die Bauern wills mit Champagner foppen! Ra im. (indem er ein Pulver auS dem Schreibtische nimmt). Apropos, Korntheuer — hätten's nicht Lust, mit mir heut a ertemporirte Komödie zu spielen? Kornth. Warum denn nicht? — Die sein oft g'scheidter als die andern. Raim Im Wirthshaus »zum Zeiserl« in Gumpendorf speist täglich, punct 12 Uhr, ein alter zaundürrer Wucherer Namens Peter Wolf. Gehn's hin — (indem er ihm das Pulver gibt) und schaun's, daß Sie ihm das Pulver heimlich in d'Suppen oder in ein Glas Wasser hineinpracticiren können. Kornth. Ist das ein Ratzenpulver? Th er. (ängstlich). Ach, mein Gott! Raim. Seid's so gut und schreit's mich als Giftmischer aus. —Das Pulver riegelt nur das schlechte Blut a Bißerl auf und treibt's durch die Schweißlöcher heraus — das soll der Prolog zu unserer Komödie sein, Korntheuer. — Nachher red'n wir weiter davon — jetzt schaun's nur g'schwind, daß Sie ihm das Pulver bei- bringen. Kornth. Bei einem Wuch'rer is das ja kinderleicht. — Ich Wickel das Pulver in a Banknot'n und zeigs ihm — er reißt's Maul auf — das Pulver fliegt hinein — er schnappt zu und das Ratzengift ist verschlungen. Verlassens Ihnen auf mich — in einer Stund hat der Wuch'rer s'Paperl g'frcffen. (Geht ab.) Sechste Scene. Raimund. Therese. Th er. Was woll'ns denn thun? Naim. Für deinen Vetter den Ritter Georg spiel'» — und der Wuch'rer soll der besiegte Lindwurm sein! (Drohend.) Aber, daß du mir keinen Dalken machst aus der Pastete, Resi! Ther. Na — na — g'wiß nit! Raim. Dein Vetter gebt Dich nir mehr an — der bat schon sein Braut und mag von Dir und deinem Geld nix wissen, das weißt a so. — Du hast jetzt sünfzehntausend Gulden — kauf Dir ein'n andern Mann. Ther. Sie meinen, heiraten soll ich? — Raim. Ja — aber nicht gleich — in fünfzig Jahren, und dann ist's a noch um zwanzig Jahr z'früh. Ther. (lachend). Sie sind ein kurioser Eheprocurator! Raim. So ein großer Freund vom Eh- stand bin ich. daß ich mir noch an meinem Ehrentag gedacht Hab, 's muß nicht gleich sein, und drum Hab' ich g'schwind lieber Na statt Ja g'sagt bei der Trauung . . . Don der Lieb bin ich immer ein guter Freund gewesen — von der Eh' mein Lebtag nicht. Ther. Lieb' oder Eh' s' ist ja Alles Eins. Raim. Das nicht — denn 's ist ein großer Unterschied zwischen der Lieb' und der Eh'. — Ein Liebhaber hat nie g'nug vor der Hochzeit — aber er hat gleich g'n u g —wenn er ein Ehemann wird. Die Lieb' ist ein Rausch, und die Eh' ist ein Katzenjammer, der folgt auf den Rausch — d'Lieb ist ein Eroberungsgeschütz des Herzens — und die Eh' ist ein Belagerungszustand der persönlichen Freiheit, d'Lieb ist ein Feldherr, der mit jungen Truppen kämpft — und die Eh' ist ein Jnvaliden- general, der eine ganze Annee von Eh'krüp- peln commandirt. — Drum sollt im Eh'- stand, wie im Militärstand eine bestimmte 3 * 36 Capitulakionszeit eing'führt sein— da wüßt man wenigstens, daß man nach vierzehn Jahren ausgedient hat, und den schweren Tornister wieder abschnallen kann. Ther. Wie kann denn ein Dichter Einem d'Lieb so verbieten wollen? Raim. Gegen d'Lieb Hab ich uir— nur gegen die Eh' — Ther. Jeder Mensch is selig, wenn er verliebt is! Raim. Und armselig, wenn er verheiratet ist. Duett. Therese. Der Hansel is a Dua am Platz Mit Büscheln auf dem Hut, — Sein Gredel is a lieber Schatz, A frisches junges Blut! Wanns Arm in Arm so heimwärts kehrn, Vom frischen grünen Feld, Da muß den Hanns man jodeln hör'n, Als wär ihm z'klein die Welt! (Sie jodelt lustig wie ein junger verliebter Bursche.) Raimund. Sie werden Beide bald ein Paar. Der Hanns ist dann ein Mann, Jetzt wart' a halbes Dutzend Jahr, Dann hör ihn jodeln an. Aus'nWirthshaus kommt er mit ein'mZopf, Und schaut ganz grandig aus, Sein Hut ist z'sammdruckt schief am Kopf, So wankt er jodelnd z'Haus! — (Er jodelt wie ein betrunkner Bauer, mit hei- serer verdrießlicher Stimme und Geberde.) Therese. Mein Gredl is a Schätzet!, wie lieb ich's so sehr! Raimund. Mein Weib is a Grapen, i mag's nimmermehr! (Beider Spiel und Jodler wie früher.) Therese. Mit seiner Dame geht entzückt Ein junger Herr daher, Es ist so wonnig und beglückt, Kein König so wie er. Wenn er den Shawl ihr tragen kann, Jst's seine Seligkeit, — So geht er wie ein Rittersmann Mit Stolz an ihrer Seit'. (Sie ahmt den schwebenden Gang eines jungen Verliebten mit dem Shawl auf dem Arm nach ) Raimund. Bald nennt die Dame jung und schön Der stolze Ritter sein. Er tragt, wenns jetzt spazieren geh'n, Den Shawl nicht mehr allein, Mit Mantel, Paraplui und Sack, Wird ihm jetzt sakrisch warm, — Dazu a Buberl Huckeback, Und's Pinscherl auf dem Arm! (Er ahmt den schwerfälligen Gang eines schwerbepackten keuchenden Ehemannes nach.) Therese. Ich trag' ihren Shawl — o ich glücklicher Mann! Raimund. Mein Weiberl schaut rein für 'nen Esel mich an. (Spiel wie vorgezeichnet.) - Therese. »Ach, meine Doris tanzt so schön, Man muß bezaubert sein, So wie die schönste aller Feen Im süßen Elfenhainl« Ein Herr, der eine Doris liebt, Rust so begeistert auS. — Wenn sie zum Tanz die Hand ihm gibt, So laßt er's gar nit aus. (Sie trillert und tanzt im Charakter eines begeisterten Liebhabers.) Raimund. Der junge Herr wird der Gemal, Der schönsten aller Fee'«, Zehn Jahrl d'rauf muß man im Saal Das Paarl tanzen seh'n. Die schönste Fee ist korpulent, Ist ein paar Centner schwer — D'rum arbcit't er mit Füß und Hand, Als ob's a Robott wär! — (Er tanzt verdrießlich und schwerfällig) Therese. O göttliche Doris, wie himmlisch bist Du! 37 Raimund. Ich Hab' keinen Athem mehr — gib mir a Ruh! (Spiel und Tanz wie angezeigt. Beide tanzen ab.) Verwandlung. (AermlicheS Bauernzimmer mit Mittel- und Sei- tenthüren. Rechts im Hintergründe eine Treppe, die auf den Boden führt. Einige Strohseffeln. Rechts ein Kamin, in welchem einige Farbentöpfe stehen. Weiter im Hintergründe eine Staf- felei mit einem halb vollendeten Bilde.) Siebente Scene. Adalbert und Christine (treten mit Schul- fachen durch die offene Mittelthür ein). Adalb. Iuhe — alle Thüren angelweit offen und kein Mensch im ganzen HanS! — Na, die Dieb wissen schon, daß bei uns nichts mehr g'stohleu werden kann. Christ. Und kein Feuer im Kamin — mir scheint, es wird heut wieder nichts gekocht bei uns. Adalb. Dort steh'n ein paar Heferln mit Oelfarb, wenn Du Appetit hast. Christ, (die herumgesucht und den Wandschrank geöffnet hat). Nicht einmal ein Stück! Brot ist zu finden. Adalb. Ich weiß schon, was ich thu; d'Frau Nannerl nebenan kocht Knödel — ich wert)' ein Anleh'n bei ihr machen. Christ. Das schickt sich ja nicht! — (Stolz.) Wir sind eine Künstlerfamilie, und dürfen uns nichts vergeben gegen so eine Knödelbäuerin. Adalb. Das ist ein saubers Leb'n so em Künstlcrleben! Wenn ich groß bin, werd' ich lieber Soldat und geh' unter die Türken. Christ. Warum denn unter die Türken? Adalb. Weil das lauter tapfere Leut sind. — Erst neulich hab'n zwanzig Türken zehntausend Kosaken grschlag'n. Christ. Das ist 'ne Lug! Adalb. Wie kann's denn eine Lug sein? — S'ist ja nicht in der Zeitung gestanden. (Wichtig.) Wir Habens durch eine Privatde- pesche erfahren. Christ. Ihr? — Adalb. (wie vorher). Ja, wir! O wir Buben auf der ersten Bank sind lauter Politiker. Achte Scene. Vorige. Therese. Th er. (als Bauernmädchen gekleidet, tritt vorsichtig mit einer Handtasche ein). Grüß Eng Gott, meine lieben herzigen Kinder! Adalb-, Christ, (freudig ihr entgegeneilend.) Unsre Rest! Grüß Dich Gott, Resi! Th er. (die Kinder umarmend und liebkosend). Ihr seids doch allein z'Haus? Adalb. Ganz allein, s' istNiemand als der Hunger bei uns z'Haus! Th er. O Ihr armen Hascherln Ihr! (Indem sie die Tasche öffnet.) Warts — ich Hab' Euch ein bisserl Backerei mitgebracht. Adalb. (nimmt ihr die Tasche auS der Hand). Plag Dich nicht — wir werden schon selber aufräumen. (Er und Christine öffnen die Tasche eiligst, nehmen das Backwerk heraus und essen mit Appetit.) Th er. Na, wie gehts Eng denn, Kinder? Adalb. (essend). Schau unfern Appetit an, nachher kannst Dir*s schon denken. Ther. (mit unsicherer Stimme). Ist's denn wahr, daß der Leopold bald heiraten will? Adalb. Er möcht schon, aber wir geb'ns nicht zu. — Er hat nichts und sein Braut hat a nichts — und dasBißl, was sie hat, verspielt's a noch in Her Lotterie. Ther. In der Lotterie spielt's? Adalb. Wie a Ratz spielt's. Ther. Und verdient denn der Poldl gar nir? Adalb. O ja — verdienen thut er viel — aber belohnt wird er nicht nach Verdienst. Ther. Das glaub ich — denn auf der Welt wird leider nichts so wenig nach Verdienst belohnt, als g'rad das Verdienst. Christ, (am Fenster). Da kommt d'Ga- briel'! Ther. (ängstlich). Seine Braut! I bitt 38 Eng Kinder — verraths mich nicht — sagts dahier in Dornbach heiraten, thät i gar a dem Bruder nir davon, daß ich da war schön bitten, daß Sie mich zu Ihrer Krauzl- — und thut's jetzt so als ob ich a ganz fremde Person für eng wär'! Neune Scene. Vorige. Gabriele. Gabr. (in die Mittelthüre tretend). Was ist denn das wieder für eine verdächtige Visit? Ad alb., Christ. Das ist 'ne ganz fremde Person für uns! (Sie laufen hinaus.) Th er. (knixend und daö Bauernmädchen spielend) Seins nit Harb , mein schöns Fräulein, wannS hier in's Haus g'hör'n.— 2 Hab nur den Herrn Maler bitten woll'n, daß er mich a bisl mal'n thut, nur ein ganz kleinwinziges Bildl für mein Schatz, den Siegl-Toni vom Neuwaldegger Grund. Gabr. (schnell). Herr Herbst malt keine jungen Mädchen — ich bin seine Braut und hatt' es ihm verboten. Ther. Sein'Braut sein's? — A — da hab'ns an'n recht bildsaubern Bub'n erwischt. «Gabr. (pikirt). Das wird hoffentlich Niemanden interessiren, als mich. Ther. (lächelnd)' Z weiß doch noch a Person, die's interessirt. (Geheimnißvoll.) A Mamsell, die Komödie spielt in der Stadt, sag'n d'Leut. Gabr. (verächtlich). Seine Cousine Therese Krones! Nun, zum Glück ist diese verrufene Theatermamscll mir nicht mehr gefährlich. Ther. (beklommen, mit der Hand auf dem Herzen). Na — sie is Ihnen nimmer g'sährlich. Gabr. Eine Person, die mit ihrem gefühlvollen Herzen die ganze Männerwelt glücklich macht. Ther. (sie treuherzig anblickend). Das wär doch a bisserl z'viel für eine Person. Gabr. Die sogar die Huldigungen eines Räubers nicht verschmäht. Ther. (wie vorher). A bissel Räuber sein ja d'Männer alle. — (Heiter.) Wann's jungfer macheten. Fräul'n, Sie dürf'n Ihnen wegen meiner nit schämen — i mach' schon a mein Figur, wenn i sauber ang'legt bin. Gabr. (seufzend). Heiraten! Ach, das erlaubt unsere Armuth noch nicht. Ther. (mit Theilnahme). Die Armnth! — 2«, die is oft der böse Geist der Verliebten! Gabr. (indem sie die Tischlade öffnet und hineinblickt). Ach, wenn Gott wollte — so ein kleines Stückchen blaues Papier könnt' helfen. Ther. Sie spiel'n in der Lotterie? — Ach — da wünschet ich Ihnen an'n groß- mächtigen Terno — denn Sic hab'n Ihren Bräutigam g'wiß recht gern, grltens? Gabr. (innig). Wie mein Leben liebe ich ihn! Ther. (indem sie einen blauen ReSeonto aus dem Busen hervorzieht). Und — er — Ihnen a? Gabr. (wie vorher). Seine ganze Seele hängt an mir. Ther. (indem sie zur Lade geht und mit den ReScontoS spielt und sie anschaut). 33 — 88 — 45. Und Sie sein so sauber, so gut — Sie werden Ihren Mann g'wiß glücklich machen. Gabr. (wie vorher). Wenn ein treues, braves Weib einen Mann glücklich machen kann, wird es mein Leopold werden. Ther. sfür sich, nachdem sie ihren ReSconto gegen einen andern vertauscht). 3 kann gut changiren, 's is ja Alles eins, ob er mich jetzt oder ein paar Monat später beerbt. (Laut.) 3 — 14 — 89. Gabr. (seufzend). Ach — heute ist ein schwerer Tag für uns! Ther. (aufschreiend, indem sie einen andern ReSconto gelesen). Ah! Gabr. Was hast Du? Ther. (lesend). 15 —25 —30. Wie is mir denn? — Warten's doch a bissel! (Indem sie einen weißen Papierstreisen hervor- 39 zieht und die Nummern vergleicht). Na — na — ich irr mich nit — da sein alle fünf Nummern vom Collecteur selber geschrieben — 15 — 25 — 30. (Freudig herumspringend.) Ach, Herr Jemine — Herr Jemine— Sie hab'n an'n Terno g'macht! Gabr. (ausschreiend und sich zitternd an die Lehne eines Stuhles haltend). Einen Terno — ach, Leopold, diese Freude — Ther. (in heftiger Bewegung, ihr die Hände kiffend). I freu mich ja a — ja, ja — i freu mich, daß mir die Thränen über die Backen herabkngeln. Den Terno hat Ihnen der Himmel g'schickt, denn der verlaßt die Armen nicht in der Noth! — (Indem sie ihr den ReSconto gibt und sie unter dem Arme nimmt.) Jetzt kommen's g'schwind und cassiren's Ihr Geld ein, und nachher schaun's dazu, daß bald Hochzeit is, denn i freu mich kindisch d'rauf, a Kranzljungfer z'werd'n! (Beide eilen die Mittelthür ab.) . Zehnte Scene. Wolf und Hahn (mit Schriften unter dem Arm, kommen über die Treppe vom Boden herab) Wolf (eine lange hagere Figur im schäbigen Anzuge und mit schleifendem Gange). D, ich Mann des Elends! Lauter G'raffelwerk — nichts als beklerte Papiere und zerbrochene Gipsfiguren. — Sehen Sie, liebes Hähnchen, so komm' ich überall an init meinem guten Herzen. Hahn (indem er zum kleinen Tisch geht, die Papiere darauf auSbreitet, ein Taschen- schreibzeug hervorzieht, sich niedersetzt und die Effecten notirt). Hier unten sieht's auch so ziemlich windig aus- Wolf. Nicht einmal das Bild hat er mir fertig gemalt — nichts als Undank auf der Welt. Hahn. Soll ich die Farbentöpse auch notiren? Wolf (mit ängstlicher Hast). Alles — Alles, — bringen Sie mich um nichts — die Farbentöpf' sind auch ein paar Kreuzerchen werth. Hahn. Nu — nu — wer wird denn gleich so zittern wegen ein paar Kreuzerchen! Wolf. Ach — das Zittern schreibt sich von ganz was Auderm her. (Nimmt einen Stuhl und setzt sich zu Hahn.) Mir ist heute bei Tische was Entsetzliches passirt. Hahn (schreibend). Ein alter Pinsel. — Was Entsetzliches? Wolf. Ich sitze heute an meinem kleinen Tischchen bei meiner Suppe im »Zeiserl« — da setzt sich auf einmal ein langer, steifer, verdächtiger Kerl mir gegenüber. Hahn (schreibend). Eine Feuerzange. Wolf. Er ißt nichts — trinkt nichts — spricht kein Wort — und glotzt mir bewegungslos mit großen starren Augen in's Gesicht. Hahn (schreibend). Eine Venus ohne Kopf und Beine — Wolf. Der Kerl sitzt eine gute halbe Stunde da, und starrt mich fortwährend an, ohne sich zu bewegen. — Endlich streckt er seinen langen Arm aus — nimmt mir meinen Löffel aus der Zuspeise — zerrührt ein Pulver in dem Löffel — steckt den Stiel des Löffels in den Mund und hält ihn mit seinen Zähnen, — dann steht er langsam auf — streckt seine langen Arme nach mir aus — packt mich mit einer Hand bei der Nase, mit der andern beim Kinn — reißt mir den Mund ans — neigt sich zu mir herüber — und gißt mir die ganze Sauce aus dem Löffel in den Schlund. Hahn. Hahaha — es ist vielleicht ein Doctor gewesen , der Ihnen eine Medicin eingcgeben hat. Wolf (kläglich). Der Himmel weiß, was ich im Magen habe! — O ich Mann des Elends! (Schaudernd.) Brbrbrbr! ES ist jedenfalls eine unheimliche Geschichte! Hahn (aufstehend). So! Jetzt bin ich fertig! Wolf (mit ängstlicher Hast aufs Papier blickend). Haben Sie auch Alles ausgeschrieben ? — Wäsche — Möbel — Bette — Strohsäcke — 40 Hahn (unwillig). Warum nicht gar die Strohsäcke! Wolf (kläglich). Die Strohsäcke nicht? — O ich Mann des Elends! Hahn (mit Bezug). Sie sind wirklich ein Mann des Elends! — Ich bole den Leiterwagen. (Ab durch die Mitte) Eilste Scene. Wolf, später Korntheuer. Wolf (allein. — Setzt sich auf den andern Stuhl, den Hahn verlassen hat. und prüft mit einer Brille auf der Nase das Jnventarium). Der lange verdächtige Kerl mit seinem Pulver geht mir nicht aus dem Kopfe — o ich Mann des Elends, wenn das nur keine üblen Folgen hat. Kornth. (tritt phlegmatisch durch die Mit- telthüre ein, geht in den Vordergrund, letzt sich steif auf den Stuhl, den Wolf verlassen hat und richtet starr und bewegungslos seine Blicke auf Wol.) Wolf (lesend). »Ein Julius Cäsar auf einem Fuß, — eine Diana ohne Nase, — ein Göthe ohne Kopf, — ein Teufel ohne Schwanz, — ein dicker Lablache mit einem Loch im Bauch, — eine Catalani ohne Ohren, — eine Fanni Elsler ohne Beine,« — O ich Mann des Elends, was soll ich — (Er wendet sich etwas — seine Blicke fallen auf Korntheuer. Beide starren sich bewegungslos an. Pause Wolf reißt langsam den Mund auf und fängt konvulsivisch zu zittern an, indes Korntheuer mit herabhängenden Armen, steifem Oberleibe und langem Halse ihn un- verwandt anstiert. — Endlich zieht Korntheuer phlegmatisch einen großen Löffel aus der Tasche, schüttet ein Pulver hinein, und fängt auf grotesk komische Weise mit langen Fingern in dem Löffel zum Rühren an, welches Manöver Wolf mit steigendem Entsetzen beobachtet. Er wagt es, seinen Stuhl ein wenig wegzurücken — Korntheuer rückt ihm nach. — Beide machen Halt — da steckt Korntheuer den Stiel des Löffels in den Mund und streckt langsam seine Arme nach dem Kopfe Wolf s aus.) Wolf (aus vollem Halse schreiend). Zu Hilfe! Räuber! Mörder! Rettung! Zu Hilfe! Zwölfte Scene. Vorige. Rcrimund, zwei Männer in Blousen, Hahn, Adalbert und Christine (durch die Mitte). Madame Herbst and Leopold (eilen vom Boden über die Treppe). Alle (herbeieilend). Was ist denn geschehen? Raim. (zn den Männern in Blousen, indem er auf Korntheuer deutet). Dort sitzt er! Laßt ihn nicht entwischen! (Die beiden Män- ner eilen zu Korntheuer, der ganz stumpf sitzen bleibt, mechanisch das Pulver im Löffel rührt und Wolf nicht auS den Augen läßt.) Wolf (indem er aufspringt und sich zu Raimund flüchtet). Das ist ja ein entsetzlicher Mensch! Raim. Ja, das ist er, denn er ist der tolle Apotheker! Alle. Toll. Wolf (schaudernd). Ein toller Apotheker? Raim. Einer meiner Patienten, der mir heut aus dem Irrenhaus entsprungen ist. — Noch vor einigen Jahren lebte er im blühenden Wohlstand in der Mitte seiner glücklichen Familie. — Aber seine chemischen Versuche — seilte wissenschaftlichen Reisen durch den Orient verschlangen nach und nach sein Vermögen, so daß er sich endlich gezwungen sah, zu einem sogenannten Geldmäkler seine Zuflucht zu nehmen. Wolf (der sich öfters den Schweiß abwiscdt, und mit schmerzlichen Geberden den Magen reibt) O ich Mann des Elends — ich weiß nicht warum mir so curios auf einmal wird. Raim. (fortfahrend). Dieser Geldmäkler war einer der elendesten Menschen, die die Erde trägt. Durch alle möglichen Ränke, durch Betrug und Hinterlist wußte er jenen Mann dort immer tiefer und tiefer in sein Netz zu verstricken, bis er ihn mit Weib und Kind an den Bettelstab gebracht. — Weinend lag die arme Familie zu die Füßen des elenden Wucherers — nur um ein paar Tage Obdach und Brot baten sie — einen 41 Stein hätte das Bitten der unschuldigen Kinder erweicht — aber der unbarmherzige Satan war härter als ein Stein — er ve» höhnte seine Opfer und stieß sie hinaus in Elend und Verzweiflung — Alle (außer Wolf). Entsetzlich! Ra im. Sein Unglück vergaß er in seinem Wahnsinn, aber nicht den Urheber seines Unglücks. — Rache an seinem Henker war sein einziger Gedanke. — In toller Wuth drang er in seine Apotheke — raffte aus seinen Phiolen alle Giftstoffe zusammen — präparirte Pulver — Wolf (sich krümmend mit dem Aufschrei des höchsten Entsetzens). Pulver! Gift! Einen Arzt! Einen Arzt! Mad.Herbst (zu ihm eilend). Ist Ihnen nicht wohl, Herr Wolf? 8c 0p. (bringt ihm schnell einen Stubl, mit unverstellter Theilnahme). Was ist Ihnen gescheh'n? — Wolf (indem er sich setzt, schwach). Ith bin ein Kind des TodeS! Ra im. (mit erhobener Stimme fortfahrend, ohne von ihm Notiz zu nehmen). Und der Wahnsinnige ward zum Mörder, denn er vergiftete seinen Henker! — O meine Freunde — bei dieser Gelegenheit habe lch den furchtbaren Todeskampf eines Wu- cherers geseh'n. — Ein schwerbelastetes Gewissen muß was Entsetzliches sein in der Sterbestunde. — Mit stieren Augen blickte er gen Himmel, denn er sah bereits das Strafgericht Gottes vor sich. Erbarmen, mein Herr und Gott, schrie er, das ungerechte Gut brennt siedend auf meinem Her zen. — Du hast besohlen, mein Gott, ick soll meinen Nächsten lieben wie mich selbst, und ich habe meinen Nächsten gequält und gemartert. — Du hast geboten, ich soll nicht begehren meines Nächsten Hab und Gut, nnd ich habe mit Neid und Gier das letzte Brot eines Hungrigen begehrt. — Du hast geboten, ich soll nicht stehlen, und ich habe unmündige Waisen bestohlen und arme Witwen beraubt. — Du hast geboten, ich soll Werke der Barmherzigkeit üben, und ich habe mich mit dem Schweiß der Armuth genährt, und den letzten Tropfen Blut aus den Adern eines Bettlers gesogen! — Zch kann nicht ruhig sterben — o Gnade — Gnade, ewiger Richter über den Sternen! Sei Du barmherziger als ick, und vergib mir meine schwere Schuld! Wolf (von der Macht der Rede übermal' tigt — von dem Bilde erschüttert und hinge' riffen — schreit laut und zerknirscht, indem er die gefalteten Hände gen Himmel streckt) Vergib mir meine schwere Schuld! Raim. (fortfahrend). Ick will die Thrä- nen trocknen, die ich gepreßt — ich will die Wunden heilen, die ich geschlagen — ich will das ungerechte Gut von mir schleudern, und den Armen ersetzen, was ich ihnen geraubt! Wolf (indem er die Papiere von sich schleudert. in Todesangst). Da ist mein Raub — ick bin hier zehnfach bezahlt — gebt meine Habe den Armen— o Gott sei mir gnädig! (Er sinkt bewußtlos in den Stuhl zurück.) Raim. (nach einer Pause zu Leopold) Das war ein Sieg der Schauspielkunst, die Sie verachten. 8eop. (in seine Arme stürzend). Verzeihung! Mad. Herbst (die sich um Wolf beschäftigt). Der Arme dauert mich. Sollte man nicht einen Arzt — Raim. Dem sein Arzt ist das erwachte Gewissen. (Zu den Männern in Blousen.) Tragt's ihn in das Kammerl da hinein!— (Die beiden Männer tragen Wolf im Lehnstuhl in das Eeitenzimmer rechts, kehren gleich zurück und gehen durch die Mittelthür ab). Er wird ein Stünderl schlafen und schwitzen, und g'sund an Leib und hoffentlich auch gesund an Seele erwachen. Hahn (der die Papiere, die Wolf wegge- schleudert, aufhob — sie Leopold überreichend). Ihr Gegner hat sich bezahlt erklärt — ich habe hier nichts mehr zu thun. (Geht ab ) Kornth. Und ich muß mir meinen steifen Hals mit Wein abschwaben geh'u. (Geht ebenfalls ab.) 42 Leop. (zu Raimund). O mein theurer Freund, Sie haben uns zu ewigem Dank verpflichtet. Gabr. (von außen). Leopold! Leopold! Leop., Mad.Herbst, Adalb.,Christ Gabriele. Dreizehnte Scene. Vorige. Gabriele. Gabr. (freudig in Leopolds und Mad. Herbst'S Arme eilend). Ach Leopold — theure Mutter — das Glück ist bei uns eingekehrt— (Indem sie Leopold ein Packet Banknoten gibt) Da hast Du Hunderter — Tausender — ich Hab' einen Terno gemacht! Alle (freudig). Einen Terno? — Raim. Die a?— Am End sprengen noch d'Derliebten die ganze Lotterie! Gabr. Ja, ja, einen Terno — und noch dazu einen wunderbaren Terno— denn ich habe mit sechs Kreuzer fünfzehntausend Gulden gewonnen auf Nummern, die ick gar nicht gespielt habe. Raim., Leop. (von einem Gedanken ergriffen). Was war'« das für Nummern? Gabr. 15 — 25 — 30. Leop. Dacht' ich's doch! Raim (für sich). Aha — das Sparsystem! Leop. War Jemand hier bei Dir, Gabriele? Gabr. Niemand als ein junges Bauernmädchen. Leop. (zu Adalbert). Wer war das Mädchen? — Adalb. (zögernd). Eine — eine — ganz fremde Person für uns. Leop. (strenge). Keine Lüge! — Adalb., Christ. Die Rest war'S! (Sie laufen hinaus.) Gabr. (erstaunt). Therese Krones? — Leop. Sie hat das Geld gewonnen und Dir wahrscheinlich das LooS in die Hände gespielt. Gabr. Ach, mein Gott — und ich habe zu ihr mit der größten Verachtung von der Krones gesprochen. Raim. (gerührt). Und sie dankt mit Wohlthaten dafür. Sie gibt ihre ganze Gage her, und laßt heimlich Bilder z'sam- menkaufen, nur damit der Manu, den sie liebt und der sie verachtet, keine Noth leiden darf. Sie g'winnt Geld, mit dem sic ihr Leben in Ruh zu genießen und ihre Gesundheit zu pflegen gedenkt — aber was liegt ihr an Ruh und Gesundheit — sie opfert auch die, damit der Mann ihrer Liebe sein Mädel heiraten kann. — (Indem er sich eine Thräne aus den Augen wischt.) Was das für eine leichtsinnige Person ist, diese Krones! Leop. (bewegt und aufgeregt). Du halt gesiegt, Therese— und wenn Du eine Tochter der Sünde wärst, ich muß Dich lieben und verehren! Fort — fort — ich muß ihrem gekränkten Herzen den Frieden wieder bringen! (Eilt ab.) Gabr., Mad. Herbst. Leopold! Mein Sohn! (Eilen ihm nach.) Vierzehnte Scene. Raim. (allein). Endlich is der Eiszapfen a g'schmolzen. — Was macht denn der Andre? — (Nachdem er ins Nebenzimmer geblickt hat.) Prächtig schlaft er und seinen fünfzigjährigen Schmutz schwitzt er auS. — Was ich für ein guter Doctor bin! — Mit so ein'n kleinen Pulverl Hab ichs Blut von einem ganzen Wucherer g'reinigt — da braucht ein Anderer ein ganzes Pulvermagazin dazu. — Ja, ja, mein lieber Peter Wolf — wir sind Alle Unterthanen der gewaltigen Zeit, und es hat auch Jedes seine Fehler, aber die Menschen, die in der Zeit leben, machen oft über eine Kleinigkeit ein Zeterg'schrei und — g'rad da wo's recht schreien sollten; sind's mäuserlstill. LoujM. 1 Ein'm Schneider geht's schlecht, er soll' zahl'n, hat kein Geld, Die Kundschaften halten nicht zu, das ist g'sehlt - 43 Da stürzen die Gläub'ger wie Wölfe in's Haus, Bis zum letzten Fingerhut pfänden'S ihn aus; Und wenn Einer da ein paar Gulden verliert, Wird mit Lump und mit Spitzbub der Mann titulirt. Zu diesemSpectakel istNiemand zu faul — Und da z'reißt man sich's Maul. EinGeldspecnlant, der schon dreimal sallirt, Zehn Redliche hat dadurch ganz ruinirt, Der führt jetzt ein Haus, 's wird von Gästen nie leer, Und fragt ihn ein Freund: »Sie, wo ha- ben's denn das her?« So hebt er's Champagnerglas, spricht fein und schlau: »Ein Bettler bin ich, Alles g'hört meiner Frau.« Da sollt man doch glaub'», das war' der Welt z'viel! Doch da sind's mäuserlstill! 2 . Eine Arme steht im Versatzamt scholl lang Und wart't auf's Versetzen, ihr wird angst und bang, Ihr Mann liegt zwei Monat krank, braucht Medicin, So fleißig sie arbeit't, es reicht halt nicht hin — Da steht sie ganz zitternd, verleg'n, d'arme Frau — Und links und rechts zischeln'S: »Ei, ei, und schau, schau — Wenn ein jung's Weib versetzt, ist's zur Arbeit zu faul« — Und da z'reißt man sich's Maul. Ein and'res Weib sitzt auf'n Balcon frech und bloß, Am Busen 'ne Broche wie ein Kraulkopf so groß, Neb'n ihr sitzt ein alter, doch steinreicher Herr, Es weiß d'ganze Welt, was der Herr ist zu der — Doch sie nennt ihn Onkel, und er sie Niece, Dabei zeigen Beide viel Stolz undNobleß— Da sollt man doch glauben, das war' der Welt z'viel! Doch da sind's mänserlstill! 3 Ein Mann, schon ergraut, schreibt im Amt lange Zeit, Doch trotz seiner Thätigkeit bringt er's nicht weit, Um Kratzfüße z'machen, fühlt er sich zu stolz, Er kauft sich viel lieber vom Greißler das Holz, Tragt in ein'm Papier Lebensmittel sich z'Haus, Dock d'Nachbarschaft spöttelt, lacht all'- weil ihn aus — >Ein Beamter«, so schreien's, »lebt gar so frugal!« Und da macht man Skandal. Gebeugt und gebückt und gebückt und gebeugt, Dadurch hat ein And'rer zum Glück sich geneigt, Dnrch's Handküssen hat er's zur Stellung gebracht, — Und jetzt steht er so, daß er Alles verlacht.— Er fahrt in die Untergeordneten h'nein, Denkt nicht, daß er einst auch war niedrig und klein — Man glaubt so ein Dünkel war' doch der Welt z'viel — Doch da sind's mänserlstill! 4 . Ein Madel so fromm, wie ein Lämmchen so gut, Beschwatzte ein Dandy, entführt 'S junge Blut. Doch nach Jahr und Tag kommt's z'rück, daß Gott erbarm, In Elend und Noth mit ein'm Kindlein auf'n Arm. Sie will sich und 's Kindlein durch Arbeit ernähr'n, Doch Niemand will's nehmen, und Nie- mand will's hör'n — 44 »Die Person in's Haus, die gekommen zum Fall?« Und man macht da Skandal. 'Ne and're Frau sieht mit Verwandten sicb h'naus, Ein halb's Dutzend Vettern oft kommen in's Haus. Wie ein Hirsch ist ihr Mann mit Geweih ausgeschmückt, So schleicht er einher, von der Last schier erdrückt; Und doch merkt er nichts, ist für Alles taub und blind, Wie Eh'mäuner halt oft vernagelt schon sind. Und 's find't sich halt Keiner, der ihm Aug'n öffnen will, Denn da sind's mauserlstill. 5 . Ein Kutscher, der hat ein ftützigeö Pferd, Das bleibt ihm oft steh'n, ist der Wag'» auch nicht b'schwert, Es tanzt hin und her und will just nicht um's Eck; Er streichelt's und bitt's völlig, 's geht nichi vom Fleck, Da nimmt er die Peitsche und haut kräftig drein — »Ach!« schreien die Leut da: »der Mensch ist von Stein, So unbarmherzig zu schlagen den Gaul!« Und da z'reißt man sich's Maul. Ein Hausherr, der 's Tischlerg'schast treibl auch zugleich, Die Welt nennt ihn geizig, doch unendlich reich, — Der schickt seine Lehrbub'« im Wag'n ein- g'spannt, Mit Möbeln belad'n gar zur Kundschaft aus's Land. Tie Bub'u zieh'n wie Pferde, doch z'schwcr ist die Last, Der Schwächere weint und fallt z'samm alö er rast't — Da glaubt man, daß Lchrbub'nquäl'n war' der Welt z'viel — Ah, da sind's mäuserlstill! 6 . 'Ne Bürgersfrau geht mit ihr'm Meister und Herrn Am Sonntag spaziren im Prater so gern, Mit Zwirnspitz garnirt ist das halbscid'ne Kleid. Es funkeln ihm d'Augen vor Vergnügen und Freud; Der Lehrjung tragt hint' nach ihr Tuch, 's Paraplui Und alle Leut spötteln und kichern als wie: Einer Schust'rin muß Nachtrag'» der Lehrjung den Shawl* — D'rüber machens Skandal. A Böhmin war Köchin bei einem Ban- quier. Und jetzt, als sein' Frau, gibt's ästhetischen Thee; Sie füttert Schmarozer, spielt Whist gar und Schach, Statt Powidaln spricht sie jetzt hochdeutsches Sprach, »Denn ich bin ich Frau nuble,« sagt's, »weiß was sich g'hört« — Und singt z'haus die Norma, wie's grad gibt Eonzert. Man glaubt, so ein G'sang wär' der Welt doch zu viel — Aber da sind's mäuserlstill! (Geht ab durch die Mittelthür.) Verwandlung. (Romantische ländliche Gegend. — Im Hintergründe praktikables waldiges Gebirge. — Auf einem Hügel links eine kleine Kapelle. — Im Hintergründe rechts eine freundliche Meierei mit hervorspringendem Dache. Unter demselben ei» langer Tisch, auf welchem Krüge, Flaschen und Gläser stehen. Eine lange Bank am Tische. — Diesem zur Seite ein großes Weinfaß auf der Erde. Links gegenüber im Vordergründe eine freundliche Sommerwohnung. — Die noch sichtbare Abendsonne beleuchtet das Ganze.) 45 Fünfzehnte Scene. (Landleute, junge Bursche und Mädchen auf der Bühne und von allen Seiten aus dem Gebirge zuströmend. — Therese, wie am An- fange dieses Aktes gekleidet, kniet auf der Erde vor dem Faße. füllt die Krüge und reicht sie Malvina. welche sie den Landleuten zutheilt, die ihre Gläser füllen und luftig springen und trinken. Auf einem Hügel Tomaselli. durch das große Perspectiv in die Ferne blickend. Hinter ihm Korntheuer. Lebendiges ländliches Bild.) Chor und tanzende Gruppen. Welche Lust und welche Wonne Bringt uns noch die Abendsonne! Herzt die Dirnen! Schenket ein! Lasset uns die Freude theilen — 2a, das Gluck kehrt auch zuweilen Bei den guten Menschen ein! Th er. (aufstehend). Jetzt geht'S nimmer — die Brust thut mir schon weh. (Zu den Landleuten.) Schenkt's Euch selber ein und trinkts was Zeug halt, Lentln, ich zahl Alles! Alle (trinkend und die Hüte schwenkend). Iuhe! Tom. (herunterrufend). 6on solr, Nationalversammlung von Dornbach! Ther. (freudig ihnen entgegen). A, Tomaselli — Korntheuer — willkommen! willkommen! * Tom. (mit Korntheuer das Gebirge ver- lassend). 2ch komme zum Zuge über die Alpen ! Kornth. (indem er zu den Weinflaschen geht), llnd ich zum Zuge aus der Flasche! (Schenkt sich ein und trinkt.) Tom. (zu Therese, indem er mit ihr in den Vordergrund tritt), lind 2hr müßt die Kriegskosten bezahlen, Madame. Ther. (lachend). Aha — Sie wollen mir g'wiß an'n Zipfel von meinem Resconto Herunterreißen? Tom. 0ui, ich brauche Finanzen — ein Regiment Hebräer verfolgt mich — und will mich nach St. Helena schicken. Kornth. Das ist der Schuldenarrcst! Ther. O mein armer Tomaselli! Schicken's d'Leut zu mir. So lang ich noch Geld und Credit Hab', darf kein College von mir eing'sperrt werden. Kornth. (dazu tretend). Der kleine Corpora! zahlt aber schlecht zurück — bei mir hat er schon vor der Schlacht bei Aspern eine Anleihe von 10 Gulden g'macht und — Tom. (unterbricht ihn schnell und singt). Vergessen is schön und es iS gar nichr schwer, Von deine zehn Gulden da weiß ich nichts mehr. Ther. Werdcn'S glei aushörn und nicht unfern Raimund seine Dichtungen verschandeln. Kornth. Das thun die Theaterdireclio- nen schon. Tom. (indem er Korntheuer unter den Arm nimmt, und auf die Flaschen aufdem Tisch deutet). Zum Kampf, tapferer Longimanus! Ich dürste nach Thaten! Kornrh. 2 dürft a! — Brechen wir den Feinden die Hals', wilder Aranä em- ))ereur! (Setzen sich zum Tische und trinken.) Sechzehnte Scene. Vorige. Raimund, später Leopold, Mad. Herbst, Gabriele und Hirten auf den Bergen. Raim. (aus dem Gebirge). Heißa — das is a fideles Leb'n in der Sparkasse heut! Ther. (freudig). Grüß Gott, grüß Gott! G'schwind ein Glasl Wein für meinen Herrn Vormund! (Holt eiligst ein volles GlaS vom Tisch und bringt eS Raimund.) Raim. Du haust curios auf, Rest! Ther. 2 darf mich ja nit spotten lassen, Herr Raimund! Naim. Freilich nit, sonst könnt'« d'Leut glaub'n, daß Du ein Geizkrag'n bist. Gib mir a Busserl, Du splendids Madl, Du! (Therese küßt ihn herzlich.) Kannst mir schon noch Ein's geb'n, weils gar so gut war! (Küßt sie.) Tom. (ihm zurufend). Gut geschossen, ! Oberkanonier! 46 Kornth. Das sein d'Regie-Sporteln! Ra im. Das geht kein'n Menschen was an. Mßt Therese.) Ich genieß meine Jugend. Th er. Aber heut sein's ja gar zärtlich mit mir. Ra im. Weil ich was umsonst zu essen und zn trinken krieg bei Dir. Gib Obackt, wie zärtlich erst der Kemetncr mit seinen sechs Kindern sein wird! Kornth. Die laßt er alle declamiren. Ra im. A Bisserl was wirst springen lassen müssen von Deinem Terno. Gib mir'n Resconto, daß ich g'schwind 'sGeld eincassir'n geh! Th er. (thut. als ob sie nicht gehört hätte). Aber heut hab'n wir an'n wunderschönen Abend. — (Will fort.) Ra im. (hält sie zurück). 3 will keinen wunderschönen Abend, sondern den wunderschönen Resconto, will ich hab'n. — Th er. (verlegen). Den — den Resconto? Raim. Hast ihn vielleicht schon in d'Sparcassa trag'u? Th er. (wie vorher). Das nit, aber — Raim. (polternd). Also nit lang g'spreizt — i bin dein Vormund — her mit'n ReSconto! Th er. (wie vorher). Der Resconto — ja schaun's — 's is a kuriose Sach — der ReSconto, lieber Vormund — der Resconto — Raim. Ja, ja, der Resconto — Th er. (indem sie den blauen RiSconto GabrielenS aus dem Busen zieht und ihn zerreißt). Da ist er! Raim. Was thust denn? Ther. (den Zettel in kleine Stücke zerreißend) Ich Hab nir g'wonnen. Der dumme Col lecteur hat ein falsches Nummer auf- g'schrieb'n. (Mad. Herbst, Leopold und Gabriele mit einem Myrthenkranz, erscheinen im Hintergründe.) Raim. Was das für ein leichtsinniger Collecteur ist! Du hast also nir g'wonnen und doch tractirst Du wieder siott d'ranf loS dahier? Ther. I mach Schulden. Raim. Aber wer wird's zahlen? Ther. Das wissen die Götter! Raim. (polternd). Du bist a recht schlecht's Madl — a leichtsinnige Person — a Sckuldenmacherin — pfni, schäm Dich! Ther. (ihm schmeichelnd). Nit Harb sein! — I bleib ja jetzt wieder beim Theater — denn ich bätt' mich ja so nicht von meinem lieben Raimund trennen können. I weiß schon, was ich thu, daß ich meine Schulden zahlen kann. I werd' mir selber a Stuck zu mein'm Benefice schreiben. Raim. (aufschrennd). Dichten will's a! Jetzt ist schon Hopf'n und Malz an ihr verlor'»! (Nimmt sie bei beiden Händen und zieht sie zu sich.) Da gehst her, Du Lugen- schippl, Du! — Und jetzt sag' mir einmal, was hast denn heut bei deinem Vettern für a Comödie g'spielt als Milchmariandl? Ther. (heftig erschrocken). Ach, mein Gott! Raim. An'n Hocuspocus hast mit den Lotteriezetteln g'macht und ihm deinen Terno in's Haus g'schwärzt, aber die schwarze Verrätherei ist entdeckt, und dein' Straf' — Gabr. (die mit Madame Herbst und Leopold leise hinter sie getreten find, ihr den Myr- thengranz aufsetzend). Ist ein Brautkranz. i Leop. (in Theresens Arme stürzend). RjThrrese! Ther. (m höchster Aufregung). Leopold! °"'Mad. Herbst. Mein geliebtes Kindl Raim. Na — endlich hat's ihren Poldl bei der Falten. Leop. O vergib, daß ich dein gutes, edles Herz so oft gekränkt und verkannt habe, meine innigst geliebte Therese! Ther. (in fast kindischer Freude). Seine innigst geliebte Therese! — (Vor Freude fast weinend.) Ach geh, geh — das ist dein Ernst nicht! Leop. Beim allgerechten Gott — ich liebe Dich und habe Dich stets geliebt, Therese. Ther. Ach, mein Gott — mein Gott — das bißl Kraft, das ich noch Hab', nimmt mir jetzt das Glück a noch! -- 47 S' muß doch wahr sein, daß ich ein schwaches Herz Hab', wie d'Leut sag'». — Leop seinen Arm um sie schlingend). Aber jetzt bist Du mein — auf ewig mein, Therese! Ra im. Greis g'schwin d zu, Rest, sonst kriegt er wieder seinen Raptus! Ther. sinnig, indem sie Leopold entzückt in s Auge steht). Na — na, Du lieber Bua — 's nir mehr mit mir. — Lieb Hab' ich Dich mehr als mein Leb'n — aber drin Weib kann ich nicht werd'n, weil's mir leid wär' — wennst in ein paar Monaten schon Witwer werden müßl'st. Alle (mit Blicken des Schmerzes und der Theilnahme auf Therese). Therese! (Alle haben sich um Therese gruppirt — nur ein Theil der Landleute hat sich in Gruppen auf den: Gebirge vertheilt.) Ther. (indem sie den Kranz abnimmt und Gabrielen in die Locken drückt und sie mit Leopold vereinigt, lächelnd zu Raimund). Geltens, lieber Raimund — so ist's besser? Raim. (herausstoßend, um seine Empfindung zu verbergen). Laß mi geh'n und frag' mich nit so curios! (Für sich, indem er sich heimlich die Augen wischt.) Mir kommt's vor, als ob ich um meine verlorene Jugend weinet — (Hirten ziehen mit ihren Herden überS Gebirge — Glocken läuten im entfernten Dorfe zum Abendsegen — und Landleute im Gebirge sinken andächtig auf die Kniee, der Lapelle zugewendet. — Die setzten Strahlen der schei- denden Sonne beleuchten das Gebirge.) Ther. (mit leiser, fast wehmüthiger Stimme singend, zu Leopold» indem sie auf den Untergang der Sonne deutet). Scheint die Sonne noch so schön, Einmal muß sie untergehn! Brnderlein fein! Lrüderlein fein! Es muß geschieden sein! (Große Gruppe um sie und auf dem Gebirge.) Der Vorhang fällt. Ende. Von demselben Verfasser ist im Verlag der Wallishaufser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien erschienen: Die Studenten von Rummelstadt. Genrebild mit Gesang und Tanz in drei Acten. 60 kr. In unserem erscheinen demnächst Eine Ausnahme von der Regel. Lustspiel in 1 Acte von A l o i ö V e r l a. Zy kr. Zwei Testamente. Characterbild mit Gesang in drei Acten von Friedrich Kaiser. 60 kr. Drei viertes auf Eitf. Schwank in 1 Act von M. A. Grandjean. 30 kr. Druck und Papier von Leopold Sommer in Wien ( Den Bühnen gegenüber als Manuskr i pt gedruckt.) Eine Ausnahme von der Regel. Lustspiel in einem Aufzuge von Alois Berla. Aufgeführt am k. k. priv. Theater an der Wien. Personen: August von Ehrenfeld, Arzt. l Gottfried von Ehrenfeld. Naturforscher, > Brüder und GutSeigenthümer. Bruno von Ehrenfeld, Criminalrath in Pension, 1 Julius Frank, voetor juris. Pudler, Verwalter auf dem Gute. Su fette, seine Tochter. Dr. Pohle, Rechtsfreund. Ort der Handlung: das Gut Lindau. Erste Scene. Schloßgarten. Im Hintergründe ein kleiner Pa- villon, vor dem Eingänge ein paar Stufen. Im Vordergründe rechts und links Rasenbänke. In der Gartenmauer eine kleine Thür. Pu dl er, aus einem großen Meerschaumkopfe rauchend, sitzt auf der Rasenbank, rechts vor ihm steht Pohle, ein junger hübscher Mann. Pohle. Nun, Freundchen — was meinen Sie? — Pudler (beifällig mit dem Kopfe nickend). Ja, ja> der Herr will die Hand meiner kleinen Susette. — Pohle. Das heißt: wenn ich die annoch unbesetzte Justitiärstelle hier auf dem Gute erhalte; doch ich hoffe, sie kann mir nicht mehr entgehen. Führe ich denn nicht seit beinahe einem halben Jahr provisorisch alle Geschäfte, und zwar zur größten Zufriedenheit der Herren GutSeigenthümer (Pud- ler lüftet die Commodemütze), und ist eS daher 2 nicht nur billige Anerkennung meiner Dienstleistungen, wenn ich endlich die Stelle für immer erhalte? — Pu dl er. Freilich, freilich! Ihro Gnaden die Herren August und Bruno sind ja eben deshalb aus der Residenz hiehergekom- men, um diese Angelegenheit ins Reine zu bringen. Pohle. Da Sie nun wahrscheinlich selbst nicht an meiner Ernennung zweifeln, so könnten wir ja bezüglich der projectirten Heirat mit Susette, sogleich zu Ende kommen, überhaupt, ich denke, wenn wir, die wir gemeinschaftlich arbeiten müssen — Pu dl er (mit Nachdruck). 3m Interesse der gnädigen Gutsherrschast — Pohle. Nun ja — so wäre es wohl ganz gut, wenn wir durch Familienbande — Pudler. Freilich, freilich! Da — meine Hand; — sobald Sie Iustitiär find, steht der Verbindung mit meiner Tochter nichts mehr im Wege. — Pohle (einschlagend). Recht so! Pudler. Doch auf Eines muß ich Sie aufmerksam machen — dasMädcl hat seine Sonderbarkeiten, besonders seit sie den letzten Carneval bei meiner Schwester in der Residenz war, wir müssen ihr daher keinerlei Zwang auferlegen; seien Sie in ihrer Gegenwart freundlich und gefällig, aber immer anscheinend ohne Absicht, dann wird sich das Alles von selbst machen. Pohle. Gut, gut! — Vor Allem will ich mich jetzt zur Aufwartung umkleiden und dann bei dem Herrn des Gutes melden lassen. Pudler. Und ich werde ein kleines Schläfchen machen. Also aus Wiedersehen, weither Herr Schwiegersohn! — Pohle. Und Iustitiarius nicht zu vergessen, denn eigentlich ist dieß — Pudler. Die Hauptsache. — (Beide nach verschiedenen Seiten ab.) Zweite Scene. Susette (tritt aus einem kleinen Gebüsche). Sie sind fort! — Welch' eine Verschwörung Hab' ich erlauscht! Ich soll diesen Mann heiraten, und bloß deshalb, weil er Iustitiär zu werden hofft, und sich dann leichter arbeitet, wenn er mit dem Verwalter durch Familienbande verbunden ist. Schlecht calculirt, ihr Herren! Ach ich möchte wohl gerne Frau Iustitiärin werden, aber nur dann, wenn (man hört außer dem kleinen Gartenpförtchen klopfen; freudig) Ah! (Wiederholtes Klopfen.) Das Zeichen! Er ist es. (Sie zieht einen Schlüssel auS der Tasche und öffnet leise und vorsichtig.) Dritte Scene. Julius Frank. Vorige. Jul. (ruft beim Eintreten). Theuere Susette! (Umarmt sie stürmisch.) Sus. (erschrocken sich loSreißend). Aber Julius, was fälltIhnen ein! Wenn es Jemand gesehen hätte! — Jul. Ach, es müßte denn nur ein Bösewicht sein, der in uns'rer Zeit keine Freude daran hätte, wenn er endlich einmal zwei Menschen sieht, die sich umarmen! Ich meines Theils umarme ungeheuer gern! Sus. (piquirt). Sol Jul. Ja wohl, und ich habe auch den Gedanken, daß es zu gar keinem Krieg mehr käme, was doch jedenfalls ein Glück für die Menschheit wäre, wenn die eine kriegführende Macht,im Gegensatz zu der andern, die z.B. 40,000 Mann ins Feld stellt, 40,000 Weiber mobil machte, denn da käme es nach einigenTagen statt zu einer blutigen Schlacht nur zu 40,000 Umarmungen! — Sus. So! — Wenn aber unter den 40,000 Männern 20,000 verhejratete wären? Jul. Nun, das dürfte, denke ich, keinen Os.8U8 belli Hervorrufen! Sus. Glauben Sie? — 3 3 ul. Höchstens würden sich diese 20,000 aus strategisch politischen Gründen zurückziehen, und eine beobachtende Stellung einnehmen. Sus. So? Wie wüßte man denn nachher, welche Partei die siegende ist? Jul. Das ist'sjacben! — Man müßte die beiden Armeen mit einander verheiraten, wodurch zwar der Krieg erst recht angiuge, aber ohne Blutvergießen, und hauptsächlich ohne gefährliche Folgen für die Staaten! Sus. (beleidigt). Nun, mein Herr, wenn Sie die Ehe aus diesem Gesichtspunkte betrachten, dann war es gar nicht nöthig, daß Sie sich aus der Residenz hieher — bemühten! (Will gehen.) Jul. Aber, Susette, ich will doch nicht hoffen, daß Sic mein Scherz gekränkt hat! Sus. O gewiß! Jul. Bedenken Sie doch, daß nach meiner Ansicht die Ehe nur dann eine kriegerische würde, wenn sich beide Theile als Feinde gegenüberständen, was doch bei uns Beiden nicht der Fall ist, denn Sie haben mich ja schon bei unserem ersten Begegnen für alle Zeiten besiegt! — Sus. (besänftigt und freundlich). Nun, dann will ich Ihnen verzeihen, und da die Zeit drängt, nicht länger schmollen. Hören Sie nur, lieber Freund, mit unseren Aussichten bezüglich Ihrer Anstellung sind wir sehr übel d'ran! Sie haben einen Nebenbuhler! — 3ul. Ich will nicht hoffen, daß er mir auch bei Ihnen — Sus. Beruhigen Sie sich — ich will gar nichts von ihm wissen, obwohl er sich nebst der Anstellung auch um meine Hand bewirbt, und der ersteren schon fast gewiß ist, da er seit einem halben Jahre dieselbe provisorisch verwaltet. Deshalb müssen wir auf ein Mittel denken, wie es uns gelingen könnte, die Gunst der drei Herren dieses Gutes zu gewinnen. — Jul. Was, drei Gutsherren also? — Sus. Allerdings, drei sehr liebe, ach- tungswerthe Männer und alle drei sind sie ledig. Jul. Alle drei? Ledig? — Susette, da will ich mich lieber allein bemühen, die Gunst dieser so lieben, achtungswcrthen Männer zu erringen. — Sus. Ja, wenn es nur was nützt! Sie haben leider gar nichts, außer allenfalls Ihre Zeugnisse, was Ihnen bei diesen drei Herren als Empfehlung dienen könnte! Jul. Ah! Seh' ich denn wie eine Vogelscheuche aus? — Sus. (lächelnd). Julius, hören Sie mich an. Der älteste der drei Gutsherren, die Brüder sind, hat eine besondere Inclination für häßliche Menschen, man sagt, er hätte einmal ein armes, aber sehr schönes Mädchen zu seiner Frau erheben wollen, er soll sie auch unendlich geliebt haben, sie aber betrog ihn und vergalt seine Liebe mit dem schwärzesten Undank. Seit dieser Zeit traut er keinem hübschen Meuschengesichte — sei es das eines Mannes oder WeibeS, und behauptet fortwährend: »Schöne Seelen wohnen nur in häßlichen Körpern!* Da nun das Wort dieses Herrn, als der älteste unter den Brüdern, in allen wichtigen Dingen den Ausschlag gibt, so werden Sie mir wohl nicht länger zürnen, wenn ich behaupte, daß Sie keine andere Empfehlung haben dürften, als Ihre Zeugnisse, die aber Ihr Rival eben so gut besitzt und überdieß hat er eine sehr schöne Seele, denn er ist ein Ausbund von Häßlichkeit. — Jul. (geschmeichelt). Was Sie mir da sagen ist freilich einerseits unangenehm für mich, aber was ist zu rhun in diesem Falle, wo meine Schönheit ein unübersteiglicheS Hinderniß — Sus. (lachend). Nun, nun! Machen Sie das Nebel nicht ärger, als es wirklich ist, und denken wir lieber, wie wir es anfangen, uns wenigstens der Fürsprache der beiden andcm Brüder zu versichern. Jul. Sind die auch nur für Häßlichkeiten importirt? 1 « Sus. Das eben nicht, aber sie haben auch ihre Eigenheiten, denen man nur vielleicht ein wenig entgegenkommen müßte. Ueberhaupt wenn wir nur wenigstens Einen dieser drei Herren auf unsere Sette brächten, so — halt! — (Sie blickt nach dem Hin- tergrunde.) Die Thür des Pavillons wird geöffnet — richtig einer von den Gutsherren, und zwar der Herr Criminalrath.— Julius — ich bitte — (Sie spricht leise und angelegentlich mit Julius.) Vierte Scene. (Bei Eusettens Worten ist Bruno aus dem Pavillon getreten, er hat eine Brille auf der Rase, ein Vergrößerungsglas in der Hand, welches er vor das Auge hält, um in einem kleinen Buche zu lesen; er bleibt auf den Stufen stehend) Bruno. Der Henker hol's! Diese neueste Ausgabe Unserer alten Klassiker ist so mangelhaft, als der Druck schlecht ist! Trauriges Loos unserer großen Geister, daß man ihre Werke so verkleinert! (Er steht auf und bemerkt Susette und Julius.) Wer ist das? Unsere alte Haushälterin — doch nein — das Individuum bewegt sich kaum, das ist die Haushälterin nicht — (Er kommt näher.) Sus. (knixt). Guten Tag, gnädiger Herr! — Bruno (freundlich). Was seh' ich, die kleine niedliche Susette! Meine geheime Flamme — (Bemerkt Julius.) Sieh! Sieh! Da ist ja noch Jemand! — Sus. Gnädiger Herr, ich bin so frei, Ihnen meinen Bräutigam, den Herrn Julius Frank, Ooetor jur-ig, vorznstellen! Bruno. Ah, freut mich! — Jul. Habe die Ehre! (Verbeugt sich aber fast nach der entgegengesetzten Seite.) Bruno (der ihn durch s Vergrößerungsglas erstaunt betrachtet, zu Susette) Liebes Kind, der Mensch grüßt mich auf eine sonderbare Weise — die — Sus. Ach, ich bitte tausendmal um Vergebung! Herr Frank ist außerordentlich kurzsichtig! (Wendet Julius nach der Seite, wo Bruno steht.) Bruno (mit Theilnahme). So? Ach, das ist Schade! — Jul. (der sich anscheinend zu orientiren sucht). Zu gütig! Viel zu gütig! Herr Criminalrath, allein es hat nichts zu sagen! Bruno. Der arme Mensch ist ja halbblind! Warum tragen Sie denn keine Brille? Sollten Sie aus Eitelkeit — ? Jul. O nein — ich habe eine Brille mit sehr guten Gläsern — leider verlor ich sie auf der letzten Station. — Es ist sehr fatal, besonders in dem Augenblicke, wo es für mich so interessant wäre, die Gesichtszüge eines so bedeutenden Juristen, wie der Herr Criminalrath sind — in der Nähe zu betrachten. -- Bruno. O bitte, wenn es Ihnen Vergnügen macht — (Er tritt ganz nahe vor Julius.) Jul. (der ihn anstarrt). Ah, ich danke — doch — so viel ich bemerke, tragen Sic ja auch eine Brille — Bruno. Ja, doch hauptsächlich nur beim Lesen! O, ich habe sonst ein scharfes Auge! Zum Beispiele. (Er sieht sich um ) Sehen Sie dort auf dem Dache des Pavillons diese Lücke? Jul. (der sie sieht). Ja — Sus. (zupft ihn). Jul. (sich verbessernd). Ja — ich sehe nicht so weit! — Bruno. Aber ich! — Da hat wahrscheinlich der Wind einen Dachziegel unbrauchbar gemacht. Liebe Susette, sag' Sie doch dem Verwalter, er möge den Schaden repariren lassen. Sus. Ganz wohl, gnädiger Herr! Bruno (mit Befriedigung). Ja, wenn mall seine Augen nicht überall hat, so entgeht einem gar Manches — doch um wieder auf unser früheres Gespräch zu kommen — dieser Herr ist also Ihr Bräutigam? Nun, da wird Sie ja eines Tages Frau Doctorin? — Sus. Ja, doch sind wir leider Beide arm, und bis mein Bräutigam nicht irgend eine Stelle bekommt — Ach, gnädiger Herr, 5 Sie könnten uns freilich überglücklich machen! Bruno. Ich? Wie so? Sns. Brauchen Sie denn nicht einen Justitiär, mein Bräutigam wäre dafür ganz geschaffen. — Bruno So? (Für sich.) Nun, der junge Mann gefällt mir wohl und dann das nied- liche Kind. — Sie kann so lieblich bitten und betteln, daß einem ordentlich das Wasser im Munde zusammenläust! (Laut.) Na mein Kind— das will ich mir überlegen.— Sus. 2a? Jul. Ach, mein Herr, Sie wollten wirklich die Güte haben? Mein Dank — Bruno. Lassen Sie nur! — (Für sich.) Den Dank muß mir das Mädchen zollen — (Laut.) Indessen, mein Lieber, ich allein kann Sie auch nicht anstellen, wenn nicht meine Brüder zustimmen! — Will Ihnen etwas sagen. — Mein Bruder Gottfried ist ein herzensguter Mann, aber er hat die Schwäche, nichts davon wissen zu wollen, daß er von der lieben Mutter Natur ein wenig vernachlässigt wurde: wenn Sie nun seiner Schwäche ein wenig Eoncessionen machen wollten, so ließe sich vielleicht etwas thun, vorausgesetzt, daß Sie Ihrem Amte gewachsen sind.- Jul. Hier meine Atteste! — Bruno. Nun lassen Sie nur, werde sie später durchsehen! Vorderhand genügt mir die Empfehlung Ihrer lieben Braut! (Er bedeutet Susette. auf die andere Seite zu gehen.) Jul. (für sich). Was hat denn die Blindschleiche? (Susette geht auf die andere Seite.) Bruno (leise zu ihr). Mein liebes Kind, wie wär's denn, wenn Sie mich für meine Protection mit einem Kusse revangirte? — Sus. Ach, gnädiger Herr, Sie scherzen! Bruno. Nein, es ist wirklich mein Ernst! (Er umfängt sie.) Das Küßchen, mein Engel! — Sus. Himmel, wenn mein Bräutigam — Bruno. Ah pah, der steht ja kaum so weit seine Nase reicht! Jn l. Die Sache wird kitzlich und ich muß den Kurzsichtigen spielen. Bruno (zu Susetten). Nur schnell! Sus. Wohlan, Euer Gnaden bekommen einen Kuß, jedoch erst dann, wenn Euer Gnaden Ihre schriftliche Zustimmung bezüglich der Justitiärs - Stelle gegeben haben. — Bruno. Nun meinethalben, aber dann wart' ich keinen Augenblick, sie liebe, herzige Susette! (Er kneipt sie in die Wange.) Jul. Tausend Sapperment! — Bruno (wendet sich zu Julius). Mein Bester, auf Wiedersehen — und —> was ich Ihnen sagen will, suchen Sie bald eine Brille zu bekommen, denn wenn man so kurzsichtig ist — und dabei heiratet — Jul. O das thut nichts! Sobald ich nur das Mindeste sehe — Bruno (lacht). Ja, aber ohne Brillen sehen Sic nicht das Mindeste, übrigens wer weiß, vielleicht hat das auch sein Gutes! Hahaha! Doch apropos, mein Bruder braucht nicht zu wissen, daß Ihre Kurzsichtigkeit gar so bedeutend ist. Nehmen Sie daher einstweilen meine Brillen, ich habe deren mehrere, und obwohl Brillen nicht gerade für scharfe Augen erfunden wurden, so tragen sie doch fast alle jungen Leute, besonders aber die Juristen, daher sie ein vortreffliches Mittel sind, das Gebrechen der Kurzsichtigkeit zu verbergen! Hier nehmen Sie. (Gibt ihm die Brille.) So, und nun warten Sie, ich werde Sie hier meinem Bruder Gottfried vorstellen, dann wollen wir weiter sprechen. Adieu, einstweilen! Hahaha! (Kneipt Susette nochmals in die Wange und geht in den Hintergrund ab.) Fünfte Scene. Julius, Suschen. Jul. (wüthend). Ah, das ist ja schändlich! Vor meinen guten Augen wagt es der mit seinen schlechten zu liebäugeln! Und Sie dulden das? 6 Sus. Nun, mein Himmel, wir armen Wesen sind ja zum Dulden auf der Welt! Jul. Bravo! Aber wir Männer nickt! Darum reißt mir auck die Geduld! Und endlick glaube ich nicht einmal an seine Kurzsichtigkeit, wie könnte er denn sonst bemerkt haben, daß da oben ein Ziegel fehlt? Sus. Nun, das ist leicht erklärlich; der Ziegel fehlt schon seit Jahren, dennoch wird der Sckade nie reparirt, weil das Bemerken der Dacklücke eine schon verjährte criminal- räthlicke Leidenschaft ist, mit der er sein schwaches Augenpaar in Credit bringen will. — Jul. Im Grunde ist's einerlei, wenn er seine Augen einmal auf Sie geworfen hat, ob diese Augen gut oder schlecht sind! Sus. Schweigen Sie jetzt, er kommt wieder zurück und zwar mit seinem Herrn Bruder, dem Naturforscher. Jul. Von mir ans hätte er schon länger fortbleiben können! Sechste Scene. Bruno. Gottfried. Vorige. Bruno. Wie gesagt, lieber Bruder, der junge Mann ist vielleicht zn berücksichtigen. Seine Zeugnisse sind charmant, und da er zugleich Susettens Bräutigam ist, so denke ich, wäre es nicht unrecht von uns, wenn wir ihn protegirten. Gleichwohl tbne ich gar nichts ohne dein Urtheil. Und dann, obwohl ich ein sehr gutes Auge habe, wie Du weißt, so habe ich dock den Mann noch nickt genau beobachtet, ob — (Er sucht Julius mit den Augen) Aha! Da! Jul. (der mit Susette leise gesprochen, ärgerlich). Was? Das auch noch? Zuerst blind und jetzt — Bruno (nimmt Julius bei der Hand). Kommen Sie! Lieber Bruder — (Da Gottfried ein wenig zur Seite getreten ist, um einen Blüthenstrauch zu betrachten und ihn zu beriechen sucht, — macht Bruno ihn wiederholt auf- merksam, bis Gottfried sich umkehrt, auf Juliuö zugeht und ihn scharf in'S Auge faßt.) Gottfr. Wie ist Ihr Name? (Julius thut, als ob er nicht hörte.) Bruno. Aha! (Gibt Susetten ein Zeichen.) Gottfr. (der geborgt hat, zu Julius erstaunt). Ja, weshalb antworten Sie denn nicht? — Sus. Gnädiger Herr, entschuldigen Sic, mein Bräutigam ist taub! — Gottfr. (hat gehorcht und schüttelt nun den Kopf). Lieber Bruder, -ich weiß nickt, es ist hente so windig, was hat eS denn mit dem Menschen für ein Bewandtniß? — Bruno (ruft ihm etwas laut in'S Ohr). Ja, siehst Du, lieber Bruder, der Mann hat das Unglück, schwerhörig zn sein, und zu Zeiten, wenn es so windig ist, wie heute, ist er sogar fast ganz taub. — Gottfr. So? (Julius mit Interesse betrachtend.) Ab. der Arme! — Bruno. Wenn Du mit ihm sprechen willst, mußt Du etwas schreien. Gottfr. Ja, ja! (Er geht nun zu Julius und schreit ihm in'S Ohr.) Guten Tag ! Jul. (erschrickt ein wenig und macht ein schmerzliches Gesicht, als ob ihm daS Anschreien wehgethan hätte) HeiligerGott! DerMann hat einen Sechspfünder in seiner Lunge! Gottfr. (wie oben). Ihr Name und Clarakter? — Jul. (für sich, zornig). Warte, das fordert Rache! (Leise.) Julius Frank, Dootsr Huris. Gottfr. (der ihn nicht hört). Der verdammte Wind! Was hat er denn gesagt? Bruno (daS Lachen kaum verbeißend). Cr sagt: Er beiße Julius Frank und sei Ooetor Huris. — Gottfr. So! So! Nun— je mehr ich ihn betrachte, desto mehr gefällt er mir, er hat etwas Leidendes in seinen Zügen! Muß gleich noch fragen, ob — (Geht auf Julius zu und öffnet den Mund, wobei er die Hände, um den Schall zu verstärken, zu Hilfe nimmt.) Jetzt wird er mich leicht hören! Jul. (weicht aus). Gottfr. Ja, was hat er denn? Bruno, Sus. (winken Julius, er möge vorsichtig sein). 7 3 ul. (bleibt ruhig). Gottfr. (schreit). Hoffen Sie also? — (Plötzlich versagt ihm die Stimme, erräuspert sich.) 3ul. (heimlich lackend). Gottfr. (mit etwas rauher belegter Stimme zu Bruno). Höre, Bruder, ick habe mick etwas übersckrien, hilf mir daher, wir wollen ihn Beide befragen, ob er hofft, seinen Platz als Justitiar genügend aus- znfüllen. — Bruno (lackt heimlich). Sckön, schön! (Für sich.) Der Spaß ist deliciös! (Er geht auf die andere Seite, so daß Julius in der Mitte der Beiden steht, die nun. die Hände vor dem Munde, langsam gegen ihn anrücken.) 3ul. (ängstlich uw sich blickend). WaS? Alle Zwei? Man will mir also mit Gewalt mein Trommelfell zerschmettern? Entsetzlick! Was thue ick denn? (In dem Augenblicke, wo die Zwei sich zu seinen Ohren neigen, sinkt er wie vom Blitz getroffen in die Kniee. — Pause. — Die Beiden stehen perplex. — Susettc lacht im Hintergründe.) Gottfr. 3a, was ist denn dem jungen Mann? 3ul. (leise zu Bruno). Mein Herr, das halte ick nickt ans! 3ch bitte Ihren geehrten Herrn Bruder, er möge durch Zeichen mit mir sprechen. Bruno. Gut! Perrathen Sie sich nur nickt! — Gottfr. (schnupft). Was meint er? Bruno. Er meint: Es thäte ihm leid, daß Du Dich so anstrengen müßtest, wenn es Dir daher genehm wäre, mittelst Zeichen — Gottfr. Das wäre ganz gut, aber nur kann ich die Zeichensprache nicht. S u s. (schnell). 3ck. gnädiger Herr, kenne diese Sprache. Weil ich das Gebrechen meines Bräutigams kenne, habe ich sie erlernt! Gottfr. Ach schön, schön! Es ist gar nickt uninteressant, und da ich überhaupt sehen möchte, ob ich Sic nicht begreifen könnte, so sage Sie 3hrem Bräutigam, er möge auch in dieser Sprache antworten. — Zuerst also soll er unS etwas aus seinem früheren Leben erzählen. Bruder, da hast Du gleich Gelegenheit, den Charakter die« ses Menschen zn studieren! Also — Sus. (macht einige Fingergesten nach Art der Taubstummen). Gottfr. Das habe ich nicht verstanden. 3 ul. 3ck auch nicht! (Er deutet an. wie er ein halbes Jahr alt war. babe er ein dickes G-'sicht gehabt und geschrieen.) Gottfr. He! Das ist nichts Bei'on, dercs, alle Kinder schreien und haben dicke Backen, wenn sie klein sind! Snsette! Er möge einige Iabre überspringen. Sus. Sehr wohl! (Macht eS wie früher.) 3ul. (verbeugt sich, und fragt, indem er zehn Finger auSstreckt, ob er von seinem zehn- ten Lebensjahre anfangen soll). Gottfr. Pom zehnten Jahr an? Das läßt schon so manches physiologische Urtheil zu! Gut! Sus. (wie früher). 3ul. (deutet, daß er als zehnjähriger Knabe, statt in die Schule, in den Stadtgraben ging. Grillen auskitzelte, Vogelnester auSnahm, wobei er daS Geschrei der Tbiere nachahmte, wie er dann von der Wache verfolgt wurde nach Hause flüchtete und schon an der Thür von seinem Vater, einem strengen Manne, mit Schopfbeutler regalirt worden). Gottfr. Aha! Ein leichtsinniger Bursche gewesen, den der Vater züchtigen mußte! Das zeigt von viel Temperament. Weiter! 3ul. (Sein Vater frug ihn, ob er Schuster, Schneider. Tischler werden wolle, worauf er immer mit »nein* antwortete, was den Vater so zornig machte, daß er ihm sagte: er sei ein Tagdieb!) Gottfr. (der die Pantomime nicht ganz begreifen kann --- sagt erstaunt). Was, gestohlen hat er? Bruno. Ah, das wäre stark! 3ul. (schüttelt mit dem Kopf, da man ihn nicht versteht, und wiederholt, indem er nach oben deutet und gleichsam was in die Tasche steckt, wobei er mit großen Schritten auSreißen will). Gottfr. Na, das ist doch deutlich genug! Er hat als zehnjähriger Bub' gestohlen! Sus. (leise zu Julius). Aber, Julius! Was treiben Sie denn? 3 ul. Nun, mein Himmel, der Vater hieß mich einen Tagdieb! 8 Sus. Ja so! Will es sagen.) Jul. Warten Sie! Meine Zeichen sollen allein die Sache klar machen! (Erzeigt, wie eS nach und nach finster, Nacht wird, wobei er ein fürchterliches Gesicht schneidet.) Gottfr. Aha, das ist die Nacht! . Jnl. (zeigt nun mit den Fingern, wie am Horizont nach und nach ein Licht erscheint, daS sich da und dort aufhellt, wie die Menschen sich strecken und erwachen, darauf nimmt er sein Sacktuch, breitet es aus. verhüllt damit sein Gesichts noch und nach kommt daS Gesicht immer wehr und mehr hinter dem Schnupftuch bervor. endlich nimmt er es ganz weg. streckt die Arme aus und lacht überaus freundlich). B runo. Aba, das ist Sonnenaufgang I G ottsr. Es ist Tag! Jul. (Bei diesen Worten hascht er in die Luft, macht wie früher Pantomime des Steh- lens und AuSreißenS). Alle (schreien). Den Tag hat er gestohlen! Bruno. Also, einen Tagdieb nannte ihn sein Pater! Hahaha! Gottfr. DaS war meisterhaft! NufEhre, der junge Mann drückt sich sehr gut aus — man versteht Alles! Die Sprache muß ich lernen, — zum Spaß versteht sich! Jul. (deutet weiter, sein Vater ließ ihn endlich studieren, er wollte zuerst einen Arzt, Chirurgen. Chemiker. Astronomen, Theologen aus ihm machen, endlich entschloß er sich, ihn zum Doctor beider Rechte ouSbilden zu lassen, weil dieser sich die Taschen mit Geld füllt, während die Actenberge immer höher werden). Gottfr. Aha, er ließ ihn Doctor beider Rechte werden, aber es kömmt mir beinahe vor, als wenn wieder vom Stehlen die Rede wärr! Bruno. Ah! Damit will er nur sagen: die Advocaten verdienen viel Geld! Gottfr. Aha! Ja, ja! (Schnupft.) Jul. (deutet an, daß er fleißig studierte, und nun als absolvirter Zurist vor den Herrschaften stehe). Bruno. Den Doktorhut hat er bekommen. Gottfr. Schön, der Mensch hat viel Kopf, ich denke, er dürfte ganz passend sein für die Stelle. Bruno. Ganz meine Ansicht! Wenn nur seine Taubheit kein Hinderniß ist. Gottfr. (gravitätisch). Mein Freund! Der Jurist braucht nur auf die Stimme des Rechtes zu hören und da ist es immer besser hier (auf's Ohr), als hier (auf's Herz zeigend) taub zu sein! — Bruno. Wahr, sehr wahr! Nun also wir, denke ich, sind einverstanden, nur fürchte ick, daß unser Bruder, der Arzt, nickt so nacksichtig gegen den armen Menschen sein dürfte, besonders da er, wie Du weißt, den Pohle seiner Häßlichkeit wegen protegirt. — Gottfr. Haha! Du hast Reckt! Wenn er nur wenigstens eine dicke Nase hätte oder ein großes Maul. Bruno. Das geht nun freilich nickt — aber dafür weiß ich Rath! Er muß jetzt, und zwar svgleick bucklicht werden! — Gottfr. Aber, lieber Bruder, dann ist ja der unglückselige Mensch ein completer Krüppel! — Bruno. Ja, wer kann dafür, in unserer Zeit krümmt Mancher den Rücken, um ein Amt zu bekommen, und dann braucht er sich ja nur so lange zu verstellen, bis wir wieder in der Stadt sind! Gottfr. Nun ja, ja — Du hast Reckt! Wenn sich übrigens der junge Mann nur verstellen kann — er sieht ja aus wie ein unschuldiger Maikäfer! — Bruno (geht zu Julius und sagt). Seien Sie auf Ihrer Hut! Wir wollen Sie jetzt unserm Bruder August, dem Arzte, vorstellen; dabei aber müssen Sie sich bequemen, Ihre rechte Schulter ein wenig in die Höhe zu ziehen. Jul. (erstaunt). Wie? Die Schulter? Verehrter Herr, haben Sie etwa außer diesem'Herrn noch einige Brüder? Bruno. Weshalb? Jul. Nun, entschuldigen Sie," aber ich fürchte in diesem Falle die sonst so wün- schenswerthe Anstellung nur durch Beihilfe künstlicher Gliedmaßen erreichen zu können. Bruno (lacht) Beruhigen Sie sich, das ist Alles, was Sie noch zu thun haben. — Prokuren Sie's einmal mit der Schulter — 9 (JuliuS zieht seufzend die rechte Schulter hinauf.) Bravo! Sehr gut! 3 ul. (weinerlich). Susette, glauben Sie denn mit einem solchen Manne glücklich werden zu können? Sus. (lächelnd). O gewiß! Gottfr. (der in die Couliffen sah). Sieh', da kommt der Herr Bruder! Bruno. Richtig! Also schnell! Halten Sie sich gut, indem Sie sich schleckt halten! Jul. Jn's Himmels Namen denn. (Zieht wieder die rechte Schulter hinauf.) Siebente Scene. Vorige. August (ein lebhafter kleiner Herr, tritt rasch aus). Aug. Ah, da seid Ihr ja — ich habe Euch schon überall gesucht! Eben ließ sich unser Candidat, der Doktor Pohle, bei mir melden, kommt, wir wollen diese Angelegenheit gleich in Ordnung bringen. Ick muß auch in einer Stunde nach der Stadt. — Meine Patienten kann ich nicht länger im Stich lassen. Bruno. Lieber August, sei nicht böse, aber ich und Gottfried wurden es gerne sehen, wenn die Sache rückgängig gemacht würde. Aug. (rasch). Was heißt das? Macht mir keine Männchen! — Bruno. Ja siehst Dn, Bruder, ich und Gottfried hätten einen anderen Caudidatcn vorzuschlagen, wenn Du zufrieden wärest! Aug. Einen Andern? Wer ist das ? — Ich kann mir nicht denken, daß er dem bereits Bestimmten vorzuzieheu sei! — Bruno. Nun, seine Atteste sind ebenso gut wie die Pohle's, dazu kommt noch, daß er Susettens, der Tochter unseres braven Verwalters, Bräutigam ist, und da Du, wie bekannt, stets bedacht bist, denen, welche ihre Pflichten redlich erfüllen, gerne eine Freude zu machen, so — Aug. Bruno, Du weißt, mir ist alles Poussiren und Protegiren zuwider — bei ""r gilt nur das Verdienst! Bruno. Dann habe ich nichts mehr zu sagen! Also gehen wir! Komm', Gottfried! Aug. (wie er fleht, daß er keinen Wider- spruck mehr erfährt). Nun, wer und wo ist denn dieser Andere? Bruno (führt Julius vor). Herr Julius Frank! (Julius verbeugt sich.) Aug. (der ihn erstaunt betrachtet). Höre, Bruder! Was ist denn das für eine Gestalt? Bruno. Ja, der Arme hat sich in körperlicher Hinsicht etwas schlecht entwickelt, allein, wie bekannt, sind derlei Leute, was ihre geistigen Fähigkeiten betrifft, fast immer von ungewöhnlicher Begabung! — Aug. Hm. hm! (Betrachtet Julius aufmerksam, dann ruft er.) Susette! Sus. Was wünschen Euer Gnaden? Aug. Sie liebt diesen jungen Mann? Sus. (verschämt). Euer Gnaden! — Aug. Na nur keine Ziererei! Will wissen, ob Sie den jungen Mann liebt? Sus. Ja, gnädiger Herr! Aug. Aber sage Sie mir nur, wie ist denn das möglich? Er hat ja eine hohe Schulter? Sus. Ja, aber nur Eine! — Aug. Nun, zum Henker, ist das nicht genug für euch Mädchen, die ihr alle nur Zierpuppen liebt? Sus. Gnädiger Herr, halten Sic mich denn für ein so unvernünftiges Mädchen, daß ich von solcher Unbedeutenheit auch nur Notiz nehme? Aug. (lächelnd). Nun gar so unbedeutend ist das eben nicht! — Sie erlauben schon! (Er legt mit einem gewissen Wohlgefallen die linke Hand auf Julius rechte Schulter.) Jul. O, ich bitte! Aug. (zu Susette). Das ist, wie man im gewöhnlichen Leben sagt, schon ein kleiner Verdruß! Sus. Gnädiger Herr, wo gibt es eine Ehe ohne Verdruß. — Und dann, Euer Gnaden sagen ja immer selbst, daß schöne Seelen nur in häßlichen Körpern wohnen. Aug. (lacht). Hahaha! Das ist artig von ihr! < Indem er seine Hand wieder auf 10 Julius Schulter legt.) Die Sacke interessirt mi'ck wirklich! Wo haben Sie Ihre Atteste» junger Mann? (Julius horcht. — Susette macht Zeichen.) Ang. Zeigen Sie mir Ihre Atteste! Jul. Bitte hier! — (Gibt ihm mehrere Schriften ) A n g. (blättert sie durch). Hm! Sind ganz besonders vorteilhaft! Nun, Kinder, ick will eurem Wunsche nickt entgegen sein, und wenn ibr wollt — so werde ich dem Herrn Pöble den Laufpaß geben. Sus. (freudig). Gott sei Dank! Aug. s,u Julius) Mein Herr, kommen Sie dann auf mein Zimmer, Susette wird Sie bingeleiten, dann wollen wir Sie in Ibr neues Amt einsühren. — 3 n l. (der sich mehrmals verbeugt). O tausend Dank, gnädiger Herr! Aug. (schlägt ihn wieder auf die Schulter). Na, krümmen Sie fick nickt so sehr, Leute wie Sie haben das nickt nöthig! Hahaha! (Klopft wieder lachend aufdie Schulter )Kommt, Brüder! (Geht ab.) Gottfr. (geht langsam auf Julius zu und hält die Hände vor den Mund). Inl. Heiliger Gott! Wenn nur der statt taub, stumm wäre! (Er steht ängstlich. Gottfried erwartend.) Gottfr. (will ihm in's Ohr schreien, be- llnnt sich aber und sagt). Nein, sie sind noch in der Nähe, man könnte mick hören — ich will lieber nichts sagen! (Er bedeutet Ju- liuS, daß er mit ihm zufrieden ist und geht ab.) Achte Scene* Julius. Susette. Jul. (der sich dehnt, die Augen reibt, die Brille abnimmt, die Ohren rüttelt). Herrgott! Das nenne ich eine Tour! Mir ist, als wenn ich gerädert wäre! Susette, ick gebe Ihnen mein Wort, daß ich das Alles nur für Sie thue — denn was die Stelle betrifft — die ist mir jetzt fast zuwider! — Sus. O, zu gütig, mein Herr! Jul. Ich glaube auck gar nicht, daß ich sie wirklich erhalte, denn früher oder später wird mir doch eine Schulter zn hock werden, und dann — Sn s. Und dann müssen Sie die Herren, die mein kaum begonnenes Pläncken so herrlick entwickelten, auch schützen, besonders der Herr Eriminalrath. — Ah, da kommt Herr Pohle, der ist wütbend, jetzt hat er mick bemerkt, er wendet sich bisher. — Ach, Julius, verbergen Sie fick, es könnte leickt zu einem unangenehmen Auftritte kommen. Inl. (der in die Eoulisse sah). Himmel, den Mann kenne ick ja. wir haben uns schon einige Male an Gerichtstagen getroffen, wahrscheinlich weiß er, daß ick ihn ausgestocken habe, und daß ick nicht mit hoben Schultern, schleckten Augen und tauben Ohren gesegnet bin, davon ist er auck überzeugt, da will ich mich lieber — (Er springt in ein Gebüsch, wo er ganz versteckt ist und probirt mit den Händen, ob er auch von oben her gedeckt ist.) Susette, sieht man etwas? Sus. Nein, gar nichts! Bleiben Sie nur ganz ruhig, bis er fort ist! — (Stellt sich vor das Gebüsch. — Julius setzt den Hut auf, der'nun über das Gebüsch herauSragt.) Neunte Scene. Pohle. Vorige. Pohle (eilt in großer Aufregung herbei). Ah, finde ick Sie, mein Fräulein! Sie haben also einen Bräutigam, der mich durch seine Eabalen um die Anstellung gebracht hat! !Nun, Ihr Herr Vater wird sich freuen, ^wenn er diese Neuigkeit erfährt! Aber, wo ist denn dieser Nebenbuhler, der mich um alle meine Hoffnungen gebracht, das muß ja ein ganz besonders hübscher Junge sein? Wo ist er? Sus. Mein Herr, ich weiß nicht, was Sie wollen! — Pohle. Meinen Nebenbuhler will ich haben! Wo ist er! — Sus. Er ist nicht mebr hier! Pohle (der in dem Augenblicke Julius Hut auS dem Gebüsche bemerkt hat, höhnisch). Also 11 nickt mehr hier! Das thut mir wirklich leid. — Indessen werde ich doch suchen! (Er stürzt auf daS Gebüsch hin.) Sus. Was baden Sie denn? (Ihm den Weg vertretend.) Pohle. Was ick habe? Gewißheit wo mein Rivale zu finden ist. — Sehen Sie diesen Hut der so naiv über dem Gebüsch hin- und hersckwankt. Sus. Himmel,wie unvorsichtig! (Zn die- sein Augenblicke verschwindet der Hut im Ge- büsche.) Pohle (wüthend). Ab, er ergreift die Flucht! Aber Du entkommst mir nicht! (Er stürzt zum Gebüsche, reißt die Zweige vcn einander; zu Julius der sichtbar wird.) Darf ich Sie bitten sich heraus zu bemühen oder soll ich Ihnen beistehen? — Jul. (springt zornig heraus). Jncommodi- ren Sic sich nicht, Ihr Beistand ist ganz und gar unnütz! Pohle. Was seh' ick? Das ist ja der Herr Frank — Sie also, nun das ist gut, daß wir uns kennen! Jul. O wenn Sie nicht sogleich Ihren schroffen Ton berabstimmen, so sollen Sie mich erst recht kennen lernen! Sus. Der Zank wird immer ärger, das Beste ist, ich eile einstweilen zu den Gutsherren und halte sie zurück, damit sie nicht am Ende erfahren — (Eilt ab) Zehnte Scene. Julius, Pohle. Pohle. Herr Frank, wie können Sie es wagen, sich hier einzudrängen? Jnl. Und wie können Sie es wagen mich zur Rechenschaft zu ziehen? Pohle. Ich habe ein Recht, denn ich war der Erste am Platze, Sie haben mich verdrängt! , Jul. Herr! (Für sich.) Verdammt, er hat auch vollkommen Recht, ich habe ihn wirklich hinterlistiger Weise verdrängt — cs ist nickt schön von mir — aberSusette! (Laut.) Wohl, mein Herr Pohle, hören Sie mich an! — Ich verzichte auf die Stelle, wenn Sie mir versprechen, ein Gleiches in Bezug auf Susetten zu tbnn. — Pohle. Was sagen Sie da? Ich will auf gar nichts verzichten! — Iul. Dann bedauere ich Sie — denn (Plötz- lich steht er wie vom Blitze getroffen und starrt in die Couliffe) Was seh' ich? Der Ratb? Er nimmt ibre Hand! — er umfängt sic — Höll' und Teufel! (Er stürzt in die Sou- l'fse. Man hört einen Schrei von Susette. dann Wortwechsel zwischen Julius und Bruno ) Eilfte Scene. Julius, Bruno, Pohle. Jul. (hat Bruno am Arm gefaßt und führt ihn auf die Bühne). Das ist empörend! Bruno. Aber Herr Frank! Jul. Sie küssen meine Geliebte! — Bruno. Wer sagt das? Jul. Ich sage es — ich — der ich es mit meinen Augen gesehen habe. — Ja, ja, mit diesen beiden Augen, nicht durch Ihre verdammte Brille. Sie stannen, weil Sie glaubten ich sei kurzsichtig? Hahaha! Ick bin es nicht, war's nicht und werde cs niemals sein! Bruno. Was höre ich? — Sie hätten mich also getäuscht? — Jul. Ja wohl, so wie Sie Ihre eigenen Brüder täuschten! — Es ist wahr, es war schlecht von mir und eigennützig, aber jetzt erkläre ich es laut und offen. Zwölfte Scene. Gottfried. Vorige. Gottfr. (eilt herbei). Wo bleibt Ihr denn? Jul. Ah, da ist ja der Taube! (Er eilt auf ihn zu, hält die Hände vor den Mund und schreit ihm ins Ohr.) Mein Herr, es ist alles nicht wahr! Bruno (reißt in weg). Aber Mensch! Seid Ihr denn ganz des Teufels! Gottfr. Was ist nicht wahr? Jul. (zu Bruno). Lassen Sie mich los! (Zu Gottfried.) Mein Herr — ich bin nicht taub — ick habe Sie getäuscht — ich höre Alles — Alles höre ich, auch das Gras höre ich wachsen! Gottfr. (zornig). WaS, Herr Bruder! Man hätte mich also betrogen? — Dann nehme ich mein Wort zurück, er wird nicht Iustitiär! — Jul. Ich will es auck' gar nicht werden! Bruno. Halt, halt! Herr Frank mäßigen Sie sich doch gefälligst! Wir wollen die Sache ruhig ansgleickeu! Ich habe Sie beleidigt und Sie haben mich beleidigt, indem Sie mich täuschten, wir sind also quitt bis auf Weiteres! Mit der Anstellung ist es daher auch vorbei! Indessen wenn Sie Vernunft aunehmen, werde ich Ihnen durch meinen Einfluß eine andere noch bessere Anstellung zu verschaffen suchen und unseren Verwalter bestimmen, daß erIbnen Susette zur Frau gibt! Herr Pohle, Sie werden Institiär, doch unter der Bedingung, daß Sie sich mit Herrn Frank aussöbnen und allen Ansprüchen auf Susettens Hand entsagen! — Pohle. Wenn ich mir dadur ch Ihre Gunst erwerben kann — Bruno. Nun und Sie, Herr Frank? 3ul. (der sich inzwischen besänftigt hat). Mein Herr, Sie beschämen mich! Bruno. Also da wir wieder Freunde sind, so erlaube ich mir, Sie um etwas zu bitten. Jul. Ich stehe zu Diensten — Bruno (ihn bearbeitend). Verzichten Sie in Gegenwart meines Bruder August auf die Anstellung, unter dem Vorwände besserer Aussichten, die sich Ihnen erst vor Kurzem eröffneten, und lassen Sie ihn in dem Wahne, daß Sie wirklich eine hohe Schulter haben! Jul. Herr Rath! Bruno. Weigern Sie sich nicht! Es ist mir sehr viel daran gelegen, wenigstens nicht auch mit ihm in Streit zu gerathen; den Bruder Gottfried werde ich schon besänftigen. Nun, wollen Sie meine Bitte erfüllen? Jul. Es sei! Bruno. Gut denn, halten Sie sich bereit, denn da kommt der Arzt gerade auf uns zu! Dreizehnte Scene. August. Vorige. Aug. Ja aber zum Henker, was treibt ihr denn Alle — ich warte nun seit einer Viertelstunde vergebensauf— (Sieht Julius, der in der Eile statt der rechten die linke Schulter emporzog. dabei aber wieder auf derselben Seite wie in der vorigen Scene mit August steht.) Aha, da ist er ja unser neuer — (Er will wieder seine linke Hand auf JulinS Schulter legen, vlötzlich bemerkt er. daß bei Julius statt der rechten die linke Schulter erhoben ist. er steht einen Augenblick ganz starr — dann fährt er zurück als wenn ihn etwas verletzt hätte.) Alle. Was ist denn? —. Aug. (deutet sprachlos vor Zorn auf Julius linke Schulter und murmelt endlich nach einer Pause.) Als ich vorhin meine linke Hand ausstrcckte, da war das Nebel in der rechten Schulter und nun ist es in die linke gefahren? Bruno. Ah! (nimmt sich beim Kopf, als wollte er ihn abreißen, und zeigt die größte Verlegenheit.) Jul. (zieht erschrocken die rechte Schulter hinauf, dann wieder die linke. waS er einige- male nach einander auSführt. wobei er sich vor Verwirrung nicht zu fassen wriß). Aug. (wüthend zu Bruno). Herr Bruder, was sollen wir mit diesem frechen Eindringling, der uns so zu hintergehen wagte — anfangen? Bruno (für sich). Ich muß jetzt bekennen. (Laut.) Lieber August — was wir mit ihm anfaugen sollen? Nichts, gar nichts! — Tenn ich allein bin die Ursache dieser Täuschung! Da ich deine Abneigung gegen äußerliche Vorzüge kannte und ihn pro- tegiren wollte, so veranlagte ich ihn — Gottfr. Taub bat er sich auch gestellt. Aug. Wie? Bruno. Ja, das war mit eine Pointe meines Protectionsplanes! — Aust. Dann (mit Ueberwindung) Hab ich freilich nichts mehr zn sagen als (gibt Julius ärgerlich ein Papier.) Hier Ihre Ernennung zum Justitiär! 3ul. (schnell und bewegt). Verzeihung, mein Herr! Aber nach dem Unrecht, welches ich Ihnen vi3-ü-vi8 beging, können Sie nicht erwarten, in mir einen treuen Diener Ihres Hauses zu finden. 3ch bitte daher an meiner Statt Herrn Pohle anzustellen, und seien Sie überzeugt, daß mich nur die Liebe zu Susetten verleiten konnte, Sie zu täuschen. Aug. Wie? Er refüsirt die Stelle? (Julius und Pohle drücken sich die Hände.) Bruno (eifrig). Da siehst Du, was er für ein edler Mensch ist, jetzt wo er unsere Blamage benützen könnte, leistet er Verzicht, ah! — Vierzehnte Scene. Susette, Pudler. Vorige. P udler (im Streit mit Susette). Nichts da, ich gebe cs nicht zu! — S us. Aber lieber Vater! Pudler. Nichts da, sag ich! Ihr habt mich hintergangen und Du kriegst ihn nicht, wenn er auch Justitiär wird. (Julius ist zu Susette geeilt.) Halt, halt, junger Herr! (Will beide trennen.) Aug. (tritt ihm entgegen). Herr Pudler! Pudler (nimmt schnell die Mütze ab). Ach, Ihro Gnaden befehlen. Ang. Daß Er sich nicht länger sträubt in das Ehebündniß dieser Beiden einzuwilligen ! Pudler. Ganz wohl — wenn der Herr als Justitiär — Aug. Nun das heißt, —Justitiär wird Herr Pohle, — Herrn Frank aber bieten wir eine Anstellung als Oberamtmann aus unserem an der Grenze von Mähren gele, genen Gute. — Sus. Welches Glück! — Jul. (ganz außer sich). O meine Herren, verdiene ich es denn? Bruno (lachend). Schon deshalb, weil Sie unserem lieben Bruder bewiesen haben — daß schöne Seelen nicht gerade in häßlichen Körpern — Aug. (ihn unterbrechend). Halt, halt, mein Freund! In der Regel habe ich noch immer Recht, dieser aber ist nichts mehr und nichts weniger — als: »Eine Ausnahme von der Regel!« (Der Vorhang fällt.) In unserem jener Theater-Nepertmr erscheinen demnächst: Zwei Testamente. Charakterbild mit Gesang in drei Acten von Friedrich Kaiser. 12 Sgr. oder 60 kr. Drei liiertet auf Eits. Schwank in 1 Act von M. A. Grandjean. 6 Sgr. oder 30 kr. Unrecht Gut. Characterbild mit Gesang in 3 Acten und I Vorspiele von Friedrich Kaiser. 12 Sgr. oder 60 kr. Rur nicht reden! Dramatischer Scherz in 1 Act von C. F. St ix. 6 !L>gr. oder 30 kr. Im Verlage der Mallishausser'schen Zjuchhaudlung (Joses Zltemm) sind folgende Theater von Friedrich Kaiser erschienen: Männerschönheit. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit Litelkupfer. 8. geb. , 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8. geh. 14 Sgr. oder 75 Nkr. Eine Posse als Medicin. Originalposse mit Gesang in 3 Acten. Mit allegorischem Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Fürst. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischen Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Mönch und Soldat. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbild«. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Rastelbinder, oder : 10,000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten Mit 1 Titel- bilde. 8- geh. 15 Sgr- oder 75 Nkr. Junker und Knecht. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Traum —kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Acten. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Dienstbotenwirthschaft, oder: Chatoulle und Uhr. Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 12 Sgr. oder 80 Nkr. Doctor und Friseur, oder: die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 Acten. 7"/, Sgr. oder 35 Nkr. Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7^/, Sgr. oder 35 Nkr. Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten.. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Ein neuer Monte-Christo. Original-Characterbild in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr Die Frau Wirthin. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Etwas Kleines. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Von Friedrich Kaiser erscheinen demnächst: Unrecht Gut. — Des Krämers Töchterlein. — Eine Feindin und ein Freund. — Ein Lump. — Verrechnet. — Ein Jagd-Abenteuer. — Palais und Irrenhaus, Druck und Papier vsn Leopold Sommer in Wien Im Verlage der MaMshausskr'schen Buchhandlung (Joses Memm) in Wien, am hohen Markt Nr. 541, sind folgende Theater von Johann Restroh erschienen: Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder: Das Geheimniß des grauen Hauses. Posse in 5 Aufzügen, 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Einen Jux will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen, geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Zerrissene. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Talisman. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Unverhofft. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 alleg. Bild. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Unbedeutende. Posse in 3 Acten. Mit 1 illum. Bild. 12. geh. 20 Sgr. oder 1 fl. Der böse Geist Lumpacivagabundus, oder: Das liederliche Kleeblatt. Zauberposse mit Gesang in 3 Aufzügen. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Das Mädl aus der Vorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Posse in 3 Acten. 12. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Die verhängnißvoüe Faschingsnacht. Posse mit Gesang in 3 Aufzügen. 12 geh 15 Sgr. oder 75 Nkr. Eulenspiegel, oder Schabernack über Schabernack. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. Zweite Auflage. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Freiheit in Krähwinkel. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 illum. alleg. Bild. 12. geh. 24 Sgr. oder 1 fl. 20 Nkr. Zu ebener Erde und erster Stock, oder: Die Launen des Glückes. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit illum. Bilde, gr. 8. geh. 20 Sgr. oder 1 fl. (Den Bühnen geg enüb er als Manuskript gedruckt.) Zwei Testamente. Charakterbild mit Gesang in drei Auszügen von Friedrich Kaiser. Musik vom Kapellmeister Karl Binder. Personen: Emilie von WallhauS, Witwe. Victor von WallhauS, ihr Sohn. Ammer Schwirr ^ dessen Freunde. Reckenberg Dr. Falter. Max Aumann, Revierjäger. Caroline, dessen zweite Frau. Tinchen, seine Tochter erster Ehe. GerichtSrath Landeck. Jacob Hartinger, Huf- und Kurschmied. Bert hold sein Vetter Martin Caspar Balzer Kurt Jean JaqueS seine Gesellen. Jägerburschen. Diener auf dem Schlosse. Gäste. Masken. Jäger. Dienerschaft. Gesellen u. s. w. Erster Äct. (Platz vor Hartinger'S Hause. Seitwärts im Vordergründe das ebenerdige Gebäude mit weit vorspringendem, vorne auf Pfeilern ruhendem Dache. Durch die offene Thür steht man in die Werkstätte, und darin die glühende Esse. Vor dem Hause steht ein, an einem Baumstamm befestigter AmboS. Auf der andern Seite, dem Hause gegenüber, unter einem hohen Baume eine Bank. Im Hintergründe ein bergansteigender Wald. Erste Scene. Denhold, Martin, Caspar (stehen an dem Amboße und hämmern. — Mehrere andere Gesellen find theilS in, theilS außerhalb der Werkstätte mit Feilen und anderen Schmied- arbeiten beschäftigt). Chor der Gesellen. (Mit Begleitung der Hammerschläge.) Schwingt nur den Hammer Mit kräftigem Arm, Schmiedet das Eisen, So lange es warm — Eisen und Mädchen Sie sind sich so gleich: Bringt sie zum Glühen, Dann werden sie weich. 2 Casp. (zu Berthold). Hörst, Berthl! Mit Dir ist schwer arbeiten, Du schlägst ja so d'rauf los, daß man ganz ans'm Tact kommt. Mart. Das kommt daher, weil er nicht mit uns fingt. Casp. Und weil er nicht mehr mit uns trinkt. Mart. Za, 's ist ein g'spaßiger Kerl, — er arbeitet für zwei Gesellen, und ißt und trinkt kaum für einen halben Lehrjungen. Casp. Und crtra seufzt er noch so viel, daß wir den Blasbalg ersparen könnten. — (Zu Berthold.) Sag' mir nur, sind bei euch in Sachsen die Gesellen alle so? Berth. (traurig). Zch bitte euch, treibt keine Scherze mit mir — nur heute nicht — wißt Ihr denn nicht, daß ich heute zum letzten Male unter Euch bin? Morgen soll ich ja schon fort auf die Wanderschaft. Casp. Na, und was gibt's denn da zum Seufzen? Wanderschaft! — Das ist das Lustigste, was es geben kann — heute da — morgen dort — alle Augenblick ein and'res Städtchen, und überall ein and'res Mädchen! Berth. Za, wenn ich mir's auch so einrichten könnte, — aber es geht nicht. (Sich die Augen trocknend.) O mein Gott! Mart. Geh, geh, weine nicht wie ein altes Weib! Verjag' deine Grillen! — S' ist bereits Feierabend, komm' mit uns in's Wirthshaus. Die Gesellen (die Hämmer wegwerfend). Za, ja, Feierabend! Zn's Wirthshaus! — komm' mit! Berth. Nein — nein — ich kann jetzt noch nicht mit Euch — Hab' noch etwas zu besorgen — geht nur voraus — ich komme nach — später. Mart. Aber gewiß — und nicht zu spät, denn morgen heißt's zeitlich auf; wir Alle geben Dir 's Geleit und tragen Dir 's Gepäck bis zur ersten Station. (Zu den Uebri- gen.) Kommt, Cameraden! (Alle ab, außer) Berth. (ihnen nachsehend). Sie wollen mir das Gepäck tragen! — Das mögen sie sein lassen, — denn wer wie ich ein zentnerschweres Herz selbst tragen muß, dem kommt es wahrhaft auf den kleinen Ränzel mit Wäsche und Kleidern auch nicht mehr an. (Geht traurig in die Werkstätte ab.) Zweite Scene. Zacob Hartinger (in einer mit Leder besetzten Reithose, das Schurzfell vorgebunden, eine alte Militärmütze auf dem Kopfe, kommt von seitwärts). Lied. 1 . Ein Hufschmied auf'm Land — ja das ist schon was Groß's, Fast so viel als ein Doctor, und nicht bloß für die Roß', Er macht auch bei Zweifüßig'» oft seine Kur'n, Denn d'Baucrn da hier hab'n ja auch Roß-Naturn; Wenn auch auf den Füßen nicht leicht steif Einer wird, So sind's dafür öfters im Hirn ganz struppirt. Wie oft tritt nicht ferner der Fall da hier ein, Daß der Bauer und sein Schimmel zugleich vernagelt sein. 2 . Zch seh' überhaupt da den Unterschied nicht — Gibt's nicht auch oft Menschen, die der Haber z'stark sticht? Die so kollerisch werd'n, daß man zu ihr'm Verdruß Zhnen 's Futter ein bischen in d' Höh' hängen muß. — Wenn's auch, so lang's leb'n, sich dadurch unterscheid'«, Daß d'Kost 'ne ganz andere ist von den Beiden, 3 Im Tod dageg'n wieder sich d'Gleichheit beweist, Weil der Mensch, wie das Pferd doch in's Gras zuletzt beißt. Ja, wenn man so, wie ich, durch dreißig Jahr nicht bloß Hufschmied, sondern zugleich viehischer Doctor ist, da fleht man erst ein, daß der Mensch nicht Ursache hat, sich auf das bischen Menschsein gar so viel einzubilden, denn das Pferd hat nicht nur in seinen Lebensverhältniffen auffallende Aehnlichkeiten mit dem Menschen, sondern es hat auch sogar manche Vorzüge vor ihm. Was einmal die Aehnlichkeit betrifft, so frag' ich: Was ist die glückliche Kindheit des Menschen anders, als die Pußta, wo die jungen Füllen sich noch in seliger Wildheit mit einander herumtummeln, weil sie, wie die Kinder, noch keine Ahnung davon haben, was für ein Kappzaum ihnen angelegt wird, wenn sie einmal in die Welt eingeführt werden! — Ans der Pußta und in der Kindheit behandeln sich die Pferd- und Menschenkinder noch alle als ihres Gleichen und spielen mit einander — erst ihre spätere Stellung in der Welt macht einen Unterschied zwischen ihnen: das Eine wird an einen Herrschaftswagen gespannt, stolzirt mit hochgetragenem Kopf, mit Floken und vergoldetem Geschirr daher, hat wenig zu thnn und kriegt viel zu fressen — das Andere kriegt ein Kummet um den Hals, muß einen Lastwagen oder einen Pflug ziehen, und wird oft um so schlechter gefüttert, je nützlicher es ist, — und rin Drittes bringt oft gar sein ganzes Leben damit zu, daß es Andere auf sich reiten laßt! — Zeigt sich nicht oft etwas Aehn- liches in den menschlichen Schicksälern? Ein Pferd, bei dem man's einmal der Müh' werth findet, den Namen des Vaters und der Mutter besonders zu protokolliren, das wird schon zu keinem ordinären Dienst mehr verwendet, sondern nur die, von namenloser Abkunft, die sogenannten Bauern- Pferde — und so entscheidet oft bei Pferden und bei Menschen die Herkunft über die Zukunft. — Es gibt ferner unter den Pferden auch Mesalliancen; denn wie bekannt, verirrt sich manches von diesen edlen Geschöpfen, wenn es weiblichen Geschlechtes ist, so weit, daß es einen Esel zum Mann nimmt — das ist doch ein merkwürdiges Nachahmen unserer menschlichen 'ocialen Verhältnisse! — Wenn ein Pferd über etwas wild wird und durchgehen will, braucht man's nur bei der Nase zu fassen, und es bleibt still stehen, — und wenn der Mensch öfters über die Fehler seines Ne- benmenschen ganz toll wird und wild ausschlagt, so braucht er nur sich selber bei der Nase zu nehmen, und er wird's ruhig ertragen. Man zwingt aber auch oft die Pferde, menschliche Dummheiten nachzumachen. Wir haben nicht genug, daß die jungen Stutzer, in Haltung und Kleidung auf lächerliche Weise die Engländer kopiren — nein, wir nehmen noch eigens grausame Operationen vor, um aus manchen von unfern gut deutschen Pferden falsche Engländer zu machen! — Ein Pferd von wahrhaft edler Race steht aber auch in moralischer Beziehung höher als manche gemeine Menschenrace. Ein Araber-Pferd, das sich schon wild empört, wenn es nur den Schatten von einer Peitsche sieht, beschämt das nicht so manchen Fusel-Kosacken, der die Schläge schon so gewohnt ist, daß er, während er geknutet wird, beinahe gleichzeitig darüber einschläft? — Deßwe- gen haben aber auch die Araber einen solchen Respect vor ihren Pferden, und betrachten sie als das Wichtigste, denn bei ihnen gilt der Satz: »Such' Dir zuerst ein Pferd, die Braut findest Du dann von selbst.* Bei uns hat aber Mancher viel früher eine Braut, und lernt erst was Aufsitzen heißt, wenn er sie geheiratet hat. — Solche Gleichnisse ließen sich unsinnig weit ausspinnen und am Ende pro- fitirtcn noch alleweil die Vierfüßler dabei; aber da ich als Hufschmied die einzige medi- cinische Autorität in der Ortschaft bin und auch menschliche Krankheiten zu behandeln 1 * 4 Hab', so darf ich da keine Parteilichkeit auf- kommen lassen, mir muß Ein's wie's Andere gleich am Herzen liegen, ich darf nicht bloß meine kranken Rösser (Pferde) besorgen, sondern darf dabei nie vergessen, daß der Bauer auch — ein Mensch ist. Dritte Scene. Bcrthold. Jacob. Berth. (bereits zum AuSgehen angezogen, kommt aus der Werkstätte). Ah, Meister! Seid Ihr schon wieder zu Hause? Jak. Ja, ich Hab' meine ärztlichen Visiten bei meinen Patienten in sämmtlichen Dorf-Stallungen bereits abgestattet. — Na, ich bin zufrieden, — dem Schulmeister seine schwarze Kuh darf morgen schon mit ihrem neugebor'nen Kind eine kleine Promenade auf die Hutweide machen — Mutter und Kind sind wohl. — Des Milchweib's Braun kann sich bald wieder seinen Berufs- gcschäften unterziehen- Berth. Das wußt' ich ohnehin! Euch schlägt selten eine Kur fehl. Jac. Hm! Mitunter will's doch nicht recht gehen. Da Hab' ich Einen, der schwerlich zu curiren sein wird — und ich möchte ihm doch so gern helfen. Berth. Was fehlt ihm denn? Jac. Das ist's eben, — er tragt alle Lasten, die ihm ausgeladen werden, thut seine Schuldigkeit wie sonst — kurz, man merkt ihm gar nichts an, als daß er die Ohren hängen läßt und 's Futter nicht anrührt — aber er sagt halt nicht, wo's ihm weh thut. — Wer glaubst Du wohl, daß der Patient sein kann? Berth. Hm! vermuthlich ein Esel. Jac. Hast's errathcn — des Rohr- Müllers seiner. Berth. Nun, der kann's freilich nicht sagen, wo'S ihm fehlt, — dafür ist er eben ein Esel! Jac. Aber denk' Dir jetzt so ein Geschöpf, was in derselben Lage wäre — (legt seine Hand auf Berthold « Schulter) das man gern von seinen Leiden befreien möchte, und das reden könnte, und das doch das Maul nicht aufmachte — Berth. Ein krankes Geschöpf, welches reden könnte, und es doch nicht thut, — das wäre ja zu dumm! Jac. Gelt, das wär' noch ärger als ein Esel — und wenn ich ein solches in meinem Haus hätt', so duldet ich's nicht länger — ich jagt' eS fort! Berth. Aber ich weiß nicht, wie Ihr auf solche Reden kommt. Jac. Na, weil wir heute zum letzten Mal beisammen sind, und weil Du mich gefragt hast, warum ich darauf bestehe, daß Du morgen aus dir Wanderschaft gehen sollst. Berth. Aber wie hängt denn das zusammen? Jac. (in gutmüthiger Heftigkeit). Weil Du — Du das Geschöpf bist, das krank ist, das bei seinem Arzt im Haus ist, das reden könnt', und doch nicht redet! Du bist ja — aber Du hast ja selber erst gesagt, was so ein Geschöpf ist. — Berth. Ich — ich wäre krank? Meister! Meister! Wer hat Euch denn das gesagt? Jac. Das braucht mir Niemand zu sagen — das seh' ich bei der Fütterung — will ich sagen, beim Essen; wenn da Einer von meinen Gesellen, der, so wie Du, sich doch den ganzen Tag rechtschaffen plagt, sich nicht ordentlich in die Schussel hinein- legt, alleweil einen Nipf macht, — nichts redet und nichts deutet — da Hab' ich's gleich weg, daß es da am Huf fehlt — will ich sagen, daß ihn der Schuh drückt. Berth. (wendet sich seufzend ab). Jac. Aha! läßt schon wieder einen Seufzer los! — Laß Dir Zeit — morgen auf der Straße kannst Du seufzen, wie Du willst — in meinem Haus kann ich so einen verstockten Schmachtlappen nicht brauchen. Berth. Na, so gehe ich in Gottes Namen, wenn Ihr mich schon gar nicht brauchen könnt. 5 Jac. Nicht brauchen — nicht brauchen! — Du bist der beste von meinen Gesellen, — ich Hab' Dich lieb, als wärest Du mein Sohn, obschon Du nur ein weitschichtiger, aus Sachsen zugereister Vetter bist; aber (wieder heftig) eben deswegen ist'S niederträchtig von Dir. daß Du kein Vertrauen zu mir hast! — Meiner Seel'! Wenn ich Dich so oft angeschaut Hab', wie Dir's Helle Wasser in den Augen gestanden ist — ich Hält' Dick prügeln können, nur damit Du das Maul aufmachst. Bertb. (qerührt). Meister! Ja, ick weiß es, Ihr wollt mir gut, und ick hätr' Euch schon gewiß Alles gesagt, aber — ich kann nicht — ich darf nicht! Jac. So soll der-! Pack deine Sachen zusammen — und morgen fort! — Ich bin Arzt und darf also nicht in meinem eigenen Hause einen Kranken haben, den ich nickt curiren kann. Das schadet meinem Credit! — Also aäwu! aäieu! Wir haben ausgeredet! (Wendet sich erzürnt ab.) Berth. Meister! Gebt mich nicht auf — ich habe zwar geschworen, daß ich's geheim halte, aber Ench — Enck — will ich's dock- (Man hört plötzlich vom Walde her Jagdhörner.) Bertb. (erschrickt). Das ist der Jäger! Jac. Na, was erschrickst Du denn so, — als wenn Du ein Has wärst? — Rede! Berth. Nein — jetzt kann ich nicht, — morgen — morgen! (Eilt fort.) Jac. (sieht ihm lachend nach). Aha! Er wird halt doch beichten. — Ich hab's ja gewußt, wenn ich ihn fortzuschicken drohe, das löst ihm die Zunge; d'rum Hab' ich vehemente Mittel angewendet. Vierte Scene. Jacob. Mar Aumann. (Max im schlichten Gewände eines Gebirgsjägers. die Büchse über den Rücken gehängt, kommt rasch vom Hintergründe her. Während dieser Scene fängt eS nach und nach zu däm- mern an.) Mar. Grüß' Dich Gott, Gevatter! Jac. Aha! Hab mir's gedacht, daß Du bald da vorüberkommen wirst, wie ich das Blasen gehört habe! — Sonderbar! So ein glücklicher Ehemann, und kommt doch immer mit Hörnern heim. Mar. Ha, ha, ha! Wie ich seh', bist Du heute gut aufgelegt. Grad so kann ich Dich brauchen. Jac. Du brauchst mich gut aufgelegt, jetzt, wo ich mich bald nieder gelegt haben werde? Mar. Hoho! Niederlegen — das gibt's nickt! Heute mußt Du mir schon eine halbe Nacht opfern. Jac. Eine Nacht opf're ich nur, wenn's mein Beruf als Thierarzt fordert. (Besorgt.) Ist vielleicht Jemand von den Deinigen krank? Mar. Könnt' uns einsallen! — Nein, heute haben wir keine Zeit dazu — weißt Du denn nickt, was heute für ein Freuden- tag für mich ist? Jac. Heute? (Sick besinnend). Alle Wet- ter! Richtig, heut ist ja der Tag, an dem Du vor fünf Jahren zum zweiten Mal geheiratet hast. Mar. (mit freudiger Rührung). Ja — mein liebes, gutes Linchen! — Du — Du Haft mir dazu gerathen, alle andern Bekannten haben mir abgerathen. Jae. Mein Gott! Was verstehen denn die anderen Leute vom Heiratschließen! — Um in einer solchen Angelegenheit einen Rath geben zu können, muß man ein Kurschmied sein. Mar. Was? — Just ein Kurschmied? Ha, ha, ha! Jac. Ja, ja, da gibt's gar nichts zu lachen. Denn wenn zwei Leute sich heiraten wollen, ist's grad so, als wenn man zwei Pferde zu einem Gespann machen will. Da muß ein Sachverständiger genau prüfen, ob sie gleichen Schritt mit einander halten können, — ob sie gleiche Zugkraft, gleiche Temperamente n. s. w. haben, sonst geht hernach Eins tschihi (rechts), und das Andere dahot (links), und der Wagen des ehelichen Glück's bricht beim ersten Stein des Anstoßes die Achse. Mar. Na, so gar gleich waren ich und mein Weib nickt; sie war erst zwanzig Jahre alt, und ich schon stark in den Vier» zigern. Jae. Ab was — die Jahre machen's nickt aus. Du warst mit vierzig Jahren noch frischer als mancher Bursch, und dein Weibchen war mit zwölf Jahren schon ge» schcidter als manckes Frauenzimmer, das schon zweimal majorenn ist. Mar. Und dann haben die Leute halt auch das dagegen einzuwenden gehabt, daß man von idr gar nicht gewußt hat, wer sie eigentlich ist, — wer ihre Eltern waren — na, Du weißt ja, wie sie als kleines Kind in unser Dorf gekommen ist. Jae. Na, ja — ein armes, krankes Weib ist vor ungefähr fünfundzwanzig Iah, ren mit dem kleinen Kind am Arm zu Fuß übcr's Gebirg hergekommen, grad vor der Sternwirthin ihrem Haus ist sie vor Mattigkeit zusammengestürzt und noch am nämlichen Tag gestorben. Niemand hat gewußt, wer sie war. Mar. Und gesunden hat man bei ihr auch nichts, als einen Taufschein, aus dem man gesehen hat, daß ihr Kind Caroline Wellrich heißt. Jac. Ter Richter hat den Vorfall in die Zeitung setzen lassen, aber es hat sich Niemand gemeldet. Mar. Und so ist das kleine Mädel der Gemeinde zur Last gefallen. Wie sie größer geworden ist, hat sie sich ihr Stück Brot damit verdient, daß sie auf kleinere Kinder Acht gegeben bat, wenn die Eltern auf den Feldern waren — nnd so ist sie auch in mein Haus gekommen. Jac. Ja, Du warst bereits ein in Ruhe versetzter Ebemann, d. h. Witwer, nnd hast ein kleines Töchterlein gehabt — Mar. Auf das ich bei meinem Berufe nickt viel hätte sehen können; darum Hab' ich das Waisenmädel in den Dienst genommen. Jac. Ja, ja, deinem Kind zu Liebe hast Du sie ausgenommen, und Dir zu Liebe hast Du sie noch behalten, wie dein Kind schon selber so viel Mädel war, daß es eigentlich kein Kindsmädel mehr gebraucht hätte! Mar. Ja, ich kann's nickt läugnen, mein übertragenes Herz ist wieder rebellisch geworden — die Lina war zu einer stattlichen Jungfrau herangewachscn — da hätt' sich's nicht mehr geschickt, daß sie so bei mir, bei einem Witwer im Haus geblieben wär' — da Hab' ich mir einmal die Eoürage genommen, und Hab' sie gefragt. ob sie nicht mein Weib werden wollte? — und sie — ich seh' sie noch alleweil vor mir — feuerroth ist sic geworden, und ohne ein Wort zu reden, ist sie mir um den Hals gefallen und hat nur weinen können. Jac. Weinende Braut — lachende Frau — ein altes Sprichwort. Mar. Und ein Wahrwort! Denn seitdem sie meine Frau ist, kannst Du keine traurige Miene an ihr sehen. Du weißt, der Posten, den ich da als Revierjäger habe, tragt nicht viel ein — es geht uns oft verdammt knapp zusammen — und manchmal (lachend) ist's uns schon wirklich geschehen, daß wir keinen kupfernen Groschen im Hans gehabt haben — aber sic macht sich aus Allem nichts daraus, schafft lustig im Haus herum, und vertreibt die Sorgen mit ihrem heitern Gesang. Jac. Ja, die Vögel singen ja auch am besten, wenn sie nicht zu viel Futter haben. Max. Und was die Hauptsache ist: sie behandelt meine Tochter nicht wie eine Stiefmutter, sondern wie ihre liebste Freundin — mit einem Wort : sie ist mein Stolz, meine Freude, mein Glück — und deswegen muß auch der heutige Tag ein Freudentag sein, und dabei darfst Du, mein ältester Freund und Gevatter, nicht fehlen! — Mußt halt verlieb nehmen mit dem, was mein Linchen gerichtet haben wird. Jac. Na, weißt, mit dem Essen nehm' ich's nicht so genau — aber so am Abend, da halt ich auf einen guten Trunk etwas — 7 und Ihr — Ihr trinkt gewöhnlich kaltes Brunnenwasser — das paßt zu so einem Fest nicht— denn das Wasser ist zwar sehr gesund zumTrinken, aber zumGesund- hcittrinken geht's nicht — also heut wert)' ich die Weinlieferung übernehmen. Mar. Nein, nein! Setz' Dich nicht in die Unkosten — 2ac. Pah! Kostet mich ja nichts! — Die Gemeindewirthin hat mir erst letzthin, wie ich ihr den Zahn gerissen Hab', als Honorar eine Bouteille alten Wein gegeben — die muß mir heut wieder ein paar Flaschen geben; ich versprech' ihr dafür, daß ich ihr morgen ein paar Stockzähne reiße — so gleicht's sich wieder aus. Unter guten Nachbarn muß Ein's dem Andern zum Vergnügen behiflich sein. Komm nur! (Hängt sich in Maxens Arm und geht mit jhm ab.) Verwandlung. (Stube im Jägerhause, mit beinahe bäuerischer Einfachheit möblirt. Eine Mittel- und eine Sei- tenthür.) Fünfte Scene. (Einige Jägerbursche tragen auS der Seiten- thür einen großen eichenen Tisch heraus.) (Eine Magd folgt ihnen mit einem Korbe voll Weißzeug, Tellern, Eßbestecken, und deckt mäh- rend der folgenden Scene den Tisch.) Kurt, Balzer und andere Jäger bursche (kommen durch die Mitte. Cie tragen Wandleuchter aus Baumästen gemacht und mit Kerzen besteckt, ferner grüne Tannenreiser, welche sie zur Zierde an den Wänden befestigen, die Lichter anzünden u. s. w.) Balz, (die Hände über die Brust gekreuzt, geht schwermüthig zu einem Stuhl im Norder gründe und setzt sich auf denselben). Kurt (zu den übrigen Jägerburschen) So! Macht das Zeugs nur da auf den Wänden auf, wie's die Frau Revierjägerin befohlen hat. (Tritt zu Balzer vor.) Na, Balzer! Was ist's denn? Rührst Du Dich wieder gar nicht? Balz. Ich danke — ich bin ohnehin schon gerührt. Kurt. Geh', nimm da eines von den grünen Tannenreisern. Balz, (traurig). Nein! Ich komme auf keinen grünen Zweig mehr. Kurt. Mir scheint, Du bist heute wieder verrückt? Balz. Verrückt? Nein! Aber entrückt! — Ich bin der Gegenwart entrückt und wühle in der Vergangenheit. Kurt. Du plauschest wieder so dummes Zeug zusammen, was man gar nicht versteht. Balz. Nein — Ihr könnt' mich nicht verstehen, denn Ihr habt keine Vergangenheit; aber ich — ich habe eine — und noch dazu eine große Vergangenheit. Kurt. Ha, ha, ha! Du thust grad so, als wenn Du einmal Gott weiß was für eine hohe Stellung gehabt hättest. Balz. Hab* ich die nicht gehabt? Bin ich nicht einst mit vier Pferden gefahren? Kurt. Ja, aber hinten bist Du aufgestanden ! Balz, (stolz). Das war's eben! — Als herrschaftlicher Büchsenspanner — mit goldgesticktem Jagdkleid — den Hirschfänger am goldenen Bandelier — so bin ich auf dem Brett gestanden — oh! es war eine glänzende Stellung! Kurt. Wie man auf so etwas stolz sein kann, begreif' ich nicht. Balz. Ja, Ihr — Ihr seid dahier im Gebirg geboren — seid nie aus den Bergen herausgekommen, und seid noch immer die, die am Berg stehen. Aber ich— ich war auf einer höheren Höhe,— ich war früher in der Residenz — ich hätt's weit bringen können, — ich wäre vielleicht jetzt schon Lakei, — Kammerdiener, — Haushofmeister sogar. Kurt. Warum bist Du denn nachher nicht in dem Herrschastshaus geblieben? Balz. Ich wär' ja geblieben — aber sie ließen es nicht zu. Kurt. Aha! Wirst halt deine Pflicht nicht erfüllt haben? Balz. Im Gegentheil! Ich Hab' noch mehr gethan, als meine Pflicht. Meine Pflicht war's, nur Augen für den gnädigen Herrn zu haben; aber der gnädige Herr hat auch eine Nichte gehabt, und für die Hab' ich halt auch Augen gehabt, und das war mein Unglück! Kurt. Was? Du hättest cin Verhältniß mit einer Verwandten von der Herrschaft gehabt? Geh, laß Dich nicht auslachen! Balz. Na — weißt— so eigentlich Derhältniß war es noch nicht, — aber sie war jung, — ich auch noch um dreißig Jahre jünger — sie war schön — und ich (cok-tt) nun — man sieht noch die deaux restr-g! — Sie hat immer gelacht, so oft sie mich gesehen hat — das hat mich kühn gemacht. Einmal geht sie allein im Garten — ich — stürze ihr zu Füßen — Kurt. Hörst, wenn das wahr ist, so bist Du ja ein verfluchter Kerl. Balz, (traurig). Das hat mein gnädiger Herr, der g'rad dozugekommen ist, auch gesagt, aber die Reitpeitsche hat er dazu genommen, (sich den Rücken reibend) der gnädige Herr! Kurt. Na, und wie ist denn die Geschichte ausgegangen? Balz. Das ist eben das Dumme bei der Geschichte, daß sie gar nicht ausgegan- gen ist. Der gnädige Herr ist ja g'rad so dazwischengekommen, daß das Fräulein mir nicht einmal ihre Gegenliebe hat bekennen können. Kurt. Na, hast Du nicht einen andern Augenblick abgeivartet? Balz. War nicht möglich; sie haben mich ja gleich darauf beim Haus hinausgeworfen.— Ich bin fort ohne ein anderes empfehlendesZeugniß außer meinem blauen Buckel, und Hab' noch zufrieden sein müssen, daß ich dahier als Erzieher von den gnädigen Windhunden angestellt worden bin. Kurt. Und in der Stelle bist Du fortwährend geblieben? Balz. Ja — diese Stellung hat zwar auch ihr Gutes — denn ich bin jetzt schon nahe an die Sechzig, und bin noch immer Hundsjung,—aber meine Vergangenheit, wer gibt mir meine Vergangenheit wieder!? Kurt. Na, heule jetzt nicht! Es ist heut ein Freudenfest im Haus, und die Frau hat gesagt, wir sollen heut Alle lustig sein. Balz. Ja, die hat gut reden, sie feiert ihren Hochzeitstag, und nur der Gedanke an eine Hochzeit reißt bei mir die alten Wunden wieder auf! Camcrad! (Faßt Kurt heftig bei der Hand.) Du allein kannst mir helfen. Kurt. Ich, wie denn? Balz. Leih' mir dreißig Kreuzer, damit ich in's Gemeindewirthshaus gehen kann — eine Maß von unserm GebirgSwein ist allein im Stand, die aufgebrochenen Wunden wieder zusammenzuziehen. Kurt. Na, wenn der Herr nach Hause gekommen ist, dann kannst Du mit uns gehen, ich halte Dich frei. — Aber Du mußt mir noch erzählen, was aus der Nichte geworden ist? Balz. Wie ich gehört habe, hat sie später geheiratet — das hat sie offenbar nur aus Verzweiflung gethan. Kurt. Und wo ist sic denn jetzt? Balz. Weiß ich's? Sie ist wahrscheinlich gar nicht mehr — gibt es denn noch ein Leben ohne mich, wenn man einmal von mir geliebt worden ist? — Und wenn sie noch lebt, so wird sie langsam hingewelkt sein — sie wird nur mehr ein wandelnder Schatten sein. Ich weiß ja (auf seine Corpulenz weisend) wie es mir gegangen ist. (Drückt die Hand vor die Augen und stürzt ab.) (Kurt und die übrigen Jäger, welche indeß mit der Ausschmückung des Zimmers fertig geworden sind, folgen ihm.) Sechste Scene. Earoline (in einem ländlichen SonntagS- Anzuge, einen Blumenstrauß in der Hand tragend, kommt aus der Eeitenthür). Lied. 1 . Thut d'Sonn über d'Berg heraufsteig'n, Will Alles seine Freud d'über zeig'n, 9 Die Lerche hoch ob'n in der Lust Einen trillernden Morgengruß ruft, Die Amseln und Finken im Wald, Die singen, daß's um und um schallt, Der Haushahn gern auch singen thät, Aber'sgeht nicht — was thnt er? Er kräht, Und d'Sonn' hört ihn doch freundlich an— Denn er thnt halt so viel als er kann. 2. Die Blümerln, wenn d'Sonn' steigt herauf, Die putzen sich auch alle ans. Der Rosenstock zeigt seine Pracht, Hat hundert von Knospen aufg'macht, Die Tulpe im prächtigsten G'wand Macht fast alle andern zu Sckand, Nur 's Veilchen, so einfach und blau, Hat kciu'n Schmuck als ein klein'S Tröpfchen Than — Und doch schaut's die Sonn' freundlich an. Denn 's thnt halt so viel als es kann. (Sie stellt den Blumenstrauß in ein in der Mitte des Tisches stehendes Gesäß.) Ja, rnan thnt halt was man kann! O Gott, wenn ich nur heute thun könnte, was ich möchte, da müßt's bei uns noch ein bischen anders ausschaucn; (betrübt) aber so — (Sieht sich in der Stube um. dann wieder heiter.) Aber es schaut ja erst nicht so schlecht aus — die Lichter zwischen dem grünen Tannenreis machen sich recht freundlich und die Lieb' macht's ja wie unser Herrgott, sie schaut nicht auf das, was man gibt, sondern auf den Willen, mit dem man's gibt. Siebente Scene. Caroline. Tütchen. Tinch. (ebenfalls im ländlichen Fest>Anzuge.) Guten Abend, Mutter. Carol. Ah, bist Du schon fertig? (Betrachtet sie.) Laß Dich einmal anschauen! — Schön schaust Du aus, recht schön — aber Eins fehlt halt doch! Tinch. (sich selbst besehend). Was denn? Carol. Ein recht heiteres, fröhliche- Gesicht. Tinch. (traurig). Ich bin ja ln.tig. Carol. Lustig? — Und dabei stehen Dir die Angen wieder voll Wasser. (Ernst.) Tinchen, soll das deinen Vater freuen? — Ich bemerke das schon öfter an Dir — Du bist so ganz verändert — so ernsthaft und still — das macht mir Sorge. Sag' mir, thut Dir denn Jemand was zu Leid? Tinch. (rasch). Nein, nein, gewiß nicht! Carol. Schau, ich Hab' mir schon so eigene Gedanken gemacht — ick Hab' schon geglaubt, Du bist am End' traurig darüber, weil Du siehst, daß dein Vater mich, deine Stiefmutter so lieb hat, und weil Du vielleicht fürchtest, er hätte Dich weniger lieb. Tinch. Was fällt Dir ein. Ich sollte Dir die Liebe meines Vaters nicht vergönnen, und ich — ich bab' Dich ja selber so lieb — so lieb! (SinktCarolinen andieBrust.) Carol. Na also, so Hab' auch Vertrauen zu mir. Tinch. Ja, ich will- (Plötzlich erschreckt aufhorchend). Ich höre reden — der Vater!! Mutter, ich bitte Dich, sag' ihm nichts. — (Trocknet sich rasch die Thränen von den Augen.) Ich will heule schon lustig sein — recht lustig! Achte Scene. Vorige. Mar. Jacob Hartinger. Ntar (tritt mit Jacob ein, bleibt aber über- rascht stehen). Tausend! Was ist denn das? Jak. Glänzende Beleuchtung, und rund um und um Tannenreis, g'rad als ob der Heurige ausgesteckt wäre. Carol. Nein, das gilt nicht meinem Heurigen, sondern meinem Alten! (Eilt auf Max zu und schließt ihn in die Arme.) Mar. Lini, mein liebes Weibchen, sag' mir, Hast Du mich denn noch immer lieb? Carol. Da! (Küßt ihn herzlich.) Da hast Du die Antwort darauf! Hat. (für fick). Wenn die immer so antwortet, möcht' ich sie schon auch um etwas fragen. Tinch. (zu Max und Carolinen tretend). Lieber Vater! Liebe Mutter! Ich gratulire buch zn dem heutigen Freudcntag, und bitte Euch, behaltet mich auch immer lieb. Mar. Brauchst Du denn um das erst zn bitten? Komm' her! (Während er Caroline mit einer Hand an sich zieht, dabei mit der andern Hand auf seine Brust weisend. Da ist ja noch Platz genug für Dich. Tinch. (eilt an seine Brust). Mar. (Beide umschlungen haltend, zu Jacob). Na, Gevatter, schau mich au! Hab' ich Ursache, vom Himmel noch mehr zu verlangen? Red'! Jac. (wendet sich zum Weggehen). Ich geh'! Mar. Wo willst Du denn hin? Jac. Das Hab' ich nicht vermuthet, daß man mich hier so beleidigen wird. Mar. Was beleidigen? 3ac. Ja, wenn man vor einem alten Hagestolz solche eheliche Scenen aufführt, so heißt das so viel, als wenn man ihm sagte: Siehst, was Tu für ein Esel bist, daß Du nicht auch geheiratet hast! Diese Beschämung hätte man mir ersparen sollen. Mar. Ha, ha, ha! — Geschieht Dir schon recht! — Aber es ist noch nicht zn spät — sckau Dich nur um. Jae Was, ich? Jetzt noch heiraten? Da gehörte ich in's Thierspital. — aber nicht als Arzt, sondern als Patient. Mar. Na, halte das wie Du willst! — Aber jetzt (zu Carolinen) Lini. was ist's? — Der Gevatter ist heut unser Gast — haben wir auch etwas Ordentliches zu essen? Ca r o l. Dafür ist schon gesorgt. (ZuJakob.) Wenn Ihr verlieb nehmen wollt, einen Schildhahn kann ich Euch vorsetzen. Jac. (sich verneigend). So einen Vorgesetzten lass' ich mir gefallen. Er soll mich als einen tüchtigen Arbeiter kennen lernen. Mar. Na also, der Appetit ist da — so richte^ bald an! Jac. Halt! Ich bring' auch einen mit, der was an richten kann. (Zieht aus beiden Rocktaschen Flaschen heraus.) Da — echten Siebenundneunziger. (Stellt die Flaschen auf den Tisch.) Ca rol. Aber Herr Gevatter, das ist ja Alles zu viel. Jac. Zu viel? Wär' möglich, wenn ich nicht mittränke. Ihr wisset nicht, was ein alter Kurschmied leisten kann, wenn er gut aufgelegt ist. Ich habe beim Militär gedient, und in meiner veterinärischen Stellung nie gegen andere Batterien gekämpft, als gegen Flaschen - Batterien. Da habe ich aber immer das Halsbrecherischste geleistet. Mar. Aber bevor wir uns an den Tisch setzen, muß ich mich ein bischen commod machen. (Zu Karolinen.) Leiste Du derweil dem Gevatter Gesellschaft — ich ziehe nur meine Hausjacke an — und dann Hab' ich auch noch meinen Burschen einen Auftrag zu geben. Carol. Für heute noch? — es ist ja schon Nacht. Mar. Eben deswegen! Im nächsten Ort drüben ist gestern Feuer gelegt worden, marl muß auf der Hut sein, und deßwegen sollen ein paar von meinen Leuten abwechselnd die ganze Nacht hindurch urn's Haus patrouilliren. Tinch. (für sich erschreckt). O mein Gott! Mar. (zu Carolinen). Aber laß' nur inzwischen anrichten, ich bin gleich wieder da. (Ab in'S Nebenzimmer.) Carol. (zu Tinchen). Geh', Tütchen — (Sie betrachtend.) Aber was ist's denn? — Du bist auf einmal ganz blaß'— Tinch. (aus ihren Gedanken erwachend). Ich? — Nein — mir ist nichts — gar nichts! — Was soll ich denn? Carol. Schau in der Küche nach, ob Alles in Ordnung ist. Tinch. (für sich im Abgehen). Gott! Wenn er nur heute nicht herkäme! (Ab.) Carol. (zu Jacob). Herr Gevatter! Mir ist's lieb, daß wir einen Augenblick allein u sind, — ich Hab' mir schon lang vorgenommen, Euch um Rath zu fragen. — Ihr seid ja bekannt als der geschcidteste Mann im Ort. Jac. Hm! Weil ich so hin und wieder meine ganz aparten Ansichten habe, und meistens das Richtige herausfinde — aber ich müßte ein schlechter Schmied sein, wenn ich nicht einmal den Nagel auf den Kopf treffen könnte. Carol. Der Herr Pfarrer selber nennt Euch immer den Dorf-Filososen. Ich weiß rwar nickt, was das eigentlich heißt: Filo- svs sein — Jac. Filosos? Das beißt eigentlich unendlich viel, heißt aber mitunter auch gar nichts. Im grauen Merthum, da haben nur die Männer, die ihr ganzes beben der Wissenschaft gewidmet und die Geheimnisse der Natur erforscht haben, erst als Greise mit kahlen Schädeln und weißen Bärten den Ehrentitel: »Filosof« oder »Weltweiser« erhalten; aber in unserer Zeit darf Einer nur sechs lateinische Schulen durch- gelaufen haben, und er kriegt's gleich schriftlich, gestämpelt und gesiegelt, daß er ein Filosos ist.— Während vor Zeiten in ganz Griechenland nur sieben Weltweise waren, werden jetzt bei uns alle Zahr in einer Schulstube gleich ein hundert Weltweise ausgebackcn. Za, wir haben jetzt eine gar so gesegnete Zeit! Carol. Aber Ihr habt doch keine lateinischen Schulen durchgemacht? Jac. Nein! Aber dafür Hab' ich gelernt auch die Thiere mit aller Aufmerksamkeit zu behandeln, und das ist schon, wenn auch nicht Weltweisheit, doch wenigstens Weltklugheit. Carol. Ah, Ihr wißt schon auch die Menschen zu behandeln. — Jung und Alt holt sich bei Euch Rath. Jac. Na ja, wenn man sich so wie ich ein halbes Jahrhundert in der Welt, bald im Krieg, bald im Frieden, bei Militär und Civile, in großen Städten und auf dem Lande herumgekugelt hat, da gewöhnt man sich dann so einen gewissen Blick an, daß man Einen nur anzuschauen braucht, und man weiß, wie man daran ist. Carol. Na, so schaut Euch einmal unser Tinchen an! Jac. (erstaunt). Was? Meine Tanf- pathin? Nennte Scene. Vorige. Mar (tritt im HauSrocke aus dem Seitenzimmer). Carol. (ohne Mar zu bemerken, das Ge. sprach fortsetzend). Ja, Tinchen, es ist nicht ganz richtig mit ihr. Mar (macht eine Geberde ängstlicher lieber- raschung). Jac. Aber daß mir der Mar nichts davon gesagt hat — Carol. Mein Gott! Der bemerkt das nicht so — er ist wenig zu Haus, und wenn er da ist, nimmt sie sich zusammen — aber ich Hab' sie den ganzen Tag in meiner Nähe — mir ist es nicht entgangen, daß ihr was ist, was sie nur nicht gestehen mag. Jac. Merkwürdig! Einen ähnlichen Fall Hab' ich in meinem Hause auch. Carol. Ich fürchte, die Krankheit sitzt mehr im Gemüth. Jac. (nachdenkend und den Kopf schüttelnd). Hm, hm! — Ja — ja — das Mädel ist sechzehn Jahre alt — in dem Alter wächst sich bei den Frauenzimmern gelyöhnlich das Gemüth an. Carol. Ich fürchte halt, es könnte doch bedenklich werden. Mar (rasch hervortretend). Was hör' ich da? Carol. (erschreckt). Mein Gott! Mar (sie an der Hand fassend). Ich bitte Dich, rede! Was ist's mit meiner Tochter? — Ist sie krank? Carol. Nein, nein, erschrick' nur nicht so — ich kann mich ja auch irren — ich bin nur so besorgt und da Hab' ich den Gevatter gebeten- Jac. Na ja — nur daß ich sie auschau' — das Anschauen kostet ja nichts. 12 Mar (besorgt). Ja, ich bitte Dich um Gottes willen — es ist vielleicht ein Nebel, bas erst im Entstehen ist — da läßt sich leickter abbelfen. Iae. Freilich! Ich weiß eine Menge Hausmittel — aber Jbr müßt mir kalt auch Vertrauen schenken, denn — das sagt' ich buch gleich — wenn ich Jemanden in die Kur nehme, so mnß auch streng Alles geschehen, was ich anordne. Mar. Ja, ja, ich tbn' Alles — ich geb' Dir mein Wort darauf. Earol. (gegen die Seiteuthür sehend). Still! Still! Sie kommt! Jac. Laßt ihr vor der Hand nur nichts merken. Zehnte Scene. Vorige. Tincken. Eine Magd. (Die Magd trögt eine Schüssel. stellt selbe aut den Tisch und geht wieder ab.) Tinch. (vorwärts kommend, ihre Ängstlichkeit kaum zu verbergen im Stande). So, wenn'S gefällig ist — (Deutet gegen den Tisch.) Jac. Ja, ja, gehen wir rum Essen. — (Reicht Tinchen seinen Arm mit etwas vlum- per Grazie.) Ihren Arm, meine Dame! Tinch. (zu Mar). Vater! Soll ich nickt die JZgerburschen auch zum Essen rufen? Mar. Nein, nein — die sind schon ans ihren Posten. Tinch. (unterdrückt mühsam einen Seufzer). Ja<^ (Tinchen immer firirend. für sich). Das hätte ein Seufzer werden sollen, sie bat ihn aber unterdrückt, hm, bm! (Faßt ihre Hand und fühlt den Puls.) Der Puls geht nicht im gewöhnlichen Schritt. Eilfte Scene. Vorige. Kurt, Balzer (eilen durch die Mitte herein). Balz. Wir haben ihn! Wir haben ihn! / Tinch. (sich vergessend, leise). O mein tGott! §1 Jac. (für sich) Was ist das? Der Z^Puls schlägt einen Galopp ein! I Mar (zu den Jägerburschen). Wen — '— wen habt Ihr? Balz. Einen Mordbrenner! Kurt. DaS heißt — so bestimmt wissen wir das nicht — aber lassen Sie sich nur erzählen — Mar, Na, so redet! Tinch. (löst ihre Hand auS der Jacobs und horcht gespannt zu). Kurt. Wie Sie uns befohlen haben, haben wir in der Nähe des Hauses Strei» fung gehalten — Balz. Die Andern auswärts — ich habe das Haus umzingelt. Kurt. Da — auf einmal — sehen wir eine dunkle Gestalt über den Gartenzann steigen — Tinck. (für sich). O Himmel! Mar. War denn mein Azor nicht von der Kette los? — Der wird ihn doch gestellt haben? Balz. Das bab' ick auch geglaubt — denn darin Hab' ich ihm Unterricht gegeben — Kurt. Aber der Hund ist ihm, wie einem guten Bekannten, entgegen gesprungen — Mar. Was? Der Azor? Balz. Er war mehr lron ami, als Azor — er hat ihm ans der Hand gefressen und bat gewedelt. Mar. Was? Morgen erschieß ich daS Brest! Tinch. (für sich). Er ist's wirklich! (Sie wendet sich ab und hält sich, beinahe einer Ohnmacht nahe, an die Lehne eines Sessels.) Jac. (welcher sie fortwährend im Auge behalten, für sich) Ich hab's! — Diese Symptome sind zu klar! Mar (zu den Jägerburschen). Na — weiter — weiter! Kurt. D'rauf sind wir ihm nach und haben ihn festgepackt. Mar. Na, so bringt den Kerl nur herein! Haben wir nur Einen, so kommen wir der ganzen Bande auf die Spur. Jac. (halb für sich). Ja, der ganzen Bandelei! — Ich bin nur neugierig, was sie für einen Gusto hat. 13 Zwölfte Scene. Vorige. Berthold. Einige andere Jägerburschen. Berth. (welcher absichtlich das Gesicht ab- wendet, wird von den Jägerburschen herein- geführt). Jac. Laßt nur zuerst mich den Kerl anschauen —«ich bin in der ganzen Umgegend bekannt. — (Nimmt das Licht vom Tische und geht zu Berthold.) Tinch. (während dies geschieht, für sich). Gott im Himmel, erbarme Dich! Jac. (dreht BertholdS Gesicht gegen sich). Gib dein Gesicht her! (Beleuchtet dasselbe.) Berth. (leise, mit flehender Stimme). Meister! Ich bin's — helft mir! Jac. (für sich). Alle Wetter! Der — und Die — alle Zwei meine Patienten — und die nämliche Krankheit! (Zu Berthold. die Faust erhebend). Wart'! Jetzt werd' ich Dich schon culiren. Mar. Na, was ist's denn? — Kennst Du ihn? Jac. (laut). Freilich kenn' ich ihn! Die (auf Balzer und Kurt weisend) haben schon den Rechten erwischt. Balz, (stolz). Ich glaub's — wo ich dabei bin — Jac. (auf Berthold weisend). Der ist wirklich ein Brandstifter! ^ Mar. Also doch? Balz. Nieder mit ihm! Tinch. (für sich.) Mein Gott! Berth. (leise). Meister, was thut !Jhr denn? Kurt. Ja, zu vermuthen ist's schon — aber wie läßt sich das beweisen? Jac. Braucht's noch einen weiteren Beweis, wenn man einen ans der frischen That ertappt — wenn man das von ihm angelegte Feuer sieht? Mar , Carol. ! (rasch gegen das Fen- Balz. > ster eilend). Kurt I Ein Feuer? Wo? Die Jägerb. / Jak. Ja, beim Fenster dürft Ihr nicht hinausschauen — (Eilt zu Tinchen. faßt ihre Hand und weist mit einem Finger ans ihr Ge- sicht.) Da — da schaut her! Alle (wenden sich rasch um). > Was so« bas? Tinch. (leise, in höchster Angst). Herr Gevatter! Jak. Seht Ihr nicht, wie es da brennt? Die furchtbare Röthe auf den Wangen, und bei den Augen schlagen die Flammen heraus. Balz. Meiner Seel'! — Mich wundert nur, daß noch kein Feuerlärm zu hören ist. Jak. Das hat Alles der (auf Berthold weisend) gethan. — Wart, verdammter Kerl! Mar. Aber wie ist mir denn? Was soll denn das Alles? Jak. Du meinst, was geschehen soll? — Der Brandstifter soll streng bestraft werden, und zwar nach dem veralteten grausamen Gesetz, welches also lautet: Balz. Hört! Hört! Jac. (citirend). Wen« man bei einer Feuersbrunst den entdeckt, der das Feuer gelegt hat, so (saßt Berthold an der Hand) soll man ihn mitten in das Feuer—hineinwerfen! (Schleudert Berthold so gegen Tinchen, daß er ihr gerade an die Brust finkt.) So! Da lieg'! — Verbrenn' meinetwegen! Mar. Aber Gevatter, was thust Du denn? (Will zu Tinchen und Berthold.) Jac. (ihn aufhaltend und an der Hand fassend, leise). Halt! Halt! Hör' mich an! — Und Sie (zu Caroline) Frau Gevatterin auch! (Faßt auch ihre Hand.) Balz, (auf die Liebenden weisend, welche sich noch immer umschlungen halten). Aber was ist' denn? — Mir scheint, das Feuer greift immer mehr um sich — soll ich nicht wenigstens eine Spritzkanne holen? Jac. Lasset nur! Da ist nichts mehr zu retten. (Leise zu Max und Carolinen.) Ihr habt mich aufgesordert, das kranke Mädel zu curiren — Mar. Das wohl — l Iac. (leise). Ihr habt mir Euer Wort darauf gegeben, jedes Mittel anjuwendeu, welches ich verordnen werde? — Carol. Ja, das wohl — Iac. (laut). Na, seht, ich Hab' erkannt, was der Jungfer Tini fehlt, und verordne (zwischen Tinchen und Berthold tretend und Letzterem die Hand auf die Schulter legend) das Hausmittel! Wenn Ihr's nicht gutwillig gebt, so stehe ich für die Folgen nicht. Balz. Was? Den soll die Jungfer Tini entnehmen? Auf einmal oder alle Stund' ein paar Eßlöffel voll? ^ Aber wer ist's denn? Carol. j ' Iac. Das ist mein bravster, bester Gesell, ein ehrlicher, sparsamer Mensch — mit einer geschickten Hand, einem Hellen Kopf nnd einem guten Herzen. Berth. (auflebend). Meister! Iac. (zu Berthold). Stillsei! — Ich rede! (Zu Max und Carolinen.) Dem will ich, sobald er von seiner Wanderschaft zurückkommt, mein Schmiedegeschäft übergeben — dann ist er ein gemachter Mann, der sein Weib erhalten kann — und darum — (sich in devoter Haltung Maxen und Carolinen nähernd, mit komischer Eeremonie) Hochzuverehrender Herr Vater! So wie nicht minder respektable Frau Stiefmutter! Erscheine ich ganz ergebenst vor Euch als Brautwerber für den ehr- und sittsamen Junggesellen Berthold Schlager, als welcher in hohem Maße Eurem holden liebwerthen Töchter lein in Liebe zugethau thun sein thäte und bitte um gütigen Bescheid. Tinch. (in höchster Freude). Herr Gevatter! Berth. Meister! Mar. Ja, wie ist mir denn? Mir schwindelt völlig. Iac. Die Festung wankt — jetzt den Hauptsturm! (Zu Tinchen und Berthold.) Geschwind! Im Sturmschritt, Marsch! Daher! Berth. t (eilen zu Mar und knieen vor Tinch. s diesem nieder). Berth. Herr Aumann! Tinch. Vater! Mar. Was soll ich denn? Ihr überrumpelt mich ja förmlich — ich Hab' ja gar nichts gewußt — Iac. Mach' Dir nichts d'rausl Bei so etwas ist der Vater immer der Letzte, der's erfährt — das ist welthistorisch. Mar. Und jetzt auf einmal, — das will doch bedacht sein. — Iac. (zu Maren leise). Demc Tochter ist ganz krank vor Liebe — wenn Du ihr ihn nicht gibst, ist's aus mit ihr. Carol. t Was? — Um Alles in der Mar. j Welt! Iac. Ich sag' Euch, sie wird hin! — Also nicht lang überlegt! Heut' ist just Euer Vermälungstag, warum soll der nicht zugleich ein Verlobungstag sein? DaS muß schon so im Datum liegen. Macht die zwei jungen Leute so glücklich, als Ihr es selber seid. Mar. (zu Tinchen). Ja, sag' mir nur, hast Du denn den Burschen gar so gern? Tinch. Vater! Ich kann nicht leben ohne ihn. Iac. (zu Max). Da hörst Du's! — Ihr Leben ist pfutsch — ich hab's ja gesagt. Mar (zu Berthold). Und Du? Meinst Du's ehrlich? Wirst Du sie glücklich machen-? Berth. Ich schwör's beim allmächtigen Gott! Ich will nur für sie leben! Mar. Na, — so — in Gottes Namen! Berth. t (springen auf und wollen ihm Tinch. s um den Hals fallen). Vater! Mar. Halt! Gar so rasch geht's doch nicht. — Ihr könnt Euch derweil als Verlobte betrachten, aber heiraten dürft Ihr erst, wenn der (auf Berthold weisend) sein Meisterrecht hat. Berth. O Dank! Dank! TausendDank! (Stürzt an MarenS Brust.) Tinch. Vater! Mutter! (Eilt zuerst Carolinen, dann Maxen an die Brust.) Balz, (die allgemeine Freude trübselig betrachtend). Gott, — die Freude! — Wie gut di e's haben — wenn ich denke, wie cS mir erging, als mein Derhältniß entdeckt 15 wurde! (Reibt sich den Rücken.) O, meine Vergangenheit! (Zu den andern Jägerburschen.) Kommt, Cameraden! Den Anblick halt' ich nicht aus. (Ab. Kurt und die Jägerburschen folgen ihm.) Jac. Aber jetzt, glaub' ich, wär's ange- zeigt, zum Nachtmahl zu gehen. — Was muß sich der Schildhahn von uns denken, daß wir ihn so lang warten lassen? — Na, der (auf Berthold weisend) darf jetzt doch auch mithalten? Jungfer Tütchen wird schon ihre Portion mit ihm theilen. Tittch. Ja, ja! (Zu Maxen und Carolinen.) Ihr habt doch nichts dagegen? Ich werde gleich für ihn aufdecken. (Eilt lustig zu einem Schranke zmd holt ein fünftes Couvert, welches sie auf den Tisch stellt.) So, lieber Berthold, — da setz' Dich her — da zu mir! Mar (Tinchen betrachtend). Meiner Seel'! So lustig Hab' ich das Mädel schon lang nicht gesehen. Jac. Ja, mein Hausmittel! Ha, ha, ha! — Gelt, die Kur ist geschwind gegangen? Aber die Natur hat halt auch mitgeholfen. (Während dieser Rede sind Alle zum Tische gegangen und haben Platz genommen.) Jac. Aber jetzt vor Allem eingeschenkt, (schenkt Allen ein) die Gläser in die Hand genommen und angestoßen: Die Eheleute und die Brautleute sollen leben! Alle (stoßen an). Mar (in heiterster Laune). Das hätt' ich mir nicht träumen lassen, daß ich mein Töchterlein heute noch als Braut sehe! Berth. Gott! Wenn ich hätte hoffen können, daß Alles so schnell, so leicht geht! — Aber das haben wir nur meinem lieben Meister zu danken. Jac. Ah was! Das ist nicht mein Verdienst — das liegt in unseren Verhältnissen. Wo nicht viel ist, da ist Alles leicht geordnet. Mar. Recht hast Du, Gevatter! Darum nehmt Ihr, junges Volk, Euch ein Beispiel an uns Aeltern. Wir sind arm und leben von heut auf morgen, aber so lang wir da (auf's Herz weisend) so reich sind, haben wir keinen andern Wunsch, als den: Herr! laß es immer so bleiben, wie es jetzt ist! Jac. Ja, steht auf! Nehmt die Gläser! Alle (erheben sich mit den Gläsern in der Hand). Jac. Wie es jetzt ist, soll's auch bleiben hinfür, Das Unglück klopf' niemals an eure Thür! Alle (wollen eben mit den Gläsern anklingen — in diesem Augenblicke wird an der Thür gepocht). Carol. (mit vor Angst gepreßter Stimme). Herein! Dreizehnte Scene. (Die Mittelthür öffnet sich, — Victor von WallhauS. ganz schwarz, aber mit feinster Eleganz gekleidet, einen Flor auf dem Hute, steht grüßend unter derselben.) Alle (treten beinahe von Scheu erfaßt, vom Tische weg, mehr gegen den Vordergrund). Victor. Ist es erlaubt einzntretcn? (Der Vorhang fällt.) Zweiter Art. (Saal auf dem Schlöffe Rüdenstein im Re- naiffance-Stile, an der Hinterwand hängt ein großes Bild (Kniestück). welches einen Mann im Alter von ungefähr sechzig Jahren, mit weißem Haar und Bart, in einem in breiten Falten über die Schulter geworfenen Mantel, stehend, die Hand auf einen mit grünem Tuche behangenen Tisch gestemmt, darstellt. Der Vorhang ist zurückgeschoben und hängt seitwärts neben dem Bilde. Unter dem Bilde ist die Mittelthür» rechts und links Seitenthüren. Im Saale elegante, jedoch auch im gleichen Stile gehaltene MeubleS. In der Mitte ein großer Tisch, worauf die Ueberreste eines schwelgerischen Soupers. Gläser, Flaschen in EiS ge- kühlt rc. ES ist noch der früheste Morgen — herabgebrannte, aber noch brennende Kerzen in silbernen Armleuchtern stehen auf dem Tische.) Erste Scene. Victor. Herr vou Ammer. Herr von Schwirr. Herr v. Reckcubcrg. Mehrere 16 andere Freunde Victors (theils stehend, theils fitzend, rings um den Tisch. — Elfterer noch im selben Anzuge, wie zu Ende des ersten ActeS, Letztere in eleganten Jagd. CostumeS, alle die Champagnei'Gläser in Händen haltend). Trinklied. (Gesungen von Victor oder einem Gaste.) Chor. Leeret die Gläser und schenkt wieder ein, . Cs schwinden die Sorgen, die Lust herrscht allein. Der Wein! Der Wein! Solostimme. 3m schäumenden Perlen der Reben Verschwindet deS Zweifels Qual, Der Wein nur vermag uns zu geben, Die seligste Ruh allzumal! Zweifelst Du, Freund, an des Liebchens Schwur — Dein Glas reich' uns her, und grüble nicht mehr! Sinkst taumelnd Gott Bachus an's Herz Du nur, Glaubst jedem Mägdlein fein — Sein Herz sei rein! Beim Wein! Beim Wein! Chor. Leeret die Gläser und schenkt wieder ein, An Tugend der Mädchen glaubt man erst beim Wein! Solostimme. Und sollte der Muth Dir einst schwinden, Non Kummer und Herzeleid — So suche die Hoffnung zu finden, Sic trägt ein Rebenblätterklcid! Sieh' Dir die Welt an durch ein Glas, Geschärft unter'm Faß Durch der Trauben Naß; Gleich blitzt in die kümmernde Seele dein 3m strahlenden Schein Die Hoffnung hinein! Beim Wein! Beim Wein! Chor. Leeret die Gläser und schenkt wieder ein, Man glaubt und man hofft nur beim Glase voll Wein! Ammer. Höre, Victor, das war eine famose 3dee, daß Du beschlossen hast, die Tranerzeit nicht in der Stadt, sondern hier auf dem Gute Rüdenstein zuzubringen! Vict. 3n der Residenz hätte ich aus bloßer Rücksicht für die öffentliche Meinung sauere Gesichter schneiden und alle rauschenden Vergnügungen meiden müssen, darum begab ich mich gleich nach Empfang der Nachricht vom Tode meines Onkels hieher, lud Euch, meine alten Kumpane, ebenfalls ein, und will nun hier die ersten Wochen meiner tiefen Trauer recht kreuzfidel und lustig zubringen. Schwirr. 3a, wer an deiner Stelle sein könnte, aber die reichen Onkels, welche ihre Neffen zu Universal-Erben einsetzen, kommen fast ganz aus der Mode! Vict. Wen hätte mein Onkel sonst zum Erben einsetzen sollen, als mich? Er hatte keine andern Verwandten, als meinen verstorbenen Vater, der sein Bruder war, und mich. — Keckenb. Aber hörte ich denn nicht einmal, daß dein Onkel auch eine Schwester gehabt habe? Vict. 3a wohl — die hätte aber nie Anspruch auf eine Erbschaft gehabt — sie ist nämlich schon vor langer Zeit mit einem Abenteurer, in den sie sich vernarrt hatte, durchgegangen, und ließ sich heimlich mit ihm trauen. — Nachdem dieser ihr bischen Habe dnrchgcbracht, und sie Mutter eines Kindes geworden, verließ er sie wieder. — Aber nun kümmerte sich Niemand von unserer Familie mehr um sie, und erst später erfuhr man durch die Zeitungen, daß sie obdachlos umherirrend, ferne vonderHaupt- stadt, elend zu Grunde gegangen sei. Schwirr. Und ihr Kind? Vict. Da die Ehe eine ungesetzliche war, kümmerte man sich natürlich auch um die 17 Frucht derselben nicht. So blieben nur die zwei Geschwister, der Onkel, und mein ! Vater. Nachdem dieser gestorben — ich war damals erst vier Zahre alt — gelobte i der Onkel an mir Vaterstelle zu vertreten, liebte und hätschelte mich auch wie ein > eigenes Kind, und legte, kurz bevor er nach London übersiedelte, sein Testament, wel« ches für alle Fälle mich zu seinem Univcr- sal-Erben ernannte, in die Hände meiner Mutter — sandte aber auch während seiner Abwesenheit jährlich eine bedeutende Summe zur Bestreitung meiner Ausbildung. Ammer (lachend). Nun, Du hast das Geld auch redlich dazu verwendet. Hahaha! Dict. Ja, zu den Studien, welche ich machte, reichte des Onkels Geld gar nicht aus! Aber was that's? Gegen Vorweisung des Testamentes stand ganz Israel in allen Anlehensgeschäften mir zu Gebote! 3ch sage Euch — ich steckte schon höllisch tief d'rin — nun könnt' Ihr Euch aber die frohe Ueberraschnng denken, als vor acht Tagen ein schwarzgesiegelter Brief aus London ankam, worin der Anwalt meines Onkels, ein gewisser Doctor Falter, mir meldet, daß jener plötzlich vom Schlage getroffen, und Tags darauf verschieden sei! Ammer. Nun, Gott Hab' ihn selig! — Aber nun wirst Du wegen Ordnung deiner Erbschaftsangelegenheiten eine Reise nach London antreten müssen? Vict. Das weiß ich noch nicht, dieser Doctor Falter schrieb mir unter Einem, daß er acht Tage nach Abgabe seines Briefes — das wäre also heute — hier auf Schloß Rüdenstein, welches mit zur Erbschaft gehört, cintreffen werde. Vielleicht läßt sich das Ganze durch ihn arrangiren. Schwirr. Das wäre das Beste! Dann bleibst Du hier. — Vict. Und Ihr bei mir! Es soll ein sideles Leben werden! Ich erlaube Euch, auf meinem Schlosse das Oberste zu unterst zu kehren! Ammer. Das wollen wir auch, deine Keller sollen gelichtet werden. ThtLier.Ntptllo» Nr. 77. Schwirr. In acht Tagen soll man kein Wild mehr in deinen Forsten finden. Keckenb. Wehe den hübschen Dirnen im Orte. Dict. Nun, ich gestatte Euch auch auf diese freie Jagd — Eine ausgenommen! Ammer. Was hör' ich? — Hast Du hier schon ein Blümlein Wunderhold gefunden? Vict. Ja, das hat so seine eigene Be- wandtniß. Denkt Euch nur, dieser Doctor Falter schrieb mir am Schluffe seines Briefes, ich möchte, hier angelangt, sogleich das Haus des hiesigen Revierjägers besuchen und mir dessen Töchterlein besehen. Ammer. Aha! Also deshalb schlichst Du Dich gestern, noch spät Abends, fort? Vict. Ja, das war die Ursache! Ich ging in's Jägerhaus, führte mich als den neuen Gutsherrn ein, und sah wirklich ein Mädchen — ein Kern-Mädchen, sag' ich Euch — so nett, so appetitlich — Schwirr. Bist ein Glückspilz! Nun, ich gönne sie Dir, und bringe dieß Glas aus auf das Wohl der allernenesten Flamme unseres Freundes! Alle (stehen auf und stoßen an). Sie lebe hoch! Zweite Scene. Vorige. Dr. Falter. Jean. Jean (führt Falter durch die Mitte ein. auf Victor weisend). Hier ist der gnädige Herr! (Geht wieder ab.) Falt, (ein alter Mann, in einem bis oben zugeknöpften Oberrocke, bleibt anfangs mehr im Hintergründe stehen.) Ah, da geht's ja recht ^ lustig der! (Mehr vorwärts kommend, und zu Victor tretend, indem er diesen auf die Schulter l klopft.) Herr von Wall Haus! Dict. (sieht sich überrascht um). Ha — > Sie —! Falt, (legt den Finger auf den Mund, leise). : Pst! Stellen Sie mich Ihrer Gesellschaft nicht vor — es hat seine Ursache- r Vitt. (mit ihm vom Tische weg — mehr seitwärts tretend). Wie — Herr Doctor? — Was soll das bedeuten? Falt, (leise). Ich hoffte hier auf diesem Schlosse mit Ihnen allein Zusammentreffen zu können — einer wichtigen Mittheilung wegen. Dict. Sic machen mich neugierig — indeß allein können wir gleich sein. (Zu seinen Freunden.) Freunde, — Ihr vergebt wohl — dieser Herr kommt in dringenden Geschäftsangelegenheiten — Ammer. Da wollen wir nicht stören— wir machen indeß einen Spaziergang in den Park. — Es ist auch bereits Heller Tag geworden. (Zu den Uebrigen.) Also kommt! (Zu Victor.) Auf baldiges Wiedersehen! (Alle ab, außer) Victor — Falter. Vict. Ihre Mittheilung muß wirklich wichtiger Art sein, da Sie, eben von einer so weiten Reise kommend, sich nicht einmal früher eine Erholung gönnen. Falt. Ja, ich bin zwar sehr erschöpft — bin die ganze Nacht hindurch gefahren, ohne ein Auge zu schließen — indeß ist die Angelegenheit so dringend — Vict. Sprechen Sic! Falt. Sogleich, — erlauben Sie nur, (indem er sich einen Stuhl herbeiholt und sich setzt) ich bin zu müde. Aber setzen Sie sich doch auch. Vict. Ich danke. Falt. Setzen Sie sich, (ihn bedauernd ansehend) so brauchen Sie sich nicht erst später um einen Stuhl umzusehen, wenn Ihnen Ihre Füße vielleicht den Dienst künden sollten. Vict. Was sollen diese Reden? (Setzt sich neben Falter.) Sie machen mich wahrhaft ängstlich! Mein Onkel war doch wirklich so reich, als man allgemein glaubte? Falt. Ja, der Arme hinterließ beinahe zwei Millionen. Vict. Und diese gehören — Falt. Den Erben natürlich! Vict. Also mir! Falt, (sieht Victor wieder mit einem bedauernden Blicke an). Vict. Was sollen diese Blicke? Ist denn nicht das Testament in meinen Händen, ich hab's sogar bei mir (zieht eine Schrift aus der Brusttasche) hier. Falt, (ohne darauf zu sehen). Ja, ja, ich weiß, das vor zwölf Jahren verfaßte. (Be- deutnngsvoll.) Vor zwölf Jahren — Vict. Nun — und was weiter? Falt. Ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich Ihnen die Sache schonend genug vorkragen soll. Vict. (immer gespannter und ängstlicher)» Foltern Sie mich nicht mit einer langen Einleitung! — Zur Sache — zur Sache! Falt. Wir sind dabei. Dieses Testament (auf die von Victor gehaltene Schrift deutend) setzte Ihr Oheim vor seiner Abreise nach London auf, dachte auch wirklich nicht daran, jemals eine Aenderung zu treffen. Vict. Eine Aenderung? Falt. Während der letzten Jahre kam er aber auf die fatale Idee, seine hiesigen Agenten zu beauftragen, Sie, ohne daß Sie eine Ahnung davon hatten, zu überwachen, und ihm schriftliche Berichte über Ihren Lebenswandel einzusenden. Wie diese lauteten, werden Sie, bei einem Rückblicke auf die verflossenen Jahre, wohl selbst wissen. Vict. Schrieb man Nachthciliges über mich? Verleumdung! F al t. So? Haben Sie, wie Ihr Oheim es wünschte, Ihre Studien vollendet? Dict. Als Erbe eines Millionärs stu- diren? Luxus! Falt. Haben Sie nicht den Wunsch, den lieben Onkel bald unter der Erde zu wissen, hei verschiedenen Gelegenheiten laut ausgesprochen? Vict. Wenn mein Onkel mich zu beerben gehabt hätte — hätte er mir wahrscheinlich dasselbe gewünscht. Falt. Er aber nahm sich dies zu Herzen — ja, er war so empört darüber, daß er nachsann, wen er — statt Ihnen, zu seinem Erben einsetzen könnte? 19 Vict. Und wer könnte dieß sein? Falt. E: erinnerte sich seiner unglücklichen Schwester, und daß diese -in Kind hinterlassen habe, — er ließ nun Nachforschungen anstellen — es stellte sich heraus, daß diese Tochter seiner Schwester hier in diesem Ort lebe, und zwar als die Frau eines armen, aber wackern Mannes. Diese Nachricht bewog ihn, dies Gut kaufen zu lassen, er wollte selbst hieher reisen, hatte deshalb auch schon sein Meublement und die Dienerschaft voransgeschickt, als ihn so ganz unvermuthet der Tod ereilte. Dict. Zum Glücke — zum Glücke! Falt. Sie irren — denn wenige Minuten vor seinem Verscheiden legte er diese Schrift in meine Hände. (Zieht ebenfalls eine Schrift heraus.) Vict. Diese Schrift? Falt. Es ist ein nachträglich verfaßtes, von ihm eigenhändig geschriebenes Testament, wodurch er das frühere gänzlich an- nullirt. Vict. (starr vor Schreck). Annullirt? Das ist nicht möglich — es kann nicht sein! Falt, (hat indeß die Schrift entfaltet und hält sie Victor hin). Sie kennen doch die Schrift Ihres Onkels? Vict. 3a — ja — (Liest.) Setze ich — mein früheres Testament — außer Kraft — und vermache mein Gcsammtvcrmögen meiner Schwcstertochter, der Frau Caroline Aumann, geborncn Mellrich, und deren Ehegatten, dem Revierjäger Mar Anmann. Falt. Sind Sie nun überzeugt? Vict. Fürchterlich überzeugt, und dieß Testament — (langt mit Wildheit darnach). Falt. (eS rasch zurückziehend). Halt! Halt! Gemach! — Mit dieser Urkunde muß man vorsichtig umgehen — sie ist ja das einzige Eremplar! (Faltet das Papier sorgfältig wieder zusammen und steckt es ein.) Und ich bin beauftragt, cs sogleich nach meiner Ankunft beim hiesigen Gerichte zu depo- niren, und die Realisirung zu betreiben! Dict. (wendet sich mit einer Geberde der Verzweiflung zum Abgehen). Leben Sie wohl! Falt. Ei, wohin denn? Dict. (nach oben weisend). Zu meinem Onkel! Falt. Nach jenseits! Eine weite Reise — Dict. O nein! Das Jenseits liegt vom Dießseits nur einen Pistolenschuß weit! Falt, (den Kopf schüttelnd). Ei, ei, ei; zum Erschießen haben Sie noch immer Zeit, wenn alle andern Mittel fehlschlagen! Dict. (wieder auflebend). Andere Mittel? Gibt es noch welche? — Doctor! Menschenfreund! Himmelsgesandter! Ich kniee nieder vor Ihnen, ich bete Sie an, wenn Sie nur einen Ausweg wissen! Falt. Na, na, wir wollen sehen — setzen Sie sich nur wieder! Dict. (in den Stuhl sinkend). 3ch sitze! Falt. Seh'n Sie — nachdem ich das Testament gelesen, hatte ich Mitleid mit Ihnen — ich hatte Sie ja, als ick in Angelegenheit Ihres Onkels einige Male nach Wien reisen mußte, kennen gelernt — dachte — der junge Mann mag wohl etwas leichtsinnig sein, aber die Strafe ist denn doch zu hart; da sann ich denn nach und da fiel mir so ein Mittelweg ein! Vict. Ein Mittelweg? — Die Mittelstraße soll ja stets die goldene sein — sprechen Sie! — Falt. Der Jäger hat ja, so wie ich hörte, eine Tochter — Vict. Ja, ja, ein reizendes Mädchen — Falt, (mit seinem Stuhle zu dem Victors näher rückend). Nun sehen Sie — diese Leute erfahren ihr Glück erst dann, wenn ich das Testament dem Gerichte übergeben haben werde. Vict. (errathend). Und so lange könnte ich als der reiche Erbe gelten — Falt. Und als solcher um die Gunst und die Hand des Mädchens werben — die Hochzeit so sehr als möglich beschleunigen — Dict. Und erst, wenn ich bereits mit ihr vermält wäre — Falt. Erst dann übergäbe ich das Testament dem Gerichte — .'ch könnte ja vorschützen, daß eine Krankheit meine Herreise verzögert habe-Sie sind dann r * 20 bereits Schwiegersohn, und als solcher ein Mitgenoffe des Vermögens — Dict. Das hiemit doch ganz in meine Hände kommt. (Aufstehend.) Doctor! Doc- tor! Der Plan ist kolossal! Pyramidal! Ja, ja — das Mädchen wird geheiratet— auf jeden Fall! Ich kann ihr nicht helfen! wird geheiratet! heute noch muß die Sache geordnet, morgen schon soll die Hochzeit sein! Falt. So, so! so schnell wollen Sie das Herz des Mädchens erobern? Vict. Das Herz? ich brauche nur ihre Hand! Falt. Ueberstürzen Sie die Sache nicht, denn sind Sie einmal.abgewiesen, dann weiß ich kein anderes Mittel. Vict. Abgewiesen? Ich? — der für einen Millionär gilt, von solchen Leuten! Falt. Junge Mädchen legen oft wem ger Gewicht auf den Reichthum — Vict. Aber destomehr die Eltern, und diese werden sie zu zwingen wissen — Falt. Ihr Kind zwingen, bloß ihres eigenen Vortheils wegen? Nach dem, was Ihrem Onkel über diese Leute berichtet wurde, ist dieß nicht zu erwarten. Dict. Was über sie berichtet wurde! Ha, ha! sie wurden ihm so recht ideal geschildert — ich will Ihnen aber den Beweis liefern, daß gerade solche Leute durch die Aussicht anf Neichthum zu Allem zu bestimmen sind. Darum lassen Sie mich nur gewähren! In einer Stunde habe ich das Jawort! Sie sollen gleich sehen! (Klingelt.) Dritte Scene. Vorige. Jean. Jean (tritt ein). Euer Gnaden! Vict. Einer von Euch geht sogleich in's Jägerhaus, der Revierjäger und seine Frau — hört Ihr — und seine Frau sollen augenblicklich zu mir kommen! Jean (will ab). Dict. Wartet! (Für sich.) Ja, ja, das wird wirken. (Laut.) Ihr führt sie sodann in den Saal mit dem Glbsbalcon und sorgt dort für ein Frühstück! Jean. Sehr wohl, Euer Gnaden! (Ab.) Falt. Mich sollen die Leute vor der Hand nicht sehen! Auch bin ich sehr — sehr müde — die schlaflose Nacht will eingebracht sein, wenn Sie mir daber ein Gastzimmer allweisen wollten, so möcht' ich wohl ein Stündchen der Ruhe pflegen. Vict. Sie wollen schlafen? Falt. Ja, ja, ich sehne mich sehr darnach! Vict. (dem man eS anmerkt, daß ihn ein Gedanke durchzuckt, rasch). Mein eigenes Schlafzimmer steht Ihnen zu Gebote, gleich hier nebenan. (Auf eine Seitenthür weisend.) Wünschen Sie einen Diener? Falt. Nein, nein, ich bin's gewohnt, mich selbst zu bedienen. Vict. Sie finden jede Bequemlichkeit — und damit Sie ja nicht gestört werden, nehmen Sie hier den Schlüssel und sperren Sie von innen ab. (Gibt ihm einen Schlüssel.) Falt. Ich dankeJhnen! Nun Glück auf! Glückauf! (Sich die Augen reibend.) Ah — der Schlaf — kaum kann ich mich mehr bemei- stern! (Geht in die Seitenthür ab, man hört ihn von innen abschließen) Vict. (mit gedämpfter Stimme). O schliefe er doch ein, um «immer zu erwachen! — Dieses Testament, das er bei sich trägt — (In Gedanken.) er sagte, es besteht nur dieß eine Eremplar — und — (sich selbst beruhigend) doch — es wird mir nicht schaden! Das hübsche Jägerkind zu heiraten ist eben kein Opfer! — Wenn's aber doch nicht zu Stande käme! (Preßt die Hand an die Stirne.) Hm! Hm! (Geht rasch, doch leise zur Seitenthür und will durch das Schlüsselloch sehen). Er hat den Schlüssen innen stecken lassen. Jean (tritt wieder ein). Euer Gnaden! Dict. (fast erschreckt in die Höhe fahrend). Was soll's? Jean. Ein alter Jägerbursche, der bei- 21 nahe durch dreißig Jahre hier im Dienste steht, bittet vorgelafsen zu werden. Dict. (für sich). Durch dreißig Jahre hier bedienstet? Von dein könnt' ich einigen Aufschluß erhalten. (Laut.) Laß ihn einte eten. Jean (öffnet dem Eintretenden die Thür, dann ab). Vierte Scene. Victor, Balzer. Balz, (etwas mehr aufgeputzt, als im ersten Acte, den Hut unter dem Arme haltend, tritt mit aller ihm möglichen Grazie ein. und ist stets bemüht, den Mann deS SalonS zu spielen). Euer Gnaden! Ich bin so frei, meine Aufwartung zu machen! Vict. Und was will Er? Balz. Eine Stellung, welche meinen Talenten besser entspricht! Vict. Welchen Dienst bekleidet er hier? Balz. Gegenwärtig bin ich Jnstructor der vierfüßigen Jagdgehilfen. — Schmachvolle Gegenwart! aber ich habe eine Vergangenheit! habe bereits Salondkenste verrichtet, (stolz) war schon Büchsenspanner, bis mich die Cabale Mächtigerer von diesem Posten verdrängt hat! Aber meine Würde muß mir wieder werden, wenn es noch eine Gerechtigkeit auf der Welt gibt, und ich hoffe, Euer Gnaden werden der Mann dazu sein! Wäre mir leid, wenn ich mich in Ihnen getäuscht hätte! Vict. Hm! es könnte Rath dazu werden! Ich brauche eben einen gewandten Burschen. — Balz. Zu diesem Burschen bin ich ganz der Mann! Vict. Bei wem hat Er früher gedient? Balz. Im Hanse des Herrn von Rog genheim — Vict. Roggenheim? — Das war ja ein entfernter Verwandter meiner Mama! Balz. lVlamn? Oorurnevt? Dict. Sie wurde ja in seinem Hanse erzogen. — Balz, (immer mehr aufmerksam). Im Rog- genheim'schen Haus? — Und wie lang ist sic in dem Haus geblieben? — Vict. Bis zur Zeit, als sie sich ver- mälte. — Balz. Vermält? Ihre Mama ist ver- mält? (Für sich.) Alles trifft zu! (Laut.) Mit wem — um Gottes willen, mit wem? Dict. Nun mit meinem Papa, dem Herrn von Wallhaus. Balz. Wall — (hält sich wankend an einem Stuhl — mit fast erstickter Stimme für sich). Sie ist es! Fassung! Fassung! (Laut.) Und lebt dieser Elende — wollt ich sagen — der Herr von Wallhaus noch? Vict. Nein — der ist längst tobt! Balz, (aufathmend). Das ist ein Glück für ihn, (mit unterdrückterWuth, für sich) sonst hätt' ich diesem Herrn von Wallhaus den Garaus machen müssen! Vict. Aber was ist ihm denn? Balz, (sich sammelnd). Nichts — Nichts! (Absichtlich oberflächlich.) Ich weiß nur von der Geschichte — es war vor ungefähr dreißig Jahren — . (Bon einem Gedanken erfaßt, für sich.) Und jetzt ist sie Witwe — ist wieder frei — und Er (Victor ansehend) ist ihr Sohn! — (Wendet sich wieder gegen Victor, und sieht ihn, die Hände faltend, mit liebevollen Blicken an. Hingerissen.) Ich halte mich nicht länger! — an mein Herz! (Eilt auf ihn zu, und schließt ihn ungestüm in seine Arme.) Vict. (sich losmachend). Laß er mich los! — Zum Teufel, was übcrkommt Ihn denn? Balz. Gefühle — nie geahnte Gefühle! Ich — ich habe Ihre Mutter gekannt — Sie sind ihr Sohn — Sie sind ihr ganz aus dem Gesicht geschnitten, und wenn ich so ein Gesicht sehe — (Für sich.) ruhig! ruhig! Vict. Hör' Er — Balz. O nicht per: »Er* das thut zu weh—sagen Sie »Du« zu mir, nur »Du!« Ich will mir Alles von Ihnen gefallen lassen, denn ich liebe Sie, ich kann Ihnen gar 22 nicht sagen, wie ich Sie liebe, seit ich weiß, wer Ihre Mutter ist! Dict. Wenn dieß wahr ist, so könntest Du mir wohl von wesentlichem Nutzen sein! Balz, (mit Zärtlichkeit). O sage! sprich! Dict. Also komm' her, lieber Alter! Balz, (entzückt). Cr nennt mich seinen »lieben Alten!« (Für sich.) O wenn ick dieß wäre! Dict. Sage mir — die Tochter des Revierjägers — sie ist ein schmuckes Mädchen — hast Du nichts bemerkt — hat sie viel- leicht schon ein Liebesverhältniß? Balz. Versteht sich! Ist ja sogar schon Braut. Dict. (auffahrend). Braut?! Braut?! Das kann — das darf nicht sein! Balz, (erstaunt). Ja, »ras haben denn Sie dagegen? Dict. Alter! Dir kann ich mich ganz anvertrauen! Balz, (gerührt). O ja — schütten Sie sich ganz in meinem Busen aus! Dict. Ich — ich selbst will das Mädchen heiraten! Balz. Was? Sie? der vornehme Herr wollen das arme Jägermädel? Das ist schön von Ihnen, daß Sie so herablassend sind, ich sehe (wieder weich) Sie gerathen ganz Ihrer Mutter nach! Die hatte auch gar keinen Stolz. Dict. Und wer — wer ist mein Nebenbuhler? Balz. Ein junger Schmiedgeselle. Dict. (verächtlich). Ein Schmiedgesellt? (Für sich.) Doch, um so besser — je geringer er ist, um so leichter ist er zu verdrängen! (Bon Balzer wegtretend, immer mehr seine Gedanken verfolgend.) Wenn's aber doch zu spät wäre — wenn man sich »veigerte? — Zwar — was ich ihnen bieten will — aber (mit einem Blicke auf die Seitenthür) ein kluger Feldherr sichert sich für alle Fälle! (Nach einer Pause zu Balzer.) Alter! Du hast gehört, rch muß das Mädchen zur Frau bekommen — mein ganzes Lebensglück hängt davon ab. — Balz. Na, wenn's so ist — sein Sie ruhig! (Weich.) Ich habe nichts dagegen. Dict. Um aber sicher zum Ziele zu kommen, müssen außerordentliche Hebel in Bewegung gesetzt werden! Wenn ich wüßte, daß ich auf Dich zählen könnte — Balz, (feurig). In allen Fällen! Ich geh' für Sie in's Feuer und in's Wasser! (Für sich.) Ich muß das thun — er ist ja ihr Sohn! Dict. Es käme auf eine Probe an — besiehst Du dieselbe, so bist Du von dem Augenblicke an in meinen Diensten. Balz. In Ihren Diensten? (Für sich.) Da werde ich auch sie wieder sehen. Um den Preis pack' ich den leibhaften Teufel bei den Hörnern! (Saut.) Sagen Sie, was soll ich thun? Dict. Es gilt bloß einem meiner Bekannten (mit einem Blicke auf die Seitenthür) einen Schabernack zu spielen. — Doch hier sage ich Dir noch nicht, um was es sich handelt, geh' hinab — erwarte mich im Hofe, da, wo die kleine Wendeltreppe vorn Park heranfführt — dort rverd' ich Dir meine Instruction geben! Balz. Gut — von jetzt an gehör'ich Ihnen mit Leib nnd Seel' — jetzt verlassen Sie sich nur auf mich — der Gram unerhörter Liebe soll nicht länger an Ihnen beißen! Ich bin da! Wünschen Sie Dir- nenranb? Mit Vergnügen! Oder beliebt Ihnen Mord deS Nebenbuhlers? avse xlaim'r. Nur befehlen! Jeder Ihrer Wünsche ist mir ein Ukas! (Eilt a6. — Victor ent- fernt sich durch eine andere Thür.) Dict. (im Abgehen). Handle klug und »veise, es erwartet Dich königlicher Lohn. (Ab.) Fünfte Scene. (Ein anderer Saal im Schlosse, dessen Rückwand beinahe ganz von der breiten auf den Balcon führenden GlaSthür eingenommen ist. welche aber anfangs von einem Vorhänge gedeckt ist. — Rechts und links Seitenthüren — aus einem kleinen Tischchen ist ein Frühstück aus 23 Thee, kalten Fleischspeisen und einigen Bouteil- len Champagner gerichtet.) Jean, Mar, Caroline, dann Victor. Jean (läßt Mar und Caroline durch eine Ceitenthür eintreten). So, wartet hier einen Augenblick — ich werde Euch sogleich melden. (Ab in die entgegengesetzte Seitenlhür) Earol. Was nur der neue Gutsherr von uns wollen mag, und daß er mich auch dazu heraufbestellt? Mar. (den Kopf schüttelnd). Ich bin Dir seit gestern völlig abergläubisch geworden, daß er g'rad in dem Augenblicke bei uns eingetreten ist! Carol. Still, ich höre kommen. Vict. (tritt aus der Seitenthür). Ah, da seid Ihr ja, meine guten Leute! Ihr (zu Mar) glaubtet wohl, es betreffe eine dienstliche Angelegenheit? Dem ist nicht also — es war nur eine freundschaftliche Einladung — Ihr sollt' meine Gäste zum Frühstücke sein. — Mar. Frühstücken mit Euer Gnaden? Carol. Das getrauen wir uns ja gar nicht. Vict. Ihr macht mir dadurch ein Ver- gnügen! Ich habe Euch gleich bei unserem ersten Zusammentreffen lieb gewonnen — es gibt so ganz eigene sympathische Naturen — ich möchte mit Euch gerne auf einem recht — recht freundschaftlichen Fuße stehen — also macht keine Umstände! (Geht zu Ca- rolinen und legt ihren Arm in den seinen.) Schönes Weibchen, erlaubt, daß ich Euch zum Tische führe. Carol. (knirend). O ich bitte, das ist ja Alles zu viel Ehre! Vict. (einen Platz am Tische bietend). Nehmt Platz! Earol. Wenn Sie erlauben, bin ich so frei, damit ich den Schlaf nicht austrag! (Setzt sich.) Max. (geht auch zum Tische, für sich). Wo soll denn das hinaus? (Setzt sich.) Vict. (nachdem er sich ebenfalls gesetzt). Nun langt zu! (Nimmt eine Bouteille, schenkt ein. dann sein GlaS erhebend.) Vor allem — auf gutes Einvernehmen! Mar (stoßt an). Um das Hab' ich zu bitten. (Kostet.) Tausend, ist das ein Wein! Die Kälte — und doch das Feuer! Vict. (schenkt sogleich wieder ein). Erst beim zweiten, dritten Glase erkennt man seine Güte recht — trinkt nur, wir haben Vorrath! (Für sich.) Wenn ich ihm nur einen kleinen Spitz anzechen könnte. (Schenkt ihm wieder ein.) Nun laß uns ein vertrauliches Wörtchen sprechen. Ich war gestern bei Euch — euer Haushalt ist etwas beschränkt — Ihr habt wohl hier ein dürftiges Einkommen? Mar. Ha! das Einkommen ist so, daß das Auskommen schwer ist. V i c. Darum war ich darauf bedacht, euere Lage zu verbessern. Mar (freudig). Was? Euer Gnaden, vielleicht gar eine Försterstelle? Vict. Ich will mehr — weit mehr für Euch thun. ! M'hr? noch mehr? Vict. Aber es ist schwül hier im Saale — ich weiß auch gar nicht warum die Vorhänge geschlossen sind? Mar (aufftchend). Wenn Euer Gnaden befehlen — Vict. Ja, ja, seid so freundlich! Mar (geht zu der GlaSthür im Hinter- gründe, und zieht den Vorhang auf. ES bietet sich eine reizende Aussicht in ein weites, zu beiden Seiten vom GebirqSwalde begrenztes Tbal, durch welches sich ein kleiner Fluß zieht, an dessen Ufern zerstreute Bauernhöfe. Mühlen u. s. w- gesehen werden. Das Morgenlicht gibt der ganzen Gegend eine bezaubernde Färbung. Er tritt, von dem Anblicke mächtig ergriffen. einen Schritt zurück). Ha! wie prächtig! Wie wundervoll! Carol. (steht ebenfalls auf, und wendet sich gegen den Hintergrund, in gleichem Maße erstaunt und ergriffen). Gott! die schöne Aussicht! Und wie schön, wie lieb sich Alles g'rad von diesem Punct ausnimmt! Vict. (ist ebenfalls aufgestanden). Und Alles — so weit das Auge reicht — Mar. Ich weiß eS — das Alles gehört zu diesem Gute! Carol. Wie glücklich, wenn man sagen kann: Das Alles gehört mein! Da hat man ja schon ein Stück Welt! Pi et. Und wenn nun ich sagte: Dieses Schloß und Alles — Alles was Ihr hier erblickt — soll euer Eigenthum sein? Mar (mit freudigem Schreck zurücktretend). Was? mein? — mein? Carol. Unser? — o mein Gott! Mar. Die Waldung — Carol. Und das Schloß? Mar. Die Meierhöf' — die Gewerke — Dict. Euer — alles Euer! Mar. Aber meinHimmel! wie wäre denn das möglich? Dict. Pah! Dieß Gnt beträgt kaum den zwanzigsten Theil von dem, was mein Onkel mir hinterließ — wenn es mir nun aber ein Vergnügen machte, Euch damit zu beschenken? Mar. Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht! Aber nein — nein — Euer Gnaden machen uns da die Zähne lang, und es ist — es kann ja nichts Anderes sein, als ein gnädiger Spaß! Vict. Vollkommener Ernst, mein Ehrenwort darauf! Mar. Ihr Ehrenwort? Carol. Ja, da sollt' man's ja richtig glauben! Mar (zweifelnd). Aber so ganz ohne Ursache verschenkt man doch so was nicht — Sie werden dagegen etwas von mir verlangen. Vict. Nun ja — allerdings! Mar. Und das wäre? Vict. Ihr sollt es sogleich vernehmen — aber setzen wir uns nieder. (Geht mit Beiden wieder zum Tische zurück, sie setzen sich, er schenkt auf'S Neue wieder ein.) Noch ein Glas, ich bitt' Euch — Mar. Ja, ja. was Sic wollen! (Trinkt.) Aber reden Sie — kommen Sie zu Ende, denn ich fange schon an ganz wirklich zu werden! Dict. Ihr habt eine Tochter — Mar (erschreckt — daS GlaS auf den Tisch stellend). Meine Tochter?! Vict. Ein wunderholdes, liebreizendes Kind! Max. Euer Gnaden! reden Sie nicht weiter! Es gibt Sachen, an die ich nicht einmal denken darf. Dict. Nun, ich glaube, wenn ein Mädchen in dem Alter eurer Tochter ist, so ist es doch die Pflicht des Vaters, daran zu denken, sie zu verheiraten? Mar. Der — heiraten?! Und davon reden Sie? Vict. Ja, ja — daSMädchen hat mir's angethan. — Ich sühl's, ich kann nicht leben ohne sie. Mein Entschluß steht fest, und darum frage ich Encb ehrlich und offen: Wollt Ihr mir eure Tochter zur Frau geben? Carol. Was? Euer Gnaden? Sie? — Sie wollten unser Tinchen?! (Zu Max.) Mann! — die Ehre — das Glück! — Mar (immer mehr verwirrt). Laß' mich — laß' mich! ich weiß meiner Seel' nicht, wo mir der Kopf steht! Der Antrag — eine solche Heirat. Carol. (zu Mar). Denk' Dir nur, unser Tinchen eine gnädige Frau! Vict. (zu Carolinen). Dieß würden auch Sie als Besitzerin dieses Gutes. Carol. O mein Gott! Ich eine Gutsbesitzerin ! Vict. Dazu bedarfs nur Eines Wortes. (Zu Max.) Sagt »Ja* und noch in dieser Stunde soll der Vertrag aufgesetzt sein! Carol. (zu Max). Aber Mar! ich bitte Dich — so rede doch! Mar. Ich kann nicht! — jetzt nicht! Mir ist's, als ob alle meine Gedanken durcheinander wirbelten, wie aufgescheuchte Fledermäuse! Laßt mich nur zur Ruhe — zur Besinnung kommen! (Geht beinahe wankend zu seinem Stuhle, finkt auf denselben nieder, und birgt sein Gesicht in die auf den Tisch ge- stemmten Hände.) Vict. Nun, so lasse ich Euch jetzt allein 25 — überlegt Alles — ich will auch euere Tochter zu Euch führen lassen. Aber nur um Eins bitt' ich Euch, verlaßt das Schloß nicht früher, ehe Ihr mir Bescheid gegeben — versprecht Ihr mir dieß? Max. Ja, ja, aber lassen Sie mich nur! Dict. Nun so gehe ick! — (Führt Caro- linen etwas weiter von Mar weg, und küßt ihre Hand.) Carol. (knirend). O ich bitte, Euer Gua, den — Dict. (leise). Auf Ihre Fürsprache darf ich doch zahlen? Carol. (leise). Ja, ja, ich werd' ihm schon zureden. Dict. Dann bin ich meines Glückes gewiß, denn wer könnte Ihnen widersprechen! — Also (wiederholt ihre Hand küssend), theure Schwiegermutter, auf frohes Wiedersehen! (Für sich im Abgehen.) Ich habe die Frau zur Bundesgenossin — ich bin am Ziele! (Ab. an der Thür noch Carolinen grüßend zu- winkend.) Carol. Ist das ein lieber Mensch! (Geht zu Max, und legt ihre Hand auf seine Schulter.) Mar, jetzt sind wir allein! Mar (auS seinem Gedanken aufwachend). Ist er fort? (Steht auf.) Carol. Ja — er hat gesagt, wir sollen ihn rufen lassen, wenn wir einig sind. Mar (geht unruhig auf und nieder, leert abermals ein Glas, tritt dann an den Balcon). Mein! Alles mein! Ich kann's gar nicht denken, daß das möglich ist. Carol. Du darfst ja nur wollen, — Mar. Ob ich wollte!? Schau, der Wald war immer mein Alles, meine Welt — und doch hat er nicht mir gehört, wenn ich erst d'rin schalten und walten könnte als Herr — in meinem Eigenthum! Carol. Und wenn wir, statt in unserer Hütte, in dem prächtigen Schloß wohnen könnten. Mar. Und wenn ich Dir (sie an beiden Händen fassend), mein armes, liebes Weib- chen, das mir ihr junges Leben gewidmet hat, und dem ich dafür nichts als Sorgen und Entbehrungen habe bieten können, jetzt ein Leben voll Lust und Freuve schaffen könnte. Carol. Also willst — willst Du? Mar. Ich bin's Dir schuldig — ja — ja — ! Carol. (in höchster Freude an seine Brust fliegend). Mar! mein lieber —lieber Mar! Tin che ns Stimme (von unten herauf). Ich weiß nicht, was ich mir Jetzt wünschen noch sollt — Geht d'Sonn auf am Himmel, Ist d'Welt voller Gold! M t (bei TinchenS Stimme fast vom , / Schreck ersaßt, die Umarmung Carol. ^ lösend). Tinchen. Carol. Sie kommt herauf — Berthold auch — Mar. Auf die haben wir ganz vergessen! Zum ersten Mal, daß ich mich vor meinem eigenen Kind fürchte. (Steht fast re- gungslos.) Carol. (rasch). Du mußt mit ihr reden — mit ihr allein — es ist ja ihr eigenes Glück — sie wird doch Vernunft anneh- men! (Ihn am Arme rüttelnd.) Mar, ich bitte Dich, nimm Dich zusammen — Du bist ja ihr Vater! Sechste Scene. Vorige. Tinchen, Berthold. Tinch. (kommt, Berthold an der Hand führend, in der heitersten Stimmung). Ihr habt mich rufen lassen? Mar (verlegen). Bist Du schon da? Carol. Es ist recht gut, daß Du gleich gekommen bist. Tinch. Mich hat'ö heute ohnehin nicht gelitten im Hause. Berth. (lackend). Und mich — mich hätte mein Meister beinahe aus der Werkstatt Hinausgetrieben — ich hätte ihm heute Alles verdorben, da ging mein Tinchen vorüber — Tinch. Und da sind wir miteinander den Waldweg da herauf! Ich weiß nicht, wie'S kommt, aber heut ist mir die Welt auf ein« 26 mal noch einmal so schön vorgekommen, als sonst. Berth. Mir auch! Mir auch! Es ist ja zum ersten Mal, daß ich so offen und frei mit Dir gehen durste — so Hand in Hand. Tinch. (wieder B»rtholdS Hand fassend). Wie wir mit einander durch's Leben gehen wollen! Berth. Ja, mir ist's beute so recht klar geworden, daß es kein Gluck auf Erden gibt ohne Liebe. (Schmiegt Tinchen an seine Brust.) Sag' doch, möchtest Du denn heute mit einer Königin tauschen? Tinch. Wenn Du nicht der König wärst, mein Lebtag nicht! (Schmiegt sich an ihn.) Earol. (ernst). Tinchen! der Vater hat mit Dir zu reden. Tinch. Mit mir? (Läßt BertholdS Hand los, sieht Mar an, befremdet.) Vater! —Tu schaust so ernsthaft d'rein! Es ist doch nichts Unangenehmes? Mar (kaum seiner Stimme mächtig). Nein — nein — im Gegentheil, ich glaub' es ist zu deinem Glück! Tinch. Noch mehr Gluck? Das ist ja nicht möglich! Earol. Du wirst es schon hören! Aber lzu Berthold) Du Berthvld, sei so gut, und laß uns mit Tinchen allein! Berth. (erschreckt). Was? Zch soll fort?! Um Gottes willen! was soll's denn? Mar (sanft). Du wirst's schon auch erfahren, schick' nur deinen Meister, meinen Gevatter zu mir, aber jetzt geh', ich bitte Dich! Berth. Na, ich gehe, weil Zhr's so haben wollt, aber (mehr für sich) ich weiß nicht, wie mir geschieht! mir ist's, als wenn sich die Sonne mit einem Male verdunkeln möchte. (Die Hände faltend.) Herr im Himmel! wehr' Du ein Unglück ab! (Geht im- mer ängstlich auf Tinchen blickend, ab.) Tinch. Mir wird angst und bang! was ist's denn? Vater! red' doch! Mar. Ja, ich will — ich muß mit Dir reden, Tinchen! Du bist mein liebes Kind — eine gute Tochter! Du hast mich, hast die Mutter lieb? Tinch. Kannst Du noch fragen? Mar. Du weißt, daß bis jetzt mein Leben nichts war, als eine fortwährende Plage — Tinch. Ja wohl, das weiß ich — Mar. Und mein Weib hat auch noch wenig gute Tage genossen. Wie Tu noch klein warst, hat sie bei Tag arbeiten müssen, und bei Nacht ist sie oft schlaflos an deinem Bettchen gesessen! Tinch. Ich weiß es — mein gutes Mütterchen! (Eilt auf Caroline zu und drückt deren Hand an ihre Brust ) Mar. Und ich — Gott ist mein Zeuge! ich könnte mir für Dick die Adern aufreißen lassen. Tinch. Aber warum sagst Du mir denn das Alles jetzt? Mar. Weil ich Dich fragen muß: wärst Du auch im Stande, so viel für uns zu thun? Tinch. Aber Vater, kannst Du denn noch zweifeln? Ich wäre ja glücklich, wenn ich Euch vergelten könnte — Earol. Ja? ja? ist das dein Ernst? Tinch. So sagt nur, was kann ich denn thun? Mar (lebhafter). Du kannst mir ein sorgenloses Alter verschaffen — kannst mich und deine Mutter zu den glücklichsten Menschen machen. Earol. (rasch). Und Du selber sollst auch glücklich sein — Mar. Aber es kommt nur auf Eins an — (stockt). Tinch. Und das Eine ist? Mar (blickt verlegen zur Erde). Tinch. Du willst es nicht sagen? — was ist's denn? Sag' mir's, ich bitte Dich! Mar. Du mußt den Berthold aufgeben! Tinch. (llößt einen Schrei aus, und taumelt. beide Hände an die Brust drückend, zurück.) Mar (sie rasch in seinen Armen auffangend). Tinchen, Tinchen! Um Gottes willen, fasse Dich! 27 Siebente Scene. Vorige. Jacob. Jac. stritt unbemerkt durch die Seitenthür ein. für sich). Was geschieht denn da? (Bleibt mehr im Hintergrund stehen.) Mar (zu Tinchen, die sich indeß wieder erholt hat). Na, na, mein Töchterchen! Komm' nur wieder zu Dir — laß nur weiter mit Dir reden! Tinch. (faltet bittend die Hände, mit vor Thräneu beinahe erstickter Stimme). Vater! Carol. (zu Tinchen). Du hast noch nicht Alles gehört, weißt noch nicht, was Dir für ein Glück bevorsteht — Tinch. Ohne meinen Berthold!? (Schilt- telt das Haupt.) Jac. (für sich überrascht). Was hör' ick) da? Ohne Berthold? — Ah, da red' ich auch ein Wörtchen! Carol, Denk' Dir nur, der junge gnädige Herr, der mehr als eine Million geerbt hat, ist in Dich verliebt, hat um Dich angehalten! Jac. (für sich). Jetzt muß ich mich an- halten! (Hält sich am Schlösse der GlaSthür an ) Mar (zu Tinchen). Cr will mit Dir sein ganzes Vermögen theilen, und mir will er das Schloß und das ganze Gut schenken, wenn ich meine Zustimmung gebe. Tinch. (bebend). Und Du — Vater! Sag' — was willst Tu thun? . Mar. Was ich wollte, kannst Du Dir leicht denken; der junge Herr hat mich g'rad daher in den Saal bestellt, von dem man den schönsten Ueberblick über die ganze Besitzung hat, schau einmal selber hin! (Will Tinchen gegen den Hintergrund wenden.) Jac. (hat indeß die Schnur des Vorhanges erfaßt, und läßt diesen jetzt rasch herabfallen, so daß das Fenster wieder gedeckt ist). Mar (überrascht). Was ist — (erblickt Jacob, verlegen) der Gevatter! Carol. (ebenfalls unangenehm überrascht). Der Gevatter! Mar (zu Jacob). Was mackst denn Du da? — Warum denn die Vorhänge Heruri- rerlaffen? Jac. (vortretend). Wenn ein Pferd leicht scheu wird und dann Seitensprünge machen will, so muß man ihm ein Blende vor die Augen legen! Mar. Wovon redest Du denn? Jac. Von dem, was ich g'rad gehört Hab'! Von Einem, den der Anblick dieser Besitzung auch zu Seitensprüngen verleitet! — Mar, Mar! — Um ein Gut zu haben — willst Tu selber schleckt sein!? Mar (beleidigt). Gevatter! Jac. (leiser zu Mar). Du hast Recht — ich soll Dir so etwas nicht vor deiner Tochter sagen — schick' sie fort, damit ich ordentlich grob mit Dir sein kann. Carol. Aber sagen Sie mir nur, was wollen Sie denn? Jac. Das werden Sie gleich hören! Vor Allem aber (zu Tinchen) Jungfer Tinchen, gehen Sie hinunter, vor dem Schloßthor steht Berthold und läßt die Obren hängen wie ein melancholisches Comfor- table-Pfcrd, dem man den Futtersack wieder abgenommen hat, weil ein Passagier fahren will. Geben Sie zu ihm, und sagen Sie ihm nichts, als daß ich da bin — und daß ick mich auf den Bock setze — und das weiß er schon — da gibt's kein Umwerfen! — Aber gehen Sie nur, gehen Sie, sonst reißt er sich derweil aus Verzweiflung alle Haar aus, und Sie kriegen nachher einen glatzköpfigen Mann. Tinck. Ja, ja — ich gehe! Ich bin froh, daß ich fort darf. — (Jacobs Hand fassend, leise.) Herr Gevatter, seien Sie unser Schutzengel! (Silt ab.) Jac. (für sich). Na, wir werden's vor der Hand probiren, wie's mit dem Teufelaustreiben geht! (Tritt zwischen Beide, welche etwas verlegen dastehen besieht Beide, dann .) Na — Ihr habt mick ja holen lassen, wo fehlt's denn? (Will nach (Carolinens Puls greifen.) Carol. (ihre Hand zurückziehend, etwas gereizt). Wir hätten Sie erst später ge- 28 -raucht, wir hätten vorher noch zu reden gehabt mit unserer Tochter! 3ac. fzu Caroline). Mit Ihrer Tochter? (Sanft.) Sehen Sie, heute zum ersten Mal ist mir der Unterschied zwischen einer rechten und einer Stiefmutter ausgefallen! Carol. Na, ich glaub', wie ich immer an Tinchcn gehandelt habe — Jac. Das ist's ja, sonst haben Sie an ihr gehandelt, und nur mütterlich— heut aber wollen Sie mit ihr handeln — und das ist Stief — sehr Stief — Carol. Ich Hab' immer nur für ihr Wohl gesorgt. Wie sie noch klein war — 3ac. Da haben Sie sie gepflegt und gefüttert und gesorgt, daß sie hübsch heranwächst — und jetzt, wo sic sich so recht mollig und appetitlich zusammengewachsen hat, jetzt tragen Sie sie auf den Markt — dazu braucht man keine Mutter zu sein, das thut jede Gänsehändlerin mit ihren Zöglingen auch! Carol. Na, gut, ich will gar nichts d'reinreden, da (auf Mar weisend) steht ihr rechter Vater! Jac. (für sick>). Dem werden wir eine etwas stärkere Dosis geben! (Laut.) Ja, da steht der Vater, und da (aufsich selbst weisend) steht der Gevatter! Und ich weiß, was ein Gevatter sein soll, wenn er ein echter Gevatter sein will. Ick gehöre nicht zu den Gevattern, die glauben, es wäre schon damit gethan, daß sie ihre Namen in's Taufbuch einschreiben, und dem Kind ein silbernes Eßbesteck als Pathengeschenk geben — ich weiß, daß es die Pflicht eines Gevatters ist, d'rauf zu schauen, daß sein Tanfpathe im rechten Glauben erzogen wird — Mar. Na, thu' ich das nicht? Jac. Du? Du bist selber ein Irrlehren Der rechte Glaube eines Mädchens ist der, daß es dem Manne treu bleibt, dem cs einmal Treue geschworen hat; Du aber willst es überreden, daß es sich dem hingibt, der mehr hergibt! — Du willst darin unterrichten, wie man mit seinem Herzen Schacher treibt, wie man die unsichtbare Gottheit, die Liebe, verläugnet, und vor einem metallenen Götzen nieder- knieet, — Du willst die eigene Tochter zu einer Goldenenkalbanbetcrin machen, Du Baals-Knecht, Du Belias-Bonze! Du — Du, aber nein! Ich sage gar nimmer Du zu Dir! Komm her, da steht noch Wein, trinken wir miteinander auf»Herrvon!«... Mar. Jacob! Verachte mich nur nicht gleich. Wenn Du an meiner Stelle wärst, so ein armer Teufel, wie ich, der sein Weib gern für all' ihre Lieb' und all' ihre Opfer belohnen möchte — Jac. Glaubst Du — Du belohnst dein Weib auf diese Art? (Zu Carolinen, wieder sanfter.) Sehen Sie, Frau Gevatterin! Ich bin überzeugt, daß Sie die Sache nur noch nicht im rechten Licht betrachtet haben, sonst könnten Sie unmöglich darin einen Lohn finden, daß Sie Ihren Mann als einen Menschen kennen lernen (wieder sich zu Mar wendend, barsch) dem an seiner Ehre nichts gelegen ist! Mar (verletzt). An meiner Ehre? Jacob! Jac. Ja, deine Ehre steht auf dem Sprung! Tu hast gestern dem Berthold dein Wort gegeben, im Wort des Mannes liegt die Ehre des Mannes! Wer sein Wort bricht, der wird zum Profoßen an sich selbst, und cassirt sich selber infam! Mar (senkt getroffen und nachdenkend daS Haupt). Jac. (für sich). Mir scheint, das Pflaster hat gezogen! Carol. Mein Gott! Deßwegen, daß wir gestern zugestimmt haben, da haben wir noch nicht gewußt, was wir heute wissen! Jac. Aha! Gestern haben Sie das Geschäft geschlossen, weil aber heute die Aktien anders stehen, so wollen Sie nichts mehr davon wissen. (Sanfter.) Frau Gevatterin! Ich will doch nicht hoffen, daß Sie Ihre Lebensklugheit von einem ausgebliebenen Börsianer gelernt haben? Carol. (ungeduldig werdend). Ich tveiß 29 nicht, wie Sie verlangen können, daß in unser'm Haus Alles g'rad nach Ihrem Kopf geht? — Sie thnn ja g'rad, als wenn wir in der Angelegenheit die letzten Menschen wären. Iac. Im Gegentheil — Ihr kommt mir alle Zwei vor, als ob Ihr die ersten Menschen wäret! Der da (aut Mar weisend) ist der Adam, und Sie — nehmen Sie mir's nicht übel — haben eine frappante Aehnlichkeit mit der Urahnfrau des Menschengeschlechtes in der Situation, wie sie ihrem Mann zured't, in den paradiesischen Maschanzger zu beißen! (Zu Mar.) Beiß nur d'rein! Beiß nur d'rein — aber es wird eine Zeit kommen, wo Du Dich, ganz ü la Adam, vor Dir selber schämen wirst, und kein Feigenbaum der Welt wird so große Blätter haben, um deine moralischen Blößen zuzudecken! Carol. (blickt gegen die Seitenthür, auf, horchend). Ich höre reden. (Aengstlich zu Max eilend.) Der junge Herr kommt! Mar (aus seinen Gedanken, aufwachend). Er wird meine Antwort haben wollen, und ich — Carol. (bittend). Begehr noch eine Bedenkzeit! Iac. Nichts da Bedenkzeit! Jetzt ist das Schmalz heiß, jetzt muß der Krapfen ausgebacken werden! Jetzt ist die Krisis, jetzt muß ich die Wirkung von meinen Me dicamenten sehen! — Mar! Daß Du mit deinen Grundsätzen ein bischen wacklich geworden bist, das ist begreiflich — die Versuchung war stark, man kann auch von einer Hoffnung einen Rausch kriegen, und da bist Du schwach auf den Füßen geworden — aber jetzt Hab' ich Dir die Sehnen eingerieben mit dem Spiritus der Wahrheit, ich habe Dir die Eisen festgenagelt und geschärft — jetzt will ich sehen, wie Du auftreteu kannst. — Wenn Du jetzt noch stolperst, dann geb' ich Dich auf — dann bleibst Du struppirt für dein Lebert. Achte Scene. Vorige. Victor, dann Falter. Vict. (im Herauskommen für sich). Gott sei Tank! Nun kann ich dem Ausspruche ruhiger entgegensetzen! (Laut zu Mar.) Nun also — seid Ihr zu einem Entschlüsse gekommen? — Max (noch immer wankend und verlegen). Gnädiger Herr! — Ihr Antrag — Vict. Nur nicht viele Worte! — »Ja oder Nein!« Bedenkt aber, daß von einem dieser Worte nicht nur mein, sondern auch Euer und der Eurigcn Wohl oder Wehe abhängt, und daß Ihr dafür verantwortlich seid! Also sprecht! Falt, (erscheint lauschend an der Seitenthür). Carol. (leite zu Mar). Mar, von einem Wort hängt Alles ab! Vict. Was soll das Zaudern? Rasch! Eure Antwort lautet? Mar (einen Entschluß fassend tritt zuerst zu Jacob, drückt ihm die Hand, wendet sich dann zu Victor, mit lauter, fester Stimme). Meine Antwort heißt: »Nein!« Carol. (mit dem Ausdruck tiefen Schmer- - zens). O mein Gott! Dict. (unangenehmüberrascht). Nein?! "r Iac. (macht einen Rundsprung). Iuhe! Die Cur ist mir lieber als ein Doctor- diplom! Vict. (Max mit durchbohrendem Blicke ansehend). Also »nein«?! — Bleibt Ihr bei dieser Antwort? Mar. Es bleibt dabei! — Euer Gnaden! Sie haben mir einen so glänzenden Antrag gemacht, daß meine Augen über den Glanz fast den Staar bekommen hätten, aber (wieder Jacobs Hand fassend) ich habe einen Arzt zum Freund, der mir noch zur rechten Zeit ein heilsames Augenwaffer gegeben hat. Biet. (Jacob ansehend). Dieß — ein Arzt? Iac. Eigentlich nur ein Thierarzt — wenn mich Euer Gnaden vielleicht brauchen — 30 Mar. Meine Tochter ist bereits Braut, Braut nach ihrer Herzenswahl, und nur von solchen Ehen kann man sagen, daß sie im Himmel geschloffen werden! Iac. Ja, das ist der einzige Fall, wo der Himmel auch einem Teufel offen steht — nämlich einem armen Teufel, der's mit seiner Lieb', ehrlich meint! Vict. Aljo aus — definitiv aus! Iac. Ja — die Garantiepuncte sind verworfen — Schluß der Eonferenzen! Vict. Nun wohl! Ich habe mich Euch als Freund genähert — Ihr weist mich zurück, und wir stehen einander nur mehr als Herr und Diener gegenüber, — es ist die Frage, wie Ihr Euch nach dem eben Dorgefallenen in dieser Stellung fühlen werdet! Mar. Euer Gnaden! Ich hoffe nicht, daß Sic es dem Diener entgelten lassen werden, daß der Vater Ihre Wünsche nicht hat erfüllen können — ich hoffe das nicht, denn wär's so — dann würde ich erst recht einsehen, daß ich so Hab' entscheiden müssen! Ich Hab' die Ehre, mich ge- horsamst zu empfehlen! Komm! (Will fort.) Falt, (tritt vor). Halt! halt, lieber Freund! Mar (stehen bleibend). Was soll's noch? Falt. Fürchtet nicht, daß euere Stellung eine drückende werde — ich habe ein Mittel, sie Euch zu erleichtern. — Ja, braver Mann — Ihr sollt wissen — (langt nach seiner Brusttasche — sucht ängstlich — er« schreckt.) O mein Gott! Vict. (steht ganz ruhig, mit seiner Lorgnette spielend). Mar. Was ist Ihnen denn, alter Herr? Falt. Nichts — nichts! — (Zu Victor, ihn am Arme fassend, leise.) Herr von Wallhaus! Vict. Was beliebt? Falt. Das Testament — Vict. Nun? Falt. Ich trug es stets hier — in meiner Brusttasche — habe den Rock, während ich ausruhte, nicht abgelegt — und nun vermiß ich es. — Vict. Vielleicht haben Sie es doch her- ansgestreut — Falt. Ich war nirgends, als in Ihrem Zimmer — vielleicht daß dort — ich eile, nachzusehcn. — (Zu Max.) Lebt wohl — geht nur, geht! (Eilt ab.) Iac. (ihm nachsehend). Was uns aber Der Interessantes gesagt hat! — Vict. (zu Max). Ihr habt gehört, Ihr könnt gehen! Iac. Ja — gehen wir! — (Zu Mar). Die Kinder warten unten! Mar (neu belebt). Mein Tütchen! Und wenn ich Der jetzt sage, daß sie nichts zu fürchtet! hat, daß Alles beim Alten bleibt — Iac. Dann darfst Du nur in ihre Augen schauen, und Tn hast eine schönere Aussicht, als wenn Du von da heroben die halbe Welt übersehen könntest. — Komm! — komm! (Zu Carolinen.) Frau Gevatterin! geben Sie mir Ihren Arm! Carol. (etwas trotzig!. Ich danke Ihnen! (Sich traurig.im Saale umhersehend.) So gehen wir wieder hinunter (seufzend) in unser niederes Haus! (Geht mit gesenktem Haupte ab.) Mar (folgt ihr). Iac. (zu Max im Abgehen). Du bist vollkommen hergestellt. — DeinWeib braucht aber noch eine kleine Nachcur. — Ja die Weiber! (Ab mit Max.) Neunte Scene. Victor, Falter. Falt, (kommt bestürzt zurück). Nichts zu finden. Vict. (sich erstaunend stellend). Das ist ja ganz merkwürdig. Falt. Ich kam doch nicht aus Ihrem Schlafzimmer. Vict. Sie hatten es auch selbst von innen abgeschlossen und verriegelt. — Falt. Und dennoch — verschwunden! Mein Gott, eine so wichtige Urkunde — 31 und verloren! Ich weiß nicht, was ich beginnen — wie ich mich rechtfertigen soll — ich könnte wahnsinnig werden! Vict. Warum? was ist's denn weiter? Es weiß ja Niemand, als ich und Sie um diese Schrift — ist sie verschwunden, so ist's so viel, als ob sie gar nie eristirt hätte, das Testament, welches ich besitze, bleibt in seiner vollen Giltigkeit, und — Falt. Nein, nein, man muß sogleich dem Gerichte die Anzeige machen, es muß hier an Ort und Stelle eine Untersuchung eingeleitet werden. Vict. Und wenn nun, trotz der Untersuchung, das Dokument nicht aufgefunden würde? — Falt. Dann genügt die eidlich erhärtete Aussage zweier Zeugen, welche dieselbe gesehen und gelesen haben. — Vict. Und diese zwei Zeugen sind? — Falt. Der Eine bin ich selbst, der zweite — Sie! Vict. Ich? (In unbändiges Gelächter auS- brechend.) Hahaha! hahaha! Ich sollte eine gerichtliche Erklärung, ja sogar einen Eid leisten, nur — um zwei Millionen zu verlieren! — Hahaha! Gibt es in London keine Irrenhäuser, oder ist Ihr Wahnsinn erst auf der Herreise ausgebrochen? Falt. Aber haben Sic das Testament nicht gesehen? Vict. Hm! ja — Sie zeigten mir so etwas! Falt. Haben Sie nicht die Handschrift Ihres Onkels erkannt? Vict. Nein! Im Gegentheile — der erste Blick genügte, um eine ziemlich ungeschickte Nachahmung zu erkennen! Falt, (entrüstet). Herr! so sprechen Sie jetzt? Vict. Ich spreche jetzt so, wie ich vor dem Gerichte sprechen würde — wenn Sie so tactlos wären, cs Herbeizuruferl! — Sie haben gehört, daß der Ausweg, welchen Sie mir anriethen, fehlschlug, — es handelt sich jetzt um meine ganze Existenz; um diese zu sichern, würde ich Sie opfern — Sie — als Betrüger bezeichnen! Falt. Mich — als Betrüger?! Vict. Ja — Ja! Das kann — das werde ich! Wenn Sic ein ehrlicher Mann sind, was hatten Sie überhaupt bei mir zu thun? Warum erfüllten Sie nicht den Auftrag, den Ihnen der Verstorbene gegeben haben soll — das Testament sogleich bei Gerichte zu deponiren? Falt. Aber ich handelte ja nur so, aus Mitleid mit Ihnen. Vict. Mitleid? Beweisen Sie dieß dem Gerichte! Was denken Sie, wird man Ihnen glauben, oder mir, wenn ich sage, daß Sie, um von mir Geld zu erpressen, mich mit einem falschen Testamente schrecken wollten, das Sie nun wahrscheinlich selbst verschwinden ließen, damit bei näherer Untersuchung nicht Ihre verbrecherische Absicht entdeckt werde? Falt, (steht vernichtet). Entsetzlich! welch' ein Abgrund öffnet da sich vor mir! —Wenn Sie so handeln könnten — Vict. Ich werde eS — das schwör' ich Ihnen! Falt. Herr! Sie sind — Vict (kalt). Ein vernünftiger Mann, der den ungeheuren Vortheil, den ein gütiger Zufall in seine Hände gibt, sich nicht so leicht entwinden läßt. Wollen auch Sie Ihren Vorthcil wahren, so seien Sie ebenfalls vernünftig! Falt. Und was nennen Sie — vernünftig sein? Vict. Schweigen! Schweigen ist der Gott der Weisen. Falt, (finster vor sich starrend). Und das Bundessiegel der Verbrecher! Vict. Lassen Sie uns deßhalb friedlich sprechen! — Ich will annehmen, daß Sie, aus Rücksicht für mich, indem Sie das Unrecht, welches mein Oheim an mir verübt, gut machen wollten, oder um Ihrer selbst willen, indem Sie auf meine Dankbarkeit zählten — selbst das Testament vernichtet hätten — 3L Falt. Wie? — Ich selbst?! Dict. (ihn rasch unterbrechend). Ich will dieß annehmen und (ihn am Arme fassend, nachdem er sich sorgfältig umgesehen, leiser, aber eindringlich) Sie königlich dafür belohnen — Sie sollen eine Stellung bei mir erhalten, mit einem Gehalt von jährlichen fünftausend Gulden. Falt. Fünftausend Gulden? Und was hätt' ich dafür zu thun? Vict. Zu schweigen — nichts, als zu schweigen. Falt. Und die armen Iägcrsleute? — Vict. (rasch). Sollen von mir auf eine Art entschädigt werden, die ihrem wahren Glücke förderlicher ist, als der unermeßliche Reichthum, der sie ihrer gewohnten bescheidenen Stellung, in der sie so glücklich sind, entrissen, und vielleicht nur unglücklich gemacht hätte. — Denken Sie doch — solche Schätze in Händen solcher Leute, die sie nicht einmal verwenden könnten, während ich- Falt, (ihn mißtrauisch ansehend). Sie?! — Vict. (immer dringender). O mißtrauen Sie mir nicht! — Es ist wahr — ich habe bisher ein tolles Leben geführt — das ist das Privilegium der Jugend — aber las- len Sie mich nur im gesicherten Besitze des Vermögens sein,und ich willAlles gut machen, was ich verschuldet — Sie sollen sich selbst überzeugen, welch' weisen Gebrauch ich von meinem Reichthume machen, wie ich ihn nur zum Segen der Menschheit verwenden will. — Falt. Dieß wäre Ihre Absicht — Ihr fester Vorsatz? Vict. Ja — ja — ich schwöre es Ihnen! — Also nicht weiter mehr! Das Testament bleiht verschwunden — und Sie — Sie nehmen die Stellung in meinem Hause an und — schweigen! Falt. Was kann ich denn anders, wo mein Sprechen doch nur mich verderben würde?! Nun — wohlan! Ich nehme die Stelle an — um in Ihrer Nähe zu bleiben, mich selbst zu überzeugen, wie Sie Ihren Schwur halten. (Mit aufgehobenen Händen bittend.) Erfüllen Sie ihn — ich beschwöre Sic — um Ihrer — um meiner Seelenruhe willen! Aus Mitleid mit Ihnen bin ich einmal vom Wege meiner Pflicht gewichen, und nun bin ich, willenlos — zum Theilnehmer eines Verbrechens geworden! Herr! sühnen Sie diese Schuld — verwenden Sie die Erbschaft zum Segen der Menschheit, beweisen Sie mir, daß Ihr Oheim Ihnen Unrecht ge- than, dann will ich mein Gewissen damit beruhigen, daß ich durch mein Schweigen nur dieses Unrecht gut mache! (Geht ab.) Dict. (allein, sieht ihm nach). Er geht auf meinen Vorschlag ein — ich habe von ihm nichts mehr zu fürchten — von ihm nicht — aber — (zieht das Testament her- vor) wenn ein unglücklicher Zufall diese Schrift — Nein, nein! — Nicht einen Augenblick mehr! (Geht rasch zu den beiden Sei- tenthüren. und schließt sie ab, nimmt dann die unter der Theekanne brennende EpirituSlampe und hält die Schrift darüber.) Werde zu Asche, so wie der, welcher mich durch Dich zu strafen wähnte, werde zu Asche, aus welcher ich als ein neuer Phönir hervorgehen soll! (Er läßt das brennende Papier auf den Boden fallen, und sieht in die auflodernde Flamme.) (Der Vorhang fällt.) Dritter Lct. (Schlafzimmer Victors auf dem Schlosse, mit dem LuruS der größten Weichlichkeit auSgestat- tet. Im Hintergründe ein Bett mit schweren Damastvorhängen welche Herabgelaffen sind — auf der andern Seite eine Toilette mit großem Ankleidespiegel — an den Wänden die Bilder der Leda, Daphne, Diana und andere mythologische Darstellungen — im Vordergründe ein kleiner Schreibtisch — mitten im Zimmer ein elegantes Lit de repoS auf dem Boden, vor demselben ist ein Tigerfell auSgebreitet, daneben ein kleines Tischchen mit Rauchrequifiten. Eine Mittelthür, seitwärts ein, ebenfalls mit reichen Draperien geschmücktes Fenster, durch welches der Sonnenstrahl heceindringt.) Erste Scene. Victor. Falter. Dict. (liegt in einem eleganten, buntfärbi- gen Schlafrocke, noch schlummernd, auf dem Lit de repoS. Ein in der herabhängenden Hand liegender Czibock scheint ihm eben aus dem Munde gegleitet zu sein) Falt, (tritt durch die Mittelthür ein, geht vor, mit «inem Blick auf Victor). Die Sonne steht schon fast im Mittag, und er schläft noch! (Tritt näher zu ihm.) Herr von Wallhaus! . -l. Dict. (in die Höhe fahrend und sich die Augen reibend). Was ist — wer? (Falter erblickend.) Ah — Sie! Wollen Sie mich denn immer aus meinen Träumen reißen? Falt. Am Hellen Tag ist's Zeit zu handeln, nicht zu träumen. Aber freilich, wenn man die Nächte mit Schwelgereien zubringt, wie Sie's seit den acht Tagen, als Sie in den Besitz dieses Schlosses getreten, gehalten haben — Vict. Sind Sie schon wieder gekommen, um mir eine Predigt zu halten? Falt. Ich wollte Sie nur an das Versprechen erinnern, welches Sie mir gegeben. Vict. O weh! Ich wette darauf, Sie haben wieder die Taschen voll von Bettlergesuchen! Falt. Ja, die Gesuche häufen sich, weil Sie noch keines derselben erledigt haben. Vil!t. Nun, ich will heute eine Ausnahme machen, will Ihre Wünsche erfüllen, wenn Sie dagegen bereitwillig sein wollen, auch meinen Wünschen nachzukommen. Falt. Und diese sind? Vict. Ich gebe heute ein großes Fest und brauche Jemanden, welcher das Arrangement übernimmt. Wollen Sie die Oberaufsicht übernehmen? Falt. Gern — wenn Sie nur zuerst das Recht, sich zu erfreuen, dadurch erworben, daß Sie fremde Leiden gemildert haben. Hören Sie also! (Zieht mehrere Schrift- ten hervor und will sich auf einen Stuhl neben Victor setzen.) lheater-Rkpertou Nr. 77. Zweite Scene. Vorige. Ammer, Schwirr, Recken« berg (stürmen durch die Mitte herein). Ammer. 8on jour, Victor! Schwirr, i Guten Morgen! Reckenb. j Guten Morgen! Vict. Gott grüß' Euch! — Nun, wie steht's mit euren Vorarbeiten? Falt. Aber Sie wollten ja- Vict. Sie anhören? — Nun, das geht ja unter Einem. (Zu Ammer.) Nun, wie steht's mit dem Orchester? Ammer. Kommt vollzählig aus der Hauptstadt. Der Capellmcister fordert zwar, der weiten Entfernung wegen, fünfhundert Gulden für seine Leute — Vict. Man muß sie ihm geben! Nur nicht schmutzig bei solchen Anlässen. Falt, (eine Schrift hervorziehend). Hier wendet sich ein alter Zeichner, dem übermäßige Anstrengung das Augenlicht geraubt hat, an Ihre Großmuth — Vict. Sehen Sie, das sind die Folgen, wenn man zu viel arbeitet. So was trifft mich nicht! Ha! ha! ha! Falt. Sielachen?! Vict. Schicken Sie ihm zehn Gulden! Falt. Nur zehn Gulden? Vict. Für mich hat er nicht gearbeitet. (Zu Schwirr.) Apropos! Du hast's ja übernommen, einen Kochkünstler zu besorgen — Schwirr. Ist geschehen,— Monsieur Lroivos, der ersteKoch des ersten Casino's, kommt in eigener Person uud übernimmt die Herstellung des Soupers. Der Spaß kommt freilich auf tausend Gulden. Vict. Der Koch ist ein Franzose, da fordert eS die National-Ehre, daß man nicht mäkelt. — Bewilligt! Falt. So freigebig? Nun, dann werden diese Lkute (auf ein zweites Gesuch weisend) auch nicht vergebens bitten. Dict. Sind es auch Köche? Falt. Nein, es sind Halbverhungerte! Vict. k'i äono! r Falt. Das Dorf drüben über dem Berg ist vor wenigen Tagen abgebrannt — die Leute sind all' ihrer Habe beraubt. — Was weisen Sie ihnen an? Vict. Nicht viel, das sage ich gleich — (in doktrinärem Tone) denn eben dadurch, daß Abgebrannte oft so teichlich unterstützt werden, werden sie gleichgiltig gegen die Gefahr, nicht klug durch den Schaden, und die Unvorsichtigkeit nimmt überhand. Geben Sie ihnen zwei Thaler! ' Falt. Zwei Thaler — nach einem solchen Unglücke? Vict. (überdrüssig). Heulen Sie mir nicht die Ohren voll! Ich habe noch an Wichtigeres zu denken. Was haben Sie denn noch vorzubringen? Falt, (auf ein anderes Gesuch weisend) Cs soll hier tm Orte eine Schule gegründet werden — Vict. Eine Schule?—Da geb' ich nichts! Falt. Was? — Nichts? Vict. Aus Princip. Für's Etste soll der Bauer nicht mehr sein wollen, als eben ein Bauer. Wenn er weiß, wie er sein Feld bestellen muß, so weiß er genug. Für's Zweite wollen Sic ja selbst, daß ich mein Geld verwende, um die Menschen glücklich zu machen, man ist aber am glücklichsten, wenn man nichts lernt — das weiß ich aus eigener Erfahrung. Ammer und die anderen Freunde (lachen mit ihm). Falt, (mit Bitterkeit). Freilich, diese Bauern find ja ohnehin nicht gar so roh; denn ich habe noch keinen gehört, der mit seinem Mangel an Wissen geprahlt hätte — und das — das ist die größte Rohheit! (Ab.) Vict. Gut, daß er geht! Ich brauche seine ewige Moral nicht, ich will leben und genießen. Keine Freude soll mir ihren Born, kein Mädchen ihr Herz verschließen! Ammer (welcher indeß an das Fenster getreten). Bis auf Eine, die ich eben dort mit ihrem Bräutigam aus dem Pfarrhausc gehen sehe. Vict. Wer ist's? (Geht ebenfalls zum Fenster.) Ha, Tinchen! Ammer. 'S ist im Grunde schmählich! Die Tochter eines deiner Diener, und gibt Dir einen Korb! Vict. Gilt's eine Wette, so sag' ich Euch, daß sie heute noch, und zwar allein, zu unscrm Feste kommen soll. Schwirr (zu Victor). Nun, wir nehmen Dich beim Wort! — Ewigen Spott, wenn Du dein Versprechen nicht erfüllst. j 3a. i°. -w'gm Sp°M Vict. Wohlan, laßt mich einen Augenblickallein, damit ich meine Verfügung treffe. Ammer. Wenn Dir das gelingt, so beug' ich ehrfurchtsvoll mein Haupt vor Dir, und wir Alle erkennen Dich als unfern Meister. (Ab mit Schwirr und Reckenberg.) Vict. Ja, ich will! Sie haben's nicht besser um mich verdient. Der Vater, das Mädchen und der Bursche, welchen sie mir vorzog, sollen die Wucht meines Zornes fühlen! Auch die Rache ist ein Genuß. (Er klingelt.) Vierte Scene. Victor. Balzer. Balz, (in einer reich mit Gold gestickten Livree, einen Hirschfänger am goldenen Bandelier tragend, tritt ein. — Er ist sehr schwer- müthig). Vict. Ah — Du! — Eben recht! (Sieht ihn an.) Aber was machst Du denn für ein griesgrämiges Gesicht? Balz. Weil ich seit acht Tagen keine Nacht ordentlich schlafen kann. So oft mir die Augen zufallen, wert»' ich wieder mun ter über einen Biß, einen GewiffenSbiß nämlich! Vict. Pah! pah! Sei doch nicht so kindisch! Balz. Ich bin nicht kindisch, aber mein Gewissen, das ist wie ein kleines Kind. Bis 6sto war's bei Nacht allerweil ruhig, jetzt aber hat's die ersten Beißzähne gekriegt — jetzt schreit's die ganze Nacht. 35 Vict. Vertreibe Dir doch solche Gedanken. (Geht an sein Schreibpult und schreibt.) Balz. Man kann so Manches vertreiben, was einem im Schlafe stört, aber gegen gewisse Reue-Gedanken gibt's kein insectisches Perser-Pulver! Vict. Mach's wie ick, suche Dich zu zerstreuen — mach' einen lustigen Streich um den andern! Ich habe da eben wieder einen Plan, zu dessen Ausführung ich Dich brauche. (Steht auf.) Balz. Was? Noch einen? Wieder wie vor acht Tagen? Nein — bin nicht mehr zu haben! Vict. Aber es ist ja nur so ein Coup — Balz. Oh, ich kenn' Ihre (Kuh) Coups schon! Vict. Ich will nur die Iägersleute etwas in's Bockshorn jagen. (Nimmt die Schrift vom Tisch.) Nimm diese Schrift und trage sie hinab. Balz, (nimmt die Schrift). Wenn's weiter nichts ist — Vict. Warte aber, bis Du siehst, was sie für eine Wirkung hervorbringt. Sie werden jammern, bestürzt sein, sich nicht zu helfen wissen — dann nähere Dich dem Mädchen und flüstere ihr heimlich zu, daß es nur an ihr läge, dem Unglücke abzu- helferr — sie möge sich nur persönlich an mich wenden. Balz. Persönlich? An Sie? — O weh, v weh! Mein Gewissen kriegt schon wieder einen neuen Stockzahn — ich thu's nicht! (Hält ihm die Schrift hin.) Vict. Höre! Du hast ein sehr ordinäres Gewissen — mit diesem taugst Du nicht zu einem unternehmenden Herrn, wie ich's bin. Ich werde meiner Mama schreiben, daß sie mir meinen Diener aus der Stadt mitbringt, wenn sie, wie sie mir versprach, mich hier auf dem Gute besucht. Balz, (wie elektrisirt). Wie?Was? Ihre Mama, Fräulein Emilie — Vict. Fräulein? Was sprichst Du für Unsinn? Meine Mama ist Witwe. Balz. Alleseins! (In seliger Rücke rinne- rung.) Ich Hab' sie nur als Fräulein gekannt! — Und sie — sie kommt daher? Wann? Wann? Vict. Dieser Tage — vielleicht sogar heute noch. Balz. Heute? O mein Gott, mein Gott! (Mehr für sich, zärtlich schwärmend.) Emilie! (Laut, sich wieder zu Victor wendend.) Und jetzt — jetzt wollen Sie mit mir eine Aen- derung treffen! Vict. Ja, wenn Du gar so gewissenhaft bist — Balz. Nein, o nein! Ich schicke mein Gewissen auf Urlaub — ich bin der Ihre — thue, was Sie wollen — aber nur behalten Sie mich — nur jetzt stoßen Sie mich nicht aus dem Schloß! (Für sicb.) Ich werde wieder unter einem Dache mit ihr wohnen! Vict. Nun, so vollziehe meinen Auftrag. Ich werde Dir noch eine besondere Anleitung geben, und wenn Alles nach meinem Wunsche ausfällt, werde ich selbst Dich meiner Mama besonders empfehlen. Balz, (eitel lächelnd). Ich glaube, das wird nicht nothwcndig sein. — Aber gehen wir! Ich eile — ich fliege — denn ich muß wieder da sein, wenn sie ankommt! Dann tret' ich zur Equipage, reiche ihr die Hand zum Heraussteigen — und wenn sie dann mitten am Wagenschlag vor Freude der Schlag trifft, dann (für sich) Hab' ich den Beweis, daß sie mich einst geliebt! (Ab mit Victor.) Verwandlung. (Stube im Jägerhause. — Ein Zimmer mit Mittelthür.) Fünfte Scene. Caroline. Mar. Car. (tritt zuerst auS der Seitenthür, geht schweigend zu dem in der Ecke stehenden Spinnrade. trägt dasselbe zu einem Stuhle vor. setzt sich dazu und beginnt zu spinnen). Mar (ist nach ihr eingetreten, betrachtet sie. die Arme kreuzend, mit besorgtem Blicke — nach einer kurzen Pause.) Lini! Noch immer 3 * 36 kein freundliches Gesicht? — Ich kenne Dich seit der letzten Zeit nicht mehr — Du bist eine ganz Andere. Carol. (ohne von ihrer Arbeit aufzublicken). Eine Andere? Ich wüßte nicht, wie das möglich wäre. Du hast'S ja nicht gewollt, daß ich jemals etwas Anderes werde, als bisher. Mar. Aha! Der Antrag des Gutsherrn steckt Dir noch immer im Kopf? Carol. (spinnt fort, ohne eine Antwort zu geben). Mar (tritt zu ihr, sanft). Lini, hast Du mich denn nicht mehr lieb? Carol. Ich Hab' Niemand Andern, den ich lieb haben könnt', als Dich — aber Du — Mar. Ich? Carol. Du — freilich! Du hast die Tochter — warst früher ihr Vater, als mein Mann — hast mich vielleicht nur ihr zu Lieb' geheiratet — Mar. (ernst). Weiß Gott! Die Red' Hab' ich nicht verdient. . Carol. Deinen Freund hast Du auch — was der sagt, das muß geschehen. Eher hat's geheißen, Tinchen soll erst in einem Jahr heiraten — jetzt ist's dem Gevatter eingefallen, daß die Hochzeit schon in drei Wochen sein soll — und richtig ist Alles so eingeleitet! Mar. Weil der Gevatter Recht hat. Ein langer Brautstand taugt nichts — und dann will ich dem Vorbeugen, daß der Gutsherr wieder seine Bewerbung erneuert. Carol. Na, ist ja recht — ich rede nichts mehr d'rein — Du bist der Herr! — Ich — (fast weiuend) ich bin ja nur eine Magd, der Du die Ehr' erwiesen hast, sie zu heiraten. Mar (geht unmuthig von ihr weg). Sechste Scene. Vorige. Jacob. Tinchen. Berthold. Tinch. u. Berth. (kommen Arm in Arm). Jac. (folgt ihnen). Na, da sind wir wieder! Just hat der Pfarrer die Zwei zum ersten Mal von der Kanzel heruntergeworfen — hat sich aber keines weh gethan dabei. Aber — (auf Caroline deutend) was ist's denn? (Leise zu Mar.) Noch alleweil hartmäulig? Mar (bejaht durch eine bedauernde Geberde). Jac. (leise). Macht nir! Wir müssen hall eine andere Trense einlegen. Siebente Scene. Vorige. Balzer. Balz, (tritt gravitätisch durch die Mittelthür ein, den Hut auf dem Kopfe behaltend). 8ervn8! Mar. Ah, Balzer, Du bist's? Balz, (vorwärts kommend). Ich bitte mir einen andern Ton aus! Meine Stellung hat sich geändert — ich bin nur zu lang in eurem Dienst geblieben. Jac. Natürlich — ein Mann wie Ihr! Ihr wart ein Esel, daß Ihr so lange geblieben seid. Balz. Ja wohl, aber nun Hab' ich quittirt. Jac. Aber mit Beibehaltung des Charakters? Balz. Ja wohl. Ich bin zwar noch Jäger, aber (auf seine Kleidung weisend) was für Einer! Mar. Nu, und waS gibt mir denn die besondere Ehre? Balz. Am Aufträge des Gutsherrn — (Uebergibt ihm die Schrift.) Mar (die Schrift nehmend). An mich? Carol. (für sich). Vielleicht macht er ihm doch noch einen Antrag! Mar (liest die Schrift — seine Hände beginnen zu zittern, er läßt die Schrift fallen und hält sich an der Lehne eines Stuhles). Tinch. (besorgt aufschreiend). Vater! Carol. (rasch aufspringend und zu Maxen eilend). Um Gottes willen! Du wirst blaß! Jac. (die Schrift aufhebend). Da muß ich doch sehen — (Wirft einen Blick in dieselbe.) Ha! Das steht ihm gleich. Carol. (zu Mar). Aber so red' doch, was ist denn geschehen?.. 37 Max. Ich bin — aus meinem Dienste entlassen — abgesetzt! — brodlos! Carol. l (zusammenschreckend). O mein Tinch. j Gott! Max. Eine so ordinäre Rache kann nur ein Elender nehmen! (Faßt heftig Caroli- nens Hand.) Sag' jetzt — sag' — hätt' ich dem meine Tochter geben sollen? Carol. (senkt beschämt den Kop'). Max (ungestüm die Schrift aus Jacobe Hand reißend). Laß sie mich nochmals sehen, mir ist vorhin schwarz vor den Augen geworden. — (Liest.) »Wegen Mangel an Forstkenntniß« (bitter lachend) ha, ha, ha! Jac. Na, weißt Du. — darin hat er recht. — Max. Was? Jac. Er ist Dir schon so nahe gekommen, und Du hast es nicht erkannt, was für ein Gethier er ist! — Das ist halt stark für einen so alten Jäger. Balz, (beleidigt). Was war das? Herr! Nehmen Sie das »Thier« zurück, oder — (Legt die Hand an den Hirschfänger.) Jac. (dicht an Balzer tretend). Oder was ? Balz, (sich feige zurückziehend). Oder ich sag's meinem Herrn. Jac. Thut das, und richtet ihm von mir einen »Schurken« auch noch aus — ich geb' Euch dafür ein Trinkgeld. Balz. Ein gebildeter Mann hat für so was gar keine Ohren. (Will abgehen; bereits an der Thür, sich besinnend und stehen bleibend, für sich.) Ja so, ich Hab' ja noch einen Auftrag. (Bleibt im Hintergründe stehen und ist bemüht. TinchenS Aufmerksamkeit auf sich zu lenken.) Tinch. (bemerkt dies erst später, tritt dann zu ihm und bespricht sich mit ihm. AuS ihren Bewegungen ist zu entnehmen, daß sie sich anfangs weigert, nach und nach aber seinen Vorschlag in Erwägung zieht). Max (noch lesend). »Binnen acht Tagen das Jägerhaus zu räumen!« Also nicht nur brot-, sondern auch obdachlos! — Meine Ahnung ist eingetroffen: mit dem Menschen zugleich hat das Unglück bei mir angeklopft. Carol. (liebevoll und reuig). Max! Max. Na, Du darfst Dich nicht sorgen — Du hast ja dem gnädigen Herrn nicht widersprochen — für Dich wird er schon etwas thun, — wende Dich an seine Güte und (mit fast von Thränen gebrochener Stimme) laß mich allein am Bettelstab fortwandern. Carol. (an seinem Halse). Max, Max! Red' nicht so! Verzeih' mir's, daß ich Dich auch noch Hab' kränken können! Ich seh's ja ein, Du hast Recht gehabt. Jac. Eine Frau, die ihr Unrecht einsieht, da kann man nicht mehr verlangen. — Das ist ohnehin ein seltener Fall! Carol. Sckau, mir war's ja weniger wegen dem Reichthum, sondern weil ich geglaubt, Du hättest mich weniger lieb als deine Tochter. Aber mach' mir nur keine Vorwürfe — ich will ja gern Noth und Elend mit Dir theilen, mit Dir zu Fuß wandern, wohin Du willst. (Fällt ihm an die Brust.) Jac. Kein Unglück, wo nicht ein Glück dabei wäre! Früher war't Ihr entzweit — jetzt versteht Ihr Euch auf einmal wieder. Es ist g'rad so wie auf der Weide: die Pferde springen oft ein's dahin, ein's dorthin — beißen sich wohl auch gegenseitig — bis sie einen Wolf in der Nähe wittern, — da drängen sie sich dicht aneinander, und wehren den Feind gemeinsam ab.— Also haltet Euch zusammen! Haltet Euch zusammen! Dann ist das Unglück schon um die Hälfte kleiner. Max. Aber was anfangen? In acht Tagen schon fort — wo find' ich ein Unterkommen? Jac. Lächerliche Frage? Wozu wär' ich denn da? Ich werde die Sache gleich ran« giren. Berthold, daher zu mir! Berth. Was wollt Ihr denn? Jac. Du hättest noch drei Wochen Bräutigam sein sollen, ich laß Dir zwei Drittheile von der Strafzeit nach — in acht Tagen mußt Du heiraten — wirst Du es bis dahin zusammenbringen? 38 Berth. Gott! Heute noch, weiin's möglich wäre. Iac. Wie's ausgemacht ist, überlaß ich Dir Werkstatt und Hans, aber eine Partei mußt Du derweil noch umsonst aufnehmen. — Da deine Schwiegereltern. Berth. Mit tausend Freuden! Mar (zu Jacob). Aber in deinem Hause sind ja nur ztrz.ei Stuben. — Iac. Sind genug. Die'größere davon nimmst Du und dein Weib — in der kleineren sotten die jungen Eheleute wohnen— im ersten Jahre der Ehe braucht man nickt mebr als ein Zimmer. Mar. Und wo bleibst Du? Iac. Ick schlafe mitten unter meinen Medikamenten-— auf dem Heuboden. Mar. Aber — Iac. Keine Widerrede! Wenn man einem Freund, der in der Noth ist, sein eigen Bett überläßt, schläft man auch auf einem Pflasterstein gut. Also abgemacht! Aber (wendet sich und erblickt Balzer). was fteht denn der noch da? Balz. (leise zu Tinchen). Nichts sagen! (Saut ) Ich habe nur gewartet, ob Sie mir nicht noch eine Post an meinen Herrn auf- zugcben haben. Iac. Habt Ihr an der früheren noch nicht genug? Na, so schaut her! (Auf Mar und Laroline weisend.) Euer Herr hat wohl geglaubt, es wird dahier einen rechten Familienjammer geben? — Gar keine Spur! Eine Entlassung von einem solchen Herrn ist ein Belobnngsdecret, und darum lassen wir auch keine Traurigkeit spüren, sagt es eurem Herrn, daß es jetzt erst recht lustig hergehen wird — in acht Tagen haben wir eine Hochzeit! Balz. Hochzeit? Iac. Ja, Tinchen heiratet. Wir lassen den gnädigen Herrn einladen — er kann sich dabei daS Maul abwischen. Balz. Fi! Diese Rohheit! — Mein gnädiger Herr hat gar kein Maul — den gnädigen Mund wischt er sich erst ab, wenn er bereits gegessen bat. Ich werd' ihm also (mit einem Seitenblick auf Tincben) vor der Hand guten Appetit wünschen. (Ab.) Iac. (zu Mar). Ich glaub' gar, Du läßt noch den Kopf hängen? Ist Dir bang, daß Du nicht bald einen andern, vielleicht einen bessern Dienst kriegst? Mar. Wenn auch! Bei uns Jägern ist das etwas Eigenes: Wenn Einer über zwanzig Jahr in einem Revier war, so trennt man sich sckwerdavon. Denk'Dir nur, wie viel von den Bäumen in dem Wald Hab' ich gepflanzt, Hab' sie so zu sagen großgezogen — sie sind mir fast vorgekommen wie meine Kinder. Iac. Saubere Kinder! Sind alle rein zum Niederschlagen. Mar. Jedes Stück Hochwild hat mich gekannt. Iac. Ah was! Hirschen findest Du überall — es wird Dir also anderwärts nicht an Bekanntschaften fehlen! Und darum lamentir' nickt. sEineu Mann darf ein unverschuldetes Unglück nickt gleich muthlos machen. (Auf Bertbold weisend.) Geh' mit dem da, Ihr werdet noch eine Menge zu ordnen haben. — (Schiebt Beide ab) Tinch. (zu Karolinen). Komm', Mutter! Ich habe Dir etwas zu sagen — es kann vielleicht noch Alles gut werden. (Beide ob.) Achte Scene. Jacob allein. Es ist von dem Gutsherrn niederträchtig, ja bübisch gehandelt, und er ist doch kein Kind mehr. — Sonderbar! Ein Bub' ist ein Kind, und welcher Unterschied ist zwischen bübisch handeln und kindisch handeln, zwischen einer Büberei und einer Kinderei! Bübisch bleibt immer verächtlich, während man fast ältere Leute, wenn sie nur kindisch handeln, beinahe beneiden möchte, weil einem unwillkürlick das Lied einfällt: »Wie selig — wie selig ein Kind noch zu sein!* 3S , --n 'Li e d. !II 1. Der Natzi hat heut kriegt ein hölzernes G'wehr; i Es gibt nichts auf der Welt, was ihn freuen thät mehr. - Er springt auch damit auf der Wiese herum, Legt an auf die Gcißböck und schreit dazu »Bum!* Man weiß nickt, was er für Vergnügen d'ran find't — Aber laßt ihn nur, mein Gott, dafür ist's ein Kind. Ein Herr, der am Rücken sein'n Fünfz'ger schon tragt, Darf manchmal am Sonntag auch mit auf die Jagd. Es kann kein Vergnügen, kein unschuldi- ger's geb'n, Er schießt wohl, doch d'Hasen bleib'n alle am Leb'n. Dazu aber muß er 'nen Jägerrock trag'n, Ganz grau und mit grasgrünen Aufschläg'n und Krag'n, Ein Hütchen mit Gemsbart und Hahn- fedcrn d'rauf, Und eine Büchse dazu mit gezogenem Lauf. So kauft er am Wildpretmarkt d'Hasen sich ein. O selig, o selig, ein Kind noch zu sein! 2 . »Geb', Hänschen, sag' mir jetzt-geschwind auf's A. B. C.!« Das Hänschen mag lang' nicht. »Na geh', Hänschen, geh'!« So sagt ihm der Lehrer. »Sag's, dann ist Dir b'schied'n Der Fleißzett'l, da steht gedruckt darauf: Wohl zufried'n.« Da d'rauf sagt mein Hänschen d'Lection auf geschwind. Na lassen wir'n, mein Gott, dafür ist's ein Kind! Man klopft bei ein'm alten steinreichen Mann Mit Subscriptionsbög'n für arme Leut' an. »Ich geb' nichts, 's wird z'viel mir,« so > hört man ihn sag'n, Und will vor der Nase die Thür' Ein'm Zuschlag'». Doch sagt man: »'s werden morgen die Namen von All'n In die Zeitung gedruckt, die ein Almosen zahl'».« i> - Da b'sinnt er sich anders, mit freundlicher Mien' Schreibt er auf den Bog'n mit fünf Gulden sich hin. In die Zeitung zu kommen, das b'stimmt . ihn allein — ' O selig, o selig, ein Kind noch zu sein! 3. 'Nen Knaben hat der Lehrer zum Aufseher g'macht, .1 Jetzt gibt er auf die andern Schulkinder Acht, . Und wie er bei Ein'm nur was Unrechtes g'spannt. Da hebt er zur Anzeig' in d'Höh' gleich die Hand, Und g'freut sich, wenn d'Straf' dann ein Anderer find't! Aber laßt ihn, mein Gott, dafür ist's ein Kind! Doch gibt cs mitunter auch ältere Leut', Die das Spioniren allein nur erfreut; Und wo's im Kaffeehaus, im Wirthshaus nur sitz'n, Horchen sie und thun hoch ihre Ohren gleich spitz'n, Und wie sie erschnapp'» ein bedenkliches Wort, Da rennen ste gleich als Denunciantcn fort. Die Welt pflegt zwar solche Leut' sehr zu veracht'n, Doch muß man's nur vom rechten Standpunkt betrackt'n: Er glaubt in der Schul' als Aufseher noch z'sein O selig, o selig, ein Kind nock zu sein! 40 4. Der Adolf war -rav und d'rurn fragt ihn der Vater: »WaS willst zur Belohnung?* — »Papa! nur im Prater Zum Haus, wo die Musik ist, so tschina- drabum, Wo d'hölzernen Pferdchen im Kreis sich dreh'n um, Zum Reiten im Ringelspiel, gehen wir nur g'schwind* — Das ist seine Freud, mein Gott, 'sist ein Kind! Es plagt d'ganze Woche sich ab ein Eom- ' mis, Der Sonntag soll reichlich belohnen die Müh'; Da wird von der Reitschul ein Krampen (Klepper) ausg'lieh'n, Dem Alter und Hunger die Füß' schon verzieh'n; Da schwingt er sich auf und möcht'reiten davon, Doch vor der Stallthür' da setzt der Klepper sich schon, Er geht nur zehn Schritt, kehrt phlegmatisch dann um, Und dreht trotz aller Spornen im Kreis sich herum, So'ne Steaple-Chase thut'n Sonntctgsrei- ter ersreu'n — Oselig, o selig, einKind noch zu sein! 5 . Es beklagt sich der Hausmeister über ein'n Knab'n, Der, wo er 'neu Bleistift', 'ne Kohle kann hab'n, Gleich kritzelt damit und voll schreibt alle Wänd'. Man sollt' ihm, so meint er, doch klopfen auf d'Händ'. Nein, nein, sagt der Vater, der nichts Unrechtes d'ran find't, Freund, lassen wir'n, mein Gott, da für ist'S ein Kind! Doch muß man auf Landparthie'n große Leut' seh'n, Wenn sie in ein'm Lustpark sich fröhlich ergeh'«. Wo 'ne Säule, ein Tculpel ist m>t weißer Wand, Da nehmen's den Bleistift gleich in die Hand, Verliebte gar, wenn die wo sehr glücklich war'n, Schreibend die Namen hin, auch alte Herrn sind oft Narr'n, Schlendern um mit der Theu'rn, schmachten in LiebeSschmerz; Zwei Händ' und darüber ein brennendes Herz Schneidet der Graukopf in die Baumrinde ein — O selig,o selig,einKind noch zu sein! (Geht ab.) Verwandlung? (Park beim Schlöffe. Auf einer Anhöbe, zu welcher eine Terrasse hinaufführt, die Fronten deS Schlosses, seitwärts eine Mauer, in derselben eine halb vom Gebüsche gedeckte Gitterthür. Im Parke sind in den verschiedenen BoSguetteS bereits farbige Lampen, jedoch noch nicht an- gezündet, angebracht. — ES dämmert bereits und wird nach und nach ganz dunkel.) Neunte Scene. Victor, Falter (kommen von verschiedenen Seiten). Falt, (rasch auf Victor zugehend). Ah — gut, daß ich Sie allein treffe — nur eine Frage! 3 st es wahr, was ich so eben im Orte erfahre — der Revierjäger ist seiner Stelle entsetzt? Vict. (bereits im Ballrostüme). Vor der Hand — ja! Falt. Herr, so machen Sie das große Unrecht gut, das Sie an dem Manne begangen haben? Vict. Sein Sie ruhig! — es ist nur auf einen Scherz abgesehen — morgen soll er seine Stelle wieder haben. Falt. Nachdem er eine Nacht der bittersten Kränkung, des schwarzen Kummers verlebt hat! Dieß ist ein elender Scherz! LI Vict. Und dieß eine steche Sprache, die Sie sich gegen mich erlauben und die ich mir ein- für allemal verbiete. Gefällt's Ihnen bei mir nicht, so können Sie gehen, nnd Ihren Gebalt verzehren, wo es Ihnen beliebt. 8alt. (sich mäßigend, doch mit schlecht verhehltem Zorne). Nein, nein, ich bleibe. — Vict. Nun, so vollziehen Sie, was Ihres Amtes ist. Falt. Ja, ich werde thun, (betonend) was meines Amtes ist. (Ab.) Vict. (ihm nachsehend). Altes Murmelthier! Dich will ich noch zähmen, daß Du nach meiner Pfeife tanzen sollst. (Sieht in die Scene.) Aber sieh' — mein Balzer! — und wahrhaftig! er hat, wie ich's ibm angab, auch den Burschen, den Berthold, hie- her gelockt! — Doch sie dürfen mich nicht hier treffen. (Zieht sich in'S Gebüsch zurück.) Zehnte Scene. Balzer, Berthold. Victor (verborgen). Balz, (tritt zuerst auf). Berth. (folgt ihm in höchster Aufregung und hält ihn an der Hand fest). Sucben Sie mir nicht auszukommen, Sie werden mir Rede stehen! Balz. Warum nicht? (Auf die Leiten tbür blickend, für sich.) Das ist grad der rechte Platz! Bert. Als ich eben jetzt mit dem Vetter und Herrn Aumann aus dem Pfarrhause kam, da sahen Sie mich mit einem gewissen Blicke an, als wenn Sie sagen wollten: »Ich bedaure Dich!* Balz. Aus den Augen spricht die Seele. Berth. Dann haben Sie mich gefragt, ob ich mich schon mit Tinchcn habe ein- schreiben lassen. Als ich dieß bejahte, drückten Sie mir die Hand und sagten: Ich gratulire! aber dieß mit einem Tone — mit einem Tone, der sich gar nicht beschreiben läßt. Balz. Ja, ich habe zu Zeiten curiose Töne! Berth. Sie sagten dieß so, als ob Sie sagen wollten: »Armer Teufel!* Als ob Sie mich bedauern wollten — und wer einen Bräutigam bedauert, beschimpft die Braut, und wer sich so was erlaubt, dem drück' ich die Seele aus dem Leibe! (Faßt Balzer au der Brust.) Was wissen Sie von Tinchen? Balz. Laß mir mein Gcheimniß! Denk' nur an das Sprichwort: Was man nicht weiß, macht einem nicht heiß. Berth. Aber mich macht's heiß — so heiß, daß ich das ganze Schloß in Brand stecken könnte. Balz. Das Schloß? Du wirst doch deine Braut nicht gleich verbrennen wollen! Berth. Mein Tinchen? Hier? Im Schlosse? Was könnte sie da suchen? Balz. Es ist vielleicht von ihrer Seite purer Edelmuth! Lieb hat sie Dich — heiraten will sic Dich — aber Du hast nichts, sie bat nichts — der junge Gutsherr ist reich — sie will vielleicht nur dafür sorgen, daß sie dir doch etwas in's Haus mitbringt. Berth. Vom Gutsherrn? vom Gutsherrn? Balz. Wenn Du nicht ruhig bist, so erzähl' ich Dir nichts mehr. Berth. (sich mühsam bekämpfend). Ja, ich bin ganz gefaßt — ich hör' Alles an — sprechen Sic nur weiter! Balz. Bleibt aber unter uns! (Leise flu- st.rnd.i Mein Herr hat Tinchen einladen lassen. — Berth. Und sie, — sie wollte kommen? B crlz. Warum denn nicht? Sind ja lauter schöne Leute da. Berth. Sie hat also zugesagt? Das ist nicht möglich! Balz. Ob's möglich sein wird, hat sie mir selber noch nicht gewiß sagen können. Berth. Ihnen? Ihnen? Balz. Na ja — ich habe ja die Einladung zu bestellen gehabt. Berth. Und was — was hat sie geantwortet? Balz. Sie hat gesagt, ich soll, wenn's dunkel wird, auf ihr Fenster schauen — da durch das Gitter — (auf die Thür weisend) sieht man grad hinunter auf'S Jägerhaus. Berth. (hinsehend). Ja, ja, gerade auf ihr Fenster. Balz. Wenn sie das Licht mitten auf's Fensterbrett stellt — Berth. Meiner Seel — sie tritt an's Fenster — sie hat das Licht in der Hand — sie — sie stellt rs hin — o mein Gott! mein Gott! (Er taumelt fast ohnmächtig zurück. die Hand an die Stirne pressend.) Balz, (ganz ruhig). Jetzt ist's gewiß — sie kommt. (Nock der entgegengesetzten Seite sehend.) Und dort — (sich erschreckt stellend) kommt auch mein Herr! — Um Gotteswillen! jetzt schau, daß Du weiter kommst! Er darf Dich nicht sehen. Berth. Nein, er soll mich auch nicht sehen — (mehr für sich) jetzt noch nickt. (Laut.) Aber ich kann ja jetzt nicht fort — vom Hauptthor kommt der Herr (gegen die Seitenthür weisend) von dort sie. (Für sich, vor Wuth kochend ) Wenn ick nur nickt so mit leeren Händen da wäre — wenn ick nur meinen Hammer hätte — oder — (sieht mit stierem Blicke umher — sein Auge fällt auf Balzer'S Hirschfänger ) Ha! da! — (Laut.) Ich muß fort! es ist die höchste Zeit. — Ich danke Ihnen, Herr Balzer! danke Ihnen vom Herzen! (Faßt Balzer'S linke Hand mit seiner linken, dreht ihn aber rasch so seitwärts. daß er mit seiner rechten Hand den Hirschfänger auS der Scheide zieht.) Balz. Aber was thust Du denn? Berth. (den Hirschfänger hinter den Rü cken haltend). Still, der Herr kommt! (Eilt in das Gebüsch.) Vict. (kommt wieder hervor.) Balz, (ihm schnell entgegengehend und ihn an die andere Seite der Bühne führend). Alles nach Befehl! Das Täubchen kommt, und der Gimpel sitzt dort im Busch. Vict. (leise). Daß das Täubchen nicht wieder fortflattere, dafür habe ich gesorgt — daß über den Gimpel das Netz zur rechten Zeit zusammengezogen werde, dafür sorge Du! Balz, (entfernt sich hinter dem Gebüsche). Eilfte Scene. Vorige. Caroline, Tinchen, dann Ammer und die übrigen Freunde Victors. Tinch. (tritt zuerst schüchtern durch die Gitterthür ein). Gott! mir zittern alle Glieder. Earol. (folgt ihr). Niemand da? Wo ist denn der Balzer? Vict. (tritt mit Ammer hervor, leise zu diesem). Was seh' ick? Zwei statt Einer? Earol. Wenn's nur nicht schon so dunkel wäre — (Hält ängstlich TinchenS Arm.) Ist's nicht, als wenn dort Jemand auf uns zukäme? Vict. (leise zu Ammer). Es ist des Jägers Weibchen. Bei Gott! anch keine üble Prise. Die überlaß' ich Euch. Schwirr, Reckenberg und die übrigen Freunde (kommen nach und nach aus den BoSguetteS hervor). Tinch. Um Gottes willen! Ich sehe eine Menge Leute — laß uns fort — (Will Caroline fortziehen.) Vict. (tritt rasch hervor). Sie wollen wieder fort? — Hier ist der. den Sie sucken. Earol. (bebend). Der Gutsherr! Ammer (dreist zu Caroline hervortretend). Ei, was für liebenswürdige Gäste Freund Victor empfängt! (Will Caroline am Kinn fassen.) Earol. (zurückweichend). Wir sind keine Gäste, wir sind Unglückliche, die Herkommen, um eine Gnade zu bitten. Vict. (zu Tinchen). Und jede Bitte ist im Voraus gewährt. Tinch. Wirklich? Vict. Ich besiegle mein Versprechen mit diesem Kusse — (Will Tinchen umschlingen.) Berth. (springt, den blanken Hirschfänger in der Hand haltend, hervor). Tinchen! 43 Was ist das? Vict. Die klebrigen. Berth. (wüthend zu Victor). Zurück! — oder, so wahr ein Gott im Himmel ist — Dict. fzurückweicbend). Wie? Ein Angriff mit blanker Waffe? — Faßt ihn! Balz. Ist gescheitster auch — es ist ja nichts anzufangen mit den faden Nocken (albernen Geschöpfen). Dreizehnte Scene. Tinch. Betthold! Um Gottes willen! Berth. (zu Tincken). Fort mit mir, oder es geschieht ein Unglück! Balz, (mit mehreren Dienern hervoreilend). Das werden wir verhüten. Packt ihn! Die Diener (fassen Bertbold von rückwärts und entwinden ihm den Hirschfänger). Vict. Bringt den Wahnsinnigen fort — auf's Gerichtshaus! Morgen kommt das Werbcommando in das Dorf, ich will ihn zum Recruten anempfehlen. Berth. (während er von den Dienern abgeführt wird). Tinchen, daran bist Du schuld. (Wird fortgebracht). Tinch. (stürzt vor Victor auf die Knie). Gnädiger Herr! Barmherzigkeit! Vict. (sie rasch aufhebend). Sie können mir Befehle dictiren — kommen Sie mit mir! Carol. (von Ammer und den übrigenFreun- den umringt). Fort! Lassen Sie uns fort! Vict. So schöne Leute entlassen wir nicht so leicht! (Umschlingt sie gewaltsam. — Alle ab.) Verwandln ng. (Vorsaal im Schlosse.) Zwölfte Scene. Balz er, Victor. Vict. (eilt zuerst herein). Balz, (folgt ihm). O mein Gott! Ich bitte Sie, was haben Sie denn mit Tinchen angefangen? Vict. (verdrüßlich). Du hast ja gesehen, wie sie in meinen Armen ohnmächtig wurde — ich habe sie in eine Stube des Erdgeschosses bringen lassen — ihre Stiefmutter ist bei ihr — wenn sie sich erholt hat, sollen sie in's Himmels Namen wieder fort. Vorige. Jean. Jean (tritt rasch durch die Seitentbür ein). Dict. (zu Jean). Hast Du Herrn Falter nicht gefunden. Jean. Nirgends. Aber— (ängstlich) gnädiger Herr! ich bitte Sie, sehen Sie sich vor! Vict. (ihn erstaunt ansehend). Was ist Dir denn? Du zitterst ja beinahe — Jean. Es ist auch darnach! Im Dorfe unten geht's unruhig her. Vict. Im Dorfe? Was ist die Veranlassung? Jean. Als vorhin der Schmiedgeselle Berthold auf's Gerichtshaus geführt wurde, rief er Einigen zu, sie sollen dem Jäger sagen, daß sein Weib und seine Tochter ans dem Schlösse zurückgebalten würden. Balz. O weh! Jetzt stehen wir srisch! Vict. (zu Jean). Weiter! weiter! Jean. Das brachte die Leute auf. Tie Männer rotten sich zusammen — ich hotte laute Verwünschuugen — fast hätten sie mich mißhandelt, weil ich nur die Livree trage — und eben jetzt trat auch der Jäger mit seinen Leuten zu Ihnen — ich fürchte, sie werden in das Schloß dringen wollen. Vict. In mein Schloß? Das möcht' ich doch sehen! Balz. Mir wird übel. Vict. Ich fürchte mich nicht. Balz. Ja, Sie kennen das Volk nicht, aber ich — ich bin sckon einmal auf einem Kirchtag geprügelt worden — ich habe (sich den Rücken reibend) Platzkenntniß. Dict. (m Jean). Schnell zum Ortsgerichte! Mache die Anzeige! Es ist einWacbt- Piquet im Orte — es sollen Posten an dessEingang des Parkes gestellt werden — Niemand darf herein, außer Jene, welche 44 meine Karten vorweisen. Schnell, schnell fort! Jean (ab). Balz. Ich schaue auch, daß ich fortkomme. Vict. Du? Warum? Balz. Ich glaub' immer, wenn Euer Gnaden das Gericht zu Hilfe rufen, so sperren sie uns Zwei zuerst ein. Vierzehnte Scene. Vorige. Ammer. Ammer (kommt durch die Seitenthür). Victor, Victor! Vict. Was gibt's denn wieder? Ammer. Soeben fuhr ein Wagen in den Schloßhof — ich glaubte, es kämen noch einige der Geladenen, trete näher — wer ist's? Vict. Nun? Ammer. Deine Mama! Vict. Wie? Meine Mutter? Balz. Ihre Mu — Mutter? (Für sich.) O mein Gott! Einen ordentlichen Stick hat's mir jetzt gegeben. (Schmachtend.) Die Emilie! Vict. Es wäre mir lieber, wenn Sie um einen Tag später gekommen wäre; das heutige Fest ist nicht dazu geeignet, daß eine Dame wie meine Mama daran theil- nehmen könnte. Ich will hinab, um sie da von abzuhalten. Balzer! Wenn sie heraufkommt — leuchte Ihr durch jenen Gang (auf eine Seitenthür weisend) hinüber in die Gemächer der früheren Gutsbesitzerin — Du aber (zu Ammer) komm mit mir! (Hängt sich in Ammer'S Arm und geht mit diesem ge- gen den Hintergrund ab ) Balz. Sie — sie ist da! Ich möchte mein Herz in Draht flechten lassen, damit's mir nur nicht zerspringt. (Allein, horchend.) Ha! Ich hör' eine weibliche Stimme — sie nabt! — Ich weiß nicht wie ich ihr entgegentreten soll? — Aber nur vor Allem propre! (Zieht sich den Frack zurecht, richtet sich daS Haar u. s. w. und besieht sich dabei in einem Handspiegel.) Fünfzehnte Scene. Balzer. Emilie von Wallhaus. Emilie (eine Frau von fünfzig Jahren, aber in sehr gewählter Toilette, tritt durch die Seitenthür ein — noch zurück spreckiend). Marie! Sieh, daß das Gepäck in Sicherheit gebracht wird, dann komme auf mein Zimmer! (Tritt vollends ein.) Balz, (hat sich gegen sie gewendet, für sich). Soll das sie sein? Nicht möglich! Emilie. Gehört Er hier zum Schlosse? Balz, (sie immer starr ansehend). Ja wohl. Emilie. Wo komm ich hier zu meinen Zimmern? Balz, (fürsich). Ihre Zimmer? — Es ist nickt möglick! Emilie. Doch, Er weiß wahrscheinlich nicht, wer ich bin? Balz. Nein — auf Ehre nicht! Emilie. Ich bin die Mutter des Gutsbesitzers. Balz, (starr). Es ist nicht möglich! Emilie. Also leuchte Er voran! Balz. Leuchten? (Ganz verwirrt.) Ja, ja — (Nimmt einen Armleuchter vom Tische, geht zu Emilien und leuchtet ihr ins Gesicht — dann für sich.) Es ist nicht möglich! Emilie (zurückweichend). Was treibt Er denn? Balz. Entschuldigen — ich wollte mich nur bei glänzender Beleuchtung des äußeren Schauplatzes überzeugen, obSie's denn wirklich — wirklich sind? Emilie (beleidigt). Soll ich Ihm vielleicht meinen Paß vorweisen? Balz. Nein — ich sehe in Ihrem Gesicht — (für sich) den Lau spaß, den die Zeit Ihrer Schönheit gegeben hat. (Stellt den Leuchter wieder auf den Tisch.) Es ist stark! Emilie. Was thut er denn? Er soll mir voranleuchtcn. Balz, (für sich). Ich weiß auf Ehre nicht, ob ich mich ihr zu erkennen geben soll? — 45 Es ist kaum der Mühe wertst! — Aber doch! Man sagt ja: Die Erinnerung verjüngt — das kann ihr nicht schaden. (Wen- det sich gegen Emilie, zärtlich.) Emilie! Emilie (sieht ihn stolz an). Welche Frechheit! Balz, (für sich). Sie kennt mich noch nicht! (Laut.) Malt denn Ihr Gedächtniß nur mit Pastellsarben, daß die Bilder so schnell verschwinden? Emilie. Sollt' ich Ihn vielleicht schon irgendwo gesehen haben? Hm! — Wäre möglich — wer behalt sich alle die Gesichter! Balz. Freilich — freilich! (Für sich.) Sie hat nicht einmal ihr eigenes Gesicht behalten. Emilie. So sprech' Er, von woher kennt Er mich? Balz. Non lange her! Es sind bereits dreißig Jahre — Emilie. Vor dreißig Jahren war ich beinahe ein Kind. Balz. Ja, Sie waren ein Kind — ein schönes Kind, Fräulein Emilie waren — beim Onkel Roggenheim. Emilie. Bei Onkel Roggenheim? Balz. Erinnern Sie sich nicht eines schmucken Iägerjüngliugs — (romantisch) grün war sein Kleid — blau war sem Auge — grün und blau ist die Narrenfarbe — darum haben Sie ihn auch zum Narren gemacht. Emilie (strenge). Schweig Er! Balz. Was? Ich soll nicht einmal reden dürfen von mir selber? Emilie (ihn mit stolzem Blicke messend). Und Er wagt es noch einmal vor mir zn erscheinen? Balz. Ist daS unser Wiedersehen? — Emilie! Emilie (sich stolz aufrichtend und ihn mit strengem Blicke strafend). Ich heiße Frau von Wallhaus! Balz. Leider! Oh! Daß es so kommen mußte! Emilie. Ich habe Ihn damals freundlicher behandelt, weil Er durch seine Albernheiten mich oft zum Lachen brachte — Balz, (verletzt). Was? Nur zum Lachen? Emilie. Aber seine Thorheit verflieg sich so weit, daß Er meine Herablassung für Neigung hielt. Balz. Ich werd' irr' an mir selber! Emilie. Ich habe damals bei meinem Onkel selbst auf seine Entfernung gedrungen — Balz. Was? Also Ihnen — Ihnen verdanke ich eigentlich die Schläge? — Shakespeare sagt: Wer über gewisse Dinge nicht baff wird — Emilie. Und er konnte sich bis jetzt dem Wahne hingeben, daß Er, Er, auf mein Herz einen Eindruck gemacht habe?! Ich weiß in der That nicht, ob ich Ihm nicht zn viel Ehre erweise, wenn ich mich über diesen Comble von Dummheit nur erzürne. — Aber — Er hat sich doch nicht etwa gegen meinen Sohn in ähnlicher Weise verlauten lassen? Balz. Nein — die Kinder brauchen »licht Alles zu wissen. — Aber wenn Sie wüßten, was ich Alles für ihn gethan habe, bloß aus Rücksicht dafür, daß Sie — Sie ihn unter Ihrem Herzen getragen haben — Emilie. Weiß Er denn nicht, daß Victor mein Stiefsohn ist? Balz. Na — was? Stief — Stief — Emilie. Er nennt mich nur seine Mutter, weil er erst zwei Jahre alt war, als sein verwitweter Vater sich mit mir ver- mälte. Balz, (vernichtet). Also nicht einmal Ihr Sohn! — (Für sich.) Und darum Räuber und Mordbrenner! Emilie. Doch ich würdige Ihn schon einer zu langen Unterredung. Eines sage ich Ihm noch: Wage Er es nie mehr, mich auf Seine damalige Frechheit zu erinnern, schätze Er sich vielmehr glücklich, wenn ich ihrer nicht mehr gedenken will. — Nun leucht' Er mir auf mein Zimmer! Balz, (ganz gebrochen, wankt maschinenmäßig zmn Tisch, nimmt den Leuchter mit zitternder Hand und geht zur Seitenthür voran, dieselbe öffnend) Hier, Euer Gnaden! Emilie (durch die Thür sehend). Es ist ohnehin Alles beleuchtet — bleib' Er zurück! Hier nehm' er! (Drückt ihm ein Porte- de monnaie in die Hand und geht stolz ab.) Balz, (allein, besieht das Porte de monnaie). Geld! Sie fertigt mich mit Geld ab? Und icb sollte das von ihr annehmen? O pfui! pfui! (Wirst eS weg. besinnt sich aber wieder.) — Aber sehen muß man doch, was darin ist. (Hebt eS wieder auf und besieht den Inhalt.) Ein Zweiguldenzettel! Damit will sie mir die Vergangenheit abkauseu? Das soll mein Lohn sein für Alles, was ich für den Victor getban habe, der nicht einmal ihr Sohn ist? — Fürchterliche Demüthigung! — Vorbei Alles! — Ich weiß jetzt, was es heißt, aus dem siebenten Himmel herunter zu purzeln! (Sinkt in einen Stuhl.) Sechzehnte Scene. Balzer. Victor. Dict. (kommt rasch vom Hintergründe her). Ah, Du bist hier allein, Balzer? Das ist mir lieb. (Ruft ihm zu:) Balzer! bist Du cin- geschlafen? Balz. Nein — ich bin g'rad wachgerüttelt worden. Vict. So sei so gefällig aufzustehen, wenn ich da bin! Balz. Ihr Dasein hat für mich kein Interesse mehr. Vict. Kerl! Mir scheint, Du bist vom Weine trunken. Balz. O nein, ich bin eben mit dem kalten Wasser der Enttäuschung begossen worden. (Steht auf und mißt Victor verächt- lich vom Kopf bis zu den Füßen.) Ich weiß jetzt, wer Sie sind. Vict. Nun, doch niemand Anderer als dein Herr und Gebieter? Balz. Mit dem ist's aus! EinemStief- sohu diene ich nicht mehr — Sie haben bei mir ausgedient! Ich lege dieses Kleid (auf seine Livrve weisend) ab; es ermnert mich nur au meine Schmach! Vict. Wenn Du aus meinen Diensten treten willst, ich werde Dich nicht halten. Balz. Ja, stellen Sie mir ein Zeugniß ans, daß ich Ihnen treu und redlich bei allen Niederträchtigkeiten gedient habe, die Sie mir befohlen haben. Vict. Dn wirst über Alles, was während deiner Dienstzeit geschehen, reinen Mund halten! Balz. Wie kann man bei so schmutzigen Geschichten reinen Mund halten? Vict. Du würdest nur Dich selbst verfänglich machen. — Wir waren ohne Zeugen, als ich Dir die Aufträge gab — ich würde Alles in Abrede stellen. Balz. Was? Euer Gnaden — Sie muuvrüs 8rrjet! Vict. Elender! (Mit gedämpfter Stimme.) Wenn ich nicht ein Aufsehen vermeiden wollte, ich ließe Dich mit Hetzpeitschen aus dem Schlosse jagen. Balz. Sie! Mir trauen Sie jetzt nicht mehr! Ich bin in einer Stimmung, in welcher ich zu Allem fähig bin. — Wenn Sie mich wüthend machen, so — (macht eine Handbewegung.) Dict. (springt zurück). Balzer! (Für sich.) Der Kerl ist wahrhaftig betrunken— macht am Ende Scandal während des Festes — ich muß ihn begütigen, und dann für heute Nacht entferne». — (Laut, besänftigend.) Balzer, Dn bist in einer unerträglichen Aufregung. Balz. Möglich! Es gibt Augenblicke, wo auch das sanfte Schaf zur Hyäne werden kann. Dict. Wenn Du nicht mehr in meinen Diensten bleiben willst, so hat es nicht solcher Auftritte nöthig, wir können in Güte scheiden, ich verkenne den Werth deiner Dienstleistung nicht — hier nimm! (Gibt ihm eine Börse.) Balz, (die Börse besehend). Banditenlohu! Vict. Aber Einen Dienst mußt Du mir noch leisten. 4 - Balz. Wieder einen Gaunerstreich? Vict. Nicht doch. Ein guter Bekannter von mir, der Hauptmann Mohrseld ist im nächsten Orte einquartirt — ich will ihn zu mir laden — besteige also ein Pferd. — Balz. Also ist's doch wieder auf einen Aufsitzer abgesehen! Dict. Reite hinüber und gib ihm diesen Brief. (Gibt ihm einen Brief.) Du kannst dann überNacht d'rüben bleiben, ich benöthige Dick hier nicht mehr. Willst Du dies thun? Balz. Meinetwegen. Hier im Schloß ist mir ohnehin die Lust zu drückend. Dict. (begütigend). Nun so geh', mein Alter! Morgen werden wir uns auf freundliche Weise ausgleichen. Mach' nur jetzt, daß Du fortkommst! (Für sich im Abgehen.) Ich will indeß schon Sorge tragen, daß man ihn, wenn er zurückkommen wollte, nicht wieder hereinläßt. (Ab.) Balz, (allein). Den Brief soll ich bestellen? — Jetzt, so spät in der Nacht? — Da steckt gewiß wieder eine Schurkerei dahinter. — (Liest die Adresse.) Herrn Hauptmann Mohrfeld — derzeit auf Werbe- Eommando. (Von einem Gedanken erfaßt.) Werbung? — Ha! Am Ende ist das ein Urias-Brief, und er will mich zum Militär abstellcn lassen! — Wenn sie mich sehen, so lassen sie mich gar nicht mehr aus! — Es wär' entsetzlich! — Und den Brief soll ich abgeben, ohne zu wissen, was darin steht? Das thun wir nicht! Ich habe, seitdem ich in dem Dienst bin, schon so viel Schlechtigkeiten gethan, daß es mir auf ein bischen Bnefaufbrechen auch nicht ankommt. (Tritt zum Tische und bemüht sich den Brief sorgfältig zu öffnen.) Siebzehnte Scene. Balzer. Falter, Mar, Jacob. (Alle drei sind in schwarzen Domino'S- Falter hat die Larve vor dem Gefickte, die beiden Anderen halten sie anfangs in der Hand.) Iac. Heriu wären wir! Mar. (zu Falter). Aber jetzt sagen Sie wer Sie sind? Falt, (ihm die Hand drückend). Einer, der's gut mit Euch meint. Mar. Das haben Sie uns bewiesen, als Sie uns, von den Wachen eben zurückgedrängt, Eintrittskarten heimlich in die Hand drückten. Iac. Und uns, um uns unkenntlich zu machen, in diese Leichenträger-Mäntel (aus seinen Domino weisend) steckten. Mar. Aber jetzt vor Allem: wo ist mein Weib, — meine Tochter? Falt. Ich habe Euch bereits gesagt, warum sic auf's Schloß kamen, — sie sind unter meinem Schutze, seid also ruhig über sie. Mar. Das kann ich nicht! Balz, (welcher die Anwesenden nicht bemerkte, hat indessen den Brief geöffnet, — laut ausrufend). Es ist gelungen! Mar (ihn nun erst erblickend, mit gedämpf- ter Stimme). Ha — der Balzer! Der muß Aufschluß gebeil! (Nimmt die Larve vor und tritt leise hinter Balzer ) Iac. (sich ebenfalls verlarvend, und Faller folgen ihm). Balz, (hat indeß den Brief geöffnet und liest). »Lieber Freund! Ich höre soeben, daß Du in der Nachbarschaft einquartirt bist. Willst Du diese Nacht auf meinem Schlosse zu- blingen, so lade ich Dich ein. Es geht recht lustig her.« (Sprechend). O kreuzfidel! (Liest wieder.) »Morgen ist die Werbung ohnehin in unserem Bezirke — ich werde Dir ein Individuum bezeichnen« — (spre- chend) es ist richtig so, — ich bin ein Individuum! (liest weiter) »einen störrischen Burschen, den curirt nur derEorporalstock!« (Erschrickt, mit weinerlicher Stimme.) Der Cor- poralstock! Mar (welcher ihm über die Schulter in den Brief gesehen, reißt ihm denselben plötzlich auS der Hand). Balz, (heftig erschreckt), llm Alles in der Welt! (Retirirt furchtsam.) Drei Vermummte! Mar (welcher indeß den Brief rasch gelesen). Ha! Das ist auf den armen Berthold ab gesehen! 48 Zac. Was? Auf meinen Berthold? — Laß sehen! (Sieht auch in den Brief.) Balz. Ich höre bekannte Stimmen! Herr Aumann, sind Sie's oder sind Sie's nicht? Mar (die Larve abnehmend). 3a, ich bin's! Balz, (auf Jacob deutend), lind der da? Zac. (in an der Brust fasse, d). Mich sollst Du erst kennen lernen, wenn Du jetzt nicht auf der Stesse beichtest. — Balz. Das ist der Vieharzt, dem kann ich mich anvertrauen. Zac. (sich ebenfalls demaSkircnd). Jetzt sag' Alles, was Du weißt, oder- Balz. Was ich weiß? Ich weiß nur, daß ich ein schlechter Kerl geworden bin, — ist Ihnen das genug? 3ac. Du bist vielleicht nur ein dummer Kerl. — Balz. Meinen Sie? Das beruhigt mich unendlich. Zac. Der sich zu Schlechtigkeiten hat brauchen lassen. Balz. Sie haben cs schon crrathen. Aber ich schwör' Ihnen: nur das erhabenste Gefühl der Natur hat mich zu allen Schändlichkeiten gestimmt. Falt. So sprich! Nur wenn Du ein reumüthiges Bekenntniß von Allem ablegst, kann Dir vielleicht verziehen werden. (Zieht ebenfalls die Larve ab ) Balz, (entsetzt zurückweichend.) Ha, das Gesicht! Das ist der Mann, an dem ich zuerst als Bube gehandelt Hab'. Falt. An mir? Balz. Za, im Schlafzimmer des jungen Herrn — an, siinen Befehl Hab'ich, während Sie gen» tblich schnarchten, durch eine verborgene - in das Zimmer hinein, und Ihnen ine ^christ aus der Brusttaschc ziehen müssen. Falt. Ha! Du also hast dieß gethan? Aber dieß Bekenntniß sollst Dn vor einem Anderen ablegen. Komm' mit mir — (zu Maxen) und Ihr auch — Ihr aber (zu Jacob) geht in das Gerichtshaus, gegen diesen Schein (übergibt ihm ein Papier) wird man euren Berthold in Freiheit setzen. (Zu Balzer. ihn an der Hand fassend.) Und nun mit mir! Balz, (resignirt). Nun wohlan! Was muß geschehen! — Fallen seh' ich (mit der Pantomime von Schlägen) Zweig aufZweig! — wenn's nur nicht mehr als Fünfundzwanzig sind! (Ab mit Falter.) Mar und Zac. (folgen ihnen) Verwandlung. (Saal mit dem Bilde des Oheims — aber nun festlich beleuchtet. Rauschende Ballmufik ertönt.) Achtzehnte Scene. Victor, Ammer, Schwirr, Reckende rg (sämmtlich in Dominos, treten ein). Zean (folgt ihnen). -immer. Aber sage mir nur, was Dir heute ist? Vict. Es geht nicht Alles wie ich wollte, ich habe mich beim Arrangement des Festes auf den alten Falter verlassen, und nun ist er verschwunden. Zean (vortretend). Er gab mir den Auftrag, Alles nach seinem Plane zu ordnen — er versicherte, zur rechten Zeit werde er schon erscheinen. Neunzehnte Scene. Vorige. (Ein Zug bunter Masken kommt durch die Mitte herein und bildet Gruppen.) Dann Landeck, Gerichtspersonen, Balzer, Wachen. Dict. (klatscht in die Hände). Laßt auftragen! (Die Gruppe der Masken theilt sich zu beiden Seiten, indem sie sich auflöst, sieht man hinter ihnen Balzer, von zwei Wachen umgeben — Landeck in Amtkuniform, zwei Gerichtspersonen schwarz gekleidet. — Ueberrascht zurücktretend). Was ist das? — Vom Gerichte ? Land eck (vortretend). Zch wurde dringend hieher beschicken, um ein in diesem 49 Schlosse begangenes Verbrechen an Ort und Stelle zu untersuchen. Viel. Ein — Verbrechen!? Landeck. Ein wichtiges Dokument wurde hier entwendet — der Thäter (auf Balzer weisend) hat bereits bekannt, doch behauptet er, nur in 3 h re in Aufträge gehandelt zu haben. Balz. Za, ich bin nur eine verführte Unschuld, — er war mein Herr, — ich sein armer Diener. Vict. Za, — allerdings, allerdings — Alles nur in meinem Aufträge geschehen. Land eck. Wie? Sie stellen es nicht in Abrede? Vict. Durchaus nicht, — doch entscheiden Sic, ob ich anders handeln konnte. Ein gewisser Falter kam mit einem angeblich nachträglichen Testamente meines Oheims zu mir, welches er aber nie aus den Händen ließ. Ehe ich weiter auf seine Vorschläge einging, wollte ich mich von der Echtheit überzeugen — ich ließ die Urkunde daher, während er schlief, durch meinen Diener aus seinem Zimmer holen. Zch erkannte die Fälschung, und daß es auf einen Betrug abgesehen war. Zch stellte jenen Herrn Falter selbst zur Rede — er selbst bekannte — und aus Mitleid mit ihm vernichtete ich das Papier, den Zeugen seines Vergehens. Land eck. Können Sie diese Aussagen beweisen? Vict. Der beste Beweis liegt wohl darin, daß jener Betrüger sich nicht mehr hier blicken läßt. Zwanzigste Scene. Vorige. Falter. Mar. Falt, (tritt mit Mar durch die Seitenthür. Er ist ganz in den Domino gehüllt, hat die Larve vor dem Gesichte und die Kapuze über den Kopf gezogen). Ei, wer sagt denn dieß! Hier, — hier bin ich ja! Vict. Sie wagen cs noch? — Nun denn, so beweisen Sie, daß das Dokument ein echtes war. Falt. Mir mangeln freilich die weiteren Beweise — ich will mich auch jedem Ausspruche fügen, wenn Herr von Wallhaus im Stande ist. mir fest in's Gesicht sehend, seine Aussage zu wiederholen. Vict. Sonst nichts! (Zu Landeck.) Nun denn, Sie haben seine Bedingung gehört — also herab mit der Larve, Aug' im Auge will ich wiederholen — Falt. Versuchen Sie'S! (Wirft Domino und Larve ab und steht nun vollkommen dem Bilde ähnlich vor Victor.) Dick, (jurücktaumelnd). Herr im Himmel! Sie — Sie, mein Oheim, Sie leben! Falt. Za, mit lebendigen Augen wollte ich mich überzeugen, welcher von meinen Verwandten würdig sei, mich zu beerben. Vict. Sie nicht todt und — warum dann das Testament — Falt. Zch wollte, obgleich Dir mit Recht zürnend, Dich nicht ganz elend machen. Meine Absicht war, Dich durch jenes zweite Testament zu bestimmen, die Tochter jener wackern Leute zu heiraten, damit Du als ihr Gatte, als Schwiegersohn eines Biedermannes, am Genüße des Vermögens, welches ich ihnen abtreten will, Theil nehmest, ohne doch frei darüber verfügen zu können. Vict. Doch, sie war ja bereits Braut, ihr Gemal konnte ich nicht werden — und die Verzweiflung trieb mich, das Testament zu vernichten. Falt. Zch hätte auch diese Thal minder strenge geahndet, wenn nicht dein ferneres Gebühren meine Ansicht bestätigt hätte, daß derjenige, den Armuth zu einer schlechten Thal verleiten kann, auch im Besitze aller Schätze ein schlechter Mensch bleibt. Darum fort aus meinen Augen, wie Du aus meinem Herzen verbannt bist. Vict. (macht noch eine flehende Geberde). Falt, (winkt ihm strenge, sich zu entfernen). Vict. (geht verzweifelnd ab). Landeck GerichtSpers. Falt, (zu Max). (folgen ihm). Zhr aber, wackerer lhrat«'Reptr1oir Sir. 77, 4 50 Mann, der in der bitteren Schule der Ar- muth die Ehrenhaftigkeit bewahrte, Ihr, der der verwaisten Tochter meiner unglücklichen Schwester ein treuer Gatte und Beschützer wurdet — Mar. Was? Ich — meine Frau — Falt. Herbei! Herbei! Einundzwanzigste Scene. Vorige. Caroline. Tinchen. Jacob. Tinch ^ (eilen in Festkleidern herbei). Falt. An mein Herz, meine Nichte! — Und Ihr (zu Maren) auch l Mar- Gott! Wie wird mir denn? Wie erklär' ich mir denn Alles? Falt. Dieß Gut habe ich für Euch gekauft. Mar. l Mein Gott! Das Gut — Carol. j unser! Falt. Ihr gönnt mir wohl ein Plätzchen in eurer Mitte, damit ich mich eurer Liebe, eures Glückes freuen kann. Mar. Aber — Herr! Wenn wir hier beisammen bleiben, darf Einer nicht ausgeschlossen werden — (auf Jacob zueilend) der da! Der bat vielleicht ein eben so großes Verdienst, als ich. Jac. (bescheiden). Ab — ich bitte — Falt. Za, ja, Ihr bleibt bei uns. Damit aber der Kreis der Familie sich noch vergrößere — (zu Berthold und Tinchen) so schließt Ihr rasch den Bund! — Dieß Fest, bestimmt zu wilder Lust, verwandle sich in ein Fest der reinen Liebe! — Bittet die Eltern um ihren Segen — heute noch soll eure Hochzeit sein! - Tinch. i Heut' — heut' noch! Vater! Bcrth. j Mutter !(Knieen vor ihnen nieder.) (Bon allen Seiten eilen festlich geschmückte Paare heraus und bilden eine Gruppe um die Liebenden. — Allgemeiner Jubelruf.) (Der Borhang fällt.) Ende. Don Friedrich Kaiser erscheint demnächst in unserem Verlage: Unrecht Gut. Eharacterbild mit Gesang in 3 Acten und I Vorspiele. Preis: 12 Sgr. oder 60 kr. (Den Bühnen gegenübe r als M anuskript gedruckt.) Drei Viertel auf Eilf. Schwank in einem Act von M. A. Grandjean. Aufgeführt am k. k. priv. Carl-Theater in Wien. Personen: v. Blinzer, ehemals SchiffScapitän. Caroline, seine Stieftochter. Henneberg, Schiffslieutenant Eduard Fröhlich, Weinreisender. SchwVndttng. j «"und-, Krümling er. Zahnarzt. Thomas. Aufwärter im Gasthofe zum Phönix. Ein Lohnbedienter. Ort der Handlung: Eine Seestadt. (Speisesaal im Gafthofe zum Phönix, im Hin- tergrunde sind zwei offene Mittelthüren. Rechts und links Eingänge zu Paffagierzimmern.) Erste Scene. Fröhlich, Pumper und Schwindling (sitzen, rechts dem Zuschauer, an einem Tische, unter welchem bereits mehrere geleerte Champagnerflaschen stehen). Fröhlich (fitzt mit dem j Rücken gegen die Seitenthür links zu). Thomas (geht auf und nieder). Fröhl. (währender eine neue Flasche ent. korkt). Behagt Euch der Wein? Pump. Er ist ausgezeichnet. Fröhl. Nicht wahr? Habe schon manche Flasche davon an Man» gebracht. Sckwiudl. O wenn Du den Wein so billig gibst, wie hellte, wirst Du stets Ab- nehmer finden. (Anstoßend.) Es lebe Fröh- lich, der lachende Erbe! Fröhl. Danke für euern Antheil an meinem Glücke. Pump. Hast Du deine Erbschaft schon baar ausbezahlt bekommen? Fröhl. Noch nicht, indessen erhielt ich 2 bereits ein niedliches Sümmchen — zehntausend Thaler — aus Abschlag. Pump. Wie das Glück so merkwürdig plötzlich über den Menschen kommt! Ick dachte immer, die reichen Onkel in Amerika existirten nur noch in der Komödie. Fröhl. Zch hielt sie auch für Geschöpfe der Sage — da lese ick in der Zeitung eine Vorladung an die unbekannten Bluts verwandten des in Cincinnati am Ohio verstorbenen, sehr ehrenwerthen Mr. John Edward Fröhlich — ich melde mich, weise nach, daß der Selige mein Oheim und Tauspathe war, und man eröffnet mir zu meiner unsäglichen Freude, ich sei laut Testament des würdigen alten Herrn alleiniger Erbe dessen Baarvermögen im Verlaufe von ungefähr hunderttausend Dollars und seiner zahlreichen Pflanzungen am Ohioflusse, mindestens das Doppelte im Werthe. Pump. Nun — und wirst Du jetzt nach Amerika reisen? Dich dort ansiedeln? Pflanzer werden? Fröhl. Nein. Ich will mich in dieser Stadt ansiedeln, und nichts pflanzen als einen Stammbaum, d. h. ich will heiraten. Das Geschlecht der Fröhliche soll nicht aussterben. Schwirr dl. Ah vortrefflich — also hat Dein Herz schon gewählt? Fröhl. Freilich. Vor einigen Wochen lernte ich hier ein Mädchen kennen, — sah sie — liebte sie, und sie — liebte mich wieder, wohlgemerkt, noch ehe ich reich war. Pump. Nun, jetzt wird sie Dich aber auch nicht hassen. Fröhl. 2hr Vater ist ein alter Seemann, der sich in Ruhe setzen will. Ihn kenne ich noch gar nicht — er wird aber täglich hier erwartet. Indessen — das Mädchen ist mir gut — deren Frau Taute — Vaters Schwester nämlich — protegirt mich sehr —; wenn Papa Seewolf eintrifft, so trete ich vor ihn mit aller Grazie eines Weinreisenden, mit dem Aplomb eines berechtigten Mannes von so und so viel zehntausend Thalern — und ich denke, er wird mir nicht die Thüre weisen. Schwin dl. Auf keinen Fall. Wir werden bald auf deiner Hochzeit tanzen. Fröhl. Ich muß heiraten; ich würde sonst zu übermüthig. Ein bischen Springinsfeld war ich von jeher, und nun, wo mir ein solches Vermögen in die Tasche geflogen ist, würde mir die Welt zu enge und der Himmel zu nieder, wenn ich mir nicht die süßen Fesseln der Ehe anlege. Hm — jetzt fühl' ich erst, daß mir der Wein zu Kopf gestiegen ist — Ich bin in der Laune, jeden Menschen zu umarmen, oder mit jedem Menschen Streit anzufaugeu — wie es gerade kommt! So — der Wein wäre zu Ende, nun kommt der bittere Nachgeschmack — die Zahlung. (Ruft.) He, Thomas! Thom. (herzukommend). Befehlen? Fröhl. Was bin ich schuldig? Thom. Das weiß ich nicht. Ich bekomme fünfzehn Gulden dreißig Kreuzer. Fröhl. (lacht). Für den alten Witz geb ich Dir — um zwei Groschen weniger Trinkgeld. Da — (Sein Portefeuille durchblätternd.) Hier Hab' ich mehr Visitkarten als Banknoten — lauter Souvenirs von meinen Gläubigern, die nun auf einmal ganz katzenfreundlich und manierlich geworden sind. Darunter ist auch Herr Krümlin- ger, der berüchtigte Zahn-Escamoteur. Da seht her —Hippolyte Krümlinger (steckt sein Portefeuille wieder ein). Pump, (der Krümlinger'S Karte in der Hand behielt). Wie zart — bloß der Name — ohne Titel und Charakter! — Goldrand — englische Cursivschrift. — Zweite Scene. Vorige. Blinzer (aus dem Seitenzimmer links. Trägt einen Strohhut, kurze Jacke und weite PantalonS. Er ist sehr kurzsichtig und führt häufig eine Lorgnette zum Auge. Beim Heraustreten stolpert er über einen Stuhl). Pump, (legt Krümlinger'S Karte auf den Tisch und steht lächelnd auf den Eingetretenen 3 hinüber). Was ist denn das für eine postier-! liche Figur? Schwilldl. (leise zu Fröhlich). Das Gespenst deines Onkels vom Ohio! Fröhl. (lacht). Hahaha! — Er sieht in der That etwas bizarr aus. Und wie kurzsichtig er ist! Seht nur — ohne Lorgnette sieht er nicht die Hand vor den Angen. Blinz. (hat an einem Tische zunächst der Thür links Platz genommen. Thomas bringt ihm Thee). Thom. (zu Blinzer, der mit den Händen auf dem Tische umhertappt). Fehlt etwas! Blinz. Zucker. Thom. Er steht vor Ihnen. Blinz. Wo? (Tappt wieder umher.) Teufel, der Tisch ist ja ganz naß! (Zieht sein Sacktuch heraus, trocknet sich die Hände und legt daS Tuch vor sich nieder.) Thom. Aber, Herr Capitän, Sie suchen immer hier rechts — der Zucker steht ja da links — gerade bei der Hand. Blinz. So stell' Er ihn ein andermal rechts. (Pumper. Schwindling und Fröhlich beobach- ten den Vorgang mit unterdrücktem Lachen.) Fröhl. Jetzt muß der arme Thomas daran Schuld sein! Blinz. (ergreift die Lorgnette, guckt auf dem Tische umher und nimmt sich Zucker. Dann will er die Milchschale ergreifen, tappt falsch und wirft dieselbe um). Sapperment — Ihr stellt mir aber auch Alles so ungeschickt! Fröhl. (der das Lachen nicht mehr zurück- halten kann). Ha, ha. das ist zu drollig! Pump, (zu Fröhlich). Lache nicht so laut, Du wirst den Alten böse machen. Blinz. (wirft durch die Lorgnette einen Blick hinüber). Fröh. (wendet sich rasch, so oft der Capitän nach ihm sieht). Thom. Befehlen Sie noch etwas? Blinz. Nein — Ja — wo ist mein Sacktuch? (Tappt nach dem Sacktuchs wel- chrS ihm mittlerweile hinabgefallen ist.) Thom. (zeigt auf den Boden darnach hin). Dort liegt es. Blinz. Dort? Wo? Thom. Unter dem Tisch — Blinz. So gib es mir, fanler Schlingel — kannst Du Dich nicht bücken! (Tho- maS hebt daS Tuch auf - in demselben Augenblicke sieht der Capitän durch die Lorgnette unter dem Tisch und >wßt mit Thomas zusammen.) Fröhl. (lacht überlaut). Ha, ha! — Wie eine Nachteule im Sonnenschein! Thom. (geht links ab). Blinz. (erhebt sich zornig und steckt das Sacktuch ein). Dritte Scene. Vorige, ohne Thomas. (Blinzer greift nach der Lorgnette und will auf Fröhlich zugehen, stößt an seinen Tisch, die Lorgnette entfällt ihm. er tritt darauf und zerbricht sie. Neues Lachen der drei Freunde. Der Capitän geht zornig, doch dabei blinzelnd und vorsichtig seinem Ziele zu ) Pump, (leise zu Fröhlich). Er geht auf uns los! Schwindl. (ebenso). Er blinzelt wü- thend. Pump. Ich mache mich aus dem Staube. Schwindl. Ich gleichfalls. (Beide ziehen sich zurück.) Fröhl. (leise). Pst! — Bleibt nur ein wenig entfernt stehen. Paßt auf! (Verläßt schnell seinen Stuhl und setzt sich mit dem Gesichte gegen den Capitän auf Pumper'S Platz.) Blinz. (ist endlich nahe gekommen, steht den Stuhl, auf welchen er zuging, leer, stutzt, und blickt Fröhlich an). Fröhl. (hat den Rockkragen in die Höhe gezogen, den Hut in die Stirne gedrückt — mit ganz veränderter tiefer Stimme). Was wünschen Sie, mein Herr? Blinz. Wo ist der Herr, welcher hier saß? Fröhl. Fortgegangen. Blinz. Er hat über mich gelacht. Fröhl. Ich glaube ja. Binz. Sie auch? Fröhl. Ich glaube ja. Blinz. Ich halte mich also an Sie. Fröhl. An mich? Erlauben Sie — ich lachte nur obligat — als Chor — als zweiter Baß — hören Sie, z. B. (Lacht tief.) Hohoho! — So — mein Freund aber, der 1 * 4 hier saß, der lachte Solo, erster Tenor — So — (Lacht schrill.) Hihihi! Blinz. Er ist Ihr Freund — Sie wissen seinen Namen? Fröhl. Nein. Blinz. Seine Wohnung? Fröhl. Auch nicht. Blinz. O, ich sehe, man hält mich zum Besten. Sie scheinen mir ein eben so lustiger Herr wie Ihr Freund — ich verlange von Ihnen Genngthnnng. Fröhl, Wie komme ich dazu? — Ist denn Lacher» eine Sünde — darf man denn nicht »fröhlich» sein? Blinz. Ohne viele Worte, mein Herr, Ihre Karte. Fröhl, Nun, wenn Sie durchaus wünschen, meine Bekanntschaft zu machen — es ist mir eine Ehre. Hier ist meine Karte. (Nimmt lächelnd die Karte vom Tisch und gibt sie dem Capitän.) Blinz. (der eine Weile in seinem Portefeuille gesucht). Da haben Sic die meine. Ihre Waffe? Fröhl. Natürlich Degen. Blinz. Noch heute Vormittag. Um eilf Uhr habe ich zu thun — bis dahin muß Alles abgemacht sein. Fröhl. Einverstanden — also drei Viertel auf eilf. Blinz. Ich werde Sic hier erwarten. Guten Tag. (Nach links ab.) Fröhl. Empfehle mich gehorsamst. Vierte Scene. Fröhlich, Pumper und Schwindling (kommen wieder nach dem Vordergründe). Pump. Er hat Dich gefordert? Fröhl. (wieder mit seiner natürlichen Stimme). So ist's. Schwindl. Und Du wirst Dich stellen? Fröhl. Ich schicke einen Ersatzmann. Pump. Wie so? Fröhl. (lacht). Herr Krümlinger wird die Güte haben, sich an meiner Stelle zu schlagen. Schwin dl. Der Zabn-Escamoteur? Fröhl. Derselbe. Ich habe seine Karte bagegeben. Pump. Und nun? Fröhl. (lacht). Und nun — weiß ich selbst nicht, was daraus werden soll. — Ein Schwank, eine leichtsinnige improvi- sirte Komödie. Pump. Viel Glück dazu. Jetzt lebe wohl, Freund, das Frühstück hat etwas zu lange gedauert. Wir müssen gehen. Fröhl. nevoir, mo8 amiis! (Pumper und Schwindling ab durch die Mit- telthüre rechts.) Fünfte Scene. Fröhlich allein. Dann ein Lohn bedienter. Fröhl. Das sind eigentlich doch ein paar sehr windige Gesellen. Hm! Wenn das Sprichwort wahr spricht: Willst Du wissen, wer Du bist, so sieh', wer deine Gesellschaft ist, dann bin ich eigentlich auch — Bah — wenn ich verheiratet sein werde, da will ich mir schon anständigere Freunde anschaffen. Jetzt muß ich meine schnurrige Karten-Jntrigue weiter führen. Vor Allem muß Herr Krümlinger citirt werden. (Ein Lohnbedienter tritt aus derSeitenthür links.) Pst! — Einen Augenblick! Lohnb. Euer Gnaden befehlen? Fröhl. Wissen Sie, wo der Zahnarzt Krümlinger wohnt? Lohn. Der in allen Zeitungen so viel Lärm von sich macht? Fröhl. Derselbe. Lohnb. Ei ja wohl weiß ich seine Wohnung. Fröhl. Gut. Bringen Sie ihm diese Karte (gibt dem Lohnbedienten die Karte des Capitäns) und ersuchen Sie ihn, im Namen des Herrn (die Karte lesend) von Blinzer, sich punct drei Viertel aus eilf Uhr verläßlich hier einzufinden. Lohnb. Sehr wohl — ich werd' es besorgen. 5 Fröhl. Aber jetzt,— sogleich. Lohnb. Den Augenblick! (Ab durch die Mittelthür rechts ) Sechste Seene. Fröhlich, Caroline (durch die Mittelthür links). Fröhl. (erblickt Caroline). Was seh' ich. mein Fränlein — Sie hier im Gasthosc? Suchen Sie Jemand? Carol. Mit Ihrer Erlaubnis — ja — und zwar — meinen Vater. Er ist gestern angekommen und im »Phönir« abgestiegen. Noch heute Abend aber bezieht er die für die ihn gemiethete Wohnung. Fröhlich. Vortrefflich — so will ich denn gleich ohne Bangen Zum Weibe Dich von ihm verlangen. Carol. O — nicht gar so rasch! Ich habe ihn zwar brieflich und gestern auch schon mündlich vorbereitet — habe alles Mögliche, Liebe, Gute und Schöne von Ihnen gesagt. — Fröhl. Sehr verbunden. Carol. Ja — so viel Schönes — daß ich — wenn auch nur die Hälfte davon wahr ist — an Ihrer Seite die glücklichste Gattin der Erde werden muß. Fröhl. Das sollen Sie auch werden. Caroline — ich möchte aber doch wissen, was Sie Ihrem Vater eigentlich Gutes. Liebes und Schönes von mir gesagt haben. Carol. Ei seht doch — wozu? Fröhl. Erstens — weil es mich gar unendlich erquicken würde, mein Lob von Ihren holden Lippen zu vernehmen, und zweitens — weil ich das Bild sehen möchte, welches Sie von mir entworfen haben, um diesem Bilde ähnlich zu werden, wenn es vielleicht geschmeichelt sein sollte. Carol. Nun, nun. glauben Sie nur ja nicht, ich habe Sie meinem Vater als einen Halbgott geschildert — wenn ich ihm auch aus Uebermaß von Nachsicht einige Ihrer menschlichen Fehler verschwiegen habe. Fröbl. Zum Beispiel? Carol. Ihren Leichtsinn—IhrenUeber- muth — Ihre Eitelkeit — Ihre Spottsucht — Fröhl. Und so weiter. Ich bekenne mich in Vielem schuldig — und ich will reuevoll Buße thun. Ja, ich war ein übermü- thiger, toller Bursche, bin es zuweilen noch — und erst vor einer Viertelstunde — je nun, mit einem Male kann sich der Mensch nicht bessern — gut Ding will Weile haben. Aber Eines kann ich Sie auf Man- nesehre versichern, Caroline — mein Herz ist gut, ehrlich und aufrichtig — eine sanfte, kluge Frau kann mich so brav machen, als ein sündiger Mensch nur überhaupt werden kann. Carol. Und Sie meinen, ich werde eine solch' sanfte, kluge Frau sein? Fröhl. Sie werden es sein, Sie gewiß. Und nun trete ich ohne Zögern vor Ihren Vater. Ein alter Seecapitan ist kein Mann des Salons, er liebt gewiß keine langen Ceremonien, und verlangt keine feierliche, umständlich vorbereitete Brautwerbung. Nicht wahr? Er wird es gewiß nicht ungnädig anfnehmen, wenn ich nicht im schwarzen Frack, sondern im blauen Rock vor ihm erscheine. Carol. Das wird er wohl kaum bemerken, denn er ist sehr kurzsichtig. — Fröhl. (wie vom Blitze getroffen). Kurzsichtig! Carol. Nun — warum erschrecken Sie? Fröhl. Erschrecken? O nein — ich dachte nnr — an einen etwas kurzsichtigen alten Herrn, den ich vorhin — so von Weitem hier bemerkte- Carol. Und Sie meinen, das sei mein Vater gewesen? Wohl möglich. Fröhl. Ach nein — jener Herr heißt, wie ich zufällig erfuhr, Blinzer, Jacob Blinzer. Carol. Ganz recht — dann war es mein Vater. Fröhl. Er — Ihr Vater — und Ihr 6 Vater heißt Dlinzer — und Sie, Caroline, Sie heißen — Carvl. Caroline Friedhcim — der Ca- pitän ist mein Stiefvater — meinen Vater verlor ich schon als Kind. Fröhl. So? Also Stiefvater? Schön! Aber um Gottes willen, warum haben Sie mir das nie gesagt? Carol. Ich dachte wirklich nie daran. Ich bin so gewohnt, den Capitan als meinen wirklichen Vater zu betrachten. Fröhl. (bei Seite). Verdammte Geschichte! Ihr Stiefvater — respectivc mein Stief — Schwiegervater — schöne Bescherung! (Au Carolme.) Sogen Sie mir, Caroline, ist Ihr Herr Vater wirklich sehr stark kurzsichtig? Carol. Warum interessirt Sie das so sehr? Er wird Ihre angenehme Persönlichkeit immerhin bemerken müssen. Fröhl. O — ich fürchte eben — der erste Eindruck ist nun doch entscheidend, und, wie ich in diesem Augenblicke bemerke — meine Kleidung ist wahrhaftig zu nachlässig — und mein Bart — (bei Seite) der Bart muß fallen, dann bin ich unkenntlich. Carol. O, über den eitlen Menschen! — Und jetzt so plötzlich kommen Ihnen diese Bedenklichkeiten? Erst vor ein paar Minuten sprachen Sie ganz anders. Fröhl. Ja — ich habe mir's überdacht — es wird doch besser sein, wenn ich ein wenig Toilette mache. Hier in meinem Zimmer kleide ich mich schnell um — haben Sie nur die Güte, Ihrem verehrten Papa i»deß meinen Besuch anzumelden. (Hat sich während der letzten Worte mehr und mehr nach rechts gezogen, und verschwindet rasch durch die Eeitenthür.) Siebente Scene. Caroline, gleich darauf Blinzer (vonder linken Seite). Carol. (fröhlich nachblikkend). Wunderlicher Mensch — was ihm auf einmal in den Sinn kam! Blinz. Nun, Caroline — ich warte auf Dick und Du — was machst Du indessen hier? Carol. Ich, Väterchen, — ich sprach hier mit Jemand. Blinz. So? Mehr erfahre ich nicht? Carol. Alles, Papa. Alles! (Halblaut.) Mit ihm habe ich gesprochen. Blinz. Mit ihm? Das heißt wahrscheinlich mit dem Muster aller jungen Eheeandidaten, mit dem Herrn Fröhlich? (Caroline nickt.) Hm! Hat er Dir vielleicht aufgelauert? Carol. I nein — er wohnt ja hier im Gasthofe — da hinaus zu (nach rechts zeigend). Blinz. So. so. (Setzt sich an den Tisch links.) Ach — ich kann mich noch immer nicht genug ausruhen. Meine Knochen sind wie zerschlagen. Durch zwei Tage von einer Eisenbahu auf die andere — dabei nicht geschlafen. Carol. (sich zu ihm setzend). Aber wozu diese Eile, Papa! Blinz. (gutmüthig böse). Wozu? Schreckliches Kind! Um Dich früher zu sehen! Carol. Guter Vater! Du hättest Dich mehr schonen sollen! Blinz. Schonen, schonen! An das Wort kann ich mich null einmal nicht gewöhnen. Ich vergesse immer wieder, daß ich alt werde. Carol. Siehst Du — und nun hast Du uns so unvermuthet früh überrascht. Deine Wohnung ist noch nicht einmal ganz in Ordnung. Blinz. Machr mir nur nicht zu viel Firlefanz in dieser Wohnung, etwa Teppiche und Vorhänge und derlei dummes Zeug. Ich will nur ein Helles, luftiges Zimmer, keine solch' dumpfige Lucke, acht Fuß lang und sechs Fuß breit, wie ich da drinnen habe. Die Stube ist just halb so groß, wie meine Capitäns-Cajüte war, hat die Aussicht auf den Pferdestall, und dafür soll ich Einen Gulden täglich bezahlen! — Was guckst Du denn immer dort hinüber? Soll der — Jemand wieder kommen? Carol. Freilich, Väterchen — er will sich Dir verstellen. Blinz. Nun — warum thnt er's nicht? Carol. Er macht eben Toilette. Blinz. Was— albernes Zeug! Damit empfiehlt er sich nicht bei mir. Ick sage Dir's, Caroline, wenn der junge Mensch auch Einer von den geschnürten, frisirten und lackirten Zierbengeln ist — von diesen Hergottstagedieben — Carol. Ereifere Dich nicht, Papa. Er ist kein solcher — ich stehe Dir dafür. Blinz. Will's auch nicht hoffen, denn sonst — sag' ich — nein! Jetzt sei so gut, Linchen, geh' auf mein Zimmer und bringe dort meine Sachen ein wenig in Ordnung, dann will ich mir unsere neue Wohnung besehen. Carol. Schön, Väterchen, ich glaube, sie wird Dir gefallen. Blinz. Na, ich verlange nichts Besonderes. Nur viel Licht, Raum und Luft. Also — beeile Dich, Linchen. Carol. In zehn Minuten bin ich wieder da. (Durch die Seitenthür links ab.) Achte Scene. Blinzcr. Gleich daraufHenneberg (durch die Mittelthür links). Blinz. (Caroline nachblickend). Ein gutes Kind, so hübsch, — so fügsam auf's Com- mando wie mein braves Schiff, die Ariadne, auf dem ich achtzehn Jahr laug Capitän war. (Bemerk! Henneberg ) Ah, willkommen, alter Camerad. Setz' Dich da her zu mir. Ich brauche Dich. Henneb. So? Wozu? Blinz. Zum Secundanten. Henneb. Oho! Blinz. Nun, was gibt's da zu verwundern? Ich schlage mich mit einem Kerl, der sich unterstand, über mein kurzes Gesicht zu lachen. Hippolyte Krümlinger heißt der Mann — sieht aus wie ein Windhund — was er ist — weiß ich nicht. Henneb. Und er hat die Herausfor- derung angenommen? Blinz. Der Patron scheint sehr keck, wenigstens mit der Zunge. Um Dreiviertel auf eilf Uhr wird er Hieherkommen. Henneb. Hm — hm — Auf Degen? Blinz. Ja. Henneb. Wundert mich, daß der Herr nicht Pistolen gewählt hat auf einhundert Schritt Distanz — das wäre für ihn sicherer gewesen. Blinz. Henneberg! Soll ich Dich auch fordern?-Na, dem lachlustigen Herrn soll übrigens nicht viel geschehen. Er wird sich wohl auf's Bitten legen, wenn er die blanke Klinge sieht. Henneb. Er wird gar nicht kommen. Blinz. Er muß. Sonst such' ich ihn auf und dann kommt er schlimmer weg. Neunte Scene. Vorige. Fröhlich (ist aus der Seitenthür rechts getreten und sieht unschlüssig zu Blinzer hinüber. Er trägt einen schwarzen Frack, steife Vatermörder und ist ganz glatt rafirt). Fröhl. (für sich). Jetzt gilt's. Ich hoffe, so erkennt er mich nicht. Zum Glück Hab' ich aus zufälligem Muthwillen auch meine Stimme verstellt; dieß und die falsche Karte hilft für den Augenblick. Das Weitere wird sich finden. Blinz. (zu Henneberg). Geht dort drüben nicht Jemand? Henneb. Ja. Ein junger Mann — er scheint mit Dir sprechen zu wollen. Blinz. (für sich). Ah — das wird der Bewußte sein. (Laut.) Mein Herr — suchen Sie vielleicht den Capitän Blinzer? Fröhl. Ja wohl. Blinz. Der bin ich. Fröhl. (etwas näher tretend). Sehr erfreut — indcß der Herr Capitän haben Gesellschaft — Blinz. (aufstehend, geht auf Fröhlich zu). Ein alter Freund, vor dem ich gar kein Geheimniß habe. Was Sie zu mir führt, 8 weiß ich — der auch — wenn Sie Herr Fröhlich sind? Fröhl. Der bin ich, Herr Capitän. Blinz. Und das ist der ehemalige Schiffslieutenant Henneberg, mein braver Camerad, erprobt im Feuer und im Wasser. Also (ganz nahe an Fröhlich herantretend) Sie lieben meine Tochter? Fröhl. Za. Blinz. Sie wollen das Mädel heiraten ? Fröhl. Natürlich. (Bei Seite.) Vortrefflich — er erkennt mich nicht! Blinz. Mit meiner Tochter sind Sie einig — wie ich höre, mit dem Vater müssen Sie es erst werden. Fröhl. Zch schmeichle mir — Blinz. Zch schmeichle Zhnen aber uicht, und wenn Sie nicht der Mann sind, wie ich ihn für meine Tochter wünsche, so sageich Zhnen ganz einfach: Wir taugen nicht zusammen. Vor der Hand will ich Sie erst ein bischen näher kennen lernen. Fröhl. (bei Seite). Noch näher? Blinz. Und wenn Sie mir dann gefallen, nun, dann reden wir weiter. Fröhl. (der auS dem steifen Ceremoniell. mit welchem er anfing, heraustritt und in seinen gewöhnlichen heiteren Ton fällt — legt die Vatermörder wieder um). Charmant, Ca- pitän. Sie gefallen mir schon jetzt außerordentlich. Sie scheinen ein Mann ohne viel Umstände, halten nichts auf Dehors und Ctiquette, machen Alles gleich rasch und ehrlich ab — ich meine, wir werden zusammenpaffen. Blinz. Meinen Sie? Soll mich freuen. Zch will nun erst laviren, bis ich weiß, ob Sie auch für meine Tochter paffen. Linchen liebt Sie zwar über alle Maßen, aber Liebe ist blind. Fröhl. (mit leiser Beziehung). O, Herr Capitän — anch das scharfe Auge des Paters habe ich nicht zu scheuen. Blinz. Na. wie gesagt, mir wollen sehen. (Zu Henneberg.) Henneberg — sieh doch nach, was meine Tächter da drinnen so lange treibt. Sage ihr, ich erwarte sie hier, und — noch Zemand. Zehnte Scene. Vorige, ohne Henneberg. Fröhl. Ich darf also hoffen. Blinz. Hoffen Sie immerhin, das kann ich Ihnen nicht verbieten. Zch erlaube Ihnen indeß für den Augenblick nur, meiner Tochter den Arm zu geben und sie in unsere Wohnung zn geleiten. Zch gehe aber mit, — ä, propos — wie hoch sind wir denn an der Zeit? (Zieht seine Uhr.) O — meine Uhr steht! (Sucht in den Taschen.) Verdammt, nun habe ich gar meinen Schlüssel verloren! Fröhl. (bei Seite) Der Zufall kommt mir gelegen. (Laut.) Vielleicht kann ich anshelfen. Erlauben Sie — (Nimmt des Ccwi- pitänS Uhr und probirt seinen eigenen Schlüssel daran.) Mein Schlüssel paßt vortrefflich. (Während er die Uhr aufzieht, für sich.) Bald drei Viertel auf Eils Uhr — Krüm- linger ist im Anzuge — der Alte muß fort, er muß das Duell versäumen. (Laut, die Uhr zurückgebend.) Es ist drei Viertel auf zehn Uhr. Blinz. Drei Viertel auf zehn Uhr. Danke. Da Hab' ich also noch eine Stunde Zeit. Um drei Viertel auf eilf Uhr erwarte ich hier Zemand zu einem kleinen Geschäft. Eilfte Scene. Caroline (von der linken Seite). Vorige. Carol. Da bin ich, Vater. Blinz. Nun, so gehen wir also. — Was siehst Du mich so an? Du willst wissen, ob ich mit dem Herrn da gesprochen habe? Za. Ob er mir gefällt? So, so. Für jetzt Hab' ich ihm erlaubt, Dir den Arm zu reichen. Fröhl. Und in vier Wochen die Hand. (Alle ab durch die Mittelthür links.) Zwölfte Scene. Krümlinger (kommt rasch durch die Mittelthür rechts. Nach ihm ein Lohnbedienter, der aber gleich wieder abgeht). Lohnbedienter. Der Herr Capitän Dlinzer wohnt hier im Gange rechts, die dritte Thür, Nummer achtzehn. Krüml. Nsrsi — ich danke Ihnen. sLohnbedienter ab. — Sieht auf seine Uhr.) Drei Viertel aufEils — ich bin pünktlich da. (Geht auf die Seitenthür links zu.) Dreizehnte Scene. Henneberg (aus der Seitenthür links) Krümlinger. Kruml.' (der mit ihm vor der Thür zu- sammenstößt). OK — rvills paräons — ich wollte zu Herrn Capitän von Blinzer. Henneb. Sind Sie Herr Krümlinger? Krüml. Zu dienen. Ich habe wohl die Ehre, den Herrn Capitän selbst vor mir zu sehen. Henneb. Nein, ich bin sein Freund, Schiffslieutenant Henneberg. Krüml. 1>68 snekants, Noumeur. Henneb. Sprechen Sie deutsch, Herr Krümlinger. Krüml. Nach Belieben. . wenn Ihnen diese Sprache geläufiger ist. Ich hielt mich kürzlich sechs Wochen in Paris auf, und da bab' ich das Französische so lieb gewonnen. 3ch kann auch mit Italienisch aufwarten. Zwar sprech' ich nicht das reine Welsch, wie es dort Standespersonen sprechen, son- dern mehr den Volksdialekt, das sogenannte Kauderwelsch. Henneb. (der ungeduldig aus-und niedergeht). Der Capitän ist leider im Augenblick nicht da — er kann aber nicht weit sein. (Geht suchend nach dem Hintergründe.) Krüml. OK, äs Araos, bemühen sich Euer Woblgeboren nicht — ich kann wohl ein paar Minuten warten. Henneb. Wann wollen Sie Ihre Sache mit dem Capitän abmachen? Krüml. Jetzt gleich — ich bin ja des» wegen hier. Der Herr Capitän bestimmte die Stunde drei Viertel auf eilf — und da bin ich. Henneb. (bei Seite). Der Mensch hat eine merkwürdige Ruhe, das klingt fast wie Hohn. (Laut) Also haben Sie Zeit? Krüml. Zu derlei Geschäften immer. Henneb. Und welchen Ort halten Sie für passend? Krüml. Non Oisu, das läßt sich überall thun. In fünf Mi,mten sind wir fertig und ich empfehle mich wieder. Henneb. Sind Sie so gewiß? Krüml. O ja — 's ist gleich vorüber und thut gar nicht wehe. Ich habe sehr viel Praxis und eine sichere Hand. Henneb. So? Krüml. Wenn es also dem Herrn Ca« pitän gefällig ist — Henneb. Wenn er nur da wäre — Krüml. Ja richtig, er ist nicht da. Hm, wenn er nur nicht ausgcgangen ist! Henneb. Mein Herr! Krüml. Hm? (Bei Seite.) Was schnurrt er mich denn so an? Henneb. Also sprechen Sie sich klar aus. Wo soll's losgehen? Krüml. Vielleicht auf dem Zimmer des Herrn Capitäns? Henneb. Dort kann man sich nicht rühren. Krüml. Nun also hier. 'S ist ja, wie gesagt, gleich vorüber und macht keinen Schmerz. Bei mir macht gewiß Keiner Lärm. — Ich lasse ihm gar nicht Zeit dazu. Hm! — (Macht eine erläuternde Bewegung mit der Hand.) Aus ist's! Henneb. (bei Seite). Das ist ja ein desparater Kerl! (Laut.) Und der Capitän kommt noch immer nicht! Donnerwetter, was soll das beißen? Krüml. O, dergleichen kommt wohl bisweilen vor und ist mir besonders schon einige Mal passirt. Henneb. Mein Herr Krümlinger, ick ersuche Sie, derlei Anspielungen zu unterlassen, 10 Krüml. Anspielungen? lVlaisvvmmont eiono?(Halb für sich.) Anspielungen? Worauf soll ich denn angespielt haben? Henneb. Wenn auch der Capitän nicht da wäre, so bin ich da. Krüml. O puräon, das ist denn doch nicht so ganz dasselbe. Henneb. Er wird aber selbst gleich hier sein, er muß gleich hier sein. Es ist mir wirklich unbegreiflich. (Sieht auf die Uhr.) Schon eilf U' r. Krüml. (sieht auf seine Uhr). Ja wohl, schon eilf Uhr! Ich muß denn doch Höst lichst bitten — ich habe heute Vormittag noch zwei ähnliche Rendezvous. Henneb. (der die letzten Worte überhört und wieder ärgerlich auf- und niedergeht, ruft zur Mittelthür links hinaus). He, Thomas — Thomas! Th 0 M. (durch dieselbe Thür hereinkommend). Befehlen? Henneb. Der Capitän ist wohl hier in der Nähe? Rust ihn doch schnell her! Thom. Der Capitän ist vor einer Viertelstunde ausgegangen. Henneb. Ausgegangen? Unmöglich! Thom. Gewiß. Mit Fräulein Tochter und Herrn Fröhlich. Henneb. Wohin? Thom. Das weiß ich nicht. (Wieder ab.) Krüml. Der Herr Capitän scheint doch vielleicht etwas länger ansbleiben zu wollen. Henneb. O — Sie möchten jetzt mit klingendem Spiele abziehen und aller Welt, sagen: Der Herr Capitän von Blinzer hat sich vor mir verkrochen? Bleiben Sie — jetzt werde ich an seine Stelle treten. Krüml. Sie? Ja erlauben Sie aber — Henneb. Ohne Aber!— Siebleiben dabei, daß die Sache hier abgemacht werde? Krüml. Warum nicht? Henneb. Gut. Sie sind allein gekommen? Krüml. Ja wohl — wozu auch — ich brauche keinen Assistenten. Henneb. Na, wie die Sachen jetzt stehen, müssen wir schon unter vier Augen mit einander fertig werden. Um lästige Zeugen und mögliche Unterbrechungen zu vermeiden, werde ich die Thür schließen. (Sperrt alle Thüren nach der Reihe zu, jene zu den Zimmern des CapitänS führende ausgenommen.) Krüml. Nam, Aranä Dien, was machen Sie, Herr Schiffslieutenant? So viel Umstände wegen einer solchen Kleinigkeit! (Für sich.) Sollte der gute Mann denn nicht ein bischen im Kopfe verrückt sein? Seine Manieren sind so sonderbar, und Augen macht er wie ein gereizter Kater! Henneb. (während er in's Zimmer links abgeht). So — ich stehe gleich zu Diensten. Merkwürdiger Mensch, der Capitän! Krüml. (allein). Hm — der will durchaus Ersatzmann sein — als ob das so ganz egal wäre! Dem Capitän ist jedoch nicht damit geholfen, wenn ich dem Herrn Lieutenant einen Zahn nehme? — Was faselt er da von klingendem Spiel? Bah — mir sind blanke Silberthaler das liebste klingende Spiel! (Wendet der Seite links den Rücken und kramt in seinem Besteck, zieht seine Instrumente hervor, rc.) Henneb. (tritt wieder ein, zwei Degen in der Hand, welche er auf den nächststehenden Tisch legt). Wenn's also beliebt, mein Herr Krümlinger — (Bei Seite, sieht auf die Uhr und stampft mit dem Fuße.) Schon ein Viertel auf zwölf. Krüml. (sich umwendend, mit einer klei- nen Zange auf Henneberg zugehend). Ich bin bereit. Henneb. (hat sich seinerseits gewendet, um die Degen zu ergreifen, und tritt nun mit diesen Waffen vor). Hier! Krüml. Wa — was? Blanke Degen? Henneb. Nun — Ihre eigene Wahl! Krüml. Meine Wahl? Henneb. Was machen Sie denn ein so dummes Gesicht? Wo ist auf einmal Ihre Courage? Krüml. Wozu brauch' ich Courage? Ich bin Zahnarzt — Courage braucht nur Der, welcher sich meiner Zange anvertraut. Henneb. Herr Krümlinger, machen Sie keine Witze! Der Herr Capitän hat 11 Sie gefordert — er ist leider nicht da, und ich sehe mich verpflichtet, an seiner Stelle das Duell mit Ihnen auszufechten. Krüml. Duell? Der Herr Capitän von Blinzer hätte mich gefordert, mich, den friedlichen Hippolyt Theophil Krümlinger? Henneb. Ja, Sie mit sammt all' Ihren französischen Namen. Also frisch daran! Krüml. Erlauben Sie, Verehrtester Herr Schiffslieutenant — 's ist unmöglich — lassen Sie doch nur mit sich reden. Warum soll ich mich denn schlagen? Henneb. Weil Sie den Capitän beleidigt haben, weil Sie sich unterstanden haben, über seine Kurzsichtigkeit zu lachen. Krüml. Ich hätte gelacht? Ich habe ja gar nicht die Ehre, den vortrefflichen Herrn Capitän zu kennen. Henneb. Schweigen Sie — ich dachte es wohl, Ihre Courage würde verschwinden, sobald Sie Ernst sehen. Krüml. Aber so lassen Sie mich doch nur ausreden. Henneb. Nein, Sie sollen nicht ausreden — Krüml. Man sticht doch die Leute nicht so 8LN8 ka§on bei verschlossenen Thüren todt. Das ist Gewaltthat, heimlicher, verruchter Mord. Ich weiß von keiner Beleidigung, von keiner Herausforderung. Zu mir kam bloß ein Lohnbedienter, vom Herrn Capitän geschickt. — Henneb. DaS ist nicht wahr. Krüml. So war's also ein ungeschickter Lohnbedienter. Henneb. Keine weitere Debatte — hier ist Ihre Karte, die Sie dem Capitän gegeben haben. — Ist das Ihre Karte, die Sie dem Capitän gegeben haben. — Ist das Ihre Karte oder nicht? Krüml. Ja wohl, aber — Henneb. Genug. Vertheidigen Sie sich! Krüml. Ich vertheidige mich ja in einem Athem — was nützt das, wenn Sie nichts glauben wollen! Henneb. Ich will keine andere Verthei- digung, als die mit dem Degen in der Hand. (Zwingt Krümlinger den Degen auf, bei Seite.) Teufel, er kommt wirklich nicht, 's ist eine ewige Sckande! Krüml. (bei Seite). Der läßt mich nicht los — der Capitän läßt sich zum Glück nicht sehen — jetzt, Krümlinger, sei keck, das kann dir helfen! (Laut.) Ich schlage mich nun einmal nicht. — Ich habe bisher zum Nachtheil meiner Ehre den Feigen gespielt, um die Ehre des Herrn von Blinzer zu schonen, und so das Duell zu umgehen, zu dem ich mich pünktlich eiugefun- den habe. Der Herr Capitän kommt nicht — ich habe das Meinige gethan — ich schlage mich nur mit ihm — einen Stellvertreter nehme ich nicht an, es müßte ein Glied der Familie sein, ein Sohn, Schwiegersohn rc. — Den ließ ich gelten. Henneb. Höll' und Teufel, mein Herr! Krüml. Bitte — nur keine Hitze — sonst mache ich Lärm uud rufe das ganze Hauspersonal zu Zeugen, daß ich mich gestellt habe, und daß der Herr Capitän nirgends zu finden ist. Henneb. (bei Seite). Ich möchte den Kerl erdrosseln, aber ich muß ihn schonen, denn er ist im Recht. (Laut.) So werden Sie sich vielleicht zu einer Abbitte bequemen? Krüml. Abbitte? O nein, pu,8 äu tout. Henneb. Was? Krüml. Eine Abbitte leiste ich nicht. (Spottend.) Wozu auch wäre dieß unter vier Augen? Sie könnten mir ja gar nicht beweisen, daß ich mich wirklich dazu Herbeigelaffen habe! Im Gegentheile, wenn Sie mir nicht augenblicklich die Thür öffnen, so rufe ich den ersten besten Kellner oder Lohnbedicnten, und Sie müssen mir bezeugen, daß ich bis halb zwölf, (auf die Uhr sehend) ja, bis Punkt halb zwölf — umsonst gewartet habe. Fröhl. (an der Mittelthür links von außen). Heda — aufgemacht, aufgemacht! Heuneb. Ha — da ist Herr Fröhlich — vielleicht weiß der etwas vom Capitän! (Oeffnet die Thür.) 12 Vierzehnte Scene. Fröhlich. Vorige. Henneb. Wie ist's — kommt der Ca» pitän? Es ist schmählich — drei Viertelstunden über die gegebene Zeit sind verflossen. (Leise) Denken Sic — er hat eine Ehrensache mit dem Menschen da auszumachen, und kommt nicht. Fröhl. (leise). Nun— und wie benimmt sich Der da? Henneb. Impertinent. Er hat den Ca- pitän muthwillig beleidigt, und nun verweigert er mir jede Genugthnung. Fröbl. (wie vorhin). So? Ich weiß leider gar nichts vom Capitän — aber ich kenne den Herrn — Krümlinger — ich will ihn gleich geschmeidig machen. (Zu Krümlinger.) Wie ich höre, sind Sie durch Ihren Muthwillen in einen Ehrenhandel verwickelt. Krüml. Ich bitte, liebster Herr Fröhlich — Fröhl. Ich habe das Wort. Sie haben den würdigen, alten Capitän beleidigt — Krüml. Das beißt — Fröhl. Ich habe das Wort. Sie verweigern dem Herrn von Henneberg die Genugthnung? Ich werde Sie dazuzwingen. K r ü m l. (bei Seite). Auch Der gegen mich! Henneb. Herr Krümlinger erklärt, nur ein Glied der Familie als Stellvertreter annehmcn zu können. Krüml. Ja — par sxemple einen Sohn — Schwiegersohn — Fröhl. Bravo — da baben wir ihn ja! Herr von Henneberg wird mir bezeugen, daß ich des Herrn Capitäns präsumtiver Schwiegersohn bin — Krüml. Was heißt präsumtiv? Fröhl. Das heißt Einer, der keinen Spaß versteht — Allons! (Nimmt den De- gen des Lieutenants ) Wehren Sie sich — Krüml. Ich thu's nicht — ich kann nicht, ich mag nicht — Fröhl. Sie müssen — Krüml. Ich mache Lärm — ich schreie um Hilfe — Fröhl. (zuHenneberg). Jetzt muß er Abbitte leisten. Henneb. Er will auch das nicht. Fröhl. Wir wollen sehen. (Geht auf Krümlinger loS, der erschrocken zurückfährt und hält ihn fest, leise.) Hören Sie. Herr Krümlinger, ich rathe Ihnen als Freund, suchen Sie so schnell als möglich fortzukommen. Der Capitän kann jeden Augenblick hier sein. Krüml. Tanke Ihnen. (Will gehen.) Fröhl. (wie oben). Halt! Schlagen Sie sich mit mir — schnell, einen kurzen Gang — ein kleiner Hieb über das Gesicht — über Ihr Gesicht nämlich — dann können Sic geben. Krüml. Sehr verbunden. Fröhl. Oder — leisten Sie vor uns zwei Zeugen förmliche Abbitte — Krüml. Aber ich versichere — Fröhl. Wollen Sie nicht? Gut. Mir ist's gleichgiltig. Trifft Sie aber der Capitän noch hier, so kommen Sie nicht mit den» Leben davon. Krüml. Nai8 won Oieu — Fröhl. (laut, sich von Krümlinger entfernend). Das ist mein letztes Wort. Entscheiden Sie sich — aber ohne Zaudern. Krüml. (nach einer kleinen Pause). Nun denn, damit die Herren sehen, daß ich versöhnlich bin — ich bitte ab. Fröhl. O — das wäre zu lakonisch. Ich werde Ihnen die Formel vorsagen: »Ich bekenne hiemit vor diesen zwei ehren- werthen Herren Zeugen —* Krüml. Ich bekenne hiermit vor diesen zwei ehrenwerthen Herren Zeugen — Fröhl. »Daß ich den Herrn Seecapitän von Vlinzer muthwillig beleidigt habe.« Krüml. Nein, das ist doch — Fröhl. Hm? Nicht? (Setzt sich.) So warten wir. Krüml. (nach einer kleinen Pause, mit sich selbst kämpfend, während er ängstlich nach der Thür sieht, sehr schnell). Daß ich den Herrn 13 Seecapitän von Blinzer muchwillig beleidigt habe. Fröhl. Vortrefflich, lieber Krümlinger. (Fortfahrend.) »Mein Benehmen war unartig —« Krüml. Unartig — Fröhl. »Sehr unartig —« Krüml. Sehr unartig — Fröhl. »Und thut mir vom Herzen leid.« Krüml. Und thut mir vom Herzen leid. Fröhl. »Ich leiste hiemit förmlichst Abbitte —« Krüml. Ich leiste hiemit förmlichst Abbitte — Fröhl. »Und bitte mich ohne Groll zu entlassen.« Krüml. Und bitte mich ohne Groll zu entlassen. Fröhl. Schön. Nun ist's recht, Herr Krümlinger. (Zu Henneberg.) 3st es Ihnen genehm, so lassen wir den armen Sünder jetzt laufen. Henneb. Meinetwegen. Der Patron mag Gott und dem Zufall danken, daß er so gnädig wegkommt. Für seine Keckheit hatte er eine derbere Lection verdient. Krüml. Mit allseitigcr Bewilligung habe ich also die Ehre, mich ganz gehor- samst zu empfehlen. (Ab durch die Mttelthür rechts, welche ihm Fröhlich öffnet.) Fünfzehnte Scene. Fröhlich. Henneberg. Henneb. Ich danke Ihnen im Namen des Capitäns, Herr Fröhlich! Fröhl. Ich bitte — keinen Dank. Ick konnte und durfte ja nicht anders handeln. (Bei Seite.) Das ist auch gewiß wahr — der alte Herr durfte ja doch den Monsieur Krümlinger nicht sehen. So i,t die Gefahr abgewendet — und knapp zu rechter Zeit — da höre rch schon des Capitäns Stimme. Sechzehnte Scene. Vorige. Blinzer, hinter ihm Caroline. Blinz. (zu Henneberg, athemlos) Henneberg — wie spät ist's? Henneb. Zu spät! Blinz. Also doch — so hatte der Kellner draußen Reckt! Auf meiner Uhr ist's drei Viertel auf eilf. Henneb. (zieht seine Uhr). Nicht möglich! Blinz. Und der Andere? Henneb. War hier. Blinz. Wo ist er jetzt? Henneb. Fort. Blinz. Millionen Schock Donnerwetter — (Zu Fröhlich.) Da sind Sie daran Schuld — Sic haben meine Uhr gerichtet. Fröhl. Leider — ein Irrthum — Blinz. (zu Henneberg). Und Du hast ihn fortgehen lassen, hast ihn nicht festgehalten? Ich muß ihn wieder haben! Ich kann das nicht auf mir sitzen lassen. — Er muß Abbitte leisten. Henneb. Er hat es bereits gethan. Bedanke Dich bei diesem jungen Manne — was ich umsonst versuchte, gelang ihm — er machte den Menschen zahm, und Herr Krümlinger hat hier vor uns Beiden eine so förmliche und dcmüthige Abbitte geleistet, wie Dn sie nnr begehren kannst. Blinz. Wahrhaftig? (Zu Fröhlich.) Das war hübsch von Ihnen! Henneb. Er hätte sich auch Deinetwegen geschlagen, wenn's nöthig gewesen wäre. Fröhl. Ich mache Ansprüche auf die Hand der Tochter des Capitäns, und sollte zaudern, wenn es gilt, für seine Ehre ein- zustehen? Blinz. Sie haben brave Grundsätze, Herr Fröhlich, Sie gefallen mir — Ihr rasches Handeln ist eines raschen Lohnes werth — Ich gebe Ihnen meine Tochter! — Schon gut — keinen Dank — keine Umarmungen — ich kann das nicht leiden. Fröhl. Drei Viertel auf eilf — d h. auf zwölf ist die glücklichste Stunde meines Lebens! Der Vorhang fällt. Von demselben Verfasser sind im Verlage der Wallishauffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, am hohen Markt Nr. 541 erschienen: Rothe Haare. Lustspiel in einem Act. u n d Das Pamphl el Lustspiel in einem Act. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr. Heimlich. Lustspiel in einem Act. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. Die geheime Mission. Lustspiel in drei Acten. 7V, Sgr. oder 35 Nkr. Am Clavier. Lustspiel in einem Act. 7/, Sgr. oder 35 Nkr. Ein Hnt. Lustspiel in einem Act. 7V, Sgr. oder 35 Nkr. Dashohe C. Lustspiel in einem Act. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. Zn unserem jener Theater-Repertmr erscheinen demnächst: Einen Jux uiill er sich machen. Posse mit Gesang in vier Acten von Johann Nestroy. Zweite Auflage. 12 Sgr. oder 60 kr. Rur nicht reden! Dramatischer Scherz in einem Act von C. F. Stix. 6 Sgr. oder 30 kr. Unrecht Gut. Charakterbild mit Gesang in drei Acten und einem Vorspiele von Friedrich Kaiser. 12 Sgr. oder 60 kr. Mein /räulein Muster. Lustspiel in einem Act nach dem Franzos. von Alexander Bergen. 6 Sgr. oder 30 kr. Im Verlage der lUiillishaiisser'schen Nuchhandkung (Aases Klemm) sind folgende Theater von Friedrich Kaiser erschienen: Männerschönheit. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit Tiielkupfer. 8. ged. 15 Sgr. oder 75 Nkr Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Netter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8- geh. 14 Sgr. oder 75 Nkr. Eine Posse als Medicin. Originalposse mit Gesang in 3 Acten. Mit allegorischem Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Fürst. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischen Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Mönch und Soldat. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbild«. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Rastelbinder, oder: 10,000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titel» bilde. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Junker und Knecht. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Acten. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Dienstbotenwirthschaft, oder: Chatculle und Uhr. Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Doctor und Friseur, oder: die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 Acten. l! 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Ein neuer Monte-Christo. Original-Characterbild in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Die Frau Wirthin. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Etwas Kleines. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Von Friedrich Kaiser erscheinen demnächst: Unrecht Gut. — Des Krämers Töchterlein. — Eine Feindin und ein Freund. — Ein Lump. — Verrechnet. — Ein Jagd-Abenteuer. — Palais und Irrenhaus. Druck und Papier von Leopold Sommer in Wien. Einen Jur will er sich machen. Posse mit Gesang in vier Aufzügen Johann Restroy. Musik vom Kapellmeister Avals Müller. Alle Rechte Vorbehalten. Wien, 1875. Verlag der Vallishausser'sche« -uchhan-luug (I - fef Kle» «). Stadt, Hoher Markt 1. Personen. Zangler, Gewürzkrämer in einer kleinen Stadt. Marie, dessen Nichte und Mündel. Weinberl, Handlungsdiener 1 Ehristopherl, Lehrjung k KrapS, Hausknecht ?be»Zangler. Frau Gertrud, Wirthschasterin) Melchior, ein vazirender Hausknecht. August Sonders. Hupfer, ein Schneidermeister. Madame Knorr, Modewaarenhändlerin in der Hauptstadt. Frau von Fischer, Witwe. Fräulein Blumenblatt, Zangler'S Schwägerin. Brunninger, Kaufmann. « Philipp ine, Putzmacherin. Li fette, Stubenmädchen bei Fräulein Blumenblatt. Ein Hausmeister. Ein Lohnkutscher. Ein Wächter. Rab, ein Gauner. M'.r r Die Handlung spielt im ersten Auszug in Zangler'S Wohnung in einer kleinen Stadt, dau» in der nahrgelegenen Hauptstadt, gegen den Schluß wieder bei Zangler. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Erster Act. (Zimmer in Zangler's Hause; die allgemeine Eingangsthür ist im Prospekt, jedoch gegen die rechte Seite; links am Prospekt ein ziemlich breiter Ofenschirm, rechts und links eine Seitenthür, zu beiden Seiten Tische und Stühle.) Erste Scene. Zangler, Sonders. Zangl. Ich habe Ihnen jetzt ein-für allemal g'sagt — Sond. Und ich Ihnen ein-für allemal erklärt — Zangl. Daß Sie meine Nichte und Mündel nicht kriegen. Sond. Daß Marie die Meine werden muß. Zangl. Das werd' ich zu verhindern wissen. Sond. Schwerlich so sicher, als ich es durchzusetzen weiß. Zangl. Kecker Jüngling! Sond. Hartherziger Mann! Was haben Sie gegen mich? Meine Tante in Brüssel ist reich. Zangl. Gratulir*. Sond. Ich werde sie beerben. Zangl. Aber wann? Sond. Sonderbare Frage; nach ihrem Tode. Zangl. Und bis wann wird sie sterben? Aha, da stockt die Antwort. So eine Tant' in Brüssel kann leben, so lang sie will Sond. Das wünsch' ich ihr vom Herzen. denn ich weiß, daß sie auch bei Lebzeiten reichlich zu meinem Glücke beitragen wird. Zangl. Reichlich beitragen — wie viel is das in Brüssel? Reichlich beilragen is hier das unbestimmteste Zahlwort, was es gibt, und in unbestimmten Zahlen schließ' ich kein Geschäft, und kurz und gut, in's Ausland lass ich meine Mündel schon durchaus nicht heiraten. Sond. So heirate ich sie und bleibe hier. Zangl. Und derweil schnappt dort ein Anderer die Erbschaft weg, das wär' erst gar das Wahre. Mit einem Wort, g'horsamer Diener! Plagen Sie sich auch nicht zu sehr mit unnöthigem Herum- speculiren um mein Haus; meine Nichte is heut' Früh an den Ort ihrer Bestimmung abgereist. Sond. Wie, Marie fort — ?! Zangl. Ja, nach Dingsda — logirt in der ungenannten Gassen, Numero so und so viel, im beliebigen Stock, rechts bei der zug'sperrten Thür, da können's anläuten, so oft's wollen, hineinlassen wern's Ihnen aber nicht. Zweite Scene. Gertrud. Die Vorigen. Gertr. (tritt zur Mitte ein). Das geht gut, der neue Hausknecht Ls noch nicht da, und der alte sagt, er will nix mehr thun. Zangl. Was ist's denn? Gertr. Die Koffer müssen ja vom Boden heruntergetragen werden, wenn die Mamsell Marie schon übermorgen in die Stadt zur Fräulein Blumenblatt soll. Zangl. (verlegen und ärgerlich). Es ist — Sie hat — geh' Sie zum Teufel — Sond. Also übermorgen erst? in die Stadt zur Fräulein Blumenblatt? Gehorsamer Diener. (Geht zur Mittelthür.) Zangl. He. mein Herr — das wird Ihnen nix nutzen, daß — der Aufenthalt meiner — mit einem Wort — Sond. (schon in der Thür). Gehorsamer Diener! (Ab.) Dritte Scene. Die Vorigen ohne Sonders. Zangl. (sehr ausgebracht). Da bab'll wir's — jetzt weiß er — daß sie noch da is und wo sie binkommt. ich wollt', die Frau Gertrud war' — Gertr. Was Hab' ich denn gethan? Zangl. Nichts hat Sie gethan, g'red't hat Sie. Das is, was die Weiber immer thun und nie thun sollten. Zur Unzeit hat Sie g'red't. Mau sollt' gar nicht glauben, daß eine so überreife Person so unzeitig reden könnt'. Ger Ir. I Hab' aber nit g'wußt — Zangl. Daß das der Liebhaber von meiner Mündel ist. Aber jetzt weiß Sie's, weiß, daß ich morgen in aller Früh in die Stadt fahr', weiß, daß Sie jetzt mit hundertfacher Vorsicht über die Marie wachen muß; wo ist die Marie? Gertr. Im Garten bei den Bienen. Zangl. Da halt't sie sich immer auf, ich glaub' bloß deswegen, weil die Bienen schwärmen. Soll sich ein Beispiel nehmen, das find nur Thiere und schwärmen auf eine so nützliche Weise, und Frauenzimmer, die sich einbilden, halbete Engel zu sein, haben eine so hirnlose Schwärmerei in sich. Sie soll heraufgehen, es fangt an dunkel zu werden. Und derHerrWeinberl und der Christoph sollen auch heraufkommen, wenn fie's G'wölb zug'sperrt hab'u. Und meine Schützenuniform bring' Sie mir herein, der Kasten wird offen sein. Gertr. Gleich, Herr von Zangler, gleich. (Zur Mitte ab.) Vierte Scene. Zangler, dann Kraps. Zangl. (allein), 's ist zum Todtärgero. Heut' großes Quartal-Souper der Schützen- gesellschaft und der Schneider laßt mich fitzen. Ich als dießjähriger Schützenkönig muß in der alten Uniform erscheinen. O Schneider, Schneider! wann werdt's ihr in eurer Sphäre bleiben, und euch bloß auf's Kleidermacheu und nicht auf's Maul machen verlegen, dreimal Hab' ich schon g'schickt und — Kraps (zur Mitte eiutretend, bringt einen dreieckigen Hut und Hirschfänger mit Gehänge) Es war wieder umsonst. Da ist der neue Hut und der neue Hirschfänger; aber der Schützenfrack wird nit fertig, hat noch keine Knöpf' und kein Futter, wann's'n so anle- gen woü'n — Zangl. Ich werd' doch kein Frack ohne Futter aulegen? Kraps (für fich.indem er Hut und Hirschfänger aus den Tisch links legt). Ich glaub', wann er den Rock zu der Fresserei aulegt. wurd Futter g'nug hineinkommen. (Laut.) Jetzt bitt' ich um mein' Lohn und um a Trinkgeld. Zangl. Was Trinkgeld? Kraps. Ich Hab' heut' vor vierzehn Tagen aufg'sagt, aber um achte in der Früh, Sie haben mich jetzt also eilf Stunden über die Zeit mißbraucht. Zangl. (gibt ihm Geld). Da hat Er. lebrigens irr' Er sich nicht, ich Hab' ihm aufg'sagt, nicht Er mir. Kraps. Kann sein. Ich Hab' aber z'erst durch Nachlässigkeit und Unwillen zu erkennen 'geb'n, daß mir der Dienst nit mehr g'fallt; daß Sie dann g'sagt hab'n, ich kann mich in vierzehn Tagen zum Teufel scher'n, das war nur eine natürliche Folge davon, Zangl. Pack' Er sich, ich bin froh, daß ich Ihn los Hab', ich Hab' Ihn nur kurze Zeit g'habt, aber — ich will nicht sagen, was ich mir denk', aber — Kraps. No, sein's so gut. Zangl. Er ist ein unverläßlicher Mensch, und — Kraps. O sehr verläßlich, ich verlass' alle drei Wochen einen Dienst, das kann ich durch viele Zeugnisse beweisen; empfehl' mich gehorsamst — ich bleib' nicht gern lang an einem Ort. (Mitte ab.) Zangl. (allein). Der wird schon noch an einen Ort kommen, wo er lang bleiben muß, das prophezei' ich ihm. Fünfte Scene. Zangler, Gertrud. Gertr. (zur Mitte eiutretend). Da is das Schützenkönigg'waud. (Legt einen grünenbor- 8 dirten Rock, einen Hut und Hirschfänger auf de« Tisch rechts.) Zangl. (unwillig). Auf meine Mündel soll Sie Obacht geben, Hab' ich g'sagt. Gertr. No ja, Sie haben aber auch befohlen — Zangl. Daß Sie der Marie nicht ein' Schritt von der Seiten geht. Hirschfänger und Hut war unnöthig, ich Hab' einen neuen. Gertr. No, so will ich den wieder — (Will zum Tisch, um Hirschfänger und Hut wieder fortzutragen). Zangl. (heftig). Zu der Marie soll Sie schau'n, Hab' ich g'sagt. Gertr. (erschrocken zurückwrichend). Nein, man weiß wirklich nit, wo ein'm der Kopf steht. (Im Absehen.) Jetzt hält' ich bald vergessen — (Zu Zangler.) Der neue Hausknecht is da — Zangl. Soll hereinkommen — Gertr. (zur Mitte ab). Zangl. (allein). Nichts als Oäiosa, Geschäfte, Unwesen im Hauswesen, umgeben von albernen Wesen, langweiligen Wesen, schlechten Wesen, bin wirklich ein geplagtes Wesen. (Es wird an der Thür geklopft.) Herein! Sechste Scene. Zangler, Melchior. Melch. (schüchtern eintretend zur Mitte). Ich bitt', sein Euer Gnaden der G'würz- kramer? Zangl. Eins zu wenig, 's Andere zu viel, ich bin nicht Euer Gnaden, sondern nur Herr Zangler, bin aber kein Kramer, sondern vermischter Waarenhändler. Melch. Ich Hab g'hört, daß der Herr vermischte Waarenhändler einen Hausknecht g'habt hab'n, der ein reiner Lump war. Zangl. Ich Hab' ihn fortgejagt. Melch. Und da Hab ich g'hört, Sie find in Desperation, daß Sie kein' Hausknecht haben. Zangl. In Desperation? Das is gar eine dumme Red', ich glaub', an solche« Schlingeln is keine Noth. Melch. Das is wahr, eher wird's an Principal'« eine Noth sein. Ein Hausknecht halt' lang, aber Principal geht alle Augenblick einer z'Grund. Zangl. Er ist etwas vorlaut, scheint mir — Melch. Nein, das war nur so eine mercantilische Bemerkung. Zangl. Wo hat Er seinDienstzeugniß? Melch. Im Sack. Zangl. So geb' Er's her. Melch. (gibt ihm das Zeugniß, ein ganz zusammengeknittertes, zerrissenes Papier). Es is etwas verkrüppelt, ich trag's schon vier Wochen herum. Zangl. Hat Er Kenntnisse von der vermischten Waarenhandlung? (Durchsicht das Zeugniß.) Melch. O sehr viel. Wir hab'n zwar da, wo ich war, nur Einen Artikel g'habt, aber der war ungeheuer vermischt, ich bin aus einer Weinhandlung. Zangl. Hm! sein Zeugniß lautet ja ganz vorzüglich gut. Melch. Ja, meine Aufführung war klassisch. Zangl. (in dem Zeugniß lesend). Treu, redlich, fleißig, willig, wachsam auf's Haus — (Zu Melchior.) Er ist ausgenommen. Melch. Ich küss' die Hand. Zangl. Sechs Gulden Monatlohn, Kost, Quartier, Wäsch' — Melch. No, jetzt Quartier und Wäsch', das is das Geringste, aber die Kost, die war halt dort, wo ich war, klassisch. Zangl. Bei mir leid't auch Niemand Hunger. — Suppen, Rindfleisch, Zuspeis und was d'rauf. Melch. Aber nur viel d'rauf. Und weg'n Frühstück, dort Hab' ich halt immer Kaffee g'habt. Zangl. Das war bei mir nicht der Brauch, daß der Hausknecht Kaffee — Melch. Schaun's, Sie hab'n g'wiß auch einen Rosolie unter Ihren vermischten Sachen. Zangl. O ja, aber — Welch. Na, sehn's Sie, dann is es ja unser beiderseiüger Vortheil, wann's mir ein' Kaffee geb'n, denn Sie verleiteten mich ja sonst mit G'walt zu die geistigen Getränk'. Zangl. Na, da gebet's schon noch Mittel — übrigens wann Er brav is — Melch. Classisch. Zangl. So soll Er ein' Kaffee haben. Melch. Versteht sich süß und zwei Kipfeln. O, an dem Ort, wo ich war, das war ein klassischer Kaffee. Zangl. Was hat Er denn immer mit dem dummen Wort classisch? Melch. Ah, das Wort is nit dumm, es wird nur oft dumm angewend't. Zangl. Za, das hör" ich, das muß Er ablegen, ich begreif' nicht, wie man in zwei Minuten fünfzigmal dasselbe Wort repetiren kann. Melch. Ja, das ist classisch. Und dann bitt' ich mir zu sagen, was ich Alles zu thun Hab'. Zangl. Was wird Er zu thun haben? Was halt einem Hausknecht zukommt. Melch. Kisten und Fässer aus'm Magazin holen. Zangl. Botengänge machen, das G'wölb rein halten und im Haus — Melch. Wenn's in der Küchel was gibt, klein's Holz machen, allenfalls Bo« den reib'n. Zangl. Das hoff' ich auch. Melch. Ich war immer sehr gut mit meinem Herrn, also wär' ich bei Zhnen keine Ausnahm' — und nicht wahr, wenn ich was aus Privatfleiß thu', zum Beispiel der Köchin Wasser trag'n, dem Herrn Eommis die Stiefel putzen, da krieg' ich extra ein Honorar — Zangl. Das mach' Er mit dem Com- mis aus und mit der Köchin. Jetzt hilf Er mir anziehen, den Schneider soll der Teufel holen. Siebente Scene. Hupfer. Die Vorigen. Hupf, (mit einem Pack unter dem Arm). Da bin ich, das Meisterwerk is vollendet. Zangl. (sehr freundlich). Also doch fertig? Aber Sie haben mich warten lassen, lieber Herr Hupfer. Melch. (zu Zangler) Ist das der, den der Teufel holen soll? Hupf. Wie? Was? Zangl. (zu Melchior). Halt Er's Maul! (Zu Hupfer.) Das is nur so eine Redensart ungeduldiger Erwartung. Melch. Freilich nur Redensart, und das weiß auch der Teufel recht gut; wann er gleich jeden Schneider holet, wie man's sagt, so möcht der Teufel Schneider sein. Hupf, (indem er die Schützenuniform auspackt und das llmschlagpapier von den Knöpfen und Borten reißt). Mit Hilfe zweier plötzlicher unverhoffter Schneidergesellen habe ich das Unmögliche möglich gemacht. Melch. Sind's heut' erst angekommen? Hupf. Ja. Welch. Nicht wahr, einer is krump, der andere hat ein schwarzes und ein blaues Aug', das schwarze Natur, das blaue g'schlagen? Hupf. Kann schon sein. Welch. Die Schneiderg'sell'n kenn' ich, sie hab'n g'fochten unterwegs. Hupf. Das is so der Brauch. Welch. Ich Hab' ihnen einen Silber- zehner geb'n und g'sagt, daß's mir sechs Groschen herausgeb'n soll'n, das habn's aber in der Hitze des Gefechts überhört, und sind weiter; wollen Sie ihnen nicht sagen — Hupf, (ohne aus Melchior zu hören, zu Zangler). Jetzt bitt' ich nur gefälligst an- zuprobiren. Zangl. (hat seinen Ueberrock abgelegt, und schlieft mit Hupfers Hilfe in den Schützensrack, indem er zu Melchior sagt:) Merk' Er auf, da- mit Er lernt, wie man eine Uniform — (Zu Hupfer.) Etwas eng scheint'- mir — Melch. Das is fesch — Hupf. Freilich! Zangl. Unter'm Arm schneidet das Ding ein, das thut weh'. Melch. Macht sich aber fesch. Zangl. Und hinten geh'n die Schößeln zu weit auseinand. Melch. Das is gar fesch. Zangl. Wie g'sagt, zu eng. Beider Tafel wer'n mir alle Knöpf aufspringen. Hupf. Ich begreif nicht — Zangl. Sie hab'u mir doch die Maß genommen. Melch. Mein Gott, das Maßnehmen is ein altes Vorurtheil, das die Schneider doch nicht hindert, jedes neue G'wand zu verpfuschen. Zangl. (zu Melchior). Nun, wie schau' ich aus? Melch. Ich därfs nit sag'n. Zangl. Wenn ich Jhm's beseht', wie schau' ich aus? Melch. klassisch! Hupf. Am Himmel habn's ein Sternbild, das heißt der Schütz, das ist aber bei weitem nicht so geschmackvoll wie dieser Schütz. Melch. (für sich). Das is klassisch! Zangl. Für heut' thut's es, aber morgen müssen Sie mir den Rock weiter machen Hupf. Warum nicht gar, eine Uniform muß eng sein. Zangl. Aber ich erstick' ja. Hupf. Macht nichts; Sie haben einmal von der Natur eine Art Taille erhalten, und es ist die Pflicht der Kunst, dieses Geschenk der Natur in das günstigste Licht zu stellen. Recommandir' wich bestens. (Zur Mitte ab.) Achte Scene. Die Vorigen, ohne Hupfer. Melch. Er hat halt allweil Recht und gibt nicht nach, man glaubet's nicht, wie so ein Schneider bockbeinig ist. Zangl. Jetzt, mein Lieber — wie heißt Er? Melch. Melchior. Zangl. Mein lieber Melchior, fahr' er gleich wieder z'ruck in die Stadt. Melch. Was, ich Hab' glaubt, Sie haben mich aufg'nommen? Zangl. Freilich, aber ich fahr' morgen in aller Früh auch in die Stadt. Da steigt Er gleich bei der Linie im Gasthaus bei der Sonn' ab, sagt nur meinen Namen, daß das gewöhnliche Zimmer für mich herg'richt' wird und erwart' mich, da hat Er Geld— (gibt ihm welches) mach' Er aber g'schwi'nd, in einer Viertelstund' geht der Stellwagen. Melch. Gut. Aber könnt'ich nicht vorher noch meinen übrigen Vorgesetzten, dem Commis und dem Lehrbuben, die Aufwartung machen? Zangl. Nix, Er versäumt sonst den Wagen. Melch. Na, so geh' ich halt. Sie find bei einer Tafel eingeladen, Herr von Zangler, geb'ns Acht aufn neuen Rock, daß S' Ihnen nicht antrenzen. Zangl. Was red'tEr denn für dumm's Zeug? Melch. Schön 's Serviett' vornehmen und auseinanderbreiten, die Bratlfetten geht hart heraus. Zangl. Glaubt Er denn, ich bin ein Kind? Er is wirklich zu dumm. Melch. Aber meine Aufführung is halt class — Zangl. Mach' Er jetzt weiter. Melch. Das hat mein voriger Herr auch immer g'sagt, dumm, aber klassisch. (Zur Mitte ab.) Zangl. (allein, den neuen Hirschfänger umschnallend). Schon wieder?! — Nein, was ich die Sprichwörter nicht ausstehen kann! — Mich hat einmal ein Sprichwort abscheulich ang'setzt, nämlich das »Jung gefreit, hat Niemand bereut«, das wird schier, wenn man alle Sprichwörter nach der Dummheit clasfificirt', 's erste Prämium kriegen. Und dem Sprichwott zum Trotz 8 geh' ich jetzt als Alter auf Freier-füßrn, und ich werd's g'wiß nicht bereuen. Wart' nur, Sprichwort, dich bring' ich noch ganz um den Credit. (Geht durch die Seitenthür links ab.) Neunte Scene. Gertr. (allein, kommt mit Lichtern zur Mittelthür herein). Kaum Viertel auf acht und schon völlig Nacht. (Stellt ein Licht auf den Tisch links.) 's fangt auf einmal zum Herbftln an. (Geht mit dem ankern Licht in die Seitenthür links ab.) Zangl. (nach einer kleinen Pause von innen). Auf meine Mündel soll Sie schau'n, Hab' ich Ihr g'schafft. Gertr. (von innen). Das Ihn' ich ja so. (Erscheint wieder unter der Thür und spricht hinein.) Wie kann ich denn schau'n auf sie, wann ich kein Licht ouzünd'. (Kommt heraus.) So ein großes Mädl könnt', glaub' ich, schon selbst auf sich schau'n. Sie geht mir nicht herauf aus'm Garten, und da soll ich ihre Schmiseln bügeln; ja überall -'gleich kann ich nicht sein. (Geht in die Seitenthür rechts ab.) Zehnte Scene. Weinberl (allein, tritt währenddes Ritor- nells des folgenden Liedes ein, er ist dunkelgrau gekleidet mit einer grüntuchenen Schürze). Lied. Es find gewiß in unsrer Zeit Die meisten Menschen Handelsleut', Und wer das Ding so observirt, Muß sag'n, der Handelsstand florirt. — 's versetzt ein Vater sein' Caput Und führt drei Töchter auf d'Redout', Damit er's vorteilhaft bringt an, Na. das ich doch ein Handelemann.— »Sie krieg'n mei Tochter, wenn's vor All'n Den Vätern seine Schulden zahl'n« — »Das kann ich nicht« — »dann sag' ich nein —« Das wird doch ferm gehandelt sein. »Ich Hab' Dich g'wiß,*—sagt eineDraut, Indem sie so aufm Bräut'gam schaut. »In zwanzig Jahr'n wie heut' so gern—« Da wird wohl auch was g'handelt wer'n. 's Weib sagt zum Mann: »Du gehst jetzt aus, Und kommst vor neune nicht nach Haus.« »Ja,* — sagt er — »wennst mir an Zwanz'ger gibst.« So a Handel is ja allerliebst. — A alte Schachtel hat viel Geld 's heirat's ein junger Guck in d' Welt, Verkauft sei Freiheit und sei Rua — Der Handel kummt gar häufig vur. — 's sagt Eine: »I bin zwanz'g Jahr* — »Oha, Ich Hab' ja Ihren Taufschein da.« »So* —sagt's und g'steht ein' Vierz'ger ein — Das wird doch tüchtig g'handelt sein. — Es prahlet eine Schwärm'rin sich — »Wenn ich nicht liebe, könnten mich Zehn Millionen nicht bethör'o« — Da wurd' wohl auch was g'handelt wer'n. (Nach dem Liede.) Vor dem Handelsstand kriegt man erst den wahren Respect, wenn man zwischen Handelsstand und Menschheit überhaupt ein Bilance zieht. Schau'n wir auf'n Handelsstand, wie viel gibt's da Großhandlungen. und schau'n wir auf die Menschheit, wiewenig große Handlungen kommen da vor; — schau'n wir aufn Handelsstand, vorzüglich in der Stadt, diese Menge wunderschöne Handlungen, und schau'n wir auf d'Menschheit.wie schütter find da die wahrhaft schönen Handlungen ang'säet; — schau'nwir auf'n Handelsstand, diese vielen Galanteriehandlungen, und schau'n wir auf d'Menschheit, wie handeln's da oft ohne alle Galanterie, wie wird namentlich der zarte, gefühlvolle, auf Galanterie Anspruch machende Theil von demgebildetseinsollendev, spornbegabten, cigarrenzuzelnden, roßstrei- chelvden, jagdhundcajolirenden Theil so ganz ohne Galanterie behandelt! —Jetzt, — 9 wenn man erst die Handlangen der Menschheit mit Gas beleuchten wollt' — ich frag', wie viele menschliche Handlungen halten denn eine Beleuchtung aus, als wie eine Handlung auf'mStock-im-Eisen-Platz?— Kurzum, man mag Vergleiche anstellen, wie man will, der Handelsstand is was Erhabenes, wir haben einen hohen Standpunkt, wir von der Handlung, und ich glaub', bloß wegen dieser schwindelnden Höhe fallen so Viel von der Handlung. — Der Christovherl tändelt G'wölbzusperr'n. Eilfte Scene. Ehristopherl. Der Vorige. Weinb. Ahnen Sie nichts, glücklicher Commerz-Zögling? Mit dem heutigen Schopfbeutler habe ich auf ewige Zeiten Abschied genommen von Ihrem Cacadu. Christ. Darum war Ihre Hand so heftig bewegt, als wenn sie sich gar nicht trennen könnt'. Weinb. Sie find unter meiner fünfthalbjährigen Leitung gewaltig ausgebildet worden, haben das Commerz von seinen verschiedenen Seiten kennen ge- wieder mit'n! lernt und haben kritische Perioden mitgemacht. Wenn die Geschäfte stocken, 's G'wölb leer is. und drr Handel- und Wandelbeflifsene bloß dasteht, a paar Stanitzl macht, 's Maul auireißt, und gedankenlos auf die GaN'n hinausschaut, Christ, (zur Mitte hereinlausend). Mußida is es leicht; aber plötzlich tritt neues Weinberl, der G'wölbschlüssel war voll Wachs, g'rad als wie wann ein Bandit einen Abdruck hätt' mach'n woll'n. Weinb. Dummer Bursch, Du hast halt den Schlüssel wieder wohin g'worfen, ohne zu schau'n, ob's sauber is. Von rechtswegen unterliegest jetzt einer Straf'. Christ. O, ein Lehrjung unterliegt nicht so g'schwind, durch G'wohnheit ertragt man viel. Weinb. (in etwas feierlichem Tone). Die Verhältnisse haben indeß eine andere Gestalt gewonnen; der deutsche Handelsstand wird bald um einen Lehrjungen weniger haben. Christ. No, sein's so gut, briugen's mich um. Weinb. Im Gegentheil, ich werde Sie bei einem freundschaftlichen Glas Wein leben lassen. Christ, (erstaunt). Wie g'schieht Ihnen denn, Mußt Weinberl? Weinb. Nennen Sie mich in Zukunft Herr Weinberl, denn ich habe Hoffnung, zum Buchhalter zu avanciren, und Sie selbst werden von heut' an per Mußi titulirt. Christ. Warum sagen Sie denn »Sie« zu mir? Leben in's Mercantilische, in tünf Minuten steht 's ganze G'wölb voll Leut*, da will Ems anderthalb Loth Kaffee, da Eins um zwei Groschen Gabri, der ein' frischen Aal, die ein' g'faulten Lemonie, da kommt ein zartes Wesen um ein' Bernzucker, da ein Kuchelbär um ein Rosenöl, da lispelt ein brust- defecter Jüngling: »ein' Zuckergandl,« da schreit ein kräftiger Alter: »a Flasche! Sliwowitz,« da will ein üppiges Wesen ein Halstüchel, da eine Zaundürre Fischbeiner zu ein' ausg'schnitt'nen Leibel haben; da kommt ein gemeiner Dienstbot' ein Häring austauschen, den ihr ihre noble Frau in's G'ficht g'worfen hat, weil's kein Milchner war; da geht a Alte ausn Kas los und schreit: »Ich möcht' ein' Schweizer« — in solchen Momenten muß der Commis zeigen, was ein Commis ist, d'Leut' z'samm- schrei'n lass'n, wie's woll'n. und mit einer ruhigen, an's Unerträgliche grenzenden Gelassenheit Ein s nach m Andern bedienen. Christ. Jetzt weiß ich aber nochall'weil nit, was is's denn eigentlich mit mir? Weinb. Ruhig, der Principal wird es Ihnen notificiren. 16 - Zwölfte Scene. Zangler. Die Vorigen. Zangl. (zur Seitenthür links kommend). Ah, Sie find schon da — W einb. Der Herr Principal haben befohlen — Christ. Befohlen — Weinb. Wir find daher ür corpore erschienen — Christ, (leise zu Weinberl). Zn was find wir erschienen? Weinb. (zu Lhristopherl). Halten Sie 's Maul, in corpore. Zangl. Ich muß Sie von einer Veränderung, mein Haus betreffend, in Kennt- niß setzen. Sie haben bis jetzt nur einen Herrn gehabt, bald werden Sie auch eine Trau bekommen. Christ. Eine Frau? Ich bin ja noch viel zu jung. Weinb. (zu Christoph). Reden Sie nicht so albern, der Herr Principal wird sich verehelichen, und seine Frau wird auch die unsre sein, unsere Principalin, unsre Gebieterin. Zangl. Ganz recht. Christ. Ah, so is das? Zangl. Dieses wichtige Ereigniß will ich nun durch Beförderungen in meinem Personale verherrlichen. Sie, Mußi Christoph — Christ, (für sich). Der sagt auch Sie und Mußi — Zangl. Sie haben auf's G'wand gelernt, müßten daher eigentlich noch ein halbes Jahr Lrhrjung bleiben, diesen Zeitraum schenk' ich Ihnen, und ernenne Sie zum Commis. Weinb. So eini Auszeichnung wird Wenigen zu Theil. (Zu Lhristopherl.) Bedanken Sie sich dock. Christ, (küßt Zangler die Hand). Die Gunst des Principals zu bestreben, ferneres Benehmen würdig zu sein, Fleiß und Ausdauer zu erringen — Zangl. Schon gut, ich wünsch', daß das nicht bloß schöne Worte find — Weinb. Nein, das find sie gewiß nicht, ich glaube mit Grund, daß er sowohlJhnen, Herr Principal, und mir, seinem unmittelbaren Vorgesetzten, wie auch demContinen- talhandel überhaupt Ehre machen wird. Zangl. (zu Lhristopherl). Sie waren immer fleißig. Weinb. Paffabel. Zangl. (zu Lhristophery. Ehrlich, das ist die Hauptfach'. Weinb. Das is wahr, er hat in der Lehrzeit manche Watschen kriegt, aber keine auf Veranlassung einer Watschen, die er der Budel gegeben hat. Zangl. (zu Christoph.). Es fehlt Ihnen nichts, als daß Sie sich mehr Manier gegen die Kundschaften aneignen. Weinb. (zu Lhristopherl). Darüber Hab' ich Ihnen oft Lehren gegeben. Christ, (sich mit der Hand über den Kopf fahrend). Ja, sehr oft. Weinb. (zu Christoph.). Hübsch mit Euer Gnaden und gnädige Frau herumwerfen, die Waar' mit Ansland überreichen, zu jedem Ramme! Schatzerl sag'n, 's kleine Geld zierlich mit Zeigfinger und Daum'herausgeben, die andern drei Finger werden bloß aus Händedrücke für Köchinnen verwend't. Zangl. Das wird sich hoffentlich geben. Christ. O ja, so was begreift ein junger Commis sehr g'schwind. Zangl. (zu Weinberl). Ihnen, Herr Weinberl. der schon seit Jahren mein ganzes Zutrauen besitzt, der seit Jahren das Geschäft zu meiner vollsten Zufriedenheit leitet, Ihnen ernenn' ich zu meinem ^ 880 Clö. Weinb. (äußerst überrascht). Jch^880cic? Zangl. Bei meiner Zurückkunft werden wir den Gesellschastscontract auf- und der neuen Firma »et 6ompaxm6« beisetzen. Ich verreise nämlich auf drei Tag', theilS meiner Heiratsangelegenheit wegen, theils anderer Angelegenheiten halber. Unter dieser Zeit übergebe ich Ihnen das ganze 11 Geschäft, schau'n Sie auf Alles, daß weder Unordnungen in die Bücher, noch in den Magazinen, noch in der Korrespondenz— Christ. Seit drei Wochen hab'n wir kein'n Brief kriegt, wiv leicht könnt' g'rad diese Tag — Zangl. (ohne aus Lhristopherl zu hören, zu Wemberl). Mit einem Wort, Sie find ein solider Mensch, ich weiß, daß ich mich aus Ihnen verlassen kann. Jetzt muß ich zum Schützen-Souper. (Setzt den neuen bordirten Hut aus.) Morgen früh um vier Uhr fahr' ich fort — Christ. Sollten wir also nicht mehr die Ehre hab'n, den Principal zu seh'n, so wünschen wir jetzt glückliche Reis' — Weinb. (noch ganzperplex). ^880616—! Zangl. Ja, ja! Fassen Sie sich nur, mein lieber Weinberl! Sie sind vom Tage meiner Verheiratung an mein ^880616. Adieu also, nochmals während meiner Abwesenheit strenge Ordnung und Pünktlichkeit. Christ, (indem er ihn an die Thür begleitet). Wir machen unser Kompliment, Herr Principal. Dreizehnte Scene. Die Vorigen ohne Zangler. Weinb. (wonnetrunken und stolz sich mit einer Hand am Tische stützend). ^ 88 oeiä! — Hast du's gehört, Gremium von Europa! Ich bin ^. 88 oeiä! Christ. Unser Herr Heirat', Sie wer'n Kompagnon, nachher haben wir zwei Principal, eine Principalin, und ich allein bin der ganze Personalstand. Wein. Buchhalter, das war immer der Cimborasso meiner Wünsche, und jetzt blickt der ^ 88 oeie wie aus einem Wolkenthron mitleidig auf denBuchhalter-Stand- punct herab. Christ. Ich mach' meine Gratulation. Weinb. Und sonderbar! Gerad'jetzt— jetzt — Christ. Jetzt find Sie's ja noch nicht, erst wann der Principal Heirat'. Weinb. Gerade jetzt, wo das BerufS- glück sein ganzes Füllhorn ausschütt über mich, werden^in mir Wünsche roglich wie Kisten, die auf einem Schubkarren schlecht aufpackt find. Christ. Aha! Ich g'spann, was der ^ 88 oeiä wünscht — Weinb. Eine Associein? O nein! Das irritirt mich nicht, so was kommt von selbst, und wenn es nicht kommt, so ist es auch noch kein Unglück. C h ri st. Also das is 's nicht? Na, nachher gib ich's Rathen auf; mein Kopf is von der Lehrzeit her zu sehr angegriffen, als daß ich mir'n jetzt gleich zerbrechen macht'. Weinb. Glauben Sie mir, junger Mann! Der Commis hat auch Stunden, wo er sich auf ein Zuckerfaß lohnt, und in süße Träumereien versinkt; da fallt es ihm dann wie ein Fünfundzwanzig-Pfund-Gewicht auf's Herz, daß er von Jugend auf an's G'wölb gefesselt war wie ein Blasse! an die Hütten. Wenn man nur aus un- completen Maculaturbüchern etwas vom Weltleben weiß, wenn man den Sonnenaufgang nur vom Bodenfenster, die Abend- röthenurausErzählungender Kundschaften kennt, da bleibt eine Leere im Innern, die alle Oelfässer des Südens, alle Häringfässer des Nordens nicht ausfüllen, eine Ab- geschmackheit, die alle Muscatblüh Indiens nicht würzen kann. Christ. Das wird jetzt ein anders G'sicht kriegen als Kompagnon. Weinb. Weiß nicht. Der Diener ist Sclav' des Herrn, der Herr Sclav' des Geschäfts. Erhaben ist die zweite Sklaverei, aber so biglem mit Genuß begabt als wie die erste.—Wenn ich nur einen viven Punkt wüßt' in meinem Leben, wenn ich nur von ein paar Tag' sagen könnt': da bin ich ein verfluchter Kerl gewesen—aber nein! ich war nie ein verfluchter Kerl. Wie schön wär' das, wenn ich einmal als alter Handelsherr mit die andern alten Handelsherren beim jungen Wein fitz', wenn so im traulichen Gespräch das Gis aufg'hackt wird vor dem Magazin der Erinnerung, wann die G'wölbthür der Vorzeit wieder aufg'sperrt, und die Bude! der Phantasie vollang'raamtwirdmitWaaren von eh'mals, wenn ich dann beim lebhaften Ausverkauf alterGeschichten sagen könnt': O! ich war auch einmal ein verfluchter Kerl! ein Teuxelsmensch — ein Schwerack —ich muß—ich muß um jeden Preis die- ses Verfluchtkerlbewußtsein mir erringen. Christ. Von mir aus hätten Sie diese» Bewußtsein schon lange; so oft Sie sich in meine Frisur verkampelt haben, Hab' ich mir denkt: das is ein verfluchter Kerl, den holt — Weinb. Was Sie denken, geht mich nix an, ich muß es denken, muß es fühlen. Christ. So beuteln's Ihnen selber den Schopf. Weinb. (von einer Idee ergriffen). Halt! ich Hab s! Christ. Na, was denn? Weinb. Ich mach' mir einen Jux. Christ. Ein'n Jux. Weinb. G'rad' jetzt auf der Grenze zwischen Knechtschaft und Herrschaft mach' ich mir einen Jux. Für die ganze Zukunft will ich mir die kahlen Wände meines Herzens mit Bildern der Erinnerung schmücken — ich mach' mir einen Jux. Christ. Wie wer'n Sie aber das an- fiellen? Weinb. Woll'n Sie dabei sein, Mußi Christoph? Christ. Warum nicht? Ich bin frei- g'sprochen word'n; kann man die Freiheit schöner als durch einen Jux celebriren? Weinb. Wir sperr'» 's G'wölb zu, während der Principal aus ist, find Sie dabei? Christ, 's G'wölbzusperr'n war immer meine Leidenschaft, so lang' ich bei der Handlung bin. Weinb. Wir fahren in die Stadt, und suchen fidele Abenteuer aus, sind Sie dabei? Christ. Freilich! Ich riskir' nix. Sie find Compagnon; indem ich Ihnen folg', erfüll'ich nur meine Pflicht, jetzt, was Sie ris- kiren, das tuschirt mich nicht. Ich bin dabei. Weinb. Halt! Jüngling! Sie setzen mir da einen Floh in's Ohr, den ich erst fangen und tödten muß. Kann es der Principal erfahren? Er kommt nie mit die Nachbarsleut' zusamm', er fitzt immer in der Schreibstube, discrirt nie mit die Kundschaften, geht an keinen öffentlichen Ort, außer alle Quartal zu der Schützengesellschaft — er kann es nicht erfahren — Christ. Wenn uns aber zufällig der Principal in der Stadt sieht? Weinb. Er is ein alter Herr, der Heirat', folglich mit Blindheit g'schlagen. Und wissen wir denn auch, ob er in die Stadt fahrt? Und dann geht er auch Geschäften, wir bloß dem Vergnügen nach; sein Weg geht tschihi, unserer dahott, wie die Seeleute sagen, sprich ich, wie die Fuhrleute sagen Christ. Wenn uns aber die Fräuln Marie verrath'? Weinb. DiehatLiebesaffairen,is folglich froh, wann sie nicht verrathen wird. Christ. Wann aber die alte Gertrud plauscht? Weinb. Das Hinderniß is unübersteig- lich, sie is ein altes Weib, sie muß plauschen. — Aber wenn wir — halt — so geht's — die Alte muß gerade die Asse- curanz sein bei unserer Unternehmung. Helsen Sie mir geschwind in den Herrn seine Schützenuniform hinein. (Kleidet sich während des Folgenden schnellmitLhriftopherls Beihilfe in die aus dem Tische liegende alte Schützenuniform Zangler's, schnallt den Hirschfänger um und setzt den Hut aus.) Christ. Wegen was denn? Weinb. Weil ich den Herrn Zangler vorstellen will; damit's die Stimme nicht kennt, stell' ich mich bös, und Sie sagen ihr den Auftrag, den ich als Zangler geb', und den sie dann an mich ausrichteu muß, wenn ich wieder Wemberl bin. 13 Christ. Ich bin mir nicht g'scheidt g'nug. Weinb. Stellen Sie 's Licht auf den Tisch hinüber! Christ. Gleich. (Nimmt eilig das Licht vomTische links und stellt es aus den Tisch rechts.) Weinb. (wirst sich in den am Tische links stehenden Stuhl und läutet heftig mit der Tischglocke). Vterzehnte Scene. Gertrud. Die Vorigen. Gertr. (aus der Seitenthür rechts kom- meud, für sich). Das is wieder eine Läuteret, als ob Alles taub wär'. (Laut.) Was schaffen's, Herr von Zangler? (Bei Seite.) I war schon froh, Hab' glaubt, er is fort. Christ, (welchem Weinberl leise etwas erklärt hat, zu Gertrud). D'Frau Gertrud hat den Herrn wieder curios bös g'macht. Gertr. Ich weist aber nicht — Weinb. (hustet und brummt ärgerlich einige unverständliche Worte). Christ. Hat'n d'Frau g'hört? Er will gar nicht reden mit Ihr, d'rum gibt er Ihr durch mich den Auftrag, Sie soll morgen in aller Früh dem Herrn Weinberl sagen— Gertr. DerChristopherl wirddochheut' noch selber den Herrn Weinberl seh'n, folg» lich kann ihm ja der Christopherl — Christ. Mußi Christoph, bitt' ich mir aus. Weinb. (hustet und brummt noch heftiger als früher). Gertr. (erschrickt). Christ. Hat'n d'Frau g'hört? DerHerr hat mir andere Gschäft' gegeben, die meinen ganzen Hirnkasten in B'schlag nehmen, weil ich also d rauf vergessen könnt', so soll durchaus die Frau Gertrud — Weinb. (hustet und brummt wie vorher). Christ. Hat'n d'Frau g'hört? Die Frau Gertrud soll also morgen in aller Früh dem Weinberl sagen. derHerrZang- ler läßt ihm strengstens aubefehl'n, daß er während seiner Abwesenheit durch zwei Tag' das G'wölb ja nicht aufsperr'n soll. Verstanden? Gertr. Na freilich, 's G'wölb darf nit aufg'sperrt wer'n, das wird doch nicht schwer zu versteh'« sein. Weinb. (murmelt etwas zu Christopherl, welcher sich seinem Stuhle etwas genähert hat). Christ. Frau Gertrud soll schau'n, daß's weiter kommt, und soll ihm nicht mehr vor die Augen — Gertr. Na ja! — Weinb. (hustet und brummt noch ungestümer als vorher). Christ. Hat'n d'Frau g'hört? . Gertr. (erschrocken zur Seitenthür rechts gehend). Der Mann is heut' in einer Zwi- drigkeit, das is schon aus der Weis'. (Ab.) Fünfzehnte Scene. Die Vorigen ohne Gertrud. Weinb. (lachend vom Stuhl aufstehend). Seh'n Sie, jetzt find wir gedeckt. Erfahrt im schlimmsten Fall der Principal, daß 's G'wölb zug'sperrt war, so berufen wir uns auf seinen Befehl, den wir durch die Frau Gertrud erhalten haben. Christ. Dann glaubt er, die Alte is verrückt. Weinb. Das verschlagt ihr nix, denn für g'scheidt hat er's so nie g'halten. Christ. Meiner Seel', pfiffig ausspe- culirt. Na! Sie sind ja auch einmal Lehrjuvg g'west, von da haben Sie halt noch das G'wixte.her. Weinb. Richten Sie sich jetzt das Sonntagsg'waud; was zur Eleganz fehlt, Crawatel, Schmisel, Handschuh' und Schnupftüchel werd' ich Ihnen leihen. Christ. Juchhe, das wird ein Jux wer'n morgen! (Geht zur Mitte ab.) (Mau hört von außen Zangler räuspern und husten.) Christ, (erschrocken zurückprallend). O Jegerl, der Alte kommt! Weinb. (erschrocken). Der Herr Zangler — wann er mich in dem Auszug sieht — Christ. Ich retirir' mich zu der Frau Gertrud hinein. 14 Weinb. Aber was thu' denn ich? Ich kann mich so weder vor der Frau Gertrud noch vor'n Herrn Zangler zeigen. Christ. Ich geh' zu der Frau Gertrud ich riskir' nix, aber ich bin dabei. (Will zur Seitenthür rechts ab.) Weinb. Mir bleibt nix übrig — (Löschtschnell das Licht auf dem Tische rechts aus und eilt hinter den Ofenschirm links im Hintergründe.) Sechzehnte Scene. Zangler. Weinberl (hinter dem Schirm). Za n gl. (zur Mitte eintretend). Ich Hab' mir das Ding anders überlegt, zur Schützen- tafel komm' ich später auch noch z'recht; wie leicht könnte der saub're Herr Sonders diesen Abend zu einem Rendezvous brauchen wollen. Ich werd' an meinem Fenster ein wenig aufpaffen, wir haben Vollmond, da seh' ich's prächtig, wenn er allenfalls in's Haus hereinschleichen wollt'! Der saubere Herr Sonders der! (Geht in die Seitenthür links ab.) Siebzehnte Scene. Weinberl, dann Marie und Sonders. Weinb. (kommt hinter dem Schirm hervor). Er is d'rin, jetzt kann ich mich ausg'schirren. Sond. (von außen). Nein, nein, Marie! So geh' ich nicht von Dir. Weinb. (erschreckend). Verdammt, da kommt wieder wer — ich muß abermal — (Läuft wieder hinter den Schirm.) Marie (mit Sonders zur Mitte eintre- tend). Aber August — Sond. Versprich mir, in meinen Plan zu willigen. Marie. Ich soll dem Vormund durchgehen — Sond. Fliehen sollst Du mit mir. Marie. Das schickt sich nicht. Sond. Marie! Marie. Fliehen, durchgehen und auf unddavonlaufcn is Eins, und das schickt sich nicht. Sond. Du hier bleiben, mir entrissen werden, und ich mir eine Kugel vor den Kopf brennen, ist auchEivS, und das schickt sich so gewiß, wenn Du nicht Muth hast— Marie. August, Du bist ein fürchterlicher Mensch. Sond. Des Alten Eigensinn läßt uns nichts Anderes übrig. Marie. Wenn ich Dir aber sage, es schickt sich nicht. Du sollst eigentlich schon lang fort sein, ich Hab' Dir nur erlaubt, bis es Abend wird, und hier ist nicht einmal ein Licht. Sond. Haben Liebende je eines andern Lichtes bedurft, als jenes des Mondes, der eben freundlich durch die Fensterscheiben blickt? Marie. Der Mondschein schickt sich nicht. Du gehst entweder sogleich fort, oder gehst mit mir zur Frau Gertrud hinein, die hat Licht. Sond. Die darf ja nicht erfahren — Marie. Warum nicht? Machen wir sie zur Vertrauten unserer Liebe. Sond. Ich traue alten Weibern nie. (Nach der Thür rechts horchend.) Da hör' ich jemand an der Thür! Marie. Am End' gar der neugierige Christoph — Sond. Wit wollen einen Augenblick uns hier verbergen. (Nimmt Marien bei der Hand und geht mit ihr von der rechten Seite hinter den Schirm.) Marie (indem August sie nach sich zieht). Ach Gott, das schickt sich nicht! (Weinberl, der hinter dem Schirm steht, drückt sich so viel als möglich gegen die linke Seite, ohne sich zu getrauen, seinen Versteck zu verlassen.) Achtzehnte Scene. Gertrud. Die Vorigen (hinter dem Schirm). Gertr. (aus der Seitenthür rechts kommend). Was ist das? Kein Licht da? Ah, das wird der Herr ausg'löscht haben, wie er fort is. Zch muß schauen, daß ich dem 15 Mußi Wemberl heut' noch den Befehl aus- richten kann, daß 's G'wölb zug'sperrt bleibt, bis morgen merket' ich mir's g'wiß nicht, da wär's nachher wieder ein Lärm! O der Alte — das is ja ein — (Geht zur Mitte ab.) Neunzehnte Scene. Weinberl, Sonders, Marie. S ond. (Weinberl hervorziehend). Da hat uns Einer belauscht, nur hervor! Marie (ebenfalls vorkommend, erschrickt, indem sie Weinberl der Schützenuniform wegen in der Dunkelheit für Zangler hält). Himmel, der Vormund —! Sond. (betroffen). Herr Zangler — Marie (Weinberl zu Füßen fallend). Lieber Herr Onkel-Vormund, sein Sie nicht bös, ich kann nichts davor, ich weiß, daß es sich nicht schickt, aber — Sond. Ich habe Marien gegen ihren Willen bis in die Stube verfolgt, zürnen Sie daher mir doppelt und dreifach, wenn Sie wollen, doch Marien dürfen Sie keine Schuld zumessen. Marie. Nein, gar nichts zumessen — Verzeihung, lieber Herr Onkel und Vormund — Sie schweigen? Diese schauerliche Stille verkündet einen furchtbaren Sturm. Weinb. (welcher in größter Verlegenheit dagestanden, indem er jeden Augenblick fürchtet, trotz der Dunkelheit von Marien erkannt zu werden, weiß sich nicht anders zu helfen, nimmt zuerst Mariens, dann Sonders' Hand und fügt ihre beiden Hände segnend in einander). Sood. (aufs Höchste erstaunt und freudig überrascht). Jst's möglich—! ? Diese Sinnesänderung — Sie segnen unfern Bund—? Marie. Ach, lieber, göttlicher Herr Onkel und Vormund! Weinb. (hebt die noch immer kniende Marie empor und legt sie in Sonders' Arme). Marie. August! t ^ Sond. Marie! j (Zugleich.) Weinb. (benützt den Moment, während die Liebenden sich in den Armen halten, und eilt leise und mit großen Schritten zur Mittelthür hinaus). Zwanzigste Scene. Die Vorigen ohne Weinberl. Sond. Jetzt bist Du meine Braut — Marie, (sich aus Sonder's Armen erhebend). Wie soll ich Ihnen danken, Herr Onkel? Sond. (beinahe zugleich mit voriger Rede). Vortrefflicher, herrlicher Mann! — (Beide bemerken mit Staunen, daß Niemand mehr da ist.) Marie. Was ist denn das? Sond. Er ist fort! Marie. Wo ist er denn hin? Sond. Ohne Zweifel auf sein Zimmer, der gute Mann will das erste Entzücken beglückter Liebe nicht stören. Marie, komm' in meine Arme. Marie. Von Herzen gern, jetzt schickt es sich ja. Sond. (fie umarmend). Liebes, theures Mädchen! Einundzwanzigste Scene. Die Vorigen. Zangler, später Weinberl und Christoph. Zangl. (kommt mit Licht aus der Seitenthür links). Was gibt's da —? Ich glaub' gar — (Ergrimmt.) Himmel-Mordtausend- Element—! Herr, Sie unterstehen sich — Marie (wie aus den Wolken gefallen). Aber, lieber Herr Onkel — Sie haben ja selbst — Zangl. Entartetes Mädel! (Sie zur Seitenthür links schleudernd.) Da hinein! Sond. Haben Sie nicht erst in diesem Augenblick — Zangl. (wüthend). Verwegener Landstreicher! (Auf die Mittelthür zeigend.) Da hinaus! (Weinberl tritt, bereits wieder umgekleidet, zur Mitte ein, und sieht, im Hintergründe rechts stehend, dem Austritte zu, eben so Christoph, wel- cher aus den Lärm neugierig auS der Seitenthür rechts tritt; beide stehen so, daß Sonders ihnen das Gesicht nicht zuwendet.) 16 Marie. Das kann Ihr Ernst nicht sein? Zangl. (immer wachender). Hinein! Sand. Entweder Sie halten uns jetzt zum Besten, oder haben früher — Zangl. (wie oben). Hinaus! Marie, (weinend zur Seitenthür links gehend). Der Vormund is verhext! (Ab.) Zangl. (ihr nachrufend). Hinein!! Sond. Sie find verrückt, Herr, aber Geduld, ich werde — Zangl. (mit den Füßen stampfend). Hinaus! Sond. Es ist zu arg! (Geht in großer Aufregung zur Mitte ab.) Zangl. (indem er in die Seitenthür links abgeht). Wart', ungerathenes Geschöpf, Dich soll meine Schwägerin coramisiren. (Ab.) Weinb. (vortretend). Das ist eine Hi- storie — Ehrist. (in ausgelassener Freude springend). Ich vergönn' ihr's, warum heihts' mich immer einen dalketen Bub'n. Weinb. Mir scheint, ich sang' schon an, verfluchter Kerl zu sein, das ist der Vorgeschmack vom Jux. (Im Orchester beginnt heitere Musik.) (Der Vorhang fällt.) Zweiter Zct. (Straßendecoration, nur eine Eoulisse tief. Der Prospekt stellt die gerade über die Bühne laufende Häuserreihe einer Gasse vor ohne alles Perspectiv, an dem mitten im Prospekt sich befindlichen Hause ist das Thor offen, so daß man weiter hinten eine praktikable Stiege sieht; in der Einfahrt rechts ist eine Thür, die zur Hausmeisterwohm'ng führt. Ober dem Haus- thore ist eine Tafel mit großer Aufschrift: »Anna Knorr'sModewaaren-V erlag.*) Erste Scene. Weinberl, Christoph (beide treten im geschmacklosen Sonntagsstaat von links auf). Christ. Das wär'n Abenteuer? ich dank' — Weinb. Ja, lieber Freund, ich kann Ihnen die Abenteuer nicht Herzaubern. Glauben Sie, mir is dasang'nehm, da her- umz'geh'n wie a Waserl, mir, dem obendrein noch jedes offeneG'würzg'wölb einen heimlichen Gewifsensbiß macht? Christ. Den ganzen Vormittag is uns nix unter'kommen, nix aufgestoßen. Weinb. Wir wollen die Hoffnung nicht sinken lassen, — vielleicht stoßt uns jetzt Nachmittag was auf. Arg wär' da-, wenn wir vier Stund' weit herfahreten, einen ganzen Tag in der Residenz zubrächten; ohne einen Jux 's Geld verjuxt — Christ. Das wär' a Jux! Vor allem Andern müssen wir doch wieder unter die Leut' geh'n, in dem öden Gassel da wär'n wir nix erleb n. Weinb. O Freund, in die öden Gaffeln erlebt man allerhand, das is ja grad' das Abenteuerliche. Wie oft Hab' ich gelesen in die Bücher: »Er befand sich, ohne zu wissen wie, in einem engen, abgelegenen Gäßchen, plötzlich gewahrt er an der Ecke einen Mann in einem Mantel, ihm war's, als ob er ihm gewunken — an der andern Ecke sieht er auch einen Mann, ihm däucht, als hält' er ihm gewinkt, unentschlossen steht er da, er weiß nicht, soll er dem folgen, der ihm gewinkt, oder dem, der ihm gewunken — da öffnen sich plötzlich die Fenster —« P h i l i p p i n e (öffnet a temxo das Fenster im Hause der Madame Knorr im Prospekt). Weinb. (ohne dieses zu bemerken, fährt fort). »Und eine zarte weibliche Hand—* Phil, (hat eilig am Fenster ein Glas mit Wasser ausgespült und schüttet es, ohne herabzusehen, aus die Straße und schlägt sogleich wieder das Fenster zu). Weinb. (den es beinahe getroffen, erschrocken zur Seite springend). No, sein'- so gut — Christ. Das ging mir grad' noch ab — Weinb. Wenn ich jetzt einen halben Schritt weiter links g'standeu wär', so könnt' ich sagen, daß ich in der Residenz überschüttet worden bin. 17 Christ. Was logirt denn für ein Völkel da droben? — Weinb. (liest das Schild). »Anna Knorr's Modewaaren-Derlag« — Christ. Das is eine schöne Mod', daß man d'Leut' anschütt'. Weinb. (nach rechts in die Scene sehend). Sieh', dort steht ein Mann. Christ. Winkt uns aber nicht. Weinb. Er kommt näher — er bleibt wieder steh'n — das is ja — Christ. Meiner Seel — Weinb. Das is der Herr von Brun- ninger. Christ. Der öfters zu unserm Principal kommt. Weinb. Der kennet uns glei — Christ. Fahr'n wir ab. — (Beide wollen links ab.) Weinb. Halt! — (Bleibt wie vom Donner gerührt stehen.) Das is Blendwerk, das kann nicht sein — (Zeigt erstarrt mit der Hand in die Scene links.) Christ, (erschrocken). Der Herr Zang- ler! — Weinb. Der Principal! — Christ. Geschwind da in s Haus hinein — Weinb. Dem Abenteuer weichen wir aus! — (Beide eilen in das offene Hausthor mitten im Prospekt und bleiben unter der Einfahrt, sich links drückend, stehen.) Christ. Er wird gleich vorbei sein. Weinb. Nur ruhig! Zweite Scene. Hausmeister. Die Vorigen. Hausm. (aus seiner Thür unter dem Thor wegtretend). Was gibt's da?! Christ. Nix, gar nix! — Weinb. Wir wollen — Christ. Nix, gar nix! — Hausm. Wieder Pasten auf d'Weibs- bilder? — Weiter um a Haus! — Christ. Nit um a G'schloß! — rh«t.-Rep. Nr. 79. Weinb. Mir müssen da hinauf — Hausm. Zu wem? — Weinb. (im Zweifel, was er sagen soll). Zu — zu — No, was da d'raußt auf der Tafel steht. — Christ. Madame Knorr, Modewaaren- verlagsniederlagverschleißhändlerin — Hausm. Die logirt im ersten Stock und nit unter der Einfahrt. Christ. Eben deßwegen geh'n wir ja hinauf — Weinb. (zum Hausmeister). Ja, haben Sie 'glaubt, daß wir nit hinaufgeh'n? — Hausm. Ersten Stock, rechts die Thür! — Weinb. Dank' Ihnen. (Geht zögernd die Stiege hinauf.) Christ. Also geh'n wir. (Indem er Wein- berl folgt.) Wir können nit fehl'n, rechts die Thür! (Man steht Beide die Stiege hinaus- gehen.) Hausm. (nach einer kleinen Pause). Denen geh' ich nach, i muß seh'n, ob's mi nit ang'logen haben. (Geht ebenfalls die Stiege hinauf.) Dritte Scene. Zangler, dann Brunninger. Zangl. (von links kommend). Das war' gethan — das auch — zur Schwägerin Hab' ich hing'schickt, also — (Seht in das Haus, wo Christoph und Weinberl hineingegangen sind.) Brunn, (eilt von rechts kommend). Herr von Zangler! Herr von Zangler! Zangl. (bereits unter dem Thorweg sich wieder umwendend). Wer ruft denn? Brunn, (aus ihn zueileud). So Hab' ich halt doch recht g'seh'u! — Zangl. Herr von Brunninger!? Freut mich! — Brunn. Seit wann in der Stadt? Kommen wie gerufen, müssen gleich jetzt mit mir zum Ädvocaten, es is wegen der Krüglischen Sache. Zangl. Freund, das lassen wir bis später, — jetzt muß ich — 2 Bruno. Nein. Freund, ich lass' Ihnen nicht auS, die Krüglische Sache — Zangl. Liegt mir bei weitem nicht so am Herzen als wie — Brunn. Hat sich aufs Vortheilhafteste gestaltet, wir kommen alle Zwei zu unserm Geld. — Zangl. Ich weiß — Brunn. Die Krüglische Sache — Zangl. Muß jetzt, aufrichtig g'sagt, einer Herzenssache nachsteh'n. Brunn. Was?! Zangl. Ich Heirat'! Bruno. Wen? — Zangl. Noch weiß es kein Mensch, und doch steht's mit großmächtiaen Buchstaben ang'schrieben auf der Gaffen. — Brunn. Wo? — Zangl. (aus die Tafel ober dem HauS- thor devtead). Da—»Madame Knorr.«— Brunn. ZS das die Erwählte? gratu- lir', aber — Zangl. (eilig). Ich muß jetzt zu ihr— Brunn. Da vergeffeo's mir ganz auf die Krüglische Sache — nix da, ich lass Ihnen nicht aus — Zangl. Aber, Freund — Brunn. In zehn Minuten is es ab- gethan. Zangl. Aber gewiß nit länger? Brunn, (ihn unter dem Arm nehmend). Nein, sag' ich, kommen's nur g'schwind. Zangl. Meinetwegen, aber — Brunn, (mit Zavgler abgehend) . Sie werden sich wundem, Freund, ich sag' Ihnen, die Krüglische Sache — Zangl. Länger als zehn Minuten kann ich nicht — (Beide ab.) Verwandlung. (Zimmer bei Madame Knorr mit Mittel- und Seitenthüren.) Vierte Scene. Philippine, Weinberl, Christoph. Phil. Wollen die Herren da hereinspazieren? Was sollen Sie draußen im Atelier warten. — Ich werd's gleich der Madame sagen. (Geht in Seiteuthür rechts ab.) Weinb. Da wär'n wir. Seh'n Sie, das steht schon ein' Abenteuer gleich. Christ. Was sagen wir denn aber, wenn die Madame kommt? Weinb. Was uns eiufällt. Christ. Wenn uns aber nix G'scheidt's einfällt? — Weinb. So sagen wir was Dumm's. Unsere Lag' erfordert mehr Hardiesse als G'scheidtheit. Christ. Freilich, ein g'scheidter Mensch läßt fich auf so Sachen gar nicht ein — Weinb. Sie kommt! — Fünfte Scene. Madame Knorr, Philippine. Die Vorigen. Phil, (mit Madame Knorr auS der Seitenthür recht- kommend). Da find die Herren ! (Geht zur Mitte ab.) Weinb. und Christ, (machen Madame Knorr stumme Komplimente). Christ, (zu Weinberl leise). Wenn Sie nit zum Reden anfangen, ich fang' nit an. Weinb. Nur Geduld! — Mad. Knorr. Was steht zu Diensten, meine Herren? Weinb. Hab' ich die Ehre, Madame Knorr — ? Mad. Knorr. O ich bitte, die Ehr' ist meinerseits! — Christ, (bei Seite). Der Anfang ist sehr ehrenvoll. Mad. Knorr. Wünschen die Herren vielleicht draußen (nach der Mittelthür zeigend) in meinem Waarenlager eine kleine Auswahl zu treffen? — Christ, (leise zu Weinberl). Sie, das thut's nit, 's könnt uns 's Geld z'weuig wer'n. Weinb. Wir kommen eigentlich weniger, um zu kaufen — Christ Noch eigentlicher, um gar nichts zu kaufen 19 Weinb. Sondern vielmehr gekaufte Sachen zu bezahlen. Mad. Knorr (sehr freundlich). O, ich bitte! — Christ. Das heißt eigentlich nicht zu bezahlen — Weinb. Sondern eigentlich nur um uns über eine Rechnung zu informir'n, wie viel sie betragt, und dieser Tage dann zu bezahlen. Mad. Knorr. Wie es gefällig ist, aber was für eine Rechnung meinen Sie denn eigentlich? Weinb. Die Rechnung von — (Bei Seite zu Christoph.) Sie wird doch eine Kundschaft haben, die Schmidt heißt. (Laut.) Die Rechnung nämlich von der Frau von Schmidt — Mad. Knorr. Das muß ein Zrrthum sein, ich habe keine Kundschaft, die Frau von Schmidt heißt. Weinb. Jetzt is recht. (Laut.) Ich habe mich nur versprochen, Frau von Müller, Hab' ich sagen wollen. — (Bei Seite.) Da wirds doch eine haben? — Mad. Knorr. Verzeih'« Sie, ich Hab' auch keine Frau von Müller zu bedienen. Weinb. (bei Seite). Da soll doch der Teufel— (Laut.) Ich bin aber heut' so zerstreut, Frau von Fischer heißt Diejenige— Mad. Knorr. Ah, Frau von Fischer, ja, das ist was Anders, ja, die Frau von Fischer meinen Sie? — Weinb. (leise zu Christoph). Sehu's, jetzt Hab' ich's halt doch' troffen. Christ, (leise zu Weinberl). Es is aber unbegreiflich, wie man nicht gleich Frau von Fischer sagen kann, das gibt doch die Vernunft. Mad. Knorr. Aber wie kommt das? Frau von Fischer ist mehr meine Freundin als bloß Kundschaft — Weinb. Bitte, wenn die Freundin was kaust, ist fie Kundschaft und muß zahlen; wenn das nicht wär', so hätten die Kaus- leut' lauter Freund' und gar keine Kundschaften. Mad. Knorr. Aber es pressirt ja nicht. Frau von Fischer verrechnet sich alle Jahr mit mir, — und jetzt muß ich mir schon die Freiheit nehmen, zu fragen, wer Dieselben find und wie Sie dazu kommen, für die Frau von Fischer bezahlen zuwollen?— Weinb. Sie ist also Ihre Freundin?— Mad. Knorr. Das glaub' ich, noch wie ihr seliger Mann gelebt hat, und gar jetzt die drei Jahr', als fie Witwe ist. — Weinb. (leise zu Christoph). Jetzt geben Sie Acht, was ich der Sach' für eine Wendung geb' — (Laut.) Drei Jahr' war fie Witwe, ganz recht, aber seit drei Tag' ist fie's nicht mehr. Mad. Knorr (erstaunt). Wie so? Weinb. Ich bin ihr Gemal! Mad.Kuorr (auf's Aeußerste überrascht). Was!? — Christ, (für sich). Ah, da is ein kecker Ding! — Mad. Knorr. Wär's möglich! Meine Freundin Fischer hat vor drei Tagen ge- heirat'!? — Weinb. Ich bin der Glückliche von drei Tag — (Leise zu Christoph, triumphirend.) Seh'n Sie, das heißt halt Geist. Mad. Knorr (hat etwas von diesen Worten gehört). Wer heißt Geist? — Weinb. Geist? — Ich heiße Geist. (Für sich.) 's is all'seins, ich kann heißen, wie ich will. Mad. Knorr. Ich bin so überrascht, Herr von Geist — Christ, (für sich). Man sähet' ihm's nicht an. Mad. Knorr. Und dieser junge Herr? (Auf Christoph zeigend.) Weinb. Ein meiniger Verwandter. Mad. Knorr. Aber, warum hat man so eine wichtige Sach' vor einer intimen Freundin verheimlicht? — Weinb. Sie sollen Alles erfahren. Aber wollen Sie jetzt uur wegen der Rechnung nachschau'n. Mad. Knorr (will zur Seitenthür rechts ab, zögert jedoch). 2 * Weinb. (leise zu Christoph). Derweil fahren wir ab! — Christ, (leise -u Weinberl). Recht, der Alten begegnen wir jetzt nicht mehr. Mad. Knorr. Nein, ich kann mich noch gar nicht erholen von dem Erstaunen und der Überraschung. Sechste Scene. Philippine. Vorige. Phil, (zur Mitte eintretend). Madame, die Frau von Fischer iS da, sie will aber nicht herein, weil Herren da sind. C h r i st. (für sich). Jetzt geht's z' samm'!— Weinb. (ganz verblüfft). Wer iS da? — Mad. Knorr. Ihre liebe Frau. (Zu Philippinen.) Sie soll nur Hereink ommeo, es is ja ihr Gemal — Weinb. (verlegen). Nein, sagen Sie ihr — Mad. Knorr. Zu was diese Sachen? (Zu Philippinen.) Sie soll kommen, ihr Gemal, ihr lieber Geist, is da. Phil, (geht zur Mitte ab). Weinb. (in großer Verlegenheit, für sich). Ich wollt', ich war' ein Geist, daß ich verschwinden könnt'. Mad. Knorr. Ich begreif nicht — wozu diese Zurückhaltung, dieses geheim- nißvolle Wesen? — Weinb. Meine Frau, die hat das, Sie werden seh'n, sie wird jetzt noch thun, als ob ich ihr ein fremder Mensch war'. Christ, (für sich). Ja, sie wird so -er« gleichen thun. Mad. Knorr. Am End' is sie obstinat und bleibt draußen. Weinb. (für sich). Das wär'a Glück!— Mad. Knorr. Da muß ich gleich — wär' nicht übel —! (Geht zur Mittelthür.) Weinb. (zu Christoph). Ich bin sehr gespannt auf meine Frau. Mad. Knorr (Frau von Fischer unter der Thür empfangend). Nur her da, komm' in meine offenen Arme, Du Verschlossene. Siebente Scene. Frau von Fischer. Die Vorigen. Fr. v. Fischer (tritt befremdet zur Mitte ein). Phil, (zu Frau von Fischer). Jetzt sehen Sie, daß ich keinen Spaß Hab' g'macht. Mad. Knorr. Nein, es iS Ernst, da steht er, dein Gemal, der Herr von Geist— Fr. v. Fischer. Mein Gemal —? Und er hat Dir selbst gesagt? — Mad. Knorr. Daß Du seit drei Tagen die Seinige bist, — jetzt nutzt keine Verstellung mehr. — (Zu Philippinen.) Philip- pinr, lassen Sie geschwind Kaffee machen und dann soll — (Gibt ihr leise mehrere Aufträge.) Fr. v. Fischer (betrachtet Weinberl scharf). Weinb. (zieht sich verlegen immer mehr zur Seite). Fr. v. Fisch er (nach einer Pause vortretend, für sich). DaS ist entweder eine eLcen- trische Art, de» Anbeter machen zu wollen, oder der Mensch erlaubt sich einen Scherz mit mir,— im ersten Fall verdient die Sache nähere Erwägung, im zweiten Fall verdient die Keckheit Strafe; in jedem Fall aber muß ich in's Klare kommen, und das kann ich am besten, wenn ich in seine Idee einzugehen scheine, vor meiner Freundin seiueFrau spiele und Gelegenheit abwarte, ihn in die Enge zu treiben. Phil.(zu Madame Knorr). Schon Recht, Madam! — (Geht zur Mitte ab.) Mad. Knorr, (zu Frau von Fischer). Und jetzt zu Dir, Du garstige Freundin — Weinb. (leise zu Christoph). Die garstige Freundin ist eigentlich sehr sauber. Christ, (leise zu Weinberl). Was nützt das, wir kommen doch in eine wilde G'schicht'. — Mad. Knorr (zu Frau von Fischer). Wie hast Du daS über'S Herz bringen können, zu heiraten, ohne -aß ich waS weiß? — Fr. v. Fischer. Es war ein Vrnvd — den Dir mein lieber Mann sagen wird. 21 Weinb. (verblüfft für sich). Sie sagt lieber Mann — sie thut richtig so. Mad. Knorr. Nun, Herr von Geist? Weinb. (verlegen). O den Grund, dev kann Ihnen meine liebe Frau eben so gut sagen. Fr. v. Fischer. Nein, lieber Mann, sag' Du eS nur. Weinb. (wie oben). Ah, geh', liebe Frau, sag' Du'S. Fr. v. Fischer. Es war eine Laune von meinem lieben Mann — Weinb. (sich mehr und mehr fassend). Und zugleich auch eine Laune von meiner lieben Frau. Mad. Knorr. Esis aberunerklärbar — Weinb. Daß zwei Leut' wie wir bei Laune find, das is gar nicht unerklärbar. Mad. Knorr. Die Bekanntschaft muß aber doch schon viel länger — Fr. v. Fischer. Ach, das nicht, wir kennen uns erst sehr kurze Zeit. Weinb.Unglaublich kurz. DieG'schicht' war so über Hals und Kopf — Ehrist. (leise zu Weinberl). Ja Wohl is's uns über'n Hals kommen, den Kopf aber heißt's jetzt aus der Schlinge ziehen. Mad. Knorr. Da kann man sehen, die Ehen werden im Himmel geschlossen. Weinb. Richtig bemerkt, im Himmel Werden s g'schlossen, darum erfordert dieser Stand auch eine so überirdische Geduld. Fr. v. Fischer. Sehr unrichtig bemerkt, denn Du hast Dich hoffentlich nicht über mich zu beklagen. Weinb. O nein! — Fr. v. Fischer. Hab' ich Dir schon ein einziges Mal widersprochen? We-iub. Nein, das is wahr. Fr. v. Fischer (mit Beziehung). Suche ich nicht in deine Ideen einzugehen,— selbst wenn ich keinen grundhältigen Grund herauskade? Weinb. Das iS sehr wahr! Christ, (leise zu Weinberl). Das is a feine Kundschaft, fahr'n wir ab. Weinb. (zu Frau von Fischer). Weil Du mir nie widersprichst, so wirst Du auch nix dagegen haben, wenn ich Dich jetzt bei deiner Freundin lass' und meinen Geschäften nachgehe. Fr. v. Fischer. O, da würd' ich sehr viel dagegen haben. Du hast für heute kein Geschäft mehr, als für unser Vergnügen zu sorgen; zum ersten Male muß es jetzt nach meinem Willen gehen. Weinb. Aber, ich muß — Fr. v. Fischer (ihm imponireud). Für dießmal unbedingt den Befehlen der Frau gehorchen. Weinb. (verblüfft). Za, ja, gehorchen, sag' nur, was Du eigentlich schaffst? — Christ, (leise zu Weinberl). Aber, was treiben's denn? Weinb. (leise zu Christoph). Ich trau' mich nicht zu widersprechen. Christ, (wie vor). Zwei Minuten stelln's jetzt ein' Eh'mana vor und sein schon Si- mandl, Sie hab'n eine großartige Anlag'. Mad.Knorr(welche indeß leise mit Frau von Fischer gesprochen). Charmant, dort fahr'n wir hin, der Garten is prächtig, die Bedienung ist einzig — Fr. v. Fischer (ohne daß Weinberl darauf Acht hat). Mein Mann soll uns dort tractiren. Mad. Knorr. Da hinaus eine Partie zu machen, das is eine Idee von Dir, die wirklich einen Kuß verdient, den Dir dein Mann auch alsogleich — Weinb. (zu Mad.Knorr). Glauben Sie? Ja, ich bin der Mann, der Niemanden sein Verdienst abstreiten will, wenn Sie also der Meinung find, daß sie ein' Kuß verdient — Mad. Knorr. Ohne weiters. (Zu Frau von Fischer.) Nur keine Umständ' g'macht vor einer Freundin. Weinb. So geh', Gemalin! (Küßt Frau von Fischer, welche verlegen zögert.) Mad. Knorr. So seh' ich's gern von junge Ehleut'. Weinb. (für sich). Das is ein Götterweib. (Zu Frau von Fischer.) Gemalin, wenn 22 Du nicht recht bald wieder eine Idee hast, die einen Kuß verdient, so gib ich Dir gleich ein paar als Vorschuß auf Deine nächsten Ideen. Mad. Knorr. Eine Taffe Kaffee müssen wir aber noch trinken, eh' wir ausfah- ren; der Herr Eoufin kann gleich um einen Wagen geh'n, und Sie (zu Weinberl) spazieren indessen (nach rechts zeigend) in mein Zimmer hinein, ich muß Ihrer Frau im Atelier draußen eine neue Form von Hau« berln zeig'u, von Hauberln —! wir werden Ihnen nicht zu lang warten lassen, Sie verliebter Gemal Sie. (Geht mit Frau von Fischer und Christoph zur Mitte ab.) 2 . A eitle Mama hat a Tochter wie a Perl, Der Tochter ihr Amant is a pfiffiger Kerl, So wie'» Haushund der Dieb mit Savlati besticht, Wer'n von ihm an d'Mama a paar Fla- tusen gericht — Und d'Alte is selig, die Aug'n thun ihr funkeln, »Ach Gott,« denkt's, »ich thu' meine Tochter verdunkeln, Für mich thut sein Herz nur schlagen un- ter'm Gilöe* — Das is a verrückte Idee! — 3. Achte Scene. Weiob. (allein). Ich muß sagen, ich und die Meiuige wir leben sehr gut miteinand. Es rentirt sich curios, wenn man a verfluchter Kerl is. —Den Wagen wird wohl die Madam' Knorr zahlen — a freilich, sie hat ja d'rum g'schickt. Uebrigens, daß ich jetzt da so aus dem Stegreif einen Gemal vorstell', das is a verrückte Idee. — Macht nix, ich bin ja nicht der Einzige, es gibt mehr Leut', die verrückte Ideen haben. Lied. »Den Herrn seh' ich täglich zu Ihrer Frau geh'n« — Ja wiffen's, das macht nix, es is ihr Eoufin — »Jo der Dämmerung da sieht man's oft bei eiuand steh'n« — Was schad't denn die Dämmerung, 's is ja ihr Eoufin — »Sie thut ihm die Hand drucken und thut ihm schön« — Warum soll's ihn nit drucken, 's is ja ihr Eoufin — Wär' er nit ihr Eoufin, ließ i ihr'n g'wiß nit in d'Näh' — Das is a verrückte Idee! — 1 . 4. A Mann führt sein' Frau 's ganze Jahr nirgends hin, Unterhalt sich auf andre Art, ganz nach sein' Sinn. Prätendirt aber, wenn er geht, soll's freundlich sein, Weil's ihm sonst den Humor verdirbt in vorhinein — Wenn er heimkommt, soll's lächeln recht heiter und mild, Er wird Flegel, sobald sie sich unglücklich fühlt, Sie soll höchst zufrieden sein in dieser Eh' — Das is a verrückte Idee! — 's is jetzt fast Auszeichnung, wenn man sagen kann, dahier, »Mein Sohn is zwölf Jahr' und spielt gar nicht Elavier;« Wer nicht ferm Doctorfauststückeln jetzt machen kann, Sondern nur Virtuos is, den hört man kaum an — Und doch liest man Clavierconcert fast alle Tag' An allen Ecken, aber im Preis geben's dem List nicht viel nach — Drei Gulden Münz' für eia'n Sperrfitz, zwei Gulden Entröe — Das is a verrückte Idee! — 23 5 . 's bat Tiner ein'n kleinen Gehalt, kommt nicht d raus, Verliebt sich romantisch und rechnet fich's aus: Als so led'ger kommt mich 's Kaffeehaus so hoch. Da kommt mich ja d'Frau etwas billiger noch — Dann 's Kinderernähren, meint er, wird sich schon finden, Das Rechnuags-Exempel is schön g'fehlt vorn und hinten, A Familie und sechshundert Gulden Oe. W. Das is a verrückte Idee! — (In die Sriteothür rechts ab.) Verwandlung. (Eleganter Gartensalon in einem Tasthaus- Etablissement außer der Stadt; den größten Theil deS Prospekts nimmt ein großes Fenster und eine Glasthür ein, daS Fenster rechts, die Thür links, durch beide hat man die Aussicht in den Garten, wo man an mehreren Tischen Gäste fitzen sieht. Außerhalb des Salons, ganz nahe am Fenster, sieht man einen zugemachten Wagen stehen, dessen Pferde in der Coulisse angenommen werden. Im Garten. Salon zu beiden Seiten ein Tisch und Stühle.) Neunte Scene. Zaugler. Melchior. Zangl. (erzürnt in den Salon mit Melchior eintretend). Das also hier is der Ort? Melch. Wenn Euer Gnaden recht verstanden hab'n. was der Herr dem Kutscher zug'ruft hat. Zaugl. Ob ich ihn verstanden Hab'. Es war g'rad iu dem Moment, wie er 's Wagenthurl zug'schlagen hat, ich schrei: »Halt!* — Melck. Aber mau war nicht so dumm, Jhuen zu gehorchen. Zangl. Ich stürz' in wem Gasthaus— Melch. Ich stürz' Ihnen entgegen und nach kurzer Erklärung stürzen wir alle Zwei fort, stürzen in einen Wagen und wenn der Wagen auch g'stürzt war', wär'n wir noch nicht da. Jetzt denken Euer Gnaden, wenn Sie mich nicht hätten. Zangl. So wär' ein Anderer mit mir heraus. Melch. Es ist ein wahres Glück, daß Euer Gnaden mich haben. Zangl. Das Frauenzimmer war offenbar sie. — Melch. Und der Manu war offenbar er. — Zangl. Während meiner Abwesenheit durchaeben! Melch. Das is klassisch! — Zangl. Schändlich is es, aber ich will ihr zeigen — Melch. Wenn eine Mündel so den Mündelgehorsam verletzt, wenn eine Nichte so die nichtigen Pflichten vergißt, da muß man — Zangl. Da muß man nicht viel reden, sondern schau'n, daß man fie kriegt. Melch. Nur kein Aufseh'n! ES iS ein wahres Glück, daß Euer Gnad'u mich haben. Zangl. Meine Mündel will ich haben, Tölpel! — Melch. Gut, aber waS thäten Euer Gnaden, wenn Sie mich nicht hätten? Zangl. Einen G'scheidtern thät' ich schicken, daß er augenblicklich jeden Saal, jedes Salettel, jeden Salon, jeden Salatärain durchsucht, und mir die Ueberzen- gung bringt, daß fie da find. Melch. Aber nur kein Aussehen! Wir müssen zuerst — Zangl. (den Wagen vor dem Salon- senster erblickend). Ha, das ist der Wagen — jetzt haben wir s, fie find da! — Melch. Das is klassisch! 's ist ein wahres Glück, daß Euer Gnaden mich haben. Zangl. (ruft). He Kutscher! He! (Will ab.) Melch. (ihn zurückhaltend). Schrein s nit so — bleib'n Sie. — Zangl. Laß Er mich, oder ich schlag' mein spanisches Rohr au Ihm ab! — 24 - Me Ich. Vermeiden Sie das Aufsehen. Sie entkommen uns ja nicht, — die Pferd' nehmen hier Erfrischungen zu sich, das dauert a Weil'. — Zaugl. (ruft noch lauter). He, Kutscher! He! Kutscher (von außen). Was schaffen's? Melch. Na sehn's, er kommt schon, es is ein wahres Glück, daß Euer Gnaden mich — Zangl. (grimmig). Halt Er's Maul, oder — Melch. Kein Aussehen! — Zehnte Scene. Kutscher. Die Vorigen. Kutsch, (tritt ein). Euer Gnad'n! Zangl. Geh' Er her. Kutsch. Ich Hab' schon a Fuhr. Zangl. Eben deine Fuhr will ich — Kutsch. Sein denn Euer Gnaden a Kutscher? — Zangl. Er versteht mich nicht — Melch. (zu Zangler). So redn's ordentlich mit ihm. Ich seh' schon, da hab'n Euer Gnad'n keinen Begriff — Zangl. Du hast einen Herrn und ein Frauenzimmer g'führt? Kutsch. Ja, sie fitzen im Garten. Zangl. Und weißt Du, in welcher Abficht dieser Herr und dieses —? Kutsch. Was geht denn das mich an— Melch. Wenn ein Kutscher in das ein- gehen wollt'. Ah. da haben Euer Gnaden keinen Begriff' — Zangl. (zum Kutscher). Weißt Du, Helfershelfer, daß Du criminalisch bist? — Kutsch. Laffen'sJhnen nit auslachen— Melch. (zu Zangler). Sehn's, jetzt lacht er Ihnen aus, Euer Gnad'n hab'n keinen Begriff — Zangl. (zum Kutscher). Hier hat Er zehn Gulden. Melch. Der Kutscher wird jetzt gleich ein' Begriff kriegen. Kutsch. Euer Excelleuz! Zangl. (zum Kutscher). Er führt die zwei Leut', wenn sie wieder einsteigen, nicht wohin sie wollen, sondern wohin ich Ihm sagen werde. Kutsch. Weun's mich aber nachher verklag'» ? Zangl. (ihm einen Zettel gebend). Da is die Adreff' von meiner Schwägerin, da fährst Du hin, und um Dir zu zeigen, daß die Sache im Wege Rechtens vor sich geht, geh' ich jetzt zum Wächter, der muß Hintaufstehen und Gewalt brauchen, wenn fie nicht gutwillig in das Haus wollen, wo ich fie hinbringeu lass'. Dem Wächter werd' ich schon erklären — Melch. (mit Beziehung auf das Trinkgeld). O, der Wächter begreift eben so wie der Kutscher. Zangl. (zum Kutscher). Bleib' Er jetzt beim Wagen. Er muß jeden Augenblick in Bereitschaft sein. Kutsch. Euer Gnaden können fich verlassen. (Ab.) Zangl. (grimmig). Ich fahre dann nach, und Hab' ich den kecken Burschen im Haus meiner Schwägerin, dann lass' ich ihn durch einen Herrn Commissarius ohne Aufsehen — Melch. Das is ja das. was ich immer sag', ohne Aufsehen. Seh'n Euer Gnaden jetzt ein, was das für ein Glück ist, daß Sie mich haben? — Zangl. (wie vor). Unerträglicher Kerl, ich zerreiß' Ihn. — Melch. Gehn's, Sie machen schon wieder ein Aufsehen. Zangl. Schad', daß ich mich ärg're, denn Er is so dumm, so — Melch. Da haben Sie gar keinen Begriff, wenn Sie sagen — Zangl. Daß Er ein Stockfisch ist. den ich zum Teufel jag', wie wir nach Hause kommen, das sag' ich. (Gebt wüthend ab.) Eilfte Scene. Melchior, dann Sonders und Marie. Melch. (allein). Der wird es nie ein- sehen. Mit dem Mann plag' ich mich um- 25 sonst. Er halt mich partout für einen Stockfisch, und man glaubt gar nicht, was das is, wenn man einmal auf ein' Menschen einen Verdacht hat. — Ich könnt' mich aber doch durch was in Respect setzen bei ihm, — wenn ich die Liebenden, die ich in meinem Leben nicht gesehen Hab', entdecket, ihre Gespräche und Pläne belauschet, und so — da kommen Zwei — (In den Garten hinaussehevd.) Er red't in sie hinein, sie seufzt aus sich heraus — das find Liebende, jetzt fragt's sich nur, ob's die find, die wir suchen. (Zieht sich rechts gegen das Fenster zurück.) Sond. (mit Marien eintretend). Sei doch nicht so ängstlich, liebe Marie. Marie (trägt einen Burnus uud Hut mit Schleier). Ach Gott, die vielen Leut'.— Sond. Kennen uns nicht! wir find hier Beide fremd. Marie. Ich glaub', jeder Mensch sieht mir's im G'ficht an. Melch. (für sich). Das ist klassisch. Marie. Und bei jedem Schritt glaub' ich, der Vormund steht vor mir. Melch. (für sich). Sie hat einen Vormund. die find's schon. Sond. Hier ist der Sammelplatz der eleganten Welt, gerade hier sind wir am sichersten, so einen Spießbürger, wie er ist, nicht zu begegnen. Marie. Ach, August, wozu hast Du mich verleitet?! Und ich Hab' Dir doch immer gesagt, es schickt sich nicht. Melch. (für sich). Das is klassisch!— Sond. Mache Dir deshalb keine Vorwürfe, dein Vormund ist ein Tyrann. Melch. (für sich). Was? Auf die Art find die's doch nicht. — Unserer ihr Vormund is a G'würzkramer und der ihrer is a Tyrann, das find Liebende, die uns gar nix aogeh'n. Sond. Er selbst hat uns gezwungen zu diesem Schritt'. Melch. (für sich). Die find dazu gezwungen worden, und die uns'rigen sei» fr eiwillig fort, ja, das sind ja ganz andere Verhältnisse. Marie. Du wirst sehen, August, mir geht's im Geist vor — Sond. Beruhige Dich, liebes Mädchen, wir haben nichts zu befürchten. Melch. (für sich). Die haben nichts zu befürchten, und die unsrigen haben sehr viel zu befürchten — wie gesagt, das find hier ganz andere Verhältnisse. Marie. Daß ich aber mit Dir in der Welt herumlauf', das schickt sich nicht. Melch. (für sich). Das is klassisch. Sond. Dafür ist gesorgt, ich erwarte hier nur die Antwort von einem Freunde, dessen Schloß zwei Stunden von hier gelegen; bei seiner Gattin findest Du ein freundliches Asyl, bis ich, nach Beseitigung aller Hindernisse, Dich als mein Weib in die Arme meiner Taute führe. Melch. (für sich). Die geh'n zu einer Tant', und die unsrigen kommen von ein' Onkel, na ja, total andere Verhältnisse. Sond. (Melchior bemerkend). Wer spricht hier? Melch Nein, nein, sein Sie ruhig — Ihnen thun wir nichts. Sond. Er hat uns behorcht. Melch. Kein Gedanken. Sond. Was will Er also hier? Melch. Sie müssen wissen, sowohl Sie als die Fräul'n müssen wissen, ich bin da mit mein' Herrn! Sond. Was geht das uns an? — Melch. Na ja. wenn Sie Die wär'n, Die — dann ging's Ihnen wohl sehr viel an, aber wie gesagt, bei Ihnen find es ganz andere Verhältnisse — Sond. Ich glaube, Er ist betrunken. Zwölfte Scene. Ein Kellner. Die Vorigen. Kelln. Die Ehokolade ist servirt. Sond. Wo hast Du für uns gedeckt? Kelln. Wo Euer Gnaden früher gesessen find, in der Laube. Sond. Komm', liebe Marie! Marie. Ach,August,es schickt sich nicht. (Beide ab, der Kellner folgt.) 26 Dreizehnte Scene. Melch. (allein). Die sagt immer: es schickt sich nicht, geht aber doch wieder in die Laube, das is klassisch. (Ab.) Vierzehnte Scene. Mad. Knorr, Fr. v. Fischer, Wein- berl, Christoph. (Weinberl führt Frau von Fischer. Christoph Mad. Knorr. Frau von Fischer trägt einen Burnus mit Hut und Schleier in Farbe und Faxon ganz jenem von Marien ähnlich.) Fr. v. Fischer (zu Weinberl). Ich be greife nicht, mein Lieber, was Dir einge fallen ist, daß Du den Wag'n fortfahren ließest? Mad. Knorr. Hier bekommen wir ja wieder Wägen, so viel wir wollen. Christ. O ja, wenn man kein Geld anschaut. Weinb. (leise zu Christoph). Ich werd' sehr bald kein Geld anschauev, denn ich werd' gleich kein's mehr haben. (Laut zu Frau von Fischer.) Weißt Du, Liebe, ich Hab' geglaubt, es is angenehmer, wenn wir zu Fuß nach Hause geben. Fr. v. Fischer. Zu Fuß? — Mad. Knorr. Aha. im Mondeoschein mit Dir dahinschlendern und schwärmen hat er wollen. Weinb. Ja schlendern und schwärmen Christ, (zu Mad. Knorr). Und wir hätten auch das Uns'rige geschwärmt. Mad. Knorr. Ö, Sie schlimmer Cousin Weinb. Ja, ja, geh'n wir zu Fuß, das is so schwärmerisch (bei Seite) und so billig Fr. v. Fischer. Warum nicht gar, der Abend ist kühl, willst Du mich morgen krank wissen? Mad. Knorr. In dieser Hinsicht sol man wohl nicht sparen. — Eine Krank heit kommt höher als zehn Fiaker. Weinb. (für fich). Mich kommt wieder ein Fiaker höher, als weon's morgen zehn Krankheiten kriegt. Fr. v. Fischer (zu Weinberl). Ohne Widerrede, wir fahren. Mad. Knorr(zuFrauvonFischer). War das aber ein guter Rath von mir, daß ich g'sagt Hab', um den Mantel nach HauS chicken. Fr. v. Fischer. Ja wohl, aber hier will ich doch oblegen. (Geht zu einem am Fenster tehenden Stuhl und legt den Burnus ab, wobei ihr Mad. Knorr behilflich ist.) Weinb. (im Vordergrund zu Christoph). Christoph! Sie haben doch etwas Geld bei fich? Christ. Nein, gar keins. Weinb. Sie find ein — auf Ehr', wenn Sie nicht schon Commis wär'n, jetzt beutlet' ich Ihnen, daß — Christ. Und wenn's mich noch so beuteln, so fallt kein Kreuzer heraus, ich Hab' mich auf Ihnen verlassen, wie viel habeu's denn? Weinb. Ich Hab' mir von z'Haus zehn Gulden mitg'nommen. Christ. Und mit zehn Gulden haben Sie wollen ein verfluchter Kerl sein? Weinb. Hab' ich das ahnen können, wie ich in der Früh so ledig ausgangen bin, daß ich gegen Abend eine Frau Hab'? onst sagt man: 's Unglück kommt über Nacht, mir is es über Mittag' kommen. — Und daß ich Alles zahlen muß, Hab' ich mir auch nicht denkt, jetzt Hab' ich grad' noch zwei Gulden. Christ. Und jetzt brauchen wir a Zausen auf vier Person, Wagen noch Haus, und unser Ruckreis' — Weinb. Das is das klare Bild einer Crida. Fr. v. Fischer (mitMad.Knorrvorkom- mend). Nun, lieber Mann, Da vergißt ja, den Kellner zu rufen? — Weinb. Nein, ich Hab' g'rad d'rauf denkt. (Zögernd.) Du glaubst also wirklich, daß wir hier jausen sollen? — Fr. v. Fischer. Was sonst? Weinb. (verlegen). Nein, nein, sonst nix — (bei Seite) mir is das z'viel. 27 Fr. v. Fischer. So rufe doch — Weinb. (mit unsicherer Stimme). He, Kellner! Fr. v. Fischer. So wird Dich Niemand hören. Weinb. Ich Hab' so was Erschöpftes in mir — gar nicht das rechte Organ, einen Kellner zu rufen. (Ruft wie früher.) He, Kellner! Christ, (saut). Kellner! — Fr. v. Fischer (zu Mad. Knorr). Mein Mann macht sich öfter den Spaß, den Knickungen zu spielen, die Jause soll Dich vom Gcgentheil überzeugen. (Für sich) Ich glaube, der Mensch wollte mich zum Besten halten, das soll er mir büßen. Fünfzehnte Scene. Kellner. Die Vorigen. Kelln. Was schaffen Euer Gnaden? Weinb. Sie find der Kellner?— Haben Sie die Gewogenheit, nehmen Sie es nicht ungütig, daß wir Sie hieher bemühen. — Kelln. Euer Gnaden scherzen. Weinb. O nein, warum soll ich Ihnen nicht mit Achtung behandeln? Christ, (leise zu Weinberl). Was trei- ben's denn? Kelln. (zu Weinberl). Bitte. Euer Gnaden. so zart geht kein Gast mit einem Kellner um. Weinb. O ich bitte— (leise zu Christoph) so Hab' ich doch Hoffnung, daß er mit mir auch zart umgehen wird, wenn es zum Aeußersten kommt. Fr. V. Fischer (welche ,'ndeß mit Mad. Knorr gesprochen). Nun, was ist denn angeschafft worden? — Kelln. Bis jetzt noch nichts. Weinb. Wirdeliberiren' grad, ich glaub' zwei Schalen Kaffee — Fr. v. Fischer. Kaffee haben wir ja schon bei meiner Freundin getrunken, Du mußt eine Jause bestellen, die gleich als Souper dienen kann. j Weinb. Aha! — (Zum Kellner.) So bringen Sie unS^ Butter und Rettig und drei Seidel Bier, zwei für uns und Eins für die Damen. (Für sich.) Das kommt billig. Fr. v. Fischer. Was wär' das, Du willst uns so ordinär —? Mad. Knorr. Ich trinke nie Bier — Weinb. (zumKellner). Also nursüruns Bier, für die Damen Wasser. (Für sich.) Das is noch billiger. Fr. v. Fischer. Aber, Mann!?— Mad. Knorr. Ich darf nicht kalt soupir'n. Weinb. Also was Warmes. (ZumKellner.) Haben Sie kein Beuschl?— Christ. Oder ein halbes Gollasch^ — Kelln. Das möcht' ich nicht rathen, es ist schlecht. Weinb. (für sich). Das wär' eigentlich gut, da esseten's nicht viel. — Haben Sie vielleicht ein Lungenbratl? Kelln. Zu dienen. Weinb. Was kostet's denn? Kelln. Mit Sauce dreißig Kreuzer. Weinb. Was kost't denn da die Sauce allein? Kelln. Die kostet nichts—die is dazu. Weinb. So bringen Sie zweimal Sauce. F r. v F i s ch e r(ernstzu Weinberl). Mann, jetzt sag' ich Dir zum letzten Mal — Weinb. (mit Resignation zum Kellner). Also bringen Sie zwei Schnitzel, für uns Bier und für die Damen ein Seidel Achter. (Für sich.) Die zwei Gulden find überschritten — die Crida geht an. Fr. v. Fischer (zu Mad. Knorr). Heut' hat mein Mann wieder seinen närrischen Tag. (Zu Weinberl.) Herr Gemal, jetzt Hab' ich's satt!— Weinb. (sürsich). Das wär' ein Glück! Fr. v. Fischer. So schafft man nicht an, wenn man Damen ausfübrt.— Kellner, Sie bestellen uns einen Fasan— Kelln. Den Augenblick kommt einer vom Spieß. j Fr. v. Fischer. Dazu Compot, dann Torte und sonstiges Dessert, zuerst Rheinwein, am Schluß Champagner. — Kelln. Sehr wohl. Euer Gnaden. (Ruft, indem er abgeht). Anton, vier Gedeck' im Salon. (Ab.) Sechzehnte Scene. Die Vorigen, ohne Kellner. Fr. v. Fischer (zu Mad. Knorr). Nun, Hab' ich deinen Gusto getroffen? Mad. Knorr, 's ist aber zu viel. Christ, (zu Weioberl). Wie g'schieht Ihnen denn? Weinb. Mir g'schieht gar nicht mehr, ich bin stumpf. Christ. Und ich bin scharf auf's Ab- fahr'n bedacht. Weinb. (von dieser Idee ergriffen). Ab- fahr'n?! — Sie haben Recht, Crida ist da, also verschwinden, das kommt im Mer« cantilischen häufig vor. — Christ. Der Kellner soll sich daun mit der Zech' an die Frauen halten. Weinb. Recht so, wir lassen alles auf die Frauen schreiben, das is wieder mer« cantilisch. — Christ. Warum stürzen'- uns so in Depaucen, diese Weiber. Weinb. Das find ja Verschwenderinnen, reine Gourmaninnen. Christ. Ader nur kein' Verlegenheit g'spüren lassen und Cour gemacht aus Leibeskräften. (Zweiter Kellner kommt und deckt den Tisch rechts, rückt ihn aber vorher etwa- gegen die Mitte der Bühne.) Weinb.(zuFrauvon Fischer). Du glaubst nicht, meine Liebe, wie wohl mir jetzt ist, es ist ein Vorgefühl in mir — Mad. Knorr. Daß Sie noch viele solche frohe Tage an der Seite Ihrer Frau — das nenn' ich eine Lieb' — Christ, (zärtlich zu Mad. Knorr). Können Sie bei diesem Anblick gefühllos bleiben? Mad. Knorr. Junger Mensch, ich Hab' Ihnen schon gesagt, daß ich eine Braut bin, ich lebe nur für diesen einen Mann. Christ. Daß Sie für einen Man» leben, gibt Ihnen das das Recht, einen Jüngling zu tödten? Mad. Knorr. Hören Sie auf, Sie find ein schlimmer Cousin. Siebzehnte Scene. Kellner, dieVorigeu,dannMelchior. Kelln. (Fasan und Rheinwein bringend). Wenn es Euer Gnaden gefällig ist. (Stellt Alles aus den Tisch.) Fr. v. Fischer. O ja — (Zu Rad. Knorr.) Komm', liebe Freundin! — Weinb. (zum Kellner). Sie können jetzt auch einen wällische» Salat bringen. Christ. Ueberhaupt, was gut und theuer ist — Weinb. Uns is daS egal, was eS kost't. Sie wer'« seh'n, wir binden uns an gar keinen Preis. (Für sich). Wort s, Gour- maniaoen! — Kelln. Sehr wohl, Euer Gnaden. (Geht ab. — Melchior tritt mit dem zweiten Kellner, welcher ein Gepäck trägt, ein.) Melch. Was is denn das? Ich will da für mein' Herrn aufdecken lassen, und jetzt setzen sich Andere herein — Weinb. Ich glaub', in einem öffentlichen Ort hat jeder das Recht — Melch. Ah, das is indiScret! Zweit. Kellner. In dem Salon haben ja zwanzig Personen Platz. Melch. Mein Herr will aber allein sein. Christ. Daun soll er an keinen öffentlichen Ort gehen. Melch. Ah, das is indiskret! — Sie können sich ja hinaus in den Garten setzen. Fr. v. Fischer. Das kann sein Herr auch thun. Melch. Mein Herr muß von hier aus Jemand' beobachten, und mit einem Wort, mein Herr wird sich nicht wegen Ihnen Vieren geniren. Weinb. Und wir Viere wer'u uns noch weniger wegen sein' Herrn geniren. Melch. Ah, das is aber indiscret! Da muß mein Herr fitzen, wegen der Ausficht auf die Thür. — (Rückt den Tisch, welchen der Kellner deckte, von links gegen die Mitte ziemlich nahe an den Tisch der Gesellschaft.) Mad. Kuorr. Das gilt uns gleich. Melch. Wenn der dumme Salon nur in der Mitte eine Abtheilung hätt' — Weinb. Na ja, sein Herr soll halt gleich eine Mauer aufführen lassen, wenn er wo eiukehrt. Zweit. Kellu. Mau könnte allenfalls — es zieht manchmal den Gästen zu stark, da wird dann (aus die zwischen Fenster und Thür lehnende zusammengelegte spaaischeWaod zeigend) — die spanische Wand gebraucht, wenn man die in der Mitte ausstellt, so wäre ja die gewünschte Absonderung geschehen. Fr. v. Fischer. Machen Sie das, wie Sie wollen. (Zu Mad. Knorr.) Legen wir unsere Hüte ab uud setzen wir uns. (Geht mit Mad. Knorr zu einem Stuhl «chtS, wo sie während des Folgenden ihre Hüte ablegen.) Christ, (zu Weioberl). Das steht curioS aus, das können wir uns vor den Frauen nicht anthun lassen. Weinb. (zu Melchior, welcher die spanische Wand ausstellen will). Wenn Er mit der spanischen Wand nicht weitergehl, so werf' ich Ihn an die wirkliche! — Melch. Ah, das is klassisch! Weinb. Wir werden uns da wie die wilden Thiere in einer Menagerie absperren lassen. Melch. Na Wartens, das sag' ich mein' Herrn! Christ. Was kümmert uvS sein Herr? Weinb. Er soll nur kommen, wir werden ihm zeigen — Melch. Da kommt er g'rad die Allee herauf. (Drohend zu Weiuberl und Christoph.) Warten'-! Weinb. (hinsehend und heftig erschreckend). Continent, thu' dich auf! — Christ, (der ebenfalls hingesehen). Auweh' und verschling' unS! — Wrinb. und Christ (zugleich). Der Principal! Weinb. (zu Melchior). Lieber Freund, Sie haben erst Recht mit der spanischen Wand — Christ. Ja,'s is besser, stell» wir's auf. Weinb. Aber nur g'schwind, Kellner, helfen's! (Der Kellner, Christoph, Weinberl und Melchior stellen mit vieler Eile, wobei Einer dem Andern hinderlich ist, die Wand auf.) Melch. Jetzt sehenSie's ein und eher so G'schichten.—Nein, wie Sie indiscret sein! Mad. Knorr (zu Frau von Fischer). Aber schau nur her, was fie da für Umständ' machen. Weinb. (zu den Frauen). Es ist, wissen Sie—es zieht hier so stark nach der Luft — Fr. v. Fischer. Ich spüre nichts. Mad. Knorr. Wir sind ja nicht rheumatisch. — Weinb. (zuChristoph). Aber uns reißt's ungeheuer. Christ. Setzen wir uns. (Alle Vier setzen sich zum Tisch, die spanische Wand ist ausgestellt und theilt die Bühne in der Mitte ab. Der Tisch der Gesellschaft und der für Zangler bestimmte Tisch find ziemlich nahe und nur durch die Wand getrennt.) Achtzehnte Scene. Zangler. Die Vorigen. Zangl. (eintretend). Alles is in Ordnung. Melchior! Melch. Euer Gnad'n. Zangl. Der Wächter steht schon draußen auf der Paff', wie meine Mündel mit ihrem Entführer in den Wagen steigt, steigt der Kutscher auf den Bock und der Wächter hint' auf. Melch. Das is klassisch! Mad. Knorr. Sehr ein gutes Compot. Weinb. (mit gedämpfter Stimme). Ich werd' den Fasan transchiren. CH rift. (ebenfalls mit gedämpfter Stimme). Und ich werd' schau», ob der wällische Salat noch nicht bald kommt. — 30 Mad. Knorr. Ach ja! Zangl. Was is denn das mit der spanischen Wand? Melch. Da daneben find indiscrete Leut', zwei Weibsbilder mit ihre Liebhaber, damit Euer Gnaden nicht genirt find. Zangl. Gut! (Zweiter Kellner bringt Wein und Ausgeschnittenes, stellt es aus den Tisch. Zangler setzt sich.) Melch. (mit dem Finger daraus zeigend). Das Hab' ich für Euer Gnaden ang'schafft. Zangl. Gut! — Melch. Gott! was wären Euer Gnaden ohne mich — Zangl. Die Zeitung. (Für sich.) Wer weiß, wie lang' das noch dauert. — (Kellner bringt Zangler die Zeitung und geht ab.) Melch. Ich werd' patrouilliren. (Seht io den Garten hinaus.) Fr. v. Fischer. Der Fasan scheint sehr gut zu sein. — Weinb. (mit gedämpfter Stimme). Die Zähigkeit abgerechnet, delicat — Mad. Knorr. Kommt der Kellner noch nicht? Christ, (mit gedämpfter Stimme). Nein, das ist ein langsamer Kerl. Mad. Knorr. Warum reden denn die Herren so still, so heiser? Weinb. (wie oben). Die Zugluft hat das gemacht. Christ, (wie oben). Es ist ein wahres Glück, daß die Wand aufgestellt ist. Weinb. (wie oben). Ja, sonst hätt's uns die Sprach gänzlich verschlagen. Mad. Knorr. Nein, wie die Herren jetzt heiklich find — Melch. (hereinlausend). Euer Gnad'n! Euer Gnad'n! Zangl. Was ist's? — Melch. Ich seh' noch nichts — Zangl. Dummkopf! Melch. Früher waren Zwei da herin, das waren aber Andere. Zangl. Die ich such', sitzen draußen, ich Hab' fie von weitem gesehen, geh' hinaus, stell' Dich iu einiger Entfernung vom Wagen und wie fie fortfahren, sagst Du nnr'S, wir fahren dann gleich nach. — Melch. Das wird klassisch! (Geht ab in den Garten.) Christ, (hat während der letzten Reden schnell den Burnus der Frau von Fischer umgenommen und ihren Hut ausgesetzt). So kann ich neben unserm Alten vorbeipasfirn. Fr. v. Fi sche r (zu Weinberl). Du schenkst ja unserer Freundin gar nichts ein? Weinb. (welcher bemerkt hat, wie Christoph fich'ankleidet, zu Frau von Fischer). Aber Liebe, ich kann ja nicht transchiren und einschenken zugleich. Christ, (hat den hintern Theil der spanischen Wand geöffnet und schlüpft so in die andere Hälfte der Bühne hinüber, wo Zangler fitzt, welcher, in die Zeitung vertieft, ihn nicht bemerkt). Zangl. (inderZeitunglesend). »Verwegner Kleiderdiebstahl durch einen jungen Menschen.« (Spricht.) Nein, was man jetzt alles liest, die Halunken werden immer pfiffiger. Christ, (hat sich an der Rückwand zur Glasthür hin und in den Garten hinausgeschlichen). Mad. Knorr. Wo is denn der Cousin hinkommen? Weinb. (MadameKnorr den Fasan offeri- rend). Bitte, fich zu bedienen. (Läßt, indem er nach dem Fenster sieht, eine Gabel von der Schüssel uud auf das Kleid der Trau von Tischer fallen.) Fr. v. Fischer. Himmel, mein neues Kleid! Weinb. Pardon! Es wird nichts machen, als einen fetten Fleck. Fr. v. Fischer. Der nie mehr heraus- geht. Mad. Knorr. Nur gleich mit dem Serviett' reiben. (Ist Trau von Tischer dabei behilflich.) Christ, (steigt außerhalb des Glasfensters in Sonders Wagen). Weinb. (dieß bemerkend steht aus und sagt für fich, indem er fich dem Fenster nähert). DersteigtindenWagen, das is ein g'scheid- — 3 ! ter Einfall, der Kutscher muß uns führen bis auf's Feld hinaus, dann geb' ich ihm einen Gulden und lass' ihn umkehreu. — Wie komm' ich aber hinaus, dort der Principal. da die Frauen.—Gott sei Dank, der Fleckisso fett, daßdie mich nicht bemerken. Fr. v. Fischer. Das geht nie mehr heraus. — Weiub. (einen raschen Entschluß fassend). Aber was Anders geht aus! — (Oeffnet schnell das Fenster und steigt hinaus.) Mad. Knorr. (Weivberl bemerkend). Freundin, da schau her, was dein Manu — Fr. v. Fischer (betroffen). Er ist aus dem Fenster gestiegen!? Mad. Knorr. Und steigt in den Wagen ein. (Man sieht Weinberl in den Wagen steigen.), Fr. v. Fischer (will Hinausrufen). Mein Herr —! (Marv steht den Wächter in Uniform hinten aus den Wagen steigen.) Mad. Knorr. Was ist das, der Orts- wachter — ?! — Er stellt sich hinten auf— Fr. v. Fischer. Eine Arretirung —! (Man hört schnalzen, der Wagen fährt ob.) Mad. Knorr. Fort ist er! (Beide Frauen bleiben erschrocken an ihren Stühlen stehen, indem sie starr dem abgefahrenen Wagen nachblicken.) Melch. (zur Glasthür eintretend). Das is classisch! Wir Habens schon, der Kutscher und der Wächter lasseos nimmer aus. Zangl. Wir fahren gleich nach, Kellner zahlen! Mad. Koorr(überZangler'SAusrus ^betroffen). Was für eine Stimm'!? — Fr. v. Fischer (über den daneben Z tentstandenenLärm erschrocken). Was geht ^'da vor!? — Melch. (zu Zangler). Das find ja die Andern? — Zangl. Meine Mündel! —Der Teufel soll — (Will auf sie zu.) Melch. Wenn ich Ihnen aber sag', das find ja Andere! — Zangl. (schleudert Melchior wüthend gegen die spanische Wand, so daß selbe umfällt. Die beiden Frauen springen laut schreiend zur Seite, Zangler sieht hinüber und ist äußerst erstaunt, als er Madame Knorr erkennt). Meine Braut!? Mad. Knorr, (erschrocken und verlegen). Zangler!?! — Melch. (verblüfft). Dasistclas fisch! — (Die zwei Kellner find hereingekommen. Allgemeine Gruppe des Erstaunens und der Verwirrung, die im Garten fitzenden Gäste haben sich lachend dem Eingang des Salons genähert — im Orchester fällt paffende Musik rin.) (Der Vorhang fällt.) Dritter Lei. (Elegantes Zimmer im Hause des Fräuleins Blumenblatt mit zwei Mittelthüren, rechts und links eine Seitenthür. Es ist Abend, links ein Tisch, aus welchem Lichter stehen.) Neunzehnte Scene. Sonders, Marie. Die Vorigen. Sond. (mit Marie zur Glasthür hereintrc- tend, ohne Zangler za bemerken). Kellner, zahlen! Wo stecken denn die Schlingeln? Zangl. (springt wüthend auf). Höllen- element! Da find's! Marie. Ach, der Vormund! — (Wankt und sinkt Sovdrrs in die Arme.) Sond. Verdammt! Erste Scene. Lisette. Sonders. Sond. Es war also ein guter Genius, der mir den Gedanken zuflüsterte, ganz unbekannter Weise das Stubenmädchen des alten Fräuleins zur Vertrauten zu wählen. Nimm einstweilen diese Börse, mehr noch wird folgen. Lis. Sehr verbunden, übrigens hätte ich auch aus gutem Herzen zwei Liebende in meine Protection genommen; denn wenn — 32 es herzlose'Däter, Mütter, Tanten, sogar herzlose Liebhaber in Menge gibt, von herzlosen Stubenmäd'ln, glaub ich, kommt kein Beispiel vor. Sond. Wenn nur deine Gebieterin — Lis. Hoffen Sie das Beste, sie ist durchaus nicht das, was man sich gewöhnlich unter dem Ausdruck: alte Jungfer, vorstellt. Wo ist aber jetzt Ihre Geliebte? Sond. In den Krallen ihres Vormunds, der sie mir auf eine impertinente Weise entrissen, und sie vielleicht heute noch hieher bringen wird — doch nein, selbst bringen wird er sie kaum, der alte Narr ist, wie ich gesehen, in eine grimmige Eifersuchtsge- schichre mit seiner Braut verwickelt, hatgeschworen, ihr nie mehr von der Seite zu gehen, darum vermuth' ich, er wird seine Mündel bloß in sicherer Begleitung Euch übersenden. Lis. Sei dem wie ihm wolle, entfernen Sie sich nicht weit vom Hause, und überlegen Sie, auf welche Weise Sie sich, wenn Ihre Marie einmal hier ist, bei meiner Gebieterin introdnciren wollen. Sond. Ich werde mich sogleich in ein Hotelin der Nähe einlogiren, und von dort aus die nöthigen Erkundigungen einziehen. Lis. (nach der Thür rechts horchend). Ich glaube — ja, ja, meine Gebieterin kommt — gehen Sie jetzt. Sond. Auf baldiges Wiedersehen, Du liebes dienstfertiges Wesen. (Zur Mitte links ab.) Zweite Scene. Fräulein Blumenblatt. Lisette. Frl. Blum, (aus der Seitenthür rechts kommend). Wer war denn hier, Lisett? Lis. Niemand, Euer Gnaden. Frl. Blum. (Tabak schnupfend). Nie- mand? Und ich hätte darauf geschworev.es war Jemand. Wie doch unser ganzes Leben aus Täuschungen besteht. So glaubte ich auch nach dem gestrigen Briefe meines Schwagers, das Mädchen würde sicher heute ankommen, ich freute mich, das liebe Kind nach zehn Jahren wieder zu sehen, — Täuschung, nichts als Täuschung. (Schnupft.) Lis. Nun, es ist ja noch nicht so spät, wer weiß — Frl. Blum. Die Arme! Mein Schwager Zangler irrt sich, wenn er glaubt, ich werde sie mit Strenge behandeln; sie hat ja ganz mein Schicksal, ihr Herz ist schwach, ihre Liebe stark, die Hoffnung klein, die Hindernisse groß — ganz mein Schicksal. (Schnupft.) Lis. Bei ihrer Liebe, Euer Gnaden, war es aber doch ganz anders. Frl. Blum. Weshalb schickt man sie? Aus keinem andern Grunde, als daß sie ferne vom Gegenstand ihrer Neigung schmachten soll, ist da nicht ganz mein Schicksal? (Schnupft.) L is. EuerGnaden.ich glaublich höreLeute im Vorzimmer — am Ende bringt mau sie. Frl. Blum. Sieh doch nach. Lis. (will zur Mittelthür links). Dritte Scene. Weinberl, Christoph, Kutscher, Wächter. Die Vorigen. (Christoph hat von Frau von Fischer den BurnuS um und den Hut aus dem Kopse.) Wächter (von außen). Nur keine Um- ftänd, ich weiß schon, was ich zu thun Hab'. (Oeffnet die Thür und läßt Weinberl und Christoph vor sich eintreten.) Weinb. Aber erlauben Sie — Wächter. Hier hat Niemand was zu erlauben. Frl. Blum. Ausgenommen ich, d'rum frag' ich: was der Herr sich hier erlaubt? Wächter. Da sind zwei Leut, die müssen da bleiben. Kutscher. Bald hätten wir nicht her- g'fuuden. Was wir umg'fahrn sein! Frl. Blum. Mit Wache und in männlicher Begleitung — das kann doch nicht — Freund, das ist offenbar ein Jrrthnm in der Wohnung. Weinb. Ich sag', es is auch ein Irr- 33 thurn in die Personen, man hält uns für ein Menschenpaar, welches wir nicht find. Wächter (zu Weinberl). Das wird sich zeigen, in dem Briefe steht Alles d'rio. (Gibt Fräulein Blumenblatt einen Brief.) Frl. Blum. Ein Brief — (Die Adresse besehend.) an mich — ? (Erbricht den Brief und sieht nach der Unterschrift.) Von meinem Schwager —? (Liest still.) Christ. Na also, jetzt wird sich ja Alles aufklären. Weinb. Man wird uns freien Abzug bewilligen. Christ. Auf d'letzt krieg'n wir noch eine Entschädigung, daß wir nach Haus fahren können. Weinb. Die klettenartige Anhänglich' keit der Dame, die Größe der Zech', die Nähe des Principals, das waren Gefahren; das hier ist eine Kinderei, das Hab' ich ja gleich g'sagt. ein wachterischer Pala- watsch. (Zum Wächter.) Freund. Sie haben uns mit Bedeckung hieher gebracht, und sich selbst eine bedeutende Blöße gegeben. Kutscher (zum Wächter). Wann das nicht der rechte Ort is, wo krieg' ich dann meine fünf Gulden? Frl. Blum, (nachdem sie gelesen) Ah, jetzt bin ich im Klaren. Weinb. Na also — Kutscher (zu Frl. Blumenblatt). Euer Gnaden, ich soll fünf Gulden kriegen. Frl. Blum. Lisett, bezahle den Mann. Kutscher (zum Wächter). Jetzt is es halt doch der rechte Ort. (Mit Lisetten zur Mittelthür links ab.) Weinb. (zuFräulein Blumenblatt). Nehmens Euer Gnaden nicht ungütiq. (Wollen Beide ab.) Wächter (ihnen entgegentretend). Halt! Frl. Blum, (zu Christoph erl und Weinberl). Sie bleiben Beide! Weinb. (erstaunt). Was?! Fr. Blum, (zu Weinberl). Sie, mein Herr, find eigentlich der Schuldige, doch auch das Mädchen (aus Lhristopherl zeigend) ist nicht minder strafbar. Lh«t.-Rep. Rr. 7». Christ, (verblüfft zu Weinberl). Was? Ich bin ein strafbares Mädchen. Weinb. (verblüfft zu Christopherl). Und ich ein schuldiger Herr? Fr. Blum, (zum Wächter). Für das Mädchen steh' ich — Wächter. Und für den Herrn steh' ich Schildwacht vor der Hausthür auf der Stiegen draußt. (Im Abgehen zu Weinberl.) Gibt sich so leicht keine Blöße der Wächter. (Geht zur Mittelthür links ab.) Vierte Scene. Fräulein Blumenblatt, Weinberl, Christophe!. Weinb. Wollen Euer Gnaden nicht die Gewogenheit haben — uns mitzutheilen, was eigentlich in dem Briefe steht. Fr. Blum. Das können Sie sich wohl denken, was ein Onkel schreibt, dem man die Nichte, ein so unschuldiges Mädchen, wie dieses Geschöpf ist, entfuhrt. Christ, (für sich). So, ich bin also eine Nichte, die durchgangen is? Weinb. Und ich bin der, der dieses Frauenzimmer (aus Lhristopherl deutend) auf Abwege gebracht hat? Fr. Blum. Ihre Frage, mein Herr, ist ein sehr uuzeitiger Scherz. Weinb. Fallt mir nicht ein zu scherzen, aber wir find einmal hier in einer Art Gefangenschaft, und da möcht' man halt doch gern wissen; warum: (Leise zu Lhristopherl.) Soll n wir ihr sagen, wer wir find? Christ, (leise zu Weinberl). Das wär' riskirt, der Teufel könnt' sein Spiel hab'n, daß der Principal durch die siebzehnte Hand was erfahret. Weinb. Dieser Onkel wird wohl nicht lang ausbleiben? Fr. Blum. Er soll jeden Augenblick hier sein. Weinb. (leise zu Lhristopherl). So lang können wir warten. Christ, (leise zu Weinberl). Da kommt daun die Coofufion von selbst in- Reine. 3 — 34 Weiob. (zu Lhristopherl). Freilich, wie dieser Onkel uns sieht, hat die G'schicht' ein End'. Frl. Blum, (welche die letzten Worte gehört hat). Und ich sag' Ihnen nein, sie soll kein Ende haben; ich kann ja nicht grausam sein, wenn ich Liebende sehe, das Bündniß Ihrer Herzen soll nicht zerrissen werden. (Schnupft.) Wriob. Es kann eigentlich nicht zerreißen, weil — Frl. Blum. Weil ich Alles vermitteln, und den Zorn meines Schwagers besänftigen will. Weivb. Also haben Sie einen Schwager, der zornig is? Frl. Blum. Wie können Sie fragen? Doch fassen Sie Muth, junger Mann. Weinb. Ich werd' so frei sein. Frl. Blum. Ihr seid Flüchtlinge, Euer Schicksal rührt mich, denn es ist ja ganz wie mein Schicksal. (Schnupft.) Auch ich Hab' einst geliebt. Christ. Das kann ich mir denken. Frl. Blum. Und der Mann, der mich liebte — Weivb. (bei Seite). Das kann ich mir nicht denken. Frl. Blum. War auch fürs Entfliehen eingenommen, wie Sie, nur mit dem Unter» schied, daß er allein geflohen ist. (Schnupft.) Weinb. (für sich). Ah, jetzt kann ich mir's denken. Frl. Blum. Flucht war es einmal, das ist gewiß. Und wie gesagt, ich will nicht ruhen, bis ich so mit Euch (nimmt Beider Hände) vor den versöhnten Oheim hin- treten, Eure Hände iveinanderfügen (thut er) und ein glückliches Paar segnen kann. (Macht eine segnende Bewegung.) Weinb. Christopherl! Christ, (kichert laut). Frl. Blum, (zu Weinberl). Was für ein Scherz? Wie können Sie in einem so ernsten Augenblick zu Ihrer Braut Chri- Popherl sagen? Christ. (Platzt in laute- Gelächter auS). Frl. Blum, (böse zu Lhristopherl). Lachen Sie nicht, Mamsell. Fünfte Scene. Lisette. Melchior. Die Vorigen. Lis. (mit Melchior zur Mittelthür links eintretend). Euer Gnaden, der Mensch läßt sich nicht abweisen. (Zu Melchior, auf ihre Gebieterin zeigeud.) Hier ist das gnädige Fräulein. (Geht zur Mittelthür ab.) Melch. Das ist eine Fräule? Das is klassisch. Frl. Blum. WaS will Er? Melch. Mein Herr schickt mich her, ich soll der Euergnadeufräuler sag'n — Weinb. (sich der Person Melchiors besinnend). Christoph, das is ja — Melch. (Weinberl und Lhristopherl betrachtend). Sie sein's? Ah, das is stark. Frl. Blum, (zu Weinberl). Ist Ihnen der Mensch bekannt, Herr v. Sonders? Weinb. Das heißt—ich Hab' ihn wohl g'sehen. — (Leise zu Lhristopherl.) Herr von Sonders hat's zu mir g'sagt, wenn ich mich nicht irr' — ich kenn' den Sonders zwar nicht — Christ, (leise zu Weinberl). Ich auch nicht. Weinb. (leise zu Christopherl). Aber so heißt ja der — Christ, (leise zu Weinberl). Der unsrer Fräuler z'Haus oachsteigt. Melch. (zu Weinberl). Schämen Sie sich! Das is eine Aufführung! Frl. Blum. Wie kommt Er dazu, diesem Herrn ein Reperemevt — Melch. Weil mein Herr dem Herrn seine Zech' hat müssen zahl'n. Frl. Blum. Eine Zeche? Melch. Ja, sonst hätte der Kellner die Damen 'pfäudt. Frl. Blum. Was für Damen? Melch. Nicht eigentliche Damen, sou- 35 — dern nur, was mau so sagt. Dieser Herr, (zu Weinberl) schämen Sie sich, (zu Fräulein Blumenblatt) war in einem Garten mit zwei Frauenzimmern, die ich anfangs für Weibsbilder g'halteu Hab', wo fich's aber nachher gezeigt hat, daß es Witwen waren. (Zu Weinberl.) Schämen Sie sich. Frl. Blum. Wer soll auS diesem Gewäsch klug werden? Melch. (in verächtlichem Tone zu Weinberl). Mit Damen wohin gehen und nicht zahlen. Schämen Sie sich! Frl. Blum, (zu Melchior). Werd' ich jetzt erfahren — Weinb. (ängstlich zu Melchior). Kommt der Herr Zangler etwan daher? Melch. (wie oben zu Weinberl). Mit Damen und nicht zahlen, das is classisch. Frl. Blum, (ärgerlich zu Melchior). Jetzt frag' ich Ihn zum letzten Mal — Melch. (wie oben zu Weinberl). Schämen Sie sich! Frl. Blum, (wie oben). Wer ist sein Herr? Melch. Der Herr von Zangler. Frl. Blum. Und kommt sein Herr zu mir? Melch. Euergnadenfräuler, da hat er m'x g'sagt. Weinb. (für sich). Gott sei Dank. Christ, (leise zu Weinberl). Wenn er aber doch — Frl. Blum. Was ist also eigentlich seine Sendung? Melch. Der Herr von Zangler laßt Ihnen sagen, er hat Ihnen da zwei Leut' g'schickt- Weinb. und Christ, (erschrocken). Der Principal hat uns — ? Melch. Er hat nämlich den (aus Weinberl zeigend) für'n Herrn von Sonders und diese (auf Lhristopherl zeigend) für seine durchgegangene Mündel gehalten, fie sein's aber nicht, d'rum soll'ns die Euergnadeu- fräuler fortlaffen. Weinb. und Christ. Das is g'scheidt. Frl. Blum. Wie? Das ist ja das Ge- geutheil von dem, was in dem soeben erhaltenen Briefe steht. (Zu Weinberl und Lhristopherl.) Ich laste Sie nicht fort. Sechste Scene. Lisette. Die Vorigen. Lis. (zur Mittelthür eintretend). Euer Gnaden, Herr Weinberl ist draußen. Weinb. Was,draußt is ein Weinberl? Frl. Blum. Und was willderMensch? Lis. Der Mensch kommt von Herrn von Zangler. Melch. Ich komme von Herrn von Zangler. Das is ja Widerspruch. Frl. Blum, (zu Lisetten). Mein Schwager hat mir also den Menschen geschickt? Melch. (zu Fräulein Blumenblatt). Der Schwager hat mich geschickt, und die sagt, er hat einen Menschen geschickt, das is ja Widerspruch. Lis. Euer Gnaden möchten ihm Zutritt in Ihrem Hause gestatten, denn sein Auftrag ist, das Benehmen der Fräulein Zangler (auf Lhristopherl zeigend) zu beobachten, und darüber Herrn von Zangler zu rap- portiren. Frl. Blum, (sich besinnend) Weinberl —? Ach, jetzt erinnere ich mich, das ist ja sein Commis, den er mir oft als ein Muster von Solidität gerühmt, auf den er sich verlassen kann wie auf sich selbst — o nur herein, er ist mir willkommen. Lis. (geht zur Mittelthür links ab). Weinb. (zu Lhristopherl). Jetzt kommts auf, wie solid ich bin; aber auf den Weinberl bin ich begierig. Melch. Das find ja aber lauter Widersprüche. Frl. Blum, (böse zu Melchior). Kein Wort mehr. (Zu Weinberl.) Für meine Vermittlungspläne ist es mir lieber, daß der Herr Weinberl kommt, als wenn Schwager Zangler selbst gekommen wäre. Weinb. Das wär' auf alle Fäll' das Unangenehmste gewesen. L * Siebente Scene. Sonder-, Lisette. Die Vorigen. Sovd. (von Lisrttenhereingesührt, zu Fräulein Blumenblatt). Gnädige- Fräulein — Frl. Blum, (zu Sonders). Ich bin sehr erfteut, Ihre persönliche Bekanntschaft— (Präsentirt dem Weinberl, den st« für Sonders hält, diesen als Weinberl, und dem wirklichen Sonders, den ste für Weinberl hält, den Weinberl als Herrn von Sonder-, folglich verkehrt.) Hier, Herr Weinberl, hier Herr von Sonder- — doch die Herren kennen sich wohl? (SonderS und Weinberl machen sich gegenseitig sehr befremdet das Kompliment.) Sond. Ich Hab' nicht die Ehre, den Herrn von Sonders — Weinb. Und ich Hab' nicht die Ehre, den Herrn Weinberl zn kennen. Melch. (welcher links steht, Sonder-, der auf der rechten Seite steht, betrachtend). Den soll ich — da- i- ja — Sond. (für sich). Da hat sich Einer für mich ausgegebeo, wie kommt er aber dazu, Begleiter meiner Marie zu sein? (Auf den verschleierten Lhristopherl hinübersehend.) Sie gibt mir kein Zeichen —! Frl. Blum, (zu Sonders). Wird mein Schwager Zangler zu mir kommen? Sond. Ich glaube, nicht so bald. (Für sich.) Ich hoffe es wenigstens. Frl. Blum, (sich zu Weinberl wendend). Nun sehen Sie, Herr von Sonders — (Spricht leise mit Weinberl weiter.) Melch. Ah, das wär' zu keck! (Schleicht näher zu SonderS.) Sond. (benützt den Augenblick, wo Fräulein Blumenblatt mit Weinberl spricht, und ruft mit unterdrückter Stimme auf den an der linken Ecke der Bühne stehenden Lhristopherl, den er für Marien hält). Marie! (Gibt durch Zeichen zu verstehen, daß er nicht wisse, wie sie zu dieser Begleitung gekommen.) Ehr ist. (der dich bemerkt, für sich). Ich rühr' mich nicht. Sond. (für sich). Wenn sie nur den Schleier wegthäie, daß ich in ihren Blicken lesen könnte? Melch. (SonderS anpackend). Das is der Eigentliche! Entdeckung, Betrug, falsche Dorstneglung! Sond. (Melchior zurückstoßend). Was untersteht Er sich? Frl. Blum, (über Melchiors Kühnheit entrüstet). Was soll das? Melch. Euer Gnad'n.(Auf SonderS deutend). Der hat mit Ihnen falsche Vorspieglung getrieben, hier ist von Weinberl keine Spur. Sond. Was will dieser Mensch? Wer ist Er? Frl. Blum, (zu Sonders). Was, Sie kennen ihn nicht? Und er hat sich für einen Diener des Herrn vouZaagler ausgegeberr. Da herrscht Betrug! Da herrscht Betrug! Lisette, schicke sogleich den Wächter herein. Lis. (geht zur Mittelthür links ab). Weinb. (zu khrist.). Jetzt wird der Tanz angehen, während dem krieg'n wir Luft. Melch. (zu Fräulein Blumenblatt). Euer Gnaden lasten den Wächter holen, ich will doch nicht hoffen — Frl. Blum, (erzürnt). Seine Frechheit soll Ihm theuer zu stehen kommen. Melch. Wer is frech? (Auf Sonders zeigend.) Der is frech, denn da is von Weinberl keine Spur. — (Auf Weinberl zeigend.) Der is frech, denn da is von Zechzahl'n keine Spur, aber ich — Achte Scene. Der Wächter. Die Vorigen, dann Lisette. Wächter (tritt zur Mittelthür links «in). jIch soll wem hiuauswerfen. Frl. Blum. (aus Melchior zeigend). Bemächtige Er sich dieses Betrügers. Melch. Was?! Weinb. (leise zu Lhristopherl). Bei der Gelegenheit sahr'u wir ab. M e l ch. Den Wächter schicken's über mich! Hier wimmelt'- von Frevlern, ich-bi» viel- 37 leicht der einzige Unschuldige im ganzen Zimmer, und mich führen's ein — ah, das is classisch! Wächter. Nur nicht viel G'schichteu g'macht. Melch. (während ihn der Wächter gegen die Mittelthür lilcks führt). Wenn das mein Herr sähet! Wächter — lieber Wächter! (Christoph und Weinberl haben sich ebenfalls, um während des Tumultes zu echappiren, derselben Thür genähert.) Lis. (läuft zur Mittelthür links herein). Der Herr von Zangler is da. Weiub., Christ., Sond. (erschrocken, jeder für sich). Der Zangler—!!? (Alle Drei stürzen a temxo. Sonders zur Mittelthür rechts, Weinberl zur Seitenthür rechts, Christoph zur Seitenthür links ab.) Melch. Das ist g'scheidt! Lis. Aber Fräul'n—! (EiltChrist, nach.) Frl. Blum. Mein Schwager — Alles läuft davon — Herr Weinberl fort — ? Neunte Scene. Fräulein Blumenblatt, Wächter, dazuZangler,MadameKnorr, Frau von Fischer, Marie. (Frau von Fischer ist ohne Hut und Mantel in Häubchen und Shawl.) Zaogl. (mit beiden Frauen am Arme, zur Mittelthür links eintretend). Schwägerin, da find wir —Was is das? Der Wächter hat mein' Melchior beim Schöffel—? Frl. Blum, (aus Melchior zeigend). Also wäre das —? Melch. (zu Zangler). O, sagu's ihr's, wer ich bin! Zangl. (zu Fräulein Blumenblatt). Mein dummer Hausknecht. Melch. (zu Fräulein Blumenblatt). Seh'n Sie, Schwägerin meines Herrn? (Zu Zaug- ler.) Had'n Sie einen Commis, der Weiu- berl heißt? Zangl. Ja. Melch. Und wo is der Weinberl? Zangl. Zu Haus, beim G'schäft. Melch. (zu Fräulein Blumenblatt). Seh'n Sie, Schwägerin meines Herrn? Zangl. (zu Fräulein Blumenblatt).Aber, jetzt sag' mir — Melch. (zu Zangler, ihn unterbrechend). Ruhig. War das nicht ein Unrechtes Paar Lent', die Sie herg'schickt hab'n? Zangl. Freilich. Melch. (zu Fräulein Blumenblatt). Seh'n Sie, Schwägerin meines Herrn? Frl. Blum. Ja, weun'S so ist — Zangl. (zu Fräulein Blumenblatt). Jetzt muß ich Dir aber vor Allem hier meine Braut und hier ihre Freundin, Frau von Fischer, vorstelleu. Frl. Blum. Ah, charmant? Fr. v. Fischer und Mad. Knorr. Freut uns unendlich die Ehre zu haben. Zangl. Morgen ist Hochzeit bei mir zu Haus. Frl. Blum. Du weißt, ich geh' zu keiner Hochzeit, denn mein Schicksal — (Schnupft.) Aber wie kommt das so schnell? Zaugl. Ja, ich geh' der Meinigen nicht mehr von der Seiten, es find Gründe — Mad. Knorr, (leise zu Zangler). Bla- miren Sie mich doch nicht. Zangl. (zu Melchior). Du fährst jetzt gleich zu mir nach Haus, rebellst Alles auf, daß schleunigst ru die Hochzeitsaustalteu g'schaut wird, (ou den beiden Frauen.) Wir soupiren bei meiner Schwägerin, und fahr'« daun gleich nach; (zu Melchior) mit Tagesanbruch kommen wir au. Melch. Wird Alles besorgt, aber — F r l.B l um. (zu Melchior). Freund, nimm Er das. weil ich Ihm Unrecht gethan. (Reicht ihm Geld.) Melch. Sie seh'n es ein, das ist mir genug. (Nimmt das Geld. Zu Zangler.) Aber sagen Sie-ihr nur das noch — Zangl. Daß Du ein Esel bist. Melch. (will Zangler etwas sagen, unterdrückt es aber). Die Schwägerin steht es ein, das ist mir genug. (Geht zur Mitte links ab.) 38 Zehnte Scene. Die Vorigen ohne Melchior. Frl. Blum. Aber, wieist denn das? Du hast mir also nicht deine Mündel geschickt? Zangl. (auf Marien zeigend). Nein, hier bring'ich Dir die Mißrath'ne, und übergeb' sie Deiner Obhut. Marie. Gnädige Frau Tant'—(Küßt ihr die Hand.) Frl. Blum. (zu Zangler). Was waren denn das hernach für Leute? Zangl. Das weiß ich nicht. Frl. Blum. Sie find noch hier. Zangl. So? Bei denen muß ich mich ja entschuldigen. Frl. Blum. Wie sie hörten, daß Du kommst, find sie jedes zu einer andern Thür hinausgestürzt. Zangl. Das is curioS. Eilfte Scene. Lisette. Die Vorigen. L is. (einen Schleier in der Hand, kommt aus der Seitenthür links). Die Fräul'nZang- ler ist in das gelbe Cabinet gelaufen und hat von innen zugeriegelt. Sie macht um keinen Preis auf; der Schleier von ihrem Hut ist an der Thürschnalle hängen geblieben. Frl. Blum, (zu Zangler). Was sagen Sie dazu? Zangl. Hm! hm! — Fr. v. Fischer (den Schleier besehend). Das ist ja mein Schleier. Mad. Knorr, (etensalls den Schleier betrachtend). Freilich, da ist der Rostfleck. Fr. v. Fischer. Hat die Person nicht auch einen Mantel, gerade so (auf Marien deutend) wie die Fräul'n hier? Frl. Blum. Ja, braun quadrillirt, ganz so. Mad. Knorr, 's find Beide in meinem Magazin gekauft. Fr. v. Fischer (zu Fräulein Blumenblatt). Sie müssen wissen, ich bin schändlich bestohlen worden. Zangl. Da müssen wir auf den Grund — (Zu Lisetten.) Mamsell, sperr'» Sie die Thür, wo die Person d'rin is, g'schwind von auswendig zu. Lis. Sogleich. (Eilt zur Seitrnthür links ab.) Zangl. Und dann — he, Wächter! Wächter. Befehl'n? Zangl. Cr holt Assistenz, und sperrt von außen die Hausthür zu. Wächter. Sehr wohl. (Zur Mittelthür links ab.) Frl. Blum. Ich zittere. Zangl. Kommen Sie, meine Damen, hier gibt's eine Spitzbüberei, die in'- Abnorme geht. (Mit sämmtlichen Frauenzimmern zur Seitenthür rechts ab.) Verwandlung. (Garten im Hause deS Fräuleins Blumenblatt, im Hintergründe zieht sich die Gartenmauer über die ganze Bühne. Rechts ist ein vorgebauter praktikabler Theil des Hause- ein Stock hoch mit Glassenstern, sowohl nach vorne als gegen die Seite. Durch die Fenster fleht man in das früher besprochene gelbe Labinet, welches jedoch nicht erleuchtet ist; die Bühne ist ganz finster.) Zwölfte Scene. Weinberl, später Christopherl (am Fenster). Weinb. (allein, aus dem Hintergründe links auftretend). Es ist umsonst, der Ort, wo der Zimmermann das Loch g'macht hat, is nicht zu finden. Fluch dem Schlosser, der dieses Hausthor vollendet, dreimal Fluch dem Maurer, der diesen Garten umzäunt, und Hundertfünfzigmal Fluch denen anderthalb Centner Leib'sg'wicht, die mich hindern, auf den Flügeln der Angst hinüber zu saltomortalifirkn. In jedem Schatten seh' ich einen Zangler, die ganze Natur hat sich für mich in ein Schreckniß aufgelöst, und das heißt Zangler! So war noch kein Associä in der Sauce! Diese Mauer muß eine weitschichtige Mahm von der chinesischen sein — ich muß doch noch 3S a mal — (Versucht die Mauer zu erklettern.) Es ist zu hoch, ich kann nicht hinauf. Christ, (im Frauenzimmermantel und Hut wie früher öffnet das Fenster und sieht heraus). Es ist zu hoch, ich kann nicht herab. Weinb. Christoph, find Sie's? Christ. Ja, ich bin's. Herr Weiuberl, find Sie'-? Weinb. Ja, ich bin's. Christ. Helfeu's mir, ich riskir jeden Augenblick, daß man die Thür einsprengt und mich vor den Principal schleppt. Weinb. Mein Rifico is dasselbe. Christ. Wir find also vor der Hand verloren. Weinb. Wenn kein» Leiter vom H'm- mel fällt, wenn nicht durch ein Wunder sich Sprifseln in der Luft gestalten, rettungslos verloren. Christ (sich zum Fenster herauSbeuaend). Da kommt wer. Weinb. (erschrocken). Der Zangler—! (Verbirgt sich links hinter ein Gebüsch.) Dreizehnte Scene. Sonders. Die Vorigen. Sond. (kommt mit einer Leiter auS dem Vordergründe rechts). Der Fund kam zur gelegenen Zeit, auf dieser Gartenleiter gelang' ich über die Mauer, dann heißt es wieder einen günstigen Moment, wo ich mich meiner Marie nähern kann, mit Geduld abwarten. Geduld — verdamm, tes Wort! — Im Wörterbuch der Liebenden ist's nicht zu finden. (Will sich der Mauer nähern.) Weinb. (für sich). Soll ich ihn anreden- Christ. Pst! Pst! Sond. Gebt das mich an—? (Sieht zum Fenster hinauf.) Ein Frauenzimmer — täuscht mich die Dunkelheit—!? Nein, Marie, Du bist's, meine geliebte Marie! Christ, (mit gedämpfter, verstellter Stimme). Ja! — Weinb. (für sich). Das is auf die Art niemand Anderer als der HerrvouSonderS. Sond. O, komm' herab, die Leiter soll Dich in meine Arme und dann uns Beide in's Freie führen. Christ, (wie oben). Wohlan! Sond. (lehnt die Leiter an das HauS). So steig' nur muthig zum Fenster heraus. Christ, (steigt herab). Sond. Zitt're nicht, ich werde die Leiter halten. Und nicht wahr, liebe Marie, das Packet mit den Documenten. die wir zur Trauung brauchen, hast Du? Christ. Nein! (Ist eben auf der untersten Sprosse angelangt.) Sond. (bestürzt). Wo ließest Du's? Christ, (auf das Fenster hinauszeigevd). Dort — Sond. Vergessen dort oben? — Das muß ich holen. (Litt die Leiter hinan und steigt rasch zum Fenster hinein.) Christ. Auf'» Tisch rechts. (Nachdem Sonders in'S Fenster gestiegen.) G'schwivd, Weinberl, die Leiter is erobert! Weinb. (hervorkommend). Die Näch- stevlieb' fangt bei sich selbst an. Christ, (indem er mit Weinberl die Leiter zur Gartenmauer trägt). Ich bring' unser Fräuler Marie ihren Liebhaber in die Brifil, das iS Satisfactiou für das, daß fie mich immer einen dalketen Bub'n heißt. (Hat mit Weiuberl die Leiter an die Gartenmauer gelehnt.) Weinb. Ich steig' voran. Christ. Nur g'schwind. Weinb. (steigt sehr schnell die Leiter hinaus und schwingt sich von derselben aus die Mauer, auf welcher er in reitender Stellung sitzen bleibt). Kraxeln's nach, Christopherl. (^ tsmxo tritt der Mond aus den Wolken, eS wird Heller aus der Bühne.) Christ, (ebenfalls eilig die Leiter hinauf- steigend). Da bin ich schon. (Wie er oben auf der Leiter ist, nimmt er den Frauenzimmermantel und Hut ab, und wickelt Beide- in einen Knäuel zusammen.) Weinb. Was machen - denn? Christ. Geduld, jetzt kann uns nix mehr g'schehen. 40 Soud. (an's Fenster kommend). Marie? Ich kann das Packet nicht finden. Christ, (in natürlicher Stimme). Nicht finden können Sie's? Na, so nehmen's das derweil. (Wirst Mantel und Hut zum Fenster hinein und steigt von der Leiter auf die Mauer, auf welcher er in sitzender Stellung bleibt.) Sovd. Was seh' ich. ein Mann —?! Ich bin schmählich betrogen. Weivb. Jetzt zieh'n wir die Leiter herauf und lassen's auf der andern Seiten hinunter. (Thut es mit Christophs Beihilfe.) Sond. Die Leiter—wo ist die Leiter? (Langt zum Fenster heraus und merkt, daß die Leiter fortgetragen ist.) Verdammt! — (Man hört im Hause mehrere Stimmen untereinander.) Sond. Mau kommt—! (Man hört im Zimmer oben die Thür einbre- chen,Zangler mit dem Wächter undnoch ein paar Leuten erscheinen mit Lichtern im Labinet.) Zangl. Ein Manu ist's—! Wächter. Nur angepackt! Zangl. Herr Sonders—! Teufel, jetzt wird's mir zu arg! Wächter und die Uebrigen. Angepackt! Nur angepackt! Christ. Sie hab'a ihn schon Das ist ein Jux! (Im Orchester fällt die Musik ein. — Wein- berl und Christopherl verschwinden während des im Cabinet statthabenden Tumultes außerhalb der Mauer.) Der Vorhang fällt. Vierter Act. (Straße vor Zangler's Haus; — der Mond beleuchtet die Bühne, links im Vordergrund ist Zangler's Haus, ein Stockwerk hoch. Vorne ein practicables Glassenster, unter dem Fenster sieht man die verschlossene Gewölbthür, darüber die Tafel mit der Aufschrift: »B. Zangler's vermischte Waarenhandlung.« Etwas weiter zurück als die Gewölbthür ist das HauSthor.) Erste Scene. Melchior, dann Gertrud. Melch. (allein, tritt von der Seite rechts aus dem Hintergrund aus). Ah — den ganzen Weg Hab' ich superb verschlafen — (gähnt) und bin jetzt so munter, als wann's helllichter Tag wär' — das is ja 's Haus — richtig — ich muß anläuten. (Sucht an beiden Seiten deS Hausthores.) Was is denn das—? Keine Glocken. — Ah, da Hab' ich Nespect, hier habu's noch keine Hausmeister, die werden doch schön z'ruck sein in der Cultur. (Klopft an das Thor.) He. auf« g'macht! (Klopft stärker.) Aufg'macht — Es hört kein Mensch. — Wenn ich nur die Wirthschafterin auftebell'n könnt', das is die einzige Person, die mich kennt im Haus, auf d'Letzt lassen's mich gar nicht hinein— ich werd' mit einem Sondkörndl an's Fenster werfen. (Nimmt eines vom Boden aus und wirst an das Glasfenster vorn.) Es hört mich Niemand — ich muß ein Steinl nehmen. (Nimmt eins vom Boden aus und wirst es an's Fenster.) 's nutzt noch nix—ich muß 's mit ein' größer» Steinl probir'n. (Nimmt einen Stein aus und wirst ihn in's Fenster, die Scherben fallen herab, mau hört von innen einen Schrei von Gertrud.) Jetzt, glaub' ich, hat mich wer g'hört. Frau Gertrud!— Frau Gertrud! Gert, (von innen). Wo brennt's? Melch. Nirgends, komm' d'Frau Gertrud nur zum Fenster! Gert, (eine Nachthaube aus dem Kops, schaut zum Fenster heraus) Was is 's denn, um Alles in der Welt!? Melch. Sein s so gut, machen's mir 's Thor auf. Gert. Impertinenter Mensch, wer is Er? Melch. Der neue Hausknecht bin ich, der Melchior. Gertr. Den Tod könnt' man haben durch den Schrocken. Melch. Von Tod is gar kein' Red', Hochzeit is! Vor Tagesanbruch kommt der Herr. 41 Getr. Er hat einen Rausch. Me ich. Den müßt' er sich erst 'trunken haben, ich Hab' ihn alser nüchterner verlassen. Machen's nur auf. Gert. Mir is es in alle Glieder g'fahr'n, das is doch gar entsetzlich, was glaubt denn so ein Mensch? (Entfernt sich brummend vom Fenster.) Melch. (allein). Das find die Folgen, wenn in ein' Haus kein Hausmeister is. Mir is das alleseius,ich zahl' die Fenster- scheiben nicht. Mir scheint, ich hör's schon. Gert. (Man hört sie von innen das Hausthor aufsperren und dabei brummen). Das werd' ich dem Herrn sagen, ob das recht ist, daß man Jemanden so aus'« Schlaf— Melch. (von außen am Hausthor stehend). Nur gelassen, Frau Gertrud. Gert, (von innen, wie oben). Das is keine Manier, das is keine Art. bei später Nacht — dieser Schrocken — Melch. (von außen). Sch un's, der Zorn schad't Ihnen. (Das Hausthor öffnet sich, Melchior geht hinein.) Gert, (von innen, indem man sie wieder zuschließen hört). Wer'o wir schon sehen, was der Herr dazu sagt, das lass' ich nicht so hingeh'n. Melch. (von innen). Ah, hörn's auf. (Man hört Beider Stimmen immer schwächer, bis es ganz ruhig wird.) Zweite Scene. Christophen! und Weinberl (kommen rechts aus dem Hintergrund). Weinb. Habu's g'hört, Christoph? Wenn sich der Hahn nicht verkräht hat um a Stund, so geht's schon auf'n Tag los Christ. Macht nix, wir find einmal da. wir können sagen, wir haben das Ziel erreicht. Weinb. Ja, was denn eigentlich für ein Ziel, wenn man's recht betracht'? Christ. Na, wir hab'n uns ein' Jux g'macht, und kommen im Uebrigen g'rad so g'scheidt wieder z'Haus, als wir auS- 'gangen sein. Weinb. Jetzt frag' ich aber, zahlt sich o ein Jux aus. wenn man ihn mit einer Furcht, mit drei Schrocken. fünf Verlegenheiten und sieben Todesängsten erkauft? Is so a G'schäft nicht noch weit dümmer, als wenn man für a Loth Salami ein' Gulden, für ein' Vierling Bockshörndl ein Thaler,für a halbete Sardelln ein doppelten Ducaten zahlt? Wann wir aber das jetzt gehörig einseh'o, dann kommen wir ja doch um ein Alzel g'scheidter nach HauS. Christ. Ich bin ja noch zu jung, um das richtig zu beurtheil'n. Weinb. Ah —ich bin ganz zerlext von die Gemüthsbewegungen. Christ. Ich auch, und für mich ist dc s noch weit gefährlicher, weil ich so stark im Wachsen bin. Schau'n wir, daß wir in's Bett kommen; soll ich anpumpern beim Hausthor? Weinb. Warum nicht gar, wir schleichen uns ganz in der Still' in's G'wölb, und duseln eia bist auf der Budel; in zwei Stund' wird's ohnedem Zeit zum Auf- sperr'n sein. Ich Hab' den G'wölbschlüffel bei mir. (Sucht in den Taschen.) Da — nein da — oder da — Teufel hinein, ich Hab' den Schlüssel verlor'». Christ. Sein's so gut. Weinb. Wie ich den Kutscher, der uns herg'führt hat, mit meiner silbern Uhr auszahlt Hab', muß er mir herausg'fall'n sein. Christ. Na. das is ja keine dreihundert Schritt'; warteu's, ich geh z'ruck, ich weiß 's Platz! genau, werd' ihn gleich finden. (Geht in den Hintergrund recht- ab.) Dritte Scene. Weinb. (allein). Jetzt habe ich das Glück genossen, ein verfluchter Kerl zu sein, und die ganze Ausbeute von dem Glück is, daß ich um keinen Preis mehr ein verfluchter Kerl sein möcht'. Für einen Commis schickt sich so was nicht Das kommt mir vor, wie unser Fräul'n, die sagt auch immer »es schickt sich nicht* und derweil — Es g'schieht halt allerhand bei der Zeit, was sich nicht schickt. 42 Lied. 4 . I. 's hat Einer a Geld herg'liehen ohne In« teressen, Der Schuldner thut aber auf's Zahl'n rem vergessen, Der Gläubiger mahnt ihn stets mit Höflichkeit, Doch der Schuldner, der find't sich beleidigt und schreit: „Pressir'n Sie mich nicht, Sie wer'n 's Geld schon noch krieg'n, Sie Esel, ich werf' Ihnen gleich über d'Stieg'n." Mao glaubt nicht, wie häufig das g'schicht, Und es schickt sich doch offenbar nicht. 's gibt Leut', die Ein' gern nur was Unan- g'uehm's sag'n, „Ach, Sie schau'n schlecht auS, Ihnen hat's schön beim Krag'n, Gestern hat auf ein Andern g'schmacht't Ihr' Herzevsdam', Wer hat Ihnen den Rock g'macht, Sie, der steht infam, Der Wag'n, den Sie' kauft hab'o, ach, daS is a Karr'n, Ihr Stück Hab' ich g'leseo, Sie, das is a Schmarn." So sagn's alles den Leuten in's G'ficht, Na,das schickt sich doch offenbar nicht. 5 . 2. Man muß seh'n im Kaffeehaus, wenn Karten g'spielt wird, Wie s zuschau'n und d'reinplauschen ganz ungenirt, Schau'n Zwei » in die Karten und rathen dem Dritten, Ob er Carreau oder Pick spiel'n soll — da muß i bitten, Und thut fich bei eia' Spieler ein Ultimo zeigen, Dem thun d'Zuschauer völlig am Buckel auffisteig'n. Diese Unart fast überall g'schicht, Und es schickt sich doch offenbar nicht. DaS steht so gut, wann die gebildeten Herr'» Recht freundlich und zärtlich mit Dienst, boten wer'n, Und ganz kranellsmont rennen beim helllichten Tag Wie die Windspiel ein'schlampetenKuchel- bär'n nach, Und drucken ihr d'Bratzeu und lassen'- nit aus, „O Engel, sagen's mir's. sein's allein heut' zu Haus?" Man glaubt nicht, wie häufig das g'schicht, Und es schickt sich doch offenbar nicht. (Im Hintergrund rechts ab.) 3 . Vierte Scene. A jung's und schlank's Töchterl, na, der steht es gut, Wann's auch wie a B'seffene umtanzen thut, Doch was soll man sag'n, wenn d'Mama mit fufz'g Jahr'a Umafludert mit frische Kamelien io Haar'n. So a Frau wägt drei Centner oft, Sie, das is viel, Hupst aber uoch neckisch mit in der Quadrill'. Man glaubt nicht, wie häufig das g'schicht, Und rS schickt sich doch offenbar nicht. Kraps und Rab (kommen links aus dem Hintergrund. Rab trägt eine Blendlaterne, KrapS hat einen Mantel um und eine dunkle Larve vor dem Gesicht). Rab. Mir scheint gar, Kerl,Tu zitterst? Kraps. Nein, ich klapper' nur mit die Zähn'. Rab. Hasenfuß, da hättest Du mich sehen soll'n, wie ich oft — Kraps. Das will ich wohl glauben, aber — Du, lassen wir's auf ein anders Mal — 43 Nab. Schämst Du Dich nicht? Hat der Kerl den genial'n Einfall, den Schlüssel in Wachs abzudrücken, und bei der Ausführung verliert er die Courage. Kraps. Es iS nur heut', schau, ein andersmal — Rab. Nichts da. nimm die Tätern' und leuchte mir. KrapS. (zitternd die Laterne nehmend). Schau, Brüder! — Rab. Frisch an's Werk. (Sperrt während des Folgenden die Schlösser an den Gewölb- stangen aus). Fünfte Scene. Weinberl u. Christ. Die Vorigen. (Beide kommen aus dem Hintergrund rechts und sehen, waS an der Gewölbthür vorgeht.) Weivb. u. Christ, (erschrocken und mit unterdrückter Stimme). Was is das —!? Rab. (ohne die eben Angekommeoen zu bemerken, in seinem Geschäft und in seiner Rede fortsahreud). So leuchte doch daher, stehst Du denn nicht—? Aber Narr — hahahcr, wozu, Strohkopf, nimmst Du denn ein» Larve? Kraps. Wann's schelch geht, es sehet uns wer und wir müßten echappir'n; mein G'ficht ist zu bekannt in dem Haus. Rab (der immer sortgearbeitet hat, macht einen Flügel der Gewölbthür auf). Die Thür ist offen, jetzt hinein, und vor Allem der Cassa eine Vifit' gemacht. Gib mir die Tatern—die Schreibstube ist hinten links. Kraps (ihm die Laterne gebend). Ja. (die anftmgs wir versteinert stehen grdlieben sind, sich aber dann rechts nach dem Vordergrund gezogen, zu- l gleich). Kraps. Aber Brüder!, lassen wir's auf ein anders Mal. Rab. Wäre nicht übel! Umkehren auf halbem Weg. Du bleibst noch ein paar Minuten hier stehen, und stehst Dich um, ob nicht etwa über unser Geräusch sich ir- Weiob. Christophe!— Christ. Weinberl — gendwo ein Licht zeigt, dann kommst Du mir nach. Aber zitt're doch nicht, Du Ha- enfuß, Klugheit im Kopf, Schnaps im Magen und Pistolen in der Tasche, da geht Alles gut. (Geht iu'S Sewölb ab.) Sechste Scene. Die Vorigen ohne Rab. KrapS.Ich Hab'kein Wort g'hört,was er g'sagt hat — die Angst —! Ich Hab' 'glaubt, ich Hab' Anlag', aber ich bin nix zu dem G'schäft — wenn er nur wenigstens — ich sag' halt, es wär' besser gewesen, ein anders Mal — Weinb. (ihn an der Gurgel fassend). Nein, jetzt ist's am besten. Kraps. Barmherzigkeit —! Christ, (hat ihn ebenfalls gepackt). Still, oder — Weinb. Ich erdrossel' Dich. KrapS. Herr Weinberl—Musst Christoph— Weinb. Das is ja — Kraps. (die Larve abnehmend). Der Hausknecht, der Kraps. Weinb. u. Christ. Du Spitzbub' — Kraps. Ich will ein ehrlicher Mann werd'n. Weiob. Ich seh's, Du bist grad auf'n Weg dazu. Kraps. Das war mein Anfang und mein B'schluß — so wahr als — Barmherzigkeit. Christ.(zuWeinb.).Lassen wir'n laufn. Weinb. Das müssen wir jetzt wohl, sonst lamentirt er uns den Andern heraus. (Zu Kraps.) Dein' Mantel, Hut und Larven her. Kraps. Da, da is Alles, mein bester, edelster, großmüthigster Herr von Wein- berl. (Gibt ihm, waS er verlangt.) Weinb. Jetzt fahr' ab. Kraps. O Gott—(ihm die Hand küssend). Sie glauben's nicht, aber ich werd' jetzt schrecklich ehrlich wer'u. (Läuft in den Hintergrund links ab.) 44 Siebente Scene. Die Vorigen ohne Kraps. Weinb. Den ehrlichen Mann werdn's schon dnrch die Aussagen seines Spieß- g'sellen kriegen. — (Hüllt sich in Kraps Mantel ein und setzt dessen Hut aus.) Christ. Was thun's denn da? Weinb. Den Andern muß ich erwischen. Christ. Sperr'n wir 's G'wölb zu, so is er g'fangt. Weinb. Daß er d'rin eine Thür ein- tntt, wen todtschießt, und doch am Ende ein' Ausweg findet. Nix. ich weiß schon, was ich Ihn'. Wecken Sie nur derweil den Nachtwächter auf und machen's g'schmind Arretirungsanstalten. Christ. Gut. Aber is das a Glück; aus unserm Bodenkammer! hätten wir den Einbruch rein verschlafen. Weinb. Jetzt war der Jux doch zu was gut. Rab. (von innen, fich der Thür nähernd). Wo zum Teufel bleibst denn Du so lang? Weinb. (nimmt die Larve vor, wodurch sich seine Stimme ändert). Ich komm' schon, ich komm' schon! — (Winkt Lhristopherl, daß er forteilen soll, und geht in's Gewölb ab.) Christ, (laust im Hintergründe rechts ab). Verwandlung. (Zangler's Wohnzimmer, rechts eine Seitenthür, im Prospekt eine Thür, welche in das Gewölb hinabsührt. Rechts vorne steht ein Silberkasten, links vorne ein Fenster mit Bor« Hang. Am Prospect ist Zangler's Bett.) Achte Scene. Melch. (allein, tritt mit Licht aus der Sei. tenthür rechts). Da soll man Anstalten zur Hochzeit machen, die Wirtschafterin sperrt fich ein in ihr Zimmer, gibt mir gar kein Gehör und schimpft so lang, bis' zum Schnarchen anfaugt. Die Köchin Hab' ich g'funden, ah, das Weibsbild hat gar einen klassischen Schlaf, ich muß sagen, das is mir noch nicht uuter'kommen. Wenn ich mein Kammer! wüßt', ging ich auch schlafen. Ich könnt' mich zwar da in' Herrn sein Bett legen, aber wer weiß, wär's ibm recht, 's thut's ja da im Armsessel auch. (Man hört ein Geräusch im Hintergründe.) Was war denn das? — Ah, ich weiß schon — Nix wird's g'wesen sein, 's is völlig eutrisch. allein wach sein in so ein' verschlafnen Haus. (Das Geräusch wiederholt fich.) Jetzt war's aber —ja, es war was. (Nach dem Hintergrund zeigend.) Don da unten hört man's herauf'; Mensch oder Geist, was steht mir bevor?—Wenn es ein Mensch ist, o, da bin ich ein Kerl, der Courage hat, wann's aber a Geist — da wär's aus mit mir. — Geist is mir ein zu fremdartiges Wesen. (Aengst- lich herumsehend.) Wo kann ich denn —? Aha— (Läuft zum Fenster und setzt fich, während man außen dumpfe Stimmen hört, schnell aus das Fensterbrett!, so daß ihn die herab- hängenden Gardinen bedecken.) Neunte Scene. Rab. Weinberl (mit Mantel, Larve, Hut und Blendlaterne). Der Vorige. Rab. u. Weinb. (kommen aus den Zehen zur Mittelthür herein). Melch. (hinter den Fenstergardinen hervorguckend, schaudernd für sich). Den leichten Tritt, man hört's gar nit, es find Geister. Rab. Wirklich, Bursche, das überrascht mich von Dir, 's ist ein Wagstück, bis hie- her zu dringen und Du hast's proponirt. Weinb. 's is wegen dem Silberkasten, dort is er. Rab. Ich meinestheils mache mich immer gern gleich aus dem Staub', wenn ich das Geld habe, denn nur Geld, Geld — Melch. (für sich). Sie gehn auf's Geld, es find Menschen. Rab. Mit Prätioseu befass' ich mich nicht so gern. (Nimmt von Weinberl die Laterne und nähert sich dem Silberkasten.) Weinb. Ah was, Silber is auch nicht zu verachten, je mehr, desto besser, man hat nie genug. 45 Melch. (für sich). Sie haben nie genug — es find Menschen. Rab. Der Schlüffe! steckt, räumen wir aus (Oeffnet die Glasthür des Kastens.) Da Hab' ich aus dem Gewölb einen Sack mit heraufgenommen, da pack* Alles hinein. (Wirft ihm einen Leinwandsack zu, nimmt während des Folgenden aus dem Kasten Kaffeemaschine, Leuchter, Löffel rc. heraus und gibt es Weiuberl, welcher es in den Leinwand sack steckt.) Melch. (für sich). Sie packen ein, es find Menschen, aber was für eine? Rab. Nur schnell. Weinb. (bei Seilt). Nur langsam, sag' ich, ich muß ihn aufhalten, bis der Ehrist opherl mit die Arretirer kommt. Rab. (scherzend). Einen Kaffeelöffel sollten wir ihm liegen lassen, als Souvenir de Silberkasten. Melch. (für sich). Der hat doch noch menschliches Gefühl. Weinb. Ah was, nur Alles mitg'nom- men, im andern Zimmer d'riu war auch noch was. Melch (für sich). Der mit der Larven is ganz Teufel. Rab. Nein, das wäre zu riskirt, mich überfällt so schon eine Unruhe, und das ist immer ein Zeichen — Melch- (für sich). Bei dem is noch Besserung möglich. Weinb. Die Stockuhr da d'rin sollten wir nicht auslaffen. Melch. (für sich). Der hat ein verhärtetes Gemüth. Rab. Nichts da, wir müssen fort — (bleibt stehen) hörst Du? — (Horcht gespannt.) Weinb. Es is nix. es kann nix sein. Melch. (über Weinberl erbost die Faust ballend, für sich). Wenn ich nur den — (Wirst durch seine unvorsichtige Bewegung einen Blumentopf vom Fenster herab.) Rab. Man kommt zum Fenster herein — schnell das Fersengeld. (Läuft zur Mittelthür ab.) Weinb. (für sich). Du darfst mir nicht auskommen. (Läßt den Sack liegen und läuft Rab nach.) Melch. (springt aus seinem Versteck hervor und packt Weinberl, als er eben die Thür erreicht hat, am Genick). Hab' ich Dich?! Weinb. Auweh! Was is das?! Melch. Weil ich nur den Hab'. (Zieht ihn mehr nach vorne.) Weinb. Auslaffen, sag' ich, der Andere is ja — Melch. Ein Schlüpfer, der zu Hoffnungen berechtigt, Du aber bist ein Scheusal— Weinb. Er erwürgt mich — zu Hilf'! zu Hilf'! Melch. Mir gehen vor Wuth die Kräften aus — zu Hilf'! zu Hilf'! Beide. Zu Hilf'! zu Hilf'! Zehnte Scene. Zangler, Mad Knorr, Frau von Fischer, Christopherl, Sonders, Marie. Die Vorigen ohne Rab. Christ, (mit einer Laterne). Der Räuber is solog'fangt, die Wächter hab'n ihn schon. (Zündet aus demTische rechts Licht an.) Melch. Ich Hab' den Wahren! Zangl. Was gibt's denn da für ein' Rumor?! Weinb. (hat die Larve abgenommen). Herr Principal — Zangl. (Melchior, welcher Weinberl noch immer festhalten will, zur Seite schleudernd). Pack' Du Dich und nicht den da, (zu Weinberl) der Christopherl hat mir Alles g sagt — an mein Herz, edler Mann! (Umarmt Weinberl.) Melch. Der umarmt den entlarvten Bösewicht, das is klassisch! Christ, (zu Mad. Knorr, bittend). Verschwiegenheit, Principalin. Mad. Knorr. (Lhristopherl erkennend). Ah. das ist stark—! Melch (zu Zangler). Aber schaun's nur, wie er Ihr Silber — Zangl. Durch dieses Silber hat er mir das Gold seiner Treue bewährt. 46 Welch. Das is zu classisch! Frau von Fischer und Madame Knorr (Weiuberl erkennend). Was is denn das —!? Das is ja — Zaogl. (der Mad. Knorr und Frau von Fischer Weinberl vorstellend). Mein ehemaliger Commis, gegenwärtig mein Associö, Herr Weinberl, der während meiner Abwesenheit mein Haus so treu bewacht. Fr. v. Fischerund Mad. Knorr (zu Zangler). Erlauben Sie, das ist — Melch. (zu den Fraueu). O. sag'n Sie ihm's, auf meine Reden gibt er nichts. Weillb. (in ängstlicher Verlegenheit bittend, leise zu Frau von Fischer und Mad. Knorr). Verschwiegenheit und Schonung, meine Gnädigen! Fr. v. Fischer (böse). Was —? (Zu Zangler). Das ist der Mensch, der es gewagt hat — Weinb. (hat einen raschen Entschluß gefaßt und fällt ihr in die Rede). Ja, ich bin der, der es gewagt hat, wie Sie, Herr Principal, mich einmal in die Stadt yeschickt haben, Hab' ich es gewagt, mich m diese reizende Witwe zu verlieben, und jetzt als Associä wag' ich es, ihr Herz uud Hand zu Füßen zu legen. Fr. v. Fischer (überrascht). Wie — ? Wenn das Ihr Ernst wäre — Weinb. So wahr ich Weinberl bin. Zangl. Na, das freut mich — Melch. (zu Zangler). Aber Euer Gnaden. Zangl. Noch ein Wort und ich jag' Ihn aus » Dienst. Melch. (bemerkt in dem Augenblicke, als er sich wendet, Sonders, welcher Marien umschlungen hält). O je, da schaun's her. Zangl. (aus die Liebenden deutend). Aus diesem Grunde freut's mich doppelt, Herr Weinberl, daß Sie schon eine Wahl getroffen, denn Ihnen Hab' ich meine Mündel zugedacht, aber 's Mäd'l hat sich in den Herrn vergafft, und g'rad wie ich ihn als Entführer arretireu lassen will, klärt fich's durch deu Herrn Commifsarius auf, daß seine Tante bereits gestorben, und die große Erbschaft gerichtlich für ihn hier depouirt is, na, da Hab' ich dann uicht anders können. Mari e. Der gute Vormund—l Sond. Der liebe Herr Zaogler! > gleich. Weinb. Also hat sich der Fall schon wieder ereignet? Nein, was 's Jahr Onkel und Tanten sterben müssen, bloß damit Alles gut ausgeht—! Melch. Das is classisch! Zangl. (Madame Knorr bei der Hand nehmend und auf die beiden Paare zeigend). Mit einem Wort: Es gibt eine dreifache Hochzeit. Weinb. Dreifache Hochzeit, das is der wahre Jux! (Unter einigen Tacken fröhlicher Musik) (fällt der Vorhang.) Eu d e. Im Verlage der WaMshauffer'fcheu Buchhandlung sind erschienen: Album österreichischer Dichter. Neue Folge. (Zedlitz—Deinhardstein—Paoli—Constant— Eberl — Mosenthal — Prechtler — Leitner — Hirsch — Beck — Meißner — Saphir.) Mit 12 Porträts, fl. 1.80. — Elegant gebunden fl. 2.80. Becker, M. A. Deutsches Wörterbuch in kürzester Form, mit Rücksicht auf Rechtschreibung, auf Biegung und Abstammung, auf Worterklärung rc., in Leinw. gebunden fl. 1.40. Dreier, Ed. Die Herzogin von Thury. Histor. Roman, fl. 1. Bujanovics, A. v., Geschichte meiner zehn Vorstehhunde. (Praktische Beispiele sowohl über die Dressur des Hühnerhundes, als auch über die Führung des ferm dreffirten Hundes, damit er nicht verliege.) fl. 1.80. Buzzi, A. v. Dramatischer Nachlaß, fl. 1.— Calderou. Das Leben ein Traum. Dramat. Gedicht in 5 Acten. Für die deutsche Bühne bearb. v. C. A. West. 8. Aufl. Mit einem Vorworte von H. Laube, fl. 1. Elegant gebunden, fl. 1.80. Ebersberg, S- Das Buch vom guten geselligen Ton. 2. Aufl. 80 kr. Ebstein, I. Die Backwerke. Handbuch für die Haushaltung, für Köche und Conditoren, m. 60 Holzschnitten, fl. 1. Fialkowski, N. Die zeichnende Geometrie (Tonstructions-Lehre). Mit entsprechenden Beispielen der Anwendung auf das Projections-, dann Bau-, Maschinen-, Situations- und auf das figuralische Zeichnen. Ein Elementar-Unterricht für alle Zeichner und ein Nachschlagebuch für jeden Techniker. Mit 13VV Figuren auf 127 Tafeln. Elegant gebunden fl. 5. Kladung, I. A- F. Populäre Vorträge über Physik für Damen. 3. Auflage. Mit Holzschnitten. 2 Bändchen. 1 fl. 50 kr. Fladung, Z. A. F. Versuch populärer Vorträge über Astronomie ohne Berechnungen. Als Fortsetzung der Physik für Damen. Mit Holzschnitten. 80 kr. Fortwäugler, C- Zur Pferdekunde. Kritisch - und didaktische Blätter über Pferde - Erziehung und Bändigung, sowie über Reit- und Fahrkunst. 1 fl. 50 kr. Gämmerler, Theater-Director Carl, sein Leben und Wirken. Mit Titelbild. 50 kr. Die Geopferten. Roman vom Verfasser des „Treffkönig". 50 kr. Hartmann, PH. R. Glückseligkeitslehre für das Physische Leben des Menschen. Herausgegrben v. Schück. 3. Auflage, gebunden. 1 fl. Kaiser» Friede. Heinrich Beckmann. Heiteres — Ernstes — Trauriges aus seinem Leben. 50 kr. Lamartine, Geschichte der Türkei. Deutsch v. Joh. Nordmann. 8 Bände. 2 fl. Lewald, A. Entwurf zu einer praktischen Schauspielerschule. 1 fl. Mautner, E. Lustspiele (Das Preis-Lustspiel — Gräfin Aurora). 1 fl. 50 kr. Moreto, Donna Diana. Lustspiel in 3 Acten nach dem Spanischen von C A. West. 5. Aufl. Mit einer Einleitung von I. W. Apell. 1 fl. 50 kr. Elegant gebunden. 2 fl. 40 kr. Nitsche, A. Giftpflanzenbuch und Giftpflanzenkalender. (Beschreibung aller in Oesterreich und Deutschland vorkommenden schädlichen Gewächse.) 60 kr. Nordmann, I. Ein Wiener Bürger. Roman aus dem 15. Jahrhundert. 50 kr. Realis, Ränke und Schwänke der heimatlichen Vorzeit. Mit 1 Stahlstich. 60 kr. Schönstein, G. Der Wiener Tausendsasa, der unentbehrliche humoristische Gesellschafter, wie er sein muß, oder die Kunst, Gesellschaften zu elektrisiren. 60 kr. Schönstein, G. Stammbuch für Liebe, Freundschaft und Hochachtung. Sammlung auSgewählter Stammbuch-Aufsätze rc. 30 kr- Sophie Schröder, wie sie lebt im Gedächtnisse ihrer Zeitgenossen und Kinder. Mit Porträt- 1 fl. so kr. Soldateualbum im Krieg und Frieden, vom Verfasser der Feldsträußchen. 50 kr. Straube, E. Ein Wiener Früchtel. Roman. 5« kr. Struve, G. Eines Fürsten Jugendliebe. Drama in 5 Aufzügen. 80 kr. Tesche, W. Anweisung zum Drei-Schachspiele. Nebst einem zu diesem Spiele gehörigen Drei- schachbrett. 70 kr. Tschabuschnigg, A. v. Humoristische Novellen. 80 kr. „ Gedichte. 2. Aufl. Mit Porträt. 80 kr. „ Neue Gedichte. 60 kr. Vogl, I. N. Balladen, Romanzen, Sagen und Legenden. 3. Aufl. 1 fl. 50 kr. „ „ „ Die ältesten Volksmärchen der Russen. 1 fl. SO kr. Wiener, W. Nach dem Orient. Reiseskizzen. 1 fl. SO kr. Winternitz, K. Die allgemein; Buchhaltung als Inbegriff aller Buchungsarten 3. Aufl. 2 fl. SO kr. Wurzbach, C. v. Von einer verschollenen Königsstadt. Ein romantisches Gedicht. 1 fl. „ „ „ Die Sprichwörter der Polen. Historisch erläutert. 2 fl. 40 kr. „ „ „ Das Elisabethen-Buch. Festalbum denkwürdiger Fürstinnen. Mit 1 Stahlstich. 60 kr. „ „ „ Mozart-Buch. 1 .fl. SO kr. Zedlitz, I. E. v. Lodtenkränze. Canzonen. 70 kr. Im Verlage der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Hoher Markt 9ir. 1, sind erschienen: Wiener Kouplels von Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Doppler, Eberhard, Elmar, Feldmann, Flamm, Friese, Gottsleben, Grandjean, Grois, Grün, Gründorf, Haffner, Juin, Kaiser, Kola, Langer, Megerle, Merlin, Morlällder, Moser, Nestroy, Schönau und Anderen. Sechs Hefte ä 50 kr. österr. Währ. Druck und Papier oon keopold Sommer L Comp, in Wien. (Den Bühnen gegenüber als Man uscr ipt gedruckt.) Nur nicht reden! Dramatischer Scherz in einem Act (nach einer französischen Idee) von C. F. Stix. Im k. k. priv. Carl-Theater in Wien am 8. December 1861 mit dem günstigsten Erfolge aufgeführt. Personen*): Frau von Stillmann, eine reiche Witwe. Fritz, ihr Neffe. Henriette, dessen Braut. Herr von Finkenschlag. Tobias ^ Frau von Stillmann'S Diensten. Ein Friseur. (Scene bei Frau von Stillmann.) (Zimmer mit Mittel- und Seitenthür.) Erste Scene. Fritz. Friseur. Fritz (fitzt im eleganten Schlafrock vor einem Toilettenspiegel, der Friseur ordnet ihm das Haar). Aber, lieber Freund, ist denn mein Kopf noch nicht in Ordnung? (Friseur will reden.) Nur still, ich weiß schon, was man sagen will, mit einem gewöhnlichen Kopf wäre man wohl eher fertig, nicht wahr? Ja, das haben meine Herren Professoren auch immer gesagt, als ich noch studierte — mit meinem Kopf soll sehr schwer etwas zu *) Es find zwar, außer der Rolle des Fritz, alle Nebligen stumm — doch müssen diese, um den Erfolg zu erhöhen, von Schauspielern dargestellt werden — wie dieß auch in Wien der Fall war. Stix. 2 richten sein! (Friseur will reden.) Schon gut, nur keine faden Coinplimente! (Besieht sich und springt auf.) Endlich! Nun, heute ist die Frisur so ziemlich gelungen! Meine angebetete Henriette wird entzückt sein über dieß kühne Lockengebirge! Wenn Berlin nur einen solchen Hügel in der Umgebung hatte, -die Berliner wären gewiß stolz darauf! (Gibt ihm Geld.) Hier ist das Abonnement für diesen Monat! (Friseur nimmt daS Geld mit einer dankenden Verbeugung und will reden.) Schon gut! Nur nicht so viele Worte! Adieu, mein Lieber, adieu! — Ich kann das ewige Reden, wie das rastlose Geklapper einer Mühle, nicht ertragen! Adieu! (Friseur ab.) Zweite Scene. Fritz, dann Tobias., j Fritz. Daß doch diese Friseure und Barbiere alle solche Schwätzer sind! (Tobias tritt ein.) Ah, steh' da, mein guter Tobias, die treue, biedere Seele! Komm' her, alter Bursche, wir sind Dir in Gnaden gewogen, Du hast uns ja oft als munteren, ungezogenen Burschen auf deinen Knieen geschaukelt und uns durch dein Fürwort manchen Verdruß beim seligen Onkel erspart, der sich meiner so väterlich angenommen! (Tobias will reden.) Nur still, alter Bursche, ich weiß ja, was Du sagen willst! Du hast auch mein ganzes, volles Vertrauen, aber nur Eines mußt Du Dir abgewöhnen, mein guter Junge, nur Eines, daß Du immer und ewig allein reden willst! (Tobias will sich, verdutzt, entschuldigen.) Keine Einwendung, Tobias! Ich lese ohnehin in deiner Jeremiasmiene das abgedroschene Thema über meine bevorstehende Dermälung! Aber, ich rathe Dir, bleibe mir mit diesen Hochzeitsepisteln vom Halse. Henriette ist meine Braut und wird geheiratet, das ist ohnehin das Höchste, was man für ein Frauenzimmer thun kann, also punctum! Soll ich aber deshalb, weil ich Bräutigam bin, wie ein blöder Knabe die Augen auf den Boden heften, wenn nur meine Cousine Emilie Fcnerblicke znsendet? (Tobias will reden.) Oh, ich weiß, was Du sagen willst! Du meinst, Emilie sei ohne- dieß schon durch eine Familien-Annerion vergeben? Allerdings schien es so, aber, ich sage Dir, Tobias, dieser Octroirte ist ihr seit Kurzem wieder laut 6AaI, ja, sogar zuwider! Es ist auch ein langweiliger Dandy, dieser Monsieur Finkenschlag, ein wahrhaft alberner Tropf, der auch, wie Du, andere Leute nie zu Worte kommen läßt! Uebrigens scheint er Emiliens stille Leidenschaft für mich zu ahnen, ich schließe dieß aus den wüthenden Blicken, die er beständig nach mir schleudert und cs wäre daher kein Wunder, wenn dieser eifersüchtige Othello eines Tages mit Pistolen in mein Zimmer stürzte, mich zu fordern! (Tobias will erschrocken reden.) Du meinst, dieser Witz des Herrn von Finkenschlag könnte mir vielleicht das Leben kosten? Was liegt daran? Im Grabe ist's so still, so ruhig! Dorthin dringt nicht die Geschwätzigkeit der Menschen! O, es ist fürchterlich, haarsträubend, gräßlich, vom frühesten Morgen, wenn kaum Aurora die Augenwimper erhoben, bis sie spät Abends dieselben wieder schließt, auf dem Markte des Lebens den Tritschtratsch der Menschheit geduldig anhören zu müssen. — Siehst Du, Tobias, deßhalb gehe ich auch zu keiner Wahlversammlung und zu keinem Festessen, weil mir die Festredner so verhaßt sind! Es gibt auf dem ganzen Erdball kein lästigeres Geschöpf, als einen Menschen, der ewig reden will und Andere nie zu Worte kommen läßt, darum beherrsche Dich, Tobias, und schweige! Nimm Dir doch an mir ein Beispiel — man sagt ja sonst — wie der Herr, so der Diener! — So, und nun — (gibt ihm ein Billei, sich vorsichtig umdrehend) eile zu meiner Cousine Emilie, überreiche ihr dieses Billet-dour und auf dem Rückwege frägst Du bei meiner theuren Henriette an, ob sich ihr gestriges Herzklopfen schon gelegt. Aber spute Dich, Tobias, Z denn ich habe Dir noch viel^ sehr Vieles mitzutheilen! (Schiebt ihn fort.) Do avant, Bursche, so avant! (Tobias ab.) Dritte Scene. Fritz (allein.) Ein guter Bursche, wenn er nur einsehen möchte, wie dumm und häßlich es ist, fortwährend reden zu wollen! Da war ick bei meiner Braut schon glücklicher! — Henriette spricht jetzt nickt mehr halb so viel, als sonst und auch Emilie hoffe ich in Bälde von ihrer Redewuth zu heilen, obgleich das bei Frauenzimmern eine sehr schwere Sache ist, denn sie müssen immer das letzte Wort haben und von ihrer Lust zu reden kommt auch ihre Sucht zu — widersprechen! O weh, meine liebe Taute kommt! Nun sei mir der Himmel gnädig! Nun wird die Plappermühle wieder gehörig in Gang kommen! Vierte Scene. Fritz. Frau von Stillmann (aus der Seitenthür links). Fritz (geht ihr rasch entgegen und küßt ihr die Hand). 8ov jour, rna ollere tante, lron Hour! Fr. v. Stillm. (will reden, ihm lächelnd mik dem Finger drohend). Fritz. Nnr Me, liebes Tantchen! Ich ahne jeden wohlgemeinten Sturm, der Henriettens wegen auf Ihren Lippen schwebt, dock kann ich Sie versichern, daß Henriettens Eifersucht ganz und gar grundlos ist. Man muß trotz der sublimen Eigenschaft eines Bräutigams doch auch gegen die übrige Damenwelt galant sein dürfen, wenn man nicht für lächerlich, albern und abgeschmackt gelten soll! Henriette soll daher vernünftig sein und unsere liebenswürdige Cousine Emilie nicht immer mit scheelen Augen betrachten! Mein Gott, das gäbe eine schöne friedliche Ehe, wenn Henriette schon als Braut so intolerant sein Wollte. (Frau von Stillmonn will mit einer Geberde des Unmuths reden.) Sl! Ereifern Sie sich nnr nicht, liebes Tantchen, Sie werden mir am Ende noch heiser, ich weiß ja Alles, was Sie noch sagen wollen. Sie haben ganz Recht, wenn Sie meinen, ein honetter junger Mann darf auch nicht den Schein der Nnsolidität gegen sich haben, nun ja, — ganz gut, ganz schön, aber ich könnte Ihnen Hunderte von Erempeln anführen, — doch nein, lassen wir das — ein Mann soll überhaupt mehr denken, als reden! Bei Ihnen, liebes Tantchen, ist das freilich etwas Anderes! Sie mögen an einer gewissen Redseligkeit Ihr Vergnügen haben, denn Sie sind ja von natura ein Frauenzimmer! Fr. v. Stillm. (ringt ungeduldig die Hände und will reden). Fritz. Beruhigen Sie sich, liebes Tantchen, ich weiß ja, wie sehr Ihnen mein künftiges Wohl am Herzen liegt! (Ihr die Hand küssend.) O, ich liebe und verehre Sie deshalb auch wie meine zweite Mutter; d'rum hören Sie mich ruhig an, ohne mich wieder unterbrechen zu wollen. Soll ich im lieben Ehestande wirklich glücklich werden, so muß Henriette vor Allem ihre thörichte Eifersucht aufgeben. Sie wollen sagen, Eifersucht gelte Ihnen als der heftigste Beweis der Liebe? — Mir nicht, denn Eifersucht erzeugt Mißtrauen — Mißtrauen aber Argwohn — Argwohn erzeugt Zurückhaltung — Zurückhaltung führt zur Entfremdung — Entfremdung zur Zwistigkeit — Zwistigkeit zum Zank — Zank führt wieder zum Hader — Hader zu Zwietracht — Zwietracht zum Streit — Streit zum Zorn — Zorn zur Bitterkeit— Bitterkeit zum Haß — Haß zur Trennung von Seele und Leib — die Trennnng von Seele und Leib führt endlich zur Trennung von Tisch und Bett — (Trocknet sich die Stirn.) Da haben Sie in kürzester Deutlichkeit das schauerliche Register der progressiven Folgen der Eifersucht. Sie werden nun einsehen, bestes Tantchen, weSbalb ich mich so eifrig gegen die Eifer, * sucht ereifere. — Wenn ich das viele Reden nicht so sebr haßte, würde ich mich weit läufig über dieses Thema ausgelassen ha- den, allein Sie wissen, ich liebe in Allem Kurze und Klarbeit, d'rum faßt' ich mich w kurz als möglich! Fr. V. Stillm. (wirft ihm Blicke des Unwillens zu und entfernt sich rasch und erbost). Fünfte Scene. Fritz (allein). Besorgen Sie darum nichts, bestes Tantchen — Henriette soll sich durch mich gewiß nicht unglücklich füh- len — (Bemerkt jetzt erst, daß Frau von Stillmann abgegangen.) Wie? Die gute Tante hat schon das Feld geräumt? Bravo! Diese Herkulesarbeit, mein redseliges, eraltirtes Tantchen zum Schweigen zu bringen, ist mir schneller gelungen, als ich dachte. (Stolz.) Ja, reden und reden ist Zweierlei! — Ick sprach zwar nur wenig, aber überzeugend, bewältigend, wie ein Vertheidiger eontru Staatsanwalt! Der selige Cicero würde seine Freude an mir gehabt haben, — nun stehe ich schuldlos wie ein nenge- bornes Kind da, und kann meiner reizenden Cousine 8airs Sens den Hof machen! Triumph! Ich könnte jetzt vor Wonne die ganze Welt umarmen! — Sechste Scene. Fritz. Rosine (mit Kaffee). Fritz. Ah, charmant! Unser allerliebstes Kammerkätzchen! Sieh' da, Nosinchen kredenzt mir heute als Hebe den duftigen Mocca! Ros. (knirt und will sprechen). Fritz. Lllentiulli! Rostnckcn! Lilorr- tiiim! Nur nicht reden! Schweigen ist Gold! Das ist zwar ein albernes Sprichwort, denn wir haben lange genug geschwiegen, Gold haben wir aber doch nicht! Doch lassen wir das, komm' Rosin- chen, komm', nimm Platz an meiner grünen Seite, wir wollen uns in Compagnie an diesem Mocca laben! (Rosine weigert fick.) Ei, sei doch nicht so blöde, wozu die Ziererei? (Gr umfaßt sie — sie sträubt sich und will ungeduldig reden.) St! St! Nur still, ich weiß ja, was Du sagen willst, Du suchtest den einfältigen Tobias, damit er mir das Frühstück serviren solle, — hast ihn aber nirgends gefunden — ist's nicht so? — Siehst Du, ich weiß Alles. Ros. (will fort). Fritz. Halt, Kind, so entkommst Du mir nicht — ich habe schon lang' einmal mit Dir ungestört plaudern wollen! — Sieh', Rosinchen, ich bin Dir gut, reckt gut — sogar sehr gut — und wenn ich eines Tages nicht mehr 6ar§on, sondern die eine Hälfte von der andern Hälfte, vril^o El emaun sein werde, so werde ick Dir meine Gewogenheit doch unverändert erhalten, denn ich halte an dem humanen Grundsätze fest: mau muß einen Diener nie als Diener, sondern als Freund behandeln und damit Du siehst, daß ich nicht stolz, sondern Dir wirklich von Herzen gut bin, empfange diesen Kuß als Beweis meiner Freundschaft! (Küßt sie.) Ros. (läuft scbreiend ah). Siebente Scene. Fritz. Frau v. Stillmann. Henriette. (Beide sind g tempo aus der Seitenthür getreten.) Fritz. Alle Wetter! Meine Braut! Jetzt heißt cs, den Kopf aus der Schlinge ziehen! (Eilt auf Henriette zu und küßt ihr die Hand ) Meine geliebte Henriette, ich bin glücklich, Sie heute schon so früh begrüßen zu dürfen! (Besieht sich.) Mein Gott! Pardon! Tobias, meinen Frack! (Hat in der Berle- genheit den Schlafrock ausgezogen.) Aber, wo steckt denn der Schlingel? Ja so, ich habe ihn fortgeschickt! Meine Damen! ^x6U8e! (Zieht hastig wieder den Schlafrock an und schlägt die Schöße desselben so zurück, daß er die Form eines Frackes annimmt) So! — Ein Genie muß sich zu Helsen wissen! (Stellt 5 Stühle.) Welch' günstigen» Geschick, meine angcbetete Henriette, HM ich heute so zeitlich das Gluck Ihrer Gegenwart zu verdanken?— (Henriette will reden.) Aber mein Gott, Sie werfen mir ja heute so vernichtende Blicke zu! Etwa deshalb, weil Sie der Zufall gerade in dem Momente ein- treten ließ, als ich vorhin zufällig — und Sie könnten glauben, — nein, Henriette, ick bin — gewiß, sie ist — parols cl'liov- neur — nur keine Mißverständnisse! — Fr. v. Stillm. und Henr. (wolle,. Beide mit einer heftigen Bewegung zugleich reden). Fritz (sich erschrocken die Ohren zuhaltend). Reden Sie nickt, meine Damen, ich weiß Alles, was Sie sagen wollen und hören Sie lieber den eigentlichen Hergang dieses fatalen Zufalls? Da mein Diener, den ich heute Morgen zu Ihnen gesendet, um über Ihr gestriges Herzklopfen Erkundigung ein- znziehen, nock nicht nack Hause gekommen, servirte mir Rosine das Frühstück. Das ist doch ganz natürlich und unschuldig! Nickt wahr? Aber plötzlich übersiel die Arme ein Krampf im rechten Arm und ich — der ick keinen Sperling kann leiden sehen — schickte mich aus purem Mitleid an, durch ein schnelles Frottiren des Armes ihr den Krampf zu vertreiben. Meine energische Operation mochte jedoch die arme Kleine ein wenig angegriffen haben, weil sie im Moment meiner Heilmethode heftig auf- sckrie und davonrannte. In diesem verhängnisvollen Operationsmomente erschienen Sie, geliebte Henriette, während — wenn Sie nur eine Minute früher gekommen wären — die ganze Erzählung dieser Stnbenmädels-Leidensgeschichte überflüssig gewesen wäre. Fr. v. Stillm. und Henr. (zucken die Achseln und wollen gehen). Fritz. Wie? Sie glauben mir nicht? Sie wollen mich verlassen, Henriette, ohne mick einer Antwort zu würdigen? Henr. (will reden). Fritz. O nicht doch, reden Sie nicht, reichen Sie mir lieber Ihre schöne Hand, znm Zeichen der Versöhnung! Wozu anck der vielen Worte? Ich werde mich sogleich an die Ausarbeitung nnseres Ehecontractes machen und ans den Flügeln der Liebe damit zu Ihnen eilen, denn ich kann den seligen Augenblick nicht erwarten, in welchen» ich Sie, angebetete Henriette, ans ewig mein nennen darf! (Küßt ihr die Hand.) Also, Versöhnung! — Liebe und Vertrauen! — ^äiou! Non anAv! wcliou! Auf fröhliches Wiedersehen! (Begleitet die Damen zur Thür-) revoir! uu revoir! Achte Scene. Fritz (allein, trocknet sich die Stirne). Alle Wetter! Das hat Sckweiß gekostet! Das ist keine Kleinigkeit, wenn man so zwischen zwei leidenschaftlichen Frauenzimmern einein förmlichen Kreuzfeuer von bitteren Vorwürfen geliefert ist, aber ick habe mich siegreich wie ein Advocat aus der Patsckc gezogen! (Sinkt in den Stuhl.) Ach, ick bin von dem vielen Reden ganz erschöpft, denn »nein Wahlspruch ein-für allemal lautet: »Nur nicht reden!« (Geräuschvon außen.) Was ist denn das schon wieder? Nennte Scene. Fritz. Herr von Finkenschlag (herein- stürmend). Fritz (erschrocken). Emiliens Bräutigam! Na, der fehlte noch! (Springt auf ihn zu und schüttelt ihm die Hand.) Willkommen! Nor» elier.umi! Finkenschlag (will reden). Fritz. Echanfsiren Sie sich nicht, Frennd- chen, ich habe heute so entsetzliche Kopfschmerzen, daß ich kein lautes Wort vertragen kann. Zudem weiß ich ohnehin, weshalb Sie mir die Ehre Ihres Besuches erweisen. Liebster, bester Finkenschlag, Sie 6 glauben sich von mir beleidigt und wollen deshalb Satisfaction? — Gut, ich bin bereit, Säbel oder Pistolen, meinetwegen auch: gezogene Kanonen, vor der Hand aber hören Sie mich mit kaltem Blute an. Finkenschlag (macht eine heftige Bewe- gung und will reden). Fritz. Nur piano, sotta vooe, rnoäe- rato, wertster Freund, nicht gleich so hitzig, so aufbrausend! Sie irren sieb gewaltig, wenn Sie mich bei Fräulein Emilie für einen heimlich Begünstigten halten. Finkenschlag (will reden). Fritz. So fallen Sie mir doch nicht immer itt's Wort! (Hängt sich vertraulich in seinen Arm.) Es ist wahr, ick habe Ihrer liebenswürdigen Braut ein wenig den Hof gemacht, aber lediglich nur in der Absicht, um zu sehen, ob denn meine Henriette nicht einer kleinen Eifersucht fähig wäre, denn obne Eifersucht gibt es sa keine wahre, echte Liebe! Sehen Sie, Freundchen, das ist es, worüber ich Sie schon hundertmal anfklären wollte, aber Ihre entsetzliche Leidenschaft. immer reden zu wollen, bat mich ja nie zu Worte kommen lassen. Nun aber wissen Sie den Grund ' meines etwas vertraulichen Benehmens gegen Emilie und zu Ihrer völligen Beruhigung mögen Sie erfahren, daß ich gerade daran bin, meinen Ebecontract aufzusetzen. Wollen Sie mir in einer Stunde wieder das Vergnügen Ihrer Gegenwart schenken, können Sie den Eontract gleich als Zeuge uurerfertigen. Finken schlag (sichtbar verlegen, will reden). Fritz. Kein Wort weiter; geben Sie mir die Hand, lieber Finkenschlag,. und wir werden gewiß noch recht dicke, wo nicht die dicksten Freunde werden, — nur Ihre verwünschte Eifersucht und das viele Reden müssen Sie sich abgcwöhuen! Wahrhaftig, wäre ich ein Mädchen, Ihre Liebe würde mich stolz machen! (Umarmt ihn.) Fiuken- schlag, von heute an: Du und Du! — Und nun, mein guter Junge, laß Dich nicht stören, geh' in dein Kaffeehaus, lese deine Journale. — (Gibt ihm eine Cigarre.) Hier hast Du ein Extrablatt —, ich werde indcß meine Ehepacten concipiren. (Drängt ihn zur Thür.) Leb' wohl, Finkenschlag, in einer Stunde seh' ich Dich als Zeugen wieder! (Finkenscblag ab.) Ach! Luft! Luft! Ich ersticke! Ist das ein gräulicher Mensch dieser Finkenschlag, mit seiner Duellwuth! Nun au's Concevt meines Ehecontractes! (Richtet sich zum Schreiben.) Zehnte Scene. Fritz. T o b i a s (stolpert zur Thür herein). Fritz (sich wendend). Was gibt's? Ah, Du bist's! Wo bist Du denn so lange geblieben, Du alte Schnecke? Tobias (will reden). Fritz. Nur keine leercnAusflüchte! Was für Nachrichten bringst Du? Tobias (gibt ihm einen Brief und will reden). Fritz (nimmt den Brief). Ah, gewiß von Henriette, meiner Braut! (Oeffnet ihn und sieht nach der Unterschrift.) Ah! was seh' ich — von Emilien! Der Engel schreibt an mich! (Agßt den Brief) Von Emilien! — Jetzt, Tobias, rede ungescheut, was macht die Reizende? Dachte sie an mich? sprach sie von ihrem Fritz? sehnt sie sich nach meiner Gegenwart? O gewiß! Gewiß! (Liest.) »Mein einziger, theurer Freund!« (Spricht.) D, wie zärtlich! Wie bingebend! haba! wennFinkenschlag das wüßte! (Liest.) »Mißdeuten Sie weder diese Zeilen, noch mein baldiges Erscheinen in Ihrem Hause, allein Tinge, die Ihre gewesene Braut betreffen, mögen Beides entschuldigen —« (Spricht.) Was soll das heißen? Gewesene Braut—! Sollte Henriette treulos sein? (Liest.) »Sorgen Sie daher, geliebter Freund, daß ich mit Henrietten in Ihrem Hause nickt zusammenkomme.« (Spricht.) Da bin ich dock begierig! — Tobias, schnell auf deinen 7 Posten, Fräulein Emilie kann jeden Augenblick kommen, — sei verschwiegen gegen Jedermann, — ich werde Dich fürstlich belohnen. Tobias (geht ackfelzuckend ab). Fritz (Jubelnd.) Ich Glücklicher aller Sterblichen! Sie kommt! Emilie kommt! Doch still', — ich böre Schritte, — ja, — das ist ibr Zephirtritt! O Gott, wenn nur jetzt nicht wieder der Zufall einen Unberufenen hersührt! — Eilfte Scene. Fritz. Henriette (verschleiert durch die Mitte), dann Finkenschlag (durch die Mitte). Frau v. Stillmann (von rechts), zuletzt Rosine und Tobias (durch die Mitte). Fritz (eilt auf sie zu, ihr zärtlich die Hand küssend). O geliebte Emilie, wie glücklich macht mich Ihr Erscheinen,— ich schwöre es Ihnen in diesem feierlichen Augenblick, nur Sie allein thronen als unumschränkte Souveränin in meinem Herzen, — in diesem Augenblicke ist Henriette für mich todt, und ich bin für sie verloren. Ihnen allein, geliebte Emilie, sei fortan mein Leben geweiht! Oreden Sie nichts, die Sprache hat ja doch keine Worte, um vasEntzücken dieses Augenblicks zu schildern. Finkenschlag (tritt ein). Fritz (für sich). Lieber Freund, ich habe Dich zwar vor einer Stunde eingeladen, aber ich bin jetzt dringend beschäftigt —! (Laut.) St! Kein Wort mehr, wozu unter dicken Freunden so viele Umstände? — (Drängt ihn zur Thür, während der Zeit treten die übrigen Personen ein.) Also aus Wiedersehen! — Morgen früh! (Hat ihn hinauSge- schoben und erblickt jetzt die Uebrigen.) Was ist das? — Sie auch hier, liebes Tantchen? Und Rosine? Tobias? Da ist Verrätherei im Spiele, doch das thut nichts,— wisset denn Alle, die Bosheit, Neugier oder Zufall in dieser Stunde hieher geführt — (auf Henriette zeigend) diese Dame und keine Andere wird mein geliebtes Weib! Ja, Emilie, hinweg mit dem neidischen Schleier, der mir deine gelieben Züge verbirgt, empfange vor Aller Augen den Ver- lobnngsknß! (Er entschleiert Henriette und prallt, sie erkennend, verdutzt zurück. Alle lachen, er sammelt sich aber rasch.) So hat mich also meine Ahnung nickk getäuscht; Henriette! Himmlische Henriette! O, ich wußte ja vom erste» Augenblick, daß dieß verschleierte Bild nicht das zu Sais, sondern meine theure Henriette ist! O, ich weiß, es war Alles mit dem ehrlichen Tobias (ihm eine drohende Geberde machend) so abgekartet! (Bei sich.) Ich könnte bersten vor Wuth! Henriette (gibt ihm einen Brief). Fritz. Was ist das? Dieß Blatt enthält wahrscheinlich die Versicherungspuncte für unseren Eyecontract, ich wollte ihn eben aufsetzen? (Oeffnet den Brief, verdutzt.) Wie? Ein Brief aus Ihren Händen und mit Emiliens Unterschrift? Was soll das bedeuten? Bitte, reden Sie nichts, es muß sich ja gleich aufklären! (Liest.) »Unerträglicher Schwätzer! Lächerlicher Don Juan! Sie sind entlarvt, Henriette weiß Alles, denn sie ist meine intimste Freundin undhat,wie ich, nur noch Mitleid für Sie. Mit dem Wunsche, daß es einmal in Ihrem Kopfe licht werden möge, damit Sie endlich denken lernen, statt zu schwätzen, wodurch Sie nur sich und Andere belügen. Ihre wohlmeinende Cousine Emilie.« (Spricht.) Ah! ah! Mir das! Frau v. Stillmann (will reden). Fritz. Schweigen Sie nur um's Himmels willen mit Ihren Vorwürfen! 'S ist gräßlich! Ich — ein Lügner! Ich ein Schwätzer—! Ich —! während gerade mich all' die Andern zu übertäuben und zu überschreien suchen! (Henriette hat sich in- * dessen mit Frau v. Stillmann entfernt.) So hören Sie doch, theure Henriette, hören Sie! Sie ist fort und meine Tante auch! Es ist zum Rasendwerden! (Zu Rosine und Tobias, die, als er auf sie heftig zutritt, durch die Mitte entfliehen.) Daran seidJhrSchuld, Ihr ganz allein! Ihr habt mich verrathen! Letzte Scene. Fritz. (Allein.) Gut denn, so bleibe ich ledig! — Die Liebe ist zwar ein süßer Most, die Ehe hingegen ein saurer Essig! Die Liebe gleicht zwar dem schmelzenden Adagio einer Flöte, die Ehe aber dem Brummen des Contrabasses. — Die Liebe gleicht zwar einem Goldbergwerke, die Ehe aber einer Schmiede, in welcher nur Beißzangen fabricirt werden, erAo, ich bleibe ledig! (Während der folgenden Rede beginnt sich der Vorhang langsam zu senken, so. daß er bei Fritzens letzten Wo.ten u tompo hinter seinem Rücken auf die Bühne fällt.) Aber meine Tante, Henriette, Emilie, Finkenschlag, Tobias, Rosine, kurz aller Welt werde ich einen Prozeß an den Hals werfen, die da behaupten, ich ließe die andern Leute nicht zu Worte kommen. Und Sie, Verehrungswürdige (zum Publi- cum) — Sie werden mir Zeuge sein, daß ich heute fast noch gar nichts gesprochen, daß ich vielmehr das ewige Plaudern Haffe, und daß gerade jetzt, wo man endlich reden darf, — dennoch mein Wablspruck lautet: »Nur nicht reden!* — Ende. Von demselben Verfasser ist erschienen: Ueberall Diebe! Original-Schwank in einem Acte. 7/, Sgr. oder 35 kr. Druck und Papi« von üropold Eommrr in Wir«. (Den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt.) Unrecht Gut! Charakterbild mit Gesang in drei Acten nnd einem Vorspiele ! von^ Friedrich Kaiser. Musik vom Kisiellmcister C. F. Stenzl. Mit glänzendem Erfolge znerst aufgefuhrt im k. k. priv. Carl-Theater in Wien. Mesonen des Vorspiels: Faltner. Handlungsdiener außer Condition. Baldrian, sein Better. Teiner, Lotto-Collectant Riegler, j Krau Barbara. > seine Nachbarn. Frau Loringer, s Ein Knabe. Erster Gast. Zweiter Gast. Ein Laternanzünder. Ein Bote des Telegraphen-Bureau's. Ein Briefträger. Marqueure. Vorstadt-Bewohner. Kaffeehausgäste. Personen des Stackes: Faltner, ein reicher Kaufmann. Ma^iV?' ! l°i"e Binder. Baldrian, Geschäftsführer Schnecker, i ^ .. «-um-,,».I Tie send erg. Ingenieur. Hoßmann. Börsespeculant. in Faltner'S Dienst. Walzner, Braumeister. Moritz Heiter, Mediriner. Schnapper, Chirurg. Lord Ellbourn. Krau Altner. Tcödlerüwitwe. Jobst, ein alter Bergmann. Tobias, sein Sohn, Kurt. Pächter. Bergleute. Musiker. Dienerschaft. Landleute u. s. w. (Zwischen dem Vorspiele und dem Stücke liegt ein Zeitraum von zwanzig Jahren.) Vorspiel. (Platz in einer entlegenen Dorstadt. Im Hintergründe ein kleines altmodisch gebautes Haus, vor demselben eine steinerne Säule, in welcher hinter einem Gitter ein Bild angebracht ist. Vor diesem Bilde ragt an eine eiserne Stange befestigt, eine Laterne hervor, deren Gläser vom Staub erblindet find — im Vordergründe links eine Lotto-Collectur, rechts ein Kaffeehaus von ordinärem Aussehen, mit einem Vorzelte, unter welchem ein Tisch und Sessel stehen. — An einigen Häusern sind Laternen angebracht.) Erste Scene. Terner, Frau Barbara, Riegler. Mehrere andereVorstadt-Bewohuer (kommen vom Hintergründe her. Einige haben Flöre auf den Hüten). Barb. Das war wirklich zum Herz- brecheu! Teru. (sich mit einem Sacktuche die Augen trocknend). Und wenn man erst ein so weiches Herz hat wie ich — Riegl. Mich hat nur der arme Junge gedauert! Barb. Vor einem halben Jahr ist sein Vater gestorben — Riegl. Und heute haben wir seine Mutter hinausgetragcn! Barb. Wie der arme Verwaiste am Grabe hillgesunken ist! — Ich glaub', er hätte sich gleich mitbegraben lassen! Tern. Ick bitte Euch, liebe Nachbarn, sprecht nicht mehr darüber. Ich habe gar so ein weiches Herz, und die Verstorbene war meine leibliche Muhme. Riegl. Na, für den Buben ist's noch ein Glück, daß er'doch hier einen Verwandten hat! Sie sind sein Vetter, sind ein ran- girter Mann, Sie werden doch etwas für ihn thun. Tern. (schnell das Tuch von den Augen rvegziehend und Riegler erstaunt ansehend). Was? — Ich etwas thun? — Was mir die Leute Alles zumuthen! — Ist's nicht schon Unglück genug, wenn man arme Verwandte hat? — Jetzt soll man am Ende etwas für sie thun auch noch! Riegl. Na, Sie haben doch dahier die Lotto-Collectur, die etwas einträgt, sind ein lediger Mann, Sie könnten den Kleinen leicht an Kindesstatt annehmen! Tern. Gar dumm! — Wenn ich Kinder hätte haben wollen, so war' ich nicht ledig geblieben! — Barb. Aber Sie haben seiner Mutter doch am Todtenbett versprochen, daß Sie für sein Fortkommen sorgen wollen. Tern. Ja wohl, d'rum will ich auch sorgen, daß er bald fortkommt, heute noch! — Hier in der Nähe hat er nur entfernte Verwandte, der Schulmeister in Trübensee ist sein nächster Vetter, der hat eilf Kinder, soll er den auch noch nehmen, damit 's Dutzend voll wird. Riegl. Herr Terner, Sie sind ein harter Mann! Tern. Ich? — Ich? — Das können Sie sagen? — Haben Sie denn nicht gesehen, wie ich bei der Leiche geweint habe? — Riegl. Ah was! Es haben manche Leute immer Wasser in den Augen und doch immer einen Stein im Herzen. Aber wir, (zu den Uebrigen) liebe Nachbarn, wir wollen wenigstens ein bischen was für ihn thun, — legen wir jedes ein paar Groschen zusammen, damit der arme Junge doch ein Bischen was für seine Wanderschaft hat. Alle. Ja, ja, das thun wir! Riegl. Na, gebt her, was euer guter Wille ist. (Nimmt seinen Hut ab und reicht ihn herum.) Die Uebrigen (werfen kleine Münzen in den Hut). Z Barb. Geld kann ich nicht hergeben — ich komm' ohnehin schwer aus, aber ich Hab' zu Hause noch ein graues Mäntelchen, aus dem mein älterer Bube herauS- gewachsen ist, das schenk' ich ihm! Riegl. Das ist noch besser wie Geld! (Zu den Uebrigen.) Vergelt's Gott Euch Allen! (Zu Terner.) Na, was sagen denn Sie dazu? — Tern. (sich die Augen trocknend). 3a, es ist rührend, solche mildthätige Menschen zu sehen! — Es ergreift mich selber, und d'rum — d'rum will ich auch was für ihn thnn. Riegl. Na also! — (Hält ihm den Hut hin.) Tern. Ja, ich will etwas für ihn thnn, wenn ich mit meinen Losen in der Frankfurter-Lotterie einen ordentlichen Gewinn mache — die Ziehung ist eben heut', und ich warte schon jede Stunde auf die telegraphische Depesche. Riegl, (ihn verächtlich messend). Aber wir warten nicht d'rauf.— Kommt, Nachbarn , bringen wir dem Kleinen unser Almosen! Alle. Ja, thnn wir das! (Gehen mit Riegler ab.) Tern. Das sind spaßige Leute — ich leiste obnehin, was ich kann! — Geweint Hab' ich,— für ihn geredet Hab' ich,— ein paar gute Lehren will ich ihm auch noch auf den Weg geben — ja, was soll ich denn noch thnn?! — (Folgt den Uebrigen.) Zweite Scene. Baldrian (im liederlichen Anzuge, den Hut schief auf den Kopf gesetzt, kommt vom Hintergründe her). E n t r v e - L i e d. Der Plato war bei den Razen (Griechen) Schullehrer, Und hatte als solcher sehr viele Verehrer, Er hat den Satz aufg'stellt, daß d' Seel'n alle wandern, Daß d'Menschenseel'n g'steckt sind in Thie- ren in andern, Und betrachtet man g'nau manche Men- schennaturen, So findet man wirklich ganz deutliche Spuren, Daß Recht hat der Plato, man sieht oft gleich ein, Der und der muß schon einmal ein Vieh g'wesen sein. Einer ist im Dienst bei ein'm Herrn, einem barten, Der pflegt ihn zu Hunzen auf allerhand Arten, Doch er leckt für Alles demüthig die Hände, Dient für schlechten Lohn fort ihm bis an sein Ende, Muß manchen moralischen Fußtritt erleiden, Doch kommt er stets wedelnd herg'laufen mit Freuden, Sobald nur der Herr ihm ruft gnädigst' »herein!* Jetzt, der muß schon einmal ein Hund g'wesen sein. Sieht man einen Ehmann, der All's sich läßt g'fallen, Die Frau macht viel Aufwand, er muß ihn bezahlen, Die Frau ist coquett, läßt sich gerne umschwärmen, Er schaut ruhig zu, ohne sich d'rüber z'härmen. Die Frau sagt: »Heut komm' nicht nach Haus' mehr, ich bitte, Denn 's kommt der Herr Vetter bei mir zur Visite,« Und er läßt den Vetter noch selber herein, Jetzt, der muß schon einmal ein Hirsch g'wesen sein Sieht man 'nen Lion, das Gesicht ganz bebartet, Wie unter ein'm Fenster auf 'ne Schöne er wartet, 1 * 4 Wie er sich geberdet, sich drehet possierlich, Den Backenbart streichelt, damit er recht zierlich, Und auf- und abhüpfet mit solchen Manieren, Man sieht, 's fällt ihm schwer nicht zu geh'« auf all'n Vieren, Was ein Engländer thut, macht er nach auch zum Schein, Jetzt, der muß schon einmal ein Aff' g'we- sen sein! Ja, die Lehre von der Seelenwanderung hat wirklich außerordentlich viel für sich — denn wenn es gewiß ist, daß alle Wesen nur nach und nach der Vollendung ent- gegengehen, so müssen wir Menschen, die wir offenbar schon vollkommener sind als andere Geschöpfe, doch vor unserer jetzigen Existenz in einer andern Gestalt die nöthige Praxis durchgemacht haben, um es eben zum gegenwärtigen Grad von Vollkommenheit zu bringen. Man wird dagegen ein- wenden, daß wir uns dann doch auch auf diese animalische Vergangenheit erinnern müßten; — dieser Einwurf widerlegt sich aber dadurch, daß so viele sich nicht einmal darauf erinnern wollen, was sie im Verlaus ibrer 8 oi-äi 83 .nt menschlichen Existenz einmal waren. Erinnert sich ein dummer Kerl, der durch einen Glückszufall reich geworden, von Speichelleckern und Schmarotzern als geistreicher Mann gepriesen, was er von Haus aus für ein Vieh war? — Nein! — Erinnert sich Einer, der es durch jahrelanges Krieche,! zu einer glänzenden Stellung gebracht hat, in der er stolz seine Papillonflügel schwingt, daß er früher ein ekelhafter Wurm war? — Nein! — Warum sollen also wir uns auf das erinnern, waö wir vor der unser ganzes Wesen verändernden Metamorphosirung waren? — Aber mir wär's interessant, zu wissen, was ich einmal gewesen? Wenn man annimmt, daß wir immer vorwärts schreiten, so muß ich auf jeden Fall damals was Geringeres gewesen sein, als jetzt; da ich aber jetzt gar nichts bin, so wäre die Beantwortung der Frage, was ich früher war, wie ich noch weniger war, eine Aufgabe, die man der naturhistorischen Section der Akademie der Wissenschaften zur Lösung vorlegen könnte! Wenn aber auch der Satz, daß aus nichts — nichts wird, seine mathematische Richtigkeit hat, so bietet ein Blick in meine Zukunft erfreuliche Aussicht! — Nach dem Willen meines VaterS hätt' ich mich der Industrie widmen sollen, weil man aber in dem Beruf, zu dem man bestimmt ist, immer das Höchsteaustreben soll, so hat es mir nicht genügt, einfach ein gemeiner Industrien«,»,» zu werden, sondern ich bin lieber gleich Industrieritter geworden! Das war gewiß ein edles Ziel und ich hab's erreicht.— Es hat mich aber auch Arbeit gekostet, denn der ganze An- theil an der Fabrik, die ich geerbt, — ist verarbeitet worden! — Somit sind die schwerlastenden Geschäftssorgen weg und ich Hab' dafür eine Stellung, in der ich mir spielend mein Geld verdiene! — Da — (auf's Kaffeehaus weisend) ist der Schauplatz meiner Thaten, mein industrieritterlicher Lvurnierplatz! Dahier, in dem entlegener» Vorstadt-Kaffeehaus, da kommen noch edle Kämpen zusammen, kühne Waghälse, denen die gesetzlichen Schranken des Spieles zu eng sind, und die mit wahrer Todesverachtung oft ihre ganze Existenz auf Eine Karte setzen! — Das is eine Passion! Da gibt's doch noch einen Aufregungs- und Leidenschaftssturm, und g'rad in diesem Sturm ist mir so »vohl! — Ja — ich bin Spieler mit Leib und Seele — und find' es höchst lächerlich, wenn man behauptet, daß eS roh »väre, sich einer solchen Leidenschaft hinzugeben! — Im Gegentheil, g'rad das Hazardspiel ist ein Mittel gegen die Rohheit, denn wie kann man da »oh bleiben, wenn man so oft abgesotten wird? 5 Dritte Scene. Baldrian. Faltner. Faltn. (ebenfalls in einem vernachlässigten Anzuge, tritt auS dem Aaffeehause. Baldrian erblickend). Ha! Vetter Baldrian! Gut, daß Du kommst! Baldr. Fehl' ich denn einen Tag? Aber wie schaust denn Du aus? Du bist ja so zerstört wie eine eingenommene Festung! Faltn. Ja, wie eine eingenommene Festung ausgeplündert! — Baldr. Aha! Hast Du wieder recht verloren? Faltn. Alles — alles, sogar meine sil berne Uhr! Baldr. Ja, so geht's! — Unglück im Spiel — Glück in der Liebe. Faltn. Ich bitte Dich, laß mich mit den dummen Sprichwörtern aus! Glück in der Liebe — ja ein sauberes Glück! Bald. Na, erlaube mir, wenn ein Kerl wie Du, ein Handlnngsdiener, der in keiner Condition anShält, der von Reckst^ wegen gar nicht mebr langsam gehen darf, weil er überall den Laufpaß kriegt, doch noch ein Gänschen findet, das sich das Leben um ihn herunterfrißt, das ist doch wirklich mehr Glück als — Dingsda! — Faltn. Ja, meine Theres — wenn ich die schon mein nennen könnte, — da wär' Alles — Alles anders! — Ich würde ein ganz anderer Mensch — aber ihr Vater — Baldr. Na ja, der theilt freilich die Gefühle seiner Tochter nicht! — Cs ist überhaupt ein Unglück, wenn ein sauberes Mädel einen »Vater« hat! — Also er will noch immer nichts von Dir wissen? Faltn. Ganz darf ich die Hoffnung noch nicht anfgeben, aber g'rad um das Glück in der Liebe zu haben, müßt' ich erst Glück im Spiel haben! Baldr. Was willst Du damit sagen? Faltn. Ich habe vor vierzehn Tagen, eh' er mit seiner Tochter ans's Land gezogen ist, mit ihm gesprochen, er hat mir ihre Hand nicht ganz verweigert, aber er hat Bedingungen gestellt! — Erstens hat er gesagt, sott ich ein ordentlicher Mensch werden — Baldr. Wie kann der Mann so unausführbare Bedingungen stellen? Faltn. Ich sott arbeiten und sparen — soll zuerst meine Schulden zahlen. Baldr. Ja, wenn ihr dann erst heiraten sollt, könnt' ihr gleich mit der goldenen Hochzeit anfangen. Das nöthige Alter werdet ihr bis dahin schon erreicht haben! Faltn. Spotte nicht! — Du begreifst nicht, zu was Allem mich die Leidenschaft bringen könnte. (Mit dem Ausdruck eines verzweifelten Entschlusses.) Ich sage Dir — wenn ich wo — unbewacht — die Summe liegen sähe — ich weiß nicht, was geschähe! Baldr. Ja, die Lieb' muß aus einer Diebsfamilie stammen, sie schleicht sich überall heimlich ein — stiehlt Herzen, raubt Küsse, warum soll sie nicht auch einmal was Reelercs stehlen? — Faltn. Die Möglichkeit, ohne ein Verbrechen schnell zu Geld zu kommen, liegt nur im Spiel! — Baldr. Du hast Recht — das Spiel ist so zu sagen die Essenz des Lebens — was man im gewöhnlichen Leben oft erst in Jahren gewinnen oder verlieren kann, das faßt sich im Spiel oft in einer halben Stund' zusammen. Faltn. Aber mich verfolgt das Unglück! — Die letzten fünfzig Gulden Hab' ich heute verspielt — zuletzt Hab' ich statt Geld meine Uhr ans die Karten gesetzt. Baldr. Und sie ist auch gegangen.— Du hättest sie halt nicht früher aufziehen sollen, dann war' sie stehen geblieben! Faltn. Ich bitte Dich, mach' jetzt keine Witze! — Sag' mir, hast Du Geld bei Dir? — Baldr. Ja, zwei Thaler (zieht sie aus der Westentasche.) von denen muß der eine ein Mandel (Mann), der andere ein Weibel 6 (Weib) sein, da d'rin (aufs Kaffeehaus wei. send) wird es heißen: »Wachset und mehret euch!« — Faltn. (hastig mit Gier). Ich bitte Dich, leih' mir einen von den Thalern, damit ich fortspielen kann. — Das Glück muß sich jetzt wenden. Baldr. (rasch das Geld einsteckend). Was fällt Dir ein? Von einem Gelde, welches MM Spiel bestimmt ist, etwas wegleihen, bringt Unglück, das ist eine alte Regel. Falrn. Bah, wirst doch nicht so abergläubisch sein! Baldr. Es gibt keinen echten Spieler ohne Aberglauben! Faltn. Mich, deinen Detter, läßt Du umsonst bitten um eine solche Kleinigkeit Baldr. Kleinigkeit!— Weißt Du, was aus einem Thaler alles werden kann? — Die zwei Silberstücke sind wie zwei Soldaten, die in den Krieg ziehen; jetzt kannst Du es keinem von beiden ansehen, welcher der Hasenfuß und welcher der Held ist, Der Hasenfuß läuft mir davon, der Held kommt mir aber zurück als Sieger, vielleicht mit hundert Gefangenen — wenn ich Dir also einen von den zweien gäbe, so könnt' es just der Held sein, und mir bliebe der Hasenfuß!— Da küßte ich die Hand dafür! Also laß' mich gehen! Faltn. Baldrian, ich Hab' keinen Kreuzer Geld auf ein Nachtmahl! Baldr. Dafür will ich sorgen!—Warte hier aus mich, wenn ich Glück Hab' und etwas gewinne, so bring' ich Dir Geld ! — Mack' dann damit was Du willst — aber jetzt laß mich fort! Ich verplaudere da nutzlos die Zeit, und da drinnen werden schon Schlachten geschlagen! — D'rum laß hinein mich eilen — die Ehre ruft! — Ich darf nicht länger weilen! (Ab in'SKaffee- hauS.) Faltn. Wenn er gewinnt, bringt er mir Geld heraus! — Gott! Wenn er nur heute Glück hätte! Und bald — nur bald — ich halt's vor Ungeduld nicht aus! Hinein mag ich nicht mehr gehen ohne Geld, ich will da warten und da (auf ein Fenster des Kaffeehauses weisend) durch das Fenster sch' ich ja, — wie's ihm geht! (Er tritt zu dem Fenster unter dem Zelte.) (ES wird nach und nach dunkel.) Vierte Scene. Tcrner. Ein Knabe. Faltncr. Tern. (kommt, einen sechsjährigen Knaben an der Hand führend. — Der Knabe ist in ein abgetragenes graues Mäntelchen gehüllt und hat ein rundes graues Hütchen, um welches ein schwarzer Flor gewunden ist, auf dem Kopfe, — ein kleines Bündelchen unter dem Arme, er trocknet sich mit der Hand die Thrä- nen aus den Augen.) Wein' jetzt nickt! — Du machst mir selber das Herz schwer! — So geh', hör' auf! — Knabe (weinend). Ich kann nicht! Tern. Es wird sich Alles geben — Du kommst jetzt zum Vetter Schulmeister, da sind eine Menge Kinder. Knabe. Aber meine Mutter nicht! — Tern. Tröste Dich — ihr geht's jetzt besser als uns, denk' Dir nur, unser Herrgott nimmt nur die guten Leute zu sich, die schlechten läßt er da! — Also sei jetzt qescheidt, Buberl! (Junge). Gib Acht, was ich Dir jetzt sage: Du gehst da (in die Scene weisend) die Straße fort, immer g'rad aus, bis nach Trübensee — es ist wohl ein weiter Weg, fast sechs Stnndrn. — Wenn Du müde wirst, kannst Du in einem von den Dörfern ausruhen und Dir Obst oder Brot kaufen — da — da hast Du zwölf Groschen, die die guten Leute für Dich gesammelt haben — (gibt ihm das Geld) steck' sie gut ein! — Knabe (das Geld einsteckend). Ist schon recht! Tern. Was sonst noch dein gehört, hast Du mit, und jetzt geb' ich Dir auch noch das letzte Vermächtniß von deiner Mutter! Knabe (aufblickend). Don meiner Mutter? Tern. Ja, das arme Weib hat einen alten Henkelthaler, den sie selber, glaub' 7 ich, wieder von Ihrer Mutter geerbt hat, immer an einem schwarzen Schnürchen um den Hals getragen. — Knabe. Ja, ja — das weiß ich! — Tern. Eh' sie gestorben ist, hat sie mir noch den Thaler gereicht, damit ich ihn Dir geben soll. Knabe. Wo — wo ist er? Tern. (zieht eine in Papier gewickelte Silbermünze hervor und löst das Papier ab.) Da — da ist er! Knabe (langt hastig darnach.) Ja — der ist's — den hat sie immer am Hals getragen. — O meine arme, liebeMutter —- von Dir — (küßt den Thaler.) Tern. Aber sieh einmal, den Thaler mit dem Henkel kannst Du doch nicht ausgeben, wenn Du willst, geb' ich Dir zwei Gulden iu Banknoten dafür. — Knabe. Nein—nein, den geb' ich nicht her! — Die Mutter hat immer gesagt, daß der Thaler Segen bringt! Tern. Na, — so behalt' ihn, aber gib nur gut Acht darauf! Knabe. Ja, ja, gut Acht geben! (Schiebt den Thaler ängstlich in die Tasche.) Tern. Jetzt hör' mich an! Es gibt böse Leute — auf der Straße treiben sich Vagabunden und anderes Gesindel herum! d'rum rath' ich Dir, zieh' unter Weg's nicht etwa den Thaler heraus, denn wenn das so ein Kerl bemerket, so nimmt er Dir ihn weg. Knabe (ängstlich die Hand aufseine Tasche legend). Nein — nein! Tern. So— gewarnt Hab ich Dich, und wenn ich Dir kein Geld gebe, so Hab' ich Dir dafür einen guten Rath gegeben, ein guter Rath ist aber einen Thaler werth, also siehst Du, daß ich nicht schmutzig bin! — So behüt' Dich Gott! — Ich würde Dich gern noch ein Stück begleiten, aber ich muß da bleiben wegen der Frankfurter-Post, die jeden Augenblick kommen kann! Also geh' in Gottes Namen! Grüß' mir den Vetter Schulmeister und sei hübsch brav —leb' wohl! — Gib mir noch ein Bufferl (Küßchen).(Küßt ihn.) Adieu! Adieu! (Trocknet sich die Augen.) Wenn ich nur nicht gar so weichherzig wär' — ich halt's wirklich nicht aus!—Bah, bah, Buberl! (Winkt ihm mit der Hand und geht in die Lotto-Col- lectur ab.) Knabe (bleibt traurig und gesenkten Haup. teS stehen). Faltn. (welcher ohne von den Anwesenden Notiz zu nehmen, nur voll Spannung durch das Fenster gesehen hat — mit gepreßter Stim- me). Teufel! den einen Thaler hat er schon verspielt! (Sieht wieder hinein.) Knabe. Fort! — so ganz allein — hinaus in die fremde Welt! — So gar Niemanden Hab' ich— Niemanden, als (gegen Himmel blickend) meine Mutter — da oben und dahier das Andenken von ihr, den Henkelthaler. (Sich furchtsam umsehend.) Da darf ich ihn schon noch einmal herausziehen und anschanen — (Zieht den Taler heraus.) Faltn. (noch immer in'SKaffeehauS sehend). Verloren! — wieder verloren! — Auch er hat heute Malheur! — Recht geschieht ihm, warum hat er nicht mit mir gctheilt. — O halt' ich nur einen Thaler! (Wendet sich — tritt auS dem Zelte hervor und erblickt den Knaben, welcher den Thaler in der Hand hält.) Was ist das? — Der Knabe — und in seiner Hand just ein Thaler! — (Tritt wie. der hinter das Zelt zurück und beobachtet den Knaben.) Knabe (den Thaler betrachtend) Ein Mut- tergottcsbild ist d'rauf! D'rum hat wohl die Mutter gesagt, daß er Segen bringt! — Aber — (wieder ängstlich) was hat der Vetter gesagt? — Auf der Straße — die bösen Leute—wenn mir Einer den Thaler nähme! (Ihn beinahe fast weinend an die Brust drü- ckend.) Es fängt schon an dunkel zu werden! — Mir wird so bang. Wenn ich ihn nur jetzt nicht auf den Weg nehmen müßte! — Aber wo soll ich ihn denn aufhcben? Beim Vetter? — Nein — der will den Thaler selber haben, — der wechselt mir ihn am Ende aus, — und sonst habe ich dahier keinenMcnschen— (nachdenkend) Niemanden, als — unfern Herrgott! Meine Mutter hat immer gesagt, was man unfern Herrgott anvertraut, ist gut aufgehoben! — 8 Aber wie soll ich-? (Erblickt die Säule.) Da—sieh einmal—bei der Säule hatmeine Mutter gekuiet und hat gebetet — und die Laterne — die schaut ja g'rad aus wie eine Sparbüchse — sie wird nie angezün- det — die Gläser sind voll Staub— wenn ich da meinen Thaler indessen hinein- lcge, da wäre der klebe Gott dabei, und gäbe selber d'raufAcht, bis ich ihn einmal bei Tag wieder abhole — ja, ja, das thu' ich! — Da kann er mir ja nicht gestohlen werden! — (Geht zur Säule.) Wenn ich sie nur erreichen könnte! — (Steigt zuerst auf den Sockel, kann aber die Lampe noch nicht erreichen.) Es geht nicht — aber warte — da ist ein Haken — ja so komm' ich schon hinauf! (Klettert bis zur Höhe hinauf, und wirft den Thaler in die Laterne binein.) Lieber Gott — Dir vertrau' ich's an! Bewach' und bewahr urir's. — (Steigt herab, stößt aber plötzlich einen Schrei aus.) Au — weh! (Greift mit dem Ausdruck des Schmerzes mit der rechten Hand nach dem linken Arm.) Da Hab' ich mich an dem eisernen Haken aufgerissen! — O weh! — mein Arm blutet! — (Streift sich den Aermel auf.) Was sang' ich denn an? ich muß mir den Arm verbinden, daß er zum Bluten aufhört! (Zieht ein weißes Tuch hervor, und windet es um den Arm.) So — so, es läßt schon nach! — Und jetzt fort! — Es wird sonst gar zu spät! — Aber jetzt — jetzt Hab' ich gar keine Furcht mehr — cs kann mir ja nichts mehr weggenommen werden! —Also in's Himmels Namen — auf den Weg! — Mein Vermögen Hab' ich bei unserm Herrgott angelegt! (Geht ab.) (Während dieser Rede ist eS nach und nach dunkel geworden. Später werden einzelne Fen- ster in den Häusern, und zwar zuerst die des Kaffeehauses und der Collectur beleuchtet.) Faltn. (tritt rasch aus dem Zelte hervor). Wie ist mir denn? — Ein Thaler — just ein Thaler — den ich mir so sehnlich gewünscht Hab' — und da — da — vor meinen Augen — legt ihn ein leichtgläubiges Kind hin, daß ich ihn nur zu nehmen brauche, und mein Wunsch ist erfüllt! — — Und ich nehm' ihn auch!— Mir geht's vor, daß er mir Glück bringt! (Geht wieder einige Schritte, bleibt aber zögernd stehen.) Glück soll er bringen? Er ist doch nicht rechtmäßig mein, und das Sprichwart sagt: »Unrecht Gut gedeiht nicht!« — Ach was! Sprichwörter sind nur die Vernunft der Thoren! — Und ein Thor ist der — der von Allem entblößt — das liegen läßt, was ihm g'rad in den Weg geworfen wird! — Ich nehm' ihn! (Geht rasch hin. steigt auf den Sockel und nimmt den Thaler.) Ich Hab' ihn! (Springt herab.) Und jetzt gleich damit zum Spiel I Auf einen Wurf setz' ich ich ihn — damit ich gleich seh' — ob was Wahres an dem Märchen vom Unrechten Gut ist! — (Will gegen das Kaffee' hauS, bleibt aber plötzlich erschreckt stehen.) Wer kommt da? Es hat mich doch Niemand dabei gesehen? — (Tritt etwas in den Hintergrund.) Fünfte Scene. Faltner. Frau Loringer. Später ein Laternanzünder. Loringer (kommt von seitwärts, geht über die Bühne in die Lotto» Collectur. Faltn. (kommt wieder vorwärts.) Nein! — es ist nichts! — Eine alte Frau, die vennuthlich ihr Glück in der Lotterie versuchen will! — Ich begreife gar nicht, wie ich so erschrecken konnte! (Sieht wieder gegen die Collectur.) Aha — sie kommt wieder zurück! — Lvr. (kommt traurig aus der Collectur, ohne Faltner zu bemerken.) Er nimmt das Loos nimmer zurück. Faltn. (aufmerksam werdend, für sich). Ein Loos? Lor. Wenn er mir auch weniger gegeben hätte — um zwei Gulden hält' ich ihm's gelassen — ich brauche so nothwendig das Geld. Faltn. (für sich.) Was muß es denn mit dem Loos sein? (Tritt vor —laut.) Was jammert denn die Frau so? Lor. Ach lieber Herr! Möchten Sie viel- 9 leicht noch ein Loos in die Frankfurter Lotterie kaufen? Faltn. Frankfurter Lotterie? — Wann ist da die Ziehung? Lor. Heute war sie, aber die Nummern sind noch nicht da! Faltn. Und da will die Frau das Loos jetzt noch verkaufen? Lor. 3a, sehen Sie! — Wir haben es uns vor einem Monat gekauft, da ist es uns noch besser gegangen! — Aber jetzt hat mein Mann einen Fuß gebrochen, er kann nicht arbeiten — wir haben keinen Kreuzer Geld im Haus. — O kaufen Sie mir das Loos ab, — Sie können ja den Haupttreffer machen. — Faltn. Einen Haupttreffer?! —(Für sich.) Das muß viel Geld sein — und mit Einem Satz — da kann sich's ja gleich zeigen! — Bringt der Tbaler Unglück, so verlier ich ihn so wie so — bringt er Glück —so soll er schon ein rechtes Glück bringen! 3a — ich riskir's! — (Laut.) Hm! — Da seb' die Frau einmal her! (Zeigt ihr den Tholer.) Das ist wohl kein gewöhnliches Geld — es ist ein Henkel d'ran — aber gutes Silber ist's!— Nimmt die Frau den für das Loos? Lor. O mein Gott — ja! — Da krieg' ick ja gleich dafür, was er werth ist! Besinnen Sie sich nur nicht — geben Sie mir ihn, und nehmen Sie das Loos da! — ich soll schon wieder daheim sein. Faltn. (steht noch einige Augenblicke unentschlossen. dann rasch ihr den Thaler hinrei chend). Gib' die Frau das Loos her! — Lor. Da, da! — (Gibt ihm das Loos und nimmt den Thaler.) Faltn. Aber jetzt geh' die Frau geschwind, damit es mich nicht wieder reu't! Lor. 3a, ja — ich gehe schon!—Meine Kinder warten ohnehin, daß ich ihnen Brot bringe! Vergelt's Gott tausendmal! (Eilt ab.) Faltn. (allein.) Hahaha! der Thaler wird jetzt nicht wissen, was er thun soll!— Als Unrechtes Gut soll er uicht gedeihen, und die wünscht mir wieder tausendfache Vergeltung! Was von beiden wird an mir in Erfüllung gehen? Vergeltung gibt's nicht, das ist Alles nur Bestimmung! (Ge- gen Schluß der Scene ist ein Laternanzünder gekommen, und hat die Laternen an den Häusern angezündet.) Sechste Scene. Faltner. Baldrian. Baldr (kommt zornigauS dem Kaffeehause). Himmel krenztansend Millionen schwere noth- element! - Das Pech — das Pech! — Die ganze Schuster-3nnung könnt' ich auf ein volles 3ahr damit versehen! Faltn. Also hast richtig auch Du Alles verloren? — Baldr. 3ch steh' da, was man sagt — frisch! — Diese Dame — diese Dame! — 3ck behaupte, die Dame, aus die ich gesetzt habe, muß eine in eine Karte verzauberte Maitresse sein! — 3ch habe meinen letzten Kreuzer ihr geopfert, und sie hat mich angeschmiert!— Meine zwei Thaler verspielt, und noch dazu eine Ehrenschuld von zehn Gulden! Faltn. Na, mit den Ehrenschulden pflegst Du es gewöhnlich nicht so genau zu halten. Baldr. Das ist ganz natürlich!— Nur Schulden, wofür der Gläubiger keine Hypothek hat, muß man schnell zahlen, — wenn ich aber meine Ebrc einsetze, so hat ja der Gläubiger ein sehr werthvolles Pfand, da braucht man sich mit dem Zahlen nicht zn beeilen! — Faltn. 3ch sage Dir, es schaut überhaupt bei dem Spiel nichts heraus, — ich werde auch nimmer spielen! — Baldr. Das sagt ein Zeder, — wenn er just verloren hat, und am nächsten Tag rcißt's ihn doch wieder hinein! Faltn. O nur Einmal noch möcht' ich Geld haben — Geld! — 3ch wüßt' es jetzt gescheitster anzuwenden I 10 Siebente Scene. Vorige. Terner. Tern. (tritt aus seiner Thür heraus und sieht in die Scene). Noch immer nichts zu sehen! — Baldr. Was? da müßten wir entweder unsichtbar — oder nichts sein! (Auf Ter- ner zutretend.) Da bitt' ich mir darüber eine Erklärung aus! Tern. O ich bitte, meine Herren, so war's nicht gemeint! — Aber wenn man eine bestimmte Person so sehnlich erwartet wie ich, so kommt Einem alles Andere wie nichts vor! Baldr. Und wer ist denn der Gegenstand Ihrer Sehnsucht? Tern. Der Bote vom Telegraphenamt! — Wissen Sie, ich habe nämlich die Anstalt getroffen, daß mir die Nummern von der Frankfurter Lotterie, welche die ersten Gewinne gemacht haben, gleich hertelegra- phirt werden. Faltn. Don der Frankfurter Lotterie? Da bleib ich auch da! — Tie Nachricht in- teressirt auch mich! (Für sich.) O ich wünsche mir nur ein paar hundert Gulden und ich wäre schon zufrieden! — Tern. (ausschreiend ) Ta—kommt er! — Faltn. und Baldr. Wer? Wer? Tern. Der Bote vom Telegraphen! Sehen Sie, es kommen noch mehr Leute hinter ihm d'rein! Baldr. Aha! das sind wahrscheinlich lauter Leute, die auch im Vorzimmer der Frau Fortuna antichambriren! — Faltn. (fürsich). Jetzt wird sich's ent- scheiden! Tern. (für sich). Nur jetzt gewinnen — ich will von meinem Gewinn Procente geben, will wohlthätig sein, ich nehme meinen kleinen Detter zu mir in's Haus, ich will die Armen speisen— Alles— Alles — Achte Scene. Vorige. Ein Bote (mit einer Depesche). Mehrere andere Leute. Bote. Herr Terner! Tern. Nur her damit! (Nimmt die De- pesche und liest.) Richtig — von Frankfurt! Faltn. Na, so brechen Sie sie auf! — Mehrere Leute. Ja — ja — nur gleich aufbrechen! — Einer (der eine Lateme hinhält). Da haben Sie ein Licht. Tern. (zögernd). Das geht nicht so leicht — ich zittere fast — ein Augenblick — und Alles ist entschieden. Mehrere. Brechen Sic sie auf! Tern. Na — in Gottes Namen — ich will sie aufbrechen — halten Sie das Licht her! — (Oeffnet die Depesche.) Faltn. (tritt hinter ihn und zieht unbe- merkt sein LooS hervor). Tern. (die Depesche gegen die Lampe haltend und lesend). Die erste Nummer mit dem Gewiuue von achtzigtausend Gulden in Silber — Baldr. Hört! Hört! Tern. Nr. 1604. Faltn. (schreit auf). Ha! — was? — was?! — lassen Sie mich sehen! mich selber sehen! (Entreißt ihm die Depesche— hält sie mit zitternder Hand gegen die Lampe und ve» gleicht sein LooS damit.) Baldr. WaS? — Du hast ein Loos?! Faltn. (mit bebender Stimme.) Ein — Sechs — Null — Vier — ja — ja — da — da steht's — mein — mein Loos hat gewonnen! — Ich — ich — Hab' die achtzigtausend Gulden! (Steht. seinLooSmit einer Hand in die Höhe haltend, regungslos da.) Alle (sehen ihn erstaunt an). (Pause.) Tern. (nimmt ihm die Depesche aus der Hand). Und ich — nichts! — aber rein gar nichts! — Wozu bin ich nun weichherzig gewesen! (Ab.) Falt. Achtzig— achtzig tausend Gulden! — II Baldr. (gerührt). Detter! — lieber Vetter! Ich bin stolz mit Dir verwandt zu sein! — An mein Herz5 (Will ihn umarmen.) Falt, (stößt ihn zurück). Aha — jetzt — jetzt wolltest Du die Rechte der Verwandtschaft geltend machen, aber vor einer Viertelstunde habe ich umsonst um einen lumpigen Thaler bei Dir gebettelt! Baldr. Aber lieber, theurerVetter! Das war nur so, weil ich an Vorbedeutungen glaube — Faltn. Glauben! — Aberglauben! — Nur Dummköpfe glauben an so etwas! — Thaler bleibt Thaler! — Wie Du ihn gewinnst, oder wie Du dazu kommst, — das ist alles eins — der Zufall regiert! — (Für sicb.) Unrecht Gut gedeiht nicht! — Hahaha! — eine Narrenkappe für den, der das Sprichwort erfunden hat! — Gedeiht nicht — und da — da! — (Aufschreiend.) Achtztgtausend Gulden! Gaste. 80,000 Gulden — wir gratu- liren! (Drängen sich an ihn.) Faltn. (sich von ihnen losmachend) Laßt mich — laßt mich — ich kann mich selber noch nicht fassen!— Ein Gast. Aber Faltncr, Du wirst doch jetzt deine Freunde nicht vergessen? Faltn. (sie verächtlich ansehend). Meine Freunde!? — Ja, so lang Ihr mich habt ausziehen können! Aber das hat ein Ende! — Heute will ich Euch noch Alle tractiren — die ganze Nacht hindurch — aber merkt Euck's, es ist ein Abschiedsfest — ich bin heute zum letzten Male unter Euch. Tie Gäste (erstaunt). Zum letzten Mal? Baldr. (leise zu einigen Gästen). Bah! — so faselt er nur heute — seid nur Alle recht fidel, damit er sich unter Euch gefällt. (Laut) Ja, wir feiern ein Freudenfest! — (Gegen das Kaffeehaus rufend.) Heda! Bil- lardsiedcr! — Wir wollen uns im Freien freuen! Punsch heraus — ein Nabob trac- tirt! — Juhe! — Alle. Juhe! (Während dem Folgenden werden aus dem Kaffeehause mehrere Tische her- ausgetragen, Lampen und Gläser daraufgestellt.) Faltn. Ja, heute noch lustig mit Euch — morgen früh aber werfe ich mich in einen Wagen, fahre hinaus auf's Land nach Wittendorf, wo jetzt meine Therese ist, und komm' mit ihr zurück als Bräutigam! Alle. Ab, Hochzeit gibt's! — Vivat die Braut! Hoch! Zehnte Scene. Vorige. Ein Briefbote. Briefb. (kommt vom Hintergründe)- Treff' ick den Herrn Faltner da? Faltn. Ja, da bin ich! — was ist's? Briefb. Die Leute in Ihrem Hause haben mir gesagt, daß Sie hier sind — da ist ein Brief an Sie! (Ab.) Faltn. Ein Brief? (Nimmt den Brief.) Woher? (Besieht das Postzeichen.) Von Wittendorf! Baldr. Ah — ein Killer rloux von der Geliebten! Faltn. Nein, das ist die Hand ihres Vaters.— (Ahnend.)Es wird ihr doch nichts geschehen sein? —Nur jetzt keine üble Nachricht! — (Tritt zu einem Tisch, erbricht den Brief, hält ihn gegen die Lampe — läßt rasch den Brief fallen.) O mein Gott! (Sinkt in einen Stuhl.) Baldr. Was ist's denn? (Hebt den Brief auf und liest.) »Mein Herr! Obwohl fern von der Stadt, Hab ich doch fortwährend Nachrichten über Ihren Lebenswandel erhalten. Wie diese lauteten, wird Ihnen Ihr Bewußtsein sagen. — Ich war längst über Sie im Klaren, aber nun ist auch meine Tochter zur Erkenntniß gekommen, sie Hab Sie aufgegeben, und wurde gestern mit dem Sohne meines Freundes verheiratet.* Faltn. Verheiratet! — meine Theres! — für mich verloren! Baldr. (zu den Uebrigen). Da ist ja g'rad, was wir brauchen können. (Laut zu^Faltner.) Und Du bist traurig? — Jetzt, wo das Schicksal Dich so glänzend an der Falschen 12 gerächt hat? — Dir stehen jetzt reichere Häuser offen! — Verdreifachen kannst Du dein Vermögen — ja — das glänzende Loos cinerMillion liegtDir nahe! — Dann kannst Du stolz auf die arme Schlucken« herabschauen — die Dir einen Schabernack spielen wollte! — Faltn. (rasch aufstehend). Ja — ja! Du hast Recht! — Reue soll ihre Strafe sein! — Don jetzt an ist meinem Weg ein anderes Ziel gesetzt, als das des hausbackenen Licbesglückes! — Geld — Geld regiert die Welt — der Anfang ist gemacht. — Jetzt laßt sich erst etwas unternehmen! — Jetzt nur fortgearbcitet — erworben — speculirt — ein Millionär muß ich werden! — Daldr. Hoch der künftige Millionär! Alle (tumultarisch). Hoch! hoch! (Der Vorhang fällt.) Erster Llct. (Comptoir des Kaufmanns Mar Falkner — zu beiden Seiten Schreibpulle — an den Wänden Schränke mit Küch.rn und Schriften. — eine Mittel- und zwei Seitenthüren. Neben dem einen Schreibpulte, an welchem Baldrian sitzt — eine große eiserne Cassa an den Boden angeschraubt.) Erste Scene. Baldrian, Schnecker, Laumann (sitzen schreibend an den verschiedenen Pulten). La um. (sich dehnend.) Ah, ich kann fast nicht mehr schreiben, — die Finger sind mir ganz krumm geworden. Baldr. Na, sein's so gut! Ein'n Commis, der krumme Finger macht, könnt unser Principal just brauchen! Schneck, (von seinem Pulte aufstehend). Ah! Was zu viel ist, ist zu viel! Bei dem ungeheueren Geschäft nur zwei Commis. Laum. (ebenfalls aufstehend und zu Baldrian tretend). Daß Sie, Herr Baldrian, ihn nicht ein wenig barmherziger stimmen können ! Sie sollen dock ein'n Einfluß auf ihn ausübcn, Sie als sein Vetter! Baldr. Pst! Pst! Vor zwanzig Jahren war ich noch sein Vetter, aber seit er ein reicher Mann ist. will er davon nichts mehr hören!—Ich darf nicht einmal mehr »Du« zu ihm sagen! Schneck. Das ist niederträchtig! Baldr. Pst! Wie kann das niederträch- tig sein, wenn Einer die Nase zu hoch trägt! — Laum. Aber Sie sein doch, außer seinen zwei Kindern sein einziger Verwandter! Baldr. Ja, die zwei Kinder!— das kann ich seiner seligen Frau noch im Grab nicht verzeih'n, daß sie ihm die zwei Kinder geboren hat! — Wenn die nicht wären, hätt' ich wenigstens hoffen können, einmal ein' Erbschaft zu machen. — Laum. Eine Erbschaft? — Sie sein ja älter als er? — Baldr. Das macht nichts! Ich überleb' ihn doch, — denn ihn bringt der Geiz nm! Schneck. Es ist unbegreiflich, daß er sich so geändert hat. Baldr. Don dem Augenblick an, als er den ersten G'winn in der Lotterie g'macht hat, ist er ein ganz And'rer wor'n — er hat sein G'sckäft etablirt — g'arbeitet — gegeizt — g'spart und g'spart — und hat's so zu ein'n Vermögen von fast zwei Millionen gebracht! Laum. Und noch hat er keine Ruh' — ist immer g'schäftig, — immer abgehetzt! Baldr. Er muß wohl abgehetzt sein, denn seit zwanzig Jahren verfolgt ihn das Glück unaufhörlich! — Was er unternimmt, das gerath ihm, — jede Speculation schlägt ein! Arme Leut' tragen ihm ihre Waare um's halbe Geld an, — g'scheidte Leut' stellen ihm ihre Talente zur Verfügung! Schaun's nur hinans in's Vorzimmer! Ich wett'd'rauf, daß schon wieder eine Menge Leut' d'raust sein — lauter Bauleut', die sich freiwillig melde«, um auf seinen Glücktempel noch einen fünften und sechsten Stock hinaufzusetzen! Laum. Na, so nehmen Sie die Leut' vor— wir gehen indessen zum Frühstück! 13 — Kommen Sie, Schnecke»! (Acht mit Schnecke» zur Mittelthür und öffnet dieselbe, hinaussprechend.) Nur herein! — Der Herr Geschäftsführer ist bereit, Ihre Angelegenheiten vorzunehmen. (Läßt die Folgenden ein- treten und geht mit Schnecker ab.) Zweite Scene. Baldrian, Kurt, Hoßmann, Tiefenberg. Ein Kanzleidiener. Madame Altner. Baldr. (zum Kanzleidiener, der ihm Schriften übergibt). Ah, aus der Papierfabrik der Jahresabschluß. (Nachdem er selbe überblickte.) 20.000 Gulden reiner Gewinn, das ist um 100 Procent mehr als im vorigen Jahr, das ist ein Ratzenglück. (Der Kanzleidiener geht ab.) Hoßm. Ja, Herr Faltner ist ein Liebling der Fortuna — das kann ich bestätigen — ich sein Agent auf der Börse. — Eben habe ich wieder Differenzen, baarc 15.000 Guld. über Nacht gewonnen! (Ueber- gibt Baldrian ein Päckchen Banknoten, die er auS seinem Portefeuille gezogen.) Baldr. (legt die Banknoten auf s Pult). Ich sag's ja! Unverschämtes Glück! Kurt. Oho! Nir für ungut, das is a biß'l mehr als Glück, das is Segen Gottes! hat meine Frau Mutter g'sagr. Auf All'», was der Herr Faltner unternimmt, liegt sichtbar die Hand Gottes! bat meine Frau Mutter g'sagt. Hoßm. Wer seid Ihr? Kurti I, bin der Sohn vom Pachter Kurt, hat meine Frau Mutter g'sagt. (Zu Baldrian.) 3 bring den Pachtschilling von der Wirtschaft, die mein Vater vom Herrn Faltner Pacht hat. (Uebergrbt Baldrian ein Päckchen Banknoten.) Sie möchten schan'n, daß inein'mVater'n der Pacht noch aus Zehn Jahr verlängert wird — er zahlt gern 's Doppelte — hat meine Frau Mutter g'sagt. — Baldr. (zu Hoßmann). Na, ist das nicht wieder Glück. (Zu Kurt.) Nun, ich werd's schon einleiten, der Pacht soll Euch für den doppelten Pachtschilling bleiben. Kurt (sehr erfreut). Sie sein ein lieber Herr — hat meine Frau Mutter g'sagt— i muß mich nur tummeln, daß i Ham knmm. Meine Mutter wird a Freud hab'n. B'hüt Gott allerseits. (Ab.) Baldr. (zu Tiefenberg). Herr Tiefenberg! Was bringen Sie für Neuigkeiten? — Tiefenb. Die besten! Sie wissen, daß ich eS war, der Herrn von Faltner die Entdeckung mittheilte, daß ich in dem zwei Stunden von hier entfernten Gebirge Spuren eines Kohlenlagers gefunden habe. Baldr. Ja wohl, er hat auch den Berg gekauft, und Ihnen den Grubenbau übertragen. Tiefenb. Ich ließ die Schachten an- legen, und meine Erwartung wurde nicht getäuscht!—Es ist eine mächtige Ausbeute zu hoffen! Baldr. Wirklich? Das kann sich ren- tiren, mit Kohlen macht man in unserem dampfigen Jahrhundert so brillante Geschäfte, daß man immer d'ran ennnert wird, daß die Brillanten selber aus Kohlenstoff bestehen! — Tiefenb. Ich bin gekommen, Herrn v. Faltner einzuladen, die Gänge zu be- besehen! Baldr.Na, schön! — schön! ich werd' lhm's ausrichten! Tiefenb. Empfehlen Sie mich ihm aus das Beste. (Ab.) Baldr. (zu Mad. Altner). Und was will die Frau? Mad. Altn. Ich bin die Witwe vom Tandler Altner. Baldr. (für sich). Der sieht man ihren Stand an, daß sie nämlich schon am Tan- delmarkt g'hört! (Laut.) Ihr Mann hat wahrscheinlich mit altem Eisen g'handelt? Mad. Altn. G'scheidter wär's g'wesen! Aber so hat er 's meiste Geld auf Sachen g'wend't, denen man's gar nicht ang'sehen hat, wie theuer als 's sein — alte Rüstun« 14 gen — wurmstichige Möbeln — Stein- krüg' — Baldr. Aha! Er war also mehr Antikenhändler! — Sein Sie ihm hochkommen? Mad. Altn. So lang er g'lebt hat, ist's noch gut gangen. Aber jetzt hat ihn der Schlag troffen — ich kann's G'schäft nicht fortführen, Hab' auch schon 'S Meiste um ein'n Spottpreis weggcben — aber da sein noch a paar ganz alte Bilder — sie sein freilich schon a bist schwarz, aber wenn schöne Rahmen d'rüber kommeten, putzeten's noch allweil a Zimmer auf, und da Hab' ich anfragen wollen, ob's der gnädige Herr nicht vielleicht brauchen könnt', ich geb'S wohlfeil her, 's Stück um zehn Gulden. Baldr. Na, so laß dir Frau die alten Schwarten einmal herbringen, aber übergeb' sie's z'erst dem Abwaschweib — die soll a paar Strohwascheln und a paar Heferln Reibsand an die Restauration wenden — nachher wollen wir's anschau'n, und wenn's die nöthige Höhe und Breite haben, daß 's g'rad zu den andern Möbeln paffen, so soll wieder einmal der Kunstsinn eines Millionärs aus die gewohnte Weise ostentiren! Mad. Altn. Dann halt' ich noch eine Anfrag'! Unser klans Haus, d'raußt in der Vorstadt, das muß ich jetzt auch verkaufen! — Baldr. Na, so nimm 's halt d'Frau mit aus'n Tandelmarkt — Mad. Altn. 's ist nicht viel d'ran! — Mein Gott! Das Haus steht schon vielleicht über a hundert Jahr! Baldr. Dann ist's in unmodernem Styl. — Unsere modernen Baustyle sind alle so eing'richt, daß's nach fünf Jahren schon einfallen! — Wo steht das Haus? Mad. Altn. Na, d'raust— nah' bei der Linie— gleich rechts— wiffen's 's steht so a Martersäulen davor! Baldr. Aha, weiß schon! — vi8-a-vis war einmal ein Kaffeehaus! (Für sich.) Der Schauplatz unserer Thaten! (Laut.) Na, ist schon gut, der Herr wird wohl wen hinaus, fthicken, um sich's anschauen z'laffen! Mad. Altn. Na, so b'hüt Gott derweil — und wegen die Bilder, die laß ich gleich auf ein' Schubkarr'n laden und h'reinsüh'n! Wenn's Ihnen ansteh'n, dürfen's mir nur gleich 's Geld schicken und der Handel ist g'schlofsen! — Empfehl' mich Ihnen! (Ab.) Baldr. (allein). Wieder nichts als lauter gute Nachrichten, die ich meinem Herrn Detter ausz'richten Hab' — 's gift't mich ordentlich, daß ich ihm nicht einmal was sagen kann, was ihn so recht giftet! — ich kann ihn einmal nicht mehr aussteh'n — aber still! — mir scheint er kommt schon! Dritte Scene. Baldrian. Faltner. Faltn. (über sein« Jahre gealtert — das bleiche Gesicht von grauwerdenden Haaren umschattet, tritt in einem einfachen Schlafrocke, eine HauSmütze auf dem Kopfe. auS dem Seitenzimmer). Baldr. (sich tief verneigend). Hab' die Ehre, guten Morgen zu wünschen, Herr Principal! Falt, (mürrisch). Auch so viel! Baldr. Darf ich mich erkühnen, mich zu untersteh'n, zu wagen, so frei zu sein, mich zu erkundigen, wie Hochdieselben ge, ruht haben? Faltn. Schlecht! — Sehr schlecht! — Der Schreck von gestern Abend ist mir noch in allen Gliedern! Baldr. Schreck? — Ich erschreck selber llb.r den Schreck! — Was war's denn? Faltn. 'S hätt' übel ausfallen können! Ich war in Geschäftsangelegenheit auf'm Land — 's war schon spät Abends, wie ich hereing'fahren bin — ich Hab' selbst kutschirt, da — schon innerhalb der Linie komm' ich durch die Dorstadt — Du weißt, wo das gewisse abgelegene Kaffeehaus ist? Baldr. Ah ja! — und vi8-L-vi8 das alte HauS — g'rad Hab' ich davon gered't 15 — das — wo die Martersäulen davor steht! Faltn. Za, g'rad die Säul'n war Ur- sach' — die Gasse war schon dunkel — nur auf die Säul'n ist ein Strahl vom Mondlicht so grell aufg'sallen, daß meine Pferd' d'rüber scheu wurden — mir fallen die Zügel aus der Hand — die Pferd' geh'n durch und g'rad auf den breiten Graben zu! — Weiß Gott, was g'scheh'n konnte, wenn nicht g'rad ein junger Mensch entgegenkommen war'. Der packt das Handpferd bei der Trensen — laßt sich noch ein paar Schritt mitschleppen — und bringt aber glücklicher Weis' noch das G'spann zum Steh'n! — Er scheint ein armer Teufel zu sein — ich Hab' ihm meine Karten geben und Hab' ihn auf heut' herb'stellt — wenn er kommt, laß ihn zu mir! Baldr. Werd' nicht ermangeln! — Aber wenn ich an Zhrer Stell' war, ließ ich an der Säule, die beinahe an dem Unglück Schuld gewesen wär', mein'» Zorn aus! — G'rad war die Tandlerswitwe da, die Eigenthümerin von dem Haus ist, zu dem die Säul'n auch g'hört und hat's zum Verkauf angeboten! — Faltn. (rasch). Das wird gekauft — gleich— heut' noch muß der Kauf g'schlof- sen sein — und morgen in aller Früh schick' Leut' hinaus, die mit dem Niederreißen anfangen! (Wendet sich gegen den Schreibtisch und erblickt das daraufliegende Geld — mit gierigem Auge hinblickend.) Was ist das für ein Geld? Baldr. Gewinne von der Börse und der Pachtschilling — Faltn. (eilt rasch zum Tische und rafft die Banknoten mit zitternden Händen zusammen). Und das läßt Du da so frei auf dem Tisch' liegen? Leichtsinniger Mensch! — Gibst Du so Acht auf das Eigenthum deines Herrn? Wie leicht hätt' was wegkommen können! Ah! — Das erquickt! — Das labt! — Mein — Alles mein! — Schau her! — Siehst! (Indem er mehrere Goldstücke durch die Finger gleiten läßt.) Das ist die Armee, mit der mau die Welt einnimmt! — Und sie ist mir treu! — Das Schicksal hat schon manchen Schlag nach mir geführt, aber noch keinen, der meine Cassa getroffen hätte! — Baldr. Das Schicksal ist wie die Menschen! — An einen recht Reichen traut sich's nicht anzukommen! Faltn. (die Caffa wieder aufschließend). O doch! — doch! — Es will mir keine ungetrübte Freud' lassen! — Du weißt ja — damals — wie ich den ersten Gewinn gemacht Hab' — meine arme Theres! Baldr. Na, Sie haben sich's aber bald aus dem Kopf g'schlagen — haben eine Andere g'heirat't! Faltn. Za, die Tochter von dem reichen Müller! Sie hat mir zwei Häuser zugebracht, — war ein braves Weib, — hat auf s Geld g'schaut wie ich! — Aber auch ihr Besitz war mir nicht lange vergönnt. Baldr. Za, die hat vor Freuden der Schlag troffen, wie die Nachricht kommen ist, daß Sie bei der ostindischcn Compagnie einmalhunderttausend Gulden gewonnen — Faltn. (unterbricht ihn). Schweig'! Baldr. Uebrigens hat sie Ihnen ihr Miniaturporträt in äuplo hinterlaffen — ihre Kinder! — Faltn. Za, meine Kinder! — Das sind noch die Wesen, mit denen mein Herz was zu thun hat! Baldr. Können aber auch ihre Freud' daran haben! — Besonders mit dem Fräulein Tochter! Faltn. (verdrießlich)- Hm! — Die! — Das ist so ein trübseliges Geschöpf! — Kommt mir vor wie eine Trauerweide! (Auflebend.) Da ist mein Sohn der Richard ein anderer Bursch' — da ist Feuer — da ist Leben! Baldr. Za, er fangt schon recht zeitig zu leben an! — Zst erst neunzehn Zahl alt und wird oft noch in später Nacht in Kaffeehäusern bei hohem Spiel getroffen — 16 Faltn. (auffahrend). Was geht's Dich an? — Jugend hat keine Tugend! Baldr. Na, ja! — Sie erinnern sich wohl an Ihre eigene Jugend! Faltn. Schweig'! — Ich werd' den Burschen schon drcssiren! — ich darf es ihn gar nicht merken lassen, wie gern ich ihn Hab' — ich Hab' ihn deswegen znm Banguicr Sormann gegeben, nicht auf meinem Comptoir behalten.— Ich war' zu nachsichtig gegen ihn. — Das ist ein strenger Mann — der geht ihm auf dieKappen und ich — ich halt' ihn kurz mit dem Taschengeld — da wird er sich das Sparen schon angewöhnen! Oh — ich Hab' keine Sorge — mein Richard wird noch mein Stolz! — Wenn ich nur ebenso ruhig über die Zukunft meiner Tochter sein könnte! — Vierte Scene. Vorige. Braumeister Walzner. Walzn. (etwas geschmacklos aufgeputzt, erscheint unter der Mittelthür — sehr trübselig). Hab' die Ehre, guten Morgen zu wünschen! Faltn. Ah, Herr Brauermeister! Was gibt mir das Vergnügen — ein Geschäft? Walzn. Ja, so was dergleichen! — Halb Händlern! — Halb Bandlerei! — Hören's mich nur an — aber ruhig! — Faltn. Wollen Sie nicht Platz nehmen? Baldrian, einen Stuhl! Walzn. Wann Sie mir nur nicht den Stuhl vor die Thür setzen — dann ist's schon gut! — Baldr. (stellt einen Stuhl). Belieben Sie hier eine Niederlassung zu gründen! Walzn. (zu Faltner). Setzcn's Ihnen aber auch! — Sie könnten vielleicht meinen Antrag stehender nicht anshalten! Faltn. Oho! — 's wird doch nicht ga> so arg sein? Walzn. Arg genug! — Schauen's mich einmal an, Herr von Faltner! Wie finden Sie mich? Faltn. Oh, Sie sehen ja aus wie's Leben! Baldr. Auf Ehr' — so schön dunkel- roth wie a Kupferkeffel! — Walzn. Diese Röthe ist nur auswendig — inwendig bin ich sehr blaß! — Faltn. Sie erschrecken mich! Was ist Ihnen denn g'scheh'n? Walzn. Etwas, was mir seit die sechzig Jahr', als ich auf der Welt bin, noch nicht g'scheh'n ist! Faltn. (ernster). Sie sind doch nicht etwa in Geldverlegenheit? Walzn. Ich bin in Verlegenheit, wem ich mein Geld einmal vermachen soll! Faltn. Haben Sie denn keine Anverwandten? Walzn. Nein! — Ich bin ein Waisel- bub'! — Vater und Mutter sein schon lang todt. — Brüder und Schwestern nie geboren — so steh' ich allein! — Durch sechzig Jahr' Hab' ich's gar nicht bemerkt, daß ich allein steh' — und jetzt — auf einmal ist's mir eingefallen! — Faltn. Wie ist denn das so plötzlich kommen? Walzn. Weil ich ein Wesen kennen g'lernt Hab', was ich gern neben mir stehen bätt'! — Faltn. Was? Am End' gar verliebt? Hahaha! Wal zu. Lachen Sie mich nicht aus! — Ich weiß, es schickt sich nicht — im sechzigsten Jahr — 's ist a Schand und a Spott! — Aber ich Hab' halt a starke Natur, da braucht's halt langer bis was an- greift! Baldr. Natürlich! Bis durch so eine Corpulenz der Pfeil Amors durchdringt — Walzn. Aber jetzt sitzt er fest d'rin! — Ich g'spür's, ich bin ganz umgewandelt — sonst war ich ein lustiger Tausendsaßa — jetzt bin ich ganz maulhäugolisch, — mir schmeckt kein Essen mehr — schon nach der fünften Maß laß ich 's beste Märzenbier steh'n! 17 Baldr. So trinken's Bockbier, das paßt für Ähren Zustand besser! Faltn. Aber ich kann nicht begreifen, wie Sie dazu kommen, g'rad mir diese Entdeckung zu machen! Walzn. Weil nur Sie meinem Zustand abhelfen könnten! Faltn. Ich? Walzn. Ja Sie! — Mann — Vater — verantwortlicher Herausgeber des Leit- Artikels, auf den ich mich pränumeriren möcht' — damit er mich durch's Leben leitet! — Faltn. (steht rasch vom Sitze auf). Was sagen Sie? — Meine Tochter? Baldr. (setzt sich auf Falter'S Stuhl) Erlauben's, jetzt muß ich mich niedersetzen! Walzn. Ja, sie lieb' ich — sie — die Fräul'n Marie! — Jetzt ist's heraus! — Ich Hab' mich lang nicht hertraut — aber ich hab's nicht mehr ausg'halten — Hab' mir einen Rand g'nommen und bin her— sagen Sic nein, so bin ich hin! — Aber Gewißheit, nur Gewißheit! Faltn. (geht nachdenkend und schweigend auf und nieder). Walzn. (besorgt, leise zu Baldrian). Er geht auf und ab? Was bedeutet das? Baldr. (leise). Auf jeden Fall, daß die Sache bereits im Gange ist! — Faltn. (bleibt vor Walzner stehen). Hm! — Sie sind zwar kein junger Mann! — Walzn. Aber mein Herz is ganz neubacken l Faltn. Aber Sie schauen noch blühend aus! Baldr. Besonders auf der Nase»! Faltn. Sie haben gute Eigenschaften— Walzn. Die Brauerei und ein Stadthaus ! Faltn. Sie sind ein Mann von Grundsätzen — Walzn. Und mehreren Haussätzen! Faltn. Man schätzt Sie — Walzn. Auf 600.000 fl. und man irrt sich nicht! Nr. 8L. Faltn. Man weiß von Ihnen schöne Züge — Walzn. Vier Wagenpferd' und sechs G'spann Zugochsen! Faltn. Ihr Antrag ist also auf jeden Fall der Ueberlegung werth! — Walzn. Nein — um Gottes willen! Stur nicht lang' überlegen — ich halt's nicht aus! Baldr. Freilich! — Wenn ein sechzig- jähriger Mann ein sechzehnjähriges Madl heirat't — geschieht's immer ohne Ueberlegung ! Faltn. Es muß doch Manches besprochen werden! — Sie rechnen vielleicht auf eine bedeutende Mitgift? Walzn. Gar nicht! — Ich Heirat' sie mit Liebe — von Mitgift kann keine Red' sein! — Faltn. Also Sie verlangen von mir gar nichts! Walzn. Nichts! — Ich nimm sie wie sie geht und steht! Ich verschreib' ihr mein halbes Vermögen! — Ist's g'nug? Baldr. Natürlich! — Man wird doch nicht von Ihnen ein ganzes Vermögen erwarten! Faltn. Das wären also 300.000 fl.! Walzn. (feuriger werdend). Meinetwegen auch vier-, sünfmalhunderttausend! Wenn's mich süchtig machen, Alles was ich Hab'. Faltn. Schlagen Sie ein, Herr Schwiegersohn ! Walzn. (in höchster Freude). Schwiegersohn? — Ich? — O mein Gott! (Schlägt ein.) Vater! — Schwiegerpapa! — Kom- men's an mein Herz! Ich muß was zum Umarmen haben! (Drückt ihn an sich.) Aber sagcn's mir — ist's denn auch g'wiß? — hat nicht die Fräule Marie am End' schon einen Andern in Vormerkung? Faltn. Was fallt Ihnen ein? Sie ist noch ein halbes Kind! — Weiß noch gar nicht, was Liebe ist! Walzn. O, davon werd' ich ihr die Ansangsgründe beibringen! Faltn. Sie ist ein stilles Geschöpf — » kennt gar kein anderes Vergnügen als die Musik! Walzn. Was spielt sie für ein Instrument? — Blast sie, streicht sie? Baldr. Sie schlägt Clavier. Faltn. Sie ist zwar jetzt aus der Uebung, seit ihr Meister fortgereist ist! — Sie hat mich aber erst gestern gebeten, ich möchte ihr wieder einen Meister aufnehmen — Walzn. Nehmen's einen auf — las, sen's ihr recht schöne Stückeln einlernen — es ist so schön, wenn a Frau musikalisch ist — da gibt's in der Eh' nicht so leicht a Dissonanz! Faltn. Und wann gedenken Sie Hochreit ru balten? Walzn. Bald — sehr bald! — Aber früher möcht' ich noch a Weil verliebt in sie sein! — D'rum sagen's ihr gar nichts! Wissen's, ich möcht' mich erst so nach und nach in ihr liebes Herzerl hineinarbeiten! Ich werd' alle Tag Herkommen, werd' Acht geben, was sie gern hat — das bring' ich ihr hernach mit — einmal ein' Stoff auf a neu's Kleid — einmal a Loge in's Thea, ter — oder ich schick' in die Küchel, was sie gern ißt — ein' Rehschlägel oder a Schunken — Baldr. O Sie Schwärmer! Walzn. Und wann'S mich hernach kennen gelernt und g'sehn hat, was ich für a guter Kerl bin — nachher sag' ich ihr erst, daß sic meine Braut ist, und nachher heiraten wir d'rauf los! — Gott!— Wenn ich denk', die Fräule Marie mein Weiberl! O Gott — o Gott! — Ich halt's im Zimmer gar nit mehr aus! — Ich muß auf die Gaffen, um meinen Gefühlen Luft zu machen!—B'hüt' JhnenGott, Schwiegerpapa! Dank, tausend Dank! Sie haben mir einen ganzen Himmel voll Seligkeit g'schcnkt! (Eilt ab.) Faltn. Er ist glücklich — und ich auch! Wieder a Sorg' vom Hals! Baldr. Wenn nur nicht am End' die Fräul'n Marie, statt den ihr bestimmten Mann zu nehmen, selber Manderln macht! Verargen könnt' man ihr's im Grund nicht! — Der Unterschied ist a bisserl grell! Faltn. Was hast Du da für Bemerkungen zu machen? — Was kümmert das Dich? Baldr. Na, ich gehör' doch gewissermaßen zur Familie — als Vetter — Faltn. Wie oft Hab' ich Dir gesagt, daß ich von der Verwandtschaft nichts hören will — wir stehen einand' nicht als Vettern gegenüber — sondern als Herr und bezahlter Diener! — Vergiß die Stellung nicht, wenn Du nicht deine Stellung in meinem Haus verlieren willst! — Ich glaub', Du kennst mich! (Wendet ihm den Rücken zu und geht in'S Nebenzimmer ab, rechts.) Baldr. (allein). Ja, ich kenn' Dich, insolenter Glücks-Champignon! — Hartherzige Despoten-Seel'! Wenn ich nur einmal a Gelegenheit findet, ihm was an- zu thun, was ihm so recht an's Herz ging — das wär' für mich ein Hochgenuß! — Fünfte Scene. Baldrian. Richard. Rich. (kommt durch die Mitte — sein Gesicht ist bleich — die Haare hängen wirr um seine Stirn). Ist mein Vater zu Hause? Baldr. Ah! Monsieur Richard! (Sieht ihn an.) Aber wie schauen denn Sie aus? Was ist Ihnen denn gescheh'n? Rich. (wirft sich in einen Stuhl links). Nichts! Nichts I — Ich habe die Nacht nicht geschlafen! Baldr. Aha! — Sie haben wahrscheinlich Wachdienst gehabt beim König Pharao? Rich. Schweigen Sie! (Springt wieder vom Sitze auf und geht unruhig auf und nieder.) Baldr. (für sich). Teufel! Teufel! Der scheint ja ganz desperate Verzweiflungs- gedanken zu haben! — Siehst es! — siehst es! — schau! — schau! — hm, hm! — s°. s-i - Rich. (bleibt vor Baldrian flehen). Ich srug Sie, ob mein Vater zu Hause sei?! Baldr. Freilich! Da d'rinn! (Weistauf die Seitenthür.) Rich. Ich muß ihn sprechen! (Geht wieder auf und nieder.) Aber lassen Sie mich mit ihm allein! Baldr. Ich werd' ihm's sagen! (Für sich.) Wird a rechte Freud' haben, wenn er sein Söhnerl so sieht! Vielleicht wird dem Herrn Vettern doch der Appetit zum Frühstück verdorben! (Ab in s Seitenzimmer rechts.) Rich. (allein). Es ist zwar viel, was ich von ihm begehre — aber er wird — er muß mir helfen! (In höchster Angst.) Wer denn sonst, — wenn nicht mein Vater? — Gott im Himmel! — Nur heute laß ihn milder sein! (Fast erschreckt.) Ha! Er kommt! Sechste Scene« Richard. Faltner. Faltn. (zu Richard). Du bist heut' noch nicht auf deinem Comptoir? Rich. Bevor ich hingehe, muß ich zurrst mit Ihnen allein sprechen — Faltn. (der indeß Richard fixirt). Wie siehst Du aus? — Du hast wieder die Nacht durchschwärmt — Geld verschwendet — deine Gesundheit untergraben! — Rich. Machen Sie mir keine Vorwürfe! Sie wissen nicht, wie sehr ich selbst diese Nacht bereue und was in ihr geschehen. Faltn. Na also, was willst Du von mir? Rich. Ich habe eine dringende Bitte an Sie! — O, verweigern Sie mir die Gewährung nicht! Faltn. Aha, deine Taschen sind wahrscheinlich leer und es ist kaum 's halbe Monat um — da soll der Vater wieder herhalten; aber da wird nichts d'raus! — Lerne Haushalten! — Rich. Ja — ja — ich will mich ändern! — Nie — nie mehr soll's g'scheh'n! — Ich schwöre es Ihnen bei Gott! Faltn. Du schwörst? (Milder.) Na, ich will Dir glauben, und dießmal noch gegen meine Grundsätze freigebig sein! (Geht zur Caffa — schließt dieselbe auf und nimmt eine Banknote heraus.) Da, zwanzig Gulden! — Rich. Das ist nicht genug! Faltn. (ihn überrascht ansehend). Was? Rich. Ich brauche mehr — viel mehr — wenn ich gerettet sein soll! Faltn. Mehr? — Viel mehr? — Wie viel denn also? — Rich. Ich — ich brauche zweitausend Gulden! Faltn. (zurückfahrend). Zweitausend Gulden? — Bist Du verrückt? — Zweitausend Gulden! Rich. Ich muß diese Summe haben! Jetzt, in dieser Stunde noch! — Faltn. Unsinniges Verlangen — kein Wort weiter! Rich. Vater! Ich beschwöre Sie! Faltn. Nein! Rich. Die Zeit drängt! — Vater! Sie werden — Sie müssen mir helfen! Faltn. Müssen? — Das Wort kenn' ich nicht! — Ich sage Dir, dein Begehren ist unverschämt, und darum aus! — aus! — Ich will nichts weiter hören! — Fort auf dein Comptoir! — Rich. (mit gefalteten Händen und flehender Stimme). Seien Sie barmherzig, Vater, ich muß das Geld haben — alles steht auf dem Spiele, wenn noch eine halbe Stunde vergeht! — Faltn. Ha! Gesteh's, Du hast eine so hohe Schuld gemacht? Rich. (starr vor sich hinsehend). Ja — eine Schuld, die getilgt werden muß! — Faltn. So? Na, so schick' deinen Gläubiger zu mir, ich will den Patron doch kennen lernen, der einem leichtsinnigen, unmündigen Burschen solche Summen leiht! Schick' ihn nur Herl Rich. Fordern Sie das nicht! Ich kann Ihnen nicht sagen, wem und wie ich diese , Summe schuldig geworden! »* Faltn. So ist's auch nicht wahr, daß Du sie schuldig bist! — Du brauchst das Geld zu neuen tollen Streichen und ich soll der Narr und obendrein der schlechte Vater sein, der Dir noch dazu behilflich ist? — Nein! Mein Lebtag nicht! Das schwör' — Rich. (hastig ihm in die Rede fallend). Schwören Sie nicht, bevor Sie nicht gehört haben! Ich will Ihnen gestehen — (Fällt vor ihm auf die Kniee.) Faltn. (entrüstet). Was ist das sür ein Komödiespiel?! — So glaubst Du mich zu bewegen?! Ich glaub', Du sollst mich bester kennen! Wenn ich einmal sage: Nein! so wird ewig kein 3 a daraus, und wenn die ganze Welt vor mir auf den Knieen liegt! — Merk' Dir das! Und jetzt fort! An dein Geschäft! — Rich. (springt auf). Nun denn, wenn Sic mich nicht hören wollen, so sollen Sie von mir hören! (Will gegen die Mitte ab.) Faltn. Halt! Dageblieben! — Rich. (kehrt zurück, auflebend). Vater! Sie wollen? Faltn. (geht zum Tische und klingelt). Rich. Was haben Sie vor? Siebente Scene. Vorige. Baldrian. Baldr. (eilt herein). Sie haben geläutet? Faltn. (ganz kalt). Der junge Herr da, (auf Richard weisend) hat Lust, heute noch dumme Streiche zu machen! — Du wirst ihn auf sein Zimmer führen, die Thür absperren und mir den Schlüssel bringen! — Rich. (empört) Vater! Faltn. Es bleibt dabei! — Bei deinem Principal werde ich Dich schon entschuldigen lassen! — Baldrian, thue, was ich befohlen Hab'! — (Rechts ab.) Baldr. (zu Richard). Sie sehen, ich muß! Der Papa spielt einmal FoScari und macht mich zum Kerkermeister! Lassen Sie stch gutwillig führen, sonst müßt' ich Sie mittelst herbeigerufenen Dienstpersonals ins Bnrgverließ werfen lassen! Rich. (der indeß starr vor sich hingesehen hat, nun wild aufflammend). Gut! — Gut! 3ch gehe! (Gegen die Thür sprechend, durch welche Faltner abgegangen.) Nun, Vater! Du sollst deine Härte bereuen, aber es wird zu spät sein! (Eilt rasch ab.) Baldr. (ihm nacheilend). Aber so ren- nen's nicht so, als ob's was g'stöhlen hätten! — (Folgt ihm.) Achte Scene. Moriz Heiter (m einem lustigen Röckchen, um den auSgeschlagenen Halskragen ein locker geschlungenes Tuch, einen Stock in der Hand, tritt fröhlich durch die Mittelthür ein). Entree-Lied. Nur immer allegro durch'S Leben dahin! Nichts geht über leichten und fröhlichen Sinn! 3ch leb' nur für heute und denk' nicht an morg'n, Und fehlt'S an Monneten, macht's mir keine Sorg'n. 3ch mach's wie die Lerche, die himmelwärts zieht, Hinweg von der Scholl', in der Brust nur ein Lied — Der glücklichste Sänger ist sie auf der Welt, Und hat doch bei sich niemals ein'» Kreuzer Geld! Ich mach's wie das Fischlein in schwimmender Well' — Wie plätschert's da d'rinnen so luftig und schnell, Bald unter dem Schatten vom blühenden Strauch — Bald wieder im Spiegel des Sonnenscheins auch! Da wird ihm so kreuzfidel öfter zu Muth, Daß eS sich herausschnellt keck über die Flut! Da lern* ich vom Fischlein den Lebensgenuß. Bin lustig, wenn manchmal ich schwimmen auch muß! Glückliche Wesen gibt's in der blauen Luft, glückliche in der klaren Flut, und nur im dritten Elemente, auf der Erde, sollte das ungenügsame Gabelthier ohne Flügel und Flossen — Mensch genannt — sich nicht wohl fühlen?— Mir ist wohl, mir ist immer so kannibalisch wohl — wie den gewissen Fünfhundert! Aber was ist die Ursache? Weilich wiederVogelFlügel,undweil ich wie der Fisch auch Flossen habe! — Eine heitere Fantasie, die mich über die trockene Erdscholle und das darauf kriechende Gewürm erhebt! — Flossen, meine ewig gute Laune, die mich selbst im Wogcngedränge immer über dem Wasser erhält, und endlich, was die Hauptsache ist, ich habe nie einen Kreuzer Geld! — Durch diesen Umstand bin ich ja der Sorge überhoben und gehe leicht durch'S Leben, da kein schweres Metall mich nicderdrückt, nicht einmal ein Schlüssel, und wenn Jemand in mein stets offen gelassenes Kämmerlein cindringen wollte, so müßte es höchstens ein Naturforscher sein, der sich durch den Augenschein überzeugen will, wie es am Tage noch vor der Schöpfung, wo noch gar nichts da war, als das Nichts, ausgesehen haben mag! — Aber das genirt nicht! In dieser Beziehung bin ich ein eigener Kerl! — Immer kreuzfidel, — immer lustig! — — Aber was ist's denn — Niemand hier, der mich beim Herrn des Hauses anmelden könnte? Heda! — Ich bin da! Heraus, wer mich sehen will! — Neunte Scene. Moriz. Faltner. Faltn. (kommt hastig aus dem Seiten- zimmer). Was gibt's denn hier? — Ein Fremder — in meinem Comptoir — und Niemand von meinen Leuten da? — Die Unvorsichtigkeit! Mor. Sie glauben wohl gar, ich habe da einbrechen wollen? — Stark genug wär' ich wohl dazu, denn die Hand, die ein paar scheugewordene Pferde im rasenden Galopp zum Stehen bringen kann, hätte wohl auch Kraft, einen Caffadeckel zu sprengen! Faltn. Ha! Sie sind der junge Mensch — der gestern — — Sie verzeihen schon — man muß mißtrauisch werden — die Welt ist so schlecht — die Verbreitung der kommunistischen Ideen — Jeder, der selbst nichts hat, verlangt nach dem Gute der Wohlhabenderer» — Mor. Bitte, es gibt Ausnahmen! — Werfen Sie einen Blick in mein Innerstes, ich habe nichts und verlange doch nichts von Ihrem Gute! Faltn. Na, auf Unrechte Weise wohl nicht, aber Sie sind doch da, um sich einen Lohn für Ihre gestrige Hilfleistung abzuholen! Mor. Fehlgeschossen! Für Geld riskire ich meine geraden Glieder nicht! — Wer sich für so etwas zahlen läßt, ist ein Lump! Faltn. (ihn zweifelhaft ansehend). Hm! Sie wollen von mir nichts annehmen und haben mir doch g'rad entdeckt, daß Sie in dem Augenblick' just nicht bei Caffa sind! Mor. In solchen gesegneten Umständen bin ich immer, aber das thut nichts! Faltn. Wovon leben Sie denn nachher? Und überhaupt, wer sind Sie denn eigentlich? Mor. Ltnäiosus weäieinae, eben im Begriff, auf das Doktorat loszusteuern! — Faltn. Hm! — Das Studiren kostet doch Geld — aber Sie haben wohl Jemanden, der etwas für Sie thut? Mor. Ja, einen Menschen habe ich, der thut Alles für mich — er arbeitet für mich — er schafft mir zu essen — er wird mich auch pouffiren — Faltn. Und wer ist denn der Wohl- thäter? Mor. Ich selber. Bei Tag, wenn die Eollegien aus sind, gebe ich Clavier- rr Lektionen, ich bin nämlich auch ganz tüchtig musikalisch — so was man sagt, ein Notenfreffer! — Faltn. Notenfreffer? Ein Musiker und Mediciner zugleich? Mor. Das verträgt sich ganz gut mit einander, denn die größte Kunst eines Arztes besteht ja darin, die gestörte Harmonie wieder herzustellen! — Bei Tage gebe ich Lectionen und Abends setze ich mich über meine Bücher und büffle d'rauf los, daß mir der Staub bei den Ohren herausgeht! — Sie glauben gar nicht, wie lustig das ist! — Faltn. Aber da Sie heut kein Geld haben, so werden Sie doch einen Löffel Suppe bei mir nehmen? Mor. Muß danken! Mein braver Wirth pumpt mir immer den ganzen Monat hindurch bis zum Ersten, wo ich das Honorar für meine Lektionen einnehme — da kann ich ihm das nicht anthun, daß ich ihm weitergehe. — Faltn. An so einem Ersten wird Jb- 'nen, wenn Sie das Genoffene bezahlt haben, wohl nicht viel übrig bleiben? Mor. Gewöhnlich gar nichts! — Aber auch darin liegt ein Reiz — wenn man vom Zweiten jedes Monats angefangen, schon wieder sehnsüchtig dem nächsten Ersten entgegensehen muß — da vergeht Einem die Zeit so angenehm! Faltn. Sie find ein sonderbarer Mensch — mir scheint gar, Sie fühlen sich in Ihrer Lage noch glücklich! Mor. Na ob! — Ich sag' Ihnen, für einen jungen Menschen ist es ein wahres Glück, wenn er nichts hat und auch nichts zu hoffen hat, da lernt er doch was Tüchtiges! Faltn. Aber sagen Sie mir nur. wenn Sie von mir gar nichts annehmen wollen, warum sind Sie dennoch zu mir gekommen? Mor. Sic haben mir Ihre Adresse gegeben, und dafür wollte ich Ihnen auch die meinige geben, ich habe nämlich noch einige freie Stunden, und da ich nun bald Geld brauchet, werde, um die Promotionskosten für mein Doktorat zusammenzubringen, so möchte ich noch einige einträgliche Lektionen, wenn Sie also vielleicht unter Ihren Bekannten Jemanden wissen — Faltn. (für sich). Hm! — Etwas muß ich doch für ihn tbnn! — Ja, so ging's — auf die Art helfe ich ihm, und mich kostet's nicht mehr, als ick ohnedem für die Sache bestimmt bab'! (Laut zu Moriz.) Na, wissen Sie — ick selber such' just einen Clavier- meister für meine Tochter — Mor. Das trifft sich ja ganz famos! Faltn. Wenn Ihnen die Bedingungen angenehm sind — ich gebe Ihnen das, was der frühere Claviermeister gehabt hat, — Sie haben rückwärts im Hof ein Zimmer, speisen an meinem Tisch und kriegen alle Monat zwanzig Gulden. Mor. (höchst erfreut). Was ? — frei Quartier — zwanzig Gulden? — Da ist das Geld im Nu beisammen! — Jetzt bin ich schon so viel als Doctor! Abgemacht! Jetzt kann ich meinem Wirth nicht mehr helfen — nun wirb nichts mehr bei ihm gepumpt! Und meine alte Wohnung gebe ich auch auf! — Ich ziehe gleich aus und hieher! Faltn. Ich werde Ihnen ein paar von meinen Leuten geben, die Ihnen beim Transport Ihrer Effecten behilflich sein sollen! — Zehnte Scene. Vorige. Baldrian. Baldr. (tritt ein. einen Schlüssel in der Hand). Hier, Herr Principal! Der Schlüssel des Gefängnisses! — Faltn. (nimmt den Schlüssel, leise zu Bal> drian). Wie benimmt er sich? Baldr. So viel ich nach Abschluß der Thür durch s Schlüsselloch gesehen Hab', hat er sich an den Tisch und einige Zeilen auf ein Briefpapier geworfen! — Faltn. Aha! Jetzt wird er schriftlich bitten! Schon gut! — Aber weil Du g'rad 23 da bist — der Herr (auf Moriz weisend) ist bei mir als Musiklehrer ausgenommen, wird herziehen, — nimm ein paar Träger und laß' seine Sachen herbringen. (Gibt ihm eine von den Karten.) Da ist seine Adresse! Baldr. Ganz gut! (Zu Moriz.) Ist viel zu transportiren? Mor. Wie viel Träger nehmen Sie? Baldr. Ich werde unsere zwei Hausknechte beordern! Mor. Gut! Der Eine soll meine Stiefelbürste tragen, der Andere meine Tabakspfeife — da sind wir mit dem Ausziehen fertig! — Baldr. Das ist Alles? Da wird's doch besser sein, wenn ich gleich den großen Möbel-Transportwagen bestell'! (Geht ab durch die Mitte.) Faltn. So! — Bleiben Sie gleich da, ich werde meine Tochter herüberschicken, daß Sie sich mit ihr über die Stundenein- theilung besprechen können! — Auf Wiedersehen! (Ab durch die Mitte.) Mor. (allein). Heißt das Glück haben! Ein paar Pferde müssen sogar scheu werden, um mich schneller an's Ziel zu führen; da könnte man doch von Roßglück sprechen! — Wenn mir nur meine neue Schülerin nicht zu viel Verdruß macht! — Am Ende ist sie so ein recht begriffstütziges, eigensinniges Geschöpf, wie meistens die Töchter reicher Leute — oder vielleicht ist sie gar recht schön, das wäre noch gefährlicher! — Warum nicht gar! — Wie derjenige, dem die Pocken bereits eingcimpft sind, ohne Gefahr zu einem an den Pocken Darniederliegenden gehen kann, so ist auch das schönste Mädchen für den nicht gefährlich, dessen Herz bereits mit Liebesstoff inoculirt ist! Und das ist bei mir der Fall! — Ich liebe bereits — ich bin verliebt bis über die Ohren, wie man zu sagen pflegt! — obwohl das eine eine dumme Redensart ist, denn wenn die Ohren der Thermometer für die Liebe wären, so könnte ja nur ein Esel der höchsten Liebe fähig sein! — Ich weiß eigentlich wohl nicht, ob man mir nicht eben in Bezug auf meine Flamme einige Verwandtschaftsgrade mit dem Langohr zumuthen sollte, — verliebt sein — schwärmen — für ein Mädchen, das man nur vom Sehen kennt, voll dem man gar nicht weiß, wer sie ist? — wo sie wohnt? und ob sie überhaupt noch ein Mädchen ist? Es ist ein Unsinn! Aber kann ich's ändern? Ihr Bild hat sich einmal in mir festgesetzt, folgt mir im Wachen und Träumen und um sie mir recht zu vergegenwärtigen, darf ich nur die Augen schließen — (hält die Hand vor die Augen) Eilfte Scene. Moriz, Marie (tritt ein in einem einfa- chen HauSkleide, durch die Mitte). Mor. (ohne sie zu bemerken) und lebhaft sehe ich sie vor mir, ein Bild der Anmuth, der Holdseligkeit! — Oh — Mädchen! — (Zieht die Hand von den Augen weg, erblickt die näher gekommene Marie und fährt mit einem Ausrufe der höchsten Ueberraschung zurück.) Marie (ebenfalls von seinem Anblick überrascht). Ha! — (Bleibt in einiger Entfernung von ihm mit zu Boden gesenkten Augen stehen.) Mor. (nach einer Pause). Sie? — Sind Sie es denn wirklich? — oder sind Sie nur ein Bild meiner lebhaften Fantasie? — Entschuldigen Sie, aber ich muß mich überzeugen! (Geht mit auSgebreiteten Armen auf sie zu.) Marie (zurückweichend). Mein Herr! Mor. Sie spricht! — Sie lebt! Sie eristirt! — Sie ist etwas Wirkliches! — Aber wie kommen Sie hieher? Marie (lächelnd). Sonderbare Frage! Wo soll ich denn anders sein als in meines Vaters Haus? Mor. Was? — Sie sind die Tochter des Herrn Faltner? Na, jetzt kann's gut gehen! Marie. Haben Sie denn nicht gewußt? Mor. Keine Idee! Wie hätte ich auf den Gedanken kommen sollen, daß Sie die Tochter eines so reichen Mannes sind — Sie, die ich immer nur in ganz einfachem Kleide am frühen Morgen in der Kirche sah? Marie. Soll denn die Tochter eines reichen Mannes nicht andächtig sein? Moriz. Das wohl — aber andere reiche junge Damen gehen nicht so wie Sie täglich zu einer Stunde in die Kirche, wo außer Ihnen fast Niemand darin ist, — die gehen nur Sonntags, gehörig auf- geputzt, in die galante Messe, wo vor der Kirchenthür ein ganzer Rudel gecken- bast zusammengeschniegelter Lions und Dandy's sie Revue passiren laßt. Dort glauben derlei Damen die wahre Andacht zu finden, weil sie da so viele Anbeter treffen! Aber sagen Sie mir, warnm stndSie in letzterer Zeit nicht mehr erschienen? Marie (mit gesenkten Blicken). Weil ich nicht mehr allein war! Ich habe bemerkt, daß Sie meinetwegen täglich gekommen sind. Moriz. Das ist mir ungeheuer angenehm, daß Sie das bemerkt haben! — Marie. Und gerade diese Bemerkung hat die gute Meinung geschwächt, die ich anfangs von Ihnen gehabt habe! Mor. Sie hatten bereits eine gute Meinung von mir? Ja wie so? Marie. Wie ich Sie das erste Mal gesehen habe, sind Sie an einer Säule der Kirche gestanden. — Ihr Auge war zum Altar erhoben — so recht innig betend! — Dieß konnte bei der Gleichgiltigkeit, welche die jungen Männer unserer Zeit an den Tag legen, nur zu Ihrem Vortheile sprechen! — Moriz. Ja, an wen soll sich denn so ein ganz allein stehender, auf sich selbst angewiesener Mensch wie ich mit seinen verschiedenen Anliegen wenden, wenn nicht an den lieben Gott!— Das ist so mein Brauch seit meiner ersten Jugend; Früh Morgens, wenn ich bei anderen großen Herrn noch nicht Vorkommen könnte, nehme ich Audienz bei dem höchsten Herrn, da übergebe ich ihm alle meine kleinen Sorgen und Angelegenheiten, und gehe dann heiter an mein Tagwerk! Marie. Später haben Sie Ihre Blicke immer mehr nach mir gerichtet, das kam mir wie eine Sünde vor. Mor. Ich habe immer gelesen, man soll den Schöpfer auch in seinen Werken bewundern?— Da erinnere ich mich an einen alten Pfarrer aus dem Lande.— Während er predigte, war ein Schmetterling beim offenen Fenster hereingeflattert— mir Schuljungen guckten darnach, der Küster wollte ihn hinausjagen, da rief der alte Prediger aus der Kanzel: »Laßt doch den Schmetterling in der Kirche, — er predigt ja auch!« So hat auch Ihr Anblick meine Andacht nickt abgclcnkt, — nein — er hat sie erhöht, denn ich fühlte mich in der Nähe eines Engels! — Glauben Sie mir, wahre Andacht und wahre Liebe stehen in nächster Verwandschaft! — Marie. Liebe?! — Mor. (sich fetzt erst besinnend). Habe ich Liebe gesagt? — um so besser! — So wissen Sie's,— ja — ich liebe Sie — und Sie — ob Sie mir's nnn gestehen wollen, oder nicht—, Sie sind mir auch gut! — es muß so sein — sonst hätte es ja der Himmel nicht so gefügt, daß ich Ihren Vater von einer Gefahr retten mußte! — Marie. Wie? Sie — Sie waren der junge Mann?! — O wie dankbar bin ich Ihnen für Ihren Muth! Mor. Wenn Sie mir für meinen Muth danken — können Sie meiner Kühnheit nicht zürnen! — O, mein liebes himmlisches Fräulein! (Ergreift ihre beiden Hände, zieht sie an seine Lippen und küßt dieselben wiederholt), Zwölfte Scene. Vorige. Baldrian, später Faltner und Walzner. Baldrian (tritt durch die Mitte ein. er- blickt die Gruppe, schlägt anfangs vor Erstaunen die Hände über dem Kopfe zusammen, dann leise für sich.) Sapperlot! —Die Lee» tionen haben schon ang'fangen — sie spielen schon ganz piano vierhändig — und der Herr Braumeister ist g'rad mit dem Principal auf der Stiegen — ach! die Freud' 25 über den Anblick kann ich meinem Herrn nickt vorenthalten !(Aieht sich leise zurück, läßt aber die Thür hinter sich offen.) Marie (zieht ihre Hände zurück). Lassen Sie mich! Mor. Nur ein Wort—können Sie mir gut sein? Marie (traurig den Kopf schüttelnd). Wohin soll das führen? Mor. Dorthin, wo wir uns zum ersten Male gesehen haben, zum Altar! (Zieht sie sanft an seine Brust.) Baldr. (führt Faltner und Walzner durch die offen gelassene Thür herein, auf die Gruppe mit ausgestreckter Hand hinweisend). Walzn. (welcher noch mehr als bei seinem ersten Austritte geputzt ist, und einen großen Blumenstrauß in der Hand trägt, läßt diesen lallen, und steht sprachlos vor Schrecken und Staunen). Faltn. (bebt anfangs ebenfalls entsetztzurück, sammelt sich aber rasch und tritt vorZorn glühend vor; — mit starker Stimme). Marie! Marie (fährt erschreckt aus MorizenSA rmen). Heiliger Gott! Mor. (für sich). Der Vater! — Recht so! — Jetzt geht gleich Alles unter Einem! Faltn. (wendet seine zornigen Blicke von Marien ab und auf Moriz). Und Sie — Sie elender Bettelstudent! Mor. Elend? Huoä non! — in oon- trario! ich bin nie so glücklich gewesen — als jetzt! — Aber Bettelstudent! — Das hat etwas für sich! — denn ich bin ein Student, und bettle bei Ihnen um die Hand Ihrer Tochter! — Faltn. Er? — Er? — Haha! Mor. Sie lochen? Ich meine es in allem Ernst. Faltn. Meine Tochter — die Tochter eines Millionärs. Mor. Ihre Millionen sind Nebensache, — auf die reflectire ich nicht! Faltn. So? Ei, wie großmüthig! Und wovon wollt' man denn eine Frau erhalten? — Vom Lectionen-Ertrag?— Mor. Nein! — Man wird die Lcctio- Nen aufgeben!— Aber da man bereits bei dem ökonomischen Theil der Unterhandlung ist,— so wird man Ihnen ein Projekt verlegen! Ich verlange von Ihnen nichts, als ein paar hundert Gulden Darlehen — verstehen Sie, Darlehen, um rasch den Doktorhut zu erlangen! — Dann öffnet sich mir die Praris— an Patienten wird's nicht fehlen, und so werden wir vom Unwohlsein Anderer recht wohl leben können. Walzn. (mit schwacherStimme). Sie sein a Doctor? — Kommen's her — ich bin gleich der erste Patient — denn mir ist todtenübel 'worden! Faltn. Fassen Sie sich, Herr von Walzner. — Ihre Angelegenheit ist durch diesen Auftritt nicht verändert, imGegentheile, sie ist beschleunigt, muß heute noch zum Ziel kommen. (Geht zu Walzner, faßt ihn an der Hand und führt ihn vor.) Um allen anderen läck 'lichen Bewerbungen ein- für allemal ein Ende zu machen, erkläre ich hiermit unwiderruflich den Herrn Dräumeister Walzner als den Bräutigam meiner Tockter!— Marie (heftig erschreckt). Vater! Um Gottes willen! — Faltn. KeineWiderrede! —Ich schwöre es, daß ich keinem Andern deine Hand geb'! Mor. (zu Walzner). Was? Sie wollten Marie heiraten? Walzn. (ganz kleinlaut). Ja, aber Sie haben mir die ganze Freud* verdorben! Mor. (zu Fal>ner).Herr! Sind Sie denn ein Vater? Dieses Engelwesen wollen Sie mit solch einem Plumpsack vermälen? — Walzn. Mir scheint, jetzt wird er grob auch noch!— Mor. Heißt das nichtJhr eigenes Kind hinopfern? Fürchten Sie denn nicht des Himmels Strafe kür diesen Frevel?! Faltn. Sie drohen mir mit dem? — Glauben mich zu erschrecken?— Halten Sie mich für ein altes Weib? — Mor. Ich lebe des festen Glaubens, daß kein Versündigen an dem Heiligsten ungestraft bleibt— ein rächendes Schicksal wird L6 — muß Sie ereilen! (Fs wird heftig ange- pocht.) Aal tu. (beinahe erschreckt). Was ist das? Baldr. (öffnet die Thür). Dreizehnte Scene. L ord Ellbourne. Schnecker. Skdneck. Hier ist der Herr Principal! Faltn. (für sich). Wie? Lord Ellbourne, der berühmte Kunstkenner? (Laut.) Was gibt mir die Ebre? L. Ellb. Ich sab' eben einige alte Gp malde in Ihr Hans tragen! (Sehr rasch.) Sind sie Ihr Eigentbum? Faltn. Gemälde? Baldr. (leise zu Faltner). Ab — das sein die Bilder, die uns die alte Tandlerin angetragen bat, ich bab's in Ibrem Namen das Stück s, zebn Gulden gekauft — Faltn. (leise). Und die haben die Aufmerksamkeit von dem Lord erregt?! — Da muß etwas Besonderes d ran sein!— Jetzt nur behutsam. (Laut mit einiger Wichtigkeit.) Ja diese Gemälde — L. Ellb. Ich will sie kaufen— ich muß sie haben — Faltn. O, das sind große Meisterwerke — L. Ellb. Ja Originalien von Tizian — Gnido Reni — Correggio! — Nennen Sie mir den Preis. Faltn. (fürsicht. Was begehr' ich denn? (Laut.) Sie sind mir gar nicht feil — L. Ellb. Ich gebe fünftausend Pfund — Faltn. (für sich). 50,000 Gulden (Laut.) Nnr 5000 Pfund? Nicht möglich — L. Ellb. Ich pflege bei Kunstwerken nicht zu mäkeln — Also rasch — hier. (Reißt eine Brieftasche heraus, und auS derselben einen Wechsel, welchen er Faltner gibt.) Faltn. (für sich erstaunt). Ein Wechsel aus zehntausend Pfund. (Laut.) Lord, die Bilder gehören Ihnen! (ZuSchnecker.) Besorgen Sie den Transport. L. Ellb. Ja, ja — sogleich in meine Gallerie! (Freudig.) Ich habe gefunden, waö ich lange gesucht! Dank, tausend Dank, Herr Faltner! (Mit Schnecker ab.) Baldr. Einmalhunderttausend Gulden! und wir haben's um vierzig Gulden kauft! So ein närrisches Glück kann man nur durch ein'n Engländer hab'n. Faltn. (tritt den Wechsel hoch in der Hand haltend, in den Vordergrund). Einmalhun- derktausend Gulden der Gewinn von ein paar Minuten! (Zu Moriz.) So geht Ihre Prophezeiung von einem rächenden Schicksal in Erfüllung! Lächerlich!—Ich handle nach meinen Grundsätzen, und laß mich durch die Märchen aus der Spinnstube nicht einschüchrern! — Ich habe den Berg hinter'm Rücken. — Das Haus Faltner steht so fest, daß es sogar dem Schicksal trotzbieteu kann! (Hinter der Scene fällt ein Schuß.) Alle (starr vor Schreck). Was war das? Marie. Heiliger Gott! Das war in meines Bruders Zimmer! Faltn. (starr). Mein Sohn! Mor. (eilt ab). Baldr. (folgt ihm). Faltn. Ick wag' es nicht — selbst hinüber zu gehen! — Vierzehnte Scene. Vorige. Laumann. Schnecker. Diener (eilen bestürzt mit bleichen Gesichtern herein). Faltn. (sie anstarrend). Bleiche Gesich' ter?! — Redet— sagt es g'rad heraus— ich — ich bin ein Mann! Ich kann Alles (mit fast stockender Stimme) Alles hören! Laum. (welcher ein Blgtt Papier in der Hand hält). Fassen Sie sich — Herr! — der Herr Sohn — (wagt es nicht weiter zu sprechen — nach einer kleinen Pause ihm daS Papier hinhaltend) das ist auf dem Tisch gelegen! Faltn. Heiliger Gott! (Stößt einen un> artikulirten Schrei aus und stürzt zu Boden.) Alle (eilen zu ihm). — (Tableau.) (D e r D o r h a n g fällt.) 27 Zweiter Act. (Zimmer in Faltner'S Hause. — Eine Mittel- und zwei Seitenthüren, auf dem Tische Lichter.) Erste Scene. Marie. Moriz. Mariestritt, Moriz an der Hand führend, mit ihm freudig bewegt durch die Mittelthür ein). Lieber Moriz! wie soll ich Ihnen danken— ohne Ihre Hilfe hätte der arme Richard sich vielleicht verblutet! M ö r. Die andern Leute, welche auf den Schuß in scinZimmer geeilt waren, hielten den bewußtlos Daliegenden für todt, und entfernten sich entsetzt, ich aber erkannte bald, daß in idm der Lebensfunke noch nicht erloschen, daß seine vollkommene Heilung sicher sei. Marie. Aber was hat ihn denn zu dem entsetzlichen Entschlüsse gebracht? Mor. Er hatte in der Leidenschaft des Spiels eine für seinen Principal erhobene Summe daran gewagt, und auch diese verloren — als sein Vater, statt ihm zu helfen, ihn auf seine Stube einschließen ließ, riß er in wilder Verzweiflung eine Pistole von der Wand, diese entlud sich, aber zum Glück blieb die Kugel zwischen Fleisch und Rippen stecken! Marie. Und warum haben Sie ihn dann aus unserem Hause fortbringen lassen? Mor. Um jedem stürmischen Auftritte mit seinem Vater vorzubeugen, — ich ließ ihn deshalb in die nahe Heilanstalt bringen, wo er seiner Herstellung rasch entgegen- schrciten wird, während man ihn hier im Hause für bereits gestorben hält! Marie. Aber jetzt — jetzt kann ich doch dem Vater sagen — Mor. Lassen Sie erst uns überlegen — »nn, da die Gefahr für den Bruder vorüber ist — muß das Schicksal der Schwe stcr in's Auge gefaßt werden! Marie. Ach, ich habe bereits jede Hoffnung aufgegeben! — Sie kennen den Starrsinn meines Vaters nicht! Mor. Haben Sie ihn seit dem harten Schlage, der ihn gestern traf, schon gesprochen? Marie. Nein! — Als er aus seiner Ohnmacht wieder erwacht, mit gewaltsamer Anstrengung seiner Kräfte sich aufge- richtet hat, eilte er mit raschen Schritten seinem Zimmer zu, und schloß die Thür hinter sich ab. Mor. So warten wir erst sein Erscheinen ab. Ich will ihm jetzt, so lange er den todtgeglaubtenSohn betrauert, das Schicksal seiner Tochter nochmals an's Herz legen! Vielleicht, daß er durch das Unglück milder gestimmt, unsere Wünsche erfüllt! Marie. So kommen Sie in dies Zimmer (auf eine Seitenthür weisend). Wenn ich die Stimme meines Vaters höre, will ich es wagen, zu ihm herauszukommen! (Beide in'S Seitenzimmer links ab.) Zweite Scene. Baldr. (kommt durch die Mittelthür in Gedanken versunken). Also um ein Stück von den Faltnerischen Kindern wäre weniger! MeineHoffnungaufeinedereinstige Erbschaft hat also eine bedeutende Schanze (Chance) mehr für sich! — Nur die Mamsell Marie steht mir noch im Weg! — Hm! wenn die den dicken Bräumeistcr heiraten muß, das dürft' ihr vielleicht das Herz brechen — aber das gibt nichts aus!—das Herz von einem jungen Frauenzimmer ist oft wie a Scher von einem Krebsen! —Wenn's auch bricht, 's wachst gleich wieder nach! (Bleibt sinnend stehen.) Dritte Scene. Baldrian. Faltner. Faltn. (tritt durch eine Seitenthür ein — sein Gesicht ist bleich — und trägt den AuS druck starrer Härte. — in seinem ganzen Wesen drückt sich ein gewaltsames Sichselbstbe' herrschen auS). 23 Baldr. (ihn erblickend, erschreckt). Herr Principal —! Sie — dahier!? Faltn. Warum ist Niemand auf dem Comptoir? Baldr. Verzeihen, Herr Principal — aber daß Sie selbst heute noch an's Geschäft denken? Faltn. Heut' mebr als je! — Ich will an nichts erinnert werden — als an das, was streng zu dem Geschäft gehört! — Merk' Dir das — und sag's auch allen Andern! — Wer mich an irgend —(fährt sich mit der Hand über die Stirne) einen Vorfall mahnt — oder — einen Namen nennt — (heftig) den jag' ich fort! — Also — Du weißt's jetzt — richt Dich darnach! — An die Arbeit. — 3ch will auch arbeiten — viel — sehr viel arbeiten — (mühsam seine Erinnerung sammelnd). Ah! — was waren denn die letzten Projekte — die neuesten Unternehmungen? (Wieder heftig.) Rede! Baldr. Na, — da war z. B. der Kauf mann von dem kleinen Dorstadthaus- mit der Martersäulen! Faltn. Ja die—richtig!— Die Säule war Ursache, daß ich den Bettelstudenten in mein Haus gezogen habe! — Hie muß fort! — Hast Du schon Leute hinausgeschickt? — Baldr. 3a, der Maurerpolier war mit seine Leut' d'raust, — aber sie sein unverrichteter Sache wieder zurückkommen. Die Leut' draußen in der Vorstadt — das ist so ein abergläubisches Volk — sie sage», die Säule stünd schon über hundert 3ahr', und sie wär' a Segen für den ganzen Grund — es wär' a Frevel, sie niederzureißen, und d'rum Habens die Maurer davong'jagt. Faltn. Dummes Volk! — Es gibt kein größeres Unglück, als wenn die Leut' so abergläubisch find! — 3ch bin's nicht! — 3ch werd' ihnen das zeigen!— Und wenn sich Keiner hintraut, so werd'ich's! —3a — ja — ich! — Bestell' mir vier tüchtige Leut'.— Abends ist'S ohnedem schon — wenn die Nacht noch tiefer hereingebrochen ist, und draußen in der Vorstadt schon Alles schläft, will ich selbst mit ihnen hinaus, und vor meinen Augen soll die Säule abgebrochen und fortgeschafft werden. Baldr. Aber, Herr Principal— Faltn. Es bleibt dabei! — Weiter! Was gibt's sonst noch? Baldr. Das neue Kohlenbergwerk — Sie haben's besuchen wollen! Faltn. Gut. — Sobald die Säule weggeschafft ist — gleich von dem Platz weg — fahr' ich hinaus! — Da wird's indessen Morgen — und ich Hab' die Nacht — (finster» in der ich ohnehin nicht schlafen könnt' — auf gute Art hingebracht! — Vierte Scene. Vorige. Marie, Moriz (treten leise aus dem Ceitenzimwer links). Marie (seift zu Moriz). Bleiben Sie etwas zurück — er soll Sie nicht sogleich sehen! — Moriz (tritt etwas in den Hintergrund). Marie (zu Faltner vortretend mit sanfter Stimme). Liebster Vater! Faltn. (wendet sich rasch um). Ha! Du Marie! — (Erst seine Erinnerungen sammelnd, indem er mit beiden Händen nach der Stirn fährt.) Wie war's doch — gestern — Du — und der Walzner — und (plötzlich in Zorn übergehend) der hergelaufene Bettler! Marie. Hören Sie mich an —Vater! Faltn. Willst Du von deinem Geliebten reden? —Don dem lumpigen Burschen, der sich unterstanden hat, mir — dem Millionär, zu drohen,— mit einer Unglücks- Prophezeiung? Marie. Und— Vater— ist sie nicht in Erfüllung gegangen? Faltn. (auffahrend). Red' nicht weiter! — 3ch will — an nichts erinnert werden. Marie. Wenn ich 3hnen aber sage, daß Richard — Faltn. (beinahe bis zur Wuth gesteigert). Wer mir den Namen nochmal nennt, den bring' ich um! 29 Marie (fahrt entsetzt zurück). Vater! Faltn. O—Du hast geglaubt, Du wirst mich heut so recht butterweich finden, so recht zusammengedrückt, daß Ihr mit mir machen könnt', was 2hr wollt?! — O, 2hrbabt Euch geirrt. — 2hr kennt mich noch nicht! — DaS Schicksal soll nur nach mir schlagen — ich bin nicht von Wachs — ich bin Eisen — und Eisen wird nur um so härter, je mehr Schläge darauf fallen! — Doch dein Anblick erinnert michj an ein Geschäft, das noch zum Abschluß gebracht werden muß! — Baldrian! — War der Herr Walzner noch nicht da? — Baldr. Hab' ihn noch mit keinem Aug' geseh'n. Faltn. Augenblicklich geh' Einer hin, er soll zu mir kommen. Marie (mit aufgehobenen Händen bittend). Vater! Faltn. 2ch will Dir beweisen, daß ich heut' noch der Nämliche bin, der ich gestern war, — daß ein Entschluß, den ich einmal gefaßt Hab', durch kein zufälliges Ereigniß umgestoßen wird! — Darum zum letzten Male — Du wirst Dich nach meinem Willen vermälen! — (Geht rasch in die Seitenthür rechts ab.) Marie (wankt entsetzt zurück). Gott im Himmel! (Ist einer Ohnmacht nahe.) Mor. (eilt rasch zu ihr und hält sie in seinen Armen aufrecht). Marie! — Um Alles in der Welt! fassen Sie sich! Baldr. Ah,— der junge Herrauchda? — Freut mich, daß ich wieder das Vergnügerl habe! Mor. Mein Herr, ich weiß zwar nicht, welche Rolle Sie im Hause hier spielen—! Baldr. (für sich). Wenn ich nur selber schon mußt , welche Rolle ich spielen soll, damit ich auf d'Letzt doch eine Einnahme hrrausschaut! Mor. Sic waren Zeuge des gestrigen Auftrittes —! Baldr. 2a, gestern war ich Publicum! — und Hab' geseh'n, daß Sie in 2hrem Debüt als erster Liebhaber nicht besonders beifällig ausgenommen worden sind, statt am Schluffe herausgerufen zu werden, hat's g'heißen: Hinaus! Mor. O glauben Sie nicht, daß ich deshalb entmuthigt bin. — Man gibt eine Belagerung deshalb noch nicht auf, weil der erste Sturm abgeschlagen wurde, — man stürmt ein zweites Mal, mit noch mehr Streitkräften! Doch vor Allem w'll ich wissen, auf welcher Seite Sie stehen! — Auf der des unerbittlich harten Vaters oder auf der der treuen Liebenden! Sprechen Sie offen und ehrlich! Baldr. Eine offene und ehrliche Erklärung fordern Sie? (Für sich.) Aber (nach, denkend) mein eigener Plan! — (Laut zu Moriz.) Lassen Sie mich erst Nachdenken, ob ich überhaupt die Neutralität aufgeben soll! Sie wissen, das braucht oft lange Ueberlc- guug! — Treten Sie etwas in den Hintergrund. (Weist mit der Hand gegen rückwärts, dann für sich). Meine eigenen 2ntereffen müssen im Vordergrund bleiben! Mor. Nun gut! überlegen Sie, aber rasch! Baldr. (imVordergründe bleibend, für sich) Wenn ich auf der Seiten vom Alten bleib, — heirat't die Marie den Bräumeister I — Was kommt da heraus! — Am End a paar kleine Bräumeisterlcin —dadurch kommt die Aussicht auf eine Erbschaft, wie ein homöopathisches Spccificum, in eine unendliche Verdünnung, — wenn ich aber den da (auf Moriz weisend) begünstige, wenn ich ihm sogar behilflich wär', baß er die Marie entführt, heimlich Heirat' — oder so was dergleichen — dann, der Alte hat's ja g'schwo- ren — dann enterbet er sie, und dann — dann — ja cs ist klar, ich muß der Schutzgott der Liebenden, und die Rolle, die ich spiel', muß diedes gemüthlichenOnkelsseinl Mor. Na, sind Sie mit 2hrem Nachdenken noch nicht fertig? — Mw scheint, 2hr Gehirn ist etwas aus der Ucbung! Baldr. Nein. — Es gibt Angelegenheiten, über die nicht der Kopf, sondern das Herz Nachdenken muß. Sie wissen noch nicht wer ich bin! — Sie glauben, ich war' ein bloßer Commis im G'fchäft — aber nebst dem Commisartigen Hab' ich noch eine Ertraqualität— ich bin ja der Vetter vom Herrn Faltner — der Onkel von der Marie (sehr gemächlich), der gute alte Onkel Baldrian! Mor. Wirklich? — Nun sprechen Sie — sind Sie mit dem Verfahren Ihres Vetters einverstanden? Baldr. (wie oben). O mein Gott! — Mir bricht's ja selbst fast 's Herz von einander! — Wann ich Sie anschau' (zu Marie) meine Nichte— so ganz vernichtet! — und nachher Sie (zu Moriz) so a lieber, hübscher, fleißiger junger Mensch — was gäb' das für hübsches Paarl? — DieTau- ben könnten Euch ja nicht besser z'samm- tragen, und darum will ich wenigstens der Tauber sein, indem ich für eure Wünsche kein Tauber bin! — Ja, ja — ich nehm' Euch unter meine Flügel! — Wann's auch für mich selber g'fäyrlich ist — ich bin halt schon gar a so a guter Kerl! — Mor. (ihn umarmend). Nehmen Sie meinen Dank in voraus. — Gern würde ich Sie königlich belohnen, aber ich Hab' eben keine kleinen Ducatcn bei mir. doch, wenn Sie einmal krank werden, da curire ich Sie umsonst! — nehmen Sie mich beim Wort! Baldr. Na, da muß ich schon schauen, daß ich bald ein Nervenfieber krieg', oder so was dergleichen, damit ich zu meinem Honorar komm'! Mor. (zu Marie). Nun, liebe Marie! Senken Sie Ihr Köpfchen nicht so traurig zur Erde! Wenn das Geschick auch manchmal eine grollende Miene zeigt, so muß man ihm lachend ins G'stcht sch'n, dann lacht es am Ende selbst mit! — Die drei Tugenden: Glaube, Liebe und Hoffnung sind unzertrennliche Geschwister, man muß glauben, um zu lieben, und wenn man liebt, muß man das Be.te hoffen! (Umschlingt sie mit seinem Arme und zieht sie an sein Herz.) Fünfte Scene. Vorige. Walzner. Walzn. (erscheint an der Mittelthür, die Umarmung erblickend). Deswegen hat mich der Faltner herb'stellt? (Vorwärts eilend.) Scholl wieder ein Umarmung?! Sie thun ja g'rad, als wenir's davon leben müßten, (zu Baldrian) und Sie, Sic stehen dabei und schauen zu? Baldr. Warum nicht? — Der Anblick zweier Liebenden ist ein Schauspiel für Götter! Walzn. Aber nicht für ein'») Bräutigam, der sei' Braut in ein'm fort umarmt find't. Mor. Es war weniger eine Umarmung, als eben eine Demonstration gegen Ihren Bräutigamsstand! Fühlen Sie sich dadurch verletzt, mein Herr! so bitte ich sich nur zu erklären, mein Herr! Ich werde Ihnen jede Genugthuung geben, mein Herr! Verstehen Sie mich, mein Herr? Walzn. (furchtsam etwas zurückweichend) O ich bitt'! — Ihnen Hab' ich gar nichts zu verbieten!— Sie können umarmen, was Sie wollen! Aber Sie (zu Marie) Fräule Marie! Sie sollen doch wissen, daß Ihre Arme bereits eine andere Bestimmung haben. Marie (sanft). Herr von Walzner! Sie haben doch gesehen, wie ich gestern die Mittheilung, daß Sie mir zum Mann bestimmt seien, ausgenommen habe! — Walzn. Na ja, Sie sein a bisserl erschrocken, aber ich Hab' denkt, nach und nach werden Sie sich an den Gedanken gewöhnen. Marie. Nein, nie! Walzn. (traurig). Aber das ist mir höchst unangenehm! — Bin ich denn Ihnen gar so zuwider? Mor. Fragen Sie Ihren Spiegel, der wird Ihnen die beste Antwort geben! — Walzn. (zu Moriz). Sein's nur nit alleweil so grob mit mir! — Ich weiß schon selber, daß meine Auswendigkeit just keine besonderen Reize anfzurveisen hat, aber meine Jnwendigkcit — mein Herr! — o Fräule Marie! — wann Sie sich die Müh' geben wollen, das a bissel kennen z'lernen- M a r i e (einer. Entschluß fassend). 3a — das will ich! — Mor. Was sagen Sie? Marie (zu Moriz). Lassen Sie mich mit Herrn von Walzner sprechen! Walzn. (für sich freudig). Mir scheint, sie thant doch a bissel auf! — Marie (zu Baldrian leise). Sie, lieber Vetter, versprechen uns Ihren Beistand. — Leisten Sie uns diesen vor der Hand dadurch, daß Sie meinen Vater aufzuhalten suchen, damit er unsere Unterredung nicht unterbricht! — Baldr. Gut! — Ich werde dieses Streiscorps (auf Walzner weisend) von der Hauptarmee abschneidenI — Ich comman- dire mir daher eine Schwenkung, und falle rechts ab! (commandirend)- Habt Acht! Halb rechts! — Marsch!— (Ab in'S Seitenzimmer rechts.) Marie (zu Walzner). Nun, Herr von Walzner — Sie wollten, daß ich Ihr Herz prüfe! Walzn. Prüfen Sie nur d'rauf los, mein Herz is noch alleweil gut bestanden, 's wird auch bei der Prüfung nit stecken bleiben! Marie. Denken Sie sich also, daß ich mich in den Willen meines Vaters füge, und Ihre Braut und Ihre Gattin würde! Walzn. O mein Gott, wann ich das denk', kriegt mein Herz zweite Classe in Sitten, denn bei dem Gedanken bleibt's nicht ruhig — 's hupft in die Höh' und juchetzt laut — mitten unter der Prüfung! — Marie. Denken Sie sich aber auch, daß ich dadurch namenlos unglücklich wäre. Walzn. Geh'ns — hören's auf! Marie. Daß ich vor der Zeit altern würde —! Walzn. Na Wissens, das machet nit so viel! — Ich bin schon in die Sechzig — da hättens noch alleweil z'thun, bis 's mir nachkommeten! Marie. Daß ich vor Gram bald hin- welken müßte —! Walzn. Na — nit! Marie. Daß ich — und dieß würde gewiß geschehen, vor Herzensleid sterben würde! — Walzn. (erschreckt). O mein Gott! — Nein! — das würden's mir nicht anthnn! Marie. Ich fühle es, daß eö so kommen wird! Mor. Und Sie sind ihr Mörder; Sie, der Mann mit dem guten Herzen! Walzn. Ich? — a Mörder? — Mir fangt an vor mir selbst zu grausen! Mor. Dann werden die Vorwürfe zu spät erwachen, denn, — nicht wahr — ein Gewissen haben Sie doch? — Walzn. Ja, ich hab's bei mir! — Mor. Sie werden keine ruhige Stunde mehr haben — schlaflos werden Sie sich auf Ihrem einsamen Lager wälzen, — in dunkler Nacht werden Sie eine bleiche Gestalt — mit drohend erhobenem Finger auf sich zuschweben sehen — immer näher wird sie kommen! Walzn. Hu! Mor. Sie werden das Antlitz Ihrer durch Zwang erworbenen Gattin erkennen — aber ihr Auge wird tief eingefallen, ihre Wangen werden hohl sein, die bläulichen Lippen werden sich öffnen und rufen: »Mörder! « Walzn. (finkt in einen Stuhl). Ich bin matsch! Ich halt's nicht aus! Fräule Marie! Das werden Sie mir thnn? — und blos deswegen, weil ich Sie so gern glücklich — recht glücklich g'macht hätte?! Marie (lebhaft). Wollen Sie das? O Sie können es! (Ihn traulich bei der Hand fassend und vom Sitze erhebend.) Kommen Sie her! Walzn. (mit wankenden Schritten vorwärtskommend). Ich kann kaum mehr geh'n, — mir ist's in alle Glieder g'fahren. — Also reden's — was soll ich denn thun? Marie. Stehen Sie ab von Ihrem Begehren, mich zu heiraten. Walzn. (traurig). Also, mögen Sie mich wirklich nicht? Marie (schüttelt den Haupt). Walzn. Auf Ehre nicht? Marie. Ich achte, ick schätze Sie, aber lieben kann ich Sie nicht! Walzn. Aber probieren sollten's cs doch! Marie. Es ist unmöglich! Walzn. Dank für's Compliment! Das thut mir recht weh'! — Hab' mich schon g'freut d rauf, — aber wenn's nicht ist, — und wann's schon gar nicht geht — na — so — so lassen wir's bleiben! Marie (seine Hand an ihr Herz drückend). O, Dank! Tausend Dank! — Walzn. Ich bitt'— nicht Ursach'! (sehr melancholisch) ist gern g'scheh'n — d. h. nein, gar so gern ist's just nicht g'scheh'n, aber wenn Sie dadurch glücklich sein — in Gottes Namen! — Aber sagen's mir, sein's denn jetzt auch ganz glücklich? — Marie. Ganz glücklich? — Das wohl nicht! Walzn. Aha, kann mir's wohl denken! Na, reden's nur g'rad heraus, ich halt jetzt schon Alles aus! — Nicht wahr? — den da (auf Moriz weisend) den möchten's hals noch dazu, um ganz glücklich zu sein? — Marie (senkt schweigend das Haupt). Walzn. Sie sagen nichts? (in gutmüthi- ger Heftigkeit). Za, wenn ich Ihnen zu Ihrem ganzen Glück behilflich sein soll, so müffens das Maul aufmachen! Marie und Mor. (in höchster Freude seine Hände ergreifend). Was sagen Sie — Sie selbst wollten uns behiflich sein? Walzn. Na, wenn einmal mein Herz schon auf der Prüfung steht, so soll das dalkcte Herz auch zeigen, daß's was kann, — es soll nicht so bloß durchrutschen, — es muß Eminenz mit Vorzug kriegen! — Sapperlot! — Ich thu's nicht anders! Marie. O lieber — lieber Herr Walz- ner! — Walzn. Lieber!— Hab' was Taubers davon! Mor. (freudig). Mein Herr, Sie sind— Walzn. A Plumpsack, — das haben's mir gestern schon g'sagt — also keine weiteren Schmeicheleien! Mor. O verzeihen Sie! —Zch kannte Sie ja noch nicht! — Aber sprechen Sie — wollen Sie uns helfen — was läßt sich thun? Walzn. Da fragen Sie erst: »Was läßt sich thun?« Wann zwei Leut' in einander verliebt sein, da läßt sich gar nichts thun — als: »heiraten!« Das weiß a jed's Kind!— Mor. Herr Faltner wird nie seine Zustimmung geben, er hat's geschworen! Walzn. Ja, das wohl! — Ihr müßt also auf jeden Fall vor der Hand ohne seine Zustimmung heiraten!—Daß erEuch nach der Hand verzeiht, das hat er nicht verschworen! — Mor. Heiraten? — ohne seine Zustimmung? — wie wäre das möglich t Walzn. Aber sein's denn auf's Hirn g'fall'n? daßSie da noch fragen! — Das is ja sehr einfach! — Sie müssen vor Allem a bissel durchgehen! — Marie (erschreckt). Wie? Ich sollte fliehen ans dem Hause meines Vaters? Walzn. Sie besinnen sich noch? Armer Jüngling! — Sie liebt auch Dich nicht! Marie. Wie können Sie das sagen? Walzn. Nein, Sie lieben ihn nicht! — Weil Sie sich noch besinnen! — Durch- geh'n — das allein ist die höchste Potenz der Liebe! Marie. Aber wohin sollte ich denn? Walzn. Das ist meine Sach'! — Ich Hab' in ein'm kleinen Stabil — nur fünf Stunden von hier — ein' alte Mahm — a reiche Witwe — zu der schick' ich Sic! Mor. Und — ich gehe mit? — Walzn. Oho, nit a so!— Sie bleiben hier, bis Sie Ihr Doctorat g'macht haben! — 33 Mor. O weh, das kann aber noch lange dauern! Walzn. Wie so? o u Mor. Ich bin zwar so fest, daß ich jeden Tag die Rigorosen machen könnte — aber die Promotionstaren- Walzn. Ach! wegen die Taren, da machen's keine Faxen — ich leih' Ihnen die Maren! — Mor. Wie? Sie wollten mir die Summe vorstrecken, die nöthig ist, um mein Haupt mit dem Doktorhut zu schmücken? Walzn. Naja!— Wenn Sie schon die heiraten, muß ich Ihnen zu dem Kopfschmuck behilflich sein! (Leise zu Moriz.) Wenn ich's g'heirat't hätt', hätten Sie mir vielleicht auch zu einem verhelfen.—Eine Gefälligkeit ist der andern werth! — (Laut.) Also abgemacht! — Sobald Sie nachher Doctor sein, werd' ich's schon vermitteln, daß Zhr derweil heimlich getraut werd't! Mor. Hcrr Walzner! Sie sind der edelste Bierbrauer ans Gottes Erdboden! Und ich konnte Sie so verkennen! — Gestern noch — aus Ehre! Ich hätte Sie mit Vergnügen windelweich geprügelt! — Und heute stehen Sie da, — unser Schutzgeist! O kommen Sie in meine Arme! an meine Brust! (Will ihn umarmen.) Walzn. Warten's a bissel! Er will mich umarmen! — und Sie, Fräule Marie! — Sie stehen da, und thun gar nichts dergleichen! Ich bring's zu Stand, daß Ihr Euch wohl mehr als tausend Busserln geben könnt's — ich denk' doch für die Zustande bringung dieses Geschäfts gebühret mir, a kleine Provision. (Bittend ) FräuleMarie! was glauben's a so — nur ein einziges Busserl — Marie (an seinen Hals fliegend). Mit Freuden! (Küßt ihn.) Walzn. (selig). O mein Gott! das war gut! — Marie — noch Ein' — Aber nein, ich könnt' mir zu viel Appetit machen, und ich darf mich nicht verg'wöhnen! (Traurig.) Bon der Speis krieg' ich ddch mei' Lebtag Thealtt-Sttpnioü Ni. öl- keinen Bissen mehr! — Also in Gottcs- namen! — (Zu Moriz.) So kommen Sie an mein Herz! (Umarmt ihn.) Sechste Scene. Vorige. Baldrian. Baldr. (kommt wieder aus dem Nebenzimmer zurück, erstaunt, da er die Umarmung erblickt). Watz sehen meine Attgen? — Sie — Sie — die Nach allen Prämissen sich von Rechtswegen in den Haaren liegen sollten — Sie liegen sich gegenseitig an den Brüsten—? Sie armen sich um? — Mor. Ja, lieber Detter Baldrian! Wir haben uns verständigt, ich habe jetzt erst Herrn Walzner kennen gelernt, er ist der beste Mensch von der Welt! — Walzn. (für sich, seufzend). Im Grund bin ich doch a dummer Kerl! Mor. Auch er begünstigt unsere Liebe! Baldr. Nun, dann — dann gewährt mir die Bitte — ich sei in Eurem Bunde der — Vierte! — Ich bin auch ein Verbündeter! — Unser Bündniß ist eine Welt- geschicht' 6Q minaturv. (Für sich.) Der Eine von den Helfern (auf sich selbst weisend) hilft nur dann, wann er selber sein'n Rogen dabei hat! Walzn. Aber jetzt g'scheidt sein! — Baldr. O, sorgens Ihnen nicht — ich bin schon g'scheidt — sehr g'scheid't! — Walzn. Die Fräule Marie muß heimlich aus'm Haus! Baldr. Wirklich? Wirklich? (Für sich.) Das ist's ja g'rad', was ich woll'n Hab'! (Laut.) Dazu trifft sich heut g'rad' die beste Gelegenheit! — Der Principal bringt heut' g'rad die Nacht anßer'm Haus zu! Wann also so ungefähr nach zwölf Uhr hinten beim Gartenthor a Wagen haltet, so könnten Sie ganz unbemerkt fort. — Walzn. Das ist ein sehr vernünftiger Operationsplan! (ZuMarie.) Ich halt'selber mit meinem leichten Wagerl hinten an der 3 34 Gartenthür, und bring' Sie zu meiner Mahm! — Einverstanden? — Marie. Ich kann nicht sagen, wie mir zu Muthe ist! — Mein Beginnen erscheint mir sträflich — und dennoch seh' ich ein — es gibt kein anderes Mittel! Moriz, für Dich wage ich Alles! (Sinkt anMoriz'SBrust.) Walzn. (für sich). Liegt schon wieder an seinem Hals! — Da rst's nicht so leicht fortzubringen! Aber wart', ich weiß schon! (Laut.) Der Vater kommt! — (Beruhigt.) So! Der Schreckenschuß hat seine Schuldigkeit gethan! — Und Sie (zu Moriz) geh'n jetzt mit mir und holen sich das nöthige Geld, daß's bald Doctor werden — nachher schauen's halt, daß's recht viel Patienten kriegen — und wann's im Anfang nicht recht geht, na, so werd' halt ich a paarmal krank werden, damit's was zu thun kriegen — ich seh' ja, ich muß für Euch schon Alles thun! — Sie werden mich leicht behandeln können, denn ich mein', jetzt kennen's meine Natur! — Mein Kopf kann wohl a bissel verrückt werden, aber nit wahr, im Herzen fehlt mir nir?! — (Ab mit Beiden ) Siebente Scene. Baldrian (allein, den Abgehenden nachsehend). So, geht's nur hin — arbeit'S nur an Euren Plänen, g'rad dadurch bringt Ihr meinen Plan zur Erfüllung! — O, diese zwei Kinder sein mir immer im Weg gestanden, und oft Hab' ich mir so eine mosaische Zauberkraft gewünscht, um sie in die Erde verschwinden zu lassen, wie die Rotte Eara und Abyron! — Aber so was bringt man jetzt nicht mehr zusammen. — Eine Menge geheime Mittel muffen seit der Zeit verloren gegangen sein, denn wenn man so in alten Geschichtsbüchern liest, was vor so und so viel hundert Jahren alles gescheh'n ist, da muß man oft mit Bedauern ausrufen: Ja, das gibt's halt jetzt nicht mehr! L o u p t e t. Ulysses war Held und auch E'hmann dabei Und war — selbst auf Reisen — Penelopen treu — Er fuhr auf ein' Dampfschiff am Felsen vorbei — Und ob'n saß Irene, die liebliche Fei — Die lockte die Schiffer mit freundlichem Ton Und jeder, der's hört', ward ganz wirklich davon. Ulysses sorgt aber, daß ihm das nicht g'schieht, Nahm Wachs und verpickt sich die Ohren damit. Die jetzigen Ehemänner nun, Ich will keinem Unrecht da thun, 's kann sein, daß die Treu mancher hält, Denn möglich ist All's auf der, Welt. Doch ist auf der Reis' er allein Und 's tretet der Fall bei ihm ein, Daß so eine Säng'rin recht hold, Ihn schmelzend zu sich locken wollt' — Daß die Ohren mit Wachs gar verstopfte sich der — Das gibt'S nimmermehr — nein — das gibt's nimmermehr! Socrates war zuständig im griechischen Land, Er macht in Philosophie, wie bekannt; Prüf'n wollt'n ihn d'Profeffer mit Fragen, mit schwer'«, Doch er sagt: »Wozu woll'n wir uns täusch'«, meine Herr'n? 's Resultat meiner Studien in Mühe und Fleiß Ist, daß ich jetzt weiß, daß ich gar nichts noch weiß —* Schnupfend sagten die Griechen: die Ant« wort ist gut. — D'raus man ihm den Doctorhut aufsrtzeu thut. Jetzt thut auch so mancher studier'n, Und kommt es dann zum Rigrosir'n, 35 D'Profefsor'n sitzen alle herum, Da könnt' der auch sagen: »Warum, Was woll'n wir uns täuschen, dös Jahr Hab' ich mich nur verlegt auf's Billard, D'rum probir'n Sie's, und thun Sie mich fragen, Ich weiß gar nichts, sonst kann ich nichts sagen. —« Daß's zum Doctor den thäten graduiren nachher — Ja, das gibl's jetzt nicht mehr — nein — das gibt's nimmermehr! Apollo, die goldene Leier in der Hand, Und Pan, der das Dudelsackpfeifen erfand, Die spielten vor Midas, der sollte entscheiden, Wem höherer Kunstpreis gebührt von den Beiden. Der Midas doch hat für die Lyra kein' G'schmack Und klatscht sich die Hand wund bei Pan's Dudelsack. Apollo wird süchtig, daß er d'Wett verlor'», Und zaubert an Midas' Kopf zwei Eselsohr«. — 's gibt wohl auch noch Kunstrichter heut', Die bei ein'n artistischen Streit Kein' Sinn hab'n für's Höhere eben Und ein' Preis dem Gedudel nur geb'n. Nimmt man so ein Urtheil in d'Hand, Wird man stark an Midas gemahnt, Und daß's ein', der solches Zeug schreibt, Auch d'Ohren in d'Höh' gleich so treibt, Damit er von Weitem z' erkennen schon war' — Das gibt's leider nicht mehr, das gibt's leider nicht mehr! Als Josua jüdischer Feldmarschall war, Da stand er vor Jericho mit seiner Schaar, Doch wie er die Mauern auch ließ bom bardir'n, DieFestung wollt'durchaus nicht capituljr'n Der Josua aber hat g'schwind commandirt, Daß rund um die Festung Allarmblasen wird. Und wie die Trompeter in's Horn g'stoßen hab'n, Da purzeln die Mauern von Jericho z'samm'. Wir haben zwar in uns'rer Zeit Auch Feldherrn, die hätten a Schneid, A Festung einz'nehmen recht bald; Sie zogen auch d'rauf los mit Gewalt, Und eh's noch eing'nommen wor'n, Da stoßen sie auch schon in's Horn, Doch es thut halt nichts eing'stürzt sein, Nach einem Jahr nehmen's die Hälfte erst ein, Denn daß bloß mit'm Blasen a Stadt g'nommen wär' — Das gibt's nimmermehr — nein — das gibt's nimmermehr! Als Rom sich in völliger Sicherheit meint, Da naht zu nächtlicher Stunde der Feind, Doch waren die Ganseln gerad auf der Weid' — Die ganze Schaar flattert und schnattert und schreit — Das hat aus dem Schlaf gleich die Wachen erweckt, Sie greifen zu Schwertern und Lanzen erschreckt Und hauen den Feinden den Buckel recht voll — So wurde durch Ganseln gerett't 's Capitol. Es hat sich auch jetzt h'rausgestellt, Daß 's Ganseln g'nug gibt auf der Welt, Mancher Mann, auf dem Kopf schon ganz grau, Hat so a jung's Ganserl zur Frau, D'rum glaubt er ganz sicher zu sein — Doch da schleicht ein junger Feind sich ein, Daß aber so zur rechten Zeit Das Ganserl ihn aufweckt und schreit, So, daß dadurch sein Capitol gerettet wär' — Das gibt's nimmermehr — nein — das gibl's nimmermehr! ! ? * 36 Als die Deutschen zum ersten Mal uneinig waren — Im alten Germanien vor zweitausend Jahren, Da zogen in den Krieg auch Sängerinnen mit, Die sangen im Chor ein begeisterndes Lied, Und dieses beseelte die Streiter mit Muth, Um freudig zu wagen ihr Leben, ihr Blut. Die Feinde entflohen entsetzt aus dem Land — Walkyran, so wurden die Säng'rinncn genannt. — Don den jetzigen Sängerinnen wird Auch manchmal eine neue probirt, Und manche davon wär' wohl g'macht, Zu zieh'n als Walkyr in die Schlacht, Denn Stimmen gibt's, nicht zum be- schreiben, Ganz gemacht, um den Feind zu vertreiben — Doch, wie man auch h'rumsucht schon lang, * A solche, die durch ihren Gesang Thät begeistern in Logen und Parterre — Das gibt's jetzt nicht mehr —nein, das gibt's jetzt nicht mehr! Wer kennt nicht die G'schicht von dem gordischen Knoten? Die Herrschaft der Welt wurde dem ange- boten, Der ihn aufzulösen recht schnell wär' im Stand', Den nahm Alexander der Große in d'Hand; Doch er hat nicht lang erst darüber studirt, Mit'n Schwert hat er gleich einen Hieb darnach g'sührt, Und so war, eh' man sich noch recht hat verschaut, Der gordische Knoten mit einmal zerhaut. Wenn jetzt man die Lage betracht't, In die ganz Europa gebracht, So find't d'rin selbst ein Diplomat Den gordischen Knoten acurat. Beschaut man sie so recht beim Licht, 's ist auch 'ne verwutzelte G'schicht'. Man sieht da vom Faden kein' End', An dem man ihn abwickeln könnt'; Doch daß zu zerhau'n mit Ein'm Streich der Kopf wär' — Das gibt's nimmermehr — nein — das gibt's nimmermehr. Achte Scene. Verwandlung. (Ein Gebirge. — Auf der Höhe des Berges eine Capelle — am Fuße desselben der Zugang zu einem Schachte — im Vordergründe zu beiden Seiten hölzerne Hütten. — ES ist früher Morgen — die Bühne bleibt zuerst leer — und nur von der Capelle herab hört man ein Lied im Chor singen. — Nachdem der Gesang verstummt ist. treten: Jobst, Thomas und mehrere andere Bergknappen sammt Weibern und Kindern auS der Capelle und kommen den Weg über den Berg herab. — Tiefe ttberg (tritt aus einer der Hütten im Vordergründe, ihnen zuwinkend). Tiefenb. Grüß' Gott, liebe Leute! Die Bergknappen (ihre Mützen schwenkend). Glück aus! Glück auf! Tiefenb. (nachdem alle herabgekommen). Habt Ihr eure Morgenandacht verrichtet? I 0 bst (ein alter Bergmann mit schneeweißen Haaren). Ja wohl! — 's ist ja heut' Sonntag! — Und wann man d' ganze Wochen nur alleweil in der Teuf' munter arbeit't — muß man doch am Sonntag a weng' in d'Höh' (gegen Himmel weisend) schauen! Tiefenb. Nun, meine wackeren Leute, da heute Feiertag ist, sollt' Ihr einmal nicht bloß feiern, sondern Euch auch freuen. — Durch Eure Müh' und Euren Fleiß hat das Gewerk in kurzer Zeit bedeutenden Aufschwung erlangt — dafür sollt Ihr heute ein kleines Bergmannsfefl haben! — D rum kommt, holt eure Spielleute, laßt auf meine Kosten Speisen und Getränke herbeischaffen, und dann an das fröhliche Fest! Die Bcrgkn. Vivat! Glück auf! (Alle eilen mit Tiefenberg rechts hinten ab.) 37 Neunte Scene. Faltner, Baldrian. (Faltner kommt von rechts, in einen Mantel gehüllt. — Baldrian tritt von der entgegengesetzten Seite sehr eilig ans.) Faltn. Tu auch hier, Baldrian! Baldr. Freilich. — Ich Hab' Sie aufsuchen müssen — bin zuerst hinaus in die Dorstadt an den gewissen Platz, aber da Hab' ich gesehen, daß die Säulen schon herausgehoben mar — Faltn. Ha, und wieder Hab' ich den Beweis, daß die Lent' mit ihrem Aberglauben nur ihrem eigenen Gluck im Weg' steh'n. — Niemand hat die Säulen ans- graben wollen — aber ich — ich hab's gethan, und — denk' Dir — unter ihr — in der Erde vergraben war eine eiserne Kiste — voll mit alten Gold- und Silber- münzen! — Baldr. Merkwürdig! — Also Sie — Sie haben einen Schatz gehoben — in derselben Stund', wo Ihre Tochter — Faltn. (erschreckt). Mein e Tochter? — Baldr. Von einem Schatz gehoben worden ist! Faltn. Was willst Du damit sagen — Baldr. Sie ist von ihrem Geliebten entführt — durchgegangen, besser gesagt, dnrchgesahren! — fort! — pritsch! — Ich glaub' nicht, daß Sie's noch einholen können, wenn's ihr auch nachfahren! Faltn. Was? Ich — ihr nachfahren? Die liederliche Dirn' heimholen, damit sie am Eud' glaubt, ich kann nicht leben ohne sie? Nein — nein — sie soll fort! — Soll bleiben, wo sie will — in mein Haus kommt sie nimmer! (Vor Wuth weinend.) 3ch Hab' jetzt keine — gar keine Kinder mehr! Baldr. (zärtlich). Nehmen Sie mich an Kindesstatt an! Faltn. Nein! — Hch will auch keine Kinder mehr haben — ich seh', ich darf nichts haben, was ich liebe — das Schicksal reißt mir Alles weg! — Ich soll nichts haben, als meinen Reichthum, der soll auch fortan meine einzige Lieb' sein — und jetzt kann mir das Schicksal meine Lust nickt mehr vergällen, es kann mir nichts mebr nehmen! (Mit Trotz.) Nur ein ganz leeres Herz ist der Panzer, mit dem gerüstet man das Geschick heransfordern kann: Schlag' zu! Schlag zu! Ich fühle deine Schläge nickt mehr! — Zehnte Scene. Vorige. Tiefenberg. (DerZug der festlich geschmückten Bergleute — Musikanten an der Spitze.) Tiefenb. Ha — seht! — Herr von Faltner! Der Besitzer des Bergwerks. Begrüßt ihn! Alle. Glückauf! Faltn. (zu Tiefenberg). Sie haben mich eingeladen, das Bergwerk zu besehen — ich bin deswegen da — führen Sie mich überall herum! Hobst (beinahe erschreckt). Was? Heut? Aber Euer Gnaden — wisscn's denn nicht, daß Sonntag ist! Faltn. Na, und was weiter? Hobst. Es ist a heilige Bergmannsregel, daß Keiner an einem Sonntag ein- sahrt. 's ist ka Glück und ka Segen dabei. (GutmiUhig flehend.) Bleiben's heroben, gnädiger Herr! Tiefend, (leise zu Faltner). Herr von Faltner, ich bitte Sie auch, geben Sie kein Aergerniß — indem Sie gegen den frommen Glauben dieser Leute verstoßen! Faltn. (auffahrend zu Jobst). Hch werd' Euch beweisen, daß für den vernünftigen Mann ein Tag wie der andere ist! — Hetzt muß ich hinab in den Schacht! — Tiefenb. Hch stehe zu Diensten! — Aber die Leute — (Weist auf die Bergknappen, welche sich alle scheu zurückziehen.) Sehen Sie nur — Faltn. (heftiger). Was? Ihr weigert Euch, weil heut' Sonntag?— Gut! Gut! Weil Ihr denn gar so fromm seid — so fordere ich's g'rad als einen Beweis von Eurer Frömmigkeit! — denn es heißt: »Herrendienst geht vorGottesd ienst!« — Ich, Euer Herr, befehl' Euch — (zu Tobias und noch einigen jungen Knappen) Dir — und Dir — und Euch Zweien — nehmt Eure Grubenlichter und dann mit mir herunter! Jobst (zu Tobias gehend, und seine Hand auf dessen Schulter legend). Der da — ist mein Sohn — aber Euer Gnaden befehlen — gut — so soll er gch'n! (Zu Tobias.) Fürcht' Dich nicht! — Du fehlst nicht, — sondern der, der das Reckt hat, Dir zu befehlen! — Einige Bergkn. (sind abgegangen, aber sogleich wieder mit kleinen vergitterten und an> Stangen befestigten Laternchen. worin brennende Kerzen find, wiedergekommen). Faltn. (zu Baldrian). Gehst Du auch mit? — Baldr. Ich küß' die Hand, Herr Principal! Ich muß nicht von Allem haben! Faltn. (zu den Knappen). Ihr seid schon bereit! — Gut! Nur voran! — (Zu Jobst, welcher sich entfernen will.) Wo geht Ihr hin? Jobst (gegen die Capelle weisend). Da hinauf, ich will beten, daß Euer Gnaden kein Unglück g'schieht! (Geht den Berg hinan und in die Capelle ab.) . Faltn. (mehr für sich). Ein Unglück? Mir? — Mir kann nichts mehr gescheh'n! Zch Hab' nichts mehr zu verlieren! — (Laut zu Tiefenberg und den Knappen.) Also nur voran — ich folge Euch! — (Ab mit Tiefenberg und den Knappen in den Schacht links.) Alle Uebrigen (sehen ihnen mit gefalteten Händen und bekümmerten Blicken nach. — Andächtige Gruppe). Baldr. (zu den Zurückgebliebenen). Na — was schaut's denn so trübselig d rein? — Habt's keine Angst, wo mein Principal dabei ist, da gibt's ka Unglück — denn nur 's Glück geht ihm überall Schritt für Schritt nach! Mehrere Knappen. Meint der Herr? Baldr. Ich mein' nicht bloß — ich Hab' die Beweis'! — Und darum laßt's Euch in Eurer Unterhaltung nicht stören! Trinkt's, singt's, tanzt's — ich tanz' mit, denn ich liebe solche ländliche Feste — das ist meine Tänzerin! — Also aufgespielt, Musikanten! (Die Musiker beginnen zu spielen, die Bergknappen suchen sich ebenfalls Tänzerinnen und reihen sich zum Tanz.) Tanz der Bergknappen. Baldr. (nimmt am eigentlichen Tanz nicht Theil, sondern steht, seine Tänzerin an der Hand haltend, seitwärts, und bewegt sich mit ihr nur im Tacte der Musik. — In dem Augenblicke. als die Tänzer zum Schluffe des Tanzes sich zu einer Gruppe einigen wollen — ertönt aus dem Innern des Berges ein furcht- bares Gekrache). Alle (bleiben vom Schreck gelähmt stehen). Gott im Himmel! — Was ist das? Eilfte Scene. Vorige. Jobst, dann Tobias, die Knappen, zuletzt Tiefenberg und Faltner. Jobst (eilt aus der Capelle). Allmächtiger Gott! — 's ist ein Unglück gescheh'n! — Und mein Sohn — mein Sohn! (Eilt den Berg herab.) Tob. (eilt zuerst aus dem Bergwerk heraus — mit bleichem Gesichte — die übrigen Knappen folgen ihm). DH! — Lust! — Luft! — (Tief aufathmend.) Gott sei Dank! — Wir sind im Freien! Jobst (auf ihn zueilend und ihn zitternd in seine Arme schließend). Tobias — Sohn — Du bist da?! Herr, mein Gott! Ich dank' Dir! —. Aber red' — red' — was ist gescheh'n? Tob. Ah! Mir verlegt's fast noch den Athem! — Wir waren da d'rin! —. (Auf den Schacht weisend). Der Herr hat den neuen Gang beseh'n wollen -— da — da sein blaue Flammerln auf'm G'stein herum- g'hupft — wir wollen zurück — aber er — nur vorwärts! — Da — aus einmal wird'S blendend hell — als stund 's ganze Bergwerk in Feuer — eine Explosion — Jobst. Und der Herr Tiefenberg?! Baldr. Und mein Principal? Tob. Goit weiß! (Sieht sich um.) Ha — da kommen's ja! Alle (eilen den Kommenden entgegen). -Tiefenb. (kommt, Faltner an der Hand führend, heraus). Kommen Sie — kommen Sie? — Gott sei Dank! — Wären wir noch einen Schritt näher gewesen — so wären wir verloren! Faltn. (unsicher um sich tappend). Ah — ich spür' schon die frische Luft! — Nur hinaus — hinaus — ins Freie! — Tiefenb. Fassen Sie sich doch — sehen Sie denn nicht, daß wir im Freien sind? Faltn. Nein! — Nein! — 's ist ja noch Alles finster — ich sehe keinen Schritt vor mir — rabenschwarze Nacht! Tiefenb. (erschreckt). Was sagen Sie? Blicken Sie auf — sehen Sie denn nicht den blauen Himmel — den Hellen Sonnenschein? — Faltn. (den Kopf in die Höhe richtend). Blau? Blauer Himmel? Sonnenschein?! (Fährt sich mit der Hand über die Augen.) Nichts — nichts! — Schwarz, alles schwarz! (Plötzlich seinen Zustand erkennend.) Allmächtiger! — Blind! Blind! (Er finkt zusammen.) (Schlußgruppe.) (Der Vorhang fällt.) Dritter Art. (Zimmer im Hause Faltner'S — im Hintergrund ein breites, bogenförmiges, gewölbtes Fenster, welches durch einen herabgelassenen grünen Vorhang verdeckt ist — seitwärts ein anderes, zu Anfang noch unverhängteS Fenster. Tine Thür im Hintergründe — zu beiden Seiten Rebenthüren. — Ein Schreibpult, daneben ein Fauteuil.) Erste Scene. Baldrian. Schnapper. Schnap. (kommt mit Baldrian durch die Mittelthür herein). Sie haben mich herbestellt — mich — und wissen doch das Mahleur, was mich betroffen hat! Baldr. Ja, ich weiß, daß Ihnen, Herr Magister, wegen verschiedener chirurgischer Plutzer auf obrigkeitlichen Befehl die ärztliche Praxis auf längere Zeit eingestellt worden ist. Sie sein jetzt bloß auf Ihre Officin beschränkt! Schnap. Leider! — Ich darf jetzt nur mehr barbieren! Baldr. Spaßig! — Wann jetzt einen Menschen plötzlich aus der Straßen ein Unglück paffirt — wann Einer ohnmächtig zusammfallt, so tragen ihn d'Leut doch immer in die nächste offene Officin! Schnap. Ist mir ja erstneulich gescheh'n! Kriegt Einer einen Schlaganfall, stürzt zusammen — man bringt ihn in meine Officin — ich hätte helfen können, aber ich habe nichts Anderes thun dürfen, als was mir noch allein erlaubt ist — ich Hab' ihn also barbieren lassen — hat aber nichts g'nutzt! — Curiren darf ich einmal nicht — höchstens Haarschneiden lassen — und darum hat's mich eben gewundert, daß Sie mich haben holen lassen, und noch dazu in das Haus! Baldr. Werd' mich gleich expectoriren! Bleibt aber streng' unter uns — mein blinder Principal will immer den Versuch machen, sich vperiren zu lassen, ich bin aber überzeugt, daß 's nichts nutzt und daß er nur rein umsonst den Schmerz aus- znstehen hätt'. Um ihn davor zu bewahren, nehm' ich meine Zuflucht zu einer ganz unschuldigen List; so oft er mir den Auftrag gibt, Ein'n von den hiesigen berühmten Angenärzten herzubestellen, such' ich mir einen wackeren Freund, wie z. B. heute Sie, und führ' ihn dann als den Verlangten auf und der muß ihm dann sagen, daß er ihn nicht operiren kann! — Wollen Sie das auch? Sie kriegen für die bloße Visite fünf Ducatcn! Scknap. Fünf Ducaten! Und bloß für das, daß ich ihm sag', daß ich ihn nicht operiren kann — da brauch' ich ja nur die reine Wahrheit zu sagen! Baldr. Heut' hat er g'rad verlangt, daß der Professor Jagdmann, einer unserer ersten Augenärzte, zu ihm kommen soll! — Sie müssen sich ihm als Doctor Jagdmann vorstellen. Schnap. Um fünf Ducaten stell' ich vor, was Sie wollen! Baldr. Na, also — so gehen Sie nur da hinein — (auf die Seitenthür weisend) Er sitzt gleich im zweiten Zimmer in seinem Schlassessel. Schnap. Schön! Schön! — Ich werd' ihm gleich sagen, daß er gar keinen weitern Versuch anstellcn soll — daß's mit jeder Hoffnung aus ist! Baldr. Thun Sie das, dafür sollen Sie mein Hausarzt werden, und zwar auch behufs einer wöchentlichen Angenoperation — Sie sollen mir nämlich alle Sonntag die Hühneraugen ausschneiden. DaS ist eine Ihres Talentes vollkommen würdige Ausgabe! — (Hat ihn während dieser Rede bis zur Seitenthür begleitet, öffnet diese nnd ruft hinein.) Herr Principal! Der Herr Professor Jagdmanu! Schnap. (ab). Baldr. (allein). Ja, er ist blind und soll blind bleiben! Dabei allein schaut für mich noch etwas heraus. — Für den Geschäftsführer eines reichen Mannes ist's schon gut, wann sein Chef manchmal ein Aug' zndrückt, also g'rad noch einmal so gut, wann er alle zwei Augen für immer zu hat! — Zweite Scene. Baldrian. Walzner. Walzn. (tritt durch die Mitte ein). Servus, Herr Baldrian! Baldr. Ah, schamster Diener, Herr Walzner! — Aber sagen's mir nur, warum die Marie den Moriz noch nicht geheiratet hat? Er hat ja, wie ich gehört Hab', vor acht Tagen schon's Doctorat erhalten! — Walzm Ja, jetzt will die Marie noch nicht! Seitdem sie von dem netten Unglück ihres Vaters weiß, hat sie eine ganz eigene Bedingung g'stellt, die erfüllt sein muß, wenn sie dem Moriz ihre Hand auch ohne väterliche Zustimmung reichen soll! Baldr. Eine Bedingung? Sagen Sie mir's! Wenn ich vielleicht dem Herrn Moriz dazu behilflich sein kann, sie zu erfüllen, mit Vergnügen! Walzn. Sagen Sie mir, können Sie's möglich machen — daß der Moriz mit Ihrem Herrn reden könnt'!? Baldr. Der Moriz — mit meinem Principal? Ja, glauben's denn, er ist auch auf den Ohren blind? — Wenn er ihn erkennt. — Walzn. Daß er ihn Nicht kennt, ist dem Moriz seine Sach'! — Baldr. Das ist nicht möglich! — Er erkennt ihn an der Stimm'! — Das ist ja eine alte Sach,' daß g'rad bei Blinden das Gehör nur um so schärfer wird! — Man bemerkt das selbst bei den nur moralisch Blinden, bei denen nämlich, die mit offenen Augen nicht sehen, was ihnen vor den Augen liegt — denen hat die wohlthätige Natur dafür längere Gehörswerkzeuge gegeben! — Walzn. Na, wenn Sie's schon für ganz unmöglich halten, daß er sich so verstellen könnt', so müssen wir schon auf einen andern Plan denken! Dritte Scenet Vorige. Moriz. Mor. (in der Verkleidung eines alten Kräutlersammlers in bäurischer Tracht — einen Hut mit breiten Krämpen tief in die Stirne gedrückt, darunter lange herabhängende schneeweiße Haare — Zwickbrillen auf der Nase — gebeugt und wie vor Alter zitternd — in der einen Hand einen Stab, auf den er sich stützt, in der andern Hand einen Korb mit frischen Kräutern — kommt durch die Mitte. — Im Reden nimmt er die Weise eines zahnlosen Grei- ses an). Mit Verlaub — meine lieben Herren! 41 Baldr. (sieht sich nach ihm um). Was will denn der Alte? Geht's in Gott'snam! Hier wird nir ausgetheilt! Mor. (vonvärts kommend). Din ja kein Bettler! — Kennen's mich denn nit? — Ich bin der alte Thomas — der Kräutersammler —- ich versetz' alle Dürrkräutler in der Stadt mit die nöthigen Pflanzen. Baldr. Na, was wollt's denn nachher dahier? Ich bin weder Dürr noch Kräutler! M or. Ich geb' mich a a bißl mit'n Doc- tern ab — ich weiß a Menge Mittel, von denen die studierten Herren kein' Dunst haben, und weil mir die Berglent' draußt erzählen, was Ihrem Herrn mit seinen Augen gescheh'n ist, so Hab' ich halt an- fragen wollen, ob er nit vielleicht Kräuter zu einem Augenwasser oder zu einem Thee von mir brauchen könnt'! Baldr. Gebt's Euch keine Müh'! — Wem das Schicksal einmal so den Thee geben hat, wie dem Herrn Falkner, für den gibt's kein Kräutel mehr! — Also geht's, Alter, geht's wieder heim! — Walzn. (für sich). Er kennt ihn richtig nit! — Vierte Scene. Vorige. Schnapper. ^schnap. (tritt aus dem Nebenzimmer). Hab' ihm's schon g'sagt! Baldr. (ihm zuwinkend, leise) Nehmen ^ic sich zufamm'! (Laut. absichtlich betonend.) Also, Herr Professor! Was halten Sie von seinem Zustande? Schnap. Inkurabel! Totale Unmöglichkeit, diese Blindheit zu heilen! Walzn. Wer ist denn der Herr? Baldr. Der Herr Professor Iagdmann. Mor. O Du Lump! Baldr. (sieht sich erstaunt um). Was war das? — 's war mir g'rad, als ob mich Jemand bei meinem Namen geruft hätt'! Mor. Nichts! Ich Hab' nur a bißl ein' Husten! Baldr. Ah so?! — (Zu Schnapper.) Also, Herr Professor! Lassen Sie sich nicht länger anfhalten, ich weiß, Ihre Zeit ist kostbar! Versäumen Sie Ihre andern Patienten nicht! Hier ist das Honorar für die Visite! (Drückt ihm fünf Ducaten in die Hand.) Schnap. Dank' recht sehr! Empfehl' mich allerseits! (Rasch durch die Mitte ab.) Baldr. (zu Walzner). Sie sehen, es nutzt Alles nichts!. Mor. (eilt mit geschwungenem Stocke auf Baldrian zu. mit gewöhnlicher Stimme). Elender Schuft! — Niederträchtiger Betrüger! Baldr. (entsetzt). Um Alles in der Welt! Auslassen! — WaS soll das? Walzn. Sie haben den Moriz nicht erkannt — vielleicht lernen Sie ihn jetzt kennen! Mor. Ja, das soll er! (Schüttelt ihn derb, seinen Stock schwingend.) Baldr. Der Moriz! Mor. (läßt ihn los) Denken Sie sich, einen lumpigen Bader — einen seiner Praxis enthobenen Chirurg stellt der Gauner dem blinden Mann als den Doctor Jagdmann vor, als den berühmten Arzt, der auch mein Professor der Augenheilkunde war, unter dessen Ucberwachung ich selbst erst gestern im Spital eitle glückliche Operation vollbrachte. Jetzt gestehe, warum hast Du Dir den Betrug erlaubt? Bekenne, oder ich schüttle Dir die Seele aus dem Leibe! Baldr. Lassen Sie die Seele darin — ich will Alles erklären! Mor. So sprich! — Baldr. (fromm thuend). Sie wissen ja selber, was für ein hartherziger Mann mein Detter ist — d'rum Hab' ich seine Blindheit für eine Straf' Gottes gehalten, und Hab' denkt, wenn ich selber dazu beitraget, daß er wieder zu seinem Gesicht kommt, so greifet ich der Verfügung des Himmels vor, und das soll ja der Mensch nicht! — Mor. O Du frommer Hallunk — so willst Du Dich weißwaschen? — Glaubst 42 Du, ich durchschaue deine wahre Abficht nicht? — Bestehlen wolltest Du deinen Herrn, und zu dem Zwecke war Dir seine Blindheit willkommen! Walzn. Was? — Das hat er wollen? Ah, jetzt halten's mir ihn a bißl! Jetzt werd' ich mir ihn vergönnen! (Streift sich die Aermel auf.) Baldr. (retirirend). Nickt! — Nur keine Lynchjustiz! Ich schreie! Mor. (zu Walzner). Lassen Sie ihn. Ich bin hergekommen, um selbst den Zustand des Blinden zu untersuchen — ich wählte diese Verkleidung, damit mich Niemand im Hause erkenne, und werde auch vor Herrn Faltner mich so benehmen, daß er nicht erräth, mit wem er's zu thun hat! Sorgen Sie gleich, daß ich mit ihm sprechen kann — melden Sie ihm einen Kräutersammler aus dem Gebirge, der im Besitze wunderbarer Heilmittel ist. — Das fordere ich! — Wenn Sie aber nur durch einen Laut etwas verrathen, so werde ich Ihnen schlagende Beweise (schwingt seinen Stock) von der Heilkraft der Haselstaude geben! — Baldr. (will fort). Walzn. Halt! Ihnen trau' ich jetzt nickt weiter, als ich Sie sehe, darum laß' ich Sie nicht allein gehen, ick muß dabei sein und bei jedem Wort, das Sie anders reden, als der Moriz will, stoß' ich Ihnen eine Rippen auseinander. Kommen Sie mit mir. (Beide ab.) Mor. (allein). Recht hat der Walzner, daß er ihn nicht allein läßt. — Der gute Vetter Baldrian könnte doch am Ende von unserem Geheimnisse Gebrauch gemacht haben und Alles wäre verdorben gewesen! — Denn das ist schon so eine Leidenschaft bei den Menschen, wenn man will, daß etwas recht unter die Leute kommen soll, so darf man nur irgend Einem etwas in die Ohren flüstern und dazusetzen: »Aber machen Sie davon keinen Gebrauch!* — dann ist es gerade so gut, als ob man es ausgetrommelt hätte. L o u p t e 1. Ein Schreiber sagt: »Ich g'steh es frei ein, Geh' Abends ick aus der Kanzlei, Da kann vor Durst ich nimmer steh'n, D'rum muß ich in ein Weinhaus geh'n, Da stech' ich dann zwei Flaschen aus — Da mach' ich kein Geheimniß d'raus!« Aber einmal trifft's Morgens schon Ein'n, Daß er wankt in d'Kanzleistube h'nein. Die Feder ihm gar nicht parirt, 's werden Trudenfüß', was er copirt! Der Amtschef fährt zornig ihn an: »Was haben's denn wieder gethan?* Da lallt er: »Ich weiß nicht, ganz dumm, Geht All's mit mir rund um und um! Herr Amtschef, ich g'steh's Ihnen ein: Ich trink' sonst nur Abends den Wein, Doch heut' Hab' ich g'frühstückt beim Heurigen auch — Aber, ich bitt'Sie, macken's davon kein'n Gebrauch! In eines Dichters Kopf entsteh n Nicht stets von selber die Ideen, Zur Anregung von Stoffen ist Es nöthig, daß man sieht und liest. Selbst Shakespeare beutet Fremdes aus, Da macht man kein Geheimniß d'raus! Dock ist's auch schon öfters passirt, Daß bei uns ein neu's Stück man aufführt, Wo aufgetischt wird schlau und fein, Was g'kocht wurde jenseits dem Rhein.! Nur statt des französischen Jean Heißt im Deutschen der Held jetzt Johann, Was heißt auf französisch Boulevard, Dafür paßt hier der Graben auf's Haar — Sonst ist das Werk treu übersetzt, Und nicht eine Scene verletzt. Als Originalstück verkauft man's doch auch — Aber ich bitt' Sie, machen's davon kein'n Gebrauch! 43 Wenn's hitzig zugeht in der Schlacht, Muskete und Kanone kracht, Da raubt die Kugel Dielen 's Leb'n — Blessirte, Todte muß es geb'n! Gar Mancher kommt nicht mehr nach Haus — Da macht man kein Geheimniß d raus! Doch Hab' in der Zeitung ich g'les'n, Was macht man darin für ein Wesin, Tausend Mann hat verloren der Feind, Von den Andern jedoch da erscheint Ein Einziger nur, der gefall'n, Nichts g'scheb'n ist den Nebligen all',,! Doch kann unter uns ich erzähl'n, Ich Hab' es aus sicheren Quell'n, Wie die Sieger zu Haus zogen ein, Und man abgezählt hat ihre Reih'n, Haben anderthalb G'meine noch ertra g'sehlt auch — Aber ich bitt' Sie, machen's davon kein'n Gebrauch! Das Reiten ist nicht gar so leicht, Bis man die Sicherheit erreicht, Das frommste Pferd oft stutzig ist, So daß der Reiter leicht vergißt, Zu kommen wieder g'sund nach Haus, Da macht man kein Geheimniß d'rans! Ein Commis aber war Sonntags aus, Kommt zerrissen und hinkend nach Hans, Um Gotteswillen, wo kommst Du her? Beim Steaple-Chase war ich, sagt er, Da Hab' über G'sträuche ich g'sctzt Und Hab' mir die Kleider zersetzt. — Aber ich — ich Hab' g'seh'n ihn von weit'n. Per Esel auf'n Kahlenberg reit'n, Und den Langohr hat's g'freut nimmer mehr, Zu trag'n ein' noch Größern als er! Ein Sprung — und pumps lag der Ma- zeppa anf'm Bauch — Aber ich bitt' Sie, machen's davon ' kein'n Gebranch! (Geht ab, kehrt aber gleich wieder zurück.) Fünfte Scene. Vorige. Faltner. Jean. Faltn. (kommt von Jean geführt auS dem Nebenzimmer, zu diesem). Laß mich nur, da heraus) sind' ich mich schon zurecht. (Läßt die Hand Jean'S loS und geht mit den Händen vor sich greifend, zu dem Stuhle neben dem Pulte.) Ach! (Seufzend.) Ich muß mich ja d'ran gewöhnen, die Hände statt den Augen zu gebrauchen, denn es gibt für mich keine Hoffnung mehr! (Setzt sich in den Stuhl.) Ich Hab' ja reden g'hört, bist Du's, Baldrian? Daldr.. Ja, Herr Principal! Faltn. Und wer noch? Walzn. Ich auch — Ihr Er-Schwie- gersohn — der Walzner! — Ich Hab' Ihnen eilten guten Morgen sagen wollen! Faltn. Guten Morgen?! — Gibt's noch einen guten Morgen oder überhaupt einen Morgen für den, der zu ewiger Nacht verdammt ist? Walzn. Na, na! — Nur nicht verzweifeln. — Wer weiß, ob nicht doch noch a Hilf möglich ist. Faltn. (den Kopf schüttelnd). Nein, nein! Die geschicktesten Aerzte waren bei mir — Alle haben mich für unheilbar erklärt! Mor. Aha! Lauter Doctoren — die Sie graduirt haben. Faltn. (horchend), 's ist ja noch Jemand da. — Ich hör' eine Stimm'! Wer ist's? Mor. (näher zu Faltner tretend, mit verstellter Stimme) Ich bin's, Euer Gnaden! Der alte Thomas, der Kräutersammler — Faltn. Aha — der Baldrian hat mir schon g'sagt — was wollt Ihr bei mir? Mor. 's ist zwar a Keckheit von mir — und 's ist mir a schon von die Herren Tortoren eingestellt worden, aber ich muß Ihnen doch sagen, daß ich so manches von der Eurirerei versteh'. Unsereins kennt a Menge Pflanzen, die kein Apotheker hat, und nachher is's a ein Unterschied, wo 44 und zu was für einer Stund' man g'wisse Pflanzen brockt! Baldr. Jetzt gehen's mit dem Aberglauben! — Faltn. (tief sinnend). Ist denn Alles Aberglauben, was man g'rad nicht beweisen kann? — O ich will's schon glauben, daß es ein geheimes Wirken und Walten in der Natur 'gibt. — Baldr. Was, Herr Principal! — Sv reden Sw jetzt — Sie, der sonst gelaug- net hat, was mit Ihrem Verstand in Widerspruch war? Faltn. O, es ist in mir gar Vieles anders geworden! Wenn man so den ganzen Tag in seiner Dunkelheit sitzt — da entzündet sich oft im Innern ein Licht und beleuchtet den ganzen Weg, den man schon zurückgelegt hat — da sieht man den Faden, der sich durch's ganze Leben zieht — der die Handlungen und ihre Folgen verbindet, — da erkennt man, daß nicht bloß Menschen, um den Menschen wissen, sondern daß in der ganzen Natur ein Geist ist — der weiß und Kräfte, die in Bewegung gesetzt werden — bloß in Folge eines Willens — eines Gedankens! — Mor. (leise zu Walzner). Jetzt führt er ja eine ganz andere Sprache! Walzn. (leise). Ja, mir kommt vor — als ob er g'scheidt redet — ich versteh' kein Wort davon! Mor. Ja — curiose Kräfte gibt's in der Natur! — Und darum, wann mir Euer Gnaden erlaubten, daß ick Ihre Augen a bissel anschaue! — Faltn. Schaut meine Augen an, Alter, ja, schaut sie nur an! Mor. Na ja, schaden kauu's ja auf keinen Fall! — Ich bitt', bleiben's ruhig sitzen.— (Zieht mit den Fingern Faltner'S Augenlider etwas in die Höhe — betrachtet die Augen — plötzlich läßt er ihn loS — eilt, kaum mehr Herr seiner innern Bewegung, zit- ternd von ihm weg. faßt Walzner'S Hand und spricht leise m't gepreßter Stimme.) Ja — ja — cs ist möglich! Walzn. (freudig auörufend). O Du mein Gott! Faltn. (in gereizter Spannung). Was schreien Sie auf, Walzner! — Und Ihr, Alter, Ihr sagt nichts? — Ihr traut's Euch wohl nicht! — O sagt es nur heraus, sagt auch Ihr das entsetzliche Wort: »Unheilbar!« -— Ich — (beinahe weinend) ich erwart' ja nichts Anderes mehr! Mor Ich sag', wann Sie sich mir anvertrauen wollen. und wann der liebe Herrgott mir seinen Beistand leiht, so ha- ben's in einer Viertelstund' wieder Ihr Augenlicht! Faltn. (vom Sitze auffahrend). Mein — mein Augenlicht?! — wieder sehend?! — Mann! Mann! — Wo seid Ihr? — (Tappt mit den Händen vor sich hin.) Mor. (seine Hand fassend). Da bin ich! Faltn. (mit ängstlicher Hast Moriz'ö Arme befühlend). Bleibt da! — Ich laß Euch nicht mehr fort, Alter! — Wenn Ihr die Macht habt, mich zu heilen, so hat Euch unser Herrgott zu mir geschickt. — Ja, ich erkenne in Euch selber einen Gott! — Ich flehe Euch an — ich beschwöre Euch. — (Sinkt vor Moriz auf die Kniee.) Da, seht! Ein Millionär ist vor Euch ein Bettler! Tenn Ihr könnt ihm ja mehr geben, als alle seine Millionen werth sind. Mor. (ihn aufhebend). Nur ruhig! — So stark darf's Gemüth bei Ihnen nicht bewegt sein — und bei mir a nit. — Ich brauch' a ruhige Hand, 's gilt a Operation — lassen Sie sich d rauf ein? Faltn. Könnt Ihr da noch fragen? Alles! Alles! Mor. Lassen Sie sich jetzt auf Ihr Zimmer führen, und bleiben's schön stad sitzen. Ich komm' nachher nach und wcrd' schon sagen, wie Alles gerichtet werden muß. Faltn. Ja, kommt, aber bald — bald! Laßt mich nicht lange in der fürchterlichen Ungewißheit. (Steht mit gesenktem Haupte und zum Beten gefalteten Händen.) Gott! — Mein Gott, sei barmherzig! Vergebung! Vergebung! 45 Walzn. (ebenfalls die Hände faltend). Lieber Herr Gott! (Auf Faltner weisend.) Vergib ihm, waS er verschuldet hat! Faltn. Ja, betet — betet für mich! — Und Du, Baldrian! — Bist Du noch da? Daldr. Ja, Herr Principal! Faltn. Nimm tausend Gulden, — geh' hinüber zum Armcnvater — er soll's vertheilen, sie sollen für mich beten — beten! Jetzt! — Führt mich auf mein Zimmer, aber noch Eins, (zu Moriz) Alter, kommt her! Hört mein Versprechen, was ich Euch da vor Zeugen gebe! — Wenn Euch die Operation gelingt, wenn Ihr mir das Augenlicht wieder gebt, so gehört das große Haus auf m Platz— was mir meine Frau zugebracht hat, Euch! Mor. Ah nein, ich werd' mir schon eine andere Gnad' ausbittcn! — Faltn. Nein, — cs bleibt dabei! Das Haus gehört Euch! — Was mit meinem übrigen Vermögen geschieht, darüber Hab' ich eben schweigend ein Gelübde abgelegt! Gott hat's gehört und ich werd's treulich halten! — Ich will nichts — nichts mehr mein nennen, — ich brauch' kein Gold mehr — ich bin ja überreich — wenn ich das Gold der Sonne wieder sehe! — (Faßt Jeans Hand und geht mit diesem in'S Seitenzimmer ab.) Baldr. Ich kenn' meinen Vettern nicht mehr — er macht Gelübde — er betet — das Hab' ich zum ersten Mal von ihm geseh'n! Walzn. Ja, es hat Mancher schon im Ueberfluß 's Beten verlernt — aber 's Unglück legt ihm die Hand' wieder in einand, wie ihm's als klein's Kind seine Mutter gethan hat, und studiert ihm 's Vaterunser auf's Neue wieder ein. (Tritt mit Moriz seitwärts, leise zu diesem.) Aber sagen's mir, könnt' ich ihm nicht jetzt sagen, daß sein Sohn lebt, daß er jetzt schon ganz hergestellt ist. Mor. (leise). Gott bewahre — gerade jetzt ist jede Aufregung zu vermeiden. Walzn. (leise). Na — so sag' ich ihm nichts — ich verlaß mich da ganz auf Sie, aber (laut) Sie gehen jetzt an ein gefährliches, aber an ein großes Werk— da brau- chen's ein' Segen dazu — Sie haben aber gesagt, daß Sie keinen Vater und keine Mutter haben — wann's erlauben, so werd' ich Ihnen meinen Segen geben, denken's halt, ich war' Ihr Vater! (Breitet seine Hände segnend aus über ihn, dann.) So — ich glaub', eS wird ausgeben! (Ab.) Mor. (zu Baldrian). Sie verhängen hier alle Fenster, es darf nur ein Halbdunkel sein. Baldr. Also, Sie hoffen wirklich, ihn wieder sehend zu machen? Aber haben's denn nicht genug damit, daß Sie der Tochter in die Augen gestochen haben, müssen Sie dem Vater auch noch in die Augen stechen? Mor. Schweigen Sie und thun Sie, was ich befohlen. Baldr. (indem er den Borhang zuzieht). Ja, ich weiß auch, was ich zu thun Hab'! (Für sich.) Wenn der Alte sehend wird, muß ich mich unsichtbar machen, denn wann er sieht, wie ick während seiner Blindheit das Geschäft geführt Hab', dann gingen ihm erst die Augen aufl — D'rum gleich jetzt auf die Eisenbahn! Fort, mit unterlegten Lokomotiven. (Ab.) Mor. (im Vordergrund auf- und niedergehend). Ich weiß selbst nicht — wie mir zu Muthe ist! — Alles hängt von einer glücklichen Bewegung dieser Hand ab. — Gott war ja immer mein Hort! — Und so rufe ich auch heute, wie bei Allem, was ich unternehme: »Mit Gott!« (Ab in's Seitenzimmer.) Sechste Scene. (Nachdem Moriz abgegangen, bleibt die Bühne einige Zeit leer. Entsprechende Musik füllt die Pause. Hierauf treten durch die Seitenthür Lau mann und einige Eommis heraus» mit der Mimik gespannter Erwartung, dann Wal zu er und Marie (durch die Mittelthür). Walzn. (leise zu Marie) Kommen's nur da herein — 46 Marie (ist als Krankenwärterin gekleidet, und trägt über dem Kopf ein Tuch, so daß das Gesicht verdeckt ist). Äst Alles vorüber? (Man hört vom Seitenzimmer her Faltner laut aufschreien.) Marie Was ist das? Walz«, (eilt zur Seitenthür und sieht hinein). Faltn. (noch innen). 3ch seh — ich seh! Marie (freudig erschreckt), O mein Gott! Ich will zu ihm — Walzn. (hält sie zurück). Nein — nein— Sie könnten sich zu früh verrathen — blei den Sie nur — M arie (in das Seitenzimmer sehend). Was ist das? Sic verbinden ihm die Augen wieder! Walzn. Das muß so sein — aber still — still — sie führen ihn heraus I Siebente Scene. Vorige. Faltner, Moriz, ein Diener. Faltn. (mit einer dunklen Binde vor den Augen, kommt von einem Diener und von Moriz geführt aus dem Seitenzimmer). Laßt mich — laßt mich — ist denn Niemand da — dem ich mein Glück erzählen kann — ich bin geheilt, ich Hab' mein Augenlicht wieder! Mor. Nur ruhig! Sie müssen nickt glauben, daß 's jetzt schon aus ist mit der Kur. — Damit Sie ganz genesen, müssen Sie noch innerlich kurirt werden! Sie brauchen eine recht sorgsame Pflege, und deshalb habe ich auch eine verläßliche Person mitgebracht, eine Krankenwärterin. Wenn Sie sie aufnehmen wollten, wär' es mir sehr lieb. Faltn. (seht sich). Wenn's Euch lieb ist, ist sie ausgenommen. Marie (eilt, ihrer Gefühle nicht mehr mächtig, zu Faltner, sinkt an seinem Stuhl in die Knie, faßt seine Hand und drückt ihre Lippen darauf). Faltn. Ha— was hat Sie denn? Zch spür' Eure Thränen auf meiner Hand. Nehmt mir die Binde wieder ab — nur einen Blick in Gottes weite Welt! Mor. Ja, ich möcht' selber probieren, ob 3hre Augen nicht bloß das halbe Licht im dunklen Zimmer, sondern auch das volle Licht aushalten können, wie es vom blauen Himmel kommt. Stellen Sie sich zuerst so. — (Wendet ihn gegen das Fenster, dann zum Diener.) 3etzt macht das Fenster frei. DerDiener. (zieht den Vorhang vom Fenster auf, wodurch die Bühne ganz hell wird). Moriz (zu Faltner). Halten's das Licht aus? — Faltn. 3a! — o nur noch mehr Licht — ich dürft' nach Licht! Mor. (gibt dem Diener einen Wink). Der Diener (öffnet das breite Bogenfenster im Hintergründe). Achte Scene. (Man sieht durch das geöffnete Fenster in den von der Abendsonne beleuchteten Garten, auf einem Hügel knieend, anfangs mit gefalteten Händen und gesenktem Haupte Richard). Mor. So — jetzt drehen Sie sich um — und machen Sie einen Blick ins Freie! Faltn. (wendet sich um, vom Anblicke überwältigt). Ha! — grüne Bäume! — blauer Himmel! Sonnengold! — Euch seh' ich wieder! — doch — (Auf Richard weisend.) Wer ist- Rich. (erhebt noch knieend sein Haupt, und die Hände bittend gegen Faltner). Faltn. (zurücktaumelnd). Heiliger Gott! Hab' ich denn einen Blick in den Himmel gethan, — daß ich die Verstorbenen seh'? — (Hält die Hände vor die Augen.) Rich. (erhebt sich rasch, eilt durch die Seitenthür herein und zu Faltner'S Füßen). Vater! Verzeihung! — Faltn. (in höchster Freude). Du lebst? — lebst? — Allgerechter! — Ja! — Vergebung! — Allen — Allen! — Marie. Vergebung— Allen?— (Reißt das Tuch von ihrem Haupte und finkt eben- falls in die Knie.) Faltn. Du— Du auch? — meine Tochter! — O kniet nicht — an mein Herz — an mein so lang verarmtes Herz! — 47 -li', Rich. und Marie (erheben sich und finken ay seine Brust). Faltn. (zu Marie). pnd Du bitt'st mich um Vergebung? Nein, liebes Kind, das ist an mir! — Zch war hart gegen Dich— aber jetzt soll Alles anders werden! — Herr Walzner, ich kann Ihnen meine Tochter nicht geben! Walzn. Ich dank' — ich hatt's eh' nicht mehr g'nommenl Faltn. (zu Marie). Wenn der, den Du liebst, uneigennützig ist, — so soll er Dich haben, denn von meinem Vermöge» kann ich Dir, und auch (zu Richard) Dir nichts geben, mein HauS g'hört ja dem (auf Moriz weisend) der mir das Augenlicht wieder» geben hat, und mein übriges Vermögen, mit dem wird mein Gelübde erfüllt! — Walzn. In was besieht denn das? Faltn. Das sollt Ihr Alle hören! — Wie Ihr wißt, war ich vor zwanzig Jahren ein geldloser, lockerer Patron—! Es war g'rad ein Augenblick, — wo ich keinen Kreuzer Geld mehr in der Tasche hatte, da Hab' ich — das einzige Vermögen eines armen Kindes mir zugeeignet. —Aber das Sprichwort: »Unrecht Gut, gedeihet nicht!* ist bei mir aufganz eigene Weise in Erfüllung gangen! Das Schicksal hat mich dazu ver- urtheilt, wie ein Sclave zu arbeiten, damit das Geld sich vermehre, — aber dabei hat es so lange auf mich losgeschlagen, bis ich erkannt habe, es ist nicht mein Geld!— denn die Ernte gehört dem, der die Saat ausgestreut hat! — dhrum soll heute noch in allen Zeitungen ein Aufruf ergehen, daß der von mir bestohlene Knab' sich bei mir melden soll — denn ihm — ihm allein gehört mein ganzes Vermögen! — Mor. (der mit steigender Aufmerksamkeit zuzehört). Da brauchen wir ka Zeitung — ich kenn' den Knaben — ich weiß alle Um- itänd' — Faltn. Was? Ihr? Mor. Der Bub' — nit wahr, a graues Manterl hat er umg'habt, ein'n Flor auf'u Hut! Faltn. Ja, das trifft zu! — Mor. 'S war in der Vorstadt bei der Säule, wo letzthin Ihre Pferde bald scheu wor'n wär'n. Faltn. Auch das ist richtig! Mor. Und beim Heruntersteigen von der Säule hat der Bub' sich an einen Eisenhaken den Arm aufgerissen! — Faltn. Ja Alles — Alles trifft zu — und wo — wo ist dieser Mensch jetzt — sagt's — bringt's ihn her — Mor. Er ist schon da! — ich selbst bin's — und hier (wirft die MaSke ab, streift den Aermel auf und läßt den Arm sehen) noch die Narbe jener Wunde. Faltn. (bleibt erstarrt stehen). Sie? — Und Sie mußt ich selbst in mein Haus laden — o — ich erkenn's, was wir Zufälle nennen, sind Fügungen Gottes, nehmen Sie meine Tochter, Alles! Alles! Ich will nichts besitzen als den Frieden meines Herzens, und eure Liebe!— (Legt Moriz'S und Mariens Hände in einander und zieht Beide an seine Brust.) Neunte Scene. Vorige. Mädchen mit Blumen, Bergknappen, Dienerschaft (eilen von allen Seiten herbei). Faltn. Nur herein! — Alle — Alle — Seht hier den neue» Herrn von dem Hause — und meine Tochter als seine Braut! Alle. Hoch! — hoch, das Brautpaar! Der Vorhang fällt. Ende. , . Iw unserem irnrr Theater-Repertoir . . - erscheinen demnächst: Niem öräulem Rruder. Lustspiel in einem Act nach dem Französischen von .Ic.II>' . I - I,) ' '' Alexander Bergen. 6 Sgr. oder 30 kr. Des Krämers Töchterlein. Charakterbild mit Gesang ^ -,r von .1 i . .'1. Friedrich Kaiser.' 12 Sgr. oder 60 kr. Rur keine Protection! Poffe Mit Gesang in zwei Acten von , Anton Bi ttner. Die beiden Rächlmächter, oder Ein SPnk in der Faschingsnacht. Posse mit Gesang und Tanz in drei Acten von Carl Haffner. Druck und Papier von Leopold Sommer in Wien. (Den Bühnen ge genübe r als Manuskript gedruckt.) Mein Fräulein Bruder. Lustspiel in einem Act (nach dem Französischen) von Alexander Berge«. Aufgrführt am k. k. priv. Carltheater in Wien. Personen: Clara, l ^ Birkner. ^ . r Schwestern. ^ . Marie, ) Oskar. Die Bühne stellt das Zimmer der Schwestern vor. Zwei Seitenthüren, in Mitte der Rückwand ein Fenster, von welchem man auf ein Fenster des gegenüberstehenden Hauses sieht. Auf beiden Fenstern stehen Blumentöpfe. Sonst steht man Kasten, Stühle, Tisch rc. Erste Scene. Clara in Männerkleidern, Marie in den Kleidern einer Grisette. Beide fitzen und nähen an einer Putzarbeit. DaS Fenster gegenüber öffnet sich, man sieht Oskar, welcher seine Blumen begießt, er wechselt Blicke mit Marie. Clara bemerkt eS nicht. Clara. Der Zwirn reißt doch bei jedem stich, und da soll man nicht die Geduld verlieren. Ich bringe hellte gar nichts vorwärts. TH«»trr,Rtptrtoir Nr. SS. Marie. Ich sage Dir ja, die schweren Tuchärmel geniren Dich. Clara. Trage ich sie etwa zum Vergnügen? Marie. Liebe Schwester, ick weiß, Du bringst mir das Opfer. Seil sechs Monaten, so lange sind wir in Paris, trägst Du mir zu Liebe Männerkleider. Clara. Folglich wird es meinen Kindern nicht erst heute einfallen, mir lästig zu sein. Ja, seit sechs Monaten bin ich Dein Bruder. 2 Marie. Und wie oft habe ich in dieser Zeit für mein Fräulein Bruder gezittert! Clara. Du, — Du zitterst immer! — Du hättest keinMädchcn, sondern ein Espenlaub werden sollen. Marie. Habe ich nicht Ursache zu zittern? Mein einziger Schutz ist ein Bruder, der — ein Mädchen ist, wie ich. — Clara. Wie Du? O nein, denn ich habe Muth!— Ich wurde freilich wie ein Knabe erzogen, Du wie ein schüchternes, zimperliches Mädchen. Unsere arme Mutter starb bei Deiner Geburt. Unser Vater war Fechtmeister und konnte sich in das Unglück gar nicht finden, zwei Töchter zu haben und keinen Sohn. Ich war die Aeltere, unser Vater tröstete sich also damit, daß er mich in Knabenkleider steckte, und mich als solchen erzog. Ich lernte fechten, schießen, reiten, schwimmen — und das mar gut. War es doch als ob unser armer Vater vorhergesehen hätte, daß ich einmal Dein alleiniger Beschützer sein würde. Als ich erwachsen war, trug ich freilich wieder Mäd- cbenkleider und weiß Gott, sie standen mir so hübsch, daß ich gerne dabei geblieben wäre. Da aber unser armer Vater starb uud wir auf der Eisenbahn hieherfuhren, weil wir in Paris mit Putzarbeit mehr zu verdienen hofften als auf dem Lande; sahen wir bald, welchen Zudringlichkeiten zwei junge alleinstehende Mädchen ausgesetzt sind. Marie. Ich denke nur mit Schreck an jene Zeit zurück. Clara. So oft wir ausgingen, verfolgte man uns, man schickte uns Briefe, Blumen, Geschenke, kurz, um Ruhe zu haben, nahm ich meine Männerkleider wieder vor, packte alle meine lieben hübschen Mädchenkleider ein und — wurde Dein Bruder. Marie. Es ist merkwürdig. Sobald ich einen Bruder hatte, wagte man es nicht mehr, mich mit Zudringlichkeiten zu verfolgen. Clara. Weil man Furcht vor mir hatte — ich flöße Allen Respekt ein. — Man glaubt, ich studire, — ja, — aus neue Moden! — Wenn wir allein sind, arbeiten wir recht fleißig — denn der Bruder ist eben so flink mit der Nadel wie die Schwester. Marie. Wenn ich die Arbeit abliefere, fragt man mich auch immer ganz erstaunt, wieso ich allein so viel fertig bringen könne, am Ende hält man mich noch für eine Here. Seit einiger Zeit kommt freilich unser Nachbar Birkner öfters herüber — und seit der Zeit arbeitest Du nicht mehr so viel. Clara. Birkner ist mein Orest, — ich bin sein Pylades. Wenn Du wüßtest, wie gut er ist. Er ist so gut, daß ich manchmal glaube, er ist ein Mädchen wie ich. Marie. Vielleicht ahnt er, daß Du ein Mädchen bist. Clara. Keine Idee. Für ihn bin ich ein Junge wie er. Wir dutzen uns, und ich lehre ihn Cigarretten rauchen. (Lackt.) Neulich meinte er, wenn Du einmal heiraten würdest, dann müßte ich gleich zu ihm ziehen und sein Zimmer mit ihm theilen. (Beide lacken.) Marie. Weißt Du, Clara, daß es mir vorkommt, als ob er Dich doch mehr in- teressirte als ein Freund.— Clara. Schwester, haben wir uns nicht geschworen, nur zu lieben, wo wir heiraten können? Marie. Ja, aber kann man kenn immer seinem Herzen gebieten? Clara. Man muß können! Man wartet, bis ein Bräutigam da ist,— dann comman- dirt man: Habt Acht! Jetzt wird geliebt! Unsere Herzen müssen gehorchen. Marie (bei Seite). Wenn sic wüßte, daß meines nicht so gehorsam ist — Zweite Scene. Birkner. Vorige. Birkner (tritt schnell ein). Ah! — (bleibt überrascht stehen). Clara (versteckt schnell ihre Arbeit). Birk- ncr! 3 Birkner. Oskar, Du nähst? Clara. Ich? Birkner. 3a, ich habe es ganz gut gesehen. Clara. Nun ja, ja, ich habe genäht. Marie bildet sich so viel auf ihre Arbeit ein, da wollte ich ihr zeigen, daß ich es auch könnte, wenn ich wollte. Birkner. Studiere lieber den Codex, Julius, überlasse die Nähnadel den Mädchen, das Weib gehört zum schwachen Geschlecht, wir Männer sind ihr Schutz und Schirm, aber zum Nähen sind wir nicht geschaffen. Ich komme Dich abzuholen, Julius. Clara. Abholen? Birkner. Gehen wir in die Schwimmschule, sie wird heute eröffnet. Du sagtest, daß Du schwimmen kannst, — Clara (verlegen). 3ch habe keine Zeit, — ich muß den Codex studiren. Birkner. Das kann später auch geschehen, komm nur — Clara. 3ch habe schon gesrühstückt und zwar sehr viel — mit vollem Magen darf man nicht schwimmen, es geht durchaus nicht. — Birkner. Wie schade, also morgen — Clara (bei Seite zu Marie). Eine schöne Geschichte. (Laut.) Lieber Freund, auch morgen nicht!— 3ch muß Dir aufrichtig gestehen, wir haben nicht so viel Geld, daß wir uns Ausgaben erlauben könnten, welche nicht nothwendig sind. Birkner. Du brauchst kein Geld dazu, ich unterrichte die Kinder des Schwimmmeisters und habe eine Freikarte für zwei Personen. Clara. Ich habe Rheumatismus in der Schulter, ich kann die Tempos durchaus nicht machen. Birkner. Ah bah, mache nicht so viele Umstände, kannst Du nicht schwimmen, so bade wenigstens; kaltes Wasser ist gesund für den Rheumatismus. Marie (stehtauf). Die Arbeit ist fertig, ich will sie gleich abgeben. Clara. Wie, Du willst ausgehen ohne mich? Marie. Das Magazin ist ja ganz nahe. — Längstens in einer Viertelstunde bin ich wieder da. Adieu, Herr Birkner! (Ab.) Dritte Scene. Vorige ohne Marie. Birkner. Gut, daß sie geht, Julius, ich habe Dir etwas anzuvertrauen, — wobei mich ihre Anwesenheit sehr genirt hätte — unter Männern macht man keine Umstände. Clara. Du willst mir etwas sagen, was meine Schwester nicht hören soll? (Bei Seite.) Mir wird bange, wer weiß, was er mir anvertrauen will. — Im Grunde wird's nicht so schlimm sein, Birkner ist ein solider Mensch (setzt sich und sagt laut). Sprich, ich bin bereit Dich zu hören. Birkner (setzt sich). Jetzt, wo ich sprechen will, fehlt es mir an Muth. Ansehen darfst Du mich nicht dabei. Clara. Gut, ich schließe die Augen. Birkner. Du wirst mich aber hören. Clara. Ich soll Dich nicht ansehen, ich soll Dich nicht hören, soll ich mir vielleicht bei Deiner Erzählung Augen und Ohren zuhalten? Birkner. Nein, nein. Clara. Rede einmal, sonst verliere ich die Geduld. Birkner. Rauche eine Cigarrette, das wird Dich besserer Laune machen, ich werde auch rauchen. Es wird mir zwar immer schlimm dabei, aber es macht mir Courage. Wie man die Cigarre im Munde hat, fühlt man, daß man ein Mann ist. — (Sie ma- chen sich Cigarretten.) Jetzt will ich's versuchen. Clara. Ist es denn etwas gar so Fürchterliches, was Du mir zu sagen hast? Birkner. Ja. Sage mir, Julius, hast Du je geliebt? Clara (verlegen). Ich— das heißt — Birkner. Antworte mir doch — Du er- röthest ja wie ein Mädchen. 4 Clara. Ick, wie ein Mädchen? (Gefaßt ) Freilich habe ich geliebt,^mehr als hundertmal. Birkner. Geh, Du bist ja noch so jung, sag mir die Wahrheit, wie oft hast Du geliebt? Clara. O, zehnmal gewiß! (Für sich.) Ich denke, das ist bei einem Mann das Wenigste! — Birkner. Du Glücklicher! Ich bin viel älter als Du und liebe erst zum ersten Male. Du bist freilich viel hübscher als ich, — besonders aber so hüsch gewachsen. — Dein Schneider arbeitet viel besser als der meine. Deine Taille zeichnet sich so aus, die Brust tritt mehr hervor — Du hast wirklich eine sehr hübsche Figur. Clara. Reden wir nicht von meiner Figur, sondern von Deinem Geheimniß (Raucht.) Birkner. Höre also, — (sehr verlegen). Clara. Wird's endlich? Birkner. Der Rauch ist mir in die Kehle gegangen. Clara. Ausflüchte,— rede! Birkner. Höre, ich glaube, ich habe eine Eroberung gemacht. Clara (plötzlich ernst). Ah? (Steht auf.) Eine Eroberung. Wo denn? Birkner. Gestern auf dem Balle. Man tanzte Quadrille, plötzlich bei der Okams äes üaw68 stützt sich meine Tänzerin auf mich und drückt mir sehr fühlbar die Hand. Mich durchzuckte es wie ein Blitzstrahl. Ich fahre zurück und trete einem Herrn, welcher eben graziös mit seiner Dame balancirte, auf den Fuß. Er wird böse, sagt mir einige Grobheiten, ich will ihm antworten, aber meine Tänzerin läßt mich nicht los, und zieht mich fort. Clara (auf- und abgehend). Ein Mädchen, welches einem Manne zuerst die Hand drückt, und noch dazu sehr fühlbar, — auf die Eroberung kannst Du stolz sein. Es ist nichts an ihr. Birkner. Nichts an ihr,— Julius nimm das Wort zurück, es thut mir wehe. Clara. Was kümmert mich das, — ich sage Dir, es ist nichts an ihr! Birkner (warm werdend). Im Gegen- theil, ich halte sehr viel von ihr, — sie ist bescheiden, sie ist hübsch, kurz, sie ist ein Muster der Tugend. Clara. Ein schönes Muster! Birkner. Julius, — bedenke, was Du sagst — es ist Marie.— Clara. Marie? (Faßt ihn bei der Hand.) Marie, meine Schwester? Marie hat Dir die Hand gedrückt? Birkner. Ja, ja, aber Du zerquetschest sie mir. Laß dock los! Clara. Marie? Es ist nicht möglich! Vierte Scene. Vorige. Marie. Marie. Da bin ich wieder. Clara (wüthend). Da ist sie. Marie. Was habt Ihr denn? Ihr seht aus, als ob Ihr gezankt hättet. Was ist denn geschehen, Herr Birkner? Birkner. Fragen Sie Ihren Bruder — der Zorn — die Cigarrette, — mir schwindelt! Glauben Sie mir aber, mein Fräulein, ich achte Sie tief, — mein Gott, der Kopf — Marie. Was ist denn geschehen? Birkner. Julius, rede Tu! Erkläre Deiner Schwester — ich muß in die frische Lust! (Eilt ab.) Fünfte Scene. Vorige ohne Birkner. Marie. Sage mir doch — Clara. Ja, ich will Dir's sagen, Du Fräulein Rührmichnichtan, Du Scheinheilige! Seht doch dieses Muster von Tugend! Wo ist Dein Schwur geblieben? Hast Du mir nicht geschworen, erst dann zu lieben, wenn Du heiraten kannst? Marie. Wie, Du weißt? Clara. Ich weiß Alles! 5 Marie. Ich habe es Dir schon lange jagen wollen, aber ich zittere bei dem bloßen Gedanken. Clara. Du zitterst immer,— das kannst Du! — Cs ist schändlich! — Marie. Ich kann ja nichts dafür. — Warum wohnt er uns gegenüber. Clara. Gegenüber? Der, den Du liebst, wohnt uns gegenüber? Marie. Wenn ich des Morgens meine Rosen begieße — begießt er seine Nelken. — Wir sahen uns dabei an, das ist Alles. Herr Oskar ist sehr bescheiden. Clara. Oskar? (Sanfter.) Oskar liebst Du? — Hat er Dir seine Liebe gestanden? Marie. Einmal begegneten wir uns, da sprach er mich an, frug mich nach meinem Namen, woher wir kamen, das ist Alles. Clara. Alles? Wirklich Alles? Marie, Alles, was wir gesprochen haben, aber gestern hat er mir geschrieben. (Gibt ihr einen Brief.) Clara. Der Blumenpfleger, der Nelken» begießer — laß doch sehen! (Liest.) »Mein Fräulein, ich bin vierundzwanzig Jahre alt, habe ein Amt, es fehlt mir nur Eins, eine Frau. Erlauben Sie, daß ich bei Ihrem Herrn Bruder um Ihre Hand anhalte. Geben Sie mir einen Wink, und ich eile hinüber. Oskar.* Marie. Du bist nicht mehr böse? Clara. Ich wußte ja nicht, daß Tu Oskar liebst. — Das ändert die Verhältnisse ganz und gar.— Jetzt sage mir aber vor Allem, wenn Du Dein vis-3-vis liebst, warnm drückst Du einem Andern dieHand? Marie. Wer, ich? Ich hätte einem Andern die Hand gedrückt? Clara. Birkner behauptet, Du hättest ihm gestern auf dem Balle die Hand ge- drückt und zwar sehr fühlbar. — Marie. Ich dem Birkner? Ach ja, ich erinnere mich, ich tanzte eine Quadrille mit ihm. Da sah ich Oskar eintreten, mir schwindelte und ich hielt mich an Birk- uer fest. Clara. Nur, um nicht zu fallen? Marie. Nur, um nicht zu fallen. Clara. Und der Geck bildet sich ein, Du seist in ihn verliebt! (Geht heftig auf und ab.) Marie. Ich? Clara. Er ist auch nicht besser wie alle Andern, — gleich hat er Feuer gefangen. Marie. Du wirst ihn schon bessern. Clara. Ich? — Marie. Ich habe Dir mein Geheimniß gesagt — Du aber — Clara, verschweigst mir auch etwas — Clara. Wir reden spater davon. Jetzt muß ich fort. Marie. Wohin denn? Clara. Der Bruder muß seine Schuldigkeit thun. Ich gehe, mich um Herrn Oskar zu erkundigen, eh' Du ihm antwortest. Tröste Dich, Schwesterchen, ick bin Dir gar nicht mehr böse, ich wußte ja nicht, daß Oskar — Oskar ist ja ganz ein anderer Mensch, da nimmt die Sache einen ganz andern Charakter an. Den Oskar darfst Dn schon lieben, das heißt, wenn er ein ordentlicher Mensch ist — und därum wird sich Dein Bruder gleich erkundigen. Höre ich Gutes, wie ick hoffe, dann wird commandirt: Marie, liebe deinen Oskar! (Ab.) Sechste Scene. Marre (allein, am Fenster Oskars zeigt sich eine junge Dame). Marie. Die gute Clara! Werweiß, ob ein Bruder mir ein so treuer Beschützer gewesen wäre, wie sie! (Sieht nach Oskars Fen- ster.) Himmel, ein Frauenzimmer ist bei ihm! (Man steht Oskar mit der Dame sprechen.) Sie nimmt ihre Mantille ab, ihren Hut, sie küssen sich, — mein Gott! — (Die Beiden setzen sich nahe an'S Fenster und gesti- kuliren lebhaft.) Er hat sie geküßt, — vor mir geküßt, — wie soll ich mich rächen? Siebente Scene. Vorige. Birkner. Marie (erblickt ihn). Birkner, ein Wink des Schicksals. 6 Birkner. Mein Fräulein, ich gehe aus, kann ich Ihnen mit etwas dienen? Marie. Ja. bleiben Sie da. Sie lieben mich, nicht wahr? Birkner. Hat Julius Ihnen gesagt— Marie. Ich will es von Ihnen selbst hören. Sagen Sie. daß Sie mich lieben! Birkner. Wohlan denn, (seine Schüch- ternheit bekämpfend), ja, ick liebe Sie. Marie. Sagen Sie das lauter. Birkner. Noch lauter? Marie. Ja, lauter. Birkner (laut). Ick, — ich liebe Sie. Marie (sieht nach dem Fenster). Noch lauter.' Birkner (schreit). Ich liebe Sie,— Marie (bemerkt, daß man es gegenüber gehört hat). So ist's recht!— Birkner (bei Seite). Sie muß schleckt bören, — wie kömmt es, daß ich das nie bemerkte? Marie (bei Seite). Er hat es gehört. (Laut.) Jetzt fallen Sie mir zu Füßen! Birkner. Sehr gern! (Kniet sich nieder.) Marie (schreit). Sie wollen einen Kuß von mir? Sie sollen ihn haben! Birkner. Sich, mein Fräulein, welches Glück! (Die Beiden gegenüber sehen dem Allen aufmerksam zu. Im Augenblick, als Birkner Marie küßt, schlägt der junge Mann gegenüber das Fenster zu.) Marie (bei Seite). Er schließt das Fenster, er hat es gesehen! — O ich bin wü- thend! Birkner (für sich). Der Kuß hat mich begeistert, beseligt! (Laut.) Mein Fräulein, ich bitte noch um einen Kuß. Marie. Herr Birkner, Sie find unverschämt. (Geht ab.) Achte Scene. Birkner (allein, steht auf). Sie geht fort, sie scheint böse, warum hat sie mich denn früher geküßt? (Man hört wie Marie ihre Thüre schließt-) Sie sperrt sich ein, ich habe sie beleidigt, — ich bin wohl zu kühn gewesen. Birkner, wer hätte das von dir gedacht? Aber der Kuß! — Sie ist so schön — es ist nur schade, daß sie taub ist. (Man wirst von gegenüber einen Brief beim Fenster herein, in welcbem ein Stein eingewickelt ist.) Ein Papier, — ein Brief, — von woher, von wem? — (Oeffnet ihn. liest.) »An den Herrn, welcher FräuleinMarie geküßt hat.* — Das bin ich. (Liest.) »Mein Herr, — Sie sind ein Elender.* — Wie? — Nein, der Brief ist nicht an mich. (Liest die Adresse nochmals.) Marie hat mich aber geküßt, der Brief muß doch an mick sein. (Liest.) »Ich habe soeben gesehen, wie Sie Marien zu Füßen lagen, — sie betrügt mich — sic betrügt Sie — sie betrügt uns alle Beide, denn sic wohnt mit einem jungen Mann, den sie für ihren Bruder ausgibt, und ich habe soeben erfahren, daß sie gar keinen Bruder hat.« (Spricht) Wie, Julius sollte nicht ihr Bruder sein, wer ist er denn? — (Liest.) »Ich für meinen Theil will mich nicht ungestraft betrügen lassen, weder von ihr noch von Ihnen. Ich habe mich daher entschlossen, Sie Beide bei den Ohren zu nehmen.« (Spricht.) Vier Ohren mit zwei Händen, — das wird wohl schwer sein. (Liest.) »Bei Ihnen fange ich jedoch an.* (Spricht.) Ich danke für den Vorrang. (Liest.) »Wenn Sie ein Mann von Ehre sind, so werden Sie morgen früh um sechs Uhr, in's Boulognerwäldchen kommen, wo ich Sie mit zwei Zeugen erwarten werde. Oskar Müller * (Spricht.) Gewiß werd'ich kommen, denn ich bin ein Mann von Ehre. Er insultirt mich — er insultirt Marie, o ja, ich werde kommen! Wenn aber dieser Julius nicht ihr Bruder ist, wer soll er denn sein? Neunte Scene. Voriger. Clara. Clara. Du bist da, Birkner? Birkner. Ja, ich bin da, mein Herr. Clara. Mein Herr? Birkner. Sie müssen mir sagen, wer 7 Sie sind, mein Herr. Ich habe Gründe, diese Erklärung zu verlangen. Clara. Wer ich bin? Birkner. Ja, Du mußt mir sagen, wer Sic sind! Clara. Bist Du verrückt? Bin ich nicht Julius, Mariens Bruder, Dein Freund? Birkner. Mariens Bruder — da steckt eben der Zweifel. Clara (leise). Sollte er wissen? Birkner. Wenn ich es glauben soll, muß ich Deinen Taufschein sehen. Clara. Du bist langweilig. Soll ich mich bei Dir ausweiscn wie vor dem Gerichte? Traust Du meinen Worten nicht? Birkner. Deinen Taufschein, oder ich glaube, was man mir da geschrieben hat. (Gibt ihr den Brief.) Clara (liest den Brief). Birkner. Man sagt, daß Du zwar mit Marien wohnst, aber nicht ihr Bruder seiest, man sagt, Marie hat gar keinen Bruder. Wenn das wahr ist, so bist Du nicht viel wcrth und Marie gar nichts! Clara. Ich nicht viel werth und Marie gar nichts? (Gibt ihm eine Ohrfeige.) Da hast Du meine Antwort! Birkner (ganz betroffen). Ach! — Clara. (Beiseite.) Das ist die beste Antwort, die ich ihm unter diesen Verhältnissen geben konnte. Birkner (stürzt hinaus). Clara. WaS hat er vor? Birkner (kommt mit zwei Degen wieder herein). Hier, mein Herr, wählen Sie. — Welch ein Glück, daß ich Waffen habe. Clara. Gib' Acht, Du wirst Dich verwunden. Birkner. Nein, mein Herr, ich werde Sie verwunden. Clara. Vergißt Du, daß mein Vater Fechtmeister war? Birkner. Nein, aber ich habeeincOhr- feige bekommen, und das fordert Blut. Clara. Nun gut, wenn Du eS durchaus so haben willst, so komm'her! (Sie fechten, Clara entwaffnet ihn.) Birkner. Entwaffnet! welche Schmach! Zehnte Scene. Marie. Vorige. Marie. Was geht hier vor? — Was bedeuten diese Waffen? Birkner (zu Clara). Ich kann nicht gut fechten, mein Herr, aber wir werden uns schießen! Marie. Schießen? Warum denn? Birkner. Ich gehe gleich um Pistolen zu holen. Marie. Aber, Herr Birkner, erklären Sie mir doch — Birkner. Mein Fräulein, Ihr Geliebter soll Ihnen Alles erklären, ich hole Waffen. (Ab) Eilfte Scene. Vorige ohne Birkner. Marie. Mein Geliebter? Was hat er denn? Clara (gibt ihr den Brief). Da lies. Marie (liest den Brief). Jetzt begreife ich! Clara. Ich habe Männerkleider angezogen, um Dich zu beschützen, jetzt nehme ich meineMädchcnkleider wieder, um Deine und meine Ehre herzustellen. Du kannst Oskar dann einfach sagen, es ist wahr, ich habe keinen Bruder, aber ich habe eine Schwester. (Ab.) Zwölfte Scene. Marie. Ich glaube, die gute Clara ist froh, daß sie aufhören kann, mein Brnder zu sein. Aber das Frauenzimmer, welches ich bei Oskar gesehen, wer ist sie? Ob sic noch dort ist? (Es fällt ein Brief wie früher herüber.) Ein Brief. — (Sie hebt ihn auf.) Es ist nicht seine Schrift. (Liest.) »Mein Fräulein, mein Bruder will sich schlagen.« (Spricht.) Ihr Bruder? (Liest.) .Er ist ausgegangen, um die Zeugen und Waffen zu besorgen, morgen früh will er für Sie sein Leben wagen. Docb dicß wird nicht geschehen, denn Sie werden Alles aufbieten, 8 dieses Duell zu, verhindern, an dem Sie allein schuld sind, weil Sie einen Andern lieben. Oskar verdient nickt, daß Sie ihn kränken, daß Sie ihn täuschen — er liebt Sic so sehr! Ich bitte, retten Sie meinen Bruder, und ich will Ihnen ewig dankbar sein. AdelcMüller.« (Freudig.) Seine Schwester? und ich Närrin glaubte, — was muß er von mir denken, ick habeBirkucr in seiner Gegenwart geküßt. — Oskar sich schlagen, um meinetwegen? Nimmermehr! — Er ist nicht zu Hause, — ich eile hinüber, um seine Schwester zu beruhigen. (Rasch ab.) Dreizehnte Scene. Clara (als Grisette gekleidet von links). Jetzt bin ich wieder ein Mädchen. Hätte ich aber nicht Männerkleider angezogeu, wäre Oskar nicht eifersüchtig geworden, Birkncr wäre nicht in unser Haus gekommen, wir hätten uns nicht geschlagen. — aber — auch nicht kennen gelernt. — Ob ich ihm wohl als Mädchen gefallen werde? (Sie tritt vor den Spiegel.) Vierzehnte Scene. Dirkner. Vorige. (Später Oskar am Fenster gegenüber.) Birkner (mit vier Pistolen). Jetzt hoffe ich den Herrn Julius zufrieden zu stellen. (Sieht Clara, die ihm den Rücken kehrt.) Da ist Marie, — wir wollen ihr mit Würde entgegentreten. (Zu Clara.) Mein Fräulein, ich bitte Sie, JhremHerrn Bruder zu sagen, daß ich ihn erwarte. Clara (wendet sich um. sieht die Pistolen). Haben Sie ein Waffenmagazin ausgeraubt? Dirkner (erkennt sie). Mein Gott, was soll das? (Wieder ernst.» Sie verkleiden sich, mein Herr? Clara. Nun, wie gefalle ich Ihnen — in dieser Verkleidung? Birkner. Ich muß gestehen, daß Sie für einen Mann sebr hübsch aussehen — aber genug davon. Dieß ist nicht die Zeit für einen Mummenschanz. Mein Herr, ziehen Sie Ihre Beinkleider wieder an. Clara. Mein Herr! Birkner. Nehmen Sie sich inAcht, der Fasching ist vorüber, und es sieht auS, als ob Sie sich aus Feigheit in Weiberkleider gesteckt hätten. Clara. Glauben Sie, was Sie wollen, aber diese Kleider gefallen mir, und ich behalte sie. i Birkner. Ich sage Ihnen, ziehen Sie Ihre Beinkleider wieder an, oder — Clara. Nein, ich gefalle mir ganz gut so. , Birkner. (BeiSeite.) Es ist wahr, der Bursche sieht verteufelt hübsch aus. Clara. Wenn Sie jedoch darauf bestehen, sich mit mir zu schlagen, so bin ich dazu bereit, selbst in diesen Kleidern. Birkner. Ja, ich will mich mit Ihnen schlagen! (Sieht sie an.) Aber so lange Sie diese Kleider tragen, bin ich es nicht im Stande, — kurz und gut, Sie sehen mir darin zu hübsch aus. Clara. Finden Sie das? Finden Sie das wirklich? Wie mich das freut! Aber Birkner, errathen Sie denn gar nichts? Birkner. Ihren Taufschein, meinHerr, oder mein Fräulein, — denn ich weiß nicht mehr, was ich glauben, — was ich hoffen soll. Sie werden einsehen, daß ich Gewißheit haben muß, ich bin in eine schiefe Stellung gerathen. Ich kann mich doch nicht mit einem Mädchen schlagen, und ich kann von einem Manne keine Ohrfeige dulden, ich muß daher bestimmt wissen — Clara. Hier ist mein Taufschein. (Gibt ihm ein Papier.) Birkner. (Liest.) Clara, — (entzückt), sie sind ein Mädchen, — Sic ^sind wirklich ein Mädchen? Clara (nicht lächelnd). Birkner. Und ich habe mich mit ihr geschlagen, und stehe wie ein Arsenal vor ihr, um mich mit ihr zu schießen! (Wirst die Pistolen wog und kniet nieder.) Mein Fräulein, ich bitte um Verzeihung l 9 C*lara. Das lasse ich gelte». (Sie reicht ihm die Hand.) Birk»er (steht auf). Aber mein Fräulein, Sie haben mir eine Ohrfeige gegeben, ich bitte um SatiSsaction. Clara (nimmt die zwei Pistolen auf und reicht sie ihm). Ich bin bereit. Birkner (wirft die Pistolen weg). Damen müssen andere Satisfaction geben, wenn sie schlagen. Ich bitte nm einen Kuß. Clara (küßt ihn). Sind Sie nun zufrieden? Birkner. Selig! — Aber es ist doch schade um unsere Kameradschaft — wir waren Orest und Pilades, — was sollen wir jetzt sein? Clara. Bruder und Schwester! Birkner. Nein, Philemon und Baucis. — Werden Sie meine Frau, Clara! (Das Fenster gegenüber öffnet sich, man sieht OSkar mit seiner Schwester und Marie.) Hier auf meinen Knien bitte ich Sie um Ihre Hand. (Die Drei gegenüber lachen.) Birkner (hört es und steht auf). Wer lacht da? — Oskar (schreit herüber). Lassen Sie sich nicht stören, wir wissen Alles, und wollen am selben Tage unsere Hochzeit halten. (Schließt das Fenster.) Clara. Hochzeit! — und Marie ist d'rubrn? Birkner. Fräulein Marie bei Oskar? Clara. Sie ist Oskarö Btant. — Er hat um ihre Hand angehalten, und da er mir überall als braver Junge geschildert wurde — Fünfzehnte Scene. Vorige. Marie. Marie. O Schwester, wie bin ich glücklich! Clara. Willst Du mir erklären, wieso Du da hinübergekommen? — Marie. Später, Clara. Oskar weiß Alles, er weiß auch, daß Du Herrn Birkner liebst. Birkner. Da weiß er ja mehr, als ich selbst weiß. Darf ich es glauben, Clara? Marie. Sie dürfen es glauben, sehen Sie sic doch nur an. — (Clara schlägt die Augen nieder.) Clara, wir halten an Einem Tage Hochzeit. Clara Habe ich nicht dabei ein Wort zu sagen? Birkner. Ja, ein Wort, — aber ein himmlisches; — sagen Sie daS Wort, Clara, welches mich glücklich macht! Clara (reicht ihm die Hand). I a! A c t n s. Don demselben Verfasser erscheint «demnächst: Mein Bär und meine Nichte. Posse mit Gesang in zwei Aufzügen. Don Alexander Bergen sind im Pcrlagc der Walliöhauffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, am hohen Markt Nr. 541, erschienen: IlN n Der Mord in der Kohiniestergaste. Posse in einem Act. 35 kr. Eine Vorlesung bei der Hausmeistern«. Posse in einem Act. 30 kr. Ein junger Gelehrter. i Lustspiel in einem Act. 30 kr. - Der neue Dun Auichotte. Lustspiel in einen, Act. 30 kr. Ferner sind daselbst erschienen: Iämm 1 tichc Theater von Grillparzer, Hopp, Kaiser, Castelli, Gleich, Heilster, Weidmann, Feldmann, Weißenthurn, Deinhardstein, Holbein, Kotzebue, Jffland, Werner, Hafner, Vogel, Körner, Ziegler, Jünger, Collin, Perinet, Huber, Bau- mann, Birch-Pfeiffer, Schröder, Clauren, Herzenskron, Treischke, Sonnleithner, Chrimfeld, Meist, Koch, Schildbach, Seyfried, Bäuerle rc. Die Wallishauffer'sche Buchhandlung in Wien, hoher Markt, hält das möglichst vollständigste Lager aller im Buchhandel erschienenen ältesten und neueren Theaterstücke, besorgt das nicht Vorräthige schnell und gibt Verzeichnisse gratis aus. -N4-- Truck und Paritr von Vtopoir Lommcr in L'irn. (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) Des Krämers Töchlerlein. Briginal-Charakterbild mit Gesang in drei Acten von Friedrich Kaiser. Musik »um Kapellmeister Carl,Binder. (Zuerst mit glänzendem Erfolge dargestellt am k. k. priv. Carltheater in Wien.) Personen: Baron Hornstein. Eugen, sein Sohn. 3onas Prell, dessen Bereiter. 3a k, Reitknecht. 3eremiaS» Castellan auf dem Schlosse des BaronS. Alattner. Tuchhändler. Minna, seine Tochter. Eonrad, Commis i HanSMurr, Comptoirist « c. - rmr 3acob. j . ! b« Glaltner. Martin. jD'ener s Pelzmann. Wirth. j Gäste. Hartlnger, j ' Brand, Commifsär. Henri, Kammerdiener des BaronS gathe, seine Frau. Poldl, Kellnerjunge. s"gl. j dauern. Hubert, Jäger deS Barons. Eine Gerichtsperson. Eine Wache. Diener. — Landleute. — Jäger. — Commis rc. rc. Der zweite Act spielt um einige Monate später als der Erste — der Dritte einige Tage nach dem Zweiten. Erster Art. (Handelsgewölbe Glattner'S. Seitwärts die Bu- del, im Hintergründe eine GlaSthür, welche auf die Straße führt, neben derselben rechts ein ebenfalls auf die Straße gehendes Fenster, links eine Tbür. durch welche eine in das obere Stork- werk führende Treppe führt.) sv meine Nasen! Vor der Hand sag' ick aber auch nichts, als: hm, hm! (Geht kopfschüttelnd den Uebrigen nach.) Zweite Scene. Conrad (kommt aus der MagastnSthür). Erste Scene. Jacob. Martin. Andere Diener. Mehrere Diener' (bringen Tuchballen durch die GlaSthür herein). Jac. So, da sind jetzt alle Tücher, die vom Tuckscherer kommen sind. Mart, (auf die Stellage» weisrnd). Nur da hinauf! Jac. (ein Papier hervorstehend), 's ist auch die Rechnung mitkommen. Mart. Leg's nur dort ans die Budel hin, der Herr is net zu Haus'. Jac. (mit Martin vorwärts kommend). Du, das geschieht aber jetzt schon a paar Mal, daß unser Herr g'rad dann net zu Haus ist, wenn Rechnungen zum Auszahlen eingeschickt werden. Mart, (si.'ht ihn finster an). Was willst damit sagen? Jac. Ich sag' gar nichts, aber die Leut', die ihr Geld wollen, beuteln halt den Kops und sagen auch nichts als: hm, hm! Aber ich meine alleweil, wann Le»t' von einem Kaufmann per: hm, hm! reden - Mart, (unwillig). Hör'ans, nichts ist mir z'widerer, als ein Diener, der seinem eigenen Herrn kein'n Credit schenkt. (Zu den andern Dienern.) Komml's, wir müssen draußen noch die andern Tücher unter die Press' legen. (Geht mit den Uebrigen durch d-e GlaSthür ab.) Jac. (itmen nachsehend). Heut' kommen bloß die Tücher, in a paar Tagen vielleicht die Tuchhändler unter die Press! Ich Hab' L i e ?). Wer cck'tes Gold haben will, findet es nicht Herob'n auf der Erde, im sonnigen Licht, Nein, tief in den Schacht hinab muß er steigen, Da werden die glänzenden Adern sich zeigen. Ist oben die Erd' noch so grünend mit hold — In der Tiefe, in tnr Tiefe Da ruhet das Gold! Und wer einen Schatz sucht, von Geister» bewacht, Muß nehmen den Spaten zur Hand in der Nacht, Und tief in die Erde muß er sich begeben, Um glücklich den schimmernden Mammon zu heben, !Man findet ihn nicht gleich heroben am ^ Platz — ! In der Tiefe, in der Tiefe -Da ruhet der Schatz! Will Einer ein Gläschen von ganz reinem Wein, Den schenkt man heroben nur selten ihm ein, Doch steigt man recht tief in den Keller hinunter, Da strömt's aus dem Spundloch so perlend und munter. Hier oben kriegt man nur ein gewässertes Glas — In der Tiefe, in der Tiere Da ruhet das Faß! 3 Ja, man glaubt nicht, was für Reize die Tiefe bietet, und darum kann ich nicht begreifen, wie es so viele Leute geben kann, die in die Höhe wollen; sie sehen's an jedem Berg, je höher er ist, desto kahler ist sein Gipfel, nur in den Niederungen ist er schön und grün bewaldet! Gerade so geht's auch mit dem Menschen, je höher er steht, desto emsamer und freudenarmer ist er auch, während wir geringeren Leute so recht eng aneinandergeschlossen, Freud' und Leid mit einander theilen, und das ist auf jeden Fall eine profitable Theilung, denn wenn man seine Freude mit einander theilt, so hat man selbst eine doppelte Freude, und wenn man sein Leid mit einem Andern theilt, so hat man selbst nur ein halbes Leid. — Während von den Vornehmen oft jeder einzelne eine ganze Reihe von Zimmern braucht, damit seine ungeheure Langweile darin Platz hat, bewohnen wir Geringeren meist zwei und drei zusammen nur eine Stube, da hat die Langweile gar keinen Platz mehr darin. Alle diese Urtheile einer nieder» Lebensstellung haben in mir jedes Gelüste nach einer gefährlichen Höhe erstickt — mag meinetwegen der stolze Geier hoch aus seinem Felsenriffe horsten, ich will lieber ein Hamster sein, der in seiner bescheidenen Höhle Körnlein auf Körnlein zusammen- speichcrt, damit er für den Winter geborgen ist. Freilich habe ich bisher noch keine eigene Höhle, aber mit Gottes Hilfe werde ich's schon zu einer bringen und mich dann von mageren Hamsterlein zum recht feisten ge- häbigen Hamster hinauswachsen, nachher noch eine Hamsterin dazu, und wieder ganz kleine Hamsterlein, die um mich herumkrabbeln — o, da verlange ich mir nicht hoch zu den Wolken hinauszufliegen, auch in den tiefen Erdschollen kann sich ein Himmel bergen. Dritte Scene. Conrad. Hans Murr. Hans (kommt mit einer großen ledernen Buestasch« unter dem Arme zur Mittelthüre herein, er wirft die Brieftasche mißmuthig auf die Budel). Da lieg'! Eonr. (ihn bemerkend). Ah, Hans! Was treibst denn? Hans. Ich bin heut' den ganzen Tag herumgelaufen, Schulden einzucassiren, jetzt ist mir mein Portefeuille zur Last geworden! Conr. Hast Du so viel eingenommen, daß es Dir zu schwer geworden ist? Hans. Lächerlich! Eine volle Brieftasche ist mir nie zu schwer, aber ein Portefeuille wie das da, (nimmt es, öffnet und schüttelt es umgekehrt) wo nichts, aber rein gar nichts d'rin ist, das drückt einen nieder. Conr. Wo warst denn überall? Hans. Bei alle Schneider, die bei uns Tuch nehmen, und dennoch komm' ich jetzt als Schneider nach Haus. Conr. Armer Alter! Der Schweiß steht Dir auf der Stirn! Hans. Za, ich schwitz', weil von unfern Schuldnern keiner hat schwitzen wollen. — (Mit der Pantomime des Äetdzählens.) Dieser Schweiß ist nicht bloß Folge der heutigen Ermüdung, es ist auch Angstschweiß für morgen. Conr. (nachdenkend). Za, morgen ist der große Wechsel von zwölftausend Gulden an den Brunner Fabrikanten fällig; er wird uns zeitlich präsentirt werden. Hans. Za, 's wird präsentirt und wir werden gar nicht ausrückcn können — das wird a schöne Parade werden. Conr. Na, unser Principal ist ja auch eincasstren gegangen; in die vornehmen Häuser geht er immer selbst. Hans. Lächerlich, wenn ich schon bei den ordinären Kundschaften kein Geld kriegt Hab', nachher glauben Sie, daß die Vornehmen zahlen werden? Da haben Sie gar keinen Begriff von der Welt! — Zch wett' darauf, unser Herr kommt wenigstens net hung rig zu Haus. Conr. Wie so? Hans. Weil sie ihn überall werden abgespeist haben! Conr. Man sollte doch glauben, daß in 1 * 4 vornehmen Häusern mehr Ordnung in Betreff der Zahlungen herrsche — Hans. O ja, das is wahr! Ich Hab' einmal bei einer Herrschaft was einzucassi- ren gehabt, der Kammerdiener bat mich langmächtig herumzogen, da ich endlich grob geworden bin — stellen Sie sich vor — wirft mich der Kammerdiener zur Thür hinaus — im Vorzimmer steh'n schon zwei Bediente, die werfen mich ausn Gang hinaus — am Gang steht der Hausknecht, der wirft mich über die Stiegen hinunter und unten empfangt mich der Portier, der wirft mich auf die Gasse hinaus! — Alles in der schönsten Ordnung! Conr. Wenn deine Befürchtungen wahr würden, wenn auch er nichts ausgerichtet hätte! — Armer Mann, von allen Seiten droht ihm Gefahr! Hans (neugierig). Von allen Seiten? Ja, hat denn ein Kaufmann mehr andere Seiten, als die Geldsciten? Conr. Unser Principal ist nicht bloß Kaufmann, er ist auch Vater! Hans. Ja, von einer einschichtigen Tochter! — Aber da seh' ich keine Gefahr, die ist ja kerngesund! Conr. (ihn an der Hand fassend). Das ist nicht wahr! Hans (sieht ihn erstaunt an). Was? Wie ich fortgangen bin, Hab' ich's ja noch beim Fenster hinausschauen gesehen! Conr. Ja, am Fenster — alleweil am Fenster, das ist eben ihr Nebel. Hans. Weil's gem beim Fenster hinausschaut? Aber diese Ueblichkeit haben ja die meisten jungen Frauenzimmer, und es ist noch keine daran gestorben! Conr. Es handelt sich nur darum, wem zu Lieb' sie zu gewissen Stunden am Fenster is! Hans. Am End' wegen Einem, der öfters am Fenster vorbeigeht? Da hat's schon gar keine Gefahr, denn dann ist's nur was Vorübergehendes. — Conr. Nein, er reitet vorbei! Hans. Dann ist's bedenklich — dann ist's am Ende was Galoppirendes! Conr. Ich bitte Dich, mach' keine Dummheiten, die Sache ist ernster, als Du glaubst — es ist ein junger Cavalier! Hans (erstaunt). Cavalier!? Conr. Der reiche Baron Hornstein, er reitet täglich durch unsere Gasse, läßt vor Minna's Fenster sein Pferd die kühnsten Lanzaden machen, sie scheint Wohlgefallen daran zu finden — Hans. Vielleicht g'fallt ihr nur das Roß. — Conr. Sie ist seitdem ganz verändert, mit einem Wort, sie liebt ihn! Hans. Teufel, ist das g'schwind gegangen ! Freilich, zu Pferd geht Alles geschwinder. Conr. Siehst Du nun die Gefahr ein? Hans. So lange er noch auf seinem Pferd und sie nur am Fenster ist, macht es nichts, aber wenn er einmal absitzt und sie auffitzt — Conr. Er ist ein schöner junger Mann, Cavalier obend rein, ihre geschmeichelte Eitelkeit wird sie dem Verführer in die Arme liefern! — Dieß zu verhüten, sind wir unserm guten Principal schuldig! — Du bist der älteste Diener des Hauses! — Hans. Ja, ich Hab' das Fräul'n Minna schon als kleinwinziges Maderl auf'm Arm umtragen. Ich Hab' so zu sagen Ammel- stelle an ihr vertreten. Conr. Und mich verpflichtet die Dankbarkeit. — Herr Glattmr hat mich als armen Waisenknaben ausgenommen, d'rum laß uns überlegen — Hans. Von Ueberlegung ist bei mir keine Spur, hier muß gehandelt werden. Conr. (horchend). Still! — Hörst Du nicht Pferdegetrappel? Hans. Sind das seine Schritte? Conr. (eilt zum Fenster und sieht hinaus). Richtig! Der Baron mit seinem gewöhnlichen Begleiter — sie steigen am Ende der Gaffe vom Pferde — sie sprechen — jetzt geht der Begleiter auf unser Gewölb zu. 5 HanS. Ha! Ein Abgesandter der feindlichen Partei! — Empfangen wir ihn gerüstet! — Zn den Waffen! Wo sind die Ellen? (Holt eine Elle von der Budel.) Conr. Nicht doch! Wir müssen erst Gewißheit erlangen — komm' da hinein! (Auf die MagazinSthür weisend.) Dort wollen wir unfern Plan besprechen. Hans. Ich bin mit meinem Plan schon fertig! Mein Plan heißt: »d'reinschlagen!« Wenn der Kerl mir traut, so kann er seinen eigenen Buckel als eine Musterkarte von all' unfern Tuchfarben mit nach HauS tragen! (Beide ab in'S Magazin.) Vierte Scene. Jonas Prell (im rothen Reitfrack, Kappenstiefel mit Sporen, die Reitgerte in der Hand, tritt durch die GlaSthür ein). Lied. Natur, Du bist groß, hast Aü's weise ein- g'richt, Zum Beispiel, wie g'scheidt, daß's kein Thier gibt, das spricht; Der Herr sagt: »Wie g'schwind thut mein Zucker gar werd'n —« »Der Kanari,« sagt d'Köchin, »der frißt ihn so gern, Ich brauch' ja für ihn alle Tag' a halb's Pfund.« Jetzt, wann da das Vögerl sich aussprechen knnt — Saget: »Ich armer Schlucker, Ich krieg ja vom Zucker Nicht einmal ein Breserl — Aber da d'Mamsell Reserl Hat ein' Schatz, dcn's tractiren muß, Kaffee ihm serviren muß — Um den reckt z'versüßen, Hat's Zucker schnipsen müssen; Und mich, ach, mich Armen Speist's ab mit Hühnerdarmcn.« Wenn das Vögerl so redet, daS wär' höchst genant, 's müßt bittern Kaffee saufen jetzt der Amant, Und da krieget die Lieb' ein'n g'waltigen Stoß — Doch das Thier kann nicht reden, Natur, du bist groß! 's hat ein Ehmann ein'n Hund in sein' Garten, beim Hans, Wenn ein Fremder kommt, packt er'n und laßt ihn nicht aus, Doch einmal kommt Einer, dem Mann unbekannt, Da wedelt der Hund und frißt ihm aus der Hand. Der EhmanN wird zornig und prügelt den Hund — Jetzt, wenn da der Azor sich aussprcchen knnt — Und saget: »Aber schauen's, Ganz unverdient hauen's Mich heut', denn der Herr da Schon öfters war der da. Wie Sie waren verreiset, Hat öfters er da g'speiset, Ihre Frau selbst erwart'n , Oesters rückwärts im Garten, Führt ibn selbst über d'Schwelle — Und da wollen's, daß ich belle?« Wann der Wachhund so redet, ich glaub' zu der Stund' Hätt' der Stock wohl den Dienst bei der Frau statt beim Hund; Erst g'wichst, dann davong'jagt werd'n, das wär' ihr Loos — Doch das Thier kann nicht reden, Natur, du bist groß! Ein Handlungscommis, ä qustre spinales geputzt, Hat Sonntags ein ausg'liehenes Schulpferd benutzt — Bringt's abg'hetzt nach Haus, schon ganz auf allen Vieren — Da will der Bereiter mit ihm räsonniren! Doch er sagt: »Ich war nur in der Prater- Allee!« Jetzt, wann da das Schulpferd könnt' reden, o je! b Wann'S saget: »Herr Bereiter, Ich küß' d'Hanb für den Reiter; Zuerst hinaus nach Weidliug, Und dann über Meidling, Dann noch über die Linie Hat'r g'hetzt mich unsinnig, Durch d' g'pflasterten Gassen, Wo d'Stubenmad'ln paffen, Um sich zu produzier'n, Zwingt er mich, z'galoppir'n, Dafür zablt er zwei Gulden, Das dürfen's nicht dulden.* Wattn das Pferderl so redet — da kriegt der Commis Kein vierfüßiges Pferd mehr zu leihen gar nie! Und dürft' nur die Ell'n noch reiten statt'm Roß! Doch das Thier kann nicht reden — Natur, du bist groß! Ja, wenn zum Beispiel unsere Pferde reden und dem alten Herrn Baron erzählen könnten, welche Touren wir machen, so batten unsere Cavalcaden auch ein Ende! Der alte Herr Baron glaubt, sein Herr Sohn reitet alle Tag' auf die Jagd, — na ja, im Grund ist's auch wahr, nur jagen wir nickt im Wald auf Hirschen, sondern hier mitten in der Stadt auf zarte Täubchen. Statt unter Baumstämmen — jagen wir unter Stammbäumen, denn unser Revier sind die Töchter Bourgeoisie. — O, man glaubt gar nicht, wie herablassend der junge Baron in dieser Beziehung ist, während der Alte vor nichts so erschrickt, als vor dem Gedanken an eine Mißheirat, und dennoch scheint die neue Flamme des Jungen, die nämlich, die bei diesem niedern Haus zum Fenster hinauSschaut, ihn auf solche Gedanken gebracht zu haben, und warum? Bloß dadurch, daß sie tugendhaft ist, bringt sie ihn auf solche Abwege. — Da siebt man, was für ein Laster die Tugend ist! Aber sie ist vielleicht auch nur gar so tugendhaft, weil sie noch nicht recht verliebt in ihn ist; denn die weibliche Tugend ist ein Pulverfaß, setzt sich der Amor mit ! 'einer Fackel darauf, so sprengt er's in die Luft! Es handelt sieb also nur darum, diese Pechfackel recht anzuzünden, damit diese Jndieluftsprengung recht vor sich geht — die Sicherheit meiner eigenen Stellung fordert das; ich muß den jungen Baron zum Ziel bringen, ohne es dadurch beim Alten zu verschütten. Es ist im Grund eine ungeheure Inkonsequenz von dem Alten! Er kann mich nicht recht leiden, weil er mich im Verdacht bat, daß ich seinem Sohn bei seinen tollen Streichen behilflich bin, und wenn ick den Jungen jetzt in seinen ehrlichen Absichten unterstütze, riskire ick meinen Dieust! — Ja, dienen müssen, ist immer traung — einen Herrn haben ist schlimm, aber was iS noch schlimmer, als ein Herr? Zwei Herren, so wie ich sie habe! Da steht man gleichsam auf einem Seil, und muß immer die Balancierstangen der Schlauheit bald so und bald so halten, damit man nit einmal rechts, einmal links das Uebergewicht kriegt und aus seiner Stellung hinabpurzelt! Darum will ich selbstständig werden und laß mich nur > so lang zu Spitzbübereien verwenden, bis ich von den dafür erhaltenen Douceuren so viel zusammengespart habe, als nöthig ist, um davon leben zu können. Ick bin also jetzt nur schlecht, um einmal aufhören zu können, schlecht zu sein. (Nackdenkend.) . Freilich, wenn ick in meinem Kopf all' die kleinen Schlechtigkeiten, die ich oft um ein paar lumpige Gulden begebe, zusammenrechne, so kommt eine Totalsumwe heraus, die nach ihrem specifischen Gewicht gerade gleich wäre einem großen schlechten Streick, der mir vielleicht auf einmal so viel traget, daß ich mein eigener Herr sein könnte, und—wenn sich eine Gelegenheit fände — meiner Seel' — ich weiß nicht, ob ick nach dieser theoretischen Algebra ein praktisches Experiment machet! Aber vor der Hand fort mit dem Gedanken. Mein junger Herr hat mich als Avantgarde vorausgeschickt, um das Terrain zu recoguosciren — (Eick 7 im Gewölbe umsehend, verwundert.) Da hier ist Niemand, gar Niemand — sehr curios. Daß man Handelsgcwölber findet, wo tagelang keine Kundschaft d'rin ist, das ist bei der jetzigen Zeit kein überraschendes Phänomen, aber in andern Gewölben steht wenigstens ein halbes Dutzend Commis an der Budel, die, wenn's nichts anders verkaufen können, doch wenigstens Maul- affen feil haben, aber dahier nicht einmal ein Commis!? Fünfte Scene. Jonas. Minna (kommt über die Treppe herab). 3on. (horchend). Es kommt wer! (Sieht, erfreut.) Aber das ist nichts Commisartiges, daS ist die feinste Waar', der von uns am meisten gesuchte Artikel! (Geht ihr entgegen.) Minna (ihn erblickend, fast erschreckt). Sie — Sie sind da? Jon. Sie erschrecken, da Sie (auf sich selbst weisend) den Trabanten entdecken? Sagt Ihnen denn nicht eine astronomische Ahnung, daß der Trabant sich nur in der Nähe eines Planeten bewegt, und daß dieser Planet auch sich eben seiner Sonne (auf Minna) nähert. Minna. Wie — Ihr Herr, der junge Baron — Jon. O, gebrauchen Sie nickt diese Nobilitätstitulaturen, gerade Sie sind's ja. die ihn seines Adels entsetzt! Minna. Wie soll ich denn das verstehen ? Jon. Na ja, er ist eigentlich Freiherr— Ihnen gegenüber ist er nicht mehr frei, denn er ist von Ihren Reizen gefangen, und ist nicht mehr Herr, denn er ist Ihr Sklave. Sie sehen also, daß Sie die Ursache sind, daß vom ganzen Freiherrn rein gar nichts mehr übrig geblieben ist. Minna. Sie wollen sich jetzt mit mir einen Spaß erlauben. Jon. Ich kann Ihnen den Ernst meiner Behauptung documentiren — ich habe — (sich erst vorsichtig umsehend, dann einen Brief hervorziehend) was Schriftliches bei mir. Wenn Sie glauben, daß ich Ihnen einen blauen Dunst vormache, so nehmen Sie hier schwarz auf weiß, vom Baron selbst, mit dnrchausiger Eigenhändigkeit (will ihr den Brief in die Hand drücken). Minna (zurückweichend). Was? Ein Brief? (Rasch.) Geben Sie ihn zurück, ich darf ihn nicht annehmen! Jon. Sie haben Recht! Wozu schriftliche Acten, da die günstigste Gelegenheit zum mündlichen Verfahren sich darbietet. Sie sind allein im Laden, da darf ick ihn nur durch einen Wink in den Laden laden! (Macht eine Bewegung gegen daS Fenster.) Minna (ängstlich ihn zurückhaltend). Nein, um Gottes willen — ich beschwöre Sie — Jon. Aber ich bitte Sie, mein Herr hat hier Bestellungen zu machen — Sie werden doch nicht selbst Ihrem Vater die Kundschaften vertreiben. (Eilt zum Fenster und winkt hinaus.) Minna. Er kommt daher, und ich, ich allein — Sechste Scene. Vorige. Conrad, Hans, dann Baron Eugen. (Conrad und HanS. welche schon während der vorigen Scene an der MagazinSthür lauschend gesehen wurden, treten heraus.) Conr. (leise zu Hans). Der Feind rückt an! Hans (ebenfalls leise). Jetzt heißt's sich in Scklacktlinie aufstellen! (Beide treten rasch hinter die Budel.) Minna (sie erblickend). Ah, Gott sei Dank! Jon. (ist, ohne die Commis zu bemerken, vom Fenster weg an die GlaSthür getreten). Eug. (in elegantem Jagdcostüm tritt rasch ein). Ion. (zu ihm). Gnädiger Herr, sie ist allein — die schönste Gelegenheit — packen Sie's beim Schopf. — (Zieht ihn rasch vor; beide bleiben aber, die Commis be. merkend» unangenehm überrascht stehen.) 8 Eug. sleise zu Jonas). Was sagtest Du? Jon. Ich — ich habe geglaubt— Eug. (leise, ihn parodirend). Die schönste Gelegenheit! Packen Sie's beim Schöps — und da — Jon. Da — meiner Seel' — ich möchte statt der entschwundenen Gelegenheit, die — (auf die Commis weisend) beim Schopf fassen! Minna (den Baron höflich grüßend). Herr Baron! Der Herr — (auf Jonas deutend) hat mir gesagt, daß Sie eine Bestellung machen wollen, da (auf die Commis weisend) sind unsere Leute! I on. (leise) Was? Sie sagt, unsere Leut'? Eug (seine Verlegenheit bemeisternd). Ja — in der That — ich wollte — es war meine Absicht — (Leise zu Minna.) Sie sind grausam! — (Spricht leise mit ihr fort.) Conr. (leise zu Hans). Der Feind fangt zu plänkeln an — ich muß ihn rasch aus der Position werfen! (Nimmt schnell eine Musterkarte und eilt damit zwischen Eugen und Minna.) Untertänigster Diener, Herr Baron! Ausgezeichnete Ehre für uns, Sie bedienen zu können! — Womit kann ich aufwarten? Hans (zu Jonas). Wenn ich vielleicht einstweilen Sie bedienen kann (die Elle schwirr- gend,) mit wahnsinnigem Vergnügen! Eonr. (die Musterkarte aufschlogend und dem Baron Hinhaltend). Hier sind Muster von all' unfern Tüchern — Casimirs — Peruviens — WattmollS — Tüffel — von welcher Farbe der Herr Baron belieben. Hans (zu Jonas). Vielleicht grün und blau? Eug. (freundlich Conrad auf die Schulter klopfend). Schon gut, mein Lieber — besprechen Sie sich nur mit meinem Stall, meister, ich selbst verstehe zu wenig von den Waareu. — (Gibt JonaS einen Wink.) Jon. (erwidert durch eine Geberde, daß er ihn verstehe, dann zu Conrad). Ja, ja, mein Lieber, wir werden das mit einander ausmachen, wir brauchen neue Livreen für das ganze Dienstpersouale! — Also kommen Sie mit mir — (Faßt ihn bei der Hand und zieht ihn von Eugen weg.) Eug. (rasch, leise zu Minna). Meine Angebetete! Nur ein Wort aus Ihrem Munde — bin ich Ihnen denn so ganz gleichgiltig? Hans (hat indessen eine Rolle Tuch genommen und tritt nun zwischen Eugen und Minna). Herr Baron, schauen Sie das Tuch an! — (Rollt mit hochaufgehobenen Händen daS Tuck so auf. daß Minna vor den Blicken des Barons ganz verdeckt ist.) Wie fest gearbeitet — nichts Fadenscheiniges — nicht wahr? — Sie können gar nicht durchsehen? Eug. (seinen Aerger verbergend). Ja, vortrefflich ; schneiden Sie von der Sorte zwölf Ellen ab. Jon. (der indeß mit Conrad an der Budel einige Tücker besehen bat). Nein — das ist Alles das nicht, was wir wünschen; wenn vielleicht die zwei Herren Commis mit mir in's Magazin gehen wollten — Hans. Warum nit gar! Im Magazin ist's dunkel, aber dahier kann man erkennen, was solid ist. Eug. O, ich bin überzeugt, daß in Herrn Glattner's Handlung Alles solid ist. Hans. Ah na — mitunter (seinen Blick auf Jonas richtend) schleicht sich auch liederliches Tuch ein! Conr. Oder etwas, was zu sein für unseren Bedarf ist. — Hans. Aber wir kennen unS gleich aus, wenn auch unser Principal nicht da ist, so haben wir das Pouvoir, Alles, was nicht daher paßt, auszuschießen. Conr. Besonders, wenn cs der Ruhe unseres Hauses schaden könnte. — Eug. (von ihm wegtretend, leise zu JonaS). Ich befinde mich in der penibelsten Situation. Jon. (zu Conrad und HanS). Aber was schwäbelt Ihr dem gnädigen Herrn da ein Längs und Breit's vor — er hat Euch an mich gewiesen, also erfüllt Ihr seine Wünsche am besten, wenn Ihr ihn ganz außer Spiel laßt. s Hans (thut plötzlich, als ob er etwas aus der Luft fing). Sapperment! Jon. Was ist's denn? Hans. A Schab! — Was das für zu dringliche Bestien sind! Wenn man noch so Acht gibt, sie setzen sich an, und sind nicht fortznbringen. Jon. Na, da muß man halt fleißig ausklopfen — Hans. Ja (holt ein Stäbchen), ich werde gleich anfangen. Schon wieder Einer!» (Haut in die Lust.) und da — da auch! (Schlägt auf Jonas' Rockschooß.) Jon. (springt zurück). Zum Teufel, was thut Er denn? Hans. Die Schaben treib' ich aus; schauen Sie daß's hinauskommen, denn wenn ich einmal in's Ausklopfen hineinkomm, da ist's für Jeden gut, der sich aus dem Staub macht! Conrad. Der Herr Principal! Minna. Mein Vater! Eug. (für sich). Das auch noch! Siebente Scene. Vorige. Glattner. Glattn. (ein bejahrter Mann mit grauen Haaren und schlicht bürgerlichem Aussehen kommt in der übelsten Laune durch die GlaSthür herein). Minna (auf ihn zugehend). Guten Abend, Vater! (Sie küßt ihm die Hand.) Glattn. Du — da herunten im Ge- wölb? — Und (die Anwesenden bemerkend) Kundschaften. — (Tritt weiter vor, finsterer Miene.) Der Herr Baron da? — Jon. Ja. der Herr Baron hatt sich selbst Herabgelaffen, zu Ihnen zu kommen. Glattn. Danke — danke für die Ehre! Bedauere nur, daß ich nicht zu Hause war, um — Hans. O, wir haben den Herrn Baron schon an Ihrer Stelle empfangen, wie sich's gehört hat. — Glattn. Aber Du, (zu Minna) Du weist, daß ich nicht will, daß Du im Gewölb biß, wenn ich nicht dabei bin. Minna. Sic sind so lang ansgeblieben — da habe ich nachschauen wollen — und da — Glattn Schon gut— schon gut! (Zu HanS. indem er ihm den Hut gibt.) Meine Hauskappe. (Zu Eugen.) Sie verzeihen schon, Herr Baron, daß ich vor Ihnen meinen Kopf bedecke — aber ich habe mich warm und müde gelaufen, und leide an Rheuma — (Nimmt HanS die Kappe ab.) Eug. (sehr höflich). Ich bitte, Sie werden sich doch in Ihrem Hause keinen Zwang anthun? Glattn. (Setzt die Kappe auf.) Ich bitte sich nur auch zu bedecken. — Hans, gib dem Herrn Baron einen Stuhl, denn ich — ich muß mich auch setzen, meine alten Füße tragen mich kaum mehr. (Hans kwlt für Eugen, Conrad für Glattner einen Stuhl; — zu Eugen auf den Stuhl weisend.) Ich bitte! (Nachdem er sich gesetzt. setzt er sich auch.) Also was gibt mir die Ehre? Jon. (zwischen Beide tretend). Der Herr Baron, von der Vortrefflichkeit all' Ihrer Waaren überzeugt, und des festesten Glaubens, daß in Ihrer Handlung die größte Realität und Billigkeit, so wie nicht minder — Glattn. Ich bitte Sie, nur keine Com- pli mente. Hans. Schimpfen's lieber. Jon. (ihn erstaunt ansehend). Wie so? Hans. Weil es immer heißt: Wer schimpft, der kauft. Jon. Also um mich kurz zu fassen, wir wünschen mehrere Stücke vom feinsten Casimir — einige Ballen echten Manschester — für die Livree der baronlichen Dienerschaft. Glattn. Und das bestellt der junge Herr Baron? Jon. Das kann Ihnen ja gleich sein, Wer etwas bestellt, wenn Sie nur Ihre Waaren absetzen. Glattn. Um den bloßen Absatz meiner Waare ist mir's nicht zu thun. Hans. Ja, abgesetzt ist sie bald, aber 10 puncto Zahlung ist auch der Kaufmann angesetzt. Eug. (beleidigt zu Glattner). Herr Glatt- „er — ich ersuche Sie, Ihren Dienstleuten derlei beleidigende Bemerkungen zu verbieten!— Glattn. (zu Hans). Du Haft eigentlich nichts dareinznreden, aber— (zu Eugen)'Un- rrcht bat er nicht! Die jungen Herren, die gern Aufwand machen, bestellen oft viel bei mir, und wenn man dann die Rechnung in's Haus schickt, wollen die Alten davon nichts wissen; darum, Sie entschuldigen schon die Frage, Herr Baron — aber sie ist nur die Folge deS Grundsatzes, den ich mir heute für alle Zeiten festgestellt habe, — wird Das, was Sie von mir beziehen wollen, sogleich baar bezahlt? Eug. Sogleich? Ich bin nicht gewohnt, größere Baarschaft bei mir zu tragen — indeß glaube ich, daß der Name Hornstein wohl genügende Bürgschaft für einen solchen Betrag ist. — Glattn. Bürgschaft — daß gezahlt wird, o ja, aber manche Herrschaften haben die noble Gewohnheit, nur dann Zahlungen anzuweisen, wenn sie just bei Laune sind, nicht wenn sie der Geschäftsmann gerade braucht. Eug. Sie scheinen heute selbst sehr übler Laune zu sein? Hans (zu Glattner). Kommen am Ende Sie auch leer nach Haus? Glattn. Ja, leider! Eug. Nun, einige Tage Verzögerung machen doch nicht so viel, wenn übrigens das Geld sicher ist. Glattn. (heftig). Nichts für ungut! — Aber das verstehen Sie nicht! Einem Ihres Gleichen kann es wohl alleseins lein, ob er Ihnen eine Schuld von ein paar hundert Ducaten heut oder erst über acht Tage zahlt. Eng. Mit der Ausnahme, wenn es eine Ehrenschuld ist. Glattn. (immer heftiger). Der Kaufmann hat auch seine Ehrenschuld, denn seine Ehre besteht eben darin, daß er seinen Verpflichtungen pünktlich und auf die Stund' nachkvmmt; — und in der Lage bin ich. Morgen ist ein Wechsel voll zwöls- tausend Gulden fällig, — in meiner Caffa habe ich das Geld nicht, aber da — (zieht eiu Portefeuille vor) da schauen Sie her, eine ganze Liste voll Namen, von lauter angesehenen, reichen Leuten, von denen ich allen Geld einzucassiren Hab', sie sind alle gut für dick Zahlung, aber heut — heut habe ick nichts kriegt, und so wäre mir am End' morgen der Wechsel protestirt, und mein ganzes Geschäft untergraben worden — und das Alles bloß, weil's den Herr« schäften nicht gelegen war. Eon. Aber nicht wahr, Sie haben sich doch geholfen? Glattn. Gott sei Dank!— aber nur durch die Freundschaft eines College». — Der Kaufmann Fallberg hat seine eigene Cassa fast ausgeleert, um mir zu helfen. (Zieht seine Brieftasche hervor und steht auf.) Da sind die zwölftausend Gulden. (Zieht eine Lade auS der Budel. und wirf die Brieftasche hinein, l Ich hab's zu leihen nehmen müssen, nährend ich selbst zu fordern habe — darum aus, für alle Mal aus, ich gebe nichts mehr auf Credit. Eug. (beleidigt aufstehend). Nun, wie es beliebt, Herr Glattner! Glattn. (fes-). Ja — so beliebt es mir! — und dann, wenn Ihr Herr Vater von mir bedient sein will, so brauchen Sie sich nicht selber herzubemühen. Eug. Das klingt ja fast, als ob Ihnen mein Besuch unangenehm wäre — Glattn. (zu ihm allein sprechend). Ich hoffe, Herr Baron Sie werden wohl verstehen, was ich meine! Ihr ewiges Dcrbei- rcitcn, just bei meinem Hause, ist der Nachbarschaft aufgefallen — hat schon zu Tratschereien Anlaß geben, man hat mich selbst erst heute aufmerksam gemacht; ich würde noch ganz anders reden, wenn ich nicht so fest auf die Grundsätze meiner Tochter bauen II könnte, aber — kurz und gut — das muß ein Ende haben! Eug. Wer kann mir verbieten? Glattn. Verbieten kann ich Ihnen nichts, aber lassen Sie es nicht so weit kommen, daß ich Ihren Herrn Vater bitten müßte, daß er auf Sie einwirkt; doch genug, ich darf, ich will über das nicht weiter reden, denn mir steigt gleich das Blut zu Kopfe, und dann — Also gute Nackt — gute Nackt! Es wird schon dunkel! Hans! sperre hernach das G'wölb gut zu. (Eich zu Minna wendend.) Komm', Minna! wir wollen zu unserem Nachtmahl, und dann geh' ich zeitlich zu Bette — es war heute ein heißer Tag — aber die Sorge für den morgigen ist gehoben — ich kann wenigstens ruhig schlafen! (Geht mit Minna gegen die Treppe zu.) Minna (im Fortgehen bemitleidend zu Eugen). Gute Nacht! (Ab mit Glattner.) Eug. (ihr nachsehend entrüstet). Impertinenter Kramer-Uebermuth! (Will rasch fort, bleibt aber bei JonaS stehen, leise zu diesem.) Nun, was sagst Du? 2VN. (der von dem Augenblicke an, als Glattner die Brieftasche in die Lode gelegt, keinen Blick von derselben abgewendet, nun wie aus Gedanken erwachend). Was? was? Eug. (leise). Nun ist ja Alles verloren! Jon. (hastig ihn an derHand fassend, ober dabei immer nach der Lade sehend, sehr lcise). ^der — Alles zu gewinnen. Eug. (leise). Was sagst Du? Hans, (hat indessen einen Kehrbesen genommen und tritt nun mit demselben zu Eugen barsch). Sie haben gehört, daß ick zusperren muß, und ehe ich zusperre, muß ich noch auskehren! (Fängt an so auSzukehren. daß er mit dem Besen die Stiefel JonaS' berührt.) Es ist viel Mist im Gewölb! Jon. Gehen wir, Herr Baron! (Leise.) Draußen werde ich Ihnen meine Ansicht mittheilen. Eug. So komm'! (Geht mit JonaS ab.) Jon. (im Abgehen mit affectirter Herablassung zu Conrad und Hans). Adieu, guten Leute! Adieu! (Ab.) Hans (ihm nachrufend). B'hüt' Ihnen auch Gott! (Nachdem JonaS draußen.) Hol' Dich der Teufel! (Zu Conrad.) Ich brauch' jetzt nickt mehr auszukehren, das Gröbste ist schon draußen! Aber unser alter Herr hat ihm's schön g'sagt, der kommt so bald nicht wieder! Eon. Vor den Vater wird er sich nicht mehr wagen — aber seine Absichten auf die Tochter gibt er deshalb wohl noch nickt auf,— er wird nur noch schlauer zu Werke gehen, darum müssen auch wir doppelte Schlauheit entgegenstellen. Hans. Schlauheit? Mit dem Artikel ist mein Hirnkastel nickt besonders fournirt.— Grobheit so viel Sie wollen! Eon. Laß' nur mich denken —! Hans. Gut — Sie denken, ick —(seinen Besen schwingend) bin der Mann derThat! Mir sollen die trauen! — Aber jetzt — (den Besen wieder senkend) ist Waffenstillstand!—Jetzt werde ich schön langsam die Balken zumachen, die Gewölbthür zu- sperren,—dann in'sWirthshäusel auf eine Glascl Wein, und dann beiderln! — Man scklaft gut mit einem ruhigen Gewissen, aber noch süßer schlaft man, wenn man noch a Seitel Wein d'rauf schütt't! Kommen's! kommen's! (Beide ab.) Verwandlung. (Abgelegene Gasse, kurze Decoration. in der Milte Gkattner'S HauS, mit einer Seite an einem an- deren Hause angebaut, auf der anderen Seite bildet es eine Ecke, so daß nur die Hauptfronte aus die Gasse geht, während man noch eine Seitenfronte sieht, welche nach rückwärts zu ,n einen Garten geht, der von der Gasse durch eine mittelhohe Mauer getrennt ist. An dieser Sei- tensronte steht man im ersten Stockwerke einen Balcon, zu ebener Erde in der Fa^ade das Gewölbe mit bereits geschloffenen Fensterläden und Thüren. Im Vordergründe rechts vom Zu- schauer ein WirthShauS. Es ist bereits ganz dunkel, nur die Fenster der Schenke sind beleuchtet, und eine einzige Laterne brennt in der Gaffe.) 12 Achte Scene. Eugen. Jonas. (Beide in Mäntel gehüllt.) Eng. (kommt mit JonaS). Nein, nein, das ist zu viel gewagt! Ist es nicht genug, daß mir der Vater abhold ist, soll ich auch noch die Achtung des Mädchens auf das Spiel setzen? Jon. Wissen Ew. Gnaden, wen die Mädel am meisten verachten? Eug. Nun, wen? Jon. Einen Traumichnicht! Eug. (beleidigt). Jonas! Jon. Werden Ew. Gnaden nicht bös, aber ich kenne die Mädeln besser —gerad, weil sic selber das schwache Geschlecht sind, so lieben sie vermöge deöNaturgesetzes, daß sich entgegengesetzte Pole anziehen, an unS das Kühne, das Unternehmende, Waghalsige! Eug. Ja, sic lieben die Kühnheit des Mannes, wenn es sich um Recht und Ehre handelt, doch nicht die Kühnheit, einen Schurkenstreich auszuführen. Ion. Ja, wenn Ew. Gnaden das einen Schurkenstreich nennen — Eug. Welchen Namen verdient es sonst, wenn ich deinem Rathe folgte, und nun, wie ein Dieb über diese Mauer (auf die Gartenmauer weisend) stiege, — den Balcon erkletterte, und dann in das Gemach eines ehrenhaften Mädchens eindränge? Jon. Es gibt aber keinen andern Weg sich ihr zu nähern, allein ausgehen darf sie nicht, in's Haus kommen können Sie nicht,— also bleibt nichts Anderes übrig — und dann kommt es bei allen Handlungen darauf an, was für einen Vorsatz man dabei hat. — Ja, wenn Sie den Vorsatz hätten, das Mädel unglücklich zu machen, ihr die Seelenruhe und Ehre zu stehlen, oder andere Kleinigkeiten, na ja, dann wär's freilich schlecht, aber so ist ja Ihr Vorsatz der, nur einmal mit ihr ungestört reden zu können, mit ihr die Mittel und Wege zu besprechen; wie Sie sie zur Frau Baronin machen können, da ist doch offenbar der Vorsatz gut, wenn die Angelegenheit vielleicht dann — durch Situationen — unvorhergesehene Zufälligkeiten — phatastische Momente und dergleichen eine andere Wendung nähme — Eug. Schweige! Schweige! Nein, und wenn ich es auch wagte, — ich wollte nichts erreichen — nichts als die Gewißheit ob sie mich liebt — Jon. (drängend). Na, ja, darum sage ich, nur einmal einsteigen — dann haben's gleich die Gewißheit. Ettg. (macht eine abwehrende Bewegung gegen ihn, bleibt aber sichtlich unentschlossen stehen). Jon. Sie wollen nicht? — Na, ja, da soll man dann Generalstäbler sein, wenn man mit aller Aufopferung das Terrain recognoscirt, mit wahrem Feldherrn-Genie einen Plan ausarbeitet, — wo der Erfolg so sicher ist wie ein aufgelegter Neunziger, und wenn dann trotz all' dem die Truppen nicht die gehörige Courage haben anzugreifen—! Eug. Glaubst Du, mir fehlt der Muth eine Gefahr zu bestehen, die nur mich bedroht? Aber der Ruf eines ehrlichen Mädchens — Ion. Ihr Ruf kann nur dann leiden, wenn sie selber ruft, nämlich um Hilfe, und sobald sie Sie erblickt, ein Spectakel machen würde. Dassthät sie aber nur in dem Fall, wenn sie ihr unangenehm wären — denn wahre Liebe thut das nicht! Eug. Aber wenn jemand Anderer mein Unternehmen gewahrte? Jon. Das ist gar nicht möglich! Betrachten Sie nur, Ew. Gnaden, die Situation des Hauses. — (Auf Glattner S Haus weisend.) Im Speiszimmer ist jetzt der Alte mit der Jungen beim Nachtmahl, wenn abgespeist ist, geht der Alte in sein Schlafzimmer, das geht dort gegen den Garten, wo der Balcon ist- Eug. Aber die Dienstleute —? 13 Ion. Von denen schlaft Niemand im Hause, als der alte Hans, der wird wohl heut' von seiner gewöhnlichen Tag. und Nachtordnung keine Ausnahme machen! (Geht zum Wirthshaus und sieht zum Fenster hinein.) Der sitzt da d'rin, bis ihm schon vom Schlaf fast die Augen zufallen — dann sperrt er sich das Gewölb— (auf den Gaffenladen weisend) auf, geht hinein, und legt sich in das Kammer! neben dem Magazin schlafen! Es kann also kein Mensch was sehen oder hören! Aber sehen Sie — sehen Sie (weift auf die Fenster der Gewölb- thür, welche beleuchtet erscheinen, bald darauf erscheint auch Licht in der GlaSthür des Seiten- flügels. welche auf den Balcon führt, und den Fenstern neben demselben). Eug. Was ist's! (Wendet sich ebenfalls um.) Ion. Der Alte ist schon in seinem Zimmer, und dort— (gegen den Balcon weisend) die Mamsell Minna auch. Eug. Sie allein in ihrem Zimmer? Jon. Und die Glasthür am Balcon nie versperrt, — oh jetzt die Taube zu belauschen — Herr Baron — stellen Sie sich sie intt lebendig vor, wenn sie allein in ihrem Kämmerlein ist — sehnsuchtsvoll die Blicke nach dem stillen Mond erhebt — Seufzer ihrem Busen entsteigen — vielleicht gar Ihr Name! und Sie — Sie stehen noch so unentschlossen da? Eug. (feurig). Ja— ich will — ich muß sie sehen — sprechen — Jon. Was denn sonst? Aber nur geschwind, ehe der alte Hauspudel (auf die Schenke weisend) aus dem Wirthshaus kommt. Eug. Aber wie komm' ich am leichtesten über die Mauer? Jon. Alles schon von mir untersucht— dahier ist keine Möglichkeit vorhanden, aber dort— (in die Scene weisend) nahe am Eck zu, ist ein Gitter, auf den Quersprossen kommen Sie leicht in die Höhe— dann an den Pfir- sichstaketten hinunter in den Garten, beim Glashaus lehnt eine Leiter, nur geschwind — geschwind —! (Im Erdgeschosse verlöschen die Lichter. - hinaufweisend). Sehen Sie, der Alte hat schon das Licht ausgelöscht; das ist ein Beweis, daß er schon im Bette liegt! — Warten Sie nicht erst ab, bis auch sie die Lichter auslöscht, denn wenn sie Sie nicht sehen und gleich erkennen kann, so macht sie auf jeden Fall Lärm. — Eug. Ich bin doch sonst nicht feige, aber jetzt — ich kann es nicht sagen, welche bange Ahnung meine Brust beklemmt. Jon. Nur keinen Aberglauben! — wenn Sie nur einmal oben sind, wird sich die Angst schon verlieren. — Eug. Ja — ich wage es! Komme was da kommen mag, ich will Gewißheit —! (Eilt ab.) Ion. (ihm nachsehend). Er will Gewißheit, und ich will was Gewisses! Er glaubt, er macht den Gang für seine Liebe, und thut ihn unbewußt mir zu Liebe!— Ich habe oft genug herhalten müssen, um seine Wünsche zu erfüllen, heute soll er einmal herhalten, um mich zum Ziele zu bringen. Um den Preis, mein eigener Herr zu werden, gebe ich meinen HerrnPreis, denn so eine Ge. legenheit finde ich so bald mcht wieder !Ha !jetzt ist er beim Gitterthor, jetzt nur geschwind! — (Zieht rasch eine Perrücke von anderer Farbe, als seine Haare, falschen Bart hervor und be- kleidet sich damit ) So, ich bin kostümirt — so!—und jetzt Lärm gemacht, aber ganz still! (Eilt zum Wirthshaus, öffnet die Thüre und ruft mit gedämpfter Stimme hinein.) Ha — da sind noch Leute — heda — heraus — geschwind heraus! Nennte Scene. Jonas, Pilzmaun, Riegler, Har- tinger, einige Kellner, dann Hans. Pilzm. (mit den Uebrigen herauskommend). Was gibt's denn? Jon. Ist Jemand von Euch da in dem Haus (aufGlattner'S Haus weisend) bekannt? Pilzm. Wir nicht, aber da — (ruft zurück in die Thür) Monsieur Hans, geschwind! Hans (kommt mit einem Anflug von Nebel heraus). Was ist's denn, daß man mich gerad vom letzten Seite! abberuft? Ion. (mit verstellter Stimme)- Hört mich an! Gerad wie ich da vorbeigeh', sehe ich, wie dort fünfzig Schritt von mir — ein Mann über das Gitterthor in Euren Garten einsleigt. Hans. Ha! Zch ahne Schreckliches! Der Mann ist gewiß der Bub, der uns alleweil unsere Pfirsiche schnipst! Ion. O nein! der scheint was Aergeres im Sinn zu haben — ich glaube im Mondlicht Waffen bei ihm gesehen zu haben. Alle, (entsetzt). Waffen? Hans. Waff..! bin ich jetzt erschrocken! Ich glaub', wenn man mir jetzt zur Ader ließe, man findet keinen Kreuzer Geld bei mir! Belzm. Um Gottes willen, was ist denn da anzusangen? Hans. Zu Hilfe, Patr. . . Ion. (hält ihm schnell den Mund zu). Was thut Ihr denn? Wenn er Euch schreien hört, entwischt er uns ja — wir müssen ihm entgegen — kann man denn nicht von da aus durch's Haus in den Garten? Hans. Das wohl, durch's Gewölb, und dann durch's Magazin. Ion. Da müssen wir hinein, wir Alle — Alle. Ja, ja, das müssen wir! Ion. Aber nur still— still! Pelzm. Holen wir uns tüchtige Knüttel, Schürhaken und Laternen! Ion. Sehr gut! Aber die Laternen dürsen wir erst d'rin im Garten anzünden, wen»» wir uns so postirt haben, daß er uns nimmer auskommt. Pelzm. Also nur geschwind, kommt mit mir! (Entfernt sich mit ^den Gästen und Kellnern wieder in vaS WirthShauS.) Ion. (zu Hans). Und Sie sperren einst, weilen das Gewölb aus. Hans. Ja, gleich! (Er geht schwerfällig gegen die Gewölbthür.) Meine Hüße sind mir ganz schwer, der Schreck ist mir hinein- gefahren. Ion. (für sich). Der Schreck in die Füß' und der Wein in den Kops, das ist just recht, was ich brauch. Hans. Wo habe rch denn den Schlüssel? (Zieht ihn aus der Tasche.) Ah da! den Schlüssel habe ich — aber — (befühlt die Thüre) das Schlüsselloch geht mir noch ab. Jon. (auf daHScblüffelloch weisend).Da, da. Hans. Richtig! (Sperrr die Thür auf.) Pelzm. (und die Uebrigen kommen mit Knütteln, Schürhaken und Laternen, welche aber nicht angezündet sind, heraus). Da sind wir — Haus. Ich habe keine Waffe, darf ich um einen Bratspies bitten — (Nimmt einem der Kellner den Bratspieß ab.) So, jetzt hinein — aber macht im G'wölb kein Lärm; ich möchte meinen Herrn nicht erschrecken! Mir nach, wer Courage hat. (Alle durch daS Gewölb in's HauS.) Verwandlung. (Minna'S Zimmer m Glattner'S HauS. seitwärts eine kleine Toilette, im Hintergrund eine offene GlaSthüre, welche auf den Ba/con führt, über dessen Geländer man die Bäume des Gartens emporragen steht, der Mond beleuchtet den Garten; rechts und links Seitenthüren.) Zehnte Scene. Minna, dann Eugen. Minna (kommt in einfachem Negligee, in der einen Hand einen Handleuchter mit brennender Kerze, in der andern ein Buch haltend auS der Seitenthür rechts und geht gegen die Toilette zu. auf welche sie das Buch legt). Ich kann heute nicht lesen —ich bin so verwirrt, daß ich gar nicht weiß, was ich lese! Ichwill schlafen gehen! (Wieder nachdenkend.) Ja, wenn's nur so wäre, daß man schlafen könnt, wenn man will. Es heißt zwar immer, nur mit einem bösen Gewissen kann man nicht schlafen. —Was habe ich den so Unrechtes gethan?Habe lch mir nicht selbst schon lange vorgenommen, —gar nicht mehr an ihn zu denken; aber ach! Gewisse Gedanken sind wie die Bienen— je mehr man sie abwehren will, desto mehr verfolgen sie unS! (Sinkt auf den Stuhl an der Toilette, und preßt die Stirn in die aufgestemmten Hände.) Eug. (erscheint, noch in seinen Mantel gehüllt, am Geländer des BalconS, schwingt sich über dasselbe, bleibt einen Augenblick zögernd noch auf dem Balcon stehen, drückt Minna er- blickend, die Hand an's Herz, und tritt endlich in das Zimmer). Minna (durch daS Geräusch auS ihren Gedanken aufgeschreckt). Was war das? (Erhebt sich rasch von ihrem Sitze, wendet sich um. dann vor Schreck beinahe starr.) Gott im Himmel! Eug. (hastig, doch mit leiser Stimme). Er« schrecken Sie nicht — ich — ich habe es gewagt. (Wirft seinen Mantel auf einen neben der Thür stehenden Stuhl und will näher.) Minna (mit einer raschen und abwehren- den Bewegung). Keinen Schritt näher! (Am ganzen Körper bebend). Herr Baron? Sie — da—und um die Stunde? (Flehend.) Verlassen Sie mich! Ich beschwöre Sie! Eug. 3a, ja — ich werde Ihnen gehorchen — nur wenige Worte will — must ich mit Ihnen sprechen— (Zärtlich.) Minna, — mein Engel! — (Macht eine Bewegung vorwärts.) Minna (zurücktretend). Ich will, ich darf Sie nicht anhören. Eug. Sie fliehen vor mir? Vor mir, den nur die heißeste Liebe zu diesem Wag- niß trieb? Minna (hat sich indessen mehr gefaßt). Liebe? Was Sie gewagt haben, beweist mir nur, daß Sie mich verachten! (In Thrä- nen auSbrechend.) Mit was habe ich das verdient? Eug. O, weine nicht! Laß' mich zu deinen Füß en —(Will vor ihr auf die Knie sinken.) Minna (es gewahrend, in strengem Ton). Fort! Jetzt will — jetzt befehle ich es! Eug. (in flehendem Ton). So höre doch— Minna. Jedes Wort, das Sie noch reden, jede Minute, die Sie noch dableiben, macht die Beleidigung, die Sie mir ange- than haben, um so größer. (Ruhiger, aber determinüt.) Ich bitte Sie, verlassen Siemich. Eug. Ja, ja, ich gehorche — doch lassen Sie mich nicht mit dem Bewußtsein Ihres Zornes scheiden, nicht mehr von meiner Liebe will ich sprechen — doch — Minna! Nur ein Wort, daß Sie mir vergeben! Minna. Benehmen Sie sich so, daß ich Ihnen verzeihen kann. (Milder.) Verlassen Sie mich jetzt. Eug. (wendet sich rasch gegen den Balcon. In demselben Augenblick hört man von unten herauf wirre Stimmen und der Schimmer der Lichter strahlt herauf). Eug. und Minna (Beide aussHeftigste erschreckt und regungslos). Was ist das? Eug. (Faßt sich, geht rasch, aber leisen Schrittes gegen die Mauer neben der Balcon- thüre, und steht vom Vorhang gedeckt hinab, dann schnell zurückkommend.) Um des Himmels willen! Leute im Garten mit Lichtern — sie nähern sich dem Balcon, ich kann nicht hinab! Minna. Gott! wenn mein Vater munter wird, wenn man Sie da findet?! Eug. (rasch). Sagen Sie, was soll ich thun? Nichts fürchte ich für mick, doch Ihre Ehre — Minna. Gehen Sie durch's Haus fort, (auf die andere Seitenthüre weisend) dort durch den Gang—dann über dieSchneckenstiege, die führt in's Gewölbe. Eug. Doch dieß ist verschlossen — Minna, (wie vorhin). DerzweiteSchlüssel ist hier oben, (auf die Toilette weisend) dort! Eug. (tritt rasch hin, nimmt den Schlüssel).' Nun, fort! fort! (Eilt schnell durch die Seitenthür ab.) Minna (allein in höchster Besorgniß). Wenn er nur hinauskann, ohne daß man ihn bemerkt! — Aber was fange ich an? Mir zittern alle Glieder vor Schreck und Angst. (Sich ermannend.) Aber nur Fassung! Ruhe! — Ich — ich habe nichts gesehen — weiß von nichts! (Geht gegen den Balcon und sieht hinab.) Die Leute entfernen uch? — Wer ist's denn? Ah — beim Licht von der Laterne erkenne ich unfern alten Hans, erführt die Leute um die Ecke des Hauses! (In neuer Angst.) Mein Gott, sie werden doch nicht! (Man hört auf's Neue heftige Stimmen, doch nicht vom Garten, son- ! dern vom untern Geschosse herauf; Minna er- schrickt heftig.) Herr, mein Gott! die Stim- 16 men (neigt ihr Ohr gegen den Boden des Zimmers) unten im Gewölbe und er, Allmächtiger! — Was fange ich an? Er kann noch nicht unten sein — ich muß ihn warnen — ich niuß! (Eilt durch dieselbe Thür durch welche sich Eugen entfernt hatte, ab.) (Die Stimmen von unten tönen immer lauter und verworrener herauf, eine kurze, der Situation entsprechende Musik fällt ein und währt nur so lange, bis die Verwandlung vor sich gegangen ist ) Verwandlung. (Das Handlungsgewölbe wie zu Anfang deS ActeS, die Lade in der Budel steht open heraus, durch die Thür, welche nach der Gaffe führt, tritt der Commiffär Brand mit Wachen und Conrad ein, gleichzeitig eilen aus der Magazins- thür: HanS, Pelzmann. Gäste, Kellner mit Laternen, Glattner im Schlafrcck, ein brennendes Licht in der Hand, herbei.) Eilfte Scene. Brand mit Wachen. Conrad. Hans. Belz mann. Gäste. Kellner. Glattner. Glattn. (im Herauseilen). Um Gottes willen, was für ein Lärm in meinem Hause! (Scharf, und die Wachen erblickend.) Wachen? Was soll das? (Den Blick aufHans richtend.) Und Du, Hans? Und die Leute alle? Was ist geschehen? Hans. Erschrecken Sie nicht, mir haben den ganzen Garten durchsucht und haben gar Niemanden gefunden! Glattn. Was heißt das? Und Sie, Herr Commiffär, was führt Sie in mein Haus mit der Wache? Conr. Ich habe sie geholt! Stellen Sie sich vor, ich war heute Abend bei meiner Tante, im Nachhausegehen komme ich durch unsere Gaffe, da, wie ich in der Nähe vom Gewölbe bin, sehe ich eine dunkle Gestalt an der Mauer hinschleichen, ich gehe d'rauf los, will sie packen, aber cs war ein starker Mann — er rannte mich zu Boden und lief davon. 3n demselben Augenblicke kommt von der andern Seite die Patrouille, ich rufe sie zu Hilfe — wir finden die Gewölb- thür offen — Glattn. (ahnend und erschreckt). Die Ge- wölbthüre offen? Mein Himmel! (Eilt auf die Budel zu). Die Lade — aufgesprengt — (reißt sie noch mehr heraus sieht hinein und taumelt zurück) Gott im Himmel! Meine Brieftasche — die zwölftausend Gulden — fort — geraubt! Alle. Geraubt? Glattn. Wie war's möglich, herein- zukommen? Hans! Hast Du denn nicht zugesperrt? Hans. Freilich! Aber er muß durch die Magazinsthür? Pelzm. Nein, nein, Herr Hans, das is ja nicht möglich, die Magazinsthür haben wir ja gesperrt gefunden; Sie haben sie ja selbst erst ausmachen muffen. Hans. Aber hat uns der fremde Herr nicht den Kerl gezeigt, der über's Gitter gestiegen ist? Pelzm. (sich jetzt unter den Anwesenden umsehend). Ja, wo ist denn derFremde jetzt? Haus '(sieht sich ebenfalls um, ganz ver- blüfft). Ja, wo is denn der hingekommen? Pelzm. Er ist mit uns herein! Hans. Und jetzt hat er sich verloren — Brand (vortretend). Das Gaunerstück ist also offenbar von Mehreren vollbracht! Es ist am Ende noch einer von ihnen im Haus! Wache. Im Garten neben der Mauer an dem Balcon lehnt eine Leiter — Glattn. Gott! Meine Tochter! Wenn am Ende ihr — hinauf! hinauf! Brand. Nehmen Sie Wachen mit! Glattn. (eilt, von einigen Wachen gefolgt, die Treppe hinauf). Hans (für sich). Wenn der Fremde der Spitzbube war — und ich — ich hätte ihn selbst hereingeführt! — Nein — es ist ja nicht möglich! Glatt ner's und der Wachen (Stimmen von der Treppe her). Wir haben ihn! Hans, (aufathmend). Gott sei Dank! 17 Zwölfte Scene. Vorige. Glattner, Eugen, Wachen, dann Minna. Glattn. (kommt, Eugen an der Brust nach - sich ziehend, die Treppe herab. Die Wachen ! folgen). Eng. (hält den Kopf so gegen die Erde f gesenkt, daß man anfangs sein Gesicht nicht r sehen kann). t Hans (zu den Uebrigen). Schlagt ihn ! nieder. ^ Brand. Halt! Ruhig Alle! (Tritt zu Eugen.) Wer seid Ihr? Minna (erscheint todtenbleich in angstvoller Spannung auf der Treppe und halt sich halb ohnmächtig am Geländer fest). Brand (zu Eugen). Was macht Ihr so spät im Hause — gebt Antwort — den Kopf in die Höhe! (Richtetgewaltsam Eugens Kopf in die Höhe.) Hans. Ich muß mir ihn anschauen! j (Geht mit einer Laterne näher) Glattn., Brand, Conr. und Hans (das Gesicht Eugens erblickend, erstaunt zurückfahrend). Herr Baron! Glattn. (fast schreiend). Sie — Sie waren im Zimmer meiner Tochter? Eug. (für sich). Es gilt Minna's Ehre, ehe ich diese preisgebe, opfere ich mied selbst! Glatt», (faßt Eugen krampfhaft an der Hand, zerrt ihn in den Vordergrund, mit vor Wuth erstickter Stimme). Reden Sie — Sie waren oben? Eug. (mit fester Stimme). Nein! Brand (ebenfalls vortretend). Herr Baron! Bedenken Sie Ihre Aussagen; hier wurde ein Diebstahl begangen, man findet Sic auf der Treppe, wie kommen Sie dahin ? Eug. Ich war hier — im Gewölbe — beim Herannahen der Leute flüchtete ich mich auf die Treppe, um mich dort zu verbergen! Glattn. (aufathmend). Wirklich — also nicht bei meiner Tochter? Für diese Aussage verschmerze ich Alles — Herr Commissär, was auch geschehen ist, ich will kein weiteres Aufsehen, ich richte keine Klage, ich Ni. SS. werde schon auf anderem Weg zu meinem Eigenthume kommen— also lassen Sie die Sache fallen! Brand. Dieß liegt nicht mehr in meiner Macht! Ich bin als Gcrichtsperson von dem Verbrechen in Kenntniß gesetzt, meine Pflicht ist es, im Namen des beleidigten Gesetzes den Thäter zu erforschen. Herr Baron! Sie sind der Sohn eines hochgeachteten Hauses — und wenn von Ihnen auch mancher leichtsinnige Jugendstreich bekannt ist, so sträubt sich doch mein Gefühl, Ihnen ein so gemeines Verbrechen zuzumuthen. Aber Sie wurden hier — zu nächtlicher Stunde — nahe bei dem Orte der That gefunden — geben Sie keinen anderen Grund Ihres Hierseins an? Eug. Keinen! Brand. Dann bin ich gezwungen, Sie zu ersuchen, mir zu folgen! Eug. Ich bin dazu bereit, gehen wir! (Wendet sich gegen die Wache.) Minna (stürzt in diesem Augenblick fast athemloS in den Vordergrund). Nein, nein, er spricht nicht die Wahrheit! Glattn. Du hier? Eng. (leise zu Minna). Schweigen Sie! Minna. Nein, — das Opfer, das Sie für mich, für meinen guten Ruf bringen wollen, ist zu groß! Herr Commissär, hören Sie mich an! Er war nicht hier im Gewölbe — er war in meinem Zimmer! Schicken Sie hinauf, sein Mantel liegt noch oben! Glattn. (stößt einen unarticulirte» Schrei aus und stürzt ohnmächtig zurück. Conrad und einige der Anwesenden halten ihn in ihren Armen auf). Minna (stürzt zu Glattner'S Füßen). Vater! Hören Sie mich an. Glattn. (schlägt die Augen wieder auf. sieht Minna mit wilden Blicken an und stößt sie von sich). Fort! — Weg von mir! — (Fast weinend beide Hände vor die Augen drückend.) Meine Tochter! — Nein, nein! (Sich ermannend, heftig.) Ich habe keine Tochter! (Rafft sich auf und tritt zu Brand.) Herr Commissär, das, was das Mädl r gesagt hat, muß wohl wahr sein, denn um einen fremden Menschen vom Verdacht zu befreien, wälzt man nickt auf sich die größte Last — die Ehrlosigkeit. Wache (kommt mit dem Mantel zurück). Der Mantel lag oben im Zimmer. Glattn. (wild auflachend). Na, da sehen Sie's ja! Hahaha! Was wollen Sie noch mehr? Der Herr Baron ist unschuldig, ganz unschuldig, er hat hier nichts gethan, als ein Vaterherz zerrissen, und dafür gibt es — ja kein Gesetz! Lassen Sie ihn fort oder ich richte ihn nach dem Gesetz! (Mit der geballten Faust auf die Brust schlagend, macht eine Bewegung gegen Eugen.) Brand (zu Eugen). Entfernen Sie sich! (Tritt rasch zwischen Eugen und Glattner.) Herr Glattner, fassen Sie sich! Glattn. (nur mühsam athmend). Za — Sie haben Recht — ich muß mich fassen, was ist denn auch geschehen? — Zch bin! von einem Gauner bestohlen um das Geld, das meine letzte Hilfe war — ich bin morgen zahlungsunfähig, vielleicht werde ich Bankrott machen müssen, werde — ein Bettler — aber was liegt an all' dem jetzt mehr daran — ich bin ja von jetzt au — allein — eine Tochter habe ich gehabt, die Dirne (auf Minna weisend) hat keinen Anspruch, etwas von mir zu begehren, und sollte sie sich doch noch meine Tochter nennen, dann, (wild aufflammend) dann hat ja der ärmste Vater noch etwas, was er so einer Tochter geben kann, und womit sie für ihr ganzes Leben gedeckt ist — (fürch- terlich ernst seine geballte Faust erhebend) seinen väterlichen Fl... — (Sinkt erschöpft zurück.) Minna (aufschreiend). Vater! (Stürzt bewußtlos zu seinen Füßen.) (Der Vorhang fällt.) Ende des ersten Actes. Zweiter Llct. (Hofraum eines HauseS in einer entlegenen Vorstadt. Im Hintergründe ein ebenerdiges, dem Verfalle nahes HauS. Seitwärts links ein Stallgebäude, hinter demselben ein Ziehbrunnen mit Bank, rechts die Rückseite eines ärmlichen WirthShauseS. vor demselben ein Baum, unter welchem ein Tisch und Stühle stehen.) Erste Scene. Hans. Conrad. § Hans (steht, eine Zipfelmütze auf dem Kopfe, mit aufgestreckten Hemdärmeln an einem gefüllten Trcge beim Brunnen, mit dem Waschen von Linnenstücken beschäftigt). Cour, (auf der andern Seite bei einem Kleiderstocke, einige Kleidungsstücke ausbürstend und dabei singend). Eulenspiegel ist ein Maun, Ging der Weg recht steil hinan, Zog er lachend weiter, Dachte, wenn's jetzt mühsam geht, Bald der Weg sich abwärts dreht, D'rum war er so heiter — Ist recht steil der Hügel, Lach' ich wie Eulenspiegel! Hans (trübselig). Zch begreife Sie nicht, Musje Conrad! Wie Sie in unserer Lage noch so singen können, mir fallen alleweil so viel Thränen in meinen Waschtrog, daß das klare Brunnenwasser schon als Lauge zu gebrauchen ist. Conr. Pfui! Weinen! — Bist Du ein Mann? Hans. Das weiß ich bald selbst nicht mehr, seitdem unfern Principal das Unglück so heimgesucht hat, bin ich seine Köchin, seine Wäscherin, sein Stubenmädl, bei der Beschäftigung verlernt man das »Mann sein* ganz. Conr. Du bist als treuer Diener die letzte Stütze deines armen Herrn! Richtet Dich denn der Gedanke nicht auf? Hans. Za, manchmal; aber ich schnappe immer wieder zusammen! (Traurig den Kops schüttelnd.) Was zu arg ist, ist zu arg! ! 19 Unser Principal bankrott — die Handlung zugesperrt, die Tochter aus'm HauS gejagt, und wir da heransgeflüchtet in die entlegenste Vorstadt — in ein Haus — (auf das Haus im Hintergrund weisend) das beinahe gar kein Haus ist. Conr. Ich verkenne die Größe des Unglücks nicht, aber ein guter altdeutscher Spruch sagt: »Duck' Dich und laß's vorübergahn — Das Wetter will sein' Willen ha'n.« Sieh' mich an! Seit es uns so schlecht geht, bin ich noch einmal so rührig als sonst, eS hat sich ein gewisser Unternehmungsgeist entfaltet. — Hans. Das ist schon wahr! Während ich die inneren Angelegenheiten des Hauses besorge, haben Sie das ^ooteksuills äes sxlerieurs! Conr. Ich schau halt Geld zu verdienen, verrichte Gänge und Commissionen für Andere, suche nebenbei die härtesten Gläubiger unseres Principals zu beschwichtigen und — habe gewisse Erkundigungen eingezogen. Hans (wird aufmerksam). Erkundigungen? — Ueber wen? — Am Ende über das Fräulein Minna? Sei tder fürchterlichen Nacht, wo sie der Alte aus dem Hause hinausgejagt hat, wissen wir ja nicht, wo sie ist. (Immer dringender.) Ist's das? (Conrad nickt bejahend.) Und haben Sie's herausgcbracht? O sagen Sie mir's, ich bitt' Sie! Conr. Ja, guter Alter, ich will Dir's sagen. Noch in jener Nacht flüchtete sich Minna zn der Vorsteherin eines Mädchen- Pensionats, welche sie auf ihre dringenden Bitten in den Dienst nahm. Hans, (die Hände zusammenschlagend). Im Dienst? Die Tochter unseres Principals — ? Conr. Ja, sie arbeitet wie es der Tochter eines verarmten Mannes ziemt, für ihren Vater! — Manches von dem Gelbe, das ich Dir für unsere Wirthschaft gab, ist von ihr. Hans. Aber warum haben Sie sie denn noch nicht dahergebracht? Conr. Unser Herr ist von seiner schweren Krankheit noch nicht so weit hergestellt, als daß man es wagen dürfte, eine so heftige Gemüthsbewegung in ihm hervorzurufcn. Aber (vertraulich zu Hans) ich habe ihr versprochen, sie heute noch, wenn der Alte schläft, hieherzuführen, damit sie ihren Vater wenigstens sehen kann! Hans (freudig). Heute noch? Juchhe! (Faßt Conrads Hand.) O ich möchte Ihnen die Hand küssen für die Nachricht! Unser Minnerl lebt — sie ist gesund! — Jetzt will ich auch nicht mehr raunzen — lustig an die Arbeit! Ich habe Courage, ich habe Kraft, ich könnte jetzt das Haus zusamm- reißen! Jetzt geschwind aufhängen! Conr. (erschreckt). Was? Hans. Na, nicht mich—dieWäsche! (Faßt rasch den großen Waschkorb und hebt ihn auf die Schulter.) Sie ist mir jetzt gar nicht schwer — und jetzt gebe ich auch nicht die Hoffnung auf, daß wir alle noch aus unserer Wäsch' herauskommen! Ich weine nimmer! — Ich klage nimmer! — Mein ganzes Herz ist jetzt voll Juchhe und Iu- heißaßa! (Eilt ab.) Conr. (allein). Da habe ich schon wieder eine halbe Stunde verplaudert — (Zieht den eben auSgebürsteten Rock an.) Komm' her, einziger Bonjour, der mir noch aus unseren Kon jour8 übrig blieben is, meine anderen Röcke sind bereits alle in's Hebräische übersetzt. Was liegt daran! Alte Kleider werden oft zum Futter verwendet; die meinigen sind auch sür's Futter daraufgegangen! — Nun will ich noch schauen, ob der Herr schon aufgestanden ist und ob ich ihn nicht ein wenig heraus in's Freie führen kann, und dann wieder an die Geschäfte. (Ab in daS HauS.) Zweite Scene. Eugen, dann Jonas. Eug. (kommt seitwärts im Vordergrund herein, einen Zettel in der Hand). Dieß ist r* 20 das Haus! Monate lang habe ich geforscht, bis ich die Spur fand. Also hier — (traurig) hier soll sich der Alte aufhalten! Und sie, wird sie wieder bei ihm sein? — Wenn nur zufällig Jemand herauskäme, den ich fragen könnte. (Er sieht sich um.) Jon. (jm Oberrocke, hohen Reitstiefeln mit Sporen, eine Peitsche unter dem Arm tragend, kommt aus dem Stallgebäude). Eug. (betrachtet ihn genauer, dann finster blickend). Was seh' ich! Jon. Ah, der Herr Baron! (Nachlässig.) Servus! Eug. Du hier, Jonas? Jon. ?sr »Du* und simpler per »JonaS* — Wenn sich der Herr Baron gefälligst erinnern möchten, daß ich nicht mehr Ihr Dienstbote, sondern selbstständi- ger Herr bin, so würde es Ihnen vielleicht belieben, per »Sie* oder per »Herr von Prell* mich anzureden. Eug. So? Seit wann ist man dsnn geadelt? Jon. Wir leben in Wien und die Wie- ner sind Menschen, die sich selber adeln — einer sagt zum andern: »Herr von!« — Aber haben Sie vielleicht mich ausgesucht? Eug. Euch? Wohnt Ihr hier? Jo «.Ich nicht, aber ich habe gerade heute dahier (auf den Stall weisend) meine ncu- acquirirten Mitarbeiter einquartirt. Eug. Eure Mitarbeiter? Jon. Ja, Bierfüßige — seitdem ich nämlich den Dienst in Ihrem Haus quit« tirt habe, habe ich eine Reitschule in Verbindung mit Roßhandel etablirt, also sind die Pferde, die mir das Geld verdienen, meine Mitarbeiter und ich bin ihr Chef! Eug. Hm, um so ein Geschäft zu unternehmen, braucht man doch Geld! Jon. DaS ist natürlich; glauben Sie, die Pferde kommen umsonst her, nur um was zu lernen, wie die Balletmädel? Eug.- Also muß der Dienst in unserem Hause sich doch rentirt haben? Jon. Ja, dort hätte ich's g'sangt! Allen Respect vor Ihrem Haus, aber bei eiuem Haushofmeister, der einem Bereiter die Haferkörndl vorzählt, da hätte ich's mit der größten Sparsamkeit kaum so weit gebracht, daß ich ein hinter's Viertel von einem ausgedienten Comfortablepferd hält' käuflich an mich bringen können. Eug. Wie habt Ihr Euch nun die nötigen Mittel geschafft? Ion. (unwillig). Ich weiß nicht, wozu die Leut' alle so neugierig sind?! — Bin ich wem Rechenschaft über meine Erwerbs- oueüen schuldig? (Sich abwendend und vor sich hinbrummend.) Ueberall das zuwidere Ausschnofeln! (Sich wieder zu Eugen wendend.) Wissen's denn von nichts Anderem zu reden? Eug. Ja, von etwas Anderem! Seid Ihr im Hause hier bekannt? Jon. Mit Niemanden als mit dem Lirlh, dem die Keischcn gehört und von dem ich den Stall gemiethel habe. Eug. Also wißt Ihr nicht, wer hier wohnen soll? Jon. So viel ich höre, meistens lauter Bettclvolk, das den Zins groschenweise zahlt. Wre sich mein Geschäft ein wenig gehoben hat, schau ich mich auch um einen Marstall um, damit meine Roß eine honettere Nachbarschaft bekommen. Eug. So hört denn, ich habe erfahren, daß hier — Herr Glattner wohnen soll? Jon. (schrickt etwas zusammen). Der Glattner? Eug. Derselbe Glattner, an dem ich — durch Euch verführt, aber — (ihn sixirend) was ist Euch? Ihr entfärbt Euch ja! Jon. Ich? (Sich fassend.) Hm! Weil ich noch nichts gesrühstückt Hab' und aus nüch- ternen Magen thun mir solche Vorwürfe nicht gut. (Indem er zu dem Tische vor dem Wirthshause geht.) Wenn ich nüchtern daran denk', gibt's mir alleweil so einen Ruck, aber wie ich eine Halbe rm Leib' Hab', kommt mir die ganze Geschichte gleich in einem andern Licht vor! (Laut rufend.) Heda! Ein Seite! Vierer! (Setzt sich dann zu Eugen.) Ist nicht vielleicht auch gefällig? Eng. Ich — hier? (Für fick.) Doch, vielleicht kann ich von den Wirthsleuten etwas erfahren! (Setzt sich an die andere Seite de- Tisches.) Dritte Scene. Vorige. Poldl. Poldl (kommt mit dem Wein). Da ist der Wein — (zu Eugen) wünschen Euer Gnaden auch was? Eng. Ist der Wirth nicht zu Hause? Poldl. Mein Vater? — Ter is im Keller! Jon. (hat das GlaS Wein auf einen Zug geleert). Er muß die Mesalliancen schließen, Wasser mit Wein vermalen! Eng. (zu Poldl). Ick werde warten, bis er heranfkommt! — Bringe mir indeß auch ein Glas Wein! Jon. (dem Jungen lein leeres Glas gebend). Noch einmal einfüllen. Poldl (ab). Jon. (zu Eugen). Was wollen Sie denn vom Wirth? Eng. Ich will Erkundigungen einziehen über den armen Glattner. Jon. Alleweil von dem?! ' Poldl (kommt wieder mit zwei Gläsern). Jon. (nimmt schnell sein GlaS und thut wieder einen tüchtigen Zug). Sie sagen, der arme Glattner? Es wird nicht so arg sein! Eug. Wie? Habt Jbr nicht gehört, daß er in Folge jenes Diebstahles bank, rott wurde? Jon. Na ja, das war haltg'radeine gute Gelegenheit, damit's ausschaut, als ob es ein unverschuldeter Bankrott wäre, und jetzt stellt er sich arm, aber der alte Fuchs wird schon sein Schäfchen im Trocknen haben. (Trinkt immer.) Hahaha! Eug. Schweigt! Wollt Ihr dem Manne noch das Letzte, seine Ehre rauben? Jon. (auffahrend). Rauben? —Ich? — Was haben Sie da gesagt? Eug. Ihr sollt ihn nicht verdächtigen! Jon. Ah so! — Na, war nur meine Privatansicht! — Uebrigens ist der Mann ja nicht gar so übel d'ran! Hat ja noch eine saubere Tochter! Eug. Die er damals verstoßen hat Jon. O mein Gott, er wird's schon wieder ausgenommen haben! Und wenn Ihnen jetzt noch an ihr gelegen ist, so brauchen Sie jetzt keine halsbrecherische Einsteigung über einen Balcon zu riskiren — der Alte wird Ihnen die Thür selber aufma- chen und froh sein, daß seine Tochter so einen Freund in der Noth findet. Eu§. (entrüstet). Ihr seid ein Elender! Jon. So heißen Sie mich, weil Sie noch die romantische Jdealitätsbrillen vor den Augen haben, aber ich kenne die Welt besser; glauben Sie mir — so ein Vater spielt nur bei Entdeckung des ersten Liebhabers die tragische Galotti-Rolle — beim Zweiten, Dritten, Vierten spielt er den gemüthlichen Alten, der zufrieden ist, wenn man ihm ein Packel Knaster bringt und Wein holen läßt; da sitzt er dann bei seinem Glaserl und mit dem Pfeiferl im Maul — und hat seine Freude, wenn sich die Kinder so gut unterhalten. Vierte Scene. Vorige. Glattner. Eonrad. (Glattner tritt von Conrad geführt, auS dem Hause, ohne daß ihn die im Vordergrund Sitzenden bemerken.) Eug. (zu JonaS). Wenn Ihr Recht hättet, wenn alle weibliche Tugend nur eine andere Art von Coquetterie wäre — Jon. So ist's auch! Tugend und Unschuld! Nichts als schön hergerichtete Maaren im Auslagkastel, um die Käufer anzn- locken. Eug. Wenn auch der Zorn des beleidigten Vaters nur Komödie gewesen wäre? Jon. Freilich! Eine Komödie, die er hat aufführen müssen, weil schon einmal das Publicum da war. Eug. Wenn Alles wirklich so wäre, dann hätte ich wahrlich nicht Ursache, 22 meinen leichtsinnigen Streich so bitter zu bereuen. 3on. Bah bereuen! Leichtsinnige Streiche sind die Blüthen am Baume der Jugend! Man soll im reiferen Alter nichts bereuen, als die leichtsinnigen Streiche, die man nicht begangen hat. Sie werden die Richtigkeit meiner Ansichten schon selbst einsrhen, wenn Sie sich mit dem Alten so unter vierAugen werden abgesunden haben. Eu g. Ich bin noch um die Art verlegen, wie ich ihm entgegentreten soll. Jon. Sie fürchten die Blitze seines Zornes? Aber vergessen Sie doch nicht auf die Franklin'sche Erfindung, Blitze unschädlich zu machen, indem man ihnen vergoldete Spitzen entgegenhält. — Halten Sie seinem Zorn auch Gold entgegen, da werden Sie gleich sehen, wie charmant und freundlich der griesgrämige Krämer sein wird! Hahaha! Eug. Ha — wenn's mit Gold abge- tban ist, damit habe ich mich versehen! (Zieht eine Börse hervor und läßt die Münzen klirren.) Glattn. (dessen Anlitz von Krankheit und Kummer leichenblaß, und dessen Haare nun vollkommen weiß find, hat während des Vorgehens die Beiden bemerkt, sich von dem Arm Conrads, der ihn in'S HauS zurücksühren wollte, loSgemacht. und ist langsam so vorwärts ge- schritten, daß er nun dicht hinter dem Tische fielst; er lehnt sich nun mit beiden Armen auf Tisch, beugt das Haupt vorwärts, und blickt Beide mit starren Augen an). Jon. und Eug. (fahren wie von einem Gespenste erschreckt, von ihren Sitzen aus und bleiben regungslos stehen. Pause). Glattn. Na, warum lacht Ihr denn nicht fort? Da ist er ja, der Komödiant! Aber (zu Eugen) sehen Sie mich genauer an, ob mein Gesicht so blaß geschminkt ist? Eugen (mit bebender Stimme). Herr Glattner! Glattn. Sie wollen mir Gold bieten? Wozu? Sie haben ja mein Haupt (auf seine weißen Haare deutend) schon mit Silber bedeckt! O, es muß ein vollwichtiges, schweres Silber sein, denn es drückt meinen Kopf und beugt meinen Nacken zur Erde nieder! — Aber ich werde es nicht lange mehr tragen — nur noch wenige Schritte bis zu der großen Bank, (gegen Himmel weisend) wo es genau gewogen, und Ihnen der volle Werth dafür sammt den Interessen wird bezahlt werden! Sie haben ein sicheres Geschäft gemacht, es ist abgeschlossen, und läßt sich nie mehr rückgängig machen, wir haben also nichts mehr weiter mit einander ; zu besprechen! Leben Sie wohl! (Wankt ^ wieder seinem Hause zu. und geht wieder in dasselbe ab.) Eug. Alter Mann— hören Sie mich! (Will ihm nach.) Eon. Bleiben Sie! Sie haben ja hier Ihre Gesellschaft! Jon. Der Teufel hat mich geritten, da ich meine Pferde gerad' in dem Haus einlo- girt Hab'!— Wenn ich dem Alten alle Tag gleich in der Früh begegne, Hab' ich den ganzen Tag keinGlück! Ich kündige wieder auf, und wenn ich kein anderes Quartier für meine Pferd' krieg'— so laß ick sie lieberbloß auf's Bett gehen! (Ab in s Wirths- HauS.) Fünfte Scene. Eugen. Conrad. Eon. Nun? Warum verweilen Sie noch hier? Sie haben gesehen, wie die Frucht Ihrer Aussaat steht! Eug. Conrad! Sie wissen nicht, was mich hierhersührte. Eon. Hm! Sie haben Herrn Glattner's Aufenthalt erforscht, weil Sie'glaubt haben, die Minna ist bei ihm, aber Sie haben sich umsonst bemüht — sie ist nicht hier — Eug. Sie irren, wenn Sie glauben, nur mein Herz habe mich hergezogen, mich trieb mein Gewissen, ich wollte gut machen, was ich verschuldet! Eon. Und kommen deshalb mit Geld?! Die Armuth an Geld haben Sie nicht verschuldet. — Eug. Nichts mehr vom Gelde! — Ick 23 Hobe eine heilige Schuld abzutragen, und ich will es. — Jedes frühere Bedenken hat der Anblick des armen Greises verscheucht. Ja, ich will den Raub ersehen, den ich an der Ebre seiner Tochter begangen; ich will ihr am Altäre meine Hand reichen. Eon. Wirklich? Cie wollen — Eng. Ich schwöre es beim Allmächtigen, ich will — Eon. Das wär' ganz gut, wenn Sie überhaupt wollen dürften! Eug. Sie meinen, weil ich von meinem Vater abhängig bin! Was hindert dieß? Ick lasse mich im Geheimen mit ibr trauen. Eon. Und das nennen Sie dem Mädchen die Ehre wieder geben? Sie soll mit Ihnen verheiratet sein, und doch vor der Welt für Jbre Maitresse gelten? Nein, wenn Sie als Ehrenmann handeln wollen, wie es im Grunde Ihre Schuldigkeit ist, so ersehen Sie öffentlich, was Sie öffentlich verleht haben. Eug. Ich würde dieß ja freudig thun, doch sehe ick kein Mittel, meinen Vater zu bewegen. Sie kennen seine Vorurtheile, seinen Stolz nicht; überdieß ist er immer kränkelnd, und deshalb reizbar, jede heftige Aufregung für ihn gefährlich! Eon. Ja, ich qlaub's, daß Sie Ihren Vater nickt zu behandeln wissen — wußte er doch auch Sie nicht zu behandeln, — aber ick. ich möchte Gelegenheit haben, die Natur Ihres Vaters zu studieren, ich wollte ihn dann schon behandeln. Eug. Wie? Dieß trauen Sie sich zu? Eon. Stellen Sie einen Versuch an, bringen Sie mich auf irgend eine Weise in die Nähe Ihres Vaters, und Sie sollen Ihr blaues Wunder sehen! Eug. Also wenn ich Sie in unser Hans brächte; dieß wäre wohl leicht, — aber die Form, unter welcher dieß geschehen könnte, kann ich Ihnen nicht zumuthen. Eon. Keine Umstände —! Eug. Wenn Sie als Bedienter — Eon. Warum nicht! Ich will ja nichts, als Ihnen dienen. Eug. So kommen Sie sogleich mit — ich selbst stelle Sie dem Haushofmeister als von mir ausgenommen vor. Eon. Famos! Geben wir. aber — mein Herr! — für den ich bis jetzt gearbeitet — Geld verdient — Eug. Daran soll's nickt fehlen! Außer Ihrem Lohn gebe ich Ihnen täglich einen Thaler Zulage! Eon. Also Diäten? Davon kann ich die Diät meines Herrn bestreiten, und nickt wahr, Abends kann ick immer nach Hause? Eug. Ich werde Ihnen freie Stunden bewilligen, so oft Sie es wünschen. Eon. Brav! Nur viel freie Stunden — lieber etwas mehr Lohn! — Also abgemacht ! Eng. Hier meine Hand, und hier (ihm die Börse gebend) ein Handgeld. Eon. Geld! Soviel! — von Ihnen? Aber nein! Nach den soeben gemachten Eröffnungen bin ich Ihnen einen Beweis meiner Achtung schuldig! — Ich nehme Ihr Geld an!.. Aber nun sollen Sie mich kennen lernen! Ich bin sonst ein ganz stiller, unscheinbarer Bursche, aber wenn sich's um das Glück meines Herrn handelt — nebm' ich's mit einer Armee von Teufeln auf! (Geht mit Eugen ab.) Sechste Scene. Jonas (allein). Jon. (kommt nachdenkend auS dem WirthS- kaufe). Geht mir nicht aus'm Kopf der Alte! Wie ein lebendiges Gespenst ist er vor mir erschienen, und wo ick jetzt Hinschau, sehe ich das abgehärmte Gefickt, die hohlen Augen, mir wird den ganzen Tag kein Bissen schmecken! (Setzt sich wieder zum Tisch und will trinken, setzt aber dciS GlaS sogleich wieder ob.) Prr! Der Wein schmeckt auch so gallbitter, als wenn ein Tropfen aus dem Alten seine Augen hineingefallen wäre! — Ich weiß gar nicht, wie das kommt! Soll das, das Dings da, von dem ich schon habe reden hören, das gewisse »Gewissen* fern? (Wieder sinnend.) Hm! Der Alte ist also wirklich bankerott — und ich bin daran Schuld! Ater nein! davon ist gerat nur mein Gewissen schuld, warum bat's nicht g'redt, bevor ich das getban Hab'! Was kann ich dafür, daß ich von der Natur ein Gewissen kriegt Hab', das zu spät geht!— Aber wenn der Mensch einmal g'spürt, daß er ein Gewissen bat, so soll er selber in's Gewissen geben, so bab' ich einmal vor Zei- ten gelernt— er soll den Schaden gut machen, und noch extra dafür Buße tbun. — Ich muß doch ein wenig Nachdenken! Freilich, ich könnt's gut machen, wenn ick das Geld zurückgäbe — aber ich hab's nicht mehr, folglich kann ich's nicht mehr zurückgeben, eS ist also dumm von meinem Gewissen, daß es von mir was Unmögliches begehrt! — Oder soll ich meine Pferde verkaufen, dann hätte wieder ich nichts zum Leben, und wäre am Ende gezwungen, einen zweiten schlechten Streich auszufübren, und das kann dock ein honettes Gewissen von mir nicht verlangen! — Es muß also schon mit meinem guten Willen verlieb nehmen, ich wollt ja gern das Geld ersetzen, wenn's nur ein Anderer für mich zahlet! (Nachsinnend.) Ein Anderer? — Und wer könnt'-MStz- lick aufspringend, indem er einen Gedanken faßt.) Alle Wetter! Was fahrt mir da auf einmal durch's Hirn?! Ein großer, erhabener Gedanke! Ein Triumph, der Gewissenhaftigkeit! Ja, meiner Treu, so geht's? Ja — ja, das thue ick! Gleich jetzt mackeich die nötbigen Schritte! Auf die Art kriegt der Alte sein Geld, also ist der Schaden ersetzt, und ich heirate, das ist Gelegenheit für mein Vergehen lebenslang Buße zu tbun, mehr kann ein Mann von Gewissen nicht thun, um mit gutem Gewissen seinem Gewissen befehlen zu können, fortan das Maul zu halten. (Rasch ab.) Verwandlung. (Sehr elegant eingerichtetes Zimmer im Hause deS Baron Hornstein. Eine Mittel- und eine Eei- tentbüre, an der Hinterwand ein Etagere mit Blumentöpfen und ausländischen Gewächsen, im Vordergründe ein Tisch mit Fauteuils.) Siebente Scene. Der alte Baron. Henri. Baron (ein Mann stark in die Sechzig, kommt in einem reichgestirkten Echlafrock auS der Eeitenthür, geht zum Tisch und setzt sich in einen Fauteuil). Henri (ist ihm gefolgt). Also der Herr Baron befehlen durchaus — Baron. Ja — ja! — Henri. Ich soll also Ihrem langjährigen Arzte, dem Herrn Doctor Braß, seine Bestallung künden. Darf ick fragen, wodurch er sich die hohe Ungnade zugezogen hat. Baron. Weil er ein Ignorant ist und ein impertinenter Mensch obendrein! — Stelle er sich vor, Henri! Ich frage den Quacksalber bei der heutigen Morgenvisite, wie lange ich noch zu leben hoffen dürste?— und er — er — mein Hausarzt, den ick dafür bezahle, daß er mir mein Leben fristet, er antwortet, daß ich, wenn ich mich schone, und wenn kein besonderes ungünstiges Ver- hältniß einträte, wohl noch zwanzig Jahre leben könnte!— Denke er! diese Prognose! — Ich bin erst achtundsechzig Jahre — und der Mensch sagt mir so gerade in's Gesicht, daß ick nur mehr zwanzig Jahre— ah — ah — ich dachte, mich treffe augenblicklich der Schlag—belas! ich bin noch ganz alterirt. Henri. Es ist allerdings anmaßend, eine solche Frage zu beantworten — wer kann wissen — Baron (heftig). Ein Arzt soll es wissen, aber er soll auch die Mittel wissen, das Leben zu verlängern, wenn der Patient es wünscht — aber unsere Aerzte, Gott sei's geklagt, — Pfuscher! lauter Pfuscher, und wir armen Menschen, wir sind in den Händen dieser Leute —! Wir zahlen sie oft achtzig, neunzig Jahre, und zum Dank dafür lassen sie uns zuletzt Hinsterben, wie den ersten besten Proletaire! Ah! quelle triste relleotion! que me kera melaveolique! (Stützt das Haupt in die Hand.) Ich darf nicht traurig sein, muß Heiterkeit annehmen. (Erbebt fick vom Kitz und geht, fick, zur Lebendigkeit zwingend, im Zimmer auf und nieder. dabei trällernd.) Lalala — tralalal (Bleibt plötzlich wieder stehen, von den quälen- den Gedanken erfaßt.) Nur zwanzig Jabre! und noch dazu nur unter günstigen Verhältnissen! Impertinent! Henri (vortretend). Aber wenn Ew. Gnaden sich immer dem Gedanken bingeben — Baron. Ick kann ihn nicht los werden! Bringe er mich auf einen anderen Gedanken! Ick will etwas, was mick zerstreut, erheitert! 8vnt 6e 8uite! Henri (verlegen). Ick wirklich im Augenblick — Achte Scene. Vorige. Ein Diener, dann Jonas. Diener (tritt durch die Mitte ein und sagt Henri etwas in'S Ohr). Henri (für sich). Das kommt gelegen! (Laut ) Euer Gnaden ehemaliger Bereiter der Jonas Prell bittet um die hohe Ehre, Euer Gnaden aufzuwarten. Baron. Der Jonas? Hm! war eigentlich dein wauvais 8ujet, aber der Kerl hatte mitunter Einfälle und Bonmots, worüber ich lachen mußte, und das Lachen ist sehr gesund pour la 8an1ö. Lntrvs. Henri (öffnet die Mittelthüre, JonaS tritt ein. leise zu diesem). Ter Herr Baron sind heute wieder etwas verstimmt! Sie wissen— Jon. (ebenfalls leise). Werd' ihn schon wieder stimmen! Ich kenne ja seine Schwächen, und wenn man von ein Pferd seine Mucken, und einen vornehmen Herrn seine Schwächen kennt, so kann man alle zwei leicht dirigiren! (Henri und der Diener ge- hen ab.) Baron (hat sich inzwischen in ein Fauteuil niedergelassen, sich umsehend). Na, tret' er vor ! Jon. (tritt, sich verneigend vor). Euer Gnaden —! (Plötzlich sich überrascht stellend). Ah, es ist merkwürdig! Baron. Oowment? Was hat er? Was steht er mich so starr an? I on. Starr vor Bewunderung über daS Aussehen von Euer Gnaden! Jetzt Hab' ich doch ein paarMonate lang das Glück gehabt, Euer Gnaden nickt zu sehen! und Euer Gnaden haben sich gar nicht verändert, sind nickt eineMinute älter geworden, das ist merkwürdig! naturhistorisch! man könnte sagen phänomenisch! Baron (geschmeichelt). Ln verite? Findet er das? Jon. O Gott! Euer Gnaden werden statt älter immer jugendlicher! (Für sich.) Schon fast kindisch. Baron. Je — man thut Alles, um sich zu conserviren! Jon. Ja darum schauen Euer Gnaden auch so aus, — (für sich) wie eine einbal- samirte Mumie! Baron. lVIai8 mon äisu! Wie lange kann das helfen? Mein Arzt gibt mir noch höchstens zwanzig Jährchen. Jon. Der Strohkopf! Ich gib Euer Gnaden mit Vergnügen fünfzig! Baron. Ho, ho! Die gewöhnliche kurze Dauer des ganzen Menschenlebens! Jon. Was? gibt es nickt Ausnahmen, hat man nickt Erempel? Baron. Lxempls? par sxsmple! Jon. Ist der Methusalem nicht über achthundert Jahre alt geworden — und war nicht einmal ein Baron — ! Baron (arflebend). !Vletlru8al6m! vrai- ment! Wenn uns nur die Geschickte auf- bewahrt hätte, was für Medikamente der Mann gebraucht hat! Jon. Ja, man behauptet, daß es Leute gibt, die gar nicht sterben können, und ick habe so meine Ahnung — ich glaube alleweil, der Herr Baron gehört auch zu der Race! Baron. Llattsur! Gar nicht sterben! Ach, es wäre wohl schön — aber das ist doch noch nicht vorgekommen! Jon. Nicht? Sagt man nicht vonLaint- Oermsin, daß er durch sein Lebenselirir noch a Dato lebt, und daun, was wäre der ewige Jude? 26 Baron, kardleu! Za, von dem habe ich gehört, und konnte immer nickt begreifen, wie sich der alberne, dumme Jude wünschen könne, zu sterben. Zon. Zck auch nicht! Er muß sich dock Geld znsammengcspart baden, der ewige Jude! Baron. Hahabä! (isIi6r6U8s! Aber etwas muß doch an alle Dem daran sein, es muß also rin Mittel geben, sein Leben ungewöhnlich zu verlängern. Zon. Zck weiß ein solches Mittel! Baron (erstaunt). Was? Lsyuoi! — xsrls, äis le rnvi! Zon. Man verlängert sein Leben am sichersten, wenn man Allem verbeugt, was das Leben verkürzt, z. B. Zorn, Aerger, Familienverdruß, (mit besonderer Betonung) Ew. Gnaden, baden ja ein Stück Familie? Baron. Za,— meinen Sohn, doch der — Jon. (die Achsel zuckend, bedenklich und gedehnt). Hm! Baron. Hm! Was will er mit seinem »Hm!« Mein Sohn sollte Ursache sein, daß mein Leben verkürzt würde — iwp 088 i 6 Ie! Mein Sobn liebt mich! Zon. Liebt? Ach ja, er ist überhaupt stark im Lieben. Baron. Ah, ich verstehe! II 68 ä'uus eomplsxion amounsuss hä hä hä —! nichts als Lvantursu! Na weiß er, wenn ick mich manchmal auch darüber ärgerlich stelle, das ist nur äußerlich, in meinem Innern freut es mich sogar, ich denke, ganz mein Blnt! Denn ich — hähähä, in meinen Jngendjahren — Jon. Ja, Ew. Gnaden müssen ein Tausendsassa gewesen sein? Das sieht man Ihnen noch an! Baron. Hähähä! ^stserom, i1^8.äs8 l)6LUX r68te8, M8I8 Ü8 80nt jM8868 1tz8 ^onr8 äe8 tets-ä-tsts. Jon. Ew. Gnaden werden in der Liebe auch über den Unterschied der Stände sehr liberal gedacht haben? Baron. O'sst vrai! s's8t vrai! Jon. Na ja, bei einer bloßen Liebes- aventüre geht das auch an, die ist wie ein Gefecht im Krieg, wo sich auch ein Genera! mit einem Gemeinen herumschlagen kann, aber die Ehe ist ein Duell — ein verabredeter Zweikampf, in der darf sich ein Cava- lier nur mit was Ebenbürtigem einlaffen; aber Ihr Herr Sohn — Baron (entrüstet vom Sitze auffahrend). Was? Ick will dock nicht hoffen— daß er unter seinem Stande — ein Mädchen aus einer Familie ohne Wappen und Sckild — Jon. Ah, ein Schild hat ihr Vater schon gehabt, ein Krämerschild nämlich ! Baron. Was? uns roturisrs? mvn LIs! rnon 618! Jon. k'i äoux! Nicht wahr? Aber es ist dock so! Baron. 06! mu tsts! es s6a^r!n ms tus! (Sinkt von Schmerz überwältigt in das Fauteuil zurück.) Jon. (besorgt). Aber Ew. Gnaden, was thun Sie denn? Baron. Ich sterbe! Jon Warum nickt gar! Das wäre das Wahre? dann könnt ja Ihr Herr Sohn erst recht thun, was er wollt, könnt ans Ihren alten Stammbaum gemeine Zweige pfropfen! und Euer Gnaden könnten nichts thun, als sich immer nur im Grab' um- drehen. Baron (sich zornig erbebend). Nein, nein, ich will leben — psr 6s6it— länger leben als er, aber ich enterbe ihn! —js trsmlrle ä'altsnation! Jon. Aber schonen doch Euer Gnaden Ihre gnädige Gall! Bis Dato ist ja noch nicht- geschehen, und dem, was geschehen könnte, läßt sich ja Vorbeugen! Baron. Ah, das wird Auftritte geben, heftige Sccnen, ich werde krank werden. Jon. Fürchten Ew. Gnaden vielleicht eine Tragödie ä, Ia»Cabale und Liebe«, mit einem wurmenden Jntriguant, kälbernen Marschall und giftige Limonade? O nichts 27 von allen Dem. Es soll zwar »Cabale und Liebe« aufgeführt werden, aber als Localposse behandelt, Euer Gnaden sollen gar nichts zu rhun haben, als zum Schluß zu lachen. Baron. Aber wie wäre denn das möglich? Jon. Lassen sich Ew. Gnaden nur in aller Kürze die Hauptpersonen der Komödie vorführen. Also: Erstens »Herr Glattner, bankrottirter Krämer, der in freien Stunden zugleich Vater ist.« Baron. Wie, bankerott auch noch? — das kommt ja immer besser! Jon. Gerade daß er bankerott ist, ist das Beste, denn seine Tochter ist eine gute Tochter, und wird, um ihrem Vater auszu- belsen Alles thun, sogar — sich an einen Andern als an Ihren Sobn verheiraten lassen, und ist sie einmal verheiratet, dann ist die Liebe Ihres Herrn Sohnes in stammbäumlicher Rücksicht gar nicht mehr gefährlich. Baron. Vrsiment! Der Plan wäre sicher — aber es handelt sich noch um zwei Punkte, für's Erste: welche Summe müßte man daranwenden? ' Jon. Mit Zwölf Tausendern ist dem Alten geholfen! Baron. Hm! Das ginge an! Aber für's Zweite: Wo ist ein Mann, der das Mädchen so schnell heiraten würde? Jon. Hm! Einen solchen Mann wüßte ich wohl aufzutreiben. Baron. Wahrscheinlich ein Vagabund, ch'nne rnsuvaise oonäuite — aber sage Er, wer ist's? Jon. Das zu sagen, fällt mir jetzt ein wenig schwer, aber es muß doch heraus, aus besonderer Gefälligkeit für Euer Gnaden, würde ich selbst — Baron. Wie? Er — Er? Na, — mir kann's recht sein! Ich will das Mädchen sehen, sprechen — wo ist sie zu finden? Jon. Wo sie jetzt ist, weiß ich nicht — aber gerade wie ick vorhin in Ew. Gnaden Palais hereingekommen bin, habe ich einen nagelneuen Bedienten gesehen, der ehemals Commis beim Herrn Glattner war, der weiß es gewiß — Baron. Ah ja! er wurde mir vorgestellt! Ich will ihn kommen lassen. (Klingelt.; Neunte Scene. Vorige. Henri, dann Conrad. Baron (zu Henri). Rufe er mir den neu Angekommenen! den, äh — wie heißt er? Henri. Conrad, Ew. Gnaden aufzuwarten ! Baron. O'esttza! den Conrad, schnell! (Henri ab.) Jon. (rasch zum Baron). Aber Ew. Gnaden, nur vorsichtig! der Bursch' könnte am Ende mit dem Herrn Sohn einverstanden sein — ihm was stecken — dann wäre Alles verdorben! Baron (sieht ihn verblüfft an). Oomwent! Einverstanden?— Das consternirt mich— nun weiß ich nicht — Jon. Es muß eineKomödie gespielt werden, sonst bringen wir nichts heraus; lassen Ew. Gnaden nur mich machen —und stellen Sie sich als mit Allem einverstanden! — Pst! Er kommt schon! Eon. (in der Livräe des Hornstein'schenHau- seS. tritt durch die Mittelthür ein)- Ew. Gnaden haben befohlen! Baron. Our, mon ALn§on!— ich will — aber der da — (auf JonaS weisend) wird ihm sagen — Jon. (zwischen Beide tretend). Ja, — ick habe eben mit dem ^gnädigen Herrn über ihn, über seinen Herrn — über die Verhältnisse des Glattnertschen Hauses und über die Mamsell Minna gesprochen — Con. Was — der gnädige Herr weiß also? Jon. (leise zum Baron). Ich bitte um ein freundliches — Lächeln — nur gnädig lächeln ! (Laut zu Conrad.) Ja, der Herr Baron, weiß Alles — aber schon gar Alles! Con. (leise). Und was sagte er? Jon. (absichtlich laut). Was seine Frej- herrliche Gnade,, sagen? (Sich zum Baron wendend, leise und bittend.) Aber lächeln — Baron (hat seine Tabatlöre herausgezogen und spielt damit, während sein Gesicht sich zu einem freundlichen Lächeln verzieht). Ion. (wieder laut zu Conrad). Schau' Er dieses Antlitz an! (Aus den Baron weisend, gerührt und schwärmerisch.) Dieses milde Lächeln! Kann die Frühlinassonne milder lächeln? Nein, sie bringt es nicht rnsammen! Dieses Lächeln spricht mehr und deutlicher als eine langmächtige Rede. Eonr. Wie? Herr Baron! Sie wissen um die Liebe Ihres Herrn Sohnes? Ion. Er weiß es und lächelt! Eonr. Wissen Sie auch, daß es nicht bloß eine flüchtige Neigung ist? Ion. Er weiß es und lächelt. Eonr. Daß Ihr Herr Sohn die ehrlichste Absicht hat — Ion. Er weiß es und lächelt. Eonr. Und Euer Gnaden — entschuldigen die Kühnheit der Frage — Euer Gnaden würden die Zustimmung zu einer ernsten, ehelichen Verbindung — Baron (aus seiner Rolle fallend, auffahrend). exemple? * Ion. (wieder rasch dazwischen tretend, leise zum Baron). Aber, Euer Gnaden! (Laut zu Conrad, sich ebenfalls erzürnt stellend.) Ja, da soll der Herr Baron vielleicht auch noch lächeln, wenn Ihr so fragt! Ist denn das noch eine Frage? Ein Mann wie der Herr Baron kann ja nur dann zu einer Liebschaft seines Sohnes lächeln, wenn er überzeugt ist, daß sie auf ehrliche Absicht basirt, zu ehrlichen Aussichten führt. Baron. lVluis xa vsut äirs — Jon. Das heißt — natürlich, wenn der Herr Baron erst das Mädchen gesehen, sich von ihrem Werth überzeugt haben wird. — Euer Gnaden wünschen dieß? Baron (nun erst JonaS' Plan begreifend, kür stcb). Ah - ich verstehe! (Laut, mildem Kopfe winkend.) Oni, oui! Sehen, bald sehen hier, äsns n,68 axpuitements. Eonr. Wie herrlich sich das fügt! Eben heute wollte ich Mamsell Minna zu ihrem Pater begleiten, ich habe mich mit ihr zu« ! sanimenbestellt, nicht weit von hier — sie ^ wird mich bereits erwarten, ich laufe hin j und wenn Euer Gnaden erlauben, so stelle j ich sie gleich vor! ! Baron. Drös lrien! i Eonr. Gott! Die Freude vor, dem Mä- j del, und der junge Herr Baron! — Was ! sich der für Schwierigkeiten vorgestellt hat, ! bis er's dabinbringt, und jetzt ist Alles schon in Ordnung! — Minna seine Braut! ! Der Herr Baron einverstanden, und mein Herr, mein guter Herr! Wenn nun auf ! einmal das finstere Gewölke zerreißt und die Sonne mit tausend Strahlen herein- blitzt! O Gott! Ich könnt' zerplatzen vor Freude! Jnchh... Verzeihen Euer Gnaden, aber die Freud'! Gleich bin ich wieder hier! (Eilt ab.) Jon. (ihm nachsehend). Ter Gimpel sitzt fest auf der Lcimrnthe. (Zum Baron.) Na, Euer Gnaden, was sagen Sie? Baron. Nu koi! Die Sache fängt an mich zu amüsiren — aber was sagt er? He! bin ick in seine Intention eingegangen? Was? Jon. Ja, aber ein paarmal hätten Euer Gnaden sich doch hinreißen lassen, ans dem Lächeln herauszufallen — Baron. Hue cliudrle! Wer kann auch lächeln bei so absurden Znmutbungen? Ion. Warum nickt? Ewig lächeln können ist die erste Eigenschaft eines Menschen, der immer die Situation beherrschen will. Baron. Na, wenn nun die Kleine kommt, so werde ick es schon besser treffen! Jon. Ja, das will ich gerne glauben, einem schönen jungen Mädchen zuzuläckeln, das wäre keine Kunst — das treffen andere alte Herren auch — aber das paßt gar nicht in unsernPlan, jetzt heißt eS die Maske changiren, — Euer Gnaden müssen jetzt der beleidigte Vater sein! Baron. 8aers pupie«! Was Er mir alles aufbürdet! Wie soll ich mich nun wieder da hineinfinden? 29 Ion. Denken Euer Gnaden nur an Ihren Stammbaum mit der daran hängenden Kramer-Ellen! Baron (zornig). ÜVlort äe ma viel Ion. So, so, das ist schon etwas, aber dazu noch etwas Kränklichkeit — etwas sich über den verirrten Sohn Zutodegrä- mendes. Baron (mit wirklich schwacher Stimme). Holas! Dazu braucht es keine Verstellung, e'68t uns röalits! Ion. Na, sehen Euer Gnaden! Es geht schon! Ich sag's ja, so ein jugendsrisches Talent wie Euer Gnaden braucht nur einige leise Andeutungen und es trifft Alles! Zehnte Scene. Vorige. Conrad, Minna. Conr. (öffnet die Mittelthür, noch unter derselben hinaussprechend). Nur hier herein, liebe Mamsell, fürchten Sie sich nicht! Minna (in den netten, aber sehr ärmlichen Kleidern eines Dienstmädchens, tritt ein bleibt aber mit gesenktem Haupte scheu, dicht an der Thür stehen). Conr. (zum Baron vortretend). Euer Gnaden, da iftsie! ES hat Muhe gekostet, daß sie mit heraufgegangen ist! Seher, Euer Gnaden nur selbst! Baron. Nur näher — näher! Minna (tritt einige Schritte weiter vor). Baron (besteht sie durch die Lorgnette, dann zu Jonas leise), koi äe ASvtiUwmmo, guellojolie LUs! Geschmack hat der Junge! (Milder zu Minna.) Na, fürchte Sic sich nicht — nur noch näher — ganz nahe! Minna (noch näher kommend, schüchtern). Herr Baron! Baron (erhebt sich von seinem Sitze, geht auf sie zu, sie immer lorgnettirend). Carole! Viel Oraoe! Man könnte beinahe sagen, un Petit air äe noblesse! — Ei, ei, ei! (Will Minna in die Wangen kneipen.) iVIa petite otiatts! Ion. (leise zum Baron). Aber Euer Gna, den, der väterliche Zorn — ! Baron (leise zu JonaS). Fällt mir in der That schwer! Ion. (leise). Ihre Kränklichkeit! Baron (leise). O, ich fühle mich au Moment viel gesünder, je me porte fort dien! Ion. (leise, immer dringender). Stammbaum und Elle! Baron (sich besinnend, wieder heftiger), lonnere äs Oieu! — Vou8 aves rai- 80n! (Laut und strenge zu Minna.) Mademoiselle, ich habe Sie kommen lassen, um — (Zu Conrad.) Was steht Er noch da? Conr. Euer Gnaden, ich dachte — Baron. Was hat Er zu denken? — VON8 en! Conr. (immer befremdet, für sich). Ich soll fort? Warum soll ich fort? Ich muß in der Nähe bleiben! (Geht durch die Mitte ab, kommt aber gleich darauf wieder leise herein und schlüpft ungesehen an der Wand bis zur Blumen-Etagöre. hinter welcher er sich verbirgt.) Baron. Ld dien, lVIackemoiaoHs! Ich habe Sie kommen lassen, um Ihr zu sagen, daß — (indem er sie ansieht, immer freundlicher werdend) daß Sie ein sehr niedliches, ein ganz allerliebstes Mädchen sind! (Will sie am Kinn fassen) Minna (zurücktretend, mit Würde). Herr Baron! Ion. (leise zum Baron). Aber Euer Gnaden, Sie lächeln jetzt ganz zur Unzeit! Baron (zu Jonas). Ich kann mir auf Ehre selbst keine Rechenschaft geben, aber das kleine Ding hat mich ganz enchantirt! Und nun — nun hält mich ein Etwas ab, ein gewisses — je ne aaig yuoi — Jon. (leise). Ich sehe schon, ich muß wieder Alles thun! (Laut zu Minna.) Der Herr Baron hat Ihnen gesagt, daß Sie ein schönes Mädel sind, aber — wollten Seine Gnaden hinzusetzen, Sie sollten deshalb nicht vergessen, daß der schönste Lilien- nnd Rosenteint nicht Stich hält gegen eine halbvergilbte Eselshaut — gegen ein Pergament nämlich — auf das ein Diplom geschrieben ist! Baron. Vr»imvnt! Das wollte ich sagen! Und darum (strenge, ohne Minna anzusehen) muß es aus sein! aus! hört Sie? (Wendet sich wieder gegen Minna — durch ihren Anblick wieder milder.) Das heißt, ich ersuche Sie darum, Mademoiselle! Minna. Icb verstehe Sie, Herr Baron! Baron. O, doch, doch! — Ich meine die Liaison mit meinem Sohne! Minna (traurig). In der Angelegen- beit war das Ende noch vor dem Anfang! Ihr Herr Sohn hat mir die Ehre erwiesen, auf mich aufmerksam zu werden, als ich noch — (dem Weinen nahe) im Hause meines guten Vaters — noch die Tochter eines geachteten Kaufmannes war. — Die Stunde, in der er sich zum ersten Mal mir genähert hat, hat Alles geändert — mein Vater ist zu Grunde gerichtet, ist ein Bettler! — Ich bin nichts als ein armes Dienstmädel, Sic seben also, Herr Baron — es ist jetzt schon Allels aus! Baron. Sie hätten also keinen Gedanken mehr an meinen Sohn? Minna (resignirt). Ich habe keinen andern Gedanken, als den an das Unglück von meinem Vater. Ion. Das allein, daß Sie keinen Gedanken mehr haben, nützt nichts — es müßte erst der junge Baron auch gedankenlos sein — und der, der hat noch Gedanken — curiose Gedanken — darum muß er Gewißheit haben, daß Sic für ihn für alle Zeiten unmöglich geworden sind! — Mit einem Wort, Sie müssen aufhören, ein heiratbares Mädchen zu sein! Minna (ihn erstaunt ansehend). Was wollen Sie damit sagen? Ion. Sie müssen bereits verheiratet sein. Minna. Was? Ich? Ion. Sie wissen sich vielleicht jetzt in der Geschwindigkeit keinen Mann! — Aber der soll besorgt werden! Minna. Kein Wort weiter! (Fest.) Ich werde mich nie verheiraten! Ion. So? Auch dann nicht, wenn Sie dadurch Ihrem Vater seine Ehre vor der Welt wieder geben, ihm ein sorgenfreies Alter verschaffen könnten? Minna (rasch). Was? Meinen Vater retten? Reden Sie die Wahrheit? Ion. Wenn Sie mir nicht glauben wollen, wird der gnädige Herr Baron meinen Worten Nachdruck geben! (Leise.) Herr Baron, drucken Sie nach! Baron (sich zu Miuna wendend, mit kränkelndem Wesen). Ja, Mademoiselle! Sie sehen, ich bin krank — o — sehr krank. Derlei Differenzen mit meinem einzigen Sohne könnten meinen Tod — meinen Tod beschleunigen, und das wollen Sie doch nicht, mn so weniger, als ich dafür auch Ihrem Vater helfen will. — Ja, mein Ehrenwort darauf, wenn Sie sich noch heute mit dem von mir erwählten Manne ehelich verbinden, so verpflichte ich mich, Ihrem Vater die zur Herstellung seiner früheren Verhältnisse nöthige Summe, (zu Jonas gewendet) ich glaube zivölftausend Gulden l Ion. Ja, ja, zwölftansend Gulden. Baron. Baar auszahlen zu lassen. Minna. Herr Baron! 2)as sichern Sie mir zu — und dafür soll ich — (preßt, schmerzlich zum Himmel blickend, ihre Hand an das Herz — bald aber entschlossen) aber — darf ich denn noch überlegen? In der Nacht, in der ich von meinem armen Vater habe fort müssen, habe ich zu Gott gebetet, er möge mir einen Ausweg zeigen, und gelobt, dafür mein Blut, ja sogar mein Leben zu opfern! Gott hat meinen Schwur erhört und fordert mich jetzt auf, ihn zu erfüllen! (Zum Baron, laut.) Ja, Herr Baron! Ich bin bereit, mich Ihrem Wunsche zu fügen, aber — (zögernd) wer ist's, der — (rasch) aber nein — nein — nennen Sie mir den Mann nicht, der künftig mein Herr sein soll — ich könnte sonst doch noch in meinem Entschluß beirrt werden. — Nein — nein! — Treffen Sie Ihre Anordnungen — ich werde dem zum Altar folgen, den Sie mir bestimmen. ! Baron (leise zu Zonas). Will Er ihr nicht sagen, daß Er es ist? ! Jon. (leise). Nein — inan kann doch nicht wissen! Sicher ist sicher! Nach der ^ Trauung soll sie erst erfahren, wer ihr Mann ist. Baron. Mademoiselle! Ihre Vermä- lung soll noch heute Abends auf meinem Schlosse Eulenburg vollzogen werden. Ich I werde an meinen Schloßcaplan die Weisung ergehen lassen, daß er Sie mit demjenigen, der ihm meine Bewilligung überbringt, unverzüglich und ohne alle sonst üblichen Präcautionen trauen soll, indem ich für Alles einstehe. Also, Sie sind einverstanden ? Minna (refignirt). Ja! Baron. Aber es ist doch nickt etwa noch im letzten Augenblicke eine Weigerung zu befürchten? Nur keinen Scandal! Minna. Ich schwöre es Ihnen bei Gott, daß ich mich nicht weigern werde! Baron. Ltr dien! So, ist das arrangirt! Jon. (leise zum Baron). Jetzt haben wir'S — nur jetzt nicht mehr auslaffen! (Laut.) Die Mamsell hat ja gar nicht nöthig, erst nach HauS zu gehn. Die Frau von Euer Gnaden Haushofmeister kann sie gleich hier etwas brautgemäß herauspntzen, derweil wird der Wagen angespannt — Minna. Ja, ja, nur geschwind! Je weniger ich Zeit habe, über meinen Entschluß nachzudenken, um so besser! Jon. (leise zum Baron). Na sehen Sie, Sie kann es gar nicht mehr erwarten. Baron (leise). Ln verits! Ein ganz superbes Kindchen! Ich hoffe, Er wird sie gut behandeln — ich werde mich selbst davon überzeugen, hört Er? Ich selbst! Aber komme Er nun, ich werde die nöthigen Weisungen erlassen! Ein Erpresse muß noch früher draußen sein als sie! (Zu Minna, laut.) ! lVls, delltz enkant! ^äisu! Na, seien Sie nicht so traurig! Ein Mann ist doch immer ein Mann, und zwölftauscnd Gulden eine schöne Summe! — Wir werden uns schon noch wieder scheu — en kevoiv, ma rmAnonns! en r-svoir! (Nickt ihr freundlich mit der Hand zu und geht mit JonaS in daS Zeitenzimmer ab.) Eilfte Scene. Minna. Conrad. Minna (mit einem Blick gegen Himmel). Es ist beschlossen! Unwiderruflich l Ich hab's beschworen! Conr. (tritt hinter der Etagüre hervor, sieht sich um. ob er allein, eilt dann zu Minna vor und faßt, vor ihr auf die Kniee sinkend, ihre Hände, die er küßt). Minna, Sie sind ein Engel! Minna (beinahe erschreckt). Eonrad, Sie da? Conr. Ja — ich war hier. Uud während dem ich Zeuge dieser Unterredung war, zogen zwei Gefühle in mein Herz ein, so verschieden von einand', daß ich gar nicht begreifen kann, wie sie's neben einand' aus- halten können! Die Verehrung und beinahe andächtige Rührung, erweckt durch Ihre edle Selbstaufopferung — und (ingrimmig aufspringend) die tiefste Verachtung für diese heuchlerische Brut! Minna. Schimpfen Sie nicht über den Herrn Baron! Er wird meinen Vater retten! Conr. Glauben Sie, Ihr Vater würde einen Pfennig von dem Geld annehmen, wenn er wüßte, was damit bezahlt worden ist? Sie liebes, gutes Wesen — verkauft an irgend einen Halunken, denn nur ein Halunk laßt sich zu so etwas herbei — o ich könnte weinen! (Ist wirklich fast dem Wei- neue nahe, ermannt sich aber rasch.) Doch nein! Weinen wäre weibisch, und ich will denen da drinnen beweisen, daß ich ein Mann — daß ich — wenn auch ein Diener im betreßten Sclavenkleide — doch stark genug bin, um ihre Ränke zu Schanden zu machen. Minna. Conrad! Sie dürfen nichts thun, was dem entgegen wäre, was ich mit dem Baron verabredet habe, Sie haben gehört, ich hab's geschworen! 3L Con. O, ich werde Sie zu keinem Meineid überreden. Minna. Und darum können Sie auch für mich nichts mehr thun. — Con. Glauben Sie? Minna (mit von Thronen beinahe erstickter Stimme). Der Mann, dem ich einst ange- hüre, könnte vielleicht daraus bestehen, daß ich gleich nach der Heirat, mit ihm aus der Gegend fortziehen würde! Con. Ja, das wäre möglich! Minna. Ehe das geschieht, möchte ich gern noch einmal meinen Vater sehen—denn wenn er erfährt, was für ein Opfer ich für ihn gebracht habe, dann wird er mir vielleicht doch verzeihen und durch seinen Segen mich stärken, mein Los geduldig zu ertragen. Con. Sie wollen also, daß ich Herrn Glattner bewege, hinaus nach Schloß Eulenburg zu fahren? Minna. Ich bitte Sie um das, aber er soll mich nicht eher sehen, als bis ich verheiratet bin! Con. (erst überlegend). Ja, so wird es gehen ! Ich verspreche es Ihnen! Minna. Aber führen Sie mich jetzt zu der Frau, von der der Baron gespochen hat, aber nicht über die Hauptstiege, ich fürchte Eugen zu begegnen. Con. Geben Sie mir Ihren Arm, ich führe Sie über die Hintertreppe. Das ist der Lauf der Welt! Der freche Uebermuth, die Geldproceute, Trägheit gehen oft, sich breitmachend, über die Haupttreppe; der echte Menschenwerth und das wahre Verdienst müssen auf einer schmalen Schnecken- stiege ihr Fortkommen finden; kommen Sie! (Beide ab.) Zwölfte Scene. Jonas (kommt aus dem Seitenzimmer zurück). Ich hätte nicht gedacht, daß die stolze Mamsell sich so geschwind entschließen wird die Katze im Sack zunehmen! Aber, mein Gott! Die meisten Heiraten sind nichts als ein Handel um die. Katz im Sack*, die Brautleute kennen sich nur so äußerlich, das Aeu- ßcrliche des Menschen ist aber nur der Sack, und das Innere daS ist die Katz, um die sich's handelt, und wenn so manche Braut das Innere (auf s Herz weisend) ihres Bräutigams untersuchen könnte, so überzeugte sie sich, daß es keine Katze is, sondern oft der Katz gehört, da wär's halt gut, wenn die Erfindung, von der ich gelesen habe, sich wirklich stichhältig bewährte! Ein englischer Doctor soll nämlich ein Licht erfunden haben, das so durchdringend ist, daß es, wenn man es hinter den Rücken eines Menschen stellt, den ganzen Menschen durchsichtig wie ein Transparent erscheinen läßt, so daß man gleich deutlich sieht, was ihm im Innern fehlt! Das wäre halt famos! (Nachdenkend.) Aber nein, cs ist nicht famos! da müßten erst die Menschen ganz andere Naturen haben, denn mit einer gewöhnlichen Menschennatur wäre an dieser Erfindung nichts Ersprießliches! Couplet. Ein Herr hat vom Frohsinn schon d' Augen ganz verdreht. Mit schiefg'halt'nem Kopf er ganz demü- thig geht. Er kniet sich gleich nieder, wo ein Bct- schämel steht, Es gibt keine Wallfahrt, wo er nicht mitgeht. Ein Mitglied ist er von jedem frommen Verein, Denn sein Herz ja, das muß ein Krystall- spiegel sein; Doch wann's mit der Erfindung sein' Richtigkeit schon hält', Und man mittelst dieses Licht's ihm durch und durchschauen thät, Ob man da nicht ganz finstere Winkel entdeckt? Zn denen was 'Anders als Frömmigkeit steckt? Von heimlichen Sünden oft ein ganze Reih' Hockt hinter der Larve von der Heuchelei. Bei Bielen strahlt der Nimbus nach außen hinaus, Doch der Zehnte hält das Transparentsein nicht aus. Zu einem großen Herrn kommt ein Aspirant, Die prächtigsten Zeugniff' hat er in der Hand, Er ist auch empfohlen von Onkel und Tant' Als eines der ersten Genie hier zu Land. D'rum bitt' er ganz inständig den großen Herrn, Er möcht ihn placiren, denn er möcht gern was werd'n. Jetzt wann's mit der Erfindung in Richtigkeit schon wär, Da zündet an das Lichtl hinter ihm der große Herr, Und wenn dann der Kopf ganz durchsichtig erscheint, Und's wär' an dem Platzl, wo man's Hirn sonst vermeint, Ein äußerst geräumiger Stadl dann nur, Und d'rin Heu und Stroh, doch von Hirn keine Spur; Da sähe sich manch' Protectionskind nicht h'raus, Denn der zehnte Mensch hielt das Transparentsein nicht aus. Ein junger subalterner Beamter der leid't An ewiger Kränklichkeit schon lange Zeit, Nicht Arbeit und nicht das Kanzleigeh'n ihn freut, D'rum sucht er um Urlaub an wegen seinem Leid, Es wird zu ein'm Arzt g'schickt, der kennt sich nicht aus, Bringt ewig den Sitz seiner Krankheit nicht h'ranS Jetzt wann's mit der Erfindung sein' Richtigkeit schon hätl' Und der Amtschef den Beamten so ganz durchblirken thät, Ja richtig, da zeigt sich's d'Lerdauung is g'stört, rh»a»n.»tp«1otr. Nr. SS. Nur gleich gegen dcn^Magen das Lichtl gekehrt, Da liegt ihm — ja er ist auf Ehr' zu beklagen — Daö ganze Bureau sammt dem Amtschef im Magen, Doch der jagt statt'mUrlaub ihn gleich ganz hinaus. Selbst Beamte halten oft 's Transparentsein nicht aus. Ein Kaufmann, ein alter, hat eine junge Frau, Sein Herz ist noch grün, doch die Haar' sind schon grau, Das Weiberl ist aber recht pfiffig und schlau, Sagt immer, »mein Alter auf meine Treu' bau« — Dem Mann aber, er kann sich's nicht erplicir'n, Juckt ahnungsvoll oft recht fatal seine Stirn — Jetzt wann's mit der Erfindung sein' Richtigkeit schon hätt, Und der so hinter's Weiberl das Lichtl stell'n thät —; Und schauet ihr iu's Herz, ob sein Bild d'rin thnt leben, Da steht'S in einem Winkel verstaubt voller Spinnweben; Doch deutlich sieht er ein Corps von Offi- ziren, Die mitten im Herz seiner Frau ererciren. Ja für Viele wär' die neue Erfindung ein Graus, Denn die zehnte Frau hielt 's Transparentsein nit aus. Was das für ein Held is! ja schaut's ihn nur an, Keine Schlacht gibt's, wo nicht hätt' gejochten der Mann, Ihr müßt ihn erzähl'» hör'n, was er alles gethan, Da lauft euch die Ganshaut vom Zuhören an; r 34 Sein Schwert ist ganz rostig schon von Feindesblut, Weicht ihm aus, denn entsetzlich ist er in der Wuth; Doch wcnn's mit der Erfindung sein'Richtigkeit schon hätt' Und von rückwärts man den Helden illu- miniren thät, Und es zeiget sich links da nur groß aufgeblasen DaS winzige Herzerl von einem Marzi- hasen, Und die Tapferkeit, die in der Brust sonst logirt, Zeigt sich bei Beleuchtung nur im Maul einquartirt, Da fürchtet sich Niemand, All's lachet ihn aus — Selbst Helden halten oft 's Transparent sein nicht aus. (Ab.) Verwandlung. (Hofraum in dem Schlosse Eilenburg, im Hintergründe eine Mauer sammt EinfahrlSthor. Auf einer Seite ein Flügel des im modernen Style gehaltenen Wohngebäudes, auf der anderen Seite eine im alterthümlichen Style gebaute, dem Verfalle nahe Burg. ES ist bereits spät Abend, und wird bis zum Schluffe des ActeS vollkommen dunkel. — DaS erste Stockwerk deS Wohngebäudes ist erleuchtet.) Dreizehnte Scene. Mehrere Bauern, darunter Matz und Görgl (kommen durch das Tinfahrtsthor und sehen sich neugierig um). Matz (auf die Fenster weisend). Seht's es, da herob'n is a Licht! Görgl Und die Fenster von der kloan Kapelle, die da aus dem alten G'schloß (auf die Burg) rückwärts geg'n Wald außi geh'n, sein auf einmal licht wor'n! Matz. Jetzt no so spot. 3 kann mir's gar nit erklären. Görgl. Ah döS schon. Matz. Was? Du weißt, warum die Fenster licht sein? Görgl (wichtig). Freili! i And. Bauern (sich an ihn drängend). ! Warum denn? , Görgl. Weil — abrr verrath's mi nit! j Bauern (immer gespannter). Na — na — aber sag' nur — weil? j Görgl (geheimnisvoll). Weil's d'rinnen > in die Zimmer die Lichter anzunden haben. Matz (ihn ärgerlich mit der Hand von sich ^ stoßend). Hans Dampf! Das haben mir eh' g'wußt! Görgl. Na was fragt's denn nachher? Matz. Still, still! Mir scheint's kimt wer! (Sie ziehen sich etwas zurück.) Vierzehnte Scene. Jeremias (kommt, eine Laterne in der Hand auS der Thür deS Wohngebäudes. Jack in der Jokeylivree folgt ihm). Jerem. Meldet Sr. Gnaden meinen geziemenden Respect und sagt: daß Ihr Euch selbst überzeugt habt, wie ich mich beeilte, allen Befehlen nachzukommen. f Jack. Sie kann jeden Augenblick hier ! eintreffen. Je rem. Es ist Alles vorbereitet! Jack. Jetzt muß ich mich wieder auf den Heimweg machen, eh' die Nacht völlig einbricht! Je rem. Da thnt Ihr wohl daran, denn die Wege sind schlecht, mein Hans. Führt eure Pferde d'raußen herum, ich werde Euch leuchten! (Geht mit Jack durcb daS EinsahrtSthor ab.) Matz, (mit den Bauern wieder vorwärts kommend). Habt Ihr es gesehen, ein Reitknecht vom Herrn Baron, und außag'rit- ten ist er kemma, jetzt — Görgl. Ja gelt — jetzt möchst halt wieder wissen, warum der außag'ritten ist? Matz. Na freilich! Warum denn? Görgl (wichtig und geheimnißvoll). ist außag'ritten, weil — weil er nicht zn Fuß hat gehen wollen. Matz. Stad —da kommt der Herr In- 35 spcctor wieder — der wird uns sagen können. (Ziehen sich seitwärts zurück.) Irrem, (kommt wieder, ohne die Anwesenden zu bemerken, mit sich selbst redend). Sonderbar! das Ganze hat fast Aehnlich- keit mit den Geschichten in meiner alten Hauschronik, aus der Zeit, in welcher dieses alte Schloß noch der Sitz der Hornstein war! (Bauern kommen wieder vorwärts.) Matz (den Hut abziehend). Grüß Gott, Herr Inspektor! Jerem. (sich überrascht umsehend). Was wollt Ihr da? Matz. Na, wir haben gerade durch den Wald hamgeh'n woll'n, und wie wir Licht geseh'n hab'n im Schloß — sein wir stehen blieb'n! Görgl. Was muß denn dös sein, hab'n mir g'sagt—! Matz. Na, schauen's nur auffi, Hab' ich g'sagt! Görgl. Und so sein mcr halt kemma. Matz. Und so sein mer da! Jerem. (ärgerlich). Und so könnt Zhr Huch wieder trollen! Nach ausdrücklichen Befehl des Herrn Grafen soll die Hochzeit ganz im Stillen vor sich gehen! Matz, Görgl und die Bauern (ganz erstaunt). A Hochzeit?! Jerem. Also geht's wieder, geht, ich könnte sonst Verdruß haben, der Herr Baron schrieb mir ausdrücklich: »Im Stillen!« Görgl. Na, mit demZuschau'n mach'« wir ja kein Lärm! Jerem. Aber halt! (Horcht.) Meiner Treu— ja ich höre einenWagen— sie werden es sein! (Zu den Bauern.) Ich bitt Euch, geht! — Fort, fort aus dem Schloß! Görgl. Aus dem Schloß? um kein G'schloß! Jerem. Der Wagen hält! (Aengstlicbzu den Bauern.) Tretet wenigstens zurück, damit sie Euch nicht scheu. Wie einer das Maul aufmacht, so laste ich meine Hunde über Euch los! (Drängt Alle gegen den Hin- tergrund, und eilt mit der Laterne gegen das Einfahrtsthor.) Fünfzehnte Scene. Vorige. Agathe, Minna. Minna (in weißem Kleide, einen Schleier über daS Gesicht» tritt gesenkten Hauptes von Agathen geführt ein). Jerem. (empfängt sie, sich tief verneigend). Habe ich die Ehre — (hebt die Laterne so. daß er AgathenS Gesicht sieht)- Ah, die Frau von Haushofmeister! Agathe, (mit Minna mehr in den Vorder- grund tretend). Ja, der Herr Baron befahl mir das Fräulein — (auf Minna deutend) zu begleiten. Sie wissen bereits — Jerem. Alles! Der Herr Caplan erwartet das Brautpaar! — Aber ich sehe noch kein Paar! Agathe. Der Bräutigam wird sogleich folgen. Jerem. (zu Minna). Ist es gefällig — indeß im Schlosse zu warten — die Gemächer sind bereit. Minna (bejahet durch Kopfnicken). Agathe (zu Minna). So folgen Sie mir! (Zu Jeremias.) Wenn der Bräutigam kommt, und sich als solcher ausgewiesen hat, holen Sie uns, damit dieTrauung gleich vor sich gehe! (Ab mit Minna ins alte Schloß.) Jerem. (ihnen nachsehend uns den Kopf schüttelnd). Da werbe ein Anderer daraus klug! Matz. Habt Ihr es geseh'n? Görgl. Stad, stad! Wir dürfen nichts reden! Jerem. (horchend). Was ist das wieder? Pferdegetrapp?!(Eilt gegen das HauSthor und sieht hinaus.) Mehrere Männer? Sie sitzen ab, sie kommen hieher! Sechzehnte Scene. Vorige. Eonrad (in der Livree eines Jägers), Engen (ebenfalls als Jäger, im Gesicht Durch falschen Bart und Haar entstellt, den Hut tief ins Gesicht gedrückt). Mehrere andere Jäger kommen durch daS Thor). 3 * Ierem. (die Laterne erhebend). Das ist ja unser ganzes Jagdpersonal? Conr. Wir sind hier aus Befehl des Herrn Baron! I er ein. Auf Befehl des Baron? Conr. 3a, wir sollen Zeugen der Ver- mälung sein, die hier stattsinden soll! Wer sind die Leute? Ierem. Neugieriges Bauernvolk, das sich nicht foctbringen läßt. Conr. Die müssen fort! — Liebe Leute, an Euch habe ich auch einen Auftrag vom Herrn Baron! Matz. An uns? Conr. 3a. 3hr sollt im Gemeinwirths- haus das Wohl des Brautpaars trinken! Görgl. Ah, trinken können wir schon, aber wer zahlt's? Conr. (ihm einen Geldbeutel zuwerfend). Der Herr Baron Wir kommen auch nach! Görgl. 3uhe! Geld ist da, Männer! Jn's Wirthshaus! Vivat!! Conr. Ruhig! schreit, wenn 3hr bei euren Krügen sitzt. (Die Bauern ab. zu Je- remias ) Noch Eins, derHerr Baron wünscht, daß wir vom Brautpaar ungesehen bleiben. 3erem. Nun gut, hier hinter dem alten Gemäuer habt Ihr Raum genug, Euch zu verbergen! Ein 3äger. Er kommt! Conr. Schnell, verbergt Euch Alle. (Er, Eugen und die anderen Jäger treten zu beiden Seiten hinter das Mauerwerk.) Siebzehnte Scene. Vorige. Jonas. 3on. (in seinem Reitermantel, einen breit- krämpigen Hut in die Stirne gedrückt, kommt herein, für sich). Aha, ich werde schon er- wart't! Aber auch der alte Hausinspector soll mich nicht kennen, sonst steckt er ihr's, und wenn sie wüßte, daß ich es bin, machte sie am Ende doch noch Sprünge! 3erem. (ihm entgegen). Mein Herr, sind Sie — (Jonas nickt mit dem Kopfe). Sie sollen mir eine schriftliche Ordre übergeben. 3on. (zieht ein Schreiben hervor und hält eS ihm hin). 3erem. (es nehmend für sich). Der scheint stumm zu sein! (Hält das Schreiben gegen die Laterne.) 3a, es ist die Unterschrift des Herrn Baron! Alles in Richtigkeit! Ist es 3hnen gefällig, sogleich zu derCcrcmonie zugehen? (Jonas nickt zustimmend.) So gedulden Sie sich einen Augenblick, ich hole das Fräulein Braut! (Jonas nickt zustimmend.) Noch Eins! Werden Sie nach der Vermälung das Schloß gleich verlassen, oder gedenken Sie über Nacht hier zu bleiben? (Jonas nickt rasch mit dem Kopfe.) Sehr wohl! Die Gastzimmer sind in Bereitschaft! (Ab in s Wohn- gebäude) Ion. Mir ist doch so ganz kurios zu Muth! ES ist ein eigenes Gefühl, wenn man weiß, daß man in der nächsten Viertelstunde halbirt wird, na ja, jetzt bin ich noch etwas Ganzes für mich; wie ich von der Trauung fortgehe, bin ich nur mehr die Hälfte, nämlich eine Ehehälfte, der Gedanke packt mich so gewiß — Conrad, Eugen, die Jäger (sind in- dessen leise aus ihrem Versteck vorgeschlichen, einige packen JonaS von rückwärts, ein anderer drückt ihm einen Knebel in den Mund). Jon. (will schreien). Conr. (ihm den gezückten Hirschfänger an die Brust setzend). Keinen Laut, oder ich spieß' Dich wie ein Wildschwein! Den Mantel, den Hut!—Habt ihr ihn fest gebunden? Fort mit ihm! — Ihr wißt im alten Schloß daS ehemalige Verließ — dort hinein und haltet Wache! (Einige Jäger schleppen JonaS trotz seines WiderstrebenS in die alte Burg. Conrad setzt Eugen den Hut deS JonaS auf und hüllt ihn in den Mantel.) Sie bleiben hier! Wir ziehen uns wieder zurück! (Treten zurück.) Achtzehnte Scene. Vorige. Jeremias (mit einem Kron-Arm- leuchter), Agathe und Minna (kommen aus dem Schlosse). Ierem. Dieser Herr ist der Ihnen vom Herrn Baron bestimmte — 37 Minna (wankt, einer Ohnnackt nahe). Agathe. Fassen Sic sich, liebes Kind! Minna (sich aufrüffend). 3a, Gott be- siehlt's so — ich will! (Zu Eugen.) führen Sie mich znm Opferaltar! Eugen ^reicht ihr die Hand und führt sie gegen das alte Schloß ab. Man hört das Geläute der Glocken). Conr. den Jägern). Auf die Knie! nnd flehet vom Himmel Segen für diese Stunde! (Alleknien) Der Vorhang fällt. Dritter Äct. sEin Gemach au? dem Schlosse Eulenburg, eine Mittel- und zwei Seitenthüren, im Vordergründe ein Tisch und Fauteuil — auf dem Tische liegt der dem Jona« im zweiten Acte abgenommene Mantel und dessen Hut.) Erste Scene. Eugen. Conrad. (Beide noch als Jäger.) Conr. (steht mit auSaespreizten Deinen nnt dem Rücken an die Mittelthür angelehnt). Eng. (stebt vor ihm, seine Hände bittend gegen ihn erhoben). Conrad! Ich beschwöre Sie, geben Sie mir mein Wort zurück! Conr. O nein! Das Wort eines Ehrenmannes ist ein kostbares Gut! Sie haben mir Ihr Wort gegeben, unmittelbar nack der Trauung Ihre Frau zu verlassen, ohne sich ihr zu erkennen zu geben, und sie nicht eher wieder zu sehen, bis Sie mit Zustimmung 3bres Herrn Vaters vor aller Welt sagen können: »Minna, ich bin Dein rechtmäßiger Gatte!* Eng. Aber wußte ich denn vorher, was sich bei der Trauung ereignen würde? Minna blieb ihrer Sinne nur so lange mächtig, bis sie mit brechender Stimme das »Ja« ausgesprochen batte, dann — stürzte sie ohnmächtig nieder, uud Sie — Sie rissen mich grausam von ihrer Seite fort — hinderten mich, ibr beizustehen. — Laßt mich zu ihr! (Will Conrad wegdrängen.) Conr. Oh, Sie wollen Gewalt brauchen, — das ist ja gar nicht nöthig! (Oeff. net die Thüre und geht von ihr weg.) Die Thüre ist offen. Geben Sie! (Eugen will rasch fort; Conrad absichtlich laut.) 3ch weiß NUN doch, waS Ihr Ehrenwort werth ist! Eug. (bleibt stehen). Conrad! Conr. (sehr höflich). Bitte sich nicht anf- halten zu lassen, Herr Baron! (Sich vernei- gend.) -»Ich habe die Ehre,* ja ich kann sagen: »ich habe die Ehre!* denn ich, obwohl nur ein Commis, habe doch noch nie mein gegebenes Wort gebrochen! Eng. Und ich will'S auch nicht! Ich bleibe! Conr. Ab, das ist eine Rede, nun ist's wieder gut! Eug. Aber sagen Sie nur, warum Sie darauf dringen, daß ich mich meiner Frau nicht nähern darf? Conr. Es märe doch möglich, daß ich Ihren HerrnVater nicht zur Zustimmung bewe- gen könnte, ja daß er diese auf sonderbare Weise geschlossene Ehe für ungiltig erklären ließe, und in diesem Falle muß Minna nicht bloS nicht mehr Ihre Frau heißen dürfen, sie muß es nie gewesen sein. Sie verstehen mich wohl? — Eug. Dann zögern Sie nicht, Ihr Wert dadurch zu krönen, daß Sie meinen Vater zur Einwilligung bewegen. Conr. Heute oder nie! Entschließen Sie sich nur, mit mir nach der Stadt zurückzukehren — Minna bleibt indessen hier. — Eng. Nnd Jonas! Conr. Der bat die Nacht recht romantisch im Durgverließ, zugebracht. Eug. Ich kann ihn nicht länger zurück- halten. Conr. Sie haben Reckt! Man kann dem ritterlichen Gefängnisse nickt länger die Sckande antbun, solch einen ordinärenSchuft zu beherbergen. Eug. Aber was fangen wir mit ihm an? Conr. Er muß eine schriftliche Erklärung abgeben, daß er seinen Entschluß, Minna zu heiraten, bereut habe, und für 38 alle Zeiten auf ihre Hand-verzichtet. Er wird mürbe sein; ich will gleich zu ihm — doch hier liegt noch der ihm abgenommene Mantel und sein Hut; was sein ist, wollen wir ihm nicht vorenthalten! (Nimmt den Mantel vom Tische.) obgleich der Mantel schon fadenscheinig ist,— da sehen Sie nur, überall voll Flecke! und da — da — Eug. Was haben Sie denn? Conr. Eine Stelle, in die ein ganz n uer Tuchfleck eingesetzt ist. Eug. Nun, und was hat die Kleinigkeit zu sagen? Conr. Es gibt keine so kleine Kleinigkeit , die in der Hand der Vorsehung nickt ein Mittel zum Größten werden könnte, und so habe ich hier (zieht seine Brieftasche und aus derselben ein kleines Stück- chen Tuch von derselben Farbe wie das Tuch i>eS Mantels, und hält eS in die Höhe) — auch ein ganz kleines Stückchen Tuch, das nun mit einem Male werthvollcr ist als ein ganzes Magazin voll der feinsten Ca- chemirs! Eug. Ich verstehe Sie nicht! Conr. Sie werden mich verstehen, wenn Sie Zeuge einer Unterredung sein wollen, die ich nun mit dem Herrn Jonas pflegen will. Lassen Sie ihn kommen, ich bitte Sie! Eug. Sogleich! (Klingelt.) Zweite Scene. Vorige. Ein Jäger. Eug. Den Gefangenen herauf!(Jägerab.) Conr. (zu Eugen). Sie belieben hier in's Nebenzimmer zu treten, horchen Sie genau aus jedes Wort, das hier gesprochen wird, und wenn ich rufe: »Ihr Unsichtbaren habt es gehört,« so eilen Sie heraus — ich will Ihnen noch andere Zeichen geben. Aber nur schnell da hinein! (Drängt ihn in das Seitenzimmer.) Gott! nur jetzt verleihe mir Schlaubeit, und lasse mich besonnen zu Werke gehen. Wie auch das Blut in mir wallt, ich muß mich beherrschen, wie ein kluger Fechter, der mit kalter Ruhe und scharfem Auge die erste Bloße wahrnehmcn muß, die sich sein Gegner gibt, um ihm den Todesstoß zu versetzen. Still, ich höre ihn kommen. .(Setzt sich in ein Fauteuil, schlägt nachlässig die Beine übereinander und sieht lä- chelnd den Kommenden entgegen.) Dritte Scene. Conrad. Jonas. Zwei Jäger Jon. (im Eintreten). Himmelkreuztausend- million bomben granaten donner und blitzele- ment! Werd' ick jetzt einmal erfahren—! Conr. Ah lron jonr lVlonsieur Jonas! Jon. Was? Sie da? auch in Jäger- Livree. C o n. Natürlich! ich habe ja gestern eine Jagd mitgemacht, eine famose Jagd. Jon. Sie? Vielleicht auf Heuschrecken! Conr. O nein, auf einen Wolf, der eben auf ein armes Lämmchen losging, und es ist gelungen, wir haben das Vieh gefangen. Jon. Ich will doch nickt hoffen, daß das Vieh allegorisch gemeint ist. Sie, mir tranen's heut' nickt, ick bin in einer Stimmung, daß ich die Welt zerreißen könnt'! Da werd' ich mit so einen Budel- ramer auch noch fertig werd'n. Conr. Nur ruhig, mein Bester, wir wollen ganz freundlich ein Wörtchen mit einander kosen! (Zu den Jägern.) Könnt gehen! (Auf die Seitenthür links.) Dort hinein! (Die Jäger ab.) Jon. Sie, mir scheint gar, Sie waren mit bei dem Rauberbandel, bei den Jägern, die bei mir, wre bei ein' Auerhahn gcrad' den süßesten Moment meines Lebens«b- gewartet haben, um sich meiner zu bemächtigen, und die mich in das schauerliche Burgverließ geworfen haben. Conr. (immer sehr freundlich). Nun, wie haben Sie geruht? Jon. Fragens nicht erst! Auf einer hölzernen Pritschen mit gebundenen Händen, daß mir die Adern angelaufen sind, wie Leberwürst, und 's Maul verbunden, daß 39 ich keinen Athem gehabt Hab'! Das sollt' I stehenden Nagel des Schlosses der Budel die Freuden eines warum? Ich frage em Ersatz sein für Neuvcrmälten? Und warum? Conr. Man wollte Ihnen nur einen kleinen Begriff davon geben, was es heißt, unfreiwillig gebunden zu sein. Sie waren es doch nur eine Nacht, Minna wäre es für ihr ganzes Leben gewesen, aber diese wird nie Ihre Frau — Jon. Sie wollen also die Rettung Ihres Principals verhindern? Wissen Sie, daß gleich nach meiner Heirat dem Herrn Glatt- ner die zwölftausend Gulden hätten ausgezahlt werden sollen — Conr. Ja. gerade so viel, als ihm damals gestohlen worden ist, dock das ist jetzt nicht mehr nöthig! Die Summe muß der ersetzen, der sie gestohlen hat. Jon. Na ja, so spricht sich's Gesetz aus, aber nach dem Ooäsx NorinlierAianug wird Keiner eher aufgehängt, als bis man ihn hat. Conr. Es wurde uns aber gestern von der Behörde angezeigt, daß man des Diebes bereits habhaft geworden. Jon. Was sagen Sie? Ist das gewiß? Conr. Ganz gewiß! Jon. Das ist ja ungeheuer interessant! Aber wie ist denn das gelungen? Conr. UnsereSicherheitsbehörden haben tüchtige Agenten! Jon. Kann mir's denken! Wenn's sogar Den erwischt haben? Conr. Ja den, der so ein abgefeimter, durchtriebener Hallunke sein soll. Jon. (hustet verlegen). Hm, hm! Conr. Wie meinen Sie? Jon. O nichts! Nur ein bissel Katarrh! — Aber erzählens doch, wie hat man ihn denn erwischt? Conr. Ein Stückchen Tuch wurde zum Derräther! Jon. Ein Stückchen Tuch? Conr. Man hat nämlich später bei Besichtigung des Locals, in welchem der ein Stückchen Tuch hängen gefunden. Jon. Teufel! Conr. Und jetzt traf man einen Kerl, der einen zerrissenen Mantel von derselben Farbe trug. Jon. Nur festhalten den Kerl — er ist's schon. — Es kann kein Anderer sein. Conr. Nein, es kann kein Anderer sein. Schauen Sie, die Sache war so. (Nimmt JonaS' Mantel vom Tisch.) Jon. Erlauben Sie, das ist ja mein Mantel! Conr. Ich brauche ihn nur, um Ihnen zu zeigen! Jon. O, das ist gar nicht nothwendig. Ich kann mir Alles vorstellen — Sie glauben nicht, was ich für eine lebhafte Phantasie habe. (Langt fortwährend nach dem Mantel.) Conr. Ich will Ihnen ganz deutlich den interessanten Fall erklären. Man bemerkte nämlich an einem Ende des Mantels, wie hier — Ah merkwürdig! Jon. Was? Conr. Daß hier — gerade an der Stelle, auch ein Stück Tuch eingeflickt ist. Jon. Eingeflickt? Conr. Das ist spaßig! Jon. Ja sehr spaßig — Hahaha! Conr. Wenn man nun früher Sie in dem Mantel gesehen hätte, so hätte man Sie für den Dieb halten können. Jon. Ja — auf Ehre! Sehen Sie — wie man da — so wal apropog Laufereien haben könnte. Conr. Und es dürfte zum Beispiel das Vorgefundene Stückchen Tuch von derselben Sorte sein wie das von dem Mantel — Jon. Aber das abgerissene Stück hat die Polizei — (für sich) und den Mantel verbrenne ich heute noch. Conr. Nein, das abgerissene Stück Tuch wurde auf meinen Antrag, selbst Nachforschungen anzustellen, von dem Untersuchungsrichter mir anvertraut und ist— (zieh Diebstahl verübt worden, an einem hervor-> es aus der Tasche und hält eö Jonas hin) hter! 40 3 o n. (erschrickt und steht zitternd und bebend da. Pause.) Conr. Es ist dieselbe Farbe — dieselbe Größe wie das bier eingestickte! 3 an. Dirk—lich? Wunder—bar — Conr. Nun könnte zum Beispiel ich Sie im Verdacht haben, und es ist ein böses Ding um so einen Verdacht! Jon. O, abscheulich! Darum geben Sie ihn auf! Conr. Das ist schwer; um den Argwohn ganz los zu werden, will ich den sonderbaren Zufall doch der Behörde anzeigen, damit Ihre Unschuld gerichtlich bewiesen werde. (Geht einig» Schritte gegen die Thür.) Jon. (halt ihn schnell zurück). Nein, nicht, zu was — ich brauche kein Unsckuldszeug- niß, mein Bewußtsein — Conr. Nur um meinen Argwohn zu vernichten —! (Langt nach dem Glockenzuge.) Jon. (eilt hin und hält Conrads Arm). Das thun Sie? Nur kein Aufsehen — lassen Sie mit sich reden, es könnte am Ende — verstehen Sie — man weiß nicht — und Sie werden mich doch nicht unglücklich machen wollen? Conr. Unglücklich würde ich Sie nur dann machen, wenn Sie wirklich der Thä- ter waren, und dann — Jon. Dann? Conr. Dann hätte ich Mitleid mit Ihnen! Jon. (aufathmend). Wirklich? Conr. Man soll nickt allzustrenge richten, — jeder Mensch hat schwache Augenblicke — Jon. Ja wohl, schwache Augenblicke — Conr. Die verlockende Gelegenheit — Jon. Sehr verlockend! Conr. Wie gesagt in diesem Falle, aber der Fall ist ja bei Ihnen nicht möglich, und darum — (langt wieder nach dem Glockenzuge). Jon. (ihn wieder schnell abhaltend). Hören Sie! — Conr. Was denn, lieber Herr Jonas? Jon. ES wäre doch— wissen Sie — ich sage nur — möglich ist Alles. Conr. Was! Um Gottes willen! Reden Sie nicht so laut! Es könnte Jemand hören — kommen Sie hieher — (Führt ihn zur Seitenthüre.) Jon. Sie sollen von mir tausend Gulden kriegen, aber nur still! Conr. Also haben Sie wirklich? Jon. Ich? Conr. Gestohlen? Jon. Das l eißt — nicht so eigentlich — ich — ich habe nur Geld gebraucht — und mir's indessen von Herrn Glattner, ohne daß er es gewußt hat, ausgeliehen — o, ich hätt's schon wieder zurückgezahlt! Conr. (laut ouSrufend). Habt Jhr's gehört, ihr Unsichtbaren?! Vierte Scene. Vorige. Eugen. Jäger. Eug. (zu den Jägern). Nehmt ihn fest. Jon. Wer ist —? Eug. Die Zeugen deines Geständnisses, Elender! Jon. Was? Sie haben gehorcht? O pfui! Eug. Wo es sich darum handelt, den Verbrecher zu entlarven und ihn für künftig unschädlich zu machen, ist Horchen keine Schande — doch Schande wär's, wenn ich mich mit ihm noch länger in ein Gespräch einließe. Ich habe bereits an das OrtSge- richt geschickt, damit es ihn in Empfang nehme! Jon. (heftig erschreckt). Ortsgericht? Um Alles in der Welt! (Auf die Knie niedersin- kend ) Ew. Gnaden! — So werden Sie langjährige Dienste nicht vergelten! Euer Gnaden, ich werd's mein Lebtag nicht mehr thun. Ew. Gnaden! Ich will aus eigenen Mitteln Alles ersetzen! Ich gib dem Herrn von Glattner, was ich habe, ich verkaufe meine sämmtlichen Reitschnlpferde an die Pferd-Fleisch-Ausschrotung! Sie werden reißend abgchcn, aber nur nicht vor's Gericht! 41 Fünfte Scene. Vorige. Hubert. Einige Zager. Hub. und Zag. (eiten zur Mitte herein). Gnädiger Herr! Jon. (zusommenbreckend). Sie sind schon da! Eug. Nun, habt ihr die Anzeige gemacht? Hub. Za wohl, und soeben kam der gnädige Herr Papa — Eug. Mein Vater? Jon. (aufspringend). Der alte Herr Baron? Eug. (leise zu Conrad). Was ist nun zu thun? Eonr. (seife). Geben Sie ibm auS dem Weae, bis ick ibn bearbeitet babe. Eug. (leise). Hoffen Sie das? Eonr. (ebenso). Jetzt bin ich beinahe meines Erfolges gewiß! Eug. (wie oben). Ich baue auf Ihre Klugheit! (Laut zu den Jagern ) Zwei von Euch bleiben hier zur Bewachung dieses Menschen. Jon. Gott! Wie setzt auf mich Ackt geben wird, als wenn ich ein Prachtexemplar in einer Schatzkammer wäre! Eug. (geht ab. Hubert und die Jäger bis cmk zwei folgen ihm). Jon. (für sich). Der alte Baron? Denn er nur früher kommt, als die Wachen, daß ick mit ihm ein ernstes Dort reden kann, er muß mich berausarbeitrn! (Man hört von außen Jeremias Stimme.) Je rem. Meiner Treu! Euer Gnaden, Herr Baron! Sechste Scene. vorige. Jeremias. Der alte Baron. lConrad und die Jäger ziehen sich in den Hin- iergrund zurück. — Jeremias öffnet die Thür.) Var. (im Eintreten zu Jeremias). Also Astes vor sich gegangen, wie ich befohlen? Jerem. Astes genau nach Euer Ercel- lcnz Auftrag! Jon. (für sich). Was sagt der alte Esel? Dar. (^ Jeremias). Drs« dien! js suig eonlent (Siebt sich um und erblickt JonaS.) lVIuiiz 1e voilä! Da ist er ja, der Glückliche ! Jon. Glücklich?! (Für sich ) Ja, ich hätt'S vonnöthen! Dar. (zu Jonas). Sieht er nun, wie ich au seinem Lose theilnehme? Jon. Ew. Gnaden wollen an meinem Lose tbeilnehmen? (Für sich). Will er sich vielleicht auch einsperren lassen? Dar. Ick fuhr heute Morgens eigens aus der Stadt heraus, um den Neuver- mälten zu gratuliren. Jon. Mir gratuliren? Bar. Ja, es interessirt mich, das junge Weibchen beute zu sehen! (ZuJeremias.) Wo ist sie denn? Jei. Sie ist etwas unwohl! Bar. Unwohl! ^d äorrvs^e! Und Er — (betrachtet JonaS) sieht ja auch so verstört aus, so blaß! Jon. Ja, ich bin etwas angegriffen. Bar. Nun, wie ist ihm denn in den neuen Banden zu Muthr? Jon. Grauslich! Bar. (erstaunt). iüomrnent? Jon. Euer Gnaden, nur ein paar Worte unter vier Augen! Bar. Was hat er mir zu entdecken? (Zu Eonrad und den Jägern.) 8orter! Laßt uns allein! Eonr. Entschuldigen, Euer Gnaden, das dürfen wir nickt! Bar. ?ourcsuoi pag? Eonr. Die Antwort gebe ich — (Oeffnet die Mittelthür.) Nur herein, meine Herren! Siebente Scene. Vorige. Gerichtspersoncn. Drei Mann Wache. Jon. Mir wird nicht gut! Bar. Hu'est es yue gelu? Eonr. (mit lauter Stimme zur Gerichts- person). Herr Commiffär, hier steht der, 42 des Cassaeinbrucks im Glattncriscken Hause tteberwiesene und Geständige! — Ucden Sie Ihre Pflicht! Bar. WaS? Er? Deux ckv clisu! — Wie wird mir! (Wankt zu einem Stuhl. Con- rad eilt zu ihm und spricht mit ihm.) Gerichtsperson. Folgen Sie uns! Jon. Ich kann nickt geben, ick kann ja kaum mebr stehen, der Herr Baron wird deshalb für mich gut sieben. Gerichtsp. Wie, der Herr Baron? Bar. (welcher ganz erschöpft auf einen Stuhl gesunken, macht mit der Hand eine abwehrende Bewegung). Gerichtsp. Also keine Umstande, fort mit ihm! Jon. Es ist aus! Was nutzt mir meine vornehme Eonnerion! Dort sitzt er — der altreiche Baron! Und auch er erwirkt mir keinen Pardon! Nnn denn, so folge ich zur Inquisition. (Ab mit der Gerichtsperson und Wache.) Bar. Also er — ein Verbrecher! Und mit diesem Elenden — (ZuJeremias.) Sage Er, ist die Trauung wirklich vollzogen? Jer. Ja wohl, ick war Zeuge! Bar. Oiel! «Inste eiel! Ich überlebe es nickt! Eonr. Euer Gnaden, was ist Ihnen? Bar. lnväeoin! Einen Arzt! Eonr. Ja! Es muß ein Arzt geholt werden! Ich fliege! (Eilt ab.) Jer. Euer Gnaden, erholen Sie sich! Ich begreife gar nicht! Bar. Er begreift gar nicht! Rete! Und Er — Er ist an Allem Schuld! Jer. Ich — Euer Gnaden? Bar. -— Warum ließ er die Trauung so schnell vornehmen? Jer. Aber Euer Gnaden ausdrücklicher Befeh!. Bar. Raisonnire Er nicht — Er rst Schuld — Er muß Schuld sein! Denn ich kann es nicht verantworten! Achte Scene. Vorige. Conrad. Eonr. Euer Gnaden! Welches Glück! Als ich hinablief, fuhr am Thor des Schlosses eben ein Wagen vorüber, und in demselben saß der berühmte Doctor Bornheim! Bar. Dornheim?Kenels eonns-ispas! Ich kenne ihn nicht. Eonr. O ich kenne ihn aus früherer Zeit, ein wahrer Wundermann; Kranke, die von allen Aerzten anfgegeben waren, gehen durch ihn frisch nnd gesund herum — ja, Tobte sogar hat er durch seine Behandlung neu ins Leben gerufen. Darf ich ihn verlassen? Bar. Welche Frage! Sieht Er denn nicht, daß ich sterbe? Warum brachte Er ihn nicht gleich? Eonr. Ich wollte nur Euer Gnaden vorbereiten, er hat eine etwas derbcManier! Bar. Oe lait rien, wenn er nur hilft! Eonr. Er wartet im untern Salon, ich hole ihn herauf — aber Euer Gnaden, wenn Sie sich seinen Anordnungen nicht blindlings fügen, sind Sie verloren! (Eilt ab.) Bar. Verloren? ?ercku! Hat Er gehört? O, ich thue Alles, was er anorduet! Cour, (außen, ruft). Ich bitte, Herr Doctor, nur hier herauf! Jer. Ah, ich höre kommen, er wird es sein! Bar. Gott sei Dank! Cour, (noch außen, mit veränderterStimme) Also hier? Die Thüre rechts? (Mit gewöhn- licher Stimme.) Zu dienen, Herr Doctor! Sie werden sehnlichst erwartet — bitte nur gleich einzutreten! Neunte Scene. Vorige. Conrad (als Arzt). Eonr. (ganz schwarz gekleidet, eine weiße Perrücke auf dem Kopf, grüne Brillen vor den Augen, erscheint auf einen Krückenstock gestützt, unter der geöffneten Thür mit verstellter Stimme — noch zurücksprechend). Bleibe Er nur hcraußen! Ich liebe es, mit meinen Patienten allein zu sein. (Tritt vollends ein.) Wo ist der Aegrotus? (Zu Jeremias.) t 43 Bar. (zu Jeremias). Ja — geht n„r — geht! (Jeremias ab.) Novsieur ie äooteur, )'s veu8 von8 äire — Conr. Ruhig! Ich brauche nichts zu wissen! Bar. Dx6U8s! Ich dächte doch, daß ich meinen Zustand — Conr. Der Kranke kennt nie seinen Zustand selbst — die Aufgabe des Arztes ist es, ihn zu erforschen. Darum still! Nicht rühren! (Tritt zu ihm, richtet sich die Brille zurecht, sieht ihn scharf an. befühlt seinen Puls und legt ihm zuletzt die Hand auf daö Herz, dann mit zufriedener Miene ) Gut, Alles gut! Bar. Gut? I^Lräonner! Conr. Ruhig! Ich rede! (Holt sich einen Stuhl, setzt sich neben den Baron, legt beide Hände auf den Stockgriff und beginnt in doktrinärem Ton.) Der Mensch stirbt entweder von außen nach innen oder aber von innen nach außen. Bar. Sterben? Conr. Von außen nach innen oder von innen nach außen. Bar. lVlon äieu, e'68t tont Conr. Das ist nicht egal! Entweder reibt ein kranker Körper die Seele, oder aber eine kranke Seele den Körper auf! Bar. Es kommt doch immer auf das Aufreiben hinaus! Conr. Dazu sind wir da! Die Aerzte! Bar. Zum Aufreiben? Conr. Um zu erforschen, wo das Nebel sitzt. So habe ich Sie erforscht und sage, der Körper halt ans, lange, sehr lange, aber — in Ihrem Innern nagt ein Wurm! Bar. Ein Wurm? Conr. Ruhig! Ihr Unwohlsein wa, Folge eines Seelenznstandes! Bar. Oui, o's8t vrui! Conr. Ein terror, ein Schreck über eine unangenehme Erfahrung — Bar. km verits! Conr. Verbunden mit einem Vorwurf, den Sie sich selbst machen mußten. Antwort: Za? Nein? Bar. (sich überwindend). Ja! Conr. Da haben wü's! Dieser innere Vorwurf, das ist der Wurm, der ani Herzen nagt, bis er das letzte Restchen verschlungen hat — was man dann ünm morti oder Tod nennt. Bar. Tod! Conr. Sie sterben von innen nach außen. Bar. Aber Verehrtester Herr Doctor! Könnten Sie mir nicht etwas geben, das den Schmerz wenigstens betäubt? Conr. Hilst nicht! Die Menschen haben in neuerer Zeit eine Menge Mittel erfunden, um sich gefühllos zu machen! (Sehr ernst.) Aber Gott sei Dank, bis hieher — (auf das Herz) dringt kein Chloroform! Es gibt keinen Aether, welcher das verletzte Gewissen hindern könnte zu schreien, a's jenen Aether — (zum Himmel deutend) wo wir vor dem richtenden und vielleicht verzeihenden Gott stehen werden. Bar. Ich möchte aber doch noch eine Weile hier herunten bleiben! Doctor! — Ich sehe, Sie sind ein lromms ä's8prit! Vielleicht könnten Sie mir doch wenigstens rathen ! Conr. Wenn Sie sich mir entdecken wollen, vielleicht! Bar. Hören Sie. es ist weiter nichts, als daß ich ein Mädchen mit einem ihr unbekannten Menschen heimlich trauen ließ, und das mußte ich rhun, um meinen Sohn vor einer Mesalliance zu bewahren. Conr. Freilich! Na, dieß wird Ihnen wenigstens einen Trost gewähren, Sie sterben ja für die Ehre Ihrer Familie! Das sind Sie Ihren Ahnen schuldig! Dar. (heftig). Was gebt das meine Ahnen an? Habe ich die zu fragen? Hat mich einer von meinen Ahnen jemals gefragt? O, wenn ich ungeschehen machen könnte, was geschehen! Conr. (ihn fest an der Hand fastend). Wollen Sie das? Bar. Oui,oui!lVsapwrolsä'tronneur! Conr. Nun, so hören Sie — doch still, wer kommt? 44 Zehnte Scene. Vorige. Hans. Hans (erscheint unter der Thür). Zit snä'e schon im ganzen Schloß und find' ihn nicht! Bar. Vas will der Mann? bonr. (zum Baron). Ich werde wahr- scheinlich zn einem andern Patienten geholt. (Leise zu Hans) Hans rede nicht laut, ich bin'e! Ich — Eonrad! Hans. Hihihi! Die Maskerade! Eonr. (le se). Ich bade für uns gearbeitet. — Alles geht gut! Hast Tu meinen Rath befolgt? Herrn Glattner vermocht, hieberzukommen? Hans. Versteht sich! ich Hab' ihm vor» gestellt, daß es ihm gesund wäre, einen kleinen Ausflug zu macken; jetzt sitzt er unten bei der Meierei und trinkt kuhwarme Gasmilch! Eonr. (^„1, wieder mit verstellter Stimme). Sagt dem armen Mann, ich werde sogleich zu ihm Hinabkommen, ich habe nur hier— diesem Kranken nochEiniges zu verordnen! Hans. Einen Kranken? — Ja, kommt mir schon selber so vor, daß der reckt miserabel ist! (Zum Baron.) Na, wünsch' baldige Besserung! (Ab.) Bar. Zu wem wurden Sie denn da gerufen? Eonr. Zu einem sehr beklagenswerthen Mann. Er ist Kaufmann, bankerott in seinem Geschäfte, wie als Vater. Ein gewisser Glattner — Bar. Glattner!! (Die Hand auf's Herz drückend.) Olr, t)ue1 clouleur! Er — er ist's, dessen Tochter ich unglücklich gemacht habe. — O, wenn ick ungeschehen machen könnte, was geschehen! Eonr. Das wäre das einzige Mittel, Sie gesund zn machen. Bar. Aber halt! Etwas kann ich tbun! Ich eile zu ihm — was ich seiner Tochter versprochen, soll er haben, und mehr noch, weit mehr! O, mit meinem ganzen Vermögen kann ich ja meine Schuld nicht tilgen j Eonr. Herr Baron! Jetzt erst sehe ich, Ihnen ist noch zu helfen! Bar. (rrtreut) Lst 1l xoissilrlv? Eonr. Wenn Sie mir in Allem folgen, dann gebe ich Sie nicht auf! Bar. Verfügen Sie über Alles, was ich habe — ick folge Ihnen in Allem, aber (flehend) nur geben Sie mich nickt auf! (Ab.) Eilfte Scene. Conrad (allein). Nein, den gebe ich nicht auf! Wenn aber der Herr Baron gewußt hätte, daß der gelehrte Herr Doctor, der ihn in die Cur genommen hat, nur ein armer Commis ist, da würde er einen kuriosen Lärm geschlagen haben! Ta trifft das alte Sprichwort ein: »Huoä liest ssovi, non lioer Lovi!« zu deutsch: »Was bei Kleinen bestraft wird, bei Großen geht's an!« Lied. Ein Buberl, statt von der Schul z'HauS gleich zu laufen, Gefallt sich darin, mit den andern Dub'n z'raufen — Dem strengen Herrn Vater wird das hinterbracht, Er stebt mitm' Ochsenzehn schon auf der Wacht. Wo warft Du, heißt's, wie der den Sünder erblickt, »Ich bitt', der Herr Lehrer hat mich wohin g'schickt.« Pumps, regnet's ein' Schilling für d'Lug auf'n Herrn Sohn. Wenn ein Kleiner was anstellt, da gibl'S kein' Pardon! Doch sieht man dagegen in zahllose» Haufen Oft ganz ohne Ursach' die Völker sich raufen, Und liest die Berichte, die darüber erscheinen, Die heut' was bestätigen und morgen verneinen; 45 Dir geschossenen Breschen von allerhand Seiten, Wie's über d'vernagelten Stuck sich thnn streiten, Behauptend, sie haben es aus sichern Händen — Da nennt man's nicht Lügen, da nennt rnan's nur Enten. Doch wann's uns mit falschen Berichten sekir'n, Mit Enten von dienten die Welt allar- mir'n, Warum kriegt für d'Lug keinen Schilling der Mann? — Was bei Kleinen bestraft wird, bei Großen gcht's an! Ein kleiner Bub' hat einen Finken gefangen, Beim Fenster darauf irz ein Hänserl auf- g'hangen, Doch weil so ein Vogel geblend't besser singt, Ne glühende Nadel vor d'Augen er ihm bringt, Der Schulmeister sieht's, packt den Bub'n bei d'Ohr'n, Halt sein Unrecht ihm vor im gerechtesten Zorn, Ein Schilling ist d'rauf seiner Grausamkeit Lohn. — Wenn ein Kleiner waS anstellt, da gibt's kein' Pardon! Dock ein Mädel, ein großes, schon bei zwanzig Jahren, Zn Künsten der Coquetterie wohl erfahren, Die hat ihre Netze recht schlau ausgehangen Und d'rin einen steinaltcn Gimpel gefangen. Doch weiß sie, wenn der seine Sehkraft thät' b'halten, So würd' er's nicht lang mehr bei ihr so aushalten, D'rum wischt's ihm die Augen aus, daß's ihm übergeh'n. WaS vor seiner Nasen liegt, er kann's nimmer seh'n. Jetzt muß er nach ihrem Tact pfeifen und hupfen, Und sie thnt ihm dann erst die Federn ansrupfen — Und die kriegt keinen Schilling, weil sie das gethan — Was bei Kleinen bestraft wird, bei Großen geht's an! Ein armer Choriste im Operntheater, Seit Jahren nur monatlich fünfzehn Gulden hat er — Der kommt einmal zur Prob' um a Vier- telftnnd zu spät — Der Direktor wie ein brüllender Löw' auf ihn geht. »Heißt das bei Ihm Pünktlichkeit, Straf' zahl'n Sic jetzt, Noch einmal, so sind Ihrer Stell' Sie entsetzt! Sie werden mich versteh'n — denn Sie kennen mich sch n!« Wenn ein Kleiner was anstellt, da gibt's kein' Pardon. Doch muß man nur anschau'n die Säng'rin die erste, Was die sich erlaubt, daß vor Gall man rein berste, An Gage wild zehntausend Gulden an- g'sprechen. Dafür ist sie heiser sechsmal in der Wochen, Bei der Prob' halk's die G'sellschaft oft stundenlang für'n Narr'n. Nachher kommt's in der adorateurischen Equipage ang'fahren; Doch der geht ganz höflich der Direktor entgegen, »Mein Fräulein, ich war schon recht besorgt Ihretwegen, Sie sind doch nicht unwohl — nein? — Gott sei gepriesen — 's ist wohl schon sehr spät, doch kein Wort wegen diesem.* So führt er's am Arm zu ihrem Sessel sodann. — Was bei Kleinen bestraft wird, bie Großen geht's an! (Ab.) 46 Verwandlung. (Freie Gegend im Gebirge. Im Vordergrund eine im Schweizerstyl angelegte Meierei, von einem blühenden Garten umgeben, im Hintergrund aufsteigende waldbedeckte Berge, welche in noch weiter Ferne von hohen, schnee- bedeckten Gletschern überragt werden. Vor der Meierei rin Tischchen und ein Stuhl aus Baumstämmen.) Zwölfte Scene. Glattner. Hans. Glattn. (kommt aus der Meierei heraus). Hans (folgt ihm). Aber Herr Glattner, jetzt möcht' ich doch höflichst um ein anderes Gesicht bitten! Sein's doch nicht sogrob gegen die Natur. Glattn. Was willst damit sagen? Hans. Na ja! So ein schöner Morgen, die ganze Natur grüßt Sie so freundlich, da ist cs doch Pflicht der Höflichkeit, daß Sie der Gegend auch ein bisserl freundlich zulachen. Glattn. Ja, ja, die Natur meint's gut, sie reicht jedem gebrochenen Herzen ihren Balsam, wenn er nicht bei jedem wirkt, so ist's nicht ihre Schuld. (Setzt sich an daS Tischchen.) Hans (für sich). Aha, er bringt mich selber auf das Capitel! — Ich muß ihn ein wenig vorbereiten! (Laut.) Sie denken an Ihre Tochter, das Fräulein Minna? Glattn. An das Fräulein Minna, ja! Eine Tochter habe ich nicht mehr. Darum nichts mehr von ihr, ich bitt' Dich! Hans (sich abwendend). Nichts mehr von ihr — ja wegen was sonst Hab' ich Sie denn da herausgebracht? (Sieht in die Scene.) Ha! Glattn. Was ist Dir? Hans. Nichts! Eine Gelsen hat mich gestochen! (Für sich.) Da — da kommt sie her! O mein Gott! Und er ist noch nicht recht vorbereitet! (Aengstlich hin- und her- rennend.) Was fange ich denn an? Wann ich ihm's sag', lauft er am End' davon! Glattn. Was ist Dir denn? Hans. Mir— (Verlegen.) Ichich weiß nicht, ich Hab' so ein Wurl'n kriegt in allen Gliedern — (vor Verlegenheit und Freude beinahe hüpfend) ich muß hupfen, springen! Glattn. (aufstehend und zu ihm tretend). Aber alter Hans, faß' Dich doch! Hans (für sich). Da ist's! (Laut.) Ich — ich mich fassen? Jetzt zeigen Sie, daß Sie sich fassen können! (Zeigt in die Scene.) Da, da —! Glattn. (blickt ebenfalls in die Scene, schreit laut auf und taumelt bis zu seinem Sitz zurück). Ha, mein Gott! HanS. Ist das Fassung? Dreizehnte Scene. Vorige. Minna. Conrad. Baron. Minna (jn eistem einfachen Morgenkleide, ein Päckchen Papiere in der Hand, eilt herbei und sinkt weinend zu den Füßen ihres Vaters nieder). Vater, mein Vater! Conr. (noch als Arzt gekleidet, erscheint mit dem alten Baron auf einer Anhöhe mehr im Hintergrund). Glattn. (daS Gesicht von ihr abwendend). Du hier? Ah, darauf war's abgesehen — deßhalb hat mich der Alte überredet, da herauszufahren? (Streng.) Hans, auch Du hast mich betrogen? Hans. Betrogen? Ich habe Ihnen gesagt, ich führe Sie wohin, wo Sie eine schöne Aussicht haben werden — gibt's denn a schönere Aussicht, als die auf eine Versöhnung zwischen Vater und Kind? Minna. Vater, hören Sie mich! Glattn. Was willst Du bei mir? Vielleicht, daß ich Dich wieder zu mir nehme, das ist nicht möglich, es fehlt an Platz, meine Wohnung ist ein einziges Kammerl, enge und dunkel, wie's der braucht, der um seine Ehre gebracht, sich vor dem Anblick der Leute verstecken muß. Minna (sich erhebend). Vater,' ich habe Sie ausgesucht, um Ihre Ehre zu retten! Glattn. Du? Du? Minna. Um Ihnen die Mittel zu geben. Ihre Verpflichtungen zu erfüllen, hier — (Gibt ihm das Packet.) Glatt, (öffnet eS, wirft einen Blick hinein, fast erschreckt). Geld? Banknoten! (Das Geld entsinkt seiner Hand.) Hans (eilt hin und hebt eS auf). Aber so geben's doch Acht! Lauter Hunderter? Sie sind doch echt? — Ja, ja, gediegenes Papier! Glattn. Und so viel Geld bringst Du mir? Wie kannst Du das erworben haben? Mit dem Verkauf deiner Ehre! Geh, geh, behalte Dir den Preis! Minna. Vater, Sie müssen mich anhören! — Nicht meine Ehre! (In Thränen auSbrechend.) Mein bebensglück habe ich für Ihre Rettung geopfert — ich bin verheiratet! Glattn. Verheiratet? Hans. Verheiratet, ah, das hatte ich Ihnen nicht angesehen. Glattn. Mit wem? Mil wem? Minna. Ich kann's Ihnen nicht sagen! Glattn. Dann ist's auch nicht wahr! Du hintergehst mich! Baron (ist mit Conrad vorwärts gekom- men und tritt zwischen Glattner und Minna). Sie spricht die Wahrheit! Ich kann's bezeugen ! Glattn. (erstaunt.) Wie? Sie, Herr Baron? Bar. Ja, auf meinen Rath vermalt! Glattn. Mit wem? Mit wem? Bar. (leise zu Conrad). Was soll ich sagen? Kann ich ihm entdecken, daß der Fripon, der Jonas! — Conr. (leise). Nein, der ist's nicht! Bar. Oommsvt? Wer denn? Conr. Jetzt ist der Augenblick erschienen, wo ich Sie heilen kann, für immer — Geben Sie Ihr Ehrenwort, haß Sie Alles vergeben, was nur zu diesem Zwecke geschehen? Bar. Nu parols! — Aber, wer ist's? Conr. Hier kommt Minna's wirklicher Gatte! ^Vierzehnte Scene. Vorige. Eugen. Z (Baron. Oornment, mon Ll8? ^ ! Minna. Eugen? A s Glattn. Der junge Baron? Bar. Mein Sohn ihr Gemal?^amai8! Conr. (leise). Ihre Cavalier-Parole!' Bar. II kaut kaire Konus nrins an mauvam^su! (Laut.) Luüo, M68 6nkants! Kommt her — ich will Euch segnen! Conr. Jetzt sind Sie geheilt — in Ihre Brust zieht neue Jugend ein! Bar. Ja, ich fühl's, Kinder, an mein Herz! Glattn. Die Ehre meiner Tochter gerettet! Minna, zu mir! Hans. Halt, sie kann sich ja nicht zerreißen! Lassen Sie mich das Tableau arran- giren! (Zu Minna.) Sie — an das Herz! (Legt sie Gugen an'S Herz ) Sie, (zu Glattner) an das Herz — (führt ihn zum Baron) und ich an das Herz von dem da! (Fällt Conrad um den Hals) Conrad, Du bist ein lieber Kerl! i Glattn. Was höre ich, Conrad? Bar. Mein Arzt? Conr. (seine Verkleidung wegwerfend). Der Sie curirt hat, nach dem Necept, das mir — (auf Eugen und Minna weisend) die Liebe und — (Glattner'S Hand erfassend) die Dankbarkeit dictirt haben. Der Vorhang fällt. Ende. Äon Friedrich Kaiser sind bei uns erschienen:' Männerschönheit. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit Titelkupfer. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8- geh. 14 Sgr. oder 75 Nkr. Eine Posse als Medici n. Originalposse mit Gesang in 3 Acten. Mit allegorischem Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Fürst. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischen Bilde 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Mönch und Soldat. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 6. geh- 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Der Rastelbinder, oder: 10,000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titel- bilde. 8. geh. 15 Sgr- oder 75 Nkr. Junker und Knecht. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Acten. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. De- Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Dienstbotenwirthschaft, oder: Chatoulle und Uhr. Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Doctor und Friseur, oder: die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 Acten. Zweite Auflage. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr. Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Ein neuer Monte-Christo. Original-Characterbild in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr- Die Frau Dirthin. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Etwa- Kleine-. Characterbild mit Gesang kn 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr- Zwei Testamente. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Unrecht Gut. Characterbild mit Gesangin 3 Acten und Vorspiele 12 Sgr. ^oder 60Nkr. Don Friedrich Kaiser erscheinen demnächst: Eine Feindin und ein Freund. — Ein Lump. — Verrechnet. — Jagd-Abenteuer. —Palais und JrrenhauS. Ein (Den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt.) Nur keine Protection. Posse mit Gesang in zwei Arten von Anton Bittner. Aufgeführt am k. k. priv. Carltheater in Wien. Personen: Techniker. Herr v. Stahlfels. Central-Director einer Privat-Sisenbahn-Gesellschaft. Herr v. Wüstbach, provisorischer Director. Aurelia, seine Gemalin. Egidius Fuchs, Ignaz Hecht, Koller, Greißler. Klara, seine Frau. Rosa, seine Tochter. Frau Muschel, WohnungS-Vermietherin. Frau v. Morlin g. Altl. Spaziergänger. Herren Bresselmayer. > Biegler, / Haserl, i Stängel, ) Ein Portier. Ein Mädchen. Eine Köchin. Ein Lehrling. Michel, ein Knecht. Erster Bedienter. Zweiter Bedienter Eine Alte, und Damen. Kinder. Beamte bei der Eisenbahn Ort der Handlung: Eine Residenz. (Der zweite Act spielt um ein Jahr später als der Erste.) r Erster Act. (Aermliche Dachstube mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren.) Erste Scene. Frau Muschel (kommt aus der Mitte, einen großen Einkaufskorb tragend). Neun Uhr! Die ganze Welt ist schon auf den Füßen, nur meine zwei Zimmerherrn nicht! Die liegen sicher noch im Bett und schlafen, um's Frühstück zu ersparen. (Blickt durch's Schlüs- sellock in die Seikenthür.) Ah, ich Hab' mich getäuscht! Der Herr Egidius Fuchs, der Haupthallodri, der Tag- und Nachtschwärmer, raucht heut' schon seine lange Pfeifen, und der Herr Ignatius Hecht, der Ordentliche, der Solide, sitzt bei seinem Schreibtisch und arbeitet. — Er steht auf, — er macht einen Gang durch's Zimmer — kommt vielleicht heraus, da muß ich gehen; denn daß ich neugierig bin und in aller Früh schon durch die Schlüssellöcher guck, das soll mir Niemand nachsagen; auch Hab' ich noch Vieles zu thun. — O Gott, was muß noch Alles ausg'richt wer'n! (In die Seitenthür links ab.) Zweite Scene. 3gnaz Hecht (schwarz angezogen, ärmlich aber nicht zerrissen — sein Aussehen ist mager und hager, die Haare trägt er schlicht gegen die Ohren zurückgekämmt. Er hält ein Manuskript in der Hand.) Entree-Lied. In Wien sein billig die Quartier, Drei Gulden braucht der Mensch nur hier, Man kauft sich eine Crinolin, Und ganz commod logirt man d'rin, Und d'Kost, um sechzehn Kreuzer neu, Kriegt man Mittags der Speisen drei; Nahrhaft sind's auch, das muß man sag'n, Acht Täg lang liegen's Ein'm im Mag'n, Das sieht doch Jedermann gewiß, Daß es in Wien sehr billig is. Noch billiger kommt Dem die G'schicht, Der Schulden macht und zahlt sie nicht, Der kriegt umsonst Quartier in Wien, Und obendrein verköstigens ihn! Gar Vieles ist umsonst zu haben, Geht man am Kohlmarkt und Graben, Kriegt man zu schenken, welch' ein Glück, Gar manchen zarten LiebeSblick. Da sieht doch Jedermann gewiß, Daß es in Wien sehr billig is. ' Beim Praterfest da hat man g'seh'n, Die Billigkeit 's wird 's Jeder g'steh'n, Da zahlt man fünfzig Kreuzer neu, Und hat den ganzen Prater frei! Wie kleidet sich das Mädel nett, 'S ist eine Dame vom Ballet, Mit sieben Gulden Monatsgag' Halt sich das Kind ein' Equipag'. Da sieht doch Jedermann gewiß, Daß es in Wien sehr billig is. In Wien ist sehr billig. Wie wär' es sonst möglich, daß Unser Einer als technischer Amtspractikant mit zwölf Gulden monatlichen Diäten so famos leben kunnt. — Einschränken muß man sich freilich, aber das thut man ja gern, wenn man halbwegs ein genügsamer Mensch ist. Ich lebe in neuerer Zeit nur von der Liebe, und brauch' in Folge dessen so wenig, daß ich mir selber beinahe überflüssig bin, ich möcht mich gern wegschenken an die saubere Greis- lerstochter drüben vom Eck, aber ich fürcht', das Mädel bedankt sich für das Präsent, und nimmt mich am Ende ebensowenig, wie der Herr Theater-Director dieses mein sünfactiges Trauerspiel genommen hat, welches ich in meinen frercn Stunden gedichtet, und worin ich meinen tiefen Seelenleiden Luft gemacht habe. Gern hätt' ich auf der Bühne meine tragischen Liebesqua- len abgespiegelt gesehen, aber— daS Stuck spielen's nicht. — Dritte Scene. Voriger. Egidius Fucks (von rückwärts kommend, mit einer langen brennenden Pfeife) Fuchs (rauchen^. Freund Ignatius, was haben Sie denn für eine traurige Physiognomie? — Sie machen ja so ein langes Gesicht, als ob Sie die spanischen Staatsschulden zu zahlen hätten?— Hecht. O Gott! Mir machen meine Deficite schon genug Skrupeln. Fuchs. Kommen Ihnen die spanisch vor? — Hecht. Ich Hab' deswegen die ganze Nacht nicht schlafen können. Fuchs. Wie hoch belaufen sich denn Ihre Passiva? — He che. Auf siebzehn Gulden dreißig Kreuzer. Fucht. Und wegen dem können Sie nicht schlafen? Da bin ich mehr schuldig und werde nicht munter. — So viel bekommt allein der Hausmeister von mir. — Hecht. Gott sei Dank, der kriegt von mir nichts. Fuchs. Ich werde Ihnen einen guten Rath geben. Rufen Sie Ihre Gläubiger zusammen, erklären Sie denselben, daß Ihnen ganz hambnrgerisch zu Muth ist, und daß Sie auf dem Punkt stehen, Krida zu machen. — Hecht. Das trau' ich mich nicht. — Fuchs. Das ist aber das Modernste! Das Concursmachcn kommt gleich nach den Erinolinen und gehört in die Periode der letzten Versuche. — Haben Sie ordentlich fallirt, dann kaufen Sie sich von dem Ueber- ssuß eine noble Equipage mit ein paar goldenen Bedienten, und begegnet Ihnen aus der Gaffe ein ehemaliger Gläubiger, so führen's ihn z'samm'! — Derlei Leute, die Einem Geld geborgt haben, verdienen keine andere Behandlung. Hecht. So was würd' ich mich nie unterstehen. Fuchs. Aber Sie trauen sich doch gar nichts zu unternehmen. — Mich wunderts, daß Sie die Courage g'habt haben, auf die Welt zu kommen?— Mit einem Wort: Sie müssen nicht so schüchtern sein; — dem Kecken gehört die Welt! Die Bescheidenheit ist ein Damenhunderl, das sich hinter den Polster verkriecht, nicht rührt, nicht mukst, selbst wenn's auch hinauftreten wird; — anders ist's mit der edlen Keckheit; die gleicht einem Kettenhund, der sich losreißt von seinem eisernen Cravatel — und wehe Dem, der dem Sultel dann in die Nähe kommt, er wird abg'fangt, und hat er keine gute Wadelwattirung, so ist er verloren. Hecht. Sie glauben also? — Fuchs. Daß Sie sich zum menschlichen Sultel qualificiren müssen! »Huß! huß! — Beiß' z'samm', leid's nicht!« das muß Ihre Losung sein. — Mit dieser Schüchternheit werden Sie auch bei den Damen kein Glück machen. Hecht. Der große Goethe sagt: »Komm' den Weibern zart entgegen, du gewinnst sie auf mein Wort.« — Fuchs. »Doch wer keck ist und verwe- gen, kommt fürwahr noch besser fort.« — Das hat er auch gesagt, und der alte Goethe der muß's g'wußt haben. Der alte Göd. Hecht. Er sagt aber auch: »Wer sich bei Weibern gar nicht rührt — « Fuchs. »Der beleidigt und verführt!« —Also ein Solcher wollen Sie werd'n? O Sie Hauptschnipfer. — Hecht. Ich kann Ihnen sogar das Geständnis machen, daß ich bei den Damen ein sehr beliebter Artikel bin. Fuchs. Ah hören's auf! Hecht. Ich Hab' auch eine eigene Manier mit Frauenzimmern in Berührung zu kommen. Fuchs. Sie treten's vielleicht auf die Hühneraugen? Hecht. Das wär' unartig! Ich mache es anders! Ich geh' ihnen auf der Oasse nach, und wenn mir Eine gefällt — was sich oft ereignet— so sag' ich: »Fräulein, Sie müssen sich wo angelehnt haben, Sie sind rückwärts aus der Achsel ganz weiß, Sie erlauben schon —« dann staub ich sie mit dem Schnupftuch ab. Daß sie weiß ist, mach' ich ihr weiß, und weil sie nicht weiß, ob sie weiß ist, muß sie sich bei mir bedanken; ich sag' dann : »o ich bitt' — es ist gern gescheh'n«— und die Bekanntschaft ist gemacht. — Fuchs. Diese Manier ist so einfach wie ein Stiefel, der nicht doppelt ist. Hecht. Vor einem Monat erst Hab' ich wieder das Erperimcnt gemacht; es ist mir aber Iheuer zu stehen gekommen — ich Hab' dabei mein Herz verloren! Fuchs. Die Leber aber nicht?— Und wer war dann die Auserwählte? Hecht. Da vom Eck', die schöne Gretßlers- tochter! — Fuchs. Also UQ6 LIIs äu proletaire? Hecht. Ein sehr gebildetes Madel. Fuchs. Nicht anders möglich; wenn man, wie sie, immer Umgang mit'n Rindschmalz hat, muß man sich doch schließlich eine Bildung angewöhnen. Mit was man umgeht, das hängt Einem an. Hecht. Sie spricht französisch, si spielte sogar Clavier. Fuchs. Mit die fetten Finger — das muß gehen wie g'schmiert, und haben Sie dieses zarte Wesen seit der Zeit schon öfter gesehen? — Hecht. Täglich dreimal geh'ich bei ihrem Gewölb vorüber und seufz' sie an, sie seufzt retour, und so lieben wir uns schon seit vier Wochen. Fuchs. Ganz »Eduard und Kunigunde.« Und haben Sie statt zu seufzen nie mit ihr gesprochen? — Hecht. Nein! — Einmal Hab' ich wollen zu ihr in den Laden hineintreten um ihr auf Französisch zu lispeln: lVlaäsrnoiselle la lxrnte, ckonner mol un Salzstange!.« — Aber ich Hab' mich nicht getraut. F^chs. Nein — was Sie für ein kecker Mensch sind. — Jetzt aber sagen Sic mir, was soll aus diesem Liebestechtelmechtel werd'n? . Hecht. Ich hal? einen Plan. Der Herr von Wüstbach, Director der neuen Eisenbahn-Gesellschaft, sucht mehrere Ingenieure, bei dem mach' ich heute meine Aufwartung, und gelingt es mir, eine solche Stelle zu erhalten — Fuchs. Dann heiraten Sie die Greis- lerstochter! — Und haben Sie Hoffnung? Hecht. Freilich! — Ich bin ja mit den besten Zeugnissen versehen! — Fuchs. Was haben Sie sonst noch? — Hecht. Alles, was nothwendigist; einen schwarzen Frack — Fuchs. Um als bittwerbender Eoncur- renzpudel aufwarten zu können? Recht schön! — Besitzen Sie aber auch das Unentbehrlichste von Allem? — Hecht. Und das ist? — Fuchs. Protection! — Hecht. Nein! — Fuchs. Dann kaufenSiesich eineVioline und lassen Sie sich mitJhren kühnen Ideen auf eine Airstellung Heimgeigen. Hecht. Sie glauben — Fuchs. Protection ist ein Blitz, der stets cinschlägt, und Derjenige, welcher so glücklich ist, von ihm getroffen zu werden, der hat's troffen, ^protection ist das transatlantische Kabel, welches Verbindungen anknüpft zwischen zwei ungleichen Polen. Protection ist ein Dampfer, der selbst das größte Genie in's Schlepptau nehmen muß; denn mit der eigenen Pserdekraft reicht der Mensch nicht ans, um cs vorwärts zu bringen. — Hecht. Aber ich denke — Fuchs. Das auch noch?— dann sind Sie ganz verloren! Und wissen Sie, wer die größten Protectionsrollen in der Welt spielt? — Hecht. Nun? — Fuchs. Eine volle Geldbörse! — Diese ist die Frau Hausmeisterin, die alle ver- schloffenenHerzen öffnet, die den Schlüssel, hat zu allen Thüren nnd Thoren und hat man keine gefüllte Brieftaschen, so suche man eine Stellvertreterin! Hecht. Erlauben Sie, ich habe andere Ansichten! Der Fleiß, der redliche Wille, das ehrliche Streben eines Menschen, muß ihm Anerkennung verschaffen! Mein Glück will ich nur mir verdanken, mein Wahlspruch soll stets sein: »Nur keine Protection!«— Fuchs. Dann sind Sie mit achtzig Jahr noch Practicant—das heißt— wenn Sie es nicht verziehen, sich als Bettelmann zu etabliren, und sich so eine ruhige, sorgen- freieZnknnft zu gründen.— Doch, damit Sie aus dem Irrgarten der Verzweiflung her- auskommen, so mach' ich Ihnen einen Vorschlag. — Hecht. Und der ist? — Fuchs. Gehen wir einmal zur Greiß- lerischen und fragen Sie das Mädel, ob Sie sie mag? — Hecht. Aber ich werd' doch nicht so keck sein? — Fuchs. So werd' ich statt Ihnen wirken. Hecht. Ich möcht' zwar selbst gern — aber ich fürcht', daß mich die Rosa abweist! — Fuchs. Dazu dürfen Sie's gar nicht kommen lassen; Sie müssen sich auf die Hinterfüß' stellen. Sie haben doch welche? Hecht. Nein! — Fuchs. Dann sind Sie verkehrt gebaut, oder die Naturgeschichte hat von Ihnen ein unrichtiges Porträt herausgegeben;—eine Eselei bleibr es immer. — Hecht. Ich fürcht', daß wir von ihrem Vater bei der Thür hinausgeworfen wer. den? — Fuchs. Das macht nichts, vis-ä-vk von seinem Gewölk wohnt ein Barbierer, und gelingt der große Wurf, so fliegen wir als schwerverwundete Kundschaften in die Officin, und können uns da gleich kuriren lassen. Also vorwärts, courageloser Jüngling— und nehmens Ihr sünfactiges Theaterstück, das Sie geschrieben haben, mit, das soll uns bei der Rosa ihrem Vater eine freundliche Ausnahme verschaffen. — Hecht. Aber der ist ja kein Theater« director? Fuchs. Das macht nichts! Ein Greisler kann derlei Trauerspiele oft besser verwenden; — das ist auch ein Glück; denn wenn jede Tragödie zur Aufführung geeignet wäre, in was, frag'ich, thät man denn den Brim- senkas einwickeln—? —Also, Freund Ignatius! ^I1oN8! — Arm in Arm mit Dir zur Greislerstochter, und mit Worten, Thaten und Gedanken fordern wir's Jahrhundert in die Schranken. (Hängt sich in Hecht ein, welcher sich sträubt, und zieht ihn mit Gewalt und großen Schritten durch die Mitte ab.) Verwandlung. (DaS Innere eine- GreißlerladenS.) Fünfte Scene. Koller. Klara (von der Seitenthüre). Klara. Na, Alter, bist da? Ich Hab' Dich schon durch's kleine Fensterln kommen sehen —ich Hab' mich aber nit glei' heraustraut, Du machst heut' so a böses G'sicht! Koller. Kann ich anders? Mich wundert überhaupt, daß ich noch eine Physiognomie besitz. Klara. Also was ist's denn? Koller. Die Eier- und Schmalz-Börs' auf der Seilerstätt' behauptet heut' so hohe Curse. Klara. Und was ist die Schuld? — Koller. Soviel ich g'hört Hab', soll in Paris eine Köchin mit einer Wasserbutten niedergefallen sein. Und dieses Ereigniß wirkt hier steigend ein. — Man kann gar nichts mehr kaufen, wir gehen nächstens Alle z'Grund — und wenn ein Greisler, der so Diele ernährt, nichts mehr zu essen hat, und heruntersinkt bis zum deutschen Schullehrer, dann Adieu, Europa! — Klara. Wie steht's denn mit der Butter? Koller. Große Nachfrage; ein Wirth von der Jägerzeile kauft siebzehn Cr«ditstri- tzeln, und durch diese gähe Kaufswendung stieg das Pfund um vier Kreuzer neu! — Klara. Und 's Rindschmalz? e Koller. Fest und beliebt! Man notirt das Pfund Pardubitzer um Einen Gulden zweiunddreißig Kreuzer. Klara. Und die Eier? Koller. Flau! — gedrückte Tendenz! Vier Stück von der Nordbahn sieben Kreuzer. — Ist während meiner Abwesenheit z'Haus nichts vorgefallen? Klara. Nein.— Koller. Wo ist unser Kind, dieRosel? Klara. In der Kammer! Koller. Was macht sie da? Klara. Sie füttert ihren Kanarie! — Koller. Das verbiet' ich ihr! Klara. Und warum? — Koller. Der Pomeranzengelbe mit dem schwarzen Schöpfer! ist ein Mandel — und ich will, daß sie selbst den entferntesten Umgang mit dem andern Geschlecht vermeide. Klara. Aber — Koller. Still! Bin ich der Vater von unserer Tochter oder Du? — Ich bin's, und als solcher muß ich, selbst wenn ich schlafe, über sie wachen. In's Gewölb darf sie auch, wie ich schon g'sagt Hab', nur sehr selten kommen. Na ja, kaum sehen's die Stutzer, so stürzen's in den Laden; der Eine will Dös, der Andere Das, und doch möcht Jeder ganz was Anderes, als er kauft; auf mein Madel is abg'sehen, die Cour wollen's machen, verliebte G'schichten in Kopf setzen, und die Eltern über'n Daum drehen — Klara. Na, na, denk' nur nicht gleich 's Aergste. Koller. O Gott, eS ist ein Unglück, der Vater einer hübschen Tochter zu sein! — Ich wollt', mein Kind wär' lieber als Pa- strana auf die Welt kommen. Klara. Aber — Koller. Meine Affenlieb zu ihr wär' vielleicht dann gerechtfertigt. — Ich Hab' das Madel so gern — deshalb bin ich so besorgt. — Klara. Ich auch, aber sie gänzlich von der Welt absperren, das darf man doch nicht. Sie ist in denIahren, wo man sehen muß, daß sie bald einen Mann kriegt. — Man muß schauen, daß sie entweder hier in der Stadt oder auf dem Land eine gute Partie macht. — Koller. Hier muß sie sein, in der Residenz, — für Landpartien ist meine Tochter nicht geeignet. — Jetzt geh' und schick' mir die Rosel her, ich werde ihr einige väterliche Ermahnungen geben und 's Rindschmalz, daß sie 's in den Keller tragt. Klara. Aber — Koller. Widersprich mir nicht — thu', was ich Dir sag' — oder Klara. No, no. no, geh' ja schon! — Du bist heut' wieder ein rechter — Koller. Was? — Klara. Ein alter Brummbär — so ein — hum, hum! (Geht brummend rechts ab.) Sechste Scene. Koller (allein, lachend). Das macht sie gut! ich Hab' glaubt, ich hör' mich ordentlich selber, so vortrefflich brummt's, 's is auch kein Wunder, daß Sie's g'lernt hat: seit zwanzig Jahren mach'ich's ihr ja täglich vor. — Siebente Scene. Voriger. Lehrjunge. Lehrj. Herr Greißler — Koller. Was gibt's! Lehrj. Ich möcht' gern ein klein'S Maßel Mundmehl und um ein'n Groschen Kienruß. — Koller. Soll ich's in ein Papier zusamm geben? Lehrj. Na san's so gut. da könnten wir nachher gleich mit'n Milirahmstrudel den Ofen putzen. — Dann geben's mir drei Pfund Kerzen. Koller. Zu was braucht's denn die? Ihr habt's ja die Gasbeleuchtung? Lehrj. Das schon? Weil die eben so wenig Licht gibt, so wollen wir zu jeder Gasflamme zwei Kerzen anzünden, daß wir doch endlich einmal sehen, wie schlecht sie brennt. — (Wiegt das Mehl in der Hand.) 7 Heut' Habens aber wieder schlecht gemessen, das ist um ein Achtel wenigstens weniger! Pstrt Gott! (Durch die Mitte ab.) Koller (allein). Der Bua kennt mich! Aber es muß sein, denn das ist der einzige Profit, den wir haben. Weniger hergeben und mehr rechnen, das ist das Element unserer Existenz! Achte Scene. Voriger. Eine Köckin (Böhmin). Köchin. Grüß Jhnens Gott, Herr Greißler! Koller. Ah die schöne Köchin vom ersten Stock, die kleine Ezaslnuerin. Was kriegens denn? — Köchin. Gnädiges Frau meiniges laßt mochen Empfehlung ihriges, und Sie möck- tens sein so gut, und schicken ibr af Burg noch ane Butten Holz — sie hote jetzt kan klanes Geld. — Koller. Und a groß's vielleicht auch nicht! — Köchin. Freili nit! Aeltere Tochter ste- bendreißigjähriges is eben furt mit Bünkel unsinnige in Amt versetzerisches afDorothea- gaffen, um losten seidenes Kleid da zu stu- diren. — Koller. Wenn's nur recht g'scheidt wird! — Köchin. Gnädiges Frau laßt Ihne sagen, möchtens gut zählen, daß nitwieder fehlen siebzehn Stückl Holz wieLctztemal! — Koller. Was? Glauben's bei mir wird betrogen? Das gibt's nit! — Doch daß Sie sehen, meine liebe Babuschka, wie ehrlich als eS bei mir zugebt, so zähl' ich Ihnen die fünfzig Stückeln vor Ihren Augen in die Butten. (Nimmt stückweis während dem Zäh- len das Holz in die Hand und wirst eS in die Butten.) 1, 2, 3, 4, 5, —wie vielUhr ist's denn schon, meine liebe Köchin? — Köchin. Achte! — Koller. Schon so spät? Wie die Zeit vergeht, schon achti — (Holz zählend hinein- werfend). 8, 9, 10, 11, 12, — wie viel Stückel Holz hat Ihre Frau gesagt, daß's Letztem«! g'fehlt haben? — Köchin. Siebzehn! — Koller. Da muß ich mich rein verzählt haben — na, das ist auch möglich — aber gleich um siebzehn (zählt weiter) 17, 18, 19, 20, wissen's was ein Greisler, der so niederträchtig betrügen thät, verdient? — Köchin. No? — Koller. Alle Tag fünfundzwanzig! ja, ja, die müßt er kriegen! — Täglich fünfundzwanzig! — (Holz zählend.) 26, 27, 28. 29. Sagen's mir, Ihre älteste Fräule muß wenigstens schon ihre dreißig auf'n Buckel haben? — Köchin. O, is me noch ältere um sechs Jvhr — Koller. Also schon siebenunddreißig — das ist aber doch. — Ja einem Frauenzimmer sieht man halt die Jahre nit so an, jetzt ist die schon siebenunddreißig (zählend) 37, 38. 39, na ja 's is möglich, bin ich ja schon dreiundvierzig! (zählend) 43, 44, 45, in sechs Jahrein bin ich dann 49 noch eins (wirft in die Butte ein Stück Holz) und der 50ger ist voll! So! — he, Michel! — Die Butten Holz kommt zur Frau v. Stiermandel! Richtig zählt ist's heut' — vor Ihren Augen — nit ein Stück! fehlt — (bei Seite), außer die, die abgehen! — Köchin. Na, heut' Hab' ich selbst sehen, daß me haben nit zu wenig geben — und wenn Gnädige wieder sagt: fehlte Stückel Hulz, so mach' ich Spectakel — zatrazehni, daß sie sieht, Babuschka ist Köchin, wos me hat Maul auf rechten Fleck.—B'hüt Ihne g'snnd! — (Mit Wickel, welcker die Buttest Holz auf den Rücken nahm und ihr folgt, durch die Mitte fort.) Koller (allein). Bleibens Gott! Hahaha! So muß man's machen, sonst kommt man zu nichts. Die Gnädige ist mir schon zehn Butten schuldig, — a paar disputirt's mir immer ab, und um damit mein Geld nicht zu verlieren, muß ich's auf die Manier d'rankriegen. Neunte Scene. Voriger. Rosa (von der Seitenthüre). Rosa. Lieber Vater, kann ich Tir etwas helfen? Koller. Vor der Hand nicht. Ich möcht zuerst mit Dir a bissel plauschen. (Bei Seite.) Wie bring' ich's ihr nur bei? Hab's schon. (Laut.) Rosa, daß diese Welt von verschiedenen Wesen bewohnt ist, das weißt Du? Rosa. Natürlich! Das Hab' ich ja schon in der Schul' g'lernt. Koller. Desto besser! Diese Wesen theilt man in zwei Geschlechter ein, in Mandeln und Weibeln. — Rosa. Aber Vater — Koller. Unterbrich mich nicht! Bei Menschen ist das Männchen besonders in ausgewachsenem Zustand sehr gefährlich, und vom sechzehnten Jahr bis in's dreißigste bedeutend zu fürchten. Diese Mandeln sind in jedem Klima heimisch — am Graben ebenso gut wie am Kohlmarkt — kurz in allen Gegenden, wo hübsche Mädeln, die sogenannten Weibeln, sich befinden, halten sie sich gern auf — hast Du mich verstanden? Rosa. Mir scheint! — Koller. 3ch will nicht hoffen — Rosa. Daß mir Einer g'fallt? Ja wohl, lieber Vater, ich sehe ihn sehr gern! — Koller. Wen? — Wer ist dieser. »Ich sehe ihn sehr gern?* Bei was für ein Regiment dient er? — Rosa. Bei gar keinem! Er ist Civilist! Wer er sonst ist, weiß ich gar nicht, denn ich kenn' ihn nur vom Sehen aus;— er ist lin junger Mann, sehr schüchtern, und hat nicht einmal die Courage mich zu grüßen. Koller. Also hat er Dir noch keine Liebeserklärung gemacht? Rosa (seufzt). Nein. Koller. So ist also noch nichts vorgefallen, was lebenslängliche Folgen haben könnte? Kein Händedruck, kein Bussel? Rosa. Aber Pater, wie wäre denn das denkbar? Zwanzig Schritt vom Gewölb entfernt, geht er vorüber, und auf so eine weite Entfernung kann man sich doch nicht küssen? — Koller. Ich glaub nicht!—Was wird denn aber aus dieser Bekanntschaft werd'n? Rosa. Eine Liebschaft. Koller. Und aus dieser Liebschaft? Rosa. Eine Heirat — Koller. Und aus dieser Heirat? — Rosa. Der glückseligste Ehestand, den' s auf dieser Welt nur geben kann. Ich weiß, Du hast mich gern, und sollt ich einmal zu Dir sagen: »Vater! Schau Dir den jungen Mann an, der ist's, den ich heiraten möcht' — was thäst Du mir d'rauf antworten?« — Koller (ausweichend). Gib' mir ein Bus» sei! mehr kann ich jetzt nicht sagen. — Rosa. Du würdest antworten: Rosel, glaubst Du wirklich, mit dem, den Du Dir ausg'sucht hast, glücklich zu werden, so nimm ihn, ich gib Dir dazu meine Einwilligung und meinen Segen! Nicht wahr, lieber Vater, das wär' dein Ausspruch! — Koller. Nun ja, aber — Rosa. O Du mein lieber guter Vater (Stürzt in seine Arme ) Zehnte Scene. Vorige. Fuchs, Hecht (beide mit Meßtischen, Fahnen und Ketten treten auf). Fuchs (zu Hecht). Ha! Eine Umarmung! Familiendruckerei! Hecht (leise). O wär' ich in dem Augen» blick ihr Papa! — Fuchs. Still sein! Kein Wort reden, sonst ist Alles verloren. (Vortretend.) Entschuldigen Sie — Koller. Was gibt's? Fuchs. Einen unerwarteten Besuch! Ich und dieser junge Mann (deutet auf Hecht). Rosa (schreit, als sie Hecht erblickt, laut auf) Ah! — Koller. Was hast denn? Rosa (verlegen). Nichts! 9 Koller. Du hast ja geschrien? Fuchs. Das Fräulein ist erschrocken über eine Gelsen, die so keck war, sich mit ihrer Nasen in ein Duell einzulaffen, und ihr einen Stich zu versetzen. — Ich hab's g'sehen, g'rad ist's fortg'flogen. — Koller. Ist das wahr? — Fucks. O diese Thiere sind gräßlich! Im Prater ist neulich gar ein Herr von ihnen aufg'fressen word'n; — nichts ist übrig blieben von ihm, als eine halbe Bier. — Koller. So! Doch was wünschen Sie, meine Herren? Mit wem Hab' ich die Ehre? Fuchs. Wir sind steinere Schnürleib- hinwegnehmer. Koller. Was? Fuchs. Vindobonazusammeureißer! — Architektonische Balbierer, weil die Basteien von uns rasirt werden. Koller. Aber-was haben Sie in meiner Wohnung zu thun? Fuchs. Demolirungspläne aufzunehmen: denn dieses Gewölb' wird nächstens von den Slowaken mit Schaufeln und Hacken zusammgerissen. Koller. Was, mein Laden? Fuchs. Wird wie das weiland Rothen thurmthor unsichtbar gemacht; wo wir jetzt stehen, wird in Zukunft der Naschmarkt Missisippi sein Beet aufschlagen. Koller. Was, der soll durch mein Quartier lausen? Fuchs. Aufzuwarten! Koller. Da dank' ich! Fuchs. Wir werden gleich anfangen! (Klopft Hecht welcher immer nur auf Rosa sah auf die Achsel und bedeutet ihm durch verfüge- dene Gebeiden, er möchte den Meßtisch aufstellen und zu arbeiten beginnen.) Hecht (antwortet durch mimische Zeichen, daß er gleich Alles in Ordnung bringen werde). Koller. Erlauben's, warum telegra- phiren's deun? Fuchs. Weil mein Compagnon keinen andern Dialog versteht. Koller. Kanu er nicht deutsch? Fuchs. Er spricht gar keine Sprach'. Koller. Was? Bellt er vielleicht? Fuchs. Nickt einmal das — er hat das Unglück, taubstumm zu sein. Koller (mit Theilnahme). Ach bören's auf — so jung noch und schon taubstumm? Fuchs. Ja, der kann's noch weit bringen in dem Fach. — Koller. Aber warum hat er denn das nicht gesagt, daß ich — Rosa. Aber Vater! Koller. Ja so. — Taubstumme hören, glaub' ich, das nie, was sie nickt reden. Fucks (leise zu Heckt). Jetzt werd' ich Hofzinser spielen und den Alten auf ein paar Minuten verschwinden lassen, damit wir mit der Rosa — (Steckt eine Fahne mit der daran befindlichen Kette in den Boden und deutet Heckt, daß er still halten möchte, nachdem dieses geschehen, zu Rosa, welcher er ebenfalls eine ähnliche Fahne in die Hand gibt.) Mein Fräulein, halten Sie das einen Augenblick. (Zu Koller.) Herr Greißler! — Koller. Befehlen? Fuchs. Ich Hab' da eine schwierige Messung vor. was wir sagen auf geometrisch ein dreischenkliches Quadrat, und da benötbige ick eine dritte Person, dürfte ich Sie wohl einen Augenblick ersuchen? Koller. Wenn ich dienen kann. Fucks. Sie haben sich nur mit dem Kopf in's Winkerl zu stellen und das andere End' von der Kette zu halten. (Gibt ihm das Ende der Kette, welche von Hecht auSläuft. sammt einer Fahne in die Hand und stellt ihn auf die Seite links hinter den Holzstoß, das Publicum jedoch muß Ihn sehen, mit dem Kopf in einen Winkel, doch so, daß er in der folgenden Scene nicht sehen kann, was auf der andern Seite vorgeht.) So! Koller. Steh' ich jetzt recht? Fuchs. Ganz nach meiner Berechnung, aber nur nicht rühren, sonst könnt' meine Berechnung fehlschlagen. (Kommt hinter dem Holzstoß hervor und betrachtet Beide.) Das transatlantische Kabel ist gelegt — hier (deutet auf Hecht) England — dort (deutet auf Koller) Amerika! — Die erste Depesche werd' ich gleich befördern. (Zu Rosa le.se 10 sprechend, indem er sie auf die rechte Seite führt.) Mein Fräulein, wissen Sie, was wir jetzt ausmessen? Rosa. Nun? Fuchs. Den Weg zu Ihrem Herzen! Rosa. Ich versteh' Sie nicht. Fuchs. Der junge Taubstumme wird Ihnen das Weitere schon sagen. Hecht (laut aufsenfzend). Ach! Fuchs. Hören Sie den Telegraphen, wie er seufzt — das geht Sie an — er ist in Sie verliebt! Rosa. Wär's möglich? Koller (halb ungeduldig). Wird's noch lang' dauern? Fuchs. Nur noch einen Augenblick, gleich wird die Geschichte in Ordnung sein, nicht ruh en, sonst tritt eine elektrische Störung ein und die wäre in dem Augenblick sehr unangenehm. — (Zu Heckt.) Ich habe schon mit ihr gesprochen, wenn ich also mit dem Alten im andern Zimmer bin, dann legen Sie mit der Liebeserklärung los. — So — fertig — die Sach' ist abgemacht! Koller. Kann ich jetzt? Fuchs. Freilich! Koller. Nun, wie ist der Plan ausge- fallen? Fuchs (lachend). Famos! Koller. Also wiffen's, wie's d'ran sind? Fuchs (einen Blick auf Rosa und Hecht werfend). 3a wohl! Sie haben aber keine Ahnung? Koller. Was versteh' ich denn von der Ausmcsserei?! Fuchs. Doch! Sie haben sehr gut gehalten. Koller. Wirklich? Fuchs. Sie haben Talent zu einem Halter — großartig! — Da ist ja, scheint mir, noch ein Zimmer? Koller. Unser Schlascabinet! Fuchs. Charmant! Das müssen wir auch kennen lernen! — Wenn ich Sie vielleicht nochmal bitten dürft', weil Sie gar so gut gehalten haben — Koller. Mit Vergnügen! Fuchs. Also kommen Sie! Koller. Aber der junge Mann? Fuchs. Der bleibt einstweilen da! Der hat hier noch einige Messungen vorzunehmen. — Koller. Und meine Tochter — Fuchs. Die genirt ihn nicht— dürfen auch keine Angst haben als besorgter Vater, er ist taubstumm — Koller 's ist wahr — da ist nichts zu befürchten. Fuchs (deutet Hecht, daß er vor Rosa auf die Knie stürzen soll, die Hand auf'S Herz tegrn und ihr gestehen, daß er sie liebt). Koller. Was haben's ihm denn gesagt? Fuchs. Daß die Demolirung augenblicklich beginnen soll. (Bei Seite.) Seien Sie gesckeidt, benütze» Sie den Moment, oder meiner Seel' — ick mach' statt Ihnen dem Mädel eine Liebeserklärung! — Nun vorwärts! Herr Greißler, an's Werk! (Beide links ab.) Eilste Lcene. Hecht. Rosa. Hecht (bei Seite). Gott! Jetzt bin ich mit ihr allein — was werd' ich ihr als Taubstummer sagen? Rosa (bei Seite). Daß er nichts reden kann, ist nur Verstellung. Hecht (will zu reden anfangen, gesticulirt mit den Händen hin und her und stellt fick dann wieder rückwärts auf seinen Platz, bei Seite). Ich bring' kein Wort heraus, mir hat's im Ernst die Sprach' verschlagen. Rosa (bei Seite). Er spricht nichts — sollte er wirklich — ? Hecht (stellt den Meßtisch auf). Rosa. Was treibt er denn jetzt? Mir scheint, ich steh' ihm in Weg. (Geht auf die andere Seite.) Hecht (richtet den Meßtisch wieder auf Rosa). Rosa. Mein Herr, genire ich Sie, so — Hecht (bittet sie zu bleiben). Rosa. 3ch soll also nicht fortgehcn? Hecht (bringt ihr einen Stuhl). Rosa. Er laßt mich sitzen, das ist ein u hübscher Anfang zu einer Liebeserklärung. (Setzt fick). Sind Sie wirklich ein Taubstummer? Hecht (verlegen). Ja! Rosa. Ja? Hecht. Für einen ordentlichen Taubstummen gehört sich das nicht; aber ich muß reden; denn wenn ich still wäre, würden Sie nie erfahren — daß ich wahnsinnig verliebt bin in Sie — Rosa. Sie erlauben sich — Hecht. Ihnen das zu sagen, was ich als Taubstummer nicht verschweigen konnte. Seit dem Abend, als ich das Vergnügen hatte, Sie auf der Gaffe mit den weißen Achsel kennen zu lernen, bin ich in Sie verbrannt und kann mir gar keine Rechenschaft ablegen über das, was ich mach'. Alles mach' ich verkehrt, in der Früh um sieben Uhr leg' ich mich nieder — Nachts zwölf Uhr stehe ich auf, statt dem Cravatel erwisch' ich den Stiefelknecht, und will ich mich gut unterhalten, so laß ich mich täglich von einem guten Freund tüchtig durchprügeln und nachher über die Stiege hinunterwerfen. — Rosa. Und an allem dem bin ich Schuld? Hecht. Sie! — Ich bin ein ganz anderer Mensch geworden; früher Hab ich nur Sinn gehabt für die schöne Natur, und bin oft stundenlang herumgelaufen, um in'S Freie zu kommen, jetzt dürften's mir den Kahlenberg mitten in's Zimmer stellen, so würde er mir keine Freude machen, und das einzige Grüne, was ich jetzt noch frequentire, ist im Lerchenfeld die blaue Flaschen. — Rosa. Aber — Hecht. Fräulein Rosa, da schauen's her, da lieg' ich auf den Knieen, 's Beinkleid ist frisch gewaschen, ich scheue kein Opfer, ich liebe Sie, und stehe nicht eher auf, als bis Sie mir sagen, daß Sie mir ebenfalls gut sind. Zwölfte Scene. Vorige. Koller, Fuchs (beide kommen auS der Thür und hören die letzten Worte von Hecht). Koller. Was höre ich? Der Taubstumme redet — Rosa. Himmel, der Vater! Hecht. Ich bin verloren. Fuchs. Jetzt kann's losgehen! Koller. Mein Herr, Sie unterstehen sich und geben sich für stumm aus und für gehörlos? Fuchs. Mit diesen Ohren — das ist ja ein Anachronismus! Koller. Und wagen es — Fuchs. Der hübschen Tochter die Cour zu machen? Sind das die neuen Pläne von der zukünftigen Stadterweiterung? Hecht. Erlauben Sie? — Fuchs. Sie demoliren das Herz dieses Mädels und sprengen dasselbe sammt den Hoffnungen eines greisen Greißlers in die Luft! — Schickt sich das? Hecht. Ich wollte nur — Koller. Mit welchem Recht kriechen Sie vor meiner Tochter auf den Knieen herum? Hecht. Ich hatte etwas verloren! Koller. Es handelt sich hier um die Ehre meines Hauses und in dem Punct bin ich fürchterlich! — He, Michel! Michel (ein großer vierschrötiger Bursche erscheint, es öffnet sich eine Kellerthür, aus welcder er den Kopf in die Höhe steckt). Was schaffen's? Koller. Michel, die Ehre des Hauses ist in Gefahr! Mich. Da weiß ich schon, was ich zu thun Hab'! (Streckt sich die Hemdärmel auf.) Fuchs. Mir wird unheimlich! Hecht Mir auch! Rosa. Vater, Du wirst doch nicht — Koller. Ich nicht, aber der Michel! Fuchs. Erlauben Sie, ich bin bei Ihrer Partei! Koller. Verstellung, abgemachte Ge- schicht', Complott! — Michel! 12 Mich, (will auf Hecht zu). Mit Der« gnügen! Rosa (dazwischentretend). Halt, Vater, das leid' ich nicht! Koller. Was? Du willst Dich meinem Willen widersetzen? Rosa. Weil ich weiß, Sie werden ein milderes Urtheil sprechen, wenn ich Ihnen sage, der junge Mann hier (auf Hecht deu- tend) ist seit fünf Minuten mein erklärter Geliebter. Hecht. Ja — ich habe die Ehre — Koller. Mir wird schwindlich — Fuchs. Michel, ein'n Fiaker! Fragen's gleich, was er bis in's Thierspital verlangt. Rosa. Vater, sei nicht hart — es handelt sich um die Zukunft deines einzigen Kindes! Fuchs. Um einen Geliebten haben! Hecht. Um das Glück meines ganzen Lebens! Koller. Der junge Mann also ist — Rosa. Derselbe, welcher täglich vor un- serm Gewölk vorbeigangen ist. Fuchs. Und der heut' hiehergekommen, u m n Gegenwart des Vaters um die Hand dieses Mädchens auzuhalten. Koller (betrachtet Hecht eine Weile). Sie haben also wirklich ernstliche Absichten? Fuchs. Freilich! Wir heiraten Ihr Fräulein Tochter! Koller. Was haben Sie für ein Geschäft? Hecht. Ich bin Ingenieur! Fuchs. Er heißt Hecht, seine Frau wird eine Hechtin und die Familie wird einstens eine Gattung Weißfische werden. Koller. Und haben Sie Aussichten? Hecht. Die besten! Ich habe die Hoffnung — bald eine Anstellung zu erhalten. Fuchs. Und dann kann er heiraten zu jeder Stund'. Wir schreien: »Vivat das Brautpaar* und der edle Vater gibt im Voraus schon ä, Oonto seinen Segelt. (Zu Hecht.) KnieenSie sich nieder. (Zu Rosa.) Und Sie auch! Koller. Halt! Es handelt sich noch um die Frag': Wird die erste Anstellung so bedeutend sein, daß Sie eine Frau ernähren können? Fuchs. Mein Gott, Ihr Fräulein Tochter wird ja nicht so viel effen. Hecht. Ich rechne auf eine Anstellung mit dreihundert Gulden. Fuchs. Da können's schon leben — ein paar junge Leut', wenn sie sich ein- schräuken — die eristiren von dreihundert Gulden sieben Wcchen sehr gut! Koller. Und die andern zehn Monat und acht Tage? Zucks. Da leben's dann von Ihnen! Wenn »tan ein'n Schwiegervater hat, der mit Victualien handelt, da kann man so leicht nicht verhungern. Rosa (gutmüthig bittend). Vater, gib deine Einwillung — sonst kränk' ich mich zu Tod'. Hecht. Und ich thu' dasselbe — so sterben wir in Compagnie. Fuchs. Und wir Zwei, ich und Sie, Herr Greißler, tragen dann bei der Leich' die Windlichter. Koller. Roserl, wein' nit — ich sag' zwar nit ja, aber auch nit nein — ich muß dein'n zukünftigen Mann erst kennen lernen; ist er wirklich der ordentliche Mensch, für den ich ihn halt' — nnd kriegt die Anstellung — so will ich eurem Glück nit im Weg stehen, und gib dann zu der Verbindung meine Einwilligung und meinen Segen! Hecht. O liebster Schwiegerpapa! Rosa. O Du mein guter Vater! Koller. Jetzt aber ist die Couferenz für heute aus! (Zu Hecht.) Haben Sie vielleicht meiner Tochter noch was zu sagen? Fuchs. Zu sagen nichts — aber etwas zu geben! Koller. Aha— ich verstehe — Sie meinen, hehehe — na, einen Kuß in Ehren kann Niemand wehren — na, in Gottes Namen! — Hecht (leise zu Fuchs). Soll ich? Fuchs. Versteht sich! 's Gnack werden 15 Sie sich bei einem Bussel auf keiuen Fall abstoßen! Koller. Na also?! — Hecht (will auf Rosa zu, bleibt aber auf halbem Weg stehen und verhüllt sich beschämt das Gesicht). Fuchs. Er traut sich nit — ich werd' seine Partie übernehmen. (Will Rosa um- armen.) Rosa. Halt! Halt! (Ihn zurückweisend.) Koller. Nit zu keck werden — sonst ruf' ich den Michel! Fuchs. Und der soll mir ein Bussel geben? Dank, ich muß nicht von Allem haben! — Aber Sie haben selbst gesagt, ein' Kuß in Ehren — Hecht (laut ausrufend). Kann Niemand mehren! (Läuft zu Rosa, umarmt und küßt sie.) Fuchs. Geschehen ist's! Er hat's überstanden! Und geschnalzt hat's, ich Hab' glaubt, es fahrt ein Fiaker vorbei. (Zu Hecht.) Ist's gut gewesen? Hecht (entzückt). Unendlich! Fuchs. Jetzt schauen wir, daß wir weiter kommen. Fräulein Rosa, zukünftige Bräutigamin meines bencidenswerthen Freundes, küß' die Hand — Herr Koller, Großhändler im Kleinen, Miniaturverschleißer im Großen, habe die Ehre! — Herr Michel, Repräsentant des deutschen Hinauswursssystem, wir empfehlen uns und sind sehr erfreut, Ihre nähere Bekanntschaft nicht gemacht zu haben. Adieu! (Durch die Mitte ab.) Koller. Herr Hecht! Sie bleiben! Hecht. Befehlen! Koller. Ich muß Ihnen noch einige gute Lehren geben. Hecht. O ich bitte! Koller. Wenn der Mensch heiratet, so geschieht das gleichsam, um sich einen häuslichen Herd zu gründen. — Hecht. Aber ohne Schwaben! Koller. Richtig! Ich seh', Sie begreifen mich! Ein moralisches Benehmen ist im Ehestände eine Hauptsache. Sie sind ein junger Mann — genießen Gie als solcher, mit Ausnahme des Heurigrn, Alles mit Maß und Ziel. — Gehen Sie in ein Kaffeehaus, so trinken Sie auf eine solide Manier Ihren Schwarzen — aber spielen's nit Karten und speanzeln's nit mit der Cassiererin — das regt auf und führt zu nichts. — Meiden Sie auch die Wirths- häuser, trinken Sie nicht zu viel — besonders nicht unter Tags — das schickt sich nicht für einen ordentlichen Menschen — das thun nur Lumpen! — Meine Meinung wiffen's, adieu! DaS viele Reden hat mir den Hals ganz ausgesperrt — ich muß jetzt gehen — a halbe Bier trinken! Servus! — (Durch die Mitte ab.) Hecht (allein). Mein zukünftiger Schwiegervater scheint ein sehr solider Mensch zu sein — und seine rothe Nase ist gewiß nur die natürliche Folge einer durchwachten Winternacht! — Oder sollte — curioser Verdacht!—Ja, das passirt Einem öfters, daß man etwas für ganz unschuldig halt, und auf einmal steigt ein curioser Verdacht auf, den man nicht mehr los werden kann! L o u st s e t. I. Es geht um in mein' Gartenhaus, jammert ein Mann, Ein Geist ist's, der bandelt mit der Meinigen gern an. Ich bin nachg'schlichen, z'erst hat der Geist mir erbarmt, Doch da war mir, als hätt' das Gespenst sie umarmt; Und obend'rein, was mich hat gar so verdrießt, Ein'n Schnalzer hat's macht, g'rad als wurd' sie geküßt — Und 's is doch ein Geist nur, der Alles das macht — Oder sollte — oder sollte? Curioser Verdacht! 2 . Herr Pfiff, der Engros-Lieferant einmal war, Der sagt zu ein'm Freund: »Was bin ich für ein Narr? Die Lieferungen hab'n mich gerichtet zu Grund, Das Vermögen ist pfutsch, ich bin rein auf'm Hund!« D'rauf kauft er sich aber eine Villa, schau, schau! Vier englische Pferd' und ein' Brown für die Frau; Er hat halt was g'erbt, oder ein' Haupt» treffer g'machl — Oder sollte — oder sollte? Curio- ser Verdacht! 3. Ich kenn' eine Dame, sieht man die zu Haus, So ruft man: O Himmel, wie schiech schaut die aus! Die Haut völlig gelb, voller Runzeln das G'sicht, Die haben vierzig Jahre curios zugericht'! Doch kaum kommt's auf die Gaffen, da muß man's seh'n! Die Wangen so roth, Alles blühend und schön — 3a, ja, unsire Wiener Luft iS halt a Pracht — Oder sollte — oder sollte? Eurio- ser Verdacht! 4. Ich bin Patriotin, so ruft Eine aus, Ich nehme zur Pfleg' ein'n Verwundeten in's HauS — Ja, ja, sagt der Onkel, nur Anstalten g'macht. Und sie hat zum Souper einen Krieger gebracht, Doch dem hat nir g'sehlt, die Frau hat offenbar, Weil just mit Blcffur Keiner ausz'finden war, Aus Gutherzigkeit einen G'sunden gebracht — Oder sollte — oder sollte? Curio- ser Verdacht! 5. »I/swpirs e'egt la paix!« so ruft der »Moniteur«, Und d'Actien steigen, und d'Leut noch vielmehr, Und d'Engländer fragen so g'wiß irritirt: »Warum in Cherbourg man Kanonen aufführt« — Zu was diese Frag, sagt der »Moniteur«, D'Kanonen, die stell'n wir blos deshalb hieher — Weil Frankreich das englische Wohl überwacht — Oder sollte — oder sollte? Curio- ser Verdacht! (Durch die Mitte ab.) Verwandlung. (Breite Straße. Im Hintergrund das Palais des Herrn von Wüsibach. Rechts und links führen breite Treppen, die mit Blumen auS- geschmückt sind, zu einer Terrasse — von der man durch hohe Flügelthüren in daS Innere deS Hauses gelangt. Unter der Treppe r-cbts befindet sich ein kleiner Dorbau, in diesem die Loge deS Portiers Der Eingang ist von der Seite.) Dreizehnte Scene. Ein junges Mädchen. Portier. Mädch. (die Treppe kommend und in die Loge des Portiers rufend). Herr Portier, schlafen's nicht, es könut' die Herrschaft bald kommen! Port. Die bleibt wieder a Läng' aus. WounseregnädigeFrau heul' herumhatschen muß — die bleibt g'wiß wieder bei jedem Auslagkastel stehen — und der Herr Genial kokettirt derweil auf die hübschen Madeln — Mädch. Ist er ein Solcher? Port. Na, ich glaub'sl Die Gnädige dressirt ihn aber ordentlich. Die kommt ihm hinter Alles und kriegt ihn curios d'ran. Wie's wo was g'spürt, so klagt's über ihre Nerven, und eh' oft eine halbe Stund' vergeht, reißt's auf und davon; er ist natürlich gezwungen, mit ihr zu fahren, und die anbandelten Liebschaften kann er durch seine Abwesenheit, die immer vier Wochen dauert, nicht frequentiren — und bis er zurückkommt, haben's d rauf vergessen. — Mädch. Und wo fahren's denn da immer hin? Port. Nach Oberösterreich, da haben's tief im Wald, wo auf fünf Meilen kein Mensch logirt, ein altes Schloß, da kann der gnädige Herr, wenn er sich unterhalten will, Hasen schießen und Maikäfer fangen, denn mit dem Iungenmadelnnachlaufen ist's da nichts. Mädch. Das ist also gleichsam eine Straf' für den gnädigen Herrn? Port. Die größte, die's nur gibt; — vergangenes Jahr hat er dreimal mit ihr hinauf müssen — hehe — wenn er's Posthörndl nur von weitem blasen hört, so kriegt er schon alle möglichen Aengsten. Mädch. Ah, ist das ein alter Hallodri! Na, so Einer fehlet wir noch! — Wenn ich einmal Heirat' — ich hoff', unser lieber Herrgott wird'S bald geben — so nimm ich mir mrr einen Mann, der mir treu ist — sowie ich's ihm bin — na, wir Marchande- desmodes-Madeln sind in dem Punkt bekannt; behüt' Gott, Herr Portier! (Läuft rechts ab.) Port. Js das a Tausendsassa! — Was seh' ich, da kommt die Herrschaft — geschwind auf meinen Posten! (Ab.) Vierzehnte Scene. Herr von Wüstbach. Aurelia. Wüstb. (ein Mann von ungefähr fünfzig Jahren — äußerst elegant — sein Benehmen ist das eines alten Lebemannes). Ach ! So eine kleine Promenade ist sehr wohlthätig! Aur. (eine junge schöne Frau mit etwas kokettem Benehmen). Besonders für Dick,, lieber Theodor! — Wüstb. Für mich? Aur. Du scheinst heute sehr sensibler Natur zu sein? Wüstb. Wüßte wirklich nicht, warum. Aur. Eine eigene Unruhe hat sich Deiner seit fünf Minuten bemächtigt, und die Ursache? Wüstb. Nun? Aur. Ist das blonde Lockenköpfchen, welches zufällig, als wir bei dem Greißlerladen vorübergingen, an dem halbgeöffneten Fenster zum Vorschein kam — Wüstb. Geliebte Aurelie! Du wirst doch nicht glauben — ich sah in diesem Augenblicke nur nach dem Wetter — Aur. Und da blicktest Du in die blauen Augen des jungen Mädchens? — Das war wohl der Himmel, den Du zu deinen meteorologischen Studien erwähltest? Wüstb. O nicht doch — Du denkst stets Arges — Aur. Die Schuld liegt nur an Dir! — Wenn Du wüßtest, Theodor, wie deine Wetterbeobachtungen meine Nerven irritiren, so würdest Du begreifen, daß ich mich sehne, recht bald mit Dir auf unser einsames Waldschlößchen nach Oberöstcrreich zu reisen, um der Ruhe pflegen zu können. Wüstb. Nur das nicht, geliebte Aurelia! Ich verspreche Dir, deinen Nerven zu Liebe keine meteorologischen Studien zu machen, aber Du gibst mir dein Wort, daß wir in der Residenz bleiben — nur nicht nach dem Waldschlößchen — das ist für mich so gut als Verbannung. — (Hat ihr den Arm ge« reicht und geleitet sie bis zur Treppe.) (Der Portier läutet bei seiner Loge an der Glocke. Bediente öffnen im selben Augenblicke auf der Terrasse die Flügelthüren, stellen sich dann zu beiden Seiten auf und verbeugen sich ehrfurchtS- voll, als Herr von Wüstback und Aurelia ein- treten. Der Portier ab.) Fünfzehnte Scene. Fuchs. Hecht. Fuchs (tritt mit großen Schritten im Ge- danken ein, für sich). So muß es sein und nicht anders! Hecht. Aber Freund Fuchs, was ist Ihnen denn? Fuchs. Ich habe auf dem Wege daher einige Ideen ausgebrütet, und die müssen realisirt werden. Hecht. Sie sind auf einmal ganz verändert; statt mit mir von meinem Glücke zu reden, reden Sie nur mit sich selbst — schlagen sich alle Augenblicke vor den Kopf, was haberi Sie denn? — Fuchs. Das, was Sie bald nicht mehr haben werden! Hecht. Und das ist? Fuchs. Eine Geliebte! Hecht. Ich verstehe Sie nicht! Fuchs. O Sie werden mich gleich be- greifen, wenn ich Ihnen sage: Ich fische Ihnen die Ihrige ab! Hecht. Was, meine Rosa? Fuchs. Ja wohl, die Greißlerische! Hecht. Gehen Sie, treiben Sie keinen Spaß! Fuchs. Im Gegentheil, ich mache Ernst. Unsere Temperamente sind verschieden. Sie brauchen drei Vierteljahre, um sich zu verlieben. ich nur eine Secunde, uni verbrannt zu sein für ewige Zeiten, und alle Feuer- assecuranzen von ganz Deutschland können für dieses Flammenmeer keine Versicherung annehmen. Hecht. Aber Freund, seien Sie nur gescheht! Sic sind ja doch kein Kind mehr! Fuchs. Aber auch nicht alt, sonst könnte ich an keiner Kinderkrankheit leiden! Hecht. Sie leiden? Fuchs. An den sogenannten Vierzigern! O, die sind eine böse Epidemie, besonders wenn sic sich nicht mehr im ersten Stadium befinden; deshalb heißt es zum Heiraten dazuschauen, sonst ist es zu spät! Hecht. A ber meine Rosa mag Sie nicht! Fuchs. Lächerlich! Haben Sie schon gehört, daß ein Hungriger eine Portion Nicrenbratel zurückgewiesen hat? Hecht. Zwischen Liebe und Hunger ist ein Unterschied! Fuchs. Nicht der mindeste! Der Hungrige sucht seinen Magen zu befriedigen, der Liebende sein Herz! Und Ihre Rosa hat einen kuriosen Appetit. Hecht. Und Sie wollen für sie das Kälberne sein? Wünsche wohl gespeist zu haben! Meine Roserl nimmt nur mich! Fuchs. Das heißt, wenn Sie die Anstellung erhalten. Hecht. Die werde ich bekommen. Fuchs. Wenn ich sie Ihnen nicht vor der Nase wegschnappe — Hecht. Wie, Sie wollten? Fuchs. Auch in dieser Beziehung als Ihr Concurrent auftreten, ich besitze dieselben Kenntnisse wie Sie — Hecht. Aber keine so guten Zeugnisse. Fuchs. Meine Keckheit ist ein Attest, welches man überall respectirl! Hecht. Mir wird meine Bescheidenheit Eingang verschaffen. Fuchs. So probiren Sie Ihr Glück! Da, mein ehemaliger Freund Hecht, jetziger Gegner, ist das Haus des Herrn von Wüstbach, von dein wir die Anstellung hoffen. Ich lasse Ihnen den Vorrang! Versuchen Sie Ihr Glück! Sie kämpfen mit Ihren Waffen, ich mit den meinen! — Hecht. Ich denke an meine Rosa, an ihre Liebe, an unsere Heirat, und mit dem Gedanken traue ich mich schon auch etwas zu unternehmen! (Zieht seine Zeugnisse heraus, geht entschlossen gegen das Palais des Herrn von Wüstbach, als er die ersten Schritte auf daS breite Treppengesimse macht, kommt der) Portier (packt ihn beim Rockkragen — zieht ihn zurück und stellt sich ihm, den großen Stock vorhaltend, entgegen; mit derber Stimme). Was wollen Sie da im Haus? Hecht (sich höflich verbeugend). Ergebenster Diener! Ich wollte höflichst bitten — Port. Wird nichts ausgetheilt — Fuchs. Bravo! Hecht. Entschuldigen, ich komme (Hält ihm die Zeugnisse vor.) Port. Mit einer Bettelei? — DaS kennen wir schon! Fuchs (bei Seite). Sehr gut! Hecht (beleidigt). Erlauben Sie! — 17 Port. Was? Mir scheint gar, Sie halten sich noch auf, wenn ich mit Ihnen grob bin? Jetzt gehen Sie im Guten, oder — Hecht. Ich möchte nur mit Herrn von Wüstbach sprechen. Port. Der ist nicht zu sprechen. — Der ist gar nicht hier. Hecht. Aber — Fuchs (tritt mit großen Schritten zwischen Beide und stößt Hecht auf die Seite). Was soll denn diese Zudringlichkeit? Wenn der Herr Portier Sie abweist, so wird der Herr Portier wohl wissen, weßhalb — oder glauben Sie, er ist ein dummer Mensch, der nicht weiß, was er thur, der Herr Portier? — Diese Betteleien können nicht berücksichtigt werden, und wenn Sie nicht augenblicklich gehen, wird der Herr Portier den Grundwachter rufen und Sie einsührrn lassen. — Hecht (verdutzt). Was? Fuchs (dem Portier imponirend entgegen- tretend). Melden Sie mich dem Hrrrn von Wüstbach, ich habe sehr Nothwendiges — Port, (den Hut ziehend)- Mit wem habe ich die Ehre — Fuchs. Ich bin (Oeffnet seine Brief- tasche, bei Seite). Letztes Guldenzettel, sei mein erster Protektor! (Laut.) Ich bin — Teufel, ich habe meine Visitkarten vergessen. — Sie erlauben, daß ich in Ermanglung derselben — Ihnen dieses übergebe. (Druckt ihm daö Guldenzettel in die Hand.) Port, (steht den Zettel an). Bitte—Alles ln der Ordnung! — (Läuft zur Glocke und läutet stark an, im selben Augenblick öffnen wieder vier Bediente die Flügelthüren.) Fuchs (ist während dieser Zeit über die breite Treppe auf die Terrasse gelangt, und sieht von da, einen Stecher in die Augen klemmend, hochnäsig auf Hecht, der unter ihm steht und ihn anstarrt. — Fuchs ruft ihm höhnisch zu). Kühn liebe ich den Spanier! Nur Lumpe sind bescheiden! (Geht stolz zwischen den Die- nern. die verbeugend Spalier machen, ab durch die Flügelthüren.) Hecht (läßt vor üeberraschung die Zeugnisse aus den Händen fallen und murmelt vor sich hin). 3ch bin ein Lump! (Der Vorhang fällt.) Ende des ersten ActeS. Zweiter Let. (Bureau der Eisenbahngesellschaft. Rechts und links an den Couliffen mehrere Schreib- und Zeichnentische. In der Mitte deS Zimmers steht ein Wurstkessel, der mit einem Tuche bedeckt ist.) Erste Scene. Breselmayer. Rieglcr. Hascrl. Brander. Stängel. Aeltliche Beamte (an den Tischen vertheilt). Fuchs, Wustbach (treten auf). Wüstb. Ja, ja, lieber Fuchs — und da Sie mir bei dieser Liaison behilflich sein müssen, mache ich Sie zu meinem Vertrauten! Fuchs (legt ihm ein Papier vor). Wollen Sie nicht unterschreiben, Herr Direktor? Wüstb. Jetzt, wo ich Ihnen so wichtige Sachen — Fuchs. Das genirt nicht; Ihren Namen schreiben Sie ja so gedankenlos hin. Wüstb. Also hören Sie, gestern Abends war ich so glücklich, ich war im Theater, man gab ein sehr schönes Stück — Fuchs. Dann wird es der »Müller und sein Kind* gewesen sein. Wüstb. Alle Sitze waren vergeben — Fuchs. Dann muß es der »Müller und sein Kind« gewesen sein. Wüstb. Ich mußte deßhalb ein Plätzchen in der Fremdenloge nehmen, was mir schließlich nicht unangenehm war, denn vor mir saßen zwei Damen — Fuchs. Das trifft man öfters im Theater! Wüstb. Die Jüngere war ein allerliebster Schatz. Fuchs. Und die Aeltere vcrmuthlich rin Drache, der diesen Schatz bewacht hat? Wüstb. Hihihi, richtig! Und rpein Herz rtzrarer-Sleptttoü Nr. 84. L 18 sprach sogleich laut zu der Jüngeren: Schönes Mädchen, ich liebe Dich! Fuchs. Was so ein Herz oft für einen stiefelartigen Diseurs führt. — Könnte dieses Mädel aber nicht vielleicht gar eine Frau gewesen sein? Wüstb. Das wäre dann doppelt interessant und würde mich desto mehr zerstreuen. Fuchs. Herr Direktor scheinen so genug Zerstreuung zu besitzen; denn statt Ihren werthen Namen haben Sie: »Engel aus der Fremdenloge* hingeschrieben. — Wüstb. Richtig, das ist aber doch — Fuchs. Das macht gar nichts; — Ihre Schrift ist eine so glückliche für den Uneingeweihten, daß Sie schreiben können, was Sic wollen, es bleibt das Nämliche, man kann es nicht lesen — und das ist die Hauptsache! Zweite Scene. ' Vorige. Hecht. Hecht (schüchtern sich verbeugend). Bitte tausendmal um Verzeihung, daß ich cs wage — Wüstb. Was wünschen Sie? Hecht. Möchte höflichst ersuchen, daß Sie mir, geehrtester Herr Direktor, die Er- laubniß gewähren, die nächsten Staubferien bei meinen Schwiegereltern verleben zu dürfen. — Wüstb. Wohnen diese hier in Wien? Hecht. Unter den Weißgärbern. Wüstb. Gut, werde Ihr Ansuchen berücksichtigen. Fuchs. Die Wahl des Ortes ist durchaus keine anstößige, denn wo könnte Einer seine Staubferien besser verleben, als unter den Weißgärbern? Hecht. Dann wage ich noch eine ehrfurchtsvolle Bitte zu unterbreiten! Fuchs. Breiten Sie zu — Platz ist da! Nehmen Sie eine Prise Tabak, lieberHecht! Hecht (schnupft). Ich bin so frei! Fuchs (bei Seite). DaS wird jetzt eine hübsche Rede werden! Hecht. Ich nahm Mir nämlich die Freiheit — Fuchs (bei Seite) Das Nießpulver kitzelt ihn schon in der Nase! Hecht. Um die erledigte Stelle — (Niest.) Fuchs. Wohlsein! Hecht. Einzukommen, und zwar zum zweiten Male. (Niest.) Fuchs. Zur Gesundheit! Hecht. Und das Beste hoffend von meinen guten Zeug — (Niest.) Fuchs. Nissen — zum Wohlsein! Hecht. Mein Eifer und meine Thätig- keit — (Niest.) Fuchs. Das ist wahr — er niest mit einem Fleiß und einer Ausdauer — die — Hecht (niest). Fuchs. Helf' Gott! Hecht. Danke! Wüstb. Haben Sie Familie? Hecht. Eine Frau! Wüstb. Kinder? Hecht. Nein! Wüstb. Gut — gut — Sie scheinen jetzt nicht disponirt zu sein. Hecht. Entschuldigen Sie, es ist mir unerklärlich. Fuchs. Mir nicht! Nehmen Sie einstweilen Platz, bis Sie gänzlich ausgeniest haben — dann wird der Herr Direktor Sie weiter anhören. — Setzen Sie sich. Gleich dort, wo Sie stehen! Hecht. Bin so frei! (Setzt sich auf den mit einem Tuche überdeckten Wurstkeffel; im selben Augenblick springt er auf und stößt einen lauten Schrei aus). Ach! Wüstb. Was ist's? Fuchs. Was schreien Sie denn so? Hecht (verlegen). Ich weiß nicht — es ist hier so heiß — Wüstb. Und deßhalb — Fuchs. Machen Sie so einen Lärm? — Setzen Sie sich nur! Hecht. Nein, niedersetzen thue ich mich nicht mehr! Wüstb. Und weßhalb? 19 Hecht. Die Schicklichkeit erlaubt es nicht, die näheren Details zu veröffentlichen — nach den traurigen Erfahrungen aber, die ich soeben machte, glaube ich zu der Vermuthung berechtigt zu sein, daß jener Sessel ein unterirdischer Dulcan ist — und um Ihnen, geehrtester Herr Direktor, den faktischen Beweis zu liefern, erlaube ich mir, das Geheimniß zu enthüllen. (Nimmt furchtsam das Tuch weg und der rauchende Wurstkessel wird sichtbar.) Fuchs. Himmel, der Wurstkessel; jetzt komme ich in die Sauce! WÜstb. (setzt sich den Nasenquetscher auf und spricht, ohne sich vom Platz zu rühren). Was ist denn das für ein Gegenstand? — Hecht. Es ist, so viel ich vermuthe — Fuchs (rasch einfallend). Ein Modell zu einem neuen Locomotiv! — Wüstb. Wie? Hecht. Erlauben Sie, ich glaube, cs ist — Fuchs (mit Festigkeit zu Hecht). Das, was ich gesagt habe — (Im erzählenden Tone zu Herrn von Wüstbach.) Ein paar arme Mechaniker haben das Modell im Kleinen entworfen, und um uns von dem inneren Mechanismus der Maschine zu überzeugen, haben sie den Kessel gleich mit warmem Wasser geheizt und — Hecht. Ich wurde das Opfer! Fuchs. Mein Gott — wenn bei uns keine anderen Eisenbahnunfälle vorkämen — Wüstb. Aber die Form dieser Maschine finde ich sehr sonderbar. Fuchs. Za — sie hat etwas Wurstkesselartiges — das haben wir auch ausgesetzt — aber diese Ausländer haben schon so eigene Sachen — was die Alles erfinden — Wüstb. Also Ausländer sind es? — Was für Landsleute? Fuchs. Ein paar Frankfurter! — Doch von etwas Anderem. Euer Gnaden haben mir noch einige Aufträge — Wüstb. Ja wohl, wegen dem Ball — kommen Siel (Will fort.) Hecht. Geehrter Herr Direktor, habe ich in Anerkennung meiner Zeugnisse wohl Hoffnung? Wüstb. Wir werden sehen! — Glaube aber schwerlich, daß sich Ihre Wünsche rea- lisiren! Verfügen Sie sich in das Erpedit, reichen Sie Ihre Zeugnisse ein — und — Adieu! (Geht links ab.) Fuchs (in hochnäsigem Tone). Adieu I Mein Lieber, Adieu! (Folgt Wüstbach nach.) Hecht. Höhnischer Mensch! — Ich werde auf der Stelle meine Zeugnisse einreichen, da wird er hernach andere Saiten aufziehenl — Wo habe ich sie denn? — Oh, sapperment, da muß ich — (Will durch die Mitte.) Dritte Scene. Vorige. Koller (aus einer Seitenthüre). Koller. He, Herr Schwiegersohn, wo laufen Sie denn hin? Hecht. Nach Hause um meine Zeugnisse. Koller. Da brauchen Sie ja nicht selbst, Ihre Frau soll es Ihnen herüberbringen — Hecht. Gut! Ich lasse sie bitten — während der Zeit warte ich im Erpedit. Leben Sie wohl, Schwiegervater; wenn es nicht besser geht, so ist es mit der Anstellung nichts — und ich bleib' Zeitlebens ein kleiner Beamter mit dreihundert Gulden! (Mit Koller, der den Wurstkessel milnimmt, rechts ab.) Breselm. (steht sich um). Wir sind wieder unter uns — Gott sei Dank — endlich kann man wieder ungestört arbeiten! (Gähnt, streckt sich der Länge nach aus und schläst ein.) Biegl. (lachend). Ah, war das ein Spaß, wie sich der auf den Wurstkessel — hehehe! Alle (lachen). Heyehe! Has. Auf diese Unterhaltung muß ich mir eine Zigarre anzünden. — Der Herr Direktor wird wohl nicht mehr kommen. (Zündet sich eine Zigarre an. — Alle zünden sich einer von dem andern die Cigarren an. so daß sie einen Halbkreis bilden. ^ tompo hört man von innen Herrn von Wüstbach's Stimme.) r* Lv Alle (sich mit leiser Stimme gegenseitigzurufend). Der Chef! — (Blasen die Cigarren aus und eilen auf den Zehenspitzen zu ihren Plätzen.) Vierte Scene. Vorige. Wüstbach. W ü stb. (zurücksprechend). Erwarten Sie mich, Herr Fuchs. — Was ist denn das für ein Rauch? Mir scheint — doch nein ^— eS denkt Niemand daran — alles ist aufs Thätigste beschäftigt (bemerkt den schla- senden Breselmayer, lächelnd), besonders Herr Breselmayer— (klopft ihn leise auf die Achsel) Bresel m. (sich die Augen reibend). Was gibt's? Kommt der Chef schon wieder? — Nicht einen Augenblick hat man Ruhe! (Beginnt ohne aufzusehen zu schreiben.) Wüstb. Herr Breselmayer, Sie sind ja äußerst thätig? — Breselm. (ihn verlegen betrachtend). D bitte — bitte — Wüstb. Sie scheinen geschlafen zu haben? — Breselm. Gar keine Red' — ich habe nachgedacht — und da mache ich immer die Augen zu. Wüstb. Ah so! Sie sind wirklich ein äußerst fleißiger Beamter — Sie denken den ganzen Tag nach! — Breselm. Ja wohl — ich Hab' das schon so an mir! — Fünfte Scene. Vorige. Altl. Rosa. ' Altl. (zu Rosa). Spazierens nur herein — was sollenS denn im Vorzimmer stehen. Rosa. Aber mein Mann hier hat mir sagen lassen, daß ich — Altl Das bleibt sich gleich — bitte Platz zu nehmen. Rosa. Wenn Sie erlauben. (Setzt sich bei der Thür nieder.) Altl. Ist das ein liebes junges Weiberl (zu Wüstbach auf Rosa deutend). Herr Direktor! — Wüstb. (wendet sich, bemerkt Rosa und stöpt einen leisen Seufzer aus). Ah! —> Rosa (steht auf und verbeugt sich). Sie entschuldigen, daß ich hier — Wüstb. O bitte — bleiben Sie (bei Seite). Mein Engel aus der Fremdenloge — (laut). Kann ich, schöne Dame — ich bin der Direktor dieses Instituts — Ihnen in irgend einer Sache — Rosa. Sie sind zu freundlich! — Ich möchte nur um die Erlaubniß ersuchen, meinen Mann erwarten zu dürfen. Wüstb. (verblüfft). Ihren Mann? Sie find also — Rosa. Seit einem Jahr verheiratet. Wüstb. Gratulire, — das heißt nicht nur Ihnen, sondern mehr Ihrem Herrn Gemal — (bei Seite). Wenn ich nur mit ihr allein — (Laut.) Meine Herren! In einer Stunde beginnt der Ball — ich sn- spendire Sie von Ihrer Wirksamkeit — Alle (mit tiefer Verbeugung katzenbuckelartig ab). Sechste Scene. Wüstbach. Rosa. Rosa (ängstlich umsehend). Entschuldigen, ich will nicht stören, ich werde lieber im Vorzimmer — (wM gehen). Wüstb. Nicht doch, Ihr Herr Gemal wird gleich — Sic ängstigen sich doch nicht in meiner Gesellschaft? — Rosa. Das nicht, aber — ich möchte Ihre kostbare Zeit, nicht für mich in Anspruch nehmen. Wüstb. O, ich habe heute nichts mehr zu thun! Weßhalb aber haben Sie, wenn es mir erlaubt ist zu fragen — hier mit Ihrem Herrn Gemal ein Rendezvous? — Rosa. Er hat mir durch meinen Vater den Auftrag gegeben, seine Zeugnisse hieher zu bringen. — Wüstb. (bei Seite). Gott! Ist daS ein Engel! (Laut.) Also die Zeugnisse haben Sie gebracht? Darf ich bitten, sie mir zu geben? — 21 Rosa (übergibt die Zeugnisse). Wir stb. Ich werde dieselben durchsehen — (bei Seite) und die Gelegenheit benützen (Macht mit dem Finger ein Loch durch ein Zeug- uiß, hält dasselbe vor'S Gefickt, als ob er lesen würde, und blickt dadurch auf Rosa.) Ein wunderschönes Weibchen — diese hübschen blauen Augen — die rothen Wangen — und der frische Mund wie eine Kirsche — und ich esse die Kirschen so gern— (laut zu Rosa). Die Zeugnisse Ihres Herrn Ge- malS sind wirklich sehr gut. — Rosa. Da hat er vielleicht Hoffnung? Wüstb. Zeder Mensch hat Hoffnungen — oder er macht sich welche; — ich selbst zum Beispiel hoffe in diesem Augenblicke— (will ihre Hand fassen). Rosa (fie zurückziehend). Daß ich Sie nicht langer mehr incommodiren soll? — (Will gehen.) Wüstb. Nicht doch — Was ich sagen wollte — wie haben sich meine Gnädige gestern im Theater amüsirt? — Rosa. Wie— Sie wissen? Wüstb. Hatte ich nicht das Vergnügen in der Fremdrnloge Ihr zurückgesetzter oder rückwärtssitzcnder Nachbar zu sein? Rosa. Das waren Sie? Wüstb. Und wie har Ihnen das Stück gefallen? Rosa. So ziemlich, besonders hat mich die Scene interessirt, wo der alte Herr der jungen Frau die Cour machte. Wüstb. Wie sie die Spröde spielte, ihn nicht anhören wollte, und wie er zum Schluß doch als Sieger — Rosa. Ich verstehe zwar wenig vom Theater, aber das habe ich doch unnatürlich gefunden, er war doch ein alter Mann mit sechzig Jahren. — Wüstb. Das wohl, aber er hatte eine eigene Liebenswürdigkeit trotz seines vorgerückten Alters sich bei den Damen — erinnern Sie sich, wie er so ihre Hand faßte (faßt fie an der Hand), wie fie eS nicht zu- gebrn wollte — gerade so wie Sie jetzt — wie er sie aber festhielt — vor ihr auf die Kniee stürzte (thut es) und ausrief — Siebente Scene. Vorige. Fuchs. Fuchs. Ha, was seh ich! — Rosa (erblickt Fuchs). Das ist ja! — Wüstb. (aufspringend). Was gibt'S denn? Fuchs. Haben Herr Direktor was fallen lassen? weil Sie so auf der Erde herumkriechen? — Wüstb. O nicht doch! — Fuchs. Vielleicht eine Spenuadel? — Wüstb. (leise zu Fuchs). Das ist ja der Engel auS der Fremdenloge. — Fuchs. Ah jetzt begreif'ich — (zu Rosa). Gnädige Frau! Wüstb. Sie kennen diese Dame? — Fuchs. O freilich! Wie mich selbst, würde ich sagen, wenn das keine Beleidigung wäre; ich kenne sie noch von der Zeit, wo sie noch nicht eine Gnädige, sondern eine Ledige war — jetzt wo sie Frau von Hecht ist — Wüstb. (leise). Hecht? Das ist also? — Fuchs. Der Mann, der das Unglück hatte, sich aus das geheizte Locomotiv-Mo- del zu setzen. Da kommt er eben! Achte Scene. Vorige. Hecht. Hecht. Was seh' ich, meine Frau spricht mit — (leise). Hast Du meine Papiere gebracht, liebe Rosa? — Rosa. Ja wohl, und ein glücklicher Zufall wollte eS, daß der Herr Director — Fuchs. Eine Spennadel hat fallen lassen und die Frau Gemalin überreichte bei dieser Gelegenheit — Wüstb. Die Zeugnisse; sie find gut — Fuchs. Und die Frau ist hübsch. Hecht. Ich gestehe mit Stolz, ich bin nicht ohne Verdienste! Ich habe auch eine Erfindung gemacht. Wüstb. Und worin besteht diese? — 22 Hecht. In der Verbesserung der Signale. — Die gewöhnlichen Hornsignale derCon- ducteure sind zu schwach — ich habe stärkere erfunden, indem ich eine neue Gattung von Hörnern construirte, die sich als zweckmäßig bewährten. — Wüstb. Also Sie sind der — Fuchs. Ja, das ist der, welcher in die ochsigen Gebirnauswüchse Richard Wagnerische Jagdfanfaren hineinpflanzte — Wüstb. Nach alle Dem, was ick vernehme, sind Sie ein sehr verdienstvoller Mann, und ich kann Ihnen fast mit Gewißheit die Hoffnung geben, daß Sie die Stelle eines Ingenieurs am hiesigen Platze erhalten. — Hecht. Jst's möglich? Rosa. Ach die Freud', das Glück — Wüstb. Sie bekommen einen Gehalt von tansendzweihundert Gulden. — Hecht (lautaufschreiend). Ah! — Rosa. Was ist Dir denn?— Hecht. Ich werde schwach — tausendzweihundert Gulden, das halt ich nicht aus. Rosa. Aber Ignaz, was hast Du denn? Fuchs. Ein kleines Freudensieber—das ist waS Gewöhnliches — wie so ein junger Beamter hört, er kriegt einen größeren Gehalt, so wird ihm augenblicklich nicht gut. Rosa sbesorgt). Nun, wie geht's Dir denn, lieber Mann? Hecht (sich erholend). Besser! — Wüstb. Fassen Sie sich! DieAnstellung trägt auch noch außerdem bedeutende Gra- tificationen — Aber vielleicht ist Ihre liebe Frau nicht gerne in der Residenz? Rosa. O ja — das thät aber auch nichts zur Sache; — denn ich fühl mich überall glücklich, wenn ich nur bei meinem guten Mann bin. — Fuchs (leise). Ist das eine Lafontaine'sche Liebe! — Wüstb. Sie finden hier schon Entschädigung für das Landleben. Sie müssen häufig die Theater besuchen. Fuchs. In die Fremdenloge gehen — Wüstb. Concerte und Bälle mitmachen. Fuchs. Beim Schwenderund beim Engländer unterhält man sich ausgezeichnet. Wüstb. Doch da fällt mir eben ein, daß auch in meinem Hause ein Ball — da alle Beamte eingeladen sind, werden Sie wohl auch mit Ihrer Frau — Hecht. Diese Ehre — Wüstb Sie refüsiren doch meine Einladung nickt? — Rosa. Wie könnten wir — Sie müssen, geehrter Herr Direktor nur Nachsicht haben — Hecht. Wenn wir durch unsere schlichten Manieren — Fuchs. O bitte — auf ein Ball braucht man heut zu Tag gar keine Manieren; — ein feines Benehmen zu haben, das ist nicht mehr nobel! — das gehört nur für die äemi-wonäeg oder Viertel-monäes. Hecht. Rosa, jetzt mußt Du Dick zusammenputzen und mir muß Dein Vater seinen schwarzen Frack leihen.— Herr Direktor, wir empfehlen uns.—Ich bin ganz schwirblich vor lauter Freud — doch sind es nicht die tausendzweihundert Gulden und die Gratifikationen, die mich so entzücken, nein — das Bewußtsein, ich habe die Anstellung mir selbst, meinem Fleiß zu verdanken. Sie glauben nicht, wie wohl das thut! Sieh'st, Rosa, ick Hab' Dir es immer gesagt, meine guten Zeugnisse und meine Hörner müssen endlich durchdringen! Herr Direktor, ergebenster Diener! — Wüstb. Adieu! mein Lieber! (Hecht und Rosa durch die Mitte, Wüstbach durch die Seitenthüre ab.) Neunte Scene. Fuchs (allein). Dieser Breselmeicr und dieser Chef, und dann sie, die Chefin, und das ganze Bureauwesen da, da gibts wirklich okroniyus soanänleuss von allen Seiten. Man verbrennt sich leicht das Maul damit, aber reden muß der Mensch doch, und da ist es dann unvermeidlich, daß man 23 gewisse Punkte berührt, und bas betrifft nicht etwa nur die Gegenwart, o nein, man kann über die Vergangenen, Längstvergangenen oder Gegenwärtigen disknrirn, alles eins,eS geht gleich in die okroui^us seanänleuso über, wo nachher das Gesckeidteste ist, man ist still! — L o u st t e t- 'S waren Adam und Eva auf der Welt, das ist sicher, Sechstausend Jahr früher als der Feldmarschall Blücher, Und sie lebeten noch als paradiesische Wesen, Wenn nicht war' der Verdruß mit'mMa- schanz'ger gewesen. Doch d'Eva war g'naschig, so erzählt die Geschichte, Hat g'essen auf d'Jausen verbotene Früchte — 'S Beste ist, man schweigt still über dös, Denn es ist doch nur Okroniyuo Zonnäalsuss! D'alten Götter war'« sehr verliebt, b'son- ders Jupiter, Der Blitzschleud'rer und Fabrikant von die Gewitter, Was hat der tentirt All s in Griechenland drinnen, Damals wo man nir gewußt hat von Crinolinen; Hat vergessen sogar, daß sein' Stellung was Hoch's, Hat Vistt g'macht, bei Einer, verkleidet als Ochs! — 'S Beste ist, man schweigt still über dös, Denn es ist doch nur Olirouigus 86Lnäs,1eu86! Auch noch eine Geschichte erzählen die Annalen, Die ist in Egypten beim Pharao Vorfällen, Dem Hut, wie er schlief auf dem gold- g'stickten Lager, Don Kühen geträumt, sied'n waren fett, sieben mager, Den Traumdeuter liebte Frau von Pn- tiphari, Er verschmäht sie und laßt ihr z'ruck sein Carbonari — 'S Beste ist, man schweigt still über döS, Denn 's ist auch nur Okroniyus 8sanäa1su8s! Der Glaub'n an die Heren wird immerfort leben, So lange als es böse Weiber wird geben, Daß 's in Steiermark aber in jetzigen Tagen Ein taubstummes G'schöpf woll'n als Here erschlagen, Das ist z'stark selbst für Trotteln, der Verstand Ein'm da wackelt, Die Leut' sein ja über'» »Stock im Eisen« vernagelt — 'S Beste ist, man schweigt still über dös, Denn 's ist auch nur Okroniyus 8oanäalsu86! Es reden zwei Fräulein französisch mit einander, Doch so, daß auch kann jeder Deutsche oomprsuärs, karblsu, sagt die Eine, Hs vts au tlreatrs, Früher führte Dein Amant promens mich im Prater, Nou8 avon8 a la Jausen manAs äu OolatÄedsu, 1isv8, sagt die And're und gibt ihr ein' Watschen. Das Weitere schweig'« wir über dös, Denn das g'hört auch zur Oliro- uiyue 80 Lnäal 6 U 8 s! (Ab.) Verwandlung. (Reickgeschmückter GesellschaftS-Salon im Hause deS Herrn von Wüstback; die Thüren im Hintergründe, welche die Verbindung mit den an- deren Lokalitäten vermitteln, find geöffnet und hell erleuchtet, die Thüre rechts führt in die Spielzimmer, die Thüre links in den Ballsaal. Rechts und links an den Couliffen Thüren. An den Wänden kleine Tische mit SophaS und Fauteuils umgeben. Der Salon ist durch einen großen Kronleuchter erhellt, jede Flamme muß aber durch ein Milchglas beschirmt sein, um das grelle Licht zu dämpfen, und dieses Helldunkel hat den Zweck, das Gemach recht heimisch zu machen.) (Man hört in der Scene Musik-) Zehnte Scene. Wüstbach, Aurelia, Breselmayer, Hecht, Rosa (ballmäßig gekleidet). Gäste. Wüstb. (zu Rosa). Gnädige Frau, eine Quadrille — Aurelia! zur nächstfolgenden Quadrille engagire ich mich — Aurel, (ironisch). Welche Aufmerksamkeit! — Man sollte kaum denken, daß wir schon sechs Jahre — Wüstb. Ja die Zeit vergeht — deshalb muß man rasch die Augenblicke genießen. (Reicht Rosa den Arm und geht mit ihr links ab.) Br es. (reicht Aurelia den Arm). Darf ich es wohl wagen als Stellvertreter. Aurel. Ei wie galant! (Mit ihr in den Saal ab und Fuchs ab.) Eilfte Scene. Hecht (allein). Ist das ein Vergnügen! Mit welcher Aufmerksamkeit man uns empfängt, nicht nur mich, auch meine Frau — Alles wegen mir —^ Zwölfte Scene. Voriger. Ein Bedienter (kommt mit ei- nem Präsentirteller. auf welchem sich feine Bäcke- reien, DefrorneS rc. befinden). Bed. Jft's gefällig? Hecht. O bitte — was seh' ich, einen Dowidelstrudel— das ist meine Leibspeis! — (nimmt und ißt). Sehr gut! Was kost' er? — Bed. (lächelnd). Sie scherzen! Sic wissen nur zu gut, daß dieses Alles hier frei ist.— (Will fort.) Hecht. Halt! Dableiben! Wenn das Alles frei ist, so bin ich so frei, nock mehr zu nehmen.— (Steck MehrereS in die Tasche.) Die Oberskrapferln gehören für meine Frau, die Mohnkipfeln für meinen Schwie, gerpapa, schab', daß Sie keine Nußbcugeln haben. Bed. Wenn Sie welche wünschen, bitte ich sich nur mit mir znrCredenz zu begeben. (Mit Hecht ab.) (Die Musik verstummt.) Dreizehnte Scene. Fuchs, Rosa (Arm in Arm auSdem Saal). Rosa. Was war nur die Schuld, daß Herr v. Wüstbach mich so schnell verlassen hat? — Ich glaube, daß seine Frau — Fuchs. Freilich— Sic hat ihm einen kleinen Deuter geben, — und als gehorsamer Ehemann — er hat sich ja bei Ihnen auch entschuldigt! — Rosa. Allerdings — aber wo ist denn mein Mann? — Fuchs. Haben Sie keine Angst, meine Gnädige, der kommt Ihnen nicht weg. Muß denn der Gemal immer der Dornenbusch sein, der die Rosen umgibt? (Bei Seite.) Das Hab' ich schön gesagt. (Laut.) Schwer ist's eine Rose zu brechen, denn Dornen, ach, die stechen. — Rosa (lochend). Aber Herr Fuchs, Sie sind ja ein Schwärmer geworden? Fuchs. Das macht die Erinnerung an — o ich hatte auch eine Vergangenheit— Rosa. Wirklich? — Fuchs. Und zwar eine mit Zukunfts- Musik, es tannhäuserte die Liebe in meinem Herzen, es lohengrünte mich das ferne Glück des Ehstands an! Wenn ich noch derZeit gedenke, wie ich oft bei Ihrem Greißlerladen vorübergegangen bin, o ich L5 habx Cie einmal des Abend belauscht, die Salami und Knackwürste, die vor Ihrem Fenster eine Gardine bildeten, bog ich aus einander, und warf nun über den großen Rindschmalztiegel einen schmachtenden Romanblick in das Innere des Gemachs, und da sah ich Sie, wie Sie eben beschäftigt waren, mit kühuerHand und keckem Löffelschwung abgetriebene Griesnockerl in ein Hefen siedendes Wasser zu schleudern. O, das war ein erhebender Moment, ich werde den Anblick nie vergessen. — Rosa (lächelnd). Wenn Sie keine andere Erinnerung aufzuweisen haben — Fuchs. Doch. Mein Gedächtnißkammerl bewahrt Prätiosen, die ich gar nicht besitze, zum Beispiel ein Bussel, was ich gar noch nicht kriegt Hab'. Rosa. Sie närrischer Mensch! — Fuchs. Ich nehme mir deshalb die Keckheit (will sie umfassen). Rosa, (zurückweichend). Herr Fuchs, Sie wagen es — Fuchs. Als Ihr Gläubiger aufzutreten. Rosa. Und doch sind Sie mein Schuldner ! Fuchs. So? Und was verlangen Sie von mir? Rosa. Achtung! Fuchs. O ich bitte— alle Achtung vor der Achtung — ich verlange aber einen Kuß—! Vor einem Jahre, als Sie noch ledig waren, und ich den Vermittler spielte zwischen Ihnen und dem jetzigen Herrn Gemal, da sagten Sie einst, so halb im Spaß, wenn ich es nun möglich mache, daß der Herr Hecht Ihr Mann wird, so bekomme ich ein Bussel — Rosa. Allerdings, aber — Fuchs. Haben Sic mir den versprochenen Gegenstand schon zukommen lassen? Nein! — Ich Hab' Ihnen bis jetzt kredi- lirt, nun brauch' ich aber auch mein' Sach' — die Zeiten find schlecht— ich werde von anderer Seite ebenfalls gedrängt mit ähnlichen Verpflichtungen, und bin deshalb gezwungen, die rückständigen Busseln cinzu- treiben. Rosa. Jetzt ift's genug! Als vorübergehenden Scherz konnte ich das Ganze an- hören, aber wenn Sic es wagen, mich im Ernst zu beleidigen — so- Fuchs. Was? Nicht zahlen und grob auch noch werden? Gnädige Frau, ich laß' Sie pfänden — und diese Lippen sollen das gerichtliche Siegel sein, welches ich persönlich — Rosa. Kein Wort weiter — Adieu! — Fuchs. Das heißt mit andern Worten i'n's Volkstümliche übersetzt: fahr ab, schau daß d'weiter kommst. Mir ist zu Muth wie ein' jungen Satan, den's mit glühenden Kohlen sekiren. Gnädige Frau — ich küß die Hand! — (Will in den Saal.) Vierzehnte Scene. Vorige. Hecht (von der Thüre rechts). Hecht, (läuft Fuchs nach und hält ihn auf). Herr Fuchs, wo lausen Sie hin? — Fuchs. Ich will Ihre werthe Frau Ge- malin durch meine Gegenwart nicht belästigen. Hecht. Was Ihnen nicht einfällt; — meine Frau ist Ihnen sehr gewogen. Nicht wahr, Rosa? — Fünfzehnte Scene. Vorige. Wüstbach. Aurelia. Aurel, (in Wüstbach's Arm). Theodor! Theodor! Ich warne Dich! — Wüstb. Aber Aurelia! — Aurel. Du kennst meine schwachen Nerven— und eS wäre für Dich gewiß sehr unangenehm, wenn ich mich nach Oberösterreich auf das abgelegene Waldschlößchen begeben müßte. (Ab rechts.) Wüstb. Sie ahnt — Sie ahnt! — Ist hier geheime Conferenz? Hecht. O nein! Herr Fuchs glaubte, daß meine Frau ihn nicht leiden kann, und da 26 machte ich ihm begreiflich, daß dies nicht der Fall ist. — Fuchs. Und mich macht dieses Zuge- ständniß sehr stolz.—Wenn mir jetzt Einer ein paar Pomeranzenbäum' in den Sack stecket, so gäb' ich mich für eine italienische Villa aus. — Wüstb. Ich bringe Herrn Hecht die besten Nachrichten. Hecht und Rosa. Wirklich? Wüstb. Herr v. Stahlfels, der Central- Direktor, der Onkel meiner Frau, welcher den Ihnen versprochenen Posten zu vergeben hat, befindet sich bereits auf dem Ball. — Unser Maschinen-Jnspector, ein gewisser Breselmayer, ist ein alter Mann, immer schläfrig, gähnt den ganzen Tag — Wir werden denselben penstoniren — in Rnhe versetzen — und Sie erhalten dann diesen Posten, der noch bedeutender, besser ist. — Nun aber muß ich in's Spielzimmer zum Onkel meiner Frau — sollte ich den geeigneten Augenblick finden, Sie vorzustellen, so sende ich Ihnen durch meinen Bedienten die Nachricht. (Bei Seite.) Seine Abwesenheit wird mir dann Gelegenheit bieten, der kleinen Spröden mein Herz zu Füßen zu legen. (Rechts im Hintergründe ab.) Fuchs. Meine Herrschaften—ich empfehle mich ebenfalls — ich bin zur nächsten Polka mit einem Omnibus engagirt. Hecht. Wie? — 2 Fuchs. Mit einer Dame nämlich, die so corpulent ist wie ein Stellwagen für neun Persone»!— DaS rst eine Arbeit mit so Einer zu tanzen; da heißt's, Robott und Zehent ist abgeschafft, — für die Bauern — für uns aber, die wir uns schwarzbc- frackt in den Salons bewegen, eristirt sie noch. — Die russische Leibeigenschaft, die amerikanische Sklaverei ist leichte ^ou-gou- Arbeit dagegen, und alle Onkel Toms haben sich in den Zuckerplantagen gewiß nicht so herumgetragen und heruntergeschwächt, als wir eS thun, die freien Europäer, wenn wir die ganze Nacht den Frohndienst auf dem Ball versehen. (In den Saal ab.) Sechzehnte Scene. Hecht. Rosa. Hecht (freudig). Rosa,hast Du gehört— ich werde Maschinen-Jnspector! Rosa. Ich Frau Inspectorin! Endlich wird's uns einmal besser gehen! — Hecht. Wir werden in der Lage sein, unfern zukünftigen Kindern eine anständige Erziehung zu geben. — Rosa. Die Madeln müssen Clavier- spielen lernen. Hecht. Und die Buben französisch! lVlon pere muffen sie zu mir sagen und Du wirst eine eher mers. Nachher miethe ich eine große Wohnung — wie diese hier — Tische mit goldenen Glocken, wenn ich etwas will, werde ich so läuten (läutet in Gedanken mit einer Glocke, welche auf dem Tisch steht) und im nächsten Augenblick stürzt schon das Dienstpersonal herein und ruft — Siebzehnte Scene. Vorige. Viele Bediente (von allen Seiten herbeistürzend). Alle Bed. Ew. Gnaden, befehlen? Hecht (verlegen). Ich, gar nichts! Ein Bed. Wir dachten, Sie wünschen etwas, weil Sie geklingelt haben. Hecht. Ja, so!— Ich Hab' eigentlich nicht geklingelt, sondern die Glocke. — Entschuldigen Sie — das ging nicht Sie an, sondern meinen zukünftigen Johann; verzeihen, daß ich Sie hiehrr bemühte. Gehn's nur ruhig wieder an Ihre Arbeit. Alle Bed. Wie Sie befehlen. (Alle ab.) Hecht. 'S ist zum Teufelholen! Wie man so eine Glocke anrührt, lauft gleich das ganze Haus zusammen wie die Milch bei einem Gewitter. — Achtzehnte Scene. Vorige. Brander. Brand. Herr v. Hecht, Sie möchten so freundlich sein, sich in das Spielzimmer zu begeben. 27 Hecht. Komm schon!— Nun werd' ich dem Central-Director vorgestellt. Rosa, jetzt kommt der große Augenblick! Ich habe eine Angst in mir! Mir ist zu Muth wie einem sechsundfünfzigjährigen Balletmädel, die im Theater einen Amor macht. (Verbeugt sick vor Beiden und folgt ihm in'S Spielzimmer. Ab.) Neunzehnte Scene. Rosa (allein, setzt sich auf'S Sopha). Ach, wenn nur Alles gut ausgeht. Mir ist trotz der guten Aussichten recht unheimlich zu Muth! — Am unheimlichsten aber ist mir der Herr Fuchs— der unverschämteMensch, der sich unterstanden hat, so keck mit mir zu reden. Zwanzigste Scene. Vorige. Herr v. Wüstbach. Wüstb. (schleicht auf den Zehenspitzen leise durch das Spielzimmer in den Salon und bleibt an der Thür stehen). Da sitzt sie! Ihr Mann spricht mit dem Onkel meiner Frau — nun ist der geeignete Augenblick, ihr dieses Billet zuzuwerfen, welches sie mit meinen Hoffnungen bekannt macht. (Wirft ihr ein Rosa- Billet über die Achsel in den Sckiooß und eilt rasch und ungesehen in'S Spielzimmer zurück). Rosa. Was war das? — Ein Brief? Etnundzwanzlgste Scene. Vorige. Fuchs. Fuchs (zurücksprechend). Bedaure, meine Gnädige, aber ich kann nicht mehr, ich bin zu müd'. (Trocknet stckSchweiß und bleibt im Hintergrund, wo Wüstenbach abging.) Rosa. Man hat sich unterstanden? (Erblickt Fuchs) Wie? Sie Herr Fuchs? — Fuchs (weiß nicht, was er sagen soll) 3a ich — ich bin so frei! Rosa. Mir eine neue Beleidigung zu- zusügen? — Fuchs. Im Gegentheil — ich befinde mich auf der Flucht.— Der Omnibus, mit dem ich schon drei Touren getanzt Hab', verfolgt mich mit einer neuen Polka — (steht in den Saal zurück) jetzt schaut's her— mir scheint, sie kommt — Fiaker Nr. 117 Vorfahren — ich empfehle mich! — (Eilt in'S Spielzimmer ab.) Zweiundzwanzigste Scene. Rosa (allein). Er hat mir nur wegen dem Brief eine ausweichende Antwort gegeben und doch war er es — (Oeffnet den Brief.) Keine Unterschrift? — Will doch lesen — (Liest.) »Reizende Frau! — Durch meinen Einfluß wird Ihr Herr Gemal das Ziel seiner Wünsche erreichen; ein Opfer fordert jedoch das andere — werden begreifen — daß ich Sie liebe — und hoffe — Entschädigung morgen Abends — Abwesenheit Ihres Mannes Sie heimlich zu sehen.«-Schändlich, mir einen solchen Brief zu schreiben — mir einen solchen Antrag — Mein Mann soll also durch mich — o, jetzt ist Alles verloren! Alles! — (Sinkt weinend mit beiden Händen daS Gesicht bedeckend auf ein Fauteuil nieder.) Dreiundzwanzigste Scene. Vorige. Aurelia. Aurel, (in höchster Aufegung. bemerkt Rosa weinend). Was seh' ich? Sie hier — und in Thränen?! Vermuthlich eine Comödie! Ich muß mich überzeugen. (Zu Rosa.) Madame! Ich hoffte heute in meinem Haus nur fröhliche Gesichter zu sehen, dürfte ich also fragen — Rosa. Sie hier, gnädige Frau! Ach! und wie bin ick glücklich, daß das erste Wort, welches Sie an mich richten, gleich wieder von der Theilnahme zeigt, mit der Sie und Zhr werther Herr Gemal uns schon im ersten Augenblick auszeichueten. Aurel. Könnte meine Freundlichkeit nicht Heuchelei gewesen sein? Rosa. Gnädige Frau — Aurel. Es ist so Manches in der Welt auf den äußeren Schein basirt; wer bürgt mir zum Beispiel, daß Ihre Thränen wirklich die Erregung eines besseren Gefühls sind? — Rosa. Gnädige Frau, ich weine, weil man das redliche Bewußtsein einer braven Frau in mir verletzt har, weil mein Mann für seinen Fleiß und Eifer nicht jene Würdigung findet, die er verdient — und es ist traurig dem gehofften Glück einer gesicherten Eriüen; mit einem Male entsagen zu müssen. Aurel. Entsagen zu müssen? Weshalb? Ihr Gemal wird reussiren, da er sich der Fürsprache einer sehr einflußreichen Person erfreut, und Ihr hübsches Gesichtchen spielt wohl die Hauptrolle in dieser rasch impro- visirteu Protectionscomödie! Rosa (erstaunt und kaum fähig zu sprechen). Wie — Sie wissen, gnädige Frau! — Aurel. Seine Unvorsichtigkeit wurde zum Verräther! — Rosa. So darf ich es wohl wagen, mich ohne Scheu Ihnen anzuvertraucn? Aurel. Das heißt, wenn Sie die Rücksichten aus Ihrem Gedächtniß verbannen, die ich, eine Dame vom Stande, berechtigt bin, gebieterisch zn fordern. — Rosa (getränkt und beleidigt). Gnädige Frau, Sie scheinen meinen Worten eine andere Deutung zu geben. Ich bin nur die Frau eines armen Beamten, doch ist mein guter Ruf ebenso theuer wie der Ihre — mit Entrüstung Hab' ich die Liebesbewer- bungen des Herrn Fuchs zurückgewiesen. Aurel, (in freudiger Erregung). Des Herrn Fuchs? — (Langsam betonend.) Des Herrn Fuchs, sagen Sie? — Rosa. Wen sonst? — Aurel, (bei Seite). So wäre mein Gemal unschuldig? — Rosa. Und um jeden Zweifel des Verdachtes, der meine Ehre verdächtigen könnte, zu entfernen, wollte ich Sie bitten, gnädige Frau, bei Ihrem Herrn Gemal die Gunst zu erwirken, daß er das Anstellungsdecret meines Mannes —falls dasselbe schon ausgefertigt sein sollte — wieder zurücknehmen möge — Aurel, (erstaunt). Wie? Ist das Ihr Ernst? — Rosa. Ich kenne meinen Mann zu genau, und weiß, daß er diese nur als Anerkennung seiner Verdienste annehmen würde, denn er haßt alle Protectionen; am wenigsten aber möchte er dem Einfluß seine Eristenz verdanken, der mit dem thruersten Opfer erkauft wäre, mit dem Bewußtsein: ich bin nun etwas geworden durch den Leicht, sinn einer treulosen Frau! — Viernndzwanzlgste Scene. Vorige. Hecht. Hecht (bei Seite). Ich bin vorgestellt, Alles geht vortrefflich! — Was seh' ich, meine Frau und — Aurel. Herr Fuchs also belästigt Sie mit Liebesbewerbungen? — Rosa. So ist es! Hecht. Was? Rosa. Und dieser Brief hier, den er mir znwarf, bestätigt seine Verworfenheit und seine niedere Denkungsart. (Will Aurelia den Brief reichen.) Hecht (tritt dazwischen und nimmt den Brief). Erlauben Sie, zuerst muß ich ihn lesen. Rosa (erschrocken). Mein Mann — Hecht. Erschrick nicht, Rosa! Don Dir denk' ich nur Gutes? — (Liest denBrief oberflächlich.) Ha, schändlich! Und nicht einmal eine Briefmarke ist darauf? Niederträchtig! O dieser Fuchs ist eine Hyäne! Er macht Dir eine förmliche Liebeserklärung — und ohneUnterschrist blos als N.N. Glaubt der, meine Frau liebt den ersten besten N. N.? Aurel. Beruhigen Sie sich — Hecht. Haarsträubend! Sein Einfluß wird mich an das Ziel meiner Wünsche bringen! — Ein Opfer fordert das andere! Drei Gedankenstriche — aber was für welche? — da ist auf jedem ein Halbe Tinte; jeder ist so dick wie der Schlagbaum der St. Marrer Linie! Sehen Sie nur, meine Gnädige. (Gibt ihr den offenen Brief ) Aurel, (erkennt die Schrift ihres Mannes) Ha! 29 Hecht. So rufe auch ich! Ha und Weh gegen diesen N. N. Aurel. Ueberlaffen Sie mir seine Bestrafung. Kommen Sie. Sie sind eine brave Frau und kennen nur eine Pflicht: die Ehre Ihres Hauses zu bewahren vor jedem Makel! Hecht. Und jedem Backe!! Aurel. Dasselbe werde auch ich thun! Herr Hecht! — Sie sollen reussiren, auch ohne den Einfluß des Herrn Fuchs. (Reichr Rosa den Arm. Beide ab.) Fünfundzwanzigste Scene. Hecht (allein). Das versteht sich! Meine Anstellung bängt überhaupt nicht von dem Herrn Fuchs ab — sondern nur von meinen guten Zeugnissen — und der Herr von Wüstbach und sein Onkel sind keine Menschen, die sich durch irgend eine Fürsprache beeinflußen lassen. — Sechsundzwanzigste Scene. Voriger. Bresclmayer. Breselm. (bei Seite). Da ist er! der Rwal meines Neffen! Er sst allein — ich muß sondiren. (Laut.) Ergebenster Diener! Hecht. Auch so viel! (Bei Seite.) Der ist sehr freundlich mit mir, ich werde dasselbe sein. (Laut.) Kann ich Ihnen vielleicht mit einem Nußbeugel aufwarten? Breselm. Danke! Hecht. Geniren Sie sich nicht — wenn Sie appctirt sind, — essen Sie — mein Gott, vor einigen Tagen, als ich noch ein kleiner Beamter war — Breselm. Wer? Also sind Sie jetzt? Hecht. Das heißt — noch nicht ganz — aber doch so viel als gewiß — Herr v. Wüstbach hat bereits Prüfungen vorgenommen. Breselm. Gratnlire. Hecht. Unter uns gesagt — bei dieser Stelle bleibt es nicht, — ich werde in Kurzem noch etwas Höheres werden — was bedeutend Höheres. — Breselm. So? — Hecht. TenZttgenieur-Posteu nehme ich nur einstweilen, wie man sagt, provisorisch an. — Breselm. So — ich wäre doch begierig — Hecht. Za, wenn ich Ihnen vertrauen dürfte. — Breselm. Gewiß, ich gehöre hier zum Haus. — Man ernennt Sic also? — Hecht (leise in'S Ohr zu ihm) Zum Ma- schinen-Znspector! — Breselm. (verblüfft). Wie? . Hecht. Sie sind paff? Kanu mir's denken! Breselm. Aber wissen Sie auch, daß dieser Posten besetzt ist? Hecht. Za, von einem gewissen Herrn Breselmayer. Breselm. Und glauben Sie, daß dieser Herr Breselmayer (laut sprechend, indem er zornig wird) so mir nichts dir nichts sich absetzen lassen wird?— Der wird-kurios Lärm machen! — Hecht (ruhig, lächelnd). Lassen Sie ihn schreien in Gottes Namen! 'Gehen muß er doch — er soll ja gar nicht mehr' zu verwenden sein. Breselm. (bei Seite). Also meinen Posten giltS, ua wart'. (Saut.) Anderen Leuten geht es mit den Anstellungen nicht so nach Wunsch, wie zum Beispiel meinem Neffen. Leider findet cine starke Concurrenz statt, und einer seiner Mitbewerber ist ins- besonders gefährlich! Er hat namentlich den großen Vortheil, daß er verheiratet ist! Hecht. Und daS nennen Sie einen Vortheil? — Breselm. Allerdings, unter gewissen Umständen ist es sehr zweckmäßig eure junge schöne Frau zu besitzen. Hecht. Ah, verstehe! der bekommt die Stelle der Frau wegen? So eine Art Administrationsliebe— nnd der Mann merkt's nicht — Gott— muß das ein dummer Kerl sein. Dieses Eremplar möchte ich kennen lernen — 'Breselm. Das ist leicht— erbefindet sich hier ans dem Ball! — Hecht. Und seine Frau vielleicht ebenfalls. — Breselm. Za wohl. (Sieht hinein.) Sie tanzt eben mit dem Protektor ihres Mannes, mit Herrn v. Wüstbach. Sie wendet uns den Rücken zu — jetzt dreht sie sich um — die ist's! — Hecht (schreit laut auf, taumelt zurück). Himmel! Meine Frau! — Breselm. Der Tanz ist aus! — (Die Musik endet.) Siebenundzwanzigste Scene. Vorige. Fuchs mit Frau v. Morling (eine sehr dicke Dame). Herrv. Wüstbach, Rosa (am Arm führend). Dann Herr v. Stahlfeld, Aurelia (geleitend). Rosa (eilt auf Hecht). Ach lieber Mann, Gott sei Dank, daß ich Dich finde! Hecht. Zurück von mir! Wüstb. FreundHecht, die Sache ist schon abgemacht. Hecht (aufbrausend). Was ist abgemacht? Wüstb. Morgen erhalten Sie — Stahls. Ihr Dekret! — Hecht. Geehrtester Herr Centraldirector, mir ist leid, aber ich nehme die Anstellung nicht an!— Stahls. Wie, Sie wollten— Hecht. Nur durch meine eigenen Verdienste etwas erlangen. Stahls. Die Fürsprache des Herrn v. Wüstbach, so kompetent sie auch immer sein mag, kann mich am Ende nur bestimmen — Zhren Leistungen meine Aufmerksamkeit in erhöhtem Grade zuzuwenden.— Ich habe Ihre Papiere geprüft nnd Ihre neuerfuudenen Signale — Hecht. Meine Hörner — Stahls. Bestimmten mich, fern von allen Einflüssen, Ihnen als dem Würdigsten das Anstellungsdecret einzuhändigen. — Hecht. Ist es möglich? — Rosa. Welches Glück! Breselm. Herr Fuchs — der Amtsdiener übergab mir diesen Brief an Sie. (Gibt ihm selben.) Fuchs! Eine ämtliche Depesche? Bin ich vielleicht auch avsncirt? (Liest.) »Herrn Fuchs Wohlgeborn! Der Neffe des Herrn Breselmayererhält Ihre Stelle und Sie sind wegen Dienstvernachlässigung, geistiger Unfähigkeit, maßlosen Keckheiten, und Arroganz augenblicklich entlassen.« — Was! Mir das? Stahls. Lieber Wüstbach, — Zhre Frau Gemalin ersuchte mich, Ihnen einen Urlaub auf unbestimmte Zeit zu ertheilen, um den Herbst mit Ihnen auf Ihrem Waldschlößchen in Oberösterreich zu verleben — Wüstb. Wie, Aurelia, Du bist — Aurel. Sehr irritirt—dieser Brief hier hat mich so angegriffen. (Zeigt ihm heimlich das Rosabriefchen.) Wüstb. Himmel, das ist mein Tod! — Stahls, (zu Hecht). Sind Sie nun beruhigt? Hecht. Wenn es so ist — daß ich ohne Protection! — ' Aurel, (zu Rosa). Sollten Sie je einer Freundin bedürfen, wenden Sie sich in jeder Lage des Lebens an mich! — Wüstb. Oder wenn meine Frau nicht zu Hause wäre, an mich! — Hecht. Rosel! Ehrlich währt am längsten! — Es lebe das Verdienst! kerent der Protection! — (Umarmt Rosa. Posthorn bläst.) Der Vorhang fällt rasch. Actus. IN unMtN erscheinen demnächst^:. Die beiden Nachtwächter, oder t' L Ein Spuk in der Faschingsnacht. Carl Haffner. 12 Sgr. od.' 60 kr. i .. . tt II .^ .. .. Vil-i'.n ... - ^ ^ .1«. * ,*duj,-> ^ > .Posse mit Gesang und Tanz in drei Acten ' n i ' > ^ri^ktz u-s.in'tttv ^ t:- von ^ UN,... , '-I .ni^ iNiü't) rs.c>, r! iNb -.7 7s L' rU - -,i-. -:.L >>j > rim Die Mrgermeisterwaht in Arähminket. .Posse mit Gesang in einem, Acte . . ^n-- - ^ ,, .4^ von '.navnn^mu-^ -jjja rr'L Carl Zuin (Giugnio)? 7/^ Sgr?oder35 ^r. 7 . -L- Eine Feindin und ein Freund. Posse mit Gesang in drei Acten ' von Fri edrich' Kaiser. l 2 Sgr. oder 60 kr. -/.Z ! n?' r. Er kann nicht lesen! Posse in einem Acte von M. A. G r a n d j e a n. 7 V, Sgr. oder 35 kr. Im Verlag? der MaMshausser'schcn Zjuchhandlung (.loses Atemm) in Wien, am hohen Markt Nr. 541, find folgende Theater von Johann Nestroy erschienen: Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder: Das Geheimniß des grauen HauseS Posse in 5 Aufzügen, 12lgeh.' 15 Sgr. oder 75 Nkr. Einen Jux will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. Zweite Auflage, geh. ^ 12 Sgr. oder 60 Nkr. Der Zerrissene. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Talisman. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Unverhofft. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 alleg. Bild. 12. geh. IS Sgr. O §der 75 Nkr. Der Unbedeutende. Posse in 3 Acten. Mil 1 illum. Bild.' 12. geh. 20 Sgr. oder 1 fl Der böse Geist Lumpacivagabundus, oder: Das liederliche Kleeblatt. Zauberposse mit Gesang in 3 Aufzügen. Dritte Auflage. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Das Mädl aus der Vorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Posse in 3 Acten. 12- 15 Sgr. oder 75 Nkr. Die verhäugnißvolle Faschingsnacht. Posse mit Gesang in 3 Aufzügen. 12. geh. * 15 Sgr. oder 75 Nkr. Eulenspiegel, oder Schabernack Überl Schabernack. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. Zweite Auflage. - 10 Sgr. oder 50 Nkr. Freiheit in Krähwinkel. Posse.mit Gesang in 3 ,Acten. Mit 3 illum. alleg. Bild. 12. geh. ' 24 Sgr. oder 1 fl. 20 Nkr. l l- '« i IIl-l li.0 .i'l C'H 'lsi n:: Druck und Papier von Leopold Sommer in Wie». /5 (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) Die beiden Nachtwächter oder Ein Spuk in der Faschingsnschl. Posse mit Gesang und Tanz in drei Acten (frei nach einer Novelle von H. Zschokke) von Karl Haffner und Z. Pfundheller. Mnfik vom Kapellmeister I. B. Klerr. Zuerst aufgcführt am k. k. pnv. Carl-Theater in Wien. Personen: Adalbert von Nachtigall. Rentier. Rudolph von Kugelhof. Baron Louis von Stein. Natalie, seine Gemahlin. Josephine von Berger Moriz von Wiesel. Hermine, dessen Schwester. Carl von Fuchs. Christine von Sternberg, dessen Verlobie. Silber stein, Börse-Agent. Zacharias Schleichwedel, Adalberts Be- dienter. Fräulein Adelaide. Frau Storch, Wäscherin. Lisette, ihre Tochter. HanS Fledermaus, Nachtwächter. Peter, Gärtner, sein Sohn. Nannerl. Wäschermädchen. Nickelberger, AdelheidenS Zimmerherr. Schwengel, i Würzel, s Liebhaber der Wäscbermäd- Hauser, t chen. Graminger, ) Masken, Tänzer und Tänzerinnen, Wäscher- mädchen und Liebhaber. — Ballgäste, Musi- kanten, Bediente und Kellner. Erster Lei. (Straße. Im Hintergründe ein glänzend erleuch- teter Palast. Links und rechts kleine Häuser. Sternhelle Winternacht.) Erste Scene. Fr au Storch, Lisette u. Bürgersleute (beiderlei Geschlechts betrachten neugierig die Masken, die mit ihren Bedienten in den Palast gehen. Zacharias steht am offenen Thor deSsel» den und macht den Masken seine Reverenz). Chor. Der reiche Herr von Nachtigall Beschließt den frohen Carneval Mit einem Maskentanze. Und welch' ein Luxus im Palast, Cr gleicht 'nein Feentempel fast In seinem Strahlenglanze. (Mit Ende des EhorS sind die letzten Masken in den Palast gegangen, und die Bürgersleute ziehen sich nach und nach in ihre Woynungen zurück. — Frau Storch und Lisette treten in den Vordergrund.) Lis. Ach, ich möcht' das Geld haben, das heut auf dem Maskenball des Millionärs verputzt wird! Frau Storch. 'S ist auch nicht Alles Gold, was glänzt. — Cs drückt vielleicht Manchen heimlich der Schuh, der jetzt Streich macht im Palast. — Mancher schlürft jetzt vielleicht Ananas-G'frorncs da drinn, und ist froh, wenn er a Serve- ladiwurst z'Haus hat. Lis. Sticht wieder d'Leui' ausrichten, Frau Mutter. Schau'n wir lieber, daß wir in unser warmes Zimmer kommen — (sich schüttelnd) denn 's ist sakrisch kalt heut Stacht. Zach, (hat sich ihr genähert und faßt sie am Kinn). Hast denn Du so wenig Feuer, mein Schatz? Lis. (schlägt ihn auf die Hand). Das geht den Herrn nix an. — Seine Hitz' wird mich nicht erwärmen. Frau Storch. Nicht gleich so d'Män- ner abschrecken, Lisl, — das schickt sich nicht für ein anständiges Mädel. (Zu Za- charias.) Mein Kind ist sittsamerzogen, junger Herr. Sie hat kochen, nähen und fern waschen gelernt, kie ist achtzehn Jahr vorbei und ich bin die Frau Mutter. Wenn Sie redliche Absichten haben — Zach. Soll ich's vielleicht gleich heiraten da auf der Gaffe? Lis. Ja, ihn könnt' ich brauchen — zum Bicgeleisen, wenn der Stagel recht heiß ist. — Uebrigens rath' ich dem Herrn, nicht den ganzen Tag auf mein Fenster hinaus zu gaffen, sonst könnt' die Schild- wach etwas unangenehm abgelöst werden, wenn's mein Peter erwischt — denn mein Peter ist weiter kein Hantiger. Zach. Sie hat schon einen Peter! Frau Storch. Sie ist ja achtzehn Jahr alt, warum soll's denn keinen Peter haben — aber der Peter hat sie noch nicht. Und Du sei nicht so g'schnappig, Liserl! Das Anschau'n kann man ja den jungen Herrn nicht verbieten. A Madl ist a Waar', die ang'schaut werden muß, wenn's an den Mann gebracht werden soll. (Zu Zacharias ) Schamste Dienerin! — Wenn Sie redliche Absichten haben, — ich bin d'Frau Mutter, mehr sag' ich nix. (Mit Lisette ab, in das letzte Häuschen rechts.) Zach. Schon gut, ich laß schön grüßen. Mir scheint, mit der Frau Mutter läßt sich leichter unterhandeln, als mit der Jungfer Tochter. Aber auch d'Jungser Tochter soll schon g'schmeidig werden — denn mit ihrem Peter werden wir bald fertig sein. (Ab in den Palast.) 3 Zweite Scene. Peter (im Nachtwächter-Habit, mit Hom und Stange, kommt aus dem Hintergründe links). Lied. Ein Hund, der bellt, wenn in der Nacht Sich — was Verdächtiges naht, Der Hund, der Haus und Hof bewacht, Das ist mein Herr Camcrad. Der Mond, der seine Ronde macht Um's blaue Himmelsrad, Und die Verliebten treu bewacht, Das ist mein Herr Camerad. Und das Gewissen, das zur Nacht Ob mancher schwarzen That Verbrecher weckt und sie bewacht, Ist auch mein Herr Camerad. Der Hund hat seinen Hundestall, Den er als Herr bewohnt — Und wie die Fürsten überall Hat gar 'nen Hof der Mond. Nur mir und dem Gewissen beut Das Glück nicht Hof und Haus, Denn uns zahlt die Gerechtigkeit, Da schaut nicht viel heraus. In der Apotheken verkauft man allerlei Hausmittel jetzt, — Tincturen, um die Zähn' zu vertreiben, wenn man Zahnschmerzen hat — Pillen und Tropfen, um die Gesundheit auszurotten, wenn man kränklich ist — sogar Pulver verkauft man, wenn man nicht Ratzen und Insekten genug hat — aber ein Hausmittel, den Schlaf zu vertreiben, hat noch kein Mensch, nicht einmal unser Herr Bürgermeister erfunden. — Und es wär' nothwendig, daß ich mir's Schlafen ganz abgewöhn', denn ich Hab' nicht eine halbe Stunde Zeit dazu, seitdem rch für meinen alten Vater den Nachtwäch- terdienst verseh'. — Am Tag muß ich als Gärtner erotische Pflanzen bewachen, daß sie mir nicht z'sammenfrieren — und in der Nacht muß ich Menschen bewachen, daß mir mein alter Vater nicht z'sammen- friert. Auf d'Letzt werd' ich der einzige G'frorne sein bei diesem Doppelgeschäft. — Na, so lang' ich Junggeselle bin, thut sich's noch — aber wenn einmal mein Licserl mein Wciberl sein wird, werd' ich lieber zu Haus Nachtwächter sein, als auf der Gaffe. i Dritte Scene. Peter. Hans. Hans (kommt mit einer bunten wollenen Mütze in der Hand aus dem Hintergründe links). Da schau her, Peter! deine warme Schlafhauben hast Du vergessen. Pet. Jch hab's mit Fleiß z'Haus gelassen, Vater, weil ich heutNacht a Rendezvous Hab' und zu einem Rendezvous darf man nicht in der Schlafhaube geh'n, das schickt sich nicht. Hans. Aber in der Kält'n d'Ohren erfrieren, das schickt sich! Her mit dem Schädel! (Nimmt Petern den Hut, zieht ihm die Mütze bis über die Ohren herab, und setzt ihm den Hut wieder auf.) Deinem Madel wird's lieber sein, wannst a Schlafhauben trägst, als wannst a Schlafhauben bist! — So! — Und wannst später ein paar Stunden schlafen willst, brauchst nur ein wenig an's Fenster zu tupfen, und die Ablösung wird gleich da sein! Pet. Nir da! Du hast schon lang genug für mich gesorgt und gewacht — 's ist endlich Zeit, daß ich auch für Dich sorg' und wach'. (Zieht eine Flasche Wein aus der Tasche und reicht sie ihm.) Da hast ein Fla- schel Gumpoldskirchner. — Laß Dir's schmecken, Vater, und sag' der Mutter, auch sie darf ganz gemächlich ein paar Glaseln auszizeln, denn heut' in aller früh Hab' ich den Zins schon gezahlt beim Hausherrn. Hans. Gott vcrgelt's, mein braver Sohn! Pet. (drängt ihn fort). Jetzt plausch nicht lang, und schau, daß D' zum warmen Ofen kommst. 1 * Hans. Ja, ja, ich geh' schon, — aber vergiß mir nur ja nicht, die Stunden richtig abzurufen. Pet. (wie vorher). Sorg' Dich nicht, ich werd' meine Sach' schon machen. Hans. Und mach' einen Sprung in's Haus, wannst vorübergehst. — Du wirst a warme Biersuppen am Ofenloch finden, die Dir den Magen answärmt. Pet. (wie vorher). Trink die Biersuppen nur selber. Gute Nacht! (Allein.) Mein Liserl ist meine Biersuppen, die mich wärmen muß. — Wenn man ein Rendezvous mit seinem Madl hat, ist der Nacht- wachterdienst der allerbeste in der ganzen Welt. (Nach dem Palast blickend, in welchem ein Walzer gespielt wird.) Heißa! Dort geht's lustig zu. D'Mufik geht mir in d'Füß'. Gleich im Schnee könnt' ich tanzen, wenn ich mein Lieserl da hält'! Teufel, wenn ich nur den zehnten Theil von dem Geld hätt', das der Millionär dort heut springen läßt, da hätt' ich mehr als genug, mir eine kleine Wirthschaft zu kaufen und mein Liserl z'heiraten. (Die Musik endet, er blickt auf das letzte Häuschen rechts.) Sie hat ihre Nacht- lamp'n schon ausgelöscht — am End' vcr- schlaft's gar das Rendezvous! Da, wart' ein bisserl! — Wenn sie nicht Punkt zwölf Uhr am Hausthor steht, schlag' ich Feuerlärm und mach so ein Heidenspektakel, daß sie im strengsten Neglige heranslanfen muß. (Er geht zum Häuschen und sucht durch'S Fenster zu blicken.) Vielleicht kann ich ein bisserl fensterln mit ihr. Vierte Scene. Voriger. Adalbert und Zacharias (auö dem Palast kommend). Adalb. (im farbigen Domino. Sein Hut sorwirt einen Schmetterling, der einen großen Brillanten auf dem Kopf und eine Uhr zwischen den Füßen trägt. — Er tritt lustig in den Vordergrund, indeß sich Zacharias etwas im Hinter- grund hält). Lied. Wer seinen Reichthum karg verschließt, Genießen kann und nicht genießt, Dem Thoren wird die Last zur Oual Und unsere Erde zum Spital. Doch wer Ducaten springen läßt, Der macht das Leben sich znm Fest, Die Stunden alle froh und süß, Und diese Welt zum Paradies. So lang die Jugend mich beglückt, Wird jede Rose frisch geknickt, Und auf dem großen Erdenrund Geküßt ein jeder Purpurmund, Gelacht, gejubelt und gescherzt, Ein jedes schöne Kind geherzt, Bis meine Sonne untergeht, Das ist mein Lebens-Alphabet! Hahaha! Ja, ich wollte, mein Haus wäre so groß als der Erdball, damit ick das ganze Leben zum Carneval machen, und die ganze große Welt auf den Kopf stellen könnt'! Zach, (zu ihm tretend). Das ist Ihnen auch in unserer kleinen Welt schon gelun gen, gnädiger Herr. Wenn auch die Well noch nicht auf dem Kopf steht — so haben Sie doch die Köpfe schon so ziemlich verdreht, besonders die Damenköpfe. Adalb. O, es soll schon noch ärger kommen! Zach. Aber Vorsicht, gnädiger Herr! Man scheint bereits errathen zu haben, welcher Kobold in diesem Domino steckt. Adalb. Das wäre ein verfluchter Streich, der mir den ganzen Spaß verderben könnt'! — Apropos, hast Du unter den weiblichen Masken Fräulein Josephine von Berger noch nicht herausspionirt? Zach. Ich könnte darauf wetten, eines der Roscnmädchen ist sie. Adalb. Voilü — ich wette zwanzig Ducaten gegen deine Nasenspitze, Spitz bube — aber in einer Stunde muß ich wissen, ob Du die Wette gewonnen oder verloren hast. Zach. In einer Stunde? Da müßt' ick ein erbärmlicher Stümper sein, wenn ich das nicht in ein paar Minuten herausgc tipfelt hält'. — Gleich werd' ich im Klare» sein! — Wir hätten noch nie eine Schlacht 5 verloren, wenn ich ein Spion geworden wär! (Eilt in den Palast.) Fünfte Scene. Adalbert, Peter. Adalb. Zwanzig Ducaten oder deine Nasenspitze! — Welche eine schöne Win ternacht! — Etwas kalt für gewöhnliche Erdenkinder — aber ich glühe, denn ick babe mit Champagner eingeheizt. — Ick wäre jetzt in einer famosen Laune, die ganze Stadt zu durchlaufen und alle Phi lister aus ihren Federn zu allarmiren! (Erblickt Peter, der noch immer am Fenster des kleinen Hauses stellt.) Was zum Teufel ist denn das für ein Popanz? — «Ah — wenn ick nicht irre, — der Nachtwächter dieses Viertels. Pet. (schreit aus Leibeskräften inS offene Fenster hinein). Ihr Herren und Frauen, laßt euch sagen, der Hammer hat Zehne geschlagen! Adalb. He, he! Was schreit Er denn wie ein Zahnbrecher? Laßt euch sagen, — aber nicht laßt euch schreien, heißt es in seinem Liede! Pet. (vortretend). Ja, wenn man die Herren ansingt, heißt's sagen — aber ick Hab' ein Madl angesungen, und Frauenzimmer lassen sich nichts sagen. Adalb. Saperment — Du bist nock ein ziemlich junger Nachtwächter. Pet. Eigentlich nur Substitut oderPrac- ticant. — Bis ich wirklich angestellt werd', werd' ich schon alt werden wie andere Practicanten. Adalb. (für sich). Blitzelemcnt, das wäre ein köstlicher Faschingsjur, wenn ich aus ein paar Stunden den Nachtwächter machte! Ich würde Lieder singen, daß morgen der ganzen Stadt der Kopf brummen müßte! (Zu Peter.) Gib mir deinen Mantel und Hut, guter Freund, und laß mich ein paar Stunden Nachtwächtern für Dich. Ich gebe Dir dagegen meine Maske, in der Du im nächsten Gasthause Küche und Keller leeren darfst auf meine Rechnung. Um zwölf Uhr bring' ich Dir wieder deinen Nachtwächter zurück — zahle deine Zeche und schenke Dir noch ein paar Ducaten dazu. Pet. (sich hinter die Ohren kratzend). Das Wirthshaus und die Ducaten wären mir sckon recht — aber wenns wer erfahrt, verlieren wir alle Zwei unfern Dienst. Adalb. Wirst Du's ausplaudern? Pet. Ich nicht — aber — Adalb. Aber ich, meinst Du? Pet. Man weiß halt nir g'wiß. Euer Gnaden scheinen mir ein sehr lockeres Zeiserl zu sein. Adalb. Sei ohne Sorgen! Es ist nichts als ein lustiger Faschingsscherz. — Nach zwölf Uhr suche ich Dich hier wieder aus und dann — Pet. (schnell). Na, na, — vor zwölf, bitt' ich — denn punct Zwölf Hab' ich ein Rendezvous mit meinem Madl. Adalb. Das Rendezvous kann ich ja auch für Dich übernehmen. Pet. Schamster Diener! Den Nachtwächter können Euer Gnaden für mich ein bißl spielen — aber den Randewuzler spiel ich schon selber. Adalb. Schade! Ich hätte Dir auch als Liebhaber keine Schande gemacht. — Wenn Du mir aber nur die Rolle des Nachtwächters zu spielen erlaubst, so bestimmen wir um eilf Uhr unser Rendezvous, damit Du dein Rendezvous nicht versäumst. — Aber dann ist cs die höchste Zeit, die Masken zu wechseln. Her mit dem Nachtwächter! Pet. (indem sie sich umkleiden und Peter Adalberten Horn, Speer. Mantel und Hut gibt, ihm beim Ankleiden behilflich ist, und ihm die Mütze über die Ohren zieht). Hehehehe! Das ist ein pudelnärrischer Einfall! — Aber blamiren mich Euer Gnaden nicht, und machens keine Dummheiten aufmeine Rechnung, sonst müßt ich für Ihnen a die Zech bezahlen, wie Sie für mich. Adalb. Fürchte nichts! Ich werde so schön die Stunden absingen, daß die ganze 6 Stadt entzückt sein soll über meinen Gesang! (Indem er singend rechts im Hintergründe abgeht.) »Ihr alten Jungsein, laßt Euch sagen, Der Hammer hat Stephansthurmreiben geschlagen. * Pet. (ihm nachrufend). He,he! So heißt's ja nicht, Euer Gnaden Herr Nachtwächter- Substituten-Substitut. Wenn der solche G'setz'ln absingt, kann er die schönsten Schläg' erwischen. Aber vielleicht hat er zufällig einen Appetit auf Prügelkrapfen heut. — (Hüllt sich in den Domino, setzt den Hut auf und nimmt die Maske vor'S Gesicht.) Hehehehe! Mein Alter wird sich wundern, daß sein Substitut wieder einen Substituten g'fundcn hat, der Ducaten für die Ehr zahlt, eine Stund der Stadtpudcl zu sein. — So, der Wurstel ist fertig, und wird jetzt ins Wirthhaus gehen, um cavalierment zu soupiren — Schad', daß ich heut nicht die Gurgel eines Kameels, und den Magen eines Elefanten Hab'! (Will fort) Sechste Scene. Peter, Rudolph. Rud. (kommt als Türke maStm aus oem Palast). Pst! — Auf ein Wort, Freund Domino! Pet. (bleibt stehen mit verstellter Stimme). Was beliebt Freund, Alipatschi Türkcn- schädel? Rud. Ihr Zacharias hat die zwanzig Ducaten gewonnen. — Das kleine Rosenmädchen hat sich verrathen — es ist richtig Fräulein Zosephine. Pet. Schon recht — ich laß Sie grüßen! Rud. Sie glauben cs nicht wie glück- lich ich bin, seitdem ich erfahren, daß Sie die kleine Peppi intereffirt. Pet. Mich intereffirt jetzt eine große Portion Bratl mehr als eine kleine Peppi. (Will fort.) Rud. (hält ihn zurück). O, verstellen Sie Ihre Stimme nicht, denn eS wäre vergebene Mühe, noch länger Ihr Inkognito zu behaupten. — Man weiß es bereits allgemein, daß der muthwilltge Domino niemand Anderer als Herr Adalbert von Nachtigall ist. Pet. Man soll Obacht geben, daß man kein' Fledermaus für 'ne Nachtigall anschaut. Rud. (nimmt ihn unter den Arm). Scherz bei Seite — das Spiel ist verloren — also geschwind in den Salon, zu einer ehrenvollen Capitulation. — Das kleine Rosenmädchen erwartet mit Sehnsucht ihren Tänzer. Pet. Zch kann nicht tanzen, ich Hab' juchtene Stiefel an. Rud. Wenn Sie nicht tanzen, werden Sie spielen, denn Sie sind dem Baron von Stein noch Revange schuldig. Pet. Ich kann auch nicht spielen, denn ich Hab' keinen Kreuzer Geld bei mir. Rud. (lachend). Hahaha! — Ein Millionär ohne Geld in seinem eigenen Hause! (Dringt ihm eine volle Börse auf.) Ich bitte über meine Börse zu disponiren, Sie armer Mann! Pet. (für sich). Jesus — jetzt könnt' ich meinen Schnitt machen, wenn ich ein schlechter Kerl wär'. (Laut.) Ne — ne — ich darf das Geld nicht nehmen. Rud. Machen Sie keine Umstände wegen solcher Bagatelle. Morgen zahlen Sie mir die paar hundert Ducaten wieder zurück. Pet. Ihnen? — Ja aber wem? Wie soll ich morgen wissen, wer der Türk ist, unter den vielen Chinesen? Rud. Hahahaha! Sollten Sie wirklich Ihren besten Freund Rudolph von Kugel- Hof noch nicht erkannt haben? Pet. A — der Kugelhupf sind Sie? (Mit den Ducaten klingelnd.) Sie haben recht gute Weinberln, Herr von Kugelhupf. Adalb. (blasend und singend in der Ferne). Ihr Herren vom Rathe, laßt Euch sagen, Der Hammer hat Zöpfe geschlagen. Rud. Was Teufel singt der Nachtwächter da? 7 Pet. (für sich). Der wird mir a saubere Suppe einbröckeln als Nachtwächter! — Ich muß schon schaun, daß ich ihm als nobler Herr auch eine Suppe einbrocken kann. (Laut, indem er Rudolph unter den Arm nimmt.) Also gehen wir auf denBall, Mußie Türk, aber tanzen thue ich nicht, — böch- stensein kleines Spieler! mach' ich. — Mariagen oder zwicken, um ein paar Kreuzer — mehr riskir' ich nicht, Herr von Kugelhupf! (Beide ab in den Palast.) Verwandlung. (Doppelsaal im Palast.) Siebente Scene. (Im hintern Saale Masken in bunten Gruppen und Bediente Erfrischungen kredenzend. Im vor- dern Theile des Doppelsaales Rosenmädchen, tanz.) Chor (während deS Tanzeö). Schwebet auf und schwebet nieder, Bildet Reihen, formt die Glieder Zu dem schönsten Rosenkranz; Lasset in den weiten Hallen Rauschende Musik erschallen Zu dem frohen Wechseltanz. (Nach dem Tanze zieht sich Alles in den hintern Theil des SaaleS zurück.) Achte Scene. Iosephine und Christine (beide ebenfalls als Rosenmädchen, treten auS dem Hintergründe links). Joseph, (unruhig). Er ist nicht im Saale. Christ. Wer? Joseph. Der blaue Domino mit dem Schmetterling. Christ. Der Schmetterling im blauen Domino willst Du sagen. Joseph. Beurtheile ihn nur nicht gar zu strenge — Adalbert ist — Christ. Ein Wildfang, der mit jedem liebenden Herzenseinen Spott treibt. Bei der letzten Schlittenfahrt, die er arrangirte, war er so boshaft meinen Schlitten Herrn von Wisel zuzutheilen — nur um mich mit meinem eifersüchtigen Verlobten zu entzweien. Joseph. Bist Du noch immer nicht aus« gesöhnt mit Carl? Christ. Kein Gedanke! Er spielt den Othello wahrscheinlich bis zum jüngsten Tage. Die Malice werde ich Herrn von Nachtigall nie verzeihen. Joseph. Er hat es nicht so böse gemeint. Christ. Er meint es mit der ganzen Well böse, sogar mit Dir, denn während Du an seine Treue und Beständigkeit glaubst, macht er der Baronin von Stein den Hof und erschöpft sich in allen Aufmerksamkeiten für sie. Joseph. Still, er kommt! Ich hoffe heute noch mein Schicksal entschieden zu sehen. Christ. Ziehen wir uns ein wenig zurück, um ihn aus der Ferne zu beobachten. Nennte Scene. Vorige. Peter. Rudolph. Rud. (indem sie auS dem Hintergründe links treten). Ihr Zacharias bat eine ausgezeichnete Spürnase — Denn es ist keine Kleinigkeit, unter den vielen Rosenmädchen die rechte herauszufinden. Wünschen Sie sie zu sprechen? Pet. Erst möcht ich ein Bißl einheizen, denn mich friert, als ob ich 'nen Eisstvß g'schluckt hätt'. (Rust.) A halbe Bier! Rud. (lächelnd). Hahaha! — Sie bemühen sich umsonst, Jbr Inkognito zu behaupten. (Ruft.) Punsch, Bediente, Punsch und zwei Gläser! Pet. (ebenso). Aber große Gläser! Sei- telstutzen oder Krügeln, damit's mehr ausgibt! (Bediente eilen mit Punsch herbei, und entfernen sich wieder, wenn ihnen die leeren Gläser zurückgegeben werden.) Rud. (auf eine der Maöken im hintern Theile des Saales deutend.) Sehen Sie jene 8 Pilgerin dort, das ist Hermine, meine falsche Hermine! Pet. Die Hermine kann wegen meiner falsch sein, wenn nur der Punsch echt ist! (Trinkt.) Rud. O, Sie sollten nicht spotten, denn Sie allein sind Schuld, daß Hermine so plötzlich mit mir gebrochen hat. Pet. Ich? warum? Rud. Za, Sie mit Zhren Galanterien, die Hermiue für Liebeserklärungen ausgenommen hat. Pet. Aha! Sie hat mit Ihnen abgebandelt, weils mit mir anbandeln will. Rud. Ein junger, liebenswürdiger Mil- lionär wie Sie ist bei allen Männern ein gefahrlicherNebenbuhler.—Aber ich fürchte Sie jetzt weniger, seitdem ich von Ihrer Liebe zu Josephinen überzeugt bin. Pet. Also Ihre Geliebte will nir mehr von Ihnen wissen, weil's ein'Millionär angeln will? Rud. Leider! Pet. Das ist ein sauberes Wuzerl! — sein's doch so gut und schicken sie's a biß'l her zu mir, mein lieber Kugelhupf! Rud. O nehmen Sie der Verblendeten die eitle Hoffnung und ich will Ihnen ewig dankbar dafür sein! (Er eilt in den hintern Theil deS SaaleS unter die Masken; gleich darauf sieht man ihn sich an eine Pilgerin wenden, der er ein paar Worte in'S Ohr flüstert.) Pet. Hehehe! Der Zur fangt mir zu gefallen an. Also ich bin ein junger liebenswürdiger Millionär, vor dem man einen curiosen Respect hier hat. Hehehe, so weit hat's noch kein Nachtwächter gebracht. Zehnte Scene. Vorige. Hermine (als Pilgerin). Rudolf (im Hintergründe lauschend). Herrn, (tritt zu Peter). Du willst mich sprechen, Maske? Pet. Za, deutsch will ich mit Ihnen reden, wenn's erlauben. Herrn. Meinetwegen, nur nicht so muth- willig wie vor einer Stunde, bitt' ich, (leise zu ihm, indem sie auf Josephine deutet, die sich hin und wieder im Hintergründe zeigt) denn jenes Rosenmädchen dort ist ihrem Schmetterlinge auf der Spur. Pet. (strenge). Nicht nur das Rosenmädl, auch eine gewisse Pilgerin will den Schmetterling fangen, aber der Schmetterling laßt sich von der Pilgerin nicht fangen,Mamsell! Herrn, (höchst erstaunt). Wie, mein Herr? Pet. Für Sie ist kein Schmetterling, sondern ein Kugelhupf gebacken, Mamsell! Ein schöner, guter Kugelhupf! Wie können Sie daher so impertinent sein, sich in einen so dummen Menschen, wie ich bin, zu verlieben? Sie sind mir eine saubere Pilgerin, Sie! Herm. (wie vorher). Himmel! Diese Sprache! Pet. Ist deutsch! Wenn ich aber französisch mit Ihnen reden soll, so sag' ich Ihnen tout leg trois—oaramHolaAes 6 äov6 iVlaäaruö Orruoliu, vsrstanäeL VOU8? Herrn. Sie scheinen den Verstand verloren zu haben! Pet. Wenn ich ihn auch verloren Hab', Sie haben ihn gewiß nicht gefunden, sonst würden Sie einen treuen Liebhaber nicht gleich laufen lassen, wenn Ihnen ein liederliches Tuch wie ich ein paar Schönheiten sagt. Aber die Madln nehmen gleich alles für baare Münz, und wenn ihnen ein Windbeutel ein O oder ein Ach vorseufzt, so denken Sie schon an die Hochzeit und an den Herrn Gevatter. — Der Kugelhupf ist ein braver, rechtschaffener Mann, der mich tausendmal in den Sack steckt — wie kann man denn so einen braven Mann einem dummen, liederlichen Millionär aufopfern, he? Herm. (in äußerster Aufregung.) Mein Herr, Sie haben ein grausames Spiel mit mir getrieben! Pet. Ja, wir haben Manag' mit einander gespielt und ich war Atout, und noch 9 dazu ein Haupt-Atout! Ich Hab nur Ihre Treue zu meinem Freund Kugelhupf auf die Prob' stellen wollen, aber Ihre Treue hat curios gewackelt, und wenn ich der Kugelhupf wäre, ließ ich die Pilgerin nach Mokka pilgern, wo der kleine Schwarze wächst, und suchet mir was Anderes. A blonde Melang' paßt bester zum Kugelhupf als sc a kleine schwarze für acht Kreuzer. Herm. (sucht ihre Aufregung gewaltsam zu unterdrücken). Sie sind ein leichtsinniger Thor, eben so eingebildet als unverschämt! Pet. (für sich). Aha, jetzt wird's warm! Ihren Thce hat's, jetzt krieg ich a meinen Thee! Herm. Ich hasse, ich verabscheue Sie vom Grund meines Herzens! Pet. So schimpft derFuchs a,wenn ihm die Traub'u z'hoch hängt! (Er gibt Rudolf heimlich Zeichen, der sich ihm nähert.) Herm. Was wäre mir auch an einer Wetterfahne gelegen, die jeder Luftzug auf eine andere Seite schnellt! Mein Rudolf wiegt ein paar Dutzend Ihresgleichen aus! Pet. (leise zu Rudolf). Aha, sie sattelt schon um! Herm. Ihre Eitelkeit hat Ihnen wieder einen fatalen Streich gespielt, wenn Sie glauben, Ihre Schmeicheleien hätten bei mir ein gefälliges Ohr gefunden. Sie wa ren nichts als mein Spielball, die bittere Pille, die ich meinem Geliebten verschrieb, um ibu von seiner Eifersucht zu heilen. Rud. (in ihre Arme stürzend). Meine theure Hermine! Herm. Verzeihen Sie mir den Scherz, den ich mir mit Ihnen erlaubt habe, lieber Rudolf, und geleiten Sie mich zum Wa gen. Mir ist nicht wohl, ich habe mich zu sehr alterirt. (Zu Peter.) Mein Bruder wird Sie für Ihre beispiellose Unverschämtheit zur Rechenschaft ziehen, mein Herr von Nachtigall! (Ab mit Rudolf.) Pet. Das ist ein Terno, den der mit seiner Hermitte gemacht hat — aber ein Seitel Bier wär' mir lieber. Eilfte Scene. Vorige. Natalie (als Zigeunerin, einige Schritte hinter ihr Lollis als Spanier, sie beobachtend.) N a t. (tritt zu Peter. Louis bleibt lauschend in der Nähe). Soll ich Dir wahrsagen, Maske? Pet. Wegen meiner! Just Hab ich auch einer Maske die Wahrheit gesagt. Nat. Reich mir deine Hand. Pet. (reicht ihr die Hand). Aber plausch mich nicht an, Zigeunerin! Nat. (schnell und heimlich zu ihm). Wir sind verrathen, der Baron hat unser Gespräch vorhin belauscht. Sie wissen, wie eifersüchtig er ist. 3ch fürchte das Entsetzlichste. Wechseln Sie schnell die Maske. Louis (zwischen Beide tretend). Zu spät! Nat. (erschrocken). Gerechter Himmel! Louis (zu Peter). Sie scheinen zu vergessen, mein Herr, daß Gesetz und Recht Ihrem Leichtsinn eine Schranke stellen zwischen Ihnen und dieser Dame. Pet. Plauschens nicht! Was geht mich Ihre Zigeunerin an? Louis (heftig). Aber mich desto mehr, denn es ist meine Frau! Pet. (ebenso). Ihre Frau geht mich a nir an! Louis (wie vorher). Ganz recht — und darum ist Sie kein Gegenstand Ihrer Galanterien, Unverschämter! Pet. (ebenso). Gebens a Fried und fan- gens keine Händel mit mir an! Ich Hab' einen Punsch getrunken, und wenn ich einen Punsch im Kopf Hab, steh ich für den Pantsch nicht gut. Louis. Verstellen Sie Ihre Sprache nicht, denn ich kenne Sie zu gut, junger Herr, und war vor einer Stunde Ohren- zeuge Ihrer zärtlichen Betheuerungen, die meine eitle Frau Gemalin nur mit zu sichtbarem Wohlgefallen aufnahm. Pet. Aha, ich merk schon wieder was! (Natalien mit dem Finger drohend.) Bist Du 10 auch eine solche Zigeunerin? Möchst auch gern ein kleines G'spusi mit mir? Louis. Sie allein sind der Magnet, der sie an die Stadt fesselt. Nur Ihretwegen weigert sie sich mir auf meine Guter in Steiermark zu folgen. Nat. (verlebt). Sie vergessen sich, Herr Gemal! Pet. (ernst). Nein, Sie vergessen sich; denn wenn Ihr Mann Ihnen befiehlt, mit ihm nach Steiermark zu reisen, so Habens auf der Stell' zu gehorchen, denn ein Weib ist ihrem Mann Gehorsam schuldig und muß Ordre pariren, Mordio, sonst wird's g'striegelt! Jedes brave Weib muß nach Steiermark gehen, verstanden? Louis (höchst befremdet). Was hör' ich? Nat. (ebenso). Ich erstaune, dieser Ton! Pet. G'fallt Ihnen der Ton nicht? O wenn ich Ihr Mann war, möcht' ich aus einem ganz andern Ton mit Ihnen reden! Nat. (höchst ergriffen). Abscheulich! Pet. Abscheulich, ja — das Abscheulichste ist ein kokettes Weib! — Gehen Sie auf Ihr Gut in Steiermark, Melkens Ihre Küb' und schaun's lieber auf Ihre Enten und Gäns, als hier ans d'saubern Mannsbilder, die Ihnen nir mehr angeh'n. Nat. Ich ersticke! Louis. MeinHerr, Ihr jetziges Benehmen stimmt so wenig mit Ihrem früheren überein, daß — Pet. Ob's stimmt oder nicht, das istalles- eins, wenn der Nachtwächter bläst! Ihre Frau könnt' mir im Traume nicht einfallen, und wenn ich ganz allein mit ihr auf der Welt wäre — denn sie ist ja nicht einmal sauber, und übertragen ist sie auch schon curios. Nat. (wankend). Ha — das ist zu viel! Meine Nerven — Pet. Halten das die schwachen Nerven nicht aus? Aber einen Pantsch mit einem Liebhaber halten's aus, gelten's? — Aber mit mir ist's nir! Ich Hab schon die Mei- nige, ein Kernmadl, das ich für all die geputzten Gredeln dahier nicht hergeb! Und jetzt b'hüt Ihnen Gott, bleiben's schön gesund, unterhalten'S sich recht gut in Steiermark und schreibens mir gleich, wenn Ihnen der steirische Kropf gewachsen ist. Nat. (in äußerster Aufregung.) Ja, fort, fort auf ewig aus der Nähe dieses Ungeheuers! (Stürzt ab.) Louis (indem er Peter herzlich die Hand drückt.) Ich verstehe Sie, edler, junger Freund! Sie haben diese Rolle gespielt, um meine Frau zu ihrer Pflicht zurückzuführen, und mir den verlorenen Hausfrieden wieder zu geben, ich danke Ihnen vom Herzen. Morgen reisen wir — und damit ich nicht doppelt in Ihrer Schuld bleibe (gibt ihm Geld) erlaube ich mir Ihnen die fünftausend Gulden zu zahlen, die ich neulich im Ecarte an Sie verloren. Auf Wiedersehen! (Eilt Natalien nach.) Pet. Jekus, fünftausend Gulden — und er gibt's her, als ob's a Pris'Schnupftabak wär'! Na, mein Substitut kann seine Freud' an mir haben. Derweil ich ihm hier fünftausend Gulden verdiene, verdient er mir vielleicht fünftausend Schläg. Zwölfte Scene. Vorige. Silberstein (als Chinese). Silb. (zu Peter eilend). Ah, endlich erwischt! Maskiren muß man sich, wenn man zu dem jungen Herrn will, um von Geschäften mit ihm zu sprechen. Pet. Was schaffen's, Herr Chineser? Silb. Nu, haben Sie keine Aufträge für Ihren Agenten? Was geschieht mit Ihren Effecren — London, Paris, Madrid? Soll ich kaufen oder verkaufen morgen? Pet. (für sich). Was ist denn das für ein Kerl, der ganze Hauptstädt' kaufen und verkaufen will? Silb. Eine unnatürliche Bewegung ist auf der Börse, und ich glaube, uns steht eine verhängnißvolle Krisis bevor. Bleiben wir in der Contremine oder wollen wir zur Liebhaberei übergehen? II Pet. Zur Liebhaberei. Denn ich bin ein großer Liebhaber von der Liebhaberei. Silb. Ah! — Sie hoffen also auf einen Umschwung? Haben Sie Vertrauen zu Paris? Pet. Na — auf Paris Hab' ich gar kein Vertrauen. Silb. Also verkaufen? Pet. Wenn Ihnen wer was gibt, wegen meiner. Silb. Und die Lombarden? — Ich glaube, sie werden steigen. Pet. Die sind schon g'stiegen. Die Pariser haben's steigen lassen. Silb. Also verkaufen — und Madrid Venedig — Pet. Venedig wollen's auch verkaufen? — Gleich werden's gebeutelt, Sie Chi- neser! Silb. Sie meinen also, Paris, London, Lombarden verkaufen? — Das ist ja ein völliger Wechsel unserer Operationen. — Aber bedenken Sie wohl, ein großer Theil Ihres Vermögens steht auf dem Spiele, denn die Franzosen — Pet. (ungeduldig). Lassen's mich mit Ihren Franzosen in Ruh' und schau'ns, daß Sie weiter kommen! Silb. Ich gehe schon, und werde streng nach Ihrem Aufträge operiren. — Nach der Morgenbörse bringe ich Ihnen den Rapport. (Eilt ab.) Pet. Der Kerl will die Franzosen verkaufen. — Der geht doch rein auf's Leut- anschmieren aus. Dreizehnte Scene. Vorige. Moriz. M o r. (als Armenier zu Peter tretend). Mein Herr, ich heiße Wiesel. Pet. Meinetwegen Erdzeiserl. Was geht das mich an? Mor. Sie haben meine Schwester insul- tirt — und ich fordere Satisfaction. Pet. (ruft). Eine Portion Satisfaction mit Obers und Nachguß! Mor. Machen Sie keine läppischen Späße. Sie werden sich mit mir schlagen. Pet. Schlagen? Hier auf'n Ball? — Gehen wir lieber auf d'Gaffen, dort kön- nen's Schläg haben, so viel's wollen. Mor. Ich habe keinx Lust, noch länger Ihre Albernheiten anzuhören. — Morgen punct sechsUhr sind Sic im Park zum Früh- 'tück aus ein Paar Pistolen eingeladen. (Zieht sich zurück.) Pet. (ihm nachrufend). Ich frühstücke keine Pistolen! A Biersuppen ist mir lieber. Vierzehnte Scene. Vorige. Carl (als Zuave). Christine. Christ, (leise zu Carl, indem sie auf Peter deutet). Dort jener Domino ist's. Aber keine Uebereilnng, lieber Carl! (Zieht sichzurück.) Carl (zu Peter tretend). Mein Herr, ich heiße Fuchs. Pet. Fuchs? G'rad ist ein Wiesel fortgelaufen. Man könnt' ja ordentlich jagen auf dem Ball. Carl. Auch an einem Hasen würde es nicht fehlen, wenn Sie sich nicht mit mir schlagen. Pet. Sie wollen a Schlag'? Carl. Sic haben durch Ihre Intriguen auf der letzten Schlittenfahrt mich mit Christinen entzweit — und das kostet Ihr Blut. Pet. (erschrocken). Hör'n's auf! (Für sich.) Donnerwetter, jetzt ist's die höchste Zeit, daß ich wieder Nachtwächter werd'. Carl. Morgen Früh werd' ich Sie im Park mit ein Paar Pistolen erwarten. Pet. Thut mir sehr leid — aber auf das Frühstück hat mich schon ein Anderer einge- ladcn. Carl. Wie! Sie wollen sich nicht mit mir schlagen? Pet. Ha! Ich Hab' keine Lust mich im Park mit Fuchs und Wiesel herumzubeißen. Carl. So werden Sie mich zwingen, Ihnen hier vor der ganzen Gesellschaft eine derbe Lection zu geben. (Wendet sich.) Meine Herren und Damen — 12 Pet. Machen's keinen Lärm, sonst ruf' ich den Nachtwächter herauf. Carl (tritt ihm zornig näher). Unverschämter, Sie wagen es — Fünfzehnte Scene. Vorige. I o s e p h i n c. Joseph, (tritt schnell aus dem Hintergründe zwischen Beide). Bedenken Sie. wer und wo Sie sind, meine Herren! Carl (zu Peter). Morgen Früh sprechen wir nns! (Zu Josephine.) Ich danke Ihnen, Fräulein Josephine, daß Sie mich vor einer Uebereilung geschützt! (Zieht sich zurück.) Pet. (für sich.) Aha! Das ist die gewisse Rosenmadl-Pcpi! Joseph. Ist denn Ihr Mnthwille noch nicht müde, mit der ganzeil Welt sein loses Spiel zu treiben? Pet. (für sich). Die hat eine Stimm' wie a Orgelpfeiferl und g'wachsen ist's wie der Berliner Tanneboom. Joseph, (indem sie ihn bei der Hand nimmt, zärtlich). Lieber Adalbert! Pet. (für sich). O Du herziges Trutscherl, Du! Bei der möcht' ich schon Substitut sein für meinen Substituten. Joseph. Trotz Ihres Muthwillens kann ich Ihnen heute nicht zürnen, Sie Wild fang, denn Sie haben Liebende versöhnt und einem Ehepaar den häuslichen Flieden wieder geschenkt. — Ihr Herz ist gut, ic!' habe nie daran gezweifelt. Pet. Recht haben's. (Ihre Hand strei- chelnd.) Was das für ein kleines weiches Psoterl ist, wie von einem jungen Katzerl. Joseph. Auch mein Vater hat Sie stets in Schutz genommen. Der Wildfang ist nicht bösartig, sagte er. — Laßt ihn nur austoben, Kinder, ich bin überzeugt, er wird ein mu sterhafter Ehemann werden. Pet. Ein sehr schusterhaster — musterhafter Ehemann, das sagt also der Herr Vater? Und was sagt denn das Fräulein Töchter! dazu? Joseph, (verschämt). Gute Kinder dürfen ihren Eltern nicht widersprechen. Pet. Na — warum heiraten's mich denn nicht? Joseph. Himmel! Pet. Der Fasching dauert nicht mehr lang. Schau'n wir g'schwind dazu noch vor der Fasten. Joseph. Ist das Ernst, lieber Adalbert? Pet. So gewiß, als ich Ihr lieber Adalbert bin. (Für sich.) Ich will meinen Substituten ein biß'l heiraten lassen. Schaden kann's ihm nicht! (Louis, mehrere Masken und Zacharias haben sich ihnen genähert.) Joseph. Mein Onkel ist aus dem Ball — darf ich ihm sagen —? Pet. Daß auf den nächsten Sonntag unsere Hochzeit ist. Joseph, (in seine Arme stürzend). O mein Adalbert, wie glücklich machen Sie mich! Die Masken. Wir gratuliren! Joseph. Ich eile zu meinem Onkel! (Eilt ab in den Hintergrund.) Louis. Verlobung, meine Herren und Damen. Ein Toast dem Brautpaar. Alle. Hoch! Hoch! Champagner, Bediente! (Verlieren sich im Hintergründe.) Zach, (zu Peter tretend). Ich bin ganz paff, Euer Gnaden! — Vor einer Stund' waren's ja noch frisch und gesund, und in voller Geisteskraft — und jetzt wollen's auf einmal heiraten! Das ist ja ein wahrer Donnerschlag für Ihren Schleichwedel! Pet. (für sich). Wahrscheinlich mein Bedienter, dieser Schleichwedeler. Zach. Was wird die schöne Tänzerin Zangurini sagen, die Sie heute nach Mitternacht erwartet? Pet. Sie soll schlafen gehen. Ich tanz' nicht mehr mit ihr. Zach. So solid schon vor der Hochzeit? Schade, jammerschade! — Ich Hab' hier in der Nachbarschaft was ausgekundschaftet — (schnalzend) das wär' eine wahre Delikatesse für einen Millionär. Pet. A — na! 13 Zach. Gewachsen wie eine Pappel — Augerln wie Raketten — Zähnerl'n wie die Eichkatzerln — kurz, ein bildmudelsauberes Kermnädl, Euer Gnaden. Pet. (für sich). Der Kerl weiß einem Appetit zu machen, daß einem das Wasser im Maul zusammenläuft. (Laut.)' Und wer is denn das Schneckcrl? Zach. Die Tochter einer armen Wäscherin, uns gegenüber. Pet. Uje — i g'spann was. Zach. Das Mädl hat zwar schon einen Liebhaber — den Sohn des Nachtwächters in unser'm Viertel, aber das ist ein blitzdummer Kerl. Pet. (ingrimmig, die Fäuste ballend, für sich). Jetzr schläft der gnädige Herr ein, und der Nachtwächter wacht auf. Zach. Das genirt aber nicht — denn solch' einen Tölpel zu übertölpeln, ist eine Spielerei für ihren Schleichwedel! Pet. (nimmt ihn plötzlich bei den Ohren und zupft ihn tüchtig). Ja, mein Schleichwedler ist ein pfiffiger Hallunk! Zach, (schreiend). Au — au weh! Euer Gnaden reißen mir ja die Ohrwascheln aus. Pet. (wie vorher). Aus Dankbarkeit und Zärtlichkeit, mein lieber Schleichwedler! Zach, (entwindet sich ihm). Gehorsamer Diener. (Schmerzlich nach den Ohren greifend.) Au — ausgerissen sind meine Ohren noch nicht — aber eine halbe Elle länger sind sie! Pet. (für sich). Halt, eine Idee! Wie wär's denn, wenn ich meine Life ein biß'l auf d'Prob stellet? Zach, (wie vorher). Die aristokratischen Handerln haben sich in ein paar Kneipzan- gen von einem Grobschmied verwandelt. Pet. Unter Ander'm, mein lieber Delikatessenlieferant, wär's denn nicht möglich, daß ich noch heut' mit dem säuber n Wäschermädel reden könnt? Zach. Ein Genie wie ich macht Alles möglich. — Ich werde Sie in's Haus zu schwärzen suchen. Pet Wenn das gelingt, kriegt mein lieber Schleichwedel ein Präsent von mir (heimlich Schlage andeutend), an dem er vier Wochen zu schleppen haben soll. (Man hört Tumult auf der Straße.) Adalb. (in der Ferne singend): »Ihr jungen Stutzer, laßt Euch sagen, Es hat Affen geschlagen!« Stimmen auf der Straße. Haltet ihn auf! Wache! Wache! Alle Masken (aus dem Hintergründe eilend). Was bedeutet der Lärm aus der Straße? Sechzehnte Scene. Vorige. Rudolph, später Adalbert. Ru d. Hahahaha — die ganze Stadt ist in Allarm! Alle Nachtwächter sind betrunken und singen Spottlieder vor allen Häusern! Es wird förmlich Jagd auf sie gemacht! Pet. (erschrocken für sich). Auje — das ist ein Stückerl von meinem Substituten! Adalb. (dicht unter dem Fenster singend). »Ihr Herren Masken, laßt Euch sagen, Ter Hammer hat eilse geschlagen!* Die Masken. Das geht uns an! Pet. (ängstlich für sich.) 'S kommt auf! Jetzt heißt's abfahren! Adalb. (steckt den Kopf durch s Fenster und singt). »Seid vor dem Licht ja auf der Hut, DennLicht und Feuer thutNarren nicht gut. 'S hat Narren g'schlagen!« (Zieht sich schnell zurück.) Pet. (singend, indem er ihm nach durch'S Fenster springt).'S hat Abfahren geschlagen! Alle (zum Fenster eilend). Haltet den Grobian! Haltet! Stimmen aus der Straße. Wache! Wache! Zach Dort läuft er, Euer Gnaden! Adalb., Pet. (singend auf der Straße). 'S hat abfahren geschlagen! (Man hört mehrere Nachtwächter blasen, wäh- rend deS Tumults fällt der Vorhang.) Ende des ersten Actes. li Zweiter Act. AermlicheS Zimmer, es ist Nacht. Erste Scene. Lisette (tritt mit einer kleinen brennenden Lampe ein, die sie auf den Tisch stellt). Lied. Ach, ich bin krank und weiß nicht wo, Bald bin ich traurig und bald froh, Bald bin ich g'scheidt, bald bin ich dumm, Bald plausch' ich viel, bald bin ich stumm, Ich lach' und wein' aus einem Sack, Und möcht' zerreißen, was ich pack' — Ich gist' mich und möcht'doch mich freu'n — Was muß denn das für Krankheit sein? (Heiter.) Wie kann ich nur fragen? Mein Herzerl thut schlagen, Ich spring' wie ein Fisch, Und mein Blut ist so frisch, Ach d'Krankheit, o mein, Kann d'Lieb' doch nur sein. (Jodler.) Mir ist so wohl und doch so weh, Ich möcht' gleich tanzen, wo ich geh', 3m Bett da Hab' ich a ka Ruh', Und fall'n mir a die Angen zu, So Hab' im Schlaf ich Keierei, Und träum' von meinem Peter glei, Da möcht' ich gleich vor Aengsten schrei'n: Was muß denn das für Krankheit sein? (Heiter.) Wie kann ich nur fragen? Mein Herzerl thut schlageil, Ich spring' wie ein Fisch, Und mein Blut ist so frisch, Ach, die Krankheit, o mein, Kann d'Lieb' doch nur sein. (Jodler.) Wenn mein Peter wüßt, daß die Mutter bei der Nachbarin auf'n Plausch ist — und daß ich allein bin — könnt' er schon einen Sprung daher machen, wenn er die Stund' abg'sungen hat. Der arme Narr wird frie- ren und hier ift's wachelwarm eingeheizt. Wenn er mein Mann wird, darf er mir keine Nacht mehr Nachtwächter sein — das könnt ich nicht brauchen. Pst — mir ist's, als hör' ich was rauschen an der Thür, das kann nur die Mutter oder der Peter sein. — Mir wär's lieber, wenn's nicht die Mutter wär'. Zweite Scene. Vorige. Zacharias. Peter (der lauschend an der Thür bleibt). Zach, (eintretend). SchönengutenAbend, Mauserl! Lis. (erschrocken). Himmel, mein Fenstergucker! (Barsch.) Was will der Herr? Zach. Habens kein Zimmer zu verlassen? Lis. A, da muß i bitten! Bei der Nacht fragt der an, ob dahier ein Zimmer zu verlassen ist! Zach. Warum denn nicht? — Ich Hab' bei Tag keine Zeit, darum komm ich — Lis. Daß der Herr kommt, Hab ich dem Herrn nickt g'schafft — aber, daß der Herr jetzt gleich wieder geht, das schaff ich ihm. Zach. Wenn ich aber nicht geh'? Lis. So werd' ich ein biß'l den Nachtwächter heraufrufen. Pet. (für sich). Wär' nicht übel, wenn's meinen Substituten selber heraufrufet. Zack. Laffcn's den Nachtwächter laufen, Mamsell. — Es ist eine Schand', daß ein so sauberes Madl so einen schiechen Ding zum Liebhaber hat. Pet. (für sich). Na wart, Schleichwedler, freu Dich! Zach. Sie haben eine ganz andere Eroberung gemacht. Mein gnädiger Herr hat Wohlgefallen an Ihnen gefunden, Fräulein Wäschermadl, und wenn Sie wollen, Habens morgen einen ganzen Waschtrog voll Banknoten. Lis. (entrüstet). Wenn der Herr jetzt nicht auf der Stell' schaut, daß er fortkommt, ruf ich Feuer! 15 Pet. (für sich). Bei mir brennt's schon. Zach, (auf Peter deutend). Hier ist Jemand, der das Feuer dampfen wird, Mamsell! Pet. (mit verstellter Stimme, indem er vor- tritt). Hm, hm! Lis. (zu Peter). Sie sein also der gnädige Herr, der ein armes Madl durch den Pafnuzi da so beleidigen läßt? — 'S ist gut, daß Sie a Larv'n vor m G'sicht haben, sonst müßten's sich in d'Seel hinein schämen. Zach. Ein Millionär schämt sich nie! — Er hat seine Leut', die sich für ihn schämen. Pet. (wie vorhin). Hm, hm! Lis. (ängstlich für sich). Ach, mein Gott, wenn nur d'Mutter jetzt käm'! Mein Lebtag bleib ich nicht mehr allein z'Haus. Zach. Nur g'scheit sein, Mauserl! Ein jedes Busserl belohnt mein Herr imt zehn Ducaten. Nicht wahr, Euer Gnaden? Pet. (wie vorher). Hm, hm! Zach. Die türkischen Shawls, seid'nen Kleider, gold'nen Ring' und Florentiner Hüt' gar nicht gerechnet. Nicht wahr, gnädiger Herr? Pet. (wie vorher). Hm, hur! Zach. Aber Ihrem Liebhaber, dem dummen Peter, müßten's auf der Stell den Abschied geben. — Nicht wahr, Euer Gnaden? Pet. (wie vorher, mit geballter Faust). Hm, hm! Adalb. (auf der Gasse auSrufend). »3hr Herren und Frauen, laßt Euch sagen, Der Hammer hat zwölfe geschlagen.« Lts. Das ist g'scheidt! (Läuft zum Fenster und schreit hinaus.) Peter, komm' Peter, komm g'schwind herauf! Zach, (ängstlich zu Peter). Jetzt schau'tt wir, daß wir fortkommen, sonst gibt'S Fisch! Pet. (packt ihn beim Kragen und prügelt ihn zur Thür hinaus). Za wohl, Fisch, Du Schlüpfer, Du Hauptatout! Das ist für die türkischen Shawls, des für die Busserln, und jetzt kommen die Ducaten und Banknoten. Zach, (hinter der Scene schreiend). Aber Euer Gnaden — was thun's denn? Ich bin ja der treue Diener seines Herrn! Lis. (allein in die Hände klatschend). Bravo, bravo äa onpo! Nicht für zehn Ducaten — aber für diese Schläg' könnt ich dem gnädigen Herrn ein Bussel geben! Die Stricksen sind a wahre Wohlthat für den Fensterguckcr. (Zum Fenster hinausrufend.) Peter, Peter, ich komm gleich zum Rendezvous! Merkwürdig, er nimmt gar keine Notiz von mir. Sollte er Harb auf mich sein? (Nimmt die Lampe vom Tisch.) Jetzt will ich die Mutter g'schwind vom Plausch abholen — und dann nachschauen, was ihm über's Leberl gelaufen ist. Aber von der nächtlichen Disit sag ich ihm nichts, er könnt sich giften, und was man nicht weiß, macht Ein'n nicht heiß; — d'rum heißt's auch ertra: »Waß mcr's denn?« im bürgerlichen Gesetzbuch. (Ab.) Verwandlung. (Straße wie am Anfänge des ersten Acteö.) Dritte Scene. Adalb. (kommt als Nachtwächter aus dem Hintergründe). Hahahaha! Das ist die interessanteste Maskerade, dle ich in meinem ganzen Leben mitgemacht habe! In allen Stadtvierteln kam ich dem Nachtwächter mit meinen» Gesänge zuvor. Alle Dummköpfe Hab ich in improvisirten Knittelversen gegeißelt, und wenn ich nicht ein so guter Schnellläufer wäre, wäre ich längst nicht mehr auf freien Füßen. Bis der Morgen dämmert, müssen alle Nachtwächter der ganzen Stadt eingesperrt sein. Vierte Scene. Adalbert. Lisettc. Lis. (kommt vorsichtig aus ihrer Wohnung). Pst, pst! Adalb. (für sich, indem er sich ihr nähert). Was ist denn das? Lis. (ergreift seine Hand). Sei stat, daß man uns nicht hört. Die Mutter ist g'rad' nach HauS gekommen. Adalb. (für sich). Aha, das ist das gewisse Rendezvous. 16 Lis. Ich bin in Todesängsten gewesen wegen deiner; die Mutter sagt, aus dem Georgiplatzel haben'- alle Nachtwächter z'sammenpackt. — Den Wastl, den Hann« sel, den schwarzen Thomas, den rothen Mich'l, — Alle Haben s abgesangen. Adalb. Warum denn? Lis. Wcil's sich Haarbeutel antrunkcn, und vor allen Hausherrn Spottlicder gesungen haben. — Ich bin nur froh, daß Dir nir g'scheh'n ist. Aber Dir kann im g'scheh'n, weil Du mein braver Peter bist! Adalb. (schlingt seine Arme um sie). Gelt, ich bin dein braver Peter? Aber hat denn dein braver Peter heut kein Busserl verdient? Lis. (küßt ihn). Na, da hast eins, denn ohne dem kommt man nicht weg beim Rendezvous. S'ist eigentlich nicht recht von mir, denn vor der Hochzeit sollt' ich Dir kein einzig's Busserl geben. Adalb. Jetzt küßt man gewöhnlich vor der Hochzeit, und nach der Hochzeit hört das Küssen ans. Lis. (seufzend). Ach, die Hochzeit! An's Heiraten dürfen wir noch gar nicht denken. Adalb. Denk nur zu. An's Heiraten denken ja die Mädeln alle. Lis. Ja, wenn's wahr wär', was ich gestern Nachts geträumt Hab' — Adalb. Nun, was hast Du denn geträumt? Lis. Daß Du 'nen großmächtigen Terno gemacht hätt'st. Adalb. So? Wie groß war denn der großmächtige Terno? Lis. Fast zweihundert Gulden! O Du mein! Für das Geld könntst Dir ein klei, nes Gartl micthen, und nachher könnten wir gleich heiraten. Adalb. Das hat Dir nicht nur geträumt — das ist auch wahr! Lis. (aufschreieud). Himmel, mir wird nicht gut! Adalb. (gibt chr die Börse). Da hast Du den ganzen Terno — aber jetzt muß heute Nacht noch geheiratet werden. Lis. Warum nicht gar! Was Dir nicht einfällt, Du närrischer Ding! (Ihm um den Hals fallend.) O Du mein lieber Peter Du! Der Himmel wird Dir's vergelten, daß 'd mich unter die Hauben bringst! Frau Storch (im Innern des Hauses). Lieserl, Lieserl! Mir wem redt'st denn? Lis. (rufend). Mit unserer Kundschaft, dem Herrn Balbierer! Frau Storch (wie vorher.) Mein Kind ist sittsam erzogen, Herr Nachbar! Sie hat kochen, nähen nnd fein waschen gelernt! Sie ist achtzehn Jahr alt, und ich bin die Frau Mutter. Wenn Sie redliche Absichten haben, besuchen's uns. Lis. Wie ick mit einem Mann red', gleich kommt d'Frau Mutter mit ihrem Hei- ratsgesetzl daher. — Wann's schlaft, komm ich noch ein bißl heraus zu Dir. Apropos, morgen ist der Wäschermadl-Ball bei der Schnecken. Mir sein doch a von der Par- thie? Adalb. Allemal! Ich Hab eine curiose Passion für saubre Wäschermadeln. Lis. Was? Du Hallodri Du! Frau Storch (wie früher). Mein Lieserl ist brav, Herr Nachbar, sehr brav, und ich kann mir schmeicheln — Lis. Schon gut, schon gut, Frau Mutter! Wart' an der Hausthür. Kriegst heut' noch's Verlobungsbusserl von mir! (Eilt ln ihre Wohnung.) Adalb. (ihr nachrufend). Ja, ich bitt', aber ja nicht vergessen!—MeinHerrAmtsbruder scheint gar keinen schlechten Geschmack zu haben. Fünfte Scene. Adalbert. Peter. Pet. (für sich, indem er mit seinen Maskenkleidern unter dem Arme auS dem Hintergründe tritt). Daß ich den Schleichwedel kl recht karwatscht Hab', war die edelste That von mir als nobler Herr. (Bemerkt Adalbert.) A Servus, Herr Substitut; mir scheint, Sie warten schon auf mich. Adalb. (eilt ihm entgegen). Ja wohl, mein ehrlicher Herr College! — Laß nns 17 geschwind die Rollen wieder wechseln, denn ich darf den großen MaSkentanz nicht ver- säumen. Nur schnell! (Sie wechseln die An Züge.) Pet. Euer Gnaden haben sich sauber aufgeführt. Der ganzen Nachtwächterschaft haben'S Ehr' und Reputation genommen. Adalb. Ich hoffe, Du hast Dich besser aufgeführt als ich. Pet. Na ob! Fragens nur Ihren Schleichwedl, dem Hab' ich auf Ihren Conto ein bißl was znkommen lassen, und wenn Sie ihm auf meinen Conto auch ein bißl was geben wollten, thätens mir einen großen Gefallen. Adalb. Ich versteh' Dich nicht! Pet. O. er hat mich schon verstanden. Und wenn Ihnen dieser Schleichwedler von einem Wäschermadl was sagt, von einer gewissen Lteserl, glaubens ihm nir. Sie ist gar nicht sauber, conträr krump, mager, schenkelnd, ausgewachsen — ein wahrer Spatzenschrecker. Adalb. Schon gut, morgen früh um neun Uhr erwarte ich Dich, um mich mit Dir auszugleichen. Jetzt Hab' ich keine Zeit. Auf Wiedersehen, Herr Collega! (Eilt ab in den Palast.) Pet. (ihm nachrufend). Euer Gnaden, Wartens ein bißl. Ich Hab Geld für Sie eincaffirt! Er hört mich nicht mehr. Na, ich kann ihm's Geld morgen a bringen. Sechste Scene. Peter. Lisette. Lis. (aus ihrer Wohnung eilend). Da bin ich wieder, Peter. Jetzt wollen wir uns recht ausplauschen, denn schlafen kann ich heute so nicht vor lauter Freud'. Pet. Worüber freust Dich denn gar so, Lieserl? Lis. Kannst noch fragen? (Die Börse zei- gend.) Ueber die fünfzig schönen nagelneuen Ducaten! Pet. (aufmerksam). Fünfzig Ducaten? Woher hast denn die Ducaten? Thratrr.RtpMoik Nr. SS, Lis. Frag nur nicht so curios. Du selber hast's mir ja gegeben. ^ Pet. Ich? Lis. Na freilich, da hier vorher beim Rendezvous! Pet. (für sich). Kruzineser, das war mein Substitut! — 'S Busserl zehn Ducaten und fünfzig Ducaten hat's, also hat's fünf Stück verkauft. (Zornig ausbrechend.) Da schlag doch gleich das Millionenkreuzdonnerwetter d'rein! L i s. (ängstlich). Mein Himmel, was hast denn? Pet. Da nutzt gar keine Vorsicht, und wenn man sich den Weibern wie a Fliegen auf d'Nasen setzt, betrügens Einen doch! (Wüthend die Fäuste ballend.) O Schleichwedler! Schleichwedler! Wenn ich Dich jetzt da hätt'! Gelt, Du kennst den Schleichwedler, Lieserl? Lis. Das ist der Bediente da im Palast. Pet. Da haben wir's! Sie kennt ihn schon, den Schleichwedler! (Sie zornig an- schnaubend.) Hast Dich denn nicht g'schamt, das Geld anz'nehmen? Lis. Warum soll ich mich denn schämen, wenn'st mir ein Geld gibst? Pet. Ich! Ich! So, so — sag' mir einmal was, was hast Du mir für 'nen G'fallen thun müssen für das viele Geld? Lis. (lachend). Aber Du bist g'spaßig! Ein Busserl Hab' ich Dir geben müssen, sonst nir. Pet. (zornig). Also doch! Wie kannst Du Dich untersteh'«, mir a Busserl z'geben ohne meine Erlaubniß? Lis. Hahahaha — das ist zum Lachen! Warum soll ichDir denn kein Busserl geben? Pet. Ja, wenn ich ich bin! Aber wenn ich nicht ich bin, wenn er ich und ich er bin, dann — dann — ich weiß gar nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Lis. Das weiß ich ja nicht. Pet. Geh mir aus den Augen, Du Otter, Du Natter, Du Klapperschlange, Du Meerkatz, Du Krokodilll 2 18 Lis. Sonst nir? (Schluchzend.) Ah, das ist ein bißl stark! P et. Sei Du nicht schwach, so brauch' ich nicht zu stark z'sein.—Aber derTeufel hat mich auch reiten müssen, ein gnädiger Herr zu werden. Lis. Grob bist geworden, aber nicht gnädig. Pet. Grob oder gnädig, das ist Alles eins! — Ach, wenn ich nur nicht auf dem verflixten Ball g'wesen wär! Lis. (aufschreiend). Ha! Auf'm Ball bist g'wesen ohne meiner? O Du Scheusal — Du Räuber — Du Tieger — Du Unge- Heuer, Du! Ohne meiner — vielleicht gar mit einer Andern. (Wirft ihm die Börse vor die Füße.) Da hast deinen Terno wieder, Du sauberer Extrato! Jetzt brauch' ich keinen Kreuzer von Dir. Aber wart nur! Justament laß ich mich morgen a von einem Andern auf'n Wäscherball führen — vom ersten besten Kanonier. Und wenn ich in der G'schwindigkeit keinen Soldaten erwisch, lad ich mir den Schleichwedl ein! So rächt sich ein Wäschermadl! (Lauft erbost in ihre Wohnung.) Siebente Scene. Pet. (schluchzend). Kanonier! — Aus Gift will's als Freiwilliger unter die Kanoniere! (Hebt die Börse auf.) Das Malefizgeld gebe ich ihm wieder zurück. Aber was nutzt das? Meine Busserln hat er doch schon verspeist beim Rendezvous — 's ist nicht »lehr als billig, daß er's Kostgeld zahlt. Achte Scene. Peter. Zacharias. Zach, (für sich, indem er mit einem Tuch auf der rechten Wange aus dem Palast tritt). Mein Herr hat Launen wie eine junge Frau beim ersten Kind. Vorher Hab' ich ihn bis ins Zimmer des Wäschermadls g'führt, und er hat mich jämmerlich g'striegelt dafür — jetzt möcht er nur an der Hausflur mit dem Madl plauschen, und verspricht mir fünfzig Gulden, wenn ich den Nachtwächter erpedire. Im Zimmer wird doch so ein Rendezvous commoder als an der HauSthür sein. Pet. (für fich). Ha, das ist mein'm lieben Schleichwedel sein süßer Tenor! Zach, (vortretend). Ah, Servus, Servus! Wie viel hat's denn schon g'schlagen, mein lieber Nachtwächter? Pet. Bis jetzt hat's noch z'wenig g'schlagen. Aber warten's nur ein bißl — gleich wird's noch mehr schlagen. Zach. Er har 'nen säubern Spcctakel g'macht in der Nacht. Schau er, daß er nach Hause kommt. D'Polizei sucht ihn, und wenn's ihn erwischt, kommt er ins Loch. Pet. Im Loch is nur noch a ganz kleines Löchel leer, und das brauchens für an größer« Schnipser als ich! Zach. Sein Madl wird auch in Aeng- sten um ihn fein. Pet. Ah na! — Kennt der Herr mei Madl? Zach. Wie denn nicht? 's ist ein lieber Schneck, sein Lieserl, aber er ist auch ein Mann am Platz, der so ein sauberes Schatzerl verdient. Pet. (für sich). O Du Haupthallunk, Du! (Laut.) Aber was hat denn der Herr an der rechten Backen, die ist ja ganz brennroth und g'schwollen. Zach. Ich hab's Rheumatische erwischt. Pet. Ja, in der Witterung schwellen die Backen, als ob's lauter Watschen regnet. Zach. Reden wir von was Anderm, seinem Lieserl. Wie g'sagt, sauber ist das Madl, aber trau er ihr nur nicht z'viel, wenn er nicht anpumpen will. Pet. Anpumpen? Zach. Ein bißl anpumpt is er schon. (Geheimnißvoll.) Heut vor zwölf Uhr hat's auf ihrem Zimmer ein Rendezvous g'habt mit meinem gnädigen Herrn. Pet. Jst's wahr? 19 Zach. Auf Ehr', ich war selber dabei. Pct. (ihn copirend, geheimnißvoll inS Ohr.) Und bei dem Rendezvous hat der Musje Schleichwedel das Rheumatische erwischt auf der Backen. Zach. Jst's wahr? Pet. Auf Ehr', ich war selber dabei. Zach. Er? Pet. (deutet Ohrfeigen). Don mir kam das Rheumatische. Zach. Von ihm, wo war er denn? Pet. Im Sack seines gnädigen Herrn bin ich gesteckt. Zach. Plausch er mich nicht an. Ich werd' doch die Ohrfeigen von meinem gnä- digen Herrn kennen! (Hält ihm die rechte Backe hin.) Da sieht man noch ganz deutlich die fünf zarten Finger der Nobleß. Pet. (gibt ihm auf die linke Seite eine tüchtige Ohrfeige). Und da die fünf zarten fünf Finger des Nachtwächters. Zach, (schreiend). Zu Hilfe! Oeffent- liche Gewaltthätigkeit! Magistrat! Polizei! Grundgericht und Criminal! Pet. (geht ihm mit der Lanze zu Leibe, vor der Zacharias retirirt). Halt 's Maul, sonst spieß' ich Dich wie eine Fledermaus an die Mauer. — Laß Dich noch einmal bei meinem Madel anschau'n und Du hast ausgcwedelt, Schleichwedler! (Geht ab.) Neunte Scene. Zach, (allein). Ha, mir das? Mir, einem aristokratischen Bedienten eine Lerchenfelder Ohrfeige vom gemeinsten Pöbel! — Gott, in welchen Zeiten leben wir! — Aber an solchen Auswüchsen ist die Zeit nicht schuld, nein, die Menschen, die fortwährend an Gleichberechtigung der Nobles und des Pöbels arbeiten, — die Zeit ist die unschuldige, die oft für den Schuldigen leiden muß, die Zeit macht nur kleine Schnitzer, aber wenn große Plutzer kommen, soll sich der Mensch nur selber bei der Nasen nehmen. L o u p t e 1. 1 . Man schaut jetzt viel Iunggesell'n unter den Herr'n, 'S will keiner von ihnen mehr heiraten gern. Wenn 's Madl kein Geld hat, beißt selten wer an, Und wann's noch so brav ist, sie kriegt keinen Mann, Da sagen, und nicht ganz mit Unrecht, die Leut', Das liegt in der schweren und traurigen Zeit. Doch wenn so ein Fräulein geziert wie ein Pfau, Ein' Auslag' vom Kaufmann kokett tragt zur Schau, Sich 's ehrliche Deutsche zu reden genirt, Und nichts als ihr Kuchelfranzösisch parlirt, Da nimmt man sich g'scheidt vor dem Ehestand in Acht, Das hat nicht die Zeit, das hab'n d' Putzgredln g'macht. Wenn Einer 'nen Wechsel nicht zahlt auf den Tag, So wird er verklagt, denn er bricht den Vertrag, Was Einer versprochen, nicht halten, ist schlecht, Das G'setz muß man achten, denn Recht bleibt ja Recht. Da sagen, und nicht ganz mit Unrecht, die Leut': Das liegt in der schweren, der traurigen Zeit. Doch bricht man Verträge, auf Rechte gestützt, Die einst ganz Europa beschirmt und beschützt, Und schleudert die Willkür mit kräftiger Hand Den Samen der Zwietracht in's friedliche Land, r * 2V Indem sie das Volksrecht verhöhnt und verlacht, Das hat nicht die Zeit, na, ein Menschenfreund g'macht. Und 's stürzen d'Fabriken bei uns über Nacht, Das hat nicht die Zeit, na, derLurus hat's g'macht. 3 -, 5. Es stirbt ein sehr armer Beamter im Staat, Sein Kind steht verwaist ohne Hilfe und Rath, Das Mädel muß kämpfen mit Sorgen und Noch, Den ganzen Tag nähen um's tägliche Brot, Da sagen, und nicht ganz mit Unrecht, die Leut': Das ljegt in der schweren, der traurigen Zeit. Wenn Eine, die waschend beim Brunnen einst stand, Auf einmal daherschwebt in kostbarem G'wand, Zn Logen und in Equipagen sich bläht, Den wulstigen Hals mit Diamanten besä t, Und auftritt, daß zitternd der Erdboden kracht, Das hat nicht dieZeit, na, der Leichtsinn hat's g'macht. 4. Ein ehrlicher Kaufmann hat oft manche Nacht Beim Hauptbuch gegrübelt, mit Sorgen durchwacht, Doch zwingt ihn der herrschende Schwindel der Welt, Daß trostlos er endlich die Zahlung einstellt, Da sagen, und nicht ganz mit Unrecht, die Leut': Das liegt in der schweren und traurigen Zeit. Doch wenn uns're Wucherer das Silber entführen, Wenn fremde Agenten dabei intrigniren, Wenn 's Geld nach Paris oder London man schickt, Mit fremden Geweben und Stoffen sich schmückt, Die Quartiere sind immer noch rar in der Stadt, Und Mancher sein G'frett mit der Wohnung noch hat, Und ist auch per Zufall wo eine noch leer, Der Zins ist enorm, man erschwingt ihn kaum mehr — Da sagen, und nicht ganz mit Unrecht, die Leut': Das liegt in der schweren und traurigen Zeit. Doch stecken die Leute splendid und galant, Dem Hausmeister d'Fünfer und d'Zehner in d'Hand, Und bitten: »O beißen's die Partei doch hinaus, Ich zahl' Hundert mehr und laß ertra was aus!« Und 's wird dann gesteigert, daß die Schwarten uns kracht, Das hat nicht die Zeit, das hab'n d'Hausmeister g'macht. 6 . Ein Mann, dem nir glücken will, gar nir gelingt, Der trotz allen Fleißes nicht vorwärts sich bringt, Greift endlich zum Wanderstab', geht in die Fern', Vielleicht, denkt er, glänzt dort ein freundlicher Stern, Da sagen, und zwar nicht mit Unrecht, die Leut': Das liegt in der schweren, der traurigen Zeit. Doch wenn so ein ehrlicher Kämpe im Staat Mit Worten und Schriften die Wahrheit vertrat, Und muß aus der Heimat am Wanderstab' zieh'n, Dorthin, wo die Fieber und 's Pfefferkorn blüh'n, Und der Bambus gedeiht in der herrlichsten Pracht, Das hat nicht die Zeit, na, der Krampus hat's g'macht. (Ab in den Palast.) Verwandlung. (Glänzender Ballsaal.) Zehnte Scene. Adalbert (wieder im Domino). Rudolph, Josephine und die anderen Masken (in verschiedenen Gruppen im Hintergründe) Adalb. (der sich an mehrere weibliche Masken anschließen will, und überall zurückge- wiesen wird, mit Rudolph vortretend). Das ist ja zum Toltwerden! Sagen Sie mir nur, was das zu bedeuten hat? Die ganze Damenwelt scheint mir ja hier den Krieg erklären zu wollen. Rud. Folge Ihrer Verlobung, lieber Freund! Ad alb. (höchst erstaunt). Was sagen Sie da? Meiner Verlobung? Rud. Die Herren haben sie mit Jubel — und die Damen mit allgemeinem Aer- ger und Verdruß ausgenommen. Adalb. Meine — meine Verlobung? — Mit wem bin ich denn verlobt? Rud. Fragen Sie doch nicht so sonderbar! Mit Fräulein Josephine von Bergen. Sie selbst haben sie ja hier öffentlich als Ihre Braut erklärt — am nächsten Sonntag sind wir Alle zu Ihrer Hochzeit cinge- laden. Adalb. (sich an die Stirne greifend). A — a, treibt denn der Teufel seinen Spuk mit mir? — Rud. Auch Baron Stein läßt Ihnen gratuliren und nochmals herzlich danken. Adalb. Danken? Wofür? Rud. Für die derbe Lection, die Sie seiner Gemalin gegeben. — Die Baronin ist freilich wüthend — Adalb. Auf mich? Ich habe ihr ja den Hof gemacht. Rud. Um so empörter ist sie über Ihr beispielloses Benehmerl. Morgen früh reist sie auf ihre Güter mit ihrem Gemal. Adalb. O verflucht! Rud. Apropos — bei Ihrem Doppel- Duell im Park morgen Früh stehe ich Ihnen als Zeuge zu Diensten. Adalb. Ich ein Doppel-Duell? Mit wem? Rud. Nun, mit den Herren Fuchs und Wiesel, deren Damen Sie beleidigt haben. Auch meine Hermine haben Sie ein wenig schonungslos zurecht gewiesen, aber ich bin Ihnen sehr verbunden dafür, denn gerade durch diese derbe Abfertigung haben Sie unsere Versöhnung bewirkt. Adalb. Ich weiß auf Ehre nicht, habe ich noch einen Kopf — oder ist er mir ausgetauscht worden unter der Maske. Eilfte Scene« Vorige. Zacharias. Zach, (zu Adalbert, von dem er sich scheu ;u entfernen sucht). Euer Gnaden, es ist nichts mit dem Rendezvous am Hausthor. Adalb. Nicht? Warum nicht? Zach. Der Nachtwächter weiß, daß wir heut' Nacht im Zimmer seiner Geliebten waren. Adalb. Wie? Wer? Zach. Na— Sie und ich — um halber Zwölfe — (auf die Wange deutend) wie Sie mir beinahe die ganze Bank gesprengt haben. Adalb. Was soll das heißen? Zach. Thun Sie nur nicht so unschuldig , meine Wange ist ein geschwollener Zeuge gegen Sie. Adalb. Sage mir nur, ob Du närrisch geworden bist? Ich habe Dich ja seit zehn Uhr mit keinem Auge gesehen. Zach, (sieht ihn verblüfft an). Seit — 22 seit zehn Uhr nicht? (Tritt ihm etwas näher und hält ihm das Gesicht hin.) Ist dieser rosenfarbene schwellende Hügel nicht das Werk Ihrer Cultur? Ad alb. Meiner Cultur? Zach. Nicht die linke Anlage, die gehört einem andern Pflanzer — (auf die rechte Wange deutend). Ich meine diese Colonie. Ad alb. (ungeduldig). Erkläre Dich deutlicher, wenn ich Dich verstehen soll. Zach. Waren Sie nicht so gütig, mir heut nach halber Zwölf eigenhändig eine gnädige Ohrfeige und Schopfbeutler verabfolgen zu lassen? Adalb. Ich? Ich? A — das ist um .den Verstand zu verlieren! Komm' doch näher! Zach. Ne, ne, — ein gebranntes Kind fürchtet das Feuer. Ich trau' Ihnen nicht mehr, gnädiger Herr, denn Sie sind ja wie ausgewechselt, seitdem Sie Bräutigam sind. Adalb. Also auch Du behauptest, daß ich Bräutigam bin? Zach. Sie haben cs ja selber der ganzen Gesellschaft bekannt gemacht, die schon bei Pauken und Trompetenschall auf das Wohl des Brautpaares Champagner getrunken hat. Adalb. (indem er auf- und abgeht). Da werde der Henker klug daraus. (Bon einem Gedanken ergriffen, für sich.) Ha! Ha! Das Räthsel ist gelöst. Während ich auf der Straße für den Nachtwächter tolle Streiche machte, hat hier der Nachtwächter tolle Streiche für mich gemacht. Statt in's Wirthshaus, ist er in meiner Maske auf den Ball gegangen. O du Spitzbube, Du Hauptspitzbube Du! Joseph, (aus dem Hintergrund zu Adal- bert tretend). Willst Du mich nicht zum Wagen führen, mein flüchtiger Schmetterling? Zach. A — 's Fräulein Braut. Rud. Nicht mehr flüchtig, denn Dir ist eS gelungen, den Schmetterling zu erhaschen, schönes Rosenmädchen. Joseph, (reicht Adalbert die Hand.) Wie erträgt denn der Schmetterling seine Gefangenschaft? Adalb. (mit erzwungener Galanterie ihr die Hand küssend). O — o — er ist selig in diesen Rosenketten! Zach. (Adalbert und Josephine die Hände küssend). Der Himmel schenke Ihnen alle Süßigkeiten des Ehestandes! Adalb. (unwillig). Geh' zum Teufel, Dummkopf! Joseph. Brbrbrbr! Ist denn das der Dank für so einen freundlichen Glückwunsch? Lernen Sie sanft und geduldig sein, wie es einem artigen Ehemann geziemt. — Nun, gute Nacht. Ich hoffe Sie morgen bei meinen Eltern zu sehen, lieber Adalbert. Adalb. Vor dem Maskentanz darf keine von den Masken den Saal verlassen — und ich hoffe, auch Sie werden die Ballordnung nicht verletzen, schöne Io- fephine! (Lärm von außen.) Was gibt's denn da? Zwölfte Scene. Vorige. Lisette. Lis. (noch von außen). Ich muß hinein, ich muß! — Was gehen mich die Wursteln und Gredln an! (Aengstlich in den Saal stür- zend.) Mit dem gnädigen Herrn muß ich reden! Zach, (für sich.) Aha! Sie kommt schon selber! Lis. (zu Adalbert stürzend). Der Peter schickt mich zu Ihnen, Euer Gnaden. — Ich bitt' Ihnen um Alles in der Welt, helfen's! 'S ist ein Unglück geschehen. Alle. Ein Unglück? Lis. Alle Nachtwächter, die's eing'führt haben, haben bewiesen, daß sie an dem Spectakel heut' Nacht unschuldig sein — und daß nur der Nachtwächter in unser'm Viertel den Erceß gemacht hat. — (Schluchzend.) Jetzt haben's meinen armen Peter a aufg'fangen und cingekastelt. Zach. Ha, Triumph! 23 Lis. Halt er sein Maul! Ad alb. Es thut mir leid, aber ich kann nicht helfen, mein Kind! Lis. Ja, ja, Euer Gnaden können helfen, wenn's wollen, hat der Peter g'sagt. Ad alb. Ja, wenn ich will, ick will aber nicht. Ein Nachtwächter ist eine sehr wichtige Person, denn die Gemeinde hat ihm Haus und Habe der ganzen Bürgerschaft anvertraut. Ein braver Nachtwächter soll daher die Ruhe und Sicherheit der Stadt bewachen, und wenn er selber muthwillige Streiche macht, verdient er eine exemplarische Züchtigung ... O es ist schändlich, unverzeihlich! Vor jedem Hause hat der Spitzbube Spottlieder, und vor dem Rathshause sogar ein Zopflied abgesungen! Dieser Nachtwächter muß ein muthwilliger, liederlicher Taugenichts sein! Lis. Er ist aber ganz unschuldig, hat er gesagt. Ein junger, nobler Windbeutel — Adalb. (schnell.) Schon gut, schon gut! Nützt Alles nichts. Wenigstens ein Jahr muß der Spitzbube brummen. Lis. (aufschreiend). Ein Jahr! (Wankend.) Halt s mich, ich fall' in Ohnmacht! Zach, (will sie auffangen). Fassung! Lis. (taucht ihn weg). Geh' er weiter! (Sinkt Rudolph in die Arme.) Ich sall lieber da in d'Ohnmacht. (Musi k.) Alle (indem sie in den Hintergrund eilen). Der Maskentanz, der Maskentanz! Rud. (ängstlich). Meine Hermine, meine Hermine! — Nehmt mir da das Wäschermädchen ab. (Laßt sie fallen und eilt ebenfalls in den Hintergrund.) Lis. (erhebt sich). Ein sauberer Pascha, der nicht einmal ein junges Madel halten kann! (Schluchzend.) Ach, mein Gott, ich bin so desperat, daß ich gleich Polka tanzen könnt auf einem Fuß. — Mein armer Peter! — Wenn s wahr ist, daß sie ihn aus ein Jahr einsperren, scknipf ich morgen was, daß ich mit ihm zusammen eing'sperrt werd'. O ich unglückseliges Madel! (Ab in den Hintergrund.) Dreizehnte Scene. Maskenzug und Maskentanz. (Der Tanz schließt mit einer großen Gruppe. Der Vorhang fällt.) Ende des zweiten Actes. Dritter Art. Elegantes Zimmer im Palaste. Erste Scene. Adalbert (fitzt im Morgenanzuge an einem mit Papieren bedeckten Schreibtische und siegelt einen Brief). Li fette (steht in einiger Entfer- - nung seitwärts von ihm). Adalb. (siegelnd). Es ist nicht recht, daß ick so einen boshaften Nachtwächter protc- gire, der so maliciöse Spottlieder singt, aber einem so hübschen Wäschermädchen zu Liebe muß ich schon ein Auge zudrücken. (Gibt Lisetten den Brief.) Gib dem Herrn Commissär diesen Brief, und er wird Dir deinen Peter augenblicklich ausliefern. Lis. (freudig). Also heute noch? G'wiß, heut noch? Adalb. Ja, ja, heut' noch! Preffirt's deizn gar so? Lis. Na ob! Er muß mich ja heut auf unfer n nobeln Ball führen. Adalb. Sag' ihm, daß ich ihn erwarte. Sein erster Gang aus dem Arrest sei zu mir. Lis. (neugierig). Warum denn? Haben s vielleicht einen Dienst für ihn? O er ist sehr geschickt, und versteht die nobeln Herrn prächtig zu bedienen. Adalb. O, ich weiß! Mich hat er schon recht sauber bedient! Lis. Hat er schon? Na, nachher Wissen s Euer Gnaden ja eh. — Ein Bißl Geld haben wir, jetzt brauchet er nix als einen Dienst, nachher könnten wir gleich heiraten! Adalb. (lebhaft). Heiraten? Wenn ich ihm einen Dienst gebe, heiratet er Dich? L i s. Na freilich! Adalb. (schnell). Er soll den Dienst haben! Lis. (freudig). Ist's wahr? Adalb. (mit komischem Jngrimme für sich). Der Spitzbube hat mir ein Weib gegeben, ich geb ihm auch ein Weib. Die Rache ist furchtbar, aber süß! Lis. (ihm die Hand küssend). Ich küß' tausendmal d'Hand. Adalb. (sie zärtlich in die Wange zwickend). Halte ihn nur recht in der Corda, Du sauberes Wäschermadel, Du! Lis. Na ob! — Aber thun mir Euer Gnaden nicht so schön, die Mutter wart't drauß vor der Thür. Adalb. Was thut's? Sie sieht ja nichts. Lis. O, Alles — ich wett', daß sie durch's Schlüsselloch guckt. Adalb. Sage mir einmal, könntest Du neben deinem Peter nicht auch mich ein bischen lieb haben? Lis. (aufrichtig mit dem Kopf schüttelnd). Na. Adalb. Aber Du gefällst mir. Lis. Das glaub' ich schon. So ein fesches Wäschcrmadel g'fallet Manchem. Adalb. (zärtlich). Würdest Du mir nicht hin und wieder so ein kleines Küßchen gebdn? Lis. Kleine Hab ich nicht, ich Hab nur große Busserln. Adalb. (schnell). Ich nehm auch große— Lis. Schau, schau! Euer Gnaden wollen heiraten — geltens? Adalb. (seufzend). Ach ja, ich muß! Lis. Und Sie wollen meinem Peter seiner Frau hin und wieder ganz heimlich so ein ganz kleines Küßchen geben. — Wär's Ihnen recht, wenn auch mein Peter Ihrer Frau Gemalin hin und wieder ganz heimlich so ein kleines Küßchen gäb' ? Adalb. Den Teufel auch! Lis. Na sehen's, was Ihnen nicht schmeckt, schmeckt andern Leuten a nicht! Adalb. Das ist ein impertinenter Vergleich, der eine exemplarische Strafe verdient! (Will sie küssen.) L i s. (sich sträubend und schreiend). Frau Mutter, Frau Mutter! Zweite Scene. Vorige. Frau Storch. Frau Storch. Aber Liefert, er wird Dich ja nicht beißen, was schreist denn gar a so? — Wegen so 'nem dummen Busserl! Adalb. Hörst Du? Deine Frau Mutter ist klüger als Du. Frau Storch (knixend). O sie ist auch nicht dumm, Euer Gnaden, aber für die Nobleß' hat's noch nicht Bildung genug. Adalb. Ja wohl, es ist jammerschade um das hübsche Mädchen! Frau Storch. O, sie ist nicht nur sauber, sondern auch sehr sittsam erzogen, Euer Gnaden. Sie hat kochen, nähen und fein- waschen gelernt, ist über achtzehn Jahre alt, und ich bin die Frau Mutter. Wenn Sie redliche Absichten haben — Adalb. Nein, nein, die Hab' ich nicht. Lis. Aber Frau Mutter, Sie trag'n mich ja allen Männern wie auf m Präsentierteller an! Dritte Scene. Vorige. Zacharias. Zach, (mit dem CourSzettel in der Hand, den Kopf zur Thür hereinsteckend). A — eine täts-ü-tets mit ein paar Damen. — Bitt' um Verzeihung! (Will sich zurückziehen.) Lis. Komm' er nur herein — 's ist Waschtag heul'! Zach, (pfiffig indem er vortritt). Ah — d'Mamsell Lisett' mit der Frau Mama. Oapisoo! Lis. (tritt zu ihm und sieht ihm fest in'S Gesicht). Wie meint er das? Zach. Das Mauserl ist also g'scheidt g'worden? Lis. Ja, das Mauserl ist g'scheidt genug, daß es sich nicht von so einem garstigen 25 Kater fangen läßt, wie Er, denn Er ist der, von dem es heißt: erlöse uns von allem Nebel. — Und das rath ich dem Herrn, daß er sich ja nicht mehr anschau'n laßt bei uns, denn ich bin a Wäschermadl, dir ihm noch 's Kopfwäschen schuldig ist, und mein Peter ist a Gärtner, der das wilde G'wachs mit Stumpf und Stengel ver- tilgt. A zweite nächtliche Visit aus meinem Zimmerl könnt ihm übel bekommen, Muste Unkraut. Schamste Dienerin! (Geht ab.) Zach. Das Madl muß verliebt in mich sein, weil's gar so impertinent grob mit mir ist. Frau Storch. Verliebt? Na — sie ist sehr sittsam erzogen, hat kochen, nähen und feinwaschen gelernt. — Sie ist achtzehn Jahre vorbei, und ich bin die Frau Mutter. — Wenn Sie redliche Absichten haben, besuchen's uns, junger Herr! Ich küß die Hand, Euer Gnaden! (Folgt Lisetten.) Vierte Scene. Adalbert. Zacharias. Zach. Die Alte muß ein Heiratsantrag sein, den's aus'm »Fremdenblatt« heraus- g'schnitten haben. Ad alb. Aber ihre Tochter ist ein ganz allerliebstes Wäschermädel. Zach. Ja, sauber ist sie, aber eine von den sauberen Wilden, die in Europa sehr schwer zu civilisiren sind. Ad alb. (indem er sich in einen Fauteuil! wirft). Sehr leicht, Narr, wenn man sie zum Luxus und zur Eitelkeit in die Schule schickt. — Apropos, wie sieht denn der Courszettel aus? Zach, (reicht ihm denselben). Mir scheint, sehr melancholisch. — Auf der Börf' müssen große Schlachten geliefert werden, denn schon draußen auf der Gassen gibt's Dorpostengefecht zwischen Philister undHebräer. Adalb. (heftig ergriffen, nachdem er das Papier durchflogen). Gerechter Himmel! Welch' ein Sturz der Effecten! Zach. Vielleicht irgendwo eine verdächtige Neujahrsgratulation. Adalb. (aufgeregt auf- und abgehend). O, es mußte endlich so kommen, und ich verdiene mein Geschick, weil ich so tollkühn auf Leben und Tod speculirt. — Was mein braver Vater in einem halben Jahrhundert so mühsam gewonnen, setzt sein leichtsinniger Sohn in einem Tage auf den Würfel! Zach, (für sich). O Jeckerl, steht's so mit ihm? Adalb. (bitter). DerWeg durch die Börse ist für Dich der Weg zur Bettlerherberge, sprach mein ehrlicher Vater, und er hat Recht, denn ich stehe nicht mehr fern vom Ziele. Zach. Euer Gnaden, ich habe meinen Lohn noch nicht kriegt für das Quartal. Adalb. (wie vorher). Nur Alles zu Geld machen, schnell, um die Differenzen zu decken — wenigstens die Ehre muß gerettet sein in diesem Kampfe. Zach, (für sich). Wenn er mich morgen nicht zahlt, laß ich ihm den Concurs eröffnen. Fünfte Scene. Vorige. Josephine. Joseph, (aufgeregt in'S Zimmer und in Adalberts Arme stürzend). Adalbert! Dem Himmel sei Dank, man hat mich getäuscht! Adalb. Fassen Sie sich, meine theure Josephine! Was führt Sie in solcher Aufregung zu mir? Joseph. Die Angst, das Entsetzen! Man sprach von einem Duell im Parke. — Adalb. (für sich). Verdammt! Das habe ich ganz verschlafen und vergessen! Joseph. Ich mußte Sie sehen, mich überzeugen, denn ich habe ja jetzt einRecht, für Ihr Leben zu zittern, Adalbert. Adalb. Ich danke Ihnen, meine theure Josephine, Sre sehen, ein falsches Gerücht hat Sie beunruhigt. — Nicht mein Leben, wohl aber mein Vermögen ist bedroht. Joseph. Ihr Vermögen — ? 26 Ad alb. Ich habe mich auf den tückischen Ocean der Spekulationen gewagt und bin am Felsen des Mißgeschickes gescheitert. — Das furchtbare Meer des herrschenden Schwindels hat den größten Theil meines reichen Erbes verschlungen. Joseph, (mit Theilnahme). Ich nehme den herzlichsten Anthcil, lieber Adalbert. Ad alb. Als Ehrenmann bin ich Ihnen dieses Geständniß schuldig. Das Band, das Sie zu schließen geneigt sind, hat seinen Glanz verloren, aber noch ist es Zeit zurückzutreten, liebe Iosevhine. Joseph, (verletzt). Das sagen Sie mir, mein Herr? Die Brust eines Mädchens ist ja keine Börse, und das Herz kein Sensal, der die Liebe nach Procenten berechnet. (Freundlicher, indem sie ihm die Hand reicht.) Ich bin ja auch nicht reich, und aufrichtig gesagt, der Verlust, der Sie betroffen, scheint mir ein Gewinn für uns beide zu sein. Ad alb. Ein Gewinn? Joseph. Ihr Reichthum hat Sie ein wenig zu leichtsinnig, zu übcrmüthig, zu flatterhaft gemacht. Bei Euch, Ihr verzogenen Schooßkinder des Glücks, muß das Unglück erst an die Thür klopfen, damit ihr zu männlichem Ernst erwacht. Ad alb. (innig, indem er ihre Hand ergreift). Nicht das Unglück, die Liebe, die wahre, innige Liebe hat diesen Ernst geweckt. — In diesem Augenblicke liegt jede Thorheit der Jugend weit hinter mir. (Indem er sie umschlingt). Und vor mir nur das Glück ani Herzen meiner Iosephine! Joseph, (zärtlich). Mein Adalbert! Sechste Scene. Vorige. Peter. P e t. (in einer Jacke eintretend). Zur G'sundheit! Zach. 'S hat ja Niemand g'nießt. Pet. (auf die Liebenden deutend). Das ist mein Werk, Schleichwedler! Zach. Ah — das ist ja unser Nachtwächter in Civil. (Zieht sich von ihm zurück.)! P et. Fürchten's Ihnen nicht, ich Hab' meinen Spieß nicht bei mir. Ad alb. (zu Peter). Bist Du da, Du verdammter Eulenspicgcl? Schöne Streiche hast Du mir gespielt. Pet. Euer Gnaden mir a. Adalb. Wie haben wir denn geschlafen in der Nacht? Pet. Miserabel! Aus der Pritschen zwischen zwei Betrunkenen bin ich g'legen. Die wollten raufen mit einander, haben sich aber nicht derglängen können, denn ich war die Station, auf der alle Schläge Halt gemacht haben — Das verdanke ich Ihnen — (auf Josephiuen deutend) aber da steht meine Rache! Adalb. (Josephine an sich drückend). Eine edle Rache, ich danke Dir. — Aber sage mir nur, um's Himmels willen, wie Du in den Palast gekommen bist? Pet. Der Herr Kugelhupf hat mich hinein g'führt. (Gibt Adalbert Börse und Banknoten.) Da ist Geld, Euer Gnaden, von ihm und dem Herrn Baron. I o seph. (die mit Erstaunen zugehört). Ja was bedeutet denn das? Adalb. Es bedeutet, daß ich dem Kobold Carneval ein hübsches Weibchen verdanke. Pet. Und ich ein Nachtlager auf der Pritschen. Zach. Ich kenn' mich nicht aus und steh' wie ein Nannerl da. Pet. (Ohrfeigen andeutend.) D'Nannerl hat a was erwischt. Siebente Scene. Vorige. Silberstein. Silber st. (echauffirt ins Zimmer stürzend). Bitte tausendmal um Vergebung, daß ich so in's Zimmer stürzte, wie ein Courier nach einer gewonnenen Schlacht! Nun, wie ist's! — Schon Rapport empfangen? Schon Courszettel durchlaufen?—Na versteht sich, denn der Triumph des Sieges strahlt Ihnen ja aus den Augen heraus! 27 Pet. (für sich). Teure!, das ist der Chinese!, der die Franzosen verkauft! Adalb. Spotten Sie meiner, Bote des Unglücks? Silberst. Bote des Unglücks? O scherzen Sie nur, Sie Alexander der Große auf dem Felde der Spekulation. Hahaha, das war eine wahre Völkerschlacht auf der Börse, aber wir haben Alles über die Klinge springen lassen, Alles! Hehehehe, eine totale Niederlage rings umher. Adalb. Was wollen Sie damit sagen? Silb. Daß mich ein guter Geist zn Ihnen auf den Maskenball führte, und Ihnen den famosen Gedanken eingab, alle Operationen zu wechseln. — Wäre das nicht geschehen, hätten Sie Hunderttausende verloren, die Sie jetzt gewonnen haben, Sie Glückskind Sie! Alle (erstaunt). Gewonnen? Adalb. (ganz verblüfft). Ich — ich hätte Ihnen besohlen, die Operationen zu wechseln? Silb. Nun ja, gestern vor Mitternacht aufJhrem Ball, den ich als Chineser mas- kirt besuchte. Wissen Sie denn nicht? Adalb. (sich die Stirne reibend). Ja, ja! Ich weiß — ich — (Plötzlich begreifend, in- dem sein Blick auf Peter fällt.) Was sagst denn Du dazu, Peter? Pet. (stark mit dem Kopf nickend). Hm, Hm! Wir haben alle Franzosen verkauft. Adalb. (in unmäßiges Gelächter auSbre- chend). Hahahahaha! Peter, Du bist ein köstlicher Kerl — Hahahahaha! Pet. (miteinstimmend). Hehehehe! Ich glaub's a! Hehehehebe! Joseph, (erstaunt). Das ist doch sonderbar! Zach. Ich steh' schon wieder wie a Nannerl da! Adalb. Hahahaha! Der Dumme hat's Glück! Das Sprichwort will ich in einen goldenen Rahmen fassen lassen! Pet. S' freut mich, daß Euer Gnaden so glücklich sind! Silb. Nur fichja nicht zurückziehcn jetzt! Mit solchem Glück muß man seine Operationen — Adalb. Aufgeben, Herr Silberstein! — Ich stelle alle Operationen ein, denn das Spiel der Börse ist für mich geschlossen. Fortuna ist ein zu wankelmüthiges Weib — der Tempel der Liebe soll künftig ganz allein der Tempel meines Glückes sein. Joseph, (herzlich). Dank — dank, lieber Adalbert.. Silb. Wie? Sie verabschieden alle Ihre Agenten? Adalb. Im Ehestande brauch' ich nur einen Agenten, und das soll der kleine Amor sein. Zach. Spitzbub' ist er genug, um Agent zu sein. Achte Scene. Vorige. Rudolph. Rud. (ins Zimmer eilend, zu Adalbert). Alle Wetter, was treiben Sie denn? Ueber zwei Stunden warten Ihre Gegner und Sekundanten im Park und sind völlig zu Eisklumpen gefroren in der Kälte. Joseph, (ängstlich zu Adalbert). Also doch ein Duell? Adalb. Nein, nein, kein Duell! Rud. Wie? Vergessen Sie, daß Sie die Herren Fuchs und Wiesel gefordert haben? Silb. Herr von Fuchs will sich duelli- ren? Er ist mir ja noch Differenzen schuldig. Adalb. Ich duellire mich nicht — denn man hat nicht mich, sondern einen ganz Andern gefordert. Pet. (für sich). Den Nachtwächter. Rud. Sie scherzen?! Adalb. Ich scherze nie in einer Ehrensache. Sind die Herren noch im Park? Rud. Den Teufel auch! Sie sind in der nächsten Restauration, um ihre erstarrten Glieder zu erwärmen. Adalb. So ersuchen Sie die Herren gefälligst, heute Nacht den Wäschermädchen- 28 ball »zur Schnecke* zu besuchen. Dort werden sie Satisfaktion erhalten, und wenn sie mit derselben nicht zufrieden sind, stehe ich zu jeder andern zu Diensten. Rud. Sonderbar! Nun, ich hoffe, Ihre Gegner einstweilen zufrieden zu stellen. — In einer halben Stunde sollen Sie das Resultat meiner Sendung wissen. Auf Wiedersehen indeß! (Eilt ab.) Silb. Nehmen Sie mich mit,Herr von Kugelhof, nehmen Sie mich mit! — Herr von Fuchs muß mir meine Differenzen zahlen, denn wenn er sich duellirt, ist's der Ultimo für mich! (Eilt Rudolph nach.) Joseph, (zu Adalbert). Was haben Sie denn aufdemWäschermädchenball zu thun? Adalb. Den Kobold will ich beim Kops nehmen, dem ich zwar eine schöne Frau und eine sehr bedeutende Summe — aber auch ein Duell und einen Damenkrieg verdanke. Joseph. Ist etwa ein hübsches Wä- schcrmädcheu dieser Kobald. Adalb. Nein es sind ein paar männliche Kobolde, die in vergangener Nacht theils in der Stadt, theils in meinem Hause ihr Unwesen trieben. — Morgen an unscrm Vcrlobungstage sollen Sie beide kennen lernen. Joseph. Ich glaube, einer dieser bö> sen Geister steht mir ziemlich nahe. Pet. (für sich). Der andere ist auch nicht weit. Joseph. Aber ich habe dennoch Much, ihm meine ganze Zukunft zu vertrauen. (Reicht Adalbert die Hand.) Leben Sic wohl, lieber Kobold — und schließen Sie heute Friedenmit Ihren Feinden! Kein Duell, ick bitte Sie recht sehr! Ihr Leben gehört nicht mehr Ihnen allein, und fremdes Eigenthum darf man nicht so muthwillig auf ein verwegenes Spiel setzen. Pah — pah! — Sie böser, lieber Kobold! (Eilt ab.) Adalb. (nimmt Peter beim Kopf und küßt ihn freudig). Nachtwächter, ich muß Dich küssen für den Engel, den ich Dir verdanke! Zach, (ganz verblüfft). A Spectakel! Jetzt küßt er gar den dummen Kerl! Adalb. Hinaus,Zacharias — ich habe mit Peter allein zu sprechen. Zach. Ich kenne mich nicht aus — und steh' noch immer wie an Nannerl da. Pet. D'Nannerl soll abfahren, hat der gnädige Herr g'sagt. Zach, (für sich). Er geht auf den Wä- schcrmadlball, gibt dem Patsch a Busserl — aha wegen derLieserl, jetzt kenn' ich mich schon aus! (Geht ab,) Neunte Scene. Adalbert, Peter. Adalb. Laß uns jetzt vor Allem unsere Rechnung in Ordnung bringen, mein lieber Peter, — denn Du hast mich zu deinen: dankbaren Schuldner gemacht, weil Du so meisterhaft meine Rolle gespielt hall. Pet. Besser als Sie die meinige schon. Adalb. (gibt ihm Banknoten und Börse zurück). Einstweilen nimm mit dem Gelde vorlieb, das Du für mich eincassirt hast. Pet. (freudig). Jeckerl — jetzt Hab' ich doch einen Terno gemacht. Adalb. Außerdem ernenne ich Dich zum Schloßgärrner auf meiner Herrschaft Frankenstein. — Das ist ein Amt, das ein Ehepaar und ein paar Dutzend Kinder anständig ernährt. Pet. (wie vorher, sich auf einem Fuße drehend). Juchhe! — Das ist derzweiteTerno! Adalb. Auch unsere hübsche Lisett soll nicht vergessen werden. Pet. (mit verzogenem Gesicht). Unsere hübsche Lisetl? Adalb. Ihre Aussteuer soll dein dritter Terno sein. Pet. (wie vorher). Der Terno schaut wie ein Ertrato aus — wie ein Elker, der mir zur Stirn herauswächst. Adalb. Keinen Argwohn, Peter, denn ich mein' es ehrlich mit Dir. — Ich will aus Dir und unserer — nein, aus deiner Lisett ein glückliches und zufriedenes Pärchen machen — und verlange nichts von Dir, als einen kleinen Gegendienst heut' Nacht. Pet. Was denn, Euer Gnaden? Adalb. Das sollst Du heute Abend erfahren. Punct zehn Uhr erwart' ich Dich in deinem vollständigen Nachtwächterhabit hier auf meinem Zimmer. Pet. Teure! — ich soll ja mein Lieserl auf'n Ball führen heut'. Adalb. Vertraue sie einem deiner Freunde oder Bekannten an. Pet. So einem Schleichwedler zum Beispiel — gelten's? Na — einem — Jungen vertrau ich's nicht an. Die Jungen sein alle nir nutz — wir Zwei a nicht. Mein alter Vater soll's Madl »zur Schnecke« führen — dem trau ich. Der lange Wastl soll heut für uns Nachtwächter sein, auf den können wir uns besser verlassen als auf Ihnen. Adalb. (lachend). Ich bin selbst deiner Meinung. Pet. Aber ich hätt' heut, gar so gern a fesche Polka getanzt mit meiner Lieserl. Adalb. Warum sollst Du denn nicht tanzen mit ihr? Wir besuchen ja mit einander den Wäschermädchenball. Pet. Euer Gnaden a? Aber ich bitt' Ihnen, führens Ihnen brav auf. — Bei der »Schnecken* geht's solider zu als bei Ihnen. Adalb. (lachend). Gehorsamer Diener! Pet. Ein Tanzel machen können Euer Gnaden mit unfern Madeln schon — aber nur nicht die gewissen noblen Spassetteln — denn jedes Wäschermadel hat ihren Liebhaber, der keinen Spaß versteht. — Ich g'hör' a dazu. — Es wär' mir herzlich leid, wenn meinem edlen Wohlthäter was Menschliches begegnen möcht'. Adalb. A, bahl Pet. Im vorigen Jahr hab'n auch drei noble Herrn unfern Wäschermadelball besucht. — Drei sehr feine Cavalier. Wir ha- ben uns sehr geschmeichelt gefühlt, bis die nobeln Herrn mit unfern Madln ein bißl zu lustig g' worden sein. Adalb. Nun, und dann? — Pet. Dann haben wir dem Ersten den Hut ang'trieben — der Aud're hat Fisch g'kriegt, und der Dritte ist ein bißl hinausgeworfen worden. Adalb. Oho! Pet. Aber ganz gemüthlich, denn auf so einem Wäschermadelball herrscht die republikanische Verfassung — da kann die Nobleß' eben so gut Wir kriegen wie der Pöbel. Adalb. Teufel, da heißt's gut thun auf eurem Nobelball, und es wäre gar nicht gefehlt, wenn ich mir die Sympathien der Herren Nachtwächter und FräuleinWäscher- madel zu gewinnen suchte. Darum sage dem Wirth »zur Schnecke«, er soll es an Nichts fehlen lassen auf eurem Ball, die besten Weine und Erfrischungen — die feinsten Braten und Confects — Alles was gut und theuer ist, soll er hergeben — ich zahl alles, nur damit mir der Hut nicht angetrieben wird! — Nun, auf Wiedersehen punct zehn Ubr, Herr College». (Ab ins Seitenzimmer links ) Zehnte Scene. Peter (allein). Servus, Herr College»! Dummer Peter, Du bist ein g'scheidter Kerl! Wie gut rvar's, daß ich den jungen Herrn mit seinem Madel verbandelt und die Franzosen verkauft Hab'! Ich hätt' eben so gut sein Madel verkaufen, und ihn mit den Franzosen verhandeln können, wenn ich ein Talapatsch gewesen »vär! Aber der gnädige Herr ist dankbar und versteht so ausgezeichnete Verdienste zu lohnen. Nicht nur so 'ne Summe Geld und einen famosen Dienst hat er »nir gegeben, sogar das Busserl hat er »nir z'rückg'zahlt, das ihm »nein Lieserl g'lieh'n hat — (Sich hinter den Ohren kratzend.) Das Busserl, das Busserl g'fallt mir gar nicht. Aber am besten ist's, wenn ich nir dergleichen thu' vom Busserl, und schweigend einen Schleier d'rüber zieh. — > S' ist zuweilen sehr gut, wenn gewisse Ge- I heimniffe verschleiert bleiben. 30 Lied. I Hab' vor a paar Jahren noch Mädl gekannt, Mit Rettig und Kipfel sein sie herumg'rannt, Und hat man gekauft was von ihrer Waar', So haben sie gedankt und die Hand küßt sogar. Doch jetzt spielen sie Damen mit Bänder und Spitz, Im Theater sind sie stets auf gesperrtem Sitz, Das Warum verschweige ich lieber Und zieh einen Schleier darüber. Weib, laß mich in Ruh, denn das geht Dir nicht ein, Was das wohl bedeut', heut Gemeinderath zu sein, Drei Stunden oft d rin sitzen im Rathssaal ganz still, Und zuhör'n, bis man es begreift, was man will. Und hat man's begriffen, so wird debattirt Und Jedes sodann auf das beste studirt, Das Studiren verschweige ick lieber Und zieh einen Schleier darüber. Ein Ehmaun spielt oft einen Helden der Treu', Die armeFran glaubt,daß er wirklich es sei. Auf einmal kommt d'Frau diesem Helden auf d'Spur, Daß er macht gewaltig der Köchin die Kur. D'Frau zankt, doch er sagt: Was fällt Dir nur ein, Ich übe mich nur populär jetzt zu sein, Das Weitere verschweige ich lieber Und zieh einen Schleier darüber. Am Kohlmarkt seh' ich eine Dame vor mir geh n, Das G'sicht ganz verschleiert, 's war gar nicht zu sehn; Sie schaut mich ganz neckisch verliebt sogleich an, Ich aber nit faul, mach mich gleich an sie an. Da hebt sie ihren Schleier, was werd' ich gewahr, A G'sicht grad wie von einem alten Husar; Da schrei ich: I bitt, Hängens lieber An Kotzen statt an Schleier darüber. Geh sag, lieber Bruder, wie bist Du zufrieden, Was hat Dir die Ehe für Freuden beschieden, ES muß Dich was kränken, geh sag mirs doch frei. Ja wohl, lieber Bruder, ich sag's ohne Scheu, Sie trägt Krinoline und läßt mir kein Ruh, Gibt Bälle und hält sich noch Manches dazu Das Manche verschweige lieber Und zieh einen Schleier darüber. Prozeß führt ein Bauer schon anderthalb Jahr, Er g'winnt den Prozeß und hupft nun wie ein Narr, Zum Herrn Advocaten lauft er gleich ins Haus, Denn der zahlt die gewonnenen Gelder ihm aus. Gleich d rauf schleicht er langsam hinaus durch das Thor, Warum schneidt er G'sichter und kratzt sich am Ohr? Ich wüßt's schon, doch schweige ich lieber, Und zieh einen Schleier darüber. Im Theater, da sitzen die Herren in der Log', Und schauen durch Guckerln wie Schiebkarren so groß, Doch richten's die Guckerln auf's Theater fast nie, Sie schau'n nur auf d'Sperrsitz der ersten Gallerie. Der Teure! dort oben, da spielen's ja ka' Stück, Warum zieh'n denn die Herren gar nicht die Guckerln zurück, Ich wüßt's schon, doch schweige ich lieber Und zieh einen Schleier darüber. Es braucht hundert Gulden ein lustiger Student, Ein Wucherer der bringt's für fünfhundert Procent; » 31 Da nimmt der Student ihn ganz g'schwind in sein Haus, Und zahlt die Percente ihm crtra voraus. Warum kommt der Wucherer zurück ganz schachmatt, Und windet sich, als ob er Kreuzschmerzen hat, Ich wüßt's schon, doch schweige ich viel lieber Und zieh einen Schleier darüber. (Geht ab.) Verwandlung. (AermlicheS Zimmer wie am Anfang des zwei- ten Acteö.) machen, Frau Mutter. — Er hat sich vom Tandler Frack, Gilet, Glacehandschuhe und Schnupftüchel ausg'liehen, und wird ganz Stutzer sein — Wer wird denn Sie führen, Fräulein Adelaid? Adel. Unser Zimmerherr, Müsse Nickel- berger! — Er darf sich aber ja nicht schmeicheln, daß ich allein mit ihm tanzen werd' — nein, die ganze bürgerliche Gesellschaft bei-»der Schnecken« hat gleiche Rechte auf mich. — Drei Paar Ballschuh' nehm' ich mit, und die müssen alle zerrissen werden auf dem Ball. Zwölfte Scene. Eilfte Scene. Frau Storch, Adelaide, Lisette (alle Drei zum Bali herausgeputzt in großen Krino- linen, Adelaide sehr carrikirt). dis. (fitzt an einem kleinen Tisch, mit einem Spiegel in der Hand. — Adelaide frisirt sie und steckt ihr Blumen in die Haare. Frau Storch leuchtet ihr dazu. ES ist Abend). Das ist ja ein Buschen wie ein Krauthappel. — Nir als ein paar Camelien bitt' ich, Fräulein Adelaid — man tragt's jetzt so. Frau Storch. Und hinten sein a z'viel Blumen. Mein Lieserl hat echtes Haar und braucht keinen falschen Zopf zu verstecken. Adel. iVlonOisu! Das ist ja ein Kopf ganz nach dem neuesten Pariser Journal. Lis. (aufstehend). Sie schwärmen halt alleweil für Paris. Adel. Ja Paris über Alles! Was gut ist, kommt nur von den Franzosen! Lis. Sie g'hören g'wiß zu einem patriotischen Frauen-Verein. Frau Storch (sie beleuchtend). Wie eine kleine Comteßschaut's aus, d'Lieserl! Das ist mein Kind! Mit dem ganzen Stolz einer Mutter sag' ich das! Adel, (sich vor dem Spiegel putzend). Ja — wir werden Furore machen aus dem Ball! Uns wird man gar nicht zu Athem kommen lassen. Lis. Der Peter wird uns a keine Schand Vorige. Peter (im Nachtwächter-Habit wie im ersten Act). Hans (im altmodischen Frack, mit einem Bouquett aus der Brust). Hans. Peter. Grüß Gott mitsammen! Lis. Jeckerl, Peter — wie schaust denn aus? Adel. Ist das der Stutzer? Lis. Du willst mich doch nicht als Nachtwächter auf den Ball führen? P et. A na, ich komm schon später in der Galla »zur Schnecken«— und Hab'die Uniform nur ang'legt, weil ich erst noch einem nobeln Herrn a Visit machen muß. Mein Vater wird derweil dein Chapeau sein. Lis. (mit langem Gesicht). Was? mit dem alten Tati soll ich tanzen? Der kann ja kaum mehr krareln. Pet. Was Dir einfallt! Der hupft noch mit uns Allen um d'Welt. Hans. Hehehehe! Spotten laß ich mich nicht. — Ich bin noch ein famoser — (Es wird am HauSthor geläutet.) Frau Storch (pickirt zu Peter). Mein Kind ist nicht geboren, mit einem Tänzer von Anno Neunundneunzig zu tanzen — und daß sie auf 'in Ball einen verlornen Posten macht, wird der Herr Peter auch nicht verlangen. Lis. Das hält' ich auch gar nicht notwendig — denn so ein fesches Wäschermadel bleibt in dem tanzenden Jahrhundert noch 32 nicht sitzen, Gott sei Dank! (Eitel zu Peter.) Sag' mir einmal — wie gefall' ich Dir in der Krinolin? Pet. Famos —! Nur ein bißl zu aufgeblasen bist als Waschcrmadel — denn wenn die Krinolin mit Gas g'füllt war', könnt Dich der Schneckenwirth gleich zur Verherrlichung des Festes als Luftballon steigen lassen. Woher hast denn das Ungeheuer? Lis. (geheimnisvoll). Sie g'hört meiner Kundschaft, die's uns zumPutzen geben hat. Pet. Schämst Dich denn nicht? Wenn das die Kundschaft erfahrt. — Lis. A was —! 'S ist a Kundschaft, die uns seit einem halben Jahr 's Waschgeld schuldig ist. (ES wird stärker geläutet.) Adel, (noch vor dein Spiegel). Das ist gewiß mein Nickelbergcr, weil cr's gar so gnädig hat, (eS wird noch stärker geläutet), rufend: Voilü tout, Nonsisur lrerSsr je suis eontsntemsnt Möroi L votrs 86rviee! (Eilt hinaus ) Pet. Gehst weiter, Jungfer Roccoco! Lis. Das ist auch noch eine Eroberung, die dieFranzvsenAnnoNeun g'macht haben. Pet. Ja, die möchten uns alles nehme«, sogar unsere alten Weiber. Geht die a aus unfern Ball? Lis. Na ob! — Und sie nimmt sich gleich drei paar Schuh mit, die 's alle durchtanzen will. Pet. Die hat an ein paar Strümps a g'nug, und würd' sich nicht einmal d'Soh- len schmutzig machen. Adel, (von außen). bon 8oir, don 8oir, lVlov8i6ur ! Pet. Lis. Hans (zornig die Fäuste bal- lend). Der Schleichwedler! Lis. Das ist der kecke Mensch, der mir so nachstellt! Frau Storch. Nachstellen thut er Dir? (Indem sie hinauseilt.) Mein Kind ist sittsam erzogen, hat kochen, nähen und fein waschen gelernt. Sie ist 18 Jahre alt und ich bin die Mutter. Wenn Sie redliche Absichten haben, so erklären Sie sich. Hans. Schauts — der Schleichwedler, der auf unser Liserl a Schneid' hat! — Wart' Du Räuber, Du Gauner, Du Schnipfer—ich muß Solo tanzen mit Dir! (Läuft wüthend hinaus.) Pet. Jetzt kommt die alle Gard'über ihn! Hans, (von außen.) Machts Thor auf, Hausmeister! Außi muß er! Außi! Zach, (von außen schreiend). Was thuts denn? Ich muß ja den Nachtwächter Peter holen zu meinem gnädigen Herrn. Hans (wie vorher). Außi! Außi! (Der Lärm verliert sich.) Dreizehnte Scene. Peter. Lisette. Lis. Was hat er gesagt? Zu seinem gnädigen Herrn will er Dich holen? Pet. Weil sein gnädiger Herr auch mein gnädiger Herr ist — (sich in die Brust werfend) denn er hat mich zu seinem herrschaftlichen Schloßgärtner in Frankenstein ernannt. Lis. (freudig). Zum Schloßgärtner? Pet. Nachher hat er mir einen Beutel voll Ducaten und fünftausend Gulden in Papier geschenkt. Lis. Fünftausend papierene Ducaten? Pet. Und Dir hat er a eine Aussteuer versprochen. Lis. Mir? Ja für was denn? Aha, weil er verliebt in mich ist. Pet. Das war gestern — heut ist er in mich verliebt, — weil ich ihm eine Peppi zur Frau gegeben Hab. Lis. Du? Pet. Und weil ich den Kugelhupf mit seiner Geliebten ausgesöhnt Hab. Lis. Den Kugelhupf? Pet. Und weil ich die Baronin ausgemacht Hab, die gern 'neu Pantsch mit mir ang'fangen hätt'. Lis. Mit Dir? Pet. Und weil ich mit einem Fuchs und einem Wiesel a Hetz g'habt Hab. Lis. A Hetz? 33 Pet. Und weil ich die Franzosen ver« kauft Hab. Lis. Sag mir nur, bist denn narrisch g'wordcn, Peter? Pet. Nicht närrisch g'worden, narrisch Hab ich g'macht die Leut. — Mehr darf ich Dir nicht sagen — denn ich darf die Geheimnisse eines Maskenballes nicht ver- rathen. Lis. Eines Maskenballes? A— manchmal mag's curiose Geheimnisse geben auf so 'nem Maskenball. Pet. Na ob! Zum Beispiel! Duett. Peter. Auf'n Maskenball gibt es viel Glanz und viel Pracht, AÜ's funkelt und flimmert wie d'Stern in der Nacht — (Geheimnißvoll.) Doch um in dem Glanz so daher zu stolziren, Schickt Mancher den letzten Caputrock studieren. L i s e t t e. Es steigen auch so viel als Chineser herum, Doch wahrlich gesagt, so a Mask' find' ich dumm. (Geheimnißvoll.) Sie find ja amTag schon Chineser genu',— Was brauchen's da ertra a Mask' noch dazu? Peter. D'Lestalin blieb Jungfrau vor zweitausend Jahr', Sie haßte die Männer wie's Fieber sogar, (Geheimnißvoll.) Auf 'm Ball a Vestalin, die denkt gar nicht d'ran, WennEiner nur sauber ist, beißt sie schon an. L i s e t t e. Da steigt so ein stämmiger Ritter daher, Als ob er ein Otto von Wittclsbach wär'. (Geheimnißvoll.) tchtaktt-Rkpenoii Nr. SS. Doch kriecht — zieht der Ritter die Mask' nachher aus — Aus 'm Harnisch von Watta 'ne Mücke heraus. Beide. Spaßig ist auf jeden Fall So ein großer Maskenball! Ungenirt ist man darauf, Einer sitzt dem Andern auf — Hier ein Mädl, dort ein Mann, Eines setzt das And're an, Allgemeine Fopperei, Und man tanzt fidel dabei. (Sie trillern und tanzen dabei.) L i s e t t e. Und wenn so a Mask' gar so ehrlich sich stellt, Da darf man nichts glauben, sonst ist man geprellt — (Geheimnißvoll.) Denn wenn Eins verlarvt gar so süß schwadronirt, So ist's oft ein Wolf als ein Lamperl maskirt. Peter. A männliche Mask', die betrügt, es ist wahr, Doch können's die Weiber noch besser sogar. (Geheimnißvoll.) A Schäferin, die sich so neckisch bewegt, Ist a uralte Schachtel, wenn's d'Larven weglegt. L i s e t t e. Da war auch ein' Mask' ein dickmächtiger Herr, Der ging auf dem Ball als ein Wilder daher, (Geheimnißvoll.) Der Dicke, sagten d'Lent mir, der war Journalist, Der täglich ein paar Dutzend Juden ausfrißt. Peter. A weibliche Mask' war alSPaperl maskirt, Und hat wie ein Paperl naiv discurirt — (Geheimnißvoll.) Nach Mitternacht kroch's aus der Maske heraus, Und's Paperl sah ganz wie'ne Nachteuleaus. 3 34 Beide. Spaßig ist auf jeden Fall So ein großer Maskenball. Ungenirt ist man darauf, Einer sitzt dem Andern auf, Hier ein Madl, dort ein Mann, Eines setzt das And're an — Allgemeine Fopperei, Und man tanzt fidel dabei. (Sie trillern und tanzen ab.) Verwandlung. (Gasthaus .zurSchnecke-, hinten Tanzsaal, rechts im Vordergründe die Schenke, links Stühle für die Tänzerinnen.) Vierzehnte Scene. (Im Tanzsaal ein improvifirteS Orchester. In diesem drei Musikanten mit Geige. Flöte und Guitarre. In der Schenke rechts im Vorder- gründe ein Kellner, welcher einschenkt. Andere tragen Bier, Wein und Würstel zu. Auf den Stühlen links Nannerl und andere Wäschermädchen. Einige mit ihren Müttern. Es hat soeben ein Tanz geendet. Schwengel, Wurzel, Häuser, Graminger und andere Gesellen führen ihre Tänzerinnen aus dem Ballsaal auf die Stühle. Nickelbcrger sucht sich beim Nannerl interessant zu machen.) Alle. Bravo! Bravo! das war ein famoser Walzer! Nickelb. (der sich zu Nannerl setzt und immer den Nobeln und Galanten spielt.) Für den Nächsten thät ich bitten, wenn die Königin des Balles nicht schon verengagirt ist. Nannerl. Wird mir eine Ehre sein, Herr von Nickclberger. A, a, was riecht denn so nach Moschus? Nickelb. Nicht Moschus, Breitenfelder Wasser. Mein Schnupftüchel ist immer par- fumirt. Wenn man Bildung hat, muß man einen guten Geruch haben im Kreise holder Damen. Nannerl. Sehr galant! Sch wen g. (Nannerl eine halbe Bier prä- sentirend). Kann ich mit einem Himbeer Aufguß aufwarten, Mamsell Nannerl? Würz, (bietet ihr Würstel mit Kren). Da ist auch ein Ananas-G'frornes dazu. Nannerl. Geht'S weiter! Saubere G'schwuf'n das, die ihre Tänzerinnen mit nir als Bier und Wursteln regaliren. Nickelb. Fräulein Nanni hat Recht. Eh' ich meiner Tänzerin Bier und Würstel zahle, lieber zahl' ich ibr gar nir, meine Herren. Schweng. Wißt's was, Leut, schießen wir auf 'neu Punsch z'samm'. Die Mädchen. Za, ja, ein Punsch! Nickelb. ^ la lronlreur, Punsch ist ein edles Getränke, dem ich mit Vergnügen generös beisteuern will. Zhr alle mit einander, meine Herren, zahlt nichts als Zucker, Rhum und Lemonie, und das Ku- kurutzwasser zahl' ich ganz allein. Alle. A, der Schneider ist g'scheidt! Schweng. Die alte Jungfer muß ibn so g'scheidt g'macht hab'n, bei der er logirt. Nannerl (zu Nickelberger). Apropos, Sie babens ja auf unfern Ball bringen wollen? N ickelb. Za, ich wollte sie tanzen lassen, habe sie aber doch lieber sitzen lassen. Wo es so viele junge Jungfern gibt, braucht man keine Alte. Fünfzehnte Scene. Vorige. Frau Storch, Hanns, Adelaide, Lisette. Frau Storch, Hanns, Adelaide, Lisette. Wir haben die Ehr'! Alle. Ah, d'Lieserl! Grüß Gott, grüß Gott! Nickelb. (erschrocken für sich). Donnerwetter, da ist sie doch! Adel, (pickirt zu ihm). Ah, schau, schau, Müsse Nickelbcrger! Sie sind mir ein sauberer Chapeau! führt man so eine Dame auf den Ball? Lis. Na, g'führt hat er Sie ja, aber ang'führt. Nickelb. (zu Adelaiden). Verzeihung, mein Fräulein, aber der Doctor hat mir streng verboten, Sie auf den Ball z'führen. Sie sind noch Reconvalescentin, hat er gesagt, sehen sehr miserabel aus, und wenn sie sich echausfiren, könnten Sie leicht recitativ wer- 35 den und müßten sich morgen wieder Blutegel setzen lassen. Adel, (zornig). Ich brauch'keine Blutegel! Die Blutegel beißen bei mir nicht an. Nickelb. Ich thät's auch nicht, wenn ich Blutegel wär'. Adel, (setzt sich zwischen zwei leere Stühle auf den dritten.) Und justament will ich mich echauffiren! Nicht einen einzigen Tanz laß' ich aus! Nannerl (zu Lisetten, nachdem sich alle Frauenzimmer auf die Stühle gesetzt. Die bei- den Stühle zu Adelaidens Seite bleiben leer). Wo hast denn deinen G'schwus'n, Lieserl? Lis. Ter ruckt erst später als Nachzügler ein. (ES wird eine Polka gespielt.) Alle. Ah Polka! Polka! Adel. Jetzt kaun's angeh'n! Hier sitz' ick aus dem breiten Stein, wer mich lieb hat holt mich ein. Nickclb. (tritt mit dem Hute in der Hand zu ihr). Wenn ich es wagen dürfte. Adel, (ist immer der Meinung, sie werde zum Tanz aufgefordert, erhebt sich schnell cokett und geziert vom Stuhle und setzt sich erbost wieder nieder, wenn sie sich getäuscht sieht). 3ch soll Ihnen eigentlich 'nen Korb geben, aber — Nickelb. Haben Sie doch die Güte, auf meinen neuen Hut ein wenig Acht zu geben! (setzt seinen Hut aus den leeren Stuhl neben Adelaiden, nimmt Nannerl unter dem Arm und eilt mit ihr in den Tanzsaal.) Schweng. (Spiel wie früher). Wenn ich so frei sein darf — Adel. Mit Vergnügen — Schweng. Schaun's, daß mein Hut nicht ausgetauscht wird! (Eilt mit Lisetten in den Tanzsaal.) Wurz. (Spiel wie früher). Ich bitt' gar schön, Fräulein — Adel. Diel Ehre, Musje! Wurz, (setzt den Hut auf die andern). 'S wär mir leid, wenn wer ein Gusto hätt' auf mein Hut! Allons, Röserl! (Läuft mit einem Mädchen in den Tanzsaal.) Hauser. (Spiel wie früher) Darf ich mir schmeicheln, gnädiges Fräulein? Adel, 1'kouneur. Hauser. Na, nicht tanzen, nur auf'n Hut schauen, bitt ich! (Eilt ebenfalls mit einem Mädchen in den Tanzsaal.) Hanns. (Spiel wie früher.) Mir krabbelts a in d' Füß. Ich thät' gar schön bitten, gnädiges Fräulein — Adel. Nun, wenn ich Euch eine Freude machen kann — Hanns. MeinenPintsch leg ich ein bißl daher! (Eilt mit Frau Storch in den Tanzsaal. Dieses Spiel wird stumm fortgesetzt, bis alle Männer und Frauen im Ballsaal sind und Ade. laide ganz allein zwischen zwei Pyramiden von Hüten fitzt.) Adel. Zch ersticke vor Zorn! Glaubt denn das Volk, daß ich zum Hutaufheben hergekommen bin? Chor und Polkatanz (an welchem auch die alten Frauen und Män. ner theilnehmen). So a Polka ist a Pracht, Die der Meister Strauß hat g'macht. Schöner noch ist's ganz gewiß, Wenn's a Zepperl-Polka is. Hat man's Schatze! fest im Arm, Macht die Polka wachelwarm. Frisch fidel und aufgehaut, Lustig, bis der Morgen graut! Alle. Ieckerl, da schaut's hin! MaSken! Masken! Sechzehnte Scene. Vorige. Rudolf (als Türke), Moriz (als Armenier), Earl (als Zuave), Adalbert (als Nachtwächter) und Peter (im Domino wie im ersten Act. Alle mit Larven vor den Gesichtern), Zacharias (später Bediente). Lis. O Spectakel! Mein Peter ist in seiner Natnr-Mask'n dabei! Rud. (indem sie alle vortreten). Ähr erlaubt uns wohl, ein wenig Theil zu nehmen an eurer Unterhaltung, meine Freunde? Alle. O, viel Ehre! 36 Zach, (leise zu Peter). Dort ist d'Lieserl, gnädiger Herr. Soll ich ihr vielleicht ein Brieferl zustecken? Pet. (gibt ihm eine Ohrfeige). Da ist die Briefmark' dazu. Zach, (zurückprallend für sich, indem er sich die Wange reibt). Donnerwetter, in der Mast' ist er ganz Flegel gegen mich! Lis. (leise zu Adalbert). Wer sein denn die nobeln Masken, Peter? Adalb. (indem er sie am Kinn greift). Freunde von schönen Wäschermadeln, wie ich, mein Schatz. Pet. (steckt eifersüchtig den Kopf zwischen Beide). Nicht speanzeln, Nachtwächter, sonst sag' ich's der Peppi! Lis. Was? Er hat eine Peppi? Carl (mit Moriz und Rudolf zu Peter tretend). Ist das etwa die Satisfaktion, die wir hier erhalten sollen, mein Herr? Mor. Wir haben uns Ihrer Laune gefügt, aber hier entschlüpfen Sie uns nicht. Es bleibt beim Duell, Herr v. Nachtigall! Adalb. Das ist nicht Herr v. Nachtigall, meine Herren. Carl, Mor., Rud. (erstaunt). Nicht?!? Adalb. (sich demaskirend). Denn ich bin die Nachtigall. Pet. (sich ebenfalls demaskirend). Und ich die Fledermaus. ' Carl, Mor., Rud. Alle Wetter! Die Andern. Ah, da schaut's her! Adalb. Ich und derNachlwächter haben gestern Nacht unsere Rollen getauscht. Ich habe ausder Straße, und er hat auf freie Faust im Ballsaal Erceffe gemacht. Wenn Sie daher nicht an einem Unschuldigen Revange nehmen wollen, müssen Sie sich mit dem Nachtwächter duelliren. Carl, Mor. Warum nicht gar! Rud. Hahahaha! — Das ist ein toller Faschingsstreich! Zach. Aha, jetzt merk' ich, woher die Ohrfeigen kommet!! Rud. Uebrigens hat der Bursche doch Gutes erwirkt — er hat Liebende und Eheleute versöhnt, und uns Alle von einem gefährlichen Nebenbuhler befreit, denn er hat Herrn v. Nachtigall zum Bräutigam gemacht; darum Versöhnung, meine Herren! Adalb-, Carl, Mor. (indem sie sich die Hände reichen). Versöhnung! (Mehrere Bediente erscheinen mit Campagner- körben im Hintergründe.) Zach, (reicht Peter die Hand). Versöhnung! Pet. (einschlagend). Versöhnung! Ich verzeihe Ihnen alle Ohrfeigen, die ich Ihnen gegeben Hab ! Adalb. Dieses Friedensfest soll unter hübschen Wäschermädchen beim Champagner gefeiert werden. (Zn den Bedienten.) Theilt die Flaschen aus. Zach. Ich Hab' schon Flaschen genug bekommen! Pet. (der mit den Bedienten schnell die Champagnerflaschen vertheilt). Wen sollen wir denn zuerst leben lassen, gnädiger Herr? Adalb. Alle säubern Wiener Wäschermadeln! Alle (die Flaschen schwingend). Vivat! (Die Wäschermädchen bedanken sich knixend, während die drei Musikanten einen Tusch spielen und der Vorhang fällt.) Ende. Druck und Papi« von Vcopold Sonimtr in Wir«. (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) Nie, «> Mhmkks, Schwank mit Gesang in einem Acte nach I^.sLi'Z.riQ, I^adlLUs und LLoritz^vis, von C. Z«in (Ging»«) und L. Flcrr. --xx^- Musik von Capellmeister Carl Binder. (Zuerst mit glänzendem Erfolge dargestellt im k. k. pr. Carltheater in Wien.) Personen: Fritz Jmmerfroh. Nikolaus Staar, ehemals Bürgermeister und Oberältester in Krähwinkel. Sperling, Edl. v. Spatz, Stadtschreiber. (Eulalia, Staar's Nichte. Marianne, Aufwärterin im Wirthshause. Die Handlung spielt im Wirthshause in Krähwinkel. (Die Bühne stellt den Vorsaal eines Einkehrwirth-hauseS vor. — 3m Hintergründe der allgemeine Eingang, rechts und links mehrere numerirte Thüren, ein Fenster, das auf die Straße führt. Tische, Stühle, Schreibzeug rc.) Erste Scene. Marianne (ist mit dem Aufräumen der Möbel beschäftigt). So, das wäre auch wieder geschehen. — Nein, wie ich in dem Hause angestrengt bin — das ist gar nicht zu sagen — und jetzt eine Zeit her gar — die Menge Fremde, die unsere Stadt Krähwinkel besuchen — es geht aber auch viel Merkwürdiges vor sich — vor ein paar Tagen die großartige Leichenfeier unseres ehemaligen Stadtkommandanten und nachmaligen Herrn Bürgermeisters Rum- melpufs — und heute — die Wahl des neuen Bürgermeisters — ich bin recht neugierig, wer's wird? — (Mm, läutet in einer Seitenthüre.) Ich komme schon. (In die Seitenthüre ab.) Zweite Scene. Sperling, Staar. Spert. (öffnet mit tiefen Bücklingen die Thür im Hintergründe und spricht mit Emphase znm eintrctenden Staar). Stimmt an des Jubels Lieder, Herr Staar, er kehrt uns wieder, Den Einst der Zwietracht Hyder So sehr gebenget nieder — Er kommt und nimmer flieht er Und das ist nicht zuwider! Staar (vie Verse mit Gravität anhörend). Danke, danke, mein lieber Spatz, Edler von Sperling!... Wie ich sehe, seid Ihr noch immer derselbe alte Narr — gute Freund meines Hauses, Hab' ich sagen wollen. i 2 Sperl. Ja, mein hochzuverehrender Herr Ex-Bürgermeister — einst Oberaltester und nun wieder jüngster Bürger unserer guten Stadt Krähwinkel! — Ich habe alles Mögliche aufgeboten, um der Bürgerschaft zu beweisen, wie Unrecht es war, Hochderoselben bei der letzten Bürgermeisterwahl einiger kleiner Dummheiten wegen zu übergehen. — Wie kann man nur so dumm sein, habe ich gesagt, diesem Manne einige Dummheiten vorübel halten zu wollen. Ist unsere ganze Stadt Krähwinkel nicht gerade durch ihre Dummheiten berühmt geworden — und haben unsere Bürgermeister nicht von jeher das Meiste zu ihrer Berühmtheit beigetragen? — Diese peremptorische, dictatorische, emphatische, fanatische Rede hat sie alle niedergedonnert — sie haben ihr Unrecht eingesehen — und da unser seliger Bürgermeister Rummelpufs so gefällig war, mit Tod abzugehen, habe ich unfern Bürgern in die Ohren geraunt, wie eben jetzt der geeignete Moment wäre, das an Hochderoselben verübte Unrecht wieder gut zu machen. Es ist mir auch bereits gelungen, unsere zwei größten Innungen, die Schuster und Schneider, für Hochderoselben zu stimmen. Staar. Ich kann auch nur als Bürgermeister wieder zurückkehren — denn wie sie mich damals nicht mehr gewühlt haben — bin ich gleich mit Sack und Pack uach der Residenz gezogen — aber trotzdem, daß es in der Residenz sehr leutselig ist, — Hab' ich's doch sehr leer und fad gefunden. Mein Gott, was ist auch die Residenz gegen unser Krähwinkel — ein reines Rest. — Ich sag' Ihnen, lieber Spatz, die fünf Jahre, die ich dort zugebracht habe - sind mir wie fünf Ewigkeiten vorgekommen. — Sperl. Ja — das ist schon so im Exil! — Aber trösten Sie sich über die verlor'ne Zeit. Großen Männern geht's schon einmal nicht anders. Sie haben doch noch Geld gehabt, Ihnen ist doch nichts abgegangen — aber die Römer haben einmal einen berühmten Feldherrn ausgewiesen — und wie sie ihn wieder zurückriesen — fanden sie den armen Kerl beim Rübenschneiden und Krauteintreten — das ist eine traurige Lage — nichtsdestoweniger aber hat er gleich sein Schwert umgürtet und ist für sein Vaterland gerannt, was er rennen konnte. Staar (im Vertrauen). Sie glauben also, lieber Spatz, daß die Krähwinkler Bürger mir die Geschichte mit der schwarzen Frau — und mit der falschen Catalani nicht mehr nachtragen werden. — Spatz. Gott bewahre! Dafür lassen Sie nur mich sorgen. Staar (wie oben). Soll Euer Schade nicht sein. — Spatz (deprezirend). Oh! — Staar. Wenn nur mein Mitbewerber, der elende Klapperl, nicht etwa mehr Stimmen hat. — Spatz. O fürchten Sie nichts, Wenn meine Stimm' ertönt, Müss'n alte Andern schweigen, Tie Maultrommel ist verpönt. Wenn Violinen geigen. Staar. Sehr gut. Spatz. O, aber auf einen Umstand muß ich Sie aufmerksam machen, hochzuverehrender Freund. Staar. Nun? Spatz (forifllhrend). Sie wissen — unsere gute Stadt Krähwinkel hält streng auf Zucht und Anstand —und sieht besonders darauf, daß ein ehrbarer Familienvater an der Spitze der Gemeinde stehe — Staar. Nun? Spatz. Nun weiß man allgemein, daß sich Hochderoselben seit Ihrer Entfernung aus unserer Stadt zum zweiten Male verehelicht haben — munkelt aber, daß Hochderoselben in sehr uneiniger Uneinigkeit mit Ihrer Frau Gemalin leben — ja sogar halb und halb von ihr geschieden sein sollen. Staar. Das ist eine unausstehliche boshafte Creatur, (sich fassend) die Person 3 nämlich — die so etwas über mich sagt. — Ich und meine Frau leben sehr gut zusammen — (für sich) sie ist in Trippstrill und ich in Krähwinkel. (Laut.) Ich behandle sie wie ein Täuberl — und sie mich wie einen Hund. Spatz. Wie? Staar (sich verbessern ). Schoßhund — Hab' ich sagen wollen — nun, und das will schon viel heißen, wenn eine Frau ihren Mann so gut behandelt - (für sich) die Bisgurn! (Laut,) Ach Gott, das Engels- Weiberl — wie sie mich oft vor Liebe ab- tatschelt. — Spatz. Ja sehen Sie, Hochverehrtester, das hat das böse Volk auch gesagt, daß Ihre Frau Sie abtatschelt, nur sollen ihr manchesmal die Finger picken bleiben — und dann durch mehrere Tage unter Dero grauen Augen noch blaue Augen zu bemerken sein. — Staar. Das istschwarze Verleumdung — (plötzlich, von einem Gedanken befallen, für sich) Ah, colossale Idee! (Laut). Wissen Sie was, lieber Spaß, sagen Sie der löblichen Bürgerschaft, daß ich heute Punkt drei Viertel auf drei mit meiner jungen Frau Gemalin zu Jedermanns Schau am großen Platze spazieren gehen werde. Spatz. Hm, das wird Aufsehen machen — und seine gute Wirkung nicht verfehlen! Aber bringen Sie nur gleich die Kinder auch mit. Staar. Kinder? Spatz. Ja - Sie wissen, der Bürgermeister soll Fami lienvater sein — es wird sehr darauf gesehen. Staar (für sich) Wo soll ich Kinder hernehmen, ich habe keilte. — Spatz (fortfahrcnd). Und Ihr Mitbewerber, der Herr Klapperl, hat zwei Stück. Staar. So? — dann habe ich drei! Drei Söhne: Caspar, Melchior, Balthasar — sie sind in der Residenz, aber ich werde sie den guten Krähwinklern vorführen — und wenn ihnen vielleicht die drei noch zu wenig sind — so werde ich mir noch mehr anschaffen, für meine liebe Vaterstadt thue ich Alles! Spatz. Vortrefflich! So eil' ich denn mit Sturmeswinden, Die frohe Botschaft zu verkünden — Um zwei Uhr und der Viertel drei Strömt Alles auf den Platz herbei Und laut ertönt der Töne neu'ster: Hoch lebe unser Bürgermeister! (Hüpft ab.) Dritte Scene. Staar (allein), dann Marianne. Staar. Ah, was das Volk Alles prätendirt, das ist merkwürdig. Ich habe ihnen ohnedem eine Menge versprochen — eine neue Hänganstalt — zum Wäschtrocknen — eine Brücke über unfern Fluß, die gewiß kein Wasser wegschwemmen soll, und dann, weil sie die Schafzucht einführen wollen, aus väterlicher Fürsorge für die Schafe meinen Park, damit sie im Schatten grasen können — und doch sind sie noch nicht zufrieden — verlangen meine Ehehälfte. — O Gott! Ich gäbe ihnen die ganze mit Vergnügen, — wenn sie da wür. — Aber weil sie's durchaus so wollen, sollen sie eine Frau Bürgermeisterin haben — so lange wenigstens, bis die Wahl vorüber ist — ich bin nicht so dumm, als ich ausschaue — ich kann auch so wie mein College in Sardam singen: (Singt.) O, ich bin klug und weise. Und mich bethört man nicht. Mar. (tritt ein). Euer Gnaden, ein junges Frauenzimmer fragt nach Ihnen. Staar. Ah! Schon da. Bravo! Bravissimo! (Zu Marianne.) Sie möchte nur gleich hereinkommen. Mar. (hinausrusend). Sie möchte nur gleich hereinkommen. Eul. (mit Schachteln und Reisetaschen wird in der Thür sichtbar). Staar (eilt ihr entgegen, um sie zu verhindern zu sprechen). Ah, bist Du endlich da, mein Engel — ich Hab' mich schon so gesehnt nach Dir. (Umarmt sie.) i* 4 Mar. (für sich). Wer muß denn das sein? (Ab.) Aierte Scene. Staar, Eulalia. Eul. (während sie die Sachen ablegt). O je, Sie sind ja heute gar srenndlich mit mir, Herr Onkel. Staar (wendet sich um, um zu sehen, ob sie allein find). Pst! Still — UM Alles in der Welt — wenn Dich Jemand hörte — Du darfst nicht Onkel zu mir sagen — Eul. Nicht? nun — so werd' ich Herr Vetter sagen — Staar. Pst! Auch nicht, junges Blut. Eul. Auch nicht Herr Vetter? Ja — warum denn nicht? Jst's vielleicht in Krähwinkel ein Verbrechen — wenn ein alter Vetter eine junge Muhme hat? Staar. Das eben nicht — aber — Du wirst die Ursache schon später erfahren — jetzt sag' mir — wie bist Du denn hergereist und mit wem? Eul. Nun, auf der Achse — mit einer alten Unterlehrerin, die bis in's nächste Städtchen fährt, wo sie ein paar weitschichtige Verwandte hat. Staar. Das ist gut. (Zu Eulalia.) Höre mich an — Eulalia! Tu bist zu einem ungeheuren Dienst bestimmt. Eul. Was? (Fängt hrstig zu weinen an.) Huhu! Staar. Was hast Tn denn? — wegen was weinst Du denn? Eul. (schluchzend). Weil ich in einen Dienst gehen soll — und noch dazu in einen ungeheuren — Staar. Was fällt Dir denn ein? Eul. (weinerlich, ohne auf ihn zu hören). Hab' ich deswegen so viel lernen müssen — im Institute — daß ich jetzt in einen Dienst gehen soll. — Und — ich kann nicht gehen — ich bin so ein schwaches Geschöpf, daß mir des Nachts oft der Roman aus der Hand füllt, wenn ich lange lese — ich kann nicht einmal stricken, weil mir das die Brust so stark anstrengt. Staar. Was? Nicht stricken — und Romane lesen? Ja, was ist denn das für eine Erziehung? Du, wenn ich Dich mit einem Roman in der Hand finde, geht es Dir schlecht. Eul. (noch immer weinerlich). Na — es geht mir ohnedem schon schlecht genug, wenn ich in einen Dienst gehen muß. Staar. Hör' nur einmal zu weinen auf. Du sollst ja in keinen Dienst gehen — Du sollst mir ja nur einen Dienst erweisen — eine Gefälligkeit. Eul. (hört plötzlich auf zu weinen). Eine Gefälligkeit? Ja warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt, Herr Onkel! Staar (zuckt zusammen). Pst! Eul. Das ist ja ganz was Anderes. Das ist ja meine Schuldigkeit. Staar. Also hör' mich an. — Du hast drei Kinder! Eul. (erschreckt). Was? Drei Kinder! Staar. Ja, drei Söhne: Caspar, Melchior und Balthasar — sie sind in der Residenz im Waisenhause — ah — das geht nicht — in einer Militärschule Hab' ich sagen wollen. Eul. (lachend). Aber Herr On — Staar (hält ihr den Mund zu). Pst! Zum Teufel, bleib' mir mit dem Onkel vom Leibe — Du bist ja meine Frau. Eul. (naiv erstaunt). Warum nicht gar? Ja, wann haben Sie mich denn geheiratet ? Staar (für sich). Herr Gott! Ist das Mädel dumm, und war doch so lange im Institut (Laut.) Du stellst blos meine Frau vor. Eul. Ah so! Na, sorge sich der Herr Onkel (Skaar fährt zusammen) nicht -— das werd' ich schon treffen, ich Hab' sehr viel Talent dazu. Staar. Schau! Schau! Eul. Ich wollte, ich wäre schon wirklich eine Frau. Staar. Damit hat es noch Zeit, der Eh'stand ist ein Weh stand. Eul. O nein, lieber Onkel! Staar (wie oben). Lieber Mann sage zu mir. Eul. (sich zierend). Lieber Mann — (Lachend.) Ah! Das ist zu spaßig. (Lallt.) Also lieber Mann — ich möchte gern bald wirklich heiraten. Staar. Das wird sich schon finden, ich werde Dir schon einen Mann anssnchen. Eul. O strapezieren (bemühen) sich der Herr — Staar (macht eine Bewegung). Eul. Mann nicht, daswerd' ich schon selber thun. Staar. Na, auch gut! Und ich verspreche Dir recht eine schöne Ansstassirung, wenn Du Deine Sachen jetzt recht gut machet. (Sie geheimnißvoll an seine Brust ziehend.) Du heißt also jetzt Eulalia Staar, geborne Schnabelfeld, bist Mutter dreier Söhne: Caspar, Melchior und Balthasar, und mußt mit mir recht zärtlich, recht verliebt thun. Eul. Lange halte ich das nicht aus. Staar. Nur bis die Bürgermeisterwahl vorbei ist, dann bist Du wieder frei! Aber das sag'ich Dir, wenn Dn Dich gegen irgend eine menschliche Seeleverschnappst, oder verräthst — zieh' ich meine Hand ab von Dir — und enterbe Dich, dann bekommst Dn Deinen Lebtag keinen Mann. Eul. Ach Gott! Das wäre entsetzlich. Da werd' ich mich gewiß nicht »erschnappen, Herr Onkel. Staar (stampft mit dem Fuß). Pst! schon wieder — Eul. Mann habe ich sagen wollen — Staar. Nenn' mich lieber Niklas? Eul. (zögernd). Aber — Staar (wie oben). Niklas sollst Du mich nennen — ich will's so. Eul. (ängstlich — fast weinend). Nun ja — lieber Niklas. Jünfte Scene. Vorige, Marianne (tritt bei den Worten: ,.Lieber Niklas sollst Du mich nennen" ein — und drückt ihr Erstaunen aus). Mar. Ihr Zimmer ist schon hergerichtet, Fräulein! Staar (leise zu Eulalia). Hör'zu weinen aus und nimm Dich zusammen. (Laut.) Was, Fräulein, das ist ja meine Frau, Eulalia Staar, geborne Schnabelseld. Mar. (für sich). Seine Frau? Ah, deswegen haben sie sich gezankt, als ich hereingekommen bin. — (Laut). Ihre Frau also? "Na, da braucht sie kein separates Zimmer, da Hab' ich mich umsonst geplagt — Eul. Was? Staar (verlegen). Nein, nein — gebe Sie meiner Frau nur ein separates Zimmer — denn — ich schnarche so stark — Mar. Na, mir ist's recht — das gleich — (deutet auf eine Seitenthür) Vw-a-vis dem Ihrigen. Staar. Fa, ja. (Zu Eulalia sehr zärtlich.) Nun geh', mein Herzchen — werfe Dich aus Deinem Reisecostüm - ich will mich auch ein wenig zusammenrichten. — Eul. Ich gehe schon, lieber — Staar (gibt ihr einen Wink). Eul. Niklas! Staar. So ist's recht! Adieu, mein Herzchen! (Kußhände werfend.) Behüte Dich Gott, mein Täuberl — behüte Dich Gott! (Beide zu verschiedenen Seiten ab). Sechste Scene. Marianne, dann Friß Zmmerfroh. Mar. (für sich). Na — na — na — thut nur nicht gar so zärtlich vor den Leuten — wir wissen doch — daß es nicht Euer Ernst ist. Fritz (von außen). Heda! Wirthshaus — Gar^on — Kellner! (Reißt die Thür auf.) Ist denn die Kneipe ausgestorben? Mar. Wieder ein Fremder. Ew. Gnaden befehlen? Fritz. Wer sind Sie— schönes Kind? Mar. Die Kellnerin. Fritz. Kellnerin?Ah, sieh da — das Krähwinkel macht sich — es scheint, daß die Sonne der Aufklärung und des Fortschrittes auch bis in dieses dunkle Nest gedrungen. (Er umarmt Marianne.) Mar. Ob Sie aufhören. Fritz. Ich Hab' ja erst angefangen — aber sage mir, mein Kind, sind hier nicht zwei hübsche junge Damen abgestiegen, «wovon die Eine sehr alt und häßlich ist? 6 Mar. Ja — vor einer halben Stunde. Fritz. Bravo, Bravissimo! Und wo ist die Eine? Mar. Die Alte? Fritz (fährt zusammen). Warum nicht gar — prrr! Mar. Die ist weitergereist. — Fritz. Das ist ein wahres Glück. Und die Andere — Mar. Die ist da einlogirt auf Nr. 4. Fritz. So? dann werd' ich Nr. 5 beziehen. Mar. (rasch.) Das ist schon vergeben — Fritz. Auch wenn ich — (Gibt ihr Geld.) Mar. (das Geld nehmend). Vergeben, nämlich von dem Augenblicke an, wo Sie es verlangt haben — Fritz. Ei, seht doch, wie pfiffig. Mar. Befehlen Ew. Gnaden vielleicht eine Flasche Wein? — Fritz. Wein? Nein! Wein macht mir zu viel heißes Blut — ich brauche etwas Dämpfendes — ein Glas Milch kann Sie mir später bringen, wenn Sie welche hat. Mar. Na, das will ich meinen — und was für eine. Sie werden Augen machen. (Geht ab.) Fritz. Ja, das kann ich mir denken. (Marianne ab.) Siebente Scene. Fritz (allein). Alfo schon wieder ein Liebesabenteuer? Ich bin doch ein unglückseliger Kerl. Neunundzwanzigmal Hab' ich mir schon zugeschworen, mich nicht mehr zu verlieben — denn bis Dato Hab' ich mich schon neunundzwanzigmal verliebt — und jetzt bin ich gerade wieder am besten Wege — das halbe Schock voll zu machen. Ein altes Sprichwort sagt doch: Das gebrannte Kind fürchtet das Feuer. Aber das Sprichwort scheine ich ganz zu Schanden zu machen. Was Hab' ich schon für Malheure mit meinen Liebschaften gehabt! Die Eine hatte einen Bräutigam, der mich ohrfeigte, die Andere einen Genial, der mich durchprügelte, — die Dritte einen Herrn Vetter, der mich mit Rippenstößen tractirte — und so waren überall kleine Anstöße. Um nun diesen Schicksalsschlägen zu entgehen — habe ich mich entschlossen zu heiraten. — Mein Vetter Klapperl schrieb mir vor ein paar Monaten, es sei eine sehr schöne Wirtschaft hier in Krähwinkel zu verkaufen und er habe eine heiratsmäßige Tochter — ich betrachtete das als einen Wink des Schicksals — antwortete ihm, er möchte die Tochter für mich kaufen, ich würde dann die Wirtschaft heiraten — oh! Umgekehrt wollt' ich sagen — er nahm meinen Vorschlag an und die Sache war abgemacht. Gestern erhielt ich plötzlich einen Brief von ihm, worin er mir anzeigt, daß heute die Wahl des Bürgermeisters sei — welchen Posten er am- bitionire, und ersucht mich dringend her- znreisen, um ihm als „Besessener" meine Stimme zu geben — d. h. als „Hauptbesessener". Ich steige stante pede in den Krähwinkler Stellwagen und mein Unglück will, daß ich in demselben die zwei Damen treffe — wovon die Eine (deutet auf Nr. 4) da drinn logirt. Wir kamen zu einem kleinen Hügel.. und stiegen aus, um den Weg zu Fuß zurückzulegen — die Alte blieb im Wagen — das Mädchen sammelte Feldblumen, um sich ü In Ophelia zu schmücken — und auf einmal höre ich einen Schrei des Entsetzens — ein wüthender Stier stürzt auf das Mädchen los — mit einem Löwenmuthe werfe ich mich gleich einem Toreador zwischen sie und das Ungeheuer — das Mädchen fällt in Ohnmacht — und ich erkenne in dem wilden Stier eine ganz zahme Kuh, welche der Geruch der Feldblumen wahrscheinlich angelockt und die an dem Strauße ihren Appetit stillen wollte. Ich überließ ihr die Blumen, worauf sie sich stolz entfernte, und eilte zu meiner modernen Andromeda zurück. Langsam erholte sie sich — und dankte mir mit eitlem Blick, mit einem Ausdrucke, daß mir Hören und Sehen vergingen. (Den öfter- reichischen Dialect copirend.) I wir Ihnen den ritterlichen Dienst mein Lebtag nit ver- gessen, sprach sie und drückt mir dabei zärtlich die Hand. — Wir stiegen wieder in den Wagen, ein Wort gab das andere — und es ist schon so viel, als hätten wir uns ewige Liebe und Treue geschworen! Ja — es ist beschlossen. Ich entsage meiner Braut und heirate Nr. 4. (Deutel aus die Thür.'» Mir istleid, Herr Vetter Klapperl— meine Stimme können Sie haben — denn das fordert die Stimme der Natur — aber meine Hand nie, samam, nemam! Achte Scene. Fritz, Eulalia. Eul. sumgezogen). So, ich bin fertig. Fritz. Ah! Sie ist's! (Laut, ans sie zu- eilend.) Mein Fräulein! Eul. (erschrickt). Ah! Der Herr vom Stellwagen, mein Lebensretter. Fritz. Verzeihen Sie mir, daß ich Sie hieher verfolge — aber ich konnte mir die Wonne nicht versagen, so einen Engel wieder zu sehen. Eul. Ah, geh'n Sie zu, Sie Schmeichler! — Das haben Sie gewiß schon sehr vielen Mädchen gesagt. Fritz (für sich). Sie ist erst die Dreißigste. (Laut.) Aber mein Fräulein, wofür halten Sie mich? Eul. Für einen Schmetterling. Fritz. Schmetterling?! Ja, Sie haben Recht — ich bin ein Nachtschwärmer, der zum Lichte emporflattern wollte, sich aber an den Flammen die Flügel verbrannte und flehend zu Ihren Füßen niedersinkt. Eul. Am Licht — aber ich bitte Sie — wer wird denn Frauenzimmer mit einer Kerze vergleichen. Fritz (erstaunt). Mit einer Kerze? (Das Mißverständniß errathend.) Ah, ja so! Hahaha? (Laut ) Uebrigens, warum nicht? Die braven häuslichen Mädchen gleichen den Millykerzen — auch ungeputzt strahlen sie im schönsten Lichte. Eul. (naiv). Ja — da haben Sie Recht — es gehen zwar weniger auf's Pfund, aber man kommt doch besser daraus — als mit denen von Unschlitt. Fritz (halblaut). O Dalk! Eul. (sich verbessernd). Ja, ja — Talg! Hab' ich sagen wollen — das ist hochdeutsch. Fritz (für sich). Nein, die naive Unschuld — die unschuldige Naivetüt dieses Mädchens bringt mich zum Wahnsinn — ich muß ihr eine Liebeserklärung machen — aber wie es anfangen, daß sie mich versteht. (Laut.) Mein Fräulein — verzeihen Sie meine Kühnheit, wenn ich mir die Freiheit nehme — und es wage, mir zu erlauben, in Worten auszudrücken, was die innersten Gefühle meines Herzens bewegt — nämlich — daß ich Fritz Jmmerfroh heiße. — Eul. Was, Fritz heißen Sie? Ach, das ist ein sehr schöner Name — und heißen Sie gerne Fritz? Fritz. Von Ihren schönen Lippen doppelt gern — auch besitze ich ein Vermögen von vierzigtausend Gulden — bin der Herr Vetter des Herrn Klapperl und seit drei Monaten stimm- und sitzfähiger Bürger von Krähwinkel. — Eul. Sonst nichts?! Fritz. Na, ich glaube, das ist schon sehr viel. — Eul. Nein— ich meine — ob Sie mir sonst nichts Zusagen haben. Fritz. Sonst nichts — als daß ich Sie liebe — Eul. Das ist gescheidt! Fritz. Daß ich ohne Sie nicht mehr länger leben kann. — Eul. O Gott, o Gott, ist das lieb, wenn ein Mann so spricht. Fritz. Und daß Sie mich zum Glücklichsten aller Sterblichen «lachen, wenn Sie mir Ihr Herz schenken. — Eul. Nur mein Herz. (Für sich.) Von der Hand redet er gar nichts. Fritz. Sie schweigen?! Eul. (für sich). Vielleicht versteht er mich so. (Drückt ihm schweigend die Hand.) Fritz (für sich). Sie drückt mir die Hand, — Victoria, Sie liebt mich! 8 Neunte Scene. Vorige, Staar (ein Papier in der Hand). Staar (tritt ein). Bist Du fertig, mein Engerl? Eut. (erschrickt und zieht rasch die Hand zu- rück —für sich). O weh, der Herr Onkel! Auf den Hab' ich ganz vergessen. Fritz (für sich). Wahrscheinlich der Herr Papa — da werde ich gleich meinen Antrag machen. (Geht in den Hintergrund und studirt sich, während er seine Handschuhe anzieht, eine Rede ein.) Staar (bemerkt ihn — leise zu Eulalia). Du, wer ist denn der? Cul. Ein junger, reicher Mann, der sich erst hier angetanst hat. Staar (für sich). Also wahlfähig! — Da muß ich schauen, daß ich ihn für mich gewinne — ha! Ich werde gleich meine Rede an ihm probiren, die ich mir für die Bürger aufgesetzt habe. — (Zieht seine Handschuhe an und übergeht in Gedanken seine Rede, kleine Pause, dann Fritz und Staar, indem sie auf einander loSgehen und sich gegenseitig vor einander verneigen.) Fritz (zugleich). Zitternd wage ich es — Staar (zugleich). Erlauben Sie mir, mein Herr — (Sehen sich starr und erstaunt an, dann sangen sie wieder zugleich an.) Fritz (zugleich). Zitternd wage ich es — Staar (zugleich). Erlauben Sie mir, mein Herr — (Sehen sich wieder an, dann jeder für fick.) Fritz (für sich zugleich). Er will auch reden — Staar (für sich zugleich). Er will auch reden — Fritz (ihm das Vorrecht einräumend). Bitte, mein Herr, ich kann warten. Staar (deprezirend). Nein — nein — reden Sie — Fritz (wie oben). Bitte — bitte, ohne Umstände — ich bin hier zu Hause. Staar. Wenn Sie's durchaus verlangen — (Räuspert sich mit wichtiger Miene — und spricht dann, indem er von Zeit zu Zeit in das Papier blickt, welches er vor sich hinhält.) Fritz (für sich). Ich bin doch neugierig — was der Alte von mir will? Staar (mit Pathos). Ich bin ein einfacher schlichter Mann, als simpel bekannt. Fritz (verneigend). Ich zweifle keinen Augenblick daran — Staar. Das Glück der weltberühmten Stadt Krähwinkel lag mir von jeher am Herzen — Fritz (für sich). Was geht mich denn das an — was ihm am Herzen liegt. Staar. Nennen Sie es deshalb nicht blos Ehrgeiz, daß ich mich neuerdings um das Amt bewerbe — es geschieht nur, um etwas zu werden. Fritz (für sich). Langweilig sängt er mir schon an zu werden. Staar. Um etwas zu werden — wobei ich beweisen kann — mit welcher Anstrengung nicht nur ich für das Wohl der Stadt arbeite, sondern auch meine Gemalin Eulalia — und meine drei Söhne Caspar, Melchior und Balthasar, die ich deshalb in eine Erziehungsanstalt gab — Fritz (für sich) Ah, das dauert mir schon zu lang. (Laut.) Mein Herr, zitternd wage ich es — Staar (fortfahrend). Alts diesem Grunde wäre es mein höchster Triumph, zum Bürgermeister gewählt zu werden. Fritz. Was? (Für sich). Ein Concurrent meines Herrn Vetters! Staar. Mein Herr, ich will Sie nicht überreden, mir Ihre Stimme zu geben — aber wer nicht aus den Kopf gefallen ist, muß einsehen, daß ich diese Stelle verdiene — ich heiße Nicolaus Staar. — Fritz. Wie — Nicolaus Staar — der berühmte Nicolaus Staar — von dem ich schon so viel (für sich) dumme Streiche (laut) gehört habe? Staar (sich verneigend). Derselbe — Fritz. O, Sie müssen die Stelle bekommen — die Stadt Krähwinkel konnte keinen würdigeren Bürgermeister finden. — (Für sich.) Mir ist leid, Vetter, —aber ich gebe meine Stimme meinem Schwiegerpapa — das fordert die Stimme der Natur. 9 (Laut ) Auf mich können Sie rechnen — Herr Bürgermeister. Staar (mit freudestrahlendem Gesicht). O, himmlischer Titel— aber jetzt muß ich fort (legt während dieser Rede daS Papier auf de» Tisch) ich Hab' den Bürgern versprochen, um drei Viertel aus Drei am großen Platze zu erscheinen. — (Z„ Fritz.) Ich habe später noch die Ehre — bis dahin erlauben Sie mir nur (mit Eulalia am Arm) Ihnen hier meine junge Frau vorznstellen. Friß (fährt entsetzt zurück). Was? — Ihre Frau?! Staar. Ja — und Mutter meiner drei Söhne: Caspar, Melchior, Balthasar! (Z'eht Eulalia fast mit Gewali ab.) Komm, mein Engerl! Komm! (Ab mit Eulalia ) Zehnte Scene. Fkih (allein, sieht mit stierer Verzweiflung nach). Sie ist verheiratet? — Sie hat drei Söhne! O pfui, das ist unmoralisch — das ist zu viel Enttäuschung auf einmal — dieses Mädel ist ein Weib — dieses Weib ist kein Mädel — wollt' ich sagen — und drückt mir die Hand und läßt sich von mir die Cour machen auf Leben und Tod —ha — Tod! — Sollte sie vielleicht auf den Tod ihres alten Mannes rechnen — und sich einbilden, ich würde sie als Witwe mit drei Kindern heiraten — jetzt bei den theuren Zeiten! — Ah, da küsset ich die Hand — das wär' wirklich zu viel. (Bleibt plötzlich stehen — mit einem traurigen Bl'ck.) Armer Fritz! Dir blühen keine Nosen am Pfade der Liebe — der kleine Amor macht Dich zur Zielscheibe seines Witzes — seines Spottes. — Ich kann zwar viel ertragen, aber was zu viel ist, das ist zu! viel — da muß man — doch nein — tröste Dich, Fritz, es geht Dir nicht allein so — es gibt im Leben eine Masse Situationen, wo's einem fast die Rede verschlagt' und man nichts herausbringt, als: o i bitt, das ist wirklich zu viel. L i e st. Aber Hausherr, aber Hausherr! Wohin soll das kommen, Das heißt ja den Rock mir vom Leibe genommen — Jetzt hab'n in vier Jahr'n Sie mich sechzehnmal gesteigert, Ich Hab' mich auch nie geg'n Jhr'n Willen geweigert, Aber schauen's das Ouartier an, es ist ja ein Loch, Ich bitt' Sie, so lassen s mir's Herrichten doch — „Damit Sie nicht sagen, ich bin schmutzig, mein'twegen, So lassen Sie frische Parquetten sich legen, Auch Fensterstöck setzen, und eine ganz neue Thür, Das heißt, um Ihr Geld, doch versprech' ich dafür. Daß ein ganzes halb's Jahr ich nicht steigern Sie will." O ich bitt', o ich bitt', das wär' wirklich zu viel! „Fünfzehn Jahr' prakticir ich, möcht' bitten gar sehr, Ob für mich nicht ein ganz klein's Amterl no wär'—" „„Ja, mein Gutester, längst war auf Sie ich bedacht Und hält' Sie sehr gern schon wo untergebracht, Doch dem Richter sein Vetter, dem Förster sein Sohn, Meiner Köchin ihr Göd', warten acht Tage schon, Protection man mir vorwerfen könnte mit Recht, Wenn ich Sie jetzt zuerst wo hinschieben möcht', Doch machen's nichts d'raus sich und warten Sie halt, Denn kriegen Sie auch vor der Hand keinen Gehalt, Ich Ihnen doch Arbeit genug geben will;"" O ich bitt', o ich bitt', das ist Alles zu viel! 10 Ein junger Herr ist wohin auf ein'n Hausball geladen, Das Vergnügen istihm lieber als hundert Ducaten, Wie er eintritt, nur blicken sich läßt bei der Thür, Wird mit Jubel er empfangen, hing'führt zum Clavier. Er setzt sich gleich nieder, um nicht unartig zu sein, Und haut d' ganze Nacht in die Tasten hinein, Vor der Nase werden Schüsseln vorbei ihm getragen, Ob ihm etwas g'fällig, thut gar Niemand fragen, Ohne z' tanzen geht fort er, und der Magen ihm kracht, D' Frau bedankt sich, daß er so viel Vergnügen hat gemacht Und fragt, ob er ihr 's nächste Mal die Ehr' geben will, O ich bitt', o ich bitt', das wär' wirklich zu viel! 's macht Einer Bekanntschaft am Wasser- Glacis Mit 'nen Madel gar fromm, eine Waise ist sie, Sie lebt still und ganz einsam, vom Unglück betroffen, Eine ruh'gere Eh', denkt er, ist nicht mehr z'hoffen, Kein' Bekanntschaft, kein' Verwandtschaft, das ist schon was werth, Kein' Schwiegermutter z'sürchten, die den Hausfrieden stört. Nach der Hochzeit, da kommen Frau Mahmen, Herr Göden Eine Menge, als ob's aus der Erd' schießen thäten. Vier Brüder, sechs Vettern stell'n auch sich noch ein, Auf die's in der Brautzeit vergessen hat rein, Auch ein Waisenknab', den sie in's Haus nehmen will, O ich bitt', o ich bitt', das ist wirklich zu viel! „Aber Hausmeister, haben Sie d'Verord- nung nicht g'lesen. Schon um Viertel auf Zehne bin da ich gewesen Und Sie lassen mich läuten, bis 's Zehne thut schlagen, D'rüber werd' ich mich morgen beim Gerichte beklagen, Denn Sie müssen nicht glauben, d'Partei ist Ihr Narr, Da wär's jetzt noch viel schlechter, als früher es war." (Dumpfer Baß.) Ja — seh'ns, die Gewohnheit, sagt der Hausmeister, ist d' zweite Natur, Deßweg'n sperr' ich auch altweil um neune noch zur, Doch halt' streng ich an's Gesetz mich — ich weiß schon, es kann Vor zehn Uhr ganz umsonst jetzt herein Jedermann. D'rum kann läuten vor zehne umsonst wer nur will, (Zornig.) O ich bitt', o ich bitt', das ist wirklich zu viel!! Es sagt eine Sängerin: „Es liegt in mein'n Willen, Daß Sie, Herr Director, viel Vortheil erzielen, Danun wenn Sie mit mir 'nen Contract machen wollen, Sie gewiß mit der Ford'rung zufrieden sein sollen, Denn ich bin nicht wie And're, die gar nicht mehr wissen, Was's von'nen armen Director begehr'n Alles müssen. Sie geben freie Wohnung mir — höchstens zwölf Zimmer, Eine Pracht-Equipage, die vor'm Hausthor steht immer, 11 Eine jährliche Gage, nur von zehntausend Gulden, Auch zahlen Sie — wenn's Vorkommen soll't — meine Schulden. Dafür wöchentlich zweimalsogar singen ich will!!" O ich bitt', o ich bitt', das wäre wirklich Zu viel! Fritz (will nach dem Liede ab — Eulalia und Sperling irrten durch die Mittelthür ein, gnh kommt in den Vordergrund zurück). Ah — da ist sie — die Falsche! Hitfte Scene. Fritz. Eulalia, Sperling. Sperling (Eulalia hereinführend an der Thür). O übergroße Freud', o namenloses Glück, Des Gönners höchster Schatz, ich bring' ihn hier zurück. Doch eil' ich schnelle fort auf seraphigen Schwingen, Dem Freunde den Tribut der Freundschaft darzubringen. (Deutet Applaus.) Und ist das Ziel erreicht, o übergroße Wonne, So fliegen Spatz und Staar vereint empor zur Sonne. Zwölfte Scene. Eulalia, Fritz. Eul. (hat Sperling angehört, macht ihm zum Schluffe der Rede einen Knix und sagt dann, wenn er ab ist). Ich habe kein Wort ver- standen — was er gesagt hat — (Wendet sich gegen den Vordergrund und erblickt Fritz.) Ah! (Für sich.) Der Fritz. Fritz (ohne Eulalia anzublicken). Drei Kinder! Eul. (für sich). Er schaut mich gar nicht an — er ist gewiß böse auf mich. Fritz (für sich) Wer hätte hinter diesem Gesichte solche dreifache Schändlichkeit gesucht? Eul. (für sich). Wenn ich ihm nur beiläufig merken lassen könnte, daß ich nicht verheiratet bin, — das ist eine schreckliche Situation für ein Mädel, die gern heiraten möcht' — (Sie hustet absicht- lich.) Hm, hm! Fritz (für sich). Sie hustet! O, ich kenne dieses verführerische Husten! Ich hab's schon öfters gehört — aber ich will der Sache rasch ein Ende machen. (Sehr laut und barsch auf sie zugehend.) Frau Staar! Eul. (fährt erschreckt zusammen). O Du mein Gott! Haben Sie mich aber erschreckt! Fritz. Sie haben mich noch mehr erschreckt! Sie haben ein heimliches Spiel mit mir spielen wollen — haben die Karten so geschickt gemischt, daß ich geglaubt habe — Sie geben mir eine Preference — aber beim Ausgeben haben Sie sich verworfen — dadurch habe ich Ihnen zu früh in die Karten geblickt und die drei Buben gesehen. — Eul. Ich verstehe Sie nicht! Fritz. O spielen Sie die Unschuldige, wie Sie wollen — ich weiß, woran ich bin und laß mich nicht mehr täuschen — hätten Sie ehrlich mit mir gehandelt — hätten Sie mir gesagt: hier steht meine Firma — so hätten Siemir denSchmerz erspart — der jetzt jahrelang an meinem Herz nagen wird — und ach, man glaubt gar nicht, was so ein Schmerz abkieselt das ganze Jahr. Eul. Aber ich kann ja nichts davor. Fritz. Nicht? — Nicht? — Hahaha, lächerlich. Eul. Wenn Sie wüßten — Fritz. Was?! Eul. Ich kann — ich dars's Ihnen nicht sagen — und das druckt mir das Herz ab. Fritz. Sie haben mein Herz auch zerdrückt und zermudelt, meine liebe Frau Staar! Eul. (für sich). Frau Staar — dieser Name bringt mich zur Verzweiflung. Fritz. Mich so zu betrügen — mich, der ich Ihnen meine unbekannte Braut zum Opfer bringen wollte — aber jetzt gehe ich hin — und heirate sie vom Flecke weg. Eul. Halt! (Sich vergessend). Ob Sie da bleiben. — Was wär' das — Sie wollen eine Andere heiraten — und haben mir 12 ewige Liebe geschworen — nichts da — das darf nicht sein — das duld' ich nicht — Sie müssen Ihr Wort halten — müssen mich lieben — Fritz. Erlauben Sie mir! — Ich bin ein solider Mann — ich will mit einer verheirateten Frau nichts zu thnn haben — und so lange warten, bis Sie Ihren Herrn Gemal los sind, — das könnt' mir doch zu lange dauern. Eul. (geheimnißvoll). Wer weiß — Fritz. Wie?! Gul. (wie oben, sich ängstlich nmsehenV ob man sie nicht belausche). Meine Verhältnisse können sich jeden Augenblick ändern. Fritz. Was?! Errl. (wie oben). Genug — Sie wissen, daß ich Ihnen gut bin. Fritz. Das wäre ganz gut — aber — Eul. (wie oben). Ich darf Ihnen nicht mehr sagen, als: es können Dinge geschehen — Fritz. Dinge? Was für Dinge? Eul. (wie oben). Ich weiß, was ich zu thnn habe. — Fritz. Was Sie zu thnn haben? Cul. (wie oben). Sorgen Sie sich nicht— nureinpaarStundennoch —und dasHin- derniß unserer Liebe ist auf ewig beseitigt. Fritz (sieht sie starr an). Wär's möglich? Eul. Verlassen Sie sich nur ans mich — Aber jetzt Hab' ich Ihnen schon mehr als zu viel gesagt. — Adieu — aus baldiges, glückliches Wiedersehen! (Ab.) Freizeyrrle Scene. Fritz (allein). Be — be — be — beseitigt!! — In wenig Stunden be — be - be—seitigtü — Ach! kein Zweifel! Das ist auf Mord abgesehen! Mord!! O du mein Gott, mir wird grün und gelb vor den Augen. — Und ich seh' den armen Mann schon als blasse Leiche! — Nein, nein, wer Hütte das gedacht, daß das so eine fürchterliche Person ist — ich laufe aus und davon — ich bleibe keine Minute länger hier — man könnte ja in die größten Fatalitäten kommen. — (Will ab.) Mierzehnte Scene. Fritz, Marianne. Mar. (eine Schale Milch tragend). Da ist die Milch, Ew. Gnaden. Fritz. Die kannst Du selber trinken. Mar. (stellt die Milch weg). Und Ihr Zimmer ist auch hergerichtet. — Fritz. DaskannstDuselberbewohnen. Mar. Was?!! Fritz. Ich brauche kein Zimmer, ich reise fort — ich — (Plötzlich von einem Gedanken befallen.) Aber halt — wenn ich mich vielleicht doch täuschte — ich will das Stubenmädel ausfragen — sie kennt das Weib genauer — (Zu Marianne.) >Lag' mir (nimmt Geld aus der Tasche, welches er ihr gibt), aber aufrichtig. — Was ist die Frau Staar für eine Frau? Mar. Die Frau Staar? — ist die Frau vom Herrn Staar. — Fritz. Das weiß ich selber — dazu brauch' ich Dich nicht — ich will aber wissen, was sie für einen Charakter besitzt — wie sie mit ihrem Manne lebt. Mar. Hm, sie lebt eigentlich gar nicht mit ihm — wie es allgemein heißt! — Fritz. So? Mar. Gleich wie sie angekommen ist, haben's disputirt — und dann haben sie sich zwei separate Zimmer geben lassen. Fritz. So — sie mag also ihren Mann nicht? Mar. Ei bewahre — die ganze Stadt weiß ja — daß sie ihn um jeden Preis los sein möchte. — Fritz (erschreckt). Um jeden Preis? Mar. Ja, ja, ich'glaube, sie könnt' ihm Kronüngeln eingeben, ha, ha, ha! (Fritz fährt zusammen.) Ja, aber was ist Ihnen denn, Ew. Gnaden? Fritz. Nichts — gar nichts, (gür sich.) Ich weiß genug, es ist wirklich so — wie ich gefürchtet — sie will ihren Mann vergiften! Jetzt heißt es handeln, um den armen Teufel zu retten. (Laut zu Marianne.) Hör' mich an — hier hast Du fünf Gulden, wenn der Herr Staar 13 etwas zu trinken verlangt, sagst Tu — es ist nichts mehr da. Mar. Aber ich bitte, Ew. Gnaden — in einem Wirthshaus nichts zu trinken. Fritz. Nicht einmal ein Glas Wasser darfst Du ihm geben — er soll nur Durst leiden. Mar. Aber wenn er etwas zu essen verlangt? Fritz. Ist auch nichts mehr da — gar nichts mehr! Mar. Aber wenn er hungrig ist? Fritz. Das macht nichts — Du gibst ihm keinen Bissen — höchstens weiche Gier, (für sich) da kann sie nichts hineingeben. Mar. Ro — mir ist's recht — um die fünf Gulden thn' ich Alles — nur anskennen thu' ich mich nicht. (Ab) Irirrfzehnte Scene. Fritz (allein). So! Gins wäre geschehen — von der Seite ist er gerettet! Wenn sie ihm aber auf eine andere Art zu Leibe geht. Mir ist nicht um sein Leben — von mir aus könnte er jeden Augenblick den Hals brechen — mir ist nur um mich — die Welt würde mich als die Ursache des Verbrechens verdammen, würde sagen — ich hätte das Weib durch meine Liebeserklärung ans diese fürchterliche Idee gebracht. Ich muß ihn ans eine geschickte Art warnen — ohne mich dabei als Mit wisser zu compromittiren. Ha! Gin guter Gedanke! Ja — ja — so geht's. (Seht sich nieder und schreibt.) Mein Herr! Alan strebt Ihnen nach dem Leben — essen und trinken Sie ja nichts — höchstens weiche Gier — und das nur sehr vorsichtig. (Gesprochen.) Unterschrift: Gin ungenannt sein wollender Menschenfreund. So! Aber wie ihm den Zettel znstecken — Ah! Da liegt ja seine Anrede, die wird er gewiß noch ein paarmal überlesen (steckt den Zettel ein) und ans diese Art meine Warnung finden! So! Gott sei Tank, mein Gewissert ist um anderthalb Gentner leichter. Sechzehnte Scene. Fritz, Staar. Staar («ritt ein). Merkwürdig, was meine Rede für eine Wirkung hervorgebracht hat. Fritz (für sich). Oh! Da ist das unglückliche Opfer. Staar (ohne ihn bemerken). Mein Mitbewerber, der Klappert, hat Angen und Ohren ausgerissen und kein Wort heransgebracht — (Lacht.) Hehe! Fritz (in traurigem Tone). Wer NM Freitag lacht, kann am Sonntag weilten. Staar. Ah — Sie sind da — aber zum Teufel — wie schauen Sie denn aus — ordentlich blaß. — Fritz. Blaß? (Für sich.) Er wird bald noch blässer ansschau'n. Staar. Ist Ihnen vielleicht etwas — sind Sie krank? Fritz. Ich?! — O nein — ich bin gesund — aber wie geht es denn Ihnen? Staar. O famos — besonders jetzt in diesem Augenblick. Fritz (wie oben). Jll diesem Augenblick — ja — aber man hat Beweise, daß Leute im Sommer noch wie Rosen blühten — und int Herbste wie die Blätter fielen. — Staar (erstaunt). Ja, das ist schon wahr — aber — Fritz (wie oben). Heute roth— morgen todt. Staar (für sich). Mir scheint, bei dem rappelt's. — Das wär' nicht übel — er muß mir ja seine Stimme geben. (Laut.) Sie verzeihen — aber Sie haben mir früher versprochen — bei der heutigen Bürgermeisterwahl für mich zu stimmen. — Fritz (rasch). Ja, das will ich auch — damit Sie wenigstens jenseits nicht böse auf mich sind. Staar (erstaunt). Jenseits! (Für sich.) Es ist richtig, er ist ein Rarr! Fritz. Ich sag' Ihnen nichts als — überlesen Sie ja Ihre Anrede all die Bürgerschaft! 14 Staar. Meine Anrede? Ist vielleicht etwas darin? — Fritz (rasch einfallend). Ja wohl, es ist etwas darin — was Ihnen sehr viel Schaden bringen könnte, wenn Sie es nicht frühzeitig genug entdecken. Staar. Was Sie sagen, — mich trifft der Schlag! Fritz (für sich). Das wäre besser, als von Weiberhand zu sterben. — Staar (will zu Tische). Ah! Da muß ich ja gleich - Fritz (hält ihn zurück). Halt! Nicht in meiner Gegenwart! Ich lasse Sie allein — überzeugen Sie sich — und bleiben Sie recht gesund! Verstanden, (mit Nachdruck) recht gesund! Der Himmel schütze Sie — (Stürzt ab.) Siebzehnte Scene. Staar, dann gleich Sperling. Hvtaar (siebt ihm ernsthaft nach). Das ist ein curioser Patron — aber was muß denn nur in meiner Anrede sein? (Will sie nehmen.) Sperling (stürzt herein). O Unheil sondergleichen! — Staar (wendet sich rasch um). Wasgibt's denn? Was ist denn geschehen? — Sperling. Der Herr Bürgermeister haben ja schon wieder eine Dummheit gemacht. Staar. Wieso? Sperling. Hochdieselben haben die Einladung zu dem Festessen der Schneider angenommen, das hat die Schuster beleidigt, sie halten sich sür zurückgesetzt und wollen für den Klapperl stimmen. — Staar. Das mär' nicht übel. — Da geh' ich lieber gar nicht zu dem Festessen! Sperl. Da machen Sie sich wieder die Schneider zu Feinden. — Staar. Ja, aber mein Gott! — Ich kann doch nicht: hingehen und nicht hingehen zugleich — was ist da anzufangen? Sperl. (mit Pathos). Steckt in der Tinte Ihr, Und müßt Ihr Euch nicht Rath's, So kommt nur schnell zu mir, Es rettet Euch der Spatz! Staar. Wie, Spatz, wissen Sie vielleicht einen Rath, — ein Mittel mich zu retten? Sperl. Allerdings, Hochderoselben müssen sich für krank ausgeben. — Staar. Für krank? — Sperl. Ja — ich werde den Leuten dann sagen, — Hochderoselben hätten zu viel Schwammerln gegessen und fühlten ein gewisses Schneiden in Hoch- dero Gedärmen — auf diese Art ist die Sache beigelegt, ohne weder die Schuster noch die Schneider zu beleidigen. Also nur schnell die Rolle des Kranken gespielt — setzen Sie sich in diesen Stuhl. — Staar (sich setzend). Ach Gott! — Der Schrecken ist mir ohnedies in alle Glieder gefahren. — Sperl. (ruft). Heda, Marianne — Marianne — zu Hilfe — Achtzehnte Scene. Vorige, Marianne (aus der Mitte). Eulalia (aus der Seite). Mar. und Eul. (zugleich). Was gibt's denn? Was ist denn das für ein Lärm? — Eul. Herr Spatz, was schreien Sie denn, als wenn Sie am Spieß steckten? — Sperl. Nur schnell Thee! Der Herr Staar ist plötzlich erkrankt. Mar. und Eul. Was? — Mein Gott, was fehlt ihm denn? Sperl. Er hat Schwammerln gegessen und fühlt sich jetzt sehr unwohl. (Lcise zu Staar.) Reden Sie doch auch etwas. Staar (den Kranken spielend, mit etwas schwacher Stimme). Meinen Schlafrock! Eul. (läuft ab). Gleich! - Vtar. (zu Sperling, der mit Staar beschäftigt ist). Der arme Herr — wie schlecht er ausschant — er gefällt mir gar nicht. Staar (für sich). Dank für das heimliche Kompliment. Eul. >L0 — (bringt den Schlasrock). Da ist der Schlafrock — 15 Sperl. (zu den Mädchen). Helfen Sie mir ihm den Schlafrock anziehen. — Eul. und Mar. (helfen ihn aufheben und ihm den Schlasrock anziehen). Eul. Au weh, das Gewicht! Staar (mit kranker Stimme). Das machen die Schwammerln — die liegen mir so schwer im Magen. (Fällt wieder in den Stuhl.) Mar. Jetzt werd' ich geschwind warmes Wasser bringen zum Thee. (Eilt ab.) Sperl. Und ich eile — der Bevölkerung die Hiobskunde zu überbringen. (Hüpft ab.) Neunzehnte Scene. Staar, Eulalia, hierauf Fritz. Eul. Wie ist Ihnen denn, lieber Onkel? Staar. Hm, recht dalket! Eul. Ich Hab' es schon lang' bemerkt — das; was in Ihnen vorgeht. Staar. Sag' mir — Eulalia — bin ich recht blaß? Eul. Das nicht — im Gegentheil — roth — zinnoberroth. — Staar (für sich). Roth?! Das ist dumm — ah was — ich sage halt — ich Hab' von den Schwammerln den Scharlach bekommen. (Zu Eulalia.) Du mußt nicht in Aengsten sein — mir ist nichts. Eul. Was?:: Staar. Ich stelle mich nur krank, weil ich blos auf diese Art Bürgermeister werden kann. — Eul. Ah so?! — Aber dürfen denn die Bürgermeister nicht gesund sein? Staar. Ö, im Gegentheil — sie müssen einen guten Magen haben und was vertragen können — (Man hört Friß von außen.) Es kommt wer, jetzt stelle Dich nur recht ängstlich. (Zieht eine Schlaf- Haube aus der Rocktasche und seht sie tief in die Augen.) Eul. Sie schauen aber so spaßig aus. — (Lacht.) Fritz (kommt rabiat hereingelaufen). Das ist doch zum Teufelholkn — der Stellwagen ist schon fort — jetzt muß ich bis morgen hier bleiben — und ich fürchte — (Erblickt die Gruppe.) Was ist denn das? (Fährt entsetzt zurück.) Eul. Ein Patient, das sehen Sie ja! (Ihr Lachen unterdrückend.) Fritz. Ein Patient! (Für sich.) Herr Gott, sollte sie ihre Operation schon begonnen haben — mir wird ganz schwindlich! Staar (recht schwach). Ja — sehen Sie — Sie haben früher ganz Recht gehabt, daß über einen Atenschen g'schwind was kommen kann. — Fritz (für sich). Armer Mann! Staar. Ich Hab' doch nichts gethan — als ein paar Schwammerln gegessen. — Fritz. Schwammerln! Ah! Entsetzlich! (Dumpf zu Eulalia.) Sie haben Ihrem Manne Schwammerln gegeben? — Staar (leise zu Eulalia). Sage ja! Eul. Ja — es ist seine Leibspeise! Ha, ha, ha! Fritz. Welche kalte Ruhe — das teuflische Gelächter — o! (Für sich.) Kräh- winkler-Lafarge — (Zu Staar.) Unglücklicher, es geschieht Ihnen Recht, warum haben Sie Ihre Anrede nicht überlesen! (Geht weg von ihm.) Staar (für sich). Was er nur immer mit meiner Anrede hat! (Nimmt das Papier und blättert darin.) Zwanzigste Scene. Vorige, Marianne. Ä)!ar. (eine Therkanne mit warmem Wasser bringend). So, da bring' ich warmes Wasser, aber Thee Hab' ich keinen. — Eul. (geht zur Reisetasche, welche sie herein- gebracht). O ich habe eine ganze Schachtel voll in meinem Reisesack! — Mar. Soll ich vielleicht einen Doc- tor holen? — Eul. (der Staar zuwinkt). Gott bewahre — es ist nicht nothwendig. (Marianne ab.) Fritz (für sich). Sie will den Doctor nicht holen lassen — klarer Beweis ihrer Schuld. — (Laut und dumpf.) O, Frau Staar, — Frau Staar! 16 Eul. Lamentiren Sie nicht so — und helfen Sie mir lieber die Thee- schachtel suchen. — Fritz (sucht herum). Frau Staar, geherl Sie in sich — ich beschwöre Sie im Namen Ihrer drei Kinder — retten Sie. (Zieht ein Buch hervor) Eul. (daS Buch erblickend, rasch einfallend). Um Alles in der Welt, — verstecken Sie das Buch — wenn er's sieht — geht's mir schlecht — (Hat unterdessen den Thee gefunden — und bereitet ihn im Hintergründe, wäbrend Fritz daS Buch durchblättert.) Fritz. Wie? (Von einem Gedanken befallen.) Ah,vielleicht ihr Tagebuch, (öffnet es) nein — es ist gedruckt. — Was hat es denn für einen Titel? — Psychologen behaupten, aus der Lecture eines Menschen aus sein Gemüth, seinen Seelenzn- stand schließen zu können. — (Liestden Titel.) „Oda, das Weib zweier Männer!" (Schreit auf.) Oh! Eul. und Staar (erschreckt zugleich). Oh! — Was ist's denn? Fritz (versteckt das Buch). Nichts, nichts — es hat mir nur aas einmal einen Stich im Gehirn gegeben. — Staar. Ten Schmerz kenne ich nicht. Eul. Bin ich jetzt erschrocken. (Schenkt den Thee ein.) Fritz. Entsetzlich! (Schlägt das Buch auf.) Was ist denn da für eine Stelle ange- merkt (Liest.) „Und da das Gift" (erschrickt) Gift! — (liest weiter) „welches sie ihrem ersten Gemahle in eitlem Linsengerichte beigebracht" (gesprochen) die hat ihm's in die Schwammerln gegeben — (licit werter) „nicht schnell genug wirkte, so mischte sie eine starke Dosis unter den Thee —" Eul. (hat indessen de» Thee eingcschenkt und reicht Staar die Schale). So, da ist der Thee! Fritz (läßt das Buch fallen und'stürzt aus Staar los). Halt! Um Gottes Willen — trinken Sie nicht! Staar. Warum wollen Sie mir denn das bissel Thee nicht vergönnen? (Trinkt.) Fritz. Weil — weil — Eul. Trinke nur — das wird Dir Helsen. Fritz (sieht Staar den Thee trinken) Zu spät, zu spät! (Sinkt in einen Stuhl.) Eul. (halblauv. Was hat er denn, er schaut ganz verstört aus! Staar (leise zu Eulalia). Ich hab's schon früher bemerkt — es rappelt bei ihm — Eul. (erschrickt). Was?! Staar. Ja — es ist ein Narr! — aber trag' jetzt meinen Rock hinein — — und laß mich mit ihm allein. Eul. (nimmt den Rock, im Abgehen für sich). Sollte er sich meinetwegen so kränken?! Hat er mich denn nicht verstanden — (Fritz blickt sie an; sie deutet ihm, daß Staar nicht >hr Mann ist.) Fritz (mißversteht die Pantomime.) Ah! (Springt aus.) Hinweg, Schlange, Mörderin ! Eul. (ihre Pantomime wiederholend, ab). Hirmndzrvanziglle Scene. Fritz, Staar. Staar (die Schrift durchblkitternd). Ich weiß nicht — ich finde nichts in der Anrede — Fritz (für sich). Es ist kein Zweifel, sie hat an den Schwammerln noch nicht genug gehabt — sie hat ihm den Thee vergiftet. - O Weiber, wozu kann Euch die blinde Leidenschaft treiben! Staar (findet den Zettel). Was ist denn das für ein Zettel — an mich? (Liest.) Fritz. Wenn ich zum Doctor liefe — Aber mein Gott! Bis ich ihn finde — ist es vielleicht schon zu spät — Ist denn gar nichts da — (Erblickt die Milch.) Ah, meine Milch! (Läuft hin und nimmt die Schale Milch.) Staar (liest). „Man strebt Ihnen nach dem Leberr — essen und trinken Sie ja nichts — " Fritz. Milch ist das beste Gegengift — das kann ihn retten. Staar. Was wäre das — man strtzt mir nach dem Leben — man will mich zur politischen Leiche machen — Fritz (kommt mit der Schale Milch auf ihn zu, sehr heftig). Trinken Sie, mein Herr! Staar (erschrickt). Was?! 17 Fritz. Trinken Sie, sag' ich Ihnen — Sie müssen trinken, oder — Staar (fährt entseht aus). Ah! Zu Hilft, er will mich vergiften! Fritz. Was?! Staar. Ja — ja — das ist Gift! Fritz. Ah, das ist nicht übel — ich will ihn retten — und er sagt, ich will ihn vergiften. — (In ihn dringend.) Aber so seien Sie doch vernünftig — das ist ja Milch — pure, reine Milch - da sehen Sie her — ich trinke selbst davon — (Trinkt Alles aus.) Haben Sie nun noch Angst? — Trinken Sie — (Bemerkt, daß das Glas leer ist). O weh, ich Hab' in der Zerstreuung Alles ausgetrunken. — Staar. Ja — aber was bedeutet denn der Zettel? — Fritz. Der Zettel ist ja von mir. — Staar. Von Ihnen?! Fritz. Ja — wohl — Unglücklicher! Aber jetzt ist keine Zeit zu Auseinandersetzungen — (Nimmt die Theekanne.) Ich laufe schnell in die Apotheke, ich laß den Teufelstrank chemisch analysiren — vielleicht ist doch noch Rettung möglich — (Stürzt ab und stößt an der Thür mit Sperling zusammen, welcher eintritt.) O, gehen Sie mir doch aus dem Wege. (Ab.) Zweiundzwanzigste Scene. Staar, Sperling, dann Eulalia. Sperl. Erlauben Sie mir! Staar. Der Kerl ist richtig ein Narr — Merkwürdigkeit sondergleichen. In Krähwinkel hat Einer den Verstand verloren. (Zu Sperling.) No! Sperling, was bringt Ihr mir für Nachrichten — Sperl. O, die besten von der Welt — und ich würde Hochderoselben mit Kartätschen von Poesie begrüßen, wenn mir der Kerl nicht die Rede verschlagen hätte. — Staar. Wie? Wär's möglich — ich bin — Sperl. Bürgermeister von Krähwinkel ! Die Natur feiert einen großen Moment! Staar. Bürgermeister — ich Bürgermeister! — Also ist es gelungen! Sperl. Vollkommen! Aber machen sich Hochderoselben bereit, die Bürgerschaft zu empfangen — Staar. Wie? Jetzt schon? (Ruft.) Eulalia, geschwind meinen Rock — (Zu Sperling.) Die Bürgerschaft kommt zu mir? Sperl. Um Hochderoselben zu huldigen.— Sie bringt Ihnen einen Fackelzug beim helllichten Tage—weil's da billiger kommt— denn es tragt Jeder seine Fackel unangezündet in der Hand — und kann sie nach der Feierlichkeit wieder in der Stalllaterne verwenden — Eul. (kommt mit dem Rock, welchen Staar rasch anzieht). Da ist der Rock. Staar. Eulalia, mein Kind — ich bin Bürgermeister — laß Dich umarmen — denn Du hast auch viel dazu beigetragen. — Dafür sollst Du aber auch einen sehr schönen Shawl bekommen. Eul. Ah, ein Mann wäre mir lieber — Staar. Wirklich? — Na — wenn sich Einer findet. — Eul. Hat sich schon gefunden. Staar. So? Eul. Ja, — recht ein sauberer, lieber, junger Mann — der die Stiere niederschlägt wie nichts. Staar. Ein Fleischhauer? Eul. Warum nicht gar — er ist — Sperl. (ist während der Zeit am Fenster gestanden). Sie kommen schon, sie kommen schon. Staar. Sie kommen — o, der große Moment rückt heran — was soll ich denn aber sagen? Sperl. Was Hochderoselben heute Früh gesagt. Staar. Ihr habt Recht — was gut ist, kann man zweimal hören. Eul. Was ist denn mit mir? Staar. Jetzt Hab' ich keine Zeit, aber heirate meinetwegen — wen Du willst — ich gebe Dir jetzt Deine Freiheit wieder. Eul. Gott sei Dank. 18 Sperl. Sie sind schon da. Staar (mit Würde). Kommt, Sperling, Edler von Spatz — geleitet mich, ich werde sie empfangen. (Von Spatz geführt mit Würde ab.) Dreirmdzivanzigke Scene. Eulalia, dann Fritz. Eul. (hüpft herum). Gott sei Tank — daß ich wieder frei bin — jetzt kann ich ihm doch sagen — ungenirt sagen, wie lieb ich ihn Hab' — und daß Alles nur eine Komödie war, o Gott, — wie traurig der arme Narr gewesen ist — wie er gehört hat, daß ich verheiratet bin — aber um so größer wird jetzt seine Freude sein. Fritz (den Hut in die Stirne gedrückt, die Theekanne in der Hand, in dumpfem Tone). 23 Centigramme hydrochlor-soda-saure Pottasche. Eul.AH,daister— (mit sanfter Stimme). Herr Fritz. Fritz (erschrickt, fährt zurück.) Sie hier? Eul. (erschrickt). Was ist Ihnen denn? Fritz (ihr die Theekanne entgegenhaltend). Kennen Sie dieses? Cut. Na freilich! — Das ist eine Theekanne. Fritz. Ja, aber was darinnen ist? Eul. Na — was wird denn d'rinn sein — Thee! Fritz. O nein — aber (mit Kraft) 23 Centigrammehydrochlor-soda-saurePott- asche. Eul. Ah, was geht denn das mich an — (Für sich) Mir scheint, der Onkel hat Recht — es rappelt — richtig ein bisserl — (Laut, indem sie auf ihn zugeht.) Herr Fritz! Fritz. Zurück von mir! Eul. Was?! Sie weisen mich zurück— und ich bringe Ihnen eine so gute Nachricht. Fritz. Und die wäre? Eul. (freudig). Unserer Liebe steht kein Hinderniß mehr im Wege — ich bin frei! Fritz. Wie? . .. Was? Und Ihr Mann — Eul. Ich habe keinen mehr! Fritz (läßt die Theekanne fallen). Ha! Also ist er schon — (Meint todt.) Eul.Ja— er ist schon— (Meint gewählt.) Fritz. Entsetzlich! (Kann sich nicht mehr halten.) Unglückliche — was hast Du ge- than. Eul. (erstaunt). Du? Fritz. Bist Du denn nicht zurückgeschaudert vor dem Verbrechen? Hat Dich Deine wilde Leidenschaft denn ganz geblendet. (Man hört Gemurmel von außen.) Ha! (Läuft zum Fenster.) Siehst Du das Volk, es versammelt sich — es fordert Dich, fliehe, fliehe, sonst bist Du verloren! Eul. (zieht sich ängstlich vor ihm zurück). Mein Gott, er redet ganz verwirrt. Fritz . Was z ögerst Du noch, entsetzliche Schwammerl- und hydrochlor-soda-saure Pottaschensabrikantin ? Noch einen Augenblick — und man stürmt in's Haus — man bricht die Thüren ein. Eul. (wie oben). Mein Gott, sie sind ja gar nicht zugesperrt. Fritz. Fliehe, ich will Dich retten — ich willDeineKleideranziehen, Deine Stimme nachahmen — und für Dich sterben — das ist edel — das habe ich erst unlängst im „Angelo von Padua" gesehen — (Lärm.) Ha, zu spät, man kommt. (Will zur Thür.) Letzte Scene. Vorige, Staar, Sperling. Fritz (den eintretenden Staar erblickend). Staar — ist er's selbst — oder sein Geist! Staar. Ich bin der glücklichste Mensch von der Welt! — Sie haben mir wollen mit Gewalt die Pferde ausspannen — aber ich war zu Fuß. Fritz (zu Staar). Herr, Sie leben? Staar. Warum soll ich denn nicht leben? Fritz. Hm, es ist eigentlich wahr — Sie können nicht sterben — aber — Eul. (weinend). O, lieber Herr Onkel — Sie haben Recht gehabt — er ist wirklich verrückt — 19 Fritz. Was? — Ihr Onkel? — I (Zu Staar.) Das ist nicht Ihre Frau? ! Staar. Nein, die Stadt hat aber durch- i aus eine Bürgermeisterin sehen wollen —! und da hat meine Nichte interimistisch die Stelle eingenommen. Fritz. Wär's möglich — (Für sich.) O ich Schasskopf! — (Zu Eulalia) Mein Fräulein — (Fällt vor ihr auf die Knie.) Können Sie mir verzeihen? Eul. Was denn? Staar. Ja — was seh'ich denn da— Fritz (wendet sich auf den Knien um und rutscht zu Staar.) Einen Menschen, der's gar nicht verdient, unter den Menschen zu existiren — und der Sie bittet, ihn in Ihre Familie anfzunehmen. Eul. Lieber Onkel — darf ich? — Staar. Aber Eulalia, er ist ja verrückt. Eul. Ah nein, jetzt red't er ganz gescheidt. Staar. Na, so heiratet in Gottes Namen. Fritz u. Eul. Dank — Zausend Dank! (Umarmen sich.) Staar. In acht Tagen ist Eure Hochzeit. Sperl. Die ich durch ein neues Carmen verherrlichen werde. Fritz. Aber ich bitt' mir's aus, erst nach der Tafel. (Man hört unten schreien.) Es lebe der Bürgermeister! (Staar tritt an's Fenster und verneigt sich hinab. Die Uebrigen bilden eine Gruppe.) U r t u s. Speciell für Dilettantenbühnen empfehlen wir: Im Llevikk. Lustspiel in I Uct von Th. Darrikre und Julius Lorin. Nach dem Französischen frei bearbeitet von M. A. Hrandjean. Person en: Jules Franz, Compositeur. (Charakterdarsteller 35 Jahre.) Bertha v. Beaumont .(Salondame 25 Jahre.) Julie, deren Kammerfrau. (Soubrette 25 Jahre.) Ein Bedienter .(Nebenrolle.) Dekoration: Boudoir beiFrauv.Beaumont. — Zeitdauerder Handlung: Etwa t zStunde. Gattung des Stückes: Feinkomisch. ^>a»s üör-r Lei seiner- ^r-ornenacke ei» 67avisr-. Snisersr über- ckas §e/»äi- »nc? raLttoss Spiei str^nit er- i» ckis N^oän»ri§ cker- -un-en Eitles Fea»rno»r »nck e»rs/>in»r «ie^ bier- er» ^ösiiieber- Dia/oF, a» reeicbern aucb in ieb-ia/rer- kreise ^»iie r/reii»iinmr. ^iör--iie^ ss/Lt sie^ ^»ie» rum <7iaviör- »nck «,»^r mir vie/er- I^är-rne ei» ein/aebes Lieri. Le^tba er-Lennt i» ckem S/ür-rne^ ibr-en Liebiin^seoin/ronisre», eine aiie Hinner-»»^ «reiAi «rie ei» TVaurnAebiicks in i/r^ »»/ u»ck ckie Lr-LennnnAsseene Lii^er cke» r-eiserrcksn ^bsebüns« ckieses cku^o/rroeAS /einen - Lase in 7Hv2wei)?un^, DvieckvieL — am ckio evLo^is eeie^e Dvane AeLommen — evosk- io s / aii' ckas isi «ins NUr'i DanckaLks. Die /vieckiieLs r^eveini^un^ DanckaLis mii t7avoiine isi aneL ckie DösnnA ciisses ckvastiseLen iSkneLeLens mir ciev SeL/ass-Doinksr Dnn, ckas isi ckocL: ioii" / Preis 60 kr. ----- Mark t.20 Äkderoll Diklik. Griginatschwank in l Act von C. /. Siir. Personen: Banstnier Tbaltzeim .(Väterspieler 50 Jahre.) Caroline, seine Tochter .(Liebhaberin 20 Jahre.) Fritz Maifeld, Dichter . ..(Komiker 25 Jahre.) Carl Rollberg, Schauspieler .(Komiker 25 Jahre.) L'1'nTH°WmsDi°n.-.-n. Caspar, Stiefelputzer .. (Komiker 35 Jahre.) Die Handlung beginnt um Mitternacht und endet am Morgen. — I. Dekoration: Aerm- licheS Stübchen, an der Rückwand zwei Strohsäcke, darauf Polster und Decken. — V. Scene. Verwandlung. Elegantes Zimmer in ThalheimS Hause. — Zeitdauer der Handlung: s/i Stunden. — Gattung des Stückes: Drastisch. iA.- ^l/ai/eick nnck DoiiöevF sowie iär Damnius Das/iav LewoLnen ein ävmiieLes KlnLeLen. Dvsieve»', in ckie Dang-nievsioeLiev vevkieLk, soii «icL Lei ^La/Lsim vovsieiien. DavoL Avosss Dveacke nnck nocL Avösseve t^evr-wei/kanA«De Dvei LaLen nnv eine» ^nien DoeH, vo-r ckem so nokLwenckiAer» Deae^ieine i§/,uv. 7Lai Leim, eiwas anFS- Leiievi von einev Aoiv^e vücLLeLvenck, vevivvi sieL DaeLis -ru ckiesem ^/äneseLmisckencksn ?>io unck rvivck sammi ckem iLm /o/L-sncken Dienev DaeoL /üv eine» Dieö AsLaiien. Dins ^LöksiieLe /ckee.' — viei/eieLk einev cke^ DinöveeLev einen Dvae-b — cinveLsneLc L/ai/sick «nck ckie vevmerniiieLe» DieLe rvevcken iLvev DieicknnL LevauLk nnck, mii aiken KeLia/röeLe» vsvseLen, LinausAewov/eri. Das l^iecie^ssLen unck Dr-Lennen Lei DLaiLeim Aesno^, ckie Lösi/icLe» ^evrvieLeinnFen, sieLevn ckiesem ^icLwanL gewiss Lvossen ^aeLev/oi^. Preis 60 kr. - Mark 1.20. Alle drei Stücke auf einmal bezogen: si. 1.50 --- Mark 3.—. (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) Eine Feindin und ein Freund. Posse mit Gesang in drei Acten von Friedrich Kaiser. Musik vom Kapellmeister Carl Binder. Mit glänzendem Erfolge zuerst aufgeführt am k. k. priv. Carltheater in Wien. Personen: Graf von Hohenfließ. Anna von Maihold. Timmel. Echloß-Jnspector. Minna, seine Tochter. Hartinger, ein Metallgießer. Richard Steinwald, sein Vetter, Bildhauer. Baron Kielbach, i Freunde des Baron Schüttheim, ! Grafen Hohenfließ. Franz, i Bediente des Grafen. James, » Wenzel, Kutscher. Robert Sturmvogel. Kat hi, Wäscherin. Stupf er, Richter. Hornfels, Forstmeister. Ba.s.-d, > d-S Hochmann, Beamter l Dorne, Gerichtsschreiber. j Kalt Herz, Gefangenwärter. Ein Wächter. Schimmer, Maler. Gäste deS Grafen, Jäger, Bergknappen, OrtSwächter, Musikanten, Dienerschaft. E r si e r Ä c t. (Vorsaal im Schlosse deS Grafen.— Sine Mittel- und zwei Seitenthüren.) Erste Scene. Hockmann, Schimmer (mit einem Porte- feuille unter dem Arm), Eafsier Barfcld, mehrere andere Beamte (stehen wartend). Hornfels (in einer alten Jagduniform sitzt mehr seitwärts in einem Fauteuil), dann Timmel. Hochm. Das dauert wieder lange, bis der Herr Graf heute sichtbar wird! Darf. Und dann nimmt er sich kaum Zeit, das Wichtigste einzusehen I Timm, (kommt geschäftig aus der Seiten- thür rechts). Wo ist der Maler Herr Schimmer? Ah, da sind Sie ja! — Haben Sie die Skizzen für die Plafond-Bilder bei sich? — Gut! — Sie sollen kommen. (Schiebt ihn rasch in die Seitenthür.) Architekt Hochmann! — Wo ist Herr Hochmann? — Hochm. Hier! Hier! Timm. Tempel der Minerva! Neue Idee! — Nur herein! (Drängt ihn ebenfalls ins Seitenzimmer) Darf. Meine Cassa-Ausweise — Timm. Keine Zeit! — Wir haben für Niemanden Zeit, außer für Künstler—und Eafsier sein, ist keine Kunst, wenn man Geld hat! — Kommen Sie ein anderes Mal! — (Zu allen Uebrigen.) Ich bitte Sie, meine Herren, verlieren Sie Ihre Zeit nicht umsonst, der Herr Graf thut, träumt, denkt, sorgt, lebt für nichts Anderes, als für die Kunst; ich darf ihm nichts Prosaisches melden! Barf. Nun, meine Schuld ist's nicht, wenn sich dann die Rechnungen anhäufeu; ich frage ein Andermal nach! (Er und die übrigen Beamten entfernen sich durch die Mitte.) Ho ruf. (sieht auf). Also ich kann heute wieder nickt mit dem Grafen sprechen! — Timm. Ist auch gar nicht nöthig! — Hornf. Was? — Nicht nöthig? — Seit drei Monaten bewerbe ich mich bereits um die erledigte Försterstelle aus den Gütern in Böhmen — und noch immer kein Bescheid! — Timm. Mein Gott, Du hörst ja, daß »lau dem Grafen, seitdem die unglückselige Kunstliebhaberei in ihn hineingefahren ist, mit nichts Vernünftigem kommen darf! — Ja, wärst Du ein Maler, oder ein Bildhauer, oder so was dcrgleickcn! — Hornf. Also gibst Du die Hoffnung auf, deinem alten Jugendfreund zu einem anständigen Posten zu verhelfen?— Timm. Im Gegentherl, ick glaube, wir sind dem Ziele näher als jemals! — (Heimlich.) Ich habe dein Gesuch der Frau von Maihold übergeben! — Hornf. Frau von Maihold? — Wer ist das?— Timm. Eine junge schöne, äußerst geistreiche Witwe, die wir wohl bald als unsere Frau Gräfin begrüßen dürften, trotzdem daß die Familie des Grafen sich mit Händen und Füßen gegen diese Verbindung stemmt! — Hornf. Teufel! Ja — dann dürfte wohl ihr Fürwort — Timm. Ich sage Dir —- ihr Fürwort ist ein Hauptwort, denn diese Frau hat in ihrem wunderlieben kleinen Köpfchen einem Geist — ein Raffinement, Alles durchzusetzen! — Sie ist eigentlich der Graf! — Jedem, dem sie gut will, ist zu gratuliren, aber wehe dem, der sich mit ihr verfeindet! — Aber still — ich höre kommen! Sie ist's! 3 Zweite Scene. Vorige. Frau von Maihold. Fr. v. Maih. (in reizender Toilette tritt auS der Seitenthür links). Horns. und Timm, (verneigen sich ehrerbietig). Fr. v. Maih. Ach, Herr Timmel — Sie kommen erwünscht! — Timm, (leise zu Hornfels). Fahr' ab — aber warte im Vorzimmer! — Horns, (ab durch die Mitte). Fr. V. Maih. (geht in sichtbarer Aufregung auf und nieder, dann bleibt sie dicht vor Timmel stehen). Herr Timmel! Timm, (fast erschreckt). Ew. Gnaden?! Fr. v. Maih. Sie bewohnten früher das kleine Jagdschlößchen am Ende des Wildparks ganz allein?! Timm. Zu dienen, Ew. Gnaden, aber jetzt seit zwei Monaten habe ich auf Befehl des Herrn Grafen den größeren Thcil davon dem Bildhauer Steiuwald überlasse« müssen, der dort sein Atelier ausgeschlagen hatl Fr. v. Maih. Ja, der Herr Graf hat einige größere Bestellungen bei ihm gemacht! — Timm. Wie ich hörte, verdankt er dieses Glück nur der besonderen Empfehlung von Ew. Gnaden! Fr. v. Maih. Ja, ich war bereits in der Residenz auf das Talent dieses jungen Künstlers aufmerksam geworden und wollte ihm Gelegenheit schaffen, sich auSzuzeichnen! — Der Graf wünschte, daß er die Bilderwerke, welche für dieses Schloß bestimmt sind, auch hier vollende, und zu diesem Zwecke schien das Jagdschlößchen die geeigneten Räumlichkeiten zu enthalten! Timm. Ja wohl, er ist auch sehr zufrieden, und hat schon oft versichert, daß er sich nie ein anderes Atelier wünsche!— Fr. v. Maih. So?! — So?! — Wissen Sie aber, daß ich bereue, ihm gerade dieses Local angewiesen zu haben? Timm. Ich begreife nicht! Fr. v. Maih. Doch ist's zum Theil Ihre Schuld. — Sie hätten mich auf das gerade für Sie Gefährliche dieser Anordnung aufmerksam machen sollen! — Timm. Gefährlich? — Für mich? — Fr. v. Maih. Der Bildhauer Steinwald ist ein schöner junger Mann, und Sie haben eine Tochter von sechzehn Jahren, die beiden jungen Leute sehen sich nun wohl oft; wenn daraus-Sie verstehen mich! — oder wäre vielleicht für Sie selbst der junge Künstler ein willkommener Schwiegersohn? — Timm. Oh! Oh! — Ew. Gnaden was für ein Gedanke! Meine Tochter ist die pure Natur und ein Künstler so ein windiger Bursch — nichts Solides — nichts Beständiges! — Fr. v. Maih. (gereizt). Ja, leichtsinnig — flatterhaft — unbeständig — rücksichtslos bis zur Undankbarkeit — das ist er — (sich besinnend) das sind dre Künstler, wollte ich sagen! — Timm. Ueberdieß habe ich auch schon über die Hand meiner Tochter anderweitig verfügt! — Sic ist schon so viel als Braut — und nur von Ew. Gnaden hängt es ab, ob die projectirte Verbindung wirklich zu Stande kommen kann! — Fr. v. Maih. (freudig). Von mir? — Timm. Ja! — Ich habe nämlich die Absicht, meine Tochter mit meinem alten Freunde Hornfels zu vermälen. Fr. v. Maih. Hornfels? — Derselbe, der sich um die Försterstelle bewirbt? — Timm. Ew. Gnaden aufzuwarten, und sobald er diese Anstellung erhält, ist er mein Schwiegersohn!— Ew. Gnaden, wenn vielleicht in gnädiger Berücksichtigung meiner vieljährigen treuen Dienste meine Tochter auf diese Weise versorgt würde — Fr. v. Maih. (für sich). Das Mädchen ist also Braut — man scheint mich doch falsch berichtet zu haben! — Aber vielleicht irrt man sich in der Persönlichkeit — wenn eine Andere — ich muß in dieser Sache Licht bekommen! 1 * Timm. Also darf mein Freund Horn- fels hoffen? — Fr. v. Math. Uebcr Ihre Angelegenheit später — doch jener Bildhauer — ich wünsche nähere Erkundigungen über ihn einzuzichen: kennen Sie Jemand, der sich seines besonder» Vertrauens erfreut? — Timm. Ja, da müßt' ich wohl Einen! Fr. v. Mail), (hastig). Wer ist's? — Timm. Es ist ein Metallgießer, ein Vetter von ihm, der ihn überall hin begleitet! — Fr. v. Maih. Wirklich? —Man müßte also mit dem Manne sprechen, oder vielmehr — ihn sprechen machen! Timm. Das wird wohl ein wenig schwer halten, denn der Mann hat einen so plumpen Stolz auf sein Metier, daß er das Recht zu haben glaubt, gegen jeden Menschen grob zu sein! — Fr. v. Maih. Pahl — Mir gegenüber! — Timm. Wie?— Ew. Gnaden wollten eigenhändig mit ihm reden! — Fr. v. Maih. Ja, ja; bestellen Sie ihn nur zu mir so bald als möglich! Timm. Er ist g'rad im Schlosse bei unserm Cassier — wenn Ew. Gnaden durchaus befehlen — aber wie gesagt — ich fürchte- Fr. v. Maib. Sagen Sie ihm, daß ich ihn zn sprechen wünsche, — sogleich! — Timm. In einer Minute soll er da sein! — (Ab durch die Milte.) Fr. v. Maih. (allein). Der Mann ist also sein Vertranter! — Eingebildet und dabei plump und derb — also ein Bär, den man mit Honig fangen muß, der sich aber dann den Ring durch die Nase ziehen läßt und tanzt, wie man ihm den Tact schlägt! — Gerade ein Solcher ist für meinen Plan das beste Werkzeug! — Ich muß um jeden Preis Gewißheit haben. Dritte Scene. Frau v. Maihold. Timmel. Har- tinger. Timm, (tritt mit Hartinger durch die Mitte ein). Da ist Herr Hartinger, wie Ew. Gnaden befohlen haben! — Hart, (eine derbe Figur im Lederschurz). Befehlen?!— (Zu Timmel.) Sie haben mir gesagt, die gnädige Frau laßt mich recht schön bitten! — Fr. v. Maih. Ja, ja, so ist es auch, ich ließ Sie bitten! — Hart. Ah, das ist eine Red'! — denn befehlen — das Stück spielen sie bei mir nicht! — Na, da bin ich — was wollen Sie? — Fr. v. Maih. Lassen Sie mich mit Herrn Hartinger allein! Timm, (verneigt sich und geht durch die Mitte ab). Fr. v. Maih. Herr Hartinger, ich habe so viel von Ihrer Meisterschaft gehört! Hart. Gehört? — Daö ist nichts! — Sehen müssen Sie was von mir, nachher wird Ihnen das Gesicht anseinander- gehen! — Fr. v. Maih. (sich zum Lächeln zwingend). Sie haben eine Ausdrucksweise, die, wie soll ich sagen- Hart. Ein bischen derb is!?— Ja, das ist mein Stolz! — Fr. v. Maih. Ihr Stolz? Hart. Ja! — meine Ansicht ist die: — Jeder soll es in seinem Geschäft so weit bringen, daß er bei all' seiner Gradheit von den Leuten doch anfgesncht wird, denn dann ist etwas an ihm! — Und ich — ich bin einmal ein Steyrer — nnd darauf bin ich stolz! — Fr. v. Maih. Haha! — Sie unterhalten mich! Hart. Na, deswegen bin ich just nicht da!—Wenn Sie vielleicht glauben, daß ich nichts Besseres zn thun Hab', als Ihnen Spaß zu machen — 5 Fr. v. Math. Nein, nein, lieber Meister, im Gegcnthcil, ich wünsche sehr Ernstes mit Ihnen zu besprechen. Harr. Na, so reden Sie, denn ich soll schon wieder in meiner Gießerei sein! Fr. v. Math. Wie ich hörte, sind Sie verwandt mit dem Bildhauer Herrn Steinwald? Hart. Ja, ich bin sein leiblicher Vetter! Das ist der einzige Mensch, gegen den ich niemals grob war — das will was sagen! Mein Vetter ist ein Mensch, der nicht nur im Guß vollkommen gerathen, sondern auch vortrefflich ciselirt ist! Fr. v. Maih. Um so mehr bedaure ich, daß Gerüchte über seinen Lebenswandel im Umlauf sind — Hart. Gerüchte? — Was sind das für Gerüchte — wo laufen sie herum? — Mordigall und Schwernoth! Fr. v. Maih. (fast furchtsam). Lieber Mann, bedenken Sie, wo Sie sind! Hart. Ist mir alleseins! — Sie werden mir gleich sagen, was das für Altewciberplauschereicn sind, oder ich mache ein Spcctakel, daß das ganze Haus zusam- mcnlaust! Fr. v. Maih. Beruhigen Sie sich doch, man spricht nur von leichtsinnigen Liebesverhältnissen! Hart. Leichtsinnig? — Das ist eine Lüge! — Er ist eher vor lauter Liebe tiefsinnig! Fr. v. Maih. (für sich). Es gelingt! — Ich bringe ihn zum Sprechen! (Laut.) ES sind wohl Hindernisse? — Wahrscheinlich ein Standesttntcrschied? Hart Ja, mein Vetter ist ein Künstler und ein gescheidter Mann, und der Vater von dem Mädel ist ein Dummkops — das ist der Standcsunterschied! Fr. v. Maih. Der Vater? — Das Mädel hat also einen Vater? Hart. Versteht sich, wie könnte sie denn sollst auf der Welt sein! Fr. v. Maih. Und dieser will von der Liebe nichts wissen! Hart. Cr kann nichts wissen, cs ist ja ein ganz geheimes Verhältniß! Fr. v. Mach, (für sich). Also doch! — (Laut.) Ich weiß, die Zusammenkünfte finden im Gärtchen des Jagdschlosses Statt. Hart, (sie groß ansehend). Sie wissen das? — Na, auf unser Geheimniß dürfen wir stolz sein! Fr. v. Maih. Ich weiß Alles — nur das Eine nicht, ob Ihr Detter auch redliche Absichten mit dem Mädchen hat! — Hark. Wir haben nie andere — als redliche Absichten, das ist unser Stolz! Fr. v. Maih. (aufgeregt). Also eine Heirat? Hart. Ja, wir heiraten sie auf jeden Fall! Fr. v. Maih. Das freut mich — freut mich ungemein. Hart. Uns freut es auch! Fr. v. Maih. Aber wie denken Sie denn den Vater zur Einwilligung zu bringen? Hart. Da muß der Herr Graf Her- Halten! — Wenn mein Vetter mit all' sei» neu Arbeiten fertig ist, wird er sich das von ihm ausbitten; der Herr Graf wird mit dem Alten reden — Fr. v. Maih. In der That ganz gut ausgedacht! — Ich bin Ihnen für Ihre Mittheilnng sehr dankbar! Hart. Für meine Mittheilnng? (Für ich.) Teufel, ich habe doch nicht am Ende zu viel geredet? — Ich — ich habe nichts verrathell, das müssen Euer Gnaden als ehrlicher Mann selber sagen! Fr. v. Maih. Nein, nein, ich wußte bereits Alles! Hart. Denn ich kann, Gott sei Dank, Geheimnisse bewahren — das ist mein Stolz! Fr. v. Maih. Das will ich erproben! Ich begehre von Ihnen, daß Sie gegen Ihren Detter über unsere Unterredung das strengste Stillschweigen beobachten! — Versprechen Sie mir das? Hart, (zögernd). Ja, warum? 6 Fr. v. Maih. Ich schwöre Ihnen, daß es schon lange meine Absicht war, ihm zu seinem Glücke zu verhelfen und ihn dadurch zu überraschen, daß ich ihm seine Geliebte als Braut entgegenführc! Hart. WaS, Euer Gnaden — Sie wollen daS? Fr. v. Maih. Bei meiner Ehre! Hart, (entzückt). Euer Gnaden — mei- ner Seel' — Euer Gnaden sind ein lieber Narr! Fr. v. Maih. Nun gehen Sie — gehen Sie — aber Verschwiegenheit! Hart. O Gott, ein Karpfen soll eine Plaudertasche gegen mich sein! — Am Ende habe- ich jetzt das Glück meines Detters gegründet! — Wann er das erfährt, das wird eine Seligkeit sein! — Behüt' Sie Gott, Euer Gnaden! (Wirft ihr noch an der Thür einen Kuß zu.) Bah! — Euer Gnade« sind ein lieber Kerl! (Ab.) Fr. v. Maih. (allein). Nun, da hätte ich Gewißheit! — Eine Liebe — eine sehr ernste Liebe ist das, die ihn, seit er hier auf den» Gute ist, fern von mir hält — von mir — (fast weinend) die ihm den Weg zu seinem Glücke, zu seinem Ruhme gebahnt! Dieser Undank erstickt den ganzen Keim von Liebe in meiner Brust und verwandelt sic in Haß! — Und stehe ich denn ohnmächtig! — Stein! — Wie ich die Macht hatte, ihn zn heben, so vermag ich nun ihn zu stürzen, seinen Künstlerruhm, wie sein LebenSglück zu vernichten! — Er gab mich aus als seine Freundin — wohlan, so soll er nun vor seiner Feindin zittern! Vierte Scene. Fr. v. Maihold. Timmel. Hornfels. Tim. mit Horns, (durch die Mitte). Euer Gnaden! Fr. v. Maih. Ah, eben recht! — Ist dieß Herr HornfelS? Horns, (vortretend). Zu Befehl, Euer Gnaden! Fr. v. Maih. Herr Hornfels, Sie sollen die gewünschte Försterstelle erhalten, doch nur unter einer Bedingung! Horns. Ich werde jede erfüllen! Fr. v. Maih. Die Verhältnisse erfordern, daß der neue Förster sich unverzüglich auf seinen Posten, auf das Gut in Böhmen begebe, deshalb setze ich die Bedingung, daß Sie sich heute, heute noch mit Timmel s Tochter vermählen und unmittelbar nach diesem Acte mit Ihrer Frau nach dem Orte Ihrer Anstellung abreisen! Tim. Heute noch? — Aber gnädige Frau! — Es ist schon spat Nachmittag — die Pfarre, wo die Trauung vor sich gehen müßte, ist zwei Stunden weit von hier entfernt — und ich hätte doch auch gewünscht, daß die Hochzeit meiner einzigen Tochter nicht so ganz ohne alle Festlichkeit vor sich gehe! Fr. v. Maih. Was hindert Sie, dieß zu veranstalten? — Ob das Fest vor oder nach der Trauung stattfindet, ist wohl gleich! Sie laden Ihre Gäste, die doch sämmtlich hier auf dem Gute leben, für den Abend zu sich, veranstalten in Ihrem Hanse ein kleines Fest, und dann fahren Sie mit dem Brautpaar hinüber nach Holbach zum Pfarrer, der durch mich angewiesen sein soll, die Trauung noch in den Abendstunden vorzunehmen! Tim. Ach, Euer Gnaden wissen doch für Alles Rath! Ja, ja, so geht es! — O cs wird ganz famos lustig Herzchen — ich lade die ganze Ortschaft ein! Fr. v. Maih. So eilen Sie, Ihre Vorbereitungen zu treffen! — Doch, noch Eines! — Ich befehle Ihnen, gegen den Bildhauer Steinwald vor der Hand zu schweige«! Tim. So?!? — Ich habe ihn mit seinen Leuten auch dazu einladen wollen. Fr. v. Maih. Ihn dazu cinzuladcn übernehme ich selbst! Tim. Wie? — Euer Gnaden? Fr. v. Maih. Ja — cs bietet sich mir die beste Gelegenheit! — Der Gras ist für die heutige Stacht zu einem Feste aus dem 7 nächsten Gute geladen; da sein Weg ihn an dem Jagdschloß vorübcrsührt, will er dort das Atelier besuchen, um zu sehen, wie weit die Arbeiten gediehen sind — ich werde ihn dahin begleiten und dann dem VcrlobungSfeste in Ihrem Hause beiwohnen! Horns, und Tim. Euer Gnaden — diese Gute — Fr. v. Math. Lassen Sie das! — (Sarkastisch.) Ich fühle es in diesem Augenblicke, daß man sich selbst dient, wenn man srcmdes Glück begründet! — Auf Wiedersehen! (Ab.) Tim. (zu Hornfels). Na, was habeich gesagt? Horns. Ja, das ging überraschend schnell! Tini. O, diese Frau ist ein Engel, wenn sic will! ES lebe die Frau von Maihold! Horns, (schreit). Vivat! Tim. Still — um Gottes willen — schrei' nicht so und komm' — wir haben alle Hände voll zu thun! (Ab mit Hornfels durch die Mitte.) Verwandlung. (Gothischer Saal im Jagdschlösse, zum Bild- Hauer-Atelier eingerichtet. Mt Tüchern verhängte Fenster, Modelle, halbvollendete Statuen re. rc. Zwei Mittel- und zwei Seitenthüren. Im Vordergrund links ein Tisch mit Malergeräthe, Zeichnungen, Schreibzeug rc. re. Fünfte Scene. Robert Sturmvogel (in sehr vernachläs- sigtem Anzuge tritt durch die Mitte ein). Lntröe-Lied. Ich leide am Weltschmerz, wie kann's anders sein? Mich drückt's und mich zwängt's, Venn die Welt ist mir z'klein! Ist das eine Welt, wo bis zu dem Yankee Bequem in zwölf Stunden man hindampft zur See? Wo man, wenn in London Bekannte man hat, 3« Wien sich hinstellt zum elektrischen Draht, Und fragt: »Sie befinden sich?« Und kaum ne Stund' — Ist d'Antwort da: »Dank' schön—ich bin sehr gesund!« Und diese Welt heißt man dann groß? Nein, o nein! Die Welt ist mir z'klein! Oft hört man auch sagen: Dort, in dem Salon War nur große Welt da, vom feinsten Bonton. Ist diese Welt groß, wo ein Jeder sich bückt, Mit dem Mund süßlich lacht, wenn ihn Haß fast erdrückt? Wo Wahrheit nichts gilt, nur Alles der Schein, Wo Kleider mehr gelten, als d'Lcut, die d'rin sein? Wo Mancher, der sonst großer Herr zu sein meint, Vor Größer'» als kleiner Bedienter erscheint? Und diese Welt heißt man dann groß? Nein, o nein! Die Welt ist mir z'klein! Ein And'rer ruft wieder, von Lieb' ganz beseelt: »Ach, meine Geliebte — sic ist meine Welt!« Ein Mädl, und wär' sie auch unerhört schön, Doch alle Tag' 's nämliche G'sicht nur zu seh'n, Und das meine Welt! — Na, das träfe wohl ein, Doch ich würd' ein zweiter Columbus bald sein, Würd' mit vollen Segeln bald weit hinans- steuern — Um zu einer Welt z'kommen, zu einer neuern — 8 Denn ein Mädel nur meine Welt? Nein, o nein! Die Welt war' mir z'klein! 3a, die Welt kann nur für einen kleinen Geist groß genug sein, großen Geistern ist sie aber viel zu klein, denn die stoßen meistens überall an! — Die Welt ist für's Erste zu klein nach der Länge zu, daher kommt es, daß, wenn man sich ein bischen ein fernes Ziel gesetzt hat, man meistens früher aus der Welt draußen ist, che man noch zu seinem Ziele kommt; sie ist aber auch zu klein nach der Höhe zu, also niedrig, denn um ungehindert in der Welt fortzukommen, darf man nie aufrecht gehen, sondern man muß immerfort kriechen; wenn nun also bewiesen ist, daß die Welt in jeder Beziehung zu Nein ist, wie klein müssen da nicht erst die Menschen sein, die sich zu Sclaven dieser Welt und ihrer Meinungen machen und die bei all' ihren Handlungen weit weniger fragen: »Was wird Gott,« als: »Was wird die Welt dazu sagen!?* — So bin ich nicht und werde ich nicht sein. Ich füge mich dem Regime der Welt nicht, ich frage nicht nach ihr, ich schicke ihr meine Nnabhängig- keitserklärung zu und — und will für mich selbst ganz allein meine eigene Welt sein! — Und warum nicht? — Zch kann mich mit allen nöthigen Eigenschaften eines Wrltkörpers ausweiscn, ich habe meine eigenen Pole; der Norden ist mein Kopf, da wohnt der kalte Verstand, der Süden ist mein Herz, da glüht's, denn da ist alle Augenblick eine andere Flamme! Ferner habe ich meine eigene Achse, das ist mein Magen, denn um den dreht sich am Ende denn doch Alles! Sechste Scene. Robert. Richard Steinwald. Rich. (jn der ArbeitSblouse aus der Seitenthür links). Rob. Ah, da ist ja der, den ich suche, Richard! Rich. Wer ist-mein Gott — seh' ich recht — Robert!? Rob. 3a, Du siehst recht, wenngleich an mir nicht viel Rechtes mehr zu sehen ist! Rich. Herzlich willkommen! (Will auf ihn zu.) Rob. Halt — sieh mich erst noch einmal an — und dann erst sprich mich an! Rich. Was soll ich denn an Dir sehen? Dein Anzug ist eben kein Mode-Journal! Rob. Eben deshalb; manche meiner Freunde glaubten, weil meine Kleider zerrissen sind, so wäre mit diesen auch unser Freundschaftsbündnis! zerrissen und sprachen mich mit so einem gewissen über die Achsel geworfenen Blick per »Sie*, mitunter auch wohl gar per »Er« an; Du aber, Du dutzest mich noch, und das beweist mir, daß Du nicht zu den Dutzend-Freunden gehörst, sondern immer noch der Alte bist, und darum komm' an dieses Herz, welches immer noch das junge ist! Rich. (ihn herzlich umarmend). Mein Schulkamerad! Rob. Ja, ich war eine Zeit lang dein Schulkamerad, dann aber kamst Du mir etwas vor; denn ich vollendete meine Studien immer so ausgezeichnet, daß ich jeden Cursus aus besonderes Verlangen meiner Professoren immer drei- bis viermal wiederholen mußte! Rich. Ja, Du warst ein lockerer Bursche, der nirgends gut thun wollte! Rob. Aber Gott sei Dank, auch nie etwas Schlechtes gethan hat! Rich. Das wußte ich und darum hatte ich Dich auch immer lieb! Du warst ein flottes, fidcles Haus, unbekümmert um die Zukunft, nur dem Augenblicke lebend! Rob. Und wenn einmal ein Augenblick kam, wo ich nichts zu leben hatte, da halfest Du aus! — Oder glaubst Du, ich habe die verschiedenen Zwanziger, die Du mir trotz deiner eigenen Beschränktheit geziehen hast, vergessen? Rich. Pah!'Sprich nicht davon! 9 Rob. Nci, na, sei nur ruhig, ich zahle sie Dir nie zurück! Rich. Aber nun sage doch, wie eS Dir ergeht; wir haben uns jetzt seit mehr als zehn Jahren nicht gesehen! Rob. Jndeß bist Dn ein Künstler ge» worden! Rich. Nun — und Du? Rob. Ich — ich bin auch ein Künstler! Rich. Ein Künstler? Rob. Versteht sich, denn keinen Stand und kein Geld haben, und dennoch in der Welt fortkommen, das ist gewiß eine große Kunst, und in dieser Kunst habe ich es zu einer bedeutenden Vollendung gebracht! Rich. Du hast Dich also um gar keine Beschäftigung nmgesehen? Rob. Ja freilich, ich bin da hcraußen auf der Herrschaft Schreiber geworden! — O Gott, wenn ich in dieser Stellung geblieben wäre, ich könnte jetzt schon Rentmeister sein! Rich. Ja, warum bist Du denn nicht geblieben? Rob. Ich wäre ja geblieben, aber sie haben mich davongejagt! Rich. Warum denn? Rob. Ich habe mich zu viel aus die Philosophie verlegt — ich habe mich nämlich zu dem System des Diogenes bekannt, dessen liebster Aufenthalt bekanntlich ein Weinfaß war, und da traf mich der Amtmann gerade in dem Augenblicke, in welchem der Wirth eben im Ausziehen begriffen war, er wollte nämlich mir den Rock ausziehen, in Folge unbcrichtigter Zeche; darüber war nun der Amtmann außer sich, denn er sagte, cs käme wohl vor, daß ein Herrschaftsbeamtcr andere Leute anszieht, aber selbst ausgezogen zu werden, das sei eine Schmach, über welche er nicht nur sich, sondern auch mich mit entsetzte! Rich. Nun — und was treibst Du jetzt? Rob. Jetzt bin ich Lastträger! Rich. Lastträger? Rob. Ja, ich trage fortwährend die allcrschwerste Last mit mir im Sacke herum! Was siehst Du da? Rich. Nichts! Rob. Richtig — und das hat specifisch das allerschwerste Gewicht! — Correggio ist gestorben, weil er in seinem Sacke zu viel Kupfergeld herumtragcn mußte, aber die Zahl Derer, die zu Grunde gegangen sind, weil sic in ihren Säcken nichts getragen haben, die hat noch kein Mathematiker berechnet! Rich. Haha!— Du scheinst mir noch immer ein lockerer Strolch zu sein! Rob. Ja, ich strolche etwas; aber wenn ich auch in Allem locker bin, in Einem bin ich doch fest — in der Anhänglichkeit an meine Freunde! — Es kommt immer nur darauf an, daß mich Einer an sich anhän- gcn läßt — los bringt er mich dann so bald nicht mehr! Rich. Nun, so hänge Dich nur immerhin getrost an mich; wo ich Dir Helsen kann, soll cs gerne geschehen! — Komm' zu mir, wann Du willst: mein Tisch ist auch für Dich gedeckt! Rob. Bravo! — Nur Gastfreundschaft, das ist die erste Tugend — ich bin auch sehr gastfreundlich, denn ich bin nie freundlicher, als wenn ich wo zu Gast bin! Rich. Und fehlt es Dir au Geld — so lange ich welches habe, sollst Du nicht darben! Rob. Richard, Du bist mein Richard Löwenherz, denn Du hast für mich das großmüthige Herz eines Löwen. Ich fühle mich aber auch gegen Dich so klein — so mausig — aber wer weiß, ciu berühmter Geschichtschreiber erzählt auch von einer Maus, die einem Löwe» wichtige Dienste geleistet hat- Rich. Ein Freund erweist keinen Dienst des Gegendienstes wegen — auch wüßte ich wahrhaftig nicht, worin Du mir dienen könntest. Rob. Ein altes Sprichwort sagt: Hundert Freunde^siud zu wenig — ein 10 Feind ist zu viel, und wenn dieser Feind nun obendrein noch eine Feindin ist! — Rich. Feindin? — Wen meinst Du? Nob. Ich habe meine Connaiffanccn hier iltt Schlosse — ein zärtliches Verhält- uiß mit einer herrschaftlichen Wäscherin, und durch die erfuhr ich, daß die Frau von Maihold Dir nachspioniren läßt. Rich. Wie? — Muß sich diese Frau durch ein solches Betragen noch selbst erniedrigen? — Höre mich an: Ich lernte, als ich noch ein wcniggekannter Künstler war, diese Dame in der Residenz kennen — sie war eine Witwe von achtzehn Jahren, ihre Schönheit, ihr Geist zogen mich an — sic sprach von dem alten Grasen nur als von ihrem Oheim! Rob. Oheim? (Niest.) Hahzil — Helf' Gott, daß es wahr ist! Geh' heim mit dem Oheim! Rich. Sie empfahl mich ihm, der als einer der ersten Kunst-Mäcene bekannt ist; um die Bildwerke, die zur Verschönerung dieses Schlosses bestimmt sind, zu vollenden, begab ich mich auf dieses Gut, wo ich aber bald die wahren Aufschlüsse über den Charakter dieser Frau erhielt. Ich erfuhr, daß sie, während sie mich immer mehr in ihre Netze zu verstricken suchte, zugleich Alles aufbiete, um den alten Grafen zu bestimmen, ihr seine Hand zu reichen! — Diese Erfahrung heilte mich von meiner Verblendung und mein Herz wandte sich in wahrer inniger Liebe einen» würdigeren Gegenstände zu! Rob. Und nach alldem glaubst Du ohne Allianztruppen bestehe»» zu können? — Lieber Freund, glaube mir, ich versichere Dich, ein in vollem Galoppe mit blanken Schwertern ansprcngendeS Kürassier-Regiment ist kein so gefährlicher Feind, als eine in ihrer Eitelkeit beleidigte, in ihrer Leidenschaft gereizte, sich aufgcgeben sehende, rachcbrüteude Frau! Rich. Was kann sic mir anhabcn? Rob. Sic vermag Alles über den Grafen! Rich. Und bin ich etwa vom Grafen abhängig? Oder ist er in» Stande, mein Talent zu schmälern? Rob. Es ist eine recht schöne Sache um den Künstlcrstolz, aber der Ruhm ist auch ei»»e Gattung Glück, und hat dieselbe Mutter: »Die Gelegenheit.« — Jetzt und nur durch den Grafen hast Du Gelegenheit, bekannt zu werden, er ist gleichsam die erste Sprosse von der Leiter, die Dich zur Höhe tragen soll; »venu Einem aber gleich beim Hinaufsteigen die erste Sprosse unter den Füßen bricht, da liegt man oft Jahre lang mit gebrochenen Füßen auf der Erde und kommt gar nicht mehr zun» Steigen! Rich. (ernster). Deine Worte sind nicht ohne Geivicht — doch — sie wird es nicht wagen, den Grasen gegen mich zu stimmen, denn sie weiß, daß auch ich Waffen gegen sic in Händen habe — (zieht einen Brief aus der Brusttasche.) Siebente Scene. Vorige. Hartingcr und Timmel. Hart, (rasch eintretend). Jetzt frage ich, ob wir nicht Ursache haben, stolz zu sein! Rich. Was habt Ihr denn »vicdcr? Hart. Wirst gleich hören! (Zu Timmel.) Reden Sie! Rich. (sehr freundlich). Ah, Herr Gnts- Jnspeetor, was bringen Sie? Tim. Ich komme nur so quasi als Herold, um einen für Sie sehr ehrenvollen, auszeichnenden Besuch anzumelden! — Der Herr Graf werden in wenigen Augenblicken hier sein! Rich. Der Graf?! Hart, (stolz). Ja — besucht uns! — Wir werden ihn verlassen! Rich. Ich danke Ihnen, daß Sic mich auf den Besuch vorbereiten, ich bin »»och in meinen» Arbeitsanzuge, und eile, mich um- zukleiden! (Zu Robert). Aus dem Benehmen des Grasen werde ich ersehen, ob deine 11 Befürchtungen gegründet sind! — Bleibe nur hier! (Ab ins Nebenzimmer.) Tim. (zu Hartinger). Nun, und Ihr werdet Euch doch auch ein bischen in Galla werfen und nicht so bleiben in dem rußigen Lederlchnrz! Hart. Das ist mein schönster Schmuck, auf diesen Schurz habe ich mehr Ursache stolz zu sein, als Mancher auf seine gvld- gestickte Livree, denn die ist meistens die Tracht der Faulheit; das Leder aber ist gleichsam ein Pergament und die schwarzen Rußflecken darauf sind das Wappen der Arbeitsamkeit. — Ich erscheine also vor dem Herrn Grafen in meinem Wappcnrvck! Tim. Aber bedenkt doch — daö Kleid macht den Mann! Hart. Wenn das wahr wäre, so hätte unser Herrgott den ersten Menschen gleich im schwarzen Frack erschaffeil und ihn nicht erst nach dem Sündenfall damit bestraft, daß er sich hat um Kleider umschauen müssen! Achte Scene. Porige. Richard (kommt zurück in einem schwarzen Waffenrock). Rich. Sie kommen! — Ich sah den Wagen am Fuße des Hügels halten! — Der Graf und Fran von Maihold — Tim. Da muß ich ihnen entgegen! (Eilt ab.) Rob. Die Maihold?! Das hat was zu bedeuten! Hart, (für sich). 3ch weiß schon was! O Gott, wann ich nnr reden dürfte! — Richard, Vetter! Glücklicher Kerl! Rich. Was habt Ihr denn? Hart. Zch habe nichts — aber Du — was Du heute noch haben wirst! — Rich. Was denn? Hart. Wenn Du wüßtest, was nebenan schon vorbereitet wird in Timmel's Wohnung — Rich. (hastig). 3» Timmel's Wohnung?— Letter, umGottcS willen, sprecht! Hart. ES ist — ich habe — weil — hihihi! — Dars's nicht sagen! Rich. Detter! — Spannt mich nicht ans die Folter! — Was ist's? Hart. Gib Dir keine Mühe — ich habe der Frau von Maihold mein Ehrenwort gegeben! Rich. (erschreckt). Frau von Maihold? Und ein Vorgang in Timmel's Wohnung? Mein Gott, wenn ich nnr jetzt fort könnte! Rob. Ich kann fort und was der Herr Detter nicht sagen darf, das werde ich drüben schon erfahren! Hart Wenn es der Herr erfährt und wenn es der Herr sagt, da habe ich nichts dagegen — aus mir bringt Zhr nichts heraus! Rich. (zu Robert). So geh'! — eile — ich sterbe vor Ungeduld! — Doch still — ich höre kommen — geh' hier durch! (Auf'S Nebenzimmer deutend.) Neunte Scene. Vorige. Timmel. Der Graf. Frau von Maihold. Einige Diener. Graf (ein Mann in vorgerücktem Alter, von stolzer Haltung, tritt ein, Anna am Arm führend). Diener (bleiben im Hintergrund stehen). Rich. Herr Graf, ich fühle mich ebenso überrascht als geehrt dnrch 3hre Herablassung! Graf. Ei, lieber Steinwald, kann der Besuch eines Tempels jemals Herablassung genannt werden? Mir war die Kunst immer eine hohe Göttin, und mein Streben, ihr würdige Altäre zu bauen. Rich. Dann habe ich nur zn wünschen, daß Sie mich nicht als einen nnwürdigcn Priester erkennen mögen! Graf. Ihre Werke werden mir den Grad Ihrer Weihe bezeichnen! — Erlauben Sic mir, einige derselben zu besichtigen! Rich. Ich schätze mich glücklich, sie früher dem Auge eines so hohen Kenners zeigen zn dürfen, ehe ich sic dem Urthcile der 12 Oeffentlichkcit übergebe. (Zieht im Hinter- gründe einen Vorhang weg und zeigt eine Marmorgruppe, die von lebenden Figuren gestellt sein und von oben daö Licht erhalten muß.) Graf. Ah, siehe da — die Najaden für die Fontaine? (Tritt zu der Gruppe.) R i ch. (folgt dem Grafen in den Hintergrund). Fr. v. Maih. (winkt heimlich Hartinger zu sich). Sie haben doch reinen Mund gehalten? Hart. Er hat gar keine Ahnung! Fr. v. Maih. Die Stunde der Neber- raschung ist nicht fern! Hart. Ich weiß! — Drüben in der Küche des Inspektors wird schon gekocht und gebraten! — Musikanten sind auch schon angckommen! Fr. v. Maih. (für sich). Es soll eine Musik werden, die ihm, so lange er lebt, in den Ohren gellen soll! — (Tritt in den Hintergrund und lorgnettirt die Marmorgruppe.) Hart, (für sich). Ist das ein lieber Schatz, diese Frau! Graf. In der That, sehr gelungen! — (Tritt vor.) Doch jener Auftrag, der mir am meisten am Herzen liegt— das Standbild meines Ahnherrn, welches, in Erz gegossen, das Parterre meines Parkes schmücken soll, wie weit sind Sie mit diesem? Hart, (für sich). Aha, jetzt kommt die Reihe an mich! (Laut.) Sorgen Sie nicht, Herr Graf, es ist Alles schon hcrgerichtct; in zwei Tagen ist der Herr Ahnt gegossen wie nichts! Graf. Wer ist dieser Mann? Rich. Der Metallgießer Hartinger! — Ich würde seine besondere Geschicklichkeit rühmen, wenn mir, als seinem Vetter, dicß zustündc. Hart. Macht nichts! — Kannst mied deswegen schon herausstreichen, ich lasse auch nichts über Dich kommen I (Lachend.) Ja, ich sage Ihnen, Herr Graf, wir sind ein paar Mordkerle! Graf (zu Richard, lächelnd). Ah, Sie erzählten mir ja schon von dem Manne, (leise) wahrhaftig, ein origineller Kauz! (Zu Hartinger, freundlich.) Es freut mich, Sie kennen zu lernen! Hart. Mich freut cs auch! — Der Herr Graf sind wirklich ein recht charmanter Mann! Graf. Es bedarf wohl vieler Erfahrungen und besonderer Aufmerksamkeit, um den Guß eines Kunstwerkes makellos zu vollenden? Hart. Na. wann's erlauben! — Wenn ein Anderer über Ihren Ahnherrn kommt, geben Sie Acht, so wird ein Dalk daraus! Rich. (verweisend). Aber Vetter! Graf. Hahaha! — Der Mann gefällt mir in seiner derben Natürlichkeit! (Zu Hartinger.) Ihr seid Eurer Sache aber sicher? Hart. Ist mir noch nichts mißrathen; werde ich mir an der Nuß auch keinen Zahn ausbrechen! Graf (zu Richard). Hoffen Sie wohl den Guß in zwei Tagen vollenden zu können? Rich. Ja, Herr Graf! Graf. Es findet in zwei Tagen auf meinem Schlosse ein großes Fest statt; die feierliche Enthüllung des Monumentes, welches ich dem Gründer unseres Stammes setzen lasse, dürfte der würdigste und schönste Beginn dieses für mich sehr be, deutungsvollcn Festes sein! (Mit einem zart- lichen Blick auf Frau von Maihold.) Rich. Ich werde keine Mühe scheuen, Ihrem Wunsche nachzukommen! Gras. Es ist für Sie selbst, für Ihren Ruhm und Ihre fernere Stellung von Wichtigkeit! — Es werden an diesem Tage die höchsten und einflußreichsten Persönlichkeiten meine Gaste sein! — Haben Sie den Much, vor einem solchen Kreise Ihr Werk vorzusührcn? Rich. Ja, Herr Graf! Graf. Ihr Selbstvertrauen gefällt mir! Nun denn, Glück auf, junger Meister, und auch Euch wünsche ich dicß, mein wackerer Gießer! — Glück aus! Hart. Danke recht f schön, wünsche gleichfalls! 13 Graf. Wenn das Werk gelingt, werden Sie den reichsten Lohn finden und Ihr (zu Hartinger) 3hr sollt Euch von mir eine besondere Gnade ausbitten. Hart. Ich werde so frei sein! — Graf. Doch nun muß ich Sie verlassen! — Eine Einladung ruft mich zu einem Feste auf dem Nachbargute, von welchem ich wohl erst morgen früh zurückkommen werde; ich hoffe Sie vor dem Feste noch bei mir zu sehen! Rich. Das dürste wohl kaum möglich sein, denn ich werde mich kaum auf einige Minuten aus der Gießerei entfernen könne»! — Hart. Und dann, Herr Graf, nehmen Sie es mir nicht übel, aber wenn man einen solchen Herrn, wie Sie sind, besuchen will, so ist das eine Fretterei — nicht zum Aushalten! — Da muß man oft einen halben Tag im Vorzimmer warten, dis man von einem gnädigen Herrn Bedienten gemeldet wird! — Graf. Dem ist gleich abgeholfen! — (Wendet sich gegen die Diener.) Wenn Herr Stcinwald oder auch dieser Mann mich zu sprechen wünschen, so genügt die Nennung ihres Namens, um sie zu jeder Zeit bei mir vorzulaffen! — Nun Golt befohlen, meine Lieben! — (Bietet Frau v. Maihold den Arm.) Fr. v. Maih. (bedeutungsvoll zu Richard). Wir sehen uns heute noch, Adieu! Rich. (verwundert). Heute noch?! Hart, (pfiffig). Ich verstehe! — (Der Graf mit Anna und den Dienern ab.) Rich. Heute — heute «och sie sehen? — Was kann sie von mir wollen? — Doch fort jetzt mit allen anderen Gedanken — mich darf und soll nur Eines beschäftigen — die Vollendung meines Werkes!— Ich kann nicht sagen, mit welcher Bangigkeit,ich dießmal an den Guß schreite! — Hart. Ah, was bang sein! — Ich bin da, und wenn ich einmal sage, ich bin da- Zehnte Scene. Vorige. Robert. Rob. (eilt erschöpft und bald athemloS bei den letzten Worten Hartinger S zur Thüre herein). Dann ist die Dummheit fertig. — Richard, was habe ich gehört! — Rich. Was? — Um des Himmels willen, was? Rob. Mir schwindelt noch der Kopf, ich weiß gar nicht, an was ich zuerst denken soll! (Geht dabei in höchster Aufregung im Zimmer auf und nieder.) Hart. Aber was treibt Ihr denn? — Rob. Geh't nur Ihr mir aus'm Weg, oder ich zerreiße Euch! — Hart. Mensch, wißt Ihr, wer vor Euch steht? - Rob. Ja wohl, das größte Pracht- Eremplar von einem Riesen-Stockfisch! Hart, (verblüfft zurückprallend). Ah, da Hab' ich Respect, der ist noch gröber als ich! Rob. (zu Richard). Stelle Dir vor, er erzählte der Frau v. Maihold von deinem Liebcsverhältniß zu Minna! Rich. (erschreckt). Wie, Detter, das habt Ihr gethan? — Hart. Ja, das ist mein Stolz! Rich. Unglückseliger! — Hart. Aber warte nur—was nach- kommt! Rob. Die Folge davon ist, daß d rüben bei Timmel schon Alles zu Minna's Hochzeit vorbereitet wird. — Rich. Herr des Himmels! Hart, (lachend). Ja, aber warte nur, was nachkommt! (Zu Robert.) Wer der Bräutigam ist, sagen Sie ihm — ich darf nicht! — Rob. Der Bräutigam ist ein alter Förster, der «och heute deine himmlische Tim- mel'sche in's Böhmische übersetzen wird! — Rich. (verzweifelnd). Was sagst Du? Hart, (perplex). Das ist ja — nicht möglich! — Rob. Nicht möglich? — Da — da seht her! (Zieht einen Brief hervor.) 14 Rich. (nimmt den Brief). An mich? — Die Schrift der Frau v. Maihold. Rob. Sie erblickte mich, als ich hieher- ging, winkte mir und sagte mir mit einem Lächeln ganz ä. la Zatanella, ich soll Dir dies Billet übergeben! — Herr Gott, ich habe einen Zorn, ich könnte den Menschen zerreißen! Hart. Das ist ein strohdummer Kerl! R i ch. (hat den Brief geöffnet). Ha! — Greuzeulose Bosheit, die mich noch verhöhnt! Sie ladet mich ein, dem Hochzeitsfeste beizuwohncn. Also wahr — wahr — Vetter—das ist euer Werk! (Sinkt in einen Stuhl.) Hart, (bestürzt). Richard! Mein Gott,' er ist ohnmächtig —und ich — bin Schuld an seinem Unglück! — Richard, ich bitte Dich, schlag die Augen auf — oder schlag' mich nieder! — Aber nein, warte — erst muß sie verbluten! — Wo ist mein Schürhaken ! — Rob. (hält ihn zurück). Halt! — Verderbt nicht noch mehr! Da hilft keine Gewalt — ick werde helfen! — Rich. (zu Robert). Mein Himmel, was kan,ist Du thun? — Rob. Ich habe schon sehr viel gethan! — Ich habe bereits mit Minna gesprochen und einen förmlichen Schlachtplan entworfen, und wenn Du mir in Allem blindlings folgst, so stehe ich Dir dafür, daß heute aus der Hochzeit nichts wird, und wenn sich die Frau v. Maihold aus den Kopf stellt. Hart. Das muß fürchterlich sein. Rich. O so rathe, handle, denn ich selbst bin jetzt keiner Ueberlegung fähig! Hart. Wenn Sie mich vielleicht auch zu etwas brauchen können, — ich gestehe zwar ein, ich bin ein Rhinozeros! — Rob. Macht nichts! — Hannibal hat auch Elephanten zu seinen Römerkriegen verwendet! — Also kommt, Kinder. Ihr seid meine Armee! Jetzt hineingestürzt in den Strudel der Ereignisse, noch ist cs zwar zweifelhaft, ob es ein Strudel ist, gefüllt mit den süßen Rosinen von Liebesglück, oder aber ein Strudel, der das Schiff unserer Hoffnungen hinabreißt in den unendlichen Wafferschlund, — ein Strudel aber ist es auf jeden Fall, und gerade im Strudel ist mir wohl!— Kommt, Kinder, Arm in Arm mit Euch, so fordere ich mein Jahrhundert in die Schranken! (Hängt sich in Richard'S und Hartinger'S Arm und eilt mit ihnen ab.) Eilste Scene. Verwandlung. (Garten beim Jagdschlösse; seitwärts ein Tract mit beleuchteten Fenstern; der Garten ist mit farbigen Lampen beleuchtet. Im Vordergründe eine Laube. Im Hintergründe läuft eine ziem- lich hohe Mauer über die Bühne, in deren Mitte sich daS EingangSthor befindet, vor welchem eine Kalesche steht, so daß man den Kutscher Wenzel auf dem Kutschenbock sieht. — Sobald die Verwandlung vor sich gegangen, tritt Tim- mel aus dem Hause.) Timmel (in'S HauS rechts zurücksprechend). Bravo! — Benutzt die kurze Zeit so gut als möglich! Wir müsse» leider das Fest bald beschließen, damit das Brautpaar nicht gar zu spät zur Trauung in die Pfarre nach Hohlbach hinüber kommt! — (Tritt vor.) Froh bin ich, daß ich das Mädel unter die Haube bringe! — Wer hätte das vermuthet, was mir jetzt erst die gnädige Frau erzählt hat!— Darum ihre Thränen — darum das Weigern! — Aber jetzt scheint sie ruhiger geworden zu sein. Sie sitzt d'rin ganz still neben ihrem Bräutigam! — Ich lasse sie nickt mehr aus den Augen, bis der Pfarrer ihre Hände in einander gelegt hat, dann ist alle Gefahr vorbei! — (Ab in'S HauS) Zwölfte Scene. Robert mit Richard und Hartinger (aus dem Hintergründe), dann Wenzel. Rob. Nur daher! Da ist keine Beleuchtung ! (Zu Richard.) Du darfst nicht gesehen werden! —Also, ist Euch mein Plan klar? Rich. Ja — es ist wohl gewagt, aber es gibt kein anderes Mittel als die Flucht! 15 Hart. Erklärt mir's noch einmal— mir geht die Geschichte noch nicht recht ein! — Rob. Also gebt Acht! (Auf das Haus deutend.) Da drinnen im Hause des Inspektors Timmel ist das Verlobungsfest; Frau v. Maihold wohnt dem Feste in eigener Person bei. — Gleich nach dem Feste fahren Alle mit einander hinüber nach Wohlbach zur Trauung; der Wagen dort (gegen die Eingangsthür weisend) ist für das Brautpaar bestimmt; die übrigen Wägen für die Gäste stehen weiter rückwärts. Der Wagen ist eine herrschaftliche Equipage mit tüchtigen Rennern, die anderen Wägen sind aus dem Dorfe und bloß mit schwerfälligen Gäulen bespannt. Hart. Aha! Jetzt begreife ich!— aber verstehen kann ich's noch immer nicht! Rob. Der Kutscher, der denHerrschasts- wagen führt, das ist der Wenzel, dem der Dienst bereits gekündet ist, und der morgen fort muß; den habe ich bereits für uns gewonnen, — aber da heißt es jetzt im wah- ren Sinne des Wortes: »Wer fahren will, muß schmieren!« — Rich. Er soll fordern, was er will! — Rob. (geht auS der Laube in den Hintergrund und ruft .) Herr Wenzel! — Wenz. (steigt vom Bocke und kommt vor). Sind Sie schon da? — Rob. Jetzt nur gleich den Hasen gespickt! Wenz. Sind Sie der gnädige Herr, der statt meiner — Rich. (drückt Wenzel eine Börse in die Hand). Hier, mein Freund! Wenz. Ah, das iS zu viel! — Küß' d'Hand! Rob. Gelt, das ist mehr, als man Dir morgen ans'm Schloß ausgezahlt hätt'! — Jetzt schnell Mantel und Hut her! — Wenz. (gibt Richard seinen Mantel und Hut). Da iS Alles, ich will von der verdammten Livree nichts mehr wissen! — (Links ab.) Rob. (gibt Richard den Mantel und setzt ihm den Hut auf). So — jetzt setz' Du Dich auf den Bock, und wenn der Hochzeitszug kommt, werde ich als Wagenthürl-Ausmacher da sein und dafür sorgen, daß die Minna zuerst in den Wagen steigt!—Der Hartinger hat bei dieser Komödie eine ausgezeichnete Rolle! — Er sorgt dafür, daß bei dieser Gelegenheit der Bräutigam auf eine seine Manier eine Zeit lang angehalten wird!— > Hart, (kratzt sich'hinter den Ohren). Auf eine feine Manier? — Das wird schwer sein! — — (Faßt einen Gedanken.) Hab' schon! — Der soll sich freuen! — Rob. Wenn die Minna im Wagen ist, haust Du in die Pferde, und ehe die Andern zur Besinnung kommen, bist Du über die Ecke, dann schnell nach Erichsdorf zu meiner Muhme, die wird Dich gut auf- nehmen! (Man hört im Hause Vivat rufen.) Sie kommen, jetzt, Hartinger, seid einmal g'scheidt, und macht wieder gut, was Ihr früher verdorben habt! Hart. Sorgt Euch um mich nicht! (Zieht sich etwas zurück, und Richard setzt sich auf den Kutschenbock.) Dreizehnte Scene. Vorige. Der Brautzug. (Dorfmusikanten. Bauernburschen mit Fackeln, weißgekleidete Mädchen mit Blumen rc. rc., dann HornfelS, Minna an der Hand führend, hinter ihnen Timmel mit Frau v. Maihold, dann Gäste. Jägerburschen rc. rc. auS dem Hause.) Timm (nach der Musik). So! Jetzt nur geschwind in die Wägen! — Das Brautpaar zuerst! — Hornf. Steige» Sic ein, holdcsBräut- chen! — Rob. Darf ich bitten?! — Minna (steigt in den Wagen). Hart, (geht rasch auf HornfelS zu und führt ihn in den Vordergrund). Herr Oberst-Forstmeister, erlauben Sie, daß ich meinen aller- unterthänigsten Glückwunsch-(Schlägt ihn so auf den Hut, daß er ihm über die Ohren fällt, in demselben Moment fährt der Wagen fort.) 16 Horns. Zu Hilfe! — Sapperment! — Was ist das? — Alle Teufel — wo ist denn der Wagen? — Rod. Just is er fortgefahren, unterthä- nigst aufzuwarten! — Hornf. Was? — Meine Braut! Halt! halt! — (Läuft in den Hintergrund.) Timm. Meine Tochter! (Läuft in den Hintergrund.) Hornf. Zn Pferde! — Zu Pferde! — (Ab mit den Jägern.) Rob. (fällt Hartinger um den Hals). 6s ist gelungen! Hartinger, Du bist ein ausgezeichneter Kerl! (Allgemeine Verwirrung.) (Der Vorhang fällt.) Zweiter Lot. (Vorsaal im gräflichen Schlöffe wie zu Anfang deS ersten ActeS.) Erste Scene. Man hört von außen durch einander sprechen, die Mitlelthür öffnet sich, Anna v. Maihold tritt im Morgenanzug zuerst ein, nach ihr wird Minna halb ohnmächtig, bleich und wankend von einigen Dienerinnen hereingeführt, — unter den letzteren ist auch Kathi. Timmel folgt, dann Rudolf, Mar, mehrere andere Jäger, Franz, James und ein Diener. Anna (gebieterisch auf die Thür ihres Appartements weisend, zu den Dienern, welche Minna führen). Dort hinein! — Minna (wird durch die Seitenthür obgeführt). Timm. Werst das Ungeheuer in die Wolfsschlucht! — Ich bin so entsetzt, daß ich nicht einmal Kraft genug habe, um gehörig wüthen zu können! — (Sinktineinen Fauteuil.) Anna (für sich). Herr Timmel! Timm, (mit matter Stimme). Befehlen, Ew. Gnaden! Anna. Dieß Ereigniß muß dem Grafen mit Vorsicht mitgetheilt werden, darum übernehme ich es selbst! (Geht gegen die Thür des Grafen.) Timm. Soll ich mit? — Anna. Ja, Ihre Sache ist es vor Allen, auf Untersuchung und strenge Bestrafung der Schuldigen zu dringeu. Timm. Ja, ja, das will ich; oh, ich werde reden wie ein Advocat, verlassen Sie sich Ew. Gnaden ganz auf mich! (Ab mit Anna in deS Grafen Zimmer.) Jam. (zu Max). Aber sag' doch, was ist denn gescheh'n? Mar. Na, wie gestern beim Brautzug auf einmal die Braut abgefahren ist, da ist natürlich der Hornfels, der neue Förster, halb wüthend geworden! Rud. Er ruft uns Jäger alle zusammen, und befiehlt aufzusitzen und uns nach allen Richtungen zu zerstreuen, damit wir die Flüchtigen einholen! —Ich und der Mar, wir waren mit Hornfels; Ihr könnt Euch denken, wie der gehetzt hat — wir nur geflogen über Waldweg und Haide! — Mar. Da — auf einmal — der Monq trat eben aus einer Wolke- Rud. Da sehen wir ein paar hundert Schritte vor uns auf der abgelegenen schlechten Straße, die nach Erichsdorf führt, einen Wagen über Stock und Stein fortrasen! — Wir d'rauf los und richtig erreichen wir ihn! — Wir halten die Pferde auf- Mar. Hornfels reitet an den Wagenschlag — richtig — sie ist d'rin! — Rud. Sie und der junge Bildhauer Steinwald. — Hornfels zieht wuthent- brannt seinen Hirschfänger — Steinwald wehrt sich — was weiter geschehen ist, hat man in der Dunkelheit der Nacht nicht genau sehen können. Mar. Aber auf einmal brüllt Hornfels wie ein eingeschossener Eber, liegt am Boden und das Blut fließt ihm aus der Schulter heraus! — Rud. Jetzt fallen wir Zwei rücklings über Steinwald her — bringen ihn richtig zu Boden, binden ihm Hände und Füße 17 und machen ihn dann rückwärts am Wagentritt fest! — Hornsels' Wunde wurde in aller Eile verbunden, und so sind wir erst gegen Morgen wieder zurückgekommen. Hornsels haben wir gleich in der Badestube abgesetzt und den Bildhauer gleich im Ge- sängniß festgesetzt! — Zweite Scene. Vorige. Timmel (kommt zurück). Rud. (geht ihm entgegen). Na, was sagt der Herr Graf? Timm. Se. gräflichen Gnaden geruhen zu wüthen! — Rud. und Mar. Ist das Alles? — Timm. Er hat dem verwundeten Oberförster dreihundert Gulden anweisen lassen, Ihr Beide aber, die Ihr den Verbrecher eingebracht habt, bekommt jeder Fünfundzwanzig. Rud. und Mar. Was? Timm. Gulden nämlich— der Cassier wird Euch das Geld ausbezahlen! — Rud. Wir lassen die Hand küssen! — Na, Camcraden, da machen wir uns Alle einen lustigen Tag! — Kommt mit! — (Ab mit Mar und den Jägern.) Timm, (zu den Dienern). Und jetzt Ihr, Dienerschaft, die Ohren gespitzt! — Jam. Sie befehlen? Timm. Der Herr Graf ist über die Frechheit des jungen Bildhauers und über den Undank, womit dieser die Rechte der Gastfreundschaft mißbrauchte, so aufgebracht, daß er nichts mehr von ihm wissen, ja durch Niemand an ihn erinnert werden will! Jam. Wie, aber wenn sein Vetter, der Metallgießer, kommen sollte?— Der Herr Gras hat gestern noch befohlen, ihn sogleich zu melden! Timm. Davon hat es sein Abkommen! — Er wird überall kurzweg abgewiesen. — Was seid Ihr für Leute? — Ihr handelt im gräflichen Aufträge und wollt nicht einmal so einem Bengel Respect einflößen Thealer-Repr««» Nr. 87. können. Nehmt Euch an mir ein Beispiel! — Wenn er jetzt käme- Hart, (von außen). Ich muß hinein — ich muß zum Grasen — Franz und Jam. Das ist er! — Timm, (schnell und ängstlich). Ich laß mich empfehlen! — Ich Hab' nothwendig mit meiner Tochter zu sprechen! (Links ab.) Jam. Ich Hab' ordentlich Angst! Franz. Ah, was! Keckheit ist die noth« wendigste Eigenschaft für einen Bedienten, stell' Du Dich an die Thür, ich stell' mich an die Thür des Grafen. (Sie thun es.) Dritte Scene. Vorige. Hartinger (kommt aufgeregt durch die Mitte). Hart. Ach — Luft — Luft — was ich gehört Hab' — Alles wahr! — Mein Richard — mein Stolz — eingesperrt haben sie ihn — ich habe zu ihm gewollt— aber sie lassen Niemand zu ihm — da bin ich fortgerannt, ohne zu wissen wohin! (Sieht sich im Zimmer um.) Ja, mir scheint — ich bin im Schloß! —Ja ja, zur gnädigen Frau! (Geht rasch auf die Thüre links zu.) Jam. Wohm? Hart. Melde er mich bei der gnädigen Frau! Jam. Ist mir leid — die gnädige Frau nimmt heute keine Besuche mehr an! — Hart. DaS ist dumm — aber macht nir — ich gehe zum Herrn Grafen selber! (Geht zur andern Thür.) Jam. (für sich). Gott sei Dank, ich hab's überstanden! — Franz (mit gespreizten Beinen vor der Thüre stehend). Hoho! Nicht so rasch! — Hart. Platz da! — Ich muß zum Herrn Grasen! — Ist er schon aus? — Franz. Auf? — Ja wohl! — Hart. Also laß' er mich hinein! — Franz. Geht nicht! Hart. Was? — Kennt Er mich nicht? Franz. Ja! — Ihr seid ein gewisser Hartinger, nicht wahr? r 18 Hart. Und Er ist ein gewisser Flegel! — Weiß Er nicht, was gestern der Herr Graf gesagt hat? Franz. Ich weiß nur, was er henk' gesagt hat, und das ist, daß man nur an- stäudige Leute bei ihm vorlaffen soll! — Hart. Was? Du wagst es, so mit mir zu reden? Du elender Livreeknecht! — (Packt ihn an der Brust.) Franz. Zu Hilfe! Zu Hilfe! Vierte Scene. Vorige. Robert. Rob. Hat schon wieder einen beim Kragen! — Ihr ruinirt mir ja den ganzen Menschen! Hart. Nein — ich beutle ihn nur! — (Wirft Franz zur Thür hinaus.) So, jetzt bin ich fertig! — Rob. Ich bin froh, daß ich Euch gefunden Hab! —Ich suchtcEuch schon überall auf! — Hart. Sucht lieber einen Menschen auf, der helfen kann, ehe es zu spät ist! — Rob. Und wenn ich diesen Mann bereits gefunden hätte? — Hart. Was sagt Ihr? — Wer ist der Edle? Rob. Ze — moi-moine — io 8te88o! Hart. Redet deutsch! — Rob. Ich weiß ein Mittel, den Richard frei zu machen. Sagt mir, hat der Richard nickt einen Brief von der Frau v. Maihold, von dem er gesagt hat, daß er sie damit vernichten könne? Hart. Ja wohl, aber den Brief hat er bei sich im Gefängniß, und in's Gefängniß kann Niemand hinein! — Rob. Lächerlich! — Ich weiß den kürzesten Weg in s Gefängniß! — Hart. Ihr wißt einen Weg? Rob. Ja, seht, ich erinnere mich da an eine Geschichte, die mir einmal passirt ist, als ich ganz fremd in einer großen Stadt angekommen bin! — Ich wollte gerade meines Paffes wegen ans die Polizei-Di- rection gehen, wußte aber nicht reckt wo sie sei, und fragte deshalb einen Schusterbuben, wie ich am schnellsten hinkomme! — Der Schusterbub zeigt auf ein Goldarbeiter- gcwölb und sagt: Da geh' der Herr nur hinein und stehl er ein paar Braceletten, da werden's ihn gleich auf die Polizei-Di- rection hinführen. — Diesen sckusterbübi- schen Rath wcrd' ich jetzt benützen, um sicher in's Gefängniß zu kommen! Hart. Was? — Ihr wollt was stehlen? Rob. Warum nicht gar — das könnt mir g'stohlen werden! — Nein, es gibt auch andere, nicht so malhonnetc Vergehen, wegen denen man auch auf ein paar Tag eingenäht werden kann; von dieser Gattung habe ich mir eines ausgesucht; ich sage Euch, wenn ich heute Abend nicht im Arrest bin, so könnt Ihr mich einen schlechten Kerl heißen. Hart, (breitet die Arme aus). Robert, Du edler Lump! — Rob. Bitte. Macht nicht so viel Aufhebens wegen einer solchen Kleinigkeit, ich habe ja ohnedieß nichts zu thun, wie könnte ich also meine freie Zeit besser benützen, als wenn ich mich einsperren lasse! — Hart, (nachdenkend). Ja, so könnt' es gehen. Wenn ich den Brief hätte, wenn ick so vor die boshafte Kreatur hintreten und sagen könnte: »Weib, jetzt hilf oder ich zermalme Dich zu Semmelbröseln!* — oh, das wäre ein Hochgenuß!— Also gut; packen wir Jeder die Sache bei einem andern Zipfel an; aber Ihr werdet vielleicht Geld brauchen — da — nehmt, was ich bei mir habe, und jetzt keine Zeit verloren. — Ihr an euer, ich an mein Werk! lieber Gott! Nur dießmal steh' mir bei, daß mir der Guß ohne Fehler gelingt; ich gelobe dafür, daß ich in meinem ganzen Leben keinen Tropfen Wein mehr in mich hiuein- gießen will! Rob. Hartinger, Ihr gelobt da etwas Uebermenschliches! — Hart, (pfiffig). Wann der Guß nur erst einmal gerätsten ist, hernach läßt sich schon was herunterhandeln! — (Ab.) Rob. (allein). Er hat mir Geld gegeben — Dreißig Gulden! — Das ist ein Capital für einen Menschen, dem's sonst nicht lang dreißig Kreuzer in der Tasche duldet! — Davon wird aber jetzt kein Kreuzer an- gerührt, außer um einen großen Zweck zu erreichen!— Ich kann vielleicht durch einen harten Thaler einen Gefangenwärter weich stimmen, oder wenigstens dem armen Richard durch schweres Geld sein Los erleichtern — mit einem Wort mit Geld in der Tasche ist man selbst im Gefängniß ganz ein anderer Mensch!— Aber wenn ich nur schon d'rin war' im Gefängniß! — Hm! Richard ist eingesperrt worden, weil er ein Mädchen entführt hat, entführt habe ich zwar in meinem ganzen Leben noch keine, im Gegentheile ich Hab' sie immer alle sitzen lassen — aber was liegt daran — wenn mich nur eine als ihren Entführer anklagt und ich das Verbrechen nicht abläugne, da müssen Sie mich ja einsperren! — Die Aufgabe ist also jetzt nur die, meine gegenwärtige Geliebte dahin zu bringen, daß Sie mich verklagt! — Sie ist, wie man mir gesagt hat, eben bei der Kammerfrau der Frau v. Maihold, kann also jeden Augenblick herauskommen! — Wenn ich nicht irre, — ja, ja — sie ist's — sie naht! — Fünfte Scene. Robert. Kathi. Kathi. Ah, sieht man den Herrn auch einmal wieder?! Rob. Ah, Mamsell Kathi, ich hätte Sie auf den ersten Blick beinahe nicht erkannt! Kathi. Ja freilich, wenn man eine Geliebte so vernegligirt — sich ganze Wochen lang nicht sehen läßt. — Rob. Ist das schon eine Wochen? — Nein, wie mir die Zeit schnell vergangen ist. — Kathi. Impertinent! — So sprichst Du jetzt? — Du, der Du in der ersten Zeit unserer Bekanntschaft geschworen hast, daß Dir jede Stunde, in der Du mich nicht sehen kannst, wie ein halbes Jahrhundert vorkommt?! Rob. Mein Gott, was red't derMensch nicht Alles in der ersten Zeit! — Kathi. Damals, wie Du oft Abends stundenlang unter meinen Fenstern gestanden bist, nur um mich noch einmal zu sehen! Rob. Ja, es ist zu dumm, was der Mensch so Alles treibt in der ersten Zeit! Kathi. Und ich — ich habe deinen Worten getraut, weil Du mir geschworen hast, daß Du keine Andere als mich heiraten wirst! — Rob. Diesen Schwur werde ich auch halten, ich heirate nie eine Andere, aber Dich, Dich — heirate ich auch nicht! — Kathi. Was? — Du willst mich nicht heiraten? — O ich unglückliche Person! (Laut weinend.) Und ich — ich Hab' seinetwegen die schönsten Partien ausgeschlagen! — Aber glaub nicht, daß ich mich so ruhig verabschieden lasse, — ich bin mir Dir in's Gerede gekommen, die Leute haben gesehen, daß ich mit Dir umgehe- Rob. Und dadurch hat deine Ehre gelitten — das sehe ich ein! — Kathi. Und Du mußt mir meine Ehre wiedergeben — ich gehe zu Gericht, — ich klage! — Rob. Wirklich? — Kathi, Engel, Goldmädel— Donnerwetter, ich darf ja nicht merken lassen, daß ich gar nichts Anderes will! — Geh! geh! — da wirst Du was ausrichten!— Hast Du nicht die Geschichte gehört von dem Bildhauer, von dem jungen Richard? — Kathi. Ja, er hat die Tochter vom Güterinspector entführt — Rob. Und der Vater besteht jetzt darauf, daß er das Mädel heiraten soll, und er mag nicht!—Was ist ihm geschehen? —Mein Gott, anfein paar Tag haben sie ihn halt eingesperrt! — 2 * 20 Kathi. Eingesperrt!! — Wirklich? — Da geschieht ihm recht! und das — das verdienst Du auch! — Rob. Kathi, um Gottes willen, Du wirst doch »licht im Ernst an dergleichen denken? Kathi. Ja, meinHerr! ich denke daran! — Jetzt frage ick Dich noch einmal in Güte: Willst Du mich heirate»!, oder eingesperrt werden! Rob. Auf Ehre, da thut mir die Wahl weh! — Aber heiraten? — Nein! — Da will ich lieber eingesperrt werden! Kathi. Gut!— Sag'mir nur Eins! — Auf wie lang haben sie denn Richard eingesperrt? Rob. Wie ich höre auf so lange, bis er sich entschließt, die Minna zu heiraten. Kathi. So, jetzt klage ich schon ganz gewiß! — Ich gehe — hörst Du? — Ich gehe! — Rob. Geh', — Du richtest nichts! — Bein» Richard ist das ein ganz anderer Fall — der hat sein Mädel entführt. — Du müßtest also auch sagen können, daß ich Dich entführt habe, und davon ist ja gar keine Red'! — Kathi. So? — Das kann ich auch sagen! — Rob. Was? Ick hätt' Dich entführt? Kathi. Freilich! — Hast Du mich nicht vor vierzehn Tagen gezwungen mit Dir nach Lachdorf zu gehen? — Rob. Na ja, das war am Kirchtag! — Kathi. Ich habe aber nicht gehen »vollen ! — Rob. Weil es geregnet hat! Kathi. Alleseins! — Du hast mich mit Gewalt und verführerischer Neberra- schung hingeschleppt, das ist eine Entführung ! Rob. Aber Kathi, Du hast ja selber dorten für uns Beide die Jausen zahlt an dem Tag!— Kathi. Eben das erhärtet ja das Verbrechen! — Ich werde sagen, daß Du unter der Vorspiegelung mich zu heiraten mir sogar mein bischen Geld herausgelockt hast! Rob. (für sich). Das geht vortrefflich! — Sie klagt auf Heirat unter erschwerenden Umständen! (Laut.) Geh', thu' nickt so! — Du hast ja gar nicht die Eourage zu Gericht zu gehen! Kathi. Was? Ich keine Eourage? — Ein solides Mädel, das heiraten will, hat zu Allem Courage! Jetzt keine Schonung mehr! — Ich will Dir den Ernst zeigen! — Ick geh' — ich schwör' Dir's, so wahr ich nicht als alte Jungfer sterben will! — Rob. Ein fürchterltchcr Schwur! Kathi. Ich klage Dich der Ent- und Verführung, des Meineids und des falsches Eidbruches, — der siloutirenden Geldhcr- auslockung und Durchbringung an. — O ich will Dich schildern als einen Menschen, der keinen Funken Ehre im Leibe hat, und darauf bestehen, daß Du mir deinen Namen gibst! (Eilt ab.) Sechste Scene. ^ Robert (allein). Recht so — bravo! — Sie verklagt mich und — ich »verde einge- sperrt! Ich gehe ihr dann gleich nach auf's Gerichthaus, damit sie mir nicht erst eine Vorladung zu schicken brauchen. Es ist im Grunde eine närrische Idee, daß ich selbst Alles aufbiete, um nur eingesperrt zu werden. Man wäre fast versucht, es einen Hans wurst st re ich zu »rennen, und der Hanswurst ist doch in Deutschland schon seit mehr als hundert Jahren begraben. Begraben? Hm! — so heißt es »vohl, aber bei vielen Erscheinungen der Neuzeit will es einem doch fast bedünken, daß der deutsche Hanswurst noch lange nicht begraben ist. Couplet. 's Theater hat jetzt 'ne ganz and're Verpflichtung, Seit d' Nenberin hat ang'strebt die bessere Richtung, 21 Die improvisirte Komödie aufg'hoben, Und allem dem Unsinn 'nen Riegel vor- g'schoben, Und z'letzt die Hanswürstc, die's z'toll gemacht haben, Hat feierlich gar von dem Volke begraben. Da sah man, daß der deutsche Sinn Sich neigt zum tiefern Ernste hin! Doch's sind noch vorhanden G'wiffe Komödianten, Die ob'n auf den Bretern Oft spiel'n zum verwettern! Nichts z'lernen sich befleißen, Als Coulissen zu reißen, Aber so auf der Gasse Da steht hoch die Nase, Im Anzug auffallend, Im Heldenschritt hallend, In der Kneipe vor Allen Mit Eroberungen prahlend, Sagen: d'Madeln und d'Franen, Die mich einmal anschaucn Im Ritterwamms mit Sporen, Haben's Herz gleich verloren. Ja, so lange wir solche Chinesen noch haben, Ist der deutsche Hanswurst noch lang nicht begraben! Bctracht't man die Aerzte, wie sie sich bemühen, Das Gehcimniß des Lebens an's Tagslicht zu ziehen, Erforschen im Leichnam den Lauf aller Säfte, Und in der Natur daun die heilenden Kräfte, Und wie sie ergründen selbst, was die Gestirne Für Einflüsse üben auf Menschcnge- hirne; Da sieht man, deutscher Aerzte Sinn Neigt sich zum liefern Ernst nur hin. Doch sieht man dagegen, Wie.von Wiffenschastswegcn Sich gänzlich entfernen Manche Aerzt' — die modernen — Um nur mit dem Neuen Sand in d'Augen zu streuen, Der Eine wollt' retten Mit galvanischen Ketten, Der gibt Semmeln zu knacken, Vor acht Tagen gebacken, Der heilt sogar auch Mit magnetischem Hauch', Und der sagt: Für Kränkung Hilft Gliederverrenkung, Jeder rühmt sich ganz eitel, Geg'n den Tod hält' cr's Kräutcl. Doch so viel' unter d'Erde gebracht sic auch haben, Den deutschen Hanswurst haben sie noch nicht begraben! Hört man jetzt die Mädeln und Frau'n discurir'n Ueber Literatur — ja selbst politisir'n, Wie viele sogar — der Buchhandel beweist es, Dasteh'n als gewalt'ge Amazonen des Geistes, Den Kochlöffel und Strickstrumpf verlassen, Als Blaustrümpfe selbst sich mit'm Dichten befassen, Da sicht man, selbst der Frauen Sinn Neigt jetzt zu tiefem Ernst sich hin. Doch bctracht't man d'Putzdockeu Mit ihren flatternden Locken, Wie um Das sie sich reißen, Was »von Paris« thut heißen, An der Seine und Loire Nur dort wächst das Rare, Dort läßt die Holde Sich d'Haar' stäub'n mit Golde In Paris kann sich's machen, Doch in Wien muß man lachen, Wenn auf unseren Bällen Die Damen gar fehlen. Mancher könnt' man' beweisen, Daß sie längst schon alt's Eisen, Doch das Köpfchen muß sie vergoldet noch haben — Ja — der deutsche Hanswurst ist noch lang' nicht begraben! Betracht't man, was namentlich in unseren Tagen Die Wissenschaft für schöne Früchte getragen, Und es werden die Deutschen am meisten bewundert, Was sic Alles erfunden im letzten Jahrhundert, So ein deutscher Gelehrter — kein' Welt und kein Leben Kann's für ihn — als vergrab'n in dem Bücherstoß — geben. Man sieht, es neigt der deutsche Sinn Sich nur zum tiefen Ernste hin. Doch wenn's die Bahn erst betreten Auf Universitäten — So ein Wissenschaftsjünger, Was macht nicht für Sprüng' er? Da geht auch nicht Einer Ohne den Ziegenhainer, Das ist so ein Schwerstock, Wie ein junger Barrierpflock, Brillen — nie ohne diese! 's Bierglas, hoch wie ein Riese, Kopflos geht er nimmer Pseifenköpf tragt er immer. Am meisten doch eitel, Macht der Tabaksbeutel, Und das Burschenschaftsbandel Auf dem windigen G'wandel, Mit Kanonen thun's durch die Straßen hintraben, Ja — der deutsche Hanswurst ist noch lang' nicht begraben! Verschwunden find jetzt in der Zeit, in der neuen, Die faden Roman- und Mondschein, schwärmereien. »Dein Herz und ein Strohdach* und ähnliche Worte Sind bei Heiratsbewerbungen nicht mehr am Orte. »Ist sie brav und wirthschaftlich? Thut's d'Kochkunst verstehen?« Das sind je tzt die Bedingniß', 'ne Heirat einz'gehen. Man sieht, es neigt der deutsche Sinn Sich jetzt zum Ernst des Lebens hin. Doch bringt man's zu Stande, Auch in ander'm G'wande, Es ist jetzt die Zeitung Don hoher Bedeutung, Man zahlt für's Einrucken Und laßt hineindrucken: »Ich bin ganz passabel, »Und wenn's sein muß auch aimable, »Doch Geld muß sie haben »Nebst anderen Gaben, »Sie schreibt po8te rektante, »Ob für mich sie entbrannte —« Und richtig es rennen D'alten Jungfern was 's können. Die mehr hat, aus Allen Ihm allein nur thut gefallen. — So lang man auf die Art noch Frauen kann haben, Ist der deutsche Hanswurst noch lang nicht begraben! (Ab.) Verwandlung. (Kanzleistube im Gerichtshause, seitwärts ein Schreibtisch mit Acten und Schreibzeug. Eine Mittel- und zwei Seitenthüren.) Siebente Scene. Kathi, dann Robert. Kathi (kommt ganz verwirrt und erhitzt aus dem Seitenzimmer). Ach, es is gescheh'n! — Aber ordentlich den Schweiß hat's mir herausgetricben! —Wann ich gewußt hätt', wie's zugeht bei einer solchen-Klage, und um was einen der Richter Alles fragt, nicht zehn Pferd hätten mich daher auf's Gerichts- 23 Haus gezogen! — (Setzt sich links ) Mir schwindelt — es hat sich Alles mit mir her- umgedreht, aber Recht hat mir der Richter doch gegeben und gesagt hat er, daß er den Robert schon scharf hernehmen wird! — Mein Gott, jetzt dauert er mich fast — und wenn ich's ungeschehen machen könnte — aber warum hat er mich so weit getrieben — es ist seine eigene Schuld I — Rob. (hinten). Kathi! Kathi (erschreckt). Mein Gott-da ist er! — Rob. Jst's schon vorbei? Kathi. Was denn? Rob. Die Klag'! —Hast sie schon angebracht? — Kathi (furchtsam beinahe weinend). Za, ich war einmal in der Rage und jetzt ist es gescheh'n! Rob. (eilt freudig in'S Zimmer herein). Wirklich! — Engel! — Kathi (ihn ganz erstaunt ansehend). Robert, wie kommst Du mir vor? — Rob. O Gott, jetzt lieb ich Dich wieder, bciuahe wieder so wie in der ersten Zeit (sie küssend) -da hast Du ein Busserl, mein Schatzerl — noch eins — noch eins. Kathi. Also hast Tu mich doch noch gern — ja, ja, ich seh's — ich fühl's, und ich, ich Hab' Dich angeklagt — aber gleich gehe ich hinein, und nehme die Klage zurück ! — Rob. Um Alles in der Welt— was fällt Dir ein?— Da wäre ich ja verloren! Kathi. Wenn ich sage, daß Du unschuldig bist! — Rob. Da käm'ich in ein schönes Reuom- me! — Man kommt, gehe jetzt, mein Schätzer!, der Richter darf nichts merken, daß wir einverstanden sind! Morgen werde ich Dir Alles erklären! —(Schiebt sie zur Thür hinaus.) Kathi. Aber sage mir nur— ich bin so neugierig — (Ab.) Rob. (für sich). Es ist richtig der Richter—jetzt nur recht nonchalent— ein Mann wie ich, mit dreißig Gulden im Sack! — Achte Scene. Poriger. Stupfer. Ein Ortswächter. Dann ein Schreiber. Stupf, (tritt mit dem Ortswächter au» der Seitenthür, übergibt dem Wächter ein versiegeltes Papier). Da sehe Er einmal nach, wo Er den liederlichen Lumpen auffindel — vermuthlich in irgend einer Kneipe! — Rob. (mit einer galanten Verbeugung vor- wärts kommend). Wenn ich nicht irre, so ist hier eben von mir die Rede — freut mich außerordentlich — Herr Richter — Ihr ganz Ergebenster- Stups. Ach, Er ist schon hier?— Zch wollt' ihm eben eine Vorladung schicken! — Rob. Bitte. — zu viel Aufmerksamkeit — zu was sollte sich der wackere Mann bemühen!— Bitte, lieber Herr Wächter, mir das nur gleich zu übergeben!— Wacht, (gibt ihm die Vorladung). Zst mir um so lieber. Da! (Will ab.) Rob. Warten Sie! — Einem Diener, der Einem eine Einladung bringt, muß man doch ein Trinkgeld geben!— Da trinken Sie ans meine Gesundheit I — Wacht. Ich küß' die Hand! — (Ab.) Stupf, (spöttisch). Ei ei! Er ist ja sehr lustig?! — Rob. (sich galant gegen Stupfer verneigend). Das bin ich immer, wenn ich mich in so angenehmer Gesellschaft bewege! Stupf. Ich werde ihm nicht lang angenehm erscheinen — er ist vorgeladen! Rob. Geladen — bei Ihnen — das ist wirklich zu viel! Stupf. Schöne Sachen, die man von ihm erfährt! — Rob. Man thut, was man kann, um das Auge hochgestellter Männer auf sich zu ziehen. Stupf. Da ich eben nichts Wichtigeres vorhabe, so werde ich ihn gleich hier vornehmen! — Rob. Sie find äußert liebenswürdig!— Stupf, (geht zum Tisch und klingelt). 24 Schreib, (tritt aus der Seitenthür). Befehlen, Herr Richter! Stupf. Bringen Sie mir die eben zu Protokoll gegebene Klage der Katharina Plenkler heraus. Schreib, (geht wieder zurück). Gleich, Herr Richter! Stupf, (nimmt eine Prise und sagt la- chend zu Robert). Katharina Plenkler, kennt Er den Namen? — Rob. O ja — das ist ein Name, so süß wie Lebzelten mir Syrup! — Schreib, (kommt zurück mit einem Aktenstück). Hier, Herr Richter! — Stupf, (zum Schreiber). Setzen sie sich hier gleich zum Tisch und protocolliren Sie seine Aussage! — (Er setzt sich.) Schreib. Gleich, Herr Richter! (Holt sich von links vorne einen Stuhl.) Rob. (nimmt ihm den Stuhl ab). Dank recht sehr! B itte ebenfalls Platz zu nehmen! Stupf. Ei, Er macht sich's ja sehr bequem! Rob. Bitte — ich habe nie gehört, daß hier bei Gericht Jemand zum Stehen ver- urtheilt worden ist — immer nur zum Sitzen! — und ich — ein Mann mit dreißig Gulden— ich werde ihm da stehen bleiben? (Schlenkert die Beine über einander, steckt beide Hände in die Taschen deS Beinkleides und wirft sich bequem in die Stuhllehne zurück.) Schreib, (hat sich unterdessen einen andern Sessel geholt und sich ebenfalls gesetzt). Stupf, (die Klagschrift in der Hand haltend). Also hör' Er! — Rob. Ich werde so frei sein! Stupf. Katharina Plenkler, Wäscherin, neunzehn Jahre alt — Rob. Mir hat sie schon dreiundzwanzig eingestanden! Stupf. Führt Klage gegeu Robert Sturmvogel, ehemals Schreiber, derzeit ohne Beschäftigung! — Rob. Das Schreiben freut Einen jetzt nicht mehr! — Stupf. Besagter Robert Sturmvogel habe ihre Bekanntschaft gemacht, als sie bereits in Brautumständen war- Rob. Lüg', daß Du erstickst! — Stupf. Er habe sich lange vergebens um ihre Liebe beworben— sie habe ihn nicht anhören wollen! — Rob. (für sich). Und wir waren schon in der ersten halben Stunde Du und Du! Stupf. Sie führt an: — Rob. (auffahrend). Halt — Herr Richter, beleidigen Sie mir das Mädel nicht! Stupf. Was will Er denn? — Rob. Wie können Sie sagen: sie führt an; Karhi hat noch Niemand angeführt — anführen heißt betrügen! — Stupf. Schweige er — in der Klage führt sie an — Rob. Ah, das ist etwas Anderes — dann lassen Sie's nur stehen! — Stupf. Sie führt an, daß nur seine schlaue Ueberredung, seine Vorspiegelungen sie irregeführt hätten, daß Er sic gewaltsam nach Lachdorf entführt habe! — Rob. Hat sie das gesagt, steht das wirklich da? Stupf. Freilich — da steht's! Rob. Gut! — Lassen Sie's nur steh'n — gewaltsam entführt! — Stupf, (zum Schreiber). Notiren Sie — er gesteht! — Rob. O, ich gestehe Allrs! — Stupf. Dort habe er ihr in das Wasser ein berauschendes Getränk gegossen! Rob. Halt, nein, das ist mir doch selber zu viel — es war gerade umgekehrt, ich habe ihr Wasser in ein berauschendes Getränk gegossen. — Stupf. In dieser Betäubung habe sic ihrem Bräutigam geschrieben, daß sie sich von ihm lossage und dadurch ihre sichere Zukunft aufgeopfert. Robert Sturmvogel habe ihr dagegen geschworen, sie zu heiraten, auch unter diesem Vorwand Geld von ihr entliehen und ihr nicht mehr zuruck- erstattet. Rob. Ich bin wirklich ein niederträchtiger Kerl— haben Sie nur keine Schonung mit mir— ich verdiene keine! — Ich bin ein wLuvai8 sujst, ein koue, ein Oawür! 25 Stupf. Also Er hat gegen diese Klagen gar keine Einwendung? Rob. Gott bewahre! Stupf, (zum Schreiber). Schreiben Sie! Rob. Ich bitte nur bald um mein Ur- theil — ich brauche mein Urtheil so noch- wendig wie einen Bissen Brot. Stupf. Das Urtheil ist in dieser Sache von meiner Seite sehr leicht gefallt! — Das Mädchen besteht hauptsächlich auf der versprochenen Heirat und will in diesem Falle von jeder Klage abstehen! — Will Er sie heiraten? Rob. Gar keine Idee! Stupf. Dann wird die Klägerin puncto Entschädigung rc. auf den Rechtsweg gewiesen! Rob. Was? — ein Proceß? — Das dauert mir zu lang, bis der entschieden ist, sind uns allen Zweien die Heiratsgedanken vergangen. — Das ist mir zu langweilig! Stupf. Was aber das herausgelockte und nicht wieder erstattete Geld betrifft — Rob. Ah, wegen dem muß ich eingesperrt werden! Stupf. Wenn er nicht zahlt. — Allerdings! — Rob. (schlägt ciuf den Tisch). Bravo!! Schreib, (fällt vor Schreck vom Stuhl). Stupf. Was untersteht er sich! Rob. Bitt' um Entschuldigung! — Aber zahlen thue ich nichts. Stupf. Nach Angabe der Klägerin beläuft sich Alles in Allem auf dreißig Gulden! — Also will Er zahlen? Rob. Gott bewahre! — Das wäre zum ersten Male in meinem Leben!—Zch zahle nie was zurück, das ist ganz gegen meine Grundsätze und Principien, und nur Eonsequenz in den Principien — das charakterisier den Mann von Charakter! — Stupf. Gut, so wird man ihn setzen! (Er klingelt.) Rob. (freudig). Zch werde eingesperrt! — Wächt. (tritt ein). Stupf. Führt den leichtsinnigen Schuldenmacher in den Schulde narrest! Rob. (in die Höhe fahrend). Was? in den Schuldenarrest? Stupf. Za, — dort werden scinesGlei- chen aufbewahrt. Rob. (für sich). Eingesperrt werden und nicht in demselben Gefängniß mit Richard — da wäre ja mein ganzer Zweck verfehlt. — Herr Richter! — Stupf. Keine Widerrede! — Rob. Ich fordere Gerechtigkeit! Gleiches Recht für Alle!— Der Bildhauer Richard Stcinwald hat auch ein Mädel entführt und hat ihr nicht einmal Geld herausgelockt, und der fitzt im schweren Kerker im alten Herrnhause—und ich soll fürdasselbe Verbrechen nur so mir nichts Dir nichts in den Schuldenarrest kommen — das ist eine Herabwürdigung — eine Niederträchtigkeit! (Wirft die Amtsbücher auf die Erde.) Gerechtigkeit! — Nemesis Stupf. Er ist ein Narr! — Besagter Steinwald hat einen Menschen körperlich verletzt — deßhalb sitzt er im schweren Kerker! Schreib, (sammelt die Bücher vom Bo' den auf). Rob. Also solche Verdienste sind noth- wendig? — Herr Richter — ich bitte Sie noch um einen juridischen Rath — sagen Sie mir, wäre das genug Verbrechen, wenn ich einen anständigen Menschen so recht ordentlich haue? — Stups. Allerdings — jede körperliche Gewaltthätigkeit. Rob.(streift sich die Aermel auf).Na,also — da wär' ja jetzt die beste Gelegenheit! Stupf, (springt zurück). Ha! — Wächter! — Packt den Wahnsinnigen und werft ihn ohne Umstände in den Schuldenarrest! Wächt. (will Robert packen). Rob. (knieend). Nein, — nur nicht irr den Schuldenarrest! — Stupf. Kann Er zahlen? Rob. Es bleibt mir nichts Anderes übrig! — (Mit schwacher Stimme.) Za, ich will zahlen — ich bringe das Wort gar nicht heraus! (Würgend.) Za, ich zahle! — 26 Stupf. Wo ist das Geld? Rob. Da, wo's noch nie gewesen ist, in meinem Rock! — Stupf, (zum Wächter). So laßt ihn und geht! — Wacht, (geht ab). Stupf, (in einiger Entfernung stehend). Erlege Er nur das Geld dort dem Schreiber! — Rob. Es ist wirklich gräßlich! Vor fünf Minuten noch ein Mann von dreißig Gnl- den und jetzt: ils sont pnsss les jourg eis ketes! Da — 5 — 10 — 15 — ach zählen Sie selber! — Was man einem Menschen für Schwierigkeiten in den Weg legt, wenn er ohnedem nichts Anderes will, als ein anständiges Gefängniß! — Ich habe einen Zorn in mir — ich könnte den Menschen- (Beutelt dem Schreiber den Schopf.) Schreib, (schreit)- Ha! Welche Frechheit! — Neunte Scene. Vorige. Timmel (kommt eilig durch die Mitte). Timm. Guten Morgen, Herr Richter! Stupf, (sehr freundlich). Ah, Herr Gü- tcrinspector, was verschafft mir die Ehre! — Timm. Mich schickt die Frau v. Maihold mit einer Bitte an Sic! (Spricht leise mit Stupfer fort.) Rob. Das ist Einer, der schon lang'was bei mir auf der Nadel hat, der soll mir zum Opfer fallen — aber nur vorsichtig! — Stupf, (zu Timmel). Hat gar keinen Anstand; ich werde der gnädigen Frau sogleich einen Einlaßschein zum Besuch der Gefängnisse aussetzen. (Zum Schreiber.) Null, ist das Geld richtig? Schreib, (hat indessen gezählt, weinerlich). Posskommen! — Stupf. So kommen Sie mit mir! — (Zu Timmel.) Gedulden Sie sich einen Augenblick! — (Zu Robert.) Er kann gehen! Rob. Danke, habe keine Eile. Ich habe hier noch etwas Nothwendiges zu thun! Stupf, (mit dem Schreiber in'S Nebenzimmer ab). Timm, (setzt sich). Möcht' wissen, was der gnädigen Frau wieder einfällt, daß sie die Gefängnisse besuchen will! Rob. (um ihn herumgehend). Die Gelegenheit wäre da — aber ich darf nicht mit ihm allein sein — ich brauch' zwei Zeugen — sonst läugnet er mir die Ohrfeige ab! — Timm. Ah! — Er auch da? — Gewiß wieder was angestellt! — Wenn ich Einen an diesem Orte seh'— weiß ich ohnedem gleich, daß er ein Lump ist! Rob. Freut mich unendlich, Ihnen hier zu begegnen! (Für sich ) Kommt denn Niemand? — Schreib, (kommt zurück). Hier ist die Einlaßkarte! — Rob. Ein Zeuge — jetzt den zweiten! — Herr Wächter, charmantester HerrWäch- ter!— Ich bitte, bemühen Sie sich herein! Wächt. (tritt ein). Timm, (willabgehen). Ich lasse höflichst danken! — Rob. (tritt ihm in den Weg). Halt! — cill Wort! — Daher! — Timm. Was wollen Sie von mir? — Rob. Was haben Sie vorhin gesagt? — Was? — Timm. Ich? Rob. Sic haben mich einen Lumpen genannt, und hier haben Sie die Taxe für den Titel. (Schlägt ihn in'S Gesicht.) Timm, (taumelt zurück). Ha! Was war das? Rob. Kennen Sie 's nicht, so geb' ich Ihnen noch Eine! Timm, (schreiend). Zu Hilfe! Wache! Stupf, (herbeieilend). Was geht hier vor? Mehrere Wächter (eilen herein). Timm. Der Bandit hat mir in mein eigenes Gesicht eine Ohrfeige gegeben! Stupf. Unglaublich! Rob. Bitte! — Nicht unglaublich, ich habe zwei ehrenwerthe Zeugen! — Organ der Gerechtigkeit, geben Sie mir den Lohn ür meine That! — 27 Stupf. 2a, jrtzt soll er Dir nicht aus- bleiben! Gewaltthätigkeit hier im Amtshanse? — Packt ihn — fort mit ihn in schweren Kerker! Rob. (wird gepackt). Endlich! — Der Mensch soll nie verzweifeln — ein redliches Streben kommt doch zum Ziel! (D e r V o r h a n g fällt.) Dritter Llct. (Ein großes düsteres Gewölbe von mittelalterlicher Bauart. — An der Hinterwand ein niederes Bett, auf welchem Richard fitzt; neben dem Bett eine mit Eisen beschlagene Thür, links Tisch und Stuhl) Erste Scene. Richard (auf seinem Lager). Wie wird das enden? Wenn mein Nebenbuhler die Wahrheit sagt, so kann man mir nichts anhaben, aber er wird cs nicht, eben weil er mein Nebenbuhler ist! — Was wird indeß aus meiner armen Minna werden? — Ich vermag nicht daran zu denken,—mein Gebirn brennt mir und dabei diese Abspannung — wenn ich nur schlafen könnte! — (Man hört an der Hinterwand draußen ein heftiges Hämmern.) — Was ist denn das? — Ah, die Maurer werden ihre Arbeit im Nebengefängnisse beginnen!— (Wieder klo- pfen.) Nein, hier ist an ein Schlafen nicht zu denken! — Zch muß versuchen, das Bett auf eine andere Seite zu schieben! (Er schiebt das Bett.) Es geht! — (Die Wand unter dem Bett 'bricht ein und Robert steckt seinen Kopf durch daS Loch.) Zweite Scene. Robert. Richard. Rob. Entschuldigen Sic, wohnt hier Herr Richard Steinwald? Rich. Was — seh' ich — Robert — Du? — Rob. 2a, ich bin so frei, auch eingesperrt zu sein! — Ist es erlaubt einzutreten? — Rich. Aber sag' mir nur, wie kommst Du hierher? Rob. Wie? — Auf allen Vieren! — Woher?— Aus dem Gcfängniß nebenan! — Die Maurer, die oa drüben arbeiten, haben ihre Werkzeuge liegen lassen, und mit Hilfe derselben habe ich die schwache Mauer durchbrochen!— Warum ichhicher- komme? — Wegen Dir! — Rich. Wegen mir? Rob. Ja, es handelt sich darum, Dich zu retten! Du Haft einen Brief von der Frau v. Maihold? Rich. (zieht den Brief hervor). Ja, hier bei mir! — Rob. Dieser Brief ist deine Waffe, er ist eine förmliche elektrische Batterie, die mit einem Schlage diese Creatur zu Boden schlagen soll— gib ihn nur geschwind her! Rich. Wie? Du muthest mir zu, daß ich diesen Brief zu einem solchen Zwecke hergebc? — Rob. Aber es ist ja der Brief deiner Feindin! — Rich. Sie schrieb ihn, als sic mich noch liebte; und cs wäre eines Mannes unwürdig, den Beweis der Schwache, welchen ein Weib in der Leidenschaft der Liebe in seine Hände gab, nun zu ihrem Verderben zu veröffentlichen! (Steckt den Brief wieder in die Brusttasche von auswendig.) Rob. Aber denk doch nur, was ich Alles des Briefes wegen unternommen habe! — Ich lasse mich einsperren, habe das Glück, in das Gefängniß neben Dir zu kommen, grabe mich da durch wie ein Maulwurf, und jetzt soll das Alles nur geschehen sein, um deine lächerliche Diskretion zu bewundern? Da sieh'mich an— ich bin nie diskret — da — hast Du einen Brief von meiner Kathi — lese ihn! Rich. Ich habe kein Verlangen darnach! Rob. Oh, das ist ein Brief, der meine Kathi ungeheuer compromittirt!—Ich hatte 28 ihr nämlich früher geschrieben, sie soll mir Geld leihen, und sie schreibt mir in dem Brief, daß sie selbst keines hat! Du siehst — ich theile Dir die zartesten Beziehungen zwischen uns mit! — Lies! — Rich. Halte Du's — wie Du willst; ich gebe Dir aber mein Ehrenwort, — daß ich Dir diesen Brief nicht ansliefcre — darum kein Wort weiter davon! Rob. Ist das ein Dickschädel! — Jetzt soll Alles umsonst sein? — Justament soll's geschehen, auch gegen seinen Willen! — Na also, wenn Du schon ein so großes Vergnügen daran findest dahier zn sitzen, mir thut die Luft mit dem Armensünder- Geruch nicht gut — ich werde sehen, so bald als möglich wieder hinauszukommcn. Also, lebe wohl! Rich. (düster). Leb' wohl! — (Reicht ihm die Hand.) Rob. (ungemeine Rührung affectirend und sich zum Weinen zwingend). Gott, ich kann Dir gar nicht sagen, wie mir um's Herz ist — so- Rich. Weine doch nicht wie ein altes Weib! Rob. (schluchzend). Ich kann nicht anders weinen! —Ich Hab' so stockfinstere Ahnungen ! — Richard — laß Dich noch einmal umarmen! (Umarmt ihn und zieht ihm während der Umarmung den Brief auS der Seiten- tasche und macht, da er selbst von Kalk und Mdrtelstaub ganz bedeckt ist, auch Richards Rock ganz voll davon.) Still — hörst Du nichts? — Schritte auf der Treppe! — Rich. (eilt zur Thür und horcht am Schlüsselloch). Rob. Ich hab's! — derKathi ihr Brief paßt gerade für das Couvert auch — also geschwind hinein mit der Kathi ihrem Brief in das Couvert — und dieser Brief bleibt mein Cigenthum! — l Rich. Um Gottes willen, mach daß Tu sortkommst, ich höre Schritte aus dem Gange! — Rob. Also leb' wohl, sei nicht bös aus mich — so, jetzt ist Alles wieder in Ordnung! —.Um GotteS willen, — ich höre schon die Schlüssel — ich kann nicht mehr hinaus— (erblickt den Pfeiler). Ha! — hier der Pfeiler! (Schlüpft hinter den Pfeiler und Richard schiebt das Bett vor die Maueröffnung. Man hört gleich darauf daS Geraffel von Schlüsseln und die Thür wird geöffnet.) Dritte Scene. Richard. Kaltherz. Anna v. Maihold. Kalth. (mit einem Licht). Geben Ew. Gnaden Acht! Da sind Stufen! — Anna (in einen Mantel gehüllt tritt ein). Rich. (überrascht). Frau v. Maihold! Anna (leise für sich). Er ist's — jetzt Schlauheit — steh' mir bei! (Zu Kaltherz.) Bleibt ans dem Gange und laßt das Licht hier! Kalth. (stellt das Licht auf den Tisch und geht ab). Sehr wohl, Ew. Gnaden! Anna (nach einer Pause). Sie sind durch meinen Besuch überrascht?! Rich. Sie wollen sich vielleicht an dem Unglück Ihres Feindes weiden! — Anna. Diese Meinung hoffe ich bald zu widerlegen. Sie wissen nicht, was während Ihrer Gefangenschaft außerhalb dieser Mauern vorging. Rich. (verzweifelnd). Um des Himmels willen! — Mxmx Minna- Anna. Beruhigen Sie sich, sie ist unter meine Huth gestellt, danken Sie dem Geschicke, daß es so kam! — Rich. Wie soll ich das verstehen? — Anna. Ich habe das Mädchen nun näher kennen gelernt und sah ein — daß dieses reizende Geschöpf mein Bild ans Ihrem Herzen verdrängen mußte — ich sah mich besiegt, doch wollte ich durch meine Großmuth Sie überzeugen, daß ich vergebe! — Rich. Was sagen Sie? — Anna. Jeder Hoffnung auf die Rückkehr Ihrer Liebe entsagend, gab ich den ungestümen Bewerbungen des Grafen nach — ich bin seine Braut! 29 Rick. Nehmen Sie meinen Glückwunsch ! Anna. Sie werden einsehen, daß in diesem Verhält» isse meine Verwendung beim Grafen viel — ja Alles vermag! — R i ch. Wenn Ihre Großmuth will — an Ihrer Macht zweifle ich nicht! — Anna (sich ängstlich uinsehend, mit dämpfender Stimme). Wenn ich nicht durch Sie ohnmächtig gemacht— ja vernichtet werde! Rich. Was trauen Sie mir zu? — Anna. Es kann ohne Ihre Absicht geschehen — jener Brief! — besteht er noch? Rick. Ja! Anna. Um des Himmels willen, man wird Ihre Wohnung durchsuchen! Rich. Ich habe ihn bei mir! Anna. Heiliger Gott, um so gefährlicher. Kann man nicht hier Ihre Kleider durchsuchen? Richard, wenn Sie nicht selbst das Werk Ihrer Rettung unmöglich machen wollen; geben Sie mir denBrief zurück! — Rich. Ick weiß nickt, ob die Absichr, mich zu retten, ebenso aus dem Grunde Ihres Herzens wie auf Ihren Lippen ist; ich weiß nicht, ob nicht bloß der Wunsch, den für Sie gefährlichen Brief zu erhalten. Sie bieher geführt hat, aber das Eine weiß und fühle ich, daß ich in dem Augenblicke, als Sie ihn zurückverlangen, kein Recht mehr habe, ihn zu behalten! — Hier ist der Brief; nehmen Sie ihn — ich thue hiemit. — was ich thun muß, thun Sie nun, was Sie für reckt erkennen! — Anna (nimmt hastig den Brief). Richard, ich danke Ihnen! Rich. (hastig). Man kommt — verbergen Sie den Brief! — Anna. Nein, ich vernichte ihn! — (Geht zum Lichte, verbrennt den Brief, wirft die Asche auf den Tisch und stellt endlich den Krug darauf.) Es ist geschehen — nun bin ick ruhig! — Vierte Scene. Vorige. Kaltberz. Stupfer. Stupf, (kommt mit Kaltherz). Gnädige Frau, eben erst vernahm ich Ihre Anwesenheit — entschuldigen Sie, — daß ich nicht sogleich die Ehre haben konnte! — Anna. Ich danke Ihnen; mein Herz trieb mich nachzusehen, ob ich nickt etwas zur Linderung des Unglücklichen beitragen könnte und wenn Sie mir gefällig sein wollten — — Stups. Befehlet« Sie. Was mit meiner Pflicht vereinbar ist- Anna (für sich). Ich muß ihn sicher machen! — (Laut.) Wenn Sie für den armen Verirrten ein etwas anständigeres Gewahrsam hätten!? — Stupf. Ich freue mich Ihnen gehorchen zu können; im ersten Stockwerk sind leichtere Kammern, ich werde ihu sogleich in eine derselben bringen. Anna. Und was sonst seine Lage erleichtern kann, gewähren Sie ihm! — Doch nun muß ich fort. (Zu Richard leise.) Bauen Sie auf mich, doch schweigen Sie!— (Von Stupfer bis zur Thür begleitet ab.) Rich. (fürsich.) Ist ihre Sinnesänderung Wahrheit, oder dient die Larve der Grazien wieder dazu, um das Medusen- Haupt zu verbergen ? Stupf. Nun, Sie haben Glück. Die Verwendung dieser Dame vermag viel! — Folgen Sie mir, ich will Ihnen sogleich ein besseres Zimmer anweisen lassen. Rich. Ich bin bereit! (Ab mit Stupfer. Robert niest.) Stupf, (der vorauSgeht, glaubt Richard hat geniest, dreht sich um und sagt). Zur Genesung! (Beide ab; man hört die Thür von außen verschließen.) Fünfte Scene. Robert (allein, er tritt aus dem Pfeiler hervor). Es war richtig die höchste Zeit — aber Gott sei Dank — den Brief habe ich; 30 sie haben dafür zwar bis jetzt noch mich, aber die Voranstalten sind getroffen, und unter den gegenwärtigen Verhältnissen wird mir das Hinaus kommen leichter werden, als mir das Hi nein kommen geworden ist. Mein Ziel ist erreicht — und ich habe das ganz allein zu Stande gebracht. Ja, der Starke ist am mächtigsten allein. Ich will jedoch durch diesen Ausspruch den Vereinen nicht im mindesten zu nahe treten, im Ge- geuthcil, es gibt Niemanden, der das Wirken so vieler vortrefflicher Vereine mehr anerkennt, als ich; ja, es sind mir noch immer viel zu wenig Vereine und mitunter ließe sich der Wirkungskreis der bestehenden noch viel weiter ausdehnen, — dafür liegen hundert Beweise vor. Couplet. Wie weise dieß, daß man daran gedacht, Die Kinder vor all'n zu bewahren, Daß man schon die keimenden Seelen be- i wacht Vor Roheit und Sittengefahren; Dieß muß jeden Menschenfreund innig erfreu'», D'rum Lob dir und Heil — Kinderbe- wahrungs-Verein! Doch brauchten auf Ehre Bewahrung nicht minder Mitunter vierundzwanzigjährige Kinder, Trag'n sie stakt den Windeln auch Fracks und Quäcker, Sind's doch noch viel ungezogener und kecker, Begeh'» frechen Diebstahl — 's ist wahr, was ich sage, Sie stehlen dem Herrgott nur ab seine Tage, Berauben die Mädel, molestiren die Frauen, Für die sollt' man auch eine Oreelrs erbauen, Es wäre, beim Himmel! Ein Schauspiel für d'Engel — In der Wiege fest eingesatscht solch' ein Engel, Statt Cigarren den Sutzel im Maul. - Ich komm' ein Um den: »Große Fratzen - Bewahrungs-Verein!« Auch in dem Gefall'nen den Bruder noch seh'n, Dem, der aus dem Kerker entlassen, Mit Rath und kräftiger Hilf beizu- steh'n, Daß er kann das Bess're erfassen, Das ist schöne Menschenpflicht, darum Gedeih'« Dem »Entlassener Sträfling-Besserungs- Verein!« Doch kenn' ich Einen, der war bloß verblendet, Im Rausch nun hat er sich zum Argen gewendet, War nämlich verliebt so recht über die Ohren, Hat g'heirat't und so seine Freiheit verloren, Gestraft war er g'nug, doch der Himmel war gnädig, Nahm ihm seine Frau und der Straf war er ledig. Doch kaum noch befreit von den drückenden Banden, Ist wieder die Neigung zum Rückfall vorhanden. Bald bleibt er im Koketterie-Netze hangen, Und gibt sich zum zweiten Mal' als Eh'- mann gefangen. Kann, schon einmal verbrannt, doch das Feuer nicht scheu'n, Warum nimmt den nicht in Schutz auch ein »Sträfling-Verein?« Das Rindfleisch ist theuer, zu erschwingen kaum mehr, Wir werden's die Ochsen schon lehren! Wir schlachten jetzt Rosse und sehet nur her, Wir bringen auch ihr Fleisch zu Ehren, 31 Jetzt werden die Ochsen bald billiger sein, Na, guten Appetit, Pferdfleisch - Ester- Verein! Und richtig, man gibt jetzt Festesten mit Zwecken, Macht Braten und Ragout aus den Schimmeln und Schecken, Doch bitt', meine Herr'n, das ist noch nicht der Rechte, Der Esel g'hört auch mit zum Pferdege- schlechte. Und 's gibt manchen Esel, den man nicht kann packen, Und ihn auf der Stell zu Salami verpacken. Denn d'Natur hat als Stiefmutter geg'n ihn sich benommen, So daß um zwei Füß' er zu kurz ist ge, kommen, Wenn da der Verein auf ein Mittel möckt sinnen, Daß auch solchen man könnt' Geschmack abgewinnen — Es könnt neben dem Roß-Diner auch noch gedeih'«, Ein zweibeiniger »Esel - Ausschrot- tungs-Derein.« Die Maler schrei'n lange: »Es geht uns nicht gut, Für die Kunst thut so wenig geschehen.« So sah man denn endlich auch ein Institut Für Maler und Bildner entsteh'n. Und Jeder wünscht herzlich das beste Ge- -deih'n, Dem bildende »Künste-Beför der un gs- Vereinl* Doch sieht man so Manche, die Künstler sich taufen, G'rad über die Kunstverein d'Haar sich ausraufen, »O mein Gott,« so schrcien's, »zu Grund müssen wir geh'«, Wenn die Leut' da die ausländischen Bilder auch seh'n, Ein Paul de la Roche und ein Horace Vernet, Ein Tiedemann, Lessing, Büste und Gallait, Neben denen verschwinden ja ganz unsere Namen, Unsere Bilder bleiben ««gekauft in den Prachlrahmen.« Und statt, daß solch' Kunstwerk auch sie reizt zum Streben, Schimpfen's lieber und bleiben beim Schlendrian kleben; So lang' manche Künstler dem Handwerk sich wehi'n, Kommt die Kunst nicht zur Blüthe trotz allem Verein! Es neigt sich zur Milde das Herz edler Frauen, Sie einten sich mit zarten Händen Den Tempel der Wohlthätigkeit zu erbauen, Und Hilfe den Armen zu spenden. Sind Engel die Gründer, gib Gott das Gedeih'» — Ein dreifaches »Hoch!« dir, edler Frauen- Verein! O möchte von all' unseren Frauen doch keine Sich ausschließen von diesem schönen Vereine, Besonders die Frauen, deren Mann oft schlecht d'ran ist, Und arm nur drßhalb, weil er eben ihr Mann ist, Dieweil sie nicht Sinn für ihr Haus, für ihr Kind hat, Auf Putz nur verthut, was er mühsam verdient hat. Auf Bällen sich umtreibt und auf den Redouten, Jndeß durch ihren Leichtsinn der Mann muß verbluten. Wenn all' solche Frau'n zur Erkenutniß doch kämen, Sich einten — zum Bundes - Gesetze zu nehmen: 32 Den eigenen Männern 'ne Hilfe zu sein, Das war' auch ein »Wohlthätiger Frauen-Verein«! — Ein deutsches Lied, gesungen im Chor, Muß jedweden Hörer beleben, Cs begeistert das Herz und entzücket das Ohr, Wenn vereint sich die Stimmen erheben. Glück auf denn zur Sängerfahrt draußen im Frei'«, Du herrlicher Mäuner-Gesanges-Verein! An einen Chor werd' ich stets mich erinnern, Nach Jahren hallet er tief noch iin Innern, Als Schreckliches drohte dem deutschen Haupte, Zuerst man voll Augst schon gefährdet es glaubte, Und gleich daraus die tröstende Knude erschallet: Cr sst uns gerettet! ha! sieh, wie da wallet Die Menge zum Dom, — singt begeisternde Lieder Und weit in den Städten und Bergen hallt's wieder, Wie ein Lied aus einem Mund' tönt's in der Runde, Durch Millionen von Sängern im herrlichsten Bunde. Die himmlischen Heerschaaren stimmen mit ein, Das ist unser »Volker-Gesanges« Verein«. (vr geht zur Maueröffnung, durcb die er ge- kommen.) Verwandlung. (Großer Pavillon im gräflichen Park. Die Hin- terwand besteht auS breiten, beinahe bis an die Decke reichenden GlaSthüren. welche mit großen Vorhängen gedeckt sind. Rechts und links Seitenthüren.) Sechste Scene. Anton, James, Franz. Anna (kommt in vollem Schmuck, die beiden Diener folgen ihr). Seht nach, ob im Parke bereits alle Anordnungen zum heutigen Feste getroffen sind! Franz. (Ab.) Anna. Und wenn Herr Timmel zurückkommt, bestellt ihn augenblicklich zu mir! James. (Ab.) Anna (gedankenvoll). Die letzte Waffe gegen mich habe ich ihn» nun entwunden, mag er jetzt auch frei werden, er wird es nur für den Verlust der Geliebten, die ich noch heute zur Vermälung mit Hornfels zwinge! — Ich habe mich dann an ihm als Menschen und als Künstler gerächt, und er bleibt mir gegenüber ohnmächtig! Siebente Scene. Anna, Timmel, dann Hartinger. Timm, (durch die Seite links)., Gnädige Frau?! Anna. Ah, eben recht! — Sagen Sie mir, wie konnte man sich unterstehen, die Bildsäule im Parke aufzustellen, ohne mich früher in Kenntniß zu setzen? Timm. Um Vergebung, Ew. Gnaden — die Ercellenz haben noch vor einigen Tagen selbst Befehl gegeben, und da der Guß wirklich zur bestimmten Frist vollendet war, so habe ich die Aufstellung vor sich gehen lassen. — Ich habe keine Cvntre- Ordre erhalten! Anna. Sind die Ereignisse der letzten Tage nicht an und für sich Contre-Ordre genug? Doch Sie haben das Standbild gesehen?— Timm. Allerdings, gnädige Frau! Hart, (tritt in diesem Augenblicke durch die Seitenthür ein, zieht sick aber, die Anwe- senden bemerkend, zurück und bleibt lauschend stehen). Anna. Nun, sprechen Sie, was halten Sie von dieser Statue? Timm, (verlegen). Ich? — Ich weiß wirklich nicht — aber in so weit — das heißt — ich meine — wenn man nämlich bedenkt - 33 Anna (zornig). Wenn man bedenkt? — Was gibt's da zu bedenken, wo der erste Anblick genügt, um es als ein durch und durch verfehltes Pfuschwerk eines Stümpers zu erkennen! — Hart, (für sich). Was? Timm, (verbeugt sich). Allerdings, gnädige Frau; das wollt ich eben sagen! Hart, (für sich). O du Rind! — Anna. Ich habe dieses Urtheil bereits zum Grafen ausgesprochen, und will ihm den Zorn, den ihm der Anblick dieses ganz verfehlten Werkes bereiten würde, ersparen! — Ich habe den Architekten beauftragt, das Ganze auf eine passende Art zu verhüllen — gleich nach Beendigung des Festes reisen wir ohnehin auf einige Wochen nach der Residenz und während unserer Abwesenheit soll ein anderer Bildhauer das Erzbild umschmelzen! — Hart, (der sich nun nicht mehr zurückhalten kann, tritt entrüstet vor) Was? — Meinen Gnß umschmelzen? — Million-Kreuz- Boinben und Erdäpfel! — Anna (erschreckt). Herr des Himmels! Timm. Manu! — Was erlaubt Ihr Euch? Hart. Maul halten! — (Dortretend.) Das Monument, der Guß, der so rein und makellos ist, daß der Gras froh sein muß, wenn alle seine Ahnherrn so gegossen sind — und das eine Pfuscherei?! — Timm. Ja, das ist es — elendes Pfuschwerk! — Hart. Was? — Sie sind ja ein unverschämter Bettler. Timm. Was meint Ihr? — Hart. Gestern sind Sie erst mit einer Ohrfeige betheilt worden nnd heute betteln Sie mir schon wieder eine ab? Anna Welche Sprache erlaubt Ihr Euch in meiner Gegenwart? — Ich werde meine Leute — Hart. Fürchten Sie sich nicht, ich thue Ihnen noch nichts; ich sag Ihnen nur im Guten: Machen Sie Friede mit mir! Thrain-Ntprttoir. Nr. 87. Anna. Mit Euch Hab' ich ja nichts zu thun! Hart. Wer meinen Vetter angrcift, der greift mich an, und wer mich angreift, den — (ballt grimmig die Faust, — dann wieder sich besinnend) -aber ich will ruhig mit Ihnen reden! Also wollen Sie Frieden machen mit mir? Anna (höhnisch). Das heißt wohl Frieden mit eurem Vetter? Da wäre ich auf die Bedingungen neugierig! Hart. Die sind sehr einfach: »Richard wird heute noch frei, kriegt seine Geliebte zum Weib und das Monument wird feierlich enthüllt!«—sonst verlangen wir nichts und mischen uns nachher auch nicht in Ihre Angelegenheiten!— Also zum letzten Male: »Wollen Sie Frieden oder Krieg?« Anna (verächtlich). Mlt Wahnsinnigen habe ich nichts zu schaffen! (Will fort.) Hart. Mt sie zurück). Halt! — Also Sie wollen Krieg mit uns? — Gut! aber da schauen's her! (Seine flache Hand weisend.) Die Hand — und — (Anna's Finger be. trachtend) diese zarten Finger! — Wenn wir Zwei zum Raufen kommen, werde ich Ihnen die Fingerchen so zusammenquetschen, daß Sie helllaut zu schreien anfangen! — Timm, (hat Seite rechts gelauscht). Die Gesellschaft — der Herr Graf! — Anna. Der Graf? — Verlaßt mich, oder- Hart. Sie brauchen mir gar nicht zu drohen, jetzt geh' ich, denn jetzt ist der Graf noch blind — aber es wird ein Augenarzt kommen — kein Hühncraugenarzt und wenn der seine Operationen gemacht hat, dann sollen Sie mich Wiedersehen. — Behüt' Sie Gott! (Ab.) Anita (zu Timmel). Daß dieser Mensch keinen Fuß mehr auf unsere Besitzung setzt, so lange wir hier sind! — Timm. Ich werde Sorge tragen! — Anna. Geben Sie den Portiers an allen Ausgängen des Parkes die strengste Weisung, daß Niemand, hören S'c, Niemand eingelassen werde, der sich nicht mit einer 3 Einlaßkarte zum heutigen Feste ausweisen kann! Timm. Ist ohnehin schon besorgt, aber es sind da eine Menge Leute bestellt, die zum Vergnügen der Gäste wirken sollen. Tänzer, Musiker, Taschenspieler und derlei Volk! Anna. Diese werden rückwärts im Wirth- schaftsgebäude untergebracht, bis man sie zu den Produktionen braucht. — Timmel, ich binde es Ihnen auf die Seele, daß Sie heute jede unliebsame Störung verhindern, dafür will ich mit all' meinem Einflüsse mich an der Erfüllung Ihrer Wünsche beteiligen. — Aus Wiedersehen! (Ab ) Timm, (allein). Gott! Nur den heutigen Tag schon vorüber; nur meine Tochter schon unter der Haube — und die Herrschaften wieder in der Stadt — dann habe ich doch einmal wieder Ruh! (Links ab.) Achte Scene. Der Graf, Baron Kielbach und Baron Schultheim (treten im Gespräcbe auf). Graf. Ich bitt' Euch, laßt ab, mir Ge> genvorstellungen zu machen! Kielb. Aber lieber Detter, dein eigenes Wohl! — Graf. Ja, die Sorge um mein Wohl schützt Ihr immer vor, wenn Ihr Frau v. Maihold verleumden wollt! — Schuldh. (beleidigt). Verleumden?! Graf. Ja!— Oder könnt Ihr für eure üblen Nachreden Beweise liefern? Kielb. Hm!— Beweise!?! Graf. Seht Ihr, das könnt Ihr nicht, und so lange Ihr das nicht könnt, danke ich Euch für alle wohlgemeinten Warnungen! — (Wendet sich unwillig ab.) Neunte Scene. Vorige. Timmel. Graf(rasch zu Timmel). Nun, wie steht's mit Hornfels? — Timm. Gott sei Dank, außer Gefahr, er trägt zwar noch den Verband, was ihn aber nicht hindert, heute noch hier zu erscheinen. Graf. Nun, seine schnelle Herstellung wird das Los des armen Bildhauers mildern! — Timm. O, der kommt vielleicht besser d'raus, als er's verdient, vielleicht so ganz straflos! — Graf. Wie das? Timm. Um nämlich meine widerspenstige Tochter endlich zu bewegen, ihm ihre Hand zu reichen, hat Hornfels ihr geschworen, daß er, sobald sie den Contract unterschrieben haben wird, vor Gericht seine Verwundung als keine vorsätzliche bezeichnen und somit die augenblickliche Freilassung des Bildhauers bewirken wird! Graf. Und Ihre Tochter? — Timm. Will nock immer nicht! Graf. Ich will ihr selbst noch vernünftige Vorstellungen machen; doch wie ist's? — Die Gäste werden sich bald versammeln, ist für die Divertissements gesorgt? Timm. Ah! hinlänglich; Produktionen aller Art sind vorbereitet! — Da ist unter andern eben ein komischer Kerl angekommen, ein Italiener, der sich Professor der Magie nennt! — Graf. Ah! Ein Taschenspieler!—Man könnte ihn eine kleine Probe ablegen lassen, so haben wir einen Zeitvertreib, bis die übrigen Gäste kommen! Lassen Sie ihn eintreten! — Timm, (öffnet die Seitenthür). Sie mögen kommen! — Zehnte Scene. Vorige, Robert (unkenntlich durch langes falsches schwarzes Haar und schwarzen Vollbart Er ist ganz schwarz gekleidet, schwarzes Tricot schwarzes Collet u. s. w., tritt keck ein). R ob. Liquors Oonts io ko I'onors cki tar i miei oomplimenti e ck'esser il vostro sekiavo e umilmsimo servitore! Ick Habens der Ehr' zu producir'n heut' mein In^enio vor der hohen Gesellschaften und seinsen gekommen, zu machen vorher meine Aufwartlichkeiten bei der Leeel- lenLs! II mio now6 ö kaolo Lalxa- vinetti, ick sein der eelleftrissimo Professors Lalxavinetti, was haben setzen in estasi der ganzen moncio mit seiner Wissenschaftlichkeiten. Ick haben macken kor- tuna immensa in alle Städten und Lan- den. — Ick haben mir produziren in ?a- ri^i, in I^onckra, in ketrofturAo, in Vienna, e in yueslo momento, in dieser Angenblicken io sono cpii al vostro ser- virio! — Graf. Haben Sie Ihre Apparate bei sich? Rob. ^pparati? — Oosa vol äire? — Oorpo cki kaeefto! Ick brauch keine Apparat!! — Sie mußen nit glauben, daß ich seinsen eome ^li altri, wie eine po- vero ckiavolo von eine Taschenspieler, was Kränchens zu seiner prockuaione viele ma- ekine e instrumenti und eome se äioe in teäeseo: Koffer mit zwei Boden doppelte!— Oft no! Meine Apparats sein meiner spirito, mein inAenio, 1a torrs ckella wia volontä, e poi i miei oeofti — Ie miei mani! — Leeole. Da sein kein doppelter Boden, keine Einverstandlich- keiten! Ick machen Alles, was ick wollen, durch meine inAnensa maAnetioa! — Gras. Also Sie weichen ganz ab von der gewöhnlichen Art Ihrer Kunstgenoffen? Rob. 8i, LiZnore Oonle! — Ick sein eine AuSnahmlichkeiten! Heut zu Tag Taschenspieler sein viel — da — da — da — überall'; — aller Menschen pfuschen in unsere Künsten, ma — io sono pinofto per- suaso, — der allergefährlichsten Taschenspieler sein der Menschen, was gar nit heißen Taschenspieler! — ?sr essmpio! Geh'n Sie auf die Bors, finden lauter Taschenspieler, was eramotiren mit große Geschicklichkeiten die moneta von einer Taschen in die andere; — suchen Sie eine avvoeato, aäesso, Sie finden auch eine Taschenspieler, was escamotiren auf derLi- lariLÄ, auf der Wagen von der santa Aiu- stiLi's, der Rechten und der Unrechten immer von einer Seiten auf der andern! — Suchen Sie eine reäattore von eine Aiornale, aäesso, Sie finden auch eine Taschenspieler, was macken der Kunststücke! mit der Flaschen mit aller Erliste; aller ^rtisle müssen schlucken, äoloe e §arfto— süß und sauer und der Flaschen von der Ueäattore werden gar niemals leer — lVla — das seinsen Alles nir gegen meine Geschicklichkeiten, ick machen Alles durch meine inüuen- Lu MLAvetioa und jeder Menschen muß macken, was ick wollen, er mag wollen oder nitte! Graf. Na, da wäre ich doch neugierig! Eilfte Scene. Vorige. Anna. Minna. Hornsels. (Anna führt Minna an der Hand, Hornfels trägt den Arm in der Schlinge und folgt ihnen.) Timm, (geht mit Robert in den Hintergrund). Graf. Ah, meine holde Braut! Anna. Ich komme Sie zu bitten, Ihren Einfluß aus dieses eigensinnige Geschöpf geltend zu machen! — Minna (kniet). Herr Graf, um Gottes willen, retten Sie mich! Graf. Liebes Kind, stehen Sie auf! Minna. Sie — Sie allein vermögen mein Glück zu begründen, indem Sie einen unschuldigen Verhafteten aus seinem Kerker befreien! Anna. Das vermagst Du nur selbst, indem Du den Contract unterzeichnest, welchen der Notar im Nehengemach bereit hält — und Du wirst es! — Minna. Nimmermehr! Graf. Hören Sie mich ruhiger an! — Timm, (flüstert dem Grafen einige Worte in'S Ohr). Graf, (zu Timmel). Narrheit! — Mir eint. Sie sind albern genug, hinter einem 3 * >sch 36 solchen Charlatan wirklich eine höhere Macht zu vermuthen? ! Timm, (leise). Aber ich habe ihm den ganzen Fall mitgetheilt, und er sagt, er sei es im Stande, das Mädel zur Raison zu bringen! — Erlauben Sie eS doch; — nur als Probestückchen! — Graf. Thun Sie, was Sie wollen! — Timm Maestro!—2ch bitte Sie! — Rob. (feierlich). I^asoiate mi! (Drängt ihn von sich, streift die Aermel zurück dann in Ertase Alle von sich abwehrend). I^asoiate wi solo cou yussta 8iAvor1ua! — Wie heißen Er? Timm. Timmel! Rob. Wie Er heißen? Timm. Ah — Er!—Er heißt Minna! Rob. (geht mit rollenden Augen, die Hände mit den inneren Flächen gegen Minna gekehrt, auf diese zu). Minna! — Minonna! — Mjnonettina! Minna. Mein Gott, was soll das? — Pesre>t mich von dem Wahnsinnigen! — (Flieht vor ihm auf die andere Seite.) Rob. (ist ihr mit gemessenem Schritte gefolgt, dann, noch in der Haltung des Magnetismus. rasch aber leise). Kennen Sie mich denn nicht. Ich bin ja der Freund Ihres Geliebten? Minna (überrascht). Ha!! Graf (erstaunt). Was geht vor? — Timm, (hält den Grafen zurück). Ich beschwöre, Ew. Gnaden, stören Sie ibn nur jetzt nickt im Magnetifiren! Sehen Sie nur, wre sie ihn anschaut, wie behert! Rob. (der immer leise zu Minna gesprochen). Folgen Sie meinem Rath, unterschreiben Sie da d'rinn den Contraet! Sie riskiren gar nichts, wir vernichten ihn später wieder, und jetzt machen Sie die Augen zu und fallen Sie um, sonst sind wir alle Beide blamirt! Minna (finkt auf die Knie). Ick vertraue Ihnen! (Schließt wie überwältigt die Augen und gleitet so zum Boden, daß sie eine kniende Stellung einnimmt.) Rob. (führt sie fort). Xäesso! Der 8i- tznora werden Alles machen und unterschreiben, was Sie wollen!— Xäesso! — (Führt sie ab und winkt Timmel und Hornfels ihm zu folgen.) Timm. Nach Odessa will er! — Merkwürdig! Hornf. Er winkt uns! Folgen wir ihm! (Ab mit Timmel.) Anna (blickt in die Seitenthür). Er führt ne zum Notar! Alle (sehen sich erstaunt an). Graf. Was bedeutet das Alles? Anna (in'S Zimmer sehend). Bei Gott, sie unterschreibt! Jetzt sinkt sie erschöpft in den Divan! — Zwölfte Scene. Vorige. Timmel. Hornfels. Robert. Timm, (herauseilend). Sie hat unterschrieben!— Kein Wort des Widerspruchs! Anna (zu Robert). Mein Herr, dürften wir Sie wohl um Aufklärung bitten? Rob. ?aräovLt6,8iAnora.Das seinsen meine 8eoreto, das sein der Masters voll die MsAnetismo! Timm. Aber daß sie die Augen immer geschloffen hielt?! Rob. ?er clio! — lutti i ückanLatti — aller Brautleuten haben geflossene Augen, rna mack nir, wann sie sein paar Tagen verheirat, geh'n schon wieder auf der Augen! — Graf (hat leise mit Hornfels gesprochen). Hornf. (als Antwort auf das vom Grafen ihm Zugeflüsterte). Ich eile Steinwald's Befreiung zu veranlassen? (Ab.) Graf (zu Robert) Sie haben unser Staunen erregt! — Rob. Bah! — Was ick haben machen mit der 8rAnorina, seinsen noch gar nir, — ma, wenn ick werd machen meine Lr- perimenti mit der Sonnambulismol — 37 Dreizehnte Scene. Vorige. Ein Diener, dann Gäste. Diener. Herr Graf, die Gäste! (Er öffnet die Seitenthür.) (Die Gesellschaft tritt ein.) Gras (ihnen entgegen). Meine wertsten Freunde, ich bitte, einige Minuten hier zu verweilen, aber nehmen Sie sich in Acht. Sie befinden sich hier in dem Bereiche eines mächtigen Zauberers! Gäste. Eines Zauberers?! Graf (zu Robert). Sie versprachen uns noch ein Experiment mit Sonnambulen. Sie baden wahrscheinlich schon eine bestimmte Person bei sich, welche Sie in diesen Zauberznstand versetzen?! Rob. O no, no! Ick haben bei mir n688uno! — Niemand! Zck macken son- narnlrrili tutti! — Wer will! Timm, (erstaunt). Irrtti?! Rob. Jeder wer will! Anna. Wer will? — Jede beliebige Person?— Das dürfte Ihnen denn doch mißrathen! Wie, wenn ich selbst Sie aufsorderte, mich jetzt hier vor all' unfern Gästen in jenen Zauberschlaf zu versetzen? Graf. Anna, was wollen Sie thun? — Anna (halblaut). Ich will ihn nur cm wenig in Verlegenheit setzen! (Laut.) Nun, wollen Sie es wagen? Rob. 8i, 8iAnora! Anna. Sie wollten wirklich? Rob. Oorr Arrrn pinoere!— Tina 86- äia! — Ein Stuhl!— Leelettsvi! Setzen Sie sich! Anna (setzt sich) Ich wage es! — Rob. ^äs88o. Ick werde machen meine marripuIaLions. (Macht die Handbewegung des Magnetisiren«.) Sie werden schlafen ein, e poi ick werden fragen und Sie werden mir sagen verameirts die ganzen Geheim nissen von Ihre Herzeil und Ihre amore! Anna (steht wieder auf). Nein, nein, ich will nicht! — Graf (befremdet). Sic weigern sich mm mit einem Male? Kielb. (boshaft). Es wäre sehr interessant gewesen — recht schade, daß die gnädige Frau nun so plötzlich — Anna (etwas verlegen). Ich denke, zu solchen Experimenten dürsten Sie noch andere Personen finden! Timm. Wenn Ew. Gnaden wünschen, vielleicht Jemanden vom dienenden Personal! Rob. Rravo! tant68eu! Timm. Ja, eine Fadcß! — Jrb werd' gleich nachschau'n. (Geht zur EingangSthür.) Rob. (für sich). Er wird nicht lang zu schauen brauchen; meine Kathi steht schon d raußen anf'm Gang und ist von Allem unterrichtet, und ich hoffe, daß sie als Wäscherin nicht auf ihre Roll'vergessen wird! Timm. Ah! — Famos! — Da plaudert eben so ein kleines Ding mit einem Diener! — He, Du, Kleine komm' herein! Graf (zu Robert). Sagen Sie ihr nicht, was für ein Experiment Sic mit ihr vornehmen wellen! Rob. 6oiN6 vi piso6, l^eoellenL». oonro vi Zirres! — * Vierzehnte Scene. Vorige. Kathi. Kat hi (schüchtern eintretend). O mein Gott, die Menge Leut' — 0 je, und der Herr Gras — und die gnädige Frau — küß' d'Hand,HerrGraf—Sie, wassoll ich denn da? — Timm. Nur nicht so scbeu! — Du hast nichts zu thun, als was Dir der Herr da (auf Robert zeigend) angeben wird! — Kathi. Der Schwarze? j Rob. Vit b>6N6! 8u HU68t3, rUALLLg, — ans dieser Madel ick werden haben vieler magnetischer Einflüssen!— Setz Dir, mein liebes Kind! — Kathi. Was? — — Dahier? — Ah, das schicket sich ja gar nicht! Graf. Setze Dich nur, mein Kind. 38 Kathi. Ja? — Na, wenn's der Herr Graf erlauben, (setzt fick,) daß ich den Schlaf nit austrag! — Sitz schon! — Rob. (magnetisirt sie). Kathi (nach einer Pause). Na nit!! — Was ist denn das? — Mir gruselt's (zuckt) durch Mark und Pein! — Hörens auf! — (Robert macht mit den Händen vor ihren Augen magnetische Bewegungen und haucht ihre Augen an.) Ich will fort — ich kann nicht fort!— So schwer meine Augen— O Gott, ich sterbe! Graf (halblaut). Schläft sie wirklich? Rob. Loeo! Lila äormk!— Er schlafen (Zieht ein versiegeltes Päckchen hervor.) ^äes8v, ickhaben hier unLaeolielto 81 ^ 11 - lato, eine kleine versiegelte kaeoliettv, sein- sen nir zu sehen, nir zu greifen, ick werden legen der Sonnambula der Lalceto auf der Herzen, 6 pol, ick werden fragen , und er werden mir sagen, was seinsen d'rinn in diese Laeotretto? — und der LeoellenLa und der hohen Gesellschaften können sich dann überzeugen, ob sie haben errathen richtig! Anna. In der That, das wäre neu! Rob. (legt das Päckchen auf Kathi'S Brust)- Oite mi! Sagen mir, was seinsen in diese Lsveketto? Kathi (schlafend). Asche von verbranntem Papier! — Timm. Js das wahr? Rob. Pst! — Weißen Du auch, woher ick haben der Aschen! Kathi. Ja, sie ist aus dem Kerker Nr. 2 im alten Herrenhause! Anna (erschreckend für sich). Was sagt sie?— Doch was liegt daran, wenn's auch die Asche meines Briefes ist! — Rob. (zu Kathi). Was sein gewesen der Karta, der Papiere, als noch nite gewesen seinsen verbrannten! — Anna (ängstlich). Mein Gott, sie wird doch das nicht auch verrathen! Kathi (immer mit geschloffenen Augen, aber scheinbar sich innerlich abquälend). Ja! —.Ich sch' es, — ein Brief! Rob. L vsro! — Eine lsttsra! — Und wer haben geschrieben der Isttera?! Kathi. Anna von Maihold! Alle (erstaunt). Wie?- Graf (zu Anna). Sie? — Sie! — (Rasch.) Und an wen? — An wen? — Rob. ^ olii? Timm. Acquit soll sic geben! — Rob. An wen? — Kathi. An den Bildhauer Richard Steinwald. Alle (sehen erstaunt auf Anna). Anna. Elendes Komödienspiel! — Rob. Ick befehlen Dir, Du sollen lesen der lettsra aus der Aschen! — Kathi (recitirend). »Mein innigst geliebter Richard!« Graf. Wie? — Anna (einer Ohnmacht nahe), Lüge, — schändliche Lüge! — Rob. Avanti! Avanti! Weiter! Kathi. »Du quälst mich und Dich mit ungegründeter Eifersucht! — Kannst Du denn glauben, daß mein Herz, in dem nur dein Bild lebt, auch nur das leiseste Gefühl für einen so alten Mann wie der Graf-« Anna (wüthend). Unerhörte Frechheit! — Und Sie, Graf, Sie dulden solche Schmähungen, für die kein Beweis möglich ist!? — Graf (streng zu Robert). Ja, mein Herr, Sie werden beweisen, ob Sie nicht ein strafbares Gaukelspiel mit der Ehre einer Dame, mit meiner Ruhe spielen, oder — Rob. Beweisen? Vsäsrsmo! — Wir wollen sehen, was seinsen d'rinn in diese Paeelietto! (Reiht das Siegel auf, löst langsam das Couvert ab und nimmt Anna'S Brief heraus.) — Looo! Der Aschen haben sick verwandelt und hier sein der Brief von der 8i§nora! Anna (sich vergessend und aufschreiend). Mein Brief?— Unmöglich! — Ich Hab' ihn selbst verbrannt — die Flamme gesehen, seine Asche berührt! — 39 Rob. (m seiner gewöhnlichen Sprache). Sie haben aber nur vergessen, daß der Brief von einer Wäscherin eben so viel Flammen und Asche gibt, wie der einer vornehmen Dame. — Graf. Welche Sprache? Rob. (reißt seine Maske weg). 3a, mit der Frau muß man schon deutsch reden, da geht's mit dem Wällischen nicht! —Kathi — steh' auf! — Kathi, es ist aus! Kathi, ich Heirat' Dich! — Kathi (springt auf). 3a!? Rob. Das war ihr Stichwort, aus das bat sie gewartet! — Kathi, mach die Augen aus; jetzt wird Mancher sehend werden, der früher durch seine Gutmüthigkeit zu lang blind war! — Graf (hat den Brief gelesen). Ein UN- läugbarer Beweis!— (Zu Anno.) Madame! Der heutige Tag, an welchem ich Sie vor aller Welt anerkennen wollte, läßt mich Sie erst im wahren Lichte erkennen; vor aller Welt gestehe ich nun meinen 3rrthum ein — verlassen Sie mein Schloß, um es nie— nie wieder zu betreten. Anna (will ihm zu Füßen fallen). Graf (macht eine abwehrende Bewegung). Einige Damen (führen die halbohnmächtige Anna fort). Graf (zu Robert). Mein Herr, ich bin 3hnen Dank schuldig! — Wer sind Sie? Rob. Nichts als ein dankbarer 3ugend- freund des Künstlers Richard Steinwald! Graf. Dem Künstler soll Genugthuung werden, ich habe bereits Hornfels beauftragt, seine Freilassung zu erwirken. Fünfzehnte Scene. Vorige. Hornfels (tritt bei den letzten Worten deS Grafen von links ein). Horns. Und ich habe den Auftrag vollzogen, indem ich dem Richter bekannte, daß ich während deS Ringens in dunkler Nacht selbst in den Hirschfänger rannte. Graf. Und wo ist Steinwald? Sechzehnte Scene. Vorige. Hartinger, dann Minna und Richard. Hart, (von links). Steinwald? Mein Vetter? — Der ist dort, wo er heut' hingehört, bei dem Monument, das man jetzt doch wohl anzuschauen der Mühe werth finden wird! — Graf. 3a! — 3ch will mich überzeugen. Rob. Bravo! — So soll nach so vielen Enthüllungen jetzt auch noch diese vor sich gehen?— Aber dazu brauchen wir noch jemanden! — Heraus, mein Fräulein — heraus! (Ist zur andern Thür geeilt.) Minna (tritt ihm entgegen). Rob. Hier ist seine Braut! — Sie ist erwacht zum Glück — zum ueuen Leben! — Auf!! — (Unter rauscbenden Accorden öffnet sich rückwärts der große Vorhang; — man blickt in den Park, und sieht das im hellsten Sichte prangende Erz-Monument, einen geharnischten Ritter, von einer lebenden Person dargestellt.) Rich. (steht am Fuße deS Monuments). Minna (entzückt). Richard, mein Richard!! — Rich. (eilt Minna entgegen und schließt sie in seine Arme). Timm, (segnet die Liebenden). Rob. Kathi — jetzt wird geheirat! Kathi (stieg! in seine Arme). Alle. Es lebe das Brautpaar! — Hoch der Künstler! — (Unter rauschender Musik fällt der Vorhang.) Ende. > tteyer In unserem hester^ erscheinen demnächst Reperlmr Er kann nicht lesen! Posse in einem Acte von M. A. Grandjean. 7'/, Sgr. oder 35 kr. Ferdinand Raimund. Künstler-Skizze mit Gesang in drei Acten von Carl Elmar. 12 Sgr. oder 60 kr. Der Zigeuner. Genrebild mit Gesang in einem Acte von Alois Verla. 7'/, Sgr. oder 35 kr. Ein Lump. Posse mit Gesang in drei Acten von Friedrich Kaiser. 12 Sgr. oder 60 kr. Druck unv Paprrr von Lropold Lommn in Wir». (Den Bühnen gegenübe r als Manuscript gedruckt.) Er kann nicht lesen. Posse in einem Act von M. A. Grandjean. Im k. k. priv. Carltheater und im Theater am Franz Jofefs»Quai mit glänzendem Erfolge gegeben. Personen: PrimuS, Llarinettist. Hackmayer, dessen Freund. Frau Wenig, Zimmervermietherin, Witwe. Lene, Wäscherin. Dipfel, DerichtSschreiber. Wohnung bei PrimuS, sehr bescheiden mLblirt. Ein altes Sopha links. Bor demselben ein Tisch. Rohrstühle. Ein Kleiderrechen. Mittelthür. Eine Seitenthür rechts. Links ein Fenster. Eine Uhr über der Mittelthür. Neben der Thür ein Spiegel. Erste Scene. Frau Wenig (von rechts). (ES schlägt halb Eins.) Halb Ein Uhr schon! Wo nur Herr Primus bleibt! Herr Hackmayer wollte durchaus nicht mehr warten und hat sein Mittagmahl bereits verzehrt. (Stellt eine be- deckte Schüssel auf den Tisch). Ein bischenSup« pe und ein Stückchen Fletsch Hab'ick für Herrn Primus gerettet... mit genauer Noch, denn Herr Hackmayer hakte einen wahren Wolfshunger. Man hat wirklich seine Plage mit den Chambregarnisten, obendrein gar wenn man sie noch beköstigen muß. Aber was will eine arme Registratorswitwe mit der kleinen Pension ansangen? Man muß eben rhtat«»Rtp«rtoir Nr. SS. 1 sehen, wie man so nebenbei ein Profitchen macht. (Hat während dessen ein bischen aufgeräumt.) Und unordentlich ist der Musikant! Wär' er nicht eine so gute Haut, ich hätte ihm längst die Wohnung gekündigt. «Aber wenn er nun nicht bald rommt, so stell' ich das Essen wahrhaftig für mich beiseite. Zweite Scene. Primus. Frau Wenig. Prim, (wirst sich, eilig eintretend, erschöpft auf s Sopha). Uf— ich falle um! Fr. Wenig. Na, Sie haben höchste Zeit! Eben wollt' ich Ihr Mittagbrot für mich behalten. Prim. O Frau Wenig, das wäre gegen Ihre Natur gewesen. Sie können ja sonst gewöhnlich nichts für sich behalten. (Ißt hastig.) Fr. Wenig. Aber Herr Primus, Sie sind ja durch und durch naß. Prim. Ja wohl, bei dem Regen — Fr. Wenig. Aber Sie verderben mir ja mein Sopha — und Sie erkälten sich oben- drein. Ziehen Sie doch den Rock aus. Prim. Ich bin müde. Fr. Wenig. Keine Umstände! Da! (Gibt ihm seinen Schlafrock und zieht ihm fast mit Gewalt den Rock aus.) 3ch will nicht, daß Sie krank werden. Prim, (essend, mit vollem Munde). Ach, wie Sie für mich besorgt sind, Frau Wenig, das ist wirklich rührend. Fr. Wenig. Na, wenn Sie's nur ein- sehen. Aber wo waren Sie denn so lange? Prim. O meine gute Frau Wenig, das ist eine traurige Geschichte. Ich kriege da vor 5—6 Tagen einen Brief. 3n diesem bestellt mich eine Gräfin, eine polnische Gräfin, ich solle Ende der Woche zu ihr kommen, ich sei ihr recommandirt worden, sie brauche meine Mitwirkung zu einem ländlichen Feste. Na, denk' ich, siehst Du, Primus, Du dringst nun mit deiner Klarinette doch durch— bis in die höheren Kreise hat man schon von Dir gehört — na ja, so 'ne Clarinette hat zuletzt etwas Durchdringendes. Also ich mache mich heute Morgens neun Uhr auf den Weg. Die Gräfin soll in der Victoriastraße wohnen. Ein tüchtiges Endchen Weg bis dahin, nicht wahr? Na, ich finde also die Adresse, aber kein Mensch kennt den Namen — Gräfin Hiszopitzky — ich höre aber, nicht weit davon, in der Bendlerstraße Nummer zweiunddreißig, wohne eine fremde Polin. Na, denk' ich, da wird's wohl sein. Ich setze mich also in Trab nach der Bendlerstraße Nummer zweiunddreißig. Richtig, da wohnt eine Gräfin, das heißt, sie wohnte da bis vorgestern, ist aber keine Polin, sondern eine Russin, und wohnt jetzt in der Königstraße Nummer zwöls.— Himmlisch! — Was war zu machen? Ich nehme einen neuen Anlauf und renne in besagte Königstraße. Mittlerweile fängt es an zu regnen — immer ärger zu regne«. Ich achte das nicht und schreite tüchtig aus. Nach drei Viertelstunden bin ich zur Stelle. Ich finde das bezeichnete Haus, die russische Gräfin ist aber ausgefahren. Man läßt mich auf dem Corridor stehen, ich triefe vom Regen. Ich warte also. Hätt' ich nur meine Clarinette bei mir gehabt, so hätte ich mir unterdessen etwas geblasen, so blieb mir nichts übrig, als zu pfeifen. Der Bediente hält sich darüber aus — meine Pfeife geht mir aus. Nach einer halben Stunde kommt die Gräfin. Ich stelle mich vor — berufe mich auf die Berufung, zeige den Brief vor — sie sieht mich groß an, den Brief aber gar nicht, und sagt endlich in einem Tone, wie ihn meine Clarinette iu ihren schönsten Stunden nicht zu Wege bringt: »Bcttelvolk.« — So läßt sie mich stehen. Der Bediente ladet mich ein, meiner Wege zu gehen, ich weiche nicht, will der Gräfin nach, da packt mich der Unmensch und — hören Sie— wirft mich zum Hause hinaus. Was sagen Sie dazu? Daß die reichen Russen ihr Geld hinauswerfen, Hab' ich wohl schon gehört, aber daß sie Clan- 3 nettisten hinauswerfen lassen, Hab' ich erst heute erfahren. Da stand ich nun auf der Straße im strömenden Regen, wie begossen — einen Augenblick dachte ich daran, der Russin die Fenster einzuwerfen, faßte mich aber und ging ruhig nach Hause. Da haben Sie die trockene Geschichte meines nassen Rockes. Fr. Wenig. Ach, Sie armer Narr! Da ist wohl ein Mißverständniß unterlaufen. Eine falsche Adresse oder dergleichen. Na, ruhen Sie jetzt nur aus, Herr Primus, die polnische Gräfin wird, denk'ich, doch noch einmal schreiben. (Mit der Schüssel rechts ab.) Dritte Scene. Primus (allein, zieht den Brief heraus). Da ist das verwünschte Papier! 'S ist vielleicht eine Nachschrift dabei, aus der ich entnehmen könnte, wohin ich eigentlich hätte gehen sollen. Die Frau Gräfin erwartet mich wohl gar in Polen! — Ach, 's ist eine Schande, aber 's ist einmal so —es darf's nur kein Mensch ahnen: »Ich kann nicht lesen!!« — Nicht einmal Noten lesen—ich bin Elarinett-Zigeuner, spiele Alles nach dem Gehör! Beim Clarinettspielen muß man ja so Alles vom Blatt weg blasen — wozu da Noten! (Dreht den Brief hin und her.) Wie soll ich's denn nur machen, um das Rechte zu erfahren. Verdammte Geschichte! (Steckt den Brief an den Spiegel.) Als ich den Brief bekam, da ersuchteich die Bäckersfrau nebenan, sie möchte mir ihn geschwinde leseu— ich machte ihr weiß, ich hätte so 'nen fürchterlichen Schnupfen und eine partielle Augenentzündung. Da sagte Sie mir, der Brief enthalte eine Aufforderung der Polnischen Gräfin Hiszopitzky, Adresse so und so ... . Und nun diese Verwirrung! War die Russin die Polin? War sie's nicht? Und Bettelvolk. .,. hätte sie mir wenigstens gesagt: mein Freund, Sie irren sich, Sie scheinen erschöpft, hier haben Sie ne Portion Caviar zur Stärkung. Oder hat sie mich nicht verstanden? Was sang ich nur an? Die Bäckerfrau kann ich nicht noch einmal bitten, ich würde mich blamiren. Bah! ich lasse mir den Brief von Jemand Andern lesen. Da werd' ich schon in's Klare kommen. (Setzt sich in 's Eopha.) Vierte Scene. Primus. Hackmayer (von rechts). Hackm. (lachend). Hahaha, das ist ja eine herrliche Avantüre mit deiner polnischen Gräfin! Prim. Ach, hat Frau Wenig schon geplaudert ? Hackm. Versteht sich. In allerGeschwin- digkeit hat sie mir's erzählt. Vielleicht hat Dich Jemand zum Besten gehabt. Prim. Bah! Unsinn! Ich kenne ja die Handschrift der Gräfin. 'S ein eigenhändiger Brief. Hackm. Wo ist denn dieser interessante polnische Brief? Prim. Dort am Spiegel. Er ist aber nicht polnisch — er ist deutsch. Hackm. Darf man ihn lesen? Prim. Mit Vergnügen. (Für sich.) Das ist gescheidt, so brauch' ich ihn gar nicht zu bitten. Hackm. (hat den Brief genommen). Na, hör' mal, für eine Gräfin ist das eme sehr derbe Hand — (Oesfnet den Brief, sieht Primus einen Augenblick an, lächelt verstohlen.) Sapperment, der Brief ist sehr deutsch. Prim. Wie so? Hackm. (liest). »Mein lieber Herr!« Prim. Na weiter. Hackm. (liest). »Lange genug haben Sie meine Geduld mißbraucht.« Prim. Wa — was Hab' ich mißbraucht? Hackm. (lesend, langsam). »Wenn Sie bis nächsten Sonnabend die zehn Thaler, welche Sie mir seit zwei Jahren schuldig sind, nicht zahlen — so lasse ich Sie dieß- mal ohne Gnade auspfänden. Ich bin nicht länger Ihr Narr, sondern Ihr ganz ergebener-* 1 * 4 Prim, (springt aus). Ah, das ist stark. Und wie heißt der liebenswürdige Flegel? Ha dkm. (sieht in den Brief). 3a, die Unterschrift ist schwer herauszukriegen. (Buch, stabirend.) M—a—g nein, das ist kein g, das ist ein y oder ein z! Ah, das kann eben so gut Mayer oder Mager oder Mazeppa heißen. Prim. Warum nicht gar! Ha ckm. Mir ist's leid, daß ich da einen Unrechten Brief erwischt habe. Prim. Nein, das ist schon der rechte. Hackm. Der? Don der Gräfin? Prim. Nein, so nicht, es ist aber doch der, den ich bekommen habe. Es ist gar kein anderer da, so viel ich weiß. Hackm. Der Brief ist allerdings an Dich adressirt. Prim. So? Hackm. Na, so sieh' nur her. Prim. Ja, cs scheint wirklich so. Wenn ich nur meine Brille finden könnte. (Sucht scheinbar ärgerlich in der Tischlade.) Hackm. Kannst Du denn ohne Lorgnette gar nicht lesen? Prim. Nicht einen Buchstaben. Hackm. Aber Du wirst doch wissen, wem Du seit zwei Zähren schuldig bist? Prim. Das soll ich jetzt noch wissen? Lächerlich? Hackm. Wenigstens wer der Mann sein kann, der mit M anfängt? Prim. Ob er mit M oder mit Z an> fängt, das ist mir egal. Aber daß er mit mir anfängt, ist das Gemeine. Hackm. Heute haben wir Sonnabend. Prim. Wahrhaftig — heute ist Sonnabend. Hackm. Hast Du Geld, Primus? Prim. Ah, in Massen. Hackm. Wie viel? Prim. Fünfzehn Silbergroschen. Hackm. Hm, das kann fatal werden. Du weißt, ich stehe Dir gern zu Diensten. Prim. Edler Freund! Hackm. Aber für den Moment bin ich nicht ausreichend bei Easse. Du mußt schon wo anders anklopfen. Prim. Wenn aber der unbekannte M jetzt bei mir anklopft, was dann? Hackm. Na vielleicht, wenn Du gute Worte gibst — Prim. Ach, Du meinst, ein gutes Wort findet immer eine gute Stelle — ja wohl, meine Stelle wird Mösersruh heißen. Hackm. Dann weiß ich Dir keinen Rath, bebe wohl,Freund — ich habe einen kleinen Geschäftsgang, hoffentlich ist Alles in Ordnung, wenn ich zurückkomme! Adieu, Primus. (Durch die Mitte ab.) Fünfte Scene. PrimuS (allein). Ob man da nicht desperat werden könnte! Zst denn der Brief verhert? Die verwünschte Bäckersfrau muß mir ihn doch verwechselt haben! Sie hat mir wahrscheinlich einen Brief gegeben, der für ihren Mann gehört, und hat meinen Brief behalten! — Aber Hackmayer sagt, eS stehe meine Adresse darauf! — Der Brief ist mir zu rund! (Es klopft.) Oho — sollte der zehn Thaler- Mann — (laut) Herein! Sechste Scene. Primus. Lene. Lene. Guten Tag, Herr Primus. Prim. Ah, die Lene! Gott sei Dank. Bringen Sie mir die Wäsche, Lene? Lene. Za, Herr Primus, und die Mutter läßt bitten — Prim. Was denn? Lene. Na, sie ließe bitten, Herr Primus möchte endlich 'mal zahlen. Es macht jetzt Alles zusammen vier Thaler sechzehn Silbergroschen. Prim. Unmöglich, Lene. Mein Budget ist für diesen Monat bereits erschöpft. Zch habe weniger als nichts. Nichtsdestoweniger aber bin ich wie gewöhnlich bereit, 5 morgen zu irgend einem Sonntagsvergnügen wieder Ihren Cavalier vorzustellen, das heißt, wenn Sie bei Caffe sind. Lene. Nein, das muß ich mir verbitten. Nicht wegen des Geldes, das hätte nichts zu sagen. Aber wenn Sie Wein getrunken haben, da werden Sie so — so herausfordernd, und—na, Sie verstehen mich wohl. Seit anderthalb Jahren schon — Prim. Ich verstehe Ihre Anspiegelung, theuerste Wäscherin! Seit anderthalb Jahren mache ich Ihnen den Hof, — ich habe Ihnen die Ehe versprochen, obzwar nur mündlich — mit Hand und Mund— auch mit Kuß — Sie erinnern sich — es war an meinem Geburtstage, ich war damals wie neugeboren — ich werde auch Wort halten, nur möchte ich bessere Zeiten ab- warten. Lene. Ach, da könnt' ich lange Geduld haben. Die Mutter sagt, das müsse aufhören mit Ihnen, ich käme sonst in's Gerede. Ich soll's Ihnen nur rund heraussagen, meint die Mutter. Entweder Sie geben mir's schriftlich, daß Sie mich binnen heute und sechs Wochen heiraten, dann laß' ich auch die Wäsche da, oder aber das Ver- hältniß hat ein Ende und Sie zahlen die Wäsche. Prim. Das kann ich nicht. Lene. Dann geb' ich Ihnen Ihr Wort zurück und nehme meine Wäsche zurück. Prim. Dann Hab' ich, auf mein Wort, nicht ein reines Hemde mehr. Lene, seien Sie menschlich! Meine Absichten sind redlich. Die Annexion soll ja vollzogen werden. Ich habe Sie von der militärischen Occupation — von dem Garde-Kürassier, der Ihr Herz verkannte, befreit, dafür will ich den Schlüssel zu Ihrem Herzen nicht aus der Hand geben. Die natürlichen Grenzen des Junggesellenstandes Hab' ich erreicht — schier dreißig Jahre bin ich alt und denke nun zu freien. Wie gesagt, meine Absichten sind die reinsten von der Welt, nur hat Ihre Frau Mutter so ganz merkwürdige Ansichten— Lene. Wie so? Prim. Na, sie will ja, ich soll der Kunst entsagen, und soll als Ihr Gatte mit der reinen Wäsche zu den Kundschaften herumgeben. Das ist bei den reinsten Absichten doch eine reine Unmöglichkeit. 'S ist schon genug, wenn man eine Schwiegermutter auf dem Buckel hat, aber obendrein noch einen Korb Wäsche? Ne! Ich soll die Kunst und meine Clarinette an den Nagel hängen! Lene. Na, geht's Ihnen denn so brillant bei der Kunst? Prim. Was wollen Sie denn? Mit der Clarinette Hab' ich mir das Geld spielend verdient. Freilich die Pausen sind unangenehm. Lene. Das mein' ich auch. Die Musik trägt Ihnen doch zu wenig. Prim. Sie meinen, mein Rücken könnte mehr tragen. Na, lassen Sie mir Zeit zu überlegen. Lene. Haben Sie vielleicht andere Aussichten, wie? Vielleicht eine neue Liebschaft, was? Prim. Aber Lene! Lene. Sie — hören Sie, Herr Primus, wenn ich hinter Ihre Schliche komme, dann passen Sie auf! Prim. Setzen Sic sich doch nicht solche Ideen in den Kopf. Lene (hat den Brief am Spiegel bemerkt). Was ist das? Dort steckt ja einBrieflWas für ein Brief ist das? Prim. Der Brief dort — ja, das ist ein merkwürdiger Brief. Lene. So? Den muß ich doch lesen. Prim. Können Sie gut lesen, Lene? Lene. Lächerlich. Ich habe Bildung. Ich lese meiner Mutter täglich die Gerichts- Zeitung vor — auch die Romane. Prim. Na, so thun Sie mir den Gefallen, sagen Sie mir, an wen der Brief adressirt ist. Lene (nimmt den Brief und besteht die Adresse). An Herrn Primus, Musiker all- hier. ^Prim. DaS bin ich. Also doch. Lene. Na, Wissen Sie denn nicht mehr, wer Sie sind? Prim. Heute fang' ich an, an mir selbst irre zu werden. Lesen Sie nur, Lene, vielleicht helfen Sie mir aus dem Traum? Lene (liest, stutzt einen Augenblick, lächelt heimlich, steht PrimuS an). Prim. Na? Lene. »Gewissenloser Heuchler!« Prim. Was? Lene. »Endlich habe ich deine Spur gefunden. Du hast mit meinem Herzen ein frevelhaftes Spiel getrieben.« Prim. Lene! Das steht dort geschrieben? Lene. Ja wohl. Es kommt noch besser. (Lesend.) »Aber ich werde Dich verfolgen, werde plötzlich vor Dich hintreten, und dann zittere, Ungeheuer!« Prim. Aber Lene, das ist ja unmöglich der Brief, der dort am Spiegel war. Lene. Was sonst für einer? Sehen Sie doch hin — 's ist kein anderer dort. Prim. Aber den Brief hätt' ich gewiß nicht an den Spiegel gesteckt. Lene. Absichtlich nicht, aber in der Zerstreuung. Drückt Sie denn nicht Ihr Gewissen? Haben Sie gar keine Ahnung, von wem der Brief sein könnte? Prim. Keine Idee Hab' ich. Steht vielleicht »Adele« darunter? Lene. Also haben Sie doch mit einer Adele einen Liebeshandel gehabt? Prim. I, das sind wohl schon an drei Jahre her. Steht wirklich Adele darunter? Lene. Nein. Prim. Na, dann weiß ich nicht. Doch nicht Bertha? Lene. Na, das ist ja äußerst nett! Sie gehen förmlich nach dem Alphabet vor. Zuerst A — Adele, dann B — Bertha, nachher kommt wahrscheinlich C — Clara — Prim. Aber Lene! Lene. Ruhig, gewissenloser Heuchler. Jetzt sind Sie also über D — E — F — G — H — 3 — K beim L angelangt, darum haben Sie sich eine Lene ausgesucht. Wenn Sie mich sitzen lassen, kommt dann wahrscheinlich eine vom M Marie, Mathilde oder dergleichen d'ran. Prim. Aber Lene — unser Derhältniß dauert nun ja schon ein und ein halbes Jabr. Lene. Und was beweist das? Prim. Wenn ich nach dem Alphabet weitergehen wollte, könnte ich mich ja doch mit einer Geliebten nicht anderthalb Jahre aufhalten — da würde ich ja alt, che ich bis Z komme. Lene. Sie nichtsnutziger Mensch! Und das sagt er Einem so unverschämt in's Gesicht. Prim. Aber das heißt man jetzt Logik der Thatsachen. Nun bitt' ich Sie, Lene, sagen Sie mir endlich. — Wie ist dieser unbegreifliche Brief unterschrieben? Lene. Wollen Sie's durchaus wissen? Prim. Ja. Lene. Nun also — Prim. Nun also— . Lene. Er ist gar nicht unterschrieben. Prim. Was? Gar nicht? Aber Lene, wie können Sie sich denn so ereifern, wegen eines Briefes von einer so ungebildeten Person, die nicht einmal ihren Namen schreiben kann. Sie, eingebildetes Mädchen! Lene. Schon gut — Sie foppen mich nicht länger. Eine Liebschaft steckt da einmal dahinter. Wie wissen ganz gut, wer es ist. Prim. Na, es kann sein. Lene. Ah, also Sie gestehen — Sic können sich nicht rein waschen. Prim. Ist es nicht Ihr Beruf, Lene, mich rein zu waschen? Lassen Sie die falsche Lauge des Spottes, und mit der sanften Seife der Vergessenheit tilgen Sie die dunkeln Flecke in den Falten meines Herzens. Lene. Ein gutes Mundwerk hat er, das muß wahr sein. Prim. Ich und meine Clarinette— wir spielen nicht absichtlich falsch, Lene, und wenn ich einmal im Jrrthum die Unrechte Klappe erwischt habe, so ist das wohl ver- zeihlich. 7 Lene. Wenn ich Ihnen glauben soll, so müssen Sie thun, was ich schon einmal gesagt habe. Sie müssen mir's schriftlich geben, daß Sie mich in sechs Wochen heiraten. Prim. Ja, ich werd' mir's überlegen. Lene. Also hat die Person doch Rechte? Prim. Nein, sag' ich. Lene. Za, sag' ich. Ich gehe jetzt und hole meinen Detter, der istGerichtsschreiber. Der muß mir die Schrift aufsetzen. Wenn Sie mich nicht heiraten, sollen Sie rnicb kennen lernen. (Wirst ihm den Brief vor die Füße.) Prim, (hebt den Brief auf). Man lernt die Weiber erst dann recht kennen, wenn man sie heiratet. (Bei Seite.) Damit mir aber der Brief nicht wieder vielleicht verzau bert wird, werd' ich mir ein Zeichen darauf machen. So — da liegt das Räthsel — ich mache ein dickes rothes Kreuz außen hin — jetzt werd' ich ihn doch gleich wieder erkennen. (Bezeichnet die Adresse mit einem dicken rothen Kreuz) Lene. Also —haben Sie fich'S überlegt? Wollen Sie die Adelen, Liebschaft aufgeben? Prim. Eben Hab' ich's Kreuz darüber gemacht. Siebente Scene. Vorige. Hackmayer. Hackm. Da bin ich wieder. Na, wie ist's mit den zehn Thalern? Prim. Ah, da denk' ich gar nicht mehr daran. Hackm. Also Alles in Ordnung? Desto besser. Prim. Za — jetzt bin ich erst recht in der Patsche. Die Lene — Hackm. Mamsel Lene! — Ich habe Sie gar nicht gleich bemerkt. (Zu Primus, leise.) Hat sic heute wieder vom Heiraten gesprochen? (Sieht die Wäsche.) Ah, frische Wäsche? Prim. Za—eine schöneWäsche. (Stürzt auf Hackmayer zu.) Sei so gut, lese mir den Brief noch einmal. Hackm. Den Brief? Prim. Za, von dem Herrn Mayer oder Mager oder Mazeppa — Hackm. Recht gern. Du hast also deine Brille noch nicht gefunden? Lene (geht leise um Hackmayer herum und gewinnt seine rechte Seite, leise). Lesen Sie nicht, sagen Sic, es sei Ihnen etwas ins Auge gekommen. Hackm. Hm! Prim, (tritt zwischen Beide und schiebt sie aus einander). Da! (Zu Lene.) Sie bleiben links und Du— (zu Hackmayer) Du stellst Dich da rechts her. So. Dem Brief traue ich nicht mehr. Der changirt, so oft ihn Einer anrührt. Zetzt behalte ich ihn in der Hand. (Hält Hackmayer den Brief vor die Augen.) Also? Hackm. (wirst einen Blick auf Lene). Sie haben den Brief auch schon gelesen? Lene (nickt ihm bedeutsam zu). Za freilich, und ich — Hackm. (für sich). Aha! Prim, (zu Hackmayer). Na, so fange doch an! — Halt — ich muß Nachsehen (besieht die Adresse) das rothe Kreuz— 's ist richtig. Hackm. (lesend). »Mein lieber Herr!« Prim. Steht das gewiß da? — Hackm. Za. Prim. Kein anderer Titel? Hackm. Na, bist Du vielleicht Mitglied der königlichen Capelle oder Clarinett- Profeffor? Prim. Na, ich meinte nur — (Läuft mit dem Brief zur Lene.) So — jetzt haben Sie die Güte. (Sieht den Brief von außen an.) Das rothe Kreuz? Richtig. (Hält Lene den Brief offen hin.) Lene (lesend). »Gewissenloser Heuchler!« Prim, (steht verblüfft). Ah! Hackm. (winkt Lene verstohlen zu — sie winkt zurück — er zuckt die Achseln. Stummes Spiel hinter Primus Rücken). Prim, (macht Pause; sieht Lene, dann Hackmayer in drolliger Verwirrung an). Einer Von Euch kann wohl nicht lesen! Hackm. Was? Ick könnte nicht lesen? (Entreißt PrimuS den Brief und liest sehr schnell). »Wenn Sie die zehn Thaler, die Sie mir seit zwei Jahren schuldig sind, nicht zahlen — bis nächsten Sonnabend nicht zahlen, so lasse ich Sie diesmal ohne Gnade auspfänden u. s. w. u. s. w. Lene (entreißt Hackmayer den Brief). Ich sollte nicht lesen können? (Liest sehr schnell.) »Gewissenloser Heuchler! Endlich Hab' ich deine Spur gefunden. Du hast ein frevelhaftes Spiel mit mir getrieben.« Prim. Mit meinem Herzen — hat's früher geheißen. Lene. Richtig, das Herz Hab' ich in der Geschwindigkeit übersehen — mit meinem Herzen getrieben. Aber ich werde plötzlich vor Dich hintreten n. s. w. u. s. w.« Na, jetzt werden Sie doch überzeugt sein? Prim. Ich verliere noch den Verstand. Lene. Sehen Sie, Herr Hackmayer, ich meine nicht, daß Sie nicht lesen können, das will ich nickt sagen. Aber Sie lesen nach der alten Methode. Sie sprechen nach der alten Methode. Sie sprechen schlecht aus. Jetzt wird in den Schulen das Lesen ganz anders gelehrt, als zu Ihrer Zeit. Hackm. So? Lene (schmeichelnd). Wollen Sie so gut sein, mit mir zu buchstabiren? Sie werden sehen, daß ick Recht habe. Hackm. Na, da bin ich doch neugierig. Lene (buchstabirend). M — e — i — N l — i — e — b — e — r gewissenloser H — e — r — r Heuckler. Na, sehen Sie, man muß sich nur Mühe geben und die Buchstaben so zusammenlesen. (Legt den Brief auf den Tisch.) Hackm. Na, wenn Sie glauben — (Zu PrimuS.) Was meinst denn Du? Prim. Was ich meine? Ich meine — meine Brille muß ich erst haben, sonst kann ich gar nicht meinen. Lene. Ja, das ist die neue Lehrmethode. Hackm. Ah? Und meine gilt nichts mehr? Merkwürdig, wie die deutsche Sprache sich ausbildet. Prim, (für sich). Was für eine Methode hat nun die Bäckersfrau? Die hat eine polnische Gräfin berausgelesen. Hackm. Jedenfalls ist Ihre Methode sehr praktisch, Mamsell Lene. Lene. Versteht sich. (Drückt ihm die Hand.) Hackm. (für sich). Dem intriguanten Mädel muß ich aber doch noch einen Possen spielen. Es wird sich schon etwas finden. (Rechts ab.) Achte Scene. Primus. Lene. Lene. Also, Herr Primus, es bleibt dabei — Sie stellen mir das Heiratsversprechen aus. Ich gehe jetzt zu meinem Vetter und bring' ihn hieher. Wenn Sie sich weigern, macht Der kurzen Prozeß mit Ihnen. Prim. Kurzen Prozeß? Ein Gerichtsschreiber? Das hat er nicht von seinem Principal gelernt. Lene. Ja, er muß Sie gerichtlich belangen, ich bestehe darauf. In zehn Minuten bin ich wieder da. (Ab.) Neunte Scene. Primus (allein). Das ist ein resolutes Wesen! Entweder Hab' ich sie auf dem Halse oder sie wirft mir einen Prozeß an den Hals. Frage: Welches Nebel ist das kleinere? Der Brief bringt mich wahrhaftig noch um mein bischen Gehirn. Die polnische Gräfin, der zehn Thaler-Mann, die namenlose Perfol- gerin — das Alles tanzt mir im Kopf herum, als wenn alle Heren darin ihr Wal- purgisfest hielten. Halt — jetzt mach' ich noch einen Versuch mit meiner Wirthin. (Ruft rechts hinein.) Frau Wenig! 9 Zehnte Scene. Frau Wenig. Primus. Fr. Wenig. Was wollen Sie denn, Herr Primus? Prim. Setzen Sie sich gefälligst hier nieder. Fr. Wenig (setzt sich in s Sopha). Was ist Ihnen denn? Sie sehen ja ganz consus aus? Was ist denn passirt? Prim. Hat Ihnen Hackmayer nichts gesagt? Fr. Wenig. Nein— er ging durch die Küche in sein Zimmer, ohne ein Wort zu reden. Prim. So? Nun denn, hören Sie mich aufmerksam an, beste Frau Wenig! Haben Sie schon einmal einen Taschenspieler gesehen? Fr. Wenig. Za wohl. Prim. Haben Sie gesehen, daß der Hexenmeister zum Beispiel eine Orange in die Hand nimmt und mit einem Male wird aus der Orange ein Karnickel? Fr. Wenig. Za, — das heißt man changiren. Prim. Na sehen Sie, dieser Brief ist so ein changirtes Karnickel. Betrachten Sie einmal den Brief. Fr. Wenig. Na, da seh' ich nichts Besonderes daran. Ein Brief — an Sie? Prim. Za, so sagen die Leute. Bitte lesen Sie ihn nur. Fr. Wenig (öffnet den Brief und liest). Prim. Na, was sagen Sie dazu? Fr. Wenig (verstohlen lächelnd). Was ich sage? Prim. Ah — erlauben Sie. (Besieht die Adresse.) Das rothe Kreuz,— 's ist richtig! Das ist doch ein rothes Kreuz hier auf der Adresse — nicht wahr? Fr. Wenig. Sie wollen wissen, was in dem Briefe steht. Prim. Ach — ich kenne ihn auswendig— ich sehe nur das rothe Kreuz an. Aber lesen Sie nur. Fr. Wenig. Ja, der Brief ist französisch. Prim, (fährt in die Höhe). Französisch? Fr. Wenig. So ist's, und ich verstehe nicht viel davon. Es hat vor ein paar Zähren ein französischer Bijouteriewaarenhänd- ler kurze Zeit bei mir gewohnt, von dem Hab' ich Einiges gelernt. Ich werde versuchen, ob ich den Brief übersetzen kann — aber es wird schwer gehen. Prim. Das ist ja schauderhaft! Jetzt kommt noch eine babylonische Sprachverwirrung dazu. Fr. Wenig (murmelt vor sich hin). lVIon- sieur! ^6 suig Kien rsjoui—l'tronusur — lnerr werei — vodrs 1re8 Irumlrls, — Aha, ich hab's schon — so aus's Wort wird's ja wohl nicht ankommen. Also, in dem Briefe steht ungefähr: es bedankt sich Jemand schön für eine Gefälligkeit, die Sie ihm erwiesen haben, und schickt Ihnen aus Erkenntlichkeit nächstens einen Sack Kartoffeln. Prim. Aus Erkenntlichkeit — mir — aus Frankreich, was man pommss äv tsrrs nennt? Fr. Wenig. Za. Prim. Und wie heißt denn dieser dankbare Franzose. Fr. Wenig. Das bring' ich nicht heraus. Prim. Also ein erkenntlicher Mann mit einer unkenntlichen Unterschrift. Fr. Wenig. Na, Kartoffeln kann man immer brauchen. Aus so einem Geschenk läßt sich noch was machen. Prim. Glauben Sie, ich werde die verhexten Kartoffeln nehmen? Der Brief ist vielleicht aus dem Riesengebirge — ein Spaß vom alten Rübezahl — der liebt solche Witze. Wenn ich die Kartoffeln im Zimmer habe, verwandeln sie sich vielleicht in lauter Padden. Fr. Wenig. Aber ich bitte Sie, Herr Primus — Prim. Reden Sie nichts mehr, Frau Wenig — Ha — sein Sie so gefällig, bringen Sie mir Licht! 10 Fr. Wenig. Wozu denn? (Hackmayer tritt von rechts ein und bleibt lauschend stehen.) Prim. Ich Hab' einmal in einem Büchlein gelesen, (für sich) —das heißt, ich hab's lesen hören — (laut) daß man Briese mit sympathetischer Tinte schreiben kann, bei welchen die Schrift erst dann sichtbar wird, wenn man das Papier über der Flamme wärmt. Fr. Wenig (lächelnd). Je nun, es ist ja möglich. (Rechts ab.) Eilfte Scene. PrimuS. Hackmayer. Prim. Vielleicht komme ich doch noch dahinter. Hackm. Auf diese Weise nicht. Ich will Dir Alles gestehen, aber Du darfst nicht döse werden. Prim. Na, nur heraus damit. Hackm. 3ch habe mit Dir nur einen Scherz getrieben — Prim. So? Hackm. Za, weil Du — deine Brille nicht finden konntest, so wollte ich Dich mit dem Briefe ein wenig foppen. Prim, (lacht gezwungen). Hahaha! Hackm. Die Geschichte von den zehn Thalern habe ich erfunden. Der Lene gab ich einen Wink, die hat nun auch in der Geschwindigkeit etwas combinirt. Prim. Das heißt, znsammengelogen. Zhr seid mir ein paar recht nette Leute. So ist's also wahr mit der polnischen Gräfin? Hackm. Warum nicht gar! Prim. Aber die Bäckersfrau nebenan— Hackm. Ah, die wollte wahrscheinlich die Wahrheit nicht sagen, weil fie's mit der Lene hält. — Sie will, Du sollst sie heiraten. Prim. Die Bäckersfrau? Hackm. Nein, die Lene. Prim. Und deshalb. . .? Hackm. Deshalb hat sie nicht das Richtige gelesen, weil das ihre Absichten stört. In dem Briefe steht nämlich etwas Angenehmes. Prim. Ah ja — Also ist'S richtig mit den französischen Kartoffeln? Hackm. Was für Kartoffeln? Prim. Nun ja— die Frau Wenig sagte mir so. Der Brief ist französisch — Hackm. Das ist nicht wahr! Prim. Aber wie kommt denn unsere Zimmervermietherin dazu? Hackm. Ich will Dir was sagen — sie kann nicht lesen! Prim. Ah so! Hackm. Sie schämt sich aber, das merken zu lassen. Natürlich. Prim. Natürlich. Hackm. Man will nicht gerne, daß die Leute dahinterkommeu. Prim. Versteht sich. Hackm. Und da hat sie eben auch etwas — erfunden. Prim. Hm, hm! Hackm. Der Brief ist aus Steglitz. (Oder sonst ein Name eines in der Nähe lie- genden kleinen OrteS.) Prim. Don meinem Schwager? Hackm. Ganz recht — von deinem Schwager. (Nimmt den Brief vom Tische.) Er schreibt: (Liest.) »Lieber Anton! Ich habe Dir etwas Neues mitzutheilen. Die blonde Kathrine, auf die Du Dich wohl noch erinnern wirst, ist wieder da.* Prim. Die Kathrine? Ein gutes Mädel — aber sehr dumm — und häßlich. Hackm. (liest weiter). »Du weißt, Sic war Wirthschafterin bei einem reichen Vetter in Schlesien. Der ist vor vierzehn Tagen gestorben und hat ihr sechstausend Thaler vermacht.« Prim. Der Kathrine? Ein Wetter- Mädel, die Kathrine — sehr schöne Zähne hat sie — das ist wahr! Hackm. (liest). »Du weißt, sie hatte von jeher ein Auge auf Dich geworfen.« Prim. Auch hübsche schwarze Augen— hat sie.—Ja, das konnte freilich die Lene nicht über'S Herz und über die Lippen bringen. Das versteht sich. Hackm. (liest). »Sie fragte auch sogleich wieder nach Dir. Anton — das wäre eine Partie. Wenn Du abkommen kannst, besuche uns. — Kathrine läßt Dich vielmals grüßen. Dein treuer Schwager Jacob!« Prim. Ich komme schon. (Zieht den Echlafrock aus. den Rock an und setzt den Hut auf.) Ich packe zusammen und fahre ab. Hackm. Nach Steglitz? Prim. Richtig. (Packt die Wäsche in ein großes Tuch.) Mit der Potsdamer Eisenbahn ist's ja nur ein Katzensprung. Dritte Classe drei Silbergroschen — die Reisekosten kann ich gerade noch bestreiten. Hackm. Recht so — beeile Dich nur. (Für sich.) Die Lene wird sich ärgern! Prim. So— ick bin schon fertig. Gott befohlen, Freund Hackmayer! Hackm. Glückliche Reise, lieber Primus. — Hast Du jetzt deine Brille? Prim. Ja wohl, die Hab' ich. — (Mt zur Thür.) Zwölfte Scene. Vorige. Lene. Dipfe! (durch die Mitte). Frau Wenig (von rechts). Lene. Da bin ich mit dem Vetter Ge- richtsschreiber. Dipfel. Herr Primus, sind Sic entschlossen, sich zu verehelichen? Prim. So ist es. Lene. Aha, weil er Ernst sieht. Prim. Ich bin eben im Begriff nach Steglitz zu fahren. Dort wird geheiratet. Lene. In Steglitz? Prim. Meine Zukünftige heißt — Kathrine und athmet in Steglitz. (Hebt sein Bündel in die Höhe.) Lene. Oho! Prim. Aha! — Du stutzest! Ja nun weiß ich Alles, weiß, daß ich mit dem Briefe allerseits gefoppt worden bin. Ist's wahr oder nicht? Lene. Hackmayer. Frau Wenig. Ja, es ist wahr. Prim. Jetzt kenne ich aber den wirklichen Inhalt. In Steglitz nämlich krieg' ich eine Braut mit sechstausend Thalern. (Nimmt Hackmayer den Brief ab.) Lene. In dem Briefe steht das? Prim. Nun ja doch! Lene. Wer hat's denn gelesen? Prim. Ich-nicht wahr, Hackmayer? Lene. Ach so, der gute Hackmayer steckt wieder dahinter! (Lacht.) Na, immer zu, Herr Primus, fahren Sie doch nach Steglitz. Dort wird man große Augen machen, wenn Sie so plötzlich ankommen. Prim. Was? Abermals belogen? Tausend SchockDonnerwetter über Euch! (Stellt den Hut auf den Tisch und wirft den Bündel weg.) Herr! (Zu Dipfel.) Sie sind ein Mann des Gesetzes. Dipfel. Bitte! Prim. Gut, so werden Sie wissen, welche Strafe auf Betrug durch Amtspersonen steht. (Gibt ihm den Brief.) Ich ersuche Sie, mir das hier zu lesen, aber die Wahrheit. Ich gehe von da stracks zur Polizeibehörde und lasse mir den Brief amtlich verdolmetschen! Dipfel (der mittlerweile den Brief geöffnet hat) Der Brief enthält nur einen Spaß, aber ich lese die Wahrheit, ich verstehe keinen Spaß. Hackm. Sie sehen auch darnach aus. Dipsel. Also hören Sie, Herr PrimuS — es wird Ihnen gleich Alles klar werden. In diesem Briefe steht nämlich Folgendes: (Liest gravitätisch.) »Sobald Herr Anton Primus, der, wie mir bekannt ist, nicht lesen kann —* Prim. Was? Dipfel (fortfahrend). »Nicht lesen kann — und den ich mystifiziren will — Jemanden diesen Brief zu lesen gibt, wolle dcr- oder dieselbe ihm nach Belieben etwas weiß machen. Zu Gegendiensten bereit — Anonymus,* 12 Prim. Anonymus! Das heißt — suche mich, wenn Du magst. Na — jetzt wißt Jhr's also — Ich kann nicht lesen! Das ist nun verrathen. Ich schäme mich. Aber (zu Hackmayer) schäme Du Dich auch! Wie kann rin Freund so gegen mich com- plottiren. Hackm. Darum gerade um so mehr. Ein Fremder kann das schwerer wagen, aber ein guter Freund — Prim. Richtig! Wozu hätte man denn gute Freunde, als damit sie Einen foppen. Hackm. Einen Augenblick. (Zu Primus.) Der Brief aus Steglitz eristirt wirklich. Prim. Oho! Wieder 'ne Fopperei! Hackm. Durchaus nicht. Es ist aber nicht der fragliche Brief, sondern der da (zieht einen andern Brief aus der Tasche). Ich habe ihn vor einer Viertelstunde erhalten. Prim. Warum hast Du ihn denn nicht gleich hergegeben? Hackm. Er ist an mich adresstrt. Dein Schwager hat mir geschrieben, weil er weiß, daß Du nicht lesen kannst. Prim. Za so! Also die Geschichte mit der Kathrine wäre wahr? Hackm. Daß sie wieder daheim ist? Za. Prim. Und daß ich heiraten kann, wenn ich will — Hackm. Za. Prim. Auf Ehre? Hackm. (gibt ihm den Brief). Auf Ehre! Da, laß' den Brief lesen, von wem Du willst. Prim. Ah — nun fahr' ich doch nach Steglitz. (Setzt den Hut auf und ergreift das Bündel.) Hackm. Nur Eins Hab' ich erfunden. Prim. Was denn? Hackm. Die sechstausend Thaler. Prim. O weh — da fahr' ich nicht nach Steglitz. (Legt Hut und Bündel ab. Zu Lene.) Wir bleiben die Alten — Lene — Lene. Ich sollte jetzt wohl nein sagen. Doch — ich sage Ja, Herrn Hackmayer zum Trotz. Prim. Nun denn (zu Dipfel). Setzen Sie den Heiratscontraet auf. Ich ergebe mich auf Gnade und Ungnade. — Wenn ich nur den ausfindig machen könnte, der mir dahintergekommen ist, daß ich nicht lesen kann. (Zum Souffleur.) Wie? Wissen Sic was? Na, so reden Sie! Stumm wie ein Fisch! — da hört Alles auf! Der Vorhang fällt. Actus. Von demselben Verfasser erscheint demnächst: Einen Namen will er sich machen. Lustspiel in einem Act. Von M. A. Grandjean sind im Verlage der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, am hohen Markt Nr. 541, erschienen: Rothe Haare. Lustspiel in einem Act, und DasPamphlet Lustspiel in einem Act. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. Heimlich. Lustspiel in einem Act. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr. Die geheime Mission. Lustspiel in drei Acten. 7V, Sgr. oder 35 Nkr. Am Clavier. Lustspiel in einem Act. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. Ein Hut. Lustspiel in einem Act. 7V, Sgr. oder 35 Nkr. Das hohe C. Lustspiel in einem Act. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. DreiViertelaufEilf. Schwank in einem Act. 6 Sgr. oder 30 Nkr. Im Verlage der VaMshausser'schen Ruchhandlung (3osef Rlemm) in Wien, am hohen Markt Nr. 541, find folgende Theater von Johann Restroy erschienen: Glück, Ntifibranch und Rückkehr, oder: Das Geheimniß des grauen Hauses Posse in 5 Aufzügen, 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Einen Jux will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. Zweite Auf. läge, geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Der Zerrissene. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12 . geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Talisman. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Unverhofft. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 alleg. Bild. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Unbedeutende. Possezin 3 Acten. Mit 1 illum. Bild. 12. geh. 20 Sgr. oder t fl. Der böse Geist Lumpacivagabundus, oder: Das liederliche Kleeblatt. Zauberposse mit Gesang in 3 Aufzügen. Dritte Auflage. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Das Mädl aus der Vorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Posse in 3 Acten. 12. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Die verhängnisvolle Faschingsnacht. Posse mit Gesang in 3 Aufzügen. 12 . geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Eulenspiegel, oder Schabernack über Schabernack. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. Zweite Auflage. 10 Sgr. oder 50 Nkr Freiheit in Krähwinkel. Posse mit Gesang in 3 Acten Mit 3 illum. alleg. Bild. 12. geh. 24 Sgr. oder 1 fl. 20 Nkr. Ferner sind daselbst erschienen: Sämmtliche Theater von Grillparzer, Hopp, Kaiser, Castelli, Gleich, Hensler, Weidmann, Keld- mann, Weißenthurn, Deinhardstein, Holbein, Kotzebue, Jffland, Werner, Hafner, Vogel, Körner, Ziegler, Jünger, Collin, Perinet, Huber, Baumann, Birch-Pfeiffer, Schröder, Clauren, Herzenskron, Treischke, Sonnleithner, Chrimfeld, Meisl, Koch, Schildbach, Seyfried, Bäuerle rc. Die Wallishauffer'sche Buchhandlung in Wien, hoher Markt, hält das möglichst vollständigste Lager aller im Buchhandel erschienenen ältesten und neueren Theaterstücke, besorgt das nicht Vorräthige schnell und gibt Verzeichnisse gratis aus. Von Frie - r ich Kaiser find bei uns erschienen: Männerschönheit. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit Titelkupfer. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Eine Posse als Medicin. Originalposse mit Gesang in 3 Acten. Mit allegorischem Bilde. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Fürst. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischen Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Mönch und Soldat. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 6. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbilve.,6. geh. , 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Rastelbinder, oder: 10,000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titel- bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Junker und Knecht. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Acten. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Dienstbotenwirthschaft, oder: Chatoulle und Uhr. Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Doctor und Friseur, oder: die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 Acten. Zweite Auflage. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr. Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. EinneuerMonte-Christo. Original-Characterbild in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Die Frau Wirthin. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. EtwaS Kleines. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Zwei Testamente. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. UnrechtGut. Characterbild mit Gesangin 3 Acten und Vorspiele 12 Sgr. oder 60 Nkr. DeS Krämers Töchterlein. Original-Characterbild in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Eine Feindin und ein Freund. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Von Friedrich Kaiser erscheinen demnächst: Ein Lump. — Verrechnet. — Ein Jagd-Abenteuer. — Irrenhaus. Palais und In unserem jener Theater-Repertmr erscheinen demnächst: Ferdinand Raimund. Künstler-Skizze mit Gesang in drei Acten von Carl Elmar. 12 Sgr. oder 60 kr. Der Zigeuner. Genrebild mit Gesang in einem Acte " von Alois Berla. 7/, Sgr. oder 35 kr. Ein Lump. Posse mit Gesang in drei Acten von Friedrich Kaiser. 12 Sgr. oder 60 kr. D o m e st i k e n st r e i ch e. Posse mit Gesang in einem Acte von Anton Bittner. 7V, Sgr. oder 35 kr. Druck und Paptr, von Leopold Sommer in Wien. (Den Bühnen gegenüber als Manu skript gedruckt.) Ferdinand Raimund. Künstler-Skizze mit Gesang in drei Acten von Carl Elmar. Musik vom Kapellmeister Adolf Müller. Zweite Auflage. Mit glänzendem Erfolge zuerst aufgeführt am k. k. priv. Theater an der Wien. Personen: Ferdinand Raimund. Ludwig Leu, «in dramatischer Künstler, besten Freund. Herr von Prunkenstein. Banquier. Amalie, seine Tochter. Chevalier d'Orange, Amaliens Verlobter. Baron Fescher, ein Millionär. Herr von Blinzouge, ein Spieler. Herr Brauser, ein Schauspieler. Frau Bronn, eine arme Schauspielerin. Ein Bettler. Christof, ein alter Bauer. Mirzel, seine Tochter. Steffel, deren Mann. Ein kleiner Knabe, l deren Kinder. Ein kleines Mädchen, s Franz Rose, ein junger Landwirth, Rai- mund'S Freund. Ein Diener im Kaffeehause. Ein altes Weib. Gestalten aus Raimund'S Werken. Gäste bei Prunkenstein. — KaffeehauSbesuche> Diener. (Die Handlung begibt sich im ersten und dritten Arte in Wien, im zweiten Acte zu Gutenstein.) thtaler-Rtptrioik Nr. 8g. 1 Erste r Ä e t. Elegantes Zimmer bei Prunkenstein. Erste Scene. Prunkenstein. Amalie. (Beide elegant gekleidet kommen von rechts.) Prunkcnst. Nein, nein, Amalie, sage, was Du willst, es bleibt, um gelinde zu sein, eine Unhöflichkeit von Herrn Raimund, mich, seine» Verehrer und Freund, in ein solches eml»arru8 zu versetzen! — Was kann nur die Ursache sein, daß er die Schicklichkeit so weit vergißt, um die versammelten Gäste, welche ich gewissermaßen ihm zu Ehren zu dem heutigen Diner invitirt habe, bereits über eitle Stunde seinem Erscheinen entgegcnharren zu lassen! Amalie (begütigend). Herr Raimund ist ein Poet; dessen Stunden gehören nickt ihm;—- er wird vielleicht einen unerwarteten Besuch von seiner Muse erhalten haben. Prunkcnst. Seine Muse kommt heute erst nach uns! Was werden meine Gäste sich denken! Amalie. Die werden nichts denken, Papa, wenn nur einmal die Suppe scrvirt ist! — Uebrigens ist es ja Allen bekannt, daß Raimund einem entscheidenden Wendepunkte seiner theatralischen Wirksamkeit gegenüberstehe, indem morgen schon die erste Ausführung seines neuen Werkes, betitelt: »Der Alpenköuig und derMenschen- seind,« stattfinden soll.—Bei einem Dichter wie Raimund, dessen Seele mit jedem einzelnen seiner Worte identisch ist, kann es nicht Wunder nehmen, wenn er vierundzwanzig Stunden vor dem Erscheinen seines neuen Produktes eine Gesellschaft um ein Stüiidcken versäumt — ja vielleicht gar aus dieselbe vergißt! Prunken st. Es wäre entsetzlich! — und doch, wenn ich bedenke, daß deinDerlobter, der Herr Chevalier von Orange, sich bereits vor einer halben Stunde in Raimuud's Wohnung begeben hat und noch nicht zurück ist — horch! — man durchschreitet den Vorsaal! — ick bebe! Zweite Scene. Vorige. Chevalier. Cheval. (ein junger, sehr elegant gekleideter Mann, kommt rasch und heiter durch die Mitte). Amalie. Nun, da ist ja der Herr Chevalier. Prunkcnst. (ängstlich). Sie kommen allein?! — und Herr Raimund?! Cheval. Herr Raimonden solgen bald nach;— ich erscheinen als Lml>a88u waren ganz lVIolröre! Amalie (zu Prunkenstein). Also darf ich es glauben? Cheval. Oui, ooi! Prunkenst. Aber Raimund soll's nicht gleich erfahren, erst im Laufe des Festes! Cheval. Kon! don! O, ich haben einer großen Idee! Herr von Prunkenstein, sein mir erlaubt, mit der Zwei da zu thun, was ich wollen? Prunkenst. So weit ich eS erlauben kann — Cheval. Kon! (Schnell zwischen Rose und Amalie tretend.) Mit der Abtatscheln haben noch Zeit! Amalie. Sind Sie mißgünstig, Herr Chevalier? Cheval. Wenn ich wären das, wären ganz anders! — (Sich in Rednerpositur setzend.) Alaäem omeHo ^.M6li6! — Uton- 8i6iir Roß! Sie erwarten einer sehr großen Ehre! Sie werden stehen in einer tabl6uu, der erfunden sein von moi-w6M6! Der ta- l>l6an sein ein ^pot1i6086 auf der Herrlichkeit von einer Dichter! Einer Dichter, der sein aus der Volk, und der werden in der Volk auch bleiben, so lange man fühlen was schön — so lange man schätzen, was gut! (Die Arme ausstreckend.) Also reichen Sie mir Ihrer Arm; ich geleiten Sie jetzt in der t6mxl6, wo der strahlende Gott der A6lli6 werden seiner Propheten bekrönen! Herr Naimoudcn sein der Prophet, und der Gott der A 6 N 16 — sein ich selbst! (Mit Beiden ab nach rechts.) Achte Scene. Prunkenstein (allein'. Ich habe nun Alles gethan, um dem Eigensinn Freude zu mache», und doch ist mir beinahe bang, wenn ich bedenke, daß er bald kommt! — Wie soll ich ihn ansprechen? — Hm, ich will meine Verkleidung benützen! So viel ländlichen Ton Hab' ich doch, als man für die Verlegenheit braucht! — Horch! Hat's nicht geklingelt? Er ist's! Soll ich bleiben oder ihn draußen empfanden? Ich will thun, als bemerkt' ich ihn nicht; so gewinne ich für s Erste noch Zeit! (Setzt sich auf einen Stuhl mit dem Gesicht nach links.) 3V Neunte Scene. Prunkenstern. Raimund. Raim. (tritt rasch von rechts ein und bleibt. Prunkenstein bemerkend, betroffen stehen). Ein steirischer Bauer! — Versteh', man will mich mit der Komödie bestechen! Gut, ich geh' auf das Schaferspiel ein. — Diese Tracht gibt mehr Macht auf's Gemüth! (Nähert sich ihm rasch und ruft.) Grüß Gott, lieber Alter! Prunken st. (aufspringend, mit verstellter Überraschung). Ah! Ah! Guten Abend! (Eich bemühend den ländlichen Dialekt zu imi- tiren.) Will sagen — grüaß God! Raim. (mit ländlicher Vertraulichkeit). Du schaust ja schon gar prächtig aus! Na, was macht denn Dein Töchterl? Prunkenst. Js g'sund. Raim. Die G'sundheit ist d'Hauptsach, das heißt: Nicht nur, die man auswendig seh'n kann. Da d'rinnen muß's g'sund sein im G'müth! Na, das ist wohl bei Euch ohnehin so. (Ihn firirend.) In der Stadt d'rin gibt's aber gar Viel', die da glauben: wann der Leib nur kein' Noth hat! Mit dem Herzen kann's noch so schlecht steh'n! Um das fragen sie gar nicht — daS ist Spaß! Prunkenst. (für sich). Er stichelt aus mich! Nur Geduld! Raim. Hast vielleicht in der Stadt auch Bekannte? Prunkenst. Hin und wieder! Raim. Vielleicht kennst auch den, der mich heut' zu sich eing'laden hat! — Er heißt: Herr von Prunkenstein. Prunkenst. So? (Bei Seite.) Jetzt weiß ich nicht: Soll ich mich kennen? (Laut.) Ja, vasteht st! — Den kenn' i! Raim. Jst's wahr? Na, schau Alter, da känn'st mir ein' G'fallen thun! — Wann Du wieder in d'Stadt hineinkommst, so sag' dem Herrn, ich laß' ihn grüßen; er möcht nicht vergessen auf mich — eS wird ihm schon einfallen: wegen was! Prunkenst. I werd's ausrichten! Raim. Und wenn er fragt, warum ich so lang nicht bei ihm war, so sag' nur: ich hält' viel zu thun, weil ich jetzt mit dem Hobel hantire! Aber wenn er den Wunsch haben sollt, meinem Hobel eine Arbeit zu geben— so darf er's nur sagen: ich komm'! (mit Pantomime) und Hobel ihn ab — ganz umsonst! Prunkenst. Js vielleicht nit mehr noth- wendi! Raim. So hat ihn schon Jemand Anderer gehobelt? Etwa gar die Erkenntniß? Prunkenst. Kann sein; mir sagt's halt der Herr nicht so g'nau! Raim. Na, ja freilich: er ist Banquier, und Du bist nur ein ehrlicher Bauer; ein Mann, der mit Gold nur verkehrt, wirft sich nicht gern an's Pflugeisen weg! — Also richt' ihm halt das derweil aus, und sollt' er vielleicht d'rüber bös werd'n — so sag' nur (ihn wehmüthig anblickend): Der Tischler meint's gut, und er hat vielleicht nicht mehr viel Zeit! Prunkenst. (erschrocken). Lieber Raimund! Raim. Der Tischler meint's gut, und er hat vielleicht nicht mehr vielZeit!(Pause.) (Wieder in Heiterkeit übergehend.) Na, wie s unser Herrgott halt will! — Also komm, Alter, zeig mir dein' Wirtschaft! (Mit Be- ziehung.) Du brauchst halt ein' Schwiegersohn?— Gelt? — Ja, ich glaub' Dir's: man denkt an die Zukunft! Aber geh' nur nicht zu viel auf's Geld — lieber mehr aus den Sinn und auf's Herz! (Ernst.) Schau! — es wär' doch g'wiß schmerzlich für Dich, wann der Tischler vielleicht schon im Grab' wär' und Du gingest am Kirchhof vorbei, und müßt'st sagen: Der hat mehr Ruh' als ich! Prunkenst. Sprich mir nicht vom Kirchhof! Raim Na nein! Was ist denn au dem gar so Schreckliche? Ich Hab' keine Aeug- sten davor! Der Kirchhof ist nur die Fabrik, wo im Stillen bei Tag wie bei nach Nacht 31 das Gcspilmst für den Himmel gewebt wird! Wir Menschen da hier ans der Erd', wir arbeiten nur derweil vor!— Der Eine, der arbeitet schlecht; wird auch dorten sehr puuvrv herumgeh'n! Der Andere arbeitet gut; der kriegt auch dort ein sehr schönes Kleid! (Mit Humor.) Dieses Capitel vom himmlischen Kleid sollten sich besonders die Frauenzimmer merken! (Lachend.) Na also, jetzt komm', Alter! Prunken st. Geh'! Du hast mich ganz melancholisch gestimmt! Rann. Ein melancholischer Bauer! — Haha! Wo soll man denn das Wunder hin- thun?— (Faßt Prunkenstein'S Hand und singt:) Wirst do nit traurig fein, Wirst do nit woana! — Zs do die Welt so schön, Schickt Dir an Gruaß! — Einmal muß Jeder fort, Wissen kann's Koana! — Singt man zu, springt man zu, Bis's halt sein muaß. (Tänzelt in ländlicher Weise, in die Hände klatschend.) Prunke ttst. (sucht es trübselig zu imittiren): Raimund: Leb'n is a schone Sach' — Sterb'n is no g'scheidter — Wann man lebendig blieb, Wurd' man ja z'alt! — Geht man böi Zeiten fort, Kommt man g'schwind weiter! Kann um ein Platze! schau'n, Wo's Ein'm dort g'fallt! Verwandlung. Großer Saal im Hintergründe durch einen pur- purrothen Vorhang geschlossen. — Gäste sind bereits auf der Bühne versammelt. Zehnte Scene. Raimund. Prunkenstein. Gäste. Alle Gäste (rufen, da Raimund eintritt. jubelnd). Unser Dichter soll leben!— Hoch! Ra im. (verlegen). Danke allerseits für diese Ehr'! (Scherzend.) Hörst,Alter, bei Dir aus'm Land — da gibt's ja sehr vornehme Leut'! — Wie kommst denn Du zu dieser Creme? Prun kenst. Nun die Creme — die gehört ja zur Milli! — Also setzen wir uns! (Führt Raimund zum ersten Stuhle rechts, sich neben ihn setzend. — Alle übrigen setzen sich gleichfalls.) Ra im. Was geht los? Prunkenst. Wirst's gleich sehen! Raim. (bei Seite). Aha! — Schmeichelei ! Prunkenst. (winkt). Melodram. (Eine kurze lebendige Musik ertönt, mährend dieser tritt ein): Leu (als wandernder Schüler). Raim. Ah der tausend! — Das ist ja mein — Prunkenst. Still!— Im Moment ist's ein wandernder Schüler! Leu: Hier muß cs sein! — Ich fühl' es nah', Das Bild, das ich in Träumen sah, Das Bild der Kunst, so hehr, so rein — Gewiß — der Tempel schließt es ein! Verfolgend meiner Sehrssucht Spur, Betrat ich diese Wunderflur, Nun steh' ich auf dem fremden Sand, Verlassen, einsam, unbekannt; — Doch ist die Einsamkeit nicht Schmerz! Ein süßes Hoffen hebt mein Herz — Zn jenen Tempel tret ich ein — Ich werde nicht verstoßen sein! (Musik, der Vorhang theilt sich, eine halbrunde glänzende Halle wird sichtbar, in derselben eine terrassenförmige Estrade, auf welcher sich in malerisch contrastirenden Gruppen die bekanntesten Gestalten auS Raimunds Werken be- K finden.) Raim. (vergnügt). Ah, das macht sich gut! — Hahaha! — Das ist ja meine ganze Familie! Leu: Ha! Welch'ein Bild!—Zn bunter Schaar Stellt hier sich ein Geheimniß dar, 32 Das zu enträthseln mich es drängt — Das mit mir selbst zusammenhängt! — Mein Herz erbebt — in süßer Gier — Gestalten! — Kommt — und redet mir! Cheval. (aus der Gruppe tretend). Du wollen treten in der Hans! — Da muffen Du Dich weisen aus Mit deinen Namen, deiner Stand! Leu. Ich bin ein Künstler! Cheval. Ah, charmant! Da dürfen frei Du treten ein — Du sei willkommen der Verein! Leu (nach der Gruppe zeigend). Und wer sind Jene dort? — Sag' an! Chevalier: Das sein Gedicht von einer Mann, Der in der Tiefen, in der Höh'n, Mit gleicher Meisterblick geseh'n! Es sein Gestalten—durch der Kunst Entzogen aus der ird'schen Dunst! Leu. Und was bedeuten sie?—o sprich! Cheval. Nun geben Acht und hören mich! (Nach den verschiedenen Gestalten zeigend.) Dort in der rosigen Gestalt Erkennen Du der »Jugend« bald, Und neben ihr der schwachen Greis, Das sein der »Alter* — silberweiß — Dort jener Mann so ernst und grad, Das sein der »Alpenkönig!« — Schad! Und neben ihm mit krummer Leib, Das sein vom Berg— »der alten Weib!« Dort jener Mann mit stolzer Blick, Der sein »Verschwender* von der Glück Und jener Weib, so voll von Weh, Sein »Cheristane* — seiner Fee! Der langen Zölpel — halb versteckt — Das sein der Geisterfürst — Respect! Und der dort liegen auf der Knie — Sein der »gefesselt Phantasie!* Der dorten steh'n mit grauer Haar — Das sein als Bettler— einer Jahr! Und neben ihm— mit kleiner Handl — Das sein — der holden »Mariandl!« Dort jener Weib — mit spitzer Kinn, Sein Frau vom Tischler »Valentin* — Und der da schmunzeln klug herab — Sein einer Zauberer und Schwab! — Dort jener Bauer — mit LumiUs — Der brennen Holz und sausen viel — Und der Lakei — mit krummer Füß', Der waren zwei Jahr in Paris! — Du seh'n Gestalten dort noch mehr, Ich zählten gern Dir Alles her — Allein es mangeln mir der Ruh' — Denu der Oourtins — fallen zu! (Der Borhang schließt sich wieder.) Ra im. (lachend). Der Gedanke ist gar nicht schlecht! Cheval. Sie beschämen mich! Er sein von mir! Leu (zum Chevalier). Und wer bist Du? Cheval. Ich — mon ami — Sein Original und auch oopis! Ich sein zu Zwei, in ein ku§ov: Odevalisr ä'OranAk — Olisvalier Ournolit; — Ich sein als Mensch — ein sterblich Wicht — Allein unsterblich — als Gedicht! Leu (begeistert). Und Alles das, was ich geseh'n, Verdankt nur Einem sein Besteh'«! — All' diese reiche Schöpfung — wie? — Lebt nur von einer Phantasie? — O laß' mich wissen welch' ein Mann So Schönes — Edles schaffen kann — Wenn Du's vermagst — zeig mir sein Bild! Cheval. (feierlich). Wohl! — Blicken auf! — Es sein enthüllt! (Rauschende Fansarce. Der Borhang theilt sich wieder. Man erblickt statt den vorigen Figuren fünf Gestalten, welche Raimund in seinen vorzüglichsten Rollen darstellen, nämlich auf der untersten Stufe, rechts: Florian auS dem »Diamant des Geisterkönigs-, links Wurzel auS dem »Bauer als Millionär-; auf der mittleren Stufe rechtS: der Aschenmann, links: Rappelkopf; oben der Tischler Balentin. Rofe und Amalie knien unt verschlungenen Händen zu Valentins Füßen.) Alle Gäste (erheben sich). Ra im. (nachdem die Musik verstummt ist, mit zweifelnder Freude). Was seh' ich! — 33 -!ilui s 'll i-, ' Das glückliche Paar, welMss,do»t sich zar^ lich die Häud' gibt — ist es HÜirklichkeit oder Traum? .. Pr unken st. Es ist Wirklichkeit!—Kinder! herab! Rose und Amalie (eilen herab und'uM^-' armen Raimund mit stummen Entzücken. Der Vorhang schließt sich wieder.) Prunkenst. (zu Raimund), dkm, .habe ich recht gethan? ' ' - " ^ Raim. (ihm die Hand reichend). Freund! — In dem einzigen Wort liegt mein Dank! Cheval. (zu Raimuijd). -Sie habest Gl fallen an meiner Jdbr! Raim. 3ch kannnurwiederholen.»Ausgezeichnet!« Sie kommen ul mein Testament! Wenn ich sterb'— übernehmen Sie's G'schäst! Eheval. O, daß werde noch lange nicht sein! —Wenn der Himmel das thun, was wir wünschen — und er werden es thun, ganz gewiß! Darm »erseh n Sie noch lang' 3hr Geschäft! — Dieses wünschen wir Alle! Alle. 3 a. jaj UafckrÄichlet sbll llkitje noch leben! Raim. (schmerzlich bewegt). Der menschliche Wunsch meint es grri; aber der H»M mel thut doch — was er will! Leu. Freund Raimund— welch' düsterer Geist! Raim. Lieber Ludwig, zerstören wir die Freud' nicht. (Ihn nach der 'olderer/ Skt/ führend, halblaut.) Meine Ahnung sagt mir bestimmt: Mit dem Valentin,,hass bald ein End'! (Eine leise, klagende Musik ertönt auS der Ferne.) Ra im» .(plötzlich wankend, und wie vtrwirtl um sich blickend). Wie wird mir denn? Leu. Einen Muhl!,, j/j Eheval. (setzt einen Stuhl). Raim. (finkt matt in den Stuhl). Amalie. Ach, Herr Raimund, Sie fühlen sich unwohl? Rose. Geschwind einen Arzt. Raim. (lächelnd). Nein! — Mir ist wohl, aber nur so curios! iss; Alle Griffe (Nahem sichtheilnehmend und ' oilden einen Halbkreis). Raim. (im Tone der Vision). Liegt dort nicht ein Friedhof? — 3a, ja! — Der von Gutenstein ist's! O,. ich kenn' ihn! Und die LeUt' - 7 - tvarukl weinen sie denn? — Um den Raimund, um mich? — Welch' ein Glück! (Sich begeistert erhebend.) 3ch -werde "nicht'sieben, ich fühl's! — Man wird meiner auch künftig gedenken! Und wenns redlicher Wille verdient -^ dann verdien' ich anch — das Monument! — (Die Musik deS LiedeS: »So leb' denn wohl, du stilles HauS!» — ertönt leise. — Der Vorhang deS Tempels wird plötzlich transparent. — Man erblickt, im magischen Lichte, den auf einem sanften Abhange gelegenen Kirchhof von Autenfteirz.j Personen ^ aus allen Ständen, besonders' Landleutd) umgeben betend und weinend ein Grabmal, welches mitten an der Mauer sich erhebt, und worauf in Flammenschrift zu lesen ist: »Ferdinand Raimund!» —Die den Kirchhof bildenden GebirgShöhen sind von Landleuten und Bergknappen besetzt. Kinder umwinden daS Grab mit Blumen. — Das Ganze ist in ein bläuliches Licht gehüllt, welches all- mälig jn Rosenroth übergeht.) I^alMuÜd (ist während der Erscheinung wieder in den Stuhl zurückgesunken, mit einer Hand auf.Leus stützenden Arm gelehnt. Rose und Ämälie knien zu seinen Füßen.— Chevalier lehnt sich weinend an Prunkenstein. — Allgemeine Grrrppe der Rührung). (Der Vorhang fällt.) ll',' I?"Ü Ende. rh«altl-Rep«totr. Nr. 88. s Inder Wallishauffer scheu Buchhandlung (Zosef Klemm) in Wien, am hohen Markt Nr. 541, find folgende ältere Stücke von C l> r l EI m a r zu haben: Die Wette um ein Hey, oder Künstlersinn und Frauenliebe. Lustspiel mit Gesang Ln drei Acten. 1843. 8° 79 Seilen. 8 Sgr. oder 40 Nkr. Das Mädchen von der Spule. Volksstück mit Gesang in drei Acten Uvd Unter der Erde. Character-Gemälde mit Gesang in drei Acten. Zusammen in einem Bande nebst einer Mufikbeilage. 1856. 114 Seiten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. i / r (Den Bühnen ge genüb er als Manuskript gedruckt.) Der Zigeuner. Genrebild mit Gesang in einem Acte von Alois Berla. Musik von A. Conradi. ^7 (Zuerst am Wallnertheater in Berlin und am k. k. Theater an der Wien mit glänzendem ^ Erfolge gegeben.) Personen: Hr. v. Egri, ungarischer Gutsbesitzer und Landwirth, Rosa, seine Nichte, Hr. o. SLndory, ein Edelmann, LLjoS, Egri'S erster Haiduck, Poti, ein Zigeuner. Dienerschaft des Hrn. v. Egri. )rt der Handlung: Auf der Besitzung deS Hrn. v. Egri, einem Gute in der Nähe der Stadt Szegedin.) (Ein kleiner, mit vom Alter geschwärztem Holz- getäfel ausgelegter Saal im Castell des Hrn. v. Egri. An den Wänden halbverblichene Gemälde in dunklen, geschnitzten Rahmen, Da- men und Herren in ungarischer Tracht darstellend. Im Vordergründe rechts vom Zuschauer ein Bogenfenster. Zur Linken und Rechten je eine Seitenthür. In der Mitte der Hauptein. gang. Elegantes, große Bequemlichkeit bezweckendes Ameublement.) Theaitr.Rtpertoik Nr. Sa. Erste Scene. Egri und Rosa. (Egri, ein stattlicher Mann mit grauem Haar und Schnurrbart. Seine KleiL^rng altungarifch, jedoch einfach, von schwarzem Tuche. Rosa, ein junges, hübsches Mädchen im eleganten, modischen HauSkleide.) Egri (welcher sehr erregt auf- und ab- 1 L schreitet, sagt, zu Rosa gewendet). Du bist ein widerwilliges Geschöpf, welches sich in den Kopf gesetzt hat, den jungen Sandory zu heiraten, aber ich, dein Onkel und Vormund, gebe es nicht zu. Rosa. Und weshalb nicht? Was haben Sie gegen meine Wahl? Egri (ärgerlich). Ein Mann wie Sän- dory, der stets das Haupt in den Wolken hat und darüber den Boden unter den Füßen verliert, der taugt nicht für die Ehe, und deshalb denke nur gar nicht mehr an ihn. Zweite Scene. Vorige. Sandory. Sand. (ist ebenfalls in ungarischer Tracht, jedoch höchst einfach und elegant gekleidet, tritt vor). Fräulein Rosa — Herr v. Egri! Rosa (Reicht ihm die Hand.) Gabriel! (freudig). Sand. (küßt Rosa'S Hand und sagt weich) Rosa! Egri. (Beide ärgerlich parodirend). Gabriel, Rosa! — Wie sie sich nur sehen, sprechen sie, als ob jedes Wort in Musik gesetzt wäre. Meine Wolfshunde unten im Hofe müßten heulen, wenn sie sie hörten! (Scharf.) Herr v. Sandory, aus ein Wort, und Du, Rosa , wirst schweigen, oder ich schicke Dich auf dein Zimmer. Rosa (setzt sich, mit Aerger). Nun ja! Sand. Ich bin zu Ihren Diensten! Egri. Herr v. Sandory, Sie haben da meiner Nichte den Kopf verdreht, ich aber, als Onkel und Vormund, bin gegen die ganze Geschichte. Wissen Sie, warum? Sand, (ruhig und lächelnd). 3a, ich weiß, Sie belieben mich einen Idealisten zu nennen. Egri. Wenn Sie das beleidigt—so — Sand. Durchaus nicht, eben so wenig, als es Sie beleidigen wird, wenn ich sage: Sie sind ein Materialist. Egri. Bah! Ich bin ein praktischer Mann, der nur zum Himmel blickt, wenn er betet, sonst ist mein Auge dem zugewendet, was mich umgibt nnd mir Nutzen bringt. Sand. Nun denn, seien Sie überzeugt, daß auch ich gegen derlei Dinge nicht gleich- giltig bin, allein wenn ich nicht nur für das Nützliche, sondern auch für das Schöne Sinn habe, bin ich deshalb zu tadeln? Egri. Das find Worte — Worte! Beweise will ich, daß Ihr Sinn ein praktischer ist. Wer sind Sie, ein Edelmann, der bin ich ebenfalls, aber ich bin auch Landwirth. Sand, (heiter). Bis jetzt habe ich mich noch nicht eitlem speciellen Fache zugewendet. Ich begnügte mich, ein Mensch zu sein. Egri. Potz Kukurutzfeld und Bakonyer- wald! Ich unterzeichne mich bei meinen Geschäftsbriefen: Ladislaus v. Egri, ungarischer Landwirth. Können Sie schreiben: Gabriel v. Sandory, ungarischer Mensch? Sand, (lachend). Das wohl nicht, allein es ist auch nicht mein Geschäft, sondern mein Beruf, »ein Mensch zu sein,« ja (bedeutungsvoll) eine Würde! Egri. Bah, Menschenwürde! das ist so ein Titel ohne Mittel, den sie nicht nur sich, sondern auch jedem Andern gar zu gern verleihen. Sand. Verleihen? Nein, Ich bin überzeugt, daß sie jeder Mensch, selbst der unbedeutendste, ohnehin besitzt. (In diesem Augenblicke vernimmt man von außen hei eine schwermüthige ungarische Tonweise auf einer Geige gespielt.) Egri. Was ist denn das wieder? (Er eilt zum Seitensenster.) Ein Zigeuner spielt im Hof, gerade unter meinen Fenstern! Verdammtes Bedientenpack, lassen sie mir dieses wilde Thier ein. Da muß ich gleich ein Erempel statuiren! Hinausprügeln laß ich den Kerl! (Er will fort, plötzlich besinnt er sich und sagt zu SLndory,:) Nun, Herr v. Sandorv, der Zigeuner,^ dessen Gefiedel einem die Ohren zerreißt, ist der auch ein Mensch in Ihrem Sinne? z Sand. Gewiß! Egri (staunend). Wie? Diese faule, schmutzige, feige, diebische Galgenbrut hätte auch eine Würde? Sand. (warm). Wenn der Zigeuner, wie Sie behaupten, faul, schmutzig, feige, diebisch ist, wer hat ihn dazu gemacht? Die Gesellschaft von wilden Thicren und verlorenen Söhnen der Haide, in welche man ihn wieS. Würde man diesen ruhelosen Kain's unter den Menschenbrüdern jene Rechte gewähren, auf die selbst der Letzte der Nation Anspruch hat, dann würde der Zigeuner wohl vielleicht nicht besser, aber auch nicht schlechter sein als wir Alle. Rosa. Onkel, der Meinung bin ich auch. Egri. Bitte, bitte, Herr Zigeuner-Ad- vocat, woraus schöpfen Sie diese überaus humane Ueberzeugung? Sand. Hören Sie den Zigeuner spielen, die Musik, die herrliche allein gibt ihm ein Recht, sich unfern Bruder zu nennen, die Musik, die den Zigeuner Niemand lehrt. Ist sie nicht der einzige Sonnenstrahl in der Nacht seines Daseins, der Trost in seinem Elend, sein Legegeld in der Schenke?^So lange sie rauscht, schmäht ihn der Ungar nicht, ja er trinkt sogar mit ihm, und darum sind auch so wahr des Dichters Worte, mit denen er den berühmtesten unter den Geigern besingt: Bihary, alter, brauner Geigenkönig, Vergessen wirdDich nimmer dein Geschlecht, Nur deine Weise, süß und wundertönig, Gibt deinem Volk auf Stunden — Menschenrecht! — (Die auf der Geige gespielte Weise verklingt jetzt.) Egri (von einem Gedanken erfaßt). Herr v. Sandory, was ich jetzt thuen will, liegt sonst nicht in meiner Weise, allein meiner Nichte will ich zeigen, daß Sie der unpraktischste Mensch auf Gottes Erdboden sind. Sie nennen die Musik einen Sonnenstrahl in der Nacht des Daseins der Zigeuner, den Trost im Elend? Wohlan! Ich werde Ihnen beweisen, daß der Zigeuner mir seine Geige für ein Nichts verkauft und gar nicht mehr ans Musiciren denkt, wenn ich ihm Gelegenheit gebe, herumzulungern, sich zu mästen, zu betrinken. Sand. Es ist möglich, daß Ihnen dies gelingt, allein damit ist nichts bewiesen. Erst wenn sich der Zigeuner in einer fremden Sphäre behaglich fühlt, wenn er, um seinen sinnlichen Trieben zu fröhnen, das Göttliche im Menschen für immer ver- läugnet, wenn er wirklich nur feige, faul, diebisch sich zeigt, erst dann haben Sie mich überführt. Wenn aber das Gegeutheil von dem sich herausstellt — Egri (hitzig). Dann meiner Seel', soll Rosa Ihre Gattin werden! (Er eilt zum Tische rechts und klingelt.) Dritte Scene. Lajos (ein Haiduck von robuster Figur tritt durch die Mitte ein). Vorige. Lajos. Gnädiger Herr, befehlen? Egri. Der Zigeuner, der so keck war, auf meinem Hofe zu spielen, der soll — LajoS. Hinausgeprügelt werden; gut! (Will ab.) Egri. Halt! Nicht geprügelt soll er werden — Lajos. Mit Hunden gehetzt — gut! (Will ab.) Egri. Teufelsbursche! Dageblieben und aufgepaßt! Der Zigeuner soll hierher gebracht werden; ich will mit ihm reden. Lajos (erstaunt). Reden? Mit einem Zigeuner? (Kurz.) Gut! (Ab.) Vierte Scene. Egri, Rosa, Sandory. Egri. Kommen Sie, Herr v. Sandory und Du auch, Rosa, ich bin meiner Sache so gewiß, daß ich sogar einen schriftlichen Vertrag darüber abschließe. — Sand, i Aber — Rosa. ) Onkel! t * 4 Egri. Nein, nein! Sie müssen mir schriftlich versichern, daß Sie Ihre Bewerbung aufgeben, wenn sich die Sache nicht zu Ihren Gunsten wendet! Kommt! Fünfte Scene. Lajos. Poti. (Musik. Durch den Mitteleingang wird Peti von LajoS hineingestoßen.) Poti (in laubgrüner, weißverschnürter, je- doch sehr abgenutzter Husarenjocke, rothem. geflicktem. engem Beinkleide, zerrissenen CziSmen, braunes Gesicht, rabenschwarzes, ftruppigteS Kopfhaar. Schnurrbart. Gr hat eine Ledertasche an der Hüfte, in der Hand eine Geige. Einen Augenblick steht er wie angedonnert — dann faßt er sich und singt, die Worte scharf accen- tuirend). No is gutt, da bin ich ja, Kummt der Herr, so bleib' ich da, Bucke mich und sage süß: Domino spootulrilis. Was befehlen gnäd'ger Herr? Soll ich spielen einen Xör, Oder OoaräLs, feurig, keck, Kernig, wie ein guter Speck? Meine Fiedel klingt wie ein Kremnitzer Ducatcn, fein, Hört der Ungar ersten Ton: Lljon! Ahon! schreit er schon! Was macht den Zigeuner stolz? Hack! Das Instrument aus Holz: Klingen thut's am Hochzeitstag', Bei der Tauf und Saufgelag', Wo es Tanz gibt, oder Schmaus, Selbst wenn ein Gesetz kommt 'raus. I'ublabiro und Zurä.1, Ezismenmacher und Magnat, Schlanke Dirnen, schwarz und braun, Hochgebor'ne Edelfrau'n, Hören sie der Fiedel Ton: ^Ijov! Dijon! schrei'n sie schon. (Mährend des Nachspiels.) Dijon a ma^ar! Dijon imrätom! Dijon a kirä.1^! Der ganze Vaterland soll leben. Lajos (der an der Thüre steht). Halt's Maul, Galgenvogel! Thn' nicht, als ob Du hier zu Hause wärest. Poti, Zai, jai, mein gutter Herr Haiduck, da müßt der Zigeuner immer stumm bleiben wie der Fisch in der Theiß, weil er ist nirgend zu Haus! Lajos. Schweig; da kommt der gnädige Herr. Sechste Scene. Vorige. Egri, Rosa, Sä-ndory (von links). Egri (winkt LajoS). Lajos (geht durch d;e Mitte ab). Egri (tritt zu Peti, sieht ihn forschend an und fragt dann barsch): Wie heißt Du? Poti (der sich demüthig verbeugt). Ich bin der Poti, Euer Gnaden, Domino spootairiiis zu dienen. Egri. Du hast zuvor auf meinem Hofe gespielt! Poti. IZen! *) Ich war so frei, und wann die gnädigsten Herrschaften befehlen, so — (Er legte die Geige zum Spielen an.) Egri. Nein, nein; ich will kein Gefiedel in meinem Hause. Sag' mir, wo wohnst Du? Poti. Wohnen? Gnädigster Herr, ich wohne gar niemals nicht! Egri. Du muß doch irgendwo schlafen? Pöti. DLä **), das ist nicht gleich. Heunt schlaf ich auf der Pußta, morgen im Wald auf ein' Baum, daß mich nicht frißt der Schwein, manchesmal schlaf ich gar nicht, wie's der liebe Herrgott will. Egri. Wenn Du Dich vor den Schweinen fürchtest, muß Dir ja der Wolf auf der Pußta, wo es keinen Baum gibt, sich zu sichern, noch mehr Schrecken einjagen? Poti. Der Wolf? Nein, der Wolf thut dem armen Poti nichts, denn er ist ein gescheitstes Thier und weißt recht gutt, daß der Zigeuner ist wie der Wolf von den Menschen verfolgt und gehetzt, aber der Schwein ist dumm und ist ihm Alles gutt zum Auffreffen. *) Ixso — zu deutsch: Za. **) Mä — zu deutsch: Run. 5 Sand. Peti, Du bist arm, verachtet, fast ausgestoßen aus der Gemeinschaft der Menschen. Sag' uns, was gibt Dir die Kraft, dieses elende Leben zu ertragen? Peti. Junger Herr, das sag' ich nicht. Sand. Warum nicht? Peti (einfach). No sag' ich nicht, weil ich nicht weiß. Egri. Ei, Du mußt doch wissen, was Dir Freude macht! Hast Du ein Weib? Peti (kopfschüttelnd). New, gnädigster Herr, und wann ich hätt' ein Weib, na so machet mir vielleicht auch kan Freud'. Egri. Was ist's mit deinem Vater, deiner Mutter? Leben sie noch? Peti. New, gnädigster Herr. Vatter ist schon, wie ich noch war kleiner Balg, gestorben, weil ihn hat getroffen der Schlag; Egri. Der Schlag? Peti. lAsn, Schlag von einem Pandur, der ihn hat geprügelt. O, weiß ich noch wie heunt. Da hat der Pandur den <1ere8, die Bank, gebracht heraus auf das Platz vor Comitatshaus. Drauf hat er gebracht mein Dattern in Eisen, der war ganz weiß im Gesicht und hat gezittert und gejammert: Hai! Hai! Hai! aber hat nir genutzt. Pandur hat ihn legen lassen auf den äerss, hat immer losgeprügelt auf mein Vattern, der brüllt wie ein wilder Stier, hebt auf den Kopf, Pandur gibt ihm einen Schlag — (er stammelt mit versagender Stimme): no liüä, da ist mein Datier still worden — ganz still, auf immer! (Wischt sich mit der umgekehrten Hand über die Augen.) Rosa (mitleidig). Armer Peti! Sand. Beruhige Dich, Peti, und erzähl' von deiner Mutter! Peti (mit dem Gefühl innerster Befried!- gung). Ach, meine Mutter war gutt dran, die ist gestorben in Freiheit und ich Hab' sic cingegraben bei stürmischer Nacht heimlich auf dem Gottesacker. Egri. Wo? Peti (schlau blickend). Das sag' ich nit, daß man sie laßt in Ruh und daß ich, wann ich kumm in die Gegend, immer kann legen eine wilde Rose auf ihr Grab. Egri. Peti, sag'aufrichtig, wenn Du kein Geld hast, wenn Du hungerst, frierst und in wilden Nächten ohne Obdach bist, was erhält Dich frisch? Peti (sorglos). lVo lrää, da stopf' ich mein Pfeifen, dampf' tüchtig, nimm die Fiedel und wann ich spiel', da ist Alles gutt! Egri. Sag' mir, hast Du noch niemals den Wunsch gehabt, etwas Anderes, als ein Spielmann zu sein? Peti. äorvine 8p6otalrilis! (Gesprächig.) Ich Hab' öfters' nachgedacht, wann ich reich, so recht reich wäre, daß ich jedes Jahr wenigstens so 100 fl. zu verzehren hätte, was ich da Alles thun würd'. Da möcht' ich mir in der Pestherstadt eine schöne große Wohnung halten, Zimmer und Cabinett mit einem pakettirten Fußboden. Nachher thät ich mir den ganzen Tag selber Eins aufspielen, Tabak rauchen und beim Fenster hinausspucken wie ein großer Herr. Auf die Nacht ginget ich in WirthShaus mit paar andere große Herren. da bleibeten wir bei einer vollen Flasche Slibovitza die ganze Nacht sitzen bis in der Früh, daß wir gleich sehen, was den andern Tag ist für ein Wetter; ob sie regnet, ob sie Schnee macht, ob die Sonne scheint, oder ob vielleicht amal 24 Stund' ist gar keine Witterung! Egri. Nun, Peti, ich will Dir einen Antrag machen; Du sollst ein großer Herr — nach deiner Idee — werden. Peti (erstaunt). Hack, wie belieben, äowine 8peotalri1i8? Egri. In diesem Saal sollst Du wohnen, essen, trinken nach Gusto. Meine Leute müssen thun, was Du befiehlst und hcrschaffen, was Du verlangst. Hier ist ein Beutel voll mit Silberzwanzigern, der gehört Dir, und ist er leer, so wird er wieder gefüllt! Peti (ruft aus). Silberzwanzigcr? (Langt gierig nach dem Beutel.) Egri. Halt! Ich stelle Dir eine Bedingung. Von dem Augenblicke an, wo Du ein großer Herr bist, darfst Du dein Instrument nicht mehr anrühren und überhaupt — selbst zu deinem Vergnügen nicht mehr musiciren. Pöti (ganz perplex). Liron^ isten * **) ), ich bin ganz dumm im Kopf. Essen, trinken, was ich will, Haiducken, die mich bedienen, Silberzwanziger ganzen Beutel voll und Alles für meine arme Fiedel! (Er steht unschlüssig.) Egri. Nun, entscheide Dich. (Er lässt das Geld im Beutel klingen.) Peti. Gnädigster Herr — ich — ich — (Für sich eifrig.) Pöti. Pöti sei nit dumm! Bedenk', wann Du bist ein großer Herr, da wird keiner mehr Dich ein räudigen Hund schelten, keiner Dich schlagen, oder mit Füß' treten. Der Edelmann wird Dir die Hand geben, die Edelfrau wird mit Dir kokettiren und wann Du ihr ein Kußhand zuwirfst, wird sie lachen, denn Du bist ein gutter Bursch, bist gewachsen wie der Schloßberg von Preßburg! (Entschlossen.) Gnädigster Herr, wann es ist Ihr Ernst! No, tessölc! *) (Er hält ihm die Fiedel hin und greift nach dem Beutel.) Egri (wirft einen triumphirenden Blick auf Sändory). Sand, (lächelt und zuckt die Achsel). Rosa (macht eine Bewegung, welche zeigt, wie ärgerlich Pvti'S Entschluss für sie sei). Egri (nimmt die Geige und gibt Pöti den Beutel, dann klingelt er). Siebente Scene. - Vorige. Lajos. Lajos (durch die Mitte). Befehlen! Egri. Lajos, dieser Zigeuner wird — Lajos. Geprügelt? gut! Egri. Nein, nicht geprügelt wird er; im Gegentheil, er wird mit der größten *) öiroux ütsu — auszusprechen: Bison ischten! **) Is»ölr — Teschök: Belieben. Devotion behandelt, als wenn ich'S selber wäre! Lajos (starr vor Staunen). Wie? Egri. Was er wünscht, muß geschehen, bei Verlust des Dienstes. So, Er weiß meinen Befehl, theil' Er ihn meinen Leuten mir. (Winkt.) Lajos (geht mit allen Zeichen der lebhaftesten Verwunderung ab). Achte Scene. Vorige, ohne Lajos. Egri. Jetzt, Psti, noch Eines. Die Fiedel leg' ich hierher auf den Tisch. (Legt sie auf den Tisch links.) So lange Du sie unbeachtet und unberührt läffest, bleibst Du in deinem neuen Stande, wie Du sie jedoch auch nur einmal anrührst, ist es aus mit dem Großherrnthum und ich jage Dich ohne diese Fiedel mit Schimpf und Schande davon. Kommen Sie, Herr v. Sändory, und auch Du, Rosa! (Alle Drei links ab.) Neunte Scene. Pöti (allein, sieht den Abgehenden eine Weile verblüfft nach, dann geht er auf und ab und sagt). Ln)6, das ist eine verteufelte Geschichte! Kommt mir vor wie eine Lnft- spiegelung auf der Haide bei Hellem Sonnenschein, wo man sieht ein großen Stadt mit Häusern, die glanzen wie die weißen Zähne von ein jungen Zigeunermadel, und Kirchthürmen, die in die Höhe stehen, wie der gewichste Schnauzbart von ein Roßhirt, und wann man kommt langsam ganz nahe, so verschwindet Alles. No! könnt' ' ich ja sehen, ob da auch verschwindet. (Er greift in den Sack und zieht vorsichtig den Beutel mit Geld heraus, blickt ängstlich hinein, läßt dann vergnüglich die Zwanziger klingen und sagt.) Der Geld ist da! Jetzt muß Haiduck, der arme Zigeuner will immer nur prügeln, herein kummen, wann ich thu läuten dort mit der Schafglocken. (Nimmt die Tischglocke, will läuten, plötzlich aber besieht er die Glocke genau, dann sagt er): DaS ist guttes Silber — gefallt mir! No, 7 wann da ist mein Quartier, so kann ich ja einstecken! (Steckt die Glocke ein.) So! (Nach- denklich.) Aber wenn ich thue nicht läuten, kummt auch der Haiduck nicht! 8ä,ä, werd' ich so machen. (Er zieht die Glocke heraus, läutet, und steckt sie wieder ein.) Zehnte Scene. Lajos. Voriger. Lajos (eilt herein und ruft): Befehlen, gnädiger — ja, wo ist denn der Herr? (Sieht sich nach allen Seiten um.) Pöti. Ejl wird er pariren, oder wird er nicht! (Er läutet und steckt die Glocke wie- der ein.) Lajos (sieht jetzt auf Pöti). Der läutet? Der — der — o verdammt — nun muß ich dem Strauchdieb Reverenzen machen. (Geht vor und sagt:) Was gibt's? Peti (spreizet, sich blähend, die Füße auseinander und sagt scharf.) Nir gibt's! Der Haiduck muß sagen (im höflichen Ton): Belieben? Lajos (schreit ärgerlich nach). Belieben? Peti (zufrieden). No gutt ist! (Pathe- lisch.) Haiduck, ich bin jetzt so viel wie ein Edelmann, aber ausschauen thu ich wie ein — ein — Lajos (boshaft). Lumpenkönig! Pöti. Richtig. Da muß abgeholfcn werden. Mein lieber Lajos, bring' Du mir einen ganzen Gewand, wie sich schickt für ein Edelmann. Attila mit silberne Köpf', und goldene Schnür', Kalpack mit Adlerfeder, Beinkleid mit Bordirung, Czismen mit funkelnden Spornen, aber von gutten Leder und nicht zu eng, weil ich jetzt leb' auf großen Fuß, sodann ein schönen Säbel, nicht so einen Krautmesser, hörst Du? Lajos. Gut, gut! (Will fort.) Peti (läutet und steckt die Glocke ein). Lajos (bleibt stehen). Pöti. Lajos, bring' Du mir zu essen und zu trinken. Eilt Pastetten mit Speck, aber viel Speck, sodann ein süßen Torten mit Paprika, aber viel Paprika, und Flaschen rothen Wein. So! Lajos (will fort). Pöti (läutet wie oben). Lajos (kehrt um). Pöti. Bring' mir guttes Cigarel und Feuerzeug. Lajos (will fort). Pöti (läutet wie oben). Lajos (stürzt zornig vor und ruft). Was noch? Pöti (ruhig). Nir noch! Ich Hab' nur wollen sagen, Du kannst schon gehen. Lajos (eilt wüthend ab). Eilste Scene. Pöti (allein, geht, sich die Hände reibend, auf und nieder). Hahaha! Bin selig, weil geht so gut die Geschichte. Ah, der Zigeuner hat schon eine Bildung und weißt großen Herrn spielen, wann er auch nicht kann lesen und schreiben. Was thu' ich jetzt, bis kummt der Haiduck? Ah weiß schon, ich geig' mir ein Leibliedel! Wo Hab' ich denn — (Steht plötzlich wie vom Blitz getroffen, dann macht er einen langen HalS und dreht langsam den Kopf nach der Seite, wo seine Geige auf dem Tische liegt. Er spricht leise und fast ängstlich.) Dort ist sie — meine Fiedel, die ich Hab' hingeben, um ein großer Herr zu sein; dort liegt sie — (schauernd) isten — kummt mir vor, als wenn sie wäre — gestorben! (Er will hin und hält inne.) 3ch soll sie nicht anrühren, mit kein Finger — (mißmuthig) jai, jai! Das ist nicht gut, denn wann kummt ein Unglück, so — (Er geht fast auf den Zehen näher, und wie er schon anfangen will, den Tisch zu umkreisen, wird plötzlich die Thür geöffnet.) Zwölfte Scene. Lajos und zwei Diener (treten durch die Mitte auf). Voriger. (LajoS trägt einen vollständigen EdelmannSan- zug über dem rechten Arme, die zwei Diener bringen der eine eine Platte mit Speisen, der Andere eine Flasche Wein, ein feines Trinkglas, Cigarren und eine Kerze zum Anzünden der- selben. Sie stellen die- Alles auf den Tisch rechts) Lajos. Hier sind die Kleider. Psti. Ah gutt, werd' ich gleich anzicgen. Lajos. Vorerst belieben Sie sich zu waschen. 3m Nebenzimmer ist der Kübel mit eiskaltem Wasser, Seifen und Tücher zum Reiben. Peti (unangenehm berührt). Hää, waschen? So lang' ich bin auf der Welt, wasch' ich mich nur am Stefanitag und jetzt soll ich unter der Wochen? LajoS, ich zieg' gleich so an das Gewand. Lajos (für sich). Aha; das Wasser fürchtet der Schmutzfinke! (Laut.) Geht nicht, Sie müssen sich waschen und zwar tüchtig, sonst können Sie die Kleider, die eigentlich anS der Garderobe des gnädigen Herrn sind, nicht anziehen. Es wäre eine große Beleidigung für Seine Gnaden. Poti. Große Beleidigung? (Simulirt. dann sagt er.) No, so zieg' ich das Gewand gar nicht an. Lajos. Wie? Sie wollen einen großen Herrn vorstellen? Zn Ihren Lumpen? Psti. No liaä, warum nicht? (Leleh- rend.) Das Kleid, mein lieber Lajos, macht nicht den Mann, das sieht man ja bei Dir. Dein Schnürspeneer macht Dich auch nicht zum Haiducken, aber die Grobheit und der Gusto, arme Leut' zu prügeln, so! Was ist mit dem Essen? (Geht zum Tische und blickt auf die Speisen.) Ah, Alles gutt! Lajos, geh' fort, ich will allein sein, brauch' Niemanden, der mir schaut in s Maul. LajoS (für sich). Na warte, Zigeuner; lang' wird deine Herrlichkeit nicht dauern, dann aber — (Geht mit den Dienern durch die Mitte ab.) Dreizehnte Scene. Psti (allein). Liron^ istev, ich bin wirklich froh, daß ich noch Hab' mein alten Futteral da, der mir ist so comod'. Jetzt muß ich aber essen. (Geht zum Tische und ko- stetvondenSpeisen.) Schmeckt gutt! (Er ißt wieder, plötzlich seufzt er.) Aber weißt ich nicht, schmeckt doch nicht recht gutt. Mein Stuck hartes Brott, waS ich da Hab' in Taschen und mein Stuck Speck, das ist besser. (Wühlt in seinen Taschen, bringt ein Stück Brot und Speck heraus, und sagt:) Jetzt werd' ich probiren. (Er steckt das Brot unten in die linke Hand, die Speckschwarte oben, und schneidet abwechselnd Stückchen.) Hm! Hm! Das riecht schon so gewiß — gewiß zigeunerisch. (Fängt an zu essen, kaut, würgt, greift sich endlich an den Hals und sagt ganz miß. muthig:) Ei, schmeckt mir auf einmal auch nicht. Hui, warum schmeckt mir nicht? (Geht unruhig hin und her, sieht wieder nach der Geige und sagt endlich, tief Athem schö- pfend:) Die Fiedel — die Fiedel verdirbt, scheint's mir — ganzen Appetit. Ich werd' lieber trinken. (Er trinkt aus der Flasche) Ah, da muß ich noch amal. (Trinkt wieder.) Das ist der Rechte! (Traurig.) Aber das ist nicht der rechte Ort zum trinken! (Spricht nachdenklich.) Draußen auf der Pußta liegt der braune Osikos*) auf der braunen Erde und seine Augen weit Hinschauen über die todtenstille Haide, bis fern, wo der Himmel an die Erden stoßt.—Und der OÄK68 singt wie im Traume (singt schwermüthig): Ich Hab' kein Haus und Hab' kein Dach, Kein Kind, was weint mir Thräncn nach, Die Haide ist die Heimat mir, Mein Liebschaft das getreue Thier. Sodann pfeift er! Da bewegt sich's in der Weiten, was ist das? Ein schwarzes Roß, klein, packschirlich, mit flatternden, rabenschwarzen Mähnen und feinen Füßen. Wie der Sturmwind fliegt's heran, der Osilco8 fahrt empor, macht ein' Satz — hui — und sitzt auf dem Rucken des Pferdes! Hej! jetzt ist der Tanz los! Links — rechts — wie besessen in der Runde und gradauS,sogeht'Sfort,stundenlang, nnd der 68ilcÜ8 singt (er singt lustig), kalko eju, mach' nur geschwind, Flieg' nm die Wette mit dein Wind, Zn der 08Üräa gibt es Wein, Der Zigeuner fiedelt drein. *) Osikös sprich: Tschikosch. 9 (Begeistert.) 3 a, in der OsLrärr*) möcht' ich sein und ausspielen den feurigen Oss-räas, wann der 6 siko 8 sich dreht urit der schwarzäugigen Tochter vom Wirthen, und —da möcht' mir der Wein auch schmecken. Aber da in dem Zimmer, wo ich bin wie ein Eingespirrter und mir auf amal mein Zigeunerleben schöner kummt vor als Alles, was ich da kann kriegen isten, da glaub' ich, ich könnt' lieber Wasser sausen! (Nach einer kurzen Pause bemeistert er seine Aufregung, geht zum Tisch, nimmt langsam eine Cigarre, riecht daran, brennt sie an, ohne eben von dem Gerüche erfreut zu sein, schüttelt den Kopf, nimmt dann sein Pfeifchen her- aus, und steckt nach kurzem Besinnen die Cigarre in die Pfeife. Darauf setzt er sich in den Fauteuil, dessen Federn ihn emporschnellen; er steht jetzt vor dem Fauteuil, betrachtet ihn mißtrauisch, droht ihm mit der Faust, setzt sich vor- sichtig wieder hinein, streckt sich behaglich auS und rutscht mit einem Male herab, so daß er auf den Boden zu fitzen kommt; da blickt er erstaunt um sich und sagt endlich freudig.) So is gutt; da is hart — und wo recht hart is, da kann Zigeuner sitzen. (Raucht und sagt nach einer Weile.) Ei, ei, Poti, mir scheint's, Du bist zum großen Herrn verdorben und hast einen schlechten Tausch gemacht! Vierzehnte Scene. Voriger. Rosa. Sandory (von links). Rosa. Gabriel, wollen Sie wirklich schon fort? Sand. Za, geliebte Rosa, der Abend bricht herein. Doch bevor ich scheide, möchte ich noch den Zigeuncr sprechen, nm zu hören, wie es ihm in seiner neuen Sphäre behagt. (Blickt umher, endlich sieht er Poti am Boden sitzen. Verwundert sagt er:) Ei, da sitzt er am Boden. Pott (springt auf). Vergebung, junger gnädiger Herr! Sand. Laßt die Titulaturen. Ihr seid ja jetzt auch ein gnädiger Herr. Poti (schüttelt den Kopf). No, wie man's nimmt. Sand. AK, habt Ihr schon getäfelt? Doch was seh' ich! Ihr habt ja gar nicht- genossen, selbst den Wein habt Zhr verschmäht? Poti. Das kummt, weil mir nicht schmeckt. Rosa (freudig). Es schmeckt ihm nicht. Poti. Sie, gnädiger Herr — «Nimmt Sändory beim Arme, zeigt auf Rosa und sagt neugierig.) Zs die Li 8 U882ony*), die junge schöne Fräulein, Ihre Liebste? Sand. Nun, warum soll ich nicht sagen, daß ich das Fräulein liebe? Pöti. Richtig — und weil Sie lieben die Ki 8 L882on^, kack, wer'n Sie auch heiraten? Sand. Heiraten? Mein lieber Poti, das geht nicht. Pöti. Geht nicht? Heiraten geht nicht? Hack, warum geht nicht? Sand. Weil der Herr v.Egri nichtwiü. Poti. Will nicht? Muß wollen! Sand. Ich wüßte nicht, womit ich ihn zwingen könnte, seine Einwilligung zn geben. Poti. No, das ist nicht schwer. Da sagen Sie zu Ki 8 a 88 Lon/: Kumm und geh'n wir durch! Sand, (lacht). Poti, was fällt Euch ein? (Zu Rosa.) Rosa, der Poti meint, ich soll Sie entführen. Rosa. Und ich meine, wenn Sie es thäten, wäre der Poti der Erste, der uns verrathen würde. Poti (verletzt). Ich? O, gnädigesFräu- lein, das ist kein guttes Wort nicht. Ich soll Sie verrathen? Hack, warum? Von mir können Sie gehen, so weit die Welt reicht, und noch an halbe Stund' weiter, ich sag' nir. Sand. Poti, Ihr müßt Fräulein Rosa recht verstehen. Das Fräulein meint, da Zhr dem Herrn v. Egri Dank schuldig seid —dafür — daß er eurem Elend ein Ende gemacht hat, so — *) Sprich: Tscharda. *) Kisch affonj — Fräulein. 10 Peti (ungestüm). SagcnSic nirmehr! Mein Elend fangt jetzt erst recht an. Rosa und Sand. Wie? Peti (mit schmerzlichem Ton). Der Herr hat mir genommen meine Fiedel und jetzt weißt der Pvti gar nichts mehr, was er soll machen. Hätt' er mir genommen einen Arm, war' auch nicht schlechter, weil ich ohne Arm kann nicht spielen und ohne Fidel kann ich auch nicht. Sand. Zst das wahr? Pvti. No, i8tev, freilich is wahr! Ich sag', der gnädige Herr ist wie ein böser Geist, der ein Mensch nimmt sein Seligkeit und gibt ihm nir dafür als Essen, Trinken und Beutel mit Geld. Was soll ich thun? Geh' ich fort, so Hab' ich keine Fiedel nicht, was mir is an's Herz gewachsen, wie Ihnen die km bleib' ich da und schau' ich dorthin auf Tisch, so — Gnädiger junger Herr, sein Sie gescheidt, packen Sie zusammen Ihre Liebste und laufen Sie fort, fünften sein Sie eben so nnglücklich wie der arme Peti. Sand. (der sich mit Rosa verständigt hat). Ja, wenn das nur so ginge! Peti. Geht schon. (Leise und eindringlich). Es kummt der Abend, draußen ist die Haide, wann Sic laufen eine Stund' rechts, da kummen Sie zu einer Osaräa, da sagen Sie nur zum Wirthen: Der Päti schickt Ihnen und er soll einspanncn die Pritschka, was er hat. Sand. Gut, aber der Wirth wird bezahlt sein wollen. Peti. Ah, haben Sie kein Geld nicht? en^e*), und ich Hab' auch nicht. (Sich plötzlich erinnernd.) Ej; freilich Hab' ich! Ganze Beutel mit Silberzwanziger. Da ist Geld! (Zieht den Beutel hervor und^drückt ihn Sän- dory in die Hand.) Sand, (freudig). Wie? Du gibst mir das Geld, wofür Du dein Liebstes verkauft hast? Peti. Igev, daß Sie, was Ihnen das Liebste ist, dafür können kriegen und — warten Sie — da Haben s auch noch Glocken— ist guttes Silber — wann Geld ist gar, so — (Gibt ihm die Glocke.) Sand. Peti, Du bist brav und gut, wie nur ein Mensch sein kann. Wohlan; ich nehme an, was Dn mir bietest und will deinem Rathe folgen. Kommen Sie, geliebte Rosa. Rosa (Peti gerührt die Hand reichend). Peti! Peti. Was — ich soll? Sie geben die feine, weiße, vornehme Hand dem Zigeuner? (Küßt inbrünstig die Hand und ruft.) l^össLÜllöw Ki8 a832vir/ und der liebe Herrgott mach' Ihnen glücklich und schenk' Ihnen, wenn Sie sein Frau — klani Kinder ganze Butten voll! Sand, (schnell). Peti, leb' wohl. (Eilt mit Rosa ab.) Fünfzehnte Scene. Peti (allein, freudig). Peti, Du bist ein Teufelsbursch', das hast Du gutt gemacht! — Ah, wenn ich jetzt dürfte greifen nach der Fiedel, damöcht ich spielen ein Friska*), daß alle Engel im Himmel droben müßten ungarisch tanzen. (Innig.) Da liegt sie mir den gespannten Saiten und ist mir g'rad, als wenn eS in den Saiten flüstern thät: »Pvti, sei kein Narr, greis' zu.« (Sieht sich um, dann sagt er:) Möchte wissen, ob sie noch ist gutt gestimmt. No, wer sieht, wann ich zupf mit ein Finger? (Schleicht hin. läßt eine Saite anklingen und fährt wie electrifirt zurück.) Ah, das gibt ein Riß durch ganzen Leib. (Zupft nochmals, dann probirt er immer schneller die andern Saiten, läuft in die Mitte.) Ej! und wann jetzt alle Hunde von ganz Ungarn aus mich gehetzt werden, ich kann nicht anderst, ich muß mir jetzt ein Liedel singen, aber hamlich, ganz hamlich! (Fängt leise im Tempo einer FriSkaweise zu fingen an.) *) ILn^s, sprich : Enje. *) Frischka. 1l Ich Hab' ein Feld mit Kukurutz, Hab' Tabak, guten Wein, Und draußen auf der Haide treibt Der XanLsr meine Schwein'. 2 m Garten blüht die Rose wild, Mein Haus steht mitten d'rinn, Da kann ich sagen doch, daß ich Der Glücklichste schon bin. (Die eine Hand an der Hüfte, die andere am Hinterkopfe wiegt er sich mit dem Oberkörper und macht .) Tere — Tere — Tere — Tere — Tere- rerenc! Tere — Tere — Tere — Tere — Tere- rerem Iu! Nur Eines, was ich gar nicht Hab' Und krieg' ich nicht für Geld, Das ist ein hübsches Madel, was Mir alle Tag' schon fehlt. Das ist die Eine, die dort lacht (Er wendet sich zur Geige.) Wann sie mich schaut nur an, Das ist die braune Rozfi *) — ach! Die hat mir's angethan — (Wie früher, wobei er mit der Geige liebäugelt.) Tere — Tere — Tere — u. s. w. Geh', braune Dirne, sei nicht spröd', Ein Bussel mir nur gib! Du weißt es ja, wie ich Dich Hab' Don ganzem Herzen lieb. Geh', kumm, es sicht's ja keiner nicht, Ich führe Dich zu Haus. Na warte nur, gleich Hab' ich Dich, Du kummst mir nimmer aus! Tere — Tere — Tere — Tere — Teurerem ! (Er tänzelt immer näher, plötzlich faßt er bei dem »Iu- die Geige und nun spielt er mit den eraltirtesten Bewegungen, dabei jauchzend, mit dem Orchester den Schluß. In diesem Augen- blicke tritt Egri von links aus.) Sechzehnte Scene. Egri. Pvti. Egri. Höll' und Teufel, was ist das? Peti (läßt erschrocken die Geige sinken). Der gnädigste Herr! Egri (entreißt ihm die Geige). Galgenstrick, so hältst Du dein Versprechen? Psti. )ai! Vergebung, gnädigster Herr, aber ich bin vielleicht besoffen und die Fiedel hat, glaub' ich, von selbsten ange- fangt zu spielen. Egri. Kerl, wenn Dich der jungeMann, der vorhin in meiner Gesellschaft war. gehört hätte, so hätte ich Dich davongejagt. Peti. Sein Sie beruhigt, gnädigster Herr, der junge Herr war schon früher da mit d;m Fräulein, da Hab' ich noch nicht gespielt. Egri. Die Beiden waren hrcr? Wo sind sie denn jetzt? Peti (listig lächelnd). Na, wer kann wissen. Egri (betrachtet Peti). Was hat denn der braune Satan? Er macht ein so verdammt listiges Gesicht. Peti, ich weiß, Du bist ein verlogener Bursche — Peti. Ich? Gnädigster Herr, ich bin niemals nicht verlogen. Egri. Rede, was weißt Du von meiner Nichte und dem jungen Manne? Wo sind sie? Peti. Gnädigster Herr, sein Sic ge- scheidt! Egri. Bursche! Peti. Vergebung, ich will sagen, sein Sie nicht dumm! Egri. Wirst Du reden? (Packt ihn bei der Brust.) Peti. Na gntt! So sag' ich Ihnen, der junge Herr is mit der kis ussLon^ durchgegangen. Egri (ganz erstarrt). Wie? Peti. Wie? Na, sie sein alleZwei'naus bei der Thür und Keiner hat sie nicht mehr gesehen. Egri (außer sich). Das ist unmöglich! Peti. HLä, warum? Haben Sie nicht selber gesagt, daß Sie die k!s s>8S2on^ dem jungen Herrn nicht wollen geben zu sein Weib? Na, hat der junge Herr kurzen Prozeß gemacht, und hat genommen, was man ihm nicht gibt. *) Roschi. 12 Egri. Welch' ein Wahnsinn! Aus der Welt können sie nicht laufen, ich muß sie also erwischen und — Peti (schlau). 3a morgen, aber nicht heute, und wenn das gnädige Fräulein nur über eine Nacht ist von Haus, auf der Flucht—da ist kein Hilf mehr. Egri (erschrickt). Ja, wahr ift'S, was er da sagt. Ich muß sie heute noch, jetzt gleich, cinholen. Weißt Du, nach welcher Richtung sie geflohen sind? Peti. Igsn, aber sag' ich nicht. Egri. Kerl, wirst Du gestehen! ' Peti. Mein gnädigster Herr, ich kann nicht sagen, weil ich Hab' gegeben mein Wort. Egri. Ei, was! Leute wie Du halten kein Wort. Peti (fest). O, halten schon! Egri. Gut, wir werden ja sehen! (Geht zum Tische rechts und sucht.) Wo ist denn die Glocke? Peti. Die Glocken ist auch mit durchgegangen. Egri (stürzt wüthend zur Thür und ruft hinaus). Lajos, Pista, Misko, Iänos, kommt Alle schnell! (Dann läuft er zu Peti und sagt:) Gestehst Du, wo sie hin sind? Peti. Ich sag' nicht. Egri. Nicht? (Er nimmt die Geige von dem Platze, wohin er sie gelegt). Na warte, ich will deinen Sonnenstrahl, deinen Trost, wie sich dieser Herr v. Sandory so poetisch ausgedrückt hat, für immer nehmen, und Dich zu Paaren treiben. (Er geht zu einem Kasten und schließt die Geige ein.) Siebzehnte Scene. Mehrere Diener. Lajos' (an der Spitze eilen durch die Mitte herein). Vorige. Egri. Lajos, ich übergebe Dir diesen Burschen, den Du auf dem Hofe festhältst, bis ich zurückkomme. Pista, IanoS, Misko, Ihr folgt mir! (Eilt ab durch die Mitte, die Drei folgen ihm.) Achtzehnte Scene. Lajos. Diener. Peti. Lajos (schadenfroh zu Peti) Nun also, gnädigster Herr, belieben noch immer sich bedienen zu lassen? (Gibt ihm einen Puff.) Peti. Aha, pufft mich schon. No, wird gut werden die Geschichte. Lajos. Herr v. Peti, wollen Sie uns nicht ein Liedel Vorspielen! He? (Pufft ihn wieder.) Peti. 6aj!ckaj! Wie soll ich spielen, wann ich Hab' kein Instrument nicht mehr. Lajos (roh). Nun, wenn Du nicht spielen kannst, so sing', Du Leivar! *) Alle. Ja, ja, singe! Lajos. Hörst Du, Rabensohn, Alle wollen's und Alle sind jetzt Deine Herren, die Du bedienen mußt, wie ich Dich bediente. Peti. Aber was soll ich denn singen? Ich bin jetzt gar nicht aufgelegt. Lajos (lachend). Hahaha, Du bist jetzt melancholisch geworden? Dann singst Du uns das Trauerlied der Zigeu ner. Peti (erschrocken). Die l^a^-Iäai- Nota **), die von dem Elend und der verlorenen Heimat unseres Stammes redet? (Mit großer Bewegung, wobei es ihn schüttelt.) New, nem — sing' ich nicht! Lajos. Du wirst sie singen, oder wir prügeln Dich! Alle. Ja! Peti (die Hände ringend). «Iaj,Ha^, Peti, zu schlimmer Stund' bist Du in das Hans gekommen! ^laj, )aj, istsnem! Wann ich sing' das Lied, da bricht mir das Herz und die Haar' auf meinem Haupt werden grau werden. Lajos. Wirst Du endlich einmal singen, oder — (hebt die geballte Faust gegen ihn, die Andern thun das Gleiche). Peti (macht eine abwehrende Bewegung, duckt sich und bedeutet dann mit schmerzlicher Resignation, daß er fingen werde): (Die NaA/-Iäai-Nota in der Partitur.) *) ketvär — Betjar. **) AsH-Iäsi-dlota. 13 (Während des Gesanges ruft LajoS, ihn verhöhnend.) Lustiger — lustiger! (Er wird gepufft, verhöhnt und am Schluß mit Tumult hinausgejagt, die Diener und Lajoö folgen.) Neunzehnte Scene. (Nach einer Pause treten Rosa und Sändory von der Seite rechts auf.) Sand, (freudig). Rosa, theure Rosa, Du bist mein, der Zigeuner hat seine Aufgabe glänzend gelöst. (Er umarmt sie.) Rosa. Ach, ich fürchte, sie mißhandeln den Armen. Sand, (gegen den Hintergrund horchend). Ich höre die Stimme deines Onkels. Treten wir ein wenig zurück. (Gehen zurück.) Zwanzigste Scene. Egri. Vorige. Egri (stürzt wüthend durch die Mitte). Es ist Alles vergeblich. Sie sind verschwunden, als ob sie in die Wolken entflohen wären. Jetzt kann nur noch der Zigeuner Rath schaffen, wenn er gesteht. Meine Leute halten ihn wohl auf dem Hofe fest. (Eilt zum Fenster, öffnet eS und blickt hinaus.) Ahl Da sind sie. (Ruft.) Lajos! Lajos (von außen). Befehlen. Egri. Sag' dem Zigeuner, er möge gestehen, was ich von ihm wissen will. Nun? Lajos (von außen). Gnädiger Herr, er weigert sich. Egri. Ich verspreche ihm 500 fl. und seine Geige, wenn er gesteht. Lajos. Es ist alles Zureden vergeblich. Egri. Nun denn, so leg' ihn auf die Bank und gib ihm fünfundzwanzig. Sand, (vortretend). Herr v. Egri! Rosa. Onkel! Egri (wendet sich um, ganz perplex). Was ist? — O, Ihr leichtsinniges Volk, wo — wo war't Ihr? Sand. Immer hier im Hause! Egri. Aber der Zigeuner sagte mir doch, daß — Sand. Allerdings konnte er nichts An- deres sagen, weil ich und Rosa förmlich von ihm Abschied genommen^und er uns, um unsere Flucht zu bewerkstelligen, sogar seinen Beutel mit dem Silbergelde gegeben hat. Egri. Wie! Das hat der Zigeuner gc- than? (Stürzt zum Fenster und ruft.) Lajos, nicht prügeln, bring' den Peti herauf! Lajos (hinter der Scene). Fünfe hat er schon! Egri (wendet sich zu Sändory und Rosa). Aber erklärt mir doch, weshalb ihr mir so viel Schrecken verursacht habt? Sand. Stellt dieses Ereigniß nicht den Muth des feigen, die Thatkraft des faulen, die Uneigennützigkeit des diebischen Zigeuners in das glänzendste Licht? Zeigt es nicht klar, daß man diesem Aermsten unter den Armen nur Gelegenheit geben darf, damit er an sich beweise, wie sehr man im Unrecht ist, wenn man an der Würde des Menschen zweifelt? Egri. (ist verlegen und nachdenklich, dann sagt er in mildem Tone). Herr v. Sändory, ich erwiedere hierauf nur: nehmen Sie hier die Hand meiner Nichte, sie ist für immer die Ihre. Rosa. Onkel, das ist praktisch und schön zugleich! (Küßt ihn.) Einundzwanzigste Scene. Lajos. Peti. Diener. Vorige. Peti (der hereingestoßen wird, störrisch) No alsdann, was geschieht? Krieg' ich da heroben die fünfundzwanzig? Warum laßt man mich so lang' warten? Egri. Peti, Du — Peti. Bitte, sagen nir, gnädiger Herr, ich sag' ja auch nir, denn — (Er sieht Rosa und Sändory.) Was sich ich! Sie sein schon erwischt, ah — hält' ich doch lieber zehnmal fünfundzwanzig kriegt, wär' mir nicht so zuwider gewesen! Sand. Guter Peti, Du irrst. Wir sind glückliche Brautleute, und zwar durchDich. Peti. Durch mich? Egri. Peti, reich' mir die Hand. Dst 14 bist ein ganzer Mann und sollst dafür belohnt werden. Peti. New. Ich mag kein großer Herr werden! Egri. Das sollst Du auch nicht. Ich gebe Dir eine Hütte und ein Stück Feld, da kannst Du Dich auf meiner Besitzung seßhaft machen. Pöti. Viel Dank, gnädiger Herr, recht viel Dank, aber ich ditt' nur um Eines — (Sehnsüchtig.) Um meine Fiedel! Egri. Ja, die sollst Du haben und unS noch oft damit aufspielen! (Geht zum Kasten und schließt auf.) Psti. Lljsn, da kommt sie, meine Fiedel, ja), jaj — (Singt.) Geh', braune Dirne, sei nicht spröd, Ein Bussel mir nur gib; Du weißt es ja, wie ich Dich Hab', Von ganzem Herzen lieb. Geh' kumm, es sieht's ja Keiner nicht, Ich führe Dich zu Haus, No warte nur, gleich Hab' ich Dich, Du kummst mir nimmer aus. Tere — Tcre — Tere — n. s. w. (Er tänzelt unter allen möglichen Gesten Egri, der die Geige bringt, entgegen. Dann faßt er dieselbe und spielt den Schluß mit Orchester, wobei er jauchzt.) Gruppe. Der Vorhang fällt. KW Vk^ener ZtLär-Libliorliek 149282 ^ ^ i . ! i 5cnnl>r5k>El.kk <2Ltt055ett5clE7 oe^ircneft k)L5 ö57?^. V^ien, V!. 6u^pLi-^o7^^in3LLe 122 -P (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) Ein Lump. Ariginal-Posse mit Gesang in drei Acten von Friedrich Kaiser. Mnfik vom Kapellmeister Carl Binder.' Mit glänzendem Erfolge zuerst aufgeführt am k. k. priv. Earltheater in Wien. Personen: Rettenberg, Bürgermeister, v. Bornheim, fürstl. Güt er-Director. Frau von Abendstern, eine reiche Witwe. Anna, ihre Tochter. Baron Liebhelm. Klöpfl, Bindermeister und Gemeinde-Ausschuß. Lieschen, seine Tochter. Therese, ihre Muhme. Bummler, Stadtwachtmeister. Ein Diener i ^ Frau von Abendstern. Ein Stubenmädchen» Ein Marqueur. Hubert Ledermann. Earl Lauber, Student. Eonrad Mayer, Geselle bei Klöpfl. Martin, > Faßbinder-Gesellen. Michel, j Preller, ein Wucherer. Saller, Stadtschreiber. ZinSberger, Hafnermeister. Reißer, Friseur. Erdin ger, Gärtner, Gemeinde-Ausschuß. Mandler, Krämer. Ein Kellner. Bewohner der Stadt. Gäste. Brautjungfern. Musiker. Stadtwache. Gesellen. Dienerschaft rhtat«-Ntp»rt«ir Nr. »1. Erster Act. (Hauptplatz einer Pcovinzstadt. Ringsum Gebäude. In der Mitte eine hohe auS Brettern gezimmerte Hütte, an welcher hoch oben Fenster angebracht sind.) Erste Scene. Reißer, Mandler, mehrere andere Bewohner der Stadt (stehen neugierig um di« Hütte herum). Reißer (ist bemüht durch die Furchen der Bretter zu sehen). Nichts zu sehen! Verdammte Gebeimthuerei! ; ^ Mandl. Was in der Hütten g'schieht, wissen wir Alle; vor zwei'Zähren hat den Stadtrath beschlossen, hier auf dem Hauptplatz einen Brunnen in Gestalt eines plastischen Kunstwerkes setzen zu lassen. Reiß. Ganz recht, und da hat auf einmal der Bürgermeister ein' Brief zug'schickt kriegt — Mandl. Richtig, von ein'm Bildhauer auS Florenz! Der sich antragen hat, das Monument ohne allen Anspruch auf Honorar herzuftellen unter der Bedingung, daß sein Name ungenannt bleiben, und die ganze Aufstellung in streng verschlossenem Raum geschehen müßte. Zweite Scene. Vorige, Klöpfl, Erdinger, Steinberg, mehrere andereGemeinde-Ausschüffc, Stadtschreiber S all er (sämmtllch in Festkleidern kommen vom Hintergründe her). Reiß, (sie erblickend). Ah, da kommen ja just Mehrere vom Gemeinde-Ausschuß— Mandl. Richtig! (Geht ihnen entgegen.) Guten Tag allerseits! Guten Tag, Herr Klöpfl. Klöpfl (in weinseliger Stimmung und aufgelöst vor Rührung fällt ihm schweigend um den HalS, trocknet sich dann mit dem Sacktuch die Thronen, mit erstickter Stimme). 8ervus, Mandler! (Gehst bewegt auf und ab.) Reiß. Ja, was hat denn der Herr Klöpfl? Klöpfl. An mein Herz. Pomade-Seele. (Drückt ihn ebenfalls an sein Herz, läßt ihn loS, dann zu einigen Andern.) Ihr auch — Alle— Alle! (Umarmt Mehrere.) O warum find meine Arme zu kurz, um die ganze Welt zu umarmen! Mandl, (ihn erstaunt ansehend). Was treiben's den«, Herr Klöpfl? Reiß. Aber Herr von Klöpfl — ijKlöpfl (stehen bleibend). Nennt mich heut' nicht Herr von Klöpfl— nennt mich: »Vater Klöpfl.* Mehrere. Was ist's denn? Was ist denn geschehen? Erding. Na, wir waren heut' beim Hcrrn Bürgermeister versammelt, und der hat uns bekannt gegeben, daß das Brunnen- monument bereits fertig und gänzlich aufgestellt ist. Reiß. Fertig? Bravo! Klöpfl. Das ist Nebenfach'! Sall er. Der fremde Künstler, der es geschaffen hat, wird persönlich unsere Stadt beehren! Klöpfl. Aber daS ist ja Nebenfach! Salier. Es soll ihm ein frisch grünender Lorbeerkranz von dem schönsten und sittsamsten Mädchen der Stadt überreicht werden! Klöpfl. Das ist die Hauptsache! Und (in höchster Rührung) Freunde, Mitbürger! Wer glaubt Ihr, wer wurde als das schönste und sittsamste Mädchen würdig befunden? Alle (ln höchster Neugier). Wer? Klöpfl (fick stolz in die Brust werfend). Ich! — Alle (erstaunt). Was?! Sailer. Das heißt nämlich: Herrn Klöpfl's einzige eheliche Tochter! Klöpfl. Das ist so viel als ich, denn ich lebe nur in meiner Tochter! Erding. Ich Hab' sie an meiner Brust groß gezogen, aber halten wir uns nicht länger hier auf, wir wollen Alle in's Haus des Herrn Klöpfl, nm seiner lieben Tochter deu Beschluß mitzutheilen! Klöpfl. Ja, aber feierlich muß das ge- scheh'n, sehr feierlich! Erding. Wißt Ihr was, binden wir ein'n recht schönen Blumenstrauß, und den wollen wir ihr übergeben. Klöpfl. Blumenstrauß! Famos! Aber sehr viel Lilren müssen dabei sein! Saller. Za, ist sie doch selbst eine Lilie! Klöpfl. Ja, sehr schön gesagt — meine Tochter Lilie!— Ich bin ein Lilien-Dater. O Gott, mir sprengt's das Herz. (Hängt sich in Erdinger'S Arm und geht mit ihm ab. alle Andern folgen.) Dritte Scene. Hubert Ledermann. (In einem abgetragenen Rocke, ein kleines Ränzel auf dem Rücken, mit verwilkert zurückgeworfenem Haare, einen breitkrämpigen von der Witterung beschädigten Hut auf dem Kopfe, und einen Knotenstock in der Hand, tritt auf und steht sich nach dem Platze um.) Lied. Da bin ich jetzt wieder, und das ist die Stadt, Die die besond're Ehr', mich geboren zu haben, hat, Don da bin ich fort, in die Welt vor zwanzig Jahren, Die ganze Zeit haben's von mir nichts erfahren. Und jetzt, wenn's mich anschau'n, brauchen's nit erst lang z'frag'n, Ein Blick auf mein Anzug wird All's ihnen sag'n; Denn was in ein Buch steht, errath man ja schon Auch ohne zu lesen (auf seinen Anzug weisend) aus der Illustration. Denn wenn vor ein' Buch so als Titel- Vignett' 'Sie Figur wie die meine voraugedruckt steht, Da braucht man nit umz'blatteln, man merkt es schon, Daß es keine Novelle ist aus dem Salon! D'rum werden wohl Manche auch mich liegen lassen, Proletarier-G'schichten, die thnt Mancher Haffen, Der nobel thut, und dessen Leben doch gewiß Nichts Anderes im Grund als 'ne Rauberg'schicht is. Za, meine Vaterstadt, da hast du mich wieder! WaS werden die Leute sagen, die mich noch kennen und erkennen? Hm! Vor zwanzigZahren, wie ich von hier aufobrigkeitlichen Rathschlag abgereist wurde, hat es allgemein g'heißen: .»Der Hubert ist ein Lump!* Und wenn sie mich jetzt sehen, werden sie keinen Grund zu einer Mei- uungSveränderung finden! — Ein Lump! Kein Wort auf der Welt wird von der Welt oft so unpassend gebraucht, als das Wort: Lump! — Wenn Eurer mehr auSgrbl, als er einnimmt, heißt man ihn euren Lumpen, wie soll man aber dann den heißen, der zwar mit den Ausgaben sehr sparsam ist, aber dafür immer mehr einnrmml, als er vor Gott und Rechtswegen euinehmen sollte? — Wenn Einer durch Leichtsinn in Schulden kommt, ist er ein Lump; aber was ist daun Der, der solchen Leichifinn benützt, und einem jungen Menschen Geld zu so hohen Prveenten leiht, daß der Lercht- 1 * 4 sinnige mit der Gegenwart oft seine ganze Zukunft dem Teufel verschreibt?— Wenn Einer in zerrissenen Kleidern herumgeht, aus denen der körperliche Ellenbogen neugierig in die Welt hinansguckt, oder seinen Rock mit Flecken von ungleichem Tuch ausflickt; den heißt man einen Lumpen. Was bleibt dann für ein Name übrig für Denjenigen, der ein so fadenscheiniges Gewissen hat. daß die moralische Nacktheit spitzig durch die zerfetzten Ehrgefühls-Aermeln herausdringt, oder der seine durchlöcherte Gesinnung mit Flecken von den verschiedenartigsten Farben so ansflickt, daß er zwar nicht zerrissen, sondern in ganzer Hanswurstverächtlichkeit herumgeht? — Nein, nein, Diejenigen, die lnmpig aus sehen, verdienen den Namen Lump am allerwenigsten, denn die echte Lumperei ist ein Handwerk, das seinen goldenen Boden hat, — wer würde denn auch sonst so kostbare Güter, wie Ehre, Gewissen, Achtung der Besseren dafür aufopfern, wenn eS ihm nicht wenigstens einen ganzen Rock tragen würde. D rum hat es auch mich damals nie gekränkt, wenn sie mich einen Lumpen g'heißen haben, ich habe mir gedacht, es ist doch besser man wird von andern Leuten so genannt, als wenn so in einsamen Stunden das eigene Bewußtsein zum Guckkasten- Mann wird, der uns durch das Glas der Erkenntniß unsere Thaten erscheinen läßt, und uns als erklärenden Tert zürnst: »So handelt ein Lump! (Sich mit Abscheu ab- wendend.) Brrr! Ein anderes Bild! Man hat mich dazumal sehr wegwerfend behandelt, das war im Grund von den Leuten sehr unpolitisch; sie hätten denken sollen: Lumpen sind ein gesuchter Artikel, und in jeder Papiermühle kann man sich überzeugen, wie leicht Lumpen sich oft zu ganz etwas Anderem gestalten! Wie manches verzärtelte Fräulein mit reizbaren Nerven wendet sich mit Ekel von einem aus der Straße liegenden Haderlumpen ab, und kurze Zeit darauf drückt sie ihn begeistert an ihre Lippen, weil er sich inzwischen zum feinen Velinpapier umgewandelt hat, und ihr jetzt als Lillel-äoux in die Hand geschmuggelt wird! — So mancher Stutzer hat seine zerrissene Wäsche verächtlich auf den Mist geworfen, und eines Tages tritt ihm derselbe Leinwandfetzen zum fälligen Wechsel metamorphosirt entgegen, und er muß vor ihm zittern und beben!—Und so könnte ich hundert Fälle erzählen, aus welchen die Moral hervorgeht: »Man soll auch einen Lumpen nicht verächtlich behandeln, weil man nicht weiß, was noch aus ihm werden, und wie weit er cs noch bringen kann.« Ja, wenn ich jetzt auch so durch die Stampfe und Papiermühle des Schicksals metamorphosirt zurückkomme, wenn sich das Lumpige in mir in lauter Banknoten verwandelt hätte, und ich jetzt hereingefahren käme, alsNabob—aber nein—nein—da wäre ja mein Zweck verfehlt. — Ich will nicht mit Schätzen kommen, sondern meine zurückgelassenen Schätze — meine alten Freunde finden, will sehen, ob sie noch die Nämlichen sind,— das kann ich aber nur dann sehen, wenn'ich selbst noch als der Nämliche erscheine! — Veäeremo! — Was fange ich zuerst an? Hm! Ich habe einst Tolles getrieben — jetzt will ich aber das Tollste anstellen, ich stelle mich selber an — den hölzernen Verschlag da, und will Revue halten! (Lehnt sich mit dem Rücken an die Hütte und bleibt mit verschränkten Armen stehen.) Vierte Scene. Hubert. Zinsberger (von links). Zinsb. (in einem unmodischen, aber von Wohlhabenheit zeigenden Anzuge, die Uhr an einer schweren Goldkette, glänzende Ringe an den Fingern; kommt des Weges). Hubert (ihn erblickend, für sich). Ha! da kommt schon einer von meinen ehemaligen Kameraden! — Das Gesicht hat sich ein bischen in die Breite gezogen, aber es ist doch noch aus den ersten Blick zu erkennen! (Tritt vor und hält ihm beide Hände entgegen.) Mathis! 5 Zinsb. (tritt überrascht zurück). Was will denn der Kerl? Hubert. Einen alten Spezi an's Herz drücken! Bist Dn denn nicht der Mathis — der Zinsberger Mathis? — Zinsb. 2a, ich bin der Herr v. Zinsberger, aber Er? (Hält die Hand über die Augen und sieht ihn nochmals an.) Hm! — Auf Ehr', ich soll ihn kennen! Hubert. Du mußt mich kennen, schau mich nur an — habe ich mich denn gar so verändert? — Der Hubert Ledermann! Zinsb. (in träger Erinnerung). Richtig — ja, war' mir nit eingefallen — ich Hab' halt so ein schlechtes Namensgedächtniß. Hubert. So? Vor zwanzig Zähren hast Du ein schlechtes Zahlengedächtniß gehabt, denn Du hast in den Wirthshäu« fern gewöhnlich auf's Zahlen vergessen! — Aber macht nichts, jetzt weißt Du, wer ich bin — jetzt komm' an mein Herz! Zinsb. (wieder zurücktretend). Na, wir werden da auf der Gaffen nit Komödie spielen! Und überhaupt bitt' ich um a bißl ein'n andern Ton, wir sein alle Zwei nicht mehr die ausg'lasscnen Burschen, die wir vor zwanzig Jahren waren, ich mein' (mit Aufgeblasenheit auf sich weisend) mir sollt man's doch ansehen, daß sich mit mir Manches geändert hat! Hubert (verletzt). Mit Dir könnte sich meinetwegen Alles verändert haben, wenn nur Du selber nicht ein Anderer wär'st — aber Du — nein, nein — (sich verbes- sernd, und den Hut tief herabziehend, mitJronie) Sie — Herr von Zinsberger — Zinsb. (ihn verächtlich ansehend). Zstmir schon lieber so, denn so a Bruderschaft, die man in der frühesten Jugend schließt — Hubert. Za, ja, Sie haben Recht, Herr von Zinsbergcr! In der ersten Jugend wird man oft auf Du und Du (ihn von Kopf bis zum Fuß messend) mit dem elendsten Kerl! Zinsb. So ist's! Hubert. Man ist halt leichtsinnig! Zinsb. So tst's! Aber das muß mit den reiferen Zähren aufhören, wenn man's zu was bringen will, aber dafür habt Ihr kein'n Sinn! — Ihr hättet's weit bringen können, an Talent hat's nit gefehlt — Hubert. Ein sehr zweideutiges Talent — Talent zum Plutzermachcn! Zinsb. Spott's nit, ein ordentlicher Hafnermcister — Hube rt. Zst auf jeden Fall ein Mann, der den Ton angcben kann! Zinsb. Aber in Euch war kein Ernst hineinznbringen, schon als Lehrbnb' seidS, statt an der Drehscheibe Geschirr z'machen, alleweil mit den andern Buben auf dem Stadtwall g'wesen,und habt aus dem Lahm Mandeln gemacht; der Meister hat Euch dabei ertappt. Hubert. Er hat den Kopf gebeutelt, das heißt den meinigen und hat mich einen Teufclsbuben geheißen,und doch war diese Beschäftigung rein göttlich, denn unser Herrgott hat doch auch aus Lehm nicht Heferln und Reindeln, sondern er hat einen Mann daraus gemacht! Zinsb. Darauf seid Ihr zu einem Pfeifenschneider in die Lehr kommen, es hat Euch aber dort auch nicht gelitten. Hubert. Es war gegen mein Gewissen, in meiner Vaterstadt noch mehr Hohlköpfe zu erzeugen! Zinsb. Und dann, wie Euch die paar hundert Gulden Erbtheil auszahlt worden sein, da hält's halt was G'scheidteres anfangen sollen, als mit andern jungen Leuten ein' tollen Streich um den andern anzustellen, von einem Wirthshaus in'S andere — jeden tractiren, — das war ja a wahres Lumpenleben ! Hubert. Za, Herr von Zinsberger haben mir auch öfter die Ehr gegeben, mein Gast zu sein! Zinsb. Naja, wenn Einer das Geld beim Fenster hinauSwirft, wär> Zeder, der unten vorbeigeht, ein Esel, w enn er nicht die Hand aufhaltet! — Aber mir ist doch später derPerstand 'kommen, ich Hab' mein b Sacherl zusammengehalten, wie der alte Meister g'ftorben ist, Hab' ich seine Wittib g'heirat't. Hubert. Aber die war ja damals schon Meisterin, wie Sie noch Bub waren — Zinsb. Na ja, steift um zwölf Jahr älter als ich, aber ich Hab' durch sie daS G'schäft kriegt,bin jetzt, wie's mich seht's, Hausherr, das beißt halt mit Verstand handeln. Hubert. Nein, ich seh', Sie find auch ein Mann von Herz, denn ein altes Weib heiraten, um zu Haus und Geschäft zu gelangen, das heißt nicht bloS mit Verstand, sondern auch mit dem Herzen handelnl Zinsb. Aber Ihr (ihn wieder messend) seid noch nicht so weit — Hubert. Nein! Ich bin noch immer recht dumm, so habe ich zum Beispiel jetzt, wie ich meine Vaterstadt wieder gesehen habe, mir eingebildet, daß meine alten Freunde, mit denen ich oft meinen letzten Kreuzer getbeilt bade mir wenigstens freundlich die Hand reichen werden—nicht wahr, Herr von ZinSberger! da ist doch noch gar keine Spur von Verstand! Zinsb. (herablassend). Na. was mich betrifft, ich vergeß' einen Menschen nicht, mit dem ich einmal bekannt war, besonder- wenn er in Noch ist! (Sieht seinen Geldbeutel heraus.) So Einer geht von mir nie ohneUn- terftützung fort! Da— (wirst ihm Geld in den Hut) Aber das ist ein für alle Mal. AdieS!— Hubert (mit verbissener Wuth). KÜß' die Hand, Herr von Zinsberger! Zinsb. Schon gut! schon gut! AdieS! (Geht ab.) Hubert (bleibt ganz verblüfft stehen, ihm nachrufend). B'hüt Ihnen auch Gott, Herr von Zinsberger! (Sieht in seinen Hut und nimmt zwei Eilbersechser heraus.) Zwei Silbersechser! Sind das dieFrüchte, diederBaum der Freundschaft in zwanzig Jahren tragt?— Mich brennen sie in der Hand! Weg damit! Aber nein! nein! Ich behalte sie doch, denn daS ist gar ein wunderbares Geld — je mehr man von so einem Geld kriegt, desto ärmer fühlt man sich! Die zwei Sechser lasse ich mir in den Boden von meinem Trinkglas einschmelzen, und mit dem Glas will ich künftig immer anstoßen, wenn mir wieder Einer Bruderschaft anbietet! Doch nur nicht gleich so verstimmt sein! Vielleicht finde ich doch noch Einen von meinen ehemaligen Genossen, dem's Herz noch nicht gar so eingeschrumpft wär! (Blickt vorn in die Scene und schreit laut auf:) Ha! — da! da! Fünfte Scene. Hubert. Conrad. Conr. (ein junger Mensch im schlichten Anzuge eines Handwerksgesellen tritt auf). Hubert (rasch und mit ausgebreiteten Ar- men ihm entgegen). Conr. (tritt überrascht zurück). WaS wollen Sie denn? — Hubert. Jetzt kennt mich der auch nicht mehr! Conr. (immer mehr erstaunt). Hab' nicht die Ehre — Hubert. Mein Gott! Bist Du denn nicht der Conrad Märzer? Conr. Ja, so heiß ich — Hubert. Na also — so weißt denn nicht — vor zwanzig Jahren — Conr (lächelnd). Vor zwanzig Jahren? Da war ich drei Jahre alt. Hubert (seinen Jrrthum einsehend). Mein Gott! Richtig— Sie find ein junger Mann — aber die Ähnlichkeit mit meinem liebsten Freund, dem damaligen jungen Bindermeister Märzer — Conr. Das war mein Vater — Hubert. Ihr Vater? — Ja, ja, er hat damals so einen kleinen Stammhalter gehabt (deutet dieHöhe des Kindes an), und der — (sieht Conrad an) rS ist merkwürdig, wie daS Kind gewachsen ist!— Aber sagen Sie mir, wo ist denn Ihr Vater — führen Sie mich zu ihm! Conr. (ernst). Das wäre Ihnen wohl zu weit! Hubert. Macht nichts — ich nehme einen Wagen — ich setze mich auf einen Omnibnö — Conrad. Zu meinem Vater könnenSie nur mit einem Wagen fahren — mit dem Todtenwagen. Hubert (ebenfalls ernst). Also doch mit dem Omnibus. (Sieht finster vor sich hin.) Conr. Schon vor zehn Zähren ist er gestorben! Sic waren ein Freund von ihm? Wollen Sic mir nicht Ihren Namen sagen? Hubert. Hubert Ledermaun! Conr. (erfreut). WaS — Sic — Sie find Der? — (Faßt ihn an der Hand und drückt dieselbe herzlich.) Mein Gott! Wie oft hat mein Vater von Ihnen erzählt, wie lieb fie einander gehabt hatten, und wie weh' es ihm that, daß Sie haben stört muffen! Hubert. Mir that es noch wehrt! Aber das war eine eigene Geschichte. — Conr. Ich weiß'sja.— Wie mcinDater Sie geschildert hat, so waren Sie rin Mensch vom besten Herzen und vollGenia» lität, aber — ein wenig — wie soll ich sagen — Hubert. Cin Lump — sagen Sie'S nur g'rad herauSI ES ist einmal so. — Die Genialität hat die sogenanutc Lumperei zur nächstenNachbarin, und da geht sie halt manchmal in die Unrechte Thur! Conr. Aber es ist eine Zeit gekommen, wo Sie den ernsthaften Entschluß gefaßt haben, Ihr leichtsinniges Leben aufzugeben. Hubert. 3a, ich Hab' ernstlich ein ganzer Mann werden wollen, weil ich geglaubt habe, meine zweite Hälfte gefunden zu haben. Conr. Das war des damaligen Stadt- kastnerö Tochter— Hubert. Sie war ein Engel! Aber da führt der Teufel einen reichen Großhändler in die Stadt, fie gefällt ihm, und er fangt an mit ihrem Vater um fie zu schachern. Da bin auch ich hin—habe in Gegenwart dieses lebendigen Gcldsackes dem Vater meine ernsten Absichten erklärt, aber mein Nebenbuhler bricht in ein höhnisches Gelächter aus, und sagt mit der ganzen Impertinenz einer aufgeblasenen Krämerseele: »Trollen Sie sich weiter, das Haus meiner Braut steht solchen Lumpen nicht offen!*— Ich weiß nicht, war es das Wort »Braut* oder das Wort »Lump«, das auf einmal meine ganze Empörung so in meine Faust hincingejagt hat, kurz— unt einem Schlag mitten auf die hochgetragenc Nasen Hab' ich den Dickwanst zu Boden gestreckt! — Spectakel im Haus — Dienerschaft — Wache — Alles hat vor meinen Sinnen herumgeflunkert, auf einmal war ich auf der Wachstube — nichts vor mir habend, als die Aussicht auf mehrmonatliche Ein- fperrung. Aber Tags darauf bringt man mich zum Bürgermeister, der sagt mir, er wolle die Sache wegen des Niederschlagens Niederschlagen, doch unter der Bedingung, daß ich augenblicklich die Stadt verlasse, und mich verpflichte, vor zehn Jahren nicht wiederzukommen! — »Was? Zehn Jahre?« schrie ich — »meine Geliebte—?!*— Da führt mich der Bürgermeister zum Fenster, und ich sehe sie — im Brautanzuge mit dem dicken Großhändler, der noch die Nase in der Schlinge getragen hat, zur Kirche gehen. Jetzt war mir die Wahl nicht mehr schwer — »Fort — fort!« — Hab' ich ge- schrien, der Bürgermeister hat mir noch einige gute Lehren geben, ich habe sie kaum mehr gehört, er hat mir cin Packet in die Hand geschoben, ich habe es nicht gemerkt, — fortgestürzt bin ich — gelaufen g'rad- aus, wie ein toller Hund, bis ich fünf Stunden von hier vor Mattigkeit zusammengestürzt bin! Conr. (Hubert's Hand fastend). Armer Mann! Ich kann mir vorstcllen, wie 3H« nen dazumal zu Muth gewesen sein muß, ich begreif'S auch, wie's kommt, daß Sie jetzt nach zwanzig Jahren in der Gestalt wieder zurückkommen! — So eine zerrissene Liebe ist oft die Ursache von einem ganzen verfehlten Leben! (Düster vor fick hinsehend.) Ich kann mich lebhafter in Ihre Lage hinciu- denken, als Sie glauben! Hubert (ihn fixirend). Was ist das? — Sic sagen daö mit einem Ton, als hätten 8 Sie selber schon was Aehnliches erfahren? (Faßt seine Hand.) Auch eine nnglückliche Liebe? — Was? — Herans mit der Sprache! Conr. (fährt rasch mit der Hand über die Augen). Nein, nein, von mein Unglück soll jetzt nicht die Rede sein — jetzt gilt's vor Allem Ihnen zu helfen! — Haben Sie schon ein Quartier? — Hubert. O ja— ein sehr geräumiges, lichtes — wie Sie sehen! (Rings um sich weisend.) Conr. Was?— Die offene Straße? — Glauben Sie denn, ich würde einen Freund meines Vaters da einlogirt lassen?!—Da ist leicht abgeholfen, ich Hab' beim Binder» meister Klöpfl, bei dem ich arbeite, mein eigenes Kammerl, da schlafen Sie in meinem Bett, und ich leg' mich derweil auf die Dank, dann suchen Sie sich von meiner Wäsch und von mein' Kleidern aus, was Ihnen paßt, ein paar Gulden Hab ich auch zusammengespart, da ist also wenigstens für die erste Zeit g'sorgt! Hubert (fällt ihm plötzlich um den Hals). Conr. WaS haben's denn? Hubert. Ich Hab' doch Einen gefunden so, so wie ich Einen gesucht habe! Sein eigenes Unglück vergessen, so lang man einen Andern in Noth sieht, — sein Bett, sein Geld, sein letztes Hemd mit einem Freunde theilen, daran erkenne ich den Sohn Ihres Vaters, aber nein, nein, zu so einem Menschen kann ich nicht Sic saget», also — auf Du und Du — für immer! (Hält ihm die Hand hin.) Schlag ein! Conr. (einschlagend). Recht gerne! Hubert. Du lieber Kerl! Und Du — Du willst unglücklich sein? — Na, unterstehe Dich! — Ich bin da!— Du wirst mir jetzt gleich deinen ganzen Liebesroman erzählen! Conr. Wir reden noch später davon, jetzt gehe ich. voraus, und richte meine Kammer her — komm' nur bald nach — dort übers Eck— in der Hirtengaffen, Du sichst schon den Schild: »Bindermeister Klöpfl« — also — b'hüt Dich Gott derweil, es freut mich recht herzlich, daß Du gleich an mich gerathen bist! (Drückt ihm nochmals die Hand und geht ab.) Sechste Scene. Hubert (allein, ihm nachsehend). Braver, seelenguter Kerl! — Und der sollt hoffnungslos verliebt sein? — Das wollt ich doch sehen! Entweder er ist ein Traumichnicht, oder das Mädchen ist eine Gans, die seinen innern Goldgehalt nicht zu würdigen weiß. Menschen, wie der ist, kommen selten vor, und daran ist offenbar nur die rasche Vermehrung der Bevölkerung Schuld, es kommen immer zu viel Leute auf einmal auf die Welt, darum ist die Dutzend- waare überall haufenweise auf dem Lebens» markt anzutrcffen, aber um eine edlere Na- tnr, ein sogenanntes Cabinetstück zu finden, dazu braucht man, wie weiland Diogenes, beim helllichten Tag eine Laterne. L o u p t e 1. Solche Leut', die wohl mit vollen Händen Zu mildthätigen Stiftungell spenden, Auch selber dafür sammeln geh'«, Nur um in der Zeitung zu steh'n, Um dann, wenn sie selbst etwas aspiriren, Im Bittgesuch groß anzuführen: Das nlld das Hab' ich Alles für die Armen gethan, Solche Wohlthätcr trifft man wohl dutzendweis an! Doch Einer, ganz vermummter, Daß ihll Niemand kennt, kummt er, Tritt in's Haus, wo die Noth ist, Schon lange kein Brod ist, Dort heilt er die Wunden, Ist, eh's danken, verschwunden, 2hn in die Zeitung zu setzen, Thät' ihn selber verletzen. Armen das Kreuz abuehmen, Ist sein' Lust, aber schämen Thät' er sich, zu begehr'n: Bekreuzt dafür z'wcrden, Um aufz'finden solch' ein' wohlthätigen Herrn, Da braucht man beim hellichten Tag 'ne Latern! »Warum Der ein' Wag'n hab'n muß, Und ich — ich muß gehen zu Fuß, Ich bin schuldig denZins schon zwei Jahr, Und der hat zwei Häuser sogar, Da liegt gar ka Gerechtigkeit d'rin? Güter-Theilung, das war'noch mein Sinn, Da kommet zmn Genießen auch der Arme einmal d'ran.« Philosophen der Art trifft man dutzendweis an. Doch Einer, der so predigt, Wird plötzlich entschädigt; Ein Gut, das sehr groß ist, Wird g'wonnen, sein Loos ist's. A Herrschaft und Felder Und Gärten und Wälder, Sein thut das All's g'hören. Doch treu seinen Lehren/ Sagt er: »Nicht allein nehm' ich'S, Weil's gegen mein System iS, Und thut sich beeilen, Mit Aermeren zu thcilen. Sie möchten g'wiß wissen, wo Sie finden den Herrn? Ja, da braucht man beim helllichten Tag a Latern! »Das Rindvieh ist theuer an Ort, Und nachher bis Wien der Transport, Und nachher, was erst so a Vieh, Noch für Beinerwerk in sich noch hat, Und dann fünfzehn Kreuzer das Pfund, Wir Fleischhacker kommen am Hund.« So redcn's und spiel'n die Cavaliere sodann, Solche Fleischhacker trifft man wohl dutzendweis an! Doch jetzt, das ist prächtig, Die Ochsen, großmächtig, Werden nicht ftrapezirt, Auf der Eisenbahn g'sührt, Der Zoll ist auch g'fallen Fur's Rmdvieh vor Allen, Jetzt müff'tt wir's erleben, Daß sie's billiger geben, Die rindene Atzung, Man wart' nur auf d'Satzung, Es mengen sich d'rein auch Die Ausschuß' der G'mcind' auch. Doch sucht man ein' Ochsen, der billig thät wer'n, Da braucht man beim helllichten Tag a Latern! »Heut' Hab'ich a Roll', ich hab's g'wogen, Ein halb's Pfund schwer, cs sind fünf Bogen, Und Abgänge d'rin und Momente, Das paßt so zu meinem Talente, Da gibt's ein Applaus, Ihr sollt sehen, Wie ich bei der Roll' werd' loslcgen, Nur bei großen Rollen, da wend' ich was d'ran!« Komödianten der Art trifft man dntzendweis an. Ein And'rer, der denkt sich: »Meine Rolle beschränkt sich Nur auf anderthalb Seiten, 'S ist kein Applans zu bereiten, Und steh' ich auch nicht im Glanze, 'S ist doch nöthig für's Ganze; D'rum will ich studieren, Sie gut durchzuführen, Ich thu's um den Dichter Und auch meine Richter, Das Publicum z'ehren, Das hat ein Recht es z'begehren.« Beim Gaslicht da findet man schwer solch' ein' Herrn, Da braucht man beim helllichten Tag a Latern! »3ch bin Patriot, ein Gutgesinnter, Bin ruhig im Sommer und Winter, Ich Haffe das Politisiren, Ich kümm're mich nicht um's Regieren, Und machen sie Krieg oder Frieden, Ich bin Patriot, bin zufrieden, Wenn ich nur mein Geld recht in Ruh' g'nießen kann!« Patrioten der Art trifft man du- tzendweiS an! Doch einer mit Millionen Sagt: »Das Hab' ich gewonnen In besseren Zeiten, Jetzt thnt das Land leiden, D'runr Alles, was mein ist, Mein Vaterland dein ist, Ich will denken und studiren, Was sich ließe durchführen, Mein Geld komm' zu Guten DeS Land s Instituten, Wenn auch Stroh nur mein Bett iS, Wenn nur 'S Vaterland g'rett' iS, 3a so ein' Patrioten, den sehet ich gern, Doch da braucht man am helllichten Tag a Latern! (Geht ab.) Siebente Scene. Zimmer in Klövfi'S Hause ; in der Hinterwand eine Thür, welche auf den Arbeitsplatz führt, und ein breites Fenster, welches die Aussicht in ein kleines Gärtchen bietet; rechts und links Seitenthüren. Lieschen, Frau Resi (kommen aus der Seitenthür). Fr. Resi (hält noch ein SpielKarten in den Händen). Liesch. Ah— laß' mich die Frau Mahm aus mit den Dummheiten. Fr. Resi. Dummheiten? Kind! Versündig' Dich nicht! — Die Karten sind und bleiben Schieksalsblättrr, und Dir steht einmal ein vornehmer Herr in s Harts! LieSch. (in Gedanken vor sich hinsehend). Ein vornehmer .Herr! — Fr. Resi. 3st denn das was so Unmögliches? 3etzt bist siebzehn 3ahr alt, mußt bald an s Heiraten denken — hm,— sag' einmal, hast noch nicht daran gedacht? Liesch, (leise seufzend). DaS schon! Fr. Resi. Na also, wenn Dich Einer zur gnädigen Frau machte, so zu einer Frau Baronin — Liesch, (fast erschreckt). Baronin!—Wie kommt die Fron Muhme aus den Gedanken? — Fr. Resi (schlau lächelnd). Na, na, ich weiß, was ich weiß! Liesch. Nichts. (Setzt sich verdrießlich an den Tisch, und stützt das Haupt in die Hand.) Fr. Resi (stellt sich hinter den Stuhl, und spricht über die Lehne desselben ihr recht eindringlich in s Ohr). Du hast kein Vertrauen zu mir, das ist nicht schön, es ist eineSchand, daß fremde Leut' mehr Vertrauen zu mir haben. — Liesch, (ausblickend). Fremde Leute? — Wer, wer hat etwas gesagt? — Fr. Resi. Er selber — Liesch. Wer?— Der Bar- Fr. Resi. Hihihi! Nur heraus—ja — der Herr Baron — Liesch, (steht aus). Muhme! — Um Gottes willen! Hör' die Muhme auf — wenn das wer hört — die Leut' könnten glauben — und ich — (fast weinend). 3ch kann ja nichts dafür! Fr. Resi. Nom. Du kannst nichts dafür, denn das ist eine GotteSgabe, daß Du (indem sie Lieschen am Kinn und an den Wangen streichelt) so ein wunderlieb'S Kind bist. Hör' mich an — der Herr Baron, der im? mer da beim Fenster vorübergeht, immer gar so schön seufzt und hereinschaut, der hat mir gestern aufpaßt, er hat mir gesagt, daß Du ihm über Alles aus der Welt gefällst, hat mir geschworen, daß er es ehrlich mit Dir meint, und mich nur gebeten, ich soll ihm die Zeit sagen, wo er allein mit Dir reden könnte, — na, da Hab' ich ihm halt gesagt, daß der Vater heut' beim Bürgermeister eiugeladrn ist, und daß ich II ihm das Thürl vom Garten hinten, gegen den Bach zu, offen lasse — Liesch. Und da glaubt die Mubme, daß ich in den Garten (wendet fick bei dieser Rede gegen das Fenster an der Hinterwand und stößt einen lauten Schrei aus). Ha! — da! Achte Scene. Vorige. Liebhelm. (Liebhelm. geckenhaft gekleidet, ist während der letzten Rede von außen um das Fenster ge- scklicken. und hat die Zweige eines vor demselben stehenden Strauches so auüeinanderge- bogen, daß man anfangs nur seinen Kopf sah, nun aber tritt er bis zur Brust sichtbar an die Fensterbrüstung.) Fr. Resi. Was schreist denn so? (Sieht fick ebenfalls um.) Ach — der Herr Baron! Unterthänigfte Dienerin — (Zu Lieschen). Liest! Da schau her! Liesch, (steht vor Schreck und Verlegenheit regungslos). Liebh. (durch daS Fenster hineinsprechend). Mein himmlisches, angebetetes Fräulein! Würdigen Sie mich eines Wortes — eines BlickeS! Fr. Resi (leise zu Lieschen). So gehe, thue nicht so verstockt — er muß Dich für a rechts GanSl halten! Liesch, (sich ermannend) Das soll er nicht! (Wendet sich gegen Liebhelm, mit Festig- keit.) Herr Baron! Ich ersuche Sie, verlassen Sie augenblicklich den Garten! Liebh. Den Garten verlassen? Mit lausend Freuden! (Schwingt sich rasch auf die Fensterbrüstung.) Liesch, (noch mehr erschreckt), llttt Alles in der Welt! Fr. Resi (schnell einen Stuhl zum Fenster tragend). Geben s Acht, Herr Baron — Liesch. Frau Muhme! Wa- thut Sie? Liebh. (bereits vollends im Zimmer). Die gute Frau wurde mit zur Pförtnerin deS Elisiums. — O meine Himmlische! (Kniet vor Lieschen nieder.) Liesch, (zittend vor Schreck und Derle- genheii). Herr Baron! — Stehen Sie auf — wenn Jemand kommt — nebenan in der Werkstatt sind die Gesellen! Fr. Resi. Sei ohne Sorg! Damit da Keiner hereinkommt, geh' ich selber hinein, und bleib' an der Thür. (Rasch an der Sei- tenthür ab.) Liesch. (ängstlich). Muhme! Frau Muhme! (Will ihr folgen.) Liebh. (hält sie an der Hand zurück). Entschwebe mir nicht, Lichtgestalt! Liesch, (in Thronen ouSbrechend). Ilm Gottes willen, HerrBarvn! Wenn Ihnen meine Ehre und mein guter Ruf heilig sind, verlassen Sic mich! Liebh. (aufspringend und sie mit seinem Arme umschlingend). Zeder deiner Wünsche, mein Himmelskind, ist mir Befehl! —Za, ich will setzt fort, gib mir nur die Hoffnung, daß ich Dich Wiedersehen kann — Liesch, (ihn drängend)^ Za, ja, ein anderes Mal! Liebh. O Seligkeit! — Wonne! LieSch. Nur fort, fort! Liebh. Za — ich fliehe, doch zum Pfände, daß'wir uns Wiedersehen — einen Kuß. (Zieht trotz ihres Sträuben- rasch an seine Brust und mll sie küssen.) LieSch. (schreit und stößt ihn von sich) Neunte Scene. Vorige. Klöpfl. Erding er. Mandler. Mehrere Bürger. Eonrad. Erding, (einen ungeheuren Blumenstrauß in der Hand haltend, erscheint in demselben Augenblick, als Liebheim Lieschen küssen will, mit Klöpfl in der rasck aufgerissenen Mittelthür. Mandler, Conrad und die fiebrigen folgen ihnen Erdinger von der Gruppe überrascht). WaS ist daS? Klöpfl (starr vor Entsetzen) Liesl! Liesch, (in heftigen Schreck). Heiliger Gott! Liebh. (für sich). Teufel! Cvnr. (schmerzlich). Zungfrr Liest! — O mein Gott! (Drückt beide Hände vor die Augen und bleibt verzweifelnd mehr im Hintergrund stehen.) 12 Erding, (etwas mehr vortretend). Vcr- zeihcn's, wenn wir grstört haben. (Zu Mand- ler und den Uebrigen ) Ich denk' wir kehren wieder nm! (Eie wollen sich stillschweigend entfernen.) Klöpfl (welcher sich inzwischen etwas ge- sammelt hat, zu den Bürgern). Halk, wohin! Erding, (etwas leiser zu Klöpfl). Meister Klöpfl! Unsere Achtung vor Euch bleibt die alte, aber hinsichtlich des ehrsamsten Mädchens der Stadt müssen wir zu einer neuen Wahl schreiten. Klöpfl (für sich). Das ist mein End'! (Einen Entschluß fassend.) Doch nein — ich ende noch nicht— ich weiß, was ich an- sangc! (Laut.) Wer von Euch findet darin einen Verstoß gegen die Ehrsamkeit, wann eine Braut von ihrem Bräutigam umarmt wird? — Alle (erstaunt). Was — Braut? Klöpfl. So ist's! Die Uebrigen (ungläubig). Die Braut — vom Herrn Baron? Klöpfl. Za, gerade wegen ihrer ereui- plarifchen Ehrenhaftigkeit hat der Herr Baron seine Geburt hintangesetzt, und bei mir förmlich nm ihre Hand angehalten. Ich Hab' »Ja« gesagt. — Er ist mein thcnrcr Schwiegersohn. — (Eilt zu Liebhelm vor, umarmt ihn anscheinend zärtlich, dabei leise zu ihm sprechend.) Sie niederträchtiger Kerl, sagen's laut Schwiegervater zu mir, oder ich drücke Ihnen die Seel' aus'm Leib! Liebh. (leise vor Schmerz stöhnend). Au, Ihr seid ein Flegel! (Laut.) O mein ehren- werther Schwiegervater! Klöpfl (ihn loslassend zu den Uebrigen). Habt Zhr's gehört? — Mitbürger! was sagt Ihr jetzt? — Conr. Zck) sag' nichts, als (eilt zu Lies- chen und faßt krampfhaft ihre Hand) Glück, viel Glück — Jungfer — nein Fräulein Braut! (Stürzt in die Seitenthür ab-) Liesch, (mit fast erstickter Stimme). Conrad! Erding. Was wir jetzt gehört haben, gibt freilich der Sache ein ganz anderes Gesicht, und darum — (tritt, den Blumen- strauß mit beiden Händen haltend, feierlich zu Lieschen vor) Jungfer Elisabeth Klöpfl, wir sind gekommen, nm Ihnen bekannt zu machen, daß wir Sie zu der besondern Auszeichnung erwählt haben, bei der übermorgen stattfindenden Feierlichkeit dem fremden Künstler den Lorbeerkranz zu überreichen. So wie wir jetzt Ihnen zum Beweise unserer Achtung den Blumenstrauß übergeben. (Uebergibt ihr den Blumenstrauß.) Liesch, (ist während dieser Rede noch ganz betäubt an einem Tische gestanden und hat sich m,t einer Hand darauf gestützt, sie nimmt fast bewußtlos den Strauß und nickt nur mit dem Kopfe). Klöpfl. Ich danke im Namen meiner wirklich sehr überraschten Tochter, wir werden erscheinen — im weißen Kleid, versteht sich, — aber jetzt Hab' ich noch Verschiedenes mit meinem Schwiegersöhne abzumachen ! Mandl. Da wollen wir nicht stören! Also adieu, Meister Klöpfl! Fräulein Braut, viel Glück! Die Uebrigen. Wir gratuliren auch! Klöpfl. Danke! Nicht Ursache. — Behüt' Euch Gott Alle mit einander! (Begleitet sie. sie beinahe fortdrängend, zur Mittel' thür hinaus, und tritt dann zwischen Lieschen und Liebhelm, fixirt sie erst beide abwechselnd, dann). Na, was sagt Ihr denn, Kinderln? Liesch, (welche bisher vor Schreck wie gelähmt dagestanden, erhebt flehend ihre Hände zu ihm). Vater! Um Alles in der Welt! — Klöpfl. Zu was denn das Bitten? — Bin mit Allem einverstanden! Liebh. (bemüht sich die Sache in'S Scherz hafte zu ziehen). In der That, Meister, Ihr habt den besten Ausweg getroffen, um den Leuten die Mäuler zu stopfen! Klöpfl (sehr ernst). Hier handelt slch's nicht um Mäuler, die zu stopfen, sondern um meine zerrissene Ehre, die zu flicken ist! Liesch. Vater! Ich bin unschuldig! Klöpfl. Das könnt eine Jede sagen! — Uebrigens geht mich das weniger an, als hier (auf Liebhelm weisend) Deinen Bräutigam ! 13 Liesch, (erschreckt, überrascht, zurückfahrend). Was? — Liebh. Wie, Ihr denket im Ernst? — Klöpfl. Ah, haben Sie glaubt, ich spaß'? O nein! Es ist mein fürchterlichster Ernst! — Liebh. Aber da wäre denn doch noch Einiges zu besprechen. Klöpfl. O ja, wir Beide haben mündlich und schriftlich mit einander z'reden — darum (zu Lieschen) geh' Du auf deine Kammer! Liesch, (bittend). Vater! Klöpfl. Geh' oder meiner Seel — (zornig, dann sich mäßigend und den Strauß wegwerfend). Nein! — Nicht so!— Du hast mich in noblere Familienverbältniffe gebracht, ich will zeigen, daß ich mich auch darin zu bewegen weiß! (Mit Noblesse, aber strenge, indem er sie bei der Hand faßt.) Mademoiselle! Auf Ihr Appartement! bis ich Sie rufen lasse. (Führt sie zu ihrem Zimmer und schließt die Thür hinter ihr. geht hierauf zur Mittelthür und schließt auch diese.) Liebh. (,hn beobachtend, befremdet für sich). Zum Teufel! Er schließt die Thüren ab! (Laut.) Was habt Ihr vor? Wollt Ihr mich einschließen? — Klöpfl (zu ihm vortretend, mit mühsam verhaltener Wuth). O nein! Fort können Sie auf jeden Fall, sobald es Ihnen beliebt, wenn Sie aber früher fortwollen, als es mir beliebt, so müßt ich Sie ersuchen, durch die Thür hinauszugehen — (Oeffnet die Thür der Werkstätte.) Liebh. Wie? Durch die Werkstätte?— Mitten durch die Gesellen? Klöpfl (wie oben). Za! — Schauen Sie sich sie an. Das sind lauter feste Gesellen, die mit einem lockern Gesellen wohl bald fertig werden. Es sind Bindergesellen, aber ich darf ihnen nur zurufen: »Leute! die Ehre meines Hauses ist befleckt!« — so lassen sie das Binderhandwerk liegen und werden Fleckausbringer. (Macht die Panto- mime des Schlagens.) Liebh. Aber, lieber Meister —! Klöpfl (gebieterisch). Ich rathe Ihnen, sagen Sie zu mir Schwiegervater, dann werden wir uns sehr leicht verständigen, wann aber der Herr Baron nur mit dem »Bindermeister« reden wollt — (grimmig die Hände ballend) dann-(sich wieder mäßigend) Jetzt suchen Sie sich's halt aus! Liebh. (ist einen Augenblick überlegend ge- wesen, nun aber mit dem Ausdruck eines rasch gefaßten Planes, für sich). Nur so kann es gehen! (Laut.) Also ist es wirklich wahr? — Sie geben Ihre Zustimmung?— Jnmeine Arme — an mein Herz! Vater — meiner Braut! Klöpfl (sieht ihn anfangs zweifelhaft an). Sie sind also entschlossen? — Liebh. Wer könnte hier noch überlegen? Klöpfl. Gut — das wollen wir gleich sehen! — Kommen Sie her! (Geht mit ihm zum Tische und schiebt ihm einen Stuhl zurecht.) Setzen Sie sich. Liebh. (setzt sich). Klöpfl (zieht aus der Lade des Tische- eine Schrift hervor und reicht sie Liebhelm). Lesen Sie das! Liebh. (liest). Klöpfl (während er Schreibzeug und Federn zurecht richtet, für sich). Jetzt wird sich's gleich zeigen, ob's sein Ernst ist! Liebh. (nachdem er gelesen, lachend). Ein rechtskräftig aufgesetztes Eheversprechen, dem nur die Unterschrift fehlt! — Ei, mein Lieber! wie kommen Sie dazu, ein solches Dokument in Ihrer Tischlade bereit zu halten? Klöpfl. Weil ich nicht so dumm bin. als ich auSschau! Sehen Sie, ich Hab' oft bemerkt, daß so feine und noble Herren wie Sie allweil um mein Haus herumscherwenzeln ; da Hab' ich mir gedacht, waö sie d'raußen auf der Gaffe thun, kann ich ihnen nicht wehren, untersteht sich aber Einer in mein Haus herein zu kommen, der soll es nur als Bräutigam oder gehörig durchkarbatscht wieder verlassen — darum habe ich mir diese Schrift aufsetzen lassen. — 14 Also wollen Sie unterschreiben? — (Halt ihm die Feder hin.) Liebh. (in der Schrift lesend). Ein Reue« geld von 20,000 fl. für den Fall des Rücktrittes? Klöpfl (streng). Denken Sie an einen Rücktritt? Liebh. Gott bewahre! Klöpfl. So kann Sie auch die Summe nicht geniren. — Liebh. Sie halt mich auch gar nicht ab, ich unterschreibe. (Nimmt die Feder und unterschreibt rasch.) Klöpfl (ihm zusehend, für fich). Er unterschreibt richtig! Victoria! Ich bin Baronin- Vater! Liebh. (steht auf und gibt ihm die Schrift). Nun, seid Ihr jetzt zufrieden? — Klöpfl (steckt rasch die Schrift in die Sei- tentasche). Außerordentlich — Sie stnd ein Ehrenmann — Baron! Schwiegersohn! — Jetzt in meine Arme! (Umarmt ihn.) Darf ich jetzt ganz aufrichtig reden? — Liebh. Wie ein Vater zu seinem Sohne. Klöpfl. Aufrichtig gesagt, ich Hab' Sie für einen niederträchtigen Kerl gehalten. — Ltebh. (beleidigt). Was redet Ihr?! — Klöpfl (begütigend). Aber ich habe mich getäuscht — Ehrenmann! (Eilt zur Mittel' thür und schließt sie auf.) Don jetzt an stehen Ihnen alleThüren in meinem Hause offen! Liebh. Ich werde oft, recht oft kommen, bis zu dem Augenblick, wo ich meine Geliebte heimführe, als meine Frau — Klöpfl. In drei Wochen, wie es in der Schrift steht — Liebh. Wir ziehen dann auf mein Gut! Klöpfl. Ein Gut — daS ist gut! Liebh. Und Sie, lieber Schwiegervater! geben Ihr Handwerk auf, und ziehen mit unS — Klöpfl. Ja, ich geb' das Faßbinder- Handwerk auf, und rverde mich mit den Fässern nur mehr aus Liebhaberei beschäf- tigen — ich lebe bei Ihnen, bin ganz frei- herrlicber Schwiegervater, und werde nach und nach Ahnherr zukünftiger Barone! — O Gott! — O Gott! (Geht verzückt auf und nieder.) Liebh. Nun aber muß ich fort — Klöpfl. Gehen Sie in Gottes Namen— Liebh. Adieu, lieber Schwiegervater, auf baldiges Wiedersehen — tausend Küsse Ihrer Tochter! (Eilt ab.) Klöpfl (allein, stch in die Brust werfend). Bin ich ein gescheidter Kerl! Was?— Mir ist's vorgegangen, meine Tochter muß etwas ganz Besonderes werden!—Schon lange habe ich das Netz aufgespannt, und heute — heute ist mir der reiche Baron hineingegangen!— Aber wo ist denn meine Tochter? — Wo ist denn die Baronin in spe! (Rust immer lauter.) List! Lisette! Elise! Lieschens (Stimme in ihrem Zimmer). Vater! Sie haben mich ja eingesperrt — Klöpfl. Richtig! — Aber da sie Freiin wird, soll sie frei werden. (Schließt die Neben- thür auf.) Zehnte Scene. Klöpfl. Lieschen. Liesch, (tritt aus ihrem Zimmer heraus, fich umsehend). Gott sei Dank! — Er ist nicht mehr da! Klöpfl. Thut nichts — er ist Dir sicher — ich Hab' ihn im Sack, da schau her! (Zieht die Schrift auS der Tasche und hält sie ihr vor die Augen.) Liesch, (wirft einen Blick in die Schrift, stößt einen Schrei aus und hält beide Hände vor die Augen). Eilfte Scene. Vorige. Eonrad. Eo nr. (in einer Blouse, sein Ränzel auf dem Rücken, einen Wanderstock in der Hand, tritt aus der Werkstätte). Meister! Klöpfl (steht ihn an). WaS ist denn das wieder? Eonr. Ich kann nicht mehr bei Euch bleiben, und bitt' Euch, daß Ihr mich heute gleich entlaßt! Klöpfl. Aber Conrad! Was fällt Dir denn ein? Conr. Fragt mich nicht, warum? und redet mir nicht zu—ich kann einmal nicht bleiben! Klöpfl. Sei vernünftig! — Steh'nicht selber deinem Glück im Wege. —Du weißt, ich Hab' Dich gern, und meine es gut mit Dir, ich werde das Geschäft aufgeben — Du kaunst's übernehmen, also bleib da, und an dem Tag, an dem meine Tochter den Baron heiratet — Conr. (hastig). Nein, nein, den Tag will ich hier nicht erwarten, bis dahin muß ich fort—recht weit fort von Hiersein! — Behüt' Sie Gott! (Will fort.) Liesch, (trocknet rasch ihre Augen, und tritt entschlossen zu Conrad). Conrad, Eine Frag' werdet Ihr mir doch noch beantworten — Conr. (ohne sie anzusehen). Was denn ? LieSch. Sagt mir — könnt auch Ihr glauben, daß ick mit dem Baron ein geheimes Derhaltniß gehabt Hab'? — Conr. (fortwährend zum Boden blickend). Ich habe es nie geglaubt — aber — was man mit seinen eigenen Augen sieht — LieSch. WaS habt Zhr gesehen? Die alte Muhme hat den Baron gegen meinem Willen Hereingelaffen. — Ich Hab' ihn abgeschafft — aber er ist so keck gewesen, daß er mich umarmt hat — verdiene ich deswegen, daß Ihr mich verachtet? Conr. Verachten? (Blickt ihr in die Augen, von ihrem Anblicke überwältigt) Nein! — Nein! — Wie auch der Schein gegen Ihnen war, ich darf nur in Ihre Augen schauen — und ich sehe — es muß wahr sein, was Sie sagen! Liesch, (nun ihre volle Entschlossenheit gewinnend). Gut! so will jetzt ich handeln! (Zu Klöpfl mit Festigkeit.) Vater! ich werde den Baron nicht heiraten! Klöpfl. Das möchte ich sehen! Warum nicht? Liesch. Weil ich ihn nickt liebe — nicht lieben kann! Klöpfl. Das schadet nichts bei einer noblen Heirat. Liesch. Und — weil mein Herz schon einem Andern gehört! — Klöpfl (erstaunt). Was ist das? Conr. (ängstlich). Einem Andern? Liesch. Ja! (Fortwährend Conrad anblickend.) Einem musterhaften, braven Mann von meinem Stand, dem ich's schon lange angesehen Hab', daß er mich über Alles liebt, der aber in seiner Bescheidenheit nicht den Muth gehabt hat, es mir gerade herans- zugestehen— Klöpfl. Und wer ist denn der dumme Kerl? Liesch, (hält Conrad die Hand entgegen und nickt ihm freundlich zu). Conr. (im höchsten Entzücken). Ich! — Ich bin's? (Eilt zu Lieschen, stürzt zu ihren Füßen nieder.) Elise! O mein himmlisches Lieschen! LieSch. (beugt sich liebevoll zu ihm und legt ihre Hand um seinen Hals). Klöpfl. Na — genirt Euch nickt — Conr. (springt auf und fällt Klöpfl um den Hals). Meister! Meister! Klöpfl. Ob Du mich loslaffrst! Conr. (eilt mit gesteigerter Freude zu LieS- chen und umarmt diese). Lieschen! Mein Lieschen! — Liesch, (die Umarmung innig erwiedernd). Mein guter Conrad! Klöpfl (erstaunt die Hände zusammen- schlagend). Liescken! (BorwukfSvoll.) Lisi! (Wüthend.) Life'. (Mehr für sich.) Sie hört und sieht nicht!—Das sittsamste Mädchen der ganzen Stadt, und ich muß sehen, wie sie heute die Liebhaber gleich paarweise umarmt! (Wieder schreiend.) Liescken! Him- melsapperameut! (Springt zwischen Beide und kennt so die Umarmung.) H' l Conr. Ich bin so glücklich. «Liesch. Ich kann nur mit ihm glück- ? lich werden! iConr. Sie waren mir immer so gut, G ' Meister — 16 ^ /Liesch. Mir waren Sie der beste Vater! dF lConr. Gewiß! Sie legen unserem ^ Il Glücke nichts in den Weg — ^ ^ »Liesch. Nein! nein, ich kenne meinen ^ ' guten Vater. — Beide (drängen sich während dieser Reden schmeichelnd an Klöpfl). Klöpsl (der sich vergebens ihren Liebkosungen entziehen und zu Worte kommen wollte, während er ungeduldig mit den Händen gesti- « ulirte und mit den Füßen stampfte, endlich losbrechend). Kreuz-Million! — Aufhören! Es darf — es kann nichts daraus werden! Eonr. und Liesch, (erstarrt zurückweichend, gedehnt). Was? Klöpfl. Lieschen wird Frau Baronin — das ist einmal eine fette Accompli! Liesch. Vater! Ich sterbe! — Klöpfl. Meinetwegen, aber als Baronin ! Eonr. Meister! Ich thue mir ein Leid an! — Klöpfl. Ist mir leid, aber ich kann's nicht ändern! Uebrigens — nach dem, was ich jetzt weiß, steht deiner augenblicklichen Entlassung aus meinem Dienst nichts mehr im Wege! Eonr. WaS? Jetzt soll ich fort? Gar keineIdee!—Jetzt bleibe ich.— (Wirst sein Ränzel ab.) Klöpfl. Du wirst gehen. Eonr. Das ist nicht möglich! Klöpfl. Was? Es ist Dir nicht möglich, zu gehen? — Du, laß'es nicht darauf an- kommen, daß ich Dir das Fliegen lehre! Eonr. Meister! Sie wollen mich hinauswerfen? Klöpfl. Zwar mit Bedauern — aber — auf den Bauch, wenn es sein muß! Zwölfte Scene. Vorige. Hubert. Hubert (ist schon während der letzten Reden durch die Mittelthür eingetreten, nun vortretend). Da müßt ich auch dabei sein! Eonr. Ha! Du bist da? (Ihm entgegen- gehend und die Hand druckend.) Verzeih', ich hätt' jetzt bald auf Dich vergessen! Hubert. Auf seine Freund'vergessen, das thut der Mensch gewöhnlich nur, wenn er im Glück ist, aber in der jetzigen Situation — Eonr. Ah, — das ist die glücklichste in meinem ganzen Leben! Hubert. Wenn Du gerade hinanSge- worfen werden sollst? Eonr. Dom Vater deßwegen hinausgeworfen werden, weil (auf Lieschen weisend) die Tochter ihm gestanden hat, daß sie mich — mich allein lieben kann — Hnbert. Ah! Dann ist eS ein ehrenvolles Hinausgeworfenwerden, ich gratulire Dir, und kann nicht umhin (zu Lieschen gehend und jetzt erst den Hut abziehend) Ihnen mein ganz besonderes Wohlgefallen zu erkennen zu geben! Klöpfl (ihn erstaunt betrachtend). Was ist denn das für eine Figur? Hubert. Kennt mich auch nicht mehr ! Sonderbar, ich hätte Ihn gleich auf den ersten Blick wieder erkannt. — Der närrische Klöpfl — so haben Sie einmal geheißen, und — es ist merkwürdig — jetzt sind seit der Zeit zwanzig Jahre vergangen, und Sie haben sich gar nichts verändert, aber gar nicht! Klöpfl. Mit Complimentern richtet man bei mir nichts aus! Wer ist der Herr- Hubert. Ich bin ein Abgeordneter vom Richterstuhle — Klöpfl. Was — Richterstuhle? — Hubert. Ja, und zwar vom höchsten Richterstuhle — von dem der Vernunft! Klöpsl. Was geht mich der an? Ich stehe nur unter dem hiesigen Magistrat! Und was will denn der Richterstuhl von mir? Hubert. Er erklärt Sie für unfähig, Ihre Güter zu verwalten. Klöpsl. Güter?— Unsinn?— Ich war nie ein Gutsbesitzer! 17 Hubert. Sie haben eine Tochter! Ist das kein Gut? Sie haben einen braven Handwerker, einen ehrlichen Menschen (auf Conrad weisend), der Ihre Tochter glücklich machen will, ist das nicht auch ein Gut?— Und den wollen Sie zur Thüre hinans- werfen? — Sie Verschwender! Klöpfl. Was das eine Gut, meine Tochter, betrifft, daö Hab' ich gut verwaltet, sie wird den Baron Liebhelm heiraten! Hubert. Liebhelm? Liebhelm? — Zu meiner Zeit war immerein Studiosus dieses Namens hier auf Ferien. Klöpfl. Das ist der nämliche! Hubert. Das ist ja auch ein Freund von mir! Conr. Was? — Er auch? Hubert. Versteht sich — er hat hernach das ganze Jahr Ferien gehabt, denn er ist von der Universität relcgirt worden! Klöpfl. Ah was! Jugend hat keine Tugend! Sein Onkel in der Residenz, der Präsident Baron Liebhelm, hat ihn adoptirt. Hubert. Und sonst ist er nichts, als der I^evsn seines Onkels? Da ist er noch blutwenig. Und dem wollen Sie Ihre Tochter geben, die ihn nicht mag? Herr! Sie spielen Hazard mit anvertrautem Eigen- thume, mit dem Lcbensglück Ihrer Tochter. Ein Glück für Sie, daß der Richterstuhl der Vernunft Sie für unzurechnungsfähig er- - klärt, und Sie unter Curatel setzt. Ich bin vor der Hand Ihr Sequester und Vermögensverwalter — ich lege die Hand auf Ihre Güter (faßt Lieschen und Conrad an j den Händen), und werde so damit gebaren, daß sie statt leichtsinnig verschleudert zu werden, sich nach einiger Zeit vermehren! Klöpfl. Welchem Narrenthurm ist denn der entsprungen? Hubert. Das hiesige Städtchen hat keinen Thurm für die Narren, hier gehen Ne frei herum! . Klöpfl. Aber in meinem Hause dulde tch keinen! — Machen Sie mit Dem da (auf Conrad weisend) was Sie wollen, aber H<»t«p««pa«oir Nr. «1. die da (indem er Lieschen wieder von ihm wegzieht) geht Sie nichts an! Hubert. Ihr sagt, ich soll mit Dem da (auf Conrad w eisend ) machen, was ich will! Gut! Ich will ihn glücklich machen, da ich ihn aber nur durch Die da (auf Lieschen weisend) glücklich machen kann, so ist Die da so gut in das Bereich meiner Wirksamkeit gegeben, wie Der da! Klöpfl. Glücklich machen!(Zhn messend.) Ja, so schauen die Glücklichmacher aus! Zum letzten Mal, wer ist der Herr? — Conr. Er ist ein Freund von meinem seligen Vater — der Hubert Ledermann! Klöpfl. Richtig! D'rum war er mir wohl bekannt, aber ich Hab' nicht recht gewußt, wo ich ihn Hinthun soll — Hubert. Aber jetzt wissen Sie's — Klöpfl. Ja, jetzt weiß ich, wo man so einen Taugenichts Hinthun soll — in ein Arbeitshaus! Hubert. Ich bin in Ihrem Hause, und Hab' die Aufgabe, Sie zur Vernunft zu bringen, ist das nicht Arbeit genug? Ich mache mich ja selber zum truvaillsur toroe! Klöpfl. Er wird immer gröber! — Wo nehm' ich denn die Geduld her? Das ist ein merkwürdiger Tag! Das ist heute schon der Dritte, dem ich das Hinauswerfen antragen muß! Hubert. Ich danke rechtsehr für-den freundlichen Antrag, aber ich kann es nicht annehmen, daß Sie sich meinetwegen bemühen! — Sie erlauben — damit ich Ihnen den Schlaf nicht austrag! (Setzt sich ganz bequem in einen Stuhl.) Klöpfl (immer wüthender). Er gründet eine förmliche Niederlassung! — Soll ich meine Gesellen rufen? — Hubert. Wird mich freuen, die wackeren Leute kennen zu lernen! Klöpfl. Gut! — Er soll sie gleich ken< nen lernen! (Rust.) He da! Martin, Michel, Josef! Lresch. Aber Vater, Sie werden doch kein Aufsehen machen — lg Klöpfl. Halt Du das Maul! — Wo stecken sie denn? Josef! Michel! Dreizehnte Scene. Vorige. Martin, mehrere andere Gesellen (kommen auS der Werkstätte). Die Gesellen. Was gibt's, Meister? Klöpfl. Eine dringende Arbeit gibt's! Werft mir den Kerl dahinaus! Cour, (rasch zu Hubert tretend). Halt, Cameraden! Das ist mein Freund, der mich besucht hat— wer von Euch wird an den Hand anlegen? Mart, (zu Conrad). Dein Freund? Und den sollen wir hinauswerfen? Ach, das gibt's nit! Klöpfl (in höchster Wuth). Was, Eon- rad! Du wiegelst die Gesellen gegen ihren Brodgeber auf?! — Und Ihr (zu den Ge- sellen) wollt mir die Arbeit verweigern? O dagegen gibt's Mittel! — Auf der Stelle lauf Einer von Euch auf die Wachstube, und hole die Patrouille, damit sie Euch Alle einsperrt! Was? Rührt sich Keiner? Hubert. Nein, was lächerlich ist,kann nickt rührend sein. Klöpfl. Gut, so geh'ich selber! (Zu Hubert.) Bleiben Sie nur indessen da — ich komme gleich wieder, und lasse Sie einsperren! (Eilt gegen die Mittelthür und öffnet sie.) Ha! Da kommt g'rad der Stadtwachtmeister mit der Patrouille! Vierzehnte Scene. Vorige. Stadtwachtmeister Pummler, drei Stadtwächter. Pummler (ein alter Invalide in altmodischer Uniform tritt mit drei Stadtwachen, welche ihm ähnlich montirt und mit alten Flinten bewaffnet sind, ein). Was geht denn hier vor? Hubert. Feuer, Jungfernraub und Mordversuch! Feuer im Herzen der Liebenden — Jungfer Lieschen, die ihrem Geliebten geraubt werden soll, und zwei Lebensglücke, die gemordet werden solleü, — der Meister Klöpfl ist selbst der Attentäter! Klöpfl. Dieser Frechling spaßt noch — (auf Hubert weisend) den arretiren Sie mir! Pumml. (zu Hubert vortretend). Wer seid Ihr? Hubert. Was seh' ich — der Stadtwachtmeister Pummler! — Da treffe ich ja schon wieder einen alten Bekannten! Pumml. Was? Alten Bekannten? (Zieht eine Brille hervor und setzt sie auf die Nase.) Hubert. Ja, Sie sind der Nämliche, der mich vor zwanzig Jahren fast jede Nacht zur Stunde der Gespenster aus dem Wirths- Haus abg'schafftchat—o selige Erinnerung! Pumml. (ihn schärfer ansehend). All, Wetter! der Ledermann. Hubert. Ja, ich bin's, den Du genannt! Pumml. (ihn fast mit Rührung betrachtend). Der Ledermann, das freut mich herzlich! Klöpfl. Was ist das! —Er freut sich, daß der Lump da ist? Pumml. Eben deshalb — wenn es in einer Stadt keine Lumpen gibt, wozu ist dann eine Stadtwache nothwendig! (Wieder zu Hubert.) Seit Ihr fort wäret, habe ich mich ganz überflüssig gefühlt. — Ist nicht eine Prise gefällig? (Wartet ihm mit der Dose auf.) Klöpfl. Ja, wie wird mir denn?— (Zu Pummler.) Seit wann wartet denn eine Patrouille einem Verbrecher mit Tabak auf? Sie sollen nicht discuriren, sondern arretiren. Pumml. Ja so! (Zu Hubert.) Was habt Ihr denn angestellt? Hubert. Gar nichts— ich Hab'ihn nur verblümter Weise einen dummen Kerl geheißen! Pumml. Das ist noch kein Verbrechen! Klöpfl. Ich habe ihm mein Haus verboten, und er läßt sich nicht hinauswerfen! Pumml. (zu Hubert). Ja seht, wenn er Euch nicht in seinem Hause dulden will, muß ich Euch abschaffen! 19 Hubert. Göttlich! Der erste Tag, den ich wieder in meiner Vaterstadt zubringe, und gleich wieder von der Patrouille abge- Z schafft — aber aus einem Privathaus ab- A geschafft werden, ist nichts! (Zu Pummler.) Ihr sollt mich heut' noch aus einem Wirths- haus abschaffen. ^ Pumml. (erfreut). Wirklich, das wird t mir ein rechtes Vergnüge» sein! Wo geht 's Ihr denn hin? > Hubert. Zum silbernen Zopf — guter ? Wein dort. (Zu Conrad.) Conrad und Ihr, ; brave Gesellen— Ihr seid heute alle meine i Gäste. — Heute soll's lustig vergehen! ^ Eine Menge alte Bekannte habe ich ge- s troffen, aber daß ich auch die alte Patrouille wieder finde — das rührt mich fast bis zu Thränen! (Pummler umarmend.) Also führ' mich ab, ich schäme mich nicht — es möge nie die Welt von dem erfahren, der nicht die Welt in seinen Freunden sieht. Indem sie sich zum Abgehen anschicken, fällt der Vorhang. Zweiter Lei. Ein öffentlicher Garten auf einer Anhöhe in der Nähe der Stadt, mit zahlreichen Rosenhecken geschmückt, über den quer über die Bühne laufenden, lebendigen Zaun hat man die Aussicht in die etwas tiefergelegene reizende Land- schüft. Seitwärts im Garten das HauS deS Restaurateurs, vor demselben auf beiden Seiten der Bühne Tische und Stühle Erste Scene. Hubert und Conrad (kommen vom Hintergründe her in den Garten). Hubert. Also da heraus soll der Liebhelm kommen? Eonr. Ja, sein Bedienter hat mir gesagt, daß heute da auf dem Rosen- berg eine Reunion abgehalten wird, zu der die ganze vornehme Welt herauskommt, und da fehlt der Baron nie! Hubert. Die vornehme Welt kommt da zusammen? Da g'hör ich auch dazu? Conr. Wenn Du mir nur gefolgt und einen andern Rock angezogen hättest — wenn Du in dem Costüm den Baron ansprichst, ist's natürlich, daß Du ihn in Verlegenheit setzest. Hubert. Wünsche Dir nichts Anderes, denn setzt mein erbärmliches Aussehen seine Freundschaft zu mir in Verlegenheit, dann ühle ich mich ganz in meinem Rechte zu deinen Gunsten gegen ihn zu iutriguiren. — Na, wir wollen schon sehen, was sich für Dich thun läßt; wir erwarten den Liebhelm auf jeden Fall hier. Komm', trinken wir indessen eine Flasche Wein, und reden wir von dem Glück, das Dir im besten Falle bevorsteht. — Conr. Wenn die Liest mein wird! Hubert (mit gutmüthiger Ironie). Ja, wir reden davon, wie Du Meister werden wirst, wie viel Hemden für dein Wäschkasten, und wie viel Sesseln für dein Prunkzimmer angeschafft werden, obst Du sie mit Rohr flechten oder mit Roßhaaren tapezieren lassen wirst, wie gut Dir die Liesi kochen, und wie der erste Bub heißen wird — wie viel Du an Zins brauchen, und wie oft's Ihr einen Braten werdet essen können, kurz, ich will mit Dir schwärmen von der schönen Zukunft, wo Du mit der von den Göttern ausgeliehenen Flamme der Liebe das traulich wärmende Feuer im Kachelofen hausbackenen Glückes anzünden wirst! Na, Jeder ist auf seine Weise glücklich — komm' — komm'! (Geht mit ihm in die Restauration ab.) Zweite Scene. Liebhelm, Klöpfl, dann ein Kellner. Liebh. (kommt vom Hintergründe her). Klöpfl (sehr aufgeregt, den Hut schräge auf die Seite gedrückt, folgt ihm auf dem Fuße). Liebh. Aber mein Bester — Was fällt Ihnen ein? »* 20 Klöpfl. Mir fällt seit gestern gar nichts mehr ein, als daß Sie mein Schwiegersohn sind! Und darum frage ich: Benimmt sich so ein Schwiegersohn? Liebh. Was habe ich denn gethan, das Sie verletzen könnte? Klöpfl. Fragen thät ich noch! Da hier Heraußen ist heute eine Reunion, wo sich die ganze beau haute versammelt, und Sie finden es nicht der Mühe werth, mich und meine Tochter mit der Equipage abzuholen, herauszuführen und uns hier zu tractircn? — Was sind Sie denn für ein Schwieger, sohn? Schmutzerei ohne gleichen. Liebh. Sie werden doch nicht glauben, daß ich aus Knickerei es unterließ, Sie einzuladen? — Klöpfl. Also warum sonst? (Steht ihm gegenüber auf und stemmt sich mit beiden Händen auf den Tisch.) Schwiegersohn, ich will nicht hoffen,daß an demFloh, den mir meinNach- bar,der Greißler, m'sOhr gesetzt hat, etwas d'ran ist! — Ich will nicht hoffen, sag' ich Ihnen, sonst — Liebh. Aber beruhigen Sie sich doch.— Worin besteht die furchtbare Anklage? Klöpfl (setzt sich wieder). Er hat gesagt, ich soll mir nichts weiß machen lassen, er weiß von Ihnen eine andere Geschichte! Liebh. Und auf so ein Getratsche hören Sie? (Verächtlich.) Ein Greißler! Klöpfl. O, ein Greißler ist in dieser Beziehung oft Autorität—in einem Greißlerladen wird Geschichte gemacht. —Sehen Sie mir in's Auge. (Sieht ihn starr an.) Ich nenne Ihnen einen Namen: Frau von Abendstern!« Liebh. (ganz ruhig). Nun, was weiter? Klöpfl (für sich). Er hält meinen Adlerblick aus! (Laut.) Die reiche Wittib — die eine schöne Tochter hat — Liebh. Nun, was weiter? Klöpfl. Sie kommen dort in's Haus! Liebh. Was weiter? — Klöpfl. Wenn noch »Was weiter« wäre — ich sage nur, wenn — dann — Sie kennen mich noch nicht, ich bin wahnsinnig eifersüchtig! Liebh. (lächelnd). Sie? — Klöpfl. Das heißt für meine Tochter. — Sie darf keine Nebenbuhlerin haben, weder im ledigen noch im verheirateten Stande. Darum ziehe ich zu ihr, ich werde jeden Schritt ihres Gemales bewachen, und, wie ich das Geringste merke, gibt's ein Hauptspectakel im Haus. — So werde ich als redlicher Vater für das häusliche Glück meiner Tochter sorgen! Liebh. (für sich). O beneidenswerthe Allssicht! Klöpfl. Also was ist's mit der Frau von Abendstern? Liebh. Nun ja, ich besuche ihr Hans, wi§ überhaupt alle vornehmen Häuser der Stadt mir offen stehen! Klöpfl. DiesesHaus verbiet' ichIhuen. Liebh. WeShalb? Klöpfl. Weil eine hübsche Tochter d'rinnen ist! — Liebh. Aber lieber — Klöpfl. Keine Widerrede! Uebrigens werde ich Sie bei der Frau von Abendstern entschuldigen, ich werde ihr das Ehever- sprechen zeigen — Liebh. Herr! Sie wollen mich compro- mittiren! Klöpfl. Ist mir alleseins! Ich gehe hin, gleich jetzt — Liebh. (hält ihn fest). So hören Sie doch — Klöpfl. Ich habe gar keine Ohren — Liebh. Still! — Es kommt Jemand! Dritte Scene. Vorige. Carl Lauber. Carl (ein junger Mann in einem etwas ärmlichen, aber mühsam nett zusammengeputzten Anzuge kommt in der freudigsten Aufregung vom Hintergründe her, sich umsehend). Hier — ja hier ist der Rosenberg! — Ach mein Gott — mir ist heute ein jeder Berg ein Rosenberg, und jeder Pfad ein Rosen- Pfad. — Das Glück — das namenlose Glück! (Bemerkt die Umstehenden.) Sieh da! Herr Baron! (Eilt auf ihn zu und umarmt ihn.) Ach Gott, Herr Baron! Liebh. (sich losmachend). Was thun Sie? Carl. Verzeihen Sie — aber heute muß ich Jeden umarmen, der mir begegnet! Klöpfl (zu Liebhelm). Wer ist denn der närrische Jüngling? Lic bh. (zu Klöpfl). Ein armer Student, der im Hause der Frau von Abendstern ein Dachstübchen bewohnt. — (Zu Carl.) Doch sprechen Sie, — was setzte Sie so sehr in Aufregung? Carl. Alles, Alles will ich Ihnen sagen. Sie wissen, ich habe meine Studien absol- virt mit den besten Zeugnissen — Liebh. Ich weiß, Sie sind in der Residenz in Vormerkung gebracht zu einer Anstellung. Carl. Frau von Abendstern gab mir ein Stübchen in ihrem Hause gegen dem, daß ich ihrer Tochter Stunden im Clavier- spiel gab. — Ach Gott! diese Stunden wurden mir zu den seligsten Sekunden — denn Fräulein Anna — dieser Engel! — dieses himmlische Wesen — Liebh. (etwas verletzt). Sic sprechen von dem Fräulein mit einer Ertase, als ob — Klöpfl (zu Liebbelm). Was geht das Sie an, ob er das Fräule wie eine Meerkatze findet oder wie einen Engel? — Das muß Ihnen ein Teufel sein! (Zu Carl.) Reden Sie nur zu, jugendlicher Schwärmer! Carl. Ich fühlte nur zu bald, welch' süße Gefahr diese Stunden meinem Herzen brachten, denn das Fräulein ließ oft Blicke auf mir ruhen — ach, Blicke, daß ich glaubte, ich müsse zerschmelzen! Liebh. Ihre Rede grenzt fast an Frech, beit! Kl ö p fl. Das geht Sie wieder nichts an! Carl Hören Sie nur, heute ist der Geburtstag der gnädigen Mama, das sagte mir Anna gestern — Liebh. Wie? Das Geburtsfest der Frau von Abendstern ?—Daß ich das nicht wußte! Klöpfl. Das geht Sie wieder nichts an! Ob und wann die Frau von Abendstern geboren ist, muß Ihnen tout mernesein— wenn Sie meinen Geburtstag wissen wollen, der ist am ersten April! Carl. Es versteht sich, daß ich hente meine Gratulation machen wollte, aber stellen Sie sich vor, sie sagte mir, daß Sie längst meine Neigung zu ihrer Tochter bemerkt habe, und Fräulein Anna ihr gestanden habe, wie sie mir von Herzen gut wäre! Liebh. (in sich hineinsprechend). Höll' und Teufel!— (Laut.) Weiter, weiter! Carl. Sie sagte mir, daß ihr mein solider Lebenswandel stets so gut gefallen habe, weil ich nämlich meine ganze Zeit nur mit Studien znbriuge, kein Wirthshaus besuche — und das ist wahr, denn ich trinke nie etwas Anderes, als klares Wasser, hitzige Getränke bekommen mir schlecht, und treiben mir das Blut zum Kopfe — Liebh. Mein Himmel, wie gehört denn das hiehcr? Carl. Das gehört hieher, weil Frau von Abendstern so viel Gewicht darauf legte! — Liebh. Seien Sie nicht so umständlich — zum Ende — zum Ende — Carl. Ich bin schon am Ende. — Kurz und gut, sie sagte, daß sie gegen unsere Verbindung nichts cinzuwenden habe, sondern bereits an den Vormund Anna's, den Güterdirector Baron von Bornhcim geschrieben habe, welcher heute hieherkommcn will, um hier auf dem Rosenberge das Geburtsfest der Frau von Abendstern mit ihr zu begehen; Frau von Abendstern ersuchte mich vorauszugehen, um das Souper zu bestellen, sic und Anna kommen bald nach. — Liebh. (nachdenkend) Der Vormund! Wenn nur dieser Ihnen nicht am Ende Schwierigkeiten macht—kennen Sie ihn? Carl. Noch nicht, denn er hält sich nicht aus den fürstlichen Gütern auf, aber seiner Zustimmung bin ich gewiß. Er erklärte 22 bereits in seinem Antwortschreiben, daß er nicht nur keine Einwendung machen, sondern mir sogar eine Anstellung verschaffen wolle, vorausgesetzt, daß er mich so fände, — wie mich meine Schwiegermutter ihm geschildert hat. Liebh. So? — So? — (Nachdenkend vor fich hinsehend für sich.) Da muß etwas gethan werden! Klöpfl. Aber ich weiß nicht, warum Sie sich in fremde Heiratsangelegenhciten so hineinmischen. Bekümmern Sie sich lieber um Ihre — Liebh. (für sich). Den aufgcdrungenen Schwiegervater muß ich mir vor Allem vom Halse schaffen! (Laut.) Sie haben Recht! (Nimmt ihn mit sich etwas bei Seite.) Jtb denke, es wäre heute die beste Gelegenheit meine Verlobung feierlich zu begehen! Klöpfl. Hier in der Reunion, mitten unter der beaumonäo, auf Ehre, das wäre imposant! Liebh. Nun gut, so eilen Sie nach Hause, ich lasse Ihre Tochter bitten, sie möge sich in Staat werfen! Klöpfl. Ich werfe sie selber hinein — ich will sie aufputzen, daß es keine Gräfin neben ihr aushält. — Die seligen Kropfperlen von meiner Frau — Liebh. Ganz gut— und warten Sic dann nur zu Hause, bis ick den Wagen schicke—dann fahren Sie hieher, ich werde indessen hier das Nöthige besorgen — Klöpfl. Und nur viel Champagner! Wir zipfeln ihn hernach aus. — O, es soll nobel hergehen! Liebh. Nun — eilen Sie — eilen Sie! Klöpfl. Ich fliege — per Zeiselwagen in die Stadt — per Equipage retour. — Schicken Sie uns einen Vierspännigen — Wissen Sie, ich nehm' auch ein Paar aus der Verwandtschaft mit, als Beistände — da können wir schon vier Roß brauchen.— Die Brautjungfern müssen auch gleich dabei sein — bestellen Sie ein Paar Gansel mit Salat — wir wollen uns vor der Abendsteruischen Soeietät nicht spotten lassen! Adieu! Ich erwarte Ihren Wagen! (Eilt ab.) Liebh. (für sich, ihm nachsehend). Da kannst Du lange warten. (Zu Carl.) Nun, mein Lieber! Sie scheinen so in Ihrer Freude versunken, daß Sie ganz auf die Ursache Ihres Hierseins vergessen! Carl. Richtig! Ich soll das Souper bestellen. Nun denn ans Wiedersehen. (Eilt ab in das Haus.) Liebh. (allein, nun erst seine Wuth loS- laffend). Hölle, Tod und Teufel! — Er — Er! Ein so unbedeutendes Jnsect, daß ich ihn nicht einmal eines Verdachtes würdigte, und Anna sein— mit einer halben Million Aussteuer! (Mit dem Fuße stampfend.) Nein — nein! Es soll — es darf nicht geschehen — aber wie es hindern? — Der Vormund — auf den allein kann ich noch hoffen. — Sagte der Junge nicht, der Vormund habe seine Zustimmung nur unter der Voraussetzung gegeben, daß der junge Mensch so ist, wie er ihm brieflich geschildert worben? (Geht nachdenkend auf und nieder — dann plötzlich eine Idee fassend.) Das — das würde den gewünschten Eindruck machen! — Aber wie ihn so weit bringen? Wenn ich nur einen verläßlichen Menschen hätte, so einen recht durchtriebenen Burschen, den ich in meinen Plan einweihen könnte — (Bleibt nachdenkend stehen.) Vierte Scene. Liebhelm. Hubert, Conrad, der Kellner (kommen aus dem Hause). Conr. (Liebhelm erblickend, leise zu Hubert). Da — da ist er — Hubert. Der? (Sieht ihn schärfer an.) Ja — er ist's! Conr. Ich gehe. — Ich verlaß mich auf Dich. — Du wirst nicht Alliance mit dem schließen, der deinem Freunde sein höchstes Gut rauben will. (Ab. gegen den Hintergrund zu.) 23 Liebh. (welcher bisher nachdenkend mit gesenktem Haupte gestanden, erhebt dasselbe und erblickt Hubert, für sich). Was ist denn das für eine Figur? Hubert (zieht seinen Hut tief ab und bleibt in scheuer Entfernung stehen). Liebh. (fürsich). Er grüßt — die Züge sind mir bekannt. — Irre ich nicht — (Zwängt ein Glas in ein Auge.) Hubert (für sich). .Er schmückt sich mit dem Narrhalla - Orden, dem unvermeidlichen Augenzwicker! Liebh. (für sich). Bei Gott! Er ist's — der Hubert — der tollste, unternehmendste Bursche, den ich in meiner Zugend kannte, — den schickt mir ein gütiges Schicksal! — Ich muß ihn für mich gewinnen! (Indem er rasch auf Hubert zugeht, laut.) Sehen meine Augen recht? Hubert. Zch glaube nicht, denn sonst brauchten Ew. Gnaden keine Glasfenster! Liebh. Za, ja, — Du bist's, Hubert! — Mein alter Freund Hubert! Zn meine Arme! Hubert (scheu zurückweichend). Es freut mich zwar unendlich, daß Ew. Freiherrlich- kcit sich noch an meine Wenigkeit erinnern, aber- Liebh. Was treibst Du denn für Tollheiten, alter Zunge! Kann die Laune des Glücks Freundesherzen entfernen? — Hie- her an meine Brust. (Umarmt ihn.) Du bist wieder hier? Wie mich das srent! Hubert (ergriffen). Und mich freut's unbändig, daß es Dich so freut! — (Um- armt ihn ebenfalls, dann für sich.) Er ist der Alte, intriguiren kann ich gegen den nicht! Liebh. (ihn besehend). Aber Du scheinst nicht in den besten Verhältnissen zu sein— um so besser, daß ich jetzt in solchen bin, und Dir Dienste leisten kann. —Doch unsere Schicksale wollen wir uns ein anderes Mal erzählen, jetzt null ich mich nur ganz der Freude des Wiedersehens hingebcn! (Ruft.) He da, Garxon! Champagner! (Zu Hubert.) Wir wollen unsere alte Freundschaft erneuern! (Hängt sich in Hubert s Arm, und zieht ihn mit sich zu einem Tische, ein recht burschikoses Wesen annehmend und singend.) Oauckenwus iArtur! Hubert (einstimmend), ^uvsnss ckum sumug! (Beide setzen sich an den Tisch ) Ein Kellner (bringt Champagner und zwei Gläser). Liebh. Eingeschenkt — rasch einge- schenkt! Kellner (schenkt die Gläser voll). Liebh. So! (Zu Hubert.) Nun, nimm' dieß Glas! Stoß an! (Hält ihm sein Glas hin.) Ewige Freundschaft! Hubert (anstoßend). Sollst leben! (Leert sein GlaS.) Liebh. Ha! Zch kann Dir gar nicht sagen, wie wohl mir ist, daß ich wieder dein liebes, heiteres Gesicht vor mir sehe! Ha ha ha! Weißt Du Dich noch an unser Treiben zu erinnern? (Schenkt ihm ein.) Aber trink doch! Hubert (trinkend). Na, ob! Ha ha ha! Weißt Du wie wir einmal während der Nacht alle Schilder von den Gewölbern abgenommen und unter einander vertauscht haben! Ha ha ha! Was für Augen die ehrsame Spießbürgerschaft in der Früh gemacht, und sich ordentlich Keines in seinen Laden hineingetraut hat? Wie der Chirurg statt seiner Barbierschüffel eine goldene Branntweinkanne, der Tabakkrämer statt seines Türken einen Seifensiederlöwen mit Talgkerzen — Ha ha ha! Liebh. Ha ha ha! Trink' doch! (Schenkt ihm ein.) Es waren selige Zeiten, und mich faßt ein wahres Verlangen, wieder einmal so eine unschuldige Schelmerei auSzuführcn! Hubert (aufgeregt). Meiner Seel'! Zch wäre gleich dabei! Stellen wir etwas an, was die Leut verdrießt! Liebh. Ha ha ha! (Als ob ihm jetzt erst plötzlich etwas einfiele.) — Da fällt mir ein — auf Ehre, das wäre eine Gelegenheit für Dich, einen Spaß zum Todtlachen auszuführen, und dabei noch obend'rein ein gutes Werk zu thnn! Hubert. Was soll ich thun? — Redr! 24 2iebh. (näher zu ihm rückend). Hör' mal an! Ein mir bekanntes Fräulein soll gegen ihren Willen an einen jungen Lassen verheiratet werden — Hubert. Gegen ihren Willen?— Da bin ich schon bei Allem dabei — wer ist der Kerl? Liebh. Ein Tuckmauser, ein Schleicher, der nichts ist und nichts hat, und das Mädchen nur deshalb nehmen will, weil er durch die Verwendung ihrer Mutter eine Anstellung erhalten soll — Hubert. Immer besser! — Das ist schon so ein G'wächs, wie ich es mir vergönne! Liebh. Heute, hier an diesem Orte soll er dem Vormunde des Mäbcbens, dem Güterdirector Bornheim behufs seiner Anstellung vorgestellt werden. Er kennt diesen nicht, aber ich kenne den Alten, er ist ein Pedant. — Wie, wenn Du Dich nun, noch ehe dieser kommt, an den Jungen anschlössest, und ihm einen rechten Haarbcutel an zechtest! Hubert. Hm! Spaßig wär's schon, lass' mich nur Nachdenken! — Halt! — ich bab's— ha ha ha! So wird's lustig! — Er kennt den Vormund nicht? — Das macht mir einen wahnsinnigen Spaß! — Ich will's probieren, ob ich Komödie spielen kann! Liebh. Du kannst Alles — Du bist ein Genie. (Fällt ihm um den Hals.) Fünfte Scene. Vorige. Eonrad. Conr. (kommt vom Hintergründe her, bleibt- indem er die Umarmung sieht, erschreckt stehen- und schlägt die Hände zusammen). Liebh. Wenn Dir der Streich gelingt, so rechne auf meinen unbegrenzten Dank, fordere von mir, was Du willst! Eonr. (schmerzlich aufschreiend). O mein Gott! Liebh. (sich überrascht umsehend). Was ist das? — Hubert (sich ebenfalls umsehend). Ha — der! Jetzt hätt' ich bald über den beabsichtigten Spaß die ernste Angelegenheit vergessen! (Zu Conrad.) Komm' nur näher! (Zu Liebhelm.) Du hast gerad gesagt, ick) soll von Dir fordern, was ich will — wie? Wenn ich die Braut von Dir fordere? Liebh. Meine Braut? Welche meinst Du? Hubert. Na, hast Du vielleicht die Bräute dutzendweise, daß man Dir erst sagen muß, welche? Liebh. Ha! Du meinst wohl des Faßbinders Töchterlein? Hierüber (zu Conrad) will ich Euch vollkommen beruhigen—aber Du (zu Hubert) versäume keine Zeit — Hubert. Ja — ich geh' an meine Arbeit! (Will fort.) Conr. Wo w-illst Du denn hin? Hubert. An's Geschäft. Ich bin gedungen als Bandit—ich muß Einem einen Hieb beibringen! (Ab ins Haus.) Conr. Herr Baron! Sie haben gesagt, Sic werden mich beruhigen — Liebh. Ja wohl, und ich hoffe dieß zu thnn, wenn ich Euch erkläre, daß ich nach dem, was ich jetzt weiß, Lieschen nie heiraten werde. — Conr. (stutzend). Was? — Was wissen Sie denn von ihr? Liebh. Ich weiß, daß sie einen Geliebten hat! Conr. (entsetzt). Was? Den bring' ich um — Liebh. Halt, halt, der Geliebte seid Ihr — Conr. Ja so! — Dann bring' ich ihn nickt um. — Liebh. Und nichts scheint mir verächtlicher, als sich zwischen zwei Liebende drängen. — Conr. Auf Ehre, Herr Baron! Ich fange jetzt an Sie für einen ehrlichen Kerl zu halten. — Liebh. Ihr werdet vollkommen davon überzeugt werden. Aber jetzt geht nur nach Hanse,und bringt eurem Liebchen den Trost. L5 Conr. Ja, das thue ich auch! — Mir ist ein Mühlstein vom Herzen gefallen. — Gott vergelte cs Ihnen, wenn Sie einmal etwas Liebes haben, was Ihnen so recht an's Herz gewachsen ist, was Ihnen der Himmel bestimmt hat, und die Menschen nicht geben wollen! Gott behüte Sie! (Drückt ihm die Hand und eilt ab.) Liebh. (allein). Der ist mir sicher, und Anna soll durch die Scene, welche Hubert vorbereitet, von ihrer absurden Neigung geheilt werden! Sechste Scene. Liebhelm. Hubert. Hubert (tritt in einer, ihn völlig unkenntlich machenden Verkleidung auS dem Hause, er trögt eine weiße Perrücke und eben solchen Schnurrbart, einen breitkrämpigen grünen Hut, Brillen, einen weiten Ueberrock, welcher ihn korpulenter erscheinen läßt, hohe Stiefeln, und ein spanisches Rohr in der Hand; geht gerade auf Liebhelm zu, stößt den Stock gegen den Boden, und steht ihn, sich darauf mit beiden Händen stützend, anfangs stumm an). Liebh. (tritt befremdet zurück). - Mein Herr! — Was wollen Sie? Hubert (faßt ihn an beiden Schultern und blickt ihn fortwährend an). Liebh. Welche Unverschämtheit? Hubert (stößt ihn leicht von sich weg. mit seiner gewöhnlichen Stimme). Dummer Kerl! Kennt der mich nicht! Liebh. (ihn erkennend, erstaunt). Ha — Du! — Auf Ehre! Aber sprich! wozu soll diese Maskerade. Hubert. Ich will dem jungen Menschen als Vormund, als Güterdirector erscheinen, und ich denke, das ist so ungefähr das Aire eines alten Oeconomen, der nicht so viel auf's Auswendige halt, weil seine ganze Eristenz im Grund steckt, der nichts im Kopf hat, als Gerste, Weizen und Hafer, dessen zärtlichste Hcrzensregungen nur der Vermehrung seiner Schafe gewidmet sind und für den ein Düngerhaufen ein köstlicheres Aroma bietet, als das ganze Waarenlager von »Farina, Treu nud Nuglish*. Liebh. Vortrefflich! Doch still — still — mir scheint, dein Opfer naht. (In die offnene Thür des HauseS blickend.) Ja, der — sieh nur, der dort mit dem Oberkellner die Stiege herabkommt — der ist's. — Nun fasse ihn fest. — Ich gehe indessen der Familie entgegen, um sie nvthigenfalls auszuhalten, damit sie nicht früher hereinkommen. (Geht nach dem Hintergründe zu ab.) Hubert (begleitet ihn bis zum AuSgange des Gartens, und bleibt anfänglich im Hintergründe stehen). Siebente Scene. Hubert. Carl Lauber, mehrere Kellner (mit Tischgedecken kommen auS dem Hause). Carl (zum Kellner). Ja. so wird's am besten sein. — Sie decken den Tisch hier in der Laube. (Auf eine Laube in dem Garten weisend.) Machen Sie nur schnell, denn Sie können jeden Augenblick kommen. (Geht mit den Kellnern zu dem Tische in der Laube und ist ihnen behilflich, den Tisch zu decken.) Hubert (kommt vorwärts, ein etwas bar- scheS Wesen annehmend, er geht zu einem Tische und klopft mit dem Stocke darauf). Kellner (eilt zu ihm). Befehlen? Hubert. Was für Wein haben Sie? Kelln. Alle Sorten Ocsterreicherwcin! Hubert. Zu schwach! Kellner. Ungarischen? Hubert. Hm! Gur! — Starken Wein lieben — in's Blut gehen müssen. — Kellner. Vielleicht Menescbcr? Hubert. Gut! — Bringen! Kellner. Sogleich! (Ab in'S Haus.) Hubert (auf. und niedergehend). Noch nicht da sein! — Warten lassen! Mit dem Putz nicht fertig werden — Weibervolk — eitles! — Carl (ihn beobachtend, für sich). Was ist denn das für ein alter Brummbär? (Be- schäftigt sich fort mit dem Tischdecken.) Hubert (zu Carl, ihn kräftig auf die Schulter schlagend). He da, Kellner! Carl (sich die Schulter reibend). Entschuldigen Sie, ich bin kein Kellner, ich bin Gast. - Hubert. Gast? — Und Tischdecken? Dummheit! Für wen Tisch decken? Carl. Erlauben Sie — Hubert (heftiger mit dem Stocke auf den Boden stoßend). Für wen Tischdecken — Teufel nochmal! Maul aufgemacht! Carl. Nun — ich brauche gerade kein Geheimniß daraus zu machen — für Frau von Abendstern. Kellner (kommt mit einer Bouteille Wein auS dem Hause). Hubert (zum Kellner, indem er auf den von Carl gedeckten Tisch zeigt). Hieher stellen! (Setzt sich ganz bequem in die Laube und zieht eine Pfeife auS der Tasche.) Feuer! Kellner (gibt im Feuer auf die Pfeife). Carl (für sich). Er macht sich's ganz bequem! (Zu Hubert, laut.) Erlauben Sie, mein Herr— Hubert. Maul halten! Carl. Diesen Tisch habe ich bestellt! Hubert. Sehr gut. Carl. Ich sagte Ihnen bereits, für Frau von Abendstern! Hubert (auf die Gedecke weisend). Vier Gedecke — Carl. Nun ja, Frau von Abendftern — Fräulein Anna — meine Wenigkeit — Hubert. Was — Sic auch an dem Tisch sitzen? Carl. Ich werde so frei sein. Hubert (steht auf und tritt dicht an Carl). Carl Lauber heißen? Carl. Mein Herr! Sie wissen — Hubert (hält ihm die Hand hin). Hand geben l Carl (gibt ihm zögernd die Hand). Hubert (drückt ihm derb die Hand). Mich freuen! Carl (schreit vor Schmerz auf und schüttelt die Finger). Au — meine Finger! Hubert. Was? Händedruck nicht auS- halten? — Zuckerpuppr sein? Und Oeco- nom werden — meine Mündel heiraten wollen? Nicht aushalten! (Setzt sich nieder.) Carl (überrascht). Wie? Was hör' ich? — Ihre — Ihre Mündel? Dann sind Sie — der Herr Güterdirector — Hubert. Bornheim! Carl. O, diese Uebcrraschung—Herr Güterdirector — besondere Ehre, daß ich das Glück — Hubert. Keine Cercmonie — nicht leiden können! — Hersetzcn. (Auf den Platz neben sich weisend.) Carl. Wenn Sie erlauben, bin ich so frei! (Setzt sich.) Hubert (schenkt zwei Gläser mit Wein voll). Trinken! Carl. Entschuldigen, ich trinke nie Wein! Hubert. Nicht Wein trinken? und Mann sein wollen? — Oeconom werden? — Wie Wein kennen, wenn nickt trinken?!—Nichts daraus werden können! Carl. Oh — ich bitte — ich wollte nur sagen, ich war es bisher nicht gewöhnt! Hubert. Gewöhnen müssen! (Befehlend.) Trinken! Carl (für sich). 3ch muß wohl, ihm zu Liebe. (Setzt das Glas an die Lippen.) Hubert. Austrinken! — Nagelprobe! Carl (leert das GlaS, sich schüttelnd). Hu! Wie das brennt. Hubert. Magen wärmen — gut sein — draußen auf den Feldern im Herbstnebel! — Verstanden? (Schenkt nochmals ein.) Trinken! Carl. Es wird mir wirklich zu viel werden! Hubert. Pah! Dummheit — Was vertragen lernen! Will mit ihm reden — aber trinken!— Kein Geschäft abschließen ohne Glas Wein. — Trinken! Carl (trinkt nochmals, zieht das Sacktuch heraus und trocknet sich die Stirne). Es treibt mir schon den Schweiß durch die Stirne. — (Fächelt sich mit dem Sacktuche fortwährend Lust zu ) Hubert. Ha ha ha! Wart! — Noch mehr schwitzen — Prüfung machen hier — Occonomie studiert haben? Carl. Ich habe die besten Zengnisse! 27 Hubert. Zeugniß? Plunder! Gute Zeugnisse, und doch nichts wissen— kennen das! Hio kko bitte — verwirren Sie mich nur nicht, ich bin so leicht eingeschüchtert! Hubert (gutmüthig). Na — na — nicht Angst haben. — Trinken! — Courage machen — da — (hält ihm wieder das GlaS hin). Carl (nimmt in seiner Verlegenheit das GlaS und leert eS). Hubert. Nun — Rübsen— Rappscn? Hm? Carl. Gleich — gleich. — Fällt mir schon ein. (Rasch, wie man mechanisch auS- wendig Gelerntes herzusagen pflegt.) Die Aussaat des Rapses muß vom 8. bis zum 24. August beschafft werden, Winterräpvse hingegen kann man noch in den ersten Tagen des Septembers säen. Der Raps, lrrasÄea oleraosa mapoliraZsioL non oapitata, gedeiht vorzüglich auf schwerem, etwas feuchtem und wo möglich mit Schafmist gedüngtem Boden, welcher deshalb ge- pfercht werden muß! Hubert (nickt zufrieden mit dem Kopfe). Hm! gut! Carl (für sich, aufathmend). Gott sei Dank, er ist zufrieden — ach — mir ist die Kehle ganz trocken! (Trinkt.) Hubert. Rindvieh! Carl (verblüfft zurückfahrend). Was? — Hubert. Behandlung des Rindvieh meinen! Carl (in welchem der Wein bereits zu wirken anfängt). 3a so! — Ha ha ha — ich glaubte — Hubert. Nicht glauben! — Wissen! — Antwort: Wann werden sie abspennen? Carl (lustiger werdend). Ha! Das ist eine leichte Frage, nach sieben Wochen, dann bekommen die Kälber statt der Milch gutes Heu, kleingeschnittene Möhrenrüben und Runkeln, auch muß ihnen etwas Hafer zugelegt werden! Hubert. Damit sie sich zu ordentlichen Ochsen heranbilden! Gut geantwortet! Carl. Ha ha ha! Ha ha ha!— (Sich wieder Luft zufächelnd.) Hubert (ihm zufrieden auf die Schultern klopfend). Alles wissen! Verfluchter Kerl sein! Ha ha ha! Aber noch eine Frage: Auf wie viel Gänse kommt ein Gänserich? Carl. Auf vier — Einer — Hubert. Sehr gut.— Sie wissen auch die Gänse zu behandeln. — Jetzt bin ich über daS Schicksal meiner Mündel ruhig! — Mit mir anstoßen! (Schenkt nochmals ein.) Vivat! Oeeovomia! Carl (stoßt an). Vivat! (Seht das Glas an und fängt zu wanken an.) Zum Henker! Mir — ist — so — so schwindlich— (Hält sich an dem Tisch und bemüht sich gerade zu stehen.) Also — ich — ich darf hoffen? — Hnbert. Alles! Tüchtiger Oeconom sein — angestellt werden — heiraten! Carl. Ja? — Ja? O Gott! Kein Hinderniß?! — Heiraten! Anna! (Fast vor Freude weinend.) O Glück! Glück! Glück! Hubert (für sich). Er ist ganz im Glück — Glück, von dem vielen Glück! — Jetzt noch eine andere Sorte Wein darauf, und er ist fertig. (Ruft.) He, Kellner! Tokayer! Earl (bereits schwer sprechend). O — bitte — zu viel —wirklich — Güter — Güter- Spector — auf Ehre! Hubert. An mir einen Freund gefunden haben — Carl. Freund! — Sie — mein Freund — ja nur Freundschaft und Liebe — Hubert. Und Wein! — Kellner (bringt eine andere Flasche Wein). Hubert. Braut leben lassen! Earl. Braut! Meine — meine Anna! Ja — die — die muß leben! Hubert (hat die Gläser gefüllt). Anstoßen! Earl (nimmt dos Glas). Güter — Güter — Jnspec — auf Ehre — so gut—leben! Alles soll leben! (Trinkt das Glas aus, vor innerer Hitze blasend.) Puh! Heiß — heiß — (Lüstet sich die Cravatte, welche auf den Bode» fällt.) Ah — das thut wohl— Luft! Lust! Hubert. Nickt geniren! Rock ausziehen! (Zieht ihm den Rock aus.) Earl (läßt es willenlos geschehen, taumelt zu einem Stuhle, in welchen er betäubt sinkt). Achte Scene. Vorige. Liebhelm. Die Gäste. (Herren und Damen, der besseren Gesellschaft an gehörend , kommen während der folgenden Scenen von verschiedenen Seiten, und nehmen, ohne an dem Vorhergehenden im Vordergründe Theil zu nehmen, an den Tischen mehr im Hin- tergrunde Platz. Kellner serviren.) Liebh. (kommt eilig vom Hintergründe her. zu Hubert). Sie kommen! — Sie kommen! Hubert (auf Carl weisend). Na — schau ihn Dir an, wie ich ihn hergerichret habe. — Ist das nicht das schönste Costüm für einen Amtscandidaten? — Ganz rococco mit einem staatlichen Zopf! Liebh. Bravissimo! Das kann seine Wirkung nicht verfehlen — aber nun sieh zu, daß Du verschwindest. Hubert. Ja — ich geh' jetzt da hinter die Laube, werfe den Güterdirector in's Gebüsch, dann komm' ich in eigener Gestalt wieder heraus! (Tritt rasch hinter die Laube.) Liebh. (zu Carl, ihn rüttelnd). Herr Lau- ber! Herr Lauber! Earl (matt aufblickend). Was ist's? Liebh. Sammeln Sie sich—stehen Sic auf — nehmen Sie sich zusammen! — Carl. Hab' mich zusammengcnommcn! Prüfung! Güterdirector, mein Freund — Liebh. Frau von Abendstern kommt mit Ihrer Braut! Earl (in die Höhe taumelnd). Braut? — Wa — wo ist die Braut? — (Etwas zu sich kommend.) Mein Gott! Mein Kopf — so dick — so schwer. (Will sich gewaltsam ernüchtern. zusammennehmend.) Nur jetzt— nur einen Augenblick — Wasser! — Ein Glas Wasser! — Liebh. Sie sind schon da! (Geht den Kommenden entgegen ) Neunte Scene. Vorige. Frau von Abendstern. Anna. Herr von Bornheim. Bornh. (ein sorgfältig nettgekleideter alter Herr, führt Frau von Abendstern am Arme, und kommt mit ihr und Anna vom Hinter- gründe her). Es scheint hier recht angenehm zu sein. Liebh. Meine Gnädige — Fr. v. Abend st. Nun — haben Sic Herrn Lauber nicht gesehen — Liebh. Allerdings — aber zu meinem höchsten Staunen — in einer Verfassung — doch sehen Sie selbst — Earl (die Kommenden erblickend). Ha — gnädige Frau — Fräulein Anna! (Geht, sich ängstlich aufrecht haltend, ihnen entgegen.) Fr. v. Abendstern, Anna, Bornheim (fahren bei seinem Anblicke entsetzt zurück). Fr. v. Abendst. Herr Lauber —! Anna. Carl! — Bornh. Wie — dieß — der Herr Lauber ? Carl. Bitte — bitte um die Hand. (Langt nach Anna'S Hand, greift aber in seiner Betäubung in der Luft herum.) Anna (vorwurfsvoll). Carl! Carl. Anna, an mein Herz. (Breitet die Arme nach ihr aus.) Fr. v. Abend st. (strenge). Herr Lauber! In welchem Zustande treffen wir Sie? — Carl. Zustand? (Besieht sich, und bemerkt, daß er in Hemdärmeln ist, selbst erschreckt.) Mein Gott! — Mein Frack? — Wo ist mein Frack — man hat mir meinen Frack vom Leibe gestohlen! (Sucht immer um sich her, ohne den Frack zu finden.) 29 Borrrh. Ei, gnädige Krau, das ist der solide junge Mann, dieses Muster von Eingezogenheit? Fr. v. Abend st. So sehe ich ihn heute zum ersten Male — Bornh. Und ich habe genug gesehen! (Zu Carl.) Ihr Anblick ist ekelhaft — entfernen Sie sich von hier — lassen Sie sich nach Hause führen! Carl (sieht ihn verblüfft an). Was wollen Sie? — Wer sind Sie? Bornh. Güterdirector von Bornheim. Carl. Sie? — Sie sind ein Narr! Bornh. (zurückfahrend). Was? Carl. Güterdirector ist mein Freund. Alles abgemacht— Anstellung— Braut— gar kein Hiuderniß! — Wo ist er denn? (Sieht sich um ) Zehnte Scene. Vorige. Hubert. Hubert (in seiner eigenen Gestalt, ab- sichtlich noch mehr verstört, tritt hinter der Laube hervor). Da bin ich, Brüderl! Fr. v. Abendst. (erblickt Hubert, stößt einen lauten Schrei aus und wankt, einer Ohnmacht nahe). Bornh. und Liebb. Gnädige Frau! (Zugleich zu ihr eilend und sie unterstützend.) Anna. Mama! Hubert. Was ist denn geschehe«) (Tritt näher zur Frau von Abendstern, sieht ihr in'S Gesicht und fährt ebenfalls überrascht zurück, mit erstickter Stimme.) Henriette! — meine Geliebte von ehemals! (Bleibt von dem Ein- drucke überwältigt regungslos stehen.) Fr. v. Abendst. (sich erholend). Nach Hause — nach Hause! Bornh. Mein Gott! — Woher diese plötzliche Anwandlung! Kommen Sie — der Wagen wartet. (Führt sie fort.) Anna (will zu Carl, der noch ganz verwirrt dasteht). Liebh. (rasch zwischen Beide tretend). Fräulein! Befassen Siesich nichtmitdiesemTrun- kenbolde! (Winkt einige Kellner herbei.) Zean! Nimm' auf meine Rechnung einen Wagen, und bringe ihn nach Hause. (Bietet Anna seinen Arm.) Darf ich das Glück haben, Sie zum Wagen zu begleiten? Eilen wir, — die gnädige Mama ist bereits in Wagen! (Führt Anna fort.) Carl. Meine Braut! Kellner (indem ihn Zwei unter den Armen fassen). Ihnen ist unwohl, kommen Sie — (Führen ihn ab.) Hubert (erwacht jetzt erst wieder aus ser- neu Gedanken). Was ist mit mir vorgegangen? — Alles hat sich mit mir so umgedreht, daß die Vergangenheit an den Platz der Gegenwart gekommen ist. — Sie — sie also wieder hier — als Witwe — also frei! — Da könnte ich ja auch wieder ihr Freier sein, es wäre vielleicht eine brillantere Partie als damals.— Sie wird das Vermögen ihres Mannes geerbt haben, das Vermögen, um das sie ihre Reize verpachtet hat. — Nein — nein, ich verdienet einen Schilling, wenn ich nach so einen Pachtschilling jetzt Verlangen traget! Eilfte Scene. Vorige. Liebhelm. Liebh. (kommt wieder zurück, rasch zu Hubert). Du hast ein Meisterstück abgelegt, die Ansichten dieses Mousieur Lauber sind vereitelt für immer! Komm', jetzt wollen wir noch eine Flasche leeren! — Komm'! (Will mit ihm zu einem Tisch.) Zwölfte Scene. Vorige. Conrad. Conr. (kommt athmenloS vom Hintergründe her). Hubert! — Hubert! — Hubert. Was gibt's — was ist wieder los? — Conr. (zu Liebhelm). Sie haben gesagt, ich soll nach Hause, soll der Lief! den Trost geben, daß Sie sie nicht heiraten. Zch bin auch in die Stadt hinein — mehr g'flogen, als gegangen — aber, wie ich heimkomm', seh' ich, daß der Meister g'rad Alles zur Verlobung richtet. Alles Weinen Elisens km nichts genutzt, sie hat sich müssen aufputzen lassen, ihr Vater hat gesagt, Sie werden ein Wagen schicken. — Liebh. Der aber nicht kam. Conr. Was nutzt denn das? Der Meister ist vor Ungeduld fast wüthend worden, und wie er noch immer keine Equipage hat kommen sehen, hat er seineTochter, sichselbst und die ganze Sippschaft auf einen langmächtigen Zeiselwagen aufgepackt und ist mit ihnen dahergefahren! Liebh. (erschreckt). Wie? Hieher? Conr. Ich bin auf dem nähern Fußsteig vorausgelaufen — aber sie können jeden Augenblick da sein! Liebh. Entsetzlich! — Das gibt einen neuen Auftritt. Hubert. Ja — jetzt bleibt nichts Anderes übrig, jetzt muß hier eine Verlobung gefeiert werden. Conr. Was? Du?— Du sagst das? Hubert. Was hast Du denn gar so dagegen, wann deine Verlobung mit der Lieft hier gefeiert wird? Conr. Meine? — Das ist ja nicht möglich? Hubert. Mir ist Alles möglich, wenn ich aufgelegt bin, und heut' bin ich aufgelegt — heute muß noch ein tüchtiger Durcheinander gemacht werden! Conr. Aber so rede— schnell, es ist keine Zeit zu verlieren. Hubert. Ich rede gar nichts — ich bin der Mann der That! Conr. (blickt in die Scene). Um's Himmels willen — da— da kommen sie schon! Hubert (steht ebenfalls in die Scene). Richtig! Ein ungeheures Linienschiff segelt daher — Liebh. Richtig! Nun ist's Zeit, daß ich verschwinde! (Will fort.) Hubert (hält ihn zurück). Halt! — Du (zu Liebhelm) bleibst da! — Der da (z„ Eonrad) verschwinde! Conr. Was? — Ich? Hubert (gebieterisch). Dort — hinter das Gebüsch! (Auf die Laube weisend.) Conr. In Gottes Nam'IJchthueAÜesl (Eilt hinter die Laube.) Hubert (zu Liebhelm). Und Du rede so wenig als möglich, und stimm' mir nnr in Allem bei. — Still, das Linienschiff wird hieher bugsirt! Dreizehnte Scene. Vorige. (Man steht über den grünen Zaun, welcher den Garten abgrenzt, einen ungemein langen Zeiselwagen angefahren kommen, worauf außer dem Kutscher noch Klöpfl, Lieschen, Therese, einige Beistände, Verwandte und Brautjungfer», sämmtlich sehr aufgeputzt und mit großen Blumensträußen geschmückt, sitzen. Der Wagen hält in der Mitte der Bühne.) Klöpfl (noch auf dem Wagen sich erhebend)' Wo ist denn der Baron! Hat kein Mensch einen Baren gesehen? (Hat Liebhelm bemerkt, und eilt, nachdem er abgestiegen, rasch zu ihm vor.) Ah — da ist er ja, Baron!—Höllischer Baron! Was fang' ich mit Ihnen an? (Auf Hubert weisend.) Wie kommen Sie mit dem Vagabunden zusammen? Hubert. Ruhig — hören Sie mich. Der Herr Baron hat mich als seinen Jugendfreund erkannt, er hat mir eine Anstellung gegeben als sein Geheimsecretär. Klöpfl. Also — reden Sie, Kanzleipersonale! Warum ist die Equipage ausge» blieben? Hubert. Sie war ja schon angespannt, aber stellen Sie sich nur vor, Herr v. Klöpfl, da bekommt der Herr Baron einen Brief von seinem Onkel, dem Präsidenten Baron Liebhelm, er schreibt, der Präsident will noch vor der Verlobung mit Ihnen eine besondere Conferenz über den Ehecontract halten, aber da hier im Freien kann das nicht geschehen, das wäre eine zu freie Conferenz. Klöpfl. Thut nichts—dahier im Hause sind Zimmer zu haben. Hubert. Sehr geistreich bemerkt! Also richten Sie indeß oben Alles zum Empfang her. — Klöpfl. Aber wer besorgt hernach hier herunten Alles zur Festivität? — Hubert. O, da lassen Sic nur mich machen, aber Sie müssen mir vor dem Dienstpersonal und Ihrer Verwandtschaft eine gehörige Vollmacht ertheilen! Klöpfl. Das soll geschehen! He da, Kellner! und Ihr, Familienglieder! kommt her da! Hier wird ein Derlobungsfest im- provisirt — und da hat Alles nur nach Angabe dieses unsers Bevollmächtigten (auf Hubert weisend) ZU geschehen! (Zu Liebhelm.) Sie, Baron, folgen Sie mir zur Conferenz! (Geht, sich in die Brust werfend, gegen daS HauS ab.) Hubert (spricht rasch leise mit Liebhelm). Klöpfl (bereits an der Thür). Nun, Baron, wird's? Liebh. Ich stehe zu Diensten. (Nb mit Klöpfl in'S HauS.) Vierzehnte Scene. Vorige. Eine Musikbande (kommt und nimmt eine im Hintergründe befindliche Tribüne ein). Hubert. Jetzt beginnt mein Wirken! (Zu den Gästen, welche im Hintergründe an den Tischen fitzen.) Meine Herren und'Damen! Sie werden es gewiß nicht verschmähen, an einem bürgerlichen Feste Theil zu nehmen, wozu ich Sie im Namen des Meister Klöpfl einlade, — er will die Verlobung seiner Tochter recht feierlich begeh'«! Mehrere Gäste. Ah, da sind wir gern dabei. Fünfzehnte Scene. Vorige. Liebhelm (kommt wieder aus dem Hause). Hubert (auf ihn zueilend, leise). Nun ist's geschehen? Liebh. (ebenfalls leise). Ja — Hubert. Bravo! Liebh. Doch ich suche jetzt das Weite. (Eilt ab.) Hubert. Jetzt sind wir sicher— (Laut.) Also, meine Verehrten, Sie haben gehört, daß die ganze Verlobung nur nach meiner Angabe vor sich gehen soll, die Hauptsache bei einer Verlobung ist aber das Brautpaar, die Braut (Lieschen an der Hand fassend), ist hier — und der Bräutigam? — Bräutigam erscheine! Sechzehnte Scene. Vorige. Conrad. Conr. (blickt hinter der Laube hervor). Soll ich? — LieSch. Conrad! (Breitet ihm die Arme entgegen.) Conr. Lieschen! (Eilt hervor und stürzt an Lieschens Brust.) Resi. Was soll denn das? Hubert (zur Versammlung auf Conrad und Lieschen weisend). Also man rufe: Hoch, das Brautpaar! Resi. Das ist nicht, möglich! (Schreit.) Vetter, Meister Klöpfl! (Will gegen das HauS.) Hubert (hält fie aus und legt ihr die Hand auf den Mund.) Halt! Kellner! Schafft den alten Hausdrachen bei Seite. Conr. Halt! Die nehm' ich auf mich. (Faßt fie heftig am Arme.) Hinaus, Partiken- macherin! (Führt sie fort.) Resi (schreit noch immer). Detter! Meister! Hubert. Musik, anfangen! (Die Musik fängt Fortissimo an. während dem Therese von Conrad fortgefuhrt wird.) Conr. (kommt wieder zurück). So — der böse Feind ist ausgetrieben. Hubert. Jetzt angestellt! Tanzen! Braut und Bräutigam. Conrad Lieschen Einige änderet Paare Hubert (in die Hände klatschend). Bravo! DaS Brautpaar soll leben! Vivat! Die Gäste (stimmen in den Ruf ein). Vivat hoch! fangen zu tanzen an. Siebzehnte Scene. Vorige. Klops l. Klöpfl (erscheint plötzlich an einem Fenster deS ersten Stockwerkes). Was grbt's da sür ein Spectakel ? (Entsetzt.) Was? Der Conrad? Hubert. Ergebenster Diener, Herr von Klöpfl — Alles nach meiner Angabe. (Fängt Conrad und Lieschen mitten unter dem Tanze ab und führt sie dem Fenster gegenüber vor.) Hier ist das Brautpaar! Segnen Sie es, Sie haben dazu den schönsten Platz, denn der Segen muß von oben kommen. Klöpfl. Himmelkreuzdonnerwettet! — Und ich bin eingesperrt. Hubert. Tanzet zu — tanzet zu! (Zu Conrad.) Und Du tanze zum Garten hinaus und wieder ans denZeiselwagen. — Musik! Lustig! Lebendig! Alle (lachen und fangen wieder zu tan- zen an). Conr. (tanzt mit Lieschen zum Garten hinaus und besteigt mit ihr außerhalb deS Zaunes den Wagen, worauf er stehen bleibt, Lieschen in seinen Armen haltend). Klöpfl (geberdet sich wüthend am Fenster). Milliontausendclement! (Wirft seinen Hut nach Conrad.) Aufhören! Ich springe hinunter! (Versucht mit einem Fuße auS dem Fenster zu steigen, dabei fortwährend schreiend:) Wache! Wache! Zu Hilfe! Achtzehnte Scene. Vorige. Pummler mit der Stadtwache. Pumml. Was gibt's denn da? Hubert. Gut, daß Sie kommen. — Meister Klöpfl ist närrisch geworden, er will beim Fenster hinausspringen. Pumml. Herr Gott! Man muß sich seiner bemächtigen. Hubert. Ja, ich führe Sie hinaus — packen Sie ihn von rückwärts, binden Sie ihn! (Geht von der Wache begleitet zum Hause, öffnet die Thür, läßt sie ein, ruft aber dem Eonrad zu:) Fahr' zu— fahr' zn! Der soll Euch nicht Nachkommen! Der Wagen setzt sich, begleitet von einer Menge Gäste, in Bewe- gung. — Unter dem allgemeinen Tumulte fällt der Vorhang. Dritter Act. Platz im Innern de» Städtchens, in der Mitte des Prospektes das Stadtthor, neben demselben eine Wachstube. Seitwärts im Vordergründe ein Kaffeehaus, vor demselben einige kleine Tischchen. Erste Scene. Eine Menge Leute, darunter Reißer, Mandler, Zinsberger (stehen erwartend am Stadtthor). Pummler, eine Stadtwache, dann Hubert. Pumml. (indem er bemüht ist. die Leute zu beiden Seiten deö ThoreS so zurückzudrängen, daß die Straße frei bleibt)- Aber, mein Herr! machen Sie doch Platz — der Wagen kann sonst nicht durch — es kann ein Unglück geschehen — Reifer (sich auS der Waffe vordrängend). Und wenn ich überfahren werde — wenn ich ihn nur zuerst sehe. — Mehrere (indem sie sich zu beiden Seiten gegen daS Thor und somit an Pummler drängen). Ja, ich will ihn zuerst sehen. — Alle. Wir auch, wir auch — Pumml. (der sich deS Andranges nicht mehr erwehren kann). Au! Ihr erdrückt mich ja — laßt mich! Hubert (tritt auS dem Kaffeehause her- aus, auS einer langen Pfeife rauchend). Was gibt's denn da für ein Spectakel? Pumml. Mein Gott! Sie zerdrücken mir meine Stadtwachter. (Geht auf die Waffe zu und theilt daS Gedränge, mit lauter Stimme rufend:) Aber Leut'! — Leut! Hubert (Pummler an der Hand fassend, und ihn auS der Menge herausziehend). Was hat denn dieser Narren-Auflauf für einen Grund? ! Pu ul ml. Ei, es ist heute der Tag, an welchem der berühmte Bildhauer, der den neuen Brunnen gemacht hat, ankommen soll. Der Herr Bürgermeister hat ihm seinen eigenen Wagen bis zur nächsten Poststation entgegengeschickt, und nun können sie's nicht erwarten, ihn zu sehen! Zweite Scene. Vorige. Saller (kommt). Pumml. He! Da kommt der Stadtschreiber! Reißer. Der bringt gewiß Nachricht! Salier (der sich kaum der Leute erwehren kann). Meine Herren! — Der Herr Bürgermeister hat erfahren, daß Sie in Erwartung des Künstlers hier harren. Hubert (für sich). Wie die Narren! Salier. Mittlerweile aber, während der Wagen abgeschickt war, kam ein Brief von ihm — worin er meldet, daß er auf jeden Fall heute noch znr rechten Stunde hier eintreffen werde, es mögen deshalb nur alle Vorbereitungen getroffen werden, der Herr Bürgermeister schickt mich deshalb bicher, um Sie zu ersuchen, ruhig aus einander zu gehen. Zinsb. Na meinetwegen! Ich geh'ruhig aus einander. (Geht langsam ab.) Mandl, (im Abgehen). Aber mir scheint, es wird nichts daran sein, wie allmal, wenn gar so viel Spectakel g'macht wird von einer Sache! (Geht ab.) Die Andern (ihnen folgend). Ja, ja, es wird schon so sein. (Ab.) Sa ller (ebenfalls ab). Hubert. Na, da haben wir's — jetzt ist schon an dem Künstler nichts d'ran! Alles verzeiht die Menge, nur das nicht, .wenn es um ein Spectakel gebracht wird! (Sieht in die Scene.) O je! Da kommt der Meister Klöpfl— haben's den schon wieder los« lassen? — Aber ich muß ihm heut' vor der Hand aus dem Weg'gehen. (Zieht sich in das LaffeehauS zurück, bleibt aber während der folgenden Scene unter der Thür desselben stehen, Ihtater-Mpatotr. Nr. »». von welcher er sich nur zucückzieht. wenn Lieb- helm oder Klöpfl sich zufällig gegen diese Seite wenden.) Dritte Scene. Klöpfl kommt mit Liebhelm. Hubert. Liebh. (sich entrüstet stellend). Nein, was Sie mir da erzählen — es ist empörend! Klöpfl. Stellen Sie sich vor, Baron! Mich arretiren lassen, als wahnsinnig! Liebh. Aber daß die Wache — Klöpfl. Die hat mich ja wirklich für wahnsinnig gehalten. — Lassen Sie sich nur meine weiteren Malheure erzählen. — Ich werde trotz allem Spectakel, so ich gemacht Hab', in's Lazareth gebracht — werde zum Primar-Arzt geführt — und der halt mich auch für närrisch — Liebh. Nicht möglich! Klöpfl. Was wollen Sie denn? —Es werden zwei Gerichtspersonen geholt — die halten mich auch für närrisch. — Je mehr ich gesprochen Hab', um so mehr find die Leute in ihrer Meinung, daß ich ein Narr bin, bestärkt worden. — Endlich nach stundenlanger Ueberredung ist es mir doch gelungen, sie zu dem Glauben zu bringen, daß ich meine fünf Stück Sinne beisammen Hab'. — Hubert (für sich). Also ist es ihm doch gelungen, die Sachverständigen zu täuschen. Klöpfl. Darauf hat man mich entlassen. Ich stürze voll Wuth nach Haus — find' keine Tochter — keinen Conrad — keinen Menschen, den ich hätte meiner Wuth opfern können! Liebh. Hören Sie, das steht ja förmlich einem Iungfernraub gleich. — Klöpfl. O mein lieber Baron! So arg ist's nicht. — Es ist gewiß nur ein Spitzbubenstreich von dem nichtswürdigen Lumpen Hubert! Liebh. Aber was nun beginnen? — Mein Oheim, der Präsident, will sowohl Sie, als Ihre Tochter sich heute noch Vorfällen lassen — und diese — aber Golf weiß, wo sie jetzt ist. 4 34 Klöpfl. Man muß sie aufsuchen — sie muß gefunden werden. — Ich brauche sie ja selbst — sie soll heut' als das sittsamste Mädchen der Stadt figuriren. — Rathen Sie — helfen Sie mir zu meinem Kinde — Liebh. Rathen? Ja nun, das Einzige, was sich thun ließe, wäre vor Allem, daß man verläßliche Leute nach allen Richtungen ausschickte. — Klöpfl. Nach allen Weltgegcndeu! In irgend einem Winkel der Welt muß sie sein, — veranstalten wir also Winkelzüge. — Liebh. Aber diese verläßlichen Leute müssen auch verschwiegen sein, und das kostet Geld — viel Geld! Klöpfl. Liegt nichts d'ran, und wenn es Tausende kostet. — Liebh. Hm!— ja —mit 2000 Gulden hoffe ich es wohl zu richten, aber so viel Baares habe ich in dem Augenblicke nicht. Klöpfl. Ich — ich hab's. — Ich nehm's derweil vom Hciratsgut. — Liebh. Wenn Sie mir die Summe anvertrauen wollen. — Klöpfl. Mit größtem Vergnügen, Baron ! — Kommen Sie mit mir nach Hause. — Ich gebe Ihnen, was Sie brauchen — fordern Sie Alles — nur nicht das Ehc- versprechen zurück. — Glauben Sie mir, wenn meine Tochter auch durchgegangen ist, so ist es doch in aller Unschuld geschehen. — aber lassen Sie uns keine Zeit verlieren, kommen Sie — kommen Sie. — (Eilt Arm in Arm mit ihm ab.) Hubert (kommt aus dem Kaffeehause heraus). Was Hab' ich da gehört? — Der Liebhelm nimmt so viel Geld vom Klöpfl, um seine Tochter suchen zu lassen? und er weiß doch so gut wie ich, daß sie nur eine halbe Stunde von hier bei einer Anverwandten ist! — Die Sache kommt mir spaßig vor — so spaßig, daß ich völlig ernsthaft darüber werde! (Bleibt nachdenkend stehen.) Vierte Scene. Hubert. Carl Lauber. Carl (ganz bleich im Gesichte, in seinem ganzen Wesen verstört, ein Packet Bücher und Schriften unter einem, einen Bündel mit Kleidern und Wäsche unter dem andern Arme tragend. Er geht ganz erschöpft bis zum Kaffeehause, legt seine Bündel ab, läßt sich am Tische nieder, und ruft mit matter Stimme): Marqueur, schwarzen Kaffee! Hubert (ihn ansehend, für sich). Das ist ja mein Prüfungs-Candidat von gestern, der trotzdem, daß er so eminent bestanden, doch geworfen worden ist! — Carl (in seinem Schmerz starr vor sich hin- blickend). Alles verloren — o mein Gott! Womit Hab' ich denn ein so namenloses Unglück verdient! (Trocknet sich die Augen und weint still fort.) Hubert (für sich). Er weint? Bei einem Menschen, dem nur ein schlauer Plan mißlungen ist, ergießt sich nur die Galt in den Magen, nicht die Thränen in die Augen. Carl (blickt in die Scene und fährt plötzlich erschreckt in die Höhe). Mein Gott! Seh' ich recht? Anna — sie kommt hieher? — Bleib ich? — Mein Himmel! Ich schäme mich fast vor ihr zu erscheinen — und doch sie sehen — einmal noch mit ihr sprechen — ich kann mir's nicht versagen! Hubert (für sich). Die Unterredung muß mir Aufschluß geben! (Zieht sich von Carl unbemerkt in das Kaffeehaus zurück, und wird während der folgenden Ecenen wieder lauschend an der Thür gesehen.) Fünfte Scene. Hubert. Carl. Anna. Ein Stubenmädchen. Anna (kommt in einem eleganten Morgen- anzuge mit ihrem Stubenmädchen rasch des Weges, Carl erblickend, für sich). Gott sei Dank — er ist noch nicht fort! (Zu dem Stubenmädchen.) Betti! Erwarte mich dort an der Kirche, ich habe hier Einiges zu besorgen. — (DaS Stubenmädchen ab.) ! ! Anna (rasch zu Earl tretend, im Tone des Bedauerns und sanften Vorwurfes). Carl! Carl. Ach, gnädiges Aräulein! Würdigen Sie mich denn noch eines Wortes? Anna. Ich erfuhr von unscrm alten Diener, daß Sie heute Morgens IhreHab- seligkeiren zusammengepackr, und traurig unser Haus verlassen haben. Carl. So ist es! — Ich erwachte heute Morgens mit schwerem, brennendem Kopse, sing eben an, die Erinnerung an die gestrigen unglückseligen Vorgänge zu sammeln, da sehe ich auf meinem Tische einen Brief von Ihrer Mutter— hier ist er— (zieht einen Brief aus der Tasche und hält ihn Annen hin). Lesen Sie selbst — Anna (nachdem sie rasch den Brief durchflogen). Meine Mutter weist Sie fort — und auf diesen Brief hin verließen Sie wirklich unser Haus? Carl. Weil ich selbst fühle, daß ich nicht würdig brn, länger dort zu verweilen! Anna. Sollte es also doch wahr sein, was gestern noch Baron Liebhelm über Sie sagte? Earl (erstaunt). Liebhelm? — Was — was sagte er? Anna. Daß er Sie schon sehr oft in Gesellschaft liederlicher Leute, und in ähnlichem Zustande gesehen habe. — Carl. Schändlicher Verleumder! Und Ihre Mama — und Sie — konnten das glauben? Anna. Wenn ich es geglaubt hätte, so wäre ich jetzt nicht hier! Aber um's Himmels willen! welcher Dämon fuhr gestern in Sie? — Carl. Mein Gott! — Gestern — die Freude — das Glück — die Aufregung, und dann der Güterdirector mit seiner Prüfung, wobei er mir immer starken Wein zu trinken befahl. — Anna. Der Güterdirector? Bornheim? Mein Vormund? Carl. Ja derselbe. — Anna. Dieser kam ja erst mit uns! Carl. Nein, nein, er war schon früher da- Anna. Schon früher? — Carl! Sie sind das Opfer einer schändlichen List, und diese — sie geht von Baron Liebhelm aus! Carl. Wie? — Von Liebhelm?— Aus welchem Grunde sollte dieser? Anna. So wissen Sie denn, daß eben er — noch gestern Abends förmlich um meine Hand anhielt. Carl. Was sagen Sie? — Anna. Daß mein Vormund ihm bereits seine Zustimmung gegeben. — Carl. Und Ihre Mama? — Anna. Ueberließ dem Vormund alle Rechte zu entscheiden. Carl. O mein Gott! so ist Alles — Alles verloren! Ich bin unglücklich, und habe auch Sie, himmlische Anna, ebenfalls unglücklich gemacht — ich ertrage es nicht — leben Sie wohl. (Will fort.) Anna. Carl! Um Gottes willen! Was wollen Sie anfaugen? Carl. Anfängen? Nichts! Enden will ich, enden! (Stürzt gegen das Thor.) Sechste Scene. Vorige. Hubert. Hubert (ist bereits aus dem Kasfeehause herausgetreten und hat durch heftige Geberden seinen Zorn über seinen eigenen Jrrthum auS- gedrückt, nun tritt er plötzlich zwischen Earl und Anna). Halt! Da wird geblieben! Carl (sieht ihn erstaunt an). Herr! Wer sind Sie? Anna (näher tretend). Mein Gott! Das ist ja derselbe Mensch, dessen Anblick meine Mutter gestern so sehr erschreckte! Wer sind Sie? — Hubert. Ich bin eine Art Rübezahl, schreckend, neckend, beglückend, Alles je nachdem! Euch aber will ich glücklich machen! Reicht mir eure Hand! Carl (zögernd). Ich begreife nicht — Ich kenne Sie gar nicht. — Hubert (die Stimme annehmend, welche er im vorigen Acte als Güterdirector angenommen hatte). Nicht kennen? — Mich? — Meine Mündel heiraten wollen? — Was? Carl. Ha!—Die Stimme— der ist's! (Stürzt auf ihn zu und faßt ihn an der Brust.) Laß Dich erwürgen, Elender! Hubert (zu Anna). Sehen Sie, er erkennt mich! Anna (zu Carl). Carl! Was thun Sie? Carl. Er ist's, der mich gestern absichtlich berauschte, und nun spricht er von Glücklichmachen?! Hubert. Na, ist denn das ein so großer Widerspruch?—Hat das Fräulein hier (auf Anna weisend) Sie nicht auch berauscht, und doch will sie Sie glücklich machen. Carl (ihn auf'S Neue wieder an der Brust fassend). Scherze nicht, Niederträchtiger! Betrüger! Gedungener Bandit — Ganner — Schuft! Hubert. Ich bitte gehört das Alles für mich, oder muß ich noch etwas darauf herausgeben? — Aber nur zn — Sie können mich heute heißen, was Sie wollen — ich verzeihe Ihnen, denn mich tröstet eine innere Stimme, die mich nur einen Esel deißr, denn gestern bin ich vielleicht zum ersten Male in meinem Leben so auf's Eis g'sührt worden durch den sauber« Herrn von Licbhelm! Carl. Sic gestehen es also selbst, daß Sie mit in dem Gewebe sind! Hubert. Ja, aber eben weil ich mitten in dem Gewebe bin, so wird's mir gerade am ersten möglich, es zu zerreißen, aber Sie (zu Carl) schauen noch immer so miß. trauisch d'rein, — Ihnen kann ich'S auch nicht verdenken, aber Sie, Fräulein Anna, schauen Sie mir in's Gesicht, und sagen Sie, schaut so ein Schurke aus? Anna (nachdem sie ihn genauer betrachtet). Nein, ouS Ihren Zügen spricht Ehrlichkeit! Hubert (zu Carl). Da hören Sie es! Gehen Sie hin und nehmen Sie bei dem Fräulein Unterricht im Lavater! Carl. Anna! Sie vertrauen ihm, so will auch i ck's! Was kann — was soll jetzt geschehen? Hubert. Von Ihrer Seite gar nichts. Sie (zu Carl) haben nichts zu thun, als hier zu bleiben, und Sie (zu Anna) bitten sich in der Liebhelm'schen Heiratsantragsangele- gcnhcit nur noch den heutigen Tag als Bedenkzeit aus. Anna. Nur den heutigen Tag? — Hubert. Ja — denn ehe die Sonne wird untergehen, soll euere Sonne neu ersteh'n! Sie sehen, ich spreche nichts Ungereimtes! 'Anna (blickt in die Scene). Mein Gott! Dort um die Ecke kommt Liebhelm gerade hieher — er darf mich nicht sehen — leben Sie wohl, Carl! Sie bleiben also hier! (Zu Hubert.) Und Sie — täuschen Sie unser Vertrauen nicht, und rechnen Sic auf meinen unbegrenzten Dank! (Eilt ab.) Hubert (ebenfalls in die Scene sehend). Er kommt richtig daher! (Zu Carl) Verschwinden Sie! Carl. Aber wohin? — Hubert (indem er Carl sein Gepäck auf- nöthigt). Nehmen Sir sich ein Wirthshaus- zimmer — will ich sagen ein Zimmer in einem Wirthshause — beim »goldenen Anker« — damit ich Sie zu treffen weiß, aber jetzt fort! fort! Carl. Gut, ich will Ihnen folgen in Allem! Zu verlieren Hab' ich so nichts mehr! (Ab.) Siebente Scene. Hubert, dann Liebhelm, ein Marqueur. Hubert (allein). Er kommt! — Den muß ich mir auf eine ganz eigene Weise emfädeln! Soll ich ihm als ehrlicher Kerl kräftig entgegentretcn? Nein, nein, — Diamanten kann man nur mit Diamanten bearbeiten, und einen Schurken nur, indem man selbst als Schurke vor ihm erscheint! Also jetzt! (indem er sich den Hut kräftig schief in die Stirne drückt), ganz Abellino! (Setzt sich c>n den Tisch vor dem Kaffeehause und ruft:) He, Marquenr! Ein Glas Schnaps! Lik dH. (kommt und will, ohne Hubert zu bemerken, über die Bühne gehen). Hubert (ihm zurufend). He! Liebhclm! Liebhelm. Ha! Du bist da?— erwünscht! Hubert. Ich kann Dir nickt mehr erwünscht sein, als Du mir — denn wenn man schon zwei Stunden lang in einem fremden Kaffeehaus frühstückt, ohne eilten Kreuzer Geld im Sack zn haben, da kannstDnDir leicht denken, wie man sich da nach einem Freund sehnt, der einen erlöst. Liebst. Wie, Du hast nicht einmal so viel, um ein Frühstück zu bezahlen? Armer Kerl! — Ick habe mich gestern in der Freude deS Wiedersehens gar nicht genau nm deine Verhältnisse erkundigt. — Du scheinst also ganz — Hubert. Ganz sur !e einen! oder ans deutsch gesagt: betteltntti! — Ich sag'Dir's, ich bin auch schon so rabiat, daß ich die Theorien des Eonimunismus ans offener Straße ausüben könnte, wenn mir Einer ein gut's Trinkgeld gäbe — Liebh. Halt! halt! So weit soll's nicht kommen, ich will Dir ja helfen! Hubert. Das ist ein wahres Glück für die reisende Menschheit! Liebh. Aber einem Menschen von Genie Hilst man am besten, wenn man ihm Gelegenheit gibt, sein Genie zu verwerthen, damit habe ick gestern einen Versuch gemacht, Du hast mir durch die meisterliche Durchführung deiner Rolle einen großen Dienst erwiesen, und hier (indem er aus seiner Brief, lasche eine Banknote herauSziebt) hast Dtt dein Honorar! Hubert (die Banknote betrachtend). Was? Ein Hunderter—ein Hunderter! Liebhelm! Für das Spielhonorar kriegst Du ja schon eine kleine Lind oder einen großen Klisch- nigg! — Liebh. (lächelnd). Nun — bist Du mit dem Engagement zufrieden? Hubert. Aber nur Beschäftigung —- noch mehr Beschäftigung! Liebst. Daran soll'S nicht fehlen — ich arbeite eben an einem neuen Stücke! Hubert. Was? Erst gestern die Komödie anfgcführt, und heute schon wieder eitle neue? — Das heiß ich Prodnctivität! — Und Hab' ich wieder eine Noll' dabei? — Liebh. Ja wohl, cs frägt sich nur, ob Du eine sogenannte Austandsrolle auch anständig durchführen kannst! Hubert. Pomade! Ich spiel' jede An- staudsrolle ohne asten Anstand! Liebh. Höre mich an! Unser beiderseitiges Interesse fordert gegenseitiges Vertrauen ! — (Rückt näher zu ihm.) Ich brauche einen Onkel! Hubert. Da muß halt deine Großmutter noch ein Kind kriegen — aber, wie ich g'hört habe, hast Du ja ohnehin einen — den Präsidenten! Liebh. Eben den brauch' ich, der sollst Du sein! Hubert. Was? Eristirt also der Onkel Präsident Baron Liebhelm nicht? Liebh. Der Präsident Baron Lrebhclm eristirt wirklich in der Residenz — cS ist nur die kleine Fatalität dabei, daß er gar nicht die Ehre hat, mit mir verwandt zu sein! — Aber was schadct's? Ich benützte die zufällige Gleichheit unserer Namen, gab mich hier für seinen advptirtcn Neffen und Erben aus, und lebte bisher comfor- table, indem ich a Oonto der Erbschaft Schulden machte, aber nun brauche ich einen mich liebenden, mich retten wollenden Onkel, der mich aus den Klauen eines Wucherers rettet, dem Dindcrmeister Klöpst mein schriftliches Versprechen, seine Tochter zu heiraten, entlockt, und mir eine jährliche Rente von 5000 Frcs. sichert, um ein Mädchen mit einer halben Mistion zu heiraten. und diese Kleinigkeit ist deine Aufgabe. Hubert. Ja, gesagt ist so was leicht, abe, cs ist mehr als eine Herkules-Arbeit. 38 tztebh. Pa-, pah! Für ein Genie wie das deine eine pnrc Bagatelle! Eine Summe, nm den Wucherer abznsertigen, geh' ich Dir! Hnd ert (nach einigem Nachdenken plötzlich einen Gedanken erfassend). 3a — cs gebt — ick bab's! — Du sollst staunen, wie überraschend ich die Sache zu Ende führe! — Aber wo soll diese Komödie aufgefübrt werden? — 8 iebh. Am besten, ick ersuche Frau von Abendstern, sie wird sich glücklich schätzen, meinen Obeim, ans einige Tage ihre schönsten Appartements einzuräumen. Hubert (von diesen Gedanken noch leb- Hafter ergriffen). 3a — ja — bei Frau von Abendstern! — Das ist das Beste! — Es gebt famos! 3ck fühle mich ordentlich begeistert von der Rolle. — Geh' nur voraus — richte Alles her, in einer halben Stund' bin ich bei Dir! 8iebh. (umarmt ihn). Hubert! Du bist eine Perle, ein 3nwel der Freundschaft, ein Fels, auf den ich meinen Glückstempel baue. — Gebt Alles nach Wunsch, so sollst Du erschrecken von der Größe meiner Dankbarkeit! Lebe wohl indessen — ick erwarte Dich bei mir! (Mt ab.) Achte Scene. Hubert (allein). 3etzt Hab'ick, was ick brauche. — 3a, ick will Wegräumer werden. — 3ck will nämlich den beiden Liebespaaren alle Hindernisse aus dem Wege schaffen, — ich suhle mich ordentlich angefeuert. — 3ck brenne vor Begierde. Daß die Komödie in dem Hause der Frau von Abendstern gespielt werden soll, das gehört auf ein anderes Blatt, so wie überhaupt die meisten Handlungen und Ereignisse gewöhnlich im Buck des Lebens Bifolien bilden, sie nehmen immer zwei Blätter in Anspruch, auf dem Einen steht die Lichtseite und wenn man ans die etwaige Schattenseite Hinweisen will, so wird man mit der ausweichenden Antwort abgefertigt: »»Das gehört ganz ans ein anderes Blatt!« Couplet. Es war a schwere Zeit für das Land, Man braucht noch Geld für allerhand; DaS soll'n geben, es ist g'wiß sehr g'scbeidt, Denn wer viel hat, kann leichter auch geb'u. Der Regierung die reicheren Leut', D'rum trifft es die Hausherr'», eb'n. — 3etzt, daß so ein Hausherr, wenn er Ilm hundert Gulden jährlich zahlt mehr, Gleich hernimmt d'Parteien im Haus, Mit der Steigerung keine läßt aus, Und so für das, »ras von ihm gefordert wird, Er sich doppelt dann regressirt, Und so der Arme für ihn zu zahlen hat, 3etzt das — das gehört auf ein anderes Blatt. Das Mädchen ist gar so solid, Man siebt's ohne Onkel fast nit. Der Onkel ist ein braver Mann, WaS Alles der Onkel schafft an, Der Onkel zahlt 'n Zins für's Quartier, Und kauft d'schönsten.Kleider auch ihr, Er führt sie in's Theater, wann's will, Nur hat er ein' einzige Grill' — Wann's schaut nur auf ein' junge»» Herrn, Thut der Onkel springgistig gleich »vcrd'n, Na ja — einem Onkel, dem geht Nickis über die Solidität: — 3etzt, daß sie den Onkel vor ein' 3ahr erst g'funden hat, Na, das gehört auf ein anderes Blatt. 'Ne wälsche Over, o mein! Wie »nick d'wälscke Oper thut freu'«, Die Sänger aus dem Lande des Lied's Dringen reckt in die Tiefe des Gemüths, D'rum sei mir gegrüßt, o Ktrrxiorw, Mit klrrsso, Tenore, 6ussone! Jetzt, daß ein Dsnorv s.8soIutr> Schon fertig mit der Stimme ist lutto, lind daß manche Säng'rin, die schon Nicht g'fall'n hat in der'dentschen Saison, Jn's Watsche sich übersetzt, Und schlecht, aber wälisch singt jetzt, Und daß man doppelt für's G'stoppelte z'zahlen hat, Jetzt das — das gehört auf ein anderes Blatt. stur österreichische Kunst ein Verein Ist nöthig, daS sieht Jeder ein, Je mehr, als sich bilden, 's ist gewiß, Desto besser für d'Künstler ist dicß. Ob's Jahr einmal, ob permanent, Hat Jeder sein Gutes am End' — Daß aber die beiden Verein' In Haar'n sich schon d'längste Zeit sein, Daß einer Journale sich halt, Die den Andern verreißen mit G'walt, Und daß statt der Künstler dabei Noch mehr g'winnt die Kunst-Tandlerei— Ob das Alles zur Förderung der Kunst gehört g'rad — Jetzt das — das gehört auf ein anderes Blatt. Bei die Madln in der Stadt find't man nur, Toilettekünste statt der Natur; Was nützt mich der rosige Teint Auf zwei Busserln thut d'Farb schon weg- geh'n! Die Goldlocken wär'n auch nicht schlecht, Doch weiß man nicht, seins falsch oder echt? Da krarelt auf d'Alpen man 'nauf Und sucht sich a Naturschäf'rin auf, Man find't rille, 's G'sicht kugelrund Und Alles so voll und so g'sund — Dock, daß sie so patschet d'reinschant. Daß d'Händ hab'n a Rhinozeroshaut, Und daß man den Kuhstallparfüm ans zwanzig Schritt hat: Jetzt das — das gehört auf ein anderes Blatt! — (Geht ab.) Verwandlung. Reickmöblirter Salon im Hause der Frau von Abendstern. Eine Mittel- und zwei Seiten- Thüren. Neunte Scene. Herr von Bornheim. Frau von Abend- stern. Ein Diener. Bornb. (bereits im Reisecostüme tritt mit Frau von Abendstern aus der Seitenthür recht. Zu dem Diener, welcher einen Mantelsack tra- gend, ihnen folgt). Nur Alles hinab in den Wagen — der Kutscher soll sich bereit halten — ich komme sogleich auch hinab. — (Der Diener ab.) Fr. v. Abend st. Daß Sic uns eben jetzt verlassen müssen! Bornh. Mein Dienst duldet keine allzu lange Entfernung, übrigens wissen Sie, um was es sich handelt; laßt sich Liebhelm's Onkel wirklich herbei, die Eristenz seilles Neffen zu sichern, so ist dieser eine ganz anständige Partie, und Sie können die Vorbereitungen zur Dermälung treffen, bei welcher ich mich wieder einfinden will! Zehnte Scene. Porige. Lieb Helm. Liebh. (tritt durch die Mitte ein). Bornh. (ihn erblickend). Ah, gutettTag, lieber Baron! Liebh. (nachdem er sich vor Bornheim verneigt. zu Frau von Abendstern, indem er ihr die Hand küßt). Gnädige Frau—ach! Warum darf ich noch nickt sagen: Meine verehrte Schwiegermama! Bornh. Wird sich Alles machen! — Fr. v. Abendst. Herr Baron, Sie wissen ich lege Ihnen kein Hiuderniß in den Weg, die Zusage des He»rn vou Dornheim Habel« Sie, es bandelt sich wohl nur darum, daß meine Tochter sich fügt. Bornh. Und das wird sie. (Zu Liebhelm.) Sie ist bereits so weit, daß sie sich nur für einen Tag Bedenkzeit auSbat. 4V tzicbh. (erfreut) Wirklich? —Aber Herr von Dornhein,, Sie sind ja in Reisekleidern — Sie wollen fort? — Bornh. Mnß, lieber Baron! muß — Liebh. (für sich). Um so besser! (Laut.) Ach, wie ich das bedanre — Bornh. Also, liebe Freundin, ans baldiges Wiedersehen! (Au Siebhelm.) Lieber Baron! Diel Gluck zn Ihrer Werbung, melden Sic Ihrem Oheim, dem Herrn Präsidenten indeß meinen tiefsten Respekt unbekannter Weise — Adieu! (Geht gegen die Mittelthür.) Fr. v. Abend st. (will ihn begleiten). Bornh. (sie abhaltend). Bitte — bitte sich nickt zu incommodiren. (Ab.) Liebh. (hat ihn bis zur Thür begleitet und kommt nun zurück). Gnädige Frau! Ich danke Ihnen im Voraus im Namen meines Oheims, daß Sie mein Ansuchen, ihn in Ihrem Hanse zn beherbergen, so gütig bewilligt haben! Fr. v. Abend st. Ich fühle mich dadurch geehrt. Wir befinden uns eben in den Gemächern, welche ich für Se. Ercellenz in Bereitschaft setzen ließ. Doch Sr. Ercellenz werden, von der Reise cebansfirt, einiger Er. holnng bedürfen, ich will mich deshalb entfernen. Wollen Sie mich gütigst in Kennt, niß setzen, wenn ich die Ehre haben kann, Ihren Onkel in meinem Hanse zn bewillkommn». (Verneigt sich und geht durch die Seitenthür ab.) Liebh. (allein). Es geht vortrefflich! — Das Glück scheint mit mir im Bunde zu sein — der alte Gütcrdircetor ist fort! Klöpfl wartet bereits im Gasthose nnd mein Gläubiger im Kaffechanse nebenan — in einer Stunde mnß Alles geschlichtet sein. Eilfte Scene. Lieb Helm. Diener, dann Hubert. Einige Diener (reißen die Mittelthür weit auf, eilen herein und rufen): Sk. Ercel- Icnz— der Herr Präsident! Liebh. (sich erfreut stellend). Schott hier? — Wo — wo — wo? — (Eilt gegen die Mittelthür ihm entgegen.) Ha! mein verehrter Onkel! Hubert. Ah, mon nvveu! (Hält ihm die Hand zum Kusse hin.) Liebh. (küßt ihm die Hand). Mein väterlicher Gönner! Wie finde ich Worte. Ihnen zn danken? Hubert. LmHrnissor mvi. mon 61». (Drückt ihn eeremoniell an seine Brust.) Liebh. O mein theurer Onkel! Die Reise wird Sie ermüdet haben! Hubert. Oni, orii — tue« lati^nnnt eette (Geht auf LiebhelmS Ann ae- stützt, zu einem Fauteuil, in welckeS er sich niederläßt, und gibt den Dienern mit der Hand ein Zeichen sich zu entfernen.) 1 ^ 1886 /, moi 8eul! Liebh. szu den Dienern). Se. Ercellenz wünschen allein zn sein! Die Diener (verneigen sich und gehen ab). Hubert (springt luftig vom Sitzeaur, mit seiner gewöhnlichen Stimme). Na, was sagst a so? Wird's es tbnn? Liebh. Eminent! Die Maske ist vor- trefflich. — Soll ick Frau von Abendsten» von deiner Ankunft avisiren? Hubert. Das kannst thnn, wenn ich mit den andern Audienzen fertig bin! Liebh. Wie ist's mit der Rentenversicherung für mich? Hubert. Die Hab' ich schon bei mir. Liebh. Um so besser— so ist Alles beendigt. — Ein Diener (ist durch die Äitte eingetre- ten). Herr Preller — Liebh. (leise zu Hubert). DaS ist der Wucherer! Hubert (zu den Dienert. Laßt ihn vor! (Diener ab.) Liebh. Ich will ihm nicht begegnen — und entferne mich deshalb durch das Sei- tcnzimmer. (Ab durch die Eeitenthür links.) Hubert (allein). Wenn ich Dick brauch, so werde ich läuten! Einem Wucherer die Hölle recht heiß machen, nnd ihn dann nach Vergnügen rupfen, dieses Sr' len-Gandinm 4l habe ich mir schon langst gewünscht, ( Elesit sich in gcbietcrischcr Haltung an den Tisch.) Zwölfte Scene. Hubert. Preller. Prell, (öffnet dieMitteltlnir nur n>r Hälfte, erscheint kriecherisch aedückt unter derselben, verneigt sich niedrere Mole sehr lief, ohne zu wagen einzutreten). Hubert ssieht sich nach ihm um. und sagt durch eine Handbewegnng. daß er vor ihn treten soll). Preller (kommt schleichend und fast bis ,»m Bodcn geduckt herein, bleibt in einiger Entfernung vor Hubert stehenl. Hubert stritt mit verschränkten Armen dicht an ihn. sieht ihm mit fürchterlichem Blick in's Ange. barsch) Eie sind Preller!— Habe gestört — ob babe sebr viel gestört von Euch! Was fuhrt Sie zu mir? Prell, Ew. Gnaden, Herr Ercellenz haben doch einen Neffen, den Herrn Baron — er stat mich berbestellt, weil ich Hab'ein kleines Wechselchen vom Herrn Baron, und er bat gesagt — Hubert. Daß der gute Onkel wieder der Narr sein würde, für ibn zn zahlen? Nichts da! Es onkelt sich nichts mehr! Ich enterbe ihn! Prell, sm Todesangst). Gnaden. Herr Ercellenz — das werden Sic nicht tbnn. Wenn Sie nicht zahlen ihm zn lieb, haben Sie Erbarmen mit mir — ich bin ein armer Familienvater! Hubert. So — und leibt Geld ans! Prell. Mein bischen Erspartes,— stab' ich's doch geliehen dem Herrn Baron ans purer Barmherzigkeit. Hubert. Hnndertprorentigc Barmherzigkeit! (In erkünstelter Duth ab- und niedergehend.) Aster auch eure Stunde hat geschlagen ! Diejenigen, die meinen Neffen so geschandbratzt — wollt ich sagen, gebrand- schatzt haben, sollen nicht straflos dnrch- kommcn. — Eriminal-Untersnchnng — Prell. sz„sammenbrkkbend> Erim — Eri- mial — Eriminal — Ist nur doch ge fahren das Wort in affe Glieder, wie die schönste Gicht!— Gnaden Herr Ercellenz! Hubert (strenge mit der Hand gegen die Thür weisend). Hinaus! Prell. Gnaden, Herr Ercellenz! Was machen Sie für ein Gescres! Ich laß doch mit mir reden. Ich will Nachlassen. Hubert (für sich). Aha! beißt schon an! (Laut.) Nachlassen! Was heißt. Nachlassen? Wie hoch ist der Wechsel? Prell, (für sich). Gott sei Dank, erlaßt reden mit sich. — (Laut , indem er Papiere herauszieht.) Hab' Alles bei mir in schönster Ordnung — Wechsel ä, 3000 fl. — gerichtliche Zahlungs-Auflage um ein bischen Personalarrest. — Hab' noch müssen zahlen Advocoten und Stempel, aber daß Ew. Gnaden sehen, daß Sie's zu tbnn hasten mit ein' honetten Mann, will ich Nachlassen die Gerichtskosten! Hubert. Sonst nichts? Und mir so einen Anbot!? Hinaus! Prell.Was.kommen Ew.Gnaden schon wieder in Gast? — Reden wir rüstig. — Hubert. Ein Wort — aber dabei bleibt's! — Tausend Gulden wist ich daran wenden! Prell. Web! Tausend Gulden! — Was mack' ick mit tausend Gulden? Hubert (für sich). Warte! dem Anblick vom haaren Gelde können diese Tbicre nicht widerstehen! (Zieht eine Brieftasche und daraus mehrere Banknoten hervor, und legt sie auf den Tisch.) Da taufend Gulden baar — oder das Eriminal — Prell, (für sich). Ick Hab' dem Baron doch nicht einmal gegeben baare tausend Gulden — ick mach noch immer ein Geschäft — Hubert (für sich). Er kriegt schon Zustände. (Laut.) Nnn, was ist's? Prell. Ew. Gnaden! Legen Sic noch darauf fünfhundert — Hubert. Hinaus! Prell. A klanes Douceur! Hubert. Hinaus! oder ich laß Euch hin- aiiswciseu. (Langt nach der Klingel) 4L Prell, kaffen Cie dock» stehen bieGleck — was wallen Sie gleich Sturmläuten?— Ich -in ein guter Mann — und weil mich -och dauert der liebe Herr Baron — so — so — aber ein Fünfer legen Sie noch -'rauf — Hubert (langt wieder narb der Vlocke). Prell. (erschreckt). Gott! Was sein Ew Gnaden hitzig! Nu — da — da — (Hält ihm die Schriften hin.) Hubert (nimmt sie rasch, für sich). Ich bab's. — Das Erste wäre erreicht — der Nemäische Löwe bezwungen! (Steckt die Scbristen ein.) Prell, (ist auf das Veld loSaestürzt und zahlt mit zitternden Händen die Vanknoten). Hubert. Euer Geld habt Ihr — jetzt, fort! Ihr ekelt mich an—hinaus, Wucher- scele! Prell. Ich gebe schon. — War mir ein besonderes Vergnügen, gehabt zu haben die Ebre! (Verbeugt sich.) Hubert. Hinaus zur Thür, Vampvr! Prell, (geht unter fortwährenden Com- plimenten bis zur Thür, kehrt an derselben an- gelangt, wieder um, zu Hubert). Wenn Ew. Gnaden vielleicht einmal etwas brauchen können — Hubert (stampft wütbend mit dem Fuße). Prell, (rasch forteilend). Habe die Ehre! (Ab.) Hubert. Das ist auch Einer von denen, die, wenn man's bei der Thür hinausgeworfen bat. beim Fenster wieder herein, kommen! Es wäre eine Aufgabe für die Pbarmaceuten, ein persisches Pulver aufzufinden, was diese ekelhaften Jnsecten vertreibet! »Pulver zur gänzlichen Vertilgung der Wucherer« — daS müßte reißenden Absatz finden! Dreizehnte Scene. Hubert, dann Diener, zuletzt Klöpfl. Ein Diener (meldet). Bindermeister Klöpfl. Hubert. Nur herein! Diener (öffnet die Thür, durch welche Klöpfl eintritt, und geht dann durch dieselbe ab). Klöpfl (tritt ganz niedergeschlagen ein, sich verneigend) Kervus, Herr von Präsident! Hubert (geht ihm entgegen, sehr freund- lick). Ah, Sie sind also der Herr Klöpfl, von dem mir mein Neffe so viel Gutes geschrieben, wegen den« ich eigens hergereist bin. Klöpfl. Sie haben ein wahres Malheur. — Sic machen die weite Reise und kommen g'rad in dem Augenblick her, wo ich weg bin — ganz weg vorDaterschmerz. — Ein gewisser Hubert Ledermann — ein niederträchtiger Kerl — ein Grand- Lump — Hubert (hustet). Klöpfl. Was ist Ihnen denn? Hubert. Nichts — nichts — mir ist nur etwas in den falschen Schlund gekommen. — Klöpfl (für sich.) Merkwürdig— jetzt ist der Präsident, und tragt ein falschen Schlund! Hubert. Wegen eurer Tochter dürft Ihr ruhig sein. — Klöpfl. Ich bin nicht eher ruhig, als bis ich sie Hab — Hubert. Ich geb' Euch mein Wort, daß sie heute noch bei der Feierlichkeit fun- giren wird, dort sollt Ihr sie sehen! Wenn nur mein Neffe nicht noch Sprünge macht. Klöpfl. Nützt ihm nichts — ick hab's schwarz auf weiß, da — da Hab' ich's. (»sieht die Schriften hervor.) Da ist von Sprüngen gar keine Red'! Hubert. Laßt mich doch einmal sehen, Wie Ihr das aufgesetzt habt! (Nimmt ihm die Schrift aus der Hand und liest.) In der That, ein ganz rechtkräftiges Eheversprecheu! Klöpfl. Ja. Ihr verspricht eine recht kräftige Ehe! Hubert. Nun hört! Ich wist gleich auf dieses Dokument auch meine schriftliche Zustimmung geben! Klöpfl. Das ist gcscheidt — da wird'S noch kräftiger. — 4S Hubert. Vergeßt aber nicht, daß diese Schrift dann für buch sebr wichtig ist, — also habt nur recht wohl darauf Acht — cs könnte leicht irgend ein Schlaukopf ste Euch aus den Händen locken. — Klöpfl. Das soll nur Einer probieren! Hubert, vielleicht unter dem Vorwände, es zu lesen, und dann, so während deS Gespräches, steckt er es ein. (Steckt die Schrift wirklich ein.) Klöpfl. Da müßte ick dock ein wahres Rhinozeros sein, wenn ick das geschehen ließ! Hubert. Zugleich will ick aber auch den IahreSgehalt bestimmen, den ich meinem Neffen auSwerken wist! ädlöpfl. Nur viel—denn er hat künftig nickt nur eine Frau, sondern auch einen Schwiegervater zu versorgen, und man glaubt nickt, wie hock so ein Schwiegervater kommt! Hubert (geht zum Tische, und setzt sich cm denselben, Nl Klonst). Nehmt indessen Platz, lieber Meister? .stlöpfl. Wann's erlauben, bin ick so frei. (Setzt sich in einen Fauteuil auf der andern Seite. für sich.) Ein lieber Mann der Präsident ! Hubert (für sich, indem er die von Prester übernommenen Arten hervorzieht). Zeh muß nur dem Wechsel das nötbigc Indossat beisetzen! (Schreibt.) So! (Klingelt.) Vierzehnte Scene. Vorige. Liebhelm. Frau von Abendstern. Hubert (siebt beim Eintritte der Frau von Abendstern rasch auf und steckt die Acten wieder ein). Likbh. (Klöpfl erblickend). Wik, Klöpst noch hier? Errellcnz sind nicht allein.— Fr. v. Abendst. 3ch fürchte gestört zu haben? Hubert (eine steife, ceremonielle Haltung beobachtend). Durchaus nicht, meine Gnädige! — Eine Lannc des Zufalls macht mich gleich in der ersten Stunde meines Hierseins zum Eheprocurator in zwei Familien. — Klöpfl. Die eine Familie bin ich. — Hubert. So wie Sie wünscht auchMei« ster Klöpfl eine schriftliche Erklärung von meiner Seite so schnell als möglich, nnd ich halte auch schon die betreffenden Dokumente in Bereitschaft, (»iebt die von Klövfl und Preller erhaltenen Dokumente auS der Tascbe ) Klöpfl (für sich). 3ttzt werd' ick gleich sehen, was er mir ansgeworfen hat. Liebh. (fürfick). Teufel! Was Kater nur vor? (Saut.) Lieber Onkel! Ich denke — das ist nickt so eilig — Klöpfl. O ja — ich finde es sehr pressant. — Hubert (zu Klöpfl). So nehmen Sie hier (indem er ihm die von Preller erhaltenen Acten gibt) und Sie, Gnädige! hier lindem er ihr das Eheversprerben gibt) diele Dokumente, — ich denke, Sie werden Beide mit diesen Erklärungen zufrieden sein! ädlöpfl. (liest die Schrift, traut seinen Augen nicht, wischt sich dieselben auS. liest nochmals rr.). Fr. v. Abendst. (öffnet das Dokument). Liebh. lwirft einen Blick in dasselbe, auf- schretend). Himmel! Fr. v. Abendst. Was ist das?— Herr von Liebhelm? Ein förmliches Ebener- sprechen an die Tochter des Meisters Klöpfl? Klöpfl. Mortigall nnd Essig— ein Personalarrest auf den Baron Liebhelm? Udert (steht regungslos in der Mitte der Bühne» auS einer goldenen Tobatiöre langsam eine Prise nehmend) Nun, ich glaube Zbnen Beiden genügende Erklärungen gegeben zu haben. — Fr. v. Ab endst.Baron, sprechen Sie— Liebh. (welcher noch starr vor Schreck nnd Verwirrung dogestanden und mühsam nach Suft gerungen, endlich loSbreckend und schreiend). Verrath! Betrug — Er ist der Betrüger. Klöpfl. Was, der Präsident? Fr. v. Abendst. Ihr Oheim? Liebb. Nichts Präsident — nichts Dhkjn,. Seht — ich will ibn ent- lnrvfn! (Eilt zu Hubert und reißt ihm die Perriicke vom Kopfe.) Kennen Sie ibn denn nicht? Fr. v. Abend st Klöpfl. Fr. v. Abendst (idn erkennend). Hubertl (Sinkt in einen Fauteuil.) ^ Was ist das? Klöpfl. Was, der Lump? Hubert. Ja — ein Lnmp ist auf jeden Fast hier — nach den gemachten Erfahrungen werden Sic aber leicht erratbcn, welcher von nns Beiden gerechtere Ansprüche ans diesen Titel bat! Liebh. Elender Betrüger! Mißbrauchte der Freundstbait!— Das festst Dn mir büßen! — Mott sei Dank — noch gilt bier im Städtchen mein Wort! — Ich eile fort auf's RathbanS — ich hole die Wache — im Kerker festst Du das Prasidentenspiel verlernen! (Ab.) Hubert (ihm nachrufend). Ja, holenSik nnr die Wache. Psendo - Baron! — Ich werde sie brauchen können! Klöpfl. Ja, was fang denn ich mit meiner Tochter an? - Hubert (zu Klöpfl). Bleiben Sie hier, ich bin jetzt gerade im Kopfzurechtsetzen, da können Sie auch profitiren. (Tritt zu dem Fauteuil, in welchen Frau von Abendstern aesunken ist und bleibt, ste ansehend, mit verschränkten Armen stehen ) Fr. v. Abend st. (macht mit der Hand eine abwehrende Bewegung). Hubert. Sie wehren mich ab— ich erscheine Ihnen wobl als ein Gespenst der Vergangenheit, wie ste in Ritterromancn Vorkommen— dem Grab entstiegen — und mit blutendem Herzen! — Aber beruhigen Sie sich — ich wist Sie nicht mahnen. Ihnen keine Vorwürfe machen — dazu sind wir Beide zu alt geworden. (Für sich.) Einen kleinen Hieb kann ich ihr nickt schenken. Fr. v. Abendst. (sich erhebend) WaSwol- len Sie sonst noch hier? Hubert. Ich trete als Advocat auf für einen unschuldig aus Ihrem Hanse Hin- ansgeworfenen. Fr. v. Abend st. Sie sprechen dock nicht von Herrn Lanber? Wösten Sie der Fürsprecher eines Menschen sein, der in solcher Jngend scholl einem so ekelhasten Laster fröbnt. wie das des Trunkenboldes ist? — Aber freilich — Sie waren ja selbst sein Zechbruder. Hubert. Nein, ich war der Zechrn eitler. denn ick habe ihm eine Grnbe gegraben. Weil mir ihn der saubere Baron Liebbelm in ein ganz anderes Lickt gestellt bat, d'rnm Hab' ick ihn istnminircn wollen. Nur mit schlauen Kunstgriffen Hab' ick ibn vermocht, starke Weine zu trinken,— sehen Sie, wäre er ein Trunkenbold, so hatt' ihm der Wein nichts gemacht. Klöpfl. Gegen dieses Argument läßt sich nichts einwendcn. Hubert. Sie hören hier das Urtheil eines Sachverständigen. Fr. v. Abend st. Ich begreife nickt, wie ick da zn Erörterungen komme mit einen» Menschen — Hubert. Der Ihr' ersten Liebesschwürc empfangen, der von Rechtswegen der Vater Ihrer Tochter sein sollte. Fr. v. A b en dst. Die Erinnerung an jene Tage könnte mich nur dann zn einem Entschluß bringen, wenn ick mich nickt jetzt meiner damaligen Gefühle schämen müßte. Klöpfl. Ja, ich seb'auch nicht ein, warum wir nns in nnsern Familien-An- gelegenbeiten von einem solchen Lumpen sollen d'reinreden lassen? — Kommen Sie, gnädige Frau, packen wir alle Zwei an, und werfen wir ibn hinaus. Hubert. Halt! — Ihr Beide haltet den Wein für schlecht, weil der Most trüb und gäbrend war — aber wie, wenn es mir möglich wäre. Euch die Augen zu öffnen, wenn ick Enck zwingen könnte, mich zn achten? 45 fünfzehnte Scene. ich entfernt von meiner Vaterstadt zubrachte, verlorene Jahre waren. Vorige. Liebhelm, dann Rettenberg, einige Rathsherren, Diener. (Trompeten und Pauken von der Straße her- auf, und gleich darauf ein ungeheuerer Jubel, und Vivat-Geschrei des Volkes.) Liebh. (eilt voraus herein). Ah, —hier ist er noch — ich bin dem Herrn Bürgermeister begegnet, habe ihm gesagt, daß dieser Vagabund hier im Hause wäre, und sogleich eilte er selbst mit einigen Herren vom Rathc hieher, um sich seiner zu bemächtigen! — Ha — ich höre sie bereits im Vorzimmer! — (Aus Hubert weisend.) Hier, meine Herren! Hier ist er! Rettend, (ein sehr alter Mann, geht rasch auf Hubert zu, und sieht ihm in'S Gesicht). Ja, ja, der ist's! Liebh. Der Bösewicht, der Betrüger! Fr. v. Abend st. Ist es wahr? Sagen Sie mir, Herr Bürgermeister, was hat er begangen? Rettenb. Er hat vor zwanzig Jahren alle Bewohner unserer Stadt betrogen. Fr. v. Abendst. Wie wäre dies mög- lich? Rettend. Denn alle Leute hier hielten ihn für einen Taugenichts, der es in seinem Leben zu nichts Rechtem bringen würde! Hubert. Aber Sie, verehrter Herr Bürgermeister, Hab' ich doch nicht täuschen können! Rettend. Nein, ich erkannte in dem jungen Obenaus und Nirgendan ein tüchtiges Genie, das mit seinen mächtigen Flügeln überall anstoßen, dem die Welt zu klein werden muß. Ich verwies ihn aus unserer Stadt, gab ihm aber den Wegweiser mit. — Hubert. Ja, — einen Brief an einem Meister nach Florenz und so viel Geld, als ich die ersten Jahre brauchte, um leben zn können. Ich habe ein neues Leben begonnen, ich habe gelernt, gearbeitet und — heute wird sich's ja entscheiden, ob die zwanzig Jahre, die Liebhelm. Fr. v. Abendst. Was ist das? Rettend, (zu Frau von Abendstern). Belieben Sie nur auf den Balcon zu treten, er geht ja auf den Hauptplatz. — Fr. v. Abendst. (eilt auf den Balcon, sieht hinaus und tritt erstaunt zurück). Ha! Eben wurde das Monument enthüllt — herrlich — prächtig! Sechzehnte Scene. Vorige. Saller, Reißer, Mandler, Lieschen, Anna, mehrere andere Bürger, ferner Conrad und Carl (drängen sich zur Thür herein). Alle (durcheinander sprechend). Hier soll er sein, wo ist er der Künstler? Rettend, (zu Lieschen, welche einen frischgrünen Lorbeerzweig in der Hand hält). Liebes Kind, kommen Sie her. — Unsere Mitbürger wollen den Künstler sehen, welcher sein erstes größeres Werk seiner Vaterstadt widmete — so schmücken Sie Den (auf Hubert weisend) mit dem wohlverdienten Kranze! Liebh. Ha, verdammt! (Ab-) Alle (voll Erstannen). Was? der—der? Klöpfl. Der? Kann denn ein Künstler auch ein Lump sein? Fr. v. Abendst. Was höre ich — Sie — Sie? Hubert. Nun, gnädige Frau!—Schämen Sie sich jetzt noch, mich einst geliebt zu haben? Und Sie (zu Klöpfl) was sagen Sie? Klöpfl. Mir verschlägt es die Red'! — Er — der Künstler — Hubert. Wenn Euch die steinerne Gruppe dort unten gefallen hat, so will ich Euch hier heroben noch ein paar lebende Gruppen aufstellen, wie sie kein Künstler so leicht zu Stande bringen könnte. — Eonrad, Carl (nimmt Conrad und Carl an den Händen), Fräulein Anna! Jungfer Lieschen! umarmt Euch alle Piere! — Cour, (eilt zu Lieschen). Carl (zu Anna). Hubert (zu Frau von Abendstern) Wer» den Sie etwas dagegen haben? . Fr. v- Adendst. (tritt zu Anna und Carl und breitet ihre Hände segnend über das Paar). Hubert (zu Klöpfl). Na — und Sie? Klöpfl. Der Baron ist pfutsch, nun denn — ich will ganz zärtlicher Later sein. (Segnet Conrad und Lieschen.) Hubert. So, jetzt ist mein Werk vollbracht. Zwischen zwei Liebesgruppen inmitten (indem er mit Rettenberg in die Mitte tritt) eine Gruppe der Freundschaft und Dankbarkeit, eine Allegorie zu der Moral: »Aus liederlichen Leuten kann auch noch etwas werden, und d'rum ist kein Mensch als aufgegeben zu betrachten, so lange er sich nicht selbst aufgäbt! Alle. Vivat! Vivat! Der Vorhang fällt. Ende. Non Friedrich Kaiser find bei uns erschienen: Männerschönheit. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit Titelkupfer. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Raturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Eine Posse als Medicin. Originalposse mit Gesang in 3 Acten. Mit allegorischem Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Fürst. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischen Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Mönch und Soldat. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbilve. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Rastelbinder, oder: 10,000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titel» bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Junker und Knecht. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Litelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Acten. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Dienstbotenwirthschaft, oder: Chataulle und 8hr. Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Doctor und Friseur, oder: die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 Acten. Zweite Auflage. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr. Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Ein neuer Monte»Christo. Original-Characterbild in 3 Acte». 12 Sgr. oder 60 Nkr. Die Frau Wirthin. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. EtwaS Kleines. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Zwei Testamente. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. UnrechtGut. Characterbild mit Gesang in 3 Acten und Vorspiele 12 Sgr. oder 60 Nkr. DeS Krämers Töchterlein. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Eine Feindin und ein Freund. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Von Friedrich Kaiser erscheinen demnächst: Verrechnet. — Ein Jagd»Abenteuer. — Palais und Irrenhaus, In unserem Wiener Theater-Repertmr erscheinen demnächst: D o m e st i k e u st r e i ch e. / Posse mit Gesang in einem Acte vou Anton Bittner. 7'/, Sgr. oder 35 kr. Verrechnet, Gharacter-Gemälde mit Gesang in drei Acten von Friedrich Kaiser. 12 Sgr. oder 60 kr. Mein Vär und meine Richte. Posse in zwei Acten. " Nach dem Französischen kvon Alexander Bergen. Die Gezeichnete, oder: Russe und Franzose. Schauspiel in drei Abtheilungen und vier Aufzügen von C. I. F o l n e s. i. 12 Sgr. oder 60 kr. Druck und Papier von Leopold Sommer ia Wre«. (Den Bühnen geg enübe r als Manuskript gedruckt.) Verrechnet! Driginal-Charaklerbild mit Gesang in drei Acten von Friedrich Kaiser. Musik von Kapellmeister Carl Binder. Zum ersten Male im k. k. priv. Earltheater in Wien mit glänzmdem Erfolge ausgeführt. ik' Personen: Emilie, verwitwete Baronin von Weißdorn. Eugen, vier Jahre alt, ihr Kind. Heinrich Richmond, Oberster eines Caval- lerie-RegimentS. Frau Margareth, Müllerin. LoiS, ihr Sohn. Brikmann, GutSinspector von Weißdorn. Elise, sein Weib. Rosa, seine Tochter. Norbert, Revierjäger. Notare. Mischler, Gemeindewirth. Doctor Schlepper. Doctor Liebmann, Martin, ein alter Bettler. Caspar, Müllerbursche. Michel, Brikmann'S Knecht. Franz. » HannS, > Bauerbursche. Max. ! Ein Commissä r. Jäger, Müllerbursche, Landleute, Musikanten, Gerichtsdiener, Dienerschaft. Erster Act. (Romantisches GebirgSthal, zu beiden Seiten aufsteigende waldige Höhen — auf einer Seite, mehr dem Hintergründe zu. daö Mühlgebäude, dessen Rad von einem von der Höhe herabstürzenden Gießbach getrieben wird, über diesen Thratn-Nepertotr Nr. »3. führt eine aus Baumstämmen gezimmerte Brücke das Häuschen ist von einem kleinen in üppiger Blüthe stehenden Gärtchen umgeben, welches gegen die übrige, mehr düstere Landschaft einen wohlthuenden Contrast bildet. Vor dem Hause steht ein kleiner Karren, auf welchen die Mühl, bursche eben Mehlsäcke laden.) 1 Erste Scene. Die Müllerbursche, Lois, dann Frau Margarcth. Lois (kommt in seinem Festanzuge, sorgfältig geputzt, lustig aus dem Hause, und singt während des Geklappers der Mühle folgendes Lied): Bei mir treffen d'Feiertag Nicht a so ein, Wie's just im Kalender Roth ang'strichen sein! Am Sonntag da sitz' ich Oft traurig daham, Und bin fast so z'wider Wie d' alte Frau Mahm. Mein Herz ist da ausg'hängt Wie's Rad in der Mühl', D'rum ist's auch so entrisch So todtschlachtig still! Ein Werkeltag aber, Wie heut einer is, Der ist mir viel lieber Als d'Feiertag g'wiß! G'rad wie, wenn auf's Rad dort Der Gicßbach d'raufsallt, Da dreht fich's und klappert Und rührt sich mit G'walt, G'rad so, wenn in'S Herz da Die Freud will einkehr'n, Da hammert's und schlagt's, daß Man's stund'weit könnt hör'n! (In das Mühsgeklapper einfallend.) Tick, tack! Tick, tack! (Aufjauchzend.) Juhe! Juhe! Fr. Marg. (ist schon während des LiedeS aus dem Hause in das Gärtchen getreten, hat ihm verwundert zugehdrt, und ruft nun über den Zaun). Aber Lois! Lois (mitten unter seinem Jubel fast erschreckt und beschämt). Ah, d'Frau Mutter! Ist d' Frau Mutter schon auf? Marg. Hätt' mich's Mühlrad nicht anf- g'weckt, so hätt's dein G'juhez thun müssen! Was macht Dich denn heut' auf einmal gar so lustig? Lois (sich verstellend). Hm! Ich weiß selber nicht — 's ist halt schon so nicht ein Tag wie der and're—das macht's Wetter! Marg. (indem sie aus dem Gärtchen heraustritt). So —'s Wetter? Haben wir doch schon d'ganze Wochen schön's Wetter! (Sieht auf den Karren mit den Säcken.) Hahaha! — ja, ja— 's Wetter! Wenigstens weiß ich jetzt, woher der Wind weht. — (Deutet auf die Mehlsäcke.) Lois (verlegen). Was meint denn d'Frau Mutter? Marg. Ans den Säcken ist ein großes W gemalt — Lois. Na, und das W — Marg. Das W bedeutet das Herrenhaus in Weißdorn, und dort — Lois (für sich, indem er ernst vor sich hin- blickt). Ja — dort ist mein Weh! Marg. (sieht ihn besorgt an). Siehst es, jetzt schlägst wieder d'Augen so traurig nieder! — Ich sag's ja, 's war' g'scheidter g'wesen, Du wär'st nie nach Weißdorn hinüber g'fahren! Lois. Ich weiß nicht, von was d'Frau Mutter red't! Marg. Geh'! verstell' Dich nicht — ich hab's längst weg — dem Inspektor seine Tochter, die Fräule Rost — Lois. Was der Frau Mutter nicht ein- sallt. Marg. Ja, ja, jetzt willst Du's läug- nen, weil Du's selber einsehen mußt, daß so eine Lieb' ein Unsinn ist, der alte reiche Brikmann wird Dir seine Tochter geben! Kannst Du denn so etwas denken? Lois (immer verstimmter). Wer denkt denn auch d ran?! Marg. Und wenn noch d'Fräuln Rost selber anders wär' — nicht so hochnäsig und aufgeblasen — Lois (rasch). Nein, das ist sie nicht — d' Frau Mutter sollt sie nur einmal hören, wie lieb und freundlich sie allemal mit mir plaudert, wenn ihr Bater just nicht da ist. — 3 Marg. Ja, wenn Niemand da ist — aber an Sonntagen, wenn sie so mitten unter den Leuten ausgepicht aus der Kirchen geht, da will sie's oft gar nicht bemerken, wenn Du sie grnß'st, oder nickt höchstens vornehm mit dem Kopf, grad so wie eine Herrschaft gegen einen Dienstboten. Lois (beißt sich in die Lippen, drückt seinen Hut in den Händen zusammen, mehr für sich). Ja, so ist's! Mir kommt's wohl manchmal selber so vor, als wenn sie sich vor den Leuten schämte, daß ein Bursch wie ich — (Zu Margoreth.) Geh' d'Frau Mutter, d'Frau Mutter hat mir wieder den ganzen Tag verdorben. (Setzt sich verstimmt auf eine Rasen- bank nieder.) Marg. (zu ihm tretend). Bester aus einen Tag d'Freud verdorben, als jahr- lang sich um nichts und wieder nichts das Leben Hinunterfressen! Gib den Gedanken auf, Lois! Du hättest schon lang' heiraten können, und cs ist Dir Keine anständig g'wesen, und die Rosi ist doch nicht das einzige saubere Mädel, es sind noch Andere g'nug da, die sich eine Ehr' d'raus machen, wenn ein Bursch' wie Du ein Aug' auf sie haben wollt'!! Und d'rum zeig' dieser stolzen Person, daß Dir nichts daran liegt, fahr' nicht allemal selber mit dem Mehl hinüber, schick' den Knecht, — man muß solchen Leuten zeigen, daß man auch noch auf was Anderes stolz sein kann, als auf ein paar Säck' voll Thaler! — So — (indem sie sich zum Gehen wendet, und das Folgende, während sie in'S HauS zurückgeht, spricht) g'red't Hab' ich und Du hast mich verstanden, jetzt richt' Dir's darnach ein. (Ab.) Lois (springt wieder von seinem Sitze auf). Ja, d'Frau Mutter hat Recht — die Rosi schämt sich, daß ich sie so über Alles gern Hab', und warum? Ich bin ihr zu arm! — Aber so reich als ihr Vater ist, ich mvcht sein Geld doch nicht, wenn ich's aus die nämliche Art verdient haben müßt, wie er! — 'S ist ja kein Geheimniß — er hat freilich ein Paarmalhunderttausend Gulden im Vermögen, und ich — ich Hab' nichts, als meine Mühl' da,— aber die hat mein seliger Vater von ehrlichem Geld bauen lassen, und ich verdien' mir ehrlich mein Brot — kein Mensch kann mir was Unrechts nachsagen. — Ja, Recht hat d'Frau Mutter! Man kann auch noch aus was Anders stolz sein, als auf ein paar Säck' voll Thaler! — Und das will ich Denen aus demHerrenhof drüben zeigen! Ich fahr' gar nie mehr selber hinüber! (Ruft einem Mühlburschen.) He, Casper! zieh' Dich an —Du führst nachher das Mehl nach Weißdorn hinüber! Zweite Scene. Vorige. Brikmann. Brikm. (jm Costüm eines reichen Land- wirtheS kommt seitwärts von einer Anhöhe herab). Lois (ihn erblickend, für sich). Ha! da kommt ja ihr Vater — er selber, — aber just recht — jetzt will ich ihm's gleich spüren lassen! Brikm. (kommt hastig auf Lois zu, besieht ihn von Kopf bis zum Fuß, wirst dann einen Blick auf den Karren, dann barsch). Aha! — Merk's schon! — Wird aber nichts d'raus! (Heftiger.) 'S wird nichts d'raus, sag' ich! Lois. (mißt ihn ebenfalls mit den Blicken). Mir scheint, g'srühstückt (mit der Pantomime des Trinkens) haben Sie heut' schon, Herr Brikmann! Brikm. Was will man damit sagen? Lois. Daß Sie g'rad so reden, als wenn Sie selber nicht sähen, was Sie reden! Brikm. Ich Hab'g'sagt—es wird nichts d'raus — das ist deutlich genug g'red't! Lois (lachend). Ja, aus was soll denn nichts d'raus werden? Brikm. Weiß Alles — errath' Alles! — (Lois an der Jacke fassend.) Sonntagsg'wand - (auf den Karren weisend) dort meittMehl — wieder selber hinüberfahren wollen — bei meiner Tochter scherwenzeln wollen — (dumm verschmitzt lachend). Haha! Was! Lois. Ha ha ha! Aber wie Sie Alles errathen! 1 * Brikm. Alles! Ungeheurer Scharfsinn! Lois. Warten Sie ein wenig — Du — Casper! (Casper tritt vor.) Was Hab' ich Dir g'rad g'schafft? Casp. Daß ich mich anziehen und die Mehlsäck auf's Herrenhaus, hinüberführen soll! Brikm. (erstaunt). Du? Casp. Na, wer denn sonst? Lois. Na— geh' nur und mach', daß Du fortkommst! Casp. (geht zurück, die Mühlbursche schieben den beladenen Karren hinter die Coulisfe, und entfernen sich darauf alle). Lois (zu Brikmann). Na, was sagen Sie denn? Brikm. (etwas verblüfft). Hm! Ich — ich Hab' halt geglaubt — Lois (nachspottend). Alles errathen! Ungeheurer Scharfsinn! Brikm. Spottet nicht— oh ich kenn' Euch doch — kenn' Euch! Lois. Na, ich kenn' Sie auch —'S ist nur allweil d'Frag', als was man Ieman- den kennt. — Brikm. (verdutzt). Als was? Wie meint Ihr das? — Als was kennt Ihr mich? Lois. Na, ich Hab' Sie zuerst gekannt als Kammerdiener des verstorbenen Baron, da waren Sie noch ein armer Teufel. — Brikm. Na, und was weiter? Lois. Na, und nachher hat Ihnen der Herr Baron die Inspektion übcr's ganze Gut überlassen — fünfzehn Jahr sind Sie Inspektor — in der Zeit ist der Baron allweil tiefer in Schulden gekommen, und Sie — Sie sind allweil reicher geworden. — Brikm. Das beweist nur, daß ich ein besserer Oeconom bin, als der selige Baron war, und als Oeronom war ich angestellt. Lois. Mit 600 Gulden Iahrgehalt — und jetzt haben Sie ein Vermögen von ein Paarmalhunderttausend Gulden — hat Ihnen die der Baron vielleicht geschenkt? Brikm. Dumme Frag'! Lois. Oder haben Sie's in der Lotterie gewonnen? Brikm. Ich setz' nie in die Lotterie — aber was sollen all' die Fragen? Lois. Sie sollen Ihnen nur zu verstehen geben, als was ich Sie kenn'! Brikm. Na, als was? Lois. Als ein Mann, der ein großes Vermögen nicht erworben — nicht g'schenkt kriegt, nicht gewonnen hat! Wie man aber Einen heißt, der sein Vermögen auf eine and're Art als auf die, die ich genannt Hab', zusammenbringt, das werden Sie als ein Mann von so ungeheurem Scharfsinn nicht erst von mir zu erfragen brauchen. B'hüt' Sie Gott, Herr Inspektor! (Will ins Haus.) Brikm. (für sich). Verfluchter Kerl! (Ruft ihm nach.) Wartet ein bischen! kommt her! Lois (zurückkommend). Was schaffen Sie noch? Brikm. Wißt Ihr, als was ich Ench kenn'? Lois. Na? Brikm. Als einen Grobian! Lois. Wenn ein armer Teufel sich gegen einen reichen Herrn so recht von der Leber weg z'reden traut, so ist das ein Beweis, daß er ein ehrlicher Kerl ist! Brikm. (etwas milder). Na ja — Alles recht — ein ehrlicher Kerl seid Ihr — sonst ließ ich mein Korn schon lange nimmer bei Euch mahlen — die andern Müller in der Näh' sind alle Spitzbuben, denen komm' nicht einmal ich auf! (Wieder heftig.) Aber das gibt Euch noch kein Recht, meinem Madel den Kopf zu verrücken! Lois (aufmerksam, fast freudig). Was? was sagen Sie da? Brikm. (immer heftiger). Was ich weiß — läugnet's nicht! War das Mädel allweil so vernünftig — war Alles ausgemacht, daß mein Vetter, der Apotheker, sie heiraten soll. — Lois (verstimmt). Was? Brikm. Und jetzt, wie ich den Vcrlo- bungstag bestimmen will — jetzt weigert sie sich auf einmal. Lois (wieder auflebend). Weigert sich—?! Brikm. Redet vom Nichtgefallen — vom Nichtliebenkönnen. Und wie ich sie frag', wie denn ein Mann ausschauen soll, damit er ihr gefalle, hat sie die Keckheit mir zu antworten: »Na, ungefähr so wie der Müller Lois.« Lois (in der ausgelassensten Freude dem sich dagegen sträubenden Brikmann um den Hals fallend). Was — was? — Das hat sie g'sagt? Drikm. (sich wehrend). Teufel noch einmal! Was hat denn der Kerl? Loslaffen! Lois (wie oben). Nein, nein, für das muß ich Sie umarmen — ein Bussel geb' ich Ihnen dafür! (Küßt ihn.) Brikm. (sich den Mund abwischend). Himmelsappcrment! was erlaubt Er sich? Lois. Und noch ein Bussel, und noch eins! (Will ihn wiederholt küssen.) Brikm. (ringt sich endlich loS, mit der Hand aufreibend). 3hr werdet gleich was Anders fangen! — Der Kerl ist ja rein wahnsinnig! Lois (indem er in der freudigsten Aufregung rasch auf und ab geht). 3a — ja — wahnsinnig vor Freud. (Mit innigem Trium- vhe.) Sie hat'S ihrem Vater selber g'stan- den! Sie schämt sich also doch nicht. — Brikm. (in fortwährender Erbitterung ihm auf jeden Schritt folgend). Nein — sie schämt sich nicht! das ist eben ihre Unverschämtheit — und diese Grundsätze habt 3hr ihr in den Kopf gesetzt — aber sie müssen wieder heraus. Lois. Wie ich muß der Mann ausschauen, der ihr g'fällt, wie ich! Brickm. 3hr werdet aber curios aus- schauen, wenn ich Euch noch einmal auf dem Herrnhof drüben seh' — ich laß Euch von meinen Knechten durchplödern, daß 3hr alle Farben spielt! Lots (ohne auf ihn zu achten). Sie hat mich gern — jetzt weiß ich'S — jetzt ist Alles — Alles gut! Brickm. (faßt ihn plötzlich am Arme und zwingt ihn dadurch still zu stehen). Was ist gut?nichts ist gut! — 3ch bin noch da! Lois. Nach 3hnen wird gar nicht g'ftagt. — Brickm. (starr vor Wuth). Wa — was? nach mir — nicht g'ftagt? Lois. Meine Sorg' war nur immer, ob die Rosi mich gern hat jetzt weiß ich das — und wenn zwei Leute sich nur recht gern haben, das ist ja eine alte G'schicht, da gibt's kein Hinderniß mehr! — Sic wird doch noch mein Weib! Brikm. Meine Tochter wird nie ein Weib — meine Tochter wird eine Frau —^ eine Frau Apothekerin! Lois. Sic wird eine Müllerin — Brikm. Kerl! ich schlag Dich nieder! Lois (scherzend). Ah — werden doch gegen^ 3hren Schwiegersohn nicht so grob sein! Brikm. (in höchster Wuth). 3ch vergreif' mich an Dir. (Will ihn an der Brust packen.) Lois (packt ihn kräftig an den Oberarmen). Halt! halt! Brikm. Auweh! er druckt mir die Knochen auseinander — zu Hilfe! zu Hilfe! Lois (führt ihn, ihn fortwährend haltend, bis zur Rasenbank und drückt ihn auf dieselbe nieder). 3ch bitt', nehmen Sie Platz! — So, sehen Sie, ich Hab' 3hnen gezeigt, daß Sie's mit mir nicht aufnehmen können — ich bin zu stark — aber meine S tärk sitzt nicht.bloß in den Händen, sie sitzt auch da — (aufs Herz weisend) und da — (auf die Stirn deutend) in meiner Lieb', und in meinem Willen! und drum, noch einmal thun'S was Sie wollen — ich komm' doch, an mein Ziel! Brikm. (sich mit schmerzlich verzogenem Gesichte die Arme reibend). Verdammter Kerl! ich kann keinen Arm rühren. — Er ist rein verrückt — und ich bin da allein mit ihm — (schreit) Kommt mir denn Niemand zu Hilfe!? 6 Dritte Scene. Vorige. Margareth. Marg. (eilt aus dem Hause heraus). 3a, was g'schieht denn da? — Mein Gott, Herr von Brikmann — Brikm. (aufstehend). Ah — Sie ist da — Frau Margareth? komm Sie her! (Zu ihr leise.) 3hr Sohn ist umg'schnappt — rein Wahnsinn — gefährliche Tobsucht — laß Sie ihn einsperren und angürten, sonst g'schieht ein Unglück — vor allem laß Sie ihn nicht zu mir hinüber kommen — er ist aus Lieb' närrisch — das Uebel würde immer ärger. — (Auf Lois weisend, welcher wieder in freudigster Bewegung auf und nieder geht.) Schau Sie ihn nur an — reine Verrücktheit! sonnverbranntes Gehirn! Marg. Mein Gott! das wär' ja schrecklich! Lois (aufmerksam werdend und hinzutretend.) Was — was? Brikm. (furchtsam). Nichts — nichts — b'hüt' Euch Gott! (Eilt rasch ab.) Lois. Was hat er denn mit der Frau Mutter g'redt? Marg. Er — er hat g'sagt — aber nein — nein — das ist ja nicht möglich — er hat g'sagt — Du wärst närrisch g'worden — Du hättest den Sonnenstich! Lois. Hahahaha! Sonnenstich! — ja — etwas ist Wahres d'ran — so warm, so licht hat mir d'Sonn' noch gar nie in's Herz g'scheint, als heut — Mutterl! lieb's, gut's Mutterl! (Umschlingt sie mit einem Arme.) So glücklich habt Ihr euren Lois noch nie g'sehen — er — er selber hat mir g'sagt, daß ich seiner Rosi g'fall'! Marg. (traurig.) O mein Gott, deß- wegen! wohin soll's führen? Lois. Zum Glück! Marg. Aber wenn er nichts von Dü wissen will, wenn er Dir sein Haus ver schließt? Lois. Nutzt ihm nichts — nutzt ihm Alles nichts — schau d'Frau Mutter — seitdem ich selbst weiß, daß d'Rosi mich gern hat, ist's mir so — als könnt's gar s nicht mehr schlecht geh'n — und wenn alle Menschen gegen unser Glück wären, so mein' ich, es müßt ein Schutzgeist vom Himmel kommen, der mir hilft (wendet sich bei dieser Rede zum Abgehen), oder eine von den Waldfräul'n oder Feen, von denen 3hr ' mir, als ich noch klein war, oft erzählt > habt — wißt Ihr die Geschicht noch — wie er arme Bursch' so trübselig gegen den Berg hinaufg'schaut hat, (blickt gegen die j Brücke) und wie sich da die Bäum' gethsilk ' haben, und — (plötzlich wie vom Schreck er ! saßt) Was ist das? Marg. Was hast Du denn? (Sieht ebenfalls hinauf.) Vierte Scene. Vorige. Emilie, Eugen. Emilie (in einem einfachen aber reizenden ^ Landanzuge erscheint, Eugen an der Hand führend, oben auf der Brücke). Lois. Schau d'Frau Mutter nur — meiner Seel'! so Hab' ich mir allweil die Feen gedacht! Emilie (in das Thal hinabsehend und sich zu Eugen beugend). Ha — sieh doch — das reizende Thal — ein Haus — eine Mühle — da werden wir uns bald zurechtfinden! (Geht über die Brücke und verschwindet wie- der im Gebüsche.) Lois (entzückt). Hat d'Frau Mutter die Stimm' g'hört — wie lieb — wie ein Glöckerl so rein. — Marg. Wer muß denn das nur sein? — (In die Scene blickend.) Aber schau nur — sie wollen da herunter — der Felsweg ist aber zu steil — so geh — hilf doch! Lois. Gleich, gleich! (Eilt gegen den Hintergrund zu, und bietet der herabsteigenden Emilie seine Hand.) Ich bitt' — geben Sic mir nur die Hand — bleiben Sic derweil oben, junger Herr! Emilie (kommt, sich auf LoisenS Hand * stützend, herab). Ich danke Euch! I 7 Lois. So — den jungen Herrn heb' ich herunter! (Hebt Eugen vom Felsen herab.) So! da sind wir ja! Eugen (flüchtet sich sogleich zu seiner Mutter). Emilie (sich rings im-Thale umsehend). Wie lieb, wie schön! Lois (fortwährend Emilien betrachtend, unwillkürlich ihre Worte in Bezug auf sie wie- derholend). Wie lieb — wie schön! Emilie (sieht ihn erstaunt an). Lois (schlägt verlegen seine Augen zur Erde) Verzeihen, Ew. Gnaden! 's ist mir nur so herausg'ruscht — aber — (wieder die Augen zu ihr erhebend) meiner Seel! wenn ich Ew. Gnaden so anschau, und d'ran denk', von was ich mit meiner Mutter just g'red't Hab', wie Sie da von oben hergekommen sind — so kommt's mir richtig vor, als wären Sie so eine — Emilie. Was für eine? Lois. Na, so eine Waldfräule, oder eine zauberische Fee — bei Ihnen ist ja Alles so — so durchsichtig — so — wie soll ich sagen — so kleinbanlet (kleinbeinig). Emilie (lächelnd für sich). Der bäurische Galanthomme ergötzt mich. (Laut.) Nein, mein Guter, leider bin ich ein ganz gewöhnliches, irdisches Wesen. Wäre ich eine Fee, so würde ich mit Vergnügen geschehen lassen, was Ihr am sehnlichsten wünscht. — Lois. O i bitt — es ist ja nicht wegen dem — Emilie. Aber so muß ich Euch um einen Dienst ersuchen. — Marg. Ich bitt', schaffen Sie nur. — Emilie (zu Lois). Ihr seid gewiß in der Gegend bekannt, wollt Ihr mich aus dem nächsten Wege nach dem Gute Weißdorn führen? — Lois. Nach — nach Weiß — nach Weißdorn — Ew. Gnaden — ich bitt' Sie um Alles in der Welt — Ew. Gnaden sind doch nicht — Emilie. Ich bin die Besitzerin des Gutes — die verwitwete Baronin von Weißdorn. Lois (erstaunt). Sie — Sie? Also war der alte Herr Baron, der einmal unser Gutsherr war, Ihr Mann? Emilie. So ist's. Lois. Und wie lang waren Sie denn mit ihm verheiratet? Emilie. Fünf Jahre — Lois (mit Bedauern). O, Sie arme — arme gnädige Frau! Emilie (sieht ihn erstaunt an). Was wollt Ihr damit sagen? Lois. So jung — so schön — so gut — denn daß sie gut sind, sieht man an Ihren Augen und hört's in jedem Wort, das Sie reden, und fünf Jahr verheiratet sein mit so einem hartherzigen, strengen und noch dazu alten Mann! Marg. (stößt Lois mit dem Ellbogen an). Aber Lois! Lois. Verzeihen, Ew. Gnaden! 's mag vielleicht recht grob von mir gewesen sein, was ich da g'redt Hab' über Ihren seligen Herrn — (für sich) wenn er selig g'worden ist — (laut) aber es gibt halt so Sachen, die ich mir gar nicht zusammenreimen kann! Emilie (welche während Loisenö Rede betrübt die Augen zu Boden geschlagen hatte). Laßt die Todtcn ruhen! — Sagt mir nur ob Ihr mich hinuntersühreu wollt. — Lois. O, mit tausend Freuden! Euer Gnaden wissen gar nicht, was Sie mir dadurch für eine ungeheure Freude machen! (Für sich, freudig.) So komm' ich doch heut' noch auf den Herrnhof, und der Alte kann gar nichts dagegen haben — ich komm' ja als Begleiter von seiner Baronin, und auf ihren Befehl! Hahaha! (Wieder laut zu Emi- lie.) Es ist halt doch so — ein Stückerl von einer Fee sind Euer Gnaden doch, denn ohne daß Sie's selber wissen, haben Sic mir den liebsten Wunsch erfüllt! Marg. Aber sagen mir Euer Gnaden nur, wie kommen denn Euer Gnaden daher, und so zu Fuß? Lois. Und mit diesen kleinwinzigen 8 Füßerln noch dazu, und mit die Seidenschuh, die sind doch nicht zum Bergsteigen gerichtet. Emilie. Ich besuche diese Gegend zum ersten Male in meinem Leben. Ich wollte die einzige Besitzung, die mir nach dem Tode meines Mannes noch blieb, besichtigen; auf der etwas steilen Bergstraße verließ ich meinen Wagen, um eine Strecke durch den Wald zu Fuße zu gehen, doch wir kamen so vom Wege ab, daß ich nicht mehr zur Straße zurückfand — mich faßte schon Angst — so allein mit dem Kleinen im Walde — doch da lichtete er sich — ich sah die Drücke, und — so kam ich zu Euch — sagt mir, wie weit ist'S wohl von hier nach Weißdorn? Lots. Ja zu Fuß ist'S schon noch eine starke halbe Stund'. Emilie. Noch eine halbe Stunde — ich fürchte nur, mein Eugen ist schon zu er müdet. — Lois. Und mein Pferd Hab' ich g'rab' vor ein paar Minuten mit den Mehlsäcken nach Weißdorn geschickt — wenn Euer Gnaden nur ein wenig früher gekommen wären, so hätten wir gleich unter Ein — Marg. Aber Lois! wo denkst Du denn hin? d'gnädige Frau — Lois. Ja richtig, zugleich mit den Mehlsäcken und auf unscrm Karren wär's auch nicht gegangen! — Aber wissen Euer Gnaden was? Rasten Euer Gnaden bei uns ein wenig aus. — Marg. Ja, ja, schenken Sie unserm HauS die Ehr' — Lois. Die Frau Mutter wird Jhuen ein kleines Frühstück richten — wie man's halt so in einer Landmühl haben kann — nichts Ausg'sucht's, aber herzlich gut gemeint — und dann, dann führ' ich Sie hinüber, und den jungen Herrn, wenn er noch müd' sein sollte — hahaha! den trag' ich halt. — Alsdann — ist'S g'fällig? sDeutet gegen dle Mühle.) Gewiß, Euer Gnaden machen uns eine herzliche Freude. Emilie Ich sehe, daß euer Anerbieten wirklich vom Herzen kommt, und darum mache ich Gebrauch von eurer Gastfreundschaft — komm, Eugen! (Wendet sich zum Gehen.) Lois (zu Eugen gebückt). Na, junges Herr!! Fürchten Sie sich noch alleweil vor mir? —Geh'ns, geben Sie mir's Handerl! Eugen (reicht ihm die Hand). Da! Lois. Hahaha! Er wird schon heimlich. — Na, junger Herr, probiren Sie's einmal, wie stch's auf so einem Müllerthier, wie ich bin, reiten läßt! (Hebt ihn zu sich auf den Arm.) O, du lieb's Engerl! (Ihn wie einen Reiter schaukelnd.) Hop! hop! hop! hop! (Folgt mit Eugen den in die Mühle ab- gegangenen Frauen.) Fünfte Scene. Der Bettler Martin (erscheint oben aus der Brücke und kommt während des RitornkÜS herab auf die Bühne). Lied. Den Bettler verachten gewöhnlich die Leut', Und doch ist der Stand auf der Welt sehr verbreit't, D'ranf kommt's nicht an, daß man zerfetzt herumgeht, Und um ein'n klein Kreuzer die Reichern anred't; So Manche sind prächtig anzog'n nach der Mod', Und betteln doch, es ist ein' Schand und ein Spott, Von mir unterscheiden sie sich nur durch Eins: Daß's nicht sagen: »Bitt gar schön ein bißl was Kleins!« Ein Herr hat ein'n Sohn, bei dem hat die die Natur Das Hirn ganz vergessen — man merkt gar kein' Spur, Doch möcht' er ein' Anstellung — fein Papa rennt Zum Tod und zum Teufel, zu— wem er halt kennt, 9 Und wedklt und winselt, wird zehnmal ab- g'wies'n, Und laßt sich's das eilste Mal noch nickt verdrieß'«. Jetzt frag' ich — ist der nicht mit mir alleseins — G'hört auch zu: »Bitt gar schön ein bißl was Kleins!« ES ist g'wiß, das ganze Menschenvolk ist nichts als eine ungeheure Bettlerfamilie, denn jeder bettelt wenigstens viermal in seinem Leben, — als Kind bettelt er bei seinen Aeltern um eine Spielerei, als Jüngling bei einer Schönen um ein Herz — oft auch nur Spielerei — als Mann bei einem Hohen um einen einträglichen Posten, und als Greis muß er jeden Tag beim Schicksal betteln, daß es ihm noch den nächsten Tag als Almosen gibt! — Und so wird das Thema: »Ich bitt' gar schön um ein bißl was Kleins« vom vornehmsten Salon ang'sangen bis hinunter zur dumpfigen Kellerwohnung in den verschiedenartigsten Variationen abgespielt Wir, die wir bei dem Originaltext bleiben, wir eigentlichen Bettler, sind die Bescheidensten, weil wir uns wirklich mit was Kleinem zufriedenstellen! Die Menschen erschrecken gewöhnlich vor dem Gedanken, an den Bettelstab zu kommen, und cs ist auch was Eigenes (seinen Stock betrachtend). So ein Stock ist gleichsam der ans Land geschwommene Mastbaum des gescheiterten Glücksschiffes — er ist der letzte abgcdorrte Zweig von dem abgeklaubten Ehristbanm aller Freuden, er ist der Mosesstab, um aus kalten Felsenherzen noch eine Mitleids- quelle zu schlagen! Da kauft sich mancher Stutzer einen Stock aus Ebenholz, weil das daS schwerste Holz ist, er soll das Holz in die Hand nehmen, das ist gewiß noch schwerer! — Die reichen Leute sollten einmal das in die Mod' bringen, daß es zur Fashionablität gehörte, einen Bettelstab zu tragen, den man sich aber dadurch erwerben müßte, daß man einen wirklichen Bettler so unterstützt hat, daß er nicht mehr Bettelstab ist! So ein Bettelstab ließe sich hernach recht schön adjnstiren, oben ein Goldknopf mit einem Glasstein, unter dem eine Thräne der Dankbarkeit ansbewahrt wäre, dadurch würd' das Glas zum kostbarsten Diamanten, denn es hätte das schönste Wasser! — Ich für meinen Theil gebe aber meinen Stock nicht mehr her, ich find' in meinem Beruf eine gewisse Wurde, als deren Abzeichen ich gleichsam den Stock trage, denn cs sind nur zwei Fälle möglich, entweder es schenkt mir Einer aus wirklich gutem Herzen etwas, gut, dann bin ich Einnehmer auf dem Weg zum Himmel, oder es schenkt mir Einer was, nur um für wohlthätig zn scheinen, dann bin ich Casiier der Straf- tarc für Heuchelei! Eigentlich aber nimmt unsereins gar nichts Geschenktes an, er nimmt es nur als Darlehen, und weist seine Wechsel zur Zahlung an das sicherste Haus, an unfern Herrgott selber an, der sie feiner Zeit mit tausend Procenten ein- löst! — Darum mag ick mich auch gar nickt von meinem Stand trennen, es ist die sicherste Stellung, von der man nicht so leicht durch Neid verdrängt wird, und wie schön ist das schon, das Recht zu haben, etwas zu begehren, und dabei sicher zu sein, daß von mir selber gewiß Niemand etwas verlangt. Sechste Scene. Martin, Lois, Engen. Lois (kommt mit Eugen aus dem Hause). So, junger Herr! Jetzt gehen wir in die Mühlstubc, damit Sie das Räderwerk sehen. — Engen (springt vorwärts, erblickt aber Martin und läuft scheu zu Lois zurück). Sieh dort — der häßliche Mann. — Lois. Was ist's denn? (Martin erbli- ckend). Ah, fürchten Sie sich nicht, der thnt keinem Menschen was! (Zu Martin.) Na, 10 Alter, laßt Ihr Euch wieder einmal bei uns Heraußen sehen? Martin. Grüß Euch Gott, Vetter! (Zieht den Hut ab und hält ihn LoiS hin.) Lois. Ja, heut' sollt Ihr haben, was ich Kleins bei mir Hab'! (Zieht ein ledernes Beutelchen hervor, und wirst einige Kupfermünzen in den Hut.) So — Martin. Es ist noch nicht Alles.— Lois. Was? Martin. Ihr habt g'sagt, Ihr gebt mir Alles, was Ihr Kleins bei Euch habt — da müßt Ihr mir den Buben da auch geben. Eugen (sich furchtsam weinend an Lois anschmiegend). Nein, nein! Lois (zu Martin). Geht! Macht da keine dummen Späße, der Kleine fürchtet sich ohnehin vor Euch! Martin. Ju so fern, als er in mir meinen ganzen Stand betrachtet, soll er sich nur vor mir fürchten! Aber wie kommt's denn, daß Ihr Euch mit dieser Büberei befaßt? Lois. Es ist der junge Herr Baron von Weißdorn. — Martin (verzerrt bei diesen Werten sein Gesicht). Von Weißdorn — also — das Junge von der Alten — von dem Verstorbenen drüben am Herrnhof? Lois. Na freilich! Martin (auflachend). Ha ha! (Zu Eugen.) Na, grüß Dich Gott, zukünftiger Camerad! Eugen (schreiend, und an LoisenS Jacke zerrend). Ick will zur Mama! Lois (unwillig zu Martin). Ihr seid heut' wieder in eurer Narrheit, oder seid wie gewöhnlich schon wieder besoffen. Martin. Noch nicht — cs ist heut' auf die Nacht drüben Kirchtag — da muß sich der Mensch schonen. Lois (zu Eugen) Ja, ja, gleich gehen wir zur Mama — (führt ihn zum Hause zurück, und läßt ihn hinein) So — gehen Sic nur hinein! (Kommt wieder zu- rück.) Euer Almosen habt Ihr — schaut, ! daß Ihr mir jetzt von da weiter kommt! Martin (ihn böse anblickend). Was, ^ Vetter! Ihr schafft mich heut' von eurem fl Grund fort? — Detter! Ihr habt das nie !' gethan — Ihr seid ein guter Kerl, besser t als Alle in der ganzen Gegend, ich Hab' « Euch gern. — Lois. Na ja, schon recht, aber — Martin. Ich Hab Euch g'sagt, daß ich Euch einmal zu meinem Erben einsctzen will. — ! Lois. Hahaha! wieder die alte G'schicht! Martin. Lachet jetzt nicht, wartet bis ich todt bin, dann habt Ihr vielleicht mehr Ursach' zu lachen, denn Ihr sollt ein la- , chender Erbe sein — aber — fortschaffen k müßt Ihr mich nie, sonst mache ich ein ! anderes Testament! Lois. Dann müßt Ihr Euch aber ein , bissel g'scheidter aufführen; was habt Ihr denn da den armen Kleinen zu erschrecken ! gehabt? Martin. Warum ist er der Sohn von dem alten Baron — Ihr wißt ja eh', was ich dem AÜ's z'danken Hab. — Er war schuld, daß ich das g'worden bin, was ich bin. Ich war vor 25 Jahren noch ein ansässiger Mann, war Pachter drüben ans Weißdorn, da waren aber ein paar schlechte Jahre, ich Hab' den Pacht nicht erschwingen können, und er — er hat mich von den § Gerichtsdienern von Haus und Hof wegjagen lassen, und — 's war noch dazu im Winter — ich hätt' im Wald erfrieren können, wenn euer Vater mich nicht anf- genommen hätte! — Lois. Na, und die ganze Gemeinde hat sich um Euch ang'nommen. Martin. Ja, die Gemeinde hat viel für mich gethan — es ist wahr! (Mit Jro- nie.) Sie hat mir erlaubt, daß ich Hab' , betteln dürfen! (Mit verbissenem Ingrimm ) Wenn ich noch dran denk', wie ich zum ersten Mal an eine Thür angeklopst Hab' — . wie mir da der Hals ordentlich angeschwol- j len ist, eh' ich das: »Ich bitt' gar schön!« heransgebracht Hab'! — Lois. Na, Ihr habt Euch aber nach und nach recht gut dreing'funden! Martin. Uebung macht den Meister! — Ich Hab' erst meinem Stand' seine gute Seite abg'winnen, Hab' lernen müssen, wie sich das Geschäft en §ros betreiben laßt — ich Hab' mich nicht bloß auf dieG'meindc beschränkt — sondern Hab mir's so rangirt, daß ich während dem Winter immer in der Stadt drin Gastrollen geb', und nur die Sommermonate da heraust auf dem Land zubring'. Im Winter übernacht' ich im Hotel garni — das heißt im Stall — im Sommer bewohn' ich meine Villa. Lois. 3a in der Lehmhütten am Wald — aber gelt — in der Stadt drin schaut wohl mehr heraus! Martin (gleichgiltig). Es ist just nicht wegen dem, aber nnterhaltlicher ist's, und eine ungeheure Menschenkenntniß erwirbt man sich! — Ich sag' Euch, ich bin nach und nach ganz das g'worden, was sic einen Philosophen nennen. Lois. Nachher müßt Ihr aber auch ge- scheidt sein, und müßt nicht, wie's bei Euch oft der Gebrauch ist, grob und bissig gegen die Leute sein, die Euch unterstützen. Martin. Ich kann nicht für meine Natur — das hat sich so nach und nach g'macht, daß ich so ein Gemisch von Melancholie und Humor, von Bosheit und Weichherzigkeit, von Heurigem oder Branntwein g'worden bin — denn der Trunk macht den Charakter — aber wirklich mit Niemanden, als mit Einem — das war der alte Baron — der ist mir nur z'früh g'storben. Lois. Zu früh? Wie meint Ihr das? Martin. Wenn der nur noch ein paar Iahrln g'lebt hätt', so war' er selber das geworden, was ich bin — (boshaft lachend). Hahaha! Den hält' ich noch sehen mögen — den stolzen, aufgeblas'nen Herrn — und nachher so — (macht die Pantomime des BettelnS) und nachher ich zu ihm: »Servus, Camerad! Wie geh'» die Ge, schäfte?!« — O, es wär' ein Seelcn- gaudium für mich gewesen — aber da muß er früher sterben! — Aber ich erleb's noch — an seinem Sohn! — Gib Acht! Ich erleb's noch! Lois. Hört auf — ich kann solche Reden nicht hören! (Blickt nach dem Hause.) Still — still! Die Tbür geht auf — die Frau Baronin kommt heraus. — Martin. Die Baronin? Ist die auch da? Lois. Kennt Ihr sie? Marlin. Ja, ich habe in der Residenz ihre Bekanntschaft g'macht! Siebente Scene. Vorige. Emilie. Eugen. Margareth (kommen aus dem Hause). Emilie (noch mehr im Hintergründe). Nehmt nochmals meinen herzlichsten Dank für eure freundliche Aufnahme, und die gastliche Bewirthung. Marg. Ich bitt' Ew. Gnaden! Reden Sie nur gar nicht davon — wenn wir nur besser drauf eingerichtet wären, so vornehme Gäste zu bewirthen! (Ist während dieser Reden vorwärts gekommen.) Emilie (erblickt Martin, und sieht ihn erstaunt an). Der Alte — Euch soll ich ja kennen! Martin (sogleich seinen Hut hinhaltend). Bitt' gar schön, Ew. Gnaden! Emilie. Ha! Ihr seid ja sonst in der Stadt gewesen — ich sah Euch oft au» Thor unseres Hauses! Martin (wie oben). Bitt' gar schön — Lois (zu Martin). Aber seid doch nicht so zudringlich. — Emilie. Mir ist leid, guter Alter! — Ich pflege nie Geld bei mir zu tragen, und niein Diener ist nicht bei mir. Martin (verdrießlich für sich, indem er seinen Hut anfsetzt). Sie gibt mir heute nichts?! Da wcrd' ich ihr was zukommen lassen! (Laut,gleißnerisckjden guimüthigenAlten spielend.) Ja ja — am Thor vor Ihrem Haus — da war mein Lieblingsplatzl, das war so meine Passion, den alten Herrn Baron alle Tag anzubetteln, obwohl er mir nie was gegeben hat, aber das Platzl war doch das beste, was ich Hab' haben können — es ist mir immer gnt abg'löst worden! Emilie. Gut abgelöst worden? Wie meint Ihr das? Martin. Na, ich Hab' halt Jemanden (scharf betonend), so einen gewissen Jemanden, der alle Tag ein paar Stunden unter dem Fenster hcrumg'stiegen ist, und hinaufg'schaut hat, genirt —und da hat der g'wisseIemand mir allemal einen Zwanz'- ger gegeben, damit ich weiter geh'—hahkrha! — mir scheint der g'wisse Jemand hat aneb -nm etwas gebettelt, der g'wisse Jemand! Emilie (verlegen und verwirrt). Ich versteh' Euch nicht. — Martin. Nicht? (Hämisch). Wissen Ew. Gnaden, es war der g'wisse Herr, der hübsche große, mit dem Ordensbandel, Ew Gnaden werden sich gewiß zu erinnern wissen, der alle Sonntag in die g'wisseMess' gegangen ist, wo Ew. Gnaden gewiß waren — ich bin ja an Sonntagen immer an der gewissen Kirchthür g'standen! — Aber ich plausch' da und plausch', und werd' Ew. Gnaden g'wiß schon z'widcr, (sich gutmü- thig stellend) aber das haben wir alten Leute schon so, wenn wir einmal in s Plaudern kommen, nimmt's kein End'. — Na, — nichts für ungut, Ew. Gnaden — ich geh' meinen Weg weiter! (Geht ab, noch mehrere Male sich hämisch nach Emilien umsehend.) Emilie (steht in sich gekehrt und anfangs keines Wortes mächtig). Marg. (tritt zu Lois. stößt ihn heimlich und weist mit einer Kopfbewegung nach Emilien). Lois (anfangs auch verlegen, sieht Emilien an, dann leise zu Margarethen). Die arme Frau! Sie traut sich kaum die Augen vom Boden zu erheben!— (Aergerlich.) Der verdammte Alte! Ich muß ihr nur heraus- hclfen. (Tritt zu Emilie.) Ew. Gnaden, machen Sie sich nichts d'raus — fürchten Sie nicht, daß wir etwas Uebles von Ihnen denken—wir kennen den alten Martin! — Er redet oft so verrücktes Zeug zusammen, — aber wir glauben es nicht! Emilie (sich fassend). Nein, Ihr sollt nicht glauben, nicht muthmaßen, Ihr sollt wissen —die Wahrheit wissen! Lois. Aber Ew. Gnaden — wir — Emilie. Kein Mensch soll uns so gering erscheinen, daß es uns gleichgiltig sein darf, welche Meinung er von uns in sich aufnimmt. — Was der Alte sprach, ist wahr! Lois. Ist wahr? Emilie. Jener junge Mann, von dem der Bettler sprach, liebte mich einst, als ich noch Mädchen war — doch seine Herkunft war nicht der meinen gleich — er war arm — darum trennten meine Verwandten unser Derhältniß, und ich wurde gezwungen, den alten, für überaus reich geltenden Baron Weißdorn zu heiraten! Heinrich verließ, der Verzweiflung nahe, die Stadt und nahm Dienste im Heere— er bahnte sich dort den Weg zum Ruhme und zur Auszeichnung. — Nach beendigtem Feldzuge kam er zurück — konnte ich es ihm wehren, daß er jede Gelegenheit suchte, mich zu sehen? — Doch das schwöre ich Euch hier bei dem Leben meines Sohnes, so lange mein Genial lebte, habe ich nicht ein Wort mit ihm gesprochen! Nun wißt Ihr Alles! Lois (theilnehmend). Also Ew. Gnaden wissen auch, was das ist — eine Unglück liche Lieb'! — Aber Ew. Gnaden sind doch gut d'ran — jetzt ist der selige Baron schon über's Jahr todt, nnd jetzt — gibt's kein Hindermß mehr.— Emilie. Das größte! — Heinrich von Richmond ist während der Zeit unserer Trennung nicht nur angesehen, er ist durch eine bedeutende Erbschaft auch reich geworden! Lois. Na, desto besser. — Emilie. Mein Vermögen ist durch die Verschwendung meines Mannes geschmolzen, ich habe außer dem Herrenhose in Weißdorn nichts, und auch diese Besitzung soll so mit Schulden belastet sein, daß ich vielleicht gezwungen sein werde, sie zu veräußern. — Kann nun ich, die Verarmte, jetzt seine cdelmüthige Bewerbung annehmen, die ich damals seiner Armuth wegen, wenn auch nur gezwungen, zurückweisen mußte? — Lois. Jetzt das versteh' ich nicht so ganz — aber sehen Ew. Gnaden, das macht mich völlig stolz, daß Sie mich mit der G'schicht bekannt g'macht haben, jetzt kann ich über so Manches leichter mit Ihnen reden, und ich werd' Ihnen auf den Weg dafür auch ein kleines Geheimniß anvertrauen. Was Sie aber von Ihrer Armuth reden, die ist nicht so arg, glauben Sie mir, ich kenn' den Herrenhof, und die Gründe, die dazugehören, und weiß es schon zu schätzen. — Emilie. Der Gutsinspector Brikmann schrieb mir aber — Lois. Ha ha! Das ist ein feiner Hecht! Ich Hab' schon g'hört, daß er Luft hätte, die Besitzung mit Geld, um was er seinen seligen Herrn betrogen hat, selber an sich z'bringen, und da ist's natürlich, daß er den Werth gern in Ihren Augen heruntersetzen möcht'— aber da soll nichts d'raus werden — da bin ich auch noch da, ich versteh' etwas von der Landwirthschaft, thun Ew. Gnaden nur nichts ohne meinen Rath. — Emilie. Ich bitte Euch darum.—Doch jetzt wollen wir unfern Weg antreten! (Zu Margareth.) Lebt wohl, liebe Frau Müllerin. — Marg. (knixend). Küß die Hand, Ew. Gnaden; wenn Sie wieder einmal vorbei- kommen, schenken's uns die Ehr'. — Lois. B'hüt' Gott, licb's Mutterl! (Küßt sie.) Wenn ich vielleicht heut' ein biß! spat heim komm', Hab' die Fran Mutter keine Angst — Sie weiß ja, wo ick bin, und daß ich da nicht so leicht fortkomme! (Zu Emilien.) Alsdann — wenn's gefällig ist — und den jungen Herrn, den nehm' ich auf den Arm. (Hebt ihn auf den Arm.) So, und jetzt soll uns der Weg recht kurz werden — jetzt kann ich Ew. Gnaden eine Menge erzählen und Ew. Gnaden werden mich auch versteh'n! Kommen Sie nur — da hinauf! da ist der bessere Weg! (Ab mit Emilie und Eugen.) Marg. (sieht den Abgehenden nach). Ein seelenguter Bursch, mci' Lois — aber die G'schicht mit derRosi — (Schüttelt den Kopf) Na, wie der liebe Herrgott will! (Geht in ihr HauS zurück.) Verwandlung. (Park beim Scbloffe Weißdorn — seitwärts daS Gebäude in baufälligem Zustande — vor dem Eingänge ein Gebüsch, unter welchem ein Tisch und zwei Stühle stehen.) Achte Scene. Brikmann. Advocat Schlepper. Brikm. (kommt mit Schlepper von der dem Gebäude entgegengesetzten Seite). Herr Doktor, es freut mich zwar, daß Sie mir wieder einmal die Ehre geben, wenn es aber vielleicht eine verdrießliche Angelegenheit ist, die Sie herführt, so bitt' ich, mich vor der Hand damit zu verschonen, denn heut' Hab' ich mich schon gegiftet, daß ich vierzehn Tag d'ran genug Hab'. — (Will mit ihm gegen das HauS.) Schlepper (hält ihn zurück). Halt — lieber Freund! Nicht in das Haus — ich wünsche mit Ihnen ungestört nnd ungestört zu sprechen, und in einer Stube — Sie wissen, die Wände haben Ohren. — Brikm. Also was G'heim's? — Sie machen mich neugierig. — Aber Sie sind z'Fuß herausgekommen—Sie werden müd' sein, ein Glas Wein werden Sie doch nicht verschmähen—ich laß' es da heraustragen. Schlepper. Nun, das nehm' ich an.— Brikm. (ruft zur Thür hinein). He Michel, ein paar Bouteillen Eiuundzwanziger— g'schwind! So — nehmen Sie indessen Platz. 14 Schlepper (den Hut abnehmend und sich den Schweiß von der Stirne trocknend). Es ist heute verdammt heiß. — Brikm. Sonderbar — ein Advocat ist gewöhnlich selbst kalt, und macht nur Andern heiß! Schlepper. Sic sollen sich überzeugen, daß ich auch warm sein kann, für meine Freunde, und wir, wir sind doch immer Freunde gewesen. (Hält ihm die Hand hin.) Brikm. (ihm die Hand drückend). Freilich — Speci— (Für sich.) Solang für ihn dabei was rausg'schaut hat! Michel (hat indeß zwei FlaschewWein und Gläser herausgebracht). Brikm. (schenkt ein). Schlepper (sein Glas erhebend). Also — auf dauernde Freundschaft, Sie haben mich schon manches schöne Stück Geld verdienen lassen. Brikm. Mit den Angelegenheiten vom seligen Gutsherrn. (Trinkt.) Schlepper. Nun — eine Hand wäscht die andere. Zch bin hier, um Ihnen wichtigen Gegendienst zu erweisen. — Ich weiß, es ist ein Lieblingswunsch von Ihnen, das Gut an sich zu bringen. Brikm. Das Gut ist schon so gut, als mein! — Sie wissen, der Baron hat eine Menge Wechselschulden gehabt — die Hab' ich von den desperaten Gläubigern an mich gebracht, und gleich intabulire» lassen — ich Hab' also 160,00V Gulden mit sechs Procent d'rauf stehen — das ganze Gut ist nur auf 200,000 Gulden geschätzt. — Schlepper (heimlich). Das heißt: Wir ließen es absichtlich so gering schätzen — Sie wissen recht wohl, daß es wenigstens um hunderttausend Gulden mehr werth ist. Brikm. Das weiß ich — aber die Baronin weiß es nicht. — Was versteht so eine feine Stadtdame von so was — wenn sie also herauskommt, und ich mit meiner Psifsigkeit ihr die Sache so vorstell', und sag', daß ich bereit bin, ihr noch 40,000 Gulden baar herauszuzahlen, so wird sie froh sein. — Schlepper. Wenn sich kein and'rer Käufer findet, der mehr gibt. — Brikm. Findet sich nicht so geschwind Einer. — Schlepper (heimlich ihm auf den Arm klopfend). Hat sich schon gefunden! Brikm. (in die Höhe fahrend). Hat — hat sich schon gefunden? Machen Sie keinen Spaß. — Schlepper. Der ernsthafteste Ernst, mein Freund! Zch gebe Euch mein Wort zum Pfände! Brikm. Und wer ist der Unglückselige? Schlepper. Ein Fremder, der erst vor einigen Tagen in dem benachbarten Städtchen. in welchem ich Notar bin, ankam, er hat mich mit dem Geschäfte betraut. — Brikm. Und wie viel will er geben? Auf ein paartausend Gulden mehr kommt's mir auch nicht an. — Schlepper. Mit dem können Sie nicht rivalisiren — stellen Sie sich vor, er will 400,000 Gulden für das Gut geben. — Brikm. Vier — viermalhunderttausend Gulden? Schlepper. Ich stellte ihm vor, daß er um dieses Geld ein bei weitem schöneres Gut bekäme, ja daß er selbst dieses aus jeden Fall billiger erstehen könne — er bestand darauf, daß er durchaus keine andere Besitzung, und auch diese nicht billiger haben wolle — jedoch nur dann, wenn das Gut noch Eigenthum der Baronin sei, und das Geld in ihre Hände erlegt werden könne. Brikm. Welchem Narrenthnrm muß denn Der entsprungen sein? Schlepper. Mag es mit seinem Verstände nicht richtig sein, die Staatspapiere, die er bei mir für den Kauf deponirte, sind richtig und echt! Brikm. Also schon deponirt?— Aber liebster, bester, theuerster Freund — Sie sind ja mein Freund — Sie haben's selber g'sagt — und ich — ich fühle auch eine unsinnige Freundschafts-Glut, sag' ich Ihnen, — umarmen Sie mich — (Umarmt ihn.) Aber jetzt sagen Sie mir, was laßt sich da machen? Schlepper. HmIWas laßt sich machen? Die Baronin wird heute noch selbst auf das Gut kommen. — Brikm. Heute noch? Schlepper. Ich bin eigentlich hier,um ihr das Geschäft anzutragen. — Brikm Um Gottes willen, wenn Sie ihr's antragen, so nimmt sie's an — das ist kein Zweifel — und meine Aussichten sind beim Teufel! Schlepper. Und dadurch geht für Sie ein berechenbarer Gewinn von einmalhun- derttausend Gulden verloren. Brikm. Einmalhunderttausend Gulden, die ich schon in der Hand zu halten geglaubt Hab', rein pfutsch! — es ist kein Spaß! Schlepper. Der Fremde hat mir 500 fl. Honorar versprochen, wenn ich den Kauf für ihn abschließe. — Brikm. Um 500 fl. werden Sie aber Ihren Freund nicht unglücklich machen! Schlepper. Gewiß nicht! Brikm. O Sie edler Mann! (Fällt ihm um den Hals.) Aber Sie sollen nicht zu kurz kommen — wenn Sie das Geschäft nicht abschließen, geb' ich Ihnen 600 fl. — das ist gewiß honett. Schlepper (lachend). Hoho! mir für einen solchen Freundschaftsdienst 600 fl. geben wollen, wo denken Sie hin? Brikm. Beleidigt Sie das? gut — ich geb' Ihnen auch gar nichts dafür — mit Vergnügen! — da laß ich mich nicht spotten. Schlepper. Nein, nein, reden wir ernsthaft! — Brikm. Mir ist eh' nicht spaßig zu Muth — mir steht ordentlich der Schweiß auf der Stirn! Schlepper. Es handelt sich hier um ein Geschäft, wobei 100,000 fl. zu gewinnen sind, also Frage : Wollen Sie, wenn ich den Kauf Ihnen überlasse, mir 10,000 fl. Honorar geben? Brikm. (zurückfahrend). Zehn — tausend Gulden — Herr! sind Sie närrisch ? Schlepper (ganz ruhig). Vollkommen vernünftig! Brikm. Handelt so ein Ehrenmann? Schlepper. Ah so! — Ich danke Ihnen, daß Sie mich an meine Pflicht erinnern — ich will als Ehrenmann handeln. (Will fort.) Adieu, Herr Brikmann! Brikm. Wo wollen Sie hin? (Hält ihn zurück.) Schlepper. Der Frau Baronin enr- gegengehen, und ihr den Anbot des Kaufes machen, wie mein Auftrag lautet. — (Will fort.) Brikm. (hält ihn am Rocke zurück). Sind Sie denn des Teufels! Sie werden doch mit sich reden lassen? Schlepper. Reden gar nicht — Sie unterzeichnen dieses Dokument (ein Papier hervorziehend), worin Sie sich verpflichten, daß Sie an demselben Tage, an welchem das Gut Ihr Eigenthum wird, mir die Summe von 10,000 fl. auszahlen! Brikm. (nimmt die Schrift, für sich brummend). Elender Schmutzian! Schlepper (für sich). Der alte Gauner! allen Gewinn will er für sich allein haben! Brikm. (hat die Schrift durchflogen, plötzlich auf einen Gedanken kommend). Halloh, mein Herr Doctor! Schlepper. Was soll's? Brikm. Man ist nicht aufs Hirn gefallen — man laßt sich nicht so leicht eine Nase drehen, wenn man auch kein Advo- cat ist! Schlepper. Was meinen Sie? Brikm. Ich meine, daß Sie am Ende die ganze fabelhafte Geschichte mit dem Fremden erfunden haben. Schlepper (lächelnd) Sie sind sehr vorsichtig — das gefällt mir von Ihnen, aber Sie können sich von der Wahrheit überzeugen, ich gebe Ihnen die Adresse des Antragstellers. (Nimmt eine Vifitkarte aus der Brieftasche und gibt sie ihm.) Brikm. (liest). »Baron Sonnberg — Hotel »zum goldenen Schiff«. Schlepper. Aber die Baronin kann jeden Augenblick hier sein — Also rasch — wollen Sie unterschreiben? Brikm. Es geht nicht anders! Also — in's Henkers Namen. (Will ins Haus.) Schlepper. Unterzeichnen Sie gleich hier — ich trage immer ein Taschenschreibzeug bei mir. (Zieht eS hervor, steckt es in den Tisch, und gibt Brikmann eine Feder.) Brikm. (geht zum Tische, legt die Visit- karte auf denselben, unterschreibt und gibt Schlepper die Schrift). Da! Schlepper (steckt die Schrift ein). So! dafür gebe ich Ihnen mein Wort, daß ich mich heute und morgen nicht hier sehen lasse — da haben Sie Zit genug den Kauf selbst abzuschließen — ich komme dann mit meinem Anträge zu spät, und die Sache ist in Ordnung. Also — ich entferne mich jetzt — es freut mich, daß wir uns als Freunde verständigt haben. — (Hält ihm die Hand hin.) Brikm. (gibt ihm die Hand). Ja, als Freunde! Ehrenmänner wie wir verständigen sich leicht. Schlepper. Adieu, mein Theurer! (Im Abgehen für sich.) Der Filz! was er für Umstände machte. (Ab.) Brikm. (mit Ingrimm ihm nachbrummend). Lump! Rechtsverdreher! Hausrabe! (Wie- der fröhlich.) Aber 's macht nichts — 's ist noch immer ein schönes G'schäst! jetzt nur gleich der Baronin entgegen, ich laß sie nicht mehr aus den Augen — will kriechen und wedeln, dumm scheinen und pfiffig sein, bis der Handel geschloffen ist, dann ist mein schönstes Ziel erreicht! (Ab.) Neunte Scene. Martin (streckt, nachdem beide fort sind, den Kopf aus dem Gebüsche, sieht sich vorsichtig um und tritt dann ganz hervor). Ah — da Hab' ich ja eine recht nnterhaltliche Räubergeschichte gehört. Ich Hab' nach dem Diner von dreitagalten Sauerruben, was mir die mildthätige Köchin hat zukommen lassen, dahier im Schatten meine Siesta halten wollen, da wecken mich die Zwei mit ihrem G'schrei auf — ich los' und losi — und auf einmal Hab' ich das Loos von der Gutsbesitzerin in meinen Händen! (Blickt nach dem Tische.) Richtig, der Alte hat die Adresse liegen lassen. (Eilt hin und nimmt die Karte.) Zweimalhunderttausend Gulden ist das Blatt werth! —Ich könnt's der Baronin geben — ich könnt' sie wieder reich machen, ich könnt' ihren Buben zu einer Erbschaft verhelfen — hahaha — ich — der Bettelmann, könnte das Alles — wenn ich wollte! Aber nein! nein! der Brut thu' ich nichts Gutes — ich zerreiß' vic Karte — (will es thun, besinnt sich aber) halt, halt! nicht so voreilig sein! Sollte sie denn zu nichts Anderem gut sein? (Plötzlich eine Idee fassend.) Hollah! jetzt Hab' ich's, hahaha! der Lois — der's nie recht glauben hat wollen, daß ich noch sein Glück mach' — er ist in die Tochter vom alten Brikmann verliebt — wenn er dem Alten zu verstehen gibt, daß er den Kauf Hintertreiben könnt' — um 100,000 fl. Profit gibt der Alte seine Tochter her, und sein Weib anch noch als Zuwag — ja, dem Lois will ich's stecken! — Er wird mit der Baronin Herkommen, ich halt mich in» Haus auf, bis ich ihn allein trcff' — ich muß eh'der Köchin das G'schirr zurückgeben. (Nimmt aus dem Gebüsche ein irdenes Geschirr und einen Löffel.) Hahaha! wie ich dasteh' in dem zerlumpren Rock, mit dem Reindl und dem Blechlöffel in der Hand, wer sollt sich's denken, daß so ein lumpiger Kerl das ganze Lebensglück von einem Menschen zu Stand bringen kann? Ja, ja! das Schicksal ist ein Papierfabrikant, es verwendet oft den armseligsten Lumpen zu einem Papier, aus dem ein Loos gemacht wird, mit dem man ein paarmal- hunderttausend Gulden gewinnen kann. (Ab ins HauS.) 17 Verwandln ng. (Zimmer in der Inspektors-Wohmmg zu Weiß- dorn. Etwas altmodisch eingerichtet. Eine Mit- tel-, eine Seitenthür und ein Fenster.) Zehnte Scene. Rosa (in einem mehr städtischen Anzuge geschmackvoll geputzt, kommt durch die Mittel- thür und geht trällernd zum Fenster). Lied. (Ohne Musikbegleitung.) Weg'n ein'm Buben traurig sein, das war a Schand', Ich dreh' mich nur um, gib ein'm Andern mei' Hand. Weg'n ein'm Bub'n traurig sein, das war a Sünd'. Ein' and're Mutter hat auch ein schön's Kind! (Geht zürnend vom Fenster weg.) Ich ärger' mich — hm! über was denn? Ich ärger' mich, daß ich mich drüber ärgern kann! — Hm! was geht er mich denn an? — soll bleiben wo er will! Wenn er's nicht der Müh' werth find't, selber herüber z'fahren, und seinen Knecht schickt — na ist auch gut — ist schon recht! aber merken werd' ich ihm's! (Geht wieder zum Fenster.) Er ist richtig nicht da — möcht' doch wissen, was ihn abg'halten hat — den Lois? Eilfte Scene. Vorige. Brikmann. Brikm. (ist bei Rosa s letzten Worten ein- getreten). Was ihn abgehalten hat? Meine väterliche Autorität. Rosa. Sie sind da, Vater? Brikm. Nichts, Vater! in Zukunft nennst mich Papa! (Geht stolz auf und nieder.) Rosa. Hahaha! was haben Sie denn auf einmal? l-eata»R«p«toir Nr. »3. Brikm. (sie nachspottend). Was haben Sie denn auf einmal? Ist das eine Sprach' für ein Mädel wie Du? Rosa. Ja, wie soll ich denn reden? Brikm. Hochdeutsch — am höchsten deutsch! Bisher hast Du von dem Bauernvolk, unter dem wir leben, Dir die ordi> näre Sprache angewöhut — bisher ist auch nichts d'ran gelegen — aber von jetzt an bitt' ich mir eine reine Sprache aus — kannst Du's nicht, so werde ich Dir deutsch lernen, ich werde dein Meister sein! Rosa. Aber sagen Sie mir nur, warum denn jetzt auf einmal? Brikm. Wirst es gleich hören, doch dazu muß die ganze Familie beisammen sein! Wo ist mein Weib? meine Gattin, will ich sagen. Rosa. Drin in der Kammer, sie bügelt just die feine Wäsche. Brikm. Meine Gattin? — Das Weib hat doch immer Wäscherei! Sie soll herauskommen! Rosa (öffnet die Seitenthür und ruft hinein). Mutter! der Vater will, Sie sollen herauskommen! Zwölfte Scene. Vorige. Elise. Elise (tritt aus der Seitenthür). Mein Gott, mitten unter der Arbeit — Brikm. Alle Arbeit hat ein Ende — komm her, Ehehälfte! (Klopft sie auf die Wange.) Altes Haus! Elise. Geh' — ich bitte Dich gar schön, verschon' mich mit deinem Zärtlichsein! Dn hast Dich dein Lebtag nicht d rauf verlegt. — Brikm. Ein Vorwurf, den ich durch eine« lebendigen Beweis widerlegen kann — (auf Rosa deutend) steht nicht hier ein Pfand unser Zärtlichkeit? — Aber in gewisser Beziehung hast Du Recht— ich war bisher ein kleiner Haustyrann, war überall hinterher, Hab' jeden Kreuzer ang'schaut, 2 ehe er ausgegeben worden ist — aber wer den Kreuzer nicht anschaut, bringt's nie zu einem Ducaten. Ihr wißt selbst noch meine finanziellen Zustände nicht — aber in dieser Stunde will ich Euch eine Offenbarung machen! Elise (zu Rosa). Was hat er denn? Brikm. (tritt zwischen Beide). Gattin — Tochter! Ihr seht in eurem Mann und gewissermaßen Vater — den zukünftigen Besitzer dieser Herrschaft! Elise. Wa— was! (Taumelt vor Freude m einen Stuhl.) Hab' ich doch geglaubt, mich trifft der Schlag! Brikm. Genir' Dich nicht, werde nur ohnmächtig — Ohnmächten gehören zur noblen Welt. Rosa (welche freudig die Hände zusam- mengeschlagen hat und sich kaum fassen konnte, eilt auf Brikmann zu). Vater! Vater! Ist's wahr? Machen Sie keinen Spaß? Brikm. Du wirst Dich in ein paar Stunden überzeugen. — Das Gut ist ohnehin größtentheils an mich verschuldet, heute zahl' ich der Baronin noch den letzten Bettel hinaus, und morgen, — Kinder, morgen, — He Gutsbesitzer — et vous etes Noblesse. Elise(kann sich noch immer nicht erholen). Mir ist's in alle Glieder g'fahren! Mann! — die Freud! (Steht auf und will ihn küssen.) Ich muß Dir ein Busserl geben! Brikm. (abwehrend). Gattin! Nur keine ordinäre Familiarität. —Eheleute höherer Stellung küssen sich selten! — Aber ich hoffe, 3hr werdet mein Streben jetzt zu würdigen wissen. Rosa. Mein Vater — ein Gutsbesitzer! O Vater! Vater! (Will ihn uma» men.) Brikm. (sie plötzlich ungestüm an der Hand fassend). Ja, Du — Du ungerathe- nes Kind! eutant terrilrlo! — Siehst Du's jetzt noch nicht ein, daß ich recht gehabt Hab', mich gegen das Dertrautthun mit dem ordinären Müllerlümmel mit Händen und Füßen zu sträuben? Rosa (plötzlich ernst). Ja —der Lois — Brikm. Kannst Du denn jetzt ohne Schauder d'ran denken, daß dieser Bauerntölpel zu Dir seine Augen erhebt, zu Dir, zu deren Füßen vielleicht bald Barone und Grafen sich die Kniee wund rutschen werden? Rosa. Barone? — Grafen —? Vater! mir wird ganz schwindlich! Brikm. Gut — etwas Schwindel gehört auch zur Noblesse. Wegen dem Müller darf Dir übrigens nicht bange sein — mit dem Hab' ich heut' schon discurirt. Rosa. Sie haben mit ihm gered't? Brikm. Ja — ich Hab' ihm alle Grobheiten darüber g'sagt, daß Du in ihn verliebt bist. — Rosa. Was? — das — das haben's ihm g'sagt? — Vater! — das war recht — recht — unüberlegt von Ihnen! Jetzt bild't sich der Mensch am End' wirklich ein, daß ich in ihn verliebt bin! Brikm. (erstaunt). Ja — bist Du's denn nicht? Rosa. Aber Vater, wo denken Sie denn hin? — G'fallen hat er mir, das ist wahr, denn er ist nicht so ein Schuß wie die andern Burschen — er hat so was ge- wiß's G'setzt's — sauber ist er auch — alle Mädeln schauen sich fast die Augen nach ihm aus, und da — na, ich kann's nicht läugnen, da hat's mich g'freut, daß er für gar kein' Andere einen Sinn g'habt hat, sondern oft ganz wie versteinert dag'stan- den ist, wenn er mich g'sehen hat, es hat mich auch intereffirt, wenn er so mit mir hat reden woll'n, und oft vor lauter Verlegenheit kein Wort herausgebracht hat, und deßwegen Hab' ich auch manchmal ein bißl freundlich gegen ihn gethan, aber verliebt sein — (mit einem gewissen Stolz) ich — in so einen Menschen — Brikm. (hat sie mit sichtbarer Freude an- gehört). Ah, so ist's? hehehe! (Sie in die Wange kneipend.) Das Mädel ist für die noble Welt geboren — ganz feine Co- quette! Rosa. Ich schäm' mich ordentlich jetzt vor ihm. (Wendet sich gegen daS Fenster.) Brikm. Du wirst keine Gelegenheit zum Schämen haben, denn er wird nie mehr unser Haus betreten. Rosa (wirft einen Blick zum Fenster hinaus und fährt beinahe erschreckt zurück). Da — da ist er! — Brikm. Wer? Rosa. Der Lois! Brikm. und Elise. Der Lois? (Rennen Beide zum Fenster.) Brikm. Alle Wetter — richtig — er kommt durch den Park her — mit einem Frauenzimmer. — Rosa. Wer ist denn das Frauenzimmer? Brik M. (hält sich die Hand über die Augen, um bester zu sehen). 3a — sie ist's! — sie ist's! (Geht vom Fenster weg und rasch im Zimmer auf und ab) Rosa (dringend). Wer? wer? Brikm. Heut' uoch die Gutsbesitzeritt. Rosa (etwas leichter). Ach die! Elise. Na, kriegt mau die stolze Dam' doch auch eiumal zu sehen? Hat's ja sonst me der Mühe werth gefunden, daß sie her- ausgekommen wär'l — Brikm. (der fimulirend auf- und niedergegangen, bleibt in der Mitte stehen). So — ja, so, und nicht anders muß gehandelt werden. Weib! Tochter! Her da zu mir, hört mich au! — Es handelt sich vor Allem darum, die Baronin so zu stimmen, daß sie den Kauf schnell eingeht. — Sie muß also vor Allem glauben, daß sie's mit schlichten, aber grundehrlichen Leuten zu thun hat — man muß sich also ein bißl verstellen, heut noch sehr devot, sehr unter- thänig gegen die Frau Baronin — Rosa. Aber gegen den Lois? Wie be nehm' ich mich gegen den Lois? Brikm. Impertinent! Auf jeden Fall impertinent! Rosa. Aber Vater! — Das kommt mir doch zu hart vor. Brikm. (strenge). Du wirst thun, waS ich Dir schaff, wirst kalt sein — wenigstens 25 Grad unter Null Rsaumur und stolz — sehr stolz gegen ihn, er soll in Dir die zukünftige Gutsbefitzerische ahnen! — Aber still — sie sind schon an der Thür, Acht geben was ich thu! (Es wird geklopft.) Herein! Dreizehnte Scene. Vorige. Emilie, Eugen und Lois. Emilie (tritt, Eugen an der Hand füh- rend, ein). Lois (folgt). Brikm. (sich überrascht stellend). Ah was seh' ich? Euer sreiherrlichen Gnaden! — Sie in hocheigener Person — (Geht ihr entgegen und küßt ihr die Hand.) Elise (knirend). Das ist ja eine ganz besondere Ehre. Emilie. Seid mir gegrüßt, lieben Leute. — (Rosa in'S Auge fastend.) Dieß Ihre Tochter, Herr Inspektor? Brikm. Zu dienen, Ew. Gnaden! Mein einziges Kind — Rosa! Küff' doch der gnädigen Frau die Hand! Rosa (geht zu Emilien und will lhr die Hand küssen). Emilie. Nicht doch, liebes Kind! (Küßt sie auf die Stirne.) Ein recht schönes Mädchen. Ich bin herausgekommen, um mich nun doch persönlich von den Verhältnisse dieses Gutes zu überzeugen. Brikm. Ich steh' ganz zu Diensten, Ew. Gnaden! Aber ist's nicht gefällig Platz zu nehmen? LoiS (der bisher an der Thür stehen geblieben, will einen neben derselben stehenden Stuhl nehmen und ihn vortragen). Brikm. (es bemerkend). Lass Er nur! (Nimmt ihm den Stuhl ab und trägt ihn selbst vorwärts.) Ich weiß überhaupt gar nicht, was Er da zu thun that. Emilie. Ich hatte mich verirrt, und kam zur Waldmühle — Herr Lois war so gefällig mich hierher zu führen! (Setzt sich r* 20 in den von Brikmann gebrachten Stuhl, und nimmt Eugen auf ihren Echooß.) Brikm. Das war seine verfluchte Schuldigkeit, aber jetzt sind Ew. Gnaden da — jetzt kann er schauen, daß er wieder weiterkommt! (Zu LoiS gegen die Thüre weisend.) Emilie. Herr Lois wird hier bleiben! Brikm. (erstaunt). Was? Hier bleiben? — Wieso hier bleiben? Hier in meinem Zimmer? Emilie. Ich habe in ihm einen braven, ehrlichen Mann kennen gelernt, der Landwirth genug ist, um mich über den wahren Werth der Besitzung zu belehren, er hat die Freundlichkeit, mein Rathgeber zu sein. Brikm. (für sich). Verflucht! (Laut.) Hm! Ich hätte gedacht, daß ich dazu genug wär! Emilie. Ich wünsche es so! — Also wollen Sie mich für's Erste in Kenntniß setzen, welche Erträgnisse das Gut abwirft, mit welchen Lasten es beschwert ist u. s. w. Brikm. Das kann gleich geschehen! — DieWirthschastsrechnungen sind da! (Holt vom Schranke ein großes Buch und tritt damit zum Tisch.) Euer Gnaden erlauben schon. (Setzt sich an die andere Seite des Tisches) Emilie (freundlich zu Lois). Run, Herr Lois, als mein Rath haben Sie nicht nur Stimme in dieser Angelegenheit, sondern auch Sitz, — setzen Sie sich hier zu uns. Lois. Mit Verlaub! (Holt sich eine» Stuhl und trägt ihn zum Tisch, so daß er zwischen Brikmann und Emilie zu sitzen kommt.) Brikm. (erhebt sich unwillig von seinem Sitze, stemmt beide Arme auf den Tisch, sieht Lois mit durchbohrenden Blicken an, dann mit verbissenem Ingrimm): Na — ist recht — ist schon recht. (Für sich.) Nur heut nock Mäßigung! Emilie. Also, beginnen Sie! Brikm. (hat sich wieder gesetzt, mit er- heuchelter Gemächlichkeit). O mein Gott! Ew. Gnaden! Wenn ich denk', wie ganz anders das noch vor 15 Jahren war, wo ich dem seligen Herrn Baron noch über drei ganz unverschuldete Herrschaften habe Rechnung legen können — und wie das nach und nach bergab gegangen ist! Ja — das Wirtschaften! Das war immer die schwache Seite vom Herrn Baron! Keine Oeconomie! Emilie. Es hat ihn auch manches unverschuldete Unglück getroffen — Sie wissen ja selbst, nach dem Verkaufe des benachbarten Gutes Lindenhöh — Lois. Ja, das war ein großes Unglück! Die Geschichte hat damals Aufsehen genug gemacht! Der Herr Baron hat grad 50,000 Stück blanke Ducaten für das Gut eingenommen, legt's in seine Schatullen, in der schon über 20,000 Ducaten waren, in seinem Schlafzimmer, und über Nacht wird's Fenster ausg'hoben und die ganze Caffa gestohlen! — Am andern Morgen ist wohl gleich Lärm g'schlagen worden — die Gerichte waren gleich hinterdrein — die ganze Gegend ist durchsucht worden — und keine Spur — aber gar keine Spur von dem Thäter. Brikm. Der redet wieder! Die Behörde hat sogleich öffentlich erklärt, daß sie dem Thäter bereits auf der Spur ist. Lois. Na — es sind aber seit der Zeit vier Jahre her. Brikm. Macht nichts — die Behörde ist doch immer noch auf der Spur. Emilie. Das Unglück läßt sich nun nicht ungeschehen machen — also zu unserer Angelegenheit — aber (blickt auf Eugen, welcher indeß auf ihrem Schooße eingeschlafen ist). Sieh da — mein Kleiner ist, durch die ungewohnte Bewegung ermüdet, eingeschla- fen! Könnte ich ihn nicht zu Bette bringen? Brikm. Aber ganz sein seliger Papa! Wie man mit dem von Geschäften gesprochen hat, ist er auch immer eingeschlafen. (Zu Elise.) Geh', Lisi, nimm den jungen Herrn und trag' ihn inS Gastzimmer ins Bett. Emilie. Nicht doch — ich will ihn selbst zu Bette bringen — zeigen Sie mir nur das Gemach. (Steht auf, Eugen auf ihren Arm nehmend.) 21 Brikm. Gut! Bei der Gelegenheit können Ew. Gnaden gleich das Innere vom Schloß besichtigen. Baufällig! — Alles sehr baufällig! Das ewige Intabu- liren muß das Gebäude so erschüttert haben. Lisi! Du hast die Schlüsseln — g'schwiud — voraus! Elise. Gleich, gleich! Folgen mir Ew. Gnaden nur. (Oeffnet die Seitenthür) Emilie (ab mit Eugen). Brikm. und Elise (folgen). Rosa (macht eine Bewegung als ob sie auch Nachfolgen wollte, bleibt aber absichtlich zögernd an der Thür stehen). Lois (der zugleich mit den Anderen aufge- standen, für sich). Gott sei Dank! 3ch bin allein mit ihr! Wie lieb sie heut wieder ausschaut! Ich muß mit ihr reden! — Aber wie ich's anfangen soll, das weiß ich nicht! (Tritt ihr schüchtern näher.) Fräulein Rost! Rosa. Nun, was ist's? Lois (vor Gefühl kein Wort findend). Rosi! — Rosi! Rosa. Nun habt Ihr mit mir nichts Anderes zu reden? Daß ich Rosa heiß, braucht Ihr mir nicht erst so oft vorzusagen, das weiß ich eh' — Also — was wollt Ihr mir sagen? Lois. Ich — ich? — Ah, die Sprichwörter sind doch recht falsch. Rosa. Die Sprichwörter? — Wie meint Ihr das? LoiS. Na, da sagt so ein einfältig's Sprichwort: »Wovon das Herz voll ist, geht der Mund über!« — grundfalsch und erlogen! Denn grad wenn Einem das Herz so über und über voll ist, bringt man gar nichts zum Maul heraus! Rosa. So — also euer Herz ist so voll? — Von was denn? LoiS. Don was? Von was? Rosi, das können Sie noch fragen? Sie wissen doch — Rosa (sich unwissend stellend). Wenn ich's wüßte, so fragte ich nicht! Lois. Gehen's — thun's nicht so! Ihr Vater hat mir ja heut etwas g'sagt — was g'sagt, was mich so unsinnig glücklich g'macht hat. — Rosa. So? Mein Vater? Was hat denn der g'sagt? Lois. Er hat mir g'sagt, daß — mein Gott! Ich trau' mir's ordentlich nicht z'sagen — daß — daß Sie — (sich einen Rand nehmend) in mich verliebt sind! Rosa (bricht in ein lautes Gelächter aus. welches sie gar nicht mäßigen kann). Hahaha! Hahaha! Hahaha! Lois (ganz verblüfft). Sielachen? Rosa. Hahaha! Hahaha! Laßt Euch anschauen! (Faßt ihn mit beiden Händen bei den Armen und bricht ausS Neue in Gelächter aus.) Hahaha! Hahaha! (Sich die Seiten haltend). Au weh! — Ich muß fort, sonst krieg ich vor lauter Lachen 's Seitenstechen. (Eilt unter fortwährendem Lachen ab.) Lois (steht mit offenem Munde ganz ver- blüfst, und kommt erst später zu Wort). Sie lacht? Rosi, Rosi, wie ich Dich gern Hab — wie ich nur an Dich denk' — nur für Dich leben möcht' — und Du — Du lachst — Du lachst, wenn ich davon red', daß Du mich lieb hast! (Bleibt mit gesenktem Haupte stehen.) Vierzehnte Scene. Lois. Martin. Martin (öffnet leise die Mittelthür und steckt den Kopf herein). Ah — da ist er ja — (ruft anfangs leise). Detter, Lois — Er hört nicht. (Lauter.) Lois! Lois! Lois. Wer ruft? (Sich umsehend.) Ihr? — Was machet Ihr da? Martin. Komm' heraus, komm' nur einen Augenblick heraus! Lois. Laßt mich geh'n! — Ich Hab' jetzt keine Lust, euer närrisch Zeug's anzuhören. — Martin (tritt ein und faßt ihn am Arme). Komm mit mir hinaus! Lois. Was habt Ihr denn? 22 Martin. Ich verhelf' Dir zur Rosi. Lois. Was? was? — Ah! Der Narr! Martin. Wenn ich ein Narr bin, so mußt Du mir um so sicherer glauben, denn Kinder und Narren — Du — weißt ja, — aber komm — komm, da kann ich Dir's nicht sagen — komm mit mir in den Garten hinaus! (Zieht lhn fast mit Gewalt zur Thür hinaus ) Fünfzehnte Scene. Brikmann, Emilie (kommen zurück). Brtkm. (sich umsehend). Der Lois ist nicht da — desto besser — den Augenblick muß ich benützen. (Laut.) Ew. Gnaden haben jetzt g'sehen, in welchem Zustand das Schloß ist. — Emilie. Es ist Alles vernachlässigt — cs wäre eine bedeutende Restauration nöthig. — Brikm. (übertreibend). Das glaub' ich, an 20,000 Gulden müßte man wenigstens in die Hand nehmen. — Und grad so scbaut's auch mit den Grundstücken aus — Alles Steingrund — tragt nichts — und das haben sie auf 200,000Gulden g'schätzt — aber ich sag, Ew. Gnaden, nicht 150,000 Gulden ist's werth und 160,000 Gulden sind d'rauf vorgemerkt. — Emilie (seht sich und stemmt das Haupt m die Hand). Ich bin also vollkommen zu Grunde gerichtet? — Brikm. Ja, wenn Ew. Gnaden das Gut behalten, so ist Ihnen nicht zu helfen — da kommen Sie immer tiefer in die Schulden hinein — das will ich Ihnen mathematisch beweisen. (Setzt sich ihr gegen- über an den Tisch.) Rechnen wir einmal. Geben Sie Sicht. 160,000 Gulden (schreibt Brikm. Schön von Ihnen! Jetzt schauen Sie da in das Buch (schlägt es auf). Die Erträgnisse der letzten Jahre sind nie höher als 5000 fl. gewesen — also müßten Ew. Gnaden noch alle Jahre 3000 fl. d'rauf zahlen. — Ist Ihnen das klar? Emilie. Ja, ja! Ich das Gut auf jeden Fall verk ru 7. : Brikm. Sehr Ostreich bemerkt! Verkaufen — das ist vollkommen meine Meinung. — Ich Hab' auch schon einen Käufer, der den ganzen Schätzungswerth von 200,000 fl. zahlen will — dann sind die Schulden gedeckt, nnd 40,000 fl. bleiben Ihnen noch in Händen. Emilie. 40,000 fl. — das ganze Vermögen meines Sohnes. Brikm. Wenn Sie's aber lang anstehen lassen, wird's noch weniger die Interessen Hessen Sie auf — das sag' ich Ihnen als ehrlicher Mann! Emilie. Die Sache muß also rasch betrieben werden. Brikm. Rasch! Das Hab' ich auch gedacht, und d'rum Hab' ich mir da (indem er eine Schrift hervorzieht) schon eine Vollmacht aufsetzen lassen, die Ew. Gnaden nur zu unterschreiben brauchen. Da ist Tinte und Feder — also — ich bitt' — (hält ihr eine Feder hin). Emilie. Nun gar so eilig ist's doch wohl nicht? (Steht auf.) Brikm. (ebenfalls aufstehend). Sehr eilig — ich sag's Ew. Gnaden als ehrlicher Mann. Der Käufer besinnt sich am Ende anders — jeder Augenblick Verzug kann schaden. — Ruiniren Ew. Gnaden nicht selber Ihren Sohn — unterschreiben Sic. (Dringt ihr die Feder auf.) Sechzehnte Scene. mit einem auS der Tasche gezogenen Stück Kreide auf den Tisch) lasten d'rauf — sehen Ew. Gnaden — da stehen sie mit fünf Percent (rechnet) macht alle Jahr 8000 Gul den Interessen — ist das klar? Emilie. Vollkommen! Vorige. Lois. Lois (kommt aufgeregt herein). Ew. Gnaden — Brikm. (für sich). Muß der Teufel den herführen. (Laut und barsch.) WaS will er? 23 Emilie. Ah, gut, daß Zhr da seid. — Herr Brikmann macht mir eben einen Vorschlag, der mir annehmbar scheint. — Lois. Der Herr Brikmann? der Herr Brikmann? (Sieht ihn verächtlich vom Kopf bis zum Fuße an, zu Emilie.) Ew. Gnaden! Ich muß jetzt fort — aber am Abend bin ich wieder da — versprechen Sie mir, nichts, gar nichts in der Sache zu unternehmen, bis ich wieder zurück bin. — Emilie. Ich verspreche das — doch wohin wollt Ihr denn gehen? Lois (Brikmann fixirend). Hinüber in's nächste Stabil, wo der Doctor Schlepper Notar ist. Brikm. (zusammenschreckend, für sich).Was ist das? Lois. Ich Hab' ein kleines Geschäft im Wirthshaus »zum goldenen Schiff«. — Brikm. (für sich). Himmel und Erde! Er hat Wind — jetzt heißt's umsatteln. Emilie. Nun gut, ich warte, bis Sie zurückkommen. Heute Abends wollen wir weiter sprechen. Nun will ich wieder zu meinem Eugen. — (Will fort.) Brikm.. (dringend). Aber Ew. Gnaden, unser G'schäft — Emile. Dis heute Abend, dann will ich mich auf jeden Fall entschließen. (Ab.) Lois (für sich, Brikmann von der Seite ansehend). Der Martin hat recht g'hört — rch seh'S dem im G'slcht an. — Brikm. (Lois von der Seite ansehend). Verfluchter Kerl! Mir einen solchen Strich durch die Rechnung zu machen. Aber mit dem Burschen nehm' ich's schon auf — den krieg' ich herum. Lois. Na also— b'hüt'Gott, Herr Brikmann! (Will fort.) Brikm. Na, habt Ihr's denn gar so eilig?— Ihr seid den weiten Weg von der Mühl' herübergekommen, und jetzt wieder den weiten Weg bis in's nächste Stabil, wollt Ihr nicht früher ein GlaS Wein trinken? Lois. Dank' recht schön — ich bin nicht durstig und Hab' auch keine Zeit zu versäumen. — (Will fort.) Brickm. So wart't doch— (Rust.) Rost! Lois (stehen bleibend). Die Rost? Rosa (hinter der Scene). Wasschaffen's, Vater? Lois (für sich). O Gott, die liebe Stimm'! Brikm. Bring' einen Krug Wein herüber—aber Du selber. (Zu Lois.) Na, so unhöflich werdet Zhr doch nicht sein, daß Ihr ein Glas Wein verschmäht, was Euch die Rost credenzt? Lois. Die Rost — mir! — ja — ich bleib' einen Augenblick. (Für sich.) Ich muß doch sehen, ob sie wieder so garstig z'lachen anfangt. Siebzehnte Scene. Vorige. Rosa. Rosa (kommt mit einem Krug Wein). Da, Vater! (Stellt ihn auf den Tisch ) Brikm. Gläser her— drei Gläser! Rosa. Drei? Für wen denn? Brikm. Da, der ehrliche Lois wird mit mir trinken. Rosa (erstaunt.) Der Lois? Brikm. Der Lois — und Du wirst die Honneurs machen. Rosa. Ich —Vater? Brikm. Na, g'schwind die Gläser! (Geht mit Rosa zu dem Schranke, worauf die Gläser stehen, während sie dieselben mit der Schürze abwischt, leise zu ihr). Rost! wenn Du nur mit dem Lois nicht freundlich bist, schlag ich Dir alle Glieder entzwei. — Rosa (erstaunt). Was? Brikm. (halblaut). Keine Widerred' — (Laut.) Also g'schwind — einschenken! Rosa (geht zum Tisch zurück und schenkt die Gläser voll). Brikm. So—jetzt trink's dem Lois ;u — Rosa. Warum denn nicht? (Nippt an dem Glase.) Soll Euch gut anschlagen! (Hält^LoiS das GlaS hin.) 24 Lois (freudig). Sie haben d'raus getrunken? — Der Wein muß einem gut auschlagen! (Leert das Glas ) Brikm. (leise zu Rosa). Sei freundlicher! Lächle — mehr! Lächeln, sag' ich!! Rosa (schenkt daö GlaS nochmals voll). Trinket, Lois, es ist Euch vergönnt. Lois. Nein, nein, ich bin den Wein nicht gewohnt — Brikm. Freilich, ein Müller lebt vom Wasser! Lois. Und mir macht das erste Glas schon so warm — so warm — haben ja S i e zuerst d'raus getrunken. Brikm. Ah, der Wein macht Euch nichts — 's ein gesunder Wein. — Ader setzt Euch daher — so — die Rost neben Euch. (Stößt Rosa an.) Führ' ihn zum Tisch. Rosa (nimmt LoisenS Hand). 3a, kommt — setzt Euch zu mir— (Freundlich lächelnd.) Na — wollt 3hr nicht? (Führt ihn zum Tisch, wo er sich niedersetzt.) Brikm. (setzt sich ebenfalls und nimmt ein Glas.) Also, Lois, auf die G'sundheit der Rost! — Lois. Auf ihre G'sundheit! (Nimmt das GlaS rasch.) Brikm. Aber austrinken! Sonst gilt's nicht! Lois (leert das GlaS auf einen Zug, man merkt nach und nach, daß ihm der Wein zum Kopf steigt). Ausgetrunken bis auf die Na- gelprob'. Brikm. (schenkt ihm wieder ein). Lois (will es verhindern). Na, na, — nicht mehr — ich kann's nicht vertragen! Brikm. Nur ruhig! Es gilt noch was Anders. (Gemüthlich.) Schau, Lois! Ich bin ein hitziger Kerl— und mein's oft nicht so, aber daö Radl lauft mir gleich über. Wir haben uns heut' Früh ein wenig hart g'red't — Lois. 3a, Sie haben mir gedroht, mich von 3hren Knechten da wegprügeln zu lassen. Brikm. Na, und siehst, jetzt sitzen wir doch bei einem Glas Wein beisammen. Es war nicht so arg g'meint, also — vergessen und vergeben — stoß an! Lois. Meinetwegen! 3ch vergib' leicht. — (Trinkt.) Aber Rosi! Wollen Sie auch, daß ich vergeff ? Rosa. Was denn, lieber Lois? Lois. Lieber Lois sagen Sie jetzt, aber vorhin, vorhin haben Sie mich ausgelacht, wie ich 3hnen g'sagt Hab', daß Sie mir gut sind. Brikm. Ausgelacht hat sie Euch? Ha- baha! Und darauf gebt 3hr was? Lois! — Rost geh' uns drei Schritt vom Leib. Rosa (sieht auf und geht vom Tisch weg). Brikm. 3ch muß Euch etwas sagen — Lois. Was denn? Brikm. (indem er einen Arm um LoisenS Schulter legt). 3hr kennet die Weiber noch nicht! Lois. Das ist schon möglich! — Brikm. Die Weiber—verstehst — aber trink doch. — Lois (unwillkürlich gehorchend). 3a, ich trink schon, aber weiter— weiter! (Trinkt.) Brikm. Also die Weiber — die sind g'rad wie die Schiffer — siehst— wenn ein Schiffer in sein Schinacklkahn sitzt, und er will dorthin — so setzt er sich beim Rudern so — g'rad mit dem Rücken gegen das Ufer gewendet, dem er zusteuern will. — Lois. 3a wohl — ja wohl — aber die Weiber — Brikm. Mächens g'rad so — sie stellen sich immer als wollten sie nicht da hinaus, wo's aber g'rad hinaus wollen— verstehst? Lois. Wenn's so wär' — Herr Brik- niann! wenn's so wär' — Brikm. Sie ist verbrennt in Dich — schauderhaft verbrennt! Lois. Wirklich? Brikm. (schäckernd ihn in die Wange kneipend). Teufelskerl übereinand! Na, Bursch! — Willst Du Dich mit mir verfeinden? Was? Stoß' an! 25 Lois (stoßt an und trinkt das Glas aus). Mein Gott, mir wird ordentlich damisch! — Wie soll ich denn das nehmen? Brikm. Nimm's wie Du willst, aber trink! Lois (trinkt wieder, steht auf, sich mit dem Aermel den Schweiß von der Stirne trocknend). Pnh — die Hitz — die Hitz! Rosa. Was ist Euch denn? Lois. Gut ist mir! Oh—unsinnig gut! Rost! (Umschlingt sie mit einem Arme.) Rosa (will sich losmachen). Aber Lois — Brikm. Geh', geh', zier' Dich nicht — geb' ihm ein Bußl, — vor dem Vater darfst es schon thun. Lois. Ein Bußl von Ihnen? — Rost! Rost! (Küßt sie, während sie sich nur wenig dagegen sträubt.) O Gott, o Gott! mir schwindelt, als wär ich in einem Thurm— aber ich bin noch höher — ich bin imHim- mel! (Wankt auf Brikmann zu und umarmt ihn.) Und Sie — was sagen Sie? Sagen Sie's, was Sie sagen. Brikm. Ich sag' — es kann sich Verschiedenes machen — kann sich machen — heute haben wir Kirchtag — am Abend ist Tanz im Ort — Du sollst heut' der Tänzer von meiner Tochter sein. Lois. Tanzen mit der Rosi? Brikm. Du allein! Rost, ich verbiet Dir's, daß Du mit keinem Andern tanzest, als mit dem Lois. Rosa. O, das braucht mir der Vater nicht zu verbieten, es gibt ja eh' keinen bessern Tänzer, als den Lois. — Wir haben vorig'S Jahr einmal mit einander getanzt, da sind die Leut' im Kreis herum stehen geblieben und haben g'sagt: das ist das schönste Paar! (Hängt sich in seine Arme.) Lois. Wir— Rosi! Wir ein Paar! die Freud'!— daß wir Zwei ein Paar sind! (Wankt, bezwingt sich aber.) Na — was ist denn das? Rosa. Was ist Euch denn? Lois (reißt sich das Tuch vom Halse, und fächelt sich damit Luft zu). Nichts — nichts! Ich spür' nur, wie's Eiuem sein muß, den vor Freud der Schlag trifft — so heiß — so heiß — und Alles klopft in mir! (Geht zum Tische und sinkt in den Stuhl.) Und doch so wohl! — so selig! — Brikm. (für sich). Jetzt ist er aus der rechten Höh'! (Laut.) Aber Lois — jetzt müssen wir Euch allein lassen. Lois. Bitt — nicht geniren! — Nur wegen mir — nicht geniren! Brikm. Aber bleib da — Du bist erhitzt — und die Luft könnte Dir schaden! Trink' da schön langsam fort — der Wein paßt für ein freudiges Gemüth. — Also — (seine Hand fassend) wir sind Freunde. — Lois. Freunde! — O, ich könnt' jetzt gar keinem Menschen feind sein — gar keinem Menscben! Brikm. (für sich). Den Hab' ich mir verassecurirt bis heut' Abends! (Leise zur Rosi.) Rosi, Du hast ausgezeichnet gespielt. Rosa (sieht ihn erstaunt an). G'spielt? Vater! Sie sind mir heut' ein Räthsel! Brikm. Räthsel? — Gut — so wart' bis heut' Abend, da folgt die Auflösung— aber jetzt komm'! (Ab mit ihr.) Achtzehnte Scene. Lois (allein). Das Glück — das Glück -die Rosi und ihr Vater — ich kann mir's gar nicht zusammenreimen, hahaha! Mit dem Z'sammenreimen ging's überhaupt jetzt schlecht, hahaha! Mein Kopf ist ein wenig damisch, es purzelt ein Gedanke über den andern, hahaha! Wie bas gekommen ist, daß mich die Baronin g'rad daher hat führen müssen — wie war's denn? (Recapitulirend.) Hahaha! Zuerst die Waldfräule aus dem Gebüsch, und dann nachher — und nachher da der Bettler, der alte Martin — der hat mir gesagt — (Plötzlich von einer Idee ergriffen.) Heiliger Gott! Das.goldene Schiff!« DerFremde! (Sucht in allen Taschen.) Da — da, Gott sei Dank, da Hab' ich die Adresse — der Wein hat mich verw irrt — fast wär' ich eingeschlafen — aber nein, die Ehrlichkeit läßt sich nicht einschläfern, nicht unter den 26 Tisch trinken. (Will forttaumeln). Was ist denn das? (Sich ermannend.) Ich Hab' keinen Rausch, ich darf keinen Rausch ha« ben! ich will keinen Rausch haben, und was der Mensch will, das kann er! Herr Gott im Himmel, hilf mir nur dasmal, ich muß hinüber, und wenn ich mit dem Kopf durch eine Mauer rcunen müßte. (Wankt, sich selbst ermahnend.) Lois, nimm dich zusammen! (Kräftig.) Es muß — es muß sein! (Ab.) (Der Vorhang fällt.) Zweiter Act. (Eine Waldgegend. ES fängt bereits an zu dämmern.) Erste Scene. Lois (allein, kommt bemüht, rasch fortzuschreiten). Der verdammte Trunk! — Wie ich in die Luft hinausgekommen bin, Hab' ich ihn erst recht g'spürt. Ich kenn' doch in dem Wald alle Weg und Steg, und heut' — 's ist gar dumm, heut' verirr' ich mich. Aber rein im Kreis Hab' ich mich herumgedreht, und auf einmal Hab' ick wieder den Herrnhof vor mir g'schen. Es hat nichts genützt, ich Hab' mich ein wenig niederlaffen müssen. Jetzt ist mir wenigstens im Kops leichter, und wegen der Diertelstund, die ich verschlafen Hab', wird's just auch nicht aus sein. — (Sieht sich ringsum.) Aber was ist's denn? Macht das dicke Laub da so dunkel, oder — na, ich will doch nicht hoffen — (ängstlich) wenn ich nur sehen könnt', wie die Sonn' steht. — (Steigt auf eine Erhö- hung hinan, dann erschreckend.) Heiliger Gott! — ich muß mich verschlafen haben! — Die Sonn' ist schon hinter den Bergen, g'rad daß noch die Gipfeln ein wenig glanzen — und ich — ich weiß gar nicht recht, wo ich bin, und wie weit ich noch Hab'? Herr Gott, mir treibt's den Schweiß auf die Stirn. Aber jetzt nur fort — fort — vielleicht, daß ich doch noch — (Eilt beinahe saufend fort.) Zweite Scene. Lois. Martin. Martin (kommt ihm so entgegen, daß er mit ihm fast zusammenstößt). Halt, halt! Rennt mich nicht nieder! Lois (ihn erkennend). Ah— Ihr seid's? Gut, daß ich doch Wem begegne — ich bin ganz irr' im Waldweg. Wohin geht Ihr? M'artin. Nach Weißdorn z'rück — cs ist ja heut' auf die Nacht Kirchtag dort, und so was laß ich nicht aus, da gibt's lauter lustige Leut', und lustige Leut' lassen einem armen Teufel immer am ersten etwas zukommen, d'rum werden in der Stadt d'rin die großmüthigsten Spenden durch Wohlthätigkcitsbälle erzielt — da tanzen die Leut' aus purem Mitleid mit der Armuth. — Lois. Also nach Weißdorn — da geht Ihr da hin? (Deutet in die Richtung.) Dann ist dorthin (in die entgegengesetzte Richtung deutend) der rechte Weg für mich. (Will fort.) Martin. Dorthin? für Euch? — Wo wollt Ihr hin? Lois. Na, ins nächste Stadtl— »zum goldenen Schiff«, zu dem fremden Herrn —nur auf dir Weis' kann ich der Baronin zum Glück verhelfen. Martin (faßt ihn hart bei der Hand). Was? was? Hab' ich Euch deswegen Alles verrathen? Ich hab's gethan, damit Ihr euer Glück machen sollt. — Lois. Ich— mein Glück machen?! Das ist eine dumme Redensart! Kein Mensch auf der Welt kann sein Glück selber machen — das thut ein ganz Anderer. — Aber jetzt plauschen wir nicht langer, jetzt weiß ich den rechten Weg. (Will fort.) Martin (tritt ihm in den Weg). Auf der« rechten Weg zum Narrenthurm seid Ihr! — Ihr dürft mir nicht hin. Lois. DaS möcht' ich doch sehen, wer mich aufhielte. (Will ihn aus dem Wege drängen.) 27 Martin. LoiS! seid gescheidt! — Es ist ja umsonst — 3hr kommt nicht mehr in die Stadt vor Mitternacht. — Lois (erschreckend). Nicht vor Mitternacht? So weit ist es noch? sMan hört von ferne eine ländliche Tanzmusik) Martin (aufhorchend). Hört Ihr?— Hört Ihr nicht? — Die Kirchweih geht an drüben am Herrnhof— die Spiellcute kommen — der Tanz fangt an. Lois. Der Tanz? — Und die Rost — ich sott ihr Tänzer sein. Martin. So kehrt geschwind um — werdet doch eure Braut nicht so blamiren, daß Ihr sie heute sitzen laßt. Lois. Meine Braut — die Rosi! Meine Braut! Martin. Ihr verliert sie, wenn Ihr nicht umkehrt, sic wird bös werden, ein Anderer wird sich an sie anmachen. — (Hängt sich in LoisenS Arm.) Geht—geht—kommt mit mir. Lois. Nein — nein — ich könnte doch keinen Schritt tanzen — das Gewissen druckt mich zusammen — ich könnt' keinen Fuß rühr'n— d'rum fort jetzt! Laßt mich ans! (Ringt, sich loS zu machen.) Martin. Ich laß' Euch nicht! Lois! Ihr kennt mich noch nicht, wenn ich etwas fest will, so Hab' ich eine Kraft wie ein Bär! (Hält ihn mit beiden Armen fest.) Lois (sich wehrend). Martin! Znm Teufel! Machet nicht, daß ich d'rauf vergeff', daß Ihr ein alter Mann seid! Martin (mit ihm ringend). Lois, ich sag' Dir's, ich enterb' Dich! Lois. Der Kerl ist rein wahnsinnig! Himmelsapperment! (Stößt Martin so heftig von sich, daß dieser schreiend zu Boden fällt.) Martin (laut schreiend) Au weh! Mir thust Du das? (Hält LoiS, welcher forteilen will, am Fuße fest.) Da bleibst! Nicht von der Stell'! Haltet ihn auf! Dritte Scene. Vorige. Heinrich Richmond. Heinr. (im militärischen Reitermantel, die Koppe tief in die Stirn gedrückt, kommt, die Hand am Säbelgriffe, rasch aus dem Gebüsche hervor). Was geht hier vor? Lois (überrascht). Was ist daS? M a r t i n (richtet sich halb vom Boden auf und sieht Heinrich an). Gehorsamster Diener! Heinr. Was ist Euch geschehen, Alter? (Will ihn aufrichten.) Martin. Ich dank' Ihnen, ich treff's schon allein. (Steht auf.) Heinr. Was schreit Ihr denn so jämmerlich? Ich dachte, ein Wanderer sei vor» Räubern überfallen, stieg schnell von meinem Pferd, band es an einen Baum, und eilte her. Lois (schnell einen Gedanken fassend.) Ein Pferd? Sie haben ein Pferd da? Heinr. Was soll die Frage? Martin (für sich). Alle Teufel! Der leiht sich am End' das Pferd aus, und so vierfüßig wär' es doch noch möglich —aber halt, so geht's. (Au Heinrich leise.) Herr! nm Gottes willen! lassen Sie den Menschen nicht aus den Augen. Heinr. Was ist mit ihm? Martin (leise). Er ist ein wenig — (Deutet auf die Stirn mit der Pantomime des DerrücktseinS.) Er rennt oft vom Haus weg, und stellt lauter dummes Zeug an. — Ich Hab' ihn zurückbringen sollen, aber ich bin ihm zu schwach — wenn's vielleicht Ihnen möglich wär'— Heinr. Das will ich wohl zu Stande bringen! Wo ist er zu Hause? Martin. Ganz in der Näh'—in Weißdorn! Heinr. In Weißdorn? Martin. Ja, bringen Sie ihn nur zum Guts-Jnspector. Heinr. Gut, gut, ich will ihn schon zu- rückbringen, laßt mich nur allein mit ihm. Martin (für sich). So — jetzt ist dafür gesorgt, daß es nicht gegen meinen Willen 28 geht— jetzt aber g'schwind zum Inspektor, daß er keine Zeit versäumt. (Rasch ab.) Lois (für sich). Wenn er's nur thät'! (Laut.) O mein lieber Herr! Heinr. Was wollt Ihr von mir? Lois. Sie sehen in mir einen verzweifelnden Menschen — ich könnte Jemanden zu ein paarmalhundcrttausend Gulden verhelfen. — Heinr. (für sich). Armer Bursche! — 'S ist wirklich so, wie der Alte sagte. — Lois. Aber die Zeit wird mir schon zu knrz — Sie könnten mir helfen! Heinr. Zch? Aus welche Weise? Lois (dringend). Sie haben ein Pferd. — Leihen Sie mir das Pferd! Heinr. Mein Pferd? Wo wolltet Ihr denn hin mit dem Pferde? LoiS. Nur in's nächste Stadtl — in's Wirthshaus »zum goldenen Schiff«. — Heinr. »Zum goldenen Schiff?« Was dort? Lois. Dort wohnt ein Fremder — Ba ron Sonnberg heißt er. — Heinr. (immer mehr überrascht). Sonn berg — ja, ja, der wohnt dort. — Lois. Kennen Sie ihn vielleicht? Heinr. Ja, ich bin von seiner Begleitung. — Lois (freudig). Dann hat Sie der liebe Herrgott selber mir entgegengeschickt. Heinr. Aber was habt Ihr mit Baron Sonnberg? Lois. Er will das Gut Weißdorn um 400,000 Gulden kaufen. Heinr. Ja, ja, so ist's. — Lois. Er hat die Commission dem Ad voeaten Schlepper übergeben! Heinr. Bei Gott, so ist's! (Für sich ) Wo will das hinaus? Lois. Aber derAdvocat ist ein Hallunke Heinr. Was? Lois. Ja, er ist mit dem Gutsinspcctor verbandelt. — Er will ihm helfen das Gut um die Hälfte des Preises der Baronin ab zudrucken, wenn er dafür 10,000 Gulden bekommt. — Heinr. Was hör' ich? (Für sich.) Was der Bursche spricht, zeugt nicht von Irrsinn. — Lois. Heut Abend noch soll das G'schäft mit der Baronin abgeschloffen werden. Heinr. Mit der Baronin? Ist sie denn bereits auf dem Gute? Lois. Freilich, schon seit heut' früh. Heinr. Wirklich— wirklich? (Für sich.) Und der Schuft von einem Advocaten sagte, er habe sie nicht getroffen. Lois. Ich Hab' ja die gnädige Frau von meiner Mühl' herüberbegleitet bis auf den Herrenhof. — Heinr. Von eurer Mühle? Der Alte 'agte mir ja, Ihr wäret selbst vom Herreu- hof—? Lois. Der alte Martin? Ab, das ist ein halbverrückter boshafter Kerl. Heinr. Er— er ist verrückt, und er sagte mir, daß Ihr — Lois. Ich? Hahaha! Ich bitt' Sie, schauen Sie mir nur recht in's Gesicht! Heinr. Nein, nein, aus allen euren Reden erkannte ich, daß Ihr eure Sinne beisammen habt. Lois. Ja? (Für sich.) Gott sei Dank! Jetzt Hab' ich sie schon wieder beisammen! Heinr. Ich sehe, daß Ihr ein redlicher, guter Mensch seid. Lois. Gott sei Dank, das bin ich! Aber lieber Herr, sagen Sie mir jetzt d'rüber keine Komplimente — lassen Sie uns die Zeit nicht verplaudern — leihen Sie mir Zhr Pferd. — Heinr. Das ist nicht nöthig. Baron Sonnberg soll durch mich selbst in Kennt- niß gesetzt werden. Lois. Ist's wahr? (Für sich.) Das ist noch besser, dann kann ich die Rost doch zum Kirchtag abholen! (Laut.) Aber Herr, kann ich mich auch verlassen? Heiu. Mein Ehrenwort zum Pfände! Lois (beruhigt). Sie find ein Soldat, und die Herren wissen, was das ist ein Ehrenwort! — Jetzt bin ich ruhig. — Aber Sie! tummeln müssen Sie sich doch — denken Sie nur — hin und zurück. — Heinr. Seid unbesorgt! (Lächelnd.) Ihr kennt die Schnelligkeit meines Pferdes nicht, in einer Viertelstunde bin ich mit dem Baron Sonnberg in Weißdorn, auch darauf mein Ehrenwort! Vor der Hand nehmt meinen mündlichen Dank für euren ehrlichen Willen, und seid überzeugt, daß ich Euch nicht bloß mit dem Worte belohnen will! Doch jetzt lebt wohl! Mich treibt's zur Eile! (Ab.) Vierte Scene. Lois (allein). Was Lohn? — Was red't der noch von Lohn? Ich Hab' meine Schuldigkeit als ehrlicher Mann gethan, schon das Bewußtsein ist mir Lohn genug — und nachher — versäumt Hab ich auch nichts — die Rosi kann ich doch zum Tanz abholen und jetzt kann ich erst recht leicht tanzen — denn ein centnerschwerer Stein ist mir vom Herzen g'fallen! Juchhe! das soll heut' ein Kirchtag werden, wie ich noch keinen erlebt Hab'! (Die Musik wird lauter gehört.) Halloh! spielet nur auf — spielet nur recht lustig auf! — Spielleut! jetzt findet ihr an mir euren Mann, Juhe! (Klatscht in die Hände und springt fort.) Verwandlung. (Zimmer im Herrenhause. Eine Mittel- und zwei Seitenthüren, im Vordergründe ein Tisch mit Schreibgeräthe und Lichtem.) Fünfte Scene. Brikmann, dann Rosa und Elise. Brikm. (tritt durch die Mittelthür ein und ruft zurück). Laßt Euch nur gut geschehen, Alter! Trinkt im Wirthshaus auf meine Rechnung so viel Ihr wollt! (Tritt vollends ein.) Schau, hält' mir's nie gedacht, daß mir ein alter Bettelmann so einen Dienst erweisen kann! — Aber der Lois! — Ist das ein schlechter Kerl! — Will er mir richtig das Geschäft verderben! War ein g'scheidter Gedanken vom Martin, daß er ihn zurück escortiren laßt — ich Hab ihn mit Wein zudecken wollen — das ist nicht ganz gelungen — aber der militärischen Bedeckung kommt er gewiß nicht aus! Elise und Rosa (beide bereits zum Feste geputzt, kommen aus der Seitenthür). Brikm. Ah, seid Ihr schon fertig mit eurem Putz? Rosa. Na, Vater, wie g'fall' ich Ihnen denn? (Dreht sich vor ihm im Kreise.) Brikm. Für einen Bauernkirchtag schön genug. Uebrigens besuchst Du heut' so ein Landfest zum letzten Mal als mitwirkende Theilnehmerin — künftig wirst Du bei derlei Gelegenheiten nur als herablassendes gnädiges Fräulein erscheinen — im Seidenkleid und Federhut, mit der Lorgnette vor den Angen — das Bauernvolk wird »Vivat* schreien, und Du wirst so — (es zeigend) kopfnickend und stolz lächelnd durch ihre Reihen schreiten, und höchstens lispeln: »Guten Tag, lieben Leute! laßt Euch nicht stören, wir freuen uns, wenn Jbr Euch unterhaltet.« Rosa. Hahaha l das wär' wohl nicht so übel! aber Vater I wenn ich den Müller LoiS heirate? Brikm. (schlägt die Hände zusammen). Fürchterliches Kind, ich glaube gar, dein Hirn ist so gemein, daß eö einen solchen Gedanken jetzt noch ertragen kann? Rosa. Aber Vater! Ich versteh' Sie nicht — haben Sie denn nicht selber — Brikm. (etwas verlegen). Hm — ja — aber — nun ja — ich — ich Hab' rhu auf die Prob' g'stellt, Hab' sehen wollen, wie er sich anstellt, wenn ich nachgeb' — aber er hat sich neuerdings niederträchtig gegen mich benommen. Sechste Scene. Vorige. Lois. LoiS (tritt durch die Mitte ein, bleibt aber anfangs, ohne sich bemerkbar zu machen, an der Thüre stehen). 30 Rosa. Was Sie sagen? Brikm. Ich sag' Dir, er ist ein gemeiner Kerl, der meine Intentionen durchkreuzen will. Rosa. Aber wie denn? Brikm. Er ist eine falsche Bestie — Rosa. Sie gehen zu weit. Brikm. (in seiner Erbitterung fortfahrend). Red' mir nicht drein — er ist ein Jntri- guant — ein Verräther an deinem Glück — ein ordinärer Buschklepper — ein elender Lump — Lois (tritt vor). Wer ist denn das, der bei Ihnen in gar so freundlichem Andenken steht? Brikm. (macht bei seinem Anblick erschreckt einen Satz zurück). Ihr — Ihr — hier? Lois (sich ganz unbefangen stellend). Wo soll ich denn sonst sein? Sie haben mir erlaubt, heute die Fräuln Rost zum Tanz zu führen, und da bin ich so frei. — Brikm. (für sich.) Himmelsapperlot! er ist da — und allein —! Lois. Na — von wem haben Sie denn juit geredet, wie ich hereingekommen bin? Brikm. Von — von — von einem meiner Knechte. Aber sagt mir nur — von wo Ihr so allein daher kommt? Lois. Mit wem soll ich denn gekommen sein? (Scherzend.) Den kleinen Affen, den ich von da mit sortg'nommen Hab', Hab' ich im Wald gelassen. Brikm. Mir ist etwas erzählt worden von einem Auftritt mit einem Cavalleristen, der Euch arrctirt hat — Lois. Hahaha! da hat der alte Martin sich einen Spaß gemacht, hat ihm g'sagt ich wär' verrückt — na, der hat's aber bald g'merkt, daß ich ganz vernünftig bin. Brikm. Das war sehr unvernünftig von ihm. — Und da seid Ihr gleich wieder zurück? Lois. Gleich wieder zurück! Brikm. Nirgends anders g'wesen? Lois. Wo sollt ich denn gewesen sein? Brikm. War't Ihr nicht im Stad'l drüben? Lois. Gar keine Idee! Brikm. Könnt Ihr schwören? Lois. Ja, bei meiner Seel'! Brikm. (aufathmend). So ist doch noch nichts verloren! Lois. Na, also — können wir jetzt aus den Tanzboden gehen? Brikm. Warte ein wenig, ich muß erst einen Gedanken fassen, und das geht nicht so g'schwind! (Für sich.) Ja — es ist am g'scheidtesten — ich laß ihn mit meiner Tochter zum Tanz, da kommt er so bald nicht zu Haus — und ich Hab' da freien Spielraum. (Laut.) Gut — geht zum Tanz! Rosa (tritt zu Brikmann leise). Aber Vater! wenn das wahr ist, was Sie vom Lois g'sagt haben, so denk' ich — Brikm. (hitzig). Was hast Du zu denken, wenn ich sag: geh! Rosa (leise). Also ist der Lois doch unschuldig? Brikm. Was geht Dich seine Unschuld an? Rosa. Aber, ich weiß gar nicht wie Sie heut' sind — so wild als wenn — Brikm. Wild? nein — aufgeregt, wie man'ö immer ist, wenn man am Vorabende großer Ereignisse steht! Aber sie hat Recht — ich muß dem Burschen jede Besorgniß benehmen — ich muß freundlicher thun! (Mit erkünstelter Freundlichkeit.) Also, mein lieber, ehrlicher Lois, führe meine Familie auf den Kirchtag — unterhaltet Euch gut! Lois. Wie soll man sich denn nicht gut unterhalten, wenn man mit Ihrer lieben Tochter ist? Brikm. Na — es ist mein Weib auch dabei! Elise. Wie lange dürfen wir denn auö- blciben? Brikm. (heftig). Untersteht Euch nicht, vor morgen Früh zu Haus zu kommen! Lois (jubelnd). Bis morgen Früh, Juhe! Ich wollt', es würde gar nicht morgen. Kommen Sie nicht vielleicht auch nach? Brikm. Hm, möglich! vielleicht wenn Alles vorbei ist! — (Für sich.) Das heißt: wenn ich komm', dann soll Alles vorbei sein. (Horchend, für sich.) Halt — ja — die Thür vom Gastzimmer hat geknarrt — es wird die Baronin sein. (Laut und dringend.) Na, was steht Ihr denn noch? — Tausendsapperment! schaut, daß Ihr Euch zum Teufel — (Sich besinnend wieder freundlich.) Na, na, geht Kinder! geht — zu einer Freude kommt man nie zu zeitlich — geh — Roserl — gib dem braven Lois deinen Arm. — (Geht voraus und öffnet die Thür ) Gute Unterhaltung! lron amusswsnt! viel Plaisir! Lois (reicht Rosa und Elise den Arm). Darf ich bitten? So — und jetzt sollen die Spielleut' einen guten Tag haben! Meinen letzten Thaler geb' ich heut' dafür her, daß sie uns den schönsten Tanz aufspielen l (Ab mit Elise und Rosa.) Brikm. (ihnen nachsehend mit drohend erhobener Hand). Wart' nur, bis ich komm', ich werd' Dir den schönsten Tanz aufspielen — den Kehraus. Aber jetzt — (eilt zur Mittelthür und schließt ab) jetzt soll mich Niemand mehr stören. — Ich höre schon Fußtritte — sie ist's. Jetzt nur keine Hitze gezeigt, sondern die ganze Sach' ä. lu liegt mir nichts dran betrieben. Siebente Scene. Brikmann. Emilie. Emilie (kommt durch die Seitenthür). Guten Abend, Herr Brikmann. Brikm. Küss' die Hand, Ew. Gnaden! Emilie. Ich komm', um unsere Angelegenheit weiter zu besprechen. — Brikm. Besprechen! mein Gott! was laßt sich da besprechen, ich bin nicht der Mann, der da lang herumredet! Ich sag' ehrlich, wie ich's gewohnt bin: »So und so steht's, das ist zu machen,« und dabei bleibt's. Emilie. Wo ist denn der Müller, er versprach ja — Brikm. Ja, hat geglaubt, er wird Ihnen ein besser's G'schäft zu Stand bringen, hat vielleicht geglaubt, selber einen Rewach dabei z'haben. Emilie. Eigennutz trau' ich dem Manne nicht zu. Brikm. O, Ew. Gnaden kennen das Volk in der Gegend nicht, Alles G'sindel! ich weiß es, ich bin ja mitten drunter! Hahaha! Aber jetzt ist er ganzdasig zurückgekommen — die Leut' haben ihn alle ausg'lacht, wie er nur von 200,000 fl. geredet hat. Emilie. Aber wo ist er denn? Brikm. Er traut sich Ihnen gar nicht unter die Augen zu kommen — er ist zum Tanz. — Emilie. Ich sehe selbst ein, daß ein weiteres Bedenken zu nichts führt, haben Sie die Vollmacht bei der Hand? Brikm. (gleichgiltig). Ja — ich glaub' — (zieht die Schrift aus der Tasche hervor) da ist sie. (Gibt ihr das Papier.) Emilie (sitzt sich an den Tisch und liest). Brikm. Alles deutlich ausgesprochen — der Käufer übernimmt das Gut mit der Schuldenlast, und zahlt die 40,000 fi. baar aus. Emilie (seufzend). Nun denn — ich bin bereit. (Steht auf und langt nach dem Schreib- geräth.) Brikm. Halt — Geduld Ew. Gnaden! so ein Document ist zu wichtig — bei der Unterschrift müssen zwei Zeugen sein. — Emilie (etwas beleidigt). Ich werde Ihnen meine Unterschrift nicht abläugnen. Brikm. Es ist nur wegen der gesetzlichen Form — ein so ehrliches Geschäft hat die gesetzliche Form nicht zu scheuen. — (Mit einigem Hohn.) Schade, daß der superkluge Müller-Lois nicht da ist, aber es thun's ein Paar von meinen Hausleuten auch — warten Ew. Gnaden. (Oepnet die Thür, und ruft hinaus.) Heda, Michel, Hanns, wo stecken denn die Kerls alle? Achte Scene. Vorige. Michel. Michel (erscheint unter der Thür). Es ist keiner mehr da als ich, sie sind Alle zur Musik inS Dorf hinunter. Aber was schaf- fens denn? Brikm. Es handelt sich nur um eine Zeugenschaft, es betrifft den Verkauf des Gutes. — Nennte Scene. Vorige. Heinrich. Heinr. (in demselben Costume wie frü- her, den Mantel so übergeschlagen, daß er das Kinn bedeckt und die Kappe tief inS Gesicht gedrückt, tritt bei Brikmann'S Rede durch die Mittelthür). Brikm. Aber ich brauche noch einen zweiten Zeugen. Heinr. (tritt vor). Hier ist noch ein Zeuge. Alle (sehen ihn erstaunt an). Brikm. Was wollen Sie? Hab' ick Einquartierung? Heinr. Nein, nein, ich wollte fragen, ob ich hier über Nacht Unterkunft finden könne — trat durch die offene Thür ein, und hörte, daß Ihr eben um einen Zeugen verlegen wart. Brikm. Ja, wenn Sie die Gefälligkeit haben wollen — wir brauchen nur Ihre Unterschrift. — Heinr. Recht gerne — doch darf ich nicht lesen, was ich unterschreiben soll? Drik. Warum nicht? es ist die Vollmacht, das Gut zu verkaufen, ganz ehrlich verfaßt, überzeugen sie sich. (Hält ihm das Papier hin.) Heinr. (nimmt daS Papier, durchfliegt die Schrift und zerreißt sie ruhig). Brikm. Himmelelement? Was thun Sie? Emilie. Was soll das? Heinr. Sie vor einem Schritte retten, der Sie um die Hälfte Ihres Vermögens bringt, vor einem Schritte, zu dem die elendste Betrügerei Sie überredete! Emilie! (Wirft die Kappe und den Mantel von sich, und steht in der glänzenden Uniform eines Obersten da.) Emilie (zusammenbebend). Heinrich, Sie hier? Brikm (für sich). Sie sind per O Heinreich und O Emilie? Heinr. (zu Brikmann. ihn scharf inS Auge fassend). Sie sind der Guts-Jnspector? Brikm. Ich habe die Ehre. Heinr. Sie haben keine Ehre, denn Sie sind ein Schurke. Brikm. Mein Herr, ich verbiete mir — Heinr. Was — was verbieten Sie sich? (Tritt hart an ihn.) Brikm. (sich furchtsam zurückziehend) Nichts — gar nichts. Aber ich bin ein alter Beamter des Hauses, und habe stets nur den Vortheil im Auge. — Heinr. Das heißt Ihren eigenen Vortheil. — Für wen wollten Sie den Kauf schließen? Brikm. Ich — ich für einen Freund es war kein anderer Käufer da. — Heinr. So? So? das unterstehen Sie sich mir zu sagen? Hat Dr. Schlepper nicht mit Ihnen gesprochen? Brikm. Dr. Schlepper? — weiß mich wirklich nicht zu erinnern. Heinr. Sagte er Ihnen nicht, daß ein Käufer da sei, welcher 400,000 fl. für das Gut geben wolle? Emilie. 400,000 fl. —für das Gut? Heinr. Sie wußten um sein Offert und verschwiegen es der Eigenthümerin^ Emilie. So war ich also nur von Betrügern umgeben? Heinr. Nein, verehrte Frau! Einen redlichen Menschen haben Sie gefunden, es ist der junge Müller, welcher Sie hieher begleitet hat, er war bemüht, den Betrug zu vereiteln. Emilie. Lois! der ehrliche Bursche! Brikm. (für sich). Der Lois! O, Du Hauptspitzbub! Heinr. Doch jetzt bitte ich Sie um eine kurze Unterredung. (Zu Brikmann und Michel mit barscher Stimme:) Rechts um! Marsch! Brikm. (beleidigt). Erlauben Sie — Sie commandiren da mit mir, als ob Sie einen Gemeinen von Ihrem Regiment vor sich hätten. Heinr. Wenn ich im Regiment einen Gemeinen hätte, der sich solche Gemeinheiten wie Sie zu Schulden kommen ließe, so ließe ich ihn Spießruthen laufen. Doch nun fort, wenn meine Klinge nicht auf Ihrem breiten Rücken tanzen soll. Brikm. (leise bittend zu Heinrich, indem er auf Michel weist). R-SAaräes 168 Do- M6StiyU68! Heinr. (macht eine Bewegung der Unze- duld, indem er mit seinem Säbel auf den Boden stößt, und mit der Hand gegen die Thür weist). Brikm. Gleich — gleich! (Zu Michel.) Gut — ich weiche — aber der Lois! na der Lois! — für diesen Verrath will ich ein Erempel statniren, von dem die Weltgeschichte reden soll. (Zu Heinrich.) Habe die Ehre mich zu empfehlen, war mir ein besonderes Vergnügen — werthe Bekanntschaft — bald wieder die Ehre — (Geht unter fortwährenden Bücklingen ab.) Michel (folgt ihm). Emilie (anfangs verlegen). Herr Oberst! Sie versicherten mich, daß Sie mir verziehen haben, warum bereiten Sie mir noch eine qualvolle Stunde des Kampfes zwischen meinem Herzen und meinem unveränderlichen Entschlüsse? — Heinr. Ihr Entschluß soll auch nicht verändert werden! Sie versicherten mich damals, daß, wenn Sie sich selbst im Wohlstände befänden, und ich arm vor Sie hintreten würde, mir Ihre Hand zu reichen. Nun denn — diese Stunde ist ge- lhtatrr-Aepatotr. Sir. 93. kommen! Baron Sonnberg kauft Ihnen diese Besitzung um einen Preis ab, der Sie wieder in Wohlstand setzt — und ich — besitze nichts mehr, als das, was mir mein Stand trägt. — Emilie. Wie — und Ihr Vermögen? Heinr. Es ist fort, ich gebe Ihnen mein Wort darauf, sobald Baron Sonnberg das Gut gekauft hat, besitze ich nichts mehr. — Emilie. Sobald Baron Sonnberg das Gut gekauft? Sie versuchen es umsonst mich zu täuschen. — Ich entsinne mich, als Sie vor drei Jahren durch den Orden, der Ihre tapfere Brust schmückt, in den Adelstand erhoben wurden, erhielten Sie, Sie selbst das Prädieat »von Sonnberg«. Heinr. Nun denn, wenn Ihnen dieß bekannt — ja — cs ist so. Emilie (ernst). Und Sie wollen mir also Ihr Vermögen, wenn auch unter der Form eines für mich vortheilhaften Handels, — schenken? Ich bin von Ihrem Zartsinne überzeugt, daß Sie selbst einse- hen werden, daß ich ein solches Geschenk — zurückweisen muß. Heinr. Aber theuerste Emilie! Emilie (sanft). Kein Wort weiter, lieber Heinrich, — lieber würde ich mich vor der ganzen Welt, als gerade vor dem Manne, den ich — liebe — gedemüthigt sehen. — Heinr. Aber — Emilie! — so geben Sie mir einen andern Weg an, der endlich zum Ziele führt. — Emilie. Wir sind am Ziele! — Das Andenken an Ihre Liebe wird der Reiz meines in stiller Zurückgezogenheit vollbrachten Lebens sein. — Heinr. Und ich? Emilie. Sie sind der Mann der That! der Lorbeerkranz des Ruhmes wird Sie das einfache Reis der Myrthe leicht vermissen lassen. Doch nun bitte ich Sie, beenden wir diese Unterredung. Leben Sie r 34 wohl! (Reicht ihm ihre Hand und geht in das beitenzimmer ab.) Heinr. (allein). Emilie — noch ein Wort! (Will ihr nach, findet aber die Thür verschlossen.) Verschlossen wie die Pforte meines Lebensglücks. O unselige Begriffe der sogenannten höhern Welt, in welcher Vorurtheile und Rücksichten sonderbarster Art die schönsten Blüthen ersticken. Einst riß mich Mangel an Reichthum von ihrem Herzen los, und jetzt mein Reichthum selbst. O dieser Reichthum, hatte er denn, als ich unverhofft in seinen Besitz gelangte, einen andern Reiz für mich, als in dem Gedanken, ihr Leben dadurch zu verschönern! — Sie verschmäht die Gabe ans der Hand der Liebe — nun wohl, sie soll erfahren, daß ohne Sie alles Geld der Erde mir nicht mehr gilt, als der Staub, den mein Pferd im flüchtigen Laufe aufwirbelt. — Sie ist arm und gefällt sich in dieser Ar- muth, so will ich auch nicht mehr reich sein. Doch nun fort, fort! (Eilt rasch ab.) Verwandlung. (Freier Platz im Orte. Seitwärts daS WirthS- hauSgebäude, vor demselben Tische und Bänke, in der Mitte der Bühne ist der Tanzboden ge- legt unter einem Gerüste auS Baumstämmen,, welches mit grünen Reisern, buntfarbigen Guir.' landen und einer reichen Anzahl von Lampen geschmückt ist. Die Dorfmufiker fitzen auf einer erhöhten Tribüne und spielen lustige Weisen auf. — Aeltere Lauern stehen und sitzen bei ihren Krügen an den Tischen.) Zehnte Scene. Martin. M i s ch l e r. (Nachdem die Mufik eine Pause gemacht, kommt Martin auS dem WirthShause, Mischler drängt ihn auS der Thür.) Mischler. Na, jetzt geht, Aller, Ihr habt scholl genug — Martin (benebelt, den Hut schief aus ein Ohr gesetzt). Was genug! Ich Hab' genug? — Kein Mensch auf der Welt hat genug — nachher sollt ein Bettelmann genug hab'n? — Wirth! Ihr habt Euch sehr lächerlich gemacht! (Mehrere Bauernburschen, darunter Max. Franz. HanS, kommen hinzu.) Alle. Hahaha! Der alte Martin! Franz. Heut hat er wieder einmal seinen Zopf. Mischler (zu den Bauernburschen). Ich weiß nicht, was dem Gutsinspector ein- g'fallen ist, schickt er mir den Alten da mit einem Knecht in mein Wirthshaus, und laßt mir sagen, ich soll ihm auf seine Rechnung einschenken, waS er begehrt — na jetzt könnt Ihr Euch denken, wie der alte Saufaus dazug'schaut hat! Max. Laßt ihn gehen, der Alte ist so immer so mürrisch, erst wenn er etwas im Kopf hat, wird er spaßig. HanS (zu Martin). Geht, Alter, laßt die Leut' reden — sie sagen schon wieder, Ihr hättet einen Rausch. Martin. Was versteh'n die Leut' von einem Rausch? Sie wissen nicht einmal, was trinken heißt. Max. Na, daß Zhr das besser wißt, das zeigt eure rothe Nase. — Martin. Laßt mir meine Nasen in Ruh' — die ist meine Freud'. Andere Leut', die Geld haben, kaufen sich eineil theuren Meerschaumkopf und haben ihr Freud' dran, wenn er sich schön braun anraucht, das kann ich nicht thun, drum Hab ich mein Vergnügen dran, daß sich meine Nasen so schön roth antrinkt. Alle Tag schau' ich mir sie in dem Scherben von einem Spiegel, den ich in meiner Hütten Hab', an, und Hab' so mein Privatver^ gnügen! Hans (zu den Uebrigen). Er fangt schon wieder an zu stmuliren, wie er's immer beim Wein thut, wir müssen ihm noch etwas zahlen, damit er recht ins Predigen kommt. (Geht zu Martin.) Kommt, Alter, setzt Euch daher, wir wollen noch etwas beisteuern zum Anstrich von eurem Gesichtsvorsprung. Nur noch einen Wein her! Martin. Ja die Lent' sagen immer, man soll vor einem grauen Haar den Hut 35 abziehen — lächerlich! — 's kann Einer graue Haar' kriegen, und dabei so dumm sein, als er mit schwarzen war, aber vor einer rechten Kupfernasen, vor der soll sich jeder ehrfurchtsvoll beugen. Alle. Hahaha! Martin (geht zum Tische, auf welchen »ideß Wein gesetzt wurde, und trinkt aus dem Kruge). Lachet nicht, es ist was Altes: im Wein ist Wahrheit, je mehr also Einer in seinem Leben Wein in sich geschüttet hat, um so mehr Wahrheit hat er in sich ausgenommen, und so ist die Kupfernasen nichts, als ein von der Natur ausgestelltes Diplom eines Wahrheitssorschers! (Setzt sich schwerfällig aus einen Stuhl, und blickt in den in Händen gehaltenen Krug hinein.) Franz (setzt sich neben ihn). Na, was schaut Ihr denn gar so sinnig in'S Krügel? Martin. Ich kann mich nicht satt sehen an der schönen Erfindung! Franz. Ihr könnt Euch auch nicht satt trinken. Martin. Wer kann sagen, daß er satt von der Tugend ist? Mar (zu Hans leise). Er fangt schon an. (Laut.) Von der Tugend? Wie meint Ihr denn das? Martin. Ja, der Wein ist die Tugend, das will ich Euch beweisen, Ihr dummen Buben! Die Bursche (unter sich). Hahaha — laßt ihn nur gehen. — Martin. Da geht Ihr alle Sonntag in die Lehr', und der Schulmeister liest Euch aus den alten Büchern vor, und versteht's selber nicht — ich — ich versteh' die Schrift! Mir offenbart sich der Geist. (Trinkt.) Jungen! Liebe—dumme Jungen! Ihr wißt nicht einmal, warum der Wein auf der Welt ist! Und es steht doch so klar geschrieben! Ich will Euch's sagen. Die Bursche. Hört! Hort! Martin (steht wankend auf). Bei Erschaffung der Welt Anno Adam und Eva im Paradies hat'S noch keinen Weinstock gegeben, das ist klar, sonst hält' der Adam keinen Aepfelmost getrunken! Er hat seine Kinder beim Wasser aufzieh'n müssen, drum ist schon der erste Sohn nichts nutz geworden, und die ganze Welt ist nach und nach so schlecht geworden, daß unser Herrgott die ganze Menschheit hat wegschwaben lassen, — bis auf Noah uvso ss. kuwrü«! Jetzt, hat sich unser Herrgott denkt, will ich mir bessere Menschen ziehen, ich will ihnen einen Trank geben, bei dem ihnen daS Herz aufgeht, und wo sie die Wahrheit drin finden — und so — so hat er den Weinstock wachsen lassen, und hat dem Noah die Schankgerechtigkeit gegeben. — Von dem Augenblick an hätt' also kein Mensch mehr Wasser trinken sollen, dann wär' die Welt eine schönere Welt — aber die Menschheit, die undankbare Menschheit verkennt die edle Gottesgabe, sie wässert den Wein und gründet Mäßigkeitsvereine. ES ist nichts mehr anzufangen mit der Welt. So — g'redt Hab' ich — beherzigt es-und jetzt (den Hut abziehend) zahlt euer Lehrgeld für die Lektion! Mehrere Bursche (ihm Geld in den Hut werfend). Na, da habt Ihr! Martin. So — das ist eure Schuldigkeit. — Glaubt Ihr vielleicht Ihr macht mich glücklich mit die paar Kreuzer? Ich steh' nicht drauf an, — wenn ich einmal gut aufg'legt werde, so wers' ich Gold unter das Volk. Mar. Jetzt wird er schon wieder verrückt! (Die Tanzmusik beginnt rauschend.) Die Bursche. Hollah! Jetzt fangt der Tanz an! Wo sind denn bie Dirndeln? Franz. Hinten in der Stuben, — holen wir sie. (Eilen ab.) Martin (bleibt allein zurück). Da laufen sie Alle weg! ES ist aber recht — ich wär' schon wieder ins Plauschen hineingekommen, das g'schieht mir allweil, wenn ich Wein getrunken Hab', ich muß grad' »loch ein bißl zum Branntweiner hinüberschauen, und ein paar Gläser Doppelten draufschütten, der macht mich wieder verschlossen, weil ich dann g'wöhnlich die Zungen nicht L» rühren kann! Denn was ich weiß, soll vor der Hand noch Niemand wissen. — Dem Lois könnt'ich's zwar sagen, der sollt's wissen, was er einmal von mir erbt. — Na, bei Gelegenheit — man muß nicht zu gach sein mit so etwas — hübsch langsam, das Hab' ich in der Stadt drüben von den Leuten gelernt, da gibt's eine Menge Sachen, die die Leut' gern überstürzt haben möchten, aber zum Glück sind wieder Andere da, die sich allweil denken: Es muß ja nickt gleich sein — es hat schon noch Zeit. Lied. In Vorstädten in fernen Da haben's noch Laternen, A Flammerl ein klanes Wie bei ein'm Johannes, Brennt allein in der Gassen, Man sieht kaum sein Nasen. Gas war' ein Bedürfniß, Doch 's gibt stets Zerwürfniß, Bis d' Gemeinde wird einig, Das geht nicht so schleunig, Soll'n stolpern im Dunkeln noch zehn Jahr die Leut', Es muß ja nicht gleich sein, es hat ja noch Zeit. Kunstvereine sind jetzt zweie, Der alte und der neue, 's heißt sie werden sich vereinen Aus Zweien zu Einen, Die Kunst wird dann blühen Bei vereintem Bemühen; Schon lang ist ein Gered' das, In allen Zeitungen steht was, Die Comits's aber werden Nie einig auf Erden, Die Künstler wünschen alle ein End' von dem Streit, Aber's muß ja nicht gleich sein,'s hat ja noch Zeit. Z' Wien am hoh'n Markt in der Mitt'n War 'ne hölzerne Hütt'n, War recht schön diese Hütt'n Am hoh'n Markt in der Mitt'n; D' Leut hab'n sich schon g'stritten Was drin g'schieht in der Hütt'n. Nach drei Jahr'n, nach viel'n Bitt'n Jst's jetzt weg. — In der Hütt'n Haben's drei Jahr sich befleißigt, Ein Paar Statuen g'weißigt, »Und drßweg'n die Hütten drei Jahr?« sag'n d' Leut, Das müßt' w irklich nicht gleich sein, das hätt' schon noch Zeit.« Verschönert wird d' Stadt jetzt, Doch 's fällt mir ein grad' jetzt, Der Markt von alt'n G'wand'ln Der All's thut verschandeln, Barracken zum Entsetzen, Ganz ang'füllt mit Fetzen, Für's Feuer auch gefährlich, Und sie wär'n doch entbehrlich, Wie lang hat's schon g'heißen: Sie müssen's wegreißen — Seit zehn Jahr'n warten drauf schon die Leut', Na — 's muß ja nicht gleich sein, es hat ja noch Zeit. Aerger als die, die stehlen, Sind d' Wuchererseelcn — D' Leut ziehn's, 'S ist 'ne Schand, aus, Und saug'n 's ganze Land aus, Da sollt' man doch denken Ein G'setz soll's beschränken, 's wird g'redt und wird g'schrieb'n, Doch beim Alten ist's blieben, Ihr G'schäst treiben die Räuber Wie ehemals noch sauber — Soll'n halt sich d'Haut abziehen lassen die Leut' — -.Das G'setz muß nicht gleich sein — es hat ja noch Zeit! Nach Einheit man sehnt sich, Doch Deutschland, das trennt sich Noch stets in Parteien, Die sich nur entzweien, D' Fürstenthümer, die kleinen, Woll'n sich nicht vereinen, D' Kabineter zertragen sich — Die Völker beklagen sich — Don den großen Geistern Wird's schon Einer bemeistern, Daß's Vaterland sich seiner Einheit erfreut, Aber das muß nicht gleich sein, das hatjanochZeit. Etlfte Scene. Vorige. Lois. Elise. Rosa. Lois (kommt, Elise und Rosa am Arme führend, etwas stolz auf den Tanzboden). Franz. Da schaut her — da schaut her! Mar. Der Müller-Lois. Hans. Mit der Jnspectorischen. Mehrere (durcheinander). Ein schönes Paar — meiner Seel! Mar. Ein stattlicher Kerl der Lois. Lois (mehr in den Vordergrund tretend, und rings grüßend). Grüß Euch Gott! Männer undBub'n, grüß Euch Gott! (Zu Elise.) Madame Brikmannin, Sie erlauben, daß ich den nächsten Tanz mit der Fräule Rosi tanz. Elise. Ja, ja, laßt Euch nicht aufhalten. Lois (sie zu einem Tisch führend, an wel- chem mehrere Frauen fitzen). Nehmen Sie derweil Platz bei der Frau Richterin. Elise (setzt sich zu den Frauen). Lois (geht mit Rosa dem Tanzboden zu). Musikanten, jetzt einen ganz besonders säubern Tanz. — (Wirft ihnen ein Silber- stück zu» und stellt sich mit Rosa zum Tanz an. Die Musik beginnt. Anfangs tanzen mehrere Paare, nach und nach bleiben die übrigen stehen, daß Lois und Rosa allein tanzen.) Zwölfte Scene. Vorige. Brikmann (mit mehreren seiner Knechte). Brikm. (kommt in höchster Aufregung herein, mit starker Stimme). Halt! Aus ist der Tanz! Ich werd' jetzt ein Stückl auf- spiel'n! Alle (sehen ihn erstaunt an). Was ist denn das? Elise (tritt Brikmann entgegen). Was hast denn, Mann? Brikm. Eine Tochter Hab' ich, und die — (geht rasch auf Rosa zu, welche noch mit Lois tanzt, und faßt sie ungestüm am Arme) Fort von da! Mit so einem Lumpen (Lois anblickend) tanzt kein ehrliches Mädel. (Zieht Rosa vom Tanzboden weg. Die Musik verstummt — Alles blickt erstaunt auf Brik- mann und Rosa.) Lois (steht starr vor Schreck und lieber- raschung). Mehrere Bauern. Was ist's denn? Was ist denn geschehen? Rosa. Vater, was haben Sie denn? Brikm. Das sollst Du hören — das ganze Dorf soll's hören, daß ein Jeder sich in Acht nimmt vor so einem niederträchtigen Schleicher; vor so einem Spion, wie der Müller-Lois einer ist. Rosa. Vater — um Gottes willen, halten's ein — es ist genug! Brikm. Da schaut ihn an, wie er dasteht wie ein armer Sünder. Seine eigene Niederträchtigkeit druckt ihn zusammen. In mein Haus schleicht sich der Kerl — stellt sich an, als wenn er mein Mädel freien wollt, paßt derweil auf Alles auf, was in meinem Haus g'redt wird, und tragt's andern Leuten zu, die mir schaden. Er hat mir ein Geschäft ruinirt, was mein und meines Kindes Glück g'wesen wär', ich bin ein zu Grund gerichteter Mann, und Alles — Alles durch den Schuft da! Alle (durch einander). Ah, pfui Teufel, das ist aber grauslich! Brikm. Ja wohl — pfui! — k'iäono! Ausspucken muß man vor so einem — (spuckt aus) Pfui Teufel. Rosa (zerrt an Brikmann's Arm). Vater — fort — fort — ich ertrag's nicht. (Be- ginnt zu wanken.) Elise (schreit auf). Um Gottes willen — die Rosi! Sie wird todtenblaß. (Fängt die halbohnmächtige Rola in ihren Armen auf.) 38 Brikm. Echaff'S nach HauS. (Zu den Dauern.) Da — da schaut'S her — (mit erkünstelten Thränen) mein armes Kind, er bringt'S unter d' Erden. 8 vis (wacht auf, und stürzt auf Rost zu). Rost! Meine Rost! Brikm. (stößt ihn gegen die Brust). Zurück da, Kindesmörder!( Den Zärtlichen spie- lend, und Rosa an sein Herz drückend.) Mein Kind! Mein einziges Kind! Rufet den OrtSphyfikuS! (Eine Gruppe sammelt sich um die ohnmächtige Rosa.) Lois (steht vernichtet, keines Wortes mäch- tig. Mehrere Bauernburschen stehen neben Loiö, ihm verächtlich den Rücken kehrend). Der Vorhang fällt rasch. Dritter Llct. (Wohnstube in der Mühle, ländlich einfach, aber nett eingerichtet. Eine Mittel-, eine Sei- tenthür und ein Fenster. Es ist früher Morgen.) Erste Scene. Margarethe, dann Lois. Marg. (kommt mit einem Lichte in der Hand aus der Seitenthür). Ich glaub', man kann schon daS Licht auslöschen. (Thut es, und geht zum Fenster.) Gleich ist's Tag, und ich bin die ganze Nacht in kein Bett gekommen. So lange ist der LoiS noch nicht auS- gcblieben. (Aengstlich umhertrippelnd.) Es ist wohl dumm — ich thu noch alleweil, als ob er ein Bub' mit zehn Jahren wär', und er ist doch schon so groß — aber so ein Bub' mag wachsen noch so groß, aus dem Herzen einer Mutter wachst er nie heraus, und größer wird er auch nicht, als ihre Sorg' für ihn. Aber was wird's denn> weiter sein? — Kirchtag ist drüben, tanzen! wird er, unterhalten wird er sich. — (Ruhig.) Na, na, ich will mich ja gern umsonst geängstigt haben — wenn er sich nur unterhält. Lois (kommt leichenblaß und verstört herein). Grüß Gott. Mutter! (Hängt seinen Hut an einen Nagel.) Marg. (freudig). Ah! Da ist er ja! Aber Du bleibst lange ans. Lois (wendet sich, obne auf ihre Rede zu hören, wieder gegen sie, und geht zum Tische, wo er in einen Stuhl finkt und daS Haupt in die Hand stützt). Marg. (von seinem Anblick heftig erschreckt, schlägt die Hände zusammen, und tritt einige Schritte zurück). Heiliger Gott! Lois! — Wie schaust Du aus? (In Besorgniß.) Lois! Du bist todtenblaß — ist Dir nicht gut? (Geht auf ihn zu.) So red' doch, was fehlt Dir denn? Lois (fährt in die Höhe, blickt Margaretha an, und drückt sie dann ungestüm an seine Brust). Mutter! Mutter! Wenn Ihr nicht wäret, so (sie loslassend, und starr vor sich hinblickend) läge ich jetzt im Gießbach. Marg. (entsetzt zurückbebend). Heiliger Gott! Lois! Lois! (Fast weinend.) Was für eine gottverlassene Red'! LoiS. Ja, — beinah' hätt' mich unser Herrgott verlassen! Wie ich jetzt so den Hügel heraufgegangen bin in meinen Gedanken — es war noch Alles finster und die Tannenbäume sind dagestanden wie schwarze Riesen — nichts hat sich g'rührt, nichts hat gelebt — öd' war die Welt, öd' — wie mir im Herzen — da hör' ich's rauschen — ich war bei der Schlucht, wo drunten der Gießbach schießt — man hat's Wasser nicht g'seh'n, aber g'murmelt hat's so tief — so hohl — da ist'S mir in den Sinn gekommen, was die Welt für ein miserables, verpfuschtes Ding ist, und wie wohl Einem sein müßt, wenn's vorbei war' mit Allem, und man still druntenläge, wo die Wellen über Einen Hinrausch en — und da — meiner Seel' — da hat's mich schon gezogen — rin Sprung — Marg. (ängstlich aufschreiend). Lois! Lois (lebhaft). Ja — ja — so — grad so war'S, wie ich da droben g'standen bin, 39 mit dem fürchterlichen Gedanken — da auf einmal war mir's — als hört' ich eure Stimm' »Lois!« rufen. Ihr seid mir ein. g'fall'n! Mein Mutterl! Mein liebes altes Mutterl, Hab' ich denkt — na! Der darf ich das Leid nicht anthun — und in dem Augenblick zwitschert das erste Vögerl — ein Lichtstreif blitzt über die Berg — nnd Alles, was kurz vorher so schwarz und so todt war, war wieder grün und lebendig! Marg. Dein guter Engel hat Dieb nicht verlassen. Aber sag' mir nur, was hat Dich denn auf solche Gedanken bringen können? Lois. Mutter! — So unglücklich — so namenlos unglücklich habt Ihr mich noch nie geseh'n! (Wieder von ihr sich weg- wendend und zum Tische zurückkehrend.) Die Schand' vor der ganzen Gemeinde! Marg. (ängstlich). Mein Gott! LoiS! Du — wirst doch nichts ang'stellt haben? — So red' doch! — . Lois (sitzt in starrem Schweigen). Marg. (ängstlich die Hände ringend). Er redet nichts — was muß denn geschehen sein? (Wendet sich gegen daS Fenster, wirft einen Blick durch dasselbe und fährt erschreckt zurück.) Alle Heiligen, steht mir bei! Lois (aufspringend). Was ist's denn? Marg. Sie holen Dich! — Schau nur — schau, ein Herr mit Schriften unterm Arm und ein Soldat sind g'ritten gekom men! Lois (steht zum Fenster hinaus). Ah — den Soldaten kenn' ich — sei die Frau Mutter nur ruhig, der hat mir nichts an. Aber was er nur bei uns will? Er geht richtig aufs Thor zu! Zweite Scene. Vorige. Heinrich. Dr. Liebmann. Heinr. (wieder mit umaehangenem Man- tel, tritt mit Liebmann, welcher ein Packet mit Schriften unter dem Arme trägt, ein). Marg. (für sich). Ich zitt're an Hän. den und Füßen. Heinr. (erblickt LoiS, und geht rasch auf ihn zu). Ha, da treff' ich Euch ja! Lois. Gehorsamer Diener! Was gibt uns denn die Ehr'? Heinr. (auf Margarethen deutend). Wer ist — Lois. Das ist meine Mutter. Heinr. Ah! (Zu Margarethe.) Ich wünsche Euch Glück, liebe Frau, zu so einem wackern Sohne! Marg. O ich bitt' — (für sich, aufath- mend). Mir fällt ein Stein vom Herzen! Heinr. (zu Margareth). Doch wollt Ihr so gefällig sein, uns allein zu lassen — ich habe Einiges mit eurem Sohne zu.besprechen. Marg. Wie Sie schaffen — ich werd' derweil das Frühstück machen. — Ist's nicht gefällig Platz zu nehmen? (Stäubt einen Stuhl ab.) Heinr. Danke, danke. (Wirft seinen Mantel ab.) Marg. (erstaunt). O mein Gott! Lois (ebenfalls überrascht). Meiner Seel! — Ew. Gnaden, jetzt feh' ich erst, Ew. Gnaden sind ja schon etwas Immenses. Marg. (will Heinrich die Hand küssen). Die Ehr' — Heinr. Laßt das, gute Alte — geht nur an euer Geschäft! Marg. Ja, ja, gleich! (Im Abgehen für sich.) So ein Herr und bei uns! (Bleibt noch verwundert an der Thür stehen und geht dann ab.) Lois. Verzeihen, Ew. Gnaden nur — ich Hab' da im Wald, wie ich mit Ihnen zusammengetroffen bin, so ungenirt mit Ihnen g'red't, g'rad so als wenn Sie meinesgleichen wären! Heinr. Der Ehrlichkeit nach seid Ihr meinesgleichen und alles Andere trägt wenig aus! Lois. Verzeihen Sie, aber nicht wahr, Ew. Gnaden sind schon so ein General — oder — Heinr. Oberst Heinrich Richmond. — LoiS (sich besinnend). Heinrich — Rich- mond — den Namen soll ich ja schon gehört haben! (Sich erinnernd und in die Hände schlagend.) Ja — ja — Sie sind der, von dem die Baronin erzählt hat— Sie — Sie waren einmal ihr Liebhaber? H einr. Ihr wißt?—Doch um so leichter werdet Ihr mich verstehen! Lois. Ja wohl, jetzt begreif' ich's, daß Sie gleich dabei waren, dem Baron Sonnberg die Nachricht zu bringen. Heinr. Der bin ich selbst— Sonnberg ist mein Beiname. — Lois. Sie selber? (Für sich) Aber zu was er zwei Namen braucht, seh' ich nicht ein! Unsereins kommt mit Einem das ganze Leben aus'. (Laut) Aber sagen Sie mir nur — Sie haben doch das Gut richtig gekauft? Heinr. Nein — die Baronin wies meinen Antrag zurück, aber dennoch soll und muß mein Vermögen das ihre werden. — Ihr sollt mir dazu behilflich sein. LoiS. Ich? — Wie ist denn das möglich? Heinr. Ich erfuhr, daß Ihr nicht nur euer Gewerbe als Müller versteht, sondern nebenbei auch ein tüchtiger Landwirth seid. Lois. Ja, das trau' ich mir schon von mir selber zu sagen — ich wollt' nur, ich hätt' den Herrnhof in Weißdorn zu verwalten, und ein paar tausend Gulden baa- res Geld in der Hand; wenn ich's nicht in zehn Jahren so weit brächte, daß die Schulden bezahlt sind, und das Gut um die Hälfte mehr werth ist, so will ich nicht Lois heißen. Heinr. Ihr spracht hier eben meinen Plan aus. Lo i s. Was?—Was sagen Ew. Gnaden? Heinr. Ja, so allein kann es gelingen, die Baronin zu bestimmen, ohne daß Sie eS weiß, aus meiner Hand die Hilfe anzu- nehmen, die ich ihr mit so freudigem Herzen leisten will. — Ihr geht zu ihr, sagt ihr, daß Ihr entschlossen seid, die Pflege des Gutes zu übernehmen, und einen Mann — sagt meinethalben einen Verwandten, oder was Ihr wollt, nur mich nennt nicht — gefunden habt, der Euch die nöthigen Gelder vorstrecken will. Lois. Hm — es ist zwar eine Lüge, und ick lüg' nicht gern — aber wenn man so etwas Gutes damit erreicht, wird's unser Herrgott wohl verzeihen. Aber wie ist's denn dann mit dem Geld? Heinr. Ich habe die Leitung meiner Geschäfte jenem betrügerischen Notar entzogen, und einem mir als Ehrenmann empfohlenen Rechtsfteund, (auf Liebmann wei- send) Herrn Dr. Liebmann damit betraut. Er ist im Besitze der nöthigen Vollmachten, und mein Vermögen ist bei ihm nieder« gelegt. Liebm. Ja, lieber Freund! Kommt nur zu mir in allen Angelegenheiten. Heinr. Doch nun eilt, um einen andern Schritt zu verhüten, sogleich hinüber nach Weißdorn. — Lois. Nach — nach Weißdorn —? Heut' noch? Nein — nein, das ist nicht möglich! Heinr. Warum nicht? Lois (mit Scham und Erbitterung). Herr Oberst! Sie wissen nicht, was mir heut' Nacht drüben geschehen ist. — Heinr. Was ist Euch geschehen? Lois. Ich schäm' mich fast es zu erzählen. Auf dem Tanzboden vor der ganzen Gemeinde hat mich der alte Brikmann schimpfirt — mich einen Lumpen geheißen. Heinr. Der alte Brikmann — warum? Lo iS. Weil ich — seinen Betrug Hintertrieben Hab'.— Oh — Alles — Alles könnt ich verschmerzen, — aber daß eS jetzt auch mit der Rosi aus ist für immer — Heinr. Pah! Wenn Euch dasMädchen wirklich liebt.— Lois. Ja, wenn sie mich auch liebt — nach dem Austritte muß sie sich schämen einmal Arm in Arm mit mir gegangen zu sein, sie muß mich Haffen, weil sie die Schand mitgetroffen hat — es ist aus! — es ist aus! (Wendet sich um und trocknet sich die Thränen vom Auge.) Dritte Scene. Vorige. Rosa. Rosa (in einem vernachlässigten Anzuge, ein Tuch leicht um Kopf und Hals geworfen reißt die Thür auf, und stürzt, ohne die übrigen Anwesenden zu betrachten, leidenschaftlich auf Lois zu, und schlingt die Arme um ihn), Lois! Lois! Lois (beinahe erschreckt, weicht einen Schritt zurück, traut seinen Augen nicht, und ist kaum derStimme mächtig). Ro — Rost — Sie — Sie — da — bei mir. Rosa. Ja — ja es hat mich nicht länger zu Haus gelitten—ich Hab' herüber müssen — um Dir zu sagen, daß ich Dein bin, für ewig Dein! (Stürzt wieder in seine Arme.) LoiS. Tu nennen Sie mich? Und in meinen Armen liegen Sie? Wie g'schieht mir denn? Rosi! Um Gottes willen!, Reden Sie! Rosa (rasch sprechend, so daß ihr der Athem oft gebricht). Ja — Alles — Alles sollst Du erfahren. — Schau — Du hast mir immer gefallen, aber ich Hab' mir's nie ge stehen wollen, wie gern als ich Dich Hab', weil der Vater immer g'sagt hat, Du wär'st zu gering für mich — wie's aber den Anschein gehabt hat — als wär's ihm selber recht—so war ich froh! Und dann heut' Nacht — am Kirchtag — Du weißt ja — der schreckliche Auftritt — ich Hab' nicht g'wußt, um was es hergeht — aber sie haben mich fast ohnmächtig nach Haus gebracht — haben mich in's Bett gelegt — ich aber — ich Hab' vor Weinen nicht schlafen können — und da — da ist die Frau Baronin, die gleich im Zimmer neben mir logirt, herübergekommen zu mir — sie hat mir erzählt, was die Ursach, meines Vaters Zorn ist — sie — sie hat mir erst deinen wahren Werth kennen gelernt, und ich — ich Hab' mich geschämt, daß ich mich jemals Hab' für etwas Vornehmes halten können. — Der Gedanke, daß mein Vater so ein Spiel mit Dir getrieben hat, daß Du glauben könntest, ich wär' im Einverständ- niß mit ihm, hat mir keine Ruh', keine Rast gelassen; in der Früh, wie's kaum grau geworden ist, bin ich auf— bin fort — ohne einem Menschen etwas zu sagen — bin gelaufen durch den Wald daher, und da — da find' ick Dich — und Dein bin icb, Dein bleib ich, und wenn mich mein Vater erschlagen wollt'! (Bricht bei den letzten Wor' ten in Thränen auö und gleitet, indem sie völlig erschöpft in LoisenS Arm stürzen will, an ihm so herab, daß sie zu seinen Füßen in halb- knieender Stellung niederfinkt.) Lois (bemüht sie aufzurichten). Rosi! Rosi! (Zum Himmel blickend.) Herr im Himmel, verzeih' mir, daß ich nur einen Augenblick Hab' verzweifeln können! Heinr. (welcher bei Rosa'S Eintritt mit Liebinann in den Hintergrund getreten war, tritt nun rasch hervor). Nun ist der Augenblick da, wo ich Euch belohnen kann! Rosa (ihn jetzt erst bemerkend, und verschämt auS LoisenS Armen zutückweichend) Mein Gott — die Herren — (Zieht rasch das verschobene Tuch zusammen) Lois. Rosi! Vor dem Herrn brauchst Du nicht zu erschrecken, der weiß auch, was eine unglückliche Lieb' ist! Heinr. Eure Liebe soll nicht unglücklich sein. Ich übernehme es, den Vater des Mädchens dahin zu bringen, daß er nicht nur öffentlich eurer beleidigten Ehre Genugthuung, sondern auch eurer Verbindung seine Zustimmung gibt! Lois (freudig). Um's Himmel willen! Was sagen Sie? Rosa. Herr! — Machen Sie mit so etwas keinen Spaß! — Heinr. Es ist mein heiliger Ernst — inein Ehrenwort zum Pfände, noch heute soll eure Verlobung sein. Lois und Rosa. Heut' — heut' noch! Heinr. Doch nun befolgt meinen Rath. Rosa. Mit tausend Freuden! Heinr. Sie, liebes Kind, müssen wieder nach Hause — wo möglich, ehe Ihr Vater Ihre Abwesenheit bemerkt. Rosa. Oh — das ist leicht möglich — 's noch früh, und meine Eltern stehen nicht 42 so zeitlich auf — ich schleich' mich nur in den Park. — Heinr. Um noch schneller hinüberzu- kommen, bedienen Sie sich des Wagens, in welchem Herr Liebmann hieherfuhr, ich reite hinüber, und bald soll auch Ihr Geliebter sich auf dem Herrenhose einfinden. Rosa. Lois — Du kommst? Lois (muthig). 3a, jetzt komm' ich hinüber, und wenn der Herr Brikmann an jedem Fenster eine Kartätsche,i-Batterie aufführen ließ. Heinr. (zu Rosa). So folgen Sie bald — der Wagen steht bereit. — Doch mit Ihnen, Herr Doctor (zu Liebmann) Hab' ich noch Einiges zu sprechen. — Wollen Sie mir in den Hof folgen? (Ab mit Liebmann.) Lois. Jetzt sind wir allein — jetzt kann ich Dich erst nach Herzenslust umarmen. (Thut es.) O Gott! wie sich das auf einmal so freudenvoll verändert hat! Noch vor ein paar Minuten war's in mir so schwarz wie unsere Berg, wenn ein Wetter heraufzieht, aber das eine Wort von Dir: »Ich bin Dein« hat alle Wolken verjagt, und der Himmel ist wieder rein! Rosa. Ja, was vermag oft ein Wort! Lois. Ja wohl — wie oft liegt nicht nach dem größten Schmerz, nach dem bittersten Kummer in einem einzigen Wort ein ganzer Himmel voll Seligkeit! Duett. Lois: Mit einem Wort kann man sehr viel oft sagen, Ein Wort sagt öfter mehr als d'größtc Red', Probier's und thu' dein Herz um etwas fragen, Wirst seh'n, daß Ja nur oder Nein d rin steht. Rosa: Ja, ja, wenn ich oft war in Gedanken. Mich selber g'fragt Hab': »Was wird g scheh'n mit Dir?« Da war in mir ein ungewisses Schwanken, Bis endlich 's Herz nur »Lois« hat g'sagt z» mir. Beide: In dem Wort liegt 'ne Welt, Ein Himmel voll Lust. Wer da nicht aufjauchzt, Hat kein Herz in der Brust. Lois: Wenn Dich am Altar wird der Priester fragen: Willst Du sein Weib, willst Du stets treu ihm sein? Rosa: So laut, daß's alle Welt hört, will ich sagen: »Mein Lois! Ja! Ja! auf ewig bin ich Dein!« Lois: In dem Wort liegt 'ne Welt, Ein Himmel voll Lust, Wer da nicht aufjauchzt, Hat kein Herz in der Brnst. Rosa: Wenn ich zu Dir bann »Mann* auch werde sagen Und Du zu mir »mein Weib*, ich faß's noch nicht. — Lois: Wenn dann dereinst in fröhlich spätern Tagen Ein zärtlich Wesen »Mutter* zu Dir spricht — Beide: In dem Worte liegt 'ne Welt, Ein Himmel voll Lust, Wer da nicht auftauchzt Hat kein Herz in der Brust. (Rosa eilt ab.) 43 Liebm. (kommt nach dem Duette). Als», lieber Freund! an unser Geschäft! (Setzt sich zum Tische, und legt seine Papiere darauf.) Lois. G'schäft! G'schäst!— Oje — jetzt wirds mir nicht zusammengeh'n mir G'schäften. — Liebm. Aber dcrHerrOberst wünscht — Lois (sich besinnend). Ja — der Herr Oberste! — und der Frau Baronin ihr Glück gilt's auch — jetzt — (sich an'S Herz schlagend) Herz, halt's Maul — den Kopf will ich bei einander haben! (Setzt sich zu Liebmann an den Tisch.) Liebm. Nun seht—hier ist ein Auszug aus dem Grundbuche — hier sind die Rechnungen. — Lois. Rechnungen! (Aufschreiend.) Hol' mich der Teufel, wenn ich jetzt nur das Einmaleins träfe. — Ich kann in meiner jetzigen Stimmung nicht bei dem trock'nen G'schäft bleiben. (Man hört plötzlich außen laut durch einander sprechen, dazwischen der Ruf: »Nur in die Stube— holt einen Arzt — schnell! zu Hilfe! u. s. w.*) Lois (aufhorchend). Was ist denn das wieder? Liebm. Was ist denn geschehen? LoiS. Ich will gleich schauen. (Eilt gegen die Thür.) Vierte Scene. Vorige, Margareth, dann Caspar, später Norbert (eilen nach und nach herein). Marg. Um Alles in der Welt! Das Unglück — ich zitt're an allen Gliedern! Lois. Was ist denn g'schehen? ^ Caspar (eilt herein). Die Equipage, die grad fortg'fahren ist — Lois. Mein Gott, die Rosi sitzt drin! Caspar. Der ist nichts geschehen! Aber der alte Martin — sie haben ihn überführt. Lois. Was? Nicht möglich! Ist ei todt? Norbert (kommt bei den letzten Worten herein). Gott bewahr'! Recht g'schieht dem boshaften Trunkenbold! Lois. Aber so reden Sie doch! Norbert. Schon heut' früh, wie ich auf den Anstand gegangen bin, find' ich den alten Bettler, vom Branntwein auf zehn Schritte stinkend, ganz bewußtlos quer über die Fahrstraße liegen — ich helf' ihm auf, und leg' ihn seitwärts an einen Baumstamm, und jetzt, wie ich wieder zurückkomm' zur nämlichen Stell', rollt er, zwar erwacht, aber noch immer mit seinem Rausch nicht fertig, grad wieder hinunter auf die Straße — in dem nämlichen Augenblick fahrt aus der Mühl' eine Equipage mit ein Paar jungen Pferden heraus — ich und meine Leute schreien dem Kutscher zu — der reißt wirklich die Pferde zusammen, so daß sie dicht an dem Alten schon stehen geblieben sind, aber Der in seinem Rausch, statt daß er aufg'standen wär', schlagt er mit seinem Stock auf die Füße der Pferde, die werden wild — bäumen sich — lassen sich nicht mehr aufhalten, und — hast es nicht g'sehen, rollt der Wa. gen über den Kerl hin. Ich Hab' geglaubt, die Räder müßten ihn mitten auseinander- g'führt haben. — Wir laufen gleich hin, und — siehst es — Unkraut verdirbt nicht — ein paar Fußtritt am Arm von den Pferden — weiter nichts! Lois (aufathmend). Gott sei Dank! Norbert. Ihr habt doch nichts dagegen , daß ihn meine Leute daher in euer Haus tragen — man muß ihn doch untersuchen — verbinden, und was sich halt in der Eil' thun läßt. Lois. Na, das versteht sich — bringt ihn nur herein! ^ Norbert (öffnet die Thür). Sie kommen schon — zum Glück haben meine Bursche grad eine Wildtrage mitg'habt, um die Wildsau, die ich gestern g'schoffen Hab', ins Forsthaus zu tragen — drauf haben sie jetzt ihn g'legt, na — 's kommt auf Eins heraus! (Ruft hinaus.) Nur da herein! Fünfte Scene. Vorige. Einige Jägerbursche (bringen auf einer auS Baumstämmen gezimmerten Bahre den alten Martin herein, und stellen dieselbe mitten in die Stube). LoiS (mitleidig auf Martin zugehend). Was ist Euch denn, Alter? Martin (ächzend und in seiner Trunkenheit lallend). Ah — ah — todt bin ich! — Maustodt! Zusammeng'führt haben sie mich wie einen Hund! Ah! Lois! Jcb bin todt! Lois. Redet nicht so dumm — Ihr seid todt, und schreit wie ein Zahnbrecher! Martin (richtet sich halb auf). Aberseht Ihr denn nicht? Die Räder hab'n mich zusamm'geqmtscht — ich bin so dünn wie ein Bogen Papier — ich sterb' — auweb — ich sterb'! Norbert (zu ihm tretend). Ihr sterbt, wenn der Branntwein in Euch zu brennen ansangt, Saufaus! Martin. Ihr seid ein Esel! Alle edlen Theile sind hin — seht Ihr noch etwas von einem edlen Thcil an mir? Norbert. Nein, wahrhaftig nicht. (Zu Margareth.) Lasset nur ein kaltes Wasser hereinbringen! Martin (mit starker Stimme schreiend). Wasser? Thut mir das in meiner Todes- stund' nicht an! — Nur kein Wasser! — Das bringt mich um! Marg. Ich werd's gleich bringen lassen — und einen Thee werd' ich ihm machen, daß er doch zu sich kommt. (Eilt'ab.) Martin (wieder mit schwacher Stimme). Lois! Vetter Lois! Lois (zu ihm tretend). Was wollt Ihr denn? Martin. Du bist mein Universalerb' — Du, Universal—hörst Du's? Universalerb! Lois. Dank recht schön! Hahaha! Martin. Lach' nicht — lach' nicht — aber (plötzlich in die Höhe fahrend) Du wirst's nicht finden — Du findest es nicht! Lois. Was soll ich denn finden? Martin. Dein Erbtheil — aber (finkt wieder zurück). Oh — oh — Lois. Was habt Ihr denn? Martin. Durst, unsinnigen Durst! — Lois! — Erb' — Universalerb' — erleichtere mir das Scheiden von der Welt — gib mir eine Flaschen Wein —! Ich Hab' noch nicht g'frühstückr, und so in die andere Welt kommen — mit nüchternem Magen — das schickt sich nicht — ich will nicht gleich ausgerichtet werden in der andern Welt. — Marg. (ist inzwischen mit einer Magd, welche einen Kübel mit Wasser und Linnen trägt, hereingekommen). Norbert (hat ein Leintuch naß gemacht, und tritt damit zu Martin). So — einen kalten Umschlag. — Martin (mit der Hand zum Schlage auS- holend). Du wirst gleich einen Umschlag fangen, daß Dir's Blut bei Nasen und Ohren herausspritzt! (Wieder wimmernd.) Lois, Du einzige gefühlvolle Seele! gib mir einen Wein! Norbert (unwillig). Ei so sauf, Du Best'! bis Du Dich nicht rühren kannst, eh' ist mit ihm nichts anzufangen. (Nimm t seine Feldflasche, die er an seiner Schnur trägt , herab, und stößt sie ihm hin.) Martin (riecht dazu, sich erhebend). Ah ! Kornbranntwein! Ich verzeih'Dir, Hirschen- schrecker! (Trinkt.) O — mir wird licht — so licht — das ist Verklärung. — O — so ein Sterben ist schön! O — ich Hab' eine Ahnung vom Himmel! Auch jenseits wachst Branntwein! (Sinkt zurück.) Lois. Hahaha! So Hab' ich den Kerl noch nie g'sehen! Martin (fährt wieder in die Höhe). Lois! Lois! Noch ein Wort — eh' ich entschwebe. — (Blickt auf seine Umgebung.) Es sind zu viel Leut' da — hinaus — hmaus! Norbert (zu den Jägerburschen). Geht nur fort — hier habt Ihr nichts mehr zu thun! — (Jägerburschen und Caspar ab.) Martin. Lois! (Zieht ihn an der Hand zu sich.) Sie werden dir Dein Erbtheil streitig machen. — Du kriegst Prozeß — ich will ein Testament machen — ein Testament, sonst nehmen sie Dir das Gold weg — und eS ist viel — viel Gold — in meiner Hütt'n — drüben am Bach — im Keller— unter dem Stroh. — Hui! das glanzt. — (Sinkt wieder zurück.) Liebm. (wird aufmerksam). Was sagt er da? Lois (leise zu ihm). Narrheiten, die er schon viele Jahr immer im Maul hat! Liebm. Ei, ei, lieber Freund, es sind schon Fälle vorgekommen, die auf wichtige Entdeckungen führten. — Benützen wir seine Trunkenheit, und seinen Wahn sterben zu müssen! Lois. Na, wenn Sie meinen — aber Sie werden sehen, es kommt nichts als dummes Zeug heraus! Liebm. Ich bitte Euch, stellt Euch nur an, als nähmet Ihr die Sache aus vollem Ernst! Lois. Na gut! (Tritt zu Martin, ihn rüt- telnd.) He, Martin! Martin! Martin. Was ist'S? Lois. Ihr habt recht, wegen dem Testament — sonst nützt mir die Erbschaft nichts! Martin. Richtig! nützt nichts — also — mein Testament!— Wer schreibt's auf? Lois. Da — da ist so ein Herr! Liebm. (tritt zu Martin). Ja, mein Lieber, ich — Martin (sieht ihn mit starrem Auge an). Der — da? Nein — nein— den geht's nichts an. — Es ist keine Sünd' g'wesen — es war keine Sünd'. Weg mit dem Schwarzen! Ich mag die Schwarzen nicht! Lois. Nein, nein, der Herr ist ein Ad- vocat — ein Rechtsfreund. Martin. Hahaha! Ein Advocat! Der ist recht!— Der wird beweisen, daß diese Art Stehlen kein Verbrechen ist. Lois. Stehlen? Was kommt da heraus? Martin. Also — Testament! — schreiben Sie das Testament! Liebm. Recht gern — Sagt nur Alles deutlich an! (Setzt sich zum Tisch und stellt sich an, als schriebe er.) Martin. Schreiben Sie! (Trinkt wäh- rend des Sprechens häufig.) Schreiben Sie! (Dictirend.) Weil ich gestorben bin — so will ich — Haben Sie? Liebm. Ja, ja — Martin. So will ich begraben werden, aber — sehr schön — mit dem ganzen Conduct! Hahaha! Die Leut sollen sich giften, daß ich sie so lang gefoppt Hab'! Liebm. Soll geschehen — aber — (dringend) nur weiter — weiter! Martin. »Ja — g'schwind — der Tod sitzt mir auf der Zungen — (trinkt) er trocknet mir sic ganz aus! Also — ich vermach' — geben Sie Acht — meinen Bettelstock dem ärgsten Wucherer in der Stadt — er soll ihn genießen — er ist ihm vergönnt! So — jetzt sind wir fertig! Jetzt kommt der Universitäts-Erb', das ist der Lois! — Schreiben Sie — schreiben Sie — schreiben Sie jetzt genau — Meine Lehmhütt'n am Bach gehört sein, und alles Gold, was im Keller unterm Stroh liegt! Liebm. (steht rasch auf, und tritt zu Martin mit barscher Stimme). Woher habt Ihr das Gold? Martin (zusammenbebend und verwirrt). Was will der Schwarze? es ist keine Sünd' — ich hab's nicht geraubt — ich hab'S den Räubern abg'jagt! Liebm. (zu Lois leise). Hört doch! hört doch! (Laut zu Martin.) Welchen Räubern? sprecht! Martin. Werden Sie mir sagen, ob's eine Sünd' ist? — ich möcht's wissen — ich Hab' öfter Scrupeln! — Liebm. Erzählet nur — erzählet! — Martin. Ja, ich will Alles beichten — bücken Sie sich herzu! (In Liebmann s Ohr.) Es sind vier Jahr' her! Liebm. (immer aufmerksamer). Vier Jahre? Martin. Ich bin in der Mondnacht durch den Wald — da — da sitzen im 4 « Busch vier Knechte vom Herrnhof—haben eine Eaffa vor sich, wollen sie grab auf- sprengen — da — da schrei' ich, was ich kann: »Haltet sie fest!* Hahaha! die Kerl'n — aufg'sprungen stnd's—Reißaus haben's^g'nommen, und ich — ich Hab' die Cassa nach Haus g'schleppt. — Lois. Himmel! das ist das Geld, was dem alten Baron g'stohlen worden ist. — Martin. Ja — dem Baron Weißdorn! ich hab's später erfahren. — Einen» jeden Andern hätt' ich's j'rückgegeben, aber dem nicht! er hat mich an den Bettelstab gebracht — es ist keine Sünd' — nicht wahr — (zu Liebmann) es ist keine Sünd' — ich hab's nicht ausgegeben — ich hab's vergraben — Alles — Alles ist da, dem LoiS gehört's! Aufschreiben — Testament — Lois — Universal — (Sinkt zurück ) Aus ist's! — ich sterb'. — (Schläft endlich überwältigt ein ) Marg. Mein Gott — er ist dock nicht wirklich todt? Martin (schnarcht laut). Norbert. Da hört nur — er schläft wie ein Ratz (Ratte). LoiS. Gott im Himmel! was haben wir da g'hört? wenn das wahr wär', dann wär' ja die Baronin gerettet. (Rasch.) Gehn wir hin in seine Hütten — schauen »vir nach. Lieb ui. Halt, halt, mein Guter! laßt Euch von eurem Eifer, das Rechte zu thun, nicht selbst zu einem Unrecht verleiten! — Wie — Ihr wollt in ein nicht Euch gehöriges Haus eindringen? Lois. Ah — die alte Lehmhütten von dem Bettler — Liebm. Dein Bettler ist seine Lehmhütte, was dem König sein Palast! Es wäre ein schweres Vergehen, in dieselbe einzudringen, ohne früher das Gericht in Kenntniß gesetzt zu haben! Darum kommt nur mit »nir, was wir hier aus seinem Munde gehört, können »vir beschwören, das Gericht sodann wird nicht säumen, augenblicklich das Geeignete einzuleiten. Lois. Na, ist auch gut! Aber g'schwind muß es geschehen, ich Hab' keine Ruh! (Eilt zum Fenster.) Wenzel, g'schwind anspannen! Und Ihr (zu Norbert und Caspar) seid so gut und tragt den da (auf Martin weisend) ins Kammer! hinein, legt ihn ins Bett, was drin steht, und laßt ihm seinen Rausch ausschlafen. Norbert und Caspar (fassen die Bahre an und tragen Martin in die Seitenthür ab). Lois (zu Margareth). Und jetzt, liebe Frau Mutter! muß ich wieder fort, mit dem Herrn da. — Also kommen Sie, keine Minuten Zeit verloren! (Ab mit Lieb- mann.) Verwandlung. (Pack im Schlosse wie im ersten Act ) Sechste Scene. Heinrich (geht gegen das Gebäude und pocht an). Schläft denn noch Alles? (Pocht wieder.) Siebente Scene. Heinrich. B r i k m a n n. Brikm. (steckt zuerst seinen noch mit der Nachtmütze bedeckten Kopf zum Fenster heraus) ^ Was gibt's denn schon wieder in aller Früh! (Kommt in einer Nachtjacke, die Schlafmütze noch auf dem Kopf, aus dem Hause, sehr mürrisch, indem er sich die Augen reibt.) Das kann mich schon am meisten ärgern, wenn »nick wer um mein Morgenschlaferl bringt! (Laut zu Heinrich.) Schamsler Diener! Was wollen Sie denn? Heinr. Eine Kleinigkeit — seid so ge- i fällig mich auf das Gerichtshaus zu begleiten. Brik m. (stutzt — sieht ihn groß an). Gerichts — Gerichtshaus? entschuldigen — ich Hab' zu Haus zu thun — aber wenn Sie den Weg nicht wissen, so geb' ich ? Ihnen einen Knecht mit. (Will in s Hau«) 47 Heinr. (faßt ihn rasch am Arme und hält ihn zurück). Ich muß Euch schon bitten, Euch persönlich zu bemühen. Brikm. (bebend) Ich — persönlich — verzeihen Ew. Gnaden — ich — ich Hab' mir den Fuß übertreten. Heinr. Es handelt sich eben um Uebertretungen. — Brikm. (immer ängstlicher). Machen Sie keine matten Witze — ich bin ein ehrlicher Mann. — Heinr. Der Advocat Schlepper hat bereils gestanden — Brikm. (für sich). O du dummer Kerl! (Laut, den Muthigen spielend.) Was kann er gestehen? Ich weiß nichts — ich kann's beschwören, daß ich nichts weiß — aber gar nichts! Ich Hab' nichts zu fürchten — Heinr. Nun, so kommt nur, kommt — (Will ihn fortführen.) Brikm. (immer ängstlicher werdend) Ist's denn gar so eilig? Herr Oberst, ein Wort — Heinr. Was? Brikm. Sehen Sie — ich bin wohl unschuldig — schauderhaft unschuldig — aber — diese Laufereien — diese Keicreien — dieses Ausfragen — ich versichere Sie, es ist mir sehr unangenehm. Heinr. O, mein Lieber! es wird schnell abgethan sein—ein öffentliches Gericht.— Brikm. Herr Oberst! schlagen Sie die Sache nieder — Sie sehen — ich bin ja bereits niedergeschlagen — Heinr. Ich kann nicht, denn es weiß noch Jemand um die Sache — ein arger Feind von Euch. Brikm. Ein Feind —? Jetzt möcht' ich doch wissen, wie ein Mann wie ich zu einem Feind kommt! Heinr. Es ist der junge Müller, den Ihr gestern so schwer beleidigt habt. — Brikm. Ich war in einem unzurechnungsfähigen Zustand — ich will ihm's abbittrn — öffentlich abbitten. — Hein». DaS wäre wohl etwas — doch nickt genug! Brikm. Noch nicht genug — ja, was will er denn noch mehr? Heinr. Eine öffentliche Erklärung, daß Ihr ihm eure Tochter gebt. — Brikm. Was — meine Tochter? ihm? nein — niemals! — Achte Scene. Vorige. Zwei Gerichtsdiener, dann ein Gerichtsbeamter erscheinen mitLois und Lieb mann (im Hintergründe). Brikm. (fährt entsetzt zurück). Herr Oberst! — was wollen die Gerichtsdiener? Heinr. (für sich). Ich staune, was geht hier vor? Brikm. (fleht immer rückwärts). Der Lois! Da ist der Lois! Heinr. (für sich). Sei es was es sei — nun rasch! (Zu Brikmann.) Schnell! schnell bittet ihm ab — ich hole eure Tochter — Brikm. Alles — Alles — was Sie wollen! Lois (der indeß rückwärts mit dem Com- miffär gesprochen, eilt nun vor). Wo ist die Frau Baronin? Brikm. (eilt ihm entgegen und stürzt vor ihm auf die Knie). Lois — UM Gottes willen — Lois! Lois (erstaunt). Was soll das? Halten Sie mich jetzt nicht aus — die Frau Baronin — Gott — die Freud' — Alles gerichtlich anerkannt! Brikm. (LoiS'Füße umklammernd). Lois! Sei kein schadenfroher Mensch — rett' mich — ich bitt' Dich kniefällig um Verzeihung! Heinr. (klatscht in Äe Hände). Neunte Scene. Vorige. Rosa, Franz, Mar, Hans, Bauern bursche (kommen von allen Seiten herbei). Lois. Was thun Sie denn? Brikm. Ich Hab' Dich beleidigt — ich Hab' Dich einen Lumpen geheißen — ich nehme den Lumpen aus mich, — ich er- 48 kläre Angesichts des ganzen verehrten Publikums, daß Du ein Ehrenmann bist. Lois. Nun ja, — schon recht — aber — Brikm. (aufspringend). Noch ein »aber*? wo ist meine Tochter? (Blickt um sich.) Rosa. Hier, Vater! (Eilt zu ihm.) Brikm. Nicht zu mir — da — da — zu dem — (wirft sie in LoisenS Arme) sie ist dein Weib — ich bring' sie um, wenn sie nicht dein Weib wird. Lois. Jst'S wahr, ist's möglich? Brikm. Wahr ist'ö! (Aniet vor Lois nie- der.) Aber jetzt schick' den Commiffär und die Gerichtsdiener weg! Lois. Nein — nein — das Wichtigste muß noch g'schehen. Brikm. Du wirst doch deinen Schwiegervater nicht einsperren lasse»,? Lois. 'Wer red't denn von dem, — aber — Zehnte Scene. Vorige. Emilie (kommt aus dem Schlosse). Lois (eilt auf sie zu). Frau Baronin — das Geld — um das Ihr Mann vor vier Jahren beraubt worden ist — da — da (eilt zurück» und »kommt mit zwei Dienern, welche eine Caffa tragen» schlägt den Deckel auf» man fleht das blanke Gold) Ducaten — 70,000 Ducaten — Ihnen gehören Sie — Alles Ihnen! Emilie (erstaunt). Was seh' ich — redet Ihr die Wahrheit? Liebm. (tritt vor). Ja, gnädige Frau, die Caffette wurde gefunden, und das Gericht erkannte Sic als Ihr Eigenthum. Emilie. Gott, dieses Glück! Lois. Meines ist noch größer. Heinr. (eilt zu Emilie). Emilie — jetzt ist der Augenblick gekommen — ich bin »licht mehr allein reich. Emilie. Nun soll mein größter Reichthum Ihre Liebe sein! (Von alle» Seiten drängen sich geschmückte Landleute, Jäger, Dienerschaft ». s. w. herbei. — Unter allgemeinem Jubelruf fällt der Nor- Hang.) Ende. Anmerkung. Die Rolle des Alois muß vom jugendlichen Liebhaber gespielt werden, und gut besetzt sein. Im Falle er nicht fingen kann, bleibt sein Tntröelied und das Duett weg- Drurl und Papier von Leopold Sommer in Wien (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) Mein Pär md meine Nichte. Posse in zwei Acten (nach d e in F r a n z ö s i s ch e u) von Alexander Bergen. Mit vielem Beifall zuerst aufgeführt am k. k. priv. Carl-Theater in Wien. Personen: Babylon. ThierauSstopfer und Raritätenhändler. Elise, seine Nichte. Bärenberg, r Kattendorf, t Zimmerherren bei Babylon. Gonauer, ! Carl. Lehrling bei Babylon. Stubenthal, Gepäcksträger bei der Eisenbahn. Bictoria, seine Frau. Reisende. Gepäcksträger. Der erste Act spielt in Wien im Hause Babylon s, der zweite in Pesth. Erster Act. Zimmer bei Babylon. Zwei Mittel- und zwei Seitenthüren. Raritäten und auSgestopfte Thiere. worunter ein Bär. welcher so gestellt sein muß, daß er dem ganzen Publicum sichtbar ist. In dessen Nähe steht ein großer Koffer, welcher so gemacht sein muß, daß die vordere Wand von selbst herabfällt, wenn man den Deckel auf- hebt, damit daö Publicum sehen kann, waS darin liegt. Inwendig ist er gepolstert und rosa gefüttert. Im Vordergründe ein Schreibtisch und Sorgenstuhl. In Mitte der Bühne ein gedeckter Tisch, an welchem folgende Personen fitzen, mit rh«altt.Atp«lok Nr. »4. Ausnahme Carl'S. welcher ab- und zugeht und servirt. Elise sitzt dem Bären gegenüber. Erste Scene. Babylon, Elise, Bärenberg, Kal- tendorf, Gonauer, Carl. Bab. Ja, meine lieben Zimmerherren und Kostgänger, ich bin Ihnen allerdings Rücksicht schuldig, denn Sie zahlen gut für Kost und Quartier, und pünktlich, — allein meine Nichte gehört nicht mit in den Vertrag, welchen wir abgeschlossen. 1 Bärenb. Sie liebt mich aber. Kalt. Ich werde von ihr geliebt. Gon. Sie hat mir ihr Herz geschenkt. B a b. (zu Elise). Du Unglückselige, wenn Du der ganzen Welt dein Herz schenkst, was soll darans werden? Elise. Es ist mir ja gar nicht einge- sallen. Bab. (zu den Herren). Uebrigens hängt Elise nicht allein von mir ab; mein Bruder, ihr zweiter Onkel, hat auch einMort dabei zu sagen, und er ist nicht hier. Bär. Kann man dem Onkel nicht schreiben und seine Einwilligung verlangen? Bab. Das wohl, er wird sie aber nicht geben. Bär. Warum nicht? Er kann gegen eine Heirat mit mir nichts einzuwenden haben. Ich bin jung, solid, habe mein sicheres Auskommen, denn ich reise mit Wachsfiguren. Kalt. Wenn die auf der Reise brechen, haben Sie die sicherste Aussicht zum — Bettelngehen. Da bin ich eine bessere Partie. Ich habe eine Erfindung gemacht, und zwar eine, welche nicht gebrechlich ist. Ich construire Handharmonikas, welche Kohlen enthalten, und in welchen man sich zu- gleich wärmen kann. Gon. Schöne Erfindung! Besonders für den Sommer. Im Winter kann man sich die Hände wärmen, ja sogar verbren- nen, und dabei erfrieren die Füße und die andern Körpertheile. Ich habe, glaube ich, das meiste Anrecht auf die Protection des Onkels; er ist Ausstopfer, ich bin Glas- augeN'Fabrikant, und liefere die Augen dazu. Unsere Künste sind also verwandt. Bär. Wenn Sie nur die Kunst erfinden könnten, sich selbst andere Augen zu liefern, denn die Ihren sind verteufelt schlecht, und nichts weniger als schön. (Alle lachen.) Gon. Keine Grobheiten, wenn ich bitten darf. Ich bin nur kurzsichtig, und meine Stellung — Bab. Meine Herren, Jeder von Ihnen hat seine Stellung, ich aber habe deren drei. Bär. i Kal. ! Drei? Gon. ) Bab. Ja. Erstens bin ich Thier-Aus- stopser, zweitens Kostgebcr — Bär. Nun, als Kostgeber kann man Ihnen gewiß nicht nachsagen, daß Sie zu viel stopfen. Kalt. Noch als Ausstopfer, daß Sie zu viel Kost geben. Gon. Das kann ich durch meinen Mangel an ein donpcnnt beweisen. Allein, Ihre dritte Stelle? Bab. Bin ich nicht Onkel? Als solcher habe ich Verpflichtungen. Bär. Gut, erfüllen Sie sie, geben Sie Elise Dem, der sie am meisten verdient. Bab. (ablenkend). Ißt denn Niemand mehr Spinat? Die Herren (verneinen). Bab. Carl, trag' ihn fort. Carl. Wieder nicht aufgegeffen? So muß ich ihn morgen wieder bringen. Dann kommt er gerade zu sechsten Mal auf den Tisch. Bab. Dummkopf, hat man Dich darum gefragt? Aber Elise, Du hast fast gar nichts gegessen. Elise. Wie soll man essen, wenn mau von ausgestopften Thieren umgeben ist. Mir ekelt! Sie glotzen mich so sehr an mit ihren Augen — Gon. Wie sollten sie nicht? Es sind ja meine Augen. Elise, meine Liebe — Carl. Soll ich den Schmarn bringen? Bär. Nein, nein, verwende ihn zum Ausstopfen. Er thut es eben so gut wie Heu oder Stroh. Alle (lachen). Bär. Nun, Herr Babylon, wollen Sir mir Ihre Nichte zur Frau geben, oder nicht? Bab. Man erzählt curiose Dinge von Ihnen, Sie reisen ja mit einem ganzen Serail? Blonde, Braune, Schwarze — Bär Das find Wachspuppen. Höchstens manchmal eine Friseurin; ich muß sie zu meinen Wachspuppen haben. 3 Bab. Und da möchten Sie eine Frau, welche sie frisirt? Bar. (greift sich an die Stirn). Mich sri» sirt? Das wäre sehr überflüssig. — Carl, bring' den Champagner! Bab. Sie wollen meine Nichte zur Frau, und auch noch Champagner. Carl (bringt eine Flasche Champagner). Bär. Ruhig, ruhig. Die Nichte sollen Sie hergeben, den Champagner liefere ich. Zum Abschied; ich reise heute noch ab. Gon. Heute schon? Kalt, (zu Gonauer). Möchten Sie ihn nicht zurückhaltend Sie gutmüthiger Nebenbuhler. Bär. (hat die Flasche aufgemacht und Al> len eingeschenkt). Damit Sie sehen, daß ich ohne Groll scheide— der Onkel und Bräutigam soll leben! (Er trinkt.) Kalt, j ^ Go,, ! Onkel und Bräutigam! Bär. Ja. Ihr merkt nicht, woher alle die Anstände kommen, welche der Onkel hat, aber ich sehe klar — er will die Nichte selbst beiraten. Bab. (für sich). Ich möchte wohl, aber die Nichte mag nicht. Bär. Ich muß noch meinen Paß holen, es bleibt mir nur mehr so viel Zeit, als ich brauche, um mit dem Fräulein zu rechnen. Bab. Rechnen? Elise, schnell die Rechnung des Herrn von Bärenberg. Kalt, (für sich). Sie allein lasten? Da muß ich spioniren. (Alle Drei durch die Thür rechts, Carl durch die Mittelthür ab.) Zweite Scene. Bären berg. Elise. Bär. Endlich sind wir allein. Sprechen Sie, sagen Sie mir Alles! Elise (liest von einem Papier herab). Zimmer zehn Gulden, Kost fünfzehn Gulden, eine Flasche zerbrochen fünfzigKreuzerzmacht fünfundzwanzig Gulden fünfzig Kreuzer. Bär. Sie sprechen von einer zerbrochenen Flasche? Elise. Sie haben sie wirklich zerbrochen. Bär. Mein Herz bricht! Elise. Wegen fünfzig Kreuzer? Bär. Nein, wegen Ihnen, Sie misten ja, daß ich Sie liebe, Elise. Elise. Still, wenn Sie der Onkel hört. Bär. Ach was! Ein Onkel ist kein Vater. Elise. Aber er ist mein Vormund, und er will mich selbst heiraten. Sie misten es ja. Bär. ES ist entsetzlich! Elise. Ja, es wäre entsetzlich, wenn ich die alte häßliche Vogelscheuche heiraten müßte. Eher stürze ich mich über's Fenster. Bär. Um's Himmels willen nicht, Elise, Sie wohnen ja parterre. Elise. Was soll ich denn thun, um aus dieser Sklaverei zu entfliehen? Ausgehen darf ich keinen Schritt, und der HauS- mcister muß spioniren, ob nicht Jemand zu mir kommt. Bär. Und mit demHausmeister ist nicht zu spaßen. Das ist ein Grobian, darin macht er keine Ausnahme, aber in etwas Anderem, denn er ist — unbestechlich! Ich wollte ihm schon dreißig Kreuzer geben, Alles umsonst. Elise. Wenn ich nicht bald befreit werde, thu' ich etwas Fürchterliches! Bär. Elise — Elise. Ich habe meinen eigenen Kopf. Bär. Aber schön ist der Kopf! Elise, lieben Sie mich? Elise (schelmisch). Ein wenig. Bär. Ein wenig? Sticht mehr? Elise. Vielleicht etwas mehr. Bär. Vielleicht, und nur etwas? Elise. Warum soll ich Sie täuschen — nein, ich liebe Sie sehr, ich liebe Sie allein, aber bringen Sic mich fort von hier, wohin Sie wollen, nur fort. Bär. O Seligkeit! O Wonne! O Entzücken! Gehen wir. (Er reicht ihr den Arm.) Elise. Ja, aber wohin? Bär. Ja, wohin? Das ist die Frage! Elise. Wir können doch nicht so in's Blaue hineingehen? 1 * 4 Bär. (erblickt den Koffer). Ich weiß, wo- hin ich Sie bringe. (Er zeigt ihr den Koffer.) Da hinein! Elise (fährt zurück). Ich glaube, Sie sind aus Freude verrückt geworden. Bär. Haben Sie nicht soeben gesagt: »Führen Sie mich, wohin Sie wollen, nur fort von hier?« Wollen Sie Ihr Wort zurücknehmen? Elise. Nein. Bär. Also gut. Dieser Koffer enthält eine Wachsfigur, Sie müssen ihre Stelle einnehmen. Elise. Ich? Bär. Nur so können Sie entfliehen, ohne daß Sie der Hausmeister sieht. In diesem Koffer bringe ich Sic nach Pest. Dritte Scene. Vorige. Kattendorf. Kalt, (schleicht sich herein und verbirgt sich hinter den Fenstervorhang, für sich). Ich will doch horchen. Elise. Was fällt Ihnen ein? In diesem Koffer soll ich nach Pest reisen? Bär. (öffnet ihn). Sehen Sie nur, wie gut er ausgepolstert ist, folgen Sie mir, mein Engel, meine Seele! In diesemKoffer reisen Sie sicher und bequem wie eine Prinzessin. Elise. Wie fahren denn Sie? Bär. Mit demselben Train. (Ersteht auf die Uhr.) Himmel, für den Paß ist's schon zu spät! Zum Glück fordert man ihn selten ab, ich muß es ohne — versuchen. Elise, entschließen Sic sich, wir haben keine Zeit zu verlieren, sonst versäumen wir den Train. Elise. Wenn ich bedenke, daß ich hier beim Onkel und den zwei verliebten Zimmerherren Zurückbleiben soll— (nachdenkend). Der Gedanke nach Pest zu fahren ist auch verlockend— vor drei Jahren nahm mich mein Onkel mit Hill, und ich habe mich dort sehr gut unterhalten. Gut, ich setze meinen Kopf auf und willige ein; allein früher muß ich an meinen Onkel schreiben. Bär. Schreiben Sie, ich werde auch schreiben. Elise. Was denn? Bär. Sie werden es schon sehen. Nur schnell, Geliebte, dann treffen wir uns wieder hier. Elise. Sie werden mich aber gewiß heiraten? Bär. Wie wir in Pest ankommen. Aus dem Koffer in die Kirche. (Elise geht links. Bärendorf rechts durch die Seitenthür ab.) Vierte Scene. Kalte ndorf (kommt hervor). Er bringt sie in diesem Koffer nach Pest? Nach Pest mit der großen Bagage, und sie willigt ein? Und ich soll das dulden, ick, der sie liebt? Nein, ich entdecke dem Onkel Alles! (Er will gehen.) Aber der Onkel ist auch ein Nebenbuhler. Soll ich sie für ihn retten ? Gibt's kein anderes Mittel? (Er geht sinnend auf und ab.) Ich hab's! Er reist ohne Paß, ich fahre mit dem Schnellzug nach Pest, komme um drei Stunden früher hin, zeige ihn als paßlos und eines Verbrechens schuldig an, bis er sich ausweist, entführe ich ihm den Koffer sammt dem darin enthaltenen Schatz, bringe ihn in ein Gasthaus und lasse Elise nicht eher heraus, als bis sie einwilligt, meine Frau zu werden. Bis Pest ist sie schon halb erstickt, ehe sie ganz erstickt, nimmt sie mich. Schnell Alles vorbereitet! (Rechts ab.) Fünfte Scene. Elise, später Bärenberg, dann Kal- tendorf. Elise. Mein Brief ist fertig, ich will ihn hier auf des Onkels Schreibtisch legen. Der arme Onkel! Fast thut es mir leid, 5 ihn so zu verlassen. Warum will er mich aber auch heiraten? Ein Andenken von ihm ttkhm' ich mir mit. (Sie zieht aus ihrer Tasche einen auSgestopften Ctaar.) Diesen Staar, welchen er mir zu meinem Geburtstage ausgestopft hat. Bär. (kommt mit einem Papier, auf wel- chem mit sehr großen Buchstaben geschrieben steht: »Sehr gebrechlich.«) Da bin ich! Elise (liest). -»Sehr gebrechlich?« Was soll denn das? Bär. Das klebe ich auf den Koffer. Elise. Aber das ist ja lächerlich! Bär. Glauben Sie mir, ich kenne die Träger! Wenn ich das nicht thue, kommen Sie mit gebrochenen Gliedern nach Pest. Elise. Ich fange an mich zu fürchten. Bär. Der Koffer ist besser gepolstert wie die erste Claffe, versuchen Sie es nur. (Er öffnet den Koffer, man sieht die Wachsfigur darin liegen, er nimmt sie heraus und legt sie auf den Boden hinter den Koffer.) Elise. Es ist wahr, der Koffer ist ganz hübsch. Bär. Versuchen Sie es nur. Elise (legt sich in den Koffer). Bär. Ist's nicht ganz bequem? Elise. Ja wirklich, sogar ein Kopspolster ist da. Bär. Die Wachsfiguren haben gar hcik- liche Köpfe, da muß man vorsichtig sein. Kalt, (kommt auS dem Nebenzimmer, trägt einen Reisesack und schleicht langsam über die Bühne). Sie liegt schon d rinnen, jetzt schnell auf die Eisenbahn. (Ab.) Elise. Wenn ich aber nur nicht ersticke! Bär. Gott bewahre! Ich hole die Träger. Einstweilen schließe ich den Koffer, lasse aber zu Ihrer Beruhigung den Schlüssel stecken, es geschieht Ihnen gewiß nichts. (Er schließt den Koffer und geht.) Sechste Scene. Elise (im Koffer). Gonauer. Gon. (trägt ein Taffe mit Kaffee). Das Essen war so schlecht, mir war ganz übel. Ich habe mir Kaffee gekocht, muß aber von Fräulein Elise etwas Zucker borgen. Wo ist sie denn? (Man hört Elise seufzen.) War das nicht ein Seufzer? Und Niemand hier? (Er sieht den Bären.) Sollte der Bär unglückliche Gefühle äußern? Fast sang' ich an, mich zu fürchten. (Rust.) Fräulein Elise! — Fräulein Elise! Elise (klopft im Innern des Koffers). Machen Sie auf! Machen Sie auf! Gon. Mein Gott, man ruft aus diesem Koffer! (Er öffnet ihn.) Fräulein Elise, Sie sind's? Elise. Danke, danke, Herr Gonauer, bald wäre ich erstickt. Sie haben mir das Leben gerettet! (Sie setzt sich langsam auf.) Gon. Dem Schlosser muß man für daS Aussperren zwanzig Kreuzer zahlen; ich thu' es billiger, ich verlange nur einen Kuß. E l i se. Da zahl' ich lieber zwanzig Kreuzer. Gon. Wie sind Sie denn da hineingekommen? Elise. Der abscheuliche Bärenberg wollte mich in diesem Koffer nach Pest bringen. Da wäre ich längst erstickt! Er hat mich wirklich zum Umbringen lieb, wie es scheint. (Sie erhebt sich langsam.) Er ist fort die Träger zu holen. Gon. Er wollte Sie in einem Koffer entführen? Schändlich! Allein wirk er aber nicht fortwollen, wenn er merkt, daß der Koffer leer ist? Man muß Ihre Stelle ersetzen. (Er erblickt den Bären.) Hier dieser Bär. (Er legt ihn in den Koffer.) Elise. Erlauben Sie, dieser Bär soll mich ersetzen? Gon. AllescinS, was es ist, wenn eS nur etwas Schweres ist. Elise. Sehr galant! Aber die Angst— der Aufenthalt in dem Koffer — mir wird übel! (Eie sinkt in den Sorgenstuhl.) Gon. (hat den Koffer geschloffen.) Ucbcl! (Er läuft zum Wasserkruge, der auf dem Tische steht.) Kein Wasser da? Alles ausgetrunkcn? Schnell in die Küche !(Er eilt durch die Mittel- thür ab.) Elise (sich erholend). Gottlob, ich athme wieder, allem ich sehne mich nach frischer Lust, ich will in mein Zimmer gehen, und beide Fenster aufmachcn. Nur Lust! (kie grht durch die Thür links ab.) Siebente Scene. Bärenberg. Zwei Träger. Bär. Kommt nur, schnell. Erster Tr. Wo ist denn die Bagage? Bär. Hier, dieser Koffer, aber gebt gut Acbt, Ihr seht: »Sehr gebrechlich.« Erster Tr. Schon gut, schon gut. Bär. Nur nichts brechen, um Gottes willen! Zweiter Tr. Haben schon wehr Gebrechliches in Händen g'habt! Bär. (da sie den Koffer aufheben, sieht er die Wachsfigur.) Meine Figur, wohin damit? (Er läuft hin und her damit, endlich seht er sie in den Sorgenstuhl.) Zum Teufel mit der Puppe, gebt nur auf den Koffer Acht — nur behutsam! (Alle ab) Achte Scene. Genauer (mit einem GlaS Wasser). Schöne Wirthschaft! Auch in der Küche kein Tropfen Wasser, ich mußte welches vom Brunnen holen. (Er spritzt die Figur an.) Erholen Sie sich, Fräulein Elise! — Sie rührt sich nicht — wenn Herr Babylon kommt, glaubt er am Ende ich bin schuld an dieser Ohnmacht. — Babylon (tritt ein und zählt Guldenzettel). Gon. Trinken Sie, Fräulein, trinken Sie! (Er hält der Puppe daS GlaS an die Lippen, erkennt, daß es eine Wachsfigur ist, prallt zurück, stößt auf Babylon, welcher sich der Gruppe genähert hat. ohne sie zu bemerken. Fr verschüttet das Wasser.) Oh! (Läuft fort.) Guldenzettel ganz durchnäßt! (Er wirst einen Blick nach der Wachsfigur.) MeineNichte! Sie soll nicht wissen, daß die Tatzen meines Bären meine Easse sind. Ja, ja, so ein Bär ist besser als Weltheim und Wiese, denn das erräth Niemand.— Elise, geh' in dein Zimmer, ick habe hier mit meinen Thieren zu thun, Du weißt, ich gebrauche Arsenik; das könnteDir schaden, mein Kind. Sie rührt sich nicht, keine Antwort? (Er geht näher und sieht die Wachsfigur) Was soll das heißen? Bärendorf's Puppe sitzt hier? (Er sieht Elisens Brief.) Ein Brief? Elisens Schrift? (Er öffnet ihn schnell und liest) »Lieber Onkel! Wenn Sie diesen Brief lesen, reise ich in einem Koffer nach Pest, folgen Sie mir nicht, es wäre umsonst. ich kehre nicht zurück. Zum Andenken Hab' ick mir ein von Ihnen ausgestopftes Thier mitgenommen.« (Er sieht sich um.) Ein von mir anSgestopftes Thier? Himmel, mein Bär ist nicht da! Welcher Schlingel hat meine Nichte gestohlen, meinen Bären verführt? Sie reist nach Pest, und wahrscheinlich hat sie meinen Bären mitgenommen. Ohne meinen Bären kann ich nicht leben. (Er eilt fort und stößt auf Carl, welchen er beim Kragen packt.) Wo ist meine Nichte, wo ist mein Bär? Sag' mir Alles, was Du weißt. Earl. Ich weiß gar nichts. Bab. (läßt ihn los). Er weiß nichts! Mein Bär! Mein Bär! Schnell nach Pest. Wer meine Nichte wiederbringt, dem schenk' ich meinen Bären. Nein, wer mir meinen Bären wiederbringt, dem schenk' ich meine Nichte. (Er stürzt ab.) Ende des ersten Actes. Neunte Scene. Babylon (schreit zu gleicher Zeit). Ah! (Go- nauer nachsehend.) Der Dummkopf hat meine Zweiter Lot. Zimmer im Eisenbahnhofe in Pest, in wel- chem das Gepäck aufgegeben und abgeholt wird. Reisende und Träger kommen und gehe» mit Gepäck. Zwei Träger bringen den großen schwarzen Koffer und stellen ihn nieder. Erste Scene. Stubcnthal (welcher das Gepäck in Empfang nimmt). Ein Träger. Herr Aufseher, hier ist ein Koffer ohne Adresse. Es hat sich noch Nie mand darum gemeldet. S tub. Stellt ihn nur nieder; eine solche Liederlichkeit! Der Eigenthümer wird schon kommen, wenn es der Mühe werth ist. Die Träger (ab). Stub. Ist das ein Leben! Mir schwindelt der Kopf. Heut' ist's gerade, als ob ganz Wien nach Pest gekommen wäre — ich bin todtmüdk. (Er setzt sich auf ein Felleisen. Man hört Geschirr brechen.) Nicht einmal nieder- setzen kann man sich — ist das ein Behält- niß, um Geschirr einzupacken? (Er steht un- willig auf.) Zweite Scene. Voriger. Viktoria (auffallend und kokett gekleidet). Stub. Ich höre Jemand kommen. Soll der nächste Train schon wieder da sein? (Sr sieht sich um.) Nein, es ist meine Frau; sie saust mit ihrer Crinoline wie ein Locomo- tiv. (Laut.) Wo kommst denn Du her? Dict. Lieber Mann — Stub. Habe ich Dir nicht verboten, spazieren zu gehen? Dict. Ich war ja nur im Bade. Stub. Das ist heut' zum sechsten Mal. Vict. Ich kann doch nicht immer in meinem Zimmer sitzen, ich brauche frische Lust. Stub. Frische Luft— ich kenne das! Du willst gesehen sein, Du willst cokettiren. Dict. Immer Vorwürfe! Als wir uns vor drei Jahren heirateten, sprachst Du ganz anders. Stub. Hätte ich lieber anders gehandelt! Dict. Wir schloffen eine ganz romantische, eine heimliche Ehe, denn man wollte die Stelle eines Gepäck-Aufsehers nnr einem ledigen Manne geben. Stub. Warum bin ich der Administration ungehorsam gewesen! Sie hat eS doch so gut mit mir gemeint! Dict. Undankbarer! Ist das der Lohn für mein Opfer? Hab' ich Dich nicht ohne Wissen meines Onkels geheiratet, welcher in Californieu ist? Vielleicht enterbt er mich. Stub. Wenn ich den Onkel jemals sehe, will ich ihm schöne Dinge von Dir erzählen. Diet. Ist es meine Schuld, wenn ich Aussehen errege? Stub. Ja, es ist deine Schuld. Ist's möglich, daß eine Frau deines Alters sich so kleidet, ohne Aufsehen zu erregen? Trägt eine Frau deines Standes eine Crinoline von solchem Umfang? Du machst Dich lächerlich. Dict. Lächerlich? Als ich soeben in der Donau badete, hatte ich keine Crinoline an, ein Mann stand am andern Ufer, und wendete kein Auge von mir ab. Stub. Er hat wahrscheinlich in die Donau geschaut, und Gott weiß an was gedacht. Uebrigens ist die Donau sehr breit und er wird kurzsichtig sein. Dict. Als ich aus dem Bade kam, hat er mich ganz nahe gesehen. Er stand an der Brücke und wartete auf mich. Stub. ES wird dieß auch sein Weg gewesen sein. Dict. Er folgte mir in alle Läden. War das auch sein Weg? O, ihr Ehemänner seid Alle blind! Stub. Sonst würden wir keine Ehemänner werden. Ich glaube an deine Eroberungen nicht, und das ist ein Glück, 8 denn wenn ich jemals die Entdeckung macken sollte, daß Einer Narr genug ist, um Dir die Eonr zu machen, schlag' ich ihm alle Glieder entzwei. Führe mich nicht in Der^ suchnng, bedenke, daß ich meiner Stellung Rücksichten schuldig bin. Ich hatte mich neulich ohnedieß bald vergessen, als Du die Frechheit hattest, mich in meiner Gegenwart zu verläugnen, Dich für ledig, mich für deinen Onkel auszngeben. Vilt. Ich fürchtete dem jungen Mann die Wahrheit zu sagen, der Mensch war so vernarrt in mich, er hatte sich ein Leid an- thun können. Stub. Genug des Unsinns! Geh'in dein Zimmer! Di et. Aber lieber Mann — Stub. In dein Zimmer, sag' ich! Vict. (für sich). Er schließt mich gewiß wieder ein. Zum Glück Hab' ich einen zweiten Schlüssel. (Durch die Seitenthür rechts ab.) Stub. (schließt die Thür und steckt den Schlüssel ein). So. jetzt kann sie sich und mich nicht lächerlich machen. Dritte Scene. Voriger. Kaltendorf, später Victoria. Kalt. Ich Dummkopf geh' an der Donau spazieren, und der Train ist schon lange da. Stub. (für sich). An der Tonau? Sollte das der Mann sein? Vict. (öffnet die Thür, für sich). Ob mein Tyrann noch da ist? Stub. (steht sie. für sich) Meine Frau? Wie ist die herausgekommen? Vict. (sieht Kaltendorf, für sich). Mei» Anbeter! (Stubenthal steht hinter aufgehäuftem Gepäck links, Kaltendorf steht neben dem greßer Koffer, etwas mehr im Vordergrund rechts. Victoria stehl hinter dem Koffer, ist aber auch durch Gepäck etwas verborgen.) Kalt, (gegen den großen Koffer gehend). Bald werd' ich sie befreien, da ist sie! Vict. Er hat mich erkannt! Kalt, (immer zum Koffer sprechend). Armer gequälter Engel, Du bist noch immer gefangen, aber bald befreie ich Dich! Stub. Was bör' ich? Vict. Er nennt mich einen Engel! Kalt. Er hat Dich hier eingeschlvffen, um Dich meiner Liebe zu entziehen; allein eh' ich Dich lasse, tödte ich ihn! Vict. Ach! Stub. Oho! Vierte Scene. Vorige. Ein Träger. Träg. Herr Stubenthal! Herr Stu- benthal! Stub. (vortretend). Was gibt's? Vict. (für sich). Mein Mann hier? Er hat Alles gehört. Träg. Eine telegraphische Depesche ist gekommen wegen einem Gepäcksstück. Sie sollen gleich in's Bureau kommen. Stub. Meine Pflicht ruft; ick soll meine Frau mit diesem Menschen allein lassen? Das ist hart! Träg. So kommen Sie doch, Herr Stubenthal. Stnb. Ich komme schon. (ZuKaltendorf.) Erwartemich hier, Elender! Schau mich an, ich will Dick umbringen! (Er geht wüthend mit dem Träger ab.) Fünfte Scene. Kaltendorf, Victoria, später Träger. Kalt. Was will der Mensch? Er will mich umbringen, und ich kenne ihn gar nicht. Vict. Mein Mann darf ihn nicht mehr hier finden. Ich muß ihn retten um jeden Preis. Kalt, (zum Koffer). Muth, geliebter Engel! Im Hotel »zum Tiger« wirst Du glücklich sein — dort wirst Du von deinen Banden befreit. Gib mir ein Zeichen, hast Du mich gehört? Di et. (vortretend). Ich höre Dich. Geliebter — aber eile schnell fort von hier! Kalt. Was soll denn das wieder? Biet. Ruhig, besonnen, keinen Lärm, damit uns Niemand hört. — (Sie wirft ihm Küsse zu.) Auf Wiedersehen beim »Tiger!* (Sie hüpft in ihr Zimmer.) Kalt. Gehen die Narren in Pest so frei herum? Der Eine will mich umbringen, die Andere wirft mir Küsse zu— Träger! Träger! Träger (eintretend). Sie befehlen? Kalt. Tragt mir diesen Koffer zum »Tiger«, aber vorsichtig, langsam, es ist feines Porzellan. Träg. Fürchten Sie nichts, wir kennen das. (Sie heben den Koffer auf.) Kalt, (ihnen folgend). Meine Seele, mein beben, endlich werde ichDich besitzen! Nur behutsam, Leute,' nur behutsam! (Er will den Trägern folgen, an der Thür begegnet ihm Stubenthal.) (Die Träger gehen mit dem Koffer fort.) Sechste Scene. Voriger. Stubenthal. S tu b. (packt ihn an der Thür). Du willst fort? Kalt. Mein Herr! Stub. Elender! Kalt. Sie erdrosseln mich ja! Stnb. Um so besser! Kalt. Wache! Wache! Stub. Du rufst die Wache selbst? Gut, sie soll kommen und Dich arretiren. Kalt. Mich? Mich arretiren? Stub. Ja —ich weiß Alles! Kalt. Sie wissen — Stub. Alles! Du bist ein Verführer! Ich lasse Dich einsperren! Kalt. Einsperren, weil ich verliebt bin? Weil ich die Erfindung eines Andern benütze? Ich habe zwar die Kohlen enthal- tcndenHandharmonika's ersunden; aber der Gedanke mit dem Koffer ist nicht von mir. Stub. Welcher Koffer? Kalt. Der Koffer, in welchem sic sich befindet, damit man sie leichter entführen kann. Stub. Sie befindet sich in einem Koffer? Kalt. Freilich, und diesen Koffer tragen sie jetzt in's Hotel »zum Tiger«. Stub. (packt ihn von Neuem). Und Du unterstehst Dich — Kalt. Nicht ich — Bärenberg. Stub. Wer ist Bärenberg? Kalt. Bärenberg, der Wachsfigurenhändler . der eben so verliebt in sie ist, wie ich. Stub. (ihn schüttelnd). Ah! Ihr seid Zwei! Kalt, (schreiend). Nein, wir sind Drei! Stub. (läßt ihn entsetzt loS). Drei! (Packt ihn von Neuem.) Und das sagst Du mir in's Gesicht? Kalt. Warum denn nicht? Was geht denn das Sie an? Sie hängt ja nur von ihrem Onkel ab. Stub. Ab, die Elende hat schon wieder gesagt, daß ich ihr Onkel bin? Kalt. Sie sind ihr Onkel? Stub. Jetzt sagt er es auch. Kalt. Ich nicht, Sie sagen es ja. Stub. Der Teufel hole alle Onkels; aber warum habt Ihr sie denn in den Koffer eingeschloffen? Kalt, (im Vertrauen). Weil das der beste Weg war, um sic ihrem Onkel zu entführen. Stub. Schon wieder der Onkel! Und sie bat eingewilligt? Kalt. Mit Freuden! Stub. Die Schändliche! Kalt. Halten Sie mich nicht länger auf, ich muß sie befreien, sonst erstickt sie am Ende. Stub. Sie soll ersticken, sie verdient es nicht besser. Kalt. Ab, das ist zu arg! Ich will aber nicht, daß sie erstickt, denn ich liebe sie! 10 (Sie ringen. Kattendorf wirft Htubenthal auf dasselbe Felleisen, auf welchem er früher saß, und eilt ab. Man hört wieder Meschirr brechen.) Achte Scene. Stnbenthal. So! Was noch ganz war, ist jetzt gewiß in Trümmer. Und ich muß hier auf meinem Posten bleiben, wahrend meine Frau beim »Tiger«-ob sie noch im Koffer steckt, oder-entsetzlicher Gedanke! Neunte Scene. Voriger. Bärenberg. Bär. In meinem Leben reis' ich nicht mehr ohne Paß. Als ich ankam und mich freute, meine Elise zu besitzen, packten mich zwei Gensd'armes, man zweifelt an mir, man tclegrafirt nach Wien, endlich läßt man mich frei. Wo bist Du, Elise? (Er durchstöbert das Gepäck ) Ich sehe sie nicht, und doch muß sie da sein. (Er steht Stubenthal.) Entschuldigen Sie, mein Herr, ich suche einen Koffer. Stub. (rauh). Suchen Sie! Was angekommen ist, steht da. Bär. Unmöglich, denn der große Koffer, den ich suche, ist nicht da! Es stand daraus: »Sehr gebrechlich.« Stub. (steht auf und bezeichnet daS Fell- eisen). Ist das das Gepäcksstück? Bär. O nein, ich sagte Ihnen ja, ich suche einen großen Koffer. Stub. Suchen Sie, dazu haben Sie Augen. Vielleicht steht er ganz unten. Bär. Großer Gott, das wäre entsetzlich! Nein, nein, ich sehe ihn nicht, er ist nicht da. Stub. Haben Sie keinen Zettel darüber? Bär. Freilich, hier ist er! Stub. So geben Sie her. Wie heißen Sie? (Er nimmt den Zettel.) Bär. Bärenberg. Stub. Bärenberg? (Er packt ihn beim Kragen.) Du bist also der Erfinder? Bär. Er sagt »Du« zn mir. Was soll ich denn erfunden haben? Stub. Sie in einen Koffer zu stecken! Bär. Sie wissen — S t u b. Astes! DeinMitschuldiger hat Alles gestanden. Mußt Du eigens von Wien kommen, um den Männern ihre Frauen zu entführen? Bär. Einem Manne seine Frau? Gott bewahre! Ich habe ja nur dem Onkel seine Nichte entführt. Stub. Onkel — immer Onkel! Es ist zum Rasendwerden. Bär. Er hat sie selbst heiraten wollen, aber sie mag ihn nicht. Stub. Hat sie das gesagt? Bär. Freilich, sie kann ihn nicht leiden, das ist auch ganz natürlich, er sperrt sie immer ein, ist alt und häßlich — Stub. (packt ihn wieder), lind das sagst Du mir in's Gesicht? Bär. Jetzt habe ich das Dützen aber satt! Ich verbiete es Ihnen. Stub. Er will mir etwas verbieten! — Du bist betrogen, ihr Onkel ist ihr Mann! Bär. JhrMann— sie wäre verheiratet? Stub. Schon seit drei Jahren. Bär. Ich Hab' es wohl gefürchtet. Stub. Und doch hat es Dich nicht abgehalten. Elender, Du mußt Dich mit mir schlagen! Bär. Gott bewahre, ich will nur meinen Koffer haben. Stub. Auf Leben oder Tod! Bär. Ist das eine Räuberhöhle? Ermordet man hier die Passagiere, um sie ihres Gepäckes berauben zu können? Ich werde mich gleich an den Direktor wenden und fragen — Stub. (für sich). Der Direktor? Welch' Skandal, wenn er erführe — (Laut ) Warten Sie! Bär. Meinen Koffer, oder — Stub. Er ist im Hotel »zum Tiger«. (Für sich.) Glücklicher Gedanke — er soll das mit dem Andern stören, da ich es schon nicht kann. 11 Bär. W» ist dieser »Tiger«? Stub. Jedes Kind führt Sie hin. Bär. Gut, ich hole meinen Koffer, wenn aber das Geringste daran zerbrochen ist, dann steh' Ihnen Gott bei! (Ab.) Zehnte Scene. Stnbenthal, später Babylon. Stub. Jst's denn möglich, daß es drei Männer auf der Welt gibt, denen meine Frau gefällt? Dab. (von außen). Dem ehrlichen Finder, der sie mir wikderbringt, gebe ich dreizehn Gulden! (Er stürzt herein ) Da ist Jemand! (Zu Stubenthal.) Haben Sie meinen Bären nicht gesehen? Stub. Einen Bären? Bab. Oder meine Nichte? Stub. Eine Nichte? Bab. In den Tatzen habe ich mein ganzes Geld versteckt. Stub. In den Tatzen Ihrer Nichte? Bab. Nein, meines Bären. Stub. Sagen Sie doch gefälligst, ob Sie von Ihrer Nichte oder von Ihrem Bären sprechen. Bab. Sie haben Recht; sprechen wir zuerst von meiner Nichte. Es handelt sich um einen Raub, um eine Entführung. Der elende Bärenberg! Stub. Bärenberg? Bab. Er ist der Verführer! kennen Sie ihn? Stub. Ob ich ihn kenne! Er hat sie i» einem Koffer fortgeschleppt. Bab. Sie wissen es? Sprechen Sie, mein Lieber, wo ist dieser Koffer? Stub. Das werde ich Ihnen nicht sagen, eher muß ich Ihre Absichten kennen. Bab. Ich liebe sie! Stub. Sie auch? Bab. Ja, und ich will sie heiraten. Stub. Meine Frau? Bab. Nein, Nichte. Stub. Welche Nichte? Bab. (schreit)- Meine Nichte, welche Bä- renberg in einem Koffer entführt hat. Stub. Die in dem Koffer war ihre Nichte? Bab. Ja. Stub. Dann erlauben Sie, daß ich Sic umarme. Bab. Weshalb? Stub. Weil Sie dann auch mein Onkel sind. Bab. Ich Ihr Onkel? Stub. Ja, denn ich bin der Mann Ihrer Nichte. Bab. Sie? Stub. Ich. Bab. Das ist eine schöne Neuigkeit. Sic haben meine Nichte geheiratet? Wann denn? Stnb. Vor drei Jahren, hier in Pest, aber heimlich. Ich hätte sonst meine Stelle verloren. Bab. Vor drei Jahren hier in Pest? Richtig, vor drei Jahren war ich mit ihr in Pest. Ick habe sie noch selbst hergebracht. Es ist zu schändlich! Aber da diese Ehe ohne meine Einwilligung vollzogen wurde, ist sie ungiltig, ich werde sic annnllircn lassen. Stub. Ach. lieber Onkel, Sie verpflichten mich tief. Bab. Ihr müßt Euch trennen. Stub. Ich werde Ihnen ewig dankbar sein. Bab. Zuerst will ich sie aber sehen, sic soll vor Schande vergehen! Wo ist sie? Stub. Beim »Tiger«. Bab. In einer Menagerie? Stub. Nein, im Hotel. Bab. Wissen Sie nicht, ob sie meinen Bären bei sich hat? Stub. Ihren Bären? Bab. Die Elende hat ihn vielleicht zerrissen ! Stub. Sie soll einen Bären zerrissen haben? Bab. Um mein Geld herauSzunehmeu. 12 Stnb. (fährt zurück). Soll cr verrückt sein? Bab. Ich eile, ich fliege zum »Tiger«, damit ich meinen geliebten Bären wieder- sindc! (Er läuft fort.) ^ Stub. Am Ende ist dieß ein wahnsinniger Menagerie-Besitzer. (Man hört eine Glocke ) Der Zug ist angekommen, nun geht die Plage wieder an! Eilfte Scene. Voriger. Reisende, Träger mit Gepäck, unter ihnen Elise mit Earl, welcher eine Reisetasche trägt, zuletzt Genauer. Elise. Bleiben Sie in meiner Nähe, Earl. Carl (welcher im Gedränge fürchterlich herumgestoßen wird). Das will ich wohl, wenn mich die Leute nur ganz lassen. Elise. Ich sehe meinen Onkel nirgends. (Zu Stubenthal.) Haben Sie meinen Onkel nickt gesehen? Stub. (für sich). Schon wieder ein Onkel! (Laut.) Mir hat man keinen Onkel auf- zuhcben gegeben. Fragen Sie im Auskunfts-Bureau. Elise (zu Carl). Kommen Sie, wir wollen Nachfragen. (Ab mit Carl.) Gon au er (hat sich eingeschlichen, er trägt ein Perspectiv). Ich folge ihr auf Schritt und Tritt, ich lasse sie nicht aus den Augen, ick habe mich schon gut bewaffnet. (Er zeigt das Perspectiv.) Sie glaubt mich in Wien. Nein, mein Juwel, dein treuer Gonauer wacht über Dick! (Er folgt Elisen.) Verwandlung. Ein Zimmer beim »Tiger*. Eine Mittelthür. Auf der linken Seite der Bühne steht ein großer Kasten, auf der rechten Seite befindet sich ein Fenster. Der Koffer steht mitten im Zimmer. Zwölfte Scene. Kattendorf (tritt ein). Endlich bin ich bei meinem Schatze. Welche Abenteuer! Dieser Gepäcks-Aufseher hätte mich bald erwürgt. Jetzt will ich meine Schöne befreien. (Er nimmt einen Bund mit Schlüsseln aus der Tasche.) Zur Vorsicht Hab' ick mir diese Schlüssel mitgenommen. Einer wird doch aufsperren. (Er kniet nieder und versucht ienen nach dem andern.) Habe Geduld, mein Engel, bis ich den rechten finde! Gib' mir durch einen Seufzer, durch eiuen Laut zu erkennen, daß Du mich hörst— keine Antwort? Endlich! der paßt — das Schloß ist offen! (Er hebt den Deckel auf.) Komm', Geliebte! (Er sieht den Bären.) Ein Bär! Wer hat mir das ge- than, wer bat Elise in einen Bären verwandelt? (Er springt auf und wirst den Bären heraus.) Es ist Babylon's Bär, ich erkenne ihn. Sollten zwei solche Koffer angekom- men sein? Habe ich den Unrechten erwischt? Schnell auf die Eisenbahn, ich will Nachsehen — aber wohin mit dem Bären, ich kann ihn doch nicht in meinem Zimmer stehen lassen zum allgemeinen Schreck — da hinein damit! (Er wirft ihn in den großen Kasten.) Nur schnell, ehe Bärcuberg den rechten Koffer fortschleppt. (Er will fort.) Dreizehnte Scene. Poriger. Victoria. Vict. Da bin ich — Sie haben mich wohl schon erwartet? Kalt. Ich —Sie? Vict. Beurthcileu Sie mich nicht falsch, dieser Schritt erscheint allerdings unbesonnen — doch zweifeln Sie nicht an meiner Tugend! Kalt. Was soll mir Ihre Tugend — ich miss auf die Eisenbahn — Vict. Sie wollen zu ihm — Sie werden nicht gehen. (Sie klammert sich an ihn.) Ich lasse Sie nicht! Kalt. Was? Vict. Schonen Sie ihn, Gnade für ihn! Kalt. Was liegt Ihnen denn an ihm? Vict. Er ist ja doch mein Mann. 13 Kalt. Ihr Mann? Er ist verheiratet und entführt eine Elise? Vier, (schreit). Er entführt eine Elise! Kalt. Seit wann ist er denn verheiratet? Niet. Seit drei Jahren, aber heimlich. Kalt. Das war wirklich heimlich — er hat sich immer für ledig ausgegeben. Vict. Hat er das? Der Schändliche? Kalt. Er ist verheiratet und entführt eine Andere, aber ich werde ihn bestrafen — fürchterlich bestrafen! (Er eilt ab.) Vierzehnte Scene. Victoria. Vict. Der edle Mensch! Er will mich rächen. Welche Liebe fühlt er für mich, während mein Mann-cs ist schändlich! Er will ihn bestrafen, vielleicht ihn tödten, mich zur Witwe machen, ich werde mich auch rächen, ich heirate den Mörder meines Mannes! Stub. (von außen). Ich weiß, daß sie da ist! Vict. Die Stimme meines Mannes — er sucht mich! Stub. (von außen). Es nützt kein Läug- nen, sie muß da sein! Vict. Wenn er mich hier im Zimmer eines fremden Mannes findet, bin ich verloren. Wo verbirg' ich mich? (Sie sieht den offenen Koffer.) Ein prächtiges Versteck! (Sie legt sich hinein.) Welche Angst, wenn er mich nur nicht entdeckt. (Sie schließt den Deckel.) Fünfzehnte Scene. Victoria (im Koffer) Genauer (stürzt herein). Gon. Bärenberg ist hier im Hause, ich habe ihn gesehen, er ringt mit einem Fremden, der seine Frau sucht. Wo verbcrg' ich mich? (Er will einigemal den Deckel deS Koffers aufheben, Victoria zieht ihn immer wieder zurück.) Himmel, da ist schon Jemand d'rinnen! Bär. (von außen). So lassen Sie mich los. Ich sag'Ihnen ja, aufNumero fünfzehn ist sie. Gon. Er kommt, schnell da hinein. (Er eilt auf den Kasten zu, öffnet ihn, fährt zurück.) Ein Bär! (Er wirst den Bären zum Fenster hinaus, man hört Carl aufschreien.) Ich habe Jemand getroffen — das auch noch. (Er versteckt sich in den Kasten.) Sechzehnte Scene. Bären berg, später Stubenthal. Gonauer und Victoria (versteckt). Bär. Ich habe den Narren nur losgebracht, indem ich ihm die erstbeste Nummer sagte, jetzt durchsucht er das ganze Haus. (Er eilt auf den Koffer zu.) Endlich, da ist sie, mein Alles! (Er kniet nieder und zieht den Schlüssel aus der Westentasche ) Da bin ich, meine Theure, endlich kann ich Dich befreien! Stub. (tritt ein, bleibt mit gekreuzten Ar- men an der Thür stehen, und sixirt Bärenberg). Bär. Wir werden unendlich glücklich sein, nun bist Du deinen Tyrannen los. (Er hat den Koffer geöffnet und fährt zurück, wie er Victoria sieht.) Wer hat mir das gethan? Stub. (tritt vor und sagt Ironisch mit verbissener Wuth). Nun, ist das der Koffer, den Sie suchten? Vict. (bedeckt sich das Gesicht mit den Händen). Ach! Bär. Der Koffer ist's wohl, aber — Stub. DaS ist also der Koffer, in welchem Sie die Frauenzimmer entfuhren? Bär. Ja, es ist derselbe Koffer, aber es ist nicht dasselbe Frauenzimmer. Elender! Du hast sie mir ausgetauscht! Du hast Dir die Andere behalten. Vict. (steht auf und eilt auf Stubenthal zu). Ja, ich Hab' es schon gehört, Du hast ein Frauenzimmer entführt! Stub. Jetzt wollen sie mich zum Schuldigen stempeln. Ah! das ist zu arg! 14 ' Bär. (packt Stubenthal). Wo ist meine Geliebte? Achtzehnte Scene. Stub. (wirft ihm Victoria zu). Da hast Du sie, ich schenk' sie Dir! Bär. Du schenkst mir die Alte und behältst Dir die Junge? Dict. Alte? Und soeben hat er seine Zärtlichkeiten an mich verschwendet. Bär. Wer — ich? Vict. Ja, als Sie da vor dem Koffer knieten. Ich habe jedes Wort gehört, wenn Sie es auch jetzt läugnen. Bär. (hat, während Obiges gesprochen wurde, den Koffer zugemacht und in einen Winkel geschoben). Genug der Dummheiten. (Zu Stu- benthal.) Geben Sie mir meine Geliebte. Siebzehnte Scene. Vorige. Babylon. Bab. (auf Bärenberg stürzend). Elender, wo ist meine Nichte? Bär. Babylon! Bab. Meine Nichte will ich haben! Stub. (wirft ihm Victoria zu). Ihre Nichte, lieber Onkel? Da ist sie. Bab. (erstaunt). Das ist meine Nichte? Vict. (zu Stubenthal). Das ist dein Onkel? Vorige. Kattendorf. Bab. Kaltendors! (Er stürzt auf ihn loS.) Wo ist meine Nichte? Kalt. Ich weiß es nicht, Bärenberg muß es wissen. Bär. Wo sie ist, weiß ich leider nicht, wohl aber, wo sie war. Hier in diesem Koffer. Kalt. Es ist nicht wahr, ich habe den Koffer aufgemacht, und nichts darin gefunden, als einen Bären. Bab. Einen Bären? Wo ist mein Bär? Kalt. Wo er ist, weiß ich nicht, wohl aber, wo er war — hier in diesem Koffer. Bär. Er lügt, ich habe den Koffer aufgemacht und diese Dame darin gefunden. Bab. Diese Dame? Stnb. Ja, Ihre saubere Nichte. Elise, (vor der Thür). Ich habe ihn wohl erkannt, trage ihn nur auf mein Zimmer. Bär. Diese Stimme! (Er öffnet die Thür, man sieht Elise.) Kalt. Diese Gestalt! Bab. Meine Nichte! Neunzehnte Scene. Stub. Nun ja — wenn er dein Onkel ist, ist er auch der meine. Bab. Dein Onkel, ihr Onkel! Es ist zum Rasendwerden! Vict. Mein lieber Onkel, lassen Sie sicb umarmen. Bab. Wollen Sie mich loslaffen? Stub. Aber es ist ja Ihre Nichte. Bab. Die? Stub. Die! Vict. (beleidigt). Die! Als ob ich keinen Namen hätte. Vorige. Elise. Elise (eintretend). Mein Onkel, find' ich Sie endlich! Bab. Du hast mich gesucht? Elise. Seit diesem Morgen, seit mir Carl gesagt, daß Sie nach Pest gefahren sind. Bab. Und ich suche Dich und meinen Bären. Warum hast Du ihn denn mitgenommen? Elise. Ich? Bab. Du hast mir's ja geschrieben, ein ausgestopftes Andenkens? 15 Elise (zieht den Staar aus der Tasche). Zch meinte, diesen Vogel, den Sie mir zum Geburtstage geschenkt haben. Bab. Ich bin zu Grunde gerichtet! Alle. Wie? Lab. Ich lasse Euch Alle einsperren — mein Bär. mein Bär! In seinen Tatzen steckt mein ganzes Vermögen — gebt ihn mir heraus — mein Bär, mein Bär! Kalt, (für sich). Ein Lichtstrahl! (Laut.) Herr Babylon, geben Sie Dem, der Ihnen Ihren Bären wiederbringt, die Hand Ihrer Nichte? Bab. De»l ganzen Bären verlange ich gar nicht, — wer mir seine vier Tatzen un- verletzt wiederbringt, soll die Hand meiner Nichte haben. Kalt. Ihre Hand für die Tatzen; o Se- ligkeit, sie ist mein! Das ansgestopfte Thier, welches Sie suchen, ist da — (Er öffnet den Kasten, man sieht Gonauer. Allgemeines Erstaunen.) Gon. (kommt heraus). Ich war dem Ersticken nahe. Kalt, (packt ihn). Unglückseliger, wo ist der Bär! Elise (trennt sie). Erlauben Sic—mein Onkel hat Demjenigen meine Hünd versprochen, welcher ihm seinen Bären wieder bringt — Sie lieben mich alle Drei — ich setze den Fall, ich verschaffe meinem Onkel seinen Bären, hätte ich dann nicht das Recht frei unter Ihnen zu wählen? Bab. Du wüßtest? Elise. Ehe ich antworte, versprechen Sie mir, lieber Onkel, daß ich frei wählen darf, und daß Sie, meine Herren, sich ruhig in meine Wahl fügen und nicht zürnen! Bab. t Kalt. ! Wir versprechen es! Gon. i Stub. (zu Victoria). Siehst Du, daß sie nicht Dich lieben, sondern dieses Fräulein— Vict. (für sich). Sie opfern sich für meinen Ruf! Elise (ruft zur Thür hinaus). Carl! Carl! Carl (von außen). Wo sind Sie, Fräulein Elise? Elise. Hier, auf Nr..1; bring' den Bären hieher. Alle. Den Bären? Zwanzigste Scene. Vorige. Carl mit dem Bären. (Carl s Hut ist eingedrückt.) Carl. Ist der Elende vielleicht hier, der mir die Bestie aus den Kopf geworfen hat? Ich mochte mich gerne bei ihm bedanken. Bab. (stürzt auf den Bären). Mein Bar! Bär. j ^ , s «knien sich vor Elise nieder). '' t Wählen Sie! Gon. ! Vict. Die Edlen opfern sich für mich, für meine häusliche Ruhe! Elise (reicht Bärenberg die Hand). Bär. O Seligkeit! Kalt, i . Gon ) Verflucht! (Sie stehen auf.) Bab. (hat aus den Tatzen des Bären sein Geld genommen und gezählt). Alles ist da, Alles! Es fehlt auch nicht eine Banknote! Carl. Der Bär ist mit Banknoten ans- gestopft? Hätte ich das gewußt! Bab. Ich bin überglücklich, ich habe meinen Bären wieder, und meine Nichte— Bär. Hab' ich! (Der Vorhang fällt.) Ende. In unserem Wiener Theater-Repertmr erscheinen demnächst: Die Gezeichnete, oder: Russe und Franzose. Schauspiel in drei Abtheilungen und vier Aufzügen von C. Z. Folnes. Lus der Mhue und Hinter den Coulissen. Schwank mit Gesang in zwei Bildern von Ludwig Gottsleben. Severin von Jaroszynsky oder: Der Blaumantel vom Troltnerhof. Genrebild mit Gesang und Tanz von Carl Haffner und I. Pfundheller. Druri und Papier von Leopold Sommer in Wien (Den Bühnengegenüber als Mannscript gedruckt.) Die Gereichnete, oder: Russe und örailzose. Schauspiel in drei Abheilungen und vier Acten von C. Z. Folnes. (2m k. k. priv. Theater in der Iosefstadt in Wien mit Beifall gegeben.) Erste Abtheilung in einem Acte: Ein Freund bei Hofe. Personen: FregattencapitänS der russischen Flotte. Katharina II. von Rußland. Der Großfürst. Baron Ungern von Sternberg, Graf Dernicky. (ehemals) Key los. Haushofmeister j . ^ ^ - Karutin, Leibeigener j " Hause deS BaronS. Ein Offizier der kais. Garde. Russische Cavaliere. Gäste. Soldaten. Diener. Zeit: 1777. — Ort: Petersburg. rhe»ter»K«P«rt,i, Nr. 9». 1 ( Zweite Abtheilung in zwei Acten: Eine Dame aus der großen Welt. Heir von olard, Herr von Chalup, Heir von Pontevez, Herr von Büros, ^ tzrenran von Jarente. Francois, ih- D euer. Frolon, d.r schönen Künste und Wissenschaften. 'Christin^, seine Tochter. Korutin. Diener der Baronin. — Gäste und Diener. Baron Ungern von Sternberg. Lherese. seine Gomalin. Frelon, Giziebec des jungen Barons. Christine. Karutin, Haush fmeister im Schlösse Dagö. Friedrich, des Baions Codn, sellS Iabr alt. Ort: Insel Dagö im baltischen Meere. Zwischen jeder Abteilung l>egt der Zeitraum eines Jahres. 8L. Rechts und links ist von der Bühne aus angenommen. Die Rolle der Rosine muß einer Schauspielerin zugetheilt werden, welche an Gestalt und Größe der Darstellerin der Baronin ähnlich ist. Personen: Baron Ungern von Sternberg. Therese, seine Gemalin. Rosine, deren Zofe. Nrco nte von Caligni. Cvevilier von Jurente Capitans im Regiment Flandern. Herz»., von Ru cs, Herr von Cbainbray, Herr von Folard, Baron de FreSne, Baro- de Prie, franrösische Cavaliere. Ort: Versailles. Dritte Abtheilung in einem Acte: Dcr Znsclherr. Personen: Erste Abtheilung. Erster Act. Park mit Statuen und Fontainen im Styl Ludwig des XIV. Den Mittelgrund bildet eine Terrasse mit zwei Ausgängen. In der unteren halbrunden Vertiefung derselben ein Spring, brunnen mit einem Blumenflor umstellt. Rechts und links vorne dichte Lauben mit Bänken. Auf der Höhe der Terrasse zu beiden Zeiten Bänke» Laubgänge und Figuren. Den Prospekt schließt das prachtvoll beleuchtete schloß drs Barons mit hohen Glasflügeln, durch welche man die Tanzenden steht rc. rc. Bäume, Laubgänge und Terrasse sind mit zahl- reichen farbigen Beleuchtungsstärken in geschmackvoller Anordnung geziert. Auf der Terrasse siebt man abwechselnd Gäste promeniren oder in Gruppen sitzen. AuS dem glänzend er- leuchteten Saale des Schlöffe« tönt Tanzmusik. Diener in goldbordirten L vröen bedienen ab und zu die Gäste auf der Terrasse und im Saale. Erste Scene. Keplos und Karntin (kommen über die Terrasse). Kepl. Liebst Du deinen Herrn noch mit derselben Ergebenheit wie früher? Karut. Mein Leben gehört ihm,so lange ich athme. Kepl. Gut. Dn hast heute Gelegenheit ihm einen Beweis deiner Treue zu geben. Weißt Du für wen der Baron dieses Fest gibt? Karut. Er feiert die Begnadigung des Grafen Dernicky, seines Waffenbruders, der wegen Majestätsbeleidigung nach Sibirien verbannt und auf die Fürbitte unseres Gebieters, der das Glück hatte der Mo narchin das Leben zu retten, wieder in Freiheit gesetzt wurde. Kepl. So ist es. Dieser Mensch verdankt unserm gütigen Herrn das Leben und die Freiheit—man sollte meinen, dieß wäre Grund genug ihn zu lieben und dennoch— haßt er ihn. Karut. Unmöglich! Zhr täuscht Euch in ihm. Solch' schwarzer Undank ist nicht möglich. Kepl. Du sollst Dich davon überzeugen. Der Neid, welcher jede bessere Regung des Herzens im Keime erstickt, beherrscht ihn ganz und gar. Ich kenne ihn so lange wie meinen Herrn, und werde mich in seinem Charakter nickt getäuscht haben. Wenn Du also den Baron liebst, so lasse den Grafen Dernicky während der Dauer dieses Festes nicht aus den Augen. Suche unbemerkt seine Gespräche zu belauschen und Du wirst Dick bald von der Wahrheit meiner Behauptung überzeugen. Karut. Zeh will ihm folgen wie der Hund der Spur des Fuchses. (Tusch hinter der Scene, die Gäste auf der Terrasse eilen in den Saal. Man sicht das Folgende darin sich vorbereiten.) Was bedeutet das? Kepl. Der Großfürst mit seinem Gefolge betritt soeben den Saal. — Alles eilt ihm entgegen. Mein Dienst ruft mich zurück in's Schloß. Geh' und vollziehe deinen Auftrag mit Vorsicht und Klugheit. Karut. Ihr kennt mich! (Keplof über die Terrasse. Karutin vorn rechts ab.) Zweite Scene. Der Großfürst mit militärischem Gefolge, Dernicky, Sternberg, Gäste (aus dem Saale). Sternb. (Derncky vorsührend,. der das Knie vor dem Groß'ürsten beugt). Hoheit, nehmen Sie die Huldigung zweier Männer entgegen, welche Ihnen den schönsten Tag ihres Lebens verdanken. Hier ein edler Gefangener, dessen Fcsseln Ihre Gnade zerbrachen, und hier ein ergebener Unterthan, den Ihre Huld zum DermittlerIhrerGroß- innth erwählte. Großs. Nicht mir, unserer erhabenen Mutter dankt, und unserem Freunde 1 * 4 Sternberg, dem glücklichen Fürbitter bei ihr. — Ihr Fest ist überaus glänzend. Baron. Man meint in einem Zaubrrgarten zu stehen. Ich will einen Gang durch Ihre,, reizenden Park machen, folgen Sie um nicht, meine Herren. (Grüßt und geht durch den Laubgang rechts ab.) (Die Gaste vertheilen sich wie bei Beginn des Stück,s. Die Tanzmusik beginnt dinier der Scene. Dernicky und Sternberg kommen über die Terrasse herab nach vorne.) Dritte Scene. Sternberg. Dernicky. Dern. (Sternberg umarmend). Theurer Freund, wie soll ich Euch danken! Sternb. Auf die einfachste Weise, liebt mich! Dern. Der tödtliche Frost meines Erils, fürchte ich, hat in meinem Herzen jedes Gefühl für Freundschaft und Liebe vernichtet. O lächelt nicht! Hättet Ihr wie ich für ein unbedachtes Wort, das mir entschlüpfte, die zwei schönsten Jahre eurer Jugend auf den Eisfeldern Sibiriens vertrauern müssen, Euer Herz wäre wie meines verdorrt, und eure Lippen wären die strengsten Hüter eurer Zunge in einem Lande — Sternb. (lackend einfallend). Wo man die Handlungen selnerMonatchen nurloben, aber niemals tadeln darf. Dern. Ich werde mich wohl hüten, so gefährliche Meinungen zu äußern. Fürchtet Ihr nicht, daß ein verrärhenscher Wind diese Worte dem Großfürsten in's Obr flüstern kann? Sternb. Ihr habt Reckt, mein Glück macht mich übermüthig. Auch bin «ck nur zur Hälfte Russe, da ich auf meinen vielen Reifen von allen Nationen etwas ange nominen habe, so z.B von den Engländein drn Frennuth, von den Italienern den Leichtsinn und von den Franzoien — Dern. Don den Franzosen habt Ihr nichts angenommen, sondern ihnen Alles gegeben. Sternb. Schmeichler! Ich werde dieses artige Compliment der Baronin schreiben. Offen gesprochen, ich habe mich über den oof von Petersburg nicht zu beklagen, persönlich wenigstens nicht. Ich bewege mich ui ziemlicher Freiheit, und hätte ich nicht die Kelten vvl Augen, welche auf meinen Landsleuten lasten, ich würde mich hier beinahe eben so wohl befinden wie aus dem Verdeck meiner Fregatte. Dern. Ick beschwöre Euch, diesen englischen Freimuth zu zügeln, so lange Ihr noch russische Luft athmet. Sternb. Pah! Ich habe der Kaiserin das Leben gerettet, bin mit dem Großfürsten befreundet und habe mein Blut für die kais. Manne vergossen. Der Thron verdankt mir zu viel, um wegen eines Wortes mit mir zu brechen. Aber wir verplaudern dre Zeit, während meine Gäste Euch vermissen. Gehen wir, Graf, mengen wir uns in das heitere Gewühl. (Wenden sick gegen das Schloß Keplof tritt ihnen entgegen mit einem Brief auf silberner Tasse.) Vierte Scene. Vorige. Keplof. Kepl. Ein Courier aus Frankreich überbrachte diesen Brief. Sternb. Gewiß Nachrichten von meiner theuren Gemalin. Verzeiht, Graf, ich erhalte soeben einen Brief aus Versailles. (Graf mit Verbeugung über die Terrasse in den Liu- bengang r,chtS ab.) Keplof, ich gehe m das chinesische Gartenhaus. Trage Sorge, daß ich von Niemanden dort gestört werde. (Geht vorne links. Keplof über die Terrasse links ab.) . Fünfte Scene. Großfürst, Dernicky, Karutin. Großf. (tritt Dernicky entgegen). Ah,wie gerufen, Giai. Ick wollte Sie eben aufsuchen. Da Sie Mit dem Baron von Sibirien kommen, so werden Sie mir wohl am 5 besten Aufsckluß geben können über ein Gerückt, welches den Baron, wenn es sich bestätigt, in eine gefährliche Stellung zur Regierung bringt. Dern. (für fick). Kein Zweifel, er ist eifersüchtig auf seine Erfolge Der Augenblick ist günstig für mein Glück, benützen wir ihn. Großf. (hat einige Sckritte nach dem Hin- terqrunde gewacht, zurückkehrend). Setzen wir uns. Hier ist ein uubesuchteres Plätzchen, wo wir unbemerkt einige Minuten plaudern können. (Setzen sich in die Laube links. Ka- rutin ist lauschend in der Laube rechts sichtbar.) Erzählen Sie mir doch, womit sich der Baron in Sibirien beschäftigte, nachdem er Ihre Befreiung beim Gouverneur von Tobolsk erlangt batte? Dern. Wir machten Ausflüge in die Minen, wo die von Ihrer Majestät Ver- urtbeilten arbeiten. Die meisten sind wegen politischer Vergeben dort. Sternberg trö stete sie, versprach ibnen seine Unterstützung und vertheilte große Summen an sie — dann — doch erlauben mir Ew. Hoheit darüber zu schweigen. Großf. Fahren Sie fort! Dern. Da ick mich zu compromittiren fürchtete, kehrte ich nach Tobolsk zurück, als er die Prinzen und Prinzessinnen von Braunschweig besuchte in — Großf. (aufstehend). Also doch wahr! Und bat er keine Meinung darüber geäußert? Dern. Ich wage es nicht, seine Worte zu wiederholen. Großf. Ich befehle es. Dern. Er nannte ihre Gefangenschaft eine Gewaltthat, welche die Geschichte richten werde. Da Ew. Hoheit so warmes Interesse an meinem Freunde nehmen, so wage ich die ergebene Bitte, Hockdieselben möchten ihm doch befehlen lassen, vorsichtiger in seinen Reden zu sein. Wie leicht könnte ein solches Wort Ihrer Majestät zu Ohren kommen und den unbesonnenen Sprecher verderben. Großf. Folgen Sie mir, Graf, ich werde Sie noch beute beim Spiel der Kaiseriil erstellen, indessen schließen Sie sich meinem Getolge an. (Mit dem Grafen in den Saal ab.) Karut. (bervortretend). Weiser Krplof, wie sehr bewundere ich deine Menschen- kenntniß! O pfui, pfui über diesen kriechenden speichelleckenden Verrätber, der das Vertrauen seines Freundes mit dem empörendsten Undank vergilt. Das weiche, liebevolle Herz meines Gebieters taugt ui bt an diesen Hof, wo nur Arglist und Falschheit eine Rolle spielen. (Rechts vorne ab.) Kosakentanz mit Lanzen (auf der Terrasse). Die Scklußgruvoe bildet den Namenözug: (Die Terrasse ist nach dem Tanze, und wo dieser wegbleibt, nach dem Abgänge des Groß- fürsten völlig leer geworden. Die Musik im Saale sp elt jedoch mit Unterbrechungen fort bis zum Auftritt des Oisipers, wo sie plötz- lick abbrtcht.) Sechste Scene. Sternberg und Keplof (aus dem Ball, saale). Kepl. (folgt dem Baron, welcher ln heftiger Bewegung auf- und niedergekt). Um des HlM- mels willen Herr Baron, was sind das für Nachrichten, die Sie aus Frankreich erhielten? Sckon beim Abschiede des Großfürsten fiel mir die Blässe auf Ihrem Gesichte auf. Ist Ihre Gemalin erkrankt oder Ihr Sohn? Sternb. Keines von beiden! Von Ihr erhielt ich kein Schreiben. (Zieht den Brief hervor.) Hier, lies selbst und überzeuge Dich von der Größe meines Unglücks. Kepl. (liest) »Herr Baron! Ich ersuche Sie im Interesse meiner und anderer achtbarer Familien, deren Söhne in die Netze Ihrer koketten Frau fielen, dieselbe nach Rußland zurückzubringen. Hier ist sie zu viel, indem sie keinen anderen Zweck ver- 6 folgt, als den Umsturz wahren Familienglückes.* Ihre ergebene Versailles, Freifrau v. Iarente. den 12. August 1777. Sternb. Nun, alter Freund, was denkst Du von diesem Hiobsbriefe? Kepl. Gnädigster Herr, ich zweifelte damals schon an der Beständigkeit Ihres Glückes, als ich Sie entschlossen sah, eine Fremde, eine Französin, znr Gefährtin Ihres Lebens zu machen. Ich schwieg jedoch aus Besorgniß, Sic möchten Ihren ältesten Diener, Ihren Freund, wie Sie mich eben nannten, für einen vorlauten Schwätzer halten, den man entfernen muß. Ueber- zeugen Sie sich, gnädigster Herr, nicht weil ich an die Wahrheit dieser Nachrichten glaube, Gott schütze Sie und mich davor — nein — nur um Ihrer Ruhe willen, an deren Stelle eine verzehrende Eifersucht eingezogen ist. Ihre Urlaubszeit ist noch nicht abgelansen, benützen Sie dieselbe. Ihre Fregatte liegt vor Kronstadt, eilen Sie noch diese Nackt dahin. Ich verbreite hier das Gerücht, daß Sie sich nach Ihrer Insel Dagö begeben haben. Sternb. Diese überstürzte Eile würde Alles verderben. Ich mnß mir die Bewilli gung der Kaiserin verschaffen. Kepl. (einfallend). Und in's Verderben stürzen. Bemerken Sie nicht, auf wie auffallende Weise sich Dernicky in die Gunst des Großfürsten gesetzt? Ich fürchte sehr, daß es auf Ihre Kosten geschehen. Sternb.Pfui, Keplof, Du verleumdest meinen Freund. Die Sorge um mich macht Dich ungerecht gegen der» Grafen. Kepl. Karutin wird Ihnen den besten Aufschluß geben können. Da ich dem Charakter des Grafen stets mißtraute, so gab ich ihm den Auftrag Dernicky während des FesieS zu beobachten. Da kommt er. Möge er Ihnen sogleich mittheilen, was er erfahren. Siebente Scene. Vorige. Karutin. Karut. (von rechts über die Terrasse). Ein Offizier der Garde mit zahlreicher Mannschaft hat soeben den Schloßhof betreten. Ich fürchte, es gilt Ihrer Freiheit. Sternb. Wie kommst Du auf diese Vermnthung? Karut. Graf Dernicky hat Sie an den Großfürsten verrathen. Sternb. Verrathen! Macht mich nicht toll mit eurem Mißtrauen. WaS hat er ihm gesagt? Karut. Er erzählte dem Großfürsten, daß Monseigneur die Kaiserin schwer geradelt haben über ihre Handlungsweise gegen die Prinzen von Braunschweig. Kepl. Der Elende! Sternb. So dankt er mir für daS Geschenk der Freiheit! Mein Freund, mein Waffenbruder verräth mich um elende Hofgunst! Kepl. Benützen Sie den letzten Augenblick zur Flucht. Bis zu Ihrer Rückkehr hat sich der Zorn der Kaiserin gelegt. Sternb. Du hast Recht, Alter! Besorge das Nöthigste zur Reise. Am Hafen findest Tu mich an dem Dir bekannten Orte. Karutin, Du begleitest mich. (Will vorn links ab.) Zu spät! Achte Scene. Vorige. Offizier, Soldaten, Gäste, Diener. (Wie Sternberq sich zum Abgehen wendet, treten recdtS und links je zwei Mann heraus und kreuzen ihre Waffen. Auf der Terr.ffe s. rsmpo Tarve- soldaten mit dem Offizier. Sie schließen einen Halbkreis, hinter welchem die Gäste mit verstör- ten Mienen. Diener mit GirandolS zu sehen sind.) Offiz. (geht, nachdem das Tableau steht, zu Sternberg herab). Herr Baron Ungern von Slernberg, «ch habe den Befehl, Sie alsogleich zur Kaiserin zu führen. 7 Sternb. Zst es mir erlaubt, meinen Dienern hier noch einige Befehle zu geben? Ossiz. (kehrt mit einer bejahenden Verbeugung auf die Terrasse zurück). Sternb. (reißt auS seiner Brieftasche ein Blatt und schreibt, während er spricht)- Karutin. ich fenne deine Trene und Ergebenheit, Du wirst mich nicht wie die Anderen betrügen. (Karutin wirft sich zu seinen Füßen.) Ich glaube Dir und will mich deiner Klugheit anvertranen. Kannst Du lesen? Karut. Ich lese russisch und spreche französisch. Sternb. Nimm diesen Zettel. Lasse Dir von Keplof Geld geben. Du reisest augenblicklich nach Frankreich ab und vollsührst streng, was ich Dir hier anbefehle. Lebt wobl! Karut. und Kepl. (küssen ihm die Hände). Sternb. (zu dem O'fijier). Mein Herr, ich stehe zn Ihren Diensten. (Wendet sicd qe- gen die Terrasse, die vier Mann von unten sckl eßen sich an; Keplof und Karutin links vorn ab.) Verwandlung. (Kurzes Cabinet der Kaiserin. Rechts ein Arm stuhl, kleines Tischchen mit Glocke und Armleuchter. Einqang links, rechts in die Gemächer der Kaiserin. Mitte geschlossen.) Neunte Scene. Katharina. Großfürst. Kath. (von rechts in prachtvoller Toilette, eine ältliche Dame mit sichtbaren Resten früherer Schönheit in majestätischer Haltung). Sein Uebermuth macht ihn zum Rebellen. Weno er mir gute Dienste leistete, so leistete er sie als Unterthan. dieß soll er bedenken. Wer erlaubte ihn die Prinzen von Braunschweig zu besuchen? Wozu mischt er sich in meine Politik? Für diese Kühnheit soll er bestraft werden, und wenn er mir zehnmal das Leben gerettet hätte. Großf. Seeleute pflegen ihre Urtheile mit mehr Freimuth auszusprechen. Kath. Ueder meine Handlungen steht Leidem meiner Uuterthaueu ei» Urtheil zu, denn Niemand kennt wie ich die geheimen Beweggründe derselben. Ich will ihm den freisinnigen Kopf schon zurechtsetzen. Wo bleibt er so lange? Offiz, (meldend). Baron Ungern von Sternberg. Katb. Herein mit ibm! Laßt uns allein, l Großfürst rechts ab. Katharina setzt sich tn den Armstuhl rechts.) Zehnte Scene. Katharina. Sternberg. Sternb. Gestatten mir Ew. Majestät— (Beugt das Knie) Kath. (einfallend). Steh'auf, Sternberg! Ich höre, daß Du in deinem Hause kaiserliche Feste gibst. Sternb. Das Fest verdankt Ihrer kaiserlichen Gnade seinen Ursprung und seine Weihe, mußte daher auch einem so erhabenen Zwecke entsprechen. Kath. Da Du von Sibirien kommst, wirst Du mir sagen können, ob Du auf deiner Reise außer dem Grafen noch andere Gegenstände deines Mitleids und deiner Fürsprache entdeckt hast. Sternb. Majestät, darf ich offen meine Meinung äußern? Katb. Deiner Kaiserin gegenüber ist eS deine Pflicht. Sternb. Nun denn — ja, Majestät! Ich habe die Minen besucht, wo die politischen Gefangenen mit ungeübten schwachen Armen nach deinem Golde graben. Des belebenden SonnenlichtcS beraubt unter dem täglichen Drucke einer tödtlichen Lustschichte und jeder körpe,licken Entbehrung anSge- setzt, siechen sie schnell dahin; und doch sind sie weniger zu beklagen, als jene Unglücklichen , welche mitten im Schnee im ewigen starren Eise ihre Hütten aulzuschlagen gezwungen sind. Ick habe Viele dieser Bejammernswerthen gesprochen und von allen am herzzerreißendsten daS Lader Prinzen und Prinzessinnen vo» Brau»- schweig gesmr.de«. 8 Kath. (mit unterdrücktem Zorne). Ah, Du bist bis Cholmogory gereist. Nun, wie bringen mein Cousinen von Braunschweig ihre Zeit;n? Sternb. Majestät, es kommt mir nicht zu, nach den Staatsgründen zu forschen, welche Sie bestimmten, Ihre, hohen Verwandten in dieses traurige Eril zu schicken. Da mir aber Ew. Majestät die Gnade erweisen mich zu fragen, so antworte ich offen und kühn mit der ganzen Energie, welche der Ruhm meiner erhabenen Monarchin mir einflößt. Die Prinzen und Prinzessinnen leben in einer Armuth, welche mir Schrecken cinflößte. Ich bin überzeugt, daß meiner großherzigen Monarchin dieser Jammer gänzlich fremd geblieben. Kath. Was Du mir erzählst, klingt höchst seltsam. Mir ist nie eine Klage von dort zugekommen. Sternb. Die Elenden, welche diese Klagen aus Wohldienerei unterdrückten, haben mit der Ehre Ew. Majestät ein fluchwürdiges Spiel getrieben. Kath. (aufstehend). Ich habe mich nun persönlich von deiner Kühnheit oder vielmehr Tollheit überzeugt. Mir gegenüber erlaube ich ein freies Wort, aber Du rufst cS laut in alle Welt hinaus, die meinem Thron zu ferne steht, um mich richlig zu beurtheilen. Du verdächtigst so den Cha- rakter deiner Kaiserin und vernichtest die wohlthätige Wirkung meiner Befehle. Damit es Dir in Zukunft an Vorsicht und Ueberlegung nicht fehle, gebe ich Dir ein Jahr lang Zeit in der Citadelle von Petersburg über die Beschlüsse deiner Kaiserin reiflicher nachzudenken. (Läutet. Dernicky tritt ein.) Capitän, übernimm den Gefangenen. (Geht rechts ab.) Eilfte Scene. Sternberg. Dernicky. Sternb. (mit Hohn). ^ is-lronns kours» Graf. Euer Glück macht rasche Fortschritte- Diese Uniform hält offenbar wärmer als die Lumpen in TobolkS. Dern. (in der Uniform eines Garbecapi- täns). Was wollt Ihr? Man muß die Gelegenheit benützen. Des Großfürsten Gnade hat mich zum Capitän der Garde ernannt. Ich bedauere nur, daß mir meine neue Stellung die unangenehme Pflicht auferlegt, den Mann in's Gefängniß abzu- führen, dem ich selbst meine Freiheit verdanke. Ihr werdet Euch aber erinnern, Baron, daß ich Euch von Tobolsk bis Petersburg oftmals ermahnte, diese hochtönenden Phrasen eurer glühenden Phantasie zu unterdrücken. Das gesellschaftliche Leben in Rußland ist erbärmlich nüchtern. Sternb. Ihr habt Recht. Jedenfalls werde ich in der Citadelle in minder erbärmlicher Gesellschaft sein, als ich jetzt bin. Dern. Ich begreife diese gereizte Stimmung. Wollt Ihr die Güte haben, diesen beiden Männern in den Wagen zu folgen, (deutet auf die Wache an der Thür) die Euch am Schlvßthor erwarten, und mir früher euren Degen zu geben. Sternb. (legt seinen Degen aufdoSTisch- chen rechts). Meldet Ihrer Majestät, daß ich Ihr loyaler Unterthan bin und da ich den Vollstrecker Ihres Befehles nicht ohrfeigen darf, so erkläre ich ihn für den erbärmlichsten, verächtlichsten Wicht Rußlands! (Wendet sich zum Gehen. Dernicky zieht zur Hälfte seinen Degen. Sternberg wendet sich zu ihm und blickt ihn mit verachtender Heraus- forderung an. Dernicky stoßt die Klinge in die Scheide zurück, worauf der Baron mit mitleidigem Achselzucken sich zum Abgehen wendet.) Der Borhang fällt. Zweite Abtheilung. Zweiter Lei. Einfaches bürgerliches Zimmer bei Magister Frelon. Rechts und links eine Thür, links Fenster. Rechts vorn ein Nähtischchen, daneben Stuhl und Spinnrocken. Links ein Schreibtisch worauf Fo. lianten, Globus. Studierlampe und Scbreibge- räthe sich befinden, davor ein Armstuhl. Die Möbel sind durchaus im damaligen Zeitgeschmack von Eichenholz mit gedrehten Füßen rc. Erste Scene. Christine (allein). Christ, (am Spinnrocken). Wo nur der j Vater so lange bleibt. Die Unterrichtsstunde i' naht und er ist noch nicht zurück. Hat l er seinen Homer mitgenommen und sich, um auszuruben, wohin gelagert, dann ist's vorbei. Dann vergißt er auf Schule, Unterricht und die ganze Welt, bis die hereinbrechende Nacht ihn zwingt daran zu denken. (Legt die Spindel in den Schooß.) Auf wie sonderbaren Wegen uns oft der liebe ! Gott seine Hilfe sendet. Ein Halbwilder aus den russischen Steppen kommt nach Versailles, um sich zu bilden, wird der Schüler meines Vaters und durch die fürstliche Bezahlung, die er ihm gibt, bannt er die Noth, die schon recht fühlbar an unsere Thür pochte. Und was für ein fleißiger Schüler Herr Karutin ist. Seit er den Unterricht meines Vaters empfängt, hat er auch nicht eine Stunde versäumt. (Man klopft.) Herein! Zweite Scene. Karutin. Christine. Karut. (in tartarischer Tracht von links), s Guten Abend, Fräulein! Christ. Ich danke, Herr Karutin. Pünkt- i lich wie immer. Mein Vater ist noch nicht ! zurück, doch erwarte ich ihn jeden Augen- ! blick. Karut. Meine Zeit ist heute nicht so beschränkt. Die Baronin von Sternberg ist schon gm frühen Morgen nach Marly zur Jagd gefahren und beurlaubte mich bis zehn Uhr Abends, zu welcher Stunde sie einen großen Ball in ihrem Hotel gibt. Christ, (hat sich wieder rechts zum Spinn- rocken gesetzt). Nehmen Sie Platz, Herr Karutin und erzählen Sie mir ein wenig voll diesen glänzenden Festen. Die Baronin Sternberg ist wohl eine recht vornehme Dame? Karut. Sie ist die Gattin des reichsten und liebenswürdigsten Cavaliers am Hofe zu Petersburg, eines Mannes voll Geist und Herz, der sie mit abgöttischer Verehrung liebt und — den sie betrügt. Christ. Abscheulich! Er weiß darum und liebt sie noch immer? Karut. Er zweifelt noch an seinem Unglück, bis er durch mich die traurige Gewißheit erlangt. Christ. Durch Sie? Karut. Ja, durch mich, der ich ihm mein Leben, die Bildung meines Geistes und alle edleren Empfindungen meines Herzens verdanke. Da wir eben von ihm plaudern, so will ich Ihnen erzählen wie ich in sein Haus kam. Drei Jahre sind es der, daß Rußland mit der Pforte Krieg führte. Ich diente damals alsMatrose auf einem türkischen Kriegsschiffe, das der Baron, als Capitän einer russischen irregatte, nach blutigem Kampfe eroberte. Wehrlos, von einer Kugel in die Schulter getroffen, lag ich auf dem Verdeck, als die siegestrunkenen Russen es erstiegen, über die Ge- fangenen und Verwundeten herfielen, sic ermordeten oder ins Meer warfen. Schon nahte sich der Stelle, wo ich lag, eine Horde wilder Krieger, um auch mir den Garaus zu machen, als der Baron mit der Pistole in der Faust mitten unter sie stürzte und Jeden niedrrzuschießen drohte, der einen Wehrlosen oder Gefangenen mißhandle. Durch seine großmüthige Dazwischenkunfl vom sichern Tode befreit, warf ich mich ihm 10 zn Füßen und bat ihn, meine Perlon als Geschenk für die Rettung ineineS Leben an- zunehinen. So wurde ich freiwillig sein Diener, sein Leibeigener, sein Sklave, der jede Stunde bereit ist für die Ehre seines Gebieters sein Blnt zu vergießen. Christ. Der Herr Baron wird Jbnen diese treue Anhänglichkeit gewiß mit Liebe lohnen. Karut. Ich bin so glücklich sein volles Vertrauen zu besitzen und er soll sich in mir auch nie getauscht haben. Dritte Scene. Vorige. Sternberg. Sternb. (in einen dunklen Mantel gehüllt, srbwarz gekleidet, das bleiche Besicht von einem Dollbart umschattet, tritt in die Thür links». Mademoiselle, verzeihen Sie einem Unde kannten, der es wagt sich hier einzudrängen. Karut. (der ihn erst anstarrt, dann ander Stimme erkennt. flürch ibm mit e nein AuSruf der höchsten Freude zu Füßen) Ist's denn wirklich?— Ja, Sie sind es! O mein tbeurer Gebieter! Gott sei gedankt, ich sehe Sie frei und in Frankreich, welches Glück! Sternb. Du vergißt, daß wir nicht allein sind — Kar nt. (vorstellend). Baron Ungern von Sternberg, Kiänlein Christine, die Tochter meines Lehrers, Herrn Frelon. ^.Sternb. (zu Lhr stme). Vergeben Sie meinen Ueberfall. Ich sab.Karntin hiereintreten, und da er mein einziger Freund in Frankreich ist. so folgte ich ihm hieher und bitte Sic diese Indiskretion einem Fremdling nickt übel zu deuten. Christ. Sie sind uns kein Fremdling, Herr Baron. Ich heiße Sie im Namen meines Vaters herzlich willkommen. Da Sie Ihrem Freunde gewiß viel mikzutheilen haben, so lasse ich Sie mit ihm allein, und will meinem Vater entgegengehen. Benützen Sie indessen die geringen Bequemlichkeiten, die unsere bescheidene Wohnung zu bieteu vermag. (Ab link».) Vierte Scene. Sternberg. Karutin. Sternb. (legt Mantel und Hut ab und setzt sich in den Armstuhl reckNS). Hast Du den Auftrag, welchen ich Dir in Petersburg gab, genau im Gedächtnis behalten? Karut. (zieht aus seiner Brust ein seidenes Beutelchen und auS diesem ein Pav'er). Hier ist der Zettel, den ich wie ein Heiligthum bewahrte. Sternb. Lies! Karut. »Ich befehle Dir nach Versailles zn gehen und Dich in die Dienste der Baronin von Sternberg aufnebmen zu lassen. Verwende dabei alle Vorsicht und Klugheit, denn Niemand darf ahnen, daß Du meinen Befehlen gehorchst. Im Hause ausgenommen, sollst Du Alles sehen, hören und gegen Jedermann schweigen, bis ich komme und Rechenschaft fordere!* Sternb. Bist Du diesem Aufträge gewissenhaft nachgekommen? Karut. Bis auf den heutigen Tag. Sternb. So erzähle und verschweige mir nichts. Karut. Ich weiß nicht, welche Worte ich wählen soll. Jedes dünkt mir ein glühender Haken zu sein, mit dem ich Ihr großmüthiges Herz ze,fleische. Sternb. Erzähle, ich will den Becher bis zum letzten Tropfen leeren. Karnt. DieBaronin unterhält mit dem Pc mte von Catigni geheime Zusammenkünfte, während sie ihm vor den Augen der Welt, in Gesellschaft und ans Bällen fremd gegenüber steht. Ihre Kammerzofe Rosine ist dabei die Vertrante. Sic besorgt in stets wechselnder Verkleidung die Liebesbriefe Beider. Sternb. Und wo kommt das zärtliche Paar zusammen? Karut. Der Vicomte bewohnt das Nachbarhaus der Baronin, von welchem er die Terrasse deS Palastes ersteigt und dann durch den Kamin in eines der Gemächer der Baronin hinabgleitet. Sternb. Wie oft haben diese Zusammenkünfte stattgefnnden? Karut. Zweimal. Gestern hat sich Rosine, als normannische Bäuerin verkleidet, in das Haus des Vicomte geschlichen. Ich habe die Nacht hindurch gelauert, aber vergebens. Ich vermuthe daher, daß er heute Nacht kommen werde. Sternb. Wir werden zur Stelle sein. Und wo ist deine Gebieterin heute? Karut. Sie jagt in Marlv mit den königlichen Prinzen und gibt diese Nacht einen glänzenden Ball in ihrem Hotel, wozu alle ihre zahlreichen Verehrer geladen sind. Sternb. Befindet sich unter diesen nicht auch ein Chevalier von Iarente? Karut. Ja, Capitän Chevalier vouJa- rente, der seit einigen Wochen der süßen Hoffnung lebt, den Vicomte bei ihr auszustechen. Monseigneur kamen eben zu rechter Zeit, seine Eroberungspläne zu vereiteln. Sternb. Wenn Gott die gerechten Waffen schützt, so wird die Morgensonne Beide als Leichen sehen. Was für ein Mann ist dein Lehrer? Karut. Ein Gelehrter im strengsten Sinne des Wortes, von sanfter Gemüths- art und tiefem Wissen. Da kommt er eben. (Fs ist indessen Nacht geworden.) Fünfte Scene. Vorige. Frelon. Christine. Frel. Ich bin erfreut, Herr Baron, Sie auf meinem TuSculum zu begrüßen. (Christine ist Seite rechts abgegangen und kehrt mit Licht zurück.) Sternb. Im Alterthum hielten es die gebildeten Griechen für einen Fehler nach Athen zu reisen, ohne Plato zu besuchen. Ich wollte nicht durch Versailles kommen, ohne einen Gelehrten kennen zu lernen, von welchem mein Freund so viel Rühmliches erzählte. Frel. Sie beschämen mich, Herr Baron. Ich bin nichts als ein bescheidener Diener der Muken und die Weisheit ist meine größte Tugend nickt. Worin kann ich Ihren Wünschen entsprechen? Sternb. Ich möchte Sie um Einiges befragen, aber ich fürchte unbescheiden zu sein. Frel. Die Unbescheidenheit wird nur gering sein, wenn Sie mir die Freiheit lassen zu antworten oder zu schweigen. Sternb. Das soll ganz in Ihrem Belieben sein. Sie haben sich dem Unterrichte der Jugend gewidmet? Frel. Ich habe im großen Collegium zu Straßburg in den verschiedensten Zweigen der Wissenschaften zehn Jahre lang Vorträge gehalten. Sternb. Bei Ihrem ausgebreiteten Wissen wird es Ihnen leicht geworden sein Ihre Zukunft, wie die Ihrer Familie sicherzustellen. Frel. (bewegt). Hm — sprechen wir nicht davon — das ist zu ernsthaft — wir leben — das ist Alles! Sternb. Ich habe nicht die Ehre Ihr Landsmann zu sein, ich würde mich aber glücklich schätzen, wenn Sie mir erlaubten, eine Ungerechtigkeit auszugleichen, welche das Vater'and an Ihnen beging. Frel. Ich verstehe Sie nicht. Sternb. Sie sollen mich sogleich verstehen. Ich bin Russe und besitze große Güter, welche dennoch für mein Glück unzureichend sind. Ich habe viel gelitten und leide noch auf die grausamste Weise. Es ist nnnöthig Sie in die Geschichte meines Grames einzuweihen, genug, wenn Sie erfahren, daß ich durch eine herbe Noth. Wendigkeit nach Frankreich berufen wurde. Sie sind Pater wie ick und werden deshalb meine Fragen über Ihre Kenntnisse entschuldigen, wenn Sie erfahren, daß ich Ihnen die Erziehung meines SohneS anvertrauen will. Werden Sie einwilligen, HerrFrelon, meinen Sohn zu einem ehrba ren Manne heranzubilden, so, daß er würdig 12 des Ranges und Namens seines Vaters werde? Frei, (mit freudigem Stolz). Das ist mein Lebenszweck, Herr Baron, und obschon alt, soll es doch meiner Bemühung an Erfolg nickt fehlen. Sternb. Mit meinem Anträge sind aber gewisse Bedingungen verbunden. Frei. Lassen Sie hören. Sternb. Mein fünfjähriger Sohn lebte bisher — in Versailles. Ich bin gekommen ihn abzubolen und kebre morgen schon mit ihm nack Rußland zurück. Sie müssen sich also entschließen mitzureisen, wenn Ihnen die Vortheile genügen, welche ichJhnen an- bieteu will. Frel. (blickt Christine schmerzlich an). ?6- rsjrrmus senex! Ich bin wobl zu alt für eine so weite, beschwerliche Reise. Sternb. Ich biete Ihnen zweihundert Louisd'or Jahresgebalt nebst freier Rückreise, wenn es Ihnen in Dagü nicht behagen sollte. Frei. Hm! Das sind allerdings sehr großmütbige Bedingungen — aber — ich habe eine Tochter, wie Sie sehen, sie ist der Trost, der Stab meines Alters. Sternb. Mademoiselle wird Sie begleiten und mit jeder ihrer Bildung schuldigen Rücksicht behandelt werden. Frel. Was glaubstDu, meine Tochter? Ehr ist. Ich glaube, wir sollten den An trag annebmen. Frel. Du willigst ein — ohne Bedenken? Christ. Vollkommen! Sternb. Dank, Mademoiselle. Sie sollen Ihren Entschluß nie zu bereuen haben. Frel. Gut! Herr Baron, ich bin der 3hre. Sternb. So halten Sie sich bereit auf morgen früh, beben Sie wohl, Herr Freien. Es ist bereits Nacht geworden und ich habe bis zum Morgen noch manche schwere Pflicht zu erfüllen. Mademoiselle, ich bin Ihr ergebener Diener. (Mit Karutin. der ihm Mantel und Hut gereicht hat. ab.) Frel. Du hast den Knoten etwas zu rasch durchhaut. Fürchtest Du das Heimweh nickt, wenn Du deinem Geburtslande auf so viele Jahre den Rücken wendest? Christ. Nein, Väterchen. DaS Glück bat uns auf Frankreichs Boden nicht ge- lächelt. Frel. Um so leichter muß der Abschied . sein. Du hast Recht! Gehen wir an'sPacken. (Seite rechts ab.) Verwandlung. Emvfangzimmer im Hause des Vicomte von La- tigni. Kronleuchter, Armstühle, rechts und links Thüren. Sechste Scene. Nucs, Jarente, Chambray, Folard, de Fresnc, de Prie, Molard, Ponte- vcz, Cbalup, Budos (find in verschie- denen Gruppen im Gespräche). Chamb. (zu Folard). Ick fürchte, der Vicomte hat sich mit seiner Baronin in einen schlimmen Handel verwickelt. Der schöne Peitschenhieb, den ihm die Amazone heute in Marly applicirte, scheint seine Sinne gänzlich verwirrt zu haben. Fol. Sonst ließe er uns wohl nicht so lange auf eine Erklärung warten. Nucs Geduld, meine Herren. Es bandelt sich hier um eine Ehrensache. Vicomte von Catigni ist beute in unserer Gegenwart von der Baronin durch einen Peitschenhieb in's Gesicht gezüchtigt worden für die öffentliche Behauptung, er sei ihr begünstigter Galan. Er versammelt uns alle, die wir Zeugen der Züchtigung waren, für diesen Abend in seinem Salon, um uns die Beweise seiner kühnen Behauptung zu liefern. Gelingt ihm dieß, dann fällt unsere ganze Verachtung mit doppelter Schwere auf die Baronin von Sternberg zurück. Warten wir also seine Ankunft ab. Siebente Scene. Vorige. Latigni. Eatigni (einen Pstasterstreifen quer über die Wange geklebt, mit Mantel und Hut). Guten Abend, meine Herren. Alle. Ah, endlich! Folard. Wie echausfirt er ist! Ehainb. Wir erwarten Dich schon mit Ungeduld. Catig. Ich danke Euch, meine Freunde, für euer pünktliches Erscheinen. Die Per» anlaffung rst Euch bereits bekannt. Es beliebte der Baronin meine Wange mit einem Peitschenhiebe zu brandmarken, um die Welt glauben zu machen, meine Behauptung ser nichts als eine freche Erfindung, da zwischen uns niemals ein zart liches Verhällniß eristrrte. Nachdem Ihr nun Zeugen meiner Beschimpfung war't, sollt Ihr auch Zeugen meiner Rechtfertigung und Theilnehmer meiner Rache sein. Nuce. In diesem Sinne haben wir Ihre Einladung verstanden und angenommen. Catig. Herr von Zarentc, den ich im Verdacht habe, der Baronm meine, ich gestehe es, leichtfertige Aeußerung verrathen zu haben, kennt gewiß, wie Ihr Alle, die Hand>chrift der Baronin. Iar. Vicomte, diese bcleidigendeSprache fordert augenblickliche Genuglhuung. Catig. Eines nach dem Andern. Zuerst den Beweis, dann das Duell. Hier, meine Herren, ist ein Brief der Baronin an mich. Doch bevor Sie lesen, noch eine Erklärung. Wir haben Alle dieser bezaubernden Circe Mehr oder weniger den Hof gemacht, und ich, wie alle meine Vorgänger nnb Nachfolger mutzten »ms vor den Augen der Welt ohne Erfolg in Demnth zurückzichcn. Da erhalte ich eines Morgens von einer schmu- 6eu Zofe, einer Zofe — wie Herr von Ja» rente ste zu lieben vorgibt, dieses zarte pa» sümlrte Briefchen. Die Zofe heißt Rosine. Das Briefchen ist hier. Herzog, ich bitte eS laut zu lesen. (Urbergibt den Brief an Nuce.) Nucs. Es ist wirklich die Handschnft der Baronin von Sternberg. (Bewegung des Erstaunens.) Der Brief lautet: »Ich erwarte Sie. Vorsicht und Verschwiegenheit.« Catig. Sie werden begreifen, daß ich nicht auf mich warten ließ. Iar. (für sich). Der Unverschämte! Catig. Sic werden dieses Billet zu lakonisch finden für eine so glühende Leidenschaft. Allein Rosine, die Zofe, coinmen- tirte den Trrt. Sie erklärte mir im Namen ihrer Gebieterin, ich müsse mich entschließen vor der Welt das Geheimniß streng zu bewahren und nur in tiefster Dunkelheit den Einladungen der Baronin zu folgen, doch schreiben durfte ich durch d»e Vermittlung der Zofe. Ich schrieb also täglich und in den glühendsten Worten. Da erhalte ich eines Morgens dieses zweite Briefchen. (liederreicht eS Nuce.) Nu cs (liest). »Komm, Geliebter.« Alle. Ha! Catig. Rosine bestimmte mir den Weg, den ich einschlagen sollte, so wie die Stunde des Stelldicheins: Zwei Uhr »rach Mitternacht. Alle. Schändlich! Iar. Elender! Catig. Was sagen Sie, mein Herr? Iar. Ich sage, was ich denke. Catrg. Ich hoffe S»e noch heute zum eivrgen Schweigen zu bringen. Ich könnte Euch noch mehrere Episteln ähnlichen Inhaltes vorlegen, wenn diese beiden nicht schon vollkommen genügten. Heute früh spielte mir Frau von Sternberg in Marly die Scene, über die Sie errölheten. Ich nahm die Züchtigung stillschweigend an, um so lauter wird meine Rache fern. Kurz nach meiner Rückkehr von Marly über- brachte mir Rosine dieses Briefchen, daS letzte. (G>bt Nuce den Brief.) Nucs(liest). »Vergibmir!AufdenKnien flehe »ch Dich an, vergib! Wenn Du Dich 14 weigerst sogleich zu kommen, vergehe ich vor Schmerz und Sehnsucht.* Folard. Wie niedrig! Alle. Bublerisch! Catig. Dieses Brieschen verschaffte mir die vollste Rache. Ich eilte sogleich zu Meister Samson — Alle. Dem Henker?! Lang. Zu it)m! Ich forderte einMittel von ibm, Verbrecher schmerzlos und bleibend zn brandmarken. Er verkaufte mir diese Phlvle. Mit dieser Waffe erkletterte ich zum letzen Male das Hotel Sternberg. Meine reizende Schöne warf sich mir schluchzend zu Füßen. Ich diückte ihren Kopf an mein Herz und zeichnete rin großes 0 mit dieser ätzenden Flüssigkeit auf ihre Stirn. Alle. Gebrandmarkt! Entsetzlich! Eatig. Ich erwarte nun von Ihrer Loyalität, daß Sic mir zu meiner Genug- thuung verhelfen. Nu cs. Das fordert die Gerechtigkeit! Wie groß auch der Scandal dieses Abenteuers sei, so süklen wir uns doch verpflichtet, Ihnen für die erlittene Beschimpfung jede Genttgthnnng zu verschaffen. (Reicht ihm die Hand, die Andern folgen seinem Beispiel mit Ausnahme deS Herrn von Jarente.) Eatig. Und nun, meine Herren, dürfte es an der Zeit sein, meine Handschrift zu bewundern. Die Baronin hat Sie Alle zu einem glänzenden Balle in ihr Hotel geladen. Wre wollen zugleich in ihre Salons eintreten. Ehamb. Morbleu, wir wollen sie im Sturm nehmen. Ln avant, lVlsZsieurs, der Scandal wird vollständig sein. (Alle lärmend und lackend ab.) Eatig. (zu Jarente, der in Gedanken vorn rechts steht). Herr Chevalier, Sie haben, wie ich glaube, beim Peitschenhiebe der Baromn gelacht. Zar. AuS vollem Herzen. Catig. Jetzt aber sind Sie sehr ernst. Zar. Wie ein Leichenbitter. Catig. Dnser Ernst macht unch lachen. Zar. Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Catig. Der Ansicht bin ich anch. Wollen Sie die Güte haben, mich zur Baronin zu begleiten? Zar. Wenn wi* zurückkehren, wird der Mond noch hoch genug stehen, um einen Spaziergang durch Ihren Park zu machen. Catig. Vortrefflich! Ich rechne aufIhre Zusage. Gehen wir nun, wenn's beliebt. (Beide ab.) Verwandlung. (Saal mit breiter Terrasse, welche über einige Stufen in den Park führt. Die Vorhänge sind offen. N. ben der Freitreppe rechts der Eingang in den Ballsaal. links der allgemeine Eingang. Vorn rechts noch eine zweite Thür, welche in die inneren Gemächer der Baronin führt. Die Seitenwände sind mit eleganten Fauteuils, Divans und TaburetS in geschmackvoller Anordnung umstellt.) Achte Scene. Baronin von Stern berg (eine schöne Dame von fünfundzwanzig Jahren in reizender Balltoilette, tritt recktS aus. gefolgt von mehreren Damen und Cavalieren). — Später von links Nute, Chambray, Folard, de Frcsne, de Prie, Molard, Pontevez, Chalup, Bados, zuletzt Catigni. Karutin(in reich- gestickter Tartarenkleidung ist hinter der Baronin ausgetreten, und bleibt auf der Freitreppe stehen. Tanzmusik hinter der Srene) Bar. Der erste Contretanz ist bereits vorüber und noch ist die Zahl meiner Gäste nicht vollständig. Erste Dame. Die Anstrengung der Jagd scheint die Herren ganz erschöpft zu haben. Zweite Dame. Herr Folard bat mich diesen Morgen in Marly um die erste Polonaise und läßt mich nun vergebens auf Erlösung warten. Sind das die Manieren unseres galanten Jahrbundeits? Erste Dame. Er kommt so eben, um Ihre Verzeihung zu e»flehen. Auch die Herren Nuce und Jarente seh' ich eintreten. Bar. (welche sich rechts in ein Fauteuil geworfen, blickt bei dem Namen Jarente leb- 15 hast empor. Die eintretenden Herren macken ihr eine liefe Belbeugung, die sie freundlich er^ wiederl). Willkommen, meine Heuen, willkommen! (Die Cavaliere blicken sich verlegen gegens-itig an, da sie kein 6 auf der Slirne der Baron n sehen.) / Erste Dame (sieht Caiigni ein- t treten). Unverschämt! § Alle. Was in's? ^ < Zweite Dame. Nach solchem ^ ! Affront hier einzulreken! I Erste Dame. Er ist unverbes- v serlich! Catig. (ist bis in die Mitte vorgetreten, verliert beim Anblick der Baronin die Fassung). Madame, Sie haben zn dem heutigen Balle all' die Herren geladen — welche Ihnen nach Marly gefolgt sind. Bar (aufstehend, mit imponirender Hoheit). Asterdings! Allein lch habe dabei auf einen Rest von Scham gerechnet. Wie ich sehe, habe ich mich auch darin getauscht. Weil Sie schon einmal hier sind, so seien Sie uns mul venu! (Setzt sich.) (Die Edelleute gruopiren sich link4 und flüstern zusammen. Jareme in ii,rer Mille Caiigni nähert sich ,n Vetlegenheit der ersten Dame. dies. steht auf uno laßt ihn allein stehen.) Chamb. (zu Caiigni, welcher bleich und unentschlossen in der Mi te steht). He, mein Tapferer, deine Tinte war etwas zu blaß D:r bleibt keine andere Wahl, als die Verschmitzte zur Stelle und vor aller Welt zu beschämen, oder hinanszugehen und Dir eine Kugel durch den Kops zu jagen. Catig. Ich stehe wie im Traum. Ebamb. Wähle! Siehst Du denn nicht, daß man leise in asten Winkeln von Dil spiicht, und daß dieß keine Schmeicheleien für Dich sind. Catig. (für sich) Soll ich diese Fran in's Gesicht beschuldigen — nein — ich wist mich tobten. Chamb. Und die Schande in's Grab mitmhmen? Pfui, welch' ein Entschluß Sieh, da kommt bereits Zarente mit einer Vehmrichter-Miene auf Dich zu. Nun halte Oich bereit, und sei tapfer wie immer. (Geht von ihm weg.) Zar. (tritt ans dem Kreise der Edelieute, mit welchen ec sich belachen, auf Catigni zu). Herr Vicomte von Eatigni, meine Freunde haben Mich mit eurer peinlichen Sendung betraut. Sie fordern zur Stunde tue versprochene Genugthunng. Catig. (mit unterdrückter Wuth). bind worin besteht diese? Zar. Sie errathen nicht? Catig. Nein! Zar. Mein Herr, ich will dem Scandal einer nähern Eiklärung ausweichen. Nach oer Mystifikation, mit der Sie uns zu täuschen suchten, sind Sie hier zu viel. Ihre längere Gegenwart in diesem Saale verbindet den Schimpf mit der Herausforderung. Catig. Und was antworten diese Herren auf diese Herausforderung? Zar. Zch und meine Freunde ziehen nur den Degen gegen Männer von Ehre. Catig. Zhr Halter mich also Aste für einen Lügner, eitlen Fälscher und Verleumde!! Wohl, so mag sich das Drama — was sage ich — die Komödie gleich hier zur Stelle entwickeln. Haben Sie zufällig ernen der Briese zur Hand? Nucv. Hier sind die drei vorgeblichen Briefe der Baronin. Catig. Ueber dieses Wort später,Herzog! Alles zu seiner Zeit. (Zur Baronin ) Madame, icv wünsche vor Zeugen eine Er- kläiung, welche, wie ich hoffe, unsere letzte sein wird. Die Art dieser Eiklärung fordert, daß Sie die Damen entfernen. Bar. Zch entferne Niemanden, mein Herr! Karutin, die Musik roll schweigen, ich lasse alle Gäste ersuchen, hieherzukommen. Meine Dienerschaft soll sich auf der Te» raffe versammeln. (Karutin ab.) Der Herr Vicomte von Carignl hat noch nicht genug der Schmach ans se»n Haupt gehäuft, er soll auch die Verachtung me.ncs letzten Dieners aus sich laden. (Der Saal füllt sich mit den 16 geladenen Gästen. Auf der Freitreppe find mehrere Diener der Baronin zu sehen, darunter Karutin. Nach einer Pause, während die Baronin mit triumphirender Miene herumblickt, zu Eatigni.) Nun reden Sie! Eatig. (mit losbrechender Wuth). Wohlan, so zerbreche ich jede Schranke, zerreiße alle Bande, die Convenienz und Erziehung dem Edelmanne zur Pflicht machen, und stelle Sie ehrlos und infam hin, wie Sie eS verdienen. Ich bin in meinem Rechte. Bar. Beweise, mein Herr! Mit leeren Zornesworten wird das Wahrzeichen der Schmach in Ihrem Antlitz nicht verwischt. Catig. Madame, nach Ihrer Mißhandlung in Marly versammelte ich die Zeugen derselben bei mir und legte ihnen Ihre Briefe vor. Bar. Meine Briefe? Catig. Za, Ihre Briefe, Zeugen der glühendsten Leidenschaft. Briefe seit dem Tage Ihrer ersten Liebeserklärung bis auf den heutigen, dem unserer letzten geheimen Zusammenkunft. Bar. Unerhörte freche Lüge! Catig. Es ist offenbar leichter ein Brandmahl der Entehrung von seiner Stirne zu verwischen, als seineHandschrift zu verläugnen. Bar. (im höchsten Erstaunen). Ein Brandmahl aus der Stirne? Catig. (fortfahrend). Das sich verwischen läßt, kann man unverschämt leugnen, was aber bleibt und uns an den Pranger stellt, das ist das geschriebene Wort. Sie hofften mich durch buhlerische Liebkosungen die Schmach vergessen zu machen, welche Sie mir in Marly zusügten, Sie glaubten die Ehre eines Mannes sei nicht so viel werth, als der Ruf eines Weibes. Sie irrten, Madame. Jede Nachsicht wäre hier Feigheit und so zerreiße ich den Schleier Ihres Betruges. Ich erzählte diesen Herren, wie ich Ihrer Aufforderung folgend in Ihr Hotel kletterte. Bar. (beinahe schreiend). Meiner Aufforderung folgend?! Catig. Auf Ihre dringende Bitte, das ist noch mehr. Bar. Schriftlich? Catig. Ja! Bar. Und heute? Catig. Um zehn Uhr Abends. Bar. Und diese Briefe, meine Herren, Sie haben sie gelesen? Nuce. Ja. Madame, hier sind sie. Bar. Ich bitte darum. (Zu Catigni.) Und weiter, mein Herr, was haben Sie diesen Herren noch erzählt? Catig. Ich habe ihnen erzählt, daß ick diesen Abend auf Ihre strafwürdige Stirne den Anfangsbuchstaben meines Namens zeichnete. Meine Rache ist nicht vollständig, der Henker hat mich getäuscht. Die Weiße Ihrer Stirne beweist, daß das Brandmahl zu verwischen war. Dar. (hat die Briefe gelesen, dann Ka- ru in durch einen W>nk zu sich gerufen und ihm einen geheimen Befehl ertheilt. Karu- tin ab links, kehrt etwas später mit Rosine wieder zurück. Mit vollkommener Fassung). Meme werthen Gäste, der Herr Vicomte hat eine so furchtbare Anklage gegen mich erhoben, daß tch im Augenblick nicht weiß, wie ich diese Flut von Beschuldigungen abwehren soll. Ich fühle mich ermattet, gestatten Sie mir einen Augenblick der Erholung. (Erblickt Rosine beimEintreten.)Rositte, hieher, ein Glas Eiswaffer. lRofine tritt zur Baronin. Sie hält eine silberne Taffe. worauf Kanne und Becher sind.) Bist Du von Sinnen, in meinem Salon mit solchem Kopfputz zu erscheinen? (Reißt ihr den Kopfputz ab. eh'es Rosine verhindern kann, diese stößt einen Schrei des Entsetzens aus. Auf ihrer Stirne ist ein großes 6 sichtbar.) Ei, Mademoiselle, seit wanntätowirt man sich inVersailles?(Dreht sie gegen die Gesellschaft.) Herr von Catlgni, sehen Sie hier Ihre Baronin von Sternberg. (Große Bewegung in der Gesellschaft.) Catig. (beinaheumsinkend). Ich bin des Todes! Ros. (fällt der Baronin zu Füßen). Gnade, Madame, Gnade! Ich habe, von Leidenschaft geblendet, das größte Verbrechen begangen. Bar. Und diese Briefe? Ros. Ich habe Ihre Handschrift nach, geahmt, —o Barmherzigkeit! Bar. Und die geheimen Zusammenkünfte? Ros. Habe ich gegeben. Zch wahr wahnsinnig! Sie verschmähten ihn — und ich — ich liebte ihn! (Catigni wird von Chambray wie ohnmächtig aus dem Saale geführt.) Bar. Fort aus meinem Hanse! Dein Verbrechen hat bereits seine Strafe. (Rosine ab.) Karutin, die Musik beginne! Meine Herren und Damen, ich danke Ihnen für die ausdauernder Theilnahme, welche Sie mir bis zur Lösung der Katastrophe bewahrten. Die Polonaise beginnt. Xl1on8, meine Herren, führen Sie die Damen in den Ballsaal zurück. (Alles ab rechts.) Zar. (fällt der Baronin zu Füßen). Die Freude über Ihren Triumph vermag ich nicht in Worten zu schildern. Bar. Und dennoch zweifelten auch Sie! Zar. Verzeihen Sie meiner Schwäche. Zch schwebte zwischen Gewißheit und Zweifel wie ein Derurtheilter zwischen Tod und Begnadigung. Bar. (reicht ihm die Hand)- Zch verzeihe Ihnen, denn Sie waren der Einzige, der meine Vertheidigung übernahm. Wir bleiben Freunde. Zar. Dank, unendlicher Dank, theure, angebetete Therese! Bar. O schweigen Sie! Zar. Mir Schweigen auferlcgen heißt mich tödten. Können Sie mich auch nicht lieben, so erlauben Sie mir doch, in Ihrem Anblick zu leben, Zhnen die Gefühle meines Herzens zu weihen; sprechen Sie mein Urtheil aus. Bar. Dieser Ausspruch, mein Freund, würde nur mich selbst verdammen. 2ar. Sie? Bar. Ja, denn Ihre Ergebenheit ist doch weiter nichts als Selbstsucht. Thtttn.Rtpmon Nr. ßs. Zar. Mich, mich klagen Sie der Selbstsucht an? Bar. Verlangen Sic nicht, daß ich für Sie das Verbrechen begehe, dessen mich der Vicomte beschuldigte? Zar. (entgeistert). O Madame, so viel Ueberlegung, so viel Kälte beweisen mir, daß ich einen Fehler beging, an Ihr Herz zu glauben. Vergeben Sie mir meine Täuschung. Meine Liebe war ein Traum, und da mein Erwachen so fürchterlich ist, so empfangen Sie für immer mein Lebewohl! Ich gehe, mich in das Schwert Catigni's zu stürzen, der mich erwartet. (Will ab nach tinkS.) Bar. (in heftiger Bewegung). Chevalier, begreifen Sie denn nicht, daß ich mit dem Muth der Verzweiflung kämpfe, daß mein Herz zerrissen ist? Grausamer, der mich zwingt, ihm meine Schwäche zu gestehen! (Leise.) Za, ich liebe Sie! (Zarente stürzt zu ihren Füßen und bedeckt ihre Hand mit Küssen.) Mein Gott, mich verlassen meine Sinne — Camille, ich appellire an Ihr Mitleid, an die edelsten Gefühle Ihres Herzens! (Reißt sich von ihm loS und läutet heftig, Karutin erscheint a, tswxo, Zarente hat sich rajch er- hoben.) Leben Sie wohl, mein Herr, ich werde nicht vergessen, was Sie mir gesagt haben. (Zarente mit stummer Verbeugung ab, die Baronin sinkt, ihr Gesicht mit beiden Händen bedeckend, in einen Stuhl rechts. Auf der Freitreppe erscheint Baron Sternberg, aus dem Parke kommend; er macht eine drohende Bewegung gegen die Baronin, und folgt dem abgehenden Zarente.) (Der Vorhang fällt.) 18 Zweite Abtheilung. Dritter Act. (Zimmer bei Jarente. Auf dem Tische rechts ein Pistolenkästchen, Schreibgeräthe und zwei Armleuchter mit brennenden Lichtern.) Erste Scene. Zarente. Diener. Zar. (auf. und niedergehend, zu dem Diener. welcher an der Thür steht). Hast Du meinen Brief an die Baronin besorgt? Dien. Za, gnädigster Herr! Zar. Es ist gut, laß mich allein. (Diener ab.) Mit diesenAbschiedsworten anTheresen habe ich meine Rechnung mit der Welt geschlossen. (Geht zum Tisch und untersucht die Pistolen.) Was bliebe auch noch übrig? Von einem angebeteten Weibe, dessen Besitz mir den Himmel erschlossen hatte, verlassen, für immer verbannt, hat dieses Leben allen Reiz für mich verloren. (Setzt den Hut auf und nimmt das Pistolenkästchen.) So sei denn ein rasches Ende gemacht. Catigni erwartet mich — gehen wir. (Wendet sich gegen die Thür, ihm entgegen tritt Sternberg.) Zweite Scene. Zarente. Sternberg. Sternb. Chevalier von Jarente? Zar. Ich selbst — was wollen Sie? Sternb. Ich habe eine Botschaft an Sie auszurichten. Zar. Später, wenn's beliebt. Ich bin nicht mehr Herr meiner Zeit. Der Vicomte von Eatigni erwartet mich. Sternb. O bleiben Sie — Catigni hat nicht auf Sie gewartet, er hat sich entleibt. Zar. Sprechen Sie die Wahrheit? Sternb. Gewiß. Wie hätte er auch noch länger mit Ehren leben können, be, schimpft, wie er war bis zur Lächerlichkeit. Ich komme so eben aus seiner Wohnung I > und bedauerte sehr zu spät zu kommen, denn I i ich hatte gleichfalls Wichtiges mit,sihm zu s 1 sprechen. Zar. Wer sind Sie, mein Herr? Sternb. Ein Bote der Frau Baronin von Sternberg. Zar. Sie? Sternb. Mein Gott, ja! Worüber l staunen Sie? Ich bin der Vertraute der ! Frau, die Sie lieben und von welcher Sie wieder geliebt werden. Die Dame ist sehr besorgt um Ihr Leben. Ich soll Sie in ihrem Namen beschwören, von dem Duell mit Catigni abzustehen. Sie hat wahrscheinlich von seiner Geschicklichkeit in der Waffenführung gehört, und zittert für Ihr i Leben. Die gute Dame ahnt nicht, daß I dieser gefährliche Nebenbuhler bereits als l ein Opfer ihrer Coquetterie gefallen sei. Zar. Mein Herr, diese Sprache ist beleidigend für eine Dame, die ich verehre. Frau von Sternberg — Sternb. (einfallend). Legen Sie sich vor mir keinen Zwang auf. Nennen Sie sie doch Therese, so wie Madame Sie ihren theuren Camille nennt. Noch immer ungläubig? Das ist ein Fehler aller Lieben- ^ den, sie zweifeln immer. Damit Ihnen jeder Zweifel schwinde, lesen Sie diesen Brief der Baronin. — (Reicht ihm ein Billet.) Zar. Er ist erbrochen— Sternb. Gleichviel! Es ist doch die Handschrift Ihrer Geliebten, und diesmal die echte, unverfälschte. Lesen Sie, Herr Chevalier, ich warte auf Antwort. Zar. (liest, einen Schritt vortretend mit halblauter Stimme). »Theurer Camille, Sie werden sich mit dem Dieomte nicht schlagen,' I ich verbiete es Ihnen. Wenn Sie mich wirklich lieben, so kommen Sie gleich — ich muß Sie noch heute sprechen — bis Mitternacht erwarte ich Ihre Rückkehr. (Zu Sternberg mit drohender Bewegung.) Wer hat dieses Billet erbrochen? 19 Sternb. Ich, mein Herr! Erzürnen Sie sich nicht. Zch öffnete das Schreiben, weil ich seinen Inhalt kennen wollte. Jar. Zn was mengen Sie sich, mein Herr, wer sind Sie? Sternb. Zch bin der Baron Ungern von Sternberg. (Jarente taumelt einen Schritt zurück. Sternberg stellt ihm artig einen Stuhl hin.) Setzen Sie sich doch — ich werde Zh- nen Gesellschaft leisten. (Nimmt sich einen Stuhl.) Auch haben wir keine Eile. (Auf seine Uhr sehend.) Es fehlt noch eine halbe Stunde bis Mitternacht. Sie werden jetzt wohl zugeben, daß ich ein Recht hatte, dieses Briefchen zu lesen. Wenn es Ihre Aufgabe ist, meiner Frau von Liebe zu sprechen, so besteht die meiuige darin, mich zu rächen. Obwohl Russe, weiß ich doch zu leben, und kann Sie versichern, daß Sie es mit einem reelen Gegner zu thuu haben. Mein Mißgeschick wollte, daß ich vor einem . Zahre zur selben Stunde in das Staats» gefängniß abgeführt wurde, als ich nach Frankreich reisen wollte, die Liebhaber meiner Frau zu züchtigen. Endlich in Freiheit gesetzt, finde ich den Einen todt und— . (auf das Billet in Jarente'S Händen deutend) ohne diese zweite Artigkeit der Frau Baronin von Sternberg hätte ich ungerächt wieder abreisen müssen. — Da Sie nun von dem Zwecke meines Besuches vollkommen unterrichtet sind, so ersuche ich Sie um eine Antwort auf dieses zärtliche Briefchen, welches Sie unbarmherzig zwischen Ihren Fingern zerknittern. Zch denke, rücksichtsvoller kann ein Ehemann selten handeln. - Zar. Sie haben das Recht zu scherzen. Sternb. Was antworten Sie meiner Gemalin, ja oder nein? Zar. (aufstehend). Zch antworte, daß die Baronin ohne Makel und über jeden Vorwurf erhaben ist. Sternb. Hahaha! Galante Liebhaber t schwören stets auf die Tugend ihrer Schö- ? nen. Das ist so alt wie Abraham. Aber die ; Ehemänner sind von anderer Art und mißtrauen diesen Schwüren. So hörte ich zum Beispiel beim Hinausgehen aus dem Hotel Sternberg von Mehreren die Meinung äußern, die Zofe Rosine habe sich für ihre Gebieterin geopfert; es gäbe allerdings Mittel, solche Brandmale spurlos zu verwischen. Sie sehen, nickt alle Well ist so gläubig wie Sie. — Zch erwarte Zhre Antwort. — Sie kommen? Zar. (senkt das Haupt mit stummer Verbeugung). Sternb. Vortrefflich! Was man verspricht, muß man halten. Da habe ich nun einen äußerst originellen Einfall, fürwahr würdig eiues russischen Kosaken. Ich lasse Sie zur Schäferstunde zu meiner Frau gehen, Herr von Zarente, aber unter einer Bedingung: Sie müssen mich früher todt- schlagen — mausetodt. Zar. Ein Duell, mit Zhncn? — Unmöglich! Sternb. Pah, lassen Sie diese Scrupel fahren, sie stammen aus grauer Ritterzeit. Sie werden mich mit einem tüchtigen Schwertstreich tödten— oder — ich Sie, was auch geschehen könnte. Zn dem einen Falle werde ich Sie bei meiner Frau entschuldigen. Es wird sie unangenehm überraschen, aber am Ende werden Sie allein die Schuld tragen. Zar. Sie sind ein Humoristiker, mein Herr. Sternb. Nicht so ganz, denn meine Lustigkeit hat einen starken Beisatz von Galle. — Sind Sie bereit, so gehen wir. Zar. Ich schlage mich nicht mit Ihnen. Sternb. Oho, nicht so rasch, vernehmen Sie erst das Ende meines Vorschlages, bevor Sie einen Entschluß fassen. Merken Sie wohl auf. Wenn Sie mich zu Boden strecken, so genießen Sie die Rechte des Hausherrn und die Witwe springt Zhnen dankend an den Hals. Weigern Sie sich aber, so gehe ich von hier zu Frau von Sternbcrg und — erwürge sie! Zar. (aufschreiend). Elender Feigling! r* 2Ü Sternb. (mit Ruhe). Ich erwürge sie nach Art des Othello. So rächt man in meiner unwirthlichen Heimat den Treubruch eines WeibeS. Jar. Sie können unmöglich ein socheö Verbrechen begehen. Sternb. (mit tiefer» ergreifender Stimme). Ich schwöre Ihnen bei den Gebeinen meines Vaters, bei der Liebe meiner verklärten Mutter, wenn Sie sich weigern, so unterschreiben Sie das TodeSurtheil der Baronin von Sternberg. 3ar. (mit Resignation). Gehen wir; wo sind Ihre Zeugen? Sternb. Zeugen find Schwätzer, ich setze mich darüber hinaus. Jar. Aber mich trifft ein entehrender Verdacht, wenn ich am Leben bleibe. Sternb. Dann trösten Sie sich mit den Liebkosungen einer Frau, der Siechas Leben gerettet haben. — Sie zaudern noch? — nun denn— (Setzt sich und schreibt.) Jar. Was machen Sie? Sternb. Ich stelle ein Zeugniß aus, daß ich mir selbst das Leben genommen habe. Dieses Papier wird man in meiner Tasche finden, wenn Sie mich überleben. Gehen wir, und wenn es ein unverdientes Glück auf Erden gibt, so werden Sie glück- lich sein. (Beide ab.) Verwandlung. Derselbe Saal wie in der achte» Scene des zweiten ActeS. Die Vorhänge der Terrasse sind geschloffen. Hinter der Scene Tanzmusik. Dritte Scene. Baronin (aus der zweiten Thür rechts). Wie sie mich anwidern diese lachenden heiteren Gesichter. Ihnen ruhig zuhören zu müssen, während die bange Erwartung meine Seele zermartert, mich nirgend Ruhe finden läßt. (Läutet, ein Diener erscheint in der Thür links.) Hast Du mein Billet, Ka- rutin, zur augenblicklichen Bestellung übergeben? Diener. Zu Befehl. Dar. Wenn der Chevalier kommt, so I j führe ihn über die kleine Treppe in mein s Boudoir, und benachrichtige mich sogleich. Sonst bin ich für Niemand sichtbar. (Ab ! durch die Thür rechts.) Vierte Scene. ^ Frau von Jarenie Franxois. Erster j und zweiter Diener der Baronin. Fr. V. Jar. (eine alte Dame mit streng aristokratischen Manieren, eine Brille auf der Nase, den reckten Arm auf einen Stock gestützt, ! den linken auf Francois' Arm. Aus einer gol- I denen Bonboniere nimmt sie im Verlauf des Dialogs einige Zetteln. Zu dem zweiten Diener, der ihr vorangeht). He, Schlingel sind wir bald mit diesem Hin- und Herlaufen zu Ende? Zweiter Dien. Sie befinden sich hier im Saale der Frau Baronin. , Fr. v. Jar. Melde mich deiner Herrschaft. Erster Dien. Die Frau Baronin empfängt heute Niemanden mehr. Fr. v. Jar. Marsch, thu' deine Pflicht. (Zur Baronin in die erste Thür ab.) Francois, führemich zu diesem Lehnstuhl.— SetzeDich, alte Schildkröte— ohne Umstände—wir befinden uns hier im feindlichen Lager undbrau- chen keine Ceremonien zu machen. (Gibt ihm den Stock.) Ich hoffe, man wird nicht lange auf sich warten lassen. , ^ Fran§. (der erstaunt umherblickt). Nach i der fabelhalten Einrichtung dieser Säle zu ^ - urtheilen, scheint dieser Baron ein Fürst - zu sein. ! Fr. v. I ar.Weißt Du denn nicht, Kahlkopf, daß alle Russen Fürsten sind, ausgenommen Jene, die es nicht sein wollen. Fran§. Das ist sehr bequem. Fr. v. Iar. Wenn Du in Moskau wär'st geboren worden, statt in der Picardie— . ^ Franx. Wäre ich ein Fürst —? ! Fr. v. Jar. Dick wie der Arm, daS er- j klärt Dir zugleich, daß deine Fürstin eine ; Baronin zum Lachen ist. ' 21 Fünfte Scene. Vorige. Baronin (aus der ersten Thür rechts). Bar. (mit feiner Beziehung). Ich preise den Zufall, Madame, welcher mir das Vergnügen Ihres Besuches verschafft, denn ohne Zweifel habe ich diese Ehre nur dem Zufall zu verdanken. Fr. v. Jar. Zufall oder Verhängniß. Nennen Sie es wie Sie wollen. Ich habe Sie zu dieser ungewöhnlichen Stunde ausgesucht, weil ich wußte, daß Sie einen Ball geben. Da Ihre Zeit ihren Gästen gehört, so werde ich sogleich mit der Hauptsache beginnen. Bar. Sie haben, wie alle meine Gaste, gleichen Anspruch auf meine Zeit. Wollen Sie nur Ihren Diener entfernen, und ich stehe ganz zu Ihren Diensten. Fr. v. Jar. Fran§ois ist seinen Jahren »ach weniger ein Diener als cur alter Freund meines Hauses. Erlauben Sie daher, daß er dieser Unterredung beiwohne. Er ist taub und stumm für Alles, was nicht ihn betrifft. Bar. Wohlan, ich höre. Beginnen Sie. Fr. v. Jar. Frau von Sternberg, ich ersuche Sie um die Gefälligkeit, mir zu sagen, was Sie mit dem Ritter Camille von Jarente, meinem Sohne, eigentlich Vorhaben.' Bar. (verlegen). Madame, ich verstehe Sie nicht. Ich ersuche Sie deutlich und klar zu sprechen Fr. v. Jar. Ich werde verzweifelt klar sein, indem ich Sie frage, ob Sie nicht mit einem Manne verheiratet sind, der sich Baron von Sternberg nennt? Ist das aber Ihr wahrer Name, den Sie führen, so sagen Sie mir gefälligst, welche philantro- pische Idee Sie anspornt, allen jungen Leuten den Kopf zu verdrehen, die sich doch so gut wie Sie verheiraten sollen. Beantworten Sie mir doch die Frage, wie viel Liebhaber braucht denn eine verheiratete Fran, bis sie endlich Ruhe gibt und die übrige Männerwelt in Frieden läßt? Bar. (mit Humor). Hahaha! Ich habe Sie empfangen, Madame, ohne Sie zu kennen, trotz meiner Migraine. Ich gebe Ihnen die Versicherung, daß Ihre liebenswürdige Gesellschaft mich vollkommen geheilt hat. Fahren Sie fort, legen Sie sich gar keinen Zwang auf. Fr. v. Jar. Warum soll ich mir einen Zwang auferlegen, meine Heilige, das war nie meine Art. Die Jarentes haben die Gewohnheit, ihren Feinden offen die Stirn e zu bieten. Dar. Ich habe also die Ehre, Ihre Feindin zu sein? Fr. v. Jar. k^aräisu, ja. Ich verließ den königlichen Hof von Versailles, als Schwelgerei und Coquetterie daraus einen Ort der Verdammniß machten. Bar. Und für Sie keine Erfolge mehr zu hoffen waren. Fr. v. Jar. Das ist hübsch impertinent, was Sie da sagen, aber ich kehre mich wenig daran. Ich wiederhole Ihnen, daß ich den Hof von Versailles verließ, um mein Leben ausschließlich der Zukunft meines Sohnes zu widmen. Mein Sohn ist ein sehr schöner Edelmann, übrigens wissen Sie daS. Er besitzt kein Vermögen und könnte ich meine Hoffnungen nicht in Bezug einer reichen Heirat auf seinen illü- stren Namen setzen, so müßte er sein ganzes Leben hindurch arm bleiben. Bar. Und was soll mir diese rührende Familiengeschichte? Fr. v. Jar. Nur Geduld, wir kommen sogleich darauf. Ich hatte schon vor einem Jahre die Partie gefunden, welche für den einzigen Erben eines altadeligen Geschlechtes paßt. Bar. Ich mache Ihnen mein Kompliment. Fr. v. Jar. Und wie ich auf demPuncte stehe, eine glänzende Zukunft für ihn abzuschließen, warfen Sie sich mir quer in den Weg. 22 Bar. Ich? Fr. v. Iar. Ja, Sie. Der Chevalier hat Sie gesehen und sich in Ihr hübsches Ge- sichtchen närrisch verliebt. A Bar. Sie glauben das? Fr. v. Iar. Ich weißes! Oder ist dieses Briefchen, das ich heute Abend wieder ans seinem Secretär fand, nicht von JhrerHand? Es beschwört den Flüchtigen, zu Ihren Füßen zurückzukehren, von einem Duell abzustehen, welches Sic ihm an den Hals gejagt haben. Ich dulde es aber nicht, daß mein Sohn Ihr Spielzeug sei und Ihren Liebesintriguen zum Opfer falle. Bar. Sie vergessen sich selbst, Madame, indem Sie auf mich vergessen. Vollenden Sie, ich bitte. Fr. v. Iar. Mein Sohn hat vor einem Jahre einige Monate seines Urlaubes bei mir in der Picardie zugebracht, und sich zu jener Zeit sehr warm für das Mädchen interessirt, das ich ihm als Braut bestimmte. Seit seiner Rückkehr jedoch fiel er ganz und gar in Ihre Netze. Alle meine Vorstellungen blieben erfolglos, die Familie seiner Braut zog sich allmälig von uns zurück. Mir blieb nichts weiter übrig, als Sie mit gleichen Waffen zu bekämpfen. Ich schrieb Ihren vertrauensvollen Gatten nach Petersburg, und bat ihn, daß er Sie abholen möge. Bar. (in heftigem Zorne). Sie haben das gethan! Fr. v. Iar. (ein Zeltchen nehmend, ruhig). Ja, ich habe das gethan, meine Allerschönste! Sie mengen sich in meine Angelegenheiten, ich menge mich in die Ihrigen, — die Sache ist klar wie der Tag. Sie bezaubern meinen Sohn und machen, daß er eine gute Partie fahren läßt, ich lasse Ihren Gemal auf Sie los. Das ist ein hübscher Krieg. Bar. (losbrechend). Das ist eine hübsche Niederträchtigkeit. Verlassen Sie auf der Stelle mein Haus. (Läutet heftig. Zwei Diener kommen.) Führt diese Frau aus die Straße und mein Hotel ist ihr für immer verschlossen. Fr. v. Iar. Hehe! Wir behalten doch unfern Pack, und wenn Ihr russischer Fürst Sie trotz meines Briefes nicht abholte, so ist dies nur ein Beweis mehr, daß er Sie eben so gering schätzt, wie ich. Bar. (wüthend vor Zorn). Hinaus! Fr. v. Iar. Nun, ich verlasse Sie. (Zu den zwei Bedienten.) Voran, ihr Lümmeln. Fran§ois, gib mir den Arm — gehe nicht so schnell — die Edelherren von Jarente haben ihren Rückzug immer langsam genommen. Fr. v. Sternberg, ich habe das Vergnügen, Ihnen Lebewohl zu sagen. (Mit FranyoiS ab.) > Bar. (allein). Die Unverschämte! Diese demüthigenden Worte mußte ich anhören, und doch stehe ich rein da vor meinem Ge- wissen. Habe ich die Leidenschaft, die meine Pflicht nicht zu überstimmen drohte, nicht siegreich bekämpft?! Sechste Scene. Vorige. Nucs, gefolgt von Folard und einigen Herren und Damen. (Aus dem Ball- saale rechts.) Nucs. Frau Baronin, die Erwartung der Gesellschaft hat den Höhepunkt erreicht. Sie versprachen uns in dem glänzenden Programm Ihres Festes in der Mitter- nachtsstunde eine Episode aus dem Kriegerleben Ihres Gatten in einem lebenden Bilde darzustellen. Die Musik ist verstummt, Alles strömt hieher in der gespanntesten ErwartungJhr Versprechen erfüllt zu sehen. Bar. Ich will mein Wort sogleich lösen. (Läutet, ein Diener kommt.) Sind die Vorbereitungen zu dem Tableau beendet? Dien. Zu Befehl! Bar. So gib das Zeichen. (Diener ab.) (Hinter dem Vorhang ertönt ein allrussischer Hörnermarsch, im Orchester fällt nach wenigen Tacten eine mit demselben correspondirende Schlachtenmufik ein. Nachdem alle Gäste auS dem Tanzsaal sich gruppirt haben, theilt sich der Vorhang, und man steht das Bild einer Seeschlacht, welche den Moment dastellt, welchen Aarutin im zweiten Acte, zweite Scene, 23 Christinen erzählt. Im Vordergründe auf dem Verdeck des türkischen Schiffes steht Baron Sternberg, zu seinen Füßen Karutin, seine Knie umfassend. Baron Sternberg, den rechten verwundeten Arm mit dem Mantel drapirt. bält die gespannte Pistole in der Linken, den Blick starr auf die Baronin gerichtet. Nach einer kleinen Pause schreitet die Baronin langsam, wie von magnetischer Kraft angezogen, gegen den Baron hin. endlich erkennt sie ihn. und stürzt mit einem SchreckenSruf nach vorne, wo sie in Ohnmacht sinkt. Die Gäste versammeln sich um sie. der Baron tritt aus dem Rahmen deö BildeS auf die Stufen, der Vorhang schließt sich, s, tsmxo hört die Musik auf.) Stern. Beruhigen Sie sich, meine Herren und Damen, die Ueberraschung vollständig zu machen, kam ich von Petersburg hier an und spielte die Episode nach dem Leben. Ich bin der Baron Ungern von Sternberg. Wenn Sie meine Gemalin einige Augenblicke allein lassen wollen, so gebe ich Ihnen die Versicherung, daß Sie sich vollkommen von ihrem Schrecken erholen wird. (Die Gäste nach beiden Seiten ab.) Siebente Scene. Baron. Baronin. Baronin (die Augen aufschlagend). War cs ein Traumbild, eine Täuschung meiner Sinne — Baron (vortretend). Die Zeit der Täuschungen ist zu Ende! Baronin. Er selbst! Baron. Ihr Entsetzen bei meinem Anblick erspart mir jede weitere Anklage. Baronin (die sich gefaßt hat). Ihr unerwarteter Besuch — die sonderbare Art desselben — überraschte, betäubte mich auf einige Augenblicke. Von welcher Anklage sprechen Sie? Es lastet keine Schuld ans mir. Baron. Es ist also die Freude des Wiedersehens, die Ihre Wangen bleicht!? Ihr Blut ist ehrlicher als Ihre Worte, cs straft Sie Lügen. (Wirft den Mantel ab.) Baronin. Ihre Kleider sind mit Blut befleckt. — Baron. Beruhigen Sie sich, eS ist nicht das meine. Baronin (mit steigender Angst). Sie sind verwundet — lassen Sie mich — (Eilt zum Tischchen, um zu läuten.) Baron. Was wollen Sie thun? Baronin. Ich will nach einem Arzt rufen — das Blut an Ihren Kleidern entsetzt mich.— Sie haben sich geschlagen — Baron. Ja, mit dem Chevalier vonIa- rente. Er gab mir den Auftrag ihn zu entschuldigen, daß er Ihrer reizenden Einladung nicht Folge leisten könne. Baronin. Sie haben ihn getödtet?! Baron. Ich bedauere ungemein, Ihnen sagen zu müssen, daß ich dem Chevalier, nachdem er mir den Arm durchstochen, mein Schwert bis zum Griff in die Brust stieß. Wenn er nicht schon todt ist, so wird er sicher bald sterben. Baronin (losbrechend). Nun denn so vollende dein blutiges Rachewerk, Barbar, und tödte auch mich, aber das Bewußtsein deiner blinden Eifersucht, zwei schuldlose Menschen hingeschlachtet zu haben, verfolge Dich bis an's Ende deines Lebens. Die Achtung, die ich deinem Namen schulde, blieb unverletzt bis zu dieser Stunde, so wie die Ehre deines gefallenen Opfers. Ich verachte es, mich zu rechtfertigen. Tödte mick, Mörder! Baron (mit eisiger Kälte). Madame, wenn ich Ihren Liebhaber in einem loyalen Kampfe zu Boden streckte, wobei ich nur mein Leben vertheidigte, so bin ich doch weder Mörder, noch ein Barbar, wie Ihr Schmerz für den Gefallenen mich zu nennen beliebt. Ich will gern glauben, daß Sie den Tod einem schmachvollen schandbefleckten Leben Vorzieher: würden. Von meiner Hand sollen Sie diese Genugthuung nicht empfangen. Mir liegt wenig daran, ob Sie leben oder nicht. Ich habe Sie aus meiner Erinnerung wie auS meinem Herzen gestrichen. Dicß Eine nur will ich Ihnen in's Ge- dächtniß prägen: Wagen Sie es nie mehr, vor mir zu erscheinen. Würden Sie je 24 diesem Befehle entgegenhandeln, so droht Ihnen die härteste Strafe, welche die rauhe Sitte meiner Heimat den Ehebrechern angedeihen läßt. Ich bin nur hier, um Ihnen diesen meinen letzten Willen zu verkünden. Baronin. Aber was habe ich denn verschuldet, daß Sie mich wie eine Verbreche- rin von sich stoßen? Nennen Sie mir eine meiner Handlungen, die Ihren Namen geschändet, Ihre Ehre befleckt hat. Nennen Sie mir mein Verbrechen, ich fordere es! Baron (mit tiefer, ergreifender Stimme). Unglückselige, Sie fordern mich auf, Ihnen Ihr Verbrechen zu nennen?! So hören Sic denn. Ich kam von Petersburg hier an, nachdem ich ein Jahr als Gefangener nachzudenken Zeit genug hatte, welches Glück es sei, eine gefallsüchtige Frau zu besitzen, welche den Großfürsten eben so an ihren Triumphwagen zu fesseln wagte, wie Herrn von Catigni, Iarente und Consorten. Ich eilte nach erlangter Freiheit hieher, mich an Ihren Liebhabern zu rächen, und traf leider nurmehr den Einen am Leben, da sich Herr von Catigni nach dem Scan- dalc dieser Nacht in seiner Wohnung entleibte. Baronin (zusammenschaudernd). Entsetzlich ! Baron. Sie haben somit den frivolen Künsten Ihrer Coquetterie außer dem meinen, zwei Menschenleben geopfert; Sie haben die heiligsten Pflichten der Gattin und Mutter mit Füßen getreten, Sie haben die Liebe in meinem Herzen getödtet, mein Leben für immer vergiftet, das einem frühen Grabe entgegenwelkt. Das, Madame, ist Ihr Verbrechen. Baronin. O, nun begreife ich Ihren Zorn, Ihre Rache, aber sie trifft mich schwerer, als ich es verdiene. Ich war leichtsinnig, ich gestehe es, aber niemals schlecht. Verlassen und vergessen, wie ich mich wähnte, da ich ein volles Jahr ohne Nachricht von Ihnen blieb, empörte sich mein H"z gegen diese Gleichgiltigkeit. Ich wußte ja nicht, daß Sie gefangen waren, und hielt Ihr Schweigen für Geringschätzung, Verachtung. (Zu seinen Füßen finkend.) Friedrich, noch beherrscht die Liebe zu Dir mein Herz allein, gib mich nicht auf, stoß mich nicht von Dir, ich liebe Dich mit unveränderter Glut. Alles war ja nur Taummel, Täuschung — deine Stimme allein genügte, mich mir selbst zurückzugcben. Friedrich, ich beschwöre Dich bei dem Leben unseres Kindes, verzeih', wende mir deine Liebe wieder zu! — Du schweigst?! Weh' mir! Er ist ohne Erbarmen. Baron. Ja erbarmungslos wie dein coguettes Herz! (Karutin erscheint in der Thür links.) Ist Alles zur Reise bereit? Karut. Za, Herr! (Ab.) Baron. Leben Sie wohl, Madame, und wenn Sie die Leiche Ihres letzten Liebhabers noch sehen wollen, so gehen Sie in den Park hinaus, am Schweizerteiche werden Sie ihn finden. (Ab.) Baronin (finkt laut weinend in ein Fauteuil rechts, nach einer kleinen Pause). Ein zertrümmertes Leben liegt vor mir — eilt offenes Grab. — Erbarmungslos hat er mein Herz zermalmt — ihn rührten nicht die Thränen der Gattin, der Mutter. — Ach mein Sohn! — Ich habe ja noch ein Kind, vielleicht daß seine unschuldSvollen Mienen ihn erschüttern! Zu Dir, mein süßerFriedrich, Du sollst der Rettungsengel deiner Mutter sein. (Erste Thür recht« ab.) (Ein leises Adagio beginnt im Orchester. Noch fünf bis sechs Tarten hört man hinter der Scene einen durchdringenden Schrei. Nach einer kleinen Pause stürzt die Baronin, verzweiflungsvoll die Hände ringend, auf die Bühne, sie will sprechen, vermag eS nicht, nur heftiges Schluchzen ringt sich mühsam aus ihrer Brust hervor. Endlich stößt sie mit äußerster Anstrengung daS einzige Wort: »Geraubt* heraus und sinkt besinnungslos zu Boden. Die Musik schließt mit einem grellen Arcord.) Der Vorhang fällt. 25 Dritte Abtheilung. Vierter Art. (Gesellschaftszimmer im Schlöffe Dagö. In der Tiefe desselben ein großes gothischeS Fenster mit der Aussicht auf das Meer. Rechts eine Thür, links zwei Thüren. Die Meubeln sind reich verziert im Roroccogeschmack- Allgemeiner Eingang links zweite Thür. Die erste Thür links führt in die Zimmer des BaronS.) Erste Scene. Christine. Freien. (Christine fitzt an einem Tischchen rechts mit Malerei beschäftigt. Freien, ein Buch in der Hand, sitzt am Mittelfenster. Ferner Donner.) Freien. Wir werden in Kurzem ein prächtiges Gewitter haben. Von Westen steigen ticfschwarze Wolken auf. Ich muß Dir gestehen, meine Tochter, Alles, was ich hier erlebe, scheint mir großartig und un- gewöhnlich zu sein. Wäre der Winter we- Niger lang und empfindlich, ich würde mich ans jene fabelhafte Insel Delos versetzt glauben, welche vom Zephirhanche ans das weite Meer getrieben wurde. Christ. Du hast Recht, Väterchen, nichts stört hier unser ruhiges Glück Während der eilf Monate, die wir hier sind, hat un-Z auch nicht das kleinste Ungemach berührt. 3si der Baron nicht heute noch eben so gütig gegen uns, wie an den ersten Tagen unserer Ankunft, liebt Sie Ihr kleiner Zögling nicht wie seinen Vater, und haben Sie in der reichhaltigen Bibliothek deS Schlosses nicht die schönste Gelegenheit, Ihre wiffen- lchaftlichen Forschungen zu befriedigen? Frei. Gute Christine, Dir schwebt nur Itets die Befriedigung meiner Wünsche vor Augen. Komm', umarme mich! Was mich am meisten beglückt, ist die Beruhigung, welche mir deine sorgenfreie Zukunft ein- fiößt. Du weißt nicht, wie viel heimliche Thränen mir diese Sorge in Frankreich er- ^ preßt hat. Christ, (zärtlich zu seinen Füßen knieend. indem sie lächelnd zu ihm hinaufblickt). O still, nichts von diesen trüben Erinnerungen. Frel. Du bist ein Engel der Güte und Nachsicht! Jetzt, wo die Nahrnngssorge hinter unS liegt, darf ich es Dir schon gestehen, daß ich mich ost einen träumerischen Narren, einen schlechten Vater schalt, der Dich schwarzes Brod essen ließ, das Dn noch mühsam mit Notencopiren verdienen mußtest. Diogenes hat Recht, wenn er sagt : Der unglücklichste Zustand deS Menschen ist arm und alt zu sein, zumal wenn man sich in seinen Kindern leiden sieht.* Christ. Ich hoffe, Sic haben sich jetzt erschöpft und den letzten Rest Ihrer trüben Erinnerungen ausgesprochen. Darum verbiete ich Ihnen jede Rückerinnerung, die den stillen Frieden unseres GlücleS trüben könnte, und da Sie die Philosophen citiren, die Sie so gut kennen, so erinnere ich Sie an den Spruch deS weisen Solon: »Man soll in Allem die rechte Mitte halten.« Frel. (küßt sie auf die Stirne). Du hast Recht wie immer. (Heftiger Sturm-Einschlag ) Ah, nun kommt das Gewitter zum vollen Ausbruch. Da Hab' ich einen glücklichen Gedanken, Christine. Ich besteige den westlichen Thurm, der eine ferne Aussicht auf das Meer erlaubt und lug' ans, ob kein Schiff in der Nähe kreuzt, das der Hilfe unserer Strandbewohner bedarf. (Karutin tritt ein.) Herr Karntin, ich grüße Sic. (Ab zur zweiten Thür.) Zweite Scene. Christine. Karutin. Karut. (in der gestickten russischen Kler- dung eines Haushofmeisters, so wie Keplof in der ersten Abtheilung deS Stückes). Fräulein Christine, ich habe Ihnen eine Bitte vorzutragen, von deren Erfüllung mein Glück abhängig ist. Christ. Sprechen Sie, Herr Karutin, und liegt die Erfüllung derselben in meiner 26 Macht, so soll es an meinem guten Willen gewiß nicht fehlen. Karut. Sie kennen die blutige Katastrophe jener Nacht, welche unserer Abreise von Versailles vorherging. Sie haben dies Alles aus dem Munde des Barons selbst erfahren, welcher Ihnen damit einen Beweis seines unbegränzten Vertrauens gab. Es ist Ihnen gewiß nicht entgangen, welch' finstere Melancholie ihn seit jener Zeit beherrscht. Alle Bemühungen, dieselbe zu zerstreuen, blieben fruchtlos. Da tritt plötzlich seit einigen Tagen eine neueWendung ein. Im Schlafe entschlüpfte seinen Lippen ein Name, welcher die letzte Erinnerung an seine,rechtmäßige Gemalin zu verschlingen droht — es ist — der Ihrige, Fräulein. Christ. Mein Gott, haben Sie sich auch nicht getäuscht? Karut. Ich bin meiner Sache gewiß, denn auch im wachen Zustande hörte ich ihn Ihren Namen aussprechen mit so bewegter Stimme, daß ich über diese erwachende Leidenschaft nicht mehr im Zweifel bin. Christ. Sie erschrecken mich — und seine viel zu hart bestrafte Gattin, die Mutter seines Kindes denkt er aufzugeben! Welch' ein furchtbarer Gedanke! — Sie sind ein redliches Gemüth! Ich danke Ihnen für Ihre muthige Offenheit. So sehr ich den Baron achte und seinem Schicksale das tiefste Mitleid schenke, so lebt in meiner Brust doch kein Gefühl, das Ihrem ehrlichen Anträge widerstrebt. Hier meine Hand. Sie haben für Ihre Liebe nichts zu fürchten. Karut. Sie besiegeln mit diesen herzlichen Worten mein Glück für immer. Darf ich darüber mit Ihrem Vater sprechen? Christ. Sie haben meine Einwilligung. (Drei entfernte Kanonenschläge.) Was bedeutet das? Karut. Es sind Nothsignale. Ein Schiff, vom Sturm bedroht, ruft um Hilfe. Ich eile an den Strand, sammle die Küsten- bewohner und rette, wo noch Hilfe möglich ist. Mit dem Bewußtsein Ihrer Liebe in der Brust fühle ich mich stark genug, dem Sturm der Elemente zu trotzen. Beten Sie indessen für die Bedrohten, das Gebet der Engel wird ja stets erhört. (Ab.) Christ, (am Fenster). Die Wolken lichten sich, der Sturm hat aufgehört zu wü- then, nur die See ist noch in Aufruhr. — Ick hörte kein Signal mehr. (Kniet am Fenster nieder.) O Gott, laß nicht dieselbe Stunde, die mein Glück gebar, zugleich die Todesstunde dieser Unglücklichen werden. Dritte Scene. Baron. Christine. Baron (aus der ersten Thür in schwarzer Kleidung. Düstere Trauer ist über sein ganzes Wesen verbreitet. Er nähert sich langsam Christinen). Sie beten für die vom Sturm Bedrohten. Schließen Sie auch mich in Ihr Gebet ein, denn könnten Sie einen Blick in mein Inneres werfen, Sie würden einem ähnlichen Schauspiele begegnen. Christ. Immer noch trostlos, Monseigneur! Haben Sie Ihr Versprechen von gestern so schnell vergessen? Baron. Mademoiselle, ich muß Ihnen gestehen, daß die herzlichen Worte, die Sie gestern zu mir sprachen, meine Leiden nur vermehrten. Doch geben Sie darum die Hoffnung nicht auf. Sie, nur Sie allein besitzen die Macht, die finsteren Dämone meiner Brust zu bändigen. Denken Sie nicht, ich sei ein unverbesserlicher Kopfhänger. Gott schuf mich mit einer fröhlichen, leicht empfänglichen Seele. Aber Undank, Verrath und Treubruch verpesteten ihren Kinderhauch von frühester Jugend an. Die Freundschaft und die Liebe haben mir in einem Jahre mehr Wunden geschlagen, als mein ganzes Leben an Freuden zählt. Wo ich hintrete, weicht der Boden unter meinen Füßen, und verschlingt alle Treue, allen Glauben kan die Menschheit! (Wendet sich in tiefer Bewegung ab.) 27 Christ, (ernst verweisend). Cs ist nicht recht, daß ein Mann und Christ sich so der Verzweiflung überlasse. Gott hat Sie mit Reichthum gesegnet — Baron. O keinWortvon meincmReich- thum. Er ist die Quelle meines Elends. Er hat den Neid, den Perrath, den Undank in seinem Gefolge — nichts — nichts — nichts davon! Christ. Welch' hoffnungsloserTrübsinn! Baron (nach kurzer Pause). Sie sehen, ich bin der edlen Versuche nicht werth, die Siemachen.um mich meinem Verhängniß zu entreißen. Fliehen Sie mich nicht, das ist die einzige Bitte, die ich an Sie richte. Meiden Sie einen Unglücklichen nicht, welcher ohne Zweifel heute der glücklichste Gatte wäre, wenn er Sie vor Jahren gekannt hatte. Wachen Sie über meinen Sohn, theilen Sie die Schätze Ihres Herzens mit ihm und ich werde Sie als den versöhnenden Engel meines Unglücks segnen. (Ab die Thüre rechts.) Christ. Welch' ein reiches Gemüth ist hier dem Gram zur Beute gefallen. Fast will mir jede Hoffnung entschwinden, ihn wieder aufzurichten. Doch nein, nur Math behalten. Ich muß ihn dahin bringen, neuerdings in den Kriegsdienst zu treten. Der Kampf mit dem Leben wird den Zwie* spalt seines Innern gewaltsam lösen und eine Schwermuth besiegen, die nur in der Unthätigkeit so reichliche Nahrung findet. Vierte Scene. Christine. Karutin. Kar nt. (öffnet vorsichtig die Thür). Fräulein Christine, sind Sie allein? Christ. Treten Sie nur ein, Sie kommen vom Strande? Karut. Kann uns der Baron nicht hören — Christ. Er ging soeben in das Bibliothekzimmer und wird uns für den Augenblick nicht stören. Sprechen Sie, denn ich sehe an Ihrer Auflegung, daß Sie mir eine wichtige Mittheilung zu machen hahcn. Karut. Ein holländisches Schiff ist auf der Westseite der Insel gescheitert. Die Reisenden sind in Sicherheit. Unter diesen befindet sich auch eine Frau — Christ. Eine Frau? Karut. (leise). Die Frau Baronin von Sternberg. Christ. O welch' ein Glück! Karut. Ich habe Sie mit Hilfe Ihres Vaters, der ebenfalls an den Strand geeilt war, in das Gartenhaus gebracht. Dort ist sie für den Augenblick vor Entdeckung sicher. Eilen sie zu Ihr, Fräulein, Ihr Herz wird Sie gewiß die rechten Mittel finden lassen, eine Versöhnung mit dem Baron zu bewirken. Christ. Das wolle Gott! Ueberwachen Sie indessen den Baron, damit er uns nicht vor der Zeit überrasche. Karut. (im Abgehen). Hatte ich nicht Recht zu sagen, das Gebet der Engel wird erhört. (Ab zur zweiten Thür links.) Verwandlung. (Garten. Rechts ein Gartenhaus, zu dessen EingongSthür einige Stufen führen. Vorne links ein Rosengebüsch mit Bank.) Fünfte Scene. Baronin, Christine, Frelon (aus dem Gartenhause). Christ. Folgen Sie mir, gnädige Frau. Wir können hier weilen, ohne gestört zu werden. Karutin wacht über uns und wird mich sogleich benachrichtigen, wenn Ihr Gatte naht. Baronin. Ich weiß nicht, welche Stellung Sie im Hanse einnehmen, aber wenn Sie die Leiden einer Mutter fassen können, der man gewaltsam ihren Sohn raubte, so beschwöre ich Sie bei Allem, was Ihnen thcuer ist aus Erden, führen Sie ihn in meine Arme zurück. Er hat stets mit zärtlicher Liebe an mir gehangen. Aus 28 seinen frommen Augen werde ich Muth und Hoffnung schöpfen für die peinliche Stunde, der ich entgegengehe. Frel. Beruhigen Sie sich, Frau Baronin. Sie sollen Ihren Sohn umarmen, ich gehe ihn zu holen. (Ab.) Christ. Erlauben Sie mir, Sic mit Ihrer Umgebung bekannt zu machen. Der Mann, welcher eben fortging, ist der Erzieher Ihres Sohnes. Ich, seine Tochter, unterstütze ihn dabei mit meinen geringen Kräften. Baronin (mit einem Anfluge von Eifer- sucht). Dafür muß Ihnen der Baron wohl sehr dankbar sein. Christ. Er achtet mich, so wie ich sein Unglück ehre, dem ich mein volles Mitleid nicht versagen kann. Baronin. Vom Mitleid zur Liebe ist nur ein kurzer Weg. Christ. Ein Herz wie das Ihres Gatten liebt nur einmal im Leben. Wäre es anders, würde ihn der Schmerz um Ihren Verlust nicht so tief beugen. Baronin. Erklären Sie sich. Christ. Erlauben Sie mir Familiengeheimnisse unberührt zu lassen. Baronin. Familiengeheimniffe? Sic haben in der Gunst des Barons große Fortschritte gemacht. Christ. Ich habe mich in sein Vertrauen nicht gedrängt. Unaufgefordert hat er mir die Geschichte seiner Leiden erzählt, von der ersten Stunde seines Glückes bis zur letzten Minute seiner Enttäuschung! Baronin. Sie wissen also auch, was er mir zum Vorwürfe macht? Christ. Alles, Madame. Baronin. Und Sie verrathen mich gleich ihm!? Christ. Ich verrathe Niemanden. Ich habe Mitleid mit den Fehlern meiner Ne- benmenschen, und bitte Gott, daß er ihnen verzeihen möge. Baronin. Ich sehe, Sie halten mich für strafbarer, als ich wirklich bin. Ich will mich vor Ihnen rechtfertigen. Christ. O Madame, der schönste Augenblick meines Lebens wird der sein, in dem es mir vergönnt ist, Sie in die Arme Ihres Gatten zurückzuführen. Baronin. Karutin, der unfreiwillige Zeuge aller meiner Handlungen, kann eS Ihnen bestätigen, daß mir Herr von Catigni nie mehr als ein ungebührlicher Geck, ein mit Recht bestrafter Thor gewesen ist. Christ. Und doch mußte er die Qualen, die Sie ihm bereiteten, mit dem Leben bezahlen. Baronin. Die Qualen, die ich ihm bereitete, wurden von ihm gesucht, jene aber, welche ich erlitt, blieben unbekannt. Glauben Sie mir, Mademoiselle, die Co- quetterie der Frauen ist nur eine gerechte Rache an dem egoistischen Geschlechte der Männer. Catigni starb, wie er lebte, als ein echter Roue. Dieser ist's nicht, der mein Gewissen belastet. Ein anderer Name, der des Chevalier von Jarente ist's, der mir Unheil brachte. Dieser Name wird mich stets an einen Fehler, an eine Schwäche meines Herzens erinnern, aber nie an ein Verbrechen. Der Allgütige wollte es, daß ich aus dem Schiffbruche nichts von meiner Habe retten sollte, als diesen Brief, den sprechendsten Beweis für die Wahrheit meiner Worte. Lesen Sie und überzeugen Sie sich, daß ich wohl fehlen, aber niemals fallen konnte. (Reicht ihr einen Brief» den sie aus dem Busen zieht.) Christ, (liest). »Geehrte Frau Baronin! Mit dem Vorsätze Sie zu beleidigen, habe ich mich in Ihr Haus gedrängt, denn ich sah in Ihnen nur die Verführerin meines Sohnes. Seit dem Tage jenes unglücklichen Duells aber hat sich meine Ansicht vollständig geändert. Seit jenem Tage waren Sic für mich ein Engel des Trostes. Nach seiner Heilung haben ihn nur Ihre vortrefflichen Rathschläge in dieArme seiner legitimen Braut geführt. Ein glücklicher Gatte, eine dankbare Mutter flehen um Ihre Vergebung. Freifrau von Jarente.* 29 (Christine, welche den Brief mit immer steigender Bewegung las, ergreift jetzt die Hand der Baronin, um sie zu küssen, diese öffnet ihr die Arme.) Baronin. Gutes Mädchen! Mein Gatte hat sein Vertrauen keiner Unwürdigen geschenkt. Christ. Lassen Sie mir dieses Schreiben. Es soll Ihnen das Herz Zhres Gatten um so sicherer zurückführen, als es ihm den Beweis liefert, wie grausam er eine Untreue an Ihnen bestrafte, deren Sie sich in der That nie schuldig machten. Ich bin fest überzeugt, die Liebe zu Ihnen, zur Mutter seines Kindes schlummert mit unveränderter Stärke in der Tiefe seiner Brust. Zerreißt der dichte Nebelschleier vor dem Sonnenglanze der Wahrheit, so stürzt erreu- müthig zu Ihren Füßen hin, Ihre Liebe, Ihre Verzeihung zu erflehen. Baronin (sie umarmend). Gott lasse Ihre Prophezeiung zur Wahrheit werden. Sechste Scene. Vorige. Karutin, etwas spater Baron. Karut. (eilig). Entfernen Sie sich schnell, gnädigste Frau. Ich sehe den Baron die Allee Herabkommen. Christ. Hier herein, im entscheidenden Momente werde ich Sie rufen. (Baronin ab in'S Gartenhaus, Karutin hinter dasselbe. Chri- stine pflückt Rosen vom Gebüsch links und vereinigt sie zu einem Strauß. Der Baron tritt langsam aus der Tiefe vor.) Baron (erhebt den Kopf und nähert sich ihr freundlick,). ES gibt einen Gott der Träume, Mademoiselle. Ich lustwandelte hier absichtslos und wagte es nicht zu hoffen, daß ich Ihnen begegnen würde. Welche Bestimmung hat dieses reizende Bouquet? Christ. Es soll den Studiertisch meines Vaters schmücken. (Baron wendet sich ent- täuscht zum Gehen.) Bleiben Sie, Herr Baron, denn ich habe viel mit Ihnen zu sprechen. Sie haben mir die Heilung Ihrer Seele anvertraut. Ich habe über diese Aufgabe viel nachgedacht, und bin endlich zu der Ueberzeugung gekommen, daß eine befriedigende Lösung nur dann möglich ist, wenn Sie mir auf halbem Wege entgegen- kommen. Baron. Ihre Worte erfüllen mich mit froher Hoffnung. Nur Ihre Liebe vermag es, der leergebrannten Stätte meines Herzens frische Blüthen zu entlocken. Sprechen Sie es aus, daß ich Ihrem Herzen nicht gleichgiltig bin. Christ. Bevor ich Ihnen hierauf antworte, muß ich eine Frage an Sie richten, welche ich ohne den hohen Zweck, den ich im Auge habe, nicht wagen würde. Baron. Fragen Sie. Christ. Haben Sie die Baronin bis zur Stunde Ihrer Trennung treu geliebt? Baron. Ich liebte Sie mit der vollen Glut meiner Seele, ich baute meine schönsten Hoffnungen auf sie, und glaubte an ihre Liebe wie an meine Ehre. Ein wü- thcnder Haß erfaßt mich, wenn ich bedenke, daß der Engel meiner Träume zum Dämon meines Lebens wurde. Christ. Die Liebe wohnt nie mit dem Haß unter einem Dache. Wenn Sie den Rathschlägen Ihrer Freundin Vertrauen schenken, so verbannen Sie den Haß aus Ihrem Herzen und denken Sie an Ihre Gattin, die Sie ungchört verdammten, der Sie grausam das höchste Gut einer Mutter, ihr Kind, entzogen, mit Reue und Versöhnung. Baron. Versöhnen mit ihr? Niemals! — Mein empörtes Herz, daS sie nur allzusehr liebte, sträubt sich gewaltsam gegen jede Versöhnung. Ich sah den Chevalier zu ihren Füßen liegen, ich hörte ihre Liebes- schwüre, ich sah sic erbleichen und Thränen vergießen bei der Nachricht seines Todes, und soll noch zweifeln an ihrer Schuld? Ich schwöre Ihnen — Christ, (einfallend). Schwören Sie nicht, Herr Baron! Der wüthende Zorn, die Eifersucht vernichteten Ihre Urteilskraft, Sie 30 würben sonst längst erkannt haben, baß die Baronin Ihrer Liebe nicht so unwürdig, wie Sie es sich mit Gewalt glauben machen wollen. Baron. Ich verstehe Sie nicht. Christ. Ein glücklicher Zufall gab mir hierüber volle Gewißheit. Unter den Gegenständen, welche die Wogen von dem ge- strandeten Schiffe an's Land warfen, befand sich auch ein Kästchen mit Papieren. Ka- rutin nberbrachte es mir. Ich blätterte in den Papieren umher und fand diesen Brief darunter, lesen Sie. (Reicht ihm den Brief der Baronin, welchen Sternberg mit wachsender Theilnahme liest. Als er zu Ende war, bedeckte er in heftiger Regung mit beiden Händen sein Gesicht. Die Baronin erscheint in der Thür des Gartenhauses, Christine winkt ihr» daß eS noch zu früh sei.) Nun, Herr Baron, antworten Sie mir, lieben Sie mich noch? Baron. Beschuldigen Sie mich nicht eines neues Verbrechens. Als ich mich in die schreckliche Leere verloren fühlte, welche die Scham und Eifersucht, der Haß nnd die Verachtung um mich ausbreiteten, sind Sie mir wie ein Engel des Himmels erschienen. Ich liebte Sie, ja, denn es ist eitel Prahlerei, wenn sich der Mensch für stark genug hält, sich an nichts anzuschließen. Indem ich Sie liebte, glich ich jenen Schiffbrüchigen, welche den Sand des Ufers küssen, an dem sie stranden. Ich habe Sie also dennoch geliebt, aber — Christ. Aber — Bar. Aber ich kämpfte gegen meine Rückerinnerungen fortwährend an, ich empfand eine Art Scham, Ihnen ein Herz anzubieten, worin noch unter der Asche das Feuer einer Leidenschaft brannte, die ich vergeblich auszulöschen bemüht war. — Christ. (ihm dieHand reichend, mitWärme). Ich danke Ihnen für dieses edle, frcimü- thige Geständniß. Baron. Aber dieser Brief—Sie sagten — Herr, mein Gott, welch' ein Blitzstrahl erhellt auf einmal die Nacht meines Innern. Dieser Brief kommt von dem Schiffe, das gestrandet — vielleicht, daß mein Weib sich selbst darauf befand, um in die Arme ihres unglücklichen Gatten zu eilen.— O, sprechen Sie es aus — Therese ist — Christ. Gerettet! Sehen Sie selbst. (In demselben Moment tritt Frelon mit dem Knaben von links auf mit Karutin. Die Ba- ronin stürzt dem Kinde mit Freudenruf entge- gen, der Knabe, als er sie erblickt, läuft mit dem Rufe: »Mutter, liebe Mutter« in ihre Arme.) Letzte Scene. Vorige. Frelon, Karutin, Baronin, Friedrich. Baron. Therese, bist Du es wirklich? oder täuschen mich meine Sinne — rede, sprich mit mir, ich ersticke sonst vor Freude. Baronin (knieend ihren Sohn umarmend). Ja, Friedrich, ich bin es. Ich habe deinem Verbote Trotz geboten. Ich konnte ein Leben, das Du verschmähtest, nicht länger ertragen. Ich entschloß mich Dich aufzu« suchen, Dir den Beweis zu bringen, daß die Mutter deines Kindes Dir nie die Treue brach. Baron. So komm' in meine Arme. Baronin. Mein Friedrich! Baron. Therese, hier an diesem lang> verwaisten Herzen sei fortan deine Stelle. Kannst Du mir mein Härte verzeihen? Baronin. Ich verdiente Strafe, denn ich erlaubte der Sünde mir zu nahen. Baron. Nichts soll uns jetzt mehr trennen. Diese Insel sei der Schauplatz und die Grenze unseres gemeinschaftlichen Glückes. (Baron nimmt den Knaben in seine Arme. Therese schmiegt sich zärtlich an ihn an. Etwas tiefer zur Seite segnet Frelon das vor ihm knieende Paar.) Der Vorhang fällt. Ende. Von .Friedrich Kaiser find bei uns erschienen: MännerschLnheit. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit Titelkupfer. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Detter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Eine Posse als Medicin. Originalposse mit Gesang in 3 Acten. Mit allegorischem Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Fürst. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischen Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Mönch und Soldat. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Tktelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbilve. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Der Rastelbinder, oder: 10,000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titel. bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Junker und Knecht. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr- Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Acten. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. . 15 Sgr. oder 75 Nkr. Dienstbotenwirthschaft, oder: Chatoulle und Uhr. Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Doctor und Friseur, oder: die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 Acten. Zweite Auflage. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr. Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Ein neuer Monte.Christo. Original-Characterbild in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Die Frau Wirthin. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Etwas Kleines. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Zwei Testamente. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. UnrechtGut. Characterbild mit Gesang in 3 Acten und Vorspiele 12 Sgr. oder 60 Nkr. Des Krämers Töchterlein. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Eine Feindin und ein Freund. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Ein Lump. Characterbild mit Gesang in drei Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Der rechnet. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Von Friedrich Kaiser erscheinen demnächst: Ein Jagd-Abenteuer. — Palais und ZrreuhauS. Im Verlage der MaMshausser'schen Buchhandlung (Joses Rlemm) in Wien, am hohen Markt Nr. 541, find folgende Theater von Johann Restroy erschienen: Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder: Das Geheimniß des grauen Hauses. Posse mit Gesang in 5 Aufzügen, 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Einen Jux will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. Zweite Auf. läge, geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Der Zerrissene. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Talisman. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Unverhofft. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 alleg. Bild. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Unbedeutende. Posse in 3 Acten. Mit 1 illum. Bild. 12. geh. 20 Sgr. oder 1 fl. Der böse Geist Lumpacivagabundus, oder: Das liederliche Kleeblatt. Zauberposst mit Gesang in 3 Aufzügen. Dritte Auflage. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Das Mädl aus der Vorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Die verhängnißvolle Faschingsnacht. Posse mit Gesang in 3 Aufzügen. 12. geh. . 15 Sgr. oder 75 Nkr- Eulenspiegel, oder Schabernack über Schabernack. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. Zweite Auflage. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Freiheit in Krähwinkel. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 3 illum. alleg. Bild 12. geh. -4 Sgr. oder 1 fl. 20 Nkr. Ferner sind daselbst erschienen: Sämmttiche Theater von Castelli, Gleich, Grillparzer, Hopp, Kaiser, Hensler, Weidmann, Feldmann, Weißenthurn, Deinhardstein, Holbein, Kotzebue, Jffland, Werner, Hafner, Vogel, Körner, Ziegler, Jünger, Collin, Perinet, Huber, Baumann, Birch-Pfeiffer, Schröder, Clauren, Herzenskron, Treischke, Sonnleithner, Chrimfeld, Meisl, Koch, Schildbach, Seyfried, Bäuerle rc. Die Wallishauffer'sche Buchhandlung in Wien, hoher Markt, hält das möglichst vollständigste Lager aller im Buchhandel erschienenen ältesten und neueren Theaterstücke, besorgt das nicht Vorräthige schnell und gibt Verzeichnisse gratis aus. Druck und Papier von Leopold Sommer in Wirn. (Den Bühnen gegenüber als Man uscript gedruckt.) Auf der Kühne und hinter den Loutihen. Schwank mit Gesang in zwei Bildern von Ludwig Gottsleben. Musik vom Kapellmeister Franz von Suppe. (Im k. k. priv. Theater an der Wien zuerst mit vielem Beifall gegeben.) ^ P ers 4 Schundi. Thraterdirector einer kleinen reisenden Z Gesellschaft, Waldenau, jugendlicher Liebhaber. Mauser, zärtlicher Vater, Fräulein Laura, jugendliche Liebhaberin, Fräulein Lindenblüh Anstandsdame, Louise, i . Mirza j Tänzerinnen, Bertha, l Hannibal. j Kmder. ^auh, Fabriksbefitzer. Sebastian Mandel, Haftelmacher. Christian Blattel, Apothekergehilse. Mecker, Schneidermeister. Peter. i Johann.!,. Franz. 1 leine Gesellen. Carl, ! Kathj, j Jetti t Blumeumacherinnen. onen: Mautsch, Wirth -.zum goldenen Ochsen». Peter, Kellner. Michelhoser, ein Bauer. Mirzl, sein Weib. Hanns, sein Sohn. Stierling. Fleischhauer. Lüftl, ein Stutzer. PoN>l. l Emil, t Toni, l Buben. Muckerl, 1 Ferdl, ' zü'»-r j s-richtsdi-m,. Der Halter. Vier Musikanten. Frau Schmalz. Emilie, ihre Tochter, Blattel's Geliebte. Die Handlung spielt in Stockerau. Theaier-Repertoir Nr. SS. 1 Erstes Litd. (Wirthsstube bei Mautsch. Mittel- und Seiten- thüren. Ueber der Thür links die Aufschrift: »Hxtra-Zimmer.» Tische, Stühle u. s. w.) Erste Scene. Mautsch (tritt mit) Herrn v. Rauh (der eine Reisetasche trägt, durch die Mitte ein), Peter (reinigt Biergläser). Mautsch. Bitt' nur herein zu spaziren, Herr v. Rauh, g'freut mich, Sie wieder einmal bei mir, beim »goldenen Ochsen*, zn sehen. — Werden vermuthlich auch da übernachten? Rauh. Leider Hab' ich in eurem Neste wieder Geschäfte; morgen Früh reise ich ab, wenn mich bis dahin die hiesige Langweile nicht umgebracht hat. Mautsch. Morgen sind Sie frisch und g'sund, denn heut' gibt's bei mir noch a Rcmasuri. Zn aller Früh ist ein Theater- dircctor mit seiner Gesellschaft ankommen, da drinn im Ertra-Zimmer ist das ganze Gerstel. Er hat schon in meinem -großen Saal das Theater aufg'schlagen, und wird am Abend eine Vorstellung geben. Rauh (lacht). Bravo! Thalia in Stockerau, muß sich gut ausnehmen. Ich mache mir's nun hier in meinem gewöhnlichen Zimmer bequem, besorgen Sie unterdessen eit« Frühstück. (Durch die Seitenthür rechts ab.) Mautsch. Werden gleich bedient. — Peterl, frag' die Komödianten ob's nichts z'cffen wollen, gib' aber auf's Eßzeug gut Acht. (Mautsch durch die Mitte, Peter links ab ) Zweite Scene. Sch UN di (auS der Thür links rasch eintretend — er spricht sehr schnell und sein ganzes Wesen ist äußerst geschäftig; für sich in Gedanken verloren). Hereing'spazirt — gleich wird an- g'fangt! Sie werden mit Vergnügen den Schauplatz wieder verlassen.— Ja, so wert»' ich heut' mit den Stockerauern reden, so muß man die Kunst ausschroten, nachher geht's. —Und es muß gehen, denn ich bin so im Trocknen, daß mir das Wasser ins Maul lauft. Im letzten Ort Hab' ich ein Regiment schlagfertiger Gläubiger zurückgelassen, die mich in der zudringlichsten Weise um ihr Geld malträtirt haben. Nicht genug, daß der Mensch von den Schulden gemartert wird, nein die Gläubiger lassen ihm auch kein' Fried'. Aber fallt heut' Abends das Erträgniß gut aus, so fiücht' ich morgen mit der Cassa in den türkischen Orient, weil dort lauter Ungläubige eristi- ren, und gar kein Gläubiger. Dritte Scene. Rauh (aus der Seitenthür rechts). He, mein Frühstück! (Zu Peter, der aus der Thür links tritt.) Schnell ein kaltes Huhn und Wein. (Setzt sich.) Peter. Gleich! (Ab durch die Mittelthür.) ! Schundi (bei sich). Der frühstückt Hen- ^ del mit Wein. Der Mann verdient Achtung. ! (Laut zu Rauh.) Ihr Diener, Ihr unterthä nigster! s Rauh. Auch so viel! k Sch undi. Sie scheinen ein Fremder zu I sein? I Rauh. Für Sie jedenfalls. Schundi. Aber ich nicht für Sie, icb werde Ihnen bekannt sein per Renommee wenigstens? Rauh. Sind Sic vielleicht— ? Schundi. Schundi? Za, das bin ich — der Theaterdirector. Haben Sie schon von mir gelesen? Nie? — dann bedauere ick Sie, will Ihnen aber Gelegenheit geben mich zu bewundern. 3 Rauh (lächelnd). Das thue ich jetzt schon. Schundi. Hören Sie und staunen Sie. — Ich und meine Gesellschaft werden heute Abends hier Komödie spielen und es wird mit allerhöchster Bewilligung anfge- suhrt (zieht einen großen Zettel heraus): Das große historische Charaktergemälde »Toledo, der un bezwing liche Unbezwingbare ,« oder »der gräulich graue Thurm um Mitternacht,« oder »treue Liebe bis zum Grabe,« oder — Rauh. Genug. Schundi. Dieses große Drama wird gegeben mit Evolutionen, Einzügen, Chören, griechischem Feuer, Gefechten! Warum lachen Sie denn? Glauben Sie, wir können nicht fechten? Rauh. Ich bezweifle nicht. Um aber dieses Alles darzustellen, besitzen Sie ver- muthlich eine sehr große Gesellschaft? Schundi. Vier Personen, die Kinder und Canarienvögel nicht mitgercchnet — weil die nicht immer debütiren. Rauh. Und wie steht's mit der Garderobe? Schundi. Sehr Adam und Eva artig — aber die werden wir schon kriegen. Vergangenes Jahr war eine Schauspielergesellschaft da, die, wie sich'S von selbst versteht, am Schluß 'pfändt ist worden, ich rede aus Erfahrung — und in diesen znrückgelaffc- nen gerichtlich versiegelten Ritter-Costümen wollen wir die Könige und Helden vergangener Jahrhunderte reprasentiren, und die längst verstorbenen Klampferer, die diese Rüstungen erzeugt haben, sollen im Grabe noch Triumphe feiern, wenn wir in ihren Harnischen Don Carlosfähig auSrufen: »Geben Sie Gedankenfreiheit!« Gedankenfreiheit in Stockerau, ist das nicht das Höchste? Rauh. Und wie ist's mit den Decora- tionen? Schundi. Ein alter Vorhang und ein halbes Dutzend frischgewaschener Servietten sind hinreichend, um aus einem Heustadel einen Fecntempel zu machen. Rauh. Aber zur Aufführung eines solchen Stückes bedürfen Sie doch sehr vieler Requisiten. Schundi. Nicht nothwendig. — Was wir nicht haben, das wird hinter den Cou- liffen angenommen. — WaS wir auf der Bühne wegen Mangel an Leuten, Dekorationen oder Requisiten nicht vorführen können, das spielt Alles hinter der Scene, und mit was für kleinen Mitteln da oft die größten Effecte erzielt werden, das sind unsere Couliffengeheimnisse. Rauh. Nun, ich werde nicht fehlen, wenn die Komödie wirklich zu Stande kommt. Vierte Scene. Vorige. Mautsch (tritt mitWein und Braten ein; ihm folgt) Peter. Mautsch. So, Herr v. Rauh, da ist ein sauberes Hendel und der Wein. Sie werden vermuthlich allein essen wollen? Rauh. Ja, bringen Sie Alles auf mein Zimmer. (Zu Schundi) Leben Sie wohl, auf Wiedersehen heute Abend. (Rechts ab.) Mautsch. Peterl, trag dem Herrn das Frühstück nach! (Peter nimmt Braten und Wein und geht Rauh nach.) Mautsch (mit einem Seitenblick auf Schundi.) ES ist g'scheidt, daß derHerr v.Rauh allein ißt, denn es gibt Leute, die Einem das beste Essen abbetteln. (Geht gegen die Mittelthür, Mandel stürzt herein und rennt an ihn an.) Na na, ist denn ein Ochs anskommen ? Fünfte Scene. Mautsch. Schundi. Mandel (athemlos) Mandel. Nein, ich — ich möcht' mit dem Herrn Theaterdirector reden. Mautsch. Dort sitzt er. (Durch die Mit- telthür ab.) Schundi. Ah! Sie sind's schon wieder; seit Früh um 6 Uhr heften Sie sich wie die Furien an meine Fersen. 1 * 4 Mandel. Es ist wahr, wie Sie heute Früh mit Ihrer Gesellschaft auf den Kalb!, wagen in Stockerau eingezogen sind, Hab' ich mich gleich hint' am Wagen aufg'hängt und trotzdem, daß der Kutscher siebenmal mit der Peitschen z'ruckg'haut hat, bin ich sitzen blieben. Schundi. Um mir beim Aussteigen gleich entgegenbrüllen zu können: Geben Sie mir umAlles in der Welt eine Roll'l — Mandel. Ja, ich bin zwar Haftelmacher, aber nebstbei auch Jntriguant. — Wie Sie mich da anschau'n, stecken ein paar Da- wisöne, etliche Lewinsky in mir, Franz Moor, Caligula, König Richard, da spiel' ich mich nur damit. Schundi (ironisch). Sie scheinen wirklich wie geschaffen zum miserablen Kerl. Mandel (geschmeichelt). Ich mein's. Schon als Kind war ich Ihnen ein schlechter Bub'. In der Schul Hab' ich immer, daß die andern Buben nicht schreiben können, alle Tintentegeln austrunken. Schundi. Das ist wirklich eine grausliche Bosheit gewesen. Aber damit ich eine Ruh' Hab', so will ich Ihnen eine Rolle anvertrauen. (Nimmt aus der Seitentasche eine Rolle mit mehreren Blättern und gibt sie ihm.) Da haben Sie 1 (Setztsich.) Mandel (freudig). Endlich eine Roll'! (Liest.) Erster Act — (befremdet) nichts. — Zweiter Act — (ärgerlich) auch nichts. — Dritter Act—Ah, jetzt kommt's. (Liest.) Die Pferde sind gesattelt — (dreht das Blatt um, liest verwundert) Ende. — (Zu Schundi) Was soll ich Ihnen denn thun? Schundi. Die Rolle sollen Sie mir spielen — Mandel. Was werd' ich denn mit dem Schmarn viel G'schichtcn machen — da komm' ich herein, die Hand beim Westentasche! — so (sehr glrichgiltig) die Pferde sind gesattelt. —Na ja, was denn weiter? Schnudi. Das ist zu trocken — Wenn Sie ein Künstler wären, müßten Sie aus den paar Worten einen Charakter schaffen. — Sie sind aber ein gewöhnlicher Haftelmacher. Mandel (für sich erregt). Er greift mich bei den Hafteln an — na wart, jetzt werd' ich Dir's zeigen. (Laut.) Sie sollen sehen, daß es mir auf einen Charakter nicht ankommt — ich werde diese Rolle als Jntriguant spielen — Schundi (erstaunt). Wie? Mandel. Ja, ich werd' einen so durch und durch verdorbenen Kerl geben, gegen den der Franz Moor ein reiner Spitzbub war, einen Bösewicht, bei dem man nicht begreift, wie ein Mensch gar so tief sinken kann — aber gar so — Pfui Teufel! Schundi. Bin neugierig, wie Sic das machen werden. Mandel. Paffen Sie auf. (Stellt sich rechts in die Ecke, schlägt das Rockschösse! wie einen Mantel über die Schulter, und indem er mit katzenartigem Schleichen auf Schundi zugeht, zischt er durch die Zähne:) Die Pferde sind gesattelt! (Stößt einen zischenden Ton aus.)Sschschschschsch! Was, ist das ein bißl miserabel? — Das Sschlchschsch, das ist gar so infam! Schundi. Das ist nichts. — Sic müssen der Rolle eine ganz neue Seite abgewinnen. Mandel (denkt nach). Eine ganz neue Seiten. (Don einem Gedanken durchzuckt.) Wie wär's, wenn ich die Rolle als altes Weib spielet? Schundi (wendet sich unwillig ab). Ah! Mandel. Als altes Weib — das war' gewiß hübsch! Schundi. Unsinn. Mandel (ärgerlich). Wenn nur ein Mensel' nicht früher über was schimpfen thät, bevor er's noch g'sehen hat — schimpfen's nachdem — jetzt schau'n Sie her. — (Geht in die Ecke und nimmt die Stellung eines gebeugten alten Wclbes an, wankt mit zitternden Knien und wackelndem Kopfe aus Schundi zu, derselbe wendet sich ärgerlich ab. Mandel richtet sich ebenfalls ärgerlich auf.) So schaun's doch her — da kann ich mich so giften, wenn ein Mensch — ich spiel' gleich nicht mit. — (Schundi wendet sich ihm wieder zu, Mandel nimmt die 5 frühere Stellung an und murmelt wie ein zahnloses altes Weib.) Die Pferde sind gesattelt! (Stolz.) Ha — ist das ein altes Weib? — Man sieht ordentlich, wie auf der Alten schon die Hauswurzen wachsen. Lchundi. Eben darum ist die Auffassung schlecht. Die Gebrechlichkeit macht ans dem Theater immer einen unangenehmen Eindruck. Sie müssen die Rolle frisch, keck, lebhaft geben — Mandel. Aha! — Sie meinen mehr als Grille — als Goßmann? — Gilt schon — ich gib die Roll' als Goßmann — (Geht schnell in die Ecke, bindet ein Schnupftuch um den Kopf, rennt auf Schundi zu, stemmt den Arm in die Seite, blickt ihn verächtlich über die Achsel an und sagt:) Du dummer Junge! Schundi (fährt auf). Was? Mandel (sich besinnend). Will ich sagen: Die Pferde sind gesattelt — (Fährt mit der Hand unter der Nase weg.) Jetzt ist er paff — s'ist aber auch famos! Das Naive, das Unbewußte, das nicht einmal wissen, daß eS Schnupftüchel gibt in der Welt, — das ist zu hübsch, nicht wahr?! — Schundi (nimmt die Rolle und steckt sie ein). Wir zwei sind geschiedene Leut'. —Ich habe mich jetzt überzeugt, daß Sic nicht einmal den kurzen Satz sprechen können. Adieu — (Rasch in die Seitenthür links ab.) Mandel (allein.) Ah, das ist stark, jetzt nimmt er mir die paar Worte auch noch weg. (Ruft ihm nach.) Herr Direktor, ich red' gar nichts — ich gib die Roll' als Pantomime.— Mr sich.) Als Pantomime, das ist nicht schlecht — da stell' ich mich so her (Stellt sich in die Ecke ) Natürlich im Ballet- rostüm, Trikots u. s. w., schweb' nachher herein — (Geht tänzelnd auf den Stuhl zu. wo Schundi saß, zeigt pantomimisch an, daß die Pferde bereitet find, indem er scheinbar einem Pferde den Sattel auflegt, dessen Mähne streichelt, endlich dasselbe besteigt, die Zügel ergreift und das Hüpfen eines galoppirenden Reiters nachahmt. Tntzückt.) So geht's, Herr Direktor — so ist S famos! (Eilt rasch in die Seitenthür links ab.) Sechste Scene. Blattel (rasch durch die Mitte). Da sollen die Stuckspieler einquarticrt sein. — Wenn ich nur den Hauptmann von der Bande sehet, ich möcht' ihm sagen, daß ich, der Apothekergehilfe Blattel, zu ihm in Condition treten und Komödienmacherg'sell werden möcht'. Siebente Scene. Blattel. Schundi. «sckinndi (rasch aus der Seitenthür links, zurückrufend). Lassen Sie mich aus, Sie sind der schrecklichste Haftelmacher, der mir je Vorkommen ist. Ah, da steckt der Schlüssel! (Sperrt die Thür zu). So, jetzt komm'nach, wennst kannst. — (Ruft laut.) Suchen Sie sich einen Anderen — ich bin kein Theater- director für Sie. — Blattel (für sich). Der ist's. (Auf Schundi zustürzend.) Herr Theaterdirector — Sie könnten mir einen großen Gefallen erweisen. — Lassen Sie mich heute Abends Komödie spielen. Schundi (entsetzt.) Der auch! Blattel. Die Emilie, das ist meine Geliebte, kommt in s Theater, und wenn ich so als junger Ritter oder was auftreten that', so hätt's mich noch einmal so gern. Schundi (für sich). Er ist ein hübscher junger Mensch. (Laut.) Gut, Sie find en- gagirt. — Gage kriegens keine — aber eine Gefälligkeit erfordert die andere. — Sie müssen alle Ihre Bekannten, besonders die recht große Hände haben, haranguiren, daß sie in's Theater gehen, jeder muß aber nebst Zuschauer auch Claqueur sein. Blattel. Claqueur, was hat derzu thun? Schundi. Das was die Damen in Kaffeegesellschaften oft thun — zu klatschen — Blattel. Ah, jetzt begreif'ich! Zehn gute Freund' m it noch größeren Händ' als 6 ich müssen Mitwirken. — Ich kenn' ganz Stockerau, — wir jungen beul' haben alle Samstag Kränzchen, da wird g'sungen — Schundi. Da könnten Sie mir vielleicht mehrere Dilettanten verschaffen, einen guten Chor könnt' ich brauchen. Blattel. Einen Chor — den besten, den's gibt, weiß ich. — Bis in einer halben Stund' bring' ich ihn her. — Aber nicht wahr, nachher krieg' ich eine Roll'? Und ein Ritterkappel mit silbernen Quasten setz' ich auf. — Es ist nur, daß die Emilie eine Freud'hat. (Durch die Mitte ab.) (Man hört innerhalb der Seitenthür rechts den Klatsch einer Ohrfeige. Sch un di. Was war das? (Eine weibliche Stimme ruft: Aufmachen! Schlindi sperrt die Thür auf.) Achte Scene. Mauser (sich die Wange haltend, wird aus der Thür gestoßen). Mauser (zurücksprechknd). Ist denn Liebe ein Verbrechen, darf man denn nicht zärtlich sein? Schundi. Mir scheint nicht, wenn ich recht g'hört Hab' — so war das — Mauser. Eine Liebkosung. Ich habe unserer Mirza mein Herz eröffnet, und da ist mir die kleine Schmeichelkatze etwas massiv um's Kinn gefahren. — Schundi. Sie, geben's Acht— solche Schmeicheleien haben oft schon unheilbare Gehirnerschütterungen zur Folge gehabt.— Uebrigens spielen Sie das Fach der ehrwürdigen Familienväter, für das sich derlei Exaltationen ohnehin nicht schicken. Neunte Scene. Waldenau (aus der Seiten thür links, n abgetragenem, vormals elegantem Anzug, mit affectirt blafirtem Tone) Nein, diese Weiber bringen mich noch zur Verzweiflung! Schundi (bei Seite). Mein erster Liebhaber hat schon wieder den W"berhaß! — Waldenau. Ein Weib und eine Krcuz- spinnerin sind mir die verhaßtesten Geschöpfe, Beide werfen sie ihre Netze aus, und Beide bringen sie das Kreuz in's Haus. — O, die Weiber sind falsche Katzen! Schundi. O nein, echte Katzen sind sie, schon die Eva hat was von einer Katze an sich gehabt, denn der Adam hat's einmal bei ein'm Disputat um was g'fragt und sie hat ihm ganz bissig zur Antwort geben: Was geht denn das mi an. Seit dieser Zeit haben sich alle Weiber diese Miaude- rien ang'wohnt. Wald. 3a sie sind falsche Krokodillinen! Mauser. Um Alles in der Welt, wenn das unsere Damen hören! Wald. Sie sollen's hören.— Seit einer kalben Stunde muß ich von unserem weiblichen Personal einen Diseurs vernehmen — einen Diseurs, wenn ihn wer gehört hat, so wird im Publicum das Dorurtheil nie aufhören, daß wir eine Bagasch sind. Mauser. Sie müssen die Damen nicht so streng beurtheilen, mehr Schmetterling sein, wie ich. Wald, (sentimental). Schmetterling — ich? Dieses papplionische Zeitalter ist bei mir längst vorbei. Ich habe auch geliebt, meine Leidenschaft war eine lyrische. — Meine Liebe glich damals einem hellblonden Jüngling, der in einer lauen Sommernacht aus einem weißen Milchkaffee weiche Butterbretzeln ißt. 3n diesem Zustand habe ich ein Mädchen kennen gelernt, sie war eine Unschuld und Haubenputzerin, eine Turteltaube hat sie gehabt, blond ist sie gewesen, und Louise hat sie geheißen. Zch war schon damals ein unerfahrener Jüngling, und so haben wir mit einander gelebt, als wenn wir selbst ein paar Turteltauben gewesen wären. — Malt Euch unser Glück jetzt aus. — Schundi. Ich Hab' gar kein Talent zur Thiermalerei. Mauser. Und warum ist dieser schöne Bund auseinandergegangen? 7 Wold, (düster). Weil sie mich einmal i» den Finger gebissen hat. Schundi. Aus Eifersucht? Wald. Nein, weil ich mich auf die Turteltaube gesetzt habe. Seit dieser Zeit bin ich blasirt, und wenn mich jetzt ein Weib auch noch so verlangend anblickt, so Hab' ich nur ein Gefühl dabei, und das heißt in Worten ausgedrückt: Du schwärmst mir lang gut. Kellner, eine Halbe Bier! (Setzt sich zu einem Tisch. Peter bringt Bier.) Zehnte Scene. Vorige. Fräulein Lindenblüh, Fräulein Laura (noch im Seitcnzimmer links laut streitend). Frl. Lind. O, ich kenne Sie, abgeschmackte, neidische Person! Frl. Laura. Jetzt bitt' ich mir einmal Ruh' aus! Mandel (ebenfalls drinnen). Aber meine Damen! Schundi. Was ist denn g'schehen? Eilfte Scene. Fräulein Lindenblüh, Fräulein Laura, Mirza und Louise, die Kinder Han- nibal und Bertha, dann Mandel (treten auS der Seitenthür links). Mandel. Nichts! — Die Damen sind ein bißl raufet worden. Frl. Lind, (heftig). O, es ist eine Bosheit, die mir nie vorgekommen ist, — sie hat mir den Schminktiegel — Schundi (theilnehmend). Doch nicht in's Gesicht geworfen? Frl. Lind. Nein, versteckt. — Frl. Laura. Ich weiß nichts von der Schmink, und jetzt geben's ein Fried', sonst — (hebt die Hand). Mandel (tritt dazwischen). Fräulein, nur nicht d'reinpleschen. — Die Damen sind in einer Aufregung wie ein paarBierabtrager. Schundi. Schamen's Ihnen. (Zu Lin- denblüh.) Sie sind doch Anstandsdame und die Fräule Laura könnt' auck mehr Bildung haben als jugendliche Liebhaberin. Mandel. Plagen's Ihnen nicht, Herr Direktor, wenn Sie mir für heut' Abend eine Rolle geben, so mache ich die zwei Damen wieder gut und tractir' die ganze Gesellschaft. Wald, und Mauser (zugleich zu Schundi). Geben Sie ihm eine Rolle. Schundi (zu den Beiden). Gut, — aus Ihre Verantwortung. Mandel (freudig). Meine Herren und Damen, nehmen's Platz. (Rust.) Peter, sieben Rindsgollasch mit Nockerln, und zwei Maß Schwechater Lager, frisch vom Zapfen. (Alle Anwesenden außer Schundi setzen sich an den Tisch. Peter, der abgelausen ist, bringt Bier uud Gollasch.) Zwölfte Scene. Vorige. Blattel mit den Schneidergesellen Peter, Johann, Franz, Carl (welche in ihrem Arbeitscostüm, in Hemdärmeln u. s. w. eintretrn. Ihnen folgen die Blumcnma- chrrinnen) Kathi, Jetti, Peppi, Sophie. Blattel. Nur herein da Alle, hier ist der Herr Direktor. Schundi. Was sind das? Blattel. Schneiderg'sell'n, die Frauenzimmer sind Blumenmacherinnen und ihre Geliebtinnen. Das ist der.Chor, von dem ich Ihnen g'sagt Hab'; jetzt paffen's auf, wie die z'sammstimmen. — Singt's was recht Lustiges! Carl. Das Postillionlied! Die Schneider (fingen). »Seht die drei Rosse vor dem Wagen Und den jungen Postillon, Schon von Weitem hört man's klagen, Das Posthorn klingt im Trauerton.« Schundi. Bravo! Auf Schneider singen die so schön wie ein ganzes Nest voll Gimpel.— Wenn sich die Damen nicht geniren, so thät ich bitten. 8 Kathi (lacht). Wir sind nicht so scheuch. — Fangen wir an. (Singt). „Ich bitt'Herr Hauptmann, ich bitt' recht schön, Gehen'? lasse,i's mich aufUrlaub geh'n." Schundi. Sehr schön,— aber ich bitt' um was Anders. Kat hi. Ist mir auch recht. (Singt.) Zwischen Berg und Thal Fließt der Wasserfall. Holla u. s. w. (Die andern Mädchen mit den Schneidern stimmen ein:) Zwischen Berg und Thal Fließt der Wasserfall, u. s. w. (Jodler.) Schundi. Bravo! Da oapo, mich stoßt der Schnackerl vor lauter Entzücken.— Sie müssen mich unterstützen, denn wie könnte ich sonst meinen Ehor hören lassen in einer Stadt, wo die Ohren durch solchen Gesang verwöhnt sind, die Ohren sollen in Stockerau das Höchste sein, wenn die beleidigt werden, — Kathi. Was liegt denn d'ran, singen wir heut Abend am Theater. Peter und Johann. Wir schließen uns nicht aus. Pepi, Sophie,Ietti.Dasistg'scheibt. Schundi. Haben Sie keine Collegin mehr, die fingen kann? Kathi. Nur Eine noch, Friederike heißt's. — Schundi. Ist sie solid? Kathi (zuckt die Achseln). Hm! Schundi. Also zum Ballet tauglich.— Dreizehnte Scene. Vorige. Mecker (durch die Mitte). Mecker. Was ist denn das für eine neue Mode, die ganze Werkstatt steht leer und die G'sellcn sind im Wirthshaus! Earl. Grad recht, Herr Meister, baß Sie kommen. Wir werden Komödie spielen, Sie können uns mit Costüm aushelfen. Schundi (horcht). Costüm? Carl. Der Meister hat voriges Jahr einer durchreisenden Theatergesellschaft Ko- mödieklcider gemacht, weil er aber nicht zahlt ist worden, hat er sich grad noch ein paar Ritteranzüg' gerettet, mit dem Andern ist der Direktor durchgangen. Schundi (bei sich). Mir scheint, ich Hab' einen Doppelgänger. Mauser (zu Mecker). Helfen Sie dem Herrn Direktor aus. Mecker. Hm! Ich Hab' zwar schon alles Vertrauen aus die Theaterleut' verloren, aber Ihnen will ich die Kleider geben, versteht sich nur unter Garantie. Schundi (rasch). Was verlangen Sie? Hypothek, Güterverschreibung, Wechsel, ich bin zu Allem fähig. Mecker. Nichts damit. Das G'wand g'hört Ihnen, wenn Sie mir 25 Gulden garantiren, ist aber eine Viertelstund' nach Abschluß der Caffa daS Geld nicht da, so sprech' ich gerichtliche Hilfe an, und Sie werden 'pfändt.— Franz, geh'n's mit, Sie können 's Gwand gleich hertragen — (Mit Franz ab.) Blattel. Gut is gangen, jetzt geben's mir aber meine Roll'. Schundi (gibt jedem seine Rolle)- Ja, ich werd' das Stück für heut' Abend gleich aus- theilen. Unsere Bibliothek besteht aus sieben Acten von -»Cabale und Liebe*, es ist nur schab', daß es lauter erste Acte sind, ich Hab' also aus der Erinnerung mehrere Effectscenen z'sammg'schrieben — Sie, Herr Waldenau, spielen den Liebhaber, einen jungen reichen Edelmann, der Herr Haftelmacher gibt einen alten und noch reicheren Marquis, einen Unmenschen, der sich vor Bosheit nicht auskennt, geben Sie Acht, daß Sie den Ton gut treffen. Mandel. Hab's schon aufg'faßt, dieser Charakter muß durch die Nasen gespielt werden. Schundi. Der Herr Mauser spielt den Vater, einen Charakter voll Würde, Moral, mit einem Wort ein rarer Mann. 9 Mauser (nimmt die Rolle). Ganz für mich geschaffen. Schundi. Sie, Fräulein, verarbeiten die Liebhaberin, und Fräulein Lindenblnh ist Ihre Vertraute. Blattel. Ich bitt' um meine Roll'. Schundi (gibt ihm eine Rolle). Sie ma- i chcn den jungen Grafen, der Fräulein Laura ihren Bruder. Und Sie, meine Herren . Schneider sammt Zugehör, müssen einen großen Chor einstudiren, den ich geschrieben ? habe. > Vierzehnte Scene. Franz (durch die Mitte, zwei große Bündel mit Kleidern tragend). Da is 's G'wand —. ! Schundi. Bravo! —Alles in der Ordnung. Fünfzehnte Scene. Rauch (tritt aus der Thür rechts). Nun, wird Abends gespielt? Schundi. Ohne alle Hindernisse! Da liegt meine Garderobe, hier steht meine Gesellschaft und das Publicum werd' ich gleich einladen. (Holt aus der Thür links schnell eine große Trommel, hängt fie um und trommelt, ausrufend.) Mit allerhöchsterBewilligung haben wir heute die Ehre aufzuführen: »Toledo der Unbezwiugliche,« oder »der gräulichgraue Thurm um Mitternacht,« oder »Treue Liebe bis zum Grabe.« Können auch Tabak rauchen. Eintritt 20 Kreuzer, Kinder zahlen die Hälfte. (Schlägt einen Wirbel und fingt:) Kinder, Greise, Herr'« und Frau'n, Hereing'spazirt, es gibt was z'schau'n — Allerband, und gar nicht wenig, Bettelleut und stolze König — Biedermänner, Diebsgelichter, Brave Leut, und Bösewichter, Liebelei und harten Kampf, , Donner, Blitz und Pulverdampf, Musik, daß die Ohren gellen — Trompeten, Pauke»! und Tschinellen, Liebende, die sich vermälen, Mord und Tod für starke Seelen, Sanfte Ritter und Barbaren, Hottentotten, auch Tartaren, Türken, Griechen und auch Schweizer, Allerhand noch um ein' Kreuzer, D'rum' häng' ich meine Trommel um, Und schrei': Verehrtes Publicum! Hereing'spazirt! Bum! Bum! Bum! Bum! Tatra! Bum! Bum! (Geht trommelnd durch die Mitte ab.) Entsprechende Gruppe. Ende des ersten Bildes. Zweites Lild. Spielt Abends. Die Bühne, den Saal des Gasthauses darstellend, zeigt ein erhöhtes Theater, welches durch / eine Courtine in drei gleiche Theile getheilt ist, und zwar so: Coulissenraum. Courtine. Coulissenraum. Offen. Platz fürs Publicum. Offen. Eingang fürs Publicum. Im Coulissenraum links sieht man eine Thür mit der Aufschrift: .Herrengarderobe - Im Coulissenraum rechts eine Thür mit der Aufschrift: .Damengarderobe.- Ganz im Vordergründe links eine Thür mit der Aufschrift: .Eintritt,- durch welche das Publicum iu den Saal kommt. Die Courtine ist ein einfacher Vorhang mit einer Lyra, vor derselben find Bänke für die Zuschauer an gebracht. Coulissenraum. Courtine. Coulissenraum. Erste Scene. Ächundi (steht allein, außerhalb des Coulisseoraumes. Alles übersehend und fich vergnügt die Hände reibend). Alles in der schönsten Ordnung, das Theater ist so nett und klein als wie ein Hoftheater, was noch nicht ganz ausg'wachsen ist. Alle Räumlichkeiten find benützt. Aus den Zimmern, wo früher kranke Erdäpfel ausg'schüttet waren, Hab' ich II! Coultffenraum. Garderoben gemacht; links für die Herren, rechts für die Damen. — Aber 's ist dreiviertel auf 7 Uhr, also Zeit, daß ich bald die Oellampen als Abendstern am theatralischen Horizont aufgehen laß'. — Zch hör' Spectakel, mir scheint, Stockerau kommt schon in Bewegung. Courtine. Couliffenraum. Zweite Scene. Poldl, Muckerl, Ferdl, Toni, Emil (treten durch dir Eingangsthür ein, alle durchein- der rufend): Da kommt's her, da sieht man waS! Poldl (zu den Buben). Da ist die Komödie, da sieht man verkleidete Affen und Schlangen und tanzende Bären. Schundi. Hat Stockerau keinen größern Vorrath an Buben? Poldl (keck). Meinen Sie mit den Buben uns? Schundi (streckt die Aer- mel auf). Cs thut mir sehr leid, aber — Poldl (eingeschüchtert). Na, wer fangt denn an, Sie haben ang'fangt — Schundi (macht einen Schritt auf ihn zu, Poldl schreit). Mutter! Schundi (bei sich). Ich kann auf seinen Kopf nicht recht disponiren, sonst beleidige ich vielleicht eine jugendliche Stockerauer Autorität. Courtine. Couliffenraum. Couliffenraum. Poldl. 3 bin der Mili- mannbub, mein Vater wird Ihnen schon wassern. Schundi (hat die Buben gezählt). Fünf Buben auf de» letzten Platz, für'n Kopf ein Sechser! find 50Neukeuzer. (Laut.) !> eine Herren, ich bc- daure, daß gleich unser erstes Zusammentreffen zu einem kleinen Conflict geführt hat. Glauben Sie aber nicht, daß diese barsche Anrede mich beleidiget hat, im Gegentheile, ich bewundere diese bübische Energie, diesen Muth, diese Trockenheit. Fahren Sie fort, es wird mich freuen, wenn Sie noch trockener werden, besonders hinter den Ohren. - (Schüttelt Allen die Hände.) Poldl (zu den Buben). Er hat Respect vor uns. Muckerl. Wo sind denn die verkleideten Affen? Dritte Scene. Wald, (im Theatercostüm als Edelmann, ist ans der Herrengar- derobe getreten, auf die Bühne gegangen. und steckt jetzt den Kopf aus der Eourtine hervor: Es wird schön besucht. Poldl (erblickt ihn). Da ist schon Einer — a Kappel mit Federn hat er auf. — Wart's, ich werd' ihn reizen. (Hält Waldenau zwei Finger entgegen, und stößt einen zischnden Ton aus.) SsssSSSs! Wald, (brummt) Poldl (lacht). Er gist sich schon l (Die audern Buben lachen auch.) -I '.IN! : l 8 -^.! 13 Couliffenraum. ! Courtine. Poldl (wie vorhin zu Waldenau). Ssssssss! Wald, (tritt zornig heraus ) Ich werd' die Bubengleich— (Die Buben lachen übermäßig.) Toni. Geht's, das ist Viechmarterei. Wald. Was,inmirglaubt man ein Thier zu beleidigen? Schundi. Aber meine Her» reu! Poldl. 2st das kein verkleideter Aff'? Schundi. Die Herren ver. wechseln Mnsentempel mit Menagerie; das ist kein verkleideter Aff', sondern ein wirklicher, lebender, anständiger Mensch. Wald. Meine Künstlerehre ist beleidiget, das fordert Schopfbeutler! Schundi. Keinen Krawall! Die Herren werden für dieß Mißverständniß Ihre Leistung mit Anerkennung belohnen, das heißt in's Stocke» rauische übersetzt: Wenn der Herr Waldenau spielt, so paschen Sie, und schreien Sie: Außa! Außa! — Poldl. Kommt's, das wird eng a Hetz! Wald. Ich möchte zwar gern, — aber dem Mimen ziemt Bescheidenheit. (Verschwindet hinter der Courtine.) (Geht in den Zuschauerraum.) Nehmen SiePlatz. (Alle Buben setzen sich) Vierte Scene. ^ (Durch die Eingangsthür kommt > ^ Michelhofer mit Mirzel, hinter ihm Hanns einenge. Couliffenraum. » I- i'tnuchK i. " ? t"" ! s, , --b- i ^ i - ^ nc< - ',,l: .» i tt »KL' ^ ' ',y :-l> »«!>, üüu bvT in. chi '6 ich'tu - -.7 H'. .ch'.uaKk .-.lL .,'.-)r1-L ^ üi n>!§ j . ^ i ^l l^rid »iiiikul > .^!i" >uZ »I-. t» tti '/> . ^ 1,6) ^ u u ch ^ ?'i nil'u!I'.tiitt 'N> ..ch7,!-.. 'l tt s-sl" k:^ u! 14 Couliffenraum. Conrtine. Couliffenraum gefüllten Sack und einen großen Laib Brod tragend.) Michelh. GrüaßGott — i möcht mit mein Weib und meinBuben gern die Komödie anschaun.Wann bei unsThea- ter war, Hab' ich nie zahlt, aber für a Sackl Kipfelerd- äpsel haben's mi immer einilaffen. Hanns (gibt Schundi das Mitgebrachte). Da habt's, der Laib Brod geht a no mit. Schundi (ruft). Herr Waldenau! (Waldenau erscheint mit dem Kopfe au der Lourtine.) Schundi. Nehmen's die Erdäpfel und den Dreißger hinein. (Waldenau nimmt den Sack und das Brod, und verschwindet damit hinter der Courtine.) Michelhofer, Mirzl und Hanns (haben sich unterdessen niedergesetzt). ch . ( : , .ul2? V , I Fünfte Scene. Stierling und Mautsch. Maulsch. Ah, der Herr Fleischhauer Stierling auch da — Alles g'sund z'Haus? Stierl. Na, der g'sche- ckerte Stier ist krank und die braune Liesel Hab' ich schlachten müssen, die Andern sind so weit g'sund. Schundi (bei Seite). Schad', daß die Familie nicht mitgekommen ist. (Beide in den Zuschauerraum.) ' Sechste Scene. Rauh (durch die Eingangsthür). Na also, da bin ich, t > Ik Coulissenraum. Courtine. Conliffenranm. Ihre Komödie soll mir nun helfen, die Zeit umzubrin- '' - " gen. Schundi. Vielleicht ein ' 'i^'i l.,'. Zettel gefällig? (Gibt ihm einen Zettel.) Rauh. Ja — hier ist das ur chi Geld. I'u'rr'^ Schundi. Vielleicht noch ein paar Zettel gefällig für die Frau und Kinder? Rauh. Wäre meine Frau , l-qq' Z. hier, so müßte ich nicht einen Iw ril:: imrlt III, ck geckenhaft gekleidet, einen Zwicker im Auge, tritt lachend ein). 1/ui rxt chst nsl , I ) ^ , Lüftl. Maniperb — auf Ehre — das gibt einen gott- vollen Jur. — Wenn nur hübscheMädelS bei derBande find. (Zu Schundi) Sie, Lieber, Sie sind ja wohl der Direc- tor von dieser Bude? Ha, ha, ha! Weisen Sie mir einen . Platz an. Schundi (zeigt auf die Buben). Bitte, hier bei den jungen Herren. — Poldl, rücken Sie hinein. Poldl. I mag net — Schundi. Dummer Bub, wirst doch den Andern Platz machen können? (Die Anwesenden lachen.) Lüftl (lacht). Gottvoll, dieses Publicum! (Setzt sich.) Achte Scene. Frau Sckmalz mit Emilie (durch die EingangSthür). i 16 Couliffenraum. Courtine. j Couliffenraum. __ Fr. Schmalz. Nicht wahr, da ist's, wo der Blattei Komödie spielen wird? Schundi. Ja wohl, se- tzenS Ihnen nieder. Emilie. Nein, Mutter, was ich mich auf den Blatte! g'freu'l (Setzen sich nieder.) Neunte Scene. Seppel (eine Trompete unter dem Arme mit noch drei Musikanten, welche Instrumente tragen, durch die Eingangsthür). Seppel. Guten Abend. Die Küh sind eintrieben, jetzt Hab' ich Zeit. Schundi. Schön— wollen sich der Herr Halter und die anderen Virtuosen nur in's Orchester bemühen. Seppel und die Musikanten nehmen vorne an der Lourtine t" Schundi. Das Auditorium ist beisammen, jetzt werd' ich bei der Gesellschaft nachschauen. Schundi (an der Garderobethür). Kommens heraus, Herr Blatte!! Poldl. Anfängen! — Anfängen! Michelh. Geh' her da. Ich bentel Dir den Schopf! — (Alle lachen.) (Geht in den Couliffenraum herüber, und steigt über einige Stu fen aus das erhöhte Theater, ruft in die Dameugarderobe hinein:) Sind die Damen angezogen? (Mehrere weibliche Stimmen:) Ja! Schundi. Gut! (Eilthinter der Eourtinr auf dir Seite links.) Couliffenraum. Courtine. Couliffenraum. Zehnte Scene. Blatte! (in Tricots, kurzem Mantel, Barett u. s. w. tritt, eine Rolle in der Hand, aus der Garderobe). Schundi. Sie haben Angst — wenigstens hat Zhr Teint etwas von einem Brim- senkas. — Stärker schminken — Wartens. (Eilt iu die Garderobe.) Blattcl. O Gott, wenn ich stecken bleib, diese Schand vor der Emilie — . Schundl (mit einem Schmink- tigrl). So halten Sie das G stcht her. (Schminkt ihn stark roth.) ' Sch un di. Jetzt hat Ihre Visage gleich einen andern Anstrich. — Gehn's auf die rechte Seite. (In der Herrengarderobe hört man poltern, als wenn ein schwerer Gegenstand zu Bodm gefallen wäre.) Schundi. Wer. macht denn da drin'denPumperer? (Oeffnet die Thür.) Ach, UN fern, Jntriguanten, demHas telmacher, liegt noch einiges Schwechater Lager im Kops er ist vom Sessel hinabkugelt Haben's Ihnen weh gethan? Eilfte Scene. Mandel (in entsprechend zusammengestoppeltem Eostüme aus der Garderobe). Es ist nichts Theater-Repertoire Nr. V6 - . un,: l l .(ÜMmrül) ursilH ! stE 1 tt uch F HI,' 'i;n»ü ibip mltlvlisll!'!' :iiu ,'iur 6n» Suo ,'snv ,7tt,7V.'uO -71 I 7 ,itI 5 .lir::<1U ' - ' " - - 1 - ln ! - td'-nis >!>un M66 — .i 1 ,,« u?s kl i 1,sin) 7,6) un::'s!LÜk r im ttirt sillitzäli ,6«7UiivN ,i, "n Blatte! i.(gkht seine Rolle lesend auf und ab). ^ ,1 ) 1 s i-»),. . —- ! 7 -l 1 ij,.'' isNtzN'll'l 6 - i nön'-s'! !!> 18 Couliffenraum. —ich Hab' nur so über meine Rolle gebrütet, und während dem Brüten bin ich eing'schla- fen und hinabg'rutscht. — Dreizehnte Scene. Waldenau (der früher in die Garderobe abging, tritt nun aus derselben). Ha, die Weiber, jetzt liegen sie sich in den Haaren, und eine halbe Stunde später geben sie sich wieder das Friedensbußl. Mandel. Nichten wir lieber das G'schaft her! — SchUNdi (ist herübergeeilt). Alles auf dem Platz? Wo sind die Herren Schneider? Courttne. Poldl und die anderen Buben (lärmend). Anfängen — Anfängen. Musi! SchUndi (eilt aufdieBühne, steckt den Kopf zur Lourtine heraus und ruft den Musikanten zu): Die Ouvertüre anfangen. (Die Musikanten spielen eine Nummer, jedoch nicht so laut, daß der Dialog unverständlich wird.) Couliffenraum. Zwölfte Scene. Laura undLindenblüh (aus derDamengarderobe streitend). Lindenblüh. Schweigen Sie — dasTuch g'hört mein! Laura. DasisteineLug'! Schundi (ist herübergeeilt zu dm Damm). Was gibt's denn? Lindenblüh. Sie hat meine blaue Schärpe um — Laura. Die Schärpe g'hört mein. Lindenblüh. Geben Sic her! (Entreißt ihr die Schärpe ) Schundi. Waffenstill- stand, meine Damen, ich muß arrangiren — (Die beiden Da men streiten im Stillen fort.) 19 Couliffenraum. Courtine. Couliffenraum. Vierzehnte Scene. Die Schneider Peter, Johann, Franz, Carl (treten in Rittercostümrn aus der Garderobe). . Alle. Hier!! Schnndi (ruft). Herr Mauser! Mauser (in der Maske eines 80 jährigen Greises, kahlem Scheitel, weißen Locken u- s. w., aus der Garderobe). Da bin ich! Schundi. Sie wissen, es kommt Sturm, Donnerwet, ter, Blitz, trabende Pferde, ein Liebeslied, und zum Schluß ein großer Einzug vor, den wir aber aus Mangel an Personal hinter die Coulissen verlegen müssen. Ich thue donnern! (Eilt auf die andere Seite.) Mau sc r.Jch blitze! (Geht aus die Seite rechts.) Waldenau. Ich weiß meine Arbeit schon. Mandel. Geht der Teufel schon wieder los? Schundi. Die Blumen- macherinnen heraus! Resi, Kathi, Pepi, Sophie (als Rittrrfräulein co- stümirt. treten heraus). Schundi. Fräul'u Lin- denblüh, Sie können mir nach Ihrer Scene anziehen helfen. Linden blüh. Befehlen Sie das der Fräul'n Laura. Laura (schnippisch). Bitte, die Aeltere hat dasVorrecht! Lindenblüh. Demoisell! Laura. Sie will hauen! 2 * 20 Couliffenraum. Courtine. Couliffenraum. Sch UN di (gibt mit der Glocke ein Zeichen und zieht den Vorhang auf; ruft hinüber): Eintreten, meine Damen.. ' (Die Schneider gruppiren sich im Hintergründe.) Schundi (schreit). Eintreten! Lindenblüh. Mir das — ich kratze ihr die Augen aus! Schuudi. Aber nach der Vorstellung bitt' ich — die Ouvertüre ist gleich aus — Alles am P latz? (Läutet und eilt links.) Lindenblüh. Ja, nach der Vorstellung werden wir zusammen abrechncn. Laura. Meinetwegen jetzt gleich! Lindenblüh. Unausstehliche Creatur! — Laura. Still! Zuwidere (Die Musik endet.) Person! Poldl. Bravo. Bühne. (Die Decoration stellt eine freie Gegend vor. An den beiden ' Seiten Baumcoulissen, sehr schmal. r . Im Vordergrund rechts eine Rasenbank, im Hintergrund ein ' Hügel.) Lindenblüh (in zärtlich weichem Tone sprechend). Holde Laura, Euch so sanft und mild, So engelgleich, so unschulds- rein, Verfolgt das Schicksal rauh und wild, Stürmt höhnisch grausam auf Euch ein. (Krl. Lindenblüh schlingt den Arm um die Taille LaUra's, so gehen Beide aus die Bühne.) Laura (umarmt sie stürmisch). Du, — Du bist die Einzige von Allen— Die meinen innern Kampf erkennt, 21 Couliffenraum. Courtine. Couliffenraum. Mandel(blickt hinaus). Sie zwickt's in Buckel! Schunbi. Den Trab machen! Waldenau (machtmitden Füßen denTrab eines Pferdes nach). Schundi (läutet mit einer Reihe Schlittenschrllen immer stärker). - Nur Du begreifest meine Qualen, Wenn Alles ringsum mich verhöhnt, — Dich nenn' ich Freundin, Du bist mein, Dein Anblick schafft mir neue Lust, Friede zieht in's Herz mir ein, Drück' ich Dich, Engel, an die Brust. (Umarmt sie fest.) Lindenblüh (blickt in die Loulisse links). Ha! Seht Ihr dort den Reitersmann, Er blickt gespannt zu uns herauf — Pfeilschnell sprengt er den Weg heran, Hört Ihr nicht schon des Rosses Laus?— Laura (ebenfalls in die C-ou» lisse sehend). Er ist's, das Roß greift wacker aus, Mit Schellen ist es rings behängen, Ihr Ton ruft wach hier Lust und Graus, Ach, nie so schmerzlich sie mir klangen. Lindenblüh (wie oben). Er knüpft , das Pferd an einen Zaun — Jetzt langeter nach scinerLaute, Bald kündigt Euch ihr süßer Ton — Wie treu auf eure Lieb' er bau'te! — l.' 22 Coulisienraum. Schundi. s'bied kommt. (Hat eine Guitarre ergriffen und accompagnirt Waldenau, der sich niedersetzt und in sehr gleichgil- tiger Haltung fingt.) Waldemann (räuspertsich und fingt:) Süßes Lieb, lausch' meinen Tönen, Sie kommen ans gebroch'ner Brust, Mein Auge gläuzt in Hellen Thränen, Mein Herz erfüllet bange Lust. — (Er steht auf und bereitet sich zum HinauSgehen.) Sch undi (drängt Waldenau hinaus). Hinaus! CourÜne. » Laura. Welch' Gefühl! Lindenblüh. Er scheint tief ergriffen so wie 3hr, Edler Ernst deckt sein Gesicht. Neben ihm sein treues Thier, Er kommt, — er naht, — Kind, fasse Dich! Wald, (auf Laura zueilend). Nicht länger trag ich's mehr im Busen, Es drängt mich her in eure Näh', Lind fühle ich mein Herz erwärmen, Wenn ich Euch in's Augeseh'! Lindenblüh: Scheu spricht der Mund von Liebesleid, Wo horchend fremde Zeugen sind; D'rum gehe ich, seid glücklich heut, Noch einen Kuß, mein theu- reS Kind. (Küßt Laura zärtlich und geht rechte ab.) Coulissenraum. 23 Couliffeuraum. Courtine. Couliffeuraum. Linkend. Die Nocken ist heut' wieder steif wie ein Besenstiel. (Zu die Dameugardr- robe ab.) Laura. Kommt, hier drückt die Luft so schwer, Dunkle Wolken zieh'n herauf, Der Donner rollt, von Osten her Kommt Sturm und Wind im '' raschen Lauf. SchUndi (hat eine Trommel zwischen die Beine genommen, aus welcher er nun daS Rollen des Donners markirl). Mandel (hat eine sogenannte Windtrommel, welche mit einem Faden an einem Stäbchen befestigt ist, zur Hand genommen). Schund i (zu Mandel). Wind machen! Mandel. Gleich. (Dreht seine Maschine.) Schundi (trommelt stärker). Waldenau. Sturm und Wolken, Win deSsausen Kann mich nimmer von Euch trennen. Ihr lautes Toben, heulend Sausen, Will ich Freundesgrüße nennen. — Waldenau. Wie dieses Donnerschlages Grollen Hütte und Palast erschüt tert, Fühl' ich das Blut durch meine Adern rollen, Daß jeder Nerv von Schmerz - erzittert. — 24 Coulissenraum. Courtine. Couliffenraum. Sch undi (zu Mandel). Mauser. Weg da — ich Stärker drehen! muß blitzen. (Bläst durch ein Mandel (dreht schneller). ^ Wie dieser Sturmwind heulend klagt, Beugend tausendjährige Eichen — So die Verzweiflung durch den Busen jagt, Und eisernerMuth undMan- neskrast muß weichen. Laura. Und wer ist's, der da boshaft listig Das Lebensglück uns unter« wühlt? Es ist Don Rodrigo, der rüstig Dort wirkt, wo's zu zerstören gilt. — Rohr brennendes Kolophonium auf die Bühne.) Schundi (bläst in eine Trompete). Waldenau. Trompctenrus — Was soll das sein? (Blickt in die Eoulisse links.) Ah, Rodrigo aus hohem Roß Reitet in den Schloßhof ein, Umgeben von der Diener Troß, Schundi. Recht laut Sie schwenken jubelnd ihre Mützen, Und rufen ihm Willkommen zu. — Hier ebenfalls Blattel, schreien! (Er. Mandel und die Mauser und die Blumen- Schneider rufen:) Hoch, der edle macherinneu: Hoch, der edle Herr, hoch! Lanra. Jeder will ihm freundlich nützen, Ihr Treiben bannet Fried' und Ruh' — Herr, hoch! 25 Couliffenraum. Courtine. ! Couliffenraum. Alle (wie oben). Hoch, der Alle (mir oben). Hoch, der edle Herr, hoch! Lebet wohl, jungfräuliche Sitte Scheucht mich auseurerNähe fort, Geht auch Ihr, befolgt die Bitte, Und denkt der schwachenJung- frau Wort. — (Geht rechts ab.) edle Herr, hoch! (Aus der Tamengarderobr springen ihr die Kinder Bertha und Hannibal entgegen und rufen:) Mama! Mama! Laura (beschäftigt sich mit Waldenau(blicktihrnach). Holde Jungfrau, dein süßes ihnen). Wort Dringt in meines Busens Schttndi (hat unterdessen eine Perrücke und Barett aufgesetzt und einen Mantel umgehängt). Ich bin fertig. Wir kommen— Toben Wie ein himmlischer Accord, Wie ein lichter Strahl von oben! (Rechts ab.) Wald, (zornig zu Laura). Gar kein Feuer haben Sie — Laura (schnippisch). Na sreili! (Man sieht an ihren Ge- berdeu, daß sie leise streiten.) (Mandel räuspert sich und tritt dann majestätisch hinaus. Die Schneider Peter, Franz, (§arl und Johann folgen ihm, zuletzt Mandel. Ihr wißt, ich bin — Pol dl (im Parterre ihn erkennend). Der Haftelmacher! 26 Couliffenraum. Courttne. Couliffenraum. - i Mandel (etwas irritirt). Ihr wißt, ich bin gekommen, edle Ritter, Zu feiern dieses Hauses Zierde. — Drei Frau'n nahm mir der Tod, wie bitter! D'rum wird Laura jetzt die Vierte. — Doch kommt Toledo auch in's Haus, Der Bube Pflegt der Nebenbuhler«, Ich stech' ihn bei der Jung- ' frau aus. Ihr, tapfere Degen, steht mir bei. Schundi. Mit Kopf und Herz, mit Schwert und Hand! (Alle Schneider zugleich.) Mit Kopf und Herz, mit Schwert und Hand! Maut sch (im Parterre). ^Das sind die Schneider- g'sellen! ! ! Mandel (blickt in dieCou- jlisse rechts). Dort naht sich > meine Braut. Sch un di und die Schneider. Willkommen! Willkommen! Mauser (der bisher den Blumenmachrrinnen die Cour machte, richtet sich mit Blattel und Laura zum Hinausgehen). Mauser (tritt mit schwan- l kendem Gange, auf Laura und Blatte! gestützt, auf). Laura. Dein Glück, Vater, ist das meine, D'rum sieh' ich Dich um deinen Segen. 27 Couliffenraum. Courtine. Couliffenraum. Gebt mir Toledo — im Vereine Wollen zärtlich wir Euch - ^ pflegen - Mandel (wüthend). Ha! noch immer traget 3b» im Sinn Dieses blöden Buben Bild? Waldenau (erscheint im Hintergründe auf dem Hügel, zieht den Degen und stürzt hervor). Ha, still sein sollst Du nin- auf immer, Zieh' aus der Scheid' den blanken Stahl. Sühnen soll dein Schmerz gewimmer, Den »blöden Buben* all . zumal. SckundiunddieSchnei- de r. Das fordert Rache! Mandel. Kämpfen — ich? Machtloser Wurm, Auf einen Wink bist Du verloren! (Zeigt in die Couliffe links.) Siehst Du dort den grauen Thurm, Der sei zum Wohnsitz Dir erkoren — SchundiunddieSchnei- dcr. Ja, ja, packt an! (Sie umringen Waldenau.) Laura. Haltet ein! Waldenau. Das ist zu viel! Mandel. In den Thurm mit ihm! Schund und die Schneider (packen Waldenau). Ergreift ihn — fasset all — fort in den Thurm! uns» ^ .(uribüntk >:n! ^ „in«it A -sK (: !mrmaltk! iit, unrchL nz onriM or^ilnkH 28 Couliffenraunu Courtine. Couliffenraum. Mandel (präsentirt Wal- Waldenau (sich verzweifelnd wehrend). Hüll' undTeufel! (Sie schleppen ihn links ab.) (Michelhofer und die Buben im Parterre applaudi- ren, schreien:) Bravo! Bravo! Außa! Außa! (Waldmau und Mandel treten heraus und verbeugen sich.) denau Tabak). Darf ich aufwarten? (Beide schnupfen.) Mauser und Blattel (beschäftigensich mitLaura, die ohnmächtig auf die Rasenbank gesunken ist). Mauser. Mauser (stellt sich ruhig zu Laura, Kind, erhol' Dich wieder, Schlichten werd' ich schnell den Streit, Sänftigen des Zornes Hyder, Einigen, die jetzt entzweit! (Stürzt links ab.) den Anderen). Schundi, Mandel, Waldenau und die Schneider rufen durcheinander:) Haltet ihn fest — er entkommt! Die Schneider schlagen mit großen Scheren an einander, um das Klirren der Degen zu ver- Laura (richtet sich aus und sinnlichen. blickt in die Loulisse links). Toledo ist schon dicht um- rungen - Waldenau (schreit allein- Von der Knechte wilden Schaar, Durch Uebermacht wird er bezwungen, Er rauft verzweifelnd sich das Haar. — stehend). Laßt mich los! Schun di. Nichts da! Laura. Toledo will sich Ausgang schaffen, Er rüttelt mit gewaltiger Hand, 29 Couliffenraum. Courtine. Couliffenraum. Gemurmel. Der Riegel ächzt, die Balken klaffen, Das Thor hält nur noch Widerstand! Sch UN dl (wirst ein paar Glasscherben zu Boden. Waldenau bricht über dem Knie einige Holzleisten ab). Blattel. Bald wird er sein Ziel erreichen, Schon tönt ringsum des Staunens Schrei, Das Fenster klirrt, die Bretter weichen. Krachend wird der Ausgang frei. Die Vorigen erheben ein stärkeres Geschrei, Mandel stürzt hinaus, die Schneider ihm nach. Vierzehnte Scene. Laura (begeistert). Wie ein Kriegsgott, der verheert. Steht er da, gewaltig groß, Solche That ist seiner werth, Ach, nie mein Herz solch' Glück genoß! (Mt Mattel rechts ab.) Mandel unddie Sch Neider. Er ist entkommen! Fort! (Alle rechts ab.) Laura zu Blattel. Gut is gangen. Scene. Mauser, Schundi, Waldenau, Schneider Mecker (mit zwei Gerichtsdienern find während dieser Scene eingetreten Schundi sprach mit Mecker eifrig ) Mecker. Ich will mein Geld! Schundi. Sie stören uns die Vorstellung! Später, Schneidermeister! Mecker. Nichts wird g'wart. Ich Hab' die Ge- lichtspersonen mitbracht, um daS Jnventarium aufzuneh- EN. (Zu den Terichtsdirnern.) Mandel, Blattel, Laura, dieSchneider, Kinder und die Blumenmacherinnen. 30 Couliffenraum. Schreibien Sie gleich die zwei Rasenbänk auf. Waldenau. Aufg'schaut! (Drängt sich durch.) Meck er (eine Hutschachtel in der Hand haltend, sagt an). Eine alte Schachtel! i Courtine. I Couliffenraum. Mautsch (im Parterre). Was ist's denn, wird nimmer g'spielt? Die Buben (schreien). Spielen! Spielen! Waldenau. Ach, Laura, Du voll Engels güte, Ein Seraph warst Du mir auf Erden! Voll Jugendreiz und Früh- lingsblüthe, Was wird einst aus Dir noch werden? Waldenau. Mandel, danndieSchnei- der (gehen unter dem lauten Ruf): Hoch leb' Don Ro- drigo! (über die Bühne nach links). Ha, wie sie schaarenweise strömen, Sie drängen sich zum Hoch- zeitssest; Laura wird zu Tod sich grämen — Laura. Laura (stürzt hinaus). Don Rodrigo rückt schon heran — Lein Volk erfüllt die weiten Hallen, Sie ziehen ein — er stolz voran, Hört Ihr die Hochzcitslieder ! schallen? 31 Couliffenraum. Courtine. Couliffenraum. Schundi. Der Einzug kommt! Mandel, Mauser und die Schneider (fingen folgenden Chor, wobei Schundi in der Mitte steht, eine Trom- mel zwischen den Beinen, aus welche er mit der rechten Hand schlägt, in der linken hält er eine Trompete, in die er bläst). Hurrah! Hoch leb' Don Ro- drigo! Hurrah! Hoch leb' die Braut! So jubeln wir beim Hoch- zeitssest, Bis hell der Morgen graut! Hurrah! Hurrah! Hurrah! Schundi (winkt hinüber). Eintreten! schundi (bläst in die Trompete und trommelt). Laura (blickt rechts): Hier naht sich eine Mädchen- schaar, Die Freundinnen aus Zugendtagen; Sie bringen ihren Glück- wünsch dar, Wie gernwollt'ich dem Glück entsagen — Chor der Blumenmacherinnen: Wir winden Dir den Zung- fernkranz AuS veilchenblauer Seide; Und führen Dich zum froben Tanz, Zu Spiel und lauter Freude! Waldenau und Laura (stimmen ein): Schöner, grüner — schöner, grüner Zungfern- kranz! Blattel (hat die Blu- menmacherinnen und die Kinder geordnet, sie fingen ebenfalls wobei Blattel den Tact schlägt): Hurrah! Hoch leb' Don Ro- drigo, Hurrah! Hoch leb' die Braut, So jubeln wir beim Hochzeitsfest Bis hell der Morgen graut, Hurrah! Hurrah! Hurrah! -M s.uirrij) r- -'r. .--,'5.-2. chj'.jh Die Blumenmacherinnen (treten hinaus). , Blattel unddieKinder: Hurrah! Hurrah! Hurrah! i32 Couliffenraum. Courtine. Couliffenraum. Die Vorigen: Hurrah! Hurrah! Hurrrah! Mecker (reißt Mandel das Schwert auS der Scheide). Das blecherne Schwert g'hört auch zum Jnventarium! Mandel (schreit). Geben Sie nicht gleich den Sabel her! (Sir ringen.) Mandel (zornig zu Mecker). Kruzi Türken, wenn's nicht gleich den Sabel auslaffen, meiner Sechs, ich — Schuudi (zu Mecker). Gebens her — es soll ja jetzt ein Zweikampf staltfinden. Mecker. Ist mir alles- einS! Waldenau (zeigt in die Loulisse links): Seht Ihr den Rasenden dort nicht? Er stürzt herbei mit wildem Blick, Es ist Rodrigo, der mich sucht. — Sein bleicherMundjetztgräu- lich flucht — Waldenau (blickt in die Loulisse links): Er hat das blanke Schwert gezogen — Nichts hält ihn mehr in seinem Lauf — Hier ist er schon —er kommt geflogen — Heraus mein Schwert, nun dran und drauf! (Zieht das Schwert und .steht kampfbereit.) Pause. .ü - § ..,^5 Waldenau (in die Loulisse sprechend). Nun, was ist's denn. 33 Couliffenraum. Courtine. Mandel (in Verzweiflung, Couliffenraum. ruft ans Waldenau hinaus). Der Schneider gibt den Sabel nicht her! ' Waldenau (stampft mit dem Fuße und wiederholt): Schund i(rust Waldenau zu). Erkempvriren — selber erste chen! Hier ist er schon, er kommt geflogen, Heraus, mein Schwert, nun dran und drauf! Waldenau. Schundi. Das ist ein ge, waudter Schauspieler! Schundi (stürzt hinaus). Ich will ihm nicht den Ruhm vergönnen, Daß er mich schickt ins Tobten« reich, Nein, meine Waffe, ihn zu höhnen, Komm' ihm zuvor, und das sogleich! (Er stößt sich das Schwert iu die Brust.) Laura (ausschreiend). Tole» do todt! Schundi. Todt, so hör' ich'S schaurig klingen, Todt ist er, mein braver Herr! Nichts kann meinen Schmerz bezwingen. Ich stürze mich ins kalte Meer! (Steigt auf den Hügel und springt im Eoulissenraum rechts aus einen Strohsack, den Blatte! hiugelegt hat.) Schundi (zu Mattel), s' Pfand! her! 2h*at«»A«paioa Rr. -s. S 34 Couliffenraum. Mandel (der mit Mecker bi» jetzt leise gestritten hat. entreißt ihm jetzt plötzlich das Schwert). Ha, jetzt Hab' ich den^Sabel doch! Courtine. Couliffenraum Blatt el (bringt eine Blech- pfanne. in welcher Schundi ro- theS bengalisches Feuer anzündet). Mandel (herausstürzend). Wo ist er hin, der freche Bube? Mecker. O, Sie kommen mir nicht aus — her damit l (Läuft Mandel aus die Bühne nach, und will ihm das Schwert entreißen.) Schund» (geht mit der brennenden Pfanne in der Hand auf die Bühne). Meine Herren! Hochzuverehrendes Publicum! — Ich muß um Entschuldigung bitten — Sie sehen, unvorhergeseheneHin- derniffe — der Schneider — und der Sabel — Rauh (erhebt sich). Genug — genug — Sie haben uns eine lustige Stunde bereitet, dafür zahle ich Ihre Gläubiger, und lade die ganze Gesellschaft für heute Abend zu Gast. — Schundi. Vivat hoch! Waldenau (steht auf — Alle rufen). Vivat hoch! Die Buben (lachen und schreien). Bravo! Bravo! Schundi. Himmel, der Schneider verdirbt uns den ganzen Actschluß! Actus. (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) Severin von JarosMski , oder Der Manmaillel vom Trattnerhos. Genrebild mit Gesang und Tanz in vier Acten (als Seitenstück zu „Therese Kranes") > von Carl Haffner >md Z. Pfundheller. Musik von Kapellmeister A. M. Storch. Personen: Severin von JaroSzynSki. Salome, seine Gattin. Stanislaus, l . Thekla. j Kinder. Leon Mcrawski, Severins Jugendfreund und Landsmann. Achill von Birken. Frohmann, GesandtschaftS-Secretär. Conrad Blank, Professor der Mathematik. L7rÜ!'"' j M°WiE. Therese KroneS, f Mitglieder deS Leopold- Tomaselli. 3eannette, Elise. Olga. Hermine, Louise, Mathilde. Bertha, Eveline. > städter Theaters. Koryphäen deS Leopoldstädter Theaters. Der Theaterfeldwebel. Michael, CeverinS Diener. Alexis, Jäger Leons. Anna, eine arme Nähterin, später Stubenmädchen der KroneS. Peter Schnack, Eommisfwnär und Lohndiener. Werner, GerichtS-Commissär. Förster, Polizei-Lommifsär. Wis grill, Schneidermeister. Aaron, ein Jude. Hermann, EommiS eines Wechslers. Louis. LommiS eines Juweliers. Martin Abel, Scharfrichter von Wien. Kalb, Privatier, Blank'S Freund. Hai man, Oberschließer t Schelle. Arzt r im Gefängniß. Frau Brigitte, Traiteurin s Frau Kat hi. Garderobierin. Eine Frau mit ihren Knaben. Herren und Damen. Tänzerinnen. Koryphäen. Gerichtsdiener. Wache Volk. Zeitraum der Handlung: Fünfzehn Monate. Erster Lei. An der Linie. Im Hintergründe daS Zollhaus. Vor dem Hause eine riesige Silberpappel. — Rechts mündet die Straße nach Wien. — Links das offene Holzgitter der Linie. — Neben dem Zollhause ein Thor, daS in einen Hofraum führt. Erste Scene. Leon, Henriette und Marie (beide sehr elegant gekleidet, kommen von der rechten Seite). Leon (noch hinter der Scen-). Leere ein paar Gläser auf uus're Gesundheit — aber trinke Dir nicht wieder einen Rausch, sonst verlierst Du meine Kundschaft. Marie (indem sie austreten). A—a—a, da sind wir ja gar an der Taborlinie. Henr. Sie wollen uns doch nicht etwa entführen, Herr von Morawski? Leon (lachend). Gott soll mich bewahren! Ich habe keine Lust, mir von Ihren tausend Verehrern den Hals brechen zu lassen. Marie. Das wär' auch zu viel verlangt von einem Ritter des neunzehnten Jahrhunderts. Henr. Aber dieser Ritter wird uns gefälligst aufklären, warum er uns in einen Fiaker steckte, und über Hals und Kopf an diesen saden Ort geführt? Leon. Erstens, meine Damen, um mit Ihnen eine kleine Spazierfahrt zu machen, und zweitens, Sie mit einer höchst interessanten Bekanntschaft zu bereichern. Marie. Hier vor der Linie eine interessante Bekanntschaft? Leon. Ich erwarte hier einen Jugendfreund, einen polnischen Krösus und lustigen Vogel, der Wien besucht, um sich zu amusireu, und seine goldene» Federn rupfen zu lassen. Marie (pikirt). Soll das unsere Aufgabe sein? Henr. (ebenso). Mir scheint, cs wandelt Sie wieder einmal die Lust an, ein wenig impertinent zu werden. Leon. HusUv iäes! Ich habe keine andere Absicht, als die Ankunft meines Landsmannes auf meine Weise zu illustri- ren. — Einen Helden auf dem Felde der Ehre empfängt man mit Pauken und Trompeten — einen Helden auf dem Felde der Liebe mit jungen schönen Mädchen, wie Sie, meine Damen. Henr. (lachend). Sie find ein rechter Haspel, Herr von MorawSki! Zweite Scene. Vorige. Severin. Sev. (noch im Hofraum). Genug, mein Herr! Cavaliere handeln nicht wie Roßtäuscher. Verständigen Sie sich mit meinem Misch», wenn Ihnen mein Postzug con- venirt. Leon. Seine Stimme! Er ist bereits eingetroffen. Sev. (tritt auS dem Thore und erblick! Leon). Ah — das heiß' ich pünktlich sein! Sei mir herzlich gegrüßt, mein guter Junge! Leon (in seinen Armen). Willkommen, tausendmal willkommen! Ich bin da, um Dich wie einen Triumphator (aufdie Damen deutend) von unseren schönsten Jungfrauen am Thore der alten Cäsarenstadt empfangen zu lassen. Sev. (sich artig gegen die Damen verneigend, die den Gruß erwiedern). Ah — Be- lisar ist geblendet, und fürchtet mit den Augen zugleich daS Herz verloren zu haben. Leon (vorstellend). Die zwei kostbarsten Eremplarc unserer liebenswürdigen Wienerinnen. Fräulein Henriette, die der gute Geschmack die schöne Henriette, und Främ lein Marie, die der Wiener Humor die lustige Mariandl nennt. i i j 3 Sev. Auf das Prädicat schön haben Sie beide gleichen Anspruch, meine Damen. Henr. Marie. O, wir bitten! Marie. Sehr galant! Aber daS sind die Herrn Polakcn Alle. Henr. (sie stoßend, leise). Polen sagt man, nicht Polaken. Sev. Ich bedaure von ganzer Seele, daß ich nicht schon vor einem Viertelstünd» chen so glücklich war, Sie zu begrüßen. Dann wären Sie in Wien meine erste Begegnung gewesen, während eS jetzt ein vierschrötiger Roßhändler ist. — Das ist kein freundliches Omen für mich, denn ich halte viel auf die erste Begegnung in einer fremden Stadt. Leon. Aberglaube — die Erbsünde aller meiner Landsleute. Sev. Nenne es wie Du willst — aber die erste Begegnung in einer fremden Stadt war immer mein Orakel. — Meine erste Begegnung in Moskau vor eilf Jahren war ein Priester, und einige Monate später schloß derselbe Priester meinen Ehebund am Altar. Meine erste Begegnung in Petersburg anno 23 war der General von Orlow, und derselbe Officier brachte mir den Anna? Orden in mein Hotel. — Meine erste Begegnung in Venedig war ein Bravo, der, von einem eifersüchtigen Ehemann gedungen, mir einige Wochen später einen glücklicher Weise ungeschickten Dolchstich versetzte. Hundert Dncaten gäbe ich, wäre meine erste Begegnung in Wien ein junges schönes Mädchen gewesen. Henr. An eine solche Begegnung sollte ein solider Ehemann gar nicht denken. Leon. Ein solider Ehemann — ganz recht, schöne Henriette. Aber ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß dieser Ehemann kein solider Ehemann ist. — Ja, ich fürchte sogar, daß sein Humor auf dem Ocean der Ehe längst die Segel gestrichen hat. Sev. O, ich habe den ganzen Ballast über Bord geworfen, und mein Schifflein tanzt jetzt lustiger als je auf den Wellen. Leon. Versteh' ich recht? Sev. Ich bin so gut wie geschieden von meinem Weibe. Leon. Wie? Salome — Sev. Lebt auf ihren Gütern unter ihren bärtigen Leibeigenen, indcß ich mir alle schönen Wienerinnen zu Leibeigenen machen will. Leon. Arme Salome! Sev. Ah— das war ein Ton aus dem Herzen, und erinnert mich, daß wir einst Nebenbuhler auf dem Felde der Liebe und der Ehre waren. — Man zog mich Dir vor — der Adel machte mich zum Kreismarschall von Mohilow, und Herr von SpolainSki zu seinem Schwiegersohn. Leon, (für sich). Und mich zu deinem Dämon zugleich. Sev. Jetzt thut eS mir herzlich leid, mein Freund, daß ich Dir damals nicht wenigstens das Feld der Liebe räumte, denn Du hättest mit meiner sentimentalen Salome sicher besser sympathisirt als ich. Henr. Schau —schau —die Herren war'n Nebenbuhler? Sev. (lachend.) Die fürchterlichsten Nebenbuhler — aber das hat das Band der Jugendfrcundschaft nicht gelockert, denn wir sind fest entschlossen, alle Lebensfreuden brüderlich mit einander zu theilen. Ich habe meinen goldenen Käfig gesprengt, und will mit meinem Leon im Genuß der Freiheit schwelgen, als ob für uns Polen gar kein Rußland mehr ans der Landkarte stände. Marie (leise zu Henriette). Dil, der scheint wiff zu sein! Henr. (ebenso zu ihr). Ein recht sideler Bruder! Sev. Aber wo bleibt denn mein Mischu? Confisciren sie vielleicht seine vernarbten Wunden, die der alte Soldat unter dem Adler Napoleons erfocht, oder mäkelt er noch mtt dem Roßtäuscher? He, Mischu! Mischu! Leon. Du verkaufst deine Pferde? Sev. Polnische Reisepferde, die ich ja 1 * 4 in Wien durch Paradepferde ersetzen muß. Heda, Mischu! Mich, (im Hofe). Schon hier, Pane, schon hier! Zählen nur Geld für unsere Fuchsen. Dritte Scene. Vorige. Abel. Abel (kommt aus dem Hofthore). Der Handel ist geschlossen, mein Herr! Sev. Endlich! Meine schönen Damen, ich habe das Vergnügen, Ihnen in dem Käufer meiner Pferde, meine erste Begegnung in Wien vorzustellen. Leon (Abel anstarrend). Der? Henr. Marie. Ha! ha! ha! Das Orakel! Leon. Und noch dazu ein schwarzes Orakel — denn dieser ehrenhafte Herr ist Martin Abel, der Scharfrichter von Wien. Henr. Marie (entsetztzurück-! fahrend). Himmel! /zugleich. Sev. (frappirt). Scharfrichter?) Sev. (sucht sich zu fasten). Diable — das ist eine sonderbare erste Begegnung. Abel. Warum sonderbar? Dre Zeit liegt hinter uns, in der man meine erste Begegnung scheute. — Nicht zu fürchten, nur zu bedauern bin ich, wenn ich einem Unglücklichen als letzte Begegnung zugewiesen bin. (Rechts ab.) Sev. (nach einer kleinen Pause allgemeinen Schweigens mit erzwungenem Lachen). Haha- hahaha — das war eine Begegnung, die mich für immer von meinem Aberglauben geheilt hat. Wir müssen meine Genesung durch ein glänzendes Souper heute feiern, meine Damen. Heda — ist kein Fiaker in der Nähe? Leon. Der meinigr steht ja zu deiner Disposition, lieber Freund! (Ruft.) Vorfahren Nr. 26! Sev. (indem erden Damen den Arm bietet)- 26!! Hu — das ist eine ominöse Nummer, denn so viele Jahre zählt meine Frau. — Aber wer wird denn an seine Frau denken, wenn man an jedem Arm ein schönes Mädchen hat! Allons — in den Strudel des Vergnügens! Wein, Spiel und Liebe ist das Trifolium, dem ich meine Ducaten bis zum letzten Kopeken opfern will! (Indem er mit den Damen abgeht.) Severin soll der Mann des Tages sein in Wien! Leon (ihnen folgend, für sich). Und ich der Mann der Nacht für Dich. (Alle rechts ab.) Vierte Scene. Michel (polnisch, halb militärisch gekleidet, mit langem Bart, tritt durch das Hosthor). Lied. Ein Zollhaus sein die ganze Welt, Wenn man's so recht beschaut, Und Diele zahlen mehr als Geld Auf dieser großen Mauth. Der Geizige, der knickt und spart, Und wuchernd Geld zusammenscharrt, Hat manche ruhelose Nacht Als Zoll dem Leben dargebracht. Der, der nach Ruhm und Ehre schifft Auf diesem Lebensstrom, Genießet oft statt Honig Gift, Und hascht nach 'nem Phantom. Und wenn getäuscht der arme Mann Das, was er sucht, nicht finden kann, Bringt er der Welt mit trübem Sinn Als Zoll die letzte Hoffnung hin. Der Fürst, der seine Erdenmacht Auf einen Würfel setzt, Und Nationen unbedacht So auf einander hetzt, Den Frieden feierlich verspricht, Und dennoch selbst den Frieden bricht, Der bringt als Zoll dem Weltgeschick DaS Menschenrecht und Völkerglück. Mein armes. theureS Vaterland, Das rüstig vorwärtsstrebt, Und bittend seine schwache Hand Zu Gott dem Herrn erhebt — 5 DaS, wenn auch traurig und betrübt, Sein Spiel noch nicht verloren gibt, Es bringt als Zoll sein höchstes Gut, Sein edles warmes Bürgerblut. So bringen ein Jedes seinen Zoll — der sein Geld — der sein' Gesundheit — der sein' Verstand — der sein' Dummheit — und der und die ihrc Thränen! Der Mischu bringt dem Pane sein Herz, gutes, treues Herz als Zoll. — Aber der Mischu weiß, daß der Pane den Zoll nir verdient. Pane hat schönes, hat engelgutes Weib, hat kleine liebe Kinder — hat Gut, schönes — brave Leibeigene, und viel wie Maus' auf Acker — und ist nicht zufrieden mit stillem häuslichen Glück — nir — muß reisen, trinken, spielen, carressiren mir Mädel, waS Alles kosten viel Ducaten und Rubel! — Schlimm das, sehr schlimm — aber noch ist Polen nicht verloren: Mischu wird schaun auf ihn — hat versprochen der guten Frau und wird halten sein Wort. O, Mischu nur sein armer Leibeigener, armer Bursch — aber dumm sein Mischu nid — o nein, gar nir dumm! Haben gedient unterPoniatowski dem kleinen Corpora! — und kleine Corpora! hat ge- scheidt gemacht ganreWelt— (sich umsehend). Aber wo ist Pane? Pane hier warten auf Landsmann von uns — aber ich seh' nicht Pane und nicht Landsmann. (Ersieht durch s Gitter.) Fünfte Scene. Michael. Blank (ein kräftiger Greis) Anna (mit einem Kistchen, treten aus dem Zollhause). Anna. Sapperlot — das Kistl ist ver- flirt schwer. WaS habcn'S denn da drinn, Herr Professor? Blank. Bücher, mein Kind, mathematische Werke, die ich ans der Auktion in Florisdorf erstanden. — Wenn Dir das Kistchen zu schwer ist, wollen wir uns nach einem Träger umseh'n. Anna. A — was Ihnen einfallt! Wenn's auch noch zehnmal schwerer war, traget ich's doch gern für Sie, weil's so ein lieber, herzensguter alter Herr sein. Blank. DaS ist kein Grund, Dir wehe zu thun, liebe Anna. Anna (indem sie das Kistchen niederstellt). Sie haben mir und meiner armen Mutter schon so oft wohl gethan, daß ich mir schon einmal für Sie ein bißl weh thun kann. Blank. Deine Mutter ist eine arme Witwe — Anna. O. ich werd' bald selber was für «nein gutes Mutterl thun können, denn Fräulein Krones vom Leopoldstädter Theater hat mich als Stubenmadl ausgenommen. O — das ist ein brillanter Dienst, und ich will recht sparen, damit wir Ihnen nicht mehr zur Last fallen dürfen. Blank. Wohl thun ist keine Last für mich, mein Kind. Ich stehe ja allein auf dieser großen Welt. Gott hat mir keine Blutsverwandte gelassen — darum sehe ich alle Arme für meine Kinder an. Anna. Und Sie haben an ihnen gute, dankbare Kindcr, — Kinder, die Sie wie einen Pater lieben und verehren. Mich, (der sich überall um seinen Herrn umgesehen, endlich auch zum Zollhaus« getre- ten ist und durch das Fenster geblickt hat). Ist auch nicht da drinnen, Pane! Blank. Sucht Ihr Jemanden, guter Freund? Mich, (sich nähernd). Ja, Pane such' ich — ist mir verloren gegangen, Pane. Blank. Euren Herrn sucht Ihr? — Einen Russen oder Polen wahrscheinlich? Mich. Nir Ruff'! (Stolz.) Pole — ganzer Pole, Pane. — Severin von Jaro- szynski, Marschall von — Blank, (freudig überrascht). Höre ich recht? Herr von JaroszynSki istsin Wien? — Mich. Alter Herr — Sie meinen Pane kennen? Blank. Allerdings, mein Freund! Ich war vor Jahren sein Lehrer im Institute Pleben, denn euer Herr ist ja in Wien erzogen worden. 6 Mick. O, Miscku das wissen. Alter Daker von Pane haben oft gesagt: »Erzogen ist Pane in Wien, aber verzogen ist Pane zu Haus'.« Blank. Er war ein jähzorniger, stör, rischer Knabe, und gehorchen eben nicht seine Sache. Aber ich wußte durch Ernst und Milde seinen Starrsinn zu brecken, und ein braver, hoffnungsvoller Jüngling verließ er das Institut. Mich. Ja, er gewesen brav. — Aber im Schloß nicht gehabt alten deutschen Lehrer — dort gehabt jungen Franzos als Hofmeister. Deutscher Lehrer gemacht Pane sehr gut — junger FranzoS gemacht Pane lustig, bißl viel lustig. Aber noch ist Polen nicht verloren! Blank. Nun, ein reicher Herr darf schon ein wenig lebenslustig sein. Wo wird dein Herr logiren? Mich. Landsmann haben uns gemiethct Quartier in Trattnerhof. — Aber jetzt logiren Pane noch im Hotel zu — zu — dings da — zu General, was hat kleine Corpora! tüchtig klopft bei Aspern. Blank. A — im Hotel »zum Erzherzog Carl«. Mich. Ja, ja, Erzherzog Carl, Vater von kleinen Corporal. Blank. Vater? Mich. Ja Vater — weil kleiner Corporal hat gekriegt die ersten Schlag von ihm. Blank. Du bist ein komischer Patron! Anna. Ein recht g'spaßiger Mensch. (Hebt das Kistchen auf.) Aber gehen wir, sonst werden's ausbrummt von Ihrem alten Factotum. Mich, (mit der Zunge schnalzend). Potz Poniatovski — das ist hübsches Mädel! Blank. Mehr als hübsch. Sie ist auch gut und brav, mein lieber Misch». Mich. O so brav kann sie gar nicht sein, wie hübsch! Schönes Kind — und Augen wie Kannnkel! Ich Hab ganz Passion wie Pane für hübsche Mädel. Anna. Schau, schau! Ein Mann mit so einem großen garstigen Bart sollt' gar nicht schaun auf d'saubern Madeln. Mich. Mein Bart garstig? (Ihn eitel streichelnd.) Sic nicht sein polnisches Madel. Mein Bart sein sckön, — sehr schön — schönstes in Dorf. O — wird Ihnen schon gefallen Bart — noch ist Polen nicht verloren! Blank. Nun, grüße deinen Herr» recht herzlich von Conrad Blank, und sage ihm, ich freue mich sehr, ihn in Wien zu begrüßen. Mich. Alter Herr muß Pane bald besuchen — aber nicht mit hübsche Mädel da. Hu — das nicht gut für Paue und nicht gutt für Madel. — Nein, nein, nir da! Blank. Sei unbesorgt, guter Mischu! (Zu Anna.) Gib mir das Kistchen, Kind! Mich, (nimmt Anna das Kistchen ab). Nir — nir schleppen und laufen mit Fuß. Ich muß fahren mit Wagen in Gasthos. Erst will ich führen Pane Lehrer zu Hause, — da wissen Mischu gleich Quartier vor» alte Lehrer. Anna, (in den Hof blickend). Q Du mein! In der schönen Equipage soll'n wir fahren? Blank. Wird dein Herr nicht zürnen, wenn — Mich. Was da reden! — Pane wird mir geben Knute, wenn ich laufen lassen alten Lehrer von ihm. O,Pane sein schlimm, viel schlimm — aber auch gut, haben Herz wie kleines Kind, wenn er nicht kommt in schlechte Gesellschaft und zu lustigen Madeln, denn die Ducaten gefallen von Pane. Nur herein in den Wagen, alter Herr mit Kistel und Madel mit schöne Augen! — O — noch ist Polen nicht verloren! (Alle Drei ab in den Hof.) Verwandlung. (Salon mit Mittel- und Seitenthüren.) 7 Sechste Scene. Leon. Frohmann. Sev. (im Zimmer rechts). Hoch die Liede! Hoch alle schönen Mädchen in Wien! Stimmen (im Zimmer, indem die Gläser klirren). Hoch! Frohm. (tritt mit Leon auS dem Seiten- zimmer rechts). Nur ein paar Minuten, Herr von Morawski. Leon. Ich stehe zu Diensten, Herr von Frohmann. Frohm. Sie sind ein Freund Jaro- synski's? Leon. Einerseiner vertrautesten Jugendfreunde. Frohm. Nun, so bitte ich Sie, mich eines sehr peinlichen Auftrags zu entheben. Haben Sie die Güte, Ihren Freund zu erinnern, daß er als KreiSmarschall von Mohilow noch Beipflichtungen hat, die noch nicht gelöst sind. Leon. Verpflichtungen? Frohm. Er hat sein Amt in andere Hände übertragen — und nach seiner Abreise hat sich ein ziemlich bedeutendes Deficit in der Caffa des Krcisamtes gezeigt. Leon. Ei, wie unvorsichtig! Frohm. Wenigstens, Herr von Morawski. Frohm. Machen Sic den Leichtsinnigen mit möglichster Schonung auf seine Lage, seine Pflicht und seinen kurzen Urlaub aufmerksam. Leon. Ich werde das Meinige thun. Frohm. Ich empfehle ihn der Ueber- wachung seines besten Freundes. Nun auf Wiederseh'n! Heute in der Oper, hoffe ich. (Ab durch die Mittelthür.) Leon (ihm nachrufend) Thut mir leid! Heute habe ich mit dem Mädchen aus der Feeuwelt ein Rendezvous. (Bortre- tend.) Ein Deficit in der Krcismarschalls- Eaffa? — Bravo — ein Nagel mehr zum Sarge seiner Ehre. Erst ihn finanziell zu Grunde richten — das Uebrige wird sich finden. Siebente Scene. Leon. Achill. Achill (auS dem Seitenzimmer rechts). Severin gibt eine Pharaobank, Leon. Die Damen pointiren für Dich. Leon. Hat sich der Spielteufel schon zu Tische geladen? Nun, er soll täglich sein Couvert bei meinem Busenfreunde finden. Achill. Mehr als zweihundert Ducaten hat er in die Bank gelegt. Leon. Ein Bagatell für diesen Crösus! Glück auf, Achill! Vielleicht ist er der gute Stern, der deinen Gläubigern aufgegangen ist. Achill (lachend). O, dann möge er niemals untergehn. — Aber das Spiel ist nicht mein Element, denn die Coenrdame auf dem grünen Tische war immer eine Turandot für mich. Leon. Ei — lerne ihre Näthscl lösen. Achill. Wie meinst Du das? Leon. Du bist ein junger Verschwender, Achill, und deine bescheidenen Revenuen reichen kaum hin, deinen Restaurateur zu befriedigen. (Geheimnißvoll.) Ich will Dir eine Geldquelle flüssig machen, wenn Du klug und verschwiegen bist. Achill. Verschwiegen wie das Grab. Leon (wie vorher). Jaroszynski ist ein Spieler mit Leib und Seele — ich bin cS auch. — Aber seine Leidenschaft ist blind — die meinige ist besonnen und durch die Schule der Erfahrung gelaufen. Achill (erstaunt). Versteh' ich recht? Du willst — Leon. Versuchen, ob ich noch ein wenig die Volte schlagen kann. I ch bin reich und bedarf seiner Ducaten nicht — aber Dir will ich sein Gold in die Hände spielen. 8 Achill. Unbegreiflich! Leon. Pst! Man kommt! Vorsicht, Achill! Achte Scene. Vorige. Severin. Sev. (tritt fröhlich auS dem Seitenzim- wer rechts). Nnr vier Wochen solch' ein fabelhaftes Glück im Hazardspiel, und ich kaufe der Regierung die schönste Provinz in Oesterreich ab. Leon. Das klingt ja beinahe wie eine Herausforderung. Sev. (lachend). Wenn Du Mttth Haft! Leon. Voilä — je größer die Gefahr, desto größer der Reiz für mich. Zch hebe deinen Handschuh auf. Aber nimm Dich in Acht — ich schicke alle meine geharnischten Männer gegen Dich in s Treffen. Sev. (wie vorher). ES gilt — aber mache Dich auf ciue tüchtige Niederlage gefaßt. Du sollst auf dem Felde des blinden Zufalls wie einst aus dem Felde der blinden Liebe von mir geschlagen werden. Vergiß mein Glück nicht gegen Dich, mein guter, armer Leon. Leon. Nie, nie! (Fast dämonisch.) Denn dein Glück gegen mich steht auf dem schwarzen Blatte meiner LcbenSgeschichte. Neunte Scene. Vorige. Michael. Aleris (in glänzender Livräe, mit einem eleganten Earton, treten durch die Mittelthür ein). Alex, (im Eintreten zu Michael). DaS ist die Etage deines Herrn, Landsmann. Mich. A Pane — da sein ja guter Pane! Aler. (gibt Leon den Carton). Von Madame Schvbcrlechner, Euer Gnaden. Sev. (zornig zu Michael). Wo zum Teufel steckst Du so lange, nichtswürdiger Schlingel? Glaubst Du, hier in Wien gibt es keine Knute für Dich? Mich, (sehr devot). O Pane — ich haben müssen nach Haus' führen schönes Madel — (sich schnell eorrigirend, indem er sich auf den Mund klopft) U7'N — nir Madel — alten Lehrer von Pane — Professor Blank. Sev. (besänftigt). Was hör' ich? Blank? Meinen wackcrn Pythagoras hast Du kennen gelernt? Mich, (freudig). 3a, Pane — junges schönes Kind — schlank wie Pappel — Augen wie Brandraketen — Sev. Wer? Professor Blank? Mich, (sich abermals auf den Mund klopfend, schnell). Nein, nein, nir Kind — alter ehrwürdiger Mann mit schneeweißem Kopf. Leon (der den Carton geöffnet und die Arbeit betrachtet). A — das ist wieder ein kleines Meisterstück. Achill (der ebenfalls in den Carton ge- blickt). Solche Arbeit liefert nur »die schöne Wienerin*. Sev. (hinzutretend). Was gibt es denn da zu bewundern? Leon. Ein gesticktes Hemd für Rai- mund's Jugend — das heißt: ein Cadeau für Therese Krones als 3ugcnd im »Mädchen aus der Feenwelt*. Sev. Therese Krones? — Ah — das ist ja die liebenswürdige Soubrette des Leopoldstädter Theaters! Ich beneide Dich um diesen Einfall, Leon — und wenn Du mir einen Beweis deiner Freundschaft geben wolltest — Leon. Müßte ich Dir diesen Einfall cediren, gelt? — Wohlan, ich will Dir Gelegenheit bieten, dein Don Juan-Register mit einen» berühmten Namen zu bereichern. (Gibt Alexis den Carton.) Sage Fräulein Krones, der KreiSmarschall von Mohilow, ein feuriger Verehrer der heitern Muse — schicke das ihrer schönsten Pricsterin. — Und wenn sie ihm kein Körbchen gibt, wird er ihr heute Abend auf der Bühne mit einem Blnmenbouquet dafür danken. Al er. (geht ab). 9 Sev. Nur mit einem Blumenstrauß? — Wäre cs nicht wirksamer, gleich mit einem kostbaren Collier — Leon. Sachte, Freund! Die Plänkler voraus und dann erst das grobe Geschütz — das ist Tactik bei uns. Sev. Gut! So attakiren wir zuerst mit einem Blumenstrauß. — Allons! — Hole mir eine Loge, Misch»! Leon. Oho! Logen zu einem Caffastück bezieht man bei uns nicht wie die Cigarren aus der Trafik. Zuweilen sind Logen und Sperrsitze so kostbare Effecten bei uns, daß man sogar auf der Börse damit specu- lirt. — Aber mich protegirt Raimund, der mir heut versprochen hat, durch Tomaselli eine Loge im ersten Range zu senden. Ihr seid natürlich meine Gäste. Sev. Und Ihr die Meinigen beim Souper. Leon. Ach, da rathe ich Euch, ja mit wohlgefüllten Börsen zu erscheinen, denn nach dem Souper gebe ich eine großartige Bank. Sev. (nimmt Leon unter den Arm). Ich noch vor demselben, denn ich möchte unsere Damen durch ein glückliches Paroli wieder guter Laune machen. Leon. Einverstanden! Schöne Kinder müssen unsere Ducaten gewinnen, um sich selbst an uns zu verlieren. (Zu Mi- cbael.) Mischu — Napoleon, Io Arancl empsreur cko k'ranoe, kommt aus dem Olymp, um uns ins Feenreich zu führen und mit einer lustigen Jugend bekannt zu macken. Sage Sr. Majestät, er wird uns beim König Farao finden. Sev., Leon, Achill (indem sie lachend in's Seitenzimmer rechts gehen). Hahaha! Neue Karten und Champagner, Gar§on! Zehnte Scene. Michael (allein, gleich darauf durch die Mit. teithür) Tomaselli. Mich. Was haben er gesagt? Napoleon wird kommen zu König Farao? — O, kleiner Corporal kommen nicht zu König — kommen gar nicht mehr. Er haben erobert ein Reich (auf den Himmel deutend), wo ist Frieden fort und fort und kein Tambour trommelt zum Rückzug in die Welt der Zwietracht und des Haders. Tom. (tritt in der bekannten MaSke durch die Mittelthüre rasch ein, zieht das historische Hütchen auS der Tasche, setzt eS auf, kreuzt die Arme und bleibt in dieser Stellung im Hintergründe stehen). Mich. Noch sehen ich ihn im grauen Rock, kleiner Hut — Arm auf der Brust — (Indem er sich wendet.) O — es werden verlaufen viele hundert Jahr, bis kommen wieder so ein kleiner Corpo- (er erblickt Tomaselli, bleibt erstarrt stehen — seine Knie schlottern — endlich richtet er sich kerzengerade und salutirt militärisch). Tom. (salutirt ebenfalls und tritt dann rasch vor). Lied. ^VIe8 enkants — nur frisch voran, Treibts mir die Recruten an! Schwager Murat — Marschall Ney, Machts mir keine Keicrei! I^a kortuno ist rua plaimr — Vorwärts, brave Grenadier! 'S ist der Feind schon im Carrv, — Ach Herr Iekerl — ach Herr je! Alte Garde, nur geschcidt! Seid's ja lauter rare Leut! 8an8 paräon wird füselirt Jeder, der mir desertirt! Bei dem donnernden Geschütz, Bei der Sonn' von Austerlitz, Kämpfen tapfer wir vereint, Wart ein bißl, Musie Feind! (Betrachtet sich wohlgefällig.) Merkwürdig— der ganze Bonapart! (Er zieht ein Perspectiv hervor und blickt durch dasselbe auf Michael.) Parbleu — der Feind ist geschlagen bis ans den letzten Mann, und auch der schlottert schon mit den Beinen, als ob er das Kanonenfieber hätt'! 10 Mich, (zitternd für sich). Er sein auferstanden. Das sein Gesicht — sein grauer Rock — kleiner Hut — auch sein Guck- glasel haben er sogar. Tom. (tritt rasch zu ihm. strikt ihn und spricht kurz). Vou8 el68? Mich, (salutirend). Miscbu Simon — vormals Poniatowski - Soldat, mit Wunden aus zehn Schlachten für große Nation. Tom. (legt die Hand auf seine Schulter). A— Einer meiner Braven also! Invalide? Mich. Im faulen Frieden, Invalid.— Aber nir Invalid, wann's wieder gehen los! Tom. 6'e8t vrai, mein braver Kosak — und 's geht bald wieder los! Ich geb' nicht eher Ruh, bis ich die ganze Welt von der Landkarten gestrichen Hab'. Mich, (schnell). Auch Rußland streichen, Mich. Also — gibt's wieder Krieg, Sire? Tom. Oui, mein Braver! Bist Du dabei, wenn's wieder gegen Rußland geht? Mich, (schnell). Gleich laufen ich mit! Tom. Wohlan — ich ernenne Dich zum Sergeant-Major in meiner Garde, mein Braver! Mich, (entzückt). Sergeant-Major! O Mischu! Misch»! Tom. Und für die Dienste, die Du mir bereits geleistet — (indem er ihm einen sehr großen Theaterorden an die Brust heftet) hefte ich das Großkrcuz der Ehrenlegion an deine tapfere Brust. Mich. (auS vollem Halse schreiend). Vivs l'empsreur! Eilfte Scene. Sire — Tom. Kommt auch schon dran — Eins nach dem Andern, inort ckv um viv! Alle Schafe müssen einen Hirten haben, und das kann nur der Bonapart sein. Mich. O, Sire — ich mich frcun, daß altes Soldatcnherz springen vor Vergnügen! Sie haben gesagt, kleiner Corpora! liegen in Grab ans Insel, aber das sein gelogen! — Der kleiner Corporal stehen ja vor mir, wie er gestanden in hundert Schlachten — und jetzt — und — und — na, noch ist Polen nicht verloren! T em. (für sich). Er glaubt richtig, ich bin'S! Aber es ist auch merkwürdig — der ganze Bonapart! Mich. Aber, Sire — was machen nur hier? ES sein nicht gut, sich hier zu zeigen, so ungenirt, als ob Sie hätten den Wienern nur Rosinen und Mandeln gebracht anno Neune. Tom. O, ichgenir mich gar nicht, in ganz Deutschland so hernm zu spazieren. — Man traut sich nicht über den Bonapart, wenn man auch noch so schreit. Je mehr die Deutschen schreien, desto gemächlicher sind sic. Vorige. Severin, Leon, Achill, Henriette und Marie (aus dem Scitenzimmer rechts). Alle. He — was gibt's denn da? Leon. Hahahahaha! Sev. (erstaunt Tomaselli betrachtend). WaS ist denn das für eine Erscheinung? Tom. (die Arme kreutzend) Parbleu — der ganze Bonapart. Mich. Kleiner Corporal! Alle. Hahahaha! Marie. Ein rechter Narreutattel! Henr. Aber ein Original — das muß man ihm lassen! Mich, (stolz zu Severin). Pane — ich habe auch Orden und sein Sergeant-Major. Tom. (indem er Leon eine Sogenkarte gibt). Hier ist ein Quartierbillet in das Haus des Humors für Euch und eure Suite, Marschall. Das hohe Alter ist euer Haushofmeister — eure Kammerjungfer das Mädchen aus der Feenwelt — euer Hausmeister: der Zauberer Aja- rerle — euer Küchenmeister: der Aschenmann— und euer Thürsteher: die Jugend und der Frohsinn. Der Hausherr: 11 FortunatuS Wurzel wird das Möglichste thnn, Euch zufrieden zu stellen — denn er ist ein jovialer Mann, und hat sein Haus iu der Leopoldstadt zum nmisou äs notre plaisir gemacht. Leon. lVleroi, mon Aianä emperour. Tom. (Henriette und Marie sixirend). Eure Suite ist nicht übel, Marschall! — Par- bleu — das wären ein paar famose Flügelmänner für meine alte Garde. Henr., Marie (lachend). Oho — da hat's noch Zeit! Achill. Dazu sind sie noch zu jung! Sev. Erst neugeworbene Recruten! Tom. Aber Sie haben schon Pulver gerochen, scheint mir. Voilä, — ich gebe ihnen eine Compagnie. Leon (lachend). O — die haben fie schon! Sev. (indem er den Damen den Arm reicht). Ziehen wir unS zurück, meine Damen — denn Se. Majestät von Elba und St. Helena haben Eroberungsgelüstc. Hen., Marie. O, wir ergeben uns nicht so geschwind! Sev. Fluchten wir uns in die Festnng des Fürsten Jocus, wo uns der wackere Cvmmandant Raimund mit den» Geschütz seines Humorö vcrtheidigen wird. Leon. Ja, wohl — dort sind wir geborgen, den» so lange die Helden Raimund, Schuster, Korntheucr undKrones ihreFah- nen schwingen, kommen sicher keine Franzosen hinein! (Alle ab durch die Mittelthür außer Michael und Tomaselli.) Zwölfte Scene. Michael. Tomaselli. Mich. Ich nir verstehen. Pane retiriren in die Festung JocuS — Tomas. Um mit der ganzen Besatzung zu capituliren. — Denn Fürst JocuS ist ja einer meiner treuesten Vasallen. Mich. Aha'. Tomas. Commandant Raimund — Marschall Schuster — Brigadier Korn- theuer und Therese Krones, die lustige Commandantin der leichten Kavallerie, halten es mit mir. Mich. O — noch ist Polen nicht verloren. Tomas. Folge mir, mein braver Sergeant-Major. — Ich will Dich mit meinen getreuen Bundesgenossen bekannt machen. Du wirst zwar nur eine sehr kleine, aber sehr lustige Armee finden. Dich theile ich der Brigade Therese Krones zu. Mich. Therese? Das sein ja Weib! Tomas. Aber ein tapferes Weib, das alle Tage Eroberungen macht, und die größten Helden schon verwundet hat. Mich. Aber ich mag nir dienen Weib. Mischu möcht werden Lanzier unter General Poniatowski. — O, warum sein er ersaufen in Elster! Tomas. O'est tont 6§s,1! Ich gebe Dir einen andern Poniatowöki. — Wenn ich einem Soldaten der großen Armee eine Freude machen kann, kommt mir's auf einen Poniatowski nicht an. Mich. O kleiner Corporal sein gut — sein Soldatcnvater für ganzes Armee. Tomas. (für sich). Der Dalk hält mich richtig für denBonapartc. Aber man kann's ihm nicht verdenken. So eine frappante Aehnlichkeit ist noch gar nicht dagewesen. — Der ganze Bonaparte! — Duett. Tomaselli (sich eitel betrachtend). Bei Barbaroffa's Kaiserbart, Ich bin der ganze Bonapart. Michael (für sich). Ich sah' ihn ja viel tausendmal — Es sein der kleine Corporal. Tomaselli: Denkst Du an Wagram noch? In heißen Tagen Erfocht den Sieg das wack're Franken- schwert. 12 Michael: Bei Wagram haben wir den Feind geschlagen, Jedoch bei Aspern ging cs nmgekehrt. Tomaselli: O still, mein Braver, schweige still, Weil ick so was nicht bören will. Wirst Dn fortan mit deinem tapfern Schwerte Und Kraft nnd Muth Dich meinem Ruhme weih'n? Michael: Ich war im Glück nnd Ruhm ja dein Gefährte, lind was'ich war, will ich auch ferner sein! Tomaselli (aus der Rolle fallend und tanzend und stampfend). Heißa, die Welk ist mein, D'rum will ich lustig sein! Alleweil krenzsidcl, Da geht man selten fehl, Das ist so meine Art Als fescher Bonapart! Michael (ihn erstaunt betrachtend). A — das sein sonderbar! Er thuen tanzen gar, — s Springt wie betrunk'ner Ruff' Lustig auf einem Fuß'— Das sein curiose Art Für großen Bonapart! Tomaselli (wie früher). Bei Barbaroffa's Kaiserbart, Ich bin der ganze Bonapart! Michael (wie früher). Ich sah' ihn ja viel tausendmal, Es sein der kleine Corpora!! Tomselli: Denkst Du an Eilau noch? All' meine Freunde, Mit Sieg gekrönt erschienen sic vor mir. Michael: Bei Eilau — ja — da liefen uns're Feinde, Doch schneller noch bei Leipzig liefen wir. Tomaselli: O still, mein Braver, schweige still, Weil ick so was nicht hören will. Wirst Du fortan mit deinem tapfer« Schwerte Und Kraft und Mnth Dich meinem Ruhme weih'n? Michael: Ich war in Glück und Rnhm ja dein Gefährte, Und was ich war, will ich auch ferner sein. Tomaselli (wie früher). Heißa, die Welt ist mein, rc. rc. Michael (wie früher). A — das sein sonderbare Art, rc. rc. (Zum Schluß ergreift Tomaselli Michael und tanzt mit ihm durch die Mittelthür ab.) Verwandlung. (Die Damengarderobe im Theater. — Rechts und links lange Ladentische. Auf diesen Toilette- spiegeln zwischen brennenden Kerzen, und Putz- fachen, Garderobestücke und Schminkrequisiten in bunter Unordnung — Seitenthüren, die in Herren- und Statisten-Garderobe führen. In der Mitte eine große Thür, welche auf die Bühne führt. — Neben der Mittelthür hängt eine große schwarze Tafel mit der Aufschrift: Morgen 10 Uhr Chor- und Tanzprobe. Es ist Abend.) Dreizehnte Scene. Jeannette, Elise, Olga, Hermine, Louise, Mathilde, Bertha, Eveline und andere Damen (sich schminkend u"d die letzte Hand an ihre Toilette legend). Eine Gardcrobierin (die sie bedient). Jeann. Wer ist denn schon wieder über meine Schmink gekommen? Der ganze Tegel ist schon wieder leer! Elise. Dir schnipfens d'Schmink und mir die Pomad'. — 'S ist a Hausdiebin da. Na, Gott sei ihr gnädig, wenn ich's erwisch. .Olga (zur Garderobierin). Schann's die Schuh an, die sind ja für einen Elefanten gemacht, nnd nicht für ein aristokratisches Fußerl wie das meinigc. 13 Jeann. Gehst denn noch nicht! Die will ein aristokratisches Fußerl haben! Alle. Ohe! Elise. Na per ss! Sie hat im Sperl mit einem Baron getanzt, und seit der Zeit lebt sie auf aristokratischem Fuß. Alle. Hahahahaha! Vierzehnte Scene. Porige. Peter (zwei große Taffen mit Punsch und EiS tragend). Peter. Aufg'schaut, meine Damen! Alle (indem sie über das EiS und den Punsch her fallen). Uuie — der Niglau! Jeann. Mir ein Glasl Punsch! Wer ist denn der großmüthige Spender? Peter. Ein polnischer Nabob, der erst angekommen ist und zweihundert Frachtwägen voll Dncaten mitgebracht hat. Er hat so viel Geld, daß er ganz desperat ist, wenn er nicht alle Tag seine halbe Million zum Frühstück verputzen kann. Elise. Der arme Herr! Da werden wir ihm helfen müssen, sonst wird er hier nicht fertig mit seinem Geld. Jeann. Vielleicht ist's gar der, der der KroncS das kostbare Spitzenhemd spen- dirt hat. Peter. Errathen, Fräulein Jeannette, der ist's! Jetzt steht er d'raußen in der Eouliß mit einem großmächtigen Blumenstrauß, und paßt wie ein Hastelmacher, bis die Scene mit der Jugend vorbei ist. — Der Naimnnd hat ihm schon ein paar diabolische Blick zugeworfen, aber den polnischen Nabob genirt so was nicht. Jeann. Der Raimund ist ein rechter Grandian. Gar keine Fremden will er leiden auf der Bühne. Peter. O, wer den Oomment versteht, kommt doch hinauf. Nur keck und imponi- rend auftreten und dem Feldwebel ein paar Zwanziger in die Hand drucken — nachher 'st der Eintritt in diese heiligen Hallen kinderleicht. Jeann. Mein Peppi hat den Oommsnt auch schon weg. El. Ach ja! Den Oommont Haler — aber die Zwanziger nicht. Peter. Jetzt ist keine Zeit zu sticheln, sondern Netze zum Fischen auszuwerfen, meine Damen. Dieser polnische Nabob ist ein großer Freund der Kunst und noch ein größerer Freund der schönen Künstlerinnen — und ist ertra nach Wien gekommen, uni sich zu ruiniren. Mebr brauch' ich nicht zu sagen — denn Sie sind Alle praktisch genug, um mich zu versteh'«. Sollt Eine oder die Andere eine geheime Korrespondenz eröffnen wollen, — so vergessen Sie nicht, daß ich als Postillon d'amour die gehörige Praris Hab', meine Damen. Jeann (pikirt). Was denken Sie von uns, Herr Peter? E l. (stolz). Mein Liebhaber ist ein Ruß. — Eine geheime Correspondenz mit einem Polen wär' Verrath an Rußland. Peter. Das thut nir — wenn's nur praktisch ist, Fräulein Liserl. Th er. (als Jugend singend auf der Bühne hinter der Scene). Alles kauft man auf der Welt, Jugend kauft man nicht für Geld, Brüderlein fein, Brüderlein fein, Schlag zum Abschied ein! (Man hört applaudiren.) Jeann. D'Resi ist fertig. Jetzt woll'n wir uns ihren Verehrer ein bisl anschau'n. Mehrere. Ja, schau'n wir! El. Bleibt's da — das schickt sich nicht! Nur das Decorum beobachten! Fünfzehnte Scene. Vorige. Severin, Leon, Therese (als Jugend, mit einem großen Blumenstrauß in der Hand). — Mehrere Balletdamen (als Ge- folge der Jugend). Ther. Wenn ich heut vom Raimund meinen Putzer krieg, sind Sie daran schuld, meine Herren. — Der alte Wenzel Müller war in Todesängsten, daß Sie mich ans'n Takt bringen mit Ihren Coquetterien. Peter. O, — so waS bringt Sie nicht mehr aus dem Tact, Fräulein Krones. 14 Sev. Sie haben uns aus dem Tact gebracht, reizende Jugend. Peter, (leise zu den anderen Damen). Das ist er, — der polakische Nabob! Leon. Mein Freund ist ein leidenschaftlicher Verehrer der Kunst, wie alle Polen, schöne Krones, — und wenn ich seinen Enthusiasmus nicht gezügelt hätte, hätte er Ihnen auf der Bühne vor dem ganzen Publicum eine Ovation gebracht. Th er. (etwas coquett zu Severin). Gefall' ich Ihnen denn gar so gut als Jugend? Sev. Mehr als meine eigene Jugend, die ich noch tausendmal verlieren wollte für die, die ich hier gefunden. Ther. Sie sind sehr artig! — Apropos — ich habe Ihnen noch zu danken für das schöne Cadean, das Sie mir heilt' geschickt haben. — Schaut's das schöne gestickte Hemd an, meine Damen! Sev. Ein holder Blick auS Ihren Augen macht es zum Hemd des Glücklichen für mich. Peter, (zu den Damen). Ergeht g'schwind in's Feuer. Ther. (zu Severin). Wenn's glücklich sein, so vergeffen's auch auf die Unglück« liehen nicht, und verzeihen's einer barmherzigen Schwester, die Almosen für sie sammelt. Ein Arbeiter ist vor ein paar Tagen hier vom Schnürboden g'fallen, hat sich sehr verletzt, kann nir verdienen, und seine Frau und Kinder hab'n kaum ein Stück! Brod z'Haus'. Sie sind ein reicher Herr — (Innig bittend.) Thnn's ein bißl was für die armen Hascherln. Leon, (gibt ihr eine Banknote). Hier sind zehn Gulden. Sev. O pfui — schäme Dich, Geizhals! (Gibt Theresen ebenfalls Geld.) Hier zweihundert indeß. — Ihre Schützlinge sind fortan auch die meinigen, holde Jugend! Ther. Ach! — Die Freud der armen Leut'! Das ist mir lieber als der größte Applaus! — Merkcn's jetzt, wie gefährlich es ist, mir den Hof zu machen, meine Herren? Sev. Gefährlich? Ther. Na, und wie! Denn Jeder, der mich mit verliebten Augen anschaut, wie Sie jetzt zum Beispiel, wird gleich angebettelt von mir für ein' arme Familie. Sev. Ich werde mich glücklich schätzen, wenn Sie alle Tage meine Börse leeren. Ther. Na. so glücklich kann ich Sie schon machen. (Gibt Peter das Geld.) Trag das Geld zur Peppi, Peter, und sag' ihr, ich hab's z'sammengebettelt für sic. — Sie soll mir auf ihren Alten gut schau'n und ihm ja nir abgeh'n lassen. — Auch ihre Kinde» soll's neu g'wandeln. Und wenn der Hiesel ein Glas'l Wein trinken darf, soll er's aus die Gesundheit eines edlen Polen trinken, (freundlich auf Severin blickend) der nicht nur ein verliebtes Herz für saubere Madel'n, sondern auch ein gutes, mitleidiges Herz für Arme und Unglückliche hat. Sev. (ihr die Hand küssend). Sie sind ein Engel, schöne KroneS! Jeann. (zu Severin). Ich kann Ihnen auch ein armes unglückliches Mad'l empfehlen , das nur fünfzehn Gulden Gage hat, und doch gern Champagner trinken und in einer Equipage fahren möcht. El. (ebenso). Auch ich müßt Eine, die die Passion hat. Alle (indem sie Severin umringen). Wir auch — wir auch! Peter. Das nenn' ich praktisch! Ther. Aber Madeln — schamt's Encli denn nicht? Sev. (gibt den Mädchen lachend seine Börse). Hier einige Diktaten ans Champagner für die Unglücklichen. Alle (freudig). Wir küssen d'Hand! Sechzehnte Scene. Vorige. Tomaselli, Michael. Zuletzt der Theatcrfeldwebcl. Tom. Tractamentstag im Feldlager. Gebt meinen Grenadieren doppelte Löhnung! Alle (lachend). A — unser Bonapart! ^ Mich, (erstaunt). Das sind Grenadiere? 15 Tom. Nicht Alle — es sind auch Husaren unter ihnen. (Auf Therese deutend.) Dieser General hat mir schon manche Schlacht gewonnen mit seiner leichten Eavallerie. Ther. (lachend). Hörn's auf, Sie Haspel! Mich, (entsetzt). Haspel — der Lm- pereur? S ev. Bist Du denn wirklich so einfältig. Mischu, Dich so impertinent täuschen zu lassen? Tom. Der ganze Bonapart! Mich. Nir täuschen, Pane! Er haben auch mich ernannt zum Sergeant-Major und mir gegeben diesen Orden. Peter. Einen Theaterorden von Pap, pendeckel! Mich, (entrüstet). Pappendeckel! Alle. Hahahaha! Ther. (zu Michael). O Sie Tschaperl Sie! Der Bonapart ist ja unser Wurst'l Tomaselli! Mich, (wie vorher). Was? Alten Soldaten foppen? (Stürzt sich wüthend auf Tomaselli.) 3ch schlagen todtl Tom. Zu Hilfe! Zu Hilfe, alte Garde! Sev., Leon, (sich dazwischen werfend). Bist Du toll, Mischu? Tom. Ein Attentäter! Stellt ihn vor s Kriegsgericht! Er muß erschossen werden, weil er auf mich geattentätet bat! M i ch. (ihm mit der geballten Faust drohend). Wart — krieg Dich schon: Noch ist Polen nicht verloren! Eine Stimme (von außen). Fremde in der Damengaderob'? — Ruft's mir den Feldwebel her! Alle (erschrocken). Uuic — der Raimund! Tom. Ein feindlicher Uebersall! Ther. Löscht's g'schwind die Kerzen MlS, Madeln. (Es geschieht.) Die Stimme (wie vorher). Kerl, ich dreh' Dir den Hals um, wenn Du mir alle Maulaffen auf's Theater läßt. Severin, Leon (lachend). Gehorsamer Diener! Ther. Der ist heut wieder im schwefelgelben Humor! (Bietet Severin und Leon die Arme.) Geschwind fort durch die Herrengarderobe, sonst haben wir Verdruß! Der Theaterfeldwebel (ängstlich, in- dem er den Kopf durch die Mittelthür steckt). Meine Herren — ich bitt' gar schön — Sev., Leon (wie vorher). Za, ja — wir retiriren schon! Tom. (commandirend zu den Koryphäen). Deckt ihnen den Rückzug! Eine Schwadron Husaren vor! Alle (indem sie Severin und Leon durch die rechte Seitenthür abführen). Ilnie — das wird ein Donnerwetter geben! DerTheaterfeldwebel.Eingeschlagen hat's schon. Der Herr Raimund ist fuchsteufelswild! Tom. Nach Aegypten mit ihm! Sag' ihm nur, der Bonaparte ist da! Laß mir den Schimmel satteln, General Rapp! Ich will in's Bivouak und nächtliche Heerschau halten! (Er geht mit gekreuzten Armen durch die Mitte ab. indeß daS Orchester die bekannte Melodie zur nächtlichen Heerschau intonirt.) (Der Vorhang fällt.) Ende des e r st e n Actes. Zweiter Äct. Elegantes Zimmer mit Mittel- und Seiten- thüren. Links daS Fenster. Erste Scene. Michael, Therese. Später Wisgrill und Aron (durch die Mittelthür). Mich, (hinter der Scene). Nir da! Pane ftudiren — und wenn wir studieren, daun für Niemand zu Haus! (Tritt mit Theresen durch die Mittelthür ein.) Ther. Hahaha! Ihr Herr studiert? Na, der wird was saubers studieren. — Auf d'Letzt gibt er mir nicht einmal Audienz? 16 Mich. Haben Fräulein zu fordern Geld von Pane? Ther. Was Ihnen nicht einfällt! Mich. O — dann studieren Panc nicht für Fräulein. Ther. Da kenn' ich mich nicht recht aus. Mich, (geheimnißvoll). Wenn Pane kein Geld haben, und Leute kommen um Geld, dann (pfiffig) studieren Pane und haben keine Zeit. (WiSgrill und Aron stecken zugleich die Köpfe durch die Mittelihür.) Wisg. Wie steht's denn, Herr Mischu? Ist der gnädige Herr zu sprechen? Er hat mich für heute mit dem Conto bestellt. Aaron. Und ich Hab' ein Wechselche zu präsentircn. Mich, (schreit). Pane keine Zeit — Pane studieren! Aaron. Wai—erstudirt) schon wieder! k (Sie ziehen Wisg. Nun, so werd' ich t sich zurück.) morgen kommen! ) Mich, (ihnen nachrufend). Morgen studieren Pane auch! Ther. Ha haha! Das muß ich mir merken! Wenn künftig meine Manichäer kommen, muß mein Stubenmadl sagen: Fräulein Krones studirt die Prinzessin Evakathl und hat keine Zeit. Aber sagen Sie mir nur, ist denn so ein nobler Herr auch zuweilen so schwarz wie unsers Gleichen? Mich. O—noch viel schwärzer! Wir kein Geld mehr — nir Ducaten — nir Uhren — nir Ring' — Alles fort — auch Wagen versetzt. Ther. Alles schon verputzt! Mich. Alles! — Aber nir merken lassen Pane, daß Fräulein wissen. O, dieser Mo- rawski sein Teufel im Haus, haben Pane in seine Krallen und machen ihn caput. Spielen mit ihm ganzes Nacht und wir verlieren immer, immer! O wir sein in großer Verlegenheit, seitdem wir logiren hier im Trattnerhof. Ther. Na, die Verlegenheit wird nicht lang anhalten, denk' ick. Er erwartet ja Geld von seinem Bruder. Mich, (geheimnißvoll). O, Bruder sein bös auf Pane, weil er verlassen Weib und Kind. Ther. (erstaunt). Was? Weib und Kind hat er? Mich. Eine gute, schöne Frau — sehr gut wie Lampel, und Kinder kleine wie Engel in Kirchen. Ther. O Du mein Gott — und hier flattert er herum, als ob alle Weiber und Madeln für ihn allein auf der Welt wären. — Das ist ja ein rechter leichtsinniger Ding das. Mich. Ja, er sein schlimm, viel schlimm, aber auch viel gut. Noch ist Polen nicht verloren. Ther. Aber es kann verloren gehen, wenn wir nickt dazuschau'n, Herr Misch». (Bon einem Gedanken ergriffen.) Warten's, heut' gibt er ja beim Sperl ein großes Gartenfest, zu dem er uns Alle eingeladen hat. Mich. Ja, mit die Geld, was hat von die Wucherer mit hundert Percent. Ther. Hm — Das Hilst vielleicht! Wenn im menschlichen Herzen auch alle Saiten verstimmt sind, die Erinnerung an's Vaterland stimmt sie immer zur Harmonie. Mich. O schöne — wenn auch oft traurige Harmonie! Ther. (entschlossen). 3hr Herr muß fort von Wien! Mich, (bewegt). Ach — darum ich bitten Herrgott jeden Abend! Ther. Und unser Herrgott wird'S schon machen, daß 3hr Pane wieder ein guter Familienvater wird! Mich, (freudig). O — er wird sein! Noch ist Polen nicht verloren! (Blickt ihr freundlich ins Auge.) Und Fräulein das machen wollen — Fräulein? Ther. Na — wundert Sie daS? Mich. 3a — sehr viel — sehr — weil — 17 Ther. Na, weil — Mich. Weil Menschen reden viel Schlimmes von die Fräulein. Ther. Ich weiß es— und die Menschen haben nicht ganz Unrecht, mein lieber Mischu. Ich bin für ein Madl ein bißl zu lustig, ein bißl zu leichtsinnig — aber der alte PetruS wird mich doch in den Himmel lassen, wenn ich einmal anklopf'. Mich, (schmunzelnd). O ja — alter Petrus auch gern seh n saubere Madel. Ther. Manchmal thut's mir im Innersten meines Herzens recht weh', wenn mir die Leut', die mich auf dem Theater so auszeichuen, im Leben ausweichen, als gehöret ich gar nicht zur bürgerlichen Gesellschaft. Das kommt daher, weil ich mich geb' wie ich bin, und in der großen Welt nicht so gut Komödie spielen kann, wie in der kleinen auf den Bretern. Dazu fehlt es mir an Cultnr und Bildung. — Aber die Leut' wissen nicht, daß ich mir schon als kleines Madl ganz allein überlassen war, — daß mich kein strenger Vater überwacht, keine liebende Mutter in'S Leben geführt hat. Die Kunst allein war meine Fuhren», und die ist keine pedantische Gouvernante, die uns die Augen Niederschlagen lehrt. — Ich muß gestehen, ich schlag' die Augen nie nieder — contrair, ich reiß sie recht auf, wenn ich einen jungen säubern Herrn seh' — aber das liegt in meiner Natur. — Andere schlagen die Augen nieder und blinzeln nur, — aber das Blinzeln ist oft noch viel gefährlicher als das ungenirte An schauen. Mich. Ja schlimm — sehr schlimm, wenn Madel viel blinzeln. Ther. (auf die Seitenthür blickend). Aber unr scheint, heut' ist's nichts mit der Audienz — denn Ihr Pane wird nicht im roscufarbenen Humor sein, wenn er studiert. Na, grüßen's ihn recht schön von mir, und sagen's ihm, er möcht' 'nen Sprung zu mir herauf machen, wenn er ausfahrt. Er muß sich ja ein bißl zerstreuen, denn das viele Studiren könnt' ihm schaden. !h«ater.»«pen»tr Rr. »7. Er soll bei mir studieren. Dumm Hab' ich schon Viele gemacht — jetzt will ich Prokuren, ob ich nicht auch einmal Einen gescheidt machen kann. Na — vielleicht gelingt mir's, lieber Mischu. — Noch ist Polen nicht verloren! (Eilt ab durch die Mittelthür.) Zweite Scene. Michael (allein. Gleich darauf Severin und Blank). Mich. Hahahaha! Mischu muß Pane verzeihn, daß er gern haben die da. — Mischu auch gern haben die da, wenn Mischu war' Pane. Blank (tritt mit Severin auS dem Zimmer rechts). Ja, ja — auch Sie könnten noch recht gut so einen alten Hofmeister brauchen in diesem neue» Babel, mein lieber Severin. Sev. O, lassen Sie mick doch in den Armen der Freiheit meine Flitterwochen genießen, bester Professor. Blank. Ich fürchte, diese Flitterwochen werden Flitters ah re werden. Sev. Nein, nein, Sie irren, und um Sie zu überzeuge», ernenne ich Sie jetzt schon zu meinem Curator. Nur nach Ihrem Rathe will ich meine bedeutenden Geldrimeffen placireu, die ich in diesen Tagen von Hanse erwarte. Blank. Machen Sie eö wie ich, und kaufen Sie Staatspapiere. Sev. Wie Sie? Ei, ei, so ist es denn kein leeres Gerücht, daß Herr Professor Blank sein Schäflein in'S Trockne gebracht. Blank. Ich bin kein reicher Mann — aber ich habe fünfzig Jahre entbehrt und gespart, um mir meine letzten Lebensjahre sorgenfrei zu machen. Sev. Das heißt im Schneckengange einem bescheidenen Ziele zuschreitcn. — Warum nicht größere Schritte machen? — Statt für Ihre Werthpapiere vier oder fünf Percent zu beziehen — könnten Sie zwanzig, dreißig gewinnen, wem; Sie zum Beispiel laviren — 8 18 Blank (lächelnd). Ich bin kein Spekulant, und es ist mein Princip, weder Gläubiger noch Schuldner zu werden. — Ich unterstütze zuweilen die Armen, aber nie die Verschwender, und wenn ich Tausende dabei gewinnen könnte. Sev. (etwas diögustirt). Das ist sehr — sehr löblich! Wie gesagt, ich werde Staatspapiere kaufen, und Sie ersuchen, mich bei nächster Gelegenheit mit dem Wesen dieser Papiere bekannt zu machen. Blank. Mit Vergnügen. Wenn Sie mich besuchen, werde ich Ihnen alle meine Obligationen zeigen, und Sie haben in ein paar Minuten die nothwendige Ueber- sicht gewonnen. Mittags zwölf Uhr finden Sie mich täglich allein in meiner Wohnung — (reicht ihm die Hand) und wenn Sie ein Viertelstündchcn zu verschenken haben, ver- gefsen Sie Ihren alten Lehrer nicht. Alte Leute plaudern gern, und ich mache keine Ausnahme. Sev. (indem er ihn bis zur Mittelthür geleitet). Auf baldiges Wiederseh'n, Herr Professor. (Nachdem Blank abgegangen, für sich, mit dem Fuße stampfend.) Teufel — wieder um eine Hoffnung äimer! Meine Ehre und meine Freiheit steh'n auf dem Spiele, wenn ich in dieser Woche das Deficit in der Kreis-bassa nicht decken kann. Dritte Scene. Severin. Michael. Mich, (für sich). Armer Pane! Er studiert! Sev. (vortretend zu Michael). Warst Du aus der Post? Keine Geldsendung für mich? Mich. Gar nir, Pane! Dreimal ich dort sein gewesen. Sev. Hat Niemand nach mir gefragt? Mich. O sehr Diele — Schneider mit Conto — Iud mit Wechsel — und Andere. Die wollen Gelt von uns. Sie Alle fortgeschickt — sagen: Pane studiert. Sev. Wenn sie wieder kommen, werf' sic die Treppe hinunter. Mich. O Pane — wir nicht sein bei uns — wo Iud heut Geld bringt und morgen Prügel kriegt. Hier Juden — Sev. (mit dem Fuße stampfend). Der Teufel hole sie Alle! Mich. Wär' gut für Pane — aber Teufel will nicht. Sev. Hast Du keinen Wucherer aus- treiben können? Mich. O ja — aber Wucherer sein hier wie alter Fuchs, der nicht geht auf Eisen. Sev. Und der Kellner im Matschakcrhof? Mich. Sagen, Pane erst zahlen alle Schuld — und nachher borgen erst nir mehr. — Aber warum wollen Pane Geld von solche Leut?— Warum nicht lieber borgen von noble, reiche Freund? Sev. (zornigdrohend). Eine Kugel durch deinen Kopf, wenn Du meine Freunde nur mit einer Silbe, einer Geberde meine bedrängte Lage errathen läßt. — Nimm Dich in Acht! Du plauderst oft mit Fräulein KroneS, — wenn Du cs wagen solltest — Mich. O Fräulein Krones wissen nir — gar nir! Mischu sein geschcidt — sein kein Plappermaul. Sev. Nicht im Kreise meiner, sondern im Kreise deiner Bekannten suche ich Geld, und das muß ich haben um jeden Preis! — Wie steht's mit deiner Caffe? Mich. Alles fort — nir Ducaten — nir Kopeken — nir Kreuzer! Sev. Hast Du nicht mit Peter gesprochen? — Ich weiß auS seinem eigene» Munde, daß er Geldgeschäfte vermittelt. Mich. O ja — er haben selbst Geld — und er leihen auch aus — aber — Sev. Nun — aber? Mich. Er leihen Pane, aber Misch" müssen gut steh'n für Pane. Sev. Was? Du sollst gutsteh'n für mich? Mich. Ja — Mischu für den Pane. Sev. Nun? Willst Du etwa nicht? Mich, (stark mit dem Kopf schüttelnd). 9^, — Mischu will nicht! Mischu geben kan", 19 was erhaben — aber gutsteh'n fürPane nir — oh, gar nir! Sev. (indem er ihm zornig eine Ohrfeige gibt). Das für deine Frechheit, Schurke! Mich, (wankt zurück — dann stürzt er blitz- schnell zu Severin, packt ihn um den Leib, hebt ihn auf und schreit in höchster Aufregung). Was? Jn's Gefickt schlagen alten Soldaten? Ich werfen Pane aus Fenster, und springen nach! Sev. (der sich vergebens von ihm loSzu- inachen sucht). Hilfe! Hilfe! Bist Du wahnsinnig, Misch»? Mick, (setzt ihn nieder). Nir wahnsinnig — aber gewesen Soldat, der haben Ehr' im Leib. — Wenn Pane wollen schlagen nirnntzige Mischu — nehmen Knute und schlagen Buckel — das ehrlich. — Aber alten Soldaten von Poniatowski schlagen in Gesicht — das nicht ehrlich, Pane! (Heftig bewegt.) O Pane — als Mischu gestorben Vater und Mutter — haben Mischu nicht geweint, (heftig schluchzend) aber heut Mischu weinen, Pane! Sev. (besänftigt). Nun, nun, ich habe mich übereilt — Du kennst mich — ich bin nicht immer Herr meiner Leidenschaften — (reicht ihm die Hand) vergib mir, mein braver Mischu! Mich, (ihm zu Füßen stürzend). D Pane viel schlimm und doch herzensgut! O — noch ist Polen nicht verloren! Vierte Scene. ' Vorige. Peter. Peter (durch die Mittelthür eintretend, und auf den knienden Michael deutend). Ah! — Eine liberale Demonstration! Rutsch' nur zu, Mischu! Das ist die beste politische Bewegung, um eine glänzende Carriere zu machen. Mich, (steht auf). Halt's Maul, Schwadroneur! Sev. (strenge zu Peter). Eben recht, unverschämter Bursche! Du wagst eS also, in Geldgeschäften die Bürgschaft meines Bedienten für mich zu verlangen? Peter. Bitt' um Verzeihung, Euer Guaden — aber es scheint mir praktisch zu sein. Sev. Unverschämter, weißt Du, wer Dich mit diesem Auftrag beehrte? Peter. O ich weiß — Euer Gnaden sind ein sehr nobler, lustiger Herr — und Ihr ' ischu ist nir als ein sogenannter ordinärer ehrlicher Mann — aber wie gesagt, ich bin practisch, und wenn ich aufrichtig reden darf — Sev. Nun? — Peter. Zuweilen hat die ganz ordinäre Ehrlichkeit mehr Credit bei mir als die allerfeinste Nvbleß, denn ich bin schon zu oft aufs Eis geführt worden von der feinen Nobleß. Sev. Einfaltspinsel! Mich. Dummes Zeug! Halt's Maul und bringen Geld — aber nicht zu viel Geld — (kratzt sich mit verzogenem Gesichte hinter die Ohren) denn Mischu stehen gut für Pane. Peter. O — dann hat es nicht den geringsten Anstand! — Ich Hab' einen sehr praktischen Geldgeber. — Ein gutes Ac- cept — gute Giranten — Haussatz — Faustpfand und fünfzig Perccnt Zinsen an- ticipando — so sind in ein paar Minuten tausend Gulden da. Sev. Tausend Gulden? Peter. Das heißt, nicht baar — denn baar hat er höchstens zweihundert Gulden disponible. Davon werden die Spesen abgezogen und für den Rest bring' ich gangbare Waaren. — Baumwollene Strümpfe — Schwarzwalder Uhren — politirte Stieselzieher — englische Wichs — Mausfallen — Spielwaaren — Vogelhäuseln — Kaffeemühlen — Schlafhauben und andere Effecten, die man augenblicklich zu Geld macken kann, wenn man practisch ist. Mich, (ergreift wüthend einen Stuhl und stürzt zornig auf Peter). Ich schlagen Dich todtl r* 20 Peter (fick flüchtend). He — he — Freund Mischu! Für die Perceut küß ich d'Hand. Sev. Zum Teufel, was treibst Du, Mischu? Mich. (Peter mit dem Stuhle drohend). Ich bin jetzt ungarischer Stuhlrichter! Wart, Spitzbub! Sev. Damit ist mir nicht geholfen. Mich. O, besser gar nir Geld — als solltz' infames Geschäft. (Traurig ) Ach Pane — wir haben werden Unglück, viel Unglück — und Pane werden sein caput! Sev. Dummkops! Vielleicht sind viele Tausender für mich schon unterwegs. Peter (für fick). Vielleicht auch nicht! Sev. Aber laß' gut sein! Ich will alle meine kostspieligen Verbindungen lösen, mich einschränken und so bald als möglich mit Dir nach Hause reisen. Mich, (ihm freudig und gerührt den Rock küssend)- O Pane — Pane! Noch ist Polen nicht verloren! Fünfte Scene. Vorige. Leon. Sev. (ihm freudig entgegeneilend). Ah— Leon! Mich. (Leon unwillig zurusend). Pane studiert! Leon. Ich habe Frohmaun gesprochen. Die Gesandtschaft dringt aus deine Abreise — aber ich habe vorgeschützt, Du könntest aus Gesundheitsrücksichten gegenwärtig die Reise nicht antreten. Sev. O Dank, Dank, Freund! Ich wäre unglücklich, wenn ich das lustige Wien jetzt schon verlassen müßte. Mich, (traurig für fick). Er sein wieder der Alte, denn Teufel sein wieder da! Leon. Warum nicht gar Wien verlas« sen! Wenn ich nur ein Wort davon fallen ließe, gäbe es heute einen Weiberaufruhr im Sperl. (Indem er Severin unter den Arm nimmt.) Aber es ist Zeit, unseren Damen Fiaker zu senden. Es soll ein Fest werden, das seinesgleichen sucht, und König Fa- rao möge entscheiden, wer von uns Beiden die Kosten trägt. Sev. (indem sie abgehen). Einverstanden! Vielleicht bin ich endlich wieder einmal so glücklich, ein Günstling Seiner Majestät zu werden. Mich. Schöne Besserung daS! Satan von Landsmann! Heimtückischer Teufel! Aber Pane sehen nur Gesicht von Bruder — o Mischu sehen auch Gesicht von Judas. (Folgt Severin.) Sechste Scene. Peter (allein). Der ehrliche Mischu spielt auf den Heidengott Janus an.— Der hat auch zweierlei Gesichter gehabt — ein gutes und ein böses, ein kluges und ein dummes, je nachdem er's gebraucht hat. — O, es gibt auch unter den Menschen so manchen Janus mit doppeltem Gesichte. L i e d. ES hat hier auf Erden, zu läugnen ist's nicht, So Mancher, wie Jannö, ein doppeltes G'sicht. Wir nehmen zum Beispiel nen Amtmann, der hat Für d'gnädige Herrschaft ein G'sichterl ganz glatt, — Man sollt' darauf schwören, schaut man es so an, Daß sanft es nur lächeln und schmunzeln nur kann. Herr JanuS, Du zeigst da dein sanftes Gesicht, Doch zeig' auch das and're, sonst glaub' ich Dir nicht. In seinem Bureau ist's ein ganz anderer Mann, 2! Da schnaubet und schreit die Parteien er an, Das Goscherl wird da ein großmächtiges Maul, Und d'Nascn hebt er wie ein störrischer Gaul, Dabei ist er grob so wie Kotzen und Stroh, So wechselt das G'sicht im Salon und Bureau. Das eine G'sicht sieht so zuckersüß aus, Doch schaut aus dem andern der Büffel heraus. Die Hände gefaltet, die Augen verdreht, Hält Reden ein Mitglied der Humanität, Er spricht von der Liebe des Nächsten so süß, Denn nur d'Liebe des Nächsten führt in's Paradies, Wir Menschen sind Brüder, ruft zärtlich er aus, Und quetscht die saustdickesten Thränen heraus. Herr Janus, Dn zeigst dein humanes Gesicht, Doch zeig' auch das and're, sonst glaub' ich Dir nicht. Zu Hanl' sitzt fidel er bei Bräteln und Wein, Da tritt eine Witwe ganz schüchtern herein. Er hat ihr gelieh'n in den Zeiten der Noth Zu hundert Percent ein paar Gulden auf Brod. »Ihr zahlt'S nicht,« so schreit er, »ich kenne Euch schon, Doch morgen, Gesindel, kommt d'Erecn- tion! Das eine G'sicht schaut so brüderlich aus, Doch schaut ans dem andern ein Bluthund heraus. »3hr Stück ist ein Meisterwerk, Freundchen, auf Ehr,* So spricht zu 'nem Dichter ein Herr Sekretär, »Die Rollen brillant, d'Episoden sogar, Ich hab's mit Vergnügen gelesen für- wahr, — Dabei ist die Sprache so blühend und schön, Wir kennen das, weil wir Aesthetik versteh'n. * Herr Janus, Du zeigst dein ästhetisch Gesicht, Doch zeig' auch das andere, sonst glaub' ich Dir nicht. Doch kaum ist der Dichter zum Tempel hinaus, Zieht der Secretär seinen Rothstift heraus, Durchstreicht d'ganze Schönheit die Kreuz und die Quer, Als ob er der größte Herumstreicher wär'. So streicht er und setzt er, bis er voller Pracht Ein Stück mit dem blühendsten Unsinn gemacht. DaS eine Gesicht schaut ästhetisch zwar ans, Doch schaut aus oem andern ein Talapatsch 'raus. Ein Mann drauß' in Wälschland, als Redner bekannt, Red't strenge und ernst für sein Volk und sein Land. »Wir woll'n unser Recht nur! Wenn man es bedroht, Muß man es vertreten auf Leben und Tod. Die Welt schaut auf uns, d'rum geb'n wir nicht nach, Ein Rücktritt wär' feige, wär' Schande und Schmach.« Herr Janus, Du zeigst da ein wäl- lisches G'sicht, Doch zeig' auch das and're, sonst glaub' ich Dir nicht. Der Volksmann spricht eben so glühend und heiß Vom Widerstand auch noch im engeren Kreis, — Doch flüstert er heimlich, ganz heimlich, daß man 22 Auf d' Nachbarschaft draußen verlassen sich kann, Sie thun nur so friedlich, wir wiffen's ja eh', Und wer einmal A gesagt, der sagt auch B. Das eine Gesicht sieht so wällisch zwar aus — Doch schau'n aus dem andern d'Franzosen heraus. Es sagt ein Tiroler: »Der Kotzen ist schön Du kannst beim Lechleitner was Saub'rers nit seh'n. Und ich geb' den Kotzen umsonst Dir fast her, Du kannst mir es glauben, mich selbst kost't er mehr.« So plauscht er sehr pfiffig, bis daS G'schäftel gemacht, Und schlau er den Kotzen an'n Mann hat gebracht. Herr JanuS, Du zeigst da dein pfiffiges G'sicht, Doch zeig' auch das and're, sonst glaub' ich Dir nicht. »Wir haben da sakrische Fremde zu Haus, Gebt's Obacht, Ihr Leuteln, die beizen wir aus! Was in unserm Landel zu uns nit gehört, Das ganze Geschmas ist kcin'n Kreuzer nit werth. Wir leiden's nit mehr, daß die höllische Brut DieKüh und dieMilli verhexen uns thut.« Das eine Gesicht sieht so pfiffig zwar aus, Doch schaut aus dem andern der Trottel heraus. »Ichweiß es,« sagt pfiffig eingrundg'schcid- ter Mann, »Wie unsre Finanzen g'schwind regeln man kann, Ich habe schon lange entworfen den Plan, In wenigen Wochen wär' Alles gethan. Ein Kinderspiel wär' nur das Ganze für mich, Doch solch' ein Problem löst kein And'rer als ich.« Herr Janus, Du zeigst da dein kluges Gesicht, Doch zeig' auch daS and're, sonst glaub' ich Dir nicht. Am Schreibtisch, im heimlichen Zimmer versteckt, Da büffelt er an dem Finanzenproject, Er zählt an den Fingern, kratzt sich hinter n Ohr'n, Bald hat er ein paar Dutzend Ziffer verlor'«, Bald fehl'n ihm drei Nullen gar zu 'ner Million, Auf d'letzt macht er Plutzer mehr als 'ne Trillion! Das eine Gesicht sieht so superklug aus, Doch schaut aus dem andern der Gimpel heraus. (Ab durch die Mitte.) Verwandlung. (Zimmer mit Mittel- und Eeitenthüren.) Siebente Scene. Therese. Anna. Th er. (mit Anna eintretend). Na kram' aus, Nannerl! — Was hast denn in der Dorotheergaffen für G'schäft gemacht? Anna (gibt ihr Dersatzzettel und Geld) Da sein die Versatzzettel und's Geld. — Auf's Collier — Ring — Tazzen und Silberlöffeln Habens zweihundert Gulden geb'n. Th er. (wirft die Banknoten ans den Tisch). O Du mein — dps ist z'wenig! Was thn' ich mit dem bißl Geld? 'S wär vielleicht g'scheidter gewesen, wenn ich den ganzen Kram gleich zum Tandler g'schickt hatt'! Anna. Was Ihnen cinfallt! Wer wird denn so schöne Sachen verkaufen? Th er. O ich krieg schon wieder waö Neues — und was ich einmal versetzt Hab, lös' ich so nimmer aus; das ist so Hausbrauch bei mir. Anna. O mein Gott — Sie sein ein bißl leichtsinnig. Ther. Merkst das jetzt erst? Ich bin schon früher d'raufkommen. Anna. Sagen's mir nur, wozu Sie gar so viel Geld brauchen? Ther. Erstens muß ich der Köchin ihre fünfzig Gulden Kuchelgeld geben — denn wenn ich das heut nicht thu', hab'n wir den ganzen Monat nir z'effen. — Auf das denk' ich zuerst, weil ich eine sehr gute Wirtbin bin. Anna. Mir scheint! Ther. Zweitens muß ich meinen jungen Maler, der mir in's Herz gewachsen ist, incognito unterstützen. — Drittens muß ich Holz kaufen für die arme Schneiderfamilie im vierten Stock. Viertens darf ich meine Hausarmen nicht vergessen, sonst verliere ich den ganzen Credit bei ihnen. — Fünftens muß ich kleine alte Schulden zahlen, damit ich große neue machen kann — und sechstens muß ich einen noblen Verehrer von mir unterstützen, der in der Tint'n sitzt. Schau, so hat jeder Kreuzer seine Bestimmung, wenn man eine solide Buchhaltung führt. Das ist so Hausbrauch bei mir. Anna. Einen noblen Verehrer müffen's auch unterstützen? Ther. Ja — aber das muß ich fein und politisch anstelle» — denn er ist gar stolz und thut allweil so groß, als ob der Rothschild nur ein Bettelmann wär' im Vergleich zu dem. Anna. Aha — gewiß der Blaumantel vom Trattnethvf. Ther. Blanmantel vom Trattnerhof? Anna. D'Leut nennen ihn so, weil er im Trattnerhof wohnt, und früh und Abends immer im großen blauen Mantel auf dem Graben promenirt. Dem Verschwender gebet ich nir, wenn ich an Ihrer Stell' wär', gnädiges Fräulein. Ther. Ich schon, denn ich gehör' ja auch zu der Zunft. Wenn ich viel Geld hätt', ich verputzet noch mehr wie er. Er hat ja auch für mich verschwend't, und ich kann die Leut' die mir Freuden gemacht haben, nicht traurig seh'n. Anna. Alle Leut' können nicht so lustig sein, wie Sie — denn Sie sind schon ein bißl zu lustig, hat der Herr Professor gesagt. Ther. Der Herr Professor? Anna. Der vis-ä,-vi8 von uns wohnt. — Der alte Herr hat sehr stark den Kopf gebeutelt, wie ich zu Ihnen in Dienst gegangen bin. Ther. Den Kopf hat er gebeutelt? Anna. Sehr stark! (Zeigt es.) So hat er's gemacht — weil — weil — zuviel Visiten hier in's Haus kommen, hat er g'sagt. Tber. Das hat er g'sagt? — Schau! schau! Und ich wett', der alte Herr Professor machet mir selber gern a Visit. Anna. Ana— er ist ja schon sehr bejahrt. — Die Alten sein nicht zu fürchten, nur die Jungen. Ich bitt Sie gar schön, gnädiges Fräulein, geben's nur recht Abacht auf mich. Ther. 'S wär besser, wenn Du auf mich Obacht gäbst, Nannerl! Achte Scene. Vorige. Peter. Peter (eiligst). Neue Eroberungen? Alle Taschen voll Liebesbriefchen bring ich wieder an unsere reizende Jugend. (Therese die Hand küssend.) Wenn der Trinkgelder-Platz- regen noch eine kurze Zeit so anhält, macht mich der Bauer als Millionär selber zum Millionär. Ther. Gratulir! Peter (indem er mehrere Briefe aus der Rocktasche zieht und sie auf den Tisch wirft). Da sind Depeschen aus der Seufzer-Allee, Bettelbrief von Enthusiasten, die schon glückselig sind, wenn sie einen holden Blick oder einen adgehatschten Schuh zum Ab- schnatzeln erwischen — das ist nir für uns. (Zieht ein anderes Briefchen hervor.) Aber das hier find Depeschen aus Geldmienen und 24 Diamantengruben, die Ihr reizendes Köpfchen total ausbeuten kann, wenn es nur ein kleins bißl praktisch sein will. Th er. (neugierig auf die Briefe blickend). Aus welchem Feldlager sein denn die Depeschen? Peter. Aus dem Feldlager aller türkischen Ebräer in der Iägerzeil. — Das riecht man gleich an dem Moschus und Rosenöl, mit dem das ganze Papier durch- düstet ist. Th er. (reißt ihm die Briefe aus der Hand und wirft sie auf den Tisch). Marsch, in's Papierkörberl damit! — Ich kann dasKratzeln nicht leiden, und bin in Herzensprozeffen nicht für das schriftliche, sondern für das mündliche Verfahren. Peter. Practischer ist's schon. Th er. Uebrigens bist Du nur in Geldangelegenheiten mein G'schaftelhuber — in Herzensangelegenheiten bin ich schon selber.G'schaftelhuberin genug. Schau, daß Du mir g'schwind ein paar hundert Gulden austreibst, kost's, was's will — ich zahl' ein paar tausend Perccnt wegen meiner — und verpfänd' meine Gag', meine Bcnc- fice, meine Einrichtung — Alles, was ich Hab', sogar meine Person, wenn's sein muß. Peter. Ihre Person? Th er. Das heißt, ich laß' mich auch einsperren, wenn ich nicht zahlen kann. Mein Direktor löst mich schon auS. Peter. Brav! Ich hält'nicht geglaubt, daß Sie so praktisch sind. Neunte Scene. Vorige. Severin. Sev. (etwas aufgeregt ins Zimmer stürzend). Hahahaha! — Hätten Sie sich je gedacht, meine schöne Krones, daß ich Sic noch als Flüchtling um ein Asyl bitten würde! Th er. (ängstlich). Als Flüchtling? Ha- bcn's denn was ang'stellt? Sev. Stellen Sie sich vor — ich werfe mich in einen Fiaker — fahre zu Ihnen, um Sie zu benachrichtigen, daß mein Mischn Sie in einem Janschkiwagen znm Sperl abholen wird — Th er. Das war ja nicht nothwendig. — DcrTomaselli bringt mir ja einen Ianschki. Na weiter, weiter! Sev. Gewöhnlich pflege ich für jede Fahrt einen Ducaten zu zahlen — aber dießmal hatte ich die Caprice, den Fiaker nach der Taxe zu zahlen. — Der verdammte Kerl war nicht zufrieden, und wurde so impertinent, daß ich ihm ein paar tüchtige Ohrfeigen gab. Th er. Nur gleich! Perer. O weh! Unsere Fiaker sind nicht gewöhnt an polnische Ohrfeigen. Sev. Darauf ergreift der Kerl die Peitsche, und stürzt so wüthend ans mich los, daß ich es für das Vernünftigste hielt, mich aus dem Staube zu machen. Ther. Das war sehr politisch — denn unsre Fiaker gehören nicht zurlirrute-vvle«. Sev. Was ist aber jetzt zu thnn? Der Mensch steht noch vor dem Hansthor und schreit wie besessen. Ich fürchte, er erwartet mich, und dann — Ther. Dann kriegenS Schlag, da Hilst Ihnen kein Gott. Sev. Ich ermorde den Kerl, wenn er sich an mir vergreift! Ther. Na, na, das wär nir. 'S Ermorden ist in Wien verboten. Wartens — mir fallt was G'schcidtes ein. (Zu Peter und Anna.) Laust's zum Hausmeister hinunter und sagt's ihm, ich lass' ihn schön bitten, mir auf ein paar Minuten seinen Hut und Mantel z'leihn. Anna. Ja, ja, schwärzen wir den gnä- digen Herrn hinaus! (Eilt zur Mittelthür hinaus.) Peter (ihr folgend). Als Hausmeister, lieber die traut sich kein Fiaker! Zehnte Scene. Therese, Severin. Sev. Welch' ein Gedanke! Solche Maskerade — Ther. Was ift's denn weiter, wenn's auch einmal Komödie spielen. Profitirt haben's ja schon ein bißl von mir. Im Hausmeisterg'wandel Haschens durch mein Zimmer (auf die Thüre rechts deutend) über die zweite Stiege hinunter und zum Hinterthor hinaus, so gibt's wenigstens keinen Erceß. Sev. (blickt zum Fenster hinaus). Es ist richtig ein förmlicher Auflauf. — Der Kerl droht mit geballter Faust zum Fenster herauf. Ther. (seufzend). Das kost't mich wieder ein Resterl von meinem guten Ruf. Sev. (eilt zu ihr). Verzeihung, meine gute Krones. Ther. Ich muß viel dulden Ihretwegen, Sie schlimmer Herr — wcil's mich gar so crccntrisch protcgiren. — Man darf'S aber nicht gar so streng mit Ihnen nehmen. Die reichen Herren sind alle ein bißl übermüthig, weil's in ihrer Jngend zu viel verhätschelt werden. (Sondircnd.) — Sic muffen ja gar nicht wissen, wohin mit Ihrem vielen Geld? Sev. (lächelnd). Es gibt gefällige Leute, die mir schon den Weg zeigen, schöne The, rcse. Ther. Na, Sie verdienen reich zu sein, weils nicht auf Ihrem Geld sitzen, und eS unter d'Lcut kommen lassen. Ich bin akurat so ein leichter Vogel, und laß meine Kreuzer eben so fleißig springen, wie Sie Ihre Du raten. Mit dem Wirth- schaftcn thut's sich nicht recht bei mir. Ich nehm' mir oft vor, recht zu sparen — aber wie ich ein paar Gulden beisammen Hab, gleich hat's der Tenrcl geholt — das ist so Hansbrauch bei mir. Sev. (lachend). Das glaub' ich. Wir sind beide keine Oeconomen. Ther. Schaun's, ich Hab' heut alle meine Schulden gezahlt — alle meine Ausgaben für den ganzen Monat gedeckt — und doch bleiben mir noch zweihundert baare Gulden übrig von meiner Gag' und Lenesice. (Auf die Banknoten deutend, die auf dem Tische liegen.) Da liegen's — und wenn jetzt meine Hansjüdin kommt, zahl' ich ihr gemächlich die ganzen zweihundert Gulden fü? ein Schnupftüchel, wenn'S mich anschmieren will, — das ist so HauS- branch bei mir. Sev. Hahahaha — das steht Ihnen ähnlich! Ther. Ja, ich denk' nur von heut' auf morgen, und möcht' mir doch gern was zurücklegen für die Zeit der Noch, wenn die Jugend Abschied nimmt und das hohe Alter anruckt. — (Schüchtern.) O, wenn Sie wollten — könnten's ein sehr guteö Werk an mir thun! Sev. Nnn? Ther. (nimmt die Banknoten vom Tische und reicht sie chm). Wenn's mich ein bißl gern haben, so hcbcn'S mir die paar hundert Gulden ans bis zum hohen Alter. (Bittend die Hände faltend.) Bitt — bitt gar schön! Sev. Sic wollen mich zu Ihrem Bankier machen? — Nun, meinetwegen! Ther. (freudig herumspringend). Ach, das ist g'scheidt! Was ich für ein kluges Madl bin! Jetzt bab' ich einen Nothpfenning für's hohe Alter, — denn ich habe mein Vermögen auf Renten angelegt. Sev. (steckt das Geld ein). Und ich verbürge Ihnen gute Proccnte. Ther. Ich nehm's an — das heißt, wenn Sie mich nicht als Wucherin dennn- ciren. Sev. Hahahaha! Therese Krones als Wucherin! Das gäbe einen interessanten Prozeß! Ther. Ich glaub' selber nicht, daß ich ihn verlieren würd'. Apropos — (stolz) ich Hab' noch einige Fonds, die ich placi- 26 ren will, ll»it> darf doch heut' oder morgen auf Sie rechnen, Herr Bankier? Sev. Das versteht sich, meine liebenswürdige Capitalistin! Ther. Capitalistin, ja wohl! (Für fick.) Aber die Capitalistin weiß nicht, wo's morgen ihr Kuckelgeld auftreiben wird. Sev. Ich werde Ihnen über die mir anvertrauten Summen einen Empfangsschein ausstellen. Ther. Geh'ns weiter! (Herzlich.) Die Armen und Unglücklichen, die Sie mir zu Lieb' unterstützten, haben Ihnen auch keinen Empfangschein ausgestellt. Sev. (ihre Hand ergreifend). Si6 sind ein herzensgutes Mädchen. Ther. Wenigstens mit Ihnen mein' ich's herzensgut. Sagen's mir doch — blei- ben's noch lang in Wien? Sev. Was soll die Frage? Ther. Na — ich mein' halt — jeder Pole liebt sein Vaterland — und Sie sein ja auch ein Pol'! Sev. Wünschen Sie mich schon entfernt von Ihnen! Ther. Wenn auch nicht von mir, doch entfernt von andern Gesellschaften, die Ihren Leichtsinn benützen, und cs nicht so gut mit Ihnen meinen wie ich. Sev. Leider fürchte ich das selbst. Ther. Sie sind ein schwacher, aber kein böser Mensch — aber Sie könnten sehr leicht bös werden, wenn Sie sich drei garstige Leidenschaften nicht abgewöhnen. Sev. Sie meinen — Ther. Vor allen Ihre falsche Scham oder falschen Stolz, der's nicht erlaubt, daß Sie sich Ihren wahren Freunden au- vertrauen, wenn Sie etwas drückt. — Dann die furchtbare Leidenschaft für's Spiel — nnd nachher — nachher — Sev. Und nachher? — Ther. Und nachher Ihre Leidenschaft für d'saubern Madeln. Man kann ja die säubern Madeln gern hab'n — i ja, — dazu sein's ja da — aber nur nicht gleich ein ganzes Bataillon auf einmal. Sev. Wohlan — ich will das Bataillon reduciren bis auf einen Mann — und der sind Sie, mein kleine, lustige Hof- ineisterin. Ther. Mit mir ist's a nir. (Auf das Herz deutend.) Mein Kammer! ist an mein'n Maler vermiethet, nnd der Schlanke! zieht nicht mehr aus. Eilfte Scene. Vorige. Peter (mit einem alten Mantel und ganz zusammengedrücktenalten Hut), Anna. Peter. Da bringen wir den ganzen Hausmeister. Anna. Schaun's nur geschwind, daß Sie sortkommen, gnädiger Herr. Der Fiaker hat g'sagt, wann's nicht bald herunterkom- inen, wird er Sie holen. Sev. Wie? — Der Schurke könnte es »vagen — Ther. (hängt ihm schnell den Mantel um). Lassen s ihn geh'n! Der G'schcidterc gibt nach. Peter, (setzt ihm den Hut auf). Drückens den Ebapeanbas nnr fest über's Ohr, so können's als Cerberus ganz ungenirt paffircn. Sev. Diable — in diesem Auszug soll ich — Ther. Abfahren, ja, —das ist der beste Aufzug zu einem friedlichen Abzug! Hahaha! Jetzt schaun's g'rad so aus wie der Ignaz Schuster im »Neusonntagskind«. (Ihm den Hut richtend.) Nur ein bißl mehr auf d'Seiten den Hut, — keck und verwegen, als ob's g'rad drei Maß Heurigen gelad'rr hätten. Pst — ich hör schon stampfen aus der Stieg'tt — (Nimmt Severin unter den Arm und läuft mit ihm durch die rechte Seitenthür ab.) G'schwind fort, sonst gibt's neu Crawall! Peter (indem er ihnen folgt). Nur vor keiner Partei den Hut rucken, sonst verrathen Sie sich, gnädiger Herr. — Vor dem neuen 27 Jahr grüßt kein echter Hausmeister die Parteien. Zwölfte Scene. Anna. Gleich darauf Tomaselli. Anna. Das muß ein echter Dickschädel sein, der Fiaker! (Sie läuft zur Mittelthür. In dem Augenblick tritt Tomaselli in dieselbe.) Tom. (im Commandoton). Halt! ^on (M886! Anna (läuft erschrocken zurück). Ach mein Himmel! Tom. (richtet den Hut und tritt mit bekann- ter Imitation vor). Lsrvitour, mon potrt «anomer! Anna (ängstlich für sich.) O du mein — das ist gewiß ein Verrückter. Tom. (schmunzelnd, indem er sie durch'S Fernrohr firirt) Ein kleiner, ganz appetitlicher Cadet! Das wär ein delikates Kanonenfutter für mich! Anna (wie vorher). Wo muß denn der ausgekommen sein? Tom. Aus der Hasnergaffe auf St. Helena. — Wie heißt denn Du, mon potrt oanomor? Anna (schüchtern knixend). Nanncrl, zu dienen. Tom. So? IVla popito Nanuerl. — Du bist ein famoser Kerl! Anna, (verschämt) Ach gehn's! Tom. Dienst Du schon lang im Regiment? Kroncs? Anna. Erst ein paar Tag. Tom. Das merkt man, weil Du noch gar so schüchtern bist. Das gibt sich schon nach der ersten Kapitulation. Anna (für sich). Der red't mit mir, als ob ich ein Deutschmeister war. Tor». Du gefällst mir, ma petrto. Anna. Appetit Habens? Tom. Appetit? Our, ms petito! Willst Du eine alliavos rl'amour mit mir schließen? Anna. Das versteh' ich nicht. Tom. Verstell Dich nicht! Was Amour ist,versteht sogar eine Böbmin. — Parbleu, — ich mache Dich zur imperatrios, ma potite. Anna. Zu was wollen's mich machen? Tom. Zur Madame Bonapart. Ich muß für einen Erben sorgen, — denn die Welt könnte nicht glücklich sein, wenn sie keinen Bonaparr mehr hätt'. Anna (für sich). Mir wird angst und bang bei dem Menschen. Wenn ich nur Courage zum Davonlaufen hätt'! (Sie versucht davonzuschleichen.) Tom. Halt! (Richtet daS Perspectiv wie ein Gewehr auf sie.) Nicht desertiren, sonst druck' ich los! Anna (ängstlich bittend). Na — na — nickt drucken! 3ck desertir' nicht! Tom. Näher! Noch näher! Nock — noch — noch — noch — noch viel — viel näher! Anna (unwillig) Na, auf d'Nas'n kann ich Ihnen ja nicht steigen! Dreizehnte Scene. Vorige, Michael. Mich, (erscheint in der Mittelthür). Tom (den Mund spitzend) Jetzt gib mir das Friedensbnssi, ma petlt« Banner!! Anna. Könnt mir nicht cinsall'n! Tom. (mit dem Perspectiv auf sie zielend). Ein Buffi oder ich gcb' k'eu! Anna (ängstlich schreiend, indem sie sich duck,). Ah — zu Hilf! Zu Hilf! Mich, (sich zornig mit geballter Faust auf Tomaselli stürzend). Wart Du! Soldat von Poniatowski sein da! Tom. (sich ebenfalls erschrocken zusammen- duckend.) A Diable — mein Sergeant- Major. Mich, (zähneknirschend und ihm mit geball. ter Faust drohend). Sergeant-Major? Dn nir mehr foppen alter Soldat und nir mehr küssen Madel, Du falscher Bonapart! Anna (geht zu Michael). Thun's ihm nir, Herr Mischu! Mich. Möcht' ihm gern was thun — 28 aber kann ihm nir thnn der Misch», — weil er haben ganze Gesicht von kleine Korporal. — Aber nir mehr fürchten, schöne Mamsell! Der Mischu sein da und—noch ist Polen nicht verloren. Tom. (erhebt sich). Friede, mon 8er- Fsnnt-iVlsgor! Mich. Nir Friede mitfalschcn Bonapart! (Ingrimmig, indem er ihn ansieht.) O, wenn er mir nicht hält' ganze Gesicht von kleine Korporal! Anna. Sagen's mir doch, Herr Mischu, — wer ist denn der kuriose Herr? Mich. Nir — gar nir! Wurstel von Theater sein er. Terzett. Tomaselli. Nein, nein, ich bin der Bonapart, Das sieht ja jeder gleich. Mit Dir, o Jungfrau, fein nnd zart, Thcil Krone ich und Reich. Michael. Der Mischu sein kein Kind des Glücks, Sci'n arm ans Krdcn hier. Ein treues Herz — sonst Hot er nir, Das, Madel, schenkt er Dir! Tomaselli nnd Michael. Wähle, wähle, holdes Kind, Zwischen mir und ihm geschwind! Anna (zu Tomaselli). Was ein Franzose spricht Hierort, das glaub ich nicht. (Zu Michael.) Mich zieht's als Wienerin Eher nach Polen hin! / Tomaselli (in komischer Extase). 1 Venire 8Lin1-Ari8 I Mort äs ma vie! I Rache, Rache sei geschworen, / Zitt're, Feind, Du bist verloren! ^ Michael (in freudiger Extase). 2 ^ Heißa! Juhe! I Welch' eine Gande! I Bonaparte sein gefroren, V Noch ist Polen nicht verloren! Anna, Tom., Mich, (indem Anna und Michael auf Tomaselli und dieser auf Michael deutet). Hahaha, Dieser da Möcht gern so ganz allein Hier Hahn im Körberl sein. Aber da wird nichts d'raus, Lachet den Narren auö, Hahaha! Hahaha! Mit langer Nase da! Tomaselli: Ich bin der lust'ge Bonapart, Der große Lmpsrsur! Du herzig's Madel, fein und zart, Gib g'schwind ein Bussi her! Michael: Ich sein ein echt Soldatenblut, Aus Poniatowski's Heer. Mir schmecken auch der Bussi gut, D'rum gib mir g'schwind eins her! Tomas. und Mich, (zu Anna mit ge. spitztem Mund). Gib ein Busserl, holdes Kind, Einem von uns Beiden g'schwind! Alt na (zu Tomaselli). Ei, mein Herr Bonapart, Wischen Sie sich ab den Bart. (Zu Michael, indem sie ihn verschämt küßt). Wenn ich schon küssen muß, Kriegt der Kosak den Kuß. / Tomaselli (wie früher), i Ventrs 83 ,int-Ari 8 , t lVlort äs ruL vis! I Rache, Rache sei geschworen, I ) Zitt're, Feind, Du bist verloren! ? s Michael (wie früher). D I Heißa! Juhe! / Welch' ein Gaude! I Bonapartc sein gefroren, ^Noch ist Polen nicht verloren. Anna, Tomas. und Mich, (wie früher) Hahaha! Dieser da! rc. rc. (Anna läuft mit Michael Hand in Hand ab. — Tomaselli läuft wüthend nach, indem er 29 den Hut in die Stirne drückt und die Arme über die Brust kreuzt.) Verwandlung. Jlluminirter Garten. — Im Hintergründe der glänzend beleuchtete Gartensalon, zu dessen offener Doppelthür einige Stufen führen. Es ist Abend. Eine bunte Gesellschaft durchwogl den Salon. Vierzehnte Scene. Leon und Achill (treten aus dem Salon). Leon. Der Baum hat abgetragen. Es ist umsonst, ihn noch länger zu schütteln. Achill. 3ck habe die Lust dazu verloren — denn nichts ist langweiliger, als stets gegen ein zweideutiges Ehrenwort zu poin- tiren. Leon. O, mein armer Busenfreund steckt in einer traurigen Haut. — Ich correspon- dire mit seinem Bruder — er ist empört über die Conduite Severins, und hat geschworen, nichts für ihn zu thun, weil er das Vermögen der Familie nicht vergeuden lassen will. Achill. So steht's mit ihm? O weh, meine dreihundert Ducaten! Leon. Mache einen Strich durch die Rechnung, wie ich. Wie soll er Spielschulden zahlen, wenn er nicht einmal die sogenannten Bettel schulden tilgen kann. Kleine Geschäftsleute haben dem routiuir- ten Schwindler unbekümmert ihre ganze kleine Habe anvertraut. Jetzt, da ihn die Gesandtschaft zur Abreise drängt, muß man die armen Teufel warnen, damit sie sich wenigstens seiner Person versichern, wenn sie nicht ganz geprellt werden wollen. Achill. Er ist also wirklich ruinirt? 2a, dann ist es gerathen, sich von ihm zurückzuziehen. Wenn aber dennoch seine Ge- malin — Leon (lächelnd). O, der Hab' ich zu dem VerlusteeineS so l ch en Gcmals bereits meine Gratulation dargebracht, und jede Wiedervereinigung unmöglich gemacht.—Der stolze, übermüthige Aventurier darf nie wieder in seinen Familienkreis zurück. Achill. Aufrichtig, Leon — ich fürchte mich beinahe, dein Freund zu sein—denn deine Freundschaft hat einen wahrhaft diabolischen Charakter. Fünfzehnte Scene. Vorige.SeverinHenriette und Marie (führend, aus dem Salon). Henr. Nochmals meinen Dank! Die ganze Stadt beneidet mich um das allerliebste Collier. Marie. Und mich um das geschmackvolle Service, mit dem Sie mich an meinem Geburtstag überraschten. Sev. Beschämen Sie mich nicht, meine Damen! Die Erde trägt ja nur Gold und Diamanten in ihrem Schooß, damit wir sie der Schönheit opfern können. Leon. Hörst Du, Achill? Es ist auch unsere Pflicht, ein Scherflein auf den Altar der Liebesgöttin zu legen. Sie wechselnIhre Wohnungen, meine Damen. Sie werden mir daher erlauben, schöne Henriette — Ihnen zu einem neuen Meublement vierhundert Ducaten zurDispositicn zu stellen, die ich gestern im Ecartv von Severin gewonnen. Ser. (für sich). Verdammt! Achill (zu Marie). Und ich cedire Ihnen dreihundert Ducaten, die dieser unglückliche Pointeur auf die Coeurdame gegen mich verlor. Marie und Henr. (freudig). Himmel! So viel Ducaten! Henr. So reich sind wir in unserem ganzen Leben noch nicht gewesen! Leon. Mein galanter Severin wird sich beeilen, diese Cession zu honoriren, die wir so schönen Händen übertragen. Sev. (disgustirt). Diese Bemerkung hättest Du Dir ersparen können.—Dergleichen Bagatelle Hab' ich noch nie vergessen zu begleichen. 30 Sechzehnte Scene. Vorige. Therese, Tomaselli,Michael. Später Tänzer und Tänzerinnen, Herren und Damen. Th er. (tritt ein volles Champagner-GlaS in der Hand mit Tomaselli und Michael aus dem Salon). Das ist das letzte Glasel! Der Teurelswein macht mich noch alleweil lustiger, als ich eh' schon bin. Tom. (zu Severin). ^6 8U18 oontkvt mit dem Fest in Fontainebleau. Ther. (tritt zu Severin). Was ist denn mit Ihnen, Herr Blaumantel vom Tratt- nerbos? — Warum lassen denn Sie das Köpferl ans einmal so hängen? Tom. Er hat eine Schlacht verloren. König Farao hat ihn auf's Haupt geschlagen. Mich, (für sich). Pane studiert. Sev. Es ist nichts, liebe Therese. Ich bin nur ein wenig disgustirt. Ther. Wohlan, so leere ich dieß Glas auf bessere Laune, Herr Blaumantel vom Trattnerhof! (Eie leert das GlaS und schleudert es fort.) Aha — die schwarzen Grillen flattern fort, krobatiun 68t. Mich. Pane lächeln schon wieder! Tom. Bravo, Mariandel Zuckerkandel! O meine alte Garde schießt mit dem Pulver des Humors. Ser. (Theresens Hand ergreifend). Hätte England solche Aerzte, gab' es keinen einzigen Spleen mehr dort. Ther. Sie haben keinen Spleen — das muß eine ganz andere Krankheit sein — (sieht ihn lächelnd an) vielleicht das Heim- weh, armer Mann. Sev. (lachend). Bah! Die Krankheit heilen Karten, Wein und hübsche Mädchen. Ther. Hörcn's auf und fvppen's sich nicht selber, wie unser Korntheuer, wenn er Fliegen fangt. Wenn Sie sich auch im Kreise sideler Brüder und sauberer Madeln noch so glücklich fühlen — sein Sie's doch Nicht. Sev. Wer sagt Ihnen das? Ther. Eins meiner Lieder, das in Ihrem Herzen ein Echo finden muß. (Singt aus Aline.) Noch einmal die schöne Gegend Meiner Heimat möcht' ich seh'n. Noch einmal am heitern User Meiner Weichsel möcht' ich steh'n. Mich, (entzückt) Ah, unsere Weichsel — unsere Weichsel sein schönster Fluß! Ther. (leise zu Severin). Dort—jenseits der Weichsel sehnen sich ein verlassenes Weib nach ihrem Mann—verlass'ne Kmder nach ihrem Vater zurück. Sev. Wie? Sie wissen — Ther. Alles, Sie Flatterling — aber das ist ja nir Neues für mich. (Ihm in s Ohr.) Sie sind nicht der erste Ehemann, der sich bei mir für einen Junggesellen ausgegeben hat. (Leise Nationalmusik in der Ferne.) Sev. Was ist denn das? Mich, (enthusiastisch). Das sein polnische Musik. Ther. (indem sie die Hand auf SeverinS Schulter legt). Der Gruß der Heimat — (die Musik geht in eine lustige Tanzmusik über) und dort nahen die Boten, die ihn bringen. Mich, (wie vorher). Iuhe — Mazurka! Tom. pardleir — meine Lanzenreiter rücken an! Polnischer Tanz. (Bursche und Mädchen in polnischem Lostume tanzen aus dem Salon. — Herren und Damen erscheinen auf den Stufen desselben. Nach dem Tanze Gruppe um Severin.) Sev. (nach dem Tanze, entschlossen). Morgen reisen wir, Mischu! Ther. Brav! Mich. Hurrah! Noch ist Polen nicht verloren! Henr., Marie. Morgen schon? Leon. Hahaha! Wer weiß, wann dieser Morgen dämmern wird! Sev. Nein, nein, dießmal ist es Ernst, Leon. — Ich habe Pflichten, welche mich nach Hause rufen. Leon (hämisch). Und keine Pflichten, welche Dich hier fesseln? Sev. (auflodernd). Was soll das heißen? Leon. Das heißt— Sie werden und können jetzt Wien noch nicht verlassen, mein Herr. Sev. Warum nicht, mein Herr? Leon. Weil ich mich hier zum Bürgen Ihrer Ehre hergab. Sev. Seit wann bedarf meine Ehre eines Bürgen? Leon (mit erhobener Stimme). Seit dem Eaffa-Defect in Mohilow, Aventnrier! Sev. (will sich in äußerster Wuth auf ihn stürzen). Hölle und Teufel! Mich. Pane! » Ther. und die Andern! » ,., „ ^ Zugleich. (sich dazwischen werfend). Um s 1 Himmels willen! ) Tom. Bernadot — laß' mir den Kel- lermann in Ruh'! Ther. (besänftigend zu Severin, indem sie ihm die Wange streichelt) O — »Gib Dich zur Ruh', bewegt' Gemüth!« — Ich begreif' zwar nicht, was Ihr Herr Landsmann gegen Sie hat — aber das begreif' ich, daß er Sie nicht gar zärtlich liebt, und daß ich lieber gar keinen Landsmann mvckt', als solch' einen! Mich. Misch» auch nicht, Pane! Sev. (in sich versunken). Die Schlange zeigt mir endlich ihre Zähne, nachdem sie mich mit ihrem Gift betäubt. — Wo Hilfe finden gegen sic? Mich, (seine Hand küssend). Nicht traurig sein, Pane!— Aufgcben falsche Landsmann! Noch haben Pane gutes Weib, liebe Kinder — schönes Vaterland — und Mischu, braven Poniatowski-Soldat! O, Misch» nicht falsche Landsmann — Mischu gut, treu — geben sein Blut für Pane — o, noch ist Polen nicht verloren! (Musik. Gruppe.) Der Vorhang fällt. Ende des zweiten ActeS. Dritter Äct. Straße. — Rechts im Vordergründe daS Ge- sandtschaftS - Hotel. Vor dem Thore desselben ein Portier. — ES ist Winter. — Schnee be- deckt die Dächer der Häuser. Erste Scene. Blank und Kalb (kommen von der Seite rechts.) Blank. Nicht böse sein, alter Freund, daß ich Sie auf offener Straße absange. — Aber ich bedarf meiner Geldchatouille, die Sie mir bis jetzt so freundlich ausbewahrten. Kalb. Ei, was veranlaßt Sie denn, Ihren Schatz zu heben? Wahrscheinlich haben Sie wieder kleine Ersparnisse gemacht — Blank. Das nickt. Aber einer meiner ehemaligen Schüler, ein polnischer Gutsbesitzer, wünscht Obligationen anzukausen, und ich habe ihm versprochen, ihn mit allen Gattungen dieser Papiere bekau.'t zu machen. Kalb. Empfehlen Sie ihm Wedel. DaS ist ein sehr solides Wechselhaus. Blank. Ist ihm schon empfohlen. — Aber lasset» Sie uns eilen, Freund, mein Fiaker erwartet mich. Kalb (erstaunt). Was höre ich? Ihr Fiaker? Blank (lachend). Nicht wahr, ich bin ein Verschwender geworden? Kalb (indem sie ins letzte HauS links gehen). Es scheint beinahe. Der alte sparsame Professor Blank spendirt sich einen Fiaker! Entweder lebt er nicht mehr lange oder die Welt geht unter. 32 Zweite Scene. Severin und Fr oh in an» (treten aus dem Gesandtschafts-Hotel). Später Michael. Sev. (im blauen Radmantel, aufgeregt). Bei Gott, es ist zu arg! Ich werde in Petersburg um Genugthuung bitten. Frohm. (kalt). Nach Ihrem Belieben, mein Herr. Sev. Mich förmlich ausweisen lassen zu wollen, als ob ich ein Zigeuner oder Landstreicher war'! Frohm. Ihr Urlaub ist längst schon abgelausen — und wir haben den strengsten Befehl, Ihnen Ihre Pässe anszuliefern. Sev. Aber der Großfürst weiß ja, daß meine Gesundheit — Frohm. Nichts zu wünschen übrig läßt, sonst könnten Sie schwerlich alle Nächte Orgien feiern. Sev. Ich glaube, es macht der Gesandtschaft Ehre, wenn ihre Cavaliere — Frohm. Sich in Gesellschaften bewegen, die leider nicht die Ihrigen sind, mein Herr. Seien Sie auf Ihrer Hut! Nicht nur wir, auch Ihre Familie — ja sogar der Großfürst sind von Allem, was Sie hier thun und treiben, ganz genau unterrichtet. Sev. (bitter). O, ich weiß und kenne den Elenden, der über meine Lebensweise ein förmliches Tagebuch führt. Frohm. Ein Tagebuch, das Ihre Landsleute erröthen macht. Sev. Was hat man gegen mich? Man macht mir Verschwendung zum Vorwurf— aber ich stehe unter keiner Vormundschaft mehr und kann mit meinem Golde nach Gefallen schalten. Frohm. Mit Ihrem Golde allerdings. (Bedeutend.) Aber ich rathe Ihnen, einen Theil dieses Goldes, mit dem Sie prunken, zwischen heut und morgen für die Kreis- Cassa in Mohilow zu deponiren, um dort mit möglichst unbefleckter Ehre erscheinen zu können. Sev. (auflodernd). Mein Herr! Frohm. (kalt). Erwarten Sie mich heut mit Ihren Reisedocumenten, Herr von Ja- roszynski! (Indem er links im Hintergründe abgeht, begegnet er Michael.) Sev. (zähneknirschend, für sich). Tod und Hölle — das dulden zu müssen! Mich. (Frohmann den Rock küssend). Ah — schönen Morgen, Pane Secretari! Frohm. Du darfst packen. Misch». — Es ist Ernst geworden. (Geht ab.) Dritte Scene. Severin. Michael. Mich, (sich hinter den Ohren trabend). Packen? Was? Wir nir mehr haben zn packen, als uns selbst. Sev. Nun, welche Antwort bringst Du mir von Doctor Geier? Mich. Welche Antwort? — (Den Kopf schüttelnd.) O, Mischu nir sagen Antwort. Mischu will nir Prügel von Pane. Sev. War er etwa unverschämt? Mich. O nir — nir! Sev. Also artig? Mich. O — noch mehr nir! Sev. Will er mir keinen Credit gebend Mich. Advocaten nir geben — nehmen bloß. Sev. Verdammte Situation! Mich. O Pane — falsche Landsmann Hetzen Alles gegen uns. — Nutzt nir mehr, wenn auch Mischu sagt: Pane studiert. Sev. Du bist und bleibst ein Einfaltspinsel! Mit ein wenig Witz würdest Du diese Leute sicher beruhigen können — aber alle meine Mühe ist umsonst, Dich anszn- bilden. Mich. O nein, Pane! Lügen kann Mischu schon! Mischu hat's schon gelernt von Pane. Vierte Scene. Vorige. Peter. Peter (indem er aus dem Hintergründe rechts kommt und nach den Nummern der Hau- ser sieht). Auch nir! Da lauf ich schon dkl« 33 ganzen Morgen wie närrisch herum, um Nr. 233 zu finden. - Nr. 232 Hab' ich richtig gesunden. Aber gleich neben Nr. 232 ist Nr. 899 und neben 899 Nr. 34, und neben Nr. 34 Nr. 1861 — da kenn' sich der Teurl aus! — Die Wiener Haus- nummerirung muß ein äußerst praktischer Mathematiker austipfelt haben. Mich. Ah! Der Peter! Peter (zu ihm eilend). Servus, Mischu, Servus! (Zu Severin.) Schamster Diener, Euer Gnaden! Mir hat in der Früh das linke Aug' gebissen, da Hab' ich mir gleich gedacht, daß ich heut noch was Liebes sehen werd'! Mich. Halt's Maul! Pane sein nir Liebes! Peter. O doch — (zu Severin) und Mancher gäb' was d'rum, wenn er jetzt an meiner Stell' wär', — denn Euer Gnaden hab'n sich sehr rar gemacht seit einiger Zeit — studieren lieber auf der Gass'n statt zu Hausi, und das find' ich in Ihren Verhältnissen sehr praktisch, gnädiger Herr. Sev. In meinen Verhältnissen? Peter. Za, denn diese Verhältnisse sind so delikat, daß ich mir ein Busserl geben könnt', weil ich gar so praktisch gewesen bin! Mich, (ihm mit der Faust drohend). Ich werd' Dir auch Bussel geben — praktisches Bnffel! Peter. Das ist kein praktisches, das ist ein theoretisches Bussel, das Du meinst — (Sich umsehend.) Aber Himmel- tausendsapperment, wo ist Nr. 233? — Kann mir denn kein Sterblicher sagen, wo Nr. 233 ist? Mich. Auf Judenplatz. Peter. Auf m Judenplatz? A, Bravo! Einen Russen muß also ein geborner Wiener fragen, wenn er eine Wiener Hausnummer sucht? Schamster Diener! Mich. Ist Haus, wo Doctor Geier logirt. Peter. Ganz recht—das ist der Freund Ouästioris (bedeutend, Severin zu Gehör), dem ich ein sehr verhängnißvolles Brieferl ltz«at«»«»p«Notk Nr. »7. von einem gewissen Herrn von MorawSki zu überbringen Hab'. Sev. (der vor sich hinbrütete, aufmerksam). Von Morawski? Peter. Er will sich vom Geier ein Zeiserl abfangen lassen, denn der edle Herr von Morawski macht gegenwärtig kleine Wechselgeschäftchen mit dem Juden Aaron — versteht sich bloß zu seinem Privatvergnügen. Wenn ich nicht irre, hat er die Passion, dem schwarzen Hotel in der Sterngaffe einen neuen Kostgänger zuzuführen, dem er mit Alimenten von sechs Gulden Wiener Währung wöchentlich eine ganz komfortable Existenz zu gründen gedenkt. Sev. (brüsk). Was kümmert das uns, Bursche? Mich. Halt's Maul, Mops! Peter. Mops? Sev. Der Pfuscher, der Dich zum Com- missionär gemacht, hat sich im Stoff vergriffen, und statt der Verschwiegenheit des Vertrauten die Geschwätzigkeit eines alten Weibes erwischt. (Dumpf für sich. in. dem er einige Schritte auf- und abgeht). Es wäre an der Zeit, mit der Hölle einen Vertrag zu schließen, um mich aus dieser schmachvollen Lage zu befreien. — Schütze mich gegen Hohn und Verachtung, und ich gelobe Dir ein Verbrechen, Satan! Mich, (mit Theilnahme). O — nicht Kopf hängen. Pane! Sev. (plötzlich entschlossen den Ton ändernd). Nein, froh erheben wollen wir ihn, mein braver Mischu, denn wir kehren zum Ufer unserer schönen Weichsel zurück! Mich, (freudig). O Weichsel — schöne Weichsel! Sev. (zu Peter). Sage Allen — auch dem Doctor Geier, daß ich morgen mit Tagesanbruch Wien verlasse. Peter (erstaunt). Das soll ich dem Doctor Geier sagen? Ist denn das auch praktisch, Euer Gnaden? Mich, (bedenklich). Morgen schon? Nicht möglich, Pane! 3 34 Sev. Du wirst es möglich machen, Bursche! — Wer irgend eine Forderung an uns hat, muß heute noch befriedigt werden. An Geld fehlt es uns nicht — denn der Verwalter meiner Guter hat mir endlich einige tausend Ducaten gesandt. Mich, (freudig). Juchhe! Peter. O — das ist ein sehr praktischer Verwalter. Sev. Ja wohl, denn er hat mich mit dem edlen Metall versorgt, aus dem man für den geifernden Mund der Verleumdung das Papagenoschloß schmiedet. Fort! Treffe alle Vorbereitungen zur Abreise, Mischu! Mich. Juchhe! Wir haben wieder Geld! Noch ist Polen nicht verloren! (Läuft ab im Hintergründe links.) Peter (für sich, indem er ihm folgt). Jetzt hätt' ich einen Riß machen können, wenn ich nicht ein zu praktischer Esel gewesen wär'! Fünfte Scene. Severin (allein). Später Blank. Zuletzt Leon. Sev. (nach einer Pause schwer aufathmend und mit gedämpfter Stimme). Ah — ich habe den Versucher gerufen, und siehe da, er kam. Ich muß ihm folgen, wenn ich nicht mit gesenktem Haupte Wien verlassen und wie ein Knabe, der die Ruthe fürchtet, mich nach Hause schleichen will. — Nein, nein, Morawski soll nicht triumphiren! — Professor Blank erwartet mich Punkt zwölf Uhr in seiner einsamen und entfernt gelegenen Wohnung. — Ich will mich meinem altert Lehrer anveitrau'n, ihn bitten, mich vor ihm demüthigen — und wenn er dennoch unerbittlich bliebe — dann — dann Tod und Hölle, ich will lieber den Abscheu der ganzen Welt, als den Spott und Hohn der Gesellschaft dulden! (Er wendet sich gegen den Hintergrund links, bleibt aber wie festge- bannt auf der Stelle, als erBlonk'S Stimme hört.) Blank (im Innern des HauleS). Bleibt, bleibt, meine Freunde! Es ist kalt, denn der Februar ist Heuer ein rauher Geselle. (Tritt mit einem Kästchen unter dem Arm a»S dem Hause und lachend zu Severin, als er diesen erblickt.) Ah — lupu8 in kadulu! Ich habe so eben an Sie gedacht, mem lieber Severin! Sev. Nur gedacht, Herr Professor? Blank. O mehr noch (auf das Kästchen deutend) wie ÜSiira zeigt. — Seh'n Sie, Freund, in diesem kleinen Kästchen ruht die Frucht, an welcher ich ein halbes Jahrhundert gesammelt.— Ich habe mein kleines Vermögen im Schweiße meines Angesichts redlich und ehrlich verdient — darum bin ich stolz auf meinen Schatz, denn der Segen Gottes ruht auf ihm. Sev. (für sich). Mir ist's, als ob mein Blut zu siedender Lava würde! Leon (tritt aus dem GesandtscbastShotel und bleibt unter der Thür stehen, als er Severin und Blank erblickt). Blank. Man nennt mich geizig und ich bin es auch ein wenig. Ich schwelge ja wie jeder Geizhals im Anblick meiner Schätze. Aber ich schwelge in keinem unerlaubten Genuß — denn ich denke an die Freude meiner Armen, die mich einst beerben werden, wenn der Herr mich zu sich ruft. O, dieses kleine Kästchen wird mir eine heitere Todesstunde machen! Sev. (zerstreut). Heute Punkt zwölf Uhr, Herr Professor — Blank. Erwarte ich Sie, wie wir verabredet. — Aber Sie könnten ja gleich mit mir fahren, lieber Severin. Sev. (schnell). Nein — nein! Es thut mir leid, Herr Professor — aber ein Aviso ruft mich noch früher auf die Post. Wahrscheinlich sind Credit- oder Geldbriefe ein- gctroffen. Blank, (gutmüthig). Ah — da müssen wir ja heute noch die bessere Haushaltung berathen, — denn in Ihrer Hand ist baa- res Geld ein scharfes Messer in der Hand des Kindes. Das geht mich eigentlich nichts an — aber Sie müssen einem alten Mann schon verzeihen, wenn er mcht nur 35 wie der Lehrer zum Schüler — sondern auch wie der Vater zum Sohne zuweilen spricht. Leon (zuckt lächelnd die Achsel und entfernt sich rechts im Hintergründe). Sev. O, thun Sie das! Doch wenn der Sohn sich Ihnen mit Leib und Seele anvertraut, dann darf der Vater kein zu strenger Richter sein! Blank (gutmüthig scherzend, indem sie ebenfalls zur rechten Seite im Hintergründe abgehen). O gewiß nicht! Sie haben ja mein menschenfreundliches Herz als Anwalt, und der Jurist ist nie zu furchten, lieber Severin! Verwandlung. (Bedientenzimmer mit Mittel- und Seitenthür) Sechste Scene. Michael. Anna. Anna (indem sie durch die Mittelthür ein- treten). Wenn der gnädige Herr nicht zu Haus' ist, Herr Mischu — müfsen's schon erlauben, daß ich ein bißl wart' auf ihn da im Bedientenzimmer bei Ihnen. Mich, (sehr freundlich). Nix bissel, tausend Jahr', schöne Mamsell! Anna. Oho — das wär' doch z'lang. Mich, (bietet ihr einen Stuhl). Wollen nicht Platz nehmen, schöne Mamsell? Anna. Na, na — ich dank' recht schön! Mich, (reicht ihr eine Etrohflasche). Kann Mischu aufwarten mit polnische Frühstück? Anna. WaS ist denn das? Mich, (schmunzelnd). Wutki. Anna. Wutki? (Riecht an der Flasche und gibt sie schnell zurück.) O st, das ist ja Branntwein! Mich. Wutki — feine, sehr feine Wutki! Das sein polnischer Kaffee! Anna. Essens auch Gugelhupfzu dem Kaffee? Mich. O ja! Speck mit Pfeffer und Zwiebel. Anna. O pfui Teurel, pfui Teurel! Mich. Fein, sehr fein! Anna. Trinkt Ihr Pane das Zeugs auch? Mich. Nicht immer! Pane trinken nur Wutki, wenn Pane studiert. Anna. Und er studiert fleißig jetzt. — ApropoS—da bring ich ein Brieferl an ihn von meinem Fräulein. Mich, (nimmt den Brief). Mischu werden bestellen an Pane. Anna. Aber geben's Obacht, daß Sie's nicht verlieren. 'S ist Geld drin — a Banknoten wie ein Schnupftüchel groß. Mich. Geld? Fräulein Krones schicken Pane Geld? Anna. Na freilich. — Er ist ja Ihre Sparbüchs'n. Mich, (lachend). Pane Sparbüchs'n? Anna. Weil er ihr das Geld aufhebt, das sie erspart. Mich, (wie vorher). Pane heben Geld auf? O — das sein gut aufgehoben! Anna (ebenso). Wir wissen's eh'! Aber vor Ihnen brauchen wir kein Geheimniß zu haben. — Mein Fräulein macht fleißig Schulden für Ihren Pane, weil der arme Herr nothwendig ein Geld zum Verputze» braucht. Mich, (vergnügt). Hat schon — hat schon! Bruder uns geschickt viele tausend Ducaten. Hent' noch alle Schulden zahle»» und rnorgen in aller Früh fort. Anna (erschrocken). Er reist fort? Und Sie — Sie auch? Mich. Auch! Pane nie ohne Mischu und Mischu nie ohne Pane! Anna. A — das ist mir sehr leid — sehr! Mich. Mir auch leid —nicht um Wien, aber um eine gewisse schöne Mamsell. Anna. Mir nicht um Pane — aber um einen gewissen Mischu. Mich. So? — Um einen gewissen Mischu? Anna. Den alle Leut' gern haben, weil 3 * 36 er so ein treuer Diener und so ein braver ehrlicher herzensguter Mensch ist. Mich. Ihn alle Leut gern haben? Schöne Mamsell auch? , Anna. Noch mehr als alle Andern. Mich. O — das glauben Mischu nicht! Misch» sein armer Teufel — Mischu kann gar nicht gefallen schöne Mamsell — weil er haben so großen garstigen Bart. Anna (schnell). Grad der Bart gefallt mir! Der steht Ihnen famos! Mich, (aufjauchzend). Juche! Habe ich nicht gesagt? O, noch ist Polen nicht verloren! Anna, (weinerlich). Aber für mich ist Polen verloren, wenn's sortreisen. Mich. O, Potz Poniatowski! Mir scheinen, schöne Mamsell ist verliebt in Mischu? Anna. Und wie verliebt! Ich Hab' gar nicht geglaubt, daß ich mich so verlieben kann. DaS Hab ich gewiß bei meinem Fraulein gelernt. Mich. O, schab', sehr schad' jetzt, daß Mischu fort muß. Anna. Der Mischu muß ja nicht, wenn der Mischu nicht will. — Hat mich der Mischu auch ein bißl gern? Mich, (leidenschaftlich). O, mehr als Pane — mehr als Weichsel — mehr als Wutki — mehr als Alles! Anna. Na, so bleiben's da! Mich, (den Kopf schüttelnd). Geht nicht! Mischu kann Pane nicht verlassen, wenn Pane Mischu nicht verläßt! Anna (ärgerlich). Wann's heiraten, krie- gen's ja einen andern Pane! Eine junge, saubere Frau wird Ihr Pane sein. Mich. Wär' schon recht, schöne Mamsell, aber — Anna. Nennen's mich nicht immer schöne Mamsell. Nannerl heiß ich — und wenn Ihnen Nannerl allein zu trocken ist, so können's ja lieb's Nannerl sagen. Mich. Lieb's Nannerl — hehehehe! Anna. Und ich wert)' lieber Mischu sagen — das heißt, wenn's da bleiben, lieber Mischu. Mich. Lieber Mischu bleiben nicht da — aber kommen bald zurück. Er haben erspart ein paar hundert Rubeln — nehmen sein Geld und Abschied von Haus' — und dann holen sich lieber Mischu lieb's Nannerl von Wien. Anna. Wenn's derweil nicht schon ein Anderer geholt hat, denn affecurirt bin ich nicht. Mich. Ein Anderer? (Die Faust ballend.) Falsche Lumperl vielleicht?— Anna. Na, na, ich will nir Falsches, weil ich was Echtes gefunden Hab'. Fürchtens Ihnen nicht! Ich bleib Ihnen ewig treu, wenn'S nicht gar zu lang ausbleiben! Mich. O, Mischu kommen bald zu sein kleine Pane Nannerl — (Die Arme ausbrei- tend) und wenn er zum Willkomm Arm ausspreizt wie Flügel von Windmühl — Anna (m seine Arme stürzend). Dann zieht d'Nannerl ein in d'Windmühl und wird Poniatowski-Kosakin! M i ch. (fie jubelnd an sich drückend). 3uchhe! Noch ist Polen nicht verloren! Anna. Mein lieber guter Mischu! Jetzt krieg' ich einen Mann und noch dazu einen Ertramann! Mich. Und ich Weib —schönes Frauenzimmer und noch dazu Ertraz immer! (Küßt fie wiederholt.) O, solch ein Kuß schmecken gut — viel gut — noch guter als Wutki! Anna. Aber hören'ö mir aus! Ihr Bart kitzelt. Mich. Muß weg Bart! Anna. Na, na! Ich werd' mich schon nach und nach an's Kitzeln g'wöhnen. Siebente Scene. Vorige. Therese. Th er. (noch hinter der Scene). Mischu! Mischu! Mein Himmel, ist denn gar kein Mensch da? Anna (eilt zur Mittelthür). DaS ist ja mein Fräulein! 37 Misch, (ebenso, rufend). Mischu sein hier — Mischu hier! Th er. (tritt erschöpft und aufgeregt ein). Ach Leut — mir ist nicht gut — gebt's mir nur geschwind ein Glas Wasser! Anna. Gleich, gleich, mein gutes Frau lein! (Eilt zur Mittelthür hinaus und kommt gleich darauf mit einem GlaS Wasser zurück.) Mich. Wasser nix gut — (bietet Therese seine Flasche). Wutki guter — fein, sehr fein Wutki! Th er. Gehn's weiter mit Ihrem Wutki Anna (reicht ihr daS GlaS). Um s Him- melswillen — was ist denn g'schehn? Ther. (trinkt ein wenig Wasser). Ach ein Unglück, ein entsetzliches Unglück! In der Iohannesgasse steh'n viele tausend Men scheu. Der alte Professor Blank ist heut' am Hellen lichten Tag in seiner Wohnung aus geraubt und ermordet worden! Anna (entsetzt). Barmherziger Gott, unser Wohlthäter! Mich, (ebenso). Alter Lehrer von Pane! Ther. Ja, ja, sein alter Lehrer, den er so verehrt und liebt. Anna (schmerzlich). O mein Gott und Herr! Dieser alte ehrwürdige Mann, der kein Kind beleidigte, und allen Armen so viel Gutes that, mußte solch' ein Ende nehmen? Ach, kein wildes Thier ist so grausam als der Mensch! Ther. Das Scheusal wird der gerechten Strafe nicht entgeh'n! Mich, (am Fenster). Pst! Pane kommen zu Haus. — Ther. Wenn er noch nir weiß, so sagt's ihm nir. — Wir müssen vorsichtig sein! Bei einem leidenschaftlichen Menschen wie er darf man nicht mit, einer Hiobspost so herausrumpeln. (Alle Drei ziehen sich etwas zur Seite.) Zugleich. Achte Scene. Vorige. Severin. Sev. (tritt, ohne die Anwesenden zu bemerken, aufgeregt, tief in seinen Mantel gewickelt, mit todesblassem Antlitz und vor sich hinstarrend, durch die Mittelthür ein. Indem er in den Vordergrund geht, spricht er dumpf für sich). Er war ein Greis, der schon mit einem Fuß im Grabe stand. — Die paar geraubten Lebenslage sind nicht mehr als Heller, die man einem Crösus nimmt. Und doch hat dieser armselige Raub einen Skorpion zu meinem Herzen gelockt — jenen nagenden Wurm, den man Gewissen nennt. Ther. (leise zu Michael und Anna). Schaut's nur, wie blaß er ist! — Der arme Mann weiß schon Alles! Mich. Arme Pane! Sev. (die Hand krampfhaft auf'S Herz gepreßt). Fort — fort. Skorpion! — Es war einTraum! Ein Mann, der im Schooße des Ueberfluffes geboren und in der Wiege des Glücks geschaukelt wurde, kann solche schwarze That nur träumen! (Schaudernd auf seine Hand blickend.) Nein — nein — kein Traum! Der kleine Purpurfleck auf meiner rechten Hand ist Bürge für die grausenvolle Wahrheit! Mich, (sich ihm mit Theilnahme nähernd). Pane — guter Pane! Sev. (heftig erschrocken zusammenfahrend)' Ha — was? Du wagst es mich zu behorchen. Elender! Ther. (tritt ebenfalls zu ihm und sucht einen scherzhaften Ton anzuschlagen). Na — na, nur nicht gleich wieder jach sein! Was ist's denn weiter? — Wcnn's Horchen verboten ist, müffen's uns alle Drei beim Schopf nehmen. Da ist der meinige. Sev. Therese! Ther. (ihm sanft die Wange streichelnd). Armer Herr, — wie blaß Sie sind! Aber cs macht Ihnen alle Ehre, daß Sie sich das furchtbare Unglück Ihres alten Lehrers so zu Herzen nehmen. Sev. (für sich» nach Fassung suchend). Man weiß bereits — Ther. Und doch dauert mich der schlechte Mensch noch mehr als sein Opfer, — denn Lied: 38 der alte Mann tpird ruhiger schlafen, als das Ungeheuer. Anna. Gott wird ihn strafen. der so vielen Armen einen Freund und Wohl- thätcr nahm. Ther. (geheimnißvoll). Halb und halb ist man ihm schon aus der Spur. Alle. Ans der Spur? Ther. Der alte Professor hat ein Ver- zeichniß der Nummern seiner Obligationen zurückgelaffen — und die sollen heut beim Bankier Wedl und Juwelier Swoboda verkauft worden sein. Sev. (für sich). Verdammt! Mit Tagesanbruch morgen fort! Ther. (zu ihm). O man erwischt ihn gewiß! Wenigstens die Freud' werden's haben. Sev. (sich gewaltsam auS der Situation reißend und zur Fassung zwingend). Genug von diesem Trauerspiel, das meinem Frohsinn eine ganze Stunde raubt. — Laßt' dem Grabe seinen Frieden und dem Leben seine Freuden! (Wirst Michael ein Packet Banknoten zu.) Da ist Blut für unsere Vampyre, Mischu! Zahle alle und sorge für ein lustiges AbschiedS-Diner! Mich. O Geld — viel Geld! Ther. (sieht Severin freundlich an) Jst's wahr? Sev. Wahr, und darum will ich heut' nur frohe Menschen sch'u. — Am letzten Tag in Wien soll meine Sonne heiter untergeh'n! Ther. Na, wir werden's nicht trüben — und ich schon gar nicht, denn ich freu' mich immer herzlich, wenn so ein lustiger Herr, der schon ein bißl stark über d'Schnur gehaut hat, wieder ein wack'rer Ehmann und Vater wird. — Das kranke Zeiserl ist gesund geworden — und wenn's zu Haus' wieder recitiv werden will, soll'S sich nur an mein Abschiedslied erinnern. Therese: Wenn sein Weiber! und sein Nest S'Zeiserl in der Früh verläßt, Denkt der Schelm nicht an daheim, Und springt lustig auf den Leim, Merkt der lose Schlanke! dann, Daß er nicht mehr flattern kann, Denkt er mit betrübtem Blick An'S verlor'ne Glück zurück! D'rum, Zeiserl, gib Acht Bei Tag und bei Nacht, Daß d'zn bunt es nicht treibst, Und im Nester! schön bleibst. O Zeiserl, lieb's Zeiserl, gib endlich a Ruh. — Hast g flattert, Du Schlankel, hast g'flattert schon g'nu! Ther. Mich. Anna. O Zeiserl, lieb's Zeiserl, gib endlich a Ruh, — Hast g'flattert, Du Schlankel, hast g'flattert schon g'nu! Therese: 'S Zeiserl hat nicht nur a Werk, A zu seinem Zeitvertreib. Ein paar Junge, die schon klein Schlankel wie der Vater sein. Doch daS Zeiserl leid's nicht z'Haus', Flattert gern auf'S Schnäbeln ans, Bis seirr Köpferl cs anrennt, Und das Schnaberl sich verbrennt. D'rum. Zeiserl, gib Acht Bei Tag und bei Nacht, Daß d'zu bunt es nicht treibst, Und im Nesterl schön bleibst. O Zeiserl, lieb's Zeiserl, gib endlich a Ruh, — Hast g'flattert, Du Schlankel, hast g'flattert schon g'nu! Ther. Mich. Anna. O Zeiserl, lieb'S Zeiserl, gib re. re. re. (Alle durch die Mittelthür ab.) 39 Verwandlung. Großer Borsaal. der durch eine Wand mit einer großen GlaSthür vom Gesellschaftssaal geschieden ist. Im GesellschastSsaal zu beiden Seilen Blumenvasen. Im Hintergründe eine gedeckte Tafel. Im Borsaale zu beiden Seiten Säulengänge. Sowohl im Bor- als GesellschaftS- saal wird der Haupteingang rechts angenommen. Nennte Scene. Henriette und Marie, von Tomaselli (in der Maüke geführt, treten von rechts in den Borsaal.) Henr. Mar. Also ein AbschiedS-Diner? Tom. Oui, Hls>ä6moi86ll6s! — Es ist ein pour^umuiZ aus einem lustigen Bivouac, zu dem Sie eingeladen sind — ich nicht. Aber der Donapart braucht gar nicht eingeladen zu werden — der muß doch überall dabei sein! Henr. S'ist merkwürdig, daß man Sie noch nicht aufgehoben und in einen Narren- thnrm gesteckt hat. Marie. Mich wundert's auch, — denn ein Mensch mit der fixen Idee ist gefährlich. Tom. Oommsut? Ich bin ja ein seelenguter Bonapart. — Man soll froh sein, wenn kein And'rer kommt. Henr. Uebrigens gefallen Sie mir als lustiger Tomaselli viel besser. Marie. O, mir auch, — denn als To» maselli ist er ein sehr liebenswürdiger junger Mann! Tom. (steckt schnell den Hut in die Tasche und spricht im lustigen Wiener-Jargon). Da steck' ich den Bonapart in Sack, und will g'schwind der lustige Nazi sein! Hen. Marie. So ist's recht! Zehnte Scene. Vorige. Michael, Peter und Anna (treten mit Champagnerflaschen, Gläsern, Torten u. s. w. von der Seite rechts in den Gesellschaftssaal und arrangiren die Tafel). Anna. Damit's g'schwinder geht, helf ich Ihnen, meine Herren. — Der gnädige Herr und mein Fräulein werden gleich da sein. Mich, (seufzend). Gott sei Dank — letzte Gesellschaft. Hast Du Paß für uns, Peter? Peter (gibt chm Papiere). Da ist er! Der Herr Secretär läßt sich deinem Pane schön empfehlen, und ihm eine glückliche Reise wünschen. Marie (Michael zurufend). Wird auch g'spielt werden heut? Mich, (rtitt mit Anna und Peter in den Vorsaal).' Mit Karten spielen nix mehr! (Schläge andeutend.) Aber mit Plump sack vielleicht. Marie. Sein's so gut! Henr. Wie kannst denn fragen? Freilich wird gespielt werden, denn er muß wieder in üoridus sein, sonst hätt' er unS gewiß henr' unsere Ducaten nicht geschickt. Peter. O, meine Damen, was ist dieser Herr von Iaroszynski für ein edler, großmüthiger Herr! — Aber ich habe von jeher so viel Vertrauen zu ihm gehabt, daß ,ch meinen Rock für ihn hergegeben hätt'! Mich, (für sich). O Spitzbub'! Peter. Blutige Thränen vergießen könnt' ich um die gute Kundschaft! Fräulein Krones nennt ihn zwar ein Zeiserl — aber er ist ein Zeiserl, dem man die Flügel stutzen sollt, damit's uns nicht davonfliegen kann. Anna. 'S Zeiserl soll fliegen — (auf Michael deutend) wenn ich nur meinem Nußknacker da die Flügel stutzen könnt'! Peter. Ihrem Nußknacker? — Mir scheint gar, Sie sein verliebt in den Kosaken? Anna (stark seufzend). Na, und wie! Henr. , Marie. Ein kurioser Geschmack! Peter. Aber Nanncrl — das ist ja gar nicht praktisch! Mich. O — o — sehr practisch! (Sich eitel den Bart streichelnd.) Mischu sein sau- b'rcr Bursch! Tom. (setzt seinen Hut auf, kreuzt die 40 Arme, stellt sich vor Michael, strikt ihn und sagt verächtlich). Mameluk! O ü äono! Mich. Wart, falsche Bonapart! (Will ihn packen.) Jetzt gibt's Schlacht bei Aspern! Alle. Still — still — der gnädige Herr. Eilste Scene. Vorige. Severin und Therese (treten von der rechten Seite in den GesellschastSsaal). Henr., Marie (ihnen entgegen.) Willkommen! Willkommen! Sev. Vor Allem Wein! Ich habe einen Krater heut' zu löschen. (Stürzt zum Tische und leert hastig einige Gläser.) Th er. (indem sie in den Vorsaal tritt, zu den Anwesenden). Ich bitt' Euch, beut, thut's euer Möglichstes, ihn aufzuheitern. — Er ist wie ausgewechselt durch das traurige Ereigniß heut, und kommt mir ganz desperat vor. (Zu Tomaselli.) AllonS, falscher Bonapart! Sie müssen a mit uns in's Treffen gegen den üblen Humor. Tom. (lichtet sich). ^6 srüs ä. xls.66! Sev. O — diese Glut in meinen Adern — Tom. (indem er zu ihm geht). Schon recht die Glut, Marschall! Nehmt das Glut- pfandcrl morgen auf den Feldzug nach Rußland mit. Th er. (geht nut Henriette und Marie ebenfalls zum Tisch im Gesellschaftssaal und richtet folgende Gesangsstrophe nach der Melo- die deS Aschenliedes an Severin): Wenn's volle Glasel blinkt, Ein saub'rcs Madel fingt, Vergißt man Leid und Schmerz, Und fröhlich schlagt daS Herz. (Indem sie sein Kinn faßt und »hm sanft den Kopf in die Höhe richtet.) Wer da noch'S Köpferl hängt, Ans Gf'rett deS Lebens denkt, Und's nicht vergessen kann, Das ist ein armer Mann. Ein Aschen! Ein Aschen! Henr., Marie (indem sich alle setzen). Hahaha! Herr von Jaroszynski ist kein Aschenmann! Sev. (indem er in den Ton der Gesellschaft einzustimmen sucht, sein GlaS erhebend). Es lebe die Heiterkeit! Alle (anstoßend). Hoch! Peter (ist ebenfalls zum Tische getreten, füllt die Gläser und bedient). Tom. (zu Severin). «ls 8U18 oontent, Ovneral! Der Bonaparte ernennt Euch zum Pair von Champagne und zum Großmarschall aller fidelen Brüder! Alle. Hahahaha! Hoch! Mich, (vergnügt zu Anna, indem er die GlaS- thür schließt). Pane wieder lustig — o, noch ist Polen nicht verloren. Zwölfte Scene. Vorige. Leon, Förster, Hermann, LouiS und mehrere Gerichtsdrener (alle in Oberröcken, treten von der rechten Seite in den Dorsaal). Leon (zu Förster, indem sie eintreten). Wie gesagt — ich war zufällig Ohrenzeuge, als er punkt zwölf Uhr den Professor zu besuchen versprach. Ehor(im Gesellschaftssaale). Das ist Lützow's wilde, verwegene Jagd! Mich, (leise zu Anna, indem er mit Ingrimm auf Leon zeigt). A — falsche Landsmann wieder da! Anna. Der bringt g'wiß Choristen, um den gnädigen Herrn ein Quartett singen -'lassen. Förster (zu Michael). Wir wünschen Herrn von Jaroszynski zu sprechen, mein Freund. Mich. Mischu Pane rufen — (mit grim- mig drohenden Blick auf Leon) und Hausmeister auch. Anna (zum Lommiffär und den Gerichtsdienern). Singcn's nur recht was Lustiges, meine Herren! (Mit Michael durch die Glas- thür in den GesellschastSsaal. Während fie die Thüren öffnen, hört man abermals fingen.) Das ist Lützow's wilde, verwegene Jagd. 41 Förster (zu Leon). Trug er den blauen Mantel, als Sie ihn behorchten? Leon. Za, Herr Commiffär! Th er. (singend im Gesellschaftssaale). Brüdcrlein fein, Brnderlein fein, Schlag zum Abschied ein! Förster (zu Hermann und Louis). Meine Herren, ich ersuche Sie, ihn fest in's Auge zu fassen und sich bestimmt zu äußern, ob es derselbe Fremde im blauen Mantel ist, der in Ihren Comptoir- die Obligationen verkaufte. Chor (im GesellschaftSsaale). Zn Tirol, sagt er, 'S is a GspaS, sagt er, Reit a Schneider, sagt er, Auf der Gas, sagt er, Und a Schuster, sagt er, Auf der Kuh, sagt er, Musikanten, sagt er, Spielt'S nur zu! Sev. (der mit Ende dcS lustigen ChoreS die GlaSthüre aufreißt j. Morawskt, sagstDu? Wie, der Elende wagt — Herm., Louis (laut und fest, indem sie auf Severin deuten). Er ist's! Förster (ebenso, indem er zu Severin tritt). Severin von Zaroszynski! Zm Namen des Gesetzes verhafte ich Sie! Sev. (indem ihn die Gerichtsdiener um- ringen und sich seiner bemächtigen, erbleichend und ohne Widerstand zu leisten). Herr, erbarme Dich meiner! Ther., Henr.,Marie, Tom., Peter, Anna, Mich, (indem sie aus dem Gesell- schastssaal herbeistürzen, erschrocken). Himmel — was geschieht hier? Leon. Man verhaftet den Mörder des Professor Blank. Alle (entsetzt, indem Therese ohnmächtig >n Anna s Arme finkt). Barmherziger Gott! Mich, (in der heftigsten Bewegung zu Ee- verins Füßen stürzend). Pane — Pane — (Im tiefsten Schmerz in Thränen ausbrechend.) O Herrgott — Herrgott! — Polen ist verloren. Gruppe. Der Vorhang fällt. Ende des dritten Actes. Vierter Äet. Kurzes Vorzimmer. — RingS herum Oelge- mälde. die KroneS in ihren Glanzrollen darstellend. — Mittel- und Seitenthüren. An der Wand eine Spieluhr. ES ist ganz früher Morgen. Erste Scene. Tom. (sitzt in einem großen Lehnstuhl am Tische, auf welchem sein Hut neben einer bren- nenden Nachtlampe steht). Da sitz' ich wie angenagelt und weiß nicht, ob ich aus Elba oder St. Helena sitz'. — Mir scheint auf Elba, weil ich sehr stark an's Abfahren denk'. (Verläßt seinen Platz, setzt den Hut auf und geht mit verschränkten Armen, düster vor sich hinbrütend, auf und ab.) Meine Sonne von Austerlitz isteinNachtlamperl g'word'n, denn ich habe in der Fcenwelt eine große Völkerschlacht verloren. — Meine tapfcrn Claqueurs haben eine glänzende Bravour entwickelt, aber die Contremincurs und Pappenheimer hatten die Ucbcrmacht auf ihrer Seite, und so wurde beim Donner des Gezisches die Brigade Kroncs stark auf's Haupt geschlag'n. — Jetzt will sie sich vom Schauplatz ihrer Thaten ganz zurückziehen — aber parblcu — daS leidet der Bonaparte nicht. Zweite Scene. T o m a s e l l i. Anna. All na (tritt mit dem Leuchter in der Hand aus dem Seitenzimmer rechts). Gott sei Dank — jetzt schlaft's ein bißl. (Bemerkt Tomaselli.) Was ist denn das? Sein's noch allweil da? Tom. 1ou)our3! dein Bonapart bringt 42 mansog'schwilldnichtlos. — Ich bin da, der Brigade Krones den Rückzug abzuschneiden. Anna. Soll mein armes Fräulein vielleicht gar in Wien bleiben — heut an diesem schaudervollen Tag? Tom. Punct sieben Uhr scharse Ere- cution. — Aber darum darf die Brigade Krones ihre Fahne doch nicht verlassen, sonst kommt der Bonaparte über sie. Anna (ärgerlich). Gehn's weiter! Tom. Gehn's weiter? Oorument? Spricht man so mit einem Sravä ewpersur ? Anna. Gehn's weiter, sag' ich, und machen's keine Spaffetteln — jetzt ist keine Zeit dazu. Tom. (steckt den Hut in die Tasche und spricht in seinem Jargon). Na, so stecken wir den Bonapart in 'n Sack, und reden wieder g'scheidt mit einander. Was macht die Rest? Anna. Ach mein Gott — ich fürcht', daß sie eine Gemüthskrankheit kriegt — so hat sic sich's zu Herzen genommen, daß das Publikum seinen Zorn auf den säubern Blaumantcl an ihr ausgelassen hat an jenem unglückseligen Theaterabend. Tom. Sie soll g'scheidt sein. Das Publicum und die Krones ist wie Mutter und Kind. — Wenn'S Kind auch 'nen Schilling 'kriegt hat, blcibt's doch der Liebling von der Frau Mama. Anna. 'S wird lang brauchen, bis sie die Kränkung vergessen hat. — Ack — sie ist nicht allein unglücklich, ich bin's ja a. Mit der Hochzeit ist's jetzt nichts, denn mein armer Mischu hat total den Kopf verloren. Tom. Total den Kopf verloren hat er? Sein'S froh — dann heiratet er um so g'wiffer. Dritte Scene. Vorige. Peter. Peter (eiligst). A—schamster Diener! Auch hier schon Alles lebendig wie in der ganzen Stadt! Das ist ein G'wurl in allen Gaffen, als ob sich d'ganze Wiencrstadt in einen Ameishaufen verwandelt hätt'! — Das wär' eine famose Benefice heut, wenn der Blaumantel vom Trattncrhos ein Theaterstück wär! Anna. Wissens nicht, wie sich der Unglücksmensch benommen hat in den drei Tagen? Peter. Ob ich's weiß? Die wichtigsten Momente dieser drei Tage habe ich mir zum Besten der Menschheit tief in's Gedächtnis geprägt — Montag: Knödelsuppe — Fleisch mit zweierlei Saucen — Schnepfen —Spritzkrapfen— Dienstag: Lungenstrudl — Spanferkel — Topfentaschcrl — Anna. Hörn's auf! Was intereffirt uns denn der Speisezettel? Peter. O, er würd' Sie schon in- trcffiren, wenn's die Traiteurin wären im Schrannengebäude. — Die bedauert den Blaumantel nur, weil sie so a gute Kundschaft an ihm verliert. — O, das ist eine sehr praktische Frau! Die drei Tag hat sie sich ein paar hundert Gulden Schab in der Küchel g'macht, und morgen windet sic Blumensträußerln aus ihrem grünen Peter- sil, und verkauft's um schweres Geld — denn es gibt noch immer Trotteln, die sich einbilden, daß ihnen die gebratenen Hendeln in's Maul fliegen müssen, wenn sie so ein Deliquentensträußerl hab'n. Anna. Und da sagt man, daß d'Welt alle Tag g'jckeidter wird. Peter. O ja, die Welt des Schwindels— aber eine Welt wird nie g'scheidter, die Welt der Vorurtheile und des Aberglaubens. Anna. Vorurtheile! Die traurige Erfahrung hat mein Fräulein a jetzt g'macht. Dieser saubre Herr von Iaroszynski hat hundert Bekanntschaften gehabt, mit denen er sein Geld verschwend't hat, davon red't aber kein Mensch. — Nein, sie allein muß ihn ruinirt hab'n, weil's zufällig beim Theater ist. Tom Wann's nurwasdavonhätt' sagt der Staberl — aber ihre Gage hat's allweil von Charfreitag bis andern Gründonnerstag voraus. 43 Peter. Kein and'rer Mensch als sein Busenfreund Morawski hat ihn ruinirt — und der ist's allein, dem die arme Krones den ganzen Tritschtratsch verdankt. Gestern Hab ich eine Wuth auf ihn g'habt, daß ich schon (auf Tomaselli deutend) den Bonapart Hab' rufen wollen, ihn anss Haupt zu schlagen. Tom. (greift nach dem Hut). ^Vlort äs mrr vis, )6 suis — Anna. 'Sist schon gut, wir glauben's schon. (Zu Peter.) Was haben's denn g'habt mit dem Herrn von Morawski? Vierte Scene. Vorige. Therese. Th er. (tritt aus dem Zimmer rechts und bleibt unter der Thüre stehen). Peter. Gestern schickt er mich ans die Post, um Posterestando Briefe abzuholen und sie Nr. 19 auf die Landstraß'n z'tragn. — Wie ich dort hinkomm', find' ich ihn in Gesellschaft einer schönen blassen Frau und zweier Kinder, ganz schwarz in Trauer gtkleid't. — 'S war die unglückliche Familie des Herrn vonJaroszynski. — Grad war von Fräulein Krones die Red'. — Da bätten's hören sollen, wie sich der Herr Morawski ereifert hat, der armen Frau zu beweisen, daß nur die Krones ihren Mann zur Verschwendung verleitet und Schuld an seinem ganzen Unglück ist. Anna. O mein Gott! Tom. k'ilou! Th er. (für sich» mit gepreßter Stimme, indem sie sich die Thränen aus den Augen wischt). Schöne Stückeln hör' ich von mir. Anna. Und was hat denn die arme Frau dazu g'sagt? Peter. Gott verzeih' ihr ihre schwere Schuld! Th er. (entschlossen vortretend). Ich muß zu ihr, damit'S doch weiß, wie so a schlecht's Madl ausschaut, wie ich. Anna (mit Theilnahme). Na, na, thun's das nicht! Wenn's neue Kränkungen dulden müßten — Th er. Na, so ist's halt eine mehr, ich bin's ja so schon g'wohnt. Viel brauch ich nimmer, so Hab' ich g'nug. Anna (wie vorher). Mein gutes, liebes Fräulein! Ther. Ich bin die Jugend, die heit're, fröhliche Jugend von außen — aber (die Hand aufs Herz pressend) da d'rinn steckt schon das hohe Alter. — Die Krones ist ein schönes, fideles Haus, gelt? — Na, 's Haus ist nicht übel — aber nicht fest, nicht solid gebaut — starken Sturm halt's nimmer aus,'s ist jetzt schon baufällig, und bald ist's Ausziehzeit. Die Spiel-Ubr (spielt ein paar Tarte des Liedes aus dem Alpenkönig). »So leb' denn wohl Du stilles Hans, Wir zich'n betrübt aus Dir hinaus!* Ther. (zur Uhr). Singst schon mein Schwanenlicd, Du Conductansagcr mit dem Zügenglöckerl? — Schafft's mir die Uhr fort später! — Sie ist von ihm und ich will nir mehr haben, was mich an ihn erinnert. — Tragt's nur zu meinem Direktor, damit er weiß, wie vicl's bei mir g'schlagett hat. (Bon einem Gedanken erschüttert, plötzlich aufschreiend.) Allmächtiger Gott, wie spät ist's denn schon? Peter. Halb sechs Uhr vorbei. Ther. Ist mein Fiaker noch nicht da? Anna (eilt zum Fenster und blickt hinaus). Mir scheint, er steht schon vor m Hausthor. Ther. Sag' ihm, er muß uns z'erst auf d'Landstraß'n führ'n. Ich Hab noch a Ab- schicds-Disit z'machcn, eh' ich ans'S Land fahr'. Anna (für sich, indem sie abgeht). Das wird a traurige Visit werden! Peter (ebenso). Ein' Kaffee wird's nicht kriegen, aber ihren Thee vielleicht. Fünfte Scene. Therese. T o m a s e l l i. Tom. (setzt den Hut auf und stellt sich mit verschränkten Armen vor Therese). Also verlassen will mich Josephine Baumarchais? Th er. (gutmütbig). Geben's Jbnen keine Müh', mein guter Bonapart. Ich hab's Lachen verlernt. Sagen's meinem lieben Raimund: Seine Refi nimmt Urlaub auf unbestimmte Zeit — und glaubt alleweil, daß sie der liebe Gott bald ganz in den Ruhestand versetzen wird. Tom. (mitTheilnahme, in natürlichem Tone). Aber Reserl, sei g'scheidt! 'S Publicum bat ja schon Alles vergessen, und freut sich, seine lustige Mariandl wieder zu seh'n. Ther. 'S Publicum kann vergessen, ich nicht. (Innig.) Ich weiß, unser Publicum ist streng, aber auch gut, herzensgut, und hat mich noch immer gern, wenn's mir auch ein bißl übereilt recht weh gcthan hat. Aber das Weh' bring' ich nicht mehr aus meinem Herzen — wenn man mich auch mit Blumen undKränzen empfängt, es werden Cypressen und Trauerweiden für mich sein. — Grüßen's meinen lieben Raimund und alle meine College» recht herzlich von mir, und sagen's ihnen: die Rest geht und nimmer kehrt sie wieder. Tom. Das ist eine Niederlage für die ganze große lustige Nation. (Indem er ver- drießlich den Hut zusammendrückt, und in die Tascke steckt.) Da mag der Teurel Bonaparte sein! (Geht ab.) Sechste Scene. Therese (allein). Was ich für ein lustiges Madel war — ich weiß gar nicht, wo mein Humor auf einmal hingekommen ist. — Ach, die Männer — die bösen Männer haben nach und nach aus diesem lebendigen Lustspiel ein Trauerspiel gemacht. Lied. (Mit Refrains auf der Spieluhr.) In der ersten Jugendblüthe, Mit dem fröhlichsten Gemüthe, In den Armen der Natur Sprang ich über Berg und Flur. (Die Spieluhr.) »Schöner grüner, schöner grüner Jungfernkranz re. rc.* Da nahm an den Mutterbusen Mich die heiterste der Musen, Und ich nahm im schnellen Tausch Für den Frohsinn— Sinnenrausch! (Die Spieluhr.) »Treibt der Champagner Alles im Kreise rc. rc.« Doch da sprang mit süßem Kosen Eine Schlange aus den Rosen, Scklich sich in mein armes Herz Mit der Liebe Lust und Schmerz. (Die Spieluhr.) »Wie ich bin verwichen zu mein' Dirndcrl g'schlichen rc.rc.« Als d»e erste Liebe nahte Mit dem Trug und dem Vcrrathe, War mit ihr mein froher Sinn, Hoffnung und Vertrau'» dahin! (Die Spieluhr.) »O du lieber Augustin, Augustin, Alles ist hin!* Alle meine Lebensfreuden Sah' ich schon im Frühling scheiden, Und mir winkt zur süßen Ruh Schon die Mutter Erde zu. (Die Spieluhr.) »Mariandel, Zuckerkandel meines Herzens, bleib gesund!* Meine Freuden sah ich weichen, Meine Sterne sah ich bleichen, Alle Blüthen still verweh'n Und die Sonne untergeh'n! (Die Spieluhr.) »Scheint die Sonne noch so schön, einmal muß sie untergeh'n.« (Während dieses Refrains auf der Spieluhr geht Therese langsam durch die Mittelthür ab.) Verwandlung. (Tiefe Vorhalle im Gefängniß. — Rechts und links Thüren. Zu der ersten etwas größer« Thür rechts führen einige Stufen hinauf. — In der Mitte eine große geschloffene Flügelthür.) Siebente Scene. Zwei Mann Wache (an der Flügelthür in der Mitte— ebenso an der Treppenthür rechts. — Links eine kleine Gruppe des Publikums, unter diesem eine Frau mit einem Knaben). Haiman. Michael. Spater Frau Brigitta. (Man hört leise Orgeltöne rechts.) Ha im. (mit Michel rechts auS dem Hinter- tergrunde tretend, der einen Blumenstrauß in der Hand trägt — links deutend). Don dort aus können Sie Ihren Herrn noch einmal sehen. — Er betet jetzt in der Capelle. Mich, (leise betend, indem er die Mütze ab- nimmt und andächtig die Hände faltet). Herr, vergib uns unsere Schuld und führe uns nicht in Versuchung! Ha im. Sie scheinen Ihre» Herrn sehr zu lieben? Mich, (wie vorher). Sei uns gnädig und barmherzig und auch Vater für verlornen Sohn! Haim. Es wäre besser. Sie hätten sich diesen Schmerz erspart. (Die Orgeltöne schweigen. Michael zieht sich zur linken Seite zurück.) Fr. Brig. (kommt mit einer Taffe mit Kaffeegeschirr aus der Stubenthür rechts). Ha im. (ihr entgegen). Nun, Frau Brigitta — auch Ihre Function ist zu Ende, wie ich sehe. Wie steht's da d'rin? Fr. Brig. Nun, er ist so ziemlich gefaßt. — Aber ich bin nicht zufrieden mit ihm. — Nichts als ein wenig schwarzen Kaffee hat er verlangt — es hätte ihm gar nicht geschadet, wenn er ein paar Flaschen Tokaier gefrühstückt hätte. Hann. Das heißt, Ihnen hätte eS nicht geschadet — denn eine Schale Kaffee ist keiner doppelten Kreide werth. Fr. Brig. Doppelte Kreide? Zch? die ehrlichste Frau von der Welt! Alle meine Kostgänger werden dick und fett, indeß ich alle Tage magerer werde. — O, ick werde noch zu Grunde geh'n bei dem Geschäft. Ha im. Oder Sie bauen sich ein Haus in kurzer Zeit. Fr. Brig. Sie sind ein boshafter Verleumder, Herr Oberschließer. (Horchend.) Aber wie das wogt und strömt da draußen. Die halbe Bevölkerung ist heut' auf den Beinen. Haim. Und leider ist das zarte Geschlecht am meisten vertreten, wie gewöhnlich. — O, dieses letzte Blatt aus der Geschichte barbarischer Jahrhunderte wird auch verschwinden. — Der Fußfall eines Sonnenfels hat der Tortur ein Ende gemacht — vielleicht hebt der Fußsall eines anderen Menschenfreundes auch dieses öffentliche Schaugepränge auf. (Man hört sieben Uhr schlagen.) Die verhängnißvolle Stunde hat geschlagen. Gott gebe ihm Muth auf seiner letzten Fahrt! (Sie ziehen sich ebenfalls zurück. In demselben Augenblick hört man Ketten raffelnd niederfallen rechts, worauf sich schnell die Stn- benthür öffnet.) Achte Scene. Vorige. Severin, Schelle, Werner (beide schwarz gekleidet — Letzterer mit dem sogenannten Dreispitz unter dem Arm, Wache mit den Gewehren in Balance. Später Abel Knechte, Volk). Sev. (trägt seinen grünen Frack, schwarze Beinkleider, das schwarze Halstuch in einen Knoten geschlungen, die rechte Hand auf der Brust und in der linken ein weißes Taschen- tuch. Er tritt etwas blaß und angegriffen» aber mit möglichster Fassung hinter Werner auS der Stubenthür. — In der Mitte der Bühne sieht er sich um und spricht tief aufathmend). Ah — doch noch eiu Augenblick der Freiheit! 46 Mlch. (in heftiger Bewegung vor- und zu seinen Füßen stürzend). O Pane — Pane — armer Pane! Sev. (mit unterdrückter Aufregung). Was soll das, Mischu? Wir haben nns ja schon gestern Lebewohl gesagt. Mlch. (bittend). O Pane, nicht zurück- stoßen treuen Knecht! — Mischu kommen ja von kleine Kinder — (reicht ihm den Strauß) und bringen Blumen für Vater auf letzten Gang. Sev. (heftig ergriffen den Strauß an seine Lippen drückend). Von meinen Kindern kommen diese Blumen — und ich habe grausam alle Blumen ihres schönen Frühlings geknickt! O meine armen unschuldigen Kinder! Ich darf Euch ja nicht segnen, denn mein Segen könnte Euch zum Fluche werden! Statt Vaters Segen, Gottes Segen über Euch! Mich, (heftig schluchzend). O Mischu — alter Soldat — Dir brechen das Herz! Sev. (gefaßter). Sage meinen Kindern — ihr Vater trete eine große Reise an — er sei traurig (indem er ihm das Taschentuch gibt) und habe dieses Tuch mit seinen Thrä- nen getränkt, weil er auf lange — lange Zeit von seinen lieben Kindern scheiden muß. Mich. Arme Kinder! Arme Mutter! Sev. Sage auch ihr — wie Gott ver- gibt, so soll auch sie vergeben! (Reicht ihm die Hand.) Und jetzt lebe wohl, mein guter Mischu! Habe Dank für deine schöne Treue und schließe deinen Herrn in dein Gebet mit ein. Mich, (küßt heftig bewegt seine Hände). O Pane — Pane! — (Steht schnell auf.) O Gott — warum hast Du geschaffen Knecht nur zur Arbeit für Herrn? — Warum kann treuer Knecht nicht auch sterben für Herrn! (Verhüllt das Gesicht und im Hintergründe rechts ab.) Sev. (wendet sich nach einer kleinen Pause schnell dem Hintergründe zu. — Da fällt sein Blick auf den Knaben an der Hand der Mutter, die ihm zunächst stehen. Er tritt zu dem Knaben, legt sanft seine Hand auf dessen Schulter und spricht mit mildem Ernst zu ihm): Kind, wenn Dich die Neugierde hergeführt, den letzten Kampf eines Unglücklichen zu sehen, so nimm Dir ein Beispiel an ihm, damit diese Stunde nicht ohne Lehre an Dir vorübergehe. Das Glück schaukelte meine Wiege und meine Aeltern bauten ihre schönste Hoffnung auf mich. — Aber Leidenschaften erstickten jeden guten Keim in meinem Herzen — ich lieh der Verführung ein offenes Ohr, und sank von Stufe zu Stufe, bis ich in einer unglückseligen Stund' die heiligsten Gebote Gottes vergaß. Denke an mich, wenn sich Dir einst der Versucher naht, mein Kind. (Zu seiner Escorte.) Jetzt bin ich bereit, Ihr Richter der Erde, vor den Richter des Himmels zu treten. (Er wendet sich, begleitet von Wer- ner und derWäche, gegen den Hintergrund.— DaS große Thor öffnet sich plötzlich von außen und man sieht in der Persvective Kopf an Kopf das Volk in gedrängter Menge — Zur Seite des ThoreS steht schwarz gekleidet Abel und seine Knechte.) Sev. (erbebend, indem sein Blick auf Abel fällt). Meine erste und letzte Begegnung! Wer zweifelt an der WarnungSstimme Gottes noch! (Er stürzt hinaus, und während sich ihm Alles nachdrängt, schnelle) Verwandlung. (Ein freundliches Häuschen mitten im Garte».) Neunte Scene. Stanislaus und Thekla (beide schwarz gekleidet, sitzen auf der Schwelle des HauseS vor gefüllten Blumenkörbchen und winden Sträuße). Gleich daraufTherese, Anna undPeter. Thekla, (zeigt Stanislaus einen Strauß). Nun — wie gefällt Dir das, Stanislaus? Stau. Recht artig — aber mehr Rosen mußt Du nehmen — es sind ja seine Lieblingsblumen. Thekla. Ach — Papa hat alle Blumen gern! (Therese, Anna und Peter treten schüchtern von der rechten Seite in den Garten.) Peter. Das ist das Haus. — Aber re- cognosciren wir erst im Garte». 'S kann nicht schaden, wenn wir ein bißl praktisch sind Ther. (bemerkt die Kinder). Da schaut's her! Das ist g'wiß seine kleine Familie! Anna. Was für herzige Kinder! Ther. (tritt zu den Kindern). A — was das für allerliebste Sträußerl sein! Thekla. Nicht wahr — Papa wird Freude haben? Stan. Wir haben ihm schon eins geschickt durch Mischu. Ther. (für sich). Die armen Hascherln! (Laut.) Wo ist denn Ihr Herr Papa? Slan. (freudig). O — schon unterwegs! Ther. Unterwegs? (Fürsich, beklommen). Za wohl, unterwegs! Anna. Sie haben Ihren Herrn Papa g'wiß recht lieb, geltens? Thekla. Wie kannst Du fragen? — Wer Vater und Mutter nicht liebt, kommt nicht in den Himmel, sagt Mama. Peter. A — da kommt der Mischu! Stan. u. Thekla, (freudig ihm entge- geneilend). Mischu! Mischu! Zehnte Scene. Vorige. Michael. Mich, (von der rechten Seite. — Die Kinder an sich drückend). O — kleiner Pane — lieber kleiner Pane. i Stanislaus: U I Was sagt Papa? Thekla: ' Kommt er bald nach Hanse? Mich. Nach Hause? — (Auf den Him- mel blickend.) Za — er kommen bald nach Hause! (In heftiges Schluchzen ausbrechend.) O — warum kann nicht treuer Knecht für Herrn nach Hanse! Stan. u. Thekla. Warum weinst Du denn? Mich, (sucht sich zum Lachen zu zwingen). O nir weinen — das sein nicht geweint — hohoho — das sein gelacht — hohoho — (für sich). PoniatowSki-Soldat — sei nicht altes Weib! Peter. Ein altes Weib wäre nicht praktisch jetzt. Anna. Wir sein a da, Herr Mischu. — Mich, (ihnen die Hände reichend). Ah — meine lieber Anna — und Fräulein Kro- nes — und Spitzbub Peter auch. Peter. Bitt' recht sehr! Mich. O Mischu traurig — sehr traurig — er geh'n nicht mehr nach Hause — er bleiben da und heiraten ans Verzweiflung. Peter. Entsetzlich! Ther. Lieber Herr Mischu — ich hätt' a recht schöne Bitt'! — Schaun's. daß ich nur a paar Minuten mit Ihrer gnädigen Frau reden kann. Mich. Mit Pane? — O Sie haben sehr gut Gewissen, weil Sie sprechen können mit Pane. — O Mischu kann auch mit reden — Mischu kann! (Zu Stanislaus). Kleine Pane Stanislaus, sein Mama allein ? Stanisl. Nein, Herr Morawski ist bei ihr. Alle. Morawöki? — Peter (aufs Haus blickend). Pst — ich hör' reden — mir scheint, sie kommen in den Garten. Stanisl. u. Thekla. Mama! Mama! (Laufen der Mutter entgegen.) Ther. Zieh'» wir uns in die Couliffen zurück, bis mein Schlagwort kommt! (Sie zieht sich mit Anna und Peter links in ein Gebüsch zurück.) Mich, (die Faust gegen das HauS ballend). Wart'Landsmann falsche — Poniatowski- Soldat leben noch! (Er bleibt im Hinter- gründe und beschäftigt sich anfangs folgender Scene mit den Kindern.) 48 Eilfte Scene. Vorige. Salome, ebenfalls schwarz gekleidet und Leon treten aus dem Hause. Salome. Wie soll ich Ihnen danken, daß Sie mir und meinen Kindern so treu zur Seite stehen in dieser schweren Zeit der Prüfung! Leon. Es ist ja eine süße Pflicht der Jugendfreundschaft, die ich übe. Salome. Ich athme freier, seitdem ick weiß, daß ich das Schrecklichste nicht mehr zu fürchten habe. Ther. (leise zu Anna und Peter) Mein Gott — die arme Frau kennt noch nickt einmal ihr ganzes Unglück. — Salome. Nicht wahr, Sie täuschen mich nicht, Leon? Leon (indem er Michael Zeichen gibt, etwas verlegen). Man wird das Urtheil re- vidiren — findet Milderungsgründe — sein Leichtsinn — falsche Freunde — schlechte Gesellschaften — Mich, (mit dem Knaben auf dem Arm, indem er dicht vor Leon tritt und aus ihn deutet). Kleiner Stanislaus — so schaut der Teufel aus! Ther. (ebenfalls auf Leon deutend, indem sie mit Anna und Peter auS dem Gebüsch tritt). Schaut's den an, Leut'— so sah der Judas aus. Peter. Nir als der rothe Bart geht ihm ab. Salome (erstaunt). Was soll das? Mich, (setzt den Knaben nieder). Leichtsinn — falsche Freund — Verführung — schlechte Gesellschaft haben Pane in Verzweiflung und Verderben gestürzt — sagen Landsmann, — und Landsmann haben Recht, Pane. (Mit erhobener fester Stimme.) Aber falscher Freund von Pane, Verführer, schlechter Gesellschafter waren Landsmann selber, Pane! O — o — Mischu armer Knecht nur, aber er möcht nicht stecken in glatter Haut von Landsmann mit so schwarzem Herzen! Leon. Elender Lügner! Salome. Nicht doch, mein Herr! Mein braver Mischu hat noch nie gelogen! Mich. O ja — Mischu hat schon ge logen, Pane — aber heut— heut könnt's Mischu nicht. Ther. (vortretend). In dieser Stunde kann der treue Diener seines Herrn nur Wahrheit reden. Leon. Ah — Mamsell Krones! Also eine Posse — doch Ort und Zeit sind schlecht gewählt dazu. Salome (Therese kalt und stolz fixirend). Therese Krones? Ther. Ja — die Krones, die die Wiener nnr in lustigen Rollen geseh'n und die in diesem fremden Drama eine sehr traurige Rolle spielt. — (Mit der Hand auf dem Herzen.) Ach — die Rolle war sehr anstrengend und hat mich so angegriffen, daß mein guter Raimund nicht im besten Humor sein wird, wenn er wieder eine Jugend dichtet. Mich. Armes Fräulein hat müssen viel leiden für Pane. Ther. D' Leut' sagen, wir hab'n uns gern g'sehn, und d' Leut' haben Recht — denn mich seh'n alle Leut' gern, und ick alle lustigen Leut a, das ist so HauS- brauch bei mir. Aber ruinirt Hab' ich ihn nicht — contrair, ich Hab' mein ganzes Bissel Armnth für ihn geopfert, wie er in der Noth war, — und Hab' ihn mehr als tausendmal gebeten, in seine Heimat zurückzukehren, und wieder ein guter Familienvater z' werden. — Ich Hab' sein guter Geist werden woü'n — (auf Leon deutend) aber sein böser Dämon war stärker als so ein schwaches Madl. Leon (dämonisch). Sein Dämon, ja, der war ich seit jenem Augenblicke, als er mir das Mädchen meiner Liebe raubte, und meinem Lebensglück sich in den Weg warf! Ich schwur ihm Rache — und in diesem Augenblick steh' ich am Ziele meiner Sendung! (Geht ab.) 49 Stilo me (erbebend). In diesem Augenblick? — Allmächi'ger Gott, wie dent' ick das? (Ihre Kinder eilen ängstlich zu ihr. Man hört in der Ferne das Zügenglöckchen läuten ) Th er. Sie sind Witwe — Zhre Kinder vaterlose Waisen, arme Frau! Salome (sinkt betend in die Knie, indem sie ihre Kinder mit sich zieht, die ebenfalls an- dächtig die Händchen falten). Mick, (das Haupt entblößend). O Pane — Pane! Polen ist verloren! » (seife Musik. Gruppe.) Der Vorhang fällt*) Ende. . -t,^ *) Dieses Stück ist Eigenthun, der Herren Verfasser und die verehrlichen Intendanzen und Direktoren, die eS aufzuführen wünschen, haben sich, daS Honorar und den Erhalt der Partitur betreffend, mit dem Unterzeichneten zu verständigen. Josef Böhm, Hoftheater. Special. Agent. rdeattk-AepatoU. Nr. »7. 4 - Von Carl Haffner find im Verlage der Wallishauffer scheu Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt, hoher Markt Nr. 541, früher erschienen: Die Studenten von Rummelftadt. Genrebild mit Gesang und Tanz in drei Acten. 12 Sgr. — 60 Nkr. Therese Arones. Genrebild mit Gesang und Tanz in drei Acten. 12Sgr. — 60 Nkr. Die' " Nachtwächter^ oder: Ein Spuk in der Fafchingsnacht. Posse mit Gesang und Tanz in drei Acten. 12 Sgr. — 60 Nkr. -- Druck und Papttl von Lropold Somnitt IN Wun. (Den Bü hnen g egenüber al s Ma n uscript gedruckt.) Der dreizehnte Mantel. Posse mit Gesang in einem Act. Nach einem älteren Sujet von Anton Bittner. (3m k. k. priv. Theater am Franz Joseph-Quai in Wien zuerst mit vielem Beifall gegeben.) Personen: Florian Storch, Schneidermeister. Frau Buchinger, Witwe. Sali, ihre Tochter. Strömling, Haushofmeister beim Fürsten Eldorado. Fanny, seine Mündel. Fritz, herrschaftlicher Jäger. Sebastian Schroll, Hausmeister. Verschwörest. Ort der Handlung: Wien. rhraM'Nrptrwirt Ar» -G, 1 Kurze- Zimmer. Rechts im Hintergründe die allgemeine tzingangsthür, links im Hintergründe eine versteckte Tapetenthür; links in der ersten Coulisse die Thür zu einem Labinet. Erste Scene. Frau Buchinger. Sali. Fr. Buch. Ach Du lieber Gott, wie schaut's in dem Zimmer jetzt traurig aus. Sali. Nichts mehr als die leeren Wänd', wenn's nur keine Hausherren auf der Welt gäbet, daß den Parteien nicht auffagen könnten. Wir haben uns in dem Quartier so heimlich g'fühlt, und weil wir gezwungen durch Deine Krankheit ein Vierteljahr den Zins schuldig blieben sind, müssen wir jetzt auszieh'n. Fr. Buch. Ach, das ist dieUrsach' nicht, — der Hausmeister hat mir's g'sagt, — und der weiß Alles; die Ursach', daß wir ausziehen müssen, ist der Herr von Strömling. Sali. Was? Der Haushofmeister von dem portugiesischen Fürsten, bei dem unser Vetter, der Fritz, als Jäger ang'stellt ist? Fr. Buch. Derselbe. Der Fürst hat aufm Land d'raust a großes Schloß bezogen, weil er ein Sonderling sein soll, der von der Welt nir wissen will. Herr Strömling aber kommt öfters herein in die Stadt, und da will er unsere Wohnung hier für sich und seine guten Freunde als Absteigquartier benützen. Sali. Und deswegen müssen wir jetzt Knall und Fall sott. Fr. Buch. Das kann man nicht ändern. Ich Hab' den Herrn von Strömling durch'n Hausmeister ersuchen lassen, er möcht' uns erlauben, daß wir nur bis morgen noch da wohnen dürfen, weil wir in unser neues Logis nicht früher einziehen können. Der Hausmeister ist schon fünf Stund' fort, hat mir aber noch keine Antwort 'bracht. Sali. Und wenn er eine bringt, ist's gewiß a schlechte. Kommen's, Frau Mutter, trösten wir uns, packen wir die sieben Zwetschpen, die wir noch in der Kammer haben, z'samm', wir wer'n schon für heut' Nacht wo eine Unterkunft finden. Unser Herrgott und mein Bräutigam, der Florian, werden schon helfen. Der Florian muß ja jeden Augenblick da sein, der wird schon Mittel machen, und für seine Frau und zukünftige Schwiegermama ein anständiges Quartier austreiben. (Beide links durch die Thür in die erste Coulisse ab.) Zweite Scene. Florian Storch (kommt durch dieEingangs- thür rechts im Hintergründe. Sein Anzug besteht in einem bunten Bonjour, darüber einen braunen, kurzen, sonderbar gemachten Mantel. Unter dem Arm trägt er in einem grünen Einbindtuch ein Packet). L n t r 6 e - L i e d. Die Schneiderkunst is heut' zu Tag Auf ein' curiosen Fuß, Was früher war a Eselsplag, Ist jetzt nur Hochgenuß. Ich mach' am Vor- und Hintertheil Nicht einen einz'gen Stich, Ich geh' spaziern, z'Haus naht derweil Die Nähmaschin' für mich. Die Ellen liegt im Winkel drent, Ich zeich'n nach Centimeter, Der Schneiderlebrbub wird jetzt g'nennt: Praktika nten-Stellvertreter. Heißt man ihn anders, wird er wild, Er studiert ja beim Genie, Denn draußen steht am Schneiderschild: Bekleidungs-Akademie. Und kriegt die Welt einmal ein doch Durch ein Kometenstoß, Wir richten's auf der Stell zusamm', Ja so was geht famos. Und ist ein Land wo schleißig gar, Zum Beispiel d' Wallachei, So setzen wir ein Stück Rußland d'rauf, Oder einen Fleck Türkei. Ein Schneider ist, wenn er sonst nichts ist, wenigstens der Culturböhepunct der menschlichen Civilisation. Wo die Natur Wildschütz war und an den Formen der Menschen einen Bock geschossen hat, da helfen wir nach, wir bessern den geschossenen Bock aus, wattiren das Lückenhafte der menschlichen Bautbeile, und mit einigen Tafeln Watta wird die einförmige Ebene zur angenehmen, wellenförmigen Gebirgsgegend, die schiefe Achsel erhält einen ebenen Horizont, und Alles gleicht sich ans ; doch ich schweige davon, sonst käme ich am Ende bei den Damen in den üblen Ruf, als plauderte ick die Festungsangelegenbeiten der weiblichen Fortistcationswerke aus. Dritte Scene. Voriger. Frau Buchinger. Sali. Fr. Buch. Ah, der Herr Storch! Grüß Gott! Sali (ihm freudig entgegeneilend). Mein Florian! Flor. Da steht er! Grüß' Dich Gott, meine angebetete Sali. (Küßt fie.) Entschuldigen Sie, Frau Mutter, daß ich Sie nicht auch küß', aber ich Hab' nicht viel Zeit, und wenn ich von Ihnen ein Bussel krieget, da müßt' ich mich aushalten. Fr. Buch. Schongut, ich schenk'sIhnen. S ali. Ich Hab' Dich schon lang erwartet. Flor. Das Hab' ich erwartet. Fr. Buch. Ich auch. Flor. Das Hab' ich nicht erwartet. Fr. Buch. Mir scheint, Sie werden in Ihren Besuchen a bisserl nachlässig. Flor. Das macht nichts,— dadurch macht man sich interessant. Die schönste Gegend, wenn man sie täglich sieht, verliert an Schönheit. — Ick will aber für die Sali eine Schwei; sein, eine Hintere Brühl, an der sie sich gar nicht sattsehen soll. Sali. Du! Du wirst doch nicht liederlich? Du wirst immer ein bißl leicht. Flor. Das muß ick sein als Schneider. Ich Hab' einmal ein Märchen gelesen, da haben siebenzehn Schneider einen Vietling gewogen, das ist das wahre Gewicht. Fr. Buch. Und was ist's denn wegen der Heirat mit der Sali, wird da noch immer nichts d'raus. Flor. O bitte, ich habe mir bereits eine neue Zerklüftungsmaschine gekauft. Fr. Buch. Was ist denn das? Flor. Eine Schere. Sali. Sonst nichts? Es wäre höchste Zeit, drei Jahre wart' ich jetzt schon. Flor. Ich auch, zum Heiraten gehört aber Geld. Aus zwei verheirateten Leuten werden mit der Zeit drei — vier — fünf Personen, es werden junge Bekleidungs- Academiker geboren. Diese wollen essen, und die Backhendeln stehen im Cours dieses Jahres sehr hoch, in glaub' 218'/^. Fr. Buch. Ach was. Flor. In meinen Verhältnissen ist ein Umschwung eingetreten, den ich bis dato verschwiegen Hab', um Euch zu überraschen. Jetzt ist der große Augenblick da —ich rasch Euch über. Sali. Was ist's denn? Red'! Flor. Im vorigen Monat, es war an einem Freitag, — nein, es war Montag, — oder doch Freitag, wenn's nicht am Ende gar an einem Donnerstag war, da sitz' ich in meiner Wohnung, MariahilfNr. 127, dritten Stock, Thür Nr. 43, und arbeite an einem alten Caput, der capm war; auf einmal klopft Etwas leise an: bum—bum— bum! ich schrei herein, und ein Mann mit einem Paraplui aus der Nase und Augengläser unter dem Arm tritt in's Zimmer, — ich spring auf, mach' mein Compliment, L * 4 werfe auS Zuvorkommenheit mit'n Ellbogen eine Schüssel mit Gurkensalat um, stell' mich ihm so vor in Essig und Oel, und frage, womit ich dienen kann. Er sieht mich groß an, und sagtmit einer Stimme, so heiser wie die von einem Tenoristen mit zehntausend Gulden Gage: »Können Sie mir, Freund, in zwanzig Tagen wohl zwölfMän- tel machen?« — Ich sag': mit Vergnügen. — D'rauf schaut er mich wieder an mit seinen zweierlei Augen und sagt: »Gut, hier ist der Stoff; jedoch «eine Bedingnuß. Sämmtliche Mäntel müssen von Ihrer Hand allein angefertigt werden, und Niemand darf von derBestellung einWort wissen, sonst kostet cs Ihr Leben.« Ich versicherte ihm, daß Alles geschehen soll, wie er es wünscht, daß ich das Geheimniß streng bewahren, und es keinem Menschen auf der Welt mittheilen werde; und das ist auch die Ursache, wamm ich es Euch nicht mitthcilen kann. Sali. Aber Du hast uns die ganze Geschichte ja eben erzählt. Flor. Ich? — Warum nicht gar. — Sagt nur nichts weiter, sonst sind wir alle hin. Fr. Buch. Und Sie haben die zwölf Mäntel gemacht? Flor. Freilich, noch um einen mehr. Dreizehn Hab' ich gemacht, den Dreizehnten Hab' ich für mich herausgeometert; ich Hab' bei dm zwölf Mänteln die Knopflöcher etwas kleiner gemacht, und da Hab' ich den Fleck erspart, daß auch für mich ein Mantel herausgekommen ist. Sali. Das ist aber nit schön. Flor. Sehr schön ist das! Bei einer großen Bestellung fahren immer ein paar Ellen in die Höll', die holt dann der Teufel! O diese Höll' ist mein Himmel! Fr. Buch. Und war der Herr mit die Mäntel zufriede? Flor. O, sehr! Gestern hat er sie ab- g'holt und statt die 146 fl. 24 kr., die ich als Bezahlung begehrte, hat er mir zwei blanke Hunderterbanknotcn hing'legt. Sali. Ist's möglich! Flor. Zwei blanke papierne Hunderterbanknoten!— In meinem Leben Hab' ich so viel Geld nicht beisammen gesehen. Ich bin jetzt der Rothschild unter den Schneidern. Sali. Nun,denk' ich, weil's Dir so gut geht — wirst doch Anstalten treffen — Flor. Zur Hochzeit macken, versteht sick! Jetzt wird geheiratet ins Unendliche hinein. Heute ms' ich noch einen Kreis von guten Freunden zusammen und Abends um zehn Uhr halten wir in meiner Wohnung eine große Besprechung, — hinsichtlich der Gugelhupfe, um der Zukunft, — gefüllt mit Weinbeerl und Ziböben—ruhig cntgegen- sehen zu können. Fr. Buch. Geben's nur nicht viel Geld aus. Flor. Mein Gott, wir haben's ja. Mit 200 fl. kann man in Wien, wo Alles so billig ist, ein paar Jahre leben. Ich mieth' auf m Graben einen ersten Stock mit Spiegelscheiben, und laß' mir ein'n Schild malen mit eselhasten Buchstaben. Der Gunkl wird schau'n. Jetzt aber zu Deinem Vetter, zum herrschaftlichen Jäger, nachher zu meinem guten Freund', zum Stärkmacher — die sollen unsere Beistände sein, die lad' ich ein — die müssen heut' Abends Dir ein Ständchen machen. In einer halben Stund' hol' ich Euch hier ab, und wir kutschieren alle Fünf ganz nobel in einem Comfortable nach Mariahilf in meine Wohnung, und dort wird gesprungen, gesungen, getanzt und getrunken bis morgen in der Früh. Potka-Lied. Kinder, heut' muß aufg'haut werden, Ich tractier' die ganze Stadt. Gibt's ein Menschen nock auf Erden, Der zweihundert Gulden hat. Groyer-Käß — Salami — Trauben, Drei Maß Bier und Guldenwcin, Krapfen, Hendeln, junge Tauben Kauf' ich zur Verlobung ein. (Singt, tanzt mit Frau Buchin ger und Sali herum und hüpft dann durch die Hinterthür lustig ab ) 5 Vierte Scene. Frau Buchinger. Sali. Fr. Buch. Das ist ein verrückter Mensch. Sali. Aber seelengut, ich Hab' ihn reckt von Herzen gern. Fr. Buck. Wannst a paar Jahr verhei- rat't bist, wirst vielleicht anders reden. Er ist leichtsinnig. Sali. G'wiß nit, Frau Mutter. Ick werd' mir ihn schon gut dressiren, und kommt er mit ein'm Pantoffel nit aus, so b'stell' ich mir a ganz Dutzend. Fünfte Scene. Vorige. Sebastian Schroll. ZweiBur- scken (bringen zwölf Sessel, stellen sie in dev Hintergrund und gehen ab). Sebast. Da bin ich, setzt's die Sesseln nur da nieder. Fr. Buch. Endlich einmal. Nun, was haben's ausg'richt? Sebast. Was ich ausg'richt Hab'? Da müffen's mich nicht fragen, sonst könnten's am End' erfahren, daß ich über Ihnen geschimpft hätt'. Sali. Ueber uns? Ich will nicht hoffen! Sebast. Sie sind ein Vierteljahr Zins schuldig, und über so eine Partei spricht sich ein Hausmeister nie günstig aus. Fr. Buch. Mein Gott, wir werden schon zahlen. Sebast. Ah, nachher werd' ich Ihnen auch nichts Uebles Nachreden, besonders wenn Sie mir nock ein Ertra-Douceur geben, das muß auch sein, denn sonst vergiß ich gleich wieder meine Bildung. Fr. Buch. Schon gut. Sagen's mir lieber, was mir der Herr von Strömling auf meine Bitt' für eine Antwort schickt. Sebast. Aussi müffen's. Sali. Morgen schon? Sebast. Na—gleich! In einer Viertelstund'. Er kommt heute noch mit mehrere gute Freund' hier zusammen, und hat mir den strengsten Auftrag geben, daß Sie längstens um sieben Uhr nimmer da sein dürfen. Fr. Buch. Aber jetzt ist's ja schon achte! Sebast. Desto mehr müffen's Ihnen tummeln, daß nit z'spat kommen, ich Hab' mich a bißl ausg'halten, in unserer Gassen is a Heuriger ausg'steckt, den Hab' ich im Vorbeigehen kosten müssen, und da bin ich a paar Stunden sitzen blieben. Da sein ja schon die ersten Meubeln, zwölf Sesseln Hab' ich müssen einerstellen. Also in längstens fünf Minuten bring^'s mir den Quartierschlüssel. — Den rückständigen Zins braucken's erst morgen zu zahlen, weil wir durck's Meublement, was in der Kammer ist, für heut' Nacht gedeckt find. Halten's Ihnen nicht mehr lang auf, sonst halt ich mich auf und vergiß, was ich nicht gern thue — meine Bildung. (Setzt im Zimmer den Hut auf und geht ab.) Servus! Sechste Scene. Frau Buchinger. Sali. Fr. Buch. Sollt' man's glauben, daß eS solche hartherzige Menschen auf der Welt gibt. Bei Nacht und Nebel einen auf die Gaffe hinauszustoßen. Sali. Trösten's Ihnen, Frau Mutter— mein Florian wird schon Rath schaffen. Siebente Scene. Vorige. Florian Storch. Flor, (kommt athemlo» hrreingestürzt). Luft — Luft! — Um fünf Gulden Luft — ich ersticke! Sali. Was hast denn, Florian? Flor. Was ich Hab'? Keine Luft! Fr. Buch. Aber was laufen's denn so? Sic können ja 's größte Malheur haben. Flor, Die Freud', — die große Freud' macht aus einem Menschen ein Locomotiv, ich bin der Beweis, denn mit zwei Sprüngen war ich im dritten Stock. Sali. Was ist Dir denn begegnet? 6 Flor. Ein Mann mit so ein' Mantel, wie ich einen Hab'. Kaum bin ich am Eck unserer Gassen, kommt er auf mich zu und sagt mit einer Stimme, die so tief war, daß ich geglaubt Hab', sie kommt aus einem Kellerloch neben mir heraus: »Nimm« und dabei druckt er mir eine Brieftaschen in die Hand; ich will nicht recht, zugreifen, er brüllt mich nochmals an: »Nimm, in einer Viertelstunde seh'n wir uns wieder am Bundesort. Denk an Deinen Schwur.« Sali. J<^, hast Du denn geschworen? Flor. Ja freilich! Zweimal! Sali. Um Gottes willen! Flor. Einmal, als ich Bürger wurde, und einmal, wie mein Nachbar in Mariahilf seinen Hausherrn einen Esel geheißen hat. Fr. Buch. Und wo ist denn der Dundesort? Flor. Was weiß denn ich? Ich glaub' der Bundesort is in Frankfurt am Main. Bevor ich den Mantelmann mehr fragen konnte, war er verschwunden. Ich mach' die Brieftasche auf, und was erblick' ich? Sali! Einen Buschen Banknoten von tausend Gulden. Sali. Tau — tau — tausend Gulden? Mir verschlagt's die Red'. Flor. Sei so gut, da krieget ich eine stumme Frau. Fr. Buch. Ich fall' in Ohnmacht. Flor. Sie können tbun, was Sie wollen. Sali. Ich kenn' mich gar nicht aus. Flor. Ich auch nicht. Mein Glück tritt als Wolkenbruch-Fabrikantin auf, — es regnet Banknoten. O Gott, wenn nur heut' ein Lostag wär', daß das Wetter so sechs Wochen anhielte. Fr. Buch. Ta wurden Sie ja ein Millionär? Flor. Lieget mir auch nir d'ran. Sali, das soll eine Hochzeit werden wie die in Cana, ganz Mariahilf lad' ich ein. Sali. Und meine Frau Godl! I Flor. Die muß zweimal essen; — eine große Gans kauf' ich, die älteste, die aufzutreiben ist, vielleicht krieg ich eine von den Gänsen, die in Rom 's Capitol gerettet. Fr. Duck. Und meine Freundin, die Tabakkrämerin, muß auch mitkommen. Flor. Ich werd' sie selbst transchieren. Fr. Buch. Was? Meine Freundin? Flor. Nein, die Gans, die Andere! — Jetzt will ick mich aber in Galla werfen. (Wickelt das ßinbindtuch auf und zieht einen schwarzen Frack heraus.) Sali. Was thust denn? Flor. Einen schwarzen Frack zieh' ich an, daß ich nobel ausschau! Fr. Buch. Ja, gehört er denn Ihnen? Flor. Gar keine Red'. Ick Hab' ihn gemacht für den portugiesischen Fürsten Eldorado, bei dem mich Dein Vetter, der Fritz, empfohlen bat, — es ist mein Probestück. Heut' Abend hätt' ich ihn abliefern sollen, jetzt behalte ich ihn selber. Der Fürst hat mehr Fräcke. Sali. Wenn er ihn aber doch braucht? Flor. Vor der Hand brauch' ich ihn. Sali, da hast fünfzig Gulden, nimm Dir einen Fiaker und fahr' einkausen mit der Frau Mutter, in Mariahilf, in meiner Wohnung sehen wir uns wieder. Fr. Buch. Gehen Sie denn nicht auch mit? Flor. In einer Stunde bin ich bei Euch. Leb' wohl, Geliebte. (Küßt fik) Da hast Du eine Reisezehrung, wenn Du Dich einschränkst, wirst wohl auskommen bis Mariahilf mit dem Bussel. (Begleitet Beide bis zur Thür.) Achte Scene. Flor. Der Frack steht mir wie angegossen — ich muß aussehen — wie ein' Amsel, die im Prater auf einen Akazienbaum nach Liebesabenteuer ausgeht; jetzt werd' ich mir noch ein paar rosafarbene Glacehandschuhe kaufen, und der Grabendandi, der äi XottlmarLto ist fertig! So, jetzt über das Ganze den verhängnißvollen Mantel 7 und meine Wanderung angetreten. Das Licht lösch' ich aus, (thut es) den Weg über die Stiegen find' ich schon im Finstern. lWill gehen, im selben Augenblicke hört er ein Schloß probieren, macht einen langen Hals, stutzt und spricht leise.) Was ist das? Man probiert ein' Schlüssel? — Die Tapeten werden lebendig, — was seh' ich? Wieder ein Mann mit ein' Mantel. Will der mir auch wieder tausend Gulden geben? Wenn's nichts Anderes ist,—auf Ehre—ich nehm's. (Zieht sich aus die andere Seite.) Neunte Scene. Florian. Strömling (im Mantel, eine Blendlaterne und eine schwarze Halblarve in der Hand, tritt ein). Ströml. Alles in Ordnung! Wie ich es dem Hausmeister befohlen. Die Wohnung still und abgelegen, deßbalb vollkommen geeignet zu unseren nächtlichen Zusammenkünften. (Leuchtet mit der Blendlaterne herum und bemerkt Florian, der sich verstecken wollte.) Was seh' ich? Schon einer hier von den Unseren? Flor. Ich habe die Ehre! (Flüsternd.) Das ist nicht der, der die Mäntel bei mir bestellt hat, das ist ein Glück, sonst kennte er mich gleich. Ströml. Guten Abend, Camerad! (Reicht ihm die Hand.) Flor, (ängstlich.) Ergebener Diener! Ströml. Der General wird diesen Abend nicht kommen. Flor. Wer? Bitte! Ströml. Der General! Flor. So? Na macht nichts! — wenn nur die andern Herren eintreffen, die Feldweibeln und die Gemeinen. Ströml. Er hat mir das Präsidium überlassen. Flor. Wie theuer? Ströml. Theuer genug; wenn wir entdeckt werden, kostet es nur unsere Köpfe! Flor. Ah! Ströml. Der Fürst Eldorado — Flor. Meine Kundschaft? Ströml. (lächelnd-. Ha, ha, ha! Ja wohl, »unsere Kundschaft,« er muß bedient werden, wie es unser Gelübde erheischt! Heute Nacht schlägt seine Stunde, er fährt auf den Ball zum Prinzen Ossikow. Flor. Ah, deßwegen hat er sich den schwarzen Frack bestellt, — wegen dem Ossikow? Ströml. Du scheinst ja in deinen Nachforschungen recht thätig gewesen zu sein. Flor. Ich glaub's! Drei Tag Hab' ich daran gearbeitet, aber er kriegt den Frack nickt! Ströml. Warum nicht? Flor. Ich habe geglaubt, wir wollen ihn sekiren. Ströml. Lächerlich! Er muß den Frack bekommen, damit er keinen Argwohn haben kann, und sicher erscheint. Flor. So? Na, wie Sie glauben. Ströme!. Du bist also meiner Ansicht? Flor. Ja freilich. (Für sich.) Wenn ich nur wüßte, um was es sich handelt, am Ende werd' ich da verkauft, und ich gebe dazu noch meine Zustimmung. Ströml. Das Bewußte hast Du erhalten? Flor. Was? Ströml. Nun, die Brieftasche mit — Flor. Ja wohl! O, die hat mir ein unendliches Vergnügen gemacht, wollen Sie mir vielleicht auch eine geben? Ströml. Nach vollbrachter That. Den Plan hast Du gelesen? Flor. Nein. Ströml. Hier ist er. (Gibt ihm ein Papier.) Flor. Danke, ich werd's mir aufheben. (Thut es in die Brieftasche und steckt sie in den Frack.) Ströml. In einer Stunde wird entschieden sein, wer den Streich führt. Du kennst mich nicht? Flor, (für sich.) Wer, ich? Was soll ich jetzt sagen? Ströml. Ob Du mich kennst, frag' ich? Flor. Ich, ja freilich, wie werde ich Sie nicht kennen. 8 Ströml. (hart und heftig ihn anfassend) Du kennst mich? Das widerspricht unserem Schwur! Flor, (ganz erschrocken). So? Dann kenne ich Sie nicht. Ich habe Sie ja mein Lebtag nicht gesehen. Kennen Sie mich? Ströml. Nein! Flor. Ich werde Ihnen gleich meine Adresse geben. Ströml. Laß das. Unser Unternehmen geht seinen Gang, ohne daß wir uns zu kennen brauchen. (Man klopft von außen leise an die Thür ) Flor. Es klopft wer! Ströml. Das sind die Brüder. (Oeffnet die Thür.) »Die Verräther schlafen, der Bund wacht!« Zehnte Scene. Vorige. Sieben Männer (in Mänteln). Flor, (mit Zittern und Beben). Was fth' ich? Meine Mäntel? 1 — 2 — 3 — 4 — 5 — 6 — 7! Wo man hinschaut, wachst sich ein Mantel mit zwei Aermeln heraus. Ströml. (zu den sieben Männern). Kennt Ihr mich? Sieb. Männer (verneinen es). Nein! Flor, (macht Alles nach, und verneint noch länger mit dem Kopfe als die Andern). Kennen Sie mich? Sieb. Männer (verneinen es). Nein! Flor. Ist mir sehr angenehm. (Für sich.) Ich habe eine Angst in mir, ich weiß nicht mehr, bin ich ein Mandel oder ein Weibel, — ein der, eine die, oder eine das! Ströml. (tritt in ihre Mitte). Ich habe Euch in dieses abgelegene Zimmer gerufen, weil wir hier, wenige Minuten vor dem entscheidenden Schlage, nicht überfallen werden können. Doch wie ich sehe, fehlen mehrere von unseren Kameraden. Flor. Ja wohl. Wer später kommt, soll eine Maß Wein zahlen, es müssen zwölf sein. (Für sich.) Ich bin der Dreizehnte. Wenn der Teufel das Dutzend holt, bleib ich übrig. Ein Verschw. Die Unsichtbaren halten Wacht. Ströml. So wollen wir unsere letzte Besprechung eröffnen. Setzt Euch, Brüder. Jeder hat hier gleiches Recht am Loose und an der Gefahr, — denn jeder trägt, wenn unser Anschlag mißlingt, seine Haut zu Markt! Flor, (für sich). Da werde ich vielleicht zu Sommerstiefletten verwendet, ich Hab' so einen zarten Teint. Ströml. (zu Florian). Camerad dort links, Du hast das Wort, theile deinen Plan mit. Was hast Du in Betreff deiner Abreise beschlossen? Flor, (für sich). Jetzt kann's gut gehen. Ströml. Hast Du gehört, was ich gc- sagt? Flor. Ja freilich! Ströml. So trage vor! Flor. Ja, ich trage vor! — Aber wenn einer von den andern Herren will — Alle. Nein, — nein! Ströml. Du hast durch deinen Platz das erste Recht. Flor. Nun also — so trage ich vor, — aber was denn? — Ich werd' Ihnen das Liedl von dem Sckneidergesell'n vortragen, den der Teufel als Zuschneider engagirt bat. »Ein Schneider wollte wandern, — Am Montag in der Früh —« Ströml. Keine Späße — eine Rede! Flor. Eine Rede! Auch gut! Also eine Rede. (Räuspert, hustet, richtet Halstuch und Vatermörder und spricht sehr leise.) Meine Herren! Alle. Lauter! Flor, (etwas lauter). Wenn ein Redner eine Rede halten soll, so muß er vor allen Dingen das richtige Maß haben, er muß die Vorderlängc und Mittelbreite genau eintragen, und bei jeder Naht einen Finger breit zugeben — weil sonst — Ströml. Keine Vorrede! Es handelt sich um keine schönen Floskeln. Deine Meinung ! Flor. Meine Meinung — ja so — 9 Ströml. Sprich gleich von der Ausführung und erwäge die Gefahr nach allen Seilen. Flor. Gut! (Recht laut.) Meine Herren! Indem ich also die persönliche, gefährliche Gefahr erwäge, und dieselbe meinen Kollegen, die man auch Kameraden oder Dutzbrüder nennt, entgegenstelle, so glaube ich doch, durch die Ausführung des Projektes, welches gelingen zu scheinen, als wahrscheinlich anzunehmen ist, es möglich zu machen, zu — zuzumachen; denn wir müssen strebend das erreichen, welches das goldene Ziel ist, auf das wir unsere Hoffnung stützen, bei der Nacht, wo kein Mond scheint und keine Gaslaterne brennt, doppelt epochemachend, wenn wir durch Mantel und Mäntel bemäntelt und vermummt verborgen, was verborgen, für heut' und morgen, mit Kummer und Sorgen, die Neugierde derjenigen reizt, die uns mit dem großen Bügeleisen des Verrathes wieder zubiegeln, nicht zu läugnen, die infame Absicht gehabt zu haben, verrichtet worden zu sein. Das ist meine Meinung. Ströml. Das ist mir nicht klar. Flor, (für sich). Mir auch nicht. (Man klopft von außen an die Thür.) Ströml. Still! Man klopft! — Sollten die Brüder? — Flor, (in höchster Angst, für sich). Jetzt ist's aus! Wenn die zwölf Mäntelträger vollzählig werden, so findcn's gleich in mir den unnöthigen Dreizehnten heraus. (Man klopft stärker und eine Stimme ruft:) Aufmachen! Flor, (für sich). O je, das is die Stimm' von meiner Sali ihrem Vetter. Ströml. Schnell fort durch die Tapetenthür! (ZuFlorian.) Du, Kamerad, kannst noch einen Augenblick hier bleiben, um zu sondieren, ob Gefahr für uns vorhanden ist.— Noch Eins, Kamerad, ich habe einen Schatz, den ich für diese Nacht in Sicherheit gebracht wünschte; kannst Du über ein sicheres, abgelegenes Logis verfügen? Flor. O ja, Mariahilf Nr. 127, zweite Stiege, dritter Stock, Thür Nr. 43. Ströml. Vortrefflich. Ich erwarte Dich in einem geschloffenen Wagen in zehn Minuten hier am Eck der Straße und werde Dir das theu're Wesen anvertrauen. Du bürgst mir dafür. Flor. Ich bürge! Ströml. Mein Dank wird groß sein. Ich finde mich morgen vor Tagesanbruch dort ein, um das Kind wieder zurückzunehmen, da ich in zwei Tagen Europa zu verlassen gedenke — auf immer leb' wohl! (Ab mit Allen durch die Tapetenthür.) Flor. Oodrs noL. Eilfte Scene. Florian (allein). Dann Fritz. Flor. Ach, Du grundgütiger Himmel, wie wird das enden, in was für eine gräßliche Geschichte bin ich da hineingerathen. (Oeffnet die Thür.) Fritz. Ach, Florian, da seid ihr ja, — Gott sei Dank — ich suchte Euch schon in eurer Wohnung in Mariahilf; die Hausmeisterin sagte mir aber, Ihr werdet hier bei meiner Muhme sein. Flor. Was gibt's denn? Fritz. DerFürst braucht seinen schwarzen Frack, ich muß ihn augenblicklich bringen. Flor. Da ist er schon. (Wirst den Mantel ab und zieht den Frack aus.) Fritz. Was, Ihr habt ihn getragen? Flor. Aus Vorsicht, daß er keine Falten kriegt. — Ich Hab' ihn eigentlich gar nicht hergeben wollen, ich will ihn dem Herrn Fürsten abkaufen. Fritz. Habt Ihr den Verstand verloren? Erklärt mir nur. Flor. Still! Verrathe kein Wort, sonst wird deine Haut zu Rindsleder gegerbt. Eine schöne Empfehlung an den Herrn Fürsten, und ich laß ihn grüßen. (Er bindet drn Frack in das grüne Tuch und übergibt ihn Fritz.) Noch Eins, heute Abend ist um zehn Uhr großes Souper in meiner Wohnung. Ihr seid's eingeladen. 10 Fritz. Wirklich? Flor. Wir feiern mein Verlobungsfest. Fritz. Also wird geheiratet? Flor. Noch vor Ostern, bevor noch der Schnee von der Alma wegageht! Das heißt, wenn ich bis dahin noch lebe. Fritz. Ah, da gratulir' ich, ich werd' mich pünktlich einfinden. O, ich wollt', ick war' mit meiner Fanny auch schon so weit, daß ich Hochzeit machen könnt'. Aber da ist noch keine Aussicht. Also um zehn Uhr in Mariahilf. (Ab.) Flor, (allein). Ach, wie ist mir elendiglich zuMuth! Meine Nerven sind durch die Ereignisse und durch die große Rede, die ich gehalten Hab', so abgespannt wie die Saiten von einer Cremoneser Geige.—Na, das macht nichts, ich will Alles ertragen, wenn ich nur dadurch endlich an mein langersehntes Ziel gelange, und du engelsgleicke Sali, mein ganzes Streben, mein Alles! für die mein Schneiderherz in lichten Flammen aufgeht. O, Sali! Sie muß dieMeine werden, und wer sie mir nimmt, der zittere vor meiner Rache! (Ab.) Verwandlung. (Zimmer bei Florian Storch. Zm Hintergründe befindet sich ein Alkoven, der mit Vorhängen geschlossen ist.) Zwölfte Scene. Frau Buchinger. Sali. Fr. Buch, (mit einem großen Einkaufskorb am Arm. in der Hand trägt sie einen Leuchter mit einer brennenden Kerze). So, da sind wir beim Florian. Die Hausmeisterin hat mich gleich kennt, und war deshalb so freundlich, mir Schlüssel und Licht zu geben, daß wir nicht im Finstern herumtappen dürfen. Aber da schaut's miserabel aus. Sali. Das ist balt sein' Werkstatt. Das wird jetzt bald ein anderes Aussehen bekommen, mit den tausend Gulden laßt sich schon ein neues Meublement anschaffen. Das Cabinet da daneben is schon besser eingerichtet. Dreizehnte Scene. Vorige. Fritz. Fritz. Da bin ich! Der Beistand ist hier! Jetzt kann's losgehen. Fr. Buch, und Sali. Ah, der Fritz! Fritz. Ich gratulire. Mit der Hochzeit wird es also doch Ernst? Fr. Buch. In längstens vierzehn Tagen. Sali. Und was ist's denn mit Dir, Vetter? Wirst Du mir's nit bald nachmachen? Fritz. Ich Hab' jetzt weniger Hoffnung als jemals. Ihr wißt, ich bin in die hübsche Fanny, in die Mündel vom Herrn von Strömling, wahnsinnig verliebt, täglich trafen wir uns Abends — doch heute, als ich wieder zum Rendezvous kam, da kam sie nicht, und als ich um die Ursach' srug, da hieß es, sie sei heut' Nachmittags plötzlich verschwunden. — Vielleicht ist sie gar enrsührt worden. Fr. Buch. Entführt? Sali. Aber Vetter, so was Romantisches in unserem Jahrhundert. Zu was entführen? Wenn uns Einer g'fallt, geh'n wir schon so auch mit. Fr. Buch. Vielleicht war's der Vormund, der's abg'holt hat. Fritz. Es kann auch ein Anderer gewesen sein, ein Nebenbuhler,— o wenn ich den Elenden unter meine Hand krieg! Sali. Aber Vetter, nur nicht so desperat! Komm', geh' mit in die Küchel, daß wir das Nachtmahl Herrichten, Du kannst die zwei Reppbendeln putzen, und bei jedem Federl, was Du ausreißt, an dein' Fanny 11 denken und sagen: Sie liebt mich vom Herzen, mit Schmerzen, ein wenig oder gar nicht. Wennst das a Viertelstund so mackst, vergeh'n Dir dann deine desperaten Zdeen. (Alle Drei in die Kammer mit dem Licht.) Vierzehnte Scene. Florian. Fanny. Flor, (mit einem kleinen brennenden Wachslicht. das er auf den Tisch stellt). So, da sind wir in meiner Wohnung. Fanny. Und hier soll ich bleiben? Flor. So will's der Herr mit dem Mantel, und was der verlangt, muß ich thun. Fanny. Wie lange werde ich denn hier bleiben? Flor. Bis morgen Früh. Fanny. Za, warum denn? Flor. Das möcht' ich selber wissen. Fanny. So will ich Ihnen sagen, was ich weiß. Ich habe einen Liebhaber. Flor. Zst das die Möglichkeit? Fanny. Das heißt, ich habe eigentlich zwei Liebhaber. Flor. Zwei? Vermuthlich einen für die; Sonn- und Feiertage, und einen Alten, so unter der Wochen zum Strapazieren. Fanny. Sie könnten beinahe Recht haben, denn ich Hab' nur einen gem. Flor. Das ist gewöhnlich so. Fanny. Der andere ist wohl in mich verliebt, aber ich nicht in ihn, und das ist mein Vormund, der Herr von Strömling. Flor. Ist das der Herr im Mantel, der Sie an mich übergeben hat? Fanny. Derselbe. Heute sagte er mir: Du kannst diese Nacht nicht hier im Hause bleiben, — es wäre zu gefährlich! Flor. Gefährlich! Fanny. Du wirst einem Manne folgen, der Dich vorderhand in Sicherheit bringen wird, und der Mann waren Sie. Flor. Der Mann waren war ich! Fanny. Er wird Dir Alles erklären. Flor. Zch? Fanny. Also jetzt reden Sie, weshalb bin ich hier? Flor. Ja,was weiß denn ich? Ich weiß gerade so viel wie bei der Conferenz, wo ick den großen Vortrag gehalten Hab'. Mir ist nur Eins bewußt, das sind die Worte des Mantelmannes: »Niemand darf sie bei Dir sehen, mit Niemand außer Dir darf sie sprechen, sonst bist Du des Todes.« Das ist eine hübsche Situation. D'rum nur geschwind — Was hör' ich? — Stimmen hier in der Kammer? (Sicht durch das Schlüsselloch.) Herrgott, meine Sali, ihre Mutter, und der Vetter sind da! — Was fang' ich jetzt mit Ihnen an? Liebes Fräulein, ich bin' Sie, gehen's in diesen Alkoven, da stebt ein Bett, da legen Sie sich hinein und schlafen Sie — aber nicht schnarchen, sonst sind wir verloren. Fanny (ängstlich). Sie sind nicht allein? Flor. Nein, ich habe Gesellschaft — aber haben's keine Angst, es sind gewöhnliche Menschen, verhalten Sie sich nur ruhig, und ich werd' schon schauen, daß sie in der Kammer bleiben-und Sie nicht stören. Man kommt, ich bitt' um Gottes willen, wenn Jemand mit Ihnen spricht, ist's aus mit mir, er bringt mich um. (Transportirt sie bittend in den Alkoven und zieht die Vorhänge zu.) Ach, ich bin ganz hin, meine Knie schnappen mir zusammen, wenn's so fort gebt, muß ich sie in der Schlinge tragen. Fünfzehnte Scene. D o r i ge. Sali. Fritz. Sali. Ach, da bist ja schon, mein lieber Florian! Flor. So? Bin ich da? Das weiß ich gar nicht. 12 Sali. Wo solltest Du denn sein? Flor. Das kann ich nicht sagen, daß ich aber nicht bei Dir bin, das weiß ich. Fritz. Was ist Ihnen denn, Herr Florian ? Sali. Tu kommst mir so gewiß sonderbar vor. Flor. So? Komm' ich Dir vor? Sali. Fehlt Dir etwas? Flor. Gar nichts; mir ist so kannibalisch wohl, wie wenn ich einer von die Fünfhundert wäre. Fritz. Na, das is g'scheid. Die Sali hat mich auch getröstet wegen mein' Liebeskummer, und da man alles Gute belohnen muß, so werden Sie erlauben. (Umarmt Sali und küßt fir.) Fanny (welchk, als fit Fritzens Stimme hörte, lauschend hinter den Vorhängen erschienen, stößt einen leisen Schrei aus. als Fritz Sali küßt). Oh! (und verschwindet wieder hinter den Gardinen). Sali (sich umsehend). Was war das? Fritz. Ein Schrei? Von wem? Flor. Don mir. Ich Hab' g'schrien, es war ein verschlagener Seufzer. Sali. Aber mir war doch als ob — Flor. Ich war das! Ich Hab' das so an mir, zwischen zehn und eilf in der Nacht mach' ich immer so terroristische Anstrengungen. Fritz. Das ist nicht möglich. Der Schrei kam aus dem Alkoven, — da ist Jemand versteckt. — Sali. Das werden wir gleich sehen — (Beide ziehen die Vorhänge auseinander und Fanny tritt heraus.) Sali (schreit). Ha! F ritz (erschrocken zurückfährend). Was sehich! Sali (lautausschreiend). Ein Frauenzimmer. Flor. Nein, es ist ein Mann — sie verstellt sich bloß. Fritz. Die Fanny! Sali. Bei meinem Florian! Fritz. Jetzt, so spät? Sali. Am Verlobungsabend? Flor. Ich Hab' das schon an mir, zwischen zehn und eilf Uhr. (Kampf zwischen Florian und Fritz mit Hirschfänger und Elle, was die Mädchen zu verhindern suchen.) Fritz (Florian packend). Du bist also der Schändliche, der sie entführt hat. Sali (packt ihn ebenfalls bei der Hand). Du hast also außer mir noch eine zweite Liebschaft? Fritz. Ungeheuer! Sali. Nichts würdiger Mensch! Fritz. Elender Schuft! Sali. Du — Du — Du — Flor. Gott sei Dank, es gehen Ihnen die Titulaturen aus. Hört's mich nur an. Ich bin unschuldig. Fritz. Das ist erlogen! Sali. Das ist nicht wahr! Fanny. Aber laßt's Euch doch nur sagen — Sali. Nichts wollen wir hören! Fritz. Doch der Herr soll sich erklären, wie kommt meine Fanny hieher? Sali. Wie kommt das Frauenzimmer in deine Wohnung? Red', oder ich kratz' Dir die Augen aus. Fanny (zu Florian). Ja, sprechen Sie, warum bin ich hier? Flor, (in größter Desperatton). Ich weiß nir — ich weiß nir — ich weiß nir— und wenn ich was wußt, so dürft' ich's doch nicht sagen. Fritz. Aha! Sali. O ich unglückliche Person! Flor. Allgereckte Vorsehung! In welche Verwicklungen kannst Du einen armen Schneider von Mariahilf bringen? Fritz. O, ich werde der Sache schon auf den Grund kommen. (Zu Fanny.) Sie, mein Fräulein, bleiben hier in der Kammer, bis ich zurückkommc. 13 Fannv. Ick thue Alles, was Du willst, lieber Fritz, aber glaub' mir, ich liebe nur Dich, und Hab' die feste Ueberzcugung, daß Du bald eine bessere Meinung von mir haben wirst. (Geht ab in die Kammer.) Flor. Und von mir auch! Fritz. Wir werden sehen. Ich geh' jetzt nach Haus, ich werde, wenn Sie nickt sprechen, mein wertster Herr Florian, unfern Haushofmeister, Herrn von Strömling, zwingen, mir die Wahrheit zu sagen, und sind Sie schuldig, so laß ich Sie anlaufen wie einen wilden Eber, und jage Ihnen den Hirschfänger durch den Leib. (Stürztab.) Sechzehnte Scene. Florian und Sali. Flor. Meine Zukunft wird immer schöner. Sali (schluchzend). Und was ist's denn mit uns Zwei? Flor. Was weiß denn ich? Willst Du mich vielleicht auch umbringen? Ich stehe zu Diensten, ich Hab' das so an mir zwischen zehn und eilf. Sali (faßtsich). O, ich werd' mir schon auf eine andere Art Satisfaction verschaffen. Mit uns ist's aus, meine Lieb', meine Treu', die ich Dir geschworen Hab', nimm ich zurück. (Heftig weinend.) Für die drei Jahr, wo Du mich g'foppt und mir mein' Jugend gestohlen hast, bedank' ich mich recht schön, und wennst glaubst, daß Du mit der da glücklicher wirst, als mit mir, so will ich dein'm Glück nicht im Wege stehen, und wünsch' nur Eins, daß sie Dich so gern haben möcht', als ich Dich g'habt Hab'. (Verhüllt fich weinend das Gesicht.) Flor. Aber Sali — Saline — Salettel— Salon! Sali. Ich mach' Dir keinen Vorwurf mehr, uud weun Dir Dein Gewissen keinen macht, so kannst Du ruhig in die Zukunft blicken und zufrieden und glücklich leben, und jetzt pfirt Dich Gott, wir sehen uns in dem Leben nimmer. (Geht zur Thür.) Flor. Aber Sali — (sieht durch'- Fenster) Was seh' ich, der Mantelmann'kommt auf's Haus zu? — Geliebte, nur fünf Minuten versteck' Dich, wo die Andere versteckt ist, ich kann Dir vielleicht den Beweis liefern, daß ick unschuldig bin, — ich möckt' ja gern reden, aber ick darf ja nickt. Ick bitt' Dich um Alles in der Welt, verhalt' Dich ruhig. (Transportirt Sali hinterdieDorhänge den Alkoveu.) Da ist er schon, der Krampus meines Schicksals. Siebzehnte Scene. Vorige. Balthasar Strömling. Ströml. Nun, Camerad, ist das Mädchen untergebracht? Flor. Uhm! sie schlaft in der Kammer. Ströml. Gut. Daß ich sie nicht am Orte der That lassen konnte, war natürlich. — Die Gefahr — Flor. Freilich, die war zu groß, ich glaub's! Ströml. Leider ist unsere Unternehmung fehlgeschlagen. Flor. Nickt möglick? Unsere große Unternehmung? Ströml. Ein schändlicher Verrath — Flor. Nicht möglich! Ja das ist ein Kreuz bei der Spinnerin am Kreuz. Ströml. Hätt' ich lauter solche Männer gehabt — Flor. O, ich bitte! Ströml. Männer von Deiner Treue— Flor. O, bitte! Ströml. Diese Sache — Flor. O, bitte! Ströml. Stünde anders! Flor. O, bitte! Ströml. Jetzt müssen wir an unsere Flucht denken. 14 Flor. Was? Ströml. Ich reise noch diese Nackt nach Lissabon, wer morgen früh noch hier ist, ris- kirt festgenommen und gehängt zu werden. Flor. Au weh, mein Kragen! Sali (die hinter den Vorhängen lauschte, stoßt einen Schrei aus). DH! Ströml. (sich umsrhcnd). Was war das? Ein Schrei — Flor. Der war von mir. Ich Hab' ge- schrien. Ströml. Du? Flor. Ja, ich — ich Hab' das so an mir zwischen zehn und eilf. Strüml. Also leb' wohl. Das Mädchen wird um drei Uhr Morgens abgeholt. Die Gefahr wächst mit der Minute, und willst Du deinen Kopf sichern, so darfst Du vor Tagesanbruch nicht mehr hier sein. (Ab.) Achtzehnte Scene. Florian. Sali. Sali. Was Hab' ich gehört? Flor. Ich werd' aufg'hängt, — die Schand'! Sali. Aber wegen was denn? Flor. Was fragst denn mich? Sali. Du bist also unschuldig? Flor. Wie ein neugebornes Kind. Sali. Das ist ein Complott, das mußt Du anzeigen. Flor. Was soll ich anzeigen? Ich weiß ja nichts. Sali. Nichts? Flor. Gar nichts! Sali. Du mußt sagen, daß Du unschuldig bist. Flor. Das kann ich nicht. Ich Hab' die Mäntel gemacht und Hab' einen mehr herausgeschnitten. Dann bab' ich in der Sitzung eine große Rede gehalten. Sali. So mußt Du entfliehen. Flor. Wohin denn? Bis Sckwechat ist drei Stunden, und dort bin ich vielleicht auch noch nicht sicher. Sali. Was ist denn da zu machen? Flor. Gar nichts—als mich ruhig aufhängen zu lassen. O, ich unglückseligster aller Nadelhelden, ich bin der bedauernswer- theste Bügeleisenritter, den der Erdboden trägt. — Aber ich will nickt jammern und lamentiren, ich will ein Mann sein, daß die Nachwelt zu mir nicht sagt: O Bagage, der Schneider hat keine Courage. Ich will, wenn ich schon sonst nichts besitze, wenigstens den Muth haben, alles das, was ich weiß und nicht weiß, zu gestehen. Ich muß gleich zum Fürsten Eldorado. Sali. Ach, diese unglückseligen zwölf Mäntel sind an Allem schuld. Flor. Die zwölf nicht, aber der dreizehnte. Ein altes Sprichwort sagt, wenn dreizehn Mäntel an einem Tisch sitzen, muß einer davon sterben, — der bin ich. Ich muß baumeln. Leb'wohl, Sali,—jenseits, wo zwei Pomeranzen einen alten Kreuzer kosten, sehen wir uns wieder. (Eilt ab.) Sali. O, Du mein armer Florian! Und was wird aus mir werden? Jetzt kann ich mich selber heiraten, und das Alles am Verlobungsabend! Neunzehnte Scene. Vorige. Frau Buchinger. Fanny. Dann Florian. Fr. Buch. Kommen's, Fräulein Fanny, Sie können ja nir dafür; mein' Sali wird's jetzt auch schon einsehen. Sali. Ach, der arme Florian ist schon ganz verrückt. Kr. Buch. Aber wegen was denn? 15 Sali. Das kann ich der Frau'Mutter nicht sagen. Fr. Buch. Warum denn nit? Sali. Weil ich's nit weiß. Fanny. Aber er muß's doch wissen? Sali. Na, er weiß auch nir. Das ist eben das Unglück. Es geht wo in der Stadt was vor, in das er verwickelt ist; was das aber ist, von dem hat er kein' Idee, d'rum ist's mit uns auch so ein Malheur. Fr. Buch. Vielleicht hat er Schulden, und soll deswegen eing'sperrt werden. Sali. O, wenn es weiter nichts wär'! Fr. Buch. Ist das nicht schon genug? Sali. Für ihn viel zu wenig, er wird zum Mindesten, wenn er nicht aufg'hängt wird, ein paarmal hinter einander todtge- schossen. Fr. Buch. Ach, Du Allmächtiger! Fanny. Das ist doch nicht denkbar! Sali. Und es ist doch so.— Bis morgen Abend (weinend) ist er vielleicht schon im Criminal und schaut bei einem vergitterten Fenster heraus. Zwanzigste Scene. ^ Vorige. Fritz. Florian. Fritz. Triumph! Triumph! Flor. Feuerwerk! —Illumination! — Hochzeit!— Kindstauf!— Verlobung! — Schreit's: Vivat! Sali und Fr. Buch. Warum denn? Flor. Schreit's Vivat, sag' ich! Sali und Fr. Buch. Vivat! Flor. Wir sind durch! Der Fritz ist mir am Eck begegnet, und hat mir Alles g'sagt. Fritz. Das Complott ist entdeckt. Sali. Ein Complott? Flor. Ein schreckliches Complott! Fr. Buch. Reden's! Fanny. Ich bitte! " Fritz. Ein Vetter unseres Fürsten in Lissabon — ' Flor. Das is'da, wo die Pepita's Herkommen— Fritz. Hatte die freundliche Absicht, meinen Herrn aus dem Wege räumen zu lassen, um sich dadurch zum Erben eines unermeßlichen Vermögens zu machen. Flor. Sechstausend Millionen Pfund Sterling, glaub' ich. Fritz. Welche nach dem Tode des Fürsten Eldorado dem Herm Vetter zufallen mußten. Er schickte seine Emissäre ab, — zwölf Bösewichter sind dabei betheiligt — und nach dem heutigen Souper — hatte man die Absicht, den Fürsten zu erdolchen. Flor. Abstechen haben sie ihn wollen wie ein Spanferkel, und ich war, ohne daß ich's g'wußl Hab', ein Mitverschworner von dem Complott, deshalb Hab' ich die tausend Gulden bekommen. Sali. Und durch wen ist denn das auf'- kommcn? Flor, (stolz). Durch mich! Fritz. Das heißt durch den schwarzen Frack. Flor. Den ich heut' von dem Fürsten ang'habt Hab'. » Fritz. Der Fürst fand'in der Brusttasche ein Papier. Flor. Was man mir bei der Sitzung gab. Fritz. Worin die Schandthat sammt den Namen det Verbrecher ganz deutlich verzeichnet steht. Flor. Ich bin nicht darauf verzeichnet. Fritz (zur Fanay). Leider aber dein Vormund, Fanny, der sich durch Gold geblendet zum Dolmetsch und Veranstalter des höllischen Streiches hergab. Die Gerichte sind bereits avisirr, und diese Nacht noch werden die Miffethäter in den Händen der Gerechtigkeit sein. 16 Fanny (weinend). Allmächtiger Gott! Fritz. Tröste Dich, Kind, der Fürst hat in seinem Edelmuth gleich an Dich gedacht. Er selbst will die Vormundschaft für Dich übernehmen. Zn vier Wochen sind wir Mann und Frau. Fanny (finkt ihm an die Brust). Sali (zu Florian). Und was g'schicht denn mit Dir? Fr. Buch. Werden Sie nicht aufg'hängt? Flor. Na, sein's so gut! Mich hat der Herr Fürst, wie der Fritz sagt, zu seinem Leibschneider ernannt, und die Sali wird meine Frau Leibschneiderin. Sali. Den unglückseligen Mantel wirf aber gleich in's Feuer! Flor. Gott bewahre! Der Mantel wird aufbewahrt für unsere Kinder und Kindeskinder. — Und auf meinem Aushängschild wird erabg'malt mit den Worten: »Florian Storch, fürstlicher Körperdecorateur, zum dreizehnten Mantel von »Ehrlich währt am längsten«. Der Vorhang fällt. Ende. Von demselben Verfasser sind früher erschienen: Möbel-Fatalitäten. Schwank in einem Act. 6 Sgr. oder 30 Nkr. Euleuspiegel als Schlüpfer. Posse in einem Act. 6 Sgr. oder 30 Nkr. Die Milch der Eselin. Posse mit Gesang in einem Act. 6 Sgr. oder 30 Nkr. Nur keine Protection. Posse mit Gesang in zwei Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Domestikenftreiche. Posse mit Gesang in einem Act. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr. Druck u»d Pap in von Leopold Komme» in Wien. ( Den Bühnen gegenübe r als Ma nuscript gedruckt.) Palais und Irrenhaus. Driginal-CharakterbU- mit Gesang in zwei Acten von Friedrich Kaiser. Musik von Kapellmeister Carl Binder. Zum ersten Male im k. k. priv. Carltheater in Wien mit glänzendem Erfolge gegeben. Personen: Elise Wendheim, eine reiche Erbin. Wirrmann, ehemals Buchhalter, nun Elisens Vormund. Herr Schaumbach, Spekulant. Herr von Wallhorst, ein junger Edelmann. Herr von Sützel. Herr Feinberg, Kaufmann. Willibald Stark, Maler. Dr. Braunberg, Direktor einer Irrenanstalt. Magister Stritzel, Secundararzt in derselben. Helmer, Lommissär. Kritzer, i Irrsinnige. Florivde, Pruther, Stappel, ein reicher Stadttrödler. Margaretha, seine Frau. Mali, l Rosa, k Pepi. 1 ihre Kinder. Nazi, ) Frau Wollner, Elisens Gesellschafterin. Johann, Diener in Elisens Palais. Jonas, Michel, Wächter. Ein Gerichtsdiener. Gäste. Musiker. Wächter. Irrsinnige. Gerichtsdiener. Brautjungfern rr. Der zweite Act spielt 14 Tage später als der erste. theater-Repertoir Nr. S». t Erster Act. (Eleganter Salon — im Hintergründe durch eine Bogenwölbung mit einem größeren reich beleuchteten Saale verbunden, im Vordergründe zu beiden Seiten Thüren.) Erste Scene. (Im Saale rückwärts eine gewählte Gesellschaft, Dimer in eleganter Livree serviren Erfrischungen rc. Schaumbach, Herr von Wallhorst, Herr von Sützel (kommen eben aus dem Saale in den Vordergrund, dann) Feinberg. Schaumbach. Was sagen Sie, meine Herren? 3 st das ein Fest? . / Sützel (geckenhaft in Kleidung und Haltung, beim Sprechen etwas mit derZunge anstoßend). Als ob eine Feenkönigin ihre Himmel er- flössen hätte h Wallhorst. So hoch ging's bei Lebs- zeiten des alten Wendheim freilich nicht her — der alte Knauser kannte kein anderes Vergnügen als das Geschäft — Schaumbach. Und darbte und sparte. — Niemand wußte etwas vom wahren Stande seines Vermögens als sein alter Buchhalter, der Herr Wirrmann. Wallhorst. Den er, sonderbar genug, noch am Sterbebette zum Vormunde seiner einzigen Tochter ernannte. Sützel. Leider, Fräulein Elise — das himmlische Wesen, unter der Gewalt eines rauhen Bären! Schaumbach. Nun, seine Gewalt über sie endet mit der heutigen Nacht; — denn mit der ersten Stunde des morgigen Tages erreichtfieihrachtzehntesLebensjahr und soll an diesem Tage mündig gesprochen werden. Wal Ihorst. Unter einer Bedingung! — wenn sie nämlich an diesem Tage mit einem Manne, dessen Wahl aber der Vormund gebilligt haben muß, bereits förmlich und unwiderruflich vermält ist. Schaumbach. Sie hat sich aber bisher noch für keinen von ihren zahlreichen Bewerbern entschieden. Wallhorst. Sie muß dieß aber heute noch, denn dieß Fest soll ja nicht bloß die Vorfeier ihres Geburtstages, sondern zugleich ihr Verlobungsfest sein. Sützel. Dann ist die Stunde der Entscheidung sehr nahe — o Gott! Feinberg (im einfachen schwarzen Anzüge, kommt nun ebenfalls aus dem Saale in den Vordergrund, und bleibt, ohne anfangs von den Anwesenden bemerkt zu werden, ihrem Gespräche zuhörend, hinter ihnen stehen). Schaumbach. Sagen Sie, bester Herr von Wallhorst, haben Sie keine Ahnung wer der Glückliche sein dürfte? Wallhorst. Auf jeden Fall ein junger Mann, von dem sie überzeugt, daß er eben so lebenslustig als wie sie selbst! Schaumbach (für sich). 3ch glaube gar, der Schwindler meint sich selbst. Wallhorst. Sind Sie nicht meiner Meinung? Schaumbach. Nicht so ganz! 3ck> glaube sowohl sie, als ihr Vormund werden dem Manne den Vorzug geben, welcher die Eigenschaften eines liebenswürdigen Gatten mit denen eines umsichtigen Verwalters ihres Vermögens verbindet. Wall hör st (für sich). 3ch glaube gar, er meint sich selbst! (Laut, etwas spöttisch ) Das müßte nach Ihrer Ansicht so eine Gattung Geldmäkler sein! — nicht wahr? Schaum bach (beleidigt). Mein Herr! was wollen Sie damit sagen? Wall Horst. Ei, nichts—gar nichts — wir tauschen ja nur so unsere Meinung aus! (Ballmufik hinter der Scene. Die Gesellschaft im Saale entfernt sich aus demselben.) Wallhorst. Ha! die Mazurka! Ich bin so glücklich Elisens Tänzer zu sein! (Betonend.) Sie wird mir ihre Hand reichen. (Spöttisch.) Sie haben doch nichts dagegen? Schaumbach. O, nicht das Geringste — ich werde indeß den alten Vormund aufsuchen, und mit ihm — (ebenfalls betonend) ein Partiechen arrangiren! Wall hör st. Nun, viel Glück! Sehen Sie nur, daß Sie in dem Spiele nicht verlieren! Ha, ha, ha! (Eilt ab.) Sützel. Ich werde ihre schwebenden Bewegungen bewundern! (Folgt Wallhorst.) Schaumbach (Wallhorst vachsehend). Er lacht? Ich lache jetzt noch nicht — denn nur wer zuletzt lacht, lacht am besten! (Will ebenfalls fort, erblickt aber Feinberg, kalt zu diesem.) Ab, siehe da! Herr Feinberg! Fe inberg. Guten Abend, Herr von Schaumbach! Schaumbach. Hören Sie, ich finde es sonderbar, daß Sie sich in eine Gesellschaft wagen, wo Sie mich zu treffen wissen; Sie wissen doch wie wir stehen. — Feinberg (lächelnd). Hm! Etwa weil Sie einige Wechsel und daher auch das gerichtlich erworbene Recht über meine Person —? Schaumbach. Wenn ich wollte — Feinberg (gleichgiltig). Ja, so könnten Sie mich, sobald es Ihnen beliebt, meiner persönlichen Freiheit berauben — aber ich weiß nur zu gut, daß Sie das nicht thun werden. Schaumbach. So, und warum nicht? Feinberg. Weil Sic sich dadurch selbst die Hoffnung nehmen, jemals zu Ihrem Gelde zu kommen! Schaumbach. Ich sehe auch sonst nicht ein, wie dieß möglich sein sollte? Feinberg (ihn bei der Hand nehmend, bedeutungsvoll). Indem Sie schweigen! Sie wissen, ich habe mich als Kaufmann neu etablirt, untergraben Sie also nicht selbst meinen Credit, durchkreuzen Sic nicht durch einen Gewaltstreich die Pläne, die mich zahlungsfähig machen sollen! — Schaumbach. Ihre Pläne? Werden schöne Pläne sein! Hätten Sie lieber mir gefolgt, sich um eine gute Partie um- gesehen — Feind erg. Hm! Wer weiß — Schaumbach. Aber da ließen Sie sich ein in das Liebesverhältniß mit einem blutarmen Mädchen, verlockten dasselbe mit Heiratsversprechungen — Feind erg. Sie wissen aber auch, daß es kein Versprechen bleiben soll. Schaumbach. Aber die Mutter des Mädchens hat sich an mich gewendet, mit der Bitte, durch eine»» verläßlichen Rechtsfreund eine Klage auf Erfüllung Ihres Versprechens oder auf eine Abfertigungssumme anhängig zu machen — Feinberg. Pst! Pst! Sprechen Sie nicht so laut! — Suchen Sie diese Klage noch hinzuhalten, in einigen Tagen bin ich vielleicht im Stande, allen meinen Verpflichtungen nachzukommen. Schaumbach. Was sagen Sie? Fein derg. Ich sage nichts als dieß: der gute Ruf von Solidität muß mir von Ihrer Seite bewahrt werden — so wie ich selbst dieselbe sehr täuschend zur Schau zu tragen weiß. Schaumbach. Wenn Sie vernünftig die Welt zu täuschen verstehen, so können Sie's vielleicht noch zu etwas bringen, denn die Welt will getäuscht werden! — Na, so will ich mich noch einige Tage gedulden; aber gehen wir jetzt zur Gesellschaft. (Beide ab.) Zweite Scene. Barnabas Wirrmann. (Ein alter Mann mit grauem Haar, aber in seinem ganzen Wesen noch lebhaft und aufgeregt, kommt aus dem Hintergründe hervor.) Lied. Bedenkt man wie oft solche Fäll' arrivir'n. Worüber ein Mensch den Verstand könnt' verlier», So ist's noch zu wundern, daß ein Mar- morhauS Reicht für die Bevölkerung der großer; Stadt aus. 1 * 4 Kein Einziger hat ja die Affecuranz, Daß sein Hirnkastel bleibt sein ganz's Leben lang ganz, Denn täglich muß Sachen man sehen und hör'n, Worüber man gleich könnte wahnsinnig werd'n. 'S hat Einer studirt viele Jahr, Tag und Nacht, Bis er's hat zu anständigeZeugnisse bracht, Sein Collega dagegen, ein Sohn aus reichem Haus, Der bild't sich derweil im Billardspielen aus. D'rauf schauen sie Beide, daß's werd'n ang'stellt, Der G'scheidte wird nir, doch der Esel mit Geld Find't Protection, bringt's zu Würden und Ehr'n, Jetzt da könnt' man doch gleich d'rüber wahnsinnig wer'n. Les't man in Journalen einKriegsbulletin, Wo d'Verwundeten und Tobten g'nau nachgezählt steh'n, Und sieht da gedruckt für verbürgt schwarz auf weiß, Bei der und der Schlacht ist's Hergängen sehr heiß; Der Feind hat Zweitausend an Tobten verlor'n, Von den Siegern ist Einer nur leicht an- g'schoffen word'n, Die Andern, statt z'sterben — thun sie sich vermehr'»! Ja da könnt' man doch gleich d'rüber wahnsinnig wer'n. ES geht mit dem Verstand wie mit den Zähnen, kein Mensch ist sicher, ob er nir einmal ein' Zahn oder den Verstand ver. liert, oder ob nicht ein Zahn oder der Verstand wenigstens a bißlbrandig werden. Nur hat man's bei den Zähnen leichter, wenn einer schadhaft wird, kann man ihn ohne Gefahr für'S Leben herauszieh'n und dafür tinen künstliHen einsetzen lassen; aber wenn einem der Verstand roglich wird, oder wenn man im Hirn ein' Brand hat, da gibt's keinen Operateur, der ein'm es hcrauszieht und dafür ein falsches hineinsetzet. Aber wie der Zahnnerv' durch eine Narcose betäubt oder der schadhafte Zahn plombirt werden kann, so gibt's auch wenigstens eine momentane Betäubung des Gedankenschmerzes, nämlich durch geistige Getränke, und eine Plombirung des schadhaften Gehirnes, wenn man sich a Bleikugel hineinjagt, da ist man dann den Schmerz für immer los. — Ordinäre Lem' behandeln den geistigen Schmerz wie einen jungen Hund, sie geben ihm Branntwein zu trinken, damit er nit größer wird! D'rum soll man, wenn man oft spät in der Nacht Einen aus'm Branntweinhaus heraustau- meln sieht, nicht gleich sagen: »Das is a Lump!« Er hat vielleicht g'rad deswegen, weil er kein Lump ist, so viel Kummer und Sorgen, daß er, um nur einschlafen zu können, a paar Stamperln Doppelpolnischen sich hineingestürzt hat! Es ist eine fromme Lehre: »Wenn es Dir am Körper fehlt, so tröste Dich mit dem Geist!« Darum thut vielleicht so Mancher, dem'S sogar für den Körper an Erdäpfeln fehlt, um den Hunger von Weib und Kind zu stillen, sich mit dem Geist, der aus den Erdäpfeln gezogen wird, nämlich mit dem Branntwein, trösten! Aber jedenfalls ist so ein recht schwerer Rausch nur ein Beweis, daß Einem das »Menschsein« eine zu große Last ist, sonst hätt' er nicht noch dafür zahlt, um wenigstens auf a Zeit zum Vieh degradirt zu werden. Seit ein paar Jahren begreif' ich's, wie ein Mensch so weit kommen kann; denn ich war auf Ehr' schon manchmal selber auf dem Punct, daß ich, wenn die tausend in mein'n Kopf wie Bienen herumsurrenden und wurlenden Gedanken meine Geisteskraft schon stumpf gemacht haben, mir einen Spitz Hab' antrinken mögen! WaS nutzt's mir, daß man mich einen Mann von Kopf nennt, wenn die Verhältnisse derart sind, daß ich oft g'rad 5 in den wichtigsten Momenten nicht mehr weiß, wo mir der Kopf steht! Und heut, und g'rad' heut' ist wieder so ein Tag, wenn ich heut'meine fünf Sinn' beisammen behalt, darf ich von Glück sagen; aber ich fürckt' alleweil, es wird morgen an den Straßenecken ein Zettel ang'schlagen sein des Inhalts: »Verlorner Verstand.« Der, selbe war von mittlerer Größe und ist in der Nacht vom 12. auf den 13. auf dem Weg von der Vormundschaft zur Ehe-Pro- curatur verloren gegangen. Im Dorfin- dungsfalle bei der Polizei-Direktion abzu« geben! (Setzt sich an den Tisch, und stützt das Haupt in die Hand.) Dritte Scene. Wirrmann, Elise, Wallhorst, Herr von Sützel. Mehrere andere Herren. Elise (kommt in reizendem Ballcostüm, gefolgt von Wallhorst, Sützel und den übrigen Tänzern). Wallh. (Elisen die Hand küssend). Mein Fräulein, Sie tanzen zum Anbeten! Ich begreife gar nicht, wie die griechischen Bild» Hauer die Gestalten der Grazien schaffen konnten, ohne Sie gesehen zu haben. Elise (sich freundlich gegen Wallhorst verneigend). Sie schmeicheln ebenso wie alle Andern, aber wenigstens mit ganz neuen Floskeln. Wallh. Sie klagen mich der Schmeichelei an- Ich rufe Alle, welche Sie tanzen sahen, als Entlastungszeugen auf! (Sich zu den Urbrigen wendend.) Sützel. Auf Parol! Himmlisches Frau« lein! Sie tanzen nicht bloß wie jene eeltzdre Tänzerin »Goethe«— Sie tanzen die ganze Literatur! Wirrm. (welcher bei Elisens Kommen aus seinen Gedanken erwacht, dem Gespräche zugehört hatte, mit der Hand unwillig auf den Tisch schlagend). Da könnt' man doch gleich d'rüber wahnsinnig werden! (Alle sehen erstaunt nach ihm.) Elise. Ha — mein sauertöpfischer Herr Vormund. (Zu ihrer Umgebung.) Haben Sie nur Acht, er wird gleich das Gegengewicht zu Ihren Schmeicheleien Herstellen! (Zu Wirrmann.) Nun — zanken Sie mich nur wieder recht tüchtig aus, — ich bin daran gewöhUt. Wirrm. Nein — an die Wahrheit können Sie nicht gewöhnt sein (mit einem finstern Blick auf Elisens Umgebung) , sie wird Ihnen zu selten gesagt. Wallh. (beleidigt). Herr Wirrmann, ich ersuche Sie, JhreWorte besser abzuwägen! Wirrm. Ja, meine Worte können gewogen werden, denn sie sind gewichtig; aber die Redensarten, die so auf Bällen von den männlichen ungeflügelten Papillons den sogenannten Blüthen der Gesellschaft, den jungen g'fallsücktigen Mädeln zugeflüstert werden, sind so luftig, daß man's auf gar keine Wage legen könnt'! Ich möchte darauf antragen, daß man über den Eingang auf jedem Ballsaal zur Warnung für alle Frauenzimmer die Inschrift setzen sollt': »Und was sie reden, ist leerer Schall!« Elise (zu Wirrmann). Daß Sie gegen mich unartig sind, muß ich ertragen — Wirrm. Freilich — denn ich bin für Sie so viel als Ihr zärtlicher Vater, ich kann also grob sein, wie ich will! Elise. Aber ich will nicht, daß in meinem Hause meine Gäste durch Ihre Derbheiten verletzt werden. (Zu ihrer Umgebung.) Deßhalb muß ich Sie bitten, mich mit meinem Herrn Vormund allein zu lassen — heute hat er mir gegenüber noch Rechte! Wallh. (leise zu Elisen). Nur heute noch? Also hat Ihr Herz bereits gewählt- (Ihre Hand au sein Herz drückend, flehend.) Elise! — Die bangen Zweifel!- Elise. Sollen alle in der nächsten Stunde der Gewißheit weichen! Jetzt bitte ich Sie, mich zu verlassen! Wallh. (sich von ihr entfernend). Ich gehorche! (Die übrigen Tänzer entfernen fich ebenfalls.) Sützel. Dem Sklaven genügt ein Wink seiner schönen Gebieterin, und er 6 flieht. Ach, mitten im Gedränge des Festes werde ich mich so öde fühlen! (Zieht sich schwermüthig gesenkten Hauptes zurück.) Wirrm. (für sich). Endlich wird der sich selber öd Vorkommen. Mir kommt er schon lang so vor! (Wallhorst und die Uebrigen entfernen sich wieder in dm Nebensalon.) Elise. Herr Wirrmann! Wenn Sie durch Ihre Vormundschaft über mich zu dem unerträglichen Humor gekommen sind, so wäre es besser, wenn sie dieselbe gar nicht angenommen hätten. Wirrm. Es war keine Zeit zu widersprechen.— Ihr Vater ist schon am Sterbebett g'legen, wie er mich hat rufen lassen, um mich zum Dank für meine treuen Dienste zum unglücklichsten Menschen zu machen. Elise. Zum unglücklichsten Menschen? Wirrm. Ja, indem er die Last der Vaterpflicht auf meine Schultern gelegt hat. Ich — schon nah' an die Sechzig, werd' da auf einmal Vater — und von so ein' Kind — ich sag' Ihnen aufrichtig, wenn ich jemals wirklich hätt' Vater werden wollen, ich hätt' mich um ein biß'l a anderes Kind umg'schaut. Elise. Und was haben Sic denn an mir auszustellen? Wirrm. Was ich auszustellen Hab'? Ihre Eitelkeit — Ihren Uebermuth, Ihre Genußsucht, Ihre Launenhaftigkeit. Ihren Leichtsinn. O! wenn ich Alles das ausstellen wollt', was ich an Ihnen auszu- stcllen Hab', so wäre mir zum Ausstellungslocale der Londoner Krystallpalast noch viel zn klein. Aber jetzt hörn's mich an, Sie wissen, ich Hab' leider in Manchem mich Ihrem Wunsche gefügt. — Elise. Ich weiß wirklich wenig Fälle. Wirrm. So? Habe ick nicht das schöne große Haus verkaufen müssen? Warum sein Sie d'rauf bestanden? Elise. Weil mir nichts zuwiderer ist, als die Einförmigkeit, d rum lieber kein eigenes Haus, sondern bald da bald dort zur Miethe wohnen, wo es uns eben besser gefällt! Wirrm. Sie haben jetzt gar keine Realität, die Ihr Eigenthum wär. — Elise. Aber ich habe mein baares Vermögen, das mir gestattet, in meinem Palais zur Miethe zu wohnen! Wirrm. Za, und in Bezug auf Ihr Vermögen sein Sie darauf bestanden, daß ich — gestern noch alle Obligationen, alle Schuldverschreibungen und Wechsel Hab' in Geld verwandeln müssen. — Elise. Weil ich mit Bestimmtheit wissen wollte, wie viel ich habe; Obligationen unterliegen dem Course, Schuldverschreibungen und Wechsel sind mitunter nickt ganz sicher. — Wirrm. Die unfern waren's! — Ich Hab' für alle den ganzen Betrag eingelöst. Jetzt liegen oben in der Caffa volle acht- malhunderttausend Gulden in Banknoten, auf was für eine Art sollen die jetzt zinstragend gemacht werden? Elise. Darüber soll der Mann, mit dem ich mich ja heute noch verloben muß, entscheiden. Wirrm. Aha! Jetzt sein wir auf dem rechten Punct; darüber Hab' ich Ihnen g'rad den Text lesen wollen. Heut'— heut' noch sollen Sie sich verloben, und bis zu der Stunde haben Sie sich noch für Keinen entschieden. Elise (lächelnd). Wer weiß?! Wirrm. So? so? Also Sie bätten schon eine Wahl getroffen, und ich, ich weiß noch gar nichts davon? Elise. Sie werden ihn ja nicht heiraten? Wirrm. Aber ich bin verantwortlich! Ich Hab' Ihrem Vater schwören müssen, Sie zu Ihrem wahren Glück zu führen. — Elise. Das können Sie am besten, wenn Sie mir meinen Willen lassen, denn des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Wirrm. Könnt' aber in dem Fall leicht zur Hölle werden! Sie — Sie wollten so 7 » für sich allein wählen? — Kennen Sie die Menschen? Die Welt? Ja, wenn Sie wie ich 'ne sechzigjärige Erfahrung hätten, dann könnten Sie sich selber einen Mann wählen, — aber so kann nichts d raus werden! Ohne meine Zustimmung dürfen Sie nicht heiraten. Elise (gereizt). So? Ich müßte also wahrscheinlich wie bei allen meinen bisherigen Wünschen erst mit Ihnen einen Kampf bestehen, müßte am Ende betteln, weinen, und das Alles um einen Mann! Nein! so weit erniedrige ich mich nicht vor mir selbst! (Etwas trotzig.) Und darum werde ich gar keinen wählen. Wirrm. (erstaunt). Was? Elise. Nein, nein, durchaus nicht! Wirrm. Wie wollen's denn nachher heiraten? Elise. Indem ich die Wahl Ihnen — Ihnen ganz allein überlaste! Ja wählen Sie, ich begebe mich in voraus jeden Widerspruchs, ich werde unbedingt Dem meine Hand reichen, den (sich mit einem Anflug von Spott vor Wirrmann verneigend) Ihre Weisheit, Ihre eben gerühmte Menschenkenntniß und Erfahrung als meiner würdig erkannt haben wird. Wirrm. Treiben Sie jetzt keinen Spaß. Elise. Nein, nein, es ist mein völliger Ernst, mein unwiderruflicher Entschluß — ich schwöre es Ihnen. Wirrm. (sie verdutzt anseheud). Sie schwören? Elise. Sie klagen ja immer, daß Ihnen Ihre Vormundschaftspflichten so schwer fallen; nun, auf diese Art mache ich sieJh- ncn sehr leicht. Wirrm. (ausschreiend). Leicht? Leicht? Ich — ich soll ganz allein, ohne zu wissen, was Ihr Herz dazu sagt, für Ihnen einen Bräutigam aussuchen? Das ist ja g'rad so viel, als wenn man einem ganz neu auf- g'nommenen Koch, der den Geschmack der Herrschaft noch gar nicht kennt, befehlet, eine Leibspeis für sie nach seinem Geschmack zu richten. Der Kerl frißt vielleicht am liebsten Sauerkraut mit Kuödeln, und der herrschaftliche Magen vertragt nichts als leichte Souffles! Elise. Es bleibt dabei unwiderruflich! Wirrm. (sich mit beiden Händen die Stirn haltend). Gott! Mein Kopf! mein Kopf! Die ganze Vormundschaft — die Sorg' für Ihre Ausbildung — die Vermögens- Verwaltung — Alles das hat mich in den letzten Jahren ohnehin schon fast damisch g'macht, und jetzt wollen's mich in der letzten Stund' noch um das Nestel Verstand bringen? Elise, bedenken's, wenn ich ein'n Mißgriff machet — mein Schwur! — und dann auch — schaun's— ich Hab' Sie ja gern, Hab' Sie immer gern g'habt; wann ich mit Ihnen gezankt, Ihnen JhrcFehler oft auf'ne harte Weise aus- g'stellt Hab', so ist's g'rad nur deswegen g'schehen, weil ich Ihnen so lieb gehabt Hab' — oh — Sie glauben gar nicht, ich hätt' Ihnen oft mit dem größten Vergnügen durchkarbatschen können, bloß aus Liebe! Und jetzt — jetzt soll ich am End' Ursach' an Ihrem Unglück sein! Elise. Sie können dieß verhüten, wenn Sie zu erforschen suchen, wer unter allen Bewerbern mich um meiner selbst willen, am meisten liebt, diesen, ich fühle es — werd' ich wieder lieben; denn bisher sind all' diese Huldigungen, all' die Zärt. lichkeiten und Schmeicheleien, mit denen mich die ganze Männerwelt umlagerte, nicht bis zu meinem Herzen gedrungen. Wirrm. (etwas ausathmend). Also Ihr Herz ist noch frei? Das ist noch a Glück, da darf man wenigstens nit erst einer alten Partei aufsagen, ehe das Quartier von einer neuen contractlich auf Lebenszeit ge- miethet wird. Elise. Die Stunde der Entscheidung rückt heran, ich werde also Jeden, der sich mit einem Herzensantrag an mich wendet, an Sie weisen. Wirrm. Und ich soll all' die Herzen verkosten? Wenn ich mir nur den Magen nicht damit verderbe! 8 Elise. Sie sehen, welches Vertrauen ich in Ihren Scharfblick setze; suchen Siedasselbe zu rechtfertigen. Um zwölf Uhr werde ich mich mit der ganzen Gesellschaft in den Salon der Orangerie begeben, dort erwarte ich Sie mit Dem, den Sie für mich gewählt haben werden! Auf Wiedersehen! (Ab ins Seitenzimmer.) Wirrm. (allein). Das ist mir noch abgegangen!— Ich soll der Waisenbub sein, der aus dem Glücksrad just die Nummer ziehen soll, mit der sie ein'n Terno machen kann. O halt z'samm', alter Schädel! Fall' mir nur jetzt nicht auseinand'. Einmal auf der Welt Vormund gewesen, und in meinem ganzen Leben nie wieder! (Eilt zur entgegengesetzten Seite ab.) Vierte Scene. Willibald Stark (mit genialem Künstler- grschmack gekleidet, kommt vom Hintergründe her). Lied. ES hat jeder Stand seine Luft, seine «äst, Man sieht's, wenn man's Leben in's Aug' so recht faßt. Soldat will ich werden, ruft ein junger Herr, Und zur Cavallerie geh' ich — das ist noch mehr! Ist man dann Officier, so schön uni- formirt, Wenn man durch die Straßen dahinga- loppirt; Da schlagt jedem Mädchen gleich höher die Brust. Ja Cavallerist: Der Stand hat seine Lust! Was man ihm sagt weiter, Er geht unter d'Reiter, Gleich nach'm Affentiren Heißt's Krieg! Ausmarschiren! Da, vor lauter Courage Möcht, er zurück zur Bagage. Doch 's geht nicht, schon schießen's, In d'Schlacht hinein müffen's, Gern möcht' er sich retten, Doch 's Roß folgt der Trompeten. Auf einmal, o Himmel! Ist er mitten im Getümmel, D'Kanonen, die brummen, Daß d'Ohren ihm summen, 's wird g'stochen und g'hau'n, Da packt ihn ein Grau'n. Da ruft er, von schrecklicher Todesangst erfaßt, Jeder Stand hat seine Lust, jeder Stand hat seine Last! 'S ist Einer zum Doctor noch kaum pro- movirt, Da hat er ein'n schwerkranken Vater cu- rirt. Wie der aus dem Bett ist, die Freud' und das Glück, Dem Arzt danken Alle mit thränendem Blick! Der Vater sagt: Herr! Ihnen dank' ich mein Leben, Und die Tochter sie drückt unter freudigem Beben Den Retter des Vaters sogar an die Brust; Da fühlt er recht lebhaft: Der Stand hat seine Lust. Doch and're Patienten Thun auch zu ihm senden; A Frau, a gezierte, Gott! wie lamentirt die, Er sieht, sie verstellt si' (sich), Vom Mann' nur will Geld sie, Hinz'reisen in's Bad'ort, Wcil's einen Freund hat dort. Der Ehemann geht wieder Ganz schwach auf und nieder, Es juckt ihm so die Stirn, Ja. das ist schwer z'curir'n. Doch Alles, das geht schon — Aber oft liegt er im Bett schon, In der Nacht so gegen elfe Wecken's ihn, daß er helfe. 9 Denn das Pintscherl der Gnädigen hat 'ne Kolik erfaßt, Da ruft er verzweifelnd: Jeder Stand hat seineLast! Jeder Stand hat seine Last, — die geringste Last muß aber doch der Künstlerstand haben, denn die Künstler sind alle etwas leicht, und müssen es auch sein, sonst könnten sie ja nicht, während die ganze übrige Menschheit im Schweiße des Nimmersatten Erwerbes an der Scholle klebt, fröhlich wie die Lerchen zum Himmel hinausfliegen! — Freilich gibt es Manche, die sich auch Künstler nennen, und doch ewig jammern, daß die Mitwelt ihrer Leichtigkeit nicht dadurch abhilft, daß sie ihnen mehr Metall m den Sack schiebt; aber das sind keine echten Künstler, das sind höchstens handwerksmäßige Gesichtsabschreiber, die schon zu Grunde zu gehen meinten, als es der Sonne einfiel, selbst zu porträtiren, und die deßhalb den Namen der neuen Erfindung mit ganz anderer Betonung aussprechen — statt: Daguerrotyp sagen sie nämlich: Daguerr, o Dieb! — »Du hast uns unser Brot gestohlen!« Mir sind solche Jammerer verächtlich, sie schaden dem Ansehen der Kunst am meisten. — Den echten Künstler muß ein edler Stolz charakterifiren, und dazu hat er alle Ursache, denn er ist auck ein Aristokrat, aber sein Adelsdiplom ist nicht von Menschenhänden auf todteS Pergament, sondern mit dem Finger Gottes in'ö lebendige Herz geschrieben. Noch größer steht er aber dem Geldaristokraten gegenüber. Dieser hat nur eine Caffa, die mit Geld gefüllte, und ist diese leer, so schwindet er zu nichts zusammen; der wahre Künstler hat aber zwei unerschöpfliche Caffen —den Kopf und das Herz, die sich nur immer mehr füllen, je mehr er von ihren Schätzen ausgibt! Wenn man die Welt mit einer Gallerte vergleicht, in welcher verschiedene Bilder hängen, so sieht man, daß das ganze Erdenleben ein Pastellgemälde ist; Alles, was uns hier reizend scheint, ist nur ein leichtverfliegender farbiger Staub! Ein schönes Mädchen ist ein Miniaturbild mit feinen, aber bald verwitternden Farben auf Elfenbein gemalt, man thut gut, wenn man es sorgsam unter Glas hält, denn jeder feuchte Hauch, oder gar ein daraufgedrückter Kuß kann den zarten Schmelz verwischen! Der Unglückliche ist ein getuschtes Bild, Alles ist mit Schwarz gemalt, und die lichten Stellen sind ausgeschabt l Charaktervolle Männer gleichen Frescogemäl- den, sie halten fest wie die Mauer, auf die sie gemalt find. Der Goldmensch ist ein Daguerrotyp, er ist nur auf Metallplatten firirt,— der geistig schaffende Mensch aber, der Gelehrte, der Künstler, das sind die Oelgemälde, sie sind für die Ewigkeit gemalt, und finden ihren Platz nicht nur in den gewöhnlichen Gallerien, sondern auch in Tempeln zur Ehre der Gottheit! Darum nur den Stolz bewahrt, besonders dem protzenden Geldmenschen gegenüber! Ich kann sie nun einmal nicht leiden. Wenn man die Figur eines Herzens verkehrt zeichnet, so hat es die Gestalt eines Beutels , daher sind auch die Beutelmenschcn meistens Menschen mit verkehrten Herzen, und deßhalb die Häßlichsten unter ihrem Geschlechts, so wie das Beutelthier das häßlichste unter den Thiercn ist. Fünfte Scene. Willibald. Schaumbach. Schaumb. (kommt aus dem Nebensaale, ohne Willibald zu bemerken). Sie hat mir gesagt, ich möge mit dem Vormund sprechen — das wäre ein gutes Zeichen; wenn ich nur wüßte, ob sie mir allein das gesagt hat. Es ist ein solches Gewühl um sie herum! 's ist wahrhaftig lästig! — Gott! Wie zuwider mir heute Jeder ist, dem ich nur halbwegs Heiratsgedanken zumuthen kann. (Bemerkt Willibald.) Teufel! Da ist ja noch ein Zuwachs — der Maler! — Wenn 10 am End' auch der — und die Künstler sind gefährlich — ein hübscher Junge ist er — ich muß ihn dock etwas ausholen! (Laut.) Ah sieh da! — Herr Stark! Willib. (für sich). Das ist auch so eine wandelnde Brieftasche! Warle, Dem ge- aenüber schraub' ich meinen Stolz noch um drei Spannen höher. Schaumb. Es freut mich, Sie hier zu sehen, es ist doch wahrhaftig recht schön, von Fräulein von Wendheim, daß sie auch Künstler in ihre Kreise zieht. Herablassung ist eine schöne Tugend! Willib. Sie haben Recht, darum übte ich diese Tugend! Schaumb. Sic? Willib. (mit Stolz). Ja, indem ich die Einladung annahm. — Ich pflege mich sonst nur unter Leuten meines Gleichen zu bewegen. Schaumb. Ei, wie stolz! — Halten Sie die Gesellschaft hier im Hause nicht für Ihres Gleichen? Willib. Nein! — Die meisten der Gäste sind nichts als reiche Leute. Schaumb. Ja, ja, Leute, die etwas haben; besteht also der Unterschied Ihrer sonstigen Gesellschaft darin, daß —? Willib. Ja, das ist der Unterschied, der Künstler hat etwas, wenn er etwas ist, andere Leute sind nur etwas, weil sie etwas haben. Schaumb. Nun, es hört sich recht gut an, wenn ein Künstler vom Gelde so verächtlich spricht, aber gestehen Sie, es wäre doch angenehm, so viel zu besitzen, um nicht arbeiten zu müssen. — Willib. Der wahre Künstler muß nicht bloß dann arbeiten, wenn ihn äußere Verhältnisse dazu drängen, er muß, weil ein innerer Drang ihn dazu zwingt. Schaumb. Das verstehe ich nicht. Willib. Das glaube ich Ihnen. Schaumb. Sie scheinen mich nicht zu verstehen, ich meine, wenn Sie durch eine reiche Partie so, wie man zu sagen pflegt, ein gemachter Mann würden? Willib. Der ist kein Mann, der erst ein Weib braucht, um ein gemachter Mann zu werden. Schaumb. Mit Ihnen ist wahrhaftig schwer zu converstren. —' Sie haben eine so ganz andere Sprache. Willib. Nein, ich habe nur andere Gedanken! Schaumb. Ich meine, wenn Sie ein Mädchen fänden, das nebenbei schön und gebildet wäre, so würde ihr Reichthum doch kein Hinderniß sein? Willib. Für mich das größte! Schaumb. (erstaunt). Was sagen Sie? Willib. Weil, wenn auch nur wahre Liebe mich zu der Wahl bestimmt hätte, ich doch die Leute nicht hindern könnte zu glauben, ich hätte sie des Geldes wegen genommen, und ich bin der festen Ueberzeu- gung, daß die Künstlerschaft nur dadurch eine imponirende Autorität über die Alltagswelt erlangen kann, wenn jeder einzelne Künstler auch den Schein einer ordinären Geschäftsspeculation von sich fern hält. — Schaumb. AlsoSie würden, wennSie auch wüßten, daß ein reiches Mädchen, wie zum Beispiel Fräulein Elise — Willib. (halb für sich). Elise?! Schaumb. Nur um ein naheliegendes Beispiel zu wählen — also — wenn Sie wüßten, daß Fräulein Elise Ihnen gewogen sei, Sie würden sich doch nicht um sie bewerben? Willib. (rasch). Nein. — Ich bin Maler, und von einem Maler soll die Welt nicht sagen, daß er ein Bild nur des kostbaren Goldrahmens wegen gekauft habe. Schaumb. (erfreut). Sie haben Recht, junger Mann! Bleiben Sic bei diesen Grundsätzen! Der Künstler muß frei sein! Das Geld muß ihm gar nichts sein, sonst geht er zu Grunde wie der — wie hat er doch geheißen? Der Correggio, der den Sack mit Kupfergeld selbst nach Hause schleppte, 's war doch eine Schande! 11 Willib. Za eine Schande für die Leute, die einen Correggio so bezahlten! Schaumb. Warum? Sie wollten ihm wahrscheinlich keine Banknoten geben, damit er 's Agio nicht verliere! - Aber lassen wir den Correggio und den Angelo und Jromagio oder wie sie Alle heißen — Sie sind größer! Wahrhaftig und Gott! Sie sind erhabener! Ich will dafür Ihren Ruhm begründen. Ich will der ganzen Welt erzählen, was Sie für ein Mann sind, ja straf' mich Gott, ich will werden Ihr Mücken! (Drückt ihm die Hand und eilt ab.) Willib. (allein, ihm nachsehend). Er will mein Mäceen werden? Warum nicht? Brauchte doch Apelles das Wiebern eines Rosses, um sein Bild an Alexander zu empfehlen! Aber wie kam's, daß dieser Mensch von Elisen begann? Sollte sic? — ja — als ich ihr Bild malte, sah sie mich einige Male mit Blicken an — ach, mit Blicken! doch mit Grundsätzen! — Ruhig, Herz — sei ein Gletscher, der kalt bleibt, wenn auch die Frühlingssonne ihre Strahlen auf ihn wirft! (Bleibt in Gedanken versunken stehen.) Sechste Scene. Willibald. Elise. Elise (tritt aus dem Seitenzimmer. Für sich). Ha! Willibald!— Er der einzige von allen jungen Männern, der auch nicht ein zärtliches Wort an mich richtete —bin ich denn nur ihm so ganz gleichgiltig! (Laut.) Herr Stark, ich heiße Sie willkommen! Wittib. Sie selbst! (Ruhig, kalt.) Wenigstens einen Grad unter Null Reaumur. Mein Fräulein! Elise. Sie kommen beinahe zu spat, um mich noch Fräulein zu nennen! Wittib. Wie soll ich das verstehen? Elise. Wissen Sie denn nicht die Bedeutung des heutigen Festes? Wittib. Der Vorabend Ihres Geburts- sesteS — Elise. Und meiner morgigen Vermq« lung! Willib. (erschreckt). Vermälung? Teufel, das hat mir doch einen Stich gegeben. Elise (für sich.) Er erschrak. (Gleickgiltig.) Za — nach dem letzten Willen meines Vaters muß ich mich heute noch verloben! Willib. Und mit wem? Mit wem? Doch — das geht mich eigentlich nichts an — aber es ist nur so eine Frage. — Also darf ich den Namen dieses Glücklichen wissen? Elise. Zch habe meinem Vormund die Wahl überlassen. — Willib. Sie behandeln Ihr Herz wie Ihr Vermögen, Sie überlassen es Ihrem Vormunde damit zu gebaren. Elise. Wie soll ich wählen aus einem Kreise von Schmeichlern?! Willib. Traurig, wenn Sic nur von Schmeichlern umgeben sind? Elise. Und doch ist's so. — Zeder schwärmt nur von meinen Reizen, meiner Schönheit, aber ich glaube Keinem. — Willib. Sie glauben nicht, daß Sie schön sind? Dann sind Sie die Einzige Zhres Geschlechts, andere Damen geben höchstens zu, daß eine jünger, aber nie, daß eine schöner sei, als sie selbst. Und warum zweifeln Sie an Ihrer Schönheit? Elise. Sie werden doch selbst wissen, was es bedeutet, wenn Laien die Schönheit eines Bildes preisen, während die Kenner schweigen. Willib. Die Kenner? Elise. Zch denke, über wirkliche Schönheit kann nur Der am besten entscheiden, dessen Beruf es ist, die Schönheit zu stu- diren, und in seinem Werke wiederzugcben; zum Beispiele: ein Maler! Willib. Ein Maler? (Für sich.) Teufel, wo soll denn das hinaus? Elise. Ja, ja, und wenn man nun einem Maler stundenlang zu einem Porträt gesessen ist, und er schweigt, dann — Willib. Meinen Sie mich? 12 Elise. Ja, ja, Ihr Schweigen hat mich sehr nachdcnkend gemacht. Willib. Ich schwieg, weil mir dieMa- nieren ekelhaft erscheinen, womit gewisse Pinsler, die mehr Kunsthausierer als.Künst- ler sind, sich beliebt zu machen suchen; da setzt sich so ein Kerlchen an die Staffelei, und stellt sich vor jedem Modelle entzückt. Ach dieses Haar! — Diese Augen! — mein Fräulein! ich beneide mich selbst um das Glück, so lange im Anblick Ihrer Schönheit zu schwelgen! — Und so geht das Gefasel stundenlang fort; hol' der Teu- fel diese Ladendiener-Galanterie! — Ich male, und das Gefühl, das mich beim Anblick vollendeter Schönheit ersaßt, gibt sich in meinem Bilde, nicht in meinen Worten kund! Elise (mit leiser Koketterie). Nun, und mein Bild? Willib. Ist ein schönes Bild, das darf ich selbst sagen, denn ich glaube Sie getroffen zu haben. Elise. Ei — doch einmal auch aus Ihrem Munde eine Schmeichelei. Willib. Schmeichelei ist mir fremd. In der Kunst wie im Leben ist Wahrheit mein Ziel — oder ist es unwahr, wenn ich sage, daß Ihre Augen so sanft, und doch so glühend sind, daß um Ihre Lippen die holdeste Anmuth spielt, — daß — ein Geist in Ihren Zügen liegt, ein Liebreiz der — Donnerwetter! — Ich vergaloppire mich in Einem fort. — Kurz, wenn ich sage, daß Sie ein sehr schönes Mädchen sind. Elise. Nun, dann kann ich wohl hoffen, auch um meiner selbstwillen geliebt zu werden, und mein Reichthum — Willib. Kann nie so viel Werth haben, als das Geschenk wahrer Liebe. Elise. Wenn mir dieses mein Bräutigam wirklich bietet! Mein Vormund weiß deshalb, daß weder Stand noch Vermögen des Bewerbers in Anschlag gebracht werden dürfen. Willib. (steht abgcwendct, in Gedanken versunken). Elise. Wer mich also wirklich liebt, wird nicht säumen, sich gegen meinen Vormund auszusprechen! — es ist jetzt die letzte Stunde! Doch — ich muy zur Gesellschaft zurück. —Sie entschuldigen— (Verneigt sich vor ihm, ihn dabei mit prüfenden Augen anblickend.) Willib. (wendet sich rasch gegen sie, ihre Hand erfassend). Elise! Elise (bleibt stehen und blickt ihn lächelnd an). Willib. (nach kurzem inneren Kampf sich bemeisternd und ihre Hand mit gemessener Höflichkeit an seine Lippen führend). Mein Fräulein, ich habe die Ehre, mich Ihnen zu empfehlen! (Geht rasch nach dem Hintergrund zu. bleibt aber am Ausgang stehen, die Haud an die Stirne drückend.) Elise (unangenehm überrascht). Er geht? Nein — er verweilt noch! Gewiß, er wird mit meinem Vormunde sprechen. (Ab in die Seitenthür.) Willib. (wendet sich wieder um, bemerkend, daß er allein ist). Sie ist fort! — Gott sei Dank! (Trocknet sich mit dem Sacktuche die Stirne.) Es war ein harter Kampf, aber ich habe mich bezwungen! Ich weiß aber doch nicht, ob ich ein starker oder ein schwacher Mensch bin, denn da ich mich bezwungen habe, bin ich der Bezwinger und der Bezwungene zugleich! (Wieder nachdenkend aus- und niedergehend.) Es war, als ob sie selbst mich bäte, ihr mein Herz zu schenken! und ich — (auf die Stelle des Herzens weisend) ich fühle, daß mein Herz nahe daran war, einen Ueberläufer zu machen, aber (sich befiunend) ich soll mich da unter den Bewerbern förmlich anstellen und mitlicitiren. Und wenn der Herr Vormund endlich doch eine andere Wahl träfe, mich mit spöttischen Blicken ansehen lassen, hören, wie man sich in die Ohren zischelt: »Da schaut's her, der hat auch nach der halben Million geangelt!« Himmel tausend Donnerwetter! Nein, hundertmal nein! Ruhig, Herz! Rede mir nicht mehr b'rein; ich höre Dich nicht — die Ehre hat eine lautere Stimme! (Eilt ab.) 13 Verwandlung. (Wirrmann's Zimmer in demselben Hause — eine Mittel- und zwei Seitenthüren — im Vordergrund ein Schreibtisch, neben demselben eine eiserne Kasse; aus der andern Seite eine Staffelei mit einem anfangs noch verhangenen Bilde.) Siebente Scene. Wirrm. (tritt durch die Mitte ein). Also hier — meine Schreibstube soll das Prüfungslocale sein! — 3ch der Prüfungs- commiffär und alle die Bewerber die sein die Schulbuben, die von mir 'ne Vorzugsclaff' und ein Pramiumbuch haben wollen. (Nachdenkend.) Wenn ein Schulbub' einPrämium« buch kriegt und man sieht, daß ihn der Goldschnitt von dem Büchel mehr interes- sirt als der Inhalt, so hat er's Prämium nicht verdient! Siehst es! Da Hab' ich ja gleich ein' kleinen Probierstein! — (Indem er zur Staffelei tritt, und den Vorhang vom Bilde, welches Elisen darstellt, wegzieht.) Das ist das Prämium, und das — (indem er zur Eassa geht, sie ausschließt, und den Deckel aufhebt, wornach man in derselben viele Päckchen mit Banknoten sieht, von welchen Wirrmann eines in die Höhe hebt) das is der Goldschnitt. — Jetzt werd' ich gleich sehen, ob einer bei der Erwerbung mehr dorthin. — (aufs Porträt weisend) oder dahin (auf die Eassa weisend) schaut! — (Das Geld betrachtend.) Achtmal- hunderttausend Gulden! S'ist im Grunde sonderbar — ich habe mich durch die dreißig Jahre vielleicht mehr 'plagt, als mein Principal — aber er hat das Vermögen g'habt — und ich —! Und jetzt soll's ein ganz Fremder in d'Hand' kriegen, der gar kein Verdienst darum hat, der's vielleicht recht dumm durchbringt, und ich, — wenn ich's hält'! — ja, 's war 'ne schöne Sach'! — Achtmalhunderttausend! — aber still! (Horchend.) Mir scheint, ich hör' schon kommen! Ich Hab' dem Bedienten gesagt, er soll Einen nach dem Andern da —(auf die Thürrechts weisend)heremlasse« — hinauslassen werd' ich's da (aus die Thür links weisend) damit keiner sieht, mit was für ein G'sicht sein Vorgänger fortgangen ist! Achte Scene. Diener (tritt durch die Seitenthür rechts ein). Herr v. Wallhorst. Diener (mit einem kleinen Briefchen in der Hand). Von Fräulein Elise! Wirrm. (nimmt das Billet). Was? So spät noch eine Depesche? Vermuthlicb ein Ultimatissimum! (Erbricht den Brief und liest:) »Lieber Vormund! Ich habe geschworen, mich Ihrer Wahl zu fügen— wollen Sie aber dennoch auch meinen Wunsch berücksichtigen, so wählen Sie unter allen Bewerbern den, der sich bisher am wenigsten um meine Gunst beworben hat! Elise.« (Sprechend.) Was soll das wieder heißen? Den soll ich wählen, der sich am wenigsten um ihre Gunst beworben hat? (Erzürnt.) Jetzt frag' ich, ob da ein vernünftiger Mann was G'scheidters thun kann, als verrückt z'werden! Alle Augenblicke wollt's was Anders! Ach, was! ich nimm gar ka weitere Notiz! (Zum Diener.) Ich laß der Fräulein Elise sagen, daß von jetzt an der Notenwechsel eingestellt ist — es beginnen die Operationen! — Ist schon Jemand im Vorzimmer? Diener. Ja, Herr von Wallhorst läßt bitten. Wirrm. Laß' ihn herein. Diener (öffnet die Thür, durch welche Wallhorst eintritt, Diener geht ab). Wallt), (mit chevaleresker Nonchalance eintretend). Lon soir, Herr Wirrmann. (Da- Porträt erblickend.) Ah sieh da — Elisens Porträt! wahrhastig sprechend! Wirrm. (für sich.) Ja, es spricht für ihn, weil er's früher anschaut als die Eassa. Wallh. (ist bis zur Staffelei getreten und besieht das Bild aufmerksam). Superb, wer hat es gemalt? Wirrm. Der Maler Stark. Wallh. Er muß mich auch malen, natürlich in gleicher Größe wie dieß Bild, die 14 beiden Bilder werden sich recht gut nebeneinander ausnehmen! Wirrm. (erstaunt). Nebeneinander? Wallh. Nun ja, Fräulein Elise ließ sich doch gewiß nur für ihren zukünftigen Gatten malen. Wirrm. Ja wohl — aber — Wallh. Nun also, für mich? Wirrm. Erlauben Sie — Wallh. Ja, ja, ich weiß, Sie haben erst Ihre Zustimmung zu geben, deßhalb beobachtete ich auch die Form, und ging zu Ihnen, aber die Sache ist wohl schon so gut als abgemacht. Wirrm. So? so? Da wissen Sie auf Ehre mehr als ich! — Wallh. Mein Himmel — unter allen Bewerbern ist jaNiemand adelig als ich. — Wirrm. Aber das Herz meiner Mündel ist ja kein Turnierplatz — daß just nur ein Ritter in seine Schranken Hineinsprengen dürft'! Wallh. Kein Anderer kann Ihnen auch die Bürgschaft wie ich, daß er Fräulein Elisen eine angenehme Zukunft schaffen werde, geben, denn ich, Gott sei Dank, ich verstehe es zu leben. Wirrm. Heißt das zu leben verstehen, wenn man so lebt, daß man bald nir mehr zu leben hat? Wallh. Hahaha, Sie meinen, weil ich etwas derangirt bin? Was thut das? Meine Braut hat ja Vermögen! Wirrm. Ja richtig, aus das hält' ich bald vergessen! — Zu was hätt' denn die Elise ihr Geld, als um Ihre Schulden zu zahlen. Wallh. Mit einmalhunderttauscnd Gulden ist ja Alles beglichen. Wirrm. Ein wahres Bagatell! Wallh. Da bleiben noch volle Siebenmalhunderttausend Gulden, da kann ich mein Stammschloß renoviren lassen, den angrenzenden Wildpark kaufen, eine zahlreiche Dienerschaft aufnehmen, — wir können ein Haus machen — die eleganteste Welt wird sich in unseren Cercles bewegen, im Winter wechseln Bälle mit Jagden, im Frühjahr veranstalten wir Rosenfeste, im Sommer machen wir die Saison in London mit, im Herbste fliehen wir mit den Schwalbe» fort nach dem Süden, — nach Neapel — Sicilien — Wirrm. Das ist ja prächtig eingetheilt, da kommen Sie wirklich mit dem Vermögen meiner Mündel just ein ganzes Jahr aus. Wallh..O, es wird ein Leben werden wie im Paradiese. Wirrm. Ja wohl! (Für sich.) Sie würden wie die ersten Eheleute im Paradies bald nir mehr anzulegen haben. Wallh. Also, ich denke, wir sind im Reinen. Wirrm. Ja — ich bin im Reinen! Wallh. Ich wußr' cs ja, Sie sind ein vernünftiger Mann! Wirrm. (für sich). D'rum halt't er mich für einen Esel! Wallh. Sie sollen es auch gut haben, Alles mit uns genießen! Wirrm. O, ich bin überzeugt. Sie würden bald mit mir den letzten Bissen theilen. Wallh. Also abgemacht! (Hält ihm die Hand hin.) Wirrm. Versteht sich, wir sind schon mit einander fertig! — Aber es bleibt noch unter uns, wissen's, anhören muß ich die Andern doch auch noch! Wallh. Ja wohl des Spaßes wegen — nicht wahr? Hahaha! Wissen Sie was, nehmen Sie keinem ganz die Hoffnung! Wirrm. Ja, das thu'ich— ich laß' einen jeden von den dummen Kerln bei dem Glauben, daß er der Erwählte ist! Wallh. Hahaha! Das gibt einen Hauptspaß! — Wenn dann im entscheidenden Moment Jeder schon mit ganz sicherer Miene dasteht — hahaha! Wirrm. Und auf einmal ein ganz Anderer als Bräutigam declarirt wird, hahaha! Wallh. Die langen Gesichter, hahaha! 15 ^ Wirrm. Es wird zum Todlachen — Hahaha! (Beide lachen aus vollem Halse.) Wallh. Sie sind ein kreuzfidelcr alter Kautz! Hahaha! Nun leben Sie wohl, icb will die Andern nicht länger aufhalren! Aber machen Sie's kurz mit ihnen, denn ich freue mich wie ein Kind auf die hoch komische Situation! Hahaha! Wirrm. (begleitet ihn ebenfalls lachend zur Seitenthür links, durch welche Wallhorst abgeht, dann allein). Der freut sich auf die spaßige Komödie, und denkt nicht, daß er selbst der Bajazzo ist! Na, mit Dem bringt's die Elise wirklich zu was Sicheren! Denn was ist aus der Welt sicher? Nichts! und zu dem Nichts möcht' Sie's bald gebracht haben. Neunte Scene. Wirrmann. Diener, dann Schaumbach. Diener (öffnet die Seitenthür rechts). Herr von Schaumbach! Wirrm. Ich laß bitten! Diener (läßt Schaumbach eintreten. dann ab). Schau mb. (tritt ein). Herr Wirrmann! (Will auf ihn zugehen, bleibt aber beim Anblick der offenen Lassa wie bezaubert stehen). Gott und die Welt! Die Maffa Banknoten! Wirrm. (für sich). Aha— pickt schon amLeimrüthel. (Laut, gleichgiltig.) Ja — 's ist das Vermögen meiner Mündel! Ich Hab' gestern Alles zu baarem Gelbe machen müssen! Schau mb. Und da liegen achtmalhun- derttausendGulden den ganzenTag ohneIn- teressen? DaS macht zu fünf Percent schon einen Verlust von 109 fl. 54 kr. — Gott, wie schade! Wirrm. Na, ich seh' wenigstens, daß Sie das Interesse meiner Mündel sehr im Auge haben! Schaumb. Ja wohl— weiß Gott! — Keiner so wie ich! und darum — (zu Wirrmann gehend, aber den Kopf immer gegen die Lasse haltend) Herr Wirrmann! Ich weiß, von Ihnen hängt Alles ab — machen Sie mich zum Bräutigam, thun Sie mir oen Gefallen! Soll Ihr Schade nicht sein — auf Ehre! Wirrm. Also Sie lieben meine Mündel? Schaumb. (beide Hände an's Herz drückend, und dann nach der Lassa ausbreitend). O schwärmerisch! O Gott! dieses Gewüth! diese Seele! Wirrm. Aber Sie thun ja gerad', als ob die Seele von der Elise in der eisernen Truhe' dort lieget. Schaumb. So ist's auch! Geld ist die Seele der Welt, und da Fräulein Elise meine Welt ist, so liegt ihre Seele dort,— Gott! was für ne schöne Seele! Herr Wirrmann, wir werden das Geschäft kurz abmachen! Wirrm. Ja, wenn Sie's als Geschäft behandeln, werden wir bald fertig sein! Schaumb. Ich weiß, Fräulein Elise fügt sich Ihrem Willen. Also wollen Sie? Ich bitte Sie! — sagen Sie — wollen Sie? Wirrm. (mit anschwellendem Zorn). Ja, ich wollt' schon was — aber cs schickt sich nur nicht, daß ich's sag'. Schaumb. Ich weiß, was Sie wollen sagen! Sie wollen sagen: Nmsonst ist der Tod! Wirrm. Das ist nicht wahr! (Fürsich.) Denn wenn ich ihn niederschlaget, würde ich curios dafür auszahlt! Schaumb. Eine Hand wäscht die andere. Wirrm. Da müssen beide Hände schmutzig sein, sonst brauchet nicht eine die andere zu waschen. Schaumb. Keine Späße — es ist mein Ernst — nehmen Sie sich aus der Caffa sünfzigtausend Gulden. Wirrm. (erstaunt). Was? Schaumb. Nehmen Sie sich sie —sag' ich Ihnen. — Ich bestätige Ihnen den Empfang der achtmalhunderttausend Gulden als Mitgift. — Ich bringe den Abgang schon wieder herein, wie ich das Geld umdrehe, mach' ich statt fünf — zwanzig 16 Percent — also? Wie ist's? Ich denke fünfzigtausend Gulden das ist ein Wort! Wirrm. (losbrechend). Ja — aber sonst heißt's ein Wort — ein Mann! Bei Ihnen aber: Ein Wort, ein Schuft! Skbaumb. (springt entsetzt zurück). Gottes Wunder, was Hab' ich gethan? Wirrm. Elender Wucherer! Wer gibt Dir das Recht, mich für einen Seelenverkäufer zu halten! — Hinaus! Hinaus, sag' ich! Schau mb. Aber lieber Mann, hören Sie doch — Wirrm. Meine Ohren sind kein Durchhaus für Niederträchtigkeiten! Hinaus! oder meiner Seel — (Faßt ihn an der Brust und drängt ihn zur Seitenthür rechts.) Schaumb. Aber bedenken Sie dock! Wirrm. (sich besinnend). Ja richtig, dort (auf Seite links weisend) ist der Ausgang! Ich muß Sie dort hinauswerfcn! (Wendet ihn gegen die Seitenthür links.) Sckaumb. (macht sich los). Lassen Sie mich ans! War's doch nur ein Anbot! Wollen Sie vielleicht mehr? Wirrm. Sie werden gleich noch mehr erlangen; denn noch ein Wort, und statt zur Thür, fliegen's zum Fenster hinaus! Schaumb. Gut — gut, ich gehe, aber — (drohend) ich werde vor Gericht Genug- thuung fordein! Sie sollen mich kennen lernen! (Er eilt ab.) Wirrm. (ihn nachrusend). Genugthuung? So lange das Gericht die Wucherer nicht aufhängen läßt, wird Dir nicht genug gethan. Ach! Hab' ich mich über den Schuft geärgert! Es zittern mir noch alle Glieder, und mein ganzer Kopf brennt! (Sinkt in einen Stuhl an dem Schreibpult, und stützt das Haupt in die Hand.) Zehnte Scene. Wirrmann. Diener. Herr von Sützel. Diener (tritt rin). Herr von Sützel! Wirrm. Na, die fade Sauce ist vielleicht ein Abkühlungsmittel für meinen erhitzten Zustand. Laß' ihn herein! Diener (läßt Sützel eintreten, dann ab). Sützel (kommt schwebenden Ganges, den Hut mit beiden Händen vor der Brust haltend, herein und verneigt sich geckenhaft vor Wirrmann). Mit banger Sehnsucht trete ich vor den würdigen Vateröstellvertreter meiner himmlischen Angebeteten — mein Sicksal durck seinen Ausspruch erwartend — ich smeichle mir, Fräulein Elise nicht ganz gleichgiltig zu sein, und wenn zwei liebende Herzen, umslungen von dem sonsten Bande — o Herr von Wirrmann, Sie verstehen mich! Sagen Sie was ich thun soll, um zu dem sonsten Ziele zu gelangen? Wirrm. (steht auf, besieht ihn ruhig vom Kops bis zu den Füßen). Was Sie thun sollen? Sie brauchen gar nicht mit mir zureden, es ist schon genug, wenn man Ihnen anschaut. Sützel. O, Sie sind zu gütig. Wirrm. Belieben Sie also nur, wie Sie bei der Thür hereingesäuselt, bei der Thür (auf links weisend) wieder hinauszusauseln! Sützel. Also darf ich hoffen? Wirrm. Hoffen Sie, so viel als Ihnen beliebt! Sützel. O, ick Glückseliger! Ueberirdise Elise! ich Dein, Du mein! o Gott! (Eilt schwebend über die Bühne und durch die andere Thüre ab.) Wirrm. (ihm mitleidig nachsehend). Der will auch heiraten! Ich glaub', man muß doch eher Mann sein, ehe man ein Ehmanu sein will. Eilste Scene. Wirrmann, Diener, Fcinberg. Diener (tritt ein). Herr Feinberg. Wirrm. Feinberg? Der junge Kaufmann, der auch öfters in unser Haus kommt? Aber ich Hab' doch nie was g'merkt, daß der — Tausendsapperment (zieht rasch Elisens Brief hervor und liest): »Wählen Sie unter allen Bewerbern den, der sich bisher am wenigsten um meine Gunst beworben hat! — (Sprechend.) Soll's am Ende der sein? (Zum Diener.) Ist sonst noch Iemanh im Vorzimmer? 17 Diener. Niemand anderer, als eben Herr Feinberg! Wirrm. (für sich). Dann ist er's! — da gilt's ernsthaft zu Werke zu gehen! (Zum Diener.) Ich laß bitten! Diener (läßt Feinbcrg eintretrn, dann ab). Feinb. (tritt bescheiden ein, aber mit männlicher Würde). Herr Wirrmann! Vielleicht scheine ich Ihnen der Unbedeutendste unter Allen, welche sich um Fräulein Elisens Hand bewerben. Wirrm. Ich kann's nicht läugnen, er staunt bin ich, Sie auf Freiersfüßen zu sehen. Sie haben sich nie wie die Andern an meine Mündel gedrängt. Feinb. Weil ich ruhig prüfen wollte. Wirrm. Brav, gescheidt! Feinb. Der erste Anblick des Fräuleins hatte wohl Gefühle in mir rege gemacht, aber diese allein führen nicht immer zum Ziele. Wirrm. Wahr ist's! — Der Mensch hat auf seiner Lebensfahrt, so wie die Schisser auf der Seefahrt zwei Führer: der Schiffer hat die Sterne und den Compaß, der Mensch die Gefühle und den Verstand. Aber Sterne und Gefühle leiten nur bei heiterem Wetter — der Compaß und der Verstand auch während der Wolkennacht und im Sturm! Feinb. Ich unterdrückte daher meine Gefühle und beobachtete das Fräulein mit den Augen des Verstandes. Ich sah wohl, daß sie nicht ganz ohne Fehler sei, doch sind dieß Fehler der leichtsinnigen Jugend — Gefallsucht — Eigensinn — Uebermuth, durch das Bewußtsein des Reichthums erzeugt; doch ihr Herz ist gut. Wirrm. Sonst hätt' ich's ja auch nicht so gern! Feinb. Meine Hoffnung, mit ihr glücklich zu werden, wird mich nicht täuschen; deuu ein Weib ist wie die Zeit, sie betrügt den nicht, der sie versteht und gut mit ihr umgeht! Wirrm. (für sich freudig). Der Mensch redt ja wie ein gedrucktes Buch! (Laut.) Haben Sie schon mit ihr g'redt? Theatrr-Rtptrtoirr Nr. Feinb. Heuteerst wagte ich ihr meine Gefühle zu bekennen. Wirrm. Und sie —? Feinb. Wies mich an Sie! Wirrm. (für sich). Er ist's richtig!(Laut.) Na und wenn Sie mein »Jawort« hätten, natürlich dann würden Sie ihr neu etablir- tes Geschäft aufgeben — denn bei dem Vermögen — Feinb. Das wird immer das Vermögen merner Frau sein. Ich bleibe Kaufmann. Ein Leben ohne Beschäftigung hätte bei allem Wohlstand keinen Reiz für mich! Wirrm. Famos! also Sie verlängeren gar keine Mitgift? Feinb. Nein — wenn sie mir zur Ausdehnung meines Geschäftes einige tausend Gulden anvertrauen wollte, würde ich diese als Darlehen annehmen, den Gewinn aber redlich ihr überlassen. Wirrm. (für sich). Der Mensch ist ja ein wahres Phänomen! (Ihn betrachtend, laut.) Aber was schauen's denn so finster d'rein, was ist Ihnen denn? Feinb. Mich quält nur ein Gedanke — ob Elise mir nicht bloß deshalb ihre Hand reichen würde, weil es Ihr Wunsch ist — wenn ich wüßte, daß sie mich nicht wirklich Uebt, so wären ja Millionen keine Entschädigung! Wirrm. Bravissimo! Erste Elaste mit Vorzug und 's Prämium! — Ja, ja, ich kann 's Ihnen sagen, — Ihnen vor allen ist sie gut. Ich hab's schriftlich von ihrer eigenen Hand! O, jetzt geht Alles gut; einZcnt- nerstcm fällt mir vom Herzen. Ich Hab' einen braven Mann nach ihrem Geschmack für sie gefunden! Lassen Sie sich umarmen! Sie sind mir ja so viel als mein eigener Schwiegersohn! Feinb. Sie geben mir Ihre Zustimmung? Wirrm. Mit rausend Freuden! Ich lege alle meine Rechte und noch einige andere Rechte inIhre Händ', und warte ruhig ab, bis mein seliger Herr da droben wieder 2 18 sein* alten Buchhalter rufen laßt! Kommens, kommens! (Eilt mit Feinberg ab.) Verwandln ng. (Großer Saal. Zm Hintergründe führen einige Stufen zu der vom Saale durch eine Glaswand getrennten Orangerie, rechts und links im Vordergrund Seiteuthürcn. — Der Saal sowohl als die Orangerie glänzend beleuchtet.) Zwölfte Scene. Schaumbach, dann Feinberg. Sch au mb. (kommt durch eine Sritenthür). Schändlich, niederträchtig, wie mich der Mensch behandelte — ich betrete dieses Haus mit keinem Fuße mehr, aber heute bleib' ich doch noch da, ich muß doch wissen, wie der auSsieht, den man mir vorzieht. Feinb. (kommt von der anderen Sritenthür in freudiger Aufregung herein). Ach Herr von Schaumbach! — Wie ist'S? Haben Sic Ihre Bewerbung schon angebracht? Sch au mb. (für sich). Ich darf mir nichts merken lassen, nur keine Dementi. (Laut) Ich — beworben? Gott soll mich bewahren! Feinb. Wie, Sie sprachen doch — Schaumb. Mein Gott, was spricht man nicht! Ich habe dem Mädchen den Hof gemacht. Aber ich mag keine Blume, die schon so viele Schmetterlinge umschwärmt haben, man findet leicht einen Wurm d'rin! Feinb. Nun, das ist mir lieb zu hören, dann kann ich Ihnen — versteht sich unter dem Siegel der Verschwiegenheit, eine Neuigkeit erzählen. Schaumb. Don der Börse? Feinb. Von meiner Börse — (Sich in Schaumback's Arm kinhängend, zutraulich.) Meine Wechsel werden morgen bezahlt! Schaumb. (sieht ihn erstaunt an). Wirklich? Feinb. Das Mädchen, welches mein Eheversprechen in Händen hat, wird abgefertigt. Schaumb. Mit der Summe, die sie beansprucht? Feinb. Mit noch mehr, wenn sie darauf bestehen sollte! Schaumb. Haben Sie vielleicht einen kalifornischen Oheim beerbt? Feinb. Mein Californien liegt da! (Auf seine Stirne weisend.) Schlauheit und etwas Schauspielertalent sind meine Goldmienen, ich habe den alten Wirrmann herumgekriegt. Schaumb. (läßt plötzlich Feinberg's Arm loS und sieht ihm vor Erstaunen starr in s Gesicht). Sie spaßen? Feinb. Mein Ehrenwort! — Er hat mir soeben Elisens Hand mit aller Bestimmtheit zngesagt. Schaumb. Ihnen? Ihnen? Feinb. Er arbeitet hier drinnen (auf die Sritenthür, durch welche er gekommen ist. weisend) mit dem Notar den Contract, und — o welch' großes Wort — die Vermögens- Uebcrgabs'Urknnde aus, denn obwohl ich mich anstellte, als ob mir an dem Gelde gar nichts läge, erklärte er mir doch, da- ich es laut Testament des Vaters übernehß men müsse. Hahaha! es war spaßig, wie eindringlich er mich überredete, hahaha! Schaumb. (gezwungen nnd mehr vor verstellter Wuth lachend). Hihihi! Ja weiß Gott! sehr — spaßig! Also Sie — Sie! nun, freut mich! — straf mich Gott! Freut mich ganz ungeheuer! Ich gratulire vom Herzen! Und ich will Ihnen meine wahre Theil- nahme dadurch beweisen, daß ich zur Verherrlichung Ihres Verlobungsfestes auch eine Kleinigkeit beitrage. Feinb. Wie? — Sie wollen? Schaumb. Ja — eine ganz kleine — aber wohlgemeinte — vom Herzen kommende Ucberraschung. (Nach dem Hintergründe sehend.) Ich sehe schon die Gesellschaft Herabkommen — gehen Sie Ihrer Braut entgegen; — ich entferne mich, werde aber noch vor der Verlobung zurück sein. (Eilt durch die Seitenthür ab.) Dreizehnte Scene. Feinberg. Elise. Herr von Wallhorst. Herr von Sützel. Die ganze übrige Gesellschaft. Willibald Stark (kommen die Stufen von der Orangerie herab). Willib. (kommt nnter den Letzten der Gesellschaft. geht schweigend gegen den Vordergrund, und bleibt seitwärts mit verschränkten Armen stehen). Elise (ihre Blicke aus Willibald richtend, für sich). Seit unserer letzten Unterredung nähert er sich mir nickt, und doch ruhten seine Blicke fortwährend mit sinnendem Ernste auf mir. Sützel. Die Stunde der Entscheidung naht. Wallst. Wer seiner Sache gewiß ist, kann ruhig warten. Feind, (lächelnd). Ich bin ganz Ihrer Ansicht! Sützel. Ha! die Thüre öffnet sich — der Herr Vormund erscheint! Die Natur feiert eine große Pause! Vierzehnte Scene. Vorige. Wirr mann. Wirrm. (tritt heiter lächelnd aus dem Sei- tenzimmer). Gehorsamster Diener allerseits! (Sieht nach seiner Uhr.) Ich Hab' gleich zwölf — jetzt sollen auch die Me erfahren, wie viel's g'schlagen hat! — Fräulein Elise! 3ch frag' Ihnen noch einmal, sind Sie entschlossen unwiderruflich den als Deputaten in Ihre Herzenskammer aufzunehmen, dem ich mein Vertrauensvotum gab? Elise (zu ihm tretend, leise). Nennen Sie mir zuerst Alle, die um meine Hand geworben haben! Wirrm. Ah! Sie wollen die Wahlliste! — Gut! da ist der Herr von Schaumbach, — dann das Herrerl von Sützel — dann der Herr von Wallhorst und endlich — (sie lächelnd anblickend) ein gewisser Herr Frinberg. Elise. Sonst Keiner? ! Wirrm. Na erlaubens mir, sein so viel Ihnen nicht genug, bei jetziger Zeit, wo nach den statistischen Ausweisen auf zehn heiratslustige Mädchen oft kaum ein halber und noch dazu heiratsfähiger Mann kommt! Elise (schmerzlich für sich). Er hat sich nicht beworben! (Laut, refignirt.) Es sind mir alle Anträge so gleich ehrenwerth, daß ich , mich unbedingt Ihrer Wahl füge. Wirrm. (zur Gesellschaft). Also hören Sie! Hier — (auf Elisen weisend) die Braut, und der Bräutigam — Wa l lh. und Sützel (treten zugleich vor). Wirrm. (drängt Beide aus einander). Ich bitt', machcn's a bißl Platz! («Acht zwischen ihnen auf Feinberg zu, saßt ihn an der Hand und führt ihn vorwärts.) Der Bräutigam — steht hier — der Kaufmann Herr Feinberg. Wallh. WaS höre ich? Sützel. Ich erschieße mich! Wirrm. (seine Hand auf Feinberg's Schultern legend). Ja, den Mann Hab' ich geprüft, und als solid, moralisch und uneigennützig erkannt — dem kann ich ruhig das Schicksal meiner Mündel anvertrauen! Fünfzehnte Scene. Vorige. Schanmbach. Ein Gerichtsdiener. SchauMb. (ist während Wirrmann's letzter Rede mit dem Gerichtsdicner im Hintergründe erschienen und tritt nun vor). Meine werthen Herren und Damen, rufen Sie ein dreifaches Hoch dem weisen Vormund — er hat wirklich gewählt den solidesten — den moralischesten Mann, ich — ich selbst habe hier die gerichtlich bestätigten Zeugnisse seiner Moralität, seiner Solidität — (Zieht Schriften hervor.) Wirrm. Was? Sic? — Feinb. (in Todesangst). Herr v. Schaumbach ! Schaumb. Hier! (Eine Schrift entfaltend und sie Wirrmann unter die Augen haltend.) Dieaufcin gegebenes Eheversprechen begrün- r » dete Klage eines von ihm verführten armen Mädchens! Wirrm. (zurücktaumelnd). Was seh' ich? Schaumb. Und hier (die zweite Schrift entfaltend) den Verhaftsbefehl wegen uneinbringlicher Wechsel, den ich allsogleich voll ziehen lasse. (Winkt dem Gerichtsdiener.) Feind. Gott im Himmel! (Schwankt, einer Ohnmacht nahe.) Schaumb. (zum Gerichtsdiener). Dem jungen Mann ist unwohl — führen Sie ihn hinaus, aber nicht in'S Freie! Feinb. (wird vom Gerichtsdiener abgeführt). Schaumb. (sehr höflich). Sie entschuldigen die kleine Störung, die ich veranlaßte. Elise (aufathmend). 3ch danke Ihnen, Herr von Schanmbach, daß Sie einen Heuchler, der meinen Vormund zu berücken wußte, entlarvt haben! Schaumb. Berückt? Ihren Vormund? O, da mag wohl etwas ganz Anderes zu Grunde gelegen sein, daß Herr Wirrmann gerade diesem Schwindler den Vorzug gab, während er honette Leute mit Impertinenz behandelt! Wallh. Und sich mit mir einen Scherz erlaubte, für den ich erst Rechenschaft verlangen werde! (Geht heftig auf Wirrmann zu.) Sützel. Und mich gar nicht sprechen ließ, mich nur sogleich fortschickte! Es ist schändlich! Schaumb. O, der Plan mit dem Herrn Fcinberg war vielleicht schon lange verabredet, darum suchte Herr Wirrmann jeden andern Bewerber fern zu halten. Elise (plötzlich aufmerksam). Was hör' ich, — andere fern zu halten? Herr Vormund (tritt rasch zu Wirrmann) rechtfertigen Sie sich! So hielten Sie den meinem Vater gegebenen Schwur? So bedachten Sie mein wahres Glück? — Doch — (vor Wirrmann's Anblick erschreckt zurückweichend) was ist Ihnen? Wirrm. (ist, seitdem er die Schriften gelesen, anfänglich wie vernichtet dagestanden, als Alle aus ihn eiustürmten, zeigte sich in seinen Mienen der aufsteigende Zorn, als auch Elise aus ihn zukam, blickte er fie mit hervortretenden starren Augen an, will sprechen, findet aber die Worte nicht, seine Brust ringt nach Athem). Elise. Sprechen Sie, was ist Ihnen? Wirrm. (endlich losbrechend). Mir — mir ist gar nichts mehr! Ich ein Betrüger, weil ich betrogen bin! Ich soll mich rechtfertigen! O! ich g'spür's — ich bin schon recht fertig! Aus ist's!— Ich weiß nicht mehr, was ich reden, was ich denken soll! Alle meine Gedanken schießen durch einander wie wahnsinnige Johanniskäferln! Mein Schwur! — Ihr Glück! — Ich soll den Besten wählen unter lauter Schwindlern, Gecken, Heuchlern und Betrügern! — Ich — ich kann nicht — suchen Sie sich Einen aus von den ekelhaften Fliegen! — Ja — ja — 's Heferl glaubt, daß die Fliegen wegen ihn» kommen — derweil kommen sie nur wegen dem Honig, der d'rin ist! Glauben Sie, Sie werden geheirat't? — gar keine Red' — die eiserne Truhen oben hat Hochzeit! Aber eine von den Fliegen nehmen's, welche Sie wollen, ich geb' jetzt jeder meine Zustimmung — aber laßt's mich ans! Nur fort, fort! (Will fort.) Wallh. Nein, bleiben Sic! Schaumb. und Sützel. Ja, Sie werden hier bleiben! (Wollen ihn zurückhaltend Wirrm. (sie von sich stoßend) Fort, oder ich zertrete ein Paar von den Würmern! Fort! Ich halt's da nit mehr aus, fort! fort! (Eilt nach dem Hintergründe zu ab.) Wallh. Laßt ihn, seine Beschämung erlaubt ihm nicht länger hier zu bleiben! Doch — (zu Elisen) Mein Fräulein! Sie haben gehört, daß er Ihnen, Ihnen allein, das Recht ließ zu wählen, daß er hier vor allen Anwesenden gelobte, den Sie wählen würden, seine Zustimmung zu geben. — Schaumb. Und Sie müssen doch heute noch wählen! Der Notar wartet bereits im Nebenzimmer! Sützel. O wählen Sic — sprechen Sie eS aus — das entscheidende Wort! Elise. Ja, ich will selbstständig wählen! Doch Sie klagten eben meinen Vormund an, daß er manchen Bewerber absichtlich 21 fern (mit rintm Blick auf Willibald) gehalten. — Möge daher jetzt Jeder, dem der Besitz meiner Hand wünschenswerth ist, vor mich treten! — Jeder! Wallh. O zu Ihren Füßen — (Kniet vor ihr nieder.) Sützel. Kniend beschwöre ich Sie — (Kniet ebenfalls.) Sch au mb. Kommt mir auch nicht darauf an. (Kniet.) Elise, ich habe einVerdienst um Sie! Elise (fortwährend aus Willibald blickend). Also Sie — nur Sie? Willib. (d» bisher regungslos gestanden, macht eine Bewegung zu ihr zu eilen, besinnt sich aber, für sich). Nein, justament nicht. (Wendet sich rasch ab.) Elise (verletzt, für sich). Er verschmäht mich! (Laut.) Nun denn, so wähle ich — (die Knieenden überblickend und dem Wallhorst die Hand reichend) Herr von Wallhorst! Wallh. (aufspringend und Elisens Hand feurig küssend). O, ich Ueberglücklicher! TtSchaumb. (ebenfalls aufstehend). Teufel, zu was habe ich nuu gekniet? AsSützel (ebenfalls aufstehend). Ich sterbe! Elise (zu Schaumburg und Sützel). Indem ich Ihnen, meine Herren, für Ihre mich ehrenden Anträge danke, bitte ich Sie, mir Ihre Freundschaft nicht zu entziehen! Herr von Wallhorst,begleiten Sie mich zum Notar! (Geht mit Wallhorst in das Seitenzimnier ab. die übrige Gesellschaft folgt, außer Schanmbach, Sützel und Willibald.) Sützel (zu Schaumbach). Herr v. Schaumbach, haben Sie keine Pistole bei sich? Schaumb. (ärgerlich). Gehen Sie zum —! Es ist jetzt nicht die Zeit, das Pulver so unnütz zu verschwenden. (Geht von ihm weg.) Ihre Freundschaft bietet sie mir statt ihrem Herzen, das ist just so, als wenn man einem hungrigen Gast sagt: In der Küche ist kein Feuer mehr, nehmen Sie mit etwas Kaltem vorlieb! Willib. (aufathmend). Es ist vorbeNDie Feuerprobe ist bestanden! Nun kann ich, wenn ich auch im Innern einen Riß gekriegt Hab', doch sagen: Ich bin ein ganzer Kerl! (Man hört plötzlich vom Hintergründe her, an« fangs noch hinter der Scene Tumult und das Geschrei): »ZuHilfe! Das Unglück! Wache!« Schaumbi (sich überrascht umwendend). Sützel ! Was ist geschehen? WaS ist Willib. ! geschehen? Sechzehnte Scene. Vorige. Johann, mehrere andere Diener (stürzen mit schreckensbleichen Gesichtern vom Hintergründe hervor, und die Stufen herab, dann) Elise, Wallhorst, die Gesellschaft. Die Diener (durcheinanderschreirnd). Zu Hilfe! Halter ihn, er bringt uns um! Willib. Was ist geschehen? Die Diener (ängstlich nach dem Hintergründe weisend). Dort! dort! Elise j,^ ,, . . ^ «N ,,, l («len aus bas Geschrei aus dem -krallt). ? Nebenzimmer heraus). Gesellschaft.) Alle. Was geht hier vor? Schaumb. (einen der Diener an der Brust fassend). Kerl! wirst Du endlich reden? Was ist los? Elise (zu den Dienern). Sprecht!Sprecht! Johann (vor Schreck anfangs kaum der Sprache mächtig). Wir waren — vorhin — oben auf dem Gang—auf dem einen Fenster, das von Herrn Wirrmann seiner Kanzleistube hinausgeht.—Da sehen wir eine Helle Lichten — wir glaubten ein Vorhang hätt' Feuer gefangen, aber nein! — D'rin im Zimmer liegt die umgestürztc Cassa — ein Haufen Papiere am Boden. — Schaumb. Gott, die Banknoten! Johann. Aber brennend — die Hellen Flammen sind aufg'stiegen! Alle (entsetzt). Brennend? Johann. Und der Herr Wirrmann ist dabei gesessen — hat laut gelacht, und das Feuer noch ang'schürt; wie er uns g'sehcn hat, hat er einen Duschen von dem brennenden Papier aufgegriffen, und ist damit uns nach — rennt durch alle Gäng' — (Die Personen, welche mehr gegen den Hintergrund zu stehen, schreien plötzlich ängstlich nuf:) Gott im Himmel! Ta seht! seht! 22 Siebzehnte Scene. Vorige. W i r r m a n n. Wirrm. (mit verworren über die Stirne her» abhängenden Haaren, aufgerissenem Hemde, in der Hand einige brennende Papiere, kommt wildaus- lachend. die Stufen vom Hintergründe herab). Alle (Anwesenden weichen entsetzt zu beiden Seiten zurück). Elise. Heiliger Gott! Er ist wahnsinnig! (Wankt einer Ohnmacht nahe; einige Damen unterstützen sie.) Wirrm. Hochzeit ist — Hochzeit — zünd'S Fener an, auf Hymens Altar! Schönes Feuer! Hui, Bankuoten! (Wirft das brennende Papier auf den Boden und deutet mit dem Finger darauf.) Da — da schaut's her! Brennende Lieb! Hahaha! Wie der Tausender brennt! Allons! Tanzt's, tanzt doch! Hochzeit ist's! (Tanzt um das Feuer herum.) Wallh. (zu den Dienern). Bemächtigt Euch seiner, bringt ihn fort, und holt Wache! Einige Diener (gehen zögernd auf Wirrmann zu). Wirrm. (hält in seinem Tanze inne und blickt die Diener mit blöden Augen an). Aha, es ist schon zwölf! Der Tanz ist eingestellt! (Sehr höflich.) O, ich bitte, meine Herren, Hab' ich zu lange getanzt? Johann (gutmüthig bittend). Herr Wirr manu, kommen'S mit uns! Wirrm. (sich tief verneigend). D! Herr Commiffär! Johann (erstaunt). Was ich? Kennen's mich denn nicht? Wirrm. Ich weiß, Sie wollen mich arretircn, weil ich zu lustig war— oh —ich leiste keinen Widerstand — hahaha! Ick bin ja inkognito — aber wenn Sie erfahren, wer ich bin, hahaha! Wallh. (leise zu Zihann). Er will Euch folgen, benützt seinen Wahn. — Johann (zu Wirrmann). Also kommen's, gehen wir! Wirrm. Freilich! freilich! Sie thun Ihre Schuldigkeit! (Zu den andern Dienern.) Meine Herren! Ick bin Ihr Gefangener! Aber morgen, wenn Sie erfahren, wer ick bin? O! der Gesandte von Australien wird sich schon um mich annehmen! Gehen wir! (Stolz zu den Anwesenden.) Gute Nacht, Mylords und Myladis! (Geht von den Dienern begleitet in stolzer Haltung ab.) Elise (welche sich von ihrer Ohnmacht erholt hatte). Gott, das namenlose Unglück! Sch au mb. (welcher sich sogleich bei Wirr- mann's Erscheinen entfernt hatte, tritt wieder aus). Ein ungeheures Unglück! Ich war eben in Wirrmann's Stube — ich glaubte, es wäre noch etwas zu retten — aber die Cassa ist leer — am Boden nichts als Zunder und Asche! Elise. ES war mein ganzes Vermögen, ich bin nun eine Bettlerin! Wallh. (für sich). Welches Glück, daß ich den Vertrag noch nicht unterschrieben hatte! (Entfernt sich.) Schaumb. (leise zu Sützel). Ick denke, wir gehen — helfen können wir hier dock nickt! (Ab mit Cützel, die übrige Gesellschaft entfernt sich auch.) Elise (es bemerkend). Sie gehen — sie gehen Alle? Willib. (freudig). Aber ick — ich bin noch da!—Elise!— Ich weiß. Sie waren mir immer gut, und ick — ich liebe Sie zum Rasendwerden — aber jetzt erst kann ick's Ihnen gestehen! (Sinkt vor ihr aus die Knie.) Elise (in freudigster Ueberraschnng). Willibald! Jetzt bieten Sie mir Ihr Herz? Jetzt, trotzdem ich so ganz verarmt bin? Willib. Nicht trotz Ihrer Armuth, sondern eben, weil Sie verarmt sind! Uebri- gens sind wir Zwei nicht gar so arm, Sie haben Ihr Herz —ich Hab' meinen Kopf — mein Talent, und, wenn wir das zusam- mengebcn, ist's noch immer ein tüchtiges Capital! (Er umarmt sie ) Der Vorhang fällt. rs Zweiter Lict. (Pin kleines, nett, aber ohne allen Luxus eingerichtetes Zimmer. Pin in der Rückwand befindliches Fenster geht gegen den Garten, und ist von außen grün umrankt, an demselben steht ein kleines Arbeitstischchen. Eine Thür in der Rückwand, eine seitwärts.) Erste Scene. Elise. Frau Wollner. Elise (fitzt in einem einfachen Hauskleidr an dem Tischchen am Fenster, mit einer Stickerei beschäftigt). Fr. Wollner (steht hinter Elisens Stuhl und sieht ihr über die Schultern). Na sehcn's, es steht ja schon recht gut init'm Sticken, die Blumen sein recht hübsch g'rathen, nur ba — (auf eine Stelle der Stickerei weisend) sein die Stich ein wenig ungleich! Elise. Ja, liebe Frau Wollner, es ist wahrhaftig eine Schande, daß ich '-tzt erst das mühsam lernen mnß, worin manches zwölfjährige Mädchen schon eineMeisterin ist. Fr. Wollner. Ja, mein Himmel, das ganze Unglück ist halt das, daß Sie als eine reiche Erbin erzogen worden sind! Elise. Sagen Sie lieber verzogen. Ich sehe es jetzt ein, daß Reichthum nicht immer ein Glück, und dagegen die Armuth die Quelle von tausend kleinen Freuden ist. Fr. Wollner. Ich muß gestehen ich kann mich nicht genug wundern, wie leicht Sir sich in Ihre jetzige Lage hineinfinden, wenn ich dagegen bedenk', wie Sie's eh'- mals gehabt hoben. Noch vor vierzehn Tagen haben Sie das ganze Haus dahier gemiethet gehabt, und die prächtig möb- lirten Säle im ersten Stock bewohnt, jetzt haben Sie in dem nämlichen Haus die Wohnung von Ihrem ehemaligen Gärtner, die zwei kleinen Zimmerln zu ebener Erd! Ehemals haben Sie so vielen Leuten Brod und Arbeit geben, und jetzt wollen Sie selber für die Leut arbeiten! Ich begreif* nicht, wieSie trotz alle dem noch so vergnügt sein können. Elise. Sie fragen noch? (Blickt durch da» Fenster und erhebt sich rasch von ihrem Sitze; mit der Hand nach dem Fenster weisend, freundlich.) Dort! dort kommt die Antwort! Fr. Wollner (ficht ebenfalls hinaus). Ab, der Herr Willibald! — Ah ja, — jetzt be, greif' ich wohl! Elise (ist vom Fenster weggeeilt und öffnet die Thür in der Rückwand). Zweite Scene. Willib. (in einem leichten Sammtröckchen. unter dem Arm eine Mappe, kommt herein und küßt Elisen auf die Stirne). Guten Morgen, Lieschen! Guten Morgen, würdigeDuenna! (zu Frau Wollner.) Elise. Ah, Du bist wieder ganz erhitzt! Willib. Glaub's gerne! Früh Morgens war ich um 4 Uhr auf, um die Land- schastsskizzen für den Kunsthändler nach der Natur zu malen, um sieben Uhr war ich ' beim Buchhändler, für den ich einige Vignetten gezeichnet hatte, um acht Uhr saß mir die dicke Fkeisckselcherin zu dem Porträt, welches sie ihren zukünftigen fünften Ge- mal am Derlvbungsfeste geben will, und um neun Uhr war ich in dem neuen Hotel, um die Figuren für die Plafondgemälde zu entwerfen. — Elise. Wie Dn Dich seit einigen Tagen plagst. Willib. Pah! Nichts ist Plage, was man gern thut, die Liebe gibt Kraft. — Ich werde daher aus eine Aenderung in der Mythologie antragen. Man stellt den Liebesgott immer als einen kleinen Buben vor, das ist unrichtig. Man sollte ihn wie einen Hercules darftellen, denn er trägt ja Cent- nergewichte so leicht, als ob es Federn wären und sitzt denn doch wieder gerade wieHerculeS auch wohl am Spinnrocken einer schönen Omphale. (Elisen freundlich mit einem Arm umschlingend.) 24 Elise. Aber Du übernimmst jetzt auch Arbeiten und Aufträge, gegen welche sich sonst dein Künstlerstolz gesträubt haben würde. Willib. Mein Stolz? 3a, dem Kerl Hab' ich auf einige Zeit Urlaub gegeben. Elise. Wie soll ich das verstehen? Willib. Siehst Du — der Stolz gibt wohl einen Panzer, um die eigene Brust zu decken, aber er leiht kein Schild, so groß genug wäre, um auch ein zweites Wesen zn schirmen. So lange ich allein stand, lag mir am Gewinn nichts, denn wenn's auch mitunter knapp ging, so hatte nur ich zu entbehren; aber jetzt werde ich bald nicht mehr allein sein, da ist's meine erste Aufgabe, ein kleines Stammkapital zu gründen, damit wir für alle Fälle ein Brett im Schiffbruch haben, da darf also nicht bloß künstlerisch geschaffen, es muß nebenbei auch etwas gerobotet werden, um zu verdienen, und es geht — hahaha! ich hatt'S selbst nickt gedacht! — Aber nimm mir's nicht übel, etwas Hunger Hab' ich! Man sagt zwar, die Liebe nähre sich vom Mergenthau und Blüthenstaub, dagegen legt aber mein Magen Protest ein, er ist heute noch so leer, wie mein Herz voll ist, und Sie, Frau Wollner, würden sich deßhalb ein bedeutendes Verdienst um mich erwerben, wenn Sie durch Besorgung eines ausgiebigen Frühstücks das gestörte Gleichgewicht zwischen Herz und Magen wieder Herstellen würden! Fr. Wollner. Das soll gleich g'richt' sein! (Ab durch die Seitenthür.) Elise. Du sagtest eben, daß Du keinen Stolz mehr habest — bewähre dieß nur heute. Willib. Warum denn g'rad heute? Elise. Du weißt, daß ich leider nicht für mündig erklärt werden konnte, bis die Bedingung im Testament meines Vaters erfüllt ist, daß ich nock vor meinem achtzehnten Lebensjahre förmlich verlobt sein sollte. Willib. Du sagst leider? — Ich kenne eine Menge Mädchen und Frauen, die ihr halbes Vermögen darum gäben, wenn ihnen Jemand ihre Majorennität streitig machen wollte! — Elise. O scherze jetzt nicht! Es wurde mir von Seite des Magistrates ein neuer Vormund gesetzt. Willib. Ja, ein entfernter Verwandter Wirrmann's; der reiche Stadttrödler Stoppel übernahm diese Pflicht. Elise Er ist von einer so unausstehlichen Rohheit und so gemeiner Habsucht, daß mir sein bloßer Anblick schon zuwider ist! Willib. Was kann ich dagegen thun? Wäre ick ein Bildhauer, so könnte ich ihn vielleicht frisch firnissen? Elise. Du siehst ein, daß unsere Verbindung jetzt von seiner Zustimmung abhängt, also suche, wenn es Dich auch Selbstüberwindung kostet, seine Gunst zu gewinnen. Willib. Glaubst Du, ich weiß mit einem Trödler nicht umzugehen? Ick sagte Dir eben, daß ich mit einem sogenannten Kunsthändler zu tbun hatte, die sind auch nicht viel mehr als Kunsttrödler! Elise. Ernsthaft, lieber Willibald! Bedenke, je eher er in unsere Verbindung willigt, um so eher bin ich von ihm erlöst. Willib. Gut! Du sollst erlöst werden! Ich will ihn schon herumkriegen, mack' mich nur mit dem Ehrenmann bekannt. Elise. Er versprach heute noch hieher zu kommen — und — (blickt gegen die sich öffnende Thür — beinahe erschreckt) Da, da iit er schon! Dritte Scene. Vorige. Stappel. Willib. (Stappel erblickend). Äha! I^U- pus in tabula! Stoppe l(ein starker korpulenter Mann, in Kleidung und angehängtem Goldschmuck, als: Schwerer Uhrkctte, Busennadel, Brillantringen rc. die Wohlhabenheit auf ordinäre Weise affcctirend, tritt mit aufgesetztem Hute und aus einer filberbeschlagrnen Meerschaumpseise rauchend ein). Servus! 25 Elise. Guten Morgen, Herr Vormund! Wittib, (leise zu Elisen). Ick hätte beinahe Lust, dem Flegel die Pfeife aus dem Munde und den Hut vom Kopfe zu schlagen! Elisk(leise zu Willibald). Beherrsche Dich. Stappkl (mit dem Stocke auf Willibald zeigend.) Wer ist der jnnge Mensch? Elise (Stark vorstellend). Herr Willibald Stark, Maler! Stappel (etwas verächtlich) Maler? (Für sich.) 3ch sag's ja — das Madel hat nix mehr, sie bringt's zu keiner ordentlichen Bekanntschaft. Willib. Freut mich, den würdigen Mann kennen zu leinen, welcher die Erfüllung der schweren Paterpflicht bei Fräulein Elisen übernommen hat. Stappel. Za, man hat sein Kreuz damit, aber was soll ich machen? Ich bin einmal Vormund ex Mo. (Wichtig) Sie verstehen, was das heißt: ex Mo. Willib. Lx oKeio heißt: Aus Pflicht^ man sagt aber immer nur in Verkürzung „ex Mo." (Für sich.) Wahrscheinlich weil gewöhnlich die Pflicht verkürzt wird! Stappel (befriedigt). Sie scheinen ein gebildeter Mann zu sein! Willib. Ein Künstler muß, glaube ich, Bildung haben. Stappel. Na, sonst haben's oft nur Einbildung! Wittib. Wer könnte sich Zhnen gegenüber noch etwas einbilden! Einem Manne gegenüber, den der Magistrat in seiner — väterlichen Fürsorge für die Unmündige als den weisesten und verläßlichsten zu ihrem Vormund ernannte. Stappel (immer mehr geschmeichelt, für sich). Zst erst ein charmanter Mensch! wirklich, was man sagen kann, charmanter Mensch! (Laut.) Za mein Lieber, der Magistrat-weiß, was er an mir hat — ich zahle ja zweihundert Gulden Steuer — Sie, da muß man schon einen curiosen Kopf haben! Willib. Es ist nur zu bedauern, daß Fräulein Elise nicht schon früher das Glück hatte, Sie zum Vormund zu bekommen. Stappel. Ja, statt dem Wirrmann, der den Verstand verloren hat, — das bat mir gar nie geschehen können! — Wann ick der Vormund ve n einer reichen Mündel wär', da solltens erst sehen, wie q'scheidt ich war! — Da schaut noch was h'raus, bei dem — „Lx Mo"—aber so nichts als Plagereien! Elise. Waren Sie so gütig, Herr Vormund, den Verkauf meiner Möblrrung zu besorgen? Stappel. Ja, deßwegen bin ich da —! Ich hab's wollen licitiren lassen, — sein auch meine Eollcgen, alle Stadttandler kommen, — es hat aber keiner ein' Anbot d'rauf g'legt. Willib. (leise zu Elise). Aha! In Folge der wechselseitigen Tandler-Uebereinkunft, vermöge derer keiner dem anderen ein Geschäft verdirbt. Stappel. Es ist mir nichts überblieben, als daß ich selber um den Schatzungswerth das Graffelwerk' kauft Hab'. Elise (etwas verletzt). Sie bedienen sich da eines Ausdrucks, der doch für das beinahe durchaus neue, im elegantesten Ge- schmacke gearbeitete Meublement nicht ganz paffend ist. Stappel. Alleseins! Sobald wir Tandler was kaufen, ist's Graffelwerk — wenn wir's verkaufen — ah — dann ist's ein'andere Red'! Kurz und gut, ich hab's um fünfhundert Gulden erstanden. Elise. Fünfhundert Gulden nur, und die Einrichtung kostete mehr als fünftausend Gulden. Stappel. Sein's froh,daßSiedaskriegt haben, ich hab's auch nur g'nommen, weil ich einmal der „Lx Mo" bin! Elise. Und mein Silberzeug! — Die Prätiosen?! 26 Stappel. Grasselwerk! — ich Hab tausend Gulden dafür geben, nur ich, als „Lx ollo"! Elise (traurig). Also Eintausend fünfhundert Gulden mein ganzes Vermögen!? Stappel. Davon Hab' ich natürlich noch die Licitationskoüen und dann das, was mir für meine Bemühung gebührt, abgezogen; Sie haben also jetzt netto ein Capital von Eintausend zweihundert Gulden — das Hab' ich, wie's meine Pflicht als „Lx otko« ist, iu Obligationen für Ihnen de- ponirt, da haben Sie alle Jahre ein Ein kommen von sechzig Gulden. (Die Achsel zuckend.) Müffen's halt schauen, wie's d'raus kommen. Wenn man kein' Topf hat, muß man im Pfand'! kochen! Vierte Scene. Vorige. Frau Wollner. Fr. Wollner (kommt mit dem Frühstück) So — da ist das Frühstück! Stappel. Ab, scharamant! (Geht rasch zum Tisch und setzt sich an denselben.) Elise (leise zu Willibald). Dein Frühstück! Willib. (leise). Laß ihn, seit ich mit dem gesprochen, ist mir ohnehin der Appetit vergangen! Stappel (mit der Gabel auf dem Teller umhersuchend). Thee — a paar Spalteln Schunken — das ist nicht so ganz mein G'schmack! Mein zweites Frühstück muß ausgiebiger sein, so a Beafsteak mit Erdäpfeln und a Halbe Thaler, das g'bört zn einem ordentlichen Frühstück ü In Onlisl- knreliette clejeüner! Wrllib. Ich bin überzeugt, Herr von Stappel, daß Ihnen die Zukunft Ihrer Mündel sehr am Herzen liegen wird! Stappel. Ja, wenn ich nur mehr Zeit hätte, aber mein Geschäft! Willib. Sie werden vielleicht schon einen Plan gefaßt haben — Stappel. Mein Gott, mit Eintausend zweihundert Gulden, was läßt sich da für ein Plan machen! Wer Heirat' denn «Mündel bei derer Zeit! Willib. Wenn aber dock ein Mann, der zwar kein Vermögen bat, — Stappel. Wenn er selber kein Vermögen bat, so schaut er sich um eine Braut um, die ein's hat, sonst is er ein dummer Kerl, und einem dummen Kerl kann ich als Vormund „ex otko^ meine Zustimmung nicht geben. Sie sehen also, es gebt nicht! Willib. Wenn er ein Talent hat! Stappel. Talent! Auf das versteh' ich mich nicht — der Artikel kommt in meinem Geschäft net vor! Willib. Ein Talent, das ihm so viel rinträgt, daß er sich und eine Frau anständig ernähren kann. Stappel. Bloß vom Talent, bei der Zeit! — das gibt's nicht! Willib. Bitte! Ich selbst bin so glücklich, das von meinem Talente sagen zu können. — Stappel (aufmerksam). Sie? Sie? (Auf. stehend, für sich.) Vielleicht läßt sich doch noch a G'schäst machen, — bei der Zeit muß mau Alles mitnehmen! (Laut.) Also wollten am End' gar Sie mein Mündel heiraten? Willib. Ja, — ich besitze bereits ihr Herz und trete nun vor Sie, würdiger Vormund ex offo, um von Ihnen ihre Hand zu erbitten! Stappel. Aha! Brauchetenö vielleicht just Eintausend zweihundert Gulden? Willib. Um Sie über diesen Punct zu berubigen, will ich mich im Voraus verpflichten, das Geld in Jbren Händen zu lassen, machen Sie's in Ihrem Geschäfte zinstragend. Stappel. Das is a Red! Zu wie viel Procent? Willib. Nun, zu den gesetzlichen — Stappel. Ist z'viel! — Fünf Procent kriegen's net heraus bei der Zeit! Willib. (ungeduldig). Nun so halten Sie es damit, wie Sie wollen. Etappe!. Also mit drei Procent — die will ich meinetwegen geben, aber aucb nur, weil ich schon einmal ex viko bin. Willib. Also sind Sie einverstanden? Wenn es möglich ist, führ' ich Elise heute noch zum Altar. Srappel. Heut' noch! (Für sich.) Der geht hitzig d'rein! (Laut.) Hm! Möglich wäi's schon, aber das kost' mich wieder a Menge Gäng' und Laufereien — Willib. Ich will Sie dafür entschädigen! Hier indeß mein Honorar, welches ich heute für ein eben vollendetes Porträt erhielt. (Gibt ihm ein kleines Röllchen.) Stappel (öffnet das Päckchen erstaunt). Ducaten! Fünfzehn Ducaten? für ein Porträt? Wie die Leute so viel Geld ausgeben können für ihr Gesicht — bei der Zeit? Willib. Also sind wir in Ordnung? Stappel. Noch nickt so ganz — wenn ich schon so uneigennützig besorgt für das Wohl meiner Mündel bin, so müssen Sie mich auch auS Dankbarkeit gratis malen. Willib. Nun, das kann leicht geschehen! Stappel. Net so leicht, als Sie glau bcn, denn wiffens, es muß zum Reden troffen sein. Willib. (für sich). Es ist allerdings eine Aufgabe, ein nichtssagendes Gesicht zum Sprechen zu treffen. Stappel. Und nachher noch was! Ick habe da in einer Licitation a fünf alte Rahmen kauft — da müffens mir was Hineinmalen, sonst bring' ich'S net so leicht an! Willib. Wünschen Sie nicht vielleicht auch noch, daß ich Ihnen Ihre Gewölb- rhüre anstreiche? Stappel (ohne die Ironie zu bemerken). Na, das hat Zeit bis auf's Zahl! Willib. Nun, wenn Sie mir nur mit der Kundschaft nit weitergehen. Stappel. Also in Gottesnamen, so will ich die Gäng' machen, daß's heut noch heiraten könnt's, ich mach'mich gleich auf'n Weg — Sie sehen, ich thu' mein Möglichstes! Elise (freudig). O Dank! tausend Dank! Stappel. Also kommen's her! (Nimmt Elisens Hand und legt sie in die Willibalds) Ich muß Euch ja noch meinen Segen geben! Scid's glücklich, Leuteln! und vor Allem sparsam! (Zu Willibald.) Bei der Hochzeit muß was Ordentliches auf'tifcht werden, denn ich als ex «üo wert)'mit meiner ganzen Familie dazukommen. (Wieder;n Beiden.) Wachset und mehret euch — d. h. das letzte ist just nit nothwendig bei der Zeit! Aber halt's fest aneinander und behall's mich in dankbaren Angedenken. (Zieht ein Sacktuch heraus und trocknet sich die Augen.) So, ich Hab' Euch meinen Segen gegeben, und bin gerührt! Das thu' ich Alles umsonst! Und jetzt, jetzt geh' ich mit dem süße» Bewußtsein, daß ich g'handelt Hab, wie nur ein Vormund ex olko handeln kann bei der Zeit! — B'hüt Gott! (Ab.) Elise (fällt Willibald um den Hals). Ach, mein Willibald, wie glücklich hast Du mich gemacht. Ach, daß meine Freude durch einen schrecklichen Gedanken getrübt werden muß! Der arme ehrlicheWirrmann! Willib. Tröste Dick, liebes Kind, wer weiß, ob seine Heilung nicht vielleicht doch möglich ist. Elise. Wenn ich ihn nur sehen dürste. Willib. Heute will ich es wieder versuchen, bisher war der Direktor der Anstalt, in welche er nach jenem fürchterlichen Abende gebracht wurde, auf einer Reise begriffen und die übrigen Aerzte hielten sich nicht für berufen, uns den Besuch zu gestatten, doch heute soll der Direktor zurückkommen, bei dem will ich die Bitte erneuern! Elise. O, nimm' mich gleich mit, vielleicht daß eben mein Anblick und die Kunde, daß ich den durch ihn verursachtkn Verlust so leicht trage, ja, daß dieser mich erst zum wahren Glück brachte, seine verworrenen Gedanken aufhellt! Ach, wenn er wieder zum vollen Gebrauch seiner Geisteskräfte gelangt, wenn seine Hand im Namen mcincs Vaters den Segen über unfern Bund erthei- len könnte, dann — dann erst wäre me in Glück ganz ungetrübt. (Gehtin's Sritenzimmer ab.) Fünfte Scene. Willib. (allein, ihr nachsehend). Siebes, herziges Mädel! Ihr ganzes Vermögen ein Raub der Flammen, das kleine Restcken noch von dem säubern »ex 060« beschnitten, und dennoch klagt sie nicht wie der reiche Trödler über Mangel, und seuszt nicht über die schlechte Zeit. — Ich weiß überhaupt nicht, wozu die Leute ewig über die schleckte Zeit klagen, denn wo man nur binsieht, erblickt man die auffallendsten Beweist, daß trotz all' dem Jammer und Heulen doch die Zeit unmöglich so schleckt sein kann. Lied. Hört man die Kaufleut', wie sie reden, 's Wasser steht am Hals schon jeden, Steuern, Zöll kaum zu erschwingen, Keine Waar' an Mann zu bringen; Jeder klaget so sein Leid, Ack, die schlechte, schlechte Zeit. Doch sieht man sodann ihr G'wölbe in der Stadt Zu ebener Erde keiner mehr Raum genug hat, ^ Im ersten Stock d'roben gleich die ganze Faßade, Am Kohlmarkt und Graben man zum Gewölb ring'richt hat, Die Auslag' sodann, wie man manche erblickt, Im gothischen Styl, reich mit Gold auf- g'schmückt Und Statuen oben von Künstlerhand g'macht! Man traut sich hinein kaum, so blendend die Pracht! Und wenn man dann fragt: Was zu kau fen d'rin war? So haben's außer Messern und Gabeln nichts mehr! Und deßwcgen richt't 's G'wölb man so feenhaft ein, Na, da kann doch die Zeit nicht gar so schlecht sein! Zugereiste Komödianten, Die kein Engagement hier fanden Trotz norddeutschem Dialekte, Gehen heruni mit der Eollecte. Jeder solcherMime schreit: Ach, die schlechte, schlechteZeit! Da siebt man Früh Morgens schon in's Bierhaus hinein, Sitzt bei vollen Krügen der ganze Verein! »Ta d'rauf in der Weinstube« — denn auf Bier Wein, Das soll, alten Spruch nach, sehr zuträglich sein, Und dann in's Kaffeehaus, n' Partiechen gemacht, So leben sie flott oft bis spät in die Nacht, Die Kellner nun freilich, und auch die Marqueur, Die rennen, ihr Geld fordernd, dann hinten her, Und ziehen am Ende den Rock ihnen aus. Doch wenn mau mit ein' abgetragenen Flaus Bezahl'n kann für acht Tag Ka ffee, Bier und Wein, Da kann doch die Zeit noch nichtgar so schlecht sein. Raucher jammern: die Cigarren, Man hält sich nur selbst zum Narren, Was für Geld ich täglich brauche, Und das geht so auf im Rauche. Alle Lust ist mir verleid'!, Ach, die schlechte, schlechte Zeit! Doch sieht man wie viel Geld sie nur drauf verschwenden, Um schönen Cigarrenspitz zu tragen in den Händen, Nur ganz schwerer Meerschaum von Flecken ganz rein, Und d'rauf muß d' Pepita noch aus- geschnitzt sein! Ob'n ein langer Bernstein — so aus ganzem Stück, Schön blaßgelb und wolkig — 0 das is ein Glück! Und dann noch ein Aufsatz, daß's sich nicht brennt an, Und dann noch ein Etui, ganz mitSammt angethan — Ein Kreuzer kost't oft die Cigarr'n, die d'rinsteckt, Doch hab'n auf den Spitz zehn Gulden Münz' oft net kleckt, Gibt man so viel Geld aus für Cigarr'n- fpitz'ln allein, Da kann doch dieZeitnoch nichtgar so schlecht sein. Hört man die Hauswirthin klagen, Wie gar jetzt in unseren Tagen D'Lebensmittel werden theuer, 's Stück zwei Kreuzer kosten die Eier. Da begreift man wohl ihr Leid, Ach, die schlechte, schlechte Zeit! Doch sieht man dagegen die neue Ma- schin', Die Brutofen! Das ist ein großer Gc- .winn! Da schiebt man die Eier hinein und zum Schmaus Kommen gleich d'ranf die fertigen Back- Hendeln heraus. Und noch 'ne Erfindung, die ist gar was Neu's! Auch Fisch brüt't man aus jetzt auf künstliche Weis'. Gleich hundert von Karpfen, Hechten und Forell'n, Auch thnt man mit Srcfisck Versuch schon anstcli'n; Bald bringt d'Stocksisch-Noggen man auch, hier zur Brut, Wenn die sich beleben — ach, das wäre gut. Von Stockfischen wimmelt' es dann allgemein! Dann kann doch die Zeit nicht mehr gar so schlecht sein. (Ab.) Verwandlung. (Großer Saal in einer Irrenanstalt, rechts und links mehrere Seitenthüren, in der Mitte der Haupteingang.) Sechste Scene. Magister Stritzel, Coininissär Helmer (treten durch die Mitte ein). Stritzel. Bitt' nur bcreinzuspazicren, das ist der gemeinschaftliche Saal, wo alle Narren znsammenkommen, hier können wir mit einander reden. Helmer. Der Herr Direktor ist also noch nicht zurückgekehrt? Stritzel. Wir erwarten ihn jeden Augenblick, macht aber nichts, wenn er auch länger ausbleibt, ich als Secundararzt sorge schon dafür, daß er alle Narren noch eben so find't, wie er sie verlassen hat. Helmer. Es läge mir sehr daran, seine Ansicht über Ihren neuen Patienten, den ehemaligen Buchhalter Wirrmann, zu hören, — der Direktor ist ern berühmter Arzt für Geisteskranke. Stritzel. Geisteskranke! Ich sag' Ihnen, Herr Commissär, ich glaub' an keine Geisteskrankheit! Helmer. Was sagen Sie? Stritzel. Was ist überhaupt eine Krankheit? Wenn Einem was fehlt! Wie kann aber dem Geist was fehlen? Der Geist hat keinen Magen, keinen Bauch, keinen Kopf, — jetzt frag' ich, wo soll'S chm denn dann weh' thun? Glauben Sie mir, Herr Com- miffär, es ist nicht so viel d'ran an dem, was man Geist nennt, ich weiß das aus eigener Erfahrung. Helmer.Sic hatten also, bevor Sie die Allstellung iil diesem Institute erhielten, schon in diesem Fache Praris? Stritzel. Freilich — die Meisten, die sich haben von mir behandeln lassen, wäre»» ja Narren. — Helmer. So? Und haben Sie alle geheilt? Stritzel. Nein, sie haben sich einbild't, sie werden unter meiner Behandlung immer schlechter, das war eben ihre sire Idee, und diese fixe Idee ist bei Einigen so heftig geworden, daß sie den Tod davon gehabt 30 haben, und waren doch in Wirklichkeit ans dem Weg der Reconvalescenz! Helmer. Aber um wieder auf Wirrmann zu kommen, was halten Sie von seinem Zustand? Stritzel. Ich behaupte, es hat sich ein organischer Tippcl im Gehirn gebildet. Helmer. Und glauben Sie, daß er heilbar wäre? Stritzel. Versteht sich! Kinderei, wenn er nur mein Wunder-Decoct einnehmen wollt'! Helmer. Wie? Sie sind im Besitze eines solchen Heilmittels? Stritzel. Freilich! (Geheimnißvoll.) Ich darf aber hier eigentlich nicht ordiniren, — ich bin hier nur zur alienfälligen chirurgischen Beihilfe angestellt; die eigentliche Behandlung läßt sich der Director nicht nehmen, — der ist aber jetzt nicht da, und so geht der arme Wirrmann als Narr herum, und weiß gar nicht warum! Helmer Hm! Wenn Ihr Decoctum nichts Gefährliches enthält — Stritzel. Gott bewahre, nichts als heftig ableitende Substanzen, die würden ihm das Gehirn freier machen, und den Wahnsinn von oben nach unten leiten—unten schad't der Wahnsinn viel weniger! Helmer. Nun, dann könnten Sie's ja versuchen. Stritzel. Ja, wenn er nur von mir etwas einnähme! Aber er zweifelt an meiner Kunst! Das ist eben der Beweis, wie verwirrt seine Begriffe find! Helmer. Und worin besteht denn nun seine fixe Idee? Stritzel. Gleich wie's ihn hereinbracht haben, hat er, so lang er noch im Wagen war, nichts als gejubelt und gesungen, wie er aber daher in das Haus bracht worden ist — hat er's glei' kennt, wo er ist! Helmer. Wirklich? wirklich? Stritzel. Na ja, da herin find ja nur die Narren, denen man ihren Zustand gleich ankennt, die Andern werden nicht einge- sperrt. Helmer. Nun, und als er dieß Haus als die Irrenanstalt erkannte? Stritzel. Da hat sich auf einmal die fixe Idee in ihm gebildet, daß er zur Belohnung für geleistete Dienste zum Director von dem Institut ernannt wär'! Helmer. Sehr sonderbar! Stritzel. So lang man ihn in seinem Wahn bestärkt, ist er der höflichste, freundlichste Mensch von der Welt — aber wie ihn Einer anders als: Herr Director! titu- lirt, wird er wild! Na, wir lassen ihm vor der Hand seine Freud'! Helmer. Es liegt mir daran, ihn zu sehen, doch sagen Sie ihm nicht, wer ich bin! Stritzel. Gar keinRed'! Ich werd' ihm sagen, Sie sind ein Reisender der die Anstalt zu sehen wünscht! Aber still! Ich hör' kommen, das ist die Stund, wo unsere Patienten auß'n Garten herauf müssen! Da wird er auch dabei sein. Aber vergeffen's nicht, behandeln's ihn nur alleweil als Herr Director! Siebente Scene. Vorige. W i r r m a n n. Wirrm. (in einem langen grauen Schlafrock, einem aus Papier gemachten dreieckigen Hut aus dem Kopf, an der Seite ein Holzstück» wie einen Degen tragend, kommt durch die Mittelthür herein; seine Haltung ist gravitätisch, eine Hand steckt in der Brust, die andere ruht auf dem, einen Degen vorstellenden Holzstück, er ruft durch die Thür zurück). Alle aus dem Garten herauf! in die Zimmer! Die Leute glauben, sie dürften gar nichts thun, als ewig spazieren gehen! Ha! da wär's leicht Narr sein! (Tritt vor, leicht mit dem Kopfe nickend.) Guten Tag! guten Tag! Stritzel (sich tief verbeugend). Unterthä- nigster Diener, Herr Director! Wirrm. (Helmer erblickend). Ah! schon wieder ein Neuer! 'S ist merkwürdig, wie diese Anstalt in Schwung kommt, seitdem ich ihr Vorstand bin — alle Tage neue Darren! (Zu Stritzel, dabei auf Helmer weisend.) AufNro. 15. Stritzel (leise zu Helmer). Jetzt ist's recht, er glaubt, Sie sind verrückt! (Zu Wirrmann.) Der Herr— (auf Helmer weisend) ist zufällig ein Vernünftiger! Wirrm. Was? — werd' gleich sehen! (Geht rasch aus Helmer zu.) Wer bin ich? He! Antwort! Helmer. Sie! (Nach einem mit Stritzel gewechselten Micke, sich vor Wirrmann verneigend.) Ich habe die Ehre den Herrn Direktor zn sprechen? Wirrm. (befriedigt). Ah, so! — Haben wohl schon in der Zeitung meine Beförderung gelesen? Ja, ich Hab' ein närrisches Glück gemacht! Aber ich bin nicht stolz, — o, gar nicht! (Sehr freundlich.) Womit kann ich dienen? Helmer. Ich wünschte nur diese Anstalt — Wirrm. (sehr geschmeichelt). Ach, meine Anstalt (mit monotoner Geschwätzigkeit, indem sich zum Schluß der Rede seine Gedanken sichtlich in einand' wirren). Ja, ausgezeichnete Anstalt— Muster-Anstalt, vorzüglichste Exemplare von Irrsinn, Tobsucht und Raserei — alle selbst herangebildet—aber ich finde auch Anerkennung, sehr ehrcnwerthe Zuschriften von Hong - Kong und Nanking, der chinesische Kaiser will mich kommen lassen, nm seinen Insurgenten die Köpft zurecht zu bringen. Die Kerls wollen nämlich keine Zöps mehr tragen, und sein doch Chineser! Das macht auch jetzt das Fallen der chinesischen Papiere! Ja, ich könnt'helfen, aber ich kann nickt fort! Was gehen uns auch die Narren im Auslände an — sein wir stolz auf unsere inländischen! — Ich arbeit' auch an einem Projekt für's Finanzwesen über einen Einfuhrszoll, den fremde Verrückte an der Gränze zahlen sollen. — Wir brauchen keine Concurrenz! Ausfuhr dagegen frei! O großartiges Projekt! kann den Staat retten! Denn wenn unser Gehirn, animalisch betrachtet, als Rohprodukt im Umtausch gegen auswärts verarbeitetes in die Bilanz tritt, und Import und Export im Derhältniß der Valuta — 0 — (erschöpft, zuletzt mit immer matter werdender Stimme) mein Kopf! — ich arbeit zu viel! (Setzt sich erschöpft aus einen Stuhl.) Stritzel (leise). Jetzt wär' vielleicht der Moment für mein Decoc t!(Laut zu Wirrmann) Herr Direktor, Sie sind unwohl! Wirrm. (rasch aufspringend). Nein, nein, Hab' keine Zeit krank zu sein. — Meine Pflicht! — (Schnell zu Helmer gehend und sich in seinen Arm einhängend.) Sie wollen me irre Zöglinge sehen, — steh' zu Diensten, war- ten Sie — warten Sie! (Mit aufgehobenem Finger und wichtiger Miene.) Pit! pst! nur nicht reden — ich — ich weiß Alles, geben Sie Acht! Achte Scene. Vorige. Kritzler. Maulmann. Flo- rinde. Prüther —Mehrere andere Irre. Wärter Jonas, Michel rc. Kritzler (ein alter Mann in einen grauen Mantel gehüllt kommt durch die Mitte, sein Gesicht ist bleich, und seine Augen blicken stier, während des Gehens zuckt er oft schmerzhaft und greift mit den Händen bald auf die Schulter, bald auf den kahlen Kopf, dabei immer ausrufend: Heiß, o siedend! (und eilt dann in ein Seitenzimmer ab). Wirrm. (während Kritzler vorübergeht). Sehen Sie, das ist ein steinreicher Bnch- händler, sein Wahnsinn besteht darin, daß ihm immer so ist, als ob alle die Schweißtropfen der Schriftsteller heiß wie Siegellacktropfen vom Himmel auf ihn herunter- fallen würden. Maulmann (kommt in hohen Stiefeln, einen papierenen dreieckigen Hut L I» Napoleon aus dem Kopf, an der Brust eine große rottie Schleife, die Arme verschränkt, geht stolz vorüber). Wirrm. Sehen Sie, der war im Grund nichts als ein Poltrott, er hat den Leuten so lang vorgelogen, daß er Adjutant beim alten Napoleon war, bis er endlich selber geglaubt hat, er wäre der große Feld- Herr. Das ist eigentlich ein unschädlicher, mehr g'spaßigcr Narr! Flo rinde (m einem theatralischen Aufputz, bunte Blumen im Haar und eine aus Zweigen geflochtene, mit Strohhalmen bespannte Lyra in Händen — geht den Kopf trauernd zur Erde gesenkt im Kothurnschritte vorüber). W irrm. Das ist eine tragische Schauspielerin, die bei einem Dorstadttheater en- gagirt war; sie hat niemals zu ihrer Einnahme ein elastisches Stück gegeben, und über den Cassarapport hat sie den Verstand verloren. Jetzt bildet sie sich em, sie wäre Mel- pomene in Pension! Der (auf einen Anderen deutend) war einmal ein Geldwechsler und bild't sich jetzt ein, er selber war's Agio,d'rum streckt ersich manchenTag unsinnig und manchen Tag hockert er sich wieder unsinnig klein zusamm'. Und so sag' ich — (mit besonderer Höflichkeit vor Helmer sich verneigend) Ew. Ercel« lenz! findet man hier bei jedem eine andere verrückte Idee, auf Ehre, wenn man immer unter den Leuten ist — (sehr ernst) man könnte beinahe selber einNarr werden! Helmer (sich etwas ängstlich von Wirrmann's Arm losmachen-). Ich danke Ihnen für Ihre Erklärung! Stritzel (leise zu Helmer). Wenn Sie ihm nur zureden wollten, daß er von meinem Wunderdecoct — Helmer (leise). Ich will's versuchen. (Laut zu Wirrmann.) Ja, Sie haben einen sehr anstrengenden Dienst, Sie solltenmanch- mal etwas Stärkendes zu sich nehmen! Stritzel (zieht aus seiner Rocktasche eine ziemlich große Medicinflasche). Ja, und ich Hab' hier so was — (sehr sanft und bittend.) Herr Direktor, wenn Sie nur probiren wollten! Wirrm. (hat sich inzwischen auf einen Tisch gesetzt und schleudert mit den Beinen, und dreht die beiden Daumen seiner ineinandergelegten Hände im Kreise um einander, für sich). Aha, der kommt mir schon wieder mitsein'Trank'UNa wart! (Laut.) Was haben Sic da? Was ist das für ein Compositum? Was soll das bewirken? Stritzel (leise zu Helmer). Heu? geht er d'rauf ein! (Laut zu Wirrmann) Sie fangen an etwas beleibt zu werden! Wirrm. (seinen Bauch befühlend). Ja, ja, das kommt von meiner guten Anstellung, sie nährt ihren Mann! Stritzel. Das macht dann Congestionen gegen den Kopf! Wirrm. Ja, Sie haben vollkommen Recht, mein Kopf ist so eingenommen! Stritzel. Na, sehen Sie, wenn Sie nur täglich ein paar Schluck von der Medicin nähmen —(Hält ihm die Flasche hin.)Sie sind ja Direktor und ein Direktor nimmt immer gerne ein! Wirrm. Laffen'sanschauen! (Nimmt die Flasche, öffnet sie und riecht dazu.) Stritzel (triumphirend leise zu Helmer). Gott sei Dank, er nimmt's! Wirrm. (steht rasch vom Tische auf und will die Flasche heftig erschreckt zurückgeben). Ha! ich ahne! Stritzel. Was denn? Wirrm. Das ist Gift! Stritzel. Aber was fallt Ihnen denn ein? Wirrm. Gift! Gift! Man beneidet mich um meinen Posten — man will mich aus dem Wege räumen. Stritzel. Aber ich schwöre Ihnen, daß es das gesundeste Mittel ist, ein meäium äerivanZ. Wirrm. Sie schwören? Gut, so trinken Sie zuerst selber! Stritzel. Mit Vergnügen, wenn Sie das beruhigen kann! (Nimmt die Flasche.) Wirrm. Aber einen ordentlichen Schluck! Stritzel (trinkt aus der Flasche, verzieht aber darauf das Gesicht.) Na! sehen Sie! (Heimlich sich schüttelnd.) Prr! Gut schmeckt's just nicht! Wirrm. Was verziehen Sie denn so das Gesicht? He! Stritzel. Da, es schmeckt wohl nicht ganz gut, wissen Sie, die k'olia 86nni8— aber Sie haben doch geseben, daß ich davon getrunken Hab, also trinken Sie auch! (Reicht ihm wieder die Flasche.) 33 Wirrm. (nimmt die Flasche, will sie zum Muude führen, setzt aber rasch wieder ab). Nein ! Nein! — Stritzel. Aber, was haben's denn schon wieder? Wirrm. Sie haben nur einen Schluck gemacht, und es ist vielleicht ein Gift, was nur in größeren Dosen wirkt. — Trinken Sie noch mehr. — (Hält ihm die Flasche wieder hin) Stritzel. Na, um Ihnen jeden Zweifel zu nehmen! (Nimmt die Flasche und trinkt wieder, dabei immer sein Gesicht verziehend.) Wirrm. Mehr, trinken Sie mehr! sonst glaub ich's nicht! Stritzel. Aber ich habe schon ohnehin beinahe die halbe Flasche ausgetrunken. Wirrm. Trinken Sie's ganz aus — dann glaub' ich an die Unschädlichkeit des Medikamentes und will Ihnen künftig trauen! Stritzel. Na, in Gottesnamen, was thut man nicht Alles für die Ehre der Fakultät! (Trinkt die Flasche ganz aus, schüttelt sich heftig, für sich:) Pfui Teufel! (Laut zu Wirrmaun:) Sie sehen, die Flasche ist leer! — Ich hab's allein auSgetrunken! Wirrm. (tritt zu ihm, und klopft ihm zufrieden auf die Schulter). So, mein Lieber, das Hab' ich nur wollen — scheu Sie (aus Stri- hel'S Bauch weisend) Sie werden zu korpulent, das macht dann Congestionen gegen den Kopfund das erzeugt die Ncrstandesverwir- rungen — 's ist sehr gut, daß Sie die ganze Flaschen ausgetrunken haben. (Zu Helmer mit Schlauheit.) Sehen Sie, so muß man die Narren Herumkriegen, damit's gutwillig eine Mcdicin einnchmen. Stritzel (entrüstet). Himmel Million Pillen und Latwerg! Mir das! Ich bin schon manchesmal gefoppt worden, aber von einem Narren zum Narren gehalten zu werde», das kann nur mir geschehen! (Mit verzogenem Gesicht die Hand aus die Gegend des Magens legend.) Und wie daS operirt! Wirrm. Llsäium äerivavs. Stritzel. Mir wird völlig nicht gut! Ttzeata-zkpaiok Re. >S. Wirrm. b'olia 86ÜI118. Stritzel. O Gott! o Gott! der Schwindel! Neunte Scene. Vorige. Michel. Michel (eilt durch die Mittelthür herein). Herr Magister! Stritzel. Was ift's? Michel. Der Herr Dir. Stritzel. Pst! pst! (Tritt zu Michel.) Red' leiser! Michel (leiser). Der Herr Direktor ist g'rad angekommen — die Herren möchten gleich alle in seine Kanzlei kommen. Stritzel. O Gott und ich in meinem jetzigen Zustand — Helmer (zu Stritzel). Kommen Sie nur, auch ich habe nothwendig in Bezug auf diesen (auf Wirrmann weisend) mit dem Direktor zu sprechen. Stritzel. Ja. Sie? — Aber ich, mit meinem Decoct im Leibe! (Die Faust drohend gegen Wirrmann erhebend.) Verdammter Kerl, dir will ich's einbringen, wenn's einmal zum Schröpfen kommt. (Ab mit Hellmer.) Wirrm. (ihnen nachsehend, zu Michel). Was haben denn die mit einander gewispelt? Wird schon wieder ein Eomplott gegen mich geschmiedet? Michel. Ah, Gott bewahre! Haben Sic ja Alle so gern! Sie wissen ja eh'. (Für sich.) Wenn er nur wieder mit was ausrucket, er hat heimliches Geld bei sich. Wirrm. Ja Du, — Du bist ein treuer Diener, ein verläßlicher Mensch, ich will Dich auch belohnen. — ich mach' Dich zum steinreichen Mann! Michel (die Mütze abziehend). D, ich bitt', es muß ja nicht gleich sein, was halt Euer Gnaden guter Wille ist. Wirrm. (sich schm umsehend, heimlich). Hast Du 'ne Scher' bei Dir? Michel (sich ebenfalls umsehend). Ja, — ich hätt' wohl — aber — 3 34 Wirrm. Gib'S her — Du weißt schon zu was ich's brauch! Michel (ein kleines Scherchen hervorziehend). Na. da! — Wirrm. (nimmt die Schere). Das ist der Schlüssel zu. meiner heimlichen Schatzkammer! (Oeffnct seinen Schlasrock und beginnt die darunter befindliche Weste an einer Stelle aufzu- trennen.) Aha da — da! (Zieht aus der auf- getrennten Stelle ein Silberstück hervor.) Da — da hast indeß eine halbe Million! (Drückt das Geldstück Michel in die Hand.) Michel. Küß' dieHand, Euer Gnaden! Wirrnl. Du bist mein Geheimsecretär! — Mein Vertrauter! Dir Hab' ich Alles entdeckt! Michel. Ja, ick weiß — Wirrm. (ihn an der Hand fassend, fortwährend sehr geheimnißvoll und sich immer dabei furchtsam nmsehend). Du weißt, ich habe eine Geliebte! — Michel (für sich). Wenn so a alter Kerl noch an a Geliebte denkt, ist's schon Narrheit im höchsten Stadium. Wirrm. Man will nicht zugeben, daß ich's Heirat', d'rnm hat man mich daher versetzt, — aber Du bringst mir immer Nachricht von ihr. — Michel. Ja wohl! Wirrm. Hast Du sie wieder g'sehen? Michel. Ja, freilich gestern erst! Wirrm. (schwärmerisch). O meine Elise! (Rasch zu Michel.) Wie geht's ihr, wie sieht sie aus? Michel. Ich bin gestern beim Hans vorbeigangeu, das Sie mir beschrieben haben, sie wohnt in ein'Zimmer zu ebener Erd'! Wirrm. Ja, so ist sie herab'kommen! Michel. Aber sie schaut recht gesund und heiter aus. — Wirrm. Und wer — wer kommt zu ihr? Ich Hab' Dir g'sagt, Du sollst auf passen! Michel. Ich Hab'nur ein' jungen Menschen g'sehen — ich Hab' g'hört, 's ist a Maler! Wirrm. Ein Maler? (Heftig.) Will der sie vielleicht sitzen lassen? — Aber nein — nein— sie wird sich für mich malen lassen! — Gib nur fleißig Acht, schau Dich öfters um, such' daß Du mit Jemanden aus'n Haus bekannt wirst, damit Du mir alle Neuigkeiten erzählen kannst — ich werd' Dich königlich dafür belohnen — ich Hab' da (aus seine Weste weisend) nicht bloß Silber; rch Hab' auch Gold, ja, ja, Gold sollst kriegen, aber geh' jetzt, geh' — sie dürfen nit merken, daß wir Geheimnisse mit einander haben — aber vergiß nicht! — Für die nächste Nachricht Gold! Michel. Ich soll's eigentlich anzeigen, wenn einer a heimliches Geld bei sich hat, aber wann a Narr mir allein davon gibt, müßt ich a Narr sein, wenn ich's verlachet. — (Ab.) Zehnte Scene. Wirr mann (allein). Wirrm. (bleibt allem stehen und ficht demAb- gkhcnden nach, die Musik beginnt, den wirren Zdeengang des Wahnsinns ausdrückend,— ersieht sich um und beginnt dann das folgende Lied). Lied. Sie lassen mich allein, doch Bin ich nicht allein, Weil tausend Gedanken All'weil um mich sein! Die hupfen so auf, ob Ich's ruf' oder nicht, Und schnattern durcheinand' Oft a närrische G'schicht. Ein Platzl in Afrika Gar Niemand kennt, Was l'eira ineo^nlla Man deswegen nennt; Kein Mensch weiß, was dort wachst, Kein Mensch, was dort blüht, Kein Mensch, was die Gönn' dort Für Viecher ausbrüt'. 88 So ein' Derra Wo's so heiß brennt, Ist's Herz auch im Menschen, Was Keiner noch kennt. Kein Mensch weiß, wes da keimt, Kein Mensch, was da bl üht, Kein Mensch, was für S chlang^n Das Klima ausbrül'. Das Aug' ist ein Fenster, Und d'rin wohnt die Seel', Heraus ist's oft finster Und d'rin ist's so hell, Hrranst ist d'Welt kalt oft, Wenn's warm «st da d'rinncn. Da geschieht's. daß vom Fenster sauf die Die Tropfen 'runterrinnen! Augen) Die Mädel sind alle Dem Gold ko ganz gleich, Je reiner als 's sein, Um so mehr sein sie weich! Der Mann ist ein Stahl Und das Schicksal der Stein, Wann'S schlagt d'rauf, so zeigt sich's Db Funken d'rin sein. Wannst a Mann bist, so steh' Wie im Wetter a Baum, Im Regen gib dem Wanderer 'Neu schützenden Raum. Ist's Wetter vorüber, Thut d'Sonn' niedcrstrahl'n, Dann scküttel erst die Tropfen ab, Die aus Dich sind g'fall'n. Wie spaßig die Wort' sein: »A Mann und a Herr!« A Mann ist nicht viel noch, A Herr, das heißt mehr; Doch sagt man's mil'm Beiwort: »Das ist a großer Herr,« Doch a großer Mann ist Um's Kennen doch mehr. A kleiner Mensch, g'rad Wie ein Springbrunn' sich zeigt, Er nimmt sich gut aus; Aber nur wenn er steigt. Doch ein großer Mann ist g'rad Wie ein großer Fluß; Er bleibt dann auch schön Wenn er fallen auch muß. Die Werk' großer Männer Sein Spiegeln für d'Welt, 'S kommt alleweil d'rauf an, Wer sich just davor stellt. Für Manchen kann freilich Nichts Schöneres d'rin sein, Aus'n Spiegel schaut ka Engcl, Wenn a Aff' schaut hinein! Der Wurm puppt sich ein, Und so hart ist sein Haus, Doch bricht farbenprächtig Der Schmetterling rauS! So hart ist ofr's bebe», Der Weg kost viel Müh', Doch glänzend bricht d'Bahn sich Z'lctzt doch das Genie! Die Wägen mit Weinfässer Beobachten d'G'setz, Daß d'leeren den vollen Müssen ausweichen stets, Doch für d'Kopf tbut das G'setz Noch bei uns net besteh'n. Die vollen müssen den leeren Aus dem Weg öfters geh'n. Ein blank's Schwert ist der Witz, D'rum laßr's Mancher gcrn seh'n. Zieht's 'raus und verwund't osl Die z'nächst an ihm steh'n. D'rum witziges Freund.rl, Ich bitt' Dick, sei g'scheidt, Diel beute sehen Schwerter Diel lieber in der Scheid'. 3 * 36 All'- kann man verbergen, Kein Mensch kennt Tir's an, Was d'geffen hast, oder Was d'denkst auch sodann. Nur d' Lieb und der Wein, Die verläugnen sich nicht: Verliebte und B'soffene Verrath't schon ihr G'ficht. Von Holz ein Wegweiser Mit ausg'strecktem Arm, G'rad so ist ein Heuchler, Daß Gott sich erbarm, Da steht er, da zeigt er Zur Tugend den Weg; Für And're, er selber Rührt nie sich vom Fleck. (Ab.) Eilfte Scene. Doctor Braunberg. Helmer. Magister Stritzel (treten durch die Mitte ein). Braunb. (ein Mann von imponirendem Wesen, schwarz gekleidet, tritt zuerst ein, zu Helmer. der ihm folgt). Der Fall, über den Sie mir soeben Bericht erstattet haben, erweckt in mir eine ganz eigene Ansicht, doch will ich sie nicht aussprechen, bis ich mich nicht selbst durch genaue Prüfung des Kranken überzeugt habe. (Zu Stritzel.) Welche Mittel wurden bisher angewendet? Stritzel (welcher durch seine Mienen sein fortwährendes Unwohlsein ausdrückt). Gar kein's, Herr Direktor. Braunb. (erstaunt). Gar keines? Warum nicht? Stritzel. Weil eben kein Mittel das beste Mittel war, ihn ruhig zu erhalten — wie man was mit ihm hat probieren wol- len, ist er gleich rabiat worden! O Herr Direktor! Jetzt seh ich's erst ein, daß das ein böser Narr ist. Was er mir angethan hat! O Gott! O Gott! Braunb. Was denn? Berichten Sie Alles! Stritzel. Stellen sich der Herr Direktor vor, er hat mich gezwungen, mein eigenes Medikament zu saufen — kann man einem Arzt was AergereS anthun? und jetzt ist mir todtenübel! — Braunb. Eine schöne Empfehlung für Ihr Medikament! Stritzel. Aber es war ja für einen Wahnsinnigen berechnet, den hätt's g'scheidt machen sollen, da muß's freilich bei einem Mann wie ich, der ohnehin so gscheidt, einen Ueberfluß von Verstand erzeugen, der hernach Kopfweh und Schwindel hervorbringt. Braunb. (verdrießlich). Ich bitt' Sie, schweigen Sie! Stritzel. Ist mir sehr angenehm, denn ich kann ohnehin kaum mehr reden. Braunb. Gerade der Umstand, daß der Mann sich weigerte, von Ihnen ein Medikament anzunehmen, berechtigt zur Annahme. daß er noch nicht ganz um seinen Verstand gekommen ist. Stritzel (wehmüthig bittend). Herr Direktor, keine Stiche, mich reißt's ohnehin! Braunb. Sie wissen, daß Sie gar nicht berufen sind, innere Mittel zu verordnen. (Zu Helmer.) Aber derlei Menschen thun immer mehr als ihre Pflicht! Stritzel. Ich schweig'. Ich sag' nur, wenn Sie den Patienten sehen — Braunb. Das will ich und sogleich rufen Sie ihn hieher! Stritzel (geht zu der Thüre, in welche Wirrmann abgegangen, öffnet sie und ruft hinein:) Herr Wirrmann! — Herr Direktor! (Zu Braunberg.) Sie verzeihen schon, daß ich ihn so titulir', aber die Narren, die haben das schon so in sich, daß sie sich durch ein Titel ganz glücklich machen lassen! Aber still, er kommt! Zwölfte Scene. Vorige. Wirrmann. Wirr M. (kommt wieder aus demSeitenzimmer). Gott! wie man mich überhäuft! So eine hohe Stellung ist wirklich lästig! Was gibt's denn schon wieder? Braunb. (geht auf ihn zu und steht ihm mit festem Blicke längere Zeit schweigend in's Auge). 87 Wirrm. (gleichsam durch den Blick Braun- berg's in ängstliche Unruhe verseht und etwas retirirend.) Na! — das G'schau! Hören Sie auf! (Stritzel zu sich winkend.) Herr Secun- darier! Stritzel (für sich). 3a mich ruf'! Ich sitz' Dir bald wieder auf! Wirrm. Der — (auf Braunberg deutend) muß angegürtet werden! Braunb. (mit determinirtrmTon zu Wirrmann). Reichen Sie mir Ihre Hand! Wirrm. (will auf die andere Seite eilen). Was will denn der Narr von mir? Helmer (zuWirrmann). Beruhigen Sie sich, dieser Herr — (auf Braunberg weisend) ist ein berühmter Arzt, den die Regierung selbst gesandt hat, um sich von Ihrem Befinden zu überzeugen. Wirrm. (ängstlich). Meine höfliche Empfehlung an die Regierung — und ich laß' danken — aber mir geht's gut—ich brauch' keinen Arzt — will keinen Arzt — fort, fort, mit dem Arzt. (Will wieder in sein Zimmer.) Braunb. (gebieterisch). Sie werden bleiben! Hieher zu mir! Sonst sehe ich mich gcnöthigt, Sie zu zwingen! Wirrm. Mich — Herr, zwingen!wissen Sie, wer ich bin? Ich habe das Commando über alle Leute hier rm Haus! Alles — Alles gehorcht mir. — Ich laß' Sie in Ketten schmieden, wenn Sie noch einmal so reden! Braunb. Ganz gut — ganz gut! Ich rede nicht mehr mit Ihnen! (Winkt Stritzel zu sich und spricht scheinbar heimlich, doch absichtlich so. daß eS Wirrmann hören soll.) Es scheint ein heftiger A ndrang vom Blute nach dem Kopfe. — Um dem AuSbruch der Raserei vorzubeugen, muß ihm eine Ader geöffnet werden. Wirrm. (welcher in ängstlicher Spannung horchte, erschreckt für sich). Eine Ader? Braunb. (wie oben). Es muß ihm Blut genommen werden, beinahe bis zur Ohnmacht. — Stritzel. O, das thue ich dem Kerl mit Wonne! Braunb. (sich wieder zu Wirrmann wendend). Nun, mein Herr, wollen Sie sich noch nicht über Ihr Befinden aussprechen? Wirrm. (mitängstlicherHöflichkeit).O danke! danke recht sehr — jetzt ist mir etwas besser — wissen Sie, in meinem Kopf war ein verstopfter Vulcan, just war der AuSbruch — jetzt ist die Lava heraust, — und da — da ist mir leichter. (Sich verneigend.) Ich stehe ganz zu Ihren Diensten — Braunb. (geht wieder auf ihn zu). So? Nun geben Sie mir Ihre Hand? Wirrm. Da haben Sic's. (Reicht seine Hand hin.) Aber wieder z'ruckgebcn! Braunb. (faßt Wirrmann's Hand, als ob er ihm den Puls fühlte, und sieht ihm dabei forschend ins Auge). Wirrm. (sucht verlegen dem Blicke auszu, weichen). Braunb. Der Puls geht befriedigend. (Zu Stritzel.) IlltermitlE vavas 866- ti0U6M. Stritzel (sich wichtig in die Brust werfend, dann sich räuspernd erst besinnend). Int6rmitIlL8. Aha, non fuoere M6r1a88iim? Ltiaiu dens! Wirrm. (seine Hand rasch jurückjithend). Sie reden eine fremde Sprach' — Sie wollen mich verkaufen! O! jetzt kenn' ich's. — Sie (zu Braunberg) Sie sind ein Bergmann. Sie wissen, daß ich goldhaltig bin — darum haben Sie da (aus die Ader weisend) die Mine untersucht. (Seine Hand ängstlich in der Brust verbergend.) Aber ich laß keinen Schacht graben! Braunb. Beruhigen Sie sich — Ihr Zustand ist nicht so bedenklich. (Ihn fortwährend mit forschendem Blicke betrachtend.) Ich halte dafür, daß einige Zerstreuung Ihnen zuträglich wäre! Stritzel (für sich). Ja, so dann und wann zur Abwechslung fünfundzwanzig! Braunb. (zu Wirrmann). Ich bin daher gesonnen. Ihnen manchmal zu gestatten, das Haus zu verlassen, einen Spaziergang in's Freie zu machen. 88 Wirrm. (höchst rrfteut). Was sagen Sie! Ausgehen darf ich? Braunb. Ja, ja, vielleicht heute noch! Wirrm. Heut'noch? O Herr Doctor, das wäre mir sehr angenehm! denn die Luft i» dem Haus hat doch so etwas Drückendes, — es riecht so nach verbranntem Gehirn! Aber hinaus, hinaus in's Freie! Ja, ja, haben Sie keine Sorg'. Herr Doctor! Ick komm' schon wieder zurück! Ich geb'Jhnen mein Ehrenwort! Braunb. Nun denn, so begeben Sie sich indcß auf Ihr Zimmer. Ich werde Ihnen die Stunde bekannt geben lassen — aber verhalten Sie sich ruhig, sonst — Wirrm. O ruhig! sehr ruhig! — wie ein Lamperl. (Mit kindischer Freude in die Hände klatschend.) Ich — ich darf ausgehcn — Juchhe! Braunb. Gehen Sie nur! Wirrm. Ja, ja, ich thu' Allee! Em- pfehl' mich, Herr Doctor! (Verneigt sich sehr tief.) Bitte meinen Handkuß an die Regierung. (Im Abgehen wieder kindisch.) G'schwind den Schlafrock auszieh'n, meine Kleider aus- büistenIJch darf ausgehen. Vivat! (Ab in's Nebenzimmer.) Helmer (zu Brmmberg). Herr Direktor! Ich gestebe — Ihr Verfahren setzt mich in Staunen! Stritzel. Mir ist der Verstand stehen 'blieben! Dem — dem— einen Ausgang bewilligen, da wär' ich eher für den spani- schen Janker. Dreizehnte Scene. Vorige. Michel (tritt durch dir Mittr rin) Dann Willibald und Elise. Michel. Euer Gnaden, Herr Direktor! Braunb. Was gibl's? Michael. Ein gewisser Herr Stark und ein gewisses Fräulein Elise Wendheim! Helmer. Elise Wcndheim? das ist ja eben die ehemalige Mündel Wirrmann's. Braunb. (zu Michel). Führe sie herein! Michel (öffnet die Mittelthür). Willib. (tritt mit Elisen ein). Braunb. (ihnen entgegkngehend). Sie wünschen mich zu sprechen? Willib. Ja, Herr Directo»! Ich stelle Ihnen hier Fräulein Elise Wendheim vor, — meine Braut, und heute noch meine Frau! Braunb. Ich gratulire! Womit kann ich Ihnen dienen? Elise. Ich wollte Sie bitten, uns zu gestatten, meinen ehemaligen Vormund, Herrn Wirrmann, zu schen, mit ihm zu sprechen. Braunb. Ich bedauere, Ihren Wunsch nicht erfüllen zu können. — Elise. Nicht? Also steht es wirklich so übel mit dem Unglücklichen? Braunb. Sie haben noch Mitleid mit dem Manne, der Sie um Ihr ganzes Vermögen gebracht? Elise. Mein Himmel! In seinem Zustande — Willib. Ich bin ihm sogar dankbar dafür — ich hätte gar nicht gedacht, daß ein so vernünftiger Gedanke im Kopf eines Wahnsinnigen entspringen könne! Braunb. Eines Wahnsinnigen? — Dafür hielten Sie ihn? (Mit Bestimmtheit.) Ich sage Ihnen aber, er ist nicht wahnsinnig — er ist ein Betrüger. Elise (erschreckt). Gott im Himmel! A! Willib. Was sagen Sic? As Helmer. Ein Betrüger? Braunb. Ja — ich behaupte eS — und der Erfolg wird es lehren! Elise. Nein, nein, es ist nicht möglich! Braunb. Trauen Sie dem geübten Auge eiues Mannes, der beinahe zwei Drittheile seines Lebens dem Studium der Seelenzustände gewidmet hat! Die Mittheilung des Dorgesallcnen erregte schon meinen Argwohn — und dieser stellte sich als begründet heraus, sobald ich ihn gesehen — ihn gesprochen. — Das ist nicht der Blick, — nicht das Wesen eines Wahnsinnigen — es ist die Maske eines Betrügers, der sein Verbrechen durch dieses Spiel der Untersuchung und sich selbst der Zurechnung entziehen wollte. Elise (noch ungläubig). Wirrmaun nicht wahnsinnig?! Willib. Teufel noch einmal! Dann träte er am Ende wieder in seine Vormundsrechte! Könnte zuletzt gegen unsere Verbindung Einsprache thun? Ah, ich halte mich an den Ausspruch des ex otko; aber da ist keine Zeit zu verlieren! Wenn wir erst verheiratet sind, dann kann er uns nicht mehr ledig machen! Also komm! Wir gehen! Herr Direktor! Wir können hier nichts mehr thun, und auf Ehre — mir ist's auch ganz gleichgilrig, was Wirrmann mit dem Vermögen angestellt hat! Sie entschuldigen, wir müssen gleich fort, — wir haben nothwendig zu heiraten! Habe die Ehre! (Eilt rasch mit Elise ab.) Stritzcl. Ich bin noch ganz baff! Nicht wahnsinnig? Za was macht er denn dann unter uns? Brannb. Er soll bald diese Anstalt mit einer andern vertauschen! Helmer. Die Möglichkeit eines Betruges nahm auch meine Behörde an, als ihr der Vorfall im Hause des Fräuleins Wendheim berichtet wurde, deßhalb wurde ich hieher beordert, deu angeblich Wahn» sinnigen zu bewachen; doch entschuldigen Sie, Herr Direktor! auch Ihre Ansicht, wenngleich die eines bewährten Fachman nes, bleibt doch immer nur Ansicht, und hier wären Beweise nothwendig. Brannb. Diese herznstellen war eben meine Absicht — darum verriclh ich mich ihm gegenüber nicht — darum will ich ihm gestatten, öfter dieses Haus zu verlassen. Er soll wähnen, daß er unbewacht ausgehe, indcß lassen Sie (zu Helmer) einige Ihrer verläßlichsten Leute, ohne daß er es merkt, ihm auf jede»« Schritt folgen — die Wege, die er sodann einschlägt, die Orte, die er besucht, werden uns vielleicht sehr bald nähere Aufschlüsse geben! - Helmer. Sie haben Recht! Zch selbst null ihm folgen wie sein Schatten. Brannb. So folgen Sie mir! Stritzel. Wann der Kerl (aus Wirr- mann's Thür weisend) nicht wahnsinnig ist, und mir also bei guter Vernunft so heimtückisch mein eigenes Medikament beigebracht hat, so klage ich ihn des versuchten Meuchelmordes an! (Alle ab.) Verwandlun g. (Garten bei dem Palais. Seitwärts ein Tract des Gebäudes, im Hintergründe eine zum Theil mit Gebüschen bewachsene Mauer, in derselben rin kleines Thürchen. Gegenüber von dem Palais ein breites Gitterthor. Es fängt bereits zu dämmern an. nach und nach wird es ganz dunkel, bis zuletzt der ausgehende Mond den Platz erhellt.) Vierzehnte Scene. S tappe! (im Frstanzuge, noch mehr mit Goldfetten und Schmuck belastet als früher, weißes Seidengilet mit Goldstickerei, weiße Eravatte mit hohen Halskrägen, weißen Handschuhen rc,. rc.) Margaretha (ebenfalls im spießbürgerlichen übcrladcucn Ausputzc an seinem Arm). Rosa, Mali (in weißen Atlaskleidcrn mit Blumenkränzen in den Haaren). Pepi, Nazi (mit Blumensträußen in den Händen). Resi (folgt mit einem großen Korb, welcher mit einem weißen Tuche bedeckt ist) Stappel (mit der ganzen Familie durch das Gitterthor eintretend). Da sei« wir beimHaus, wo die Braut wohnt! Familie! Zch bitt' Euch, nehmt's Euch zusamm', gebt's Euch Alle ein nobles Air! Bedenkl's, daß euer Vater die wichtigste Roll bei der Hochzeit spielt, als Vormund ex oksseiv. Marg. Werden viel Leut' da sein? Stappel. Die Brautleut' haben nur ein paar gute Freund vom Maler eing'laden, — thut nichts — dafür Hab' ich alle unsere Vettern und Nahmen invitirt — man muß doch die Sippschaft einmal im Zahr tractiren, und es kost't mich nichts. —Gehen wir und Du Resi bleibst mit'm Korb da > 40 heraust stehen, ich werd' während der Tafel öfters was ans das Serviett fallen lassen, und bring's dann heraus. So oft der Korb voll ist, gehst damit z'Haus, und kommst wieder — wann's G'schäft geht, kannst später a mit der Butten kommen, wir geben nachher morgen von dem B'scheideffen ein Picknick! (Die Fenster im Erdgeschosse werden beleuchtet.) Marg. Du — sie zünden schon die Lich ter an! Etappe! (binsehend). Hm! sie warten schon mit'm Kaffee auf! also geht's. Nazi! gib Acht, daß's Dir net wieder ein Fleck in dein weiß's Hoserl machst — essen könnt's — so viel als wollt's! Heute kost'snirund ihr eßt's zu Haus dafür morgen weniger,, das muß man sich alles eintheilen bei derer Zeit. Na komm, Ehehälfte! (Gibt seiner Frau den Arm.) Und nur Anstand, Imponirung, damit das Volk sieht, was wir ihnen für eine Ehr' erweisen! Schaut'S nur alleweil mich an. Ich bin heute so was man sagt, jeder Zoll ein „6X olko". (Alle ab in das Palais, die Bühne bleibt einige Augenblicke leer. Von deu beleuchteten Fenstern werden die inneren Vorhänge herabgelasten.) Fünfzehnte Scene. Wirrmann, dann Hellmann. Wächter. Wirrm. (in einem grauen Oberrocke, einem breitkrämpigen Hut tief ins Gesicht gedrückt, öffnet das Thürchen in der Mauer und tritt, sich vorsichtig rings umsehend, rin). Da wär' ich, Gott sei Dank, daß's mir den Ausgang erlaubt haben, und ganz allein, ohne alle Begleitung, ein Beweis, daß's mich für einen guten Narren halte»! 3a, wenn's wüßten, hahaha! Aber still! still! 's soll da d'rin — (auf's Palais weisend) Niemand merken, daß ich da bin. Zum Glück haben's mir den AuSgang g'rad in den Abendstunden erlaubt und da war mein erster Weg daher! 3ch will sehen, was die Elis' macht — da berunt (auf das Fenster weisend) wohnt's jetzt, wie mein Wärter g'sagt hat — 's Fenster is beleucht — aha! Sie wird wohl auch bis in d'Nacht hinein arbeiten! Sie hat ja nichts mehr! Hahaha! (Schleicht zum Fenster und ist bemüht, durch den Vorhang hineiuzusthen. Während seines Gespräches find Helmer, Stritzel und mehrere Wächter anfangs bloß mit den Köpfen, später mit dem ganzen Oberleib oberhalb der Mauer im Hintergründe sichtbar geworden.) Ein Wächter (deutet mit ausgestrccktem Arm auf Wirrmann). Da! Da! — Helmer. Pst! (Legt den Finger an den Mund.) Wirrm. (erschreckt sich umsehend). Was war das? (Die Leute ober der Mauer verschwinden rasch, werden aber später wieder sichtbar.) Wirr m. (beruhigt). Ab, 's wird ein Vogel aufm Baum g'wesen sein. (Wendet sich wieder gegen das Fenster.) Teufel! die dummen Vorhäng' — 's nichts zu sehen— aber (plötzlich überrascht) das is ja — als ob eine Menge Leut d'rinu redeten, lachetcn — gehts so lustig her? wenn ich vielleicht durch'S Schlüsselloch —? (Beugt sich rasch zum Schlüsselloch an der Thür.) Sechzehnte Scene. Vorige. Frau Wollner. Fr. Wollner (öffnet rasch die Thür). Wirrm. (fährt erschrocken zurück). Fr. Wollner (erschreckt). Wer da? Wirrm. Pst! Pst! Fr. Wollner (ganz heraustretend und die Thür hinter sich schließend). Wer ist's denn? Was will er denn? (Tritt ganz an Wirrmann heran, aufs Heftigste erschreckt.) Gott im Himmel! Wirrm. (faßt sie rasch an der Hand). Still! Still! kennt mich denn die Frau nicht? Fr. Wollner (ängstlich bemühr, sich loSzu« machen). 3a, ja — aber g'rad weil ich3hnen kenn'! (Für sich.) Wie ist 3hnen denn der Narr auskommen? 3ch weiß nicht, soll ich um Hilfe rufen? Wirrm. Fürcht' sich die Frau nicht, ich beiß' nicht, sie sieht ja, daß mir die Erlaub- niß geben haben, ohne Maulkorb auszu- gehen! Hr. Wollner (immer ängstlicher). Aber was wollen's denn da? Wirrm. Nichts, gar nichts! — Ich Hab' nur sehen wollen, was Elise macht! Fr. Wollner. Sie werden doch jetzt nicht hineingehen wollen — der Schreck! Sic verderben 's ganze Fest! — Wirrm. (überrascht). Fest? Was für ein Fest?! Fr. Wollner. Na ja! d'Fränlein Elise halt ja heut' Hochzeit! Wirrm. (beinahe ausschreiend). Hochzeit!? Und mit wein? Mit wem ? Fr. Wollner. Mit dem braven jungen Mann, dem Maler Herrn Stark! Wirrm. Der, der heiral's - - Heirat' sie wirklich? Und warum? warum? Fr. Wollner. Närrische Frag'! Weil er in sie verliebt ist, und sie in ihn! O, die zwei Leut' sein so glücklich! Wirrm. Verliebt? Heiraten? Glücklich? Ist's wahr? Ist's wahr? Jst's wirklich wahr? Fr. Wollner. Das können's gleich sehen! (Horchend.) Mein Gott, sie kommen schon heraus! Ich bitte Sie um Alles in der Welt, gehen's Ihnen aus den Weg. Wirrm. Ja — ja — das thu' ich gern — aber sehen muß ich's — mit eigenen Augen sehen! Fr. Wollner. Sie gehen nur in die Kirchen g'rad vi8-ä-vi8 und wie'ö kopulirt sein, kommens gleich wieder z'ruck! (Wieder auf die Thür sehend.) Sie kommen wirklich! O,HerrWirrmann, sein's nur einen Augenblick vernünftig — vcrsteckens Ihnen! Wirrm. Ja — ja verstecken! Verrath nur d'Frau nicht, daß's mich g'sehn hat. (Verbirgt sich rasch hinter einem Gebüsche.) Siebenzehnte Scene. Vorige. Der Brautzug. (Zuerst mehrere kleine weißgekleidete Mädchen mit Lichtern in den Händen und Blumen auf dem Kopfe, dann Mali, Rosa, hierauf Elise im Brautanzug, mit dem Myrthenkranze und Schleier, hinter ihr Margaretha und .noch Thealrr-Arpurou. Nr. SS. eine andere Frau, dann Willibald an der Seite Stappels, mehrere andere Gäste, sämmt- lich in Festkleidern, Frau Wollner schließt sich ebenfalls an, der Zug geht schweigend über die Bühne und durch das Gittcrthor ab.) Wirrm. (tritt, nachdem der ganze Zug vorüber ist, in der freudigsten Aufregung hinter de"* Gebüsche hervor). Wahr ist's, g'sehn Hab' ich's'- mit meinen eigenen Augen. Verliebt in einander — verheirat'! Glücklich! hahahaha! hahaha! Bravo! Bravo! Bravissimo! (Klatscht in kindischer Freude in die Hände.) Die brauchen kein Geld! Recht Hab' ich g'habt! Iilhe! Iuheißa! hahaha! Das solleusseh'n! Nur hinein! hinein jetzt iu's Haus! Es ist kein Mensch d'rin! (Eilt gegen die Thür und sieht hinein.) Alles finster d'nn! Der Gang, die Stiegen! abcr eS macht nichts — ich bin wie ein Bergmann, ich Hab mei Licht! da oben! (Auf die Stirne weisend.) Also eing'fahren in den Schacht! Glück aus! Achtzehnte Scene. Helmer und die Wachter (find sogleich, nachdem der Zug abgegangen, bei dem Thürchen in der Mauer langsam Einer nach dem Andern hereingeschlichen und haben sich hinter den Gebüschen verborgen, nun treten sie vor). Helmer. Habt Ihr gesehen? gehört? Was mag er imHause wollen? Wir müssen ihm nach! Es wäre möglich, daß wir eben in den dunklen Gängen ein Geräusch verursachten, er könnte dadurch von der Ausführung seines Vorhabens abgehalten werden, oder durch einen uns unbekannten Ausweg entfliehen. Besser also, wir bleiben Heraußen. (Zu den Wächtern.) Wer zuerst ihn erblickt, gibt ein Zeichen. Wächter (entfernen sich hinter das Haus). (Hinter der Scene von Seite des Gitterthores her ertönt immer näher kommend eine heitere Fest- mufik. Darauf kommen:) Neunzehnte Scene. (Zuerst Knaben mit transparentsarbigen Fackeln dann die Musiker, welche sich, sortspielend, im Hintergründe der Bühne aufstellen, dann der ganze Brautzug in derselben Ordnung wie früher mit 4 4L dem einzigen Unterschied, daß Elise nun an Willibalds Hand geht, das Brautpaar bleibt in der Mitte der Bühne stehen, alle Uebrigen grup- pireu sich im Halbkreis um dasselbe.) Willib. (zu Elise). Elise! mein höchster Wunsch ist erreicht, Du bist mein, mein für immer! Stoppel. Ich statt'meine Gratulation ab, und hör' zugleich in dieser Stund' auf zu sein Zhr Vormund ex oklicio. Alle (das Brautpaar umringend). Wir gratuliren! Wir gratuliren! Eknundzwanzigste Scene. Vorige. Wirrmann (erscheint an einem plötzlich erleuchteten Fenster des Palais, welches er öffnet). Wirrm. (sich zum Fenster hinausbeugend). Ich bitt' auch meine Gratulation anzunehmen! Alle (sehen überrascht hinaus, Schrecken bemächtigt sich Aller, die Musik verstummt). Gotk! der Wirrmann, der Verrückte hier, hier! Wirrm. Za, ich Hab' mir auch die Frechheit geuommen, zur Hochzeit zu kommen — obwohl man mich nicht eingcladen hat, wie sich's doch gehört hätt' für den Vormund! Stoppel. Aber ich bin ja der ex okLeio! Wirrm. Also nochmals meine Graru- lation, und hier als kleines Brautgeschenk (indem er bei jedem Worte ein Päckchen Papier herabwirft) Glück!—Gesundheit!— Zufriedenheit ! —Langes Leben! — Ewige Lieb und Treue! brave Kinder! (Eine ganze Handvoll auf einmal herabwerfend.) Alles, was sie sich selbst wünschen können! (Verschwindet vom Fenster.) Willib. (welcher einige Päckchen aufgehoben hat, sie öffnend, in höchster Ueberraschung). Was seh' ich? Banknoten? Stoppel (dazutretend). Hunderter! Taufender! Der tausend! Tausender! Helmer (tritt rasch hervor). WaS höre ich? Geld? So viel Geld? Elise. Mein Gott! welche Ahnung! Wirrm. (kommt aus dem Hause heraus, eine Lassa von Eisenblech am Boden nach sich schleppend). Habt's noch nicht genug? Na, da! da! da! (Stellt die Lassa vor Elisen.) Da ist das, was noch von achtmalhunderttau- send Gulden abgeht. Elise. Herr im Himmel, wie erkläre ich mir? Helmer (zu Wirrmann). Herr! Sprechen Sie, wo war das Geld? Wirrm. Za, gelten's, das haben Sie nicht g'funden? trotz aller Hausdurchsuchung! Willib. Aber sprechen Sie doch? — Wirrm. Za dem Geld (auf die Lassa weisend) Hab'ich g'flucht, wieich g'sehen Hab', daß's bei dem redlichsten Willen bei einer so reichen Erbin unmöglich ist, aus allen Bewerbern den Rechten herauszufinden — AufEhr'viel hält' nicht g'fehlt, so wäre ich wirklich wahnsinnig worden — aber da — wie ich damals auf mein' Kanzleiftuben (gegen das Fenster im ersten Stock weisend) hinaufkommen bin, Hot mich ein Gedanken durchblitzt — ja — das Geld hat verschwinden müssen! — Zum Glück Hab' ich schon früher in einer Fensterverschallung ein geheimes Fach anbringen lassen, von dem Niemand was g'wußt hat — da Hab' ich'S hineing'worfen. Helmer. Und jene Asche? Wirrm. Ein halber Rieß feines Briefpapier gibt die nämliche Asche wie die schönsten Tausender! Hellmer. Also war Zhr Wahnsinn demnach Verstellung? Wirrm. Za, so war's, aber, wann ich jetzt (indem er zwischen Elise und Willibald tritt und ihre Hände saßt) vor Freud' wahnsinnig würde, so wär's kein Wunder! Seid glücklich! Mein Schwur ist erfüllt! Mir ist's als wann der alte Herr (grgen Himmel blickend) ein Bodenfensterl vom Himmel aufmachet, und lachet, und saget: »So ist'S recht!* Alle. Vivat! Vivat! (Unter allgemeinem Zubelruse fällt der Vorhang.) Ende. (Den Büh nen gegen über als Manuscnpt gedruckt.) Cr ist ein Narr. Posse in einem Arte von Morländer. Personen: Merling, Privatier. Franz, dessen Neffe. Arvai, Doctor einer Privat-Zrrenheilanstalt. Clara, seine Tochter. Marie, deren Stubenmädchen. Diener. Ein Saal in der Anstalt des Doctors in Holling. Mittel- und Seitenthürrn. Links ein Tisch, auf demselben mehrere Bücher rc.» rechts ein kleiner Tisch, Fauteuils, Stühle. Erste Scene. Clara. Marie. Clara (fitzt am Tische mit einer Stickerei be- -schäftigt, Marie tritt ein, wenn der Vorhang aufgezogen ist). Clara. Marie, wie spät ist es? Marie. Zwölf Uhr, Fräulein. rhrattl-Repertoti. Ni. WO, Clara. Ach, Marie, die Langweile tödtet mich, seit wir von Baden zurückgekehrt sind. Marie. Ihr Piano vernachlässigen Sie ganz und gar. Clara. Ich bin keine Freundin von der Musik. Marie. Gehen Sie ein wenig spazieren; sehen Sie im Garten, um sich zu zerstreuen, wie die Enten lustig im Teiche herum- plätschern. Clara. Zch mag nicht spazieren gehen. Marie. Wie wär's, wenn Sie sich verheirateten? Clara. Ich wüßte nicht mit wem? Marie. Die Bäder von Baden haben also keine gute Wirkung gehabt? Clara. Marie, Du bist verrückt. Marie. Sie irren, Fräulein; ich bin es nicht mehr! Clara. Warst Du es deun? Marie. Ja wohl! Um Ihrem Herrn Vater, dem Doctor Arvai, ein Vergnügen zu machen. Ist es nicht eigenthümlich von ihm, so gerne Wahnsinnige curiren zu wollen? Clara. Eine traurige Leidenschaft; unter lauter Narren zu leben ist nichts weniger als angenehm! Marie. Je närrischer man ist — um so lustiger! Clara. Ach hier nicht! Marie. Ich glaube es gerne; es mangelt anPatienten, das macht ja eben Ihren Herrn Vater trostlos; um mich bei ihm in Gunst zu setzen, stellte ich mich etwas verwirrt an, das veranlaßte ihn, mit mir zu erperimentiren und in seiner Herzensfreude mich glücklich hergestellt zu haben, verdoppelte er meinen Lohn. Clara. Immer nur mit seinen Ecperi- menten beschäftigt, vergißt er ganz auf mich. Marie (lachend). Wäre es Ihnen lieber, wenn er seine Douche ans Sie verwendete? Clara. Ich wünsche nur, daß er sich Alles ernstlich überlege, was ich ihm bezüglich unseres Badeaufenthaltes sagte. Marie. Was sagten Sie ihm denn, Fräulein? Clara DaS brauchst Du nicht zu wissen! . Marie. Dir Bäder waren meines Da fürhaltens wegen der Anwesenheit eines gewissen hübschen jungen Mannes sehr heilsam? Clara. Marie! Marie. Ich höre den Papa kommen. Zweite Scene. Vorige. Doctor. Doctor (erscheint im Hintergründe durch die Mitte, und ertheilt einigen Dienern Befehle). Ihr habt mich verstanden, unter keinem Vorwände verlasset die Hähne derDouchen. Es wäre unanständig, die Patienten warten zu lassen. Fort! (Er macht die Thüre zu, und kommt vor.) Clara. Guten Morgen, lieber Vater! Doctor. Guten Morgen, mein Kind! Marie, haben sich einige Geisteskranke gemeldet? Marie. Auch nicht ein Schatten von einem Narren! Doctor. Es ist erstaunlich! Mein System ist doch unfehlbar. Man nimmt den ersten besten Narren, gleichviel welchen, man setzt ihn auf erweichende auflösende Diät; steigt ihm das Blut zum Kopse oder zur Nase, da faßt man ihn ernsthaft beim Ohrläppchen und ritsch, in fünf Minuten ist er gebändigt. Ich nenne mein System »Cartilaginotalgie«. Alles berechtigt mich zu glauben, daß der Amerikaner Rarey dieses System auf die Pferde-Race angewendet, ich wende es mit bestem Erfolge aus die Meuschen-Race an. Ich habe zum Beispiel ein Mädchen — Marie! Marie. Was beliebt? Doctor. Gütiger Himmel, wie stupide war dieses Mädchen, als es zu mir ins Haus kam. Welch' widerspenstiger Charakter! Welch' kostbare Narrheit! Sie schlug Alles zusammen, nichts kam ganz aus ihren Händen. Was that ich? Mit Musik versuchte ich sie zu heilen, ich nahm einen Leiermann in s Haus. Musik wirkt besänftigend auf die Narren. Saul in der biblischen Geschichte ist ein schlagender Beweis dafür. Dann gab ich ihr äußerst wenig zu essen. Marie (bei Seite). Heimlich aß ich desto mehr. Doctor. Ließ sie nicht schlafen — 3 Marie (bei Seite). Beim Krämer nebenan machte ich täglich mein Schläfchen. Doctor. Und wollte ihr eben einen Biß in's Ohrläppchen geben, als sic sich mit einemmale vollkommen beruhigte. Kurz ich machte aus Marien, die störrisch wie ein Maulesel gewesen, ein geduloiges Schaf: es ist zwar auch nur ein Thier, aber wunderbar bleibt es immer. Marie (bei Seite). Selig sind die Einfältigen ! Doctor. Die Humanität wird mir einst uoch Kronen flechten. Marie (bei Seite). Gekrönt muß er herrlich aussehen. Doctor. Marie! Baptist soll das Cabriolet an spannen. Marie. Sogleich! (Ab durch die Mitte.) Dritte Scene. Doctor. Clara. Clara. Papa! Ich langweile mich hier! Doctor. Liebes Kind, dagegen gibt es ein probates Mittel; beschäftige Dich mit diesem Buche. Clara. Es ist ja von Ihnen! Doctor. Mein berühmtes Werk über die Monomanie! Lese mir etwas vor — es wird Dich zerstreuen! Clara. Aber Papa! Doctor. Keine kindliche Bescheidenheit. — Lies nur, lies! Clara (liest). »Monomanie ist die Hartnäckigkeit einer Idee, die ausschließliche Herrschaft einer Leidenschaft. Ihr Sitz ist im Herzen. Deren Ursachen sind: Liebe, Furcht, Eitelkeit, Ehrgeiz, Gewissensbisse. Sie verräth sich durch dieselben Symptome wie die Leidenschaft.* Doctor. Welcher Styl! Kurz, bündig und gedrängt zu gleicher Zeit. Tacitns ist nur ein Schuljunge gegen mich! Clara. Ihrer Ansicht zu Folge, Papa, kann Liebe znin Wahnsinn führen? Doctor. Ja! Zu einer in ihren Wirkungen sehr verschiedenen Monomanie! Clara. Kann sie geheilt werden? Doctor. Durch eine Heirat, das Mittel ist zuverlässig. Clara (seufzt). Ach! Doctor. Dieser Seufzer, mein Kind, ist ein elektrischer Strom, der mir folgende Depesche mittheilt: Herr Franz Meeting, was ist aus Ihnen geworden? Clara. Wie klng Sie sind, Väterchen! Doctor. Ich mache kein Geheimniß daraus! Clara. Za! Was ist aus ihm geworden? Doctor. Nach alle dem, was Du mir von ihm erzähltest, begreife ich nicht, warum er nicht um deine Hand anhält? Clara. Sie kennen ihn nicht! Franz ist eben so schüchtern als zärtlich. Nimmer würde er es wagen, selbst um mich zu werben. In Baden, wo ich in Begleitung der Tante ihm begegnete, sah er mich kaum an, und sprach fast gar nicht mit mir, dennoch fühlte ich, daß er mich liebe. Doctor. Er sagte Dir aber nichts davon? Clara. Nein, aber der Tante gestand er es, und diese vertraute es mir wieder; da sie wußte, daß ich ebenfalls — Doctor. Sie hat ihn also nicht abgewiesen? Clara. Im Gegentheile, Papa, sie machte ihm Hoffnung. Doctor. Deine Tante ist eine alte Närrin, die ich nächstens unter die Douche bringen werde. Clara. Weßhalb? Sie zog Erkundigungen über Herrn Merling ein, und diese waren sehr befriedigend. Hat sie es Ihnen nicht schon hundertmal gesagt? Doctor. Nun, so mög's denn sein. Er komme; ich erwarte ihn. Marie (tritt ein). Es ist angespannt! Doctor (nimmt Hut und Stock). Wenn ich Dir aber rathen soll, mein Kind, — vergiß ihn, und wähle einen Andern. Clara. O niemals! 4 Doctor. Mein Wort darauf. In fünfzig Jahren denkst Du gar nicht mehr an ihn — oder Du erinnerst Dich nur mit Vergnügen an ihn. Uebrigens was liegt daran, wenn Du eine alte Jungfer bleibst? Ein schönerTrost für ein tugendhaftes Herz. (Im Abgehen zu Marie.) Sollte Jemand wäh- rend meiner Abwesenheit kommen, so wird er ohne Weiteres sestgehalten, wenn er zu mir kommt, es kann unbezweifelt nur ein Narr sein. Also in jedem Falle festgehalten. (Durch die Mitte ab. Klara durch die Thür links ab.) Vierte Scene. Marie, später Merling. Franz. Marie (allein). Der gute Herr Doctor benimmt sich seit einiger Zeit ziemlich frostig gegen mich. Der Grund liegt auf der flachen Hand. Er hat mich curirt, und ich bin ihm überflüssig. Es wird mir nichts Anderes übrig bleiben, als mich wieder übergeschnappt zu stellen, — Alles zu zerbrechen und zu zertrümmern, sonst jagt er mich am Ende noch fort. (Lärm vou außen). Welch' ein Lärm? Bringt man vielleicht einen Narren? Franz (von außen). Onkel, weiter gehe ich keinen Schritt! Merling (von außen). Nur ruhig, ich führe Dich nicht nach Californien. Franz (wird von Merling hereingestoßen). Onkel, nur keine Gewaltthätigkeit! Merling (die Stricke zeigend, die in der Hand hält). Thue ick Dir denn Gemalt an, gab ich Dich nicht eben frei? (Zu Marie, indem er die Stricke in die Tasche seines Paletots steckt.) Ich wünsche den Herrn Doctor Ar- vai zu sprechen. Marie. Der Herr Doctor ist nicht zu Hause. Merling. Das ist sehr fatal. Marie. Er wird aber bald wieder kommen: wenn Sie ihn erwarten wollen? Merling. Wir werden ihn erwarten. Marie (zu Merling). Ist etwa dieser junge Mann — Merling (leise zu Marie). Verrückt. — Nicht total närrisch, aber bedeutend angestochen. Franz (der es gehört). Aber Onkel, was fällt Ihnen ein, ich bin ja nicht — (stößt plötzlich einen Schrei aus.) Ah! (Sucht seine Erinnerung zu sammeln.) Marie. Wie? Was ist Jbnen? Franz (geht aus sie zu). Fräulein — Sie haben eine Tochter? nicht wahr? Merling (leise zu Marie). Sehen Sie, ein neuer Anfall! Franz (zu Marie). Ich gebe mir die Ehre um die Hand Ihrer Tochter bei Ihnen, mein Fräulein, anzuhalten. Merling. Armer Junge! Wenn es Dir anders möglich ist, so höre mich vernünftig an! Franz. Ja, lieber Onkel! Merling. Das Fräulein ist ja noch unverheiratet, kann also nach den Gesetzen der Natur und nach sonstigen Gesetzen füglich keine Tochter haben. Franz (zu Marie). Ich bitte vielmals um Entschuldigung, mein Fräulein; wenn Sie aber wüßten, wie sehr ich Sie liebe— ich verliere darüber den Verstand. — Fräulein, wenn Sic noch welchen besitzen, nehmen Sie sich unserer Liebe an. Merling. Wenn alle Frauen, die Verstand haben, sich für die Liebesaffairen der jungen Leute intereffiren sollten, wohin kämen wir, guter Gott! (Leise zu Marie.) Sie sehen, er ist toll, erztoll; aber außer seiner Liebesraserei ist er nicht dümmer als ich. Marie (bei Seite). Wahrhaftig, ich weiß nicht, welcher von den Beiden verrückter ist! (Laut.) Gedulden Sie sich, meine Herren, ich will Nachsehen, ob der Herr Doctor vielleicht schon kommt. (Links ab.) Fünfte Scene. Merling. Franz. Franz. Ihr Benehmen gegen mich, Onkel, ist unerhört. Mit gebundenen Hän- 5 den brachten Sie mich wie einen Maaren« ballen in den Wagen und zu einem Arzte. Warum, frage ich Sie — warum? Me rling. In einen Wagen brachte ich Dich, damit wir schneller an Ort und Stelle kommen; die Hände band ich Dir zusammen, damit Du nicht zum Wagenschlag hinausstürzest. Zu einem Dcctor mußte ich Dich führen, weil Du krank bist; bist Du nun zufrieden? Franz. Mehr zufrieden — als krank! Merling. Zufriedenere sind mir schon im Leben vorgekommen, — Kränkere wahrlich nicht! Franz. Wo befinden wir uns denn eigentlich? M erl ing. In Holling Nr. 47 bei einem Manne, der sich ein Vergnügen daraus ma- chen wird, Dir deine Vernunft wieder zu geben. Franz. Wie kommen Sie mir vor, Onkel? Ich bin zum Mindesten so vernünftig wie Sie. Mein Geist ist klar, — meine Ur- theilskraft ungetrübt, — mein Gedächtniß vortrefflich, — von meinem Magen gar nicht zu reden. Soll ich Ihnen ein Gedicht recitiren? Merling. O das beweist nichts! Es recitiren und declamiren gar viele Leute Gedichte — die verrückt sind. Franz. Soll ich Ihnen Stellen hersagen aus dem Terenz — Plautus — Ta- citus — Cicero! Merling. Sie würden mir zu dunkel und räthselhaft sein! Franz. Wünschen Sie vielleicht, daß ich ein geometrisches Problem löse? Merling. Verschone mich mit Geometrie und Algebra! Franz. Wohlan! Ich will Ihnen haarklein sagen, was wir diesen Morgen gethan haben. Merling. Ich wette, daß deine Ideen sich verwirren. Franz. Nur Geduld! Um fünf Uhr kamen Sie in mein Zimmer und zogen mich anch aus dem Bette. Sie baten mich Ihnen zu folgen — ich schlug es ab. — Sie bestanden darauf — ich gerieth in Zorn. Jst's nicht so? Merling. Ruhig! Die Verwirrung wird schon kommen. Franz. Jakob half Ihnen mir die Hände binden; dafür jage ich ihn heute Abends zn allen Teufeln. Seinen Lohn für dreizehn Tage bin ich ihm noch schuldig — zu fünfzehn Gulden den Monat macht sechs Gulden und fünfzig Kreuzer — habe ich das nicht richtig berechnet? Liegt darin auch nur die geringste Spur von Geistesabwesenheit? Merling. Fahre fort. Ich werde Dich schon ertappen! Franz. Treiben Sie den Scherz nicht weiter, Onkel — man könnte glauben — (Stößt einen Schrei aus, als ob er sich besänne.) Ah! Merling. Ha! Franz (ihn barsch unterbrechend). Sie haben eine Tochter? Merling. Aha! Haha! Da haben wir's! Ich habe eine Tochter! Hahaha! Ich bin ja noch Junggeselle — Erzjunggeselle! Franz. Macht nichts! Sie haben eine Tochter? Merling. Aber Sapperment! Ich habe keine Tochter! Höre mich wohl an! Hast Du eine Cousine? Franz (ruhig). Nein, ich habe keine Cousine! Merling. Ich bin aber dein Onkel — nicht wahr? Franz. Ja, — Sie find mein Onkel! Merling. Wohl! Hätte ich eine Tochter — so wäre sie deine Cousine. — Da Du aber nun keine Cousine hast — so habe ich keine Tochter! Franz. Sie haben Recht! Gleichviel — Sie werden mir helfen, sie wieder aufzu- finden! Merling. Wen? Franz. Jene, welche diesen Sommer mit Ihrer Tante in Baden war. Merling. Ihr Name? Franz. Clara! Merling. Clara! Wie? Franz, (nachdenkend) Clara — Clara Dingsda! Merling. Dingsda? ein sauberer Name! Franz (wie zu sich selbst sprechend, und immer wärmer werdend). Cinrs Tages gehe ich hin, NM wie alle Tage meinen Besuch zu machen — sie waren fort. Der Schlag war zu stark — er warf mich zu Boden. Wieder hergestellt, lange ich hier an, springe aus dem Waggon — lasse mein Gepäck im Stich — steige in einen Fiaker und rufe dem Kutscher zu: »Zu ihr! Im Galopp!« Der Kutscher rührte sich nicht, — ich will ihn erdrosseln — er verlangt die Adresse — ich gebe ihm eine Karte und er bringt mich zu Ihnen. Klarer Beweis also, daß Sie eine Tochter haben, und wenn Sie mir ihre Hand verweigern — Merling (bei Seite). Wenn der Doctor Nrvai Den curirt, habe ich Respect vor ihm. (Laut, indem er. Franz zum Tische rechts führt.) Komm! Setze Dich hierher — Du wirst ruhiger werden. Franz (fitzend). Sie wollen, ich soll ru- hig sein? Gut, ich bin es schon! Merling. Brav! so ist's recht. Siehst Du, lieber Neffe, was ich thue, geschieht nur zu deinem Besten. Kein Opfer ist mir zu groß. Du bleibst in der Anstalt eines berühmten Doctors, ich trage die Kosten deiner Verpflegung, bis Du bergestellt bist, und Du wirst es werden, wenn man den Ankündigungen dieses Heilkünstlers Glauben schenken darf. Höre nur, was er von sich drucken läßt. (Er nimmt ein Papier aus der Tasche, setzt sich rechts und liest:) »Doctor Ar- vai hat die Ehre, das geehrte Publicum zu benachrichtigen, daß er in Holling eine Heilanstalt eröffnet, mit wohlvergitterten und luftigen Käfigen für seine Kranken — nebst einer vollständigen Auswahl der vorzüglichsten Zwangsjacken. Behandlung au- ßerordentlich freundlich. (Blickt Franz au. der eingkschlafen zu sein scheint.) Ah! Gott straf' mich — ich glaube er schläft! ES ist erstaunlich! Seit acht Tagen schloß er kein Auge — kaum bringe ich ihn zum Doctor, so schläft er. Wunderbarer Einfluß der Me- dicin! (Für sich.) Schlafe nur, lieber Ne- veu — schlafe und träume in Frieden. Wie der Doctor kommt, liefere ich Dich ihm aus und gebe ihm zweitausend Gulden von deinen Revenuen. Du hast zwölftausend Gulden, folglich bleiben mir zehntausend — das ist ganz einfach. So lange Du in ärztlicher Behandlung bist, — bin ich dein Vormund, und werde als guter Onkel dein Vermögen so nutzbringend als möglich verwalten. Franz (der gehorcht, bei Seite). O schön! sehr schön! Merling (fortsahrend). Mein Gott! Meine Mühe will doch belohnt sein. (Schläft nach und nach ein.) Uebrigens verhindere ich ihn nicht zu genesen — aber — cS eilt nicht damit — laß Dir Zeit. Franz. Welch' ein Schuft! Merling (immer unverständlicher). Puh! Die Hitze! Der Schlaf! Ich kann nicht mehr! (Schläft.) Franz (nach einer Pause). Schläft er wirklich? Wollen einmal sehen. (Steht vorsichtig aus und geht zu Merling.) Pst! Pst! — Nichts! (Niest.) Atzi ! — Noch nichts. (Merling schnarcht.) Warte, mein lieber Onkel, Du gibst mich für närrisch aus, und bringst mich in eine Irrenanstalt. (Zieht vorsichtig die Stricke aus Merling's Tasche und bindet diesen mit Behutsamkeit an den Sessel an.) Bald soll es sich zeigen, wer von uns Beiden der Verrücktere ist. So — es ist gethan! Nun bin ich viel ruhiger. Sechste Scene. Vorige. Doctor. Doctor (durch die Mitte). Meine Herren, ich bin trostlos, daß ich Sie so lange warten ließ — aber — Franz (legt den Finger auf den Mund). St! Doctor. WaS ist's? 7 Franz (nimmt ihn bei Seite). Herr Doktor — dies ist mein Onkel, den ich Ihrer Obhut übergebe. Sie sehen einen Mann von vierzig bis fünfzig Jahren vor sich — abgehärtet durch schwere Arbeit und mancherlei Entbehrungen — übrigens von gesunden Eltern geboren, in einer Familie, in der noch nie ein Fall von Geistesverwirrung vorgekommen ist. Doctor. Hat er vollständig den Verstand verloren? Franz. Nein, Herr Doctor—er spricht nur über einen Punkt verwirrt. Doctor. Und der Charakter seiner Krankheit — können Sie darüber etwas Näheres angeben? Franz. Lieber Himmel! Herr Doctor, ich kann nur Eins sagen. Er stand mit meinem Pater immer auf feindlichem Fuße, weil dieser reicher war als er. Es ist von jeher seine Manier sich zu beklagen. Nach und nach entwickelte sich diese Manier immer mehr und mehr — und ich wundere mich gar nicht, daß er aus Habgier verrückt geworden. Der Unglückliche bildet sich ein, daß ich den Verstand verlor, — sagt dies aller Welt und wird es auch Ihnen sagen. Doctor. Ich weiß genug — ich werde ihn auswecken. Franz. Nach Belieben. Doctor (nimmt eine Feder und kitzelt Mer- ling unter der Nase). Mit einer Feder unter die Nasenlöcher gekitzelt — ein probates Mittel. Me rling (im Halbschlummer). Nicht kitzeln! Doctor. Mein Freund! Haben wir noch nicht bald ausgeschlafen? Merling (nach und nach erwachend). He! Was soll's? Warum weckt man mich? (Reibt sich die Augen.) Wirklich schon Tag! Sonderbar — meine Glieder sind ganz erstarrt! (Betrachtet sich.) Ach! Ich bin gebunden! (Lacht.) Hehehe! Begreife schon — während des Schlafes! Ein guter Spaß! (Sieht Franz lachend an.) Du Spitzbube! Franz (zum Doctor). Zn fünf Minuten tobt er. Doctor. Lassen Sie mich nur machen. Ich weiß schon wie man mit dergleichen Individuen verfahren muß. (Geht zu Mrr- ling und lacht ihm dumm ins Gesicht.) Haben wir eine gute Nacht gehabt, lieber Freund? Was Schönes geträumt? Merliug. Was schwatzen Sie da? Ich habe gar nicht geträumt. Doctor. Nun, nun, nur nicht geläug- net, seinem Arzte muß man Alles sagen. Merling. Ah! Sie sind der Herr Doctor? Sie halten mich für krank? Hahaha! — Aber ich bin zusammengeschnürt wie ein Reisigbündel! (Zu Franz.) Du verdammter Spitzbube! (Zu dem Doctor.) Haben Sie die Güte, mich los zu machen, Herr Doctor — wenn ich frei bin, kann ich mich besser erklären. Doctor (hebt ihm den Augendkckel in die Höhe und prüft sorgfältig das Auge, für sich). Man kann es wagen! (Bindet ihn los.) Sie sind nun frei — machen Sie keinen üblen Gebrauch von Ihrer Freiheit, sonst — Merling. Was zum Teufel soll ich denn damit thun? Zch brachte Ihnen meinen Neffen. Doctor. Gut, gut, später wollen wir davon reden. Merling. Nein, sogleich wollen wir davon reden. Glauben Sie, ich soll einen ganzen Tag hier zubringen? So wissen Sie denn, daß mein Neffe — Doctor. »Er ist ein Narr!* Merling. Zum Binden, Doctor. Franz (lnse zum Doctor). Was habe ich Ihnen gesagt? Merling. Zum Beweise mußte ich ihm die Hände mit diesen Stricken binden. Doctor. Ihre Hände waren ja gebun, den. Erinnern Sie sich nicht mehr, daß ich Sie befreit habe? Merling. Za, es ist wahr — ich bin es gewesen — aber das ändert nichts an meiner Behauptung. Lassen Sie sich die 8 Sache erklären, damit Sic nicht länger im Jrrthume seien. Doctor (indem er ihn zu beschwichtigen sucht). Ruhig, mein Freund, ereifern Sie sich nicht. Sie sind ja roth wie ein gesottener Krebs. Ich will nicht, daß Sie sich anstrengen. Beantworten Sie ganz ruhig meine Fragen. Sie sagten, Ihr Neffe — Merling. »Er ist ein Narr!« ' Doktor. Ist Ihnen dies angenehm? Merling (überrascht). Wer sagt das? Doctor. Antworten Sic aufrichtig. Wollen Sie, daß Ihr Neffe geheilt werde? Merling (unruhig). Wie kommen Sie zu dieser Frage? Doctor. Sie ist ganz natürlich. Wenn er nicht geheilt wird, so bliebe sein Vermögen in Ihren Händen. Sie streben ja nach Reichthum. Merling. Nicht doch, was fällt Ihnen ein. (Bei Seite.) Wer konnte ihm sagen? Doctor (zu Franz). Erkennt er Stimmen? Merling. Sapperment, ich bin ja nicht taub! Doctor (mit Ueberzeugung). »Er ist ein Narr!« Merling. Ich bin ein Narr! Was faseln Sie da? Ich schmeichle mir, im vollen Besitze meiner fünf Sinne zu sein. Fragen Sie alle meine Freunde und Bekannten, — fühlen Sie meinen Puls, — Sie werden sehen, daß ich kein Fieber habe. Doctor. Könnten wir — mein Verehrtest» — unseren Patienten Ihrer Sorte ein wohlconditionirtes Fieber procuriren,— es würden alle cmirt werden. Merling. Aber alle Teufel — ich brauche nicht curirt zu werden; wie soll ich Sic denn davon überzeugen? (Erblickt die nntretende Marie.) Ah! Ich bin gerettet! Siebente Scene. Vorige. Marie (von links). Merling (will ihr entgegen) Sprechen Sie aufrichtig; wer ist der Narr — ich oder mein Neffe? Marie. Sic halten wohl mich zum Narren? Doctor. Nein, Marie; rede unge- scheut, — welchen Eindruck machten die Herren auf Dich, wie Du sie zum ersten Male sahst? Marie. Offen gestanden (zeigt auf Merling) dieser Herr sprach mehr Dummheiten. Franz. Sie hören es, — ich habe Sie nicht zu dieser Erklärung aufgefordert. Merling (auffahrend). Dummheiten! Sie sind eine Gans! Darum handelt es sich nicht! Wer von uns Beiden hatte gebundene Hände? Marie (boshaft). Kann mich wirklich nicht erinnern — bin ja eine Gans! Merling (wüthend). Wie? Sie Teufelsbraten — Sie können nicht sagen, daß es mein Neffe gewesen, der bei unserem Eintritte gebunden war? Marie. Wenn Sie mich zwingen, muß ich freilich — Merling. Aus meinen Augen, oder ich erwürge Sie. (Marie ab.) Franz. Durch Einschüchterung will er sein Ziel erreichen. Achte Scene. Merling. Doctor. Franz. Merling (fällt in ein Fauteuil). Ah! Es ist um ein Narr zu werden! Franz (zum Doctor). Herr Doctor, ich bin tief betrübt über das Unglück meines braven Onkels; ich tröste mich mit dem Gedanken, daß Sie ein Vater für Ihre Kranken sind, und habe daher nicht nöthig, Ihnen den Armen besonders zu empfehlen. Merling (für sich). Ah! Das ist zu stark! Franz (zum Doctor). 3m Laufe der künftigen Woche werde ich die Ehre haben, mich um das Befinden des Patienten zu erkundigen. (AlS ob er abgehen wollte.) 9 Merling (springt auf und will ihm nach). Er geht fort? Doctor, halten Sie ihn. »Er ist ein Narr!« Ich will Ihnen seine Narrbeit beschreiben. Franz. Ruhig, lieber Onkel! Ich lasse Sie hier in den besten Händen. Der Herr Doctor wird es an der nöthigen Pflege nicht fehlen lassen. Adieu, Doctor! Merling (wird vom Doctor zurückgehalten). Franz! Franz! Franz (der indessen bis zur Mittelthür gekommen, bleibt plötzlich stehen, als ob er etwas vergessen hätte). Merling. Ach, endlich! Doctor. Was noch? Merling. Pst! Franz (geht auf den Doctor zu). Mein Herr! Sie haben eine Tochter? Merling (triumphirend). Jetzt sind wir auf dem rechten Punkte. Sie müssen bezeugen, daß er sagte: »Sie haben eine Tochter!« Doctor. Ja! Wollen Sie mir aber erklären? — Franz. Sie haben eine Tochter — Fräulein Elara? Merling. Sehen Sie — das ist seine üre Idee! Doctor (zu Franz.) Ja mein Herr — meine Tochter heißt Elara! Franz. Und sie war vor drei Monaten in Begleitung Ihrer Tante in Baden ? Merling Bravo! Bravo! O Du mein Zuckerlied! Ich juble. Doctor. In derThat, meineClara war diesen Sommer mitJhrerTante in Baden. Merling (erstaunt). Wie? Ich glaube, jetzt rasselt es bei Ihnen ebenfalls. Sapperment, nun geht mir ein Licht auf. Sie sind kein Doctor — Sie sind ein Patient dieser Anstalt. (Für sich.) »Er ist ein Narr!« Und man laßt die Narren so mir nichts — Dir nichts frei hernmlaufen. ! Doctor. Mein Freund, wenn Sie sich nickt ruhig verhalten, werden wir Sie unter die Douchc bringen. Das wird helfen. , Merling (erschreckt zurückprallend). Teufel, : das ist ein gefährlicher Narr! Wenn ich nur l fort könnte! Doctor (zu Franz). Fahren Sie fort! Franz. Ich liebe Ihre Tochter! Hege einige Hoffnung von ihr wieder geliebt zu werden, und wenn sich ihre Gesinnungen seit dem Monat Juli nicht geändert haben, gebe ich mir die Ehre, um ihre Hand anzuhalten. Merling (für sich). Der ist im Zuge! ^ Nur fort so! Doctor (zuFranz). Habe ich also dasVer- gnügen mit Herrn Franz Merling zu sprechen? Merling (für sich). Wie. er kennt meinen Neffen? Franz. Eigentlich hätte ich Ihnen vorerst meinen Namen sagen sollen! Merling (für sich). Was sagt er? Doctor (zuFranz). Erlauben Sie mir die Bemerkung, daß Sie ziemlich lange auf sich warten ließen. Merling (für sich). Wie? er erwartete ihn? Franz (freudig). Sie erwarteten mich? Merling. Aber tausend noch einmal, was sind das für Geschichten? Doctor (zuFranz). Ja, meine Tochter gestand mir Alles. Franz. Sw liebt mich? Doctor. Unbezweifelt! Merling. Sie liebt ihn, da muß man ein Narr werden! Franz. Aber wo ist sie denn? Merling. Ja, wo ist sie? Einen weißen Raben verspreche ich Demjenigen, der sie mir zeigen kann. Doctor. Nichts leichter als das! Clara, Clara! Merling (springt in die Höhe, als er Klara erblickt, die von rechts eintritt). Wa — wa — was! Clara. Papa! Franz (aufschreiend). Sie ist's! (Fällt ohn- mächtig in einen Lehnstuhl.) 10 Nennte Scene. Vorige. Clara. Clara. Himmel! Herr Merliug! (Eilt auf sie zu.) Lieber Franz! Doctor. Er ist leidend. Merling. Was ist ihm? Doctor. Die Freude - das unverhoffte Glück! Merling. Ta — ta — ta! Farc>! Nichts als Faren! Clara. Herr Merling — lieber Franz — kommen Sie doch zu sich. Doctor. Hirschhorngeist! Merling. Doctor! Wird der Spaß noch lange dauern? Doctor. Schweigen Sie doch! Merling. Zch soll schweigen? Doctor. Wenn Sie sich nicht ruhig verhalten, lasse ich Sie in den Käfig sperren. Merling. Wetter, mein lieber Herr Doctor, das ist über den Spaß! Halten Sie mich für einen Kanarienvogel? Clarasum Franz beschäftigt). Vater, er erholt sich! Franz (nach und nach zur Besinnung kommend). Clara, Fräulein Clara! Wo sind Sie? O, ich glaubte Sie neuerdings verloren zu haben? Clara. Erklären Sie mir — Merling. Ja, ja, erklären wir uns. Franz (zu Clara). Wozu? Ich bin von Ihnen geliebt, was kann zu meinem Glücke noch fehlen? Doctor (zu Merling.) Ein niedliches Pärchen, nicht wahr? Merling. Was soll das heißen? Doctor. Sehen Sic denn nicht — Sie beten einander an. Merling. Und Sie gehen ein auf diese Intrigue? Doctor. Indem ich meine Einwilligung zu ihrer Heirat gebe. Merling. Zn ihrer Heirat? Sapperment, daS wird in alle Ewigkeit nicht sein. Ich widersetze mich. Doctor. Nun ist's nicht mehr auszuhalten! Merling. Ganz meine Meinung. Sic werden mir unerträglich. Doctor. Man muß ein Ende machen. (Klingelt. Diener tritt ein.) Merling. Ja, ja, machen wir ein Ende! Doctor (zu Clara). Geh, mein Kind, führe Herrn Merling zu deiner Tante. Merling. He? Doctor. Ich habe noch etwas (aus Merling) mit diesem Herrn abzumachen. (Spricht leise mit dem Diener.) Clara. Unser Wohl betreffend. Doctor. Und das seinige. Clara. Ach, theurer Onkel, wie sehr liebe ich Sie schon! Merling (wüthcnd). Lassen Sie mich zufrieden — ich bin nicht Ihr Onkel! (Clara springt erschrocken zurück, der Doctor sucht Merling zu besänftigen.) Doctor (leise zu Clara und Franz). Laßt nns einen Augenblick allein, meine Methode wird Wunder wirken. (Franz und Clara rechts ab. Leise zum Diener.) Du hast mich verstanden? (Diener bejaht und geht durch die Mitte ab). Zehnte Scene. Merling. Doctor. Doctor. Nun haben wir mit einander zu thun. Merling. Nicht lange mehr, zumTeusel — ich habe es satt! Doctor (streift die Rockärmel auf). Nun, rasck zur Lache! Merling (zurückweichend). Doctor! Was sollen diese bedenklichen Vorbereitungen? Was führen Sie gegen mich im Schilde? Doctor (bei Seite). Ich will ihn nicht erschrecken. (Laut.) Aber Freundchen, wie können Sie glauben? Merling. Also auf meinen Neffen zn kommen; wie kommen Sie mir vor? Ick bringe ihn her, weil er ein Narr ist, und Sie wollen ihm Ihre Tochter geben? II Doctor. So bin ich nun einmal! Merling. Das strht aber nicht in Ihrer Ankündigung! Doctor (sich ihm nähernd). Knöpfen Sie sich Ihr Gilet auf! Merling. Wie beliebt? Doctor (knöpft ihm die Weste aus und betastet seine Brust). Nicht gerührt! Merling. Doctor, nur nicht kitzeln!Ich bin sehr stark empfänglich für den Kitzel! Doctor (nachdem er ihm zwei Schläge auf den Magen und den Rücken gibt, um ihn zu untersuchen). Sehr fest! Merling. Wie? Doctor. Knöpfen Sie sich wieder zu! Merling. Kommen wir wieder auf meinen Neffen. Geben Sie ihm Ihre Tochter nicht! Doctor (ihn unterbrechend). Warten Sie! Wollen einmal den Kopf untersuchen. (Faßt den Kopf Merling's mit beiden Händen an und horcht.) Merling. Aber Tausendsapperment! Sie erwürgen mich! Doctor. Schädel hohl! Gehirnmangel vollständig! Merling (außer sich). Nimmt das noch kein Ende? Doctor. Ruhe bitte ich mir aus! Merling. Ruhe? Wenn der Zorn mir bis in die Fingerspitzen steigt? Sehen Sie denn nicht, daß ich geladen bin, nur zum losgehen? (Sucht sich zu mäßigen.) Doctor, hören Sie mich an. Ich werde nachsichtig und großmüthig sein. Ihre Absichten kann ich leicht errathen. Sie sind Irrenarzt, und weil Sie keine Patienten haben, geben Sie sich alle erdenkliche Mühe, welche zu bekommen, umIhre berühmte Heilmethode anwenden zu können. Sie versuchen jetzt alles Mögliche, um mich in Wuth zu versetzen, aber es soll Ihnen nicht gelingen. Es liegt nun einmal nicht in meinemTem- peramente. Geben Sie daher jeden Versuch auf, und ich bezahle Sie, als ob Sie mich glücklich von der Narrheit curirt hätten, welche Sie mir andichten wollen. Ist das etwa kein annehmbarer Vorschlag? Doctor. Alle meine Patienten machen mir dieselben Propositionen, um hinausge- laffen zu werden; ich bin aber unbestechlich. Merling (zornig). Sapperment! Sollten Sie die Absicht haben, mich mit Gewalt zurückzuhalteu? Das dürfte Ihnen übel bekommen. Genug davon, führen Sie mich schnell zu meinem Neffen. Doctor. Sie haben es sehr eilig! Merling. Nein, diese Verwegenheit, mich zu fragen, ob ich es eilig habe! Wenn jemals im Leben es Einer eilig hatte, so bin ich es. Doctor, ich will fort! Doctor. Ich halte Sie ja nicht zurück! Merling. So lasse ich es mir gefallen. Adieu, Doctor! Die Erinnerung an Sic wird nichts weniger als angenehm sein. Verlassen Sie sich darauf, sie wird unauslöschlich sein. (Geht zur Mittelthür.) Der- schloffen? (Stürzt auf den Doctor los.) Wie? Sie sperren mich ein! Soll ich Sie in tausend Stücke maffakriren? Doctor (bei Seite). Seine Wuth ist im Steigen; jetzt ist der geeignete Moment, ihn in's Ohrläppchen zu beißen. Merling (drohend). Doctor, öffnen Sie! (Stampft mit den Füßen.) Oeffnen Sic bei allen ncunnndneunzig Teufeln! Doctor. Ich wiederhole, daß dieseMaß' regeln nur zu Ihrem Besten sind. Merling. Augenblicklich aufgemacht! oder ich weiß nicht, was geschieht. Doctor (bei Seite). Wie erwische ich es nur? Merling (schreit). Hausmeister, auf. machen! Doctor (nähert sich ihm). Lieber Freund! Merling. Aufgemacht! Doctor (umfaßt ihn mit den Armen, zieht ihn an sich, und sucht ihn in's Ohr zu beißen). So dürfen Sie mir nicht fort! Merling (sich losmachend) Rühren Sic mich nicht an! 12 Doctor (bki Seite). Fehlgeschlagen l Merling (mit verhaltener Wuth). Wollen Sie mir öffnen? Ja oder nein! Doctor (stürzt in seine Arme). Vorher Frieden geschlossen. Merling (stößt ihn zurück). Aber — Doctor (bei Seite). Wieder verfehlt! Merling. Soll ich hier Alles zertrümmern? Soll ich mit Ihnen anfangen? (Schüttelt ihn.) Doctor. Nach Gefallen! Merling (versetzt ihm Faustschläge). Das ist zu arg! Doctor. Es kann noch ärger kommen. (Enthusiastisch.) Welch' großartiger Parorys- mus! Welch' superbe Narrheit! (Nachdem er wieder einen Fußtritt erhalten.) Das setze ich Alles auf die Rechnung. Merling (hält inne). Nein,— Sie sind mir zu hart; ich werfe Alles zum Fenster hinaus. Doctor. Der Versuch steht frei. Merling. Trauen Sie mir nicht! (Will ein Möbel ergreifen ) Doctor (packt ihn von rückwärts und beißt ihn in s Ohr). Freundchen! Merling (läßt einen fürchterlichen Schrei aus). Au! Doctor (triumphirend). Es ist gelungen! Ich habe ihn gebissen. Merling. Jetzt keine Schonung mehr! Ich bin außer mir. Aufgemacht, oder — (Packt den Doctor beim Hals.) Doctor (beinahe erstickend). Baptist — öffne? Merling. Endlich! (Die Mittelthür wird geöffnet, man sieht zwei Diener mit einer Hand- Feuerspritze, deren Rohr auf Merling gerichtet ist. Merling, der abstürzen wollte, prallt entsetzt zurück). Himmel, eine Spritze! Million Teufel, das bricht ihm das Genick! (Stürzt wüthend aus den Doctor.) Doctor. Rühren Sie mich nicht an! Merling (faßt ihn und hält ihn vor sich, um vor der Spritze geschützt zu sein). Sie sollen zuerst damit bedient werden. Doctor (dreht sich um. daß Merling vorne zu stehen kommt). Ick bin zu Hause, dem Gaste gebührt die Ehre. (Sie drehen sich gegenseitig mehrere Male um, bis sie in der Nähe der Thür find.) Baptist, zugepumpt, frisch d'rauf los. (Beide verschwinden außerhalb, die Thür schließt sich.) Eilste Scene. Franz, Clara (von rechts). Franz. Ja, geliebte Clara, Ihre Abreise hat mich grausam geschmerzt. Nach einer längeren Krankheit verwirrte sich mein Kopf, ich erinnerte mich weder auf den Namen Ihres Vaters, noch auf seine Adresse. Darum hielt ich bei Jedermann, der mir in den Wurf kam, um Ihre Hand an. O, man ist so dumm, wenn man den Verstand verloren hat. Clara. Sie waren also wirklich krank? Franz. Aus Uebermaß von Liebe. Clara. Daß Sie nur ja nicht zu bald gesunden, Sie lieber Patient! Franz. Immer werde ich Sie lieben, wie ich Sie jetzt liebe. Clara. Auf diese Versicherung hin will ich es mit Ihnen wagen. (Franz küßt ihr freudig die Hand ) Was ist's aber mit Ihrem Onkel! Franz. Mein Onkel? Ohne es zu ahnen, brachte er mich zu Ihnen. Da ich Sie nun wiedergefunden, sei ihm auch Alles verziehen. Wo ist er? Clara. Ich höre meinen Vater, er wird es uns sagen. Zwölfte Scene. Vorige. Doctor. Franz. Doctor, wo ist mein Onkel? Doctor. Unter der Douche. Clara! lzugleich). Himmel! 13 Doctor. Das hat Mühe genug gekostet. Endlich ist er dort, wo er hingehört. Vorher versetzte ich ihm einen herzhaften Biß ins Ohrläppchen, und ich glaube, daß er nun radikal gezähmt und geheilt wird. Diese Cur wird mir Ehre machen. Franz. Aber mein Onkel ist ja gar nicht närrisch. Doctor. Lassen Sie mich zufrieden. Glauben Sie etwa, ich verstände mich nicht darauf und haben Sie mir es nicht selbst gesagt? Franz. Wußte ich denn, was ich sagte? Sie haben ihn also in Folge meiner Aeuße- rung nach Ihrem System behandelt? Er muß ja gewüthet haben? Doctor. Wie ein bengalischer Tiger! Franz. O Du mein armer Onkel! Clara. Ich glaube er kommt? Franz. Wie verstört er aussieht! Dreizehnte Scene. Vorige. Merling. Merlin g (geht langsam bis in den Vordergrund, ohne Jemanden zu sehen. Für sich). Wenn jetzt Jemand käme und wollte mir die Behandlung mit kaltem Wasser anrühmen, ich würde ihn — straf' mich Gott — wie einen Karpfen tractiren. Franz. Verzeihen Sie, lieber Onkel! Merling. Du hier? Du Dösewicht! Franz. Seien Sie nicht böse! Verzeihen Sie. Merling. Niemals! Geh mir aus den Augen! Franz (leise zum Doctor). Lassen Sie nur mich machen! (Leise zu Merling.) Bedenken Sie, lieberOnkel, daß man sagen wird, Sie hätten aus Eigennutz behauptet, ich sei ein Narr. Man wird Sie beschuldigen, nach meinem Vermögen lüstern gewesen zu sein. Merling. Schweige. Franz. Man wird sagen, daß Sie mick schon bei meinen Lebzeiten beerben wollten. Merling. So schweige doch schon! Franz. Ich schweige nicht und werde nicht schweigen, ich werde auch diesem Gerüchte über Sie nicht widersprechen, außer Sie geben Ihre Zustimmung zu meiner Verheiratung mit der Tochter Ihres Doctors. Merling (für sich). Es bleibt mir nichts zu thun übrig; so ganz Unrecht hat er nicht, und ganz frei von Schuld fühle ich mich auch nicht; das Beste ist, gute Miene zum bösen Spiel machen. (Zum Doctor.).Die Kinder lieben sich also — man soll zwei Herzen, die sich gefunden, — verloren und wieder gefunden haben, nicht trennen, ich gebe somit meine Einwilligung zu ihrer Verbindung. Franz. Sie sind und bleiben mein guter Onkel! Merling. Nun, Doctor, halten Sie mich noch immer für einen Narren? Doctor. Nein, mein Bester, ich bin von dieser Idee abgekommen, aber ich ersuche Sie, mir ein giltiges Zeugniß auszu- stellen, daß ich Sie radikal curirt habe. Merling. Ich — soll Ihnen noch ein Zeugniß geben? Doctor. Ja, um meine Anstalt in Ruf zu bringen. Merling. Aha, ich verstehe. Aber das Zeugniß wird Ihnen wenig nützen. Wir kamen Zwei zu Ihnen — ich und mein Neffe; ergeht als Verlobter aus Ihrem Hause, während er als Narr dasselbe betrat. Ueberlaffen wir es nun derZeit, ob man nicht sagen wird: »Er heiratet!« »Er ist ein Narr!« (Entsprechende Gruppe. Der Vorhang fällt.) Ende. 2m Verlage der Wallishauffer'schen Buchhandlung (JosefKlemm) in Wien, Ktadt, hoher Markt Nr. 541, find von Carl Haffner folgende Stücke erschienen: Therese Rrones. Genrebild mit Gesang und Tanz in drei Acten 12Sgr. —60 Nkr. Die Studenten von Rummelstadt. Genrebild mit Gesang und Tanz in drei Acten. 12 Sgr. — 60 Nkr. Die beiden Nachtwächter, oder: Ein Spuk in der Faschingsnacht. Posse mit Gesang und Tanz in drei Acten. . 12Sgr. - 60Nkr. non 3aro8M8klj oder: Der Kaunmntet vom Trattnerhof. Genrebild mit Gesang und Tanz in vier Acten l2 Sgr — 60 Nkr ------ Von Friedrich Kaiser find bei uns erschienen: Männerschönheit. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit Titelkupfer. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Eine Posse als Medicin. Originalposse mit Gesang in 3 Acten. Mit allegorischem Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Fürst. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischen Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Mönch und Soldat. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Tltelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbilve. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Der Rastelbinder, oder: 10,000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titel- bilde. 8. geh. 15 Sgr- oder 75 Nkr. Junker und Knecht. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Acten. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Dienstbotenwirthschaft, oder: Chatoulle und Uhr. Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Doctor und Friseur, oder: die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 Acten. Zweite Auflage. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr. Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Ein neuer Monte-Christo. Original-Characterbild in 3 Acten 12 Sgr. oder 60 Nkr. Die Frau Wirthin. Characterbild mit Gesang in 3 Acten 12 Sgr. oder 60 Nkr. Etwas Kleines. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Zwei Testamente. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. UnrechtGut. Characterbild mit Gesang in 3 Acten und Vorspiele 12 Sgr. oder 60 Nkr. DeS Krämers Töchterlein. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Eine Feindin und ein Freund. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Ein Lump. Characterbild mit Gesang in drei Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Verrechnet. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Von Friedrich Kaiser erscheinen demnächst: Ein Jagd-Abenteuer. — Palais und Irrenhaus. Im Verlage der MaMshausser'scheu Ruchhandkung (Josef Memm) in Wien, am hohen Markt Nr. 541, find folgende Theater von Johann Restroy erschienen: Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder: Das Geheimniß des grauen Hauses. Posse mit Gesang in 5 Aufzügen, 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Einen Jux will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. Zweite Auf. tage, geh. 12 ^gr. oder 60 Nkr. Der Zerrissene. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Talisman. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Unverhofft. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 alleg. Bild. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Unbedeutende. Posse in 3 Acten. Mit 1 illum. Bild. 12. geh. 20 Sgr. oder 1 fl Der böse Geist Lumpacivagabundus, oder: Das liederliche Kleeblatt. Zauberposst mit Gesang in 3 Aufzügen. Dritte Auflage. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Das Mädl aus der Vorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Die verhängnißvolle Faschingsnacht. Posse mit Gesang in 3 Aufzügen. 12. geh 15 Sgr. oder 75 Nkr- Eulenspiegel, oder Schabernack über Schabernack. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. Zweite Auflage. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Freiheit in Krähwinkel. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 3 illum. alleg. Bild 12. geh. 24 Sgr. oder 1 fl. 20 Nkr. Ferner sind daselbst erschienen: Sämmtliche Theater von Castelli, Gleich, Grillparzer, Hopp, Hensler, Kaiser, Weidmann, Feldmann, Weißenthurn, Deinhardstein, Holbein, Kotzebue, Jssland, Werner, Hafner, Vogel, Körner, Ziegler, Jünger, Collin, Perinet, Huber, Baumann, Birch-Pfeiffer, Schröder, Clauren, Herzenskron, Treischke, Sonnleithner, Chrimfeld, Meisl, Koch, Schildbach, Seyfried, Bäuerle rc. Die Wallishauffer'sche Buchhandlung in Wien, hoher Markt, hält das möglichst vollständigste Lager aller im Buchhandel erschienenen ältesten und neueren Theaterstücke, besorgt das nicht Vorräthige schnell und gibt Verzeichnisse gratis aus. Druck und Papier von Leopold Sommer in Wien. (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) Die Rekrutirung in Arähwinket. Burleske mit Gesang in einem Art von Theodor Flamm. (Zum ersten Male im k. k. priv. Larltheater in Wien mit vielem Beifall gegeben.) Rumelpufs, Kommandant eines reitenden Infanterie-Regiments. Dr. Kletzenfeld, schmerzloser Hühneraugen-Operateur, KlauS, Gerichtsdiener. Samuel Hlekeles. ^ Stefan Hagl, ! Sali, Landmädchen. Zimmer mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren. Rechts ein Tisch, grün behängen, auf dem Schreibrequifiten. Links ein Rekrutenmoß. An der Wand hängen eine Trompete und Line Pistole. Personen: Spatzenpfifs, Rekrutirungs-Kommissions- Oberältester, Kratzer, Rekrutirungs-Kommisfions-Assessors-Subftitut, Hederfuchs, Rekrutirungs-Lommisfions-Befundschreiber, in Krähwinkel Theater-Repertoire Nr. I0i. 1 Erste Scene. Klaus (Tisch und Stühle abstaubend). Heut' haben wir wieder a langwierige Sitzung. Wenn nur schon wieder die Re« krutirung vorbei wäre, denn was ich mich bei der Commission immer ärgern muß, das geht schon ins Aschgraue. Wer soll sich da aber auch nicht giften, wenn man so zuschau'n muß, was diese Burschen Alles anstell'n aus Furcht vor'm Abstellen. Da war ich ganz ein anderer Kerl, wie ich noch beim Militär war, mit welcher Sittlichkeit, da happert's meistens. Jcht weiß Hab' ich gedient, und wie schön ich in der ^ ^ ° < Uniform ausg'schaut Hab', schon was man sagt fesch, o ich war eine Zierde, ich Hab' die ganze Armee verschandelt, will ich sagen verschönert. Zweite Scene. Voriger. Sali. Sali. Guten Tag, Herr Klaus! Klaus. Holde Sali, was will denn Sie da? Sali. Kann ich nicht mit'n Herrn Doc- tor reden? Klaus. Wo fehlt's denn? Sali. Mir fehlt nix, aber — Klaus. Na. mir kann Sie's schon sagen. Sali. Wann ich aber schon sag', mir fehlt nix. Klaus. Schad', denn der Herr Doctor Kletzenfeld ist ein sehr geschickter Mann; er curirt auch mittelst Korrespondenz. Besonders geschickt ist er als Zanarzt. Die Zähne nimmt er ganz schmerzlhes heraus; nämlich er g'spürt keine Schmrozeu dabei. Sali. Merkwürdig! Klaus. O das ist ein großer Mann! Neulich hat er einem Bekannten von mir mittelst Korrespondenz einen Fuß abgenommen. Sali. Was heißt denn das: »mittelst Korrespondenz?« Klaus. Das heißt schriftlich, aufm Papier. Sali. Ah so! Klaus. Ja man glaubt gar nicht, was die Doctoren heutzutag Alles aufm Papier können, aber practisch, in der Wirk- ich aber noch immer nicht, was Sie beim Doctor will, wann Ihr nichts fehlt? Sali. Ich brauch' ihn nicht für mich. Klaus. Sondern für Jemand, der krank is? Sali. Im Gegentheil, für Jemanden, der zu gesund ist. Ich möcht' gern für ein'n Rekruten beim Doctor ein gut's Wort reden. Klaus. Das wird nichts nutzen, wenn er tauglich ist. wird er affentirt. Uebrigens mach' Sie sich nichts daraus, Sie ist ja noch jung und mudelsauber ist Sie auch, wird sich schon ein Anderer finden. Sali. Ich will aber kein'n Andern. Da wären gleich Drei, die sich auch heut' stell'n müssen und um meine Hand werben — Klaus. Ah, das ist der Stangl, der Blinzler und der Flekeles. Und wer ist denn eigentlich der Auserwählte Ihres Herzens? Sali. Der Stefan Hagl. Klaus. Der Binderg'sell? Sali. Ja. der nämliche. Klaus. Das ist ein wackerer Bursch. Sali. Ja. er ist so gut, so brav. Seine armen Eltern unterstützt er nach Kräften, und Alle, die ihn kennen, haben ihn gern. Klaus. O das is ein braver Bursch, er hat mir schon manche Maß Wein zahlt! Ah, da kommt er g'rad! Dritte Scene. Vorige. Hagl. Hagl. Was machst denn Du da, Sali? Klaus. Sie hat mit'n Doctor was z'reden. Hagl (heftig). Mit'n Doctor? was? Sali. Das brauchstnit z'wissen! Hagl (auffahrend). Was? Klaus. Na, na, wer wird denn so eifersüchtig sein? Hagl. Ich will wissen, was Du beim Doctor Z'thun hast. Sali. Das kann ich Dir jetzt nicht sagen, denn Du könnt'st mir sonst meinen Plan vereiteln, der ganz gewiß zu deinen Gunsten ist, und den Du mir doch nicht ausführen ließest, sobald'st ihn kennen möchtest. Hagl (erbittert). So? Jetzt weiß ich, wie ich mit Dir dran bin! Klaus, Aber schämt Er sich nicht? wer wird denn so eifern? Hagl. Don Eifersucht ist keine Red', aber es schmerzt mich, daß sie vor mir, der es so gut mit ihr meint, Geheimnisse hat. Klaus. So? das schmerzt Dich? Ich weiß ein Mittel für Deinen Schmerz. Komm mit mir in's G'meindewirthshaus, dort zah lst eine Maß Wein, die trinken wir mitsamm', wirst seh'n. der Wein wird Dich aufrichten. Komm nur! (Beide ab.) Vierte Scene. Sali (allein). Wie mir das Herz schlagt, g'rad nit anders, als wenn ein Schmiedhammer d'rin wär'. Aber mein Vorhaben ist auch gewagt, recht gewagt; dafür ist aber auch das Glück um so größer, wenn mein Plan gelingt; denn dann ist mein Steffl frei und wir find alle Zwei gerettet. (Will durch die Mitte ab.) Fünfte Scene. Vorige. Flekeles. E n 1 r v e - L i e d. Flekeles. Gott, was Hab' ich mir verwandelt! Einst war ich so reizend schön, Und jetzt bin ich ganz verschandelt, Kann vor Schwachheit gar nix geh'n. Daß ich nix werd' angeworben Für den rauhen Kriegerstand, Hab' ich selber mir verdorben Und gefressen allerhand. Ich trink' nix als Thee von Hopfen, Holler oder Granium, Früh und Abends nehm ich Tropfen, Und friß Kolophonium. 's reißt mich schon in Füß' und Armen! Ich wieg' kaum mehr sechzehn Lotb. Wenn's so fortgeht, Gott erbarmen. Bin ich nächstens mausetodt! Sali. Himmel, wie schau'n denn Sie aus? Flek. Nicht wahr, ich seh' sehr elend aus? Sali. Wirklich, recht erbärmlich. Flek. Js mir sehr angenehm, das freut mir, daß Sie mich finden erbärmlich. Sali. Das freut Ihnen? Flek. O Sali! Wie gewaltig Hab' ich gelitten wegen Sie! Sali. Aber der Wechsel — Flek. Haben Sie a Wechsel einzu- cassiren. Sali. Ich mein' die schnelle Veränderung, vorgestern waren Sie noch gesund und rolh. Flek. Js doch nix Seltenes bei Verliebten die Veränderung und geht oft noch weit schneller als bei mir. Mänichsmal schaut a Mädl aus des Abends noch ganz gesund und roth wie a Ziegelstein und in der Früh geht sie herum im Gesicht so weiß wie a Primsenkas. O Sali, warum haben Sie mir das gethun? Sali. Sein Sie verrückt wor'n? Flek. A contreur, fein bin ich geworden, gerieben und verschmitzt. Hören Sie zu, Mamsell. Sie haben die Schuld, mästen Sie auch zuhören. Um Sie heiraten zu können als glatter Civilist und nix zu werden a rauher Krieger, Hab' ich beschädigt mein Gesundheit und begangen ein' fifischen Mord an die moralische Körperlichkeit von mein Individuum. Sali. Was? Sie war'n im Stand, Ihre Gesundheit zu opfern? Flek. Mein Gesundheit Hab ich gegeben hin, mein kostbarstes Gut, is doch mehr werth als einhundertlausend Gulden — einhunderttausend Gulden Hab' ich gegeben hin für Ihnen. Sie sein mir jetzt schuldig einhunderttausend Gulden. Aber wenn Sie mir werden geben Ihre Hand und Ihr Vermögen, so werden wir sein quitt. Sali. Was fallt Ihnen ein! Flek. Wie heißt? Sie machen a gut's Geschäft. Sie haben a Vermögen von zehntausend Gulden, ich Hab' Ihnen gegeben hunderttausend Gulden, machen Sie ein Profit von neunzigtausend Gulden. Sali. Haha! Flek. Lachen Sie nicht, erhören Sie lieber mein Fleh'u. Hier auf beide Knie (Will knien.) Wei! Ich kenn nix vor Schwachheit. Ich bin nix mehr der liebens würdige Samuel Flekeles mit die rosen- farbene Physiognomie; aber machen sich nix zu wissen, wenn ich erst werd' sein frei von die Todtschießerei, erhol' ich mir da thu ich in ganzen Tag nix als essen, um zu gewinnen Ihr Herz. Was ich aus- steh, davon kann man etablireu a ganzes Krankenhaus! Sechste Scene. Vorige. Stangl. Blinzler. (Durch dir Mitte.) Stangl. Da is e Sali! O schönste Sali! Blinzl. Guten Morgen, schönes Kind! Flek. Haste geseh'n, der Stangler uvd der Blinzler find auch da. Stangl. Ja, sein mir a da. Flek. Wie geht's Ihne beide alle zwei? Blinzl. Ich dank' für die Nachfrag', ich bin gottlob so weit krank. Stangl. Ich auch, ich Hab' ich Ma- genkrompf. Sali. Ich glaub'gar — Stangl. Damit's mir nit abstell'v zum Militär, und daß ich kann werden glückliche Gatte von Ihnen und später zärtliche Vater, wavns wer» kriegn Kindl klane, Hab' ich schon sechs Wochen ni; g'essen Warmes, a potom, jetzt Hab' ich Mogenkrampf. Blinzl. Wir hab'us g'rathen das G'wachs da (zieht eine Zwiebel hervor) M Sack herumz'tragen. das Hab' ich auch gp than, und Gott sei Dank, seit gestern Hab' ich's schönste kalte Fieber. Sali. Das find mir saubere Helden! Flek. Ich muß mir setzen wohin, ich halt's nicht mehr aus, mir wird'S grün und gelb vor beide Augen. Blinzl. Vor mir flimmert's lilafarb und blitzblau mit blümerante Tipferla, vor lauter Miselsüchtigkeit. Stangl. O Jekus, Mageokramps i^ e schreckliche, was gibte. (Alle Drei setzen sich auf eine Baak.) 5 Siebente Scene. Vorige. Klaus. Klaus. Ah, da ist Sie ja noch. Na, hat Sie mit'n Arzt'n schon g'sprochen? Sali. Noch oit. Wo ist denn der Steffel? Klaus. Er holt sein'» Taufschein. Ich fürcht' immer, er wird sich verspäten. Sali (bei Seite). Desto besser, so steht meinem Plan nichts im Weg. Klaus. Wer sein denn die? Sali (heimlich). Das sein mein' Steff'l seine Nebenbuhler. Klaus. Was? Die buhl'n neben Steffl? Ja, wie schau'n denn die Kerls aus? Sali. Sie hab'n allerhand eingenommen, damit's nit zum Militär g'nommen werden. Klaus. O Ihr Hauptspitzbuben! Sali. Jetzt muß ich aber fort. Sie. nit wahr, da kommt die Commission zusammen? Klaus. Ja wohl, und das gleich. Sali. Da muß ich mich also tummeln. B'hüt Ihnen Gott, Herr Klaus. (Ab.) Achte Scene. Vorige. Ohne Sali. Klaus. Servus, meine lieben Leut'. Flek. Seine Leut'? Wie heißt Leut ? Wer ist Ihre Leut'? Haste geseh'n Leut'? Sein Sie von unsere Leut', daß Sie uns können heißen Ihre Leut'? Klaus. Wort s nur, mau wird bald aus einem andern Ton mit Euch reden, veon's einmal den Kuhfuß werd's in der Hand haben! Stan gl. Ich dank' ich, brauch ich kau Kuhfuß. Hab ich so schöne Fußele. Flek. Mir können Sie nix nehmen zum Militär, ich seh, Gott sei Dank, sehr elend aus. Klaus. Was elend? Das ist lauter Verstellung! Flek. Ich will nicht gesüud sein, wenu ich nicht bin krank! Blinzl. Ich leid' an der galoppirenden Miselsüchtigkeit, ich bin so schwach, daß ich nit anmal allein husten kann; wann mir nicht Einer hilft, bring ich kein Kage- zer z'samm. Flek. Mir sein alle Drei infam miserabel. Klaus. Ja wohl, 's sein mir nit bald miserablere Kerls Vorkommen. St an gl. Mir seins sehr miserabel! Klaus. Das wird sich schon geben. Im Militärspital hat man Mittel genug für solche Krankheiten. Ja, ja, mein lieber Freund. (Schlägt Stangl aus die Achsel; dieser fällt aus Blinzler, Blinzler aus Hlekeles.) Flek. Haben Sie geseh'n die Schwäche? Blinzl. 's ganze Kontingent mit ein Streich! Klaus. Lauter Verstellung! Blinzler. Ich fall' so vom Fleisch; mir hat der Schneider aus einer grauen Hosen ein schwarzen Frack g'macht und da is noch auf einen franzblaueu Mantel übrig 'blieben, und da sagen Sie, unser Magerkeit wär' Verstellung. Wir können doch nicht heimlich fett sein. Klaus, 's Kommißbrot wird Euch schon auseinandertreiben. Flek. Wir werden brauchen Kommißbrot, das uns treibt auseinander? Wann wir werden steh'n vor die Kanonchens, gehen wir schon von selbst auseinander. Klaus. Jetzt hinein da ins Zimmer, die Kommission wird gleich kommen! Marsch! Flek. Der Schlemil nutzt sich herum mit uns — ich ärger mir darüber, aber das macht nichts, denn da seh' ich 'gewiß sehr elend aus. (Ab in die Nebenthür.) Blinzl. Anweh! die Miselsüchtigkeit! 6 ich bin schon völlig »'schwach zum Lamen^ tir'n. (Ab.) Stangl. Sie, Habens schon g'habt Mogenkrampf? Klaus. Marsch! Vorwärts! (Ab mit Stangl.) Marsch. Neunte Scene. Spatzenpfiff. Rumelpuff. Kratzer. Federfuchs. Dr. Kletzenfeld. Soldaten. (Die Beamten setzen sich.) Spatzenpf. Meine Herren, das Gesetz verlangt von uns ein strenges und rücksichtsloses Urtheil über die Tauglichkeit der Conscribirten. Ich ersuche Sic daher mich in meiner Amtirung auf das eifrigste zu unterstützen. Herr Assessor, fangen Sie mit dem Aufruf an. Kratz, (liest auf der Liste). Stefan Hagl! (Paule) Rumelp. Was? keine Antwort? Spatzenpf. Tragen Sie ihn abwesend ein! Federf. Sehr wohl! Rumelp. (ruft zur Thürk links). Stefan Hagl! Zehnte Scene. Vorige. Sali (als Bindergesell). Sali. Ja, ja, da bin ich schon! Rum. Er könnte auch besser aufpassen. Sein Name? Sali. Stefan Hagl. Rumelp. Alter? Sali. 21 Jahr. Rumelp. Geschäft? Sali. Binderg'sell. Rumelp. Der Bursche gefällt mir, den wea' ich als Privatdiener zu mir nehmen. (Zu Sali.) Hat Er Lust zu den Husaren? Sali. O nein, im Gegentheil, denn mir hat einmal ein Husarenlieutenant die Cour gemacht — Rumelp. Was, Ihm hat ein Husarenlieutenant — Sali. Das heißt — nein — ich Hab' woll'n sagen, ich Hab' einmal einem Husarenlieutenant — nein, nein — der Husarenlieutenant — verzeih'ns, ich werd' ganz verwirrt vor lauter Angst! Nebrigens is meine Furcht recht kindisch, denn ich bin ja gar nicht tauglich zum Militär. Rumelp. Oho! was fehlt Ihm? Sali. Alles, was man von ein rechtschaffenen Soldaten fordern kann — vor allem aber die Kraft, ich bin viel zu schwach. Rumpelp.Redensarten! Herr Doctor, sehen Sie zu, ob der Mann tauglich ist. Sali (bei Seite). O weh, daran Hab' ich nicht gedacht! Dr. Kletz. Die Hände find klein und zart. Sali. Ah geh'ns. Sie schmeicheln! Rumelp. Die Zähne? Dr. Kletz. Vortrefflich zum Patronen- abbeißen. Rumelp. Der Bart? Dr. Kletz. Noch nicht sichtbar — auch nicht fühlbar. Rumelp. Die Füße? Sali (bei Seite). O Gott, was fang ich an? Dr. Kletz. Er kommt mir übrigens ziemlich klein vor; wir wollen sehen, ob Er das Maß hat. Sali. Gar kein Red', mir fehlt wenigstens eine Klafter. Rumelp. Das werden wir gleich sehen. Dr. Kletz. Tret' Er daher unter das Maß. Rumelp. Richtig zu klein, es fehlen zwei Zoll. Er kann gehen, Er ist frei! Sali (bei Seite). Gott sei Dank, mein 7 Steffl ist gerettet! (Freudig durch die Mitte ab.) Kratzer. Ciprian Stangl! Rumelp. CiprianStangl! (Pause, danu lauter.) Ciprian Stangl! Eilfte Scene. Vorige. Stangl (in der Thür sehr laut). Stangl. Sie! wann kommte an mir, so rufens mir, ich heiß ich Ciprian Stangl. Rumelp. Man hat ihn ja eben gerufen. Stangl. Ich bin ich b'suffen? O nein, ich Hab ich Magenkrompf. Schamste Diener! (Will durch die Mitte ab.) Rumelp. Bleib Er hier! Stangl. Da ist die Thür? Schamste Diener! (Will ab.) Rumelp. Donnerwetter! Da bleiben soll Er! Ist Er denn terrisch? Stangl. Störrisch? Bin ich nicht störrisch, aber ich hör' ich nicht gut auf Ohr- waschl meinige. Rumelp. Was hat Er für eine Profession? Stangl. Co? Rumelp. Was Er für Profession hat? Stangl. Ich bin ich Deitsche, redliche Deitsche. Rumelp. Alter? Stangl. Co? Rumelp. Wie alt? Stangl. Ja, heut is e kalt. Rumelp. (schreit). Wie alt Er ist! Stangl. Ich Hab ich fünf Schuh siebzehn Zull. Rumelp Das ist gräßlich. Stangl. Unpäßlich? Ja, Hab ich Mo- genkrampf, will ich sagen Magenkrompf. Rmlp. Kreuz-Million-Doonerwetter! Mach' Er doch auf seine Ohren. Stangl. Geboren? Ja. wie bin ich kommen auf Welt, hatte Mutter meinige sagt: das is e! Rumelp. Sagen Sie, Herr Doctor, gibt es kein Mittel uns von seiner Taubheit zu überzeugen? Dr. Kletz. Die Kunst vermag hier nichts, aber — Rumelp. Ich weiß schon ein Mittel, fahren Sie indessen fort mit ihm zu reden. Dr. Kletz. Wie lange ist Er denn schon taub? Stangl. Ja, ja! Dr. Kletz. (lauter). Seit wann hat Er denn sein Gehör verloren? Stangl. G'wehr verloren? Ich Hab' nie g'habt G'wehr. Rumelp. (bläst mit der Trompete Stangl in's Ohr). Stangl (zum Doctor). Zur Genesung! Sie haben's Strauchen? Azi! Ich Hab ich auch. Rumelp. (feiert die Pistole vor Stangl « Ohr ab). Stangl. Herein! (Für sich.) Mir fan- geu's nit — bin ich Böhm! Spatzenpf. Herr Commandant, mir scheint er hört nicht gut. Rumelp. Jetzt die letzte Probe. (Zu Stangl mit gewöhnlicher Stimme.) Er kann geh'«, Er ist frei! (Lauter.) Er kann geh'», Er ist frei! Stangl. Neu? Nein, das is e alte Hut. Rumelp. Er kann geh'n! Stangl. Stehn? Ja, wann ichlsufsetz. stehte mir gut. Rumelp. (sehr laut). Er kann geh'n. Er ist frei! Stangl. Warum ich so schrei? Weil hör ich nit gut. Rumelp. (deutet ihm zur Thür). Stangl. Ah, geh'n soll ich? Schamste Diener, Herr Commspritzmichans-Commis- sär! (Will ab.) Rumelp. Da hinein! Später bekommt Er seinen Entlassungsschein. Der Herr Kratzer wird es einschreiben. Stangl. Ich soll ich Schweintreibeu? O Jekus! (Läuft ab.) 8 Rumelp. Das find saubere Rekruten! Spatzenpf. Ich denke, es werden sich wohl noch tauglichere finden. Kratzer. Melchior Blinzler! Zwölfte Scene. Vorige. Blinzler (eilig, rennt an den Maßstock an). Blinzl. Da bin ich schon! O, ich bitt' vielmals um Entschuldigung, Herr Com- missarius, ich Hab' Ihnen auf den Fuß getreten. Dr. Kletz. Sieht Er denn nicht, das ist ja der Maßstock. Blinzl. Entschuldigen vielmals! Rumelp. Dort fitzt die Commission. Blinzl. (eilt hin). Jchhab' die Ehre — (rennt an den Tisch). O, jetzt hält' ich bald — aber so a hohe Bank stelln's daher! Rumelp. Sieht Erdenn nicht, daß die Commission da ist? Blinzl. Richtig! (Sieht nach links.) Da ist die Commission. — Sie erlauben schon, daß ich mich a bißl niedersetz'. (Setzt sich auf den Tisch, so daß er den Sitzenden den Rücken kehrt.) Die Sitzenden. Verdammter Kerl, was ist denn das? Blinzl. O, ich bist' tausendmal um Vergebung! Rumelp. Sieht Er denn nicht, Bursche? Blinzl. (betrachtet Rumelpuff). Ach, die Madam Kranzelgruberin — was machen denn Sie da? Rumelp. Was, ich eine Madam? Spatzenps. Was untersteht Er sich, das ist ja der Herr Commandant. Blinzl. Nicht möglich! Ach, wie Sie der alten Kranzelgruberin gleich seh n, auf a Haar. Das nämliche alte Weib wie die Kranzel — Rumelp. Wie heißt Er? Blinzl. Ich heiß' Melchior Blinzler. Rumelp. Sein Alter? Blinzl. Mein Alter? Der hat Sebastian Blinzler g'heißen, aber der ist schon sechs Jahr' todt. Rumelp. Wie alt Er ist, will ich wissen. Blinzl. Ah so! Neunundzwanzig Jahr'. Rumelp. Stand? Blinzl. Junger Wittiber. Rumelp. Ich meine seinen Charakter. Blinzl. Ehrlich und rechtschaffen. Rumelp. Seine Beschäftigung will ich wissen. Blinzl. Gegenwärtig Hab' ich gar keine Beschäftigung, ich geh' müßig, Müßiggang ist aller Laster Anfang, jeht weiß ich noch nicht, was für ein Laster ich krie- gen werd'. Rumelp. Was für ein Handwerk Er hat, mein' ich. Blinzl. Ah so! Bisher war ich Katarrhzetteleinwickler bei ein' Zuckerbäcker. Rumelp. Hat Er ein besonderes Gebrechen? Blinzl. Zwei: erstens gebricht's mir an Geld, und zweitens bin ich kurzsichtig. Dr. Kletz. Kurzsichtig? Blinzl. Ja, ich siech sehr kurz, wann ich eine Ellen anschau, kommt's mir vor wie a Trümmerl. Dr. Kletz. Da erscheinen Ihm wahrscheinlich alle Gegenstände wie in einem Nebel? Schau Er mich einmal genau an, wie komm' ich ihm vor? Blinzl. Auch so benebelt. Dr. Kletz. Lese Er einmal durch diese Brille, die gehört für Kurzsichtige. Hier Hab' ich zufällig ein Buch bei mir. Blinzl. (bei sich). Jetzt geht's gut. Dr. Kletz. Es find Hölty's Gedichte. Lest Er dieses da. »Lob der Redlichkeit." Blinzl. (bei sich.) Gott sei Dank, das kann ich auswendig. (Thut als ob er lese.) »Ueb' immer Treu und Redlichkeit bis an dein kühles Grab —* Dr. Kletz. Schon gut. 9 Blinzl. »Und weiche keinen Fingerbreit von Gottes Wegen ab« — Rum.elp. Genug! Blinzl. »Dann wirst Du« — Rumelp. Nehm Er seinen Hut und geh' Er. Blinzl. Sehr wohl. (Setzt Rumelpuff's Hut auf.) Rumelp. Was treibt Er denn? Das ist ja mein Hut. Blinzl. Entschuldigen, ich Hab' glaubt der meinige. (Nimmt seinen Hut.) Meine Augen werden alleweil schlechter. (Ab.) Spatzenpf. Rufen Sie den Nächsten. Kratzer. Samuel Flekeles! Rumelp. Das ist endlich Einer, der was verspricht! — Samuel Flekeles! Dreizehnte Scene. Vorige. Flekeles (stotternd). Flek. (zurücksprechend). Was wollen Sie mir halten zurück, lasten Sie mir geh'n, ich kann nicht erwarten die Zeit, wo ich werd' die Ehre haben zu stehen vor die Commission! Rumelp. Sein Name? F lek. Samuel Flekeles. Rumelp. Wie alt? Flek. Zwei und — zwanzig — mit sechs Percent Agio. Rumelp. Wie so? Flek. Vier Monat Hab' ich mehr. Rumelp. Er stottert ja. Flek. Wer? Rumelp. Er. Flek. Wer hat Ihnen das gesagt? Rumelp. Was Hot Er für ein Gewerbe ? Flek. Ich habe gar kein Gewerbe, ich habe eine Ku — Ku — Ku — Rumelp. Eine Kuh? Flek. Kunst. Ich bin Künstler beim Volkstheater in Meidling. Rumelp. Also Schauspieler? Flek. Nein, ich bin Sonst—Souffleur. Rumelp. Das muß ein schönes Theater sein. Flek. Wir haben erst neulich gegeben die Jungfrau von Casimir — Rumelp. Orleans — heißt es. Flek. Orleans oder Casimir, ich Hab' doch gewußt, es ist etwas a Hosenstoff — ich sag' Ihnen, das ist gewesen eine Vorstellung, eine nie da — nie da — Rumelp. Niederträchtige. Flek. Nie dagewesene. Rumelp. Ist er Stotterer von Geburt? Flek. Schon vor die Geburt, aber ich Hab' mir's beinah' ganz abgewöhnt, denn ich trag' immer im Mund kleine Steinl. Rumelp. Haha! Er brauchet ja wenig- stens eine Stunde zum »Wer da« rufen. Flek. Sie meinen, ich kann nix rufen? Ich kann sehr gut rufen: »Halt wer da!« Pa—Pa—Pa — Rumelp. Was, Papa? Flek. Patrouille vorbei! Rumelp. Er kann geh'n, er ist frei! Flek. Wer? Sie wollen mir weisen zurück? Das is a Schand, ich will nix gewiesen werden zurück. Ich will dienen vor mein Vaterland, ich bin ein deutscher Patriot und die Deutschen find immer gewesen tapfer und mu—mu — Rumelp. Geh' Er zum Teufel! Flek. Nein, ich geh' nix zum Teufel — Muthig find sie gewesen — ich will zu die Kavallerie zu Pferd! Ich werd' mir beschwer'n, ich werd' schon sehen, ob ich nicht werd' kommen zu die Kavallerie! — (Bei Seite.) Haste geseh'n, ich bin gerutscht durch, da werd' ich heut' Abend trinken ein' Punsch! (Ab.) Spatzenpf. Schließen Sie das Protokoll ab! Rumelp. Das war eine schöne Rekru^ tiruvg. Wenn das noch mehrere Jahre so fortgeht, so wird die Krähwinkler Armee bald aufgelöst sein. Spatzenpf. Meine Herren, die Sitzung ist aufgehoben. (Marsch. Alle ab.) 10 Vierzehnte Scene. Blinzler. Stangl. Flekeles. Stangl. Sie seins fort, ich könnt' ich fingen vor Freuden. Flek. Und ich könnt' tanzen a Qua- drill, aber ich bin noch zu schwach. Blinzl. Zuhe! Entlassen! als untauglich entlassen. Aber fein haben wir's an« g'stellt, daß wir loskommen sein! Flek. Das macht nichts, wenn man will kommen heut zu Tag fort als ehrlicher Mann, muß man a klan Bißl bemogeln. Blinzl. Jetzt bin ich frei, jetzt wird gleich g'heirat't! Stangl. Ich geh' ich auch von Freiheit männliche auf Sklaverei weibliche. Flek. Ich werd auch machen e Tausch, ich vertausch den ledigen Stand. Apropos! Sie waren ja schon verheirat'? Blinzl. Ja wohl, folglich kann ich aus Erfahrung reden. Flek. Sie haben doch gut gelebt mit die Ihrige? Blinzl. O freili! Was ihr in die Hand kommen is. hat sie mir nachgeworfen, Reindln, Heferln, alles Erdenkliche, und wann fie mich 'troffen hat, da hat sie a Freud g'habt, und wann fie mich nicht 'troffen hat, da Hab' ich a Freud' g'habt, und so war unser Ehestand voller Freuden! Stangl. Aber Sie sein's zärtliches! Flek. (steht in die Loulisse). Gott Du Gerechter! Dort kommt die Sali! Stangl. Blinzl. Die Sali! Fünfzehnte Scene. Vorige. Sali. Dann Spatzenpfiff. Stangl. Sali! l Blinzl. Holde Sali! > (Zugleich.) Flek. Himmlische Sali! f Blinzl. Sali, ich bin jetzt frei und wage daher ein Geständm'ß, das schon lange mein Herz unterminirt. Sali, Du bist meine Venus, meine Juno, meine Hebe, meine Grazie, meine ganze Mythologie! Stangl. Sali, ich Hab' ich wahnsinnige Lieb' zu Ihnen. Flek. Millionpercentige Sali! erhören Sie meine Liebe, die nie wird fallen, sondern immer werd steigen und sich wird verinteressiren mit hundert Procent. Sali. So lassen's mich doch! Flek. Haben Sie Mitleid, Sali, erhören Sie mir, sonst bring' mich um mit einem Taschenmesser, oder ich vergift' mich mit Pottasch, Kleesalz, grüne Oblaten, Strachin — Spatzenpf. Ja, was ist denn das? Die Tauben hören auf einmal, die Blinden sehen und die Stotterer reden ganz deutlich. Blinzl. (blinzelnd). Die Stimm' kommt mir bekannt vor, wenn ich nur ausnehmen könnt', wem's g'hört! Spatzenpf. Geb' Er sich keine Mühe mehr, Eure Betrügereien find jetzt entdeckt! Stangl. Sie habea's was abg'schleckt? Spatzenpf. Ihre alle Drei seid saubere Schurken. Stangl. Sauere Gurken? ja zum Rindfleisch ist gut. Flek. Ich bitt' Herr v. Minister, ich stotter' nur dann und wann, wenn Regen ist in der Luft, oder wenn ist der Komet am Himmel. Stangl. Ja. wann ist Cadet am Schimmel. Spatzenpf. Wahrscheinlich stottert er nur, wenn er assentirt werden soll. Flek. Seh' ich nicht sehr elend aus? Spatzenpf. 's Maul halten! Wo ist der Stefan Hagl? Hagl (tritt ein). Hier. Spatzenpf. Zch weiß nicht. Er kommt mir auf einmal größer vor. II Ha gl. Ja, seit vorig's Jahr bin ich stark g'wachsen. Spatzenpf. Hier ist sein Entlassungsschein. Ha gl (erstaunt). Wie — mein — Sali (stupst ihn). Pst! Spatzenpf. Und Ihr Gauner werdet heute noch affentirt und alsogleich in den Kotter gesteckt. Wächter, thut eure Schuldigkeit. Flek. Das gilt nix, Sie haben uns belauscht, das ist keine Gerechtigkeit. Und mir können Sie niks thun — heut' is Schabbes. Spatzenpf. Fort, zum Profoßen! St angl. Wir kriegn's was auf Hosen! Schtußgesang. Flekeles. Jrtzt ist Alles verpantscht Und ist Alles verlor'n; Ich könnt' schon meschüaae wern Vor lauter Zorn! Dlinzler. Ich könnt mich vor Gall Gleich quint'lweis z'reißen! Stangl. Und ich könnt' mir die Nasen Aus'n G sicht selber beißen! Sali. Zwei Vögerl sein frei jetzt Und bau'n sich a Nest. Alle Drei. Und wir Drei werd'n eing'sperrt. Weil wir Gimpeln sein g'west Blinzler. I Hab' so schön blinzelt. Und alles hat nix g'nutzt; Jetzt krieg ich den Schießprügl Und d'Haar werd'n mir gestutzt. Flekeles. Hab' g'stammelt und g'stottert Das war eine Schand; Und, wai g'schrien, jetzt geben's mir » Ein'n Sab'l in d'Hand Alle. Zwei Vögel sein frei jetzt Und bau'n sich a Nest llnd ^ ^ ^ Drei werd'n eing'sperrt Weil'wir j !°m g'west! (Sali und Ha gl umarmen sich. — Die übrigen Drei werden von Klaus abgeführt.) Ende. In der WalliShaufser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt, hoher Markt Nr. 1, find erschienen: ZMEP GOMjE aus den beliebtesten Wiener Posten. Sech- Hefte. Preis «ineS jeden Heftes 50 kr. öftere. Währ, oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Derg, B- F. 1- Da möcht' i halt das G'wissen sein. 2- Requifiten-Couplet. 3- Figuren-Louplet. 4. Nachher wird rS schon wera. 5- Glöckchen-Couplet. 6. Biblisches Couplet. 7- Falsche Benennungen. 8- Dann ist fie da die bessere Zeit. 9. 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün. 10- Volkslieder. 11. Aber geb'n thut'S es nit. — Berla, Alois. 12. Jetzt da war's halt Noth, daß wer antauchen thät. 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. 14. Zu was dann die Feindseligkeit gegen das Thier. 15. Lachcouplet. 16- Aus einer Lhroaika- 17- Früchte, die verboten find. 18- Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20. Mythologie-Loupirt. — Berta u. Bittner. 21. Ohne Umschneiderei. 22 Die papierene Zeit. 23- Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Bittner, Anton. 24. Thier-Couplet. 25. Das ist noch Geheimniß. 26 Wer hätt' es geahnt- 27- 6drvnigus seanänlsuss. — Bittner u. Morländer. 28. Aehnlichkeiten zwischen Menschen und Thierrn. — Blank, Alois. 29- Und so wird hinterrücks g'rrdt. — Böhm, Josef. 30- Na da sieht man's doch, daß'S an der Eintheilung fehlt. 31- Wenn man die Wirkung fleht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32. Maschinen-Couplet. 33 Wo mau was sucht, dort find't man rS nicht. — Elmar, Carl. 34. O Spiel der Natur. 35. Lied des Teufels. 36- Man glaubt nicht, was in einem Menschen oft steckt. 37- So nehmen fich die Dinge von der Kehrseite auS. 38- O ungeheure Ironie. 39. Da möcht' ich halt wissen, was nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes: Elmar, Carl. 40- Was lieget da dran. 41- Ja so geht's, wenn man h-ut' zu Tag Geister citirt. — Feldmann u. Flamm. 42. Mit Kleinem fängt man an, mit Großem hört man auf. 43. So was, daS sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Theod. 44- Keine Rose ohne Dornen. 45 Gesundheit und ein recht langes Leben. 46. Jedes Häserl hat sein Dickerl. 47- Repertoire-Couplet. — Flamm u. Wimmer. 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät. 49- So behilft fich halt Zeder, so gut als er kann. — Gottsleben, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 51. Verschiedene Ursachen. — Grois« Louis. 52- Na, daS kennen wir schon! 53. Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54. Wir bedanken uns sehr. — Grünn, Johann. 55- WaS ein Narr ist. 56- Chineser-Couplet. — Gründorf. 57- Nöthi wär's net, aber nothwrudi war's. — Haffner, Carl. 58- Da find'- mäuserlstill. 59- Es steckt was dahinter, ich vett. — Hopp, Friedrich. 60- Wann der mein Kapperl hält'. 61. Ja, ich kann's nit ändern, es is halt a so. — Juin. 62 Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht. 63- Wozu Mancher eigentlich geboren. 64- Fiakerlied. 65. DaS wissen die Götter, wohin daS soll führen. 66- .Ta ßwird einem heiß kalt — warm! Ungeheuer genannt! Inhalt des dritten Heftes: Kaiser, Friedrich. 67. Ich bttt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. 68- Es muß ja nicht gleich sein. 69. Da braucht mau beim hellichteu Tag a Latern. 70. Jetzt das g'hört auf ein anderes Blatt. 71. Die find halt g'scheidt. 72- DaS ist so nobel und so billig dabei. — Langer, Anton. 73. Was ist der Unterschied. 74- Aber da mag Keiner net. 75. Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 76. Es schaut nur gemeiner auS. 77. Zu früh und zu spät. 78- Man kann fich's wohl denken, aber sagen darf man'S nicht. 7g. Wann mich der fragen thät. — Megerlr, Lher. 80- Marsch mit dem in d'Butteu- 81. Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. — strstroy. 82- Und 'S ist Alle- net wahr. 83- Stern-Lied aus »Lumpaci*. 64. Auf was fich Mancher hinauswachsen kann. 85- DaS wär ganz etwas Neu's. 86 Und man kommt auf kein Grund. 87. Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 88. Za, hat denn die Sprach' da kein anderes Wort. — Varrn, A. 89- Ob der die Wahrheit wird sagen. Inhalt des vierte« Heftes: Berg, 0. F. 1. Da such' ich in mein' Büchel. — Berg u. Grün. 2- Mensch und Thier- — Berg, B- F. 3. DaS steht lO.OOOmal. — Berta, Alois. 4- So machen Ein'm die Kinder nix als Aerger und Verdruß- 5. Konsequenzen. 6- Zs 's a Wunder? 7. Wir wollen uns freiten. 8 Moderne Waffengattungen. — Bittner, Ant. 9- Das iS a Malheur. 10- Hm, hm, hm! — Blank, Alois. 11. So schaut - mit den neuen Erfindungen auS- — Böhm, Josef. 12- Wer traut sich da zu fragen? 13. So a Ansicht thut Einem weh. — Ederhart, Vlik. 14- WaS a Kunst is. — Elmar, Carl. 15- Und ein Solcher geht um und'v Andern sperr'aS ein! 16. Das sein glückliche Leut ! 17. Ackerlied. 18- So fängt man halt' wieder beim alten Zopf au. 19- Ob Vieles nit wohlthätig war. Feldmann, L. 20. Aenderung g'spüren. — Flamm, Theod. 21- Wasch' mir'« Pelz, aber mach' mir'» nit naß. 22- Die Vögel kennt mau an dm Federn- 23- So lang wir nit mehr hab'n. — Friese, C. A. 24- Das Lied von der Erinoline- 25- Gute Nacht. — Grand- Jean, M. A. Das doppelte Gesicht- — Grois, Louis. 27- Lied ohne Reime. 28- Uhren-Lied. — Grün, Johann. 29- Wo steckt der Teufel? 30. Traum-Eouplet- — Pfundheller, I. 31- DaS hat nicht die Zeit gemacht. — Haffner, T. u. Weihrauch. 32- Erst das Geschäft und dann das Vergnügen. — Juin, Carl. 33- Nimm Dich selbst bei der Nase. Inhalt des fünfte« Heftes: Juin, Carl. 34. Schlechte Sprichwörter. 35- Einmal ist keinmal. 36. Was HännSchen gelernt hat, läßt Hann- nimmermehr. 37. Ja, fragen ist leicht, aber antworten schwer. 38- Es gibt kein Mensch einen Groschen dafür. — Kaiser, Friedrich. 39. Da hört - halt auf Unterhaltung zu sein. 40- Im hundertsten Jahr. 41. Haben muß man's, aber brauchen soll man's nicht. 42. Wir hoben halt Heuer a g'segnetes Jahr. 43. Wann man nur früher eine Prob' halten könnt'. — Kola. 44- Der ganze Papa! — Langer, Anton. 45. Jedes Ding hat zwei Seiten. 46- Wie muß denn der da hineinkommen sein? 47- Sie red't nur a so. 48- Jetzt, der wird sich - noch a Weit überlegen. 49. Ist da- praktisch? 50. Biblisches Couplet. 51- Was mich nicht brennt, das blas' ich nicht. — Megerle, Lher. 52. So kommt Mancher zu waS. 53. WaS unser Ein- nit sagm darf. 54- So find wir wieder dort, wo wir früher schon waren. — Megerle, Jul. 55- Waden Wienern abgeht. — Merlin, Hugo. 56- Nebelbilder. — Morlinder. 57- Grgm die Dienstbolen Hab' ich a Wuth. — Moser, I. B 58. Der Hanfi kann's nit, der HanS aber kann'-. 59. koste restante. — Rrstroy, Joh. 60- Tarock-Lied. 61. Teufels-Lied. 62- Die heimlich« Eisenbahn. — Post, I. B- 63. Ja, die haben halt ka Glück. Inhalt des sechsten Heftes: Schönau, Carl. 64. Beim Bäcken! — Schönau, Joh. 65- Rebus-Lied! 66- Waa s ma's denn? — Slip, C. F. 67. Man glaubt nicht, was die reichen Leut' die kleinste Freud' oft kost't! 68. Ah, da d'rauf is net z'geh'n! — Lesco, W. 69. Der Traum von der Hölle. 70- Glocken-Couplet. — Treumann, C. 71. So waS heißt deutsch g'red't. 72- Unsere Sachen dürsten auch nicht schlecht sein. 73. Ein bisserl mehr stolz sein, das könnt' uns nicht schaden. — Wysber. 74. Einer kann'- nit richten. — Berla, Alois. 75. Na frei!! was denn? — Berg, B F- 76. Da hört me dann nix wehr. 77- Der Eine hat Däs- 78. Aber man g'wöhnt am End' schon All'S. — Bittner, Ant. 79- Bis aufs Wie —. — Blank. 80- Da steckt der Teufel d rin. — Elmar, Carl. ' 81. Man muß net zu viel begehren. 82. Hozat is! — Juin, Carl. 83- Moderne Uebersttzuvg 84. Ja freilich! — Langer, Ant. 85. Zwanzig Jahre machen halt ein' großen Unterschied! 86. Couplet auS: »Der Actieugreißler.« Jede» Heft wird auch einzeln abgegeben. Wallishauffer'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Zn der Wallishausser schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt hoher Markt Nr. 1, find erschienen: Das Leben ein Traum. Nach dem Spanischen des Calderon de la Barca für die deutsche Bühne bearbeitet von C. A. West. Künste Auflage, mit einem einleitenden Vorwort von Heinrich Laube, kl. 8. 1867. Miniatur-Ausgabe, broschirt fl. I—20 Sgr. Donna Diana. Lustspiel in'3 Acten. Nach dem Spanischen des Don Augustin Moreto von Carl August West. Fünfte Auflage. Mit einer Einleitung v. I. W. Appell, kl. 8. Miniatur-Ausgabe, broschirt 1 fl. 50 kr. — I Thlr. — Elegant in engl. Leinwand gebunden, mit reicher Decken- und Rückenverzierung. 2 fl. 40 kr. — 1 Thlr. 18 Sgr. — Elegant h feines Kalbleder gebunden, mit gleich reicher Goldverzierung 3 fl. — 2 Thlr. Buzzi, Andreas, Ritter von, Dramatischer Nachlaß, kl. 8. 1866. Miniatur-Ausgabe. broschirt 2 fl. — I Thlr. 10 Sgr. König Ragnar's Hort. Dramatisches Märchen in fünf Aufzügen von Eginhard. Zweite Auflage, gr. 8. 1871. br. I fl. — 20 Sgr. Aristodemos. Trauerspiel in fünf Aufzügen. Aus dem Italienischen deS Dincenzo Mo nti, 8. 1572. Velinpapier, br. 1 fl. — 20 Sgr. Album österreichischer Dichter. Neue Folge. Mit 12 Porträts in Stahlstich, gr. 8. 1858. broschirt 1 fl. 50 kr. — 1 Thlr. — Elegant in engl. Leinwand gebunden, mit Goldschnitt 2 fl. 50 kr. — i Thlr. 20 Sgr. Kaiser, Fr., Friedrich Beckmann. Heiteres — Ernstes — Trauriges aus seinem Leben. kl. 8. 1866. Elegant broschirt 50 kr. — 10 Sgr. Sophie Schröder wie sie lebt im Gedächtniß ihrer Zeitgenossen und Kinder. Mit 3 Porträts, gr. 8. 1870. br. 3 fl. — 2 Thlr. Mozart-Buch. Von Dr. Lonstantin von Wurzbach. gr. 8. 1869. br. 2 fl. — 1 Thlr. 10 Sgr. Don Friedrich Kaiser find bei uns erschienen: Männerschönheit. Original-Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit Titelkupser. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Eine Posse als Medicin. Originalpossc mit Gesang in 3 Acten. Mit allegorischem Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Fürst. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischem Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Mönch und Soldat. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Charakterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Der Rastelbinder, oder: 10.000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Tilel- bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Junker und Knecht. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 7 5 Nkr. Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Acten. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbildes 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Dienstbotenwirthschaft, oder: Chatoulle und Uhr. Charakterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Doctor und Friseur, oder: Die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 Acten. Zweite Auflage. 7^ Sgr. oder 35 Nkr. Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7 '/, Sgr. oder 35 Nkr. Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. :o Sgr. oder 50 Nkr. Ein neuer Monte-Christo. Original-Charakterbild in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Die Frau Wirthin. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Etwas Kleines. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Zwei Testamente. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Unrecht Gut. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten und Vorspiele. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Des Krämers Töchterlein. Original - Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Eine Feindin und ein Freund. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Ein Lump. Charakterbild mit Gesang in 3 Arten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Verrechnet. Original-Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Mr. Palais und Irrenhaus. Original - Charakterbild mit Gesang in 2 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Schlechtes Papier. Origin al-DolkSstück mit Gesang >r» 3 Abteilungen. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Don Leopold Feldmann find im Verlage der Maüi^Iiuu^er^' Mu^iliamllung (Josef Klemm) erschienen: Deutsche Drigiuut Lustspiele. II. Band- 1847: Der Pascha und sein Sohn. — Eia Freundschasts-Bündniß. — Ursprung de- Korbgebrns. — Eine unglückliche Physiognomie. — Drei Kandidaten. III. Land. 1849: Ein höflicher Mann. — Der dreißigste November. — Ein Mädchen vom Theater. — Baron Beisele und sein Hofmeister Doctor Eisele in München. — Der Lebensretter. IV. Band. 1849: Der Rechnuagsrath und seine Töchter. — Der deutsche Michel, oder: Familien-Unruhen. — Kern und Schale. — Ahnenstolz in der Klemme. — Bekenntnisse riveS Brautpaare-. — DaS NarrenhauS. V. Band. 1851: Faustin I., Kaiser von Haiti. — Ein alte- Herz. — Die beiden Kapellmeister. — DaS Gastmahl zu Luxenhain. — Der neue Robinson, oder: daS goldene Deutschland. VI. Baud 1852: Die beiden Faßbinder, oder: Reflexionen und Aufmerksamkeiten. — Die beiden Schicksalsbrüder.— Die Industrie-Ausstellung, oder: Reise-Abenteuer in London. — List und Dummheit. Preis eine» jeden Landes 2 Thlr. oder 3 fl. In neuen Auslagen erscheinen demnächst: Di« Kirsche«. — Di« frei« Wahl. — Di« schön« Rtheuienserin. Druck und Papier von Leopold Sommer L Comp iu Wien. (Den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt.) Das tägliche Brat. Charaktergemülde mit Gesang in -rer Acten von Alois Berla. Musik von Kapellmeister Franz«. Suppe. (Im k. k. priv. Theater an der Wien zuerst mit glänzendem Erfolge gegeben.) -- Personen: Baron Steinburg. Ada, t Kmd.r Thaddäus v. Prunkrnstkin. Herr v. Rittrauber. Frau v. Rittrauber. Emilie, l Valentin Streckhoser, Privatbeamter. bhristof Balk, Zimmermann. Trau dH seine Frau. Eduard, Mediciner, ^ Hanni, Kammerjungser, » Seppl. > deren Kinder. Natzl, 1 Earl. ! Tbeater-Reperloire, Nr. 102. Nabel, Pferdehändler. Mademoiselle Marie, Modistin. Jeremias Drrttelhupfer, Prunkenstein's Bedienter. Ein alter Herr. Ein dicker Herr. Erster j 3w.i,,r j Ein Spieler. Eine junge Dame. Ein junger Mann. Marian ka, Dienstmädchen. Franz l, l Loisel, ^ Kinder des Jeremias. Hansl, t Ein Diener Rittrauber's. 1 Erster Art. (Der Hosraum eines Herrschaftshauses. In der Mitte des Hintergrundes das weit offene Thor, welches auf die Straße führt. Unter dem Dorhause der mit einer Glasthür geschlossene Ausgang zur Haupttreppe (links vom Zuschauer). Durch diese gelangt man auch auf eine in der ersten Etage befindliche Terrasse mit exotischen Gewächsen (eine Art Gärtchen). Nach vorne läuft der Seitenflügel des Gebäudes. Rechts ist ein kleiner Anbau. Stallungen enthaltend. In der zweiten Eoulisse rechts rin Gitter, welches in den Garten führt.) Erste Scene. Cornelius. Nabel. Jacques. (Die Stallthür rechts offen, vor derselben steht ein Kutscher im Stallkleide und Jacques in brauner Reitlivree. In der Mitte führt Nabel s Reitknecht ein Pferd vor Ganz vorne, rechts, steht Cornelius, neben ihm Nabel, und betrachten das Pferd.) Corn. Der Braun ist nicht übel. Was ist er für ein Landsmann? Nabel (fein lächelnd). O, Herr Baron scherzen wohl? Ein Sportsman wie Sie zweifelt gewiß nicht, daß der Braun echt englisches Vollblut ist. Corn. Und ist er vertraut? Nabel. Freilich! Jede Dame kann ihn reiten. Er ist fromm wie ein Lamm und dabei doch so schnellfüßig, daß er bei jedem Rennen siegen muß. Kurz, wenn es etwas Vollkommeneres gibt, so ist es dieser Braun. Corn. Der Preis? Nabel (drvot). Zahlen der Herr Baron sogleich? Corn. (glrichgiltig). Ich dächte, das hat Zeit? Nabel (bereitwillig). Natürlich! Also — 1500 fl. Corn. (leicht). Sie sind theuer, mein Bester. Nabel (betheuernd). Gewiß nicht. Erinnern sich der Herr Baron gefälligst des Blauschimmels für Fräulein Gabriele. — Corn. Ich weiß, 500 Ducatm zahlte ich Ihnen. Allein vergessen Sie nicht, daß ich den Blauschimmel nicht gekauft hätte, wäre ich in der Lage gewesen, der reizenden Gabriele die Bitte verweigern zu können. Nabel (vrrbcngt sich). Corn. Indessen, der Braun ist mein, und ich will mich auch gleich von seinen gerühmten Eigenschaften überzeugen. (Geht gegen das Pfcrd und ruft zurück.) Schicken Sie dieser Tage einen Bevollmächtigten der 1500 fi. wegen. Nabel. O, ich bitte, hat keine Eile. Corn. Und wenn die neuen Pferde ankommen, so stellen Sie mir einen Viererzug zusammen, wenn auch ungleich in der Farbe, jedoch von gleichem Schnitt und gleichem Temperament. (Stcigt auf das Pferd, den Hut ein wenig lüftend.) Adieu! Nabel (grüßt). Herr Baron, ich habe die Ehre. Corn. (reitet zum Thor hinaus). Jacques (steigt auf ein zweites Pferd und folgt Cornelius. Der Kutscher geht in den Stall, dir Thür wird geschloffen). Zweite Scene. Nabel (allein, fich eine Cigarre ansteckend). Schicken Sic dieser Tage Ihren Bevollmächtigten der 1500 fl. wegen. Na, der alte Baron wird wieder, wie schon öfter, Lärm schlagen — ich weiß; paffirt alle Tage ein paarmal, daß die Väter über den Lurus ihrer Herren Söhne außer sich gerathm. Aber was kümmert's mich? Ich bin Geschäftsmann. (Zu seinem Reitknecht.) Komm, Josef! (Geht mit dem Reitknecht gegen das Thor. Unter dem Dorhause begegnet er Mademoiselle Marie, welche, mit ein paar Mädchen die Carions tragend, eintrstt.) Dritte Scene. Nabel. Marie. Mädchen. Nabel (grüßend). Ah, Mademoiselle Marie — Wohin? Marie. Ihre Dienerin, Herr von Nabel. Ich muß zu der Baronesse Steinburg. Nabel. Und diese Menge Cartons? Marie. Lauter Pariserwaaren? Weshalb lachen Sie? Nabel. Ueber den Zufall, der uns so häufig unter den Hausthoren vornehmer Leute zusammenfuhrt. Marie (lächelnd). 2a, in den Salons können wir uns nicht treffen. Nabel. Wir sind nicht vornehm, müssen suchen unser Brot mit Anstand zu verdienen. Marie. Und dürfen deshalb keine Zeit verlieren. Adieu, Herr von Nabel! (Geht durch die Glasthür mit den Mädchen ab, die Treppt hinauf.) Nabel (sagt grüßend). Ihr Diener, Mademoiselle! (Mildem Reitknecht durchs Thor ab.) Vierte Scene. Christof Balk. (kill alter Mann, noch rüstig, halb und halb im Arbeitskleide, jedoch mit Hut und Stock.) Entree-Lied. Sich gratulir'n bei derer Zeit, Das können nur wir Zimmerleut', Die d'meiste Arbeit hab'n vor All'n, Weil d'Häuser maffenweis z'sammfall'n; Bei unser'm G'schäft ist d'Luft a rein, Wir arbeiten zum Glück im Frei'n, Und von der Krankheit neu'ster Zeit — Vom Schwindel — sein wir a befreit. S'pfuscht Mancher uns in's Handwerk n'ein, Will zimmern sich ein Haus ganz fein, Und ohne Arbeit, ohne Müh' Deckt er das Dach ein mit Papier; Auf amal hat der Wind sich dreht, Und hat den Dachstuhl ganz verweht, Jetzt sitzt der Pfuscher und seufzt schwer: Herrgott! wo nehm' ich Deckung her? D'rum sag' i: Arbeit und sonst nir, Sie stützt allein den Bau des Glücks, Wer tüchtig arbeit't, profitirt, Weil er nir wagt und nir verliert; Ich bin a starker Sechz'ger schon, Bin aber do no Zimmermann, Und wann i stirb, werd' i no mehr: In Währing *) draußt gar Zimmerherr! (Durch das Thor kommen zwe' Zimmergesell«''' mit Arbeitsgeräthschasten.) Fünfte Scene. Balk. Zwei Gesellen. Balk (grht ihnen entgegen). Aha, da kum- mens schon, meine Mitarbeiter! Gesellen. Grüß Gott, Herr Master! Balk. No, seid's fertig mit'n G'rüst für den Bau in Neu-Wien? Erster Geselle. No net ganz! — Aber ich muß dem Master was G'spaßigs erzählen. Glei im erst'n Tag, wo wir ang'fan- gen hab'n s'G'rüst ausz'schlag'n, sein Leut' kommen, die in dem Haus, was erst baut wird, Quartier aufg'nommen hab'n. Balk. Was! gegenwärtige Parteien, die in ein' zukünftigen Haus logieren, das is g'spaßig? Traurig is, und i furcht' sogar, daß der zukünftige Hausherr den Par- tei'n die Aufsag' schickt, weil er so lang aus'n Zins warten muß. Zweiter Geselle. Daneb'n hat wieder Aner an'n Grund zu an'n Haus kauft, und bei der G'legenheit hat'n a Herr an- g'redt, er soll mit ihm Contract machen, daß der Herr im Haus, wann's baut is, Quartier kriegt. D'rauf hat der Hausherr g'sagt: Haben Sie Kinder? »Ja, drei Stuck, lauter klani Madeln.« Ist mir leid, hat der Hausherr g'sagt, i nimm' kan Partei mit klani Kinder! Balk. Is das a dumme Red. — Bis das Haus in Neu-Wien ausbaut is, hat der glückliche Vater seine kleinen drei Madeln schon längst ausg'heirat'! Aber Sa- *) Hin Friedhof in Wien- 1 * 4 perlot, wir steh'n da und plauschen — der Herr von Prunkenstein wird no die Geduld verlieren, wenn wir mit dem Gartensalettel so lang umtandeln.—Vorwärts! (Die Gesellen gehen in den Garten, Balk will ihnen folgen, in dem Augenblicke kommt Baron Steinburg.) Sechste Scene. Balk. Baron Steinburg (rin alter Herr — militärische Haltung — kräftige imponirende Gestalt, elegant angezogen und höchst aufgeregt, kommt zum Thor herein, will zuerst die Glasthür öffnen, besinnt sich eines Andern, und will durch den Hof nach dem Garten.) Balk (der ihn bemerkte, spricht während der Zeit). Da will Einer den Hof stürmen. (Erkennt ihn.) Saperlot, das ist ja mein Wohlthäter, der alte Herr Baron! (Ruft freudig, doch äußerst respektvoll.) Euer Gnaden, Herr Baron, wünsch' guten Morgen! Steinb. (wendet sich um). Ah, Ihr seid's, Meister Balk! Balk. Ja, ich habe die Ehre! — aber mein Gott, wie schau'n denn Etter Gnaden aus? Js Etter Gnaden a Unglück g'scheh'n? Steinb. (mit Erregung). Ja, mein guter Balk, ick verwünsche meine Geburt! — Balk. Ah, wie könnt' denn die ein Unglück sein? Vermöge der Satzungen der Natur ist ja ein Herr Baron nicht nur Wohlgeboren, sondern sogar Hochwohledelgeboren. Steinb. (ärgerlich). Was wißt denn Ihr von den Satzungen der Natur! Balk. Ja, unsereins weiß freili mehr von Brot- oder Fleischsatzungcn. Steinb. Adieu, Balk! (Will in den Garten.) Balk. Sein Euer Gnaden bös? Steinb. (kommt zurück). Nein, Meister, Ihr seid ein ehrenwerther Mann, ich kenne Euch. — Balk. Seit zwölf Jahren! damals hab'n Etter Gnaden zufälli g'hört, daß's mir schlecht geht — meine Kinder waren krank — Pfändung — Euer Gnaden hab'n g'holsen. Steinb. Alltags geschichten! Ich streckte Geld vor, Ihr zahltet mir's zurück. Das ist nichts Besonderes. Aber Ihr seid mir noch obendrein dankbar, das kommt heut zu Tage selten vor. — Ich kenne einen Undankbaren! (Bricht plötzlich ärgerlich los) O, er hätte Mich bald niedergeritten! Balk. Was, niedergeritten? Aha, g'wiß mit zehn- oder zwanzigtausend Gulden, durch so an Schwindler is g'schehen? Steinb. Nicht doch, durch ein Pferd. 'S war ein herrlicher Lichtbraun, echt englische Vollblut, (grimmig) kostet wenigstens tausend Gulden. Hör' Er nur! Ich machte meine Morgenpromenade, da sprengt ein Reiter heran, das Thier bäumt sich plötzlich, thut einen Seitensprung, gerade gegen mich; ich retirire, der Reiter ruft gleick- giltig »Pardon« und — fort war er! — Pardon und nichts weiter, o, es ist schändlich! — Balk. Ja, der Reiter kann do nit im Carrier vom Pferd steigen? Steinb. Der Reiter soll gar nicht aus dem kostbaren Pferde sitzen, denn der Reiter ist mein Sohn Cornelius, der mich mit Pferden über den Haufen reitet, die ich hinterdrein bezahlen muß. Balk. Ah, der junge Herr Baron war's? Steinb. (geht auf und nieder, blickt zufällig nach der Terrasse, stößt einen Schrei deS Zornes aus, dreht Balk blitzschnell um, und weist nach der Terrasse. Auf der Terrasse ist Ada mit Jenny, Mademoiselle Marie und den Mädchen, welche die jetzt geöffneten CartonS halten, getreten. Man besieht Putzsachen, Lhemisettchen re.) Steinb. Balk, wen seht Ihr dort? Balk. Dort? die gnädige Fräulein Baronesse, meine Tochter, die Kammerjungfer, a paar Schachteln, und —- Steinb. Seht Ihr meine Tochter Ada? Auch diese ist eine Undankbare! Balk. Die Ada? A da schaut's? Steinb. (der einen Augenblick mit seinen 5 Empfindungen kämpft). Balk, Ihr wart Soldat, seid ein redlicher Mann, seid selbst Familienvater — seht — mir ist das Herz so voll — ich muß mich Jemand anvertrauen. Hört nur: Als ich meine Charge bei der Armee quittirte, vermälte ich mich und begann mich mit meinem geringen Vermögen bei allerlei industriellen Unternehmungen zu betheiligen. Das Glück wendete sich mir zu, meine Kapitalien vergrößerten sich, ich konnte ein Haus macken und meine Salons wurden Vereinigungspunkte der vornehmen Welt. Da starb meine Gemalin. (Wkhmüttng.) Unseren Bund hatte die Liebe geschlossen. Ihr begreift, daß ich diesen Verlust als unersetzlich betrauerte. (Er schwngt vom Gefühl überwärmt) Balk. Gott, wann mein' Alte stirbt! (Sieht ganz trostlos aus.) Steinb. (der sich gesagt). Zu jener Zeit drängte man mich, an die Spitze eines Unternehmens zu treten, wodurch ich gezwungen wurde, nach England zu reisen, und später mein Domicil nach Steiermark zu verlegen. Ich sagte zu. Um jedoch die Erziehung meiner Kinder nicht zu beeinträchtigen, ließ ich sie unter der Obhut meines Schwagers, des Herrn von Prun- kenftein zurück, der, selbst ohne Vermögen, ein bedeutendes Jahresgeld durch mich bezog und mir daher verpflichtet war. Er versprach mir Sorge zu tragen, daß meine Kinder sowohl standes- als auch vernunftgemäß erzogen würden; (mit Groll) aber er hat mich hintergangen, meine Kinder zu eitlen Narren, zu Verschwendern gemacht. Mein Sohn, jedem ernsten Berufe abhold, spielt den großen Herrn, meine Tochter vertändelt Zeit und tausende von Thalern mit der Sorge für ihren Putz, sie hat nichts gelernt. Balk. Euer Gnaden, mit Verlaub; meine Tochter, die Kammerjungfer hat erzählt, die gnädige Baronesse kann vier todte und drei lebendige Sprachen, kann singen, Clavier spielen, malen, ja sogar kutschiren. Steinb. (aufbrausend). Aber kochen, nähen, stricken, waschen, wirtbsckasten, kur; alles, was eine ordentliche, ehrbare Hausfrau ausmacht, das kann sie nicht. Balk. Aber als Baronesse — Steinb. (erregt). Ich sage Euch, bei der Zeit, wo nichts in der Welt Bestand hat, die reichsten Leute über Nacht zu Bettlern werden können, soll jeder Mensch wissen, wie man sein Brot verdienen kann, um, wenn es Noth thut, im Stande der Armuth, es mit Ehren zu essen. Wie aber will meine Tochter dieß anstcllcn? Wenn sie nun wirklich einen reichen Mann heiratet, dieser aber plötzlich verarmt — stirbt — kann sie mit ihrem unvollständigen Geklapper fremder Sprachen sich und vielleicht eine zahlreiche Familie ernähren? — Oder soll sie wohl gar, weil sie reiten kann, .Kunstreiterin werden, und durch fünfzig Reife springen? Nichts da, gerade weil sie arm ist, wird sie noch mehr Bedürfnisse haben, diese nicht befriedigen können, verzweifeln, und eines Tages wird es heißen, die Frau so und so — eine geborne Baronesse — ist gestern im Irrrenhanse gestorben. Balk. Aber Gnaden — Steinb. (bitter). Und mein Sohn, der glänzende Eavalier, der hohe Summen auf Liebschaften, Pferde und am Spieltisch verpraßt, was wird mit ihm geschehen, wenn sein väterliches Erbtheil in fremde Taschen geflogen ist? Nichtsdestoweniger wird er sein Verschwenderleben fortsetzen, wird Schulden machen, sie nicht bezahlen können, sich vor elenden Wucherern erniedrigen, und doch in den Sckuldthurm wandern müssen, oder auf Reisen gehen, und eines Tages wird der Herr Baron mit Gott und der Menschheit zerfallen, mittelst einer Pistolenkugel sich arrangiren! Balk. Schrecklich! Steinb. Ich bin Baron, bin ein in Ehren ergrauter Mann, mein Name wird in allen Kreisen mit Auszeichnung genannt, kann ich denn dulden, daß man vorerst 6 mein Geld verschwendet, und nack dem Gelde meinen unbescholtenen Namen, die Ehre meines Hauses vernichtet? Balk. Aber Euer Gnaden! Steinb. Ja, so sehe ich cs kommen. Darum, Meister Balk, darum verwünsche ick) meine Geburt. Balk. Mit Verlaub, Euer Gnaden, tlun's das nit. Kinder sein immer a Segen Gottes. Sehn's Euer Gnaden, i und mein Alte haben vier nacheinander wie d'Orgelpseisen, die sehn's alle Tag, wie schwer 's armen Handwerksleuten wird, 's tägliche Brot zu verdienen. Die dürfen keine Güen machen, und alle Tag wird's ihnen ein paarmal eing'sagt, daß jed's Stückl Geld, was ihre Erziehung kost't, ein blutiger Schweißtropfen is, den sich die Eltern bei der Arbeit für ihre Kinder ab- preffen. Sie müssen a selber arbeiten, was Zeug halt, sonst sehen sie's doch nit ein! — Steinb. (mit Theilnahmr). Ja, Recht habt Ihr — wer arbeiten muß, der kann nicht verschwenden. Balk. Und man streckt sich nach der Decken. Mein Aeltester hat Doctor der Medicin wer'n wollen. Gut, sag' i: Du sollst's wer'n, aber fleißi mußt sein, studieren Tag und Nacht. Der Bua — will i sagen: — der Herr Mediciner, hat mir das Beste versprochen — er hat büffelt, daß i Angst kriegt Hab', er geht mir z'Grund, aber es is ganga (freudig) ja, gangen is! In ein paar Monaten macht er schon s'Rigorosum und was s'Schönste is, einer von seinen Professoren, der g'storbcn is, hat ihn zum Universalerben eing'setzt, da hat er a prachtvolle Einrichtung, 4000 fl. und a Todteng'ripp g'erbt; jetzt hat er Alles, was er für'n Anfang braucht. Steinb. Und Jenny, seine Tochter? Balk. Die Jenny? Z'Haus haßt's Hanni, die kann Alles, was ein ordentlich's Weib können muß. Weil's aber arm is und ihr's also g'scheh'n kann, daß's kein' Mann kriegt, d'rum muß sie in an noblen Haus ihre Studien machen, da kann's nachher vielleicht amal wo bei einer alten kranken Gräfin als G'sellschastcrin unterkom- kcn. S'is kan süß' Brot, aber stirbt d'Frau Gräfin, so hinterlafft's ihrer Pflegerin g'wiß a paar hundert Gulden, no nachher hat's a Heiratsgut, und der Mann, der's Heirat', kann nit sag'n, wie's jetzt so oft g'hört wird: Du bist nir und hast nir, i Hab' Dich g'heirat, wie'st gangen und g'standen bist — also s'Maul halten! — Euer Gnaden, Hab' i Recht oder nit? Steinb. (der im Augenblick mit einem Gedanken beschäftigt ist, ruft): Balk, wie sagte ich zuvor? Jeder Mensch soll wissen sein Brot zu verdienen, um, sobald es noth- thut, im Stande der Armuth mit Ehren essen zu können. Balk. Und i setz' dazu : Wann der Baum noch jung is, kann man ihn biegen, später aber is es z'spät! Steinb. Meister, es gilt zu handeln. Wollt Ihr mir beistehen? Balk. Euer Gnaden, Sie fragen noch? Steinb. Reicht mir die Hand und gelobt mir: Bereitwilligkeit, Treue, Verschwiegenheit! Balk (schlägtrin). Bereitwilligkeit, Treue, Verschwiegenheit! Steinb. Und jetzt kommt. (Geht mit Balk hastig nach dem Hintergrund. Zwischeuvor- hang fällt.) Verwandlung. (Ein kleiner Herrensalon. Links im Hintergründe der durch einen Vorhang halb verhüllte Eingang in dev Salon, welcher mit den äußersten Appartements durch einen Lorridor verbunden ist. Rechts und links Seiteneingänge mit Vorhängen dra- perirt. Auf dem Lamin eine Sturzuhr. Dorne rechts rin eleganter Schreibtisch, daneben freistehend — zwei amenkanische Schaukelfauteuils, zwischen beiden eia Tischchen mit einer Cigarren- Lassette. Links im Vordergründe ein eleganter Tisch mit Zeitungen, daneben ganz vorne rin Trumeauspirgel; elegante Stühle und Fauteuils.) Siebente Scene. (Ein leiseS mit Sartimrn ausgeführtes Ritorncll Behaglichkeit und Wohllebm ausdrückend.) Thaddäus (tritt von der Seite auf. Em alter Herr mit einem kleinen Spitzbäuchlein, glänzend schwarze Perrücke, jugendlich geschminktes Gesicht, feines, nach aufwärts gewichstes Schnurbärt- chen. Bewegung lebhaft Gang trippelnd wie durch Anfälle vom Zipperlein beeinträchtigt. Tie Kleidung schwarz, eine weiße Cravatte. statt deS FrackeS eine Art Bonjour von lieblicher Farbe, gesticktes Käppchen. Wie ThaddäuS auftritt wird die Musik leiser, und er. die Melodie durch die Nase summend, trippelt umher, nimmt Zeitungen in die Hand, legt sie wieder ungelesen weg. sein Gesumme wird lauter, die Melodie erhält Worte, er fingt, jedoch immer morra voos). Man muß, mag auch gescheh'n was will, Sich niemals alteriren, Muß wissen, ein Malheur, wenn's droht, Mit Tact zu ignoriren. Zum Beispiel: wer beim Spiel verliert Und dann sich will erschießen, Versieht doch sicher nicht die .Kunst Sein Leben zu genießen. Verliere ich — sag' ich kein Wort. Adieu, Partie, so geh' ich fort. (Summt weiter, setzt den Nasenquetscher auf und zeigt wie er gleichgiltig fortbummelt.) Bei Weibern sei man stets galant, Nur muß man sich nicht binden, Man kann ja, wenn man Liebe fühlt, Auch beim Ballet was finden. Und wird man hintergangen, pah! Komm' man nicht in Ertast, Und schrei' vielleicht: o Höll' und Tod, Mir dreht man eine Nase! Wenn mir's geschieht, sag' ich kein Wort. (Vornehm lächelnd und winkend.) Adieu, Partie! so geh' ich fort! (Summt weiter und zeigt wie er fortgeht.) So leb' ich bis ich einstens (erschrickt) Has — Sterben? ei wie Schade! Daß ich wie ein gemeiner Mensch Muß sterben ohne Gnade! (Leichtsinnig.) Doch was verschlägt's? Ich werde selbst Den Tod noch ignoriren. Nicht wie 'nen armen Sünder sott Der K erl mich attrapiren! (?Lirst sich in den Schankelstuhl.) Ich setz' mich hin und sag' kein Wort. Adieu, Partie (die Mütze lüftend), man trägt mich fort. (Schaukelt sich mit geschlossenen Augen, summend, immer 'langsamer; plötzlich bricht er ab und bleibt unbeweglich ) Achte Scene. Prunkenstcin. Jeremias. Jer. (tritt ein). Euer Gnaden! Thadd. (wendet den Kops nach der Seite, ohne zu sprechen). Jer. (der ihn nicht bemerkt). Der alte Gourmand ist nicht da! Aha, macht gewiß noch Toilette! (Zeigt wie sich Thaddäus schminkt.) Da schnips' ich ihm g'schwind a Nag erl Cigarren. (Tritt zum Tisch, wo die Cigarren- Lassette steht.) Was ist's denn für eine Sort'? Früher haben wir Regalias Nr. 8 geraucht. (Riecht.) Ja, es sein schon die, die i g'wohnt bin! (Steckt eine Menge rin. Mit einmal sieht er Thaddäus, der sich, ihn betrachtend, schaukelt, stößt einen Schrei aus und bleibt wie versteinert) Thadd. (vollkommen glrichmüthig. nimmt den Nasenquetscher ab, um Jeremias bequemer zu betrachten, und sagt): Also, wir rauchen diese Regalias in Compagnie? Jer. (stammelnd). Ja — na — i leg's schon wieder hin! (Will dir Cigarren aus der Tasche nehmen ) Thadd. Nicht nöthig, die Cigarren bleiben sein Eigenthum. Ich werde sie ihm von seinem Gehalt abziehen. Jer. (erschrocken). Was, Euer Gnaden wollen, ah, das is gar nicht möglich! Thadd. (kalt). Ich ignorire seine Diebsgelüste, besorge ihm so zu sagen die Cigarren sogar ins Haus, glaubt, er ich werde sie auch bezahlen für ihn? Jer. (keck). Ja, wenn Sie so mit mir umgehen, da rauch' i lieber kurze Kreuzer! — 8 Thadd. (lacht). Rauch' Er nur kurze Kreuzercigarren, dann braucht Er keine langen Finger zu machen. Zer. (für sich). Abo zahlen! Ah na, na, ich werd' lieber unterhandeln. (Laut und de- müthig.) Zch bitt gar schön — ich Hab' Familie — verzeihens mir, Euer Gnaden, Herr Baron! Thadd. (wir elrktrifirt, firht ihn an, trippelt umher, dann sagt er): Run, siir dießmal will ich — Zer. (enthusiastisch). O, Herr Baron! diese Gnade! — Thadd. Indessen titulire Er mich nicht immer Baron. Ich habe Zhm schon unzäh» lige Male wiederholt, ich bin kein (seufzt) Baron, und — Zer. Wenn Euer Gnaden mir's verbieten! Aber i kann mir nicht helfen; mir kommt's halt immer so vor, als wenn man Euer Gnaden schon vor der Geburt austauscht hält'. Thadd. (eitel). Geh, Schlingel! Zer. Nein, nein, es muß sein, man sieht's ja gleich ausin ersten Blick. Hat denn ein gewöhnlicher Mensch eine so ungewöhnliche Nase? Und diese feurigen Augen—und nachher die zwei Augenbram; die neue Brucken beim Carolinenthor könnt' sich gratuliren, wenn sie so kühn gewölbt wäre! Thadd. Kühn gewölbt? — (Schielt nach dem Trmmaulpiegel.) Zer. Und das gottvolle Schnurbart'l mir den Spitzen nach aufwärts. So oft ich's seh', fallt mir immer der klassische Ausspruch ein: »Ich bin zu etwas Höherem geboren!« Thadd. (entzückt). Jeremias, wer hat diesen klassischen Ausspruch gethan? Zer. Wer den Ansspruch? (Nachdenkens) Wer hat denn nur? richtig— auf'm Theater — der Scholz! Thadd. (zieht seine Mütze mit Hochachtung). Ah freilich, ist der Ausspruch klassisch, denn der Mann war selber klassisch. Zer. No also seh'n, Euer Gnaden, ich Hab' Recht, und i laß mir's nicht nehmen, wem eine solche extravagante Physiognomie, eine so imposante Gestalt angeboren ist, der Mann muß ein verwechseltes Kind sein. Thadd. (der sich vorm Spiegel in die Brust warf, mit Befriedigung). Es könnte wohl möglich sein, wenigstens Eines, guter Jeremias, ist gewiß: mein Vater hat fast jedesmal, so oft er mich ansab — geseufzt. Doch zu etwas Anderen!. Ist Niemand draußen im Vorzimmer? Zer. Niemand, als ein Privatbeamter, Namens Strcckhofer, er kommt wegen einer Subscription auf ein national-öcono- misch-volkswirthschaftliches Werk. Thadd. Wahrscheinlich eine verkappte Bettelei? Soll warten! Hast Du das tägliche Bouquet für die kleine Laura besorgt? Zer. Ja! Thadd. Was sagte sie heute? Ist sie noä) immer böse? Zer. Sie hat gesagt: Wenigstens noch ein Vierteljahr bleibt meine Thür für den Herrn von Prunkenstein verschlossen. Er hat mich zu bitter gekränkt. Thadd. (trostlos). Was? Kann sie denn gar nicht vergessen, daß ich der Blondine während des letzten Ballets einen Seitenblick zuwarf? Ein ganzes Vierteljahr soll ich noch schmachten, bis dahin sterbe ich. Zer. No, das Vierteljahr zwischen Za- cobi- und Michälizins is ja nit lang, Euer Gnaden werden's schon erleben! Freilich wenn man ein Sechziger is! Thadd. (zornig). Schafskopf, was faselt Er von Sechzig! Ich bin erst neunund- fünfzig. Zer. Ach ja, richtig! Aber noch was, Euer Gnaden, das Fräulein hat mich gefragt, was das tägliche Bouquet kost't. Ich antwort': 5 fl. Münz. Da sagt sie darauf: der Herr von Prunkenstein soll mir von morgen an die 5 fl. schicken, denn ich krieg' jetzt ohnedem täglich ein Bouquet vom jungen Herrn Baron von Steinburg. Thadd. Was? Von meinem Neveu? 9 Das ist ja schändlich! Ich fordere ihn, er muß sich mit mir schlagen! O, wenn ich auch kein Baron bin, so habe ich doch eben so gut wie er meine Jnclination. Jeremias, bring'Er mir meinen Rappier! Vorwärts! Jer. Euer Gnaden, der Privatbcamte! Thadd. Soll warten. Neunte Scene. Vorige. Ada. Jenny. (In diesem Augenblick tritt von der linken Seite Ada ein in geschmackvollem Morgenanzug, ihr folgt Jenny.) Jer. Euer Gnaden, die gnädige Baronesse! (Geht ab.) Thadd. (zu Ada). Guten Tag, ma viees! Was führt Sie zu mir? Ada (geht an ihm vorüber, flch mit dem Spitzentuch den Mund zuhaltend, mustert am Trumeauspiegel ein wenig ihren Anzug, dann läßt sie sich auf ein Fauteuil nieder und nimmt Zeitungen zur Hand). Thadd. (erstaunt). Ei, theure Nichte, was fehlt Ihnen? Jenny. Verzeihen, Euer Gnaden, daß ich Sie ansprcche. Aber ich muß. Thadd. (sieht sie freundlich an blickt vorsichtig nach Ada. dann sagt er heimlich zu Jenny, sich neben sie stellend). Mein Kind, Sie spricht mich immer an, auch wenn Sie mich nicht anspricht. Jenny (die nicht aus seine Schmeichelei achtet). Die gnädige Baronesse will eigentlich mit Ihnen sprechen, allein nur durch mich! Es ist heute ein bischen windig, und da hat sich Dero Gnaden, um kein Schnupfen zu bekommen, entschlossen, heute gar nicht zu sprechen! Thadd. Ja, ja, cs zieht heute — (leise) mich an Dick. Jenny. Jhro Gnaden wünsckt also — ich soll diese Rechnungen zur Auszahlung überreichen. (Gibt ihm dieselben.) Thadd. (blättert). 150, 200, 800, 2000 fl. (Perplex.) 2000 fl. für Spitzen, Bänder, Eoiffuren, ja, wer soll denn bezahlen? Ada (wirst umnuthig die Zeitung auf den Tisch). Jenny. Wer zahlen soll, Sic, Euer Gnaden! Thadd. Ich? Ick habe kein Geld. Die Jahressumme, welche mir mein Herr Schwager für die Baronesse Niöce übergab, ist bereits hui: — und es sind erst fünf Monate vorüber. Die Leute sollen warten. Jenny (lacht). Bis auf's Jahr! Ada (winkt Jenny ) Jenny (folgt dkm Linke und sagt dann zu Thaddäus). Euer Gnaden, ick werde beauftragt, Ihnen zu erklären, daß gezahlt werden muß, und zwar heute noch. Thadd. Das heißt, ich soll mich an meinen Herrn Schwager wenden! (Für sich.) Verdammt! ich brauche auch Geld — wollte den Baron um einige Hundert — (Laut, sich in die Brust werfend.) Theure Nichte, ich bedauere, allein es ist mir ganz und garunmöglich, JhnendenWunsch zu gewähren. Wie Sie wissen, Lin ich ja ohnehin Ihrer, so wie Ihres Bruders Cornelius wegen den entsetzlichsten Vorwürfen von Seiten Ihres Herrn Vaters ausgesetzt. Mir gibt er Schuld, daß Sic so immense Summen auf Ihre Toilette verwenden. Was sagte er erst gestern: Herr Schwager, meine Tochter sieht heute in diesem Gewölke von Spitzen und Schleiern ungemein elegant aus, allein ich wette, wenn ich dieses Kleid, diese Spitzen, diese Gaze verkaufe, so reicht dieß Alles zusammen nicht ans, mir dafür ein paar tüchtige Stiefel anzuschaffen. Ada (steht unwillig auf). Thadd. Sie sind erzürnt, theures Kind, aber das nützt Alles nichts. Der Herr Baron hat nun einmal seine Sonderlingsansichten. Was sagte er von Cornelius? Mein Sohn läßt sich für seine Pferde Butterwecken (sich corrigirend) Futterbecken aus Marmor ansertigen? Ich will die nöthige Iv Summe anweisen, wenn er alle seine Pferde verkauft, und den Gesammtbetrag dazu verwendet, eine Speiseanstalt für Menschen zu bauen, die nicht so glücklich waren, als Pferde auf die Welt zu kommen. Ada (unwillig aufstehrnd). Es ist genug! — Papa will, daß seine Kinder nicht ihrem Stande gemäß leben sollen, dieß will er zu einer Zeit, wo selbst die Kinder bürgerlich Geborner einen Aufwand zeigen, der es uns schon schwer macht, ihn zu überbieten! — Thadd. Ganz richtig, ina niöes; dasselbe sagte ich auch. Aber was erwiedertc der Baron? Herr Schwager, bei diesem Wettlaufen auf der Bahn des Lurns gibt es nichts zu gewinnen, und cs läuft auch Jeder nur so lange mit, bis ihm der Athem ausgeht! Ist es daher nicht besser, man bleibt gleich anfangs zurück? Ada. Und was entgegneten Sie hierauf? Thadd. Ich? Gar nichts! Mir war gerade damals der Athem ausgegangen! (Zeigt mit dm Fingern, daß er kein Geld hatte.) Ada (ironisch). Derselbe Fall scheint sich heute zu wiederholen! Aber ich will mich nicht aufregen. (Geht zum Spiegel, richtet ihre Coiffure und sagt:) Jenny, Du wirst die Rechnungen dem Herrn Baron selbst übergeben. Ädicu, Onkel! (Geht links ab.) Jenny. Euer Gnaden, ich bitt' um die Kontos. Thadd. (ihr schnell die Papiere gebend). Ta, da! mein Kind! (Er will fie umarmen.) Jenny. Aber, Euer Gnaden, Sie werden mich bös machen! (Windet sich los.) Zehnte Scene. Prunkenstein. Jenny. Jeremias. Jer. (kommt mit zwei Rappieren durch die Mitte). Euer Gnaden, da sein die Rappiere! Thadd. Gib her! (Nimmt fie.) Jer. Und der Pnvatbeamte draußen im Vorzimmer läßt inständigst bitten! Thadd. Soll warten. Geh' ! Jer. (geht ab). Thadd. Meine liebe Jenny, wo willst Du hin? JeNNY (die nach rechts zur Thur gegangen ist). Zu Seiner Gnaden dem Herrn Baron! Thadd. Warte einen Augenblick, ich will — Jenny. Ich Hab' keine Zeit. Thadd. Du sollst einen Gang mit mir machen! Jenny. Einen Gang? Was denn für einen Gang? Thadd. Auf Leben und Tod! — Hier hast Du! -— (Hält ihr eia Rappier hin.) Jenny (schreit). Mein Gott! Thun'S den Bratspieß weg! — Thadd. Aber es ist ja gar keine Gefahr dabei! Siehst Du nicht den Knopf an der Spitze? Jenny (sieht das Rapvier an). Ja richtig, da kann man freilich Niemand umbringen! — Thadd. Also nimm! Ich will mich heut' duelliren, und vorher ein wenig üben! Jenny (lächelnd). Mit mir? Ah, das ist g'spaßig! No wegen meiner! (Für sich.) Wart', Du alter Perrückenstock, Dich will ich in die Enge treiben. Thadd. So, stell' Dich nur hieher. (Er läßt fie die Stellung eines Fechter- mit dem Gesicht gegen das Publicum machen. Er selbst kehrt dem Publicum den Rücken zu.) So, jetzt ausgelegt! Den Fuß mehr vorgesetzt, die Faust weiter vor! Halte das Rappier leichter. Aufgepaßt! Jetzt fall' aus gegen mick! -Jenny (fällt gegen ihn aus). Thadd. Eins, zwei! (Er parirt.) .Das war gut. Jenny (setzt ihm immer mehr zu). Thadd. Ah! — Siehst Du, es gebt superbe! — nicht weichen! — Vorwärts! — Das war sehr gut. Ah! — (Er hat 11 rinrn Schlag brkommrn. daß ihm das Rappirr fast entfällt.) Jenny. War's recht so? Thadd. Nein, mein Kind, das war nicht gut! Jenny. Werd's gleich besser machen. (Geht ihm tüchtig zu Leib.) Thadd. Jh, was treibst Du denn? (Er will sich vertheidigen, kriegt einen Stoß um den andern.) Teufelsmädchen! Au! Du bist ja außer Dir! Au! Jenny (ruft) Eins, zwei! Halten Sie sich fest! Aufgepaßt! (Sie ficht immer schneller.) Thadd. (läuft davon). Aber Jenny! Gnade, Gnade! Jennv (folgt ihm, fortwährend ausleg end) Nun vorwärts, Euer Gnaden, vertheidigen Sie sich! Thadd. Zu Hilfe! Eilste Scene. Vorige. B a l k. Balk (tritt ein und ruft dir Hände zusam- menschlagend). Hanni! Was treibst denn? Jenny (wendet sich um, und ruft freudig): Vater! (Und fliegt ihm an den Hals.) Balk. Teurelsmadel, was soll denn das heißen? Jenny. Nir, Vater, der Herr von Prunkenstein hat mich aufg'fordert! Thadd. (der fich die Arme reibt, vorkommend). Ich habe eurer Tochter Fechtlectionen gegeben! Balk (ironisch). Sie? — Euer Gnaden haben ja zu Hilfe gerufen! Thadd. (ärgerlich). Nun ja! — Ich hoffe doch, daß ich in meinem Zimmer Alles rufen darf, was mir beliebt. Balk. Freilich! ich bin aber doch erschrocken. Thadd. Schämt Euch, ein Mann und erschrecken, das ist Feigheit! — Jenny (lachend). No jetzt, Euer Gnaden sein just auch keiner von die Coura- gtrten! Thadd. Schweig' Sie! Und Ihr, Meister, seid Ihr wegen des Gartensalons gekommen? Ich habe jetzt keine Zeit! Später, später! (Setzt fich erschöpft.) Balk. Na, i kumm wegen meiner Tochter. Jenny, von heut' an heißt Du wieder Hanni, Du gehst mit mir z'Haus. Jenny (überrascht). Z'Haus? Ja warum denn? Balk. Dein Dienst ist gar! der Herr Baron hat Dich entlassen! Jenny (erschreckt). Mich? So Knall und Fall? Aber ich Hab' ja nichts an- g'stellt. (Sie schIuchzt.)Warumwerd' ich denn fortg'schickt? Balk. So sei doch ruhig. Der Herr Baron hat mir für Dich das beste Dienst- zeugniß 'geben und den sechswöchentlichen Lohn. Jenny. Aber ich begreif' nicht! (Spricht leise mit Balk.) Zwölfte Scene. Vorige. Cornelius. E 0 r N. (tritt durch den Korridor ein). Onkel, was geht hier vor? Man entläßt meinen Reitknecht, den Kutscher, und die Stalljungen haben gleichfalls ihre Entlassung erhalten. Onkel, ich will nicht denken, daß Sie es gemacht haben. Thadd. (springt auf). Ah, da ist er ja, mein Herr Neveu. Cornelius, ich höre, Du machst der kleinen Lama den Hof, ich verbiete — Corn. Jetzt ist nicht von solchen Bagatellen die Rede; es handelt sich um Wichtigeres. Wer hat meinen Diener, den Reitknecht und den Kutscher entlassen? Thadd. (erstaunt). Entlassen? Davon weiß ich keine Sylbe. Corn. Also hat Papa diesen Gewaltstreich ausgeführt? Sagen Sie ihm, ich lasse mich nicht seiner Knickereien wegen compromittiren. Jaques bleibt in meinen Diensten und das übrige Dienstpersonale ebenfalls. 12 Dreizehnte Scene. Vorige. Ada. Ada (von der Seite höchst erregt eintretend). Onkel, welche Schmach! Wie ich höre, hat Jenny nebst meinen zwei Kammermädchen ihre Entlassung bekommen. Das ist mein Tod! Onkel, sprechen Sie, ich will wissen, gegen wen sich mein gereckter Zorn zu entladen hat. T h a d d. (der ein wenig retirirt). niöee! Gegen mick nicht! Corn. Jedenfalls wissen Sie um die Sache! Sprechen Sie, Onkel! Ada. Ja, ja! sprechen Sie, Onkel! Beide. Wer wagt es, unsere Diener zu entlassen? Vierzehnte Scene. Vorige. Steinburg. Steinb. (ist von der Seite rechts eingrtre- ten, sagt mit ernstem Tone): Ich!! Alle zugleich. Der Baron! Steinb. Hört mich an, meine Kinder! Ich komme nicht, um Euch Vorwürfe zu machen, noch weniger um Euck zu zwingen, daß Ihr eure Zeit wie Geld verschwenderischer Welse entsagt. Das Schicksal erhob seinen gewaltigen Arm und legte eine unübersteiglicke Schranke zwischen heute und zukünftig, mein Vermögen ist zu Ende, ich bin ruinirt! (Alle, außer Balk. rckfrn): Ruinirt!? Ada (finkt auk das Sopha, Jenny eilt zu ihr). Corn. (steht wie vom Blitz getroffen). Thadd. (ist erschreckt in den Schaukelstuhl gefallen). (Pause.) Steinb. (beobachtet den Hindruck seiner Worte, dann spricht er). Glaubt nicht, meine Lieben, daß ich leichtsinnig handelte. Allein schwer wird es mir, Euch dieses Geständ- niß zu thun—ich sah euren ungemessenen Hang zur Verschwendung, ich beobachtete, wie all euer Trachten nur darauf abzielte, Euch mit Glanz und Wohlbehagen zu umgeben, ich erkannte, daß Ihr nicht dazu erzogen wurdet, den Werth des Geldes zu beachten und durch weise, sparsame, zweckmäßige Verwendung desselben Euch einen dauernden Wohlstand zu begründen, und das, meine Lieben, war der Grund, weshalb ich eifriger, als ich es sonst gethan hätte, meine Capitalien zu vergrößern suchte. Corn. (fast reuig). O, Vater! Steinb. Allerlei Verluste, die mich in rascher Folge trafen, erweckten das Verlangen in mir, durch neue, wohl schon gewagte Spekulationen den Ausfall zu decken, allein das Glück wandte mir den Rücken. Ein furchtbares Gespenst, unter dessen zermalmenden Tritten die Erde wankt und dessen Annäherung genügt, Noth, Elend, Verarmung an die Stelle des Reichthums zu setzen, dieses Gespenst — die allgemeine Krisis in Handel und Industrie — sie zermalmte auch mich inmitten meines Ringens nach dem Mammon, dessen Ihr so dringend bedurftet, und einen Augenblick später hatte ich Alles verloren. Ada (kilt zu Stkinbnrg. und wirst sich in seine Arme). Beruhigen Sie sich! Corn. (feurig). Ja, Sie sollen nicht verzweifeln. Haben Sie denn nicht einen Sohn, der seine Pflicht thun wird? Steinb. Meine lieben, theuren Kinder, hätte das Unglück mich allein getroffen, ich würde nicht verzagen, aber es trifft ja Euch, die Ihr nicht gewohnt seid, im Stande der Armuth euer täglich Brot zu erwerben, die Ihr gar nickt fassen könnt, was es heißt arbeiten, um sich zu ernähren! (Zu Ada.) Sieh', mein Kind, sieh' dorthin (auf Jrnny wnsrnd) um wie viel glücklicher als Du ist die Tochter jenes Handwerkers. Was sind für sie jene Ereignisse, welche die Welt in Schrecken versetzen? Einfach und anspruchslos, wie sie stets war, kehrt sie nach einer entfernten Vorstadt, in das Haus der Einfachheit zurück, um durch ihrer Hände Arbeit zu erwerben, was genügend ist, ihre Bedürfnisse zu decken. Ada (mit kdler Erregung). Was Jenny kann, soll auch mir nicht schwer werden. Steinb. (ergriffen, bekämpft seine Rührung). Mein armes Kind, Du weißt nicht, was noch geschehen muß. Meine Verpflichtungen, denen ich als Mann von Ehre gerecht werden will, zwingen mich, dieses Haus für immer, die Residenz für längere Zeit zu verlassen. Zudem will ich sehen, ob ich nicht einige Reste meines Vermögens retten kann. Ada. Wir sind sehr unglücklich! (Sinkt dem Vater an die Brust.) Steinb. Verzweifelst Du, meine Tochter! Ada. Nein! (Zu Balk.) Mein Herr, wollen Sie mir in Ihrem Hause eine Freistätte geben? Balk. Gnädige Baronesse, Sie haben zu befehlen, mein ganzes Hab und Gut — Ada. Nickt so, mein Herr. Wenn ich die Schwelle Ihres Hauses betrete, bin ich nicht mehr die Dame, deren Putzsucht und Eitelkeit dazu beitmg, ihren Vater zu Grunde zu richten, nein, ick bin dann nur ein einfaches Mädchen, welches aber dennoch zu stolz ist, als daß es nicht arbeiten sollte, um sich sein Brot zu verdienen! (Schmiegt sich weinend an Jennv ) Steinb. Und Du, mein Sohn? — Willst Du dem edlen Beispiele deiner Schwester folgen? Du schweigst? Ah, ick verstehe, Du hast Verbindlichkeiten, die zu lösen sind. Nun denn, ich bin noch im Besitz einer Summe, womit ich hoffentlich deine Schulden bezahlen kann. Corn. (mit Entschlossenheit). Vater, nehmen Sie meinen Dank, und erwarten Sie von Ihrem Sohne nichts Anderes, als was Sie selbst an meiner Stelle thun würden. Steinb. (saßt seine Hand). Recht so, mein Sohn, wir wollen Männer sein! Und Sie, Herr Schwager, was kann ich noch für Sie thun? Thadd. Ach Gott, ich habe leider auch eine Kleinigkeit zu tilgen. Steinb. Sprechen Sie, ich werde Alles aufbieten, Sie dieser Sorge zu entheben. Thadd. (springt freudig auf). Ja, o Sie sind wirklich zu gefällig. Da wären also Posten von 500 fl. für Schuster, Schneider, meine Diener rc., ick werde die Geschichte specificiren. Steinb. (notirt im Notizbuch). 500 si., was noch? Thadd. Dann ein Rest von 200 fl. für — für Modeartikel. Ich unterstützte nämlich arme, kinderlose Waisen. Nein — will ich sagen — Steinb. 200 fl. (Will schließen.) Thadd. Bitte, es ist noch ein Rest von — ich glaube 100 oder 125 fl. für Bouquets, Schmucksachen, Wäsche — Steinb. (notirt). 125 fl. Thadd. Und dann noch ein kleiner Rest von ohngefähr 70 fl. für meinen Perrückier. Steinb. Hm! Herr Schwager — ich begreife nicht — was haben Sie denn mit den 3000 fl. gemacht, die ich Ihnen jährlich auszahlte? Thadd. (äußerst verlegen). Was ich damit — damit gemacht. — (Trocknet sich den Schweiß.) Wahrhaftig, ich weiß es selbst nicht. Steinb. (sich unwillig abwendend). NttN, meine Kinder, kommt mit mir, wir wollen, ehe ich Euch verlasse, unsere Angelegenheiten ordnen. (Zu Balk.) Meister, in eure Hand lege ich für einige Zeit das Geschick meiner Tochter. Ihr werdet handeln, wie ich es von einem wackern Manne erwarte. Balk. Verlassen sich Erter Gnaden auf mich, Euer Gnaden sollen mit mir zrssrie- den sein. Steinb. Kommt, meine Kinder. (Geht mit Beiden ab.) 14 Fünfzehnte Scene. Prunkenstein. Balk. Jenny. Balk. Also,Hanni, komm'! glei' wern's Zwölfe läuten und d'Frau Mutter wart' mit der Suppen. Thadd. (der immer fort simulirt). Einen Augenblick, ehrlicher Handwerker! Balk. Was schaffen Euer Gnaden? Thadd. Ihr seht, daß es sich jetzt bei mir nm's tägliche Brot handelt. (Seufzend.) So lange ich lebe, habe ich's nicht verdient. Ihr seid darin praktisch. Könnt Ihr mir nicht erklären, was ist das: tägliches Brot, so gleichnißweise. Balk. Warum net? mir kommt das tägliche Brot wie ein Luftballon vor, es steigt immer mehr und mehr, und je mehr's steigt, desto kleiner wird's. Hab' die Ehr'. (Geht mit Zenny ab.) Sechzehnte Scene. Thaddäus (allein). Thadd. Er meint, es wird immer kleiner! Schöne Aussicht für die Zukunft. (Verzweiflungsvoll.) Ach, was beginne ich jetzt? Ich muß mich einschränken, leben von dem, was ich besitze, aber ich besitze ja nichts! (Sieht umher und schüttelt sich.) Prr! Mir wird plötzlich ganz unheimlich in diesem von Lurus und Comfort erfüllten Raume! Wo ist der Jeremias? (Eilt gegen die Thür.) Siebzehnte Scene. Voriger. Streckhofer. (Ein magerer ältlicher Mann in dürftiger, aber rringehaltener Kleidung. Glatze mit wenigen grau- schwarzen Haaren, den Hut und eine Schrift in der Hand.) Thadd. (prallt zurück). Wer sind Sie, mein Herr? Streckh. (verbeugt sich). Entschuldigen! Seit drei Stunden harre ich im Vorzimmer. Ich bin der Privatbeamte Valentin Streckhofer, der ein System gefunden hat, wie man mit einem jährlichen Einkommen von 90 bis 100 Gulden Bank-Valuta gut, bequem, billig, komfortable darauskommen und ertra noch 1 fl. 32 kr. erübrigen kann. Thadd (aus ihn zustürzend). Mann des Heils, sprechen Sie, ist dieses System auch ausführbar und praktisch? Streckh. (mit Stolz). Ick) habe eine Frau mit sechs Kindern. Thadd. (entzückt). Sie müssen mir Details geben. (Drängt ihn nach einem Stuhl, Beide setzen sich ) Zur Sache! Zur Sache! Streckh. Zu Befehl. Mein System beruht auf festen, unwandelbaren Grundsätzen, und so kann ich, gestützt auf diese, niemals schwankend werden. Essen, Trinken, Schlafen ist zwar Nebensache, die Hauptsache jedoch ist — (Während dieser Rede fällt der Vorhang und zwar so, daß er bei den letzten Worten Streckhoser's ganz unten ist.) Ende des ersten Actes. Zweiter Act. (Eine geweißte Stube im Erdgeschoß. Rückwärts ein großes Fenster mit der Aussicht ins Freie. Die Stube ist einfach möblirt, rechts ein Schub- ladkasten. daraus eine Stockuhr, andere passende Möbel, welche von Wohlstand zeigen, links im Vordergrund ein Tischchen mit Nähzeug, rechts zwei Schrägen mit einem Bügelladen, in der Mitte ein Tisch, um diesen sechs Stühle.) Erste Scene. Balk. Eduard. Eduard. Vater, ich bitte, ich beschwöre Sie! — Balk. Schau', Eduard, wie Du kommen bist und mir g'sagt hast, daß Du in zwei Tagen zum Doctor graduirt wirst, da hast Du mir eine rechte Freud' g'macht, und d'rauf — Eduard. Erwiederten Sie: Jetzt schau, daß Du bald ein hübsches, braves Weibchen findest, und darauf — Balk. Hast Du g'sagt: Vater, ich Hab' es g'funden, es is die Freundin meiner Schwester, Fräulein Ada, und darauf — Eduard. Sind Sie fast erschrocken und sagten: Mein Sohn, die schlag' Dir aus dem Sinn, Ada kann nie dein Weib werden. Balk. So is auch. Eduard. Aber weshalb denn? Sie ist gut, brav, häuslich, arbeitsam, wirth- sckaftlich. Balk. Ja, zu meiner größten Verwunderung ist sie das Alles wirklich word'n, seitdem sie in mein' Haus is! No, dein' Frau Mutter ist ja ein' tüchtige Lehrmeisterin. Eduard. Vater, das Mädchen muß Frau Doctorin werden, sonst erkrank' ick und — Balk. Als junger Doctor, der noch gar keine Patienten hat? — Nir da, sei g'scheid, Eduard. Ich will Dir was an- vertrau'n, was Du noch nit weißt, weil wir's aus so manchen Gründen Dir verschweigen wollten. Das Mädel deines Herzens is eine geborne Baronesse! Eduard (erschrocken). Wie? Balk. Ja, deine Schwester war ihre Kammerjungfcr. Eduard. Die Baronesse Steinburg, deren Vater verarmt sein soll? Balk. So is's! Sie ist jetzt in unserm Haus, um zu lernen, wie ein armer Mensch sein Brot verdienen muß — um zu lernen, wie er das Wenige, was er besitzt, erhalten und damit wirthschaften soll, denn wann der Vater von seinen Geschäftsreisen zurückkommt, wird seine Tochter die Wirth- schaft führen, und sein Sohn, der jetzt in Trieft zur Marine 'gangen is, wird auch, so hat er's wenigstens versprochen, sein Möglichstes thun, um Earriere zu machen um seine Familie unterstützen zu können. Du siehst also ein, die Baroneß is zu hochgeboren, als daß sie für Dich geboren sein könnt'. Eduard. Warum? Als Doctor der Medicin kann ich auch eine Baronesse heiraten. Balk. Ja, wenn Du reich wärst, könntest eine reiche oder arme heiraten, aber Du bist nit reich! Heirat'st eine Reiche, so sagt man: Das ist a schlechter Doctor, der weg'n 'n Geld Heirat', vermuthlich wird er sich mit seiner Kunst net z'viel zu verdienen wissen. Heirat'st eine arme Baroneß', so heißt es wieder: der Doctor is a aner von denen, die glei' mit beide Füß' in d'noble Welt springen wollen, wo's lauter Krankheiten hab'n, die eigentlich gar kane Krankheiten sein, und wo's sie sich in's Bett leg'n, wenn's der Schnackel stoßt. Eduard. Was kümmert mich ein albernes Gerede. Balk. Hast Recht: aber 's is doch besser, wenn man gar kein' Anlaß gibt. Als armer Doctor mußt Du vorerst schauen, Dir eine große Praris z'machen, durch ein paar außerordentliche Euren Renomm^eund Geld, viel Geld verdienen; nachher kannst, wenn Du g'rad d'rauf versessen bist, Baroninnen heiraten. Eduard. Wenn ich aber jetzt schon reich wäre? Balk. No, da freilich. Wer reich is, der kann viel thun, an was der Arme gar nit denken darf! — Eduard (abbrechknd). Sprechen wir nicht mehr davon! — Balk. Ja, hast Recht, reden wir von was Andern:. Eduard. Ich bin eigentlich auch gekommen, Sie um mein Sparkassenbuch zu bitten. Balk. Mit deine 4000 st., die Dir dein Professor vererbt hat. Eduard. Ja, Vater, ich brauche einiges Geld; — jetzt, wo ich Doctor werde, muß ich mein bescheidenes Zimmer in der Alser- vorstadt mit einer Stadtwohnung vertauschen, und — 16 Balk. Du bist Herr deines Eigenthums! Ich Hab' nichts dagegen z'sagen. (Oeffnet in die Schublade des Kastens und nimmt da« Büchel heraus.) Da, Eduard, das is dein Geld! Eduard. Ich danke, Vater! (Steckt das Buch ein.) Und nun. Gott befohlen, ich muß fort! Balk (hält ihn. bei beiden Händen fastend, zurück). Gelt, Eduard! Du nimmst die Reden von dein' Vater nit übel auf? Eduard (gerührt). Ach, Vater! Balk. Und Du wirst immer der Eduard bleiben, auf den dein Vater stolz sein darf? Eduard. Mein Wort darauf! Ich bin ein Mann, der sich durch nichts entmuthi- gen läßt. Adieu, Vater! Zweite Scene. Vorige. Jenny. Jenny (tritt links mit einem Bügeleisen ein). Eduard (Jenny grüßend). Adieu, Schwester! (Geht ab.) Balk. Wart', ich geh'mit, ich muß a auf'n Zimmerplatz schan'n! (Geht Eduard nach.) Dritte Scene. JeNNY (allein). Jenny. Ui, der Herr Bruder macht ein G'sicht! Ich Hab' g'horcht, er ist in die Baroneß verliebt, sie sieht ihn auch gern, aber wie ich hör', wird nir d'raus. Der Arme! Was wird er jetzt thun? Ah bah, der geht ins Spital, dort, wo die Herren Professoren bei den Kranken stehen bleiben, auf die Dosen klopfen, und mit wichtiger Miene zu die Herren Mediciner sagen: Sehen Sie, meine Herren, dem da fehlt sonst nir, als (markirt daö Tabakschnupstn) die Gesundheit! (Mau hört von außen Traudl's Stimme). Ihr verflixten Bub'n, i wir eng lernen, hernm- z'vagiren! Jenny. Ui je, die Frau Mutter! (Eilt zum Bügeln.) Vierte Scene. Jenny. Traudl. Franzl. Natzl. (Zur Mitte Herrin.) Buben (zugleich). Aber Frau Muada! Traudl (sie vor sich her in die Kammer treibend) Nir reden, sonst kummt der Scke- ckel. Marsch 'nein in die Kammer — Schulbücher hernehnen, Aufgaben schreiben. — Buben (im Ablaufen). Aber Frau Muada! Traudl (den Buben nachfolgend). Marsch! still sein! Oes Vcrdunnerten. (Geht in die Kammer nach.) Jenny. Puh! — d'Frau Mutter is allan ein complett's Donnerwetter, da verfinstert sich der Gesichtshorizont, es donnert, blitzt. (Man hört die Buben schreien.) Und s'hat auch schon richtig eing'schla- gen! — Jetzt wird sich s'Gwitter drinnen nach und nach verziehen und zu mir herauskommen. Fünfte Scene. Jenny. Ada (durch die Mittelthür eilig kommend). Ada. Ach, Jenny, schütze mich! Jenny. Was is 's denn? Ada. Ein Mann verfolgte mich, als ich aus dem Laden des Handschuhmachers, dem ich meine Arbeit ablieferte, trat! Er hat mich erkannt, will mit mir sprechen — Da, da ist er! Sechste Scene. Vorige. Rittrauber. (Ein elegant gekleideter Herr mit vornehmen Manieren, etwas intriguantem Gesicht.) Rittr. Baronesse, Sie suchen vergebens mir zu entkommen. Ada. Jenny! Jenny. Wartens, ich werd' ihn gleich forterpediren! (Laut.) Mein Herr, Sie haben da nichts zu suchen! Rittr. (verächtlich). Bei Ihr freilich nicht. Ich komme, um mit dieser Dame zu sprechen. Jenny. Ah, der ist keck ! Rittr. Gnädige Baronesse, gestatten Sie mir nur ein paar Worte. Es ist bekannt, daß den Herrn Baron, Ihren geehrten Papa, das Unglück der Armuth getroffen hat. Allein weshalb suchte er nicht seine Freunde auf? Ada. Sie zählen nicht zu seinen Freunden! Rittr. Nun ja, wir sahen uns nur einigemal in Gesellschaft. Nichts desto- weniger bin ich sein Freund, so wie der Freund Ihres Herrn Bruders, und der des Herrn von Prunkenstein. Ich fühle mich daher verpflichtet, Sie meiner Ergebenheit zu versichern und zu fragen, womit ich Ihnen zu Diensten sein kann. Mein ganzes Vermögen — Ada (entrüstet). Nichts weiter, mein Herr! Ihre Worte sind beleidigend. Rittr. O, ich bitte mich ja nicht miß- zuverstehen. Ich denke, in den erclusiven Kreisen dürste die Nächstenliebe — Ada. Jenny, gebiete diesem Herrn, sich zu entfernen. Jenny. Gleich. (Zu Rittraubcr.) Jetzt sag' ich's Ihnen nochmals, gchn's oder ich — Rittr. (mit Ueberlrgenhkit). Schweigen! Jenny. Ah, das ist ja doch — Siebente Scene. Vorige. Traudl (aus der Seite). Traudl. Was gibt's denn da? Jenny. Frau Mutter, der Herr hat Fräulein Ada bis ins Zimmer verfolgt, und trotz der Aufforderung des Fräuleins will er nicht fortgehcn. Traudl (ruhig). Net? Ah, er muß ja! (Tritt Rittraubrr, der sich Ada nähern will, ent- rhealu-Repertoir«. Rr IOL. gegen.) Herr von, i weiß nit wie oder wer — ich bin die Frau vom HauS, die Sie ersucht, aus ihrem Zimmer z'gch'n! Rittr. Welche Impertinenz! Traudl (ihre Röcke weit ausbreiteud, um ihn zu verhindern näher an Ada zu treten.) Ah, wer is denn impertinent? — Wir sein ja höfliche Leut! Und als diese sagen wir Ihnen, es war uns a großes Vergnügen, daß wir no gar nie die Ehre gehabt haben, und wann's auch nimmermehr kommen, so wer'n wir Ihnen gewiß sehr dankbar sein. Uebrigens besuchen's uns öfters, wenn kan Mensch z'Haus iS, es ist zwar selten der Fall, aber es wird uns immer g'freu'n — recht vom Herzen! Grüßen's auch Ihre werthen Angehörigen recht vielmals von uns, und wir wünschen von ganzer Seele, daß recht frisch und g'sund bleib'n. Scham- ster Diener. (Drängt ihn zur Thür hinaus.) Rittr. (zurückrufend). Ich gehe, aber ich komme wieder! (Ab.) Traudl (nachrusrnd). O, ich bitt', gar net Ursache! Rittr. (wird beim Fenster rückwärts sichtbar). Baronesse! Traudl (aus Fenster eilend). Schamster Dienerin! Kommen's gut nach Haus. Rittr. (eutserut sich wütheud). Achte Scene. Ada. Jenny. Traudl. Jenny (für sich). No, der wird sich die Lection merken. (Gcht bügeln.) Ada (setzt sich an das kleine Tischchen und näht Handschuhe). Traudl (zu Jmuy). Hanni, jetzt komm' ich über Dich! Jenny. Warum denn, Mutter? Traudl. Hab' ich Dir nicht ein- für allemal verboten, die Fräulein Baroneß' allein über d'Straßen geh'n zu lassen? Jenny. Ja, ich wär' gern mitgangen, aber ich Hab' mir grad meine Zöpferln eing'siochten. Traudl. Nachmittag? Du unordent- r liche Person! die Fränl'n macht sich d'Haar in der Früh um seckse, und arbeitet nachher den ganzen Tag, ohne aufz'hören, und Du spielst die Dam', drahst und flechtst Zöpferln, machst G'schichterln und Sa- cherln. Glaubst Du, damit kriegst Du ein'Mann? Ja, anpumpt? Bei der Zeit brauchen die Männer keine Putzgredl'n, sondern tüchtige Hausfrauen, die das wieder hereinwirthschaften, was die Männer hinausspeculirt haben! Schau, daß'd mit'n Bügl'n fertig wirst! Später holst Kohlen, Kaffee, Zucker, Nadeln, Zwirn, Bratwürstln zum Nachtmahl — und für mich um einen halben Kreuzer Bernzucker — ich bin, no man hört's ja — ich bin a bißl haserig! Vorwärts! G'sckwind wie der Wind! — Jenny. No ja. Daß man in dem Haus gar so wenig z'thun hat! (Bügklt weiter.) Tr au dl (zu Ada freundlich). Fräuler, sein's nur recht fleißig! Ick muß sag'n, wann i Ihnen so arbeiten und im Haus umwirthsckaften seh', da — möcht' i gar nir, als die Freud haben, Jhna Frau Mutter z'sein! Ada. Sie sind so gut! Trandl. Wie geht'sdenn mit die Handschuh? (Setzt den Nasenqrietscher aus und besieht die Arbeit.) Sackerlot, das geht, wie wenn's fliegert! —- No, der gnä' Herr Vater wird a Freud hab'n, wann er z'ruck- kommt! Wo ist er jetzt? Ich häb's schon wieder, vergessen in — in — Ada (hört zu arbeiten aus) In Hamburg. Traudl. Ja richtig —bitt', thun's nur fortarbeiten —- zum Reden braucht man keine Händ'. Ada (lächelt). Sie haben Recht! (Arbeitet wieder) Traudl. Also in Hamburg. Ada. Ja. Nack seinem letzten Schreiben ist anzunehmen, daß er Hoffnnng hat, doch nicht Alles zu verlieren. Traudl. Um so besser können's dann wirthschasten! No, und der junge Baron? Ada. Ist, wie Sie wissen, Seemann geworden., Traudl. I bitt', sitzens nur schön grad, daß d'Brust nit leid't. '— Ada (richtet sich) Der arme Cornelius, er hat hier vergeblich sich bemüht, eine mit seinem Stand und seinen Neigungen vereinbare Stellung zu finden. Wenn ihm nur kein Unglück zustoßt, (hört zu arbeiten auf) wenn er von Stürmen heimgesucht würde - so — Traudl. So wird er a nit glei ertrinken. Nur keilte unnöthigen Aengsten hab'n, man arbeitet nachher gleich viel weniger und versäumt Zeit. — Ada (fängt wieder schneller zu arbeiten an). Neunte Scene. ' Vorige. Prunkenstein. (Er ist noch immer elegant, aber etwas derangirt gekleidet, sein Gesicht ist blässer, seine Haltung zu Zeiten gedrückt.) Thadd. (an der Tbür). Wohnt hier der Meister Balk? Alle Drei. Ja! ' Ada (freudig). Onkel! (Eilt aus ihn zu.) Traudl (zu Jenny). Du, wer ist das? Jenny. Der Herr vvn Prunkenstein! Trandl (mitEhrsurcht, nimmt die Brille ab). Ah!! (Tritt Prunkenstein entgegen und Macht einen tiefen Knix.) Schamster Diener! ^ Thadd. (setzt seinen Nasenzwicker aus, ,.eht sie von oben herab an und sagt). Wer ist man? ' Traudl (ganz paff). Wer ist man? Oho! Wer ist man? (Setzt ihren Nasenquetscher auf Beide sehen sich eine Weile stillschweigend an, endlich sagt Traudl mit beleidigter Würde.) Man ist die Frau vom Haus! (Im Abgehen zu Jenny ) Hanni, komm' mit mir! Jenny. Ja! (Zu Thaddäus) Herr von Prunkenstein — man — nämlich ich — man ist die Tochter vom Haus, Ihre Dienerin! (Folgt Traudl ) 19 Zehnte Scene. Ada. Prunkenstein. Thadd. (verblüfft). Hm! Diese Zimmer- mannssamilie gibt sich ein Air, man sollte glauben — Ada. Beruhigen Sie sich, lieber Onkel! Sie sehen ganz derangirt aus! Thadd. Derangirt? Ich? Ist kein Trumeauspiegel da? Ada. Nein, Onkel, man macht hier wenig Toilette! Bitte, setzen Sie sich. (Bringt einen Lehnstuhl.) Thadd. Danke! (Will sich wir in ein Fauteuil werfen, die Härte des Stuhles nöthigt ihn aufzuschreien.) Au! Na Me6, was ist denn' das für ein Marterwerkzeug? Sind keine Fauteuils hier? Ada (die sich wieder zur Arbeit setzte). Leider nein, lieber Onkel, Sie müssen sich schon bequemen. Nun, guter Onkel, seit dem Tage, als wir unser herrliches Palais verließen, haben wir uns nicht gesehen, erzählen Sie, wie und wo haben Sie Ihre Zeit zugebracht? Thadd. Ach, 6arone886 Niöes, Ihre Frage hat etwas Zwiebelähnlichcs. Sie treibt mir das Wasser in die Augen. (Zieht ein Sacktuch heraus.) Ich habe viel gelitten. Zuerst wollte ich mich nach dem System eines Privatbeamten, eines gewissen Streck- hvfer, einschränken, da wär' ick bald komplett verhungert! Dann ging ick ins Hotel Lamm in die Leopoldstadt. Dieses Hotel ist nicht übel situirt, es hat etwas von einem Guckkasten. Man sieht dort an schönen Tagen die deau-mouäe vorbeifahren, reiten, die äsmi-mouäe zu Fuße vorüberziehen. Ueber dem Wasser sieht man wieder die Bastei, ach, ein süß schmerzlicher Anblick für mich! Seit Jahren nannte man mich dort den Basteikönig, an Feiertagen; jetzt wird diese elegante Promenade caffirt, sammt ihren Thoren, das kann einem nicht gleichgiltig sein! — Außerdem erblickt man vom Hotel Lamm ans an jedem Abend vor dem Caft Fetzcr und Stierböck, die Börse, im Hintergrund die Donau, auch eine schöne Ansicht. Kurz, ich wäre gar nicht fortgegangen, allein die Verhältnisse, die leidigen Verhältnisse! Meine Barschaft wurde immer weniger, ich kam immcr^ herunter — Schulden kann man nicht machen, denn es ist eine schwere Zeit, die Leute haben kein Geld, die Krisen häufen sich, und seit der Credit in der vielfachen Zahl, »die Credit« heißt, seit dieser Zeit, ma niöee, parols ä'dountzur! sind die Prunkenstein fast so rar geworden, als wie in Oesterreich die — die — die Steinböcke! Ah! Ada. Trösten Sie sich, Onkel! Thadd. Trösten? Ich bin ja in einer furchtbaren Lage. Seit drei Tagen stelle ich Betrachtungen an, was leerer ist, meine Brieftasche oder mein Magen. Ada (bestürzt). Sie hnngern? Thadd. Und wie! (Grimmig.) Auch Hab' ich seit heute kein Logis mehr! O, ich bin außer mir, und bessert sich meine Lage nicht, so — bei Gott — bin ich im Stande und — Ada (erschrocken). Onkel! Thadd. Und fange zum arbeiten an! Aber nun erzählen auch Sie, wie es Ihnen geht. Ada. Onkel, ich thue aus Vernunftgründen, was Sie nur aus Verzweiflung thun wollen. Ich arbeite, und redlich verdien' ich das, was ich brauche. Sehen Sie, hier sitze und nähe ich. Thadd. Glac^-Handschuhe! Ada. Täglich drei Paar! Thadd. Drei Paar! Und früher haben Sie täglich sechs Paar weggeworfcn. Ack, das Unglück! Ada. Ist nicht so groß! Ich befinde mich ganz wohl dabei! Thadd. Possen! Ihr Stolz — Ada (mit Würde). Onkel, ich besitze zu viel Selbstgefühl, als daß ick andern Leisten das Recht geben möchte, für meinen Unterhalt Sorge zu tragen! Thadd. Pah! Der Unterhalt ist Ne- 2 * 20 bensache, — Hauptsache ist — die Unterhaltung. Am Ende kochen Sie auch selbst? Ada. Weshalb nicht? Ich esse ja auck selbst. Thadd. Nach dieser Logik müßten Sie auck, weil Sie Ihre Wäsche selber am Leib tragen — Ada. Waschen? Ja wohl, mit eigenen Hochgebomen Händen wird gewaschen! Thadd. (fährt empor, wie von einer Feder geschnellt, und fällt wieder auf den Stuhl zurück). Einen Flacon! Mir wird schlecht! Einen Flacon! " Ada (bringt einen Krug vom Tisch). Das ist mein Flacon! Thadd. (prallt zurück) Ich bitte, bitte! (Springt aus und geht hin und her ) Baronesse, ich bitte, sagen Sie mir mrr, was soll das Ende dieses Armensünderliedes sein, welches Sie mit so ungeheurer Bravour vortragen? Ada (den Krug wegstellend). So hören Sie, wenn der Vater, nachdem seine Angelegenheiten geordnet sind, zurückkommt, dann suchen wir eine bescheidene Wohnung , Comelius verwendet einen Theil seines Erwerbes für uns, ich führe die Hauswirthschaft, besorge dem Vater die Wäsche, koche ihm seine Lieblingsspeisen — o, die werden ihm schmecken, sagt die Frau Balk! Thadd. (ißt im Gedaukrn). Hm! Ada. Und im Vertrauen gesagt, lieber Onkel, hier in diesem Hause lemt man ungemein viel. Die Frau Balk kann prächtig kochen, sie weiß aus Pfennigen Kreuzer zu machen, bei ihr ist Alles in der schönsten Ordnung. — Küche und Stube spiegelblank, auch curiren kann sie. Sie weiß eine Menge Hausmittel: »hilft's nicht, so schadt's nicht,« — sagt die Frau Balk — o, das ist eine ehrenbrave Frau, und ick ruhe nicht, bis ich ihr Alles abgelernt habe, und dann, wenn der arme Papa komnrt, dann will ich wirthsckaften! An die Decke muß er springen vor Freude — sagt die Frau Balk! Thadd. Springen? Dahinauf? (Zeigt nach oben ) Hm, ma niöee, Sie führen eine curiose Sprache! Ada. Ja die feinen Spitzen und pikanten Wendungen verlerne ick wohl ein wenig, indessen die Frau Balk sagt immer: Die Rede vom Herzen geht wieder zum Herzen! Thadd. Diese Frau Balk scheint sehr gesprächig zu sein, und — und (verlegen) ich hätte große Lust — dieser Frau — die Ehre einer — längem Anwesenheit in ihrem Hause zu erweisen. Na vi^es, glauben Sie, daß man mein Anerbieten nicht refüsirt? Ada. Ah, da kennen Sie die Gastfreundschaft dieser guten Leute nicht. Ich will nur gleich gehen, und die Frau Balk davon in Kenntniß setzen. Thadd. I, wozu denn? Das findet sich! — Ada. Nein, es ist des Abendessens wegen, es könnte sonst Verlegenheiten geben, obschon die Frau Balk sagt: »Hast in deinem Haus einen Gast, nun so fast, eh' Du ihn verhungern laßt!« Gleich bin ich wieder da! (Mt ab.) Eilfte Scene. Prunkenstein (allein). Die Baronesse hat eine eigentliche Manier, das Verhältnis dieses Hauses recht gemüthlich darzustellen. Wollen also sehen — ich bleibe hier — bis — bis — nun bis es besser wird, vorausgesetzt, daß man mir nicht vielleicht zumuthet — ich soll auch arbeiten wie meine Nichte, denn — Zwölfte Scene. Voriger. Rittrauber (ist schon früher ein- getreten). Rittr. Er ist es, ich habe mich also nicht getäuscht — das ist mir sehr angenehm! (Rust voll Lordialität.) Bester Freund! Thadd. Wer ist? — (Wendet sich um.) Bitte, ich habe nicht die Ehre! Rittr. Wie, Sie erinnern sich meiner nicht? Ich heiße von Ritttauber! — Wir sahen uns oft in Gesellschaften! — Thadd. Ja, ja, —mir ist so — ich erinnere mich! — Ihr Diener, Herr von Raubritter! Rittr. Nicht doch! Rittrauber bitte ich! Thadd. Rittrauber! Ja, ja — entschuldigen — ich — Rittr. O. unter Freunden gibt cs keine Entschuldigungen, man kennt sich, wird vertraut — Thadd. Ja, ja! lFür sich) Er kann mein Vertrauter sein — ich bin der sei- nige noch nicht! Rittr. Nun also, bester Freund — (man hört Balk's Stimme von außen) man kommt! Ich ziehe mich ein wenig zurück. Thun Sie, als ob ich gar nicht hier wäre! (Zieht sich zurück.) Dreizehnte Scene. Vorige. Balk. Balk (freundlich). Also ist's richti der Herr von Prunkenstein, das is was Seltenes! Kinder, schlagt's 'n Ofen ein, ja so, 's is keiner da. Thadd. Jncommodirt Euch nicht, Meister! ich bin nur gekommen, mich nach dem Befinden meiner Niöce zu erkundigen. Balk. Ja, ja, hab's g'hört. Sie wollen einige Zeit bei uns bleib'n, das ist recht, no, leg'ns ab! (Will ihm helfen den Rock ausziehen) Thadd. Was treibt Ihr? Wird man hier ausgezogen? Balk. O, das net, man macht sick's commod, wenn man z'Haus is. Thadd. (unangenehmgerührt). Nein,danke, bin nicht gern in Hemdärmeln. Balk. Wie's wollen! He da, Haus- wirthschaft! Traudl! Hanni! wo seid's denn? Vierzehnte Scene. Vorige. Jenny. Ada. Jenny. D'Frau Mutter kommt glei! Balk. Alsdann, Hanni, paß auf! Der Herr von Prunkenstein ist unser Gast. Heunt muß's nobel hergeh'n! Wir essen auf dMacht wie z'Mittag, net wahr, Herr von Prunkcnstein? Alsdann, was für a Suppen könnt's auf d'Nacht herstell'n? Jenny. No weg'n meiner Lumpenstrudeln! Balk. Lumpenstrudeln? Bravo! Jenny. Rindfleisch mit süßem Kraut und Bratwürstl d'rauf. Balk. Bravissimo! Herr von Prunkenstein, süßes Kraut — was machen's denn so a saures G'sicht? Thadd. O nicht doch! Jenny. Nachher Zweckcrl mit Gries! Balk. Hollah! Zwcckerln mit Gries, das wird a G'ries um die Zweckerln wer'n. Kannst zwei Maß Guldensäure hole», heut' muß's nobel than wer'n. Net wahr, Herr von Prunkenstein? Thadd. (der nicht mehr an fich halten kann). Zweckel — mit Bratwürst, Rindfleisch mit Guldensäure — süßes Kraut mit Lumpenstrudeln, bei so einem gemeinen centncr- schwcren Essen wollt' Ihr nobel thun? Fidonc! Balk. Oho! Man sagt nit fidonc, wenn von der Gottesgab' die Red' is! Die Kost mag schwer sein, aber bei der Arbeit verdaut man leicht, und wenn der Herr von Prunkenstein amal recht tüchtig arbeiten wer'n — Thadd. (mit Entrüstung). Oho! Ich werde niemals tüchtig arbeiten! Balk (lachend). No, no, nur nir verre- den, man kann nit wissen — wer'n schon seg'n was Neug's gibt! (Hat sich umgewendet.) Ab, mein' Alte! Thadd. (für sich). Arbeiten — ick — daß ich doch — 22 Fünfzehnte Scene. Vorige. Traudl. Traudl (zu Balk, der reden will). Red' nir, ich weiß Alles! der Herr von Dunk- dichein — Thadd. (entsetzt). Dunkdichein? Prunkenstein heiß' ich! Traudl. Prunkenstein — ja — ja — bitt', reden's nir — ich weiß Alles — Sie kriegen die Kammer da nebenan, wird heut' noch herg'richt, und a Bett soll'ns kriegen, daß glauben wer'n — Sie liegen in Vater Abrahams Wurstkessel! Thadd. Nein, diese gemeine Conver- sation! Balk. Und daß wir zeigen, wie wir den Gast schätzen, so soll er alle Tage den Hausvater machen, und statt meiner beim Essen vorbeten. Alle. Ja! Thadd. (perplex). Was ich soll? Wozu Er zu commod ist, das soll ich? Ah! Balk (erstaunt). Aber bester Herr! (Faßt ihn an dem Arm.) Thadd. (ausweichend, und sich den Rockärmel putzend). 3ch bin kein bester Herr! 3ch bin der Herr von Prunkenstein, der sich eines erbärmlichen Nachtmahls halber noch lange nicht zu allerlei Verpflichtungen herbeiläßt. (Höhnisch.) 3«, nicht wahr, damals, als ich noch der wohlhabende Mann war, da bückte und beugte sich der Plebs vor Seiner Gnaden und konnte nicht aufhören seine Tugenden zu preisen, jetzt aber, wo ihn das Unglück getroffen hat, jetzt höhnt ihn Alles, wie in der Fabel der Esel den kranken Löwen! — Balk. Wer höhnt denn? Wer ist denn ein Esel? Thadd. An meinem Tische fand 3eder, der kommen wollte, ein Couvert, ohne daß darüber Wesens gemacht, oder der Gast etwa verhalten wurde, für das ganze Haus zu beten. Ada. Aber Onkel, Sie sind im 3rr- thum, man wollte Sie gewiß nicht kränken! — Thadd. Man wollte nicht? Man hat es gethan. Diese ganze ehrsame Familie entwickelt einen Stolz, thut groß mit ihrer Arbeit, mit ihrer Religiosität, und scheut sich nicht, einen Mann von meiner Distinc- tion zu beleidigen. Traudl. 3enny. Ada. Aber! Balk (zu den Dreien). Laßt's mi reden! Herr von Prunkenstein, g'rad so wie Leib und Seel' den Menschen z'sammhalt, so halt Gebet und Arbeit die Welt z'samm! Beten thut 3eder, der Bauer, der Bürger, der Edelmann, der Fürst, der Kaiser! (Rückt seine Haube.) Arbeiten thut a 3eder mit Hand und Kopf, und 3eder ist stolz auf sein Werk. Warum also sollen wir nicht beten, und warum sollen wir nicht groß thun mit unserer Arbeit? Bloß darum, weil wir nur mit den Händen arbeiten und g'mani Leut' sein? Ah, g'horsamer Diener! Ada. Nun Onkel, nicht wahr, Sie begreifen jetzt — Thadd (verwirrt sich sträubend). 6nro- Q6886 niöes, ich — Rittr. (tritt vor). Herr von Prunkenstein, gestatten Sie mir, den Stiert zu schlichten. Ada. Der Fremde! der ist da! Balk. Was will der Herr? Rittr. (ohne sich an dir Andern zu kehren). Nach meinem Dafürhalten kann in dieser Sphäre ein Mann von 3hrer Distinction unmöglich bleiben, ohne sich unglücklich zu fühlen, deshalb erlauben Sie, daß ich 3hnen sofort mein Haus, meine Diener, ja mein ganzes Vermögen zur Verfügung stelle! Thadd. (außer sich). Wie, mein Herr! Sie wollen wirklich? — Rittr. Dasselbe thun, was Sie gethan hätten, wenn Sie Zeuge von der Demüthigung eines Freundes gewesen wären! — Reichen Sie mir 3hren Arm, an 23 der Straßenecke steht mein Wagen, in fünf Minuten soll diese ganze Misere Ihrem Gedächtntß für immer entschwunden sein. (Hält ihm den Arm hin.) Thadd. (blickt triumphirrnd auf die Andern). Ada. Onkel, ich beschwöre Sie, weisen Sie die Hilfe dieses Herrn zurück. Thadd. (gibt Rittrauber den Arm, und geht gegen die Thür). Ada (ihm zurufend). Onkel! Thadd. tschwingt seinen Hut). Adieu, Baronesse! (Ab.) Balk (hebt den Finger, als wenn er Prunkrn- stein warnm wollte, die Andern stehen bestürzt, Gruppe, der Zwischenvorhang fällt). Verwandlung. Sechzehnte Scene. Prunkensteill's (Gemach wie im ersten Act). (Mehrere elegante Herren und Damen kommen durch die Mitte herein, und gehen nach rechts in die zweite Thür ab; vor dem Haupteingang stehen einige Bediente in glänzender Livree. Eduard kommt mit noch zwei Herren durch die Mitte, und geht nach der ersten Thür rechts, wohin ihn ein Bedienter begleitet ) Bedienter. Belieben nur hier einzutreten. Eduard (geht mit den beiden Herren hinein) Siebzehnte Scene. Prunkenstein. Rittrauber (treten durch den Lorridor auf). Thadd. (sieht staunend umher). - Wache ich, träume ich? Dasselbe Haus, dieselben Gemächer, Gemälde, Büsten, Lusters. Alles, wovon ich mit Schmerz scheiden mußte — ich finde es wieder? (Zu Rittrauber, ungemein ergriffen.) Mein Herr, ist dieß wirklich Ihr Logement? Rittr. Gewiß! Und von diesem Augenblick an zugleich das Ihre. Thadd. (erblickt den Schaukelstuhl, wirft sich hinein und schaukelt sich mit Seligkeit). Das ist das alte Wien! (Summt unter leiser Musik einen Theil seines Entreeliedes und schaukelt sich fort.) Mein Herr — ich beschwöre Sie, keine Täuschung, wenn Sie sich nur einen Scherz mit mir gemacht hätten — wenn diescWohnung nicht die Ihre wäre.— Rittr. (sich neben ihn setzend). Beruhigen Sie sich, die Sache ist ganz einfach. Als das Haus verkauft war, miethete ich von dem Käufer diese Appartements für mich und meine Familie ganz in denselbem Zustande, wie ich sie fand. Ich bin daher in der be- neidenswerthen Lage, Ihnen ihre Zimmer mit den von Ihnen getroffenen Arrangements überlassen zu können, nur bitte ich um Entschuldigung, daß Sie heute in Ihrer Bequemlichkeit einigermaßen gestört werden, daß wir gewohnt sind, in diesem Salon zu empfangen. Morgen jedoch soll allen Ihren Wünschen entsprochen werden. Thadd. O, Sie sind wirklich zu gefällig — Allein, es geht doch nicht. Rittr. Was geht nicht? Thadd. Sehen Sie, wenn ich auch eine Zeit lang Ihre Gastfreundschaft in Anspruch nehme, später müßte ich zum zweiten Male fort aus diesen Räumen, das — das könnte ich nicht überleben. Rittr. Sie wollen nicht annehmen, was ich Ihnen biete? Nun gut, ich biete Ihnen das, womit man seine Bedürfnisse selbst bestreitet, — ein jährliches Einkommen von mindestens 20,000 Thalern! Thadd. (verblüfft nach Rittrauber blickend). Rittr. (lächelt). Sie begreifen dieß Alles nicht? Sogleich sollen Sie klar sehen. Erfahren Sie also, daß ich an der Spitze einer Gesellschaft stehe, welche sich die Aufgabe gestellt hat, durch ihre großartigen Unternehmungen binnen Kurzem alle wie immer genannten Geldinstitute an Macht, Relchthum und Intelligenz zu überragen. Nun haben wir nebst Anderem auch den Plan, eine »Central-Agentie für alle fünf Welttheile« mit Filial-Bureaus in allen großen und kleinen Städten des Erdballs zu gründen. Die Capitalien sind bereits vorhanden, allein die Hauptsache ist: Namen! Wir muffen unsre Liste mit Namen schmücken, deren Träger durch ihre Stellung, wie durch die anerkannte Makellosigkeit Ihres Charakters eine moralische Garantie für die Ehrenhaftigkeit unseres Stre- dens bieten. Sind Sie also bereit, Ihren Namen auf unsere Listen zu setzen, so bin ich ermächtigt, Sie für die Stelle eines »Generaldirectors der Central-Agentie für alle fünf Welttheile« vorzuschlagen, und zwar mit einem provisorischen Gehalte von 20,000 Thalcrn. Thadd. (sehr überrascht). General! aller fünf Welttheile! 20,000 Thaler! Ah! (Steht aus.) Rittr. Nun, was halten Sie von diesem Anträge? Thadd. 2ch — ich muß gestehen — daß ich — so lang ich lebe — von derlei Unternehmungen keinen Begriff — General — fünf Welttheile. (Wankt.) Ich fange zu schwindeln an! Rittr. Ihnen ist nicht wohl, nehmen Sie eine Taffe Thee. (Klingelt ) 3ch will einstweilen meine Familie von Ihrer Ankunft in Kenntniß setzen. (Geht in dm Salon.) Achtzehnte Scene. Voriger. Jeremias. 3 er. (in reicher Livräe). Euer Gnaden befehlen? Thadd. (wmdrt sich um und ruft): Jeremias! J er. (erstaunt). Was seh' ich? Das ist ja? — Richtig Euer Gnaden! Ah, die Freud! — (Küßt ihm die Hand.) Thadd. (ungemein gerührt). Mein alter, treuer Diener, der mich immer bestohlen hat! 3er. 3ch seh' Euer Gnaden wieder — der heutige Tag wird im Kalender hoch- roth angestrichen! Thadd. Jeremias, bist Du — Jer, Ja, ich bin Premier äome8ticsue des Herrn von Rittrauber. " Thadd. Geht's Dir gut? Jer. O, wir leben! — Thadd. (empfindsam). Nun, bei mir bist Du auch nicht gestorben! Sage mir, ist dein Gebieter von altem Adel? Jer. (achselzuckend). Er ist Herr von. Mein Gott, in Wien sagt man zu Jedem Herr von! Uebrigens wir leben — Thadd. (für sich) Aha — der Bediente ist auf seinen Gebieter nicht ganz gut zu sprechen, ich kenne daS! (Laut.) Jeremias, wer sind denn die Leut', die hier empfangen werden? (Zn diesem Augenblick tritt ein dicker Herr rin.) Herr (ängstlich). Ist der Herr von Rittrauber zugegen? Um Gottes willen, ich muß ihn heute noch sprechen — Jer. (zeigt nach dem Salon). Bitte nur nach dem Salon zu gch'n, der gnädige Herr ist bei der Gesellschaft! Herr (eilt, indem er die Stirn mit dem Tuch trocknet, ab). Jer. Sehen's, das ist ein Großhändler, der immer reicher, aber auch dicker word'n is, so daß er sich von einem bekannten Doctor hat woll'n wegen Fettleibigkeit cu- riren lassen. Die Cur hat nicht ang'schla- gen, jetzo aber, wo er mit mein' Herrn in Verbindung iS, wird er bald mager werden! Ein junger Mann (mit einer Dame tritt ein. ZeremiaS verbeugt sich, der junge Mann winkt ihm mit der Hand, zurück zu bleiben). Jer. Das ist der Caffier eines Ban- quiers mit seiner Braut, der mir bedeutet hat, ich will ohne Anmeldung — durchgehen! — Ein ältlicher Herr (mit einem jungen Mädchen treten ein, ZeremiaS weist Ihnen nach dem Salon). Jer. Das ist ein ältlicher Herr mit seiner Mündel. Er hat nir — die Mündel ist gegenwärtig reich — er speculirt — später haben's alle Zwa nir! 25 Ein eleganter Herr (tritt rin und geht schnell in die erste Thür). Thadd. Jeremias, wer ist denn dieser Herr, der hier hinein ging? Gehört er zum Hause? Jer. So halb und halb. Ganz z'Haus is er eigentlich in dem Reick, wo vier Könige herrschen, lebt mit vier Damen, hat vier Buben — und nährt sich vom — Abgesott'nen! Thadd. (betroffen). Also ein Spieler, und da drinnen wird — Zer. Ja, da drinnen werden die Fonds flüssig g'macht, die wir für's Haus brauchen. Es ist zum Hinwer'n, aber — wir leben! Thadd. (saßt Jeremias hart an). Schlingel, Du verleumdest deinen Herrn, machst ihn schlecht und betrügst mich! Aber ich erklär' Dir, daß ich von heute an zu diesem Hause gehöre, und zwar in der Eigenschaft eines Generaldirektors des Central- Burcaus für alle fünf Weltrheile. Zer. Aber Euer Gnaden! Neunzehnte Scene. Vorige. Eduard (kommt aufgeregt aus dem Spielsalon) Eduard (ohne Jemanden zu bemerken). 2000 fl., die Hälfte meiner Habe ist verloren! (Stampft mit dem Fuß.) Verdammt! Jer. Sehn's, das ist Einer, der wieder von einem eing'fadelt wurde, da her z'kommen! (Verbeugt sich gegen Eduard.) Wünschen Euer Gnaden was? Eduard (für sich). Nein, es ist nicht möglich. Die sich meine Freunde nennen, können mich nicht getäuscht haben. Es ist nicht möglich. Ringsumher die Zeichen von Reichthum und Pracht, die Diener in eleganter Livree. (Sieht Prunkenstein, zu Irre- mias.) Wer ist dieser Herr? Jer. Ich habe die Ehre, Sie dem Herrn von Prunkenstein vorzustellen. Eduard (betroffen). Prunkenstein? — Ades Onkel! (Verbeugt sich.) Gehört dieser Herr von Prunkenstein zur Gesellschaft? Jer. Zum Hause gehört Seine Gnaden und zwar als Gcneraldirector unsers Centralbureaus für alle fünf Welttheilc! Eduard. Dann kann ich unmöglich in ein Spielhaus gerathen sein, es war nur die Ungunst des Glücks, die mich um 2000 fl. brachte. Nun denn, wer wagt, gewinnt, ich wage den Rest meines Vermögens! (Grht in den Spielsalon.) Thadd. Ergeht — Jer. Wieder zum Spiel, das ihm leichter wird! Und wissen, Euer Gnaden, warum der junge Herr wieder zum Spielen anfangt? Thadd. Nun? Jer. Meinen Kopf wett' ich, nur wegen Ihnen! Thadd. Wegen mir? Jer. Jetzt, wo ich weiß, daß Euer Gnaden einer der Unsrigen sind, jetzt genir' ich mich gar nicht mehr. Ja, der Herr hat verloren und Verdacht geschöpft, daß's da nicht mit rechten Dingen zugeht. Da sieht er auf einmal Euer Gnaden hört, daß Euer Gnaden zum Haus g'hören, denkt sich, wo so ein Herr z'Haus ist, da logirt auch die Ehrlichkeit, und fangt glei wieder zum spielen an. Thadd. (rntfttzt). Wie, ich also wäre? Jer. So was man sagt s'Aushäng- schild, damit die Leut' Zutrauen haben! O, ich sag' Euer Gnaden, Euer Gnaden werden ein herrliches Leben haben, wann auck 's »Centralbureau für alle fünf Welttheilc* nicht zu Stande kommt. Sie wer'n wie in Baumwoll eing'wickelt sein, —in Geld bis an den Hals stecken; —in Champagner sich bis über'n Kopf baden, Wagen, Pferd, Logen — Tänzerinnen, alles das wcrden's haben — denn der Herr von Rittrauber ist ein Genie, der den Schwindel ins Immense treibt, und es doch immerso einzurichten weiß, daß man ihm nicht an den Leib kann. Na, Sie wern's seh'n — wann erst die Unternehmungen alle im Gang sein — eine Massa 26 Leuk' werd'n Bettler werden — sich's G'nick brechen — durchgeh'n— eing'spem werden, der Schwindel aber wird doch net aufhören, denn wir, — wir leben. — Thadd. Ah, mir starrt das Blut in den Adern — mein Kopf — mein Kopf — (Wankt plötzlich, richtet sich wieder aus.) Wie, als Lockvogel soll ich dienen — dem Betrug zum Folie — uni zu leben, ehrlos sein? Ich, der, ich sch' es ein, viele Febler hatte, aber cs auch als seine Pflicht erkannte, ein Mann von Ehre zu sein! (Will nach der Thür, wo Eduard abging.) 3er. (hält ihn aus). Was thun denn Euer Gnaden? Thadd. Laß' mich, ich muß dem jungen Mann erklären — ihm seinen Irrthum benehmen. Jer. Aber Euer Gnaden! — Thadd. Laß mich! (Dringt mit Kraft vor.) Einundzwauzigste Scene. Vorige. Eduard. Eduard (tritt aus dem Spielsalon, ist bleich und wie vom Fieber geschüttelt). Thadd. Ah, da ist er! Mein Herr, spielen Sic nicht weiter, denn — Eduard (bitter lächelnd). Zu spät, meine Barschaft ist — l Stürzt verzweifelnd ab.) Jer. (rust). Darf ich Euer Gnaden hin- auslcuchtcn? (Eilt Eduard nach.) Zweiundzwanztgste Scene. Prunkensten (allein). Prunk. O Du mein Gott! o Du mein Gott! (Trippelt suchend umher.) Wo ist denn mein Hut? Der arme junge Mann — er hat sich zu Grunde gerichtet, und wegen — mein Hut! Das ist zu entsetzlich — da will ich lieber verhungern, als — mein Hut! — lieber im Freien schlafen, als — mein Hut! (Hat den Hut gesunden und aufgesetzt.) Eine Raubhöhle haben sie aus meinem schönen, freundlichen Logement gemacht — in meinen weichen Fauteuils, auf meinen schwellenden Divans und Sofakiffen dehnt und streckt das Laster behaglich seinen Drachenleib, das Elend, die Verzweiflung kauern im Halbdunkel dieser traulichen Räume, um sich aus ihre Opfer zu stürzen, sie zu erwürgen — ha, fort, hinaus. — Wo ist mein Hut — ich finde ihn nicht — ach, ich Hab' ihn (fühlt nach dem Kopf und nimmt den Hut ab) aber den Kopf habe ich verloren — fort, mein armer Kopf, fort! (Will ab.) Dreiundzwanzigste Scene. Vorige. Rittrauber. Frau. Gesellschaft. Rittr. (tritt Thaddäus entgegen). Ach, bester Freund, entschuldigen, daß ich Sie vergaß. Allein Geschäfte hielten mich — (zur Frau) meine Gnädige, ich stelle Ihnen einen meiner besten Freunde, den Herrn von Prunkenstein vor! Frau Rittr. (verneigt sich). Sehr erfreut! Rittr. (derPrunkenstein's Derstörungbemerkt). Was haben Sie denn? Thadd. (der einen Augenblick nicht wußte was er thun sollte, ermannt sich plötzlich und läuft davon) Alle (bleiben in einer staunenden Gruppe). (Der Zwischenvorhang fällt.) Verwandlung. (Straße vor der Wohnung des Zimmermanns, im Hintergrund links das Haus mit einem großen Fenster, darinnen in der Mitte ein gedeckter Tisch Es schlägt neun Uhr. Es scheint der Mond.) Vierundzwanzigste Scene. Balk. Gesellen. Balk (zählt im Auftreten die Schläge der Uhr). Es ist richtig schon neune! Heut' hab'n wir uns lang auf'm Zimmerplatz aufg'halten. Erster Gesell. Ja manigsmal geht's schon nit anders. Balk. Und i leg Euch beim Wochenlohn ein wengerl was zu. Alle. Das wissen ma! —- Balk. 'S war' ja a gegen all's Recht! (Blickt gegen das Fenster.) Ui, bei mir war- tcn's schon mit'm Essen! Da heißt's pünktlich sein. No, gute Nacht alle miteinander. (Geht ins Haus.) Gesellen. Gute Nachts Meister! (Hinter das Haus ab.) Fünfundzwanzigste Scene. Prunkenstein (kommt ganz erschöpft von der entgegengesetzten Seite des Hauses). Ich kann nicht mehr weiter — zum Glücke bin ich auch am Ziele angelangt, dort ist das Haus des Zimmermanns! Mit ihm will ich sprechen. — Ich werde ihm sagen, daß ich entschlossen bin, von morgen an zu arbeiten, um, was ich brauche zu verdienen. Zwar werd' ich nicht viel verdienen — aber ich bin ein alter Mann, der nicht mehr viel brauchen wird. (Geht gegen das Haus, bleibt aber wieder zögernd stehen.) Na also — da empört sich wieder mein Stolz gegen diese Demüthigung. Ich finde nicht Kraft genug, den entscheidenden Schritt zu thun! (Blickt nach dem Fenster.) Das Zimmer ist erleuchtet, in der Mitte ein gedeckter Tisch, die Frauen eilen geschäftig hin und wieder, ach, man rüstet sich zu dem Nachtessen, woran ich theil- nehmen sollte! -Aergerlich.) Guten Appetit, guten Appetit! o, cs kehrt mir ordentlich den Magen um! Und jetzt soll ich hineingeben? Das sähe aus, als ob ich nur darauf gewartet hätte, meinen Hunger zu stillen. (Geht wieder vor.) Nein, da will ich lieber hier ausharren, bis das Essen vorüber Nt und dann (wieder aufmerksam nach dem Hellster sehend). Ach, jetzt sind sie alle beisammen und da — da kommt die Alte mit einer Schüssel! (Man sieht Krau Ball eine Schüssel auf den Tisch stellen.) Ah, das dampft, und wie kräftig gekocht, der Duft dringt bis zu meiner Nase! —: Vorwärts! — vorwärts — nur zu— nur zu warum so lange gezaudert, soll ich bis Mitternacht vor der Thür lauern? Ah, sie reihen sich schon um den Tisch, jetzt wird das Einhauen losgehen! (Man firhtAda, Zenny. Herrn und Krau Balk nebst drei Kindern sich um den Tisch stellen; ungeduldig ) Nun zum Henker, was ist's denn, weshalb wird denn nicht zu- gegrissen? (In diesem Augenblick nimmt Balk die Mütze ab. Alle falten die Hände, eine leise, sanfte Musik beginnt, seufzend.) Sie beten! (Steht wie vernichtet, horcht eifrig, fängt endlich zu schlnchzrn an, ruft mit gebrochener Stimme, die Hände faltend): Gib uns heut' unser tägliches Brot! (Sinkt in die Knie, dann naeb einer kurzen Pause haucht er:) Von allem Uebel, Amen! (Stürzt zusammen.) (Der Vorhang fällt.) Gnde'des zweiten Actes. Dritter Äct. (Marktplatz. Im Hintergründe verschiedene Verkäufer und Verkäuferinnen in Markthütten und an Tischen. Zn der Mitte ein Brunnen, wo mehrere Mädchen Wasser holen. Während der ganzen Verwandlung herrscht ein bewegliches Leben auf der Bühne, jedoch ohne die vorne Sprechenden zu stören.) Erste Scene. Eduard. Jenny. Eduard (elegant schwarz gekleidet). Aber icb bitte Dich, liebe gute Schwester! Jenny (einen Korb am Arm) 'S nutzt Alles nichts, wann Du mir auch noch so schmeichelst. Ich darf nicht, der Vater hat's verboten, hat g'sagt: er weis't mich g'rad so aus dem Haus, wie er Tir's vor sieben Monaten gelhan har. Jetzt, bei Dir macht's nit so viel. — Eduard. Schwester! 28 4 Zenny. No ja, ich weiß schon, daß's dich kränkt, ich mein' nur, Du bist daweil Doctor word'n, hast dein hübsches Auskommen, so daß Du deine 4000 fl., die Du verspielt hast, bald wirst verschmerzt haben. Zch weiß auch, daß Du Dich grad nachher erst recht bemüht hast, dem Vater zu zeigen, daß Du ein tüchtiger Mensch bist, der auch ohne Erbschaft zu was kommt, wenn er nur thätig sein will — das Alles mein' ich, wenn ich sag': es macht Dir nit so viel, daß der Vater bös is. — Aber was thät denn ich? — wenn mich der Vater fortschickt? Hab' keinen Platz, bin a armes dummes Ding, Hab' net amal ein Bräutigam, der mich nachher heiraten müßt, und darum — kann ich Dir deine Bitte nicht erfüllen. Eduard. Freilich, freilich! Zenny. Aber der Herr von Prunkenstein kann's, das ist der Onkel von deiner Geliebten, 's is a alter, guter Herr, und seit er sich sein Brot selber verdienen muß, kann man ihn ordentlich um den Finger wickeln. Er weiß von deiner Lieb'sgcschicht, die Fräula hat ihm Alles anvertraut; Du brauchst Dich also gar nicht zu geniren. Der gute, liebe Herr! Seit sechs Monat' ist er französischer Sprachmeister, ich lern' auch bei ihm, was der sich plagen muß! Sieh'st dort (zeigt in die Coulisse) in dem großen Haus, gibt er zwischen drei und vier Uhr Lection. Jetzt is glei vier Uhr. Wenn Du da nur a bißl wart'ft, so kommt er grad auf Dich zu. No also — jetzt Hab' ich Dir also doch geholfen! Eduard. Zch danke Dir, Schwester, und wennDu einmal etwas brauchst, so — Jenny (lachend). Ich brauch' gar nichts als ein' Ehemann — wenn Du mir den als Medicin verschreibst, so kannst darauf rechnen, daß ich ihn ganz gewiß einnehme! No pfirt Dich Gott, Bruder! (Laust ab.) Zweite Scene. Eduard (allein, fielt nach der Uhr). Vier Uhr! Jetzt muß er wohl bald kommen. Zch will dem Rathe meiner Schwester folgen und ihn hier erwarten. (Geht seitwärts ab.) Dritte Scene. Jeremias. Drei Buben. Zer. (in sehr ärmlicher Kleidung, einen Stelzfuß). Her da, Bub'n! Du Fritzl, da hast drei Dutzend Zündhölzelpackcl mit und ohne Schwefel. (Gibt es dem Buben.) So! da sein die Cigarrenspitzen. Es sein 24, wenn Du mir Eins von die 24 verlierst, kriegst 25. Jetzt schau zum G'schäst, Marsch! (Laust der erste Bub fort.) Du, Loisl, da hast Du die Numero (gibt ihm Papierstreisen) 30 Zetteln, darauf stehen lauter Ternosecco, die deiner Mutter träumt hab'n, aber nie herauskommen sein. Schau Dir nur die Gäst in den Wirthshäusern gut an, die die dümmsten G'fichter haben, kaufen am ersten solche Nummern und gewinnen auch am ersten. Marsch! (Zweiter Bub fort.) Dich, mein Kind, mit der treuherzigen Physiognomie, Dich Hab' ich für einen besondern Coup ausersehen. Du gehst heut' auf drei verschiedene Plätz', da fängst Du zum La- mentiren und Herumsuchen an. Die Leut' werden steh'n bleiben und fragen, warum Du weinst. Dann sagst—U mein, u mein! i Hab' an Gulden verlor'n und find' ihn nit mehr. Mein Master schlagt mi todt. U mein, u mein! D'rauf wird man zusamm- steuern, um Dir zu helfen, und Du kriegst im Ganzen g'wiß mehr als drei Gulden z'samm; nachher kauf' i Dir a paar neue Schuh'! Dritter Bub bläust freudig ab). Juchhe! ich krieg' neue Schuh! 3er. (ruft nach). Teurelsbua! Wirst aufhörcn! Schneid' G'fichter, sang zum Weinen an! (Kür sich.) S'iS schrecklich, wie schwer es bei der Zeit ein'n Familien- 29 vater wird, für seine Kinder 's tägliche Brot aufzutreiben. Man muß rein — (Ein Herr geht über die Bühne.) Gnä' Herr, a armer Krüppel! Bitt' gar schön! (tzr hinkt dem Herrn nach.) Vierte Scene. Eduard (hrrvortretend). Eduard. Schändlich! Ueberall dieser entsetzliche Schwindelgeist, welcher dem fleißigen Arbeiter wie dem wirklicheil Armen den Bissen Brot vom Munde wegzuschnappen sucht. Das war der ehemalige Bediente jenes Mannes, in dessen Haus ich mein Geld und die Liebe meines Vaters verlor. Ach! (Blickt nach rechts.) Ah, endlich! — Fünfte Scene. Prunkenstein. Voriger. Prunk, (nett gekleidet, will schnell über die Bühne eilen, er hat ein dickes Buch unterm Arm). Eduard (tritt ihm entgegen). Herr von Prunkcnstein! Thadd. (ausblickend). Ergebenster! (kardial.) Ach was seh' ich — der Herr Doc- tor Balk! Nun wie gcht's, wie steht's? was machen Sie? Eduard. Ich habe Sie erwartet! Meine Schwester sagte mir, daß Sie in dem dreistöckigen Haus zwischen drei und vier Uhr Stunden geben. Thadd. (wichtig). 3a, die Tochter des Banquier Moorheim ist eine meiner Schülerinnen! Aber daß Sie mich erwarteteil— Eduard. Wie anders könnte ich das Glück haben, Sie zu sprechen? (Traurig.) In das Haus meines Vaters darf ich nicht kommen. Thadd. Weiß, weiß. Ihr Herr Papa, der Zimmermann, mein Zimmerherr, hat Ihnen vor sieben Monaten gezeigt, wo der Zimmermann — (bricht ab. thut als ob er rin paar Worte verschluckte). Na thut nichts! Sie sind jetzt Doctor, machen hübsche Euren, verdienen Geld — Eduard. Ach Gott, dieß Alles rührt meinen Vater nicht. Thadd. Beruhigen Sie sich. Ich will ihm schon einmal zu Gemüthe reden, wenn ich Zeit habe. (Aergrrlich.) Leider Hab' ich keine Zeit. Von 7 Uhr Morgens bis 4 Uhr Nachmittags laufe ich sämmtliche Vorstädte nebst der inncrn Stadt ab, um Lectionen zu geben; dann Hab' ich außer Ihrer Schwester noch eine Schülerin in der Wohnung. Ach, ich sage Ihnen, das Sprachmeisterbrot ist auch nicht sehr neugebacken. Und dazu muß man schauerlich viel Galle schlucken, da heißt es mit den Schülern französisch reden, damit sie was lernen, mit den Eltern deutsch, damit sie durch ihre Affeckicbe die Kinder nicht am Lernen hindem. Indessen bei alledem scheint es mir, als ob das viele Laufen wie der viele Aerger auf den Magen wirkte, denn seit ich Sprachmcister bin, Hab ich immer Hunger. (Zieht eine Semmel aus der Tasche.) Etwas Lurusbäckerei! Ist's gefäl- lig? (Präsrutirt Eduard die Semmel.) Eduard (sehr artig). Danke, geehrter Herr von Prunkenstein. — Ich wollte nur bitten — Thadd. (ißt schnell). Man glaubt nicht wie die Luft zehrt. Eduard. Bitte um — Thadd. (der nicht auf Eduards Reden achtet). Aber, Herr Doctor, finden Sic nicht, daß mir mein neuer Wirkungskreis sehr gilt anschlägt? Früher in meinen Ruhestandstagen, da litt ich häufig an Anschoppungen (ißt noch hastiger) und mein Puls schien manchmal ganz stille zu stehen. Da, Herr Doctor (reicht dm Puls) belieben Sie zu fühlen. Eduard (fühlt am Puls). O, der Puls geht ausgezeichnet! Thadd. (erfreut). Nicht wahr? — Ja, wenn man so lauft wie ich, wird doch der Puls gehen können? Eduard. Auch Ihr Aussehen, die Farbe des Gesichts läßt nichts zu wünschen übrig. Diese Hauptthätigkeit — Thadd. O, bei mir ist Alles thätig, sogar die Haut! Eduard hinlenkend). Aber ich möchte bitten, daß — > Tbadd. Daß ich mit Ihrem Vater spreche? Ganz gewiß! — Eduard. Und mit — dem Fräulein Ada — Thadd. Mit meiner Nichte? (Freundlich.) O, Sie Herr Doctor — Sie Eur- macher. Sie haben da viel gut zu machen. Meine Nichte ist krank — Eduard (erschrocken) Krank!? Thadd. (ironisch). Ja, liebeskrank ist sie. Eduard (zieht einen Brief hervor, bittend). Herr von Prunkenstein! (Mit Ertase.) Herr von Prunkenstein! Thadd. (prallt zurück). Doctor, was ist Ihnen denn? Eduard. Herr von Prunkenstein! Sie sagten, das Fräulein wäre liebeskrank (zögernd) ich hätte da ein Recept. Thadd. Ein Recept! (Sicht den Brief an.) Das ist ja ein Liebesbrief, (brnst.) Junger Mann, haben Sie mehrere Patienten, denen Sie solche Recepte verschreiben? Eduard. Herr von Prunkenstein, ich schwöre Ihnen, das ist der fünfundfünf- zigste - Thadd. Was? Eduard. Den ich an das Fräulein schrieb. Meine Schwester besorgte bis jetzt die Briese. Doch der Vater kam dahinter und verbot ihr, mir länger gefällig zu sein. Jetzt habe ich keine andere Hoffnung, als — Thadd. Daß ich in Zukunft den Briefträger mache. Nun, weil ich schon im Laufen bin, so geben Sie her! (Nimmt ihn) Eduard (entzückt) O, Sie sind zu gütig, wirklich — Thadd. hrnst». Lassen wir das. Ich weiß, daß Sie vor sieben Monaten gleichsam durch mich, um Ihre ganze Barschaft gekommen sind. Dieser Grund und zwar nur dieser Grund ist es, der mich bewegt, Ihnen gefällig zu sein. Ich will sogar noch mehr thurr. Wie lange ist es, daß Sie die Baronesse nicht gesprochen haben? Eduard (traurig). Ueber drei Monate. Thadd. Sie sollen Sie heute noch sprechen, kommen Sie am Abend so zwischen 7—8 ans Haus. Ich werde mit meiner Nichte eine kleine Promenade machen, da können Sie uns Gesellschaft leisten. Eduard (außer sich vor Freude). O, welches Glück! Herr von Prunkenstein gestatten Sie mir, Ihre Hand zu küssen. Thadd. Bitte, wenn es Ihnen Vergnügen macht. (Läßt es geschehen.) Hände, welche Wohlthaten ausstreuen, sind immer küffenswerth. Abed jetzt haben wir lange genug geplaudert, meine Schüler warten zu Hause auf mich. Eduard. Darf ich Sie ein wenig begleiten? Thadd. Warum nicht? Zwei kommen immer schneller vorwärts. Doch halt — die Semmel hat mich durstig gemacht. Eduard.,Treten wir in eine Restauration. Thadd. Dazu haben wir Beide kein Geld und ich keine Zeit. Sechste Scene. Vorige. Marianka (welche eben vom Brunnen weggeht). Thadd. (eilt auf sic -tt). Holde Nire des Brunnens! Marianka. Nire? — a bvtom, wer ise Nire? mir scheint, Sie können's uit amal deutsch! — Thadd. Ei! (Verdutzt.) Die zweifelt, ob ick» deutsch kann. Doctor (lachend) sehen Sie sich einmal diese reizende Blume aus dem Böhmeuvald an; was die in der deutschen Sprache leistet, leisten ein paar meiner Schüler im Französischen! (Sie zurück- 3 ? haltend.) Bitte, bitte, mein Kind — meine liebliche Rebekka! Mari anka. Rebekka? Ich heiß' ich Marianka, was nit laßt sich steigen nach Mannsbild alte! Thadd. Aber ich will Ihnen ja nicht nacksteigen — nur ein wenig trinken möcht' ich — Marianka (freundlich). Ah, haben Se Absichten sulchene? Ale warum sagen Se nit gleich, da (reicht ihm dm Krug). Thadd. Danke! (Nimmt den Krug und trinkt, lachend.) Der Herr von Prunkenstein trinkt auf offener Straße aus einem Kruge! Doctor, diese Brunnencur kann Sie überzeugen, daß ich stets bemüht bin, mich von allen Vorurtheilen gründlich zu curi- ren! (Trinkt und gibt den Krug zurück.) Ich danke! (Will ihr Geld schenken.) Marianka. O ise gar nit nothwen- dig. Ich schau ich gar nickt auf Geld, nur auf Behandlung gute. Wann sein Herrnleut freundlick, alc geh' ick für ' sie durck Feuer, wann ise noch su heiß; wann abe sein Herrnleut sekante bushaftige — da geh' ich in Donau, denn Sie müssen wissen — lmit Stolz) ich bin ich Wiener Dienstbot! Schamste Diener! (Geht ab ) Siebente Scene. Prunkenstein. Eduard. Thadd. Sie ist Wiener Dienstbot, das hat sie mit derselben Würde gesagt, mit welcher Maria Stuart sagte: Ich bin besser als mein Ruf. Nicht wahr, Doctor? Kommen Sie. (Beide wollen gehen) Achte Scene. Vorige. Jeremias. 3 er. (tritt ihnen entgegen). Euer Gnaden, i bitt gar schön — Thadd. (ruft). Jeremias! Ier. (erstaunt). Der Herr von Prnnken- stein! Thadd. Wie, Du bettelst? Ier. (jammernd). Ja, weil i a Krüppel bin! —O Gott, Euer Gnaden, mir gebt's schlecht.' Thadd. Wie kommst Du denn zu diesem Stelzfuß? Ier. No, mein Gott! — mich hat das Unglück so stark verfolgt, und da bin i über a Stieg'n g'fallen und Hab' mir den linken Fuß brocken. Eduard. Den linken? Ier. Ja, i bin überhaupt von jeher a bisserl links gewesen, no und da — Eduard. Aber der Stelzfuß ist ja auf der rechten Seite — Ier. (betrachtet sich). Auf der rechten? Richtig, no wissen, Euer Gnaden, anfangs war's der linke Fuß, aber später hat sich das Uebel erst reckt auf d'rechte Seiten — (Für sich.) Das ist der Herr, der damals verspielt hat. Thadd. (drohend) Jeremias, ich glaube fast, Du schwindelst jetzt aus eigene Gefahr. Wo ist denn dein Herr, der Herr v. Ritt- rauber? Ier. Eing'naht! —Sie sein ihm d'rauf- kommen, daß er ein Manlmacher, Schwindler, Geldherausfiloutirer ist, der gar ka Recht hat, Herr von zu heißen, no, und da war's nachher aus mit der Central> agcntie für alle fünf Welttheile. Thadd. Jst's wahr? Nun das freut mich recht herzlich. Und Dich haben sie nicht versorgt? r Ier. Bis dato nir! Thadd. Warum hast Du Dich nachher nicht um eine Bedientenstelle beworben? Ier. O, ick wär' gern wo ankommen. Aber das Unglück mit mein'n Fuß hat mich so heruntergebracht, daß ich endlich mein eigener Herr geworden bin. Thadd. Armer Teufel, Du dauerst mich! Ier. (schluchzend) O mein Gott! Thadd. Aber so geht es, wenn der Mensch krumme Wege gebt, so büßt er seine geraden Glieder ein! Ier. (schluchzend). D mein Gott! Thadd. Doctor, sagen Sie, ist dem Armen nicht zu helfen? Jer. (erschrocken). Ui je, der ist a Doctor. (Verlegen.) Da bin i in a schöne G'sell- sckaft g'rathen. Eduard. Warum nicht! (Zu Jeremias.) Komm' Er mit mir—ich werd' Ihn untersuchen. Jer. (fassungslos). Untersuchen? Na, na! Herr Doctor, es nutzt nir! Ich bin inkurabel! Die Floren in der Kniekehlen ist viel zu kurz. Eduard. A bah, ich helf' Ihm schon. (Faßt ihn am Kragen). Komm' er nur! Jer. (für sich). Jetzt ist's Zeit, daß ich schapir. (Schreit ) Ah, au, was ist das, Herr Doctor, laffen's aus — Sie magnetisiren mich — meine Knie — mein Fuß — au, auslaffen! Eduard (läßt ihn los). Jer. (nimmt den Stelzfuß aus die Achsel und laust unter folgenden Worten ab). Ich habe die Ehre mich bestens zu empfehlen! Thadd. (zornig). O Du Gauner! (Starrt ihm nach.) Eduard (besänftigt Pnmkenstein und lacht) (Das anwesende Volk lacht und schaut Jeremias nach. — Der Zwischenvorhang fällt.) Derwaudlung. (Balk s Stube wie im zweiten Act) Neunte Scene. Balk. Traudl. Jenny. Ada. Cornelius. Kinder. Ada (Cornelius umarmend). Mein lieber, guter Bruder! wie glücklich bin ich, Dich wieder in meine Arme schließen zu können. — Und was Du für ein schmucker Seeheld bist. (Zu den Anderen.) Seht nur wie vor- tkeilbaft Sonne und Luft sein Gesicht gebräunt baden. Alle. Ja, ja! Jenny (ganz rxaltirt). Dieser gottvolle Bart! Ada. Auch kräftiger scheinst Du geworden. Siehst wie ein echter Mann aus. Alle. Ja, ja freilich! Jenny (wie zuvor). Und die knappe Uniform! Ada. Alles in Allem genommen, bist Du jetzt zwar nicht mehr der zierliche Elegant von ehedem, aber mir gefällst Du weit besser. Jenny. Mir auch! Balk (zu Jenny). Wirst stad sein! Corn. Wozu diese Lobeserhebungen, meine gute Schwester, die doch nur den: äußern Menschen gelten! Im Grunde gefalle ich mir wohl jetzt selbst weit besser, aber nicht deshalb, weil ich wie ein echter Mann aussehe, sondem in Stürmen und Schlachten ein echter Mann geworden bin! Ich entschied mich für den Seedienst, weil ich einige Zeit Nautik ftudirt hatte. Aber wie war ich enttäuscht, als ich auf's Schiff kam, da hatte jeder Schiffsjunge mehr im kleinen Finger, als ich in meinem Kopfe. Der Herr Baron von Steinburg, der glänzende Kavalier, der famose Reiter, mußte sich bequemen — von Pik auf zu dienen, mußte Schiffsjunge werden, bekam die Seekrankheit, wurde ausgelacht, ärgerte sich und fing, wie toll geworden, zu arbeiten an. Nachher ging's schon besser — bald war ich Matrose, während eines Sturmes wurde ich Hochbootsmann, und endlich bei einer Fahrt nach der Levante Schiffslieutenant. Als ich kürzlich nach Triest kam, erhielt ich einen Brief vom Vater, in welchen er mir anzeigte, daß er am heutigen Tage in Wien eintreffen werde, da nahm ich Urlaub, und bin nun hier, dem Vater zu sagen: Sieh, Vater, dein Sohn hat versprochen, seine Pflicht zu thun — und er bat Wort gehalten. Ada (ihn wieder umarmend). O mein lieber Bruder! Balk. Bravo! (Zu Traudl) Sieh'st, Traudl, so ein'n Sohn laß' ich mir g'fallen, das is nicht einer, der wie der meinige, sein'n Vätern foppt, 's Geld verspielt - 33 Traudl. Ah was, er ist jetzt kein Spieler mehr. Mein Sohn is a ausgezeichneter Mensch! Balk. Mensch — Mensch — sie haben ihn halt zum Doctor g'macht. Traudl. Ja, aber nit zum Armen- doctor, dazu hat er sich selbst gemacht. Jetzt curirt er nicht nur die reichen Leut' um's Geld, er curirt a die armen Leut' umsonst. Balk (ironisch). Aha, sterbens' also? Traudl (ärgerlich). Mann, modrir' Dich! Du red'st von Herrn Doctor Balk, die Herren Doctoren müssen sich von die fremden Leut' eh gnua Witz g'fallen lassen, Du als Vater hast's gar nit nöthig. Balk. No, no, gift Dich nit. Ich weiß schon, daß ein Doctor mehr kann als jeder andere Mensch. Er kann sein'n Vätern curiren und nachher mit Stolz sagen: Ich Hab' mein'n Vätern das Leben gegeben! — Traudl (freudig). No also — dein Sohn. — Balk (barsch). Nir da! — Ich bin g'sund, brauch' kein' Doctor und kein' Sohn nit. Traudl (zornig). O Du! Balk. Bist net stad! (Deutet auf Cornelius und Ada.) Corn. Ja, liebe Schwester, Du kannst sicher darauf rechnen, der Vater wird bald hier sein. Ich will nur schnell mein Gepäck in's Hotel schaffen lassen, dann komme ich wieder zurück. Melde dem Onkel einstweilen meine Ankunft. Adieu, Schwester! Jenny. Ich bitt', Herr Baron — kommt's, Bub'n, wir werden dem Herrn Baron helfen! Corn. Wenn Sie so freundlich sein wollen! (Geht ab, Jenny und dir zwei Buben folgen nach.) 3enny (im Abgthen). Nein, die knappe Uniform! Balk. Hab' die Ehre, Herr Baron! Zehnte Scene» Balk. Traudl. Ada. Traudl (welche immerfort mit Balk dispu- tirt hat). Du willst also heut', wo's so viele Freuden in unserm Haus gibt, Dich nit aussöhnen mit Eduard? Balk. Nein, er hat das Erbtheil von sein'm Professor verspielt, bei der Spar- caffa hab'ns sein Büchel ausg'strichen,. und ich Hab' ihn aus mein'n Herzen ausg'strichen. Traudl (zornig). So? Nun paß auf, wie ich Dich martern werd'. Wo der Eduard ein'n curirt, wir ich Dir's kleinweis erzählen. Wie viel Recept er verschrieben hat, wie viel Medicinen, Pillen, Safteln, Pulver, Pflaster, Blutegel, Schröpfköps der Patient kriegt hat, was ihm Alles weh 'than hat. Balk. Hörst denn nit auf? Ich glaubet auf d'letzt, mein Haus is a Spital, und i bin der einzige Patient, der alle Lage neunundneunzig Krankheiten kriegt. Es bleibt bei meinem Entschluß, keine Gnade! Ada (bittend). Aber Meister, seid doch nicht so hartherzig — Balk. Wie? Die Fräul'n Baronesse verwenden sich für mein'n Sohn? Also g'schehet Ihnen ein G'fallen, wann ich — wann er — (Für sich.) Ah, da muß ich doch kurzen Proceß machen! (Laut.) Alte, mach' Toilette, dünner' Dich auf, der Herr Baron kommt, wir müssen ihn standesgemäß empfangen. No wird's? Million! Traudl (will voll Aerger auf ihn zu, schlägt sich aber auf den Mund, und geht ab). Eilfte Scene. Balk. Ada. Ada (will Traudl folgen). Balk (hält sie zurück). Ich bitt', Fräulein Baronesse, ich Hab' Ihnen was anzuvertrauen, — aber verrathen's mich nit. Ada (neugierig). Nun? u kh>' nivos! ich bin ganz perpler, dachte Cornelius hier zu finden! Ada (steht auf, sieht Prunkenstein an, für sich). Himmel, welch' ein Gedanke! (Laut.) Bester Onkel, beruhigen Sie sich, Comelius wird gleich hier sein. Er ist nur in sein Hotel gegangen. Thadd. Und das sagen Sie mit einem Trauerton, als ob er gestorben wäre. Ada (sehr traurig). Onkel, ich bin sehr unglücklich! Thadd. (schmrichelnd). Warum denn? Es fehlt Ihnen ja nichts! Zwar haben Sie nichts! — aber sonst haben Sie doch Alles, und ich habe auch etwas, was Sie vielleicht fröhlich macht, da — (reicht ihr Eduards Brief). Ada (öffnet den Brief unter großer Bewegung und ruft). Von Eduard! (Liest.) Ach, wie er mich liebt, er kann ohne mich nicht leben. Thadd. (achselzuckend). Phrase! Ada. Onkel! — Ihre gute Absicht ist vereitelt, diese Zeilen machen mich erst reckt trostlos. (Weint.) Thadd. (weich werdend). Aber, niöee — Sie werden doch nicht? — Mein Gott, das ist ja — (zieht sein Taschentuch). Sie weint — das gute, sanfte, so standhafte Kind weint,—ah, das ist ja zum Verrücktwerden! (Trocknet sich die Augen.) Ada. Onkel, Sie wissen, daß Cornelius hier ist, und auch der Vater trifft heute ein. Thadd. Wie, der Baron? Ada. Aber denken Sie sich das Unglück — Thadd. Nun, was denn? (Angstvoll.) Mein Himmel, was ist geschehen? Ada. Wir sind wieder reich geworden! (Thaddäus starrt sie mit offenem Munde an.) Ganz gewiß, Onkel, der Vater ist reicher als je — (Thaddäus faßt sich und sängt zu summen an, schwenkt das Sacktuch, trippelt hin und her und trillert das Lied des ersten Actes.) 35 Ei, bester Onkel — Sie werden doch nicht Freude empfinden? Thadd. So was dergleichen! (Summt wieder.) Ada (betrübt). Onkel, was Sie beglückt, macht mich unglücklich! — (Entschlossen.) Ich will kein Gold mehr, um es vielleicht zum zweiten Male zu verlieren. Thadd. (überrascht). Ja, was wollen Sie denn? Ada. Arbeiten und selbstständig sein; sagen Sie selbst, Onkel, uberwiegt das Bewußtsein durch eigene Kraft sich seine Selbstständigkeit erworben zu haben, nicht alle Genüsse des Lebens? Thadd. (achsrlzukkmd). Ich muß gestehen — Ada. Waren Sie jemals so gesund, mit so erfreulichem Appetit gesegnet, als seit Sie sich selbst ernähren? Thadd. (überzeugt). Niece, Sie haben Recht, von dem Appetit hatte ich früher keine Ahnung. Ada. Onkel, waren Sie jemals so vergnügt, so mit sich und dem Leben zufrieden, als jetzt, wo Sie arbeiten? Thadd. Nun ja, das heißt — Ada. Und wie Sie jetzt schlafen? Beruhigt legen Sie sich zu Bett, zu sich selbst sagend: Mein Tagewerk ist gethan, ach, nun will ich ruhen! Thadd. (begeistert). Ja, Reckt haben Sie — welch' ein Schlaf, das ist das non plus ultra aller Schläfe! Ada. Und dieß Alles werden Sie nicht hingcben für kin Leben langweiliger Gemächlichkeit, nutzloser Unthätigkeit! Sie werden wieder Appetit und Schlaf verlieren, werden aus einem Zimmer ins andere schleichen und gähnen! Ah! (Jmitirt das Gähnen.) Thadd. Ah! (Gähnt überlaut.) Ich bitte — Ah — hören Sie auf — ich — Uah! — Ada (saßt ihn feurig am Arm). Onkel, verzichten wir auf den Reichthum, lassen wir uns nicht abkaufen, was uns zufrieden macht, was wir unserer Kraft, unserem Willen, unserer Tüchtigkeit verdanken, und bleiben wir, was wir durch das Schicksal, durch uns selbst geworden find: arme, aber freie, durch die Arbeit unabhängige Menschen. Thadd. (staunend). Theure Nichte, Sie sind ja ganz Feuer und Flamme? Ada (,n großer Bewegung). Es handelt sich um mein Lebensglück, um meine Zukunft, aber nur durch Ihren Beistand kann ich glücklich werden. Der Vater wird Manches gegen meinen Entschluß einzuwenden haben, wird mir nickt gestatten, länger in diesem Hause zu verweilen — allein kann ich nicht bleiben, aber — ich kann bei meinem Onkel leben! —Onkel, wir mie- then eine kleine Wohnung, ich arbeite, — Sie arbeiten — ich verdiene Brot — ich koche — Sie essen. Thadd. (entzückt). Ich esse — ich arbeite — verdiene Brot! Eingeschlagen, Du Engel von einem Mädchen, Du hast mich besiegt—jetzt erst bin ich frei! (Reicht ihr die Hand.) Ada (freudig). Sie wollen? Onkel! lassen Sie sich küssen! Thadd. Küssen — weil ich kein Geld will? — Siehst Du, eigennütz'ge Welt, so wird man belohnt für Fleiß, Eifer und gute Sitten. (Küßt Ada.) Vierzehnte Scene. Vorige. Cornelius. Corn. (im Eintretm). Grüß' Gott, Onkel! Thadd. (freudig.) Ah, mein Neffe, schnell komm her, ein Arm ist noch frei. (Umarmung.) Nun also, gib mir auch einen Kuß! (Erschrocken.) Herrgott, dieser Bart! Corn. (lachend). Nicht wahr, guter Onkel, ich habe mich sehr verändert. Thadd. Unendlich! Dieser Teint, dieser Bart, diese Uniform! Du siehst ja aus wie ein schöner Wilder! — 3 * 36 Corn. (lächelnd). 2a, die See ist kein Boudoir, und eine thurmhohe Woge, welche Einen urplötzlich überschüttet, ist kein Flacon mit Lnn äe OoloAns! Thadd. Na, mein theurer Neveu, das kannst Du jetzt Alles wieder haben. Ter Papa kommt, wie ich höre, wieder reich zurück. Jetzt wirft Du wieder auf großem Fuße leben können, ja, auf noch größerem Fuße kannst Du leben. Wir — ich und deine Schwester, verzichten auf unfern An- theil. Corn. Wie? Der Vater sei reich, sagt Ihr? Und Ihr wollt' verzichten? — Thadd. Wir verdienen unser tägliches Brot, wozu brauchen wir das überflüssige Geld? Corn. Ada, ist das wirklich euer Entschluß? Ada. Ja, Bruder! . Corn. (gleichgiltig). Dann brauch' ich auch kein Geld. Ada. .... i Wie? Thadd. j Was? Corn. Nun, ganz natürlich. Ich, ein junger, tbatkräftigcr Mann, der den besten Willen hat, seine Carriere zu machen, ich werde mich doch nicht von Euch beschämen lassen? Am Ende hieße es gar, wenn ich vielleicht schneller als gewöhnlich aufwärtssteige, ja der alte Baron hat Geld, da ist es keine Kunst zu pousiren. (Grimmig.) O, wenn ich das hören müßte, ich — (gleichgiltig) nichts da, brauche kein Geld! . Ada (freudig). Bruder! (Umarmt ihn.) Thadd. Cornelius, Sie sind würdig mein Neveu zu sein. Corn. Na, also abgemacht. Wir arbeiten und bleiben was wir sind. Alld Drei (geben sich die Hände). Frei, llnabhängig, selbstständig! — Ada und Corn. (treten zurück). Prunk, (tritt vor). Jetzt frage ich, sind wir Drei nicht wirkliche Resignationsraritäten? Wir nehmen kein Geld, wir brauchen kein Geld und das in einer Zeit, wo die Welt nur ein Hauptbedürsniß kennt: Geld zu besitzen. Indessen ich weiß schon, warum meiner Nichte gar so sehr um ihre Selbstständigkeit zu thun ist, sie fürchtet als reiche Baronesse nicht mehr Doctorsfrau werden zu können. Aber hier handelt sich's nicht um die Gründe, o nein, hier handelt cs fick um die Thatsache, ob wir wirklich im Stande sind, des zufälligen Reichthums entbehren zu können. Und wir können mit Stolz erklären: Ja, wir sind das im Stande; das werde ich auch dem Baron ganz ftanchement sagen. Fünfzehnte Scene. Steinburg. Balk. Traudl. Jenny. Kinder. Vorige. Steinb. (seine Kinder umarmend). Meine lieben, thcuren Kinder, laßt Euch umarmen! Thadd. Herr Schwager, lrongour! Steinb. (eilt zu ihm). Alter Freund, Ihre so erfolgreiche Umwandlung, mit welcher Sie Herr Ihres Geschickes wurden, hat mich eben so sehr überrascht als erfreut! Thadd. (stolz). Ah, auf das Verdienst den Verdienst gesunden zu haben, bin ich wirklich stolz. Steinb. Und nun zu Euch, meine Wackern! (Drückt Balk und Traudl die Hände ) Nehmt meinen innigsten Tank für eure edle Hingebung. Balk. O. i bitt', Herr Baron, es waren nur Interessen der Schuld,* welche ich einmal bei Ihnen gemacht Hab'. Traudl. Und wenn Ew. Gnaden Herr Baron wieder was bcnöthigen, so kom- men's nur zu uns. (Macht einen Knix.) Steinb. O nein, es wäre ein Verbrechen an meinen Kindern begangen, wollte iä) sie zum zweiten Male ähnlichen Prüfungen aussetzcn. (Mit Erregung) Meine Lieben, hört mich an, ich habe Euch ein Geständniß zn machen. Als ich Euch vor zehnMonatenverließ, war ich nicht, wie ich vorgab, ruinirt. 37 Ada. » Corn. ) (zugleich). Nicht? Thadd. > Stein-. Verzeiht! Ich sah euren Hang zur Verschwendung, erkannte, daß Ihr auf einem Abwege wäret; ich wollte Euch retten, und deshalb — Kinder, verzeiht eurem Vater! — Ada (sich an ihn schmiegend). Nicht so, theurer Vater! — Corn. (überzeugt). Sie waren im Rechte so zu handeln! Thadd. Wir sind Ihnen zum größten Dank verpflichtet. Steinb. Meine Absicht war gut, ick reiste ab, — ohne jedoch euer Geschick aus den Augen zu verlieren. Während dieser Zeit arbeitete ich eben so eifrig wie Ihr, um meinen Plan vollständig zu Ende zu führen, und jetzt, wo er über alle Erwartung geglückt ist, rufe ich Euch freudig zu: Kinder, die Zeit der Prüfung ist vorüber und wir sind reicher geworden, als wir es jemals waren. (Nach einer Pause.) Nun, Ihr erwiedert nichts? Ada, Cornelius und Sie, Herr Schwager! Keines von Euch äußert Freude? — Ja, was soll ich davon halten? Thadd. sgeheimnißvoll). Herr Schwager, auf ein Wort! Sic können Ihre Reick- thümer ganz allein durchbringen, denn wir Drei brauchen kein überflüssiges Geld! Steinb. (staunt). Wa — was? Was heißt denn das? Thadd. Das heißt, daß wir mit allen Reichthümern der Welt doch nichts weiter thun können, als: arbeiten, streben, dann essen, trinken, schlafen, und daß wir diese Resultate glücklicherweise durch eigene Kraft erreicht haben. Steinb. (außer sich). Aber das ist ja geradezu unbegreiflich? — Ada, Cornelius, seid Ihr im Ernste entschlossen? Corn. ! (zugleich). 3a, Papa! Steinb. (ungeduldig losbrechend). Kinder, seid doch vernünftig! Wenn Ihr mein Geld nicht braucht, ich, als alter Mann, brauche eS doch am allerwenigsten! Thadd. (einlenkend). Na, jetzt, Herr Schwager, wegschenken sollten Sie cs dock nicht, Geld ist immer gut, das heißt, wenn man es sicher, aber ganz sicher irgendwo anliegen hat. Steinb. (pikirt, aber mit beleidigtem Ton). Mein lieber Schwager, ich achte Sie mehr als je, indessen möchte ich Sie doch nicht gerne über die Verwendung meiner Gelder zu Rathe ziehen. Erlauben Sie also! (Wendet sich von ihm weg und ruft.) Cornelius! Corn. (tritt zu Steinburg). Steinb. Mein Sohn, sprich offen, wie der Mann zum Mann, aus welchem Grunde weisest Du, was dein Vater Dir bietet, zurück? Corn. Weil ich nicht dem zufälligen Reichthume, sondern nur meinen Fähigkeiten meine Karriere verdanken will. Steinb. Brav, mein Sohn, das war ehrlich geantwortet! (Drückt ihm dir Hand.) Sogleich werd' ich Dir erwiedern. (Zu Ada.) Ada! Sprich' auch Du so aufrichtig wie dein Bruder, weshalb willst Du arm bleiben? Ada (ängstlich bittend). Das — das kann ick nickt sagen — Steinb. Wie? Ada (mit einem unruhigen Blick auf Balk) Vater, später sollen Sie Alles erfahren. Steinb. Nichts da, Du wirst gleich beichten. Ada (bittend). Vater! Thadd. (führt Steinbmg am Arm vor). Herr Schwager, ich bitte nur noch auf ein Wort. Steinb. (ärgerlich). Was wollen Sie denn schon wieder? Thadd. (vertraulich). Ihnen zeigen, was herauskommt, wenn man, wie Sie es gc- than haben, Komödien aufführt und im letzten Acte, alle Taschen voll Geld, den Gutmacher spielt, um Alles zu beglücken. Aber so ein Gutmachcr ist ein längst abge- 38 droschener Charakter, und macht, wie Sie selbst erfahren haben— keinen Cffect mehr. Dagegen gibt es in allen Komödien einen Charakter von größter Wichtigkeit, der bleibt immer neu, der kann nicht gestrichen werden, der muß Vorkommen, und das ist der Liebhaber. Steinb. Der Liebhaber? . Thadd. Ja, der Liebhaber, der gewöhnlich kein Geld, aber dafür die achtcns- werthcsten Eigenschaften besitzt. In der von Ihnen in Scene gesetzten Komödie kommt er auch vor. Steind. Der Liebhaber? T hadd. Natürlich, er liebt die Heldin des Stuckes, sie liebt ihn, und wenn Sie sich weigern, dem Paare Ihren Segen zu geben, so nimmt die Komödie gar kein Ende oder es wird eine Tragödie daraus! — Wissen Sie jetzt, was beim Komödien- Aufführen herauskommt? Steinb. (mit einem Blick ans Ada) Ah, jetzt begreif' ich, weshalb — (zu Thaddäus) wer ist der Liebhaber? Thadd. Der Sohn dieses Mannes. (Auf Balk zeigend.) Doctor der Mcdicin und unbändig verliebt! Steinb. Wo ist er? Thadd. D'ranßen, er wartet auf's Schlagwort! Ich habe ihn herbestellt, und ein Liebhaber zeichnet sich immer durch die äußerste Rendezvous-Pünktlichkeit aus! Steinb. Bringen Sie ihn! Thadd. Also Sie wollen? (Macht die Pantomime des Hände in einander legen.) Steinb. (zeigt Ungewißheit, Thaddäus deutet an, daß Alles im Reinen ist und eilt ab). Balk (zu Traudl). Möcht' nur wissen, was der Herr von Prunkenstein im Plan hat? Traudl. O, ich bin auch neugierig! Jenny (für sich). Und ich kann mir's denken! — Steinb. (zu Kornelius und Ada). Kinder, vernehmt jetzt — was euren Entschluß betrifft — meine Ansicht. Du, mein Sohn, wirft hoffentlich durch deine Handlungsweise Niemand bezweifeln lassen, daß Du die Vortheile deiner künftigen Stellung dem Verdienste und nicht dem Reichtbume zu verdanken hast, dessen bin ich gewiß, und nur aus diesem Grunde biete ich Dir wieder an, was ich Dir einst entzogen habe. Nun, willst Du mein Vertrauen rechtfertigen? Corn. («griffen). Ja, mein Vater, ich will mich Ihrer Güte würdig zeigen! (Streckt die Hand entgegen.) Steinb. (drückt dieselbe). Balk (freudig). Recht so, das ist praktisch! Traudl. No, i glaub's! Steinb. (zu Ada). Nun, mein Kind, zu Dir. Du hast arbeiten und wirthschaften gelernt, das ist viel, aber noch nicht Alles, denn indem Du Dich jetzt unfähig erklärst, die Gaben des Glückes vernünftig zu Rathe zu halten, bist Du auch nickt mehr selbstständig , und ich muß Dich mit einem Manne vermälen, der die Verwaltung deines Eigenthums übernimmt. Ada (erschrocken). Nein, bester, theurer Vater, ich — ich — habe mir's überlegt — es wird mir gewiß nicht schwer werden, mein Geld zn ertragen — nein (sich verbessernd) zu verwalten. Steinb. Ja? Nun also, dann sind wir ja endlich im Reinen. Balk (freudig). Bravo, so is's recht, das laß' ich mir g'fallen! Bravo! Traudl. Wirst nit still sein! Sechzehnte Scene. Vorige. Prunkenstein. Eduard. Tbadd. (zieht den sich sträubenden Eduard zur Thür herein). Nur herein, machen Sie keine Umstände! Ada (freudig erschrocken). Eduard! Traudl. Mein Sohn! (Will aus ihn zu.) Balk (hält Traudl zurück). Da bleibst! Jenny (für sich). Jetzt geht die Bataillie los! Ich begebe mich unter militärischen Schutz! (Retirirt sich hinter Cornelius.) 3H Stellung der Personen: Ada. Steinb. Prunk. Ed. Kinder. Balk. Traudl. Corn. Jenny. Thadd. (zu Steinburg). Herr Baron, ich habe die Ehre, Ihnen diesen braven, tüchtigen jungen Mann vorzustellen. Es ist der Herr Doctor Balk, der Sohn unsers Freundes, (aus Balk zeigend) welcher ihm sein Haus jetzt, wo wir es verlassen, wohl nicht länger mehr verschließen wird. Kurze Pause. Traudl (leise" zu Balk). Christof, soll i mi scheiden lassen? Balk (der abgewendet stand, und innerlich mit fich zu kämpfen scheint, fällt Eduard um den Hals, drückt ihn an fich, und sagt mit Rührung.) O, Du schlechter Bua, Du! Aber brav is er — wie wir Alle — Eduard (ganz glücklich). Vater! (Umarmung.) (Alle stehen ergriffen da.) Thadd. (Eduards Hand fassend, zu Balk). Erlauben Sie gefälligst. (Eduard zu Steinburg führend.) Herr Baron und Schwager, im Namen dieses jungen Mannes bitte ich um die Hand Ihrer Tochter, meiner Nichte! Balk. Was treiben's denn? Traudl (staunt)? Christof! Corn. Was hör' ich? Jenny. Aha!- Ada. Mein Gott! Steinb. Meine Tochter ist Herrin ihres Willens. Ada, willst Du diesem Herrndeine Hand reichen? Ada. Mit tausend Freuden! Eduard. Welches Glück! Steinb. (zu Traudl und Balk). So kommt, Freunde, geben wir den Kindern unfern Segen. Thadd. (führt Cornelius vor). Nun, Ne- veu, wirst Du Dir keine Braut suchen? Corn. Onkel, meine Braut ist die Sec, sie liebt den, der ihr vertraut, sie läcbclt ihm holdselig zu, und wenn sie auch zankt, ist sie doch noch immer schöner als ein zornig Weib. Jenny (die sich herangeschlichen und gehorcht hat). Ah, das ist stark! Thadd. Recht so, Du bleibst vor der Hand ledig, ich aber für immer — denn gerade das, was mich selbstständig gemacht hat, könnte mich dann eben so leicht zum Sclaven der Verhältnisse machen. Corn. Das wäre? Thadd. Das tägliche Brot! ^ (Entsprechende Gruppe.) (Alle zugleich.) Ende. -. 1 '. - ii In der Wallishauffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt, hoher Markt Nr. I, find n von Alois Berla bisher erschienen: Gcroinils, Der Narr vom Unlersberg. Posse mit Gesang in drei Acten. 8 Sgr. oder 40 Nkr. Eine MöiichU »o» i>C Zlegkl. Lustspiel in einem Acte. 6 Sgr. oder 30 Nkr. « Genrebild mit Gesang in einem Acte. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) Einen Namen will er sich machen. Lustspiel in einem Acte von M. A. Grandjean. (Zum ersten Male aufgeführt im k. k. priv. Theater an der Wien.) Pers Löblich, Gerichtsinspector. Ehristrlmann, Kanzleischreiber. Gin Unbekannter. Der Wirth einer Dorfschenke. Jacob, Knecht. Ein Handwerksbursche. (Löblich's Kanzlei, mit einer Mittelthür und einer Seitenthür links; im Hintergründe rechts und links hohe Actenkästen mit Fascikeln; im Vordergründe zu beiden Seiten Schreibtische mit großen Büchern, Schriften rc. bedeckt. — Löblich arbeitet am Schreibtische links. Lhristclmann steht beim Aufziehen des Vorhanges aus einer Leiter vor einem der Actenkästen, und ist eben im Begriff, einen Bund Acten herabzulangen ) rhearcr.Rcpcrioire. Sie. 103. inen: Ein Bauer. Ein Amtsbote. Bauern, Handwerksburschen, Gerichtsdiener. Ort der Handlung: Löblich's Kanzlei, dann eine Dorfschenke an der Grenze. Erste Scene. Löblich. Christelmann. Löbl. Rasch, rasch — ich warte! Christ, (mit dm Acten von der Leiter herab- klctternd, während er nach dem Tische links vorgeht). Bin schon da, Herr Inspektor, bin schon da. (Währmd er Löblich die Acten einhändigt.) Ich bitte inständigst um Nachsicht und Ger 2 duld; ich werde mich schon nach und nach in den Dienst finden. Löbl. Ick hoffe es. Christ. Ich bin ja erst seit vorgestern so glücklich, hier Kanzleischreiber zu sein — ich werde mir nach und nach wohl die nöthige Fertigkeit im Auf- und Abklettern erwerben, und mich auch bemühen, Hoch- dero Conccpte möglichst sauber und nett zu copiren. Löbl. (schreibend, ohne vom Papier auszu- fehen). Richtig, das ist Ihr eigentlicher Beruf. — Sie dürfen dabei aber nicht stehen bleiben. Christ, (naiv). Ach, Herr Inspector — ich habe ja gar kein Stehpult! (Deutet auf den Schreibtisch rechts.) Löbl. (sieht vom Papier aus, und blickt bhristelmann an, ungewiß, wie er dessen Worte nehmen soll). Sie verstehen mich falsch. Ich meine, Sie müssen sich nicht damit begnügen, bloß Maschine zu sein. Christ. Ach, wäre ich doch eine Maschine! da braucht' ich nur ein wenig Fett oder Oel, um im Gange zu bleiben, so aber — ich habe leider einen sehr gesunden Menschenappetit und mit zehn Thalern monatlich — Löbl. Ihre Lage soll sich verbessern, wenn ich mit Ihnen zufrieden bin. Christ, (plappernd, als ob er Angelerntes hrrsagte). Es wird mein unablässiges Streben sein, die Zufriedenheit meines hochgeehrten Herrn Chefs zu verdienen und zu erhalten. Löbl. Ich zweifle nicht daran. (Mit Pathos, ausstehend.) Wollen Sie meinen Beifall gewinnen, dann müssen Sie in meine Intentionen einzugehen suchen. Sie müssen die Ihnen übertragenen Geschäfte nicht bloß abthun, um sie abgethan zu haben — Sie müssen es sich angelegen sein lassen, überall, in Hinblick auf den ganzen Com- plerus der Amtsvorkommnisse zu arbeiten. Denken Sie bei jedem Titel, welchen Sie auf eine Adresse kalligraphiren, wie derselbe, mit dem allgemeinen Gange der Geschäfte zusammenhängt, bestreben Sie sich, auch beim Abschreiben über den Zweck und die Bestimmung der Beschäftigung nachzudenken; mit einem Worte : suchen Sie den Geist Ihrer Stellung zu ergründen, und Sie werden an jedem Tage mit der wohl- thuenden inneren Beruhigung aus diesen Räumen scheiden, daß Sie auch auf Ihrem Platze in das Getriebe des gesummten Sraatskörpers werkthätig eingegriffen haben. Haben Sie mich verstanden, Herr Christelmann? Christ, (der verdutzt zugehört hat). Nicht so ganz, Herr Inspector, aber — Löbl. Die Praxis wird Ihnen die nähere Erläuterung hierzu geben. Was ich Ihnen sonst noch eingeschärft habe, behalten Sie wohl: Schnell, pünktlich, verläßlich! — Dienst im kleinen Finger, nie etwas im Kopfe — von Spirituosen mein' ich — das ist Ihre Instruction. Christ. Ich werde mich stets pünktlich darnach halten, Herr Inspektor. Löbl. (arbeitet). Hm, hm! — Der Fall ist noch nicht klar. (Laut ) Geschwinde — Fascikel 12, Nr. 2418! Christ. 2418 —sehr wohl! — (Steigt die Leiter hinan und holt wieder einen Bund Acten herab — während dessen spricht er geschwätzig.) Sie werden sehen, Herr Inspektor — in acht Tagen — in vier Tagen, klettere ich auf und ab wie ein Affe! (Taumelt im Herabsteigen.) Löbl. O — geben Sie Acht — Sie werden fallen! Christ, (am Boden angelangt). So falle ich in meinem Beruf! (Ueberrricht gravitätisch die Acten.) Löbl. Die Rapporte schon da? Christ. Ja wohl! — Hier sind sie — ziemlich viel heute. Gibt Löblich Papiere.) Löbl. Ach ja, viel und doch wenig! (Die Papiere durchblätterud.) Nichts von Bedeutung! Diese Fälle zählen, aber sie wiegen nicht. Was haben wir da? Einen Vagabunden — ckilto — äitto — AuS- weiSlosigkeit — dasselbe — Paßanstand 3 — Rauferceß — (Wirst die Papiere ärgerlich bei Seite.) Nicht einmal ein einziger Dieb! Christ. Ja, das ist wahr! — An ordentlichen, qualificirten Spitzbuben ist hier ein fühlbarer Mangel! Löbl. Und wofür bin ich hier Gerichtsinspector? Was soll ich hier machen? Ick fühle mich wirklich höchst unbehaglich. (Sich zu khristelmann wendend.) Ack, mein Lieber, Leute Ihrer Art sind glücklich! — Sie kennen nicht, was das heißt: Amtsehrgeiz! Christ. Ich denke dock, Herr Inspektor — Löbl. Ich will Sie dadurch nicht kränken, lieber Herr Christelmann. — Ihre subordinirte Stellung gibt Ihnen keinen Anlaß, sich in hervorragender Weise bemerkbar zu machen. Ihr Wirkungskreis ist enge gezogen — Amtsehrgeiz in höherer Bedeutung, so wie ich es meine, brauchen Sie nicht zu haben. Wenn man aber den Beruf, den Drang m sich fühlt, Größeres zu leisten, und keine Gelegenheit dazu sich bieten will, wenn man sich einen Namen machen möchte, und dieß durch Ungunst des Schicksals nicht kann, dann — doch Sie fassen das nicht! Christ. Doch, doch, Herr Inspektor! Ich bitte unterthänigst, mich gefälligst nicht für gar so begriffstützig halten zu wollen. Löbl. (halb für sich)- Ich vergeude meine Zeit, verbrauche mein Talent, und an welche L-ubjecte! (Aus die Papiere weisend.) Lauter Gesindel! Nicht ein einziger Fall von Belang, nicht ein einziger Spitzbube von Gewicht! (Zu Christelmann.) Begreifen Sie nun meine Gemüthsverstimmung? Wer Adler zu schießen ausgeht, will sein Pulver nicht an Sperlinge verschwenden. Christ, (verbeugt sich mit submissem Lächeln). Löbl. Wie prächtig wäre das, wenn Z. B. ein recht durchtriebener Gauner aus der Hauptstadt, wo man ihm lange erfolglos nachspürte, hierher entwischen würde! Ich bekomme Wind davon — man sendet mir Signalement des Individuums — ich verhalte mich passiv — ganz passiv — Christ. Wie, Herr Inspektor? Löbl. Nicht wahr, das begreifen Sie nicht gleich? Ja, meine Tactik in solchem Falle wäre neu und eigenthümlich. Ick verhalte mich, wie gesagt, passiv — der Spitzbube wird dadurch sicher gemacht, und durch diese Sicherheit kecker. Christ. Ah, nun merke ich — Löbl. Merken Sie? Freut mich! Der Spitzbube wird nach und nach so keck, daß er nch immer ungescheuter hervorwagt. Ich bleibe fortwährend passiv. Der - Mann macht sich innerlich über mich lustig — er hält mich endlich für einen Schafskopf. Christ. Oh — Herr Inspektor! — Löbl. Ich sage Ihnen — er hält mich für einen Schafskopf. Ich lasse vor der Hand diesen muthmaßlichen Sckafskopf auf mir sitzen — ich halte meinen Mann nur an einem unsichtbaren Bande, aber locker, locker, daß er's ja nicht merkt; — ich lasse ihn surveUHrsn — er begeht hier ganz in meiner Nähe einen Diebstahl, gut! — einen zweiten mit Einbruch — sehr gut! — er verspielt, vertrinkt das Gestohlene — vortrefflich! — ich lasse ihn 8urv6i1Iirsn. Die Sache macht natürlich mehr und mehr Aufsehen. — Das ganze Städtchen lästert erschrecklich über meine Unfähigkeit. — Der Dieb stiehlt ruhig, und wahrscheinlich lachend, fort. Endlich — beim sechsten oder siebenten Falle erst fasse ich mein Opfer! — Mittlerweile habe ick, durch mein passives Verhalten, eine 0 LU 86 evlölrrs aus der Sache gemacht — die Residenzblätter selbst konnten nicht umhin, davon Notiz zu nehmen, und füllten täglich ihre stoffbedürftigen Spalten mit neuen Frevelthaten, die das mehrbesagte Individuum verübt und mitunter auch nicht verübt hat. Die sämmtlichen Abonnenten und Leser sind in steigender Spannung! Endlich kommt die Katastrophe. — Eines Morgens bringen die Joumale folgendes Neuestes: »Der höchst gefährliche Gauner rc., dessen wir in diesen Blättern mehrfach erwähnten, ist unschädlich gemacht. Dem Scharfblick, der Energie und Umsicht des Gerichtsinspectors Löblich ist es gelungen, des schlauen Verbrechers habhaft zu werden rc.« Dieser einzige Fall macht mir einen Namen, man beruft mich wieder nach der Hauptstadt — dort wächst mein Name zu immer größerer Berühmtheit, und in zehn Jahren zittert jeder Spitzbube, der größte wie der kleinste, vor dem Klange meines Namens, wie die Thiere der Wüste vor dem Brüllen des Löwen. Christ. Vor dem Brüllen des Löwen! (Sieht Löblich bewundernd an.) Löbl. Und dieser Löwe soll hier gewöhnliche, erbärmliche kleine Mäuse fangen? Dabei wird der Löwe mager und melancholisch. (Setzt sich seufzend wieder zum Schreibtisch.) Zweite Scene. Ein Amtsbote. Vorige. Amtsbote (übergibt Löblich ein Papier). Telegraphische Depesche! (Ab.) Löbl. (aufspringend). Telegraphische Depesche! Aus der Hauptstadt! Die erste seit den sechs Monaten meines Daseins, d. h. Hierseins! (Drückt das Papier emphatisch an die Brust.) Was wird dieses Papier enthalten ? Welche Botschaft bringt mir der Electro-Magnetismus? O, mir ist so fieberhaft zu Muthe wie einem Verliebten, der das erste Lillet-cloux seiner Angebeteten erhält, so feierlich, wie an jenem denkwürdigen Tage, wo ich mein Anstellungsdecret empfing! (Erbricht die Depesche und liest hastig.) Ich bin erhört — meine heißesten Wünsche find erfüllt l (Eilt auf Christelmann zu, und faßt ihn mit beiden Händen.) Ich habe einen großen Spitzbuben! Christ. Ich gratulire, Herr Inspektor! Löbl. Danke! (Liest für sich.) »15. September—8 Uhr 15 Minuten Morgens. Der berüchtigte Spitzmeier, alias Falke, alias Brummer, alias Speckt genannt, auch sonst noch diverse falsche Namen führend, hat sich von hier, wo bereits auf ihn gefahndet wurde, geflüchtet; seit drei Tagen hat man jede Spur desselben verloren. Da er möglicherweise den Weg nach der Grenze Ungeschlagen haben kann, so wird Ihnen dieß zur Ergreifung der entsprechenden Maßnahmen mitgetheilt.«-Jetzt nach drei Tagen, und von der Hauptstadt bis hieher zur Grenze kommt man mit der Eisenbahn in zwölf Stunden. Schrecklich! (Liest weiter.) »Besagter Spitzmeier ist 36 Jahre alt, mittelgroßer Statur, weiß sich sehr gewandt zu benehmen und bedient sich häufig der unkenntlichsten Verkleidungen; zuletzt trug er kurz geschornes Haar, eine graue Jacke und eben solche Beinkleider—« (Hält plötzlich inne und steht Christelmann an.) Christ, (steht unbefangen zurück). Löbl. (impomrendi. Wie heißen Sie? Christ, (zusammenschreckend). Georg Bernhard Christelmann, Herr Inspektor. Löbl. (lauter.) Sonst haben Sie keinen Namen? Christ, (ängstlich). Nein, Herr Inspektor. Löbl. Heißen Sie nicht zuweilen auch Falke, alias Brummer, alias Specht? Christ. Mein Gott! Ich heiße nicht Falke, nicht alias. — Bitte unterthänigst, Herr Inspektor — als ich zu Ihnen kam — vor drei Tagen — Löbl. Vor drei Tagen — ja, ganz recht! Aus der Hauptstadt? Christ. Bewahre! In meinem Paffe steht's ja deutlich — aus Marienstadt — zwei Stunden von hier, in ganz anderer Richtung. Sie haben ja den Paß noch, Herr Inspektor. Löbl. Der Paß kann gestohlen sein! Christ, (zurücksahrend). Herr Inspektor! Löbl. (für fich). Nein, nein! So verwegen wäre der Mensch doch nicht! (Laut.) Wie lange tragen Sie dieses graue Gewand? Christ. Erst seit gestern, Herr Jnspec- tor. Ich Hab' es von einem durchreisenden Kleidertrödler gekauft. Löbl. Das war er! Christ. Wer, Herr Inspektor? Löbl. Wie sah der Mensch aus? Christ. Nun, ziemlich armselig, Herr Inspektor. Er trug einen starken Bart — Löbl. Falsch! Christ. Gewiß, Herr Inspektor, einen starken Bart. Löbl. Ick meine, dieser Bart war falsch! Christ. So? Löbl. O, Sie Kurzsichtiger! Sie haben ihn gesehen, ihn gesprochen, und hatten nicht so viel Scharfsinn, zu bemerken, wer hinter der Maske des Kleidertrödlers steckte? Christ, (sieht Löblich neugierig fragend an). Löbl. Es war ohne Zweifel eben derjenige, welcher hier im Signalement genannt ist. Christ. Der große Spitzbube!? Löbl. Und Sie ließen ihn entwischen! Doch — das Schicksal hat ihn vielleicht für mich aufgespart — ich soll der Auserwählte sein, der ihn aufgreift! Ja, ich werde ihn finden, ich muß ihn finden! Ich fühle es, eine innere Stimme sagt mir: Löblich, heute ist dein Glückstag, heute wirst Du Dir einen Namen machen! Ich will dem schlauen Fuchse nachspüren, noch vor Abend muß ich ihn haben! Auf denn, an's Werk!: »Und wenn Ihr den kühnen Gesellen fragt, das ist Löblich's wilde, verwegene Jagd!« (Mt majestätischen Schritten ab ins Seitenzimmer. Christelmann folgt kopfschüttelnd.) Verwandlung. (Gaststube mit einer Mittel- und einer Sciten- thür links, von denen erstere aus die Straße, letztere in den Hosraum führt. Links im Vordergründe ein Fenster; ringsumher Tische.) Dritte Scene. Der Unbekannte (sitzt vorn an einem etwas isolirten Tische. Er trägt einen Hut mit breiter Krämpe, tief in die Augen gedrückt, einen alten Oberrock und einen struppigen rothen Bart). Bauern. Handwerksbursche als Gaste. Der Wirth (geht bedienend auf und nieder). Handw. Darf man's denn auch glauben? Bauer. Ja, ja! Der Herr Inspektor in der Stadt hat eigens eine Depesche bekommen — mit dem Telegraphen, so pressant war's! Mir hat's mein Vetter, der Amtsbote, erzählt; es muß also wahr sein. Wirth. Ist der Mensch wirklich ein so desperater Spitzbube? Bauer. Man sagt es. Gevatter, nimm deine Schränke in Acht! Wirth. Na, ich denke, man wird ihm bald das Handwerk legen — der Herr Inspektor wird wohl aufpassen. Bauer. Aber der Herr Dieb wird wohl auch aufpassen; und der Herr Inspektor soll nicht besonders scharfe Augen haben. Unbekannter (für sich). Desto besser! Wirth (hinzukommend). Noch ein Glas? Unb. Nein, wenn Sie kein besseres Getränk haben, Herr Wirth. Der Wein macht Einem das Leben sauer. Wirth. Das hat mir noch kein Mensch g'sagt! Unb. Ick sag' es Ihnen aber, und es ist so! Der Wein ist so herb, daß man drei Tage lang Gefickter schneiden muß. Das Getränk ist ja erbärmlich geschwefelt! Ein wahrer Höllentrank! Wenn der Schwefel da einmal auf Ihrer Seele brennt, Herr Wirth, so haben Sie drei Ewigkeiten lang im Feuer zu braten. Wirth. Der Herr hat eine böse Zunge. Unb. Kann wohl sein, daß die Zunge böse wird, wenn sie solches Zeug zu kosten kriegt. Wirth. Der Herr muß ja was Vor- nehmes sein, weil er einen so feinen Geschmack hat. Unb. Ich bin Geschäftsreisender. Wirth. So? Und was für ein Geschäft, wenn ich fragen darf? Und. Ich bin Seiltänzer. Wirth. Seht einmal! Ein Balancir- held! So ein Strickvirtuos'. So ein Hanswurst! Er nimmt ja den Mund gar voll — vielleicht sind seine Taschen um so leerer! Unb. (gibt ihm Geld). Ta, Herr Giftmischer, eine Flasche Rheinwein, aber ehrliches Getränk! Wirth (besieht das Geld — bei Seite). Ein blanker Silberthaler! Der Kerl muß ein Gauner sein! (Bringt den Wein und betrachtet den Unbekannten von der Seite mit mißtrauischen Blicken ) Unb. (schenkt sein Glas voll, steht auf, und nähert sich den übrigen Gästen). Auf Ihre Gesundheit, meine Herren! Handw. Wir danken! Unb. Sie find wohl ein Jünger vom gold'nen Boden, nicht wahr? Handw. Was? Unb. Ich meine vom Handwerk; das hat ja, wie das Sprichwort sagt, einen gold'nen Boden. Handw. Dummes Sprichwort! Unb. Mein Handwerk hat gar keinen Boden, indessen ich stehe gut dabei, so lange ich nicht falle; aber das ist eben das Böse daran — mein Geschäft bietet keine sichere Stellung — man kann sehr schnell dabei herunterkommen. Wirth. Ja, ja, da verdien' ich doch lieber mein Brot mit meiner Hände Arbeit. Unb. Richtig, dieser Hände Arbeit kennen wir. Die rechte Hand schüttet im geheimen Keller Wasser in die Weinfässer und die linke Hand leuchtet zu dieser Freveltbat. (Die Gäste lachen. Der Wirth geht zornig hinter den Schenktisch.) Bauer. Will der Herr vielleicht hier im Dorfe eine Vorstellung geben? Unb. Wohl möglich. Ich suche hier nur einen Taschenspieler; wenn ich den gefunden habe, könnte es eine recht hübsche Production geben. Handw. Schade, daß ich's nicht mit ansehcn kann; ich bin in einer halben Stunde schon über der Grenze. Unb. Thut mir recht leid. Handw. (zu den Uebrigen). Ihr begleitet mich noch ein Stück Weges? Bauer. Auf jeden Fall! Aber gehen wir jetzt gleich, wcnn's Euch recht ist. Handw. Ich bin dabei. (Alle stehen auf und gehen ab.) Vierte Scene. Wirth. Der Unbekannte. Unb. (für sich). Darunter ist Keiner, wie ich ihn brauche — lauter ehrliche Schafsköpfe! Also der Herr Gerichtsinspector hat eine telegraphische Depesche empfangen? Und erst heute? Hm, hm! Der wird sich >nun wohl rühren. — Das wäre fatal! (Zum Wirth.) Wie weit ist es von hier bis > in die nächste Stadt? ! Wirth. Eine kleine Stunde. ! Unb. Dort ist ja der Herr Gerichts- Inspektor Löblich? ! Wirth (bei Seite.) Ah, er erkundigt sich ^lach der Obrigkeit! (Laut.) Ja, der ist !dort! I Unb. Was ist das für ein Mann? ! Wirth. Ein sehr gescheidter Mann. Unb. So? Vorhin aber sagte hier Jemand, der Herr Inspektor habe nicht besonders scharfe Augen. Wirth. Ich glaube, er kennt doch einen Spitzbuben auf den ersten Blick. — Unb. Wofür hält er Sie, Herr Wirth? Wirth. Darum kann der Herr Seiltänzer den Inspektor selbst fragen, wenn er sich ihm vielleicht vorstellen will. Da kann Er ihm auch sagen, daß ich Ihn für einen Hauptspitzbuben halte. Unb. Den Inspektor? Wirth. Nein, Ihn, mein Perehrtester. Ich kann mich vielleicht irren — na, der 7 Herr Inspektor wirb baS schon besser zu beurtheilen wissen. Unb. Also ich sehe einem Spitzbuben ähnlich? W irth. Ich kann's nicht läugnen? Unb. Hm, hm! — Wie doch das Aussehen täuscht! Sie, Herr Wirth, z. B. seben einem ganz ehrlichen Menschen ähnlich. Wirth. Jetzt Hab' ich's satt! Sei Er so gut, geh' Er seiner Wege! Fünfte Scene. Vorige. Löblich (in einem langen, abgetragenen Oberrock, einm alten Hut auf dem Kopfe, durch einen falschen Bart unkenntlich gemacht, tritt während der letzten Worte durch die Mittel- thür ein). Löbl. (laut). Guten Tag! Wirth. Gehorsamer Diener! (BeiSeite.) Auch so eine verdächtige Physiognomie! Unb. (Löblich fixirend, für sich). Der sieht ziemlich so aus, wie ich mir den Gesuchten denke. Löbl. (den Unbekannten betrachtend, bei Seite). Wenn's der wäre! (Setzt sich an einen Tisch, dem Unbekannten gegenüber.) Ein Glas Wein! Unb. Mir ebenfalls, Herr Wirth — aber gute Sorte — Sic wissen — ich bin Feinschmecker. Löbl. Je nun, hier in der Gegend werden Sie vorlieb nehmen müssen; feine Sorten sind kaum zu haben. Wirth (stellt dem Unbekannten dm Wein aus den Tisch). Unb. (zum Wirth, bei Seite). Keimen Sie den Gast? Wirth (ziemlich laut). Nein! Meine gewöhnlichen Gäste sehen, Gottlob, anders aus. Löbl. (für sich). Ah, er forscht den Wirth aus. Unb. (zu Löblich hinübersprechend). Sie scheinen bekannt hier in der Gegend? Löbl. Ja — ich treibe mich ziemlich umher. (Zum Wirth, der ihm Wein bringt.) Wer ist der Mann dort d'rüben? Wirth (wie früher). Ein Seiltänzer ist er — hä, hä! — Er sucht einen Taschenspieler. Ist der Herr vielleicht etwas dergleichen? Löbl. Nein, das bin ich nicht. Wirth. Nicht? Der Herr steht dock so aus, als ob er mit dem Verschwindenlassen und Einstecken vertraut wäre. Löbl. Ich stecke wenigstens nie Grobbeiten ein — merk' Er sich das, Herr Wirth! Unb. Bravo! Gut getroffen! Wirth (zum Unbekannten). Na, so lad' Er doch diesen Herrn da ein, bei Ihm Platz zu nehmen. Ihr scheint ja vortrefflich zusammen zu paffen. Unb. Wenn's dem Herrn angenehm ist, sich zu mir zu setzen — mir macht es Vergnügen. Löbl. Wenn Sie es erlauben, recht geme! (Bei Seite.) Jetzt wollen wir bald im Klaren sein! Wirth. So, nun ist's gemüthlich! Gleich und gleich gesellt sich gern. Unb. Sie sind also kein Taschenspieler? Schade! Sonst hätte ich Sie gebeten, den Herrn Wirth da verschwinden zu machen. Löbl. Das kann ich nun leider nicht. Solche Künste sind mir fremd. Ich bin ein einfacher Geschäftsreisender. Wirth. Auch ein Geschäftsreisender!? Löbl. Ja. Ich bin zwar gegenwärtig nur Lumpensammler, denke aber mein Geschäft bald zu veredeln und zu vergrößern. Unb. So? (Bei Seite.) Unter Lumpen versteht er wahrscheinlich die gestohlenen Gegenstände. (Laut.) Sie liefern diese Lumpen wahrscheinlich nach der Hauptstadt ab? Löbl. Nur die größern darunter; dort werden sie von dem Director in Empfang genommen. Unb. Von welchem Director? Löbl. Don dem Director unserer Gesellschaft. Unb. (bei Seite). Das ist also eine förm- lich organisirte Diebsbanhe. (Laut.) Und was geschieht weiter mit den Lumpen? Löbl. Sie werben zuerst sortirt, die feinen von den ordinären getrennt, bann zum Theil nur aufbewahrt, zum Theil gewalkt — Und. Gewalkt? Das ist wahrscheinlich ein technischer Ausdruck. Löbl. Ja wohl! Unb. (bri Seite). Das heißt: Diebssprache. — (Zum Wirth.) Eine Flasche Rheinwein, zwei Gläser! (Zu Löblich ) Sie müssen mir erlauben, Werthester, Ihnen ein Glas Wein anzubieten. Löbl. Ich acceptire cs mit Vergnügen. (Für sich, die Stelle aus dem Steckbrief citirend.) »Weiß sich sebr gewandt zu benehmen.« Wirth (indem er den Wein bringt, vor sich her brummend). 'S ist merkwürdig, was sich die zwei defecten Kerle für Complimente machen! Löbl. (zum Unbekannten). Sie sind also Seiltänzer? Unb. Zu dienen. (Schenkt die Gläser voll.) Löbl. Nack Ihrem Benehmen, Ihrer Art zu sprechen, hätte ick Sie für einen Mann der besseren Stände gehalten; ick will damit nickt sagen, daß man nicht auch in Ihrem Stande Männer von Bildung antrifft; dock contrastnt dies seltsam mit Ihrer — entschuldigen Sie — etwas fadenscheinigen Kleidung. Unb. Ich erlaube mir, Ihnen dieselbe Bemerkung zu machen. Ihre elegante Ausdrucksweise paßt gleichfalls nickt zu der äußern, durchaus nicht eleganten Hülle, in welcher ich Sie vor mir sehe, und zu der Beschäftigung, welche Sie treiben. Löbl. Ich habe eine gute Erziehung genossen, aber das Unglück hat mich verfolgt. Die ersten Häuser der Residenz standen mir offen — Unb. (bei Seite). Natürlich — mit Nachschlüsseln erlangt man überall Zutritt. Löbl. Ich hatte von jeher das Talent, mich leicht und mit einigem Anstande zu bewegen, unb dabei die Gabe, mir Alles rasch anzueignen. Unb. (bei Seite). Er spricht sehr doppelsinnig, aber für mich sehr deutlich. (Schenkt wieder ein.) Löbl. (für sich). Mir scheint, er will mick trunken machen. (Stellt sich als ob er trinke, und verschüttet den Wein.) Wirth. Ho, ho, Herr Lumpensammler — gieße Er den Wein nicht auf die Erde! Unb. (zu Löblich). Warum thun Sie das, Werthester? Löbl. (etwas verlegen). Ich habe wirklich schon genug getrunken — ich bin den Wein nicht gewohnt! Unb. O, Sie müssen noch ein Gläschen leeren. Löbl. Aber Sie selbst trinken wenig, wie ich bemerke. Unb. O, mehr als Sie, Liebster. Ihr Glas ist leer — erlauben Sie — (Füllt es.) Löbl. (für sich). Ich muß es dahin bringen, daß mich der Spitzbube für Seinesgleichen hält, und zu plaudern anfängt. (Laut.) Ihre Kunst und meine Industrie soll leben! Unb. (anstoßend). Vivat! Löbl. Sie haben sich wohl auch schon in der Hauptstadt producirt? Unb. Ja, ick habe meine Kunst dort längere Zeit ausgeübt. Löbl. Die Akrobatenkunst nämlich? Unb. Ja, ganz ricktig! Löbl. Ick erinnere mich nicht, Sie gesehen zu haben. Darf ich um Ihren Namen fragen? Unb. Mein provisorischer Name ist Mauser; der wird Ihnen aber gleichfalls unbekannt sein. Ich liebe es die Namen zu wechseln — es ist bei unserem Stande so Sitte. Löbl. Hm, hm! Unb. Sic begreifen — man hat hier und da Anstände mit der Behörde, wenn man ohne obrigkeitliche Bewilligung Kunst- productionen gibt. Löbl. (gedehnt). 3a wohl, ja wohl! Unb. Da gilt es oft ein rasches Verschwinden — man wählt ein neues Publicum, einen neuen Namen, und wirst die Vergangenheit hinter sich. Löbl. Richtig! (Rückt näher; bei Seite.) Er spricht schon dreister. Und. (bei Seite). Er wird schon zutraulich! Offenbar hält er mich für einen seines Gelichters. (Laut.) Trinken Sie doch, Bester! Löbl. Hat man nirgends versucht, Sie dauernd zu fesseln? Unb. O ja, man verfolgte mich mit Anträgen, aber ich mochte nie darauf ein- gehen — das freie, ungebundene Umherwandern sagt mir viel besser zu. Löbl. Sehr begreiflich! (Bei Seite.) Der Wein wirkt — seine Reden werden immer verständlicher! Unb. (zu Löblich). Sie kennen jetzt so ziemlich meine Biographie. Nun möchte ich die ihrige hören. Löbl. Das ist nicht viel zu erzählen. Ich war zuerst Maler — nicht ohne Talent. Unb. Maler? Ei, ei! Löbl. Zweifeln Sie daran? Sie müssen mir einmal sitzen. Unb. Ich bin schwer zu treffen. Löbl. Ich will's doch versuchen. Ihr Kopf ist mir zu interessant, ich möchte diese Züge festhaltcn. Unb. Sehr schmeichelhaft. Doch — Ihre Erzäblung — Löbl. Zst gleich zu Ende. Zck ging mit meiner Kunst nach Brot, und fand keines ; da warf ich endlich den Künstlerstolz bei Seite und ward reisender Associe einer großen Lumpensammlungs-Gesellschaft. Die .Hauptniederlage ist in der Residenz — wir haben aber auch Filiale in den Provinzen. Unb. Und das Geschäft siorirt? Löbl. Es geht ganz gut. Hier in der Gegend ist zwar Mangel an feiner Waare, welche den Transport nach der Hauptstadt werth ist. Unb. Es wohnen hier meistens nur arme Leute — da ist nichts Besonderes zu finden. Löbl. Sehr richtig bemerkt. Indessen Hab' ick jetzt Aussicht einen guten Fang zu macken. (Sieht den Unbekannten bedeutungsvoll an.) Unb. Schön! (Bei Seite.) Der hat irgendwo in der Nähe einen Einbruch vor. (Laut.) Nun, während Sie hier so im Stillen wirken, werde ich auch nicht müßig sein. Löbl. So! Sie gedenken wohl eine Production ohne obrigkeitliche Erlaubniß zu wagen? Unb. Ich werde mir selbst die Erlaubniß dazu geben. Das Dorf hier gehört zwar eigentlich in den Bezirk des Herrn Jnspectors Löblich — nicht wahr? Löbl. Ich glaube, ja. Unb. Ehe der gute Mann erfährt, daß ich hier in seinem Bezirk auftrete, ist schon Alles vorüber. Ich gebe nur eine Vorstellung. Löbl. Hm, hm! Sie allein? Unb. Für den Nothfall Hab' ich noch ein paar Mitwirkende. (Schenkt die Gläser wieder voll.) Sie betreiben Ihr Geschäft allein? Löbl. Meistens. Das Aufsuchen besorge ick gewöhnlich selbst — beim Wegschaffen habe ich einige Handlanger zu untergeordneten Verrichtungen. Unb. (bei Seite). Da gibt's also eine eig'neRangordnung unter den Spitzbuben?! (Laut.) Gedenken Sie heute noch in die Stadt zurückzukehren? Löbl. Wahrscheinlich. Unb. Vielleicht begleite ich Sie. Löbl. Ich rechne darauf, daß wir zusammen gehen. Unb. Charmant! Das trifft sich ja ganz vortrefflich! Entschuldigen Sie— ick verlasse Sie auf fünf Minuten, um einige Anordnungen zu treffen — wegen der Production. 10 Löbl. Werden Sie den Schauplatz Ihrer Thätigkeit im Hofe Aufschlägen? Und. Wenn es angeht, vielleicht hier in der Gaststube. (Gkht durch die Seitenthür links ab.) Sechste Scene. W i r t h. Löblich. Wirth (dem Unbekannten nachrufend). Was? Hier in meiner Gaststube? Ohne mich zu fragen? Ta will ich doch — (Will nach.) Löbl. (rasch aufspringend). Halt, Herr Wirth! Wirth (ängstlich). Mein Gott, mein Gott! Ich bin unter Räubern und Mördern! Löbl. Machen Sie keinen Lärm! Wirth. Ich will Me sein — ganz stille — aber Gnade, Gnade für mein Leben! Löbl. Seien Sie doch vernünftig, Herr Wirth! (Oeffnet seinen Oberrock, unter welchem die Uniform sichtbar wird, und nimmt den falschen Bart ab ) Sehen Sie mich doch an, und hören Sie, was ich von Ihnen verlange. Wirth. Herr Jnspector! —! Mein Gott, ich hatte solche Angst — Ach, lieber Himmel — der Herr Inspector —! Da bitte ich tausendmal um Entschuldigung — ich habe vorhin Ausdrücke gegen Sie gebraucht — Löbl. Hat nichts zu bedeuten — thun Sie nur jetzt, was ich Ihne sage. Wirth. Ganz zu Befehl, Herr Jnspector! Löbl. (halb für sich). Bei dem Individuum traue ich mir mein Zögerungssystem doch nicht in Anwendung zu bringen — der Mensch ist gar zu schlau, der könnte mir entschlüpfen, wenn ich ibn nicht gleich festhalte. Ich de^ike, mit dieser That werde ich mir unfehlbar einen Namen machen! (Oeffnrt die Mittelthür und winkt; — zwei Gerichtsdimer in Livilkleidung erscheinen außerhalb — zu diesen.) Sobald ick rufe: »Her zu mir!« stürzt Ihr sogleich herein, und nehmt denjenigen fest, welchen ich Euch bezeichnen werde! (Schließt die Thür wieder zu. Zum Wirth.) Sie besorgen zum Ucberfluß augenblicklich ein paar Ihrer Leute, handfeste Bursche, die Beistand leisten. Vorsicht schadet nicht — wir könnten auf desperaten Widerstand stoßen. Wirth. Aber sagen Sie mir nur, Herr Inspector, wem gilt das Alles? Vielleicht gar dem Seiltänzer? Löbl. Ja — eben diesem; es ist ein höchst gefährlicher Gauner, der wahrscheinlich hierher kommt, um in Ihrem Hause zu spioniren, und einen Handstreich — vielleicht kommende Nacht schon — zu unternehmen. Wirth. So Hab' ich mich in dem Menschen doch nicht geirrt! Ich sah' es ihm gleich an, daß er ein Hauptspitzbube sein müsse. Löbl. (lächelnd). Mich haben Sie aber gleichfalls für einen solchen gehalten. Wirth. Sie sehen aber auch damach aus, Herr Jnspector. Löbl. Meine Maske ist also gut? Freut mich! Ich habe damit ja sogar jenen verschlagenen Gauner getäuscht. Sie werden gehört haben, daß an mich telegraphirt wurde? Der Herr Seiltänzer ist eben der, welchen ich jucke. Wirth. Der? Löbl. Dieser Seiltänzer wird nicht mehr viel Sprünge machen; er soll dem Lande fürder nicht mehr schaden! Aber wo bleibt mein Gefangener in sps? er wird doch nicht Verdacht schöpfen und entwischen wollen? Wirth (sieht durch s Fenster). Er schleicht da draußen im Hofe hemm. Löbl. Wahrscheinlich überlegt er, auf welche Art der Einbruch am besten ausgeführt werden kann. Ich will ihm nachschleichen. Vergessen Sie nicht Ihre Leute zu verständigen! Wirth. Soll geschehen, Herr Jnspector. 11 Löbl. Ihnen empfehle ich Ruhe, Besonnenheit und Verschwiegenheit. Ein Wort zu viel könnte Alles verderben! (Ab durch die Seitenthür links.) Siebente Scene. Wirth (allein). Den Herrn Inspektor hat mein Schutzengel hergeführt. Wenn er nicht gekommen wäre, hätte man mied vielleicht heute Nacht rein ausgeplündert. Na, der Herr Großmaul wird sich wundem, wenn er so plötzlich am Kragen gepackt wird. Heute Abend, da habe ich meinen Gästen vollauf zu erzählen — ein lange, lange Geschichte! Diese Arretimng wird Aussehen machen — man wird davon reden — alle Welt wird hierher kommen, um das Wirthshaus zu sehen, wo der Mensch gefangen wurde, den Tisch, an welchem er gesessen hat — ich werde nicht Stühle genug haben, um die neugierigen Gäste zu placiren. (Reibt sich vergnügt die Hände.) Prächtig! Ich habe im Keller ein Zehneimerfaß wohlfeilen Wein — da kommt ein Viertheil Wasser dazu, und die Maß davon kostet zwei Gulden! Ich brauche nur zu sagen: Das ist derselbe Wein, von dem der berühmte Spitzbube getrunken hat, und in einer Woche ist kein Tropfen mehr übrig. Achte Scene. Jacob (aus der Seitenthür). Wirth. Wirth. Ah, gut, daß Du kommst, Jacob — ich hätte, meiner Seel', bald vergessen — höre: Es ist ein Herr bei mir, der wie ein Spitzbube aussieht-es ist aber ein Herr vom Gericht. Jacob. Ja, ich weiß. Wirth. So? Woher? Jacob. Er sprach mit mir im Hofe. Er trägt einen falschen Bart und unter dem Rock eine Uniform. Wirth. Richtig! Hat er Dir auch schon gesagt, was Du zu thun hast? Jacob. Ja. Ich soll mich mit noch ein paar von unfern Leuten da (zeigt nach links) hinter die Thür stellen. Sobald er ruft: »Es gilt!* sollen wir Alle herzuspringcn und denjenigen packen, welchen er uns zeigen wird. Wirth. Da draußen (zeigt auf die Mittelthür) stehen auch zwei handfeste Herren bereit — mit denen hat er aber verabredet, daß er rufen will: »Her zu mir!* Dann sollen sie ihm zu Hilfe kommen. Jacob. Na, er kann ja hintereinander rufen: »Es gilt!* und darauf: »Her zu mir!* Dann kommen wir von allen Seiten. Wirth. So wird's gemeint sein. Nun, wenn's zum Festhalten kommt, heiss ich auch schon mit! Neunte Scene. Vorige. Der Unbekannte und Löblich (ans der Seitenthür links. Elfterer gibt Jacob einen bedeutsamen Wink, indem er aus Löblich zeigt. Jacob erwiedert diesen Wink mit stillschweigendem Kopfnicken und geht links ab. Ebenso winkt Löblich dem Wirthe zu — dieser thut wie Jacob und zieht sich nach dem Hintergmnde zurück). Unb. (zu Löblich, indem Beide wieder Platz nehmen). Bin ich denn so lange ausgeblieben? Löbl. Mir kam es wenigstens ziemlich lange vor. Unb. Sehr schmeichelhaft für mich, daß Sie meine Gesellschaft wieder suchten! Löbl. Ich läugne es nicht — Sie interessen mich. Aufrichtig gesagt — < flüsternd) ich sehe in Ihnen etwas Anderes als einen gewöhnlichen Seiltänzer. Unb. Meinen Sie? Ich bin vielleicht das, was Sie sind. Löbl. (überrascht). Was ich bin? Nun, wofür halten Sie denn mich? Unb. Für keinen gewöhnlichen Lum» pensammler. lL Löbl. Sie irren nicht. Ich durchschaute gar bald Ihr Inkognito — ich wußte Ihre charmanten Redewendungen zu deuten; da Sie aber nicht aufrichtig sein wollten, dachte ich: Gut, Maske für Maske, und degradirte mich zum Lumpensammler. Und. Hm, ich sehe, es war unrecht von mir, so lange hinter dem Berge gehalten zu haben. Sie sollen mich nun gleich ganz kennen lernen; ich zweifle aber, ob eine nähere Bekanntschaft mit mir Ihnen sehr angenehm sein wird. Löbl. Sie scherzen — ich kenne Sie schon eigentlich durch und durch. Unb. Wirklich? Löbl. Und Ihnen mußte cs doch — so wie mir — bald klar werden, mit wem Sie zu thun hatten? Unb. O ja, das wohl, aber — Löbl. Aber man läßt doch nicht geme Jemanden in die Karten sehen, wenn man nicht gewiß ist, daß er das Spiel nicht ver- rathen wird. Nicht wahr? Unb. So ist es. Löbl. Also gegenseitige Verzeihung. lDas Glas erhebend.) Auf Du und Du! Unb. Meinetwegen! (Anstoßend.) Löbl. (dem Unbekannten die Hand reichend). Wir verstehen uns. Unb. Vollkommen. Du gestehst also, Du bist — Löbl. Kein ganz unwürdiges Mitglied jener geheimen Gesellschaft, welcher auch Du angehörst. Unb. O, ich halte Dich sogar für einen der Auserwählten. Löbl. Dem Meister lasse ich gerne den Vorrang. Unb. Du bist nicht ehrlich, Freund! Statt Dich, wie ich's erwartete, nun endlich vollends zu demaskiren, machst Tu mir Komplimente und Schmeicheleien, die ich nicht verdiene. Dock böre — wir wollen uns durch die That verbrüdem. Willst Du mir folgen? Ich will Dich und deine Handlanger anführen. Löbl. Ich bin von der Partie. Wo und wann soll etwas geschehen? Unb. Hier, und — wenn Du gefaßt bist — auf der Stelle. Löbl. Ich bin gefaßt. Unb. (bei Seite). Noch nicht. (Laut.) Bist Du für Gewalt? Löbl. (mit Beziehung). Wenn's nicht nö- thig ist, wende ich nicht geme Gewalt an; muß es aber sein, dann bin ich ohne weiters für das Knebeln. Unb. Knebeln!? Ganz meine Anficht! Also (mit erhobener Stimme) es gilt! Löbl. (fast im gleichen Augenblick, gegen die Mittrlthür gewendet). Her zu mir! Zehnte Scene. ZweiGerichtsdiener(im C ivilanzuge eilen rasch zur Mittelthür herein und fassen auf Löb- lich's Wink den Unbekannten). Jacob mit noch zwei Dienern (aus der Seitenthür links, ergreifen dagegen Löblich. Der Wirth, welcher eben den zwei Gerichtsdienern helfen wollte, steht starr vor Erstaunen über die unerwartete Entwicklung. Allgemeine gegenseitige Ueberraschung). Löbl. Was ist das? Wird man mich loslassen? Unb. Wer untersteht sich, mich festzuhalten? Löbl. Diese Leute gehören mir an. Unb. Was soll das heißen? Löbl. Ich frage, was soll das heißen, daß man mich hier packt? Herr Wirth, antworten Sie! — Wirth. Aber Jacob — ich bitte Dich — sieh' dock, was Du mackst. Jacob, 's ist schon recht so. Der Herr dort bat's so gewollt. Löbl. Und von dem laßt Ihr Euch befehlen? Wißr Ihr, wer er ist? Wißt Ihr, wer ich bin? Unb. Ich will Dir sagen, wer ich bin, Spitzbube! Löbl. Spitzbube Du selbst! Du hast Dich listig verstellt, hast wirklich durchschaut, wer ich bin, und bast jetzt die 13 unerhörte Verwegenheit, mich festhalten zu lassen. Unb. Und Du hast denselben Plan gehabt, Freundchen. Du willst mich aus dem Wege haben, ich genire Dich in deinen Geschäften? wir sind hier zu nahe beisammen? — Vorerst bin ich für gegenseitige Freimachung. Löbl. Gut! (Beide werden losgelassen — die betreffenden Individuen bleiben aber hinter Jedem stehen.) Unb. Du wolltest mich unschädlich machen, nicht wahr? Löbl. Ja, das wollte ich, will es noch und werde es auch! Unb. Noch immer so trotzig? Gib Dich gefangen ohne Widerstand, Du verschlimmerst sonst nur deine Sache! Löbl. Welche Sprache? Fleh' um Gnade, Elender! Deine Rolle ist ausgespielt, Meister Michael Spitzmeier, a1ia8 Falke, a1ia8 Brummer, neucstens auch Mauser genannt! Unb. (Löblich starr anblickend). Wie? Löbl. Ergib Dich in dein lange verdientes Schicksal. Folge mir! Unb. Und wer bist — wer sind Sie? Löbl. Gerichtsinspector Löblich! (Oeffnet den Oberrock und reißt den falschen Bart ab ) Unb. O weh! Löbl. Und jetzt vorwärts! Unb. Einen Augenblick noch! — Ich bedaure sehr, daß Sie der Herr Gerichtsinspector sind! Löbl. Ich glaub's wohl! Unb. Denn ich hielt Sie für Meister Michael Spitzmeier, aUa8 Falke et eaetera. Löbl. (in demselben Tone wie früher der Unbekannte). Mich? Unb. Ja. Wir haben uns Beide geirrt! Denn ich bin — (öffnet gleichfalls den Rock und nimmt den Bart ab) Gerichtsadjunct Schläger aus der Hauptstadt, dem flüchtigen Spitzmeier nachgesendet. — Ich hielt Sie für diesen. Löbl. O — mein Name ist hin! — Mein Ruf, meine Ehre verloren! Ich bin — Unb. Zu hitzig gewesen wie ich! — Reichen wir uns die Hände, Herr Inspektor! Es war Maske für Maske! (Der Vorhang fällt.) Don M. A. Grandjeau sind im Perlage der LSallishauffer'schen Buchhandr lung (Josef Klemm) in Wien, Stadt, hoher Markt Nr. 1, erschienen: RotheHaare. Lustspiel in einem Act, und D a s P a m p h l e l. Lustspiel in einem Act. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr. Heimlich. Lustspiel in einem Act. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr. Die geheime Mission. , - Lustspiel in drei Acten. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. / - - A m Clavier. " Lustspiel in einem Act. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. Ein Hut. Lustspiel in einem Act. 7V, Sgr. oder 35 Nkr. Das hohe C. Lustspiel in einem Act. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. Drei Viertel ans Eiif. Schwank in einem Act. 6 Sgr. oder 30 Nkr. Er kann nicht lesen. Posse in einem Act. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr. Bon Friedrich Kaiser find bei uns erschienen: Männrrschönheit. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit Titelkupfer. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Eine Posse alS Medicin. Originalposse mit Gesang in 3 Acten. Mit allegorischem Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Fürst. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischen Bilde 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. M-nch und Soldat. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbilve. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Rastelbinder, oder: 10,000 Gulden Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titel- bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Junker und Knecht. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Acten. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Dienstbotenwirthschaft, oder: Chatoulle und Uhr. Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Doctor und Friseur, oder: die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 Acten. Zweite Auflage. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr. Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Ein neuer Monte-Christo. Original-Characterbild in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Die Frau Wirthin. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Etwas Kleines. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Zwei Testamente. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. UnrechtGut. Characterbild mit Gesang in 3 Acten und 1 Borsviele 12 Sgr. oder 60 Nkr. Des Krämers Töchterlein. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Eine Feindin und ein Freund. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Ein Lump. Characterbild mit Gesang in drei Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr Verrechnet Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Palais und Irren kau S. Original-Characterbild mit Gesang in 2 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. ——- Hn der ÄSallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt, hoher Markt Nr. 1, find erschienen: Wiener-Couplets, aus Stücken von: Berg, Berla, Bittuer, Blank, Böhm, Elmar, Flamm, Gottslelien, Grois, Grün, Gründorf, Haffner, Iuin, Kaiser, Langer, Megerle, Nestroy u. A. Drei Hefte. Gr. 8. geh. Preis 1 fl. 50 Nkr. oder 1 Thlr. Jedes einzelne Heft 50 Nkr. oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg, D. F. 1. Da möcht i halt das G'wissen sein. — 2- Requisiten-Couplet. — 3. Figuren- Louplet. — 4. Nachher wird es schon wern. — 5- Glöckchen-Couplet. — 6. Biblisches Couplet. — 7- Falsche Benennungen. — 8. Dann ist sie da die bessere Zeit. — 9- 'S gibt halt doch gute Leut'. Berg u. Grün. 10- Volkslieder. — 11. Aber geb'n thut s es nit. Berla, Alois. 12. Jetzt da war's halt Noth, daß wer antauchen thät. — 13. Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. — 14. Zu was dann die Feindseligkeit gegen das Thier. — 15- Lachcouplet. — 16. Aus einer Chronika. — 17. Früchte, die verboten find. — 18- Falsche Ansichten. — 19. Französische Worte. — 20. Mythologie-Couplet Berla u. Bittuer. 21. Ohne Umschneiderei. 22 Die papierene Zeit. — 23. Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. Bittuer. Anton. 24- Thier-Couplet — 25. Das ist noch Geheimniß. 26- Wer hätt' cs geahnt. — 27. (.'kronigue seanäLlsuse. Bittuer u. Morlsnder. 28. Aehnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. Blank, Alois. 29- Und so wird hinterrücks g'redt. Böhm, Joses. 30. Na da sieht man's doch, daß's an der Eintheilung fehlt. — 31- Wenn man die Wirkung sieht, und d Ursach nit kennt. Doppler, I. 32- Maschinen-Couplet. — 33 Wo man was sucht, dort find't man es nicht. Elmar, Carl. 34. O Spiel der Natur — 35 Lied des Teufels. - 36- Man glaubt nicht was in einem Menschen oft steckt. — 37. So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. — 38. O ungeheure Ironie. — 39. Da möcht ich halt wissen, was nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes. Elmar, Carl. 40-Was lieget da dran. —41. Ja so geht's, wenn man heut zu Lag Geister citirt. Feldmann u. Flamm 42- Mit Kleinem fängt man an, mit Großem hört man aus. — 43. So was, das sollt' Einem g'sagt früher werd'n. Flamm, Theod.. 44. Keine Rose ohne Dornen. — 45. Gesundheit und ein recht langes Leben. — 46- Jedes Häferl hat sein Deckerl. — 47. Repertoire-Couplet. Flamm u. Wimmer. 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät. — 49- So behilft sich halt Jeder, so gut als er kann Gottsleben, L. 50- So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. — 51. Verschiedene Ursachen. Grois, Amis. 52- Na, das kennen wir schon! — 53. Pfui Teufel, das ist selbst dem Leusel zn schlecht. — 54. Wir bedanken uns sehr. Grünn, Johann. 55- Was ein Narr ist. — 56- Ein Lhineser Gründorf. 57- 's ist just net nöthi, aber nothwendi war's. Kassner, Earl. 58. Ta fiud's mänserlstill. — 59- Es steckt was dahinter, ich wett. Hopp, Friedrich. 60. Wann der mein Kapperl hätt'.— 61 Ja, ich kann's nit ändern, es is halt a so. Suin. 62. Aber a solche gibt s leider in dieser Welt nicht. — 63. Wozu Mancher eigentlich geboren. 64 Fiakerlied. — 65 Zu was von den Göttern eine Auskunft begehren. Juin u. Flerx. 66. Da wird einem heiß — kalt — warm! 67. Ungeheuer genannt! Kaiser, Friedrich. 68. Ich bitt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. Inhalt des dritten Heftes. Kaiser, Friedrich. 69. Es muß ja nicht gleich sein. — 70. Da braucht man beim hcllichten Tag a Latern. — 71- Jetzt das — g'hört auf ein anderes Blatt. — 72. Die find halt g'scheidt. — 73- Das ist so nobel und so billig dabei. Langer, Anton. 74. Was ist der Unterschied — 75. Aber da mag Keiner net. — 76. Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! — 77. Es schaut nur gemeiner aus. — 78- Zu früh und zu spät. — 79. Man kann sich's wohl denken, aber sagen darf man's nicht. — 80- Wann mich der fragen thät. Megerle, Ther. 81. Marsch mit dem in d'Buttcn. — 82. Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. Nestroy. 83. Und 's ist Alles net wahr. — 84. Kometen-Lied aus »Lumpaci*. — 85- Aus was sich Mancher hinauswachsen kann. — 86 Das wär ganz etwas Ncu's. — 87. Und man kommt aus kein Grund. — 88. Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. — 89. Ja, hat denn die Sprach' da kein anderes Wort. varry, A. 90- Ob der wohl die Wahrheit wird sagen. (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) in drei Abtheilungen Carl Haffner. Musik von Kapellmeister Adols Müller. (Zum ersten Male im k. k. priv. Theater an der Wien mit vielem Beifall gegeben.) Die alte Braut. Martha, sein Weib. Leonhard, ihr Sohn, Jägrrbursche. Tobias Wurm, sein Detter. Eva, Wurm's Schwester. Frau Fuchs, Wirthin zur Schwabenschenke. Anna, Kellnerin. Herbert, Sollicitator. Erigone, ein altes Weib. Jrion, ein Knabe, in ihren Diensten. Zwei Gerichtsdiener. Landleute. Bergmusikanten. Alte Weiber. Sternenjungfraurn. Die Sie» nenMngfrau. Romantisch-Komisches Märchen mit Gesang und Tanz von Erste Abtheilung: Personen: Norbert, Amtsschreiber Willig, Pächter (Spielt in Wunderberg.) Eterutnjungfrau. 1 Zweite Abtheilung: Mutter Jungfrau. Personen: Norbert. Winkelschreiber in Nirkendorf. Eva. sein Weib. Ludwig, ihr Sohn, Zägerbursche. Leonhard Willig, Oberförster in Wunderberg. Erigone. sein Weib. Rosa, ihre Tochter. Tobias Wurm, Hausherr in der Stadt. Hellios, der Sonnengott. Jrion, ein Genius. Sternenjnngsranen. Genien. (Spielt in den Dörfern Wunderberg und Nirkendorf, und um zwanzig Jahre später als die erste Abtheilung) Dritte Abtheilung: Der letzte Mensch. Personen: Norbert. Eva. Ludwig. Rosa, dessen Braut. Tobias Wurm. Frau Fuchs, Hausfrau. Leonhard Willig. Erigone. Jrion. Landleute. Jägerburschen. Sternenjuugfrauen. Genien. Die Planeten. (Spielt anfangs in der Stadt, später in Wunderberg, und sechs Monate nach der zweiten Abtheilung.) Erste Ästtheitlmg. Romantische Landschaft im Gebirge, über welches ein practicabler Weg führt. Zn der Mitte am Fuße des Gebirges eine Felsengrotte, die eine dunkle Thür schließt. Die linke Seite nimmt ein Meierhof, die rechte das Amtshaus ein. Erste Scene. Eva (bräutlich geschmückt, von Tobias geführt, in der Mitte von jungen Mädchen und Burschen, ziehen das Gebirge herab. Am offenen Thore des Meierhoses stehen Willig und Martha, dem Brautzuge ihre Tücher ent- gegenschwenkend). Chor. Es küßt die reichen Felder Der Sonne gold'ner Strahl, Und grüßt die grünen Wälder, Die Fluren, Berg und Thal. Auf ihren gold'nen Schwingen Ruht heute Gottes Hand, Um segenvoll zu schlingen Das schönste Liebesband. Alle (nachdem sie Eva zum Thore des Meier- Hofes geführt, wo sie Willig und Martha gerührt in ihre Arme schließen). Willkommen im Hause des Bräutigams! Willkommen! Willig und Martha. Von Herzen willkommen! Eva. Grüß' Gott, Herr Vetter, grüß' Gott, Frau Mahm! Willig. Der Himmel segne deinen Eintritt in mein Haus, mein Kind! Martha. Kommt's herein, Freunde und Nachbarn, bis der Bräutigam vom Markte heimkehrt, könnt'S noch ein paar Flaschen leeren, wann's wollt's. Alle. Auf die Gesundheit des Bräutigams, Frau Nachbarin! (Alle bis auf Willig und Tobias in den Meierhof ab.) Zweite Scene. Willig. Tobias. Tobias. Der Himmel segne meine Schwester, aber kosten darf's mich nichts. Willig (zu ihm tretend). Deine Schwester wird zufrieden fein. — Ein Zeder hat für eine kleine Ueberraschung gesorgt. Tobias. Zch habe die größte Ueber- raschung fü^ sie, denn von mir erwartet sie ein sehr kostbares Brautgeschenk — darum gcb' ich ihr gar nichts, das wird sie am meisten überraschen. Willig. Es wird eine glückliche Ehe werden, hoff' ich. Tobias. Wie man's nimmt. Für mich ist die Eh' eine concessionirte Lebensverbitterungsanstalt — ein Znvalidenhaus, in das man sich so spät wie möglich einlogiren soll. Aufrichtig gestanden, mir ist leid um die Brautleute. Es gruselt mir, so was man sagt, weil uns die alte Erigone, die alte Her', begegnet ist, (auf dir Grotte deutend) die seit ein paar Wochen in jener Felsengrotte ihre Werkstatt aufgeschlagen hat. Willig (schaudernd). Die alte Erigone! Bekreuz' Dich, Vetter, so oft Du das Weib siehst, und vertrau' auf Gott. Denn wer auf Gott vertraut, hat nie auf Sand gebaut, sagt das Sprichwort. Tobias. Hört mir nur mit Euren Sprichwörtern auf! Die sind nur erfunden, um den Menschen einen Bären aufzubin« den. Wie ich noch ein ganz kleiner Bub mar, hat man mir gesagt: »Die Morgenstunde trägt Gold im Munde.« Zch habe mir völlig die Augen ausgekegelt in den Morgenstunden, aber nirgends ein Maul voll Ducaten g'schn. Dann hat man mir auch gesagt: »Wohlthun trägt Zinsen.« Zch Hab' mir ganze Tage und Nächte im Wirthshaus wohlgethan, aber Zinsen hat's mir keine eingetragen, außer auf dem Buckel 4 manchmal. Endlich hat mir mein Vater g'sagt: »Lern' ein Handwerk, Tobias, denn jedes Handwerk hat einen goldenen Boden.« Da bin ich erst recht ausg'sessen! Ich war wenigstens bei fünfzehn Meistern in der Lehr' — ja kalte, nasse und schmutzige Böden Hab' ich g'nug gefunden, aber von einem goldenen Boden gar keine Spur! So bin ich von diesen moralischen Verir- sprücheln so lange gefoppt worden, bis ich aus purem Verdruß gar nichts mehr geglaubt und gelernt Hab' — denn ich bin fest überzeugt, wenn ich nur recht fleißig immer mehr und mehr gar nichts lern', muß ich mit der Zeit ein allgemein geachteter und wohlhabender Staatsbürger werden. — Willig. 3«, leider! Ein Dummkopf kommt am besten durch die Welt. Tobias. Das ist das einzige Sprichwort, das uns nicht foppt; darum bilt' ich alle Tage den Himmel, daß er sonst nichts als einen großen fetten Gimpel aus mir macht. Willig. Du bist auf dem besten Weg dazu — das beweist Dein blindes Glück in allen Spcculationen. Aber nimm' Dich vor dem Amtsschreiber in Acht. Bis jetzt war er nur unser Feind, künftig wird er auch der Deinige sein. Tobias. Wahrscheinlich, weil ich ihm meine Schwester nicht gegeben Hab'. Aber sagt mir nur, warum hat er denn gar so einen Groll auf Euch? Willig. Weil ich unser'm Gutsherrn vor zehn Jahren die Augen öffnete, als der Amtsschreiber und der Förster unsere Wälder plünderten, und Schleichhandel trieben mit dem Holze der Herrschaft. Der Förster wurde davongejagt, aber der schlaue Amtsschreiber wußte sich rein zu waschen, und martert mich aus Rache wie ein Folterknecht seit jener Zeit. — Ach, der Mensch hätt' mich längst zum Bettler gemacht, wenn mir Gott nicht so einen braven Sohn geschenkt hätte. Tobias. 3a, der arme Teufel hat Blutstropfen geschwitzt, bis er Euch den Meierhof schuldenfrei gemacht. Willig. Tag und Nacht hat der arme 3unge gearbeitet wie der gemeinste Knecht — alle seine 3ugendfreuden hat er seinen Eltern geopfert, mit allen Entbehrungen hat er gekämpft, und Durst und Hunger gelitten, bis er nach und nach meine Schulden der Herrschaft abgezahlt, und den boshaften Amtsschreiber unschädlich gemacht hat. O — der Himmel ist gerecht, und wird meinem guten Sohn seine seltene Kindcslieb' vergelten. Dritte Scene. Vorige. Norbert. Norbert (erscheint am offenen Fenster des Amtshauses). Tobias. Na, die Sekatnr hat ein Ende, und jetzt seid 3hr wieder ein gemachter Mann. Willig (seufzend). Vielleicht auch ein verlor'ner Mann. Tobias (aufmerksam). Was sagt 3hr da? Euer Meierhof — Wtllig (düster). 3st gepfändet — und ich selbst werde mit dem Schuldthurm bedroht. Tobias. A — allerliebst! Willig. 3m vorigen 3ahre fehlten in der Staatscaffe 15.000 fl. 3ch wollte den Rentmeister und die Familie meines alten Freundes retten, und acceptirte einen Wechsel für ihn. Aber mein Freund wurde zum Verräther an meinem guten Herzen, entfloh in die weite Welt, und mein Wechsel scheint in die Hände eines unbarmherzigen Satans gefallen zu sein. — Norb. (lachend für sich). Der Euch heute ungeladene Hochzeitsgäste bringt, Herr Nachbar. (Zieht sich zurück.) Willig. Mein Weib und mein Sohn wissen nichts von dem, was mich bedroht — darum Hab' ich die Hochzeit zu beschleunigen gesucht. Tobias. Eine saub're Hochzeit das! 8 Da wäre ja meine Schwester besser versorgt, wenn sie einen Lappländer heiratete, bei dem sie die Kinder im Stiefel herumtragen muß. Willig. Der liebe Gott wird die jungen Leute nicht verlassen! Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, sagt unser Herr Pfarrer, und wer sich diese gute Lehre recht fest in's Herz prägt, hat ein Kapital, das reiche Zinsen trägt. Tobias. Gratulier zu den Zinsen — aber ich geb' meiner Schwester nichts. Bru- derlieb' so viel sie will, aber Geld? Nicht einen halben Kreuzer. Ich Hab' mir's aber gedacht, daß mir heute noch ein Malheur paffirt, als uns die alte Here am Kreuz- weg begegnete. (Beide in den Meierhof ab.) Vierte Scene. Leonhard (als Bräutigam mit Bändern und Blumen geschmückt, ein Spinnrad, eine große Kaffeemaschine und eine Pelzmütze in Händen, tritt fröhlich aus dem Hintergründe). Entree-Lied. Jetzt Hab' ich froh unv unverweilt Den Leuten allen mitgethcilt, Daß mir der Schöpfer über Nacht Aus meiner Ripp' ein Weibcrl macht. Das Sträußcrl Hab' ich in der Hand, Und auf dem Hut ein flatternd' Band, Daß bei'm Pantoffel-Regiment Man gleich den nen'n Cadetten kennt. Wer nie gedient bei diesem Heer — Das ist ein armer Marodeur. Zum Kampf denn in den Ehestand, Mein Weib voran als Commandant! Die Mannschaft ist zwar nur ein Paar, Doch wächst sie schon von Jahr zu Jahr. Es rücken bald, ganz winzig klein, Aus Liliput Rccruten ein, Die ich mir werben muß fürs Feld, Und die mein Weiberl jährlich stellt. Und wer nicht sorgt sür's kleine Heer, Das ist ein armer Marodeur! Ich bin so fidel wie ein König, und doch hat mir der boshafte Notar den Rath gegeben, mit dem Ehccontract gleich mein Testament zu machen, denn heiraten und sterben das ist alleseins, hat er gesagt. Da aber diey Absterben persönlicher Freiheit jungen Staatsbürgern das Leben gibt, nach dem Gesetz der Natur, so kann das Heiraten nur der Freiheitstod für's Vaterland sein; — und darum bin ich fest cutschloffen, als guter Patriot für's ganze Vaterland zu heiraten. — Ja, ich rüst mich ganz couragirt zu diesem lebenslänglichen Krieg und doch müßt ich lügen, wenn ick saget, daß ich ganz ohne Sorgen wär'! Mein Ever! ist ein wenig zänkischer Natur, ein kecker Schnabel, wie man sagt — und ich fürcht', daß meine alten Leut' sich nicht recht vertragen werden mit ihrer jungen Frau Schwiegertochter. Everl, gibsObacbt, Vater und Mutter sind mir mehr an's Herz gewachsen wie Du. Ich bin ein guter Mensch, will waschen, Hol; hacken, Linsen klauben, Kinder hutschen und arbeiten wie ein Locomotiv mit zwanzigPferdekraft; aber wenn Dn mir meinen lieben alten Leuten Verdruß machst, dann gibt'sOpposition im Parlament, und mit stürmischen Debatten wird die alte Bill in die Hausordnung aufgenommen: »Er soll dein Herr sein!« Fünfte Scene. Leonhard. Jrion. Irion (zurücksprechend, indem er aus der Grotte tritt, die sich hinter ihm schließt). Weine nicht, Erigone, und setze dem Bräutigam den rothen Hahn auf's Dach, statt Dich zu kränken. Leonh. Dem Bräutigam den rothen Hahn? Sapperlot, welchem Bräutigam? Zrion (zu ihm tretend). Wem denn sonst als Dir, Du Mann von Eis, der für die zärtlichste Liebe kein Gefühl hat. Leonh. (erstaunt). Ah da muß ich bitten! Und wer ist denn gar so zärtlich verliebt in mich? 6 Jrion. Nun, meine Gebieterin, Jungfer Erigone. Leonh. (schaudernd). Brrrr! Die hundertjährige Jungfer Trud ist so zärtlich verliebt in mich? Jrion. Wahnsinnig! Denn Du bist ihre erste Liebe! Leonh. —Die erste? Ah—die hat sich Zeit gelassen, bis sie angefangen hat. Jrion. Doch desto inniger schlägt jetzt ihr Herz in Liebesglnt für Dich. Leonh. Das ist die alte Geschichte! Ein sauberer Bursch und eine alte Jung« fr au — sind ein Funke und ein Pulverfaß! Wie sie sich nur iu die Nähe kommen, ist die Explosion fertig. Jrion. Nur Deinetwegen hat sie sich hier angesiedelt. Leonh. O — ich bitt'! Meinetwegen hätt's von ihrem romantischen Blocksberg nicht herunterreiten dürfen. Jrion. Sic hat Dich seit deiner früh'sten Kindheit auS der Ferne beobachtet, und mit Rührung gesehen, wie innig und kindlich Du Deine Eltern liebst, und darum ist sie fest überzeugt, daß ein so guter Sohn auch ein guter Gatte und Vater werden muß. Leonh. Und da möcht' mich die Alte gern selber zum guten Gatten und Vater machen. Jrion (nickt mit dem Kopfe). Leonh. Brrrr! Warum hast Du mir denn das nicht früher gesagt? — Heut' ist es zu spät. Jrion. Noch nicht! Du bist noch nicht verheiratet! Leonh. Du meinst, ich könnt' meine Braut noch sitzen lassen ein paar Minuten vor der Trauung? Jrion (nickt mit dem Kopse). Leonh. Und statt ein junges Mädel eine alte Trude heiraten? Jrion (wie früher). Leonh. (drohend). Jetzt fahr' ab, wenn Du keine Prügelkrapfen kosten willst, Du kleiner kecker G'schäftrlhuber.Geh' Du mit Deiner Trud wo anders hausiren, hier ist kein Marktplatz für eine so alte, verlegene Waare. Jrion (sich etwas zurückziehend). Na — na, man braucht ja darum nicht gleich so grob und impertinent zu sein. Sechste Seene. Vorige. Willig. Martha. Tobias. Eva. (Hochzeitsgäste aus dem Mcierhof.) Martha. Da ist ja unser Herr Sohn! Alle (Leonhard umringend und ihm die Hände reichend). Willkommen! Willkommen! Jrion (zieht sich zur Grotte zurück). Willig (zu Leonhard). Bist Du endlich da — Du Ausreißer? Leonh. (seinen Eltern die Hände küssend). Nicht brummen, mein guterVater,nichtböse sein, mein liebes Mutterl! (Eva umarmend.) Und Du gib mir ein recht herzliches Busserl, Everl, so ein recht g'schmackiges, wie Du mir's gestern auf der Ofenbank gegeben hast. Eva (schmollend). Wo haben wir denn so lang' g'steckt? Leonh. Mein Haus Hab' ich bestellt — mit der Welt abgeschlossen, und mich mit allen meinen Feinden versöhnt. Jetzt bin ich gefaßt zum Heiraten. Eva. Der red't vom Heiraten, als ob's den Kopf kostet. Leonh. Dann bab' ich denen, die mir zunächst am Herzen liegen, eine kleine Freud' machen wollen an mernem Ehrentag .'(Indem er Willig die Pelzmütze gibt.) Vor All'« lab' ich meinem Herrn Vater eine warme Pelz- Haube gekauft, denn 's wintert schon iu seinem Kalen der, und wenn der Schnee vom Himmel fällt, muß so ein altes Haus ein warmes Dach haben. Willig (die Pelzmütze anfsetzend zu Martha). Wie g'fall' ich Dir, Mutter? Martha. A — a — nobel! Wie ein Baron schau'st aus! Leonh. Noch nobler — wie ein russischer Kosaken-Hettmann. (Gibt Martha die Kaffeemühle.) Und der Frau Mutter Hab' ich 7 diese Kaffeemaschine für d'ganze Familie mit Nachwuchs und Nachguß gekauft, denn ein guter Kaffee ist eine schwache Seite von allen Frau Müttern. Martha (freudig). Der gute Mensch denkt doch immer an's Notwendigste. Leonh. Freilich. Das Notwendigste auf der ganzen Welt ist eine Kaffeemaschine. Dir, mein lirb's Everl, mach' ich ein Spinnrad zum Präsent— um Dich zu erinnern, daß ich Dich nicht in ein Haus des Lurus, sondern in ein Arbeitshaus einführe. Eva (schnippisch). Arbeitshaus. 3ch hätt' gleich lieber Zuchthaus g'sagt. Leonh. (gibt ihr das Spinnrad). Spinn' und web' für Kästen und Schränk' — denn Mangel an weißer Wäsch' gibt Ueber- fluß an wilder Wäsch' in der Ehe. Eva (wie vorher). 3ch weiß schon selber, was ich zu thun Hab'. (Eine Magd trägt die Geschenke in den Meierhof.) Leonh. Das Hab' ich eingekaust auf'm Markt, lieber Vater — und den ganzen Rest meiner Baarscbaft hab'ickandieOrtö- armen verteilt — denn wann ein Festtag ein Frendentag sein soll, dürfen die Armen keinen Fasttag haben. (Kurzer Glockcnrus iu der Ferne) Willig. Es ist Zeit, Kinder! (Alles paart und ordnet sich zum Zug.) Leonh. Deine Hand, Everl! Eva (reicht ihm die Hand). Ich bin wieder ein bißl schnippisch g'wesen — aber Du hast mich doch gern, gelt? Leonh. Wie Adam seine Eva im Paradies, und der hat's g'wiß gern g'habt, weil noch keine Andere da gewesen ist. Und jetzt vorwärts, meine Freunde! (Musik, der Zug setzt sich in Bewegung.) Siebente Scene. Vorige. Norbert. Herbert und zwei Gerichtsdiener (treten nach ein paar Tarten der Musik aus dem Amtshause dem Zug entgegen). Norb. Halt! Zm Namen des Gericht's! Alle (bestürzt). DeS Gericht's? Willig (mit Entsetzen für sich). Gott sei mir gnädig! Das geht mich an! Norb. (mit einem Wechselkurse in der Hand). Könnt Ihr diesen Wechsel zahlen, Gottfried Willig? Leonh. (erschrocken für sich). Gerechter Gott! In welchen Händen ist der Wechsel! Willig. Ich kann nicht zahlen, meine Herren! Herb. Dann habe ich die traurige Pflicht, Sie in den Schuldthurm zu führen. Alle. Zn den Schuldthurm?!! Martha (zitternd zu Leonhard). Zch kenn' mich nicht aus. Was ist denn das ein Wechsel, mein Sohn? Leonh. Ein Wechsel ist ein Instrument, mit dem man die Freiheit eines ehrlichen Mannes in die Hände jedes Schurken geben kann. (Auf Norbert deutend.) Ein solches Eremplar ist der dort! Er hat dieHerrschast Jahre lang betrogen und hätte längst als ehrloser Diener davongepeitscht zu werden verdient, aber er hat eine Fuchsnatur, ist listig durckgeschlüpft durch die Schranken des Gerichtes und steht uns heute stolz und rein wie die Unschuld gegenüber.(AufWillig deutend.) Mein alter Vater hat ein halbes Jahrhundert als unbescholtener, ehrlicher Mann ge- lebt und Alles, was er in den fünfzig Zähren durch seinen Fleiß und seiner Hände schwere Arbeit sich erspart, hat er aus gutem Herzen verpfändet, um einen alten Freund vor Schmach und Verderben zu retten. Der falsche Freund hat ihn betrogen, und dafür steht der arme Greis gebeugt und hilflos jenem Elenden gegenüber, der rachsüchtig sich ein Stückchen Papier erkauft, um sich zum Herrn derFrciheit dieses armen Mannes zu machen. — Das zweideutige Recht nennen d'Leut Wechsel recht, liebe Mutter. Norb. Alle schlechten Zahler schmähen die Gesetze, das ist der letzte Bolzenschuß der ohnmächtigen Empörung. (Zu Herbert und den Gcrichtsdirnern.) Thun Sie Ihre Pflicht, meine Herren! (Geht rechts in den Hintergrund ab.) Herb. Folgt uns, Gottfried Willig! s Martha (weinend iu Willig'? Anne stürzend). Mein armer Mann! Alle (bittend). Erbarmen! Leonh. Haßt das! der Herr ist Diener des Gesetzes, er mnß gehorchen wie wir, und kann nicht helfen. (Indem er zu Tobias eilt und seine Hand ergreift.) Aber Du Detter — Du kannst helfen! Thu' ein guteSWerk, und laß den Greis dort nicht aus der Mitte der Seinen reißen. Laß ihm das Plätzchen, auf dem er sein müdes Haupt zur Ruhe legen kann! Erkauf ihm die Freiheit für die paar Tage, die ihm der liebe Gott noch zugemeffen bat. Hilf und es wird Dir Segen bringen, Vetter Tobias! Eva. Sei nicht schmutzig, Bruder! Tobias. Die Schwester geb' ich her! Aber —Geld? Nicht einen halben Kreuzer. Leonh. O Du herzloser Geldsack, Du! (Entschlossen zu Herbert.) Wenn's denn schon so ist, daß der Gläubiger seinen Schuldner zum Leibeigenen machen kann, und das Ebenbild Gottes zu den Effecten gehört, an denen sich jeder Unmensch pfänden darf — so habt wenigstens Erbarmen mit den achtzig Zähren eines Greises, meine Herren, und führt mich statt seiner in's Gefängniß. Willig und Martha (in seinen Armen). Mein Sohn! Herb. Auf Eure Person haben wir kein Recht. (Zu Willig.) Aber Zhr fügt Euch dem Gesetze, alter Mann. (Er und die Ge- richtsdiener nähern sich Willig.) Willig, bebt wohl, meine Kinder! Leonh. (mit leisem Schmerz in seine Arme stürzend). Schickt uns Gott denn keinen Retter in der Noth?! (Windschauer. Die Grotte öffnet sich.) Achte Scene. Vorige. Erigone (als ganz altes Mütterchen, sitzt zusammengekauert an einem kleinen Feuer in der Grotte. Vor ihr ein Haufe Goldstücke, die sie durch die Finger gleiten läßt). Alle (schaudernd). ErigoncÜ! Zrion (auf sie deutend, indem er zu Leonhard tritt). Dort ist Hilfe in der Noth, Du weißt um welchen Preis! Leonh. (vor sich hinbrütend, nach einer kleinen Pause). Du sollst Deinen Vater und Mutter ehren, auf daß Du lange lebest und es Dir wohlergeh' auf Erden! Tobias (für sich). Kruziueser, die Alte hat Ducaten, und mir scheint, sie macht sich's selber. Leonh. (sich entschlossen gegen die Grotte wendend). Du, Alte! Erig. (freundlich, indem sie aufsteht und aus der Grotte trippelt). Was willst Du denn, mein lieber Leonhard? Leonh. Schau mich an, Alte! Ich bin jung, gesund und auch so passabel sauber, sagen d'Leut. Was glaubst Du? Bin ick so viel wertb, als mein Vater schuldig ist? Erig. Ei, das will ich meinen, hihihihi! Zch zahl' noch zehnmal mehr für Dich, mein Schätzcken! Willig und Martha (bebend). Was willst Du thun, mein Sohn? Leonh. (entschlossen Erigonens Hand ergreifend). Die Alte will ich heiraten. , Alle. Himmel! Willig und Martha. Allmächtiger L Gott! MfEva (Tobias in die Arme sinkend). Bru- der, halt mich! Ich fall um! Tobias. O, schändlich, schändlich! Aber die Alte hat Geld — ich hätt's auch so g'macht. Leonh. (sanft.indem er Eva'sHand ergreift). Wenn Du mich nur ein wenig lieb hast, wirstDusltiir verzeihen, Eva, denn meine Liebe zu Vater und Mutter muß mir heiliger sein, alsmeine LiebezuDir.(Zu Erigone.) Zahl die Schulden meines Vaters und Du sollst noch heute mein Weib sein, Alte! Erig. (zu Hubert und den Gerichtsdienern, indem sie auf die Grotte deutet). Dort ist Gold. (Zu Zrion.) Führ' die Herren in unsere Grotte und zünde schnell die Hochzeitsfackel an! Zrion (mit Herbert und den Gerichtsdienern in die Grotte ab, die sich hinter ihnen schließt). Willig. Er opfert sich für uns! Martha. Nein, nein, mein Sohn, bas Herzeleid darfst Du uns nicht anthun! Leonh. Macht mich nicht döse, ich bitt' Euch! Was ist's denn weiter? Ich — ich mach' ja eine recht brillante Partie. Die— die Jungfer Braut ist ja roch recht passabel sauber, ein bischen strapezirt, aber das ist ganz nach meinem Geschmack. (Leises Glo- kkengeläute, sanfte Mufik mit den Glockentönen harmonirend.) Erig. (indem sie Leonhard die Hand reicht). Wohlan, lieb' Schätzchen mein — es ruft die Stunde — Das Glöcklein winkt zum schönen Liebes bnnde. O, starre nicht so duster vor Dich hin, Dein Weib ist keine böse Zauberin, Ihr Herz ist gutund christlichsromm ihr Sinn, Sie betet so wie Ihr zu Gott dem Herrn, D'rum bleibet nicht zurück in scheuer Fern Und laßt vereint uns beten am Altar Znm Herrn der Welt und seiner Engelschaar. Leiser Chor. (Während dessen der Hochzeitszug traurig über das Gebirge zieht.) Leite uns, Du Gott der Gnade, Führ' uns schirmend zum Altar, Daß auf unserm Lebensvfade Ruh' Dein Segen immerdar. Nennte Scene. Tobias. Eva. Tobias (Eva noch immer haltend). Sag' mir nur, ob Du noch lange in Ohnmacht liegen wirft? Eva (schwach). Nur noch ein bisl. Tobias. Weib, sei ein Mann und fasse Dich! Eva (zornig aufspringend). Mich so einer alten Her aufzuopfern. (Nor Zorn schluchzend.) O ich armes, unglückliches sitzengebliebenes Mädel! Tobias. Mach' Dir nichts draus. Eva. Einen Mann mußt Du mir schaffen! Gleich auf der Stell'! Aber wen? Laß uns berathcn. Tobias. Berathen sollen wir? Schwester, im Rath wird deine Schönheit vertagt, und Du bleibst ewig ledig, weil Du nie erledigt werden wirst. Aber sorg' Dich nickt. Ich Hab' schon was für Dick. Eva «schluchzend). Ist er auch so sauber wie der Detter? Tobias. DaS schönste Eremplar männlicher Schönheit ist der krumpeKellermeister vom Schloß. Eva (erbittert mit geläufiger Zunge). Ah,da wirst Du Dichcurios verrechnen, wenn Du mich an den hatscheten Kellermeister verschachern willst. Mein' Amour mit dem Amtsschreiber Hab' ich aufgegeben deinetwegen, aber das ist mir nicht schwer gefallen, weil ich nicht recht g'wußt Hab, in wen ich eigentlich verliebt bin, in den Amtsschreiber oder in den Vetter — oder in alle Beide! Aber ehe ich den krumpen Kellermeister heirate, eher gehe ich betteln und absammeln um einen Mann. Doch dazu wird's nicht kommen, denn ich will mir jetzt den Amtsschreiber wieder aufsuchen — als schmachtende — gebeugte, blasse Verlassene und da müßt's mit'mTeurel zugeh'n, wenn er lang widersteht. (Läuft rechts in den Hintergrund ab.) Tobias (ruft ihr nacheilend). Wart', ich geh' mit l Wer will meine Schwester heiraten? Eine junge, angehende Bisgurn ist zu vergeben. (Ab.) Verwandlung. (Vorzimmer zur Schenke. RechlS ein Tisch aus rohem Holz, eben solche Stühle. Offene Mittel- thür. Man sieht eine Stellage mit Flaschen, Krügen und Gläsern. Rechts die Thür in die Schenke, links ein Fenster.) Zehnte Scene. Frau Fuchs und Anna. Stimmen (in der Schenke rechts — man hört Gläser anstoßcn). Juhe! Jtthe! Fr. Fuchs (von außen zankend im schwäbischen Dialect). Was ischt das! Hab't Ihr nir 10 z'thun, als die Köpfte zusammenzustecke und zu zischle und zu munkle? Werd' Ihr auseinandergehe, sonst fahr' ich bei Gott mit einem Feuerwetterle drein, daß das ganze Schwabehäusle kracke soll! (Tritt durch die Mitte ein — hinter ihr Anna mit einem vollen Weinkruge.) Mir ischt heute nit z'tranen! Ich bin in meinem pechrabeschwarzen Humor. Anna (bei Seite). So oft ein junger Bursch' im Tors heiratet, schießt ihr gleich die Gall in's schwäbische Blut! (Will mit dem Kruge in die Schenke.) Fr. F uch s. Han! Wohin mit dem Klügle? Anna. Na, in die Schenk' zum Herrn Amtsschreiber. Fr. Fuchs (nimmt ihr den Krug weg). Nich s da, Iungferle! Sie hat die junge Herrle nit zu bediene, die bedien' ich selber. Anna. Das wissen wir so! Fr. Fuchs. DaSHerumscherwenzelu will ich nit! Han! Herr Gottle von Bibcrach! Marsch! Anna (bei Seite). Hu! hu! Heut' speit der alte Drach wieder Feuer! (Zur Mitte ab.) Fr. Fuchs (allein). Kreuz Donnerweiter! Giftig bin i, daß ich mit zehntausend Teufeln raufen könnt'! Und Han ich nit Recht? Kann mau mir's übelnehmen, wenn ich süchtig bin? Ich Han ein hübsches Kellerte voll Wein — ein Säckle voll Thaler und sauber bin ich doch auch — Han? Und doeb heirat't ein Büble nm's andere, und kein Büble thut srag'n, ob die Schwab'nwirthin nit auch noch eppes braucht. Du lieb e blau's Herrgottle von Biberach! Heule könnt' ich um den jungen Willig! Das wäl so ein Fresse gewesen für so ein Herzle aus dem Schwabeland. Eilste Scene. Vorige. Norbert (aus der Schenke). Ncrb. He! zum Geier! Gibt's denn keinen Wein mehr in der Schwabenschenke? Fr. Fuchs (freundlich knixend, stellt den Wein auf den Tisch) Da ischt ein Ertratränkle auS dem Mutterfäßle, Herr Amtsschreiber. So ein nobles Herrle wird bei mir aus dem Mutterfäßle tractirt. Norb. (sttzt sich rechts und trinkt). Isis wahr, daß Sie Wunderberg verlassen, und sich ein Haus in der Stadt kaufen will, Frau Fuchs? Fr. Fuchs. Das kann schon geschehe! — Die Batze dazu ban ich — und das einschichtige Lebe im Schwabehäusle freut mich nit mehr. Wie kann auch einem rüstigen Weible die Einsamkeit behage (spielt verschämt mit der Schürze) wann es noch jung genug für die Zweisamkeit ijcht. Norb. (bei Seite). Sie schießt Blicke auf mich wie ein verliebter Auerhahn. Fr. Fucks (verschämt mit den Augen blinzelnd). Han? Norb. Aha— verstehe! Sie hätte Lust sich wieder zu verheiraten? Fr. Fuchs (verschämt). I potz Blitz! Warum denn nit? Han? Wann so ein junges sauberes Herrle Nachfrage wollt — wer weiß, was die Wirthin im Schwabehäusle antworte thät! Norb. (bei Seite). Eva ist für mich verloren, und wenn man keinen zarten Fasan haben kann, ist eine fette Wildgans auch ein Braten. Fr. Fuchs (bei Seite). Er simulirt! O Du mein lieb's Herrgottle! Mein Herzle > pocht als wie ein Eisenhämmerle. Norb. Ich muß Ihr aufrichtig sagen. ! Sie ist noch ein ganz passables Weibchen, Frau Fuchs. Fr. Fuchs (geziert und geschmeichelt). Han? Norb. Und wenn Sie Lust hätte, Frau Amtsschrriberin zu werden— Fr. Fuchs (schnell). Ich Han Lust — ich Han! Anna (von außen). Zu Hilf'! Zu Hilf'! Fr. Fuchs und Norb. WaS ist denn geschehen? Zwölfte Scene. Vorige. Eva auf Tobias (gestützt,waukt schwach Herrin). Anna. (Zugleich.) Anna. Das arme Mädel! Fr. Fuchs. 'S Bräutle! Nord, (bei Seite). Die kommt wahrscheinlich für den Schwiegervater zu bitten. Tobias. Nehmen Sie mir's ab, Herr Amtsschrriber! Ich kann sie nicht länger mehr halten. Das ist die sechsunddreißigste Ohnmacht, in die sie gefallen ist. Nord, (läßt Eva aus den Stuhl nieder). Erholen Sie sich. Fr. Fuchs. Sie ischt noch immer chn- mächtli! Tobias. Stecken Sie ihr eine Prise Ta. bak in die Nase, damit sie sich zu sich niest. Eva (niit schwacher Stimme), Ach— der Vetter ist ein schwarzer Verräther! Er hat mich sitzen lassen, und die Her'vom schwär zen See geheiratet. Norb. (freudig). Erigone? «! Fr. Fuchs (entsetzt). Herr Jcgerle! Zs Anna. Gott steh' uns bei! Tobias. Za, er heiratet die Alte, weil sie alle Schulden seines Vaters mit blanken Ducaten zahlt. Norb. (triumphirend bei Seite). Zch wollte ihm nur die Freude dieses Tages verderben, und habe das Glück seines ganzen Lebens vernichtet! Eva (wie oben). Mir ist nur um das Geplausch — an ihm ist mir nichts gelegen, (mit einem schmachtenden Blick aus Norbert) denn das Herz kann eine erste Liebe nie vergessen. Norb. (Eva's Hand fassend). Also liebst Du mich noch, Eva? Eva (mit Emphase). Kannst Du fragen? Mein Herz kann nur einmal lieben. Tobias. Denn auf Einmal Zweimal — war zu viel auf Einmal. Norb. (zu Eva). So sei Alles vergeben und vergessen, und nächsten Sonntag wollen wir unsere Hochzeit feiern, die hoffentlich lustiger werden soll, als die Deines Vetters heute. Erwarte mich im Amtshause! — Ich muß in die Felsengrotte, um mein Geld in Empfang zu nehmen, und mich an der Verzweiflung des jungen Ehemannes zu weiden. (Ab.) Tobias. O Gaudium! Zch hab's richtig angebracht und ganz umsonst! (Rustnd.) Vergessen Sie nicht, Herr Amtsschreiber. Meine Schwester geb' ich her. Aber Geld? Nicht einen halben Kreuzer. (Ab.) Fr. Fuchs (hat ganz perplex zugehört). Han? (mit dem Fuße stampfend) daß Dich das Mäusle beißt! Der Amtsschrriber hat ja mich heiraten wollen! Eva (sie messend). Was hat die Madame gesagt? Fr. Fuchs. Er hat mir's Heirate ver- spreche, und muß Wort halte! Eva (drohend).Das sag'Sie noch einmal, und Sie soll mich kennen lernen! Fr. Fuchs. O wir fürchte uns nicht, Jüngferle! Wir nicht! Eva (zornig). Still, schwäbische Antiquität ! oder ich will Ihr zeigen, wozu mir die Nägel gewachsen sind. Ah — da schaut's her! Kaum hat mir eine alte Trud den einen Liebhaber weggefischt, will mir eine andere alte Her' auch den andern wegfischen. Fr. Fuchs (erbost). Han? Anna (zu ihr schadenfroh). Eine alte Her' sind Sie, hat sie gesagt! Hahaha! Fr. Fuchs (packt sie beim Kragen und pufft sie hinaus). Wart', ich will Dich behexe, Jüngferle! Das ganze Schwabehäusle hau' ich zusamm'! Anna (immer in der Scene). Zu Hilf, zu Hilf! Sie pufft mich zu todt! Dreizehnte Scene. Eva (allein). Jetzt läßt sie an der Nan- nerl ihren Zorn aus, weil sie sich über mich nicht traut! Za, mir ist auch nicht z'trau'n. Wann ich zornig bin, fürcht' ich mich vor mir selber, wann ich in den Spiegel schau!' Der Amtsschreiber ist auch so ein Giftnikel 12 aber ich werd' mit ihm schon fertig werden, wenn ich sein Weib bin. Als Mädel muß man die Männer zu erobern und als Weib sie zu beherrschen suchen, Hab' ich von meiner Frau Mutter gelernt. Lied. Sanb're Mädel sind geschaffen Zu erobern auf der Welt; Denn vor unsern scharfen Waffen Zittert selbst der größte Held. Uns're Worte sind Trompeten, Uns're Blicke sind Raketen, Uns're Zungen sind die Degen, Um die Feinde zu erlegen. Uns re Augen sind die Stutzen, Um die Männer wegzuputzen. Uns're Bombe ist der Kuß, Und die knallt als Friedensschluß. Die, die Waffen führen kann, Die erobert schnell den Mann. Za, ja, ja, ja! Zum Erobern sind wir da! Kluge Weiber sind geschaffen Zu beherrschen dann den Mann; Zn der Eh' gibt's and're Waffen, Die man schlau benützen kann! Daß die Männer schön parriren, Muß man anfangs gleich regieren; Thun sie nicht, so wie wir wollen, Müssen brummen wir und grollen, Seufzen, weinen, Krämpfe kriegen, Und mit ganz entstellten Zügen Schrei n wir: »Mörder und Barbar!« Und zerraufen uns die Haar'. Wer Komödie spielen kann, Macht zum Sklaven jeden Mann! Za, ja, ja, ja! Zum Beherrschen sind wir da! (Durch die Mitte ab.) Verwandlung. (Das Innere einer tiefen Felsengrotte. Zwei Felsenslücke bilden den Hintergrund. Im Vordergründe rechts ein kleines Feldstück, unter welchem eine Steinbank steht. Links einige Stufen, welche aus der Grotte führen. Hin und wieder Buschwerk zwischen dem Gestein. Eine Fackel beleuchtet die Grotte.) Vierzehnte Scene. Norb. (tritt mit Gcldrollcn in der Hand von Rechts aus dem Hintergründe). Zch bin bezahlt! Die Folter ist gebrochen für den Buben, der mich öffentlich heute zu beschimpfen wagte! (Steckt das Geld ein.) Gebrochen? Hat er sich nicht mit diesem alten Weibe eine Folter für das ganze Leben aufgebürdet, indeß ich in den Armen eines jungen hübschen Weibes seiner spotte? (Entferntes Läuten.) Ha, das ist das Zügenglöcklein seines Erdenglückes! Sie sind ver- mält. (Eilt auf die Stufen links und sieht hinauf.) Der HochzeitSzug ist schon dem Meierbofe nah'— jetzt macht er Halt! Das Brautpaar trennt sich von den Gästen. (Eilt schnell herab.) Sie kommen in die Grotre. Schnell hinter ein Gebüsch. Hahaha! Vielleicht bin ich gar Zeuge eines Glückes, um welches ich den jungen Ehemann wahrlich nicht beneiden werde. (Eilt hinter ein Gebüsch.) Fünfzehnte Scene. Vorige. Leonhard und Erigonc (kommen über die Stufen in die Grotte, von ZrivN mit einer Fackel geleitet). Leonh. (furchtsam fortschreitend.) Brrrr! Was soll ich denn jetzt in der Grotte, liebes Weiberl? Erig. Kannst Du fragen? Die Brant- nacht feiern, lieber Mann. Leonh. (noch mehr schaudernd). Brrrr! Weißt du was? Zch will Dich nicht geniren. (Will ab.) Du kannst allein die Brautnacht feiern. . Erig. (mit sanftem Vorwurf). Hältst Du mir so Dein Wort? Leonh. (entschlossen zurückkehrend). Du hast Recht! 3ch darf nie vergessen, was Du heut' für meinen alten Vater gethan hast, und wcnn's mich auch ein bischen gruselt, wenn ich Dich anschau' — die Dankbarkeit wird Deine Runzeln schon ausbügeln nach und nach. Erig. So ist's recht! Wir wollen uns wie die Täubchen lieben. Leonh. Wenn auch g'rad nicht wie die Täubchen, doch wie ein junger Hahn und eine alte Henne, liebes Weiberl. Erig. Du sollst mein Himmel und ich will Deine Welt Dir sein. Leonh. Aber nicht die neue Welt — es gibt ja auch eine alte Welt, liebes Weibchen! Erig. O, Du ahnst es nicht, wie ich Dich liebe. Als ich Dich zum ersten Male sah', fiel wie der Blitz der Liebesfunke in mein Herz. Leonh. Mir war's auch, als ob mich der Blitz getroffen hätte. Erig. Also Du liebtest mich auch? Leonh. Wahnsinnig, denn vernünftig bring' ich's nicht zusammen. Aber gehen wir lieber in den Weierhof zurück, Weiberl! Die Gesellschaft ist hier für mich zu klein. Erig. Schelm, hast Du nicht an mir genug? Leonh. (schnell). O mehr als genug! 3ch mein' nur, es könnt' gar nicht schaden, wenn unsere Hochzeitönacht ein wenig lustiger wär'. Erig. Ach — Du liebst laute Freuden — wie Musik und Tanz! (Nimmt ihn unterm Arm und führt ihn zur Steinbank. Sie setzen sich.) Auch dafür ist gesorgt, mein liebes Männ- chen! Die Kranzeljungfern sollen tanzen, 3rion! 3 rioN (schwingt dir Fackel. Musik). Sechzehnte Scene. Vorige. Alte Weiber (trippeln von allen Seiten herbei und gruppiren sich). Leonh. Ui! das sind eher Schanzel- jungfern als Kranzeljungfern. Komischer Tanz (welcher in einer Gruppirung endet). Erig. Nun, bist Du bezaubert? Leonh. Nicht nur bezaubert, auch behext bin ich. Erig. (zärtlich). Doch es ist Mitternacht, geliebter Leonhard! Die Stunde ruft zur Ruhe! Leonh. (aufspringend). 3ch bin nicht schläfrig, ich Hab' mir's Schlafen ganz abgewöhnt. Erig. 3rion! öffne uns das Braut- gemach. Leonh. (schreiend). Nein, nein! Es ist nicht nothwendig! Ein andermal, es muß nicht gleich sein! 3rion (schwingt die Fackel. Schmelzende Musik. Die gauze Bühne beleuchtet sich mit einem milden Lichte, die Steinbank verwandelt sich in eine Rosenbank, die Felsrn-Coulissen in glänzende Krystallsäulen, die beiden Felsen im Hintergründe theilen sich und man erblickt ein mit Blumenvasen geschmücktes reizendes Zimmer. Unter einem Baldachin wird das Brautbett angenommen, dessen blaue Vorhänge schwebende Amoretten lächelnd halten. Zu gleicher Zeit sinken die Masken der alten Weiber, die sich als reizende Jungfrauen mit Sternenkronen in den Haaren um Erigone gruppiren). Erig. (zu den Frauen). Entkleidet mich. Leonh. (bei Seite). Ui! 3etzt wird mir übel. (Leise Musik. Die Jungfrauen entkleiden und schmücken Erigone während folgender Rede Leon- hard's. Sie sangen bei den Füßen an und enden bei dem Haupte.) Leonh. (bei Seite). 3etzt werden wir gleich eine egyptische Mumie sehen! 3ch mach's wie ein nobler Herr und schau mehr auf die Stubenmädel als aus die gnädige Frau! (Aus sie schielend.) Schau, was die Alte für ein kleinwinziges Füßchen hat. Ui! 3etzl Hab' ich ein Stückchen von der Wade ge« seh'n! — Alle Achtung! Dagegen läßt sich nichts sagen. 3 Herr 3eckerl! Und der Wuchs wie eine junge Mücke im Erzie- hungs-3nstitnt. O — a — a —! mir wird auf einmal so warm, als ob eingehcizt wär' 14 Mein Weib wird mir ja ausgetauscht — wie ist mir denn? (Die Frauen haben ihr Haupt mit einer Sternen- krone geziert, auch ihre Maske ist verschwunden und Erigone steht als reizende Sternenjung- srau da.) Erig. ^lächelnd). Nun, Leonhard? Leonh. O Du mein Herr Jemine! Ein wunderniedlichcs Dragantpuppchen ist aus der alten Schachtel gekrochen. Nord, (ist hin und wieder lauschend sichtbar geworden). Erig. Bist Tu zufrieden mit mir? Leonh. Wie denn nicht? Du bringst mir ja statt deiner uralten Verfassung die allerschönste Constitution. Wenn das der Amtsschreiber säh', der fahret aus der schlechten Haut vor Neid. Erig. (liebevoll, indem sie sich ihm nähert): Es ist ein Glück, das Dir, mein Leonhard, Als Lohn für deine Kindesliebe ward. Noch seh' ich cs, wie einst an öder Stelle, Ein Jüngling schmerzgebengt zum Himmel steht, Und in die Nacht hinaus, die sternenhelle, Für seine Eltern schickt ein fromm' Gebet; Wie er den Himmel bittet, doch voll Gnaden, Auf's eig'ne Haupt des Vaters Gram zu laden. Und Helios sah' von dem Sternen- thron Voll Huld und Milde auf den guten Sohn, Sein Segen fiel auf Dich aus ew'ger Ferne, Denn Kindesliebe steht im Schutz der Sterne. Da wurde ich zu seines Thrones Stufen Aus meinem gold'nen Kreise schnell berufen — Der Sternenjungfrau ward Gestalt gegeben — Dom Fürst der Sonnen für das Erdenleben. Die schöne Sendung wurde Erigonen: Für deine Kindesliebe Dich zu lohnen. Leonh. Du bist also kein Erdenkind, Weiberl? Erig. Ich bin der Stern, den man die Jungfrau nennt. Leonh. Also mit einem Stern, und noch dazu mit dem allerschönsten Stern, mit der Jungfrau, bin ich verheiratet? Was für ein geschlagener Ehemann wär' ich geworden, wenn ich mit dem Scorpion, mit dem Steinbock oder gar mit dem großen Bären verheiratet wäre. Aber warum bist Du mir denn nicht gleich als so ein freundlicher Stern, warum erst als alter Trabant erschienen? Erigone. Ich wählte die Gestalt, um zu ermessen Der wahren Kindesliebe tiefen Schmerz. Entschlossen fand ich Dich und selbstvergessen, Drin Lebensglück zu opfern und dein Herz Für deines greisenVaters stillen Frieden — Das lohnt die Jungfrau liebend Dir hie- nieden. (Nimmt einen Stern auS ihrer Krone und reicht ihn Leonhard.) Nimm diesen gold'nen Stern aus meinen Händen, So lang' er Dein ist, trennt uns kein Geschick, Verlierst Du ihn — läßt Du ihn Dir entwenden, Muß ich in's blaue Himmelszelt zurück. Denn meine Erdenstunden sind verronnen, Und heimwärts kehr' ich in das Reich der Sonnen. s^orb. (für sich im Hintergründe). Also das ist der Talisman, an den sein Glück sich knüpft? Er soll's nicht lang' genießen! (Zieht sich zurück.) 15 Leonh. Also, wenn ich den Stern verlier', verlier' ich auch Dich, mein bild- schönes Weiberl? O, dann will ich den Stern bewahren, als ob's mein Augenstern wäre, denn solch' eine Jungfrau fällt uns nicht alle Tage vom Himmel. Erigone. So bin ich Dein für imme»dar auf Erden! Mein Herz schmiegt liebend sich dem Dei neu an — (Innig die Arme gegen ihn ausbreitend.) Der Schutzgeist Deines Lebens will ich werden, Dein treuer Leitstern auf der Pilgerbahn. Leonh. (entzückt). O, Du lieb's, herziges Weiberl, umarmen soll ich Dich? — Aber ich trau' mich nicht recht; — ich bin so schüchtern, so verschämt— als ob ich selber eine Jungfrau wär'. Erigone (lächelnd). Wag's immerhin! Leonh. Jn's Himmels Namen! (Stürzt in ihre Arme.) Dein für's ganze Leben! Erigone. Der Tempel unsers Glückes steht uns offen, baß' uns vereinigt glauben, lieben, hoffen! Sanfte Musik. Die Jungfrauen bilden eine Gruppe um die Liebenden, und der Vorhang fällt.) Ende der ersten Abtheilung. Zweite Äbtheitung. Kurzer Wald, links das freundliche Forsthaus. Rechts eine Rasenbank unter einer reichbelaubten Linde. Erste Scene. Norbert (ärmlich gekleidet, etwas blaß und mit ergrauten Haaren sitzt auf der Rasenbank, den Lüstern Blick auf das Forsthaus gerichtet). So wächst sein Glück von Jahr zu Jahr, so wie mein Elend wächst. Geachtet von der Herrschaft und geliebt — ich dicnstlos und verachtet. Er glücklich in den Armen eines Engels — ich gefesselt an ein böses Weib, das mir das Haus zur Hölle macht. Er im Neberflusse schwelgend — ich mit Sorgen kämpfend, deren jeder Morgen neue bringt. Auf jenem Golde, mit dem die Zauberin mich zahlte, scheint ein Fluch zu lasten, — denn alle meine Pläne schei« terten seit jener Stunde, und der Bettel« stab wird bald mein einziger Reichthum sein. Mein ganzes Unglück dank' ich ihn»! Ich kenn' das Mittel mich zu rächen—mit einem einzigen Wurf könnte ich sein ganzes Lebensglück vernichten — doch zwanzig Jahre hat die Hölle ihn geschützt. Dort kommt mein Sohn! Ich fürchte, daß seine Liebschaft mit der Dirne meinen ganzen Plan vereiteln wird. Zweite Scene. Norbert. Ludwig. Ludwig (tritt mit einer Büchse und gefüllter ^ Waidtasche rechts aus dem Hintergründe auf). Entree-Lied. , Welch' Vergnügen ist das Jagen Hier im Wald, wie in der Welt. Ueberall in unsern Tagen — Werden Füchse ja geprellt. Füchse, die mit schlauen Blicken Kriechen, schleichen und sich bücken, Bis sle etwas sich erhaschen; Bald sind's goldgefüllte Taschen, Bald ein schönes Amt im Land Oder auch ein Ordensband. Glücklich, wenn ein Jägersmann Solche Füchse prellen kann. Nicht nur hier auf grünem Rasen Fressen sich die Hasen satt; Nein, es speisen auch die Hasen An der Tafel in der Stadt. Hasen, die die Löffel spitzen, Daß sie nicht im Pfeffer sitzen, Und wenn sie das Pulver riechen, Schnell und furchtsam sich verkriechen, Nach dem alten Weiberschluß: »Weit davon ist gut vor'm Schuß.* Glücklich, wenn der Jägersmann Solche Hasen Hetzen kann. Norb (aufstrhend, zu ihm tretend). Du scheinst guter Laune zu sein, Ludwig! Ludwig (freudig überrascht, ihn umarmend). Vater — willkommen, herzlich willkommen! Was führt denn Sie heut' aus Birkcndorf zu uns? Norb. Das Verlangen Dich zu sehen, mein Sohn, denn Du scheinst deine Eltern ganz vergessen zu wollen. Ludwig. Nicht böse sein, lieber Vater — aber ich komme seit einigen Tagen fast gar nicht aus dem Forst — fortwährend pürschen — Hetzen — jagen- Norb. Du liebst also die Jagd? Ludwig. Wie die ganze Welt; denn alle Menschen sind ja Jäger, lieber Vater. Der Waidmann jagt nach Wild, der Ehrgeizige nach Rang und Titel, der Habsüchtige nach Gold, der Stutzer nach Mädchen, das Mädchen nach einem Ehering, die Politik nach Eroberungen, die Intoleranz nach Juden, die Kritik nach Schwächen und Schnitzern— und die Dichter und Gelehrten jagen nach Brod. Die ganze Erde ist ein Jagdrevier. Norb. (bedeutend). Doch Du jagst in fremden Revieren und noch dazu einem Irrwisch nach. Wie oft soll ich Dir noch wiederholen, gib diese Liebschaft auf. Die Tochter Willig's ist nichts für uns. Ludwig. Für uns nicht — aber für mich, lieber Vater. Sie kennen meine Rosa nicht — das ist Ihnen ein Kunstwerk, mit dem die Natur Frau Meisterin geworden ist. Augen so feurig, daß man sich eine Cigarre damit anzünden kann,— ein Möndchen so roth, daß jede Rose grün und gelb wird vor Zorn, wenn sie daran riecht, eine —Taille, daß mein Ring am kleinen Finger ihr viel zu groß als Gürtel ist, und ein Füßchen — so klein und niedlich, daß Sie es in Ihren hohlen Zahn stecken könnten. Norb. Nochmals, laß' die Thorheit, denn wohin soll sie führen? — Der Oberförster haßt mich glühend, wie ich ihn. Wenn er wüßte, daß der Sohn seines Feindes unter einem Dache mit ihm lebt, würde er Dich mit Schimpf und Schande aus dem Hause jagen. Ludwig. Das thut nichts! Wenn er mich zur Vorderthür hinauswirft— komm' ich durch die Hinterthür wieder zurück. Was kümmert mich und Röschen der Hader unserer Väter. Je erbitterter sie auf einander werden, desto süßer werden unsere Küsse, das kann ich Ihnen schriftlich geben, lieber Vater. Norb. (ernst). Ich habe Dich nicht in's Haus des Oberförsters geschickt, um Liebeleien anzuspinnen, — Du hast eine andere Aufgabe zu lösen, von der die Ruhe meines Lebens abhängt. Ludwig. Unbegreiflich, daß ein Stückchen Blech, so ein kleiner gold'ner Stern so einen großen Werth für Sie haben kann. Norb. Und doch ist dieser kleine Stern ein Talisman, der in meinen Händen mich vielleicht mit dem Oberförster versöhnen, und Dich dem Ziele deiner Wünsche näherführen könnte. Ludwig. Das wäre freilich ein großes Glück — aber bestehlen kann ich den Oberförster nicht, das wäre ein sauberer Dank 17 für die Liebe und Güte, mit der er mich ins Haus ausgenommen hat. Und was würde seineTochter und sein liebes, schönes, ewig jugendliches Weibchen dazu sagen? Nein, nein, zum Stehlen bin ich nicht gemein, und auch nicht nobel genug, lieber Vater. Ich habe die Forst- und nicht die Annexions-Wissenschaft studirt. Nord. Habe ich Dir je etwas befohlen, was sich mit den Geboten des Himmels und der Erde nicht verträgt? Ein werthloses Kleinod will ich haben, um es zu vernichten, denn eS ist eine böse Saat, aus der seit zwanzig Zähren das Kraut der Zwietracht wuchert. — Du wirst meinen Auftrag vollziehen, oder mit Ende der Woche das Forsthaus verlassen. Bis morgen laß' ich Dir Zeit zu wählen. Ans Wiedersehen, mein Sohn! (Ab in den Hintergrund rechts.) Dritte Scene. Ludwig (allein, später) Rosa. Ludwig. DaS lustige Forsthaus soll ich verlassen, um zu Hause meine Frau Mutter brummen zu hören? Gehorsamer Diener! Teufel noch einmal, mein Herr Papa setzt mir fast das Messer an die Kehle, — aber es nützt ihm nichts. A was — wenn der Vater nicht nachgibt, werd' ich die Mutter über ihn schicken, die wird schon fertig weiden mit ihm. (Horcht) Ah im Forsthaus wird'S lebendig. — (Er tritt leise und lauschend zum Fenster des Hauses.) Mein Röschen kommt, um mit den Lerchen ihr Morgenlied zu trillern. Nun, warte, kleine Langschläferin, ich will Dir beweisen, daß andere Leute munterer sind als Du. (Zieht sich in den Hintergrund zurück.) Rosa (im weißen Kleidchen von zartem Gewebe und eine Rose im Haar tritt nachdenkend aus dem Forsthausr). Lied. Ach, ich bin krank, und weiß nicht wo, 3ch bin nicht traurig, bin nicht froh, Etemenjungfrau. Ich bin nicht klug und auch nicht dumm. Bald schwatz ich viel, bald bin ich stumm. Mich ärgert das, was And're freut, Zch lach' und wein' zu gleicher Zeit; Die ganze Welt ist mir zu klein, Was mag das für 'ne Krankheit sein? Wie kann ich nur fragen? Mein Herz thut ja schlagen Zn Lust und Verlangen, Zn Sehnen und Bangen. — Ach, diese süße Herzenspein Das kann ja nur die Liebe sein. Mir ist so wohl und doch so weh', Ich möchte tanzen, wo ich geh', Zuweilen möcht' ich sterben gar, Dann wieder leben tausend Jahr' Und wenn ich schlaf', so träum' ich meist, Von Ludi nur, dem Poltergeist, Und der treibt lauter Teufelei'u — Was mag das für 'ne Krankheit sein? Wie kann ich nur fragen? Mein Herz thut ja schlagen Zn Lust und Verlangen, Zn Sehnen und Bangen. — Ach, diese süße Herzenspein Das kann ja nur die Liebe sein. Ja, wenn der Jäger Ludi nicht gar so ein Poltergeist wär', und mir einen Schabernack um den andern spielte, müßt' ich richtig glauben, daß ich verliebt in ihn bin. Lndwig (nimmt einen erlegten Raubvogel aus der Jagdtasche und schleicht sich hinter sie). Rosa. Aber sonderbar ist's doch, daß ich den ganzen Tag an ihn denke und des Nachts sogar von ihm träumen muß. Ach! so ein hübscher Poltergeist im Hause ist ein wahres Unglück für ein junges Mädchen. Ludwig (schlingt plötzlich den Arm um sie und hält ihr den Raubvogel vor die Augen). Rosa (erschrocken ausschreiend)' A—a — a — a — hat Dich der Kukuk schon wieder da, Du garstiger Wildfang? Ludwig. O — ich geh' gleich wieder — aber erst müssen mir abrcchnen. — RöS- 2 18 chen. Ich habe mir heute ehrlich einen Kuß! verdient. Rosa (kurz). Geh' zum Vater, der bezahlt seine Buben. Ludwig. Heut' ist aber für die To chter Zahltag und nicht für den Vater. (Ansden Raubvogel deutend.) Da sieh' her! Wenn ich diesen Geier nicht erschossen hätte, hatte er heute Deine weiße Taube gefrühstückt. Rosa. Ach, meine arme Lori ! (Aus den Vogel deutend.) Du garstiger Räuberhauptmann, du! Ludwig. Zst so ein Meisterschuß nicht eines Kusses werth? Rosa. Das ist möglich, aber die Mutter bat besohlen, Dir nicht einen einzigen Kuß niehr zu geben. ^ Ludwig (bittend). Röschen! Rosa. Nützt kein Betteln — ich darf Dir keinen geben. Ludwig (wie vorher). Nur einen einzigen! Rosa. DerstehstDu denn nicht? Geben darf ich Dir keinen Kuß niehr. Ludwig. Aha— nehmen soll ich ihn mir! (Indem er seinen Arm um sie schlingt und sie küßt ) Meinetwegen, gestohlene Früchte schmecken am besten. Vierte Scene. Vorige. Erigone. Erig 0 Ne (schön und jugendlich, und wie Rosa gekleidet, tritt aus dem Dorhause. Mit sanftem Borwurf). Rosa! Rosa. Die Mutter! Ludw. Die Frau Oberförsterin l Rosa (verlegen). Er hat einen Geier erschossen, der meine Taube fressen wollte. Ludwig (ebenso). Und dafür Hab' ich mir mein Schußgeld eincassirt. Rosa. Verbiet' Du es ihm, liebe Mutter, ich kann es nicht. 2ch bin zu gut dazu. Erigone. Jetzt errath* ich, wer den Garten plündert, und uns jeden Morgen in einem Blumenmeer ertränken will. Rosa. Wer denn sonst, als dieser Wild- fang? Erigone. Tödte unsere Rosen nicht, Ludwig! In jedem Blumenkelche wohnt eine schöne Fee, und in dem Kelch der jüngsten Rose ihre Königin, die am gebrochenen Herzen stirbt, wenn man ihr Blumenreich entvölkert. Kommt, setzt Euch zu mir und laßt uns plaudern, meine Kinder. (Erigone setzt sich auf die Bank, Ludwig und Rosa auf den Rasen zu ihren Füßen.) Rosa. Ach ja — erzähle uns von Helios, dem schönen Sonnengotte, der über unsere Erde wacht, und jedem guten Menschen einen seiner Millionen Sterne schenkt. Erigone. Dem Kinde den klaren Stern der Freude und der Unschuld — dem Jüngling und der Jungfrau den goldenen Stern der Ehre und der Liebe, und dem Greise den milden Stern der Ruhe und des Friedens. Und wenn die Sterne alle bleichen, so schimmert der ganzen Menschheit noch der ewig heitere Stern des Glaubens und der Hoffnung. Rosa. Du sprichst das so traurig, liebe Mutter — als ob auch uns're Sterne bleichen. Erigone. Sie glänzen freundlich, aber dunkle Wolken halten sie verschleiert. — Ein böser Dämon wirft sich zwischen Eure Herzen — der finstreGeist der Rache, meine Kinder. Ludwig und Rosa. Der Geist der Rache? Erigone. Dein Vater, Rosa — der alle Menschen so warm und innig liebt, haßt unversöhnlich Einen nur auf Erden, und dieser Eine ist — Dein Vater, Ludwig, Norbert. . tRosa (entsetzt aufspringend und Ludwig an- starrend). Ludwig? Ludwig (bestürzt zu Erigonen, ebenfalls aufstehrnd). Mein Gott! Sie wissen? (Erschrocken aus- einandersahrend.) lg Erigone (zwischen Beide tretend). Ich weiß und kenne Deine Sendung in das Forst« Haus. (Reicht ihm freundlich die Hand.) Doch Du bist gut und gabst der Stimme der Versuchung kein Gehör, sonst hättest Du das Hans des Friedens in ein Hans der Trauer längst verwandelt. ' Ludwig (für sich). Das ist eine Frau! Die sieht den Menschen durch und durch, als ob er ein Glaskasten wäre. Rosa. Norbert, der meinen Vater und meinen Großvater so grimmig verfolgt hat? Ach, wie fatal, daß gerade unser Feind einen so hübschen Sohn hat! Ludwig. Es ist eben so fatal, daß unser Feind so eine hübsche Tochter hat! Rosa. Jetzt müssen wir uns auch Haffen. Ludwig. Ja, verbeißen wir uns in einander. Rosa. O, wenn der Vater nur ein wenig von Deiner Sanftmuth hatte, liebe Mutter, dann ließe sich vielleicht ein vernünftiges Wort mit ihm reden. Aber er ist zuweilen ein wahrer Wolf. Darum Hab' ich Dich auch viel lieber als ihn. Ludwig. Eine solche Mutter ist mir auch viel lieber als der schönste Vater. Rosa. Und gescheidter bist Du auch als er. Ludwig. Um einen halben Professor g'scheidter. Erigone (verweisend). Rosa! Rosa. Ich Hab' ihm das schon selber gesagt, und er hat mir ganz Recht gegeben. Ludwig. Wenn er ein kluger Mann sein will, muß er mir seine Tochter geben. Rosa. Das wäre das Vernünftigste, was er thun könnte. Bitte, bitte, liebe Mutter, hilf uns! Ludwig (ebenfalls bittend). Für eine Frau wie Sie ist das nur eine ganz kleine Pan- toffclarbeit. Erigone. Hofft, meine Kinder! Vielleicht kann ich versöhnend zwischen Eure Väter treten. Rosa (freudig). O, dann dürfen wir nicht verzagen; Ludwig, laß uns unsrer guten Mutter vertrauen. Die meinige ist ein wahrer Engel. Ludwig. Die meinige auch — aber schon ein alter — der den ganzen Tag Posaune blasen muß. Erigone. Ich kenne eure Herzen, sie sind gut und bürgen Euer Erdenglück — aber Dein Vater darf nicht länger getäuscht werden, Rosa — Ludwig muß heute Abend noch das Forsthaus verlassen. Ludwig und Rosa (erschrocken). Der- lassen? Erigone. Ja, Ihr müßt Euch trennen, uu ine Kinder, doch wir wollen hoffen, nur auf kurze Zeit. Rosa (bewegt in Ludwigs Arme stürzend). Ach, Ludi! Ludwig. Mein liebes Röschen! Rosa. Man will uns scheiden! Ludwig. Und wir sind noch gar nicht verheiratet. (Sie innig an sich drückend.) Aber tröste Dich, mein liebes Röschen, weit gehe ich nicht. Fünfte Scene. Vorige. Leonhard. Leo uh. (mit Gewehr und Jagdtasche, tritt rechts auS dem Walde). Brav! Macht's Euch commod, meine Kinder! Ludwig u. Rosa (erschrocken auseinanderfahrend). Der Vater! Rosa (für sich). Ach — das ist dumm! Kaum hat uns die Mutter erwischt, er- wischt uns der Vater auch. Ludwig (verlegen). Lieber Herr Willig. Leonh. (aufbrausend). Nichts Willig — unwillig bin ich — nur wen» ich jetzt einen Stock hätte — wär ich willig — Ihm den Rock ausklopfeu — will ich! Ludwig. Hilf, Samiel! Rosa (ängstlich). Was? Du willst meinen Ludi schlagen? Leonh. Dein Ludi ist er schon, der wilde Jäger! Rosa. Er ist ja nicht wild. Leonh. Also hast Du ihn schon zahm 2 * L0 gemacht? (Zornig mit dem Fuße stampfend.) Alle Million Donnerwetter! Rosa (bittend). Vater! Ludwig (ebenso) Herr Oberförster! Rosa (zu Erigone). Geh' Du über ihn, Mutter! Leonh. Aha! rufst Du schondirGroßmacht zum Succurs? (Zu Erigone.) Wie kannst Du es nur leiden, Weiberl, daß sich Deine Tochter in so einen wilden Jäger verliebt? Rosa. Die Mutter ist ja selber in einen wilden Jäger verliebt. Leonh. (zornig). Ruhe, Schnabel! Erigone (sanft, indem sie einen Arm um Leonhard schlingt). Blicke mir iu's Auge, Leonhard! Leonh. (schmollend). Ich mag nicht! Deine Augen fürcht' ich — die sind das schwere Geschütz für mich, ich will gar nicht hineinschau'n. Rosa. Er schaut aber doch. Erigone (ihm die Stirne streichelnd). Weg mit den finstern Falten von der Stirn! Froh und heiter sollst Du bleiben wie die schönen zwanzig Jahre unserer Ehe. Sei, wie immer, mein liebes, gutes Männchen, Leonhard! Leonhard. Ha, ha, ha, ha! — geh' Du Schmeichelkatze, Du. Rosa (freudig). Er lacht schon, Ludi. Ludwig. Ja, gegen die kommt er nicht auf! Erigone. Zürne der Liebe uns'rcr Tochter nicht, denn Ludwig ist ein braver Bursche. Rosa (schnell). Sehr brav, Vater! Ludwig (ebenso). Ungeheuer brav, Herr Oberförster! Leonh. Ach, wenn Jhr'S sagt, muß ich's freilich glauben Na, Kinder, ich war auch ein armer Teufel — (mit einem zärtlichen Blick auf Erigone») als mir ein Engel aus den blauen Wolken in die Arme fiel. — Seitdem hat mich Gott mit allen Lebensfreude», gesegnet — und ich wäre ein undankbarer Mensch, wenn ich ober» hinaus wollt' mit meinem Mädel. Ein guter Mensch gilt mir mehr als ein reicher Mensch, und ein braver Schwiegersohn ist mir lieber als ein nobler Schwiegersohn. — Ist das genug indeß? Rosa (ihn freudig umarmend). Mein lieber, guter Vater! Ludwig (seine Hand küssend). Mein guter Herr Oberförster! Leonhard. Halt! halt! Noch werden keine Gratulationen angenommen. Ich habe Dich zwar bloß auf's Gesicht als Jägerburschen ausgenommen, aber bloß auf's Gesicht nimmt inan keinen Schwiegersohn auf. Wer sind deine Eltern, junger Herr? Rosa (für sich). O weh! Ludwig (verlegen). Meine Eltern — meine Eltern? Meine Mutter ist die Frau meines Vaters, und mein Vater — mein Pater — Leonh. Ist der Mann deiner Mutter wahrscheinlich — aber das ist mir nicht genug — ich will wissen — Rosa (rechts blickend). Ah — »vaS kommt denn da für eine possierliche Figur? Ludwig (für sich). Seh' ich recht? Onkel Tobias! Leonh. (erstaunt, indem er ebenfalls rechts blickt). Das ist ja ein bekanntes Gesicht! A — a — Kinder, das ist unser Vetter Wurm, der sich zu einem Bierfaß ausgewachsen hat. Was bringt denn den zu uns? Sechste Scene. Vorige. Tobias (tritt von der rechten Seite auf. Er ist sehr corpnlent geworden, städtisch gekleidet, und trägt einen dicken Rohrstock in der Hand). Tobias (erschöpft aufathmend). Wenn ich wieder zu Fuß geh' von dort bis daher, muß ich mich auf zweimal nehmen, denn auf einmal bin ich mir zu schwer. Leonh. (ihm entgegen, die Hand bietend). Willkommen, Detter Tobias! Tobias (eiuschlagrud). Da »st er ja! Servus, Setvns, Vetter Leonhard! (Erigone, LI Ludwig und Rosa setzen sich auf die Raseubank und sprechen leise mit einander). Leonh. Das ist seit zwanzig Jahren die erste Visite. Tobias. Weil ich bös auf Dich war. — Du hast damals Geld von mir ans- leihen wollen, und so was verletzt mich ungeheuer — und dennoch bring ich Dir Geld, und noch dazu viel Geld, Vetter. Leonh. (erstaunt). Mir? Von wem? Tobias. Kannst Du Dich noch an den Rentmeister erinnern, der Deinem Vater mit sünfzehntausend Gulden durchgegangen ist? Leonb. Der schlechte Mensch ist in Amerika gestorben. Tobias. Aber sein Solm ist als reicher Mann zurückgckebrt und schickt Dir für's Erste deine sünfzehutausend Gulden. (Gibt ihm ein Packet Banknoten.) — Die Interessen sollst Du mir ertra berechnen. Leonh. Wenn er noch so reich ist, kann er mir die Interessen nicht zahlen, denn Millionen wiegen die Thränen meines Vaters nicht aus. (Indem er das Geld in seine Brieftasche steckt.) DaS Capital uehm ick, um es unter die Armen zu vertheilen. Tobias (bemerkt Ludwig und die Damen auf der Bank). A. schau. Du hast ja gar eine schöne G'sellschaft da. Aber Sapperlot, ist das nicht unser Louis? Ludwig (macht ihm Zeichen, zu schweigen). Leonh. Nicht Louis — ich mag keinen Louis. Mein Jägerbursch Ludwig ist's. Kennst Du ihn? Tobias. Wie denn nicht? Er ist ja mein Neveu, der junge Norbert. Leonh. (aufschreiend). Norbert? Erigone, Ludwig und Rosa (erschrocken aufspringend). Ach, mein Gott! Leonh. (in der heftigsten Aufregung, indem er sein Gewehr aus Ludwig anschlägt). Fort, Sohn des Folterknechts! Rosa (mit Entsetzen). Vater! «r! Erigone (indem sie Ludwig mit ihrem "r f Körper deckt). Leonhard! Tobias. Was thust Du denn? Mein Neveu ist ja kein Rehbock. Leonh. (aufgeregt). Aber ein junger Geier ist's, der mir mein Täubchen rauben will! Jeder Wandersmann ist mir willkommen, jedem Bettler reich' ich die Bruderhand, denn alle Menschen sind mir lieb und werth; nur Einen haß ich aus der tiefsten Seele, und der ist Ihr Vater, junger Herr, der meine gottseligen Eltern jahrelang verfolgt und gemartert hat. D'rum fort aus meinen Augen, sonst könnt' ein Unglück g'schehn, und ich möcht' mit keiner schweren Schuld belastet auf dem Grabe meines Vaters beten. Ludwig (bewegt). Ich gehe, Herr Oberförster, aber Ihre Frau wird Ihnen schon denTert lesen, wenn ich fort bin. (Zu Rosa ) Lebe wohl und bewahre mir deine Treue, Röschen. (Will fort.) Rosa (schluchzend). Bleib da, Ludi, fürchte Dich nicht! Ludwig. O! fürchten thu' ich mich nicht, aber ich geh' dennoch. (Ab.) Rosa (ihm nachruscnd). Ewige Treue! Leonh. (polternd). Du darfst ihm nicht treu bleiben, ich verbiet' eS Dir. Erigone. Leonhard! Soll denn der Sohn entgelten, was der Vater verschuldet? Leonh. Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, und wenn der Vater nichts taugt, ist der Sohn auch nichts nutz. Tobias. In meiner Familie hat das zugetroffeu. Leonh. (zu Rosa). Schäm' Dich, und wein' nickt, närrisches Mädel! Du verlierst ja nichts an so einer magern Bachstelze. Ich such'Dir schon was Anderes aus, einen recht stattlichen, korpulenten Mann, wie der Vetter Tobias, zum Beispiel. Rosa (weinend). Solch'ein Murmelthier könnt' ich brauchen. (Heftig schluchzend.) Ach, ach, eS ist entsetzlich, was ich für einen barbarischen Vater Hab'. Unter den Hottentotten gibt's nickteinmaleinensolchenPater! (Gcht heftig schluchzend in'8 Forsthaus ab.) Leonh. Na, wart' — ick werd' Dir einen andern Pater verschreiben. 22 Siebente Scene. Leonhard. Erigone. Tobias. Tobias. Mich bat sie ein Murmelthier genannt. Ich weiß gar nicht, wie ich zu der Ehre komm'. Leonh. sauf Erigone schielend). Mir scheint, mein Weibcrl mault — aber dießmal geb' ich nicht nach, ich muß doch auch einmal zeigen, daß ich Herr im Hanse bin. (Geht zu Erigone und stößt sie sanft mit dem Ellbogen.) Gonerl! Schatzerl, bist böse auf mich? Erigonessreundlichundherzlich). Wie könnt ich das! Tobias (für sich). Ein paar bildsaubere Töchter hat der Detter, das muß man ihm lassen. Leonh. (nimmt Erigone unter den Arm und führt fie vor). Ich weiß es ja, Du kannst nicht böse sein, und auf mich schon gar nicht. Jetzt wollen wir aber eine finanzielle Operation berathen. Ich bin unvermuthet zu Geld gekommen, mit dem ich die Noth- leidenden betheilen möcht', und zu dem Geschäft könnt' ich meine liebe schöne Armenmutter wieder brauchen. Erigone (rechts deutend). In Birkendorf, das dort im Thale liegt, wohnt in der ersten Hütte rechts ein armes Ehepaar, das, von allen Unglücksfällen hcimgcsucht, sein Hab und Gut verloren. Der Mann, beneidet und gefürchtet einst, lebt dort als armer Winkelschreiber, dem für ein Tagewerk der übermüthige Bauer verächtlich ein paar Münzen zahlt. Das Weib, das in der In gend nur den Wohlstand kannte, muß sich ihr Stückchen Brot am Spinnrocken zu erwerben suchen. Sie kämpfen beide mit Noth und Elend. Geh' hin und hilf, und frage nicht, ob sie ihr Unglück selbst verschuldet, denn der gute Mensch reicht auch dem Sünder in der Noth die Bruderhand. Wenn Du das gute Werk geübt, hast Du Dich selb»') besiegt; und inniger als je wird diesen schönen Sieg mein Herz Dir danken. (Sie geht in s Forsthaus ab.) Achte Scene. Leonhard. Tobias. Leonh. (ihr nachrufend). Ich hol' mir den Dank schon! Den armen Leuten muß gleich geholfen werden, sonst verhungern sie vielleicht, eh' ich komm'. Tobias. Warum nicht gar! Hunger bringt Keinen um, sonst lebet kein einziger Schulmeister mehr. Uebrigens will ich den armen Leuten auch was schenken. Leonh. Das ist schön von Dir. — Na, was schenkst Du ihnen denn? Tobias. Eine Thräne des Mitleids — auch zwei vielleicht. Leonh. Na, da können sie fett werden. Schmutzian, denkst Du denn nicht daran, daß wir Menschen Alle Brüder sind? Tobias. Bitt' recht sehr, es sind auch Schwestern darunter. Leonh. Mil Dir ist nichts zu reden! Also in der ersten Hütte rechts wohnen die armen Leut'? Tobias (für sich). Da wohnt mein Schwager. — Aus das Rendezvous freu' ich mich. Leonh. Was sagst Du — zu meinem Weiberl, Vetter? Tobias. Weiberl? Ist denn das Deine zweite Frau? Leonh. (lachend). Nein, die Erste. Tobias. Aber deine alte Trud — Leonh. Das war ja meine alte Trud, sie hat sich nur ein bischen verändert. Gleich nach der Hochzeit ist aus der alten Trud eine junge Trud geworden. Ja — ich Hab' ganz was Ertrag erwischt. Andere Weiber werden von Tag zu Tag älter und Häßlicher, während mein Weib von Tag zn Tag jünger und schöner wird. Tobias. Die ist ja wie der Wein, der sich auch mit dem Alter veredelt. Leonh. Das ist eine wunderbare Geschichte! (Geheimnißvoll.) Mein Weiberl ist eigentlich kein Weiberl. 23 Tobias. Was denn? Leonh. (wie vorher). Die Jungfrau. Tobias (mit wachsendem Erstaunen). Und ist zwanzig Jahre mit Dir verheiratet? Leonh. Verstehst Du denn nicht? Der Stern »die Jungfrau* ift's. Tobias. Ich hatr' sic eher für den Krebs gehalten, der geht auch rückwärts, statt vorwärts. Leonh. Der Krebs macht's wie die Menschen. Er bewegt sich nur rückwärts, um besser vorwärts zu kommen. Tobias. Ich kenn' mich nicht aus. Dieser Schütz will die Jungfrau gehei- ratet haben, und ich steh' da wie der Stier im Thierkreis, und möcht' dem Schützen gern Fisch geben, weil er mir den großen Bären aufbinden will. Wenn die Weiber Sterne sind, ist der Mann der Widder, der eher den Skorpion erwischt, als die Jungfrau beim Heiraten. Leonh. Du ungalanter Grobian! Wenn Du nur selber ein so gutes schönes Weiber! hättest, möchtest Du schon anders reden. Tobias. Ich schau' auf keine Güte und keine Schönheit. Wenn mir einmal 's Heiraten einfällt, kauf' ich mir eine Frau nach dem Gewicht, für die Fassung zahl' ich nichts. Leonh. Du bist ein durch und durch Prosaischer Mensch. Tobias. Gott sei Dank! Denn wann ich poetisch wär', wär' ich kein dreistockhoher Hausherr in der Stadt. Leonh. Hausherr schon? Ah — da mußt Du fleißig gearbeitet haben. Tobias. Warum nicht gar arbeiten! Ich thn' gar nichts — aber ich laß' mein Geld für mich arbeiten. Das ist mein altes System, das mich so fett gemacht hat. Detter. (Reicht ihm die Hand.) Aber jetzt leb' wohl! Ich muß doch, der Verwandtschaft wegen, auch meinem Herrn Schwager eine kurze Disit machen. Der wird wieder la- mrntiren, aber ich laß' nichts aus. Meine Schwester Hab' ich ihm gegeben — aber Geld? Nicht einen halben Kreuzer. Wir brauchen unsere Kreuzer selber Ln der schweren Zeit. Na, auf Wiedersehen in Birkcudorf! (Zur rechten Seite ab.) Nennte Scene. Leonhard (allein, gleich daraus) Rosa. Leonh. Der dicke Hausherr klagt auch über die schwere Zeit. Es ist wahr, die Zeit ist schwer, aber ungerecht ift's, daß sie der allgemeine Sündenbock sein soll. Wenn sie auch eine beillose Wirthschaft treibt, treibt's der Mensch doch noch viel ärger als die Zeit. Rosa (tritt weinend aus dem Forsthaust). Leonh. Na, was ist's? Wird das Thrä- nenconcert nicht bald aufhören? Rosa. O, noch lang' nicht. Das Con- cert fängt jetzt erst recht an! Leonh. Du, nimm Dich in Acht. Mir ist jetzt nicht zu trauen. Rosa. Ja, weil die Mutter nicht mehr da ist. Leonh. Ruhe im Glied! Keine subordinationswidrigen Bemerkungen! Daher gehst, Naseweis. — Sieh' mich an — jeder Zoll ein blutdürstiger Tyrann. Rosa. Ach — nein, geh' doch — das kannst Du nicht sein. Leonh. Warum nicht? Rosa. Da d'rinn steckt Jemand, der Dir's nicht erlaubt. Leonh. Ruhe, wenn ich grausamer Vater sein will. Kein Gedanke mehr an den Sohn meines Todfeindes, das rathe ich Dir! Ich bin Montecchi und er ist Capu- letti, und eh' ich diese Liebschaft dulde, mach' ich Dich und den Capuletti caput. O. ich kann ein barbarischer Vater sein — (bn Seite, indem er abgeht) wenn die Mutter nicht da ist. (Ab.) Rosa (allein). Aha, er hat doch Respect vor der Mutter. O, es wird ihm Alles nichts nützen, wenn wir über ihn kommen. Meinen Ludi laß ich einmal nicht. Kurios, jetzt, da es mir verboten ist, ihn zu lieben, lieb' ich ihn noch tausendmal mehr. Es ist doch ganz was AparteS, so ein liebendes Mädchenherz. Lied. Wenn ich nur wüßt', Was denn das ist? Das so wie ein Glockenhammer, 3n des Herzens kleiner Kammer, Wechselnd zwischen Schmerz und Lust, Hebt und schwellt die junge Brust. Wenn ich um wüßt', Was denn das ist? Schelm, ach, du weißt es, Liebe, so heißt es. Aber warum man, ich kann es nicht fasten, Glühend oft liebet, statt glühend zu Haffen? Warum eine heimliche Liebe vor Allen UnS gar so verlockt und so sehr kann gefallen. Warum? Warum? Warum? Das kommt nur von Frau Eva, Das steckt uns tief im Blut, Denn, ach, verbot'ne Früchte, Die schmecken gar so gut. Wenn ick nur müßt', Was denn das ist? Daß wir für das ganze Leben Einem Satan uns ergeben, Einem jungen Bösewicht, Der das arme Herz uns bricht? Wenn ich nur wüßt', Was denn das ist? Schelm, ach, du weißt es, Liebe, so beißt es. Aber warum ist vergeblich das Warnen, Wenn uns die Männer, die Teufel, umgarnen? Warum ist's uns lieber, wenn heimlich mit Lift Ein Herrchen verstohlener Weise uns küßt? Warum? Warum? Warum? Das kommt nur von Frau Eva, DaS steckt uns tief im Blut, Denn ach, verbot'ne Früchte, Die,schmecken gar so gut. (Ab in'S Forsthans.) Verwandlung. (AermlicheS Dauernzimmer. Mittel- und Seitenthür rechts. Links das Fenster. Zm Hintergrund links ein kleiner Tisch. Auf diesem Flachs, eine Spindel. ein Spiel Karten und ein Buch, auf welchem eine Brille, ein sogenannter Nasenquetschrr, liegt Neben dem Tisch Sessel und Spinnrad.) Zehnte Scene. Eva und Ludwig (durch die Mittelthür). Eva (einen Korb mit Flachs auf dem Arm. Sie ist bedeutend gealtert, trägt ländliche Kleidung , deren bunte Zusammenstellung aber auch städtische Putzsucht verräth, spricht im Charakter mürrischer und zänkischer alter Weiber). Saubere G'schichten das! WaS soll das für ein Ende nehmen? Der Vater verdient kaum auf Schnupftabak — und der Herr Sohn gar nichts. Soll ich vielleicht mit meinem Spinnradel die ganze Familie ernähren? Ludwig. Zch will ja gerne arbeiten, liebe Mutter. Eva (indem sie den Korb bei Seite stellt). Das bitt' ich mir auch aus, wenn wir gute Freund' bleiben sollen! Geh' in'S Kammer! und hilf dem Vater schreiben. Ludwig. Zum Schreiben fehlt mir die Geduld, liebe Mutter. So oft ich an mein Röschen denk', werde ich Klere machen. Eva (greift zornig nach der Spindel). Zch bring' Dich um, wenn Du mir noch einmal von dem Herenbankert red'st. Ludwig (verletzt). Mein Röschen ein Herenbankert? Mutter, das verbiet' ich mir! Eva. Was! Du willst mir etwas verbieten? (Indem sie ihm drohend zu Leibe geht.) Wart', ich will Dich Respekt lehren, Gelbschnabel! Ludwig (indem er durch die rechte Seiten- thür entspringt). DaS wird ein lustiges Leben werden! Eilfte Scene. Eva (allein). Mir waS verbieten! Der Mann muß erst geboren werden, der mir was verbieten will! (Indem sie sich zum Tisch sktzt und die Karten durch die Finger gleiten läßt.) Das hat der Alte jetzt davon! Jn's Forsthaus hat er den Buben schwärzen muffen, damit er jetzt mit Schand und Spott aus dem Dienst gejagt wird. (Indem sie sich die Brille anssetzt und die Karten ausschlägt.) Aber ich hab's vorherg'sagt — den» mir hat nicht umsonst drei Nacht' von Katzen geträumt. Nichts als Gal! und Verdruß. Mich wundert's nur, daß ich noch so gut ausschau dabei. (In die Karten blickend.) Und 's kommt noch mehr Verdruß, denn die Treff-Neun läßt mich nicht aus. Na — na auch Freuden stehen mir zu — die bringt die Herz-Zehne. Was ist denn das? Fremde unterwegs. Der Pique- und der TreffBub' schauen in's Haus — und das Pique-Aß auch. Schau, schau, der Pique-Bub' bringt ja gar ein Präsent. Zwölfte Scene. Eva und Tobias. Tobias (der bei den letzten Worten durch die Mittelthür eingetreten ist). Ich bin nicht der Pique-Bub', Everl! Eva (mit der Spindel in der Hand aufstehend). Ah — der Bruder Tobias! Die noble Visit hätte ich mir nicht träumen lassen! Tobias. Ich muß Dir ja auch eine kleine Freud' machen, denn das Anschauen lassen kostet ja nichts. Eva. Na, wie geht es in der Stadt? Tobias. Alle unsere Verwandten sind frisch und gesund, nur mein Fuchs hat den Dampf seit ein paar Wochen. (Sieht sich um.) Aber bei Euch wird es ja immer lichter. Habt Zhr denn die paar Möbel auch schon verkauft? Eva (aufbrausend). Das geht Dich nichts an. Du kaufst uns doch keine neuen. Tobias (schnell). Nein, auf Ehre nicht! Eva. Das weiß ich, Du Schmutzian. Tobias. Ich? DaS Theuerste und Kostbarste, was ein Bruder haben kann, ist eine Schwester, und die habe ich ganz umsonst hergegeben — wie kann ich ein Schmutzian sein? Eva (mit der Spindel drohend). Wenn Dtt mich foppen willst, Herr Bruder, wirst übel ankommen bei mir! Tobias. Ich Hab' zwar Appetit, liebe Schwester, aber nicht auf Schläg', sondern auf einen Schlögel. Darum will ich mich lieber bei der Frau Obersörsterin einladen. (Will fort) Eva (hält ihn zurück). Hast's denn schon gesehen? Tobias. Vor einer halben Stund'. (Schnalzend.) Solch' eine feine Forelle ist in keiner Delikatessenhandlung zu finden. Eva (neugierig). Also ist es richtig wahr, daß das alte Weib wieder jung geworden ist? Tobias. Blutjung und bildsauber! Eva (kitel). Sauberer als ich? Tobias. Das darf ich nicht sagen. Eva (aufbrausend). Warum nicht? Tobias. Weil Du die Spindel in der iHand hältst. Ich trau' Dir nicht recht. Dreizehnte Scene. Vorige. Leonhard. Leonh. (sich jm Eintreten nmsehend). Da schaut es freilich traurig aus! Ah — der Detter! Du hast den Freund in der Noch gewiß schon angemeldet bei den armen Leuten? Tobias. Ich nicht, der Pique-Bub hat Dich angemeldet bei der Everl. Leonh. Was hast Du gesagt? (Ganz erstaunt Eva anstarrcnd.) Bei — bei — bei der Everl? Eva (ihn ebenso anstarrend). Ah — ab, der Herr Vetter! Leonh. (für sich). Na— wart, Weiberl, freu Dich, wenn ich nach Hause komm'! Eva. Ah — da schaut's her! (Zornig die Arme in die Seite stemmend und sich vor Leonhard hinstellend.) Also der Herr Vetter, der mich vor zwanzig Jahren so schmachvoll beleidigt hat, hat richtig die Courage, mir 26 Noch in die Nabe zu kommen? Hält mich denn der Herr Detter für ein Lampel, das keine Krallen und Zähne hat und nicht kratzen und beißen kann? Ja, was will man denn, was denkt man denn, was meint man denn, und was glaubt man denn zum Beispiel? He? Leonh. (für sich). Brbrbrbr! Der Skorpion! Tobias (besänftigend zu Eva). Aber das ist ja schon eine alte Geschichte. Eva (zornig). Ein Mädel sitzen lassen, wird nie eine alte Geschichte! Rede mir nichts darein, sonst laß ich den Zorn an Dir ans. Leonh. (für sich). Das wäre jetzt mein Weib! O! wie gut hat es der liebe Gott mit mir gemeint! Tobias (Eva zuslüsternd). Sei politisch! Ter Pique Bub' bringt ein Präsent. Leonh. Ich Hab' eigentlich nicht zu Jh- nen kommen wollen. Mein Weib hat mich durch einen Staatsstreich des Herzens daher gefoppt. Aber weil ich schon einmal da bin, will ich gerne bekennen, daß Sic nicht ganz Unrecht haben, wenn Sie böse auf mich sind. (Zhr die Hand reichend.) Darum bitte ich Sie um Verzeihung und um Ihr Handerl, Frau Everl. Eva (mürrisch). Ich mag nicht. Leonh. Wenn man so sauber ist, soll man nicht so grimmige Gesichter schneiden. Und sauber sind Sie, noch schlank und blühend wie vor zwanzig Jahren. Eva (sich in die Brust werfend). Das ist mein Stolz. Tobias (für sich). Sie glaubt's richtig! O, die Schmeichelei ist falsches Geld, das jedes Weib für baare Münze annimmt. Leonh. Gelt, Detter, ich Hab' Recht? Deine Schwester bat noch bedeutend viel, das für sie spricht? Tobias. Besonders das Maul, das spricht für sie am meisten. Eva (drohend). Du bettelst mir schon noch was ab, Herr Bruder. Leonh. Sie hat kein Maul, sondern ein kleines Mäulchen, und Du hast gar nichts dareinzureden, wenn wir was miteinander verhandeln. Wenn ihr Mann auch mein Feind ist, so kann seine schöne Frau doch meine Freundin sein. Tobias. O ja, das ist schon dagewesen. Vierzehnte Scene. Vorige. Ludwig. Ludwig (tritt in die Seitenthür und bleibt freudig überrascht stehen, als er Leonhard erblickt). Himmel, seh' ich recht? Der Oberförster bei meiner Mutter? Leonh. (bietet Eva abermals die Hand). Darum schlagen Sie ein, Everl, und lassen Sie mir das Vergnügen, an einer säubern Fran nach Kräften wieder gut zu machen, was ich an einem Mädl vor zwanzig Jahren verschuldet habe. Eva (unwillkürlich lachend, indem sie einschlägt). Hahahaha! Sie sind halt noch immer der Alte. Leonh. (die Hand schüttelnd). Brav, I j Weiberl! s) Tobias. Ter Lindwurm ist be- siegt! Ludwig (triumphirend). Friede und Versöhnung! Schnell zu meinem Röschen mit der Neuigkeit. (Eilt durch die Mitte ab.) Leonh. Jetzt wollen wir ein gescheitstes Wort mit einander reden. Ich weiß, es geht Ihnen gut, brillant, aber mir scheint, Sie schränken sich sehr ein in der schlechten Zeit, denn die Wohnung ist doch ein wenig zu klein, und nicht comfortable genug für eine Frau wie Sie. Eva. Wir wollen so in die Stadt, denn es ist uns viel zu poveretto hier in Birkendorf. 'Leonh. N— freilich für eine Frau wie Sie! Aber wenn Sie Birkendorf verlassen da thut's die bescheidene Kleidung auch nicht, denn Sie müssen ja standesmäßig auftreten in der großen Welt, darum müssen Sie mir schon erlauben, daß ich für so eine 27 schöne Frau etwas thu', die meinem Herzen einst so nahe gestanden ist. (Zieht die Brieftasche aus der Brusttasche). Schau'ns— das Veld hier, das mir der Vetter heut gebracht bat, ist schuld, daß wir vor zwanzig Jahren nicht ein Paar geworden sind, — darum gehört es von Rechtswegen Ihnen als Ersatz für mich. (Gibt ihr die Brieftasche.) Ick schlag mich nicht so hoch an, aber mit den Interessen auf zwanzig Jahre bin ich viel leicht doch so viel werth. Tobias. Ta bast den Pique-Buben, Everl! Eva. Ich weiß nicht, Herr Vetter — ob mein Mann — Leonh. Ihr Mann ist nicht mein Mann, Frau Everl. Aber er ist unglücklich, und derUnglückliche entwaffnet seineFeinde. — Und jetzt lebt wohl. Es wird schon Abend, und ich muß noch aus den Friedhof, denn meine seligen Eltern könnten bös werden, wann ich sie einen Tag nicht heimsuch. Wenn ich so an ihrem Grabe knie, ist's mir immer, als ob ich noch an ihrem großen Himmelsbett' knie, wie in meiner Jugend; und wann ich die kalte Erde küsse, die sie deckt, da glaub' ich ihre blassen, thränen- feuchten Wangen zu küssen und bin wieder ein frommes Kind wie in meinem Vater Hause. Heut', mein guter Vater, kann ich herzlicher für Dich beten, wie sonst, denn heute Hab' ich mich selbst besiegt, und unserem Feinde Gutes gethan. (Geht zur Mitte ab.) Fünfzehnte Scene. Tobias. Eva. Später Norbert. Eva (hastig die Brieftasche öffnend). Wann's nur ein paar Gulden sind, schick' ich sie ihm wieder zurück. Tobias. Recht hast Du! Wenig nimmt man nicht an, wenn man Charakter hat. Eva (erstaunt in den Banknoten wühlend). Himmel! Fünfziger, Hunderter — ja sogar Tausender. (Rust.) Alter— Ludi — kommt heraus geschwind! Nord, (eilt aus der Kammer). Was gibt's denn? A — der Herr Schwager! Eva. A — an dem ist nichts gelegen — aber der Vetter war hier, und hat mir Geld gebracht. Norb. (erstaunt). Leonhard? Eva. Und viel Geld— lauter große Banknoten. (Ein goldener Stern an einer feinen Kette fällt aus der Brieftasche. Sie hebt ihn auf.) A-! Da schaut's her! Auch einen Schmuck hat er mir geschenkt; einen goldenen Stern an einer Kette. Norb. (stürzt auf sie und entreißt ihr jubelnd den Stern). Der Talisman! Ha, endlich ist sein Erdenglück mir preisgegeben! (Eilt durch die Mitte ab.) Eva. Was hat er denn? Wo läuft er mit meiner Broche hin? Tobias. Vielleicht hat er eine Geliebte, der er ein Präsent machen will. Warten Sie, Herr Sckwagcr! Für den Schmuck kriegen wir vielleicht ein Paar! (Eilt Norbert nach.) Sechzehnte Scene. Eva (allein, ihm nachrufend). Sag' ihm, wenn er mir nicht gleich die Broche zurück- bringt, gibt's eine häusliche Ereeution! O, er wird schon pariren, denn ich Hab' ihn gut erzogen, Gott sei Dank! Kurios, daß mir der Vetter so viel Geld schenkt. Hm! Hm! Mir scheint, mir scheint, er ist noch immer verliebt in mich. Umsonst hat er mich nicht schlank und blühend und eine schöne Frau genannt. Ich bin auch eine schöne Frau, und werd' noch schöner werden, wenn ich mich in der Stadt ein bischen renoviren laß. — Na — Geld Hab' ich, — und kann schon für meine Schönheit etwas spendiren. Lied. (Gesungen im Charakter eitler geschwätziger alter Weiber.) Jetzt fang' an ich erst zu leben, Denn ich kann's ja nobel geben, 28 AllrS kriegt man ja für Geld, Selbst die Schönheit auf der Welt. Um die Falten zu vertreiben, Thut der Doctor was verschreiben. Da reibt man das G'sicht nur ein, Und die Haut wird glatt und fein. Fehlen einem alle Zahn', Kaust man sich's von Porrellain, Und hat mau kein Härchen mehr, Gibt uns Salben der Friseur. Schmiert mau sich ein bischen nur, Wachst die prächtigste Frisur; Denn man macht jetzt mit Mixturen Schon die größten Wnndercuren. Zu der Stadt ist das 'ne Pracht! Alte Weiber über Nacht Werden wieder jung gemacht. Hat man etwas blasse Wangen, Darf man nur 'ne Schmink verlangen. Und Zinnober ein paar Loth Machen die Backen frisch und roch. 2st man schwarz wie ein Zigeuner, Macht den Teint man zart und reiner, Wenn man sich mit Balsam schmiert, Den dazu man präparirt. Ein Parfüm, den Jedermann Stundenweit gleich riechen kann. Ist mau g'wachsen wie ein Brett, Selbst wenn man 'nen Buckel hält', Oder wär' ganz schief und krumm, Modelt uns der Schneider um. Weiber wie die Spatzcnschreckeu Weiß die Mode zu verstecken. In der Stadt ist das 'ne Pracht! Alte Weiber über Nacht Werden wieder jung gemacht. (Durch die Mittelthür ab.) Verwandlung. Großer Blumengarten. In der Mitte ein See, hinter diesem ein praktikabler Hügel mit einer Baumgrnppe. fis ist mondheller Abend. Siebenzehnte Scene. Erigone (in faltenreichem Gewandt). Ludwig und Rosa (treten von der rechten Seite aus). Rosa (vergnügt). Ist es aber auch gewiß wahr, Ludi? Ludwig (eifrig). Ich Hab' es ja mit meinen eigenen Ohren gesehen und mit meinen eigenen Augen gehört. Die Mutter und der Herr Oberförster haben sich recht herzlich die Hände geschüttelt. Na, und wenn meine Mutter einmal Vorwärts com- mandirt, wird mein Vater schon nachm ar- schiren. Erigone (innig). Mein guter Leonhard! Ich habe nicht umsonst auf sein gutes Herz gebaut. Ludwig. Jetzt muß in vier Wochen Hochzeit sein. Rosa. Warum denn so spät? Was man heut' thuu kann, soll man nickt auf morgen verschieben. Ach! was das für ein sonderbares Gefühl für ein junges Mädchen ist, wenn es heiraten soll!— So muß einem Soldaten zu Muth sein, wenn er eine Medaille bekommen soll. Ludwig. ES ist auch so was dergleichen. Ihr bekommt die Medaille und wir das Kreuz, wenn wir heiraten. N o sa. Das Kreuz? Ludwig. Das Verdienstkreuz — aberzuweilen auch ein altes Kanonkreuz. Nosa. Wann ist Hochzeit, liebe Mutter? Erigone. Am Versöhnungsfeste, das ist das größte Fest auf Erden, denn Gottes Liebe weiht es mit den schönen Worten: »Friede sei mit Euch.« (Innig.) Ja, Friede sei mit euren Vätern, daß ungetrübt das Glück, im Kreise uns'rer Lieben-— (Leise Mnsik. Sit horcht und ruft dann schmerzlich au-, indem sie erbebend in die Wolken starrt.) O, weh' mir! weh! Ludwig und Rosa (erschrocken). Mein Gott, was ist geschehen? L9 Gesang in den Wolken. Scheide, scheide, Erigone! Auf, hinauf zum Sternenthrone! Erigone (mit tiesrm Schmerj). Mich ruft der Sonnengott. O Leonhard, Dn hast den Stern verloren! Rosa. Mein Gott, mir wird so bange. Was bewegt Dich denn so, meine innigst- geliebte Mutter? Erigone (mit inniger Liebe, indem sie ihren Arm um sie schlingt). Mein theureS Kind, ich werde von Dir scheiden. Bald findest Du das Mutterherz nicht mehr. Ach, und die Erde ist so reich an Leiden, Und oft so arm an Glück und freudenleer. Wohl Dir, wenn in der Zeit vom Sturm bewegt, Ein treues Herz voll Liebe für Dich schlägt. Ludwig. Ach — Sie sprechen ja so, als ob Sie schon sterben mußten, Frau Oberförstin. Rosa. Aber da hat's noch Zeit, denn Du bist ja noch viel schöner und blühender als jene Alpenblmnen dort. Erigone. So schön und blühend auch die Rosen sind, Ein kalter Hauch nur, und sie bleichen, Kind. (Indem sie eine Rose vom Stocke bricht und sie Rosa in die Locken steckt.) Nimm denn der Blumen holde Königin Als meine letzte Liebesgabe hin, Und sehnt sich leidend einst nach mir dein Herz. Sv blicke voll Vertrauen himmelwärts, Und laß' die Blätter in die Lüste weh'n, Dann darf ich einmal noch Dich wieder« seh'n, Noch einmal warm und inniglich umschlingen, Und deinem Herzen Trost und Frieden bringen. Ja, geh't der Zukunft hoffnungsvoll entgegen. (Indem sie ihre Hände auf dir Häupter der Liebenden legt.) Die Jungfrau schirmtEuch und derMuttcr- segen! Achtzehnte Scene. Vorige. Leonhard. Leon h. (tritt von der rechten Seite auf. und bleibt überrascht stehen, als er die Gruppe sieht). Was ist denn das? Da ist ja der wilde Jäger schon wieder in meinem Revier. Alle Million Donnerwetter sollen den Buben — (Er will sich zornig auf die Gruppe stürzen, bleibt jedoch nach ein paar Schritten gerührt stehen.) Aber mein liebes Weiberl legt ihre Hand auf sein Haupt! Der Mensch darf nicht fluchen, wenn ein Engel segnet. (Laut, indem er die Hand gegen die Gruppe ausstreckt.) Friede sei mit Euch! Erigone (tritt zu ihm in den Vordergrund, indem die Liebenden im Hintergründe bleiben. Mit inniger Herzlichkeit Leonhard dir Hand reichend). O, nimm dieß Wort des Herland's nie zurück, Wie Gott auch lenken möge dein Geschick. Leonh. Du hast mich zu einem säubern Winkelschrciber geschickt! Ich sollt' eigentlich böse sein, aber das geht nicht, weil ich zu stark unter dem Pantoffel steh'. Auch Deinen wilden Jäger sollt' ich niederbrennen, aber ich habe mir meiner, Hitzkopf so abgekühlt in der Hütte der Armuth, daß ich uns're Rosa ganz nach ihrcmHerzen wählen lasten will. Das Glück der Liebe war ja unser kostbarster Schatz, Wciberl, und darum soll ihn auch unser Kind von uns erben. Lu dwig und Rosa (freudig ihn umarmends. Dank! Dank! den innigsten Dank! Erigone. Gott segne Dich in deiner Kinder Mitte Für die Gewährung meiner letzten Bitte. Leonh. (befremdet). Der letzten Bitte? Was willst Du denn damit sagen, Weibcrl? Rosa. DieMutter spricht vom Scheiden, lieber Vater. Le onh. (heftig erschrocken). Was? Scheiden? Ich laß mich nicht scheiden, ich pro- testire. (Wehmüthig zu Erigone). Bin ich Dir schon zu alt, Du ewige Jugend, daß Du mich gern los sein möchtest? Erigone. Nicht meine Liebe scheidet, ich muß scheiden! Leonh. (mit steigender Angst). Das klingt ja fast wie Ernst. Wohin willst Du denn, um Himmels willen? Erigone. Dort in mein Reich! Die Sterne rufen mich. Leonh. Die Sterne sollen sich nicht zwischen Ehelcut' mischen! Du selbst bist mein Stern, mein lieber Augenstern, und wenn ich Dich verlier', ist's mir alleseins, ob dort ob.il Stern oder Millykerzen leuchten. Erigone (ans dev Himmel deutend). Nicht auf der Erde, dort ist meine Heimat! Leonh. Was geht's mich an, was Du für ein Landsmann bist! Laß Dir deinen Paß verlängern, und komm' um Urlaub ein, bis der meinige abgelaufen ist, dann reisen wir mit einander. Vielleicht kann ich den Wassermann ablösen! — o ich werde meinen Platz schon aussüllen im Thierkreise. Erigone. Muth, Leonhard! Die Stunde hat geschlagen, Tie Wolke senkt sich, mich emporzutragen. Der blaue Himmel rufet mich zum Frieden, Geendet ist mein Lebenslauf hiernieden! (Die Hülle entsinkt ihr, sie steht wieder als Sternen- jungfrau da wie zu Ende des ersten Actes.) Leonh. (in äußerster Aufregung). O ewiger Gott! Es ist Ernst, klamm're Dich au die Mutter, mein Kind, und laß' sie nicht fort, wenn Du nicht auch deinen Vater verlieren, und ihn zum Feinde der ganzen Welt und aller Menschen machen willst. Rosa. Mutter! l (Schmerzlich, indem sie Llldwlg. Verlassen / zu Erigonen's Füßen Sie uns nicht! ) finken.) Erigone (Rosa in ihre Arme schließend). O meine Tochter! Laß mich mit Entzücken Noch einmal an das Mutterherz Dich drücken! Noch einmal, eh' ich von der Erde scheide, Die reinste aller Freuden, Mutterfreude! Noch einmal laß' mich meine Hand zum Segen Auf's theu're Haupt des lieben Kindes legen! Noch einmal laß't mich weinen tief bewegt, Und jetzt lebt wohl, die Scheidestunde schlägt. Leonh. (von einem Gedanken ergriffen, aus- jubelnd). Juhe! Es ist nicht wahr! Es ist Alles nicht wahr, denn dein Geschick ist an das meinige gekettet, so lang ich meinen Talisman auf meinem Herzen trag'. Das ist ein Vertrag, den Du halten mußt, wenn ein Stern deö Himmels nicht Schwur und Treue brechen will. Neunzehnte Scene. Vorige. Norbert. Norbert (erscheint auf der Spitze des Hügels hinter dem Strome). Erigone. Mein armer Freund, die Sterne trügen nie! Leonh. Du glaubst vielleicht, ich habe dein Hochzeitsgeschenk verloren? O! solch' ein kostbares Kleinod verliert man nicht so geschwind. (Aengstlich suchend.) Wo ist denn meine Brieftasche? Ich Hab' sie ja seit — -. (Mit einem Schrei des Entsetzens, indem sein Blick aus Norbert fällt, der in erhobener Hand den Stern an der Kette hält.) O allbarmherziger Gott! Norbert (indem er den Stern in den Strom schleudert). Dort liegt dein Glück begraben in der Flut! Ludwig (mit tiefem Schmerz gegen Norbert). O mein Vater! Leonh. (ebenfalls gegen Norbert gewendet, in größter Aufregung). Mensch, der Himmel verzeihe Dir, was Du aus mir gemacht 31 Haft, — ich kann Dir mcht verzeihen! Ich habe die Erde geliebt wie den Garten Gottes — jetzt wird sie ein kaltes, freudenleeres Grab für mich sein! Mein Herz stand allen Menschen offen, jetzt werd' ich alle flieh'n, denn in jedem Antlitz werd' ich das Kainszeichen seh'n, das Dir dieser Bruder» mord auf die Stirne gedrückt hat. Du hast nrir nicht nur mein liebes Weib, Du hast mir mein Vertrauen auf Gott und Menschen geraubt! Meine ganze Liebe gehört meinen« erbleichenden Sterne, und «nein ganzer Haß gehört Dir, Du Kain mit dein Brandmal auf der Stirn! Hassen werd' ich Dich, wenn ich bete, Haffen mit jedem Aihemzng, Haffen, wenn meine Augen biechen — ja glühend hassen würde ich Dich, wenn alle Leidenschaften auSgestorben, «venu Alles, «vas da lebt, begraben, und ich der letzte Mensch auf Erden «vär'l (Rollen des Donners.) i Norbert (flieht entsetzt vom Hügel). ^ I L U d W i g (in die Knie finkend). H / Entsetzlich! «r ! Rosa (heftig bewegt in Leonhards ' Arme stürzend). Mein armer Vater! Musik. Zwanzigste Scene. Vorige. Helios. Helios (ein gekrönter Jüngling, in idealem Gewände auf einem Sterncnthron. und kleine blaue mit Sternen bcsäete Wolken, jede eine Sternen- jungfrau und zwei Genien tragend senken sich bis in die Mitte der Bühne herab. Erigonens Wolke senkt fich mit Jrion und einem andern Genius bis zur Erde. Alle Sternenjungfraucn breiten die Arme Erigonen entgegen.) ^ rig. (mit tiefer Wehmuth, indem sie fich gegen den Hintergrund wendet). Ihr Schwestern öffnet mir dasgoldeueThor! TragtWolkcn mich zum Himmelszelt empor! (Indem sie auf Leonhard und Rosa blickt.) Ach, das »vas auf der Erde ich verlor, Das stille Glück, das ich auf ihr besessen, Lehrt mich die Pracht der Steine nicht vergessen! (Indem sie ihre Wolke besteigt, finken Leonhard, Ludwig und Rosa im tiefsten Schmerz vor ihr auf die Knie. Erigone breitet die Arme segnend über sie aus. Harfenklänge ertönen in den Wolken, ein magisches Licht beleuchtet den Hintergrund und der Vorhang fällt.) Ende der zweiten Abtheilung. Dritte Abtheitung. Acrmliche Dachwohnung. Rechts eine Dachlucke in halber Höhe der Bühne. Links eine Seitenthür. In der Mitte die Hauptthür, neben dieser liegt ein Strohsack. Aus einem kleinen Tisch und einem alten Stuhl besteht das ganze Meublement. Erste Scene. Tobias, Rosa und Eva (bräutlich geschmückt und Eva aufgeputzt und in einer unge- geheuren Krinoline, treten vorsichtig durch die Mit- telthüre ein). Eva. A — Spcctakel — in dein Loch logirt er? Rosa. Mein Gott — das ist ja gar keine menschliche Wohnung. Tobias. Er »vill keine menschliche Wohnung, darum ist er zu mir gezogen. Er hat sich das Dachkammer! ertra ausgesucht, um dem Himmel so nah' als möglich zu sein. Eva. Er soll ein grimmiger Menschenfeind geworden sein. Tobias. Und bloß «veil er sein Weib verloren hat, das ist totaler Unsinn. Andere Menschen feind' werden Menschen freund', wenn sie ihre Weiber verlieren, und bei den« macht's eine ganz conträre Wirkung. Rosa. Ach, wie unglücklich hat Herr Norbert meinen Vater gemacht! Eva. Jetzt rcut's meinen Alten genug, daß er so undankbar gegen unser»« Wohl- thäter war. Er schaut schon wie ein Schalten aus und ist gewiß noch unglücklicher als dein Vater, Röserl. Rosa (pH umsrhtnd zu Tobias.) Wo ist er denn jetzt? Tobias (links deutend). Da drinn deckt er mir'S Dach ab und wirft den Leuten die Schindel auf die Köpf' — damit er in der Nacht auf de« Himmel schauen kann, weil er ein Sterngucker geworden ist. Rosa. Wir sind hier, um ihn zu meiner Hochzeit heute einzuladen. Tobias. Was? Der Menschenfeind soll zu deiner Hochzeit kommen, mit dem Sohne seines Todfeindes? Rosa. Mein Vater rst ja selbst bestanden auf diese Heirat, um den letzten Wunsch meiner guten Mutter zu erfüllen. Tobias. Das weiß ich Alles, aber zur Hochzeit kommt er doch nicht. Eva. Er wird kommen, wenn ich ihn einlad'. Er war schon in Birkendorf entzückt von mir, und wenn er mich erst heut anschaut, so- Tobias. — Wirft er Dich hinaus! Eva. Ah — da muß ich bitten! Tobias. Du brauchst nicht zu bitten, er thut'S so auch. Mich hat er schon, ein paarmal hinansgeworfcn, aber das genirt mich nicht. Ich bin das als Hausherr schon gewohnt bei meinen Parteien. Pst — er kommt. Na, probir Dein Glück, Everl — wann Eine den Teufel auStreiben k.mn — bist Du eS. Sein Weib hat den Vetter bezaubert, das kannst Du auch, denn bezau- be,n und behexen ist ja allcseins. (Zur Mitte ab.) Rosa. Ach — ich zittre und bebe vor Angst. Eva. Ein Weib darf nie zittern vor einem Mann, merk' Dir das. Rosa (indem sie sich zur Mittelthür zurückzieht mit weiblicher Affectation). Wenn cs mir nur nicht schadet! Mein Mann, der Ludi, sagt: eine junge Frau muß sich vor jeder Grmüthsbewegung hüten. Zweite Scene. Vorige. Leonhard. 8 e 0 Nh. (tritt mit einer Leiter auf der Schulter aus der Sritenkammer links). So, auf der Seiten bin ich fertig; jetztmüffen aufder andern auch die Schindel herunter, dann logir ich unter freiem Himmel, kann in der Nacht meinem lieben Stern in's klare Aeugerl seh'n und ungenirt meinen bösen Dämon verfluchen. — Also fix an die Arbeit! (Er lehnt die Leiter unter die Dachluckr rechts, steigt hinauf und fängt an die Schindeln auf die Straße zu wersen.) Kopf weg da unten, wereinenhat. Rosa. Guten Tag, i lieber Vater! !(sich 'hm schüch- Eva. Grüß Gott! s Leonh. (sieht sie an). Packt Euch! Ich bin nicht zu Hause! Eva. Wir sind'S ja, Herr Vetter! Leonh. (sieht sie an). Brbrbr! Was will denn das Ungeheuer? Eva (verletzt). Ungeheuer? Leonh. (drohend aus die Thür zeigend). Marsch, oder ich brauch' mein Hansrecht. Na, werdet Ihr gehen oder mcht? Eva (störrisch). Just nicht! Leonh. (indem er von der Leiter springt). Alle Million tausend Donnerwetter — Rosa (ängstlich). Du darfst mich nicht so anschreien, Vater! Eine junge Frau hat schwache Nerven, sagt mein Mann, der Ludi. (Die Worte: »mein Mann, der Ludi* spricht sie immer sich brüstend, mit einer gewissen Ambition.) Leonh. So? Hast Du ihn endlich? Rosa. Vormittag war die Trauung und jetzt feiern wir die Hochzeit auf dem Lande, zu der wir Dich schönstens einladen. ich und mein Mann, der Ludi. Leonh. Mich? Soll ich etwa Polka tanzen mit Deinem Herrn Schwiegervater? (Ingrimmig die Fäuste ballend.) O, ich möchte tanzen mit ihm, daß der Teufel seine Knochen nicht mehr finden könnt'. 33 Eva (sehr süß). Theurer Freund meiner Jugend, bei den zärtlichen Gefühlen unserer Herzen — Leonh. (sie barsch anschnaubend). Brbrbr — Ungeheuer! Eva. Schon wieder! Rosa. Ach — mir wird schon nicht gut! Der Schreck kann einer jungen Frau sehr gefährlich werden, sagt mein Mann, der Ludi. Leonh. (barsch). So soll er Dich unter'n Glassturz stecken. (Sie mit unwillkürlichem Wohlgefallen betrachtend.) Aber gut sieh'st Du aus! Bist ein recht hübsches junges Weiberl. Rosa. D rum muß ich sehr heiklich auf mich sein, sagt mein — Leonh. Sagt Dein Mann, der Ludi. Wir wiffen's ja schon, daß der Ludi Dein Mann ist. Mach' Dich nur nicht gar so patzig damit. — Und jetzt laß't mich in Ruh', sonst nehm' ich meinen Strohsack und such' mir in der Donau ein Quartier. (Weicher.) Vergönnt mir doch das bischen Glück, vas ich nur in der Einsamkeit noch finden kann. Ich taug' ja nicht mehr unter die Menschen! Meine einzige Freude ist dort jene glänzende Jungfrau am Himmel — darum laß t mir den Tag, damit ich an sie denken, und die Nacht, damit ich von ihr träumen kann. Rosa (weinend). Das ist ein trauriger Ehrentag für mich! Ich bin so angegriffen — so aufgeregt — mein Mann, der Ludi, wird mir einen Doctor holen müssen. Dritte Scene. Vorige. Tobias. Tobias (steckt den Kopf zur Mittelthür herein). Wenn Sie auf die Hochzeit gehen wollen, Herr Vetter, kann ich Ihnen ein paar lackirte Stiefel leihen. Leonh. (ergreift wüthend einen Stuhl und stürzt damit auf Tobias zu, der erschrocken entspringt). Hinaus, Bierfaß! Eva und Rosa (ängstlich schreiend). Ach! Leonh. Solche Menschen gibt's unter den Menschen! Da soll der Mensch nicht Menschenfeind sein! Eva (süß). Wenn Sie mich noch lieben, Herr Vetter — Leonh. Geh' Sie aus den Tandelmarkt mit Ihrer Lieb'! Eva (gereizt). Na, jetzt Hab' ich genug, denn was zu viel ist, ist zu viel! Und wenn Sie mir noch eine solche Sottise sagen, werd' ich den Herrn Vetter lehren, was Achtung heißt gegen das schöne Geschlecht! Leonh. Jetzt zählt sich die auch zum schönen Geschlecht! Ich bitr' Sie, empfehlen Sie sich, Frau Everl! Eva (sehr gespreizt). Q, ich geh' schon, denn mir schießt schon wieder die Galt' in'S Blut! Ich habe ertra für Sie heute diese sorgfältige Toilette gemacht, und mir geschmeichelt, Sie werden ganz paff sein, wenn Sie mich sehen! Aber wer das Weib seiner Liebe im strahlenden Glanze ihrer Schönheit sieht und sie so anschnauben kann wie ein wildes Thier, der ist der Liebe eines schönen holden Weibes gar nicht werth! Ihre Dienerin, Herr Vetter! (Geht stolz durch die Mitte ab.) Vierte Scene. Leonhard und Rosa. Leonh. Und Du schau auch, daß Du fortkommst, und wein' nicht, närrisches Mädel! Rosa (schluchzend). Frau bin ich! Leonh. (barsch). Na-ja, ja — Frau — Na, jetzt behüt' Dich Gott, und laß' Dich nicht wieder anschau'n bei mir — bis — bis ich Großvater bin — dann darfst Du mich auf ein paar Minuten besuchen. Rosa (wie vorher). Und's Kleine darf ich auch mitbringen? Leonh. (schreiend). Ja — auch's Kleine! Meinetwegen auch ein paar! (Müder.) Geh' jetzt, Röserl—Dein Mann, der Ludi, wird auf Dich warten. 3 34 Rosa. Ack, so lieb ich ihn auch habe, möcht' ich doch lieber bei Dir bleiben, damit Du nicht so ganz verlassen bist. Erlaube Deinem Kinde, Dich zu trösten in Deinem Unglück. Leonh. (indem er seine Rührung zu unterdrücken sucht). Das willst Du? (Mit erzwungener Härte.) Aber ich will's nicht — denn das Weib soll Vater und Mutter verlassen und dem Manne folgen, den es liebt. — Du wirst glücklich sein, denn Deine fromme Mutter hat ja diesen Bund ge, schlossen und gesegnet. Rosa (zu seinen Füßen). O— segne auch Du Dein Kind! Leonh. Ja, ja, mein Roser!«Wenn ich auch die Menschen haß' und flieh', bin ick doch kein Barbar, der sein liebes Kind nicht segnet. (Indem er seine Hände aus ihr Haupt legt.) Der gnadenreiche Himmel möge Dich beschirmen und beschützen. (Er hebt sie auf.) Und jetzt leb' wohl, mein Kind! Rosa (schmerzlich). O Mutter, wenn Du wüßtest, was aus meinem armen Vater geworden ist! (Bon einem Gedanken ergriffen — für sich.) Ha! noch ist nicht alle Hoffnung verloren. Ich habe ja die Alpenrose noch. Leonh. (drohend). Du, jetzt bin ich lange genug zärtlicher Vater gewesen. Rosa. Sage lieber, Du bist lange genug Menschenfeind gewesen. (Zhn innig umarmend.) Lebe wohl, meinguterVater. Bald wirst Du wieder in Deinem Forste jagen, anstatt hier in dieser elenden Dachkammer Grillen zu fangen. (Eilt schnell gegen die Mittelthür, bleibt aber in derselben lauschend stehen.) Leonh. Ja, wart' ein bischen. Und wenn s Haus abbrennt, zieh' ich nicht aus. Ich Hab' ja hier ganz meine Commodität, und was noch mehr ist, meine Freiheit. Ich gebe keine Gesellschaften, also bin ich frei von falschen Freunden, — ich habe kein Geld, folglich bin ich frei von Angst— ich bin nicht jung und sauber, folglich bin ich frei von Eitelkeit—ich bin kein Richter, folglich bin ich frei von Gewissensbissen, und ich bin auch kein großer Herr, folglich bin ich frei von Schmarotzern und Heuchlern. — Es kann daher keinMensch freier sein als ich in meinem Dachkammerl. Aber ich bin ordentlich marod geworden von dem vielenDisputiren. (Wirst sich auf den Strohsack.) Vielleicht kann ich schlafen bis zur Nacht — (indem er gegen die Dachlucke blickt), dann wird jene schwarze Wolke nicht mehr da sein, die mir meine liebe Jungfrau deckt. Wer weiß, ob Norbert, den ich wie den Satan Haffe, so glücklich träumt wie ich auf meinem Strohsack. (Er entschlummert.) Rosa (tritt nach einer kleinen Pause leise und vorsichtig zu ihm). Er schläft! Ach, mir schlägt das Herz, als ob ich etwas Böses thun wollte, und ich will doch nur ein Werk der Kindesliebe üben. (Indem sie vortritt, die Rose von ihrer Brust nimmt und durch s Fenster schleudert.) Komm', meine gute Mutter, und gib' den Menschen meines VaterS Liebe wieder! M u s i k. (Ein Theil der Hinterwand öffnet sich, und man erblickt Eli gone und Jrion als Genius zu ihren Füßen in einer Sternenwolke.) Fünfte Scene. Vorige. Erigone. Jrion. Erigon e. Mein theures Kind — ich kenne Deine Leiden, Und theile Deinen Kummer, Deinen Schmerz! Doch laß nicht Muth und Hoffnung von Dir scheiden, Und bau' auf Gott und auf ein Mutterherz. Rosa. O rette meinen armen Vater! Gib ihn mir und seiuen Freunden zurück! (Sinkt zu Erigoncns Füßen.) Erigone. Eh'sich der Sonne gold'ne Strahlen senken, Will ich sein Herz der Erde wieder schenken. Rosa (freudig). Dank, Dank Dir, meine himmlisch verklärte Mutter! Erigone. Ein Wort des Frevels war sein Scheidegruß— Ein Wahn, der ihm znr Wahrheit werden muß. Nus eine wüste Bahn muß ich ihn führen, Daß er zurück in Eure Arme kehrt. Gewinnen lernt der Mensch nur im Ver- lieren, Genießen lernt er nur, wenn er entbehrt. — Wohlan, zum großen Trauerhause werde Für ihn die Welt; — doch nur für ihn allein, Und auf der öden, lebensarmen Erde Soll wähnen er — d;. letzte Mensch zu sein. Rosa (schaudernd). Der letzte Mensch! Ach mein Gott, das ist ja entsetzlich! Er igone. Wohl ist das Bild, mein Kind, sehr ernst und trübe, — Ein grausam' Spiel der regen Phantasie, Und dennoch ist es ja ein Werk der Liebe, Das ihm sein Stern zum Heile nur verlieh'. Wird menschenleer ihm diese Welt erscheinen, Dünkt er verlassen sich, verwaist, allein, Dann wird er liebend sich mit Menschen einen, Und wieder Freund der schönen Erde sein. Irion (tritt aus dem Rahmen und nähert sich dem Lager Leonhards). Erigone (küßt Rosa's Stirn, indem sie die Hände auf ihr Haupt legt). D'rum Muth, mein Kind! Im gold'nen Sternenreich Wacht ja die ew'ge Jungfrau über Euch. (Die Mauer schließt sich und das Bild verschwindet.) Rosa (indem fie sich erhebt und ängstlich auf Leonhard blickt). Er erwacht! — O mein armer Vater — ich kann ihn in dieser fürchterlichen Prüfung nicht verlassen. (Zieht sich links in die Kammer zurück.) Sechste Scene. Leonhard. Irion. Leonh. (erhebt sich vom Strohsack und reibt sich die Augen). Dag war ein kurzer, — aber ein sehr süßer Schlummer! Wie spät mag's denn sein? Ach — eS ist leider noch Tag, denn meine silberne Cylinder-Uhr ist noch nickt aufgezogen am Himnul. Irion. Grüß' Dich Gott, alter Brumm« bar! Leonh. (freudig überrascht, indem er sein Lager verläßt). Himmel— seh' ick recht? Das ist ja Irion, der kleine Genius meiner Erigone! Wo kommst denn Du auf einmal her? Irion. Geraden Wegs aus dem Thierkreise. Leonh. (ihm die Hand schüttelnd). Servus! Servus, kleiner Thierkreisler. Was bringst Du mir denn? Irion. Hilfe vom Himmel! Leonh. Hilfe vom Himmel kann nur Hilfe in den Himmel sein. Wenn mein Weibcrl mir hätt' helfen wollen, hätt' sie schon selber kommen müssen, mich zu holen. Irion. Sie ist recht böse auf die Men- schen, die Dir so viel Verdruß und Aerger machen. Leonh. (schnell). Gelt, ich Hab' Recht, daß ich fie flieh'? Besonders Einen haß' ich, Einen und den werd' ich Haffen über Grab und Ewigkeit hinaus! Irion. Ja — ja — die Menschen! Leonh. (leidenschaftlich). Affen sind ne, Tiger oder Schlangen. Das Hab' ich leider in meinen alten Tagen erst erkannt. Aber wir sehen die Welt erst klar, wenn unsere Augen schwach werden, Kleiner! Irion. Nun, tröste Dich! Du brauchst die Menschen ferner nicht zu fliehen. Leonh. Werden sie mich endlich in Ruhe lassen hier in meiner Einsamkeit? 3 * 38 Irion. Sie werden selber ruhen, Alle! (Man hört eine Glocke läuten in der Ferne.) Hörst Du! Leonh. Die Nothglocke! Was ist denn wieder los? (Er eilt an's Fenster und blickt hinaus.) Mein Gott, was ist denn der armen Frau geschehen? Sie hält sich ander Mauer, — wankt und fällt — (Mit Entsetzen, indem er sich die Augen reibt.) Ja, träum' ich denn? Mir ist, als ob die Leute alle an derselben Krankheit leiden. Alle wanken, und Einer nach dem andern fällt zusammen. Sag' mir nur ums Himmels willen, was ist denn den armen Leuten? Irion (phlegmatisch). Nichts — sie sterben bloß! Leonh. Bloß? Sonst nichts? Der Bube spricht ja vom Sterben wie die Köchin von der Nudelsuppe. (Man hört jetzt zwei Glocken dumpf in der Ferne läuten.) Es ist mir so, als ob mir mein ganzes Blut in den Adern erstarrt! (Er blickt wieder aus dem Fenster und taumelt mit einem Schrei des Entsetzens zurück.) Ach! O Herr des Himmels, — was ist denn für ein fürchterliches Unglück über diese Stadt gekommen? Jrion (wie oben). Nicht über diese Stadt— über das ganze Land, über die ganze Erde! Erigone hat den Todcs- engel auf die Welt gesandt, um Dich von allen Menschen zu befreien. Leonh. Von allen? Mir thut ja nur ein Zahn weh' warum will man mir denn gleich den ganzen Kopf wegreißcn? Siebente Scene. Vorige. Tobias. Frau Fuchs (dieeben- fallS sehr corpulrnt geworden ist). Ilion (zieht sich zur Seitenthür zurück). Tobias (den Kops zur Thür hineinsteckend). Herr Vetter! Die Frau Schwabenwirthiu wünscht Sie zu sehen, wenn kein Purzelbaum über die Treppe zu befürchten ist. Fr. Fuchs (drängt Tobias in die Kammer). A — mir thut er »lischt, wir sind ja alte Bekannte. (Knixend.) Grüß Ihne Gott, Herr Oberförsterle! Leonh. Geht nach Hause! Wie kann man denn ausgehen in der Schreckens- jeit! Tobias. Schreckenszeit? Sie ist ja auch eine Hausfrau — und für nns Hausbesitzer gibt's keine Schreckenszeit, als wenn wir Steuer zahlen müssen. Leonh. O, Ihr werdet bald Häuser haben, für die man weder Zins noch Steuer zahlt. (Während dieser Scene haben anfangs drei, später immer mehr Glocken geläutet, so daß jetzt alle Glocken der Stadt in Bewegung gesetzt scheinen.) Hört Ihr denn nicht, daß alle Glocken der Stadt jetzt geläutet werden? Fr. Fuchs (steht ihn befremdet an). Hau? Tobias (ebenso). Curios! Schlagen Hab' ich es gehört, aber läuten nicht. Leonh. Was müssen denn das für Ohren sein, die das nicht höre»? Wenn Ihr nicht hören wollt, so seht. Die ganze lange Gasse ist voll schwarzer Särge. Fr. Fuchs (zitternd). Ach Herr Iegerle! Tobias (indem sich Beide etwas scheu zurückziehen). Mir scheint, er rappelt! (Man hört nur noch ganz ferne dumpfe Glockcnschläge, die sich endlich ganz verlieren.) 'Leonh. Es ist ein allgemeines Sterben in der Welt. (Mt Entsetzen, indem er FraaFuchs anstarrt) Auch Sic ist schon blaß wie der Tod, Frau Schwabenwirthiu! Noch ein paar Minuten und es ist aus mit Ihr. Fr. Fuchs (zitternd aufschreiend). Aus ischt's? O du mein Himmel! Mir iseht nit gut! Ein Doctor! Ein Doctor! (Läuft hinaus.) Leonh. (Tobias bei der Hand fassend). Auch Deine Stunde hat geschlagen, armer Detter! Tobias. A na! (Aengstlich für sich.) Wenn ich nur auch schon glücklich hinaus wär'. Leonh. Ha — Deine Augen brechen schon— Versöhn' Dich mit dem Himmel! Tobias. Gleich auf der Stell'! (Entspringt und macht einen Satz zur Thür hinaus.) Gehorsamer Diener! Leonh. Aber der ist zu dumm, der kann gar nicht sterben! Jrion. Auch an ihn wird bald die Reihe kommen! Erigone hat beschlossen, Dir zu Liebe Alles, was da lebt auf Erden, zu vertilgen, und Du bist anserwählt, der letzte Mensch zu sein. Leonh. (schaudernd). Der letzte Mensch! O Erigone, Dir muß der Skorpion sein Gift in's Herz geträufelt haben, sonst könntest Du mich nicht gar so grausam strafen für ein Frevelwort. Und meinetwegen sollen alle Menschen, alle — (erblickt Rosa, die bin und wieder thcilnehmend und bewegt in der Seitenthür lauschte und sich setzt langsam mit niedergeschlagenen Augen nähert. Mit Grausen aufschreieud.) Barmherziger Gott, mein Kind! Muß meine arme Tochter denn auch schon sterben? Achte Scene. Porige. Rosa. Jrion. Ganz natürlich! Leonh. (äußerst ausgeregt). Nein, das ist unnatürlich! Natürlich ist's, wenn die Kinder die Eltern beweinen, aber wenn die Eltern ihre Kinder beweinen müsse», dann hat sich die Natur gegen das Gesetz des Himmels empört! Rosa (heftig bewegt in seine Arme stürzend). Mein theurer Pater! Leonh. (sie mit innigster Rührung an sich drückend). Dein harter Vater bin ich, denn ick habe Dich verstoßen, Dich, die eine Mutter mir geboren, die zwanzig Jahr mein guter Engel war! Ach! es war ja nicht mein Ernst mit dem Verstoßen (ihr Gesicht und Stirne streichelnd), denn Du bist ja ein liebes, gutes, frommes Kind — aber wärst Du auch böse und ungerathen, mein Kind wärst Du doch, und ein Vaterherz läßt sich nimmer und nimmer verläugnen! Rosa (in schmerzlicher Bewegung für sich). Die Prüfung ist zu grausam, Mutter. Leonh. (in steigender Angst). Sieh', wie jung und schön sic ist, und nimm' sie mir nicht, mein Herr und Gott! Ich habe ge, frevelt und vermessen mein Schicksal selber beransgeforbert, doch Du bist gnädig und barmherzig und wirst mich nicht so schwer am Vaterherzen strafen. Rosa. Beruhige Dich, mein Vater ! Es ist ja nur ein Trugbild, das Dich blendet! Leo nh. (aufschrciend, indem er sie mit Entsetzen anstarrt). Die Sterne trügen nicht, denn auch Du bist schon aezeichnet mit dem Stempel der Vernichtung! Fort, fort auf's Land, hinaus — in unsere liebe Heimat! Dort wirf Dick in die Arme der Natur. (Indem er in konvulsivischem Schmerz aus die Knie stürzt ) Ich will indeß für Dich beten, mein armes Kind! (Er betet still für sich.) Jrion (faßt Rosa bei der Hand). Du hättest bald die ganze Cur verdorben, Plaudertasche! Komm' und sei guten Muthes! Der Trank ist bitter— aber heilsam, denn unser Kranker ist schon auf dem besten Wege der Genesung. (Er zieht Rosa mit sich fort, die widerstrebend auf ihren Vater zurückblickt.) Neunte Scene. Levnh. (allein, nach einer kleinen Pause des stillen Gebetes). Reiß' mir das Herz aus der Brust, aber nicht das Kind vom Herzen, mein gnädiger Herr und Gott! (Steht auf.) Alle Menschen überleben! O, es ist ja schon herzzerreißend genug, wenn man seine Kinder, Freunde und Verwandte überlebt! Lied. »Lebt wohl, es muß geschieben sein, Ihr Eltern, Brüder, Freunde mein! Leb' wohl, mein schönes Vaterhaus, Ich muß in d'weite Welt hinaus!« So rufet ein Jüngling im Kreise der Seinen, Die zärtliche Thränen der Liebe ihm weinen. Nach Jahren führt ihn das Geschick In seine Heimat erst zurück. Doch ach! Von allen seinen Lieben Ist ihm kein theures Haupt geblieben. Im Schooß der Erde, kalt und starr, Liegt Alles, was ihm theuer war. 38 Er steht in der Heimat verlassen, allein. Wie traurig, der Letzte der Seinen zu sein! Kameraden plaudern in der Nacht, Im Zelte traulich vor der Schlacht. Sie stoßen an auf Brüderschaft Und rufen froh in Iugendkrast: »Wir seh n nach dem Kampfe, Ihr Freunde und Brüder, Wie heute, so morgen im Zelte uns wieder!« Und als nach einer ernsten Nacht Die Morgensonne freundlich lacht, Da finden sich die treuen Bruder Und Kameraden nicht mehr wieder. Sie alle schlummern auf dem Feld! Nur Einer tritt in'S öde Zelt. Da steht er jetzt, einsam, verlassen, allein, Wie traurig, der letzte der Brüder zu sein! In Freundeskreise wird durchwacht Die lustige Sylvesternacht, Und jubelnd bringt die munt're Schaar Ein Lebehoch dem jungen Jahr. »Die Freude, ihr Freunde, sei unser Geleite! Jnnächster Sylvesternacht, fröhlich wie heute!« Doch immer stiller wird das Haus, Eins nach dem Andern zieht hinaus, Eins nach dem Andern scheidet leise Aus seiner Freunde frohem Kreise, Bis traurig aus der muntern Schaar Der Letzte grüßt das junge Jahr. Er grüßt es voll Wehmuth, verlassen, allein, Wie traurig der letzte der Freunde zu sein! Doch Liebe muß, ein Immergrün. Auf (ig'nem Grabe neu erblüh'n, Sie treibt die Knospen frisch empor, Wenn 's Alles, auch das Herz verlor. Ganz arm kann das Herz ja an Liebe nie werden, Solang' die Natur uns verbrüdert auf Erden. Mir sterben alle Brüder aus, Die Welt wird mir zum Leichenhaus, Ich muß durch menschenleere Hallen Als letzter armer Pilger wallen; Kein Herz gibt's mehr, das für mich schlägt, KeinHerz, das meine Qual bewegt — O, Vater der Erde, erbarme Dich mein, Und laß' mich den letzten der Menschen nicht sein! (Stürzt durch dir Mitte ab.) Verwandlung. (Saal mit offenen Seitengängen im Forsthause. Mittelthür.) Zehnte Scene. Jägerburschen. Junge Bauern mit ihren Dirnen, später Norbert, Eva, Ludwig. Chor und Tanz. (Ländler der Gebirgsbauern mit Stampfen und Schnalzen. Die Zägcrburschen stoßen an, fingen und trinken beim Tanz.) Ihr fröhlichen Zecher, Auf! Füllet die Becher, Und laßt sie uns leeren; Dein Brautpaar zu Ehren. Es werde beschieden In Freude und Frieden, Ein halb's hundert Jahr Noch dem glücklichen Paar. Eva (zu Norbert und Ludwig, die düster vor sich Hinstarren, mit ihnen von der rechten Seite austrrtend, nach dem Tanze). Schämt Euch, und laßt die Köpf' nicht hängen! An dem Socius ist nichts gelegen. Ludwig. Er ist unser Wohlthäter, Mutter! Norb. Ist er wirklich menschenscheu geworden? 3S Eva. So menschenscheu, daß er mich für ein Ungeheuer angeschaut hat. Ich ein Ungeheuer in dieser Toilette! Alle Stadt- leule haben mich bewundert, sogar die kleinen Buben haben gelacht über mich vor Vergnügen. Norb. (entschlossen). 3ch selbst will es wagen, ihn zu besuchen. Ludwig. Umsonst, lieber Pater — er wird und kann Ihnen nicht verzeihen. Eva. Wir brauchen seine Verzeihung nicht! Jetzt freut's mich, daß mein Mann ibm den Sckaberuak gespielt hat! Ein Mensch, der mich ein Ungeheuer nennt, und mich mit meiner Liebe auf den Tandelmarkt schickt, verdient's nicht besser. Ludwig (rechts blickend). Da kommen Hockzeitsgäste aus der Stadt. Eva. A — mein Herr Bruder und die Schwaben»,irthin! (Läuft liuks und ruft geschäftig hinaus.) Lisette, back noch ein paar Gugelhüpfe! Sag' dem Hasen, daß er den Michel abziebt, und steck' noch ein paar Gäste an den Spieß! Noble Kapauner sind angekommen! Fir — str, tummelt Euch in der Küche! Eilfte Scene. Vorige. Tobias und Frau Fuchs (von der rechten Seite). Tobias. Glück in's Haus, Frau Schwester! Fr. Fuchs. Grüß Gott, Frau Everle. Eva (sie umarmend). O, es freut mich unendlich, daß Sie uns die Ehre schenken, meine theure Jugendfreundin. Wir haben uns ja immer wie ein paar Schwestern geliebt. Fr. Fuchs «sie an sich drückend). Zärtlich wie ein paar Schwesterle. Eva. Und wie gut Sie ausschauen. Ludwig (für sich). Wie ein Elefanten- weibel! Tobias. Weil sie Hausfrau ist. Wir Hausbesitzer werden alleTage fetter, während unsere Parteien immer mägerer werden in der Stadt. Fr. Fuchs. Ach — ich furcht' doch, daß ich krank werde, Frau Everle. Der Schreck ist mir durch alle Gliederle gefahren. Ihr HerrVetterle hat mir gesagt, dasch ich heut' noch sterbe musch. Eva. Norbert. Ludwig. Sterben? Tobias. Das ist gar nicht möglich, denn kurz vor Jacobi stirbt keine Hausfrau! — Der Dalk will ja alle Menschen todtdis- putiren. Wie er aus dem Hause gelaufen ist, hat er mir selber in's Gesicht g'sagt, daß ich g'rad' begraben werd' und er mit meiner Leiche gehen will. Ludwig. Gerechter Gott— er hat den Verstand verloren! Norb. (für ficb). Mein Werk, ich Elender! Tobias. Er bildet sich ein, daß Alles ausgestorben, und er der letzte Mensch auf Erden ist. — Mit dieser fixen Idee soll er hieber nach Wunderberg gelaufen sein. Norb. (zu den Landleuten und Jägerburschen, die an dieser Scene thkilgenommen). Der Oberförster. meine Freunde — ist allen Armek im Dorfe ein Wohlthäter gewesen. Laßt uns ihn aufsuchen — um ein Unglück zu verhüten. Alle. Jal Das wollen wir! Norb. Ich habe sein Glück in denWel- len begraben. Das kalte Grab soll auck das meine werden, wenn Gott und er nicht meine Schuld vergeben. Ans! Mit Gott, meine Freunde! (Ab mit den Landleuten.) Eva (ihnen nachrufend). Sagt's ihm aber, daß er mir das Ungeheuer abbitten muß, und bleibt nicht lange aus, daß uns die Braten nicht verbrennen. (Zu Frau Fuchs.) Sie verzeihen schon, theure Freundin—ick muß in der Kücke neue Instructionen geben. Tobias und Frau Fuchs. Wir gehen mit. Tobias. Den Braten kosten. Eva (zu Frau Fuchs). Na, ich kann mich gar nicht genug verwundern, wie gut Sie ansschauen! Schön und blühend wie ein junges Mädel vonachtehn Jahren. 40 Eva und Frau Fuchs (jede für sich, indem fie links abgehen). Ist das ein altes häßliches Weib geworden! Tobias (folgend). Na, wie sich die gern haben! Das ist echte Frauensreundschast. Ludwig (allein). Der arme Herr Ober förster! Alle Menschen bis auf ihn wären auSgestorben, glaubt er. Alle? Das wäre traurig? Aber viele Patienten wüßte ick, die incurabel sind, um die wär' es kein Schade, wenn sie aussterben würden. Lied. »Zieht tapfer vom Leder, wir helfen Euch schon!* Schrein' Beassteak und Caviar und d'Makaron. Die Montenegriner verlassen sich d'rauf, Und spielen fidel schon den Sieges- marsch auf. Die brauchen ein Stündchen der Täuschung jetzt nur: — So ein Aufsitzer ist oft 'ne riesige Cur. Doch d'feinen Agenten, die jahrelang fort So schnüffeln und schnofeln bald hier und bald dort, Und hat dann das Pack wen in's Unglück gebracht, Noch pfiffig und heimlich in's Fäustchen sich lacht, — Patienten sind das, denen ich helfen nicht möcht', Die Hetzer soll'n aussterb'n, das wär' gar nicht schlecht! Wenn so ein Herr Plauscherl, berufen zum Rath, 'Nen Stiefel daherred't bombastisch und fad, Und schreit, daß der Staat in kaum anderhalb Jahr'n Zehntausend Millionen ganzleichtkönnt' erspar'n, Ter brauchet geschwind 's Papageno- Schloß nur, — Die Manlsperr'. ist oft eine prächtige Cur. Doch Einer, der da sitzt mit offenem Maul, Und alle Vier' von sich streckt, gähnend und faul. Und höchstens in'n Bart brummt: Kollegen, seid still, Laßt Alles beim Alten, mag's geh'n wie es will, — Das ist ein Patient, dem ich helfen nicht möcht'. Die Trotteln soll'n aussterb'n, das war' gar nicht schlecht! Ein Diener, der wacker, voll Ehre und Muth, — War treu seinem Herrn stets mit Leben und Blut; Da hat halt der Hitzkopf im krankhaften Wahn Auf eigene Faust was Verkehrtes ge- than. Jetzt brauch't der Patient eine bitt're Mixtur,— Erfahrung ist oft eine wirksame Cur. Sein Herr aber, der ihn für Liebe und Treu' Mit Einsperr'n bedient und mit Pulver und Blei, Der Alles vergißt und d'ran denkt gar nicht mehr, Daß ohne den Mann er gepurzelt längst wär', — Das ist ein Patient, dem ich helfen nicht möcht'. Der Undank soll aussterb'n, das wär' gar nicht schlecht! Ein patscheter Bauer reißt 'sMaul auf und schreit: Die Juden sind gar keine Menschen nit, Leut', Wie wär's, wenn man's masten und abstechrn möcht',? Ein g'selchtes Stück Judenfleisch war' gar nicht schlecht. Der Patsch brauchet nichts als 'ne Aufklärung nur, — Ein Gaslicht im Plutzer, war''ne prächtige Cur! Doch wenn ein Gelehrter in Wort und in Schrift Auf d'Juden sogeifert mit ätzendem Gift, Und gegen sie aufreizt, und stieret und hetzt,— Und selber wie Shylock das Messer recht wetzt, — Das ist ein Patient, dem ich helfen nicht möcht'. Die Wasteln soll'n aussterb'n, das wär' gar nicht schlecht. Ruft Einer recht ängstlich: Die G'fahr ist jetzt groß, GebtObacht, JhrDeutschen, baldgeht's wieder los! Und wann's wieder lvsgeht, dann sind wir geschlag'n. Wer kann's mit dem Mogul da drüben denn wag'n! Der Hasenfuß brauchet ein Schützenfest nur, — Ein deutsches Verbrüdcrungsfest ist schon 'ne Cur. Doch wenn solch' ein Held hinter m Ofen schön sitzt, Ten Kopf in der Angströhrn. zittert und schwitzt, Den deutschen Verbrüderungen feige entflieht, Und d'Schlafhaub'n über d' langen Ohren sich zieht,— Das ist rin Patient, dem ick Helsen nicht möcht'. Die Micheln soll'n aussterb'n, das wär' gar nicht schlecht. Kommt Einer von draußen ind'Wiener- stadt her, Und sagt unS, wir wären die Alten nicht mehr, Meint gar der Krakehler mit Spott und mit Hohn, Wir lieb'n nicht von Herzen mehr Heimat undThron.— Ein solcher Patient braucht ein Volksfest hier nur,— Ein Fackelzug ist ja ne herrliche Cur. Doch wenn so ein Brüderchen prahlt: .Ach Herr Je, Bei uns nur ist Freiheit und Frater- nitä. Zum Beispiel die Bürgerschaft und 's Militär, Sie prügeln sich zwar, aber lieben sich sehr.«— Das ist ein Patient, dem ich helfen nicht möcht'. Die Streichmacher soll'n aussterb'n, das wär' gar nicht schleck»! Wenn ein Lilliputaner von zwölf, dreizehn Jahr' Den Stutzer schon spielt und auf d'Mä- deln schaut gar, Sich unter der Nase sogar schon bar- birt, Und feine Zigarren dampft schon ganz ungenirt; Ein solcher Patient braucht 'ne Amme ja nur. — Ein Zuzerl für ihn wär''ne prächtige Eur. Doch wenn die Mama von ihm red't per Herr Sobn, Als wär' der Herr Bub ein Herr Hofrath jetzt schon. 4L Mit Stolz und mit Eitelkeit schmunzelt und lackt, Wenn s Bubi denMäderln die Cur jetzt schon macht, —- 'Ne Patientin ist die, der ich helfen nickt möcht' Wann d'Affenlieb' ansstirbt, das wär'gar nicht schlecht. (Rechts ab.) ^ , Zwölfte Scene. Tobias und Frau Fuchs (kommen von der linken Seite). Fr. Fuchs. Sie sagte, ich bin sauber. (Geziert.) Jsch's denn wahr, daß ich noch so gut ausseh'n thu', Haushcrrle? Tobias. Reizend, wie weiland Miß Baba, Hausfraule. Fr. Fuchs (wie vorher). Weil ich mich mit Geschmack kleide. Tobias. Ja wohl, ganz nach dem letzten Geschmack. Diese Millionen Falten — Fr. Fuchs (frappirt). Falten? Tobias (schnell). Im Kleid, nickt im Gefickt. Im Gesicht können Damen nur eine Falte haben — die Falte des Un- muths, darum wird ihr reizendes Gesicht ewig einfältig bleiben. Fr. Fuchs. Ack — wann Sie so galant vor zwanzig Jahre g'wese wären! Tobias. Das könnt ich nicht- — denn damals war Ihre Schönheit noch nicht voll- endet — aber jetzt, — jetzt sind Sie ganz fertig mit ihr. Ach — wenn Sie sich mir früher ein wenig genähert hätten, Haus' srau — Fr. Fuchs. Es thut sich nicht schicke, daß das Fraule dem Herrle entgegekommt. Tobias. Wenn daS Herkle ein dreistöckiges Haushrrrle ist, kommen ihm die Fraule doch entgegen, ob's fich's schickt oder nicht. Fr. Fuchs. Mein Hänsle hat aber vier Stöckle. Tobias. Vier Stöckle? Bei meinem tapfern Schwert, das Weib ist schön! Fr. Fuchs (verschämt). Hau? Schön? Tobias. Ein wahres Weltwunder — denn Sie kommen gleich nach dem Koloß von Rhodus. Fr. Fuchs (verschämt kichernd). O! Sie Sckelmele! Tobias. Gott, wie naiv! Ich halt's nickt länger ans Sie sind doch noch ledig, holde Otilie von Fuchsin? Fr. Fuchs. I, freilich! Nit einmal ein Sckätzle Han ich noch. Tobias. Das Hab' ich mir auch gedacht, denn diese Klippe hat man auf dem Ocean Ihrer Reize nicht mehr zu fürchten. Das Hausthor Ihres Herzens siebt also neck angelweit offen. Nehmen Sie mich als Hausmeister d'rin auf. Fr. Fuchs svrrschämt). Ach — wenn ich trauen dürft'? Ihr Männle seid alle Unkraut. Tobias. Das ist offenbar Verleumdung — denn wenn wir Männer Unkraut wären, trug' jedes Frauenzimmer ein Bouquet von Unkraut auf dem Busen. Ick habe freilich meine Fehler — F. Fucks. Die hat jeder Mann, man muß rin Aengle zudrücke. Tobias. Mir wär's lieber, wenn Sie beide Aeugle zudrnckten. Gib nach, holde Otilie von Fuchsin! Die Natur scheint nnS für einander geschaffen zu haben. Darf ich mit Deinen Aeltcrn sprechen, Mädchen? Fr. Fuchs. Ack, ich bin doch schon ein bisle bei Jahre! Tobias. Das ist nickt möglich, denn ich weiß gewiß, Sie waren damals noch sehr jung, als Sie geboren wurden. Fr. Fuchs. Doch der Frühling meines Lebens ist vorüber. Tobias. 3a wohl, denn ich bin ihm begegnet Anno Neune. Das thut aber nichts. Man kann auch im Winter warm werden, wenn man ein gutgehriztcs Haus besitzt. Fr. Fuchs. Aber ganz rein ischt mein Häusle nit, Männle. Es sind Schulde d'rauf. Tobias. Glaubst Tu, daß ich schmutzig bin? O, ich bitt' recht sehr! Du brauchst mir im Ehekontrakt nur Dem Haus zu verschreiben, Deine Schulden weis' ich Dir als Witwensitz an. Fr. Fuchs (zärtlich). Aber liebe Sie mich auch, Männle? Tobias. Ich muß ja endlich lieben, denn ich habe fünfundzwanzig Jahre nicht geliebt. Und wenn man lange nicht verliebt war, ist's als ob man lange nichts gegessen hätt'— man nimmt verlieb mit Allem! Fr. Fuchs (schalkhaft mit dem Finger drohend). Hihihihi! Sie loses Zeisle! Daß Dich das Mäusle beißt, ein Fischle hat doch anbisse. Tobias. Nur ein Fischle— aber Du wirst schon mehr Fischle fangen, alte Grundel! — (Die Arme ausbreitend ) Und jetzt das Verlobungsbusü! Fr. Fuchs (verschämt). Han? Bussi? Tobias. Nur Eins! Fürcht' Dich nicht, ich steig're Dich nicht. Komm', o Holde! Fr. Fuchs (sinkt in seine Arme). 3ch bin schon da! Dreizehnte Scene. Vorige. Ludwig. Nosa. Ir > ou. Ludwig. A — guten Appetit! Fr. Fuchs (erschrocken). O Herrgvttle! (Läuft davon.) Tobias (ihr nachlaufend). Halt — halt — nimm Dem Nockerl mit Schwäbisches. Ludwig. Romeo und Julie! — Also nur eine Eur ist's, sagst Du, Röschen? — Aber brlnbr — eine schauderhafte Cur. Rosa. Wohl wahr, und doch kann ick nicht traurig sein, denn ich bin überzeugt, daß meine gute Mutter es nicht böse mit meinem Vater meint. Irion (zwischen Beide tretend). Das heißt gesprochen wie ein kluges Mädchen. Rosa. Ach— daist ja unser kleinrr Schutzgeist! Das ist mein Manu, der Ludi, Herr Genius. Irion. Ich gratulire! Ein recht hübsches Eremplar! Ludwig. Wann Du ein Genius bist, so führe uns. Wir wollen Röschens Vater aufsuchen. Irion Ich bin hergekommcn, um Euch das zu verbieten. Laßt den Brummbären ungehindert noch ein Stündchen herum- laufen und Ihr werdet ihn heute noch fröhlich und vollkommen genesen in Eure Arme schließen. Rosa (freudig). Ach, welch' ein Glück! Ludwig. Wir wollen Dir glauben, aber wenn Du uns täuschest und dem alten Mann ein Unglück geschieht, breche ich Dir den Hals! Irion. Ach, daö könnt' ich brauchen! Da muß ich schon schauen, daß ich mit dem Alte» fertig werde, wenn ich keine Prügel kosten will. Die Sternenjungsrau'n sollen mich künftig verschonen mit so fatalen Commissionen. Sie solle» sich 'nen Dienstmann suchen für zehn Kreuzer. (Rechts ab.) Vierzehnte Scene. Vorige. Eva ohne Irion. Eva (von der linken Seite kommend). Ilt die junge Frau endlich da? Schickt sich das, so herumzuflankiren? Ludwig. Sie war ja bei ihrem Datcr, Mutter! 44 Eva. Dann hält' sie Dich mitnehmen sollen. Eine kluge Frau darf ihren Mann nie aus den Augen verlieren, wenn sie nicht betrogen werden will. (Zu Rosa.) Von mir kannst Du am besten lernen, was Du von Deinem Ehrentage bis zu Deiner goldenen Hochzeit zu tbun hast, wenn Du die Oberherrschaft im Hanse behaupten willst. Rosa (schelmisch zu Ludwig). Hörst Dn, Ludi? Ich werde Lektionen nehmen. Ludwig. Ach! Wenn nur keine Schwiegermutter war'! Terzett. Rosa (zu Eva). Um meinem Männchen zu gefallen. Was muß ich thun als junge Frau? Ludwig. Gehorchen mußt Du mir vor Allen, Das sagt der Pfarrer ganz genau. Eva. Warum nicht gar! Gib ja gut Acht, Zch will Dir's zeigen, wie man's macht. Spielt der Mann den Herrn, mein Kind, Krieg' Migräne ganz geschwind. (Indem sie die Gesten einer jungen offectirten Frau nachahmt.) Ach! ach! ach! ach! Mir wird nicht gut, ich werde schwach! Mein Carton! Mein Flaeon! G'schwinde her, Mit Odeur! Ach! ach! ach! ach! Mir wird nicht gut, ich werde schwach! Rosa (ebenso repetirend). Ach! ach! ach! ach! (rc. wie vorher.) Ludwig (ebenso). Ach! ach! ach! ach! (rc. wie vorher.) Rosa. Ei, das ist nicht gar so schwer, Eva. Besser kann ich's selbst nicht mehr. Ludwig. Wenn nur kein' Schwiegermutter wär'! Rosa (z,, Eva). Was muß ich als Mutter machen. Wenn um mich die Kinder scbrei'n? Ludwig. Nun, Du mußt darüber lachen, Das wird wohl das Beste sein. Eva. Warum nickt gar! Gib ja gut Acht! Ick will Dir's zeigen, wie man's mackt. Stemme bei dem Zank und Streit Beide Arme in die Seit'. (Im Charakter einer zornigen Mutter.) Wollt Ihr ruhig sein, Jbr Fratzen, Beißt Euck nickt wie wilde Katzen! Mackt ein End', Sapperment; Mord und Galt' Kein Krawall! Ist nicht Fried' und Ruhe gleich, Kommt die Ruthe über Euch! Eva. Rosa. Ludwig. (Ebenso repetirend.) Wollt Ihr ruhig sein, Ihr rc. rc. Rosa. Ei, das ist nicht gar so schwer. Eva. Besser kann ich's selbst nicht mehr. Ludwig. Wenn nur kein' Schwiegermutter wär'! Rosa (zu Eva). Was thu' ick als altes Weibrrl, Wenn mir treulos wird meinMann? Ludwig. Sei so sanft als wie ein Täuberl, Und laß' mir die Freude dann. 45 Eva. Warum nicht gar! Gib ja gut Acht, Ich will Dir's zeigen, wie mau s macht. Schweige ja dazu nicht still, Wann der Schlanke! naschen will. (Indem sie die Manieren eines alten eifersüchtigen Weibes nachahmt.) Spricht mit ihm ein junges Mädel, Wackle mit dem alten Schädel, Huste, keife, brumme, blase, Mit der Brille auf der Nase. Schnupfe auch Tabak dabei, Und mach' ihm ei» Zeterg'schrei! (Alle Drei repetirend.) Spricht mit ihm (mir) eiu re. re. Rosa. Ei, das ist nicht gar so schwer! Eva. Besser kann ich's selbst nicht mehr! Ludwig. Wenn nur kein' Schwiegermutter wär'! Rosa (zu Eva). Sonntags fuhrt er seine Alte Manchmal auch zum Tanze aus. Ludwig. Nein, wenn ich mich unterhalte, Trinke Du Kaffee zu Haus! Eva. ' Warum nicht gar! Gib ja gut Acht, Ich will Dir's zeigen, wie man's macht. Geht zum Tanz' er auf den Ball, Mußt Du mit auf jeden Fall —! Tritt in die geschloss'nen Rcih'n Ungenirt nur auch mit ein. Auch ne Alte tanzt noch gern Mit 'nem jungen säubern Herrn. Alle Drei (repetirend). Tritt iu die geschloss'nen rc. Eva, Rosa, Ludwig (tanzen und trällern nach Art einer alten Frau). Tralala — Tralala, I So muß man's machen, Weinen und lachen, Lieben und zanken, Ohne zu wanken! Ist eine Frau Nur pfiffig und schlau, So zieht sie den Mann ganz gemach Durch's Leben am Gängelband nach. (Alle Drei ab.) Verwandlung. (Oede Gegend. Alle Loulissen bestehen aus entlaubten. welken Bäumen. Rechts im Hintergründe ein Felsen. Zn der Mitte ein Hügel, aus welchem sich eine Statue, den Genius des Todes darstellend, erhebt. Unter dem Hügel liegen in bunter Unordnung unter einander Kronen. Scepter. Bettelstab, Purpurmantel, Bauernkittrl — Globus, Harlekinsjacke, Todtcnköpfe, Harfen, goldene Gefäße und angehäuste Goldmünzen. — Turban. Peitsche, Kutte, eine rothe Mütze, Schwerter, zertrümmerte Waffen, Trophäen — zerstückelte Kanonen u. s. w. Dunkle Wolken bedecken den Himmel. Die ganze Scene bietet ein möglichst getreues Bild einer erstorbenen Natur.) Sechzehnte Scene. Iriott (fitzt am Fuße des Hügels, einen Todtenkops mit einem Lorberrkranz schmückend). Nicht wahr, mein guter Freund/ Du kommst da etwas spät zu Deinem Ruhm? Vergib, ich mach' es wie die Mensche». Eine Dornenkrone für den Lockenkopf, und eine Lorbcerkrone für den nackten Schädel. Wärst Du im Leben leer gewesen, so wie jetzt, vielleicht hätte man Dich damals schon bekränzt. Geh' schlafen, Alter, (wirst den Tod- tenkopf fort und nimmt den Globus) ich will ein wenig mit der Erde spielen. (Spricht zum Globus.) Sieh' einmal Her, du großer runder Narienthurm, was ich hier für ein hübsches FrirdenSgemälde in die Scene gesetzt habe. Da liegen die eiserne und deutsche Kaiserkrone— dcrHerrscheistab und die Freiheitsmütze — das Frankenschwert und die Mönchskutte,—der Purpur- und derScla- venkittel— derTurbanunddie Kosakenpeitsche in der schönsten Eintracht bei einander. MerkeDir das, altesTollhaus,Keiner Deiner Gewaltigen — nur der Engel des To« 4b des hat daß Recht zu sagen, daß sein Reich ein Reich des Friedens sei. Siebzehnte Scene. Leonhard. Irion. Leonh. (hinter der Scene kreischend). Holla! Ho! Holla! (Erscheint auf einen Stab gestützt, blaß und verwirrt, aus der Spitze des Felsens im Hintergründe). Menschen will ich, Menschen! Meinen letzten Tropfen Blut für einen Menschen! Irion. Dir fehlt die Latent', Diogenes! Leonh. (vom Felsen herabstürzend). Leer — alles leer — eine ungeheure Wüste ist die Welt, ein öder Kirchhof diese schöne Erde! Irion (steht auf und nähert sich ihm). Glück aus! Glückauf! Du kannst jetzt wählen zwischen allen Kronen! Auch alle Schätze stehen Dir zu Gebot. Der letzte Mensch ist Herr der ganzen Erde! Leonh. (bitter). 3a, ich bin Herr der ganzen Erde, und reicher ist der kleinste Wurm als ich. Doch Du bist mir ja noch geblieben, also noch ein Funke Hoffnung! Hab' Erbarmen! Sei barmherziger als mein fürch- terliches Schicksal, und gib mir meine liebe Tochter wieder! Irion (aus den Himmel deutend). Sie ruht am Mntterherzen, — dort! Leonh. (im tiefsten Schmerz, indem er sein Gesicht mit den Händen verhüllt). Todt, Alles tobt! O! so begrabt auch mich, ihr Felsen, und laßt mir nicht die schauderhafte Qual des Lebens! Irion (herzlich). Verzweifle nicht! Noch hat der Himmel seine Sterne, und unter diesen leuchtet Dir die ewige Jungfrau. Vertraue ihrer Liebe und schließe Muth und Hoffnung in Dein Herz. (Rechts im Hintergründe ab.) Achtzehnte Scene. Leonh. (allein, nach einer kleinen Pause). Auch er verläßt mich und ich bin allein, nicht nur der letzte Mensch — daS letzte Wesen ans der großen — weiten Erde! Kein Döglein wiegt sich auf den Zweigen mehr, kein Wurm wühlt sich an's Tageslicht, die Bäume sind alle welk und abgestorben, und die Natur hat sich in's Leichentuch gehüllt. Ich leb' allein, im allgemeinen Grabe! (Er blickt rechts, starrt in fieberhafter Aufregung hin und jauchzt mit Entzücken.) O ew'ger, allgerechter Gott!—EinMensch ein—Mensch —. Den hat der Tod vergessen! (Auf die Knie stürzend.) Das Hab' ich nicht verdient — barmherziger Gott! Für einen Tiger hätt' ich Dir gedankt mit Thronen, und Du schickst mir einen Menschen, einen lieben Bruder, in diese schauderhafte Wüste der Zerstörung. Neunzehnte Scene. Voriger. Norbert. Nord, (tritt, düster in sich versunken, aus dem Hintergründe rechts). Hier soll ich den Frieden finden, sprach der Knabe. Ach, wo ein ew'ger Sturm ist, ist kein Friede mehr zu hoffen. Leonh. (aufstehend und auf Norbert zueilend). Komm' an mein Herz, mein Freund und Bruder! (Schreit entsetzt auf, indem er erbebend zurückfährt.) Norbert! Nord. Leonhard! Leonh. (nach einer kleinen Pause inneren Kampfes heftig bewegt in seine Arme stürzend). Nein, keinen Haß mehr zwischen uns! Ich will vergeben und vergessen! Beide (indem fie sich innig umschließen). Wie Gott vergebe unsere schwere Schuld! Musik, die das Erwachen der erstarrten Natur zeichnet. Der Felsen und der Hügel mit dem Todesengel versinken und die Bühne verwandelt sich in ein blühendes romantisches Thal im Gebirge. Rechts und links Hügel. Zm Hintergründe Wolken- Zwanzigste Scene. Porige. Landleute (auf den Hügeln grup- pirt). Eva, Ludwig, Rosa, Tobias, Frau Fuchs, Jägerbursche und junge Gebirgsbewohner (im Hintergründe, eben falls in Gruppen). Zuletzt Erigone, Jrion, Sternenjungfrauen, Genien und die Planeten. (Die Landleute triumphirend die Hüte schwenkend). Friede und Versöhnung! Ludwig und Rosa (in die Arme ihrer Väter eilend). Vater! Alle (Leonhard umringend). Willkommen in der Heimat! Leonh. (entzückt). O meine Tochter, meine Freunde! Dank, Dank, Du ewige Jungfrau! Ich verstehe Dich l Du bast mich zum letzten Menschen gemacht, nm mich wieder zum glücklichen Menschen zu machen! Musik. (Im Hintergninde wandeln die Planeten in Kalender-Figuren, jeder in einer kleinen Sternenwolke, vorüber; zuletzt in einer Gruppe von Steraen- jungfrauen Erigone auf dem Sternrnthron. Zu ihren Füßen Jrion und die andern Genien.' Alle finken aus die Knie.) Erigone. So senke sich aus gold'nem Sternenreich Der Friedeuseugel liebevoll auf Euch, Bis wir uns einst in lichtenHimmelshöb'n Zum ew'gen Friedensbunde wieder seh'n l Gruppe. Der Vorhang fällt. Ende. Druck und Papier von Leopold Sommer rn Wien. uz »schildültz ^ hs0 . !rttchs.ur i ', u ZE -vA ni nit,noW iimn;iN7tZ am»!) «ni, ni 7167s.nmiKiVj iiü«,I >n,i» 77 iZ nv« »yquiV nni, ni iH'luL ; 7 , 6 i'n«,v uL^ .nvisUninntZ' M 7 Ü s«ü 7 nvfti 7 Ä »»Iiaiiftaks ,UK nrinrK iniüna 7iü ünn avir^ »»HjnK unsli (. 7 ioA> ii 6 Mo n^ai) . 7 iio^i 7 N chl77»171l17t§ UDn'aldtz tzttk» chss 7llk7s vL ,tdud siui l!(T n'«i(,övI 'Mtt>;tchj! u! tsui, Huu 7 uu brÄ' I n'^7'> 77öliul 76»lU4vkf7l1l'»7^ N»tz'ß?7^?k ,tzLiöoL ,vic,Ä ,s)i^6u1i js-aÄ ryiluj 6il,r rM'uörrstf.L^tzchuK u^i^; -n76i ,»6ms7tz7,jn?4> ml) V7kf6vü7i6^tz7lbsO ,ikvi7(. ,7Uyftiid (n«tcsmA ni sdr., 71 ^ 6uu tt»iuiG> .ttritttritzuuj»>rni>lT 7iü »rnni^csmuni' 7in,k^naS riT) 'Url^irutü' !tzttU,l6ä)77K Sun 74,)7?< F) ilüH' 777^1 7M7L vü ni) di>u ! irll.i!' (Snili, i,tk»L' li7U«ttm)Hjܧ .^ü«7tz«i7Mtt 6rliä ui ,r,ttk^ »Mm O t«)»,'i^tt) .öuorS 7Hi»,7 u(k ,)i»l.T ?7i(D,cj,Ü77r, chL iurniüim^ jchimmtt ,lchl.ui 7 K »7 1 -,! muz d aLe r.'i. tz:-.- M- - ^ e ^eu, . '>.§, > .k ' ^!'i mit Le« HAkdv) ^vrrtzMr .7 .?Ln ^ so dcArabt auch. . - die Bir^ - ' -^terne, )!:-!- ?!-.'.-rs.,^ir ^ '. ^'ch.'e,' i .; --lze .U';.' --Ü" i Tert^---. ! .-r LL. —L . «Ä> Ge^'i» ^ ' -.H«r,. j«. ^r». l > . !l>ir ^ t . Ms Mrr- A.K riäK " ouN >1 nmm«B Ä» i, (Heroisch.) Mag auch ein rauhes Schicksal stürmen, Die treue Liebe zaget nicht; Wie sich auch kühtr die Wogen thürmen, Sie wird das Herz im Sturme schirmen, Die treue Liebe — Keine bricht! (Träumerisch.) Und was wäre ein Leben ohne Liebe? Ein Tag ohne Sonne, eine Nacht ohne Steme, eine Rose ohne Duft! Nehmt dem Adler eine Schwinge und sein Aufflug ist gelähmt! Er kann sich nimmer stolz und froh in des Aethers Blau erheben! Um wie viel reicher ist der Bettler! Er darf ja dem Zuge seines Herzens folgen! Und ich sollte armer als ein Bettler sein? Nein! nein, mein Theodor, ich kann von Dir nicht lassen! Unser Denken und Fühlen, unsere Herzen, unsere Seelen sind ja so einig »Eins«. Dir mtsagen —? lieber sterben. blick ungestört sind! Bedenke, Betti! Das Glück meines Lebens hängt von diesen wenigen Minuten ab. Betti (eifrig). Ihr Lebensglück? Da bewahre mich der Himmel, daß ich es vernichten sollte! Nein, mein Fräulein, sorgen Sie nichts! Ich will sogleich meinenPosten beziehen, und wie der Feind anrückt, schnell das Zeichen geben. Ach, ich weiß ja das auch, was unglückliche Liebe ist, seit das Vaterland meinen treuen Jakob unter's Militär gesteckt! Nur Muth, Fräulein! mein Auge wacht über Sie! Betti heißt der Schutzgeist Ihrer Liebe. (Eilt ab.) Emilie (in freudigem Muth). Ich werde ihn nun sehen, noch einmal sprechen. Wie mir das Herz schlägt! Aber waS zag' ich? Sein seltner Geist, seine heiße, unbegränzte Liebe werden sicher einen Ausweg finden. Vierte Scene. Betti (eilig eintrktend). Vorige. Betti (hastig). Ach, Fräulein! Liebes Fräulein! Emilie. Was ist's? Betti. Ach, Fräulein! Der liebe gute jungeHerr kommt soeben auf unser Haus zu. Emilie (in freudigster Hast). Theodor? Betti. Ach ja! Der arme Herr Theodor! Was soll ich nun beginnen? Die gnädige Mama befahl mir bei Dienftesent- lassung, Herrn Theodor nicht vorzulassen, aber mein Gott, der liebe gute Mensch, und Sie, liebes Fräulein, dauem mich so vom Grunde meines Herzens, daß ich den armen Herrn Theodor nicht um die Welt abweisen möchte, zudem müßte er ja die grobe düge, daß Sie, Fraulein, nicht zu Hause wären, wie eine Roman-Ankündigung mit Riesenlettern ans meiner Stime lesen. Emilie (hastig). Das sollst Du auch mcht! Ich muß Theodor sprechen. (Ziehtrasch nn Bracrlett von ihrem Arm und gibt es Betti.) Da, Betti, nimm einstweilen dieß kleine Andenken, und wache, damit wir einen Augen- Fünste Scene. Willig (munter eintretend). Vorige. Willig. Endlich! Endlich, meine theure Emilie, bin ich so glücklich, Sie wieder sehen zu können, und Ihre Hand an meine Lippen zu drücken! Wie gerne wäre ich schon gestern erschienen, aber wir Bureau-Menschen sind leider nie Herren unseres Jchs und unserer Zeit! Wir hatten gestem Posttag, und da gab's so viel zu erpediren. — (Ihre Hand küssend.) Darum vergeben Sie meiner scheinbaren Saumseligkeit! Aber mein Gott, Emilie, Sie sind heute so schweigsam! Haben Sie kein freundliches Wort zum Empfang Ihres Theodors wie sonst? Was ist geschehen? Emilie (ihr Gesicht verhüllend). Ach! Theodor! mein Theodor! Willig (ängstlich). Mein Himmel! Emilie! Was ist Ihnen? Sie sind bestürzt! Ihre Stimme bebt, Ihre Hand zittert, in Ihrem Auge, aus dem mir der heitereHim- mel lacht, zeigen sich Thränen! — Emilie! — Was soll diese Bewegung? O sprechen Sie! Emilie! Ihre Betrübniß tödtet mich! Emilie. Theodor! Wir sollen scheiden! 4 Willig. Scheiden? Emilie. Ja, mein theurer Freund. Man will uns trennen! auf ewig trennen! Wir sollten uns sogar nie mehr sehen, nie mehr sprechen! Willig. Nein! Nein! Emilie! Es ist nicht möglich! Weshalb diese Grausamkeit? Ich will sogleich mit Ihrer Mutter sprechen! Sie war ja immer so wohlwollend gegen mich. Ich will sie bitten, will sie beschwören, will ihr mit den glühendsten Farben unsere Liebe schildern. Emilie. Das wäre vergebens! Ihrem Herzen ist die Liebe fremd wie dem Auge des Blinden der Zauber der Natur! zu dem erklärte sie mir eben, bereits einen Gatten für mich gewählt zu haben, dem ich binnen achtTagen meine Hand reichen soll. (Schwärmerisch.) Mein Theodor! Heilig ist diese Stunde, denn sie soll entscheidend sein! Sprechen Sie jetzt aufrichtig! Fühlen Sie wirklich, daß Ihre Liebe zu mir eine wahre, und kein eitles Trugbild ist? Willig. Emilie, welche Sprache! Wie Sie doch so fragen können. Emilie (cxaltirt). Nein! Nein! An Ihrer Liebe zweifeln, wäre ein Verbrechen! spiegelt sich doch in jedem Ihrer Lieder das treue Fühlen Ihres Herzens! Darum will ich Ihrem Muthe trauen. (Heroisch.) Wohlan! es gibt ein Mittel uns zu retten. Willig. Welches, Emilie? O! sprechen Sie. Emilie < entschlossen). Die Flucht! Wir müssen entfliehen, Theodor! Willig (verdutzt). Die Flucht? Emilie. Gleichviel wohin! An Ihrer Seite lacht die Welt mich überall freundlich an. Nur fort von hier, dem verhaßten Manne zu entfliehen, dem man mich wie ein Sclavin opfern will, und den ich nicht einmal dem Namen nach kenne. Willig (bei Seite). O ich Glücklicher! Wie Sie mich liebt! Nur ich bin ihre Welt! Nur Euch, ihr großen Männer, Clauren, Spieß nnd Lafontaine, habe ich dieß Glück zu danken! Denn nur durch eure unsterblichen Romane, die ich ibr als heimliche Lecture brachte, lernte sie so denken und so fühlen. Emilie. Nun, mein Theodor, sind Sie entschlossen? Willig. Mit tausend Freuden, Emilie! Wenn nicht vorerst so Manches zu erwägen wäre! Emilie. Eine Liebe, die erst Alles erwägt und berechnet, ist keine wahre Liebe! Und was fürchten Sie? Willig. Bedenken Sie für's Erste, Ihr Ruf, Emilie! Emilie. Ist er nicht durch den Ihrigen geschützt? Ich folge ja nur dem Manne meiner Wahl, um ihm auf ewig anzugehören. Willig (vkrlegen). Nun! das wohl allerdings! Aber meine Etliche Stellung, wenn ich Sie entführe? Emilie (verletzt). Nun, das Opfer dürfte Ihnen wohl nicht schwer werden. Bis jetzt haben Sie ja noch keine Etliche Anstellung. Willig (rasch und unwillig). Ich bin Praktikant! Emilie. Eben deshalb! Meine Mutter meinte, das wäre so viel als nichts! Willig (verlegen). Nun ja! vor derHand wohl!— (Eifrig.) Es kann aber werden, denn jetzt, Emilie! avancirt man weit schneller! Ich diene erst acht Jahre, und noch fünf Jahre dazu, und babe dann fire drei hundert Gulden Gehalt und sechs Klafter Holz, das ist doch zum Auskommen, wie? Darum Alles, Emilie! Alles, was Sic wollen! Nur nicht fliehen, nur keine Entführung! das verbietet meine ämtliche Stellung! Emilie. Aber Sie sind ja nicht bloß Praktikant, Sie sind ja auch Dichter. Willig (geschmeichelt). Das wohl! Emilie. Was haben Sie zu bangen, Theodor? Sie schreiben dann für die Journalemoderne Romane, jelänger und grauenvoller desto besser; für die Taschenbücher schreiben Sie Gedichte und für die Bühne Trauerspiele. 5 Willig. Alles ganz gut! Aber wo denken Sie bin, Emilie! Ein Anderes ist's zum Vergnügen zu schreibe«, und ein Anderes ist's das Dichten zum Broderwerb zu machen. Der Copist ist oft weit besser daran, als der Componist; dem Copisten zahlt man wenigstens das Papier, das er verschreibt! Zudem ergeht es jungen Dichtern häufig wie gefährlichen Kranken, sie kommen Beide nickt auf. Emilie. Sie nehmen zu leeren Ausflüchten Ihre Zuflucht, weil Sie mich nicht wahrhaft lieben! Willig. Mein Gott! Emilie! Sie foltern mich durch Ihre Zweifel. Aber glauben Sie mir, theure Freundin, die besten Dichter läßt man kaum vegetiren, viel weniger leben! Ist es denn nicht leider eine traurige Wahrbeit, daß bei wohlfeileren Zeiten als die jetzigen, die größten Genies verkümmern mußten, und man für ihre Familien erfolglos milde Sammlungen veranstaltete, weil sich die prosaische Welt um die leiblichen Kinder eines Dichters nicht bekümmert. Und Ihnen, theure Emilie! ein gleiches Elend bereiten wollen, wäre ja ein Verbrechen! Nein, nein, Sie sind an ein häusliches Wohlleben gewöhnt, Sie sollen und dürfen nicht darben. Emilie. Warum darben? Ich würde die Hände auch nicht müßig in den Schooß legen. Ich lernte ja malen, Musik und Sprachen. Ich würde Stunden geben, selbst für die Leute arbeiten, und dabei doch glücklich sein wie ein Gott. Willig. So spricht jetzt Ihr Gefühl, das bei den Frauenzimmern vorherrschender ist als die einsehende Ueberlegung! Aber der weitersehende Verstand des Mannes darf und kann diesen romantischen Phantasiebildern keinen Beifall zollen, wenn er es mit seiner Liebe ehrlich meint. Emilie (ohne auf ihn zu hören). Ach wie schön, wie selig würde unser häuslich stilles Leben dahinfließen, wie die ungcttübtenWel- len, in deren klaren Spiegel die Sonne unseres Glückes wiederstrahlt. Willig (bei Seite). Sie laßt nicht nach. Emilie (sortfahrcnd). Unbekümmert um das lärmende Treiben der Welt, würden wir uns angehörcn! Und müßten wir selbst in einer Wüste leben, unsere Liebe würde sie uns zum Paradiese machen. Willig (zerstreut). Wüste! Liebe! Paradies! Ja allerdings! aber meine ämtliche Stellung! Emilie (kalt). Theodor! ach, Sie haben mich nie geliebt! Willig. Emilie! Schon wieder diese Sprache! Emilie. Haben Sie nie »Werther's Leiden« gelesen? Kennen Sie nicht die Geschichte von»Hero und Leander?« von »Romeo und Julie?« von »Feldinand und Louise?« Willig. O ja! ich habe sogar den Ferdinand einmal auf einem Liebhabertheater miserabel genug mitgespielt. Emilie. Sehen Sie, Theodor, das ist wahre, heroische Liebe! Sie aber, Sie sind ein Egoist. Sie lieben wohl, wagen, aber nichts. Sie dichten wohl, aber Sie fühlen nichts. Ihre Liebe hat wohl süße Worte, aber keinen Muth, die Thatkraft zu beweisen! Willig. Emilie! Sie verkennen mich! Alles für Sie, Alles, aber nur nicht entfliehen! Ja, nur nicht entfliehen, nur nickt vom Dichten leben, Emilie! fordern Sie selbst mein Leben, mit Freuden iröihc ich es Ihnen, aber Sic elend zu machen, vermag ich nicht. Emilie (heroisch). Ha! Ibr Leben, Theodor! Ihr Leben? Ist das Ihr Ernst? Wohlan! Auch ich bin solchen Opfers fähig! Ein Leben ohne Liebe ist ja ohnedicß kein Leben, ist grausamer als der Tod, denn im Tod ist Ruhe. (Seine Hand ergreifend.) Gibt cs keinen andern Ausweg, keine Rettung, so wollen wir als Märtyrer unserer Liebe mit einander sterben. Willig (läßt erschrocken seinen Hut fallen). Emilie, sterben! Wirklich? In allem Ernste sterben? Wirklich? In allem, in allem Ernste sterben? 6 Emilie. Sagten Sie's nicht selber? Doch Sie zittern ja wie Espenlaub? Ist das Ihr Muth? Willig (verlegen). Ich — zittern? O — zittern, ich! (Trocknet sich die Stirn.) Emilie! Bedenken Sie doch! Sie sind noch so jung, so blühend und wollen bei so viel Ansprüchen an das Leben schon den Tod suchen? Nein, nein, Emilie! Das wäre frevelhaft, das darf und kann ich nicht zugeben. Emilie. O! So seid ihr Helden, die ihr euch das starke Geschlecht preist? Ein schwaches Weib beschämt Euch durch seinen Muth, durch seine Entschlossenheit. Willig (bei Seite). Teufel! Da Hab' ich mit meiner dummen Phrase von Leben opfern was Schönes angefangen! Hoffentlich wird es aber nur eine vorübergehende romantische Grille sein, bis morgen denkt sie nicht mehr daran! Darum will ich zum Schein in ihre überspannte Idee eingehen, um sie vor der Hand nur zu beschwichtigen, und ihr vi8-ü-vi8 für keinen feigen Mann zu gelten. Emilie. Sie zögern? Leben Sie wohl. (Declamirt.) Ueber jenen blauen Fernen, Wo die Friedenspalmen wehen, Ueber jenen lichten Sternen Werden wir uns wieder sehen. (Will ab.) ich fürchte das Sterben nicht! Ich bin kein Feigling, keine Memme! ^ Emilie (seine Hand fassend). Habe Dank, mein Theodor! Nun sehe ich, daß wir j noch ein Herz und eine Seele sind! Darum, mein Theodor, sei unser Tod wie unser ! Leben »Eins«. i Willig (komisch resolut). Ja, Emilie! Eins! Alles! Eins! ^ Emilie. Noch eine Frage! Wo, wann ^ und wie sollen unsere Seelen vereint nach dem besseren Jenseits schweben? Willig (sehr kleinlaut). Ja! Wo? — Wann? — und wie? — Erschießen macht zu viel Lärm, ins Wasser springen macht zu viel Aufsehen, Kohlendampf macht zu viel Dunst — Emilie (schnell einfallend). Ich schaffe das Mittel, und binnen einer Stunde scheiden wir Beide, mein Theodor, aus diesem Jammerthale. Willig. Bei mir? in einer Stunde schon? Warum so übereilend? (Bei Seite.) Später, viel später wär's auch noch Zeit! Emilie. Still wie unsere Liebe soll unser Scheiden sein. > Willig. Ja, — ja — still, ganz still, nur kein Aufsehen! Gott, meine ämtliche Stellung — Sechste Scene. Vorige. Betti. Willig (erschrocken). Emilie! Um Himmels willen! Keine Uebereilung! Emilie (rasch sich wendend). Theodor! Du willigst ein? Willig (mit verstelltem Muth). Ja, Emilie! In Alles! In meinen Augen ist der Tod auch gar nichts so Schreckliches. Ich hatte einen Freund, der den Tod seinen besten Hausfreund nannte (bei Seite) weil er allein seine zänkische Frau zum schweigen brachte. (Laut.) Auch sind die Friedhöfe durchaus kein so grauenvoller Aufenthaltsort) sie sind eben nur die Registraturen verschollener Liebesromane! O! Betti (eilig eintretend). Pst! Pst! Schnell fort! Der Feind rückt an! Emilie. Wir sind einig, er möge kommen. (Theodor die Hand reichend.) Habe Dank, mein Theodor! In einer Stunde vereint auf ewig im Jenseits. (Ab.) Betti. Aber, Herr Theodor, so eilen Sie doch! Wenn Sie die gnädige Frau hier findet, ist es um meinen Dienst geschehen. Willig (ganz verwirrt). Ja! Ewig! Dienst! Jenseits! Das sind die Folgen eraltirter Liebe. (Zu Betti.) Ick) danke Ihnen, liebe Betti. (Bei Seite.) Hätte sie 7 mich lieber abgewiesen. (Laut ) Leben Sie wohl, gutes Kind, auch wir werden uns einst im Jenseits wieder sehen. (Sie in der Zerstreuung umarmend.) Gute Nacht, will sagen auf Wiedersehen! (Geht melancholisch ab.) Siebente Scene. Betti (allein, ihm verdutzt nachsehend). Was sagt er da von Jenseits? Mir scheint, den armen Menschen hat die Liebe um das bischen Verstand gebracht! Gott sei Dank, daß er glücklich fort ist, eben trat i die gnädige Frau ins Haus. Ach, das arme Fräulein! Ich fühle ihre Qualen! Gerade so war's mir um's Herz, als sie mir mein- nen Jakob nahmen. (Komisch schwärmerisch.) Ach! Daß sie ewig grünen bliebe die schöne Zeit der jungen Liebe. (Ab.) Verwandlung. (Zimmer bei Willig, rechts ein offenes Fenster, links ein Schreibtisch mit Büchern und Kommode. An der Rückwand Stühle.) Achte Scene. Willig (tritt ganz abgespannt und langsam ein). s j Da bin ich (Bleibt stehen und trocknet sich ! die Stirn.) Ach! Ich bin müde, todtmüde (erschrocken). Todt? Gräßlich Wort! Ich fühle mich noch so stark, so lebenskräftig, ^ und bei so ausgezeichnetem Appetit, und soll nun in gar nichts beißen, als in's Gras? Schrecklich! — Und warum? Weil es ein eraltirtes Frauenzimmer so haben will! Ja! Tragödien schreiben ist leicht; j da läßt man mit kaltem Blute, wie ein Spitalarzt, Fünf bis Sechs auf einmal sterben, aber im Leben selbst Tragödie spielen, das ist verdammt bitter. (Setzt sich an den Schreibtisch.) Die verhängnißvolle Stunde wird bald schlagen, darum will ich, bevor sch ohne ärztlichen Beistand aus der Welt gehe, noch früher meine Papiere ordnen, einige Abschiedsbriefe schreiben, mein Testament und unsere Grabschrift machen. (Ergreift die Feder und versucht zu schreiben, trocknet sich die Stirne und steht nach einer kurzen Pause unruhig aus.) Nein! Nein! Es geht nicht! Mir ist so heiß, so schwül. Es flimmert mir vor den Augen, die Buchstaben tanzen eine förmliche Grabespolka! (Sieht nach der Uhr.) Nur mehr ein halbes Stündchen Lebensfrist, dann ist es aus, Alles aus, mit Allem aus! Ach! wenn ich nur mit jener albernen Phrase, die doch alle Verliebten im Munde führen, nicht so vorlaut gewesen wäre. (Komisch entschlossen.) Wie aber nur eine einzige Minute über die grauenvolle Stunde verflossen, und Emilie noch nicht hier ist, husch, bin ich aus dem Hause! Nun ja, dann ist es ihre Schuld, warum ist sie nicht pünktlich erschienen! Zu einem späteren Termin bin ich nicht verpflichtet. (Es wird geklopft, er erschrickt.) Himmel, es hat geklopft, mir klopft das Herz! Das ist Emilie! (Mit schwacher Stimme.) Herein! (Wird stärker geklopft.) Herein! Neunte Scene. Vorige. Ciprian. Eiprian (mit Acten unterm Arm). Guten Tag, Herr von Willig! Ich dachte schon Sie wären nicht zu Hause, weil ich zweimal klopfen mußte. Willig (froh ausathmend, bei Seite). Gott sei Dank! Es ist mein Amtsdiencr. (Laut.) Nun, Ciprian, was bringt Er Neues? Ciprian. Der Herr Secretär läßt sich empfehlen, und weil er unpäßlich ist, möchten der Herr von Willig diesen Act schnell erledigen! Die Sache ist dringend und kommt schon morgen zur Erpedition. Willig (die Schriften nehmend, bei Seite). Bis morgen liege ich selber schon aä aota. (Laut.) Mein lieber Ciprian, ich bin Ihm noch mit dem Neujahrsdouccur im Reste! (Gibt ihm Geld.) Da, mein Alter, trink' Er auf mein seliges Ende! Ciprian (verdutzt). Auf Ihr seliges Ende? Ei, lassen doch, Herr von Willig 8 dergleichen Späßchen! Sehen ja so gesund und frisch aus wie ein aufgeblühter Pfirsich! Willig (seuszrnd). Die schönsten Früchte sind oft wurmstichig! Man kann nicht wissen. mein lieber Ciprian. Wir Menschen sind alle schwache und sterbliche Geschöpfe. Heute roth, morgen todt. Ciprian. Das wohl! Aber es grassirt ja, Gott Lob, keine Epidemie im Lande! — Willig (bei Seite). Ach! Die Liebe ist ein solches Uebel. (Laut.) Was diese Acten betrifft, mein guter Alter, so hol' er sie nur morgen früh hier ab. (Bei Seite.) Er wird noch mehr erledigt finden. (Laut.) Jetzt gehe Er, mein Freund, und trink' Er ein Gläschen auf eine bessere Zukunft (bei Seite) im Jenseits. Ciprian (vertraulich). Ei, das laß' ich mir gefallen. Wir sollen bald eine Besetzung von sieben Stellen bekommen, und da wird wohl eine — Na, wir werden schon auch das Unsere beitragen — gratu- lire im Voraus. Sollen leben, hahaha! (Geht ab.) Zehnte Scene. Willig (dann mehrere Stimmen). Sollen leben! Welche Ironie doch in diesen zwei kleinen Worten liegt, wo bereits jede Minute eine Scheidemünze aus der Bank meines Lebens ist. (Sieht nach der Uhr) Nur noch fünf Minuten. (Man hört von außen einen kräftigen Männerchor ein lustiges Wanderlied anstimmeu, das sich in der Ferne verliert. Er will ans Fenster.) Was ist das? Soll dieser Gesang eine Parodie auf mein Leiden oder schon wirklich Grabesgesang sein. (Sieht hinaus.) Nein! Es ist eine Schaar froher Städter, welche vermuthlich den Rest des Tages in idyllischen Freuden genießen wollen. (Seufzend.) Ach! ihr lebensfrohen Jungen, legt Euch immerhin jubelnd auf's Gras! Hier steht einer, der bald unterm Gras liegen wird. (Es wird geklopft.) Kein Zweifel, nun ist's Emilie! (Mit komischer Resignation.) Herein! Eilfte Scene. Z Tuschen (ein neckisches Wäschermädchen mit einem fW Kopftuch, Schürze, kurzem Röckchcn und ein zier- ^ liches Körbchen am Arm). ' Suschen (knixend). Küß die Hand, Euer Gnaden. , Willig (aufathmend). Meine Wäscherin, I K ich fühle mich gestärkt! ^ Suschen. Bitt' Euer Gnaden, verzei- ^ hens, fall's ich just genircn sollt'! Aber wir ' haben morgen Waschtag und darum hat r mich meine Frau Mutter wegen der Wäsche H hcrgeschickt. (Legt Chemisetten aus den Tisch.) Die ) paar Chemisetten sind das letztem«! verges- ^ sen worden! Bitt' Euer Gnaden, sein's nicht bös. Willig (unwillkürlich). Schon gut! Brav' che ohnehin nichts mehr! Suschen. So! Reisen Euer Gnaden fort? l Willig. Ja, mein Kind, ich reise fort! I Suschen. Aber Euer Gnaden werden ^ ja doch nicht ewig ausbleiben? I : Willig. Ewig! Ja, mein Kind! das ist das rechte Wort. Suschen (seufzend). Mein Gott! Das > muß aber weit sein. Willig (seufzend). Unermeßlich weit. ^ Suschen (knixend). Na so wünsch' ich Euer Gnaden eine recht glückliche Reise, und kommen Euer Gnaden einmal wieder zurück, so entziehen Sie uns Ihre Kundschaft nickt. (Will ab ) Willig. Halt mein Kind! Noch auf ein Wort. Suschen (sich ihm nähernd). Euer Gnaden befehlen? Willig (im Anfang des Gespräches etwas verlegen). Was wollt' ich Ihr nursagen? Ja richtig! Wie heißt Sie denn? Suschen (srappirt). Na, Susi seit ich auf der Welt bin, — wie denn sonst? Willig. Richtig, Susi! Nun aber offenherzig, liebes Suschen, offenherzig! Hat Sie schon einen Freund, das heißt einen Geliebten, oder noch deutscher, einen Liebhaber? 9 Tuschen (staunend). Was fragen denn Euer Gnaden? (Verschämt.) Eller Gnaden werden doch am End' nicht gar — Willig (schnell). Nein, nein, mein Kind, deshalb sei unbesorgt. Ich muß dieß aus einem andern sehr wichtigen Grunde wissen. Tuschen (zutraulich). Na, freilich, Euer Gnaden, Hab' ich ein Amvur, und das recht ein'n säubern! Er ist Oberjäger! Wollten ihm vielleicht Euer Gnaden, wenn er ausgedient hat, zu einer Amtsdienerstelle verhelfen, daß wir heiraten können? Willig. Das findet sich. (Aussorschend.) Und Sie liebt ihn wohl recht von Herzen? Tuschen. Na ob, mein Franz ist mir ja mein Liebstes auf der Welt. Willig. So? Schön. Nu, und Ihr Franz liebt Sie natürlich eben so sehr. Suschen. Warum denn nicht? (Plötzlich ängstlich.) Mein Gott! Wissen Euer Gnaden vielleicht, daß er mir untreu wäre? Willig. Was fällt Ihr ein? Ich kenne ihn ja gar nicht! O, er liebt Sie, Susi, gewiß, so wie man sagt zum Sterben, nicht wahr? Tuschen. O weit mehr! Willig (unwillkürlich rasch). Noch mehr? Das ist unmöglich! Und weiß Sie das gewiß, aus seinem eigenen Munde? Suschen. Freilich, Euer Gnaden! Er hat mir das schon viel tausendmal gesagt! Willig (feierlich.) Jetzt merke Sie wohl auf, mein Kind! Wenn man nun Eure Liebe gewaltsam zerstören wollte, würdest Du dann Deinen geliebten Franz beim Worte nehmen, mit Dir zu sterben? Suschen (verdutzt). Ach, hören Euer Gnaden auf! Was reden Sic denn! Sic erschrecken mich ja völlig! Willig. Ja, mein Kind! Man kann nicht wissen, es gibt zuweilen solche Fälle im menschlichen Leben, in denen ein Lustspiel zum furchtbarsten Trauerspiel wird! Werdet Ihr also in einem solchen Falle miteinander sterben wollen? duschen (verdutzt, dann lachend). Wie können denn Euer Gnaden auf diese verrückte Idee kommen sein? Nein, Euer Gnaden zum Sterben brauch' ich keinen Liebhaber! Euer Gnaden sind heute sehr gilt aufgelegt! Ha ha ha! Glückliche Reise. (Im Abgehen aus die Stirne deutend.) Der arme Herr, er ist richtig nicht recht richtig. (Ab) Zwölfte Scene. Willig (allein, nachdenkend). Zum Sterben brauch' ich keinen Liebhaber! Na, da hat sie Recht!— Hm, das Mädchen scheint nicht dumm zu sein! Don dieser simplen Wäscherin könnte Emilie Lebensphilosophielernen, Gott! wie es hier so schwül und dumpf ist wie in einer Leichenkammer. (Sicht nach der Uhr) Ha! die ver- hängnißvolle Stunde ist um! Emilie kam nicht, Gott sei Dank! Sie wurde vernünftig, ich darf wieder leben. (Eilt ans Fenster.) Wie glühend die Sonne meine Wiedergeburt begrüßt! Wie lieblich die Blumen duften! Alles ist mit Einemmale so bezaubert wie noch nie. (Nimmt jubelnd seinen Hut, will ab.) Frau Königin, das Leben ist doch so schön! Dreizehnte Scene. Voriger. Emilie. Emilie (tritt verschleiert aus). Mein Theodor! Hier bin ich. Willig (erschrocken). O! weh! Da ist sie. Nun ist's aus mit mir. (Laut.) Schön! Schön! Ich dachte schon — Emilie (einsallcnd). Daß ich mich eines Anderen besonnen batte? Nein, unsereWür- fel sind gefallen! Man will uns trennen — die Hand des Todes soll uns vereinen, nicht wahr, mein Freund?! Willig (zerstreut) Freilich, allerdings. Emilie. Ein gefeierter Dichter sagte ja, das Leben ist der Güter höchstes nicht. Willig (zerstreut). Freilich! Wenn man einmal tobt ist, dann ist an diesem Gute gar nichts gelegen! Emilie. Und ist der bleiche Schmerzens- stiller, Tod genannt, nicht der Bruder des Schlafes? 10 Willig. Freilich! Aber sein Stiefbruder! Man weiß nicht, wann man wieder wach wird. Emilie (sinnend). Es wird wohl ein langer Schlaf werden! Willig (sie zu überreden suchend). Freilich! Darum wollen wir vorerst Eines noch überlegen, Emilie! Denn wenn man einmal so recht im Sterben drinnen ist, da geht es wie am Ziehungstage einer Ausspielung, es findet kein Rücktritt mehr statt. Emilie. Ich habe nichts mehr zu bedenken! Willig. O doch! Für's Erste, Emilie, die arme Mutter. Emilie (schmerzlich). Ach, ich habe ja gar keine Mutter! Würde sie sonst mit kaltem Herzen das Lebensglück ihres einzigen Kindes so grausam vernichten wollen? Willig. Dann, Emilie, das Gerede der Welt! O! die Welt ist sehr böse! Emilie. Was kümmert uns denn noch die Welt? Willig. Richtig! Ja, dann ist's vorbei! (Bei sich.) Sie macht wirklich Ernst! O Cicero, dcnich ob seiner Rednergabe als Student schon verehrte, steh'mir nur jetzt bei zum ruhmvollen Siege. (Laut.) Gut, Emilie, ja, wenn wir die Sache genauer prüfen wollen, so zeigt sich unser heroisches Vorhaben, vom moralisch-philosophischen Standpunkte aus, als kleinliche Schwäche, als thörichte Feigheit, die starken Seelen nicht ziemt. Emilie (befremdend). Wie, Theodor? So spricht der Mann, der vor einer Stunde noch bereit schien, meinem Glücke selbst sein Leben opfern zu wollen? Willig (fortsahrend). Schon Hamlet sagt: »Es gehört mehr Muth dazu, des Lebens Widerwärtigkeiten zu ertragen, als durch feigen Selbstmord sie zu enden.« Und ich glaube was ein Hamlet sagte, und der große Sheakespeare dachte, dürfte wohl nicht ganz ohne Grund sein! Und betrachtet man die Geschichte, Jacob freite sieben Jahre lang um die Rachel, das war Muth und Ausdauer! Das war Sieg! Der berühmte Held Ulysses brauchte noch länger, bis er endlich Troja eingenommen! Ja, Emilie! das waren heroische Seelen! Darum wollen auch wir, wie wahrhaft große Geister, unser Loos muthvoll ertragen, die alte und neue Welt wird uns dann bewundern, unsere Seclengröße anstaunen, und wir werden durch unfern moralischen Muth der gesummten Vor-, Mit- und Nachwelt zum heroischen Beispiele dienen. (Bei sich.) Meine Weisheit ist erschöpft. Wenn das nicht wirkt, dann Adieu, du schöne Welt. Emilie (kalt). Und das ist Alles, was Sie zu sagen hatten? Willig. Alles. (Für sich.) Ich wollte, ich wüßte noch mehr! Emilie. So leben Sie wohl! (Will ab.) Willig (sie zurückhaltend). Emilie! Wo wollen Sie hin, was haben Sie vor? Emilie. Ich vollbringe nun allein, wozu es Ihnen an Muth gebricht! Mir ist das Leben eine unnütze Last! (Zieht ein kleines Fläschchen hervor.) Ein einziger Theil dieses Inhaltes genügt, meine Seele, der irdischen Knechtschaft spottend, von ihren Fxsseln zu befreien und die Qualen dieses Herzens zu beenden. Willig (liest erschrocken die Aufschrift) Gi — Gift! Prrr! Ein gräßliches Wort, Emilie! Woher dieses entsetzliche Mittel? Emilie. Ich bemerkte es schon lange im Schranke meiner Mutter. Wozu stc's gebrauchen wollte, ist mir selbst ein Räth- sel! (Es wird geklopft.) Gott, man kommt! Schnell ein Glas Wasser. Die Flüssigkeit hinein und hastig den Trank geleert! (Hat schon den Inhalt des Fläschchens in ein Glas geleert, das ans dem Tische stand, trinkt hastig und reicht es Theodor, aus einen Stuhl sinkend.) Es ist geschehen. Willig (trinkt ebenfalls hastig in der Angst und Zerstreuung und wankt zu dem Stuhl am Fenster). Emilie, es ist aus! Emilie. Nun sind wir ganz Ferdinand und Louise. n Willig. Ja, nichts fehlt uns, als die Limonade. (Es wird geklopft.) Himmel! Ich vergaß die Thüre zu schließen! Man kann nicht einmal mhig sterben. Vierzehnte Scene. Vorige. Briefträger (im Eintreten). Ach, doch zu Hause! Herr von Willig! ein Brief aus der Residenz, franco. (Mit einem Blick auf das Glas.) Ach, sind eben bei der Jause! Wohl bekomm's! (Bei sich.) Hat schöne Gesellschaft der junge Herr. (Laut.) Viel Vergnügen. Ha, ha, ha! (Ab.) Willig (kläglich). Das nennt der Mensch eine Jause, und sagt wohlbekomm's. Ungeheure Ironie! (Sich gegen Emilie wendend.) Emilie, lebst Du noch? Emilie (mit schwacher Stimme). Schon sehe ich des Paradieses Pforten gastlich mir sich öffnen. Willig. Ich auch! Emilie. Ach! Der Tod aus Liebe ist doch süß! Willig (mit saurem Gesicht). Ungeheuer süß. Emilie. Habe Dank, mein Theodor! Lebe wohl! Willig (sehr kläglich). Aber noch Ein's, Emilie! Am Rande des Grabes muß der Mensch wahr und offen sein, und ohne Lügein jene unbekannte Welt eingehen, über welche noch keine Reisebeschreibung erschienen ist! Darum noch eine ernste Frage, Emilie! Bin ich gewiß und wahr deine erste Liebe gewesen? Emilie. Theodor! Du hattest mich nie darum befragt, warum fragst Du jetzt in dieser Stunde? Du verlangst darnach? Wohlan, so höre und verzeihe! Willig (komisch desparat). Mein Himmel! Was werd' ich hören müßen. Emilie. Drei Monden ehe wir uns kennen lernten, hatte sich ein junger Maler um meine Gunst beworben, unerfahren wie ich war, glaubte ich seinen süßen Worten, doch der Heuchler zog nach Italien, um seine Kunst zu vervollkommnen und ließ nichts mehr von sich hören! Willig (im Stuhl gegen Emilie sich wendend). Emilie! Ich bin nicht deine erste Liebe? Und ein Maler? O Aranä inaltteuo! O! Ich Dummkopf! Warum habe ich das nicht früher gefragt! Nein, nein! Es ist entsetzlich, eine solche Schlange so heroisch geliebt zu haben. Wie wird mich dieser Correggio auslachen, wenn er diese Geschichte erfährt! Ach! Ach! Mir schwindelt! Ich sterbe! (Sinkt in den Stuhl.) Emilie (gegen Willig gewendet). Wie, Theodor? In der Stunde des Scheidens solche bittere Vorwürfe? Statt Versöhnung — Haß — Willig. Ja, heuchlerische Seele, ja! So groß als jüngst noch meine Liebe, so gränzenlos als meine Albernheit, wegen der ich jetzt sterbe, so glühend ist nun mein Haß gegen Dich und dein ganzes Geschlecht! Emilie. Theodor! War denn ich deine erste Liebe? Willig (heftig). Gott sei Dank, nein! Doch ich bin ein Mann, da ist dieß ganz etwas Anderes! So wisse denn, auch meinem Herzen war, ehe wir uns kannten, der halbe weibliche Kalender nicht ganz gleich- giltig. Aber diese Mädchen waren doch vernünftige Geschöpfe! Keiner einzigen ist je vom Sterben etwas in den Sinn gekommen. O, ich größter aller Dummköpfe! opfere da mir nichts, Dir nichts mein schönes Dasein für ein schuldlos geträumtes Herz, indessen es schon von einem Malerpinsel die Grundfarbe der Liebe kennen gelernt. Emilie (weinend). Nein, Theodor, das ist zu arg! Willig (hat indessen den Brief gelesen und schreit auf) Nun, nun, da hat man's, schreibt mir mein Onkel aus der Residenz, daß ick, wenn sich meine Condnite hierorts als tadellos erweiset, in längstens vierzehn Tagen mit jährlichen 500 fl. Gehalt übersetzt werden soll! Und nun mißlingt diese 12 Uebersetzung, als wenn ich ein französisches Lustspiel wäre! Nun bin ich ruinirt! Man wird sich nach mir erkundigen, und mich augenblicklich entlassen, wenn man mich vergiftet findet! (Bedeckt das Gesicht.) O ich Unglücksmensch! Mein Leben, das eigentlich schon ganz dem Staate gehörte, opferte ich leichtgläubiger Thor dieser heuchlerischen Seele! (Sich hastig erhebend.) D Emilie! Liebe-, Lebens- und Anstellungs- Dernichterin! Ich verwünsche jenen Augenblick, wo — wo — Ach! Mir schwindelt schon wieder. Wehe uns! Jetzt gcht's an's Ende! Emilie < schluchzend). O ich Thörin! einem so leichtfertigen Mann die edelsten Gefühle meines Herzens, ja sogar mein junges Leben geweiht zu haben, welcher einem Dutzend junger Mädchen vor mir dieselben Schwüre und Gedichte machte. (Sich ebenfalls heftig gegen Theodor halb erhebend.) Ja, grausamer Unbarmherziger! Ja! So namenlos wie meine Liebe war, ist jetzt mein Haß und meine Reue! Ach! Ach! Die Sinne schwinden mir, ich sterbe! (Zinkt in den Stuhl. Kurze Pause.) Fünfzehnte Scene. Vorige. Frau v. Seeburg und Betti. Fr. v. Sceb. (von außen). O Gott, mein Kind, mein armes Kind! Betti (ebenso). Wenn nur das Entsetzliche nicht schon geschehen. Emilie. Gott! meine Mutter! — Meine Abschiedszeilen kamen zu früh in ihre Hände! Theodor, was beginnen wir? Willig (ohne sich zu bewegen), schweige, Schlange, und laß mich in Ruhe sterben. Ein verdammt langsames Gift. Betti (die Thüre öffnend). Hier. Ew.Gna- den, ist Herrn Theodors Wohnung! Fr. v. Seeb. (eintretend). Vielleicht ist noch Hilfe möglich! (Beide erblickend.) Emilie! Theodor! Ach, Betti, wir kommen zu spät! (Wankt, einer Ohnmacht nahe.) Betti (erblickt das Fläschchen). Zu spät! Großer Gott! Sie haben Gift genommen! Fr. v. Seeb. Gift, nur schnell einen Arzt! Vielleicht ist noch nicht alles Leben entflohen! Betti. Nein, dieses Unglück! Ach ja! Die Liebe! Ich eile schon. (Ab.) Sechzehnte Scene. Vorige — ohne Betti. Fr. v. Seeb. Ach, ich unglückseligste der Mütter! Mein einziges Kind verloren, meine Hoffnungen vernichtet! Emilie (mit schwacher Stimme). Derzei- hung, Mutter! Wir liebten uns einst so innig, und Sic wollten mich einem Manne geben, der — Will lg. Hier, Barbarin, weide Dich an den Folgen! Fr. V. Seeb (stürzt zu Emilie, sich mit ihr beschäftigend). Du lebst, dem Himmel sei Dank! Unglückliche! Dieser Mann wäre ja eben dein Theodor gewesen, ich wollte ihn nur prüfen, ob seine Liebe zu Dir nickt bloß eine romantische Dichterlaune sei, und Euch dann mit meiner Einwilligung überraschen! Emilie (sich halb aufrichtend). Was sagen Sie, Mutter? Mit Theodor? Willig (ebenso). Da hat man's! Also rein umsonst vergiftet! Ist das nicht zum giften? Fr. v. Sceb. (sieht sich nach Theodor um). Was? war das nicht Theodors Stimme? Nun, so ist noch nickt alle Hoffnung verloren! Betti muß gleich hier sein mit einem Arzt. Aber Kind! Kind! Wo nahmst Du jenes entsetzliche Gift her? Emilie (gibt ihr das Fläschchen). Aus Ihrem Schranken, hier ist cs! ! Fr. v. Seeb. (das Fläschchen nehmend). Wie? Was? (Freudig zwischen Lachen und Deinen.) Mit diesem Gifte habt Ihr Euch vergiftet? Emilie u. Willig (seufzend). Ja, diesem! 13 Fr. v. Seeb. Dann ist'kein Arzt für Euch nöthig! Denn davon habe ich erst heute Morgens einen Schluck gethau. Emilie u. Willig. Wie, Mama? Sie nahmen auch davon? Fr. v. Seeb. Ja! Denn dieses Gift, ha haha! ist meinMagenliqueur, welchen ich absichtlich als Gift bezeichnete ,um ihn mir vor Betti's Genäschigkeit zu sichern! — ha, ha, ha! Emilie U. Wilig (sich freudig erhebend). Ein Liqueur, also nicht vergiftet? (Willig kostet nochmals gemäßigt, und leert hierauf das Glas.) Fr. v. Seeb. Gott sei Dank, nein! Bloß in der Einbildung! Siebzehnte Scene. Vorige. Betti (athemlos hereinstürzend). Sie kommen! Sie kommen! Alle (sich nach Bktti wendend). Wer? Betti. Nun die Herren Aerzte! Sechs Stück habe ich in aller Eile zusammengebracht; wo ich nur an einem Hause die Tafel eines Arztes erblickte, stürzte ich die Treppe hinauf, ihn hiehcr zu bitten. Alle sechs müssen sogleich hier sein, wenn sie nur nicht "zu spät kommen. (Erblickt Willig und Emilie.) WaS ist denn das? * Fr. v. Seeb. Mein Himmel! Warum rufst Du nicht die ganze medizinische Facul- tät zusammen. Jetzt eile den Herren entgegen, und halte sie von der Visite zurück! Sage, das Ganze war nur ein Jrrthum. Betti. Ein Jrrthum? Gott sei Dank! An Jrrthümer sind die Herrn Aerzte gewöhnt, darum werden sie's auch glauben. Ich eile. (Ab.) Fr. v. Seeb. (nimmt das Fläschchen und gibt es Emilie, zwischen sie und Willig tretend). Da, Kinder, dieses wohlthatige Gift gehört zu Eurer Mitgift, denn ich bin überzeugt, daß es sich bei Euch am heilsamsten bewährte. Willig. Morgen schon soll alle Welt meinen wärmsten Dank an den Erzeuger dieses trefflichen Liqueur in unserem Wochenblättchen lesen «und freudig rufe ich mit Marquis Posa aus: Frau Königin! Das Leben ist doch schön! (Umarmt Emilie, welche sich lächelnd an ihn schmiegt.) (Der Vorhang fällt.) Ende. Im Berlage der Wallishauffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm) find von C. F. Stix früher erschienen: ^ ^ ^ k i '^i - ü) l!k ' L 5- !o Original-Schwank in einem Act. . "7^/, Sgr. oder 35 Nkr. >i -- '' 1 -k/cii u' > -- ^ <-"tt !> I j-„: ^ - !: i:,.l ->!, :ing ßIn-!-ckv!i «° 1. - .E ^ L .-!t .1/ ^ ^ !.I>u jlj- ir-1 II i . 'i N!i- 't.,1 - ''' !)is r-, . r.'^f n t.ch Dramatischer Scherz in einem Acte. 6 Sgr. oder 30 Nkr. i' ^-! - N irr Demnächst erscheint: Schwank in zwei Bildern. Bon Friedrich Kaiser sind erschienen: Männerschönheit. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit Titelkupfer. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Eine Posse als Medici n. Originalposse mit Gesang in 3 Acten. Mt allegorischem Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Kürst. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischen Bilde. 8. geh. 15 Sgr oder 75 Nkr. Mönch und Soldat. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr- Der Rastelbinder, oder: 10000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten- Mit 1 Titrlbilde. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Junker und Knecht. Characterbild mit Gesang in 3 Acten- Mit 1 Titrlbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle- Posse mit Gesang in 2 Acten- 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Dienstbotenwirthsch aft. oder: Chatouille und Uhr- Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8- geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Doctor und Friseur, oder: Die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 Acten. Zweite Auflage. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr- Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr. Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr- Ein neuer Monte-Christo. Original-Characterbild in 3 Acten. Die Frau Wirt hin. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Etwas Kleines. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Zwei Testamente. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Unrecht Gut. Characterbild mit Gesang in 3 Acten und 1 Vorspiele- 12 Sgr oder'60 Nkr- 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Des Krämers Töchterlein. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Eine Feindin und ein Freund. Posse mit Gesang in 3 Acten- Ein Lump. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Verrechnet. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Palais und Irrenhaus. Original-Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Jagdabenteuer. Posse mit Gesang in 2 Acten- 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr- oder 60 Nkr. 12 Sgr oder 60 Nkr. 12 Sgr- oder 60 Nkr. Zn der Wallishauffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wim, Stadt, hohn Markt Nr. 1, fiud. erschienen: Wietter-Gsttplets» aus Stücken von: Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Elmar, Flamm, Gottsleben, Grois, Grün, Gründorf, Haffner, Juin, Kaiser, Langer, Megerle, Nestroy u. A. Drei Hefte. Kr. 8- geh. Preis 1 fl. 50 Nkr. oder 1 Thlr. Zedes einzelne Heft 50 Nkr oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Dcrg D. F. 1. Da möcht i halt das G wissen sein. — 2- Requifiten-Couplet.- — 3 Figuren- Couplet. — 4- Nachher wird es schon wem — 5- Glöckchen-Couplet. 0. Biblisches Couplet. — 7. Falsche Benennungen. - 8. Dann ist sie da die bessere Zeit. — 9 'S gibt halt doch gute Leut . zöerg u. Grün. 10. Volkslieder. — 11- Aber gcb'n thut's es nit. Berla, Alois. 12. Jetzt da war's halt Noth, daß wer antauchen thät. — 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. —14- Zu was dann die Feindseligkeit gegen das Thier. — 15- Lachcouplet. — 16. Aus einer Chronika. — 17- Früchte, die verbotm sind. — 18- Falsche Ansichten. — 19- Französische Worte. — 20. Mythologie-Couplet Berla u. Bittner. 21 Ohne Umschneiderei. 22- Die papierene Zeit. — 23. Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. Bittner Anton. 24. Thier-Couplet — 25- Das ist noch Geheimniß. 26- Wer hätt' es geahnt. 27. Odromgus LLLnäslkULk. Bittner u. Morländer. 28. Aehnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. Blank, Alois. 29- Und so wird hinterrücks g'redt. Böhm, Joses 30. Na da sieht man's doch, daß's an der Einteilung fehlt. — 31- Wenn man die Wirkung sieht, und d'Ursach nit kennt. Doppler, I. 32 Maschinen-Couplet. — 33 Wo man was sucht, dort find't man es nicht. Elmar, Carl. 34. O Spiel der Natur — 35 Lied des Teufels. 36- Man glaubt nicht was in einem Menschen oft steckt. — 37- So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. — 38. O ungeheure Ironie. — 39. Da möcht ich halt wissen, was nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes. Elmar, Carl. 40-Was lieget da dran. —41. Za so geht s, wenn man heut' zu Tag Geister citirt- Frldmann u. Flamm. 42- Mit Kleinem sängt man an, mit Großem hört man aus — 43- »So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. Flamm, Lhrod. 44. Keine Rose ohne Domen. — 45 Gesundheit und ein recht langes Leben — 46. Zedes Häferl hat sein Deckerl. — 47. Repertoire-Couplet. Flamm u. Wimmer 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät. — 49. So behilft sich halt Zeder, so gut als er kann Gottsleben, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. — 51- Verschiedene Ursachen. Grois, Louis. 52- Na, das kennen wir schon! — 53- Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. — 54. Wir bedanken uns sehr. Grünn, Johann. 55- Was ein Narr ist. — 56. Ein Chineser. Gründorf. 57. 's ist just net nöthi, aber nothwendi war's. Haffner, Carl. 58. Da find's mäuserlstill. — 59 Es steckt was dahinter, ich wett. Hopp, Friedrich. 60. Wann der mein Kapperl hätt'.— 61 Za, ich kann's nit ändern, es is halt a so- Juin. 62. Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht — 63- Wozu Mancher eigentlich geboren. 64 Fiakerlied. — 65 Zu was von den Göttern eine Auskunft begehren. Juin u. Flerx. 66- Da wird einem heiß — kalt — warm! 67. Ungeheuer genannt! Kaiser, Friürich. 68. Zch bitt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. Inhalt des dritten Heftes. Kaiser, Friedrich. 69. Es muß ja nicht gleich sein. — 70. Da braucht man beim hellichten Tag a Latem. — 71- Jetzt das — g'hört aus ein anderes Blatt. — 72- Die find halt g'schcidt. — 73. Das ist so nobel und so billig dabei. Langer, Anton. 74. Was ist der Unterschied. — 75. Aber da mag Keiner net. - 76- D- g'hört ein sehr starker Glauben dazu! — 77- Es schaut nur gemeiner aus. — 78 Zu ftuy und zu spät. — 79. Man kann fich's wohl denken, aber sagen darf man's nicht. — 80 Wann mich der fragen thät. , Megerle, Lher. 81. Marsch mit dem in d'Butten. — 82. Man muß nur den günstigen Zntpunci erfragen. . Nestroy. 83. Und 's ist Alles net wahr. — 84. Kometen-Lied aus »Lumpaci*. — 85 Aus n>a» sich Mancher hinauswachsen kann. — 86 Das wär ganz etwas Neu's. — 87- Und man kommt aus kein Grund. — 88 Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. — 89- 3a, d" da kein anderes Wort. (Den Bühn en gegenüber als Manuskript ge druckt.) Jagd-Abenteuer. -»o»-- Posse mit Gesang in zwei Acten von Friedrich Kaiser. Musik von Kapellmeister Carl Binder. (Im k. k. priv. Carltheater zuerst mit glänzendem Erfolge gegeben.) Personen: Spadinger. Gras Hartberg. Gräfin Mayendorf, dessen Tante.- Waise, ein junger Advocat. Caspar Pillner, Chirurgus. Pommer, Gerichtsschreibcr. Roh rer, Pächter. Margarrth, sein Weib. Franz, sein Pfiegesohn. Ruprecht, Wildprethändlrr. Veronika, Wirthin einer Waldschenke. Hanns. Lori, ihre Enkelin. Max, l Rudolf, Rauh, Feldwebel. Martin, Gerichtsdiener. Gesellschaftsdame. Gäste. Soldaten. Landleute. Knechte. ' Iheattr-Rtptnoirr. Nr. 107 . 1 Erster Lei. (Hausflur in Spadinger's Wirthshaus, gegen den Hintergrund zu, offen, mit der Aussicht auf das am Gebirgswalde liegende Dorf. Linke Seitenthür mit der Aufschrift: »Gaststube,« ris-L vis eine Thür, die in den Keller führt. Zm Vordergründe Tische und Stühle.) Erste Scene. Spadinger. Mehrere Knechte. (Die Knechte kommen mit Flaschenkörben, Schinken rc. aus der Kellerthür und gehen in die Gaststube.) Spad. So. Nur geschwind Alles in die Gaststube hineingetragen, schaut's, daß fertig werd's, heut' hab'n wir auf mehr Gast' z'rechnen als sonst. (Knechte ab. Gr sieht gegen den Hintergrund.) Na, da hab'n wir's. Drüben beim Posthaus halt' schon a Wagen, ein Herr steigt aus. (Eilt mit abgezogener Mütze gegen den Hintergrund.) Jst's uicht gefällig, dahier bei mir einzusprechen, bitt' nur hcreinzuspazieren. Zweite Scene. Voriger. Dr. Waise (junger Mann, schwarz gekleidet, tritt ein). Spad. Kann ich mit was aufwarten? Waise. Vor der Hand nur mit einer Auskunft. Kennt Ihr den nunmehrigen Besitzer dieses Gutes, Herrn Grafen von Hartberg? Spad. Den jetzigen noch nicht, ich Hab' das Wirthshaus erst seit a paar Zähren im Bestand und der Herr Graf is schon seit mehr als zwanzig Jahren immer auf Reisen. Waise. Ich weiß. Jetzt aber kehrt er zurück, um Besitz von seiner Erbschaft zu nehmen. Spad. Und soll heut' noch hierankommen, deßwegen kommen heut' alle Herrschaften aus der Umgebung aufs Schloß zusammen, um ihm z'gratuliren, und dann soll ihm zu Ehren a große Gebirgsjagd abg'halten wcrd'n. Es sein schon a Menge Wägen auf's Schloß hinaufg'fahr'n. Waise. Dieß ist mir unlieb, ich habe dringend mit ihm allein zu sprechen. Spad. Da kann ich Ihnen vielleicht einen guten Rath geben. Erwarten's ihn dahier. Waise. Hier? Spad. Na ja, sein Wagen kriegt d'rü- ben im Posthaus erst a neue Bespannung, mittlerweile wird er vermuthlich bei mir einsprechen und da — Waise. Ihr habt Reckt. Ich will ihn hier erwarten. Besorgt mir indeß ein kleines Frühstück. Spad. Sollen auf's Beste bedient werden. Bitt' nur derweil da hinein (zeigt ans die Gaststube) zu spazieren. Dom Fenster aus sehn's gerade auf's Posthaus, und wenn dann der Wagen mit der herrschaftlichen Livree kommt — Waise. So finde ich vielleicht einen günstigen Augenblick, um mich ihm vorzn- stellen. Spad. Versteht sich und wann's was mit ihm z'reden hab'n, so geht's dahier am besten. Sie glauben nicht, wie leicht sick's in ein' Wirthshaus red't. Darf ich bitten. (Oeffnet die Thür der Gaststube. Beide ab.) Dritte Scene. CasparPillner'' (in einem theatralisch aufgeputzten Jagdcostum, die Flinte in der Hand, tritt durch die Mitte ein). Da bin ich, ich bab' mich famos 'raus- staffirt, Daß mich für ein' Nimrod die Welt halten wird, s Ach «ei- zwar nicht 'mal, wie man lad'n thut a Flint'n, Doch das, hoff' ich, wird sich bei G'legen- heit schon find'n; Das Erste und Wichtigste ist bei der Jagd, Daß man einen Jagdrock und Waidlasche tragt, Da fallt schon vor Schreck um das Wild- i pret sodann, ! Denn auf d'äußere Erscheinung, auf j die kommt All's an! l Es gibt a hübsch' Mädl, von der d' ganze j Welt, l Sick just nicht d'erbaulichsten G'schichten ! erzählt, j Z'letzt thut doch ein Gimpel zur Frau sie H erwähl'n, i Der Tag ruckt heran, wo sich Beide ver- ^ mäl'n, > Da tragt sie ein Kleid, weiß und lilien- ^ rein, ? Ein wallender Schleier hüllt züchtig sie ! ein, Auf'n Kopf setzt's ein' blühenden Myrthen- kranz dann, Denn auf d'äußere Erscheinung, auf die kommt All's an! - Bei Nacht sitzt a G'sellschaft sehr lustig ! beinand', i Meine Herren, zwölf Uhr, hat der Wirth - oft schon g'mahnt, ' Sie bleiben fest picken, d'Kellner kehren ^ schon z'samm, j Der Hausknecht brummt: geht's doch in ! drei Teufels Nam', ^ Auch den lach'ns atls, bleiben allweil noch i n ' Da sieht an der Thür man zwei Pickel- r haub'n blitzen, s Die Gäst' zahlen g'schwind, machen fort ? sich sodann, > Ja, ans d'äußere Erschxinnng, auf die kommt All's an. (Sich selbstgefällig besehend.) Nu, ich glaube, was die Außere Erscheinung betrifft, habe ich wirklich das Unmögliche möglich gemacht. Wer sollte unter dieser heroisch martialischen Figur einen (sich um» sehend) harmlosen Chirurgus vermuthen. einen bescheidenen Jünger ^.esoulapii sa- ponarii, der mal auf dem Gebiete der Diana seinen ersten jugendlichen Versuch machen will. Dieser Chirurgenstand! Ach, er war nicht meine Wahl, aber mein Vater war Chirurg, die Officin war da, ich als einziger Sohn mußte mich für die Fortsetzung des Geschäftes bestimmen, und wenn das noch ein Geschäft wäre, das man ohne Beeinträchtigung treiben könnte, aber es gibt gar kein Handwerk, in das so viele Unberufene hineinpfuschen, als gerade das eines Chirurgen. Ich wende oft Salben ganz erfolglos an,— warum? Weil der Kerl von einem Patienten ohnehin schon mit allen Salben g'schmiert ist, und eben dadurch nur immer schlechter geworden ist. Ordinire ick Einem als Schwitzmittel eine Hollundersalsen, so nimmt er's gar nicht ein, denn er sagt, er müsse ohnehin schon immer schwitzen (Pantomime des Geldzählcns), ohne etwas einzunehnen. Aber fort jetzt mit allen Gedanken an mein odioses Geschäft. Ich habe mich wenigstens auf ein paar Tage losgerissen von den verhaßten Bandagen und will aufleben in einer mehr ritterlichen Beschäftigung. Es findet hier eine große Gebirgsjagd statt, der Kammerdiener von der benachbarten Herrschaft ist mein Vetter und der hat mich eingeladen, die Jagd mitzumachen. Ich werde also in der vornehmsten Gesellschaft Bocke schießen und darum soll auch Niemand in mir den Bartvertilger erkennen,—dazu noch dieses Jagd- Costüm, das ein Thcatergarderobier in der Stadt, den ich täglich barbiere, mir gegen Nachlaß eines monatlichen Honorars überlassen hat, und das so elegant ist, daß ich jeden Augenblick als Nachtlager in Granada austreten könnte. Da kann es mir an noblen Connaisancen nicht fehlen, ja vielleicht findet sich gar Gelegenheit zu galanten 4 Avantüren, wer weiß wozu die führen. Ledig bin ick, kann's riskiren, jedenfalls werd' ich mich amüstren. Vierte Scene. Caspar. Pommer. Raub (in voller Rü» stung). Mar. Rudolf. (Alle mit Jagdflinten in der Hand, kommen vom Hintergründe her.) Pommer (bleibt am Eingänge stehen). Hier, Herr Feldwebel, ist Ihr Quartier. (Im Commandotone zu den Jägern.) Halt, stehen geblieben. Hier am Eingang Posto gefaßt, Fertig, spannt die Hühner, will ich sagen: spannt den Hahn. Mar. Rudolf (lachen ihn aus). Pommer. Was! Lacken? (Streng.) Subordination! (Zu Rauh.) Da sehen Sie, ganz demoralisirt ist das Volk, keinen Respekt vor den Vorgesetzten. (Mit Rauh etwas mehr vortretend, in vertraulichem Tone.) Aber wir werden sie jetzt schon zu Paaren treiben, seitdem Sie mit einer Heeresabtheilung mir beigegeben sind. Rauh (fleht ihn verächtlich über die Achsel an). Ihnen? Davon weiß ich nichts. — Das hiesige Ortsgerickt hat Assistenz verlangt. Pommer. Aber ich — ick bin ja das Ortsgericht, d. h. wenigstens in 8p6, der frühere Gerichtshalter ist gestorben, ick bin seit fünfundzwanzig Jahren ältester Prac- ticant, bab' also alle Aussicht, jetzt selbst Halter zu werden, d. b. Gerichtshalter, eben deßhalb entwickle ich ja, als provisorische Quasi r Viceobrigkeit, eine solche Einbarras von Energie. Mar (vortretend). Und verderben mit Ihrer Wichtigthuerei mehr, als Sie nützen. Wir haben's sonst, wann's sich um nir weiter gehandelt hat, als ein' Wildschützen aufz'stöbern, immer allein g'richt. Aber da macht der Herr Gerichtspracticant ein Spectakel, sucht gar um Militäraffisten; an — Pommer. O, ich weiß schon warum. (Tritt mit Rauh etwas seitwärts.) Den Jägern ist auch nickt zu trauen — stecken oft mit den Wilddieben und Sckmugglern, von denen die Ortschaften da an der Grenze wimmeln, unter einer Decke, aber jetzt Hab' ich die ganze Gegend so quasi in Belagerungszustand erklärt, Hab' eine Armee zur Verfügung — Rauh. Zu Ihrer Verfügung? Reden Sie nicht so dumm, ich habe meine Befehle vom Commando aus und werd' streng nach diesen handeln. Sie haben über Ercesse berichtet, die hier häufig vorfallen sollen, zu deren Bewältigung die Civil- ! Obrigkeit nicht stark genug sei — ! Pommer. Freilick nicht. War erst vor acht Tagen a G'rauff im Gemeindewirths- hans, ich will mich d'reinlegcn, ja — hast ! es nicht g'sehcn — bin ich draußtg'legen. Rauh. Genug. Deßhalb wurde ein Zug hieher beordert, ich habe das Commando und werde nach meiner Instruction einschreiten, wo's Noth thnt. Wer Ursache an einer Ruhestörung ist, der wird festgenommen, ohne Berücksichtigung der Person und wenn Sie selbst Veranlassung geben, nehme ich Sic fest. Pommer (ängstlich zurückwkichrnd). Rn, um das hätt' ick just gebeten. Aber Sie sollen sckon Respect vor mir kriegen, wenn Sie sehen, wie ich amtire. Werd' Ihnen gleich einen kleinen Beweis liefern. (Rust.) Heda, Sckenkwirth, heraus! Fünfte Scene. Vorige. Spadinger. Spad. (tritt ans der Gaststube) Was gibt's denn? Ah, Herr Pommer — Sie'. Pommer (wirst sich in die Brust). 3a, ich, mit Militärbedeckung. Spad. Was gibt mir denn die Ehr'? Pommer. Es gibt einem Haus verflucht wenig Ehre, wenn das Gericht darin erscheint. Spad. (erschreckt). Na, ich will doch nicht hoffen. Was gibt's denn wieder? 5 Pommer. Euer Wirthshaus liegt grad' am Fuß des Grcnzwaldes, das ist sehr verdächtig. Spad. Es is schon da g'legcn, wie ich's kaust Hab', wenn's Ihnen nicht recht ist, stellen Sie's wo anders hin. Pommer (zu Rauh). Sehen Sie, er frozzelt mich schon wieder, das geschieht mir schon wieder. (Zu Spadinger) Es kehrt bei Euch oft verdächtiges Gesindel ein. Spad. Was? Erlauben Sie! Pommer. Hilft kein Läugnen. Ich war selbst oft da. Saubere Gesellschaft, die sich hier versammelt. Spad. Mein Gott, daß in einer Bauernschenk just nickt d'feinsten Leut' Zusammenkommen, das ist begreiflich, aber von verdächtigen Leuten weiß ich nichts. Pommer. Ihr wißt überhaupt gar nichts, aber ick, als Gerichtsperson, ich soll Alles wissen und weiß auch nichts, das ist das Fürchterliche. Spad. Aber was sollens denn eigentlich wissen? Pommer. Ich soll wissen, wo der steckbrieflich verfolgte Mörder, der seit acht Tagen sich hier im Gebirge Herumtreiben soll, steckt, und Hab' noch keine Ahnung. Easpar (erschreckt bei Seite). Was? Mörder? Mir wird entrisch. Pommer (zu Spadinger). Euer Haus könnte ihm vielleicht zum Schlupfwinkel dienen, d'rum will ich eine Untersuchung anstellen. Spad. Na, so untersuchen's. (Oeffnetdie !hür der Gaststube.) Da drinn is Niemand als a Herr, der g'rad aus der Stadt kommen is und dahier (zeigt aus Caspar). Pommer (ficht Caspar). Der! (Zu Caspar.) Wer ist der? Vielleicht ein Büchsen- spanncr. Easpar (beleidigt). Büchsenspanner! Ich gehör' zu den gräflichen Iagdgästen. Pommer. Is mir sehr leid, daß Sie nicht der sein, den wir suchen. Easpar. Warum? Pommer. Weil wir ihn dann hätten und das wäre mir sehr angenehm. Caspar. Mir weniger. Spad.Wollen's noch weiter untersuchen, vielleicht am Heuboden oder im Keller? Pommer. Heuboden? Nein, aber Keller — (Lächelnd ) Im Keller könnt' vielleicht der sein, den ich suche. Spad. Na, so kommen die Herren nur mir. Pommer. Hm! Der Herr Feldwebel wird müd' vom Marsch sein, ich will ihn nicht länger strapaziren. (Zu Rauh ) Macken Sie sich's indeß in der Gaststube commod, wenn ich unten im Keller den Rechten sind', bin ich schon allein Mann genug dazu. Ich hoffe, Sie werden meine Bravour gehörigen Orts zu rühmen wissen. Also — (zu Spadinger) kommt mit uns! (Mit Spadinger in der Kellerthür ab.) Mar (tritt zu Rauh vor). Na, Herr Feldwebel, was sag'ns denn zu unserm Herrn Gerichtspracticanten. Rauh (barsch). Euch Hab' ich gar nichts zu sagen, als daß, so lange er an dieser Stelle ist, ihm parirt werden muß. (Bei sich.) Aber in meinem Rapport will ich schon über ihn berichten. (Laut.) Gott befohlen! (Ab in die Gaststube) Mar (zu Rudolf). Sollen wir noch länger da warten? Rudolf. Warum nicht gar! Geh'n wir lieber zurück ins Forsthaus. Caspar (bei sich). Das sein a paar Jäger, da wär's vielleicht rathsam, wenn ich mich mit ihnen bekannt machet. Meine Forstwissenschaft ist nicht weit her, vielleicht könnte ick so viel profitiren, einer Blamage auf der Jagd vorzubeugen. Mar (zu Rudolf). Also gehen wir. (Wollen fort.) Caspar (zu Ma;). Guter Freund! (Rudolf ab.) Mar (stehen bleibend). Was soll's? Wer ist der Herr? 6 Caspar (aufgeblasen). Ein Bekannter des Herrn Grafen, von ihm eingeladen zu der Gebirgsjagd. Mar (ihn musternd). Zur Gebirgsjagd? Und da kommen's in dem G'wandl? Caspar. Na, ich glaub', an dem Anzug wird doch nichts auszusetzen sein. (Bei sich) Zwei Monat Barbierlohn sür's Ausleihen. Mar. Na ja, so können sich die Sonntagsjäger drin in der Stadt tragen, aber da bei uns im Gebirg, wo man steigen und springen muß, da wird der Herr in dem g'flrannten Zeug nicht weit kommen. Caspar. Wie soll ich mich denn eigentlich tragen? Mar (zeigt auf sich). Na, so ungefähr: die Knie müssen frei sein, d'Joppen commod, dicke Sohlen mit Eisen. Caspar. Herr Gott, sein das Sohlen, mit denen könnt' man den Weg zur Unsterblichkeit gehen. So könnt'Ihr gehen, aber ein Mann meines Standes — Mar. Ah was, glauben's, der Herr Graf geht anders, wenn er a Gebirgsjagd mitmacht? Caspar. Das is eine verfluchte Geschichte. Mar. Na, aus der Verlegenheit kann ich dem Herrn schon helfen. Für ein paar Gulden leih' ich dem Herrn Alles. — Hat der Herr 's Pflaster nit vergessen? Caspar. Mensch, was will er mit dem Pflaster? Mar. Na das, mit dem man die Kugeln in den Lauf zwängt. Caspar Ah so. (Bei sich) Ich Hab' schon glaubt, eine Anspielung auf's Dia- culum. Jetzt werd' ich in der Form eines Eramens das von ihm zu erfahren suchen, was ich selbst noch nicht weiß. (Laut.) Ihr g'fallt mir. Ich will sehen, was sich für Euch thun läßt, ich kann Euch vielleicht zu einer Försterstelle verhelfen. Mar. Das wär' g'scheit. Caspar. Muß aber erst eine kleine Prüfung mit Euch anstellen, ob Ihr alle Fragen beantworten könn't. Mar. Na, so frag' der Herr. Caspar. Was ist bei einer Gebirgsjagd die Hauptfach'? Mar. Na, daß man auf ka Kuh schießt. Caspar. Lächerlich! Mar. Ich mein' auf kan Gamskuh. Caspar. Gamskuh? Mar. Na ja, 's Mand'l is der Bock und 's Weibel heißt Kuh — Caspar. Sehr geistreich beantwortet. Mar. Und wenn's auf'n Auerhahn geht, daß nian nit epper auf an Hahn schießt. Caspar (bei sich). Wann ich nur den Unterschied wüßt'. (Laut.) Jetzt zwei Fragen. Wodurch unterscheidet sich der Gam- screr von der Gamsin und der Hahn von der Henne? Mar. Haha, das müßt' ja schon gar der Heuschädl sein, der das nicht kennt. Caspar (bei sich). Dank für's Compli- ment. (Laut.) Ich fth' schon, Ihr wißt die Vicher zu beurtheilcn. (Klopft ihn aus die Schulter.) Euer Glück ist gemacht. Mar. Wirklich, steht der Herr auf so gutem Fuß mit dem Herrn Grafen? Caspar. Ich und der Graf, wir sind zwei Spezi. Wenn ich sag: schau, lieber Graf, thu mir den G'fallen, lieber Graf, stell' den an, lieber Graf, thu mir's z'lieb, lieber Graf; da thut er Alles. Sechste Scene. Vorige. Hartberg. Diener. Graf (in Reiseanzug, tritt rasch rin, zum Diener). Ich will den Bergweg nicht im Wagen machen, eile auf's Schloß, sie sollen Reitpferde herabschicken. (Spricht mit dem Diener sott.) Mar (leise zu Caspar). Ha, die Livrve, meiner Seel', das könnt' er sein — Caspar. Wer? (Diener ab.) Mar. Es ist schon so. Er ist's. Caspar. Aber wer denn? 7 Mar. Na, Sie werden Ihren Spezi doch kennen? der Herr Graf. Caspar (verwirrt). Richtig. Wo Hab' ich denn meine Augen g'habt! (Bei sich.) Jetzt ist's gut. Ma r. Na, so reden's ihn doch gleich an. Caspar. Nein, jetzt nicht, er möcht' mich auslachen wegen mein' Anzug, ich will mich lieber früher nach eurer Angab umkleiden. Kommt, sonst sieht er mich. (Zieht Max mit sich fort.) Siebente Scene. Waise. Graf. Waise (aus dem Seitenzimmer). Habe ich die Ehre den Herrn Grasen von Hart- berg — Gras. Ich bin's. Waise. Tann wollen Sie mir gestatten, Ihnen diesen Brief zu übergeben. Graf (besieht die Aufschrift). Ha, die Hand meiner guten Tante. Mein Aufenthalt in der Residenz war so kurz, daß ich sie nicht einmal besuchen konnte. Doch dieser Brief. (Durchfliegt den Brief, während des Lesens prüfende Blicke aus Waise werfend.) Tie Gräfin empfiehlt Sie mir auf das Beste — Waise. Ich würde mich glücklich schätzen — Graf. Vor der Hand lade ich Sie ein, ans meinem Schloß mein Gast zu sein — ich werde zwar dasselbe erst morgen besuchen — Waise. Erst morgen? Graf. Ja wohl. (Bei sich.) Bevor ich nicht über Eines Gewißheit erhalte. — Waise. So werde ich morgen die Ehre baden — Graf. Nein, nein, bleiben Sie, ich bedarf den Rath eines Rechtsfreundes — Waise. Wenn Sie mich Ihres Vertrauens würdigen wollen — Graf. Sv hören Sie! Mehr als zwanzig Jahre sind vergangen, seit ich znm letzten Male aus diesem Schlosse verweilte. Damals, ein junger Mann mit glühendem Herzen, gewann ich ein junges reifendes Mädchen lieb und ließ mich heimlich mit ihr trauen. Doch währte unser verborgenes Glück nicht lange, mein Oheim, empört, setzte es durch, daß unsere Ehe als gänzlich ungiltig erklärt und getrennt wurde. Man brachte mein armes Weibchen in cinFranen- stift und ich suchte mein blutendes Herz durch eine Reise in die entferntesten Länder zu beilen. Nach einem Jahre erhielt ick Kunde von ihrem Tode. Als mein Oheim starb, wurde ick als Erbe und Herr meiner Güter zur Rückkehr aufgefordcrt. Aus den Papieren meines Oheims war mir die Aufklärung, daß meine Frau einen Knaben zur Welt gebracht habe, dessen Geburt aber man mir verschwieg, da man ihn als keinen legalen Sohn anerkannte. Man übergab ihn dem Pächter einer kleinen Wirtschaft im Gebirge, der ihn wie einen Bauernjungen aufzog. Waise. Und dieser Sohn, er lebt noch? Graf. Eine halbe Tagreisc von hier, bei seinen Pslegeeltern. Achte Scene. Vorige. Pommer. Spadingcr Pommer (ktwas benebelt kommt an Spa- dinger's Arm aus der Kellerthür, die Anwesenden nicht bemerkend). Ihr seid ein Ehrenmann. Was für ein guter Geist in eurem Tiefsten ruht, das hat sich jetzt faßlich herausgestellt. Es ist beinahe überwältigend. Spad. Dahaben wir's, da sein Fremde, und es war wieder Niemand von meine Leut' da. Pommer. Fremde? Laßt mich los. Ich muß amtircn. (Tritt dicht zum Grasen.) Halt! Still gestanden! Graf. Was wollen Sie? Pommer (gebieterisch). Ruhig. (Zieht ein Zcitungsblatt hervor und wirst vergleichende Blicke bald in das Blatt, bald aus den Grafen.) Nein, Ihr seid's nicht. Euer Glück, daß Ihr's nicht seid! Graf. Für wen hielten Sie mich? 8 Pommer. Amtsgeheimnis Gebt Sie gar nichts an. (Zu Spadinger.) Wieder umsonst. Graf. Werd' ich endlich erfahren, um was es sich handelt? Pommer. Der Spitzbub', den wir suchen, sein Sie nicht, aber Sie können ein anderer sein, also Auskunft, — ich — ich will amtliche Auskunft. Graf. Wenn Sie ein Recht haben, Auskunft zu verlangen, so sollen Sie dies nur in nüchternem Zustande thun, einem Trunkenbolde gebe ich keine Rechenschaft. Pommer (beleidigt). Was? Was war das? Bis ich nüchtern bin, — er will die Amtshandlung so lang hinausschieben. Und ich, Trunkenbold, — Wirth, Ihr seid Zeuge. Gröbliche Beleidigung. — Festnehmen. (Will den Grafen ergreifen.) Waise (tritt dazwischen und drängt Pommer heftig zurück). Wagt cs nicht Hand anzulegen. Pommer (taumelnd). Man stößt mich? (Schreit.) Gewaltthätigkeit, — Assistenz, Armee, Standrecht! Neunte Scene. Porige. Rauh. Rauh. Was geht hier vor? Pommer. Arretiren, arretiren, verdächtige Individuen, Widersetzlichkeit, Vergreifung ! Rauh (zum Grafen). Wer sind Sie, mein Herr? Graf. Zch bin Rudolf Graf von Hartberg, der Herr dieses Gutes. Spad. (weicht respektvoll zurück). Der Herr Graf! Pommer (zurücktaumelnd). Der Graf — Million — Spad. (leise zu Pommer). Da haben's wieder ein' schön' Plutzer g'macht! Pommer (sich sammelnd). Was Plu — Plutzer, — gibt's nicht bei mir, — der Herr Graf kann mich deßhalb nur achten! (Portretend.) Herr Graf, Ercellenz. Sie — Sie haben gesehen, daß ich immer auf den Beinen — (Wankend.) Niemals ruhig. Immer dem Verbrecher auf der Spur. Graf. Verbrecher! Ist hier ein Verbrechen begangen worden? Pommer. Schauerliches Verbrechen. Etwas Mord und Todtschlag. Aber gut, sehr gut, interessanter Fall, werd' mich auszeichnen. Graf (streng). Ich wünsche einen kurzen, aber klaren Bericht über den Vorfall. Spad. (leise zu Pommer). Lassen's lieber mich reden. (Laut ) Wissen's, Herr Graf, dahier im Gebirg gibt's a Menge Wildschützen, aber der keckste von allen ist ein gewisser Franz. Pommer. Ja, im Ucbrigen soll der Lump ein Ehrenmann sein. Ich kenn' ihn zwar nicht persönlich. Spad. Die Wirtschaft von sein'Pflegevater ist mehr als a halbeTagreis' von da, auf'n Schncekogel. Graf (aufmerksam). Auf dem Schneeko- gcl, und sein Pflegevater heißt? Spad. Hanns Rohrer. Graf (wankt und saßt krampfhaft Waise s Hand). Allmächtiger — Entsetzlich! (Zn Spadinger.) Was ist's mit ihm? Spad. Der Bursch hat zu sein' Unglück herüb'n über'n Berg a Liebschaft ang'fanqt — die Lori ist das schönste und bravste Dirnd'l auf zehn Stund' im Umkreis. Unser Herr Förster hat selber ein Aug' auf sie g'habt, hat aber g'hört, daß der Robrer Franz alleweil ganz keck, mit der Büchsen- auf der Schulter, zu ihr fensterln geht. Vor acht Tagen, in einer mondhellen Nacht, sein's aneinandergerathen, wie's zu'gan- gen is, weiß man nicht recht, aber g'nug, man hat einen Schuß g'hört und wie d' Iägerburschen dazukommen, liegt der Förster da in sein'm Blut, —die Kugel ist ihm durch d'Brust 'gangen. P o m m e r. Sehen's Ercellenz, der Schauplatz solcher schauerlicher Schauergeschichten ist das Gut. Aber trösten's Ihnen, der Frevel soll schauerlich gerochen werden. Ich bin da als Gcrichtshalter-Stellvertreter. 9 Graf. Aber was ist mit dem Jungen weiter geschehen? Spad. Er soll sich flüchtig im Gebirg Herumtreiben. Graf (aufathmend). Also, man ist seiner auch nicht habhaft geworden? Pommer. Herr Graf, Sie scheinen etwas wüthend zu sein, daß wir den Schlingel noch nicht haben, aber wir kriegen ihn, ich geb' Ihnen mein Wort, wir kriegen ihn, und dann hangt der Kerl, so wahr ich leb'. Beruhigen Sie sich also. Graf. Was ist's mit dem Förster? Spad. Er lebt zwar noch — Graf. Er lebt — er lebt — ich sende sogleich Eilboten nach der Stadt, die ersten Arzte sollen herbcigcholt werden! Pommer. Und wir setzen unermüdet dem Burschen nach! Nicht wahr, Herr Feldwebel? Rauh. Ja wohl, und wenn wir ihn gewahr werden, soll er uns nicht entkommen. Pommer. Und laßt er sich nicht gutwillig fangen, niederschießen, nur einfach niederschießen! Graf. Nein, nein, hört mick! Spürt den Flüchtling auf, doch sucht Euch seiner ohne Gewaltthätigkeit zu bemächtigen. Rauh. Allen Rcspect vor Ihnen, Herr Graf, aber ich handle nach meiner Ordre. Folgt der Bursche gutwillig, dann soll ihm kein Haar gekrümmt werden. Pommer. Wir werden ihn hernach schon frisiren. Rauh. Setzt er sich aber zur Wehre; — wird von der Waffe Gebrauch gemacht. Graf (zu Rauh). Sie kann ich nicht überreden, gegen Ihren Befehl zu handeln, "ber (zu Pommer) finden Sie ein Mittel, den Flüchtling unbeschädigt einzubringen. Hundert Ducaten demjenigen, dem dieß ge- lingt. Pommer. Hundert —- hundert Duca-^ ten — Feldwebel, das i a Red! Graf (lkise zu Pommer). Wenn Sie sei-' 'wr habhaft werden, verfahren Sie mit Schonung — zählen Sie auf meine Dankbarkeit. (Laut.) Doch jetzt will ich den verwundeten Förster besuchen. sZu Waise.' Herr Doctor, begleiten Sie mich, jetzt sind mir Ihr Rath und Ihre Hilfe am wichtigsten. (Mit Waise ab.) Pommer. Hundert Ducaten — Wirth —hundert Ducaten! Bei diesem Gedanken scheppert mein Hirn. Spad. Ja, wenn man wüßt', wie man den Burschen auf a pfiffige Art in die Fallen locket. Pommer. Ja pfiffig, das wäre das Rechte. Wann mir nur was Pfiffiges einfallet. Spad. Na vielleicht bei ein' Pfiff Wein — Pommer. Das wäre jedenfalls was Pfiffiges. Also gut. Halten wir Zwei da d'rin in der Gaststube ein Meeting und de- battircn wir über die Flüchtlingsfrage. (Alle in die Gaststube ab.) Verwandlung. (Stube in der Waldschenke der Veronika Hübler. Mittelthür und eine Seitenthür. Dachboden mit Leiter. Tische, Stühle. Sturmwind von außen, Dämmerung.) Zehnte Scene. Veronika. Lori. Veronika. Lori, Lori! Bist Du da? (Horcht.) Wieder nicht da! (Geht mit den Händen vorwärts fühlend, zur Mittelthür, öffnet sie, ruft hinaus.) Lori, mein Kind, bist da? Lori (von außen). Ja, ja, Großmütterchen, gleich! (Tritt ein.) Setzt's Euch daher, bis ich Licht gemacht Hab'. Veronika. Ist's schon so finster? O Gott, warum müssen meine Augen jetzt ihren Dienst versagen, wo's eh nicht mehr lang dauert, bis ich's ganz für immer zumach ! Lori (hat Licht gemacht). Redt's doch nicht so, Großmutter! (Horcht.) Hörst! Hörst! (Man hört von außen jauchzen.) Das ist der Hanns, er wird uns Nachricht bringen! 10 Etlfte Scene. Vorige. Hanns. Hanns. Sakra, is das a Wetter! Lori. Red' — hast was erfahren? Hanns. Leider nir Gnt's. Lori. Sie had'n ihn doch nicht erwischt? Hanns. Na, das nicht. Lori. Was is denn sonst g'scheh'n? Hanns. Soldaten sein in's Dorf verlegt. — Aber i Hab' a Schlucht anf- g'spürt, die nicht einmal unsre Jäger kennen, da bring' ich ihn heut' Nacht hinüber. Lori. O Gott, wenn ich denk', daß ich'n ninnner seh'n soll! Franz — mein Franz — Zwölfte Scene. Vorige. Ruprecht. Ruprecht. Der Teufel hol' das Wetter — Veronika. Wer kommt denn mit so ein' Gruß ins Haus? Lori (erschreckt). Der da. Hanns (heimlich). Wer ist's denn? Lori (wie oben). Sei auf deiner Hut. Das ist der Ruprecht, der Wildprethand- lcr. Ruprecht (keck zu Lori). Na, Schatzcrl, was ist's denn? Kann ich ka Glas Wein haben, bei Euch? Lori. Ein Wein könnt's schon haben, aber a Schatzerl müßt's Euch wo anders suchen. (Zn die Seitrnthür ab.) Ruprecht. Hahaha! Thut noch alleweil verdammt spitzig, die Dirn, weiß ihre wahren Freund' gar nickt zu schätzen. Veronika. Seid Ihr etwa der wahre Freund? Ruprecht. Na, das könnt's doch schon lang g'merkt haben? Veronika. Möglich, vielleicht wenn ich noch g'sunde Augen hält'. Ruprecht. Mir ist's recht, daß euer Lori fort ist. Ich möcht' mit Euch ein Wörtl reden. Veronika. Na, so redt's, hör'n thu ich noch gut. Ruprecht. Schaut's, euer Lori frißt »ich 's Leben hinunter weg'n dem Franz. Veronika. So — so — und was möcht's denn Ihr da thun? Ruprecht. Wenn Ihr Vertrauen zu mir hätt's — Alles! — Schaut's, Ihr wißt's g'wiß, wo er ist, sagt's mir's, — wo ich ihn treffen könnt' — ich bring' ihn hinüber über die Grenz — also Muttcrl, g'scheidt sein — Dreizehnte Scene. Vorige. Rohrer-Franz. Lori. Lori (die schon früher eingetreten). Um Gottes willen, Franz! — Hanns (deutet auf Ruprecht). Fort! Fort! Lori. Geh, um Alles in der Welt. Franz (leise). Ich kann nicht. Um Gottes willen, versteck' mich, sonst bin ich verloren. Veronika. Pst! Hör' ich nicht reden? Ruprecht. A neuer Gast. Lori. A Wanderbursch, der sich im Wald verirrt hat — Veronika. Wir dürfen aber kein Nachtlager geben — Ruprecht (Kranz fixirend, harmlos). Aber ausrasten darf sich der Bursch doch. Na kommt's, setzt's Euch da zu mir. — Lori, bringt's ihm auch ein Krügel auf meine Rechnung. (Bei sich ) Wenn am Eud' — Lori (bei sich). Jetzt heißt's sich z'samm'- nehmen. (Zu Franz.) So setzt's Euch her- (Leise zu ihm ) Red' nir, d'Großmutter is da, sie erkennt dein Stimm', in der Angst verrathet sie sich. (Zu Veronika.) Großmutter, legt's Euch lieber nieder, ich besorg' schert All's, der Hanns is auch da. Veronika. Ja, ja, führ' mich auf mei' Stub'n. (Beide ab.) Hanns (leise zu Kranz) Ka Furcht zeig'«. (Kranz setzt sich.) 11 Ruprecht. Ihr seid's nie in der Gc-I gend g'wesen? Franz. Niemals. ^ Ruprecht. Was habt's denn fiir a Handwerk? Franz. I bin a Eisenarbeitcr aus'm Gcbirg. Ruprecht. So! (Bei sich.) Die Hand' schauen nicht darnach aus — Vierzehnte Scene. Vorige. Lori. Lori (bringt zwei Krüge). So, laßt's Euch schmecken. (Leise zu Hanns.) Glaubst, hat er ein Verdacht? Hanns (leise). Richtig kommt er mir nicht vor, aber laß nur mich machen. Ruprecht (zu Kranz). Wohin führt Euch denn euer Weg? Franz. Nach Stollenberg — Ruprecht. Das macht sich gut. Ich Hab' grad den nämlichen Weg. Franz. Ich kann nicht so bald fort, meine Glieder sein völlig steif vom Bergsteigen. Ruprecht. Na, macht nir, ich geh' auch nicht so bald. Ich will erst beim Glas Wein die Zeitung lesen. (Zieht aus der Tasche eine Zeitung hervor, bei sich.) Jetzt werd' ich gleich Gewißheit haben. (Entfaltet das Blatt, liest darin und wirft Blicke aus Franz.) Hanns (sieht ins Blatt hinein, prallt erschreckt zurück. Bei Seite zu Lori). Um Gottes willen, er hat den Steckbrief! Lori (verzweifelt, leise). Und wie cr'n anschaut. Er ist verloren! Hanns (zieht seine Pfeife). Ich brenne Mir noch a Pseiferl an. (Zu Ruprecht.) Seid's >0 gut. (Reißt ihm das Blatt aus der Hand.) Ruprecht. Was thut's denn? Hanns. Mein Pfeiferl anzündcn. (Zündet das Blatt an.) Ruprecht. Aber mei' Zeitung. Hanns. So! Das war a Zeitung, na, macht nir, steht ja so nir Neu's drin. Ruprecht (bei sich). Ich weiß genug. (Steht auf.) Lori. Ihr wollt'S fort? Ruprecht. Ja, der Camerad da kommt mir doch a wenig z'müd vor, er is ja völlig zcrleckzet. (Bei sich ) Mir is er sicher! Hanns (rüttelt Kranz). He da, Detter, kommt's da d'Leiter hinauf, — legt's Euch schlafen. Franz. Ja — schlafen, nur a Stund' schlafen — Hanns (führt ihn zur Leiter). Auf der andern Seiten vom Boden durch die Dach- lucken wieder hinauf, unten liegt der Düngerhaufen, da spring d'ranf und dann schau , daß d' wieder in dein Versteck kommst. Franz (hinaufsteigend). Dergelt's Gott tausendmal! (Verschwindet ) Hanns. So. —Und Du, Lori, kannst jetzt schlafen geh'n. Lori. Na also, gute Nacht, Ruprecht! Ruprecht. Ich wünsch', daß Euch nichts im Schlaf stört. Lori (ab). Hanns (bei sich). Jetzt heißt's mein' eigenen Kopf aus der Schlinge zich'n. (Faßt Ruprecht s Hand.) He, Ruprecht! Ruprecht. Was hast denn? Hanns. Habt Ihr den fremden Burschen nicht kennt? Ruprecht. Hm! Kennst Du ihn? Hanns, 's war der Rohrer Franz. Ruprecht. Wirklich? Hanns, Ich Hab' mich nur vor der Lori so g'stellt, als ob ich ihn nicht kennet. Aber es laßt sich was verdienen dabei — Halt's Ihr mit? Ruprecht. Ja wohl. Hanns. So holt's a paar Jäger oder Soldaten, vom Gericht soll auch wer mitkommen. Geht's, geht's, schaut's, daß bald wer kommt, denn ich fürcht' mich. Ruprecht. In einer Viertelstund' sein's da. -.) Hanns (bei sich). Gut, ich geh', aber losen muß ich, was da auskockt wird. (Ab.) Lori (ebenfalls). Pommer. Also wir sein allein, Sie können ungenirt ausrucken. Waise. Zuerst zur Hauptsache. Pommer. Das sein die hundert Du- caten. Waise. Ja, ja, auch das. (Zieht dir Börse.) Hier. Pommer. Nsrei. sehen Sie, der Preis hat gewirkt, — nur ausfckreiben, dann kommt das Schlechte gewiß zu Tag. Hanns (lauscht). Waise. Kann man mit Ihnen ein vernünftiges Wort reden? (Knecht bringt das Frühstück.) Pommer. Vernünftig — »ja, — aber wenn der Mensch nüchtern ist, ist's vernünftigste, wenn er frühstückt. (Zum Knecht.) Nur da her, auf den Amtstisch. (Knecht ab.) Ist's vielleicht auch gefällig? Waise. Danke. (Setzt sich.) Pommer. Keine Umstände, trinken Sie. Waise. Sie haben sich da tüchtig vorgesehen. Pommer. Ja, das ist nothwendig, sonst vertrocknet man bei dem Actenleben ganz, und das Gemüth geht verloren, aber so — wenn ich so a paar Stutzen hinunter- g'lassen Hab', bin ich auch gls Richter ein sehr gemüthlicher Kerl. Waise. Ihr Wohl! > Pommer. Ja, Gemüthkichkeit, das ist die Hauptsache. — Was ist der Mensch ohne Gemüthlickkeit! ? Fünfte Scene. Vorige. Martin. Martin. Herr Gerichtshalter! Pommer. Was ist los? Martin. Der Gefangene macht ein Mordspectakel, — er schreit wie ein Besessener. Pommer. Geh hinunter und sag' ihm, ich laß' mich ihm empfehlen, er möcht' sich nur a bißl gedulden, bis ich g'frühstückt Hab', dann werd' ich das Vergnügen haben, ihm fünfundzwanzig heruntermeffen zu lassen. Martin. Ich werd's ausrichten. (Ab.) Waise. Sie werden doch das nicht thun? Pommer. Ja, das werd' ich thun. Waise. .Um des Himmels willen, deshalb bin ich gekommen. Pommer. Sie! — Sie wollen die Fünfundzwanzig? Waise. Der Herr Graf läßt Sie ersuchen, Sie wollen den Gefangenen vor der Hand mit einiger Rücksicht behandeln. Pommer. Na ja, wenn Einer g'haut wird, so muß man bei ihm Rücksicht nehmen. Waise. Nein, er meint mit Schonung. Pommer. Schonung? Das Stück spielen wir nicht. Vor Gericht gibt's keine Schonung, tmt inunäus, pereal justitia. Wer Teufel haltet's sonst ans als Gerichtshalter. Waise. Es ist aber ein ganz eigenes Verhältnis Pommer. Geht mich Alles nichts an. Waise. Herr Pommer, nehmen Sie Vernunft an. Pommer. Was? Ich soll was annehmen? Und gar Vernunft? In dieser Beziehung bin ich unbestechlich. Waise. Zum Henker, hört doch, es ist kein gewöhnlicher Verbrecher. Pommer. Nein, sondern ein außergewöhnlicher, fordert also außergewöhnliche Strenge. (Klingklt.) Diener (kommt). Pommer. Nur derweil die Bank herein. Waise. Herr Pommer, Sie können — Sie dürfen nicht. Pommer. Was — nicht dürfen, das wollen wir sehen. (Schlägt in den Tisch.) Mordigell und Essig, — Herr, Sie kennen mich nicht. Waise. Seid nur ruhig. Pommer. Keine Spur, jetzt bin ick grad in der rechten Verfassung, ein fürchterliches Gericht zu halten. Sie können dabei bleiben, ich erlaub's. Können sick gleich überzeugen, ob ich darf, wenn ick sag' niederlegen und wenn ich dictir füns- undzwanzig, so sollen's sehen, wie famos der Wächter mit'm Haslinger Dictando schreibt. (Geht zur Mittelthür.) Man schleppe den Jnquisiten herbei. Waise. Noch einen Augenblick — Pommer. Ja, was wollcn's denn noch? Waise. Ich muß Ihnen den wahren Sachverhalt sagen, um Sie von Ihrem Verfahren abzuhalten. Pommer. Geben Sie sich keine Müh'. Waise. Der Gefangene ist — Pommer. Der Rohrer-Franz — Waise. Eben dieser ist — Pommer. Ein Wildschütz — Waise. Ja doch, aber er ist — Pommer. Ist er noch was? Waise. Er ist (ihm leist ins Ohr) der Sohn des Herrn Grafen. Pommer (taumelt zurück). Jetzt fall' ick wohin,—das ist mein End'.— (Sinkt in den Stuhl.) Es dreht sich Alles mit mir um. Rohrer-Franz, Wildschütz, Grascn-Sohn; es ist nicht möglich, nicht möglich! Waise. Ich gebe Euch mein Wort darauf. Pommer. Es ist schrecklich; in so einer Verlegenheit war ich noch nie. Was soll ich jetzt mit ihm anfangen? Waise. Der junge Mann soll und darf es jetzt nickt erfahren wer er ist, der Herr 17 Graf wünscht, daß Sie ibn während der! Verhandlung mit möglichster Schonung! behandeln. Pommer. Alles recht, aber wenn er den Mord eingesteht? Waise. Was sprechen Sie von Mord, — der Förster lebt. — Dann haben Sie ja den Förster auch noch nicht vernommen. Pommer. Nein, den noch nicht. Waise. Also kurz, Sie werden den Gefangenen anständig behandeln. Pommer. Versteht sich, mit unsinniger Hochachtung. Ick räum' ihm das schönste Zimmer im Gerichtshausc als Kerker ein. Sechste Scene. Vorige. Diener (mit der Bank). Pommer. Herr Gott im Himmel, was bringt er da? Diener. Na, die Bank. Pommer. Schafskopf, wird er sich damit hinauspacken? Diener. Sie haben ja selber gesagt, die Bank. Pommer. Bank? Na ja, d. h. eine Bank zum Sitzen — ein Dings da, ja ein Sofa, nur Alles bequem für den Herrn Arrestanten. Schau, daß Du weiter kommst. (Diener mit der Bank ab.) Die nobelste Be- bandlung, alle Auszeichnung, und ich, ich bin noch im Schlafrock, ich muß Toilette machen, um ihn zu empfangen, Sie entschuldigen. Waise. Ja, ja, ich gehe, also nochmals — (den Finger aus den Mund legend.) Pommer. Pst! Waise. Nack dem Verhör kommen Sie auf's Schloß, um dem Herrn Grafen Beucht zu erstatten. Pommer. Wird mir eine wahnsinnige Ehre sein. Waise. Also auf Wiedersehen! (Ab.) Pommer. Mir geht's im Kopf wie un Mühlrad herum, — jetzt heißt es sich als Mann von Welt, als nobler Kerl zei- das ist eine Tour. Zch Hab'mir erst Tbeater-Repettoiit. !)ir. 107. Letzthin einen schwarzen Frack 'kaust, den leg' ich an, in so ein' Frack steckt schon die Galanterie d'rin, auch Hab' ich von dem Koch des seligen Herrn Grafen a bissel Französisch abg'spickt, o es wird famos gehen, jetzt nur an die Toilette! (Reißt die Thür auf.) Siebente Scene. Voriger. Lori. Lori. Ist der Franz schon da, — kann ich ihn schon sehen? Pommer (bei Seite). Teufel — die — die ist die Geliebte vom jungen Grafen, vielleicht die zukünftige Gräfin. Lori. So reden's doch. Pommer (bei Seite). Da kann ich mich gleich in der Galanterie ein bissel einüben. — Mein Fräulein — Lori. Sein's denn von Sinnen? Pommer. O non, lVlaäemoigelle, aber es gehen Dinge vor, die alle Verhältnisse verrücken. Lori. Werd' ick den Franz bald sehen? Pommer. O ja, Seine Ercellenz! (Bei Seite.) Pst, nir verrathen. (Laut.) Za, der Dings da, der Herr Franz wird mir bald dieEhre erweisen, übrigens paräon,lVla<1e- rno^elle, jo 8U18 6N ne^liA^, et je aller au toilette — exou86L-vou8 — Lori. Na, was Sie zusammenreden Pommer. Ost lVlaäenioiZelle, vou8 vier tre8 naive. Aber Sie werden diese Sprache schon noch lernen, indeß bitt' ich nur, einige Moments hier verweilen zu wollen. (Holt einen Stuhl.) Bitte gefälligst Platz zu nehmen, meine Gnädige, ich wcrf' mich nur in Staat, werd' sogleich wieder so glücklich sein. Küß' die Hand, Ew. Gnaden. (Ab, bei Seite.) Es geht mit der Galanterie, es geht famos. (Ab.) Lori. Bei dem is überg'schnappt. (Deutet aufs Hirn.) L IS Achte Scene. Porige. Hanns. Hanns tbei Seite). Was Hab' ich g'hört, der Franz ein junger Graf, na, na, das kann ich gar nicht glauben. — Lori! — Lori. Laß mich oder ich schrei um Hilf.' Hanns. So hör' mich doch nur, ich Hab' ja den Franz errett', er ist frei. Lori. Was? Frei! Was sagst? Aber was sagen denn Alle, daß Du selber — Hanns. Ja, ich Hab' ihn nur auf die Art retten können, daß ich ein' Andern statt seiner Hab' fangen lassen. Lori. Hanns, red'st wahr? Hanns. So wahr's ein' Gott im Himmel gibt. Aber, Lori, jetzt sei g'scheit, es gilt den Franz z'retten. Lori. Aber wo ist er denn? Hanns. Er ist in der Berghöhle versteckt. Doch 's Wichtigste ist, daß der, der für ihn eing'fangen worden ist, noch a Weil sür'n Franz g'halten wird. Lori. Aber was kann denn da ich thun? Hanns, 's Allermeiste. Sie wer'n D i ch rufen und da bleib' Du nur bamfest dabei, daß er dein Schatz ist, fall' ihm um den Hals — Lori. Was? Hanns. Du rett'st dadurch dein' Franz. Also g'scheit sein. Ich mnß jetzt sott. B'hüt Dich Gott! (Ab.) Lori. Mein Franz ist frei, — jetzt gilt's, — ich muß mich z'sammennehmen, muß mich verstell'n, Gott wird mir die Sund' vergeben. Neunte Scene. ' Vorige. Pommer. Pommer. Ja, jetzt heißt'san'sG'schafr. Aber nun, Mademoiselle, belieben Sie einstweilen wieder in das Nebenzimmer zu treten, bis der weitere Verlauf der Gerichtsverhandlung Ihr Ersckeinen nothwen- dig macht. Lori. Wenn ich Ihnen so anschau, so muß ich beinahe lachen. (Ab.) Pommer. Sie lacht. Ja, sie hat leicht lachen. Wenn ich die Geliebte eines heimlichen Grafen wär', so lachet ich auch. Aber nur ruhig. Werweiß, zu was ich's noch bring', wenn ich jetzt bei dieser äußerst kitzlichen Gelegenheit mich in die Gunst des gräflichen Stammhalters setz'. Also an das große Werk! (Klingelt) Zehnte Scene. Vorige. Martin. Pommer. Geh' Er in den Gemeindekotter, ich laß' den Herrn Arrestanten bitten, mir die besondere Gnad' zu erweisen, sich gütigst zum Verhör herüber bemühen zu wollen. Martin. Was? Pommer. Was hat er denn? Ja, ja, wörtlich so, wie ich ihm's g'sagt Hab', richt' Er's aus. Martin. Bitten? Gnad' erweisen. So soll ich mit ein' Spitzbuben reden? Pommer (packt ihn). Unglückseliger. Noch einmal so eine Aeußerung und die Welt ist um einen Wächter ärmer. Du Flegel, Du Grobian, Du roher Büffel Du! — (Wirst ihn hinaus.) Daß doch dieses Volk gar keine Höflichkeit lernen will, und hat doch alle Tage mich vor Augen. Eilfte Scene. , Vorige. Caspar. Martin. Diener. Caspar. Wo ist das Rhinozeros von einem Richter? Pommer. Hier, unterthänigst aufzu warten. Caspar. Der ist's. G'freu' Dich, ich bin kein Mensch mehr, ich bin eine mit Zorn und Ingrimm geladene Pistole, jetzt ist der Augenblick, wo ich mich entladen will. (Geht aus Pvmmer zu ) Pommer. Aber, hochwohlgebornerHerr Arrestant, ich bitte nur wenige Augen- 19 blicke Moderirung, wir werden uns verständigen. Sie sollen ohne Zeugen vernommen werden. (Zu dkl, Andern.) Hinaus! (Diese ab ) Caspar. Mich arretiren, mir einen Knebel ins Maul stecken, mich in den Kotter werfen! Pommer. Ew. Gnaden, ja, ich weiß, es sind allerdings Vorgänge gepflogen worden — aber ich Hab' nicht gewußt — Caspar. Million Bomben! Ich will Aufschluß, Satisfaction. Hören Sie, Schafskopf, Satisfaction! (Schlägt auf den Lisch.) Pommer. Alle mögliche Satisfaction, gnädiger Herr, aber lassen Sie nur mit sich reden. Caspar. Weiß der Herr, wer ich bin? Pommer (bei Seite). Ich darf ihm's noch nicht sagen. (Laut.) 3ch Hab' zwar noch nicht die Ehre, aber wollen sich Ew. Gnaden mäßigen. Caspar. Ich bin Patron der Chirurgie. Pommer. Patron!Hahaha! Ew. Gnaden wollen verläugnen, wer Sie sind, thun Sie das nicht, Sie stehen sich selbst in der Beleuchtung. Glauben Sie mir, Sie können ungenirt Alles gestehen, bei Ihnen wird es keine Folgen haben. Caspar. Aber was hat denn das unge- sottene Kalbshirn? Pommer. Gnädiger Herr, ich beschwöre Sie, mäßigen Sie sich, lassen Sie uns ganz ruhig zum Verhör schreiten. Caspar. Verhör? Bin ich ein Verbrecher? Pommer. Nur pro kormn, Alles rein nur aus Spaß. Caspar. Hören Sie, Sie sind so ein ipaßiger Kerl, daß ich Ihnen rein nur aus ^Paß den Hirnsckädel einschlagen könnt'. Pommer. Kommen Ew. Gnaden nicht wieder in Zorn. Denken Ew. Gnaden, die Wege des Schicksals gehen einmal nicht anders. Also, ist's gefällig Platz zu nehmen? Ich hitt' recht sehr. Caspar. Also in Gottesnamcn. Pommer. So, jetzt bitt' ich auf alle Fragen ganz aufrichtig zu antworten. Caspar. Na, so fragen's. Pommer. Wie belieben Sic zu heißen? Caspar. Caspar Hieronymus Pillner. Pommer. Aber Ew. Gnaden, reden's keine solche Dummheiten. Caspar. Mein ehrlicher Name eine Dummheit? Pommer. Ich weiß ja, welchen Namen Ew. Gnaden vor der Hand führen. Caspar. Da bin ich neugierig. Pommer. Ich werd's gleich ins Protokoll schreiben. (Schreibt.) Ich heiße Franz — Caspar (springt aus). Was? Pommer. Genannt der Rohrer-Franz. Caspar. Himmel und Erde! (Zerreißt das Papier.) Pommer. Mein Protokoll, Ew. Gnaden ! Caspar. Ich der Rohrer-Franz? — Der Wildschütz? — Pommer. Läugnen Sie nur uicht, ge- steh'n Sie's — Sie sein der Rohrer- Franz. Caspar. Nein, dreihunderttausendmal nein! Pommer (bei Seite). O Gott, was für eine Wohlthat wär' jetzt die Bank! (Laut.) Euer Gnaden sein so ein bockbaniger Ding. (Bittend.) Liebster, bester Franz! Caspar. Wenn Sie nit 'sMaulhalten, meiner Seel' — Pommer. Geduld, verlaß' mich nicht. — Aber halt, jetzt fallt mir was ein. Ich will ihn schlagend überweisen. Gut. Sie wollen nicht der Franz sein, jetzt will ich's Ihnen beweisen. Bleiben Sie da stehen und sehen Sie dort gegen die Thür. Caspar. Ruft Er wieder die Gerichtsdiener. Jetzt vertheidig' ick mich. Traut mir so a Bengel — Zwölfte Scene. Vorige. Lori. Caspar. Das ist kein Bengel, sondern ein Engel. Pommer. Da steht der Gefangene. Kennst Du ihn? Wer ist's? Lori (btt Seite). Jetzt gilt's. (Laut.) Franz, mein Franz! Caspar. Jetzt weiß ich nicht, bin ich in einem Narrenhaus, oder bin ich selber verrückt. Was Franz, wer Franz? Lori. Du bist mein Franz, mein Schatz. (Umarmt ihn.) Caspar. Obd's aufhörst. Na, nit! Lori. Gibst mir denn heut' ka Bussel? Caspar. Sie ist auf jedenfalls ein Narr, aber a lieber Narr. — (Saut ) A Bußl? Lori. Ja, Franz. Caspar. Na, auf das kvmmt's mir nickt an. (Küßt sie.) Meiner Seel', — so a Gebirgsbussel is gar nit z'wider. (Küßt sie.) O Du lieb's Trutscherl! Lori. Hast mi denn no alleweil gern? Caspar. Unsinnig. Ich komm' da zu ein' Schatz, ich weiß nicht wie. Pommer. Cs ist kein Zweifel mehr. — Sie sein's, und ick bin unendlich glücklich, daß Sie sich entdeckt haben, gräfliche Gnaden. Caspar. Was? Pommer. Derzeihn's, cs is mirheraus- g'rutscht, — aber alleseins, erfahren müssen Sie's dock. Euer Gnaden haben noch keine Ahnung, aber ich will der Erste sein, der seine Huldigung darbringt. (Schreit.) Vivat, der junge Herr Graf! Vivat hoch, Ew. Gnaden! Sie werden meiner nicht vergessen, wenn Sie nur bald den Stand einnehmen, der Ihnen durch Ihre Geburt gebührt, ich eile auf's Schloß, um zu rapor- tiren, bleiben Sie indeß hier mit Hochdero Braut. Caspar. Hab' ich denn mein' Kopf noch? Ja, da ist er. — Ich ein junger Graf, — aber halt, das wird's sein, — man hat mir immer erzählt, daß sich im Gebirg' so viel Trotteln aufhalten, ich bin in ein Trotteldorf gerathen. — Uebrigens ist das eine sehr saubere Trottlin. (Zu Lori.) Na, komm' her da — Schatzerl. Lori. So a Schatz der ging mir noch ab. Caspar. A saubers Bussel. (Umschlingt sie.) Sträub' Dich nicht, — Du hast mich gerichtlich auf den ersten Satz vorgemerkt (Lori schreit) Dreizehnte Scene. Vorige. Rohrer-Franz. Franz (springt durchs Fenster). Halt! Was geht da vor? Caspar. Was ist das wieder? Lori. Kranz, mein Franz! Caspar. Jetzt ist der wieder der Franz. — Mir scheint, die hat die fixe Idee, daß sie jeden Mann für ein' Franz anschaut. Lori. Aber um Gottes willen, Franz, Du traust Dich da herein? Franz. Nach dem, was ich jetzt weiß, fürcht' ich mich nimmer. Aber wer ist denn der freche Bursch' da? Caspar. Pardon! Ich Hab' müssen, es war eine Umarmung ex okkoio! Lori. Das is der, der statt deiner — Franz. Ah so, hahaha, —' macht's Eng nir d'raus, Enger Angst zahl' ich Euch mit Gold. Caspar. Was red't der Haderlump? Vierzehnte Scene. Vorige. Pommer. Pommer. G'rad' komm' ich. —(Zu Franz.) Frechling, — wer ist er? Franz. Schaut's mich an, ich bin der Rohrer-Franz! Pommer. Was? Er? — Er und hier (Auf Caspar.) der Rohrer-Franz in äuxlo. Franz. Ich bin der echte — dir da (auf Lori zeigend) kann's Euch sagen. 21 Pommer. Was, die? Die hat ja g'rad g'sagt, daß der da — (aus Caspar zeigend) ihr Schatz ist. Franz. So fragt's den. (Aus Hanns zeigend.) Pommer. Himmelsapperment! G'rad' der hat mir ja den (auf Caspar zeigend) in d'Händ g'liefert. Franz. Das war nur Foppetrl. Pvmmrtt Ja, wo steht mir denn mein Kopf? Caspar. Jetzt ist's recht, jetzt hab'ns die Narren so weit getrieben, daß sie sich selber nicht mehr auskennen. Pommer. Fopperei, — eine an mir verübte Fopperei! — Wer hat es gewagt? Aber nein, nein, ich bin noch nicht gefoppt, mir scheint, ich soll jetzt erst gefoppt werden. Aber bei mir geht das nicht so leicht. (Zu Kranz.) Wie kommt Er da herein, ich frage wie? Franz. Beim Fenster bin ich eing'stiegen. Pommer. So? Also freiwillig in's Gerichtshaus. — Sieht Er, daß Er ein kecker Lugner ist. Ein wirklicher Verbrecher stellt sich nie freiwillig. Es ist also unmöglich, daß Er der Rohrcr-Franz ist. Caspar. Aber ich hab's Euch ja alleweil g'sagt, daß ich der Franz nicht bin. Pommer. Eben das stimmt für Sie. Alle wirklichen Verbrecher läugnen, aber letzt (bittend zu Caspar) bitt' ich Sie, bringen Sie keine neue Confusion in die Sacke. In Ihnen Hab' ich die Ehre den steckbrieflich verfolgten Jnquisiten zu besitzen, und Er — Er ist ein frecher Lump, ein Kerl, der sich nur für einen Verbrecher "usgibt, ich werd' ihn durch die Wächter aus dem Gerichtshaus. auf das er sich noch keine Ansprüche erworben hat, hinauswer- sen lassen. Franz. Jetzt ist mir's zu viel, jetzt sed ich nicht mehr als der Franz mit Euch, "h.red' als junger Graf und besteh' d'rauf, daß ich zu mein' Vätern, dem alten Grafen, bracht werd', und wenn Jhr's nicht thut; so geh' ich allein, und mein erstes G'schäft ist, daß ich Eng von Engerer Richterschaft absetz'. Pommer. Was? Er mich absetzen? (Zu Caspar.) Gnädiger Herr, ich bitt' Sie, was sagen Sie dazu? Caspar. Ich sag', Er hat Recht. Führt's uns alle Zwei zum Grafen. (Bei Seite.) Ich hoff' doch, daß der alte Graf Nicht auch Mitglied des Narrenthurms ist? Pommer. Vom Grafen komm' ich ja gerat»' und der hat befohlen, den Franz auf's Jagdschloß zu führen. Pommer. Aber wenn ich ihm jetzt zwei Fränze statt Einem bring', wie steh' ich da? Caspar. Besser zwei als einen, so bat er's zum Aussuchen. Pommer. ES bleibt nichts Anderes übrig, also kommen Sie. Aber das sag' ich Euch, derjenige, der nir ang'stellt hat, den laß ich hernach hauen, daß ihm die Scharten krachen, aber vor der Hand — (höflich) schätz' ich mich glücklich, an Ihrer Seite zu gehen. (Zu Lori.) Mein Fräulein, wollen Sie uns gütigst folgen? (Alle durch dir Mittrlthür ab.) Verwandlung. Saal mit Terrasse, Aussicht in deu Park- Fünfzehnte Scene. Graf. Waise. Graf. Gott sei Dank, wir sind hier ungestört. Nun erzählen Sie, Sie waren bei dem verwundeten Förster, — wie fanden Sie ihn? Waise. Er spricht nichts, ächzt und stöhnt, — doch kann ich nicht verhehlen, daß ich seine Schmerzensäußerungen für übertrieben halte. Graf. Und was sagt der Arzt? Waise. Ah, der Dorfarzt ist einScbwach- kopf, noch dazu dem Trunk ergeben. Wenn nur ein tüchtiger Arzt käme, der die Wunde untersuchte; dann wollte ich den Förster schon zum Sprechen bringen. 22 Sechzehnte Scene. Vorige. Diener. Dann Pommer. Franz. Caspar. Diener. Gräfliche Gnaden — Graf. Was soll's? Diener. Der hiesige Gerichtshalter kommt eben mit zwei Burschen in Bauernkleidern. Graf. Er bringt den Gefangenen. — So muß ich meinen Sohn zum ersten Male sehen. (Zum Diener.) Laß' den Ge- riebtshaltcr zu mir herauf. (Dimer ab ) Ich zittere vor dem nächsten Augenblick. Waise. Ich werde mich entfernen. Graf. Nein, nein, bleiben Sie, lieber Freund. —- Still, ich höre kommen. Pommer (mit Franz und Caspar). Gott, sei Dank, daß ich einmal da heroben bin, Ew. Gnaden, Herr Graf, denn das war eine Diechtour, was ich mit dem Kerl (auf Franz zeigend) auf dem Herweg ausg'standcn Hab'. Alle Leut' im ganzen Dorf hat er rebellisch g'macht; Jeden, dem wir begegnet baben, haterzug'rufen: »Kommt's nur mit, Ihr sollt's den jungen Grafen kennen lernen,« und so hat sich hinter mir ein ganz anständiger Queue bgeildet, der sich vom Dorf bis in den gräflichen Park mitg'schleppt hat. Graf. Ich kann mir den Vorgang nicht erklären. Ich ließ Ihnen sagen, nur den Einen zu bringen, was sollen die Zwei — Pommer. Ew. Gnaden werden nicht gleich capiren. (Zu Franz t Da stehen bleiben und nicht mucksen. (Führt Caspar galant vor.) Hier ist derjenige, der als Rohrer- Fran; arretirt wurde. Graf. Also — Du — Du? Caspar. Er redt' per Du, bei dem ist's auch nickt richtig. Pommer. Herr Graf, ich babe, ohne mich zu rühmen, eine Eselsarbeit mit ihm g'hab't. Er will durchaus nicht gestehen. Graf. Längne nicht, ein offenes Ge- ständniß — Caspar. L-chaun's, Herr Graf — den da — (ans Pommer zeigend) nehm' ich gar nicht in die Cur, denn dem ist nicht zu helfen, wenn man ihm nickt gleich ein neues Hirn einsctzt — aber Ihnen — Waise. Ja — ja, diese Haltung — diese Stimm — er ist's — Herr Pill- ner — Caspar. Was, ein Mensch, der mich beim rechten Nam' nennt? — Den laß' ich gar nicht mehr aus. Sie kennen mich, retten Sie mich. Graf. Herr Doctor kennen ihn? Waise. Ich hätte bei einer Fechtübung eine Schmarre erhalten, und er hat mich behandelt. Caspar. Und er lebt noch? Wunderbare Fügung des Schicksals! Waise. Er ist ein komischer Patron, aber ein ganz tüchtiger Wundarzt. Graf (zu Pommrr). Was für dummes Zeug haben Sie denn da angestellt? Pommer. Verzeihen, Ew.Gnaden, mir scheint selbst, ick war ein Hornochs. Caspar. Wenn Sie darüber ein ärztliches Zengniß wollen, so kann ich es mit bestem Gewissen thun. Graf. Lieber Freund, eilen Sie in das Forsthaus, der Herr Doctor wird Sie begleiten. Pommer. Also das war der Unrechte. Jetzt schauen sich halt Euer Gnaden den an, vielleicht thut's der! Graf (zu Franz). Wer bist Du? Franz. Mir scheint, das wissen Sie besser als ich, übrigens fragt's den alten Rohrer selbst, er is auch mit herauf und wart't unten im Garten. Graf (zum Pommer). Holen Sie mir sogleich den Mann, ich will indcß den Burschen allein vernehmen. Pommer (bri Skitt). Er ist's richtig. (Zu Franz ) Ich empfehle mich Ihrer Huld, junger Herr, erlauben Sie mir, Hochdere Hand zu küssen. Franz. Dös schon. Da. (Reicht ihm die Hand.) «3 Pommer. Vor der Hand hat diese Hand noch kein gräfliches Parfüm. (Ab.) Franz. Und jetzt, Herr Vater, gcben's mir a Bußl. Graf. Halt! Nock fehlen die Beweise — vorerst erzähle mir den Hergang der Sache, warum Du des Mordes verdächtig. Franz. Die Sack' war so. Ich wollt vor acht Tagen zu meiner Lori in die Wald- schänk'. Auf einmal springt hinter'm Gebüsch der Förster hervor und schreit: »Gib dein G'wehrher.« Ich sag': »Holt's Euch's,« und mack ein' Satz über ein'n tiefen Graben. — Da hetzt er den großen Fanghund auf mich, — ich reiß mein' Flinten herunter — aber weiß Gott, wie's kommen is — mein Kugel hat ihn troffen. — Aber jetzt, Herr Vater, verlier'n wir ka Zeit, — laffen's die Bauern auffikommen und sa- gen's ihnen selber, daß ich Ihr Sohn bin. Graf. Hör' mich an. Ich will Alles ausbieten, Dich zu retten — für dein Glück sorgen, doch unter einer Bedingung — Franz. Bedingung? Und die ist? Graf. Nach deiner Rechtfertigung wirst Du diesen Ort verlassen. Franz. Was, von da fort, am End' gar von meiner Lori weg? Ah, das thu' ich nicht — (Mt zur Terrasse.) Heda, kommt's auffa, Alle, Alle, Halloh! Graf. Schweig, Wahnsinniger, oder ich gebe Dich auf. Siebzehnte Scene. Vorige. Pommer. Diener. Lori. Roh- rer. Margareth. Hanns. Landleute. Jagdgäste. Veronika. Pommer. Was gibt's denn? Graf (leise zu Kranz). Füge Dich meinem Befehle. Was geschieht, gesckieht in deinem Besten. (Laut.) Bringt den Burschen auf ein Zimmer des Scklosses und bewacht ihn sorgfältig. Franz. WaS?„Mich wieder einft>erren, das gibt's nöt. Redt's Vater Rohrer, sonst sperren's mich zeitlebens ein. > Rohrer. Was? Mein Franz — na, daß därf nit g'schehn. Der alte, Herr Graf hat vor einundzwanzig Jahren sein Kammerdiener zu uns g'schickt mit ein' klein' Kind — Graf. Und dieses Kind Achtzehnte Scene. -<. Vorige. Mayendorf. Gesellschaftsdame. ^ u i Rohrer. Das ist — Gräfin. Also — Rohrer. Mein Gott, die Frau — - Graf. Ha, meine würdige Tante! Gräfin. Sprecht. Ich entbinde Euch Eures Eides — Rohrer. Das Kind, was mir damals vom Kammerdiener des Herrn Grafen übergeben wurde, hat ei« halbes Jahr später die Frau Gräfin wieder von mir begehrt. Graf. Wie? Sie? Gräfin. Ich war nickt so hart als mein Gemal, Dein Oheim. Ich übergab cs einem Institute, dessen Schutzfrau ick ward. Franz. Und ich, wer bin denn nachher ich? Rohrer. Du, Franz, bist das Kind von meiner Mahm. Franz (zu Lori). O je, im is mit'm Graf sein, — jetzt wern's mich gleich bei der Falten haben. Neunzehnte Scene. Vorige. Waise. Caspar. Caspar. Herr Graf, Herr Graf — ich komme gehorsamst zu melden, daß Ihr Herr Förster ein elender Schuft und der hiesige Dorfarzt ein Esel oder ein mit dem Förster einverstandener Lump ist. Waise. Die Wunde ist nichts als ein leichter Streifschuß. 24 Caspar. Aber ein anderer Patient — der Fanghund vom Förster, dem sitzt die Kugel zwischen den Rippen — Franz. Sehn's, daß ich d'Wahrheit g'rcdt Hab'. Waise. Hier habe ich die schriftliche Erklärung des Försters, daß er von jeder Klage absteht. Franz. Victoria! Graf (zur Gräfin). Aber wollen Sie mir nrm endlich sagen, wo mein Sohn ist? Gräfin. Zn deiner nächsten Nähe. — Herr Doctor Waise. Waise. Wie -- ick? Graf. Du mein Sohn? In meine Arme. — (Schließt ihn in seine Anne.) Franz. Und was geschieht denn jetzt mit mir? Graf. Ich nehme Dich als Jäger in meine Dienste und gebe Dir Dein Liebchen zum Weibe. Pommer. Und was geschieht mit mir? Caspar. Sie werden im Wildpark als Hirsch ang'stellt. ^ Franz. Vivat der alte und der junge Graf! , Zubelrus. Gruppe- (Der Vorhang fällt.) , ',5 ... .. ) ll. . „ i> - il. Ul- Ende. . l ^ n . . . u '. l! - > .ill '.E »Ul, ' ^5 " i 'U ^ 1 l l l.l . " tt k' 1 i u- Druck und Papier von Leopold Sommer in Wien. (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) lange --ro«-- Posse mit Gesang in einem Acte. Non Carl Hafsner, Verfasser der »Therese Krone»,* »Die Steruenjuugfrau,* »Studenten von Rummelstadt* u. s. w. Musik von Capellmeister Julius Hopp. -- Personen: Aadame Zosesine Schnipper, Putzmacherin, Witwe. Hector, ihr Sohn- Putzig, «n armer Jurist und Agent der Madame Schnipper. Wastel Rüsselberger, Hopsenhändler aus Steiermark. «lias Schnabel, Fabrikant. Aosephine, t ^hkrrsr, ) Mamsells der Madame Schnipper. «lise, t Mamsells der Madame Schnipper. Christine, Hermive, Louise, Justine, Pauline, Natalie, Anna, Jakob, Hausmeister- FrauZeblazek, Theresens Mutter und Köchin bei Madame Schnipper. (Spielt im Arbeitssalon der Madame Schnipper.) 1 2hta Bald schwärmte er für Dolkesrecht, Bald war er ganz Despotenknecht — Der trat erst vor Kurzem als Wahlbürger ein, Und träumte schon Rath der Gemeinde zu sein. So listig und schlau bei der Wahl er geheuchelt, So zärtlich er auch allen Bürgem geschmeichelt, Jetzt schleicht das Chamäleon still durch die Stadt, — Weil es eine Nase zehn Ellen lang hat. Ein Redacteur macht mit Verstand Sein Zeitungsblatt recht interessant, Er sammelt stets und mit Geschick Das Beste aus der Politik, Sein Blatt wird tüchtig redigirt, Denn es belebet und amüsirt! Da fällt in die Hand ihm 'ne fremde Broschür', — Ha, ruft er, das ist 'ne pikante Lcctür', Er macht einen Auszug und läßt ihn schnell drucken, Damit ihn ganz warm d'Abonnenten verschlucken, — Jetzt schaut er mit Wehmuth und Schmerz auf das Blatt, Weil er eine Nase zehn Ellen lang hat. Ein Ungar ruft mit Pathos aus: Die Freiheit ist bei uns zu Haus'! Bei uns genießen gleiches Recht Der größte Herr und ärmste Knecht, Der Jud, der Christ und Protestant Sind Brüder nur bei uns zu Land! Da wird aus der Stadt Steinamanger geschrieb'n, Wie brüderlich d' Ungarn die Juden dort lieb'n, Wie zärtlich die lieben Pandur'n und Haiduken Dem Jud'n auf 'nen Buckel die Bruderschaft drucken — 9 Darauf wird der Ungar ganz kleinlaut und stat, Weil er eine Nase zehn Ellen lang hat. Ein Dichter, harmlos von Natur, Schrieb lampelfromme Stücke nur, Ein Ritter und 'ne fromme Fee, bin altes Mutterl beim Kaffee, Und eine Tugend, die zum Schluß Nattirlich triumphiren muß. Da dacht' er sich endlich: das schlägt nicht mehr ein, Ein Dolksstück, ein neues, muß zeitgemäß sein! Und schrieb schnell ein Stuck, wie die Zeit ihm geboten — Bald wird es erledigt mit Strichen und Noten, — Da dreht sich der Dichter verblüfft und schachmatt, — Weil er eine Nase zehn Ellen lang hat. (Geht ab durch s Gewölbe.) Siebente Scene. Die Vorigen im Gewölbe Hector und Anna treten aus der Seitenthür. Hector. Die Mutter tranänrt das Spanferkel und die Damen sind in die Kranlstrudel verbissen — es ist eine schöne Gelegenheit zu einem kleinen Rendezvous, holde Nina. Anna (verschämt). Was wünschen Sie, lieber Hector? Hector. Ihnen zu wiederholen, daß ich vor Geschichte und Mathematik sckaudre, daß ich die Orthographie Haffe und die Pbi- slk verachte, seitdem ich Sie geseb'n! Vier Wochen habe ich schon schulgestürzt, weil ick bis zum Wahnsinn verliebt in Sie bin. Anna (sentimental). Ach, ich möchte Hhnen so gerne glauben, aber ich bin zu oft getäuscht worden, Hector! — Mein liebendes Herz haben nicht nur Techniker, sondern auch Thcresianer verrathcn! Hector. O, keinen Zweifel, Nina! Ich liebe Sie, wie ich noch nie ein Weib geliebt! Anna. So sprechen Sic mit meiner Mutter! Aber zieh'n Sie Stiefel mit Stöckeln an. Achte Scene. Vorige. Rüsselberger und Jakob treten ins Gewölbe. Gleich darauf alle Mädchen und Mad. Schnipper. Fr. Zeblazek (schreiend, indem sie «rüdem Gewölbe zur rechten Thür des Arbeitszimmers stürzt.) Rese! Rese! Jste kummen,was hatte! Anna (ebenso). Kommt's geschwind heraus, Madeln! Er ist schon da. der Gewisse! Alle Mädchen l laufen mit Servietten aus dem Seitenzimmer). Wo ist er? Wo? (Stürzen zur Glaswand, indem Eine die Andere zurückdrängt.) Aber so drängt's nur nicht so! Anstand, meine Damen! Mad. Schnipper (erscheint in der Thür). Gerechter Himmel, brennt's? Fr. Zeblazek. Nein, brennte nicht. Ist nur kummen Herr, was will kaufen Chemisett mit Nasen lange. Hector. Was will er kaufen? Ein Che- miset mit einer langen Nase? Mad. Schnipper (strenge). Augenblicklich zum Essen, meine Damen! Wer nicht gehorcht, ist aus der Stelle entlassen! Die Mädchen. Na — na — na, wir kommen schon! (Gehen unwillig in s Seiten- zimmer zurück.) Mad. Schnipper (zu Hector), Und Du gehst in die Schule. Junge! Hector. Heut' ist keine Schule, Mama! Anna (indem sie mit Hector und Mad. Schnipper ebenfalls in s Seitenzimmer geht). Herr Hector bat Privatferien, Madame. Fr. Zeblazek. Mir scheint, Madam hole selber Gusto auf Nasen, was Treffer hat machte. —Wer'n mer schon aufpaffen! 10 (Rüsstlbkrger, sehr beleibt, schon bejahrt und mit einer sehr großen kupfrigen Nase, und Jakob treten aus dem Gewölbe ins Arbeitszimmer.) Fr. Zeblazek (macht tiefe Knixe vor Rüs- selkerger und spricht für sich). Sadrazeni— ist das Patentnascn prächtige! (Zieht sich in s Gewölbe zurück, in welchem sie und Natalie später lauschend an der Glaswand erscheinen ) Neunte Scene. Rüsselberger und Jakob im Arbeitszim- wer. Frau Zeblazek und Natalie im Gewölbe. Jakob. Ta geht's hinein und nicht hinaus, wenn Euer Gnaden auf die Gassen wollen. Russe lb. Ich will aber hinein und nicht hinaus. Jakob (pfiffig). Aha — ich merk' schon, wo das hinaus will, wenn's nicht hinaus woll'n. Rüsselb. Na, was merken's denn? Jakob (ihm ins Ohr). Eine heimliche Flamme — Rüsselb. Hehehehe! Steht mir das auf der Nastn g'sckrieben? Jakob. Platz genug ist da. (Für sich.) Mir scheint, das ist die Nas'n nicht aus'm »Kinigl«. Rüsselb. (geheimnißvoll). Na, wenn Sie schon was merken, so errathen's nir.—Ich will die Peppi überraschen. Jakob. Die Peppi? — (Streift die Aer- mel auf.) Aha — die Peppi! Rüsselb. Sie wird mich nicht mehr kennen, denn damals, wie ihr kleiner Bub auf d'Welt kam — Jakob (mit langem Gesicht). Der kleine Bub — der — der Peppi? Rüsselb. Na ja, der Peppi.— Damals Hab' ich ihr g'schricb'n und dem kleinen Buben tausend Gulden angelegt. — Und vor drei Jahren bei dem kleinen Madel, — Jakob lwie vorher). Ein klein's Madel, ah? Die — die Peppi? Rüsselb. Na ja, die Peppi! Jakob (grimmig). Die Peppi! Rüsselb. Tahab' ick ihr wieder g'schrie- ben und dem kleinen Madel zweitausend Gulden ang'legt. Jakob (immer grimmiger). Schaut's die Peppi an! Rüsselb. Und ich will noch mehr thun für die Kinder.—Aber was haben's denn? Warum streifen's denn die Aermel auf und rollen so furchtbar Ihre Augen dabei? Jakob (zähneknirschend). Ich studier' auf eine Erpedition nach Neapel. (Für sich.) Die Umurkn ist zeitig. Rüsselb. Die gute Peppi! —Ich hab's schon gern g'habt, wie sie noch ein ganz klein's Madl war — wenn's mir jetzt a noch g'sallt — (sich vergnügt die Hände reibend) wer weiß, was da g'schicht! Aber verrathen's mich nicht, Herr Hausmeister. Ich will noch ein bissel incognito bleiben. Zehnte Scene. Vorige. Josephine. Josephine (schleicht sich aus dem Seiten- zimmer). So — ich Hab' mich glücklich fortgestohlen. — (Verbeugt sich gravitätisch vor Rüsselberger.) Ah — gehorsamste Dienerin! Rüsselb. Küß d'Hand! Joseph, (sieht ihm in's Gesicht — will das Lachen verbeißen, aber es gelingt ihr nicht, und sie platzt los). Hahahahaha — das ist zu g'spaßig — hahahaha! Rüsselb. (verletzt). Erlanben's, mein Fräulein — Jakob (tritt zwischen Beide). Thun's NM nicht so fremd gegen einander - - und Zentren Sie sich nicht vor meiner. Reden nm g'scheit, Leuteln. Ich Hab zwar dem Doc- tor Putzig 'was versprochen — Joseph.!Dem Putzig? Was denn? Jakob. Decken wir's mit dem Mantel der Nächstenliebe zu, denn ich bin nicht nm Hausmeister, sondern auch Mensch nm noch dazu ein sehr gemüthlicher Mensch- 11 — Denken's an die armen kleinen Kinder, Leuteln! Rüsselb. i .. Joseph. (staunt). An drc klemen Kinder? Jakod. (sehr gemüthlich). An Ihre unmündigen armen Haschcln! Es thul mir gar so weh, wenn ich kleine Kinderln seh', die nicht wissen, wem's zugcbören. (Zu Rüsselberger.) Darum verlassen's Ihre Peppi nicht mehr! Man kann eine große Nasen und doch ein edles Herz besitzen! — Mach' deinen Fehler gut und werde auch Gatte, leichtsinniger Vater! Rüsselb. (wie vorher). Was plauscht der da? Joseph. Heut' ist der Hausmeister zeitig im »Kinigl« gewesen. Jakob. Es ist ja so ein süßes Gefühl, Vater und Mutter zu sein. Joseph. Bei dem rappelt's! Rüsselb. Donnerwetter, wenn mich der Hausmeister foppen will, werd' ich ihm gleich zeigen, mit wem Er zu thun hat. Jakob (dir Augen rollend und mit neuem Ingrimm). Sie wvll'n also Ihre Kinder nicht anerkennen? Rüsselb. (heftig). Ich Hab' ja keine Kinder! Jakob (packt ihn plötzlich beim Kragen). Also außi mit ihm! Joseph, (ängstlich). Was thun's denn, Hausmeister? Rüsselb. (schreiend). Zu Hilf'! Zu Hilf'! Eilfte Scene. Vorige. Madame Schnipper. Mad. Schnipper (aus dem Seitenzim- mer). Was geht hier vor? Rüsselb. Der Hausmeister will mich hinauswerfen, weil ich nicht Vater und Mutter sein will! Mad. Schnipper. Welch' eine Impertinenz! Ich werde mich beim Hausherrn beklagen. Jakob (der von Rüsselberger abgelassen hat). Wenn's das thun, sag' ich Ihnen auf! (Zu Rüsselberger.) Und mit Ihnen muß ich noch ein Rendezvous haben heut', und wenn ich Sie mir bei der Nasen abfangen müßt unterm Hausthor. (Ab durch 's Gewölbe) Rüsselb. Ich weiß gar nicht, was der Mensch von mir will. Mad. Schnipper (zu Zosephinen). Gehen Sie ins Gewölbe, Mamsell, und packen Sic die Coiffure in den Carton für Madame Mendelsohn. Joseph, (für sich). Aha — sie will mich los sein — ich merk' was! (Geht ins Gewölbe, erscheint aber mit Frau Zeblazek und Natalie öfter lauschend an der Glaswand.) Mad. Schnipper (für sich). Jetzt hcißt's sich interessant und liebenswürdig machen! Rüsselb. (für sich). Sie ist noch ein recht sauberes Weiberl! Mad. Schnipper. Mein Herr, cs ist mir so, als ob wir uns in diesem Leben schon einmal begegnet wären. Rüsselb. Glauben's? Mad. Schnipper. Ich weiß cs gewiß, denn einen Mann wie Sie vergißt man nie! Die Natur hat Ihrem Antlitz einen Schmuck gegeben, an den man sich zeitlebens erinnern muß. Rüsselb. Was muß das sein? Mad. Schnipper. Ach! — auch mein seliger Gemal hattesolch' eine römische Nase! Rüsselb. Die meinige ist a steirische Nas n. Mad. Schnipper (für sich). Er ist dumm — natürlich, sonst halt' er ja den Haupttreffer nicht gemacht. Rüsselb. (für sich). Mir scheint, ich gefall' ihr. Mad. Schnipper. Ich bin überzeugt, Sie haben ein edles Herz und zärtliche Gefühle — denn ein Mann mit solch' einer Nase kann kein Bösewicht sein! Rüsselb. O — ich bitt'! Mad. Schnipper (verschämt). Man sagte mir, daß Sie Verhältnisse sehr zarter Natur zu mir führen — 12 Rüsselb. Verhältnisse sehr zarter Natur? (Für sich.) 3ch kenn' mich nicht aus! Zwölfte Scene. Vorige. Josephine, Natalie, Frau Zeblazek aus dkm Gewölbt, gleich darauf Therese, Elise, Christine, Herrn ine, Louise, Pa ul ine und Hector aus dem Seitcnzimmer. Joseph. Madame, die Coiffure ist schon gepackt. Haben Sie die Güte den Conto zu schreiben. ^ Fr. Zeblazek. Auf Laden stehte schon Tintenfassel. Mad. Schnipp er (unwillig). Das har Zeit. Iose ph. (leise zu Fr. Zeblazek). Mir scheint, sie hat ihn schon erobert. Fr. Zeblazek. Ich mach' ihr Cravall, wenn's hate. Therese (kommt mitden anderen Mädchen und Hector aus dem Seitenzimmer). Getäfelt wär's — jetzt geht wieder an die Arbeit, meine Damen! (Bemerkt Rüsselberger und verbeugt sich sehr graziös gegen ihn.) Gehorsamste Dienerin! Alle (ihn erstaunt anstarrend). Ha — co lossal! Therese. Warum nicht gar! Colossa! sind' ich die Nasen nicht. Hector. Aber ein Extrazimmer braucht er doch für sie. Joseph. Ich sage wie Don Carlos zur Eboli: Beim allgerechten Gott, die Nase ist schön! Elise. Jedenfalls bleibt sie ein wunderbares Spiel der Nalur! Christ. Eine Nase, wie sie die kühnste Phantasie nickt schöner malen kann. Fr. Zeblazek. Js e Meisterstück! Anna. Und noch ein ganz junger Mann Ich wett', seine Nase ist viel älter als er. Rüsselb. Ich steh' wie ein Nannerl da Mad. Schnippe r. Meine Damen, ich finde Ihr Benehmen sehr unmanierlich die sein fremden Herrn vis-ä-vi8. Joseph. Wo steckt denn da das Un manierliche, wenn wir uns ganz artig über einen Herrn aussprechen, den, wie wir wissen, Verhältnisse sehr zarter Natur in unfern Kreis führen? Therese. Und wir sprechen uns ja nickt ungünstig aus über ihn. Contrair — wir hab'n ihm unser Compliment über seine blühende — sein blühendes Aussehen gemacht. Rüsselb. Ja, ick blüh' stark! Joseph, (bissig,. Ich find'es eher unmanierlich von gewissen Damen, Coiffuren verpacken zu lassen, um alle Zeugen zu entfernen und ungenirt manövriren zu können. Fr. Zeblazek (sich vergnügt ins Fäustchen lachend), vobre! Oobrs! Therese (wie Josephine). Aber man kann es einer säubern Witwe nicht verdenken, wenn sie sich hinter Passirt noch um eine Station umschaut, eh' sie nach Passe kommt — das haben wir noch nicht nöthig, denn wir sind noch weit entfernt von Pas- irt bis Pass6. Fr. Zeblazek (wie vorher). Do ckohre! Joseph, (wie vorher) Die Männer müssen uns suchen, wenn ihnen an uns was gelegen ist, — denn unser Taufschein steht noch im neuesten Tagesjournal—wir brauchen nickt erst das alte Register des hundertjährigen Kalenders nachzuschlagen. Fr. Zeblazek (wir vorher). Otojecko- bre? äodro! Mad. Schnipp er. Ich ersticke vor Zorn! Meine Damen, mit Ende der Woche sind Sie alle entlassen! Joseph. Das Unglück ist auck nock zu ertragen. Therese. Wir bleiben keine fünf Minuten ohne Engagement! Modistinnen, wie wir sind, findet man nickt alle Tage. Rüssr l b. Es thut mir sehr leid, wenn ich die unschuldige Ursach' wär' — Therese. O nicht doch, mein Herr! Solche kleine Scharmützel gibt es unter jungen und hübschen Damen alle Tage. Fr. Zeblazek (schnell zu Rüsselderger. au' Therese deutend). Mein Rese ist schönste. Joseph. Und wenn Sie wirklich Der- LS hältniffe sehr zarter Natur zu uns führen, können Sie vertrauend der Stimme Ihres Herzens folgen — denn wir sind noch Alle frei von Leidenschaften und haben noch nie geliebt. Fr. Zeblazek (schnell). Mamsells nicht — (auf Mad. Schmpper deutend) aber Madam hate schon. Mad. Scb nipp er (zornig). Geb' Sie in Ihre Küche und erlaube Sie sich nicht dergleichen Bemerkungen mir gegenüber. Fr. Zeblazek (trotzig in die Hände schlagend, halb' für sich). Ist e doch so. Anna (geziert zu Rüffelberger). Man sagt, Sie haben an Eine von uns Ihr Herz verloren. — Sollte zufällig ich der Gegenstand Ihrer zärtlichen Gefühle sein, mich genirt Ihre Nase nicht! Hector (für sich). Ha, Schlange! Therese. Schaut's den Schnabel an! Dem Herrn sein' Nas'n ist größer als das ganze Madl! Rüsselb. (auf Anna). Es ist noch ganz ein Kind der Natur! Solche Kinder der Natur sind nur bei einer Putzmacherin zu finden. Therese. Dann ist unsere Madame auch ein Kind der Natur — denn die attakirt auch nicht in der Ferne, sondern rückt gleich ins Haupttreffen, um den Haupttreffer zu erobern. Rüsselb. Haupttreffer? Therese. Za, den Hailpttreffer! Fr. Zeblazek. Was haben's machte? Joseph. Wir wissen nicht nur, daß Sie gestern den Haupttreffer gemacht, sondern auch, daß Sie in unserm Atelier sich die E.efährtin Ihres Lebens erwählt haben. 3st das wahr oder nicht? Rüsselb. Das ist Alles wahr, aber — Joseph. Nun, welche unter uns ist denn die Glückliche? Rüsselb. Das ist mein Geheimniß. Joseph. Wir dulden solche Geheimnisse Nicht. (Auf die Mädchen deutend.) Die große Eruier wird sich vor Ihnen verlesen und dann werden Sie erklären, welcher Mann aus der Mannschaft Ihre Frau werden soll. Alle. Za, ja — wir dringen darauf. Rüsselb. Das ist merkwürdig, wie's um mich zugeht! Joseph, (aus die Mädchen deutend). Also hier die Mannschaft — (aus Mad. Schmpper deutend) und hier ist unser alter Corporal. Mad. Schnipp er (empört). Alter Korporal ! Joseph, (salutirt Rüssrlberger, nachdem sich die Mädchen schnell in Reih und Glied gestellt). Ich bin die erste Mamsell oder der Flügelmann der Mannschaft — heiß' Josephine Veigerl, bin neunzehn Jahre alt, vielleicht auch etwas d'rüber, gesund, munter, allweil fidel und ecktes Wiener Vollblut! Therese (salutirt). Therese Zeblazek, neunzehn Jahre alt, sauber, lustig, verliebt, tanzt gern Polka und echtes Prager Vollblut! Fr. Zeblazek (stolz). Tochter meiniges! Elise l salutirt). Elise Hauptmann, achtzehn Jahre alt, 86wp6r lustig, null^uani traurig, feuriges Temperament und echtes Wiener Vollblut vom Schottenfeld. Christ, (salutirt). Christine Maus, steben- zehn Jahre alt, schlanker Wuchs, blühendes Gesicht, Korallenlippen, Perlenzahnerln und ecktes Kramer Vollblut! Herm. (salutirt). Hermine Pumper, sechzehn Jahre alt, sanft, zart, trinkt gern Kaffee mit Butterkipfeln, und echtes Linzer Vollblut! Louise (salutirt). Louise Müller, aber nicht die aus »Cabale und Liebe« — Liebe ohne Cabale — achtzehn Jahre alt, eine Liesinger Biernire vom reinsten Vollblut! Justine (salutirt). Justine Wastl, neunzehn Jahr alt, feste Constitution, jodelt famos und echtes Tiroler Vollblut. Paul, (salutirt). Pauline Lebele, achtzehn Jahre alt, brünett, schlank, feurig, »Eine von unsere Leut'« und echtes Vollblut aus der Jägerzeile. Natalie (salutirt). Natalie Parazo, achtzehn Jahre alt, sauberer Kerl, kecker Schna- 14 bel, schlimm wie Satan und ecktes Vollblut terrsmtets! Anna (salutirt). Anna Sterzl, fünfzehn Jahre alt, kleines, liebes Trutscherl— spielt nicht mehr mit der Gredl, möcht' aber gem einen lebendigen Wurftl haben — echtes verliebtes Wiener Vollblut — Fr. Zeblazek (salutirt auch). Marianka Zeblazek — Rüsselb. (schnell). Halt! Halt! Sie nicht — Sie hab'n die Kapitulation schon ausgedient. Hector (für sich). Meine Nina concur- rirt auch um die lange Nase! O falsche Crokodillenbrut! Ensemble. Alle Andern (sich spöttisch gegen Bride verneigend). Welch' ein Pärchen, so aimadle Wie kein zweites mehr im Land! Fr. Zeblazek (ebenso). Gratulir' zu schöne Schnabel, So wie hate Elephant! Josephine. Ich hätt' so ihn nicht genommen, 'S Körberl hätt' er g'wiß bekommen, Denn mein Herz ist nicht mehr frei, Meinem Putzig bleib' ich treu! Therese. Eine Dame meinesgleichen Würde nie die Hand ihm reichen, Denn man wählet sich zur Eh' Einen aus der ttante-vol^s! Alle Mädchen (zu Rüssrlberger). Jetzt bitten wir in Ehren, Sich freundlich zu erklären: Wie ist der Name Der jungen Dame, Die so beneidenswertst Ihr liebend Herz begehrt? Rüsselberger. Getroffen ist schon längst die Wahl — (auf Mad. Schnipprr deutend) Elise. Böte man mir alle Kronen Und ein Dutzend Millionen, Bräch' ich doch die Treue nie Meinem Toni, dem Commis! Christine. Nicht für diese große Nase, Für die schönste Equipage Und Brillanten zentnerschwer Geb' ich meinen Wenzel her! Hermine. Ich möcht' den säubern Corporal! Mad. Schnipper. O Triumph! Alle Andern. A — der Strumpf! Fr. Zeblazek. Meine Rese nimmte nich? (Mit dem Fuße stampfend.) Sadrazeni Kupferstich! Rüsselb. (die Arme gegen Mad. Schnipper ausbreiteud). So bist Du mein? Mad. Schnipper(m seine Arme stürzend). Auf ewig Dein! Meinen Franzel laß ich nimmer, Eher stürzt die Welt in Trümmer; Treu und ewig bis zum Tod' Liebt 'ne jede Marchand d'Mod'! Alle Mädchen. Es fehlt nicht an liebenden Herzen, So lange die Jugend uns blüht! D'rum lasset uns lachen und scherzen Mit frohem und heiterm Gemüth. Rüsselb. (zu Mad. Schnipper). Gründen wir nach alter Sitte Unser Glück am deutschen Herd. Mad. Schnipper (zärtlich). Nur dein Herz und eine Hütte Ist ja, was mein Herz begehrt. Josephine (ironisch zu Rüfselbergrr). Diese süße Zärtlichkeit verdanken Sie Nur dem großen Treffer in der Lotterie! Rüsselb. (lachend). Na, der Treffer ist nicht gar so groß, Denn ick Hab' seit Jahren gar kein Loos. Alle (erstaunt). Kein Loos? Alle Mädchen (unter sich, indem fich Schnabel und Madame Schnippcr gegen einander verneigen). Auch der begehrt ihre Hand! Sie hat mehr Glilck als Verstand! Rüsselbcrger (zu Schnabel). Sie kommen zu spät, wie Sie sehen, — Mein Weiberl laß ich nimmer aus! (Will die Hand der Mad. Schnipper ergreifen.) Mad. Schnipper (ihn anstarrend). Sie baben nichts gewonnen?' Rüsselberger. 3a, aufderKegelstatt -»zu den drei Sonnen« Hab' ich den besten Sckub gemacht in großer Schnur — Doch war der erste Treffer dort — ein Gasbock nur. Mad. Schnipper. Mich trifft der Schlag! Alle Andern (schadenfroh). Hahahahahaha! Jetzt steht sie selbst mit langer Nase da! Mad. Schnipper (ihn barsch abwehrend). Ich bitte Sie, laffcn's mich geh'n! (Auf Zakob deutend, der aufreibend näher tritt.) Sonst führt Sie der Hausmeister 'naus! Rüsselberger. Weiter nir sonst? — Ah — ich bitte — Ist das wahr, was ich gehört? Die Mädchen (Mad. Schnipper parodirend). Nur Ihr Herz und eine Hütte Ist ja, was ihr Herz begehrt. Mad. Schnipper (schmelzend zu Schnabel, der sie dumm lächelnd anfieht). Ach, mein Herr— ein längst entschwund'nes Glück Dreizehnte Scene. Vorige. Jakob, Putzig, Schnabel isthr lang und mager und ebenfalls mit einer, sehr großen Nase. — Er ist schüchtern und spricht sehr süß.) d^tg (^ Schnabel, der etwas widerstrebend Ruft Ihr edles Antlitz mir zurück! So antik, so kühn und doch so mild — Meines Nazi treues Ebenbild! Putzig (Schnabel aneifervd). Mehr kann 'ne Dame füglich nicht sagen — Jetzt nur geworben, ohne zu zagen! Alle Mädchen (aus Schnabel und Madame oou ihm aus dem Gewölbe in's Arbeitszimmer gezogen wird). Wir find am Ziel— und jetzt Courage nur! Alle (Schnabel anstarrend). Ha, seht! Ein zweites Wunder der Natur! (indem er Schnabel Mad. Schnipper aufführt). ist fix, die Sckönste der Schönen, ^ach der Sie so liebend sich sehnen! reich an Reiz, an Amnuth und an Schulden, "trschinähl man keine zweimalhunderttau- send Gulden! Schnipper deutend). Beide schau'n sich zärtlich an — Es ist klar, sie bandeln an! Hermine. Ach, das kränket mich sehr, Und mein Herz wär' so schwer, Denn es wär' ein Malheur, — Wenn kein Landler für d'lustige Linzerin wär'! (Trillert einen Landler und macht einige Tanzschritte.) Justine. Ach, das kränket mich sehr, Und mein Herz wär' so schwer, rs Denn e- wär' ein Malheur, Wenn kein Jodler für a saud're Tirolerin wär'! (Jodelt) Natalie. Ach, das kränket mich sehr, Und mein Herz wär' so schwer, Denn es wär' ein Malheur, — Wenn kein Csardas für a lustige Ungarin wär'! (Trillert den Csardäs und macht einige Tanzschritte.) Therese und Fr. Zeblazek. Ach — das kränket uns sehr Und 's Herz wäre so schwer, Tenn es wär' ein Malheur, — Wenn für Pragerin fesche — kein' Polka mehr wär'! (Trillern eine Polka und machen einige Tanzschritte.) Josephine, Elise, Christine, Louise, Pauline, Anna. Ack, das kränket uns sehr, Uns're Herzen wär'n schwer, Denn es wär' ein Malheur, Wenn kein Straußischer Walzer für d'Wie- nenn wär'! (Sie trillern einen Walzer und machen einige Tanzschritte.) Alle Mädchen (indem sie tanzen). Ja, es wär' ein Malheur, Wenn für d'Madeln, die feschen, kein Tan- zcrl mehr wär'! Schnabel. Hehehehe — das ist eine recht lustige Gesellschaft! (Süß und schüchtern zu Mad. Schnipper.) Ganz gehorsamstes Dienerchen, gnädige Frau! — Putzig. O, nicht so bescheiden, nicht so schüchtern, das ist hier nicht am Platze. Mit so vielem Gelde muß man unternehmend sein, denn ein Haupttreffer ist eine Großmacht, die ganz Poeretto aus dem Felde schlägt. — Nur kühn attakirt— Sie haben kein Marmorherz zu befürchten. Schnabel (wie vorher). Wenn Sie mir versprechen, gütigst zu entschuldigen—(seufzt) ach! Mad. Schnipper (verschämt). O—ich bitte — Jakob (leise zu ihr). Das ist d'Nas'N aus'm »Kinigl«. Schnabel. Ich hätt' es nicht gewagt Sie selber aufzusuchen — wenn mich dieser Herr nicht mit Gewalt zu Ihnen gezerrt Lätte. Ach! - Putzig. Nur Courage! Nicht gar so schüchtern. Das können wir nicht leiden! Mad. Schnipper (sehr saust zu Schna. bel). Sprechen Sie ohne Scheu! Sck nabel. Nickt hier — ich wünschte ohne Zeugen — Mad. Schnipper. Nein, gerade hier! Ich will mich meines vollständigen Trium phes erfreu'» über diese naseweisen Mam sells. Schnabel. Nun, wenn Sie wünschen — (Nimmt einen Wechsel aus der Brieftasche ) Mad. Schnipper (sehr süß). Enthüllen Sie das Geheimniß sehr zarter Natur, das Sie zu mir führt! Schnabel (sehr freundlich, indem er ihr den Wechsel präsentirt). Es ist Ihr Wechselchen über fünfhundert Gulden. Mad. Schnipper (entsetzt auffchreiend). Ha! Schnabel. Morgen Zahlung oder Pfändung! Mad. Schnipper (finkt Rüsselberger io die Arme). Der Barbar! Putzig. O Doppelsinn der Hölle! — Das ist also das Verhältniß sehr zarter Natur!! Rüsselb. (zu Schnabel). Pfui, mein Herr! Sie haben erst gestern den Haupttreffer gemacht, und — Schnabel (sehr freundlich). Und wen« ich noch tausend Haupttreffer mach' — laß' rch doch Jeden pfänden und einsperren, der mir nicht pünktlich zahlt, was er mir schuldig ist- Rüsselb. O, Sie Blutegel Sie! (Zu Mad. Schnipper.) Fürchten Sie sich nicht, 17 Weiberl — Wenn Sie nicht bei Caffe sind, zahl' ich für Sie! Mad. Schnipper. Dein — dein auf ewig! Jakob (dazwischentretend, strenge zu Rüsselberger). Fort, Ungeheuer! Willst Du die ^rau von Schnipper auch so unglücklich machen (aus Zosephine deutend) wie Deine Peppi? Alle. Seine Peppi? Putzig. Meine Peppi? Joseph. Rappelt's schon wieder, Hausmeister? Mad. Schnipper(zu Rüsselberger). Ihre Peppi! Rüsselb. Meine Peppi bist ja Du, Peppi — denn ich bin ja dein Vetter Waftl, Weiberl! Mad. Schnipper (ausjauchzend). Wastl! (Mit Emphase in seine Arme stürzend.) So hat mich die Stimme meines Herzens nicht getäuscht! Alle Mädchen. Uje! Fr. Zeblazek (giftig, indem sie aus Schnabel und Rüsselberger deutet). Jste nit Nasen Eine — iste Nasen andre. Hector (Anna zu Mad. Schnipper ziehend). Sie geben mir einen Papa, Mama —ich gebe Ihnen eine Tochter dafür. — Ich bitte um die Hand meiner Nina. Mad. Schnipper (erstaunt). Deiner Nina? Hector. Sie oder Keine! Mad. Schnipper. Bringt mir doch die Ruthe, daß ich das Paar! g'schwind verheiraten kann! Hector. Ha, Tod und Hölle! (Stürzt empört fort.) Anna (M ihm nach). Hector, mein Hector! Rüsselb. Gift' Dich nicht, Peppi! — So sind heutzutag die Buben alle. Schnabel (sich tief verbeugend vor Rüsselberger). Mein Herr — ich gratulire und freue mich, die Ehre zu haben — Rüsselb. (ebenso). O — die Ehre ist ganz auf meiner Seite — Schnabel (indem sie einander fixiren). Ich bin der Fabrikant Schnabel — Rüsselb. Und ich der Hopfenhändler Rüffelberger — Beide (stolz und triumphirend). Meine Nase ist doch größer als die seine! Putzig. Pst! Nichts mehr von großen und langen Nasen, sonst werden wir vielleicht heute Alle mit langen Nasen nach Hause geschickt. Schtuhgesaug. Putzig. Bekennen wir es offen, Es war ein loser Schwank — Doch wagen wir zu hoffen, Daß er nicht ganz mißlang. — Es wäre traurig und betrübt, Wenn man uns selber Nasen gibt. Alle. Es wär' zu traurig und betrübt, Wenn man uns selber Nasen gibt! (Der Vorhang fällt.) *) Ende. *) Dieses Stück ist Eigenthum des Verfassers, und diejenigen verehrlichen Directoren und Intendanzen, die es auszusühren gedenken, haben sich wegen Erhalt der Partitur und das Honorar betreffend an den Unterzeichneten zu wenden. Franz Kratz, Elisabethstraße Nr. 1, in Wien. Von Carl Haffner sind im Verlage der Wallishauffer'schen Buch« 'l! Handlung (Josef Klemm) m Wien ftuher erschienen: I! -I . ' Die Studenten von Rnmmelstadt. Genrebild mit Gesang in drei Acten. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Therese Kranes. " Genrebild mit Gesang in drei Acten. 12 Sgr. od. 60 Nkr. -I > ' - - , -- i> - ' . -- u Die beiden Nachtwächter, oder: Lin 8puk in der /aschingsnacht. Posse mit Gesang in drei Acten. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Zie 8lernenjnngsran. Romantisch-komisches Märchen mit Gesang in drei Abtheilungen. 12 Sgr. od. 60 Nkr.. - k :: l-, - 11 « - ,l l! - i. Druck Dnpirr von Lropold Sommn in Dirn. Bühnen geg eÄM r als Manuskript gedruckt.) .1 ! Dir Verlassene. .' . lü , ^ -Ni iii .1 > > - N au- ^ ,. .-i»^ . l,ji, Volksdrama in fünf Abtheilungen. .kV'- >» ^ Nach dem Französischen frei bearbeitet von Therese Megerlc. il .« li ^ ^ k. k. pnv. Theater ln der Josefstadt in Wien mit vielem Beifall gegeben.) Erste Mtheitung. Eine Heirat aus Spekulation. Personen: Wilhelm Müller, Ingenieur. Sebastian Stampfl, Bauunternehmer einer Eisenbahn. Klise, seine Nichte. ' " Robert Merfeld. ' Rose, eine Waise. Frau Eva, Obsthändlerin. Franz Rohrbacher, ein junger Bauer. Eine Magd. Hochzeitsgäste, Kranzjungferu,, Nachbarn. Die Handlung spielt io Wien. rhr„ep»eprmmr. Stk. 10». < 17 - Zweite Lbtheitung. . „5- „ T) Die Verstoßene. (Spielt um vier Monate später als die erste Abtheilung.) Personen: Müller. Elise, seine Frau Stampfl. Grundner, Dorswirth. Liese, sein Weib^ Annemarie, die Magd. Rose. Rohrbacher. Musikanten. Landleute. — (Spielt auf einem Dorf an der Eisenbahn.) Dritte Abtheilung. .n, fitku 1 1 Ehe nach der Mode. (Spielt um eio Zahl später , als die zweite Abtheilung.) Personen. Müller. Elise. Robert Merfeld. !r. Stampfl- Rose. 'Agnes, Elisens Kammermädchen. (Spielt in Wien.) . 1 ! Vierte Abtheilung. Die Handarbeiterin und ihr Kind.. (Spielt um drei Monate später als die dritte Abtheilung.) Personen: Rohrbacher. Annemarie, sein Weib. Frau Eva -t «>* l Müller. Rose. Margarethe, Handschuhnäherin. Der Armendoctor. (Spielt in Wien.) -fünfte Abtheitung. Müller. Elise? Robert. Gott lenkt. (Spielt vier Jahre später als die vierte Abtheilung.) 'Personen: -- Georg, ihr Sohn. R 0 se, Leinwaudhändlerin- Rohrbacher. Annemarie- Ein Groom. (Spielt aus einem ländlichen BrrgnügungSort bei Sievriag.) Erste Abteilung. (Zm Hintergründe eine Kirche, zu deren Portal mehrere Stufen führen. Zn der ersten Coulisse rechts ein Fruchtladen, links ein Kaffeehaus, daneben ein Haus mit praktikabler Thür.) Erste Scene. (Der Rohrbacher-Franzl ist bemüht, mit Frau Everl mehrere Butten Obst von einem Karren abzuladen. Von Zeit zu Zeit gehen Leute über den Platz, doch ohne die Redenden zu stören.) Rohrb. Dießmal wird die Frau Everl zufrieden sein mit mir, meine Maschans- ker und türkischen Weidlinger haben kein Makerl. Fr. Everl. Es war' auch nicht schön vonDir, wenn Du mich anschmieren thät'st, wir sein ja Landslcut'. Rohrb. No deßwegen! Aber es liegt nicht in meiner Natur; was mir nit g'fallt, g'fallt ein' Andern a nit, denk' ich mir halt alleweil. Fr. Everl. Was gibt's denn Neues bei Euch in Rohrbach? Rohrb. Ich dank' für die Nachfrag'. Das Vieh is g'sund, der Pitschenseppel hat seine Ross verkauft, weil wir jetzt bald eine Eisenbahn haben werden. Fr. Everl. Jst's schon so weit? Man hört ja, daß der Bau stecken blieben is. Rohrb. Es geht g'rad nit zu g'schwind vom Fleck, der Herr Müller, der Ingenieur, der den Bau geleitet hat — na, die Frau Everl kennt ihn ja, er hat beim Vetter Grundner ein paar Monat logirt, jetzt ist aber nach Wien hereingezogen — hat 9'sagt, wann die Bandlerei so fortgeht, uürd's wohl noch Jahr und Tag dauem, dis wir die Locomotiv werden pfeifen hören, ^ntrr uns, mir scheint, es hat kein Mensch dir Schuld, als der Bauunternehmer, der möcht' gern aus ein' jeden Ziegel ein' Du- caten außerschlagen, das geht halt langsam her. Fr. Everl (zeigt aus die Thür des Hauses). Dafür steht sein Haus schon in voller Pracht. Wenn ich denk', daß ich ihn noch als Maurergesell' kennt Hab', so begreif' ich nicht, wie er's zu dem vielen Geld 'bracht hat. Unsereins schaut doch auch auf fein' Sach', aber man verdient g'rad so viel, als man ehrlich zum Leben braucht. Rohrb. Der Herr Stampfl wird's halt mit der Ehrlichkeit nicht zu genau nehmen, da verdient man immer mehr. Fr. Everl. Heut gibt's da d'rinn eine Hochzeit, er Heirat' seine Mündel aus, da wird's wieder hoch hergeh'n. Rohrb. (mit einkm Seufzer). Alles Heirat', nur auf mich kommt nicht die Reih'. Fr. Everl. Du wirst halt z'viel umwählerisch sein, oder habt's keine säubern Mädeln bei Erich auf'n Dorf? Rohrb. Ich wüßte schon Eine, die sauber wär' — aber — (Kratzt sich den Kopf.) Fr. Everl. Sie mag Dich vielleicht nicht oder hat schon einen Andern. Rohrb. (schnell). Nein, das ist nicht der Fall, sie schaut kein' Burschen an. (Traurig.) Aber ich halt' Euch auf — Fr. Everl. Du weißt es halt nicht anzuschicken; komm' herein in's G'wölb, ich laß' eine Halbe Wein holen und dabei erzählst Du mir, wer deine Herzcnsbezwin- gerin ist. Rohrb. Laß'die Frau Everl gleich eine Maß holen, wenn ich von meiner Lieb' red', krieg ich immer einen unmenschlichen Durst. (Beide ab in s Gewölk.) Zweite Scene. Wilhelm (von links; er ist im schwarzen Frack als Bräutigam gekleidet). Wilh. Hier steht das HauS meiner 1 * 4 Braut und dort die Kirche; in einer Stunde werde ich verheiratet sein, gebunden für's ganze Leben; der Gedanke hat doch etwas Beunruhigendes in sich. Dock — bin ich nickt kindisch? — Das Ziel meiner Wünsche ist ja durch diese Heirat erreicht, ich bekomme eine reiche Frau, einflußreiche Verwandte, meinem Glück steht also nichts mehr im Wege, und doch ist eine Stimme in mir, die mir zuruft: Es ist ein schlechter Streich, den Du da zu begehen willens bist! Ah bah! wer wird bei der Zeit mehr aus eine innere Stimme hören, wo es laut um uns herum nach Geld schreit! (Wendet sich gegen das Haus.) Dritte Scene. Robert Merfeld. Voriger. Robert (im Heraustrcten aus dem Kaffeehaus). Nicht einmal die Eabanos sind mehr zU rauchen. (Wirst eine angebrannte Cigarre Wilhelm fast in das Gesicht.) Wilh. (entrüstet). Nehmen Sie sich doch in Acht! Rob. Seh' ich recht? Wilhelm, Du bist's? Grüß' Dich Gott, alter Freund, wir haben uns ja schon eine Ewigkeit nicht gesehen! (Reicht ihm die Hand.) Wilh. Fast drei Jahre; es scheint, daß sich deine Verhältnisse auffallend verbessert haben; Du bist ja ganz Gentleman. Rob. Ich lebe in 6orilru8. Eine alte Tante war so gütig, mich zum Universalerben zu machen. Du kannst Dir denken, daß ich meinen Vogel jetzt fliegen lasse. Aber wie geht es denn Dir, Tu Muster aller Solidität, der schwarze Frack wenigstens zeigt, daß Du noch immer dem Philisterthum anhängst. Wilh. Nach unsäglicher Mühe habe ich mir die Stelle eines leitenden Ingenieurs bei dem Bau der neuen Eisenbahn errungen. Der schwarze Frack hier ist die Livree der Etikette, ich verheirate mich nämlich heilte. Rob. Arnrer Freund, ich bedaure Dich vom Herzen. Aber sage mir, hast Du nichts Vernünftigeres thun können, als Dich in's Ehejoch zu schmiegen? Wer ist denn die Glückliche oder Unglückliche, wenn man fragen darf? ^ Wilh. Fräulein Elise Grundmann, die Nichte und Mündel unseres Bauunternehmers, ein sehr schönes Mädchen, welches ausgezeichnet tanzt, Clavier spielt, sehr viel Geist und nebst dem 200,000 Gulden Aussteuer hat. Rob. Das sind freilich sehr ausgezeichnete Eigenschaften. Wie hast Du denn diese Perle zwischen Kalk und Ziegelsteinen entdeckt? Wilh. Ich habe Dir schon gesagt, daß ihr Vormund Bauunternehmer bei unserer Eisenbahn ist. Rob. Und Du bist derjenige, welcher die Lieferungen übernimmt, darüber quit- tirt, kurz derjenige, der dem Alten auf die Finger sehen soll. Wilhelm, Wilhelm! wenn Dir der alte Schlaukopf nur nicht mit der schönen Nichte Sand in die Augen zu streuen gedenkt und schlechten Mörtel in römischen .... verwandeln will. Wilh. Robert, ich dulde nicht, daß Du meine Redlichkeit in Zweifel ziehst, und noch weniger, daß Du einen ehrlichen Mann, der in Kurzem mein naher Verwandter sein wird, beschuldigst. Rob. Bist Du noch so unschuldig, mein Freund! Mit 18 Jahren war ich es ebenfalls, jetzt zucke ich höchstens nur noch mit den Achseln. Unsere Väter waren jedenfalls Ehrenmänner, wir taugen schon wenig genug, und unsere Kinder werden einmal gar nichts mehr werth sein. Wilh. Du stellst der Menschheit ein sehr trauriges Prognostikon. Rob. Das bringt das Jahrhundert mit sich. Es wäre Wahnsinn, gegen den Strom zu schwimmen, denn man ginge dabei zu Grunde. Wer klug ist, genießt das Leben, ich wünsche mir deshalb Glück, Millionär zu sein. Wilh. Du bist reich, ich will es auch werden, denn die Armuch mit ihrem zrr- 5 fetzren Bcttelmantel ist eine erbärmliche Begleiterin durch's Leben; darum heirate ich, meinen ehrlichen Namen gebe ich aber nicht in den Kauf. Rob. Und wann wird denn deine Freiheit losgeschlagen? Wilh. In einer Stunde vielleicht. Rob. Tu sagst das mit einer solchen Todtengräbermiene, daß Du mich auf den Gedanken bringst, als ob noch etwas im Hinterhalt lauerte. Wilh. Du kannst Recht haben, Robert. (Zeigt aufs Herz.) Es ist nicht Alles hier, wie es sein soll, aber reden wir nicht davon, es ist ja doch zu spät. Vierte Scene. Herr Stampfl. Vorige. Stampfl (kommt von links). Sie find schon da, Herr Müller? Können's nicht mehr erwarten, kann mir's denken; eine so schöne Braut und eine so reiche Mitgift findet man nicht alle Tage. (Bemerkt Robert.) Ein Hochzeitsgast vermuthlich? Wilh. Ein Jugendfreund, Herr Robert Merfeld. (Stampfl vorstellend.) Unser würdiger Bauunternehmer, Herr Stampfl! Rob. (macht eine Verbeugung; — bei Seite). Der Alte sucht eine ehrliche Miene anzunehmen; ich will wetten, daß er ein Haupt- spitzbube ist. Stampfl. Ist mir eine Ehre, der Herr gehört wahrscheinlich auch zum Handwerk? Rob. (lachend). Jetzt noch nicht, später vielleicht. Stampfl. Worin machen Sie denn? Wilh. In Erbschaften. Er hatte das Unglück, eine Tante zu verlieren, die ihm eine Million hinterlassen hat. Stampfl. Ein gutes Geschäft. Ich habe niemals geerbt; wie Sie mich hier sehen, bin ich mit bloßen Füßen nach Wien gekommen, bloß mit meinem Hammer und meiner Kelle in der Hand. Ich habe von Pik auf angcfangen und schäme mich gar nicht, es zu sagen. Man muß arbeiten, wenn man sein Fortkommen finden will. Wie Sie mich hier sehen, verdanke ich Alles meinem Fleiße und meiner Redlichkeit. Rob. Das ist ein schönes Bewußtsein, es ist nur Schade, daß es nicht jeder Mensch haben kann. Stampfl (ohne aus ihn zu hören). Sie werden uns doch bei der Hochzeit die Ehre geben? (Bei Seite.) Er ist Millionär, eine solche Bekanntschaft darf man nicht vor den Kopf schlagen. Wilh. (lachend zu Robert). Bei Gott, ich habe noch gar nicht daran gedacht, Dich einzuladen. Stampfl. Wenn Sie nicht zu stolz sind, an dem Tisch eines alten Maurers zu sitzen — denn wie Sie mich hier sehen — Rob. (unterbricht ihn). Haben Sie Alles sich selbst zu verdanken; habe bereits die Ehre. (Zu Wilhelm.) Wenn es Dir Vergnügen macht, so werde ich kommen. Stampfl. Wir haben aber keine Zeit zu verlieren, muß mich ja auch erst in den Hochzeitsstaat werfen. Wenn man auch mit bloßen Füßen nach Wien gekommen ist, weiß man doch, was man sich schuldig ist. Sie werden eine Tafel finden, wie sie kein Bankier besser hat, und ein Räuschchen wollen wir uns antrinken, wie es nur jemals ein ehrlicher Deutscher aufzuweisen hatte. Wilh. (lkise zu Robert). Wie gefällt Dir derOnkel? nicht wahr, eine ehrliche, schlichte Haut? Rob. Die Haut, ja, ob aber dahinter nicht ein Fuchs steckt, müssen wir abwarten. Stampfl. Also ans Wiedersehen, Herr Dingsda — Dings — Rob. Robert Merfeld. Stampfl. Ich sage Ihnen, es wird Sie nicht reuen, die Bekanntschaft meiner Nichte zu machen. Ein Mädchen, sage ich Ihnen, wie Zucker. Sie glauben gar nicht, was mich die Bildung für Geld gekostet hat, man könnte fast ein Haus dafür bauen. Aber ich kenne meine Pflichten. Wie Sie mich hier sehen, habe ich meine Aufgabe als Vormund als ehrlicher Kerl erfüllt. 6 . Rob. (leise zu Wilhelm). Das werden seine Rechnungen am besten beweisen. Stampfl. Sie kommen also gewiß? Nehmen Sie dafür den Händedruck eines reichen, aber ehrlichen Handwerksmannes. (Schüttelt Robert die Hand ) Rob. Zu viel Ehre. (Zu Wilhelm.) Auf Wiedersehen! (Bei Seite, abgehend.) So weiß ich doch, womit ich heute die Zeit todt- schlage. (Ab nach rechts.) Stampfl (zu Wilhelm). 3hr Freund gefällt mir; hat er nicht Lust, sich ein Haus bauen zu lassen? (Bei Seite.) 3ch habe eine Menge altes Material liegen (laut), oder will er sich vielleicht mit seinem Geld in Unternehmungen einlassen? (Bei Seite.) Mir scheint, er ist ein Gimpel. (Laut ) Kommen Sie ein wenig in das Kaffeehaus, ich habe mit 3hnen in Betreff des Heiratscontractes noch einige Worte zu reden. Alles schön klar und rein mit einand' abgemacht, das ist so meine Sache, dafür bin ich ein biederer, ehrlicher Deutscher. (Beide ab ins Kaffeehaus.) Fünfte Scene. Rose (in halb ländlicher, halb städtischer Tracht; sie hat ein Körbchen am Arm und kommt schüchtern und furchtsam von links). Rose (sieht an den Häusern hinaus und bleibt endlich vor dem Fruchtladen stehen). Dort sicht die Kirche und hier muß der Laden der guten Frau Eva sein; ich habe es dennoch gefunden, obwohl ich zum ersten Mal in Wien bin. 3st das eine große Stadt, ich getraute mich fast gar nicht in den Straßen zu gehen, aber ich mußte meine Angst überwinden; ich muß wissen, wie es ihm geht und warum er seit fünf Wochen gar nichts mehr von sich hören läßt. Er ist vielleicht krank, aber dann hätte er es mir sagen lassen können, oder er liebt mich vielleicht nicht mehr! Nein, nein, das kann nicht sein, das darf nicht sein, ich habe ja sein Wort und das bricht kein ehrlicher Mann. Es war am besten, daß ich mich aufgemacht habe, um selbst mit ihm zu reden; wenn ich nur wüßte, wo er wohnt; aber das werde ich schon ausfindig machen, weil ich nur einmal da bin. Der Pathe hat gar keine Schwierigkeiten gemacht, mich fortzulaffen; er glaubte den Vorwand, daß ich, run mir ein Kleid zu kaufen, nach Wien wollte; aber Frau Liese, die ist viel schwerer zu täuschen, die sah mich so durchdringend an, daß ich gewiß ganz roth geworden bin. Zum Glück weiß sie nichts; Niemand weiß etwas, daß Wilhelm versprochen hat, mich zu seiner Frau zu machen; ich müßte mich ja zu todt schämen, wenn es bekannt würde, daß er sich seit fünf Wochen gar nicht mehr um mich bekümmert hat. Aber jetzt werde ich erfahren, was die Ursache davon ist. 3ch will nur meinen Korb bei Frau Eva ab- geben und sie bitten, mir für die Nacht ein Unterkommen zu gewähren, denn heute kann ich auf keinen Fall mehr zurück; dann will ich auf die Eisenbahn gehen und so lange fragen, bis ich ihn gefunden habe. Es wird mir schwer ankommen, aber es muß sein, ich muß wissen, wie ich mit ihm daran bin. (Geht aus den Kruchtladen zu.) Sechste Scene. Der Rohrbacher (kommt mit einer leeren Butte aus dem Fruchtladen heraus; wie er Rose erblickt, läßt er sie vor Erstaunen zu Boden fallen). Die Vorige. Rohrb. 3ungfer Rose, wie kommen denn Sie nach Wien? Gestern Abend, wie ich von zu Hause fort bin, haben's ja kein Sterbenswörtel zu mir davon gesagt. Rose (etwas verlegen). Der Gedanke kam über Nacht; ich wollte mir einneues Kleid kaufen, und weilnran dergleichen in Wien wohlfeiler und schöner als bei uns bekommt — Rohrb. Wenn 3hnen aber 'was geschieht? Das Wiener Pflaster ist gefährlich! Rose (etwas unwillig). Ich bin ja kein Kind. Siebente Scene. Fr. Everl (aus dem Laden). Die Vorigen. Fr. Everl (zu Rohrbacher). No Du, Bandelkramer, bist Du noch da? Rohrb. Schau d'Frau Everl nur her, was für eine Ueberraschung da ist! Fr. Everl (erkenntRose). Rose, Du bist's? Sakerlot! hat sich das Madl herausgemaust! Wir haben erst vor fünf Minuten von Dir gered't! Rose. Von mir? Wer denn? Rohrb. Es ist gar nicht der Mühe werth. (Leise zu Everl.) Wird die Frau Everl nit stat sein! Fr. Everl. Du hast mir eine rechte Freude gemacht, Rose, daß Du gleich zu mir kommen bist; Du bleibst doch ein paar Tage da? Rose. Ich wollte Sie eben bitten, mir bis morgen Unterstand zu geben. Rohrb. Bis morgen? Braucht man denn so lang, um ein Kleid zu kaufen? Die Jungfer Rose könnt' ja mit mir wieder zu Haus fahren, ich wart' schon so lang, als nothwendig ist. Rose. Ich danke Ihnen, Rohrbacher, aber es würde sich nicht schicken. Rohrb. (etwas traurig). Freilich, Sie haben eine andere Manier als wir Bauersleute. Als Schulmeisterstochter schauu's uns über die Achsel an, weil wir nicht so g'scheit sind wie Sie. Rosa. Sie thun mir Unrecht, Herr Rohrbacher, das sieht ja so aus, als ob ich stolz wäre. Ich, stolz? Mein Gott, auf was denn? Bin ich nicht eine arme Waise, und hat mich nicht mein Pathe aus Gottes Gnaden in's Haus genommen? Fr. Everl (zu Rohrbacher). Wenn Du nichts G'scheiteres zu reden weißt, könntest auch lieber das Maul halten. Wer wird denn solche Sachen auf's Tapet bringen? (Zu Rose.) Mach' Dir's commod, Rose, geh' hinein in's Gewölb und laß' den Dalken reden. Rose (stellt den Korb hin). Ich habe noch einen Gang und möchte auch gern auf die Eisenbahn. Rohrb. Auf die Eisenbahn? Kriegt man dort etwa die Kleider zu kaufen? Fr. Everl.Red't derschonwiederd'rein? (Drohend.) Du, das gewöhn' Dir ab. Rose. Können Sie mir nicht sagen, wie ich den nächsten Weg hin finde? Fr. Everl. Geh' nur von da g'rad aus, nachdem links, hernach wieder rechts, und wenn Du Dich nicht mehr auskennst, so fragst halt — ein jedes Kind zeigt Dir den Weg. Rose. Ich danke Ihnen, Frau Eva. (Eine Magd geht gegen den Laden.) Fr. Everl (zu der Magd). Was schaffen's denn, Fräuler Peppi? Ein' schönen Kelch, heurige Erdäpfel, junge Fisolen? Magd. Um zwei Kreuzer kleines Holz. (Geht in den Laden.) Fr. Everl (zu Rose). Ich muß in's G'wölb; auf Wiedersehen, Rose! (Ab in s Gewölbe.) Achte Scene. Rose. Rohrbacher. Rohrb. Sie sein bös auf mich, aber ich hab's g'wiß vom Herzen gut g'mcint; ich führet Ihnen auch den nächsten Weg zur Eisenbahn, wann's nichts dawider hätten. Ich hätt' auch noch allerhand mit Ihnen zu reden, wann's nichts dawider hätten. Rose «verwundert). Zu reden mit mir? Was könnte denn das sein? Rohrb. Wann's mich so fragen, da bring' ich nichts über die Lippen, und ich Hab' mir's schon so schön ansstildirt. Ich seh's schon, cs ist besser, ich behalt's bei mir. 8 Rose. Sagen Sie es mir, wenn wir wieder auf unserem Dorfe sind. (Wendet sich gegen die andere Seite.) Die gerade Straße, hat sie gesagt. O, mein Gort! werde ich ihn denn auch finden, und was wird er mir sagen? Muth, Rose, Muth! (Erblickt die offene Kirche.) Ich will vorher noch einige Vaterunser beten, das -ringt Glück. Wenn wir nicht auf Gott vergessen, so vergißt er auch auf uns Nicht. (Geht in die Kirche.) Neunte Scene. Rohrbacher. Gleich darauf Stampfl und Wilhelm aus dem Kaffeehaus. Rohrb. (hat sich während der Zeit den Hut auf dem Kopf hin- und hergeschoben). Ich bin und bleib' ein Dalkendippel mein Lebtag. Jetzt wäre die beste Gelegenheit zum Reden gewesen, wieder verpaßt. Wann's so fortgeht, ist die Hochzeit auf den Nimmermehrstag. Und ich bin doch eine gute Partie, Hab' Haus und Hof, Küh und Ross', sie könnt's nicht besser treffen. Die Annamirl nähm' mich gleich, sie hat ein paar hundert Gulden und die Rose kein' Kreuzer, aber deswegen ist sie mir doch lieber als die Annamirl mit einer Million. Stampfl u. Wilhelm (kommen aus dem Kaffeehaus und gehen aus das Haus zu). Stampfl. Nicht wahr, Sie sind zufrieden mit mir? Es geht nichts über die Ehrlichkeit; wie ich noch Maurergeselle war, nannte man mich nur den Bruder Redlich. Rohrb. (halb bei Seite). Das ist ja der Herr Müller und der Bauunternehmer, der Schlankel. (Zirht den Hut.) Gehorsamer Diener, Alle miteinander! Wilh. (erkennt ihn). Sie sind's, Rohrbacher? Grüß' Gott! Rohrb. Sie haben uns schon lange nicht die Ehr' geben. Soll ich vielleicht was ausrichtrn z'Haus? Wilh. Nein, nein, es ist nicht noth- wendig. Stampfl (der indessen dem Hause sich genähert). Herr Neffe, es ist Zeit. (Beide ab in s Haus.) Zehnte Scene. Rohrbacher. Robert. R ob. (kommt von rechts). Da bin ich denn im schwarzen Frack, im Kleide der Freude oder der Trauer. In den Augen der Vorübergehenden kann man lesen: »Der geht zu einerHochzeit oder zu einemBegräbniß,« und weiß man im Voraus, wo es am lustigsten hcrgehen wird, oder wer der Glücklichere ist? Ach, was kümmert's mich. Wenn hübsche Mädchen da sind, werde ich tanzen, und wenn sie nicht da sind, die Ehrlichkeit des alten Stampfl in Champagner leben lassen. Etlste Scene. (Der Hochzeitszug setzt sich von Stampfl s Haus in Bewegung. Voraus die Brautjungfern, dann Elise, von Stampfl geführt, hinter ihnen Wilhelm mit jungen Männern. Robert. Rohrbacher. Frau Evcrl, welche mit der Magd aus dem Laden tritt- Aus den Nachbarshäusern kommen ebenfalls Leute, zuletzt Rose aus der Kirche.) Rohrb. Das ist eine Hochzeit! Hm! wenn ich nur auch schon so weit wäre. Rob. Teufel, die Braut ist reizend! Der Wilhelm macht erst ein Glück. Rose (kommt aus der Kirche). Das Gebet hat mich gestärkt, nun will ich gehen und Wilhelm aufsuchen. (Erblickt die vielen Menschen.) Was gibt's denn da? Ach, eine Hochzeit! Die Glücklichen! Gott gebe ihnen seinen Segen! (Erblickt Wilhelm und stößt einen Schrei aus.) Wilhelm! Wilh. (bestürzt). Rose! Elise (aufmerksam). Was ist Ihnen? Wilh. Nichts! Gruppe. (IH08Y.) (Vorhang fällt.) 9 Zweite Abtheilung. (Der Vorbau eines Dorswirthshauses, rechts und links Thüren, zu welchen kleine Treppen auswärts führen. Zm Hintergründe Tische und Bänke und Stühle. Zn der dritten Coulisse eine Kellerthür. Der Vorbau ist durch eine kleine Gallerte abgeschlossen, dahinter eine freie Aussicht. Der allgemeine Eingang wird durch die Gallerie angenommen.) Erste Scene. Grundncr (fitzt an einem Tisch, er hat einen Krug Wein vor sich. Frau Liese ist beschäftigt die Tische abzuwischen. Annemarie ist ihr behülflich). Annemarie. Jetzt ist Alles in Ordnung, die Gäst brauchen nur noch zu kommen. (Zu Grundner.) Wo ist denn das große Faß, auf dem die Musikanten fitzen werden? Grundncr (trinkt). Frag' die Frau! Fr. Liese. Im Keller! Aber tummle Dick, Du schleichst heut' wieder wie ein' Schneck. Annemarie. Beim Tanzen wird's schon geschwinder gehen. Fr. Liese. Das brauchst nicht zweimal zu sagen; »bei der Arbeit faulundflink beim Tanz, einwendig verrissen und auswendig im Glanz,« das trifft auf ein Haar bei den heutigen Dienstboten zu. Annemarie. Wie die Frau Lieft! jung war, wird's auch kein Ausnahm' g'macht haben von die damaligen. Fr. Liese. Ich glaub' gar Tu unterstehst Dich — Annemarie. »Wie man in den Wald hineinschreit, so hallt's zurück.« Fr. Liese (drohend). Annemierl! Grundner. Still da! sonst werd' ich gestört. Fr. Liese. Gib Acht, daß Dir kein Tropfen in den Unrechten Schlund kommt, Du gibst Dich zwarmit dic Tropfen nicht ab, das ist heut' schon, glaub' ich, der sechste Krug. Grundner. Es ist heute Gregori, mein Namenstag. Fr. Liese. Dein Namenstag ist alleweil, so lang man im Faß keinen Boden steht. Grundner. Lieft!, mach' mich nicht schiech! Fr. Liese. Es wär' eine größere Kunst Dich wieder schönzu machen. (Zu Annemarie) Was stehst denn da und hast Maulaffen feil; gibt's in der Küchel nichts zu thun? Annem. (bei Seite). Ist die heut wieder grantig, die ist g'wiß mit dem linken Fuß aufg'standen (Laut.) Ich werd' mich jetzt um's Faß umschaucn. Fr. Liese. Zeit ist's! sonst hätt' ich dir Füß g'macht! (Annemarie ab.) Zweite Scene. Fr. Liese. Grundner. Grundner. Wenn Du Dir nur mehr Ruhe angewöhnen könnst. Fr. L.cse. Da soll man ruhig sein, wenn man liederliche Dienstboten, einen besoffenen Mann und eine schmerzhafte Fräuler im Haus hat. Grnndner. Liesl, ich Hab viel Geduld. Du kannst mich besoffen heißen, so oft Du willst, ich mach' nur nichts d'raus und trink' doch so lang als es mich g'fteut, aber über die Rose red' kein Wort. Ich hab's einmal ihrem Vater auf sein' Todtenbett versprochen, daß ick sie bei mir behalt, so lang sie sich gut aufführt; das Madl trübt kein Wasser, sie ist sieißig und Niemand kann ihr was nachsagen. Fr. Liese. Außer daß sie die gnädige Fräuler im Haus spielt; sie sitzt in ihrem Zimmer, stickt und näht, um die Haus- wirthschast aber kümmert sie sich nicht; nicht einmal ein Seitl Wein schcnkt's ein' Gast ein. Grundner. Sie ist nicht zu dem erzogen. Ihr Vater, der Schulmeister, hat ihr eine Bildung gegeben, damit sie einmal in 10 der Stadt ihr Glück machen könnt'. Er ist halt zu früh gestorben. Fr. Liese. Und hat uns das Madl aus'm Hals lassen. Grund ner. Sie wird uns nicht arm essen und damit Punctum. Fr. Liese. Mir ist's recht, aber ich glaub halt immer, daß's ein Hakerl mit ihr hat, sie ist nicht so wie andere junge Madeln, und das ist immer verdächtig. Grundner (fährt aus). Liesl, ich sag'. Dir, kein Wort über die Rose; sie ist mein Godl und hat unser'm Haus bisher nur eine Ehr' g'macht. Fr. Liese (halb laut). Bisher! Wer weiß, ob das auch später der Fall sein wird. Dritte Scene. Rohrbacher. Vorige. Rohrbacher (mit einem großen Bouquet im Knopfloch und einem in der Hand). Grüß Gott alle mit einander; immer wohl auf, Vater Grundner? Grundner. Das siehst ja, weil mir der Wein schmeckt. Was bringt den Dich so zeitlich daher und in dem Putz? Rohrb. Gratuliren Hab' ich Euch wollen und nachher (kratzt sich den Kops). Wo ist denn die Rosi? Fr. Liese (boshaft). In ihrer Kammer, wo wird's denn sein, die Wirthsstube ist ihr zu ordinär. Grundner. Wenn's ihr oben besser g'fällt, so soll's oben bleiben. Fr. Liese. Deswegen braucht's aber nicht den ganzen Tag zu weinen. Rohrb. Sie weint? wegen was weint's denn? Fr. Liese. Seit sie mit Dir damals kranker von Wien zurückkommen ist, ist sie gar nicht mehr dieselbe. Ich laß inir's nicht nehmen, es hat mit ihr ein Hakerl. Rohrb. Ich glaub' selber, daß ihr was auf dem Herzen liegt, es geht mir g'rad auch so. Ich lach' und ich weiß nicht warum, und ich wein' und weiß nicht z'weg'n was, und weil das nicht mehr so fortdauern kann, so bin ich halt kommen, um mit dem Vater Gmndner zu reden. Fr. Liese (nähert sich). Was wird denn da G'scheites herauskommen? Rohrb. Vor der Frau Liesel schäm ich mich, ich bin scholl so ein Trau mich nicht! Fr. Liese. Ein Dalk bist! (Geht gegen den Hintergrund, hört aber deshalb doch zu.) Rohrb. (sehr verlegen dreht seinen Strauß in den Händen) schaut der Vater Grundner,die Sach' ist nämlich so: Ich Hab' das gehörige Alter, und könnt alle Stund' heiraten, denn ich Hab Haus, Vieh und Grundstück, und bin g'rad kein unebner Mensch, aber die Courage Hab' ich halt nicht dazu. Na, der Vater Grundner wird mich schon verstehen, ich Hab' mich ja deutlich genug ausdruckt. Grundner. Soll mich der Schwarze holen, wenn ich weiß, wo Du hinauswillst. Fr. Liese (kommt näher). Ich muß Dir schon dreinhclfen; die Rose will er heiraten, hast Du's denn noch nicht bemertt? Rohrb. (deutet, daß Liese Recht hat). In, ja, das will ich! Grundner. Das muß cinemMenschen g'sagt werben, ich bin ja kein Professor, der durch ein Bret fleht. Fr. Liese. Du siehst gar viel nicht. Rohrbach. Wenn der Vater Grundner nichts dagegen hat, so könnt' heut', weil euer Namenstag ist, gleich das Versprechen sein. Den Buschen Hab' ich schon mitbracht. Grundner. Bist denn mit der Rost schon einig? Rohrb. Das nicht, ich trau mir's ihr nicht z'sagen. Fr. Liese. Aber das sag'ich Dir gleich, die Rosi hat von uns nichts zu erwarten; wir haben schon genug für sie gethan. Rohrb. Ich verlang' mir nichts, wenn ich's sie nur krieg. Grundner (auf die Thür rechts). T)a kommt's g'rad, red' mit ihr; wenn's ja ll sagt, so können wir gleich den Hochzeitstag bestimmen. Vierte Scene. Rose. Vorige. Rose, (kommt von rechts, bei Seite) Wenn ich mich nur in dem Mittelpunkt der Erde verbergen könnte, kaum vermag ich den Leuten in die Augen zu schauen. Grund ner. Komm her, Rost, mach' kein so trauriges G'sicht, heut' ist mein Namenstag und wenn Du mir ein Bindband geben willst, das mir a Freud macht, so paß auf, was Dir der Rohrbacher sagt, und sag' nachher nicht na. Er ist ein braver Bursch, g'rad kein' Schönheit, aber auch kein Krüppel, und weil's schon einmal g'hei- rat sein muß; so hast jetzt die beste G'le- gcnhcit. Fr. Liese. Wenigstens brauchst uns nachher nicht mehr zur Last zu fallen. Grundner (zornig zu Liese). Ob Du stad bist, Du alte Z'widerwurzen! Es ist g'radals ob Du dem armen Madl den Bissen Brod nicht vergönnen möchtest. (Zu Rose.) Uebereil'Dich nicht, Rost, z'wegen ihrer, ich Hab' dein Vätern mein Wort geben, für Dich zu sorgen, als ob Du mein eigenes Kind wärst, das heißt so lang Du Dich brav aufführst. No, das versteht sich von selber, Du warst ja immer ein Muster im Dorf. (Zu Liese.) Ich geh' in's Gemeinde- Wirthshaus hinüber, damit ich mich ausheitere, weil hellt' mein Namenstag ist. (Nimmt Hut uud Stock.) Fr. Liese. Bring' aber kein Kameraden mit z'Haus, das sag ich Dir. (Folgt Grundner, welcher über die Gallerte abgeht.) Fünfte Scene. Rohrbacher. Rose. Rohrb. (verlegen). Wir sein jetzt allein, Jungfer Rost, aber wcnn's mich todtschla- gen, so weiß ich's nicht, wie ich'S anfangen soll. Rose. So will ich Ihnen helfen, Herr Rohrbacher. Sie haben mich lieb und möchten mich gerne heiraten. Rohrb. Jetzt ist's heraus. Ja, daS wär' mein einziges Glück, ich Hab' Sie schon gern g'habt, wie's noch ein ganz kleines Madel waren, und meine Lieb' ist mit Ihnen größer und größer worden. Früher warcn's immer lustig, Ihre Backerln haben blüht wie die Pfingstrosen so roth, seit einiger Zeit aber merk' ich, daß Sie immer trauriger werden. Sie sein in dem Haus nickt auf Ihrem Platz. Die Frau Grundnerin ist keine von die Feinsten, mein Gott, sie wird halt alt, und alte Leut' sein grantig und vergönnen den Jungen keine Freud'. Nehmen s mein Herz und meine Hand an, Schwarzbrot» schmeckt am eigenen Herd besser als ein Bratl beim Gnadentisch, und Sie sollen's gut bei mir haben; ich weiß schon, daß Sie viel gescheiter und gelehrter sein als Unsereins, der Vater war ja Schullehrer und Sie hab'n immer Extrafeines in Ihnen g'habt, deswegen sollen's die Frau im Haus sein, nur was Sie wollen, soll g'schehen, und wann's Ihnen im Dorf heraust nicht g'fallt, mein Vetter hat eine schöne Wirtschaft bei der Stadt, die krieg ich einmal, wenn's aber wollen, so ziehen wir gleich hin. Rose. Sie sind ein seelenguter Mensch, Herr Rohrbacher. Rohrb. Sie sagen nicht na, Sie schlagen mich nicht aus? Rose. Ich danke Ihnen herzlich für Ihre gute Meinung, aber — ich kann und darf Ihre Frau nicht werden; Sie sind ein braver, ordentlicher Mensch, und ich würde Sie betrugen, wenn ich Ihnen meine Hand geben wollte. Rohrb. So haben's einem Andern Ihr Herz schon g'schenkt? (Traurig.) Ich bin schon so ein Unglücksvogel, der überall zu spät kommt. (Wischt sich die Augen.) Rose. Kann cs Sie trösten, wenn ich 12 Ihnen säge, daß ich niemals heiraten werde, weder Sie noch einen Andern, so geben Sie mir Ihre Hand. Sie sind jung, Sie werden eine Andere finden, die Sie glücklicher macht als ich. Vergessen Sie mich und sein Sie wieder fröhlich, ich kann es doch im Leben nicht werden. (Sie reicht ihm die Hand und geht dann über die Gallerte ab.) Sechste Scene. Annemarie (wälzt das Faß zur Kcllerthür heraus, fit sieht Rose nach und blickt dann auf Rohrbachkr, der traurig auf. der Seite steht und sich fortwährend die Augen trocknet). Rohrbacher. Annemarie. Annemarie (stellt das Faß auf). Da ist das Faß, das macht mir doch Keine nach im Dorf. (Stößt Rohrbach.) Ich glaub' gar, Tu weinst! Schämst Dich nicht, willst ein Mannsbild sein, und flennst wie ein kleines Kind. Rohrb. (stößt sie von sich). Laß' mich gehen. Mir is mein Leben z'wider. Annemarie. Weil Dich die Rosi nicht mag? Sei kein Lapp', es gibt noch andere Mädeln, die es mit Der wohl aufnehmen können. Schlag' Dir's aus'm Sinn und tanz' heut' Abends mit mir. Rohrb. Mein Lebtag rühreich kein' Fuß mcbr. Annemarie. Die Rosi hat mir ein Mieder g'macht und ein' neuen Rock, das zieh ich an. Rohrb. Deswegen bleibst halt doch die Annemirl und die Rosi die Rosi. Annemarie. Aber sie paßt nicht für Dich, siehst denn das nicht ein? sie redt nicht wie unsereins, sie tanzt nicht wie unsereins, kurz, sie ist eine Prinzessin und keine Dauerndirn. Rohrb. Deswegen g'fallt's mir ja g'rad so gut. Annem. Geh' weiter! Du bist kein Mannsbild, weilst Du Dir ein Madel gar so zu Herzen nimmst. Rohrb. Was wär' ich denn? Annemarie. Ein Zahnafleck, mit dem die Burschen zu Lichtmeß den Bären erschrecken. (Läuft ab.) Siebente Scene. Rohrbachcr, dann Wilhelm, später Rose und Annemarie. Rohrb. Ich könnt' die Annemirl vergiften, weil sie's nicht einsieht, daß die Rosi aus ein ganz andern Teig außerbacken is. Wilh. (einen kleinen Reisesack in der Hand haltend, kommt über die Gallerie). Ich verschob es so lange hieher zu kommen, aber endlich mußte es doch sein Mein Herz schlägt, wenn ich bedenke, daß ich ihr begegnen werde, ihr begegnen muß. Was wird sie mir sagen und wie werde ich ihren Vorwürfen begegnen, ich habe sie leider nur zu sehr verdient. (Bemerkt Rohrbacher und schlägt ihn aus die Schulter.) Guten Tag, Bursche. Alles wohlauf im Haus ? Rohrb. (mit einem Seufzer). 3 ja! NM ich werd' mich gleich hinlegen und sterben. Wilh. (lachend). Es wird nicht so gefährlich sein; sage mir, ist der Bauunternehmer Stampfel schon hier gewesen? Wir haben uns zusammenbestellt. Rohrb. Was geht mich der Bauunternehmer an, mein Lebensglück ist doch nic- dergerissen. (Annemarie und Rose kommen.) Annemarie (hält einen neuen Rock auf dem Arm). Du bist eine Tausendkünstlerin, Rosi, das muß man Dir lassen. Wie soll ich Dir denn das abzahlen? Rose. Laß es nur gut sein, ich thue cs ja gern. Wilh. (bei Seite) Da ist sie, wie bleich und abgehärmt sie aus sieht. Rose (erschrickt heftig, da sie Wilhelm erblickt, saßt sich aber mit Gewalt). Wilhelm! Annemarie (zu Rohrbach). Jetzt steht 13 der Didltap noch da; komm' mit in' Garten und hilf' mir Zwetschken brocken, so vergeht Dir doch die Zeit. Rohr. Daß Du Dir aber keine Gedanken auf mich machst, Anncmirl. Mit uns zwa ist's nir! Annemarie. Wer hat Dir denn g'sagt, daß ich Dich möcht. (Gibt ihm einen freundschaftlichen Stoß in den Rücken. Beide ab.) Achte Scene. Wilhelm. Rose. mich an, Rose! O, warum mußte ich arm geboren werden! Rose. Hätte ich Ihnen mehr vertraut, wenn Sie reich gewesen wären? Ich hatte keine Ahnung von der Schlechtigkeit der Menschen, aber jetzt kenne ick sie. Wilh. Du bist ungerecht, Rose. Rose (immer heftiger werdend). Habe ick an Sie gedacht? Habe ich Sie verlockt mit Worten oder Handlungen? Sie kamen in unser friedliches Haus und stahlen mir mein Herz und meinen Frieden wie ein gemeiner Dieb. Rose. Sie — Sie sind es wirklich? Sie haben es gewagt, dieß Haus noch einmal zu betreten? Wilh. Beruhige Dich, Rose, die Umstände — ich werde Dir Alles erklären. Rose. Was braucht's da nock der Erklärung? Wilh. Als ich Dich kennen lernte, da hatte ich wirklich und wahrhaftig die Absicht, Dich zu meinenl Weibe zu nehmen, aber dann kam die Ueberlcgung. Ich hatte nichts als meine Besoldung, sie war nicht hinreichend, um uns vor Armuth zu schützen. Sollt' ich dein Loos an das meinige knüpfen, um Dich elend zu machen? Rose. Nicht die Armuth schreckte Sie, denn was Sie hatten, hätte für uns Beide hingereicht, aber Sie fürchteten die Arbeit, die Sorge, die Mühe. Sie haben zu mir gesagt: Wir sind Beide arm, Rose; aber mit Dir verbunden, werde ich Alles ertragen, die Liebe wird meinen Fleiß verdoppeln! Ich glaubte Ihnen, denn ich liebte Sie! Wilh. Auch ich dachte so in jenem Augenblick, da kam der Bauunternehmer, er sprach von seiner Nichte, ihrem großen Vermögen, ich ließ mich verblenden und gab meine Hand hin. Aber mein Herz gehört noch Dir, ich habe niemals aufgehört Dich zu lieben. Rose (mit Würde). Genug! Jedes Ihrer Worte ist eine Beleidigung für mich. Wilh. Deine bleichen Wangen klagen Wilh. Rose! Rose. Ja, wie ein gemeiner Dieb! Unterbrechen Sie mich nicht. Sie haben mir aufgelauert, mich verfolgt, sind mir nackgegangen auf Tritt und Schritt. Als ich Sie zurückwies, als ich Ihnen sagte, daß ich nur ein armes Landmädchen sei, das sich für einen Stadtherrn nicht sckickte, dafandcn SiesogarThränen, um mich von Ihrer Liebe zu überzeugen. Woher nehmen Sie diese falschen Thränen? Sie haben gebettelt, versprochen, und geschworen, was weiß ich was noch! Was kümmert einen Mann ein falscher Eid, wenn er damit ein armes Mädchen bethörte. Endlich hörte ich auf !Jhre Worte, mein Herz glaubte Ihnen, denn ich liebte Sie ja. Eines Tages waren Sie fortgegangen, heimlich wie der Dieb in der Nacht, nachdem er einen Schatz gestohlen. Ohne mir ein Wort zu sagen, gingen Sie, um ein anderes Mädchen zu heiraten, weil sie reich war, und Ihnen ein Leben ohne Arbeit in Aussicht stellte. All' meine Schmach, die Gemeinheit Ihrer Handlungsweise fällt nun auf mich zurück. Wenn ich Sie zu beschuldigen wagte, wenn ich Sie anklagen wollte, würde man mit Fingern nach mir weisen, Ihre Schuld nlir ins Antlitz schleudern, und Alle würden mir höhnend zurufcn: »Sehtdas thö- richte Mädchen, das ihre Ehre nicht besser zu bewahren wußte.* Nicht wahr, das Ur- theil der Menschen ist gerecht, es verdammt das schwache Wetb, und vetthetdigt den starken Mann. Wilh. Alles was Du sagst, ist grausam, aber der Lauf der Welt bringt es einmal so mit sich. Rose. Sie haben Recht. Niemand wird Sie tadeln, daß Sie ein zu Gmnde gerichtetes Mädchen geopfert haben. Wilh. Wenn Du in mein Herz sehen könntest, Rose, so würdest Du die tiefste Reue darin finden. Zum Glück weiß Niemand um unsere Liebe. Rose. Gott kennt mein Vergehen, und er wird es an mir bestrafen. Wilh. Du kannst noch glücklich werden, Rose, Du wirst einen Mann finden, der deiner würdiger ist als ich, gerne will ich Alles beitragen. Niemand wird unser Geheimniß erfahren. Rose. Die Ehe ist ein heiliger Tempel, den man nur mit reinem Gewissen und unschuldigem Herzen betreten darf. Neunte Scene. Stampfl (in eleganter Reisetoilette. Er führt Elise am Arm). Die Vorigen. Stampfl. Das ist der beste Gasthof im Dorfe; ich glaube, Frau Nichte, daß man Sie hier zufriedenstellen wird. Elise (hoffärtig). Wenn man auf das Land geht, macht man sich keine großen Erwartungen. Wilh. (unangenehm überrascht) Meine Frau. Rose (bei Seite). Das ist sie, die Reiche, Um derentwillen er mich verlassen hat. Wilh. (bittend zu Rose). Rose! Ich beschwöre Dich zu schweigen! Rose (leise). Ich werde Sie nicht ver- rathen. Stampfl. Nun, es scheint, daß unsere Ueberraschung keinen guten Erfolg hat. Das junge Ehepaar fliegt sich nicht in die Arme, was soll denn das heißen? Elise (zu Rose). DaS ist wohl das Wirthsmädchen? Kann man ein Zimmer haben, das heißt etwas, was auf dem Lande so genannt wird. Rose. Sie sollen sogleich bedient werden. (Ab) Zehnte Scene. Elise. Stampfl. Wilhelm. Wilh. (zu Elise). Wie kommt es, daß Du, ohne mir ein Wort davon zu sagen, den Onkel begleitet hast? — Elise (sieht Rose nach, ohne auf Wilhelm zu hören). Eine hübsche Gestalt; ich war nicht darauf vorbereitet, eine so pikante Schönheit hier zu treffen. Stampfl. Sie ist nicht übel und könnte selbst einem alten Maurer gefährlich werden, wenn er keine Grundsätze hätte. Wilh. (zu Elise). 3ch finde es sehr sonderbar, daß Du mich hier aufsuchst, wo ich, wie Du doch weißt, bloß Geschäftsangele- genhciten mit dem Onkel zu besprechen habe. Elise. Ich wollte den Ott kennen lernen, wo Du als Junggeselle gelebt hast, und da der Onkel weit liebenswürdiger ist als Du, so hat er mich mitgenommen. Stampfl. Ja, mein Lieber, wenn man auch mit bloßen Füßen nach Wien gekommen ist, so weiß man sich doch Damen gegenüber zu benehmen. Elise. Wenn der Onkel unerbittlich geblieben wäre, so hätte es mir doch nicht an einem Begleiter gefehlt. Wilh. (etwas pikirt). Herr von Merfeld vermuthlich?! — Elise. Er ist wenigstens artiger als Du. Wilh. Er hat ja den ganzen Tag nichts zu thun. Elise. Die erste Pflicht des Gatten ist, für das Vergnügen seiner Frau zu sorgen. Wilh. Und die erste Pflicht des Weibes ist ihrem Mann zu gehorchen. Elise, (lachend). Gehorchen? Ein gemeines Wort! Das mußt Du Dir abge- wöhnen, Wilhelm! Stampfl. Zankt Euch doch nicht', Kinder, schon in den ersten Monaten eurer Ehe, dazu habt Ihr ja später Zeit genug. (Zu Elise.) Du hast deinen Willen durchgesetzt, Elise, laß uns jetzt allein, wir haben von Geschäften zu reden. Elise. Ich werde Sie nicht stören, meine Absicht war, das Dorf zu besehen, und die Bekanntschaft der hübschen Mädchen zu machen, die meinem Manne das Junggesellenleben verschönerten. Ick glaube, ich werde nicht weit zu gehen brauchen. (Ab durch die Mittelthür.) Eilste Scene. Wilhelm. Stampfl. Stampfl. Also an's Geschäft. JmHan- del gilt keine Freundschaft, da gibt es weder Onkel noch Neffen, sondern nur Unternehmer und Ingenieure, die mit einander abrechnen. Ich habe tausend Kasten Bausteine geliefert. Wilh. Im Vorbeigehen habe ich einen Blick auf das Material geworfen, es scheint mir schlechter zu sein als die Probe. Stampfl. Da müßten die Leute mein Vertrauen mißbraucht haben, oder eine Verwechslung vorgekommen sein, man kann seine Augen nicht überall haben. Wilh. Es ist nicht das erste Mal, auch die letzte Liefemng taugte nichts. Nehmen Sie sich in Acht, Herr Stampfl; die Direktoren sind sehr unzufrieden und beschuldigen mich, daß ich Ihnen absichtlich durch die Finger sehe. Stampfl. Wozu die Vorwürfe unter Ehrenmännern, wie wir sind. Manchicanirt, man kabalirt Sie, als ehemaliger Maurer kenn' ich das. Vielleicht will man einen Andern auf Ihren Posten vorschicben. Wenn das der Fall ist, werde ich Sie augenblicklich placiren. Wilh. Davon ist nicht die Rede, sondern von meiner Pflicht! die ich Niemand zu Gefallen verletzen würde; deshalb sage ich Ihnen, daß ich in Zukunftunnachsichtlich sein werde, besonders gegen Sie. Stampfl. Damit werden Sie mir nur einen Gefallen thun; Ehrlichkeit ist bei mir die Hauptsache, sie kommt gleich nach dem Gelde oder umgekehrt, wollt' ich sagen. Wilh. So kommen Sie, wir wollen nach dem Bauplatz gehen und das Material besichtigen. (Wendet sich zum Scheu.) Stampfl (bei Seite). Wenn der glaubt, daß ich ihm meine Nichte bloß deshalb gegeben habe, um einen Aufseher an ihm zu haben, da schneidet er sich gewaltig in den Finger. Ich bin nicht umsonst ein alter Maurer. (Folgt Wilhelm.) Zwölfte Scene. Elise kommt mit Fr. Liese; gleich darauf Rose von links- Elise (etwas heftig). Mein Mann hat also bei Ihnen im Hause gewohnt? Fr. Liese. Ueber ein halbes Jahr; die Rose macht gerade dasselbe Zimmer für die gnädige Frau zurecht. Elise. Die Rose, das ist wohl Ihre Pflegetochter oder so etwas dergleichen? Fr. Liese. Mein Mann hat sie aus Gottcsgnaden in's Haus genommen. Elise. Und sie dankt Ihnen dafür, indem sie Schande und Spott über Sie bringt. Wissen Sie, daß sie eine heimliche Liebschaft mit meinem Mann angesponnen hat, daß sie ihm nach Wien nachgereist ist, und daß sie dort eine dramatische Scene aufgeführt hat, indem sie vor der Kirche, in welcher ich getraut wurde, auf offener Straße ohnmächtig geworden ist. Rose (ist bei den Worten »Schande und Spott* aus der Thür links herausgetreten; sie bleibt stehen und hört mit krampfhafter Aufregung bis zum Schluß der Rede zu, dann hält ste sich, wie um Kraft zu gewinnen, an das Gr« ländcr). i - 16 Fr. Liese. Was Sie mir da sagen! Damm ist sie also von Wien so confuß zu Haus gekommen, und redt' und deut' seit der Zeit nichts. Mir geht ein ganzes Flambeau auf. Elise. Sie muß noch bis zu diesem Augenblick ein Einverständniß mit meinem Mann haben; umsonst ist er nicht herausgekommen. Ich habe die Blicke schon bemerkt, die sie sich einander zugeworfen haben. Rose (tritt vor). Das ist nicht wahr! Gott soll mich behüten, von dem Mann einer Andern ein Wort der Liebe anzuhören. Elise. Die Jungfer hat uns also behorcht, da kann sie gleich das Sprichwort auf sich anwenden. Rose. Sie sind sehr grausam, gnädige Frau, und dazu gibt Ihnen Ihr Reichthum wahrhaftig kein Recht. Elise. Die Jungfer bildet sich vielleicht noch etwas darauf ein, die Geliebte meines Mannes gewesen zu sein. Rose. Herr Müller hat mir seine Liebe angetragen, ich habe sie nicht gesucht, später hat er mir die Ehe versprochen, und meine Schuld ist es, ihm geglaubt zu haben. Dann hat er Sie kennen gelernt, und weck Sie reich und ich arm war, wählte er Sie, nicht aus Liebe, denn ein Wortbrüchiger hat kein Herz, sondern aus Habsucht und niedrigen Eigennutz, weil er sich vor der Arbeit scheute, und Ihr Reichthum ihm ein müßiges Leben versprach. Elise. Das wird ja immer besser, die Person erstecht sich noch mir Unarten zu sagen. Aber ich werde es nicht dulden, daß mau mich beleidigt, ich werde ihr zeigen, was eine Frau für Rechte hat. (Zu Liese.) Sie müssen Sie aus dem Hause jagen, und ich werde bei Gericht darauf antragen, daß man sie auch im Dorfe nicht länger duldet. Rose. Was habe ich Ihnen gethan, daß Sie sich so grausam an mir rächen wollen? Elise. Sie fragt, was Sie mir gethan hat? Ist es nicht genug, daß Du mir das Herz meines Mannes entfremdest? Ich weiß jetzt woran er denkt, wenn er oft stundenlang stumm neben mir fitzt. Die alte Liebe steckt ihm noch im Kopfe, aber ich werde sie ihm austreiben, ihm und seiner liederlichen Dime. Rose. Das ist zu viel! Zu viel! (Hält sich an den Tisch.) Elise. Am Ende spielt sie noch die Gekrankte. Ja, freilich, wenn man gehofft hat, gnädige Frau zu werden, wenn man sich schon als Dame gesehen hat, und sich auf einmal angeführt sieht, so ist das keine Kleinigkeit. Aber es geschieht den leichtgläubigen Dimcn schon Recht, warum bleiben sie nicht bei ihres Gleichen. Die Hoffart rächt sich an ihnen. Rose. Also kein Mitleid für das verlassene Mädchen, kein Tadel, keine Schande für den Verführer, sie geben ihm noch Recht, während man für das unglück- licheOpfer nur Schmach und Verachtunghat. (Sinkt im Uebermaße ihres Schmerzen- zu Boden- Dreizehnte Scene. Annemarie. Vorige. Annemarie (stürzt athemlos über die Gal« lerie). Die Musikanten kommen. (Erblickt Rose und eilt auf sie zu.) Rost, was ist denn da geschehen? Fr. Liese. Was wird denn geschehen sein? Ihr Liebhaber hat's fitzen lassen. Annemarie (bestürzt). Aber sie rührt sich nicht, sie wird schon ganz kalt. Fr. Liese (beugt sich zu Rose nieder). Das ist doch curios. Elise (spottend). So schwache Nerven bei einem Landmädchen, das ist wahrhaftig interessant. Annemarie (hat Rosens Kops erhoben). Rosi, komm zu Dir, o mein Gott, was fangen wir denn mit ihr an? Rose (erholt sich). Kein Mitleid, nur Verachtung für die Verführte, die Verlassene. Elise. Was sagt sie da? 17 Fr. Liese (etwas weniger hart, indem sie Rose behilflich ist aufzuftehen). Komm' auf deine Kammer, die Gäst' werden gleich da sein, es braucht nicht jeder Mensch Alles zu wissen. Rose (halb für sich). Meine Schande wird fick nicht mehr lange verbergen lassen. (Geht auf Liese und Annemarie gestützt aus ihre Kammer.) Elise. Ich weiß noch nicht Alles, aber ich werde nicht ruhen, bis ick mir Gewißheit verschafft habe. (Folgt ihnen) Vierzehnte Scene. Stampfl. Wilhelm. (Beide sehr aufgeregt.) Wilh. (sehr aufgeregt). Das Material ist nicht zu gebrauchen, es ist offenbarer Betrug. Stampfl. Warum denn so hitzig? Wie Sie mich da sehen, ist mir das schon oft vorgekommen. Wilh. Sie haben Ihren Reichthum wahrscheinlich nur auf diese Art erworben? Stampfl. Aber jetzt habe ich ihn, und das ist die Hauptsache, Herr Neffe. Wilh. In Geschäftsangelegenheiten bin ich nicht Ihr Neffe, sondern verantwortlicher Beamter. Ich werde noch heute bei der Direktion die Anzeige machen und auf die Lösung Ihres Contractes antragen. Stampfl. Sie wollen mich also zu Grunde richten? Wilh. Besser Sie gehen zu Grunde, als daß Ihre Gewinnsucht so vieler Menschen Leben in Gefahr bringt. Wenn der Tunnel mit dem Material gebaut wird, muß er einstürzen. Begreifen Sie das Unglück, das durch Ihre Schuld hcrbeigeführt werden kann? Stampfl. Es ist schon manches Gebäude mit eben so schlechtem Zeug aufgeführt worden. Wilh. Darum ist auch schon oft Unglück geschehen, an dem nur Fahrlässigkeit oder die Habsucht Schuld trägt. Thratn-Aepkrtou«. Nr. 109- Stampfl. Mit solchen Ansichten werden Sie es niemals zu etwas in der Welt bringen. (Zutraulich.) Wenn Sie nur Vernunft annehmen wollten, wir könnten recht gute Geschäfte mit einander machen. Wilh. Beleidigen Sie mich nicht durch solche Zumuthungen. Lieber will ich arm bleiben, als mit einem schlechten Gewissen reich werden. Stampfl (bei Seite). Jetzt hat der noch ein Gewissen bei der Zeit! Fünfzehnte Scene. Grundner mit mehreren Bauern, darunter Rohrbacher, kommen mit Musikanten über die Gallerte. Grundner ist sehr lustig, ohne jedoch betrunken zu sein. Vorige. Grundner (fingt). A Diandel, a g'schnazt's. Und a Krügel voll Wein, Und wo war da der Bua, Der nit lustig wurd' sein. Sechzehnte Scene. Frau Liese. Annemarie. Elise (aus Rosens Kammer). Vorige. Fr. Liese (jammernd). Wer hätt' sich denn das denkt! Die Schand'! Ich hab's aber immer gesagt! Annemarie (beschwichtigend). Aber Frau Grundnerin! Grundner. Heut' ist mein Namenstag und da wird nicht lamentirt. (Hält ihr den Krug hin.) Trink, Alte, damit'st besser auf- g'legt wirst. Fr. Liese (stößt den Krug auf die Seite). Dir wird die Lustigkeit schon vergehen, wenn ich Dir sage: die Rosi- Grundner. Was ist's mit ihr? Fr. Liese. Sie hat Schand' und Spott über unser Haus 'bracht. Grundner (hebt den Krug drohend aus). Wer das sagt, ist ein Verleumder; das Madl ist brav! 2 Elise. Ich kann es bestätigen. (Mit einem Blick aus Wilhelm.) Mein Verdacht war schon lang geweckt. Stampfl' (zu Wilhelm). Was fehlt Ihnen denn auf einmal, Sie werden ja ganz blaß? Elise. Das Gewissen regt sich. Grundner. Die Rosi, mein Stolz, mein Augapfel! entehrt! das gibt ein Unglück! Wo is, wo is? (Will gegen die Kammer.) Rohrb. (Mt ihm in den Arm). Vater Grundner, um Gottes willen! Fr. Liese. Ich Hab' ihr schon g'sagt, daß, nicht länger in unserm ehrlichen Haus bleiben kann. Grundner. Sie muß fort, auf der Stell', ich lcid's keine Minuten länger und — mein Fluch — Siebzehnte Scene. Rose (mit einem kleinen Bündel in der Hand, ein Tuch über den Kopf gebunden kommt aus ihrer Kammer). Vorige. ausgeschlagen, jetzt weiß ich warum. (Streckt ihr die Hand entgegen.) Wann Ihnen Alles verstoßt — ich bleib der Alte, und wenn's nit wissen wohin — da ist mein Hand! mein Haus und Hof g'hört Ihnen, sagen's ja! Rose. Ich danke Ihnen, Franz, von ganzem Herzen dank' ich Ihnen, aber Ihre Frau kann ich nicht werden. Elise (zu Wilhelm). Wie gefällt Dir dieses Intermezzo? W ilh. Möge Gott niemals diese Stunde an Dir bestrafen. (Rose hat sich zum Gehen gewendet. Annemarie begleitet sie, die Uebrigen haben eine passende Stellung angenommen.) OäLxi«.) Dritte Abteilung. (Ein elegantes Zimmer mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren. Zm Vordergrund rechts ein Sopha und ein Tisch. Im Hintergründe eine Korbwiege mit einem seidenen Vorhang.) Rose. Verfluchen Sie mich nicht, ick gehe ja schon! (Nähert sich Grundner, welcher Erste Scene. sich abwendet.) Grundner. Aus meinen Augen, nnge- rathene Dirne! Rose. Ich danke Ihnen für alles Gute, das Sie an mir gethan haben. Ich habe Ihnen mit Undank vergolten, verzeihen Sie mir! Grundner (streng). Geh', ich mag von Dir nichts mehr wissen. Rose (wendet sich zu Frau Liese). Leben Sie wohl! Fr. Liese (wendet sich ab). Sag nicht, daß Du in unserm Haus gelebt hast. Rose. Sie demüthigen mich tief, aber ich habe es verdient. (Wendet sich zum Gehen.) Annemarie (reicht ihr die Hand, sie verbirgt ihr Gesicht in die Schürze). Behüt' Dich Gott! Rohrb. (zu Rose). Ich Hab' Ihnen heut' meine Hand antrag'n. Sie haben mich Agnes (mit einem Federwischer in der Hand, ist beschäftigt die Möbel abzustauben, gleich dar^ aus Wilhelm.) Agnes. So, nun kann die gnädige Krau kommen, es ist Alles in Ordnung. ^ Wilh. (durch die Seitenthür links). 3ft meine Frau schon angezogen? Agnes. Die gnädige Frau ist ausgefahren. Wilh. Allein? Agnes. Mit Herrn von Merfeld. Wilh. So? (Nähert sich der Wiege.) Der Kleine hat gestern stark gehustet, befindet er sich besser, hat er gut geschlafen? Agnes. Wahrscheinlich! Die Amme hat ihn mitgenommen, da sie aus Befehl der gnädigen Frau einen nothwendigen Gang hatte. Wilh. Das ist sehr unvorsichtig, es war heute ein scharfer Wind und der Kleine ist schwächlich, wie leicht kann er sich erkälten. So oft ich ausgche, begegnet mir eine Kinderleiche, die Armen sterben meistens, weil sie keine Mütter haben, die auf sie achten. Agnes. Die gnädige Frau — Wilh. (unterbricht sie). Es ist gut, sie kann gehen. Agnes (bei Seite). Jetzt mischen sich die Männer sogar schon in die Kindererziehung. (Ab.) Zweite Scene. Wilhelm, gleich darauf Stampfl. Wilh. Robert begleitet meine Frau sehr oft, vielleicht zu oft. Sie lebt nur außer dem Hause. Bälle, Gesellschaften, Promenaden, das sind die Tummelplätze ihrer Eitelkeit, ihr Kind und ihr Mann sind ihr nur Nebensachen. O ich habe kein Weib genommen, nur eine elegante Dame, die den Namen Mutter nicht werth ist. Stampfl (aufgeregt). Haben Sic schon von dem Unglück gehört? Wilh. (erschreckt). Ist meinem Sohne was zugestoßen, oder meiner Frau? Stampfl. Ah,, wenn es nur das wäre! — der Tunnel — Wilh. Sie haben sich verpflichtet, den Bau von Neuem aufführen zu lassen, Sie müssen ja schon damit fertig sein. Stampfl. Gewiß, aber die Arbeiter sind Faulenzer, auf die man sich nicht verlassen kann. In letzterer Zeit hatte ich alle Hände voll zu thun. Wie Sie mich hier sehen, habe ich zehn neue Häuser aufzubauen. Wilh. Da sind die Eigenthümer sehr zu beklagen, aber was ist's mit dem Tunnel? Stampfl. Ich habe ihn stützen lassen von allen Seiten, aber nichtsdestoweniger ist er heute Nacht eingestürzt. Wilh. (erschrocken). Welch' ein Unglück! Ist ein Menschenleben dabei beschädigt worden? Stampfl. Nichts von Bedeutung, höchstens einige Arbeiter. Wilh. (empört). Und das nennen Sie ohne Bedeutung? hartherziger, gefühlloser Mensch! Wissen Sie, daß Sie sich eines Mordes schuldig gemacht haben? Und ich, ich bin Ihr Mitschuldiger, denn durch die strafbare Nachgiebigkeit, mit der ich Ihre wucherischen Betrügereien verschwieg, habe ich einen Theil zu diesem Unglück beigetragen. Stampfl. Aber da es nun einmal geschahen ist, so muß man suchen es wieder gut zu machen. Wilh. Können Sie die Todten wieder zum Leben bringen? Stampfl. Man muß die Schuld von uns abzuschütteln suchen, und sie auf die Umstände schieben. Wilh. Man wird die Sache untersuchen, meine Ehre und mein Ruf sind auf immer verloren. Stampfl. Und mein Geld! Am Ende wird man mich zum Schadenersatz verhalten. Wilh. Alle meine Hoffnungen, meine Aussichten sind dahin. O verflucht der Tag, wo ich zum erstenMal diesem Menschen begegnet bin! Stampfl. Mäßigen Sie sich, wenn dieser Mensch auch nur ein Maurer ist, so ist er doch der Onkel Ihrer Frau. Wilh. Diese Nichte und ihr Onkel sind einander vollkommen würdig! Dritte Scene. Elise an Roberts Arm. Vorige. Wilhelm steht so, daß er von den Eintreten- den nicht gleich bemerkt wird. Robert (zu. Elise halblaut). Werde ich Antwort aus meine Frage bekommen? Elise (leichthin). Niemals! Robert (leise doch pikirt). Coquettc! Elise. Vielleicht. (Erblickt Wilhelm.) Mein Mann! Robert (bei Seite). Der ist mir sehr überflüssig. Stampfl (bei Seite). Wenn ich den Schaden ersetzen soll, geht mein halbes Vermögen darauf, da mach' ich mich lieber bei Zeiten aus dem Staub. Robert (zu Wilhelm, indem er ihm die Hand reicht). Guten Morgen, Wilhelm. Wilh. (trocken). Eben so viel! Robert (bei Seite). Er scheint eifersüchtig zu sein, der arme Tropf! Elise hat kein Herz, folglich braucht er sich nicht zu fürchten es zu verlieren. (Laut zu Stampfl.) Ah, Herr Stampfl, mein würdiger Bauunternehmer, das Muster unserer Oecono- mie-Industrie! — Ich habe schon lange nicht das Vergnügen gehabt. Immer viele Geschäfte, gute Einnahmen? Haben Sie noch nicht das Geheimniß erfunden, aus Ziegelmehl Gold zu machen? Stampfl. Das haben wir Maurer gar nicht nothwendig, es wird ohnehin Alles zu Geld, was wir anrühren. Robert. Oder zu Schutt, es kommt auf Eines heraus. (Au Wilhelm.) Du hast Unrecht gehabt, uns nicht auf den gestrigen Ball zu begleiten, wir haben uns göttlich unterhalten. Wilh. Das würde vielleicht nicht der Fall gewesen sein, wenn ich mitgegangen wäre. Robert. Deine Frau will heute Abend das Concert nicht besuchen, rede ihr doch zu, als galanter Ehemann ist es deine Pflicht. Wilh. Meine Frau kann thun und lassen, was sie will. Elise. Dann rechne ich auf Ihre Begleitung, Herr von Merfeld. Robert (küßt ihr die Hand). Sie machen mich überglücklich, schöne Frau! (Zu Stampfl.) Kann ich Ihnen einen Platz in meinem Wagen anbieten, ich setze Sie überall ab, wo Sie es wünschen. Stampfl. Wenn es Sie nicht genirt, so nehme ich es mit Vergnügen an. Ick muß auf das Criminal-Gericht! (Sicht nach der Uhr.) Ich hätte eigentlich schon längst dort sein sollen. Robert (bei Seite.) Davon war ich schon längst überzeugt. (Laut.) Meine Herrschaften, ich habe die Ehre. Stampfl (zu Wilhelm). Ich gehe um die nöthigen Schritte einzuleiten. (Bei Seite.) Wenn es schief geht, weiß ich, was ich zu thun haben. (Beide ab ) Vierte Scene. Wilhelm. Elise. Elise. Du scheinst heute übler Laune zu sein? Wilh. (losbrechend). Diese Wirtschaft muß ein Ende nehmen, ich werde sie nicht länger dulden! Elise. Du schlägst einen sehr sonderbaren Ton an. Wilh. Statt dein Hauswesen zu leiten, wie es einer Frau zukommt, läufst Du von einer Unterhaltung zu der andern. Du vernachlässigst dein Kind, und überläßt es bezahlten Dienstleuten, spielst endlich leichtsinnig mit meiner Ehre, indem Du dich fortwährend von einem Manu begleiten läßt — Elise (unterbricht ihn). Der dein Freund ist. Wilh. Die Genossen unserer Iugend- thorheiten sind nicht immer Diejenigen, die wir unfern Frauen zur Gesellschaft wünschen. Elise (spottend). Es scheint, daß Du Dir schon lange Zwang angethan hast, um das zu verschweigen, was Du auf dem Herzen hast; genire Dich nicht, sprich Dich aus! Wilh. (immer aufgeregter). Es soll geschehen, und ich werde als dein Gatte darauf dringen daß meinem Willen Folge geleistet wird; ich werde nicht dulden, daß deine thörichte Verschwendung uns zu Grunde richtet. Elise. Du scheiust darauf zu vergessen, 21 daß bloß von meinem Vermögen die Rede sein kann; ich erinnere mich wenigstens nickt, daß Du welches gehabt hast. Wilh. Tu mahnst mich zu oft daran, um welchen Preis mir das Glück zu Theil wurde, dein Gatte zu sein. Es ist wahr, ich war arm und Du bist reich, aber alles was Du besitzest, gehört deinem Kinde, und in seinem Namen rede ich. Die Zinsen deines Capitals reichen nicht hin, unfern kostspieligen Hausstand zu bestreiten. Während Du spazieren fährst, arbeite ich, während Du im Theater deinen Putz zur Schau trägst, mühe ich mich ab, und während Du auf dem Balle tanzest, drücken schwere Sorgen mein Gemüth und rauben mir den Schlaf. Ich habe also das Recht, so mit Dir zu reden. Du wirst künftig leben, wie ich es für gut finden werde, das ist mein fester, unabänderlicher Wille und ich bin der Mann ihn durchzusetzen. Elise (spottmd). Das wird sehr hübsch von Dir sein, wenigstens wird dieser Zustand die Langweiligkeit unserer Ehe unterbrechen l Klingelt.) Du erlaubst doch als Herr und Gebieter, daß ich meine Toilette wechsle. Wilh. (halb für sich). Das Weib ist unverbesserlich! Fünfte Scene. Agnes. Vorige. Agnes. Die Nähterin aus der Leinwandhandlung, die die gnädige Frau bestellt hat, wartet im Vorzimmer. Elise. Wegen Aenderung des Kinderzeuges. (Zu Wilhelm.) Du hast doch nichts dawider, wenn ich unseres Kindes wegen einige Ausgaben mache. Wilh. Du hast an deinen Sohn gedacht, Elise, das macht Alles vergessen, (Reicht ihr die Hand.) Elise. Am Ende wirst Du doch cin- sehen, daß ich eine bessere Mutter bin. als Du voraussctzest. Man hat jetzt so elegantes Kinderzeug, daß ich mich schämen müßte das alte zu behalten. Wilh. (bei Seite). Statt ihn zu umarmen und auf seine Gesundheit zu achten, gibt sie ihm ein modernes Kleid. (Zm Abgehen nach links.) Sie hat kein Herz und wird mich niemals glücklich machen. (Ab.) Elise (ihm nachsehend). Das müssen Sie sich abgewöhnen, Herr Gemal. Widerspruch vertrage ich nickt. Agnes. Die Nähterin, gnädige Frau! Elise. Laß sie eintreten, und folge mir dann in mein Toilettezimmer. (Ab nach rechts.) Agnes (ruft zur Mitteltbür hinaus). Kommen Sic herein und warten Sie hier auf die gnädige Frau. (Ab nach rechts.) Sechste Scene. Rose (eintretend, sie ist städtisch, aber höchst einfach gekleidet). Rose. Man hat mir gesagt, daß ich hier dauernd Arbeit bekommen werde, es soll eine Frau sein, die nicht auf's Geld sieht, aber sehr schwer zu befriedigen ist. O, ich will mein Möglichstes thun. wenn ick nur Arbeit bekomme, die mehrere Monate anhält. Im Magazin wird man so schlecht bezahlt; wenn ich Tag und Nacht arbeite, verdiene ich nicht so viel, als wir, ich und mein armes Kind, brauchen. Wenn ick ihr nicht gefalle, und sie mich fortschickt, weiß ich mir nicht zu helfen; ich habe so sicher auf diese Arbeit gerechnet, und nun wird mir auf einmal so bang, aber sie ist ja auch Mutter, und wird Mitleid mit mir haben. (Nähkrt sich etwas der Wiege.) Was das für eine schöne Wiege ist! Mein Kleiner hat sein Bettchen in einem Korb; um ihn zudecken zu können, habe ich meinen Mantel zerschnitten. Es friert mich zuweilen in dem dünnen Kleide, aber ich vergesse gleich darauf, wenn ich an ihn denke. Er lächelt eben so lieb in seinen Lumpen als die andern Kinder in ihren gestickten Kleidern. In dem Alter kennt man keinen Unterschied, man bedarf nichts als Liebe, und an Liebe hat es meinem Kinde nie 22 gefehlt, in dem Punkte ist es reicher als manches Fürstenkind. Siebente Scene. Elise mit Agnes von rechts. Vorige. Agnes (auf Rose zeigend). Da ist die Nähterin, gnädige Frau. Elise (ohne Rose anzublicken). Es ist gut. (Agnes ab.) Rose (nähert sich etwas schüchtern). Gnädige Frau! Elise (wendet sich gegen sie) Man hat sie mir als geschickt angerühmt. (Bei Seite ) Das Gesicht kommt mir bekannt vor, wo habe ich es nur gesehen? Rose (erschrickt, so wie sie Elise erkennt). (Bei Seite.) O mein Gott, wo bin ich hin- gerathen? Es ist seine Frau! Elise. Die Verbesserungen an den Kinderkleidern müssen nach der neuesten Mode gemacht werden, ich bin darin sehr eigen. Sie sind ja selbst Mutter, und man hat mir gesagt, daß Sie Geschmack im Arrangement haben. Rose. Die Kleidung meines Kindes richtet sich nicht nach der Mode. Elise (erkennt sie ebenfalls. Bei Seite). Das ist ja das Mädchen! und sie sagt, daß sie ein Kind hat (Laut.) Kennen Sie mich? Sehen Sie mir in das Gesicht. Rose. Haben Sie mich deshalb rufen lassen, gnädige Frau? Elise. Sie sprachen von einem Kinde, so haben Sie sich also verheiratet? Rose. Schonen Sie mich, gnädige Frau, die Erinnerung tödtet mich. O ich habe den Kelch der Schande gelehrt bis auf den Grund. Ich wollte sterben und vergaß, daß mein Leben nicht nur mir angehört; im Flusse beschloß ich mein Dasein zu enden, als ein armes Weib, ein Kind an der Hand schleppend, mich um ein Almosen ansprach. Ich gab ihr mein letztes Geld, ich brauchte ja nichts mehr, denn ich wollte sterben. »Siehst Du,Mutter,«sagtedas kleineMäd- chen, indem es die Münze aufhob, »man darf niemals an der Barmherzigkeit Gottes und der Mildthätigkeit der Menschen zweifeln!« Da sank ich auf meine Kniee, denn ich war im Begriff ein Verbrechen zu begehen, ich war eine schlechte Mutter. Seitdem arbeite ich für mein Kind und bin glücklich, ich bin nicht mehr allein und verlassen, ich habe ein Wcsen, das ich lieben darf, das mich wieder liebt. O gnädige Frau, Sie sind reich, Sie können nicht wissen, welch' ein Genuß darin liegt für ein geliebtes Kind zu arbeiten. Darum können Sie auf meinen Fleiß und meinen besten Willen rechnen. Sie thun ein gutes Werk, wenn Sie mir Beschäftigung geben, wenn Sie mir helfen mein Kind zu ernähren. Elise (klingelt). Agnes (tritt ein). Elise. Ist mein Mann zu Hause? Agnes. Er hat verboten ihn zu stören, da er dringend zu arbeiten hat. Elise. Ich lasse ihn bitten, auf einen Augenblick bieher zu kommen. Rose (achtungsvoll). Was wollen Sie thun, gnädige Frau? Elise. Mein Mann hat sehr viel Geschmack und ich wünsche seinen Rath zu hören, auch liebt er seinen Sohn außerordentlich und alles, was ihn angcht, hat Interesse für ihn. Rose (bei Seite). Ihr Sohn hat Rechte auf seine Liebe, während der meinige — Achte Scene. Wilhelm (von links). Vorige. Wilh. (ohne Rose zu bemerken) Du hast mich rufen lassen Rose (bei Seite). Halte aus, mein Herz! Ich darf ihn ja nicht kennen. Elise. Das ist die Nähterin, welche das Kindcrzeug für unfern Kleinen aufcr- tigen soll, betrachte sie doch ein wenig. Wilh. Du bist sonderbar. (Wendet sich gegen Rose und erkennt sie.) Rose! 23 Elise. Warum erschrickst Du denn? Du bist ja ein alter Bekannter von der Mamsell, und auch sie, scheint es, hat ihre Erinnerungen gesammelt. Rose. Es ist besser, daß ich gehe. (Verbeugt sich.) Ich danke Ihnen für Ihre Güte, gnädige Frau. Elise. Bleiben Sie noch! Es scheint, daß ich die Einzige bin, die sich der Vergangenheit erinnert. Ich kenne Sie, Mamsell! Sie waren es, die auf den Stufen der Kirche an meinem Hochzeitstag in Ohnmacht siel. Ein böses Omen! Später wurden Sie in meiner Gegenwart aus dem Hause Ihres Pflegevaters schimpflich fortgejagt. Nicht wahr, ich habe ein gutes Ge- dächtniß? Wilh. Aber kein edles Herz! Aus welchem Grunde ruf'st Du einen solch' bitteren Augenblick zurück. Elise. Um der Mamsell Gelegenheit zu geben ihren Gefühlen Luft zu machen. Sie hat wahrscheinlich gegen Dich eine Menge auf dem Herzen. (Zu Rost.) Sprechen Sie unverhohlen,meinethalbenbrauchenSie keine Rücksicht zu nehmen, ich bin auf Sie durchaus nicht eifersüchtig. Rose. Ich habe nichts zu sagen! Elise. Haben Sie nicht einmal einen Vorwurf, eine Klage? Rose. Ich klage über Niemanden, nur über Sie. Sie haben mich rufen lassen, um mir Arbeit zu geben. Sie können sie mir verweigern, aber Sie haben nicht das Recht, über mich zu spotten. Elise (zu Wilhelm). Und Sie, Herr Ge- mal, der Sie mir kurz zuvor eine so strenge Sittenpredigt hielten, finden Sie es nicht ausnehmend lustig, daß sich jetzt die Spitze gegen Sie wendet? Sie haben mich herzlos genannt! Ich finde, daß Sie herzloser gehandelt haben, indem Sie Mutter und Kind dem Mangel, der Noth und Ar- muth preisgcgcben haben. Rose. Ich habe mich nicht beklagt, nicht gegen ihn, nicht gegen Sie! Elise. Wir sind Beide zu beklagen, Sie und ich, und ich habe deshalb keinen Groll auf Sie. Auf ihn allein fällt mein Vorwurf, denn es ist unendlich und verächtlich eine Frau zu verlassen, bloß deshalb, weil sie arm ist, und eine Andere zu heiraten, weil sie eine reiche Mitgift hat. Wilh. Elise. Du wirst mich noch wahnsinnig machen. Elise. Ich werde edelmüthiger als Sie handeln. (Reicht Rost eine volle Börse.) Daß ich Ihnen die versprochene Arbeit nicht geben kann, werden Sie begreiflich finden, aber an Unterstützung werde ich es nicht fehlen lassen. Nehmen Sie! Rose (läßt die Börse fallen). Behalten Sie Ihr Geld, gnädige Frau, ich habe kein Almosen von Ihnen verlangt, lieber wollt' ich in den Straßen von Thür zu Thür betteln gehen. Mein Kind gehört mir, mir allein, verstehen Sie mich recht; es hat keinen Vater, und Sie sollten sich nicht bemühen, ihm einen zu verschaffen. Ich zürne Ihnen nicht, Sie haben mein Herz von jedem Haß, von jedem Zorn geheilt. Gott steht den Schwachen bei und erniedrigt die Hochmüthigen; Sie sind nur ein Werkzeug in seiner Hand und bestimmt den Wortbrüchigen zu bestrafen, und die Vollstreckerin seiner Rache zu sein. Vierte Abheilung. (Ein ärmliches Zimmer, im Hintergründe ein niederes Bett, daneben ein Korb. Im Vordergrund ein schlechter Tisch und einige Strohstühle, links in der Coulisse ein Fenster mit schlechten Vorhängen.) Erste Scene. Rose (sitzt an dem Tisch, das niedergebrannte Licht ist im Auslöschen begriffen. Sie schläft auf die Hände gestützt, ihre Arbeit ist zur Erde gefallen Margarethe tritt leise mit dem Rohrbacher ein.) 24 Rohrb. Ich bin eine alte Bekanntschaft und möchte sie nur geme sehen. Marg. Sie ist über ihre Arbeit einge- schlafcn, mein Gott, sie näht Tag und Nacht, und cs reicht doch immer nicht hin (Löscht das Licht aus.) Treten Sie nur leise auf, damit sie nicht erwacht! Rohrb. (betrachtet die Schlafende). Arme Rose! wie blaß als sie ausschaut, das Herz könnt' einem zerbrechen. Marg. Wie kann sie denn gut ausse- hen bei der vielen Arbeit und der schlechten Kost; wenn es so fort dauert, muß sie mit dem Kinde zu Grunde gehen. Rohrb. 2ch hätt' sie schon lang gern aufg'sucht, ich und mein Weib, die Anne- mirl; denn Sie müssen wissen, daß ich seit fünf Monaten verheirat' bin. Ich war ihr anfangs nicht recht geneigt, aber wie ich gesehen Hab, daß sie sich der Rose ihr Unglück so zu Herzen nimmt, haben wir öfter mit einander geredt. Jetzt ist's mein Weib und ich bin so was man sagt, recht glücklich mit ihr. Nur ist uns das Schicksal der armen Rose nicht aus dem Kopf gegangen. Wir haben uns oft um sie erkundigt, aber Niemand hat von ihr was gewußt, bis mir heut' früh die Frau Everl von ihr erzählt hat, da Hab' ich Alles liegen und stehen lassen und bin hergeloffen, wie Sie mich da sehen. Marg. Trotz ihrer Armuth hat die gute Rose das Wenige, was sie hatte, in meiner Krankheit mit mir getheilt; ich bin selbst arm und kann ihr also nicht vergelten; auch ist sie stolz und würde von Niemanden etwas annehmen, da aber ihr Kind sehr schwach ist und Nahrung braucht, die sie ihm nicht geben kann, so habe ich der Frau Eva ihre Lage unter dem Siegel der Verschwiegenheit mitgetheilt, und sie um ihren Rath gebeten. Rohrb. Sie har mir Alles gesagt und ich bin deswegen kommen, aber jetzt muß ich wieder fort, die Annemirl ist auch in der Stadt und mit der muß ich erst reden. Ich steh'zwar nicht unter dem Pantoffel, aber es geschieht doch nichts im Haus, wo sie nicht ihren Text d'reingibt. Marg. (enttäuscht). Sie wollen wieder gehen, ohne mit Rose geredet zu haben? Rohrb. Mit dem Reden allein ist's nicht g'holfen, ich komm' schon wieder, Sie brauchen auch gar nicht zu sagen, daß ich da g'wesen bin. (Ab) Marg. Es ist auch besser, denn er wird schwerlich wieder kommen. Die Armuth hat keine Freunde! Zweite Scene. Margarethe. Rose. Rose (ausschreiend). Wo ist mein Kind? Mein Kind! (Erwacht völlig.) Ich habe nur geträumt, Gottlob! Es war mir, als ob ich mein Kind verloren hätte. (Erblickt Margarethe.) Du bist da, Margaretbe, und es ist schon Heller Tag, ich muß lange geschlafen haben (ärgerlich) und ich wollte doch mit der Arbeit fertig werden. Marg. Sie sollten sich mehr schonen, Mamsell Rose. Glauben Sie mir, wenn Sie es so fort machen, werden Sie krank werden. Rose. Ich krank? Darf ich denn krank sein? (Auf dir Wiege deutend.) Muß ich nicht gesund bleiben, um für mein Kind arbeiten zu können? Marg. Wenn die Kraft auf hört, so wird um den Willen nicht gefragt. Rose. Du vergißt auf Gott, der es nicht zuläßt und die armen Mütter beschützt. (Nähert sich der Wiege.) Sieh nur, wie sanft mein Sohn schläft, Du machst mich seinetwegen immer so unruhig. Ich weiß gar nicht, wie Du auf den Gedanken kommst, ihn für krank zu halten. Er hat die ganze Nacht so ruhig gelegen, ohne ein einziges- mal zu weinen. Marg. (bei Seite). Ich glaube es wohl, der arme Wurm hat nicht mehr die Kraft dazu. Rose. Es ist wahr, er sieht bleich aus, aber alle Kinder in den großen Städten 25 sind -laß, weil es ihnen an frischer Lust fehlt. Ich wollte nur die Nähterei fertig machen und dann mit ihm ein wenig in's Freie geben. (Besorgt.) Aber sage mir aufrichtig, findest Du wirklich, daß der Kleine übel anssieht? Marg. Ich will es gerade nicht behaupten, aber es kommt mir so vor. Rose. Glaubst Du denn, ich würde cs nicht auch bemerken, wenn er krank wäre! Kann sich denn eine Mutter täuschen? Lebt sie nicht in ihrem Kinde? Deshalb bin ich auch ruhig, ganz ruhig. (Aengstlich.) Nicht wahr, Margarethe, mein Kleiner ist nicht krank? Marg. An Ihrer Stelle würde ich doch einen Doctor fragen. Rose. Ich fürchte mich vor den Aerzten, und dann habe ich auch nicht so viel Geld, um sie zu bezahlen. (Ungeduldig.) Wie oft soll ich es Dir wiederholen, daß dem Kinde nichts fehlt? Marg. (bei Seite). Arme Mutter! Sie sucht sich selbst zu belügen! Wenn man Furcht hat, drückt man gerne die Augen zu; ich kenne das aus Erfahrung. Rose. Wenn mein Kleiner sterben würde, dann möchte ich auch nicht mehr leben. Marg. So weit wird es ja nicht kommen ! Aber ich habe Unrecht, Sie mit meinen Befürchtungen zu quälen, Gott wird das Beste machen! (Bei Seite.) Ich will am Hausthor auf den Armendoctor matten, und ihn bitten heraufzukommen. (Laut.) Auf Wiedersehen, Mamsell Rose! (Ab ) Dritte Scene. Rose (allein). Rose (an der Wiege). Nein, nein! Mein Kind ist nicht bleich, es hat ja rothe Wangen, es ist gesund und lächelt so süß im Schlafe. (Aus die Knie sinkend.) Mein Gott! Laß' mir mein Kind, ich habe ja sonst nichts auf der Welt, laß' mich auch gesund bleiben, damit ich es ernähren kann. Wenn es mich nicht mehr braucht, kannst Du mir das Leben nehmen (str erhebt sich); dann will ich mit Freuden sterben! Vierte Scene. Wilhelm. Vorige. Wilh. (eintretend). Hier soll sie wohnen, hat man mir gesagt. Rose (erblickt ihn). Wilhelm! — Was wollen Sie hier? Wilh. Dich noch einmal sehen, Dich um Verzeihung bitten ob jenes grausamen Auftrittes in meinem Hause, den ich Dir gern um den Preis meines Lebens erspart hätte. Ich habe Dich seitdem überall vergeblich gesucht, bis mir ein Zufall deine Wohnung verrathen hatte. Rose. Die Mühe, welche Sie sich meinetwegen gaben, hätten Sie sich ersparen können. Was mir bei Ihnen begegnete, war die Folge einer Unvorsichtigkeit, ich hätte mich vorher um den Namen der Frau erkundigen sollen, zu der ich ging. Sie haben sich deshalb nichts vorzuwerfen. Wilh. Was ich mir aber bis an das Ende meines Lebens vorwerfen werde, ist die Lage, in der ich Dich jetzt finde. Rose. Sie sind der Letzte, bei dem ich mich deshalb beklagen würde. Wilh. Rose! Rose. Was wollen Sie noch von mir? Mich um Verzeihung bitten wegen der Beleidigung, die mir Ihre Frau zugefügt? Ich bin an Schmähungen gewöhnt und habe diese bereits vergessen. Was ich aber nie vergessen werde, ist nicht der Gedanke, daß Sie mich betrogen, verlassen haben, ist nicht das Gefühl meiner Leiden, meines Kummers, sondern die Scham, die mir das Blut in's Gesicht treibt, wenn ich daran denke, was ich meinem Kinde antworten werde, wenn es mich einmal fragen wird: Wo ist mein Vater? Wilh. Dieses Kind! Rose. Sie können jetzt nichts mehr an seinem Schicksale ändern, darum überlassen 26 Sie uns unserem Geschick! Mein Sohn soll niemals Ihren Namen hören, niemals erfahren, wer sein Vater war. Wilh. Ich kann nicht von Dir gehen, beladen mit dieser kalten Verachtung, die ick verdiene, die mich aber zur Verzweiflung bringt. O Rose, wenn Du wüßtest, wie schwer ick für meinen feigen Verrath bestraft wurde. Rose. Der Himmel ist gerecht! Wilh. Die rächende Hand Gottes ruht sckwer auf mir, das Vermögen, für das ick Dich geopfert, cs ist fast verloren. Der Elende, der mich durck falsche Hoffnungen getäuscht, wollte es in seinem Geschäfte verwenden, er ist entflohen, nachdem er mir durch seine Betrügereien die Ehre und ineinen guten Namen gestohlen hat. Ich muß abreisen, um die Spur des Flüchtigen zu verfolgen nnd wer weiß, wann ich zurückkomme. Wie auch mein Loos aus- salle, ich werde es leichter ertragen, wenn ich zuvor ein Wort der Vergebung aus deinem Munde höre. Rose. Meine Vergebung! Niemals! Das Kind verbietet es mir. Ihr Platz ist nicht hier, kehren Sie zu Ihrer Frau und zu Ihrem Kinde zurück. Sie hindern mich nur, das meinige zu umarmen. Wilh So gestatte mir wenigstens im Namen dieses Kindes Dir dieß anzubieten. (Reicht ihr eine Brieftasche hin.) Es ist nickt viel, was ich Dir geben kann, aber es wird für eine Zeit Dich vor jeder Noth schützen. Rose (heftig die Brieftasche zurückweisend). Behalten Sie Ihr Geld, behalten Sie es, ich will nicht, daß mein Kind dem Ihrigen das Brot entziehe. Wilh. Rose, ich bitte Dich, ich beschwöre Dich! Rose (weist nach der Thür). Gehen Sie! verlassen Sie mich, zwingen Sie mich nicht Sie zu verfluchen. Wilh. Laß mich dein Kind sehen, Rose, laß mich es segnen. Rose. Mein Kind ist eine Waise! und bedarf Ihres Segens nicht! Wilh. So nimm wenigstens das Geld. Rose (skhr heftig). Niemals! Niemals! Ich werde arbeiten für mein Kind, im Nothfalle dafür sterben, aber mit Niemand die Sorge dafür theilen, am allerwenigsten mit Ihnen. (Weist nach der Thür.) Gehen Sie! Wilh. Du bist grausam, Rose, aber gerecht. Lebe wohl, vielleicht sehen wir uns in diesem Leben nicht wieder. (Ab.) Fünfte Scene. Rose (allein). Geld! Und immer nur Geld! Damit glauben Sie Alles wieder gut macken zu können. O mein Gott, raube mir nicht die Hoffnung auf deine Gerechtigkeit, die den Armen noch aufrecht hält, sonst müßte man ja verzweifeln, daß dem Einen Alles wird, während der Andere an dem Nöthi- gcn Mangel leidet. (Nähert sich der Wiege.) Wie ungerecht bin ich! Hab' ich nicht mein Kind? Hat es nicht eine Mutter, die es mehr liebt als ihr Leben? (Deckt den Korb aus ) O mein süßer kleiner Engel! Du bist meine Freude, mein Glück! Wenn ich Dich so ansehe, so vergesse ich Alles, Kummer, Verachtung und die Beleidigungen der Menschen. So lange Du warm bist, empfinde ick keine Kälte und wenn Du unter meinem Schutze schläfst, so wache ich mit Wonne. Dein Lächeln zaubert Blumen auf unsere kahlen Wände und glänzenden Sonnenschein. Ich habe Alles verloren, Eltern, Freunde, die Ehre und die Achtung der Welt, aber wenn mir Gott Dich nur läßt, so verzichte ich auf Alles, Du sühnst meine Vergangenheit, Du versprichst mir eine neue Zukunft. Um deinetwillen wird mir Gott vergeben und der Himmel mich segnen. 27 Sechste Scene. Der Armendoctor. Margarethe. Rose. Marg. (öffnet dem Doctor die Thür). Hier wohnt die arme Frau, Herr Doctor. Rose (verwundert). Wen bringst Du denn da, Margarethe? Doctor. Die Frau sagte mir, daß Sie ein krankes Kind haben. Rose. Krank? Da hat sie gelogen. Marg. Es ist möglich, daß ich mich täusche, aber ich will mir wenigstens keine Vorwürfe machen, indem ich Ihnen zu sehr nachgebe. Der Herr Doctor wird es ja sehen! Rose (bei Seite). O mein Gott! wenn sic Recht hatte! Doctor (hat sich der Wiege genähert und betrachtet das Kind). Wie alt ist der Kleine? Rose (ängstlich). Sieben Monat. Doctor. Sie haben ihn bisher selbst genährt? Rose. Ja, Herr Doctor. Doctor. Von was leben Sie? Rose. Ich bin Nähterin und arbeite so viel ich kann. Marg. Und meistens auch die Nacht durch. Doctor. Und Ihre Nahrung ist nicht immer zureichend, Sie leiden oft Mangel. Rose. Ich denke nicht daran, wenn nur mein Kind sich wohl befindet. Doctor. Danken Sie der guten Frau, die mich hergeführt, wenn ich nicht gekommen wäre, so würde Ihr Kind — Rose. Was? Doctor. In acht Tagen eine Leiche sein. Rose (stößt einen Schrei aus). Dieß ist nicht möglich! — Mein Gott, was fehlt ihm denn? Doctor. Es stirbt aus Mangel! Rose (nikdergkschmettert) Und ich wollte es nähren. Doctor. Sie sind erschöpft, ein geheimer .Krimmer nagt an Ihrer Gesundheit. Ihre Brust ist vergiftet und trägt den Keim des Todes in sich. Rose. O mein Gott! Doctor. Das Kind bedarf der Landlust und gesunder Ziegenmilch; wenn es das nicht erhält, so stirbt es! Rose. Nein, es kann, es darf nicht sterben, Sie täuschen sich. Gott kann das nicht zulasten. Doctor. Ich hoffe, daß noch nicht Alles verloren ist, aber eine Aenderung muß schnell eintreten. Rose. Was soll ick thun? Doctor. Haben Sie die Mittel, das Kostgeld auf dem Lande zu bezahlen? Rose. Ich bin arm. Doctor (stockend). Und der Vater des Kindes? Rose (schmerzlich!. Sein Vater? Doctor. Armes Geschöpf! (Bei Seite.) Er hat sie wahrscheinlich verlassen. Rose. Ich werde Nachdenken, vielleicht finde ich einen Ausweg. Es handelt sich um das Leben meines Kindes. Doctor. Ich werde später wiederkommen, ängstigen Sie sich nicht zu sehr, Gott hilft oft in der höchsten Noth. (Zu Margarethen.) Ich werde gleich wieder kommen, l Rasch ab.) Siebente Seente. Rose. Margarethe. Rose (geht zur Wiege und wirst sich schluchzend daraus). O mein Gott! mein Gott! Warum hast Du mir ihn gegeben, wenn Du ihn mir wieder nehmen willst. Marg. Verlieren Sie nur den Muth nicht gleich. Rose. Muth! Wo soll ich Muth hernehmen? (Trocknet sich die Augen ) Ich will nicht mehr weinen, ick muß ja Geld haben, Geld! O ick wollte, daß ich mein Blut in Geld verwandeln könnte. Marg. Haben Sie denn gar Niemanden? Keine Freunde? Rose. Freunde? Ich kenne dieses Wort nt.A. ZVoher sollten sie mir denn kommen? Mein Gott! willst Du mein Leben, meine Seele, diesen elenden Körper, nimm Alles hin, aber gib mir Geld dafür. Mein Kind muß sterben, weil seine Mutter arm ist, und dann sagt man noch, das Leben laßt sich Nicht erkaufen. (Plötzlich von einem Gedanken erregt ) Ah! er! er! Marg. Wer denn? Rose. Sein Vater! Der Doctor hat Recht. (Margarethe zuckt mit den Achseln und geht an die Wiege.) Sein Vater war hellte hier, er hat mir Geld angeboten und ich Thörin habe cs zurückgewiesen, das durfte ich nicht, denn mein Kind bedarf der Psiege, mein Stolz darf es nicht umkommen lassen, ich würde es ja ermorden. Ich eile zu ihm. Gott weiß, was es mich kostet, aber mein Kind muß gerettet werden. Marg. Ich bleibe indeß hier und bewache den Kleinen. Rose. Seine Frau wird mich vielleicht fortjagen, was kümmert es mich, wenn nur mein Kind gerettet wird; auf meinen Knieen will ich sie bitten, ich will ihre Hände küssen, mag sie mich auch mit ihrem bitteren Spott bis in das Innerste meiner Seele verwunden, ich will es ertragen, wenn nur mein Kind gerettet wird. (Rasch ab.) Achte Scene. Margarethe (allein). Arme Mutter, wenn Dich der Gang nur etwas nützt. Wenn der Tod einmal anklopft, dann ist gewöhnlich alle Hilfe vorbei. Solch ein kleines Kind stirbt und Niemand kümmert sich darum, man sagt höchstens, es ist gut aufgehoben, und denkr nicht dabei, daß es der armen Mutter das Herzblut kostet. (Nähert sich der Wiege.) Armer Engel, Du wirst wohl bald im Himmel sein! Neunte Scene. Der Doctor. Margarethe. Doctor. Da bin ich wieder, und ick bringe gute Nachrichten mit. Wo ist denn die arme Frau? Marg. Sie ist fortgegangen, um Geld aufzutreiben. Doctor. Das ist nun nicht mehr nöthig. Als ich die Straße hinabging, begegnete mir ein junger Bauer mit seinem Weibe und der Frau Eva, die ich schon einigemal behandelte; sie sprachen von der armen Rose und ihrem Elend, ein Wort gab das aridere, und nun sind sie unten und wollen das Kind mit sich nehmen; das junge Weib verspricht firr seine Pflege zu sorgen, und Frau Eva will alle Kosten bestreiten, davon will aber der Bauersmann nichts wissen, er fürchtet sich nur, daß Rose nicht einwilligen wird, das Kind von sich zn lassen. Marg. Da kann er Reckt haben; aber wir müssen sie dazu zwingen. Doctor. Wenn nicht augenblicklich Hilfe eintritt, ist das Kind ein Opfer des Todes, ich sagte zu ihr, es hätte acht Tage zu leben, es ist aber nicht wahr, es kann schon morgen eine Leiche sein. Marg. Dann braucht's keine Ueberle- gung mehr; Sie sagen, die Landleute sind unten. Wohlan, wir wollen ihnen das Kind übergeben; wenn Rose zurückkommt, sind sie damit schon über alle Berge. Ick begehe damit vielleicht eine Grausamkeit gegen die arme Mutter, aber es ist zum Besten ihres Kindes und deshalb muß sie mir verzeihen. (Sie nimmt das Kind aus der Wiege, hüllt es in ihr Tuch und nähert sich damit der Thür.) Doctor. Ich höre Jemand kommen. Marg. Wenn sie es ist, dann ist Alles verloren, gutwillig trennt sie sich nicht von Idem Kinde. 29 Doktor (sieht zur Thür hinaus und winkt dann Margarethe, sich hinter der Thür zu verbergen; er selbst tritt, so wie Rose die Thür öffnet, dahinter). Zehnte Scene. Rose. Vorige. Rose (aus der Schwelle, sie ist sehr traurig). Er ist verreist und die Frau nicht zu Hause; bis er zurückkommt, ist mein Kind schon gestorben, aus Noch, aus Elend, aus Hunger! (Geht traurig, ohne den Arzt zu bemerken, gegen die Wiege.) O mein armes, armes Kind! Doktor (zu Margarethe). Nun schnell fort! Marg. (eilt rasch ab). Rose (an der Wiege mit einem Schrei). Wo ist mein Kind?! (Mit verwildertem Blick.) Wo ist es? Man hat es mir gestohlen! Doktor (tritt ihr entgegen). Beruhigen Sie sich, und hören Sie mich an. Rose (stößt ihn zurück und eilt rasend gegen die Thür). Mein Kind! Mein Kind! Doktor. O Mutterliebe, welch' ein wunderbares Gefühl bist Du! Rose (zurückkehrend mit dem Kind aus dem Arme, triumphirend). Ich habe ihn wieder! Ich habe ihn! Marg. (folgt ihr). Doctor. Unbesonnene Mutter! Rose. Mit welchem Rechte wagen Sie es, mir mein Kind zu rauben? Doctor. Wir wollten Ihr Kind retten, wider Ihren Willen. Wohlan! behalten Sie es, Sie werden es durch Ihre Liebe tödten. Rose. Was soll aus mir werden, wenn ich es nicht mehr sehe, nicht mehr jede Minute küssen kann? Doctor. Ihre Liebe ist in diesem Falle Egoismus! Rose. Weiß ich denn, wie ich es liebe? Es ist meine Seele, mein Herz, mein Alles! Doctor. So wählm Sie denn zwischen seinem Leben und seinem Tode. Rose. Ich wähle nicht, ich will nur mein Kind behalten. Doctor (nimmt seinen Hut). So erspare Ihnen Gott die Gewissensbisse, denn Sie sind die Mörderin Ihres Kindes! Rose (außer sich). Warten Sie noch — warten Sie! Sie sehen ja, daß mein Kopf verwirrt ist. — Sie mißbrauchen mein Elend, der Himmel wird Sie dafür bestrafen. Nein, nein, verzeihen Sie mir, ich weiß nicht, was ich rede. Sie haben gewiß keine Kinder, weil Sie mein Gefühl nicht begreifen! —Was haben Sie gesägt? Ich muß mich erst — besinnen! — Mein Sohn wird sterben, und ich werde es sein, die seinen Tod verschuldet hat? Es ist besser, daß ich mein Leben für ihn opfere. Sie haben Recht, es ist besser, daß er lebt, lieber will ich sterben. O mein Gott! Der Schmerz zerreißt mein Herz! Aber nehmen sie ihn hin, tragen Sie ihn fort (reicht Margarethe das Kind.i Aber schnell, um Gottes willen schnell! Doctor. Wir wollen ja nur das Beste Ihres Kindes! Rose (schreit auf, wie sich Margarethe damit entfernen will). Nur noch einen Augenblick, damit ich ihn zum letzten Mal umarme! (Sie wirft sich aus das Kind, der Doctor winkt Margarethe; sie nähert sich mit dem Kinde der Thür, Rose will ihr noch einmal nach.) Eilfte Scene. Rohrbachcr mit Annemarie. Fr. Eva. Vorige. Annemarie. Sie brauchen Ihr Kind nicht zu verlassen, kommen's mit uns, wir haben Alle zu leben. Rose. Dieses Anerbieten — es ist für mich das Himmelreich, darf ich es denn aber auch annehmen? Ihr seid ja selbst nicht reich? Rohrb. Dafür haben wir aber das Herz auf dem rechten Fleck, und Gott feg- 30 net's doppelt, was wir an unfern armen Mitbrüdern thun. Bleiben's bei uns, wir wollen den letzten Bissen Brod mit einander thcilen. Rose (fällt auf die Knie). O mein Gott! ich danke Dir, ich brauche nicht zu sterben, ich kann bei meinem Kinde bleiben. (Paffende Gruppe der Beschäftigten.) Fünfte Abteilung. (Ländliche Gegend mit einer Schankwirthschast. Rechts das Wohnhaus, etwas weiter zurück ein Ziehbrunnen, links eine große verdeckte Laube mit einem Lisch und mehreren Stühlen. Zm Vordergrund ein VMM, darunter eine Bank. Im Hintergrund praktikables Gebirg ) Erste Scene. Rohrbacher (fitzt aus der Bank und schnitzt an einer hölzernen Kinderflinte. Georg spielt mit den Spänen. Annemarie schwenkt am Brunnen ein Buttersaß aus, der Deckel und der Stößt liegm daneben am Boden). Rohrb. (hebt die Flinte empor). Wenn meine gezogene Muskete losgeht, können sich die Spatzen g'freuen, nicht wahr Georgl? Georg. Die Spatzen mag ich nickt, mir sind die Hasen lieber. Annemarie. Du hast gewiß nichts G'scheiteres zu thun, als mit dem kleinen Buben z'spielen. Rohrb. (scherzend). Das ist deine Schuld, Annemirl, warum haben wir nicht selber ein Halbdutzend Kinder, so brauchet ich doch meine Zeit nicht mit dem Einzigen zu verdalken. Annemarie (schlägt ihn auf die Achsel). Was nickt ist, kann schon noch werden, bis jetzt macht uns der kleine Schlanke! da zu thun genug. (Nimmt Rohrbacher die Klintr aus der Hand ) Du bist ja ein Tausendkünstler. Die Flinten hat Dir gerathen. Rohrb. (scherzend). Nimm Dich in Acht, daß nicht losgeht. Annemarie (wirst fie weg). Jst's denn g'laden? Rohrb. (lachend). Aufgcseffen! (Schabt ihr Rübchen.) Schleckerpartel! Annemarie (zornig). Na wart! (Will den Rührstößl ausheben. Georg hat ihn indessen genommen und den Deckel als Hut aus den Kops gesetzt.) Mein Gewehr ist besser, das schlagt und repetirt zugleich. (Sucht umher.) Ja, wo ist denn der Stößl? Georg (präsentirt damit). G'wehr aus! Annemarie (läuft ihm nach). G'frcu' Dich, Du Spitzbub! Georg (schabt ihr Rübchen und läuft vor ihr). Schleckerpartel! Die Annemirl-Mutter kriegt mich nicht. Annemarie (hascht nach ihm). Du kommst mir nicht aus. Rohrb. Ueber mich wird g'redt, und jetzt spielt sich die Alte selber. (Nach Georg haschend.) Ich muß mich nur in's Mittel legen, sonst ist kein Fried. (Läuft ebenfalls Georg nach.) Wenn ich über Dich komm'. Georg. Bor Rohrbacher-Dater fürcht' ich mich erst gar nicht. (Läuft gegen links.) Zweite Scene. Rose (in einfacher, aber sehr netter städtischer Tracht). Vorige. Rose (sängt Georg aus). Was gibt's denn da? Man hört Euch ja schon von Weiten lachen und schreien. Rohrb. (etwas verlegen). Die Annemirl leid't an der Leber und da macht sie sich eine kleine Bewegung. Annemarie. Und der Alte spielt Va- terl mit dem Klein'; so! jetzt brauchen wir uns nicht mehr Eins vor dem Andern zu geniren. (Reicht Rose die Hand.) Grüß' Gott, es wird halt bald regnen, deswegen springen die Kalbeln auf'm Gras um. Nichts für ungut, der Georgl ist unser ein- zige Freud und da geht's halt oft d'run- ter und drüber. Rose. Wie wunderbar gnädig hat Gotk Alles gefügt. Als Ihr vor vier Jahren als tröstende helfende Engel in meinem tiefsten Elend erschienet, wer hätte da gedacht, daß ich noch auf eine glückliche Zukunft hoffen dürfte? Mein Kind war dem Tode nahe, nun blüht es in üppiger Gesundheit! Ich war nahe daran, aus Kummer und Noth zu verzweifeln, da botet Ihr mir eure Freundeshand, die gute Frau Eva schaffte mir die Mittel, eine eigene Leinwandhandlnng zu etabliren, und nun lebe ich in Wohlstand. Ist das nicht sehr viel Glück für eine arme verlassene Person, wie ich war, und ich kann deshalb Gott und Euch niemals genug danken. Annemarie. Machen Sie nicht so viel Aufhebens von uns. Wenn wir etwas Gutes gethan haben, so sind wir auch dafür bezahlt, durch die Freud' mit dem kleinen Schlankerl da. (Küßt Georg.) Wenn er nur immer bei uns bleiben könnt'. Rose. Wir haben uns ehrlich in seinen Besitz getheilt, den Winter hat er bei mir in der Stadt, den Sommer bei Erich zugebracht. Ich war oft recht eifersüchtig, wenn ich sah, daß seine Liebe zwischen uns getheilt war. Annemarie (zu Georg). Wo bist denn lieber, Georgl! bei uns oder bei der Mama in der Stadt? Georg (umfaßt Annemarie, welche ihn aus dem Arm hält, mit dem einen Arm und mit dem andern Rose.) Bei der Anncmirl-Mutter und bei der Rosa-Mama! Rose (umarmt Georg und setzt ihn dann aus den Boden). Du hast Anlagen zum Diplomaten, Du kleiner Schelm. Rohrb. Und von mir ist gar nicht die Red', wie ich siech! Wart', Georgl! Weil Du mich so per Bagatel betrachtest, schenk' ich die Flinten ein andern Buben! Georg. Du hast ja keine. (Reicht ihm dir Hand ) Aber sei nicht bös, wir Zwei wissen doch, wie wir mit einander d'ran sind. (Leise.) Als Männer halten wir zusammen. Dritte Scene. Robert (mit einer Reitpeitsche in der Hand). Vorigen. Robert. Kann man hier frühstücken? Annemarie (mit einem Knix). Alles was Euer Gnaden befehlen, frischen Butter, Oberskaffee, gebackene Hendeln — Robert. Gut, lassen Sie dort auf der Anhöhe (zeigt nach links), für zwei Personen decken, und bringen Sie das Beste, was Sie haben, hin. (Lorgncttirt Rose.) Eine reizende Brünette! Schade, daß ich nickt allein hier bin, ick würde versuchen ihre Bekanntschaft zu machen. (Grüßt Rose artig und geht nach links ab.) Annemarie. Die Stadtleut' müssen g'rad glauben, bei uns aus'm Land gibt's nichts als Schwarzbrod und saure Milck; wir sein sckon mit andern Sachen auck g'stellt, aber dafür heißt's auch doppelt zahlen. (Ab ins Haus.) Rose (zu Rohrbach). Haben Sie bemerkt, wie unverschämt mich der Mensch ansah? Rohrb. Darüber muß man sich nickt wundern. Es ist Einer von der g'wiffen Sort' und die sein Alle über einen Leisten g'schlagen. (Zeigt in den Hintergrund.) Da kommt seine Gesellschaft. Eine Mode- Gredel nach der letzten Auflag. Na, gleich und gleich g'sellt sich gern. Vierte Scene. Elise (in elegantem Reitrock mit Amazonenhut und langem Schleier, ein kleiner Groom folgt ihr). Vorige. Elise (zu dem Groom). Das Pferd ist erhitzt, sorge dafür, daß es sich nicht zu schnell abkühlt. (Groom ab.) Elise (für sich). Die verwilderte Gestalt des Bettlers, der mir im Walde begegnete, 32 hat sonderbare Erinnerungen in mir erweckt. Unwillkürlich hielt ich mein Pferd einen Augenblick an, um ihn zu betrachten; da war es mir als hasteten auch seine Blicke auf mir, und ein kalter Schauer durchrieselte meinen Körper. (Sich mit Gewalt fassend.) Thorheit! es war eben ein Bettler, nichts weiter. Rose (erkennt sie). Seine Frau! undallein hier, in solcher Begleitung? Sie muß es sich nicht sehr zu Herzen nehmen, daß er sie verlassen hat und wer weiß wo in der Welt herumirrt. Rohrb. (zu Georg). Du, George!, ich weiß ein Nest mit jungen Tauben, gehst mit? Georg (zu Rose). Darf ich, Mama? Rose (etwas zerstreut). Geh', mein Kind! Georg (reicht Rohrbacher die Hand, welcher bei Elise vorbeikommt). Elise (bemerkt Georg). Was für ein hübsches Kind! (Bückt sich zu Georg nieder) Willst Du mir nicht einen Kuß geben? Georg. Nein, nein, Du gefällst mir nicht! Elise (sich erhebend). Der Kleine ist wenigstens aufrichtig. (Zu Rohrbacher.) Äst es Ihr Sohn? Rose (vortretend). Nein, der meinige, gnädige Frau! (Georg mit Rohrbacher ab.) Elise (erkennt sie ebenfalls). Sie sind es? Es ist lange, daß wir uns nicht gesehen haben. Es scheint Ihnen gut zu gehen? Wenigstens können Sie Freude an Ihrem Kinde haben. Rose. Sie waren ja auch Mutter, gnädige Frau. Ihr Sohn — Elise (unterbricht sie). Äsi tvdt! Rose. Verzeihen Sie meine Frage. Es war nicht meine Absicht, eine traurige Erinnerung zu wecken. Elise. Beunruhigen Sie sich nicht. (Sieht sich um.) Äch werde hier erwartet. Wo ist meine Gesellschaft? Fünfte Scene. Annemarie (mit einem Kaffeetuch über dem Arm und eine Tasse mit Geschirr in der Hand tragend). Vorige. Annemarie. Sie meinen wahrscheinlich den jungen Herrn? (Zeigt nach links.) Er sitzt auf'm Bergl. (Im Vorbeigehen zu Rose.) Kennen Ä>ie die Person? Rose. Vom Sehen. Annemarie (leise). Es muß nicht viel an ihr sein? Rose. Der Schein trügt oft. Annemarie. Wir Landlcut' kennen unsere Passagiers auf den ersten Blick. (Ab nach links.) Elise. Wie verächtlich mich diese Bäuerin ansah und wie mitleidig mich jenes Mädchen betrachtet. O! ein unbescholtener Name ist doch keine gleichgiltige Sache. (Folgt Annemarie.) Rose (ihr nachsehend). Einst blickte sie stolz auf die Ohnmächtige an der Kirchenthür, mit boshafter Freude vernahm sie die schmähenden Worte, als man mich aus dem Hause meines Pflegevaters verstieß, und wie hochmüthig behandelte sie die arme Nähterin, als sie um Arbeit bat; und doch tausche ich jetzt nicht mit ihr, denn sie ist eine kinderlose Mutter, und ich, ich habe meinen Sohn. (Ab in das Haus.) Sechste Scene. Wilhelm in schlechter, abgerissener Kleidung, in der Hand einen Wanderstock, mit verwildertem Bart und bleichem Gesicht, kommt über das Gebirg; er sieht sich überall vorsichtig um; gleich daraus Annemarie. Wilh. Sie war es, ich habe sie nur zu gut erkannt. Meine Frau und Robert, mein ehemaliger Freund. Sie spielt noch immer die elegante Dame, und hat doch längst schon ihr Vermögen vergeudet. Unglückselige Heirat! Was ist mir von ihr geblieben? Eine zerstörte Zukunft, meine 33 Gegenwart voll Elend und Noth, und eine schmachvolle Vergangenheit! Die Verbindung mit ihrem schurkischen Onkel hat mir Namen Ehre und den Dienst geraubt; die Verbindung mit dem herzlosen Weibe meine Ruhe, mein Glück und vielleicht meine ewige Seligkeit, denn der Verzweifelnde, der aller Hoffnung Beraubte ist nun gekommen, um Rechenschaft über sein gestörtes Lebensglück zu fordern, und wehe dein Urheber desselben. Roberts (Stimme). He, Bedienung, noch mehr Wein heraus! Annem. (aus dem Hause mit einer Flasche)- Komm schon! Hat der einen Durst! Das ist schon die zweite Flasche. (Ab nach links.) Wilh. (hat sich bei Annemariens Rusen etwas zurückgezogen). Das war seine Stimme! Sie sind also hier — ich habe mich nicht getäuscht. Nun denn, Mann gegen Mann, Brust gegen Brust will ich ihm gegenübertreten und Rache für meine beleidigte Ehre verlangen. (Lieht zwei Pistolen aus seiner Tasche.) Diese Pistolen, der letzte Rest meines früheren Wohlstandes, sie werden mir gute Dienste leisten, denn ich werde mit der einen meinen Todfeind tödten und mit der andern meinem schmachvollen Leben ein Ende machen. Siebente Scene. Rose (tritt aus dem Hause). Vorige. Rose (bemerkt Wilhelm, welcher dem Hause den Rücken zuwendet). Ein Unglücklicher! Wie elend und abgerissen er aussieht; er hat vielleicht Hunger und kein Geld, um sich Brod zu kaufen. Wenn man selbst Noth gelitten hat, weiß man was Elend ist. (Nähert sich Wilhelm und hat ein Geldstück aus der Tasche genommen, welches sie ihm reicht.) Nehmt, armer Mann, Ihr bedürft vielleicht einer Erfrischung? Wilh. (wendet sich, da er ihre Stimme erkennt, gegen sie). Rose! Du hier! Du! Rose (ist bewegt, das Geldstück entfällt ihren Händen). Wilhelm! O mein Gott und in welchem Zustande. Wilh. Ja, ich bin es! Als Bettler komme ich zurück, nachdem ich dem Glück vergebens nachgejagt habe. Sieh mich an, Rose, und freue Dich, denn Du bist gerächt. Rose. Gott ist mein Zeuge, ich habe diese Rache nicht verlangt. Wilh. Du hattest Unrecht, gute Seele; Du mußt Dich freuen über mein Elend. Rache muß sein, ich will mich ja auch rächen und das soll das letzte Aufflammen meines verlornen Lebens sein. Rose (erschrocken bei Seite). Sollte er wissen, daß seine Frau — (laut) Was wollen Sie hier? Wilh. Eine Schändliche daran erinnern, daß sie mein Weib ist, wenn ich auch in dem zerrissenen Kleid eines Bettlers vor ihr stehe, und einen Elenden züchtigen, daß er mir meine Ehre gestohlen hat. Rose. Es ist schrecklich, daß es so weit gekommen ist. Was Sie aber auch zu thun gesonnen sind, entweihen Sie mit Ihrer Rache nicht dieß friedliche Haus. Entfernen Sie sich, dieß ist die letzte Bitte, die ich an Sie stelle. Wilh. Du bittest noch für sie! Rose, Du? Und sie hat Dich so bitter beleidigt. Rose. Ich habe verziehen. Achte Scene. Georg (kommt von rückwärts hereingespruu- gen). Rohrbacher (solgtihm). Vorige. Georg (rufend). Mama! Wir haben sie! Wir haben sie! Wilh. (betrachtet Georg mit steigendem Erstaunen). Dieser Knabe — Rose (küßt Georg). Geh', mein Kind. (Zu Rohrbacher.) Nehmen Sie ihn fort! Wilh. (will sich aus Georg stürzen). Nicht früher als bis ich ihn umarmt habe. Rose (tritt dazwischen). Es ist mein Sohn! Das Kind meiner Thränm, mei> S 34 ner Schmerzen, Sie haben kein Recht an ihn. Wilh. (zerknirscht). Wahr, wahr! Ich habe kein Recht an ihn! Rohrb. (führt Georg wieder zurück). Es gibt doch noch eine Gerechtigkeit auf Erden und im Himmel. (Ab.) Neunte Scene. Wilhelm. Rose. Wilh. (Georg nachblickend). Es ist mein Kind, mein Sohn! Und ich Elender habe seine Umarmung verwirkt, ich darf ihn nicht an mein Herz drücken, und er wird mich niemals Vater nennen. Aber ich darf nicht klagen, ich habe es ja nicht besser verdient. (Zu Rose, welche abgewendet steht.) Rose, ich habe Dir viel Kummer bereitet, wir werden uns in diesem Leben nicht wieder sehen, verzeihst Du mir und willst Tn mein Andenken nicht verfluchen? Rose. Ich werde Gott bitten, daß er Ihnen den Muth gibt, das zu ertragen, was nicht mehr zu ändern ist. Wilh. So leb' wohl, Rose! Rose. Leben Sie wohl! (Wilhelm geht langsam gegen den Hintergrund, Rose sieht ihm nach.) Die Strafe ist zu groß für den Unglücklichen! Was wird er nun beginnen? Er hat nicht den Muth, sein Unglück zu ertragen und wird dadurch nur noch tiefer sinken. Und seine Frau, die die Nähe ihres Gatten nicht ahnt, wird sie nicht leichtfertig die Rache noch herbeirufen, die über ihrem Haupte schwebt? Ich könnte sie warnen, aber sie würde mir vielleicht nur spottend begegnen; ich will Rohrbacher den Auftrag geben. Dieß friedliche Dach, das Asyl meines Sohnes, soll durch keineschauer- liche That entweiht werden. (Geht insHaus.) Zehnte Scene. Elise. Robert (später) Wilhelm. Elise (kommt etwas heftig von links). 3hr Betragen ist empörend, ich werde es nicht länger dulden. Robert (etwas angetrunken, doch immer in den Schranken des Anstandes). Es MUß endlich einmal klar werden zwischen uns, schöne Frau. Sie haben mich nun lange genug bei der Nase herumgeführt, zu lange sogar; denn um Ihre Launen zu befriedigen, habe ich mich ruinirt, ohne nur einen Schritt weiter in Ihrer Gunst zu gelangen. Elise. Da ich Sie für einen Millionär hielt und keine Aufmerksamkeiten forderte, können Sie mir keinen Vorwurf machen. Robert. Sie hatten aber nichts dawider, daß ich den Aufwand Ihres kostspieligen Haushalts bestritt. Ich hoffte da- i durch Ihr kaltes Herz zu rühren. Es war vergebliche Mühe! Vielleicht fesselt Sie die Armuth an mich, Sie haben nicht unbedeutende Schulden, gnädige Frau. Elise. Kleinigkeiten! Es ist sehr unzart mich daran zu erinnern. Robert. Sie werden vielleicht nicht wissen, daß man in diesem Augenblick Ihr Mobilar gerichtlich pfändet. Elise. Das wäre schrecklich. Robert. Ihr Gläubiger ist in seinem Recht. Elise. Und Sie wissen darum? Robert. Ich wollte Ihnen die Unannehmlichkeit, dabei gegenwärtig zu sein, ersparen, deshalb brachte ich diesen Spazierritt in Vorschlag. Es hängt nun von Ihnen ab, sich entweder um eine einfache Wohnung umzusehen, und da Sie gänzlich vermögenslos, sich durch Ihre Händearbeit das Leben zu fristen oder mein Anerbieten anzunehmen. Wilh. (welcher zeitweise durch das Gebüsch sichtbar geworden). Elender! Elise. Sie sagten ja so eben, daß Sie ruinirt wären? / Robert. Für einen genialen Kopf gibt es in Wien Mittel genug, auch ohne Vermögen glänzend zu leben. Elise. Diese Mittel können nur verächtlich sein. Robert. Seit wann, schöne Frau, sind Sie so difficil geworden? Elise. Siehabenalsososehr alle Achtung für mich verloren, daß Sie glauben können, ich werde so niederträchtig sein, diese Mittel mit Ihnen zu genießen? Robert. Wenn man wie Sie die öffentliche Meinung mit Füßen getreten hat, hat man nicht mehr das Recht auf Achtung Anspruch zu machen. Elise. O, ich bin sehr elend geworden. Wilh. (vortretend). 3a, das bist Du! Robert. Wilhelm! Elise. Du kommst, um das Maß voll zu machen. Wilh. Ich wollte Dich tödten, aber das wäre ein Glück für Dich, und darum schenke ich Dir das Leben, denn es wird für Dich mir mehr eine Reihe von Schmach und Schande sein. Ihr Beide habt meine Rache übernommen. Robert (wüthend). Mein Herr! Wilh. (faßt ihn und hält ihm die Pistolen vor). Kein Wort oder ich zcrschmett're Dir den Schädel. (Schlägt ihm den Hut vom Kopf.) Wenn ich auch ein Bettler bin, so bist Du ein Elender, der den ersten Samen des Unfriedens in meinem Hause säete. Robert (reißt sich los). Wir sehen uns wieder! (Hebt seinen Hut aus und geht, Wilhelm drohend, rasch ab.) Wilh. In diesem Leben wohl nicht mehr! Elise (flehend). Wilhelm! (Sie sinkt auf die Knie.) Vergebung! Der Schein ist wider mich, aber ich bin nicht schuldig! Wilh. (höhnisch lachend). Du bist nicht schuldig? Weißt Du, Weib, was Du ge- than hast? Dein Leichtsinn, Deine Verschwendung haben zuerst unsern Wohlstand zerrüttet; statt mir, deinen Gatten, zu vertrauen, botest Du deinem schurkischen Onkel die Hand. Als ich Wien verließ, um den Flüchtigen zu verfolgen, flogst Du von einem Vergnügen zum Andern und ließest dein Kind aus Nachlässigkeit sterben. Herzlose Mutter! Pflichtvergessene Gattin! Sage noch einmal, daß Du nicht schuldig bist. Elise. Tödte mich, Wilhelm! Nur nicht diese herzzermarternden Vorwürfe. (Streckt die Hände nach ihm aus.) Wilh. Dein Gewissen wird sie Dir noch oft wiederholen. Geh! Folge deinem Begleiter! 3ch gebe meine Rechte an Dich auf. Elise (indem sie sich erhebt). Du verstoßest mich also? Wilh. (wendet sich ab). Ich verachte Dich. Elise. Nun denn, so werde ich Dir zeigen, daß ich deiner Achtung noch würdig war. (Rasch ab.) Eilste Scene. Wilhelm (allein). Fluch über die Erbärmliche! Nein! Ich will ihr nicht fluchen, bin ich nicht eben so schuldig wie sie? Ich habe sie gewählt ohne Liebe, aus Habsucht, bloß ihres Geldes wegen, sie hat mich durch ihre Herzlosigkeit dafür bestraft, wir sind quitt! Mein Leben kann von nun an Niemanden mehr nützen, mir selbst ist es eine Last, darum hinweg damit. (Er spannt die Pistole.) Lebe wohl, Rose! Du heiliger Engel, den ich ohne Mitleid geopfert habe. Du bist mein letzter Gedanke, so wie Du, mein Sohn, der meinen Namen niemals erfahren soll. Ich segne Euch in meiner Todesstunde. Ihr umschwebt mich, ihr freundlichen Gestalten. Vergib mir! mein Gott, was ich jetzt thue. (Erhebt die Pistole.) Zwölfte Scene. Georg. Wilhelm. Georg (läuft auf ihn zu und zerrt ihn am Rock). Was machst Du, fremder Mann? 3 « Wilh. (läßt die Molk fallen). Mein Sohn! O mein Gott! Er in diesem Augenblick! Dreizehnte Scene. Rose. Vorige. Rose (erschrocken zu Wilhelm). Sie wollen sterben? Wilh. Ich habe nichts mehr zu hoffen. Rose. Habe ich mir das Leben genommen, als ich meine Hoffnungen ausgeben mußte? Wilh. Du hattest ein Kind und ich stehe allein. Vierzehnte Scene. Annemarie. Vorige (gleich darauf) Rohrbacher. Annemarie (kommt gelaufen). O mein Gott! Das Unglück! Rose. Was ist geschehen? Annemarie. Die Frau, die g'rad da war, sie ist wie eine Wahnsinnige mit ihrem Pferd davongesprmgt, aber nicht aus der Straße, sondern mitten in die Felsen hinein, wo man in den Steinbruck kommt; wenn sie das Pferd nicht anhält, ist sie verloren. Wilh. (rasch). Die Unglückliche, man muß ihr Nacheilen, sie zu retten suchen. (Will fort.) Rohrb. (kommt ihm entgegen). Es ist zu spät. Wilh. Todt! — O mein Gott! Vergib ihr! Wohin ich komme, bringe ich das Unglück mit mir, darum muß ich wandern wie Ahasver, immer fort, immer fort! (Zu den Umstehenden.) Lebt wohl! (Sein Blick bleibt an dem Kinde hasten.) Leb wohl, mein — (Stockt und wendet sich mit einem schmerzlichen Seufzer zum Abgehen.) Lebt Alle wohl! Alle! Alle! Rose (die ihn voll Mitleid betrachtet zu Georg). Georg! Das ist dein Vater, gehe hin und umarme ihn. Georg (eilt aus Wilhelm zu). Vater! Wilh. (stößt einen Schrei aus, wendet sich um und schließt Georg in die Arme). (Paffende Gruppe.) (Kiudbil««».) Ende. 4>ruck und Papier von Leopold Sommer in Wien (Den Bühnen gegenüber als Manuskript ged ruckt.) dem Kalle. Lustspiel in einem Act. Frei nach dem Französischen von A. Ducqe. Personen: Henriette Dumont. j Lodberg. Line Stimme. Die Handlung spielt in einer Residenz. (Elegant möblirtes Boudoir mit einer Mittelthür und zwei Seitenthüren. Links im Vordergründe ein Sopha, hinter demselben ein ovaler Spiegel. Rechts im Hintergründe ein Fenster mit großen sich schließenden Vorhängen. Rechts im Vordergrund ein Lamin mit zwei angezündeten Lampen. Zwei große Leuchter mit brennenden Kerzen aus dem Tische.) Erste Scene. Henriette (allein). (Beim Ausziehen des Vorhanges sitzt sie im Ball- costüme, mit Blumen in den Haaren, eingeschlasen in einem Fauteuil, neben dem Tische.) Lhealn-Stepkrtoi». Stk. 110. Nein! Nein! Entfernen Sie sich ... . Augustine! — Augus — (Erwachend.) Ach! mein Gott, welch' ein Traum! — Ich habe geschlafen, doch ich begreife; die Müdigkeit übermannte mich, und ich bin eingescblum- mcrt, bevor ich Augustine rief! — (Ansstehend.) Ich will sie sogleich — (Sieht die Uhr am Lamme.) Was, schon vier Uhr? — Unmöglich! vier Uhr! Und mein Ball war um ein Uhr zu Ende. Allem Anscheine nach habe ich drei Stunden in diesem Fauteuil geschlafen und ohne diesen abscheulichen Traum, — es ist fast unglaublich von Herrn von Mörinvill zu träumen, dem ich meine Hand verweigerte; — mein vis-k-vis, der mir noch gestern einen Drohbrief schrieb, — mich compromittiren und meine Verbindung mit Gaston um jeden Preis verhindern will! O, dieser häßliche Mensch! Der mich fortwährend verfolgt, jeden meiner Schritte beobachtet, mich Tag und Nacht peinigt, ja selbst meine Träume stört durch sein immerwährendes Beobachten, ich muß stets an ihn denken. Doch ich will nun Augustine rufen. (Läutet.) Das arme Mädchen war vermuthlich hier während ich schlief und wollte mich nicht stören. — Niemand da? Weder sie noch Josef? — Sie machten es wahrscheinlich wie ich, und sind im Vorzimmer eingeschlafen, doch ich will sie sogleich wecken und zu Bette schicken. (Sie nimmt die hcrabgebranntc Kerze, die am Tische steht. Geht durch die Mittelthnr ab. Die Bühne bleibt durch die Lampen am Camine beleuchtet.) (Kaum ist Henriette abgegangen, so hört man hinter den Vorhängen des Alcovenfcnsters schnarchen.) Zweite Scene. Eodbcrg (allein). Wer schnarcht hier so? (Gr öffnet die Vorhänge, man sicht ihn in Ballkleidern im Sessel schlafend.) Ich bin allein? daher bin ich es, der schnarchte, ja, daran erkenne ich mich, ich habe einen solch' unruhigen Schlaf, daß ich mich stets selbst aufweckc. (Indem er vortritt.) Doch ich bedurfte dieser kurzen Ruhe. — Gestern Abend abgereist von Cain (Pause.) Doch soll ich mir das jetzt selbst erzählen? — O ja! — Warum nicht? Die Anderen tanzten und spielten hier. (Pause. Beginnend.) Gestern Abend abgereist von Cain (Pause.) Ich habe nämlich die Gewohnheit, mir am folgenden Tage Alles das zu erzählen, was ich in der durchwachte» Stacht getrieben habe. (Beginnend.) Gestern Abend also abgcreist von Cain. (Pause.) Natürlich bin ich abgereist, denn sonst wäre ich nicht hier, — also ich bin gestern Abends von Cain abgereist, komme heute Morgens nach einer im Waggon elend durchwachten Stacht hier an, steige Straße Tivolis 24 ab, bei meinem Steffen, der abwesend ist, — wahrscheinlich schon seit einigen Tagen. Heute Abend war ich noch bei Tische beim Dessert, ich bestellte eben Pflaumen, ich esse nämlich die Pflaumen sehr gerne, da kam Bernodot, mein alter Freund Bernodot, und sagt mir, willst Du den heutigen Abend in meiner Gesellschaft znbringen? — O ja, erwiederte ich, herzlich gerne, denn was sollte ich in einer fremden Stadt ohne meinen Neffen machen? — Darauf antwortete Bernodot: Dann kleide Dich rasch um, nehme deinen schwarzen Frack, lackirte Schuhe, denn ich führe Dich auf einen Ball. Ich bemerkte Bernodot, daß ich nicht hieher kam, um Bälle zu besuchen, — doch er besteht darauf, indem er mir sagte, daß ich daselbst einen Beamten aus dem Justizministerium finden würde, den ich unumgänglich nothwendig zu sprechen habe, ich gehe darauf ein, denn er hatte Recht — ich habe mit diesem Beamten wirklich nothwendig zu sprechen, und da sind wir seit zehn Uhr bei Frau von Dumont, einer jungen Witwe, die ich nicht kenne. — Ich bin selbst Witwer und liebe daher die Witwen, ich blieb in dem Kampfe auf Leben und Tod, den man Heirat nennt, Sieger. Ja, das zeigt schon von einer Ueberlegenheit. Bernodot stellte mich vor, wir begaben uns nun ins Gedränge, um den Beamten zu suchen, ich bekomme Rippenstöße, ich gebe welche —nach einem halbstündigen Austausche dieser unsanften Höflichkeitsbezeigungen sagte mir Bernodot: In Erwartung deines Beamten will ich ein wenig spielen, mache indessen der Hausfrau den Hof. — Ich autwortete ihm ja wohl, that es aber nicht, und zwar aus zwei Gründen: Erstens plaudere ich nicht gerne mit Damen, es erinnert mich immer an meine Selige, die nur zu gerne und das recht viel plauderte; langweiliges Zeug das. Zweitens habe ich die Nacht im Waggon zugcbracht und war sehr müde — Ich bin doch allein? (Sieht sich um.) Also, was that ich, ich schielte und lauerte, ich lauerte auf einen Winkel in diesem Boudoir, 3 um ein wenig zu schlummern, und das that ich auch. Wenn nur der Beamte da wäre, vielleicht versäumte ich ihn schon. Ich will mir rasch die Handschuhe anziehen, die Cra- vatte richten — (Er geht zum Spiegel links. Henriette tritt ein.) Dritte Scene. Codberg. Henriette. Henriette (für sich). Niemand da, es scheint als hätten sie meinen Befehl nicht abgewartet, um ihr Bett aufzusnchen, sie glauben, daß ich daran vergessen habe. (Bemerkt Codberg.) Himmel! Es ist Jemand hier. Codb. (leise). Ach, die Hausfrau! Henr. Wer sind Sie, mein Herr! Codb. (sich verbeugend). Codberg, Isidor Codberg! (Galant das Licht aus ihrer Hand nehmend, um es aus den Tisch zu stellen ) Sie erlauben, gnädige Frau, ich wurde Ihnen heute Abend von Bernodot vorgestellt. Sie wissen wohl, Bernodot, der die große Nase hat. Henr. Ick erinnere mich dessen, mein Herr. — Doch was machen Sie hier, in diesem Boudoir? Codb. Ich kam, um hier ein wenig Luft zu schöpfen, da die große Hitze — doch ich will in den Salon zurück. Henr. Was wollen Sie dort beginnen? Codb. Ei! tanzen, gnädige Frau! — O! ich tanze noch, sogar Polka! Henr. Tanzen? Doch mit wem? Codb. (leise). Ich bin gefangen, Sie hat keinen Tänzer. (Laut, galant.) Mit Ihnen, gnädige Frau, wenn Sie so liebenswürdig sein wollen. Henr. Mein Herr! Mein Ball ist zu Ende. — Codb. Nicht möglich, so rasch! Henr. Es ist vier Uhr! Codb. Vier Uhr? (Zieht seine Uhr heraus.) Ganz Recht, vier Uhr zwölsiMinuten, ich^bin pünktlich wie die Börse. Henr. Doch was machten Sie den ganzen Abend, wo waren Sie? Codb. Ich? Ich habe mich ein wenig zurückgezogen, hinter diesen Vorhängen. Henr. Ich errathe, Sie baben geschlafen. Codb. (entrüstet). O gnädige Frau! Henr. Läugnen Sie es nicht. Codb. (mit verändertem Ton). Wahrscheinlich — Henr. Während dieser Zeit hat sich Alles entfernt. Codb. Wie? auch Bernodot, — und der Beamte? Henr. Es ist Alles fort. Codb. In diesem Falle, gnädige Frau, bleibt mir nichts übrig, als mich ebenfalls zu entfernen. (Grüßend nimmt er Stock und Hut von dem Sessel hinter den Vorhängen.) Nehmen Sie meinen Dank. Henr. Ach mein Gott! Meine Wohnung ist bereits gesperrt und meine Dienerschaft schläft bereits. Codb. Wir wollen sie anfweckcn. Henr. Und der Portier, dem man sagte, daß Niemand mehr hier ist. — Codb. Ick werde läuten, an seinem Fenster klopfen, wenn Sie erlauben, um ihn zu wecken. Henr. Was fällt Ihnen ein? Codb. Der Portier ist ja da, um stets geweckt zu werden, ich werde ihm ein Douceur gebe«, ich weiß ja, daß dies Sitte ist. Henr. Aber das ist unmöglich, mein Herr, was wird man von mir sagen wenn man Sic von hier Weggehen sieht, nachdem die Gesellschaft schon vor drei Stunden das Haus verlassen? Codb. Pardon, meine Gnädige, doch ich glaube nicht, daß Sie die Absicht haben, mich hier zurückzuhalten. Henr. O mein Herr! Codb. Nun, gnädige Frau, so gestatten Sie mir, mich zu entfernen — wenn man aus einem Hause gehen will, so muß man wohl das Thor passiren. Henr. (furchtsam). Oder — das Fenster. (Macht einige Schritte gegen das Fenster.) Codb. Ja, wenn man zu ebener Erde wohnt — doch im zweiten Stock — 1 * 4 Henr. Zm ersten! über den Mezzanin. Codb. Ich bemerke ganz richtig, im zweiten Stock. Henr. Mein Herr, ich hoffe Sie haben doch so viel Galanterie — Codb. Ich? — Ei bewahre — ich bin Wollhändler. Henr. Sie werden eine Dame nicht compromittiren wollen —durch eine Situation, die Sie selbst herbeiführten. — Codb. Ich? Henr. Indem Sie hier einschliefen. Codb. Sie haben Rechts, — das habe ich gethan. Henr. Sie können mir daher meine Bitte nickt abschlagen (ihm das Fenster zeigend) Versuchen Sie — Codb. Durch das Fenster zu springen? Erlauben Sie, gnädige Frau — es gibt Anträge, die man einem Wollhändler, der fünfzig Jahre zählt, ja der sogar das fünfzigste Jahr schon überschritten, zu machen nicht das Recht hat. Henr. Mein Herr, es handelt sich hier um meine Ehre; Sie sind es, der mich compromittirte. — Codb. (nachgebend). Mein Gott! Wenn nur kein Halbstock wär', ich würde sagen, es ist nur ein Stock — Henr. (ihn bei der Hand führend). Ich beschwöre Sic! Die Nacht ist finster, die Gaffe leer — Codb. Haben Sie einen weichen Sandboden unten? (Sie nähern sich dem Fenster. Henriette öffnet die Vorhänge, läßt sie doch sogleich fallen, da sie das Fenster vi8-ä-vis beleuchtet sieht.) Henr. (leise, erschreckt). Ah, ziehen Sie sich zurück. Codb. Was ist geschehen? Henr. (leise). Es ist noch Licht Vi8-ä-vi8. Codb. (ebenso). Man schläft demnack noch nicht da drüben? Henr. Man beobachtet— belauert mich! Codb. Wer das? Henr. Ein Herr, der geschworen hat, mich unglücklich zu machen — er darf Sie nicht sehen. Codb. Demnach entsagen wir dem Fenster, — desto besser. (Er setzt sich links.) Henr. (nach einer Pause). Ach! wir sind gerettet! Codb. Wirklich? Henr. Es ist halb fünf. Codb. (auf die Uhr sehend). 35 Minuten — ich bin pünktlich wie die Börse. Henr. Sie bleiben bis morgen hier. Codb. (lebhaft). Dis morgen? (Aufstehmd.) Henr. Ich meine, bis es Tag wird. Um sieben Uhr werden meine Diener wach, der Portier wird das Thor öffnen und Sie können dann unbemerkt fortgehen. Codb. Unmöglich, gnädige Frau. Henr. O! mein Herr, im Namen meines Glückes, denn ich muß Ihnen gestehen, ich bin im Begriffe zu heiraten, einen Mann den ich liebe, ich muß daher meinen Ruf bewahren. Codb. Auch ick, gnädige Frau! habe meinen Ruf zu bewahren. Henr. (lachend). O! der Rufeines Mannes — Codb. O! es gibt einen Unterschied zwischen Männern und Männern, ich bin streng solid; so wie Sie mich hier sehen, habe ich während dreiundfünfzig Jahren keine Nacht außer meiner Wohnung zugebracht. Henr. (lächelnd). Wirklich? Codb. Was wird mein Hausmeister denken, wenn ich nicht nach Hause komme? Henr. Die Wahrheit, daß Sie auf einem Balle waren. Codb. Glauben Sie? Henr. Ich bin dessen gewiß. (Sie nimmt ihm Stock und Hut aus der Hand, sanft.) Schlagen Sie mir doch das nicht ab! (Rückt einen Fauteuil zum Camin.) Setzen Sie sich hierher, zudem sind Sie selbst Schuld an Allem, warum sind Sie hier in meinem Boudoir eingeschlafen? Codb. (nachgebend, setzt sich). Sie haben leicht reden, gnädige Frau; hätten Sie eine ganze Nacht im Waggon zugebracht, in Gesellschaft eines Menschen, der sich der Länge nach ausstreckte und eine Katzenmusik schnarcht — Henr. Ich werde sogleich Feuer machen. Codb. Bemühen Sie sich nicht. Henr. So — hier ist Holz. Codb. sdas Feuer richtend). Es thut mir sehr leid, Ihren Ball besucht zu haben. Henr. Um sieben Uhr sind Sie frei. Codb. Bis dahin werde ich mich sehr langweilen. Henr. Zwei Stunden sind bald verstrichen. Codb. Gewiß, gnädige Frau, ja, vor fünfundzwanzig Jahren da wäre mir diese Situation — na — ich hätte gefunden, daß zwei Stunden genügen-doch heute in dem Alter — da ist mir mein gntesBett schon lieber. Henr. (bringt vom Canapö ein Kissen). Da nehmen Sie dieses Kisten unter Ihren Rücken. Codb. So, das war eine gute Idee. Henr. (bringt einen kleinen Schemel vom Canapö). Geben Sie Ihre Füße auf diesen Sckemel. Codb. Sie sind zu gütig, gnädige Frau. (Macht sich bequem.) Doch trotzdem bedauere ich dock, Ihren Ball besucht zu haben. Henr. Ich sehe es ein, und bin selbst mißgestimmt darüber. Codb. Kurz, es ist ein Malheur! (Dreht sich um, um zu schlafen.) Henr. Das Helle Licht stört Sie wahrscheinlich? (Sie dämpft die Lampen, Halbdunkel) So, jetzt ist es angenehmer, nicht wahr? Codb. Ja — ja — so ist's besser. Henr. (geht zum Tisch und beschäftigt sich mit ihrem Schmucke. Kleine Pause). Sind Sie schon lange von hier abwesend? Codb. (im Sessel zusammengekauert, mit geschlossenen Augen). Ja! Henr. Und gefällt Ihnen unsere Stadt? Codb. Nein! Henr. Sie wohnen wohl in der Provinz? Codb. Ja! Henr. Wie lange reisen Sie? Codb. Pardon, gnädige Frau, plaudern Sie gerne? Henr. Ei bewahre, mein Herr, ich thue dieß bloß Ihnen zu Gefallen, um Sie zu unterhalten. Codb. In diesem Falle ersuche ich Sie, die Conversation zu unterbrechen, ich bin müde und möchte gerne ein wenig schlafen. Henr. Ganz recht, mein Herr — Codb. Ich bitte, sich meinethalben nicht zu geniren, legen Sie sich ebenfalls schlafen — in Ihrem Schlafzimmer nämlich — Henr. O! mein Herr — Codb. Thun Sie das, und riegeln Sie zu. (Die Augen schließend.) Gute Nacht! Henr. Gute Nacht! (Ihn betrachtend.) Wahrhaftig, es ist am besten, ich lasse ihn ungestört schlafen. (Sie geht zum Spiegel und ordnet ihre Haare.) Codb. Nicht möglich zu schlafen, bei dem Lärm, — soll ich Ihnen ein wenig helfen — damit Sie rascher fertig werden? Henr. Ich danke schön, mein Herr! — Ich gehe schon. (Nimmt den Schmuck.) Gute Nacht, mein Herr. Codb. Gute Nacht, vergessen Sie nicht gut zuzuriegeln. Henr. (für sich). Wie er mir das sagt. (Laut.) Ich werde Sie um sieben Uhr wecken. Codb. Vielleicht wecke ich Sie. Henr. Ei bewahre. (Ab ) Vierte Scene. Codb erg (im Fauteuil). Das nennt man die große Welt besuchen, da erlebt man sonderbare Abenteuer, — wenn ich nur nicht mehr gestört werde. (Ausstehend.) Ich will selbst zuriegeln. (Links.) Bravo! — Hier ist weder Riegel, noch Schlüssel. Hm! Hm! Doch mein 8 Beamter, den ich hier vergebens suchte. — Sollte ich denn hier keinen Erfolg erringen können. Doch Sie wissen ja noch gar nicht was ich hier will? Also hören Sie, was mich hierhergeführt. (Vertraulich.) Doch es bleibt unter uns, ich habe es darum außer Berno- dot auch Niemanden mitgetheilt. (Lr zieht ein Tuch aus der Tasche mid macht sich eine Schlasmütze daraus.) Ick reichte nämlich beim Ministerium eine Bittschrift ein, damit mir gestattet werde, den Namen Eodberg annebmen zu dürfen — Isidor Eodberg — nicht daß mein wahrer Name lächerlich wäre — Gott bewahre! Aber es hat damit ein eigenes Bewaudniß. (Sieht sich um.) Es bört mich doch Niemand — ich heiße nämlich Isidor Gauner — dock wäre mir dieser Name ganz recht, da ich ihn seit dreiundnrnftig Jahren trage und mich Gott sei Dank, ganz wohl dabei befinde, allein inein Neffe, ein junger Mann, der sich mit bedeutenden Unternehmungen beschäftigen will, dem gefällt der Name Gauner — nicht, ich begreife nicht warum? — Ich bemerkte ihm, entsage deiner Heirat, so entsage ick meinem Namen, —er will sich nämlich verheiraten, dock ick verbot ihm mit mir davon zu sprechen, ein Mädchen aus der großen Stadt in meiner Familie — Niemals! Das mißfällt mir, — nur in der Provinz findet man eine brave Frau. (Während des Monologes geht er zum Fauteuil, legt sich bequem — um zu schlafen — nach einer Pause öffnet er die Augen, tappt mit der Hand an seinen Magen.) Teufel, was suhle ich da, ich habe den Krampf. (Anfstehend) Wenn ich hier krank werbe und genöthigt bin einen Arzt holen zu lassen, dann wäre sie compromittirt, das geht wohl nicht. Ah! Ich weiß schon was das ist, ich habe Hunger, während die Gäste um das Buffet herumtänzeltcn, schlief ich. ick benöthige eine kleine Erftischung, einige Brathühner — oder sonst eine Kleinigkeit. (Nimmt eine Lampe vom Lamm.) Ich will doch sehen, ob ich nicht etwas Geflügel finde, oder ob ich einer schönen Gans etwa den Hof machen könnte. (Er geht leise links ab. Gleich darauf Henriette von rechts ihm nach« sehend.) Fünfte Scene. Henr. (ängstlich). Wo geht er hin? Die Sache wird mir sehr verdächtig. Dieser Herr, der soeben schläfrig schien, und sich bemühte mich zu entfernen, um schlafen zu können, spaziert jetzt in meinem Zimmer herum. — Sollte ick in eine Falle gerathen sein? — Dieser Merinvill — wenn er es wäre — ich kenne ihn nicht, da ich ihn nur ein ein- zigesmal sah, er schien mir jünger zu sein, dock ist es nicht möglich daß er sich verkleidete um sich mir vorzustellen. Man schläft nicht in meinem Boudoir während einer ganzen Ballnacht. Gewiß er ist es. (Eodberg kommt hält die Lampe, eine Schüssel in welcher ein Huhn, Wein und ein bouvert ist.) Sechste Scene. Eodberg. Henriette. (Lodberg bleibt bei der Thür am Tische stehen. Henriette zieht sich zurück, er stellt die Schüssel ans den Tisch, ohne Henriette zu sehen.) Codb. So, da habe ich richtig einen Braten gefunden, mit dem ich nach Herzenslust plaudern will. Henr. (für sich.) Er beginnt zu essen. Codb. Ich bin gar nicht böse mich ein wenig stärken zu können. Henr. (für sich.) Was? Codb. (stellt die Lampe auf den Camin). O weh! Ich glaube, ich habe mir meine Perrücke verschoben. Henr. (leise). Seine Perrücke? Also doch kein Zweifel. (Sie tritt mehr zurück.) Codb. (sich vor den Spiegel stellend, richtet sich). Glücklicher Weise hat die junge Witwe nichts davon bemerkt; sie schläft sanft und ruhig. Henr. Was beginn' ich? Nur Ruhe! 7 (Sie nähert sich, er bemerkt sie durch den Spiegel. dreht sich rasch um ) Codb. Wie, gnädige Frau, Sie hier? Ich glaubte Sie schlafen bereits. Henr. Und Sie, mein Herr? Codb. Es ist wahr, daß zn dieser Stunde — doch mein Hunger! Dieß Huhn! — Die Situation! — Ich will sogleich noch ein Couvert holen. Henr. (rasch). Das ist durchaus nicht nöthig, ich habe keinen Hunger. Codb. Wie, dieß Huhn hier reizt Sie nicht? Ich muß Ihnen gestehen, daß ich bei seinem Anblicke einen rechten Wolfshunger fühle. Henr. Ei, so setzen Sie sich zu Tische. Codb. Mit Vergnügen. (Ihr einen Sessel anbietend.) Doch vorerst nehmen Sie Platz. Henr. Ich danke Ihnen, ich werde Ihnen den Wein ciuschenken. Codb. (sitzend). Sehr liebenswürdig. Gestehen Sie, gnädige Frau, daß es traurig ist, daß ich nicht fünfundzwanzig Jahre alt bin. Henr. Ei warum das, mein Herr? Codb. Nun dies Huhn, der Champagner, die reizende Situation mit einer so liebenswürdigen Dame. (Er trinkt.) Henr. (leise). Da sind wir — Codb. Nehmen wir an, ich wäre nicht dreiundfünfzig Jahre alt! — Henr. (Verdacht schöpfend). Sie gestehen? Codb. Ich gestehe nichts, ich sage bloß nehmen wir an, doch unglücklicher Weise — (Er trinkt.) Henr. (leise). Ick nöthige ihn noch, sich zu verrathen. Codb. Da sitzen wir Heide um die fünfte Morgenstunde. Sie reichen mir Champagner und ohne Mißtrauen- Henr. (leise). O, ohne Mißtrauen! (Laut.) Wissen Sie, mein Herr, worin der Frauen wahre Stärke besteht? — Codb. Man sagt, in der Gymnastik. Henr. Der Frauen Stärke ist ihre anscheinende Schwäche, — doch man darf nicht jedem trauen. Muth muß man haben. Codb. Ich verstehe nicht — Henr. Soll ich Ihnen ein Beispiel geben? — Codb. Erzählen Sie, ich höre Ihnen zu, indem ich esse; das heißt ich esse, indem ich Ihnen zuhöre. Henr. Es ist eine Geschichte, welche meiner Freundin passirte; meine Freundin war jung. — Codb. Wie Sie — * Henr. Witwe — Codb. Wie Sie — Henr. Und wie ich auf dem Punkte sich zu verheiraten. Codb. Natürlich, die Frauen werden ja nur Witwen, nm sich nochmals verheiraten zu körmen. Henr. Eines Abends war sie auf dem Lande — und allein — als sie den Besuch eines fremderr Herrn erhielt. — Der Mann hatte ein achtbares Aussehen — und zählte zweinndfünfzig bis dreiundfünfzig Jahre. — Codb. Wie ich --- Henr. Wie Sie! — Er gab sich für einen Notar aus, und er sprach vom Stande seines Vermögens, von der Placirung seiner Gelder, von Besitzungen, — was weiß ich von was noch — kurz die Zeit verstrich, die Nacht nahte heran, meine Freundin konnte es nicht gut vermeiden ihn zu Tische zu laden, so saßen sie bei Tische. Codb. Mit einem Notar — da muß sie sich hübsch gelangweilt haben! Henr. Meine Freundin war zu besorgt, zu unruhig, um sich langweilen zu können. Codb. Unruhig? Ei weshalb? Henr. (aufstehrnd — ihn beobachtend). Weil gewisse Zeichen, die Leichtigkeit seines Ganges, die Lebhaftigkeit seiner Augen sie merken ließen, daß er ein verkleideter junger Mann war — Codb. (lustig lachend). Bravo! Ich er- rathe das Ende — der Alte nahm seine Perrücke ab, stürzte sich zu ihren Füßen — 8 (Er legt die Serviette weg und will aufstehen. Henriette hält ihn an der Hand ab.) Henr. Nein! nein! Codb. O! was denn? (Er nimmt sein Glas.) Henr. Er hatte keine Zeit mehr dazu; (aus sein Glas deutend), denn in den Wein, den er getrunken, hatte die Dame Gift geschüttet! Codb. (lebhaft aufstehcnd). Gift? (Sieht zuerst das Glas, dann Henriette prüfend an, kostet den Geschmack des Weines.) Vergiftet? Gräßlich! Henr. (leise). Gewiß, er ist es! (Laut.) Beruhigen Sie sich, mein Herr — doch glauben Sie, daß Ihr Benehmen das eines Mannes von Ehre ist? Codb. (bestürzt). Aber, gnädige Frau, ich sah das Huhn auf dem Tisch — Henr. Es ist wahr, ich schlug Ihnen meine Hand ab — kann ich dafür, daß ich einen Andern liebe? Und ist das ein Grund, der Sic berechtigt, meine Ehre zu verletzen, mich in den Augen der Welt herabzusetzen? Codb. Ich? Aber ich schwöre Ihnen — Henr. Diese Verkleidung ist unnütz — Sie heißen nicht Codbcrg — Codb. (für sich). Wie, sie weiß? (Laut und verwirrt.) Dasistwahr — diescrNamc — Henr. Nehmen Sie Ihre Perrücke ab. Codb. (betroffen). Wie? Henr. Sprechen Sie mir nicht mehr von Ihren 53 Jahren — Herr M6rin- vill. Codb. Wer ist der Märinvill? Ich? Henr. Natürlich — wer sonst? Codb. Das ist ein Jrrthum — ein Jrrthum, denn ich bin zu meinem Bedauern wirklich 53 Jahre alt und habe eine Glatze, unglücklicherweise, ich trage schon seit meinem zehnten Jahre, unglücklicherweise, eine Perrücke. Henr. (verwirrt). Wie, ich sollte mich geirrt haben?— Codb. Wahrscheinlich. Henr. Mein Herr— wie kann ich das wieder gut machen?—Verzeihen Sie mir und setzen Sie sich wieder zu Tische. Codb. Danke schön — ich habe keinen Hunger mehr. Henr. (ihm lächelnd das Glas reichend). Fürchten Sie nichts, ich bin keine Lucretia Borgia. Codb. Ich habe keinen Durst mehr — Ihre frühere Geschichte — Henr. Ach, ein Scherz! Codb. Gleichviel — Sie erschreckten mich — ich befinde mich nicht ganz wohl. (Er setzt sich zum Eamin.) Henr. O mein Gott! Sie sind unwohl? Codb. Frische Luft oder Essenz — Henr. Mein Flacon — warten Sie — ich will es sogleich holen. (Geht rasch in ihr Zimmer.) Siebente Scene. Codberg. Später eine Stimme. Codb. Ich werdekrank—gewiß und das nennt man die große Welt besuchen. (Aus- stehmd.) Die frische Luft wird mir wohlthun — es ist so schwül hier. (Oeffnet das Fenster.) Es will noch immer nicht Tag werden. (Das Fenster vis-L-vis öffnet sich.) Die Stimme. Mein Herr! Codb. (rasch zurücktretcnd, läßt die Vorhänge fallen). O, der Herr vis-ü-vis. (Leise.) Er schläft noch nicht. Die Stimme. Sie werden mir Rechenschaft geben. Codb. Er spricht mich an. Die Stimme. Sie verstecken sich um sonst — ich kenne Sie, Herr Gauner. Codb. (erstaunt). Mein Name! Erkennt meinen Namen — Die Stimme. Ich werde um zehn Uhr bei Ihnen seinin der StraßeTivolis Nr. 24. Codb. Meine Adresse — (Zum Fenster eilend.) Aber, mein Herr — Die Stimme. Gute Nacht. (Das Fenster vis-ü-vis schließt sich.) Codb. Erlauben Sie — 9 Achte Scene. Eodberg. Henriette (einen Flacon in der Hand). Henr. Da bin ich — doch was seheich — dieses Fenster offen — Eodb. Entschuldigen Sie — ich be- nöthigte Sauerstoff — Henr. (erschreckt). Und Herr Marino ill hat Sie bemerkt — Eodb. Er hat mich sogar herausgesordert! Henr. Ein Duell! Eodb. Aber das ist doch sonderbar — dieser Herr kennt mich — Henr. Sie? — Eodb. Er kennt sogar meine Wohnung, Straße Tivolis Nr. 24. Henr. (sehr erstaunt) Wie? Liewohnen— Evdb. Tivolis Nr. 24 bei meinem Nef- sen Gustav Gauner von Eodberg. Ienr. (leise). Gustavs Onkel! Eodb. Za, das ist abscheulich, um mich zu morden beschimpft und fordert er mich — rch erstarre vor Schrecken — wie entrinne ich dieser Gefahr? Henr. (leise). Armer Mann! er zittert und ich muß lachen. Eodb. Sv geht es einem, wenn man die große Welt besucht — doch wo hat er mich gesehen, von wo kennt er mich — es sind doch schon 23 Jahre her, daß ich nicht m dieser Stadt war! Henr, gleise). Er hielt ihn für seinen Neffen. (Laut.) Das ist ganz einfach. Dieser Herr war wahrscheinlich heute hier, er hörte daselbst Ihren Namen und sprach Sie nun an — Eodb. (lebhaft.) O fürchten Sie nichts, ich kann und werde mich nicht dnelliren — ich werde mich entschuldigen lassen — ich habe den Schnupfen. Henr. Entschuldigen lassen! Doch morgen meinHerr werde ich nichtsdestoweniger das Tagesgespräch sein—meine Ehre ist beschimpft — meine Heirat vernichtet und daran sind nur Sie schuld. (Die Verzweifelte S!l. Iw. spielend.) Sie hatten durchaus nicht nöthig, das Fenster zu öffnen. Eodb. Das ist nicht meine Schuld — der Stickstoff hier — ich benöthigte Sauerstoff— Henr. Was soll nun aus mir werden! Codd. Sie weint! Henr. Ach! die Zukunft schien mir so reizend, nun bin lch namenlos unglücklich— es wäre besser, ich stürbe. Eodb. Erlauben Sie, gnädige Frau — Henr. O, ich weiß was Sie sagen wollen — Sie wollen mir den Antrag machen, Sie zu heiraten. Eodb. Ich! Niemals —ich bin Witwer und bleibe auch Witwer. Henr. Und wenn ich es doch fordern würde? Eodb. Das ist unmöglich — ich würde Sie unglücklich machen — ich habe Momente, in welchen ich unausstehlich bin. Henr. Ja, dann haben Sie einen Sohn? Eodb. Der Himmel versagte mir diese Freude bis jetzt — und da ich Witwer bin, so hoffe ich nicht — Henr. Sie haben vielleicht einen Bruder — einen Neffen? Eodb. Einen Neffen, ja, einen Neffen habe ich. Henr. Dann ist es an ihm, das Unrecht gilt zu machen, das Sie mir zufügten. Eodb. In der That, er ist im Begriff sich zu verheiraten. Henr. Ei, wirklich? Eodb. Doch ich widersetze mich dieser Verbindung, er darf kem Mädchen aus der Stadt heiraten. Die wahre Ursache meiner Weigerung jedoch ist — ist, weil ich ihn nöthigen will, Sie zu heiraten, wahrhaftig, ich möchte ihm diesen Possen spielen — das wäre ein köstlicher Scherz. Henr. Ein Scherz? Eodb. Nein, nein, ich will sagen, das wäre ein köstlicher Spaß. Er wird Sie heiraten. Henr. (leise). Er nähert sich meinem Wunsch; (laut) wenn er aber nicht einwilligt? 2 10 Codb. Wenn er nickt einwilligt, so enterbe ich ihn. Doch warum sollte er nicht einwilligen, er ist ein hübscher junger Mann, Sie sind auch jung — Henr. Zwanzig Jahre. Codb. Sie sind nicht häßlich, sind reich, denn Sie müssen reich sein. Henr. Pierzigtausend Gulden jährliche Rcvenüen. Codb. (erstaunt). Pierzigtausend Gulden! Dierzigtansend, das ist reizend — das heißt, Sie sind reizend. (Für sich.) Pierzigtausend Gulden! (Laut.) Doch ich sehe nickt ein, nachdem ich es bin,der Sie compromittirte, warum soll ich den jungen Mann nöthigen, Sie zu heiraten. (Für sich.) Vierzigtausend Gulden jährliche — Henr. Wie? Codb. Nachdem ich nun einmal da bin, denn ich bin doch da— (Für sich.) Vierzigtausend Gulden! Henr. Sie? Codb. Ja, da ich den Fehler beging, so muß ich ihn wohl auch wieder gut machen, und ick bin bereit, auch Alles wieder gut zu machen. (Für sich, überlegend,) Vier- zigtausend Gulden! (Laut.) Verbinden wir uns, — unser Vermögen, gewiß—wir werden glücklick werden. Henr. Erlauben Sie mir, mein Herr— Codb. Kein Wort mehr darüber, ich willige ein, ick heirate Sie. (Murmelnd.) Vicrzigtausend Gulden! Henr. Wie? Codb. Ich meine vierzigtausendmal lieber als ein — Henr. Ich aber willige nicht ein. Ihr Neffe ginge noch an — Codb. Mein Neffe, mein Neffe? Hinsichtlich meines Neffen habe ich Sie belogen, er ist häßlich — abscheulick. Henr. (lkise). Das ist nicht wahr. Codb. Cr ist um drei Jahre älter als ich — Henr. (lkise). O! also — Codb. Es ist also abgemacht, willigen Sie ein? Henr. Niemals! Codb. Nun, dann nöthigen Sie mich, Sie dazu zu zwingen. Henr. Wiedas? ^ Codb. Indem ich fortfahre, Sie zu com- promittiren. Henr. Sie sagten ja früher, daß Sie mich unglücklich macken würden. C odb.O das geschah nur ans Liebe! (Mit Leidenschaft.) Denn ick liebe Sie — ick bete Sie an, und wenn Sie nickt einwilligen, so öffne ick die Tbür — das Fenster — ick rufe — ick schreie — ich nehme das Duell an — Henr. Das ist absckeulick, mein Herr. Codb. Ja, wenn ick mich einmal von einer Leidenschaft Hinreißen lasse, so bin ich zu Allem fähig, selbst bas Fenster zn öffnen. (Er geht zum Fenster.) Henr. (ihm winkend). Oeffnen Sic nickt! Codb. (die Vorhänge ergreifend). Willigen Sie ein — oder — nicht Henr. (mit Resignation). Ich willige ein. (Sie läßt sich auf einen Fauteuil nieder.) Codb. (freudig). Sie willigen ein? O ick danke Ihnen, jetzt sage ick Ihnen auck etwas, was Sie gewiß fteudig stimmen wird. Ich sagte Ihnen früher, daß ich drciund- fünfzig Jahre alt bin — ich bin nur zweiundfünfzig Jahre und acht Monate alt. Henr. Was liegt mir daran; doch nachdem wir bereits so weit gegangen'sind, so erlauben Sicmir, daß ick Sie um etwas ersuche. Codb. Alles, was Sie wünschen, gnädige Frau! (Mit Feuer.) Alles! Alles! Henr. (auf den Lamm zeigend). Sie werden in dieser Cafsette ein Porträt und Briefe finden, welche ich anzunehmen mich berechtigt hielt; wollen Sic es nun übernehmen, mein Herr, dieselben dem Herrn zurückzugeben, der sie mir schrieb? (Steht auf.) Codb. (geht zum Camin, nimt die Lafette). Erlauben Sie, aber — Henr. Nachdem Sie mein Mann werden — Codb. Das ist wahr. (Leffnet einen Brief.) Henr. O, lesen Sie nicht, mein Herr! 11 Codb. Nachdem Sie meine Frau werden — Henr. Das ist auch wahr! Codb. (den Brief lesend). Dieser Brief ist lebhaft — feurig geschrieben. Henr. Natürlich, cs schreibt ihn ja ein Verliebter! Codb. Sonderbar! ich kenne diese Schrift — und sein Name — seine, Adresse? Henr. Finden Sie dort im Schmuckkästchen. Codb. (dassklbe öffnend). Sein Bild (es erkennend) der ist ja Gustav, mein Neffe! Henr. Ja, Ihr Neffe, welcher—wie ick befürchte — sich lieber enterben lassen, als Ihnen seine Rechte auf mein Her; — auf meine Hand abtreten wird. Codb. (gereizt) Erlauben Sie — (leise) Vierzigtausend Gulden — (laut) Ihre Ehre erfordert cs, denn ich habe Sie compromittirt. Henr. (lachend). O ein Onkel, der dreiundfünfzig Jahre alt ist — Codb. Zweiundfünfzig Jahre! Henr. Und acht Monate. Codb. Das tbut nichts, es gibtMänner mit zweiundfünfzig Jahren und acht Monaten — Henr. Und dann,wieso compromittirten Sie michdenn? Finden Sie es denn nicht natürlich, daß ein Onkel, der^ hierher kommt, bei seiner Nichte absteigt? (Zcigt aus die Thür.) Lieber Onkel hier ist Ihr Zimmer. Codb. Ah, Sie haben ein Zimmer? Henr. Das Sie erwartet. Codb. Und Sie sagten mir nichts davon — lassen mich hier im Fauteuil? Henr. Ick wußte nickt, daß Sie mein Onkel sind. Morgen lasse ich Ihr Gepäck holen, und Sie wohnen dann bei mir. Codb. In der That, die Welt könnte da nichts einwenden. "Henr. Und der Nachbar vi8-a-vi8 auch nickt. (Sie zeigt auf das Fenster.) Codb. Der Nachbar auch nickt — halt. Eine Idee! Kommen Sie, meine liebe Nichte (br öffnet das Fenster.) Henr. Was macken Sie da? Codb. Sie werden es gleich sehen. (Ruft.) Sie! Mein Herr! Parhon, wenn ich Sie störe. Die Stimme. Was wollen Sie? Codb. (Henriette bei der Hand nehmend, sie darstellend.) Ick habe die Ehre Ihnen hiermit die Anzeige zu macken, daß Madame Henriette, die ick jetzt auf die Stirne küsse, meinen Neffen Herrn Gustav heiratet. <ßr umarmt sie.) Die Stimme. Ah! Codb. Und ich ersticke Sie zugleich uns bei der Trauung, die morgen siattfindet, mit Ihrer Gegenwart zn verschonen. Die Stimme (zornig). Ah! Codb. Auck das Diner, welches hier stattfiudet, nicht beehren zu wollen! Tie Stimme (zornig). Schon recht! (Schlicht heftig das Fenster.) Henr. Er ist wüthend! Codb. So! jetzt haben wir unsere Einladung gemacht, und jetzt, meine liebe Nickte — Henr. (ihm die Lampe gebend, nähert sie sich der Thür und öffnet sie). Jetzt, mein lieber Onkel, betreten Sie Ihr Zimmer hier. Gute Nackt, mein Onkel — ich wecke Sie morgen um zwölf Uhr. Codb. Um zwei Uhr wäre mir lieber. Henr. Gut denn, um zwei Uhr. Gute Nackt! Codb. Gute Nacht! (Ter Vorhang fällt.) Ende. In unserem jener Thenter-Nepertsir erscheinen demnächst: Das Vorhängeschloß. Posse in einem Act. Nach dem englischen »Hs I^älovk« von Carl Iuin. 7^/, Sgr. od. 35 Nkr. ss' Die Teusekmühte am Menerüerge. Oesterr. Volksmärchen mit Gesang, von Leopold Huber. 12 Sgr. od. 60 Nkr Redoute und Narrenhaus. Schwank in einem Act und zwei Bildern von C. F. Stix. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Freundschaftsdienste. Lustspiel in einem Act von Carl Iuin. 7'/. Sgr. od. 35 Nkr. Druck und Papier von Leopold Lommer in Wien. (Den Bühnen^ gegenüber als Manuscript gedruckt.) Das Vorhängeschloß. --xx-- Posse in einem Act. (Nach dem Englischüi »Vbe kaälocb«.) Von Carl Zum iGiugno). (Im k. k. priv. Carltheater in Wien zuerst mit brillantem Erfolge gegeben.) Personen: Hochstratten, reicher Pflanzer aus Kuba, aus Deutschland überfiedelt. Leo narr, seine Mündel. Ursula, Wirthschasterin ^ in Hochstratten's Mungo, ein Neger f Diensten. Albert, Kapitän eines deutschen Kauffahrers. Speck, Steuermann t Spriet, Arzt j °us Alberts Schiffe. Ort der Handlung: Hochstratten's Pflanzung auf Kuba. (Freier Platz vor Hochstratten's Wohnung; in der zweiten koulisse läuft quer über die Bühne ein hohes Kiscngittrr, welches die Gebäude absperrt; rechts hinter dem Gitter das Wohnhaus mit practikablen Fenstern im ersten Stock, links ein Stall, im Hintergrund Wirtschaftsgebäude, Alles mit Rohr benagelt, nach dortiger Sitte.) Erste Scene. Albert. Spriet. Speck, speck (schleicht vorsichtig aus der ersten koulisse links aus die Bühne sieht fich vorsichtig nach allen Seiten um, und winkt dann mit dem Hute rdmttr'Ntpuwir«. Nr. NI. in die koulisse, aus welcher Albert mir Spriet austritt). Albert (vorsichtig links). 3st die Luft rein? Speck (mit halber Stimme). 3a, Capi- tän! Keine Katze rührt sich in der ganzen Gegend! Spriet. Die Windstille ist günstig. Albert. Unser Plan bedarf der größten Vorsicht, morgen siech' ich nach Weisung unsers Rheders in See, folglich wird Leo, nore heute noch den Klauen ihres spitzbübischen Vormundes entrissen. 1 Spriet. Passen wir dem alten Seehund auf — Speck (deutet Prügel). Und kalfatern wir ihn so lange mit dem Tauende, bis er nachgibt! — Albert. Was fällt Euch ein? Gewalt würde Alles verderben — ich überliste den alten Fuchs — ich kenne die Verhältnisse des Hauses genau! Auf dem Markt lernte ich den Neger Mungo kennen, der hier dient; ich sang ihm Matrosenlieder vor, ließ ihn aus meiner Rhumflasche trinken, und erwarb mir dadurch sein Vertrauen in so hohem Grade — Speck. Daß er Euch die Geheimnisse der Fregatte ausplauderte?! Albert. Vollständig! Der alte Hochstratten ist ein geiziger, mißtrauischer Filz, und in seine Mündel verliebt bis über seine beiden langen Ohren — ganz so wie die Vormünder in der Komödie, aber Donner und Doria, dieser Bartolo soll seinen Almaviva finden, das schwör' ich, und Ihr Beide werdet doch mitsammen einen Figaro abgeben. Speck. Figaro? — Das war ein Kettenhund? — Albert. Warum nicht gar, Figaro war ein Barbier. Spriet. Wir wollen ihn barbieren den alten Seehund, daß er daran denkt sein Lebtag. Albert. Heute geht der Alte in die Stadt, um Einkäufe zu machen — im Hause selbst bleibt Niemand als die alte Haushälterin, deren schwache Seite ich bereits kenne, und der Neger Mungo, der sich bei dem Steuerruder meiner Rhum- siasche nach allen vier Winden dreht. Speck. Seid Ihr denn auch sicher, daß das Mädel sich entführen läßt? Albert. O gewiß! Bis jetzt habe ich zwar noch nicht ein Wörtchen mit ihr gesprochen, weil ich sie nur immer am Arme ihres Vormundes sah, der sie nicht aus den Augen läßt, aber mir sagt's mein Herz, Leonore liebt mich! Doch jetzt rasch an unsere Komödie, das Terrain ist recognoscirt, Gott Amor wird uns schirmend zur Seite stehen! (Ab.) Spriet zu Speck (abgehend). Das wird ein Hauptspectakcl werden. (Alle ab.) Zweite Scene. Hochstratten. Leonore. Ursula. Hochstr. (ein abgelebter Sechziger im Kostüm eines reichen Pflanzers mit Strohhut und Krückenstock, tritt aus der Thür des Hauses rechts, schließt zwei Schlösser des eisernen Gitters aus, und geht mit Leonore und Ursula in den Vordergrund). So, meinPüppchen, komm' nur, ich erlaube schon, daß Du mich bis da heraus begleitest, bei der Gelegenheit kannst Du ein bischen frische Luft schöpfen. (Hat aufgeschlossen.) Leonore. Ursula (treten vor). Hochstr. (zu Leonore.) Du siehst, was ich Dir zu Liebe-Alles thue. Leonore (fleht umher). Ach ja, Herr Vormund. Hochstr. Jetzt gehe ich in die Stadt, um die Anstalten zu unserer Verbindung zu treffen, es ist zwar eine Stunde Wegs, aber ich achte das nicht, es geschieht ja für Dich, mein Engel. Leonore (ironisch). Ich danke Ihnen, Herr Vormund. Ursula. Die Aufopferung ist eben nocb nicht gar so stauncncrregend! — Als icb achtzehn Jahre alt war, es ist schon ein bischen lange her, da kannte ich in Deutschland drüben einen Musketier, der ging mir zu Liebe täglich vier Stunden weit; später lernte ich einen Wachtmeister kennen, der fünfmal die Woche aus seiner acht Stum den entfernten Station herüber kam, um mich zu sehen. Der Letzte war ein Seeca- det, der ist mir unvergeßlich, denn der machte wegen mir oft in einem Tage fünfundzwanzig Stunden. Leonore. Fünfundzwanzig Stunden au einem Tage? Wie war denn das möglich? Ursula. Mein Gott, er stand täglich eine Stunde vor Tagesanbruch auf. — Ach, der Mensch liebte mich wahnsinnig! — Hoch str. Schäme Sie sich, dem Mädchen solche Sachen vorzuschwatzen. (Hustet.) Es ist eine Schande für eine so alte Person, noch fortwährend an Liebesgeschichten zu denken. Leonore (naiv). Aber Sie, lieber Herr Vormund, Sie reden auch von nichts Anderem als von Ihrer Liebe zu mir, und Sie sind doch bedeutend älter als die Ursula! Hoch st r. (verlegen). 3a, mein Kind, bei uns Männern ist das ein ganz anderes Ver- hältniß. lBei Seite.) Diese Naivität bringt mich oft in die größte Verlegenheit. (Laut.) Geh' ins Haus, mein Kind, Du könntest sonst krank werden; ich hätte Dich bei dieser Schwule gar nicht mit herauslassen sollen, — aber kann ich Dir denn einen Wunsch versagen? (Streichelt ihr das Kinn, und hustet dann stark.) Levno re. Ich will mit Ihnen in die Stadt geh'n, Herr Vormund. (Bei Seite.) Vielleicht würde ich den jungen Capitän Wiedersehen. Hoch str. Was sällt Dir ein, mein Zuckerpüppchen — Du, den weiten Weg mitmachen, zu Fuß — Leonore. So lassen Sie uns doch fahren, Herr Vormund. Hochstr. Das geht leider heute nicht, mein Kind! Die Pferde müssen arbeiten in der Pflanzung, wovon sollten wir denn leben? (Hustet.) Ursula (bei Seite). Der alte Knicker verhungert noch vor Geiz. Hochstr. Nein, nein, bleibe Du nur bei der Ursula hübsch zu Hause; rn der Stadt werden die Sinne von allerhand Teufeleien umgaukelt, und da könnte so ein unschulds-, volles hübsches Kind leicht der Verführung unterliegen. Leonore. Ach, wie glücklich sind Sie, lieber Herr Vormund, Sie können ungenirt in der Stadt herumgehen. Hochstr. Wie so, mein Püppchen? Leonore. Nun, Ihr Ausseh'n und Ihr hohes Alter schützen Sie doch dort gewiß vor jeder Verführung! — Hochstr. Za so; — nun, ich denke, gar so alt und häßlich bin ich doch auch nicht?! Leonore. In zwanzig Jahren werden Sie gewiß noch viel älter und häßlicher werden. Ursula. Ach, mein Seecadet wäre jetzt dreißig Jahre älter als damals, wenn das Meer ihn nicht verschlungen hätte. (Weint.) Hochstr. Kommen Sie mir nicht immer mit Ihrem Seecadeten, das erinnert mich stets an die Kosten der Einquartierung. Ursula. Ich habe aber eine Vorliebe für das Militär! — Leonore '(schnell). Ich auch. Hochstr. (einlenkend). Natürlich, weil es uns Sicherheit gewährt — Leonore. Ach nein, weil es so hübsche Lieutenants dabei gibt. Hochstr. (auffahrend). Was verstehst Du von den Männern, ob sie hübsch oder häßlich sind! Leonore (streichelt ihm die Wangen). Hab' ich nicht in Ihnen ein Muster, nach welchem ich die Andern beurtheilen kann? Hochstr. Es ist ein Teufelsmädel! Und wenn ich Dir so das Händchen drücke, was fühlst Du da? Leonore. Ihre Knochen, Herr Vormund, sie thun mir weh'. Ursula. Ich habe einmal einen Corpora! gekannt bei den Grenadieren, wenn Einem der die Hand drückte, so mußte man sie vier Wochen lange in der Schlinge tragen. Hochstr. Ihr Maul sollte Sie in der Schlinge tragen, das wäre besser! (Zu Leonork.) Laß' gut sein, mein Kind. Du bist zwar eine arme Waise, die ick vor zehn Jahren aus Mitleid in meinem Hause aufnahm, das soll mich jedoch nicht abhalten, Dich zu mir zu erheben. Leonore. Sie brummen aber den ganzen Tag. 1 * Hochstr. Weil ich besorgt bin um Dich, mein Püppchen, und Dich so entsetzlich lieb habe. Leonorc (streichelt ihm die Wange). Nun so leben Sie wohl, Sie lieber Herr Vormund, und kehren Sie ja recht bald wieder zurück, sonst halten wir's nicht aus. (Ab in s Haus.) Hochstr. (drohend). Ursula! Laß' Sie mir das Mädel nicht aus den Augen. Ursula. Ohne Sorge, gnädiger Herr, ich paffe auf — ich weiß aus eigener Erfahrung, welchen Verführungen ein unerfahrenes junges Mädchen preisgegebcn ist. (Ab.) Dritte Scene. Hochstr. (allein). Es ist eine verdammte Aufgabe, so ein Mädchen zu bewachen. (Reibt sich vergnügt die Hände.) Na, in wenigen Tagen ist gottlob Alles vorbei. Mein Versprechen an Leonorens Vater, seinem allein dastehenden Kinde eine Stütze zu sein, und ihr Vermögen gewissenhaft zu verwalten, habe ich redlich erfüllt, das Geld hat sich verdoppelt, und das Mädchen ist ausgewachsen rein wie eine Perle auf dem Meeresgründe. Jetzt aber will ich den Segen meiner rastlosen Sorgfalt ernten; in drei Tagen ist sie mein Weib, und ihr Vermögen, von dem sie keine Ahnung hat, fällt in meinen Säckel. — Doch jetzt ist's die höchste Zeit, daß ich mich auf den Weg mache. — Wo nur der Mungo bleibt? Der verdammte Schlingel! (Ruft.) Mungo! — Wo steckst Du, Tagdieb? — Ich Hab' ihn auf den Markt geschickt, doch hätt' er schon vor einer halben Stunde wieder hier sein können. Länger warte ich nicht. (Man hört Mungo aus der Ferne fingen.) O xoor Imvx Xeal, 0 xoor I^uvx Neul! Da kommt er endlich, der Faulpelz! Ich werde noch ein Vorhängschlvß herausholen und es an die Thür hängen, damit mir Niemand durch's Gitter kommt. Vorsicht ist die Mutter der Weisheit. (Geht durch das Gitter nach dem Hintergründe in das Wirtschaftsgebäude ab.) Vierte Scene. Mungo (von links, mit einer Krainzen aus dem Rücken, ein großes weißes Leintuch verbirgt den Inhalt). Lntree-Lied. Oear titzart, dear tteart Wttat a ttziridttz tiktz -t'vtz ttzd Z doA a doA a doA das a Kelter Tttat8 stttzlltzn and t'ed — Zit t^iAttt and da^il'8 Itie sanitz pain i8 tttsir Aame Ns nd3tt to ttte Oord me >va8 dead Wttats' tzrs to be doiie ?oor ktaett mimt rnn AlunAO titzitz UunAo ttttzrs Zbovtz and ktztov, Lirätt eomtz 8irätt Ko! — I)o 80 and do 80 — oft! — ott! (Wirst den Korb vom Rücken, und wischt sich den schweiß ab.) Otto Atzt )^ou doivn AON dam Hainpsr! Von earr^ me non'! 0nr86 m^ old Ata88a, 86ndillA Altz at vva^8 ttertz and tkers kor Ontz 80 M 6 tttinA to matte M6 tirs Oitte a mute enr86 ttim jnptzranee Znd Kim damu in8nranetz! — b'i! — It8 vtzrv nmrm to da^! (Setzt sich auf den Korb.) Vtzl^ narm! Künste Scene. Vorige. Hochstratten (ist während Dtungo's Lied mit einem großen Vorhängschloß aus dem Wirtschaftsgebäude hervorgeschlichrn und schlägt jetzt mit dem Krückstock auf den Korb, aus welchem Mungo fitzt). Wart, Du Schuft! Mungo (schreit und fühlt auf's Gesicht) Muhl Hochstr. Du Schlingel! ich werde Dich schimpfen lehren! Mungo. Äla88a, bl688 ^our twart, ma88a; Mungo nickt wieder thun. Hochstr. Steh auf! Mungo (schreit fort). No! Hochstr. (schwingt den Stock), Db Du aufstehen wirst! Mungo. Vk8, ma88a. Hockstr. (streng). Daher! Mungo. V68 ML88Ä. (Rutscht ihm auf den Knieen nach und küßt ihm die Füße.) Hochstr. (schreitauf). Au! Zwickt mich der Kerl in die Waden! (Will ihn schlagen.) Mungo, (retirirt). Maffa! nir Prügel die Mungo, Nun§o xooä! Hochstr. Was dass Du hier zu faulenzen und auf dem Korb herumzusitzen, he? Mungo. Kum zu sitzen? Ve8! Tie Korb issen gesitzen so lang an die Mungo, Mungo sich also sitzen a little an die Korb. Hochstr. Und wo hast Du Dich so lange Herumgetrieben? Mungo. De? I äo not unä6r8tau6. Hochstr. Wo bist Du gesteckt? Mungo. An die Market. Hochstr. Was? So lange auf dem Markt? Mungo. Weite Weg!—Uueti peopls, viel mem arme Mungo stoßen um. Hochstr. Du bist ein Heuchler, ein Galgenstrick. Mungo. Vk8, MÄ88L. Hochstr. Hast Du geräuchertes Fleisch bekommen? Mungo. Ve8 ML88N. Do pouuck8. Hochstr. Nur zwei? Da mußt Du ja Geld wieder zurückgebracht haben? Mungo. Ik8, ^lL88L. Hochstr. Ich gab Dir fünf Dollars! zwei Pfund kosten vier Dollars — also wo ist der fünfte? Mungo. Dde sie th Dollar? Hochstr. Nun ja. Mungo. Ab — I kno^v — i Knorr — Mungo — schon wissen — ttero — bere (GibtHochstrattkn eineHandvollkleine Münze.) Hochstr. Was? Das sind ja nur sechzig Cents, wo ist der ssünste Dollar? Mungo. Maffa nicht bös sein, aber die nichs tortnne — Mungo unglücklich — I ttavs lo8t — a. pioeo of tli6 trtttt Dollar ich bab verloren ein Stuck von die Dollar — tbat 18 ttte rs8t. Hochstr. Was? Wie kann man ein Stück von einem Dollar verlieren? Wo kommt die kleine Münze her? Mungo. It i8 rrurni Io — das groß Hitzen ha- geschmelzt die Dollar in die Hand von die Mungo. Hochstr. (packt ihn mit beiden Händen). Du warst im Wirthshaus, Du hast das Geld vertrunken. Mungo. No! Hochstr. (schüttelt ihn). Branntwein hast Du getrunken! Mungo. Na88a 8oreerer! — Meister von der Haren! V68! I have drunk Brandy! l)6A ^our paräon! Hochstr. (läßt los). Für dießmal sei Dir's geschenkt. Ich hoffe, daß Du Dich meiner Gnade würdig zeigen wirkt! (Pertraulich.) Sag mir, hast Du in letzterer Zeit nichts Schlechtes im Hause bemerkt? Mungo. >Vi1dout ^ou? Außer die Maffa nir. Hochstr. (drohend). Mungo! Mungo. Von Knorr ma88a — ver^ Aooä 8ervanl! — I rrork^ — rvork^! Hochstr. Das werde ich erproben! Ick muß in die Stadt und werde erst Abends— Mungo, (unterbrechend). I äl'688 tttk vietual8 — I ivake tke l)68 — anck rrait tko taldls — Hochstr. (hebt den Stock). Himmel tausend Donnerwetter, ob Tu still sein wirst! Mungo. ^68, ^8888? Hochstr. Tu wirst also während meiner Abwesenheit hier am Hause Schild wacht s stehen, damit sich kein verdächtiges Gesindel hereinschleicht; wenn Du deine Sachen gut machst, so soll Dir das Geld, das Du veruntreut hast, geschenkt sein. Mungo. Dlianlr ^ou— Aooä Nass». (Lei Seite.) Olä tliiek! Höchste. Hee? Mungo. ^otlimA. Höchste. Jetzt marsch hinein! Mungo. Ua 88 a! Hoch str. Was noch? Mungo. It 18 ver^ varm to cka^. Hochstr. Ich spür's. Mungo. Großes Hitz— make großes Durst! Hochstr. sahnend). Na? Mungo. Massa auf die Münze geben a little wous^, Nuuxo purelia 86 drauä^ for die große Durst. Hochstr. (schlägt ihn). Tu unverschämter Schlingel, ich werde Dir Brandy geben! — So! Mungo, (schreit wie ein Kind). Hochstr. Jetzt geh ich noch einmal hinein zur Ursula und werde ihr sagen, daß sie Dich, wie Du Dich rührst, in den Bock spannen läßt, Tu schwarze Bestie Du! (Ab.) Sechste Scene. OK slrs va8 fair Io vievv! öussallo x!rl8 vill xou eomo out to uixlit ^uä ckauee in tlis U^llt ok tko mocm. I L 8 lrclli 6 r lf 8 lie'ck kavs 80ms tallc ^ers kstzt eoverck up tlio vvlial Zicke ^allr .^8 8ll6 8tooä aicke M6 Lussallo xirl8 eie. I' ck lilre to mal^e timt xirl m^ uckke I rvoulä are liappv all tlirouxli lit'e Ik I back kere m^ siäe Onssalo Airl8' eie. (Tanzt in's Gitter ab.) Siebente Scene. Hochstratten (allein, ans dem Lause, spricht zurücki. Alsonochmals, Ursula, auf den Trunkenbold, den Mungo, kann ick nickt recknen. — Niemand darf durch's Gitter herein, ick verlasse mich auf Sie! (Schließt die Pforte und hängt das Dorhängschloß auf.) Will aber doch zu größerer Sicherheit da diesen unbestechlichen Wäckter aufstellen! So, jetzt bin ich sicher. Adieu, mein Püppcken, Adieu — in ackt Tagen brauche ich nickt mehr so ängstlich die Perle zu hüten — bis dahin bin ich Herr über sie und ihre Dollars! (Ab vorn Mungo (allein. Schreit fort und geht, wie Lochstratten ab ist, plötzlich in ein gellendes Gelächter über). Olä roAUtz! '11 not allcnv me to eat, Io ckriuk to 8 le 6 panä 1 wüst ^vork auärvork all tlie äa^ auck! all tlie uixtli! — ko ma^ eommauck vliat 1 i 6 >vill auck I 8 lial! äo ^liat l >vill! — Hii 8 uixkt, l am to rro in tlie n 6 ißlrliourtrou 86 , rvliere tlieie are tlrree kirla krom LuÜ'alo— ver^ Lue ^irls — deautiful ^lrls — auck I auck trvo otlier 8 o 5 tlie ni^^orZ, rve will malre a ckauee iu tlie moou lixkt! — Lied. ^8 I ^isut lumdrlu cko^u tlr8treet ^ lovel)' xiil, I eliaueeck to meet rechts.) Achte Scene. Albert (j„ der Kleidung eines alten einäugigen Marinesoldaten, mit einer Mandoline). Endlich ist der alte Gauner fort; ich glaubte schon unverrichteter Sache wieder abzieben zu müssen. Meine Kameraden sind auf der Lauer, also frisch daran, wir dürfen keine Zeit verlieren. (Setzt sich links vorn auf eine Steinbank und singt) Auf die hohe See! In dem Sturm, in dem Wind Muß ich heut noch hinaus; D'rum, fein Liebchen, geschwind, Komm herab zur Gartenthür, Gib ein Abschicdsküßchen mir; 7 Wer weiß, ob ich Dich wiederseh, Fein Liebchen, ade, ade, ade, tra la la la! Neunte Scene. Voriger. Ursula. Lconore, (später) Mungo. Ursula (öffnet während des Gesanges ein Fenster im ersten Stock und steht neugierig hinab, indem sie durch Zeichen andeutet, daß das Lied ihren Beifall findet, nach dem Gesang). Brav, Alter, brav! Ihr trillert ja noch wie ein Student mit zwanzig Jahren. Ich bitt' Euch, singt noch etwas. (Beinahe weinend.) Das erinnert mich an die Tage meiner ersten Liebe. — Es soll euer Schade nicht sein. Albert. Herzlich gern, mein schönes Fräulein. (Singt.) Als ich, die Brust gehoben Von Seufzern, weiterging, Hört' ich den Ruf von oben; O singe, Alter, sing! Doch ach, die so gesprochen, Die Theurc war es nicht; Es kam hervorgekrochen Ein schauderhaft Gesicht! Leonore (öffnet langsam ihr Fenster im ersten Stock und lehnt sich hinaus, horcht ans den Gesang; während der letzten Zeile wird Mungo innerhalb des Hofes sichtbar und stellt sich ebenfalls lauschend an s Gitter). Ursula. Charmant! Albert (bemerkt Leonore und fingt ohne Unterbrechung, jedoch mit begeistertem Ausdruck, weiter). Da plötzlich tritt die Sonne . Hervor in ihrer Pracht, Mein Liebchen ist's, o Wonne! Das mir entgegenlacht — O Göttin, sieh mich beben Zu deinen Füßen hier, Sei mein für's ganze Leben, O komm und folge mir! (Ist aus die Knie gesunken und bleibt in dieser Stellung, bis Leonore winkt ) Leonore (leise). Er ist es! Er kommt mich zu befreien! (Sie winkt mit dem Köpfchen »ja-, dentet gen Himmel, wirft ihm dann einen Kuß zu und verschwindet vom Fenster.) Ursula (während des stummen Spieles Al- berts und Lconorens). Ach, das ist ein göttliches Lied! Da, Alter! (Wirft eine Münze in Papier gewickelt auf die Bühne.) Trink auf meine Gesundheit. Mungo. ZK xooä morninF äear krisnä! — kavs ^ou not a litUs ok krunä^ in tks dottlö. Mungo großes durstig. Albert (ohne auf ihn zu hören, thut als ob er vor Ursula kniete). O reizende Dame, habt Dank für eure Großmuth? Gott wird Euch segnen für das, was Jbr an mir armen verstümmelten Krieger thut. Mungo, k'rinä kavs ^ou vo ^ins? Ursula. O ich bitt! Ihr wart also im Kriege? Albert. Und wie! Seit hundert Jahren gab es keine Seeschlacht, die ich nicht mitgemacht, zehn Jahre focht ich gegen die Türken, dann ward ich Kriegsgefangener und schmachtete fünfzehn Jahre lang in den Gefängnissen zu Bagdad, bis mich endlich der große Kalif Abubabibelek befreite, weil ich mir bloß durch meinen Gesang die Gunst seiner lmndertundfünfundsiebenzig Frauen erworben hatte. Mungo. 0 äear, o äkar — vkat äoes a Mann mit so viele vvivs. Albert. Dann kämpfte ich zehn Jahre lang gegen die Chinesen, wo ich durch einen vergifteten Pfeil das rechte Auge und das linke Bein verlor. Ursula. Jetzt ist das aber bei Euch umgekehrt. Albert. Ah ja so! Fünfzehn Jahre kämpfte ich gegen die Seeräuber und wurde während dieser Zeit nicht nur zum Krüppel geschossen, sondern eines Tages sogar von einer dreihundertpfündigen Bombe berge- 8 statt auf den Magen getroffen, daß ich todt auf dem Schlachtfelde liegen -lieb. Ursula. Entsetzlich! Und wie kamt Ihr wieder zum Bewußtsein? Albert. Ich wurde durch den entsetzlichen Anprall der Kugel in's Meer geschleudert, wo mich ein Haifisch verschluckte, der mich nach dreitägiger unentgeldlicker Beherbergung wieder an's Land warf. — Tann kehrte ich als Invalide trauernd in meine Heimat zurück. Ursula. Eure Leidensgeschichte ist höchst interessant. Albert (für sich). Sie beißt schon an. (Laut.) O, ich könnt' Euch noch viel schauerlichere Abenteuer erzählen von ehemaligen Kameraden. Z. B. von einem jungen Musketier, welcher täglich wegen seiner Geliebten ackt Stunden zu Fuß machte. Ursula. Himmel, mein Musketier! Albert. Er starb an meinem Herzen Mungo (weint). He 18 äsaä! Ursula. Allmächtiger Himmel! Albert. Dann kannte ich einen Wachtmeister, der liebte eine gewisse Ursula. Ursula. Wie, meinen Wachtmeister habt Ihr auch gekannt? Albert. Er fiel an meiner Seite. Ursula. Im Felde? Albert. Nein, im Rausche. Auch er ist nicht mehr. Endlich lernte ich einen See- cadeten kennen. Ursula. Ware es möglich? Albert. O was könnt' ich Euch von dem alles erzählen, schönes Fräulein. Ursula (weinend). D sprecht, guter Alter. Laßt mich alles wissen. Albert. Das laute Reden wird mir schwer, auf eurem Zimmer will ich- Ursula. Za, kommt herein. Ihr seid so interessant — gleich werde ich Euch das Gitter öffnen. Mungo (lacht). Is not possidis. Ursula, (zu Mungo). Was weißt denn Du? (Zu Albert.) Gleich komm ich hinunter, ich habe alle Schlüssel! — Mungo. 8 ut! Wo ist die Schlüssel von die große ?aäioek? Ursula. Was? (Bückt sich zum Fenster hinaus.) Himmel, der alte Sünder hat uns ein Vorhängeschloß angelegt — ja, dann ist's freilich nickt möglich, aber morgen, morgen kommt wieder daher ans diesen Platz, dann werd' ick Euch auf meine Kammer führen, und mich durch Eure Erlebnisse zurückversetzen in die schönen Tage der ersten Liebe. Lebt wohl, guter Alter! (Verschwindet vom Fenster.) Zehnte Scene. Albert. Mungo, (dann) Speck. Albert (für sich). Verdammter Zufall — jetzt muß ich über den schwarzen Burschen geben. (Laut.) Nun, Freund Mungo, bist Du nickt neugierig die Geschickte der drei unglücklichen Liebhaber zu hören? Mungo. Xo! Unu§o oui^ euriosis ok drnuä^. Albert. Da finde ick gerad eine Flasche Rhum. Ganz frisch gefüllt. Mungo. 0 frienci, Aivs ms tim kottis. Albert. Ah! Alles kann ich Dir nicht geben — aber tbeilen wollen wir. Mungo. Mungo will äriuk oui^ die imif, and tim rsst §ivs Io tim trmud LALIu! — Albert. Ah nein! Ich trau Dir nicht. Die Flasche laß ich nicht aus der Hand! Ja wenn ich hinein könnte zu Dir. Mungo. I siiaii eom out to tim dottis äsar frisuä — )M 8 ? Albert. Ja aber wie? Mungo, kisrs is a Leiter. (Legt die Leiter von inwendig beim HauS unter Leonorrns Fenster an's Gitter und steigt hinauf.) UuUAO siiaii eoms to ^ou iu tim momsut, iu tim momsut — Albert. Ja, aber wie kommst Du dann auf dieser Seite herunter? Mungo. Is uot possidis eau't ds äous? 9 Albert. Wart", Bruder! Da sch ick Hilfe. (Rust in dieCoulifse.) He, guter Freund — Ihr mit der Leiter, auf ein Wort! Speck stritt von links, seink Leiter ans der Achsel, auf). Was wollt Ihr, Alter? Albert. Neberlaßt mir auf ein paar Minuten Eure Leiter, Ihr sollt Sie unbeschädigt wieder haben. Speck (gibt ihm die Leiter). Mit Vergnügen. Aber treibt keinen Mißbrauch damit. (Geht lachend wieder in die Coulisse.) Albert. Was fallt Euck ein? (Setzt die Leiter unter Leonorens Fenster ) Freund Mungo, jetzt kannst Du herüber. Mungo. 0 doar irrend! — dies« )-our deart. I tdaud )ou ^Vdero i8tde trottle! — Albert (hat die Leiter festgehalten,wie Mungo herabsteigt, dreht Albert die Leiter um, so daß Mungo unterhalb derselben baumelt, und steigt über die Leiter in s Zimmer Leonorens). Mungo (schreit). Dam! ndat are z^ou about? I — lallo? Albert (im Hinaufsteigen). Wart',Freund, ick helf' Dir gleich, nur einen Augenblick! So! (Verschwindet im Fenster.) Eilste Scene. Mungo (allein). Mungo (fällt herab, reibt sich den Rücken, steht dann auf, steht ausLeonorens Fenster, lacht übermäßig und kommt dann vor). Ha ha ha ha! 0 Ddi8old koatman is a roKue! I de u'evt iuto tde room ok tde ^ouuK mi88 aud dam to 8tauä dere udtkout Krauel v ! lut d. null KO tdrouxd tde ^in- dov8! — 0 tde doat8man all tde doat8mau are aued roxu68—1»8t ela^ 1 u a8 ou koard a 8dip aud tde doat- man §ave a dall — od — udat a plea8nrtz! u^dat a ploaauo! kallo ki)>? Kurrad! Lied. Dde 8privF of tde ^eardave oomme at 1a8t — VV^iuter time m xore au pa8t 24 koatmauu all ot' a lloelr 8ittin in tde 8ea8dore pipiu ou tde roed. Dauee, tde doatemau dauee vanee all ni^dt till tde droaddaz? lixdt ^nd Ko dome vvitd tde Kirla iu tde moruinK ki dod! doat8mau rou- b'IattiuK dou u tde riddon iu tde odio! I ^veut au doard tde otder da^ Do dear >vdat tde doatmau dat to 8av Ddere llet m^ pa88iou loo8e Dde^ eram 'd me iu tde aladau86 — kauee tde doatsmau dauee ete. Od let me looee, Hl Ko a 8dore Ket me loo8e! Ill dauee uo more 8ta^ old uiKKer tdat'll uever do at all Dou forKetto plav at tde doatawarm dall Dauee tde doataman dauee ete. Dde doatamau 18 a ilue fellor. (lieber die Leiter ab.) Verwandlung. (Decoration fällt vor. Zimmer bei Hochstratten. Mittelthür, links Seitenthür zu Leonorens Zimmer; rechts gehen zwei Stufen hinauf, welche zu einer schweren braunen, mit eisernen Stäben und Ringen beschlagenen Holzthür führen, durch welche der Eingang auf die Kellertreppe angenommen wird. Dorne rechts Tisch und Stühle — links vorne ein schwerer altmodischer Schreibsecretär.) Zwölfte Scene. Ursula. Leonorc. Ursula (eintretend). Nein, nein, das gebt nicht! der Herr Hochstratten hat mir's zu 10 streng anbefohlen; ich darf das ewige am Fenstersteh'n nicht dulden. Wenn ich auch mit seiner Tyrannei nicht einverstanden -in, so muß ich doch als Beschließerin meine Schuldigkeit thun. Leonore. Aber, Ursula, auch Du warst einst jung, hast Tu denn kein Mitleid mit mir? Man behandelt mich wie eine Gefangene. (Bki Seite.) Wenn er käme, mich zu befreien. Ursula. Es ist himmelschreiend, das seh' ich ein, d'rum werd' ich Ihnen Ihr Loos so angenehm als möglich machen; wir geh'n jetzt in mein Zimmer und ich erzähle Ihnen die Geschichte meiner ersten Liebe. Leonore. Die Hab' ich ja schon fünf- hundertmal gehört. Ursula. Macht nir, so was bleibt immer neu. (Zieht sie mit sich fort.) Ich werde dießmal recht ausführlich sein. Leonore (bittend). Liebe, goldene Ursula, laß' mich hinunter in den Garten. Ursula. Nicht einen Schritt aus dem Zimmer, hat der Alte commandirt. Leonore (trotzig). Geh', Du bist unausstehlich. (Rasch links ab.) Ursula (nachsehend). Es bricht mir das Herz, wenn ich sehe wie das liebe jungeBlut mißhandelt wird, aber ich kann ihr nicht helfen — der alte Knicker mag es verantworten. (Leonoren nach; ab ) Dreizehnte Scene. Albert. Mungo (von der Mitte). Mungo (lachend). Ha ha! Olä soläier! elimk iuto tke viuääov ns a zouu^ ko^! Albert. Wir Seeleute kennen keine Schwierigkeiten. (Bei Seite.) Sie ist nirgend zu sehen. Mungo. 6 nt uovv. I skall kave tke kalk ok tke kottle. Albert (gibt ihm die Flasche). Nein, Mungo, nicht die Hälfte, die ganze Flasche sollst Du haben. Mungo. OK krieuä, kless m^ kesrt; tkaulc, ^ou NauAO große Durst. (Trinkt.) Alb ert. Mungo — willst Du mir einen Dienst erweisen? Mungo (trinkt). Von vill sxeak vitk tke olä Örsula in tke Moment? (Rust) Ursula! Albert. Still! um Gottes willen! Nein, nicht die Alte, Fräulein Leonore möcht' ich sprechen. Mungo (trinkt). Dkat vou't äo krieuä! Albert (bei Seite). Hartnäckiger Teufel! Nun also, so führ' mich zu der Alten! Mungo. Here is tke room ok tke olä Ursula! (Trinkt.) Albert (zeigt auf die Kellerthür). Wohin führt denn diese Thür? Mungo. In dieeellar— zn die wirre — kut tke olä massa slwa^s in tke writillA äesk ! (Zeigt auf den Secretär.) Albert. Was?Daist der Schlüssel d'rin? Den werden wir gleich haben. (Zieht einen Schlüssel hervor.) Mungo. OK 0 N 6 ok tke krieuä — geht nir! Uuri^ookteu trieä äo so! Okt prokirt! Albert. Wer weiß? Diesem Schlüssel widerstehen wenig Schlösser. Mungo (gierig). Oive it to me krieuä NllUFO prokir-perkaps W6 are to üuä die Schlüssel zu die viui. (Arbeitet an dem Schloß, der Secretär springt aus. Ha Wkrit a kortuue!^ou ara Zauberer! Here is tke Schlüssel zu die eellar! (Zeigt den Schlüssel.) Albert. Brav! Jetzt geh' hinunter, Freund, und hole Wein, dann wollen wir singen und trinken, bis der Tag anbricht. Mungo (lachend). OK, ok, Nuuxo kriox wiue— okue, two, tkree, kour kottle ok tke kest wirre! —tke olä tkiek! wkat akloek keaä is tke olä tkiek! Wir haben die Schlüssel zu die wiue-eellar! Oul^ koä a Moment, äear kellow! I skall returu immeäiatel^! (Hat die Kellerthür aufgesperrt und geht durch dieselbe ab.) Albert. Nur geschwind, Freund, bevor n der Alte nach Haus kommt. (Dreht den Schlüssel um und läßt ihn stecken.') Vierzehnte Scene. Albert (allein). So! Endlich ist der Spitzbube beseitigt! Jetzt gilt's die Ursula zu gewinnen; vorder aber will ich den Schreibtisch schließen, damit man nicht zu früh' hinter unsere Spitzbüberei kommt. (Will den Schreibtisch schließen, ffeht eine Schrift, hält inne und liest.) Was ist das?—»Mündigkeits-Erklärung des Fräulein Leonore v. Barlington, unterzeichnet: James Hochstratten — ehemaliger Vormund — und hier — Stand und Zinsenausweis der von Henri von Barlington seiner einzigen Tochter Eleonore hinterlasse- nen Erbschaft von ursprünglichen zwanzigtausend Pfund Sterling, welche gleich nach Verheiratung der Erbin derselben von ihrem Vormund James Hochstratten auszuzahlen sind! — Nach zurückgelegtem achtzehnten Lebensjahre hat die Erbin in Betreff ihres Gatten freie Wahl und James Hochstratten erhält als Ehrensold seiner väterlichen Mühewaltung die Summe von zweitausend Pfund Sterling in Gold.*-Welche Entdeckung! Jetzt ist mir Alles klar! Der alte Geizhals will Leonoren selbst heirathen, um auf diese Weise in Besitz des ganzen Vermögens zu gelangen! — Jetzt ändert sich die Sache. (Ruft.) Leonore! Leonore! (Schließt den Secretär und behält die Papier in der Hand.) Anne Gefangene! Freue Dich! Die Stunde der Freiheit und des Glückes hat geschlagen. Fünfzehnte Scene. Voriger. Leonore. Ursula. Leonore (aus dem Zimmer links). Er ist es! Ursula. Was seh'ich? Wie seid Ihr ins Haus gekommen? Albert (bat Leonorens Hand ergriffen). Die Zauberkraft der Liebe sprengt Schloß und Riegel. Ich komme als Ihr Retter und Befreier! Hier lesen Sie! (Gibt Leonoren die Papiere.) Leonore (liest und drückt ihre Freude aus). Ursula. Was ist denn das für eine Sprache? Ihr seid — Albert (zu Ursula). O verstellen Sie sich nicht, mein reizendes Fräulein! Sie sind nicht so leicht zu hintergehcn wie jene Duenna von Decameron, die nichts merkte, als die Donna in ihrer Gegenwart einen Kuß bekam. Ursula. Na, das möcht' ich erleben! Albert. O bitte, das ist sehr einfach. Sehen Sie einmal fest und unverwandt dort hin, auf jenes Fenster, bis ich Drei zähle. Ursula (thut rs). Nun, und weiter? Albert. Das werden Sie gleich sehen. — Eins — Zwei — (Küßt Leonore.) Drei! So war's vorbei. Er batte sie auf die Stirn geküßt, und die Duenna hatte nichts gemerkt. Ursula. Die muß gar dumm gewesen seien! — Jetzt aber sprecht: Was ist die Ursache Einer Verkleidung? Albert. Die Liebe! Ursula (verschämt,. O Gott! Und der geliebte Gegenstand ist hier im Hause? Albert. In diesem Zimmer! — Ursula (wie oben). Ich versteh' Euch nicht. Albert. Wohlan, so erfahren Sie denn, ich bin der Stallmeister des Prinzen von Marocco, und wurde hieher gesandt, um für meinen Herrn um Fräulein Leonorens Hand zu werben. Ursula. Wär's möglich? Albert (zu Ursula). Sie werden in Anerkennung Ihrer Verdienste zur Hofdame ernannt! — Ursula. Himmel! Ich Hofdame! An welchem Hofe? Albert. Sie können sich einen Hof auf- suchcn, wo sie wollen. Ursula (weinend). O nein! Ich trenne mich nie von meiner theuren Prinzessin. Albert (zu Leonoren). Und was hat unsere Gebieterin beschlossen? Darf der Prinz auf Gegenliebe rechnen? — 12 Leonore. Mein Herz und meine Hand gehören dem Manne, der mir meine Freiheit gab; kaum trag' ich dieses Uebermaß von Glück. Doch sprechen Sie, wie kamen diese Dokumente in Ihre Hand? Albert. Durch einen Zusall der göttlichen Vorsehung — doch in diesem Augenblicke ist keine Zeit zu Erzählungen! Folgen Sie mir, meine Damen, die Anstalten sind getroffen, um Sie in Sicherheit zu bringen. Höchste, (von mißen). Mungo! Mungo! Ursula! — Wo steckt das Gesindel! Ursula. Himmel! Er ift's, wir sind verloren! Albert (am Fenster). Geschwind verbergen wir uns in diesem Zimmer, bis der rechte Augenblick gekommen, (ßr schließt den Schreibtisch.) Leon vre. Ich fürchte nichts mehr. Ursula. Aber ich! Albert (führtdie Damen in's Zimmer, sieht). Er soll Euch kein Haar krümmen, das verbürge ich. (Ab mit ihnen.) Sechzehnte Scene. Hochstratten. Tann Mungo. Hochstr. (stürzt durch die Mitte herein, wirft seinen Strohhut ab, und ruft:) Mungo! — Wo steckt der Hund! Keine Seele zu sehen! Leonore nicht in ihrem Zimmer — am Gitter eine Leiter! Ursula! (Will Ursula s Zimmerthür öffnen.) Verschlossen! Was bedeutet das? Mungo (fingt hinter der Kellerthür). Heilst sto, doatsman rov b'IottinA äo>vli tste rinsv ol' tste Ostio! Hochstr. Hör' ich recht, das kam dort her von der Kellertreppe; der schwarze Satan hat die Thür geöffnet. (Oeffnet die Kellerthür.) Den Dieb laß' ich ^u Tode prügeln. Mungo (taumelt mit Licht und einer Flasche in der Hand, vollständig bettunken, in's Zimmer). Mungo. XV sto ars ^ou — ^ounx ma 88 a — Lst? Zfou ärinst vitst me? — ^ss? Hochstr. Schwarze Bestie, wie kamst Du in den Keller? Mungo. XVs isstall ckaneo? — XVstv äo )fou not ckanee, I'rionck — (Stürzt auf Hochstrattrn zu und erkennt ihn.) Oll! Ost? Hochstr. Kennst Du mich? Mungo (lacht übermütbig). Trink! Hochstr. Ungeheuer! Ich erwürge Dich! Mungo. XVstat? (Hat das Licht auf di, brde gestellt.) Von ^vill mnrcker M6? Ol6 tstiet! (Setzt die Flasche nieder, zieht seine Jacke aus und bereitet sich zum Boxen.) 8top)i a little? Hockstr. Der Kerl ist verrückt geworden! Mungo (boxend). Von ^vill stellt vntst me! Hochstr. (retirirt). Ick muß nur gute Saiten aufzieben, bis der Dieb wieder nüchtern ist. — Mungo, leg' Dich schlafen. Mungo. XVstat? 8l66s> — 8leep ^our stalf? — loolc at vour paälolr — ist 6 paälost on tsto sloor? xive me )Onr stavä — olä ra8cal! Alte Spitzbub! Hochstr. (geht zu ihm). Sprich, wie kam die Leiter an das Gitter? Mungo. Tste olä Loläier elimsteä into tste kou86 tstronxst tste ^inäo^8! Hochstr. Was? Ein Soldat in mein Haus gedrungen? Wo ist er? Mungo. Ost — ste 18 a ver^ sine Fentleman ste 18 in tste room rvitst tste ^ounA mi88 st,eonore. Hochstr. Ich bin verloren! — Und wer bat Dir die Kellcrthür geöffnet? Mungo (zeigt auf den Schreibtisch, lachend). Hier die Schlüff'l of die olä wa88a. Hochstr. (stürzt zum Schreibtisch, schiebt ihn auf und schreibt). Allmächtiger Gott! Diebe! Diebe! Räuber! Ich bin bestohlen — Ursula! (Gibt Mungo einen Stoß.) Du Hund bist an Allem Schuld. (Läuft zur Thür Ursula 's. tritt sie ein und stürzt durch selbe ab ) 13 Siebzehnte Scene. Mungo (allein). Oll! Hotiotio! (Weint.) Olä tlriek! Ho alwa^8 beat8 tlie poor ^ooä ni§A6r8! Mungo nicht schlagen! b'or ik ^ou äo 80 Nunxo aliall deat ^ou a^alii! (Nimmt das Licht und führt es zum Mund.) Oll! tliat 18 NO zvilie — VVtiere 18 tll6 viN6-I will tlLV6 Ui)^ili6. (Trinkt.) Oti! I am ver^ 8ielc!-- O ich bin sehr krank! (Herzt die Flasche und fingt.) Hl AO to deck — vtiere 18 m^ ^aelcet? (Will die Jacke anziehen und findet die Acrmel nicht, zieht sie endlich verkehrt an.) Dam, die Zacke is verzaubert. lam ver^ mmeradle! O, ich bin sehr krank! Achtzehnte Scene. Leonore mit Albert. Hochstratten. Ursula, dann Speck und Spriet. Hochstr. (mit mühsam erkünstelter Freundlichkeit). Aber, mein rhcures Lerchen, wie konntest Du es über's Herz bringen, mir meine ganze Freude zu verderben? (Für sich.) Heute wollte ich Dich mit der Entdeckung deines Glückes überraschen. Leonore. Verzeihung, lieber Vormund, ich sehe ein, daß ich gefehlt habe, und um mein Vergehen zu büßen, verlasse ich diesen Abend noch Ihr Haus, um mich gleich nach Erhebung meines Vermögens mit meinem erwählten Gemal (aus Albert zeigend) nach Europa cinzuschiffen. Hochstr. (seinen Grimm verbeißend). Glückliche Reise! — Albert. Meine Braut wird mir jedoch gestatten, die Ihnen von Ihrem Vater zugesprochene Summe von zweitausend Pfund zu verdoppeln. Hochstr. (sie segnend). So seid denn glücklich, Kinder, und vergeßt den alten Hochstratten nicht. Ursula (hat Mungo seine Zacke anziehen geholfen). Mungo (hat sie beim Kops genommen und geküßt). Oli! 1'lie olä 8oläier i8 a /oun^ doal8man. Ursula. Ich Hab' es immer gesagt, für die Liebe gibt es kein Vorhängschloß. Hochstr. (in Wuth). Hinaus, augenblicklich! Heimtückische Creatur! Ursula (außer sich). Was? Creatur? Leonore. Ursula wird mit uns ziehen. Mungo (weinend). Olä ML88a, tvvo kellovv8 vre are to re8t alone — wir bleiben allein! Hochstr. Ja, die Hölle mit Dir! Sa- tanas! Albert. Sei mhig, Mungo! Ich kauf' Dich los und schenke Dir deine Freiheit! Mungo (weint und lacht durch einander). Oll NtiliAO 18 to i)6 kree man, olck WU88L tare vrell! (Zu Albert.) FOU are liovr lli^ Nia88a öoat8lliami! Uke ^our Null^o vritli ^ou, Uim§o Will cko well, NrniAo vill de§ooä! — 'l'tie doat8wan 18 a lue^^ man Miere8 none ean äo L8 tlie boat8mau ean liiever 8eeli a prett^ §irl in like 6ut tliat, 8lie vva8 tlie boat8man3 vrike Oanee tlie boat8maii äanee Danee all niFlit tili tlie broack äav lixlit ^lul A 0 tiome vitli tlie xirl8 in tlie moruiax Hallo doat8waii rovr b'lottili^ äovrn tlie river oa tlie Otiiro. (Der Vorhang fällt.) In unserem Heater-Repertoir erscheinen demnächst: M " " « MMlz. Oesterr. Volksmärchen von Leopold Huber. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Reimte und Schwank in einem Act nnd zwei Bildern von C. F. S t ix. 77. Sgr. od. 35 Nkr. Freundschaftsdienste. Lustspiel in einem Act , von Carl Iuin. 7Sgr. od. 35 Nkr. Zn der Wällishausserschen Buchhandlung (^osef Klemm) in Wien, Stadt, höhet Markt Nr. 1, find erschienen: aus Stücken von: MG Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Elmar, Flamm, Gottsleben, Grois, Grün, Gründorf, Haffuer, Juin, Kaiser, Langer, Megerle, Nestroy u. A. Drei Hefte. Gr. 8- geh. Preis 1 fl. 50 Nkr. oder 1 Lhlr. Jedes einzelne Heft 50 Nkr. oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg B> F. 1- Da möcht i halt das G'wissen sein. 2- Requifiten-Couplet. 3. Kiguren-Couplet. 4. Nachher wird es schon wern. 5- Glöckchen-Couplet. 6. Biblisches Couplet. 7- Falsche Benennungen. 8- Dann ist sie da die bessere Zeit. 9- 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün. 10. Volkslieder. 11. Aber gcb'n thut's es nit. — Berts, Alois. 12- Jetzt da war's halt Noth, daß wer antauchen thät. 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hält'. 14. Zu was dann die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lachcouplet. 16- Aus einer Chronika. 17. Früchte, die verbotm find. 18- Falsche Anfichten. 19. Französische Worte. 20. Mythologie-Couplet. — Berta u. Bittner. 21. Ohne Umschneiderei. 22- Die papierene Zeit. 23. Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Bittner Anton. 24- Thier-Couplet 25- Das ist noch Geheimniß. 26. Wer hätt' es geahnt. 27. (Nroniyus seanäalsus«. — Bittner u. Morlsnder. 28. Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29- Und so wird hinterrücks g'redt. — Böhm, Josef. 30. Na da sieht man's doch, daß's an der Eintheilung fehlt. 31- Wenn man die Wirkung sieht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32- Maschinen-Couplet. 33. Wo man was sucht, dort find't man es nicht. — Elmar, Carl. 34- O Spiel der Natur. 35- Lied des Teufels. 36- Man glaubt nicht was in einem Menschen oft steckt. 37. So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. 38. O ungeheure Ironie- 39- Da möcht ich halt wissen, was nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes. Elmar, Carl. 40-Was lieget da dran. 41. Ja so gehts, wenn man heut' zu Lag Geister citirt. — Feldmann u. Flamm. 42- Mit Kleinem fängt man an, mit Großem hört man aus. 43. So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Lheod. 44. Keine Rose ohne Dornen. 45- Gesundheit und ein recht langes Leben. 46. Jedes Häferl hat sein Deckerl. 47. Repertoire-Couplet. — Flamm u. Wimmer 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät. 49. So behilft fich halt Jeder, so gut als er kann. — Gottsleben, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 51. Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52- Na, das kennen wir schon! 53. Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54. Wir bedanken uns sehr. — Grünn, Johann. 55- Was ein Narr ist. 56- Ein Chineser. — Gründorf. 57- 's ist just netnöthi, aber nothwendi war's. — Hsssner, Carl. 58. Da find's mäuserlstill. 59- Es steckt was dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60 Wann der mein Kappcrl hält'. 61. Ja, ich kann's nit ändern, es is halt a so. — Juin. 62- Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht. 63. Wozu Mancher eigentlich geboren. 64- Fiakerlied. 65- Zu was von den Göttern eine Auskunft begehren. — Juin u. Flerx. 66. Da wird einem heiß kalt — warm! Ungeheuer genannt! —67. Kaiser, Friedrich. 68- Ich bitt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. Inhalt des dritten Heftes. Kaiser, Friedrich. 69. Es muß ja nicht gleich sein. 70. Da braucht man beim helllichten Tag a Latcrn. 71- Jetzt das g'hört auf ein anderes Blatt. 72- Die find halt g'scheidt. 73. Das ist so nobel und so billig dabei. — Langer, Anton. 74- Was ist der Unterschied. 75. Aber da mag Keiner net. 76. Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 77- Es schaut nur gemeiner aus. 78. Zu früh und zu spät. 79. Man kann fich's wohl denken, aber sagen darf man's nicht. 80. Wann mich der fragen thät. — Megerle, Lhrr. 81. Marsch mit dem in d'Butten. 82. Man muß nur den günstigen Zeitpunct erfragen. — Nestroy. 83- Und 's ist Alles net wahr. 84. Kometen-Lied aus »Lumpaci*. 85- Aus was fich Mancher hinauswachsen kann. 86. Das war ganz etwas Neu's. 87. Und man kommt aus kein Grund. 88- Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 89- Ja, hat denn die Sprach' da kein anderes Wort. — varry, A. 90. Ob der wohl die Wahrheit wird sagen. Äon Johann Restroy find bei uns erschienen: Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder: Das Geheimniß des grauen Hauses. Posse mit Gesang in 5 Aufzügen, 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Einen Jux will er sich machen. Posse mit Gesang iu 4 Aufzügen. Zweite Auf. läge, geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Der Zerrissene. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Talisman. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Unverhofft. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 alleg. Bild. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Unbedeutende. Posse in 3 Acten. Mit 1 illum. Bild. 12. geh. 20 Sgr. oder 1 fl. Der böse Geist Lumpacivagabundus, oder: Das liederliche Kleeblatt. Zauberposse mit Gesang in 3 Aufzügen. Dritte Aussage. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Das Mädl aus der Vorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Die verhängnißvolle Faschingsnacht. Posse mit Gesang in 3 Aufzügen. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Eulenspiegel, oder Schabernack über Schabernack. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. Zweite Anflage. 10 Sgr. oder 50 Nkr Freiheit in Krähwinkel. Posse mit Gesang in 3 Acten Mit 3 illum. alleg. Bild. 12. geh. 24 Sgr. oder 1 fl. 20 Nkr. Kerner find daselbst erschienen: Sämmtlichr Theater von Castelli, Gleich, Grillparzer, Hopp, Hensler, Kaiser, Weidmann, Feldmann, Weißenthurn, Deinhardstein, Holbein, Kotzebue, Jffland, Werner, Hafner, Vogel, Körner, Ziegler, Jünger, Collin, Perinet, Huber, Banmann, Birch-Pfeiffer, Schröder, Clauren, Herzenskron, Treischke, Sonnleithner, Chrimfeld, Meisl, Koch, Schilddach, Seyfried, Bäuerle re. Die Wallishausser'schen Buchhandlung in Wien, hoher Markt, hält das möglichst vollständigste Lager aller im Buchhandel erschienenen ältesten und neueren Theaterstücke, besorgt das nicht Vorräthige schnell und gibt Verzeichnisse gratis aus. —-40^-- Lenck und Papi« von Leopold Sommer in Wien. Teuselsmühle am Wienerberg. Sesterreichisches Volksmärchen mit Gesang in vier Acten. Nach einer Sage der Vorzeit von Leopold Huber. Für die k. k. pr. Manuellische Schaubühne bearbeitet von Carl Friedrich Hensler. Musik von Capellmeister Herrn Wenzel Müller. Die erste Auflage dieses Stückes: »Die Teuselsmühle am Wienerberg« ist im Jahre 1801 in unserem Verlage erschienen und es mag etwa auffällig erscheinen, die »alte Teufelsmühle« nun plötzlich im »Wiener Theater-Repertoire«, mitten unter den neuesten dramatischen Schriften, wieder zu finden. Das Stück hat sich aber noch in neuester Zeit in Wien als »zugfähig« und als ein echtes Volksstück bewährt und darum glaubten wir diesen Neudruck veranstalten zu sollen. Personen: Ritter Kilian von Drachensels, ehemaliger Bewohner der Teufelsmühle. Marie, sein Weib, als Geist unter verschiedenen Gestalten. Günther von Schwarzenau, ein österreichischer Ritter Käsperle, sein Knappe. Hans von Staufsen. Mathilde, seine Tochter. Bertha, ihre Zofe. Berthold, Vogt auf der Stauffenburg. Ritter Otto von Löbenstein. Tust von Klerberg. Ritter Bodo. Ibrater-Repertoire. Nr. NS. Wallberg. Ritter Boodsheim. Junker ßckard von Trausnitz. Krowald, ein Minnesänger. Veit Schneck, der Wirth am Wienerberge. Märtchen, seine Tochter. Hans, sein Kellerbube. Reisige und Knechte des Ritter Boodsheim. Knechte von Eckard. Knechte aus der Stauffenburg. Kampfrichter. Beisitzer bei dem Gottesgericht. Zeriel, ein Schutzgeist. 1 Erster Äct. (Herberge an der Straße des Wienerberges.) Erste Scene. Günther von Schwarzenau. Eckard. Fust von Kleeberg. Bodo und Wallberg (zechen wacker). Der Minnesänger Fro- wald (fitzt unter ihnen, spielt aus der Laute und fingt). Mehrere Knappen und Knechte. Käsperle. Veit Schneck und Hans, sein Bube (schenken ein). fröhlicher Trink-Lhor. Nehmt den Humpen in die Hand, Singet frohe Lieder. Uns umschlingt der Eintracht Band, Wack re deutsche Brüder! Schenket ein! Trinkt den Wein! Wer uns Böses wünschen kann, Ist kein braver deutscher Mann. Wer ein deutsches Mädchen liebt In der Zugend Feuer, Für die er sein Leben gibt, Die ihm einzig theuer, Dessen Brust Füllt nur Lust! Trinkt auf aller Mädchen Wohl, Die von reiner Liebe voll! Wer's mit Jedem ehrlich meint, Leidende erquicket, Dem erzeiget Euch als Freund, Wo Ihr ihn erblicket. Reicht die Hand Ihm zum Pfand! Deutsche Treu und Redlichkeit Macht uns geltend weit und breit. Fust (zu Krowald). Recht so— junger Mann! hast's in deiner Kunst weit gebracht. — Woher kommst Du? Frow. Von Wien, edler Herr! bin dort schon sieben Tage bei dem Turnier gewesen, das der Kaiser der Ritterschaft zu Ehren gehalten hat. Ihr wäret ja auch dabei, edle Herren? Habt Euch wacker in den Schranken herumgetummelt — besonders Günther von Schwarzenau — GÜNth. (der indessen in Gedanken da saß). Wer nennt meinen Namen? Frow. Ich, edler Herr! sah ja wohl, wie Ihr den Dank aus den Händen der schönen Mathilde von Stauffen erhieltet — sah, wie der holden Dirne das Blut in das Gesicht stieg, als sie Euch die goldene Kette um den Hals hing und die Schärpe Euch um den Leib band, und Euer Feuerblick ihrem sanften Auge begegnete. Käsp. (gibt ihm den Humpen). Da — trink, Eamerad! Du hast, wie ich merk', eine gute Anlage zum Plaudern und Singen, aber eine verdammt schlechte zum Sausen. Frow. Glaubt Ihr das? Da irrt Ihr Euch. Gebt her! — (Trinkt mit vollen Zügen.) Hans. Ei so sauf, daß Du erstickest! Käsp. Esel! Du red'st ja wider das Interesse deines Herrn. Je mehr er trinkt, desto mehr muß er bezahlen. Hans. Za—'s Trinken wär' schon recht — wenn es aber an s Zahlen kommt, ist bei dergleichen musikalischen Seelen nichts zu Haus. Bodo. Fust! es ist Zeit — wir müssen ausbrechen! Wallb. (steht aus). Traun! Du hast Recht — F U st (zu seinen Knechten). Rudolph! Hugo, sattelt die Rosse — wir wollen uns auf den Weg machen. (Einige Knechte ab.) Eckard. Du reitest nach Wien, Ritter Kleeberg! Hast gewiß dort einem schönen Wienermädchen zu viel in die Augen geschaut— Wetter! es gab ja deren bei dem letzten Turnier so viele, daß einem die Wahl schwer wurde. Z Fust. Ich hatte nicht Zeit, mich nach ihnen umzuschauen. Eckard. Nicht Zeit? So was kann ich ! nicht hören! Wem ein schönes Mädchen entgegenkommt, und er auf die Seite sehen kann, bei'm Teufel! der muß ein ledernes Herz im Leib haben. Ich kann das nicht! > Zweite Scene. Vorige. Rudolph. Rudolph. Die Pferde sind gesattelt, edler Herr! Fust. So lebt wohl! (Sie reichen dem Ritter die Hand. Günther! Uns rufen Geschäfte an Marimilians Hof. Bodo. Haltet Ihr Euch noch länger auf, so sehen wir uns vielleicht morgen in dieser Herberge wieder. — Lebt wohl! Wallb. Vielleicht froher als jetzt! Gott befohlen! (Gibt ihm einen Handschlag.) Günth. Vielleicht! Vielleicht auch nicht! Eckard (zu Fust). Nichts für ungut, Bruder! Ich meint' es nicht so böse — wenn Du aber die schönenWienerinnen sichest, so sag' ihnen nur, daß ich für sie lebe und sterbe. Fust. Schon recht, schon recht, Wildfang! Ich will schon Alles besorgen. (Alle Drei ab.) Eckard. So wartet nur — wir müssen ja noch einen Valettrunk beim Aufsteigen trinken. (Ihnen nach.) Käsp. (nimmt einen Humpen vom Lisch). Holla! Da heißt es: wer gut schmiert, der fahrt gut. — Ich trag' den Humpen nach! (Ab.) Dritte Scene. Günther. Frowald. Veit. Frow. Herr Ritter! Ihr habt beim letzten Wiener-Turnier tapfer gefochten. Günth. Und doch nichts als Wunden davongetragen. Veit. Wie — Ihr seid verwundet worden? Günth. Im Körper nicht — aber hier — (auf das Herz deutend) Mathildens schöne Augen — Frow. Haben das Feuer angefacht? Dacht' ich's doch gleich. — Edler Ritter! Sucht Zerstreuung, und Ihr vergesset bald auf das Mädchen. Günth. Vergessen? Mathilden vergessen? Nein! Eben bin ich im Begriff, nach der Stauffenburg hinüber zu reiten. Veit. Und sie doch nicht vom Vater zum Weibe begehren? Günth. Ihr leset den Wunsch in meinem Herzen. Ich will mein Glück versuchen. Veit. Da dauert Ihr mich, edler Herr! Mathildens Vater ist ein geiziger Mann. Auch hat Otto von Löbenstein, durch seine Reichthümer, die er besitzt, den Alten da- hiugebracht, daß er ihm seine Tochter zusagte. Sie ist bereits verlobt. Günth. Verlobt? O! Warum bin ich nicht reich! Vierte Scene. Vorige. Marie (als Wallfahrer). Wallf. Gott zum Gruß — edle, gestrenge Herren! Wohl mir, daß ich auf der Straße diese Herberge gefunden habe — ach! Meine Kräfte haben Erholung nöthig — die Angst, die ich in voriger Nacht ausgestanden habe — brachte mir bald den Tod. Günth. Veit! Reiche dem alten Mann einen Trunk Wein. — Woher kommt Ihr? (Veit reicht ihm Wein.) Wallf. Aus Palästina! Neun Jahre bin ich von Deutschland entfernt — ich wallfahrtete zu Fuß nach Jerusalem, um durch dieses Gelübde für meine Sünden zu büßen. — Vorige Nacht überfiel mich das Gewitter — ich suchte Obdach, und fand dieses in einer Mühle, die hier links an der Heerstraße liegt. Veit (fährt aus). Du lieber Gott! Das ist die Teufelsmühle. Walls. Za wohl mögen Unholde und böse Geister darin einst ihr Wesen getrieben haben. Günth. Setzt Euch, alter Mann! Und stärket Euch durch diesen Labetrunk — dann fahrt fort in eurer Erzählung. Walls, (setzt sich). Dank Euch, edler Herr! Günth. Nun — Veit! Da Du so nahe bei dieser Mühle wohnst, kannst Du uns vielleicht näheren Bescheid geben. Veit. Gestrenger Herr! Leider ist Alles wahr, was man sich in der ganzen Gegend davon erzählt. Viele tausend Menschen liegen dort begraben. Hört nur: Da war einmal ein Müller, er hieß Kilian, den hat man nur den Teufelsmüller geheißen — der ist mit einem Ritter im Bund gestanden — (leiser) man will aber sagen, daß der Ritter Niemand anders als der ledige Satanas soll gewesen sein. Günth. (lacht). Ha ha ha! Nur weiter mit dieser abenteuerlichen Erzählung — Frow. Ja — ja — hört nur: In der Mühle am Boden war ein Loch, wenn da ein Fremder daraufgetreten, so ist das Brett mit ihm hinuntergegangen unter die Erde — und in dem Loch waren spitzige Dolche und Schwerter, die haben die Menschen umgebracht — auf einmal ist der Mütter und sein Weib verlorengegangen, man weiß nicht wie — und seit der Zeit kann kein Mensch mehr in der Mühle wohnen. Günth. Eine wunderbare Mähre! Wenn ich ein Freund von dergleichen Abenteuern wäre, traun! ich hätte wohl Lust, diesen Spuk näher zu untersuchen. Veit. Ja! Hört nur die ganze Geschichte, die wir Euch erzählen wollen. — Zlomanze von zwei Ftimmen. Veit. Frowald. In jener Mühle, wie bekannt, Da hauste Kilian, Der Teufelsmüller einst genan Nt, Er war ein böser Mann; Es sind jetzt bald die dreißig Jahr, Verschrieb er sich dem Satan gar, Und mordete zum Zeitvertreib Zuletzt sogar sein eigenes Weib. Das Weib war fromm, so wie es heißt, Das Leben war ihr schwer; Nun wandert sie umher als Geist, Und neckt den Wand'rer sehr. Bald foppt derGeistmanch'armen Tropf, Setzt Eselsohren ihm an Kopf — Spukt Tag und Nacht, spukt weit und breit, Doch thut er Niemand was zu leid. In jener Mühle ist verwahrt Ein wundergroßer Schatz; Und vieles Geld ist eingescharrt An jenem Teufelsplatz. Und wer den Geist erlösen kann, Der wird ein reicher, reicher Mann, Er trägt — bewahr' uns Gott — zum Lohn Das Geld und auch den Schatz davon. (Beide ab.) Fünfte Scene. Günther, der Wallfahrer, hernach Jeriel. Günth. Traun, eine wunderbare Geschichte! Walls, (stehtauf). Ihr wollet nach der Stauffenburg reiten, gestrenger Herr! Um Euch dort eine Burgfrau zu holen? Günth. Das will ich — Walls. Ich wünsche Euch Glück — Mathilde liebt Euch — aber ehe Ihr sie als Gattin besitzen könnt, habt Ihr noch manches Ungemach auszustehen. Günth. Was sagt Ihr, Alter? Walls. Nur Muth und Tapferkeit bringen Euch dem Ziele näher. Junger Mann! Vergiß nicht den unglücklichen Geist in jener Mühle — seine Erlösung ist dein 8 Werk — nur durch seine Vollendung gelangest Du zu deiner Wünsche Ziel. — (Donnerschlag. Accord. Ieriel erscheint ) Pom Schicksal auserlesen, Wirst Du den Geist erlösen. Dich, Jüngling! Rufet höh're Pflicht, Auf — fasse Muth, und zage nicht. Geehrt und reich trägst Du zum Lohn Mathilden als dein Weib davon. Günth. Was ist das? Was Hab' ich gehört? Walls. Den Ruf deines Schutzgeistes! Auf,. Jüngling! Ziehe nach der Stauffen-j bürg, beginne die Erlösung des Geistes, und Du wirst glücklich. .Günth. Wer bürgt mir für den Erfolg, wenn ich vollende? — (Donnerschlag. — Der Wallfahrer wandelt sich in einen weißen weiblichen Geist um.) Geist. Ich — wenn ich der ewigen Ruhe genieße! (Verschwindet.) Sechste Scene. Günther, hernach Käsperle. Günth. (in vollem Entsetzen). Gott! welche sonderbare Erscheinung! (Starrt nach dem Platz hin, wo der Geist versank.) K äsp. (Kommt Herrin.) NUN — NUN — (Für sich.) Was ist denn meinem g'strengen Herrn g'schehen, daß er seine beiden Augen so auf den Boden heftet? Günth. Ja, ich ziehe zu Mathildens Vater, und wird er dem armen Ritter seine Tochter versagen, so schwöre ich. unglücklicher Geist! deine Erlösung zu vollenden. Käsp. (erschrickt — für sich). Geist — Geist — so viel ich merk', ist da von einem Geist die Red', da mach' mich aus dem Staub! (Will fort — Günther sieht ihn.) Günth. Heda — Käsperlc! Käsp. (ohne sich umzuwenden). Ich hak? kein Wort g'hört, g'strenger Herr! Günth. So wart' doch — Du mußt mich nach der Stauffenburg begleiten, ich will mir dort eine Braut holen. Käsp. Das ist recht, edler Herr! Da kommt doch einmal Ruhe in uns're Burg, und das verdammte Herumvagiren hat ein Ende. Günth. Wenn es dann Abend wird, begleitest Du mich nach der Teufelsmühle. Käsp. (erschrickt heftig). Nach — nach der Teufelsmühl', sagt Ihr? Wißt Ihr, edler Herr! daß dort alle Heren in ganz Ober- und Unterösterreich ihr Remessori halten? Günth. (lächelnd). Eben deswegen will ich dahin. Käsp. So? (Weinerlich.) Wenn man Euch aber Hals und Bein umdreht, was werdet Ihr hernach sagen? (Bittend.) Edler Herr, seid vernünftig, Ihr werdet Euch doch keine Braut unter dem Herengepack aussuchen wollen? Günth. Du befolgst meinen Befehl, und begleitest mich. Käsp. (schluchzt). Aber — was habtJhr denn davon, wenn Ihr mich sterben seht? Ich Hab' mir immer sagen lassen, wer sich mit Heren und Unholden abgibt, sei der größte — Günth. (drohend). Kerl! fürchte meinen Zorn! Käsp. Nun ja — der größte Held — Hab' ich sagen wollen. — Günth. Ich erwarte Dich unten am Thor. (Ab.) Siebente Scene. Käsperle. Hans (aus der Settenthür). Käsp. (äfft ihm nach). Ich erwarte Dich unten am Thore. Ja — wartet nur — könnt lange warten, ich komm' doch nicht. (Stuft ihm nach.) Glaubt Ihr etwa, Herr Ritter! weil ich allenthalben auf Euren 8 verliebten Abenteuern mitziehe, daß ich auch jetzt der Narr sein werd', und Euch zu der Herenbagage — Hans. Was treibt Ihr denn, Käsperle! (Schläqt ihn aus die Schulter.) Käsp. (fährt zusammen, erschrickt heftig). O weh! der Satanas hat mich schon beim Kragen — laß mich aus, Du böser, unreiner Geist! Hans. Kennt Ihr mich denn nicht — ich bin ja der Hans. Käsp. (mit großen Augen). Der — der Hans? ja richtig, Du bist der Hans — Hans. Warum seid Ihr denn so erschrocken, guter Freund? Käsp. Nun — da — da hat mein Herr Ritter so eine verdammte Zumuthung an mich. — Hans! Du kennst doch die Teufelsmühle da drüben? Hans. Nun freilich kenn' ick sie — der Geist hat auch schon einmal seinen Spuk mit mir g'habt. Käsp. So. ist das wahr? Hans. Einmal trag' ich ein Bündel Weinreben nach Haus — kaum war ich über der Mühle vorbei, schau' ich mich nach meinem Schatten um, spazirt ein Mülleresel neben mir her — Käsp. Ein Mülleresel? Hans. Und er hat mir auf ein Haar gleichg'sehen — es war mein leibhafter Schatten! Käsp. Nein — da geb' ick nicht mit — der liebe Gott weiß, was ick für einen Begleiter bekäm — der Käsperle bleibt da — ich halt' mich als zu gern mit lebendigen Geistern auf. Lied. Potz Wetter! bas kann gar nicht sein, Mit Geistern laß ich mich nicht ein. Sie spaßeln nicht lange, kaum sieht man sich um, So drehen sie einem den Kragen herum. Da bleib' ich viel lieber zu Haus, Und lab' mich beim Wein und beim Schmaus. Die Geister von Fleisch und von Blut, Die meinen's mit einem noch gut. Sie suchen Erlösung in unserem Arm, Da wird ein'm so wunderlich, wird ein'm so wann. Da bin ich auch, sei's wie es sei, Gleich bei dem Erlösen dabei! (Ab.) Achte Scene. Hans, hernach Märtchen. Hans. Der Knappe hat Recht;'gescheiter ist's, wenn man auf die Erlösung lebendiger Geister ausgeht, da ist man doch nickt gefährdet, sein Leib und Leben zu verlieren. Märtch. BistDu noch da, Hans? soeben sind die Ritter spornstreichs davongeritten. Hans. Werden nicht lange ausbleiben — in einigen Stunden sind sie wieder da. Märtck. Der Meister Frowald blieb zurück — ich Hab' ihn auch gebeten, bei meinem Vater ein gutes Wort zu sprecken. Hans. Du meinst wegen unserer Heirat? Ach! Märtchen! ich zweifle, ob er sein Jawort geben wird. Märtch. Und warum, lieber Hans? Hans. Weil ich ein armer Schlucker bin, und ihm die Herberge nickt ablösen kann — aber, meiner Sir, ich hätte wohl Lust — Märtchen! Du weißt doch, daß in der Teufelsmühle ein großer Schatz begraben liegt? Märtch. Gott bewahre Dich, Hans! Weißt Du aber auch, daß man sich dem — Gott sei bei uns! verschreiben muß, wenn man den Schatz heben will? Hans (erschrickt). Nein! da dank' ich dafür — ich heb' den Schatz nicht. Märtch. Warten wir lieber, bis wir dem Vater das Jawort abbetteln können. Er hat ja ohnehin gesagt, in Jahr und Tagen könnt' es sich schicken — wenn wir auch gleich arm sind, so arbeiten wir desto fleißiger, und wer arbeitet, den läßt der liebe Gott nicht verhungern. Hans. Hast Recht', liebe Dirne! wir wollen uns einstweilen ehrlich lieben, um mit der Zeit ein ehrliches Pärchen zu werdm. Duett. Hans. Gib mir die Hand Zum Unterpfand! Du wirst mein Weibchen, ich werde dein Mann, Dann lacht uns Beide Zufriedenheit an. Heut' über's Jahr Sind wir ein Paar! Martchen. Mit Seel' und Leib Werd' ich dein Weib. Gibt's auchimEH'stand ein mürrisch Gesicht, Dauert's nicht lange—wir achten es nicht. Friede im Haus Söhnet uns aus! Beide. Und werden wir manchmal zum Zanken gebracht, So wird durch die Liebe gleich Friede gemacht. Und bringt dieser Friede uns Kinder in's Haus, So söhnen die Fratzen die Eltern gleich aus. (Tanzen ab.) Neunte Scene. Verwandlung. (Gemach auf der Stauffenburg.) Ritter Hans von Stauffen. Günther. Güntb. Seid Ihr der Burgherr, Hans von Stauffen? R. Hans. Ich bin's! Was verlangt Ihr, Ritter? Günth. Ich heiße Günther von Schwarzenau — die Ursache, warum ich zu Euch komme, ist Eure Tochter Mathilde. R. Hans. Meine Tochter? Warum das? Günth. Ich sah Mathilden in Wien, wo ich den Preis aus ihren Händen erhielt. Sie zu sehen und sie zu lieben, war das Werk eines Augenblicks. — Mein Herz trieb mich hieher, um von Euch zu hören, ob Ihr mich für würdig haltet, Mathilden als Gattin zu umarmen. R. Hans. Günther! Ihr seid arm — eure Burgen sind verschuldet. Günth. Macht Rcichthum allein glücklich? oder sind es nicht vielmehr Liebe und Zufriedenheit, welche die Wonne und das Glück unseres Lebens gründen? Ich habe genug, um mein Weib ernähren zu können, und was bedarf ich mehr? R. Hans. Ich bedaure Euch! Meine Tochter kann nie die Eurige werden. Günth. Nie? Ritter! Ihr habt nie geliebt, danrm sind Euch jene Empfindungen unbekannt, die unser Leben zum Himmel oder zur Hölle umschaffen können. Was wird es Euch frommen, wenn Eure Tochter an der Seite eines Mannes, den sie nicht liebt, Tage des Jammers verlebt. R. Hans. Mathilde ist verlobt! Otto von Löbenstein erkaufte meine Einwilligung mit dreitausend Goldgulden — Mathilde wird seine Gattin. (Ab.) Günth. Unglücklicher Günther! Die erste Liebe streut Dornen auf deine Pfade. Was soll ich nun beginnen? Im Getümmel der Schlackt Tödtung des seligsten Gefühles suchen? Oder wie? der geldgeizige Vater verlangt Schätze für seine Tockter— wenn ich — (Pause.) Ha — ein mächtiges Gefühl weckt meine Sinne empor — jener unglückliche Geist ruft mich zur Rettung. — Wohlan! ich will Mathilden sprechen, und dann glücklich werden. (Ab.) Zehnte Scene. Verwandlung. (Garten.) Mathilde. Bertha (ihre Zofe). Bert ha. Warum so düster und traurig, liebes Fräulein? Soll denn der Trübsinn, der Eure Stirne umwölkt, nicht mehr schwinden? Math. Ach — Bertha! mir ist so sonderbar — so ängstlich und doch so wohl. 8 Bertha. Fräulein! Ihr liebt — liebt den tapfem Günther von Schwarzenau — Math. Zauberin! Wer enthüllt Dir die geheimsten Falten meines Herzens? Bertha. Euer heutnächtiger Traum! Fräulein! Aus Allem, was ich von Euch börte, folgt: daß Ihr Günthern innig liebt. Matb. Lieben? Ich darf ja nicht — ick bin verlobt. Bertha. Wer kann die Gränze unserer Empfindungen ziehen? Sollt Ihr deswegen nicht lieben, weil euer Vater eure Hand verkaufte? Math. Gute Bertha! Heute zum ersten Mal fühle ich, wie unglücklich ich bin. Eilste Scene. Vorige. Je riel (als Mädchen mit einer Laute). Jeriel. Schön willkommen, edle Jungfrauen! Könnt Ihr mir nicht sagen, wo ich das schmucke Burgfräulein finden kann, die sich nächstens hier vermälen wird? Sie nennt sich Mathilde von Stauffen. Bertba. Hier ist das edle Durgfräulein, das Du suchest. Aber wer bist Du, Kleine, und wer hat Dich hiehergesandt? Jeriel. Der edle Ritter von Schwarzenau! Bertha (lebhaft). Ritter Schwarzenau? Wer bist Du? Jeriel. Ich bin die Tochter eines Minnesängers ans Wien. O mein Darcr hat mich gar ein schön Liedlein gelehrt. Wollt Ihr es hören, edles Fräulein? Math. So sing', gutes Kind! Vielleicht zauberst Du mir das Bild meines Geliebten in meine Phantasie zurück. Jeriel (spielt und fingt). Romanze. Einsam weinte am murmelnden Quell Ein Mädchen so schön und so gut; Schwellende Thränen flössen hinab, Blumen auf Blumen pflückte sie ab, Und warf sie betrübt in die Flut. Schnell ergriff sie die Harfe, und sang Ein Liedchen der Liebe so rein. Leise und leiser rauschte der Bach, Lispelnder sangen die Bäume es nach: Nur Liebe beglücket allein. Sieh'! da schritte ein Jüngling herbei, Von deutsckem und fteisamen Sinn. Pockend von Liebe schlug ihre Brust, Ihn nur zu lieben, war ihre Lust, Sie gab sich dem Jüngling dahin. (Ab.) Zwölfte Scene. Mathilde. Bertha. Günther von Schwarzenau. Math. Was war das? Welch' sonderbare Erscheinung? Dieses holde Kind sang so ganz die Empfindung meiner Seele. Bertha. Fräulein! Ick höre Männertritte. — Gott! wen seh' ich? Math, (mit ausgestreckten Armen). Günther von Schwarzenau! Günth. Verzeiht, Fräulein! daß ich vor Euch erscheine. Seit ich in Wien so glücklich war, Euch zu sehen, fühle ick mich unwiderstehlich hichergezogen. Ach, Mathilde! Ihr seid verlobt? Matb. Ihr wißt — Günth. Euer Vater sagte es mir soeben. Jetzt bin ich hier, um von Euch Abschied zu nehmen — von Euch, die ich erst einige Mal sah — aber das Herz setzt sich über die Bedenklichkeiten dieser Art so gerne hinweg. Math. Und wohin wollt Ihr, Günther? Günth. Fort — vielleicht auf ewig — im Getümmel der Schlacht werde ich die verlorne Rübe wieder suchen. Math. Ihr seid tapfer, Günther! Ach, ich fürchte — Günth. Kann Mathilde für mich fürchten? Math. Seid Ihr nicht Mensch? Günth. (ergreift ihre Hand). Mathilde! Math. Günther! was ist Euch? s Günth. Diesen Händedruck, diesen Blick — darf ich ihn deuten? — Ihr schlagt Eure schönen Augen zu Boden. Bin ich nicht würdig eures Anblicks? Math. Ritter! was beginnt Ibr? Günth. Nichts, als was meine reine Liebe mir gebot. Laßt immer euren Vater mir eure Hand versagen, weil ick arm bin — wenn Ibr mick liebt, bin ick nicht durck dieses Bewußtsein reicher als Tausende? Math. Ack — Günther! Wer könnte Dich nicht lieben. Günth. (umschlingt sie). Du — das liebe Du? O so bist Du mein — durck diesen Kuß vereinigen sich unsere Seelen auf ewig! Dreizehnte Scene. Vorige. Otto von Löbenstein (tritt ergrimmt ein, reißt die Umschlungenen von einander. — hernach) Ritter Hans. Berthold. Mehrere Knappen. Löben st. Buhldirne! Math. Gott im Himmel! Otto von Löbenstein! böbenst. Ha! kam ich Dir zur ungelegenen Zeit? Schändliche, entehrte Dime! (Zu Günther.) Seid Ihr Ritter? Seid Ibr Mann? Schämt Euck, daß Ihr in fremde Burgen Euch einschleicht, um Jungfrauen zu verführen. Aber ick will Euch die Larve vom Gesichte reißen, und Euck nach Verdienst strafen. Günth. Ritter! Ich rathe Euch, zu schweigen, oder — Löben st. Du drohst mir, Bube! So zieh' -— (Er zieht seine Klinge.) Math. Hilfe — Rettung — (Will ab.) Löbenst. Bleib', Entehrte! Du sollst deinen Buhlen bluten sehen. (Er dringt aus Günther ein, dieser schlägt ihm das Schwert aus der Hand.) Günth. Danket es meiner Großmuth, daß ich mich nicht des Rechtes des Siegers bediene. Löbenst. (in Wuth). Knappen! Knechte! (Sie erscheinen.) Ergreifet diesen Elenden, und schleppt ihn zum Tode! (Sie wollen Günther entwaffnen.) Günth. Wagt's nur, Buben! Den ersten, der sich mir nähert, schicke ich zur Hölle! Löbenst. Feige Memmen! Ergreift ihn! R. Hans (mit gezogener Klinge). Was geht hier vor? — (Kurzes Gefecht. — Die Knechte fallen über ihn her, Günther wird überwältigt. — Donnerschlag. Alle bleiben in einer bezauberten Gruppe- Mitten aus der Bühne erscheint der Geist als schwarzer Ritter mit geschlossenem Vifir.) (Pause in der Musik, beim Donnerschlag.) Geist. Otto! Haft Du noch nicht genug gemordet? Blicke dorthin — Agnesens Tod rufet um Rache! — (Donnerschlag. Die Eourtine rauscht hinauf. — Sanfte Harmonie — man sieht in einen schwarzen hellbeleuchtcten Saal. — Mitten liegt auf einem Paradebett Agnes von Doodsheim todt — über sie schwebt ein Todten - Genius mit ausgelöschter, noch rauchender Fackel.) Löbenst. Ich bin verloren! (Stürzt zur Erde. — Der Geist verschwindet mit Günther ) (Der Vorhang fällt.) Zweiter Act. (Zimmer im Wirthshause am Dienerberge.) Erste Scene. Eckard von Trausnitz. Fust von Kleeberg. Ritter Bodo und Wallberg (fitzen am Tische). Wallberg. Nun schenk' ein, Bursche! Der Wein mundet mir heute baß! Hans. Müßt Euch auch wacker gesputet haben, edle Herren! Weil Ihr schon wieder von Wien zurückkehrtet — sollt' gleich bedient sein. (Geht mit dem Humpen ab.) Aust. Dachte ja gleich, daß es mit dem Schwarzenau so kommen würde. Ritter Löbenstein ist also der Glückliche, der Mathilden zur Hausfrau bekommen wird? Bodo. Löbenstein ist einer der reichsten Ritter in Franken, aber, traun! Man erzählt sich wunderbare Dinge von diesem Manne. Fust. Er liebte die Tochter des Ritter Boodshcim, ohne Gegenliebe erhalten zu können — vor drei Tagen starb die Edle plötzlich — und der alte ehrliche Vater jammert um seine einzige Tochter. Wallb. Wenn etwa Löbenstein die Dirne — Bodo. Ich weiß, was Ihr sagen wollt — wenn er sie etwa vergiftet hätte? Wallb. Schrecklich, wenn es so wäre! Eckard. Hol's der Teufel! Da sieht man wieder, was die Liebe angericktet hat. Nein! Ich bleib' bei meinem Grundsatz, ich nehme, wo ich etwas finde — und will sich die Liebe im Ernst bei mir cinni- sten, so jage ich sie aus meinem Herzen hinaus wie einen Kirchenräuber. Hans (bringt Wein). Hier, edler Herr! Trinkt in Gottes Namen zu, wir haben noch mehr im Keller, und die Fässer rinnen über und über. Wallb. Ist das wahr? — So gib her! (Er trinkt.) Du scheinst mir ein lustiger Bursche zu sein. . Hans. Das bin ich, edler Herr! Bin zwar ein armer Teufel; aber bei meiner Armutb bin ich so froh, als wenn ich das Geld in Scheffeln zu messen hätte. Lied. Ein froher Humor kommt ja üb'rall durch d'Welt. Da ißt man, und trinkt man, und braucht gar kein Geld. Man lebt in den Tag so verstohlen hinein, Und was ein' nicht kümmert, das läßt man halt sein. Die Madeln — die haben das Lustigscin gern, Sie laufen davon bei den grämlichen Herr'n. ' Geht's drunter und drüber bei ihnen im Haus, Ein Küfferl, ein Druckcrl — da machen's nichts d'raus. D'rum sag' ich halt immer — und 's bleibt schon dabei, Ich bleib' in mein'm Leben drei Sachen getreu: Ein Madel, ein Tanzel, ein Glasel mit Wein, Da bleibt man gesund, und kann lustig nur sein. (Ab.) Zweite Scene. Vorige ohne Hans, hernach Käsperle. Käsp. (kommt weinend herein). Ach — ach — mein lieber, guter Herr! Aber ich hab's ihm immer gesagt, er wird einmal picken bleiben. Wallb. Knappe! Du allein hier? Wo hast Du denn deinen Herrn gelassen? Bodo. Du hast ihn ja nach der Stauffenburg begleitet? Käsp. Freilich Hab' ich ihn dahin begleitet — aber ohne ihn bin ich jetzt wieder da. (Lamentirt.) Ach, mein armer Herr! Er war so gut — so wohlthätig, so tapfer, — er hat immer so fromm und christlich gelebt — nur'n einzigen Fehler hat er halt g'habt, daß er d' Madeln gern g'sehen hat. Eckard. Jetzt red', Bursche, wo ist dein Ritter, Günther von Schwarzenau? (Rüttelt ihn.) Käsp. He, he! — so laßt mich nur aus — wo wird er sein — da ist er nicht, das seht Ihr. Fust. Hat ihn vielleicht Ritter Löbenstein zum Kampf gefordert? So red', oder ich stoß Dir die Worte mit einem Schwcrt- knopf aus der Gurgel heraus. (Faßt ihn wild an.) n Käsp. (schreit). Ich bitt' Euch um des Himmels willen, laßt mich los! Ich weiß nichts mehr und nichts weniger, als daß meinen Herrn Ritter der Satanas geholt hat. Fust. Der Kerl ist ein Narr! Brüder! Günther ist unser Freund und Waffenbruder! Wir müssen über diese Kunde gewissen Aufschluß haben. Schicken wir Boten aus. Alle. Ja — das wollen wir! Fust. Hören wir aber, daß Ritter Löbenstein Meuchelmord an ibm verübt hat — bei Gott! So wollen wir uns schrecklich an diesem Franken racken. (Ab.) Dritte Scene. Kasperle, hernach Günther von Schwarzenau. Käsp. Za — gebt nur! Was einmal der Böse in seinen Krallen hat, bas laßt er nicht so leicht wieder aus. — Aber was soll ich jetzt anfangen? — (Günther tritt ein. bleibt an der Thür stehen.) Ich bin NM froh, daß Jedermann weiß, daß ich keine Courage Hab'. Günth. (kommt hervor). Da sagst Tu Wahrheit! Käsp. (fängt an zu zittern, fällt auf die Knie, schließt die Augen zu). O weh! O weh! Der Geist meines Herrn! Ach, Gnade, Barmherzigkeit! Ick will ja Alles bekennen. Günth. Bist Du von Sinnen, Kerl? Was ist mit Dir geschehen? So red' doch, Käsperle! Käsp. Ack — Du lieber Gott! Nein! Ich heiß' nicht Käsperle — ich bin nicht der Käsperle — ich bin — Günth. Sonderbar! dein Gefickt straft Dich Lügen! Käsp. Der liebe Himmel weiß, warum ick dem Kerl gleich sehen muß. (Für sich.) Wenn ich mich nur dießmal in einen Affen oder so was umwandeln könnt'. Günth. Steh' auf! Du mußt mich nach Wien begleiten! Hörst Du, Kasperle! Käsp. (immer noch mit geschlossenen Augen). Ihr hört's ja — daß ich der Käsperle nicht bin — so laßt mich nur mit Fried. Günth. Wer bist Du denn, Schurke? Käsp. Ich — ich bin — ick bin ein Ritter aus dem Mohrenland, ich — ich heiß' — (besinnt sich) g'strenger Herr! glaubr's mir, ich Hab' den verdammten Kerl gar nicht kennt, der sich Kasperle nennt, und der euer vormaliger Schildknappe war. Günth. Mein vormaliger, sagst Du? Käsp. Nun freilich— denn ich denk' doch, an dem Ort, wo Ihr jetzt seid, werdet Ihr wohl keinen Schildknappen mehr brauchen. Günth. So öffne nur deine Augen, und blick' mich an, Narr! Käsp. Ei ja wohl — das laß ick bleiben. Ich kann keinem Geist in's Gesicht sehen. Günth. Geist? (Für sich.) Was muß denn dem Kerl im Kopf herum spuken? (Laut.) Jetzt steh' auf, und schau mich an, oder Tu sollst die Schwere meines Armes fühlen. (Legt die Hand an das Schwert.) Käsp. (blickt etwas auf). Es — es ist wahr — nicht anders, als wenn er leibhaftig vor mir stände. (Stotternd). Seid — seid Ihr denn wirklich kein Geist, g'strenger Herr? Günth. Wer berichtete Dich denn mit einer so dummen Mähre? Greife mich an, und Du wirst Dich von meinem Dasein überzeugen. Käsp. (fühlt ihn an). Richtig, Fleisch und Bein wie unsereins — (Steht auf.) Aber — um Vergebung, edler Herr! Hat Euch denn nicht auf der Stauffenburg der Böse — geholt? Günth. (packt ihn am Hals). Schurke! Noch einmal so eine Frage, und ich durchbohre Dich in dem Augenblick! Käsp. (schreit). Zu Hilfe! — Zu Hilfe! Er hat mich schon am Kragen! 12 Vierte Scene. Vorige. Veit (eilt herein). Veit. Gestrenger Herr! Was geht hier vor? Ihr werdet doch meine Herberge durch keine Mordthat in üblen Ruf bringen wollen? Günth. Veit! Ich muß binaus in's Freie — bald bin ich wieder da, um noch vor Abend ein wichtiges Geschäft zu vollenden. — Für meinen Waffenknecht da haftest Du mir mit deinen: beben, er muß mich begleiten. (Ab.) Veit. Nun das ist sauber, jetzt soll ich gar der Wärter dieses Gauners werden. Meinst Du etwa, daß ich nichts Anderes zu thun Hab', als daß ich so einen Taugenichts hüten soll, wie Du bist? Käsp. Geb' sich der Herr keine Mühe, wenn ich zu essen und zu trinken krieg', so bringt mich kein Mensch aus dem Haus, bis mein Ritter wieder da ist. Veit. Hast Du auch Geld, wenn Du zu essen und zu trinken verlangst? Käsp. Geld Hab' ich nicht, aber Hunger und Durst. Veit. So sieh', wo Du was kriegst! — Ein Mensch ohne Geld kommt mir grad' so vor wie ein zerbrochener Weinhumpen, den man vor die Thür wirft. Lied. Wer im Beutel hat kein Geld, Der ist schlimm daran. Geld ist Meister in der Welt, Geld nur macht zum Mann. Geld macht klug den faden Wicht, Sei er noch so dumm, Schafft das häßlichste Gesicht Zu dem schönsten um. Hat man aber Geld wie Stroh, O, dann geht es gut; Man wird seines Lebens froh, Was man immer thut. Ich sing niemals: Tralla la! Ist mein Beutel leer; Wenn er voll ist, hopsasa! Spring' ich froh einher! Fünfte Scene. Kasperle, hernach Jeriel (als Knchenmäd- chen, mit aufgebundener Schürze). Käsp. (fleht ihm nach). O Du Gauner von einem Kerl! Nun, das ist jetzt eine saubere Geschichte — mein Ritter versetzt mich beim Wirth — Jeriel (sehr geschwätzig, mit einem Knicks). Schön willkommen, gestrenger Herr Ritter! Ihr kommt gewiß von Wien — ja — ja — da kommen immer die stattlichsten Ritter her, und halten Herberge bei uns. Käsp. (für sich). Alle Wetter! Wie kommt denn das kleine Bagatellerl in's Haus? Jeriel. Kennt Ihr mich denn nicht, edlerHerr? Ich bin ja das berühmte Küchenmadel, das schon zwölf Jahrl'n beim »gold'- nen Helm« zu Wien gedient hat. Käsp. Schon zwölf Jahr? Jetzt sei mir still — bist ja noch nicht einmal zwölf Jahr alt. Jeriel. Da irrt Ihr Euch sehr, edler Herr! Ich Hab' schon meine zwanzig Jahrl'n auf dem Rücken. Käsp. Und bist noch so klein? Jeriel. Das schad't nichts — das Kleinsein ist schon in unsrer Familie; mein Vater und Mutter sind auch nicht größer g'west. Käsp. (bei Seite). Das muß ja eine ordentliche Zwergelfamilie gewesen sein? (Laut ) Kannst Du mir zu essen und zu trin- !ken bringen — so gib etwas her, damit ! mein Appetit gestillt wird. ^ Jeriel. Gleich sollt Ihr bedient werden, gestrenger Herr! (Zieht einen großen Küchenzettel heraus.) 13 Lied. Ein Suppen mit Fleckerln steht hier ausgeschrieben, Ein Rindfleisch mit Semmelkren und ro- then Rüben. Ein Kraut mit Pofesen, ein Eing'macht's mit Krebsen, Gebratene Tauben, ein Ragout von Schöpsen, Kapäuneln und Hühneln, gebratene Vögerl, Ein Antel, ein Gansel, ein kälbernes Schlegerl. Ein gut's Carmonad'l, Ein g'fülltes Rostbratel, Ein g'stopft's Indianer!, Ein schönes Fasanerl. Gebackene Karpfen, gesott'ne Forellen, Ein wälsches Salatel mit frischen Sardellen Pasteten und Torten Von allerlei Sorten Das wäre für Euch wohl ein köstlicher Schmaus, War' nur von dem Allen ein Bissen zu Haus. (Ab.) Sechste Scene. Kasperle (allein, der unter der Arie immer vor lauter Appetit geschluckt hat). Nun, das ist nicht übel — jetzt laß' ich mir den ganzen Küchenzettel vorbuchstabiren, ich beiß' mir schon vor lauter Appetit die Zunge halb weg, und jetzt heißt's: Es sei von dem Allen kein Bissen zu Haus. Mein! 's geht halt auch wie manchmal in der Stadt, viel Speisen auf dem Zettel — und wenn man was begehrt, ist's nicht da — weil's die Köchin nicht gekocht hat. Ich denk', ich schau mich ein bissel in der Küchel um, sonst macht mich der Kuchelzettel zuletzt noch ganz rinnauget. (Ab.) Siebente Scene. Veit. Frowald. Hans. Frow. Ritter Schwarzenau will also wirklich hinüberziehen nach der Teufelsmühle? Veit. Wenn er nur'glücklich wieder zurückkommt. Traun! Ich wäre nickt so neugierig, den Aufenthalt eines bösen Geistes auszukundschaften. Hans. Hat sich wohl! Habt Ihr denn nicht gehört, daß in der Mühle große Schätze verborgen liegen? Wer weiß, was ich thun könnte, um mein Märtchen zum Weib zu bekommen! Veit. Du wirst doch den Geist nicht erlösen wollen? Hans. Das eben nicht — aber ich denke, der Vater könnte mir die Dirne auch so geben, ohne Geld — ich bin arm und ehrlich — arbeite gern, und so werden wir nie verhungem. Frow. Meister Veit! Ich denke, der Bube hat Recht. Veit. Kommt Zeit, kommt Rath! Die Sache hat ja noch keine Eil'. Hans. Schon recht — aber bedenkt nur, Vater! wir werden alle Tage älter. Veit. Und mit Gottes Hilfe auch gescheiter! Wenn man heirathet, so ist es nicht auf heut' und morgen. Mancher heirathet aus Zeitvertreib, und hat er ein Weib, so geht es mit dem Zeitvertreib zu Grunde. Terzett. Veit. Frowald. Hans. Der liebe Eh'stand ist Ein Zeitvertreib. D'rum nimmt auch Jeder sich Ein schmuckes Weib. Man lebt so gut, Hat frohen Muth, Wenn uns ein Weibchen lacht, Und Freude macht. Doch macht der Ehestand, Wie man oft weiß, So manchem armen Wicht Erschrecklich heiß. Die Liebe wankt, Man keift und zankt — Und stirbt — hat man ein Weib — Am Zeitvertreib. (Alle ab.) 14 Achte Scene. Verwandlung. (Gemach aus der Stauffenburg.) Mathilde (allein). Math. Ja! Es ist beschlossen, eher ende ich mein Leben, bevor ich einem Andern als Günther meine Hand reiche. — (Donnerschlag. Accord.) Eine Stimme. Auf! holde Dirne! fasse Muth, Sei standhaft, dann geht Alles gut! Du liebst den Jüngling heiß und rein, Und Günther wird dein Gatte seiu. — Math. Gott! welche sonderbare Stimme! (Man hört Fußtritte.) Ha! meine Peiniger kommen! Ich will ihnen ausweicken! (Sie will in das Seitengemach.) Neunte Sceue. Mathilde. Hans von Stauffen. Otto von Löbenstein. R. Hans. Bleibe — oder heißt Dick Dein Gewissen unfern Anblick fliehen? Math. Nur Bösewichte scheuen den Anblick des Menschen, der Unschuldige nie. R. Hans. Mathilde! Noch spricht der Vater zu Dir — hüte Dich, daß er sich nicht in den strengen Richter verwandelt. Math. Ich ehre Euch als Vater, und bin bereit, Euch zu gehorchen, wenn euer Befehl nicht mein Wohl untergräbt. R. Hans. Diese Sprache geziemt der Tochter. Sieh'! Otto von Löbenstein liebt Dich, er will vergessen, was zwischen ihm und dein Ritter Schwarzenau vorgefallen ist. Reich' ihm daher willig deine Hand. Math. Vater! zwingt mich nicht zu einem Schritt, der mich zeitlich und ewig unglücklich machen würde. Ich liebe Günther von Schwarzenau — Otto. Den Zauberer, der mit bösen Wesen in Verbindung steht? Sähet Ihr nicht das Blendwerk, wie er vor unfern Augen verschwand? Mathilde! gebt mir Eure Hand, und Ihr sollet nie bereuen, mir dieselbe gereicht zu haben. Math. Unmöglich — Otto! Ich kann Euch nicht lieben! R. Hans. Gut! Dein Loos ist geworfen — auch wider deinen Willen mußt Du Löbenstein's Gattin werden; Du kommst nicht von der Stelle, in meiner Burg wirst Du in dem Augenblick mit Otto von Löbenstein getraut werden. Math. Vater! höret die Stimme der Natur, höret das Flehen eurer Tochter — (Fällt ihrem Vater zu Füßen.) Seht mich hier zu euren Füßen — wenn menschliches — ich will nicht sagen — Vatergefühl in eurem Busen schlägt, so widerruft — R. Hans. Thörin! dein Flehen ist vergebens, Du wirst Otto's Gattin oder Du sollst im Burgverließ so lange schmachten, bis Du meinen Antrag erfüllest. — He! Knechte! Burgvogt! Zehnte Scene. Vorige. Burgvogt. Knechte. Burgvogt. Ihr habt uns gerufen, edler Herr! R. Hans. Werfet meine Tochter in den Felsenthurm. Burgv. Wie, unser Burgfräulein? R. Hans. Knechte! Vollziehet meinen Befehl! (Sie wollen Mathilden ergreifen. Es geschieht ein Donnerschlag, Alle stehen in einer bezauberten Attitüde.) Ellfte Scene. Vorige. Jeriel (als Genius mit einer Lante). Jeriel (hupst fröhlich herein, neckt nnter dem Mtornell die Anwesenden und führt Mathilden aus dem Gemach. Sie kommen zu sich). R. Hans. Was war das? Wo ist meine Tochter? 15 Löben st. Wo ist das Burgfräulein? Schurke! Ihr habt sie durch meinen Nebenbuhler entführen lassen. (Zieht die Klinge.) Burgv. Sähet Ihr denn nicht, edler Herr, welch' eine sonderbare Gestalt sie unfern Augen entzog, ohne daß wir es zu verhindern vermochten? Löbenst. (zuStauffen). Ritter! das ist Günthers Werk — Auf! wir wollen ihr nach — mit meinem Schwert will ich eure Tochter aus seinen Zauberhänden befreien. R. Hans. Knechte! folgt mir! (Sie wollen fort.) Zwölfte Scene. Vorige. Marie, als altes Weib (kommt ihnen entgegen, an einem Stabe daherwankend). Weib. Guten Tag, edler Burgherr! Wohin wollt Ihr so eilend? R. Hans. Laß mich, Du alte Vettel! Löbenst. (zieht die Klinge gegen sie). Elendes Blendwerk! Du wagst es? Weib. Halt' ein — Unmächtiger! — Siehst Du Mathilden, wie sie sich in die Wellen stürzt — nur meine Macht kann sie retten. — (Donnerschlag — die Bühne verwandelt sich in eine freie Gegend. Im Hintergrund ein Fluß, nebenbei eine Hütte. Aus einem Felsenstück steht Mathilde, sieht händeringend in den Strom und stürzt sich hinab. Man sieht sie mit den Wellen kämpfen, ein Genius erscheint aus der Flut, rettet sie, und fliegt mit ihr durch die Lust.) R. Hans. Unbegreifliches Wesen! Wer bist Du? (Die Bühne verwandelt sich wieder in das Zimmer. ) Weib. Die Retterin deiner Tochter! (Sie wandelt sich um.) und dieses Jünglings Mutter! (Verschwindet.) Alle. Der Himmel sei uns gnädig! (Alle eilen schnell ab.) (Will fort.) Weib. So harret doch — edler Herr! Ihr wollet gewiß eurer Tocbter Nacheilen? Ach, das arme Burgfräulein! wie wahnsinnig flog sie vorhin an mir vorüber und sagte: Mein tyrannischer Vater zwingt mich zu einer Hcirath, die ich nicht vollziehen kann; mir bleibt kein Mittel mehr übrig, als mein Grab in den Wellen zu suchen — und so eilte sie nach dem Mühlbach. R. Hans. Nach dem Mühlbach? Löbenst. Verdammter Unglücksbotc! — Wer schickte Dich hierher, um uns mit dieser Schreckensnachricht zu täuschen? Wer bist Du? Weib (mit veränderter Stimme). Ein Wesen, das hierherkam, um Dich zu warnen, Ritter! Du wirst sieben Mordthaten an Unschuldigen begehen, um den Geist deiner Mutter zu erlösen, und sie zur ewigen Ruhe zu bringen. Sechs dieser Mordthaten sind vollzogen, die siebente beginnt mit deinem Tode. R. Hans. Schrecklich! Dreizehnte Scene. Verwandlung. (Wald. Der Mond scheint.) Ritter Günther von Schwarzenau. Käs perle. Ieriel (als Bauernjunge mit einer Fackel). Ieriel. Kommt's nur nach, gestrenger Herr! wir werden bald an Ort und Stelle sein. Käsp. (brummend). Ja — 's ist auch einmal Zeit; ich Hab' mir ohnehin schon bald die Füße aus der Wurzel heraus- g'laufen. Günth. Wie lange wird der Weg noch dauern, Du Kleiner? Ieriel. So lange, bis Ihr zu eurem Glücke reif seid. Käsp. (für sich). Ich wollt', daß der Teufel den Fackelbuben holte. — (Schlag —er bekommt eine Maulschelle — schreit.) He! Sapperment! was ist denn das? gestrenger Herr! Günth. Was lärmt denn derBursche so? 16 Käsp. Ich bitt' Euch um Alles in der Welt, jagt's den Fackelbuben weg, ich krieg' eine Watschen um die andere, und ich weiß nicht woher. Günth. Käsperle! sei still! Käsp. Nein, ich bin nicht still! Die verdammte Teufels ba— (Schlag - er bekommt wieder eine Maulschelle.) Auweh! g'strenger Herr! Günth. (kommt zu ihm). So sei einmal still! Käsp. Er ist schon still — er red't kein Wort mehr.j Ieriel. Ritter! bis hierher habe ich Euch geführt, Euch weiter zu leiten, ist mir nicht vergönnt. Günth. Aber wohin soll ich mich nun wenden? Was soll ich beginnen? Käsp. (schnell). Gehen wir wieder zurück in's Wirthshaus, gestrenger Herr! Ieriel. Menschen sollst Du glücklich machen, um dein eigenes Glück zu befördern. Wand're links hinab zur Mühle — um Mitternacht mußt Du daselbst angelangt sein. Sei vorsichtig, standhaft — denke, Mathilde ist der Lohn deiner Unerschrockenheit! Günth. Deine Worte treffen mein Herz! Ja, ich vollziehe meine Bestimmung! (Will fort.) Käsp. (stotternd). Ge—ge — gestrenger Herr! was soll denn jetzt ich anfangen — ganz allein im Wald —ich weiß ja keinen Weg und keinen Steg ? Günth. So folge mir — Ieriel. Hast Du Muth, Deinen Herrn bis zur Teufelsmühle zu begleiten? Käsp. Teu — Teu — Teufelsmühl'? (Zitternd.) Ach, Du lieber Gott! das Wort stirbt mir schon auf meiner Zung' — nein, dahin geh' ich nicht. Ieriel. So suche den Weg in die Herberge. — Ich verlasse Dich. — Tapferer Jüngling! vollziehe des Schicksals Schluß, und Du wirst glücklich. (Ab.) Vierzehnte Scene. Günther. Käsperle. Günth. Sonderbar, höchst sonderbar! Käsp. (äfft ihm nach). Ja —sonderbar, höchst sonderbar. — Ihr habt mich sauber angeschmiert. G'strenger Herr! hätt's das eher g'sagt, so hätt' ich mich um einen andern Dienst umg'schaut — aber dergleichen Spitzbübereien — Günth. (rasch). Bursche, raisonnir' nicht, oder mein Schwert soll Dich so stumm machen wie einen Fisch. Käsp. Nun ja — seid's so gut — meint's etwa, die Menschen wachsen auf den Bäumen wie d'Holzäpfel? Günth. Ich muß scheiden, die Mitternacht tritt ein — ich darf nicht länger säumen. Käsp. (schluchzt). Und Ihr — Ihr — Ihr wollt mich also wirklich verlassen? Günth. So begleite mich — oder harre hier, bis ich zurückkehre. Käsp. (bei Seite), 's Beste ist halt doch, tch geh' mit — und wenn ein Geist kommt, so druck' ich die Augen zu — aber — (schluchzend), das — das ist gewiß meine letzte Stunde. Günth. (geht voraus). Schäme Dich, alter Kerl! und sei nicht so furchtsam. Käsp. (stotternd), 's ist — 's ist Alles schon recht — aber — (steht einen Baum, und fängt an erschrecklich zu schreien.) Auweh, auweh! was kommt denn da für ein erschrecklicher Riese daher? Günth. (wendet sich nach ihm um). Wo denn? ich sehe nichts! Käsp. Ja — das glaub' ich — Ihr seid halt kein Neusonntagskind — da — seht nur dahin. Günth. Dummkopf! es ist ein Baum — Folge! (Wie er fort will, geschieht ein Douner- schlag, eine fürchterliche Stimme ertönt.) Stimme. Weiche, Knappe, Du bist unwürdig, an dem Verdienste deines Herrn Theil zu nehmen. Günth. So harre hier meiner, bis ich Dich wiedersehe. (Ab.) Käsp. (schreit entsetzlich). G'strengerHerr! — G'strengcr Herr! ich will ja gern mit — laßt mich nur nicht allein an den» Tenfels- ort da. (Ein häßlicher Geist, mit einer Keule in der Hand, eine große Laterne aus dem Rücken, erscheint) Geist. Folge mir — ich zeige Dir den Weg in die Herberge. Käsp. Nein, Sapperment! für so einen Laternbuben dank' ich — ich will gar nicht in die Herberge, ich will zu meinem Ritter. Geist. So folge mir — ick bringe Dick zn deinem Ritter. Käsp. (stotternd). Ich — ich will auch nicht zu meinem Ritter — ich will — (bei Seite) z'letzt weiß ich vor lauter Angst nicht, wohin ich will. (Laut ) Ich bleib' da. Geist (hebt die Keule). Willst Du mir folgen, oder — Käsp. Erfolgt schon - er folgt schon! (Für sich.) Das ist eine saubere Bedienung! Wenn mich der nicht g'rad zum Meister Lucifer führt, so kann ich von Glück sagen. (Er folgt dem Geist furchtsam, ab.) Verwandlung. (Das Innere einer Mühle. Alles liegt unordentlich umher — Zmgen von schneller Flucht. — Umherzerstreute Kleider, Handwerkzeug. Auf einem Tisch liegt eine Mühlaxt, ein Frauenschleier, zwei Lichter brennen — ein großes Fenster zur Seite.) Fünfzehnte Scene. Günther kommt, hernach der Geist. Günth. (fleht sich um). Ha! diese Unordnung zeiget von der Eil', mit welcher der, der zuletzt hier war, die Flucht ergriffen haben mag, um irgend einem Feinde zu entgehen. Hier eine Mühlart — und hier ein blutiger Frauenschleicr — zwei seltsam gepaarte Dinge! (Eiu schrecklicher Windschauer durch das Gemach. Donner und Blitz. Der Geist erscheint.) rhkattr-»tptn»in. Ne. 1t2. Günth. (zieht seine Klinge). Auf meinem Schwert ruht das heilige Kreuz — ich beschwöre Dich bei dem allmächtigen Gott, steh' mir zur Rede. — Wer bist Du, und was ist dein Begehren? Geist (mit hohler Stimme). Ick war einst die Bewohnerin dieser Mühle. Edel war mein Stamm, denn ich zählte große Männer unter meinen Ahnen. Mein Gemal war Ritter, aber er verband sich mit einer Räuberhorde, zog in diese Mühle, und ward im ganzen Gau gefürchtet, und bekannt durch seine Lasterthaten. — Ich ward ermordet, und suche Ruhe. Günth. Warum bist Du der Ruhe verlustig, und wer ermordete Dich? Geist. Mein Mann! Ich rettet: Grafen Heinrich von Senftcnberg durch einen heimlichen Gang, weil er — wie so viele Unschuldige, unter den schneidenden Rädern sein Leben enden sollte — meine Gebeine liegen in dem alten Brunnen an der nördlichen Seite. — Meinem Geist wehet aus tiefer Ferne Ruhe entgegen, aber ich kann noch nicht dazugelangen. Günrh. Entdecke mir — wie kann ich deinen Schatten versöhnen? Geist. Bis nicht der Aufenthalt meines Mannes, der nach vollbrachtem Morde aus der Mühle floh, entdeckt ist, und meine modernden Gebeine neben seinem Leichnam ruhen — vermag ich nicht die Wonne der Seligen zu genießen. Diese Bedingung kannst Du erfüllen — die zweite, die Gottes Barmherzigkeit über mich verhing, muß ick zu vollbringen suchen. ! Günth. Und diese ist? Geist. Ich habe einen Sohn — ein fürchterliches Schicksal waltet über ihm und mich! Er kennt seinen Vater und seine Mutter nicht — ist von der Vorsicht bestimmt, sie nie kennen zu lernen. Siebenfacher Mörder soll er werden, ehe er zum vicrunddreißig- sten Jahre gelangt, und da er dieses erreicht, so stirbt er den Tod der Rache von seiner Mutter Hand. Günth. Schreckliches Verhängniß! r 18 Geist. Eile, Jüngling, meine Erlösung zu beginnen, wenn Du guten Muthes und reinen Herzens bist. Günth. Unglücklichen zu helfen, ist mein Wunsch. Gott sieht in mein Herz, es ist rein von Lastern. Geist. Wohl dann mir und Dir! Ich kann mich bald in die Gefilde der Seligen schwingen; schon die Hoffnung erfüllt mich mit nie empfundener Wonne, und Du erreichst den höchsten deiner Wünsche — Mathilden! Günth. Soll diese Hoffnung zur Gewißheit werden? Aber ich bin arm! Geist. Du sollst reich werden! Hier in der Mühle ist ein großer Schatz begraben, der für Dich bestimmt ist. (Schwacher Windschauer.) Doch die Stunde der Mitternacht beginnt — Günther! gedenke meiner Leiden — gedenke Mathildens! (Ein Blitzstrahl, mit einem Donnerschlage begleitet, fährt durch das Gemach, der Geist verschwindet, Günther senkt sich aus seine Knie nieder und hebt sein Schwert empor.) Günth. Nie will ich ruhen, nie mich des Lebens mehr freuen, bis ich Dich, unglücklicher Geist! gerettet habe. Keine Gefahr will ich scheuen, Leiden und Beschwer-! den mit Muth und Geduld ertragen — aber dann, wenn ich den rauhen Pfad ohne Scheu wanderte, wenn ich siege — dann — Gott! dann schenke mir Mathilden. i (Eine feierliche Harmonie ertönt, mit sanften Ftü- tentönrn begleitet. Zeriel, als Genius, mit einem' Palmenzweige, steht hinter ihm.) «f i n a l- Zll u s i k. Zeriel. Die Gottheit höret deine Bitt, Ertrage willig dein Geschick; Und folgt auch Unglück deinem Schritte, So lächelt Dir am Ende: Glück! (Zeriel führt ihn ab. Die Glocke schlägt zwölf- mal — unter diesem kommt Käsperle furchtsam herein.) Käsp. So hat mich doch der Teufel an den verdammten Ort herführen müssen. Wo ist denn mein Ritter? Den hat vielleicht schon der Böse — (Nach dem zwölften Schlag geschieht ein Donnerschlag, der Sturm heult, alle Räder der Mühle kommen in Bewegung. Geister und Hexen kommen als Müllerknechte und Mägde, tragen Säcke, werfen Korn in die Mulde, und haben verschiedene Beschäftigungen. Käsperle retirirt sich hinter den Tisch und schaut hervor.) «fürchterlicher Chor. Zur Arbeit, Ihr Geister der Mitternachtstunde! Der Sturm heult durch den Wald! Hört! fürchterlich brüllen die Donner dem Bunde, Daß Berg und Thal erschallt! Käsp. (schaut hervor). Ach Du lieber Gott! wenn ich nur dicßmal aus der Compagnie da weg wäre. (Der Sturmchor geht in einen fröhlichen Tanz über, die Geister nähern sich dem Tisch.) Heister-Chor. Alle. Hurrah tar! Wer ist denn da? Kasperle. Laßt mich aus! Kein Mensch ist da! Alle? Fremdling!komm'durchBerg undKlüfte, (Sie tanzen um ihn.) Fahre mit uns durch die Lüfte — Rechts und links, die Kreuz und Quer, Oben, unten — hin und her — Hurrah rar — mit uns von hier, Fort aus diesem Nachtquartier. (Donnerschlag — Zeriel erscheint, winkt — alle Geister stehen in Gruppen — Pause in der Musik. — Der Tisch verwandelt sich in einen Müllerescl, worauf Käsperle fitzt, er reitet durch das Fenster, welches unter schrecklichem Gepolter herabfällt.) (Der Vorhang fällt) Dritter Act. (Herberge am Wiencrbcrg.) Erste Scene. Fust von Kleeberg. Ritter Bodo. Wallberg. Eckart. Veit. Fust (zu Veit). Ritter Günther ging also wirklich hinüber nach der Teufelsmühle, sagst Du? Veit. Ja—edler Herr! Hab' schon heute früh meinen Hans ausgeschickt — er fand aber weder den Ritter noch den Knappen. (Drei Schläge geschehen an der Thür.) Eckard. Horcht! Was ist das? Fust. Schläge — wie der Ruf des Vehmgerichts. — Bodo (öffnet die Thür). Zweite Scene. Vorige. Marie, als schwarzer Ritter (mit geschlossenem Difir, hat eine weiße Pergamcntrolle in der Hand, mit schwarzen Flor umwunden). Ritter. Fust von Kleeberg! Ritter Bodo! Ritter Wallberg! Ritter Eckard! ich fordere Euch auf, als ehrsame edle Männer, heute Abend auf der Stauffenburg zu erscheinen. — Ihr sollt als Zeugen bei dem Gottesgericht über Leben und Tod des Otto von Löbenstein sprechen. — Wollt Ihr kommen? Alle. Wir kommen! Bodo. Wer seid Ihr? Ritter. Otto's Ankläger auf Leben und Tod! Otto ist der Mörder von Boodsheim's Tochter. — Erscheinet, edle Ritter! Ihr werdet mich kennen lernen. (Ab.) Dritte Scene. Vorige, ohne den Ritter. Bodo. Also war unser Argwohn nicht ungegründet. — Löbenstein ist Agnesens Mörder? ! Fust. Kommt, Brüder! eilen wir nach dem Forst, um Günther aufzusuchen, und ihm diese Nachricht zu überbringen; — wir reiten gerade nach der Teufelsmühle. Veit. Thut das nicht, edle Herrn! es könnte Euch ein Unglück begegnen. Fust. Der ehrliche Mann scheuet keine Gefahr, um seinen Freund zu retten. Kommt! Alle. Wir folgen. (Alk ab) Vierte Scene. Veit. Märtche n. Veit. Dem lieben Himmel sei Dank, daß ich kein Ritter bin! Märtch. (springt fröhlich herein). Lieber Vater! er ist wieder da! Veit. Wer ist wieder da? der Ritter? Märtch. Ach nein— was gehl mich denn der Ritter an — mein Harts ist wie. der da — Ihr habt ihn heute früh nach der Teufelsmühle geschickt, und da hält' ihm leicht können ein Unglück geschehen. Veit. Nun —nun— es ist ja Heller Tag — und bei Tag haben die Geister keine Macht über und — Märtch. (kosend). Aber jetzt schickt Ihr ihn nicht mehr fort, nicht wahr, lieber Vater? denn seht, es könnte sich doch einmal fügen, daß der Gott sei bei uns! sein Spiel mit ihm haben wollt'. — Veit (bei Seite-. O ihr verliebtes Volk ihr! (Laut) Nun — nun — dein Haus soll dableiben, und wenn Du Dich'gut aufführst, so kannst Du vielleicht in etlichen Wochen Hochzeit halten. — Märtch. (küßt ihm die Hand). Itt etlichen Wochen schon! ach! lieber Vater! Ihr wisset gewiß auch, wo eine» der Schuh drückt, wenn man verliebt ist — weil Ihr mit der Hochzeit so Eile macht! Veit. Ja — ja — ich weiß es — o du Schelmenpack. (Eilt ab.) > Märtch. (hüpft). Hochzeit — Hochzeit! Wenn nur jetzt gleich der Hansel da wäre.-^- «* 20 Lied. Mein Hansel — das ist halt ein stattlicher Mann, Ihr Madeln! Schafft Erich nur so einen bald an. Dann seid ihr so sroh, wie ich es jetzt bin, Ein Mann ist für uns der größte Gewinn. Der Brautstand gefällt mir gar wundersam wohl, Von Liebesgedanken bin ich allzeit voll; Doch wird mir die Zeit bei Tag oft so lang, Und denk' ich an Hans, dann wird mir so bang. D'rum machen wir Hochzeit, so bald es sein kann, Da werd' ich sein Weib, und der Hansel mein Mann, Denn wartet man lang, so kommt nichts heraus, Das Zaudern bringt oft ein Unglück in's Haus. (Ab.) Fünfte Scene. Veit. Hans. Veit. Du hast also von dem Ritter gar nichts gesehen und gehört? Hans. Nicht die mindeste Spur Hab' ich gefunden. Ich ging ganz zum Eingang der Mühle hin, rief des Ritters Namen, da war auch Alles so still, nicht einmal ein Käuzlein hat sich hören lassen. Veit. Traun! Ich bedaure den Ritter — den werden wir wohl nicht wieder zu Gesichte bekommen; Hab' ihn aber treulich gewarnt, daß er solch' ein Wagestück nicht unternehmen sollte. Hans. Glaubt Ihr denn im Emst, daß ihm der Geist etwas zu Leide gethan hat? Veit. Ich glaub' es nicht nur, ich bin dessen versichert — sonst müßte er ja schon längst zurückgekehrt sein. Mit Geistern läßt sich nicht scherzen, das hat mir schon meine selige Großmutter erzählt. — Hör' nur: Romanze. Lang spukt's in einem Hause, Da ging es: Trap! Trap! Trap! Mit schrecklichem Gebrause Die Treppe auf und ab. Ein Zaub'rer schritt zum Werke, Uud bannte kühn den Geist Durch unbekannte Stärke, Und der sprach, wie es heißt: -»Mein Weib' Hab' ich erstochen, Sie brach den Eid der Treu. Schwer ward die That gerochen, Ich werd' vom Fluch nicht frei. Ein Weib nur kann erlösen Mich von der Geistermacht, Die immer treu gewesen, Schickt sie um Mitternacht.« Ein jeder Mann nun fragte Und bat sein Weib zu Haus. Man denke! Keine wagte Sich zu dem Geist hinaus. O Weiber! Eure Treue Zerstiebt der Wind wie Sand, Ihr liebt gem anf's Neue, Dann reißt der Liebe Band. (Ab.) Sechste Scene. Verwandlung. (Wald.) Käsperle (fitzt aus einem Kelsenstück). Günther. Käsp. Jetzt bin ich wieder da — aber wo hinaus, rechts oder links — das weiß der liebe Gott! Mein armer Ritter! Es geschieht ihm aber recht, warum gibt er sich mit solchen Teufeleien ab — den wird der Geist schon längst gebraten, gespießt und aufgekiefelt haben. Günth. seilt schnell herein). Ich böre die Stimme meines Knappen! Bist Du hier, Kasperle? Wie kommst denn Du hierher? Käsp. Durch die Ertrapost auf einem Mülleresel — Jbr seid gewiß auf einem Elephanten dabergeritten? Günth. Bist ein Narr! Komm' jetzt, Kasperle! Wir müssen weiter — weißt Du den nächsten Weg aus diesem Walde? Käsp. Wie sollt' ich? Bin ja in meinem Leben nickt da gewesen. Aber seht, da kommen Reisige, die wollen wir fragen. Siebente Scene. Vorige. Mehrere Knechte. Günth. (geht auf fir zu). Wollt Ihr uns nicht den Weg aus diesem Walde zeigen? Erster Knappe. Bei Gott! Es ist der, den wir suchen. Zweiter. Er trägt eine blaue Rüstung. Dritter. Er ist's! Wir müssen ihn überfallen. Käsp. G'strenger Herr! Tie Kerle haben nichts Gutes im Sinn — machen wir uns auf den Weg. Erster Knappe (ziehen ihre Schwerter). Gebt Euch gefangen — wir haben Befehl, Erich zu unserm Burgherrn zu bringen. Käsp. (zieht sich zurück). Da gibt's was zu raufen, da lauf' ich davon! (Verkriecht sich hinter daS Gebüsch.) Günth. (Mt seine Klinge). Seid Ihr Räuber, daß Ihr einen ehrlichen Rittersmann ohne sattsame Gegenwehre überfallet? Erster Knappe. Ergebt Euch! Günth. Nicht eher, bis ick Euch meinen Namen auf die Stirne zeichnete. (Gefecht, Günther glitscht aus, sie überfallen ihn.) Erster Knappe. Haben wir Dich endlich, Mörder unseres Burgfräuleins! Günth. Ich ein Mörder? Ha! DaS ist schändlich! Bringt mich zu eurem Burgherrn! Zweiter Knappe. Fort mit ihm nach der Veste Boodsheim. Günth. O Mathilde! (Er wird fortgeführt. Käsperle kommt hervorgr- schlichcn, schaut sich sorgfältig um, trocknet sich sein Gesicht ab.) Käsp. Das heißt sich herumgcschlagen! Tapfer bin ich, das ist wahr — ich glaub', ich allein Hab' ihrer Zehne — davonlau- fen sehen. (Er besieht sich.) Ich muß doch sehen, ob ich nickt verwundet bin; dort hinter dem Gebüsch, wo ich dem Gefecht zusah, gibt's erschrecklich viel Websen, wie leicht kann mich eine gestochen haben. Mein armer Herr Ritter! Bei aller meiner Tapferkeit Hab' ick ihm doch nicht helfen können. Ich muß nur nachschleichen, vielleicht — (Er will fort.) Achte Scene. Käsperle. Jeriel (als Köhlermädchen). Jeriel. Woher kommst Du, guter Freund? Käsp. Ich — ich komm' jetzt grad' aus dem Gefecht. Blnt ist g'flossen wie's Wasser in der Donau, und etliche tausend Menschen haben ihr Leben eingebüßt, die Uebrigen haben Reißaus g'nommen. Jeriel. Ei! Wo war denn also das erschreckliche Gefecht? Käsp. Da auf dem Platz! Jeriel. Und wo sind denn die Tobten? Käsp. Die sind schon alle begraben! Jeriel (für sich). Wart', Schelm! Für dein Prahlen sollst Du gestraft werden. Käsp. Kannst Du mir nicht den Weg aus dem Forst hinaus zeigen, Du wirst ihn doch wohl wissen? Jeriel. Wart' — ich will Dir meine Schwester rufen, die soll Dich sicher aus diesem Forst bringen. rs . Käsp. Deine Schwester? Ist sie alter wie Du? Jeriel. Sechzehn Jahre ist sie alt! Käsp. (für sich). Das beste Alter! (Laut.) Ist sie schön? Jeriel. So schön wie ein Frühlingstag. Käsp. Ist das möglich? Weißt Du was, schick' sie ber — von so einem Mä del laß ich mir lieber den Weg zeigen, als von Dir. Jeriel. Aber bör', Du mußt sie nicht verfübren — sie ist verliebt! Käsp. Ist sie verliebt? — (Bn Seite.) Desto besser! (Laut ) Aber sag' Du mir, weißt Du denn auch schon etwas von der Liebe? Jeriel. Das versteht sich! Die Liebe steckt ja schon in unserer Natur. Lied. Die Liebe ist ein närrisch Ding. Macht jede Arbeit uns gering. Es lacht uns froh die schöne Welt, Man hüpft und tanzt durch Flur und Feld. Die Liebe kommt — wenn oder wie? Das weiß man nicht — bald spät, bald früh. ' Doch ist nur der ein braver Mann, Der Liebe gibt, und lieben kann. (Ab) Neunte Scene. Kasperle. Marie (als Köhlermädchen) Käsp. Ich sag's ja — kaum können die Madeln reden, so steckt ihnen auch schon 's Lieben im Kopf. Wen sch' ich denn da auf mich zukommen? Alle Wetter! Das ist ein liebliches Mädel! Mädchen. Bist Du der Fremdling, dem ich den Weg auf die Heerstraße zeigen soll? Käsp. Nun freilich bin ich's, mein Engel! Aber — (bei Seite). Ha, ha, ha! — Das ist ein Madeh wie ich noch kein'S gcseben Hab'. (Laut.) Du bist — du bist — (drückt ihr die Hand) ja gar ein holdeS Geschöpfe); wie heißt Du denn? Mädchen (munter). In meiner Kübler- hütte beißt man mich nur die schöne Rösel. ,, Käsp. Rösel? die schöne Rösel? Weißt Du, daß Du mir gefällst, Du schönes Madel? Mädch. So? ick dank' — (mit einem Knicks) Ick hör's recht gern, wenn man mir sagt, daß ich schön bin — aber komm' jetzt nur, wir wollen weiter. äsp. (bei Seite). Alle Wetter! das Mädel steckt mir tief im Magen. — (Laut.) Komm' einmal her — setzen wir uns mit einander unter diesen Baum. Mäd. Das kann gar nicht sein, das ist mir zu gefährlich. Käsp. Ha, ha, ha! — wasdas für ein kleines Handerl ist? — (Kneipt sie in die Wange.) Was das für liebe rothe Backerln sind — ein Bussel darauf müßt' köstlich schmecken. Komm' in meine Arme! Mädch. (verwandelt sich iw ein häßliches altes Weib, umarmt ihn, mit grinsender Stimme). Da bin ich ja schon, liebes Schätzchen! Käsp. (entwindet sich und springt schnell aus.) Pfui Teufel! Was ist das? D. Alte. Willst Du nicht Platz nehmen neben mir? Käsp. Könnt' unmöglich! (Sieht sich um.) Wo ist denn das schöne Mädel hingekommen? D. Alte. Du meinst meine Tochter? Käsp. Was? — Deine Tochter? das ist unmöglich, daß so eine alte Trud die Mutter eines so schönen Mädels sein kann. D. Alte (strht auf). Was — Unverschämter! Du wagst es? He! (Ein schrecklicher Accord ertönt, Geister kommen mit Pritschen ) Zeigt diesemFremdling denWegaus meiner Region, so wie er es verdient. — Fliehe und fühle meine Rache! (Ab.) (Sie umgeben ihn, geben ihm die Pritsche nach dem Tact, und jagen ihn davon.) Chor. Wer schimpft, der krieget dieß züm Lohn, Du loser Wicht! D'rum packe Dich sogleich davon, Und schimpfe nicht! Hurra! Hurra! Hussi! Hussa! (Ab.) Verwandlung. Zehnte Scene. (Rittersaal, durch welchen man in das zweite Z-mmer sieht, welches schwarz behängt ist: wenn man die Vorhänge öffnet, sieht man ein Paradebett, worauf Agnes von Boodsheim liegt.) Ritter Boodsheim. Günther (wird gefesselt von seinen Knappen hereingrführt.) Boobsb. (öffnet den Vorhang). Sieh', Bösewicht! Das ist Dein Werk! Güntb. Ritter! bei Gott, ich verstehe Euch nicht — aber ich ahne die schreckliche That, die Ihr mir aufbürden wollet, und ich bin unschuldig. Boodsh. Blick' hieher, Verruchter! auf diese unschuldig Gemordete, und fühle das Gräßliche Deines Bubenstückes! Du verführtest sie, als sie bei meiner Schwester in Wien war; schlichest Dich um meine Burg, als sie zurückkam, ohne es wagen zu dürfen, meine Burgschwelle zu betreten. — Da sie deinen sträflichen Wünschen nicht Gehör gab, tödtetest Du sie durch schnelles Gift — und verbitterst so grausam die letzten Lebenstage des gebeugten Vaters. Güntb, Ich erstaune über eure Vorwürfe! Ritter! seit sieben Jahren bin ich entfernt von meinem Vatcrlande — noch sind nicht drei Monden verflossen, daß ich von Palästina zurückkam — ick kannte eure Tochter nicht. — Blicket nnch an, und Ihr werdet sehen, daß ich nicht der Bösewicht bin, der die Freuden Eures Lebens Euch raubte. Boodsh. Ihr, meine Getreuen, entscheidet zwischen mir und diesem Manue! Ihr sähet ihn oft, als ich ausgezogen war, mit meiner Tochter sprechen, redet, ist er nicht, der Mörder? I Erster Knappe. Er ist's! wir kennen ihn! Günth. Beginnt mit mir, was Ihr wollt — aber noch einmal erneu're ich meinen Schwur: daß ich unschuldig bin. Boodsh. Meine Langmuth hat geendet — damit Du aber flehest, daß ich nicht als tiefgekränkter Vater, sondern als gerechter Richter hier stehe, so gönne ich Dir eine Stunde Bedenkzeit. — Knechte! führt ihn in's Verließ. — (Die Knechte umgeben ihn.) Günth. Ritter! Ihr behandelt mich wie einen Troßbuben. — Aber zittert, wenn die Stunde meiner Rache schlagen wird. (Er wird von den Knechten abgeführt. Boodsheim ab) Eilfte Scene. Verwandlung. (Gemach in der Herberge.) Hans, hernach Kasperle. Hans. Die Ritter sind fort nach der Stauffenburg — nun ist es in unserer Herberge so leer, als wenn Alles ausgestorben wär'. K ä sp. («lt schnell herein, läuft umher, Hans will immer dazwischenreden). Der Teufel mag's länger bei ihm aushalten, aber ich nicht, ich sag' ihm den Dienst auf, ich such' mir einen andern Herrn. Hans. Wo hast Du denn deinen Herrn gelassen, Käsperle? . Käsp. Beim Meister Lucifer! Nein, das weiß ich —> bei einem Herrn, der mit dem Satanas im Bund steht, bleib' ich nicht länger, und wenn ich Hobelspäne fressen müßte. Hans. Was ist Dir denn widerfahren? Käsp. Da frag' meinen Buckel, der wird Dir am besten antworten können. Hans. Bist Du geprügelt worden? Käsp. Nach der Nummer! Ich glaub', .so lang die Welt steht, ist noch kein Mensch Iso schön karbatscht worden wie ich. 24 Hans. Da trink', guter Freund! (Gibt ihm einen Krug.) Der Wein da wird Dich stärken, und Dir dein erlittenes Ungemach vergessen machen. Käsp. (trinkt), 's ist auch wahr, wenn — wenn ich nicht so ein kuragirter Kerl wär' — (Trinkt.) kein Bein'l war' mehr von mir übrig. Hans. Hast Du also den Geist gesehen? Käsp. Freilich Hab' ich ihn gesehen! Anfangs ist er mir erschienen als ein schönes Madel von sechzehn Jahren — das Madel hat mir g'fallen — ich will da mit ihr so mein Hocus pocus haben — wie ich's denn so recht nachdrücklich umarmt Hab' und 's Maul zu einem Bussel spitzen will — Hans (äußerst neugierig). Nun? Käsp. Steht 'n alte Trud vor mir, und 's «Höne Madel war fort. Die Alte wollt' geküßt sein, ich fang' an zu schimpfen wie ein Rohrsperling — aber — (wendet den Rücken) hernach, Brüderl! 's ist ewig Schad', daß Du nicht dabei wärest. Hans. Warum denn? Käsp. Wir hätten alle Beide genug an der Portion g'habt — denn die Kerl'n haben d'raufg'schlagen, als wenn sie sich ordentlich in meinen Buckel verliebt hätten. Hanns, 's g'schieht Dir Recht, warum hast Du g'schimpft. — Das Beste wär' g'wesen, wenn Du der Alten einen Schmatz gegeben hättest. Käsp. Pfni Teufel! die Alte war wenigstens hundert und ein Jahr alt — da mag der Teufel verliebt werden, aber ich nicht. Lied. Bei Madeln von sechzehn Jahren, Im Spienzeln noch nicht ganz erfahren, Beim Wetter! da bin ich dabei. Da lob' ich mir das Caressiren, Da thu' ich von Herzen scharmiren, Da bin ich ein tapferer Held, Da gehet der Kasperl in's Feld. Doch Weiber, die Hunderte zählen, Sich lassen von Liebe noch quälen, O weh mir! wie sticht da mein Herz. Da krieg' ich vom Küssen und Drücken Das Stechen, das Jucken und Zwicken — Das gehet, bei'm Teufel! nicht an, Da kriegt man den Kasperl nicht d'ran! (Ab.) Zwölfte Scene. Hans, hernach Märschen mit Jeriel (als Köhlermädchen). Hans. Nun, da sieht man, was einem Alles begegnen kann, wenn man sich mit Geistern einläßt. Märtch. Sieh', lieber Hans! da bring' ich Dir ein schönes Kind — es saß vor unserer Thür, und fragte nach deinem Namen. Hans. Ein Kind? nach mir hat es gefragt? (Bei Seite.) Nun, das wär' ein verdammter Streich, und ich weiß kein Ster- benswörtel davon. Jeriel. Erschrick nicht, guter Freund. Warst Du nicht heute Früh im Wald? Begegnete Dir nicht ein alter Bettler, der Dich um ein Almosen ansprach? Hans. Ja — ick Hab' aber nichts g'habt, als ein Stück Brot und einen Silberpfennig, und Beides bab' ick ihm auch gegeben. Jeriel. Sieh', Wohlthun trägt Zinsen. Dieser alte Bettler schickt Dir für dein Stück Brot und deinen Silberpfennig diesen Beutel mit Gold zur Aussteuer. (Reicht ihm einen gefüllten Beutel.) Dreizehnte Scene. Vorige. Veit. Frowald. Hans. Juhe! Jetzt können Kinder kommen so viel ihrer wollen, cs kriegt ein jedes was zu kiefeln. Veit. Kinder! Woher habt Ihr denn das viele Geld? Da dürfet Ihr ja die 25 Herberge nicht in Pacht nehmen, Ihr könnt Euch eine neue davon kaufen. Märtch. Seht, Vater, ein Bettler, dem Hans beute früh einen Silberpfennig und sein Brot gab, schickt ihm und mir dieses Geld. Frow. Ha! So segnet der Vorsicht Hand wunderbar. Veit. Wer bist Du denn? Ieriel. Fraget mich nicht um meinen Namen, guter Vater! Er kann Euch zu nichts nützen. — Lebt zufrieden in dem .Kreise eurer Kinder, und seid glücklich. Nanon zu fünf Stimmen. Knecht. Edler Herr! Mehrere Ritter halten vor der Burg, sie begehren Einlaß, und kommen in friedlicher Absicht. R. Hans. Oeffne die Pforte — ich will sie sprechen. («neckt ab.) Gott! welch' ein froher Gedanke durchströmt meine Seele — wenn sie mir etwa Nachricht von Mathilden brächten, wenn sie noch lebte! Löbenst. Unmöglich! Ihr sähet doch, wie sie sich in die Fluten stürzte. Fünfzehnte Scene. Vorige. Fust von Kleeberg. Ritter Bodo. Wallberg. Eckard von Traus- nitz (reichen Ritter Hans die Hände, sehen verächtlich nach Löbcnstein). Wo Freude in der Hütte wohnt Und die Zufriedenheit, Im trauten Kreise Eintracht thront, Da ist Glückseligkeit. Man lebt so froh, hat guten Muth, Uns lohnt der Liebe Band, Wer seinen Brüdern Gutes thut, Den segnet Gottes Hand. (Ab.) Vierzehnte Scene. Verwandlung. (Gemach auf der Stauffenburg.) Hans von Stauffen. Ritter. Löbenstein. R. Hans. O könnte ick meine Tochter wieder zum Leben zurückrufen — meine Habe, alle meine Burgen gäbe ich dahin, um sie an mein Herz drücken zu können. Löbenst. Die Dirne war euer unwerth — Vergesset sie in dem Gewühle der Welt — wir ziehen morgen auf etliche Monden nach Wien, um uns dort zu erlu- stigen. R. Hans. Ihr seid nicht Vater, könnet nickt fühlen, wie einem das Herz blutet, wenn man sein einziges Kind vermissen muß. (Trompetrnschall) Fust. Gottes willkommen, edler Stauffen! Alle. Willkommen, willkommen! R. Haus. Was führt Erich auf meine Burg, edle Männer? Fust. Stauffen! Ihr beherbergt einen Mörder auf eurer Veste. — Wir sind aufgefordert, ihn zum Todeskampf zu laden auf beben und Tod. R. Hans. Und dieser Mörder? Alle. Ist Otto von Löbenstein! Löbenst. Wer zeiht mich dieser Tbat? — Ich beweise meine Unschuld im Gotteskampf. — (Wirst seinen Handschuh in die Mitte.) Fust. Es sei! (Hebt den Handschuh aus.) Stauffen! Bereitet das Gericht — Gott soll entscheiden! Alle. Er soll entscheiden! (Alle ab.) Sechzehnte Scene. Verwandlung. (Burgverließ. In der Mitte hängt eine brennende Lampe) Günther in Fesseln. Marie als ein grauer Mann. Günth. Trauriges Menschenloos! Heute dünken wir uns so überglücklich, morgen schweben wir zwischen Leben und Tod. 26 (Windschauer — ein grauer Mann mit langem Bart, mit einer Blendlaterne in der Hand, steht vor ihm.) M ann. Fürchte nichts — ich bin hier, um Dich zu retten. Günth. Kommst Du von dem Burgherrn? gesteht er endlich sein Unrecht, und will er mich frei ziehen lassen? Mann. Tu schwärmst! Ich bin weder von dem Burgherrn geschickt, noch kenne ick ihn. Güntb. Du kennst ihn nicht? Wie konntest Du wissen, daß ich hier im Ge- fängniß schmachte? Mann. Darum frage mich nickt. Folge mir, oder es ist zu spät. Günth. Und wenn ich gleich wüßte, daß ich unter den heftigsten Martern mein Leben enden sollte, so würde ich Dir doch nicht eber folgen, als bis Tu mir zur Rede stehest. Mann. Starrkopf! So bist Du selbst an deinem Tode Schuld. Günth. Wie? Sterben soll ich? Und warum? Mann. Weil man Dich für einen Ritter hält, der die Tochter des Burgherrn mordete. Dein Unglück ist, daß Dich der Vater nicht kennt, und daß Du eben jene Farbe und Rüstung trägst wie jener Bösewicht. Horch! Deine Feinde kommen. (Er zieht sich zurück ) Siebzehnte Scene. Vorige. Ritter Boodsheim (mit seinen Knechten, welche Fackeln tragen). Boodsh. Nun, Bösewicht! Hast Du Dich entschlossen, zu bekennen, damit ich gerecht richte? Günth. Seit der Zeit, als ich hier im Kerker schmachte, haben sich meine Gesinnungen nicht geändert. Boodsh. So schleppt ihn zum Tode, Knechte! (Dir Knechte wollen über Günther herfallen — Der Mann tritt vor.) ' Mann. Haltet ein — der Ritter ist unschuldig! Alle (entsetzen sich). Der Burggeist! (Die Fesseln entfallen Günther.) Günth. Ich bin frei! Wunderbar bin ich gerettet! Mann. Boodsheim! Wie strafbar seid Ihr! Wäre ick nicht herbeigeeilt, dieses Unschuldigen Mord läge schwer auf Eurer Seele. Wisset, eurer Tochter Mörder ist Otto von Löbenstein. — So eben beginnt das Gottesaericht. Günther! kämpfe mit ihm auf Leben und Tod — Gott ist ein geeichter Richter! (Verschwindet.) (Donnerschlag. — Die ganze Bühne verwandelt sich in einen freien Platz mit schwarzen Schranken. Mitten im Hintergrund eine Bühne schwarz behängt, worauf die Kampfrichter fitzen. — An den Bäumen und Logen hängen schwarze Tücher mit Wappen. Die zwei Lanzen, die beim Eingang stehen, find mit einem schwarzen Flor behängt. Die Beisitzer des TodtengerichteS find schwarz gekleidet. — Eine dumpfe majestätische Harmonie ertönt mit gedämpften Pauken und Trommeln) Tie Bosheit werd' enthüllet, Beginnet das Gericht: Der Ausspruch werd' erfüllet, Dollführet Eure Pflicht! R. Hans (als Kampfrichter). Im Namen Gottes und des Kaisers beginne ick, Hans von Stauffcn, Pannerberr des Reiches, ein freies, ehrliches Gottesgericht. — Nähert Euch, Ihr ehrbaren Kampfhelden, damit Eure Schilde beschauet werden, ob Ihr Euch nickt bewahret habt mit Zeichen und Zauberkräutern. (Die Schilde werden von den Küstern untersucht.) Günth. (tritt vor die Schranken). Auck ich bin hier, um für die gereckte Sacke zu kämpfen. Ich, Günther von Schwarzenau, erscheine vor diesem ehrsamen Gottesgericht, und klage an ans Leben und Tod Otto von Löbenstein. — Er hat gemordet die Tochter dieses edlen Greises. R. Hans. Getrauet Ihr Euch, diese Anklage durch dieses Blut- und Todten- gerickt zu beweisen? Güntb. Im Angesichte Gottes will ich den Mörder strafen. R Hans. Und Jbr — Löbenstein? Löben st. Ich behaupte, daß die Anklage des Ritter Günther falsch und ungerecht sei. dieß will ich mit Schwert und Kolben beweisen — und Gott möge entscheiden. R. Hans. Wohlan denn — der Kirchner läute zum Gedinge, und Ihr, Küster! bringt das geweihte Schwert. (Dieß geschieht.) Tretet näher, Kämpfer, und schwöret auf dieses geheiligte Schwert, daß Ihr nach Sitte und Gesetz streiten wollet. Beide. Wir schwören! R. Hans. So rüstet Euch zum Kampf; — Krciswärtel! nimm den Weideustab und schlage damit dreimal an die Lanze. Ritter Günther tbue beim dritten Schlag den ersten Streich. Sieg der gerechten Sache zum Frommen! A lle. Sieg der gerechten Sache! (Feierliche Pause. Der Kreiswärtel schlägt an die Lanze. Beim zweiten Schlag schreitet eine weiße Gestalt herein, bleibt vor Otto stehen.) Geist. Otto! Gott wird entscheiden! Alle (in Entsetzen). Was ist das? R. Hans. Vielleicht der Geist der Ermordeten! Löbenst. Zum Kampf, und wenn die Macht der Hölle dazwischen träte! (Der dritte Schlag an die Lanze geschieht — dumpfe Trommeln und Pauken. Vorige Harmonie, worunter der Kampf beginnt.) Den Frevler zu vernichten, Der böse Tbat verübt — Wird Gott erschrecklich richten, Weil er die Tugend liebt. (Pause in der Musik — Zu Ende drö ThorS fällt Günther — Otto will ihm das Schwert durch das Herz stoßen, es geschieht ein Donnerschlag, der unbekannte Greis steht vor ihm, ergreift seine Hand.) Greis. Otto! bekenne — Du bist Agnesens Mörder. Löbenst. (sein Schwert entfällt ihm). Welche Angst durchbebt das Innerste meiner Gebeine?— Welch' ein Zittern überfällt mich? Wie diese grauenvolle Stimme mein tobendes Gewissen überschreit. Ja, Gott hat entschieden! Ich bin Agnesens Mörder! Greis. So sei Gottes Gnade dein Richter. — (Er verwandelt sich in den weib lichen Geist.) Stirb den Tod von deiner Mutter Hand! Löbenst. (fällt). Meine Mutter! (Alle im Entsetzen.) Geist (indem er sich erhebt und den blutigen Dolch schwingt). Es ist geschehen — ha — dieß war ein großer Schritt zu meiner Vollendung! (Alle bleiben im Erstaunen.) (Der Vorhang fällt ) Vierter Art. (Herberge am Wienerberg.) Erste Scene. Kasperle (sitzt am Tisch, ißt und trinkt dazu). Frowald. K ä sp. (ißt mit vielem Appetit). Jetzt mag geschehen was will — mag sich mein Herr Ritter im Wald draußen mit dem Meister Lucifer Herumbalgen, so lang er Lust hat, ich sitz' hier im Trocknen und laß' mir's gut schmecken. Frow. Wohl bekomm's, guter Freund! Käsp. (mit gefülltem Mund). Ol'NtlLR! Frow. So wie ich merke, seid Ihr auf euer bestandenes Abenteuer sehr hungrig? Käsp. Geht's mir auf die Seiten — denn wenn ick Erich erwisch', ich schluck' Euch mit sammt eurer Zither hinunter. Frow. Ihr wißt es doch, guter Freund, wer Euch diese Mahlzeit bezahlt hat? K ä sp. Tas ist mir all' Eins, wenn ich's nur Hab'. Frow. Ein Wallfahrer kam vorhin in die Herberge und gab dem Wirth sechs Goldgulden, um Euch zu bewirthen. Käsp. 's ist schon recht; ich wollt', daß ich mehr so gute Freunde in der Welt bätt' — (Nimmt den Humpen.) Mein Gntthäter soll leben! (Trinkt.) Zweite Scene. Vorige. Ritter Günther. Günth. Dank, dank, mein lieber Kasperle! Käsp. (erschrickt und setzt ab— bei Seite). Hat ihn der Teufel schon wieder da? Günth. Wie ich sehe, geht es Dir hier recht gut. Käsp. (mit vollem Mund). Passabel! Passabel! Wollt Ihr mitspeisen, Herr Ritter! es ist Euch von Herzen gegönnt. Güntb. Ich habe keine Zeit—meines Bleibens ist hier nicht lange — wichtige Unternehmungen fordern meine Eile. Käsp. Ich wünsch' Euch 'n glückliche Reise. G ün rh. Wenn Du abgespeist hast, folgst Du mir in den Forst. Käsp. Wer? Günth. Du! Käsp. Kann unmöglich sein — ich steh' heut' vor Nacht gar nickt da auf. Güntb. Sckurke! bist Du nicht in meinem Dienst — mußt Tu mir nicht folgen, wohin ich will? Käsp. So lang' Ihr mit Menschen zu thun habt, ja, — aber gegen den Lucifer zieh' ich nicht zu Feld', das sag' ich gleich. Günth. Dummkopf! Tu begleitest mich zu einem Einsiedler in den nahen Forst. Käsp. Zu einem Einsiedler? Ach — das ist etwas Anders — auf alle Weist, da geh' ich mit Euch. (Steht auf.) Günth. Ich erwarte Dich vor der Herberge. (Ab.) Frow. (zu Kasperle). Wie aber, guter Freund, wenn der Einsiedler ein böser Geist wäre? Wenn er Macht hätte, sich in diese fromme Maske zu hüllen, um Euch zu verführen? Käsp. (setzt sich Wiederau den Tisch). Ergeht nicht mit, er bleibt da! Günth. (ruft). Käspcrle! Käsp. Ja — ich komm'ja schon! (Ißt.) Frow. Ihr werdet euren Ritter mürrisch machen, guter Freund! geht lieber mit ihm, es wird ja den Hals nicht kosten. Käsp. Aber meinen Buckel kann's kosten— ich spür' die Akzidenzeln ohnehin noch, diemir die verdammten Geister aufg'messen haben. Günth. (kommt). Wo bleibt denn der Schurke so lange? Willst Du Dich auf den Weg machen? Käsp. (fällt vor ihm auf die Knie, weinend). Ach, lieber Herr Ritter, laßt mich lieber da bei der Mahlzeit — Ihr habt keine Ehre davon, wenn Ihr mich mitnehmt. Günth. (zieht sein Schwert). Schurke Du, willst Du mich äffen? Käsp. (schreit — springt auf). Haltet ein — ich geh' ja schon. — Das ist ja ein verdammter Streich, wenn man einen ehrlichen Kerl mit Gewalt zum Belzebub prügelt. — (Weint laut. Er jagt ihn ab.) Dritte Scene. Frowald (allein). Frow. Glücklich bin ick, daß meine Bestimmung nicht fordert, dergleichen Abenteuer zu bestehen. Lied. Wie froh bin ich, daß ich ein Ritter nicht bin, Mein Leben fließt ruhig und lieblich dahin. 29 Zwar kann sich ein Ritter viel Lorbeer erringen Im hohen Turniere, der Liebe geweiht, Doch will ich mir lieber die Herzen er- singen, Stets bin ich zum Zweikampf mit Küssen bereit. Beim labenden Humpen, beim kosenden Spiel Erkämpf' ich des Jahres der Siege gar viel. Und kann ich einst nicht mehr in diesem Dienst streiten, So nehm' ick die Harfe und klimp're darauf, Und denke der Jugend, der himmlischen Freuden, Hab' ich nur geendet mit Ruhm meinen Lauf. (Ab.) Vierte Scene. Verwandlung. (Gemach aus der Stauffenburg.) Ritter Hans von Stauffen (sitzt im Lehnsessel), dazu der Schloßvogt. R. Hans. Da sitz' ich nun, ich alter Mann, ohne Kinder und Erben! Was nützt mir all' das zusammengerasfte Gut — lachende Erben theilen sich darein, und der Vater hat kein Kind, das ihm die Augen zudrückt, und am Grabe ihm eine Thräne weiht! O Löbenstein! schrecklich hat sich die Vorsicht an deiner Blutschuld gerächt. Berth. Herr Ritter! Eine alte blinde Bettlerin, geleitet durch einen Knaben, wünscktc Euch zu sprechen. R. Hans. Ich will Niemand sehen, mit Niemand reden. — Im einsamen Gemach will ich mein Leben vertrauern, sckrecklich büßen für die Strenge, die ick an meinem einzigen Kind ausübte — Berlh. Soll ich die Hilflose so ganz leer — ohne Imbiß, ohne Zehrpfennig aus der Burg entlassen? — R. Hans. Nein! das sollst Du nicht — reick' Ihr einen Labetrunk, gib ihr Geld, so viel Du willst; laß mir von jetzt an keinen Armen, keinen Nothleidenden unge- tröstet von meiner Schwelle treten. Künste Scene. Vorige. Mathilde als eine blinde Bettlerin, geleitet durch Ierirl als Knaben. R. Hans. Woher kommst Du, Unglückliche? Math. Tief aus dem Ungarlande. Mein Mann war Krieger unter Marimilians Heere, er starb den Tod sür's Vaterland gegen die Sarazenen. Ich gerieth in die Gefangenschaft jener Barbaren — sic beraubten mich des Augenlichtes, um nicht mehr zu sehen Gottes schöne Erde, um mich nicht mehr zu weiden an ihrer Herrlichkeit. R. Hans (bewegt). Armes Weib! Math. Nun führt mich mein Sohn umher, um gute Menschen zu suchen, die mir das Brot reichen, um mich kümmerlich zu ernähren. R. Hans (nimmt den Kleinen, bewegt). Das sollst Du nicht länger, gutes Kind! Du sollst bei mir bleiben — ich habe keinen Erben meiner Habe — um meine einzige Tochter haben sie mich schändlich betrogen, die Buben! Du willst doch bei mir bleiben, lieber Kleiner? (Schmeichelt ihm.) Ieriel. Wer wird aber die Mutter führen — wer wird sie nähren und pstegen, wenn sie mich nicht mehr hat? R. Hans. Berthold! leite die Mutter dieses Kindes in mein kostbarstes Gemach — reich' ihr Alles, was sie verlangt — diese armen Menschen sollen mir den Verlust meiner Tochter ersetzen — diesen Knaben will ich an Kindesstatt aufnehmen, ihn erziehen zum wackcrn Ritter — er soll der Erbe meiner Güter werden, und mir dann, wenn ich sterbe, mit dankbaren Thräncn die Augen zudrücken. 30 Math. Was wird aber eure Tochter Mathilde dazu sagen, wenn sie zurückkehrt, und diese ungebetenen Erben auf eurer Burg findet? R. Hans (staunend). Mathilde? - meine Tochter? sagst Du? Jeriel. Wie, wenn sie noch lebte? R. Hans (läßt ihn langsam zur Erde nieder, in tiesem Hinstarren). Wenn sie noch lebte? (Jeriel winkt, das Bettlerkleid entfällt Mathilden, er verschwindet.) Math. Sie lebt, und liegt zu euren Füßen! Mein Vater! R. Hans. Mathilde! (Heiße Umarmung.) Berth. Gott! was ist das? R. Hans. Komm' an mein Herz — Mathilde! fühle, wie es der wiedergcsun- denen Tochter entgegenschlägt. — Gott! heute fühlte ich zum ersten Mal, daß ein reicher Vater ohne Kinder ein armseliges Geschöpf ist. — Berthold! schicke mehrere Knechte nach der Herberge am Wicnerberg — dort werden sie Günther finden — lade alle Ritter und Nachbarn ein, und mache Anstalt zur Verlobung. (Lerthold ab.) Ich will mich freuen, will jubeln — denn ich habe meine Tochter wieder gesunden, und was nützen mir alle Schätze der Welt, wenn ich sie ohne Kinder, ohne Enkel verlassen müßte. Math. O guter Vater! (Küßt ihm die Hände.) R. Hans. Ich war ein armer Mann, denn ich hatte kein Kind — jetzt bin ich reich, ich habe meine Tochter wieder. O Gott! der Mann fühlt des Leberts Freuden nur zur Hälfte, der keine Kinder hat. (Ab.) Sechste Scene. . (Herberge.) Ritter Eckard. Veit. Veit. Ihr hier, Herr Ritter? nun wäre die Sache einmal in Richtigkeit. Eckard. Was für eine Sache? Veit. Mit meiner Tochter. Sie soll in's Himmels Namen heiraten. Eckard. Ich wünsche ihr Glück. Veit. Was will ich auch machen? Wenn der Vogel flik ist, will er fliegen — und wenn das Mädchen erwachsen ist, will sie einen Mann. Das Beste ist also, der Vater willigt ein, sonst geräth sie auf Nebenwege, und dabei wird das Mädel geprellt. Eckard. Ihr sprecht gewiß aus Erfahrung. Veit. Traun! könntet fast Recht haben, einundzwanzig Jahre war ich verheiratet, nun bin ich schon sechs Jahre Witwer — dürft mir glauben, Herr Ritter! Hab' in meinem Witwerstand oft manche Anfechtung zu bezwingen gehabt. Eckard. Ha, ha, ha! — wäre das möglich? Veit. Ja — ja — und wer weiß, was jetzt geschieht, da mir der Bube die Dirne wegnimmt. — Werd's nicht allein so aus- halten können. Eckard. Ihr seid ja schon bei Jahren. Veit. Ha, ha, ha! aber immer noch in dem Alter, wo mau ein Weiblein mit Ehren heimführen kann, ohne ausgelacht zu werden. Lied. Kein Alter ist von Liebe frei, Die Wahrheit ist zwar nimmer neu. Mit Kindern spielet schon die Liebe, Sie fühlen tändelnd dunkle Triebe, Und fliegt dem Jüngling Woll' an's Kinn, So schielt er schon nach Mädchen hin. Kaum daß der Frühling zwölfmal blüht, Ist schon des Mädchens Herz entglüht. Die Liebe röchet ihre Wangen, Sie fühlt ein Hangen und Verlangen— Sobald sie spinnen, kochen kann, So wünscht sie sich schon einen Mann. Der Liebe Macht ist wunderlich, ^ Sie zeigt sogar im Alter sich; 31 Ein Greis liebt noch den Kuß von Schönen, Läßt sich von Mädchen gern bedienen. Vom Steckenpferd zum Knotenstab Folgt uns die Liebe bis in's Grab. (Ab.) Siebente Scene. M ä r t ch e u. Hans. Hans. Ach — liebes Märtchen! jetzt sind wir doch einmal so nah' daran, daß wir uns heiraten dürfen. Martch. Ja — das hat auch Müh' genug gekostet, bis der Vater eingewilliget hat. Du weißt, er ist etwas karg — und hättest Du das Geld nicht erhalten — ich glaube, ich hätte Dich nie zum Mann bekommen. Hans. So hätte ich Dich zuletzt entführt. Märtch. Nun ja — da hättest Du es gut gemacht.—Wovon hätten wir denn leben wollen? Siehst Tu, so ist es immer besser, wenn der Vater das Jawort dazu gibt. Hans. Hast Recht, liebes Märtchen! wir wollen auch einander lieb haben, daß es den Vater nie gereuen soll, uns das Jawort gegeben zu haben. Duett. Hans. Heiffa! wenn morgen Hochzeit, Wird Märtchen mein. Wie froh, wenn sie mich herzlich küßt, Werd' ich nicht sein. Ja, so vergnügt, wie ich alsdann — Ist auf der Welt Kein König und kein Rittersmann Mit seinem Geld. So trag' ich dann bis in die Nacht Den Hochzeitskranz, Dann geht es, daß der Boden kracht, Zum frohen Tanz. Beide. Und wenn dann der Haushahn die Hennen Binichj^»W->b, Dann wird auch geschehet, gekoset, geneckt— Zum Zeitvertreib. Ich lieb dich als Weibchen, du liebst mich als Mann, Und ich schau kein anderes ^ Mä^mhen ^ mehr an. (Tanzen ab.) Achte Scene. Verwandlung. (Wald. Auf der Seite eine Einsiedlerhütte.) Ritter Günther, mit ihm Kasperle. Günth. Siehst Du— hier sind wir ja au Ort und Stelle — dort ist die Einsiedler-Hütte, die wir zu suchen haben. Käsp. (brummt für sich), Ja — wär' wohl gut, wenn unser Herumvaglren einmal ein End' halt' — 's Gescheiteste wär', wir zögen nach Haus. Günth. Daß Du doch Dein verdammtes Raisonniren nicht unterlassen kannst, Bursche! Käsp. Hat jetzt wer raisonnirl? Günth. Geh' dahin, und klopf an! Käsp. Wer? ich? Die Ehr' überlaß' ich Euch — (Bei Seite) 's Beste ist, ich bleib' in der Entfernung, da kann ich mich gleich auf die Füß' machen, wenn was Conrrär's vorgeht. Günth. Memme! (Geht dahin, klapst an.) Märtchen. Wenn's morgen in die Kirche geht, Von Haus zu Haus, Sich stolz an meinem Busen dreht Ein Blumenstrauß; Neunte Scene. Vorige. Marie (als Einsiedler). Geist. Willkommen, meine Löhne! in der Wohnung der Dürftigkeit. 22 Günth. Habt Dank, ehrwürdiger Vater! Geist. Wollt Ihr ein Lager von Baumblättern, klares Quellwaffer und einige Erdfrüchte genießen, so seid mir willkommen. Käsp. (für sich). Da ist 'n saub're Kuchel- einrichtung, dabei kann man fett werden. Günth. Leckerbissen, ehrwürdiger Vater! sind meinem Gaumen fremd, und Eure Früchte, gewürzt von freundlichen Händen, werden mir besser behagen als manchem Reichen seine hundert Gedecke. Käsp. (für sich). Das glaub' ich — ihn füttert die Lieb' — Geist. Wie nennt Ihr Euch, guter Freund? Günth. Günther von Schwarzenau! Käsp. (sehr geläufig). Ich heiß' Käsperle — bin des Ritters Waffenknecht — bin, ohne Ruhm zu melden, weit und breit wegen meiner Unschuld und Tapferkeit berühmt. Günth. (winkt ihm). Wirst Du schweigen, oder — (zum Geist) Frommer Greis! man hat mich zu Euch hiehergewiesen. Geist. Günther! habt Ihr Muth, Euer künftiges Schicksal zu erfahren! Günth. Ich bin Mann, und Ihr fragt noch? Entdecket mir, ehrwürdiger Vater! mein Schicksal mit Mathilden. Geist. Soeben gibt der versöhnte Vater seiner Tochter das Jawort zu Eurer Verlobung. (Gr winkt. — Einc sanfte Harmonie ertönt. — Man sieht durch einen Schleier in einen beleuchteten Saal; mitten steht eine Pyramide, mit Rosen umwunden, die transparenten Worte erscheinen: Günther und Mathilde. Sie und ein Jüngling, wie Günther, knicen vor des Daters Küßen.) Käsp.'(weinerlich). Aber was habt's denn davon, wenn ich z'Grund geh'? Ihr seht's ja ohnehin, daß mir 's Zittern in alle meine zwei Füße kommt. Geist. Nun sähest Du die Zukunft — Jüngling! jetzt blick' auch in die Vergangenheit — (Gr winkt. — Die kourtine rauscht hinaus, — Blitz und Donner. — Man sieht durch eben jenen Schleier die offene See — fürchterlich toben die Wellen, der Sturm heult. — Gin Schiff, woraus sich ein Ritter, wie Günther, befindet, scheitert, er wird in die See geschleudert, er kämpft mit der Flut. — Ein alter Mann, mit eisgrauem Bart, erscheint in der Flut, rettet ihn und trägt ihn an das User. — Der Jüngling stürzt aus die Knie, erhebt die Hände gegen Himmel, die kourtine rauscht herab.) K ä sp. (stürzt vor Angst zur Erde und schreit). Günth. Ehrwürdiger Aller! Was soll das wogende Meer? Geist. Das Sinnbild Deines Lebens! Oft schon scheitertest Du, nur mit Gefahr wurdest Du errettet. Frage mich nicht mehr — Jüngling! eine wichtige Pflicht, die ich schon dreißig Jahre zu erfüllen heilig gelobte, treibt mich von hinnen. Günth. Und diese ist? Geist (öffnet eine Bodeuthür). Hier unten haust ein Unglücklicher, — schon dreißig Jahre büßt er für seine Schuld, an der Menschheit verübt — er wünscht sich den Tod, und dieser flieht ihn so lange, bis ein muthvoller Jüngling kommt, ihn freiwillig zu erretten aus dem Hungerthurme. Günth. Was hör' ich? Geist. Harre hier meiner, Jüngling! Bald bin ich wieder bei Dir! (Er steigt Günth. Gott! was seh' ich? — Mathilde und mein Ebenbild! (Tie Eourtine rauscht wieder herab.) Käsp. (entsetzt sich). Nein — Sapperment! wo die Bäume in die Luft spazieren, bleib' ich nicht länger. (Will fort.) Günth. Käsperle, Du bleibst hier — hinab.) Zehnte Scene. Günther. Käsperle. Günth. Ha! welcher Gedanke durchbebt mich — wie — wenn ich etwa am Ziele — (ruft) Käsperle! 33 Käsp. (noch auf der Erde). Seid still, gestrenger Herr! ich bin schon in der andern Welt. Günth. Steh' auf, und folge mir. Käsp. (richtet den Kops aus) Gehen wir in d'Herberg? Günth. (drohend). Willst Du mir gehorchen, Bube! Steh' auf — oder — Käsp. (sicht schnell aus). Er steht schon auf! Günth. Nun folgst Du mir Schritt für Schritt. Ich ahne, ich bin bald an dem Ziele meiner Vollendung. — (Er erhebt die Thür.) Käsp. Nun — was habt's denn wieder für Kindereien — werdet doch nicht wie ein Erdzeißel unter die Erde schlupfen? Günth. (steigt hinab). Kasperle! Käsp. Geht's nur voran, ich komm' schon nach. (Bei Seite.) 2a, wer ein Narr wär'! — da unten muß es so viele Eidechsen und Kröten geben, daß man einen ordentlichen Thiergarten einrichten könnt'. — (Laut, rust hinab.) Seid Ihr schon weit unten, g'strenger Herr? (Eine Flamme strömt ihm entgegen, ein schwarzer Geist streckt seinen Kops hervor, mit fürchterlicher Stimme.) Geist. Zurück — Muthloser! (Die Thür fällt zu.) Käsp. Das ist mir grad' recht — ich Hab' mir immer sagen lassen, was einen nicht brennt, das soll man nicht blasen, und wer unten nichts zu thun hat, soll oben bleiben. — Wo ist denn der Einsiedler hinkommen? (Er schaut in die Hütte, worin Jeriel fitzt, eben so gekleidet wie der Einsiedler, er liest in einem Buch.) Etlfte Scene. Käsperle. Zeriel. Käsp. (bei Seite). Donnerwetter! was ist denn das? Der alte Herr ist ja eingegangen! Jeriel (kommt heraus). Verlangst Du meine Hilfe, guter Freund? Käsp. Auweh — da wird eine kleine Hilf' herauskommen — (Bei Seite.) Das ist ja ein verdammter Streich — der Einsiedler ist ja um ein paar Ellen kürzer geworden. Jeriel (im Baßton). Du hast Dich gewiß in diesem Forst verirrt? (Mit weiblicher Stimme.) Käsperle! Käsp. (wendet sich um, wo die Stimme herkam). Was ist denn das? ist mir ja g'wesen, als wenn ich hätt' eine weibliche Stimm' g'hört. Jeriel. Darüber wund're Dich nicht — es gibt eine Menge der holdesten Mädchen in dieser Gegend. Käsp. Da — so nah' bei der Einsiedlerhütte? Das Ding g'fallt mir nicht übel! Jeriel (mit weiblicher Stimme). Ach — mein lieber Kasperle! ach! Käsp. Frommer Herr! Frommer Herr! jetzt hat Eine g'seufzt. Jeriel. Sie rief Dich bei deinem Namen. Käsp. Das mögen mir auch saub're Musterl sein, die sich so nah' bei den Einsiedlern aushalten. Jeriel. Du irrst, holder Fremdling! es sind lauter tugendhafte Geschöpfe — (seufzend) nur einen Fehler haben sie. Käsp. Einen Fehler? und der ist? Jeriel. Sie sind sehr klein — nicht größer wie ich — aber ein einziger verliebter Blick von einem Mann kann sie vergrößern. Käsp. Ha, ha, ha! das müssen närrische G'schöpfeln sein! (Zrrikl verwandelt sich in ein steirisches Bauernmädchen.) Käsp. (nähert sich der Hütte). Mit Erlaubnis — wenn ich fragen darf — Jeriel (ficht aus). Was verlangst Du, Fremdling? Lhrala-Atp«i«ut. Ni. tl». Jeriel (in bäurischer Mundart). Nun so schau her — Käsperle, da bin ich ja! Käsp. Ha, ha, ha! — nein — das ist nichts — Du bist mir z'klein. L 34 Jeriel. Bist ein wunderlicher Mensch! Für meinen Hiesel bin ich g'rad' recht — er sagt immer, daß ich ja nicht größer werden soll, sonst könnt' er mich nimmer lieb haben. Käsp. Wie? Du hast also auch schon einen Buben, den Du lieb hast? Jeriel. Das versteht sich — komm' nur mit mir in d'Herberg, Du sollst ihn sehen. Käsp. Gehen wir — s' ist mir lieb, wenn ich aus der verdammten Herengegend hinauskomm'. Jeriel. Ja — Du wirst Dich auch verwundern, was mein Hiesel für ein stattlicher Bue ist, und wie er mich so gern hat. Steirer-Liedchen. Mein Hiesel — der ist mir und ich bin ihm so gut, Er hat so wie ich einen fröhlichen Muth. Er schäkert und lacht gern — mit mir doch allein, Mein Hiesel könnt' gar um kein Haar besser sein. Des Morgens — noch eh' er auf's Feld geht hinaus, Da kommt er zum Morgengruß vorher in's Haus. Des Abends beim Essen — da trinkt er mir's zu, Er läßt mir auch, wo er mich trifft, keine Ruh'. Und Sonntags — da tanzt man brav land- lerisch d'rein, Ißt Hühner und Gänse— und trinkt guten Wein. Wenn's Tanzel vorbei ist, so schleicht man nach Haus, Da bring' ich den Hiesel kaum wieder hinaus. (Tanzt ab ) Zwölfte Scene. Verwandlung. (Unterirdische Höhle.) Kilian (in Fesseln — er hat einen langen Bart). Ritter Günther (bleibt im Hintergrundestehen) Kilian. Noch einmal will ich die Speisen genießen, die ich aus der Hand meines Wohlthäters erhielt. Vielleicht nahet bald die Stunde, wo ich keiner mehr bedarf; ha! erwünscht sei mir der Augenblick meiner Erlösung. (Günther tritt vor.) Gott! wen seh' ich — Geist oder Mensch? Günth. Ein Mensch, der kommt, um Menschen zu retten! Tröstet Euch, Kilian, das Ende Eurer Leiden ist nahe — Kilian. Ihr kennt mich? Günth. Der Vorsicht Wege sind wunderbar! Ihr seid der Teufelsmüller! Kilian. Nennt diesen Namen nicht— seine Erinnerung ist für mich Höllenqual. Günth. Beruhiget Euch — ich bin gekommen, eure Fesseln zu lösen. Wie ge- riethet Ihr in diese Höhle? Kilian. Ich nenne mich Ritter Kilian von Drachenfels; um Mord und Raub freier üben zu können, baute ich neben der Heerstraße eine Mühle und lockte Reisende dahin, um sie zu ermorden. Mein Weib verrieth mich — ich erschlug sie, floh aus der Mühle, um mich vor der Strafe zu sichern. Geister der Finsterniß brachten mich hierher — ich ward verdammt, dreißig Jahre zu schmachten nach Leben und Tod, um für meine Gräuelthaten zu büßen. — Eilt ehrlicher Einsiedler nährte mich bis hieher. Günth. Unglücklicher! die Ruhe deines Weibes fordert deine Rettung! — Folge mir! Kilian. Aber diese Fesseln? Günth. Ich vertraue auf die Mitwirkung eines höheren Wesens, ich bin seines Beistandes gewiß. (Die Kesseln lösen sich und fallen ans dir Erde.) Kilian (tritt vor). Was ist das? — ist es ein Traum, was ich sehe?— Ritter! gebt mir eure Hand — laßt sie mit meinen Thränen benetzen. Günth. Und nun folgt mir aus dieser Mörderhöhle — um den letzten Befehl des Geistes zu erfüllen. Kilian. Ach — meinen Wohlthäter werde ich nicht mehr sehen, der Himmel lohne es ihm! Oft—wenn ich verzweiflungsvoll gegen mich selbst wüthete, da goß er lindernden Balsam in mein Herz. (Donnerschlag.) Die Stimme des Geistes. Fasse Muth, Unglücklicher! das Schicksal reichet Dir die Hand zur Versöhnung! (Stärkerer Donnerschlag.) Dreizehnte Scene. (Die Bühne verwandelt sich in eine ländliche Gegend. Aus einer Seite ein Haus, nebenbei ein Brunnen.) Kilian. Gott! wo bin ich — hier meine Wohnung — dieser Brunnen! ha! er erinnert mich an die letzte schreckliche That, die ich an meinem Weib verübte. Günth. Hier in diesem Brunnen liegen die Gebeine deines Weibes begraben. Auf, Unglücklicher! vollziehe die letzte Deiner Pflichten, um das Schicksal zu versöhnen. Steige hinab — der Geist deiner Gattin kann nur versöhnt werden, wenn deine Gebeine neben den ihrigen ruhen. Kilian. Ich bin zu Allem bereit! (Donnerschlag. — Ein fürchterliches Gewitter bricht aus. Es wird finster. KUian stürzt aus die Knie mit erhobenen Händen.) '5 i n a t - M u s i k. Nkloäraw. Kilian. Gott! Du bist schrecklich in deinem Donner — Fürchterlich weckst Du den Verbrecher — er bebt und zittert — und hofft auf Deine Gnade. Heister-Lhor. Ruhe winkt im düstern Grab, Auf, vollziehe deine Pflicht! Steig' mit vollem Muth hinab, Müder Wand'rer, zage nicht! Nsloäram. Kilian. Ja — muthvoll will ich erfüllen des Schicksals Schluß — (Steht aus.) Ruhe suche ich — und Ruhe finde ich nur im Grabe. (Er nähert fich dem Brunnen.) Heister-Lhor (unter welchem Kilian hinaufsteigt). Der Blitz durchkreuzt des Wetters Nacht, Der Sturmwind heult — der Donner kracht — Die Stunde naht — (Der Blitz erschlägt den Müller, der Brunnen stürzt mit ihm ein und versinkt. Nach diesem schrecklichen Donnerschlag und Accord geht die brausende Musik in ein schmelzendes Adagio über — Marie kommt als verklärter Geist, blendend weiß gekleidet, aus eben dieser Versenkung. Sie hat einen Palmenkranz in den Händen.) - Ntzloäram. Marie. Ich bin versöhnt — mir winket Friede und Ruhe — Jüngling! Du hast ritterlich gekämpft, Dir werde die verheißene Belohnung. — In jener Mühle findest Du einen Schatz vergraben, er sei Dein Erbtheil. — Eile in Mathildens Arme, der Schutzgeist der Liebe sei Dein Begleiter. Nur durch Deinen Muth, durch Deine Entschlossenheit wandle ich rein in die Gefilde der Seligen. — (Sie erhebt fich, worunter folgender Sphären- Ehor gesungen wird.) Chor. Schön blüht in höhern Regionen Die Fricdcnspalme Dir! Dort wird die Vorsicht herrlich lohnen Dich — Dulderin, dafür! 36 (Die Bühne verwandelt sich in rin Wolkentheater. Im Hintergründe rin transparenter Regenbogen. Mitten in einer Schleierwolke Jeriel in seiner Glorie. In der Mitte der Bühne ein Altar mit . brennendem Feuer.) Ritter Hans vonStauffen. Mathilde. Ritter Kleebcrg. Alle Vorigen. Mathilde (eilt in Günthers Arme, der Vater hält seine segnenden Hände über Beide). 5 ch t u ß - C h o r ' (worunter Alles zur Erde stürzt). Geist der Liebe, bleib' bei uns, Seie uns gewogen— Laß' als Friedenszeichen uns Diesen Regenbogen. Wo Du thronst, da blühen schön Deine reinen Triebe — Laß' uns froh durch's Leben gch'n An dem Arm der Liebe. Der Vorhang fällt- Ende. uni-' n Ä6 " - j! 7 ^ 7'-- ' n. 'I Truck und Papier von Leopold Sommer in Dien. Den Bühnen gegenüber als'Manuscript gedruckt. Rkiwutk und Narrknhaus -»c»-- Schwank in einem Art und zwei Bildern von C. F. Stix. Im k. k. pr. Theater au der Wien unter dem Titel: »In Brüssel, oder: Eine Hölleunacht« mit vielem Beifalle gegeben. Personen: Baron Lustbach, Gutsbesitzer Adele, seine Frau. Sofie, seine Cousine. Scharfspitz, Rittmeister. Paul, sein Reitknecht. Schlemmer, ) ^ ^ Leichtberg, Lustbachs Jugendfreunde. Strenge, BallcommissLr. Fritz, Aufwärter. Jean, ein Barbier, als Chinese maskirt. Adam, ) LustkmH'K Diensten, Cveline, s Jakob, Sofiens Dimer. Masken. — Musikanten. (Die Handlung beginnt des Abends und spielt bis zum Morgen des nächsten Tages.) rheaitt-Stcperloue Nr. IIS. Erstes Litd. (Glänzend erleuchteter Redoutensaal mit offenem Mittelbogen. Zm Hintergründe buntes Masken- gewimmel. Hinter der Scene wechselnde Ballmusik bis zur Verwandlung. Zm Vordergründe rechts ein Divan, links eine Seitenthür mit der Aufschrift: »Eingang zum Buffet.« Beim Ausziehen des Vorhanges wird eben eine Quadrille zu Ende getanzt, deren tanzende Paare durch den Mittelbogen sichtbar find; vorne rechts und links brennende Candelaber.) Erste Scene. Baron Lustbach, Schlemmerund Leichtberg (kommen ballmäßig gekleidet aus dem Mittelbogen). Lustbach (sehr munter). Ach, M68 amis! ist dies Elisiumswonne! nach secksmonden- langer Hast, wenngleich von Hymens Rosenketten gefesselt, endlich wieder srei und ungebunden als <(ua8i-GarLon die Welt und ihre Freuden genießen zu können ! (An Schlemmer s Halse.) Freund Schlemmer, diest Seligkeit kannst Du nicht fassen, nicht empfinden! Schlemmer. Ei, wer hieß Dich denn auch der goldenen Freiheit so bald den Rücken kehren? Leichtberg. Ein paar Jährchen hättest Du noch immer in unserer Mitte flott und frei in den Wind schlagen können! — Lustb. (komisch-ernst). Wer kann für sein Herz? Ihr wißt, ich bin — oder war vielmehr ein rasches, ungestümes Blut, schwer in Zügel und Zaum zu halten, und was ich mir einmal so recht in den Kopf gesetzt, das mußte vollführt werden! Adele gefiel mir, nickt etwa blos deshalb, weil sie jung und hübsck, nein, sie intercsflrte mich, weil sie nicht, wie die meisten gebildeten Fräuleins der sogenannten vornehmen Welt, durch allerlei Finessen und Komödianterieu mein Herz zu erobern suchte, sondern fick mir in lieblicher, ungeschminkter Wahrheil gab, wie sie war! Mein Adelchen ist ein Engel! Schlemmer (lachend). Hahaha! Du scheinst ja auch jetzt noch — sechs Monate nach deiner Verheiratung—in Deine Frau total verliebt zu sein? Leichtb. (ebenso). Freilich! Ja wenn man solch' ein Ideal weiblicher Vollkommenheit gefunden, da ist es wohl keinWun- der, daß man sich beeilet, diesen Diamant zu besitzen, eh' ihn ein Anderer einhandelt. Hahaha! Lustb. Lacht nur, Ihr Hagestolze! Aber was gilt die Wette, auch euer Stündchen wird noch schlagen! Leichtb. Nein, bei mir nicht! Lieben? — ja — o sehr! das werd' ich ewig, aber heiraten? Nie! — Schlemmer. Wir können unmöglich glauben, daß sich deine Heirat aus natürlichem Wege machte! Hahaha! s'muß wohl ein Liebestrank oder sonst ein geheimes Zaubermittel dabei im Spiele gewesen sein? Lustb. Keineswegs! Adelens Vater, mein ehrsamer Gutsnachbar, ein Mann von echtem Schrot und Korn, der mich stets auf seine Jagdpartien l»^d, merkte bald den Eindruck, welchen sein reizendes Töchterlein auf mein eben nicht allzuschwer empfängliches Herz gemacht, und sprach eines Tages nach Tische ganz offen und höflich also zu mir (ihn nachahmend): »Lieber Nachbar, wenn Ihnen mein Adelchen in der That so sehr gefällt, bou! ich habe nichts dagegen. Führen Sie aber keine ernstliche» Absichten im Schilde, so bitte ich Sie als Freund und Vater, den Frieden und die Ruhe 3 meines einzigen Kindes dnrch Seufzeria- den, Händedrücke, Mondscheingedichteu nd dergleichen Faseleien nicht zn stören!« — Dieser energische Antrag des alten Herrn überraschte und verblüffte mich so sehr, daß meine Erwiederung unwillkürlich zur förmlichen Werbung um die Hand seines Töchterleins wurde, und (parodirmd) so, Ihr Herren, ward' ich vermalt! Schlemmer und Leichtb. Ha ha ha ! das nenn' ich doch sich überrumpeln lassen! Lusib. (wirst sich aus den Divan, sich mit dein Sacktuche Kühlung zusächclnd). Verdammte Hitze! — (Wie früher.) Und ehrlich gespro chen, hat mich mein rascher Schritt bis zur Stunde nicht gereut, denn Adelchen ist ein himmlisches Weib! So sattst und liebevoll, ohne Falsch und Trug! Ick hege auch nicht den entferntesten Gedanken, an Adelens Liebe zum Verräther zu werden. Gott be wahre! Allein die sechs Monate Landleben seit unserer Verheiratung, das tägliche Einerlei, immer dasselbe Schafgeblöcke und Kuhgebrülle ennuirte mich schon und erregte ans eure joviale Einladung in mir noch mehr die geheime Sehnsucht (springt aus) in eurer Mitte, Ihr fidelen Iungens, wieder einmal ein paar vergnügte Abende als Garxon zu verleben und m t Euch ein köstliches Redoute-Abenteuer zu bestehen! Adelchen spiegelte ich vor, in einer dringenden Angelegenheit nach Brüssel reisen zu müs sen; die arglose Seele glaubte mir Schelm, ich reiste über Hals und Kopf ab, und versprach ihr bei meiner Rückkehr die feinsten Brüßlerspitzen mitzubringen — (Beide umarmend) und so bin ich nun in Brüssel! Alle Drei (lachend). In Brüssel! Hahaha! Schlemmer. Köstlich! Wie aber, wenn die sanfte, liebevolle Frau Adele hinter die losen Streiche ihres Herrn Gemals kommt! Lustb. Rein unmöglich! (Mit komischem Pathos.) Dank der Wissenschaft, die mich zeichnen lehrte! Mit Tusch malte ick Wappen und Datum der Stadt Brüssel auf meine fingirten Briefe aus Brüssel, sendete sie an einen vertrauten Freund, der sie ihr übergab, und somit ist selbst der leiseste Verdacht unmöglich! Adele muß ebeu heute einen solchen Brüffelerbrief erhalten haben! Leichtb. In der Thal sehr schlau! Allein deine Tante, Baronin Birkheim, lebt doch hier in der Residenz! Ein zufälliges Begegnen auf der Straße! — Lustb. Rein unmöglich! Meine gute Tante ist noch mit ihrem Töchtercken Sofie, einem kleinen Satan, bei meiner Adele auf dem Lande, um uns zu besuchen, wo sie meine Rückkehr aus Brüssel erwartet! Hahaha! Ihr seht, ich habe Alles zuvor genau bedacht und so eingerichtet, daß mir nichts meine Residenzfreuden trüben soll! (Die Tanzmusik beginnt einen Walzer.) Schlemmer. Auf Ehre, sehr klug und weise! Doch horcht! die Quadrille ist zu Ende, ein Walzer beginnt — ach, das sind die neuen, die »Conferenz-Walzer«! Lustb. (lachend). Ein paffender Walzertitel! Denn bei den Conferenzen und beim Walzen ist das rasche Umdrehen die Hauptsache! — Leichtb. Haha! Köstlich! Doch kommt, Kinder, und laßt uns die edle Zeit besser benützen als mit Plaudern! Lustb. Leichtberg hat Recht! (Sehr vergnügt.) Allons, vorwärts, und hastig in vollen Zügen den Becher der Freude geleert! Mt ab in den Saal.) Schlemmer und Leichtb. Hahaha! Freund Lustbach ist heilte rein toll geworden! (Ab in den Saal.) Zweite Scene. Scharfspitz »nd Strenge (durch dir Mitte). Scharssp. (im Domino, eine Larve in der Hand) Herr Ballcommissär! Ich baue auf Ihre gütige Mitwirkung, uns einen kleinen Leichtsinnigen bestrafen und hiedurch hoffentlich bessern zu helfen! Strenge. Mit Vergnügen, Herr Rittmeister! Hahaha! das wird einen köstlichen 1 * 4 « Spaß und für den armen Ehemann eine wahre Höllennacht geben! Wie aber kamen Sie denn hinter die Sckliche dieses seinen Patrons? Scharfsp. Auf die einfachste Weise! Des Barons seit einiger Zeit zerstreutes und oft dabei mürrisches Wesen gab seiner Cousine Sofie Veranlassung, ihn durch seinen Diener Adam heimlick beobachten zu lassen, um so vielleicht dem Grunde seiner Umwandlung auf die Spur zu kommen; und siehe da, eines Tages meldete ihr Adam, daß der Herr Baron, so oft er sich unbemerkt glaubte, stets ein Brieschen an Herz und Mund drückte, wobei er immer leise ausrief: »Ja, ich komme!« Am Tage seiner Abreise nach — Brüssel — wie er seiner Gattin und Sofie glauben machte, entwendete nun Adam auf Fräulein Sofiens Verantwortung schlau jenes Briefchen, während sich der Herr Baron eifrigst mit seinen Reise-Effecten beschäftigte; das Ziel und der Zweck seiner dringenden Geschäftsreise waren also verrathen, und dafür soll nun — hol' mich der Teufel, der schlaue Heuchler büßen! Strenge. Nu, wenn Ihr Plänchen nur den erwünschten Erfolg hat und Ihr Sträfling nicht etwa den ganzen Plan durchschaut! Scharfsp. Unmöglich! denn hol' mich der Teu — (sich fassend) will sagen, so viel ich gewiß bin, hat der Herr Baron nicht die entfernteste Ahnung von der Anwesenheit seiner Frau in der Residenz, und daß er mich einmal bei Baronin Birkheim, seiner Tante, getroffen, ist zum Glücke schon so lange her, daß er sich meiner kaum mehr, wenigstens nicht sogleich, erinnern dürfte, denn ich war damals noch Eadet! Die lustige Komödie entwarf seine muntere Cousine, Fräulein Sofie, meine holde Braut; hol' mich der Teufel, ein herrliches Mädchen! Strenge (lachend). Haha! Köstlich! Charmant! Scharfsp. Sind Sie nur unerbittlich! Strenge. O, ich werde nichts verrathen, aber nur Eines, Herr Rittmeister, ich möchte nicht gerne, daß die drollige Geschichte zu großes Aufsehen im Saale verursache! Scharfsp. Wir werden—eigentlich Fräulein Sofie wird den Herrn Baron schon aus dem Gedränge zu locken wissen, dann geht die improvisirte Komödie hier an. — Mein und der Frau Baronin Diener werden in der Nähe sein, ihn in Empfang zu nehmen und im Hause der Baronin, wo schon Alles bereits seine Rollen einstudirt, wird der tolle Carnevals-Schwank hoffentlich mit Glück zu Ende gespielt. Aber nun muß ich sehen, daß — hol' mich der Teu — daß bald die Komödie beginne! Ihr Diener, Herr Ball-Commissär! (Rasch ab in den Saal.) Strenge (lachend). Armer Ehemann, das wird für Dich ein schönes Redonte- Abcnteuer werden. (Ab.) (Der Walzer ist zu Ende.) Dritte Scene. Masken (eilen schäckernd aus dem Saale nach dem Buffet). Jean (als khineser maskirt, stürzt etwas später aus dem Saale, hält mehrere Masken an, und zieht endlich einen Kosaken mit sich in den Vordergrund). Jean. Sie, Herr Kosak, haben Sie kein'n Türken g'seh'n? Maske (reißt sich los, und eilt lachend ab in s Buffet). Jean (stürzt etwas zurück, mehrere Masken anhaltend). Haben Sie auch kein' Türken g'seh'n!? Masken. Hahahaha! (Lachend ab ins Buffet.) Jean (schreit). So wahr ich ein Chineser bin, ich muß ihn haben, denn er hat meine Wabi! Ich hab's erfahren, er ist mit ihr auf die Rcdoute gegangen, er als Türk, sie als englischer Matrose! Aber ich will Euch schon die Allianz vertreiben! Ich habe nicht umsonst meinen Winterrock versetzt, um ein 5 Redoute-Billet zu kaufen, und dann keine Wabi zu finden! (Eilt schreiend ab, Mehrere auf's Neue anpackend.) Haben Sie kein' Türken g'seh'n? (Verschwindet im Saale.) Vierte Scene. Baron L u st b a ch, Schlemmer und Leichtberg, später Fritz. Lustb. (tritt sehr echauffirt aus, und wirst sich unruhig aus den Divan). Schlemmer (ihm eilig folgend). Hahaha! Du bist ja ganz außer Dir? Lustb. Weiß der Himmel, was für ein sonderbares Gefühl mich mit einem Male überkam! Ich wollte eben über den köstlichen Witz einer Maske so recht aus vollem Halse lachen, da war mir plötzlich bei dem Anblick zweier Dominos, als ob mir die Kehle zugeschnürt würde. (Ruft.) Gar§on! Champagner! Leichtb. Die Crtreme berühren sich, das sieht man klar an Dir; wenn die Saite eines Instrumentes zu straff gespannt ist, springt sie, und so ergeht es Dir! Du warst zu lustig, fast toll, und nun fühlst Du Dich mit einem Male matt und abgespannt. Fritz (tritt mit einer Taffe, darauf zwei bhampagner-Bouteillen und drei Gläser, aus dem Buffet). Die Herren haben befohlen, hier ist Champagner preimörv csualile! Lustb. (entkorkt eine Flasche und leert hastig zwei Gläser). Nu, greift zu! Ha! wie das belebt! Entflammt! (Hebt eiu volles Glas.) Hoch die göttliche Champagne! Alle Drei (stoßen an). Vive la Ostum- PLAllk! Lustb. (wirft ein Goldstück aus die Tasse). Sv, mein Freund, seine Medicin war gut! Adieu! Fritz (unter Bücklingen ab in s Buffet). Danke — belieben zu befehlen, Ew. Gnaden. — (Kür sich.) Cavalier ist und bleibt Cavalier! (Ab.) Scklem m c r. Nun wird deine migrän- artige Melancholie hoffentlich bald vorüber sein? Leichtb. (ihn parodirend). Der Mensch lebt nur in der Gegenwart, d'rum soll er sie genießen ohne Grübeln um das Kommende und Vergangene! Nur der flüchtige Augenblick, in dem er eben athmet, ist sein allein! Hahaha! Dieß war ja sonst deine Art zu philosophiren! So bleibe ihr treu! Schlemmer. Der Mensch muß Con- sequenz besitzen! — L u st b. (munter aufspringend). Ihr habt Recht; fort mit den Grillen, noch winkt uns die Freude, und wer soll sie uns trüben? Hahaha! Keine Macht der Hölle! — Also vorwärts, hinein in's bunte Maskengetümmel! Gelacht und gescherzt, je toller, desto besser; Champagner entkorkt, Rendezvous erfleht, und in ein Meer von Wonne gestürzt! (Singt; abeilend.) »Treibt der Champagner das Blut mir im Kreise, dann ist das Leben herrlich und schön!« (Ab.) Schlemmer (ihm nacheilcnd). Höre doch! Bist Du denn wirklich verrückt!! (Ab.) Leichtb. Armer Ehemann! Das Gefühl der plötzlichen Freiheit scheint Dich zu erdrücken, wie einen vom Staar Operirten der erste Sonnenstrahl blendet; ja Freiheit und Licht kann nur der Besonnene zu seinem Wohle ertragen. (Ab ) Fünfte Scene. Scharfspitz mit Adele. (Beide nehmen die Larven im Auftreten ab.) Adele (ängstlich). Mein Gott! wie ich zittere! Fuß und Athen: versagen mir den Dienst! Sckarfsp. Hol' mich der Teu — (hustet) will sagen, nur Muth, meine Gnädige, der Herr Ballcommiffär ist mein Freund, er ist von unserem Planchen bereits unterrichtet, und versprach mir seinen Beistand! An dem Herrn Baron ist wohl die Reihe zu zittern, nicht an uns, meine Gnädige! Adele (wie oben). Sofie bat uns verlassen! Scharfsp. Das Fräulein trcnnte'sich von uns, als sie den Baron im Saale erblickte, und sucht null seine Aufmerksamkeit zu erregen, um ihn schlau hierher zu locken. Adele. Ack, Herr Rittmeister, ich vergehe! Scharfsp. Nur Eouragc, meine Gnädige! Rufen Sie sich die List und Falschheit des Herrn Gemals iu's Gedächtniß zurück, und Sie werden dann standhaft und ohne Schonung auszutreten vermögen! Bedenken Sie nur, schöne Frau, die bitterste Medicin ist oft die heilsamste! Adele. Sie haben wobl Recht, Herr Rittmeister, aber — Scharfs. Tod und Teufel! (Sehr artig.) Pardon, meine Gnädige! Hier kann und darf kein »aber« stattfinden, denn— doch fassen Sie sich — ich sehe eben Fräulein Sofie mit dem Herrn Baron nahen, lassen Sie uns ein wenig zurücktreten! (Beide ziehen sich beim Eintritt Sofiens mit Lustbach, die Larven vornehmend, etwas gegen den Hintergrund.) Sechste Scene. Vorige. Sofie. Baron Lustbach. Sofie (als Schäferin maskirt und die Larve vorhaltend, tritt eilig ein; mit verstellter Stimme). Mein Herr! Lustb. (sie verfolgend). Halt, halt, schöne Maske! Du entrinnst mir nicht! Sofie (schelmisch drohend). Du, Du! ich kenne Dich! Du bist sehr ungestüm! Lustb. O zürne nickt, holde Maske! Nur ein Marmorherz könnte bei dem Anblicke solch' entzückender Reize kalt und gefühllos bleiben! Adele (halblaut). Ach, der Abscheuliche! Scharfs. Sehen Sie, darum keinen Pardon! Sofie flachend). Wirklich? und Du bist es dock schon so oft geblieben. Lustb. (verdutzt) Ich, bei Dir? Du sprichst in Räthseln! Sofie (wie oben). Hüte Dich, dieRäth- sel zu lösen. Lustb. (sich ihr nähernd). Du scherzest! Sollte mir dicß so gefährlich werden? Sofie. Hm! Wer weiß, mein Freund, deine Frau — Lustb. (verblüfft). Meine Frau? (Schnell.) Ich habe keine Frau — (für sich) wenigstens, Gottlob! hier nicht! Sofie (bei Seite). Spitzbube! (Laut.) Wirklich? Keine Frau? Lustb. (sie zärtlich ansassen wollend). Was fällt Dir ein! Ich bin Gargon! — Sofie. Gargon? (Schlägt ihn mit dem Fächer leicht ans die Wange.) Du loser Schalk, Du! — Lustb. (vor Sofie knieend). Reizende Elfe! Miß Ella die Zweite! Laß' mich nur eine Sekunde lang Deine holden Züge schauen! >2 0 sie (legt ihren Finger ans seinen Mund). Ei bewahre, mein kleiner Ungestüm! Das geht nicht so schnell! Fasse Dich in Geduld, Du loser Schmetterling! Mein Mann ist hier im Saale! O, der ist sehr eifersüchtig; Othello war ein reines Lamm gegen ihn, mir wäre um dein edles Leben leid, denn wenn er uns erblickte, ein Duell wär' unvermeidlich, und mein Mann ist ein guter Schütze, er schießt das Eoeur-Aß mitten durch, ohne jemals fehlzutreffen! Doch will ich mit deinen Ovalen Mitleid haben, denn ick liebe Dich schon längst! Lustb. (rasch ihre Hände küssend). Du liebst mich, und schon seit Langem? O himmlische Fee im arkadischen Gewände idyllischer Unschuld! Ich danke Dir! Adele (bei Seite, sich kaum fassend) Nein, das ist zu arg, der Bösewicht! Sofie (sich z„ ihm beugend). Ei, so beruhige Dick nur, in einer halben Stunde findest Du mich hier, auf dieser Stelle wieder! (Winkt Adelen, sich zu nähern.) Also, auf Wiedcrseh'n, Du kleiner Ungestüm! (Schlägt ihn mit dem Fächer leicht auf die Wange, und eilt scheinbar ab, wird jedoch im Hintergrund» 7 bald daraus sichtbar, an drr folgenden Scene pantomimisch Antheil nehmend.) Siebente Scene. Vorige ohne Sofie. Lustb. (noch immer knieend). 2öerde pünktlich sein, reizende Arcadierin! Ihr Mann, sagte sie? Hahaha! Das gibt ein charmantes Redoute-Abenteuer! Jetzt fehlte nur noch meme Frau! Hahaha! (Er will aufstehen und erblickt, indem er sich wendet, Adele an Schars- spitz's Arme.) Alle Wetter!— Mei — meine Frau! (Springt auf und faßt sie hart am Arme.) Adele, was machst Du bier? Scharfsp. (leise zu Adele) Nur Much! Er hat Sic ja vorhin auch verläugnet!(Lant zu Lustbach ) Tod und Teufel! Was wollen Sie? Adele (etwas zurückweichend). Mein Herr! Wer sind Sie? Ich kenne Sie nickt! (Z„ Scharfspitz.) Kommen Sic, Lieber, in den Saal zurück! (Wendet sich zum Gehen) Lustb. (vertritt ihr den Weg). Lieber! (Heftig.) Was, wer, wieso? Lieber? Dageblieben, nicht von der Stelle, Madame! Adele (gleichsam staunend). Mein Gott, was wollen Sie denn? Lustb. Was ich will? Ha! sehr naiv! Dich, Dich will ich, Dick, Du falsche, treulose Schlange, die ich mit solcher Liebe an meinem Busen nährte, Dich will ick, oder will ich eigentlich nicht mehr, nein, niemals! Du —! Du! Scharfsp. Bomben und Granaten! Mein Herr, mit welchem Rechte wagen Sie es diese Dame zu beleidigen? Lustb. Mit welchem Rechte? Diese Dame ist meine Frau! — ' Scharfsp. (spöttisch). Ihre Frau?Hahaha! Adele. Welch' freche Lüge! Ich Ihre Frau! Sind Sie bei Sinnen, mein Herr? Sckarfsp. Meine Frau, Ihre Frau? Lustb. (ganz verblüfft). Was? meine Frau, Ihre Frau? seine Frau? also unsere Frau? Sckarfsp. (zuAdele). Komm', meinEn- gel! (Zu Lustbach.) Seine Frau! Hahaha! Herr, Sie sind toll, oder haben ein hitziges Fieber! (Wendet sich mit Adele, als wollte er gehen.) Lustb. (sich kaum bezwingend). Zum Henker! Was soll das heißen? Adele! Weib! Gattin! Engel! Satan! Adele (spöttisch knixend). Ich danke Ihnen, mein Herr, für diese Titulaturen! Lustb. (flehend). Adele! Du willst mich, Deinen angetrauten Herrn, vor aller Welt verlaugnen? (Sie hart am Arme fassend.) Ich lasse Dich nicht von der Stelle! Adele (sich an Scharfspitz schmiegend) Ach, lieber Mann, 's ist ein Wahnsinniger! Lustb. (zu Scharfspitz). Sic sind ein Unverschämter, der es wagt, sich am Arme meiner Frau mir dreist gegenüberzustellen, und freck zu behaupten, meine Adele wäre seine Adele, und ich — ick, der rechtmäßige Mann seiner Frau, ich sei toll, oder habe ein hitziges Fieber! — Sckarfsp. Hol' mich der Teufel! Jetzt wird's zu arg! - Mein Herr! — Ich habe lange genug Ihrem verrückten Geschwätze zugebört, Sie sind geradezu dem Narrenhause entsprungen! Wissen Sie wohl, mein Herr, wen Sie vor sich haben? Ich bin der Arzt der hiesigen Irrenanstalt, und werde gleich dafür sorgen, Sie wieder dahin transportiren zu lassen! Komm', komm', liebe Rosa! (Abgehen wollend.) Lustb. Was Rosa— Adele heißt sic! (Wüthend.) Weib, mach' mich nicht rasend! Sch arfsp. (heftig). Sie sind es schon! — Achte Scene. Vorige. Strenge. Strenge (im Auftreten). Erlauben Sie, meine Herren, was geht bier vor? Sch arfsp. Herr Ballcommissär, dieser Herr ist so unverschämt — Lustb. (heftig). Nein, dieser Herr hat die Frechheit — 8 Strenge (einsallend). 3ch bitte um Ruhe! Was soll's? (Zu Adelen.) Spreche« Sie, meine Gnädige! Adele (auf Lustbach zeigend) Herr Ball- commissär, schützen Sie mich vor der Wuth dieses Herrn, den rch gar nicht kenne, und der sich durchaus für meinen Mann aus- gcben will! Scharfsp. Und dieser Herr istso wenig der Gatte dieser Dame, als ich es bin, und nur um die Zudringlichkeiten dieses Menschen abzuwehren, usnrpirte ich vorhin das Gattenrecht! — Lustb. (flehend) Adele! Bin ich denn nicht Dein Gatte, dein Gemal, dein Mann, dein Carlchen? Strenge (zu Lustbach). Können Sie beweisen, mein Herr, der Gatte dieser Dame zu sein? Lustb. (wie oben). Adele, Du schweigst? Und doch — doch — (in komischer Verzweiflung zu Strenge). Za, ich bin's, Du Un- glücksel'ger! Za, ich bin's, den Du genannt. Bin's, dem — Scharfsp. (schnell einfallend). SchenSie, jetzt declamirt er den Zaromir! Er ist nicht ganz bei Sinnen! Strenge (zu Lnstbach). Sprechen Sie doch vernünftig! Ist diese Dame wirklich Ihre Frau? Lustb. (aufbrausend). Za wohl, Herr Ballcommissär! Westen Frau soll sie denn sein, als die meine! Adele! theurc Ehehälfte, so rede doch! Adele (zieht schnell ein Briefchen aus dem Busen und gibt es Strenge). Herr Ballcom- mifsär, ich bitte Sie, lesen Sie gefälligst! Zch verstehe die Absicht dieses fremden Herrn nicht, mein Mann ist auf Reisen, und — (betonend) gegenwärtig in Brüssel! Dieser Brief, den ich erst heute, vor wenig Stunden, von meinem lieben guten Manne aus Brüssel empfing, wird Sie am besten von der Wahrheit meiner Worte überzeugen, und dann urtheilen Sie selbst, ob ich die Frau dieses Irrsinnigen sein kann! — Lustb. Ibei Seite). Verdammt! Mein fingirter Brüsselerbrief von heute Morgens! Strenge (hat indessen den Brief scheinbar gelesen, ihn an Adelen zurückgrbend). Die Dame hat Recht! Mein Herr, Sie scheinen wirklich an der firen Zdee zu leiden, diese Dame für Ihre Frau zu halten! Zch rathe Ihnen wohlmeinend, den Saal zu verlassen und ähnliche Scenen zu vermeiden, denn wenn Sie jede Dame für Zhre Frau hielten, müßten die Männer sehr ungehalten werden! Sie können vernünftiger Weise der Gatte dieser Dame nicht sein! Scharfsp. Glauben Sie wohl jetzt daran ? Lustb. (mit vor Wuth und Zorn erstickter Stimme). Zch sollte daran glauben? Wie? Was? Zch kann vernünftiger Weise der Gatte dieser Dame nicht sein? Zch wäre also wirklich dem Zrrenhause entsprungen? Das wollen wir doch sehen! (Rust.) Heda, Schlemmer! Leichtberg! S charssp. (hält ihm schnell den Mund zu). Herr, was machen Sie denn für Getöse? Sic stören ja das allgemeine Vergnügen! < Winkt in die Scene.) Da kommen meine Leute. — Herr! Sie sind cs, der uns heute entsprungen, ich wollte Sie hier schonen, aber Zhr Benehmen zwingt mich, Sic nach Hause begleiten zu lassen! (Ruft.) Paul, Zakob! Bemächtigt Euch dieses Herrn! — Letzte Scene. Vorige. Paul und Zakob (j„ grauen Blousen) — dann Sofie, später Schlem m c r und Leichtberg. Paul und Zakob (auf Lustbach stürzend) Ganz wohl, Herr Doctor! Sch arfsp. Bringt ihn sogleich anfNr. 21» im Z. Stock! Er ist wieder etwas confns geworden, bewacht ihn strenge, daß er Euch nicht abermals entkommt! (Leise zu Strenge.) Wir danken Ihnen, Herr Ballcommissär! Hahaha! 9 Paul und Jakob. Ganz wohl, Herr Doctor! Luslb. (sich sträubend). Zum Henker! was soll denn das? Strenge (ebenso zu Adele). Wünsche guten Erfolg! Hahaha! Paul und Jakob (haben Lustbach in der Mitte). Also fort auf Numero 20! Scharfsp. (mit Adele hart an Lustbach vorbeigehend). Hol' mich der Teufel, mein Herr, Sie hätten sich diese Scene ersparen können! Adele (ebenso). Danken Sie Gott, daß mein Mann in Brüssel ist! (Beide ab.) Sofie (ebenso). Hahaha! Du Schelm, Du! Hat man Dich erwischt? (Ab.) Lustb. Wie? Auch Du? Auch Du in dem höllischen Complot! Paul und Jakob (den Baron fortziehend). Nicht gemurt! Marsch auf Numero 20. Lustb. (wüthend). Jn's Tcuftlsnamen! So hört doch! Schlemmer und Leichtb. (eilen aus dem Saale und bleiben überrascht stehen). Was ist das? Strenge (tritt ihnen rasch entgegen und spricht leise mit ihnen, worauf sie in ein schallendes Gelächter ausbrechen). Lustb. (sträubt sich heftig und will reden). Paul (hält Lustbach den Mund zu). Still, Patron! Kein Wort! Der Herr Doctor hat's befohlen! Marsch auf Numero 20! (Mit ihm und Jakob ab.) l Unter Maskenlärm, Ballmusik und heftigem Gelächter fällt der Zwischenvorhang.) (Nach einer kurzen Pause.) Zweites L i (d. (Zimmer im Hause der Baronin Dirkheim mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren. Die Thüren sind mit Tafeln und Nummern versehen. Die Mittelthür ist mit Nr. 19 — die Thür rechts mit Nr. 21 — und die Thür links mit Nr. 20 bezeichnet. Vor dieser ein Fenster, rechts ein Tisch, Stühle rc. Es ist Nacht.) Erste Scene. Eveline (tritt mit Licht (Armleuchter) ein, und stellt ihn auf den Tisch, dann zieht sie ein Mannscript in Form einer Rolle ans'der Schürze, blickt freudig hinein, küßt es und spricht, komisch seufzend). Ach, wenn ich nur vor einem reckt zahlreichen Publicum meine Rolle spielen könnte! So aber wird keine fremde Seele mein Talent bewundern als der Herr Rittmeister, der ewig flucht, und meine Damen, die mich ewig auslachen, und diese werden meine Leistungen statt durch den Operngucker durch's Schlüsselloch betrachten! An ein Applaudiren, Herausrufen oder Kränzewerfen ist schon gar nicht zu denken! Ach! cs muß doch ein eigcnthümlickes Wonnegefühl sein, von einem Blumen- Hagel förmlich erscklagen zu werden, frcilick ist diese Auszeichnung bald keine Auszeichnung mehr, da man jetzt schon jeder hübschen Kunstreiterin Kränze wirft! Ach, tragisch spielen wäre meine Leidenschaft! So reckt rasen und agiren! seufzen und sterben! Aber die größten Triumphe kann man doch nur als berühmte Sängerin oder Tänzerin feiern, denn da wird von den Enthusiasten gar zuggepferdet! Ja freilich, die reizenden Füßchen einer spanischen Tänzerin erwecken in den Herzen der heutigen Männerwelt oft weit mehr Sympathie als die erhabensten Worte unserer klassischen deutschen Dichter! Wenn ich's nur bis zu einer Ophelia auf dem wirklichenTheater brächte! Ob ich denn auch überhaupt, trotz meiuer 10 Leidenschaft für's Theater, Talent dazu ba-e? — Nu, heute wird sich's ja zeigen! iWill ab ) Zweite Scene. vorige. Adam stritt ihr unter der Thür entgegen). Adam (im Kostüme eines Narrenwärteis mit langem Pollbart, grauer Perrücke und einem Schlüsselbunde am Leibgurte) bvkline ,bei seinem Anblicke laut ausla chend). Hahaha! Wie sieht denn der Monsieur Adam aus!? Und dieser Bart! wie der Portier eines russischen Hotels! Adam. Gefällt Ihr dieser Bart nickt? Gut, werden ihn gleick rasiren! , Nimmt den Bart ab.) So! war das nicht schnell? Jetzt gefalle ich Ihr? Was? Evel. (lachend). O, ungemein! (Will ab ) Adam (sie zurückhaltend). Halt, Jungfer Eva, wohin? Evel. Ich muß studieren! Adam. Studieren? dummes Zeug! Evel. Einfältiger Mensch! was versteht er von der Kunst! Adam (stolz). Oho, Mamsell, spiel' ick heut' nicht auch Komödie? Evel. (leichthin). Ja, Er! Er hat's gar leicht, Er spielt nur aus dem Stegreif, da spricht Er halt, was ihm just einfällt! — (Gewichtig.) Aber ick, Monsieur Adam, ich muß gar Verse recitiren! Weiß Er, was das heißt, in Versen sprechen? O, das ist nicht gar so leicht, da heißt es fein Acht geben, sagte Fräulein Sofie, denn wie ich nur einen einzigen Fuß vergesse, bin ich verloren! Adam. Dummes Zeug! Sie wird doch Ihre Füße nicht vergessen? Evel. Wie einfältig! Jeder Vers hat einen Fuß! Adam. So? das ist komisch! Also Gedichte haben Füße und gehen dock so schlecht ab, so sagen wenigstens die Verleger, wenn ein Vcrsifar seine Gedichte drucken lassen will! Evel. Hahaba! Er ist ein Narr, halt Er mich nickt auf mit seinen Possen, ich muß noch memoriren! (Eilt ab in Nr. 21.) Dritte Scene. Adam i allein). Heda! Jungfer Eschen! fort ist sic! Nein, ich habe doch ein eigenes Peck! So oft ick d'rurn und d'ran wäre, ihr eine Herzenseröffnung zu macken — husch! hat sic der Kuckuck geholt! Und wir Zwei passen so harmonisch zusammen. Ich der Adam, sie die Eva, nur die Schlange in Gestalt eines befrackten Hausfreundes mit Augenzwicker, Scknurrbart und Glacehandschuhen dürfte sich in mein eheliches Paradies nickt hineinschlcicken. — Ich bin ein Narr, sagte sie? Comment-Narr? Wie so — Narr? vielleicht meinte sie lieber Narr! War also dieser Narr naiv oder grob? Erklärt mir, Graf Oerindur, diesen Zwiespalt der Natur! Vierte Scene. Adam, Sofie und Adele (noch halb im Ballcostüm). Sofie (im Eintreten). Ah, das ist ja Adam! Was macht unser Gefangener? Adam. Der ftciherrliche Verbrecher ist endlich eingeschlafen und geruht da auf Nr. 20 ganz sanft zu schnarchen; wollte eben wieder pflichtgemäß bei ihm Nachsehen! Sofie (sehr munter). Also eittgeschlafen! Hahaha! Adele. Im Grunde dauert er mich dock. Sofie. Mich nicht im Mindesten. Denke nur, Adelchen, welche Unzahl von Gräuelthaten der Herr Eonsin, respective Dein Gcmal, verübte! Geschäftsreisen vergeben, falsche Briefe schreiben, und als Junggeselle mir den Hof machen wollen! Ist das nicht unerhört? O, dafür soll der Bösewicht noch ärger büßen! Nun, Adam, 11 erzähle, wie benahm sich der Herr Baron, als man ihn hicrber gebracht? Ahnt er schon, wo er sich eigentlich befindet ? hat er Dich erkannt? Adam. Hahaha! Keine Idee! der Herr Baron glaubt fest und steif in einem Narrenhause zu sein, worin ihn die Nr. 20 oberhalb der Thürc seines Zimmers noch mehr bestärkt! Der Herr Baron setzte sich anfangs verteufelt zur Wehre, allein wir packten Seine freiherrlichc Gnaden gegen allen Rcspect mit herkulischen Kräften fest an, und brachten ihn endlich auf sein Zimmer. Narb einer kurzen Pause, während welcher unser sreiherrlirber Gefangener bald mit heftigen Schritten sein Stübchen maß, bald wieder stille stand, und dann wieder so unheimlich auflackte, daß ich beinahe selbst schon an der Richtigkeit seiner fünf Sinne zu zweifeln begann, verlangte der Herr Baron Papier und Schreibzeug, um, wie er sagte, an die gnädige Frau Tante zu schreiben. Ich brachte ihm das Verlangte, darauf schrieb er in großer Aufregung den Brief, und band es mir bei allen Heiligen des Kalenders auf die Seele, das Schreiben sogleich nach der Post zu besorgen. (Zieht den Brief und gibt ihn Sofie.) Hier ist die neueste Depesche vom Kriegsschauplätze, enthält vermuthlick eine Widerrufung, und die Schnelligkeit der Expedition hat wohl dießmal selbst die Geschwindigkeit sämmtlicher Telegrafenlinien überflügelt. To sie (nimmt den Brief). Gut! was weiter? Adam. Hierauf jagte uns der gnädige Herr, seinen Stuhl schwingend, zur Thür hinaus, und als ich mir trotzdem einige Minuten darauf ein Herz faßte, und dnrch's Schlüsselloch sah, war der gute Herr Baron, vcrmuthlich in Folge der heftigen Ge- müthsbewegung und abgespannten Körperkräfte, fest ei «geschlafen. Sofie. Gut, jetzt gehe wieder an deinen Posten, und hüte Dich, uns den Spaß zu verderben! Adam. O, gnädiges Fräulein, versprachen mir ja, mich in Ihre Dienste zu nehmen, wenn mich — wie zu hoffen — der Herr Baron am Schluffe der Komödie zum Teufel jagen sollte, also können sich Fräulein ganz auf mich verlassen, ich werde als Ihr künftiger treuer Diener schon alles Mögliche aufbieten, dem Herrn Baron die Hölle recht heiß zu macken! Hahaha! (Ab durch die Mitte.) Fünfte Scene. Vorige ohne Adam, dann Lustbach (von innen). Sofie. Gut, gut! Nun, Adelcheu, laß uns sehen, was wohl der arge Sünder für neue Lügen schreibt, und wie er sich bei Mamachen aus der Patsche zu ziehen sucht! Adele. Aber der Brief ist ja an die Tante! Sofie. 8ans F6N6, will's schon verantworten! (Liest.) Hochgeehrte, gnädigste Frau Tante! (Spricht.) Sehr devot und respektvoll! Ja, das Unglück mackt ergeben! (Liest.) Ich melde Ihnen in aller Eile, daß ich auf meiner Reise, eigentlich Rückkehr von Brüssel — (spricht) aha! der Herr Cousin hätte sich bald geirrt im Lügen — (liest) mit einem einer Irrenanstalt entsprungenen Pflegling, vermuthlick wegen frappanter Aehnlichkcit mit dem Unglücklichen — (lacht) hahaha! sehr ähnlich! — (liest) verwechselt, statt des Entsprungenen ergriffen, und trotz meiner Betheuerungen und heftigstes Gegenwehr in's Narrenhaus gebracht wur^e. Eilen Sie daher, gnädigste Tante, ich beschwöre Sie, mich meines lästigen Aufenthaltes zu befreien, und mir zugleich ein Räthsel zu lösen, das mich — je mehr ick darüber nachsinne, noch wirklich zum Narren machen könnte! Erwähnen Sie aber, gnädigste Tante, von diesem Briefe keine Sylbe gegen Adele und Sofie, denn ick habe meine guten Gründe dafür. Ihr nach Erlösung schmachtender, ehrfurchtsvoll gefertigter Neffe Karl Baron von Lustbach. (Llgt d,» 12 Brief zusammen.) Hahaha! Der Spitzbube! Wie er doch die Sache zu drehen weiß, an ihm ist wahrhaftig ein Advocat verdorben! Adele. Was nun thun? Sofie. Das wollen wir gleich mit der Mama berathen, denn »tros faeiunt, eol- lexium!« sagt der Lateiner. Adele. Sehen muß ich meinen armen Carl doch ein bisckcn! (Eilt zur Thür Nr. 20 und sirht durchs Schlüsselloch.) Wahrhaftig! Er schläft! Sofie (ebenfalls hinzueilend). Sanfte Ruhe, Herr Cousin! Lassen Sic sich von Ihrer reizenden Arcadierin recht was Hübsches träumen! Habaha! Adele (ängstlich lauschend). St! St! So- sicchen! Er regt sich — sein Schlaf ist unruhig — er scheint im Traume zu sprechen. Sofie (lauschend und ein wenig die Thür öffnend). Da wär' ich dock begierig! Vielleicht spricht der Herr Cousin doch wenigstens im Tranme die Wahrheit! Also stille! stille! (Beide lauschen.) Lnstb. (von innen). A—de—le! Ver— zei—he! Adele! (Schreiend). Halt! Da geblieben! Nickt von der Stelle, mein Herr! (Getöse, dann schmerzlich.) Au! Au! Adele (sehr ängstlich). Ach. Sofiechen, derj Arme ist vom Divan gefallen! — Sofie. Hahaha! Er träumte von der Redoute! Komm', Adelchen, Carl ist erwacht, er darf uns jetzt nicht sehen!. (Küßt sie.) Fasse nur Muth, die Komödie wird gewiß gut enden, die ich doch eigentlich nur als eine Wohlthätigkeits - Vorstellung zu deinem Besten arrangirte! Also komm', liebes Herz! — Mein Bräutigam, Rittmeister Scharfspitz, wird uns schon bei der Mama erwarten! Adele (naiv). Ach guter Gott, gib mir meinen Carl gebessert wieder! (Beide durch die Mitte ab.) Sechste Scene. Lustbach — später Adam. L U st b. (tritt sinnend aus dem Cabinet). Träum' ich, oder wach' ich? — Wo bin ich denn? Bei wem? In wessen Hause? — (Erblickt die Thürnummer.) 19 — 20 — 21 — ist das ein Hotel, wo ick unterwegs einlo- girte? Heda! Niemand hier? (Sich besinnend, plötzlich erschrocken.) Ha! im Narrenhotel! Es war kein Tranm! Sie trieben ihr böses Spiel mit mir, oder — bin ich etwa wirklich verrückt? (Poltert ) Heda! Leute! Leute! zum Henker! Ist denn keine Seele in der Nähe? Adam (den Bart vorgehangen, tritt barsch ein; mit veränderter Stimme). Na, was svll's? Was rumort man so? Lustb. (ihn anstarrend). Was das für ein Kerl ist! Zum Vögelschrecken! Adam. Halt, Patron! keine Schmeicheleien! Ich lasse mich nicht bestechen! Lustb. Nu, nu, fahr' er mich nur nicht so an! Sag' er mir lieber, wo und wer bin ich, und wer ist denn cigentlick er? Adam. Das weiß man nicht? Schöne Erziehung! Ich und Er sind, wie mein Schulmeister sagte, persönliche Fürwörter! Lustb. (bei Seite). Ist schon richtig! Ick bin wirklich im Narrenhanse, der Kerl ist ein Narr! Will's noch einmal versuchen, vernünftig mit ihm zn reden. (Laut.) Hör' Er, guter Freund, ich meinte ja vorhin, in was für einem Hause ich mich befinde, und wie sein Charakter ist. Adam. Nu, das Haus ist sehr fest, und mein Charakter ist sehr gut! Lustb. (bei Seite). Himmel, der Kerl ist richtig ein Narr! Noch Eines — (laut) wo ist Adele? Adam (sich erstaunt stellend). Adele? Was für eine Adele? Kenne keine Adele! Weiß von keiner! Lustb. Zum Henker! meine Frau! Adam. Leeres Geschwätze! Kenne keine Frau Adele! Laß der Herr seine fire Idee, und halt' er mich nicht auf — verstanden? Ich muß noch bei den Uebrigen Nachsehen! (Will ab.) Lustb. (ihn zurückhaltend). Wer sind diese Uebrigen? Adam (aus die Stirn zeigend). Na, solche wie der Herr! (Will ab.) Lustb. (aufbrausend). Man unterfängt sich schon wieder? (Gelassen.) Ja so, ick vergaß, er ist ja nicht recht bei Sinnen! Adam. Was? ick verrückt? ick? I bewahre! Bei dem Herrn mag's wohl der Fall sein! Ich bin kein Narr, sondern der Narrenwärter! Lustb. (ihn am Kragen packend). Kerl! Er unterfängt sich noch einmal? Adam (bei Seite). Himmel! Jetzt hätte der Herr Baron bald meine Perrücke erwischt! (Laut.) Na, na, na; nur ruhig, ruhig! Hübsch piano! Sonst wird, wenn ich's dem Herrn Doctor sage, die spanische Jacke angezogen —verstanden? Lustb. (erschrocken). Wie— was — die spanische Jacke! So bin ich denn wirklich in einem Narrenhause? — Mir schien es nur ein böser Traum! Adam. Nein, nein, kein Traum! Es ist so! Also ruhig, Patron, ruhig, sonst—na, — man weiß schon, was ich sagen will. (Bei Seite ) Der arme gnädige Herr! haha- ha! (Ab.) Siebente Scene. Lustb. (allein wie betäubt). Also, im Nar- renhause! Und dieß Alles Dein Werk, Adele, sie, die ich so rasend liebte, sie, die sanfte, gute, zärtliche Adele, verläugnet ihren treuen Gatten und läßt ihn nach dem Narrenhause führen, um sich am Arme eines Anderen ungenirtcr amusiren zu können! Tod und Teufel! Wer mag der freche Bube gewesen sein, dem es gelang, das treueste Weib zu kirren? Er gab sich zwar für den Arzt dieser Irrenanstalt aus, doch, ich wette, dieß war eine kecke Lüge, um mich bequemer aus dem Wege zu raumen! Ist das nicht, um im Ernste roll zu werden? O Weiber! Weiber! Alles ist nur eitel Trug und Lug an euch! (Pause, dann heftig.) Nein, nein! ich halte es an diesem verdammten Orte nicht länger aus, ich muß sort, und kost' es, was es wolle, ick springe durch's Feniter. (Eilt zum Fenster, zurückpral- lend.) Verwünscht! Es ist zu hoch! drei Stockwerke! Der Sprung würde Hals und Beine kosten! (Hinabsehend.) Unter dem Fenster ein Garten, da gibt es gewiß noch eine ebenso hohe Mauer zu übersteigen, natürlich — Narren pflegt man besser zu bewahren, als vernünftige Leute. Und keine Seele hier, der ich mich anvertrauen könnte; der alte bärbeißige Tölpel dürste kaum durch Geld und gute Worte zu gewinnen sein! Der Esel hält mich ja wirklich für verrückt! ,Pause.) Und doch — doch ich bleibe keine Minute länger hier, ein kräftiger Baum breitet seine grünen Arme dicht an diesem Fenster aus, auf sie will ich mich schwingen, dann sachte den Baum hinabklettern, und so mit keckem Muthe das Weite zu gewinnen suchen! (Macht alle Vorbereitungen, das Fenster zu besteigen.) Achte Scene. Voriger. EVeline (in weißem Kleide, mit aufgelösten Haaren, das Gesicht verschleiert, tritt aus Nr. 21). Eveline (im tragischen Tone unter derThür). Halt ein, mein Carl! halte ein! L u st b. (sich rasch wendend). Wer ruft, Adele? — (Eilt aus Evelinen zu und bleibt nach ein paar Schritten erstaunt stehen.) Wer ist diese Person? Was will sie hier? Evel. (zärtlich). Hab' ich Dich endlich hier gefunden? Nun bist Du mein, auf ewig mein! (Will auf ihn zu.) Lustb. (sich schnell zum Tisch flüchtend). Himmel! Eine Verrückte! Wahrscheinlich ihre? Haft entsprungen, und der alte Tölpel gaß die Thüren zu schließen! Ein sauberex Wärter! Was fange ich nun mis ihr an? 14 Eveline (declamtrend). Der böse Traum, er ist entschwunden, Das Schicksal hat uns neu verbunden, Sollst nimmer mir entrissen sein! (Sie nähert sich dem Tische.) Lustb. (stellt in höchster Angst Stühle ans den Tisch, sich dahinter verbergend). Ist denn Niemand in der Nähe? (Schreit.) Zu Hilfe! zu Hilfe! Eveline (wie oben). Fruchtlos verhallt dein wütbend' Toben, Nickt mehr, mein Carl, entfliehst Du mir! Willst Deine Liebe mir erproben, So schwör' bei diesem Dolche hier — (Zieht eine zerbrochene Schere hervor.) Bei diesem Stahl sollst Du geloben, Mit mir zu zieh'n vereint nach oben, Wo ewig dort verbunden wir! — Willst Du? (Dringt auf ihn ein.) Lustb. (kriecht halb unter den Tisch, schreiend). Man mordet mich! Zu Hilfe! zu Hilfe! Eveline (mit Pathos) Wie, feige Seele — Dil erbebest? Wohlan, so sterbe ich, — Du lebest! (Sie ersticht sich und wankt so lange, bis sie einen Stuhl gefunden, auf den sie finkt.) Lustb. (erschrocken) Herr des Himmels! Sie ist todt! Neunte Scene. Vorige. Adam l als er die Thür öffnet, sieht man Sofie, Adele und Scharfspitz von außen in lauschender Stellung, sie winken sich Alle lächelnd zu, schnell und leise sprechend). / Adele. Die Kleine spielte charmant! ^ »aber nun, denke ich, wär's wohl genug. 2 < So fie.Noch ein wenig soll er zappeln! cA I Scharfs. Hol' mich der Teu — will ^ (sagen famos! Adam (tritt polternd ein). Nu,was gibt's? Was ist schon wieder los? Lustb. (ausathmend). Gott sei Dank! ich bin nicht mehr allein mit ihr. (Aus Sveliue zeigend ) Da, mein Freund, da sieh'Er hin! Adam (scheinbar bestürzt). Donnerwetter! Uns're schlimmste Kranke! Ihre Nachbarin von Nr. 21! Lustb. Werde mir die Nummer merke»! Adam. Ja, setz' sie der Herr in die Lotterie, vielleicht gewinnt der Herr! Aber — was ist ihr denn passirt? Lustb. Diese Kranke macht Euch keine Sorge mehr. Sie ist todt! Adam (wie zuvor). Todt? Ganz todt? Und ohne ärztliche Erlanbniß! (Z„ yveline.) Hätte sie nicht warten können bis zur medi- cinischen Visitstunde? — Hm! hm! also mausetodt! Lustb. Seht nur selbst! (Zn hastiger Angst ) Freund! Mensch! Bruder! Wenn Du Vernunft, Gewissen und nur etwas Herz in, Leibe hast, so höre mich an und laß' Dich von meiner Angst und Verzweiflung rühren ! — Ich bin — der Himmel ist mein Zeuge — so wenig ein Narr als Er, mein Freund! Adam. Pah! das glaubt ein jeder Narr! Lustb. Nein, guter Alter, noch bin ick keiner, aber bald könnt ich's werden, wenn Er, guter Alter, mit meiner Lage kein Mitleid und Erbarmen hat! Adam (trocken). Ich bin ein Wächter — und Wächter müssen von Eisen sein! Geht nickt! Lustb. (flehend). Mensch! Sei kein Ungeheuer! Durch die schändlichste Cabale — aber ohne Liebe — brachte man mich in dieses Haus! Ich schwör' es ihm noch tausendmal, ich bin kein Narr! Laß' Er mich frei, und bei Gott! ich will's ihm fürstlich lohnen! Adam. Das geht nicht an, mein Dienst! Lustb. (schnell). Ich nehme ihn zu mir auf mein Gut! Adam. Gut? Schon gut, aber— Lustb. Kein aber! Bedenk', mein Leben steht auf dem Spiele! (Aus tzveline zeigend.) Die Entsetzliche wollte mich morden! Noch eine solche Scene, und ich sterbe vor Angst! IS Adam (überlegend). Hm! hm! Wenn man also dem Herrn doch Unrecht gethan, wenn ein Jrrthum — Lustb. (schnell). Ganz gewiß, nur ein Mißverständnis! Adam (nachgebcnd). Nu, nu! Schon gut! Man ist also verheiratet? Lustb. (unwillkürlich seufzend). Ah ja — »rein Freund! Adam. Hat man wohl auch Kinder? Lustb. (für sich). Diese Lüge kann mir vielleicht helfen! (Laut.) Ach ja — Adam. So? hm! hm! Wie viel Stück? Lustb. (seufzend). Drei Mädchen und drei Knaben! Adam. Also sechs Stück? Hm! das ist ja gleich ein halbes Dutzend! (Kür sich.) Der Herr Baron lügt, wie manches gedruckte Kunstreserat! (Laut.) Na, na! will's wohl überlegen! Vorerst muß ich diese da Fritz, sein Sohn. Nandl. > Wilhelm Feder, Schriftsteller. Liesl, Friedrich Muster, ein armer Weber. S esferl, Igel, ein Wucherer. Mirzl, V Bäuerin Veit, Dorfrichter. Traudl, i Kathi, seine Tochter. l Ghristl, Traunit, Wächter. ^ Burgl, Hanns Kienbaum, ein Waldbauer. Anton, Bedienter. Grete, sein Weib. ^ Gin Kommissär. * Herren. Damen. Bauern. Diener. Wache. Die Handlung spielt aus Goldrand's Gute. 1 Erster Äct. (Freie Gegend. Rechts der Theil eines Wirths- hauses, daran eine Gartenmauer, welche sich an dm C oulissen in den Hintergrund zieht. Links ein elegantes Stakettengitter mit den Steinpfeilern, zwischen denen sich eine Thür befindet, welche halb offen steht und in einen Park führt; den Hintergrund bildet eine freundliche Dorfgegend mit Bergen begrenzt. Rechts am Hause Bänke und zwei Tische, daraus Krüge und eine Zither. Links am Gitter eine Steinbank. Recht und links vom Schauspieler.) Erste Scene. Bauern und Bäuerinnen (im Sonntagsputz tanzen). Aeltere Bauern (fitzenrauchend und trinkend an den Tischen). Jakob (fitzt vorn rechts und spielt Zither und stampft den Tact mit den Füßen). Steffel, Michel (tanzen). Veit (aus den Stock gestützt steht links und sieht zu). Chor. (Siehe Partitur.) Jakob (aufstehend). Das ist und bleibt wahr, a Musi und a Tanzl riegelt's Blut in d'Höh! Steffl (den Krug hebend). 'S Weinl nit zu vergessen! Ohne ein' guten Wein bat die ganze G'schicht kan Werth. Jakob (auch den Krug htbmd). Recht hast! Der Michl, der Bestgeber soll leb'n! Alle. Hoch! Der Michl hoch! Michl. Laßt Enk nichts abgch'n! Der Tag, wo ich mein Treffer g'macht Hab', der soll an Jeden sein Lebtag im Gedächtniß bleib'n. Leit. Hast denn unserm Hergott a schon dankt für das Glück? Bei'm Saufen und Tanzen scid's ös glei dabei, aber bei'm Beten? — He? „ Michl. Dös war's Erste! Jh bin auf no nie so andächtig und frumm; 's war ja Hilf' in der höchsten Noth. Morg'n hält' ih g'pfänd't wer'n soll'n weg'n einer Schuld, die mein Vota selig g'macht hat und die ih nit Hab' zabl'n können, so fleißig als ih a g'arbeit Hab'. Veit. Das Zcugniß muß ih Dir geb'n. Du bist a braver orndlicher Bursch! Michl. Und doch hat mir Kaner g'hol- fen. Wo ih ang'klopft Hab', da Hab' ih a Achselzucken und a Kopfschütteln g'funden. Veit. 'S hat Kaner helfen können. Michl. Ich will's glaub'n und so is der Tag immer näherg'ruckt, wo's meiner armen Mutter 's Bett unterm Leib wegg'nom- men hätten und uns aus der Hütt'n Hinaustrieben hätten, wo ih geboren bin und mein Vater g'storben is. Um mih is mir nit g'wesen, aber um mein' arme alte Mutter. Die bätt's nit überlebt und hat schon Tag und Nacht g'woant, daß mir's beinah' 's Herz abdruckt hat. Jakob. Wie bist denn nachher zu dem Los kommen? Michl. Vor a paar Tagen kommt der Herr Pfarrer und fragt mein' Mutter, ob sie nit woaß, was mein Vater mit dem Los g'macht hat, das er vor a paar Jahr z'gleich mit ibm g'kauft hat. Die Mutter woaß nir, sucht überall h'rum, im Kasten, in die Laden, im Kalender, im Betbückel und endlich a in der alten Bibel — da war's d'rin. Der Herr Pfarrer schaut's an und sagt, es is richtig, — das Los is g'zogen, und ihr könnt's jeden Tag euren G'winn hol'n. »Wird was Rechts sein,« sag' ich, »arme Leut' hab'n kan Glück«. Steffl. Da hast Recht! Michl. »No,« meint der Pfarrer, »zehntausend Gulden glaub' ich sicher —zehn — das Wort is mir im Hals stecken g'blieben d'Knie ^'fallen und Hab' bet' — vielleich^und an Schneller hat's mir geb'n, daß ih 3 mit dem Kopf an die Decken ang'stoßen bin, und mein gut's Mutterl hat beinah' der Schlag g'troffen vor Freud. Steffl. No ja, so zehntausend Gulden sein a a Schlag! Michl. 3h in d'Jacken h'nein, denHut aufn Kopf und in ein' Laufen nach Wien, daß mir beinah der Athem ausblieb'n is. Ih komm' in d'Wechselstub'n, die auf dem Los anzeigt war — richti 's is g'wesen! mein Los hat g'wonnen — zehntausend Gulden sind mir auszahlt wor'n, und ih bin beinah' narrisch wor'n vor Freud', wie ih das viele Geld g'seh'n Hab'. Steffl. 3 glaub's. Michl. 3h Hab' mir nit a Seitl Wein vergunnt, um nur g'schwinder z'Haus z'kommen. Mein Mutterl Hab' ih die Banknoten Ln d' Schooß zählt und die hat den Vater im Grab g'segnet und ihm dankt, daß er das Los kauft hat, was uns jetzt in der größten Noth Gottes Hilf war. 3h Hab' die Gläubiger zahlt, wir sein schuldenfrei, —a frisch Vieh is im Stall, 's Häuser! wird herg'richt und so bin ih wieder a Bauer so gut wie Einer. Und weil der liebe Gott mir hat a große Freud' g'macht, so soll'n And're sich a mit mir freu'n! Veit. Hast denn den Armen a was geb'n? Michl. Freilich; die Hab' ih nit vergessen. Veit. Aber ich wüßt' doch was, wo Du mehr Gur's thun könnt'st, als wann Du die Bauern b'soffen machst. Michl. Was denn, Herr Richter? Veit (zieht eine Zeitung hervor). Schau. Tagtäglich lest man in die Zeitungen, daß durch den amerikanischen Krieg und die Baumwollennoth viele Fabriken stillsteh'n und Gewerbe darniederliegen; Tausende von braven Arbeitern sein brodlos, und die haben, um nit Hunger zu leiden, Krampen und Schaufel in die Hand genommen und arbeiten au der Stadterweiterung. Aber viele haben Familie, der Erwerb langt nit aus und die Noth ist groß. Von allen Seiten gehen milde Beiträge ein. Der Adel, der Bürger steuert bei, und wir Bauern, die wir Gott sei Dank was z'leben hab'n, wir sollten z'ruckbleiben? Alle. Na! na! Was soll geschehen? Veit. Das werd's eh' wissen, wenn 3hr mich verstanden habt's. Michl. Ob ick's verstanden Hab'. 3h mach' den Anfang, da sind zwei Zehner. Veit. Von mir a zwei. iS (Die Weiber drängen sich vor und sprechen durcheinander, während die Männer die Brieftaschen ziehen.) Nandl. 3H gib zwei Schunken. Liesl. 3h ein Stritz Butter. Sefscrl. 3h ein Sack Mehl. Trau dl. 3h an Metzen Erdäpfeln. Mirzl. 3h an Korb Eier. Christ!. 3H zwei Hendeln. Burgl. 3h a Gans. Alle. 3H a was! 3H a was! Veit. Halt! halt! Kinder! Kommt's herein, ich werd' aufschreib'n, was a 3ed's geb'n will. Weiber und Madeln sollen Naturalien geben. Die Männer a Geld. A 3ed's, was es kann, für die kleinste Gab' bleibt der Segen Gottes nit aus. Also kommt's! 3akob. Der Richter Veit bleibt doch der G'scheiteste! Michl. Und unser Volk hat noch alleweil a Herz! Und so lang's Oesterreicher gibt, so lang hat der Arme an Freund! Vorwärts, Leut'l, und denkt's an das Sprüchl: (Singt.) Denn, der kein Herz für d'Armuth hat, Der is a schlechter Bua! Den sollt' ma in die Gruben leg'n, Mit dem is eh' schon zu. Chor (rrpt ). (Alle tanzen ab. Die Tische sind indessen abgeräumt worden.) Zweite Scene. Feder (in abgetragener, doch ziemlich sauberer Kleidung aus dem Hintergründe links). L n 1 r e e. O Elend, o Jammer, o Noch! Kein Geld, kein Erwerb und kein Brod! Wohin ich auch richte den Blick, Ich seh' für mich nirgend ein Glück! Für mich ist die Welt vernagelt, Jedes Streben ist erdrückt, Jede Freude mir verhagelt, Und der Sturm hat mich geknickt! Viel versprach die Welt mir Armen, Sie hat mich mystificirt! D'rum ein Schuß und meine Rechnung Mit dem Leben ist quittirt. An mir will sich jeder reiben: »Armer Scribler,« heißt es da, »Soll bei seinem Handwerk bleiben,« Und so schimpfen's fern und nah'. Da zu kämpfen ist vergebens, Wo kein' Weg zum Siege führt — D'rum ein Sprung dort in die Donau Und die Rechnung ist quittirt. Was ich Schönes auch geschrieben, Selbst das herrlichste Gedicht, Es ist unbekannt geblieben, Diese Menschen lesen's nicht! So von aller Welt verlassen, So verhöhnt, abandonnirt — Bleibt mir nur ein Strick am Baum dort Und die Rechnung ist quittirt. Aus! Vorbei! Ich habe abgerechnet mit dem Leben und das Facit ist: Sterben. Es ist dieß das einzige Mittel, diese erbärmliche Eristenz, diese Kette von Täuschungen abzuschütteln. O, welche Hoffnungen setzte ich nicht auf die Zukunft und wie haben sie sich erfüllt! Als ich dem innern Drang gehorchte und dem Wald entlief, wie heiter und rosig lachte mir das Leben, was fühlte, was wollte ich nicht Alles! Keine Arbeit war mir zu viel, wenn sie mir die Mittel gab zu lernen, zu studiren, meinen Geist zu bilden. In langen Winternächten las ich — ach, verschlang ich ganze Leihbibliotheken, um die Sehnsucht in meinem Innern zu stillen — es drängte mich mit Gewalt, die Feder in die Hand zu nehmen, und als die ersten schwachen Versuche mit Beifall gekrönt wurden, wie jubelte ich da. Ich schrieb fort — der Beifall blieb aus — noch mehr — man ließ mich fallen, — man lachte mich aus, und cs hieß: »Wir haben uns in ihm getäuscht! Wir hielten ihn für ein Talent und er ist nur ein blindes Huhn, das zufällig ein Körnchen fand.« Hahaha! Es ist schändlich, dämm will ich von der Welt nichts mehr wissen, und so wie sie mich verläugnet — so verläugne ich sie, die falsche, heuchlerische, undankbare Menschheit! (Sinkt aus die Bank links ) Dritte Scene. Muster (in sehr ärmlicher Kleidung aus dem Hintergründe rechts). L n 1 r 6 e. Da steh' ich! Was wird mit mir g'scheh'n? Was thu' ich? Wie wird's mir noch geh'n? Wo bleib' ich? Ich kann kaum mehr steh'n! Voll Hunger der Magen Nir z'beißen, nir z'nagen, Der Rock etwas -'rissen, Kein Schuh an den Füßen, Die Menschen wie Staner! s'erbarmt sich halt Kaner! Mit'n Wächter beim Fechten die ew'ge Keirci, Da bricht der Geduldfaden endlich entzwei! O du armer Muster, Da drinnen ist es duster, 5 Find' nir in den Säcken, Die leer find zum Schrecken, Wenn's lang noch so fortgeht, Mein Weberstuhl stillsteht, Mir bleibt dann nir übrig in all' meiner Noth — Nir als der blitzblaublaffe blutige Tod. (Setzt sich rechts.) Der Tod! das ist die letzte Schlicht, die dem Menschen übcrg'legt wird, wenn er vom großen Webstuhl des Lebens kommt. Wenn nachher dir Erd'n, die große Walz'n, die alle Falten ausbiegelt, über ihn hingangen is, kommt er mit dem Merkzeichen, dem Grabstein, versehen, in das große Gewölbe der Ewigkeit, um dort zu liegen, bis die Posaune zum allgemeinen Ausverkauf erschallt. Feder. Ich will, ich muß Ruhe finden. Muster. Ich muß was z'essen finden. Feder. Ach! Muster, Ach! Feder (ficht sich um). Was ist das für ein Echo? Muster (fieht sich um.) Da hat wer was g'redt. (Sie sehen einander an.) Muster. Der fieht auch nicht aus, als ob er mir helfen könnt'. (Ausstehend.) Guten Tag. Feder (sieht aus)- Auch so viel. Muster. Ihnen scheint's auch nit z'samm- z'gehn—Sieschau'n a bißl abstraplizirtaus. Feder. Ihr Aussehen läßt auch nicht auf glänzende Verhältnisse schließen. Muster. Ja, ja, dem Anschein nach sind alle Zwei auf der Taken. Feder. Ich bin mit der Welt fertig. Muster. Und die Welt ist mir fertig. Feder. Mir bleibt nir mehr zu hoffen. Muster. Und ich hoff' nit mehr, daß mir was bleibt. Feder. Meine Lieder sind verklungen. Muster. Bei mir klingt schon lang nir mehr. (Deutet Geld.) Feder. Ich habe kein Papier mehr zum Schreiben. Muster. Und ich kein Papierl auf ein Wecken. Feder. Mir bleibt nichts übrig als: Sterben! Muster. Ja, das wär' schon reckt, aber 's stirbt sich nicht so leicht. Zum Sterben g'hört Geld, — haben Sie das? Nein, daß der Mensch ohne Geld leben kann, davon haben wir tagtäglich schlagende Beweise, aber sterben und begraben ohne Geld, das gibt's nit! Feder. Wer sind Sie? Muster. Ich heiß Muster und bin a Mensch, der viele Jahre seines Lebens damit zugebracht hat, andere beut' mit Blumen zu schmücken, für sich selber aber nur die Dornen erwischt hat. Ich bin ein vaziren- dcr Wcberg'sell. Feder Ein Weber, das ist freilich jetzt ein schlechtes Geschäft. Muster. Gar kein' G'schäft! Unsre guten Zeiten sind vorbei. Nit nur daß die Maschinen die Handarbeit nach und nach verdrängt haben, muß a noch die Baum- wollennoth dazu kommen. Der amerikanische Rummel ist uns noch abgangen. Feder. Der bringt freilich großen Schaden, aber die Maschinen, denke ich, sind doch zum Nutzen der Industrie? Muster. Für die Großen ja — aber uns Kleine bringen's um. Seit man Maschinen für Alles hat, braucht man nit so viel Händ' mehr zum Arbeiten. Wir haben Maschinen, die Shawls fabriziren, wie lang wird'sdaueen, kriegen wir Maschinen, die sie den Damen überreichen und graziös um die Schultern hängen. Feder (lachend). O solche Maschinen haben wir jetzt schon genug! Muster. Ah ja! Aber die Maschinen, die Sie meinen, die kosten zwar bei Anfertigung nicht viel, verschlingen aber später oft fünfstöckige Stadthäuser. Die ich mein', kosten im Anfang sehr viel Geld, dafür brauchen's aber nachher höchstens a bißl 6 Oel zum Schmieren. Und wer sind denn Sie, wenn ich fragen darf? Feder. Mein Name ist Feder. Ick bin ein Dichter. Muster. So, a Dichter! Sie scheinen sich noch keine Landhäuser erdichtet zu haben. Feder. Den Bettelstab, ja, das Tollhaus, aber kein Landhaus! O diese Buchhändler, diese Materialisten, Kochbücher, Traumbücher und andern Unsinn bezahlen sie, aber von Gedichten wollen sie nichts wissen. Ich war nebenbei Journalist, habe Leitartikel geschrieben, aber es waren Leidartikel, denn sie haben mir viel Leid gebracht. Die Redacteure schlossen mir ihre Thüren und so sah ich mich genöthigt die Stadt zu verlassen, die undankbar genug ist, ihre größten Geister verhungern zu lassen. Muster. Der Glaube an große Geister in uns'rer Zeit wird immer kleiner. Aber wenn's mit dem Dichten nit geht, greift man zu was Anderm. Feder. Das kann ich nicht. Ich fühle, ich bin zum Dichter geboren. Muster. Wann's aber dabei zu Grunde geh'n? Feder. So sterbe ich und lasse der Welt meinen Fluch zurück. Muster. Aber da wird sie sich kränken. Schaun's, da bin ich ander's. Wann Ein's nit geht, pack ich was Anders an. Und ich bab' schon so ziemlich Alles durchgemacht. Ich bin aus einer Holzverkleinerungsanstalt hervorgegangen. Mein Vater war nämlich Holzhacker, meine Mutter ebenfalls, nur daß sie ihr Berufsgeschäft an ihm ans- gcübt hat, und da er ein friedliebender Mann war, hat er Holz auf sich hacken lassen, bis der Klotz seiner Geduld g'sprun- gen is und er ihr mit dem Scheitel der Moral so lang zug'sprochcn hat, bis sie den Keil seiner Beredsamkeit empfunden hat. Durch diese Keilerei wurde der Knoten der ehelichen Verhältnisse immer mehr gelockert. Mein Vater ergab sich der stillen Verzweiflung und starb an Ueberdrnß der geistigen Getränke. Meine Mutter rieb sich aus Reue an demselben Uebel auf und so stand ich, eine Waise, verwaist in der Welt. Ich habe ein Handwerk nach dem andern an- g'schant, aber keines hat mir g'fallen. Der Sckuster hat allweil Pech, dem Schneider geht oft der Faden ans und zum Spengler Hab' ich kein Blech g'habt. Als Friseur hätt' ich mir die Haar ausg'riffen statt andern Leuten, als Balbierer Hab' ich mich g'schnit- tcn, als Feuerwerker bin,; ich abbrennt, als Kutscher aufg'sessen und als Schreiber kam ich in die Tinte. Die Seilerei kann ich nit leiden, denn ich geh' gern vorwärts. D'Sattlerei ist mir zu ledern, und als Gärtner hat mich das ewige Versetzen schenkt. Da bin ich auf die Weberei verfallen, Hab' mir anfangs die rosigen Blüthen des Daseins mit den grünen Blättern der Hoffnung auf den weißen Grund einer Hellen Zukunft g'webt, nachher bin ich zu den Klatschrosen der Verleumdung und den gelben Astern des Neides auf dem grauen Grund eines verdüsterten Himmels kommen, und die chamäleonfarbigen Tulpen des Aer- gers hätten mich bald aus dem Blumengarten des Lebens vertrieben; aber da kam, die brennende Lieb' auf den Wangen und die Vergißmeinnicht in den Augen, eine hübsche Fabriksarbeiterin mir in den Weg und nun gab's wieder lauter Rosen auf veigerlblauem Grund, bis die Pfingstrosen der Eifersucht auf dem schwarzen Grunde der Untreue mich in die verwickelt- sten Muster führte, wo mir der Faden riß und nir mehr übrigblieb, als mein Buckel, der so bunt ausg'sehen hat wie eine Landkarte von Deutschland. Feder. Sie haben auch Unglück gehabt, aber der Humor ist Ihnen geblieben. Muster. Das hab'n wir aus'm Volk schon. Wann a der Magen kracht, nur fidel. So lang's Beuschel hält, geht uns der G'spaß nit aus. Feder. Sie haben Recht. Es ist eigentlich unmännlich, sich vom Schicksal zu Boden 7 werfen zu lassen. Fest steh'n — seiner Tucke trotzen. Muster. Bravo! Feder. Wir habenBeide die Bitterkeiten des Lebens gekoster, aber da der Zufall uns hier zusammenführte, so denke ich, bleiben wir zusammen, als Freunde. Muster. Mir is recht. Das ist der erste Beweis, der mir vorkommt, daß Einer im Unglück ein Freund find't. Feder. Deine Hand! Muster. Da is sie! (Schlägt ein.) Feder. Jetzt rathe — was fangen wir an? Muster. Wir geh'n nach Wien. Feder. Was sollen wir dort? Du findest in Wien eben so wenig einen Erwerb wie anderswo. Weil dort Hunderte deines Gleichen eben so schlecht daran sind wie Du. Muster. Gar kein' Idee! Ich red' ja nit von der Weberei, ich denk' auf was Anders. Ich binWühler, ich denk nur an's Umreißen, ich bin Demolirer in des Wort's verwegenster Bedeutung. Feder (erstaunt.) Was? Wozu? Muster. Das geht mich mr an. Ich mach's wie gewisse Leut'. Nurumreißeu — aufbauen kann's wer will. Feder. Erdarbeiter? solch' ein gemeines Geschäft!? Muster. Pah! besser auf gemeine, fleißige Art leben, als vornehm faul verhungern. Und wenn mau steht und hört, in welch' großartigem Maßstabfür uns arme Weber g'sorgt wird, wenn die Großen und Vornehmen, statt uns ein Almosen hinzuwerfen, sich wochenlang abmühen, um durch die That zu unserem Besten zu wirken, da is es kein' Schand für uns, wenn wir erdgrabcn thun, und so a bißl was beitragen, daß unsere Kaiserstadt das wird, was sie schon lang hätt' sein sollen, die erste und schönste Stadt im deutschen Reich, und daß es im vollsten Sinn des Wortes wahr is: Es gibt nur a Kaiscrstadt, S' gibt nur a Wien! Mach's wie ich, Bruder, wirf die Feder weg, und nimm die Schaufel in die Hand — wer weiß wodurch der Mensch sein Glück macht — Feder. Du hast Recht! Fort mit dem albernen Stolz! Wir bleiben und graben zusammen. Muster. So is recht. — Aber noch Eins, Freunderl. Wir haben die Aussicht, daß wir in Compagnie schlecht leben — und in Compagnie tragt man's leichter; — wann aber a Aussicht auf a Geld oder sonst a Erich uz für Ein von uns 'rausschaut, so soll's a in Compagnie sein. Gilt's? Feder. Es gilt! Einer mit dem Andern. Muster. Einer für Alle und Alle für Einen! No ja, 's is doch g'scheiter, daß sich Einer von uns für uns Zwei opfert, als wenn wir alle Zwei uns umsonst opfern. Jetzt gilt's nur heut und morgen noch auszuhalten. Feder. Das wird schwer halten. Ich bin hungrig seit gestern. Muster. Glücklicher Mensch — ich leb' seit acht Tagen von einer alten Brotrinden, weil ich mich g'schamt Hab' zu betteln. Feder. Betteln ist die schwerste Kunst. Muster. Für unsereins, ja, aber es gibt Leut', denen cs viel leichter wird als arbeiten. Feder. Was aber thun? Muster. Mir fallt was ein. Heut' is Sonntag, da werden wohl a paar Bauern im Wirthshaus sein — a alte Zither wird sich wohl finden, ich spiel' a paar Tanz — du sagst heimlich den Bauern, ich bin a armer Weber, der kan Arbeit hat — helf was helfen mag und gib Acht, wir kriegen so viel, daß wir auf zwei Tag versorgt sind. Feder. Ist das nicht gebettelt? Muster. Vielleicht — aber auf eine Art, daß man sich nit z'schämen braucht. Ich bin Werkelmann, du mein Kompagnon, also vorwärts mit'm Werkel! Deidideldum. (Geht, als ob er Zither spielte, tanzend mit Feder in's Haus.) Vierte Scene. Igel (kommt vom Hintergründe links, zieht den Hut und wischt sich die Stirne). Ah! ist das eine Hitze! Weit — weit und meine Füße werden mit jedem Tage schlechter. Aber ich mußte heraus. Ich muß deu Herrn Goldrand sprechen — es ist nöthig; denn ich kann nicht mehr ohne Gefahr in der Stadt bleiben. Die Polizei wird aufmerksam, man munkelt von hohen Prozenten, Wucher, Diebshehler und was dergleichen Sachen mehr sind. Mein Gott, der Neid ist! Die Menschen gönnen einem die fünfzig Prozent nicht. Es ärgert sie, daß ich billig kaufe und das nennen sie Wucher und Diebshehlerei. Darum will ich fort und meinen Wohnsitz wo anders nebmen, — aber vorher muß der Herr von Goldrand noch ein hübsches Sümmchen als Reisegeld blechen. Hehehe! Es ist doch hübsch, wenn man eine Kuh hat, die zu jeder Stunde Milch gibt. — Nun will ich mich hier mit einem Gläschen Alten restauriren und dann dem Herrn von Goldrand eine Visite abstatten. Hehehe! wird Augen machen! Hehehe! Kann ihm nicht helfen! Hehehe! Muß blechen! Hehehe! (Ins Haus ab.) Fünfte Scene. Muster (erscheint aus der Mauer neben dem Wirthshaus, dann Feder. Muster. Sapperment, jetzt gilt's! (Springt herab.) Gott sei Dank! G'schwind, Freunderl! Feder (erscheint auf der Mauer.) Aber was hast Du denn? Warum läufst Du denn? (Springt herab.) Muster. Der Wächter is uns auf'n G'nack. Jetzt wird er wohl die Spur verloren haben. Sechste Scene. (Der Wachter schaut über die Mauer, nickt grinsend, setzt sich auf die Mauer, zieht eine Leiter heraus, läßt sie außen herab und steigt herunter.) Feder. Was kümmert uns denn der Wächter? Muster. Sehr viel! Er will uns einsperren. Feder. Ach warum nicht gar! Wenn man vernünftig mit ihm spricht. Muster. Das gibt's nit. Der kennt nur den Stock und den Heurigen! Erhält uns für Bettler und eh'Du den eines Bessern belehrst, eh' machst Du ein' Kosaken zum Menschen. Feder. Das ist eine dumme Geschichte, so eilen wir. Muster. Eilen wir, ja! ohne was im Magen zu haben? Jetzt spür' ich's erst, der Sprung war meine letzte Anstrengung; ich bin matsch! ich krieg' bald selber ein' Sprung! Feder. Sollte es denn nicht möglich sein, ihm begreiflich zu machen — Muster. Vergebene Müh'! Wir müssen dem Wächter eine Nasin dreh'n. Wächter (ist vorgeschlichen, packt jetzt Beide beim Kragen). Wird nit leicht sein können, ös Hallunken! Muster. Da hat ihn der Teufel! Feder. Aber, guter Freund — Wächter. Ich bin kan guter Freund. Muster. Das sehen wir eh'! Wächter. Marsch! in's Loch mit euch! Muster. Was Hab' ich g'sagt? Feder. Teufel! Wächter. Vorwärts! Feder. Lassen Sie sich doch aufklären — Wächter. Nir da! Ich bin schon im Klaren! Muster. Plag' Dich nit! Siehst nit, daß sein' Nasin roth im Feuer der Aufklärung strahlt? Feder. Nein, es die Schamröthe, die sie umzieht, daß sie an einem so stockfinstern Gebäude sitzen muß. s Wächter. Was? ös wollt's ein Wächter frotzeln? ös Vagabunden! Muster. Still! nit grob wer'n. Wächter. No freilich, mit so ein paar verdächtige G'sichter wird man noch Umstand machen; geht's gutwillig mit, sonst — Feder. Aber wir haben ja nichts verbrochen. Wir wollten im Wirthshaus etwas trinken, mein Freund ergreift die Zither. Wächter. Verdächtig! Feder. Ich stehe ans — Wächter. Das war verdächtig. Feder. Ich rede mit den Bauern — Wächter. Das war sehr verdächtig. Feder. Die stecken die Köpf' zusammen. Wächter. Das war das Verdächtigste! Muster. Ist das ein Esel! Wächter. Ihr habt's betteln wollen, das seh' ich an den verhungerten Gesichtern. Muster. No ja, so ausg'fressen muß man sein wie Er. Wächter. Dieser Bauch ist die Bürgschaft für die gute Gesinnung — bei Euch sieht man's Gegentheil, also fort. Ich Hab' eh' schon a paar Jahr kein Arrestanten rnehr g'habt, ich kommet aus d'Letzt um meine ganze Reputation. Feder. Also nur damit er ein paar Arrestanten hat, sollen wir mit? Da nehm' er die ersten besten Bauern, die haben's mehr verdient wie wir. Muster. Wir sind arme Weber, die nach Wien wollen — Wächter. Versteht sich, in Wien war- ten's g'rad auf Euch! — Feder. Wir wollen dort Arbeit suchen. Wächter. Lächerlich! Dort sind eh' genug, die eine Arbeit brauchten, wann's eine gab' — Muster. Aber — (blickt nach allen Seiten herum). § Wächter. Still sein! Das sein faule Fisch'! Muster (erblickt die offene Parkthür). A offene Thür —? Das thut's! (Winkt verstohlen Feder nach der Thür. Feder nickt.) Wächter. Her mit'm Wanderbuch! Muster (für sich). Nit um'n Galiziberg. Feder. Hier mein Paß. (Für sich.) Ein französischer Speisezettel, den soll er stu- diren. Wächter (hat Feder losgclaffen und das Papier ergriffen). Muster (zieht leise den Rock aus). Armer Gottfried!, dich behalt der Wächter! Wächter (das Papier zurückgebend). Wir sind in Ordnung! Muster (läßt ihm den Rock in der Hand). Und wir sein's a! (Läuft schnell mit Feder in die offene Parkthür und schlägt dieselbe zu.) Wächter (steht verdutzt). O ihr Haupt- hallnnken! Muster. Wünsch' wohl aufzuverbleiben, Herr Wächter! Feder. Nir für ungut! Meinen Paß schenk' ich Ihnen zum Andenken. Wüster. Und ich Ihnen meinen Rock! Heben's ihn gut auf, daß mr daran g'schieht! Wächter. Soll ich mich ärgern? Na — ! die Bedienten wer'n's schon h'nauswerfen und dann kommen's doch in meine Hand — aber nachher — (Schwingt den Stock. > Muster. He, Wächter! (Dieser dreht sich um, Muster macht ihm eine Nase.) Wächter (zornig). Bäh! Ihr Hallunken! (Rennt ab ) (Mister und Feder ziehen sich lachend zurück.) Verwandlung. (Hübscher Garten, rechts und links Bosguets und Bänke.) Siebente Scene. Goldrand und Victoria (von rechts). Goldr. Mein liebes Kind, Alles, was recht ist! Ich Hab' Dich gern, Du kannst thun, was Dir Freud' macht, aber achtzig Gulden in einer Woche für die Putzmacherin, das wird mir denn doch zu viel! Vict. Ich muß aber doch etwas haben in dem einsamen Nest hier, wo man nichts sieht und hört von der Welt. Goldr. Hast Du denn nicht mich? Vier. Ach, Papa, mit Ihnen allein ist mir auch nicht gedient! Goldr. So so! Aber Ball, Theater, Eoncert und dergleichen — nicht wahr? Vict. Nun ja, ich will mich ja auch des Lebens freu'n wie andere Mädchen. Goldr. Geh' spazieren, sieh' im Garten nach, geh' auf die Weide — will ich sagen, auf die Wiese, unterhalte Dich mit den Landmädchen, das wird Dich zerstreuen, und ist zugleich lehrreich, damit Dein künftiger Gatte eine gescheite, sittsame Hausfrau erhält. Vict. Ach, welcher Mann wird mich hier suchen! Goldr. Wird schon Einer kommen. Vict. Bis dahin werd' ich eine alte Jungfer. (Setzt sich und weint.) Goldr. Ach was — Dummheit! Eine alte Jungfer! (Geht zu ihr.) Höre doch! Viet. Ach. lassen Sie mich! Sie sind kein Vater! Sie sind ein Tyrann! Goldr. So? Nicht übel! — Nein, eine größere Plage kann man doch nicht haben, als so eine Tochter! Wenn ich nun schon einen Mann für Dich in der Tasche hätte. Vict. (aufstehend, rasch). Einen Mann? Goldr. Ja, einen jungen, hübschen Mann— aber weil ich ein Tyrann bin, wird er ein- für allemal abgewiesen. Vict. (an seinem Halse). Nicht abweisen, man muß doch erst sehen — Goldr. Ein Tyrann sieht und hört nichts! Vict. Aber Du bist ja kein Tyrann! Du kannst ein gutes, liebes Väterchen sein, wenn Du willst. Goldr. Aha! Jetzt bin ich wieder ein gutes Väterchen, weil von einem Mann die Rede ist! O Weiber! Wenn er aber alt wäre? Vict. (erschreckend, zweisrlnd). Alt!—? Goldr. Na, tröste Dich! Ich habe von einem entfernten Verwandten und alten Freunde einen Brief erhalten, worin er mir anzeigt, daß sein Sohn heute noch aus der Stadt hier eintreffen soll, um einen längst besprochenen Plan zu vollziehen - nämlich Euch mit einander zu verheiraten. Na, was sagst Du dazu? Vict. Wenn er hüsch und jung ist und wenn er mir gefällt — Goldr. So nimmst Du ihn? Vict. Warum nicht — mein Herz ist frei. Goldr. Goldmädel! Du machst eine gute Partie! Er ist reich und obendrein brav und gut. Vict. Wenn sich das bestätigt, so kann der Papa immerhin die Hochzeitsanstalten treffen. Goldr. Ja? Victorinchen! Ein Brautkleid sollst Du haben, darin wirst Du aus- sehen zum Küssen. Vict. Und Schleier und Kranz — Goldr. Alles auf's Schönste! Eine Hochzeit soll's werden, daß die Leute sechs Meilen im Umkreis davon reden. Achte Scene. Vorige. Anton. Anton. Euer Gnaden — ein Herr Igel ist da. Goldr. Was? Igel? Was will denn der? Führe ihn in's Fremdenzimmer, sorge für seine Bewirthung und sage ihm, ich käme bald. Anton (rechts ab). Goldr. Geh', mein Kind, da hast Du den Brief, lies selbst. Vict. Aber die Putzmacherin? Goldr. Bekommt ihr Geld. Geh'nur Vict. Adieu. Papa! Das muß sogleich die Richter-Kathi erfahren. (Eilt rechts ab.) Neunte Scene. Goldrand (allein). Das ist ein Blitz aus heiterem Himmel! Was will der Igel? Er hat mir noch nie etwas Gutes gebracht. — Eine neue Er- Pressung — das unglückliche Geheimniß kostet mich schon große Summen, und dieser Vampyr scheint noch immer nicht befriedigt. Doch ich will mich nicht länger seinen Prellereien fugen, ich muß mich von ikun zu befreien suchen, aber wie — wie — (Sinkt auf eine Bank.) O unselige Sucht nach Reichthum, in welchen Abgrund hast Du mich geführt! Wo ist ein Ausweg? Wo ist Rettung? (Legt den Kopf in beide Hände und bleibt nachdenkend sitzen.) Zehnte Scene. Vorige. Muster und Feder (schleichen von links im Hintergründe herein). Feder (noch inder Coulisse). Nirgend ein Ausweg. Wir kommen immer tiefer in den Park. Muster (ebenso). Das ist mehr Labyrinth als Park. Feder. Und keine Ariadne, die uns einen Faden gibt. Muster (heraussehend). Da sieht's freilich schon etwas gartenartigcr aus, aber nirgends eine Thür oder ein Hintcrpförtlein. Feder (heraustretend). Wagen wir's, wir sind ja keine Diebe. Muster (ebenso). Freilich, wir wollen nicht einbrechen, sondern ausbrechen. Hinaus, ist die Losung! Feder. Also vorwärts. (Beide sind gegen die Mitte gekommen.) Goldr. (steht auf). Jch hab's! (Wendet sich rasch um und steht vor den Beiden.) Beide (prallen zurück). Hollah! Goldr. Was soll's? Muster (für sich). Jetzt gebt's z'samm. Goldr. Wie kommt Ihr herein? wer seid Ihr? Feder (leise). Was sagen wir? wer sind wir? Muster (leise). Ich weiß uit. Goldr. (für sich). Das kommt mir verdächtig vor. Wer sind die Leute? (Betrachtet sie.) Muster (leise). Red' Du, vielleicht fallt mir derweil was G'scheit's ein. Feder (leise). Courage! (Laut.) Mein Herr — Goldr. Mein Herr — ? Feder. Sie werden verzeihen — cs gibt Augenblicke —Verhältnisse — (Würgt.) Muster (für sich). Jetzt will der a Dichter sein und bringt nit amal a Entschuldigung z'samm. Goldr. Was soll ich denn verzeihen? Feder. Daß wir hier eingetreten sind — das hat seine Ursachen — Goldr. Die ich gern wissen möchte. Feder. Es ist uns das Malheur begegnet, daß wir das Malheur hatten, in ein Malheur zu gerathen und dieses Malheur — Muster (für sich). Mit lauter Malheur bringt er uns erst recht in's Malheur. Red' doch vernünftig! Feder (leise). Ich weiß nichts! Muster (leise). S' is a Schand'. (Laut.) Ew. Gnaden — ich werde Ihnen erklären — die Sache ist so: da hinten in jener Gegend ist eine Thür, die stand halb offen, wir treten ein, kommen hierher und so sind wir da. Goldr. Das seh' ich. Aber weshalb sind Sie da? Sonderbar, das Gesicht ist mir bekannt. Muster (für sich). Firirt mich schon. Jetzt,Keckheit, hilf. (Laut.) Mein Vater, ein wohlhabender Mann in der Residenz, hat einen Sohn und dieser Sohn bin ich. Goldr. (aufmerksam). In der Residenz? Muster. Nach diesen Nankingenen dürfen Sie nicht urtbeilen, auch nicht nach diesem Negligee, (zeigt auf seine Hemdärmcln) denn das betrügt, wie bei einer Nuß. Die Schale is nit besonders schön, aber der Kern is gut, so gut wie — a Nußkcrn. Goldr. Sehr richtig. Muster. Also mein Vater sagte zu mir: Fritze — Goldr. Sie heißen Fritz? Muster. Eigentlich Friedrich, allein mein 12 Vater hat einige Zeit in Berlin gelebt und darum nennt er mich Fritze. Goldr. (für sich). Das Gesicht — Fritz — sein Vater in der Residenz — wenn er — Muster (für sich). Was er nur hat? (Laut.) Du mußt heiraten, sagte er. Goldr. Heiraten? Feder (leise). Aber wo soll denn das hinführen? Muster (leise). Zu einem Nachtquartier und dann hinaus. Feder (leise). Da bin ich begierig. Muster (laut). Geh' auf's Land, sagt er, dort wirst Du eine Braut finden. Goldr. Auf's Land? Muster. Ja zwischen Baden und Stockerau. Goldr. Ihr Vater heißt Ebermann? Muster, (für sich). Heißt er, wie er will. (Laut.) Kennen Sie ihn vielleicht? Goldr. Ob ich ihn kenne. Er ist ja mein bester Freund, mein alter Speci. Ich bin ja der Goldrand — Ihr Vater hat doch von mir gesprochen? Muster. Was? Sie sind's selber? Ich Hab' mir Sie viel älter vorg'stellt. Sie schauen famos aus. Grüß' Ihnen Gott! (Reicht ihm die Hand.) Goldr. Herrlich! Willkommen! Feder (für sich.) Nein, diese Keckheit! Goldr. Was macht denn mein guter Balthasar? Muster. Gut geht's ihm. (Leise.) Einen Vater Hab' ich. (Laut.) Meine Mutter — Goldr. O, erinnern Sie mich nicht an diese! — Ihr Vater hatte sie mir abgefischt und ich bekam einen Korb! Ach, ich hatte die liebe Ulrike so gern. Wäre Ihr Vater nicht zwischen uns getreten, würden Sie jetzt mein Sohn sein. Muster. Wäre mir ein ungeheures Vergnügen. Feder (für sich). Der bringt uns mit seiner Unverschämtheit erst recht in die Patsche. Muster (für sich). Vater und Mutter hätt' ich — jetzt sturme zu, Schicksal. Goldr. Aber wie kommen Sie in diese Lage? Erzählen Sie, lieber Detter. Muster. Ja richtig, wir sind ja Vettern; umarmen wir uns. (Umarmung.) Goldr. Aber so kann ich Sie meiner Tochter nicht vorstellen — da fällt mir ein; he! Anton (Wendet sich zur Loulisst.) Muster zu Feder. Siehst es! Jetzt Hab' ich Vater, Mutter, Braut und Vetter! Da sieht man, was aus ein' armen Weber- g'sellen werden kann. Feder (leise). Aber bedenke — die Folgen — Muster. Ach was, wer wird denn so weit denken! Vor der Hand is ein Nachtessen und Ruhe gewonnen und die Aussicht auf hinaus — Feder. Und die Accidenzieu — Muster. Nur nicht ängstlich. Hilf mir gleich heraus, wenn ich festsitz. Eilfte Scene. Vorige. Anton. Anton (ist schon früher gleich nach dem Rus eingetreten und Goldrand hat mit ihm gesprochen). Feder (für sich). Das wird hübsch werden. Goldr. (sich wieder wendend). Meine Tochter wird gleich kommen, und wenn die Sie so — Muster (tragisch). Ja. das sind die Hellen Zeugen einer schwarzen Begebenheit. Goldr. Und ü proxo8, gab Ihr Vater Ihnen keinen Brief für mich? Feder (schnell). Der steckt eben in dieser furchtbaren Begebenheit. Goldr. Ich vergaß zu fragen — wer ist dieser Herr? Muster. Ein Freund, der mich jener schauderhaften Begebenheit entriß. Goldr. Ich danke Ihnen, mein Herr, ich betrachte den Dienst, welchen Sie meinem Vetter erwiesen haben, als mir ge- geleistet, und werde nach Kräften zu vergelten suchen. 13 Feder. Sie sind zu gütig. (Leise.) Wir verstricken uns immer tiefer in's Netz — Muster (leise). Wird schon a Masch'n aufgeh'n, wo wir durchschlüpfen können. Goldr. (zu Anton). Dort, im Pavillon ist einige Garderobe — hilf diesem Herrn etwas aussuchen. Muster (für sich). Ich hör' was von einer Garderob — vielleicht komme ich zu ein' G'wandl. Anton. Schon recht, gnädiger Herr. (Zu Muster.) Jst's gefällig? Goldr. Gehen Sie, kleiden Sie sich um — ich erwarte Sie hier. Muster. Edler Vetter! Sogleich wcrd' ich adonisirt vor Ihnen stehen. (Leise.) Freund, g'scheit sein. (Ab.) Zwölfte Scene. Goldrand. Feder. Goldr. Darf ich um Ihren Namen bitten? Feder. Ich, ich heiße Muster. Goldr. Also mein lieber Herr Muster, lassen Sie sich's bei mir gefallen — Feder. Wenn ich Ihnen nicht lästig bin— Goldr. Warum nicht gar. Es wird ein wenig lebendig bei mir werden, habe selten Gäste — und da wir hoffentlich Verlobung haben werden — aber sagen Sie mir doch, was war denn das für eine Begebenheit, in die mein Detter — Feder. Ich würde Ihnen das herzlich gern erklären, (für sich) wenn ich's wüßte — (laut) allein ich will meinem Freunde nicht das Vergnügen rauben. Ihnen selbst die Angelegenheit mitzutheilen. Goldr. Gut, gut, darf ich fragen — welche Beschäftigung Sie haben? Feder. Ich bin Dichter. Goldr. Ah — Dichter. In welchem Fache? Feder. Im lyrischen. Goldr. O, da find Sie auf falschem Wege, damit werden Sie nickts erreichen. Feder. Leider! Goldr. Unser Zeitalter schreitet vorwärts. Schreiben Sie über Industrie. Verherrlichen Sie die Maschinen und Eisenbahnen! Machen Sie Aufsätze über Dinge, die noch nicht erfunden, beschreiben Sic Länder, die noch nicht entdeckt sind, machen Sie Weltverbefferungsvorschläge, dann werden Sie ein gesuchter Schriftsteller sein. Feder (immer wärmer werdend). Sie haben Recht! Die wahre Dichtkunst versinkt immer mehr und mehr! Eisenbahnen, Maschinen, Spekulationen, Kausmannsgeist beherrscht die Welt. Schritt für Schritt gehen diese vor. Die Muse hüllt sich trauernd in ihre Schleier und entflieht weit, immer weiter, bis sie auf die höchste Bergesspitze getrieben wird. Dort steht der letzte Dichter! Der Sturm streicht durch die Saiten seiner Harfe, die Acolstöne klingen und das letzte Lied fliegt trauernd durch die Lüfte. Es ist das Schwanenlied der hohen Dichtkunst, doch die Menschen hören es nicht. Am Fuß des Berges sind sie schon geschäftig — das brausende Geräusch dringt immer mehr hinauf und übertänbt des Dichters letzten Klageton. Vielleicht nach Jahren, wenn auch eine Eisenbahn sich über diesen Gipfel hinzieht, findet der Bauherr ein Gerippe mit einer Harfe in den Knochenarmen. Er gibt es in ein Raritätcncabinet, wo es als Ueberbleibsel einer Zeit betrachtet wird, in der es Menschen gab, die wahr und tief empfunden haben. Dreizehnte Scene. Vorige. Muster (umgekleidet). Muster. Da bin ich! Goldr. So lass' ich mir's gefallen. Jetzt sieht man in Ihnen den Sohn meines Freundes. Muster (für sich). Was der Rock nit Alles macht. Goldr. Unser Projekt — Muster. Projekt? Goldr. Die Heirat mit meiner Tochter. 14 Muster. O, ich brenne vor Begierde, den Engel zu sehen. Goldr. (ficht nach links). Da kommt sie eben. (Geht ihr entgegen.) Muster. Jetzt heißt's galant sein. Feder (leise.) Um Gottes willen, bedenke dock — Muster (leise). Was? Daß ich nur a Weberg'sell bin? Was thut's! hat schon mancker arme Teufel sein Glück durch ein Frauenzimmer gemacht. Die Lieb' is blind. Feder. Du bist verrückt. Vierzehnte Scene. Vorige. Victoria. Kathi (links). Vict. Väterchen, das ganze Dorf weiß schon, daß ich heirate. Goldr. Gut, gut. Feder (leise.) Ein paar hübsche Mädchen! Muster (leise). Mach' die Cour! Schwärme in Versen! Ich schwärme in Prosa! Goldr. Hier, liebe Tochter, stelle ich Dir Herrn Fritz Ebermann, den Sohn meines alten Freundes, vor. Vict. Ah! (Leise zu Kathi.) Der ist's. Gold. Dieß ist meine Tochter,Victoria. Muster. Victoria! Sie führt diesen Namen mit Recht, denn wie man sie sieht muß man Victoria rufen. Vict. Hier, meine Freundin, Katharina. Muster. Hier mein Freund. Feder (schnell). Muster, Ihnen zu dienen. (Geht zu Kathi und spricht mit ihr.) Kathi. Schamste Dienerin. Muster (für sich) Er hat mein' Namen zu leihen genommen, auch gut. Ich brauch' ihn jetzt eh' nit. Goldr. (leise). Wie gefällt er dir? Vict. (leise). Ganz gut. (Mustert nähert sich und spricht mit Beiden.) Kathi. Jh bitt' — ih Hab' kein' so schön' Namen — ih bin nur a Bauern- madcl, die Richtcrkathi. Feder. Wenn auch dein Name nicht so schön ist, so sind deine Augen desto schöner. Muster. Wollen Sie mir erlauben diese Marmorhand zu küßen? (Küßt ihr die Hand.) Feder. Warum entziehst Du mir die Hand? Kathi. Jh bitt', sie is so roth vom Arbeiten. (Versteckt sie unter der Schürze.) Muster. Ich finde keine Worte, um das Gefühl zu schildern, das mich bei Ihrem Anblick durchwurlt. Ich Hab' schon viele Schönheiten g'sehen, aber eine Schönheit wie Ihre Schönheit, die gibt's gar nimmer. Vict. Schmeichler! Feder. O wüßtest Du, wie dein Anblick mein ganzes Herz in Aufruhr bringt! Kathi. Aber Sie kennen mich ja gar nit. Vict. Ich glaube Ihnen nicht. Muster. Wenn's nickt wahr ist, will ick nicht Muster heißen. Goldr. Wie? Muster (sich corrigirend). Der Wahrheit und Solidität. Goldr. Freut mich, wenn Sie das sind. Muster. Holder Abendstern! Sonne meines Lebens! Mond meiner Seele! Wird diese einfache Jndividualitität Ihnen zu einem Gatten genügen? Goldr. (für sich). So ist's recht! Der stürmt gleich. Feder. O sage mir, theures Mädchen, daß ich Dir nicht gleichgiltig bin. Goldr. (für sich). Mir scheint, der hat auch Feuer gefangen! Hahaha! Kathi. Wie kann man denn ein' Menschen lieben, den man's erste Mal sieht. Feder. Sch' ich Dich doch auch zum ersten Male und liebe dich. Kathi. Wer's glaubt. Zu- Vict. Ich kann's nicht glauben, j gleich Muster und Feder (knieen). Zu deinen Füßen schwöre ich — Beide Mädchen. Still! Still! Vict. Sie könnten einen Meineid schwören. tZu- Kathi. Das wär' a falscher gleich) Schwur. rs Muster. Ich wollt, Sie wären jetzt in einer gräßlichen Gefahr, dann zeiget ich Ihnen, was meine Liebe vermag. — Ich stürzet mich in diese Begebenheit — Goldr. (ihn aus die Schulter klopfend). ^ propo8 von der Begebenheit — jetzt werden Sie mir doch erklären — Muster. Ja, jetzt sollen Sie's wissen. (Er fängt an, einen passenden Eingang suchend, bis er nach und nach in Fluß kommt.) Ich fuhr wohlbehalten von Hause weg, und kam bis zum Walde — ich war eingesckla- fen, Hab' schon geträumt in seliger Wonne von der holden Braut und ihren wonniglichen Eigenschaften, doch ein heftiger Stoß des Wagens weckte mich aus dieser süßen Geträumerei. Es war der Morgen angebrochen, ein dicker Nebel lag auf Berg und Thal — die Sonne war noch nicht aufgestandcn — ich wollte fragen, was es gibt, da werd' ich aus dem Wagen gerissen, seh' die Pferde erstochen, den Kutscher in seinem Blut und mich umgeben von Räubern — Alle (außer Feder). DH! Muster. Räuber, sag' ich Ihnen, gegen die Rinaldini, Schinderhannes, Schobri und Grasel nur Wickelkinder waren. In den Händen hatte jeder vier Pistolen, im Mund einen Säbel und einen Karabiner zwischen den Knien. Wie viel Dolche und sonstige Handkanonen sie mit sich führten, Hab' ich in der Eile nit zählen können. Die stark behaarten, vom Wein gerötheten, blutlechzenden Gesichter auf mich gerichtet, schrien sie mit ungemeiner Höflichkeit, daß die Berge wiederhallten: »'S Geld oder 's Leben!« Ich konnte im ersten Augenblick kein Wort her- vorbringcn — sie nahmen das für eine stillschweigende Einwilligung und indem ein Theil den Wagen plünderte, zogen die Andern mich aus — aber da wurde ich wild — ich spring auf, reiß dem Einen die Pistole aus der Hand, dem Andern den Säbel aus dem Racken und fang an dreinzuhauen, zu schießen, zu stechen, blind, wohin 's gangen ist. Die Räuber steh n betroffen, doch gleich waren dreißig Säbel und sechzig Pistolen auf mich gerichtet! Mein Säbel brach dreimal — dreimal raffte ich mich auf — ich war rasend und als ich keinen Ausweg sah, stürzte ich mitten in die Feinde, Tod und Verderben um mich verbreitend, aber die sechzig Säbel und dreißig Pistolen — nein, die dreißig Säbel, die ich — nein, die die Räuber — die ich Ihnen — nein mir — ah — (finkt wie ohnmächtig in Feder's Arme, leise) dicht' Du den Schluß z'samm, ick sind' aus den Säbeln und Pistolen nimmer 'naus. Feder (ihn zur Bank führend). Armer Freund! Die Erinnerung wirkt noch mächtig auf ihn. — Ich hörte, durch den Wald gehend, Getöse, eilte hinzu, und komme gerade auf den Schauplatz, als sich die Gauner mit Allem, was sie vorfanden, davonmachten und einen jungen Mann, von Kleidern entblößt, besinnungslos auf dem Boden liegen ließen. Ich brachte ihn zu sich. Doch der Schreck hatte so stark auf ihn gewirkt, daß er in jedem Baum einen Räuber sah, der ihm an's Leben wolle. Daher die Vergrößerung der Gefahr. Nachdem er sich erholt hatte, erfuhr ich von ihm, wer er sei und daß er zu Ihnen wolle. Er war in Verzweiflung über sein Unglück — und ich gab ihm den Rath, so wie er war, hierherzugehen, in der Ueberzeugung, daß Sie ein Mann seien, der nicht auf den Rock sehe und der den Bräutigam doch gut empfange, wenn er auch in Hemdärmeln komme. Goldr. Sie haben sich nicht getäuscht. Muster (leise). Prachtvoll hast mich 'rausbiffen. Feder (leise). So viel Hab ich in meinem ganzen Leben nicht z'sammgelogen. Goldr. Zn unserer Nähe solch' ein Raubanfall — Feder. Ja die Schurken werden täglich dreister. In Wien wurde vor einiger Zeit einem alten Herrn der Hut sammt Perrücke vom Kopfe gestohlen, als er einen Sitz zur Patti erkämpfen wollte. 1« Goldr. Merkwürdig! Wir werden die Anzeige machen; doch vorerst mögen Sie sich von der ausgestandenen Angst in meinem Hause erholen. Muster. O, wenn ich in die Augen meiner holden Braut schaue, denke ich immer dran. Feder. Wird dieses Auge nicht auch ineine Leiden mildern? Kathi. Redens nit so — ich fürchte mich sonst vor mir selber — Goldr. Zu Tische! Vorwärts! (Muster reicht Victor, Feder Kathi den Arm, sie wollen gehen.) Fünfzehnte Scene. Vorige. Wächter (rechts). Wächter. Euer Gnaden! Euer Gnaden! Feder (prallt zurück, für sich). Alle Donnerwetter! Der Wächter! Muster (ebenso). Keckheit verlaß uns nicht! Goldr. Was soll's? Wächter. Euer Gnaden, ich such' a paar Spitzbuben. Goldr. Und die sucht Er in meiner Gesellschaft? Wächter. Das grad' nit — aber sie sind da in den Garten g'laufen, und—wie ich ganz gewiß weiß — noch herin. Goldr. Nun, sucht sie. Wächter. Wenn's erlauben. (Wendet sich gegen Feder.) Muster (für sich). Gott sei Dank! Wächter (erkennt Feder). Ah! Goldr. Was ist? Wächter. Das is einer davon, da wird der andere auch nit weit sein. Goldr. Ich glaube, er ist betrunken! Wächter. Jetzt noch nicht, Euer Gnaden, 's is erst Mittag. Muster (keck). Was lärmt denn der Schlingel? Wächter. Ah! ah! Da ist der andere! Jetzt sollt Ihr mir nicht mehr auskommen. Alle. Was fällt ihm ein! Muster. Dienstbeflissener Packan! Er irrt sich in der Person. Wächter. O nein, Er irrt sich nit. Feder. Er weiß nicht, was er spricht. Wächter. Sein's so gut. Goldr. Fahnde Er lieber auf die Spitzbuben, die den Herrn da ausgeraubt haben. Wächter. Was, ich soll — aber das is ja — Goldr. Mein Vetter. Wächter (auf Feder). Hat der denn nit — Goldr. Meinen Vetter gerettet! Wächter. Hab ich denn nit sein Paß? Feder. Lächerlich, da ist er — (zeigt Papiere). Wächter (auf Muster). Sein Stock — Muster. Sein Stock berechtigt ihn nicht die Leute zu molestiren! Mach' Er, daß Er fortkommt! Wächter. Ah, diese Frechheit! Goldr. Heda! Bediente! Wächter. Ich will doch nit hoffen — Goldr. Wenn Ihr nicht geht, so wird Gewalt — Wächter. Was Gewalt — ich bin die Gewalt — Sechzehnte Scene. Vorige. Anton. Bediente. Goldr. Schafft mir den betrunkenen Menschen fort. Wächter. Mich abschaffen! Die ausübende Gewalt! Bediente (umgebem ihn). Hinaus! Hinaus! Wächter. Auslassen—Spitzbuben — Gewalt — Assistenz — Paragraph fünf! Bediente (heben ihn auf und tragen ihn fort, lachen). Hinaus! Hinaus! (Er agirt nnt den Händen und schreit, die Andern wenden sich lachend zum Abgehen, die Musik fällt ein ) (Der Vorhang fällt.) Zweiter Act. (Elegant möblirtes Zimmer, Tische. Fauteuils, Sekretär links. An der Hinterwand Links rin Wandschrank.) Erste Scene. Feder (tritt ein, unruhig). Ich halte es nicht mehr aus! Es ist schändlich, die braven Leute so zu hintergehen. Der verdammte Muster thut, als ob er zu Hause wäre, als ob er wirklich der junge Ebermann wäre — O wenn ich mich auf eine ehrenvolle Art aus der Geschichte wickeln könnte, ich würde — aber sonderbar — ich möchte fort und kann mich nicht losreißen. — Die hübsche Kathi, die Richterstochter, hat mir's ange- than — wenn die nicht wäre — das Auge dieses Mädchens hat mich gefesselt und meinen freien Willen gelähmt. (Sinkt in ein Fauteuil.) Zweite Scene. Voriger. Muster (von rechts). Muster. Ach, Bruderherz! Js das a Haus! Js das a Leb'n! sind das Leut'! Feder. Ja und die braven Leut' betrügen wir. Muster. Aber wer wird denn eine unschuldige Täuschung so schlimm benennen! Wir weichen der Nothwendigkeit und fügen uns in die Launen des Schicksals. Wir nehmen die Sacke, wie sie sich gibt. Logik der Thatsacken nennt man das. Feder. Eine schöne Logik. Muster. Weißt Du eine bessere? Feder. Ja — Alles entdecken und fort- gehen. Muster. Aber ich bitt' Dich! Ich Hab' mich schon so in den Vetter hineingelebt — und dann — die Victoria — o Gott! ich Thtater-Atputoi«. Nr. U4. Hab' alle Ursache zu glauben, daß ich ihr nicht gleichgiltig bin. Feder. Weil sie Dich für Jemanden hält, der Du nicht bist. Muster. Und wer is Schuld, daß ich nit der bin, der ich sein könnt'? Das Schicksal. Also wenn das Schicksal Dummheiten macht, so ist es meine Pflicht, den Fehler zu verbessern. Feder. Deine Logik geht immer mehr ins Graselische. Mach was Du willst, ich geh'. Muster. Aber das bringt ja mich in Gefahr. Feder. Das Bleiben ist für mein Herz die größte Gefahr! Muster. Was? Hat diese ländliche Unschuld dein halb verkohltes Herz wieder auf's neue in Glut versetzt? Feder. Ja, ich fühle, daß mir das Mädchen mehr werden kann, als mir gut ist. Muster Wir haben uns alle Zwei die Flügel verbrennt, folglich müssen wir bleiben. Was haben wir zu erwarten, wenn wir geh'n? Hunger und Kummer. Was erwartet uns, wenn wir bleiben? Eine wohlbesetzte Tafel und — Liebe. Feder. Aber das Finale? Muster. Der große Ruf mit obligater Paukenbegleitung. Uebrigens ist der Herr Goldrand ein fidelcs altes Haus, der die Sacke von der richtigen Seite ansckauen und den Spaß als Spaß verstehen wird. Feder. Wenn er aber keinen Spaß versteht? Muster. Na, dann wird's auch den Kopf nickt kosten. Freund: ein Augenblick gelebt im Paradiese wird nicht zu theuer mit dem Tod gebüßt — sagt Nestroy. Also laß uns im Paradiese leben und dann — wenn's sein muß — den großen Wurf. Feder. Still! Man kommt! Muster. G'sckwind zur Siestahaltung. (Btidk werfen sich rechts und links in die Sessel.) r Dritte Scene. Vorige. Goldrand. Victoria. Kathi. Goldr. Na, da sind sie ja. Beide (aufspringend). Ah, meine Holdseligste! Kathi. Ich glaub' gar die Herren haben g'schlafen. Feder. Wie wäre das möglich in Ihrer Nähe! Kathi. Fangen Sic schon wieder an? Muster. Wie kann man schlafen, wenn man in Gedanken bei Ihnen is! Feder. Wir haben nur geruht und schwelgten in Gedanken in entzückenden Bildern. Goldr. Das ist Alles recht schön, aber jetzt wollen wir von vernünftigen Dingen reden. Feder (für sich). O weh! Goldr. Sie sollen meine Tochter heiraten. Muster. Ja, mir wär's schon recht — Goldr. Und ihr wird's auch recht sein. Muster. Wird's ihr? O diese Hoffnung! Feder. Rührt Sie dieß Beispiel Ihrer Freundin nicht? Kathi. Man muß nit Alles nachmachen — 's kommt nix 'raus dabei. Goldr. Welchen Plan haben Sie für die Zukunft? Muster. Aber die Zukunft is ja noch nit da. Goldr. Darum muß man Vorsorgen um gefaßt zu sein auf das, was sie bringt. Muster. Ach, das was mir die Zukunft bringt, kommt mir immer früh genug. Feder (für sich). Das glaub' ich auch. Muster. Ich halt' mich darin an meinen Freund, er ist der G'scheitere. Der Plan, den er zu unserm fernern Fortkommen entwirft, der is mir recht. , Goldr. Sie haben wohl etwas ge. lernt? Muster. Mancherlei, aber Sic werden sich schwerlich damit einverstanden erklären. Gold. Verstehen Sie die Oecvnomie? Muster. Das ist meine schwächste Seite. Kathi. Wie bei allen jungen Herrn. Goldr. Nun, das läßt sich nachholen. Feder. Gewiß! Wenn man etwas hat, lernt sich die Oeconomie von selbst. Und wo nichts ist, braucht's keine Oeconomie. Goldr. Sie sind jung, da geht Alles, denn der Jugend verzeiht man Vieles, was dem Alter gerügt wird. Muster. Da haben Sie Recht. Zwischen der Jugend und dem Alter is a Unterschied wie zwischen Groß und Klein. Was so a Fratzerl thut, is schön und patschierlich beim Großen heißt's: Is das a Narrendatl! Sagt a Kind was Dummes, da heißt's gleich: Ach, wie is das witzig! Bei'm Großen heißt's: Der red't ein' Stiefel z'samm'! Ein'n Kleinen räumt man jedes Stein'l ans'm Weg, — dem Großen wirft man absichtlich die Prügel unter d'Füß. Der Kleine wird oft gegen seinen Willen von den schönsten Madeln abgebuffelt. Der Große muß a Bußl oft mit sein'm Leben bezahl'n. Wenn der Kleine weint, wird der Menschheit gleich bang — tritt aber ein'm Großen amal vor Kummer 's Wasser in die Augen, so heißt's: Der alberne Tropf! Wenn ein Kleiner noch so hanswurstlmäßig anzog'n is, so find't ihn die Welt allerliebst— wenn sich a Großer streng nach der Mode anzieht, da heißt's: Schaut's den Affen an! Schreibt der Kleine ein Aufsatz für die Schul, so find't Jeder das Zeug ausgezeichnet — übergibt aber ein Großer etwas der Öffentlichkeit, so sagen Neunzehn von Zwanzig : Das is a Schmarn! Will a Kleiner a Geld auf a Naschwerk, gibt Jeder was her, — braucht a Großer a Geld,so find't er kein Teufel, der ihm was gebet. A klein's Madel spielt den ganzen Tag Köchin, a Große kümmert sich 's ganze Jahr nit um die Wirtschaft. A Kleine hat an einer Docken IS 's ganze Jahr genug, a Große muß alle Tag ein' andern Liebhaber hab'n. AKind kriegt oft in der Wieg'n schon hunderttausend Gulden und a Großer muß zehn Jahr' practicireu, bis er dreihundert Gulden Gehalt kriegt. Das wird dock ein Unterschied sein. Goldr. Sie haben nicht Unrecht. Aber da wir nicht Schuld sind, daß es so ist, so kümmert es uns auch nicht. Muster. Freilich! was geht uns das gemeine Volk an. Goldr. Nun, in diesem Sinne meine ich's gerade nicht. Ich habe ein Herz für das gemeine Wohl und auf jeder Sammlungsliste steht mein Name. Habe es erst vorige Woche wieder bewiesen, indem ich mich an der Subscription für die Weber betheiligte. Muster. Das is schön von Ihnen. Goldr. Ah was schön! Es ist Pflicht zu helfen, wenn man kann. Und wo solche erbabene Beispiele gegeben werden, wo Se. Majestät unser guter Kaiser, der ganze Hof, die edelsten Adelsgeschlechter des Landes vorausgehen, da halte ich's für eine Ehre, Nachfolgen zu dürfen, und so wird jeder brave Oesterreicher denken, dem sein Vaterland und das Wohl des Volkes am Herzen liegt. Feder. Gewiß, Herr Goldrand! Ich bin überzeugt davon. Muster. Ich auch. (Für sich.) Aber wenn er wüßt', daß ich nir als ein armer Weber- g'sell bin, er ließ mich am End' doch, trotz allem Patriotismus, am Bauch hinaus- wcrfen. Goldr. Ich habe auch einen Wagen Victualien nach Wien geschickt. Es ist in allen Zeitungen gestanden. Vict. Ich Hab' meine Sparbüchse geleert und den armen Leuten geschickt. M u st e r. Jst's möglich! Kathi. Und ich Hab' den Henkelducaten von mein' Göd'n dazugclegt. Feder. Davon ist nichts in der Zeitung gestanden. Kathi. Das macht nir. Is doch von Herzen gut gemeint. Feder. Wenn Dein Herz cs nur mit mir auch gut meinen wollte. Kathi. Sie sind ja kein armer Weber! Feder. Aber ein Verliebter, und der ist noch armer, wenn er keine Gegenliebe findet. Muster. O warum haben diese Räuber mir Alles genommen — ich würde diesem edlen Beispiele folgen — Goldr. O da ist gleich geholfen. (Gibt ihm ein Portemonnaie.) Nehmen Sie dieß für vorkommende Fälle. Muster. Aber, ich bitte — Goldr. Keine Umstände—als Schwiegersohn — Feder (leise). Du wirst doch nicht — Muster (leise). Ich kann's ja nicht zn- rückweisen. (Oeffnet, nimmt rasch eine Banknote und drückt sie ihm in die Hand). Nimm — und sei g'scheit. (Laut.) Lieber Herr Vetter, da Sie so freundlich mich in den Stand setzen, meiner Mildthätigkeit keinen Zwang auf- zulegcn, so bitte ich, dieß seiner Bestimmung zuzuführen. (Gibt ihm Banknoten.) Vict. Das gefällt mir von Ihnen. (Reicht ihm die Hand.) Feder (für sich). Es nützt nichts — mitgefangen, mitgehangen! (Sucht in der Brieftasche, laut.) Auch ich bitte diese Kleinigkeit dazuzulegen. (Gibt Goldrand die Banknote.) Kathi. Sie hab'n a gut's Herz — das freut mick. Feder. Wirklich! Ach Kathi! (Leise zu Muster.) Fast schäm' ich mich, ein Lob anzunehmen für — Muster (leise). Ah was, kriegt Mancher a Medaille, der ein Schilling verdient. Goldr. Kinder— oh, mich ruft jetzt ein nothwendiges Geschäft. (Für sich.) Ich muß mit dem Igel in's Reine kommen. (Laut.) Sprecht Euch aus, und wenn Ihr mir eine große Freude machen wollt, dann kommt zu mir um meinen Segen. (Ab.) Kathi (zu Victoria). Ich werd' derweil rr* zu die Blumen schauen, im Glashaus find'st mich. Feder. Darf ich Dich begleiten? Kat hi. Wann Ihnen der Weg uit z'weit is. Feder. Ich wollte mit Dir durch's Leben geh'n. Kathi. Das war' doch a bißl zu weit, da möchten's bald müd' wer'n. (Ab.) Feder. Niemals! (Leise zu Muster.) Wenn ich einen dummen Streich mache, bist Du schuld. Muster (ebenso). Nur zu! Lassen wir 's Radel rollen. Feder (ebenso). Ich kann's ohnehin nickt aushalten. (Ab.) Muster. Also, süßes Brautcrl, wir sind allein — schließen Sie's Herzerl auf und lassens mich h'neinschauen. Vict. Das darf ein Mädchen nie thnn. Muster. Warum? Vict. Die Männer dürfen nie ganz wissen, wie sie daran sind, es muß ihnen immer etwas zu hoffen bleiben, sonst find sie unsrer gleich satt und suchen anderswo etwas Neues. Muster. Ein praktischer Gedanke. Vict. Und darum muß ich Sie erst prüfen. Muster. Prüfen Sie mich, meine Göttliche, ich bin so echt wie im Feuer ver- gold't, so echt wie das Kreuzerl an Ihrem Hals. Vict. Das wäre nicht gut, denn das ist kein Gold. Muster. Ah, soll man sagen — jetzt is das kein Gold! Wie man sich täuschen kann! Aber warum tragen Sie etwas Unechtes an diesem echt griechischen Schwanenhals? Vict. Weil es ein Erbe meiner Mutter ist, die es als Kind empfing und bis zu ihrem Tod getragen hat. Der Vater hat mir erzählt, daß meine Geburt ihr eine Krankheit brachte, an der sie sterben mußte. In ihrer Todesstunde nahm sie das Kreuz- chen ab und hing es mir um, und seit der ^eit Hab' ich mich nie davon getrennt. Wenn ich es betrachte, erinnert eS mich an eine Mutter, die ich leider nie gekannt. Muster. Das is traurig — aber um wieder auf das frühere Thema zu kommen — Sie legen den Probirstein des Mißtrauens an mich, um zu sehen, ob ich sech- zehnlöthig bin? Gut. Sie werden sich überzeugen, daß ich keine von jenen Arbeiten bin, wo die Fa§on mehr werth is, als der innere Gehalt. Kein G'wächs an, dem 'sBlät- terwerk schöner is als die Blüthen. Kein Baum, der nur Blüthen und keine gute Frucht trägt. Keine Blumen, die durch ihren Farbenglanz das Aug' blendet, aber kein' Dust hat. Ich bin wie a Veigerl, das unscheinbar im Gras steht, und darum oft mit Füßen getreten wird; aber den, der's findet und der Müh' werth hält aufzuheben, den erfreut's durch seinen süßen Duft, der beim Menschen 's Herz und 's G'müth is. Vict. Sind Sie ein Blumenfreund? Muster. Gewiß! Denn in diesem Augenblick schwärme ich für eine Victoria- Reggia. Vict. Schmeichler! Muster. Ach, wenn Sie meine Schwärmerei theilten, wie schön sollte sich da uns're Zukunft gestalten! Wenn wir so des Morgens Hand in Hand im duftigen Garten, in der duftigen Laube, beim duftigen Kaffee sitzen, drei bis vier Kleine wie die Orgelpfeifen um uns — Sie als glückliche Mutter — ich als seliger Vater — oh, bei dem Bild kriegt man lange Zähne! Vict. (verschämt). Es ist ein schönes Bild, zwar schon etwas stark ausgemalt — Muster. Ich liebe die Freskomalerei — und was sagen Sie von dem Bilde nnser's künftigen Lebens, holde Victoria? Hab' ich's troffen, oder Hab' ich's g'fehlt? Vict. Ich glaube, Sie — Sie haben es getroffen. (Will fort.) Muster (fik aushaltmd). Und werden Sie mit mir gehen, um den Segen des Papas zu holen? 21 Dict. (schelmisch) Für jetzt muß ich geh'n, um Toilette zu machen. Muster. Wozu? Sie sind ja reizend genug. Vict. Das verstehen Sie nicht. Der Vater hat befohlen — und Gehorsam — Muster. Ist die erste Bürgerpflicht! Aber wollen Sie mir den Kopf ganz verrücken? Vict. Nun, ich bin ja bestimmt, ihn Ihnen wieder zurecht zu setzen. (Eilt ab.) Muster. Angebetete! Einziger Augentrost! O Gott! o Gott! Das Madel und einmalhunderttausend Gulden, wie könnt' der Mensch da glücklich sein! Ich Hab' schon viele Madeln kennen g'lernt, aber zwischen denen und dieser— der Unterschied, g'rad wie bei so vielen andern Dingen. L o u p t e 1. Eh'mals war'n die Madeln so mollich und rund, War'n frisch wie Hirschen und alleweil g'sund. Jetzt heißt man sie Fräulein—sie kränkeln — ach, weh! Das macht 's viele Tanzen, die Lieb und — der Thee. Altch 's Reisen in's Bad kommt jetzt stärker in d'Mod, Die Watta macht rund und die Schminke macht roth; Und was d'Crinolin Alles deckt — sagt ganz gewiß, Daß zwischen d'Jungfrau'n und Fräulein ein Unterschied is. Sonst haben die Dienstleut' sich einfach getrag'n, Man konnte von Luxus noch gar nicht viel sag'n; Man könnt' an der Kleidung erkennen auf's Haar, Ob's a Dame von Stand oder a Kuchel- dirn' war. Jetzt tragen's hohe Hüte, Mantill, Cri- uolin, Schwerseidene Kleider mit Falb'n bis dahin. Und nur noch an Sprach Satrazene merkt man's g'w i ß, Daß es a Kucheltrabant und kein' Herrschaft uit is. Die Männer war'n stramm sonst und kräftig gebaut, In Sitten und Kleidung ganz einfach vertraut. Jetzt kost't ihre Kleidung nit d'Hälft' so viel Geld, Weil an ihrem Rock fast die Hälft' vor'n fehlt. Der Mondschein da oben, so groß, 's is a Graus, Der Bart füllt das Knochengebirg im G'sicht aus — Das G'stell wie a Zahnstocher zeigt doch ganz g'wiß, Daß zwisch'n Bauer und Fleisch doch ein Unterschied is. Sonst hab'n die Männer gar treu auch geliebt, Mit Wort nicht und That die Geliebte betrübt. Erfüllten getreu ihre häusliche Pflicht. Und wechselten in ihrer Liebe noch nicht. Von Treue und Pflichten is nix mehr bekannt, Für'n Bulldogg setzt Mancher sein' Frau ein als Pfand. Und hört mau's oft plauschen, so glaubt man gewiß, Daß zwischen ein Mann und ein alten Weib gar kein Unterschied is. Wenn sonst zur Erholung man Ausflüg' hat g'macht, Hat man's höchstens in d'Brühl und nach Baden gebracht. Den Staub g'schluckt, sich g'langweilt, die Füß oft verstaucht, Und obendrein schauderhast viel Geld verbraucht; Jetzt fahrt man zum Frühstück ind'Schweiz, an den Rhein, Z'Mittag kann bequem man in London d'rüb'n sein. Zur Jausen in Stambul, zum Souper in Paris. Ja zwischen Zeiserlwag'n und Dampf halt ein Unterschied iS. Sonst ging man in's Theater, um sich z'a- mnsir'n, A g'müthliches Stuck könnt' die Herzen noch rühr'n. A einfache Handlung, a liebliches Lied, A harmloser G'spaß, man war z'friedcn damit. Zwölf Decorationen sind jetzt noch nicht g'nu', Kameele und Schlachten und Pferde dazu. Gin Unsinn mit Tanz, ah, da d'rum is a G'riß — Ja zwischen Cancan und Menuett halt a Unterschied is. (Geht ab.) Vierte Scene. Goldrand. Igel (rechts). Goldr. Nun, Herr Igel, stehe ich zu Ihren Diensten. Igel. Hören Sie, Sie haben meine Geduld auf eine harte Probe gestellt. Goldr. Es ging nicht anders. Ein Besuch, von dem ich mich nickt losmachen konnte und — es wird ja nicht so eilig sein. Igel. O dock, ich habe Eile. Goldr. Also, was wollen Sie? Igel. Sie müssen mich retten! Goldr. Was heißt das? Igel. Sie müssen mir zehntausend Gulden geben, sonst bin ich verloren. Goldr. Ich muß? So, so! Warum muß ich denn? Igel. Sie fragen? Goldr. Ich frage, ja! Denn ich bin nicht gesonnen, mich Ihren nichtswürdigen Prellereien ferner auszusetzen. Igel. Was? Prellereien nennen Sie, was ehrlich verdientes Geld ist? Goldr. Ehrlich? hahaha! Ich war wahnsinnig genug, Ihnen schon ungeheure Summen für ein Versprechen zu geben. Ich habe weiter keine Lust mehr dazu. Igel. Summen? Versprechen? Ah, Sie scheinen die Sache vergessen zu haben; da muß ich Ihr Gedächtnis, ein bischen auffrischen. Goldr. Ist nicht nöthig. Igel. Doch, doch! Sie werden sich erinnern, daß Sie einen Bruder hatten, welcher durch Fleiß und glückliche Spekulation das Vermögen, das er vom Vater geerbt hatte, zu einer so bedeutenden Höhe brachte, daß man ihn Millionär nannte. Gold. Nun, und — Igel. Dieser Mann hatte eine Frau und einen Sohn. Der Knabe war »zwei Jahre alt, als die Mutter ihm eine Schwester gab, deren Geburt ihr selbst das Leben kostete und drei Monate später raffte ein Schlagfluß auch den Vater hinweg. Goldr. Aber — Igel. Er hinterließ ein Testament, in dem er seinem Bruder — nämlich Ihnen, der dasselbe Vermögen wie er vom Vater erbte, aber leichtsinnigerweise längst vergeudet, und als armer Teufel bei ihm lebte — eine bedeutende Summe vermachte, mit der Bedingung, seine beiden Kinder mit aller Sorgfalt zu erziehen, als Vormund über sie zu wachen, bis der Knabe zwanzig, das Mädchen achtzehn Jahre alt war. Dann sollten Sie ihnen das Vermögen übergeben. Goldr. Aber wozu das Alles — Igel. Nur Geduld. Sie übernahmen die Verpflichtung, sannen aber darauf, wie Sie sich deren am schnellsten entledigen konnten, um die Erbschaft selbst einzustecken. 23 Fünfte Scene. Vorige. Muster (tritt ein von links, hört die letzten Worte, bleibt eine Minute stehen, und zieht sich dann horchend in die Thür zurück, an der er von Zeit zu Zeit sichtbar wird). Igel (fährt ohne Unterbrechung fort). In mir glaubten Sie ein gutes Werkzeug für Ihren Plan gefunden zu haben. Sie erkauften mich — und die Sache ward fein eingefädelt. Die Kinder sollten verschwinden. Mit dem Knaben war der Anfang gemacht — da Sie ihn umzubringen nicht denMuth hatten, bekam er einen leichten Schlaftrunk, ich legte ihn in einen Korb, Sie fügten tausend Gulden bei und in einer stockfinstern Nacht tmg ich ihn in den Wald. Vor der Hütte des alten Hanns, des Kohlenbrenners, stellte ich den Korb nieder, klopfte an und eilte davon. Im Schlosse hieß es, das Kind sei verunglückt und um dem Schmerze zu entgeh'», den Ihnen der Verlust machte, zogen Sie hieher, wo Sie Niemand kannte. Das Mädchen, statt sich seiner zu entledigen, erzogen Sie als Ihre eigene Tochter — und haben so das Testament unterschlagen. Goldr. (in die Erinnerung verloren). Ach, wie oft habe ich jene unselige That bereut! Igel. O, Sie bereuen nicht, was Sie gethan — aber Sie bereuen, mich zum Mitwisser gemacht zu haben. Goldr. Mitschuldiger! Elender! Du kannst mich nicht verderben, ohne Dich selbst zu Grunde zu richten. Igel. Aber ich kann Ihrer Tochter diese Geschichte erzählen, was werden Sie dann sagen? Goldr. Daß Du. Teufel, diesen Plan entworfen. Igel. Doch nur zu Ihrem Vortheil — Goldr. Nein zu Deinem eigenen. Du wolltest ein Mittel haben, Dich zu bereichern, Du beschwatztest mich zu jener That, damit ich dein Schweigen mit Gold aufwiegen mußte. Von Jahr zu Jahr stiegen deine Forderungen; ich bin dessen müde. Igel. Und was werden Sie thun? Goldr. Nichts. Igel. Nichts? dann muß ich handeln. Goldr. Nach Belieben. Igel. Wie? Goldr. (für sich). Er stutzt. Jetzt Festigkeit. Igel. Ich gehe zu Gericht. Goldr. Und welchenBeweis haben Sie? Igel. Beweis? Goldr. Wo steht denn geschrieben, daß Sie nicht ein Betrüger sind, der dieses Mährchen ersonnen, um Gott weiß was zu erreichen? Igel. Wie? Goldr. Was beweist denn, daß Ihre Angabe wahr sei? Igel. Ihre Briefe an mich. Goldr. Sind falsch, von Ihnen fabricirt. Igel. Das Geld, das ich besitze — Goldr. Ist durch Wucher zusammcnge- stohlcn. Igel (im höchsten Grimm). Herr! Goldr. WaS wollen Sie dem entgegensetzen? Igel. Ich — ich — o ich habe noch Mittel! Goldr. Welche? Igel. Die behalte ich mir für's Gericht vor. Goldr. So? Nun, um Ihnen noch mehr Stoff zu geben, merken Sie auf: Heute noch wird jener Bauer mit meinem Neffen hier erscheinen; denn er ist bereits zwanzig Jahre alt. Die Verlobung meiner Nichte führt eine große Gesellschaft hier zusammen. Vor dieser lege ich das Testament, das ich in meinem Wandschranke wohl verwahrt habe, in der Kinder Hände und setze sie in alle ihre Rechte ein. Warum ich so und nicht anders gehandelt habe, geht wohl nur die Kinder an und — jetzt gehen Sie zu Gericht. Igel (boshaft). Hahaha! Ihr Neffe wird kommen? 24 Goldr. Wie Sie hören. Igel (hitzig)- Er ist ja aber schon vor Jahren davongelaufen. Goldr. (schnell). Woher wissen Sie das? Igel. Ich — gleichviel, ich weiß es. Goldr. (für sich). Vortrefflich! (Laut.) Nun ja — weil ich ihn heimlich weggenommen habe und erziehen ließ, wie es seinen Verhältnissen angemessen war, damit er heute austreten könne, wie es seinem Stande geziemt. Igel. Das hätten Sie — (Für sich.) Es wäre möglich. Teufel! da ist nichts mehr zu machen. Goldr. Nun, wünschen Sie noch etwas? Igel (süß). Ich möchte der Braut meinen Glückwunsch abstatten. Goldr. Ganz unnöthig. Sechste Scene. Vorige. Victoria. Muster. Viel. Liebes Väterchen! Goldr. (erschrocken). Was soll's? Was willst Du? Vict. Wir können den Schlüssel zur Garderobe nirgends finden. Du mußt ihn in Gedanken abgezogen haben. Goldr. Warum nicht gar — wie käme ich dazu — Vict. Gewiß! Sieh' nur nach — Goldr. Wenn ich Dir aber sage — (Leert die Taschen ans den Tisch rechts, bringt Cigarrentasche,Geldtasche,Papiere,Messer, Schlüssel, worunter zwei kleine zusammengebundene Schlüssel sich befinden, zum Vorschein.) Da siehst Du — zum Keller, zum Garten, Schlafzimmer, Sccretär, Boden, wie sollte ich zu dem Schlüssel kommen. (Bringt zuletzt noch eiuen Schlüssel hervor.) Der ist — Vict. (nimmt den Schlüssel). Der ist's ja! Siehst Du, daß ich Recht hatte! (Eilt ab.) Igel (hat durch Complimente sich ihr bemerkbar machen wollen, doch vergebens, da sie gespannt aus die Schlüssel sah). ^ Goldr. Wahrhaftig! (Nimmt hastig die Sachen vom Tische und steckt sie, Igel zugewendet, ein. In der Hast entfallen ihm die beiden kleinen zusammengebundenen Schlüssel und bleiben auf dem Tischteppiche liegen.) Sie kenne» meine Absicht, thun Sie, was Ihnen beliebt. Igel. Werde mir's überlegen. Goldr. Nach Gefallen. Ich gehe Victoria auf den Empfang ihres Bruders vor- zubereiten. Adieu! (Für sich im Abgehen.) Ich wollte, ich könnte es in Wahrheit thun, dann wäre ich aller Sorgen ledig. (Geht ab.) Muster (für sich). Das ist ja eine prachtvolle Räubergeschichte! Siebente Scene. Igel. Muster. Igel. Er geht—er spricht mit einer Sicherheit, die mir auffällt! Es war so viel Hohn und Spott in seinen Worten, als wenn er nicht das Geringste zu fürchten hätte. Sollte er wirklich — nein, nein! Da hätte er schon früher — nicht erst jetzt! es ist ein Schreckschuß! Er will mich prellen! Er glaubt, daß ich mich davonmachen werde wie ein begossener Pudel. Nein, mein würdiger College — so haben wir nicht gewettet! ich bleibe, ich will den Herrn Neffen sehen. Werde ihn zwar nicht wieder erkennen, obwohl ich ihn früher öfter besuchte und mich von seinem Dasein überzeugte — aber seit Zwölf Jahren ist er verschwunden, und wenn es wahr ist, daß der Alte — pah! ich glaub's nicht, ich will cs sehen. Ich gebe erst dann die Partie aus, wenn der Herr Neffe als Atout-König ausgespielt wird! Eher nicht. (Ist während dieser Rede über s Theater gegangen und wirft sich rechts in den Fauteuil, klopft bei den letzten Worten boshaft mit der flachen Hand mehrmals ans den Tisch, spürt die kleinen Schlüssel, hebt sie auf und betrachtet sie.) Zwei Schlüssel, die hat er vorhin liegen lassen. Zu welchen Schlössern Mögen sie paffen? (Sein Blick schweift umher und bleibt an dem Wandschrank hasten.) Er sagte etwas von einem Wandschrank, in dem er das Testament bewahrt — wenn ich das hätte — es wäre für alle Fälle. (Sieht umher.) Ah — dort ist einer, aber es ist nicht denkbar — wer weiß — versuchen wir's — (sieht sich um) ich bin allein — rasch. (Eilt zum Schrank und steckt einen Schlüssel an.) Getroffen! er paßt. (Oeffnet.) Flaschen, Büchsen, ein Kästchen. (Nimmt es heraus.) Vielleicht darin? (Probirt deu zweiten Schlüssel.) Ha, das Glück spielt mit mir! (Oeffnet.) Papiere, Rechnungen. (Nimmt ein großes Couvert heraus und liest die Aufschrift:) »Testament,« das ist's! (Nimmt das Papier zwischen die Zähne, schließt das Kästchen, stellt es in den Schrank, sperrt zu, eilt nach vorn und legt die Schlüssel wieder auf den Tisch rechts. Nimmt hastig das Papier aus dem Couvert und durchfliegt es. Während Igel s erster Rede ist Muster rasch und leise aus der Thür links übers Theater geschlichen und versteckt hinter einem Fauteuil, welcher rechts in der Ecke steht, beobachtet Alles was Igel thut und begleitet es mit passender Pantomime. Sowie Igel vorgeht, richtet er sich auf und wenn jener das Papier öffnet, schleicht er vorsichtig näher.) Igel (triumphirend). Das ist es! Ha! nun habe ich den letzten Trumpf. (Steckt das Papier wieder in das Couvert.) Victoria! Es ist mein! (Hebt das Papier.) Muster (ist hinter ihn geschlichen und sowie Igel das Papier hebt, reißt er es ihm weg). Nein, es ist mein! Igel (entsetzt zurückprallend). Was ist das? Muster. Das is die neueste Methode, die wir erst, kriegt haben, ein' Wucherer zu prellen. Igel. Sie unterstehen sich —? Muster. Ich bin so frei. Das Papier bleibt vorläufig in meiner Verwahrung und nun zeigen Sie den Herrn von Goldrand an. 2gel. Sie wissen —? Muster. 2ch weiß — ja! Dort hinter der Thür Hab' ich die ganze saubere Verhandlung mit angehört. Zgel. Verflucht! Muster. Jetzt spiel' ich Atout, verstanden? Und Sie werden klein zugeben, sonst — Igel (rasch und freundlich). Aber, bester Herr, Sie werden dock nicht — Muster. Das kommt auf Sie an. Igel. Ich bin ja ein guter Mensch — thne Niemand etwas Böses. Muster. Ich weiß. Sie sind wie a Schröpfkopf, wenn mau ihn so anschaut, is er ganz harmlos. Wenn er aber ang'setzt wird, saugt er's Blut ans. Igel. Hehehe! Sv ein lieber spaßiger Herr — Sic werden einen armen Mann nicht in's Unglück bringen. Muster. Das Hab' ich nicht nöthig. Sie laufen der Gerechtigkeit von selber in die Arme. Igel. Ich bin ja der beste Freund des Herrn von Goldrand. Muster. Ja, wie der Ruß' vom Polen. Sie haben ihn zum Fressen gern. Igel. Kleine Geschäftsangelegcnheitcn. Muster. Sehr kleine — zweijährige — männlichen Geschlechts, wir wissen's. Igel. Das soll unsre Freude nicht stören. Muster. Gar nit. Jetzt soll's erst recht angeh'n! Igel. Freut mich unendlich, Jhre wcrthe Bekanntschaft gemacht zu haben. Muster (auf die Tasche klopfend, in die er das Papier steckte). Mich auch! Igel Wollen uns gut unterhalten. (Reicht ihm die Hand.) Muster (sie ihm schüttelnd). Sehr gut! Verlassen Sie sich d'rauf. Igel. Wollen tanzen. Muster. Ich spiel' auf. Igel. Singen. Muster. Und ich schlag' den Tact dazu! (Beide find einander becomplimentirend bis zur Thür gekommen.) Muster (für sich ) Gauner! Igel (für sich). Hallunke! Beide. Bitte vorauszuspazieren! (Sich becomplimentirend zur Mitte ab, indem Muster schließlich dem Igel einen Puff in den Rücken gibt, daß er hinausfliegt.) Verwandlung. (Garten wie früher.) 26 Achte Scene. Victoria. Kathi (rechts). Vict. Hier sieht und hört uns Niemand! Jetzt sage mir, Kathi, wie gefällt er Dir? K a t h i. Ich muß Ihnen sagen, Fräul'n — recht gut. Vict. Wirklich? Das freut mich. Kathi. Er hat so was in sein' Blick', in sein' Reden, daß's ein siedendheiß über'n Buckel laust. Vict. Nicht wahr? Kathi. Ich könnt' ihm a recht gut sein — Vict. Du? Kathi. Und wann ich wüßt', daß mein Voda nir dawider hätt', vielleicht — Vict. Ja, was geht denn das dein' Vätern an? Kathi. A dös is g'spaßi — er hat dock a a Wort d'reinzureden. Vier. Wenn ich den Herrn Ebermann heirate? Kathi. Wie? — Ja so von dem hab'ns g'redt. Vict. Freilich — wen hast denn Du gemeint? Kathi. Jh — ih weiß nit — mir hat tramt — red'n wir von Ihnen. Also der Bräutigam gefallt Ihnen? Vict. Aufrichtig g'sagt, ja. Kathi. Und er scheint Ihnen a gern zu hab'n. Vict. Er sagt es. Kathi. Ob's aber a wahr is. Die Mannsbilder sind alle durch die Bank nir nutz. Jetzt kommt's nur d'rauf an, ob der, der uns g'fallt, mehr oder weniger nir nutz is als andere. Vict. Das ist's — und das kann ich nicht beurtheilen—denn wenn man verliebt ist, sieht man nicht klar. Kathi (skufzend). Dös is schon richti. Vict. Tu bist nicht verliebt—Du kannst unbefangen urtheileu, sage mir deine Meinung.! Kathi. So in der Geschwindigkeit, das is schwer. A Mannsbild, wann's um uns wirbt, da macht er sich so schön — da zieht er sich den Schafspelz bis über die Ohren und vermeidet Alles, was seine Wolfsnatur vcrrathen könnt', so daß man mit dem besten Willen kein' Fehler find't. Da sind wir ihm eine Göttin, die er anbetet — ein Engel, der ihn beschützt — eine Rose, auf seinen Weg gestreut — ein Diamant, ein Perle! Er trägt uns auf den Händen. So wie man aber schwach genug war, sich von dem Schein verblenden zu lassen, fangt a schon die Enttäuschung an. Der Schafspelz fallt nach und nach ab, der Wolf kommt zum Vorschein. Die Göttin wird zum Weib — der Engel zur Bisgurn, die Rose zu Dornen und die Perle zu Stein, dem er aus dem Weg geht — und zu spät sieht man ein, daß man zu wenig für ihn war, uns're einfache Lieb' genügt ihm nit, denn seine Lieb' is allumfassend, er liebt sie Alle und lauft jeder Schürzen nach, so daß man endlich seufzend ausruft: O! wärst du doch ledig blieb'n! Vict. Aber das ist ja schrecklich! Da dürft' man ja gar nicht heiraten! Kathi. Besser wär's freilich. Aber da die Einrichtung amal so in der Welt ist, daß wir heiraten müssen, so bleibt nir übrig, als in den sauren Apfel zu beißen. Vict. Wo Du nur alle die Erfahrungen gemacht hat? Kathi. Wo? Bei uns heraus't auf'n Land. Jetzt wo die Stadtleut' den ganzen Sommer am Land sind, macht a Bauernmadel mehr Erfahrungen in drei Monat als früher in zehn Jahren. Was ih schon für Sachen g'hört Hab', das sollten's gar nit glaub'n. »Lieb'sWclberl, ich Hab' a G'schäft mitmein' Notar abzumachen, wirst Dich recht langweilen, arm s Hascherl, no, tröst Dich, ick tuinml mich schon, daß ich zeitig auf d'Nacht wieder z'Haus bin.« — Er geht und vor dem Dorf sagt er zu ein' Freund'— »Du, meine Alte Hab'ich anplauscht, hahaha! 27 Jetzt geh'n wir auf d'Kaseralm zur schwarzen Seferl! Das isDir a Madl! (Singt.) A schwarzauget's Dirndl Wie Milli und Blut, A Göscherl von Zucker, Das g'fallt mir so gut. »Iuh!« No was sagen's dazu, Fräul'n? Vict. Das ist ja abscheulich. Kathi. Aber wahr! »Saraleben — ich war zwei Tag Dir zu lieb nicht auf der Bors' — ich muß geh'n und seh'n wie steh'n die Actien.« — »Was Meyerleben, Du willst fort — wo is die Zeitung — wird gegeben gewiß a neu's Lallet, daß de willst ans die Börs'.« — »Wie haißt Ballet? was Hab ich zu thun bei's Ballet, wie kommst Du nur vor, Sara, was geh'n mich an die Beine von de Tänzerinnen? Ich bin selbst a Tänzer, ich tanz' um Dich, Saraleben — soll ich leben, wann's gibt für mich a weiblich Wesen aus der Welt außer Dir, meine einzige Sara«—und sich verschwatzend und verschwörend eilt er fort. Hundert Schritt davon trifft er auf a Bau- ernmadl: »Gott über die Welt, is das a schöns Kind! Soll ich leben, wann ich nicht gebet gleich a Creditactie sür'n einzigen Kuß« und mit der Brieftaschen in der Hand attaquirt er, bis er ein Nasenstiefel kriegt, daß er in's Gras fliegt. Vict. Ist eine solche Falschheit möglich? Kathi. Gewiß, denn ih — ih hab's g'sehen. »Schau, Alte — ich werd' a bißl in's Freie geh'n — au — der Rheumatismus plagt mich wieder z'stark — oh — ich muß a bißl Bewegung machen — au — die Fuß fangen a wieder an — verdammtes Podagra — ich muß a bißl in die Luft — unterhalt' Dich derweil, bis zur Jausen bin ich schon — au — wieder da — au — der Rheumatismus« — er wackelt fort — und je weiter er kommt, je g'schwinder gehl's — bis auf die Wiesen, wo die Madeln Heu wenden. »Gruß Dich Gott, Schatzerl — in der Hitz so arbeiten, arm's Herzerl, so a husch' Madel, brauchet das nit — (nimmt fie um die Mitte) die Augerl — die rothen Backerl — das Göscherl — o nur a Bu — Busserl.« Er spitzt schon den Mund, da reißt sie sich los und laust davon, er nach, als ob er nie s' Podagra oder den Rheumatismus g'habt hätt'. »Du kommst mir nit aus, ich krieg' Dich, aber dann is keine Gnad'!« da— da, liegt er über ein Stein, wird ausgelacht, steht auf und versucht wo anders sein Glück. Vict. Hör' aus! Da vergeht einem ja alle Lust zum Heiraten, wenn die Männer so falsch sind! Kathi. Nu, nu! A g'scheits Madl richt sich's von Anfang so ein, daß die Fälle so spät als möglich eintreten. Vict. Wie soll ich denn das machen? Kathi. Das laßt sich nit vorschreiben, — das muß einem das Her; sagen und wenn's Ihren Bräutigam wirklich gern hab'n, so werden's a die Mittel finden, daß er Ihnen nit so g'schwiud untreu wird. Vict. Aber untreu wird er doch, meinst Du? Kathi.Waß ma's denn? 'Sis a Lott'rie- spiel. Man muß's riskiren, ob man einen Treffer macht. Also riskiren Sie's nur, denn — ih will Ihnen was sagen — ih bin nit ganz unparteiisch — weil — weil ih a — Vict. Weil Du auch verliebt bist? Kathi (nickt). Vict. In wen — g'schwind, sag's! Du sollst ihn hab'n. Kathi. O nein, das steht noch in weitem Feld. Viel. Etwa, der Freund — der mir Augen für Dich hat? Kathi. Hhm! Vict. Ach, das wäre schön, wenn wir zugleich Hochzeit halten könnten! Kathi. Das hat gute Weg. Bei unS geht's nit so g'schwind. Ih weiß ja »loch nit, ob er mih wirklich gern hat. Vict. Das soll „rein Bräutigam heur' noch von ihm erfahren. Kathi. Aber nit — 28 Vict. Aber ja! Du bist meine Freundin und ich will Dich glücklich wissen. (Läuft fort.) Kathi (ihr nachrufend). So hören's doch, Fränl'n! Da lauft sie hin. Na, da Hab' ih wieder eine schöne Dummheit g'macht, dummes Herz, da bist Du d'ran schuld, mit dein ewigen Pumpern! Aber so is, wann's Herz voll ist, lauft der Verstand davon. O die Mannsbilder, was die Alles auf'm G'wiffen hab'n — aber sie können eigentlich nit dafür. Es liegt in der Natur, daß wir armen Hascherln immer die Opfer sein müssen; das wissen's, das wachst mit ihnen auf und wird von ihnen durch's ganze Leben hin ang'wendt. O, wann die Mannsbilder nicht so falsch wären; gäb's viel weniger untreue Madeln. Lied. Wann d'Buben sind noch jung an Jahren, So thun's schon uns so Manches an, Sekiren arg uns arme Narren Und puffen, wo's nur g'schehen kann. Sie zwicken, reißen, kratzen, schelten, Zerschlag'n uns jede Spielerei — Und will man gleich mit gleich vergelten, So kommt man stets zu kurz dabei. Sie werfen noch aus weiter Ferne Mit Steiner nach uns Hascherln hin, Daß wir, um uns zu retten, gerne Die bösen, wilden Buben fliehen. Is da a Wunder, wann, statt z'streiten, Wir Zuflucht nehmen zu der List, Und sie betrüg'n auf allen Seiten, Wo es nur allweil mögli is? — Ich woaß ganz gut, daß das nit recht, (Aber warum sind die Buben nir nutz! O:) Wär'n d'Buben brav, so wären wir gewiß a treu und echt. Und wann die Buben bald zwanzig werden, Da geht erst recht an unsre Noth! Und wann wir's noch so sehr verwehrten, Versolgens doch uns bis au'm Tod. Da schwören's: »Schatzerl, bist mein Leben! Mein Herz g'hört Dir nur ganz allein! A Busserl, schau, das mußt mir geben, Dein Göscherl is so lieb und fein.« Und laßt sich richtig eins beschwatzen, So kommt's gar bald auf den Betrug — Man möcht' die Augen ihm auskratzcn, Denn jedes Wort, das war a Lug! Doch weil sie uns die Herzen brechen Mit falschem Wort und falscher Red', So suchen d'Madeln sich zu rächen, Und täuschen d'Männer, wie's nur geht, Sie werden sag'n, das is doch schlecht, (Freilick is nit in der Ordnung, aber .) Wär'n d'Mannsleut' braver, wären wir gewiß a treu und echt! Und is der Bursch zum Mann geworden, Da geht's halt allweil ärger zu, Er schnofelt 'rum an allen Orten, Kan Schürzen laßt er mehr in Ruh. Er thut nur spielend umatandeln Und fallt die Heirat a ihm ein, So thut's sich's rein um s Geld nur handeln, Er fragt nur nach, wie schwer ma sein. Und sind' er Am, die fünf Gulden Mehr, als die Andere hat, o g'schwind Greift um die Reich're er und dulden Muß ruhig das verlaff'ne Kind. So lehren uns die Männer stündlich, Wie man verläugent Lieb' und Herz, Und wir vergelten's ihnen gründlich Und treiben oft nur unfern Scherz. Es is nit recht! Ich woaß, 's is schlecht— (Aber sollen wir nur alleweil die An- g'schmierten sein? na, na) Wenn d'Männer wieder braver werd'n, sein wir a treu und echt! (Ab) rs Neunte Scene. Master (eilig). Feder (rechts). Feder (folgt ihm). So rede doch! Was hast Du denn? Du -ist in einer Aufregung — Muster. Es is auch darnacb. In meinem Kopf summt's wie in ein Bienenstock; eine Ahnung dämmert mir herauf, daß wir nit umsonst hierher gekommen sind. Feder. Ah ja — der Lohn wird nicht ausbleiben; wenn wir uns nicht bald auf holländisch empfehlen. Muster. Keine Idee! jetzt schon gar nimmer. Ich Hab einen Streich ausgeführt — Feder. O weh! Es war an dem ersten schon genug! — Muster. So hör' zu, ungläubiger Thomas, und greif's mit Händen. Feder. So rede! Muster. Still' — der Alte. (Für sich.) Mündelvermögenschnipfer! Zehnte Scene. Vorige. Goldrand (rechts). Goldr. Nun, mein lieber Schwiegersohn — wir sind in Ordnung. Meine Tochter hat mir so eben gestanden, daß sie mit meiner Wahl zufrieden ist. Mit Freuden gebe ich euch meinen Segen. Muster (für sich). Wird nit viel werth sein dein Segen. Goldr. Heute noch haben wir Verlobung. Feder (leise). Willst Du's wirklich so weit kommen lassen? Muster. Verlobung is noch keine Hochzeit. Goldr. Die Gäste werden bald da sein. Muster (unwillkürlich). Recht! Die können gleich Zeuge sein. Goldr. Zeuge — ? Muster. Ich mein' — zur Verlobung! Goldr. Sie soll mit allem Glanz gefeiert werden. Muster. Reckt is! Heut' zu Tag braucht man viel Eleganz, um die Schlechtigkeit zu verstecken. Goldr. (betreten). Wie? Muster. Die Menschheit muß durck Glanz geblendet werden, damit die Schatten der Gesellschaft greller hervortreten. Goldr. Hm — ich glaube heute soll auch nicht die kleinste Wolke unfern Fren- denhimmel trüben. Muster. Wir wollen's hoffen. (Für sich.) Er ist verlegen. Feder (leise). Was hast Du denn nur? Muster (leise). Der Mann g'fallt mir nimmer. Feder (leise). Warum denn? Muster. Wenn wir allein sind. Eilste Scene. Vorige. Anton (rechts). Anton. Ew. Gnaden, ich kenn' mich nit aps. Goldr. Das ist nichts Neues bei Dir. Was gibt's? Anton. Ein Herr Ebermann ist angekommen. Muster (für sich). Mich trifft der Schlag. Feder (für sich). Jetzt sitzen wir fest. Goldr. Nun, was ist's da weiter, Dumrian? Das ist mein alter Freund, der Vater meines Schwiegersohns. Anton. Ein Freund kann er sein, auch Vater, aber alt ist er nicht. Goldr. Nicht? Feder (für sich). Nun ist guter Rath thcuer. Muster (für sich). Mir wird hinaus! Goldr. Das muß ein Mißverständniß sein, führe ihn her, dann bin ich gleich im Klaren. Anton (ab). 30 Muster (leist). Aber bei uns wird's dunkel. Goldr. Was sagen Sie dazu, Herr Sohn? Muster. Ich? mein Gott — was kann man da sagen, es wird sich ja zeigen. Goldr. Recht! und ist's ein Betrüger, so soll er gezüchtigt werden. Feder (leise). Es wird immer finsterer! Muster (leise). Es naht der große Wurf! Feder (leise). Du hast uns in's Pech gebracht, jetzt hilf uns heraus. Muster (leise). Wenn ich nur Zeit hätt' — ha! eine Idee — der Fremde muß uns selber helfen. Zwölfte Scene. Vorige. Victoria. Kathi. Fritz (rechts). Vict. Lieber Vater, dieser Herr — Muster (auf Fritz zustürzend). Ach, was seh' ich? Theurer Feder, lieber Freund! Du hier und gerade heute! Hast Du Dich einmal von den Geschäften losgemacht, um mich mit deinem Besuche zu überraschen. Du sollst dich gottvoll unterhalten! (Umarmt ihn.) Fritz (p.rplcx). Ah! Feder (ihn von der andern Seite umarmend). Auch ich grüße Dich vielmal, theurer Freund. (Beide halten ihn umarmt.) Feder (leise zu ihm). Schweigen Sie um's Himmels willen. Muster (ebenso). Gehen Sie auf meine Reden ein. Feder (ebenso). Wir werden Ihnen Alles aufklären. Muster (ebenso). Wir haben ein schändliches Komplott gegen Sie entdeckt. Fritz (erschrocken). He? Feder (leise). Sie sind unser Freund Feder — Muster (ebenso). Das Uebrige, wenn wir allein sind. 1 Feder (laut). Nun also — ich hatte eS ja gleich gedacht. Herr von Goldrand, ich habe die Ehre Ihnen unfern Freund Feder vorzustellen, der nur durch die Dummheit des Bedienten falsch angcmeldet wurde. Er nannte sich einen Freund von Fritz Ebermann und so — Goldr. Ah, das ist etwas Anderes. Seien Sie mir willkommen. Hier meine Tochter Victoria! Fritz. Ah! Goldr. Dies Kathi, ihre Jugendfreundin. Fritz. Oh! Muster. Und nun, da wir bekannt sind, fort mit Allem, was unsere Freude stören könnte. Feder (zu Kathi). Wird auch beim Tanze heut' dies Herz nicht schneller für mich schlagen? Kathi. Schneller? Kann sein, aber für Ihnen — das weiß ich nit g'wiß. Feder. Grausame! Muster. Ah da nahen die Gäste! Jetzt kann's losgeh'n. (Herren und Damen treten ein ) Goldr. Vorwärts, meine Herrschaften, zur Tafel und das erste Glas auf die Verlobung meiner Tochter. Alle. Wir gratuliren! (Indem sich Alle zum Abgehen wenden, fällt der Vorhang.) Dritter Act. (Garten wie früher.) Erste Scene. Muster. Anton. Muster. Anton, bist Du g'scheit genug, einen wichtigen Auftrag auszuführen? Anton. O g'wiß, wann's was is, was unsereins begreifen kann. Muster. Na, ich denk', 's wird nicht über dein Horizont h'nausgeh'n. Vor Allem sag': Wie lang bist Du beim Herrn von Goldrand im Dienst? Anton. Seit er hierherg'zogen is. Muster. Kennst Du das Gut, wo er früher gewohnt hat? Anton. Freilich! Bornhausen — ich bin ja im Dorf Hohleb, eine Stunde vom Gut, geboren, und bin der Einzige, der von dort mit hierher kommen is. Ich war damals noch a kleiner Bua. Muster (für sich). Aha! Den klein' Bub'n, der von nir g'wußt hat, den hat er mitg'nommen, sonst Niemand. Oh Du feiner Herr! (Laut ) Also, bist Du bekannt in jener Gegend? Anton. Ich bin freilich lang nit dort g'wesen, aber ich würd' mich schon zureckt- finden; denn am Land verändert man nit so g'schwind, wie in der Stadt- Ich glaub', ich find' noch Weg und Steg wie früher, wo ich jeden Baum kennt Hab', jeden Bauern und jeden Stock im Wald. Muster. Erinnerst Du Dich nit an ein'n Waldbauern, ein'n Kohlenbrenner, den inan den alten Hanns g'heißen hat? Anton. Den alten Hanns? Freilich — der muß jetzt, wann er noch lebt, schon a recht alter Datel sein, sammt seiner buckligen Grete. Muster. Seine bucklige Grete? Hm — Weiberaugen sehen gewöhnlich schärfer als unsere. Wie lange Zeit brauchst Du zu dem alten Hanns? Anton. Wann ich a gut's Pferd'Hab' und a Geld, daß ich mir, wann's nothwen- dig is, in Leitstetten a frisch's nehmen kann, wird's in acht Stunden zu richten sein 'S Wetter is gut, die Fußweg trocken, man kann jeden benutzen, und reiten kann ich. Muster. Gut. Wenn der alte Hanns mit seiner buckligen Grete bis morgen Mittag hier is — im Fall er noch lebt — so kriegst Du hundert Gulden Belohnung. Anton. Hundert Gulden!? Muster. Da hast Du einstweilen etwas. (Gibt ihm Banknoten.) Aber das wird nit zu die hundert Gulden gerechnet, die kriegst Du ertra in ein'n Stück. Anton. Iuhe! ich bring's! — Aber — der gnädige Herr — ich muß ihm's dock sagen, daß ich — Muster. Nit untersteh'n. Es muß ein Geheimniß bleiben. Ich werde deine Abwesenheit schon verantworten. Anton. Nachher hat's keine G'fahr — der junge Herr gilt ja was bei unserm Alten. Muster. Also sattle das beste Pferd und stiege — Anton. Mit den Schwalben um die Wett. In zehn Minuten bin ich am Weg. (Ab.) Muster. Das wär' besorgt. Jetzt kann kommen, was will — wir sind gedeckt. Der Igel wird nir unternehmen; der schleicht herum wie die Katz um den Brei, aber ick darf nur dahergreifen, (zeigt auf dit Brusttasche) so zieht er sich z'ruck wie die Schncck'n in's Häns'l. Jetzt muß ich den rechten Vetter vornehmen, daß der mir nit zu früh d'rein- patsckt — aber vor Allem den Feder von der G'schicht in Kenntniß setzen. Der wird besser wissen als ich — ah! da is er! Zweite Scene. Voriger. Feder (von rechts). Feder. Wirst Du mir endlich sagen, warum Du seit einigen Stunden so geheim- nißvoll bist? Was die Worte und Winke zu bedeuten haben? Muster. Sie bedeuten etwas, was man noch nit an die große Glocke hängen kann. Feder. Du spannst meine Neugierde. Muster. Ich Hab' ein Verbrechen entdeckt. Feder. Was sagst Du? Muster. Ich Hab' ein unterschlagenes Testament erobert. Feder. Du? 32 Muster (M ihm das Testament) Die Victoria is nit dem Goldrand sein' Tochter — sondern das Kind seines verstorbenen Bruders. Es steht ganz deutlich da d'rin und das stimmt mit dem, was ich g'hört Hab', vollkommen überein. Feder (hat gelesen). Aber da steht ja auch etwas von einem Sohne — Muster. Der is bei Seite g'schafft word'n. Feder. Wie? Muster. Um die Erbschaft für sich behalten zu können, hat ihn der Herr Goldrand durch einen gewissen Igel in den Wald tragen lassen zu einem Waldbauer, dem alten Hanns. Feder (hastig). Was? — Wann soll das geschehen sein? Muster. So vor achtzehn oder zwanzig Jahren; denn die Victoria war kaum ein Jahr alt. Feder (aufgeregt). Vor zwanzig Jahren —beim alten Hanns—imWalde—wenn es wäre—? Muster. Was denn? Feder. Ich sagte Dir noch nicht, daß ich eigentlich ein Findling bin. Vor neunzehn Jahren fand mich der Hanns Kienbaum vor seiner Hütte im Walde, in einem Korbe mit feiner Leinwand eingewickelt und tausend Gulden in Gold dabei. Muster (freudig). Tausend? Das stimmt! Das stimmt! Feder. Um den Hals hatte ich ein kleines Kreuzchen, das bis jetzt mein Heiligthum war. Da sieh'! (Zeigt ihm ein kleines Kreuzchen, das er an einer Schnur um den Hals trägt.) Muster. Das?! Ah! die Victoria tragt ein ganz gleiches. Es ist kei r Zweifel, Du bist ihr Bruder! Juhe! Jetzt ist Alles gut! Oh den Einfall, mich hier als Bräutigam festzusetzen, hat mir der Himmel eingegeben. Die kleine Täuschung, die wir uns erlaubt haben, bat etwas Gutes hervorgebracht. Feder. Nicht so rasch. Noch ist es nicht erwiesen. Muster. Für mich schon. Ich weiß es gewiß! Du bist ein Goldkerl — will ick) sagen ein Goldrand — Du bist — (Plötzlich herabgestimmt.) O Du mein lieber Gott — jetzt denk' ich erst d'ran, was für ein ungeheurer Abstand zwischen uns is — ich bin ein armer Teufel — Sie — a reicher Herr — da is nir mehr mit'n D u— (Sieht traurig.) Feder. Was fällt Dir ein? Wenn es wirklich so ist, wenn es erwiesen werden kann, daß ich wirklich Victoria's Bruder, Goldrand's Neffe bin — Muster. Es wird erwiesen. Morgen Mittag wird der alte Hanns mit seiner buckligen Grete hier sein, wenigstens Eines von ihnen, das Dich — wollt' ich sagen — Sic anerkennen kann. Ich habe alle Anstalten dazu getroffen. Feder. Hast Du? Und Du glaubst, indem Du für mich sorgst und handelst, ich könnte solchen Dienst vergessen. Du glaubst, weil mir plötzlich Reichthum zufällt, würde ich auch plötzlich ein Anderer werden? Nein — meine Lage kann sich ändern, meine Freundschaft für Dich nie. Muster. Aber ich bin ja nur a armer Weberg'sell — Feder. Gleichviel! Wir haben gelobt, redlich zu theilen, was wir erwerben. Einer für Alle und Alle für Einen. Hast Du's vergessen? Muster. O mein — das war ja nur— wie Du noch — aber jetzt — Sie — na, na — Feder. Ein ehrlicher Mann hält sein Wort. Muster. Darf ich's denn denken? O mein Gott! Das nenn' ich noch Freundschaft. Mir kommt 's Wasser in die Augen — so viel Glück verdien' ich ja nit. Feder. Und verdank' ich es denn nicht Dir, wenn diese Hoffnung zur Wahrheit wird? Muster. Freilich wohl — Feder. Hast Du mir nicht mit diesem Papier mein Glück gegeben? Muster. Ick hab's,so zu sagen,g'schnipst und mau könnt' daher sagen, 's is a g'stoh- lenes Glück. Feder. Gleichviel! Wenn Du mich nicht kränken willst, sv bleibt's zwischen uns beim Alten. Muster. O Gott, ich kann's noch gar nicht begreifen, du bist a Goldrand, a reicher Herr — der Bruder — weiter darf ich gar nicht denken, sonst werd' ich verrückt. Feder (wie für sich). Der eigne Onkel bat mich dem Elend preisgegeben. — Ick habe wohl immer gefühlt, daß ich zum Bauern nicht geboren bin — darum bin ich auch davongelanfen. Aber was ich gelitten und erduldet seit der Zeit — soll ich ihm's vergelten? Muster. Verdient hätt' er's. Feder. Wer weiß. Vielleicht sollte ich ihm danken. Muster. Was? Feder. Hätte er mich im Woblleben auferzogen, wäre ich vielleicht ein Taugenichts geworden, wie viele Andere. Muster. Anlage war da. Feder. Die Schule des Lebens aber bat mich gestählt und gesund erhalten an Leib und Seele. Muster. Ja, die Armutb is die beste Schul'. Da gibt's die meisten Prüfungen, und je mehr Einer b'steht, desto schlechter is er d'ran. Feder. Und so hätte er dadurch, daß er ein Verbrechen begehen wollte — mir meine Wohlfahrt begründet, denn die Erfahrungen, die ich gesammelt, werden mir nützlich für's ganze Leben sein. — Nun denn, er soll selbst bestimmen, von welcher Seite ich die Sache betrachte. In semem Gesicht will ich leseu, ob er den Neffen freudig oder mit Zorn begrüßt, und darnach will ich handeln. Muster. Recht so! Wenn er sich ein Vergnügen d'raus macht, daß Du da bist — Sand d'rüber. Is er boshaft, — in's Loch mit ihm. Feder. So will ich denn — rhtal«»Ntp«toilt. Rr. 114, Muster. Nit jetzt — laß' Dir Zeit — es wird schon ein Augenblick kommen, wo die Entdeckung ihn unvorbereitet trifft. Feder. Gut, ich will warten und wenn du glaubst, daß es Zeit ist, gib mir einen Wink. (Setzt sich und versinkt in Nachdenken, rechts.) Muster. Es scheint, daß auf meinem dornigten Wege wieder das Gras der Hoffnung aufschießt, vereint mir dem Veilchen der schüchternen Emhfindung, der Rose der Liebe, der Sonnenblume des Glückes mit der Kornblume der Freundschaft, dem Gänseblümchen — Dritte Scene. Vorige. Kathi (von rechts will über die Bühne, hört dir letzten Worte und tritt näher). Kathi. Bin das ich? Muster. Du, Kathi, warum nit gar. Du bist a Pfingstrosen — Kathi. Ich dank' für den Vergleich. Muster. Nein — a wilde Rosen — Kathi. Bin ich wild? Muster. Wollt' ich sagen aButterblume. — nein, a Hetschepetsch, nein — (Für.sich.) Hergott, ich find' aus der Blumensprach' nimmer 'naus. Kathi. Sic hab'n ein schön' Begriff von der Blumensprach' — Muster. So? Dann frag' den, der ver- steht's bester. (Dreht sie gegen Feder und eilt ab.) Kathi (erschreckt). Ui, mein Gott! (Sie will fort.) Feder (springt auf). Warum fliehst Du? Warum fliehst Du vor mir? Kathi (scheu). Weil — weil — Feder. Seh' ich denn so furchtbar aus, daß du davonläufst? Kathi (ihn anblinzelnd). Das grad nit. Feder (ihre Hand fassend). So bleib'. Kathi (für sich, aufs Herz schlagend). Wirst still sein! Feder. Ick muß mit Dir allein sprechen, und will jetzt den günstigen Augenblick be- I nützen. S 34 Katht (ängstlich). Aber was haben's denn davon? Ich kann ja nit mit Ihnen red'n. Sie sein a Stadtherr, a g'smdierter — und ih bin a dumm's Bauermadel — Sie ver- steh'n mih nit und ih Ihnen nit. Feder. Wie? Du verständest die Sprache der Liebe nicht? Nun so will ich sie Dir lehren. Kathi (rasch). Is gar nicht nothwendig — wann's kommen soll, kommt's von selber. Feder. Warum sträubst Du Dich gegen eine Liebe, die doch so aufrichtig gemeint ist? Kathi (vorschnell). Weil ih nit in d'Stadt heiraten will. Feder. Ist Dir die Stadt so verhaßt? Kathi. A na — aber ih kann mih in das Zeug nit n'neinfinden. In der Stadt muß man a Menge können. Man muß anders reden, als man denkt. Feder. Wer zwingt Dich dazu? Kathi. Die Mod'. Feder. Nun, es hat auch sein Gutes. Denn wenn man immer sagen wollte, was man denkt, müßte man sehr oft statt »Sie sind so liebenswürdig« — sagen: »Sie sind ein dummer Mensch.« Kathi Das is nit nothwendig. Wann Aner was redt, was mir net g'fallt, sag' ih gar nir, und drah' ihm n Rucken. Feder. Freilich, eine solche Antwort ist auch eine Antwort. Kathi. Dann die himmelhohen Häuser — da wurd' ih schwindlich, wann ih' beim Fenster 'rausschauet. Zeder. Das ist bei vielen Leuten der Fall. Seit wir so viel' fünfstöckige Häuser haben, kann sich jeder Doctor eine Equipage halten. Kathi. Dann die Hüt' bei die Weiberleut — so hoch — mit'n Federbuschen oben drauf, oi, das gang mir ab. Feder. Die sind eine vortreffliche Erfindung, denn jetzt bei der Stadterweiterung, wo jedes Fleckchen zu einer Tuberkelburg gebraucht wird, können die Damen in ihren Hüten Gärten anlegen, um Spargel und Rettich zu ziehen. Kathi. Und dann die langen Kleider, die man in der Hand tragen muß, wenn man nit d'rüber fallen will — Feder. Die haben einen doppelten Vortheil; erstens ersparen sie den Gassenkehrern Arbeit und es wüßte ja sonst manches Fräulein nicht, was sie mit den Händen machen sollte. Kathi. Und gar die runden Luftballons, die 's trag'n — ich glaub' Cramolin heißt man's — Feder. O, die sind sehr zweckmäßig. Man kann damit etwas verbergen, oder enthüllen nach Gutdünken. Kathi. Ich Hab' nir zu verbergen. Feder. Doch — dein Herz — und das verbirgst Du so sorgfältig, daß es fast unmöglich ist, es zu finden. Kathi. Es soll's a Niemand finden, außer der — dem's bestimmt is. Feder. Und werde ich der nicht sein? Kathi. Ach fragen's nit so. (Für sich.) Jetzt is Zeit, daß ih geh'. Feder. Glaubst Du, ich bin keiner innigen Neigung fähig? Kathi. O mein, wann's schöne Redensarten gilt, da sein d'Stadtherr'n glei bei der Hand — und Sie gar! Sie sein a Versmacher — da Dichter, Sie haben's gar leicht, Sie können ein'n noch besser anplauschen wie a Anderer. (Für sich.) Jetzt Hab' ih aber höchste Zeit. Feder. Wenn ich aber nun kein Stadtherr wäre, sondern ein Landmann — und ich bin wirklich unter Bauern ausgewachsen und hoffe mein Leben lang auf dem Lande zu bleiben. Kathi. Das glaub' ih nit— (Für sich.) Kathi, geh'. Feder. Warum? Kathi. Weil's a ganz a and re Art hab'n. Uns re Bub'n, wann's a Dirndl gern hab'n und heiraten woll'n, so geh'n's z'erst Fensterln. (Unüberlegt.) Sie sind aber noch nie bei mir Fensterln gangen. (Erschrickt.) 35 Feder (will sie umfassen). Das läßt sich nachholen. Kathi sßch losmachend). Dann gibt der Gua sein Madl ein klein' Busch'n und — der sagt All's. Feder. Alles? Nun, was würdest Du, wenn ich Dir so ein kleines Sträußchen gäbe, das Alles sagt, mir glauben? Meine Liebe erwidern? Kathi (für sich). Kathi, ich bitt'Dich um Gott's willen, geh'. Feder. Du schweigst? Wenn Dn mich nicht willst — dann nehme ich gar keine Oesterreicherin zur Frau. Kathi. Thun's das nit. ! Feder. Warum? Kathi. Weil's überall gut is — z'Haus aber am besten. Feder. Pah, das ist Vorurtheil. Kathi. Gewiß nicht, und wann's mich fragen woll'n, will ich Ihnen immer das Uebel sagen, das 's zu gewärtigen haben. Feder. Gut! Wir wollen einmal sehen.! Duell. Feder. Zum Beispiel, ich erwählte Ein Mädchen aus Paris; Denn wie man mir erzählte, So küssen die sehr süß. Kathi. Ei freilich wohl; doch wiffcn's: Nit blos den Eheherrn; ^ Denn in geheim da küssen's A and're Männer gern. Feder. Wie wär's, wenn ich verschriebe Ein italienisch' Kind, Da diese in der Liebe Wie Lava glühend sind? Kathi. Verschrciben's sich Eine voll südlicher Glut, Doch reizen's durch Eifersucht nicht ihre Wuth, Sonst kommt sie mit Gift und Dolchen . in's Haus; Bei uns kratzt man höchstens die Augen nur aus. Feder. Ich soll also mich nicht in's Ausland be- müh'n? Beide. Die saubersten Madeln sind in und um Wien. Feder. Doch möcht' ich einmal schauen Nach Holland ganz geschwind, Wo, wie bekannt, die Frauen Stets rein und sauber sind. Kathi. Sie haben nur ein Laster, 'S wurd' Ihnen bald zu bunt, Die Pfeife mit dem Knaster Kommt nicht aus ihrem Mund. Feder. Wenn alle Stränge reißen, Werd' ich ein Muselmann, Laß mich dann Pascha heißen, Schaff' mir ein' Harem an. Kathi. Als Pascha da möcht's Ihnen übel ergeh'«, Mit so vielen Weibern, da is um Sie . g'scheh'n! Genug sind schon ein paar Pantoffeln im Haus, Mit dreihundert halten Sie's gar nit lang ans. Feder. Ich soll also mich nicht in's Ausland be- müh'n? Beide. Die saubersten Madeln sind in und um Wien. 3 * 36 Feder. Der Frau von dem Chinesen Send' ich noch meinen Gruß, Die lebt, wie ich gelesen, Auf einem kleinen Fuß. Kat hi. Sie werden's überlegen, Da hätten's große Noth, Die Mägt, hör' ich, 's Vermögen In Thee und Opium todt. Feder. Die Wilde mußt Du loben Am fernen Urwalds Saum, Die pflückt die Crinoline Vorn nächsten Feigenbaum. Kathi. Ach ja, eine Rothhaut, die hol'n Sic sich nur, Von Dehne, Laporta,hat die keine Spur— Und auch für die Küche geht da nicht viel d'rauf, Die frißt Sie aus Liebe zum Mittagsbrot auf. Feder. Ich soll also mich nicht in's Ausland be- müh'n? Beide. Die saubersten Madeln sind in und um Wien. Feder. Vielleicht wird mir's gelingen Mit der Tirolerin, Die kann im Nothfall singen Und jodeln auch in Wien. Kathi. Und wann Sie's wollen necken, Führ'» Sie's ans d'Börs' amal, Da lauft's mit Todesschrecken Zurück in's Zillerthal! Feder. Nun weiß ich noch ein Städtchen — Ich hole fein und klug Aus Krems mir gleich ein Mädchen, Denn schöne gibt's dort g'nug. Kathi. Die Madeln aus Krems ja sind immer adrett Wie die Grenadiere so schlank und so nett, Doch die Ihnen z'heirateu willigte ein, Die müßt' statt aus Krems a Hirschauerin sein. Feder. Ich soll also mich nicht in's Ausland be- müh'n? Beide. Die saubersten Madeln sind in und um Wien. (Beide links ab.) Vierte Scene. Muster. Fritz. Muster. Sie werden verwundert gewesen sein bei Ihrer Ankunft über den sonderbaren Empfang? he! Fritz. Ja. Muster. Sie sollen Aufklärung haben. Sie waren noch nie bei Herrn von Goldrand? Fritz. Nein. Muster. Sind aber gekommen, um zu heiraten? Fritz. Ja. Muster. Lieben Sie die Ihnen bestimmte Braut? Fritz. Nein. Muster (für sich). Don dem hört man ja nir, als Ja und Nein. «Laut.) Müssen Sie denn heiraten? Fritz. Ja. Muster. Heiraten Sie denn Fräulein Victoria gern? Fritz. Nein. Muster. Herrgott! können Sie denn gar nir reden, als Ja und Nein? Fritz. O ja. Muster. Na jetzt hat er wenigstens »Oh« dazu gesagt. Was wollen Sie denn hier? Fritz. Ich weiß nicht. 37 Muster. Wie werden Sie denn der Heirat auswcichen! Fritz. Ich weiß nicht. Muster. Da g'hört a Geduld dazu. Ich möcht' gern Ihre Braut heiraten. Fritz. Ach, das is g'scheit. Muster (für sich). Ja, wann ich's nur schon hätt'. (Laut.) Es war' Ihnen also recht? Fritz. Sehr. Muster. Sind Sie vielleicht schon anderswo verhandelt? Fritz. Ungeheuer. Muster. Äh so! also deswegen? Fritz. Freilich! Aber sagen's mir, warum Haben s denn meinen Namen ang'nom- men? Muster. Weil sich die Gelegenheit g'rad so g'schickt hat. Durch Zufall bin ich her- g'kommen und die Lieb' balt mich fest. Fritz. Sie g'hören also gar nit zur Familie ? Muster. Nein, aber ich möcht' gern dazu g'hören. 'S wird sich aber nickt leicht lhun lassen, denn die Familie is reich — und ich bin arm. Fritz. Da sein's so schlimm d'ran wie ick, nur daß's bei mir umkehrt is. I ch bin reich und mein Madel is arm. Muster. Das geht eher. Fritz. Ja, 's ging schon. Aber weil mich der Vater einmal hierher versprochen hat, so will er sein Wort nicht zurücknehmen. Muster. O diese Väter! Fritz. Um nun den Herrn Goldrand dahin zu bringen, daß er selber sein Wort zurücknimmt, will ich mick dümmer stellen— Muster. Als Sic sind? Fritz. Richtig. Muster. Ich versichere Sie, Sie haben sehr viel Naturanlage zu dieser Roll'. Fritz. Nit wahr? Muster. Und wenn der alte Herr das Wort zurückgibt? Fritz. Dann kann ich mein Liefet heiraten. Muster. Die Idee ist eigentlich nit so dumm. Uebrigens wann Sie mir folgen, is das Alles nit nothwendig. Fritz. Was muß ich denn thun? Muster. Gar nir. Vor der Hand verhalten Sie sich still, wann's Zeit zum Reden is, werd' ick's Ihnen schon sagen. Ich sorg' dafür, daß Sie frei werden und Ihr Lieserl kriegen. Fritz. Wohlthater! Freund! Muster. Is schon gut. Gehen s jetzt derweil und vergessen nit — (Legt den Finger auf den Mund.) Fritz. Stumm wie— (Geht ab.) Muster (allein). Vor dem bin ich sicher. Jetzt kann ich mit aller Gemüthsruhe den Abend zubringen. Fünfte Scene. Voriger. Fritz (eilig zurückkommend). Fritz. Sie! Freund! Um's Himmels willen! Ich bilt' Sie! Muster. Was schreien'S denn, was gibt's denn? Fritz. Mein Vater kommt. Muster. Was? Fritz. Seben's, da kommt er g'rad mit den Andern. Ich laus' davon. (Versteckt sich.) Muster. Nun wird die Bombe platzen. (Zieht sich zurück.) Sechste Scene. Vorige. Goldrand. Balthasar. Victoria. Kathi. Feder (rechts). Goldr. Sei mir herzlich willkommen, alter Freund! Eine größere Freude hättest Du mir gar nicht machen können, als daß Du heute kommst. Balth. Ja, ich habe doch sehen müssen, ob mein Fritz keine Dummheiten macht, wie es seine Gewohnheit ist. Goldr. Ah, Dein Sohn ist einTeufels- junge. Balth. Lo? Hab' nicht viel Teufelei an ihm verspürt. 38 Goldr. Aber er hat ein Unglück gehabt, er ist — Balth. G'scheil worden? Goldr. Ach — Scherz! Doch er kann Dir es selbst am besten sagen. Da ist er ja. Muster (vortretend). Theurer Vater! Balth. Was? Muster (ihn umarmend). Väterlichster aller Väter! Balth. (macht sich los). Was ist denn das für eine Narrheit? Wird er mich loslaffen! Muster. Ich Hab' Dich so lang nit g'sch'n, englischer Vater! Balth. Er ist verrückt! (Zn Goldrand.) Was will denn der Mensch? Goldr. Dein Sohn—?! Balth. Ach warum nicht gar! Muster. Hat Ihnen der Heurige so das Auge getrübt, daß Sie Ihren lieben Sohn nicht mehr erkennen? Balth. Ein lieber Spitzbube mag er sein! Goldr. Was? Er ist nicht dein Sohn? Balth. Keine Idee. Goldr. Ja, wer ist er denn? Muster. Ein Sohn, der so einen Vater brauchen könnt'. (Zu Balthasar.) Also Sie nehmen mich nicht zu Ihrem Sohn? (Zieht sich nach Fritz um, dieser erscheint.) Balth. Das ging mir noch ab! Macht mir der eine Schlingel schon Aergcr genug. Muster. Mit gekränktem Herzen zieh' ich mich zurück, und überlasse meine Stelle Dem da. (Führt Fritz vor.) Balth. Ja, Bursche, was soll denn das heißen? Du stehst da und läßt deinen Vater für'n Narren halten. Goldr. Aber das ist ja der Feder? Feder. Mit Erlaubniß — der bin ich. Goldr. Sie? Sie sind ja der Muster. Muster. Bitte, der bin ich. Goldr. Sie — der — er — bin ich denn in einem Narrenhaus? Vict. Er hat uns belogen. Kathi. Und betrogen. Goldr. Ich komm' gar nit zu mir selber! Wer sind Sie, meine Herren? Muster (tragisch). Wir sind ein Feder- Muster, mit dem man in Fracturbuchstaben die Gewissensangst eines armen Sünders an seine Stirne schreibt. Goldr. Was sind das für Reden? O ick will Euch schon zeigen! Heda! beute! Siebente Scene. Vorige. Gesellschaft (tritt nach und nach ein). ^ Feder. Halt! Herr Goldrand! (Halblaut.) Kennen Sie das? (Zeigt ihm das Testament.) Goldr. (bestürzt). Ha! Wie kommen Sic — Feder (zeigt ihm das Kreuz). Kennen Sie das? Goldr. Das ist — Feder. Das Andenken, welches Ihre Schwägerin, meine Mutter, mir als Kind umhing. Goldr. Mir wird nicht wohl — Muster. Aha, jetzt steigen ihm die Graus- birn auf. Feder. Begreifen Sie, wer ich bin? Der Sohn Ihrer Bruders, den Sie dem Elend Preisgaben, um sein Erbe an sich zu reißen. Goldr. (freudig). Herr, haben Sie Beweise für das, was Sic sagen? Feder. Beweise, vollgiltige, sollen Sie erhalten. Achte Scene. Vorige. Anton, dann Hannsund Grete. Anton (ist eingetrcten, leise zu Muster). Wir haben Sie, g'schwinder als wir glaubt Hab'n, aber das macht nir, nit wahr? Muster. Im Gegentheil. Anton. Im nächsten Dorf Hab' ich sie getroffen, sie wollten nack Lanzendorf wallfahrten gehen, aber ich Hab' g'sagt, sie sollten vorher mit mir geh'n, da könnten sie a > gottg'fälliges Werk verrichten. Hab' ich's I recht gemacht? Muster (hat die Brieftasche geöffnet und gibt ihm eine Banknote). Hier meine Antwort. Anton. Schön Dank! (Wendet sich.) Da sein's schon. 39 (Hanns und Grete find eingetreten.) Hanns (ein Siebziger). Aber was soll'n ma denn da? Feder. Was seh' ich? Ist das nicht Vater Hanns? Hanns. Ih weiß nit, die Stimm' — Feder. Mutter Grete! Grete (bucklig). Du, — Alter — wann mich meine alten Augen nit fernen — Feder. Kennt Ihr mich nicht mehr? Beide. Der Willi! Hanns. Der nirnutzige Bua! Grete. Der uns vor acht Jahren davon- g'laufen is. Feder. Weil er fühlte, daß er zu eurem Stand nicht geboren ward. Hanns. Dös Hab' ih wohl a g'merkt — und das feine Leinenzeug, in dem Du eingewickelt warst, und die tausend Gulden — das war g'wiß von reichen Leuten. Grete. Wär'st nur nit fort — der Herr, der so oft kommen is, nach Dir zu fragen, der hätt' g'wiß am End' — Feder. Wie? ein Herr frug nach mir? Grete. Ja, von Zeit zu Zeit — schon, wie D'noch da warst — Muster (bemerkte, daß Zgel, welcher unter der Gesellschaft war, wegschleichcn will, ist ihm nach und hält ihn fest). Was verstecken's Ihnen denn so, Herr von Blutegel? (Führt ihn vor.) Schaut Euch amal Den an! Grete. Dös — meiner Seel' — dös is er! Dös G'sicht Hab' ih mir g'merkt, der is! Hanns. Ja, darauf kann ib a Jurament ablegen. (Alles beschäftigt sich mit dem Alten.) Feder (zu Goldrand). Sind Ihnen diese Beweise genügend? Goldr. Vollkommen. Feder. Sie haben ein Verbrechen begangen. Goldr. Ich habe es schon lange bereut — Feder. So erwarte ich von Ihnen — Goldr. Was ich schon lange gethan hätte, um mein Gewissen zu beruhigen, wenn ich Dich nur zu finden gewußt, lieber Wilhelm. Feder. Nun denn, so handeln Sie als Onkel und ich werde Ihnen Alles verzeihen. Goldr (drückt ihm die Hand, laut). Meine wcrthen Freunde, es ist an der Zeit, was ich durch Jahre vorbereitet, endlich an s Licht treten zu lassen. Die beiden alten Leute habe ich kommen lassen, als Beweis der Wahrheit dessen, was ick sage. (Aus Feder und Victoria.) Ich stelle Ihnen hiermit die Kinder meines verstorbenen Bruders vor. Vict. Wie? ich bin nicht Ihre Tochter? Feder. Liebe Schwester! warum ich dich heute erst als solche begrüße — Goldr. Dies ihr zu erklären, haben wir noch immer Zeit und Muße. Für jetzt übergebe ich Dir, lieber Neffe, wie ich's versprach, das Erbe eures Vaters. Feder. Das ich brüderlich mit der Schwester theilen will. Vict. Es ist wahr? Mein Bruder? Feder. Der Dich von ganzem Herzen lieben wird. Vict. Bruder! lieber Bruder! Kathi (weinend, für sich). Jetzt is Alles aus. Und jetzt fühl' ich erst reckt, wie lieb ich ihn g'habt Hab'. Muster. Ob's mich jetzt a noch so gern hat — mein Gott! Feder. Da ich nun als Bruder über die Hand meiner Schwester zu verfügen habe— Sie erlauben dock, Onkel? (Goldrand gibt ein Zeichen, daß er nichts d'reinzureden habe.) so thut es mir leid, Herr Ebermann, daß ich sie Ihrem Sohne nicht geben kann, es müßte denn sein, daß Victoria ihn wollte. Vict. (schnell). Nein, nein! Muster (für sich). Nein? O Gott, mir schwindelt! Feder. Du bist frei und kannst nach Deinem Herzen wählen. Vict. Darf ich? Ja, Bruder? Onkel? (Beide nicken ihr freundlich zu.) Nun, so wähl' ich den, den ich als meinen bestimmten Bräutigam kennen lernte — deinen Freund. 40 Muster. 'S is nit möglich— kann ich's glauben? Ich hält' so a Glück? Ich armer Teufel— der Engel — mich druckt's im Herzen. (Victoria streckt ihm die Hand entgegen.) Die Freud' is mir in d'Füß g'fahrew— sie schnappen mir z'samm' — ich bring' nir h'raus als — Victoria! (Sinkt ihr zu Füßen, sie hebt ihn freundlich auf.) Feder (zu Kathi), Nun, Kathi, wie ist's mit Dir? Du siehst, ich habe Dir die Wahrheit gesagt, willst Tu mir noch nicht glauben? Kathi. Wann ich's a glaubet! Jetzt is ja doch Alles vorbei. Feder (zieht ein Sträußcher hervor und reicht es ihr). Da, Kathi, nimm, es wird Dir Alles sagen. Kathi (wirft einen Blick darauf, freudig). Palmkatzeln dabei? O du mein Gott! Feder (breitet die Arme aus). Nun, welche Antwort gibt's Du mir darauf? Kathi. Ich will Gott bitten! daß er Dich's nit bereuen laßt, a arm's Bauern- madel so glücklich gemacht zu haben. Feder (nimmt sie in die Arme), llnd Du liebst mich? Kathi. Schon glei', wie Du 's erste Mal mit mir g'red't hast. Fritz. Vater, was is? Balth. Nir, das siehst. Fritz. Krieg' ich mein Lieserl? Balth. Mein'twegen. Fritz. Juche! d'Lieserl is mein! Igel. Ja, Sie lassen das so ruhig g'scheh'n? Sie sagen kein Wort? Bedenken Sie doch — Goldr. Ich habe es Ihnen ja früher gesagt, was heute geschehen würde. Igel. Oh, glauben Sie, ich sehe nicht durch, daß der Zufall hier im Spiele war, den Sie benutzen? Glauben Sie, man springt so leicht über die Geschichte hinweg? Ich gehe — und wissen Sie wohin? Neunte Scene. Vorige. Commissär. Gerichtsdiener. Wächter. Bauern. Co mm. (zu Igel). Jn's Gefänguiß. Igel (schrickt zusammen). Ich —! Co mm. Sie sind der Diebshehlerei verdächtig und heute als Theilnehmer eines großen Betruges angeklagt. Sie folgen mir. Wächter (packt Igel). Endlick Hab' ick einen Spitzbuben! Meine Reputation ist gerettet. Co mm. Entschuldigen Sie die Störung, allein das Gesetz kennt keine Rücksicht. (Commissär, Igel, Wächter, Gerichtsdiener ab.) Muster. Nur Salz am Rucken streuen, das is gut für die Blutegel. Goldr. (hat mit Feder gesprochen, der ihn beruhigte. Wendet sich jetzt zu Mister). Aber wer sind Sie denn eigentlich, der sich so mirnickts Dir nichts als Vetter und Bräutigam bei mir einquartirte? Muster. Ein armer Weberg'sell. Feder. Nicht wahr. Schon m den nächsten Tagen soll ein Plan zu einer großen Fabrik gemacht werden, die hier auf meinem Gute entstehen soll. Zu Deinen Kenntnissen werde ich das Geld legen. Und wenn wir's erleben, daß einmal in Wien eine Weltausstellung sein wird, so wollen wir Erzeugnisse ausstellen, daß jedem Oesterreicher das Herz im Leibe lacht. Muster. Und wenn man dann an unserer Fabrik vorbeigebt und fragt: Wer war der Mann, der das in's Leben gerufen? so wird die Welt antworten — Feder. Ein armer Weber! der nickt stch'n blieb bei dem, was er gelernt hat, sondern gearbeitet und den fremden Beispielen nachgeeifert hat zum Vortheil seines Vaterlandes, zur Ehre der Industrie! Und darum ein Hoch der vaterländischen Industrie! Hoch die österreichischen Weber! Alle. Hock! hoch! Musik. Der Vorhang fällt. Ende. Druck und Papier von Leopold Sommer in Wie», Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. I Freundschaftsdienste. Lustspiel in einem Act von Carl Jnin (Giugno). Im k. k. priv. Carltheater mit vielem Beifalle gegeben. Personen: Felix Wippel, ein reicher Privatier. Jda, seine Frau. Major Rüpl, außer Diensten. Aurelie, seine Frau. Helene Schwanenslug, eine reiche junge Witwe und Hauseigenthümerin. Adolf Stiller. Fanny, Dienstmädchen bei Frau Schwanenslug. Ein Fiaker. (Vorgarten vor einem Vorstadthaust in Verbindung mit dem Garten des Hauses. Eingang links im Hintergrund durch das Gitterthor, das geöffnet ist. Hintergrundgarten, der hinter das HauS fortlaufend angenommen wird. Wohnhaus mit mehreren Fenstern. Fa^ade gegen die Bühne. Neben dem Hausthor rechts eine Parterrewohnung, ober dieser ein Schild mit der Aufschrift: »Brand, Damenkleidermacher. - Links ein Schild: »Zeiger, Groß-Uhrmacher." Links eine Rasenbank. Neben dem Hause eine dichte Laube. Eingang nicht sichtbar. Bäume. Lauben.) Erste Scene. Helene und Jda (treten aus dem Hause). Jda. Ach, wie froh bin ich, meine theure Freundin, Dich wieder gefunden zu haben. Seit dem Penswnate haben wir uns nicht mehr gesehen. Konnte ich ahnen, daß die schöne reiche Witwe Schwanenflug, von welcher ich schon öfters sprechen hörte, meine Jugendfreundin Helene sei. Dank dem Zufall, der mich zu diesem Schneider führte, wo ich Dich traf. (Deutet aus das Schild.) th<»t»»N«ptN«at Ri. US. 2 Helene (lächelnd). Ich habe sehr viel mit dem Schneider zu thun, natürlich, wenn man Witwe ist, so muß man alle Mittel in Bewegung setzen. Jda. O, das hast Du nicht nöthig mit deiner Liebenswürdigkeit und Deinen ange- bornen Reizen. Helene. Leider bringen dieselben bei demjenigen, der mein Herz erwählt hat, eine verkehrte Wirkung hervor; statt anzuziehen scheinen sie ihn hintanzuhalten. Denke Dir, mehr als ein Jahr schleicht er um mich herum und kein Wort der Liebe, ja nicht einmal einen Händedruck hat er noch gewagt. Jda. Und wie heißt denn dieser blöde Schäfer? Helene. Adolf Stiller. Jda. Stiller? Das ist ja ein intimer Freund unseres Hauses und dennoch hat er nie Deiner mit einer Sylbe erwähnt. Helene. Das sieht ihm ähnlich. Deine Ehe gehört auch nicht zu den glücklichsten, wie Du mir sagtest. (Jdä seufzt.) Aber daran bist Du selbst schuld. Statt einen Mann, der nach deiner Aussage Dich zärtlich liebte, zu fesseln, hast Du Alles gethan, ihn von Dir zu entfernen; Du bist ihm den ganzen Tag mit der Hauswirthschast in den Ohren gelegen und hast vor lauter Waschen, Biegeln, Flicken keine Minute Zeit für ihn gehabt. Jda. Ich glaubte meinen Mann durch meine Häuslichkeit glücklich zu machen, ich besorgte die ganze Wirthschast, ich sparte, wo ich konnte, ich schonte meine schöne Aus- staffirung und trug das Billigste. Helene. Das war aber gefehlt. Ist dies ein Anzug, der für Dich paßt? In der That, Du bist eine seltsame Ausnahme des weiblichen Geschlechts, das sich so gerne putzt. Jeder Mann prunkt gerne zu Zeiten mit seiner Frau, besonders wenn sie jung^ und hübsch ist- wie Du. Soll er Dich in diesem Anzuge in die große Welt führen? Jda. Ach Gott, dazu hatte ich auch nie Zeit. Meine Hauswirthschast — Helene (vorwerfend). Nie Zeit? Du bist eine Thörin. In den ersten Jahren der Ehe muß man sich von den Männern in die Welt führen lassen, später lassen sie die Frau ohnedem zu Hause sitzen. Jda. SeitMonaten hat er auch keine Zeit mehr für mich. Früh Morgens geht er fort, um Commissionen für feine Freunde zu verrichten, und kommt spät Nachts und todt- müde zu Hause. Manchmal sehen tvir uns tagelang nicht. Was soll ich nun anfangen, um ihn von dieser Bahn abzulenken? Helene. Zeige Dich als die Frau vom Hause und nicht als die Magd, entwickle Deine Vorzüge und Talente, etwas Koketterie schadet auch nicht, dadurch wirst Du seine Aufmerksamkeit wieder erregen, die Eifersucht wird das halb erloschene Feuer der Liebe von Neuem anfachen und bald wird er sein Leben Dir und nicht mehr seinen Freunden weihen. Nun leb' wohl (küßt sie) und besuche recht bald wieder deine Lehrmeisterin. (Eilt ins Haus ab.) Jda (allein). Ack, sie hat ganz Recht, aber wie soll ich es anfangen? Ich bin das Dulden so sehr gewohnt, daß ich mich sehr schwer in die neue Rolle finden werde. Seh' ich recht, da kommt mein Mann auf das Haus zugestürzt; was mag er hier wollen? Ich bin so sehr ergriffen, um mit ihm jetzt zu reden, ich will suchen unbemerkt zu ent kommen. Zweite Scene. Felir. Jda. Felir (eilt herein, den Hut in der Hand, trocknet sich mit dem Taschentuch den Schweiß von der Stirne. Er stürzt gegen den Vordergrund, sie sucht zu entschlüpfen, plötzlich macht er eine Wendung und stößt an seine Frau). Verdammte Hitze das! Ich bin schon todtmüde und habe noch neunzehn Commissionen zu besorgen. Ah — da ist ja der Uhr — (An seine Fra» stoßend.) Ah, Sie entschuldigen, meine Gnädige. (Besinnt sich.) Hm! Diese Frau — Diese Frau kommt mir so bekannt vor, ich ' 3 muß sie schon wo gesehen haben, —- ah richtig, jetzt erinnere ick mich, das ist ja meine Frau. Jda (umkehrend). Ja, deine Frau. So weit ist es mit uns gekommen, daß Du Dick erst besinnen mußt, um mich zu erkennen. Felix. Verzeihe! Jda. Du wirst nock vergessen, daß Du verheiratet bist. Felix. Nein, mein Schatz, das vergißt kein Ehemann, die Wirklichkeit erinnert einen stets sehr unsanft daran. So Mancher glaubt einen Vergnügungszug zu machen und wird dann auf dem Lastzug des häuslichen Ungemachs befördert. Du Haft Recht, mir Vorwürfe zu machen, aber mein Gott, was kann ich dafür, daß ich so viele Freunde habe, denen ich sehr gefällig bin. Jda. Und deine Freunde sind so unbescheiden, deine Gefälligkeit zu mißbrauchen. Felix. Mißbrauchen? O nein. Es trifft sich nur zufällig, daß ich manchen Tag für sie herumlaufen muß, als ob ich ihr Bedienter wäre. Heute zum Beispiel brummt mir der Kopf vor lauter Commissionen. Seit früh 8 Uhr laufe und fahre ich herum und habe noch keinen Bissen gegessen. (Sieht aus die Uhr.) Jetzt ist es beinahe 4 Uhr und was Hab' ich noch Alles zu besorgen! (Zieht sein Notizbuch hervor und liest hastig.) Ein Cla- vier für Freund Harne, eine Köchin für Frau von Züttich, eine Amme für Frau von Walter, 400 Ochsenhäute für Herrn Burger, Clauren's Romane für Frau von Elbig, eine Wasserbutke für Frau von Ki- nlast, einen Eimer Pilsner für Freund Mayerlich, ein Haarfärbemittel für Fräulein Kramplick und einen Pudelscherer für Freund Schwoner, d. h. für seinen Pudel. Jda. Die letzte Commission ist doch zu erniedrigend für Dich! Felix. Du hast Reckt. Dem Herrn zu Liebe thu' ich es auch nicht, sondern dem Pudel. Wir sind so gute Freunde. Du sollst nur sehen, was für eine Freude der Pudel hat, wenn er mich sieht. Ich dürfte seines Gleichen sein. Jda. Jawohl, der Hund hat Verstand lind sieht ein, daß Du nichts bist, als der Pudel deiner Freunde. Felix (betroffen). Der Pu—Pu—del? (Wischt sich den Schweiß ab.) Jda, das Wort ist etwas hart. Jda. Ich nehme es nicht zurück, denn Du machst Dich durch deine übertriebene Gefälligkeit gegen deine Bekannten lächerlich, und sie werden aus Deiner Dienjsser- tigkeit noch eine Verpflichtung machen. Felix. Ha! Du hast nicht so Unrecht, liebes Weibchen, aber eine Verpflichtung soll es nicht werden, ich thue dieß Alles nur aus Zeitvertreib, und — und heute will ich noch meine Commissionen verrichten, dann aber will ich mich nurMr widmen, Dir und dem Familienleben? (Bei Seite.) Gott, das wird unterhaltend werden. Jda. Ich wünsche nichts sehnlicher, als daß deine Worte zur Wahrheit würden. Aber was wolltest Du denn hier im Hause? Felix. Mein Gott, hier bin ich wegen eines Freundschaftsdienstes, der mich viel Geld kostet. Du weißt, der alte General Willmeier beschäftigt sich den ganzen Tag damit, seine vierundzwanzig Uhren aufzuziehen. Gestern ist er verreist und hat mir dieses Geschäft übertragen. Da ich aber so viel zu thun habe, so wollte ich mich recht beeilen, ziehe rasch die eine Uhr auf, kracks, die Feder ab, — ich ziehe ärgerlich die zweite auf, kracks, die Feder ab, wüthend fall' ich über die dritte her —kracks — nun und so sind alle vierundzwanzig Federn ab. Diese Unterhaltung kostet mich ein Heidengeld. Jetzt wollte ich schnell zu diesem Uhr- macker. (In dem Augenblicke, als er sich dem Uhrmacher nähert, treten Major Rüpl und Aurelia Arm in Arm durch das Gitterthor ein.) Himmel, seh' ich recht, der Major Rüppl mit seiner Frau, der früheren Aurelie Mandelzweig, eine abgeblaßtc Schönheit. Wir Männer hießen sie ehemals nur die unermüdliche Anglerin, d. h. sie angelte in allen Bädern, 1 * 4 nack einem Mann; sie angelte einst auch stark an mir, aber es biß nirgends ein Fisch an, endlich erwischte sie meinen Freund Rüppl und schleppte ihn zum Altar. Dritte Scene. Vorige. Major. Aurelie. Major. Ah, das trifft sich ja herrlich, daß wir Sie begegnen, Freund Wippel, meine Frau dringt immer in mich, sie bei Ihnen aufzuführen. (Hat den Arm seiner Frau losgelassen und schüttelt Felix die Hand.) Die Frau Gemalin? (Deutet aus Zda.) Felir. Zu dienen. Major (verbeugend, dann aufführend). Meine Fraji. Aurel O, wir kennen uns schon lange. Felir. Ja wohl, damals waren wir noch jung. (Die beiden Frauen nähern sich zum Discurs.) Major. Ja, mein alter Freund, Sie sehen mich jetzt in Hymens Regiment, ein schöner Dienst, aber streng. Aurelie (streng). Herr Major! Major. Angenehm wollt'ich sagen, angenehm. (Die beidm Damen sprechen leise weiter.) Felir. Sie werden sich aber diesem Commando nicht strenge unterwerfen, Sie (Major seufzt.) ein ehemaliger Soldat, ein Held des indischen Feldzuges. Major. Pst! (Zieht ihn an sich.) Aufrichtig, Freund, ich habe nie einen Säbel gezogen. Felir (verwundert). Was? Major. Ich kaufte mir in London, wie dies dort üblich ist, ein Ofsizierspatent, brachte in fünf Jahren mein Vermögen durch, beim Ausbruch des Krieges aber legte ich meine Charge nieder. Felir. So? Major. Ich war genöthigt, meine Frau des lieben Geldes wegen zu heiraten und Sie hatte einen Narren an mir gefressen, weil sie mich, der nicht mehr Courage als eine Maus hat, für einen Helden hielt. Felir. Ah! Major (leise). Still, daß meine Frau nichts erfährt, sonst würde mich dieses herrschsüchtige Weib Tag und Nackt seki- ren. Sie scheint nach und nack bedeutend an meinem Feldzug zu zweifeln; Sie müssen mir daher den Freundschaftsdienst thun und ihr sagen, daß Sie bei Ihrer Anwesenheit in London sahen, wie ich mich nach Indien einschiffte. Felir (leist). O mit Vergnügen. (Absichtlich recht laut.) Ja, lieber Freund, wo sind die Zeiten, wo wir uns in London trafen und Sie sich nack Indien einschifften. Aurelie. Wie? Sie haben gesehen? Felir. O, nicht nur gesehen, sondern auch gehört, die Berichte jenes Heldenmu thes. Indien zitterte bei seinem Auftritte, ein Indier fiel nach dem andern unter seinen Streichen, und wenn die englische Armee nicht das Land erobert hätte, er hätte es allein gethan. Major. O ick bitte, Sie sind zu gütig, aber schweigen Sie davon. Aurelie. O nein, ick bitte, fahren Sie nur fort. Felir. Ja, Ihre Frau hat Recht. Sie haben ihr gewiß nie eingestanden, daß Sie auch China eingenommen haben. Aurelie. O, das ist unmöglich, denn zu jener Zeit war er schon hier. Felir. Ah so, Sie mißverstanden mich, meine Gnädige, hier hat er China eingenommen, um das Fieber zu dämpfen, was ihn stets zu neuen Heldenthaten aufreiztc. Aurelie. Ich weiß nichts von seinen Heldenthaten. Felir. Bitte, meine Gnädige, hatte er nicht Sie geheiratet, Sie, dieses Mxlmv eoivposituln von Sanftmuth und Engelsmilde, und er soll, Ihnen gegenüber, noch an das blutige Kriegerhandwerk denken? Jda. Sie entschuldigen, meine Herrschaften, daß ich mich entferne, aber meine Wirtschaft — 5 Aurelie. O meine theure Freundin, eine Hausfrau ist immer entschuldigt. (Bei Seite.) Mir ist es sehr angenehm, daß sie geht, jetzt muß ich nur meinen Mann noch sortbringen. Ida. Herr Major, Frau Majorin. (Gegenseitige Verbeugungen.) Felix. Leb' wohl, mein Engel. (Begleitet sie ein paar Schritte, dann eilt er fröhlich vor.) 3 da (unbemerkt von der andern Seite). Aber halt, ick habe ganz vergessen, Helene zu einem Besuche eiuzuladen. (Geht unbemerkt in den Garten.) Aurelie. Herr Major, ich habe mein Taschentuch im Wagen vergessen, sei so gütig und hole es mir. Major. Mein Gott, ich weiß die Nummer des Fiakers nicht mehr. Aurelie. 776. Major. Weißt Du es gewiß? Aurelie. Oder 211. Major. Ja, zwischen diesen beiden war es etwas. Aurelie. Ganz gleich, er wird noch aus dem Platze stehen. Nun, wird's? Major. Ja, ja, ich fliege schon. (Läuft ab.) Vierte Scene. Aurelie. Felix. Aurelie (hastig, aufgeregt). Endlich bin ich mit Ihnen allein, lieber Felix, Sie verzeihen mir doch diesen vertraulichen Ausdruck von ehemals. (Lehnt sich schwärmerisch auf seine Schulter.) Felix. O, ich bitte. (Bei Seite.) Himmel, hat sie noch die alte Leidenschaft, allen Männern den Hof zu machen. Aurelie. Wie oft seufzte ich nach dem Augenblicke, meinen Kummer in den Busen eines aufrichtigen Freundes auszuschütten. (Verbirgt ihr Gesicht an seinem Busen.) Felix. Schütten Sie zu, meine Gnädige, schütten Sie zu. (Bei Seite.) Ich halte viel aus. (Laut.) Sie und Kummer, Sie haben doch den besten Mann von der Welt, — er ist so gutmüthig — Aurelie (sich erhebend). Ja, man kann ihn leiten bis auf einen Punct, er ist fürchterlich eifersüchtig. Felix. Aber Ihr Charakter, meine Gnädige, ist so fleckenlos wie die Sonne. (Bei Seite.) Ah, der Vergleich war dumm. Aurelie (sieht herum, dann aufgeregt). Um Himmels willen, sprechen Sie nicht so laut, Sie wissen nicht, was für ein unsichtbarer, aber schmerzlicher Stachel in meinem Busen wüthet. So hören Sie denn, Felix. (Sich an ihn lehnend.) Sie sind ja der Mann des Mitleids und des Gefühles. Felix (bei Seite). Ja, ich fühle, wie sie sich auflehnt. (Aurelie läßt ihn los.) Ihr Kummer ist wirklich sehr schwer. (Reibt sich die Achsel.) Aurelie. So hören Sie denn. (Seufzt.) Ich war jung — Felix. Ich erinnere mich noch im Dunkeln, wie ich Sie zum ersten Male sah. Aurelie. Ich war unschuldig. Felix. Das waren Sie, gewiß. Aurelie. Und der Welt vertrauend, als ich den schönsten, aber auch den falschesten aller Männer kennen lernte. Es war in Vöslau. Felix. In Vöslau? Ja, das ist schon so eine verführerische Gegend mit verschiedenen Ausgängen. Aurelie. Unter dem aristokratischen Titel eines Marquis von Didepoche suchte er meine Gefühle zu gewinnen. Felix. Der Bösewicht. Aurelie. O, das könnte ich ihm noch verzeihen. Felix. Gewiß, gewiß. Ich auch. (Bei Seite.) Eine alltägliche Liebesgeschichte, wie sie deren hundert angesangen hat. Aurelie. Er schwor in dem reinsten gebrochenen Deutsch mich zu lieben. Felix. Ich begreife. Seine Lchwüre waren eben so gebrächen, wie sein Deutsch. Aurelie. O nein, er heiratete mich. Um ruhig und zurückgezogen von der Welt zu leben, gingen wir nach Paris, aber bald darauf — o Felix — verzeihen Sie 6 mir meine Aufregung — wurde er — entsetzlich — wurde er — Felir. Er wurde entsetzlich? Aurelie. Wurde er eines Morgens als falscher Spieler rc. rc. arretirt. Er war kein Marquis, sondern blos ein Marqueur. Er wurde auf ewig zur Galeere verurtheilt, aber er überlebte seine Strafe nicht, sein edles Herz brach nach zwölf Monaten (schluchzend) und er hinterließ mich mit einem kleinen Engel. Felir. Einem Engel? Das dachte ich mir gleich. Ein gewöhnliches Kind hätte ich Ihnen nie zugetraut. Aurelie. Ich kehrte mit meinem Eherub nach Wien zurück und gab ihn auf das Land. Ich behielt meinen Familiennamen, mein Mann weiß nichts von meiner Wir- wenschaft und meinem Kinde, aber nun bin ich in einer fürchterlichen Klemme, denn Adolfs Ziehmutter ist gestorben und man wird mir das Kind in das Haus schicken. Felir. Ah, solch'ein häuslicher Zuwachs ist fatal! ^ Aurelie. Sie müssen mich retten, lieber Felir. Felir (betroffen). Ich, meine Gnädige? Aurelie. Sie sollen diesen kleinen Engel annehmen. Felir (noch mehr betroffen). Ich? Aurelie. Sie sind ein energischer Mann und Herr im Hause. Sie erzählen Ihrer Frau von dem Iugendfehler eines verstorbenen Freundes — Felir. Nein, das geht nicht, meine Gnädige, meine Frau ist zwar die Sanst- muth selbst, aber in diesem Punct ist selbst die Sanftmüthigste eine Tigerin. Major (aus der Entfernung). Ich sage Dir, Bursche, Du kommst mir nicht aus. Aurelie. Mein Mann. Weh' mir, wenn Sie nicht einwilligen. * Felir. Halt. Ich habe einen Plan. Wie alt ist der Bube? ah, Cherub wollt' ich sagen. Aurelie. Vier Jahre. Felir. Hm, ziemlich alt schon für ein kleines Kind. Aurelie. O Felir, ich beschwöre Dich bei jener keuschen unausgesprochenen Liebe, nlit der wir uns einst geliebt. (Felix Miene deutet Verwunderung an.) D ja, ich weiß es, Du hast mich einst geliebt, ohne es vielleicht selbst zu ahnen. Felir. Das ist schon möglich. Aurelie. Bei dieser Liebe, die einzige Flamme in meinem Leben, beschwöre ick Dich, nimm Dich einer erbarmungswürdigen Mutter an. Der Himmel wird es Dir einst lohnen. Sollte ich einst Witwe werden — Felir (erschrocken). O, nur dieses Unglück nicbt — Aurelie. Und Du Witwer, so steht Dir ja noch der Himmel offen, daß Du dem Knaben ganz Vater werden kannst. Leb' wohl, Felir, und begrabe diese süßen Minuten in dein Herz. (Stürzt in das Haus ab.) Felir. Sie ist noch immer die alte lie- bessüchtige Närrin. (Sicht in die Loulisse.) Was treibt denn der Major mit dem Fiaker? Fünfte Scene. Vorige. Major (einen Fiaker am Rockkragen hereinsührend). Felir, Aurelie (am Fenster). Major. Ich sage Dir, Du mußt das Taschentuch meiner Frau gesunden haben. Fiaker. Aber — Major. Schweige und gestehe laut dein Verbrechen, Du hast es. — Fiaker. Aber — Major. Schämst Du Dich nicht, die Ehrlichkeit der Wiener Fiaker wegen eines dummen Taschentuches auf den Pranger zu stellen, dafür soll auch an Dir ein Erempel statuirt werden — so wahr ich der Major Rüppl — Anrelie (am Fenster). Aber lieber Mann, dieser Mann ist gar nicht unser Fiaker. 7 Major. Was? Nicht unser Fiaker? (Zum Fiaker.) 3a, warum sagen Sie dies nicht gleich. (Während der Major sich zum Fiaker gewendet, winkt Aurelie Felix, der unter ihr Fenster tritt.) Aurelia (zu Felix). Stecken Sie schnell diesen Zettel ein. (Wirst Felix ein Papier zu.) Major. Warum, frage ich, haben Sie das nicht gesagt? Felir (har den Zettel genommen und schleicht hinter Beiden vorüber). Jetzt schnell an'sWerk. Fiaker. Sie haben mich ja gar nicht reden lasten. Aurelie. Das Taschentuch ist schon gefunden, es war in meiner Tasche. (Verschwindet vom Fenster.) Major (verdummt). Ah! (Felix hat sich auf die Bank gesetzt und scheint in tiefes Brüten versunken.) Mir scheint, ich habe mich blamirt, Fiaker. Ich weiß zwar nicht, wie man's bei noblen Leuten nennt, bei uns Niedrigen heißt man es eine Eselei. (Zornig ab.) Major. Der Austritt ist mir sehr ärgerlich, — sehr — meine Frau hätte auch besser suchen können. Felir (seufzend, ohne aufzusehen). Ah! Major. Mein Gott, was hat er denn? Felir. Wo soll ich einen Freund finden, der so viel Edelmuth besitzt, sich in dieser Sache meiner anzunehmen. Wenn ich die ganze Zahl durchlaufe — halt — ist nicht Major Rüppl mein Freund— (Springt auf.) Ich will zu ihm, — ha, da ist er ja — (Schüttelt ihm die Hände.) Ja, Sie sollen der Beschützer der Unschuld sein, Sie sind ganz dazu erschaffen. Major. Ich verstehe Sie nicht. Felir. Nicht? Das thut nichts. Bald soll sich das gehörige Licht über dunkle Verhältnisse ausgießen. (Setzen sich.) In früherer Zeit liebte ich einen Engel, welchem wir keinen Namen geben wollen. Sie, von hochgestellter Geburt, ich dagegen ohne Geblüt, d. h. ich gar nicht geboren, kurz unsere Vereinigung war in Europa unmöglich. Wir flohen zusammen in einer Nacht. Es war zu jener Zeit, wo Sie in Indien — hätten dienen können. Major. Lassen wir das, wohin flohen Sie denn? Felir. Auf eine unentdeckte Insel im stillen Ocean, dort vereinigten wir unsere Herzen an der Natur ewigem Altar, lebten drei Jahre auf diesem unbewohnten Eilande, — einer Bernsteinhöhle und gingen nur in den Sümpfen spazieren, damit uns Niemand sab. Major. Das muß eine schöne Unterhaltung gewesen sein. Felir. Aber das Glück ist wandelbar, mein Freund. Meine geliebte Urania erbte von ihrem Kinde einen Wasserkopf und starb. Ich kehrte als trauernde Waise in mein Vaterland zurück, mit der süßen Last der Liebe unter dem Herzen — am Herzell — mit einem schönen Knaben. — Finden Sie nicht, daß meine Erzählung jetzt ein doppeltes Interesse bekommt? Major. Ja. Felir. Ich verbarg seine Existenz vor der ganzen Welt, (geheimmßvoll)besonders vor meiner Frau — denn sie ist — Major. Ich weiß — sie sind Alle so. Felir. Umstände, die ich gar nicht nö- thig habe, Ihnen zu erklären, zwingen mich jetzt dem Kinde zu entsagen und es einem theuren Freunde zu vertrauen, der meinem Knaben Vater sein soll. Sie sind der Mann meiner Wahl. Major. Ich? Vater? Unmöglich—rein unmöglich. Felir. Der Freundschaft ist nichts unmöglich. Major. Ich sage Ihnen, ich kann nicht. Felir (brstimmt). Sie werden das Kind nehmen, Sie müssen es nehmen. Major. Ja, Herr, halten Sie mich denn für eine Kinderbewahr-Anstalt? Felir. Ha, ich sehe, Major, Sie wollen mein edles Vertrauen mißbrauchen, meine uneigennützige Freundschaft verrathen. Nun denn, ich verlange Genugthuung von Ihnen. 8 Major (erschrocken). Genug — Felix. Thu—ung! Verstehen Sie, was man auf deutsch Sattsfaction nennt. Blutige Rache. Gezogene und ungezogene Läufe stehen Ihnen zu Diensten. Major (einlenkend). Mein Gott, zu was diese Feindschaft — Ich wollte ja gerne — vom Herzen, — aber bedenken Sie — meine Frau — Felix. Erzählen Sie ihr meine Geschichte. Jedoch soll sie schweigen wie eine Frau — die nichts weiß — sie wird Sie gar nicht ausreden lassen — sic hat ein weiches Herz— ich weißes— sie wird sich wie eine Mutter um den Knaben annehmen. Major (wischt sich den Schweiß). Glauben Sie? — Nun denn — ich will es wagen, aber ich sage Ihnen, das ist der schwerste Schritt in meinem Leben — außer der Kopulation — aber Ihnen zu Liebe, will ich die Heldenthat übernehmen labgehend bei Seite), sonst fangt er nochmal von dem verfluchten Duell an. (Ab in's Haus.) Sechste Scene. Felix (allein, reibt sich vergnügt die Hände). Dann Major. Felix. Prächtig habe ich die Sache eingeleitet; bei seiner Bornirtheit konnte ich schon wagen, einen Unsinn zu reden. Sie wird augenblicklich merken, wo das hinauswill. Halt! Bald hätte ich auf den Zettel vergessen, den sie mir zugeworfen. (Zieht ihn aus der Tasche und liest.) »O mein theurer Felix, — in Ihrer Hand ruht mein Glück. Entwerfen Sie einen Plan, daß mein Mann das Kind annimmt. (Spricht.) Ist bereits geschehen. (Liest.) Unser theures, liebes Kind. (Spricht.) Wie so — unser? Ah, — damit meint sie sich undihrenMann. (Liest.) Trachten Sie, daß es bald an dem Mutterbusen ruht, es wohnt Spittlau Nr. 13, Thür Nr. I. (Spricht.) Da soll ich heute auch noch hinlaufen? Freut' mich. (Liest.) Entschuldigen Sie in der Aufregung die schlechte Feder. Ewig Ihre Amelie.* (Spricht.) Bedank' mich dafür. Major (von innen). Freund Wippel! Freund Wippel! Felix (steckt hastig das Papier in die rechte Rocktasche). Ah, der Mann! Major. Sind Sie noch da? (Stürzt sich auf die Bühne.) Ah, da sind Sie ja. Freund, Sie sind ein Hexenmeister. Sie können die Menschen durchblicken. Meine Frau ist in Thränen aufgelöst vor Mitleid über die unglückliche Waise. — Sie will ihr Mutter sein. Unbegreiflich. Felix (bei Seite). Daß die Ehemänner so Vieles unbegreiflich finden. (Laut.) O, man berühre nur die Sympathie der Frauen, dann setzt man Alles durch. Major. Merkwürdig. Sonst habe ich nie ihre Sympathien berühren können. Aber jetzt holen Sie nur schnell den Kleinen, meine Frau ist in der größten Erwartung. Felix. Eilen Sie zu Ihrer Frau, um ihr zu sagen, daß sie ihn heute noch in ihren Armen wiegen wird. Major. Schön, schön, das wird sie sehr freuen. (Ab.) Felix (allkin). Welche Commission verrichte ich jetzt zuerst? Die Kindcrgeschichte hat mich ganz aus der Ordnung gebracht, aber ste muß zuerst abgethan werden. Welche Nummer. (Sieht in dem Papier nach.) Siebente Scene. Voriger. Stiller (hinter ihm ein Mann mit einem Korbe). Stiller. Da bin ich und weiter getrau ich mich auch nicht mehr. Ah! (Sncht laut) Felix (steckt das Papier schnell in die rechte Rocktasche). Was ist's? Ah, Freund Stiller? Stiller (freudig). Herr von Wippel, Sie hat mir der Himmel gesendet. Felix (bei Seite). Mir scheint, ich bekomme noch ein Geschäft. (Laut.) Nur heraus damit, wenn ich Ihnen dienen kann. Stiller. Ah, Sie wissen? Schon einmal erzählte ich Ihnen von meiner stummen 9 Liebe zu einer reizenden jungen Witwe, die so sehr Ihrer geehrten Frau Gemalin gleicht. Felir. Lassen wir jetzt meine Frau und reden wir von etwas Angenehmerem. Was ist's mit der Witwe? Wo wohnt sie, wie heißt sie? Stiller. Sie ist die Eigenthümerin dieses Hauses und heißt Schwanenflug. Felir. Schwanenflug? Welch' ein erhebender Name,— scheint zwar etwas hoch hinaus zu wollen, nun, Sie müssen ihr zu rechter Zeit die Flügel stutzen. Hat Sie Ihren Antrag angenommen? Stiller. Ich — ich Hab' noch gar nicht zu sprechen gewagt. Felir. Ja richtig, ich besinne mich, daran ist Ihre verfluchte Scheu gegen das weibliche Geschlecht Schuld, es ist, als ob Ihnen jede Crinoline Ehrfurcht cinflößte. (Schlägt ihn auf die Achsel.) Mein Freund, das verlangen die Weiber gar nicht, wenn Sie schon nicht reden können; so drücken Sie ihr stumm die Hand, sie wird Sie dennoch beredt finden. Stiller. Ach, wenn ich so unverschämt sein könnte wie Sie, dann wäre ich glücklich. Felir. Schreiben Sie ihr. Stiller. Ach, da zittert meine Hand zu sehr. Felir. Das thut nichts. Solche Kratzsüße entziffert ja das Weib gerne und hält die Tintenklere, wenn sie gut eingestreut sind, für Thränentropfen. Halt! Warum bestürmen Sie ihr Herz nicht mit Versen? Die haben schon manches weibliche Herz erobert. Stiller. Ich versle sehr schlecht. Felir. Je schlechter, desto besser. He, ich hab's schon. (Oeffnet seine Brieftasche und nimmt ein Papier heraus.) Hier ein Gedicht, um welches mich ein Freund ersuchte. Es ist voll Glut und Leidenschaft, denn ich schrieb es an meine Frau, ehe ich mit ihr verheiratet war. j Stiller (nimmt das Papier). Aber ich muß doch früher etwas sprechen. Felir. Dazu entwerfen Sie sich einen Aufsatz, lernen ihn dann auswendig — Stiller. Ach Gott, aber einem Frauenzimmer das sagen, — und besonders ihr — noch eher jeder Andem — Felir. Nun gut, so probieren Sie das eher bei einer Andern. Stiller. Ja, bei wem denn? Felir (ärgerlich). Bei wem? Bei wem? Das kann ich Ihnen nicht sagen. Welches weibliche Wesen Ihnen zuerst unterkommt. Stiller. Wenn ich aber nicht angehört werde? Felir (lächerlich). Sie kennen das weibliche Geschlecht gar nicht. Stiller. Schön. Aber was fange ich für den Augenblick an? Ich habe hier eine Angorakatze (deutet auf den Korb), um sie ihr zu präsentiren, da die ihrige gestohlen wurde — ick habe den Muth nicht — Felir. Nun, so werde ich den Muth haben und für Sie sprechen. Stiller. O, Sie sind ein Held! Felir. Ich würde ihr gleich meine Aufwartung machen, aber gehen Sie jetzt, daß ich ungenirter operiren kann. Stiller. O, ich gehe mit Vergnügen, es ist so angenehm für sich handeln zu lassen. (Drückt ihm die Hand.) Ich werde Ihren Freundschaftsdienst nie vergessen. (Indem er abgeht, gibt er dem Manne mit dem Korbe die Weisung zu bleiben.) Felir. Wie führe ich mich jetzt bei Frau von Schwanenflug ein? (In diesem Augenblick tritt Fanny aus dem Hause und will gegen den Garten gehen.) Ein Dienstmädchen? Sollte es das Ihrige sein? Pah! Dem Kühnen ist das Glück hold. 10 Achte Scene. Felix, Fanny, dann Helene, zuletzt 3 da. Felir. Mein schönes Kind, wenn Frau von Schwanenflug Ihre Gebieterin ist, so möchte ich um die Gnade bitten, ihr aufwarten zu dürfen. Mein Name ist — ist Bangler. Fanny. Die gnädige Frau ist im Garten, ich will eben zu ihr. Gleich werbe ich Antwort bringen. (Hinter dem Hause ab.) Felir. Danke vielmal, schönes Kind (verbeugend) danke vielmal. Ich weiß nicht, ich habe eine eigene Vorliebe für hübsche Stubenmädchen, — auch für Köchinnen, wenn sic sauber sind, — ich verachte zwar Fräuleins auch gerade nicht, wenn sie schön sind, und jungen hübschen Frauen oder Witwen bin ich ebenfalls nicht abgeneigt. Ich weiß nicht, woher das kommt. Helene (aus dem Garten, hinter ihr Fanny, welche gleich verschwindet). Herr von Bangler? 3ch kenne keinen Herrn dieses Namens, Du mußt unrecht verstanden haben. Felir (verbeugend). Nein, meine Gnädige, ganz recht. Ich heiße Bangler, As- baverus Bangler, von der Küste von Süd- Afrika. (Kükt ihr die Hand.) Sie waren nie an der Küste von Afrika, meine Gnädige? — Reizende Hand! Nicht eine einzige Negerin hat dort so eine alabasterweiße Hand, auf Ehre! Ich kann Sie versichern, reckt angenehmes Klima in Afrika. Die Eva finden sich selbst in der Sonne, darum heißt cs Südafrika. Schwarze Bevölkerung, aber recht gebildet, besonders in der Kochkunst schon weit vor, — sie braten die europäischen Ansiedler auf eine delicate Art. Dafür verkaufen die Weißen die Neger wieder als Sclaven, und das sehr theuer, natürlich weil so ein Neger doch zu den geschwärzten Waaren gehört. Helene. Mein Herr, ich begreife nicht— Felir. Wie dies mit meiner Erscheinung zusammenhängt? Bitte, kommt Alles. Afrika erzeugt nicht nur Menschen, sondern auch andere Geschöpfe. Z. B. Goldstaub, dann Elephantenzähne, die sich mit den Ihrigen aber nicht messen können — an Weißheit. Ferner angorische Katers. Helene. Ach ja, das sind liebe Thiere. Felir. Nicht wahr? Eines dieser niedlichen Thiere habe ich zu Ihrer Ansicht mitgebracht. (Zeigt die Katze auf einem seidenen Kissen.) Hier, meine Gnädige. Helene. Wie schön und was für ein ungeheures Thier. Felir. Das haben schon Viele zu mir gesagt, denen ick cs gezeigt habe. Es kann drei Sprachen, das heißt versteht drei Sprachen, türkisch, muhamedanisch und muselmännisch. Sie wird auch Ihre Lieder, die Sie singen, verstehen. Helene. Ich kann aber nur deutsch. Felir. Macht nichts. Deutsch kommt ihr gerade türkisch vor. Helene. Und der Preis? Felir. O, meine Gnädige, dieser Schatz ist nicht für schnöden Mammon zu kaufen, ich biete Ihnen denselben jedoch als Anerkennung meiner Hochachtung an. Helene. O. Herr von Bangler! (Bei Seite.) Das ist kein Thierhändler, sondern ein närrischer Verehrer, der sich auf diese Art einführen will. (Laut.) Ich fürchte nur, ich kann dieses kostbare Präsent nicht annehmen, ich beginge einen Raub. Felir. Rauben Sic ungenirtzu. Dieser Korb wäre j» nur eine Kleinigkeit gegen Ihre übrigen Räube — Helene. Wie? Felir. Ich meine natürlich nur Herzensraub, werthvoll für den Eigenthümer, der es verliert, werthlos für Sie, denn Sie rauben dieselben nur, um Ihre Trophäensammlung zu vermehren. Helene (lächelnd). Glauben Sie, ich fädle die gemarterten Herzen an eine Schnur und hänge sie wie die Perlen an meinen Hals? Felix. O, um die Seligkeit zu genießen, an Ihrem Hals zu hängen, würde sich jeder Mann gerne martern lassen. O gnädige Frau, erlauben Sie mir zu sprechen. (Zda erscheint lauschend und ungesehen aus dem Garten.) Das Geheimniß eines gefühlvollen Herzens muß aufgeschlossen werden, verschmähen Sie nicht die Anbetung eines Mannes, der nie ein anderes Wesen geliebt hat, als Sie. Ida (bei Seite). Entsetzlich! Was höre ich da? (Schleicht näher.) Felix. Dessen Seligkeit von einem einzigen Worte Ihrer reizenden Lippen abhängt, dessen Leben in Ihren zarten Händen ist. (Wendet sich um und holt den Korb.) Ida (leise zu Helene). Ich bitte Dich räume mir deinen Platz für eine Sekunde ein. Helene. Wenn es DirDergnügen macht, recht gerne. (Schiebt Ida vor und tritt zurück.) Felix (mit dem Korbe, ohne aufzusehen). Erlauben Sie mir, meine Gnädige, daß dieses liebe Thier mein Fürbitter ist. (Kniet sich nieder.) Erhören Sie meine Liebe, die nur mit dem Leben endet. Ida (mit verbissener Wuth). D>, ich höre mit Vergnügen. Felix (sieht aus mit einem Schrei). Ah! Meine Frau! (Fällt um, so daß er aus die Erde zu sitzen kommt ) Ida. Ja, dein armes, betrogenes Weib. D, warum kann ich in diesem Augenblick nicht sterben! Also untren auch noch. Helene Wie? Dieser Herr ist dein Gatte und kein Thierhändler? Felix. Nein, ich bin kein Thier — ick war nie ein Thierhändler. (Springt aus.) Ich bin blos eine Unschuld und noch dazu was für eine; höre mich, liebes Weibchen. Ida (hält sich die Ohren zu). Ich will nichts hören. Felix. So erhören Sie mich, meine Gnädige. Helene (wie Zda). Nein, dies wäre Ver- rath an meiner Freundin Ida. Felix. Lassen Sie sich nur sagen, wenn ich gewußt hätte, daß Sie die Freundin meiner Frau sind, so würde ich ja nie — Helene. Das glaube ich wobl — Ida. Wie, Du Schändlicher, prunkst noch mit deiner Treulosigkeit! (Hält sich weinend das Taschentuch vor.) O, dies ist der Lohn für meine zärtliche Liebe. Helene (bei Seite). Solche Ehestandssce- nen lösen sich viel leichter unter vier Augen. (Gilt unbemerkt ab.) Felix (zärtlich). Siehst Du, gutes Weibchen — Ida. Ich bin kein gutes Weibchen. Felix (ruhig). Ich sehe es. Ida. O mein Herr, ich werde mich rächen, fürchterlich räcken! (Pikirt) Wenn auch Sie blind sind gegen meine Reize, es gibt noch Männer genug, die meinen Werth zu schätzen wissen. Ich, meinHerr, kenne solche Männer — Felix. Aber — Ida. Kein Wort weiter. Ich will nichts mehr von Ihnen wissen. Felix. Ah, das ist doch zu arg! Nun denn, ich gehe, ohne zu fragen, wie Sie, Madame, zumzweitenMaleauf diesen Platz Herkommen, denn ich habe mehr Vertrauen,und ich schwöre Ihnen, heute noch sollen Sic reuig vor mir aufdie Knien sinken! (Setzt wü- thend seinen Hut aus und spricht, während er zum Thor eilt.) Stiller soll die Sache selbst auf- klären. Halt, bald hätte ich auf den Uhrmacher vergessen. (Dreht sich um und eilt in das Uhrmachergewölbe.) 12 Neunte Scene. Ida, dann Stiller. 3da (noch sehr aufgeregt, allein). 3a, Helene hat Reckt, meistens werden nur jene Frauen geschätzt, deren Untreue die Männer befürchten. Nur die Eifersucht vermag ihre Liebe glühend zu erhalten. Nun denn, Herr Genial, Sie sollen sehen, daß ich auch verstehe, mir den Hof machen zu lassen, daß ich auch eine Frau von Welt bin; wenn das Schicksal gerecht ist, so muß es mir so bald als möglich einen Galanthomme zuführen. — Ah, da kommt ein Mann, mir scheint, das Schicksal ist gerecht. (Erkennt Stiller.) Herr Stiller? Nein, das ist ein Hohn des Schicksals. Dieser blöde Ritter wagt kein Frauenherz zu erobern. Stiller (etwas vom Weine aufgeregt, bei Seite). 3ch habe das Gedicht abgeschrieben, meine Anrede notirt und dazu eine Bou- teille Champagner getrunken. Wenn der Geist sich mit der Liebe paart, muß der Muth wohl kommen, und der Kühne setzt bei Weibern Alles durch, sagt Wippel, Wippe! muß es wissen, Wippe! muß Recht haben, er niuß, denn er ist ein Teufelskerl. — Wenn ich nur ein weibliches Wesen fände, wo ich zuvor einen Versuch machen könnte. — Himmel, sehe ich recht, die Frau von Wippel. — Wenn ick — ah, das geht doch nicht — warum nicht? Es ist ja sein eigener Rath, er darf sich gar nicht aufhalten, — aber sie — sie wird sich aufhalten, wird mich gar nickt anhören — die verheirateten Frauen erhören keinen Courmacher, wenigstens bis jetzt hat die Welt noch kein Beispiel gehabt. 3 da (pikirt). Solch' eine 3ammergestalt nennt man einen Mann. Er, der täglich in unserem Haus aus- und eingeht, wagt es nicht einmal mich zu grüßen, weil mein Mann nicht an meiner Seite ist. Stiller (bei Seite). Courage, Adolf, es ist ja nur eine Probe. Wie habe ich den Anfang ausgeschrieben? (Sieht schnell auf ein Papier, das er Himer seinem Rücken gehalten, und stürzt auf sie zu. Felix tritt aus dem Gewölbe des Uhrmachers und hört zu ) Zehnte Scene. 3da. Felir. Stiller. Stiller. Gnädige Frau, endlich wird mir das Glück zu Theil, nachdem ich schon so lange seufzte, Sie allein zu treffen. Felix (horchend, sich zurückziehend). Was höre ich da? 3da (bei Seite). Wie? Da ich allein bin, wagt er zu sprechen? Also auch so falsch wie alle Männer? Stiller (hat in das Papier gesehen). Gnädige Frau, verdiene ich denn keine Antwort von diesen Honiglippen? (Bei Seite.) 3etzt wird sie mich gleich abfertigen. 3 da. 3ch verstehe den Sinn 3hrer Rede nicht. Stiller (verblüfft). Nicht? (Bei Seite.) Auf das war ich nicht vorbereitet. (Deutet auf sein Papier.) Was sage ich jetzt? Ah pah, nur weiter. (Sieht hinein, dann) O Engel in irdischer Gestalt, fliehen Sie nicht, — fliehen Sie nicht. 3 da. 3ch fliehe ja nicht — Sie sehen. Stiller. 3aso. (Bei Seite.) 3chdachte, sie müßte fliehen. (Laut, nachdem er in sein Papier gesehen.) O machen Sie mich auch selig — wie den seligen — 3da. Wie? Stiller (bei Seite). 3a so, das paßt nicht. (Laut.) 3st 3hr Mann nicht selig, solch' einen Engel zu besitzen? Felix (bei Seite). Schändlicher Spitzbube, wie er mich mit seiner Schüchternheit betrogen hat. 3etztift es erklärt, warum ich meine Frau zweimal auf diesem Platze begegnet habe. Stiller (hat in sein Papier gesehen). O 13 meine Gnädige, jahrelang glüht schon in diesemBusen das Zentralfeuer ewiger Liebe, wie ein Vulcan unter Eis und Schnee, stets war ich ein nichtssagender Verehrer, aber jetzt — (bei Seite) Jetzt muß sie mich fortschaffen, denn so etwas hört keine Frau in der Welt an. Ida (die Verlegenes spielend.) Ah, Herr von Stiller, bestürmen Sie nicht ein schwaches Fraueuherz. Felir (bei Seite). Falsche Kreatur! Stiller (verblüfft). Was? (Bei Seite.) Auf das war ich nicht gefaßt. Jda. Ihre sympathische Stimme wäre im Stande, mit dem Tone meines Herzens den reinen Einklang zu bilden. Felir (zerknittert seinen Hut). Ich zerberste vor Wnth. Stiller (hingerissen). Wie? Ihr Herz hat einen Eingang — Einklang mit dem meinigen, dann erlauben Sic mir einen Kuß auf diese Schwanenhand. (Bei Seite.) Jetzt muß sie mir eine Ohrfeige geben. Jda (lächelnd). Nun, da Sie so bescheiden bitten — (Hält ihm die Hand hin.) Stiller. Ich bitte, ich bin noch Anfänger. Jda (bei Seite). Ein komischer Mensch. Ich kenn' mich nicht aus. (Laut.) Nun, so drücken Sie zu. Stiller (bei Seite). Ick getraue mich nicht recht, wenn diese Hand doch ausschlägt. (Packt fest die Hand und küßt sie). O Seelenbalsam, o Himmelswonne! (Bei Seite.) Ah, was war ich für ein Esel, daß ich nicht schon lang ein Held bei Weibern war. (Stößt plötzlich einen Schrei aus und stürzt von ihr weg. Bei Seite.) Ah! Sie hat mir die Hand gedrückt. Himmel, wie habe ich mich in dem Frauengeschlecht geirrt! Felir (bei Seite). Die Saiten meiner Geduld reißen. Stiller (bei Seite). Jetzt wage ich Alles. (Laut, aus der Brusttasche das Gedicht hervorziehend.) Ja, mein Leben gehört Ihnen, dieses Gedicht wird Ihnen Alles sagen. Felir (stürzt wüthend vor). Her mit dem Gedicht. (Entreißt es ihm und steckt es in die rechte Rocktasche.) Stiller. Ah! Freund Wippel, was treiben Sie denn? Felir. Rechenschaft will ich. Stiller (drängt ihn weg). Gehen Sie weg, Sie machen mich nur irre. (Zu Jda.) Ja, meine Gnädige, treu bis in den Tod und dann noch einige Jahre. Felir. Was? In meiner Gegenwart? Das ist zu viel. Stiller (wie oben). Lassen Sie mich gehen, was geht denn das Sie an? Felir (außer Fassung). Ah, das ist nicht übel. Aber er hat Recht, das geht meine Frau an. (Schreiend.) Sie werden mir Ge- nugthuung geben, oder ich schieße Sie nieder, wie — Stiller (ebenfalls schreiend). Ich werde mich nicht schießen. Jetzt will ich erst zu leben anfangen. Ich gehe unterdessen — Felir (packt ihn). Du entkommst mir nicht, Elender! Stiller. Hilfe! Polizei! Wache! Mörder! Eilfte Scene. Vorige. Helene, Major, Aurelie (stürzen aus dem Hause). Major, l Helene. ! Mein Gott, was ist denn Aurelie. s geschehen? Felir. Verrath an der Freundschaft! Verrath an meiner Ehre, — der Elende liebt meine Frau! Stiller. Wer sagt Ihnen denn das? Felir. Treiben Sie Ihre Unverschämt- 14 heit nicht auf's Aeußerste, Sie Gleißner. Herr Major, Sie muffen mein Sekundant sein. Einer von uns Beiden muß bleiben. Stiller. Bleiben Sie, ich gehe. Felix. Halt, Feigling! Entfliehen willst Tu,i nachdem Du das Glück einesMannes zerstört, der durch seine unwandelbare Treue beweist, — wie sehr er seine Frau lieble. Jda. Wie? Das wagst Du zu sagen? Helene. In meiner Gegenwart, wo Sie vor wenigen Minuten noch liebeglü- hend zu meinen Füßen lagen. Stiller (plötzlich wüthend). Wie? Sie wagten dies? Verrath, Verrath an der Freundschaft. Sie wissen doch, wie glühend ich Frau von Schwanenflug liebe. Helene. Wie? Stiller. Ja, gnädige Frau, jetzt habe ich den Muth es zu sagen. Uebung und eine Boutcille Champagner macht den Meister. (Zu Felix.) Ich werde mich nicht mit Ihnen schießen, aber Sie werden sich mit mir schießen. (Zu Helene.) Gnädige Frau, glauben Sie ja nicht, daß ich je ein anderes Wesen lieben könnte, als Sie. Felix. Das Läugnen nützt Dir nichts, Don Juan. Du bist in meinen Händen. Lesen Sie laut und vernehmlich, was er meiner Frau geschrieben. (Greift in die Tasche und gibt dem Major Aureliens Billet) Stiller (zu Felix). Das ist ja Ihr eigenes Gedicht, welches Sie mir für Helenen gaben. Ich hielt ja nur bei Ihrer Frau Generalprobe. Felix (schlägt sich an den Kopf). Ich Dummkopf gab ihm selbst den Rath. (Zu Helene.) Gnädige Frau, ich war zuvor nur das 6A0 von ihm, ich ersetzte nur seine Stelle, meine Worte waren eigentlich seine Worte. Begreifen Sie nun? Jda und Helene. Ja, wir fangen an zu verstehen. Felix. Nun denn, Herr Major, geben Sie her, das Papier ist jetzt ganz werthlos. Major (der während des Lesens schon heftig gestikulirte). Nichts ist werthlos. Für mich ist es eine Million werth. (Zu Zda.) Gnädige Frau, bedauern Sie mich, bedauern Sie sich, wir sind Beide schändlich betrogen. Aurelie (zum Major). Was kümmern Dich Verhältnisse. Major. Verhältnisse? Ja, das ist das rechte Wort. Da lese! Kennst Du diese Hand? (Hält ihr den Brief hin.) Aurelie (fällt mit einem lauten Schrei in Helenens Arm). Ah! Felix (will ihr zu Hilfe eilen). Major (reißt ihn weg). Hinweg! Felix. Erlauben Sie mir, ich muß helfen, ich bin ein Mann vom Fach. Ich hätte einmal Medicin studieren sotten. Major. Sie werden sich vor Allem mit mir schlagen. (Zu Zda.) Gnädige Frau, ein lebender Beweis seiner Untreue constatirt sein Verhältniß mit meiner Frau. Jda (fällt in Stiller's Arm). Ah! Felix (wüthend). Sind Sie verrückt? Major (hält ihm das Papier hin). Da! Felix (schreit auf). Ah! Wo sott denn ich hin? (Will dem Major in die Arme fallen .) Major (stößt ihn weg, schreit). Zurück! Nur der Tod tilgt diese Schmach! Stiller (nachdem Zda und Aurelie zu sich gekommen). Aber schreien Sie doch nicht so. Was kümmert Sie diese Kinderei. Ich habe ja das ganze Gedicht — Aurelia (trittvor. ernst). Major, einWort im Vertrauen. Ich will Alles bekennen. Ich bin eine unglückliche Mutter, aber ich habe mich nicht zu schämen. Ich war zwar die reine Seele nicht, die Du zu finden wähntest, — aber (greift in den Busen) dieser Taufschein des Kindes mag Dir beweisen, daß ich verheiratet war. 1ü Jda. Mit meinem Manne? Felix. Nein, mit einem Marqueur — ah, Marquis. Major (der gelegen). Frau, es ist mir gar nicht angenehm, aber ich verzeihe Dir. Herr von Wippel, ich verzeihe Ihnen auch. Stiller, Helene, Jda. Ich auch. Felix. Ein förmlicher Generalpardon, und ich habe gar nichts gethan. Herr Major, ich bitte Sie, werden Sie so bald als möglich Vater des Herrn von Stiller. — (Zu Frau von Schrvanenslug.) Heiraten Sie auf's Schnellste das Kind. (Deutet aus Stiller.) Ah, umgekehrt, ich weiß gar nicht mehr, was ich rede, — mich aber bitte ich fernerhin von allen Freundschaftsdiensten zu entheben, ich will in Zukunft (seine Frau umarmend) nunmehr Dir und deiner Liebe leben und mein Wahlspruch sei: Keine Freundschaftsdienste mehr! (Der Vorhang fällt) Actus. >i ^ Vi.'I, Za der Wallt-Haufserschen Buchhandlung (Josef Klemm) tu Nie«, Stadt, hoher Markt Nr. 1 , find erschienen: c? aus Stücken von: Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Elmar, Flamm, Gottsleben, Grois, Grün, Gründors, Haffuer, Juin, Kaiser, Langer, Megerle, Nestroy u. A. Drei Hefte. Gr. 8- geh. Preis 1 fl. 50 Nkr. oder 1 Thlr. Jedes einzelne Heft 50 Nkr. oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg K. F. 1- Da möcht i halt das G'wissen sein. 2. Requifiten-Couplet. 3. Figuren-Couplet- 4. Nachher wird es schon wern. 5- Glöckchen-Couplet. 6- Biblisches Couplet. 7. Falsche Benennungen. 8- Dann ist fie da die bessere Zeit. 9- 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün. 10. Volkslieder. 11. Aber geb'n thut's es nit. — Kerls, Alois. 12. Jetzt da war's halt Noch, daß wer antauchen thät. 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. 14. Zu was dann die Feindseligkeit gegen das Thier. 15. Lachcouplet. 16- Aus einer Chronika. 17. Früchte, die verbotm find. 18- Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20. Mythologie-Couplet. — Kerls u. Kittner. 21. Ohne Umschneiderei. 22- Die papierene Zeit. 23. Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Kittner Anton. 24. Thier-Couplet 25- Das ist noch Geheimniß. 26. Wer hätt' es geahnt. 27. Ldrouchus soLuäLieuss. — Kittner u. Morländer. 28- Aehnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29. Und so wird hinterrücks g'redt. — Köhm, Joses. 30. Na da sieht man's doch, daß's an der Eintheilung fehlt. 31- Wenn man die Wirkung sieht, und d'Ursach nit kmnt. — Doppler, I. 32- Maschinen-Couplet. 33. Wo man was sucht, dort find't man es nicht. — Elmsr, Carl. 34. O Spiel der Natur. 35- Lied des Teufels. 36. Man glaubt nicht was in einem Menschen oft steckt. 37. So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. 38. O ungeheure Ironie. 39- Da möcht ich halt wissen, was nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes. Elmar, Carl. 40-Was lieget da dran. 41. Ja so geht's, wenn man heut' zu Tag Geister citirt. — Feldmann u. Flamm. 42- Mit Kleinem säugt man au, mit Großem hört man aus. 43. So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Lheod. 44. Keine Rose ohne Dornen. 45. Gesundheit und ein recht langes Leben. 46. Jedes Häserl hat sein Deckerl. 47. Repertoire-Couplet. — Flamm u. Wimmer 48. Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät. 49. So behilft sich halt Jeder, so gut als er kann. — Gottsleben, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 51. Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52. Na, das kennen wir schon! 53. Psui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54. Wir bedanken uns sehr. — Grünn, Johann. 55. Was ein Narr ist. 56. Ein Chineser. — Gründorf. 57. 's ist just net nöthi, aber nothwendi war's. — Kassner, Carl. 58. Da find's mäuscrlstill. 59- Es steckt was dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60- Wann der mein Kapperl hätt'. 61. Ja, ich kann's nit ändern, es is halt a so. — Juin. 62- Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht. 63 Wozu Mancher eigentlich geboren. 64 Fiakerlied. 65- Zu was von den Göttern eine Auskunft begehren. — Juin u. Flerx. 66. Da wird einem heiß kalt — warm! Ungeheuer genannt! —67- Kaiser, Friedrich. 68. Ich bitt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. Inhalt des dritten Heftes. Kaiser, Friedrich. 69. Es muß ja nicht gleich sein. 70. Da braucht man beim helllichten Tag a Latern. 71- Jetzt das g'hört aus ein anderes Blatt. 72- Die find halt g'scheidt. 73. Das ist so nobel und so billig dabei. — Langer, Anton. 74. Was ist der Unterschied. 75. Aber da mag Keiner net. 76. Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 77. Es schaut nur gemeiner aus. 78- Zu früh und zu spät. 79. Man kann fich's wohl denken, aber sagen darf man's nicht. 80. Wann mich der fragen thät. — Megerle, Lher. 81. Marsch mit dem in d'Butten. 82. Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. — Nestroy. 83. Und 's ist Alles net wahr. 84. Kometeu-Lied aus »Lumpaci*. 85- Aus was sich Mancher hiuauswachseu kann. 86. Das wär ganz etwas Neu's. 87. Und man kommt aus kein Grund. 88. Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 89- Ja, hat penn die Sprach' da kein anderes Wort. — Varry, A« 90- Ob der wohl die Wahrheit wird sagen Druck und Papi« von Leopold Sommer in Wien. (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) Album. Lustspiel in einem Act. Nach dem Französischen. Von - Max Stein. (Zuerst mit großem Beifall aufgeführt im k. k, priv, Theater am Franz Josefs-Quai in Wien.) Personen. Besetzung im Duaithester. Eorinne. Sängerin.Frl. Fontelive. Marquis Hektar d'Albret.Hr. Ascher. Ernst Didier.. Formes. Iran. Lorinne's Diener.. Aufim. Ein Salon. — Mittelthüre in das Vorzimmer führend. — Links in der ersten Eoulisse ein Fenster, in der zweiten eine Thüre; rechts in der ersten Eoulisse eine Glasthüre, die in den Garten führt, in der zweitm eine Thüre zu Corinne's Zimmer. — Zn der Mitte des Zimmers ein Tisch mit Albums, Büchern und einem Arbcitskörbchen. Erste Scene. Jeau, Ernst. (Jean staubt die Möbel ab, Ernst tritt durch die Mittelthüre ein.) Ernst. Ist Fräulein Corinne zu Hause? Jean. Nein— (erkennt ihn) Ah, Herr Didier! Ernst. Ich werde sie erwarten. (Fürsich.) Ich muß erfahren, ob wahr ist, was man mir erzählt hat. (Sieht sich um.) O, sie ist gewiß zu Hause — (Laut.) Bist Du überzeugt, daß das Fräulein ausgcgangen ist? Jean ssieht verlegen nach Eoriune's Thüre). Ich schwöre Ihnen, mein Herr — Ernst. Du stotterst — sie ist hier — melde mich! Jean. Mein Herr, das Fräulein nimmt keine Besuche an. Ernst (gibt ihm Geld). Aber Du nimmst an? Jean. Ich — (Nimmt das Geld.) Ernst. Nun melde mich! Jean. Ich wag' es nicht! Ernst. Warum nicht? Fürchtest Du das Fräulein zu erzürnen? Jean. Das Fräulein nicht, aber — Ernst (forschend). Ah — er ist ja mein bester Freund! Jean. Der Marquis d'Albret — so? Ernst. Ah, es ist der Marquis d'Albret! (Für sich.) Man hat mich also recht berichtet! Jean. Sie haben mir eine Falle gelegt, mein Herr! Ernst. Eine goldene, Jean! — Gib deiner Herrin meine Karte — oder nein — geh' — ich werde hier warten, bis sie kommt. Jean. Aber — das Fräulein — Ernst. Fürchte nichts — Jean. Und mein Salon? (Zeigt den Ab. stauber.) Ernst. Ich werde ihn ordnen. (Nimmt ihm dm Abstauber weg.) Geh' nur — geh' — Du bist unschuldig — Du hast mich nicht kommen sehen. (Jean ab.) Zweite Scene. Ernst allein. Es ist also doch wahr — und der Marquis d'Albret ist der Glückliche! Wie froh bin ich, daß ich Corinne nie ahnen ließ — O, ich werde mich rächen! Aber mit welchem Rechte? Ist sie nicht frei? Und wie könnte ich gegen einen Millionär in die Schranken treten, ich — (kleine Pause). Es ist vielleicht am besten, wenn ich mich wieder entferne. (Zögert.) Ja, ich gehe. (Geht zur Mittelthür und bleibt dort stehen.) Ah, das ist schwerer, als ich dachte — (Zeigt nach der Thür rechts.) Sie ist dort — wenn ich Muth hätte, ihr zu sagen, daß — Dritte Scene. Ernst. Corinne. Corinne (aus der Thür rechts). Sie hier, mein Herr? Ernst. Ich — Corinne. Ich erwartete den Besuch meines Nachbars zu Paris nicht — Ernst. Ist das ein Vorwurf? Corinne. Ich dachte eben an Sie. (Setzt sich links zum Tische.) Ernst. An mich? Corinne. Setzen Sie sich doch! Ernst (setzt sich rechts zum Tische, für sich). Ich kann es nicht glauben! Corinne. Welcher Zufall führt Sie in diese Gegend? Ernst. Kein Zufall, sondern — Corinne. Nun? Ernst. Egoismus! Corinne. Ich verstehe Sie nicht. 2 Ernst. Don meinem Fenster im fünften Stockwerke in der Rue de la Dictoire genieße ich eine wunderschöne Aussicht — in Ihr Zimmer. Es war mir zur süßen Gewohnheit geworden, Ihnen täglich des Morgens einen nachbarlichen Gruß zuzusenden. Sie wissen, daß ich mich nebst der Dichtkunst auch ein wenig mit Musik beschäftige — nun, als ich Sie das letzte Mal sah, fand ich, indem ich Sie anblickte, eine Melodie — eine reizende Melodie — die mir seitdem entfallen ist. Corinne. Nun, und? Ernst. Ich erfuhr, daß Sie Paris verlassen und dieses Landhaus bezogen haben und eilte hierher, um Sie anzusehen, da ick hoffe dabei meine Melodie wiederzufinden. Corinne. Das ist eine sonderbare Art zu componiren. Ernst. Jeder arbeitet nach seiner Weise. Corinne. Und wie lange brauchen Sie, um Ihre Melodie wiederzufinden? Ernst. Eine halbe Stunde — wenn das übrigens nicht genügen sollte, so werde ich morgen wiederkommen. Corinne. Wollen Sie vielleicht das Gedicht, welches Sie mir schon vor langer Zeit für mein Album versprachen, auch in Musik setzen? Ernst. So ist cS. — Ich habe das Gedicht mitgebracht — nur die Melodie fehlt noch. (Süht sie an.) Ich suche sie eben. Corinne. Kann man plaudern, ohne Sie in Ihrer — Arbeit zu stören? Ernst. Ich bitte Sie darum — vielleicht finde ich die Melodie leichter, wenn ich Ihre Stimme höre. Corinne. Die Zeitungen beschäftigen sich viel mit Ihnen, mit Ihrem neuesten Drama— es hat großen Erfolg gehabt — Ernst. O — Corinne. Sie sind auf dem Wege berühmt zu werden. Ernst. Sie, mein Fräulein, sind es schon! Vor einem Jahre noch unbekannt, sind Sie heute die gefeierte Künstlerin. Bei Ihrer Jugend ist das viel. Man spricht ja in Paris von nichts als von Ihnen! Corinne. Nun, was thut das? Ernst. Nun, man sagt nur Gutes, das wird am Ende langweilig! Corinne. Es steht Ihnen ja frei, Böses von mir zu sprechen. Ernst. Ich hätte beinahe Lust dazu — und wäre es auch nur, um Sie zu verhindern, stolz zu werden und Ihre Freunde zu vergessen. — Corinne. Das werde ich nie — besonders Einen nicht. Ernst. Ah — wen? Corinne. Einen Unbekannten. Ernst. Ah, Sie— (Erhebt sich.) Leben Sie wohl, mein Fräulein! Corinne. Wie, Sic gehen — Sie gehen in dem Augenblicke, wo ich Ihnen ein Geheimniß anvertranen — will. Ernst. Ein Geheimniß — mir? Corinne. Setzen Sie sich — ich bin überzeugt, daß meine Erzählung Sie in- teressiren wird! Ernst (setzt sich). Glauben Sie? Corinne. Ja — spielen Sie nicht den Theilnahmslosen — ich kenne Sie — man hat mir viel von Ihnen erzählt. Ernst. So? Corinne. Ebenfalls Langweiliges — d. h. Gutes Ernst. Man thut mir Unrecht! Corinne. Vielleicht — man sagt, Sie seien ein Gefühlsmensch. Ernst (verlegen). Ihr Geheimniß handelt aber wohl nicht von mir? Corinne (ihm ein Album aus der Hand nehmend). Nein. — Lassen Sie das und hören Sic mich an. Als ich meine Mutter verlor, nahm man mich aus dem Pension r* träte, in dem ich bis dahin erzogen worden war — denn ich war arm und darauf angewiesen, selbst für meine Zukunft zu sorgen. Man machte mich auf meine Stimme aufmerksam—lobte sie und rieth mir, mich der Bühne zu widmen. Ich befolgte diesen Rath und studierte, um nach kurzer Zeit aufzutreten. Ernst. Und Triumphe zu feiern. Corinne. Bald hatte ich mir die Gunst des Publikums erworben, das stets sehr nachsichtig gegen mich war. Ernst. Die Gunst des Publikums und die Achtung und Verehrung aller Menschen, welche Sie kennen lernten! Corinne. Allein nicht alle Menschen kannten mich und ohne meinen unbekannten Beschützer — Ernst. Ah! Corinne. Haben Sie Ihre Melodie gefunden? Ernst. Warum? Corinne. Weil Sie mich nicht mehr ansehen! Ernst. Doch — Sie sagten? Corinne. Ohne diesen unbekannten Freund wäre — wenn auch nicht ich — so doch mein Ruf das Opfer eines junger? Thoren geworden, der, wie man mir später erzählte, gewettet hatte, meine Liebe zu erringen. Ernst (für sich). Woher weiß sie —? Corinne. Doch — heute Morgens erhielt ich einen Brief von ihm. Ernst(unwillig). Wie — etschreibt Ihnen? Corinne (ihn fixirend). Ja — aus London. Ernst. Aus London? Corinne. Ich erkannte die Schrift sogleich. Seine Liebe verfolgt mich sogar über das Meer, dachte ich, das ist zu arg! und wollte den Brief verbrennen gleich den andern. Allein im Zorne harte meine den Brief zerknitternde Hand das Siegel gebrochen — cs war geschehen — nun und dann die Neugierde — ich las den Brief. Ich durfte es, nicht wahr?— Der Ton desselben ist dießmal ganz verschieden von dem der früheren — er ist reumüthig, achtungsvoll. Man bittet mich um Vergebung—man entschuldigt sich und theilt mir mit, daß ein Freund sich meiner angenommen, und man sich wegen mir geschlagen habe. Was den Namen dieses Freundes betrifft — hatte man sein Wort geben müssen, ihn nie zu verralhen. Ernst (sehr bewegt). Ah! Corinne (forschend). Was sagen Sie? Ernst. Nichts—ich — Corinne (wie oben). Ich kenne diesen edlen Freund nicht, allein wer es auch im- >mer sei, ich werde ihm ewig dankbar sein! Ernst (für sich). Ich kann ihr doch nicht I sagen — es sähe aus, als suchte ich Dank — Corinne. Ich traf diesen jungen Mann — der mir folgte wie mein Schatten — überall, wo ich mich zeigte. Ich verbrannte die Briefe, welche er mir zusandte — phö- nirartig stiegen sie aus der Asche empor. Hundertmal wies ich ihm die Thür — hundertmal kam er wieder. Das währte so mehrere Wochen — schon sprach Paris von meinem — »Verehrer« — da verschwand er plötzlich. Ernst (forschend). Und hörten Sie nie wieder von ihm? Corinne (für sich). O, er ist cs nicht— er würde sich verrathen haben — und doch sagt mir mein Herz — (Laut.) Ist es Ihnen nie geschehen, daß Sie sich von Menschen, welche Sie nicht kannten, die aber eine große Rolle in ihrem Leben spielten, — ein Bild entwarfen? Ihnen Gestalt — Züge — Stimme — ja sogar eine gewisse Geistesrichtung beilegten, die sich später als vollkommen richtig bewährten? Ernst. Niemals. Corinne. O, ich habe das schon oft 5 er ähren, und mich noch nie in meinenVor- aussetzungen getäuscht. Ernst. Wirklich? Nun, da ist es ja ganz leicht Ihren Unbekannten zu finden — sen- ! den Sie einfach sein Signalement auf das ! Polizeibureau. Corinne. Spotten Sie nicht. — Ich i möchte wetten, daß ich meinen Freund so im Geiste sehe, wie er wirklich ist, und ein sprechend ähnliches Porträt liefen wurde. Ernst (verlegen). Nun — wie sehen Sie r ^ . Eorrnne (boshaft). Er, wre neugrerig Sie sind! Vor Allem ist er sehr klein — < Ernst (aufathmend). Ah! Z Corinne (wie oben). Lichtblond! Ernst. Ah — lichtblond! Corinne (wie oben). Hat blaue Augen! Ernst. Blaue Augen! Corinne (wie oben). Und einen Vollbart! ! Ernst. So — ? Ist die Schilderung vollendet? Corinne. Nein— noch bleibt die mo- ^ ralische Seite. Ernst. Nun, lassen Sie uns die moralische Seite ansehcn! Corinne. Es ist ein Mensch von übertriebener Zurückhaltung, und beinahe lächerlicher Bescheidenheit; ein Kind, das vom Glücke träumt, und nicht den Muth hat, die Hand darnach auszustrecken, um es zu erreichen; ein Original, das spricht, wenn es schweigen sollte, und — schweigt, wenn es sprechen sollte! Ernst (sehr bewegt). Corinne! Corinne (für sich). Er ist es! Jean (tritt ein und meldet). Herr Mar- l quis d'Albret! (Ab.) (Corinne und Ernst stehen aus.) Corinne (ärgerlich). Der Marquis! Ernst (für sich). Also doch! Corinne. Was ist Ihnen? Ernst. Nichts, mein Fräulein — leben Sie wohl! (Für sich.) Ich that wohl daran zu schweigen! Corinne. Sie verlassen mich? Ernst. Ich muß nack Paris zurückkehren. (Geht, an der Thür begegnet er dem Marquis, die Herren begrüßen sich kalt. — Ernst ab.) Vierte Scene. Corinne. Hektor. Hektor (bleibt an der Thür stehen). Wer ist dieser Mensch? Corinne. Ein —Mensch. Hektor (kommt vor). Danke für die Aufklärung! Sie kennen ihn? Corinne. Es scheint so. Hektor. Genau? Corinne. Nein. Hektor. Also wenig? Corinne. Ja. Hektor. Ah! Corinne. Es ist mein Nachbar von Paris. Hektor. Ah — ein Nachbar? Corinne. Ist das Ihr Morgengruß? Hektor (küßt ihr die Hand). Vergeben Sie! Corinne. Ich erwartete Sie nicht! Hektor (für sich). Ich seh' es! Corinne. Wie? Hektor (stellt Hut und Stock aus einen Stuhl beim Fenster und setzt sich links). Nichts? — Ich hatte auch wirklich nicht die Absicht, heute zu kommen,— aber ich fürchtete, Sie könnten sich langweilen — allein auf dem Lande — bei schlechtem Wetter.— Ich sehe aber, daß ich mich getäuscht habe. Corinne. Rollen Sie doch nicht so mit den Augen wie ein Othello. Hektor. Hatten Sie mir nicht versprochen, hier keine Besuche zu empfangen? (Kleine Paust.) Wer ist nun dieser Herr, dem ich eben begegnete? . Co rinne (setzt sich rechts zum Tische und nimmt ihre Arbeit). Herr Ernst Didier. Hektor. Der Dichter? Corinne. Ja. Hektor. Ich begegne nicht gerne Dich« tern — das bringt Unglück. Corinne. Marquis, wenn Sie auf jeden Mann, den Sie bei mir sehen, eifersüchtig sind — Hektor. Ich habe meine guten Gründe, mißtrauisch zu sein. Ich werde Ihnen bei Gelegenheit mein Photographie-Album zeigen — eine höchst interessante Sammlung. Corinne. Ah — lassen Sic sehen! Hektor. Bitte, lassen wir das jetzt! Kennen Sie diesen Herrn schon lange? Corinne. Ist das ein Verhör? Hektor. Vergeben Sie mir — theure Corinne, allein ich habe so herbe Erfahrungen gemacht — Corinne. So? Hektor. Ja — zum Beispiel— sagen Sie selbst — glauben Sie nicht, daß ich mehr werth bin als der eleganteste Friseur? Corinne (lacht). Wie? Hektor. Ich bitte, antworten Sie mir. (Lorinnk lacht.) Nun — die erste Frau, die ich liebte, betrog mich wegen eines Friseurs. Corinne. Und was ist aus Ihrem Nebenbuhler geworden? Haben Sie :hn ge- tödtet? He kt. Nein — ich habe mir einen andern Friseur genommen — das ist bequemer. Und wenn Sie wüßten, wie häßlich dieser Mensch war! Allgemeine Regel: meine glücklichen Nebenbuhler waren immer Muster an Häßlichkeit. Corinne. Die Gesellschaft, mit der Sie verkehren, scheint also nicht viel Geschmack zu haben. Hektor (sieht auf). In der Liebe hört aller Geschmack auf! Corinne. Wie wollen Sie diesen pa- radoren Ausspruch vertheidigen? Hektor. Ganz leicht. Sie wissen sicher, liebe Corinne, daß die Liebe blind ist? Corinne (lächelt). Man sagt so. Hektor. In Folge dieses Gebrechens war sie genöthigt, sich eine Führen» zu nehmen — die Laune; diese führt nun die arme Blinde hin, wo es ihr gefällt. Corinne (lacht). Z. B. zum Friseur! Hektor. Lachen Sie nur, schöne Corinne, diese alberne Geschichte ist in der That sehr lächerlich — so lächerlich, daß ich mir vorgenommcn habe, in Zukunft klüger zu sein. Corinne (lacht). Und haben Sic diesen Schwur gehalten? Hektor. Nun — so gut es ging — (Setzt sich links zum Tische.) Liebe Corinne, ich bin heute fünfundvierzig Jahre alt geworden. Corinne. Um Gottes willen! Sie werden mir doch nicht Ihre Lebensgeschichte erzählen wollen! Hektor. Ja wohl! Corinne. O, das ist grausam! Hektor. Da es früher oder später doch geschehen muß, so ist es besser, wenn Sie es überstanden haben. Die Dichter vergleichen das Leben gerne mit einem brausenden Strom, der sich durch tausende Hindernisse hindurch siegreich Bahn bricht. — Nun, diese Herren mögen ihre Ursachen dazu haben — allein mein Leben war höchstens einem kleinen Bächlein ähnlich, daS sanft durch grüne Wiesen dahinfließt, ebne dem geringsten Hemmnisse zu begegnen, ohne je — Lärm zu machen. In den seltenen Fällen, wo ich versuchte, den »brau- ! senden Strom« nachzuahmen, — kam ich - ziemlich übel fort. Lange konnte ich mich nicht damit zufriedengeben, nur ein armer Millionär zu sein — und träumte von etwas Besserem. Co rin ne. Sie sind ungenügsam! Hektor. Nein — ich war ehrgeizig, und es langweilte mich nichts zu sein als — ein reicher Mann. Co rin ne. Sie sind wirklich zu beklagen, Marquis! Hektor. Vielleicht doch — denn ich war eitel, und so viel ich weiß ist es — bis jetzt noch nicht Sitte, sein Vermögen im Knopfloche zu tragen. Es gab eine Zeit, wo ich den unbedeutendsten Handwerker beneidete, denn er hatte wenigstens Ziel und Zweck vor sich, während ich, mich vom Zufälle auf meiner Bahn dahintreiben ließ — und er trieb mich eben nicht immer zum Guten! — Eines Tages endlich beschloß ich, auch meinem Leben einen Zweck zu geben — ich schmeichelte mir einige Anlagen zur Malerei zu besitzen — richtete ein prachtvolles Atelier ein, und machte mich an das Werk. Co rinne. Und hatten Sie Talent? Hektor. Mein Meister verglich mich gerne mit Rubens — ick aber wollte wissen, was ich von dieser Schmeichelei zu halten habe. Da malte ich eine Landschaft— eine grünende Landschaft. Die Bäume — grün, das Haus — grün, den Himmel — grün — Alles war in diese Farbe der Hoffnung gekleidet, sogar die Forellen, die im Backe schwammen und — ein kleines Bauernmädchen. Nun, mein Meister fand Entwurf und Ausführung dieser Landschaft großartig! Das verdarb mir die Freude am Malen, und ich griff zur Musik — Co rin ne. Wie — Sie, Marquis? Hektor. Ja — ich engagirte einen Meister, dem ich zwei Ducaien für die Lec- tion bezahlte, und der drei Jahre hindurch regelmäßig kam und — meine Cigarren rauchte. Co rin ne (lacht). Und war seine Leistung der Bezahlung angemessen? Hektor. Ja — er rauchte sehr gewissenhaft! Dann wandte ich meine Aufmerksamkeit den Geschäften zu. Einer meiner Freunde — ein Finanzier — übernahm es, mich in die Mysterien der Börse einzuweihen. Co rin ne. Und wie theuer zahlten Sie da die Lection? Hektor. Hm! — das wechselte von 10- bis 40,000 Francs. Glücklicherweise hörte ich bei der dritten Lection auf. Corinne. Weil Sie geistreich sind. Hektor. Das genirte mich im Geschäftsleben — darum gab ich es auch auf. Corinne. Was? Hektor. Nun— das Geschäftsleben! — Als »sanfter Bach* kehrte ich wieder in mein altes Bett zurück und führte das Leben aller reichen Menschen: Tags über langweilte ich mich zu Hause— des Abends langweilte ich mich in Gesellschaft. Von Zeit zu Zeit hatte ich noch einen kleinen Anfall von Ehrgeiz und litt — wie Militärs an ihren alten Wunden. — Endlich gab ich mich zufrieden und will nun nichts mehr als mich unterhalten. Corinne. Ah — Sie wollen mich vielleicht auch nur heiraten, um — sich zu unterhalten? Hektor. Soll ich Ihnen nochmals wiederholen, daß ich Sie liebe? Ich liebe Sie seit dem Tage Ihres Debüts. Ganz Paris beschäftigte sich mit der jungen, talentvollen Waise — ich ebenfalls! Ich studirte, beobachtete Sie, und an dem Tage, wo ich die Ueberzeugung erlangt hatte, daß Sie würdig seien meinen Namen zu tragen, bot ich Ihnen denselben an und — mein Herz! Sie erbaten sich einen Monat Zeit, um »ferne vom Theater und von Paris« darüber nachzudenken! — Heute geht dieser Termin zu Ende, und im Augenblick, wo ich ankomme, treffe ich in Ihrem Salon einen jungen Mann, von dem in unserem Ehecontracte gar nicht die Rede ist! 8 8 o rinne (ungeduldig). Schon ein Ehe- contraet! Hektar. Ich habe ihn mitgebracht — auck einen Notar! Co rin ne. Einen Notar! Hektar. Einen reizenden Notar!—Ick bereue schon, eben ihn gewählt zu haben! Corinne flacht). Sind Sie eifersüchtig? Hektar. Ich fürchte es — denn Eifersucht ist lächerlich! Corinne. Ich will Ihnen nicht widersprechen! — Warum aber geben Sie diese Leidenschaft nickt auf? Hektar. Sie ist starker als ich! Und dann, wenn Sie mein Album kennen würden — Corinne. Welches Album? Hektar (zieht ein Photographie-Album ander Tasche). Dieses hier! Corinne. Geben Sie! (Will es nehmen.) Hekt 0 r (steckt eS schnell in seine Tasche). Nein — vielleicht werde ich bald Gelegenheit haben, es Ihnen zu zeigen. Nun aber sagen Sie mir, was Herr Didier hier suchte? Corinne (lacht). Ich weiß es nicht, ick fand ihn hier in diesem Salon — er fiel vielleicht vom Himmel in meinen Garten; ober, da es in Strömen regnete, beim Fenster herein! Hektor. Meine theure Corinne, ich habe mich viel mit dem Studium der Natur beschäftiget, aber nie etwas davon gehört, daß es Künstler regnet! Corinne. Außer in der Concnt-Saison. Hektor (mit bedauerndem Tone). D, Corinne, Sie haben viel zu viel Geist für einen Millionär! Corinne. Und doch zu wenig für mich, denn ich langweile mich ganz entsetzlich hier — bei diesem Regen! Hektor. Der Regen scheint die Laune mit ihrer Blinden hergeführt zu haben, um hier ein Asyl zu erbitten — und Sie — die Frauen haben ein so weiches Herz — Jean (tritt ein). Fräulein, die Modistin ist eben aus Paris angekommen! Corinne. Führen Sie sie in mein Zimmer! (Jean ab.) Hektor. Nun, Corinne — Ihre Antiwort? Corinne (spottend). Ich weiß nickt, der Fall ist so ernst — so wichtig — ich werde mich mit meiner Modistin berathen! Hektor. Corinne! Corinne. Kein Wort weiter, ich hole mir Rath (zeigt auf die Thür ihre- Zimmers) und dann wollen wir sehen, was sich für Sie thun läßt! (Rechts ab ) Fünfte Scene. Hektor (allein). Die Frauen find doch eine wie die andere! Ihre ganze Macht besteht in zwei Hilfstruppen, die sich von Eva bis auf Corinne vererbt haben: Tbränen und Geist. Mit diesen wissen sic sich aus der schwierigsten Lage herauszuwickeln. Thränen und Geist, das ist das ganze Ge- heimniß! Mit ihnen gewinnt man Zeit und — trägt den Sieg davon! Ja, ich that unrecht, Amanda zu verlassen. Das waren noch ruhige, glückliche Tage! Bei ihr fand ich nie eine Thräne, und nie — ein geistreiches Wort! Wenn nur der kleine Vicomte nicht gewesen wäre! (Kleine Pause.) Dieser kleine Dichter bringt mir Unglück — ich fühle es! Das muß ja aber so sein! Ich bin doch nicht gar zu häßlich, noch unliebenswürdig, noch ungebildet, und doch gibt es keinen Menschen, der unglücklicher in der Liebe ist, als ich! — Ich lerne eine Dame kennen und bei dem dritten Besuch, den ich ihr mache, stoße ich auf einen jungen Mann. Wenn ich wenigstens Nutzen aus meinen Erfahrungen zöge! Aber nein — stets lasse ich mich wieder von dem Gefühl hinreißen — trotz meinem Album! — Dieses Album! Es kommt nie von meinem Herzen — so oft ich eine Dame besuche, ruht es hier, und im Augenblicke, wo ich ausrufe: Madame, ich liebe Sie! (legt die Hand auf das Herz) erinnert mich sein sanfter Druck an meine früheren Liebesabenteuer, und hält mich ab, Thorheiten zu begehen — nicht immer, heißt das! (Nimmt das Album heraus und öffnet es so, daß man seinen Inhalt. 15—20 MäMerporträts, sieht und setzt sich zum Tische.) Da sind sie alle diese kleinen Herrchen, die man mir vorgczogen hat! Ich verschaffte mir ihre Photographien um thcu- res Geld. «Blättert.) Da ist der Friseur — ist er häßlich! Ein wahres Ungethüm! Vielleicht war es seine Hand, die die Locken jenes jungen Walachen kräuselte, mit welchem ich eines Tages, als ich ihn bei Al- phrosine fand, eine lebhafte Unterredung hatte. Er erklärte mir, daß Aphrosine »hm glcichgiltig sei, und er nur auf einen Geldbrief von seinem Vater warte, um nach Hause zu reisen. Ich lieh ihm 25 Louisd'or und führte den Walachen mit meinen zwei Eisenschimmeln zum Bahnhofe. Möge ihm die Walachei leicht sein! — Ah, das ist Alfred, der schöne Alfred, den ich eines Abends bei Melanie fand. — Arme Melanie! Sie war ein gutes Mädchen, wenn sie nur nicht die schlechte Gewohnheit gehabt hätte, junge Männer in alle ihre Möbel zu stecken. (Sicht auf, schließt das Album.) Auf Wiedersehen, heute Abend, meine Herren! Za, so oft mich in meinen Liebesabenteuern ein kleines Mißgeschick trifft, worüber Andere verzweifelnd sich die Haare raufen und dem Schicksale fluchen würden, gehe ich ruhig nach Hause, ziehe meine» Schlafrock und meine Pantoffeln an, strecke mich behaglich auf den Balzac hin, zünde eine Cigarre an, nehme mein Album zur Hand und betrachte die geliebten Züge meiner glücklichen Nebenbuhler. Ihr Anblick bringt mich immer zu der Ueberzeugung, daß alle diese Herrchen, den Friseur nicht ausgenommen, nicht werth sind, einem galanten Manne, gleich mir, das Wasser zu reichen — und die Verachtung tödtct allen Liebesschmerz! Gewiß, die Photographie ist eine herrliche Erfindung! (Steht auf.) Aber sollte auch diese kleine Corinne eilt Spiel mit mir getrieben haben? (Jean tritt rin.) Sechste Scene. H e k t o r. Jean. Jean (ohneHektar zu sehen). Fräulein, der Gärtner — (sieht Hektar) O, entschuldigen Sie, HerrMarquis, ich glaubte, das Fräulein sei hier — Hektor (für sich). Ah, Jean soll plaudern! (Laut.) Jean! Jean. Herr Marquis! Hektor. Komm' her, mein Junge! (Für sich.) Er sieht etwas dumm aus! (Gibt ihm ein Goldstück.) Jean. Ah, ich danke, Herr Marquis. Hektor (für sich). »Danke« — als ob mir um seinen Dank zu thun wäre! (Gibt ihm noch Geld.) Da nimm, Jean! Jean (für sich). Dreißig Francs! das hat 'was zu bedeuten — (Verstehend.) Ah! (Horcht zuerst an Lorinnens Thür, dann nähert er sich Hektor, der ihm lächelnd zugeschen hat.) Sie haben gewiß Herrn Didier gesehen, Herr Marauis? (Hektor schweigt und thut als höre er nicht ) Es ist ein Freund des Fräuleins — er besucht uns sehr oft in Paris — (Kleine Pause.) Wenn Sie ihn sehen wollen, er geht in der Straße auf und ab — (Geht zum Fenster und sieht hinab, Hektor geht nach rechts.) Vielleicht wartet er auf Ihre Abreise, Herr Marquis? Hektor. Was willst Du? Wagst Tu es vielleicht deiner Herrin nachzuspähen? Jean. Aber — Hektor. Ich werde das dem Fräulein sagen — man wird Dich fortjagen! Jean. Aber — Hektor. Schweig'! Deine Herrin darf bei sich empfangen, wen sie will, hörst Du? Jean. Ja, Herr Marquis. Hektor. Zum Beweise wirst Du gleich zu Herrn Didier gehen und ihm sagen, daß das Fräulein — hörst Du? das Fräulein ihn bittet, hieher zu kommen. Jean. Za, Herr Marquis. Hektar. Wenn dieser Herr Dir Fragen stellen sollte, so wirst Du nicht antworten. Jean. Jcb? O, ich antworte nie. Ich bin die Verschwiegenheit selbst. (Jean ab. Corinne tritt rin. Hektar stellt sich schnell vor den Spiegel.) Siebente Scene. Hektar. Corinne (hält rin Blatt Papier in der Hand, daS sie aufmerksam anfieht). Hektor. Was betrachten Sie so aufmerksam? Corinne. Ein Mode-Journal. Und Sie — dort im Spiegel? Bewundern Sie sich, Herr Marquis? Hektor. Vielleicht. Haben Sic Ihre Modistin um Rath gefragt? Corinne. Ja. Hektor. Und was hat sie Ihnen ge- sagt? Corinne (lacht). Sie hat mir gerathen, Ihnen offen zu sagen, daß Herr Didier hieher kam, um mir ein Gedicht für mein Album zu bringen — ich erwartete jedoch seinen Besuch nicht. Hektor. Und dieses Gedicht? Corinne. Er vergaß mir es zu geben — er wird es wohl von Paris senden. Hektor. Sie werden es mir zeigen? Corinne. Gewiß. Hektor. Nun, während Sie mit Ihrer Modistin Rarh hielten, gab ich mich meinen Erinnerungen hin, eine nicht sehr cr- muthigende Beschäftigung, denn sie sagten mir, daß es meine Bestimmung sei, in meinen zärtlichsten Gefühlen verletzt zu werden. Ich wollte Sie also bitten — Corinne. Um was? Hektor. Ich will Sie bitten, sich einer kleinen Probe zu unterziehen. Corinne. Wie ? Hektor. Der ersten und — wie ich Ihnen schwöre — auch der letzten, meine Ruhe hängt davon ab! Herr Didier wird kommen. Corinne. Herr Didier? Hektor. Ja, ich ließ ihn in Ihrem Namen durch den Diener holen. Ich werde in jenem Cabinete sein. (Zeigt auf die Thür links.) Corinne. Dieß kann nur ein Scherz sein, Marquis! Hektor. Nein, ich beschwöre Sie, Co- rinne! Corinne. Niemals, mein Herr! Hektor (ruhig). So ist es an mir, diesen Herrn zu empfangen! Corinne. An Ihnen? Hektor. Sie haben die Wahl: entweder Sie oder ich. Corinne. Wie, Marquis, verstehe ich Sie recht — Sic könnten es wagen, hier, bei mir! Hektor. Entschuldigen Sie — Sie haben Recht. (Nimmt seinen Hut und geht) Corinne. Wohin gehen Sie? Hektor. Herrn Didier entgegen. Corinne. Marquis, ich bitte Sie, unterlassen Sie diesen Schritt, bedenken Sie — Jean (von außen). Hier, mein Herr! Hektar. Er kommt! (Geht schnell nach dem Cabinete.) Corinne. Marquis, hören Sie mich! Hektor. Es bleibt bei meinem Ausspruch! (Ab links, Ernst tritt ein.) Corinne (für sich). Zu spät! Achte Scene. Corinne, Ernst, Hektor (im Cabinete verborgen). Ernst (kalt). Sie haben mich rufen lassen, mein Fräulein? n Corinne. Ja. Ernst. Sie scheinen aufgeregt. Corinne. O — cs ist nichts. Ernst (ficht sich um). Ich glaubte den Marquis d'Albret hier zu finden. Corinne. Der Marquis ist bereits ab- gercist. (Bewegung Ernsts.) Er besucht mich manchmal hier. Sic haben mich vorbin so schnell verlassen, daß ich nicht Zeit fand Sie vorzustellen. Ernst. Sie haben sich eben nicht sehr bemüht, mich zurückzuhalten. Corinne (verlegen). Ich — Ernst. Sie haben sich sogar gar nicht bemüht — Im Gegenthcile glaubte ich, Sie wünschten — (zeigt nach der Thür). Corinne (lebhaft). Wie — Sie könnten denken? Ernst (für sich). Gott, habe ich Sie vielleicht mißverstanden? Corinne (zögernd). Sie errathen wahrscheinlich, warum ich Sie bitten ließ, zurück zukommen? Ernst. Nein — und was kümmert mich auch die Ursache, wenn ich — Corinne (schnell). Ich wollte Sie bitten, mir das versprochene Gedicht für mein Album zu geben. Ernst. Sie — Corinne. Ich will es als Erinnerung an Ihren unerwarteten Besuch aufbewahren. — Geben Sie mir mein Gedicht und Sie sind frei. Ernst. Frei? Corinne (betonend und die Thür des Kabinetts fixirend). Sie wollten ja sogleich nach Paris zurückkehren, nicht wahr? Ernst. In der That — aber ich habe meinen Plan geändert — diese Gegend ist herrlich — ich will noch einige Tage hier zubringcn — man fühlt sich so wohl — Corinne (schnell). Und mein Gedicht? Ernst. Hier ist es! Corinne. Danke. Ernst. Darf ich es Ihnen vorlesen? Corinne (schnell). O nein — Ernst (faßt ihre Hand). Ich bitte Sie. Corinne. Mein Herr! Ernst. Wir sind ja allein! Corinne (schnell). Gewiß — wohlan, lesen Sie! (Wirft einen Blick nach der Thür links; für sich.) Marquis, diese Scene sollst Du mir büßen! Ernst (liest). »Dieß kleine Lied, ich bring' es Dir, »Ist gleich nicht neu mein leiser Sang, »Er doch aus tiefster Seele drang — »Darum bitte: Lausch' freundlich mir!« (Zärtlich.) Lausch' freundlich mir! (Hrktor erscheint unter der Thür, Ernst fleht iu den Spiegel und steht schnell auf ) Der Marquis! O, das ist abscheulich! (Geht aus den Marquis zu) Habe ich Sie unterhalten, mein Herr? Hektor. O — Ernst. Aber nun ist die Reihe, zu dckla- miren, an Ihnen, mein Herr — lesen Sie dieses Gedicht zu Ende! Hektor. Ich? Ernst. Ich bitte Sie darum — Hektor. Mein Herr! Ernst. Ich fordere es! Hektor (kalt, gibt ihm seine Karte). Entschuldigen Sie, ich bin heute nicht dispo- nirt, ich werde die Ehre haben, diese Scene morgen früh bei Ihnen zu Ende zu spielen! Ernst (gibt ihm feine Karte). Gut, Herr Marquis, ich erwarte Sie! (Grüßt Hektor und geht, ohne Eorinne zu beachten, die halb ohnmächtig ist.) Neunte Scene. Corinne. Hektor. Hektor (fleht Corinne's Zustand und eilt auf sie zu). Corinne: (5 orinne. Es ist nichts! (Sieht sich um.) Wie, Marquis, Sie gaben zu, daß Herr Didier sich entfernte? Hektar. Was sollte ich thun? Co rinne (wüthend). Errathen Sie das nicht? Hektor. Nicht so ganz — Corin ne. Sie mußten ihm Alles sagen! Hektor (ironisch). Herr Didier ließ mir nicht Zeit dazu — Corinne. Hören Sie mich, Marquis! Hektor. Ich höre. Corinne. Sie werden Herrn Didier sogleich aufsuchen — er kann noch nicht weit sein — Hektor. O — Corinne (fährt fort). Und ihn hieher zurückbringen! Hektor. Wozu — ich werde ihn morgen Früh sehen. Corinne. Ich sage Ihnen aber, daß Sie sich nicht mit Herrn Didier schlagen werden— Sie werden ihm Nacheilen — mit ihm zurückkommen — und hier, vor mir — Hektor (ironisch). Ihn um Vergebung bitten? Corinne. Ja, ich will nicht, daß Herr Didier mich — einer Gemeinheit fähig hält! Hektor. Corinne — Corinne. Wenn Sie sich weigern, so suche ich selbst ihn auf! Hektor (für sich). Teufel — man muß den kleinen Trotzkopf beruhigen! Corinne. Nun? Hektor. Ich gehorche Ihnen, theure Corinne! (Für sich.) Ich werde einen kleinen Spaziergang in der Umgegend machen, und meinen Notar aufsuchen. (Echt ab, schlägt aus sein Album.) Ja, ja! (Ab.) Zehnte Scene. Corinne (allein). Wie könnt' ich mich von dem Marquis bereden lassen, mich zu dieser lächerlichen Scene berzugeben! Aber könnt' ich anders — um ein Duell zu vermeiden? — Und Didier? Der Arme!— Wenn der Marquis ihn bringt, so werde ich offen mit ihm sprechen— ihm Alles erzählen! Ich will, daß er mich hört — und — mir vergibt! Eilfte Scene. Corinne, Ernst, später Hektor. Ernst (öffnet die Glasthür und sieht hinein). Es ist etwas feucht in Ihrem Garten — erlauben Sie mir einzutreten? Corinne. Sie hier? Ernst (tritt ein). Ich sah den Marquis sich entfernen und erinnerte mich — daß es unhöflich sei, nach Paris zurückzukehren, ohne Ihnen mein Gedicht (zeigt es) gegeben und die letzte Strophe vorgelesen zu haben. Corinne. Der Marauis sucht Sie. Ernst. Heute schon? Corinne. Um Sie hieher zu führen. Ernst. Mich? Corinne. Wir sind Ihnen eine Erklärung schuldig. Ernst. Mir? (Ironisch.) O! bitte, lassen Sie das! Ich bin nicht mehr gewöhnt, mir einiger Rücksicht behandelt zu werden — ich versichere Ihnen, es würde mich jetzt schon geniren! Corinne (zeigt ihm einen Stuhl). Wollen Sie mich ruhig anhören? Erust (betonend). Wenn Sie nicht von — Gedichten mit mir sprechen wollen. Corinne. Setzen Sie sich hier zu mir und plaudern wir wie Freunde. (Gibt ihm dir Hand ) 12 Ernst. O — welch' schöne Hand! Eorinne (zieht sie zurück). Ah! Ernst. Vergeben Sie diese Vertraulichkeit. — Ich vergaß, daß ich der Lustigmacher dieses Hauses bin — was kann ich thun, um Sie zu unterhalten? Eorinne. Vor Allem hören Sie mich! Ter Vorfall von vorhin — Ernst. Bitte, sprechen Sie doch nicht von diesem liebenswürdigen Scherz — Sie wollten lachen — nun, Sie haben Ihren Zweck erreicht — Eorinne. Ich schwöre Ihnen, daß Sie mich mit Unrecht beschuldigen! Ernst. Ich beschuldige Sie gar nicht, mein Fräulein, im Gegentheile bin ich Ihnen dankbar, daß Sie mich nicht — noch lächerlicher gemacht haben. Was die Erklärung betrifft, so erlasse ich sie Ihnen. Corinue. Die peinliche Lage, in welche ich Sie brachte, lag nicht in meiner Absicht. Der Marquis, aufgebracht und besorgt darüber, Sie bei mir gesehen zu haben, ließ sich von seiner Aufwallung Hinreißen — er war es, der Sie durch meinen Diener holen ließ — ich ward erst im letzten Augenblick von seiner Absicht unterrichtet, und wenn ich einwilligte, sie zu unterstützen — so geschah es nur, um eine Scene und — deren Folgen zu vermeiden! Ernst. Ah — Sic zittern für ihn? Eorinne. Ich zittere für— Ich weiß nicht mehr, was ich Ihnen sagen soll — ich sehe, Sie sind gekommen, sich grausam zu rächen! Ernst. Fürchten Sie nichts, mein Fräulein! Eorinne. Sprechen Sie mit mir wie zu einer Freundin! (Ernst wendet sich zu ihr und sieht sie an.) Ja— Freundin — ich werde es Ihnen beweisen, ob Sie wollen oder nicht — und dann werden Sie mir vergeben! Ernst. Nie! Eorinne. Aber wenn Sie weder Rache noch Vergebung bringen, warum sind Sie dann hier? Ernst (zieht das Gedicht hervor). Um Ihnen die letzte Strophe meines Gedichtes zu lesen. Eorinne. Ich beschwöre Sie, geben Sie diesen Ton auf! Lassen Sie uns ernst sprechen. Ernst. Und wenn ich ernst spräche, würden Sie mir glauben? Ich bin heute schon einmal so lächerlich erschienen, daß ich fürchten muß — Eorinne. (einfallend). O! Ernst (nach einer kleinen Pause). Gut, hören Sie mich an, dann können Sie lachen, wenn Sie wollen. — Eines Tages, es war vor zwei Jahren, ich war damals sehr unglücklich und in tiefste Armuth und Trostlosigkeit versunken, eines Tages also, als das Elend mit seinen Schrecken wie ein drohendes Gespenst vor mir stand, verließ ich am Morgen meine ärmliche Dachstube und rannte durch die Stadt mit jener unstäten Hast, jenem verzehrenden Fieber, welche nur der Unglückliche kennt. Ich ging weiter und weiter, ohne Zweck, ohne zu wissen wohin — durch die Straßen — längs der Quais — endlich lag Paris hinter mir. Ich fühlte an jenem Tage wenig Heiterkeit in meinem Herzen — da schlug plötzlich Freudengeschrci und munteres Gelächter an mein Ohr, halb unwillkürlich näherte ich mich der Hecke eines Gartens und erblickte mehrere junge Mädchen in kindlich fröhlichem Spiele. Eines von ihnen, etwas älter und viel schöner als die anderen, fesselte meine Blicke. Noch immer sehe ich dieses reizende Kind vor mir in seinem weißen, wallenden Gewände, die reichen blonden Locken, vom tollen Lauf durch die Wiesen aufgelöst, an- muthig im Winde, flatternd und erglänzend wie Sonnenstrahlen! Dieses Kind waren Sie! Tief betrübt, verzweifelnd war ich an den Gartenzaun getreten — ruhig, heiter kehrte ich in mein Stübchen zurück. Warum? Ich liebte Sie damals noch nicht, aber bei Ihrem Anblicke zog ein neues, mir noch un- bekanntes Gefühl der Freude in mein Herz — und in all' meinem Kummer tröstete mich der Gedanke an Sie! (Bewegung korin- nc's, Ernst beruhigt sie und fährt fort.) Wenige Monate später, an einer Kirche vorübergehend, zog es mich mächtig hinein. — Ich trat ein, ein junges, in Trauerkleider gebulltes Mädchen, bleich, in Thränen zerfließend, kniete zu Füßen des Altars und unter Schluchzen und Gebeten entschlüpfte seinen bebenden Lippen der Name seiner Mutter. Ich näherte mich und erkannte — Sie! O, damals empfand ich Ihren Schmerz, wie ich früher Ihre Freude empfunden hatte — ich liebte Sie! (Beweguug Lorinnens.) O, seien Sie ruhig, mein Fräulein, ich liebe Sie nicht mehr! (Will gehen.) Cor in ne (stürzt auf ihn zu). Didier! Ernst. Leben Sie wohl! Corinne. Nein, bleiben Sie, ich will es! Glauben Sie denn, daß ich Ihr Ge- heimniß nicht errathen habe? Ernst. Wie? Corinne. Ich kenne auch Sie seit langer Zeit, denn jener unbekannte Freund, von dem ich mit Ihnen sprach, der über mich wachte, mich beschützte, sind Sie! (Bewegung Ernsts) Sie sind's, ich wußte es! Ernst. Sie wußten es? Corinne. Nein, ich wußte es nicht, aber ich weiß es jetzt, (mit tiefer Freude) Sie haben sich verrathen! Ernst. Ich schwöre Ihnen — Corinne. Läugnen Sie nicht — Sie würden mich zu unglücklich machen! Ernst (fällt ihr zu Füßen). Corinne, theurc Corinne! (Hektar tritt ein, staunt und bleibt im Hintergründe stehen.) Corinne. Sie werden sich nicht schlagen - ich will es nicht! (Bewegung ErnstS.) E n O, meine Furcht gilt nicht ihm, ebenso wenig als meine Liebe! (Hektar verbeugt sich.) Ernst (küßt ihre beiden Hände). Meine Corinne! Corinne. All' mein Glück danke ich Ihrem Gedichte! Ernst. Und noch kennen Sie seine letzte Strophe nicht, sie lautet — Hektar (ist vorgetreten und hat ungesehen das Gedicht vom Tische genommen) Sie lautet: Ernst und Corinne (erstaunt) Sie — Marquis? Hektor. Bst — hören Sie: (Liest:) »Es singt's der Vogel in der Lust, »Es lebt in jeder Blume Duft —« (Spricht:) Das ist sehr hübsch, mein Herr! — (Liest:) »Und bis zum Tode sing' auch ich: »Ich liebe Dich! Ich liebe Dich!« (Er wendet sich um und wie er sieht, daß Ernst Eorinnens Hand an die Lippen führt, schlägt er auf sein Album; dann zu Ernst.) Jetzt habe ich declamirt, mein Herr — sind Sic mit mir zufrieden? (Will gehen.) Corinne (eiltihm nach). Mein Freund — Hektor (zögert). Freund? — wohlan, es sei! (Gibt ihr die Hand.) Ernst. Ich wäre glücklich, Ihnen meine Dankbarkeit beweisen zu können, Marquis! — aber leider vermag ich nichts! Hektor. Doch — Sie können mir einen großen Dienst erweisen! Ernst (feurig). Sprechen Sie, und sollten Sie mein Leben fordern! Hektor (schnell das Album herauszirhcnd). Ich bitte Sic um Ihre Photographie! Der Vorhang fällt. d e. Anmerkung. Der Besitz dieses Stückes gibt keiner Bühne daS Recht zur Ausführung. Dieses Recht muß von dem Unterzeichneten besonders erworben werden. Franz Kratz, Glisabrthstraße Rr. 1 in Bien Wiener In unserem Henter-Repertsir erscheinen demnächst: Die Armen und Elenden. Bilder aus dem französischen Volksleben mit Gesang und Tanz in zwei Abtheilungen und acht Tableaus nach Victor Hugos Roman: »I^ss wisöralrlss« frei bearbeitet von Therese Megerle. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Hoffen und Harren. Schwank in einem Acte von M. A. Grandjean. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. MINIUM Nil MWN. Charakterbild mit Gesang in drei Acten von Friedrich Kaiser. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Zn der ZWaUrshansser scheu Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt, hoher Markt Nr. 1 , sind erschienen: ans Stücken von: Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Elmar, Flamm, Gottsleben, Grois, Grün, Gründorf, Haffner, Juin, Kaiser, Langer, Megcrle, Nestroy n. A. Trei Hefte. Gr. 8- geh. Preis 1 fl. 50 Nkr. oder 1 Thlr. Jedes einzelne Heft 50 Nkr. oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg D. F. 1- Da macht i halt das G'wissen sein. 2- Requisiten-Eouplet. 3- Figuren-Louplet. 4. Nachher wird es schon wern. 5- Glöckchen-Couplet. 6. Biblisches Couplet. 7. Falsche Benennungen. 8- Dann ist sie da die bessere Zeit. 9- 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün. 10- Volkslieder. 11. Aber geb'n thut's es nit. — Berla, Alois. 12- Jetzt da war's halt Noth, daß wer antauchen thät. 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hält'. 14. Zu was dann die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lachcouplet. 16- Aus einer Chronika. 17. Früchte, die verboten sind. 18- Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20. Mythologie-Couplet — Berla u. Bittner. 21. Ohne Umschneiderei. 22- Die papierene Zeit. 23. Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Bittner Anton. 24> Thier-Couplet 25- Das ist noch Geheimniß. 26- Wer hätt' es geahnt. 27. i'stromgus seanclultzuss. — Bittner u. Morländer. 28. Aehnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29. Und so wird hinterrücks g'redt. — Böhm, Josef. 30. Na da sieht man's doch, daß's an der Eintheilung fehlt. 31. Wenn man die Wirkung sieht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32- Maschinen-Couplet. 33 Wo man was sucht, dort find't man es nicht. — Elmar, Carl. 34. O Spiel der Natur. 35- Lied des Teufels. 36. Man glaubt nicht was in einem Menschen oft steckt. 37. So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. 38. O ungeheure Ironie. 39- Da macht ich halt wissen, was nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes. ' Elmar, Carl. 40- Was lieget da dran. 41. Za so geht's, wenn man heut' zu Tag Geister citirt. — Feldmann u. Flamm. 42- Mit Kleinem sängt man an, mit Großem hört man aus. 43- So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Theod. 44. Keine Rose ohne Domen. 45. Gesundheit und ein recht langes Leben. 46. Zedes Häferl hat sein Deckerl. 47. Repertoire-Couplet. — Flamm u. Wimmer 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät. 49- So behilft sich halt Zeder, so gut als er kann - Gottsleben, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Gmnd. 51. Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52- Na, das kennen wir schon! 53. Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54. Wir bedanken uns sehr. — Grünn, Johann. 55- Was ein Narr ist. 56. Ein Chineser. — Gründorf. 57. 's ist just net nöthi, aber nothwrndi war's. — Haffner, Carl. 58. Da sind's mäuserlstill. 59. Es steckt was dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60- Wann der mein Kapperl hält'. 61-Za, ich kann's nit ändern, es is halt a so. — Juin. 62- Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht. 63- Wozu Mancher eigentlich geboren. 64 Fiakerlied. 65 Zu was von den Göttem eine Auskunft begehren. — Juin u. Flerx. 66- Ta wird einem heiß, kalt — warm! 67-Ungeheuer genannt! — Kaiser, Friedrich. 68. Zch bitt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. Inhalt des dritten Heftes. Kaiser, Friedrich. 69. Es muß ja nicht gleich sein. 70. Da braucht man beim helllichten Lag a Latem. 71- Jetzt das g'hört auf ein anderes Blatt. 72- Die sind halt g'scheidt. 73. Das ist so nobel und so billig dabei. — Langer, Anton. 74. Was ist der Unterschied 75 Aber da mag Keiner net. 76- Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 77- Es schaut nur gemeiner aus. 78- Zu früh und zu spät. 79. Man kann fich's wohl denken, aber sagen darf man'S nicht. 80. Wann mich der fragen, thät. - Mrgerle, Lher. 81. Marsch mit dem in d'Butten. 82- Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. — Nestroy. 83- Und 's ist Alles net wahr. 84. Kometen-Lied aus »Lumpaci*. 85- Aus was sich Mancher hinauswachsen kann. 86 Das wär ganz etwas Neu's. 87. Und man kommt aus kein Gmnd. 88- Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 89- Za, hat denn die Sprach' da kein anderes Wort. — Varry, A. 90- Ob der wohl die Wahrheit wird sagen- Druck und Papier von Leopold Sommer in Wie«, (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) i Die Armen und Elenden. Bilder ms dem französischen Volksleben mit Gesang nnd Tanz in zwei Abtheilungen und acht Tableaur, nach Victor Hugo's Roman ' (les miserables) frei bearbeitet von Therese Megerle. , (Im k. k. pr. Theater in der Josephstadt und im Thaliatheater in Wien mit vielem ! Beifalle gegeben.) --- Erste Lblheilnng. Bon der Galeere. 1. Bild: Valjean. Personen. Herr Miriel, Pfarrer. Eng enie, seine Nichte. Trau Magloire, Wirthschasterin. Javert, Sergeant- Daljean. Geusdarmen. Herr Madelaine, großen Fabrik. Javert, Inspektor. Madame Tigrs. Perinne, FabrikSmädchen- Ttztater-Aepettoir« Nr. II?. 2 . Maire und Bild: Herr Madelaine. Besitzer einer Herr Mouchard. Frau Lhopinette. Fantine, eine Bettlerin- Fabriksarbeiter, Volk. 1 3. Bild. Vor den Asfisen. Der Präsident. Der Staatsprocurator. Der Vertheidiger. Herr Madelaine. Loquelicot, Galeerensträfling. Lhlnildi-u.! Jean Dal. Javert. Geschworne, Volk. 4. Bild: In Toulon. Daljean. Perinne, Schenkmädchen in einerMatrosentaverne. Javert. Galeerensträflinge. Marinesoldaten. Matrosen, Volk. Zweite Lbtheitung. In Paris. 5. Bild: Im Luxemburggarten. Herr Lambert. Losette, seine Tochter. Baron Pomrrci. Marius, sein Neffe. Thenardier. Magnon, sein Weib. Epouienne, i Binder. Gavroche, > ' Ein Municipalgardist. Dominique, Kammerdiener des Baron Pomerci Spaziergänger im Luxemburggarten. - - 6. Bild: Eine Mäusefalle. ... --- < . s - - Herr Lambert. Marius. Thenardier. Magnon. ,n»e«>nd-r. Gavroche, j ' Azelma. Montpareusse. Eoquelicot. Brevet. Javert. Gensdarmen. 7. Bild: Auf dem Maskenballe. MariuS. Epouienne. Gavroche. Masten, Tänzer und Täuzrriuueu. 8. Bild: Auf der Barrikade. La.'mbert. MariuS. Eosette. Gavroche. Ein Arbeiter. Arbeiter, Studenten, Volk. - in L c/e Erstes Rild. (Einfaches, fast ärmlich möblirtes Zimmer mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren. Links in der ersten Eoulisse ein Eamin, in welchem ein Heuer brennt; daneben ein altmodischer Lehnstuhl. Rechts ein Fenster. Zn der Mitte des Zimmers ein halbgedeckter Tisch, rechts ein Arbeitstischchen mit einer Stickerei, und einige Stühle, im Hintergrund ein Kasten mit einem Aussatz. Aus dem Eamin stehen zwei silberne Leuchter.) Erste Scene. (Frau Magloire ist beschäftigt den Tisch zu decken. Herr Javert steht neben ihr; Eugenie fitzt an dem Arbeitstisch und näht.) Fr. Magloire (zu Javert). Sie haben also den Mann, der den ganzen Ort so in Angst und Schrecken gesetzt, heute mit eigenen Augen gesehen? Javert. Ja wohl, auf der Mairie, wo sein Paß visirt wurde; ich sage Ihnen, Frau Magloire, das ist keiner von den gewöhnlichen Spitzbuben, dem steht die Guillotine auf der Stirne geschrieben; der ist wenigstens ein Brandstifter oder ein Mörder. Eugenie. Läßt man denn solche Leute frei herumgehen? Javert. Bis sie wieder ein Verbrechen begangen haben, allerdings. Was sollte man denn mit ihnen anfangen? Fr. Magl. Das muß aber ein schrecklicher Mensch sein! Javert. Deshalb fand er auch keine Unterkunft im Orte. Er hatte die Kühnheit in Herrn Labarre's Gaststube zu treten, und sich an den Tisch zu setzen, wo and're ehrliche Leute eben ihr Mahl verzehrten! Fr. Magl. (schlägt verwundert die Hände zusammen). Soll man's glauben?! Javert. Aber, Herr Labarre ist ein viel zu moralischer Mann, um so etwas zu dulden, er jagte ihn sogleich zum Hause hinaus. Fr. Magl. Diese Satisfaction war er seinen andem Gästen schuldig. Javert. Er klopfte noch an mehrere Thüren; da es aber bekannt geworden, daß sich ein entlassener Galeerensträfling im Dorfe Herumtrieb, nahm ihn Niemand auf. Fr. Magl. Wo ist er denn jetzt? Javert. Er hat sich wahrscheinlich in irgend einem Winkel verkrochen, und wird schon Hervorkommen, um bei der Nacht ein Schelmenstück auszuführen. So ein Kerl ist im Stande, die Häuser über unfern Köpfen anzuzünden! Eug. (erschrocken). Das wäre ja fürchterlich! Javert. Dabei könnte er nach Gefallen stehlen, und zum Schluß noch einige Menschen umbringen. Fr. Magl. Wenn Sie das Alles wissen, warum treffen Sie denn keine Vorkehrungen, um ein Unglück zu verhüten? Javert. Ist bereits geschehen; ich^abe meine Leute consignirt. Bei dem ersten Lärm sind wir auf dem Platze. Eug. Dann ist es aber vielleicht schon zu spät? Javert. Wir müssen die Spitzbuben auf der That ertappen. Aber ich habe schon zu viele Zeit verplaudert. Guten Abend, Fräulein Eugenie, vergessen Sie nicht das Hausthor gut zu verschließen. Frau Magloire, ich gehe jetzt, um über die mir anvertraute Sicherheit zu wachen, denn mir ahnt eine große Gefahr! (Ab, durch die Mitte.) Zweite Scene. Fr. Magloire. Eugenie. Gleich darauf Herr Miriel. Fr. Magl. Er hat gut reden vom Zuschließen, wir haben ja nicht einmal ein Schloß an unserer Thür. Eug. Ich will den Onkel bitten, unS zu erlauben, um den Schlosser zu schicken. 1 * Fr. Magl. Ja, thun Sie das, Fräulein Eugenie, sonst könnte ich vor Angst kein Auge schließen. Herr Miriel stritt aus der Seitenthür rechts). Vor was sürchtet Ihr Euch denn? Fr. Magl. Vor Dieben und Räubern. Miriel. Es wird Niemand Reickthümer bei mir suchen, man weiß ja, daß ich mein ganzes Einkommen verbrauche. Fr. Magl. Verbrauchen? Gottsei's geklagt! Sie verschenken ja Alles! Miriel. Nur den Ueberfluß, FrauMag- loire! Nur den Ueberfluß! Fr. Magl. Die Regierung gibt Ihnen jährlich fünfzehntausend Francs; davon werden tausend für den Haushalt verwendet, und die übrigen vierzehntausend bekommen die Armen. Miriel. Haben sie nicht gegründete Ansprüche darauf? Wie viele Arme gibt es, die kaum trockenes Brod zu essen haben, während wir noch keinen Abend ohne warme Suppe schlafen gegangen sind. Fr. Magl. Daran ist nur meine Fürsorge schuld, sonst — Miriel (unterbricht sie). Müßten wir uns zuweilen ohne dieselbe behelfen. Sie können Recht haben, Frau Magloire. Aber was hat Sie denn zuvor so in Angst und Schrecken gesetzt? Fr. Magl. Herr Javcrt hat uns von einem verdächtigen Menschen erzählt, und da meinten wir, daß es doch nothwendig wäre, ein Schloß vor unsere Hausthür zu legen. Miriel. Die Thür eines Arztes und eines Priesters darfnicmals verschlossen sein. Fr. Magl. Das ist Alles recht schön, aber eine gefährliche Zeit macht eine Ausnahme. Wenn auch Euer Hochwürden keine Furcht haben, so ist das mit uns Beiden keineswegs der Fall; Fräulein Eugenie hat bereits vor Angst die Farbe verloren. Miriel (zärtlich zu Eugenie). Bist Du ein solches Hasenherz, meine liebe Nichte? Eug. (hat sich Miriel genähert). Wir sind zwei schwache Frauen! und Sie, theurer Onkel, wenn Sie eine Gefahr bedrohte, bei Ihrem hohen Alter — Miriel. Geht, laßt Euch nicht auslachen! Wir haben ja Herrn Javerr und vier Gens- darmen im Dorf, es ist ihre Pflicht für unsere Sicherheit zu sorgen. Fr. Magl. Eine unverschlossene Thür gewährt einmal keine Sicherheit, besonders wenn man wie Euer Hochwürden die Gewohnheit har, stets Herein zu rufen, so oft Jemand klopft. Selbst mitten in der Nacht braucht man nicht um Erlaubniß zu bitten. (Es wird geklopft.) Miriel.' Herein! Dritte Scene. Valjcan (öffnet die Thür. Er trägt ein Hemd von gelber Leinwand, darüber eine zerrissene dunkle Jacke. Seine Beinkleider find kurz und abgetragen, und auf den Knien geflickt, sein Kops ist geschoren, er hat eium Tornister aus dem Rücken und einen derben Knotenstock in der Hand). Die Vorigen. Eug. (schreit bei Daljean's Eintritt laut auf, und flüchtet sich in die Nähe ihres Onkels). Das ist der Mann! Fr. Magl. (erschrocken). Gott schütze uns! Valjean. Was schreien Sie denn so? Soll die Geschichte niemals aufhören! Miriel (zu den beiden Frauen). Beruhigt Euch, ich werde mit ihm reden. (Nähert sich Balje an einige Schritte.) Valjean (hat die Mütze abgenotnmen, stützt sich auf seinen Stock und spricht anfangs in kurzen Sätzen, bis er wärmer wird). 3ch heiße Valjean, und bin ein entlassener Galeerensträfling! Ich sage es gleich selbst, damit Sie wissen, mit wem Sie es zu thun haben. Es ist der vierte Tag heute, seit ich von Toulon unterwegs bin, macht zwölf Stunden auf den Tag. Als ich hier ankam, war ich müde und hungrig; iä' zeigte mein Geld, verlangte zu essen und einen Winkel, um dort zu schlafen; man schickte mich überall fort, denn meine Nähe ! ist ja wie Pest und Gift, und die braven I Leute fürchten sich, davon angesteckt zu wer- ! den. Ueberall, wo ich anklopste, jagte man , mich fort. Es regnete, und ich fror; da er- i blickte ich die Hütte eines Hundes, und ich kroch hinein, um mich zu erwärmen, aber selbst der Hund duldete mich nicht, er wies mir die Zähne und riß mir meine Lumpen vom Leibe. Ich ging auf's Feld hinaus, um unter den Sternen zu schlafen, es schienen keine Sterne, und das Unwetter trieb mich wieder in das Dorf; ich meldete mich an der Thür des Gefängnisses. Der Wärter schrie mich an: »Das Gefängniß ist kein Wirthshaus. Laß' dich arretiren, dann wird man dir öffnen!« Ich hätte stehlen müssen, um ein Nachtquartier zu erhalten, das ist aber nicht rathsam für einen entlassenen Sträfling, es bringt einem auf Lebenszeit zurück; deshalb zog ich es vor, unter eine Bank zu kriechen, da sah mich eine Frau und zeigte mir Ihr Haus. »Klopft dort an,« sagte sie, »von jener Thür wird kein Armer verjagt.« Da bin ich nun! ! Wollen Sie mich behalten? Ich will es nicht umsonst haben, ich kann bezahlen, denn ich habe Geld, 109 Francs und 15 § Sous; ich habe zwölf Jahre im Bagno ge- I arbeitet, um mir es zu verdienen, es sollte mehr sein, aber man nimmt es bei uns Elenden mit der Bezahlung nicht so genau. Nun wissen Sie Alles; entweder jagen Sie ! mich fort, wie die Andern, oder geben Sie mir zu essen, wie ein wildes Thier. Miriel. Frau Magloire, legen Sie noch ein Couvert auf. Fr, Magl. (verwundert). Doch nicht auf unserm Tisch? Miriel. Und warum nicht? Haben Sie nicht gehört, daß er Hunger hat? Valjean. Das ist es nicht, was ich verlange, ich bin ein Galeerensträfling, ein entlassener Züchtling. Hier ist mein Paß. (Er zieht ein gelbes Papier aus der Tasche.) Man hat ein Notabene dazu gemacht, sehen Sie: »Dieser Mensch ist sehr gefährlich.« Das ist mein Kainszeichen. Sie meinten, ich könne nicht lesen, aber ich habe es heimlich gelernt; was lernt man im Bagno nicht! Geben Sie mir ein Stück Brot, und wenn Sie einen Stall haben, so lassen Sie mich dort schlafen. Miriel. Eugenie, sorge dafür, daß das Bett im Alcoven weiß überzogen wird. Eug. Wenn Sie es befehlen, Onkel, so werde ich es thun. (Ab nach links.) Vierte Scene. Die Vorigen. Ohne Eugenie. Miriel (zu Daljean). Setzen Sie sich an den Camin, Herr Daljean, und wärmen Sie sich, bis das Essen kommt. Daljean. Sie nennen mich Herr, Sie dutzen mich nicht, Sie stoßen mich nicht mit dem Fuße von sich und sagen: »Packe dich, Hund!« Ich soll an Ihrem Tische sitzen und in einem Bett schlafen, in einem Bett mit Matratze und Leintuch? Seit zwölf Jahren habe ich in keinem Bette geschlafen; o, es ruht sich nicht gut auf hartem Holz mit der schweren Kugel an den Füßen! und heute Nacht zum ersten Male wieder in einem Bett! Sie sind ein braver Mann, mein Herr! (Sieht sich um ) Aber hier sieht es nicht aus wie in einem Wirthshaus, wer sind Sie denn? Miriel. Ich bin ein Priester, mein Herr. Daljean. Ein Priester? Das ist ein Pfarrer, nicht wahr, oder ein Abbs? Wir hatten auch einen im Bagno, einmal habe ich auch einen Bischof gesehen, der hatte ein prächtiges Kleid an, ganz voll Gold, er hielt uns eine Rede, aber wir verstanden nichts davon, weil wir zu weit standen, und die Kanonen mit den brennenden Lunten dazwischen waren. Miriel (zu Fr. Magl.). Legen Sie doch die silbernen Löffel auf, und stellen Sie die Leuchter auf den Tisch; wenn man einen Gast hat, muß man ihm Ehre erzeigen. Fr. Magl. (stellt die Leuchter aus den Tisch und zündet die Lichter an). Mir ist's recht; aber klug ist e- keineswegs, dem Menschen unsere Schätze so vor die Nase zu stellen. Valjean (der diese Worte nicht gehört hat). Sie sprechen von Ehre, das ist ein Glas Wasser einem Verschmachtenden gereicht. Sie verachten mich also nicht, obwohl Sie wissen wo ich herkomme, und wer ich bin? Miriel. Diese Thür fragt den, der durch sie eintritt, nicht nach einem Namen, sondern ob er Schmerz hat. Sie leiden, Sie haben Hunger und Durst, seien Sie willkommen! Uebrigens brauche ich nicht zu wissen, wer Sie sind, Sie sind ein Mensch und folglich mein Bruder! Valj. (ergriffen). O, Sie siud ein guter Priester! erlauben Sie mir, daß ich Ihre Hand küsse! Als ich herkam, war ich hungrig wie ein Wolf, Ihre Güte hat das wilde Thier gesättigt. Miriel. Deshalb wollen wir doch zu Nacht spreisen. (Eugenie tritt von links ein.) Frau Magloire ist fertig und auch Eugenie ist zurück. (ZuDalj.) Kommen Sie, wir wollen die Gaben des lieben Gottes genießen! (Er nimmt sein Käppchen ab, und. faltet stumm die Hände. Eugenie und Magloire beten ebenfalls.) Valj. (ficht sie starr an). Sie müssen sehr glücklich sein, weil Sie beten können; ich darf meine Stimme »licht zu Gott erheben, denn ich bin ein Verworfener. Miriel. Es wird im Himmel mehr Freude sein über das thränenfeuchte Gesicht eines reuigen Sünders als über das weiße Gewand eines Gerechten. (Er setzt sich an den Tisch) Kommen Sie, Ihr Platz ist an meiner Seite. Valj. (auf Eug. zeigend). Das junge Mädchen scheint sich vor mir zu fürchten. Fr. Magl. (brummend). Es wäre auch kein Wunder, wenn man so aussieht. Valj. Wenn man aus dem Bagno komint, kann man nicht das Aussehen eines Stutzers haben. Ich bin nicht so schlimm, als Sie vielleicht glauben und habe kein großes Verbrechen begangen, man hat mich blos wegen Diebstahl abgestraft. Eugen, (weicht etwas zurück). Ein Dieb! Valj. Ein Dieb! Das ist schnell gesagt, aber Sie müssen auch wissen, wie cs gekommen ist. Ich war eine Waise, meine Schwester, die verheiratet war und sieben Kinder hatte, erzog mich, das heißt sie gab mir zu essen, wenn sie zufällig gekocht hatte; von einer Schule war keine Rede, die armen Leute im Gebirge wissen nicht einmal, daß es eine Schule gibt, man arbeitet, schläft und ißt, das ist Alles! Ich war achtzehn Jahre alt, als meine Schwester Witwe wurde, und wie sie mich früher ernährte, so arbeitete ich jetzt für sie und die Kinder, aber es reichte um und um nicht hin; der Winter war hart. Eines Sonntags Abends hatten wir kein Stück Brot im Hause; die Schwester weinte und die Kinder wimmerten leise aus Hunger, das zerriß mir das Herz, ich riß das Gewehr von der Wand und eilte hinaus; ich wußte damals nicht, was ich damit wollte, aber ich mußte ihnen etwas zu essen schaffen. Als ich beim Bäcker vorüber kam, sah ich hinter den hellerleuchteten Fenstern ein schönes, großes Brot liegen. Da war Ueber- fluß und daheim starben sieben Menschen fast vor Hunger, ich stieß das Fenster ein, langte nach dem Brode und wollte damit davoneilen; der Bäcker hatte mich gesehen, er schrie, daß man ihn bestohlen, das ganze Dorf kam auf die Beine, man verfolgte mich wie einen gehetzten Hirsch, endlich hatte mich die Meute erreicht, sie wollten mir das Brod entreißen, doch ich drohte »nit meinem Gewehr. Das war mein Unglück. Man verurtheilte mich wegen nächtlichem Einbruch mit bewaffneter Hand auf fünf Jahre zur Galeere. Eug. (legt, wie unbewußt, ihre Hand auf die Valjan's). Armer Mann! Valj. Sie berühren meine Hand, Sie haben also keine Furcht mebr vor mir? Eug. Ich sehe, wie leicht man etwas begehen kann, das den Anschein eines Verbrechens hat. Dalj. Fünf Jahre Strafe wegen einem Laib Brod, das ist wohl sehr hart, nicht wahr, denn was das Gewehr betrifft, so war cs nicht einmal geladen, aber darum fragte Niemand. Eug. Und was wurde auS den armen Kindern! Dalj. (bitter). Sie sind vielleicht aus Hunger gestorben, da Niemand mehr da war, der für sie arbeitete. Als ich vier Jahre meiner Strafe abgebüßt hatte, ließ mir der Gedanke an die Meinigen keine Ruhe, ich entwich, vergebliche Mühe! Man brachte mich wieder ein und verur- theilte mich auf neue vier Jahre, ich entwich abermals, wurde wieder gefangen und erhielt zwölf Jahre. Alles deshalb, weil ich die Kinder nicht hungern sehen konnte. Nun war mir Alles gleichgiltig auf der Welt, ich trug meine Kette und wartete meine Zeit ab. Miriel (steht auf). Es ist spät geworden, und Sie werden müdesein. (Zeigt nach links.) Dort ist Ihr Zimmer, wollen Sie sich zur Ruhe begeben? Dalj. Sie bestehen also darauf, daß ich in einem Bette schlafen soll? Miriel. Es wird Sie zu Ihrer weiteren Reise stärken! Eug. (hat die Thür leise geöffnet). Sehen Sie nur, wie einladend das Lager ist, das ich Ihnen bereitet habe! Dalj. Es ist mir Alles wie ein Traum, ich fürchte nur, daß ich zu früh daraus erwachen werde. Miriel. Sie sind angegriffen, schlafen Sie, und morgen, ehe Sie aufbrechen, wollen wir noch zusammen ein warmes Frühstück verzehren. Dalj. Es ist wohl das erste Mal, daß Sie einen Galeerensträfling unter Ihrem Dache haben; ich habe Ihnen zwar eine Geschichte erzählt, aber sie könnte ja auch erlogen sein. Wer sagt Ihnen, daß ich kein Mörder bin, und daß ich trotz Ihrer Güte — Miriel. Das geht den lieben Gott an, der bewacht jedes Haar auf unserm Haupte. Dalj. (wild auflachcnd). Das ist ein schöner Glaube, wenn man ein bequemes Leben führt; auf der Galeere denkt man anders, das ist eine Schule des Jammers und des Elends, und wer sie durchgemacht, hat das Lehrgeld mit dem bezahlt, waS noch Gutes in ihm geblieben. Gute Nacht Alle mit einander, gute Nacht! (Er hat ein Licht vom Tisch genommen, und geht damit in das Zimmer links.) Sechste Scene. Die Vorigen, ohne Valjean. Fr. Magl. Gott steh' uns bei, der Schelm hätte auch wo anders bleiben können, als in unser Halls zu kommen (Sie legt die Silberlöffel in ein kleines Körbchen.) Miriel. Das Haus des Priesters ist das Asyl der Unglücklichen! Warum legen Sie das Silber in das Körbchen, Frau Magloire, und nicht in den Kasten dort, wie jeden Abend? Fr. Magl. Ich will es auf meine Stube nehmen! Es wäre doch unvorsichtig, eS hier in der Nähe eines Diebes zu lassen, denn ich traute einem solchen Gesichte nicht über die Straße. Miriel. Ein Gefallener kann nur dadurch erhoben werden, wenn man ihn nicht durch Verachtung niederdrückt. Und nun, gute Nacht, Eugenie, mein liebes Kind. (Er küßt Eugenie auf die Stirne.) Wir wollen schlafen gehen! (Er nimmt einen Leuchter und geht damit nach rechts in das Nebenzimmer.) Siebente Scene. Eugenie. Fr. Magloire. Fr. Magl. Se. Hochwürden ist ein halber Heiliger, das gebe ich zu; wenn er aber mehr Lebensklugheit besäße, könnte es nicht schaden! Ich für meine Person werde mir das nicht nachsagen lassen, ich will unsere Schlafkammer verbarrikadiren, daß nicht 8 einmal eine Maus hinein kann. (Sie hat während dem die silbernen Leuchter auf den Lamm gestellt und ausgelöscht.) Eug. Ich habe gar keine Furcht mehr vor dem armen Manne, er hat ja an un- serm Tische gegessen, und müßte ja ein erz- schlecbtes Herz haben, wenn er uns etwas dafür zu Leide thun würde. Fr. Magl. Er war auf der Galeere und von dort ist noch kein Mensch gebessert zurückgekommen! Besser bewahrt als beklagt, ich verbarrikadire unsere Schlafkammer und damit Punctum! (Beide ab durch die Mittelthür.) Achte Scene. Die Bühne ist finster, und bleibt einen Augenblick leer. Dann öffnet Valjean leise die Thür seines Zimmers. Valj. (tritt mit dem Lichte heraus). Ich kann nicht schlafen in dem Bett! Ich will auch nicht mehr länger unter diesem Dache bleiben. Was will dieser alte, weißhaarige Mann, warum redet er sozu mir? Warum dieses Gaukelspiel von Güte? Denn es ist ein Gaukelspiel! Es gibt keine guten Menschen, es darf keine geben! Jede Begegnung war für mich bisher nur ein Fußtritt. Nie seit meiner Kindheit hatte Jemand einen freundlichen Blick oder ein gutes Wort für mich. Don Leiden zu Leiden kam ich zur Ueber- zeugung, daß das Leben ein Krieg ist, und daß ich in diesem Kriege der Bestegte bin. Ich habe keine andere Waffe als meinen Haß, meine Rache! undNiemand, Niemand! soll sich mir in den Weg stellen. Ich habe nicht umsonst schreiben und lesen gelernt, ich bin nicht mehr der unwissende Bauer, meine Verstandeskräfte haben sich geschärft, und ich will ste anwenden, um den Haß meines Herzens zu befriedigen! Zwöl^ Jahre au' der Galeere! Zwölf Jahre lang^ die rothe Jäte und die Kugel am Bein, zwölf Jibre lang Hitze, Kälte, schwere Stocksibläge ettragen, weil ich ein Herz im. Busen trug, und Mitleid hatte mit dem Elend der armen, unschuldigen Kinder. Das ist nun vorbei! Zitternd und weinend hatte ich den Bagno betreten, mit einem Fluche habe ich ihn verlassen, und weder schöne Worte noch gleißncrische Mienen sollen den Teufel in mir beschwichtigen. Das Haus ist offen, ich will fortgehen, ohne Abschied ; ohne Dank! aber nicht ohne Andenken! Sie verdienten, daß ich eine Erinnerung an den Galeerensträfling zurückließe, aus Strafe, daß Sie mir fast das Herz bewegten. Es hat wenig gefehlt, so hätte ich geweint, und das Knie gebeugt vor dem alten Mann; und jetzt noch! — (Er fährt sich über die Stirne.) Hinweg! Gedanke der Menschenliebe und der Güte! Ich will nicht! (Stampft mit dem Fuße.) Ich will nicht! Ganz will ich's sein, wozu man mich gemacht hat, ein wildes Thier, ein Abschaum der Menschheit, die Zuchtruthe ihrer Vergehungen ! Aber dazu brauche ich Geld und ich habe nur einhundert neun Francs, ich muß mir welches verschaffen, ich muß stehlen, morden, es ist ja alleseins! Wir haben mit silbernen Löffeln gegessen; wenn ich wüßte, wo man sie aufbewahrt hat. (Erblickt die Leuchter.) Ah, dort stehen die Leuchter! Sie sind wohl eben so gut, und gewiß zweihundert Francs werth! (Er steckt die Leuchter in seinen Tornister.) Diese Lehre wird dem alten, kindischen Manne von Nutzen sein, er wird sich hüten, künftig einen Züchtling aufzunehmen, und ihn Herr zu nennen! Herr! (Lacht bitter.) Als ob man mit dem Worte wieder uns zu Ehren bringen könnte. Wir find die Verworfenen, die aus dem Paradiese gejagten Sünder, und keine Rückkehr ist für uns jemals zu hoffen. (Er bläst das Licht aus, nimmt seinen Tornister und den Stock, horchend.) Regt sich nicht etwas? Sie sagten, die Thür bliebe unverschlossen, das war vielleicht nur eine Falle; — das Fenster gebt auf die Rückseite des Hauses, die Flucht ist von dort sicherer! . (Eine Matrosentaverue in Toulon mit einem offenen Bogen, welcher mit Weinreben umsponnen ist. Rechts und links an den Loulissen Tische mit Strohstühlen und Bänken.) Erste Scene. Matrosen und ihre Mädchen fitzen an den Tischen und trinken. Die Gruppen müssen so rangirt sein, daß fie ein hübsches Tableau bilden. Pe rinne als Schankmädchen geht mit Flaschen und Krügen ab und zu. Groslude und Gorju fitzen an dem ersten Tisch rechts. Matrosenchor. " Hurrah, hurrah, ihr fidelen Jungen, Ein lustiges Lied und gut gesungen, i r IS Denn wir sind die Leute Für Schmerz und für Freude. Ein fröhliches Völkchen, das liebt den Gesang, Die Mädchen, den Tanz und Bccherklang. Kling, kling, kling, klang re. Hurrah, hurrah, ihr fidelen Jungen, Ein hübsches Mädchen im Tanze geschwungen! Trügt uns auch eine Maid, So macht's uns kein Leid! Wir kennen nicht Schmerz und Trauergesang, Und lieben die Freiheit mit Becherklang. Kling, klang rc. Zweite Scene. Javert (kommt durch die Mitte) Die Vorigen. Javert. Die Kerls machen abscheulichen Lärm, und ich liebe für gewöhnlich solche Orte nicht, aber ich habe einen fürchterlichen Durst, und muß mich erquicken! (Schlägt mit seinem Stock aus den ersten Tisch links.) Heda! Wirthshaus! Perinne (eilt herbei). Sie befehlen ?(Erkennt ZaveiH verwundert.) Ah, Herr Javert, wie kommen denn Sie nach Toulon? Javert. Das könnte ich Dich eben so gut fragen, warum hast Du deine Vaterstadt verlassen? Pe rinne. WaS sollt' ich denn dort anfangen? Als der gute Herr Madelaine fort war, wurde die Fabrik geschloffen, die armen Arbeiter hatten keinen Verdienst mehr, und so würde wieder Schmalhanns Küchenmeister bei uns, ich war froh, den Dienst hier im Hause zu bekommen. Javert spottend). Ihr vergöttert ihn wohl noch den guten Herrn Madelaine^ obwohl Jht wißt, daß er gegenwärtig wieder an der Galeere zieht? Perinne.'Wir haben" genug Thränen über sein Unglück vergossen) die arme Fantine hajl es. sich gqr so.zu Herze» genommen, daß sie krank wurde und darüber starb. Javert. Wenigstens konnte sie dieß in aller Gemächlichkeit thun, der Beschützer hat ihr ja eine Menge Geld gegeben. Perinne. Wir schickten fast Alles den Leuten, wo sie ihr Kind in der Kost hatte; die waren aber so habsüchtig, daß sie immer mehr verlangten und statt dem kleinen Mädchen nur unbezahlte Rechnungen übersandten. Die arme Mutter mußte den Trost entbehren, ihr Kind im letzten Augenblick an die Brust zu drücken. Javert. Die Arretirung des Herrn Madelaine machte Euch also einen gewaltigen Strich durch die Rechnung? Perinne. Nicht uns allein; die ganze Gegend empfindet seine Abwesenheit. Es ist, als wäre alles das als eine Strafe des Himmels zu betrachten, weil man den guten Herrn so abscheulich behandelt hat, ich wenigstens möchte um Alles in der Welt nicht an seinem Unglück scbuld sein. Javert. Der Vorwurf soll wohl mir gelten? Aber das Gesetz muß seinen Lauf haben. Der Verbrecher gehört auf die Galeere, und damitPunctum. Nummer 8900 , wie jetzt der saubere Herr Madelaine heißt, wird es sich nicht mehr einfallen lassen, den Tugendhelden spielen zu wollen, oder wieder durchzubrennen und seine Streiche aufs neue anzusangen; dafür bin ich da, ich habe mich bloß deshalb nach Toulon übersetzen lassen, um immer ein wachsames Auge auf ihn haben zu können. Perinne. Ich - habe ihn schon einige Male gesehen, wenn er im Hofraum arbeitete, aber ich muß sagen, daß mir sein An blick in der rothen Jacke und mit der schwe ren Kugel an dem Bein immer Thränen ausgepreßt hat, obwohl er eine rcsignirte Miene machte und sein Unglück mit Geduld zu.tragen schien. - .> > ' Javert. Er versteht es, einem /.unter jeder Gestalt Aerger zu machen. > Groslude (schlägt aus den Äsch). Heda! Schiffen wir vielleicht auf dem todten. Meer, 1V baß es auf einmal so windstill bet uns geworden? Oder sollen wir mit unfern Stühlen zusammenwachsen? Die Musikanten sollen Ein's aufspielen, wir wollen tanzen. Pcrinne (tritt zu dm Tischen, wo die Matrosen fitzen). Die Musik kann sogleich beginnen, aber zu tanzen ist zu wenig Raum hier. Grosl. (aufspringend). Wirwollensogleick Platz verschaffen! (Zu den Mattosen.) Halloh! Cameraden, staut die Bagage unter Deck! (Die Matrosen schieben rasch die Stühle und die Tische in die Eoulissen, nur Javert, welcher ganz im Vordergrund allein an einem Tisch fitzt, bleibt unbehindert.) (Eine fröhliche Tanzmusik beginnt.) Dritte Scene. Ballet. (Die Wahl des Tanzes bleibt dem Balletmeister überlassen. Bei dem Schlüsse des Tanzes fällt ein Kanonenschuß. Die Tanzenden lösen sich in Gruppen aus, Alles läuft durcheinander.) Perinne. Die Lärmkanone! Javert. Ein Sträfling wird entsprungen sein! batterie mit Bedienung. Es ist vollkommen Nacht; die Bühne wird von dem rechts hereiusallmden Feuerschein grell beleuchtet, die Nothfiguale uud das Sturmläuten dauern fort-! Vierte Scene. (Marinesoldaten mit Gewehren, Galeerensträflinge mit Feuereimern, Haken und Handspritzen eilen von links nach rechts über die Bühne. Ein Theil davon schifft sich in ein Boot ein. Weiber, Männer und Kinder folgm neugierig. Gros lüde, Javert, Perinne, Gorju kommen von links.) Grosl. Der Orion steht in Flammen, er hat eine große Ladung von Pulver und Munition, wenn es ihnen nicht gelingt, ihn, ehe er auffliegt, aus dem Hafen zu bugstren, kann ein großes Unglück geschehen! Perinne. Gott sei den armen Leuten gnädig, die sich auf dem Schiffe befinden. Grosl. (»ach rechts blickend). Sie haben die Ankertaue gekappt, das Schiff treibt dem Meere zu. Perinne. Aber die Mannschaft? Grosl. Es sind wackere Jungen, die eher an das Schiff als an sich denken. (Es fällt ein zweiter Schuß und gleich daraus ein dritter.) (Alles schreit durcheinander.) Das Schiff! Das Schiff! Groslude (zu Javert). Das sind Noth- signale, Landratte! Es muß ein Unglück geschehen sein! (Er eilt ins Freie, man hört die Sturmglocke läuten) Feuer im Hafen! Ein Schiff muß in Brand gerathen sein! (Ein rothes Licht fallt von vorn herein.) (Man sieht, so tief als möglich, das Schiff vou rechts nach links auf dem Meere treiben. Eiu Theil der Segeln und Spirren steht in vollen Flammen, die Schiffsmannschaft eilt auf dem Deck hin und her; entfernter Kommandorus auf dem Schiffe. Nothfiguale.) Die Matrosen (durcheinander). .Vorwärts! Da müssen wir dabei sein! Fünfte Scene. (Allgemeine Bewegung.) Verwandlung,, Der Hafeudamm'iin Toulon mit her Aussicht auf s Mrer., Rechts sieht man eiuige hervorragende Segelstaugen und Maste, links eim Hase»» Der Hafencapitän, Marinesoldaten, Sträflinge. Valjean. Die Vorigen. Hafencapitän (von links). Die Rettungsboote los! (Die Marinesoldaten und die Sträflinge ketten die Boote los ) r* so , I . (Lommandorus aus dnn Schiff.) Mannschaft über Bord! (Man "ficht dir Matrosen über Bord springen, die Weiber schreien laut auf) Grosl. Sie kämpfen mit den Wellen! Gorju. Die Rettungsboote kommen zu spät! Dalj. (in der rothen Sträflingsjacke, mit grüner Mütze, am linken Fuß eine Kugel hängen- kommt von links; er blickt nach dem Schiffe, rasch entschlossen bückt er sich nach einem Stein, schlägt damit aus den Ring seiner Kette). Iavert. Was thust Du da? Dalj. (nachdem die Kugel sammt Kette von seinem Fuße abgesallen, stoßt Iavert aus die Seite). Zurück!- (Zeigt auf das Meer.) Dort kämpfen Unglückliche mit dem Tode, sie muffen vor Allem gerettet werden! (tzr springt neben der Hasenbatterie in s Meer. Wie Daljean in s Meer springt, explodirt das Schiff, eine Feuergarbe strömt daraus hervor, der Mastbaum stürzt, so daß er einen Theil der Spirren durchbricht und so schief hängen bleibt; Feuerkörper, als: Raketen, Bomben und Granaten, fliegen in die Lust.) Grosl. Die Unglücklichen, sie sind alle verloren! Iavert. Auch Valjean ist darunter, ich brauche ihn nun nicht mehr zu bewachen! Perinne. Armer Herr Madelaine! Gott fei seiner armen Seele gnädig! (Die Weiber habm fich schon bei Javert's Worten niedergekniet, die Uebrigen bilden eine paffende " Gruppe.) Ende des vierten Bildes. Zweite Abtheilung, fünftes Risk». (Eleganter kleiner Salon mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren. Rechts ein Sofa mit einem Tisch, aus demselben allerlei elegante Kleinigkeiten, vor dem Sofa eine Bärendecke.) Erste Scene. Baron Pomerci (sehr elegant, fast stutzerhaft gekleidet, fitzt auf dem Sofa)- D 0 minist ue (steht vorder Thür). Bar. Pomerci. Du hast also meinen Neffen beobachtet, und glaubst überzeugt zu sein, daß er verliebt ist? Domin. Ich hielt es für meine Pflicht, Herr Baron, Sie davon zu benachrichtigen. Bar. Pomerci. Es freut mich, daß der Klotz endlich lebendig geworden; ich hatte schon alle Hoffnung auf den Burschen aufgegeben. Domin. (verwundert) Sie sind also nicht ungehalten darüber, Herr Baron? Bar. Pomerci. Im Gegentheil, ich bin darüber entzückt. Ein junger Mann, der bald mündig sein wird, der keine Schulden und keine Liebschaften hat, und auch sonst keine liederlichen Streiche macht, ist ein Unding, und muß nothwendig meine Besorgniß für seine Zukunft erregen. Marius ist mein Erbe, er muß die Ehre meiner Familie aufrecht halten, heiraten und den Stamm fortpflanzen. Domin. Ich glaube aber nicht, daß die Liebe des jungen Herrn eine Dame betrifft. Bar. Pomerci. So weit »ersteigen sich meine Wünsche auch gar nicht; die erste Flamme eines jungen Menschen ist gewöhnlich ein sehr unwürdiger Gegenstand, dann kommen Grisetten und Loretten an die Reihe, bis eine elegante Frau die Ausbildung vollendet und den jungen Mann in die Mode bringt. . 21 Dom in. Der Herr Baron sprechen ja davon, den Hcrm Marius zu verehelichen. Bar. Pomerci. Ganz richtig! Wenn er einige Jahre auf der schwindelnden Höhe der Mode balancirt, der Schrecken aller Ehemänner gewesen und einige Duelle gehabt hat, ist cs noch immer Zeit sich um irgend eine reiche Erbin mit einem alten Namen, die eben ihre Erziehung in einem Kloster beendet hat, umzusehen, und sie zur Frau Baronin von Pomerci zu machen. Domin. Und Sie, Herr Baron, der Sie alles das gethan, was Sie soeben gesagt, warum haben Sie es unterlassen, sich eine Frau zu nehmen? Bar. Pomerci. Bah! Ich war nicht für die Ehe geschaffen, übrigens war ich auch nicht dazu verpflichtet, mein Bruder war bereits verheiratet, und hatte einen Sohn. Dom in. Ich weiß Alles, Herr Baron; Sie haben dem Obersten auf seinem Tod- tenbette versprochen, Vaterstelle an seiner Waise zu vertreten, und das war die eigentliche Ursache, daß Sie sich zur Einsamkeit verdammten. Bar. Pomerci. Eines Theils kannst Du Recht haben, aber sage selbst, ob es nicht klüger war, die Folgen meines etwas zu sehr bewegten Lebens allein zu tragen, als eine arme Frau zu meiner Krankenwärterin zu machen. Domin. Und doch wollen Sie, daß Ihr Neffe Ihrem Beispiel folge. Bar. Pomerci. Wer sagt denn das? Ich will nur, daß er kein Stubenhocker werde, kein Philister, ich wünsche, daß er das beben genieße und glücklich werde, denn ich brauche es Dir ja nicht zu sagen, daß er der Einzige ist, an dem mein altes, ausgedörrtes Herz noch Antheil nimmt, und darum freut es mich, daß ihm endlich die Morgcnröthe des Lebens aufgegangen ist. Geh', rufe ihn her zu mir, er wird jetzt größere Ausgaben haben, und es ist nicht mehr als billig, daß ich sein Taschengeld verdopple! Do min. (öffnet die Mittelthür). Der junge Herr Baron kommt soeben! Bar. Pomerci. Das ist schon ein gutes Zeichen; er hat gewiß ein Anliegen an mich. Zweite Scene. Marius (tritt durch die Mitte ein). Dominique (geht ab und schließt hinter sich die Thür). Baron Pomerci. Marius. Ich komme, mein theurer Onkel, Ihnen einen guten Morgen zu wünschen. Bar. Pomerci. Gleichfalls, Herr Neffe! Und sonst hast Du mir nichts zu sagen? Marius. O doch! wenn Sie mir erlaubten , Ihnen eine Mittheilung zu machen. Bar. Pomerci. Sprich nur, ich höre derlei Mittheilungen für mein Leben gerne. Marius. Ich möchte Sie um die Er- laubniß bitten, mich verheiraten zu dürfen. Bar. Pomerci (der seinen Ohren nicht traut). Heiraten? Die Sache nimmt doch einen zu schnellen Verlaus! Heiraten, Du bist ja noch nicht vierundzwanzig Jahre — Marius. Deshalb komme ich, um Ihre Güte in Anspruch zu nehmen, ich wünsche mündiggesprochen zu werden. Bar. Pomerci. Du hast viel Selbstständigkeit, aber das liebe ich, und da Du doch schon einmal zum Heiraten bestimmt bist, so ist es im Grunde einerlei, ob es früher oder später geschieht. Welcher von den jungen Damen unserer Bekanntschaft ist es denn gelungen, dein so gut verschlossenes Herz zu erobern? Marius. Es ist keine Dame, mein Onkel! Bar. Pomerci. Du willst doch keine Geldheirat schließen? Marius. Ich vermuthe, daß das Mädchen kein Vermögen hat. Bar. Pomerci. Nun, zum Teufel, wer ist sie denn? Marius. Ihr Vater ist, glaube ich, ehemaliger Militär und heißt Lambert. Dar. Pomerci. Lambert! An wen erinnert mich der Name? Aber was liegt daran, Du hast Dir da einen recht hübschen Spaß ausgedacht, mich zu unterhalten. Erzähle mir Alles; was sind das für Leute, wie wurdest Du mit dem Mädchen bekannt? Marius. Ich habe bloß einige Worte mit dem jungen Mädchen gesprochen, aber ich weiß es, daß sie meine Liebe erwidert, ihr Vater scheint ein verschlossener Mann zu sein, der keine Besuche annimmt und bloß täglich mit seiner Tochter im Lu- rembourggarten spazieren geht; das ist Alles, mein Onkel. Ich wollte keine Erklärung .wagen, bis ich Ihrer Einwilligung gewiß war. ' Dar. Pomerci (lachend). Wie liebenswürdig naiv der Junge ist; er fragt mich um Erlaubniß! Liebe, so viel Du willst, das gehört zu deinem Alter! Denn ich hoffe, daß die Heiratsidce doch nur ein bloßer Scherz gewesen ist. Marius. Es war »nein völliger Ernst! Ich liebe Fräulein Lambert, und nie wird eine Andere als sie meine Gattin werden. Bar. Pomerci. Jetzt fällt er gar tn's Tragische! Geh', laß' Dich nicht auslachen. So ein Mädchen liebt man, aber man heiratet es nicht. Ich weiß das aus Erfahrung. Marius. Fräulein Lambert ist ein anständiges Mädchen, und ihr Vater ein Mann von Ehre. - Bar. Pomerci. Dann ist's um so interessanter. Man betreibt die Sacke nicht mit Sturm, man ist ganz einfach ein Junge von Geist. Man hat einen Onkel, der zu leben weiß, und macht ihn zum Vertrauten, der antwortet ganz einfach: Die Jugend muß springen, das Alter muß klingen. Hier hast Du zehntausend Francs, geh' hin, mein Junge und amüsire Dich. MariuS. Ich versteh, Sie nicht, mein Onkel! Bar. Pomerci (lustig lachend). Du bist ja über ein Rosenmädchen, und erröthest am Ende, wenn ich zu Dir sage, mache sie zu deiner Geliebten, aber lasse dabei den Herrn Maire mit seiner Schärpe aus dem Spiele. Marius. Mit diesen Worten beschimpfen Sie die künftige Baronin von Pomerci, mein Onkel. ' Bar. Pomerci (plötzlich ernsthaft). Du nimmst also diese Thorheit ernstlich? Marius. Ich bin nicht gewohnt, mit meinen Worten Scherz zn treiben. Bar. Pomerci. So wird also derBett- ter die Betteldirne zum Altar führen, denn ich bin nicht gesonnen die Schande rmserer Familie mit meinem Gelde zu befördern. Marius. Ich habe nie Ansprüche auf Ihr Vermögen gemacht; die fünftigtausend Francs, die das Erbtheil meiner Mutter ausmachten, genügen mir; was die Schande betrifft, so glaube ich, daß nicht ich Derjenige sein werde, der die Familie damit belastet. Bar. Pomerci (erhebt heftig den Knicken, stock). Was soll das heißen, junger Herr? Marius. Beruhigen Sie sich, Onkel, ich will damit nichts weiter gesagt haben, und bitte Sie nur, meine Frage zu beantworten: Welcher von Beiden ist der Ehrlose? Derjenige, der ein Mädchen ohne Namen, welches er liebt, zu seiner Gattin erhebt, oder der Andere, der ein unschuldiges Geschöpf bethört, um sie, nachdem er ihr Ehre und Glückseligkeit geraubt hat, dem Elend und der Schande preiszugeben? Bar. Pomerci (läßt dm Krückenstock fallen und finkt ins Sofa zurück). Bube! Marius. Nach unserer heutigen Besprechung können wir nicht mehr nnter demselben Dache wohnen. Ich verlasse daher Ihr Haus, mein Onkel! An dem Tage, wo ich mündig bin, werden wir uns Wiedersehen! (Mit einer Verbeugung ab.) Verwandlung« Das Rondell im Luxembourggarten. Dritte Scene. Thenardier sin abgeschabter schwarzer, enger Kleidung, den Frack bis zum Halse zugeknöpft, mit blauen Augengläsern und unmodischem Hut mit schmaler Krempe). MagNVN sin ärmlichen Bauernkleidern, einen Schleier über dem Hut, kommen von links). Thenard. Dieses Rondell wird der Schauplatz unserer Operationen sein; wir können auch von hier die Allee beobachten, durch die unser Mann zu kommen pflegt. Magnon. Wer ist denn Derjenige, mit dem wir es zu thun haben werden? Thenard. Ich kenne nicht einmal seinen Namen, aber er scheint trotz seines einfachen Aussehens Vermögen zu haben und ist sehr wohlthätig. Seit zwei Jahren kommt er täglich mit seiner Tochter hieher, Montpa- reusse hat ihn schon unter allen möglichen Gestalten gebrandschatzt, aber nun ist er mit seinen Verkleidungen zu Ende und fürchtet elkannt zu werden, deshalb hat er mir die Kundschaft abgetreten. Mag non. Wir werden also unsere gewöhnliche Komödie mit ihm spielen? Thenard. Das versteht sich! Du kannst Dich für die Witwe eines Verbannten ausgeben, der in fremder Erde sein Grab gefunden, das zieht noch immer am besten. Magnon. An mir soll's nicht fehlen, ich werde mir eine recht fromme Miene geben, die Augen zu Boden schlagen und einige Thränen vergießen. Thenard. Ich werde mich als unglücklichen Familienvater darstellen; er gibt nie unter fünf Francs, mithin können wir eine gute Ernte halten. Magnon. Es ist nicht mehr als billig, daß die Reichen ihren Ueberfluß mit uns theilen, aber es ist doch traurig, daß wir zu solchen Mitteln greifen müssen, und wenn ich bedenke, daß es ganz anders mit uns aussehen würde — Thenard. (unterbricht sich). Wenn Du nicht so dumm gewesen wärst, die dreitausend Francs anzunehmen, die Dir der Fremde für die kleine Cosette bot! Magnon. Dreitausend Francs schienen mir damals eine ungeheuere Summe. Man war uns kaum hundert Francs schuldig, und ich glaubte ein recht gutes Geschäft zu machen, als ich die Kleine dafür hergab, auf die wir eigentlich doch kein Recht hatten. Thenard. Recht hin, Recht her! Wir mußten es uns nehmen. Hinter dem Kinde steckte jedenfalls ein Geheimniß; ich errieth es gleich, als Fantine, die doch eigentlich nicht viel mehr als eine Bettlerin war, auf einmal das viele Geld schickte und das Kind zurückverlangte. Ein gewisser Herr Madelaiue wollte Vaterstelle vertreten. Magnon. Du wolltest damals schon Seide spinnen, und behieltest die Kleine unter allerlei Vorwänden zurück, aber Du hattest die Rechnung ohne den Wirth gemacht; der Wohlthäter wurde auf die Galeere geschickt und ertrank bald darauf im Hafen von Toulon. Fantine starb aus Kummer, und wir hatten das leere Nachsehen und um ein Kind mehr auf dem Halse. Thenard. Ja, aber drei Monate später, als wir in den Zeitungen von dem Tode des Sträflings lasen, kam ein Mann zu uns, der nicht besser als ein Arbeiter aussah; er ließ sich die Geschichte der kleinen Cosette erzählen, belobte Dich wegen deines guten Herzens, und als ich in Geschäften mich aus einige Augenblicke entfernte, bot er Dir eine kleine Entschädigung, wenn Du ihm das Mädchen gänzlich überließest. Magnon. Ich merkte gleich, daß ihm das Kind gefiel und brachte es durch meine Reden dahin, daß er mir endlich dreitausend baare Francs äuf den Tisch legte, darauf nahm er Cosette mit sich fort. Thenard. Jetzt sind wir auf dem Punkte. Das Mädchen hätte für uns die Henne mit den goldenen Eiern werden müssen, ich hatte auch sogleich den Gedanken, ich nahm die dreitausend Francs 24 und eilte dem Fremden damit nach ; es war aber zu spät, er war nirgends mehr zu sehen. Magnon. Wenn ich Alles bedenke, so muß ich glauben, daß er mit einer Verkleidung zu unS gekommen ist. Thenad. Das ist nur zu gewiß, aber er hatte ein Gesicht, das man niemals vergißt, und wenn er mir einmal wieder begegnen sollte, würde ich ihn auf den ersten Blick wieder erkennen. (Sieht nach rechts.) Dort kommt unser Mann, wir müssen uns trennen, damit man uns nicht beieinander sieht, das könnte Verdacht erregen; geh'Du geradeaus, ich werde nach links einbiegen. Magnon. Und hier treffen wir wieder zusammen. (Beide zwischen verschiedenen Eoulissen nach links ab ) Vierte Scene. Eponienne (in sehr ärmlicher, fast liederlicher Kleidung, mit einem Teller mit Blumensträußchen in der Hand schlüpft hinter emer Statue hervor). Eponienne. Ich habe mich versteckt gehalten vor den Alten, sie brauchen nicht zu wissen, daß ich hierherkomme, um mir einige Sous zu verdienen. Wenn sie sehen, daß ich Geld habe, nehmen sie Alles weg, und ich bekomme nicht einmal gute Schuhe. Ich bin ein junges Mädchen, und möchte auch gern schön gekleidet sein und tanzen wie die Andern in der Chaumierre oder gar in Ma- bille; ach, wer's so gut haben könnte! aber ich weiß, was ich thue; ich spare mir heimlich Sous zu Sous und kaufe mir dann ein schönes Kleid und einen Rosahut mit blauen Federn und grünen Blumen; und das Kleid muß eine lange Schleppe haben, damit mir Jedermann darauf tritt. (Macht eine passende Pantomime.) Einen Sonnenschirm muß ich dann auch haben, und ein Sacktuch mit La- vendelwaffer begossen, damit es die Leute gleich riechen wer ich bin; werde ich schön sein, wenn ich das Alles auf mir habe? (Seufzend.) Aber es wird noch lange dauern, bis ich es so weit bringe. (Einige Damen gehen im Hintergründe vorüber.) Frische Blumen, meine schönen Damen; frische Blumen! (Eilt den Damen nach.) Fünfte Scene. Lambert (in einfacher Kleidung mit militärischem Schnitt, er trägt einen Schnur- und Kncbelbart). Eo fette (hängt an seinem Arm, sie ist ebenfalls einfach, aber elegant gekleidet). Lambert. Du antw ortest mir nicht mehr, Cosette, was hast Du? Cosette. Ach nichts, Vater! Wenn wir hierherkommen, bin ich immer so glücklich, der Dust der Blumen, die frische Lust, alles das entzückt mich und ich vergesse auf Alles. Lambert. Um an den jungen Mann zu denken, der uns seit einiger Zeit folgt, und den ich soeben wieder durch jene Allee kommen sehe. Cosette (verschämt). Sie haben das ebenfalls bemerkt? Lambert. Wie sollt' ich nicht; ich habe sogar noch mehr bemerkt, ich weiß es, daß Dich der jungeMannliebt, nnd daß Du seine Liebe erwiederst. Cosette (erschrocken). Vater! Lambert. Du brauchst nicht zu erschrecken, Kind; was ist denn so Besonderes dabei? Du bist in dem Alter, wo man daran denken muß, Dich zu verheiraten; der junge Mann gefällt mir, er hat ein aufrichtiges Gesicht und ein anständiges Wesen, und wenn er einmal seine Schüchternheit überwindet und uns anspricht, zweifle ich nicht, daß sowohl sein Name als Stand mich zufriedenstellen werden. Cosette. Sie sind also nicht ungehalten? Lambert. Hatte ich je einen anderen Wunsch als dein Glück, mein geliebtes Kind? Cosette (zärtlich). Ach, wie viel Dank bin ich Ihnen schuldig, haben Sie mich nicht von jenen abscheulichen Leuten weggenom- men, die mich fast zu Tode quälten, die mich als ein kleines, halbnacktes Kind in einem Winkel auf ein bischen Stroh schlafen ließen, und mir kaum Brod genug gaben, um meinen Hunger zu stillen. 25 Lambert.Warum quälstDudeinePhan- tafie mit diesen traurigen Erinnerungen? Du mußt darauf vergessen! Cosette. Niemals, mein Vater, niemals! Sie haben mich dem Leben wicdergegeben, dem Glück! was wäre ich ohne Sie!? was bin ich jetzt!? Lambert. Meine Tochter, die mich aus Dankbarkeit ein wenig lieben soll. Cosette. Mein ganzes Leben gehört Ihnen, verlangen Sie von mir, daß ich sterben soll und ich werde gehorchen. Lambert. Ich will, daß Du glücklich sein sollst. Epon. (kommt zurück). Schöne Rosen, Braune Nelken! (Bemerkte Cosette und eilte auf sie zu.) Kaufen Sie, schönes Fräulein! Cosette (saßt Lamberts Arm). Kommen Sie, Vater, ich will die Blumen nicht, das Mädchen sieht so häßlich aus. Lambert. Sic ist ein Bild der Armuth und darum mißfällt sie deinen Augen! Cosette (bewegt). So würde ich jetzt vielleicht auch aussehen. (Zieht hastig ihre Börse und leert sie in den Teller.) Da nimm! nimm! Epon. (verwundert). Das viele Gold, daß soll Alles mir gehören? Cosette (faßt Lambert's Arm). Es freut mich, wenn es Dich glücklich macht! Kommen Sie, Vater! (Zieht ihn fast mit Gewalt nach links.) Epon. (ihr nacheilend). Wollen Sie kein Sträußchen? Ich habe da ein recht schönes, etwas müssen Sie doch haben für Ihr Geld. Sechste Scene. Marius (von vorne). Eponienne. Epon. Sie verschmäht meine Blumen, sie sind ihr wohl nicht frisch genug. (Mit dem Fuße stampfend.) O, wie ich die reichen Leute Haffe; sie wollen immer das Beste haben und oft sind sie nicht einmal zufrieden mit ihrem Glück, mit ihrer Schönheit. Sind sie denn immer schön; sie haben eine feine Haut, weil sie niemals in der Sonne herumlaufen, ihr Gesicht ist strahlend, das Fieber des Hungers hat es noch nicht verzerrt, ihre Stimme klingt wie Musik, weil der Frost und die Kälte sie noch nicht heiser gemacht. O, sie sind glücklich diese Reichen, und nur wir, wir sind die Elenden! Marius. Ich werde niemals den Muth haben sic anzureden; ich habe ihr deshalb geschrieben, aber wie gelangt der Brief in ihre Hände? Epon. (hat Marius bemerkt). Ah, der hübsche junge Mann, der immer dem Mädchen dort nachläust, und mich niemals ansieht. (Zu Marius.) Kaufen Sie einBouquet, schöner Herr! — Ein Bouquet für Ihre Geliebte? Marius (unwillig). Laß' mich! Deine Blumen find ja schon halb verwelkt. Epon. (indem sie nach links zeigt). Dein hübschen Mädchen dort haben sie aber doch gefallen! (Zeigt aus den Teller.). Sehen Sie nur das viele Geld, das sie mir gegeben hat. Marius. Ist das wahr, Du Haft mit ihr gesprochen, Du kennst sie also! Epon. Kennen? — Nein! — und doch, ja, ja. das Gesicht ist mir nicht fremd — ich muß es schon irgendwo gesehen haben? (Nachdenkend.) Marius. Könntest Du vielleicht eine Botschaft für sie übernehmen? Epon. (boshaft). Sie lieben sie also? Es ist ja nicht zu verwundern; sie trägt ja schöne Kleider und hat ein feines Gesicht. Marius. Diese Bemerkung war überflüssig; willst Du meine Botschaft besorgen oder nicht? Epon. (kurz). Nein! Marius. Und warum nicht? Epon. Weil Sie jene schön finden und mich häßlich! Wenn ich auch in Lumpen gekleidet bin, so bin ich doch ein Mädchen! Municip. (hinter der Scene). Habe ich Dich, Spitzbube! Nun kommst Du mir nicht mehr aus. Garroche (ebenfalls hinter der Scene). Auslassen, Herr Municipal! Auslassen! Epon. (erschrocken). Das ist Gavroche! (Blickt nach links.) Man hat ihn arretirt! O, der arme Junge! Siebente Scene, Gavroche wird vom Municipalgardi- sten beim Ohr auf die Bühne gezogen; die Vorigen. ^ Gavroche (schreiend). Auh, auh, auh! ^>err Municipal! Sie haben sich vergriffen, mein Ohr ist ja keine Handhabe. Municip. Ich werde mich noch ärger an Dir vergreifen, Du Schelm! Hast Du nicht auf der Tafel gelesen, daß Betteljun- gcn der Eintritt untersagt ist? Gavroche. Um lesen zu können, muß man es erst gelernt haben, Sic sehen also, daß ich unschuldig bin; übrigens bin ich auch nicht hiehergekommen, um zu betteln, ich habe Ehre im Leibe, und wenn ich auch nur ein Straßenjunge bin, und mich oft hungrig schlafen lege, so bettle ich doch niemals, ich suche mir mein Brod zu verdienen. Municip. Du stiehlst also? Gavroche. Stehlen?! Pfui Teufel! Da käme ich ja auf die Galeere! Sehen Sie, Herr Municipal, (aus Eponnime zeigend) dort steht meine Schwester, Sie können sie fragen, ob ich mich nicht redlich durchzubringen suche; ich bin meinen Alten davongelaufen, das ist wahr, ich schlafe unter der Austerlitzbrücke, das ist auch wahr, aber deshalb bin ich doch ein ehrlicher Junge, der Gott liebt und sich vor den Galeeren fürchtet. Municip. Du bist ein Herumtreiber und mußt auf die Präfectur. Gavroche. Nehmen Sie Vernunft an, Herr Municipal, ich treibe mich nicht herum, sondern gehe meinen Geschäften nach. Hier im Lurembourggarten gibt es allerlei zu thun, einmal entfällt einer schönen Dame ihr Sonnenschirm, flugs bin ich da, und hebe ihn auf; ein andermal braucht Jemand der Ursache hat, schnell fortzukommen, einen Fiaker, ich hole ihn herbei, oder es ist ein Briefchen zu bestellen, ich bin zu jedem Dieust bereit. Sehen Sie diesen schönen Herrn dort — (auf Marius zeigend) er hat mir ein Zeichen gemacht, er hat mir gewiß etwas aufzutragen, ja, und jetzt fällt es mir ein, ich bin bloß deshalb her- gekommcn, weil er mich bestellt hat. So ist es, Herr Municipal, Sic können mir's glauben, so wahr ich Gavroche heiße. Municip. (zu Marius). Spricht der Junge die Wahrheit? Epon. (zu Marius leise). Sagen Sie ja! Sie retten ihn von der Arreststrafe! Marius (zu Eponienne). Diese Bekanntschaft macht mir zwar keine besondere Ehre, aber dem hübschen Gesicht des Burschen zu Liebe will ich ihn nicht Lügen strafen. (Zum Municipalgardisten.) Ich bürge für den Knaben. (Gibt ihm eine Karte.) Hier ist meine Karte. Municip. lsalutirrnd). Alles in der Ordnung, Herr Baron, ich habe die Ehre! (Ab.) Achte Scene. Die Vorigen ohne den Municipalgardisten. Gavroche (zu Marius). War das ein guter Einfall, mich auf Sie zu bemfen; ja, Esprit muß man haben, wenn man sich durch die Welt schlagen will. Uebrigens danke ich Ihnen, und wenn es einmal auf Revange ankommt, werde ich mich nicht spotten lassen. Marius. Ich nehme Dich sogleich beim Wort. (Zeigt ihm einm Brief.) Getraust Du Dich diesen Brief jener Dame zu übergeben, die dort neben dem Herrn im blauen Rock auf der Bank sitzt? Gavroche. Warum nicht, nur muß ich wissen, ob der Alte der Gemal, der Vater oder wohl gar der gute Freund ist, denn das sind die Nüancen, die man nicht aus den Augen lassen darf. 27 Marius. Es ist der Vater. Gavroche. Dann soll das Billetdour in fünf Minuten in den rechten Händen sein. Marius (gibt ihm Geld). Hier hast Du fünf Francs, richte deine Sache klug aus. Gavro che (weist das Geld zurück). Dienst um Gegendienst! Sie haben mir aus der Patsche geholfen, ich besorge Ihre Liebes- angelegenheit, das ist nicht mehr als billig. (Sieht nach rechts.) Aber was sehe ich, unser Erzeuger spricht mit dem Manne! Aha! Er wird ihm wahrscheinlich eine rührende Geschichte erzählen; nun, lassen wir ihn erst seine Sache ordentlich abwickeln. (Zu den Beiden.) Drückt Euch! Ich muß das Terrain frei haben, wenn ich meinen Schlachtplan entwickeln soll. Marius (wirst das Geldstück in Eponien- nens Teller). Da, nimm Du den Botenlohn! Du wirst ihn schon zu verwenden wissen! (Ab nach links.) Epon. Das ist auch Einer, der mit seinem Gelde freigebiger ist als mit einem freundlichen Wort; ich habe gute Lust ihm sein 5 Frankenstück nachzuwerfen! (Schiebt das Geld in die Tasche.) Gavro che. Trotzdem schiebst Du es aber in die Tasche. Jeder nach seinem Belieben! Aber sage mir, wo hast Du denn die noble Bekanntschaft her? Der junge Mann hat meinen vollkommenen Beifall! Schade, daß er schon versagt ist, ich würde ihn mit Freuden als Schwager begrüßen. Epon. Das ist Alles nur für die feinen Damen, auf Unsereins kommt so etwas nicht. (Bei Seite.) Wo habe ich das Gesicht nur gesehen? — Ich will mich in ihre Nähe schleichen und sie noch einmal gut betrachten! (Laut.) Adieu, Gavroche! Gute Verrichtung! (Ab nach rechts.) Neunte Scene. Gavroche (allein). Gute Verrichtung? Pah! Als ob ich nicht der Mann wäre, ganz andere Dinge auszuführen, als so einen armseligen Liebesbrief zu übergeben, rc. Lied. Zehnte Scene. Thenardier und Magnon von rechts. Gleich daraus Eponienne. Magnon. Der Schundian! Ich that so kläglich und schilderte meine Noch so ergreifend und doch gab er mir nicht mehr als zwei Francs. Thenard. Mir gab er fast gar nichts, aber mir ist der heutige Tag nicht für tausend Francs feil. Hast Du Dir den Alten genau angesehen? Magnon (mürrisch). Ich sah auf seine Hände und nicht auf sein Gesicht. Thenard. Es ist der Fremde, der die kleine Cosette von uns abgeholt hat. Magnon. Was Du da sagst! Aber Du kannst Recht haben; nun fällt mir ebenfalls die Aehnlichkeit auf. Epon. (hastig von rechts). Sie ist's! O, daß ich ihr die schönen Kleider vom Leibe reißen könnte. (Bemerkt ihre Eltern.) Gut, daß Ihr noch da seid, ich habe Euch eine Neuigkeit mitzutheilen. — Das elegante Mädchen dort — Thenard. Ist Cosette! Wir wissen es bereits, aber ruhig jetzt, vor der Hand haben wir nichts zu thun, als ihre Wohnung auszukundschaften; das Uebrige wird dann meine Sache sein. Epon. Wenn Du Deinen Plan mit ihr hast, so werde ich Dir helfen ihn auszufüh- rcn, denn ich hasse dieses Mädchen. Thenard. Still! Gavroche kommt, er braucht nichts davon zu wissen. (Sie ziehen sich hinter die Statue zurück.) 28 Eilste Scene. Gavroche (von rechts; gleich darauf) Marius (von links). Gavroche (lustig hereinspringend von rechts). Sie hat ihn schon! Sie hat ihn schon! Marius (nähert sich von links). Nun? Gavroche. Alles ist gut abgelaufen, ich habe meine Sache vortrefflich gemacht. (Zieht sich niit Marius etwas zurück und spricht mit ihm leise.) Zwölfte Scene. Lambert mit Cosette von rechts. Die Vorigen. Lambert (hält den offenen Brief in der Hand). Cosette (ängstlich). Was haben Sie, Vater, Ihre Wangen erbleichen, Ihre Hände zittern. Lambert. O, dieser Brief, der mit dem Namen Pomerci unterzeichnet ist! Cosette. So heißt der junge Mann, den Sie dort sehen; aber was hat er verbrochen, daß Sie so aufgebracht sind? Lambert. Ich bin nicht aufgebracht, ich bin nur traurig, daß alle deine Hoffnungen vernichtet sind, mein armes Kind. Cosette. Was wollen Sie damit sagen, mein Vater? Marius (hat sich bei Nennung seines Namens etwas genähert, so daß er das Folgende hören kann). Lambert. Daß der Baron Pomerci niemals dein Gatte werden kann, und daß Du ihn heute zum letzten Male gesehen hast! Cosette (wirst sich mit einem Schrei an Lamberts Brust). Marius (wendet sich ab und bedeckt das Gesicht mit beiden Händen. Die klebrigen bilden eine passende Gruppe). Ende deS füuften Bildes. 8ech8te8 Nitd. (Sehr ärmliche Stube mit einer Mittel- und einer Seitenthür. Rechts ein Fenster. Im Hintergrund ein armseliges Bett und ein eiserner Ofen. Links im Vordergrund ein schlechter Tisch und zwei Strohsessrl.) Erste Scene. Thenardier. Magnon. Azelma. Magnon. Wenn unser Plan gelingt, so haben wir es blos Eponienne zu verdanken. Thenard. Ja, sie ist ein kluges Mädchen! Wir hatten den alten Schelm kaum wieder gefunden, als er uns auch schon ans den Augen verschwand. Seit jenem Abend bat er seine Wohnung geändert und auch den Lurembourggarten nicht mehr betreten. Aber unsere Tochter war wie ein Spürhund auf seiner Fährte, sie hat ihn glücklich wieder aufgestöbert. Magnon. Aber seine Wohnung konnte sie doch nicht erfragen. Thenard. Was thut das? sie weiß die Kirche, die er täglich besucht, sie wird ihm einen Brief übergeben, in welcher ich ihn bitte, sich von dem Elende einer armen Familie mit eigenen Augen zu überzeugen; ich wette, der Tropf ist albern genug, zu kommen. Magnon. Und wenn er hier ist, was wirst Du mit ihm machen? Thenard. Das nachholen, was Du versäumt hast, er muß Herausrücken! Magnon. Wie willst Du ihn zwingen, er ist stärker als Du! Thenard. Ueberlaffe das meiner Klugheit; das Haus ist abgelegen, die wenigen Bewohner sind um diese Zeit nicht zu Hause und unsere Freunde sind in der Nähe. Das- mal soll der Vogel nicht entkommen, ohne uns seine goldenen Federn in der Hand zu lassen. Magnon. Rupfe ihn nur tüchtig, er hat's nicht besser um uns verdient. Wenn ich bedenke, daß meine Töchter barfuß gehen und keine Kleider anzuziehen haben, während der Balg einen Erephut und Atlasftiefelchen trägt, die andern Sachen gar nicht zu erwähnen. Thenard. Er muß ein heimlicher Millionär sein, und deshalb soll er tüchtig blechen! Magnon. Wenn wir ihn nur schon hätten. Zweite Scene. Eponienne. Die Vorigen. Epon. (hastig). Er kommt! er kommt! Thenard. Du hast ihm also den Brief übergeben? Epon. Auf der Straße! Als er ihn gelesen, sagte er: Es ist gut, ich werde nur meine Tochter nach Hause begleiten und dann sogleich kommen und sehen, was zu machen ist. Thenard. Er sprach von seiner Wohnung? Warum bist Du ihm nicht gefolgt, es ist immer gut, wenn man so etwas weiß. Epon. Er stieg in einen Fiaker. Sollt' ich vielleicht durch Dick und Dünn hinten- d'reinlaufen? Seid froh, daß ich das heraus- gcbracht habe! Thenard. Du bist eine gute Tochter und sollst auch dafür belohnt werden. Morgen wirst Du schöne Kleider erhalten, in einem Fiaker fahren und bei einer guten Tafel speisen! Epon. (schlägt in die Hände). Ich werde dann eben so schön sein wie sie! wer weiß, wer weiß was dann geschieht?! Thenard. Ich muß meine Anstalten treffen; richtet die Stube ordentlich her! (Er wendet sich zum Gehen.) Dritte Scene. Gavroche. Die Vorigen. Gavroche (kommt singend). Weit über Flur und Hügel, ^ Treibt mich des Leichtsinns / Flügel! ((Seconde.) Aber ein Stachel bleibt, 1 Der mich zur Heimat treibt. ! (Er faßt Thenardier und dreht sich mit ihm walzend bis in den Vordergrund.) Thenard. (unwillig). Was für ein Teufel führt denn Dich daher? Gavroche. Die kindliche Liebe! Ich wollte einmal das Schloß meiner Ahnen Wiedersehen! Nun! (Sieht sich um.) Wo find denn meine Vasallen, um den Majoratsherrn würdig zu empfangen? Thenard. Wir sind nicht in der Laune, auf deine Dummheiten einzugehen; mache, daß Du wieder fortkommst, wir haben Geschäfte. (Ab.) Vierte Scene. Die Vorigen. Ohne,Thenardieu. Gavroche. Man schlachtet also nicht einmal ein Kalb, wenn der verlor'ne Sohn zurückkommt! Mir auch recht! Ich werde Euch nicht lange lästig fallen. (Zu Maguon.) Ich habe alle Taschen voll grünen Kaffee, wo soll ich ihn denn Hinleeren, Mutter? Magnon (aussteheud). Du kommst also doch einmal zum Einsehen, und wirst ein braver Junge? Gavroche. Lobt mich nicht zu früh; wenn Ihr glaubt, daß ich ihn gemaust habe, so irrt Ihr Euch. (Stolz.) Einem Fuhrmanns platzte ein Sack, und der Kaffee rollte auf die Straße. Schade um die liebe Gottesgabe, dachte ich, las ihn auf, und so ist er da. (Er leert seinen Sack in Magnou's Schürze.) » Magnon (geht zum Tisch). Aus Dir wird sein Lebtag' nichts Rechtes werden^ Gavroche. Ein Dieb mit Gotteshilfe gewiß nicht! (Leise zu Eponienne.) Ich bin bloß deinethalben hergekommen, ich sah Dich in einen Fiaker steigen, und das fiel mir auf. Epon. Still, die Mutter darf es nicht wissen! Ich folgte Herrn Lambert, um seine Wohnung zu erfahren. Gavroche. Und nun weißt Du sie? Epon. Die Straße, das Haus und die Etage. Gavroche. Und Du sagst mir dieß Alles, nicht wahr, meine gute Eponienne? Epon. Damit der hübsche junge Mann seine Geliebte wieder finden könnte? Da wird nichts d'raus. Gavroche. Du liebst das Geld, Eponienne; ich glaube Dir hundert Francs für die Adresse bieten zu dürfen. Epon. Nein, nein! Tausendmal nein! Ich will nicht, daß er sie wiedersieht. Gavroche. Du bist am Ende wohl gar selbst in ihn verliebt? Epon. Und was wäre dann weiter? Gavroche. Nichts, als daß ich Dich bedauern müßte, meine arme Eponienne; nimm lieber die hundert Francs. Epon. Höre, für Geld erfährt man von mir gar nichts; wenn aber der junge Mann morgen aus den Ball Mabille kommen will, um mich dort zu treffen, so soll er es erfahren. Gavroche. Du willst doch nicht hingehen? Epon. Ich werde hingehen! Man hört Tritte von außen.) Still, der Vater kommt zurück. Fünfte Scene. Thenardier. Die Vorigen. Thenard. So! Es ist Alles in der Ordnung! Aber nun ist keine Zeit zu verlieren, rührt Euch, er kann jeden Augenblick kommen. Gavroche (leise zn Eponienne). Wen erwartet man? Epon. Herrn Lanibert! Then. (nimmt den Wafferkrug und gießt da» Feuer im Ofen aus). Weg mit dem Feuer! So ein armes Gesindel muß stieren, wenn es Mitleid erregen will. (Ergreift einen Stuhl und tritt das Stroh durch.) Zwei gute Stühle, das ist offenbarer Lurus! Wenn die Fetzen davonhängen, nimmt es sich viel imposanter aus. (Zu Azelma.) Rühre Dich, faules Ding, schlage eine Fensterscheibe ein. Epon. Es schneit ja draußen. Then. Um so besser, wir müssen Regen und Wind ausgesetzt sein. Azelma (schlägt mit der Faust das Fenster ein). Beim Fenstereinschlagen bin ich dabei, das ist meine Hauptpaffion. (Sie hat sich verwundet und schreit laut auf.) O weh! Ich habe mich in die Hand geschnitten. (Sie springt schreiend im Zimmer herum ) Magnon. Schrei doch nicht so, und komm her, damit ich Dir die Wunde verbinde. Thenard. Eine Wunde: das ist nicht mit Gold zu bezahlen; wir werden unser Schauspiel sehr natürlich in Scene setzen. Die Falle ist fertig, nun kann die Maus kommen. (Zu Eponienne.) Du begibst Dich auf die Straße und gibst Acht, daß wir nicht überrascht werden, und Du (zu Gavroche) packst Dich zum Teufel! Gavroche (bei Seite). Sie haben etwas mit dem alten Lambert vor, das muß ich dem Baron Marius sagen. (Laut.) Soll ich vielleicht dem Herrn Teufel eine Empfehlung von Ihnen ausrichten, Papa? Thenard. (macht eine drohende Bewegung gegen Gavroche). Fort, sonst — Gavroche. Würden Sie mich zum Ritter schlagen, ehe ich mir noch die goldenen Sporn verdient hätte. Jch dankeJhnen, Papa, man muß nicht von Allem haben. (Springt lachend zur Thür hinaus.) Thenard. Der Junge hat so viel Talent! Schade, daß er so eigensinnig ist! Magnon. Er ist ganz aus der Art geschlagen! (Eponienne ist schon früher abgegangen.) Sechste Scene. Die Vorigen. Gleich daraus Lambert. Thenard. Ich höre Tritte auf der Treppe. Das wird unser Mann sein; öffne die Thür, damit er sich nicht vorher noch das Genick bricht. Magnon (indem sie öffnet). Wenn es im Fortgehen geschieht, hat es nichts zu sagen. (Sehr demütbig.) Ich bitte einzutreten. Lambert. Ich glaube, daß ick hier recht bin; (sich umsehend) es sieht erbärmlich genug aus! (Zu Thenardier.) Sie haben an mich geschrieben? Thenard. Ja, mein edler Woblthäter, um Sie zu bitten, sich unserer Noth zu erbarmen. Sehen Sie, wir haben keine Kleider, um unserer Arbeit nachgehen zu können, das Fenster ist zerbrochen, kein Holz, unsere Möbel gepfändet, mein armes Kind verwundet, die Maschine, wo sic täglich für sechs Sous arbeitet, hat ihr die Finger zerquetscht, man wird ihr vielleicht den Arm abnchmen müssen. Lambert (der Thenardier erkeunt). Als Sie mir. vor einigen Monaten begegneten, sagten Sie mir, daß Sie Schriftsteller wären. , Thenard. Schriftsteller? Mein Gott, man versucht sich in Allem. Ich war Soldat, ich habe in Algier gefochten, man hat mich verabschiedet, ich wurde dramatischer Künstler, man hat mich ausgepfiffen, ich schrieb ein Trauerspiel, man hat es zurückgewiesen, was wollen Sie? Wenn man einmal zum Unglück geboren, würde man ans den Rücken fallen, und sich die Nase brechen. > i Lambert (legt ein Goldstück ans den Tisch). Ich bin nicht reich, mein Herr, aber hier sind zwanzig Francs, sie werden Ihre augenblickliche Noth, lindern. ^^ Thenard. Zwanzig Francs? WaS soll ich mit dem,Bettel anfangeu^ Hch. muß wenigstens fünfhundert haben; das, Weitere wird sich dann später finden. Lambert. Sie sind entweder wahnsinnig oder ein Unverschämter! Thenard. Ich brauche nicht zu wissen, wer ich bin, ich werde Ihnen aber sagen, wer Sie sind, Sie Herr Philantrop, Sie abgeschabter Millionär. Sie haben sich vor acht Jahren in mein Haus geschlichen und ein kleines Mädchen mit sich fortgenommen, durch das wir unser Glück hätten machen können. , Lambert (ruhig). Sie verkennen mich wahrscheinlich? Thenard. Sie erinnern sich also nicht? Sie wissen nicht wer ich bin? Lambert. Ich habe Ihnen schon einmal gesagt, daß Sie sich irren, Ihre Reden können mich nicht berühren. Thenard. Davon ist auch nicht die Rede; sondern davon, daß Sie auf der Polizei werden Auskunft geben müssen, mit welchem Rechte Sie mir die Tochter Fan- tine's abverlangten, wenn Sie es nicht vorziehen, mich mit einer großen Summe zu entschädigen. Lambert. Darauf kann ich Ihnen nichts erwidern, als daß ich mich entferne. (Wendet sich zur Thür.) Thenard. (verstellt ihm den Weg). Sie werden nicht fortgehen! Lambert (schiebt ihn aus die Seite). Wer wird mich daran hindern? (Oeffnet die Thür.) ' Siebente Scene. 'i >. Montpareusse, Coquelicot, Brevet (haben die Thür besetzt). Die Vorigen. Montp., Coquel., Brevet (zugleich). Wir! Lambert (weicht einen Schritt zurück). Ich bin also in eine Räuberhöhle gerathen? Coquel. (der ihn erkennt und auf ihn loS- stürzt). Ist es ein Blendwerk der Hölle, oder bist Du es wirklich? Thenard. Du kennst den Mann? Coquel. Cs ist ja Herr Madelaine, ein alter Bekannter! Thenard. Diese Entdeckung ist nicht nlit Gold zu bezahlen! Seine Million wird jetzt uns gehören; haltet ihn fest! (Dir drei Männer wollen sich aus ihn stürzen.) . Lambert l ergreift einen Stuhl und hebt ihn aus) Zurück! Achte Scene. Eponienne (zur Thür hereinstürzend). Die Vorigen. Epon. Nehmt Euch in Acht, die Polizei! (Die Männer weichen von Lambert zurück, um nach Eponienne zu sehen, so daß dieser die Nähe des Fensters gewinnen kann ) Thenard. Verflucht! Nun sitzen wir Alle in der Patsche! Neunte Scene. Marius mit Javert alsPolizeicommiffär und mehrere Wachen. Die Vorigen. Javert. Was geht hier vor? Marius. Wir kommen gerade recht, um einen Wehrlosen zu retten! Javert (zu den Wachen). Arretirt die Schelme! Lambert (hat sich bei den Worten »zu retten- auf das Fenster geschwungen; wie sich Javert zu den Wachen umwrndet, springt er hinaus). Thenard. (keck). Sie irren sich in uns, Herr Commissär, der Spitzbube, der eigentlich zu arretiren wäre, hat sich soeben geflüchtet! (Er zeigt aus das offene Fenster.) Es ist Daljean, der entsprungene Galeerensträfling! (Paffende Gruppe.) Ende des sechsten Bildes. Siebentes H i td. (Der Ballsaal in Mabille. Masken bewegen sich lustig hin und her. Die Masken alle ohne Larven. Masken-Ehor.) Erste Scene. Anstatt des Refrains fassen sich dir Maskm und tanzen, die Pierrots machen lustige Sprünge dazwischen, die Harlequivs schlagen mit ihren Pritschen, die weiblichen Masken schreien, indem sie verfolgt werden. Es muß ein echtes Pariser Bild sein. Zweite Scene. Gavroche (als Prinz bmneval maskirt springt herein). Die Vorigen. Dritte Scene. Eponienne als Rosenmädchen.' Die Vorigen. Epon. (hastig zu Gavroche). Ist er da? Gavroche. Würde ich sonst hier sein? Er sucht Dich! (Verwundert.) Aber wie hübsch Du bist, wo hast Du denn das viele Geld hergenommen, das dies Alles kostet? Epon. Bah! ich verwende meine Einkünfte für mich, man muß nicht Alles dem Alten geben. Gavroche. Wie ist es denn gestern noch abgelaufen? Ich hörte ja, daß die Polizei— ... Epon. Stell' Dich nicht so unschuldig, ich kann mir wohl denken, wer die Ursache war, daß sic uns über den Hals kamen. Der Monsieur Lambert, oder wie er eigentlich heißt, ist entwischt, die Andern wurden festgenommen. Gavroche. Die Eltern sind also auch eingesperrt? Epon. Sie werden einige Zeit brummen müssen. Gavroche (mit Vorwurf). Und Du bist auf dem Ball? Epon. Sollt' ich vielleicht zu Hause Trübsal blasen? Wamm lassen sie sich in Dinge ein, die im Codex verboten sind, übrigens ist der Vater ja nicht auf den Kopf gefallen, er wird sich schon Herauswickeln. Gav röche. Es ist aber doch traurig, daß sie im Gefängniß sitzen müssen. Epon. Im Winter ist man im Gefängniß am besten aufgehoben. Gav röche. Aber man ist seiner Freiheit beraubt, und das halte ich für das größte Unglück. Epon. Darum muß man sie zu genießen suchen. (Blickt nach rechts.) Dort nähert sich uns ein Domino! Er winkt Dir! Gavroche. Das ist er! (Rufend.) Herr Marius, kommen Sie hierher ! Herr Marius! Vierte Scene. Marius (im Domino, die Larve in der Hand). Die Vorigen. Marius (zu Eponienne). Du hast also Wort gehalten und bist gekommen? Epon. Sie haben ja versprochen hier zu sein, und um Sie zu sehen, würde ich in die Hölle laufen. Marius. Gavroche hat mir gesagt, daß Du weißt, wo Herr Lambert wohnt. Epon. (sieht sich besorgt um). Nicht so laut, seit gestern hat sich Vieles geändert. Der Commissär würde viel darum geben, wenn er wüßte, wo der Alte zu finden sei. Marius. So hat also diese Andeutung doch etwas zu bedeuten? und Du kennst das Geheimniß? Epon. Der Alte ist von der Galeere entsprungen. Marius (erschrocken). O mein Gott! Darum also dieses sonderbare Verschwinden. Epon. Fürchten Sie nicht, daß ich etwas ausplaudere! Seit ich weiß, daß jene Leute zu uns gehören, daß sie verfolgt und ausgestoßen sind, habe ich meine Gesinnung über sie geändert, ich erlaube Ihnen jetzt sogar, das Mädchen zu lieben, m . . ... ryt«1tr>»rverlo»t. Nr. 117. Marius. Cosette die Tochter eines Galeerensträflings! O, sie ist auf immer für mich verloren! > , . Gavroche (zu Eponienne). Du hast den armen Herrn. Marius mit deinen Nachrichten traurig gemacht, Du hättest ihm nicht Alles sagen sollen. Eponi» Ick habe ihm auch noch nicht Alles gesagt, ich weiß zum Beispiel noch, daß er von dev kleinen Cosette wieder geliebt wird, daß sie um seinetwillen heimliche Thränen vergießt und sich sehnt, ihn wieder zu sehen. (Faßt Marius am Arm.) Wenn Sie mir versprechen, einen Contretanz mit mir zu tanzen, will ich Ihnen noch mehr sagen. Marius (reißt sich los). Laßt mich! Ich möchte am allerliebsten sterben! (EN nach links ab.) Epon. So entkommt man mir nicht. (EN ihm uach.) Gavroche. Er will sterben, und die Eltern schmachten im Gefängniß. Das ist eine traurige Faschingsfreude! (Die Musik beginnt.) Ah, Musik, Lärm, Spectakel! So ist's recht! Weg, ihr abscheulichen Gedanken! Man muß das Leben genießen! Zum Reflectirett hat man' in der Fasten Zeit. (Schüttelt seinen Schellenstab.) Aufgepaßt, der Prinz Carne- val ist da! Fünfte Scene. (Die Masken sammeln sich Vorfällen Seiten.) Ballet. (Ausgesuhrt von Debardeurs, Policinellos und'Pier» rots. Zum Schluß großes Finale von allen Masken.) Ende des siebentes Bildes. L Zt Achtes Vild. (Kurzes, ziemlich elegantes Zimmer mit einer Mittel- und einer Seitenthür. Links ein kleines Sofa und ein Tisch; mis dem Tische Blumen in einer Base und eine Astrallampe.) Erste Scene. Paljean (sitzt aus dem Sofa, den Kopf auf die Hand gestützt). Valj. Ein Leben voll Elend, Qual, Arbeit und Kummer, und Alles vergebens! Ich wagte zu hoffen, daß ich meine Tage werde ruhig hinbringen können an der Seite dieses Kindes, das ich liebe, mehr als Alles auf der Welt, das mir Alles vergüten hatte können, was ich geduldet—das nrein Glück war, meine Sonne! (Stcht ans.) Acht Jahre lebte ich ruhig in Paris, der Name Valjean war vergessen, er lag im Hafen von Toulon begraben. Da tritt meine Vergangenheit wieder wie ein Schreckgespenst dazwischen und stürzt alle meine Hoffnungen zusammen! Havert weiß, daß ich unter den Lebendigen bin, er wird Alles anwenden, um meinen Aufenthalt zu entdecken, darum muß ich abermals aus der Welt entschwinden, ich muß weit fort, weit, in einen fernen Welttheil, in irgend eine Einöde, wo nur wilde Thiere meine Gesellschaft ausmachen werden, denn die Menschen dulden mich nicht in ihrer Nähe. Paris ist unrnhig! man hat noch nicht Zeit gehabt, nach mir zu spähen, darum muß, was geschehen soll, sogleich vollbracht werden. (Man hört entferntes Schießen und dumpfen Lärm aus der Straße.) Zweite Scene. C ose tt e (aus dem Nebenzimmer). DerVorige. Co fette (ängstlich). Hören Sie das Schießen, Pater? Was bedeutet das? Valj. Nicht viel, mein Kind! Paris ist wie einVulcan; von Zeit zu Zeit muß es die Flammen auswerfen, die in seinem Innern glühen; General Lamarque sollte heute begraben werden, man brachte die Leiche nach dem Psre Lachaise, und die Bevölkerung hoffte auf die Ehre des Pantheons; das ist Alles; aber sprechen wir nicht davon, mein Kind, es gibt etwas, das uns näher angeht. Ich werde eine weite Reise machen. Co fette (verwundert). Eine Reise? Aber ich begleite Sie doch, mein Vater? Valj. Du wirst in Paris Zurückbleiben. Co fette (erschrocken). Allein, und ohne Schutz, das kann Ihr Ernst nicht sein. Lieben Sie mich denn nicht mehr, daß Sie mich von sich weisen? Valj. Es wird Jemand da sein, der Dich lieben und beschützen wird. Hast Du auf den jungen Baron von Pomerci vergessen? Co fette (verbirgt ihr Gesicht ans einer Brust). O, mein Vater! Valj. Ich habe Dir eine Eröffnung zu machen, Cosette, die Dich vielleicht schmerzlich betrüben wird, aber es muß sein. Ich bin nicht dein Vater! Cosette (anfschreiend). Nicht mein Vater? (Fällt aus die Knie und birgt ihr Gesicht in dic Kissen des SosaS.) Nicht mein Vater! Valj. Ich habe deiner Mutter versprochen für Dich zu sorgen und Vaterstelle bei Dir zu vertreten; sage mir, mein Kind, ob es Dir jemals, seit Du bei mir bist, an der Liebe eines Vaters gefehlt hat? Cosette (umfaßt seine Knies. Niemals! Niemals! Ich bin also eine Waise und habe Niemanden mehr auf der Welt? Valj. Dein Vater lebt; cs ist der Herr Baron Rens von Pomerci. Begreifst Dn nun, warum ich über den Namen so erschrak? Ich glaubte, daß es die Stimme des Blutes war, die Euch zu einander zog, ich fürchtete, daß der Bruder die Schwester liebte. Cosette (zitternd). Und nun!- ^ Valj. Es war meine Pflicht Erkundigungen einzuziehen ; die hlnterlaffenen Pn- 35 piere deiner Mutter brachten mich leicht auf die Spur. Herr Rens von Pomerci, der Oheim von Marius, entführte deine Mutter, und nachdem er ste einige Jahre in Paris verborgen gehalten, reiste er nach England und überließ sic Ihrem Schicksal. Co fette. Ich habe eine dunkle Erinnerung, wie sie nach und nach Alles verkaufte, und mich endlich zu jenen Leuten in die Kost gab. V al j. Deine Mutter hat mir alle Rechte auf Dich übertragen, ich nahm Dich daher zu mir, und Du wurdest meine Tochter. Co fette. Und warum verstoßen Sie mich jetzt? Dalj. (umsaßt fic). Ich verstehe Dich nicht, mein Kind, ich trenne mich bloß von Dir, und dieses Opfer kostet mich eine schwere Ueberwindung, aber es muß sein! (Zeigt ihr ein Packet Papiere ) In diesem Packet sind die Briefe deiner Mutter, dein Taufzeugniß; Du wirst Dich damit morgen in das Hotel Pomerci begeben, und damit deine Geburt beweisen. Cosette. Und wird Derjenige, der meine Mutter verließ, der sich nie um mein Dasein kümmerte, die aufgedrungene Tochter nicht von sich weisen? Valj. Du wirst einen Talisman bei Dir haben, der alle Thore und alle widerspenstigen Herzen öffnet. (Gibt Ihr eine Brief' tasche.) In dieser Brieftasche sind von dem Hause Rothschild Avisbriefe für eine Million; es ist mein Dermächtniß an Dich, mein geliebtes Kind, Du wirst meine Erbin sein. Cosette (weist die Brieftasche zurück). Behalten Sie Ihren Reichthum, mein Vater, und lassen Sie mir Ihre Liebe. Valj. Die wird Dir niemals mangeln, aber wir müssen uns trennen, eine eiserne Nothwendigkeit gebietet es. Ich habe an Marius Pomerci geschrieben und ihn eingeladen hieherzukommen; ich erwarte ihn jeden Augenblick, denn ich werde Dich nur als seine Verlobte verlassen. (Die Schüsse fallen häufiger und näher.) Cosette. Hören Sie nur, Vater, der Lärm auf der Straße vermehrt sich. Niemand kann es jetzt wagen auszugehen. Valj. Und doch höre ich Schritte im Vorsaal, er wird es sein. Cosette (ängstlich). Das sind nicht seine Schritte, Vater. Dritte Scene. Eponienne (in einfacher, aber anständiger Kleidung). Die Vorigen. Epon. Da bin ich wieder! Ist das ein Spectakcl in dem Paris, ich bin kaum durchgekommen. Dalj. Du hast meinen Brief an den Baron nicht abgegeben? Epon. Das versteht sich; aber es ist kein vernünftiges Wort mit ihm zu reden, er ist wie außer sich, aber eine Retourchaise für das Fräulein hat er mir dennoch gegeben. (Reicht Cosette einen gesiegelten Brief.) Cosette (darnach greifend). Darf ich, Vater? Valj. Du kannst ihn ja als deinen Bräutigam betrachten. Cosette (hat den Brief auseinandergeschlagen, nachdem sie einm Blick darauf geworfen, schreit sie). O mein Gott, was soll das heißen?! (DaS Blatt entfällt ihr und sie hält sich wankend an Eponienne, die sie unterstützt.) Valj. (hat das Blatt aufgehoben und liest). »Da ich Dich niemals besitzen kann, und nicht leben will ohne Dich, so werde ich sterben; man schlägt sich in Paris, ich suche mir eine mitleidige Kugel.* Der Unglückliche, was hat er vor? (Zu Eponienne.) Wo hast Du ihn zuletzt gesehen? Epon. In der Rue St. Denis! Valj. (seinen Hut ergreifend). Ich muß ihn aufsuchen! Epon. Sie können nicht mehr hin, man hat eine Barrikade gebaut. Valj. Die Wahnsinnigen! Wie viel unschuldiges Blut wird wieder vergossen werden! 3 * 36 Cosette. Und er ist dabei? Valj. '(an der Thür). Ich will ihn auf meinen Armen tragen. Cosette. Nehmen Sie mich mit, Vater! Valj. Auf den Kampfplatz gehören Männer und keine Weiber. (Rasch ab.) Cosette. Beide, die ich liebe, sind in Gefahr; ich muß hin! Komm, Eponienne, führe mich! >. ^ (Während sie Valjean folgt, fällt der Zwischenvorhang.) Verwandlung. - e (Die Straße St. Denis mit einer Barrikade, welche aus Tonnen,' einem umgeftürzten Omnibus, Steinm und allerlei Holzwerk errichtet ist. " ' ' I! Vierte Scene. Marius von rechts. Gavroche (folgt ihm. Die Barrikade ist mit Arbeitern, Studenten rc. besetzt; Einige tragen Gewehre, die Andern haben sich mit Stangen, Osenschürern rc. bewaffnet. Don Zeit zu Zeit hört man schießen. Am Fuße der Barrikade brennen einige Wachseuer). Gavroche (zu Marius, welchen er zurückzu- ziehen bemüht ist). Kommen Sie, Herr Marius, Sie gehören da nicht her; was wollen Sie auch da machen, Sie haben ja nicht einmal ein Gewehr. Marius. Ich bin nicht gekommen, um zu kämpfen. - , Gavroche. Man hat bereits alle Barrikaden genommen, man wird auch diese nehmen; hören Sie das Rasseln der Trommeln? Die Soldaten rücken schon an. Marius. Um so besser, so wird's doch bald vorüber sein. Gavroche. Sie wollen sich doch nicht so mir nichts dir nichts tpdtschießen lassen? Marius. Ja, das will ich, denn das Leben ist mir eine Last. Gavroche. Oho! Da big,ich auch noch da, ich werde einen solchen Unsinn nicht zugeben. (Häugt sich an ihn.) Marius (stößt ihn zurück). Zurück! Man wird Dich nicht fragen! (Eilt aus die Barri. kade, so daß er ganz allein oben steht.) Ein Arbeiter. Seien Sie vorsichtig, Herr, man hat eine Kanone aufgefahrcn, auch stehen Truppen in der Straße. Marius. Feiglinge! Warum baut Ihr denn Barrikaden, wenn Euch der Muth fehlt, sie zu vertheidigen? Arbeiter (mürrisch). Man ist nicht feig, wenn man sein Blut für eine bessere Sache aufspart! Marius. Wer commandirt hier? Arbeiter. Niemand. Diejenigen, die uns hergeführt, haben uns verlassen! Marius (entreißt einem Nebenstehenden das Gewehr). So werde ichbasCommando übernehmen! (Er legt gegen die Straße zu an.) Arbeiter (hält ihm deu Arm). Nicht schießen! Marius schleudert ihn zurück). Wenn Du Dich fürchtest, so bleib unten. (Er schießt das Gewehr in die Lust ab.) (Trommelwirbel, Eommandozeichen außer der Barrikade.) l! Fünfte Scene. Valjean (ohne Hut, kommt hastig von recht- gelaufen). Die Vorigen. Commandoruf von außen: Fertig! , Valj. (eilt auf die Barrikade). Sie werden feuern, das ist ein Todesposten, herab von der Barrikade! ^ Marius (schwingt seinen Hut gegen die außer der Barrikade stehenden Soldaten). Commandoruf: Feuer! (Es fällt eine Dechargt.) Valjean (hat in demselben Augenblick Marius erreicht und will ihn zurückreißen, eine Kugel hat ihn getroffen, er wankt). -> ! r ruiili ' )' 'i'r -n''i?'tt >' - 's Sechste Scene. Cosette mit Eponienne von rechts. Die Vorigen. Eponienne (trägt ein weißes Umhängtuch). Cosette. O mein Gott, sind wir zu spät gekommen? (Eilt auf Marius zu, der den verwundeten Daljean von der Barrikade schleppt.) Marius. Der Unglückliche! Die Kugel, die für mich bestimmt war, hat ihn getroffen. Cosette (fällt jammernd neben Daljean auf die Knie). Er hat sich für uns geopfert, er darf nicht sterben! Valj. Jammere nicht, mein Kind; es ist wohl am besten so! (Zu Marius.) Sie werden nicht mehr den Tod aufsuchen, wenn ich Ihnen sage, daß Cosette Ihre Cousine ist und Ihrem Glücke nichts im Wege steht. Marius. Dieses Räthsel? — »r'js.r ^ ,,U- > .,,1!' -e'kll-7 (iilll l 'li'L » ? . . N» Im Verlage der Walltshauffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt, hoher Markt Nr. 1, sind von derselben Verfasserin früher erschienen: 2 1r> ? .j Onkel Tom. ' ' 1- !: N ' Amerikanisches Zeitgemälde mit Gesang und Tanz in drei Abtheilungen nebst einem Vorspiele, nach Stowe's Roman: »Onkel Toms Hütte.« 10 Sgr. od. 50 Nkr. Ae ., Drama in drei Acten und einem Vorspiele unter dem Titel: »Der Wasserträger von Paris.« Nach dem Französischen frei bearbeitet. 8 Sgr. od. 40 Nkr. Ein weiblicher Monte-Christo. Characterbild aus dem Pariser Leben in vier Abtheilungen und fünf Acten. Mit Musik und Tanz. 12 Sgr. od. 60 Nkr. !l Im Dorf. Ländliches Lharacteraemälde mit Gesang und Tanz in drei Abtheilungen. 8 Sgr. od. 40 Nkr. Die" . Dolksdrama in fünf Abheilungen. Nach dem Französischen frei bearbeitet. 12 Sgr. od. 60 Nkr Zu der Wallishaufserschen Buchhaudlung (Josef Klemm) tu Dien, Stadt, hoher Markt Nr. 1, find erschienen: WienersGouplets, < aus Stücken von: . „ Berg, Berla, Bittner, Älank, Böhm, Elmar, Flamm, Gottsleben, Grois, Grün, Gründorf, Haffner, Juin, Kaiser, Laaaer, Megerle, Nestroy u. A. Drei Hefte. Gr. 8- geh. Preis 1 fl. 50 Nkr. oderFThkri Jedes einzelne Heft 50 Nkr. oder 10 Sgr. .l. in j Inhalt des ersten Heftes^. ^ ,, Berg A. F. 1,. Da möcht i halt das G'wissen sein. — 2. Requisiten-Couplet. 3'. Frguren- ' Couplet. — 4. Nachher wird es schon wern. — 5- GköckchrN-Couplet.' 6'Biblisches Couplet, —> 7- Falsche Bmennungen. — 8 Dam» ist sie da die bessere Zeit- s-rk- 9-FS gibt halt doch gute Lnzt'. Berg u. Grün. 10- Volkslieder. — 11. Aber geb'n thut's es nit. . Berla, Alois. 12- Jetzt da war's halt Noth, daß wer antauchen thät: — >1 Ls Wattn ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. —14. Zu was daun die FeindseKgkest gegm das Thier. — 15- Lachcouplet. — 16- Aus einer Chronsta. — 17- Früchte/die verböten sind. — 18- Falsche Ansichten. — 19- Französische Worte. 20> Mythologie-Couplet Derla u. Bittner. 21- Ohne Umschneiderei. 22- Die papierene Zeit. — 23. Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. .... Bittner Anton. 24. Thier-Couplet —'25- Das ist noch Geheimniß. 26-Mtt'hätt' es geahnt. 27. Obrvniqus sesoäaisllss. r -k' ) 7' .7 Bittner «. Morländer. 28. Aehnlichkeitcn zwischen Menschen und Thieren. Blank, Alois. 29- Und so wird hinterrücks g'redt. Böhm, Iüsef. 30. Na da sieht' man s doch^ daß's an der Eintheilung schlt. — 31 Wenn man die Wirkung sieht/ und d'Ursach nit kmut. Doppler, I. 32- Maschimu-Couplet. 77-,33 Wo man was sucht, dort sind't man es nicht. Elmar, Carl. 34. O Sp,cl der Natur^ — 35 Lied des Teufels. - 36- Man glaubt nicht was in einem Menschen oft steckt. — 37. So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. — 38- O ungeheure Ironie, -n- 39 Da möcht ich halt wissen, was nachher g 'schützt. ,,. Inhalt des zweiten Heftes. Elmar, Carl. 40. Was lieget da dran. —41. Za so geht's, wenn man heut' zu Tag Geister citirt. Feldmann u. Flamm. 42- Mit Kleinem sängt man an, mit Großem Prt man auf. ->- 43. So was,-i das sollt Einem g'sagt früher werd'n. i Flamm, Lhrod. 44. Keine Rose ohne Dornen. — 45- Gesundheit und ein recht langes Leben. — 46. Zedes Häserl hat sein Deckerl. — 47. Repertoire-Couplet. Flamm u. Wimmer 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät. — 49. So behilft sich halt Jeder, so gut als er kann. Gottslebrn, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. — 51. Verschiedene Ursachen. Grois, Louis. 52. Na, das kennen wir schon! — 53i,M»i,.Aeufel, das ist srfhst dem Teufel zu schlecht. — 54- Wir bedanken uns sehr. Grünn, Johann. 55- Was ein Narr ist. — 56. Ein Lhineser. Gründorf. 57. 's ist just «et nöttzi, ^pber nothwerchi war's. Haffner, Carl. 58. Da find's mäuserlstisi. — 59 Es steckt was dahinter, ich wett. Hopp, Friedrich. 60. Wann der mein Kapperl hält'.— 61-Ja, ich kann's nit ändern, es is halt a so. Juin. 62. Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht — 63- Wozu Mancher eigentlich ^geboren. 64 Fiakerlied. — 65 Zu was von den Göttern eine Auskunft begehren. Jüln u. Fterx. -86- Da wird einem heiß >— kalt ^ warm! 67. Ungeheuer gena«»t! , „ Kaiser, Friedrich. 68- Ich bitt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. - „ ^ Inhalt,des dritte« Heftes. , Kaiser, Friedrich. 69. Es muß ja nicht gleich sein. — 70- Da braucht mau beim hellichten Tag a Latern. — 71- Jetzt das — g'hört auf ein anderes Blatt. —<72, Die sind haltg'schetdt. — 73. Das ist so nobel und so billig dabei. < , ,^.^,11,. Langer, Anton. 74. Wgs ist der Unterschied — 75- Aber da mag Keiner net. — 76. Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! — 77 Es schaut nur gemäner aus. 78- Zu früh und zu spät. — 79. Man kann fich's wohl denken, aber sagen darf maus nicht. . 777.80- Wann.mich der ftagen thät, „ . Megerle, Lher. 81. Marsch mit dem in d'Butten. — 82. Man muß nur den günstigen Zeitpuact erftagen. Nestroy. 83. Und 's ist Alles net wahr. — 84. Kometen-Lied aus »Lumpaci«. — 85- Aus was sich Mancher hinauswachsen kann. — 86- Das war ganz etwas Neu's. — 87. Und man kommt aus kein Grund. — 88- Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. — 89. Ja, hat denn die Sprach' da kein anderes Wort. A. 90. Ob der wohl die Wahrheit wird sagen. Ü .tävlL ,N)!Ä tt- <,««,»!« , ' - .-jUkiW I nL Doa I o h a ir rr R e st r o y - i-N-C ,u- ^ ^ ^ ^ ,-j. ,i, , ^ , -L?-!)'/. stütz bei uns erschienen: . Ilsiv Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder: Das Gtheimniß des grauen Hauses. Posse ,, mit Gesang in 5 Aufzügen, 12. geh. 1h Sgr. oder?5 Nkr. Einen Jux will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. Zweit« Auf. läge, geh. 12 Sgr. oder «0 Nkr. Der Zerrissene. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Talisman. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12 geh 15 Sgr. oder 75 Nkr. Unverhofft. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 alleg. Bild. 12. geh. 15 Sgr. -i. oder 75 Nkr. Der Unbedeutende. Posse in 3 Acten. Mit 1 ivum. Bild. 12. geh. 20 Sgr. oder 1 fl. Der böse Geist Lumpacivagabundus, oder: Das liederliche Kleeblatt. Zauberposse mit Gesang in 3 Aufzügen. Dritte Auflage. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Das Mädl aus der Vorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Posse mit Gesang in 3 Acren. 12. IS Sgr. oder 75 Nkr. Die verhangnißvolle Faschingsnacht. Posse mit Gesang in 3 Aufzügen. 12. geh. ^ 15 Sgr. oder 75 Äkr. Eulenspiegel, oder Schabernack über Schabernack. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. ^ Zweite Auflage. ^ 10 Sgr. oder 50 Nkr. Freiheit in Krähwinkel. Posse mit Gesang in,3 Acten. Mit 3 illum. alleg. Bild. 12. geh. 24 Sgr. oder 1 fl. 20 Nkr. .. - ' li !>ll!>!.u I(. . . : -ir Ferner find daselbst erschienen: Sämmtliche Theater k Ul-! . j > von 1'^ . ' , .1 7 . 1 ? - li .! Castelli, Gleich, Grillparzer, Hopp, Heusler, Kaiser, Weidmann, Keld- mann, Weißenthurn, Deinhardstein, Holbein, Kotzebue, Jffland, Werner, Hafner, Vogel, Körner, Ziegler, Jünger, Collkn, Perinet, Huber, Baumann,' Birch-Pfeiffer, Schröder, Clauren, Herzenskron, Treischke, Sonnleithner, Chrimfeld, Meisl, Koch, Schilddach, Seyfried, Bänerle rc. Die Waütshausser'schen Buchhandlung in Wien, hoher Markt, hält das möglichst vollständigste Lager aller im Buchhandel erschienenen ältesten und neueren Theaterstücke, . besorgt das nicht Vorräthige schnell und gibt Verzeichnisse gratis aus. nom 6,lll .. .lI1> lli, ll.ü il.I Illlnull Di»«I «d P»pi« Leevold Sommn in Mt». i. Den Kühnen gegenüber als Manuscript gedruckt. Hliffk» und Harren. -- Schwank in einem Act von M. A. Grandjea n. )m k. k. pr. Theater am Franz Joseph-Quai in Wien zuerst mit vielem Beifalle gegeben. ^ Personen: Eginhard, Dichter. Hrllgut, Komponist. Sch raps, Eomite-Mitglied eines Dilettanten-Vereins. Betti, Stubenmädchen. Ein Regisseur. Ein Fremder. Ein Hausmeister. (Die Handlung spielt bei Eginhard.) Theat«'Repertoi« Nr. IIS. (Ziemlich elegantes Zimmer bei Eginhard, aber in etwas genialer Unordnung, mit einer Mittelthür und zwei Seitenthüren. Eine Pendeluhr. Kleiderschrank. Spiegel, Sofa mit Tisch und Fauteuil, aus welchem Kleidungsstücke umherliegen, rechts ein praktikables Fenster.) Erste Scene. Eginhard (in Morgentoilette, kommt von links, sichtlich aufgeregt, ein Zeitungsblatt in der Hand). Unverschämt— wie man so etwas schreiben kann. (Liest.) »Fräulein Alma, zu deren Benefice das Ballet in Scene ging, können wir unbedingt loben. Ihr Tanz war kühn, aber ohne Grazie, der eingelegte Cancan im dritten Acte paßte schlecht zu dem Charakter des unschuldigen Landmädchens, welches Fräulein Alma darzustellen hatte. Für das Unschuldige hat Fräulein Alma überhaupt zu viel — Temperament. Daß der Bcnesiciantin ein Bouquet und ein Kranz geworfen wurde, hat nicht viel zu bedeuten. Diese Ovation stammt vermuthlich von demselben aufdringlichen Enthusiasten, der am Schluß der Vorstellung ein selbstverfaßtes Gedicht in vielen Eremplaren von der Gallerie herabfallen ließ. Der Dichter heißt Eginhard — das Gedicht heißt nichts.« — Sehe Einer einen solchen kritischen Bulldogg an — was kümmert's ihn, wer die Kränze werfen läßt, und mein Sonett', na, Gottlob!— das war nicht mein erstes, das verstehen wir. (Wirst die Zeitung weg.) Gemeiner Mensch! Für das Unschuldige hat Fräulein Alma zu viel Temperament? — Was heißt diese perfide Anspielung? — Alma schwebt wie ein Engel, sie ist eine schwebende Unschuld — eine schwebende Schuld gehört in's Finanzdepartement. — Alma wird sich ärgern. 3ch will gleich zu ihr. (Sieht nach der Uhr.) Bald zehn — das ist ihre Visitenstunde, wo ich sie täglich sehe. Ich schmeichle mir, ihr angenehm zu sein, und heilte, nach den Aufmerksamkeiten von gestern, heute muß sie mir ein warmes Wort des Dankes schenken, vielleicht einen Kuß? — Wenn nur nicht immer der fatale russische Graf da wäre! Er ist mir in die Seele zuwider. Sollte Alma ihn bevorzugen? — Unmöglich — ich thue so viel für sie — ich mache Reclamen, leite die Elaque, sende ihr Bouquets, widme ihr Sonette und er —. Bracelettes! Freilich ein Sonett, und sei es noch so nett, ist nicht so hübsch als ein Bracelet. O nein, ich thu' ihr Unrecht, Alma muß mich lieben. Gottlob, Eginhard hat noch nirgends Fiasco gemacht. Eginhard ist mit seinen glühenden Versen und seinen feurigen Augen noch überall durckgedrungen. Er wird auch hier nicht den Kürzeren ziehen. Also fort zu ihr. Die zehnte Stunde hat geschlagen. (Zu der kintrctenden Betti.) Was wollen Sie? Zweite Scene. Vorige. Betti. Betti. Aufräumen! Eginh. Warum heute so spät? — Betti. Na, Sie haben heute so lange geschlafen. Bei Herrn Hellgut bin ich schon lange fertig. Sie sind ja wieder schrecklich spät nach Hause gekommen. (Fängt an aufzuräumen.) Eginh. Na, was haben Sie denn zu controliren, zu horchen? (Zieht den Morgen- rock aus und den Frack an.) Betti. Sie haben ja ganz laut gesungen, dann sind Sie im Vorzimmer über die Stiefel gestolpert — 3 Eginh. Ja, wozu stellen Sie mir denn die dummen Stiefel in den Weg. Betti. In den Weg? Die Stiefel waren ja ganz im Winkel, Sie müssen ganz sick-sack gegangen sein. Eginh. Sick-sack?—Warum nicht gar. (Kür sich.) Kann sein, ich hatte Alma zu lehren etwas Champagner getrunken. Betti. Gehen Sie aus — wie gewöhnlich? Eginh. Controliren Sie das auch schon? — Betti. Man wird doch fragen dürfen? Eginh. Ist nicht nöthig. Sie sind sehr neugierig. Ich werde Sie bei meiner braven Zimmerfrau verklagen. Betti (lacht). O, da richten Sie nichts aus, die ist noch neugieriger als ich. (Oeffnet das Fenster.) Eginh. Zugelassen. Betti. Ich will auskehren. Eginh. So lange ich im Zimmer bin. (Hastig.) Nichts für mich gekommen? Betti. Ach ja! da hätt' ich wirklich bald vergessen. (Zieht einen Brief aus der Tasche.) Ein Brief vor einer Stunde schon! Eginh. So?— Plaudertasche! Vielleicht schon hineingeguckt, wie? — Betti. Nein, aber dazugerochcn habe ich. Der Brief duftet gar so gut. Eginh. So! das ist ja herrlich. Ueber- all muß Sie ihre Nase dabei haben. (Oeffnet den Brief.) Betti (holt einen Besen von der Thür). Aus den Zimmerherrn habe ich eine Passion! Das ist ein Heimlicher — und ich kann das nicht ausstehen. Na, zum Glück zieht er bald aus. Was er für Gesichter macht. Da muß was Besonderes in dem Briefe stehen. Eginh. (der während des Lesens sein Entzücken mimisch ausgedrückt hat). Himmlisch! Ein Rendezvous! Geheimniß! Tiefe Verschwiegenheit! Göttliche Alma! Betti (kehrend). Kann ich ansangen? Eginh. Aufhören! keinen Staub machen. (Für sich.) Um eilf Uhr kommt sie — nur noch drei Viertelstunden. (Rust.) Betti! Betti. Herr von Eginhard! Eginh. Betti, hier ist Geld, fünf Gulden —holen Sie mir schnell beim Blumenhändler unten ein hübsches Handbouquet. Betti. Wird das auch wieder (mit rnt- sprechender Pantomime) geworfen? Eginh. Unglückselige, woher wissen Sie — B etti (verschmitzt). Na, vom Hausmeister, der hat ja gestern im Theater — Eginh. (hält ihr den Mund zu). So ein Hausmeister besitzt doch gar keine Discre- tion. Also! — schnell ein Bouquet und nicht theuer. Betti. Was hübsch ist, ist theuer. Aber einen Veiglstock kriegen Sie um zwanzig Kreuzer. Eginh. Ich will aber ein Handbouquet. Betti. Na einen Veiglstock kann man ja auch in die Hand nehmen. Es kommt nichts heraus bei die Bouquets, werden's schon sehen. Eginh. Keine kecken Reflexionen — schnell — schnell — (Schiebt fie hinaus.) Dritte Scene. Eginhard (allein, nimmt den Brief). Laß Dich noch einmal lesen, FreudenS- botschaft. Der Brief athmet das reizendste Parfüm und das reizendste Gemüth. (Liest.) »Lieber Herr Eginhard!« Das Herr hätte wcgbleiben können. »Herzlichen Dank für Ihre gestrige zarte Huldigung. Wie verdiene ich diese an Fanatismus streifende Anhänglichkeit? — Und ich Undankbare! muß Ihnen dafür heute das Haus verbieten. Ein wichtiges Geheimniß zwingt mich, Sie zu bitten: Kommen Sie heute nicht! Forschen Sie nicht nach dem Warum. — Sie würden durch Mißtrauen meine Freundschaft—«da wollte sie schon ein wärmeres Wort gebrauchen, ich kenne das, »für « immer verscherzen. Harren Sie gelassen bis eilfNhr, nnd dann — kommen Sie wieder nicht, aber ick komme zu Ihnen. Sie sollen dann eine Aufklärung erhalten, die Sie nicht erwarten. Ick sage nickt mehr — harren Sie — hoffen Sie — Alma.«— Ja, holde Sylphide, ick harre, weil Du es wünschest, und hoffe, weil Du es erlaubst. Eginhard, wagst Du es Dir dein kühnes i Hoffen selbst zn gestehen? — Du hast sie besungen— daraus rcimr sich errungen—! Wäre diese Zuversickt ungereimt?— Sollte nicht das zauberische Wort »Liebe« die Parole dieser Lckäferstnnde sein? — Ja— Ja — spricht mein Herz. (Stellt sich vor dm Spiegel 1 Ick habe einmal das Glück, daß ick Glück bei den Damen mache. Etwas Witz — etwas Gefühl, etwas Unverschämtheit, das macht sich so. Es steckt etwas Eäsarisches in mir! Bis eilf Uhr nock. — Wie langsam die Minten verstreichen. i Vierte Scene. Voriger. Betti („ist Bouquet). Betti. Da ist das Bonquet! Gnstios, nicht wahr? Eginh. Nicht übel — Nun — was bekomm' ich zurück? Betti. Nichts, kostet g'rad fünf Gulden. Eginh. Wirklich? (Legt es ans den Tisch.) Betti. Na, ich Hab' Ihnen ja gleich gesagt, bei einem Bouquet kommt nichts heraus. - Eginh. Ah so! Betti (nimmt den Besen)H Kann ick jetzt zum Auskehren anfangen? Eginh. Nein! Betti. Wann denn? Eginh. Später. Betti. Später Hab' ich andere Geschäfte; man kommt ja ganz aus der Ordnung. Eginh. Was geht mich Ihre Geschäftsordnung an. Marsch mit den Besen — man mache sich ans dem Staube. Ich bleibe für jetzt zu Hause und wünscke ungestört zu sein, verstauben? Betti. Was aber Sie für Unordnung macken — s ist schrecklich! (Wendet sich zum gehen, lehnt den Besen ans Fenster.) Eginh. Na, wie ist's mit dem Besen? Betti. Ich laß ihn gleich stehen für später. Eginh. Warum nickt gar, hinaus mir dem Besen. Betti. Ach, gchen's, was gcnirt er denn? Eginh. Nickt widersprechen, fortmacken! Betti. (nimmt den Besen, für sich). Wenn ick den ärgern kann, das ist meine größte Freud'. (Ab.) Fünfte Scene. Eginh. L' ist ein wahres Glück, daß ich nicht lange hier bleibe —die Person macht mir täglich Verdruß in allen Variationen. Nun wollen wir uns rüsten, die Königin der Schönheit gebührend zu empfangen. Das Bouquet hier in die Vase— hier diesen gestickten Polster auf's Sopha da liegt gar noch mein Tschibuck und das heißt diese Betti aufräumen. Das photographische Album hierher — darin figurirt Alma in fünfundvierzig verschiedenen Bal let-Stellnngen. So! Nun will ich den äußern Menschen in mir ein bischen zureckt- stutzen. Weg' mit dem steifen Etiqnettefrack. (zieht ihn ans). Die Blousc ist gut, die kleidet malerisch (geht zum Spiegel) sehr gut. Soll ich den Hals bloßtragen? — Nein — das wäre doch zn leger. — Nun ein Mätzchen -2- das rothe türkische da — nein, das ist schon alt! Das schottische! Hm! Das ist denn doch zu sehr ä ln eampaxne. Nichts da, baarhaupt, das üppige, wallende Haar ist des Mannes schönste Zierde. Halt, die Haare sind aber zu sorgfältig gescheitelt. Es muß mehr Aufregung in die Frisur kom men. Die Ungeduld, die Erwartung muß darin ausgedrückt sein — (fährt sich durch die 2 .Haare). So! OvIMlw !I t'rMt! (^chrt sich vor dem Spiegel, sich selbst beschauend, um.) Rückwärts fertig — also vorwärts. Programm der Begrüßung. Sie klopft —Wie sag' ick herein? — Das »Herein« heroisch laut und stürmisch, oder lyrisch gehaucht leise, wie aus pochendem Herzen. — »Herein.« Das letztere gefällt mir besser — bleiben wir bei dem hingehauckteu »Herein«. Dann aber eile ich der Thür zu — harre bis sie sich öffnet — ich strecke ihr die Hand entgegen — sie schlägt den Schleier turück, ick' beuge das Knie - - (schickt sich an cs .zu thun, es wird geklopft. Eginhard stutzt). Ah! das kann noch nicht sie — Mer wer denn zum Henker! (Verdrießlich laut.) Herein! Sechste Scene. Voriger. Hausmeister. Hansm. Guten Morgen Hab' ich die Ehre zu wünschen. Eginh. Ab der Herr Hausmeister, was bringen Sie mir? Hansm. Nichts, ick möchte was holen. Eginh. Was denn? Hansm. Geld! Eginh. Wofür denn? Hansm. Na für gestern für die Bene- nce-G'schicht im Theater. Fünfzehn Gulden haben Sie mir gegeben. Es macht aber siebzehn Gulden fünfzig Kreuzer. Da krieg' ich also noch zwei Gulden fünfzig Kreuzer. Eginh. 3a, daß ist viel. Hansm. Das sag' ich selber. 3a so ein Spaß kost' Geld. Aber ich Hab' auch den Kranz ordentlich hinausg'fcuert, wie aus einem Rohr ist er g'slogen, g'rad der Fräul'n Alma auf die Brust. Eginh. Ja, das war ungeschickt genug. Hausm. Ah i bitr', da muß ich bitten. Wo soll man's denn hinwerfen? Das Bouquet, was der Hausknecht, der Mathias, gehabt hak, das war rein verschleudert, sie hat's gar nicht gemerkt, sie iS darauf herumgetreten. I E g i u h. Daraufgetreren! Himmlische Svlpbide, verzeih' ibm, er weiß nicht, was er spricht. Hansm. Ah! ick bin', ick hab's ja g'seh'n. Sie hat g'rad so ein' Sprung g'mackt und da wirft der Mathias — Eginh. Schon gut, schon gut! Also rechnen wir schnell ab mit einander. Noch zwei Gulden fünfzig Kreuzer — aber sagen Sie mir nur, woher? Hausm. Na, da haben Sie!s ausgeschrieben. Ein Kranz mit Band zehn Gulden — ein Bouauet vier Gulden-drei Manu zum Applaudircn, wie wir accordirt haben — eiu Hervorruf nach dem ersten Acte—ein Hervorruf nach dem zweiten Acte — zwei Hervorrufe mit Kran; und Bou- auet nack dem letzten Acte — einmal Applaus bei offener Scene -- das ist Alles geschehen — also drei Mann. Für mich zwei Gulden, für den Hausknecht vom Kaufmann einen Gulden — für den dritten — das war der Lehrbub' vom Friseur, fünfzig Kreuzer. Der thut's billig— Da haben Sie siebzehn Gulden fünfzig Kreuzer. Aber pascht haben wir damisch. Sie, meine Händ' geben aus. Eginh. (nimmt Geld). Meine Hand gibt auch viel aus. Siebzehn Gulden fünfzig Kreuzer. Da ist der Rest. Hausm. Zch dank schön, schaffeu's bald wieder, 'pfehl mich. Eginh. Aber ein ander Mal bitt' ich mir aus, daß Sie nicht gleich Alles ausplau- scken. Was braucht denn die Betti zu wissen— Hausm. 3a, ich bitt', ich Hab' mich nur verschnappt. 'S ist eigentlich meine Alte d'ran schuld, Wissens, das war so — Eginh, Schon recht — 3ch brauch' es nicht zu wissen. Schweigen Sie nur künftig — Hausm. 3a, wie ich schon sag', ich hätt' eh g'schwiegen, aber da kommt g'rad die Betti und sieht's mein Weib; sckau, sagt sie — warum war denn die Betti gestern nit mit, sagt sie — Wo? — sagt die Betti. —Na, imTheater, sagt mein Weib. Warum? 8 sagt die Betti.Bist still, sag ich—Za warum denn? sagt sie. Eginh. (heftig). Still', sag ich. Ich glaub's Ihnen schon. Herr meines Lebens! — Behüt' Sic Gott— bleiben Sie gesund. Hausm. (abgehend). Ebenfalls! (Kehrt um.) Sie, Herr von Eginhard, bleibt's wirk, lich dabei, daß Sie ausziehen? Eginh. Ja, ja, ich muß. Adieu! Hausm. 'S schab. Mir ist leid. Ich verlier' Ihnen nicht gern. Meiner Seel', Sie dürfcn's glauben. Aber wenn Sie auch nicht mehr da logiren, gehen's mir nickt weiter, wann wieder was (Pantomime des Applaudi. rens) zu tbun ist. Sein's so gut. Eginh. Ja auf jeden Fall, biederer Thorwart, Sie können sich darauf verlassen. HauSm. Na also, küß die Hand, Herr von Eginhard. Siebente Scene. Eginhard, dann Hellgut. Eginh. Ein fürchterlicher Mensch, dieser gemächliche Hausmeister mit seiner Zweiguldensympathie. Der hat mich ganz aus der Stimmung gebracht. Halb eilf Uhr. Noch ein halbes Stündchen, dreißig Minuten. Was thu' ich denn, bis sie kommt?— Etwas arbeiten! Unmöglich! Meine Ruh' ist hin, mein Herz ist schwer, da geht das Dichten nimmermehr. Eine Cigarre möchte ich wohl gern, aber doch nein, Alma ist von mir nur poetischen Weihrauch gewöhnt, und heute sollte ich sie mit prosaischem Tabakrauch empfangen? Nein, Eginhard, nein, wo eine Alma eintritt, ist selbst eine Regalia zu ordinär. Hellgut (von rechts mit einem Notenblatte. raucht aus einer langen Pfeife), Eginhard! Haft Du eine Minute Zeit? Eginh. Nein, lieber Freund,unmöglich, Du kommst ungelegen. Hell gut. Äh! das thut nichts, Du thust ja nichts. Eginh. O ich — dichte! Hellgut. Was dichtest Du denn? Eginh. Ein Lustspiel, eine Liebesscene. Hellgut. Na, einen Augenblick mußt Du mir schenken. Eginh. Unmöglich. Wirst Du die Pfeife wegthun! Hellgut. Wie so? Eginh. Weil der Geruch — der Ge- stank nicht zum Anshalten ist. Hellgut. Aber ich rauche ja immer,und heute — Eginh. Heut' ist's mir just zuwider. Hellgut. Wunderlich! Aber meinetwegen. (Legt die Pfeife aus den Tisch.) Ah, das ist ein hübsches Bouquet! Eginh. Willst Du gleich die Pfeife da wegnchmen, das ginge mir noch ab. Hinaus damit! Apage, Satanas! Hellgut (bei Seite). Was so ein Dichter für Launen hat. Na, ich muß ihm schon nachgeben. (Trägt die Pfeife aus sein Zimmer.) Eginh. Puh! das ganze Zimmer riecht nach Tabak. (Nimmt einen Flaron und spritzt umher.) Was das für eine Sorte sein muß. Hellgut (kommt zurück). Also — höre mich. — Siehst Du, wir haben sckon gestern davon gesprochen. Die Stelle in meinem Lied gefällt Dir nicht, weißt Du, bei dem Ucbergang m k'-äur, (fingt) la la la — ich hab's anders gemacht. Eginh. So — recht schön — aber ich bin jetzt nicht im Stande — Hellgut. Ich halte viel auf dein Ur- thcil. Sichst Du — ick denke mir, daß nun so — weißt Du — bei dem Wort »Ungetreue!« da wäre nun der Gang auf diese Art: a, f, f, e. Eginh. a, k, k, e,... Affe, ja, das iß charakteristisch. Hell gut. Na, ohne Scherz, sage mir deine offene Meinung — Eginh. (ungeduldig). O! ganz einverstanden — Hellgul. Nein, ich seh' Dir's an, Du denkst Dir etwas Anderes. 7 Eginh. (ärgerlich). Ja, da hast Du Recht. Hellgut. Also höre mal. Wie wäre es denn vielleicht la, la, la. Wie?— Nicht?— Sag' es aufrichtig, ich ändere die Stelle. Eginh. Auf der Stelle? Hellgut. Ja! Eginh (Wt ibn). Guter Hellgut, wie er meinen Rath in Ebren hält. Gehe auf dein Zimmer, berathe Dich noch einmal mit deiner Muse und ändere die Passage. Mache sie nur reckt halsbrecherisck, reckt schwierig, so wie am Michaelerplatze, oder am Stock in Eisen — Hellgut. Weißt Du, es ginge vielleicht noch anders in la, la, la, aber ich habe das Bedenken, erinnert an— Eginh. An die Seidlitzpulver. Hellgut. Mit Dir ist heute kein vernünftiges Wort zu reden, ich meine, es ist eine Reminiscenz an Schubert, ich wollte sagen an Schumann (singt) la, la, la — glaubst Du nicht? — Eginh. Im Gegentheil, das erinnert mich an: »Ist denn gar kein Weg, ist denn gar kein Steg,« ich muß mich erst besinnen. Also gehe nur auf Dein Zimmer, daß' mich jetzt allein, bitte, ja. (Da Hellgut reden will, wüthend mit dem Fuße stampfend.) Allein will ick sein. Hell gut (zieht sich kopfschüttelnd und erschrocken zurück). Das ist aber doch merkwürdig. (Ab.) Achte Scene. Eginhard, dann Bctti und ein Fremder. Eginh. Aus der Haut möchte man fahren, muß mich der auch noch mit seinen musikalischen Gewissensbissen martern. Mir scheint der Tabakgeruch ist noch nicht völlig vertrieben. Nun, es fehlen noch zwanzig Minuten auf eilf, bis dahin — (Es läutet.) Gilt das mir? — Da soll doch das Donnerwetter! (Stürzt nach der Thür, Fremder tritt mit Betti ein ) Betti. Erlauben, Herr von Eginhard — der Herr will das Zimmer anschauen! Fremder (grüßend). Bitte sich nicht stören zu lassen. (Sieht sich das Zimmer an.) Eginh. O nein, natürlich. (Zornig zu Petti.) Hab' ich Ihnen nicht gesagt, ick wünscke ungestört zu sein? — Betti. Aber, der Herr sagt ja, Sie sollen sich nicht stören lassen, er schaut sich ja nur znu, er macht ja gar keinen Lärm. Eginh. Na, soll er auch noch auf dem Tisch trommeln? Es ist merkwürdig. Ich glaube, Sie thun mir das zu Fleiß. Betti. Aber, mein Gott, wenn Sie das Zimmer aufsagcn, muß ein Anderer ein- ziehen, der Zettel hängt unten, und wenn ein Herr kommt, der sagt: er will das Zimmer anseh'n, so muß ich ihn doch hereinführen. Fremder. Das Zimmer wäre nicht übel. Wie viel ist monatlich Zins dafür? Bctti. Zweiundzwanzig Gulden, Euer Gnaden. Ganz möblirt, ganz separater Eingang. Fremd. Wohin geht denn die Aussicht? Betti. In den Hof, es ist aber sehr freundlich, sogar ein bischen was Grünes, zwei Akazien, stehen unten, bitte — (Orffnet das Fenster.) Eginh. (zu Betti). So, damit er gar nickt fortkommt! Betti. Das ist ja meine Schuldigkeit, was wollen Sie denn?— Die zwei Bäume muß er sehen. Fremder. Hm, der Hof ist nicht unangenehm. Eginh. Aber schauerlich lärmen. Diese Werkel, das geht den ganzen Tag. Wenn eines aufhört, sangt das andere wieder an. »Orpheus«, »Alleweil fidel«, »Carnevals- botschaster«, »Tell-Ouverture«, »Tannhäu- ser«, »Fortunio«, »Graseltänze«, »Lucia« und »Zigeunerin«, ein schändlicher Chaos! Betti. O, das ist überall. Eginh. So arg wie hier geht es nirgends zu. Das kommt daher, weil diese kleine Person Enthusiastin für die Werkel ist. St Fremder (lächelnd). So? — Betti. O, Herr Eginhard, ich glaube, das ist nichts Unrechtes. Eine unschuldige Passton. Eginhard. Jeder solche Wütherich, der mit seinem Ungethüm in den Hof rasselt, wird mit zwei Kreuzern belohnt. Das lockt natürlich, und so tritt ein Werkclmann dem andern ans die Fersen. Wenn dann unten ein Walzer oder eine Polka losgeht, so tanzen die Furien im Vorzimmer, die da und die Köchin. O, ich habe hier marter- volle Stunden erlebt. Betti (für sich). Furien? — Na wart', die Furien werd' ick mir merken. Egitth. (zum Fremden). Wenn Ihnen Ihre Ohren lieb sind, so nehmen Sic das Zimmer nicht. Fremder. Mich werden diese Werkel nicht belästigen. Ich bin den ganzen Tag nicht zu Hause. Eginh. So?— Ja dann —7 — Betti. Es nutzt ihm nichts. Hell gut (kommt heraus). Eginhard, jetzt bin ich mit mir einig. Es wird so la, la, ^(Sieht den Fremden.) Ah, 's ist Jemand da, ich komme später. Eginh. Ist nicht nothwendig! — Fremder. Das Zimmer gefiele mir sehr wohl, es kommt nur darauf an, ob mein Freund, der mit mir zusammenwohncn soll, derselben Ansicht ist. Ick hole ihn und komme mit ihm in zehn Minuten wieder. Eginh. Das kann nicht sein! Fremder. Wie so? — Eginh. Ich lasseNiemanden ein. Nachmittag können Sie kommen, wenn's gefällig ist. — Betti (zu Eginhard). Ich bitte, das ist nicht so. — Wenn Sie einmal ausziehen wollen, müssen Sie sich's gefallen lassen. Eginh. Ich lasse mir aber nichts gefallen, — ich ziebe nicht aus — Betti. Ah! Fremder. Merkwürdiger Umschwung! Eginh. Ja, ich behalte das Zimmer. Betti. Aber die Werkel und die tanzenden Furien. Eginh. Ruhig, es bleibt dabei, ich bleibe! Fremder. Dann komme ich also nicht wieder. Gehorsamer Diener! (Ab.) Eginb. Empfehle mich Ihnen, (zuBetti» den Zettel weg vom Hausthor, augenblicklich! Jetzt wird keine Seele mebr hereingeführt. Ich bin für Niemand zu Hause, für Niemand außer — Betti. Außer — Eginh. Das brauchen Sie nicht zu wissen — Betti (spöttisch). Aha! Küß'die Hand, Herr von Eginhard. (Ab.) Neunte Scene. Eginhard, dann Hellgut. Eginh. Das geht ja heute wie in einem Taubenschlag, Thür auf, Thür zu. Jetzt aber soll mir noch Einer kommen — Hellgut (von rechts). Ah! jetzt bist Du allein. Also — hör' mal — ich bin neugierig, was Du sagst — Eginh. Ich wollte, Du wärst, wo der Pfeffer wächst — Hellgut. Laß das. Du bist so curios heute, was hast Du denn? — Eginh. Laß das Fragen, sei so gut, und — Hellgut. Die Stelle wird nun so heißen: la, la, la. Es klingt nicht übel? — Wie? — Nun wird zwar hie und da Einer sagen — es erinnert an Mendelssohn — weißt Du — wenn Menschen vom einandergehcn. Eginh. Ja, voneinandergehen! Hellgut. So sagen Sie auf Wieder? sehen — auf Wiedersehen! Eginh. Meinetwegen auf Wiedersehen. Nachmittag. Hellgut. Findest Du in meinen Gedanken etwas Mendelssvhn'sches? Aufrichtig. s Eginh. Kein Gedanke! Hell gut. Nicht wahr — dort heißt'S la, la, bei mir aber löst es sich so aus — Eginh. Geh' zum Teufel! Hcllgut. Mit Dir ist's nicht richtig, Eginhard, so Hab' ich Dich noch nicht gesehen. Eginh. Na, so siebst Du heute was Besonderes. Hell gut. Deine Hand zittert, dein Kopf glüht — Freund, gestehe — Du hast ein Geheimniß. Ha, ich wittere etwas. Dieses Bouquet. Dein Absckeu vor dem Tabakrauch. (Halblaut.) Ein Rendezvous, eine Dame. Eginh. Und wenn Du es erratheu hattest — würdest Du begreifen, daß ich jetzt nicht über Mendelssohn Mit Dir schwätzen kann. Also Gott befohlen! , " Hellgut. Unglückliches Menschenkind, willst Du Dick in ein Labirinth von Gefahren stürzen? — Vernimm den nüchternen Rath eines Freundes. (Tn Eginhard ärgerlich auf und ab geht.) Höre des treuen Ekart's Warnung! — Was kann daraus für ein Unheil entstehen? Eifersucht, Zorn, Herausforderung. Eginh. Jetzt ist's mir zu arg, sei so gut und verschone mich mit deinen moralischen Vorlesungen. Hell gut. Du wirst es bereuen. Eginh. Meine Sache. Jetzt bitt ich mir aber ernstlich Ruhe aus. Du brauchst mir keinen Rath zu geben, und auch keinen mehr bei mir zu holen. Plündere Du den ganzen Mendelssohn, Schumann, Wagner, Do- nizetti und Offenbach, nur verschone mich. Hellgut. Was plündern! Jstmein Lied vielleicht — Eginh. Ein Plagiat von der ersten bis zur letzten Note, ein Ragout aus Anderer Schmaus zusammengestohlen, geraubt, geplündert. Jetzt hast Du meine Meinung! Hellgut (tief beleidigt). Adieu! Das ist zu viel— Plagiat—Ragout! Abscheulick! (Ab rechts.) Zehnte Scene. Eginhard, dann Schräpf. Eginb. Dieser Giftpfeil hat getroffen! Es bleibt mir kein anderes Mittel. Jetzt wird er mich ungeschoren lassen. Zum tteberflnffe schließe ich ihn ein. (Schließt zu) Er hat noch seinen Separatausgang, braucht nicht hier durckzulaufen. Nock zehn Minuten, die entscheidende Stunde naht. — Holde Alma — liebliche Rose, Tu ahnst nicht, was für Dornen ich bei Seite schaffen Mttß. (Wendet sich, erblickt Tchräpf, der sich unter Bücklingen hereingeschlichen hat.) Wer sind Sie, was wollen Sie? — Wie kommen Sie herein? Tckrapf. Bitte, entschuldigen schon ich wollte eben anläuten — da wurde die Außenthür geöffnet, ein Herr stürzte heraus, hätte mich bald niedergerannt. Eginh. (für sich). Ah! Hettgut wahrscheinlich. Schröpf. Im Vorzimmer aber sah ich Niemand — so war ich so frei — Eginh. Ich muß sehr bitten, mich jetzt zu verschonen, ich — bin sehr beschäftigt. Sehräpf. Ich bin gleich fertig. Herr von Eginhard, belieben mich wohl nicht zu kennen? Eginh. Nein, habe nicht die Ehre. Schräpf. Mein Name ist Schröpf. Eginh. Freut mich! Schräpf. Ich wollte so frei sein — ein Gesuch vorzutragen — Eginh. So reden Sie doch! Schräpf. Haben schon von dem Verein gehört: »die Ungenirten.« Eginh. Kein Wort. Schräpf. Bedauere, ist ein sehr schöner Verein. Ich habe die Ehre Comitsvorstand zu sein, darf ich mir erlauben die Statuten zu überreichen? Wir versammeln uns jeden Mittwoch im Salon »zum goldenen Gimpel.« Die Ungenirten zählen bereits hundert und zwarrzig Mitglieder. 10 Eginh. Da erscheinen die Herren wohl ganz ungenirt, vielleicht in Hemdärmeln. Schröpf. O nein, entschuldigen, im Gegentheil. Wir find sehr streng. Vor eilf Uhr wird nickt geraucht, natürlich aus Rücksicht für die Herren Sänger, die uns beehren. O wir haben schöne Abende. Eginh. Aber ich begreife nicht. Schröpf. Bitte — entschuldigen — belieben mir nur Ihr geneigtes Obr zu leihen. Uebermorgen, Mittwoch ist Damenabend. Sehr schöne Damen werden kommen. Eginh. Das ist mir ja ganz egal. Schräpf. Und da wollte ick nur sub- missest bitten, Herr von Eginhard, entschuldigen schon, uns als Gast zu besuchen und mit einigen Vorträgen zu erfreuen. Eginh. Weiter nichts? Was Ihnen einfällt! Ich lese in keinem derartigen Kränzchen. Schröpf. Aber — ausnahmsweise. Eginh. Lassen Sie mich zufrieden. Schräpf. Sie werden mich doch nicht blamiren? Eginh. Ja! Schräpf. Herr von Eginhard, unsere Damen werden Ihnen ewig dankbar sein. Meine Tochter kennt Einiges von Ihren dichterischen Schöpfungen und schwärmt für sie, wahrhaftig, ich sollt's nicht sagen, aber es ist so, entschuldigen schon und dann die anderen Damen, vor denen ich neulick etwas von Ihren ersten Sachen declamirt habe, wünschten schnlickst den Dichter selbst ru hören. Sie lesen so auszeichnet. Also im Namen aller Damen — Eginh. Nein, sag' ich, nein, ich thue es nicht!- Schräpf. Herr Eginhard, nur dieses eine Mal. Eginh. Das ist aber nicht dagewescn. Soll ich Ihnen entschieden die Thür weisen? Schräpf. Sie können lesen, was Sic wollen. Lang, kurz, ernst, heiter, hochtra- gisch, schwärmerisch, phantastisch oder humoristisch — applaudirt wird Alles. Das Vier ist ausgezeichnet. Wahrhaftig. Sie belieben ja Bier zu trinken? — Herr Eginhard, entschuldigen schon. Ja? — na sehen Sie. Schenken Sie uns das Vergnügen! Eginh (schlägt in den Tisch). Wenn ich aber nicht will! Sckräpf. Herr von Eginhard, göttlicher, geistreicher, unübertrefflicher, bei uns noch nicht dagewescner Dichter, sprechen Sie Ja! Wir werden uns die Ehre geben, Sie zum Ehrenmitglied zu ernennen. Eginh. Himmel, nur noch fünf Minuten ans eilf. Ick muß Ja sagen, damit er gebt. Schräpf. Sie überlegen. Lassen Sic sich erweichen — kommen Sie! Eginb. Nun denn in's Guckucks Namen. — Ja! Schröpf. Hurrah! Vivat! Slava! Hhen! (Drückt ihm die Hand.) Entschuldigen schon, Herr Eginhard! Tausend Dank. Also übermorgen. Damen belieben Sie nach Belieben mitzubringen. Herr von Eginhard! empfehle mich bestens. Werden's nickt bereuen. Wird Ihnen gefallen bei uns. Nochmals tausend Dank. (Ab.) Eginh. (finkt in's Sopha). Ah, Himmel! hast Du keinen Blitz für solche Geschöpfe! Schräpf (steckt den Kopf zur Thür herein). Entschuldigen schon, wenn's regnet, schicken wir Ihnen einen Eomfortable. Bitte,/nicht vergessen! Mittwoch Abends. Unterthani- ger Diener. Nichts für ungut. (Ab.) Eilfte Scene. Eginhard (der bei den letzten Watten kaum seinen Zorn bemristern kann, springt aus, läutet), dann Betti, später Regisseur. Betti (tritt ein). Befehlen! Eginh. Betti, wenn Sie mich jemals geliebt haben, (für sich) ich dachte an Alma. (Laut.) Betti, thun Sie mir den Gefallen, bleiben Sie jetzt im Vorzimmer, lassen Sie Niemand — oder nein, (bei Seite) ich will sie fortschaffen. (Laut ) Liebe Betti, macken Sie einen Gang für michnach— Simmering 11 Betti. Ah! waS glauben Sie denn— ich -in ja kein Dienstmann — Eginh. Aber wenn ich Sie recht schön bitte, doppelte Dienstmannstare. Betti. Ich kann jetzt nicht fort — Eginh. Sie wollen nicht, ans Neugierde — weil — Betti. Nun weil?— Eginh. Bleiben Sie. Ich errathc Ihre Tratschereien. Aber lassen Sie Niemand vor. Laufen Sie nicht bei den Nachbarn herum, bleiben Sie im Vorzimmer und — (Es läutet.) Ha! eilf Uhr! Sic ist's. Keine Fliege darf in's Zimmer, auck Sie nicht, Spürnase, verstehen Sie. (Eilt hinaus.) Betti. Spürnase hat er gesagt! Ja, ick habe eine Nase. Der glaubt, ick ahne nichts. Wir Stubenmädchen ahnen Alles, und was man uns nicht sagt, wissen wir erst reckt — kurios neugierig bin ich aber doch, wer — und was da herauskommt. Zwölfte Scene. Regisseur mit Eginhard («ntretend). Reg iss. Charmant, daß ich Sie zu Hause treffe, da wollen wir die Sache eon amoro durcksprecken. Eginh. 6on amore! Ick bedauere, Herr Regisseur, in diesem Augenblick — oou amore — denke ich an etwas ganz Anderes. Betti (für sich). Den hat er nicht erwartet. (Ab.) Regiss. Ihr Lustspiel ist bei uns angenommen, ich hab's durchgesetzt. Eginh. O ich— ich bin Ihnen sehr dankbar. (Bei Seite.) Diese Nachricht, sonst hätte sie mich überglücklich geinacht—mein erstes Stück — aber jetzt — der Regisseur darf nicht hier sein, wenn Alma, er am allerwenigsten, was fang' ich an, was fang' ich an—'? Regiss. Ich habe das Stückchen bei mir. Es ist, wie ick Ihnen schon sagte, ganz nett, und ich bin für die Aufführung — gegen die Ansicht des Dtreetvrs. aber ohne aber geht's nun schon nicht — Sie müssen ein paar kleine Aenderungen machen. Eginh. Aenderungen? Re giss, (sktzt fich aufs Sopha). Na, kommen Sie, ich hoffe, Sie werden mir Reckt geben. (Zieht Egiuhard auf's Sopha.) Da ist z. B. eine Situation, die mir nicht gefällt. Eginh. Mir auch nicht! Regiss. Aber sehen Sie doch her, das wird sich leicht machen lassen. Diese eine Figur ist ganz überflüssig. — Eginb. Ja wohl, ganz überflüssig. Regiss. Sie haben sich das ganz hübsch gedacht, aber Dergleichen macht sich in der Aufführung ganz anders. Der junge Mann, > der Liebhaber ist auf der Scene, seine Geliebte soll eintreten — es ist Gefahr der Entdeckung und Sie lassen ihn so rubig mit einem Freunde dasitzen. Dieser Freund — der muß fort um jeden Preis, machen Sie das, wie Sie wollen, aber fort muß er. Eginh. (in heftiger Erregung). So ist's! (Für sich.) Alma! Ick opfere Dir mein Stück, es wird nie gegeben, aber fort muß er. (Laut.) Ja, Herr Regisseur, fort muß er, das ganze Stück muß fort, weg mit dem Schund. (Wirft das Manuskript in den Winkel.) Reg iss. (steht auf). Aber, HcrrEginhard, ich sage ja, das Lustspiel ist gut, nur die Scene muß anders werden. Eginh. Nichts wird anders. Das Stück bleibt wie cs ist.— O ich kenne das schon! — Aendern?— Ich bin kein Schneider. Basta! vixi! Regiss. Wenn es so ist, dann kann von der Aufführung auch keine Rede sein. Es ist merkwürdig, wie empfindlich diese Dichter sind. Also bleibt das Ihr Ultimatum? Eginh. Ultimatissimum! Bitte nichts darüber zu reden. Reg iss. (achselzuckend). Adieu denn! Bedauere, daß Sic so hartnäckig sind. (Ab.) 12 Dreizehnte Scene. Eginhard, dann Betti. Eginh. Gottlob! er ist draußen. (Hcbt das Manuskript auf.) Vergkblickc Mühe! Umsonst geschrieben. Alma, um welchen Preis! Las thnt kein russischer Graf. Eilf Uhr vorüber! (ys läutet.) Ha — Jetzt — gleich wird sle klopfen. (Probirt wie in dkr fünften Lerne.) Herein! Las Her... ein bleibt mir in der Kehle stecken, (ps klopft.) Herein! Betti. Verzeihen, Herr von Eginhard. Eginh. (verblüfft). Wa .. warum klopfen Sic denn? Betti. Weil Sie mir verboten,,haben cinzutrcten. Ich muß aber, da— eilt dringender Brief. Eginh. (öffnet den Brief). Ha! von ihr! (Liest.) »Guter Herr Eginhard! Dank für Ihren pünktlichen Gehorsam, ich habe die Zeit, zu der Sie mich gütigst in Ruhe gelassen haben, benützt, um das längst gereifte Project einer plötzlichen Reise nach Rußland anszuführen, da sich ein passender großmüthiger Begleiter gefunden hat. Meinem Temperament sind die Recensionen und das Klima hier nicht günstig. Alma.« (Schwankt dem Sopha zu.) Schändlich! Eine Schlange! Betti. Aha! Sie! O, meine Ahnung! Eginh. Und Ihretwillen siebzen Gulden fünfzig Kreuzxr ansgegeben, einen Freund be- leidigt und ein Stück unmöglich gemacht. Trutsche Sprichwörter, ihr sprecht wabr: Hoffen und Harren Hält Manchen zum Narren. ' (Der Vorhang fällt.) „ Ende. Bon M. A. Grandjean sind im Berlage der Walltshauffer'schen Buchhandlung (JosefKlemm) in Wien, Stadt, hoher Markt Nr. 1, erschienen:" Rothe Haare. Lustspiel in einem Art ' und Das Pamphlet. Lustspiel in einem Act. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Heimlich. Lustspiel in einem Act. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Die geheime Million. Lustspiel in drei Acten. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. AmClavier. Lustspiel in einem Act. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Ein Hut. Lustspiel in einem Act. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Das hohe C. Lustspiel in einem Act. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Drei Viertel auf Eilf. Schwank in einem Act. 6 Sgr. od. 30 Nkr. Er kann nicht lesen. Posse in einem Act. 7'/ Sgr. od. 35 Nkr. Einen Namen will er sich machen. Posse in einem Act. 7 Sgr. od. 35 Nkr. Ha der SLallishausser'schen Buchhandlung (Josef Älemm) in Z^ien, Stadt, hoher Markt Nr. 1, find erschienen: ... ,.t ' < aus Stücken von: Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Elmar, Flamm, Gottsleben, Grois, Grün, Grüudorf, Haffuer, Juin, Kaiser, Langer, Megerlc, Ncstroy u. A. Drei Hefte. Gr. 8- geh. Preis 1'fl. 50 Nkr. oder 1 Thlr. Jedes einzelne Heft 50 Nkr. oder 10 Sgr. ' Inhalt des ersten HefteS: Berg D. F. 1. Da möcht i halt das G'wissen sein. 2. Requifiten-Couplet. 3- Figuren-Couplet. 4. Nachher wird es schon wern. 5- Glöckchen-Couplet. 6. Biblisches Couplet. 7- Falsche Benennungen. 8- Dann ist sie da die bessere Zeit. 9- 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün. 10. Volkslieder. 11. Aber geb'n thut's es nit. — Berla, Alois. 12- Jetzt da war's halt Noth, daß wer antauchen l thät. 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. 14. Zu was dann die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lachcouplct. 16. Aus einer Lhronika. 17. Früchte, die verboten sind 18- Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20. Mythologie-Couplet — Berla u. Bittner. 21. Ohne Umschnriherei. 22 Die papierene Zeit. 23. Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Bittner Anton.' 24. Thier-Couplet 25. Das ist noch Geheimniß. 26- Wer hätt' es geahnt. 27. Cllromguv Leauäulsusö. — Bittner u. Morländer. 28. Aehnlichkeiten zwischen Menschen und Thirren. — 'Blank, 'Alois. 29. Und so wird hinterrücks g'redt. — Böhm, Joses. 30. Na da sieht man's doch, daß's an der Eintheilung fehlt. 31- Wenn man die Wirkung sieht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32. NLaschinen-Louplct. 33. Wo man was sucht, dort find't man es nicht. — Elmar, Carl. 34 O Spiel der Natur 35- Lied des Teufels. 36. Man glaubt nicht was in einem Menschen oft steckt. 37- So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite .aus. 38. O, ungeheure Ironie- 39- Da möcht ich halt wissen, was nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes. Elmar, Larl. 40-Was lieget da dran. 4j. Ja so gebt-, wenn man heut zu Tag Geister citirt. — Feldmann u. Flamm. 42- Mit Kleinem sänAt NW> !an, mit Großem hört man aus. 43- So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Lhrod. 44. Keine Rose ohne Dornen. 45- Gesundheit und ein recht langes Leben. 46. Jedes Häferl hat sein Deckerl. 47. Repertoire-Couplet — Flamm u. lvimmer 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät. 49. So behilft sich halt Jeder, so gut als er kann. — Gottsleben, F. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 51. Verschiedene Ursachen. — Grois,-Kruis. 52. Na, das kennen wir schon! 53. Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54- Wir bedanken uns sehr. — Grünn, Johann. 55. Was ein Narr ist. 56. Ein Chineser. — Gründors. 57. 's ist just net nöthi, aber nothwrndi war's. —- Haffner, Carl. 58. Da sind's mäuserlstill. 59. Es steckt was dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60- Wann der mein Kapperl hätt'. 61. Ja, ich kann's nit ändern, es is halt a so. — Juin. 62- Aber a solche gibj's leider in dieser Welt nicht. 63- Wozu Mancher eigentlich geboren. 64. Fiakertied. 65- Zu was von den Götten» eine Auskunft begehren. — Juin u. Flrrx. 66. Da wird einem heiß, kalt — warm! 67-Ungeheuer genannt! — Kaiser, Friedrich. 68. Ich bitt meine Empfehlung, es wäre schon gut. Inhalt des dritten Heftes. Kaiser, Friedrich. 69. Es muß ja nicht gleich sein. 70. Da braucht man beim helllichten Lag a Latern. 71- Jetzt das g'hürt auf ein andere- Blatt- 72. Dir find halt g'scheidt. 73. Das ist so nobel und so billig dabei. — ^Langer, Anton. 74. Was ist der Unterschied. 75. Aber da mag Keiner net. 76- Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 77- Es schaut nur gemeiner aus. 78 Zu früh und zu spät. 79. Man kann fich's wohl denken, aber sagen darf man's nicht. 80- Wann mich der fragen thät. — Megerle, Lher. 81. Marsch mit dem in d'Butteu. 82- Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. — Nrstroy. 83- Und 's ist Alle- «et wahr. 84 Kometen Lied aus »Lumpaci*. 85. tAus was sich Mancher hinan-wachsm kann. . 86. Das»wär ganz etwas Neu'ö. 87. Und man kommt aus kein Grund. 88- Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 89- Ja, hat -um die Sprach' da kein anderes Wort. Varry, A. 80. Ob der wohl die Wahrheit wird sagen Bon Friedrich Kaiser sind erschienen: Männerschön heit. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit Titelkupfer. 8- geh. k, 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Hoffe mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Eine Posse als Medicin. Originalposse mit Gesang in 3 Acten. Mt allegorischem Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Fürst. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischen Bilde. 8. geh. 15 Sgr oder 75 Nkr. Mönch und Soldat. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Litelbilde. 8. geh. . 15 Sgr- oder 75 Nkr. Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Rastelbinder, oder: 10 000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Junker und Knecht. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit i Litelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Acten. ' 8- geh. 15 Sgr-r oder 75 Nkr. Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde 8- geh. 1 15 Sgr. oder 75 Nkr. Dienstbotenwirthschaft, oder: Chatouille und Uhr. Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Doctond und Friseur, oder: Die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 Acten. Zweite Auflage. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr. Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr. Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr- oder 50 Nkr. Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Ein neuer Monte-Christo. Original-Characterbild in 3 Acten. Die Frau Wirt hin. Characterbild mit Gesang in 3 Acten.'' Etwas Kleines. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Zwei Testamente. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Unrecht Gut- Characterbild mit Gesang in 3 Acten und 1 Vorspiele. Des Krämers Töchterlein. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr- oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr- 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Eine Feindin und ein Freund. Posse mit Gesang in 3 Acten Ein Lump. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Verrechnet. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Palais und Irrenhaus. Original-Characterbild mit Gesang m 2 Acten. Jagdabentheuer- Posse mit Gesang in 2 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr- oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Vott Z o h. a nn Restroy sind bei uns erschienen: Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder: Das Geheimm'ß des grauen Hauses. Posse mit Gesang in 5 Aufzügen, 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Einen Zux will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. Zweite Auf. ^ ' läge, geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Der Zerrissene. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Talisman. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Unverhosst. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 alleg. Bild. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Unbedeutende. Posse in 3 Acten. Mit 1 illum. Bild. 12. geh. 20 Sgr. oder 1 fl. Der böse Geist Lnmpacivagabundus, oder: Das liederliche Kleeblatt. Zauberposse mit Gesang in 3 Aufzügen. Dritte Auflage. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Das Mädl aus der Dorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. 15 Sgr. oder 75 Nkr- Die verhängnißvolle Faschingsnacht. Posse mit Gesang in 3 Aufzügen. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Eulenspiegel, oder Schabernack über Schabernack. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. Zweite Auflage. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Freiheit in Krähwinkel. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 3 illum. alleg. Bild ' 12 geh. . 24 Sgr. oder 1 fl. 20 Nkr. Ferner find daselbst erschienen: Sämmtliche Theater , von ^ Castelli, Gleich, Grillparzer, Hopp, Hensler, Kaiser, Weidmann) Feldmann, Weißenthurn, Deinhardstein, Holbein, Kotzebue, Jffland, Werner, Hafner, Vogel, Körner, Ziegler, Jünger, Collin, Perinet, Huber, Banmann, Birch-Pfeiffer, Schröder, Clauren, Herzenskron, Treischke, Sonn- ' leithner, Chrimfeld, Meist, Koch, Schilddach, Seyfried, Bäuerle rc. Die Wallishauffer'schen Buchhandlung in Wien, hoher Markt, hält das möglichst vollständigste Lager aller im Buchhandel erschienenen ältesten und neueren Theaterstücke, besorgt das nickt Vorräthige schnell und gibt Verzeichnisse gratis aus. -»or«- Druck und Papi« »«» Lropold L»m«« i» Wir», ^en Bühnen gegenüber als Manuscrlpt gedruckt. Naturmensch »»-> Lebemann. -- 40 !-- Charakterbild mit Gesang in drei Acten -i' l von Friedrich Kaiser. , Musik vom Kapellmeister Carl Binder. —- - . Personen: Baron Morberg. Herr von Liebenthal, . Herr von Schmucker, > seine Freunde. Herr von Hauch, ! . .. Erwin Baron von Stillwald. IacobMutz, Haushofmeister in Erwin s Palais. Gerichtsrath von Mallbert. Amalie, dessen Frau. Doctor Billner, Advocat. Fleurette, i Detti, t Tänzerinnen. Jenni, ^ Tippelberger, Bauer. Morberg's Freunde, Tänzerinnen, Häger, - k Walpurga, sein Weib. Max, Jägerbursche, ihr Sohn. Louise, ihr Pflegekind. Friedel, ein Bauernbursche. Greichen, ein armes Bauernmädchen. - Lu ft mann, ein Naturforscher. Ein Kellner. Zwei Commis. Ein Portier Ein Büchsenspanner Ein Koch sammt Gehilfen Brautjungfern, Musiker, Landleule, Diener. - - " », , ^ - ll in Erwin s Palais. t Erster Äct. (Bi»Ukrmvirthschaft in Hol-va. Zur Seite rechts da- Wohngebäude, vor demselben Obstbäume, unter welchen ein Tisch und Stühle stehen. Dem Hause gegenüber ein Eisengitter, welches einen Garten vom Hose scheidet. Hohe Bäume strecken ihre Aeste über das Gitter herüber. Mehr dem Hintergründe zu laust, quer über die Bühne ein niederer Zaun, hlttttr demselben ist die Straße und hinter dieser die einzelnstehenden Häuser des Dorfes, welches sich an den Fuß eines waldigen Gebirges lehnt.) Erste Scene. Tippelberger. Walburga. Tippelb. (sitzt art idem Tische vor dem Hause, hat vor sich einen Weinkrug stehen, dem er häufig zuspricht, und raucht dazu aus einem kurzen Pfeifchen). W a lp. (tritt eben aus dem Hause und stemmt, ihren Mann betrachtend, beide Hände in die Seiten). Na, da haben wir's! — Da sitzt cr wieder und thut nir! Tippelb. Was hat denn das Weib?— Sieht, daß i rauchen thu', daß i trinken thu', und nachher sagt's: i thu' nir! Walp. Aber 's Heu von der Bcrg- wicsen sott eing'führt werden, 's ist schon trocken. Tippelb. Kümmer' Dich nicht um s Heu — dem schadt's nir, wann's noch mehr trocken wird — wann aber i noch mehr trocken werd', so verdnrscht' i! (Trinkt ) Walp. 'S ist a Kreuz mit dem Mann! An nir denkt er als an s Trinken. Lippelb. Weib! Du hast nicht nur unsere, sondern auch fremde Kinder trinken lassen —also sei so gut, laß'Dein'n eigenen Mann auch trinken! Walp. Za, freili Hab' i mi dazu hergeben müssen, für fremde Leute Kinder ein' Ammel abz'geben, damit nur unsere Wirth- schast nicht zu Grund geht^ Tippelb. Ja, 's ist wahr, Du hast als Ammel viel Geld verdient — vergiß aber nicht, daß ich Dir zur der Nahrungsquelle verholfen Hab'! — Wann nicht dazumal vor achtzehn Jahren g'rad unser Bub' auf die Welt gekommen war', so wär'st Du nicht in der Lag' gewesen, das kleine Kind von der Baronin Stillwald auch in die Kost zu nehmen. Walp. Dafür haben wir alle Jahr sechshundert Gulden g'kriegt — das hat uns aufg'holfen — Tippelb. Und dem Kind auch! Das junge Baronerl ist ja so krank und schwach g'wesen, daß sie's schon halb todter zu uns herausg'bracht haben, und da bei uns ist's kerng'sund und kugelrund worden, daß 's a Freud' is. Und dafür nur sechshundert Gulden — 's ist erst nicht viel: sechshundert Gulden für seine G'sundheit! — Die vornehmen Leute müssen oft viel mehr für ihre Krankheiten zahlen! Walp. Du bist mit nir z'frieden, — aber gelt, recht wär's Dir doch nicht gewesen, wann er — wie er zwei Jahre alt war — von uns weg, und zurück in die Sradt genommen worden wär', wie's die verstorbene Baronin anfangs wollen hat? Tippelb. Sie Habens ja a paarmal probirt— aber allemal, wie er z'Haus g'kommen ist in's Palais von sein'n Vater, ist er gleich wieder ganz todtschlachtig und blaß worden, und 's hat nir g'nutzt, sie haben ihn wieder 'rausgeben müssen zu uns; er hat sich zu stark nach mir g'sehnt. Walp. (spöttisch). Ja, nach Dir! versteht sich! 3 Tippelb. Und so ist er alleweil bei uns g'blieben, — er war schon fünfzehn Jahr alt, da ist sein Vater auch g'storben — Walp. Das sein jetzt fünf Jahr her — da hat er ganz allein Alles geerbt, ein Vermögen, was alle Jahr zwölftauscnd Gulden Interessen tragt,und das schöne G'schloß in der Stadt — Tippelb. Er ist ihnen aber doch nicht eingezogen, was 's ihm auch zng'redt haben. Walp. Nach dem Testament von sein'm Vater ist er mit achtzehn Jahren majorenn gesprochen worden und kann thnn, was er will. Tippelb. Und er will einmal da hcraust auf m Land bleiben, da, bei uns, — und da kann kein Mensch was dagegen haben! Zweite Scene. Vorige. Jacob Mutz. Jacob (ein alter Mann in rinn» unmodischen, aber sorgfältig geputzten schwarzen Anzuge, kurzen Beinkleidern, weißen Strümpfen und weißer Cra- vatte, kommt eilig vom Hintergründe her, sich mit dem Sacktuchc den Schweiß von der Stirne trocknend). Ah! die Hitz! Und die Bergstraßen herauf kann matt nicht einmal fahren. " Walp. (ihn erblickend). Ah! Da schau — der Herr Jacob! Tippelb. Der Herr Kammerdiener — schamster Diener! Jacob. Servus, servus! Grüß Euch Gott, Uran Walperl! (Kneipt sie in die Wange.) Gut schaut sie aus, famos! Walp. Gott sei Dank, gesund bin ich. Und wie geht's denn Ihnen alleweil? Jacob (den Mund verziehend). Hm—so! — so! — Ich sag' Euch, seit den drei Jahren, als mein alter gnädiger Herr g'storben ist, Hab' ich keine rechte Freud' mehr auf der Welt. Tippelb. Aber warum denn nicht? — Sie haben ja Ihren Dienst noch alleweil behalten. Jacob. Ja, der alte Herr hat sein'm Sohn das Palais mit der ganzen Einrichtung vermacht, und da bin ich auch so als ein altes Möbel mit ins Jnventarium ausgenommen worden. Tippelb. Na, alsdann! Nachher geht Ihnen ja nkr ab? Jacob. Ihr red't, wie Jhr's versteht. — Mir geht jetzt nir ab? — Mir geht das Wichtigste ab : — ein Herr! — Durch vierzig Jahre war ich immer Diener, ich war's gewohnt, mir immer befehlen zu lassen, manchmal ein zufriedenes Lächeln meiner Herrschaft zu sehen, manchmal wieder ein Esel geheißen zu werden. Das hat Alles aufg'hört! Jetzt soll ich allweil befehlen, während mir Niemand was befiehlt—das thut mir nicht gut. Walp. Na, es wird schon noch anders werden. Jacob. Es muß anders werden! Ich muß wieder einen Herrn in's Schloß bringen, sonst geh' ich zu Grund. Der junge Baron, mein legitimer Herr und Gebieter, muß zurück in die Stadt, in das Schloß seiner Ahnen! Tippelb. und Walp. Was? Der Baron Erwin — zurück? — Weg von uns? — O mein Gott! Jacob. Lamentirt's nit — 's nutzt einmal nichts! 'S ist ja eine Schaud' und ein Spott — der junge Herr Baron — er ist achtzehn Jahr alt, und wenn wer fragt: wo ist er? — Antwort: auf'u Land, bei seiner Ammel. — Ich werd' immer feuerroth, wenn ich diese Auskunft geben muß. Walp. Aber er ist ja gern da hcraust, und wir haben ihn Alle so lieb! Lippelb. Wir haben ihn an unserer Brust großgezogen! Jacob. G'scheit sein! Ihr müßt ihm zureden, daß er in die Stadt zieht. — Tippelb. Da müßt' mein Herz ein Narr sein! Jacob. Es soll aber Euer Schaden nicht sein. — Tippelb. Na, na! das thu' ich nicht! Jacob. Aber so hört doch. — 1 * Tippelb. Geben s Ihnen kein' Müh' — 's g'schieht nicht. Ich Hab' bisher immer Mutterstell' an ihm vertreten, ich bringet's nicht über's Herz. Jacob. Obstinates Bauernvolk! Laßt doch mit Euch reden. — Tippelb. Was ist da noch zu reden? Jacob (strenge). Ruhig! — Redt's mir jetzt nicht eher d rein, bis ich ausg'redt Hab'! — Ihr wißt, der Advocat, der Herr Doctor Billner, der der Testaments-Vollstrecker war, ist auch vom jungen Baron als Verwalter seines Vermögens angestellt. Mit dem Hab' ich mich berathen — Tippelb. Mit ein'm Advocaten?! — Da Hab' i eh' schon g'nug! Jacob. Still sein, sag' ich! — Der Doctor Billner sieht ein, daß Ihr für das, was Ihr bisher dem jungen Baron wart, noch einen besonderen Lohn verdient — der soll Euch werden! Walp. O mein! 's ist nicht wegen ein'm Lohn — aber — Jacob. Liebe Madame Walpl, sei Sie so gefällig und halte Sie vor der Hand das Maul! — Also hört: Wenn der junge Baron von Euch wegzieht — Tippelb. Er zieht aber nicht weg! Was nutzt denn das Reden? Walp. Es fällt ihm gar nicht ein! Jacob (verzweiftlnd). Man kommt zu keinem End'! (Heftig.) Kommt her da! (Zieht Beide an den Händen näher zu sich, und legt ihnen seine Hände auf ihre Mäuler ) Weil Ihr's Maul nicht halten wollt, muß ich Euch 's Manl halten! Und jetzt stad, bis ich fertig bin! — Also, wenn er fortzieht — (Sieht Tippelbergcr mißtrauisch an.) Ich Hab' schon g'glaubt, Er will mir wieder d'rein- bellen! — Also, wann er fortzieht, so sollt Ihr gleich ein Gratiale von zweitausend Gulden baar auf die Hand kriegen. Tippelb. (durch die vorgehaltene Hand). Zwei — tau — Jacob (drückt seine Hand noch fester aus Tippckberger's Mund). Und außerdem soll seine Ammel — also (zu Walpurga) Ihr — jährlich eine Pension von dreihundert Gulden fortbeziehen. (Zieht nun seine Hände zurück.) Na, jetzt könnt Ihr reden! Was sagt Ihr jetzt? Tippelb. (freudig ausjauchzend). Zweitausend Gulden auf einmal! — Alle Jahr dreihundert Gulden! —Ja, ja, Sie haben Recht, er muß in die Stadt! Jacob lzu Walpurga). Na, und was sagt Ihr? Walp. (welche traurig vor sich hingesehen hat). Na ja, ich seh' wohl ein, daß das ein schönes Geld ist, und daß wir mehr kriegen, als wir verdient haben; meiner Seel'! wann ich gar nichts mehr von ihm g'zahlt krieget, mir wär's halt doch lieber, wann er da bleibet. Tippelb. Weib! red' nicht so dumm! Möchst es nicht epper (etwa) noch einmal so machen wie mit der Louis — mit der Dirn, von der wir nicht wissen, wem sie zugehört und die wir jetzt umsonst auf'n Hals haben? — Aber das muß auch ein End' nehmen! Walp. (ängstlich). Na, na— die Louis kommt nicht aus'nt Haus — der arme Narr, — keinen Vater, keine Mutter hat sie — so ganz allein und hilflos laß' ich sie nicht in die Welt Hinausstoßen! Jacob. Na also gut: behalt's dieLouis! — Aber jetzt wieder zu unserer Angelegenheit. — Tippelb. Ja, zu die zweitausend Gulden! Jacob. Ihr kriegt heut' Besuch — der Herr Doctor Billner und der Herr Baron Morberg, ein Freund von meinem seligen Herrn, kommen heraus — also richt's was her; die Herren werden hungrig sein. Tippelb. Uje! die Stadtherrcn sein alleweil hungrig, wann sie zu uns auf's Land 'raus kommen und die Advocaten schon gar! — Walpl! in d' Küchel! Stich gleich ein halb's Dutzend Hendln ab, und ich werd' ein'n Wein in Flaschen abziehen. Jacob. Thut's das,—aber sagt mirvor Allem, wo ist mein junger gnädiger Herr? L Tipplb. (auf da-Gitter seitwärts weisend). Na, da drin' in dem kleinen Jagdhaus, was er sich hat bauen lassen, wann er nicht im Garten umgrabt — Jacob. Im Garten umqrabt?—Ja, ist denn mein junger Baron einTeichgraber? — Aber geht's nur und richt's das Diner her. Ich werd' ihm indeß meine Aufwartung machen. Tippelb. Na, so komm', Walpl! Wir dürfen uns heut' von die Stadtherren nicht spotten lassen! (Ab mit Walburga in s Haus.) Jacob (bürstet mit der Hand den Staub von seinem Fracke, staubt die Schuhe ab, richtet sich die Cravatte und den Halskragen, dann zieht er seinen Hut ab und nimmt ihn unter den Arm. Während er sich so zurecht richtet). Ich bin etwas derangirt durck diese Landpartie — nicht einmal einen Toilettenspiegel haben sie in so einer Bauernhütte! (Nachdem er fertig ist, sich selbst wohlgefällig betrachtend.) Ich glaube, ich sehe ceremoniell genug aus, um meinen jungen Herrn schon durch die Feierlichkeit meines Auftretens in eine ernstere Stimmung zu bringen. (Geht gegen das Gitter.) Dritte Scene. Jacob. Erwin. Erwin (erscheint aus einem dichtbelaubten Baume, dessen Aeste über das Gitter herüberragen, streckt den Kops vor und bricht in ein lautes Lachen aus, woraus er sich aber sogleich wieder im Laube verbirgt). Jacob (verdutzt sich umsehend). Was war das? — 's war mir ja grad, als wann's in der Luft lachet. Erwin (wie oben). Hahaha! Jacob (sieht sich nochmals um). Schon wieder? — Und 's ist Niemand da? — Ich Hab' zwar schon oft von lachenden Frühlingslandschaften g'lesen — aber so mit eigenen Ohren Hab' ich noch keine Landschaft lachen hören! — Aber ich darf mich nicht aufhalten lassen — (Will gegen das Gitterthor.) Erwin (oben mit rauher Stimme). Zurück! Jacob (prallt zurück). Was soll das? Bin ich denn in einem Zauberschloß, daß mir unsichtbare Stimmen commandiren wollen? (Sieht sich wieder um) Und 's ist richtig kein Mensch da! (Ebenfalls laut.) Was »zurück?« Ich will zu meinem jungen gnädigen Herrn, also keine Dummheiten! (Will wieder gegen das Gitterthor. In diesem Augenblicke fällt ein dichter Regen von Pflaumen auf Jacob's Haupt herab.) Jacob (springt zurück). Million! Was sein das wieder für Dummheiten? (Sich fortwährend drehend und beugend, während das Bombardement noch immer nach ihm gerichtet ist, dabei immer zorniger.) Himmel tausend! —Meine Nase! — au weh! — aber nicht! — Aufhören! — Mein Chemisett!! — Krcuzba- taillon! was für ein Schlingel untersteht sich! — Ich werf' einen Stein hinauf! (Hebt vom Boden einen Stein aus und will ihn eben gegen den Daum schleudern.) Erwin (gleitet plötzlich, auf dem Aste reitend, so vorwärts, daß er ganz gesehen wird. Er schlenkert muthwillig seine hinabbaumelnden Füße und lacht aus vollem Halse). Hahaha! hahaha! Jacob (ganz verdutzt, indem er die Hand mit dem Steine finken läßt). Mein gnädiger Herr! droben auf'm Zwetschkenbaum! (Sich davor verneigend.) Euer freiherrlichen Gnaden, ich habe die Ehre mein unterthänigstes Com- pliment zu machen. Erwin. Grüß' Gott, alter Jacob! Was sagtest Du da gerade von einem Schlingel? Jacob (äußerst verlegen). Euer Gnaden — ich — Verzeihung — ich Hab' nicht gewußt, daß der Schlingel Euer Gnaden sein — Erwin. Na wart! dafür — (Fängtwie- der an mit Pflaumen nach ihm zu werfen.) Jacob (umherspringend). Etter Gnaden — Pardon — Waffenstillstand! (Zieht ein weißes Sacktuch hervor, und läßt es in der Lust wehen.) Ich will parlamentiren! Erwin. Hahaha! Nun denn: der Waffenstillstand bewilligt! — Also — wa- gibt's? 6 Jacob. ES würde mich sehr beglücken, ! wenn Euer Gnaden etwas herablassend ; sein wollten — (aus den Bodm weisend) damit unsere Conferenz nickt so in der Schwebe ! bleibt, sondern eine solide Basis hat. Erwin. Nun, auch das! (Klettert rasch vom Baume herab.) Jacob (ihn betrachtend, für sich). Da i schant's ihn an! — Haltet man ihn nickt ' eher für ein junges Eichkatzel, als für einen jungen Baron? Erwin (bereits herabgekommen — er trägt eine halbländliche Kleidung, welche sehr in Unordnung ist— tritt zu Jacob, ihn auf die Schulter schlagend). Na Alter, was gibt's? Jacob (ihn betrachtend). Aber, Euer Gnaden — wie Euer Gnaden aussckauen — erlauben Euer Gnaden. (Will ihn etwas zurechtrichten.) Erwin. Laß' nur gut sein! — Nun, was willst Du? Jacob. Vor Allem bitte ick tausendmal um Verzeihung, daß ich mir vorhin einige ungebührliche Aeußerungen habe entschlüpfen lassen — ich habe nicht gewußt, daß Euer Gnaden mich mit diesem Zwetschkcn-Compot tractiren. Erwin. Schon gut! sckon gut! Du weißt ja, daß ich Dir nicht böse sein kann, Du lieber Alter mit deinem ehrlichen dummen Gesicht — ha ha ha! Ich kenne dich ja schon lange. Jacob. Ich kenn' Euer Gnaden noch länger! Ich habe die Ehre gehabt, Euer Gnaden noch ungeborner zu kennen; ick war der Erste, der — wie Euer Gnaden noch kaum das Lickt der Welt erblickt hatten und erst so groß (deutet die Länge aus seinem Arme an) waren — Euer Gnaden auf meinen Armen in das Zimmer des hochseligen Papas getragen hat, mit dem Ausruf: »Das ist unser neugeborner Sohn, unser Stammhalter!« ( Beinahe mit Thränen der Rührung.) O es war ein großer, ein schöner Moment! Wissen sich Euer Gnaden noch daran zu erinnern? Erwin (lacheud). Nein — darauf nicht. Aber sage mir nur, was führt Dich heute zu mir heraus? Was bringst Du mir? Jacob. Ich bin heute nur Vorläufer, der einen Besuch anmeldet. Erwin. Besuch? — Von wem? Jacob. Der Herr Doctor Billner — — und der bringt noch Jemanden mit, einen Freund von Euer Gnaden hochscligem Papa; — den Baron Morberg — Erwin. Den kenne ick nickt. Dock meinethalben; wenn er ein lustiger Patron ist, soll er mir willkommen sein! Jacob. O — er war einmal ein sehr fideles Halls — noch vor 20 Jahren — Erwin. Also ist er jetzt schon alt? Jacob. Na, er ist halt so, was man sagt, etwas überspielt, — aber er meint's sehr gut mit Euer Gnaden, — er wird Ihnen rathen, und dem können Euer Gnaden schon folgen — Erwin. Mir rathen? — Nun, ich will ihn anhören — aber das sage ich Dir: wie Einer anfängt, mirLectionen zu geben, oder mir vorsckreiben zu wollen, so fahre ich ihm tüchtig über's Maul!— Sie sollen mick in Ruhe lassen! Ich bin mein eigener Herr — ich lebe, wie ich will! Jacob. Aber werden Euer Gnaden nicht eine andere Toilette machen? Erwin. Wozu? Jacob. Ich meine nur — wegen der Gäste — Euer Gnaden haben so ein schönes Jagdröckerl — Erwin. Meinen Jagdrock — den? — Nun, wenn cs Dir Freude macht, so komm'! Jacob (seine Hand küssend). Küß' die l Hand, Euer Gnaden! O Gott! ich werd' ' Ihnen so sauber anlegen, daß Sie selber i eine Freud' haben sollen; ich besitze Geschmack — das sehen Euer Gnaden an meinem Anzug — fesch — nur immer - fesch! — Kommen Euer Gnaden — die : Haare werd' ich Ihnen auch richten, und > das Halstuch — (Hüpft, während sie abgehen, immer neben Erwin her, und sängt bereits an dessen Garderobe zu ändern Beide ab.) 7 Vierte Scene. Luft mann (kommt im Anzuge eines Touristen, einen kleinen Reisesack an einem Ledern einen umgehängt tragend und einen Wandcrstock in der Hand, vom Hintergründe her). Lied. Jeder Mensch soll vor All'n ein Naturforscher sein; Doch tragt das am Land heraust weniger ein; Da braucht man nickt z'forschen, man sieht ja so g'nug, D'Natur liegt vor ein'm wie ein aus- g'schlagnes Buch. Denn wo man nur hinschaut, inWald und am Feld, Ist voller Natürlichkeit d'ländlicheWelt— In Städten jedoch ist d'Natur so versteckt. Da braucht's einen Forscher, der sie erst entdeckt. Man ist in Gesellschaft in einem Salon: Nir z'seh'n als deaii monäo und nix z'hör'n als dou ton, Die Mienen sind alle süßlächelnd verzogen, Jede Zungen ist a Waag, wo jed's Wort wird abg'wogen. Da drucken sich Zwei so recht freundschaftlich d'Händ', Wo Einer den Andern mit Lust umbringen könnt' — Wenn da ein Naturforscher machet sein' Tour, Wie der forschen müßt', um da z'find'n a Natur! Man b'sucht eine Dame — man wart't d'längste Zeit, Bis an der Toilette zum Empfang sie bereit — Z'letzt kommt sie — und sie ist auch bildschön gewiß, Weil grad' wie ein Bild das G'sicht schön gemalt is: — Von Elfenbein Zähn' — vom Fortmüller die Haar, Selbst vom Embonpoint ist die Hälfte nicht wahr, — Wenn der ein Naturforscher machet die Cour, Wie der forschen müßr', um da z'find'n a Natur! Jeder Mensch soll eigentlich ein zweiter Oedipus sein, — seine Mutter, die Natur, sollte auch seine Geliebte sein, — und doch gibt es so viele Menschen, die sich von der Natur entfernen! — Und ich frage: wo gibt es eine andere Geliebte, die so schön, so ewig jung, so reich und dabei so weise ist, daß sie offenbar den Doctorhut aller vier Facultäten verdiente? — Denn die Natur ist sür's Erste: Doctor der Philosophie; in ihr repräsentirt sich am besten der oberste Hegel'sche Grundsatz: »Was ist, das ist vernünftig.* — Sie ist zweitens Doctor der Rechte; denn welcher Advocat auf der Welt führt alle seine Prozesse so regelmäßig durch, wie die Natur — macht seine Rechte so geltend und fordert seine Tribute so strenge ein, wie sie? — Die Natur ist aber drittens auch der vorzüglichste Doctor der Me- dicin; denn wenn die berühmtesten Aerzte sich zu einem Concilium an einem Krankenbette vereinigen, so richten sie nichts aus, wenn nicht der Protom edicus und der Weltkreis-Physikus Natur seine Mitwirkung zusichert. — Endlich ist sie auch der beste Doctor der Theologie; denn selbst der verstockteste Atheist, der durch alle Bücher und Lehren nicht von seinen Zweifeln curirt wird, muß, wenn er hinaustritt in das Allerheiligste der Natur, überwältigt von ihrer wortlosen Predigt, an einen Gott glauben! — Trotz aller dieser Vorzüge hat aber die Natur nur zwei Gattungen von wahren Verehrern: — das sind sür's Erste die gelehrten Naturforscher, die Physiker, Chemiker, Botaniker, Geologen, Archäologen, Entomologen, Zoologen, Mineralogen, Astrologen und noch andere Logen, — diese waren aber vor Zeiten viel discreter; denn wenn damals einem seine Geliebte, die Natur, einen Blick in ihr Innerstes hat thun lassen, so hat er diese Gunst als sein Geheimniß bewahrt und es Niemanden ver- rathen; aber jetzt machen es die Naturforscher mit der Natur gerade so wie gewisse Modegecken mit ihrer Geliebten, — so wie diese sich gleich mit jeder erhaltenen Gunst in Kaffee- und Wirthshaus-Gesell- schaftcn prahlen, so halten die Naturforscher auch eigene öffentliche Versammlungen, wo sie sich gegenseitig ganz ungenirt mittheilen, wie weit es ein Jeder bei der Natur gebracht hat — und Mancher prahlt oft mit noch viel mehr, als er wirklich genossen hat. Die Natur sollte in dieser Hinsicht wirklich mehr auf ihren guten Ruf schauen; denn nur durch diese Intimität mit den Naturforschern ist man bei ihr auch auf gewisse Nacht- und Schattenseiten gekommen. — Die zweite Gattung von Natur-Verehrern sind die Künstler, und das sind die galanteren ; denn sie lauschen nur ihreschönen Momente ab — denn die Natur hat, wie jede Dame, ihrel-tzgux jours, das sind Tage oder auch nur Stunden, wo sie gar so unendlich reizend ist — und nur diese Momente faßt der entzückte Künstler auf und rettet sic vor der Vergänglichkeit. — Es ist nur sonderbar, daß die Natur gerade gegen diese ihre treuesten und schwärmerischesten Anbeter, gegen die Künstler, nur mit ihren Reizen und nicht auch mit ihren Reichthümern freigebig ist. Sie ist doch Beherrscherin dreier Reiche; sagt aber der Künstler: »Geliebte Natur! gib aus jedem deiner drei Reiche nur eine Gabe!« — so gibt sie ihm aus dem Thierreiche: Grillen, die sich in seinem Kopf einnisten, — aus dem Pflanzenreiche: Dornen auf seinen Lebensweg — und aus dem Mineralreiche: Peck! — die Künstler machen's aber wie alle schwärmerischen Liebhaber; sie schmachten und schwärmen fort, wenn sie auch nichts davon haben. Aber gerade dieser Leichtsinn im bürgerlichen Leben, verbunden mit Tiefsinn im artistischen Streben, das zusammen macht das aus, was man eine echte Künstler-Natur heißt. Denn so wie es eine große allgemeine Natur gibt, so hat auch wieder jeder einzelne Mensch seine Privat- Natnr für sich allein, die — sonderbar genug! — größtentheils nach Thiergat- tungen benannt wird. So sagt man zum Beispiel von einem recht sanften Maderl: Sie hat eine Tauben-Natur, — von einem allzu duldsamen Ehemanne: Er hat eine Sckafs-Natur, — die mitunter sogar ins Hirschene übergeht, — von einem tüchtigen Soldaten : er hat eine Löwen-Natur u. s w. Am zeitgemäßesten und dauerhaftesten ist aber eine Roß-Natur, verbunden mit einer Esels-Geduld! — Eben diese Erforschung der Privat-Naturen einzelner Individuen ist es, auf welche ich bei meiner Naturforscherei mich mit besonderer Vorliebe verlegt habe; denn dieses mikrokosmische Studium ist bei weitem vortheilhastcr als das makrokosmische. Pantheisten behaupten: Jeder Mensch sei ein homöopathisch zube- reitcter Gott. Etwas Göttliches findet sich bei Jedem, wenn auch bei Manchem nur in der äußersten Veränderung — ich sage aber: Jeder Mensch ist einEalifornien en miniature:— etwas Gold läßt sich ans jedem ausbeuten, wenn man nur den gehörigen geoguostischen Blick hat, und eben die Er- kenntniß seiner Schwächen muß uns die Stelle anzeigen, an welcher er sich am besten anbohren läßt. — Die Menschen nennen freilich einen dieser Wissenschaft Beflissenen ganz verächtlich einen Industrien««! — Wie dumm! Wenn Einer in die Erde grabt, bis er Metall findet, so wird er selbst vom Staate belohnt, —und ist denn der Mensch etwas Anderes als ein wandelndes Stück Erde mit einem Bißl Seel'? — Also gut, ich beute diese wandelnden Erdstücke so gut aus als möglich und bin deshalb nicht minder achtenswerth als irgend ein anderer Montanistiker. Fünfte Scene. .Luftmann. Doctor Billner. Baron Morberg. Billn. (kommt mit Morberg vom Hintergründe her). Wir sind an Ort und Stelle. Mord. (Luftmann erblickend.) Ah — sich da! Herr Luftmann! — Sind Sie schon hier? Luftm. Ja — immer der Erste am Platz, wenn es einen Zweikampf gibt — Billn. Zweikampf?—Was höre ich! — Mord. Erschrecken Sie nicht, es gilt keinen Zweikampf auf tödtliche Waffen — Lnftm. Sondern auf Geist — Genie — Raffinement! — Billn. Ich verstehe Sie nicht. — Mord. Ei, Sie wissen ja dock, daß ich Herrn Luftmann gern in meiner Nabe sehe — er ist ein lustiger und dabei ein durchtriebener Patron. Billn. Ja, ja — etwas sehr lustig; seine Lustigkeit hat ihn um das schöne Vermögen gebracht, welches er von seinem Vater geerbt hatte. Luftm. Ich bin ein Filosof — aste Fi- losofen verachten das Gold — und ick habe deshalb meine Verachtung gegen das Gold nicht besser an den Tag legen können, als indem ich es zum Fenster hinausgcworfen habe. Billn. Sie —Sieverachten das Geld? Wozu macken Sie denn immer Schulden? Luftm. Aus Princip! —Schulden machen heißt von seiner Zukunft leben — die Zukunft ist aber das unsicherste Haus; es ist also sehr vernünftig, seine Eapitalien im Voraus herauszuziehen. Billn. Werden Sie aber diese Schulden jemals bezahlen können? Luftm. Ich pflege mich nie mit Beantwortung von Fragen zu quälen, die mich nicht berühren; cs ist genug, daß diese Frage meinen Gläubigern schlaflose Nächte macht, wozu soll ich mir auch noch den Kopf damit zerbrechen? Morb. Mich kümmern seine Privat- Verhältnisse nicht — mir ist er oft sehr dienlich — Luftm. Bei Ihren (mit Bedeutung) Pri- vat-Verhältnissen! hahaha! Morb. Ja — er war ein vortrefflicher Leporello zur Zeit, als ich noch etwas Don Juan war. Luftm. Nun, mir scheint, Sie haben zwar aus Altersrücksichten diese Würde quittirt, aber mit Beibehaltung des Charakters. Morb. Er wußte alle meine Abenteuer auf die schlaueste Weise einzuleiten — er ist mit einem Worte: ein Genie! deshalb theilt ich ihm auch den Plan mit — Billn. Den Plan in Bezug auf den jungen Baron Stillwald? Luftm. Ja — ich habe mich vor der Hand zum Generalstäbler hergegeben, der hier das Terrain recognoscirt hat. Ich habe absichtlich als botanischer Tourist oft diese Gegend durchstreift, habe im Wald den jungen Baron kennen gelernt, sein Naturell aufgefaßt und deshalb dem Baron Morberg die Versicherung im Voraus gegeben, daß er mit all' den Mitteln, die ihm zu Gebote stehen, nichts ausrichten wird. Morb. Hören Sie (zu Billner). Er sprach mir alle Hoffnung ab. Billn. Ja, schwer wird es auf jeden Fall gehen — er ist etwas starrsinnig! Luftm. Sehr schwer — und kindleicht, — wie man halt die Sache anpackt. Morb. Das ist es ja eben! — Herr Luftmann behauptet anderseits, daß er dieß Ziel, das mir unerreichbar sein soll, spielend erreichen könne; das wie? wollte er mir nicht verrathen, und so gingen wir gleichsam einen Wettkampf unserer Schlauheit ein, und ich habe als Preis des Sieges hundert Ducaten gesetzt, wir wollen sehen, wer sie gewinnt. Luftm. Aber still! — mir scheint, die Remonte, die wir dressiren sotten, kommt! w Sechste Scene. Vorige. Erwin. Jacob. Erwin (in einem netten Jagdanzuge, kommt mit Jacob aus dcm Haust). Ah — da ist ja mein Herr Doctor schon! Guten Morgen! — und da (Luftmann erblickend.) Hahaha! Der lustige Botaniker! — Gott zum Gruß! (Drückt Luftmann die Hand.) Schön, daß Sie sich wieder einmal sehen lassen! Billn. (zu k^rwin tretend). Herr Baron. Sie erlauben — Erwin. Was steht zu Diensten? Was bringen Sie mir? Billn. Etwas eben so Werthvolles als Seltenes,einenwahrenFreund! (AusMorberg weisend.) Herr Baron von Morberg — er war schon ein intimer Freund Ihres seligen Herrn Vaters — Morb. Und würde sich sehr glücklich schätzen, diese Freundschaft auch auf den Sohn übertragen zu dürfen. Erwin. Sie wollen auch mein Freund sein? Schön! das kann sich machen, wenn wir zusammen passen — wenn auch Sie das gerne thun, was ich gern thue. Jacob (für sich). O je! am Ende soll der alte Herr auch baumkrareln! Morb. Gewiß, lieber Baron, bin ich kein griesgrämiger Freund der Jugendlust; ich werde Ihre Freuden nicht nur gerne thei- len, sondern Sie auch Lebensgenüsse kennen lehren, die Ihnen bisher fremd waren. Erwin. Charmant! — Sic werden also Heraußen bei uns bleiben? Morb. Das habe ich eben nicht gesagt — Erwin. Ei, wenn Sie meine Freuden theilen wollen? Morb. Aber ich bitte Sie, lieber Baron, was kann es denn hier auf dem Dorfe für Freuden geben für einen jungen Mann Ihres Standes? Denken Sie doch: Sie sind Baron — Erwin. Hahaha! — Ich weiß nicht, was die Leute ewig mit dem haben, daß ich ein Baron bin? Ich ärgere mich, daß dieß Manchen abhält, sich mir recht zutraulich zu nähern — ja ich schäme mich oft, wenn so ein recht alter Mann aus dem Orte hier, der zehnmal mehr erfahren und erlitten hat, als ich, der zehnmal mehr ge- than hat und weiß als ich, deshalb schon von weitem den Hut von seinen weißen Haaren zieht und seinen Rücken noch tiefer beugt, als dieß die Last der Jahre ohnehin getban bat, bloß deshalb, weil ich Baron heiße. Was kann ick dafür, daß mein Vater Baron war? Luftm. Und der ist auch unschuldig dazu gekommen. Morb. Ei nun — es ist denn doch ein großer Vorzug — Erwin. Ein Vorzug? In wie ferne? — Sehen Sie, als ich noch ganz klein und schwach und todeskrank war, hat mich das gesund gemacht, daß meine Mutter eine Baronin war? Nein, an der Brust eines braven Bauernweibes bin ich genesen und kräftig geworden — Luftm. Ah, thut ihnen gut, den jungen Baronen, die Milch! Erwin. Und als unlängst im Walde ein wüthender Eber auf mich losstürzte, hatte ihn das abgehalten, wenn ich ihm zugerufen hätte: Halt, ich bin ein Baron!? Luftm. Na ja, so ein Eber ist ein Vieh! Erwin. Nein! aber der Sohn meiner Pflege-Eltern, der Jägerbursche Mar cilre herbei, und die Kraft des Bauernsohnes rettete mich. Wo ist also hier der Vorzug? — Wenn mich aber dieser Titel abhalten sollte, ein Mensch unter Menschen zu sein, und mich denen als Freund anzuschließen, die es freundlich mit mir meinen, dann wäre es kein Vorzug, sondern der größte Nachtheil für mich! Morb. (leise zu Billner). Uoll visu! welche Grundsätze hat der junge Mann cin- gesogen! Jacob. Paßt gar nicht mehr für unsere Osreles — mon Dien! mon vieu! u Luftm. (entzückt zu Erwin). Lieber Baron! — nein — Sie nenn' ich gar nicht mehr Baron— also lieber Erwin, Sie haben mir aus der Seele geredet — wir verstehen uns! (Drückt ihm die Hand.) Billner (zu Erwin). Nun, wenn Sie schon auf die Vorrechte Ihrer Geburt keinen Werth legen, so bedenken Sie Ihre übrigen Verhältnisse: — Sie besitzen ein herrliches Palais in der Residenz, sind der Erbe eines ungemeinen Reichthnms — Erwin. Ja, mit diesem Reichthum konnte mein Vater das stolze Palais bauen, konnte dessen Säle mit Marmorsäulen, Sammt-Draperien und goldenen Meubles schmücken; und dennoch wurde mir dort immer so ängstlich, so bange, daß ich zu ersticken wähnte — während ich hier auf dem Bauernhöfe mich so wohl, so glücklich fükle. Was nützt mir mein Reichthum? Ich liebe den blauen Himmel — kann ich ihn mit all meinem Gelde blau und heiter machen, wenn schwarze Wolken ilm umziehen? — Mich entzückt der grüne Wald, — kann ich mit all meinem Gelde ihn grün erhalten, wenn der Herbst ihn entlaubt, der Winter überschneit hat? Mein Vermögen kann mir also nur deshalb lieb sein, weil ich durch dasselbe frei und unabhängig bin, und thun kann, was mir beliebt; — wenn ich aber meines Reichthums wegen etwas unterlassen sollte, was mich freut, oder etwas thun, was mir lästig ist, so wäre das Vermögen mein Herr — nicht ich der Herr meines Vermögens! LuftNl. (leise zu Erwin). Erwin! Sie sind ein naturwüchsiger Filosos! Ganz meine Marime! Mein Vermögen bestimmt mich auch nie zu etwas. Billn. (zu Morberg leise). Er argumen- tirt wahrhaftig auf ciue Weise, daß ihm schwer beizukvmmen ist. Siebente Scene. Vorige. Tippelberger. W a l p u r g a. Tippelb. (kommt mit Walpurga auS dem Hause). Ah, sein schon da! Erwin (Walpurga erblickend und auf sie zueilend). Ah, sieh da! mein liebes Mütterchen! — Ich habe Dich ja heute noch gar nicht gesehen — Guten Morgen! (Küßtsie herzlich.) Jacob (zu Tippelberger). Er küßt Euer Weib, — leidet Ihr denn das so? Tippelb. Warum nicht? Als Kind hat er sich noch viel mehr bei ihr herausgenommen. Walp. (zu Billner). Küß' die Hand. Herr Doctor! Und das — (auf Morberg weisend) ist gewiß der Herr Baron? — Küß' die Hand! — der Herr Jacob hat uns g'sagt, daß wir ein Essen richten sollen, — 's ist schon fertig, wann 's g'fällig ist — Erwin. Ja, ja, mich hungert gewaltig. Jacob (für sich). Es hungert ihn? — Was für gemeine Grundsätze! Erwin. Aber ich denke, wir essen nicht in der Stube — deckt den Tisch hier nur im Freien! Walp. Wie's gefällig ist. — Geh', Mann, hilf mir den Tisch fnri (hervor) tragen — Erwin. Ei, laßt doch, das kann ich auch. (Faßt mit Walpurga den Tisch.) Jacob. Mein gnädiger Herr— er hilft den Tisch vortragen! — Euer Gnaden! (Eilt hin und will ihn ablösen.) Erwin. Laß nur — laß nur! (Nachdem der Tisch in die Mitte der Buhne getragen ist.) So, da steht er fest. Jacob. Aber jetzt erlauben Euer Gnaden, daß ich servire; es ist mein Beruf. (Zu Walpurga.) Wo ist das Service? Tippelb. Die Loisl wird gleich die Teller und Schüsseln herausbringen. (Ruft.) Lonisl, tmnmel Dich! 12 Achte Scene. Vorige. Louise. Louise (erscheint unter der Thnre deS Hauses mit dem Tischzeuge und einem Stoße aufgeschichteter Teller). Erwin seilt sogleich auf sie zu). Ach, Louischen! Du trägst ja viel zu schwer — gib her! (Will ihr die Teller abnehmen.) Jacob. Na, wär' nicht übel! — Euer Gnaden, ich bitte, überlassen Sie das mir. (Drängt sich zwischen Erwin und Louischen und will dieser die Teller abnrhmen, wobei ihm aber in der Eile einige herabsallen und zerbrechen.) Erwin (zu Jacob). Nun, da steh — das Haft Du wieder klug gemacht! hahaha! Jacob (steht mit beschämtem Gesichte). Das macht mich unglücklich! Zum ersten Male soll ich Euer Gnaden serviren, und richte gleich auf der Erde an! Ich könnte mir alle Haare ausraufen! (Er macht, obgleich die übrigen Teller noch in der Hand haltend, damit eine Bewegung gegen den Kopf.) Louise (ihm rasch die Teller abnehmend). Habt doch Acht! Ihr laßt sonst die andern auch noch fallen. Jacob (verzweiflungsvoll). Mir ist heute schon der ganze Tag verdorben. Erwin. Gib Dich zur Ruhe, Alter, und nun laß uns machen! (Er hilft Louisen den Tisch decken, die Teller stellen u. s. w.) Morb. (welcher Louisen fortwährend lor- gncttirt). Teufel, das ist ein allerliebstes Kind. Ist das Eure Tochter? (zu Walpurga). Walp. Nein, — es ist ein angenommenes Kind. Morb. Und wer sind die Eltern? Tippelb. Ja, wenn wir das wüßten, so hätten wir die Dirne nimmer am Hals. Billn. Wie? Ihr wißt nicht, wer ihre Eltern sind? — Von wem habt Ihr sie denn erhalten? Tippelb. Na, es sein jetzt so an sechzehn Jahr, da ist einmal eine Frau herausgefahren gekommen — waun's noch eine Frau war?! — hat ein klein's Kind, das kaum ein paar Wochen alt war, mitgebracht und fragt mein Weib, ob sie's nicht in die Kost nehmen wollt? Mein Weib sagt ja, — die Fremde gibt ihr auch gleich fünfhundert Gulden und sagt, sie würde alle Jahre das Nämliche bezahlen. Wir waren 's zufrieden, — sic laßt uns den Pampeletsch, fahrt fort und hat seit der Zeit nichts mehr sehen und hören lassen von sich, die schlechte Person! Morb. Aber der junge Baron thut ja ganz vertraulich mit dem Mädcken. Walp. Mein Gott — sie sind so mit einander aufgewachsen, sind grad wie Bruder und Schwester — Lu ftIN. (ironisch lächelnd). Bruder und Schwester! Morb. Der junge Baron Stillwald — mit so einem Mädchen — einem Findling! (Zu Billnrr.) Lieber Doctor, das ist bedenklich — es könnte leicht bedauerliche Folgen für das Lebensglück des jungen Mannes haben. Erwin (der indeß mit dem Tisch fertig geworden, zu Louisen). Aber Louischen, was ist das? da sind ja nur vier Bestecke? Louise. Na ja, für die drei Herren und für Dich — Morb. (entrüstet, aber leise). Sie sagt Du zu ihm! (Zu Louisen, verweisend.) Mein Kind, Sic spricht zu dem jungen Herrn Baron in einer unschicklichen Weise — Louise (sicht ihn erstaunt an). Ich? — Wie meinen Sie denn das? Morb. Dieses vertrauliche Du — Louise. Ja, wie soll ich denn sagen? Morb. Nennen Sie ihn Herr Baron. Erwin (lacht). Louise (lacht ebenfalls laut aus). Hahaha! Ich — den Erwin? — (macht scherzend einen Kni; gegen denselben und will unterthänig sagen) Herr Bar — (Unterbricht sich lachend selbst.) Hahaha! Morb. (etwas gereizt). Lachen Sie mir nicht in's Gefickt! — Wenn bisher noch 13 Niemand dieses Benehmen gerügt hat, so bin ich der Erste — diese Vertraulichkeit muß aufhören; sie gränzt beinahe an Frechheit! Louise (plötzlich ernst, beinahe erschreckt, einen Schritt zurücktretend). Frech — ich? — (Will weiter prechen, ist aber keines Wortes mehr mächtig und sängt zu weinen an.) Erwin (eilt rasch auf sie zu und umschlingt sie mit seinem Arme). Louischen, mein liebes, gutes Louischen, weine doch nicht. Louise (sich von ihm losmachend). Laß mich — laß mich — ich kann nicht mehr da bleiben. (Sie eilt, sich die Hände vor die Augen haltend, rasch ins Haus ab.) Erwin (will ihr anfänglich nach, indem er rust). Louischen! Louischen! Morb. (will ihn am Arme zurückhalten). Aber Herr Baron — Erwin (dreht sich mit Wildheit gegen ihn). Was wollen Sie? Wer gab Ihnen ein Recht, das arme Kind so zu kränken, sie zum Weinen zu bringen? Sie nennen Louisens Benehmen frech — ich finde diesen Ausdruck bezeichnender für das Ihre! Billn. (beschwichtigend). Aber lieber Baron! Erwin. Lassen Sie mich jetzt! Sind Sie herausgekommen mich zu quälen — die zu beleidigen, die mir lieb sind? Tippelb. (leise zu Walpurga). Du! gehen wir — die Herrschaften werden raufet. (Zieht sich mit Walpurga ins Haus zurück.) Luftm. (der bisher nur den Vorgang scharf beobachtend, stumm dagestanden, für sich). Jetzt ist meine Zeit gekommen. (Tritt auf Erwins Seite.) Mord. Lieber Ewin! lassen Sie mich nur erst zu Worte komme». Billn. Ja, ja, lassen Sie den Herrn Baron seine Ansicht erörtern, — er hat vollkommen Recht — Jacob. Hclas, das ist auch meine Meinung. Erwin (durch den allseitigen Widerspruch immer wilder, zuerst zu Zacob). Was, Du? Du unterstehst Dich auch hier mitzusprechen? — Und Sie — (zu Billner) Sie sprechen hier Recht? — Stehe ich vor Ihrem Richtcrstuhle? Luftm.Sind nicht einmal Geschworne da! Morb. Hören Sie mich doch! Ich mißbillige Ihre Vertraulichkeit mit dem Mädchen, weil dieses doch offenbar tief unter Ihnen steht. Erwin. Was, unter mir? — Das sagen Sie, der sie doch gar nicht kennt? — Nein, nein, ich sehe schon, wir Beide werden keine Freunde — ich sage es Ihnen rund heraus — Luftm. Ja, ich muß gestehen, daß ich das selbst sehr sonderbar finde, daß man sich in das dareinmcngt, daß das Mädel den Erwin per Du anspricht; — wenn sie ihn überhaupt an spricht, so ist die Titulatur ja Nebensache. Neunte Scene. Vorige. Tippelberger. Tippelb. (kommt wieder aus dem Hause zurück, eine Schüssel mit Braten in der einen und einige Flaschen Wein in der andern Hand tragend). Jacob (ausrusend). Das Diner wird scrvirt! (Eilt hin und nimmt Tippelberger dir Schüssel ab.) Tippelb. (stellt die Weinstaschen aus den Tisch, dann vorwärtskommend). Meine Herren! ich denk', es ist Zeit, daß Sie zum Essen gehen — denn schau'n Sie, mir und mein'mWeib geht's oft grad so wie Ihnen, wir sein oft schon bis auf's Dreinschlagen, aber wie's heißt »zum Essen!« da vertragen wir uns gleich recht gut. Beim Essen weiß ich mein Weib erst zu schätzen, da last ich oft gar nichts auf sie kommen. Luftm. Ja, ja, der Bauer spricht eine große Lebenswahrheit aus. Beim Essen verständigen sich die widersprechendsten Ansichten am leichtesten. Deshalb sind auch bei allen wichtigen Verhandlungen im öffentlichen Leben gewöhnlich mehr Tafel- Sitzungen als Raths-Sitzungen. Also setzen wir uns! Billner und Morberg (gehen zu Tische.)' Lustm. (indeß leise zu Erwin). Herr Baron, mqn meint es nicht gut mit Ihnen aber nur nicht nachgeben! Ich bin aus Ihrer Seite. (Ist während dieser Rede ebenfalls mit Erwin zu Tische gegangen. — Alle setzen sich.) Jacob (servirt fortwährend auf sehr ccre- moniclle Weise). Morb. Also lassen Sie uns nun unsere Angelegenheitfriedlich besprechen. (ZuErwin.) Ich will mich dadurch als Ihren Freund beweisen, daß ich aufrichtig spreche. Erlauben Sie mir das? Erwin. Nun meinethalben, sprechen Sie nach Belieben. Morb. Ihr fortwährender Aufenthalt hier ans dem Dorfe muß — schonend gesagt — eine barocke Idee genannt werden. Erwin. Aha, zielt es wieder da hinaus?— Geben Sie sich keine Mühe! Morb. Hören Sie mich nur weiter. Sie sind nun zwanzig Jahre alt, und für dieses Alter in Ibrer Bildung zu weit zurück. Erwin. Wie meinen Sie das? Morb. Es fehlt Ihnen vor Allem der seine Ton, die Zierlichkeit des Benehmens — Sie machen sich mit den Bauersleuten zu gemein — Erwin. Weil ich sie lieb habe; es sind gute Menschen. Morb. Nun ja, Alles zugegeben — aber um auf einen besonderen Punkt zu kommen — jenes Mädchen — Erwin (aufgeregt). Was haben Sie wieder gegen diese? Morb. Ich hörte, sie sei ein Findling — man weiß nicht einmal, wer ihre Mutter sei — Erwin. Wenn ich die Mutter, welche ihr Kind fremden beuten überlassen konnte, lieben würde, hätten Sie Recht, mich zu tadeln, aber soll ich das Mädchen verachten, weil es verlassen ist? — Morb. Es ist rächt vom Verächter! die Rede — aber — Sie müssen sich zurückziehen. Erfüllen Sie mir nur eine Bitte, ziehen Sie — nur versuchsweise auf einige Monate in die Residenz. Erwin (mit Festigkeit). Nein, nein! ein für alle Male nein! Billn. Herr Baron, ich beschwöre Sie— Jacob. Euer Gnaden! Fußfällig bitte ich Sie — Morb. (indem er so wie auch Billner aussteht, und sich an Erwin drängt). Sie müssen — ich lasse Sie nicht mehr hier. Erwin (aufspringend und sie von sich abweh- rend). Verschont mich — Himmeltausend Element! buftm. (zwischen sie tretend). Nein — jetzt ist's zu viel! Das ist ein Mißbrauch des Petitionsrechtcs! — Was wollen Sie? — Mein junger Freund gefällt sich auf dem Lande — das Land ist ihm gesund, er entwickelt sich in der freien Natur, er ist hier glücklich, und Sie — Sie wollen ihn gewaltsam hineinzichen in die Stadt, in diesen großen Steinhaufen voll Unnatur und Verschrobenheit! In die Stadt, in Uncse großartige wechselseitige Lebcus-Ver- bitterungs-Anstalt? In die Stadt, in diese große Redoutc, wo Alles zwar ohne Larve, aber dennoch als Maske herumgeht — Nein — nein! (mit asfeetirter Rührung) das wäre Lebensglückmitfnßentre- tung — dazu soll cs nicht kommen! (Zu Erwin ihn umarmend.) Bleiben t Deine Flinte. Erwin (aus sie zueilend). Dank Dir, Louischen! (Ihr die Flinte abnehmend und dann mit der Hand ihr die Stirne streichelnd.) Nun, bist Du noch immer traurig? — Sei's nicht mehr! Du sollst heute fröhlich sein, wie ich. Ich ziehe nur zuerst zum Bestschicßen — indcß kleide Du Dich festmäßig an und komme mit der Mutter nach; denn mit Dir will ich den Tan; eröffnen. Heute soll Alles lustig sein — Alles. Heissa, Juhe! (Sein Blick fällt aus Grctchen.) Was sehe ich? Ist das nicht des alten Hufschmieds Gretchen? — Richtig, aber was steht sie denn so traurig da? (Geht rasch aus Gretchen zu.) Grctchen? was ist Dir, Du hast ja nasse Augen? rö Gr eichen (schluchzt). Mar. Mein Gott, das arme Ding! Sic hat ein'n Schatz — den Hüblinger Franz! — der hat's heiraten wollen, und jetzt hat ihn das Los getroffen, er soll Soldat werden. Erwin. Ha — wenn's weiter nichts ist, dem läßt sich abhelfen. (Zu Gretchen.) Weine nicht mehr, Du sollst Deinen Franz wieder haben. Gleichen (aufblickend, noch zweifelnd). Was? — was? wär's möglich? Erwin. Ja, ich kaufe ihn los. (Zu Billner) Herr Doctor, besorgen Sie das! Billner. Aber Herr Baron, das kostet viel Geld. Erwin. Aber mein Geld! Und ich bin Herr meines Vermögens — also basta! (Zu Gleichen.) So — besprich Dich nun mit dem Herrn da. Luftm. Er kauft ihr einen Franz. Greich, (nimmt, faßt vor Freude weinend, Erwins Hand, und drückt sie an ihren Mund) Herr Baron! Zch — ich weiß nicht, was ich anfangen sott — die Freud'! — Ich kann nichts sagen als: Gelt's Gott! Gelt's Gott tausendmal! (Läuft zu Billner und spricht mit demselben.) Die Jägcrb ursche (freudig bewegt untereinander sprechend). Ein lieber Herr! Ein Herz wie ein Engel! (Einige von ihnen gehen auf Erwin zu, fassen seine Hände und drücken sie herzlich.) Vivat! Louise (eilt ebenfalls aus Erwin zu und faßt seine Hand). Erwin, Du bist ein guter Mensch. — Du kannst Niemanden leiden scheu — darum Hab' ich Dich so lieb. E rwiN (sie mit einem Arme umschlingend und ihr zärtlich in die Augen blickend). 3a? ja? Hast Du mich wirklich lieb? Jacob (für sich die Hände ringend). Es ist schauderhaft! Mar. Wir Alle, Alle haben Dich lieb — wir ließen Alle das Leben für Dich! Alle. Ja, mit Freuden! Erwin. 3a, ich weiß es; 3hr hab't mich Alle lieb, und ich bin Euch vom Herzen gut, uud bin nur glücklich unter Euch. Und da wollen mich die Herren dort (aus Morberg und Billner weisend) überreden, Euch zu verlassen, vom Dorfe wegzuziehen. — Louise (bestürzt). Was? Erwin! — Die 3äger und Bauernburscke. Was? — Was? Mar. Sollen sich unterstehen! Ein Bauernbnrsche. Leiden wir denn das? Ein Zweiter. 3agen wir sie fort! Alle. 3a! fort! Packt sie an — (Sie machen Miene, aus Morberg und Billner loszu- geheu.) 3acob (zu Morberg). Euer Gnaden, fliehen wir! Der Landsturm bricht los! Erwin. Ruhig, ruhig Leutchen! laßt sie; sie sollen mir zureden, wie sie wollen, ich lache dazu. Alle (höhnisch gegen Morberg und Billner). Hahaha! Morb. (leise zu Billner). Wir werden hier noch zum Gespötte. (Man hört plötzlich hinter der Kcene einen Pöllerschuß.) 3acob (in die Höhe fahrend). AlleTeufel! Eine Kanonade! Mar. Halloh! Das ist das Signal zum Bestschießeu. Erwin (seine Flinte in die Höhe hebend und sie dann über die Schulter schwingend). Hurrah! Nun geht's los. Leb'wohl, Louischen! Richte Dich indeß zum Feste. Sobald der Vogel hcrabgeschoffen und der Schützenkönig ernannt ist, hole ich Dich ab — und wenn ich mir einen Preis erschossen habe, so bringe ich ihn Dir. (Zu den Jägern.) Nun kommt! kommt! (Schreitet voran, indem er singt:) Hurrah! Hurrah! die Waidmannslust 3m Wald, im grünen Wald, Wie freudig hebt sich uns re Brust, Wenn laut die Büchse knallt! Alle3äger (stimmen in den Chor mit ein und ziehen sammt den Landleuten ab). Louise und Walp. (gehen zusammen in s Haus ab). Tippelb. (hat sich zu Tische gesetzt und winkt). Billn. (zu Morvcrg). Nun, was sagen Sie dazu? Jacob. Ich kaun nichts als die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Mord. Da ist jede Hoffnung verloren; er ist verbauert an Leib und Seele. Jacob. Freut mich, daß Euer Gnaden das einsehen. — Schauen Sie, wenn ich bisher mit ihm nichts ausgerichtet habe, habe ich mir immer gedacht: Ich bin ein alter Esel und versteh' es nicht anzupacken; jetzt aber gereicht es mir zur Beruhigung, daß Euer Gnaden sich in derselben Lage befinden. Morb. Ich gebe ihn auf— ich fahre zurück nach der Stadt — (Will fort.) Luftm. (zu ihm tretend). Hoho, Herr Baron! So fahren Sie mir nicht ab— Sie geben sich verloren? — Morb. Zum Henker, ja! Luftm. Also meine hundert Ducaten! Morb. Die sollen Sie haben. Aber Sie wetteten ja selbst, ihn nach der Stadt zu bringen, und gaben ihm doch in seiner verrückten Idee Recht? Luftm. Sehen Sie, das ist es eben, was Sie nicht verstanden haben. Wenn Jemand eine Lieblingsneigung hat, von der man ihn abbringen will, so ist es der größte Fehler, wenn man ihm direct wider spricht. Die Menschen sind alle wie eine gewisse Gattung von Narren, die man nur dadurch curirt, daß man in ihre Ideen ein- zugehcn scheint — dadurch fassen sie Ver trauen, und Vertrauen zum Arzte ist das erste Drittel zur Hebung der Krankheit. Billu. Aber dieses unglückselige Verhältnis mit der Dirne — Luftm. Gerade das ist ein Glück. (Zualtich) > Morb. Was sagen Sie? (Zugleich.) jdilln. Ein Glück? Luftm. Ja, für meinen Plan ist es ein Glück. Sehen Sie, meine Herren: Ich behandle meine Aufgabe, den Erwin von hier fortzubringen, als Naturforscher. Wenn aber ein Naturforscher sicht, daß etwas an einem Platze wie angenagelt fest rh«u«.»cp«toikt. Sk. u». sitzt, so denkt er gleich: da muß eine anziehende Kraft verborgen sein, und es handelt sich nun darum, diese anziehende Kraft aufzufinden. Ich will Ihnen gleich ein kleines Experiment vorführen. Sehen Sie dort diesen Tippelberger — er sitzt dort am Tische fest, und nichts bewegt ihn weg — es muß also ein Magnet für ihn dort sein. Ich erkenne diesen Magnet — geben Sie Acht, wie ich mittelst eben dieses Magnetes den festen Tippelberger'schen Körper fortbewege — Jacob. Da bin ich neugierig! Luftm. (geht zum Tische, an welchem Tip« pelbcrgcr sitzt, und nimmt dessen Weinglas). Tipp clb. (auffahrend). Na! Lufnn. Erlaubt — nur Einen Trunk! (Thut als ob er tränke und stellt dann das Glas aus die entgegengesetzte Leite.) Jetzt gebenSie Acht! Tippelb, (sieht sich um). Wo stellt er denn meinen Wein hin? Luftm. Sehen Sie, er wird schon unruhig. Tippelb. Dummer Spaß! (Steht auf und geht schwerfällig der Bank zu.) Luftm. (geht in dem Augenblicke, als Tip« pelberger schon beinahe bei der Bank ist, rasch hin und nimmt wieder das Glas). Verzeiht — noch einen Schluck — Tippelb. Ist das ein Saufaus! Luftm. (stellt, nachdem er getrunken hat, das Glas wieder aus den Tisch). Tippelb. Na, was sollen denn die Dummheiten? (Geht nun sehr schnell wieder zu seinem früheren Platze zurück, setzt sich wieder, saßt das Glas mit beiden Händen an und trinkt, sich dabei immer nach Lustmann umsehend.) Na, der soll mir noch einmal kommen! Luftm. (im doktrinären Tone zu Morberg und Billner). Sehen Sie, meine geehrten Zuseher, das ist die Kraft des Magnets: — der Körper, den er einmal anzieht, muß ihm in Folge dieser Anziehungskraft übrrall hin folgen, wo er hin verlegt wird. iS Mord. Ich sehe aber nicht ein, was für einen Bezug dieses Gleichniß auf Erwins Schicksal haben soll? Luftm. Werden es gleich capiren. Was für den Tippelberger der Heurige ist, das ist für den jungen Baron die Louise. Sie ist seine Heurige, sie ist der Magner, der ihn hier auf dem Dorfe zurückhält. Es handelt sich also darum, diesen Magnet von hier wegzubriugen — und der junge Baron wird auch keinen Reiz mehr in dem Dorfe finden. Morb. Bei Gott! Sie können Recht haben. Billu. Ja, das Mädchen von hier weg- zubringen, das ist leicht gesagt; aber es müßte doch ohne Erwins Wissen geschehen. Luftm. Und eben deßwegen muß jetzt gleich, in der Zeit, die er auf der Schießstätte zubringt, der Streich ausgeführt werden. Ich bringe cs zu Stande, und brauche nur einen kleinen Beistand von Ihrer Seite. Billn. Seien Sie von meiner Mitwirkung überzeugt — vorausgesetzt, daß der gesetzliche Boden nicht verlassen wird. Jacob. Ich setze nicht einmal diese Bedingung. Es gilt das Wohl meines gnädigen Herrn, und da werd' ich, wenn's sein muß, noch auf meine alten Tage Jungfernräuber. Luftm. Diese Anstrengung fordere ich nicht von Ihnen. Sie soll freiwillig mit- gchen. (Zu Morbng.) Halten Sie nur Ihren Wagen bereit! Morb. Aber wohin soll sie dieser bringen? Luftm. Vor der Hand in die Stadt — meinetwegen in mein HauS — ich gebe ihr schon Unterstand. Billn. Nein, nein! das geht nicht an. Jacob. Da wäre eine Verletzung des gesetzlichen Bodens sehr zu befürchten. Billn. Meine Frau bewohnt ein Landhaus in der Nähe der Stadt — dorthin bringe ich sic. Jacob. Die Krau Gemalin ist gesetzlicher Boden. Luftm.Meinetwegen anch das! —Aber jetzt rasch angepackt! Lassen Sie mich vor der Hand mit dem Alten da allein, — (auf Tippelberger weisend) bleiben Sie aber in der Nähe. Morb. Ich fange an Ihnen zu glauben. Also viel Glück! — (Ab mit Billner.) Jacob. Auch ich kann nicht umhin, Ihnen hiermit mein Vertrauensvotum zu geben. Zählen Sie auf mich, selbst wenn Sie einen Banditen brauchen sollten. (Ab.) Zwölfte Scene. Tippelbcrger. Luftmann. LuflM. (geht zu Tippelbkrgrr und klopft ihn auf die Schulter). Na, wie schmeckt's, Alter? Tippclb. Na, dank. Muß schon gut sein. Luftm. Ihr erlaubt doch, daß ich mit Euch noch eine Flasche aussteche? Versteht sich gegen Bezahlung. Tippelb. Gegen Bezahlung?— Ah! ist mir eine Ehr'! Luftm. Paperlapap! Ehr'! (Seht sich zu ihm.) Ich gehöre nicht zu den aufgeblasenen Stadtleuten, die einem Bauer eine Ehre zu erweisen glauben, wenn sic sich mit ihm unterhalten — ich habe Rcspect vor dem Nährstand. Tippelb. (indem er trinkt). Ja, ich bin Nährstand — ich und mein Weib auch — Alles Nährstand! Luftm. (mit Tippelberger anstoßend). Also: der Nährstand soll leben, blühen und gedeihen! Tippelb. (stoßt an, dann den Kopf schüttelnd). Will nit mehr recht gedeihen der Nährstand. Luftm. Wie meint Ihr das? Tippelb. Ich meine mein Weib! — Ja, als a junger, da hat's was verdient; alle Augenblick hat sie fremde Kinder in die Kost gekriegt — aber, jetzt — 's thut's nit mehr. 19 Ln still. Aha — so wie den jungen! Baron und die Louise — ^ Tippelb. Ja, mit der Louise da haben, wir ein Fang gemacht — die haben wir rein umsonst aufgefüttert. Luftm. Umsonst ? Glaubt das ja nicht! Tippelb. (aushorchend). Was sagt der Herr? Luftm. (indem er seinen Stuhl näher an den Tippelberger's rückt, in geheimnißvollem Tone zu ihm). Ich sage Euch, die Louise kann Euch noch ein schönes Geld eintragen. Tippelb. (ausgeregt, aufstehend). Was? Schönes Geld? — Million! Luftm. (ihn wieder aus den Sitz zurückziehend). Ruhig — nur ruhig, edler Nährständler! das muß gescheit angepackt werden, und dazu scheint Ihr mir ganz der Mann. Tippelb. Ja — gescheit — dazu bin ich der Mann — aber Geld will ich—Sackerlot! Geld! Mein Weib hat Niemanden umsonst aufzufüttern. Luftm. Pst! pst! Das muß sehr ge- heimnißvoll betrieben werden. Tippelb. Ja, ja, geheimnißvoll! (Leiser.) Alsdann — was glauben Sie denn? Luftm. Eine Mutter hat das Madel ans jeden Fall? — Tippelb. Versteht sich — hab's ja selber geseh'n. Luftm. Wahrscheinlich also auch einen Vater — Tippelb. Das sollt' man wohl denken. Luftm. Dermuthlich sind es vornehme Leute? Tippelb. Freilich! Die Frau hat ja ein seidenes Kleid angehabt, und goldene Ohrringe, und so Dinger da — (auf die Arme weisend, Braceletten andeutend) mit Brillanten! Luftm. Also in glänzenden Verhältnissen — Tippelb. Und lassen doch ihr Kind armen Bauersleuten, ohne weiter dafür zu zahlen?! — Kreuztividomine! (Schlägt aus den Tisch.) Luftm. Seelen-Modcration! — Ich denke also: wenn man diese reiche Mutter, die vielleicht ihre Ursachen haben wird, von dem Kinde nichts wissen zu wollen, auffände — Tippelb. Sacra! die hauet ick! Luftm. Warum nicht gar! — Im Ge- gentheil, mit aller Höflichkeit müßt Ihr dann von ihr begehren, daß sie für jedes Jahr, als die Louise bei Euch war, Euch die fünfhundert Gulden bezahlt. Wie alt ist die Louise? Tippelb. Sechzehn Jahre. Luftm. (nachsprechend). Sechzehn—fünfmal — das sind schon achttausend Gulden — Tippelb. Achttausend Gulden!!! Luftm. Dann kommen erst die Interessen dazu — und nachher müßt sie Euch erst noch zahlen, daß Ihr kein Aufsehen von der Geschichte macht — sie müßte zahlen, daß es eine Schande ist! Tippelb. (wieder in die Hitze gerathend). Ja — ja — zahlen muß sie — Alles zahlen! Da kenn' ich keine Schmutzerei. (Aufste- hend.) Ick werde mit ihr discuriren, ich! Aber ganz höflich: »'s Geld her!« — werd' ich sagen — »setzen! Auf ein'n Wurf!« — werd' ich sagen —- »oder, meiner Seel — Kreuz-Million!« Luftm. Ruhig! Wir habe» ja die Mutter noch nicht. Tippelb. (plötzlich abgeküylt, sich hmter den Ohren kratzend). Ja so — wir baben sie noch nicht! — Was machen Sie mir denn nachher lange Zähn' ? Luftm. Aber ich nehme cS auf mich, sie aufzufiudcn. Tippclb. Sic? — Mann — an mein Herz! (Will ihn umarmen.) Luftm. Da ist es aber vor Allem noth- wendig, daß die Louise mit in die Stadt kommt. Tippelb. Was soll sic in der Stadt drin thun? Luftm. So eine heimliche Mutter ver- rath sich nur durch die Stimme der Natur. -r* 26 Um aber die herauszulocken, muß man ihr das Kind in die Nähe bringen. Also sagt mir nur: laßt Ihr die Louise mit mir? Tippelb. Ob ich sic lasse? — Siemuß! — (Plötzlich nachdenkend.) Aber mein Weib — die wird wieder Umstände machen — wenn die Louise zu weinen anfangt — Luftm. Sie wird nicht weinen, sie soll freiwillig und gern in die Stadt, ehe noch Euer Weib was erfahrt, —; aber geschwind, schaut, daß Ihr mir die Louise herausbringt! Ihr laßt sie da mit mir allein und haltet indessen Euer Weib driu in der Stube auf, daß sie nicht zur Unzeit herauskommt. Tippelb. Gleich — gleich — das will ich schon machen. — Sie, wenn Sie mir die Mutter wirklich heransnudeu — ich sag' Ihnen — ich bin generös — kommen Sic nachher zu mir heraus — da sollen Sie ein Wein'l finden — (schnalzt mit der Zunge) delicat! Da dudeln mir uns nachher mit einander ein'n Haarbeutel an, daß es eine Passion sein soll! (Geht in das Haus ab.) Luftm. (allein). Es geht! — Es geht! — Sie wird entführt, mit Einwilligung des Herrn Pflegevaters! — Aber jetzt muß ich nm noch den Advocaten in s Geheimniß ziehen, damit die Sacke mehr Wahrscheinlichkeit hat. (G ht mehr gegen den Hintergrund und sieht in die Scene.) Ah — dort stehen sie! Der Wagen ist auch bereits angespannt— bravissimo! (Winkt in dir Scme.) Dreizehnte Scene. Billner. Morberg. Jacob. Lnftmann, — dann Louise. Morberg,Billner und Jacob (kommen und bleiben im Hintergründe mit Luftmann stehen, welcher ihnen leise seinen Plan mittheilt). Louise (tritt bereits festlich gekleidet aus dem Hause). Der Vater hat mir gesagt, daß Einer von den Stadtherren mit mir etwas zu sprechen habe — was mag es denn sein? .— Mir wird immer ängstlich vor den Leuten — sie sehen mich immer so sonderbar an. LttftM. (nach dem Hintergrund, leise zu Billner). Da ist sie! Jetzt muß sie überrascht —überstürmt — Überfluter werden. (Stürzt schnell vor und faßt Louisens Hand.) O Mein gnädiges Fräulein! Louise (erschreckt zurückweichend). Mein Gott— was haben Sie denn? Luftm. Gefunden Hab' ich, was ich suchte — mein gnädiges Fräulein! (Küßt ihre Hand.) Louise. Herr! Sind Sie närrisch? oder halten Sie mich für närrisch? Luftm. Noch nicht, obwohl das Glück, welches Ihnen bevorsteht, wirklich der Art ist, daß Sie in Gefahr stehen, darüber den Verstand zu verlieren. Louise (erstaunt). Glück? — mir? was meinen Sic denn? Luftm. (schwärmerisch). O mein Fräulein, sagen Sie mir, hatten Sie noch nie eine Stunde, in welcher Ihr Herz sich darnach sehnte, die kennen zu lernen, welcher Sie Ihr Leben verdanken? Louise (ergriffen). Meine Mutter? Ach ja — die möchte ich wohl kennen. Aber, ach! die ist wohl schon todt? Luftm. (mit Betonung). Wenn sie aber noch lebte? Louise (rasch). Wenn sie lebte? — Herr, lebt meine Mutter? Luftm. Ja, sie lebt — (für sich) das heißt, wenn sie noch nicht gestorben ist. Louise (in höchster Freude). Sie lebt! Gott im Himmel! mein Herz will mir fast zerspringen — meine Mutter! Meine wirkliche Mutter! — Und wo — wo ist sie? Luftm. Ich bin da, um Sie abzuholen. .Sie in die Arme Ihrer Mutter zu bringen. Die Equipage steht Ihnen zu Diensten, die Ihre Mama herausgeschickt hat — dort — (in die Scene weisend) steht sie — Louise. Fort! O nur rasch fort! (Will forteilen, besinnt sich aber.) Doch, darf ich Ihnen glauben? Ich kenne Sie nicht — 2l Luftm. Aber den Herrn Doetor Pillner kennen Sie doch? Louise. O ja — und er? — Luftm. Nun sehen Sie, da ist er — Billner stritt vor). Louise. Ja, ja, mit Ihnen gehe ich — Aber — Mutter Walpurga — ihr muß ich es doch sagen. — und Erwin? — Luftm. Nein, mein Fräulein! Es soll den braven Landleuten hier, es soll dem Herrn Baron Erwin eine freudige Ueberra- schung bereitet werden. Louise. Erwin — eine freudige Überraschung bereiten — wie das? Luftm. Es ist uns kein Geheimniß mehr, er hat uns gestanden, daß er Sie liebt. Louise. Er — mich? — Unddashater Ihnen gesagt? Luftm. Ja — daß er Sie gern zu seiner Frau machen möchte — Louise (immer freudiger). Das hat er gesagt? Luftm. Das Einzige, was ihn bisher abgehalten hat, war eben der Schleier, der über Ihrer Herkunft war: denken Sic sich also seine Freude, wenn Sie ganz unverhofft morgen am Arme Ihrer vornehmen Mama kommen und Ihrem Erwin als Braut die Hand reichen. Louise. Ich — ich — ErwinsBraut? O, ich faß' es kaum! Luftm. Also verderben Sie uns nicht den schönen Plan, rauben Sie Ihrer Mama nicht einen Augenblick des seligsten Entzückens. Louise. Sie haben Recht — ich folge Ihnen. Billn. (bietet ihr seinen Arm)- So, darf ich bitten? Louise. Ja — ja! zu meiner Mutter! (Eilt mit ihm ab.) Luftm. (fleht ihr nach, dann triumphirend zu Morberg). Sie geht — der Magnet ist fort; jetzt ist der Körper, den er bisher hier festgehalten, mobil gemacht — jetzt ist es kindleicht, auch ihn fortzubringen. Morb. Und daß er nicht mehr Lust bekommen soll, in das Dorf zurückzukehren, das ist meine Sache! ich habe bereits alle Vorkehrungen getroffen, ihn in der Residenz in einen Strudel von Zerstreuungen und Vergnügungen zu stürzen. (Man hört hinter der Scene wieder den Hörnerklang.) Luftm. Ha! sie kommen schon von der Schießstatt zurück — Jetzt nur Acht geben — nichts verrathen — wir wissen von gar nichts. Vierzehnte Scene. Vorige. Mar, Erwin, Jägerbnrsche, Landleute — dann Tippelberger und Walpurga. Die Jäger. Hurrah! hurrah! Tippelberger und Walpurga (kam- men aus dem Hause). Was ist s denn? — Was gibt's denn? ^ Erwin (zu den Jägern, welche ihn tragen). Laßt mich nur herab — (Springt von ihren Schultern herab, fröhlich.) Ich habe den besten Schuß gethan, habe den Vogel herabgeschossen; ich bin der Schützenkönig! Das Band da ist mein Preis! —Wo ist Louise? Ihr Hab' ich den Preis versprochen. Mutter Walpl! wo ist Louise? Warum kommt sie nicht heraus? Ruft sie doch! Walp. Louise! Wo ist sie denn? Sie ist erst da herausgegangen. Erwin (fich rings umsehknd, dann zu Jacob). Wo ist sie? Jacob. Hab' nicht das Vergnügen gehabt, sie zu sehen. Erwin. Mein Gott, wo kann sie denn sein? Tippelb. Ich weiß nicht — sie war schon angezogen, um mit auf den Kirchtag zu gehen. Erwin. Wo ist sic denn? Sie kann nicht weit von hier sein — (Rust.) Louise! Louise! Fünfzehnte Scene. Vorige. Friedl. Friedl (kommt vom Hintergründe). Was schreien Sie denn so: Louise? Soll die Sie Zweiter Act. (Saal in Erwins Palais, altmodisch, aber prächtig vielleicht von da ans noch hören? Glaub's eingerichtet — eine Mittel-, zwei Seitenthüreu und nicht! Erwin (saßt ihn rasch an). Hast Tu sie gesehen? Friedl. Na freilich! Ich komme grad vom Mauthhause her — da ist sic mit einem alten Herrn vorbeigefahren. Erwin. Mit einem alten Herrn? Du lügst! Wer sollte es sein? Lnftm. (sich erstaunt stellend). Ah! Wer muß denn das gewesen sein? Walp. (verzweifelt). Mein Gott! meine Louisl! Was ist mit ihr geschehen? Luftm. Zum Teufel — das sieht ja fast einer Entführung gleich. Erwin. Eine Entführung? Louise entführt? Gewaltsam fortgebracht? Mein Gott! mir schwindelt— das Blut kocht in meinen Adern — der Schändliche! — Und (zu Friedl) wohin ftthr der Wagen? Friedl. Na — so gegen die Stadt zu. Erwin. Gegen die Stadt? Ich will ein Fenster.) Erste Scene. Jacob. Luftmann. Jacob (sitzt noch vollkommen angekleidet in einem Fauteuil an einem Marmortische im Vordergründe). Luftm. (tritt durch die Mittelthüre rin). Da soll der Haushofmeister sein — (sieht sich um und erblickt Jacob.) Richtig! Da sitzt er und schlaft — da schlaft also sein Herr gewiß auch uoch — desto besser! Den (aus Jacob weisend) muß ich mir erst ein Bischen durchstudiren; denn wer seine Hände in den Sack einer Herrschaft stecken will, der muß erst den Haushofmeister im Sack haben. (Tritt näher zu Jacob und betrachtet ihn.) Wenn man seine Außenseite nach Lavater analy- sirt, so spricht sich in dieser Physiognomie nach — ich will die Niederträchtigen züch-!sehr deutlich Ueberfluß an Verstandesman- tigen. Ein Pferd! ein Pferd! sgel aus. So wie dieses Gesicht, en taes Walp. (weinend). Um Gottes willen!.betrachtet, so schaut die Dummheit aus, komm' nicht ohne die Louise zurück. jwenn sie in ihrer höchsten Vollendung in Erwin. Nein, ich schwöre es Euch, ich,Krystalle schießt. (Sichseitwärts beugend.) Und verlasse die Stadt nicht eher, als bis ich sie^as Profil — nein — das spricht nicht aufgefunden habe. Jacob! Du folgst mir Pw viel, sondern pro wenig— pro gar sogleich nach! ^ nichts! — Ich will aber jetzt auch einen Jacob. Mit Seligkeit — aber nicht zu Blick in sein Inneres thun, indem ich Pferd Erwin. Und nun fort — fort! (Ab mit Max. —Die Andern folgen ihm tumultuarisch nach.) Jacob (außer sich vor Freude, umarmt Lustmann). Heil Dir im Siegeskranz! Er ist fort! Luftm. (zu Morberg). Das Experiment ist gelungen! Sehen Sie, das ist Physik mit praktischer Anwendung auf das Leben. (Der Vorhang fällt.) seinen Schädel nach Gall's Methode untersuche — (Fängt an Jacobs Schädel mit aus- gebreiteten Fingern zu betasten.) Der Dicbs- sinn fehlt gänzlich — eine äußerst seltene Erscheinung beim Dienstpersonale reicher Herrschaften! Jacob (etwas zu sich kommend, munnelt unverständliche Worte) Luftm. (in seiner Untersuchung fortfahrend). Und die übrigen Organe, das sind nur Gehirn-Verknöcherungen — psychologische Dippel! Jacob (macht noch im Schlecke zurrst rinr Bewegung, als wollte rr eine Fliege von seinem Kopfe abwehren, dabei wie vorhin murmelnd, zuletzt reibt er sich mit beiden Händen die Augen und fährt in die Höhe). Was ist denn das? (Blickt um sich und sieht Luftmann erstaunt an.) Luftm.GutenMorgen, MonsieurJacob. Jacob (noch immer nicht recht bei sich). Schamster Diener. — Dummes Zeug, was mir da geträumt hat. Luftm. Geträumt? — Träume sind oft Boten der Wahrheit. Jacob. Mir hat was g'träumt, als ob ein Vieh ans meinem Kopf herumtappte. Luftm. (für sich). Flegelhafter Traum! Jacob. Aber wie kommen denn Sie da herein? Luftm. Ich habe mich nach dem Befinden Ihres Herrn erkundigen wollen. Jacob. O Gott! Der arme junge Herr ist die halbe Nacht in der Stadt herumgerannt, hat geglaubt, er muß seine Louise finden — hat sie aber nicht gefunden. Um dreiUhrFrüh ist er zu Haus gekommen und hat sich auf's Bett geworfen — da Hab' ich mir gedacht: es ist besser, ich lege mich gar nicht nieder, damit ich's nicht versäume, wenn er in der Frühe mich zum Anziehen braucht, und Hab' nur da im Sessel ein wenig geduselt. Luftm. (ihn auf die Schulter klopfend). Sie sind halt noch so ein Mammuthsknochen aus der antidiluvianischen Zeit, wo es noch treue Dienstleute gegeben hat — von do- mestiquischer Industrie scheinen Sie keinen Begriff zu haben. Jacob. Wie meinen Sie das? Luftm. Na, erlauben Sie, — vierzig Jahre Haushofmeister in einem reichen Herrschaftshaus zu sein, und nicht selber Herrschaft — das ist doch gänzlicher Mangel an Industrie. Jacob. Na, ich habe mir während der vierzig Jahre doch etwas gemacht, was mir ein ruhiges Alter sichert. Luftm. Aha! -- Also doch? Jacob. Ja, ich Hab' mir während der vierzig Jahre ein gutes Gewissen gemacht, und das sichert allein ein ruhiges Alter. Luftm. Gutes Gewissen? (Achselzuckend für sich ) In dem Haus ist doch Alles noch rvccoco! (Im Nebenzimmer wird geklingelt.) Jacob (zusammensahrend). Ha! der Herr Baron hat gelitten! (Mit freudiger Rührung.) Seit fünf Jahren, seit der alte Baron todt ist, habe ich dieses Läuten, das mich zum Morgendienst ruft, nicht gehört — heut' zum ersten Male wieder — o Seligkeit! (Es wird wieder geklingelt.) Luftm. Sie! er läutet noch einmal! Jacob. Macht nichts. Der Klang ist zu viel Melodei für meine Ohren, er soll nur nochmals läuten! — (Nochmaliges heftigeres Klingeln.) Jacob. Gleich — gleich, Euer Gnaden! (Läuft ins Nebenzimmer ab.) Luftm. (allein). Er wird wohl bald herauskommen? — Jetzt nur fest angesetzt. Ein junger Cavalier mit jährlichen 20.000 Gulden Renten, ganz unerfahren in der Welt, das ist doch einmal eine Schlacht, die eine tüchtige Ausbeute verspricht. — Ich höre ihn kommen, jetzt gescheit! (Zieht sich etwas in den Hintergrund zurück.) Zweite Scene. Voriger. Erwin. Jacob. Erwin (noch in demselben Anzuge wir zum Schluffe deS ersten Actes kommt in wilder Aufregung aus dem Seitenzimmer). Jacob (folgt ihm). Aber Euer Gnaden, was ist Ihnen denn schon wieder? Sie find gewiß mit dem linken Fuß zuerst aus dem Bette gestiegen? Erwin. Laß mich! (Sich das Halstuch lösend.) Ach! mir ist so schwül — so wüst! (Eilt an s Fenster und stößt es rasch aus.) Luft! (Wiederzmückwtichend.) Ha! der dicke Oualm, der aus den engen Straßen aufsteigt, soll Morgenluft sein? Jacob. Ja — in der Stadt tragt man's halt nicht anders. (Sich ihm schüchtern nähernd.) Euer Gnaden! das sämmtliche Dienstpersonal des Schlosses harrt auf das Glück, Euer Gnaden vorgestellt zu werden. Darf ich? — Erwin. Nein, nein! ich will keinen Menschen sehen. Luftm. (tritt vor mit Zärtlichkeit). Auch mich nicht, theuerster Baron? Erwin. Ha — Sie! (Eilt auf ihn zu und faßt seine Hände.) Sie sagten mir, daß Sie mein Freund sein wollen. Luftm. (mit Affectation). Gewiß, der innigste, zärtlichste! Erwin. O, ich bin so unglücklich — so unglücklich, daß ich weinen könnte. (Sinkt wirklich weinend an Luftmann's Brust — doch schnell sich ermannend, rafft er sich wieder empor.) Aber mein Schmerz ist nicht so weibisch — er wird zur Wuth, zum Ingrimm! O, wenn ich den fände, der an Louisens Entführung Schuld tragt! (Faßt Luftmann mit beiden Händen an der Brust) mit diesen Händen könnte ich ihn zerreißen! Jacob (für sich). Wenn er's wüßte, daß er gerade den Rechten unter den Händen hat! Luftm. Nur Mäßigung, mein edler Freund! Ich bin ja deshalb in aller Frühe zu Ihnen gekommen, um Ihnen meinen Beistand anzubieten. Erwin. Um Louisen aufzufinden? Luftm. Versteht sich — wegen was denn sonst? Jacob (für sich). Ein Biscken ein schlechter Kerl ist der Herr Luftmann doch! Erwin (zu Lustmann). So rächen Sie, was ist zunächst zu thun? Luftm. Wir wissen einmal, die Louise ist hier, entführt von einem vornehmen Herrn — wir müssen also mit all' den eleganten Dandys der Residenz bekannt zu werden suchen, um auf die Spur zu kommen — wir müssen die Salöne besuchen, uns in noblen Gesellschaften bewegen u. s. w. Erwin. O weh! Das wird ein langwieriger Weg! Luftm. Aber eS ist der einzige Weg — wir haben keinen andern. Aber vor Allem ist es nothwendig, daß Sie eine salonfähige Garderobe haben. Ich habe schon für Alles gesorgt. Erwin. Wie? — Sie? Luftm. Ja,-ich habe bei dem ersten Marchande-de-moderer in der Stadt schon Alles eingekanft, was die Jahreszeit mit sich bringt — die Commis stehen mit den Körben ink Antichambre — erlauben Sie, daß ich sie herhole. — (Geht zur Thür und öffnet sie.) Nur herein da! Jacob (zu Erwin). Aber Euer Gnaden, das wäre ja eigentlich mein Geschäft — Erwin. Wenn es Dein Geschäft ist, warum hast Du es nicht schon besorgt? Jacob (für sich). Ich fürchte, der Mensch wird mir gefährlich. Dritte Scene. Vorige. Zwei Commis (mit Körben und Schachteln treten ein.) Luftm. So — stellt die Sachen nur daher! — Herr Jacob, geben Sie den Leuten ein Trinkgeld! - Die Commis (stellen das Mitgebrachte nieder und entfernen sich, nachdem Jacob sie beschenkt hat). Luftm. (indem er die Tücher, womit die Körbe bedeckt waren, wegnimmt). Hier sehen Sie den Flügelstaub, womit die Schmetterlinge der Residenz bekleidet sind —(Oeffnet eine Hutschachtel und nimmt einen Hut heraus.) Hier betrachten Sie dieses elegante Cylinde- rium, dieses Abzeichen nobler Gesinnung. Ein Hm ist eine Hauptsache, denn manche von unsern Stutzern scheinen nur deshalb ein Haupt zu haben, damit doch etwas da ist, wohin sie den Hut aufhängen. — Hier (nn Packet aus dem Korbe nehmend) sind Hemden vom feinsten Battist, die sich gewaschen haben, und mit echt deutscher Stärke ausgerüstet. — Hier (ein anderes Packet nehmend) sind einige Shawls, um den Hals zu binden. Reiche Herren können sich den Hals 25 nicht dicht genug umwickeln, damit dem Hals nichts geschieht, wenn ihnen so viele Leute über den Hals laufen. — Hier sein Gilet hervorziehend) haben Sie das Kleidungsstück, in dem die Sonne untergeht; — Westen — von feiner Sorte — da, (aufandere Kleidungsstückewrisend) sind noch einige Unaussprechliche; — ferner Fräcke, Qnäcker, Donschure und auch Gehröcke, die so eingerichtet sind, daß man auch damit fahren und reiten kann. — Da sind Lackstiefel, um Ihnen ein glänzendes Auftreten zu sichern, — und Handschuhe von glacirtem Leder; denn es schickt sich nicht, daß man mit bloßfüßi- gen Händen in eine Gesellschaft eintritt. Erwin. Was beträgt die Kaufsumme? Lu ft m. Eine Bagatelle; achthundert Gulden Conventions-Münze. Jacob, (schlägt die Hände zusammen). Achthundert Gulden! Erwin. Gut — ich werde Ihnen eine Anweisung an Doctor Billner geben. Jacob. Bei der Garderobe ist aber kein Mieder? Luftm. Ein Mieder? Warum nicht gar! Diese Kleider passen auch so — Jacob. Ja — man kann auch ohne Mieder damit geschnürt werden. Luftm. (zu Erwin). Aber verbieten Sie doch Ihrem Kammerdiener, in Alles drein zureden, — das ist so unschicklich! Jacob (für sich). Er arbeitet daran, meine Rechte immer mehr zu beschränken. Luftm. Aber noch ein paar Kleinigkeiten Hab' ich vergessen, die ich auch für Sie eingekauft habe — Sie haben keine elegante Uhr — hier Hab' ick eine Ankerubr für Sie, (zieht sie hervor) sie geht noch etwas besser als die Sonne und paßt zu einem modernen Pflastertreter, denn sie lauft auch auf Steinen. Erwin. Nur her — nur her damit! Luftm. Und dann hier (ein Etui hervor- ziehmd) eine Busennadel und ein Paar Ringe — Alles echt — (Gleichgiltig.) Der ganze Bettel kommt auf siebenhundert Gulden — und es gehört doch zum Ganzen — Erwin. Schon gut — schon gut! Ich werde Ihnen die Anweisung unter Einem ansstellen. Doch jetzt rasch! — Ich will mich schnell mit all' dem bekleiden. (Geht ge. gm das Seitenzimmer.) Jacob. Euer Gnaden, meine Pflicht — (Will ihm folgen.) Luftm. (rasch dazwischen tretend). Nein, nein — sie sind etwas im Geschmack« zurück — heute werde ick dem Herrn Baron behülflick sein, damit Sic lernen, wie ein junger Baron die Kleider trägt. Kommen Sie nur, theuerster Erwin! Sie sollen staunen, waö unter meiner Anleitung Alles aus Ihnen wird. (Ab mit Erwin.) Jacob (der vor Wnth kaum zum Worte kommen kann, mühsam nach Athem ringend). Ich — ich — keinen Geschmack? — ick — vierzig Jahre Kammerdiener — und jetzt lernen? — Vor vierzig Jahren schon ward ich berühmt, daß kein Kammerdiener so sckön einen Zopf binden kann, als ich — und jetzt spricht man mir Geschmack ab — laßt mich meinen Herrn nicht anzie- hen — ah! (beinahe weinend) das greift das Innerste meines Lebens an — der ?oint ck'iionveur in mir istverletzt! Ich erschieße mich, sobald cs wieder erlaubt ist, Waffen zu führen. (Geht wnthcnd auf und nieder.) Vierte Scene. Jacob. Morberg. Billner. Morberg und Billner (treten durch die Mitte ein). Mord- Ab, da ist der Kammerdiener! Jacob. Wo ist der Kammerdiener? — Meinen Sie mich? — Ich bin's nicht. Morb. Billner (erstaunt). Was? Jacob. Gewesen — vorbei! — entsetzt — meiner heiligsten Rechte beraubt! — Ich quittire! Morb. Was ist denn geschehen? Jacob. Man drängt sich an meine Stelle — man schiebt mich aus dem Wege — 26 Billn. Wer denn? Jacob. Der saubere Herr Luftmann, mit dem Sie gestern Alliance geschloffen haben — der kommt, kauft eine Menge Plunder ein — um ein Heidengeld — drängt sich an den Herrn Baron — bereits zieht er ihn an — und geben Sic Acht, er wird ihn auch ausziehen — dann bin ich das fünfte Rad am Wagen! Morb. Sei er nur ruhig, Jacob — wir werden das schon zu Verbindern suchen. Ich sehe recht wobl ein, welche Absichten Herr Lustmann hat. Fünfte Scene. Vorige. Luftmann. Luftm. (kommt aus dem Seitenzimmer, bleibt aber, ohne von den Anwesenden bemerkt zu werden, etwas mehr im Hintergründe stehen). Billn. Ja, ja, der junge Baron wäre so ein goldenes Vögelchen, das der Herr Luftmann gerne rupfen möchte. Morb. Darauf muß man Erwin aufmerksam machen, man muß ihn warnen, sich dem Menschen allzusehr auzusckließen. Derlei Individuen duldet man in seiner Nähe, so lange man sie braucht, und dann wirst man sie weg. Luftm. (für sich). So — so! Das ist ja ganz charmant! Morb. (zu Billnrr). Aber Doctor Bill- ner, erzählen Sie nur doch, was haben Sie mit dem Landmädchen angefangen? Billn. Ach Gott! Das gab eine ernste Scene. Als ich mit ihr auf meinem Land- Hause angekommen war, entdeckte ich ihr geradezu, daß ihre Mutter noch nicht auf- gefunden sei, sagte ihr aber zugleich, daß Erwin das Dorf verlassen habe, und daß mir ihre Pflegeeltern bekannt hätten, es sei ihnen unmöglich, sie weiter zu erhalten. Das schien sie tief zu kränken; doch sah sie selbst bald ein, daß sie den armen Leuten nicht weiter zur Last fallen dürfe. Glücklicher Weise hatte ich auch sogleich Gelegenheit, sic unterzubringcn. Der alte Gerichts- ratb Mallbert ist nun in Ruhestand versetzt, und vor einigen Tagen aus der Provinz hierangekommen. Erbewohnt ein Landhaus in meiner Nähe und hatte sich eben an meine Frau gewendet mit der Bitte, ihm ein Stubenmädchen für seine Tochter zu empfehlen. Zu dieser schickte ich das Mädchen, und da ist sie nun versorgt und aufgehoben. Morb. Vortrefflich! Luftm. (für sich). Vortrefflich! — Ich weiß genug! (Wikdn ab ins Seitrnzimmkr.) Jacob. Pst! Er kommt! Sechste Scene. Vorige. Erwin. Luftmann. Erwin (bereits im eleganten Salon-Lostume, tritt mit Lustmann aus dem Nebenzimmer). Morb. und Billn. (beide angenehm überrascht). Ah — Herr Baron! Erwin. Guten Morgen, meine Herren! Was steht zu Diensten? Morb Wir selbst — wir bieten unsere Bereitwilligkeit an, jeden Ihrer Wünsche der Erfüllung näher zu bringen. Erwin (kurz). Ich danke — danke! Luftm. Dazu sind schon gewandtere Leute vorhanden. Billn. Zugleich will ich die Stelle des Vermögensverwalters in Ihre Hände zu- rücklegen. Erwin. Warum das? Luftm. (schnell aufstehend, leise zu Erwin). Nehmen Sie's doch an! (Für sich.) Vermö- gcnsverwalter, das ist ja eine Stelle, für die ich ganz geschaffen bin. Erwin. Nun gut — ganz gut! Billn. Ick habe deshalb die Handcaffe bereits in Ihr Bureau transportiren lassen, und die Rechnungen bei mir. Erwin. Das wollen wir später ab- machcn. Morb. Lieber Baron! Ich habe eine Einladung an Sie. Banquier Liebenthal, ein alter, aber lebenslustiger Garyon, gleich mir, gibt heute eine kleine Fete, bei wel- L7 cher er das Vergnügen, Sie kennen zu lernen, haben möchte. Luftm. (mit einer affrctirt noblen Gleichgiltigkeit). Den Liebenthal? — Hm! wir werden es überlegen. Morb. (erbittert). Herr Luftmann, ich begreife nicht, mit welchem Rechte Sie hier das Wort ergreifen. Luftm. Wahrscheinlich mit einem Recht, welches mir der Herr Baron eingeräumt hat. — Erwin. Ja, ich habe in Herrn Luft^ mann einen so theilnehmenden Freund gefunden, daß ich nichts ohne seinen Rath thun will. Morb. Herr Baron, ich bin in der That überrascht, und sehe mich gezwungen, hier einige Aufklärungen zu geben. Jacob (leise zu Morberg). Ja, ja, zerlegen Sie den säubern Herrn Luftmann ein Bischen. Luftm. (tritt rasch zu Morberg). Ja, ja, Sie kennen mich schon länger, geben Sie dem Herrn Baron nur über mich Aufschlüsse. — Morb. (mit einem strengen Blick auf Luftmann). Ja, ja, das will ich; ich kenue Sie als einen Menschen — Luftm. (leise). Der gestern auf Ihren Wunsch die Geliebte des jungen Barons aus dem Wege geschafft hat. (laut.) Nun, reden Sie doch — reden Sie dock! Morb. (hustet verlegen). Hm! hm! — Nun ja, als einen Menschen von vieler Lebensklugheit — Billn. Was aber die Reellitat seiner Gesinnung betrifft — Luftm. (leise zu Billner). So bewährt er dieselbe am besten, wenn er nickt verräth, daß die Louise beim Gerichtsrath Mall- bert — Billn. (sieht Luftmann erstaunt an, leise). Sie wissen? — Teufel! — Schweigen Sie! — Luftm. (absichtlich laut). Nun?— Reden Lie dock, meine Herren — reden Sie doch! Billn. Nun ja— es läßt sich nichts gegen Herrn Luftmann sagen. — Luftm. Ich glaub's auch; sonst würden Männer wie Herr Baron Morberg und der Herr Doctor mich nicht ihrer intimen Freundschaft würdigen — denn — nicht wahr — (Billner's und Morberg's Hände ergreifend). wir sind doch Freunde — so recht intime Freunde? Morb. (für sich). Daß Dich der Teufel hole! Jacob. Ich kenne mich nicht mehr aus. Luftm. Und deshalb da Sie (zu Morberg) mein theuerster Freund, es wünschen, werde ich dem Herrn Baron Erwin rathen, die Einladung des Herrn von Liebenthal anzunehmen. (Seist zu Erwin.) Vielleicht finden wir dort eine Spur. Erwin. Vor Allem, lieber Luftmann, seien Sie so gut, das Rechnengeschäst mit dem Hern Doctor abzumachcn; ich befasse mich nicht gerne mit solchen Arbeiten. Bei dieser Gelegenheit nehmen Sic sich zugleich die fünfzehnhundert Gulden. Luftm. Ich werde so frei sein. Also kommen Sie, liebster Herr Doctor. (Sichln Billner's Arm einhängcnd, ab mit Billner.) Jacob. Gott sei Dank, jetzt ist die Luft rein! — Wenn Niemand redet, werde ich jetzt reden! Erwin. Was hast Du denn, Jacob? Jacob. Wuth Hab' ich — Ingrimm! Mordlust! O, wenn mir nur Jemand einen Pfiff Nicotin für den Herrn Luftmann zu- kommcn ließe! Erwin. Was hat er Dir denn gethan? Jacob. Mir? — nichts! An mir liegt auck gar nickts — ich bin ein subordinir- tes Geschöpf, — aber an Euer Gnaden setzt er sich an wie ein Schröpfkopf— Euer Gnaden saugt er das Mark aus — Euer Gnaden barbiert er über den Löffel! Erwin. Was sagst Du? Jacob. Vierzig Jahre lang Hab' ich in dem Haus treu und ehrlich gedient, mir nickt einen Unrechten Kreuzer gemacht — und jetzt soll ich ruhig zuschauen, wie ein 28 gar nicht zum Hause gehöriges Individuum sich die Taschen vollstopft? Da wär' eS ja gescheiter gewesen, wenn ich mir's selber vergönnt hätte! Erwin. Was meinst Du denn? Mord. Ihr alter Diener hat nicht ganz Unrecht. Jacob sauf yrwin zugehtnd und dessen Krack anfassend). Fünfzehnhundert Gulden— für das Bischen Anzug — der Frack ist ja eine himmelschreiende Sunde! Und die Uhr — erlauben, Herr Baron— (Mt ihm die Uhr aus der Tasche), diese Uhr — Mord, shinsehend). Wahrhaftig, sie ist nicht einmal von echtem Golde — Jacob. Tombak Nr. 3 und galvanisirt. Und da die Busennadel — Mord, shinblickend). Falsche Steine, auf mein Ehrenwort! Erwin. Wie, so hat er mich betrogen? Mord. Er hat — wenn ich mich gelinde ausdrücke— Ihre Unkenntniß benützt, um von seinen Maaren einen zu großenPro- fit zu ziehen. Erwin. Das ist gleichviel! wenn er ein unredlicher Mensch ist, so weise ich ihn ans meinem Hanse. Jacob. O, Euer Gnaden, überlassen Sie das mir. Ich lasse die ganze Dienerschaft in doppelten Reihen aufmarschiren und ihn durch sie Spießruthen laufen. Morb. Nein, nein, lieber Baron, keinen Eclat! Luftmann ist eines jener gefährlichen Individuen, mit denen man sich nie in offene Feindschaft setzen soll. Ich bitte Sie deshalb auch, ihn nichts davon merken zu lassen, daß ich Ihnen solche Aufschlüsse über ihn gegeben habe. Erwin. Sonderbar! Ich soll Jemanden als Schurken erkennen, und es ihm nicht geradezu ins Gesicht sagen dürfen? Morb. Die Lebensklugheit verbietet das. Man kann manchen Menschen imTief- sten seiner Seele verachten, und muß doch freundlich gegen ihn sein, weil er vielleicht zu manch anderem Zwecke wieder brauchbar sein kann. Das ist eine der wichtigsten Lebensregeln für die feinere Welt. Erwin. Hören Sie — je mehr ich von der sogenannten feineren Welt erfahre, desto mehr ekelt sie mich an. Morb. Weil Sie ihre Reize noch nickt kennen gelernt haben. Diese will ich Ihnen erschließen. Sie müssen unter meiner Anleitung das werden, was man einen Lebemann nennt. Erwin. Lebemann! Was heißt das? Morb. Ein Lebemann ist ein Mann, der nicht bloß lebt, sondern zu leben versiebt. Jacob. So was man auf hochdeutsch sagt: ein Tausendsassa! Morb. Das Leben ist eine grüne Weide. Der Alltags-Mensch macht es wie das Thier, welches die Kräuter verzehrt — süß und sauer, wie sie ihm eben unter die Zähne kommen. — Der feine Lebemann macht es wie die Biene: er sucht nur die Blumen auf, welche Honig enthalten. Erwin. Ich glaube Sie zu verstehen. Eine solche Blume — nicht wahr? ist ein thcures Mädchen, dem man sein ganzes Leben weiht — Morb. Sein ganzes Leben — einem weiblichen Wesen? — Sie meinen doch nicht gar heiraten? — Hahaha! Wer das thut, gleicht einer Biene, die nicht mehr den Honigstoff aus Blumen nippt, sondern in flüssigen Honig gefallen ist; sie verklebt sich die Flügel und kann nickt mehr weiter fliegen. Nein, nein — lieber Freund! lassen Sie das Heiraten Denen, die eben nicht zu leben verstehen, und flattern Sie dagegen luftig von Blume zu Blume. Sie werden heute noch bei Liebenthal einige recht interessante Damen kennen lernen. Seien Sie da nur nickt blöde, und Sie werden Glück machen. Ich freue mich in der That, in Ihren Abenteuern gleichsam meine eigene Jugend nochmals durchzumachen. Also heute noch bei Liebenthal auf frohes Wiedersehen. (Drückt ihm lachend die Hand und eilt ab.) 29 Jacob (der den Reden Morberg's mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört hat, begeistert). Ist das ein lieber Mann!—Und wie schön er redet! Es ist mir lieber als eine Predigt! Erwin (setzt sich in ein Fauteuil und sieht sinnend vor sich hin). Siebente Scene. Vorige. Luft mann und Billner (kommen aus dem Nebrnsaale zurück). Luftm. Wir sind fertig! Alles in bester Ordnung! Ehrenmann der Herr Doctor! Wirklich, was man sagen kann: Ehrenmann. Billner (zu Erwin). Herr Baron! Ich danke Ihnen für das Vertrauen, welches Sie mir bisher geschenkt haben — Luftm. Und ich bitte dasselbe Vertrauen jetzt auf mich zu übertragen. Erwin (ihn mißtrauisch ansrhend). Auf Sie? Jacob (macht hinter Lustmann's Rücken drohende Gebcrden). Luftm. Na ja — da künftig ich Ihnen Alles besorgen will — Erwin (kalt). Ich werde Sie nicht weiter mit meinen Angelegenheiten belästigen.« (Kehrt ihm den Rücken zu und spricht mit Billner.) Luftm. (verblüfft). Was ist das? —Das ist Nord-Ost-Wind, der mir schneidend kalt in's Gesicht weht. Jacob (geht, sich vergnügt die Hände reibend, an Lustmann vorüber, ihn fortwährend mit verächtlichen Blicken messend und dabei murmelnd). Frecher Eindringling! Leut-Absieder! Heut' ist der Schluß des kleinen Spiels für Wien. Luftm. (für sich). Der alte Hausmops knurrt mich auch an. Erwin (sich von Billner empfehlend, reicht ihm die Hand und begleitet ihn bis zur Thüre, dabei sprechend). Ich werde meinen Dank für Ihre Mühewaltung noch nachträglich abtragen. Billn. Befehlen Sie bei jeder Gelegenheit Über mich. (Verneigt sich noch an der Thüre und geht ab.) Jacob. Jetzt wird das Standrccht über den gehalten werden. Lustm. (für sich). Er hat wahrscheinlich geglaubt, ich halte seinen Blick nicht aus? — O diese Blickschlenderung beirrt mich nicht — mein Gewissen ist bonrbenfest. Erwin (zu Jacob). Laß uns allein! Jacob (leise zu Snvin). Euer Gnaden wollen ihn im Geheimen verhören? — Gut — aber wenn es zur Urtheilsvollstreckung kommt, so bitte ich um das Erecutions- Commando. Erwin. Geh' nnr! Jacob. Ich warte im Vorzimmer — pfeifen mir Euer Gnaden nur, wenn Sie mich brauchen. O, ich fühle zehn Stöckelknechte in mir! (Ab.) Luftm. (für sich). Jetzt nur keck! Erwin (sieht ihu nochmals mit finsterem Blicke an, dann losbrechend). Nein, ich kann mich nicht verstellen! Luftm. Das freut mich. Nur vor mir nicht verstellen — vor mir — Ihrem einzigen wahren Freund! Erwin (immer heftiger). Sie? — Sie? mein Freund? Luftm. Sie werden doch nicht an der Echtheit meiner Freundschaft zweifeln? Erwin. O ncin; ich halteJhre Freundschaft für so echt wie Gold — das heißt wie dieses Gold (seine Uhr ans der Lasche reißend und sie aus den Tisch werfend) — ich halte Ihre Freundschaft für so edel wie Diamanten, das heißt wie diese Diamanten. — (Die Busennadel aus dem Halstuch reißend und sie wegwerfend.) Luftm. (besorgt sie schnell anfzuheben). Was thun Sie? Erwin..Jch werfe das Falsche von mir; denn ich verachte jede Falschheit. Luftm. Lassen Sie sich doch aufklären. Erwin. Ueber Sie bin ich hinlänglich aufgeklärt. 30 Luftm. lftlr sich). Aha! der Baron Morr berg hat einen Schachzug gegen mich gethan. Hoho! Die Partie ist noch nicht verloren, — jetzt mache ich einen Zug, der ihn Schach und matt macht! (Laut den Beleidigten spielend.) Herr Baron! Sie erkennen diese Sachen für falsch? Gut — ganz gut, — ja, sie sind falsch — Erwin. Sie gestehen es selbst? Luftm. Za — und gebe Ihnen deshalb auch Ihr Geld zurück. Da sind die fünfzehnhundert Gulden — (Hält ihm dir Banknoten hin.) Da — da nehmen Sie's — für mich brauche ich sie nicht. — Erwin (sieht ihn erstaunt an). Für wen denlt sonst? Luftm. (noch immer den Gekränkten spielend). Ta — da sind die fünfzehnhundert Gulden (Halbste wieder Erwin hin, wendet sich ab und sagt scheinbar für sich, doch absichtlich so, daß cs Erwin hören kann.) Was geht es mich auch an, was aus der Louise wird? Erwin (rasch ihn an der Hand fassend). Was — was sagen Sie da? Luftm. Zch? — Nichts — gar nichts. Zch habe die Ehre mich zu empfehlen. (Stellt sich, als ob er gehen wollte.) Erwin (ihn zurückhaltend). Nein — ich lasse Sie nicht — reden Sic — reden Siez Luftm. Das wäre überflüssige Wortverschwendung — Sic können mir ja doch nicht glauben — ich bin ja ein Betrüger — ein infamer Filou — ein recht niederträchtiger Kerl, der noch froh sein muß, daß Sie ihn nicht vor das öffentliche Gericht stellen. Erwin. Luftmann! ich habe Ihnen vielleicht doch Unrecht gethan, — ja, ich habe auf jeden Fall gefehlt, daß ich Sie verdammte, che ich Sie gehört habe — ich will cs gut machen. Luftm. (den Gerührten spielmd, und Erwins Hände fassend). Za, Sie sind gut, aber noch zu unerfahren — Sie vertrauen sich zu leichtgläubig schlechten Freunden an. Erwin. Klären Sic mich auf. Sie sprachen von Louisen — haben Sie eine Spur entdeckt? Luftm. Ich habe noch gestern Abends Leute gedungen, welche in meinem Aufträge spionirt haben, ich habe sie so königlich bezahlt, daß mir selbst kein Kreuzer Geld im Sack geblieben ist — heute Früh bekomme ich Nachricht — Erwin. Welche? Um Gottes willen welche? Luftm. Gestern Abends ist ein Land- mädl heimlich auf ein Schloß ganz in der Nähe der Stadt gebracht worden — die Beschreibung paßt ganz auf die Louise. Erwin. O mein Himmel! — Wetter — weiter! Luftm. Zch habe bereits die jVorkeh- rungen getroffen, sie von dort entführen zu lassen — aber man muß die Dienerschaft des Schlosses bestechen — und — ich habe kein Geld mehr gehabt — darum ist mir der Gedanke gekommen, von Ihnen Geld zu nehmen, ohne daß Sie es vor der Hand selbst wissen. Zch habe Ihnen Maaren gebracht und dafür den hohen Preis verlangt, um mit dem Gclde für Sie zu operiren. Erst wenn ich mein Ziel erreicht hätte, wollte ich Ihnen selbst Alles entdecken. Erwin. Ist cs wahr? ist eö möglich? Luftm. Za, ich gestehe ein, es steht unwahrscheinlich — ja fast unglaublich aus, aber Gott sei Dank, ich kann die Wahrheit beweisen. Zch sage Ihnen, noch heute, bis längstens Abends liegt die Louise in Ihren Armen — oder Sie können mich als einen gemeinen Betrüger den Gerichten überliefern. Erwin. Nein, nein — ich glaube Zhnen. (Eilt an Lustmann's Brust.) Können Sie mir verzeihen? Luftm. Alles — Alles! Zch weiß, es ist Niemand als der Baron Mvrberg schuld. Erwin. Za, Sie haben Recht. Luftm. Oh, das ist ein gefährlicher Mensch! Zch habe ihn in Verdacht, daß -G rr selber mit der Entführung einverstanden ist. Erwin. Das wäre schändlich. Luftm. Aber eben deshalb schweigen Sie gegen ihn. — Seien Sie heute ganz lustig, fahren Sie zu dem Banquier Liebenthal — ich arbeite indeß füL Sie, und sobald ich die Louise habe, benachrichtige ich Sie augenblicklich. Erwin. Luftmann, ich weiß nicht wie ich Ihnen das werde vergelten können. — Aber Sie brauchen vielleicht noch Geld — meine Eaffa, mein ganzes Haus steht Ihnen zu Gebote. Luftm. Ja — Ihr Haus, das ist vor Allem nöthig, denn ich muß die Louise doch unterbringen — es ist vielleicht nöthig, sie vor der Hand vor der Welt zu verbergen — geben Sie deshalb Ihrer Dienerschaft den Auftrag, daß sie sich in Allem meinem Befehle zu fügen hat. Erwin. Ja, das will ich und sogleich. (Klingelt.) Achte Scene. Vorige. Jacob. Dann ein Portier. Zwei Büchscnspanner. Ein Koch sammt Gehilfen. Mehrere Diener in Livree. Jacob (eilt herein). Da bin ich — soll ich? — (Macht eine Bewegung gegen Luftmann.) Erwin. Rufe die ganze Dienerschaft herein. Jacob (entzückt). Die ganze Dienerschaft! Die Hinauswerfung wird pompös! (Laut.) Sie sind ohnehin noch Alle versammelt— ich eile! Mt zur Thür, öffnet sie und ruft hinaus.) Herein, herein da Alle! (Die Dienerschaft tritt ein.) Jacob. Jetzt nur aufgepaßt! (Streift sich die Aermel aus.) Eiter Gnaden, ich bitte nur zu commandiren. Erwin (auf Luftmann weisend» zur Dienerschaft). Ich habe diesem Herrn unbeschränkte Vollmacht in meinem Hause gegeben. Jacob (putzt sich die Ähren). Was? Erwin. Ihr habt daher Alle seinen Befehlen so unbedingt Folge zu leisten, als ob ich sie selbst gegeben hätte. Jacob. Ich falle um! Erwin. Wer sich eines Ungehorsams gegen ihn schuldig macht, ist augenblicklich entlassen. Jacob (zu dem ihm zunächst Stehenden). Halt's mich! ich krieg' Zustände. Erwin. So, Ihr kennt nun meinen Willen — handelt darnach! (ZuLustmann.) Habe ich Ihnen nun bewiesen, daß ich Ihnen vertraue? Luftm. Und ich werde erst beweisen — heute Abends — Sic verstehen mich! Erwin. Heute Abends! O, ich werde die Secunden zählen! — Nun gehen Sie an s Werk! Erfüllen Sie meinen heißen Wunsch — ich will dafür keinen Ihrer Wünsche unbefriedigt lassen. (Umarmt ihn, dann ab.) Jacob. Er armt ihn um. In mir dreht sich Alles um — ich werde hin. Luftm. (nachdem Erwin abgegangen, sich in die Brust werfend.) Ihr habt vernommen, was mein Freund, der Baron, gesagt har. Jacob. Mir brummen noch die Ohren davon. Luftm. Vor Allem befehle ich, daß Niemand dem Herrn Baron vorgelassen wird, der nicht zuerst mir gemeldet ist, das ist mein erster Ukas — meine übrigen Ukase werde ich später erlassen. Ich erwarte von Euch den pünktlichsten Gehorsam, und werde dafür Euch allen eilt gnädiger Gebieter sein. Alle. Vivat! Jacob (wuthend). Ich schlage den nieder, der noch einmal Vivat schreit. Luftm. (stolz mit dem Kops nickend). Nun gehl, meine Lieben. (Die Dienerschaft ab.) Luftm. (zu Jacob, der sich ebenfalls entfernen will). Halt — Herr Haushofmeister! Jacob (unwillig). Was gibt's? Luftm. (mit affectirter Noblesse). Einen Stuhl! Jacob (ohne sich vom Flecke zu rühren). Himmel und Erden! Luftm. (strenge). Na, wird's?! Seien Sie nicht der Erste, der den Befehl des Herrn Barons nicht respectirt. Jacob (fast erdrückt). Ich muß—mein gnädiger Herr will's. (Trägt einen Stuhl vor, und setzt ihn heftig hin.) Könnt' ich ihm lieber den Stuhl vor die Thür setzen! Luftm. (wirst sich nachlässig in den Stuhl). Sie lassen mir hernach ein paar Zimmer im Schlosse Herrichten. Jacob (mürrisch). Schon recht. (Für sich ) Wenn wir nur ein altes Burgvetließ hätten! Luftm. Dann will ich ein Dejeuner entnehmen —so etwas Piquantes — kaltes.— Jacob (für sich). Eine Majonaise von giftigen Kröten mit gedünsteten Fliegen- > schwämmen möchte ich ihm kredenzen! . Luftm. Inzwischen soll eine Jagd- pritschka eingespannt werden — ich'will ausfahren. ^ Jacob (für sich). Ich könnt' auch ausfahren — aus der Haut. Luftm. So! — (Mt der Hand winkend.) Sie sind entlassen. Jacob (für sich, die Hände ringend.) Das habe ich erleben müssen! — Wenn mir mein Herr alle Tage eigenhändig ein paar Ohrfeigen angedeihen ließe, ich würde sie mit Kreuden hinnehmen, denn — er ist mein Herr! Aber daß er mir so einen Bevollmächtigten — aus den Hals setzt, das druckt mich zusammen! (Geht ganz schwermü- thig und gebeugt ab.) Neunte Scene. Luftmann (allein). (Sieht sich zuerst um, und springt, als er sich allein sieht, laut lachend vom Sitze aus.) Hahaha! hahah! Das haben meine perfiden Bundesgenossen erreicht! Sie haben mich stürzen wollen, und jetzt stehe ich erst recht fest. Ein guter Diplomat muß gerade so sein wie ein »Manderlstehauf«, das, so oft es Einer werfen will, immer wieder gerade steht. — Aber jetzt ernsthaft! — Die Louise muß hergeschafft werden. Wo sie ist, weiß ich — aber unter welchem Dorwande komme ich dorthin? —Und wirdsiemir noch trauen? Es müßte also aufeine andere Art — (Nach- denkend). Götter! sendet mir einen gescheiten Gedanken! — (Nach einer Pause.) Noch fällt mir nichts ein — die Götter scheinen sich in die Sache nicht dreinmengen zu wollen — sie gehört auch weniger in ihr Departement. — So schicke Du mir Suc- curs, Teufel! nimm Dich an : —ein junges unschuldiges Mädchen soll einem jungen Cavalier in die Arme geführt werden — da schaut etwas für Dich heraus — ich will dein Agent sein, aber hilf mir nur ein Bischen! (Man hört vor der Thür rinrn heftigen Streit.) Luftm. (fast erschreckend). Was ist denn das für ein Höllenspektakel? Kommt Seine Teuflichkcit vielleicht in eigener Person? Zehnte Scene. (Die Thür wird ausgestoßen und man sicht vor derselben Tippelberger, welcher sich mit zwei Dienern balgt.) Die Diener. Ihr dürft nicht hinein! Tippelb. Was? ich? — ich nicht hinein? — Schafsköpfe! Das möcht'-,jch sehen! (Ringt von ihnen toszukommen.) Luftm. (für sich). Ha — der Trippel- bergcr! — Hölle! Du schickst mir den rechten Mann — der soll die Katze sein, die mir die Kastanien aus dem Ofen holt! Tippelb. Million! Waun's mich nicht loslaßt's, ich schlag' Euch Eure Plutzer (Köpfe) an einander, daß das Hirn herausspritzt! Luftm. (eilt zur Thur — zu den Dienern) Was thut Ihr denn? Ihr haltet den Mann auf hereinzutreten, den Mann, den Gatten der Nährmutter unsers Barons —- so zu sagen Ammler! — Loslaffen auf der Stelle! Die Diener (lassen Tippelbergkr los und entfernen sich). Tippelb. (ihnen nachbrummend). Elende Livree-Bagage! Luftm. (saßt ihn an der Hand und zieht ihn über die Schwelle). Bitte nur hereinzuspa- zieren! Was schenkt uns die besondere Ehre? Tippelb. (welcher etwas benebelt ist, tritt vollends ein). Wo ist der Herr Baron? Ich will mit dem Herrn Baron reden. Luftm. Er ist nicht mehr gegenwärtig— Tippelb. Macht nichts, er soll sich vor mir nicht geniren — ich will nur ein paar Worte — Luftm. Aber wenn er nicht zu Haus ist — Tippelb. Nicht zu Haus? — Dumm! Luftm. Wenn Ihr aber Platz nehmen wollt — (schiebt ein Fauteuil herbei). Tippclb. Ja, ich muß mich nicdcrse- tzen — ich hab's heut wieder ein Bischen in den Füßen — (Setzt sich.) Luftm. (für sich). Öder im Kopf! (Laut.) Aber was wollt Ihr denn vom Herrn Baron? Tippelb. Ich? — Nichts! — Aber weil ich gerade mein Heu in die Stadt geführt habe auf'n Markt, so hat mein Weib gesagt, ich soll Unfern Herrn Baron auch gleich heimsuchen, hat sie gesagt — (Zieht seine Tabakspfeife heraus und schlägt sich Feuer.) Luftm. Also bloß eine Etiquette-Vi- site — Tippelb. Ja, bloß eine »Wicgehts- Visite« und nachher, hat mein Weib gesagt, soll ich ihn doch fragen, ob er noch nichts von unserer Louise gehört — (pfiffig lachend) Wissens, mein Weib weiß noch nichts. Luftm. Gescheit! Nur die Weiber von nichts wissen lassen! Tippelb. Nichts —gar nie — nichts! — Wiffen's, ich mein', wenn wir die Mutter von der Louise herausgekitzelt haben, Ltzt»««-Rtperloitt Rr. N». und sie nachgchends blechen muß, sagen wir mein'm Weib auch nichts. Luftm. (trübe). Ja, die Louise! — Ich fürchte: da ist uns ein Strich durch die Rechnung gemacht — Tippelb. (aufhorchend). Was? Luftm. Da hat sich der Advocat in die Geschichte gemengt — der hat sie indeß in einen Dienst gegeben — da kann ich sie zu meinen Nachforschungen nicht haben, wenn ich sie brauche und so — (achselzuckcnd) wird wohl nichts daraus werden. ' Tippelb. Was? — nichts d'raus? aus meinen achttausend Gulden? I, da müßt' ich bitten! — Luftm. Ja, ja, wenn so etwas in die Hände von Advocaten kommt, — die ziehen Alles in die Länge — Tippelb. Er will die Louise in die Länge ziehen? Luftm. Sie kann dreimal sterben, bis er herausbringt, wer sie geboren hat! Tippelb. Ich schlage den Advocaten nieder! Luftm. Dann werdet Ihr selber in die Länge gezogen. Tippelb. Aber Sacra! Was wäre denn da zu thun? Luftm. Ja, Ihr könnt da freilich am meisten thun — Ihr seid doch der Pflegevater der Louise, Ihr habt ein Recht auf sie. Tippclb. Na, das will ich hoffen! Luftm. Wenn Ihr also mit mir dorthin fahren würdet, wo die Louise im Dienste ist — es ist zwar ein vornehmes Haus — Tippelb. Das gcnirt mich nicht! Luftm. Und wenn Ihr dort — versteht Ihr — so ein rechtes G'stanz machtet — Tippelb. O, auf G'stanz, da versteh' ich mich d'rauf — da könnt' unser Verwal« ter etwas davon reden! — Aber was muß ich denn sagen? Luftm. Ihr kommt zu den Leuten nur r gleich mit einem Mordspectakel, sagt: Daß Euch euer Pflegekind — heimlich überredet worden ist aus dem Hause zu laufen. Tippelb. 2a — überredet von so ein'm Lumpen, so ein'm Niederträchtigen, werd' ich sagen! Luftm. Das war zwar ich; aber cs liegt nichts daran. Ihr könnt schon' so reden —Ihr fordert sie zurück auf der Stelle. Tippelb. Stantepede! werde ich sagen. Luftm. Ja — droht ihnen mit dem Gericht! Tippelb. Und mit dem Stock! Luftm. Kurz, Ihr müßt auf jeden Fall gleich die Louise mitnehmen. Tippelb. Aber was fange ich denn nachgehends mit ihr an? Luftm. 2m Hinfahren werde ich Euch ein Plätzchen im Walde zeigen, wo ich auf Euch warten werde — da übergebt 2hr sie mir, ich bringe Sie dann daher ins Sch'oß. Tippelb. Da ist sie ja nachher ohnehin gut aufgehoben. Luftm. Und ich sage Euch noch etwas: — ich bin meiner Sache so sicher, daß ich gleich in dem Augenblicke, als2hr mir die Louise übergebt, fünfhundert Gulden a Conto der achttausend Gulden auszahlcn will. Tippelb. 2ch sehe schon, sie sein ein honetter Geschäftsmann. Luftm. Also versäumen wir keine Zeit — einspanncn habe ich ohnehin schon lassen, geht 2hr unterdessen gerade vis-u-vi8 in's Wirthshaus — dort trinkt noch ein Maßl — ich hole Euch dann ab. Tippelb. Und nachher soll der Tanz angehen! 2ä) freue mich schon darauf — für mich gibt es gar keine größere Gaudee, als wenn ich so ein rechtes Spec- takel mache» kann. — Na wart's! Ihr sollt den Tippelberger kennen lernen! Himmel kreuzlausend Bataillon! (Geht mjt den, Stocke herumfechtend ab ) Eilfte Scene. Luft mann (allein). So geht es— so muß es gehen!—2hm können sie das Mädel nicht vorenthalten — und habe ich sie nur erst in meinen Händen, dann ist der junge Baron auch mein mit Haut und Haar! — Aber er darf nie erfahren, wie Alles zusammenhängt—meine Hauptaufgabe ist die: daß ich ihn nie klar sehen lasse; dann hat er das Loos so vieler seiner Mitmenschen, die auch in sehr vielen Verhältnissen, trotz der schärfsten Augen nie klar sehen können. Es geht mir selbst gar oft so. Couplet. Ein' Cav'lier vom alten Adel G'fallt a Bürgersmadel, Schmacht' beim Mondesscheine: »Wär'st Du doch die Meine! »Dich allein nur will i, »Aber mei Famili, »2a so grausam sans, »Leidet keine Mesalliance!« Doch schau! sein Bedienter, Auf einmal bitt' ihn der, Ob Seine Gnaden nicht gestattet, Daß er sic heiratet, Und gleich wird's gebilligt, Noch a Zulag bewilligt, Und zieht er mit ihr ein, Nicht' sei Herr noch's Quartier ein, Was der Grund der bereitwilligen Groß- muth hier war? Man sieht in der Sach' halt noch allweil nit klar! Wie's hab'n Lnstspielpreisausg'schrieben Hab'n's die Dichter 'trieben, Schicken, — so was macht sich, Stuck a etl' und achtzig, Statt'n Nam' nur mit Devisen, Das war wegen Diesen, Daß nit etwan wird Ein Bekannter protegirt, 35 Doch bevor's noch entscheiden, Thut sich's schon verbreiten, Daß den und den Dichter Werd'n wähl'n die Preisrichter, Wie durch zaub'rische Mittel Weiß man Namen und Titel, Und richtig ist's kommen, G'rad den hab'n's auch g'nommen, Jetzt ob das ein Spiel nur des Zufalles war? Man sieht in der Preisrichterg'schicht halt nit klar. Wie die Leute klagen Heuer, Daß 's Fleisch enorm is theucr, G'wählt werd'n Commissionen, Die soll'n ohne Schonen D'Ursach scharf ergründen, Und die Mittel finden, Daß wir's noch erleb'n, Daß's d'Ochsen bill'ger geb'n. Beisamm' sitzt der Rath schon, Es freut sich die Stadt schon, Doch nach langer Vertiefung In der wichtigen Fleischprüfuug, Da thun sie erklären, Die Fleischpreise wären, So wie es jetzt ginge, Noch all'weil zu geringe. — Was der Grund dieser ochsigen Hochschätzung war? In der Fleisch hackerg'schicht sieht man all'weil nit klar. In Ein'm werd' ich nicht g'scheiter, A Schuster und a Schneider, Na, das sein doch Beide Bürger — Handwerksleute, Doch ein Schustermeister, Wie auch sich befleißt der, Kann's doch nie erleb'n, Sich zum reichen Mann z'erheben! — Ab'r schaut man an d' Schneider, Die bringcn's g'schwind weiter, Wann's nur g'naht a paar Jahr hab'n, Thun's a Haus od'r a paar hab'n. Brauch'» ka Hand mehr zu rühren, Denn das G'schäft thut jetzt führen A Buchhalt'r, Secretäre, Und G'sell'n ganze Heere — Ob der Fleiß allein d'Ursach von dem Reichwerden war? Man sicht in der Schireiderg'schicht halt doch nicht klar. Eh'mals hat sich sehr viel G'sindel Betheiligt am Börsenschwindel, Von der Agiotage Hat g'lebt auch viel Bagage, Doch a G'setz is kommen, Hat ihnen 's Handwerk g'nommen, Da hat Jung und Alt G'hoffr, daß's Silber endlich fallt. Man hat ordentlich schon g'sehen, Zum Licht auferstehen, Aus Keller und Grabe Die silberne Habe, Und doch — man hat g'irrt sich, Das Silber nicht rührt sich, Man macht auf der Bourse Noch all'weil die Course, Was vom Steig'n oder Fallen die Ursache war? Man sieht in der Börseng'schicht ewig nit klar. Wie d'Acrzte auch studieren, Alle Kranken zu curiren, Homö-allopathisch, Oder hydropathisch, Für das waS rheumatisch, Gar galvanopatisch, Und's sterben doch durch sei' Cur, Jed'n noch all'weil Kranke gnua, Doch hat Einer viel Patienten, Werd'n d'andern schieh, — könnten Vor Neid ihn vergiften, In Journalen und Schriften, Thun's heanzen und beißen, Eharlatan ihn gleich heißen, Dagegen druckt der Atteste, Die ihn loben auf's Beste. S * 36 Als hält' er die Tobten aus'm Grab erweckt gar — Man sieht in der Doctorg'schicht ewig nit klar! Verwandlung. (Ein äußerst eleganter Salon im Hause des Ban- quiers Liebenthal, welcher durch eine offene Bogen - Wölbung von dem Tanzsaale geschieden ist. Zm Vordergründe wird von Dienern eben eine Tafel gerichtet. Seitwärts befindet sich ein Eredenztisch mit Champaguer-Bouteillen in silbernen Eiskübeln — Tafelaufsätzen — Servier u. s. w. Vom Saale her ertönt Musik. Elegant gekleidete Herren und Damen gehen darin auf und ab.) Zwölfte Scene. Morberg, Liebenthal, Schmucker, Hauch (kommen lachend ans dem Tanzsaale in den Vordergrund). Liebcnth. Hahaha! (Zu Morberg.) Ohne Talent ist Ihr Zögling nicht! Morb. Ja — er macht sich!— Im Anfänge spielte er zwar eine verdammt komi sche Rolle, — er war ganz verblüfft, als er sich mitten unter so vielen Damen sah, welche alle ihre Lorgnetten nach ihm gerichtet hatten, und wollte sich in einen Winkel des Saales retiriren — ich ließ es aber nicht zu und stellte ihn der reizenden Fleurettc vor. Schmucker. Hahaha! der gegenüber wäre es freilich eine Kunst, schüchtern zu bleiben. Morb. Die kleine Cokette entwickelte all' ihre Künste, liebenswürdig zu sein, sic plauderte und scherzte mit ihm — er thaute auf, ward immer wärmer, und als sic gar die neue Andalusiennc tanzte, war er ganz hingerissen von der Grazie ihrer Bewegungen. — Dreizehnte Scene. Vorige. Erwin, Fleurette. Erwin (ist Arm in Arm mit Kteurette im Tanzsaale erschienen und hat sich mit ihr aus einen Divan gesetzt — er saßt ihre Hand, drückt dieselbe an seine Brust und küßt sie). Hauch (sieht gegen den Saal). Bravissimo! Er macht ihr schon förmlich den Hof! (Alle wenden sich gegen den Tanzsaal.) Liebcnth. Sehen Sie nur die kleine Spitzbübin, wie sie ihn neckt — sie entzieht ihm ihre Hand. Erwin (langt nach einem Blumensträuße an Fleurcttens Brust). Liebcnth. Er will ihr den Blumenstrauß rauben — Fleur. (schlägt Erwin lachend auf die Hand '. Morb. Sie straft den kühnen Räuber. Fleur. (springt auf und entflieht). Schmucker. Nun entwischt sie ihm — Erwin (folgt rasch Fleuretten nach). Morb. Hahaha! Er verfolgt sie! Hahaha ! es macht sich fameus! Vierzehnte Scene. Vorige. Erwin. Erwin (kommt erhitzt von dem Tanzsaale her). Hahaha! Das ist ein göttliches Mädchen! Voll Leben, voll Feuer und Schalkhaftigkeit! Sie ist mir entwischt in's Toiletten- Zimmer; nun, sie wird wohl wiederkommen!— Aber mir ist heiß geworden! (Wirft sich in ein Fauteuil.) Morb. Nun ein paar Gläser eingekühlten EhampagncrS! — He, kredenzt Wein! (Bediente kredenzen Ehampagner.) Erwin (stürzt rasch ein Glas und gleich daraus ein zweites aus). Morb. (zuErwin). Nun, sind Sie mir dankbar, daß ich Sie hierher gebracht habe? Erwin. Ja, es ist schön hier — es ist göttlich! So war mir noch nie! Ich komme 37 mir selbst wie verwandelt vor: — die vielen schönen Mädchen— die Musik— der herrliche Wein — (Zu Jarob.) Schenkt nochmals ein! Liebenth. Nur ein paar' Bouteillen geleert! Das macht das Blut rascher stießen und gibt die edle Dreistigkeit. (Selbst ein Glas nehmend.) Ihr Wohlsein, Baron! Erwin (mit ihm anstoßend). Danke! Auch das Ihre! (Leert rasch sein Glas.) Hahaha! Der Wein ist kalt wie Eis, und durchströmt mich doch wie flüssige Glut! — Wo ist Fleurette? (Sieht sich um.) Morb. Hahaha! die Ungeduld!—Nun, Erwin! haben Sie bereits Vorgeschmack von dem, was ich Ihnen als die Kunst zu leben anpries? Erwin (vom Weine bereits erhitzt). Ja — das ist Leben! — Sie verstehen es! Hahaha! — Noch ein Glas! (Nimmt eines.) Es lebe das Leben! Alle (anstoßend). Hoch! hoch! Morb. (sein Glas erhebend). Es leben die Damen! Erwin. Ja — die schönen Damen sollen leben! Alle. Hoch! hoch! Fleurette, Betti, Jenni und die anderen Tänzerinnen (find indeß vom Tanzsaale hervorgekommen). Fünfzehnte Scene. Vorige. Lu ft mann. Luftm. (tritt durch eine Seitenthür ein. Erwin erblickend). Ah, da ist er ja! — Herr Baron! Erwin (fährt, Lustmann erblickend, von seinem Sitze in die Höht). Ha! Luftmann! (Für sich.) Mein Himmel — wie kam's doch — ich hatte ganz vergessen — meine Louise! — (Eilt auf Lustmann zu.) Nun, was ist's? Luftm. (spricht leise mit Erwin). Alle (sehen verwundert ans dir Beiden). Morb. (zu den Gästen). Zum Henker — ist er auch hier? — Welche Heimlichkeiten? Erwin (faßt freudig ergriffen Luftmann's beide Hände, drückt sie — fällt ihm dann um den Hals). Morb. Element! Was gibts denn da? — Ich muß doch hören — (Steht auf und will zu Erwin.) Erwin. Fort! — ich muß sogleich fort. Morb. Was haben Sie denn? Erwin. Ich bin glücklich — selig! Morb. Wo wollen Sie hin? Erwin. Zu — Luftm. (den Finger auf den Mund legend). Pst! — Diskretion! Erwin. Hahaha! Jetzt sage ich's noch nicht — aber Sie werden staunen — Luftm. (drängend). Kommen Sie nur — kommen Sie! Erwin. Ich gehe der seligsten Stunde entgegen! — In den Wagen! In den Wagen! (Hängt sich in Luftmann's Arm und eilt mit demselben ab.) Liebenth. i Schmucker. ! Was ist das? Fleurettte. f Morb. (nachfinnend). Eine heimliche Botschaft— durch diesen Luftmann! — abgeholt — seligste Stunde— das sieht ja aus, als ginge es zu einem Rendezvous? Da muß ich mir Ueberzcugung verschaffen! Meine Equipage steht unten — folgen wir seinem Wagen! Liebenth. t Schmucker, i Ja, ja, das thun wir! Hauch. I Liebenth. (zu den Tänzerinnen und den übrigen Gästen). Meine Schönen und Ihr lieben Freunde, laßt Euch in eurer Unterhaltung nicht stören — wir kommen wieder zurück. (Zu Morberg.) Aber nun rasch! keine Zeit verloren! (Ab mit Liebenthal, Schmucker und Hauch.) (Vom Saale her ertönt wieder in dem Augenblick eine rauschende Tanzmusik und Alle eilen in den Saal ab.) 8S Derwandluvg. (Zimmer im Landhanse des GerichtSrathrs Mall- bert. Im Hintergründe ein Arbeitstischchen mit weiblicher Handarbeit, Bücher und Lichter ans demselben) Sechzehente Scene. Mallbert. Amalie. Mallb. sein Mann im Greisenalter kommt durch eine Seitenthür). Amalie sbei36 Jahre alt, mit blassem, aber noch Spuren der Schönheit verlachendem Antlitze, im einfachen Hauskleide, von der entgegengesetzten Seite). Mallb. Nun, Malchen! wirst Du nun mit der Hinrichtung unseres neuen Hauswesens bald zu Stande sein? Amalie. Ja, lieber Vater. Mallb. Ich habe eben meine kleine Bibliothek aufgestellt. Es hat mich etwas ermüdet. (Setzt sich an den Tisch.) Komm, setze Dich hieher zu mir! Amalie (setzt sich zu ihm). Mallb. Ich will mir das Landhaus so recht wohnlich einrichten — es ist ja mein letzter Ruheplatz, dicht an dem kleinen, aber ewigen Ruheplätzchen. Amalie. Ach, lieber Vater, sprechen Sie doch nicht davon! — Der Abend Ihres mühevollen Lebens wird ein recht heiterer und langer sein. Malberg. Ich will es hoffen,— wenn auch nur Dn deine einstige Heiterkeit wieder erlangtest! Amalie. Ich bin ja heiter. Mallb. Nein, nein — täusche mich nicht! — Ja, vor sechzehn Jahren, als wir in der Residenz waren, warst Du die Munterkeit selbst— aber— ich entsinne mich genau— ich mußte damals eine Dienstreise antreten, von welcher ich erst nach einem Jahre zurückkehrte — und wie verändert fand ich Dich! Deine Wangen waren gebleicht, eine tiefe Schwennuth hatte sich Deines ganzen Wesens bemeistert. Amalsie. Sie wußten ja — ich hatte während Ihrer Abwesenheit eine schwere Krankheit überstanden. Mallb. Aber daß diese so dauernde Folgen für dein Gemüth haben konnte! — Als ich darauf in die Provinz versetzt wurde, hoffte ich, die Veränderung des Ortes we.de wohlthätig auf Dich einwirken — aber ich sah mich auch hierin getäuscht. Mehrere achtenswerthe Männer bewarben sich um deine Hand — Du wiesest alle zurück — Amalie. Nein, nein, Vater, ich werde mich nie vcrmälen, ich bleibe bei Ihnen. Mallb. (ihr seine Hand auf den Kopf legend). Mein gutes Malchen! — meine sorgsame Hauswirthin! — Doch sage mir, wie bist Du mit dem Stubenmädchen zufrieden, welches uns Doctor Billncr zusandte? Stellt sie sich gut an? Amalie. Ja, — es ist ein recht liebes, gutmüthiges Kind — aber ich werde wohl noch eine Noth mit ihr haben; sie ist vom Lande — daher noch unbehilflich, und verdirbt oft, trotz des besten Willens, Manches! — Mallb. Nun, wenn sie nur den guten Willen hat, so gibt sich das wohl. Sechzehnte Scene. Vorige. Louise. Tippelberger. (Man hört anfangs Tippelberger's Stimme hinter der Scene.) Aha! da ist sie ja, die Ausreißerin! Hab' ich Dich einmal? Mallbert und Amalie (erstaunt aufhor« chend). Was ist das? Tippelb. (die Thür aufstoßend und Louise an der Hand haltend, tritt, vom Weine glühend, herein; den Hut noch aus dem Kopfe). Wo sein denn die sauber'n Herrnleut', die so einer Dirne Unterstand geben? Louise (weinend). Um Gottes willen — Vater! Tippelb. Vater! — sie gesteht's selber — hören Sie's? — Ich frage, ob Sie'- gehört haben? Amalie. Wie? Ihr seid der Vater des Mädchens? laßt sie doch los! Tippelb. (Louisens Hand noch fester haltend). Gar keine Spur! Da bleibst! oder ich schlag' Dir alle Knochen entzwei! Amalie. Gott — welche Rohheit! Tippelb. Rohheit?— Ah freilich! wir Bauern, wir sein roh — die Stadtleut', die sein freilich abg'kocht und geschmolzen, und mit allen Fetten g'schmiert! Mallb. (mit Festigkeit aus Tippelberger zu- gehend). Mann, mäßigt Euch! Ihr seid in meinem Hause — den Hut vom Kopfe! Tippelb. (sieht ihn etwas verblüfft an — für sich). Hat der Mann ein Geschau! (Zieht langsam den Hut vom Kopse.) Mallb. So! — und nun sprecht: was habt Ihr vorzubringen? — Ihr sagt, Ihr seid der Vater des Mädchens? Tippelb. Vater? — der Vater von ihr bin ich wohl nicht, Gott sei Dank! Ihr Vater muß ein Lump gewesen sein — und ihre Mutter eine miserable Person — Mallb. Was habt Ihr also für Rechte an sie? — Wer seid Ihr? Tippelb. Ich? Ich bin der Tippelberger aus Holdau. Amalie (zusammenbkbrnd). Aus — Holdau? Tippelberg. Ich bin ein Bauer und mein Weib eine Bäuerin — und in freien Stunden war sie Amme! Amalie (mit gepreßter Stimme für sich). Mein Gott! was werd' ich hören? Tippelb. Und vor sechzehn Jahren — ja, es sein so viel — Amalie (wie oben, sich am Tische haltend). Vor sechzehn Jahren — Tippelb. Da hat uns so eine Person — ich sag' eine Person — denn mehr war sie nicht! — das Kind da gebracht, hat nichts mehr von sich hören lassen — wir haben's umsonst aufgefüttert — und gestern — gestern lauft sie auf und davon — die liederliche Dirn! (Erhebt die geballte Faust gegen Lonise.) Amalie (stürzt mit einem Schrei zwischen ihn und Louisen und drückt diese an ihre Brust). Haltet ein! Mißhandelt das arme Kind nicht! Tippelb. Ich darf mit ihr thun was ich will! Sie hat keine Eltern — ich bin ihr zärtlicher Vater — ich kann sie auch hauen! Mallb. (zu Tippelberger). Gebt Euch zur Ruh'! (Zu Amalien.) Amalie, was hast Du denn? — Du weinst? Mein Gott — Dich greift auch Alles gleich so an! Laßt uns doch das Mädchen hören! Tippelb. Die hat gar nichts drein zu reden! Mülb. (zu Tippelbergcr strenge). Schweigt! (ZuLouisen.) Komm her zu mir, mein Kind! Louise (vor Angst zitternd und weinend, indem sie beide Hände zu ihm erhebt). Gnädiger Herr! Mallb. Ist es wahr, bist Du von Deinen Pflege-Eltern heimlich entwichen? Tippe lb. Ah was entwichen! durchgegangen ist sie! Louise. Nein! nein! — Ist es denn ein Verbrechen, daß ich mich darnach gesehnt habe, zu meiner wirklichen Mutter zu kommen? Mallb. Wie meinst Du das? Amalie (für sich in höchster Angst). Herr im Himmel! Louise. Gestern ist ein Herr zu uns gekommen — der hat gesagt: er hätte es schon entdeckt, wer meine Mutter ist: — eine vornehme Frau, sagte er — und der Advocat, der Doctor Billner sagte dasselbe, und hat mir zugeredet, mit ihm zu fahren, weil er mich zu ihr bringen wollte — Mallb. Doctor Billner? Sonderbar! Amalie (für sich). Gott! und deshalb — Louise (traurig). Doch heute Früh hat er wieder gesagt, es wäre ein Jrrthum; meine Mutter sei noch nicht entdeckt. Amalie (aufathmend). Gott sei Dank! 40 Louise. Er sagte auch: meine Pflegeeltern könnten mich nicht mehr erhalten und wollten selbst, daß ich in einen Dienst gehe. Was sollte ich denn da thun, als hingehen, wohin er mich schickte? — hierher in das Haus. Amalie. Ja, und hier sollst Du auch bleiben! Tippelb. Was — was? dableiben? Wer hat ein Recht, das Madel da zu behalten? Himmel-Sapperment! Amalie (zu Mallbert). Um des Himmels willen, lassen Sie das arme Kind nicht dem rohen Menschen! Mallb. Was kann ich tbun? Er hat die Vaterrechte über sie freiwillig übernommen — sie hat sich ohne sein Wissen aus seinem Hause entfernt — er hat ein Recht, sie zurückzuverlangen. Tippelb. Gescheit von Ihnen, daß Sie das einsehen! Hätt' Ihnen aber auch nichts genutzt, wenn Sie's nicht eingesehen hätten! Mallb. Doch ich will mich des armen Mädchens annehmen. (Zu Tippelberger.) Ich verbiete Euch jede rohe Behandlung dieses Kindes; sonst soll das Gericht — Tippelb. Roh? — bin ick roh? Ick bin der beste Kerl von der Welt — ich beleidige kein Hendl (Huhn). (Barsch zu Louise.) Also marsch — fort mit mir! Louise (eilt zu Amalie und küßt ihr weinend die Hände). Fräulein, Sie sind so gut, mir war so wohl bei Ihnen. Amalie. Leb' wohl, mein Kind. (Leise zu ihr.) Wir werden uns noch sehen! (Zu Tippelberger.) Behandelt sie gut, seid mild gegen die arme Waise — Tippelb. Jetzt Hab' ich genug mit der Flennerei! (Zu Louisen.) Marsch fort— (Faßt sie am Arme und zieht sie von Amalien weg — dann zu Amalien und Malbert.) Behüt'Gott! Nichts für ungut! (Wieder unwillig zu Louisen.) Na, was stehst noch da! Soll' ich Dir Fuß' machen? (Stößt sie am Arm ) Weiter! weiter! keine G schichten! (Im Fortgehen mit ihr rai- sonkend.) Du sollst mich noch kennen lernen, Dirn' übereinander. Amalie (hat sich erschöpft an dem Tische gehalten und sieht der abgehenden Louise mit ängstlicher Aufregung nach. Als diese schon an der Thür ist, breitet sie im unbezwingbaren Gefühle ihre Arme aus und ruft). Louise! Louise (wendet sich rasch und will nochmals zu ihr eilen). Tippelb. (in aufwallendem Zorne Louise am Arme packend). Hat die Komödie noch kein End'? Hinaus, sag' ich! (Stößt sie gewaltsam zur Thür hinaus und folgt ihr.) Amalie (stößt einen Schrei des tiefsten Schmerzes aus und ist nahe daran zu Boden zu sinken). Mallb. (es bemerkend und rasch sie in seinen Armen aufhaltend). Um des Himmels willen, Malchen! Amalie (mit schwacher Stimme). Es — es ist nichts — meine Nerven — zu Bette! zu Bette! (Schwankt, von Mallberg unterstützt, der Seitenthür zu.) (Der Vorhang fällt) Dritter Act. (Platz im Walde. Im Hintergrund mehrere einzeln stehende Bäume. — Ganz zu Anfang schimmert noch der Mond durch das Gezweige, entschwindet aber bald und die Morgendämmerung tritt ein.) Erste Scene. Erwin. Luftmann. Erwin (kommt, in einen leichten Mantel gehüllt, mit Lustmann. In seinem ganzen Wesen spricht sich noch die Aufregung der Scene im zweiten Acte aus). Luftm. (ebenfalls in einen Mantel gehüllt, noch in die Scene zurücksprechend). Halte nur mit dem Wagen dort unten am Hügel! Erwin. Sind wir endlich am Ziele? Ich vergehe vor Ungeduld! Ich soll sie wiederfinden— in meine Arme schließen! O, meine Sehnsucht ist zur heftigsten Begierde angefacht! Seit heute fühle ich erst, welche Seligkeit ein Kuß von ihren Lippen mir gewähren müßte! Luftm. Ja haben Sie denn von der Louise noch nie einen Kuß bekommen? Erwin (fast sich schämend). Nein. Luftm. Hahaha! (Unterbricht plötzlich sein Lachen.) Verzeihen Sie, aber da ist es wirklich eine Aufgabe, sein Zwerchfell zu beherrschen. Erwin. Morberg hat Recht — ich war ein alberner blöder Junge! aber er hat mich aufgeklärt— ich will nicht mehr blöde nach einer Seligkeit schmachten, ich will mich kühn in das Meer der Wonne stürzen! Luftm. (für sich). Ich wünsche vielGlück zum Namenstag, Fräulein Louise! (Plötzlich aushorchknd.) Still! ich höre kommen, — man wird sie bringen. Erwin. Louise! O, rasch ihr entgegen! Luftm. (ihn zurückhaltend). Halt! Sie dürfen bei der Ucbergabe gar nicht dabei sein. Treten Sie nur dort hinten in das Gebüsch — geschwind! (tzr drängt Grwiu in ein Gebüsch im Hintergründe.) Zweite Scene. Luftmann. Tippelberger. Louise. Tippelb. (kommt, Louise an der Hand nach sich ziehend, von seitwärts). Kein Wort red', sag' ich Dir! Louise. Um Gottes willen, Vater! Das ist nicht der Weg nach unserm Dorf! Tippelb. Ich schlage Dich todt, wenn Du einen Laut von Dir gibst! — Was das dumme Ding sich spreizt, wenn man's zu seinem Glück führen will! (Sich umsehend.) Aber das ist ja das Platzl — und er — Luftm. (bis über das Gesicht in seinen Mantel eingehüllt, tritt rasch hervor). Tippclberger! L o u i s e (fährt entsetzt zurück). Herr des Himmels! Tippelb. Stad sei! — (Zu Luftmann.) Wer da? Luftm. Gut Freund! (Zieht ein Päckchen Banknoten hervor und reicht es Tippelberger.) Hier die Losung! Tippelb. Ah, die fünfhundert Gulden? — Die Losung ist richtig! — Louise! Du gehst mit dem Herrn da! Louise (in Todesangst). Vater! um Alles in der Welt — wollt Ihr mich verkaufen? (Sinkt in die Knie.) Habt Erbarmen! T ippclb. (will sie in die Höh' reißen). Keine Umstände! (Zu Lustmann.) Nehmen Sie's! Luftm. (will Louise aufheben). Fürchten Sie sich nicht — ich bin ja kein Wauwau! Louise (schreit aus vollem Halse). Zu Hilfe! Zu Hilfe! Dritte Scene. Vorige. Erwin. Erwin (rasch aus dem Gebüsche tretend, doch noch im Hintergründe). Ha — ihre Stimme! Tippelb. (erschreckt). Was war das? Luftm. Alle Wetter! Wir sind belauscht — verrathen! — Schaut, daß Ihr weiter kommt! Die Wache kommt! T i p p e l b. (von Furcht ergriffen). Herr Gott! — Ich renne, was ich kann! (Läuft davon.) Erwin (ist vorgeeilt, wirst den Mantel ab, und beugt sich zu Louisen nieder). Louise! Louise! Louise (aus der Todesangst in die ungestümste Freude übergehend). Erwin? Du? — Du? Erwin (hebt sie auf und drückt sie an seine Brust). Louise! mein liebes himmlisches konischen! Ich habe Dich wieder! Louise (liegt weinend in seinen Armen). (Pause.) Luftm. (leise zu ihr). Nun, Fräulein Louise! warum schreien Sie jetzt denn nicht mehr nach Hilfe? Louise (sieht sich nach ihm um — auf's Ne"* erschreckt). Gott — dieser Mensch! Erwin. O, fürchte ihn nicht, er ist mein treuester Freund, — er hat Dich in meine Arme gebracht. Luftm. Ich bin der Schutzgeist reiner Liebe. < Erwin. Doch jetzt, Louise, sollst Du nicht mehr von mir gehen. Louise (bittend die Hände zu ihm erhebend). Erwin! willst Tu Dich meiner annebmen? Du — Du allein bist mein Engel, mein Schutzgeist! Dir vertraue ich mich an, — laß mich nicht, weil ich keine Aeltern auf Erden habe, auch an dem Vater im Himmel verzweifeln. (Sinkt weinend an seine Brust.) Erwin (sie heftig mit seinen Annen umschlingend). Weine nicht, Du meine Seele — mein Leben, Du sollst nicht verlassen sein. Jetzt fühl' ich, welch' ein Gluck es ist, reich zu sein. Ich will Dir ein beben schaffen, in welchem jede Minute neue Freudenblü- tben treibt. Du sollst mir, mir ganz allein angehören. (Küßt fic ungestüm.) Vierte Scene. Vorige. Morberg, Schmucker, Liebenthal, Hauch (sind während der letzten Rede Erwins hinter den einzelstehenden Baumstämmen im Hintergründe sichtbar geworden, haben heimlich auf die Liebenden gedeutet und fangen bei der letzten Umarmung laut zu lachen und zu ap- plaudiren an). Louise (aus Erwins Armen fahrend)- Mein Gott! Erwin (sich überrascht umsehend). Was ist das? Morberg ) Liebenth. f (kommen lachend vom Hinter- Sch Mucker l gründe hervor). Hauch ! Erwin. Wie, meine Herren— Sie hier? Mord, (lachend). Ein guter Meister beobachtet jeden Schritt seines Zöglings. Dock (Erwin aus die Schulter klopfend) Ihre Fortschritte sind wahrhaftig überraschend. Ick bin zufrieden. Ltebenth. Sieh' mal an! Alle Schüchternheit ist beim Teufel! Hauch (sich keck Louisen nähernd.) Und wie vortrefflicher Geschmack! Morb. (tritt ebenfalls näher zu Louisen — vor Ueberraschung einen Schritt zurücktretend). Parbleu! was sehe ich! Louise (zu Erwin, leise). UmGotteswillen, fort von hier! Ick vergehe vor Scham! Erwin (unwillig). Ja, fort von hier! — Meine Herren! daß Sie meinen Schritten nackspionirt haben, ist unverschämt! Morb. Ei — nehmen Sie doch einen Sckerz nicht so hock auf. Erwin. Ich kann Ihnen verzeihen, wenn Sie zur Zielscheibe ihrer Scherze mich wählen: dock Sie (auf Louisen deutend) nicht! Ich werde Sie zu schätzen wissen!— Dieß ein für alle Male! Dock jetzt (Louise mit einem Arme umschlingend) fort—fort! Ich bin in diesem Augenblicke zu glücklich, als daß ick mich andern Aufwallungen hingeben könnte, als denen meines überströmen- den Herzens. Komm' mit mir! Du, Du ganz allein! O, ich könnte jetzt die ganze Welt verlassen; ich habe ja in Dir eine neue, schönere gefunden! (Eilt mit Louisen ab.) Morb. (der, seit er Louisen erkannt, ganz verblüfft dagestanden). Ich kann mich noch gar nicht fassen, — sie war's — sie! Welcher Teufel hat ihn auf die Spur gebracht? Luftm. (der sich bisher zurückgezogen hatte, nun mit kecker Nonchalance hervortretend). Ich war der Teufel! Morb. Ha— Sie, Luftmann! —Sie sind doch der größte Schlingel auf Erden! Luftm. Wenn man's nur in etwas zu einer Größe gebracht hat! Morb. Aber Sie durchkreuzen ja meine Pläne. Luftm. Ich brauche Ihre Pläne nicht, ich habe meine eigenen. Morb. (erbittert). Ich sehe ein: man soll sich hüten, mit gewissen Leuten in irgend eine Verbindung zu treten. Luftm. Besonders wenn man nicht wenigstens eben so gescheit ist, als sie! 43 Morb. Herr! Sie sind grob! Luftm. Und Sie sind nicht fein genug, um eine Jntrigue ohne mich— geschweige erst ge gen mich ausführen zu können: Sie haben mich als Cicerone zu Ihrem limo- nadiscken Pantsch verwenden und dann mit einem Taschenspieler-Kunststücke wegchan- giren wollen — haben geglaubt, das geht nur so: Eins — zwei — drei! —Hahaha! Fahren Sie ab, mißglückter Hermann'scher Copist! — Sie haben mich zu Ihrem Feind haben wollen — gut, so bin ich's! Morb. (laut zu Luftmann). Nun — ich erkenne mich für besiegt — ich strecke die Waffen. Luftm. Kannein bereits Entwaffneter noch die Waffen strecken? Morb. Ich biete die Hand zum Frie- den — (Hält ihm seine Hand hin.) Luftm. Don einem perfiden Bundesgenossen wird nie eine leere Hand zum Friedensschluß angenommen. Morb. (seine Börse herausjiehend). Nun — ich zahle die Kriegskosten. Luftm. (nimmt die Börse, für sich). Das Geschäft blüht! (Laut.) Was wollen Sie? Morb. Ich frage: Was, um Alles in der Welt, Sie damit wollen, daß Sie ihm gerade dieses Mädchen zuführcu? War es nicht unsere Absicht, diese standeswidrige L^ebe zu ersticken? Luftm. Eben deshalb habe ich sie ihm in die Arme geführt. Morb. Ich verstehe Sie nicht! Luftm. Ja. Ihnen geht es wie einem Seidenhändler, der schon Jahre lang in Seide macht, und doch die Natur des Seiden wurms nicht kennt. Sie machen schon beinahe vierzig Jahre in Liebe; aber den Quell der Liebe und ihre Natur verstehen Sie nicht! Glauben Sie mir: Die Liebe stirbt, wie die Menschen, weit öfter an Uebermaß, als am Mangel. Sie gleicht einer Alpenblume, die sich vom Einsaugen der nassen Wolken ernährt, die aber zu Grunde geht, wenn man sie fort begießt. Sehen Sie, wäre die Louise dem Erwin ferngeblieben, so wäre sie für ihn noch inu mer Wolke, und seine Leidenschaft wäre incurable, jetzt hat er sie — jetzt soll er sich an dem Lebzelten dieser Liebe Übereffen, und glauben Sie mir, nach ein paar Wochen laßt er von der Speise ab und kehrt sich nach anderen Delikatessen. Morb. Ich verstehe. — Sie soll nur seine Geliebte werden, die er bald wieder mit einer Andern verwechselt — es sieht für Sie desto mehr heraus, je mehr Avan- turen Ihr Gönner hat. Luftm. Versteht sich! Nur bei einem weitverzweigten Geschäfte rentirt es sich, der Commis Voyageur zu sein. Morb. Nun bin ich beruhigt. Ich fürchtete schon, es geht auf eine Heirat los — Luftm. Für was halten Sie mich? Morb. Aber szu seinen Begleitern) die Morgenluft weht verdammt scharf! Ich denke, wir fahren wieder nach Hause. Schmucker. Ja, von dem Gehen im nassen Grase habe ich schon wieder mein Stechen im Kreuze. Lieb. Und in meinen Füßen meldet sich das fatale Rheuma. Hauch. Mich reizt die Gebirgsluft zum Husten — (Hustet.) Aber Gott sei Dank, Erwin ließ hier seinen Mantel zurück, den nehme ich indeß mit. (Hebt den Mantel auf. welchen Erwin weggeworfen.) Luftm. (zu Morberg). Wir haben Frieden geschlossen — also bedecke ich auch Ihre Schwäche mit dem Mantel der Nächstenliebe — (Gibt ihm seinen eigenen Mantel.) Morb. Danke! (Sich darein hüllend.) Ah — das thut wohl! Lieb. Zum Glück bin ich im Obcrrock! (knöpft dmselben ganz zu, und streift den Kragen bis über die Ohren aus.) Schmucker. Ich muß mir ein Tuch um den Hals binden. (Bindet sich das Sacktuch bis aus dm Mund.) Es fröstelt mich bedeutend — eilen wir zum Wagen! Morb. Ja— ja — fort! (Zu Luftmann) st rvvoir in der Stadt! 44 Alle (außer Lustmann gehen fröstelnd und sich einhüllend ab). Fünfte Scene. Luftmann (allein). (Er sieht ihnen lachend nach.) Hahaha! Katarrh — Kreuzstechen — ein Bischen Gicht unter dem sich selbst foppenden Namen: »Rheuma« — das sind die Münzen, in welchen solchen Jägern im Lust-Revier ihr Invaliden-Gehalt ausgezahlt wird. Diese Herren haben ihr ganzes Leben in den Tag hinein gelebt, und doch wirft sie jetzt jedes Morgenlüftchen um! — Es ist überhaupt etwas Eigenes um die Morgenluft: Nur die, welche selbst noch am Morgen des Lebens stehen, jauchzen ihr entgegen und öffnen die Brust weit, um sie ein- zuathmen; aber Leute, welche schon am Abend ihres Lebens stehen, denen wird immer nicht gut, wenn ihnen etwas in die Nase weht, was nur die entfernteste Aehn- lichkeit mit Morgenluft hat, sie hüllen sich ein, oder sie machen es wie der Geist von Hamlet's Vater — sie sagen: »Ich witt're Morgenluft!« und schauen, daß sie weiter kommen. Lied. Ein Beamter, ein kleiner, Von denen so einer, Die nichts als copiren, Wcn'ger schreib'» als radiren, Z'imponiren stets wußt' er Sein' Schneider und sein' Schuster; Wann's am Ersten Geld wollen, Sagt er, sollen sich trollen, 's müßt ihnen ein' Ehr sein, Wenn auch seine Säck' leer sein; Doch der Schuster, der Schneider, Die sein jetzt schon g'scheiter, Sag'n: »Sie glauben, daß's mehr sein, »Woll'n dem Bürger sein Herr sein? »Wir hab'n g'arbeit, und zahlten, »Davon werd'n Sie erhalten. »Wir fürcht'n Ihr Bureau nit, »Und zahlen'- uns so nit, »Dor's G'richt wern Sie g'laden »Bureaukratische Gnaden!« Ganz z'sammgetätscht sucht er jetzt sein Geld heraus, «und ruft: Oh! ich wittre auch beim Bürger Morgenluft! 's klagt Einer, dem nichts recht is, Daß in Städten so schlecht ist, Weil man z'viel thut aufklären, Am Land nur dräust wären Noch Gemüther voll Einfalt, Wo kein Licht noch hineinsallt, Drum thut er 'naus wandern, Probirt unter andern, Den Bauern z'erklären, Daß d'Küh verhext wären, Wann's geben nit gnug Milich, Drum — er thät das billig, Thät ein Sprüchl aufschrcibcn Um d'Heren z'vertreiben, Doch an Zeichen und Sprüche! Glaubt kein Hanns und kein Michel, 's lachen den Herenvertreiber Sogar aus d'alten Weiber, Was wird der Lohn für sein Weg sein? 's wird a Buckel voll Schläg sein! D'rum geht er ab, verschwindet, indem er dasig ruft: O ich wittre auch beim Bauer Morgenluft. In ein'm Nachbarland waren Kuriose Rechte vor Jahren, Ein Edelmann, ein alter, Was hatt' für 'ne Gewalt der, Brauchte sich nicht zu zügeln, Ein' Bauer durchprügeln; Könnt er rein zum Vergnügen, Niemand wagt' es zu rügen, Der G'schlagne dürft sich nicht rühren A Klag etwan z'führen; — So ein Ed'lmann der möchte Jetzt noch hab'n seine Rechte, Doch wie er prügelt ein' Armen Da kommen d'Gensdarmen, Nir nutzt's, daß er ist g'adelt, Er wird doch cing'fadelt, Weil man G'richte einsetzte, Wo der Erste und der Letzte (Nanz gleich vor dem G'setz sein, DaS geht ihm schwer jetzt ein, Da streicht er seinen Schurbart ganz mürrisch sich, und ruft: Lb atta, weht bei Eomi tat jetzt auch schon Morgenluft! A Redacteur war einst glücklich, Zur Zeit, wo's noch schicklich, A paar fade Geschichten Mit Schulbub'n-Gedichten, A Sitt'nlehr' für d'Jugend Voll hausbackner Tugend Den Leuten aufz'tischen, Um Pränumerantcn zu fischen; Doch jetzt wer'n d'Lcut g'scheiter, Woll'n seh'n etwas weiter, Liefgedachte Artikel, AlS der Bildung Vehikel, Nicht ang'schaur jetzt wird mehr, Was der Altvatcr schmiert mehr, Er sucht Pränumeranten, Doch 's sein keine vorhanden, Er ficht, daß nah schon sein Sturz is, Weil sein Hirn ihm zu kurz is, Da thut er verzweifeln, Wünscht d'neue Zeit zu all'n Teufeln — Geh, alter Hamlet! geh nur, zurück in deine Gruft, Du witterst bei den Lesern jetzt auch schon Morgenluft. 's ist in ein' klein' Stadtl So ein Magistrate!, Wo klein zwar die Köpf' sein, Desto größer die Zöpf sein, D' neuen Institutionen, Die künnen's nit g'wohnen, 's geht nicht ein, diesen Guten, Daß emancipirt sein die Inden, Wollen ihncn's verderben, Wann's um a G'schäft sich bewerben, Wollen's wiedereinschließen, In Stadttheil in g'wiffen, Doch da macht ein Israelite Beim Ministerium Schritte, Und gleich kommt ein Putzer, An d'kleinstadtischen Plutzer, Gleichberechtigung müßt' sein, Mag's ein Jud oder ein Christ sein, Da stecken die Zöpfe Zusammen die Köpfe, Und der Herr Bürgermeister schaudernd ruft: O ich spür's, es weht auch für d'Ju- den Morgenluft! Sieht man g'wiffe Leute, Die so dumm sind noch heute, Daß's noch Karten aufschlagen Und sich lassen wahrsagen, Daß's, wenn einmal ihnen Is im Traum was erschienen, Dafür baar's Geld hinlegen, Um den Traum auszulegen, Daß's zum Bründelbad gehen, Um dort Nummern zu sehen — Daß, wenn d'Sonn sich verdunkelt, Man von Weltuntergang munkelt, Und wenn and're, die's kennen, A Glück das noch nennen, Daß d'Welt noch obscnr is Und von Klarheit ka Spur is, Und Ied'n grimmig hassen, Der sich damit wollt' befassen, Die Leut' damit zu bekehren, Daß's nit gar so dumm wären, Da schaudert wohl zusammen der Men- sreund und ruft: Weht denn bei g'wissen Leuten nie Morgenluft?! 46 Sechste Scene. (Saal in Erwins Schlosse (Parterre). Im Hintergründe sieht man durch eine Bogcnwölbung in den Park). Jacob. Einige Diener, gleich darauf Luftmann. L uf t m. (kommt hastig). Dienerschaft! Haushofmeister! — Wo ist der Haushofmeister? Jacob. Was gibt's? Luftm. Aufgepaßt! die Ohren aufgemacht! Jacob. Ueber Mangel an Ohren hat sich bei mir noch Niemand zu beklagen gehabt. Luftm. Rückwärts im Park ist ein kleines Sommerhaus — das muß auf das Eleganteste eingerichtet werden — für eine Dame! Jacob (sieht ihn erstaunt an). Was? Dame? — In wie ferne Dame? — Kriegen wir eine Frau in s Haus? Luftm. Hm! Nicht so ganz — aber doch — so quasi. Jacob. Eine Quasi-Dame? Luftm. Die Geliebte des jungen Barons. Jacob (entsetzt). Was? eine Geliebte — bei uus im Haus? — Da wird nichts daraus! Das duld' ich nicht! Luftm. Naja, Sie wird man gerade noch fragen! Jacob. Ja — mich muß man fragen — ich bin ein ehrsamer Junggeselle, mein guter Ruf leidet darunter! Ich mache die Anzeige! Ich verbiete mir's! Ich Hetze alle Behörden auf diese Geliebte! (Will fort.) Siebente Scene. Vorige. Morberg. Morb. (kommt hastig). Ah, da treffe ich Sie ja — (Geht aus Lustmann zu.) Hören Sic, lieber Freund — (Will heimlich mit ihm sprechen.) Jacob (dazwischrntretend). Was, Herr Baron! Sie sind mit dem schon wieder per: lieber Freund? — Ah! das geht über das Klampfnergesindel! Morb. Alter! Was untersteht Ihr Euch? Jacob. Ah was unterstehen! Ich gebe mich mit keinem Unterstand ab — verstehen Sie mich? — Und daß ich's Ihnen nur sage: Sie haben bei mir auch schon ausgegcssen. Luftm. Laßt uns allein - ich befehle es. Jacob. Sie? — mir befehlen? (In sich hineinbrummend.) Sie schlechter Kerl! (Laut.) Aber ja — ich füge mich immer dem Gesetze — heute können Sie noch befehlen — ich gehe — aber das muß ein End' nehmen. Morb. Was hat er denn mit einem Male? Jacob (fast weinend vor Kränkung). Ich war immer stolz darauf, in diesem altehrwürdigen Hause zu dienen — aber so eine Maitreffen-Herrschaft — pfui Teufel! — Vierzehn Tage will ich noch bleiben und dulden — weil ich muß! — aber dann gehe ich. Luftm. Es wird Sie Niemand aufhalten. Jacob. Aber dann — dann sind die Schranken der Subordination gefallen, und dann — (Macht Miene, als ob er auf Luftmann losfahren wollte, — besinnt sich aber und spricht gemäßigt.) Die Fortsetzung folgt in vierzehn Tagen. (Eilt ab ) Luftm. (ihm nachsehend). HalDichwerd' ich fürchten, altes Murmclthier! Morb. Was brachte ihn denn gar so auf? Luftm. Daß die Geliebte des jungen Barons das Sommerhaus im Park beziehen soll. Da kommt er mir mit seiner alt- gebackenen Moral — der Zopf der! Morb. Was? Sie wollen das Mädchen hier im Hause einlogiren? Ei, das ist denn doch nicht ganz rathsam. Ich glaube, es wird dem Baron selbst nicht angenehm sein. 47 —- Doch sieh, da kommt er ja — doch — allein? Achte Scene. Vorige. Erwin. Erwin (kommt mit vor innerer Heiterkeit strahlendem Gesichte herein). Ah — Sie da, lieber Baron? Morb. (mit einem Kaunslächeln sich die Hände reibend). Nun, mon ettör bUövs! ich gratulire! — Hm! Sie sehen ja aus wie das Liebesglück selbst! Erwin. Dann ist mein Aeußeres wirklich nur der Wiederschein meines Innern. Morb. Nicht mehr so schüchtern gewesen? — was? — hehehelF (aßt ihn mit beiden Händen leicht um die Mitte.) Erwin. O nein! Ich hatte Muth genug, meiner: Entschluß rasch zur Ausführung zu bringen. Morb. Bravissimo! — Ja, mein Unterricht! — Aber wo haben Sie denn das Mädchen gelassen? Erwin. Sie— sie wird bald hier sein. Neunte Scene. in Ihrer Wohnung und hat gehört, daß Sie da sind — da ist sie hergefahren — sie muß es pressant haben. Morb. Sagte sie denn keinen Namen? Jacob. Nichts! — Hat vielleicht gar keinen Namen. Sie sagte nur, sie muß mit Ihnen reden — sehr wichtig. Morb. Ich bin wirklich neugierig. (Zu Erwin.) Sie erlauben doch, lieber Baron, daß ich die Dame einlade, in das Schloß cinzutreten. Erwin. Ich bitte — betrachten Sic mein Haus wie das Ihrige. Morb. Ich danke Ihnen! (Für sich im Abgehen.) Sonderbar — eine Dame — wüßte ich doch gar nicht — (Ab.) Erwin (zuLust,nanu). Senden Sie sogleich an Morberg's Freunde Einladungen, mir das Vergnügen ihres Besuches zu schenken. Lu ft m. Soll Mes auf das Pünktlichste besorgt werden. (Ab.) Jacob. Jetzt bin ich mit ihm allein — jetzt geredet von der Leber und von der Nieren weg! (Tritt zu Erwin— Anfangs sehr steif.) Euer Gnaden! Erwin. Was willst Du, mein alter Jacob? Vorige. Jacob. Jacob (kommt wieder herein, steif zu Erwin)- Ah — Euer Gnaden sind zurück? — Küß' die Hand! (Dann sich zu Morberg wenoend)- Fangt schon an die saubere Wirthschast — das Gerenne von Weibsbildern! Ich muß ganz schamröthig sein — Morb. Was wollt Ihr denn von mir? Jacob. Ich? nichts. Aber draußen am Thor hält ein Wagen — sitzt eine ganz verschleierte Person d'rin — fragt nach Ihnen. Morb. (erstaunt). Nach mir? — Eine Dame? Jacob. Ja, was sich halt jetzt Alles Dame nennt. — Sie sagt, sie war schon Jacob. Ich bitte Euer Gnaden, reden Euer Gnaden nicht so herzlich mit mir, sonst werd' ich weich, und das vertragt sich mit dem Ernst dieses Augenblickes nicht. (Sich zusammennehmend.) Euer Gnaden! Ich statte meinen ergebensten Dank ab für Ihr bisheriges Vertrauen, für Ihre freundliche Behandlung — für alles Gute, was ich - (seine Stimme wird immer weicher, wie er dem Weinen näher kommt) seit vierzig Jahren — in dem Hause genossen habe; — aber die Umstände — die Verhältnisse — ich sehe mich veranlaßt — meinen Dienst — (sein Sacktuch vor die Augen prrsseud) ZU quittiren. Erwin (herzlich auf ihn zugeheud und ihn an der Hand fassend). Was fällt Dir ein? Mein lieber guter Alter? Tu mich verlassen? 48 Jacob (bricht in ein lautes Schluchzen aus). Da haben wir's — ich hab's gewußt — es bricht mir's Herz — verzeihen Euer Gnaden — (wendet sich ab und weint fort). Erwin. So sprich doch, wenn es Dir so ans Herz geht, was kann Dich dazu bestimmen, den Dienst zu künden? Jacob. Euer Gnaden — es muß heraus! — Die Wirtschaft, die jetzt einge- sührt werden soll, ist mit meinen Grundsätzen nicht vereinbar! Erwin. Was meinst Du? Jacob. Ich mache Euer Gnaden keine Vorwürfe — Euer Gnaden sind ein junger Mensch — will ich sagen: ein junger Baron — Sie wollen Ihr Palais zum Paradies machen — verbotene Frucht — die Eva — und wenn keine Schlange da ist, so ist dafür ein Hauptschlaukel da, der Ihnen zuredet, in den Apfel zu beißen. Das Alles kann ich nicht mit anschauen. Erwin. Was fällt Dir ein? Jacob. Ich weiß was ich weiß! — Dieses Haus — dieses Haus — so angesehen in der ganzen Stadt, — die Leute haben alle Respect gehabt, wenn sie gehört haben, daß man zu dem Haus gehört — und jetzt — jetzt wird daraus — ich mag nicht sagen was! — Euer Gnaden! Stellen sie sich nur vor, ich bin ein alter Mann —^ wenn ich sterbe, und ich komme hinaus zu meinem guten seligen Herrn, zu Ihrem Papa — er sicht mich — oh! Mich wird er von weitem erkennen, wenn ich in einer Wolke dahergeschwebt komme — er ruft mir zu: »Servus, alter Jacob! Bist Du auch Da?« — »Ja, Euer Gnaden!« werd' ich sagen. »Was macht mein Sohn?" wird er mich fragen — und ich — wenn ich ihm dann erzählte, wie Sic's treiben; — ja, ich glaube, der selige Herr Papa riefe ein paar feste Geister und ließe mich zur Himmelsthür hinauswerfen. Erwin. Gute, ehrliche Seele! — Nein, nein! Du sollst mein Haus nicht verlassen. (Blickt in die Scene.) Doch sieh, Baron Mor- herg kommt mit der Dame hierher, ich will seine Unterredung nicht stören folge mir! (Ab ins Nebenzimmer.) Jacob (ihm folgend). Ich folge Ihnen, wohin Sie wollen, wenn Sie nur nicht den Weg ewiger Verdammniß gehen. (Ab.) Zehnte Scene. Morberg. Amalie und Mallbert (kommen vom Parke und treten in den Salon ein). Amalie (ganz schwarz gekleidet —von ihrem Hute herab hängt ein dichter Schleier» welcher anfangs ihr Gesicht verhüllt) Morb. Belieben Sie hier einzutretcn. Amalie. Sind wir hier unbelauscht? Morb. Seien Sie außer Sorgen, meine Gnädige! — Doch darf ich nun erfahren, von wem ich so glücklich war aufgesucht zn werden? Amalie (schlägt den Schleier zurück und sieht Morberg mit ernsten Blicken an). Morb. (sieht sie an, dann:) Entschuldigen Sie, aber ich habe noch immer nicht die Ehre Sie zu kennen — Amalie. Sie erkennen mich nicht mehr? Sv entstellt also dos Leiden mehr als die Leidenschaften: denn ich — ich hätte Sie auf den ersten Blick wieder erkannt. — Baron Morberg! Morb. Und mit wem habe ich die Ehre? Amalie. Ich bin die Tochter des Ge- richtsrathes Mallbert. Morb. (wirklich freudig überrascht). Amalie! — Bei Gott! wo hatte ich denn meine Augen? Ja — ja — Sie sind es — O meine theucrste Amalie. (Will ihre Hand fassen.) Amalie (zikht ihre Hand mit Abscheu zurück). Morb. (befremdet). WaS soll daS? Amalie! Sie kommen, um mich an eine schönere seligere Zeit zu erinnern, und scheinen selbst kein Gedächtniß mehr für diese zu haben. Erinnern Sie sich denn nicht theu« rer Stunden — 49 Amalie. O ja— thenre Stunden! Ich habe sie mit meinem ganzen Lebensglücke bezahlen müssen — ich entsinne mich ihrer täglich — stündlich! Mord. Sehr schmeichelhaft für mich! Amalie. Schmeichelhaft? Daß ich Ihrer Niederträchtigkeit gedenke? Morb. Mein Fräulein — Amalie Welche Betheurungen, welche Schwüre leisteten Sie mir, bis ich Ihnen glaubte, Ihnen vertraute! — (Sich das Gesicht verhüllend). Ihr Opfer wurde! —dann haben Sie mich verlassen. Ich schrieb Ihnen Briefe, worin ich Sie bei dem Heiligsten beschwor, Ihr Versprechen zu erfüllen, bei meinem Vater sich förmlich um meine Hand zu bewerben — Morb. Mein Himmel — derlei Zuschriften — Amalie (mit bitterem Hohne). Wird man bei Ihrer Lebensweise wohl so gewöhnt, daß man sie, kaum gelesen, ins Feuer wirst! — Aber ich — ich gab Ihnen eine Andeutung meines Unglückes, das mit klaren Worten zu gestehen mir das Schamgefühl verbot — doch Sie antworteten nicht — Sie kamen nicht — plötzlich hörte ich, Sie wären verreist — Morb. Ja, eine Lustreise nach Paris, wo ich dann mehrere Jahre verblieb — Amalie. Das Gefühl meiner Schande — die Furcht, daß ihre Entdeckung meinen alten Vater in das Grab bringen würde — Morb. (plötzlich sehr ernst). Verstehe ich recht? Amalie! So ernst berührte mich noch keine Kunde. Amalia. O, gebe Gott, daß Sie nur jetzt wahr sprechen, daß Sic doch eines edleren Gefühles fähig wären; denn nur zu dem Vater meiner Tochter will ich sprechen! — Während mein Vater verreist war, kam sie auf dem Lande im Hause einer Frau, deren Stillschweigen ich mir erkauft hatte, zur Welt, und wurde von mir selbst der Pflege einer Amme übergeben —- für meinen Vater, für alle Welt blieb die Folge Th«»tr-Rkp« Nr, N-. meines Fehltrittes ein Geheimniß. Ich folgte menlem Vater an den Ort seiner Dienstbestimmung — von dort sandte ich jährlich jener Fran, die alleilt um das Geheimniß wußte, eine Summe für die Amme meines Kindes. Vor zwei Tagen kam ich zum ersten Male wieder in die Residenz — mein Herz schlug sehnsüchtig einer Gelegenheit entgegen, meine Tochter wenigstens zu sehen; — doch grausam erfüllt nur das Geschick meinen Wunsch — gestern erkannte ich — in meinem eigenen Dienstmädchen — meine Tochter! Morb. Mein Gott! Wie ist daS möglich? Amal. Ich habe mich bereits überzeugt; — jene Frau hat die ihr gesandten Geldbeträge unterschlagen, das Mädchen wurde deshalb vom Manne ihrer Amme rauh behandelt — sie verließ sein Haus, und Doc- tor Billner empfahl sie mir. — Morb. Doctor Billner? — Mein Gott! — ist sie nicht — in Holdau erzogen? — Ihr Name? Amal. Louise. Morb. (entsetzt, mit tonloser Stimme). Louise — meine Tochter! — (Wankt zurück und hält sich an dem Tische.) Amal. Erschüttert Sie doch der Gedanke, daß Ihre Tochter durch sechzehn Jahre der Rohheit fremder Leute preisgegeben, als Findling behandelt, beklagens- werther als das Kind des ärmsten Bettlers heranwuchs? —Ja, ich sehe es; es hat Sic tief ergriffen; die Hand der Rachegöttin hält Ihnen in diesem Augenblicke die Frucht Ihrer Lebensansichten entgegen. Wenn Sie schon erschreckt davor zurückbcben, so denken Sie sich mein Gefühl — das Gefühl einer Mutter, die ihr Kind in solcher Lage wieder findet, und ihren lautlosen Schmerz verbergen muß. Ich konnte mich Niemanden entdecken — Niemanden als Ihnen al- lein! —Morberg! Bei Allem, was Ihnen heilig ist, beschwöre ich Sie, nehmen Sie sich des armen Wesens an! — aus 4 den Knieen flehe ich — (will zu seinen Füßen sinken). Mord, (verhindert dieß). Amalie! Demü- thigen Sie sich nicht vor mir. Ich habe mich versündigt an Ihnen, an meinem eigenen Kinde! Amal. Ich darf nicht länger hier verweilen — Morberg, geloben Sie mir sich unserer Tochter anzunehmen, sie zu schützen? Morb. (mit Festigkkit)- 3a, ja! ich will sie öffentlich als meine Tochter anerkennen. Amal. Nun dann, Morberg, wenn Sie das jetzt gegebene Versprechen erfüllen, so will ich Ihnen vergeben all' die Stunden tödtlicher Angst, vergeben die Jahre voll Reue und Trauer — vergeben das gemordete Lebensglück. Leben Sie wohl! (Eilt ab.) Morb. (allein). Louise — meine Tochter! (Starr vor sich hinsehend.) Auferzogen aus Barmherzigkeit wie ein Bettelkind — meine Tochter — und durch sechzehn Jahre arm und hilflos — meine Tochter — eine Dienstmagd! — Doch nein — nein — dieß Alles könnte ich ertragen — aber jetzt — durch meine Schuld — die'Maitre — (aufsrammend). Nein! nein! Ich will Erwin sprechen — ich will sie von ihm zurückfordern — und erfüllt er mein Begehren nicht, so will ich ihm mit dem Degen in der Hand — (will fort). Etlste Seeue. Morberg. Luftmann, dann Jacob. Luftm. (kommt geschäftig vom Hintergründe her). Macht sich — macht sich famos! Morb. (ihn erblickend). Ha — dieser Mensch! — Er führte sie in seine Arme! (2hm entgegentrctcnd, entrüstet ) Was macht sich? Was? Luftm. Na — das Sommerhäuscken — jetzt, wo es ausgeputzt und tapeziert wird — ganz paffend für so ein Mädel, wie die Louise — Morb. Für Louise? Sparen Sie die Mühe — Louise wird dieses Häuschen nickt beziehen! Luftm. Ja, was nehmen denn Sie auf einmal für einen Ton an? Morb. Elender Unterhändler! Seelenverkäufer! Mir aus den Augen! oder ich vergreife mich an Ihnen. Luftm. Das wäre ein Beweis meiner Güte — denn nur gute Waare ist schnell vergriffen. Morb. Spare deineWitze mirgegenüber, Schuft! Luftm. Aber Herr Evmpaguon — Morb. (im wüthendsten Zorne) Mensch — ich erwürge Dich. (Faßt ihn heftig an der Brust.) Jacob (kommt in demselben Augenblicke ans dem Seitcnzimmcr). Was sch' ich? — O Gott — Seligkeit! — Ich bitt' Euer Gnaden, halten Sie mir ihn nur noch einen Augenblick, damit ich auf seinem Rücken einen Paukenwirbel schlagen kann — (Will aus Lustmann mit geballten Fäusten zu.) Luftm. (sich wehrend). Loslaffen! Zu Hilf! Zu Hilf! Zwölfte Scene. Vorige. Erwin. Erwin (tritt hastig aus dem Nebenzimmer). Was geht hier vor? Morb. (Lustmann loslassend). Ah — Sie hier? — Mit Ihnen habe ich ein ernstes Wort zu sprechen. Jacob (zu Morb.rg)..Reden Sic, dort (auf Erwin zeigend) ich werde mich mit dem lauf Luftmann weisend.) pantomimisch verständigen (will wieder auf Lustmann zu). Luftm. (retirirend). Der herrschaftliche Buldogg ist wüthend — Herr Barem! (ist immer von Jacob verfolgt bis zu Erwin gekommen). So schaffen Sie ihm doch, daß er «sich kuscht! ! Erwin. Ruhig, Jacob! LI Jacob (bittend). Ew. Gnaden, nur ein BiSchen! Erwin. Gib Dich zur Ruhe! Komm' her zu mir! Jacob. Euer Gnaden befehlen — ich aehorcke— aber nur mit schwerem Herzen! (Tritt zu Erwin.) Erwin. Befolge die Aufträge, welche ich Dir bereits ertheilt — sage besonders dem Portier — (Spricht leist mit ihm.) Jacob. Gut — Alles — Alles soll besorgt werden! (Aus Luftmann weisend.) DaS Sonntagsbratl muß ich mir hernach vergönnen! Ich bitte Euer Gnaden, heben Sie mir ibn derweil auf. bis ich zurück- komme! (Mt ab.) Erwin (zu LuttmannX Warten Sie im Nebenzimmer, bis ick Sie rufe; ick habe Ihnen noch die Belohnung für die mir geleisteten Dienste zu ertheilen. Luftm. O — bitte, das ist nicht so pressant — wann es gefällig ist (Ab iu's Nebenzimmer.) Erwin szn Morberq). Nun, Herr Baron, stehe ich Ihnen zu Diensten. Morb. Erwin! Ick habe etwas von Ihnen zu fordern — Sie müssen es mir gewähren, oder — wir Beide müßten uns als Feinde gegenüber stehen — Leben um Leben! Erwin. Was können Sie von mir so ungestüm fordern? Mord. Ick will mich kurz fassen: — Ich fordere Louise! Erwin (tritt erstaunt zurück) Was — Louise? Morb. Ja — sie! — Erwin! Um des Himmels willen bedenken Sie— die Ehre des Mädchens — Erwin. Diese Mahnung klingt sonderbar aus Ihrem Munde. Waren nicht Sie es, der heute Morgens selbst einige Ihrer Freunde als Zeugen der Scene herbeisührte, als Louise zum ersten Male wieder in meinen Armen lag? Morb. (bereuend). O, daß ich das ge- than! Erwin. Nun, sehen Sie, ich will Ihr nen zeigen, wie schnell tch Ihr Beispiel befolge: — Ich ließ diese Herren alle zu mir laden und will allen lachend erzählen, was Alles weiter geschehen. Wir wollen recht lustig sein! — Sie sind doch auch dabei, um die Früchte Ihres Unterrichtes zu genießen? Morb. (in bittendem Tone). Erwin, ich bekenne es: ich habe Ihnen Lebensregeln gegeben, deren Verderblichkeit mir selbst erst in diesem Augenblicke einlcuchtet. Ich beschwöre Sie um Ihrer selbst willen, befolgen Sie dieselben nie! nie mehr! Es kommt ein Tag, eine Stunde, die mit der herbsten Seeleupein die Freuden rächt, welche wir in leichtsinniger Frivolität genossen! Erwin (blickt ihn ernst an). Das also ist die Kunst zu leben, die Sie mir so sehr anempfohlen, daß der Lebemann erst mit grauen Haaren zur Erkenntniß dessen kommt, was schon im jugendlichen Herzen des einfachen Naturmenschen als eine mächtige Leuchte anfging, die ihn zum rechten Ziele führte? (Blickt in die Scene.) Doch sieh' da! Ihre Freunde kommen! Morb. Um des Himmels willen! noch habe ich Ihnen nicht entdeckt — ich beschwöre Sie, schweigen Sie! Erwin. Ich werde nicht schweigen! Morb. Nicht? Herr! holen Sie Ihre Waffen! Erwin. Nur Geduld— um Geduld! Dreizehnte Scene. Vorige. Liebenthal, Schmucker, Hauch. Einige andere Freunde M orberg's. Liebenth. (zuErwin). Wir haben Ihre Einladung erhalten — Erwin. Sie sind mir Alle herzlich willkommen. Ich habe heute auf meinem Schlosse ein frohes Fest bereitet, das ick nicht ohne Sie begehen wollte. 4 * Hauch. Charmant! Sie haben schnell gelernt zu genießen. Am frühen Morgen ein romantisches Iste-L-Ivte im Walde, dann — Erwin. Ja, was das DvtS'ü-'I'vte im Walde betrifft — Liebe nth. Die Exposition war recht schön, der weitere Gang des Lustspieles läßt sich errathen— hahaha! Erwin. Ich glaube kaum! Doch ich will Ihnen Stoff zum Lachen gebe» —Sie Alle werden gewiß lachen — ich will's ertragen, selbst wenn Sie mich auslachen. Alle (drängen sich zu ihm). D— erzählen Sie doch — erzählen Sie — Mord, (für sich). Das Haar sträubt sich mir zu Berge! Erwin. Doch Einer muß uoch dabei sein. (Rust.) Herr Luftmann! Vierzehnte Scene. Vorige. Luft mann. Luftm. (kommt aus dem Nebenzimmer). Sie befehlen? — Ah — Gesellschaft — Erwin. Ich wünsche, daß diese Herren Sie auch kennen lernen mögen — bleiben Sie hier! biebenth. Nun— die Geschichte Ihres Rendezvous? Ich höre derlei allzugern. Erwin. Sie haben das Mädchen gesehen — es ist die Gespielin meiner Jugend — meine erste, fast unbewußte Liebe, die mir entrissen, doch durch die Schlauheit dieses Herrn (auf Lustmann weisend) wieder zugeführt wurde. Luftm. Ah — bitte — Schuldigkeit — Man thut, was in seinen Kräften steht — Liebenth. In der That, es ist ein reizendes Geschöpf! Schmucker. Sehr jung — also wohl auch noch ganz unerfahren — Erwin. So ist's. Und dieses reizende, junge, unerfahrene Mädchen — es lag an meiner Brust — verlassen von der ganzen Welt — ihr Schicksal mir — mir ganz allein anvertrauend — Hauch. Hahaha! So gut findet es nicht Jeder! Erwin. Erhitzt vom ungewohnten Getränke, und mehr noch von den Bildern, welche ich in Ihrer Gesellschaft gesehen, zog ich sie mit mir fort — ich war allein mit ihr auf einer Bergeshöhe — von Niemand mehr belauscht, als von den Bäumen des Waldes — die Begierde flammte auf in mir — ich zog fle an meine glühende Brust — Mord, (mit gepreßter Stimme). Erwin! Erwin. Doch da— lachen Sie jetzt, meine Herren! — lachen Sie mich aus! — da klang ein einfaches Geläute von einer Dorfkirche herauf — es lud zur Frühmesse, und Louise, das Bauernmädchen, bat: »Laß uns in die Kirche gehen!« — Und ich — nun, ich bin ja auch so halb in Bauerneinfalt erzogen — die Andacht ist meinem Herzen noch ein Bedürfnis — ich bin's gewohnt seit meiner Kindheit, an jedem Sonntage die Kirche zu besuchen — ich — folgte dem Mädchen. — Nicht wahr, Sie werden das komisch finden? — (Da Alle ihm ernst zuhören ) Ich bin nicht glücklich mit meiner Erzählung, sie amusirt Sie nicht — nun vielleicht erheitert Sie der Schluß mehr! — Ich kniete neben dem Mädchen, sah, wie ihr Auge am Altar hing, wie die Thränen in den Wimpern der Verlassenen hingen — eine Perlenschrift, in welcher sie ihr Bittgesuch an den Himmel richtete — so, dachte ich, betet nur die Unschuld — und ick — ich sollte sie um die Möglichkeit bestehlen, so zu beten?! — Die Messe war vorbei— da trat zum Altäre ein geschmücktes Paar — ein Bauernbursche, den ick selbst erst vorgestern vom Militär loskaufte, führte sein Mädchen zum Altäre — er belohnte ihre Liebe damit, daß er ihr sein Leben weihte, daß er gelobte für sie zu sorgen und zu arbeiten im Schweiße seines Angesichtes! — So lohnte der arme Bauer die Liebe seines Mädchens, und ich — der LZ reiche Baron, sollte dem Mädchen, welches liebend mir vertraute, zum Lohn für ihre Liede das Heiligste, Unersetzbare —die Eb- re— steblen! Ich erschrak vor mir selbst, ick faßte Louisens Hand und fragte sie: »Louise, willst Du mir das sein, was das arme Gretcken ihrem Franz ist?« Mord, (faßt Erwins Hand). Was sagen Sie, Erwin? Erwin. Und wäbrend die Braut am Altäre laut sprach: »Ja!« lispelte Louise, sich enge an mich drängend: »Ja!« und »Ja!« sagte auch ick — in der Kirche — vor dem Altäre — vor Gott! Es war ein heiliger Schwur, und — bei Gott! ick werde ibn halten! (Winkt in die Scene.) Herbei! Herbei! Fünftehnte Scene. (Rauschende Mufik hinter der Scene. Ma; und die übrigen Jäger, dann mehrere kleine Mädchen mit Blumen geschmückt — hieraus Louise, im bräutlichen Schmucke, dann Walpurga und Tip- pelberger — hinter diesen Jacob, einen nnge« heuern Blumenstrauß tragend, — zuletzt mehrere Landleute, Alle im Festanzuge. — Amalie kommt zugleich mit dem Zuge und eilt auf Morberg zu.) A m a l i e (leise). Morberg! als ich eben dieß Schloß verlassen wollte, sah ich unsere Tochter hierher kommen — sehen Sie dort — Morb. Ruhig, Amalie! ruhig! Erwin (eilt aus Louise zn, saßt sie an der Hand und führt sie vor). Hier, meine Herren, meine Braut! sie wird meine Gattin; doch erst muß dre Behörde, welche die Vormundschaft über die von ihren Eltern verlassene Waise führt — Morb. (geht zu Louise) Nein, nein! sie ist keine Waise mehr! Ihre Eltern sind gefunden. Alle. Was? Morb. Ja, ich bin ihr Vater — und hier (auf Amalie weisend) ihre Mutter. Amalie (erschreckt aufschreiend). Morberg! Morb. Ich war mit Amalien im Geheimen vermält. Amalia (leise). Was sagen Sie? Morb. Doch nun soll eine öffentliche Trauung uns auf's Neue auch vor der Welt verbinden. (Bittend leist zu Amalien.) Amalie! unserer Tochter willen! Amalie (reicht ihm die Hand, leise). Um unserer Tochter willen. Erwin. Was höre ich? Louise. Dieß mein Vater? — Dieß meine Mutter? Jacob (zu Morbergt. Sic haben die Louise auf die Welt gebracht! Morb. (Louisen umschlingend). D zweifle nicht, mein Kind! Ich begründe Dein Glück, indem ich Deine Hand segnend in die Hand dieses edlen jungen Mannes lege. (Thut cs.) Erwin (Louise umarmend). Wie namenlos glücklich bin ich! Luftm. (stolz hervortretend). Und all'dies — mein Werk! Erwin. Ja, Sie habe ich erkannt. — Ich weiß nun, wie Sie Louise zum Werkzeuge Ihrer niederträchtigen Pläne machten. Fort aus meinem Hause! Jacob. O Götter! verwandelt jetzt diesen Blumenstrauß in einen Besenstiel! (Wirst Lustmann den Blumenstrauß nach, dann den Hut schwenkend.) Die Luft ist rein! Jetzt rufe ich erst: Hoch das Brautpaar! Hoch meine legitime Gebieterin! Alle. Hoch! Hoch! (Der Vorhang fällt.) Ende. > ' Von Friedrich Kaiser find bei uns erschienen: Männerschönheit. Original-Characterbild mit Gesang 3 Acten. Mit Titelkupfer- 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mt 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr- oder 76 Nkr Eine Posse als Medicin. Originalposse mit Gesang in 3 Acten. Mit allegorischem Bilde. 8- geh 15 Sgr. oder 75 Nkr Ein Fürst. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischen Bilde. 8. geh. 15 Sgr oder 7 5 Nkr Mönch und Soldat. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. ' 15 Sgr. oder 75 Nkr Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten. Mi 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Der Rastelbinder, oder: 10.000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh 15 Cgr. oder 75 Nkr Junker und Knecht. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in2 Acten 8. geh. 15 Sgr- oder 75 Nkr Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde 8. geh. 15 Sgr- oder 75 Nkr Dienstbotenwirthschaft, oder: Chatouille und Uhr. Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8- geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr Doctor und Friseur, oder: Die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 Acten. Zweite Auflage. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr Ein neuer Monte-Christo- Original-Characterbild in 3 Acten. Die Frau Wirt hin. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Etwas Kleines. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Zwei Testamente. Characterbild mit Gesang in 3 Acten- Unrecht Gut- Characterbild mit Gesang in 3 Acten und 1 Vorspiele. 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr, oder 60 Nkr 12 Sgr- oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr Des Krämers Töchterlein. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr Eine Feindin und ein Freund. Posse mit Gesang in 3 Acten. Ein Lump. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Verrechnet. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Palais und Irrenhaus. Original-Characterbild mit Gesang in 2Acten. Jagdabentheuer. Posse mit Gesang in 2 Acten. Naturmensch und Lebemann. 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr- oder 60 Nkr 12 Sgr- oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr In der Wallishausfer schm Buchhandlung s^fosef KkentM) in Wien, Äadt, hoher Markt Nr. 1, find erschienen: aus Stücken von: Bcrg, Berla, Blttuer, Blank, Böhm, Elmar, Flamm, Gottslebcn, Grois, Grün, Grundorf, Haffner, Juin, Kaiser, Langer, Megerle, Nestroy u. A. Drei Hefte. Gr. 8- geh. Preis 1 fl. 50 Nkr. oder 1 Lhlr. Jedes einzelne Heft 50 Nkr. oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg 0. F. 1. Da möcht i halt das G'wissen sein. 2. Requisiten-Couplet. 3- Figuren-Louplet. 4. Nachher wird es schon wern. 5- Glöckchen-Couplet. 6. Biblisches Couplet. 7. Falsche Benennungen. 8- Dann ist sic da die bessere Zeit. 9- 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün, io. Volkslieder. 1l. Aber geb'n thut's es nit. — Kerls, Alois. 12. Jetzt da war's halt Noth, daß wer antauchen thät. 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. 14- Zu was dann die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lachcouplet. 16- Aus einer Lhronika. 17. Früchte, dir verbotm sind. 18- Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20. Mythologie-Couplet. — Berta u. Mtner. 21. Ohne Umschneiderei. 22- Die papierene Zeit. 23. Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Mtner Anton. 24. Thier-Couplet 25 Das ist noch Geheimniß. 26- Wer hätt' cs geahnt. 27. 1!dromczn6 sermcialsuss. — Mtner u. Morländer. 28 Aehnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29- Und so wird hinterrücks g'redt. — Böhm, Josef. 30. Na da sieht man's doch, daß's an der Eintheilung fehlt- 31. Wenn man die Wirkung sieht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32 Maschinen-Couplet. 33. Wo man was sucht, dort find't man es nicht. — Elmar, Carl. 34. O Spiel der Natur. 35 Lied des Teufels. 36. Man glaubt nicht was in einem Menschen oft steckt. 37. So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. 38- O ungeheure Ironie. 39- Da möcht ich halt wissen, was nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes. Elmar, Carl. 40 Was lieget da dran. 41. Ja so geht's, wenn man heut' zu Tag Geister citirt. — Feldmann u Flamm. 42- Mit Kleinem fängt man an, mit Großem hört man auf. 43- So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Lheod. 44. Keine Rose ohne Domen. 45- Gesundheit und ein recht langes Leben. 46- Jedes Häferl hat sein Deckerl. 47. Repertoire-Couplet — Flamm u. Wimmer 48 Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenkcn thät- 49- So behilft sich halt Jeder, so gut als er kann - Gottsleben, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 5t. Verschiedene Ursachen. — Grois, Kouis. 52 Na, das kennen wir schon! 53- Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht 54. Wir bedanken uns sehr. — Grün», Johann. 55- Was ein Narr ist. 56- Ein Chineser. — Gründors. 57- 's ist just net nöthi, aber nothwendi war's. — Kassner, Carl. 58. Da sind's mäuserlstill. 59 Es steckt was dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60- Wann der mein Kapperl hätt'. 61 Ja, ich kann's nit ändern, es is halt a so. — Juin. 62- Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht 63. Wozu Mancher eigentlich geboren. 64 Kiakerlied. 65 Zu was von den Göttem eine Auskunft begehren. — Juin u. Fterx. 66. Da wird einem heiß, kalt — warm! 67-Ungeheuer genannt! — Kaiser, Friedrich. 68. Ich bitt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. Inhalt des dritten Heftes. Kaiser, Fnedrich. 69. Es muß ja nicht gleich sein. 70. Da braucht man beim helllichten Tag a Latem. 71. Jetzt das ghört auf ein anderes Blatt. 72. Die find halt g'scheidt. 73. Das ist so nobel und so billig dabei. — Fänger, Anton. 74. Was ist der Unterschied. 75 Aber da mag Keiner net. 76. Da g hört ein sehr starker Glauben dazu! 77 Es schaut nur gemeiner aus. 78- Zu früh und zu spät. 79. Man kann sich's wohl denken, aber sagen darf man's nicht. 80- Wann mich der fragen thät. — Megerle, Ther. 81. Marsch mit depl in d'Buttcn. 82- Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. — Uestroy. 83 Und 's ist Alles net wahr. 84. Kometen-Lied aus -»Lmnpaci*. 85 Aus was sich Mancher hinauswachsen kann. 86 Das wär ganz etwas Neu s. 87. Und man kommt auf kein Grund. 86- Es ist alles uralt, nur in anderer G'statt. 89. Ja. hat denn die Sprach' da kein anderes Wort — Varry, A. 90- Ob der wohl die Wahrheit wird sagen, Kon Johann Nestroy find bei uns erschienen: Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder: Das Geheimniß des grauen Hauses. Posse mit Gesang in 5 Aufzügen, 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Rkr. Einen Jux will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. Zweite Auf. tage, geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Die Zerrissene. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Talisman. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Unverhofft. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 alltg. Bild. 12. geh. 15 Sgr. ' oder 75 Nkr. Der Unbedeutende. Posse in 3 Acten. Mit 1 iklum. Bild. 12. geh. 20 Sgr. oder 1 fl. Der böse Geist Lumpacivagabundus, oder: Das liederliche Kleeblatt. Zauber-Posse mit Gesang in 3 Aufzügen. Dritte Auflage. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Das Mädl ans der Vorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Die verhängnißvolle Faschingsnacht. Posse mit Gesang in 3 Aufzügen. 12 . geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Enlenspiegel, oder Schabernack über Schabernack. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. Zweite Auflage. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Freiheit in Krähwinkel. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 3 illum. alleg. Bild. 12. geh. 24 Sgr. oder 1 fl. 20 Rkr. Ferner find daselbst erschienen: Sämmtliche Lhester , von Eastelli, Gleich, Grillparzer, Hopp, Hensler, Kaiser, Weidmann, Feldmann, Weißenthurn, Deinhardstein, Holbein, Kotzebue, Jffland, Werner Hasner, Vogel, Körner, Ziegler, Jünger, Collin, Perinet, Huber, Baumann, Birch-Pfeiffer, Schröder, Clauren, Herzenskron, Treitschke, Sonnleithner, Chrimfelv, Meist, Koch, Schilddach, Seyfried, Bäuerle rc. Die Wallishaufser'sche Buchhandlung in Wien, hoher Markt, hält das möglichst vollständigste Lager aller im Buchhandel erschienenen ältesten und neueren Theaterstücke, besorgt das nicht Vorräthige schnell und gibt Verzeichnisse gratis aus. knack und Pnpin von Ikopold Sommn in Wien, Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Eine Nase wr1000Pfund. Burleske in einem Act von E. A r r a m. Mit großem Beifalle zuerst aufgeführt im k. k. priv. Theater am Franz Josefs-Quai in Wien. v Der Major. Irene, seine Tochtcr. Die Justizräthin. Betti, ihre Tochter. Ein Husaren-Ossizier. Ein Forstadjunct. Ein Fremder. Ort der Han rsonen: Ein Oeconom. Ein Engländer. Ein kleiner Neger. Ein Hausknecht. Ein Bedienter. Eine Magd. luvg: Ein kleiner Badeort- >u- Erste Scene. (Park eines kleinen Badeortes Den Hintergrund bildet ein einstöckiges Landhaus, rechts an der dritten Eoulisse ein Gartentisch mit zwei Stühlen, links vis-k-vis eine kleine Laube.) Major am Arme der Justizräthin (von einem Spaziergange zurückkehrend). Justizräthin. Die Natur bleibt doch ewig jung. Durch sechs Jahre besuche ich rtzt»l«'R 4 Fremder. O, da werden Sie sich köstlich amüsiren! Ich werde Ihren Cicerone machen — Ihr Vertrauter bei Ihren Abenteuern sein, wir werden uns wechselseitig unterstützen. Oeconom. Ich bin, um gesund zu werden, hierhergekommen, nicht um zu abenteuern. Fremder. Das gehört zur Gesundheit — erfrischt den Geist — erwärmt das Blut — befördert die Verdauung. (Sieht, daß der Engländer nach ibm schaut.) Da sehen Sie — da sitzt der Engländer schon wieder und starrt mich an. — Im Wartsaale—im Waggon, im Postomnibus — und nun dort in der Laube — immer mir vi8-L-vi8 — läßt er mich nicht aus dem Auge und betrachtet mich mit so einem lüsternen Blicke, als wär' ich ein Plumpudding. Oeconom. Das ist vermuthlich so eine großbritannische Gewohnheit. Fremder. Aber sehr unangenehm — sich immer so angestarrt zu wissen. Mich quält die Neugierde, warum er eigentlich seine meergrünen Augen so wohlgefällig auf mir ruhen läßt. Oeconom. Fragen Sie ihn, wenn Sie den Muth dazu haben, es ist das sicherste Mittel! Fremder. Courage, Muth — ich — wegen einem Engländer — ich! der schon andern Leuten reinen Wein eingeschenkt hat. — Hören Sie einmal, ob ich Muth habe! (Geht zur Laube.) Guten Abend, mein Herr! Engländer. Guten Abend. Fremder. Wollen Sie wohl die Güte haben, mir zu sagen, wodurch ich das Glück verdiene, Ihre Blicke mit so seltener Ausdauer auf mich geheftet zu sehen. Engländer (wohlgefällig lächelnd) Sie uaben eine sehr schööö—ne Nuasenspitze! Fremder. Wie so? — wollen Sie mich beleidigen?was kümmert Sie mcineNuasen- spitze? Engländer. Ick lieben Ihre Nuasenspitze! Okconom. Kurioser Geschmack! Fremder. Sonderbar!—Hier zu Lande macht man ihr eine etwas zu rosige Färbung zum Vorwurf. Uebrigens danke ich mr Ihr Compliment und stelle gerne die Reize meines Gesichtsvorsprunges den Betrachtungen Ihrer platonischen Neigung zur Disposition. Engländer. Ick will uaben mein — Ihre Nuasenspitze! Fremder. Entschuldigen Sie! — gegenwärtig kann dieß noch nicht sein, nach meinem Tode will ich sie Ihnen jedoch in einem Codicill vererben. Engländer. Ick will uaber mein — Ihre Nasenspitze lebendig. Fremder. Da müssen Sie mich an Kindesftatt annehmen. Oekonom. Ein nettes Kind! Engländer (ungeduldig). Ick will uaben Ihre Nasenspitze allein. Fremder. Ich bedauere Ihre Leidenschaft nicht befriedigen zu können. Engländer. Ick kaufe Ihre Nuasenspitze. Fremder. Was? Jetzt bin ich mit meiner Geduld zu Ende. Wenn Sie feine Weine von mir kaufen wollen, mit diesen kann ich Ihnen dienen, von Schmeckerle und Compagnie, — aber in Nasenspitzen mache ich nicht. (Geht entrüstet zum Tische und setzt sich.) Lassen wir uns nicht weiter stören, der Engländer soll sich nur bei Betrachtung meiner Nasenspitze den Dolch noch tiefer in sein liebendes Herz stoßen. Sie sind also kein Freund von Abenteuern? Oekonom. Als Oekonom kann ich nichts Theures brauchen. Fremder. Herrliches Wortspiel!—Sie haben verborgenen Witz—Schade, daß diese Götlergabe in der Prosa der Agrikultur und Viehzucht ersticken muß. Wie gesagt, wir müssen Abenteuer erleben, schon Ihrer Leber wegen — und wo gibt es schönere Gelegenheit, als im Bade. — Sind Sie verheiratet? Oekonom. Gott sei Dank, nein! das geht über Fremder. Da müssen Sie heiraten, das fordert Ihre Leber — und findet sich leickt, die Bäder sind wahre Heiratsbureaur. Oeconom. Sind denn Sie verheiratet? Fremder. O nein! ich freue mich noch eines zwanglosen Junggesellen-Daseins und flattere von Blume zu Blume, wie ein Schmetterling — sauge mich voll an ihrem Dufte und überlasse die Verwelkten ihrem Schicksale. — Wenn ich gewollt hätte, die schönsten Partien standen mir zu Gebote. Was glauben Sie? bei dieser Tournüre, dieser Weltbildung, diesen Salonmanieren und dieser Beredsamkeit — widersteht mir kein Weiberherz — bei meinen vielen Reisen ließ ich an jedem Orte, in jedem Städtchen, in jeder Residenz eine verlassene Braut zurück? Oeconom. Aber Ihr Gewissen! Fremder. Ist schon mit einem Kranze geknickter Lilien geziert, ohne davon erdrückt! zu werden! — Ich versichere Sie! es ist nichts leichter für einen jungen Mann meiner Qualität, als Bräutigam zu werden. Hier in diesem Bade z. B. bin ich, wenn ich will, in einer halben Stunde Bräutigam! Nichts leichter als dieß. Oeconom. Na, erlauben Sie, das ist doch etwas renommirt. Fremder. Was renommirt? — Mir das — mir, der ich ein Feind von jedem Renommee bin! — Ich will Ihnen beweisen, daß ich nicht renommire, ich halte jede Wette! Oeconom. Ich wette nicht. Fremder. Wetten wollen Sie nicht, aber beleidigen können Sie mich. Wetten Sie, oder ich fordere Genngthuung! Oeconom. Ich schlage mich ebenso wenig, als ich wette. Fremder. Vermuthlich ist das Wetten Ihrer Leber nachtheilig, entweder widerrufen Sie den Renommisten oder wetten Sie! Engländer (stehtaus). Ick wette 1000 Pfund. Fremder. Hoho! — mein Vermögen. Engländer. Gleichgiltig! —ick zuahle lOOO Pfund, wenn Sie in eine ualbe Stunde uaben eine Braut. Fremder. Richtig und ich? Engländer. Sie geben mir JhreNua- senspitze, wenn Sie uaben keine Braut. Fremder. Verdammt! Oeconom (höhnisch). Jetzt können Sie ja wetten! Fremder (Eourage heuchelnd) Ha! ich bin meiner Sache gewiß. IOOO Pfund. Es sei! Engländer (sieht auf die Uhr). Wir uaben nacht Uhr, um nacht ein ualb Uhr, — ick werden uohlen hier Ihre Nasenspitze mein, oder Sic meine 1000 Pfund — ihr. Mein Herr, Sie sind Zeuge — uollen gehen mit mir! Oeconom. Mit Vergnügen. (Zum Fremden.) Na, jetzt haben wir schon ein Abenteuer! (Ab mit dem Engländer.) Fremder. Verfluchte Geschichte, diese Wette; was doch der Engländer mit meiner Nasenspitze will. Ich glaube, er füttert seinen Neger mit Nasenspitzen. Einerlei — nun muß ich meine Wette gewinnen. !000 Pfund — ich gründe ein Weinetablissement unter eigener Firma — aber wenn ich verliere? — Bah! — das Bischen Nasenspitze wächst wieder nach! darum den Muth — aber auch keine Zeit verloren. Ich recognos- ciere das Schlachtfeld. (Ab.) Fünfte Scene. Major (kommt mit einem Zeitungsblatte). Irene (mit einem elegant gebundenen Bliche aus dem Hause. Major setzt sich zum Tisch, Irene in die Laube) Major. Wie doch schon der Tag abnimmt. In den Zimmern ist es schon dunkel. (Aergerlich.) Die verdammten Bäume an den Fenstern — 6 Irene. Rauben uns alles Licht zur Lectüre, hier ist es noch hell genug. Komm', geliebter Heine. (Liest.) Major. Diese Seite noch, dann habe auch ich mein Blatt gelesen. Sechste Scene. Vorige. Justizräthin (mit einer Handarbeit). Detti (mit einem dicken schmutzigen Buche). Justizräthin (zum Tische tretend). Herr Major benützen noch die letzte Tagcshelle — Sie erlauben wohl, daß ich an Ihrer Seite meine Arbeit beende. Major. Ich bitte, Frau Justizräthin, es ist mir eine besondere Ehre. Bctti (zur Laube gehend). Guten Abend, mein Fräulein; wenn Sie mir ein Plätzchen in der Laube gönnen wollten? Irene. Mit Vergnügen, mein Fräulein! Betti. Ich studiere nur noch dieß Re- cept. Mama will, daß ich schon heute die Gurken einlege, aber besser wie im verflossenen Herbste, wo ich die Senfkörner vergaß. Irene (welche immer sortlas, liest nun laut): Es ist eine alte Geschichte, Doch bleibt sie immer neu, Und wem sie just passirt, Dem bricht das Herz entzwei. Justizräthin. Die Promenade batte wohl keine üblen Folgen für Ihr Fußleiden? Major. Keineswegs, das Bischen Schmerz vergaß ich über die liebenswürdige Gesellschaft. Justizräthin (als hätte sie das Kompliment nicht verstanden). Zwei recht aimable Herren! Major. Fast zu aimable.' Justizräthin. Wie meinen Sie? I Major. Diese Vergißmeinnicht-Spenden gefallen mir nicht. Justizräthin. Auch diese Schwammen- lese? Major. Ist ganz harmlos - — aber meine Tochter ist schwärmerisch — der Herr Lieutenant unternehmend. Justizräthin. Und meine Betti, ein unerfahrenes naives Ding — der HerrAd- junct ein stilles Wasser. Major. Ich muß der Sache ein Ende machen. Justizräthin. Man muß die jungen Leute im Auge behalten, obgleich meine Tochter schon eine tüchtige Hausfrau abgäbe. Major. Meine Irene würde jeden Mann glücklich machen, aber wer würde mich alten Krüppel pflegen? (Liest.) Justizräthin. Was würde ich arme Witwe ohne mein Kind machen? Betti. Eingelegte Senfgurken! hier ist es endlich das wahre Recept. Major (liest sehr eifrig und schüttelt mit dem Kopfe). Ei, ei! Justizräthin. So theilen Sie mir auch etwas von Ihren Neuigkeiten mit, Herr Major! Major. Ich finde noch nichts Interessantes für Damen. Betti (liest). Man schäle die Gurken, schneide sie in Blätter und bespicke sie mit Gewürznelken. Irene. Aber ums Himmels willen, Fräulein! Sie zerstören ja alle Illusion. — Hören Sie lieber, was Heine spricht: Du bist wie eine Blume So hold und schön und rein, Ich schau Dich an, und Wehmuth Schleicht mir in's Herz hinein, — Mir ist, als ob ich die Hände Auf's Haupt Dir legen sollt'. Betti (welche sich in ihrer Lectüre nicht irre machen läßt). Und gieße Essig darüber, schließe es mit einer Schweinsblase. Siebente Scene. Vorige. Fremder (kommt aus der vordrrn Loulissr). Fremder. Eine saubere Gesellschaft in diesem Bade! — Bis jetzt bleibt mir nur die Wahl zwischen schwindsüchtigen und nervenschwachen Mädchen oder asthmatischen und hysterischen Frauen! br! br! — Hier in dieser Villa allein, sagte mir der Badearzt, Hausen Curheuchlcrinnen. — Diese Zierde aller Bäder. (Sieht mit der Lorgnette herum.) Ah! da sind sie! Drei Stücke, zwei Anfängerinnen und eine alte geschulte Heuchlerin. — Nun frisch an's Werk — Lovelace der Zweite! Dort sehe ick eine Wohnungs- Anzeige — herrlich! Da ist gleich eine Operations-Basis. (Geht zur Villa und liest denan der Thür befindlichen Zettel.) Ein elegant möblirtes Zimmer mit Cabinet, für einen soliden ledigen Herrn ohne Hund! — (Dortretend.) Der bin ich — das heißt der solide — ledige Herr! — Ich habe wohl das Vergnügen, den Besitzer dieser niedlichen Villa zu begrüßen? die Frau Gcmalin, die Fräulein Töchter? — Ich schätze mich glücklich, so angenehme, liebenswürdige Hausleute zu besitzen. Ich miethe die Wohnung auf vierzehn Tage, länger kann ich die Residenz nicht verlassen. (Sieht dem Major in das Zeitungsblatt.) Was sehe ich, lieber Hausherr, das ist ja das gestrige Blatt. (Nimmt ein Blatt aus der Tasche und gibt es dem Major, nachdem er ihm das seine aus der Hand nimmt.) Hier haben Sie das vorgestrige Blatt. Lamo- riciere geschlagen, Ancona belagert, Collation zu Warschau — einige Deutsche iu Koburg — (Zur Justizräthin.) Welch' herrliche Arbeit! Erquisiter Geschmack! — meine liebenswürdige Hausftau! Ich bin ein leidenschaftlicher Freund dieser Schutztücher, sie bedecken so menschenfreundlich die defekten Stellen der Möbel und hängen sich so zärtlich an die Rockknöpfe. — (Geht zur Laube.) Ah — die Fräuleins lesen? — Es ist wohl erlaubt. (Nimmt das dicke Buch aus Betti's Hand.) Die Wiener Köchin, oder: Was essen wir heute, was essen wir morgen? Eine treffliche Lectüre! (Mit Beziehung.) Ah! ich schwärme für die deutschen Hausfrauen, leider ist diese Sorte ganz ausgestorben. — Und Sie, mein Fräulein! (Nimmt auch Irene das Buch weg.) Lieder von Heine — von meinem Freund Heine, dem Bekannten! ich kenne ihn ganz auswendig und ich selbst dichte in seinem Geiste. Z. B.: Sie hätte mich geliebet! Hätt' sie mein Herz erkannt, Hätt' sie mich nicht betrübet! Hätt' sie mich nicht verbannt. Hätt' sie mich nicht verbannt, Hätt' sie mich nicht betrübet, Sie hätte mich geliebet, Hätt' sie mein Herz erkannt! Ha, ist das ein Gedanke! — O wir werden ein wahres Götterleben führen. Des Morgens politisier ich mit dem Papa. — Vormittags mache ich gastronomische Studien mit Ihnen — reizende Muse der göttlichen Kochkunst — nach Tische zeichne ich für Mama Häkelmuster, und wenn die sanften Abendwinde wehen, wollen wir unsere poetischen Gefühle austauschen. Es umrausche uns der Geist des göttlichen Heine. Major (der die ganze Zeit, so wie die Ucbrigrn, Zeichen des Staunens und Unwillens gegeben, steht ans und spricht mit Ernst). Mein Herr, ich muß Ihnen Ihren Jrrthum aufklären. — Ick bin eben so wenig der Herr dieser Villa, als ich das Glück habe, diese Dame meine Gattin zu nennen. Justizräthin. Ich bin eben so wenig die Eigenthümerin dieses Landhauses. Irene. Als ich die Schwester dieses Fräuleins bin. Betti. Und dieser Herr mein Vater ist. (Alle ab. Irene läßt ihr Buch am Boden liegen.) 8 Achte Scene. Fremder (allein). Und ich weiß eben so wenig als früher! Thut nichts! Die Damen sind interessant. Das genügt! Die Heine'sche Schwärmerin, eine ätherische Erscheinung, mit innerer Glut und äußerer Magerkeit. — Die Gastronomische mit äußerer Glut (aus die Wangen zeigend) und innerer Magerkeit. Die Mama — sie ist doch eine Mama? Das Embon- point hat viel Mütterliches. Auch sie ist eine interessante Erscheinung des Mittelalters! — Vielleicht Witwe? — Also drei Candidatinnen um diese schöne Hand! — Die Einzigen in dieser verfluchten Badewanne! Also hier muß ich mein Glück versuchen, soll ich am Ende nicht eine Bademagd heiraten? — Verfluchte Wette— wer hieß mich auch eine Nasenspitze gegen 1000 Psund einsetzen?— Verdammter Engländer! — Diese Nasenspitze, der Stolz der Firma Schmeckerle und Compagnie, diese wandelnde Reclame für dessen Bordeaur- und Champagner-Niederlage.—Diese Nase soll in ihrer schönsten Blütbe einem finsteren Derhängniß zrnn Opfer fallen? Nimmermehr! Courage, Oommis vo^u^enr! Wo bleibt das edle Selbstvertrauen, die noble Üaräi6886, die unwiderstehliche ^onetia- lunes, die Stammtugenden deiner Race? — Wenn ich die Wette gewinne — 1000 Pfund, kein Bettel für einen pro Firma Schmeckerle und Compagnie reisenden Wein- proben-Colporteur! Also Muth! — Rasch zum Angriff! Mit welcher beginne ich? Die's eben trifft, aber jedenfalls mit einer der jungen Damen. — Wird der Angriff abgeschlagen, frisch die zweite attaquirt, ist mir auch da das Kriegsglück ungünstig, so wird die alte Garde angegriffen! Jetzt noch eine Stärkung zum Kampfe! — Schmeckerle und Compagnie! begeistere mit deinen stärksten Probetropfen deinen Merkur zum Siege, rette deine Firmatafel (greift sich an die Nase) vor der Schmach — vielleicht in Weingeist schwimmend ein englisches Museum zieren zu müssen. (Zieht eine Flasche au» der Tasche und trinkt ) Ha! ich fühle wie der Don Juan in mir erwacht, wo ist eine Donna Anna oder Elvira? (Die Tochter des Major- kommt aus der Villa, geht zur Laube und sucht ihr Buch, welches auf dem Boden liegt.) Ha! da ist so was dergleichen! Neunte Scene. Fremder. Irene. Fremder (zu ihr). Hat meine reizende Muse Ihr Herz verloren? Irene. Meinen Heine suche ich — doch hier liegt er! (Will es aufheben.) Fremder. O! lassen Sie ihn liegen, er wird sich nicht verkühlen. Sehen Sie, hier liegt ein Anderer. (Kniet nieder.) Jst's nicht der Heine, So ist's doch der Deine. O laß mich sinken vor Dir auf's Knie Und sterbend zu Dir sprechen : Mademoiselle! ich liebe Sie! Irene. Ich will Dir nie erzählen, Daß ich Dich geliebet Hab', Und wenn Du stirbst, so will ich Weinen auf Deinem Grab. (Geht lachend ab ) Zehnte Scene. Fremder (allein). O Heine! warum hast Du diese Verse gedichtet. — Sie hätte vielleicht keine Antwort auf meine Erklärung gewußt, und meine Leidenschaft hätte ihr Herz gerührt. (Nimmt sich bei der Nase.) Ein Drittel dieser Rubinenspitze wäre also verpfändet? Eine Niederlage hätte ich also erlitten! Doch dem Muthigen gehört die Welt. Ich verzage nicht. Vielleicht war dieses Jmpromtu nur ein neckischer Liebesscherz? Horch! — war das nicht der Galopp eines Pferdes? Jetzt ist wieder Alles still! (Man hört hinter der Scene singen.) 9 Es blasen die blauen Husaren, Und ritten zum Tbore hinaus, Da komm' ich, Geliebte, und bringe Dir einen Rosenstrauß. (Irene huscht aus dem Landhaus nach rechts.) Irene. Es ist sein Zeichen er ist's! (Ab.) Fremder. Ah so! Das ist eine wilde Wirthschaft, Viel Volk und Kriegesplag. Sogar in deinem Herzchen (ihr nach- Schon Einquartierung lag. deutend) O Heine, auch das hast Du mir gethan! Vor der bedrohten Nase lockt dein Gesang die gesuchte Braut in die blauen Arme eines singenden Husaren statt an die vor Angst bebende Brust deines Freundes, mit der zum Tode verurtheilten Nase. — Hier ist also jede Hoffnung verloren, jeder weitere Versuch wäre Tollkühnheit! Wer weiß, ob der blaue Husar sich nur mit meiner Nasenspitze begnügen würde wie mein humaner Engländer? Noch bleiben mir zwei Würfe zu thun! Die gastronomische, eine unverdorbene, vom Hauche der Cultur noch unbefleckte Natur, deren Gedanken und Phantasien nur im: »Was essen wir heute, was essen wir morgen« schwelgen, deren Gefühle noch nicht aus dem Magen zum Herzen gestiegen sind. Die wird mich erhören und lieben, wenn sie meinen Appetit kennen lernt. Eilfte Scene. Fremder. B e t t i. Betti (oben am Fenster). Pst! Pst! Fremder. Man pst pst-tet! Betti (leise). Pst! Pst! Sind Sie es? Fremder (leise). Ja, ich bin's. (Für sich.) Das ist doch reine Wahrheit, obgleich ich fürchte, daß ich es nicht bin. Vielleicht kann es aber doch sein. Wem Andern soll denn sonst das Pst! Pst-ten gegolten haben? Meine vollen Wangen, die anmuthige Rundung meines Unterleibs werden ihr bewiesen haben, daß ich kein Kostverächter bin, sie sucht in mir ein dankbares Publicum für ihre Werke. -— Da kommt sie! Pst! Pst! Betti. Wo sind Sie? Fremder. In der Laube; — meine Nasenspitze wittert Rettung. Betti. Nur auf einen Augenblick konnte ich mich von Mama wegschleichen, es genügt, Sie meiner ewigen Liebe zu versichern, und diesen Kuß (küßt ihn) — Himmel! was ist das — wo haben Sie Ihren Schnurrbart? (Besieht ihn naher.) O pfui!- schändlich! (Gibt ihm eine Ohrfeige und läuft links ab) Zwölfte Scene. Fremder (allein, sich die Wange haltend). Auch hier der Angriff abgeschlagen! — Das nenne ich Malheur! — O grausame Küchengöttin! Einen schlagenderen Beweis deiner Abneigung könntest Du mir nicht mehr geben. Mit einem Schlage hast Du all' meine Hoffnungen vernichtet. — Aber warum habe ich keinen Schnurrbart? Unglückseliger Beruf! der mir diese männliche Zierde verbietet, der mich zwingt mit glatten Lippen den Käufern vorzunippen. — O! ich leichtsinniger Bacchus-Beamter! — Ich mache noch Reime in der höchsten Gefahr. Jetzt ist nur noch Rettung bei der Mama, — wenn sie Witwe ist? Sie muß Witwe sein. — O Schutzgeist bedrängter Commerzien-Iünger! lasse sie nur dieß eine Mal Witwe sein, wenn sie einmal meine Frau ist, braucht sie es nie mehr wieder zu werden! — Bei dem Angstschweiße, den meine zum Tode vcrurtheilte Nase beperlet, erhöre mein Flehen! — Und du keuscher Mond, der du heute nicht scheinest, übe deinen Zauber auf ihr verwaistes Herz, lege den Wunsch auf Wiederkehr entschwundener Ehefrendcn in ihren Busen und schwelle ihn mit Seufzern der Sehnsucht. (Nimmt einen Stein und wirst ihn an ein Fenster.) 10 Dreizehnte Scene. Fremder. Justizräthin. Major. Äustizräthin (von innen). Zu Hilfe! Räuber, Mörder! Eine Orsinische Bombe! Garibaldi! Fremder. Warum nicht gar! — Gnädige Frau! ich bin's, Ihre beabsichtigte Afterpartei. O! kommen Sie an's Fenster, ich habe Ihnen eine wichtige Mittheilung zu machen. Justiz rät hin (im Neglige am Fenster). Was ist's —? Was haben Sie mir mitzu- theilen? Fremder. Zuerst eine wichtige Frage. Ist Ihr Herr Gemal noch am Leben? Justizräthin. Ach leider, nein! Fremder. Gott sei Dank! Justizräthin. Wie so? (Der Major erscheint am Nebenfenster nnd lauscht.) Fremder. Das sollen Sie gleich erfahren. Doch früher noch eine Frage! — Ich bitte aber um schnelle Antwort; es ist gleich halb neun, nach halb neun ist es zu spät. Justizräthin. So fragen Sie. Fremder. Wollen Sic in der Blüthe Ihrer Jahre — bei so enormen Reizen und Tugenden, — keinen Mann mehr mit Ihren Reizen beglücken? Um Gottes willen antworten Sie schnell und bestimmt. Justizräthin. Je mm! ich habe es nicht verschworen! Fremder. Triumph! Gerettet! Major. Wenn diese Worte kein Scherz sind, Frau Räthin! so bietet Ihnen ein alter Verehrer Herz und Hand. Jnstizräthin. Mit Freuden angenommen. Major. Eingeschlagen. (Reichen sich beim Fenster die Hände.) Jetzt schnell unsere Kinder in Kenntniß gesetzt — wir feiern noch heute die Verlobung! Fremder (welcher bei des Major Worten halb ohnmächtig aus den Stuhl fällt, springt wüthend auf und rennt, die Hände ringend, aus nnd ab). Vierzehnte Scene. Fremder (allein). Entsetzliches, haargcgenbergsträubendes, gänsehauterzeugendes, knieschlotternbeförderndes Mißgeschick! — Die Zeit ist um, meine Na'enspitze ist verloren! (Bleibt trostlos in der Mitte der Bühne stehen.) Fünfzehnte Scene. Fremder. Major. Justizräthin. Major (im Schlafrocke aus dem Hause tretend). Mein Herr! wo ist meine Tochter? Fremder (wehmüthig nach rechts zeigend). Dort bei dem blauen Husaren. (Major ab.) Justizräthin (im Neglige, außer sich). Um des Himmels willen, mein Herr — wo ist mein Kind? Fremder (wehmüthig nach links deutend). Dort hängt sie an einem Schnurrbart! (Zustizräthin schnell ab.) Sechzehnte Scene. Fremder (allein mit Schadenfreude). Diese Derrätherei ist mein einziger Trost. Meine geopferte Nase findet vielleicht dadurch Gesellschaft an ein Paar ausgekratzten Augen und einigen abgehauenen Armen. — Keine Hilfe, keine Rettung mehr! — Doch,— wo drei Damen sind, müssen auch Kammermädchen, Zofen, Köchinnen oder Ammen sein. Herbei, ihr dienenden Genien im Reiche der Schönheit. (Läuft zum Hause und zieht an der Glocke.) Siebzehnte Scene. Fremder. Magd. Bedienter. Fremder (der Magd entgegen). Sind Sie das einzige in diesem Hause bedienstete weibliche Wesen? Magd. Ja! der andere Dirnstbote ist eine Mannsperson. II Fremder (zum Bedienten). Sie sind ent-I lassen! Ich habe nur mit dem anderen Geschlechts zu thun. Bedienter (den Kops schüttelnd). Der Herr ist ein Starr! (Geht in das Haus.) Fremder (die Magd betrachtend). Ist wirklich außer Ihnen kein weibliches Wesen mehr im Hause? Magd. Ich diene seit achtzehn Jahren der Frau Jnstizräthin, und bin die Amme des Fräuleins. 'Fremder. Gewesen; natürlich! O Weib mit deinen sechzig Sommern! Rette mich! Sieh hier diese Hand mit dem daran befindlichen reizenden Körper,— lOOOPfund wiegt diese Rechte, o nimm sie hin zum ewigen Bunde. Magd. Ach Hcrje! — ich fürchte mich vor dem Herrn mit der zehn Zentner schweren Hand. Fremder. O werde mein Weib! sei mein! Magd (laust in's Haus). Zu Hilfe! Rettung! Ein Narr! Achtzehnte Scene. Fremder. Später der M aj or, Irene. Husar, Betti, Adjunct. Fremder. Ja! ein Narr könnte man werden bei diesem Malheur. Auch von dieser vorsündflutlichen Person verschmäht! Rettungslos verloren! Major (mit seiner Tochter und dem Husaren von rechts). Wohlan, es sei! — Ich will verzeihen, Herr Lieutenant. Umarmen Sic Ihre Braut. Husar. Ach! Irene mein! Ich fasse kaum mein Glück! Irene. Mein Herz ist wie die Sonne So flammend anzusehen, Und in ein Meer von Liebe Versinkt es groß und schön. (Umarmen sich.) Fremder. Was seh' ich? Er umarmt sie mit beiden Armen? Justizräthin (mit Betti und drmAdjunc- ten). So seid in Gottes Stamen glücklich und empfangt meinen Segen! Adjunct und Betti (umarmen sich). O beste Mama! Fremder. Auch der Schnurrbart hat noch seine Augen. Major. Nun, Kinder, kommt noch ein drittes Paar. Die Frau Räthin hat mir eben Hand und Herz geschenkt! Alle zwei Paare. Wir gratuliren. Fremder (vortretend). Ich gratulire gleichfalls. Bin ich doch die unschuldige Ursache dieser zarten Bündnisse. Aber bei dem Gotte Hymen, der Ihnen bald in's Brautgemach leuchten wird, retten Sie mich, verstecken Sie mich, mir droht eine schreckliche Gefahr. Neunzehnte Scene. Vorige. Engländer. Oeconom. Alle. So kommen Sie. (Drängen ihn gegen das Haus. Da tritt plötzlich der Engländer und der Oeconom. gefolgt von dem Neger mit einer Laterne, ihnen entgegen. Der Engländer hält in einer Hand die Uhr, in der andern ein großes Küchenmesser.) Engländer. Ualt! Der Herr gehören mein. (Aus die Uhr zeigend.) Uacht ein ualb vorbei! Fremder (finkt in die Knie). Zu spät! er ist da. Wie blutdürstig er aussieht. Ganz Kaufmann von Venedig! — O Mylord! Gnade, Mylord! Engländer. Ich »ollenmeine Nuasen- spitze! Sie naben verloren. Ein Gentleman zuahlen seine Wette! Fremder. Also keine Gnade? Engländer. Keine. Oeconom. Sie haben gewettet! 12 Fremder. Dieß Gentleman - Bewußtsein soll Alles sein, was ich für meine Na- spitze erhalte? Oeconom. Sie haben ja ein Abenteuer erlebt. Fremder (zornig). Auch der da! Der Leber-Märtyrer. Engländer (wirst ihm eine Börse zu Füßen). Hier 1000 Pfund. Fremder. So schwer wiegt meine Nasenspitze allerdings nicht. Also in des Himmels Namen, es sei! Engländer. Schließen Sic die Augen und knien Sie da! (Neger leuchtet mit der Laterne.) Frem der .thut eS). Die Firmatafel fällt. Engländer (gibt ihm einen Nasenstüber) Tummkopf! hoho! (Geht lachend mit dem Neger ab.) Fremder. Ha! Auh! Oeconom. Herrliches Abenteuer! (Ab.) Zwanzigste Scene. Vorige ohne Engländer und Oeconom. Fremder (steht auf und greift nach der Nase). Sie ist noch da! unversehrt, nur um einen Stüber reicher. (Hebt dir Börse auf.) Hier 1000 Pfund und des Gentlemans Bewußtsein, mit dem Du mm kopftitel aä ko- nor68, dort drei Brautpaare durch meine Vermittlung. — Kein übles Geschäft. — Morgen noch Derlobungstafel! (Gegen die Brautpaare sich wendend.) Wozu ich mir ergebenst die feinsten und edelsten Weine der Firma Schmcckcrlc und Compagnie zur beliebigen Auswahl anzuempfehlen erlaube. (Ueberreicht den Brautpaaren mehrere Weinkarten.) Aö Der Fremde hat eine etwas spitze, wohlgesärbte Nase. > Ende. Der Besitz dieses Stückes gibt keiner Bühne das Recht zur Aufführung. Dieses Recht muß von dem Unterzeichneten besonders erworben werden. Franz Kratz, Ellsabitystraße, Ne. t in Wien. X^lener äuxK-LürüolQeL 149283 t ^!7tz!_!kp bkk^ rzeno5Len5(fE7 be<175ctteft 6Ün^e^^cEsiö!vl6efr bk5 Ü57kk^ft. kOlEnuefteinez V/ien, VI. QuinnLnc.'Oi'fL^Li^aLLe 122 (Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) E. K S. oder: Die Ausstassirung. Posse in einem Auszuge. Non Carl Juin (Giugno). (Im k. k. priv. Theater an der Wien und im k. k. priv. Carltheater in Wien mit vielem Beifallc gegeben.) Personen: Cicero Schusser!, Rentier. Madame Schusserl, seine Krau Sophie, beider Tochter. Eusebius Schwamm. Ernst, ein Maier Emil Senkenberg. (Zimmer. — Zn der Hinterwand zwei Fenster, durch welche man auf die Straße sieht.—Anden Fenstern lange Vorhänge. — Rechts und links Thürm. — Links vom Schauspieler der allgemeine Eingang. — Sopha, Piano. Tische und Stühle. — Ein Teppich bedeckt den Boden.) Erste Scene. Madame Schusserl und Sophie (sitzen links an einem Nähtischchen, mit weiblichen Hand- arbei ten be schäftigt). Mad. S cd^s^l ^^.versteh' mich auf die Kunst, nAn Kind — der junge Mann t ist ein ausgezeichneter Maler, denn unsere Porträts sind wahre Meisterwerke, — besonders das Deine. Wo hast Du denn seine Bekanntschaft gemacht? Sophie. Vor ungefähr drei Monaten sah ich ihn zum ersten Mal. Mad. Schusserl. Wo denn, mein Kind? Sophie. 2m Tanzsaale, an Emil Senkenberg's Ehrentag. — Er nahm an meiner Seite Platz und schenkte mir den ganzen Abend vorzugsweise seine Aufmerksamkeit. — Im Laufe des Gesprächs erfuhr ich denn auch, daß er Emst heiße und vi8- ä,-vi8 von uns wohne. Mad. Schusserl. Und daß er ein Maler sei? Sophie. Und das brachte mich auf die Idee, dem Papa mit unfern Bildern zum Namenstage eine kleine Ueberraschung zu machen. Mad. Schusserl. Das war ein glücklicher Gedanke, meine Tochter. Zweite Scene. Porige. Eicero (im Schlafrock). Eiccro (immer eilfertig und geschwätzig, mit einer brennenden Cigarre im Munde auftretend). Bravo, bravo, Kinderchen! — Immer schön fleißig sein wie die Bienen, das liebe ich! — Ja, bei den Bienen sollten alle Frauen und Mädchen in die Schule gehen und Thätigkeit lernen — aber die Meisten lernen nur summen und brummen von ihnen, und das lernen sie auch ohne Bienen. Sophie. Sie vergleichen uns alle Tage mit andern Thieren, Papa. Eicero. Ja, im Vergleichen bin ich groß — darin gleiche ich meinem berühmten Namensvetter, dem großen römischen Redner Eicero. Mad. Schusserl. Der hieß ja Kikero, sagtest Du gestern. Cicero. Ganz recht — aber ich trage einen Namen, über dessen Aussprache die Völker noch nicht einig sind. — Wir sagen in unserm guten Oesterreich Zizero — die Berliner Kikero — die Franzosen T isero und die Italiener T sch it sch er o, da kann ich denn natürlich nicht genau wissen, ob ich Zizero, Kikero, Sisero oder Tschi- tscher» heiße.— Aber da Hab' ich nun mit dem Tschitschero die Cigarre ausgeblasen. — Gib deinem Papa ein wenig Feuer, mein Kind. Sophie (M zum Feuerzeuge). Mad. Schusserl. Mußt Du denn den ganzen Tag rauchen? Cicero. Das muß sein, Kind. — Wer nicht raucht, versteht den Zeitgeist nicht, denn wir leben in dem Jahrhundert des Rauchs! — Blick' hinaus in die Welt und Du siehst nichts als Rauch — Rauchfänge — Dampfschiffe — Dampfmühlen — Dampfkessel — Lokomotive — Alles raucht — es gibt gar kein Feuer ohne Ranch — aber desto mehr Rauch ohne Feuer — das sieht man an unserer dampfenden Jugend. Sophie (bringt einen brennenden Fidibus und zündet ihm die Cigarre an). Cicero (ihr wohlgefällig an'S Kinn greifend). Aber für Dich wird sich dennoch eine junge Dampfmaschine mit etwas Feuer (auf das Herz deutend) im Kessel finden, denn Du bist blühend wie die Hebe im Belvedere — reizend wie die Diana in Schöllbrunn — liebenswürdig wie die Flora in der Larenburger-Gallerte — und hast einen Kopf wie die Deuus, die dem Meerschaum entsteigt, und so ein schöner Meerschaumkopf findet immer seine Verehrer, besonders, wenn er gut mit Silber beschlagen ist. Mad. Schusserl. Das ist wieder ein Vergleich, der — Cicero. Ein Kikeronischer Vergleich — Tschitschero nische Heiratsgedanken, denn es ist die höchste Zeit, unser Kind zu verheiraten. — Aeltern müssen ihre Mädchen so geschwinde loszubringen suchen, wie die Buchhändler die Almanache! Mädchen und Almanache müssen schön ausstaffirt und schnell an den Mann gebracht werden, sonst verlieren sie durch die Zeit, und werden verlegene Waare. — Das kann den Mädchen nicht geschehen, wenn sie Frauen werden, denn dann bleiben sie immer eine ko st- bare Taschenausgabe — für die Männer. ^ Mad. Schusserl. Wieder ein Vergleich! Cicero. Ein SiseronischerVergleich! — Ein Feuer, Sophie! Za, liebe Frau, ich beschäftige mich ernstlich damit, unsere Sophie zu verheiraten, — aber ich will das Kind auch glücklich seh'n, das ich unter deinem Herzen getragen habe. (Sophie bringt Kruer ) Wer ist würdig genug, dieses schöne Kikeronische Werk zu besitzen? — Ein Gelehrter ist ein zu unruhiger Kopf, ein Wühler, denn er wühlt sich in die Wissenschaften hinein, und macht schon bei Lebzeiten seine Frau zur Witwe, denn er ist immer unter Büchern begraben, — ein Doctor hat immer mit andern Lebenden zu thun, und folglich für seine Frau keine Zeit, und wenn er stirbt, hat er so vielen andern Leuten verschrieben, daß er seiner Familie nichts mehr verschreiben kann,— ein Dichter hält cs mit der Vielweiberei wie der Türke, denn er läuft immer Weiber» nach, nämlich den Musen, und hat noch einige Heben und Grazien nebenbei— ein Advocat hält seine Ehe für einen verdrießlichen Prozeß, den er sich gern vom Halse schaffen möchte, — ein Apotheker ist zu menschenfreundlich zum Ehestände, denn er will immer haben, es soll Anderen schlecht gch'n, damit's chm gut geh'n soll — und ein Kaufmann ist zu flatterhaft, denn er hat zu viel mit Wechseln zu thun. Er kauft und verkauft, und eine Frau ist eine Waare, die behalten sein will. Er setzt Artikel im Preise herab, wenn sie älter werden, und die Frauen wollen erst noch recht was gelten, wenn ste alt werden. — So haben halt alle Stände ihre Umstände. Mad. Schusserl. Du bist gar zu ängstlich in der Wahl. — Es haben sich schon Mj respektable Partien gemeldet — aber kaum har Eiuer seiner« Namen genannt, wird er kurz abgefcrtigt von Dir. Cicero (pfiffig). Za, der Name, der Name! — Zhr wißt nicht, was der Name für einen Werth für mich hat. Mad. Schusserl. Man muß mäßig in seinen Ansprüchen sein. Wenn ein Mann jung, hübsch und gut rangirt ist — einen guten Charakter — ein gutes Geschäft oder eine gute Anstellung und gute Aussichten hat; — Cicero. Oho, Du spannst ja deine Saiten noch viel höher als ich — so viel Gutes verlange ich ja gar nicht. Ich frage nicht, was ein junger Mann heißt, sondern wie er heißt, das ist die Hauptsache. Laßt mich nur machen, Kinderchen, ich habe schon was in Petto! So viel ist einmal festgestellt — Sophie wird in acht Tagen zwanzig Zahre und au ihrem Geburtstage muß ste ver^ heiratet sein! Z Sophie(ängstlich).Aber, lieberVater— L Sophie (lachend zu ihrer Mutter). Haha- ! haha! Was sagen Sie zu dem geistreichen ! Herrn? (Läßt das Taschentuch fallen.) Cicero. Hehebehe! Wie sich der Schelm verstellt! — Auf Ehre, Kinder, es ist der geistreichste und galanteste junge Herr, den ich kennen gelernt habe. Eusebius (zu Sophie). Sie— Sie haben Ihr Scknupftücbel fallen lassen. Cicero (herausplatzend). So heben Sie es doch auf, Sie Holzbock Sie! (Eusebius hebt das Tuch erschrocken auf, indem er dabei stolpert.) Man muß den Spaß nicht zu weit treiben, I Herr Eutropius. — ' Eusebius. Eusebius. — (Schneuzt sich in ! das Tuch und gibt es Sophie zurück.) Wie sckön weiß das Tüchel ist. Man sieht gleich, daß ^vie keinen Tabak schnupfen, Fräulein. > Sophie (für sich). Das ist ein merkwür- > dtger Dummkopf! Mad. Schusserl (zu Eusebius). Wir freuen uns, Ihre Bekanntschaft zu machen, mein Herr) — der Sohn eines Jugendfreundes meines Gemals. — Eusebius. Lassen Sie's gut sein, Frau Mutter! (erstaunt). Frau Mutter! Sophie j Cicero (mit verbissenem Grimm) Ich bitte Sie — gehen Sie »lach Hause, und werfen Sie sich in ein festliches Costüm — und bringen Sie aucb Ihre Papiere mit. Eusebius. Alle meine Papiere? Cicero. Alle, versteht sich. — Aber kommen Sie nicht zu spät zum Speisen. — Eilen Sie — eilen Sie — »vir setzen uns gewöhnlich Puuet drei Uhr zu Tische. Eusebius Ich fliege! (Geht langsam unter ungeschickten E omplimenten ab. — Noch unter der Thur.) Ich werde meinen papagei- grünen Frack anzieh'n, — der sitzt mir famos gut! (Mit verdrehten Augen seufzend zu Sophie.) Ach!—Wie schauderhaft schön sind Sic, Fräulein!— Es wird einen» ordentlich nicht gut, wenn man Sic ansieht. Ach! O! Cicero (mit dem Fuße stampfend). Zum Teufel, macken Sie, daß Sie fortkommcn! Eusebius. Prost dieMahlzcit!(Geht ab.) Cicero (für sich). Wie ich mit dem ab- sahrcn wollt', wenn ich mir geschwind cin anderes E. S. aufzutreiben müßt'! Sechste Scene. Cicero. Madame Schusscrl. Sophie. Sophie. Was hat denn das zu bedeuten, Papa? Cicero. Nichts — nichts —ein freundschaftliches Diner — weiter nichts. — Ich will den Sohn meines alten Freundes luru- riös bcwirthen! Du mußt ein lucullisckcs Mittagsmahl Herrichten, Frau. — Alle Länder und alle Nationen sollen dazu beitragen. Steirische Kapauner — Oesterrei- chische Backbendel — böhmische Dalken — ungarische Rebhühner— Frankfurter Kren- würstel — indianische Hühner — polnische Zungen — italienische Maccaroni — korinthische Rosinen — Straßburger Pastete» — Veroneser Salami — russischen Caviar — holländische Häringe — west- phälische Scbinken — Schweizer Käse — pommer'sche Gänsebrüste und persisches Insektenpulver! Fort! fort! Die ganze Welt muß in Kontribution gesetzt werden! (Zieh! Madame Schusserl mit sich fort, die sich vergebens ihn zu unterbrechen bemüht.) Siebente Scene. Sophie (allein). Mein Gott im Himmel, sollte das Erscheinen dieses Tölpels mit den früheren Aeußerungen meines Vaters in Verbindung stehen? Es ist schon möglich — mein Vater sprach, daß er etwas in Petto für mich hätte — daß ihm eine großartige Idee im Kopfe läge, die sich binnen vierundzwanzig Stunden realisiren müßte — ja, ja, der Dummkopf wird die großartige Idee gewesen sein! Es ist gar kein Zweifel mehr, denn ich soll ja vor meinem Geburtstag noch verheiratet sein!— Ach, wenn ich nur meinem theuren Ernst ein Zeichen geben könnte. — (Geht zum Fenster und blickt hinaus.)Ha — dort steht er und deutet, daß er mit mir sprechen will — er tritt in's Haus — es ist zwar unvorsichtig, denn mein Vater könnte uns überraschen— aber Noch kennt kein Gebot. Achte Scene. Sophie. Ernst. Später Cicero (hinter der Scene). Ernst (von der linken Seite auftntend). Ach verzeihen Sie, geliebte Sophie — aber es ist so lange, daß ich Sie nicht gesehen habe. Sophie. Ach, ich biu in einer fürchterlichen Angst, lieber Ernst. Ernst. Um's Himmels willen, was ist gcscheh'n? Sophie. Mein Vater hat uns heute einen jungen Mann aufgeführt, und die Art und Weise, wie er ihn empfing, läßt mich fürchten, daß es auf eine Heirat ab- gesch'u ist. Ernst. Gerechter Gott, wär's möglich? Cicero (hinter der Scene). Lisette! Lisette! Sophie (ängstlich). Meines Paters Stimme — er kommt hierher — ich bitte Sie — entfernen Sie sich. Cicero (wir vorher). Wo sind meine Stiefel, Lisette? Sophie. Er ist schon vor der Thür — verbergen Sie sich! Ernst (sich gegen die rechte Seite wendend). In dieses Zimmer? — Sophie. Nein— nein — hinter die Gardine indeß! — (Sie zieht ihn eiligst zum Fenster rechts und läßt dir Gardine herab. Ernst verbirgt sich hinter derselben, — doch ist die Gardine etwas zu kurz, um ihn ganz zu decken, und die Dordcrtheile seiner Stiefel bleiben sichtbar.) Neunte Scene. Sophie. Cicero. Ernst (hinter der Gardine). Cicero. Wo zum Teufel hat denn das Mädchen meine Stiefeln versteckt? Hast Du sie nicht geseh'n, Sophie? (Sucht im Zimmer.) Sophie (ängstlich). O — hier sind sie nicht, Papa! Cicero (ruft sehr laut). Lisette! Lisette! das Mädchen fängt an sehr unordentlich zu werden! — Sie muß verliebt sein, denn sie macht seit einiger Zeit Alles verkehrt. Ich wette, sie hat meine Stiefeln in denSpecs- kastcn gestellt. (Ernst's Sticfcl erblickend). A da sind sie! ^Will zum Fenster gehen.) Sophie (erschrocken aufschreicnd). Papal? Cicero seilt zu ihr). Was ist Dir, mein Kind! — (Ernst zieht geschwind einen Fuß in die Höhe, so daß nur ein Stiesel sichtbar bleibt) Sophie. Ich habe mich mit einer Stecknadel gestochen. (Für sich.) DaS ist eine saubere Geschichte! tt ' Cicero. Dummheiten! Wer wird denn wegen einem Stecknadelstich solch' einSpec takel machen! (Sicht nach dem Fester.) Alle Wetter, was ist denn das? Ich habe doch ganz deutlich vor ein paar Sekunden dort zwei Stiefeln steh'n gesch'n, und jetzt steht nur noch einer da! (Geht zum Fenster, greift nach dem Stiesel und fährt erschrocken zurück.) A — a (Zu Sophie eilend, leise.) Ich bitte Dick — Sophie — Sophie (äußerst verlegen). Was denn, Papa? Cicero (leise) Es ist ein Dieb in meine Stiefel geschlüpft. — Sophie. O — Papa! Cicero. Laufe und hole die Wacke. Ernst (vortretend). Sie sind imJrrthum, mein Herr! Sophie (für sich). Ich eile mich der Mama zu entdecken, damit sie der Blitzableiter wird bei diesem Gewitter! (Mt rechts ab.) Zehnte Scene. Cicero. Ernst. Cicero (jni Eifer, ohne Ernst anzuschen) Herr, wie kommen Sie in meinen Stiefel? Was haben Sie in meinen Stieseln zu thun?—IGlauben Sie, meine Stieseln sind Bierhäuser, in die Jedermann ohne Umstände eintreten kann? — Herr, ick will Sie nicht beleidigen, will nicht behaupten, daß Sie ein Dieb sind, aber ein kecker, unverschämter Räuber sind Sie, der am Hellen lichten Tage — (Ausschreiknd, indem er Ernst näher in's Auge saßt und ihn erkennt.) Herr Ernst Schambert!— Mein E.S., bei dem ich die Cigarre angezündet habe! — Ernst (für sich, zurücklvcichend). Er bekommt wieder seinen Raptus! (Laut.) Ganz recht, Herr von Schuffcrl — aber ich bitte tausendmal um Verzeihung — Cicero lindem er mit einem Satz auf ihn springt und fest packt). Halt! dießmal entwischen Sie mir nicht, mein edler, großmü- thiger Cigarrenanzünder! — Endlich habe ich ein E. S., wie ich mir's nicht schöner malen kann! Winden Sie sich und drehen Sie sich, wie Sie wollen — cs nützt Ihnen Alles nichts, Sie kommen mir einmal nicht mehr aus! — Sie glauben es gar nicht, wie viele schlaflose Nächte Sie mir schon gekostet haben! Ernst (besorgt). Ich bitte Sie, Herr von Schufferl — Cicero (ihn festhaltend). Nicht's da! Sie sind und bleiben mein Gefangener! ENste Scene. Vorige. Madame Scknsserl. Sophie. Mad.Sch nsserl. Aber liebcrMann,)« was thust Du denn? Sophie. Papa, Sie werden dochtZ keine Gewaltthätigkeit. — Cicero(tnumphirend). Ich habe cinE.S., das schönste Eremplar von einem E. S. Mad. Schusserl. Der Herr ist ja kein Dieb! Sophie. Ich kenne ihn ganz genau. Cicero (läßt Ernst los, hält ihn jedoch noch am Rockzipfel fest). Du kennst ihn ganz genau? Mad. Schusserl. Ich auch. — Der Herr ist ja unser Nachbar, ein sehr geschickter Mann. Cicero. Ihr wußtet, daß ein solches E. S. in unserer Nachbarschaft, und habt mir nichts davon gesagt, während ick mir fast die Beine um ein solches Eremplar ablaufe ! Das ist ein Leichtsinn, eine unverzeihliche Nachlässigkeit von Euch. (Zu Ernst.) Aber jetzt wollen wir uns nickt mehr trennen, mein edler Cigarrenanzünder! — Apropos, Sie sind dock noch ledig? Ernst. O ja. Herr von Schusserl. Cicero. Und als lediger, ordentlicher junger Mann werden Sie hoffentlich keine Jahreswohnung besitzen, sondern nur eine ganz einfache Afterpartei sein, nicht wahr? Ernst. Ganz recht, aber ich begreife nicht — 12 Cicero. Sie müssen augenblicklich aus- ziehen, junger Herr! Sophie. Wie, Sie wollen Herrn Ernst nicht einmal in unsrer Nachbarschaft dulden, Papa? Cicero. Nein! Tein Papa Cicero will solche Nachbarschaft nicht — er duldet solch' einen geschickten Maler nicht als vi8-ä-vi^ — Kikero will ibn näher haben —(Indem kr Ernst in seine Arme schließt.) T schitschero will diesen ausgezeichneten Pinsel in seinem Hause und an seinem Herzen haben, meine Kinder! Sophie (freudig). Papa! Mad. Schusserl. Der Mann ist mir ein Räthsel geworden! Ernst (freudig). Versteh' ich recht? Cicero. Ja, edler Cigarrenanzünder, Sie versteh'« mich schon. (Für sich, indem er sich vergnügt die Hände reibt.) Solch' ci N E. S laß ich mir gefallen! Ernst. Sophie mein! Cicero. Die Ihrige; wenn Mnttcr und Tochter nichts dagegen haben. Sophie (schnell). Ich habe nichts dagegen. Mad. Schusserl. Und ich wünsche mein Kind glücklich zu scheu. Cicero. Auch ich bin glücklich, denn ich habe den rechten Mann endlich gesunden! Zwölfte Scene. Vorige. Eusebius. Eusebius sj», grünen Frack mit goldenen Knöpfen. Sammtkragen und Aufschlägen, orangenfarbener Weste, hoher Halsbinde mit großer Schleife, weißen, aber viel zu großen Handschuhen u. s. w Unter dem Arm trägt er einen großen Ballen Papier). Ta bin ich mit allen meinen Papieren — Cicero. Wer ist da? Eusebius lsich mit Kratzfüßen nähernd). Ich, Schwiegerpapa! Alle. Schwiegerpapa? Cicero. Der Teufel ist Ihr Schwieger« gerpapa, Sie brasilianischer Eisvogel! — Wischen Sic sich das Maul ab und blicken Sie dorthin! (Auf Ernst und Sophie deutend, welche mit einander zärtlich sprechen ) He! Eusebius. Ach Herrje, die thun ja schön mit einander! Cicero. Was geht das Sie an! Eusebius (ambegehrend). Erlauben Sie, das geht mick viel an. Cicero. Warum? Eusebius (wie vorher). Weil das Fräulein meine Braut ist. Weil Sie mir ein D'rangeld gegeben haben auf sic. Cicero (schreiend) Sie sind ein Dummkopf! Eusebius (ebenso). Weil ich sie heiraten will! Cicero (indem er ihn packt und zur Thür hinauswirft). Marsch ans meinem Hause, Sie Schwindler, Sie Schuldcnmacher, Sie buftschlösserfabrikant! Eusebius (schreiend, indem er hinausge- worfen wird). Herrje! Glauben Sic, ick Hab' mich so geputzt, um hinausgeworfcn zu werden? — Das ist eine curiose Verlobung das! (Ab.) Mad. Schusserl. Aber Mann, wie kannst Du deu Sohn deines ältesten Freundes so behandeln! C i c e r o (zurückkehrcnd). Ich Hab' mich geirrt, es ist nicht der Sohn meines Freundes — es ist gar kein Sohn — ein Eisbär mit dreizehn Zwillingen, die seinem Came- raden gehören— weiß der Teufel, was der Kerl mir Alles vorschwadronirt hat! Mad. Schusserl. Aber Du warst ja ganz eingenommen für ihn! Cicero. Weil er ein E. S. ist! —Aber ein Esel fängt auch mit E. S. an — und wie viel Töchter müßt ich denn haben, um aus jedem Esel meinen Schwiegersohn zu machen! Aber jetzt, Kinder, richtet die Tafel her — und erlaubt mir vor dem Speisen noch eine kleine Privatunterredung mit meinem zukünftigen Herrn Schwiegersohn. — 13 Sophie (vergnügt). Kommen Sie, Mama! Wir werden Sie bald holen, lieber Emst! (Rechts ab mit Madame Schusserl, nachdem ihr Ernst zärtlich die Hand geküßt.) Dreizehnte Scene. Cicero. Ernst. Cicero. Sie haben also früher schon mit meiner Tochter Bekanntschaft gemacht, Sie Tausendsapramentcr Sie?,— Ernst. In der Stadt Frankfurt war ich so glücklich. Cicero. Ach geh'n Sie doch! Meine Tochter war ja nie in Frankfurt. Ernst. Im Gasthause »zur Stadt Frankfurt*, wo wir Beide zu einer Hochzeit ein- geladen waren. Cicero. Aha! und von der »StadtFrank- furt* sind Sie immer weiter bis (auf das Fenster deutend) in meine Stiefel gefahren? Ernst. Ich danke nur meiner Kunst die Liebe Ihrer Fräulein Tochter. Sie erfuhr zufällig, daß ich ein Maler bin, und bat mich, sie und Ihre Frau Gemalin zu malen, um nrit diesen beiden Porträts Ihnen zum Namenstage eine Ueberraschung zu machen. Cicero. Ach, das ist rührend! Sie malen uns also was zum Namenstage? — Ernst. Aber verrathen Sic sich nicht, Herr von Schusserl, um Ihrer Familie nicht die Freude zu verderben. — Ich habe bereits die Arbeit vollendet. (Indem cr ein Portrat hervorzieht und es ihm reicht.) Urtheilen Sie selbst. Mutter und Tochter auf einem Bilde. Cicero. A — a — mit welcher Wahrheit das gemalt ist! — Zum Sprechen getroffen! Welche von Beiden ist denn meine Tochter? Ernst. Nun — das Porträt links. Cicero. A — a — richtig! Das Ohr ist täuschend ähnlich — auch die Haube meiner Frau ist merkwürdig getroffen. Auch die Gesichter — superb — und diese richtige Vertheilung — was Sie der Tochter an Schönheit und Jugend abgezogen haben, haben Sie der Mutter zu- gelcgt — aber was ist denn das da in der Ecke? Ernst. Meine Namenschiffer — E. CH. Cicero (sieht ihn verdutzt an). E. CH! — Heißen Sie denn nicht Ernst Schambert? Ernst. Ganz recht. Aber Schambert nicht mit S — französisch mit CH. Cicero. Sie fangen Ihren Namen mit CH. an? Ernst. Ja. Cicero. Nicht mit S? Ernst. Nein — ich bin ja ein Franzose. Cicero (zornig). Hinaus aus meinem Hause, Sie unverschämter Franzose Sie! — Wie können Sie sich untersteh'n, sich in meine Tochter zu verlieben, wenn Sie sich mit einem dummen CH und nicht mit einem S schreiben? — Und wenn Sie sich schon so dumm schreiben, so hätten Sie sich auch so dumm aussprechen sollen — C—h—ambert, und nicht hinterlistiger Weise Schambert — denn das heißt die Leute aufsitzen lassen, und Kikero ist nickt da, um Ihnen einen Narren abzugebcn, — Höllenbratcnelement, versteh'n Sie mich? Ernst (ängstlich zurückweichend). Er hat schon wieder seinen Anfall! Cicero (wie vorher). Und nicht genug, daß Sie meine Tochter lieben, Sie sind sogar so keck, ihre Hand anzunehmen, wenn ich sie Ihnen antrage! — Als rechtschaffener Mann hätten Sie sagen sollen: ich bin dieser Hand nicht würdig, denn ich bin kein E. S. — ick bin nur ein erbärmliches E. CH., dann wären Sie als ehrlicher Mann hinausgeworfen worden, und Alles wäre in der Ordnung! — Jetzt aber habe ich statt Ihnen einen Andern hinausgeworfen—ick unglückseliger Mann— meinen braven Eusebius Schwamm — diesen spekulativen Kopf — diesen großartigen Eislieferanten — (eilt zum Fenster und ruft hinaus) Herr Eusebius Schwamm! Herr Eusebius Schwamm! — (Freudig.) Ha — dort tritt er aus dem Kaffeehausc! — Wahrscheinlich hat er dort ein neues Projekt mit Gefrornem entwor- 14 feil! Es ist ein Riesengcist! (Hinan srufend) Bitte — bitte auf ein Wörtchen, Herr Eusebius Schwamm! Sagen Sie dem Bor- Kab da unten, er soll auf uns warten — wir fahren sogleich zum Notar, um den Heiratscontract aufzusetzen. — O bitte — bemühen Sie sich doch ein wenig herauf, mein theuerster Freund! (Zudem er vortritt barsch zu Ernst.) Was wollen Sie hier? — Fort! Und erlauben Sie sich ja nicht wieder mein Haus zu betreten, das rathe ich Ihnen! Ernst (für sich). Der arme Mann hat richtig den Verstand verloren! Vierzehnte Scene. Vorige. Eusebius. Eusebius (mit den Papieren unter dem Arm, vorsichtig den Kops zur Thür hereinsteckend). Haben Sie mich gemeint? — Wenn Sie einen Andern gemeint haben, sagen Sie mir es nur. Cicero. Nein, nein, Sie, mein theuerster Freund! — Kommen Sie doch näher. Warum haben Sie denn so lange auf sich warten lassen? — Eusebius (sich vorsichtig nähernd). Mir scheint, ich war schon da. Cicero. Sic? — Wann denn, verehrte- stcr Freund? — Eusebius. Vorher— wissen Sie nicht? Wie Sie mich hinauserpedirt haben. — Cicero. Ich — Sie? Eusebius (kläglich). Ja, ja, hinausge- worfcn haben Sie mich. Fest! Cicero. Ich falle aus den Wolken! Das muß ein Mißverständnis gewesen sein. Ich habe Sie wahrscheinlich (aus Ernst deutend) für den da gehalten. Eusebius. Aha! das ist möglich! Cicero (zu Ernst). Sie sehen, mein Herr, waS Ihretwegen für Mißgriffe geschehen. — Sogar diesen Mann, meinen geliebten Schwiegersohn, habe ich wie ein leeres Vierfaß zur Thür hinausgekoüert. — Ich hoffe daher, Sie werden endlich eiuseh'n, daß Ihre Gegenwart hier überflüssig ist. Eusebius. Sehr. Ernst. Aber lieber Herr von Schusserl. Cicero. Was, Sie machen noch Umstände! (Geht zornig aus ihn zu.) Augenblicklich hinaus, Sie impertinenter Cigarrenanzünder! Hinaus, sag' ich, oder — (Ernst entspringt durch die Thür rechts.) So, jetzt haben Sie Satisfactior^ Herr Schwiegersohn! Eusebius. Hehehehehe! das ist ein Genuß! Nicht wahr, ich werd' nicht mehr hinausgeworfen? Cicero. Apropos, Ihr Name fängt doch gewiß mit einem S an? — Es steckt keine französische Fopperei dahinter? Der Name Schwamm hat ein deutsches ehrliches S? Eusebius. Ob es ein ehrliches S ist, weiß ich nicht — aber ein deutsches S ist es. Wenn Ihnen aber das S vorne nicht gefällt, so hängen wir es hinten an, so haben wir ein deutsches Warums statt Schwa m m. Cicero. Wamms? Warum nicht gar? — Ich werde Ihnen gleich das Wamms ausklopfen für solch' einen Gedanken! — Aber was haben Sie denn da für einen gewaltigen Stoß Papier mitgebracht! Eusebius. Sie haben ja gesagt, daß ich alle meine Papiere mitbringen soll! — Da ist Alles — Theaterzettel — Wäschzettel—meine brasilianischen Erfrischungs- projecte — sogar mein erstes A-B-C-Buch ist dabei. Cicero (für sich). O Du liebe Einfalt Du! Es ist schauderhaft, daß kein anderes E. S. aufzutreiben ist! (Laut.) Ich habe ja nur die Papiere verlangt, die zur Verlobung nothwendig sind. Eusebius. Der Notar wird schon die rechten heraussinden. — Wann fahren wir denn? Der Bor-Kab wartet unten. Cicero. Gleich — gleich nach dem Essen. Aber Herr, ich vertraue Ihnen mein Theuerstes an, bedenken Sie das wohl. 15 Eusebius (sich eine Thräne aus dem Auge wischend). Vierzigtansend Thaler— ich werde Ibnen ewig dankbar dafür sein. Cicero. Als ich Ihren Wechsel kaufte, habe ich mich nach Ihnen genau erkundigt. Sie sollen zwar ungeheuer dumm sein — Eusebius. Warum soll ich ungeheuer dumm sein?— Finden Sie, daß das noth- wendig zum Ehestande ist! Cicero. Aber sonst sollen Sie ein gut- müthiger und thätiger Mensch sein. — Geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß Sie meine Tochter glücklich machen wollen? Eusebins. Mein Ehrenwort! Cicero. Und jetzt geben Sie mir Ihr Ehrenwort, daß Sie Ihr Ehrenwort halten wollen? Eusebius. Zch gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich auf mein Ehrenwort mein Ehrenwort halten will. — Cicero (ihn umarmend) Nun, so ist Alles in Ordnung, mein theuerster Schwiegersohn! Fünfzehnte Scene. Vorige. Sophie und Ernst (treten ans der rechten Scitenthnr). Ernst (leise zu Sophie). Da sehen Sie selbst! Sophie (eilt zu Cicero). Ach mein lieber Papa, mein Bräutigam hat mir soeben gesagt, daß Sie so entsetzliche Kopfschmerzen haben. Soll ich einen Arzt holen lassen? Cicero. Was Kopfschmerzen? Wer hat Kopfschmerzen? Sophie. Und daß Sie zeitweise an etwas Verwirrung leiden! Eusebius. Ich Hab' auch so was gemerkt. In der Verwirrung hat er mich vorhin hinausgeworfen. Cicero (zu Sophie). Was soll das heißen? Wer ist verwirrt, Fräulein Naseweis ? Sophie. Und die sonderbare Art, wie Sie mit meinem Bräutigam verfahren, — laßt mich allerdings befürchten, daß Ihr GehM nicht ganz in der Ordnung ist, lieber Papa. Cicero. Und das hat Dir dein Bräutigam gesagt? Sophie (auf Ernst deutend). Ja, der da. Cicero. So?Der da? — Der da ist aber nicht Dein Bräutigam, sondern (aus Eusebius deutend) der da— Herr Eusebius Schwamm, Fräulein Tochter. Eusebius (sich linkisch verbeugend). Und der Herr Eusebius Schwamm bin ich, Fräulein Tochter. Sophie. Der da? Hahahahaha! A — das ist ja komisch! Cicero. Donnerwetter, was gibt's da zu lachen? Eusebius. Wahrscheinlich freut sie sich, weil sie so lacht. Sophie. Hahahahaha! Mich mit einem Mitglied des Schreier'schen Affentheaters verheiraten zu wollen! Hahahaha! Cicero. Mädchen, Du wirst mich rasend machen. Eusebius. Sie irren, mein Fräulein! Ich bin nicht bei der Affcn-Komödie en- gagirt. Sophie (sich vor ihn hinstcllcnd und ihn fixirend). Zu was könnte man solch' einen Eh'mann brauchen? — Höchstens ihn auf einen Kirschenbaum zu setzen, damit die Spatzen nicht naschen. (Zu Cicero.) O mein lieber Papa — ein Mann wie Sie, einKi- kero, kann bei klarer Vernunft sich einen solchen Schwiegersohn nicht wählen! — Was würde Ihr großer Namensvetter, der römische Tschitschero, dazu sagen?- Cicero (herausplatzend). Was kann ich dafür, wenn ich in der ganzen Stadt kein gescheiteres E. S. finde! — Und ein E. S. muß dein Mann werden — es ist gar nicht anders möglich, mein Kind! Sophie. Aber warum denn? Was haben Sie denn immer mit dem fatalen E. S.? Sechzehnte Scene. Vorige. Emil Senkenberg. Madame Schusserl. Mad. Schusserl. Lieber Mann, Herr Emil Senkenbcrg — Eicero (auf Emil zustürzend und ihn fassend). Wie heißt der Herr? So^?e"^"^H*" Senkenberg. Cicero (jauchzend). E. S.! Ich hab'ihn! Ich Hab' ihn! Das ist der Rechte! (ZuErnst und Eusebius.) Hinaus mit Euch alle Zwei! (Zu Emil.) Sie kommen um die Hand meiner Tochter anzuhalten, nicht wahr? M. Schusserl. Aber lieber Manu! »T Sophie. Lieber Papa— Ernst. Es ist nicht richtig mit ihm. ^ Eusebius. Wie viele Hände hat denn dem seine Tochter? Emil (zu Cicero). Erlauben Sie, mein Herr — Cicero (schreiend). Sie sollen sie haben! Emil. Aber ich bitte Sic — Cicero (wie vorher). Mit vicrzigtausend Tbalern! Eusebius (ebenfalls schreiend). Die gehören mir! Emil. Das ist recht schön, aber — Cicero. Keine Umstände! Keine Ziererei! Das Mädchen gehört Ihnen. Emil. Nur ein Wort, bitte ich — Cicero. Da sehen Sie sie an! — ist das Mädchen nicht zum Entzücken schön? — (Zieht ihn zu Sophie.) Seid glücklich, meine Kinder! Der Himmel segne Euch! Eusebius. Aber lieber Schwiegerpapa, der Bor-Kab — Cicero. Der Bor-Kab gehört für Sie, ' weil es rückwärts mit Ihnen geht. f Eusebius. Ich protestier! — Ich leid' ! es nicht, daß — / Cicero (nimmt ihn beim Kragen und wirft ! ihn wieder hinaus). Protestiren Sie im Bor- Kab unten! Marsch! (Zurückkehrend.) Jetzt, ^ mein lieber Schwiegersohn — ^ Emil (schreiend). Ich bin ja schon ver- / heiratet! s Cicero (schreiend). Verheiratet! (Läuft zur Thür und ruft hinaus ) Kommen Sie wieder ^ herein, lieber Herr Schwiegersohn! ? Eusebius (indem er schüchtern wieder ein- s! tritt). War das wieder ein Mißverständniß? Cicero (Athem schöpfend, indem er ihn bei der Hand nimmt und ihn in den Vordergrund zieht). Verzeihen Sie, ich Hab' Sie nicht beleidigen wollen. Eusebius. Aber es ist doch etwas um f angenehm, wenn man immer hinaus- und L hcreingeworfen wird. « Mad. Schusserl (zu Cicero). Wirst Du ^ uns endlich zu Worte kommen lassen? ! Cicero (wkhmüthig für sich, indem er aui t Emil blickt). Was das für ein prächtiges E. 1 S. wäre! — O — es ist klar — das ! Schicksal hat mich unabänderlich verur- i theilt (aus Eusebins deutend) ZU diesem dum- i men Schwiegersohn! l Mad. Schusserl. Herr Emil Senken j bcrg hat sich mit Fräulein Susanne Rosen E vereh'licht — und da er zufällig die Aus- staffirung unserer Tochter gesehen hat, dir I! so sorgfältig mit E. S. S. gezeichnet ist — ! Cicero (aufhorchend). Nun! — Nun!^ Emil. So wünschte ich sic nach dem t vollen Wertbc an mirb zu kaufen. Cicero (jubelnd). Victoria! Jetzt soll meine Tochter haben wen sie will! ! Sophie (freudig). Dank! Dank! lieber Vater! Ernst (ebenso). Lieber Herr von Schusser! — 17 Cicero (ihre Hände in einander legend). Da haben Sie sie, Herr C—h—ambert! Mad. Schusserl. Also wegen derAus- stafsirung — Cicero. Hab' ich ein E. S. gesucht, ' damit mein Schwiegersohn zur Ausstattung paßt! Aus kaufmännischer Oeconomie, meine Kinder! Eusebius (zu tzicero). Fahren wir jetzt zum Notar, Herr Schwiegerpapa! Cicero. Jetzt nennt mich Der noch immer seinen Sckwiegerpapa! — Sehen Sie denn nickt, daß Ihre Braut Ihnen wie Ihr brasilianisches Cis davongesckwom- men ist? — Eusebius (zwischen die Liebenden tretend). Erlauben Sie, dagegen muß ich protesti- ren Sapperlot, die Braut gehört mir! — Ich Hab' ein D'rangeld auf sie, ich Hab' mich Ihretwegen geputzt, bin Ihretwegen zweimal hinausgeworfen — Cicero (indem er ihn beim Kragen nimmt nnd schnell zur Thür hinausschiebt) Aller guten Dinge sind drei! Alle (lachend und ihm nachrufend). Haha- hahaha! Wir empfehlen uns, Herr E. S.! (Der Vorhang fällt.) Ende. V t) kt cakl.RkpeNo»« Rr. 121 2 In unserem Wiener Wenter-Neperlmr erscheinen demnächst: Posse mit Gesang in drei Acten > von Friedrich Kaiser. 12 Sgr. od. 60 Nkr'.' Er ist' UNsichtdar. Burleske mit Gesang in einem Acte avon C. F. Stix. 7V, Sgr. od. 35 Nkr. - Ans Scherz wird Ernst. Volksstück mit Gesang in vier Acten von Friedrich Kaiser. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Lustspiel in einern Act. Nach dem Französischkn von Max Stein. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. -XX- — « Druck und Parier ron Leopold Sommer in Wien. (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) ch- Nichts. -— 40 ».- Posse mit Gesang in drei Acten. Non Friedrich Kaiser. Musik vom Kapellmeister C. F. Stenzl. .(Jtn ehemaligen k. k. priv. Theater am Franz Josefs-Quai zuerst mit Beifall gegeben.) Personen: Banquier Löwenhain. Sidonie, seine Tochter. Schmalheim, Instituts-Direktor. Schwirr, i Schieferstein,/ ^ seltner, ! Änstttuts-Lehrer. Haumann, s ' ' Pankraz, Diener bei Schmalheim. Dr. Käzl, Advocat. Minna, seine Mündel. Silbersels. Speichmanu, ein reicher Fruchthäudler. Sandel,'ein Bauernmädchen. Robert, t Eugen, / Zöglinge bei Schmalheim. Alfred (stumm), f Liebstern, t Goldig, > Comptoiristen bei Löwenhain. Holdbaum, ! Kohlhuber. Mich!, i Caspar, ^ Bauernbursche. Sepp, s Zöglinge. Diener. t Erster Lei. (Parkanlagen bei dem Erziehungsinstitute des Herrn Schmalheim, im Hintergründe das Gebäude selbst, zu dessen-Thor einige Stufen hinan- sühren, neben dem Thor an einem Holzgestelle eine Zugglocke.) Erste Scene. Robert. Eugen. Alfred (mehrere andere Knaben, im Alter von zwölf bis fünfzehn Jahren, sämmtlich in gleichfärbigen Blousen und Beinkleidern). Haum., Robert, Eugen, Alfred (und die änderen Knaben stürmen eben, Rapiere in Händen haltend, aus dem Hause). Robert. Juhe, auf den Fechtboden! Alle Andern. Ja, ja — auf den Fechtboden! .ü HaUM. (welcher ebenfalls rin Rapier in den Händen hält). Ruhig, ruhig, meine jungen Herren! Echauffiren Sie sich nicht, noch ehe Sie auf den Fechtplatz kommen. Stellen Sie sich erst paarweise jeder mit seinem Gegner. (Es geschieht.) So, und nun marschi- ren Sie militärisch ab. Gebt Acht! Marsch! (Die Zöglinge ziehen nach links ab, Haumann folgt ihnen.) Zweite Scene. Pankraz (tritt aus dem Hause). Lntr^e-Lied. Einst war's ein Vergnüg'n, in ein' Schulhaus zu sein, Wie unschuldig waren die Kinder, die klei'n, Nächst Gott und den Eltern habn's den nur geehrt, Der sie hat das Gute und Schöne gelehrt; Ein finstrer Blick schreckte ein schlimmes Kind schon, Das brave beglückte ein Flcißzettel als Lohn, Doch die Method' wär' in der Jetztzeit verfehlt, Denn 's gibt keine Kinder jetzt mehr auf der Welt! Es sitzt oft ein Bub' iu der 'Schulstube drin, Es scheint in das Lehrbuch vertieft Aug' und Sinn', Man ruft ihn beim Namen — er hört es gar nicht, Z'letzt schaut man, auf was er denn is so erpicht? Da will er das Buch g'schwind schieb'» in sein Rock, Man nimmt's — ein Roman ist es von Paul de Kock. Das ist die Lectürc, die dem zwölfjährig'» g'fällt - Ja — 's gibt keine Kinder jetzt mehr aus der Welt! Auf ein' Kinderball steh'n zwei Knab'n im Salon Und mustern die Fräuleins — die ält'ste davon Ist kaum dreizehn Jahr'! »vitss-moi, wer ist die?« »Du kennst Sie nicht? — 's ist Baronesse Eugenie.« »OK, snr won konnsnr! Die ist wirklich charmant!« »Ab'r ich hab's zur Zeit ihrer Blüthe gekannt. 3 »Zu meinen Erob'rungen hat sie gezählt —« Ja — 's gibt keine Kinder jetzt mehr auf der Welt. Es darf einen gar nicht wundern, daß die jetzigen Kinder ganz anders sind, als die von ehemals, denn sie werden jetzt auch nach ganz andern'pädagogischen Grundsätzen erzogen. Ehemals hat's geheißen, man soll bei den Kindern den Kopf kalt und die Füße warm halten, jetzt aber macht man den Kindern den Kopf mit vielem Lernen warm, und läßt sie dafür in der größten Kälte mit nackten Waden herumlaufen. Die Kinder werden zeitlich in die Schule geschickt, damit sie recht bald in der Schule geschickt werden. — Nun freilich, die Schule kömmt sehr billig, denn die meisten Kinder gehen umsonst in die Schule, die Kinder armer Leute sind vom Schulgeld befreit, und die Kinder reicher Leute lernen gewöhnlich nichts, also gehen beide umsonst in die Schule. Aber die Herren Eltern sagen: »Nun, wenigstens soll er in der Schule schweigen und das sitzen lernen.« — Allerdings ist Schweigen eine höchst wichtige Kunst, denn wer frühzeitig so recht in sich hineinzuschweigen gelernt hat, kömmt später auch leichter zum höchsten Grade dieser Kunst, welcher darin besteht, zu reden, und doch nichts zu sagen. Aber auch die schulfreien Stunden vergällt man jetzt den Kindern, statt der früheren kindlichen Spielsachen gibt man ihnen lauter gelehrte Spiele, da ist das Lesespiel, das geografische Spiel, wobei die Kinder wieder ihren Kopf nicht schonen, sondern sich denselben zerbrechen müssen. Aber das rächt sich später, die versäumten Kinderspiele freuen oft erst den Mann; als Kind hatte einer z. B. kein Steckenpferd, desto ärger reitet er später als Bureauchef oder Professor sein Steckenpferd — als Kind gab man ihm keine Puppen, dafür hat er oft als alter Herr noch seine Freude mit einer schönen Puppe mit wirklichen Haaren, welche die Augen verdreht und nebenbei — bei einem Ballete angestellt ist. Ucberhaupt gibt es unter den Erwachsenen mehr Kinder als unter den Kindern. Da gibt es Geisteskinder, Protectionskinder, Glückskinder u. s. w. Don all' diesen großen Kindern ist das Protectionskind, so wie das Wickelkind das unbehilflichste, wenn es auf sich selbst angewiesen ist, es kann nicht aus eigenen Füßen stehen, sondern hilft sich meistens durck's Kriechen fort, es wird fortwährend getragen von der Kindssrau Protection; wenn diese es aber fallen läßt, ist es verloren, denn es ist meistens auf den Kopf gefallen; das Protectionskind ist überall zu Hause, wo cs anklopft, wo man aber bei ihm anklopft, ist es nirgends zu Hause. Nein, wenn ich schon wieder zum Kinde werden sollte, möcht' ich lieber ein Glückskind werden, dem, selbst während cs schläft, die gebratenen Tauben in's Maul fliegen, denn das wär' in unserm Jnstirut, wo man wachend nie z'effen genug kriegt, eine wahre Wohlthat. Dritte Scene. Pankraz. Schmalheim. Schieserstein. Zeltner. Schmalh. (tritt mit Zeltner und Schiefcr- stein aus dem Hause, sieht in die Scene). Wie, dieZöglinge sind schon wiederauf demFecht- platze? (Zu Pankraz.) Ziehe die Glocke. Pankraz (geht zum Glockenzug und läutet.) Vierte Scene. Vorige. Haumann. Robert. Eugen. Alfred. Die Zöglinge. Haum. (mit den Zöglingen zurückkommend). Was soll das heißen? Pankraz. Daß g'nug herumg'fochten und in d'Luft g'hauen worden ist, darum gebietet ein Glockenzug Stilentium. —- 4 Das nennt man parlamentarisches Verfahren. Haum. Jetzt schon das Ende des Fechtunterrichtes, — wir haben ja kaum begonnen. Robert. Ah, — das geht nicht — wir sind eben im besten Zuge. Eugen. Nur noch einen Gang. (Beginnt mit Robert zu fechten.) Sch malh. Meine junge Herren! Ich ersuche Sie, die Hausordnung zu achten. Begeben Sie sich hinauf in die Bibliothek, und kühlen Sie sich dort ab. Robert. Ah, schon wieder in die Stube! Schm alh. Keine Widerrede, sonst bin ich gezwungen, Sie auf halbe Kost zu setzen. Robert (murrend). Eine ganze bekommen wir ohnehin nie. (Geht mit den übrigen Knaben unter Zeichen des Widerwillens ab.) Schm alh. (ihnen nachsehend). Ha, Sie wagen cs noch zu mnrren? Pankraz. Darüber, daß die Kost zu wenig ist. — Lächerlich! Wozu heißt denn so ein Institut eine Ko st schul, als deswegen, weil die Zöglinge das Essen nur zu kosten kriegen. Haum. Hören Sie, Herr Doctor, ich wollte Ihnen in Gegenwart der Zöglinge nicht widersprechen, aber ich begreife nicht, warum Sie gerade meine Lectionen immer so sehr abkürzen? Schm alh. Weil ich ex priueipio gegen diese körperlichen Erercitien überhaupt bin. Tanzen, Fechten, Turnen, lauter Gegenstände, welche die Jugend von der Ausbildung des Geistes ablenken, und dann entwickelt sich durch solche Uebungen bei den Jungen auch ein fürchterlicher Appetit, man kann ihnen gar nicht genug zu essen vorsetzen. Wohin kömmt da ein Jnstitutsvorstand? — Bei diesen Zeiten. O mein Gott! Schic ferst. Jammern Sie doch nicht immer, Herr Director. Wir wissen am besten, wie viel dieß Institut Ihnen trägt — Schmalh. Mir? — O'Sie glauben wohl, weil ich Sie so generös honorire — Schiefers). Zeltner. Haum. (zugleich in spöttisches Lachen ausbrechend). Generös! uns? Ha, ha, ha! Schmalh. Was ist da zu lachen. Wem's bei mir nicht gefällt, der kann ja gehen. — Gott sei Dank, es gibt noch Lehrer genug, welche sich glücklich schätzen, in einer so renommirten und soliden Anstalt wie die meinige angestellt zu werden. — Das haben Sie ja vor einigen Wochen gesehen. Der frühere Lehrer derWeltgeschichtc, Herr Morstein, glaubte mich zu ruiniren, indem er seine Stelle kündigte, aber ich hatte noch am selben Tage einen Ersatzmann. Schiefers). Ja, den Herrn Schwirr, der auf einmal, wie vom Wind verschlagen, sich um die erledigte Stelle bewarb — Sckmalh. Und mit der Hälfte des Gehaltes zufrieden ist, während er doppelt so viel leistet als sein Vorgänger! O ich habe alle Ursache, mit dem Tausche zufrieden zu sein! Zeltner (ironisch). Nun ja, Herr Schwirr ist ein Wunderthier! S'ist nur eigen, daß Sie immer mit denjenigen am meisten zufrieden sind, die am wenigsten Gehalt haben! Schmalh. Ja, »Gehalt!« Das war in der guten alten Zeit bei den Lehrern Nebensache, wenn sie nur zu essen hatten, so waren monatlich ein paar Gulden Taschengeld genug; — jetzt erst ist das Wort: »Gehaltserhöhung« das Schlagwort der pädagogischen Welt! Und was wird dadurch erreicht? Die Lehrer verlieren die Tugend der Bescheidenheit und kommen in die Lage, Vergnügungen mitzumachen, die sie von ihrem Berufe abziehen; dadurch muß das Unterrichtswcsen leiden! Sehen Sie, auf diese Schattenseite der Gehaltserhöhung dachte der hochweise Gemeindc- rath nicht, aber ich— ich habe sie vor Augen; — und darum — ein- für allemal — bei mir ist von einer Zulage keine Rede, und zwar nicht aus Kargheit, 5 sondern aus Princip! — Oixi! — Guten Morgen, meine Herren! (Ab ins Haus.) Schiefers), (ihm nachsehend). Den alten Knochen bekehren wir nicht! Zeltner. Besonders jetzt nicht mehr, seitdem er diesen Herrn Schwirr hat! Haum. Ich muß gestehen, der Mensch ist mir ein Räthsel! Er besitzt doch Wissen und Bildung. Schiefers). Ja! Was konnte ^ihn bestimmen, die Stadt zu verlassen, wo er doch gewiß reichere Erwerbsquellen hätte, und hier auf dem Lande eine Lchrerstclle anzu- nehmen? Haum. Hm! er ist vielleicht so eine echt deutsche Philosophennatur, welche Studien in ländlicher Einsamkeit allem Gelde vorzieht — Pankraz. Was? Sie glauben, dem liegt nichts am Geld? Hahaha! Das weiß ich besser! Haum. Du? woher? Pankraz. Na, Sie werden sich doch erinnern, wie neulich der Hausirer mit den Lotterielosen da heraus't bei uns war — Schiefers). Ja, er hatte nur mehr zwei Loose, Nr. 259 und 260 — das entere kauften wir ihm gemeinsam ab, Herr Schwirr allein weigerte sich an dem Spiele Antheil zu nehmen — Pankraz. Weil er mit ein' Theil vom G'winn nicht g'nug hätt'; aber wie der Hausirer fort ist, ist er ihm nachgangen und — ich hab's hinterm Gebüsch g'seh'n, wie er aus allen Westen-, Rock- und Unaus- svrechlichkeitstaschen das Geld z'samm- klaubt hat, um das Loos 260 für sich allein z'kaufen! Zeltner. Wie? — Er hat das Loos? Pankraz. Hat's— ich hab's g'seh'n, wie cr's in seine melancholische Brieftaschen hineing'schoben; dann die Hände gefaltet, und so sehnsüchtig zum Himmel hinaufgeblickt hat, als ob er sagen wollt': »Lieber Herrgott! Laß' mich nur dicßmal ein dummer Kerl sein!« Haum. Ein dummer Kerl? Warum dieß? Pankraz. Weil ein g'scheiter in sein Leben nichts g'winnt! Schiefers), (nachdenkend). Also er hat ein Loos für sich allein genommen? Pankraz. Das macht nichts! Deswegen können doch Sie g'winnen! Zeltner. Bei Gott! Ich wünschte dieß schon aus dem Grunde, weil dann dieser' Herr Schwirr, der sich von Allem, was wir unternehmen, ausschließt, sich zu Tode ärgern müßte! Schiefers). Das gönnte ich ihm auch! Ich kann nicht sagen, wie zuwider mir- der Mensch ist! Pankraz. Mir ist er auch antipaptisch, er ist so gar nicht kollegial! Schic ferst. Und sollte es denn nicht möglich sein, einen Menschen, den wir Alle nicht mögen, auf gute Art aus dem Institute fortzubringcn? Wahrhaftig! wenn's Einer dahin brächte, ich würde mir's sogar etwas kosten lassen! Pankraz (aufhorchend). Was kosten lassen? — Hm! das wär' eine Red'! — Und wenn ich mich recht ansetz' — Zeltner (spöttisch zu Pankraz). Du? — Um dieß Ziel zu erreichen, müßte ein schlauer Plan ersonnen werden — und wenn ich mir's zur Aufgabe mache, so finde ich wohl auch bei ihm die Achillesferse! Pankraz. Nun, so probiren Sie's halt auch! Aber ich — ich halt cs grad' jetzt, weil Sie an meiner Raffinerie zweifeln, für eine Ehrensache, diese Schandthat auszuführen! (Zu Schikferstein.) Es fragt sich nur, wie viel geben Sie Banditen-Douceur, wenn's gelingt? Schic ferst. Du sollst zehn Gulden haben! Zeltner (zu Schieserstein). Wenn's aber mir gelingt — mich kannst Du nicht mit Geld belohnen — Schiefer st. Was willst Du also sonst? Zeltner. Den schönen Mecrschaumkopf, den Du neulich zum Geschenk erhieltst — 6 Schiefer st. Den sollst Du haben!; Haum. (sieht iu die Scene). Aber still! still! dort kömmt eben das Wild, welches Ihr aus eurem Revier verjagen wollt. (Ab.) Schieferst. (ebenfalls in die Scene sehend). Wahrhaftig, Herr Schwirr! — Entfernen wir uns! Pankraz. Ja, gehn wir, aber nur gleich an unfern Plan! — Die Preise sind fest- gesetzt — Schieferst. (zu Pankraz). Ja, Du bekommst zehn Gulden! Zeltner. Und ich deinen Kopf! (Geht mit Schieserstein rechts ab.) Pankraz (allein). Mir scheint, ich habe den besseren Theil erwählt, und bin von dieser Stunde an ganz beidersicilianischer Bravo! (Tritt hinter ein Gebüsch zurück.) Fünfte Scene. Pankraz. Schwirr (tritt im Lesen eines Buches vertieft von links auf. und setzt sich auf eine im Vordergründe stehende Bank). Pankraz (tritt wieder hervor, Schwirr beobachtend. für sich). Wenn ich's probiret, mich ein Bissel in ihn hineinzuschleichen, und mit dem Dietrich nachgeahmter Theilnahme aus seinem verschlossenen Wesen irgend ein Geheimnis herauszustehlen, dann wüßt' ich schon, was ich für sein weiteres Fortkommen zu thun hätt'! — ?rod6mus! (Tritt zu Schwirr vor, sehr freundlich.) Schamster Diener, Herr Schwirr! Schwirr. Guten Tag! Pankraz (seufzend). Ja, wär wohl z'wünschcn, daß man in dem Haus einmal ein' guten Tag hätt'! Schwirr. Du willst dock nicht über deinen Dienstherrn losziehen? Pfui! — Vergiß das Sprichwort nicht: »Wcß' Brot ich esse, deß' Lied ich singe!« Pankraz. Na ja, aber wie das Brot, so das Lied. Sie sein freilich ein stiller Dulder! Sie sagen wohl nichts, aber ich hör' auch mit den Augen! (Tritt zu Schwirr, dessen Hand mit seinen beiden Händen; dann mit affectirter Sentimentalität.) Junger Mann! Sie sind nicht glücklich! O, ich verstehe Ihr Innerstes — Ihren tiefen Schmerz — Schwirr (erschreckt aufblickeud). Wie? — Du weißt —? Pankraz. Nicht nur, daß Sie selbst nichts zu nagen haben, nagt noch etwas an Ihnen! Schwirr (seufzt halb verstohlen). Pankraz (hastig) Heraus mit dem Seufzer! nur ganz heraus! Hier (auf seine Brust weisend) finden Sie eine offene Brust, schütten Sie Alles hinein, was Sie drückt. (Hat sich während dieser Rede zu Schwirr auf die Bank gedrängt, legt einen Arm um dessen Schulter, sieht ihn mit einem schwärmerischen Blick an und spricht sentimental.) D, Vertrauen, nur Vertrauen. Vielleicht kann grad' ich Ihnen helfen. Schwirr (schüttelt schwermüthig den Kopf). Pankraz. Ich weiß mehr von Ihrer Vergangenheit, als Sie sich denken. Schwirr, (erschreckt aufspringend). Du warst vor einigen Tagen in der Stadt — du hast von der unglückseligen Geschichte 7 gehört? — Pankraz, — ich bitte Dich um ' Alles in der Welt, sage mir, hast Du sie hier wieder erzählt — Pankraz (ebenfalls aufstehend, und die Hand auf die Brust legend). Kein Wort, meiner Seel'. (Für sich.) Weil ich selber nichts weiß. (Laut.) Aber hören Sie, das ist eine verfluchte Geschichte, — ich begreife gar nicht, wie Sie sich haben so weil einlassen können. - Schwirr. Aber mein Himmel, was habe ich gethan? — Ich lebte früher so still und einfach von meinen Privatlectionen — ich hatte den Ruf des solidesten jungen Mannes — mehrere wohlhabende Eltern - vertrauten mir ihre bereits erwachsenen ! Töchter zur höheren Ausbildung an — ich dachte nie daran, daß dieß Mädchen wären, sondern sah in ihnen immer nur meine Schülerinnen — bis endlich der alte Advocat Käzl mich auch als Jnfor- 7 mator zu seinen beiden Mündeln berief — ein Mündel war ein Knabe — und der andere — der andere war ein Mädcken — Pankraz. Das haben's also doch kennt? Merkwürdig! Schwirr. Als ich sie sah—(schwärmerisch) Sie — P an kr az (ebenfalls schwärmend). Ja—sie, diesen Engel, was Engel, Seraf, Cherubim. Schwirr. Ich sehe — Du kennst sie. Pankraz. Na ob. (Für sich.) Wanns unser Herrgott sie nicht besser kennt als ich, ist mir leid um sie. Schwirr. Nun, dann wirst Du auch begreifen — Pankraz. Na ja, ich begreifet auch Alles, aber daß Sie soweit gegangen sind, so weit — hören Sie — Schwirr. Aber wie weit bin ich denn gegangen? — Nicht weiter, als bis zu einem gegenseitigen Bekenntnisse, bis zum ersten Kusse. Wir wähnten uns unbelauscht, aber der alte Vormund war leise hereingc- schlichen, der packte mich plötzlich rückwärts am Kragen, und schleuderte mich mit dem Rufe: »Hinaus mit dem Verführer!« aus dem Wohnzimmer in die Kanzlei — dort faßte mich der Sollicitator, warf mich aus der Kanzlei ins Vorzimmer, draußen empfing mich der Bediente, der warf mich über die Stiege, und unten angelangt, wurd' ich vom Hausmeister auf die Straße geworfen. Pankraz. Na, in dem Haus ist wenigstens ein geregelter Geschäftsgang, es ist nur merkwürdig, daß ein Advocat einen Gegenstand so schnell erpedirt, und nichtTer- minserstreckungen angesucht hat. Schwirr. Mein Unglück war fertig. Ich bin in der ganzen Stadt als ein unmoralischer Mensch, als ein Mädchenver- sührer verschrieen worden. Ich habe bald gar keine Lection mehr gehabt, und folglich auch keinen Erwerb — bin deshalb aus der Stadt fort, und muß mich noch glücklich schätzen, daß ich hier ein trauriges Asyl gefunden habe. (Geht wieder zur Bank und setzt sich.) Pankraz (für sich). Ich weiß vor der Hand g'nug. — Auf dieser Unterlag kann ich meinen Plan schon weiterbauen. (Tritt wieder zu Schwirr, laut.) Und Sie sein damit z'frieden, daß Sie dahier versorgt sind, sein aber unbesorgt darum, wie's derweil Ihrer Geliebten geht, und was mit der in Ihrer Abwesenheit Alles vorg'nommen wird. Schwirr (erschreckt in die Höhe fahrend). Vorgenommen, mit meiner Minna?— Um Gottes willen, was ist — was soll mit ihr geschehen? Pankraz (sich erstaunt stellend). Was, Sie haben also gar nichts g'hört? Schwirr. Nicht eine Sylbe. — Seil ich aus der Stadt fort bin, ist jede Com- munication unmöglich. Pankraz (für sich). Das macht sich famos. (Laut ) Sie wissen also nicht, daß sie bereits zweimal aufgeboten worden ist? Schwirr. — Sie, aufgeboten. — Du meinst doch nicht — als Bragt? Pankraz. Na — als Landwehr wird's nicht aufgeboten werden. Schwirr(laut ausschreicnd). Wie, Minna, meine Minna! Sechste Scene. Vorige. Minna. Minna (in einer männlichen Wandertoilette den Kopf mit einem Strohhute bedeckt, ein leichtes Ränzel aus dem Rücken und einen Stock in der Hand, tritt, ohne von den Anwesenden bemerkt zu werden, im Hintergründe links auf. hört Schwirr's Ausruf, drückt durch ihre Geberde freudige Ueberraschung aus, und eilt von rückwärts den Sprechenden leise näher). Schwirr. Minna mir untreu? — Und es sind kaum einige Wochen, daß ich fort bin. Pankraz. Haben Sie vielleicht glaubt, daß Ihre Minna es machen wird wie die Kreuzspinneritt — will ich sagen, wie 8 die Spinnerin am Kreuz, die jahrelang mit ihrem Spinnrocken auf'm Wienerberg g'sessen ist, g'wart' hat, bis der Geliebte z'ruck- kommt. So eine romantische Lieb' gibt's jetzt nimmer. Die jetzigen Mädeln sein practischer. Wann ein Geliebter fort ist, spinnen sie wohl auch — aber sie spinnen nur ein neues Derhältniß an. Minna (schlägt Pankraz von rückwärts mit der flachen Hand kräftig aus die Schulter). Pankraz (wendet sich überrascht um). Was ist —? Schwirr (fleht sich ebenfalls um, in freudigster lleberraschung laut ausschreiend). Ab, ah! Minna (winkt ihm rasch sich zubemeistern). Pankraz (zu Schwirr, ihn erstaunt ansehend). Was habn's denn? — Ick krieg' ein Schlag, und Sie schreien? Schwirr (verwirrt). Ick — ick — (sich fassend, leise zu Pankraz) ich erschrak nur darüber, daß wir belauscht waren. Pankraz (leise zu Schwirr). Ah, was versteht denn der Bursch. (Wieder zuMinna laut) Was verschafft mir denn das Vergnügen? (Reibt sich die Schulter.) Minna. Ich bin doch hier in dem Er- ziehungsinstitute des Herrn Directors Schmalheim? Pankraz. Ja wohl. Was wollen's denn? Minna. Ich will mich hier aufnehmen lassen? Pankraz. So? — Sie wollten sich hier erziehen lassen — na, ich hab's gleich g'merkt, daß Sie noch etwas ungezogen sind. Minna. Also melde Er mich bei dem Herrn Vorstande. Pankraz. Gleich, gleich. (Wieder leise zu Schwirr.) Wir reden hernach weiter davon. (Geht dem Hause zu, im Abgehen sich noch immer nach Minna umschend, für sich.) Der junge Mensch muß keine guten Derdau- ungswerkzeuge haben, sonst ließ er sich nickt hier anfnehmen. (Ab.) Minna, Schwirr (eilen sich, nachdem Pankraz abgegangen ist. in die Arme). Minna. Mein theurer Adolf! Schwirr. Himmlische Minna! — Sie hier? — Wie beglückt mich Ihre Gegenwart, aber ich begreife nicht — Minna. Wohin wahre, innige Liebe auch ein Mädchen führen kann. Also lassen Sie sich rasch erzählen. Ich erfuhr durch Ihre Quartierfrau in der Stadt, daß Sic hier eine Anstellung angenommen haben — nun ging all' mein Sehnen dahin. Sie sehen und sprechen zu können. Deshalb ersann ich einen Plan, den mir mein jüngerer Bruder ausführen half. Schwirr. Ihr Bruder — der muntere Carl? Minna. Dem unser Vormund beinahe ganz freien Willen läßt. Er äußerte gegen diesen den Wunsch, seine weitere Ausbildung in einer Erziehungsanstalt auf dem Lande zu erhalten, und bezeichnete das hiesige Institut als das beste und billigste. Das Wor> »billig* entschied. — Der Vormund willigte ein, gab ihm ein Schreiben an den Direktor und das nöthige Geld, und erlaubte ihm, am nächsten Tage hieher hcr- auszufahren. Carl mußte nun mir den Brief sammt einem Theile des Geldes und einen seiner Anzüge geben, und den Wagen, der ihn Hieherbringen sollte, für die früheste Morgenstunde bestellen. Der Vormund schlief noch, die Hausleute hielten mich in der Dämmerung für meinen Bruder, ließen mich ungehindert zum Thore hinaus, ich sprang in den Wagen, und — bin nun hier. Schwirr. Aber Ihr Bruder Carl? Minna. Der stieg aus seiner ebenerdigen Stube zum Fenster hinaus, und bringt nun das Geld, das ihm blieb, auf einer Fußreise im Gebirge an. Nun, was sagen Sie zu unserm Unternehmungsgeist? Schwirr. Ah, so entzückt ich bin, kann ich's doch nicht läugncn, daß mir sehr ernste Bedenken kommen. Minn a.WasBedenken! Sic wissen nickt, was mein Vormund seit Ihrer Entfernung 9 für einen Plan in Bezug auf meine Zukunft gefaßt hat. Schwirr. Welchen Plan? Minna. Ein reicher Fruchthändler, ein gewisser Speichmann, der fortwährend auf seiner Landwirthschaft wohnt, hat seine erste Frau verloren, und sich schriftlich an meinen Vormund gewandt, damit dieser ihm eine zweite, möglichst junge Frau besorge. Schwirr. Und dieser hat doch nicht —? Minna. Ja, dieser hat mir das Glück zugedacht, Frau Speichmann die Zweite zu werden. Schwirr. Aber wenn Sie ihn noch gar nicht kennen? Minna. Er kennt mich auch nicht, aber meinem Vormunde schien es genügend zu wissen, daß Herr Speichmann ein Vermögen von zweimalhunderttausend Gulden besitzt, denn mit dieser Summe muß sich Jeder ausweisen können, der sich nur die leiseste Hoffnung auf meinen Besitz machen will. Schwirr. Zweimalhunderttausend Gulden! Mein Gott, wenn ich auch monatlich von meinem Gehalte etwas zurücklege — Minna. Ha, da, ha, so könnten wir vielleicht in zweitausend Jahren Hochzeit machen. Nein, nein, das währt mir zu lange. Doch still. (Sich nach dem Hause um- sehmd.) Wer kommt dort? Siebente Scene. Vorige. Schmalheim. Pankraz. Sch mal h. (tritt aus dem Hause). Pankraz (folgt ihm). Schwirr (leise zu Minna). Es ist der Herr Direktor. Minna (leise). Gut, jetzt lassen Sie nur mich gewähren. (Wendet sich gegen die Kommenden.) Schmalh. (rasch vorwärts kommend). Wo ist der junge Mann? — Ah, hier! Minna (zieht den Hut ab und vrrmigt sich tief). Genieße ich das große Glück, den ersten Pädagogen Deutschlands vor mir zu sehen? Schmalh. (sich ebenfalls verneigend). Bitte — bitte — Sie wollen sich unter meine Zöglinge einreihen lassen? — Wird mir ein Vergnügen sein. — Doch sind gewisse Bedingnisse, über welche ich mich mit Ihren Eltern verständigen müßte. Minna. Ich habe keine Eltern mehr, doch mein Vormund, welcher leider durch seine Geschäfte verhindert war, mich hieher zu begleiten, gab mir dieß Schreiben mit. (Uebergibt ihm einen Brief.) Schmalh. (öffnet den Brief). Ah, — Doctor Käzl — ist mir dem Namen nach bekannt. — (Liest.) Er empfiehlt Sie mir auf das Wärmste — es steht viel Gutes in dem Briefe, — unter andern, daß Sie auch das Geld für den ersten Semester bei sich haben. Minna. Ja wohl — ich lege es sogleich in Ihre Hände. (Zieht die Brieftasche und aus derselben Banknoten heraus, und gibt dieselben Schmalheim.) Schmalh. (die Banknoten einsteckend). Angenommen. Minna (freudig). Ich bin also angenommen? — Schmalh. Ich meine vor der Hand die Banknoten. — Was Sie betrifft, ist noch Einiges zu besprechen — Minna. Ja wohl, ich habe auch einige Bcdingniffe zu stellen. Schmalh. Diese sind —? Minna. Für's Erste erlaube ich mir die Frage: Erhalte ich für mich eine eigene Wohnung? Schmalh. Nein, meine Zöglinge haben alle gemeinsam einen Schlafsaal. Minna. Das geht nicht — geht durchaus nicht — ich will allein sein — ich wünsche ja nur eine Kammer. Pankraz. Der junge Herr schwärmt für das Einkammersystem, — das ist ganz gegen unsre Einrichtungen. Sch malh. Nun — es ließe sich wohl machen — es versteht sich, daß dafür besonders bezahlt werden müßte. Minna. Das will ich mit Freuden. Hier — hier haben Sie vor der Hand — (Gibt ihm wieder Geld.) Sch malh. (steckt das Geld ein). Ah — ganz gut — Minna. Dann in Bezug auf die Bedienung — P ankraz. Bedienen werd' ich Sie. Minna. Nein, nein, ich bin gewohnt mich selbst zu bedienen. Pankraz. Das ist gegen die Hausgesetze. Minna. Ich will auch für diese Begünstigung besonders zahlen. (Gibt Schmalhrim wieder Geld.) Pankraz. Aber Herr Director, was Sie von dem jungen Menschen alles ein- stccken! Minna. Auch will ich nur in einigen Lieblingsgegenständen Unterricht nehmen, und zwar allein. Schmalh. Sie sind aber in Allem eine Ausnahme. Minna. Daran bitte ich sich zu gewöhnen. Ich bin in Allem etwas apart, zahle aber auch apart. Schmalh. Und was hätten Sie denn für einen Lieblingsgegenstand? Minna (mit einem Blick auf Schwirr). Z. B. die Weltgeschichte. Pankraz. Aber die ist ja noch nicht komplett erschienen, man weiß noch gar nicht, was für ein Ausgang die G'schicht hat. Schmalh. Nun, für diesen Gegenstand habe ich einen ausgezeichneten Lehrer eben hier — Herr Schwirr, er wird Ihnen täglich eine Stunde geben, natürlich gegen besonderes Honorar. Minna (Schwirr zärtlich anblickend). 3ch hoffe, der Herr Lehrer wird mit dem Lohn, den ich ihm gebe, hinlänglich zufrieden sein. Schmalh. Nun, so kommen Sie mit mir, ich will Sie mit den inneren Einrichtungen meines Institutes bekannt machen. Minna. Ich folge Ihnen. (ZuSchwirr.) Herr Lehrer, Sie kommen doch bald nach, damit wir heute noch die erste Lection halten. Adieu indeß, Adieu! (Geht mit Schmalheim in das Haus ab.) Schwirr (will folgen). Ich kann ja sogleich mitgehen — Pankraz (hält ihn am Arme zurück). Aber ich begreif' Ihnen gar nicht, was geht Ihnen denn der dalkete Bub' an — denken Sie doch lieber an Ihre Geliebte. Schwirr. Oh — ich dachte immer an sie — ich sah sie lebhaft vor meinen Augen! Pankraz. An Ihrer Stell' ging ich holländisch durch — denken's nur — es gilt den Besitz Ihrer Geliebten — Schwirr (traurig). Ihren Besitz?! — Ach, dazu fehlt mir nur eine Kleinigkeit — Pankraz. Wenn ich Ihnen vielleicht dienen kann, so sagen's es— was brauchc- ten's denn? Schwirr. Nun, ich will Dir's sagen, ich brauche — zweimalhunderttausend Gulden. — Kannst Du mir dazu verhelfen? Pankraz (erschreckt zurückfahrend). Zweimal Hund etttausend! — (Durchsucht seine Taschen.) Ist mir leid, so viel Hab' ich nicht bei mir. Schwirr. Dann gib Dir weiter keine Mühe, denn ohne diese Summe betrete ich die Stadt nicht wieder. (Geht ins Haus ab.) Pankraz (allein, noch ganz verblüfft). Zweimalhunderttausend Gulden! — Wann ich nur mußt', wo ich mir's in der Geschwindigkeit auftreibet, 's wär nur wegen die zehn Gulden, um die ich g'wett' Hab'. (Bleibt nachdenkend stehen.) II Achte Scene. Pankraz. Zeltner. Schicferstein. Zelt» er (rin Zeitungsblatt in der Hand haltend, kommt mit Schieserstein). Pankraz, wo steckst Du denn? Pankraz. Was gibt's denn schon wieder? Zeltner. Eben lesen wir in der Zeitung, daß gestern in der Stadt die Ziehung der Lotterie war, zu welcher wir ein Loos genommen haben; der Krämer hier im Orte hat gewiß schon die Liste der gezogenen Nummern — geh' hinüber und hole sie. Pankraz (verdrießlich). Schon wieder ich? — Sv geht's den ganzen Tag — einmal soll ich dahin — einmal dorthin. Mir scheint, ich bin der Einzige, der in diesem Institut geschickt wird. (Geht murrend ab.) Schic ferst. S'ist eigentlich überflüssig, daß wir die Liste holen lassen, denn ich glaube, seitdem es Lotterie gibt, ist noch nicht einmal der Fall vorgekommen, daß ein Schullehrer etwas gewonnen hätte. Neunte Scene. Vorige. Dr. Käzl. Käzl (kömmt hastig vom Hintergründe links m die Scene zurückrufend). Laß nur die Pferde sich langsam abkühlen — sie sind überhetzt. (Kommt vorwärts.) Guten Tag, meine Herren. Sie gehören doch hier zum Hause? Zeltner. Ja, wir sind vom Lehrpersonale. Käzl. Ah, dann wissen Sre gewiß, ob heute ein neuer Zögling hier eingetreten ist — Schiefer st. Ja, so eben stellte ihn mir der Dircctor vor, — ein gewisser Carl Blendheim — Käzl (erfreut). Der ist's, den ich suche, ich bitte, ich beschwöre Sie, bringen Sie mir ihn sogleich hicher, brauchen Sie Gewalt, wenn er nicht gutwillig geht, ich muß ihn haben. Schieferft. Nun, nun, Gewalt brauchen wir wohl nicht anzuwenden. Am besten, ich ersuche den Dircctor, ihn herabzuführen. Auf Wiedersehen, mein Herr. (Ab in s Haus.) Käzl (heftig bewegt, auf-und niedergehend). Nur ihn erst vor mir haben, dann soll er mir schon beichten. (Zu Zeltner ) Sic haben doch hier eine Bank? Zeltner. Wie meinen S>e? Käzl. Nun, eine Bank, nm der Jugend gewisse Grundsätze a po8teriori beizubringen. Zeltner. Nein, dieser Methode huldigen wir hier nicht. — Aber Sie sprechen ja von dem jungen Menschen, als ob er ein flüchtiger Verbrecher wäre. Käzl. Hm, das ist er wohl nicht, aber er hat eine Schwester, die auch in meinem Hause wohnte, diese sollte heiraten — heute Morgen kam ihr Bräutigam in der Stadt an, suchte mich sogleich auf, ich will ihn dem Mädchen vorstellen — ihre Stube ist leer — sie ist verschwunden. Ich bin überzeugt, daß sie ihre Flucht nur im Einverständnisse mit ihrem Bruder unternommen hat, darum jagte ich diesem sogleich hieher nach. Zehnte Scene. Vorige. Schmalheim. Schwirr. Schieserstein. Haumann. Minna. Eugen. Robert. Alfred. Die andern Zöglinge (kommen aus dem Hause). Robert und Eugen (haben sich zu beiden Seiten in Minna s Arme eingehängt, und ziehen sie fast gewaltsam mit sich über die Stufen herab). Die andern Knaben (umdrängen diese Gruppe so, daß Minna anfänglich von den im Vordergründe Stehenden gar nicht gesehen werden kann). 12 Robert. Ter will sich fern von uns halten. Eugen. Das gibt's nicht! Er muß mit uns halten, oder wir erklären ihn in Acht! Robert. Nur gleich mit auf den Spielplatz! Die Knaben. Ja, ja, auf den Spielplatz! Minna. Laßt mich! laßt mich! ich bitt' Euch! (Obige Reden werden fast gleichzeitig gesprochen, während die Knaben Minna nach der rechten Seite mit sich sortziehen wollen.) Käzl (sich umsehend). Was gibt's denn da für einen Scandal? Schmalh. (die Fortstürmenden aufzuhalten bemüht). Aber Robert! Eugen! lassen Sie doch meinen neuen Schüler! Er ist an die hiesigen Verhältnisse noch nicht gewöhnt! (Das Gedränge beginnt wieder.) Minna (aufschreiend). Au weh! Ihr erdrückt mich! Schwirr (sich von rückwärts in den Knäuel drängend, bemüht Minna loszumachen) Jetzt laßt los, oder ich müßte gewaltsam — (drängt einige Knaben weg). Käzl (aushorchend). Was hör' ich da für bekannte Stimmen?! Schwirr (hat Minna endlich befreit, und führt sie, die halb ohnmächtig sich an seine Brust Käzl. (erblickt Minna, schwellt vor Erstaunen empor, und schreit laut aus). Minna! Sie selbst hier! Alle (erstaunt). Wie? — Minna? Minna (inTodesängsten). Herr Vormund, Erbarmen! Schmalh. Ja, was hör' ich denn da? Minna? Er heißt ja Earl! Käzl. Der Teufel heißt Carl oder vielmehr ihr Bruder! Dieser Knabe— (auf Minna zeigend) ist seine Schwester — oder vielmehr sie ist der Knabe — er ist nickt sie, sondern sie ist er — das heißt: er ist sie — Schmalh. Ich verstehe kein Wort!(Zu Käzl.) Mein Herr, mir scheint, Sie wollten in ein Irrenhaus, und sind nur aus Versehen in mein Knabeninstitut gerathen! Käzl (immer wüthender). Knabe ninsti- tut?! — Aha! darum finden solche Buben sauf Schwirr weisend) hier Unterkunft, und bestellen die von ihnen verführten Mädchen hieher! (Zu Schmalheim.) Ich werde Ihnen einen Prozeß machen! Schmalh. Was hör' ich? — Herr Schwirr! Mir schwirrt Alles vor den Augen! Dieser Jüngling — (auf Minna wei- send) ein Mädchen?! — Und daran sind Sie Schuld?! lehnt, seinen Arm um sie schlingend, mehr in den Vordergrund). Erholen Sie sich nur! — die ungezogenen Rangen! Käzl (zuerst Schwirr erkennend). Miüion- donnerwetter! Der hier — hier! — (Tritt rasch zu Schwirr.) Elender Patron! Schwirr (aufs äußerste erschreckt). Um Gottes willen! Dr. Käzl! (Zieht rasch seinen Hut ab, und bedeckt damit Minna's Gesicht.) Käzl. Also deshalb wurde mir dieß Institut empfohlen?—Aber mit Ihnen werde ich noch weiter sprechen! Wo ist mein Mündel, Carl Blendheim? Schiefer st. (hinzutretend und den Hut Ichwirr's von Minna's Gesicht wegziehend). Hier! — in den Armen seines auserwähl- tcn Lehrers! Minna (rasch). Nein, nein! — Ich allein bin die Schuldige — er wußte von nichts! Käzl. Ueber Schuld und Unschuld sollen die Gerichte entscheiden! Zeltner (zu Schmalh.). Jedenfalls sind Sie, Herr Dircctor, es der Ehre Ihrer Anstalt und dem ganzen Lehrkörper schuldig, daß Sie dieses räudige Schaf (auf Schwirr weisend) augenblicklich entlassen! Schmalh. Ja— ja, das muß — daS will ich! — Herr Schwirr! verlassen Sie augenblicklich mein Haus! Eugen. Endlich wird einmal ein Lehrer ausgestoßen! Juhe! hinaus mit ihm! Die Knaben, Zeltner, Schieserstcin 13 Haumann und Käzl (gleichzeitig). Hinaus mit ihm! Hinaus! (Alle drängen sich an Schwirr, und wollen ihn fassen.) Eilfte Scene. Vorige. Pankraz. Pankraz (kommt, eine gedruckte Liste Inder Hand haltend, von rechts). Da bring' ich die Listen von der Ziehung! Zeltner, Schieferstein, Haumann (von Schwirr ablassend, und sich gegen Pankraz wendend, gleichzeitig). Die Liste? —Haben wir etwas gewonnen? Pankraz. Nichts! rein gar nichts! Schiefer st. Welche Nummer hat den Haupttreffer? Pankraz. Die dümmste Nummer von der Welt — 260! Zeltner, Schieferst., Haumann (befremdet, doch sich noch nicht recht besinnend gleichzeitig). 260 ? Pankraz. Ja, 260 gewinnt zweimalhundertfünfzigtausend Gulden — just einen Vierling Million! (Blickt erwartend auf Schwirr.) Schwirr (steht noch immer ganz vernichtet vor sich hinblickend da, ohne aus das zu achten, waz um ihn vorgeht). Pankraz (für sich). Ist der derweil de- risch wor'n? (Geht zu Schwirr und ruft ihm in'S Ohr.) Hören's denn nicht? Nr. 260! Schwirr (plötzlich aus seinem Sinnen auf- wachend). Wie? was 260? Pankraz. Hat den Haupttreffer mir 250.000 Gulden! Schwirr (ganz verwirrt). Wie?—Haupt — zweimalhundert — 260 — Gott! — wie wird mir denn?! — Mein Loos! (Fühlt an alle Taschen, zieht endlich mit zitternden Händen eine Brieftasche und aus derselben ein Loos heraus.) Da — da ist's — und da — da steht — 2 — 6 — 0 — das — das ist ja — Pankraz (sich aufs Höchste überrascht stellend). Herr Gott von Mannheim! 260! Er — er hat das Loos — hat den Haupttreffer! — Alle (im höchsten Staunen von ihm zurück- wcichend). Er — er?! Schwirr (ganz betäubt). Nein, nein! (Bei. nahe weinend.) Es ist ja nicht möglich — cs ist nicht wahr! — es kann nicht wahr sein! Pankraz. Aber da — (auf die Liste weisend) da steht's ja druckt, und was druckt ist, das muß wahr sein! — Schauen's nur selber! — Hält ihm die Liste dicht vor die Augen.) Schwirr (steht hin). Gott! mir vergehen die Augen! Ja — 2—das ist ein Zweier! Und dann ein Sechser — Pankraz. Und da ein kugelrundes Nullerl! Ist 260! Sie haben einmal die 250.000 Gulden — da hilft kein Weinen! Schwirr (anfangs wirklich weinend). Zwei — zweimal — hundert — (in Lachen übergehend). Zweimalhundert fünfzigtausend! — Ich? ha ha ha! ha ha ha! — (aus Minna zueilend). Minna! Minna! haben Sie gehört? — 250.000 st.! (Sinkt von seinen Gefühlen überwältigt ihr an die Brust, doch sich rasch besinnend, ängstlich zu Käzl.) Ich bitte tausendmal um Vergebung! Käzl (plötzlich ganz umgewandelt, sehr höflich). Ich bitte sehr, Herr von Schwirr! — in solchen Momenten ist Alles begreiflich! Minna (fick an Schwirr schmiegend). Lieber, lieber Adolf! Sie werden mir glauben, daß ich Sie in Ihrem Glücke nickt mehr liebe, als in Ihrer Armuth, aber der Gedanke, daß ich Sie jetzt lieben darf- Schwirr (noch nicht recht fassend). Ja — dürfen Sie mich denn jetzt lieben? Käzl. Alles was zwischen uns vorgefallen ist, sei — (ihm die Hand hinhaltend), vergeben und vergessen! Schlagen Sie ein! Pankraz. Ja, schlagen Sie d'rein! Schwirr. Gott! Ich weiß nicht, wie mir ist, Sie (zu Käzl) sind so gut, so lieb gegen mich! Sch mal h. (sich zu Schwirr drängend). Ich, Gott sei Dank, war immer gut gegen Sie! Ich hoffe, Sie werden dieß nie vergessen! 14 Schieferst. (mit Zeltner und Haumann zu Schwirr tretend). Glauben Sie, wir waren nie gegen Sie — cs verletzte uns nur, daß Sie selbst sich so fern von uns hielten. Schwirr (gutmüthig). Ach, vergeben Sic — mein Unglück war der Jsolir- schämel — jetzt in meinem Glücke sollen Sie sehen, daß mir jeder Stolz fremd ist — jetzt bitt' ich Sie Alle — Alle — seien Sie meine Freunde. Zeltner (ihm um den Hals fallend). Hier — hier — haben Sie mich. Schieferst. (ihm von der andern Seite um den Hals fallend). Und mich auch! Pankraz (hinter Schwirr tretend und von rückwärts seinen Hals umschlingend). Mich auch! — Geben Sie mir ein Bussel. Sein wir Du und Du! Schwirr (dem fast der Athem auSbleibt sich losringend). Ach, laßt mich — ich ersticke! Pankraz. Das sollen Sie nicht, denn jetzt erst werden Sie recht athmen können. Aber an Ihrer Stelle duldet's mich nicht länger hier, wenn'sheut' noch in die Stadt fahren, können's morgen schon Ihre 250,000 Gulden baar ausgezahlt haben. Schwirr. Wie, morgen schon? Käzl. Ja wohl, und Ihre Verlobung und übermorgen Ihre Hochzeit feiern. Schwirr. Verlobung, Hochzeit, — ich eile—ich fliege! Heizt mir eine Locomotive, füllt mir einen Luftballon! Käzl. Vor der Hand behelfen Sie sich mit meiner Equipage, sie hält dort am Gittcrthore — Schwirr. Ah — dann fahren Sie wohl mit? Käzl. Das geht nicht, der Wagen ist nur für zwei Personen, und ich kann Minna doch nicht allein hier zurücklassen. Schwirr. Nun wohl denn. (Zu Käzl.) So bleiben Sie hier, bis ich morgen mit meinen Schätzen zurückkehre, und, nicht wahr (zu Schmalheim), Herr Direktor, Sie erlauben, daß ich morgen hier meine Verlobung feiere? Schmalh. Mit tausend Freuden, wenn ich nur darnach eingerichtet wäre. Schwirr. Ich will Sie schon cinricb- ten. Dieß Haus war mein Asyl im Unglücke, es soll auch der Schauplatz meines Glückes sein. (Zu allen Anwesenden.) Ich lade Sie Alle — Alle ein. Es soll morgen hier ein Fest stattfinden. Als neuer Mensch komme ich zurück. Von dem, was ich jetzt habe, will ich gar nichts behalten. Theilt Euch in meine Habseligkeiten, und Dir (zu Pankraz) schenke ich meine silberne Uhr. (Gibt sie ihm.) Möge sie Dir stets so frohe Stunden weisen, wie jetzt mir. Pankraz. Aber Ew. Gnaden, Sie ver^ schenken ja Alles! (Für sich.) Ist erst ein guter Kerl! Schwirr. Was liegt daran? Es hat einen Reiz für mich, so ohne alles Eigenthum in die Stadt hinein- und als ein kleiner Crösus hcrauszufahren. O, gebt nur Acht, wie ich morgen zurückkomme! Im vierspännigen Postzuge, den Wagen voll- geladen mit noch reicheren Geschenken für Euch Alle! — Doch ick will nichts vorher sagen — es soll nur Ueberraschungen für Euch geben! — Doch jetzt fort. — Der Boden brennt unter meinen Füßen. Lebe wohl, Minna, meine Braut! (Schließt Minna an seine Brust.) Lebt wohl, liebe Freunde! (Umarmt mehrere der Anwesenden, drückt andern die Hände, stürzt dann nochmals Minna an die Brust, reißt sich endlich gewaltsam los und eilt dem Ausgang zu.) Alle (außer Pankraz begleiten den Abgehen- den bis zum Ausgange, ihm nachrufend). Leben Sie wohl! Adieu! Glückliche Fahrt! Gute Verrichtung! Schwirr (schon außerhalb der Scene). Auf freudiges Wiedersehen morgen! Pankraz (ist allein im Vordergründe geblieben, hat fich, nur mühsam das Lachen zurückhaltend, vergnügt die Hände gerieben, und ruft nun). Ja — morgen! Ha, ha, ha! Ha, ha, ha! Käzl (kommt mit Minna wieder zurück). Ja, Minna! Ihr Herz hat Sie recht ge- 15 leitet. Er ist wirklich ein vortrefflicher Mensch. Pankraz. Ha, ha, ha! Schieferst. Ja, das ist er, wir können stolz auf seine Freundschaft sein. Pankraz. Ha, ha, ha! Käzl. Ich bereue es, jemals hart gegen ihn gewesen zu sein, nicht weil er jetzt reich ist, nein, und wäre er ärmer als früher, ich würde ihn aufnehmen wie meinen Sohn. (Trocknet sich die Augen.) Solche Menschen sind selten! Schmalh. Zeltner. Schieferst. (sich ebenfalls die Augen trocknend). Ja wohl — ja wohl! Pankraz (nun vollends losplatzend). Ha, ha, ha! Ha, ha, ha! Ha, ha, ha! (Sich vor Lachen krümmend.) Auweh, mein Bauch! Ha, ha, ha! Schieferst. (ihn befremdend ansehend). Was lacht denn der dumme Mensch? Pankraz. Weil ich ein' Advocaten gar so gerührt seh'! Aber jetzt (zu Schiefer- stnn) bitt' ich um meine zehn Gulden. Schieferst. Zehn Gulden? — wofür? Pankraz. Weil ich das, was Sie g'wünscht haben, daß nämlich der Herr Schwirr von hier fortgeht, richtig z'wegen bracht Hab'! Schieferst. Du? — hast Du die Nummer 260 gezogen? Pankraz. Nein, aber g'macht Hab' ich sie — da — auf der Listen. (Hält die Liste hin.) Schieferst. Zeltner (gleichzeitig). Was soll das heißen? Pankraz (in die Scene sehend). Ist der Herr Schwirr schon weit fort? Zeltner (ebenfalls hinsehend). Der Wagen ist schon hinter der Waldecke verschwunden — den holt Niemand mehr ein. Pankraz. Dann kann ich's sagen: 's ist kein Wort wahr, daß Nr. 260 den Haupttreffer hat. Alle (erschreckt). Was, — was?! — Käzl. Mensch, sprich, erkläre — Pankraz. DaS ist ja eben der Hauptspaß. — Ich Hab' die Listen g'holt, und sah, daß der erste Treffer Nr. 200 ist; da ist mir unser gemeinschaftlicher Racheplan gegen den Herrn Schwirr und sein Loos Nr. 260 eing'fallen, und ich Hab' an das Nullerl in der Mitten mit schwarzer Kreide ein Schnörkel d'ran g'macht, so daß's wie ein Sechser ausschaut — Minna (erschreckt). Mein Gott im Himmel! Käzl (vor Wuth kreischend). Bursche, Du lügst! Pankraz. Aber schaun's nur her! (Fährt mit dem Rockärmel über eine Stelle der Liste.) Seh'ns, jetzt ist der Schnörkel weg, und der Sechser ist wieder eine Null, so wie der Herr Schwirr selber, ha, ha, ha! Ist das nicht ein koloffaler Witz? Aber warum lachen's denn nicht? Käzl (schäumend). Niederträchtig! Eine solche Mystifikation! Ich vergreife mich an dem Kerl! (Faßt Pankraz an der Brust.) Rede — sprich, wenn 260 nicht den Haupttreffer hat, was hat denn Herr Schwirr gewonnen? Pankraz. Das Nämliche, was wirAlle g'wonnen haben — nichts! Käzl (läßt wie gelähmt Pankraz loS und seine Arme sinken). Nichts! — Alle (ebenfalls starr vor Enttäuschung). Nichts! — Nichts! (Der Vorhang fällt.) IS Zweiter Act. (Bureau des Banquiers Löwenheim — einfach, aber mit Geschmack eingerichtet, an den Wänden Bücherschränke und Landkarten, im Vordergründe ein Schreibtisch mit Zeitungen und Papieren bedeckt, eine Seitenthür rechts führt in die Wohnzimmer, eine links in das Comptoir.) Erste Scene. David Löwenheim (allein). L öW enh. (im Morgenrocke, ein Käppchen aus dem Kopse, fitzt am Schreibtische und' liest Briefei sprechend). Zwei Anträge! — Hier — (aus einen Brief weisend) wird mir eine Fabrik angeboten, welche im besten Betriebe ist — hier (einen andern Brief in die Hand nehmend) eine, welche durch die Nachlässigkeit ihres früheren Besitzers in Verfall gerathen ist! — Hm! Habe ich doch ohnehin Fabriken genug! — Aber die Fabrik, die im Verfalle ist — (nachdenkend) wenn sie ganz eingehr, werden ein paar hundert Leute brodlos! — und wenn ich sie nähme — hm! da hätt' ich doch das Vergnügen dabei, zu sehen, wie sie sich nach und nach wieder hebt! — Ich werde diese kaufen; ein Geschäft, das ohnehin im guten Gange ist, an sich zu bringen und fortzuführen, das trifft bald ein Anderer auch! — (Notirt etwas auf dem Briefe.) Zweite Scene. Löwenheim. Goldig, Liebstern, Goldbaum. Einige andere Comptoiristen (sämmt- lich schwarz gekleidet, mit weißen Cravatten und eben solchen Handschuhen, treten durch die Seiten- thür links ein). Liebst.(noch an der Thür leise zu seinen Bereitern). Meine Herren! lassen Sie reden mich! Ich weiß zu reden zu Herzen, und wenn ich ihm red' in das Herz hinein, red' ich ihm auch etwas aus dem Sack heraus! (Tritt etwas vor und räuspert sich.) Löwenheim (aussehend). Wie? SieAlle, meine Herren? und im Festgewande? — Es ist doch heute ein Werktag? Liebst. Ein Werktag? Herr Chef! Es ist heute für dieses Haus ein großer Feiertag! Sie wissen, daß bei der Lotterie, die geleitet hat unser Haus, sind übriggeblie- ben über 10.000 Loose — Löwenh. Leider! Liebst. Leider! sagen Herr Chef? Und sollten doch singen Hosianna, denn- sind Sie auch gefaßt, Herr Chef? Löwenh. (steht aus). Nun, weiterlweiter! Liebst. Wir haben heute nachgesehen — das Loos mit dem Haupttreffer — aber sind Sie auch ganz gefaßt, Herr Chef? Löwenh. (ruhig). Nun, das Loos mit dem Haupttreffer — ? Liebst. Es ist geblieben in Ihrem Hause! (Stellt rasch einen Stuhl hinter Löwenheim.) Herr Chef! wenn vielleicht beliebt etwas eine Ohnmacht? Löwenh. (rasch ausblickend). Geblieben? — Mir geblieben? Ist's wirklich so? Liebst. Wirklich! Goldig. Ja — es nt in der That so! Löwenh. (fast unmerklich bewegt, wirst einen Blick nach oben, faltet die Hände und bleibt einige Augenblicke gesenkten Hauptes stehen, dann fich wieder ausrichtend, ganz ruhig zu Goldig). Verbuchen Sie also den Gewinn! Liebst. Nun werden Sie begreifen, Herr Chef, warum wir sind gekommen im Hochzeitkleide; wir sind gekommen, um Glück zu wünschen. Löwenh. Sie wünschen mir Glück zu dem Glück! Nun, Sie haben nicht Unrecht, denn es hat schon oftGlückUnglück geboren! — Ich danke Ihnen für Ihre freundliche Gesinnung! (Wendet fich wieder zum Schreibtische.) Liebst, (leise zu den Uebrigen). Wie heißtT Ist das Alles? — (Sich verdutzt zurückziehend.) 17 Er gibt mir ä gute Lehr'! — davon mach' ich Schabbes! Löwenh. Doch nun, meine Herren, lassen Sie sich nicht länger aufhalten — es wird heute auf dem Comptoir viel zu thun geben — (Zu Goldbaum, ihm Brirse übergebend.) Diese Briefe müssen beantwortet werden — (Zu einem Andern.) Sie gehen dann in die Magazine, die Sendung nach Amsterdam muß noch heute spedirt werden — ich komme später selbst auf's Comptoir! Adieu indeß! (Entläßt sie mit einer Handbewe- gung) Liebst, (leist zu den Uebrigen). Cr hat gewonnen zweimalhundert fünfzigtausend Gulden, und kann noch denken an's Geschäft! Ist ein merkwürdiger Mann! (Ab mit den Uebrigen nach links.) Dritte Scene. Löwenheim, dann Sidonie. Löwenh. (geht rasch zur Seitenthür rechts, öffnet dieselbe und ruft:) Sidonie! Mein Kind! bist Du schon auf? Sidonie (von außen). O schon lange! lHüpfi heraus, sie ist im elegantesten Morgen- anzuge.) Guten Morgen, Vater, guten Morgen! (Küßt ihn.) Löwenh. Ja, ich habe heute einen guten Morgen, — ich habe, wo ich Schaden befürchtete, ungemein gewonnen! — Si- bonie, wir haben das große Loos! Sidonie (freudig überrascht). Was sagst Du? Ist's wirklich?! Vater, lieber Vater! (fällt ihm nochmals um den Hals) die Freude! Löwenh. (sie sanft abwehrend). Nu, NU, aß' mich nur! Sag' mir, was kann Dir so iel Freude machen? Ich Hab' doch, Gott sei ank, ohnehin so viel gehabt, um jeden einer Wünsche erfüllen zu können! — ann ich jetzt mehr für Dich thun? Sidonie. Ja, Vater! Einen Herzens- uusch hast Du bisher nicht erfüllt! döwenh. Und der wäre? Kaiser. Sticht«. Sidonie. Daß Du Dich endlich vom Geschäfte zurückziehen, Dir Ruhe gönnest! — Nun wird dein Vermögen doch bald jene Höhe erreicht haben, die dieß gestattet! Löwenh. Diese Höhe hätte es schon vor zehn Jahren gehabt! Sidonie. Wozu also noch immer arbeiten, um noch mehr zu erwerben? - Löwenh. Glaubst Du, es macht mir Vergnügen, daß ich erwerbe? Nein — es freut mich, daß ich so vielen Andern Erwerb geben kann, es freut mich, wenn ich und Andere durch mich unternehmen, wirken, schaffen! Warum soll ich, weil ich reich genug bin, um eine Freude weniger haben? Sidonie. Aber Du hast doch auch viel Sorge, manchen Verdruß — Löwenh. Hält' ich nicht, wer weiß, ob ich noch lebte! Sieh diese Uhr an! (Auf eine Pendeluhr an der Wand weisend.) Der Pendel erhält sie im Gange, indem er sich zwischen zwei Puncten hin und her bewegt: —so muß sich auch das Herz bewegen, zwischen Sorgen und Freuden; — hört dieses Schwanken auf, dann steht die Uhr bald still! Ich Hab' das gesehen an Manchem, der früher an Thätigkeit gewöhnt, sich zur Ruhe gesetzt, und bald darauf zur Ruhe gelegt hat! Sidonie (sich ängstlich an ihn schmiegend). O dann, Vater! dann bleibe bei deinem Geschäfte! (Man hört vom Lomptoire her mehrere Stimmen laut und heftig sprechen.) Löwenh. (aufhorchend). Was ist das? Ein Streit auf dem Comptoire — (Lautes Ge- lächter von derselben Seite.) Sidonie. Nein—nein! — Hörst Du, sie lachen ja! (Ein schmerzlicher Aufschrei wird gehört, dann das Geräusch eines schweren Falles, verworrene Stimmen.) Hilfe! Wasser! Einen Arzt! Löwenh. (erschreckt). Mein Himmel! was geht da vor? (Will gegen die Seitenthür links.) Vierte Scene. Vorige. Liebstcrn, dann Goldig. Liedstern (kömmt eilig heraus). Herr Chef! Sie werden sein erschrocken — (Eidamen bemerkend.) Ah, gnädiges Fräulein! Ich küsse die Hände. (Will zu Eidamen.) Löwenh. (ihn aushaltend). Sprechen Sie doch — was ist vorgefallen? Liebstern. Es ist nichts, hä hä hä, nichts als ein Hauptspaß zum Todtlachen! ha ha ha! Löwenh. Aber so erzählen Sie doch! Liebstern. Stellen Sie sich vor. kommt so ä junger Mensch, hat ausgesehen etwas schofel, mit einem Loos, sagt, er hat den ersten Gewinnst, und will gleich haben die zweimalhundcrt fünfzigtausend Gulden! — Wir sehen an das Loos — wir sehen an die List' — es ist doch gar nicht gekomme,^ heraus! Er will's nicht glauben, er macht Masematen und Geserres —wir^stoßen ihm endlich so Zusagen die Nasen darauf — stellen Sie sich vor, fällt der Mensch um wie ä Stück Holz! Ha, ha, ha! Löwenh. Und Sie lachen? (Entrüstet.) Sie sind ein—Ich will selbst sehen! (Will gegen die Seitenthüre links.) Sidonie (ängstlich ihn zurückhaltend). Lieber Vater! ich bitte dich — Goldig (kommt von links). Es ist vorüber! Er hat schon wieder die Augen geöffnet, man muß ihn nur fortzubringen suchen! Löwenh. (rasch)- Nein, nein, ich will ihn sprechen! Wenn er sich so weit erholt hat, bringen Sie ihn zu mir! Goldig und Liebst, (ab). Sidonie. Der arme Mensch! Wer mag er sein? Fünfte Scene. Vorige. Schwirr. Goldig. Liebstern. Schwirr (mit verworren über die Stirn hän- arnden Haaren — da« Halstuch gelöst, noch im. mer wie betäubt, irre Blicke ring- um sich richtend, wird von Goldig und Liebslern hereiugcführt). Was wollen Sie? — wohin führen Sie mich? — Nicht in's Spital! Nicht ins Irrenhaus! Laßt mich! (Macht sich gewaltsam von seinen Führern los, versucht einige Schritte zu gehen, sinkt aber erschöpft in einen Stuhl.) Ich kann nicht! — kann nicht! Sidonie (von seinem Anblick überrascht). Mein Gott, wen erblick' ich! Vater, das ist ja — Löwenh. (zu Sidonie). Dein ehemaliger Lehrer! — Geh' auf dem Zimmer, ich will ihn sprechen! Sidonie. Vater, bei deinem Herzen bedarfs keinerFürsprache,cs lenktDich selbst zum Besten! (Rechts ab.) Löwenh. (zu Liebstem und Goldig). Lassen Sie uns allein! Liebstern (im Abgehen leise zu Schwirr). Benehmen Sie sich mit Manier! — Sie sind bei dem Herrn Chef, dem reichen David Löwenheim. (Ab mit Goldig.) Schwirr (bei Nennung von Löwmheim's Namen sich besinnend.) Löwenheim? — den kenn' ich ja, und — bei ihm? — (blickt auf und sieht Löwenheim) ah—hier sindSie!— (Aufstehend und krampfhaft Löwenheim's Hanfassend.) Herr von Löwenheim! Sie haben mich zu Ihnen selbst führen lassen — cs hat sich also doch aufgeklärt? — ich habe doch Recht? 260 — nicht wahr? cs hat doch gewonnen? — es muß etwas gewonnen haben! Löwenh. (sanft). Entschlagen Sie sich dieses Gedankens! Ihr Loos wurde nicht gezogen. Schwirr (auf's Neue vernichtet). Auch Sle sagen dieß!! — Warum hat man mich dann gelabt und wieder zu mir selbst gebracht? Hätte man mich doch lieber besinnungslos liegen lassen. — Vielleicht wäre ich nie mehr aus der Ohnmacht erwacht — das wäre für mich das Beste gewesen! O, sterben, jetzt nur sterben können! (Drückt beide Hände vor die Augen.) Löwenh. Geberdcn Sie sich nicht st verzweifelt! Welches Unglück hat Sir denn 19 getroffen? Haben Sie etwas verloren? Nein! Sie haben nur nichts gewonnen!— Denken Sie sich, Sie hätten gar kein boos gehabt! Schwirr. Denken Sie sich — O, der Rath ist leicht gegeben — Denken Sie sich, Sie wären blind geboren, ein Augenarzt hätte Sie aber operirt — Sie hätten die Welt mit all' ihrer Herrlichkeit geschaut, und nun — durch einen unglücklichen Zufall verlieren Sie das kaum gewonnene Augenlicht wieder! »Nun, was ift's denn weiter?« würde ein Tröster Ihrer Art sagen, »denken Sie sich, der Staar wäre Ihnen nie gestochen worden!« Löwenh. Welch' ein Vergleich! — Ein Blinder, der zum ersten Male die Welt sieht — und ein Mensch, der zum ersten Male glaubt — (verächtlich) Geld zu haben! Schwirr. Geld! Geld, was liegt mir am Geld! —aber, Herr, meine Geliebte — Lowenh. Ha! die Mündel des Advokaten Käzl — ich hörte von der Geschichte. Schwirr. Sehen Sie, dieses Mädchen ist mir mehr als das Augenlicht; — gestern, als man mich für den glücklichen Gewinner hielt, da lag sie als Braut an meiner Brust, morgen wäre sie mein geworden, — und jetzt vorbei — Alles vorbei. — Das ganze Paradies meiner Hoffnungen verschwunden, wie das Sonnenlicht vor den erblindenden Augen — und nun sagen Sie: Denken Sie sich, Sie hätten kein Loos gehabt. Löwenh. Hm, das Mädchen ist allerdings so liebenswürdig, daß ich begreife, wie ein junger Mann Alles daransetzen kann, um sie zu besitzen! Aber Sie — was haben Sie darangesetzt? Ein paar Gulden in die Lotterie. Schwirr. Ach! diese paar Gulden wa- ren ja damals mein Alles! Löwenh. Wie können Sie so verächtlich von sich selbst sprechen? — Haben Sie denn nicht Talente, wissenschaftliche Bildung und vor Allem die Kraft der Jugend? Mit diesen Mitteln müssen Sie ringen und streben, Ihr Ziel zu erreichen; und diese können Sie jetzt noch anwcnden. Schwirr. Jetzt noch? — Ach — es ist zu spät! — Früher hatte ich doch eine, wenn auch bescheidene Stellung, um diese hat man mich auch gebracht, ich bin — ich habe nichts! Löwenh. Und aus nichts hat Gott die Welt geschaffen. Schwirr. Ach, das war eben Gott! Löwenh. (mit Wärme). Und er machte den Menschen zu seinem Ebenbilde, indem er ihm den Verstand und die Kraft gab, ebenfalls aus nichts seine Welt zu schaffen! Schwirr (kleinlaut). Ich kann mich dieser Kraft nicht rühmen. Löwenh. Ja, ja, Sie find so eine passive Natur, einer von der Sorte Menschen, die, so lange sie nur so viel haben, um eben nicht verhungern zu müssen, dem Amboß gleichen, der ruhig von den rohesten Händen auf sich hämmern läßt, während sie doch aus demselben Metalle sind, aus dem der Hammer gemacht ist, der dreiuschlagen kann! Für solche Menschen ist es eine Gunst des Schicksals, wenn endlich ein scharfes Riff ihr armseliges Fahrzeug ganz zerschellt, und sie in die Wellen schleudert! — Dann fangen sie an Arm und Beine zu regen, und mit dem Elemente zu kämpfen, und können mit einem Male schwimmen, was sie nie gelernt haben, weil sie sich früher nie ins Wasser wagten. Schwirr. Ich verstehe Sie nicht! Löwenh. Sie werden mich verstehen. Sehen Sie, ich bin reich — sehr reich, und habe überdieß das große Loos gewonnen. Schwirr. O Du mein Gott! Löwenb. Als ich's erfuhr, nahm ich mir vor, heute noch ein gutes Werk zu thun — nun, ich gesteh's, Sie erregen meine Theilnahme, und ich könnte, ohne mir selbst wehe zu thun, Ihnen einen Thcil meines Gewinnes überlassen. Schwirr (hoffend). Ach, werden Sie das thun? r* 20 Löwenh. Nein, ich werd' es wirklich nicht thun, ich will nicht aus einem Menschen, dem es ohnehin an Thatkrast fehlt, einen totalen Müßiggänger machen. Es ist kein gutes Werk, wenn man der Menschheit eine Kraft entzieht, sondern, wenn man eine halb erloschene wieder erweckt! Darum gebe ich Ihnen nichts! Schwirr (wieder kleinlaut). Ich danke Ihnen sehr! Löwenh. Aber ich will Sie lehren, wie man mit nichts gerade das Nämliche erreichen kann, wie mit einer Viertelmillion in der Tasche! — Ich will einen Kriegsplan entwerfen, aber Sie müssen darnach kämpfen! Schwirr. Ich begreife nicht, wie das möglich sein soll. — Löwenh. Sie begreifen es nicht, weil Sie immer nur Bücher und nicht Menschen studirt haben, und dadurch wird man so gelehrt, daß man sich im Leben oft recht dumm bewegt! — Aber ich — ich habe Platzkenntniß auf dem Markt des Lebens! — Also wollen Sie mir folgen? Schwirr (noch immer niedergeschlagen, achselzuckend). Versuchen kann ich's! 's ist jetzt doch schon Alles einerlei! Löwenh. Nun denn — vor Allem weg mit der Armensünder-Miene! (Rüttelt ihnam Arme) Raffen Sie sich auf! Seien Sie munter! Was gilt's denn weiter? Ein Hazard- spiel, wobei Sie nur gewinnen, und nichts verlieren können! Also Muth! Muth! — Wissen Sie denn keine Stelle aus all' Ihren Büchern, welche Ihnen Muth einflößen kann? Schwirr (sich besinnend). Goethe sagt wohl: Gut verloren, Etwas verloren, Mußt rasch dich besinnen Und Neues gewinnen; Ehre verloren, Viel verloren! Mußt Ruhm gewinnen, Dann werden die Leute sich anders besinnen; — Muth verloren, Alles verloren, Dann wäre es besser, nicht sein geboren! Löwenh. Nun, sehen Sie, was nützt es, wenn Sie das auswendig können? inwendig, inwendig müssen Sie's haben! Schwirr (immer feuriger). Und Mathe- son sagt: Trau dem Glücke, trau den Göttern! Muthig auf der steilsten Bahn! Steig, trotz Sturmeswehn und Wettern! Kühn, wie Cäsar, in den Kahn! Löwenh. So — so will ich Sie haben! Kommen Sie! nun rasch vom Rath zur That! (Faßt ihn an der Hand, und geht mit ihm in das Seitenzimmer rechts ab.) Sechste Scene. Verwandlung. Terrasse vor dem Jnstitutsgebäude Schmalheim's, nach rückwärts offen und die Aussicht in die tiefer gelegene Landschaft, durch welche sich die Straße zieht, bietend, rechts und links im Vordergründe Wände des Gebäudes, in jeder derselben eine Thür.) Pankraz. Schieferst. Zeltner. Schiefers), und Zeltner (treten aus der Thür links). Pankraz (folgt ihnen). Schieferst. (geht an das Geländer der Terrasse und sieht hinaus). Noch immer nichts zu sehen, und es ist schon spät am Tage. Er könnte schon längst zurück sein! Zeltner. Wer weiß, was ihm geschehen ist? Die Sache kann üble Folgen haben. Schieferst. Ja, über eine solche Enttäuschung kann ihn der Schlag gerührt haben! Z eltner. Oder es kann ihn ein Ncrven- fieber befallen! Pankraz. Mir wird angst und bang! Schieferst. (zu Pankraz). Ja, Dich trifft jedenfalls allein die Verantwortung! Pankraz. Aber ich Hab' ja Alles nur Ihnen zu Liebe gethan! Zeltner. Dafür werden wir, wenn die Sache gut ausgeht, dein Verdienst ancr- 21 kennen, geht's aber schlecht, so hast Du die Folgen allein zu tragen! Pankraz. Hören Sie, — Sie sein ein paar rare Herrn! Zeltner. Nun, wir wollen noch hoffen, daß er gesund zurückkehrt! Pankraz. Ich weiß nicht, was ich wünschen soll. Ist ihm in der Stadt was g'schehen, so werd' ich am End' eing'sperrt, und kommt er noch bei Kräften zurück, so z'reißt er mich vielleicht quintelweis! Siebente Scene. Vorige. Schmalheim. Dr. Käzl. Käzl (kommt in der übelsten Laune aus der Seitenthür rechts). Äst noch immer nichts zu sehen? Zeltner. Noch keine Spur! Käzl. Da haben wir's! Wer weiß, wann er kommt? — Und ich habe ihm meine Equipage geliehen, mußte deshalb über Nacht hier bleiben, und an all' dem ist der plumpe Tölpel (aus Pankraz weisend) Schuld! Schmalh. (zu Käzl). Aber wie geht's denn Ihrer Fräulein Mündel? Käzl. O, die liegt d'rin auf ihrer Stube, und weint seit gestern Abend in einem fort! Aber ich habe schon für einen Trost gesorgt, ich habe'einen reitenden Boten nach der Stadt geschickt, zu ihrem Bräutigam, dem Herrn Speichmann, der muß, wo möglich heute, längstens morgen herauskommen! Pankraz. Der wird ein' schön' Vor- g'schmack von seiner Eh' kriegen, wann er steht, daß die Fräul'n Minna schon als Braut die Hosen anhat! Käzl. Alle Wetter! daran dacht' ich nicht! Ich kann sie ihm doch nicht in Männerkleidern vorstellen. (Zu Schwalheim.) Herr Direktor, können Sie da nicht Rath schaffen? Schmalh. Hm, ich müßte nur die Wirthin im Orte bitten lassen, daß sie ihr einige Kleidungsstücke ihrer Tochter leiht. Schiefcrst. (in die Scene sehend). Dort — dort! Alle. Was ist's? Schiefcrst. Ein Wagen fährt auf das Haus zu! Käzl. Ja — 's ist mein Wagen! — Aber warum fährt er denn so langsam? Pankraz. Mein Gott, der Herr Schwirr hat kein Geld, kann also nicht schmieren, und da fährt man mit so ein' Advocatenzeug immer schlecht! (Für sich.) Ich hab's jetzt einmal scharf auf die Advokaten! Zeltner (hinabsehend). Der Wagen hält unten — Schwirr steigt aus! Pankraz. Ich geh und schau mich um, ob nicht hier im Ort ein Filiale von einer Lebensversichcrungs-Assecuranz ist! (Will sott.) Schiefcrst. (hält ihn zurück). Nein — Du bleibst! Im schlimmsten Falle mußt Du der Blitzableiter sein! Pankraz. O Gott! o Gott! Ich spür's schon in den Hühneraugen, — daß sich a Wetter z'sammenzieht! Zeltner. Er ist da! Pankraz (sich furchtsam duckend). Gleich wird's einschlagen! Achte Scene. Vorige. Schwirr. Schwirr (kommt ganz heiter die Terrasse heraus). Ach, meine Herren! — Ich treffe Sie Alle versammelt. — Recht guten Abend! — (Pankraz freundlich mit der Hand zuwinkend.) Grüß Dich Gott, Pankraz! Zeltner (mit Hohn). Ja, wir konnten gar nicht erwarten, Sie in Ihrem neuen Glanze einziehen zu sehen, und die reichen Geschenke in Empfang zu nehmen, die Sie uns so großmüthig versprochen haben. Schwirr (lachend). Geschenke?Von mir? Ha ha ha! Dann sitzen Sie gerade so auf, wie ich aufgesessen bin! Stellen Sie sich vor, ich habe nichts gewonnen. ' 22 Schieferst. (sich erstaunt stellend). Nichts? Schwirr. Gar nichts! Weiß der Teufel, was das mit der Liste, welche Pankraz brachte, für ein Bewandtniß hat. Pankraz. Ja, weiß der Teufel! Schwirr. Genug! Meine Nummer wurde gar nicht gezogen. Ha ha ha! wenn sich Jemand mit mir einen Spaß erlauben wollte, so ist er vollkommen gelungen. Ha ha ha! Alle (sehen sich gegenseitig erstaunt an). Sckmalh. Und Sie lachen dazu? — Sie lachen? Schwirr. Das ist das Beste, was man in so einem Falle thun kann — selbst mit lachen! Ha ha ha! Pankraz. Ja, 's ist wirklich zu spaßig. (Lacht ebenfalls.) Ha ha ha —- ha ha ha! Sckwirr (fingt). Ha, das Geld ist nur Chimäre! Käzl. Jetzt singt er gar und hat nichts gewonnen. Jetzt ist's aber Zeit, daß ich ein ernstes Wort spreche. (Zu Schwirr.) Ich habe Ihnen die Hand meiner Mündel nur deshalb zugesagt, weil ich Sie für einen reichen Mann hielt. Schwirr (als ob er sich jetzt erst besänne). Ach ja — Ihre Mündel, die gute Minna! Käzl. Sie werden einsehen, daß es mit dieser jetzt vorbei ist. Sckwirr. Nur ein Wort! (Hängt sich in Käzl's Arm. vertraulich zu diesem.) Sagen Sie mir im Vertrauen, wie viel Vermögen hat denn Minna eigentlich? Käzl. Nun, sie hat wohl einige tausend Gulden, aber — Sckwirr. Einige tarnend? Ha ha ha! Und da thun Sie noch, als ob man Gott weiß was für ein Glück machte? — Aber Sie ziehen Ihr Wort zurück? Käzl. Ja, das thu' ich! Schwirr. Hören Sie, das ist mir sehr angenehm. So kann Minna doch mir keine Vorwürfe machen! Käzl (ganz erstaunt, zu Schmalheim). Der Mensch zeigt eine Fassung, die mich beinahe aus der Fassung bringt! Schmalh. (zu Schwirr). Herr Schwirr, was Ihr Verhältniß zu meiner Anstalt betrifft. Schwirr. Das ist bereits gelöst — Sie haben mich ja entlassen! Schmalh. Nun — ich habe Mitleid mit Ihrer Lage, und — ich kann auch verzeihen. Schwirr. Nein, nein, halten wir die Entlassung aufrecht. Schmalh. (leise zu Käzl). Ich kenne mich nicht aus. (Laut zu Schwirr.) Aber bedenken Sie doch — Schwirr (abbrechend). Don etwas Anderem. — Wie ich in der Stadt hörte, war ja heute Nacht eine Feuersbrunst im Nackbarorte? Schmalh. Ja, drüben in Hellsdorf — Schwirr. Es sollen die wenigsten der Abgebrannten assecurirt gewesen sein. Können Sie mir nicht ein Derzeichniß dieser Armen verschaffen? Alle (sehkn sich gegensritig erstaunt an) i Pankraz (leise zu den Nächststehenden) Sie wissen sich das nicht z'erklären? Er ist ja auch abbrennt, da will er halt mit den Hellsdorfer Abbrändlern in Compagnie betteln geh'n Schwirr. Aber der heutige Tag hat mich doch etwas echauffirt — ich wünsche ein wenig auszuruhen. (Eine vornehme Haltung annehmend.) Ich gehe auf mein Zimmer, wenn Jemand nach mir fragen sollte, so möchte er sich, wenn die Sache nicht sehr dringend ist, gedulden. (Leicht mit dem Köpft nickend.) Adieu, meine Herren! (Geht mit stolzer Haltung nach dem Hintergründe links ab.) Alle (sehen ihm ganz verdutzt nach). Käzl. Was soll das? Schieferst. Diese Haltung — Zeltncr. So gewiß vornehm — Pankraz. Ungeheuer nobel. Er hat mich nicht einmal durchgeprügelt. Schmalh. Und die Anfrage nach den Abgebrannten. Schicfelst. Gerade, als wollte er ihre Hütten neu aufbauen lassen. 23 Zeltner. 's ist unerklärlich. Käzl (ernst vor sich sehend). Mir nicht! — Ich habe eine schreckliche Muthmaßung. Alle. Was glauben Sie? Käzl. Meine Meinung ist die: Der Sturz aus seiner geträumten Höhe, das plötzliche Herausgerissenwerden aus seinem süßen Wahne hat sein Gehirn erschüttert — feilen Geist verwirrt — er ist übergeschnappt. Schnalh. Wie? — mein Gott, verrückt! Zeltner. Wahnsinnig! Pankraz. Narrisch! — Mir wird cntrisch. (Z» Schmalheim.) Herr Direktor, da werden Sie ihn doch nicht in Ihrem Haus b'halen? — Wir könnten am End' alle narrisch Verden! Schmalh. Warum nicht gar! Pankraz. Ua ja — 's heißt ja: »Ein Narr macht zehie —« Nehmen's Ihnen in Acht, Herr Dirrtor, eilt Unglück ist bald g'schehen. Käzl. Jedcnfclls ist es räthlich, daß Jemand ausgestellt werde, der ihn überwacht. Schmalh. Ja, man weiß nicht, in welches Stadium seüZustand treten könnte. Leider habe ich keine Zeit, in seiner Nähe zu bleiben. Zeltner und Sh ieferst, (zugleich). Wir auch nicht. Schmalh. (zu Pankrz). Ich beauftrage also Dick! Pankraz. Mich?! — Aber sonst befinden sich der Herr Diretor wohl? Schmalh. Du bist inmal zur Bedienung der Herren aufgevmmen. Pankraz. Ich bin aug'nommen, um die Herren zu bedienen, aer dazu bin ich nicht da, um von so ein' Hrrn am Ende schön bedient zu werden. — Ich thu's nicht — ich thu's einmal niht. Schieferst. Du mußt — Du bist Ursache an seinem Zustand — Pankraz (verzweifelt). Jä komm' nicht aus! (Sich ergebend, beinahe wnend.) Schmalh. Und sollte er ausarten, so sind wir in der Nähe — rufe nur. - Pankraz. Ja, wann er mir vielleicht den Hals umdraht hat, nachher ruf ich. Schmalh. (zu Zeltner und Schieserstein). Aber wir lassen die Zöglinge zu lange allein. Kommen Sie, meine Herren. (Ab mit Schieserstein und Zeltner nach rechts.) Käzl. Und ich eile, Minna von dem Vorgefallenen in Kenntniß zu setzen. Sie glaubt nur, er habe nichts gewonnen, daß er aber obendrein den Versland verloren hat, das muß sie curiren. (Ab nach links.) Pankraz (allein). Sie verziehen sich Alle, und mich laffen's allein auf derNar- renwach'. Wann ich nur wußt', wie ich am besten mit ihm d'rauskomm? Ich Hab' einmal g'hört, wenn man mit ein' Verrückten z'thun hat, so ist's am besten, wann man ihm. in nichts widerspricht. — Na, das kann man ja thun. (Die Thür rechts öffnet sich wieder, erschreckt.) Er kommt schon wieder. Jetzt vor der Hand nur beobachten. (Zieht sich etwas in den Hintergrund zurück.) Neunte Scene. Pankraz. Schwirr. Schwirr (tritt wieder aus der Seitenthür, ohne anfangs Pankraz zu bemerken, für sich). Mir scheint, einige Verwirrung Hab' ich in die feindlichen Reihen gebracht, jetzt könnte eine kräftige Attaque nicht schaden — wenn nur Herr von Löwenheim — (Wendet sich gegen das Geländer, Pankraz erblickend. für sich.) Ah, — sie haben einen Spion ausgestellt. Eben recht. (Laut.) O, Pankraz! Du hier? Pankraz (für sich). Hat mich schon. Schwirr (ganz freundlich). Tritt doch näher. Pankraz (noch zögernd). Gleich, gleich. Ich bitt', thut Ihnen heut' das Hirn stark weh? Schwirr. O, mir ist wohl, — sehr wohl. 24 Pankraz Ar sich). Da kann man's riskiren. (Tritt vor.) Sie schaffen? Schwirr. Sieh', Pankraz, .— -ich traue den Leuten hier im Hause nicht — Pankraz (für sich). Nur immer in seine Ideen eingehen. (Laut.) Ja, mein Gott, es gibt überall böse Leut' und »trau, schau wem,« hat schon der Socrates g'sagt. Schwirr. Ich habe nur Einen gefunden, der's wirklich redlich mit mir meint — das bist Du. Du allein hast Teilnahme, an meinem Schicksale-bewiesen, Du warst zu jeder Hilfeleistung bereit — o Du bist eine Perle — ein Diamant! (Legt vertraulich seine Hand auf Pankraz's Schulter) Pankraz (für sich). Jetzt red't er im Delirium. Schwirr. Dich also kann ich in meine Geheimnisse einweihen. Höre — ich habe einige meiner Habseligkeiten, die ich noch in der Stadt hatte, auf dem Wagen mit aufgepackt — Pankraz. Dazu hab'ns ein Wagen braucht? (Für sich.) Mir scheint, dazu war' ein struppirter Dienstmann stark genug g'wesen. Schwirr. Ich will nicht, daß sie von irgend Jemanden im Hause gesehen werden, geh' also Du später hinab, nimm Dir ein paar Leute zu Hilfe, und schaffe die Kiste über die Hintertreppe auf meine Stube. Pankraz. Schon recht. (Für sich.) Aber 's hat ihn heut' stark. Schwirr. Noch Eins. Es wird vielleicht ern vornehmer fremder Herr zu mir kommen — so lange dieser bei mir ist suche die übrigen Herren von mir ferne zu halten. Pankraz. Sein's ohne Sorgen. (Für sich ) 's geht ihm eh' keiner in d'Näh. Schwirr (in die Scene sehend). Ja dort — dort — durch die Alle — er ist — er trägt ein Portefeuille — das ist für mich bestimmt. Pankraz (ohne hinzusehen). Ein Porte feuille? (Für sich.) Am End' will er gar Finanzminister werden. Jetzt fangt sei» Zustand an gefährlich z'werden. . Schwirr (geht hiirter dem Rücken Pankraz's dem Kommenden entgegen, noch hinter der Scc»e). Guten Abend. Ich erwartete Sie mit Sehnsucht.' Pankraz (für sich) Er red't mit Jemanden, der.gar nicht da ist. Dis haben die Narren alle an sich. Zehnte Scene. Vorige. Löwenheim. Löwcnh. (ein Portefeuille unter dem Arme tragend, kommt mit Schwirr die Turasse heraus, noch im Hintergründe). Null, ich halte Wort — (Spricht leise mit Schwirr fo<) Pankraz (plötzlich aufhorche'd). Das klingt ja doch wie ein' andre Stürm! Red't er vielleicht Bauch? (Sieht sicherst um. ganz n- staunt.) Nein — das ist k«ne Vision!.Das ist wirklich wer! Schwirr (tritt mit Lövenheim vor, leise zu Pankraz). Dieß ist der Herr, von dem ick) sprach, jetzt sieh, daß wr ungestört bleiben, sage Niemanden hörst Du — Niemanden von dem Besuche! — Pankraz (für sich. Ja, geh n thu ick), aber sagen muß icks gleich Allen — ick) ruf' das ganzeHausz'samm'. (Rechts ab.) (Während dem Folgeren fängt es nach und nach an zi dunkeln.) Schwirr (Pakaz nachsehend). Ha ha ha! Dem Kerl «schweigen aufbieten heißt so viel, als eine .ärmkanone abfeuern. Löwenh. Si glauben also, es werden Leute kommen, an zu horchen? Schwirr. 3avon bin ich überzeugt. Löwenh. G ist gut! Wir wissen, wie weit wir zu gekn haben, aber vor Allem: Bleiben Sie irmcr bei der Wahrheit, sonst sprech' ich nich mit; denn Niemand auf der Welt kann säen, daß der David Löwenheim jemals kt ein unwahres Wort gesagt; aber doch Habich schon sehr oft meine Gegner gerade kdurch, daß ich die Wahrheit 25 sagte, getäuscht, und das ist eine größere .Kunst, als noch so schlau zu lügen! Ellfte Scene. Vorige. Pankraz, Schmalheim, Schieferstein, Zeltner, Käzl,' Minna. Pankraz (schleicht aus den Zehen aus der Seitenthür rechts und winkt den klebrigen zu folgen, darauf geht er im Hintergründe, einen Bogen beschreibend, zur Thüre links, öffnet dieselbe leise und winkt ebenfalls hinein. Die Eintretenden kommen auf Pankraz's Wink und ziehen sich, leise auftretend, gegen den Hintergrund). Schwirr (ihr Kommen bemerkend, leise zu Löwenheim). Sie sind schon da! (Laut, gleichsam im Gespräche fortfahrend.) Also, Ihre Erkundigungen über das Landschloß? Löwenh. Es ist zu kaufen — der Preis scheint mir nicht zu hoch, und wenn Sie Lust und Muth zu der Unternehmung haben — Schwirr. Ob ich's habe! Löwenh. Nun, die Mittel dazu haben Sie allerdings. Käzl (aufhorchend, leise). Was hör' ich? Löwenh. (zu Schwirr) Es handelt sich nur darum, ob Ihre Zukünftige mit diesem Lebensplane einverstanden ist — Schwirr, (aus der Rolle fallend, seufzend). Ach, meine Zukünftige! Löwenh. (rasch). Sie werden sich doch nicht besinnen? Wenn ich Ihnen eine Partie anempfehle, so können Sie des Besten überzeugt sein! — Ist das Mädchen nicht schön? Schwirr. O! ich habe noch kein schöneres gesehen? Löwenh. Und reich — ich sage Ihnen — sehr reich — Schwirr. Ha! was frag'ich denn nach Reichthum! Löwenh. In Ihren jetzigen Verhältnissen können Sie schon nach Reickthum fragen! Also — darf ich in Ihrem Namen förmlich uui sie anhalten? Schwirr. Ja — ja — ich bitte Sic darum! Käzl (leise zu Minna). Haben Sie gehört? Minna (hat bei den Worten: »Zhre Zukünftige- krampfhaft Käzl's Hand erfaßt und sich etwas vorbeugend gespannt zugehört und sich losreißend, leise). Lassen Sie mich — fort! nur fort! (Drückt beide Hände vor die Augen und eilt in's Nebenzimmer ab.) . Löwenh. Doch-nnn zu den Geschäften, mit welchen Sie mich betraut haben — ich habe den Ankauf der Papiere, welche Sie wünschten, besorgt. Schwirr. Ich danke Ihnen, ich glaube wirklich, daß ich mein baares Geld nicht besser verwenden kann! Löwenh Ja, diese Papiere können noch sehr im Werthe steigen, deswegen Hab' ich Ihnen dazu gerathen — ich habe sie mitgebracht, wollen Sie Einsicht nehmen? (Zeigt auf das Portefeuille.) Schwirr. Ja wohl — aber es ist bereits.zu dunkel und es ist wirklich unartig, daß ich Sie so lange hier auf der Terrasse stehen lasse. Jst's Ihnen gefällig, mich auf mein Zimmer zu begleiten? Dort kann ich Licht machen — Löwenh. Und mir eine Bestätigung über den richtigen Empfang schreiben, nicht wahr? Schwirr. Das versteht sich! — Also — darf ich bitten — (Oeffnet die Seiten- thüre rechts.) Löwenh. (deprecirend). Bitte — bitte — Lpr68 V0U8. Schwirr. Nun, so will ich den Wegweiser macken! (Geht voraus ab.) Löwenb. (folgt ihm). (ES ist bereits vollkommen finster geworden. Die Horchenden treten, nachdem die Beiden abgegan- gen, mit dem Ausdrucke des höchsten Erstaunens in den Vordergrund.) Pankraz. A G'schloß! Habcn's g'hört? A G'schloß! 26 Schieferft. Ein reiches Mädchen, um das er in seinen jetzigen Verhältnissen werben kann! Käzl. Ankauf von Werthpapieren! Zeltner. Wer kann sich das erklären? Pankraz. Ich nicht! Ich leide bereits an verschlagenen Gedanken! Sckmalh. O ich ahne- Alle. Was? was? Schmalh. Ich will's Ihnen sagen! (Gehkimnißvoll.) Es steckt etwas dahinter! Alle. Aber was? was? Schmalh. Ja, das weiß ich eben noch nicht! Pankraz. Dank für die Auskunft! Kätzl. Aber ich — ich muß erfahren — ich muß Licht in der Sache erhalten! Pankraz. Das werd' ich besorgen! (Geht nach der Seitenthüre links ab.) Käzl (Pankraz nachsehcnd). O, was wird der Dummkopf—! (Zu Schmalheim.) Hier muß energisch aufgetreten werden, und Ihnen als Hausherr steht dieß zuerst zu! Schmalh. Mir? Was denn? Käzl. Es ist bereits Nacht und ein ge- heunnißvoller Fremder in Ihrem Hause — Sie warten hier ab, bis er herauskommt, dann treten Sie ihm entgegen — stellen ihn zur Rede — er muß Auskunft geben! Schmalh. (ängstlich). Ich! — Mein Gott! Kätzl. Fürchten Sie nichts! Wir Alle bleiben im Hintergrund — wir fassen ihn, und wenn er nicht gutwillig bekennt, schleppen wir ihn aus's Ortsgericht! — Dort wird er schon beichten! Schiefers). Ja, das ist das Beste! Wir müssen einmal ins Klare kommen! Zwölfte Scene. Vorige. Pankraz. Pankraz (kommt wieder von links, eine Laterne mit brennendem Lichte in der Hand tragend). Da bin ich wieder! Käzl. Nun und —? Pankraz. Sie haben g'sagt, Sie wollen Licht! (Auf die Laterne weisend.) Da ist's! Käzl (unwillig). Schafskopf! Pankraz. Bitt' gleichfalls! Käzl. Vor der Hand brauchen wir gerade die Dunkelheit! Stelle Er die Laterne rückwärts auf den Boden und (bedeckt sie mit seinem Hute) ganz Reaktion! Zeltner (an der Thür rechts horchend). Ick höre eine Thür gehen — Schritte — er kommt! Käzl. Aber vielleicht noch nicht allein! — Ziehen wir uns vor der Hand zurück! Ziehen sich zurück.) Dreizehnte Scene. Vorige. Schwirr. Löwenheim. Schwirr (öffnet die Seitenthür rechts). Löwenh. (tritt heraus). Ich bitte sich nicht weiter zu bemühen — ich finde mich schon zurecht! — Gute Nacht! — Schwirr. Gute Nacht! Meine herzlichsten Grüße an Fräulein Sidonie. Löwenh. Danke! Danke! Ich muß mich nur noch um einen verläßlichen Boten nach Hellsdorf umsehen, dann fahre ich sogleich nach der Stadt, aber morgen bin ich wieder hier! Adieu, lieber Freund, Adieu! Sckwirr (tritt zurück und macht dir Thür hintrr sich zu). Löwenh. (will grgrn die Terrasse gehen). Käzl (zu Schmalheim leise). Nun zuerst, Sie voran! Schmalh. (leise). Ja, ja — aber bleiben Sie mir nur an der Ferse! (Tritt Löwen- hrim entgegen.) Halt! Wer da? Löwenh. (bleibt überrascht stehen). Was wollen Sie? Schmalh. (selbst verlegen). Ich— ich — Käzl (mit den klebrigen vortretend). Wir wollen wissen, wer sich hier nächtlicher Weile in das HauS geschlichen und sich nun heimlich wieder entfernen will! Reden Sie, mein Herr! Wer sind Sie? WaS haben Sie hier zu thun? 27 Löwenh. Ich fühle mich nicht berufen, Ihnen Aufschluß zu geben! — Lassen Sic mick! Käzl. Nicht von der Stelle! (Zu den klebrigen.) Angefaßt! Zeltner und Schieferst. < fassen Löwenheim von rückwärts an beiden Armen). Löwenh. (bemüht, sich loszumachen). Was soll das? Wer sind Sie?- Käzl. Das geht Sic nichts an, wohl aber uns, wer Sie sind! — Pankraz! Licht! Pankraz (hält die Laterne und hält sie vor Löwmhcim's Gesicht). Große Beleuchtung des äußeren Schauplatzes. Käzl (sieht Löwenheim in's Gesicht und prallt überrascht zurück). Was seh' ich? — Herr — Herr von Löwenheim! (Zu Zeltner und Schieferslein.) Loslassen! Um Gottes willen, loslassen! — (Zu Löwenheim.) Bitte tausendmal um Vergebung Zeltner. Schieferst. Schmalheim (zugleich). Herr von Löwenheim!! Löwenh. Sie kennen mich! Nun, fo werden Sie mir wohl ohne weitere Legitimation glauben, daß ich hier nicht etwa stehlen wollte, und mich unbeanständet entfernen lassen? — Nun, gute Nacht, meine Herren! gute Nacht! (Geht nach dem Hinter, gründe rechts ab.) Käzl (ganz starr vor Staunen). Löwenheim! David Löwenheim! Schmalh. Wie, der reiche Bankier? Käzl. Eines der ersten Häuser der Residenz. Pankraz. Hat aber nur ein' Stock, das Haus! Schieferst. Und der besorgt die Geschäfte des Herrn Sckwirr? Käzl. Und nennt ihn seinen »lieben Freund!« Vierzehnte Scene. Vorige. Caspar, dann Michel, Sepp Zwei andere Bauernknechte. Caspar (kommt vom Hintergründe). Na, da hätt' ich lang warten dürfen. Käzl (sich umsehend). Mein Kutscher? — Was soll's wieder? Caspar. Na, der junge Herr, den ich gestern in d' Stadt und heut wieder Hab' herausführen müssen, hat hint' aus'n Wagen a Kisten aufpacken lassen — er hat g'sagt, er wird's raufholen lassen. Pankraz. Richtig! d'rauf Hab'ich ganz vergessen! Käzl. Eine Kiste? Caspar. Ja, weiß der Teufel, was d'rin ist? Die Pferd' habenden Wagen kaum erziehen können, und jetzt bab' ich vier feste Bauernbcngeln aufg'nommen, und die kön- nen's kaum dersckleppen! — Da sehen's nur. lWnft gegen den Hintergrund.) Michel. Sepp u. zwei Bauernkncchte (tragen mühsam eine große Kiste über die Terrasse herauf.) Michel (ächzend). O, die Schwar'n! Sepp. Stellt's nieder! — Ich muß auspfnausen! (Sie setzen die Kiste aus den Boden nieder.) Käzl. Was mag die Kiste enthalten?— Pankraz.Gar soschwerkann's doch nicht sein. (Sucht vergeblich die Kiste zu heben.) Herr Gott! — das G'wicht — 's dürft' unser ganze Staatsschuld drin sein! Käzl. Kann man denn nichts sehen? (Versucht durch die Fugen der Bretter zu sehen.) Diese Bretter! Pankraz (zu Käzl). Sie entdecken nichts! Sie sein zu stark vernagelt. Käzl (beleidigt). Was? Pankraz. Die Bretter mein' ich! Käzl. Ah so! —Nun— (überlegend.) Herr Schwirr wird sie wohl öffnen und dann — (mit einem festen Entschlüsse, mehr für sich) ich muß wissen, woran ich bin! (Zu den Knechten.) Tragt die Kiste nur da herein. (Auf die Thür rechts weisend.) Schmalh. (zu den Trägern). Gleich im Gang die zweite Thür. Mickel. Na faßt wieder an! Sepp. Heb' auf! — So! — 's geht schon! (Tragen die Kiste in die Sritrnthür rechts ab ) Caspar (folgt ihnen). 28 Käzl (geht heftig aufgeregt aus und nieder, für sich). Es wird mir zu bunt, zu rund.— Aufklärung! Aufklärung! — Es soll Niemand sagen können, daß er dem Doctor Käzl ein X für ein U vorgemacht habe. Ich wage das Aeußerste! (Faßt Schmalheim an der Hand, und führt ihn mehr in den Vordergrund.) Herr Direktor! Sie haben Recht. Es steckt wirklich etwas dahinter — nicht nur etwas — sondern viel — ungeheuer viel. Schmalh. Das sagt' ich ja — und nun zehrt mich die Neugier vollends auf. Schiefers), und Zeltner. Auch uns! auch uns! Pankraz. Wann die Neugier bei ordentlichem Appetit ist, wird's kaum satt werden, wenn's auch a paar Schullehrer aufzehrt. Käzl. Deshalb muß man sic vollends befriedigen, aber ich weiß - nur einen Weg. Alle (gespannt). Und der wäre? Käzl. Noch sag' lch's nicht, damit kein Derrath den Plan vereitle! — Wir gehen jetzt Alle ruhig auf unsere Zimmer. Pankraz. Verlangen Sie das nicht von mir! Käzl. Was hat Er dagegen? Pankraz. Ich kann nicht auf mein Zimmer gehen — ich kann nicht! Käzl. Aber warum denn nicht? Pankraz. Weil ich auf dem Boden schlaf'. Käzl. Verschon' Er uns jetzt mit seinen fürchterlichen Spaßen! Es gilt etwas sehr Ernstes — vielleicht sogar Gefährliches.— Aber wir müssen es wagen. Also — wir gehen jetzt scheinbar zur Ruhe — aber Nachts — Schlag eilf Uhr treffen wir beim Kiosk im Garten zusammen, dann führe ich Sie an! — Sind Sie einverstanden? Pankraz. Jedenfalls! Wen könnt' man denn Bessern haben, als ein Advocaten, wenn man recht ang'sührt werden will. Käzl. Also es bleibt dabei! — Und nun entfernen wir uns nach verschiedenen Richtungen. (Leise.) Auf Wiedersehen — um eilf Uhr! (Geht nach links, die Andern außer Pankraz nach rechts ab) Fünfzehnte Scene. Pankraz (allein). (Ihnen nachsehend.) Der Eine geht nach rechts — die Andern gehen nach links und ich — ich soll mich auch nach verschiedenen Richtungen entfernen! Und dann warten bis elf Uhr! — Da wird mir die Zeit schön lang werden. Aber mein Gott! 's ist doch noch besser, als wenn's wie's bei so manchen wichtigeren Sachen heißt: »Ja — da können's warten bis morgen in der Früh!« Couplet. Ein französischer Abbe Der hat ein Renommee Daß er den Fleck entdeckt, Wo a Wasser d'rin steckt, Und braucht man ein' Brunn, Hat man gar nichts zu thun, Man fragt wo a Quell': Und er sindt's auch sehr schnell. Doch ist's nicht bloß 's Wasser, was'n Oesterreichem fehlt, Sie möchten, daß flüssig auch werde das Geld! Sie thun im Finanzausschuß fleißig be- rath'n! Wie man statt Banknoten kriegt Silber und Ducaten — Sie machen selbst dem Ministerium heiß, A Goldquellen z'finden, darauf setzen's ein Preis! Man lad t den Abb6 ein, zu suchen umher, Doch bis der a Quellen find't, die im Stande wär' Zu decken den Abgrund des Deficits zu — Da könnten wir warten bis morgen in der Fmh! 29 A Herr gibt Diners, Und Gouters und Soupers Lad't a Menge Leut' ein, O wie lieb die gleich sein! Beim Champagner im Nu Seins mit ihm Du und Du, Hundert Freund', meiner Seel', Macht man so sich sehr schnell. Doch jetzt geht das Geld aus — das Unglück klopft an, 's kommt selber in Noth jetzt der ftcigeb'ge Mann, Na, wenn auch, — das Unglück so groß nicht erscheint, Hat er auch kein Geld — na, er hat viele Freund'! Er will ein' besuchen, der ihm helfen könnt' 'raus, Ab'r merkwürdig! niemals ist der Freund z'Haus! Ein Anderer wirst vor ihm: »Warum hast verschwend't!« Kurz, wann er an all' die Schmarotzer sich wend't, Bis Einen er find'l, der für ihn jetzt was thu' — Ja, da kann er warten bis morgen in der Früh! Die Zahlenlotterie Wie viel Leut' verdirbt die! Im Reichsrath halt'ns Reden, Daß sie immer soll besteh'n, Und 's versammelte Haus Bricht in Beifallssturm aus! Aufheben zur Stell', Das geht Alles sehr schnell. Doch wird's auch das Volk einseh'n, daß nicht das Spiel, Daß redlicher Fleiß nur kann führen zum Ziel? Bis dahin erst kommt, daß's auch nickt von den Kart'n Die Besserung ihrer Verhältnis erwarten, Daß's nicht in Kaffeehäusern auf dem Billard So hoch wird gespielt fast wie bei ein' Hazard, Bis endlich die G'winnsucht wird Kein' mehr verführen, Daß aufDifferenzen er spielt mit Papieren, Bis 's nur ganz reell auf der Börs' auch geht zu — Da können wir warten bis morgen in der Früh! D' Advocaten tränir'n Oft beim Prozeffir'n, 's sein z'wenig — na ja! — In unserer Stadt da! Daß 's besser soll werd'n, D'rum thut man's vermehren — Hundert neue zur Stell' — Das geht Alles sehr schnell! Doch bis unter den Advocaten, den neu'n, So ein Paradiesvogel z'finden wird sein, Der nie übernimmt eine Sache z'vcrfechten, Von der er voraus weiß, sie b'steht nicht zu Rechten, Der, wenn ein Client kommt, der nicht zahlen kann, Sich auch, wenn's »ex andel (eine derbe Bauerndirne, kommt, unter jedem Arme einen großen Larton tragend, zur Mittelthür herein, und macht einen Knix). Küß' d' Hand allerseits! Ich soll da einer Hräul'n — aber wo ist sie denn? (Sieht Alle an.) Minna. Hier — hier bin ich! Sandel (sie anblickend, und dann ein Ge» lächter aufschlagend). So?! Ha ha ha! dös a Fräuln'?! Pankraz (zu Sandel). Sei so gut, und verwundere Dich a bißl später! Jetzt zeig' her, was d'bracht hast! Sandel (stellt beide Carton auf den Tisch links und öffnet den einen, aus welchem sie einen ländlichen Festanzug herausnimmt). Das ist der Anzug, den d'Wirthstochter, d' Jungfer Lori, allemal da heraus auf's Land anzieht, wann just a Kirchweih oder sonst a Feit is, und das da (öffnet den anderu Larton und nimmt ein Seidenkleid nach städtischer Fayon heraus) ist das Kleid, was d'Jungfer Lori nur anzieht, wann's mit ihren Vätern in d'Stadt einifahrt!— D'Fräul'n soll sich halt jetzt aussuchen, den welchen Anzug als will! Minna (das städtische Kleid bettachtend). Sieh' da — ein Kleid nach der neuesten Mode! Sandel. Ja 's ist a Helle Pracht! I sag' Ihnen, wann d'Jungfer Lori das G'wand anhat, man haltet's rein für a Mamsell! — O Gott! wann i nur amal mein Leben so a Klad anzieh'n dürft. Schwirr (für sich). Ha, welch' ein Gedanke! (Zu Sandel.) Sagemir, Du hast doch Herrn Speichmann gesehen? Sandel. Ah, den Herrn, der just aus der Stadt kommen is? Wohl! wohl! Schwirr. Nun, wie sieht er aus? Wohl schon alt? Sandel. Na, so a bißl übertragen! — Aber gar so a Dattel is er just nit! Er kann vor a zwanzig Jahren höchstens a Vierz'ger g'wesen sein! Pankraz (leise zu Minna). Ein reizendes Perspectiv! Schwirr (zu Sandel). Nun sage mir, wenn er sich in Dich verlieben würde, — wenn er Dick heiraten wollte? Würdest Du ihn zum Manne nehmen? Sandel. Ob ich ihn nehmen möcht'? 40 Die Frag'! I, so eine arme Bauelndirn', fiir die is bald was gut g'nug! Schwirr. Er würde Dich zur Stadt- dame machen! M inna (lkisc zu Schwirr). Wo denken Sie hin! Er wird sich in diese plumpe Dirne verlieben! Schwirr (leise zu Minna). Nein, nein! Mein Plan hat ein anderes Ziel! Er soll sich in Sie verlieben! Minna. Was?! Schwirr. Und Sie dennvch anfgeben! Minna. Welches Räthsel? Schwirr. Ja, die Auflösung liegt nickt auf der Hand — aber das ist eben das Gute an einem Räthsel! Doch kommen Sie! (Zu Sandel) Und Du auch! nimm' beide Kleider mit! (Zu Minna.) Bevor Sie sich costümiren, will ich Ihnen die Rollen eiustudieren! Minna (zu Sandel). Komm' nur, komm'! Sandel. Ra, mir is Alles recht, wenn ich nur bei der G'legenheit ein Mann krieg'. ! Minna. Nun folge mir! (Beide ab.) Pankraz. Ha ha ha! Aber sagcn's mir, krieg ich in der Komödie nichts zu thun? Schwirr. Du bleibst hier, und suchst Herrn Speichmann so lange zu unterhalten, bis die eigentliche Vorstellung beginnt! Und nun, Samiel, hilf! (Kolgt Minna.) Pankraz (allein). Ich soll ihn unterhalten, bis die eigentliche Vorstellung angeht, also c)UL8i die Ouvertüre sein! — Wenn nur die da d'rin — (auf die Thür rechts weisend) bald fertig werden, sonst wird der Herr Speickmann unruhig, und fangt zum Klopfen an! (Ks wird an der Mittelthür gerecht.) Aba! verlangt schon Einlaß! (Ruft.) Herein! Neunte Scene. Pankraz. Speichmann. Spei chm. (ein korpulenter Mann bei sechzig Jahren, doch von gesundem, kräftigem Aussehen, in einem etwas unmodischen, doch von Wohlhabenheit zeigenden Anzüge, tritt durch die Mitte ein). G'hvrschamiter! (Sieht sich um. dann zu Pankraz.) Sie! — seiu's so gut - der Advocat — der Dortor Käzl, er ist doch hier im Haus? Pankraz. Ja wohl, (aus rechts weisend) da drin! Spei chm. Dank' Ihnen, da will ich gleich — (Will zu der Seitenthür.) Pankraz (ihn aushaltcnd). Halt! halt! Jetzt dürfen's nickt hinein! Speichm. Warum denn nicht? — Ist vielleicht just wer bei ihm? Pankraz. Nein, — 's ist Niemand bei ihm, nicht einmal er selber ist bei sich. Speichm. Aber er hat mir sagen lasten, ich treff' auch seine Mündel, die Minna, dahier? Pankraz. Freilich ist die auch da, aber die ist just bei der Lection, sic studirt ihren Lieblingsgegenstand! Speichm. (den Kops schüttelnd). Studiert! — Narrethci! Das Studieren muß sie sich vergehen lasten, wann's einmal mein' Frau ist! Pankraz (sich erstaunt stellend). Ihre — Ihre Frau? — Sie sind doch nicht —? Speichm. Speichmann — Fruchthändler und Landwirthschastsbesitzer! Pankraz (ihn mit einem gewissen Bedauern anblickcnd). Also Sie — Sie sein der — ? Speichm. (ficht ihn befremdet an). Was soll das heißen: .Sie sein der?«— Das klingt so curios, so g'wiß, als ob Sie von mir schon was Unb'schaffenes g'hört hätten! — Sie! da muß ich mir ein' Erklärung ausbitten, denn auf mein' Namen halt ick was? Pankraz.Das sollt' man kaum glauben! 41 Speicknz. (aussahrenp)^ Was?! Pankraz. Sehen's, ein guter Namen ist eine hciklichc Sach'. — g'rad so wie a schöne Porzellansckaleu, 's ist bald a Stückl 'rausg'schlagen — wer also aus so a Schalen was halt, der wird's nickt vom Nächstbesten oder (betonend) von der Nächstbesten tragen lassen! Spei chm. Das versteht sich! Pankraz. Na, Ihre zukünftige Frau wird doch die Trägerin Ihres Namens sein — wenn sie hernach sckußlet ist — leichtsinnig wo anstoßt — a Wahn is bald hin- eing'schlagen! Spei chm. Dafür bin schon ich da! — Ich versteh's d'Weibsleut' zu behandeln! Pankraz (bedenklich). Hm! dernach's halt Eine is! Speichin. (stutzend). Darnach 's Eine is? — Sie! kennen Sie mei' Zukünftige? Pankraz. Za — ich kenn' sie — kann aber just nicht sagen: Ich Hab' die Ehr' sie zu kennen 1 Spei chm. Was soll das? — Sie! mit so halbete Reden dürfen's mir nit kommen! Ganz heraus mit der Sprach', wenn's was wissen! Pankraz (für sich). Sie hat selberg'sagt, man soll von ihr das Nachtheiligste erzählen! Da kann ich mir einmal ein' guten Tag anthun! — Und wann's mir gar gelinget, daß ich ihm ganz den Gusto benehmet — das wär' a G'schäst! Speichm. Na, was murmeln's da in B a r t bincin? Reden's! Pankraz. Mein Gott! wer wird da reden? Wer sich zwischen zwei Brautleut' mengt, ist wie ein Körndl zwischen zwei Mühlsteiner, z'letzt wird er selber verrieben! — Sie heiraten's doch, und nachher — Speichm. Nein, nein, ich mach' kein Gebrauch — reden's nur! — Pankraz (heimlich). Sie hat schon a Verhältniß g'habt! Speichm. Fragt sich: Was für a Ver- hälrniß? Pankraz. O ein ungeheuer romantisches — schwärmerisches! Speichm. Schwärmerisch? — Dann macht's nir! Pankraz. Sie beiraten deswegen doch? Spdichm. Wann's mir g'fallt, warum nicht? Wann ich a bratene Lerchen iß, was genirt's mich, daß früher ein Anderer bei ihrem G'sang g'schwärmt hat! Pankraz. Aber sie ist schon einmal ihrem Vormund durchgegangen! Speichm. Durchgangen? Hm! Da muß's Temperament haben, das ist mir just recht ! Pankraz. Sie heiraten's deswegen doch? Speichm. Wann's mir g'fallt, warum nicht? — Sehcn's, da ist mir einmal a Schimmel antragen worden, a schön s Thier, aber die Leut' hab'n mir g'sagt, daß er gern durchgeht. Hat mich nicht genirt! Ich Hab' ihm a scharfe Trensen ang'legt, spitzige Sporn g'nommen, Hab' ihn a paarmal recht z'samm'g'rissen, und jetzt ist der Schimmel mein best's Roß!- Pankraz. Für diesen ebenso zarten als galanten Vergleich wird Ihnen die Damenwelt eine besondere Dankadresse votirrn. Speichm. 'S is doch so! Bei ein'Pferd und bei einer Braut muß man nur die Mucken keimen, die's hat, nachher kann man's schon dressircu! Pankraz (für sich). Na, zu dem Bräutigam gratnlire ich der Fräul'n Minna, der ist im Stand und nimmt'ü an der Longe, und — (Macht die Pantomime des Peitsckens) Speichm. Aber sehen möckt' ick's jetzt bald, Sackerlot! jetzt steh' ich schon a Vier- tclstund' da — Pankraz. Es wird ihm wirklich die Zeit schon lang. (Lieht gegen die Thür rechts) Na — Gott sei Dank! sie kommen! 42 Zehnte Scene. Vorige. Schwirr. Später Sande! und Minna. Schwirr stritt zuerst aus der Seitenthür rechts. Speichmann erblickend). Nh — das ist er wohl! Speichln, (leise zu Pankraz). Wer ist denn das? Pankraz. Das?— das ist der Jn- structor von der Fräul'n Minna. — Speichln, (etwas über die Achsel ansehend). Der wird bald ausinstruirt baden, ich werd' meiner Fran schon selber Lectionen geben! Pankraz. Na, —wenn auch! Er könnt' vielleicht mit ihr correpetircn — Nachstunden geben! Speichm. Nichts da? — Aber meldend mich jetzt bei der Fräul'n Minna! Schwirr. Fräulein Minna? Sie wird sogleich herauskommcn, sie wollte eben ihre Morgenpromenade machen; doch sieh — da kommt sie schon! Sandcl (in dem städtischen Kleide, sich ein vornehmes Wesen gebend, tritt aus der Thür rechts). Minna (in dem ländlichen Anzüge folgt ihr). Speichm. (sieht, unangenehm überrascht, Sandel an. leise zu Schwirr)- Es wird doch nicht die-? Schwirr. Ja! (Sandeldarstellend.) Fräulein Mirssia Blendheim — Sandel (macht einen Knix). Ja, ich bin die Fräul'n! Speichm. Wirklich? — wirklich? (Leise zu Pankraz.) Wie schaut denn die aus? Pankraz (für sich). Ich kenn mich noch nicht aus. Sandcl (sieht Speichmann durch die Lorgnette an, sich bemühend hochdeutsch zu reden). Und das dader — ist wohl der Hörr — Schwirr (zu Speichmann). Ich glaube wohl nicht zu irren, wenn ich Sie dem Fräulein als ihren sehnlichst erwarteten Bräutigam und bald glücklichen Gatten vorstelle — Herr von Speichmann, nicht wahr? Speichm. (sehr enttäuscht, mit unterdrücktem Seufzer). Ja, der bin ich! (Leise zu Pankraz.) ' Und da hat mir der Käzl von einer Lic- > benswürdigkcit vorgcschwabelt — —! Pankraz (leise). Na, das ist Geschmacksache, aber sie hat den g'hörigen G'sund! Schwirr (leise zu Sandel). So sprich doch! Sandel (wie früher). Also Sie, Hörr von Speichmann! Sic haben es wirklich aus mich abg'sehen? Speichm. Na, ich Hab' mit Ihrem Vormund g'red't — wie man halt so red't! — Aber natürlich, wir müssen uns doch noch erst kennen lernen, 's fragt sich z'crst, ob ich Ihnen denn auch g'fall'! Sandel. Ah — unbändig! Speichm. (für sich). Jetzt siehst es — da hast cs! bei der hätt' ich Glück! Sandel. Na, und ich — (kokett drehend) ich denke doch, Sie werden auf mich keiu Verschmach legen! Speichm. (leise zu Pankraz). Und das soll a g'studirte Person sein? Pankraz (leise). O sie ist mehr inwendig ausgebildet! Minna (zu Sandel tretend, laut, indem sic sich bemüht, etwas bäuerisch zu sprechen). Aber Fräul'n! wir hab'n ja woll'n ein Bischen spazieren gehen! Sandel (unwillig). Ich Hab' jetzt kaZeit! Speichm. (erblickt Minna, überrascht einen Schritt zurückmachrnd). Million! Ist das a lieb's G'friesel! (Zu Schwirr leise.) Wer ist denn die? Schwirr (gleichgiltig scheinend). Das ist ein Bauernmädchen im Dienste des Fräuleins ! Speichm. A wunderliebs Schatzerl — a Figürl, man könnt's g'rad auf a Lorten ausstellen! (Sieht fortwährend Minna an.) Er- lauben's mir nur, daß ich mir Ihr Dienstpersonal a bißl anschau, damit ich seh', ob's auch fürmeinHaus paßt. (SchiebtSandel sachte 43 »ei Seite, und tritt zu Minna ) Mci' lieb's ^md, wix heißen's denn? Minna seinen Knix machend)- Sandel, Ew. Gnaden aufz'warten! Pankraz (für sich). Jetzt heißt die Sandel! Ich kenn' mich -nt aus! Spei chm. Sandel! Das is a garstiger Namen! Sie sollten Röserl beißen! Minna sverschämt zurückweichend). Gnädiger Herr —! Spei chm. (entzückt). Ja, ja. Röserl, denn g'rad so roth wie a Röserl werden jetzt Ihre Backerln! (Zu Schwirr leise.) Wie mir das g'fallt, daß's so g'sckamiq ist! (Blickt fortwährend auf Minna.) Sandel (eifersüchtig zu Speichmann tretend und ihn am Aermel zupfend). Sö! — wie g'schieht Ihnen denn eigentlich? Was geht Ihnen denn Dö an? Da schaut's her! Schwirr (stößt sie in die Seite). Fräulein, Vergessen Sie Ihre Bildung nickt. Sandel (zornig zu Schwirr). Stößen's mich nit a so! Speickm. (für sich). Mir scheint, die gift sich! — Liegt uir d'ran! (Zu Minna.) Also Sie sein vom Land — das sehet man Ihnen gar nicht an! Aber da versteh'ns doch auch was von der Landwirtschaft? Minna. O ja! die wär' mein höchstes Vergnügen! (Ins Rkindeutsche verfallend.) So ein eHour auf dem Lande ist ja reizend! Speichm. (überrascht). Sckan, schau, wie schön als 's reden können —! Schwirr (rasch). Ja, sie schnappt so Manches von ihrer Umgebung auf — sie ist sehr gelehrig! Speichm. So?— Na, der möcht' ich schon Manches lernen — wann's so bei mir wär'—sagcn's mir (heimlicher zu Minna) möchten's wohl gern bei mir sein? Minna. O ja! Sie scheinen mir a recht guter, freundlicher Herr! Speichm. Und solid, wenn ich mir schon a Weiberl nimm', so nimm' ich mir eine, die mir g'fallt. der bleib' ich nachher auch rreu, ich bin ja kan Hudriwudri! kan Lpringmsfeld! (Sir sonst mit dem Ellbogen an der Seite berührend.) Was meinen's denn, Han? Minna. Ich glaub', daß eiue Frau mit Ihnen recht glücklich werden kann! Speichm. Also Sie glauben, daß a Frau mit mir glücklich sein könnt'?— Aber ich — ich könnt' nur mit einer Frau glücklich sein, die just a so ausschaut wie Sic! (Spricht leise mit ihr fort.) Sandel. I Hab' glaubt, i krieg ein Mann! Sie, jetzt frag' ich: Mögen's mich, oder mögen's mich nicht? — Ich will einmal wissen, wie ich d'ran bin. Speichm. Und ich auch! (Für sich.) Was Hab' ich mich denn zu geniren! (Laut.) Und darum frag' ich — (Sandel bei Seite schiebend, zu Minna) Ihnen: Möcht Sie mein Weiberl werden? Sandel (zurückwankend). Jetzt trifft er mich! Schwirr (schnell, leise zu ihr). Das ist ja eben der rechte Weg, damit Du ihn zum Mann bekömmst — das Fräulein stellt ja Dich vor! — Sandel (unklar). So! Minna (hat verwirrt die Augen zu Loden geschlagen). Speichm. (zu Minna). Na also — mein Antrag ist ehrlich; antworten's mir ebenso ehrlick: Ja oder nein! Minna. Da müßten's mit mein' Vätern reden! Speichm. (entzückt). Mit Ihrem Vater? — Ja — ja — das thu' ich mit Freuden! Wie heißt er? — wo wohnt er? — wo treff' ich ihn? Minna. Mei' Vater heißt Pt§er Ster- zinger, und ist Kleinhäusler in Holdau! Speichm. Ich schreib mir's gleich auf! (Notirt in seine Brieftasche.) Sandel (leise zu Schwirr). Aber das ist ja mein Pater! Schwirr (leise). Natürlich! Ihm wird Herr Speichmann sein Wort geben, daß er seine Tochter, also Dick heiratet! Sandel (freudig). Nackber ist mir Alles recht! 44 Pankraz (für sich). Und in meinem Kopf cntzünd't sich eine ganze Feuerwerksfront! Minna (zn Speichmann). Sie muffen aber gleich jetzt hin, denn mein Vater will heut' auf d'Nacht ins Gebirg. — Speichm. Auf her Stell' fahr' ich hin-! über nack Holdau — aber zuerst will ich noch dem Advocaten, dem Herrn Dvctor Karl, sei' Abfertigung geben! Schwirr. Dann entfernen wir uns! (Sandel seinen Arm bietend.) Fräulein, darf ich bitten — Speichm. (zuSandel). B'hüt Ihnen Gort, Fräul'n! Nichts für ungut! Wir paffen einmal nicht für einander! Sandel (skhr hochdeutsch). Das wird sich erst zeigen — wird sich curios zeigen — (bäuerisch) wem der Bauer 'n Schimmel schenkt! (Hängt sich in Schwirr'» Arm und geht mit ihm rechts ab.) Speichm. (zu Minna). B'hüt Ihnen Gott, Schatzerl! Heut' sein's noch da im Dienst; Morgen führ' ich Ihnen als mei' Braut Ham! Minna (mit kaum unterdrückten! Lachen). Gott! ich kann das Glück gar nicht erwarten! (Wendet sich noch an der Thür um, ihm einen Handkuß zuwerfend, dann rasch ab.) Speichm. (ihr ebenfalls mit der Hand Küsse zuwerfend). Bah! Schatzerl! Bah! (Zu Pankraz.) Was's für a Freud' hat! Pankraz. Ja, Sie hat wirklich ein Narren an Ihnen g'freffen! Sie sein erst ein Teufelskerl! Aber (gegen die Seitenthür sehend) da.kommt der Doctor — sagen Sie dem nur Ihre Meinung recht dick in's G'sicht hinein! Eilfte Scene. Vorige. Käzl. Käzl (kommt noch etwas schlaftrunken aus einer Thür rechts). Ich weiß nicht, ob ich reckt gehört? — (Nkibt sich die Augen und erblickt Speichmann.) Ah — wirklich — er ist da! — Freund Speichmann! (Für sich.) Mir dem heißt's jetzt vorsichtig umgeben! (Auf ihn zugehend und ihm die Hand bietend.) Willkommen, lieber Speichmann! Speickm. (ohne in die dargebotene Hand zu schlagen). B'büt Ihnen Gott, Herr Doctor! Käzl (erstaunt). Was? Das klingt ja, als wollten Sie schon wieder Abschied nehmen? Speichm. Ja, Abschied, das ist das Einzige, was ich von Ihnen ne hm', — alles Andere können's b'balten! Käzl. Wie soll ich das verstehen? Haben Sie denn meine Mündel schon gesehen? Speichm. Hab's g'seh'n, und Hab' beim ersten Anblick g'nug g'habt für alle Zeit! K ä z l. Was?—nach einmaligem Sehen! Speichm. Ist g'nug für mich! Denn ich — ich Hab' ein' Blick! Ich schau a Kalbl nur an, und sag' Ihnen auf a Loth, wie schwer als's ist! Ja, mein lieber Herr Doctor! ich laß' mir ka Katz im Sack verkaufen! Käzl. Kalb? — Katz? — Speichm. Und Fuchs — der sein Sic, und mich haben's für ein alten Esel g'hal- ten, der Alles fressen muß, was kein Anderer mag! Aber ich schlag' ans — Ihre saub're Mündel nämlich! Käzl. Wie? — Sie schlagen Minna aus? Speichm. Ja, ick, denn sie — hält' freilich a Schneid auf mich g'habt! Käzl. Minna? Auf Sie? Ha ha ha ! Sie sind ein alter Geck! Speichm. Was? Grob sein's auch noch? Sie, mir trauen's! Pankraz (für sich). Jetzt werden d raffet! (raufend.) Speichm. (zu Käzl). Sie, in dem Punkt nehmen Sie's mit mir nicht auf! Wann ich anfang' — ich könnt' Ihnen sagen— 45 Käzl (hitzig) Was — was können Sie mir sagen? Speichm. Ich könnt'Ihnen sagen, daß Sie ein alter Partikenmacher sein — ich könnt' Ihnen sagen, daß ich Ihnen nicht einmal einen jungen Pndcl, g'schweige erst a jung's Madl zum Erzielten geben möcht' — ick könnt' Ihnen sagen, daß Ihre Fränl'n Minna a Gansl ist, das könnt' ich Ihnen Alles sagen, aber ick Hab' zu viel Bildung dazu! Käzl (heftig erregt, auf- und niedergehend). ' Er — er gibt Minna auf! — Unerhört— unerklärlich! Pankraz. Mein Gott! So ein Erd- äpfelcultivirer verlernt halt allen Gesckmack! Käzl. Aber-'s ist gut — ganz gut, so bin ich ihn los, und kann Schwirr (sich besinnend) aber wie halt ich denn mit dem? Mir bat er nichts gesagt, und — ja — ick Hab' ja die Minna über ihn g'schickt! Zwölfte Scene. Porige. Minna, Schwirr. Minna und Schwirr (erscheinen in der Thür rechts) Käzl (Minna erblickend). Ah — da ist sie — und mit ihm! Minna! kommen Sic zu mir! M i n n a (kommt vorwärts). Herr Vormund ! Käzl (leise). Wie steht's? Hat Schwirr Ihnen entdeckt? Minna (leise). Nichts! gar nichts! Käzl (für sich) DcrdammterDuckmäuser! Aber ick weiß — die Lvwenheim'sche steckt ihm im Kopfe! — Doch ich will sie ihm Heraustreiben! (Wendet sich gegen Schwirr, laut.) Herr von Schwirr! Schwirr (tritt vor). Käzl. Hier (auf Minna weisend) steht mein Mündel! Sie selbst haben gesagt, daß Tie sie lieben wie keine And're — Schwirr. Das ist die volle Wahrheit. Käzl. Und doch thun Sie gar nichts, um zu ihrem Besitze zu gelangen. Schwirr. Was soll ich thun, wenn Sie durchaus d'rauf bestehen, daß ich den Haupttreffer gemacht haben soll? Käzl (bereits ängstlich). Nun, meinetwegen, Sie sollen ihn nicht gemacht haben, aber Sie sind dock — wer weiß auf was für eine Weise — in den Besitz eines großen Vermögens gekommen! — Gestehen Sie mir um Gottes und um Ihrer Liebe willen nur das Eine ein! — Dreizehnte Scene. Vorige. Löwen heim. Löwenh. (tritt durch dir Mitte ein; er ist bereits im schwarzen Anzuge). Aber, lieber Schwirr, wo bleiben Sic denn? Kätzl (verzweifelt, für sich). Jetzt führt der Teufel den auch daher — (Zu Löwenthal.) Entschuldigen, wir haben eben Wichtiges zu besprechen! Löwenh. Kaum Wichtigeres als ick! (Zu Schwirr.) Im Parke ist bereits Alles zur Verlobung geordnet — meine Tockter schon im Brautsckmucke — und Sie haben noch nicht einmal einen schwarzen Frack angc- zogen! Käzl (für sich). Mir wird schwarz vor den Augen! Sckwirr. Ich will sogleich— (Willfort.) Käzl (hält ihn am Rockschoosic zurück). Da bleiben Sie! (Immer ängstlicher zu Minna. > Minna, geben Sie ihm ein gutes Wort — Minna (mit Stolz) Ich? Käzl (dringend, heimlich zu Minna). Minna! Der Speichmann hat Sie anfgegebcn — der will auch fort — Sie bleiben am Ende ganz sitzen! (Für sich.) Und meine zehntausend Gulden! Löwenh. (zu Käzl). Aber lassen Sie ihn dock — die Gäste warten! Käzl. Sollen matten! (Zu Schwirr.) t Schwirr! Etwas werden Sie doch meiner i Minna verschreiben? < Schwirr. Wie oft soll ich Ihnen noch ' sagen, daß ich nichts, gar nichts habe! * Käzl i für sich). Es ist niederträchtig! Dock eine kolossale Idee! — Jetzt Hab' ich < ihn! (Laut zu Schwirr.) Gut! Sie haben nickts! aber was sich in Ihrem Zimmer be- ! findet —? 1 Schwirr. Das ist mein. Käzl. Nun wohl, wohl! So gebe ich i Ihnen hier vor Zeugen mein Ehrenwort, ick gebe Ihnen heute noch die Hand meiner Mündel, wenn Sic ihr dagegen Alles überlassen, was sich gegenwärtig in Ihrem Zimmer befindet! Sckwirr (sich erschreckt stellend). Was gegenwärtig sich in meinem Zimmer befindet? ^ Käzl (für sich). Aha! erschrickt! Nun fest dabeigeblicben! (Laut.) Billiger kann ich's nicht thun — es kostet mich selber so viel! — Also gilt's?(Hält ihm die -Hand hin.) Schwirr (wie oben). Ich sage Ihnen, Sic werden sich getäuscht finden! Käzl. Das ist mein Schaden! Löwenh. Nein, nein, das geht nicht! Käzl (erbittert zu Löwenheim ). Reden Sic mir nichts d'rein! Schwirr. Sie werden Ihr Wort zürn cknehmen? Käzl. Nein — nein — ich schwör's Ihnen, und Sie haben ja zwei Zeugen! Also jetzt, wenn es nicht wirklich ihre Absicht war, mit Minna nur einen schnöden Spaß zu treiben, so antworten Sie! Sind Sie einverstanden? Schwirr (mit einem Plick auf Löweuheuu. gleichsam bedauernd). Herr von Löwenheim, Sie sehen — ich kann nicht anders. Käzl. Also statt einer Unterschrift: Ehrenwort und Handschlag! (Hält ihm seine Hand hin.) Sckwirr. Ehrenwort und Handschlag! Käzl (ausathmend). Ah! es ist geglückt! (Zu Schwirr ) Aber nun dürfen Sie sich nicht mehr vor mir auf Ihr Zimmer begeben! Händigen Sie mir den Schlüssel ein — und vor Allem die Schlüssel znr Unver- brennlicken! Schwirr (gibt ihm Schlüssel). Hier sind alle! Käzl (leise zu Schwirr). Und — jetzt können Sie mir's ja sagen — die Papiere, die Herr von Löwenheim für Sie gekauft— Schwirr. Sic liegen nock unberührt in der Tischlade! Käzl. Und der Vertrag über den Ankauf des Schlosses — Sie sehen, ich weiß Alles — ist der in Ihren Händen? Schwirr. Ja — er liegt in derCassa! Käzl (erfreut). Nun endlick — endlick habe ich Alles herausgebracht! (Zu Löwen- hnm mit Hohn.) Herr von Löwenheim! Es ist mir uuendlich leid, daß Sic sich mit der Ausschmückung des Lusthauscs in Unkosten gesetzt haben — Der — (a„f Schwirr weisend) wird sich wohl heute noch verloben, aber nicht mit Ihrer Tochter! Löwcnd. Nun, ich werde meincTochtcr zu trösten suchen, — damit aber die Gäste, welche ich aus der Stadt cingeladen habe, nicht um ihr Fest gebracht werden, so lade ich dieses Brautpaar ein, die Verlobung unten im Parke zu feiern! Käzl. Hm! Ich muß gestehen, Herr von Löwenheim, Sft ziehen sich wahrhaft nobel aus der Affaire! Löwenh. Was soll ich thun? — Das ist ja eben die Klugheitsrcgel, welche ick Jedem ancmpfehle, (mit Betonung) wenn mau sich einmal besiegt oder überlistet sieht, gute Miene zum böse» Spiele machen! (Zu Minna.) Fräulein, darf ich Sie um Ihren Arm bitten! (Nimmt Minnas Arm unter den seinigen, dann zu Schwirr.) Sic begleiten uns wohl auch? Schwirr. Mit Seligkeit! Löwenh. AufWiedersehen, Herr Doctor! (Ab mit Minna und Schwirr.) Käzl (ihm nachsehend). Er verbeißt seinen Zorn — das nennt er »gute Miene zum bösen Spiele macken!« Jetzt aber hinüber in Schwirr's Zimmer! Und gewühlt in Kisten und Kasten, in Sckränken und Truhen! O nun begreife ich, daß es auch einen Reiz hat, ein Wühler zu sein! (Links ab.) Vierzehnte Scene. Pa n k r az (allein). Neugierig bin ich selber, ob er das find't, was er sucht, denn ich bin dabei stark in- teressirt, ob der Herr Schwirr reich ist oder nicht! — Ich Hab' jetzt Alles gethan, um mich bei ihm einzuschmeicheln, damit er mich vielleicht in seine Dienste nimmt, denn wenn's wahr ist, daß der Herr Direktor den Pacht verliert, so steh' ich frisch da! — Für uns dienende Claffe ist das immer eine Lebensfrage, wenn ein anderer Herr in's Haus kommt, und man merkt auch oft an den G'sichtern viel höherer Leute das Verhängnißvolle: »Ja, jetzt ist halt ein anderer Herr im Haus!« — Und wer ist eigentlich Herr in der Welthaushaltung? Offenbar nicht ein Mensch, sondern — die Zeit, und daß die neue Zeit doch weit besser und schöner ist, als die alte war, na, dazu bedarfs nur einer Parallele, um scclenvergnügt auszurufen: Ju- he! — die neue Zeit ist doch viel schöner! — Gott sei Dank, daß die alte begraben ist! Couplet. In der gepriesnen alten Zeit Hatt' jeder Stand sein eig'ncs Kleid, Für'n Enkel war modern genug, Was einst der Urgroßvater trug. Das bracht' den Schneidern wenig ein, Sic blieben arme Schneiderlein. 'S könnt' Keiner sein' Werkstatt im ersten Stock hab'n — Na, diese Zeit — Gott sei Dank! — die ist begrab'n! Jetzt tragt sich jed's Stub'nmadl so wie die Dam'. Die Kellner müssen Fräcke von Gunkel jetzt hab'n; — Die Schneider — was Schneider?! — die gibt's jetzt nicht mehr, Jetzt gibt es nur tai1or8 und mai1rtz8 tail- I6llr8, Damit Jeder weiß, wie er zuschneid' und meß', So halten sie wie die Gelehrten ein'n Con- greß! Das einige Deutschland woll'n z'samm- flicken sie, D'rum bilden's die deutsche Bekleid-Aka- dcmie! Wann dann auch mehr auszog'n, als an- zog'n werd'n d'Leut', Jube!'s iftdock schöner die neuere Zeit! Gar selten hat in alten Tag'n Es wem rin Monument getrag'n, Nur Herrscher, die ihr Volk beglückt, Und Helden, die im Krieg gesiegt, Verewigt' man in Erz und Stein! Wer kein's von Beiden konnte sein, Der könnt' nur ein Kreuzlein auf'm Kirchhof d'raußt hab'n,— Na diese Zeit — Gott sei Dank! — die ist begrab'n! Jetzt ist d' Monumenten-Manie einge- nss'n, Man ist in Europa nur darauf befliss'n, Wie mau ein'n Erfinder von irgend was nennt, Schrein s gleich: »Ach Gott! Der hat noch kein Monument! G'schwind einComitä bilden, Geld zusamm' treiben, Und einen Concurs für ein Standbild aus- schreiben! 48 Welch' ein Trost für ein Künstler, der a dato noch lebt. Wenn er auch zwischen Schulden- und Hungerthurm schwebt — Er weiß, wann er stirbt, wird ihm ein Denkmal geweiht! Inhe! 's ist dock schöner die neuere Zeit! Wenn man ein altes Haus anschaut, Wie 's voller Erker ward' erbaut, Zwei Stockwerk höchstens war es hoch, Die Mauern aber wurden dock In Klasterbreite aufgeführt, Als würd' cs jährlich bombardirt. Wie wenig an Zins könnt' ein Hausherr da hab'n — Na, diese Zeit— Gott sei Dank! — die ist begrab'n! — Jetzt, wenn man dageg'n uns re Neubaut'n ansckaut — Die schwindelnde Höhe, daß Einem fast graut, Fünf Stockwerk' und ertra noch ein' Mezzanin— Es wird eine Stadt voller Thürcn jetzt Wien! Und trotzdem die Mauern — wie zart — elegant, A Stützmarrer machen sie jetzt aus Tragant ! Tanzen's nuten ein'n Walzer, wackeln bei jedem Schritt Genau nach'm Tact die vier Stockwerk gleich mit, Na, so hab'n die im fünften drob'n auch daun a Freud' — Juhe!'s ist doch schöner die neuere . Zeit! Denkt man zurück vor fünfzig Jahren, Wie wenig Leut' sind da gefahren, Nur Fiaker standen in der Stadt, Vor'n Linien Zeiselwägcn parat; Zwanzig Leut' auf ein'n — und nur ein Pferd, Das mehr nach jenseits schon hat g'hört, Sonst war gar kein Fuhrwerk in ganz Wien zu hab'n! Na, diese Zeit — Gott sei Dank — die ist begrab'n! Geht man jetzt durch d' Stadt, was da fahrt durcheinand'/ Fiaker, Eomfortable, Stellwagcn allerhand ; ' Man steigt in ein'n G'sellschaftswag'n— ja 's ist a Schand.— Was man für a G'sellschaft oft -find't bei einand'! Der Lehrbua, der d'Stiefel in d'Stadt soll 'neintrag'n, Setzt sich für fünf Kreuzer jetzt schon in den Wag'n, A Kerl, a zerrifs'ner, dem ich ein Almosen Hab' geb'n, Der sitzt als mein Nachbar jetzt just mir daneben: Er fahrt in die Dorstadt, wo er betteln will heut' — Jude! 's ist doch schöner die neuere Zeit! (Ab.) Verwandlung. (Mn Lheil des Parkes, im Hintergründe desselben ein Lnsthaus, zu welchem eine Terrasse hinaussührt. Dom Dache des Lnstliausts flattern buntfarbige Fahnen, die Terrasse ist mit Blume in vasen bestellt, uud zu beiden Seiten des Parkes find Bogengänge und Blumengewinde yergerichtet.) Fünfzehnte Scene. Schmalheim, Haumann, Schiefer- stein, Zeltner, Liebstern, Goldig, Holdbaum. Mehrere, andere Herren und Damen (sämmtlich festlich gekleidet, kommen zu beiden Seitenthüren herein). Liebst. (Allesbefichtigend). Ä Zaubcrhain! a purer Zauberhain! Schmalh. Und Alles seit heute Morgen hergerichtet! . 49 Liebst. -Ja,'der Herr Chef liebt es, zu überraschen! Hat er doch auch uns über und übcrgerascht mit der Heirat von seiner Tochter! . Goldig. Aber wo ist er und das Brautpaar? ' Schmal.h. (auf das Lusthaüs weisend). Dort! sie unterzeichnen die. Verträge! Liebst, (gegen dus Lusthaus sehend). Sie sind fertig! Sie kommen zu gehen! Sechzehnte Scene. Vorige. Löwenheim, Schwirr, Minna, dann Käzl. Löwenh. (tritt, an einer Hand Minna, an der andern Schwirr führend, welche Beide in Festkleidern find, aus dem Lusthause). Alle. Wir gratuliren! Liebst. (Nahe gebietend). Pst! pst! wie heißt gratuliren? Ist's doch nicht seine Tochter! Löwenh. Nein, meine Freunde! ich führe Ihnen zuerst ein anderes Paar auf, aus welchem durch meine Vermittlung ein Brautpaar geworden — Herr Schwirr und Fräulein Minna Blendheim! Alle. Wir gratuliren! Käzl (stürzt plötzlich wüthend von rechts herein). Halt! halt! — Nichts da Brautpaar! Ich lege Protest ein! Betrug! schändlicher Betrug! Löwenh. (zu ihm vortretend). Wer hat Sie betrogen? Hat Herr Schwirr, nachdem er Ihrer Mündel das Eigenthumsrecht über Alles, was in seinem Zimmer befindlich, eingeräumt, etwas daraus enttragen? Käzl. Enttragen? (Nor Wuth lachend.) Ha haha! ließ sich was enttragen! War ja nichts darin! Schwirr. Nun, und habe ich Sie nicht hundert Male versichert, daß ich nichts habe? Theater-Repertoire Nr. >22. Käzl. O erbärmliche Spiegelfechterei! Und Sie (zu Löwenheim) Sie haben sich auch dazu hergegeben, mich zu hintergehcn, zu lügen! Löweub. Lügen?! Nehmen Sie das Wort zurück! Ich habe nie etwas Anderes gesprochen, als die Wahrheit! Käzl. So? so? Wahrheit?! War das Wahrheit, daß Sie für ihnPapiere kauften? Sckwirr. Haben Sie's denn nicht in der Tischlade gesunden? Zwei Buch Con- cept- und zwei Buch Velinpapier! Herr von Löwenheim war so gütig, diesen Vorrath für mich kaufen zu lassen! Käzl. Pah! Unsinn! Herr von Löwenheim sagte, diese Papiere dürften bald im Werthe steigen! Schwirr. Ja, weil ich darauf ein pädagogisches Werk schreiben will, für welches ich bereits einen Verleger habe! Käzl. Und wo ist denn die reicheBrant, welche Ihnen Herr von Löwenheim so dringend empfahl? Löwenh. Hier, Fräulein Minna, deren Vermögen mir, dem einstigen Freunde ihres verstorbenen Vaters, genau bekannt ist. Käzl. Aber der Vertrag, den ich für Ihre Tochter anfsetzen mußte — Löwenh. Für diese und den Sohn meines Freundes Silberfeld, der, schon lange für sic bestimmt, gestern erst von seiner Reise zurückgekehrt ist, und sich heute mit ihr verlobt hat! (Winkt gegen das Lust- Haus.) Siebzehnte Scene. Vorige. Sidonie (j,u reichsten Brautschmucke), Silberfeld. Brantgefolge. Sidonie und Silbers, (treten zu beiden Seiten von blumentragenden sechs Balletmädchen geleitet, aus dem Lusthause). Löwenh. Hier stelle ich Ihnen das zweite Brautpaar vor! 4 Alle. Wir gratnlircn! Schwirr (zu Käzl). Nun, und den Kaufvertrag werden Sie doch auch gefunden haben? * Käzl. 2« wohl, aber nicht Sie, sondern Herr von Löwenheim selbst hat das Gut gekauft! Und Sie — Sie freuten sich doch, und Sie (zu Löwenhkim) frugen ihn, ob er Muth zu dem Unternehmen habe? Was braucht er Muth, wenn Sie's kaufen? Löwenh. Ich hatte Herrn Schwirr ge- rathen, er möge ferner nicht bloß Lehrer in einem Institute bleiben, sondern selbst der Vorstand eines solchen werden. Bevor ich also dieß Schloß kaufte, welches ich ihm in Pacht geben will, frug ich ihn, ob er Muth zu dem Unternehmen habe? Käzl. Aber ich hörte doch, wie Sie zu Herrn Schwirr sagten: »Die Mittel dazu haben Sie!« Löwenh. Nun ja, Geld ist aber nicht das Mittel, eine Lehranstalt zu leiten, sondern sein Verstand, seine wissenschaftliche Bildung, sein redliches Streben, das sind die Mittel, durch deren Nachweisung ich ihm auch bereits die behördliche Bewilligung erwirkt habe. — Schmal h. (verzweifelt). Er der Pächter — er Direktor! Ich bin ruinirt! Käzl (zu Schmalheim). Ich bin blamirt. Gehen wir in Eompagnie! Eine Schul- directorsstelle hat er und sonst nichts! Schwirr (mit Minna vortretend). Nichts als die eiserne Cassa, die mir Herr von Löwenheim als erstes Einrichtungsstück gab, in der aber auch nichts ist, die sich aber mit der Zeit wohl füllen soll, denn eben der Gedanke, daß ich nichts habe, war es, der mir Unternehmungsgeist und Spannkraft verlieh, mit dem Nichts das Höchste zu erreichen, das Glück wahrer Liebe, die ja auch mit nichts zufrieden ist! (Die Zöglingr der Anstalt kommen, sämmtlich Fahnen und särbige Lampions tragend, aus den Bogengängen hervor, und bildm unter dem Ruse: »Es lebe der neue Director!« um Schwirr und Minna die Schlußgruppe.) (Der Vorhang fällt) Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Aus Liebe sterbe»! Lustspiel in einem Act. Nach dem Englischen von Alexander Bergen. Personen: Doctor Mangel. Caroline, seine Frau. Helene Lorimer, eine junge Witwe. Heinrich Dorn. Carl Frickel. Zenny, Stubenmädchen in einem Gastbofe. (Ein elegantes Zimmer in einem Gasthofe. Ein Balcon mit der Ausficht auf's Gebirge. Zwei Eeitenthüren. Links ein Schreibtisch und ein Fauteuil, rechts ein Sopha, kleine- Tischchen mit Büchern, Fauteuils. Zm Hintergrund Stühle und ein Tisch. Zn der Mitte der Bühne ein gedeckter Tisch, an welchem Doctor Mangel und seine Frau fitzen.) Erste Scene. Doctor Mangel, Caroline, Jenny (welche servirt). Doctor. Stubenmädchen! Jenny. Befehlen? Doctor (hält ein Stück Fleisch auf der Gabel). Was ist das? Jenny. Lungenbraten, Herr Doctor. Doctor. So? Ich glaubte, es wäre Leder. Und was ist das? Jenny. Ein Knödel, Herr Doctor. Doctor. So? Ich glaubte, es wäre ein Stein. Nehmen Sie diese guten Speisen fort und — verschwinden Sic! (Jenny ab.) Zweite Scene. Doctor und Caroline Mangel. Doctor. Gib mir etwas Schinken, Caroline, vielleicht ist der zu genießen. (Er 2 hält Caroline seinen Teller hin, sie bemerkt ihn gar nicht; lauter.) Ich bitte um etwas Schinken, Caroline. Carol. Schinken willst Du haben? Da, mein Lieber. (Sie gießt ihm Wein aus den Teller.) Doctor. Mein Kind, bist Du unwohl? Carol. (zerstreut). Ich glaube es fast, denn das Essen hat mir sehr gut geschmeckt. Doctor (lachend). Das ist ja ein ganz neues Symptom des Unwohlseins — aber Du hast keinen Bissen gegessen. Du hast nicht gefrühstückt, Du hast gestern nicht zu Nacht gegessen, täusche mich nicht — Du bist unwohl. Den Magen kannst Du Dir nicht verdorben haben, was fehlt Dir also? Carol. Nichts, lteber Mann, ich bin ganz gesund. Doctor. Das kann nicht sein. Wenn man gesund ist, ist man nicht zerstreut, nicht verstimmt, wie Du cs bist — außer man hat einen Herzenskummer. Zst das der Fall bei Dir? Carol. (stuszrnd). Nein. Doctor. Langweilst Du Dich? Ich lasse Dich doch nie allein. Carol. «seufzend). Nein. Doctor. Du hast deine Equipage, wir fahren spazieren, wir besuchen die Theater, so oft Du Lust dazu hast, ich bezahle deine Schneider- und Flarckanäe äv8 moätz«- Contos, ohne Bemerkungen zu machen — im Sommer reisen wir wohin Du willst, so wie jetzt. Vor zwei Jahren waren wir in der Schweiz — Carol. (schaudernd). Die Schweiz! Doctor. Vergib! Ich vergaß ganz, daß die Schweiz deine empfindliche Seite ist. Carol. Habe ich nicht Ursache dazu? Der arme junge Mann! Schon die Erinnerung an ihn rührt mich zu Thränen! Du aber fühlst gar nichts! Doctor. Soll ich mir mein ganzes Leben vergiften, weil ein überspannter junger Mensch die Narrheit beging, auf den höchsten Berg zu steigen, um sich ins tiefste Thal hinunter zu stürzen? Dann habe ich ihn ja nicht gekannt. Carol. Nicht gekannt — habt Ihr nicht immer zusammen gefischt? Doctor. Ja— das heißt er hat gefischt und ich habe gefischt, folglich haben wir zusammen gefischt, bis er selbst ange- bissen hat. Carol. Mit Dir ist nicht zu reden. Du hast keine Idee von etwas Höherem. Du ziehst Alles ins Lächerliche hinab. Er ist aus Liebe gestorben! Doctor. Dann war er ein Narr! Carol. (aufstehend). Du bist unausstehlich! Hast Du denn gar keinen Sinn für Romantik? Doctor. Gott sei Dank, nein. Allein ich besitze gesunden Menschenverstand und das ist viel mehr wcrth. Carol. Siehst Du gar nichtein, daß nur ein edler Charakter aus Liebe sterben kann? Doctor. Es ist möglich, Caroline, aber meine Ansicht ist die: Wenn ein Mann für ein Frauenzimmer aus Liebe stirbt, welches ihn wieder liebt, so ist es schlecht von ihm, denn er macht sie dadurch unglücklich; stirbt er aber wegen Einer, die ihn nicht mag, so ist er ein lächerlicher Narr. So spricht der gesunde Menschenverstand und der wiegt alle dumme Romantik der Welt auf. Carol. Ach, was nützt der gesunde Menschenverstand; wenn man liebt, läßt er Einen im Stich. Doctor. Entschuldige, mein Kmd, das ist nicht immer der Fall. Ich z. B., liebe Dich sehr, aber mein gesunder Menschenverstand sagt mir, daß ich Dir viel mehr nützen kann, wenn ich lebe, und dcßhalb habe ich den unromantischen Entschluß gefaßt, so lange zu leben, wie nur möglich. (Cr geht zum Fenster. Heinrich Dorn zeigt sich an der Thür.) Um Dir die bösen Gedanken zu verscheuchen, schlage ich vor, spazieren zu fahren. Willst Du? (Caroline bemerkt Heinrich, er zeigt ihr einen Brief, sie stößt einen schwachen Schrei aus, Heinrich verschwindet plötzlich.) Was ist Dir? (Nähert sich ihr.) 3 Earol. Nichts — nichts! (Für sich.) Er hat es gewagt, uns hierher zu folgen! Doctor (wieder am Fenster). Es ist nicht ein Wölkchen am Himmel. Du bist aufgeregt — laß' uns spazieren fahren. Da hält ein Wagen —- eine Dame steigt aus — Earoline. was glaubst Du, wer es ist? Deine Freundin, Frau v. Lorimer. (Heinrich Dorn schleicht sich herein und versteckt sich hinter einem Fenstervorhaug.) Earol. Helene Lorimer? Doctor. Ja, die junge reiche Witwe in eigener Person. Sie sieht so hübsch und bezaubernd aus wie immer. Ich will hinuntergehen und ihr sagen, daß wir hier sind. Earol. (welche Heinrich gescheit hat, sagt ängstlich). Nein, nein, laß' mich nicht allein hier — Doctor. Du wirst doch nicht auf Helene eifersüchtig sein? Fürchte nichts — Helene läuft nicht davon mit mir — ich muß sie nur gleich aufmerksam machen, daß sie ja keinen Lungenbraten mit Knödeln ißt. Earol. (folgt ihm ängstlich bis zur Thür). Bitte, laß' mich nicht allein — Doctor. Warum denn nicht? Ich bin gleich wieder da. (Ab.) Dritte Scene. Heinrich. Caroline. Heinr. (ist hervorgetreten und hält ihr den Brief hin). Earol. Ach! Heinr. Ich beschwöre Sie — lesen Sie diesen Brief! Earol. Niemals, mein Herr. War mein Benehmen derart, daß Sie es wagen konnten, mich bis hierher zu verfolgen? Heinr. Sic nennen das eine Verfolgung, wenn ich Ihnen auf Schritt und Tritt Nachfolge? Gnädige Frau! (tzrhältdas Luch vor die Augen; für sich.) Ich kann doch nie weinen, wenn ich es brauche! (Laut.) Ach, gnädige Frau, wenn Sie fühlten, was ich fühle — wenn Sie wüßten, wie Achtung, Liebe, Anbetung, Eifersucht, Gram und Verzweiflung meine Brust zerreißen — Earol. Mein Herr, ich kann, ich darf Sie nicht anhören. Heinr. Wie es Ihnen gefällig ist, gnädige Frau — allein ich muß sprechen. Vor zehn Tagen sah ich Sie zum ersten Male am Brunnen. Ich bewunderte die Resignation, mit welcher Sie ein Glas nach dem andern hinunterschluckten — von dem Augenblicke an fühlte ich, daß ich ohne Sie nickt leben kann. Am nächsten Morgen suchten meine Augen Sie wieder am Brunnen, allein ich fand Sie nickt — aus dem einfachen Grund, weil Sie nickt dort waren. Ick flog in Ihr Hotel — ich hörte, Sie hätten eine Landpartie gemacht — ick flog in einen Wagen — ich flog Ihnen nack. Ein Gewitter brach los — ich stand im Wagen, um Ihren Wagen nicht aus den Augen zu verlieren. Mein Wagen war ohne Paraplui, ich hatte kein Dach — ich war bis auf die Haut durchnäßt und zitterte vor Frost — dabei verzehrte mich die glühendste Liebe. Seit dieser Zeit folge ich Ihnen überall, meine Augen verschlingen Sic — ich erwarte immer den Augenblick, Sic allein sprechen zu können, aber der alte Herr, der Sie überall hinbegleitet, läßt Sie keinen Augenblick allein. Wahrscheinlich Ihr Vater — Earol. Mein Pater! Heinr. Entschuldigen Sie — der alte Herr ist wahrsckeinlich Ihr Großvater. Earol. Mein Herr, der alte Herr ist mein Mann. Heinr. (fährt zurück). Ihr Mann? Earol. Ich hoffe, Sie sehen nun ein, daß Ihr Benehmen unpassend ist. (Sie geht links ab.) Vierte Scene. Heinrich (allein). Heinr. (fikht Caroline nach, und dann auf den Brief deutend, den er in der Hand hält) Ihr ! - 4 Mann? — welches Recht hat sie, verheiratet zu sein? Sie ist fort — und das ohne meinen Brief? Sie muß ihn lesen; zu was hätte ich alle meine Beredsamkeit verschwendet? Drei Tage habe ich an dem Brief geschrieben — ein ganzes Buch Papier verbraucht — ich müßte ihn nur für die Nächste aufheben, die ich anbetcn werde. Es kommt Jemand — (Er schleicht wieder hinter den Vorhang.) Fünfte Scene. Caroline und Helene, Letztere in Reisekleidern, der Doctor folgt ihnen, mit Mantel, Shawl. Reisesack und Lartons beladen. Jenny und ein Diener bringen einen Koffer. Heinrich hinter dem Vorhänge- Carol. (sich ängstlich umfehend). Er ist fort. Gott sei Dank! Heinr. (sieht hervor). Meine Schwester! (Er versteckt sich wieder.) Hel. (zu Jenny). Schaffen Sie die Sachen in mein Zimmer. Jenny. Sogleich, gnädige Frau. (Geht mit den Sachen ab.) Toetor. Da ist noch etwas. (Er nimmt ein Mahagonykästchen vom Tisch.) Hel. O, das gehört eigentlich nicht mir, es ist die Pistolenschatulle meines Bruders Heinrich, ich bringe sie ihm mit. Doctor (läßt das Kästchen fallen). Pistolen — am Ende sind sie geladen. Earol. (zu Helene). Erwartest Du deinen Bruder hier? Ich möchte ihn gerne kennen lernen. Hel. Er hatte mir zwei Meilen von hier ein Rendezvous gegeben, allein Brüder sind selten pünktlich — ich traf ihn nicht. Ich ließ ihm dort einen Brief zurück, worin ich ihn aufforderte hierher zu kommen. Wenn er wüßte, daß Du hier bist, käme er gewiß — Du hast eine große Eroberung gemacht, Caroline. Er hat dein Porträt gesehen, welches Du mir geschickt hast, und hat sich gleich in Dich verliebt; weißt Du, das kostet ihm nicht viel Mühe. (Heinrich schlägt ungeduldig die Hände zusammen.) Alle (sehen sich erstaunt an). Was war das? Carol. Ich weiß es nicht. Hel. (zum Doctor). Mein Bruder schwärmt für Ihre Frau. Sie müssen aber nicht eifersüchtig sein, lieber Doctor. Doctor. Im Gegentheil, je mehr mau meine Frau bewundert, desto mehr freut es mich. Heinr. Act im Hause der Baronin Palm« in der Umgegend von Pans. Frondeville. De Ramsay. Figg. Mazeray. Carl, rin Diener. Gäste. Diener. Erster Äct. (Ein Salon. Im Hintergründe eine sehr breite Mittelthür, durch welche man in einen zweiten, sehr glänzend beleuchteten Salon sieht. Links ein Kamin und ein Sopha. Rechts ein Spieltisch. Fauteuils und Stühle. Eine Seitenthür rechts und links.) Erste Scene. Louise. Mazeray. D'Estillac. De Ramsay. Frondeville. Mehrere Gäste. (Louise fitzt aus dem Sopha links und spricht mit Mazeray, welcher vor ihr steht. Frondeville und D'Estillac fitzen beim Spieltisch rechts, spielend und plaudernd. Ramsay steht bei ihnen. Gruppen von Gästen im zweiten Salon, aus welchem die leise Musik einer Mazurka ertönt.) D'Estillac (zu Frondeville). Sie hatte also kein Vermögen, als sie der Banquier Palmer heiratete? Fron dev. Gar nichts. Palmer hat sie ihrer Schönheit wegen geheiratet, und diese ist ihr auch geblieben, trotzdem sie schon anderthalb Jahre Witwe ist. Ramsay (neugierig). Nur ihre Schönheit — sonst besitzt sie nichts? Frondev. Doch.—Palmer hat ihr sein ganzes Vermögen hinterlassen. (Sie sprechen leise weiter.) Louise (zu Mazeray). Ich muß sie sprechen — vielleicht finde ich später einen ungestörten Augenblick — Mazeray. Warum nicht jetzt? Louise. Ich will sie allein sprechen. D'Estill. (zuFrondeville). Kannten Sie die Baronin schon, als ihr Mann noch Me? Frondev. Nein. Ich traf sie in Baden- Baden. Sie war damals schon ein Jahr lang Witwe. D'Estill. Und schon getröstet? Frondev. (lächelnd). Ich habe Ursache zn glauben, daß sie es war. — (Der Baron Scarpa wird im zweiten Salon sichtbar.) Louise (zu Mazeray). Nehmen Sie sich in Acht, mein Mann kömmt. Scarpa (nähert sich der Baronin und spricht leise mit ihr). Mazeray (zieht sich zurück). Ramsay (zu Frondeville). Wie meinen Sie das? Frondev. Ich meine, was ich sage — ich habe Ursache zu glauben, daß die Baronin Palmer damals schon vollkommen getröstet war. Earl (meldet an der Thür rechts). Die Frau Baronin Palmer! (Allgemeine Bewegung. Scarpa geht schnell durch die Thür rechts ab. D'Estillac, Frondeville und Ramsay stehen aus und sehen ihm nach.) D'Estill. (hinaussehend). Sie ist sehr hübsch. Nicht wahr? Ramsay. Außerordentlich hübsch. (Zur Baronin.) Aber sie trägt sehr wenig Diamanten. Louise. Ein Beweis, daß sie guten Geschmack hat. (Scarpa tritt mit Madelaine am Arm ein) Louise (geht Madelainen entgegen). Es macht mich glücklich, Baromn, daß Ihr erstes Wiedererscheinen in der Gesellschaft in unserem Gesandtschaftshotel stattfindct. Madel. Ich war das dem Lande schuldig, dem ich seit meiner Heirat angehöre. Scarpa. Einen Diplomaten täuscht man nicht sy leicht. Gestehen Sie ein, Ba- 3 ronin, daß Sie den Aufenthalt in Paris dem in Birkenfeld vorziehen. Madel. Ja, ich liebe Paris, und bin gerne hierher zurückgekehrt; aber es würde mir sicherlich etwas fehlen, wenn ich Sie nicht hier getroffen hätte, und mit Ihnen, die Erinnerung an Birkenfeld, dieses ist wohl (lächelnd) viel kleiner als — Paris, aber ich habe einige sehr glückliche Jahre dort verlebt. (Louise reicht Madclainen die Hand, sie gehen in den zweiten Salon Scarpa folgt ihnen. D'Estillac, Frondeville und Ramsay bleiben aus der Bühne.) D'Estill. Ihre Stimme klingt sehr angenehm, sie hat Metall! — Ramsay. Es ist eben die Stimme einer außerordentlich reichen Frau — Sie hat Metall! D'Estill. Da ist freilich ein guter Klang natürlich. — Es klingt aber nur — wenn man Gold auf Gold wirft. Ramsay (nähert sich ihm). Was wollen Sie damit sagen? D'Estill. Nichts. — Wollen wir den Damen folgen? Ramsay. Gewiß. H D'Estill. (zu Frondeville, neckend). Sie ) sagen, Sie kennen die Baronin Palmer? ^ Sie scheint Sie aber nicht erkannt zu > haben. Frondev. Sie wird mich erkennen! Und wenn ich etwas sage, Herr von Ramsay, (dieser wendet sich erschrocken um) so ersuche tch Sie, an meinen Worten nicht zu zweifeln. (Ab in den zweiten Salon.) Ramsay (verblüfft). Ich? Ich habe ja gar nichts gesagt. (Zu D'Estillac.) Was hat s er denn? (Sie gehen auch in den zweiten Salon, . Frondeville ist dort dem Baron Scarpa begegnet, und spricht mit ihm, Figg tritt durch die Seitenthür recht- ein- Nach einer kurzen Pause bemerkt ihn der Baron, und beurlaubt sich von Frondeville; , dieser verbeugt sich und zieht sich zurück. Scarpa kommt in den vorderen Salon, das Orchester ver- i stummt) ! Zweite Scene. Scarpa. Figg. Scarpa. Sie sind zurück, Herr Figg? Figg. Schon seit einigen Minuten. Die Menschenmenge hat uns getrennt, sonst hätten mich Euer Ercellenz schon bemerkt. Scarpa (setzt sich links). Für mich gibt es kein Hinderniß. — Mein Blick durchdringt Alles. Ich wußte, daßSie da sind. — Sehen Sie doch, wie unsere Jugend die Baronin Palmer auf Schritt und Schritt verfolgt. Figg. Die Baronin Palmer ist sehr hübsch, und daher finde ich es natürlich. Scarpa. Ist das Ihre Meinung? Figg. Jst's nicht auch die Ihre, Ercellenz ? Scarpa. Ein Mann, in dessen Händen das Schicksal Eu'ropa's liegt, ist verpflichtet, bessere Augen zu haben, wie Sie, Herr Figg. Unsere Jugend würde sich sehr wenig um die Schönheit der Baronin Palmer kümmern, wenn diese Schönheit nicht Hand in Hand mit einem großen Vermögen ginge. Mit einem sehr großen Vermögen, welches der Banquier Palmer seiner Witwe hinterlassen hat. Figg. Ich gebe zu, daß das Vermögen auch seinen Antheil an der Anziehungskraft haben kann. Scarpa. Spitzt eure Klauen, Ihr Herren Pariser! Zwanzig Millionen! Es ist der Mühe werth! Figg. Zwanzig Millionen! Scarpa. Vielleicht noch mehr. Figg. O! Scarpa. Aber Sie dürfen dieß Nie- » mand sagen. Figg. Euer Ercellenz wünschen eS . .. Scarpa. Zwanzig Millionen, welche den Parisern entgehen sollen, denn ich bin da! Haben Sie meinen Auftrag vollzogen? Figg. 3a, Graf P ar war aber nicht zu Hanse. t * 4 Scarpe. War er im Club? Figg. Er war auch nicht im Club. Scarpa. Also bei einer seiner Geliebten. — Sie hätten ihn aufsuchen sollen. Figg. Das hätte wahrscheinlich zu lange gedauert. — Glücklicherweise fiel mir ein, daß mehrere Fremde von Distinction heute einigen jungen Schauspielerinnen bei den Fröres Proven§aur ein Diner geben wollten. Scarpa. Wie haben Sie das erfahren? Figg. Man hat es mir erzählt — ich habe es zufällig gehört. — Ich ging also zu den Frsres Provenganr. Scarpa. Sie, Herr Figg? Sie wagten sich in solche Gesellschaft? Figg. Es handelte sich darum, Eurer Ercellenz einen Dienst zu leisten. Scarpa. Fahren Sie fort. Figg. Der Graf war richtig dort. Ich ließ ihn Herausrufen, er kam aber nicht allein, sondern in Begleitung von drei oder vier hübschen Mädchen, welche glaubten, eine Dame spüre dem Grafen nach und ließe ihn Herausrufen. Als sie mich erblickten, luden sie mich gleich ein, mit ihnen Champagner zu trinken. Scarpa. Und Sie haben es gethan? Figg. Der Graf war mein Rettungsengel. Er half mir loszukommen. Ich sagte ihm leise, daß ich von Euer Ercellenz geschickt wäre; Sie ließen ihn ersuchen, sogleich hieher in's Gesandtschaftshotel zu kommen. Er lachte mir in's Gesicht und sagte: »Sie sehen doch, daß das unmöglich ist.« Scarpa (steht aus). Unmöglich? Er hat gesagt, es sei unmöglich? Figg. Ja, und der Grund, den er angab, war einleuchtend und ersichtlich. Scarpa. Nun, der Grund? Figg. 3ch weiß nicht recht, wie ich mich erklären soll. Man hatte sich um sechs Uhr zu Tisch gesetzt, und es war Mitternacht. — Man hatte viel gesprochen, lebhaft gesprochen, das erhitzt. Scarpa. Sie wollen doch nicht sagen, daß der Graf betrunken war? Figg. So etwas dergleichen. Scarpa. So betrunken, daß er die Gesetze der guten Lebensart vergessen hat? So betrunken, daß er fürchtete, in einer gewählten Gesellschaft nicht sicher auftreten zu können? - Figg. Der Graf Prar ist ein wohlerzogener Mann. Ich sagte ihm, daß die Sache, die Euer Ercellenz mit ihm zu besprechen wünschten, von größter Wichtigkeit sei, und daß er wohl daran thäte, sich kalte Umschläge aus den Kopf zu machen, ehe er hieher käme. Scarpa. Sie haben recht gethan. Figg. In einer Viertelstunde wird der Graf hier sein. (Er will gehen.) Scarpa. Herr Figg — Figg. Ercellenz — Scarpa. Waren Sie nicht erstaunt, als Sie mich den Namen des Grafen Prar aussprechen hörten? Schien es Ihnen nicht sonderbar, daß ein Diplomat wie ich sich mit einem Manne beschäftigt, der für leichtsinnig und ausschweifend gilt? Und nach dem, was Sie mir soeben erzählt, verdient er diesen Ruf vollkommen. Figg- 3ch dachte mir: Ercellenz wird eben seine Gründe haben. Scarpa. So ist es. Auch ein Narr kann in den Händen eines Weisen ein nützliches Werkzeug werden. Alles hängt davon ab, daß man jedem Manne das Amt zutheilt, zu dem er befähigt ist. Wenn man sich von seinem Schuster rasiren läßt, wird er Einen schneiden. Man muß eben nur Stiefel von ihm verlangen. Figg. Vortrefflich! Es wird aber doch auch Schuster geben, die rasiren können. Scarpa. Das wird wohl selten Vorkommen. Ich kenne nur einen Menschen, der zu Allem vorzügliche Anlagen hat, und das ist unser Herrscher, der Fürst von Birkeufeld.—Mehr davon ein andermal. — Gehen Sie in den Ballsaal. — Wenn man Ihnen von dem Reichthum der Frau Baronin Palmer erzählt, schütteln Sie zweifelhaft den Kopf, und geben Sie den Len- 5 ten geschickt zu verstehen, daß zu den Millionen, welche man gewissen Personen an- dichtct, oft noch sehr viel Tausende von Gulden fehlen. (Figg ab in den Ballsaal.) Dritte Scene. Scarpa (allein, er sieht in den Ballsaal). Wie sich Alles um die Baronin Palmer drängt. In meiner Kindheit war es meine größte Freude, ein Stückchen Zucker auf den Tisch zu legen, und die Fliegen zu beobachten, die der Zucker anzieht. Wenn ich jetzt in meinem reifen Alter bei Laune wäre, mich an diesem Kinderspiel zu ergötzen, so hätte ich Gelegenheit dazu. Die Fliegen und der Zucker haben freilich eine andere Form — aber die Wirkung ist dieselbe. Eine Wolke auf der schönen Stirn der Baronin? Es scheint, die Fliegen belästigen sie. Vierte Scene. Scarpa. De Ramsay. D'Estillac. D'Esti ll. Ercellenz, Ihr Ball ist reizend. Rams. Ein herrlicher Abend. Scarpa. Sie sind sehr genügsam, meine Herren. Was sagen Sie zu dem Stern, der mein einfaches Fest verschönt? D'Estill. Ein Stern? Rams. Welcher Stern? Scarpa. Ich meine die Baronin Palmer. Rams. Ah! D'Estill. Die Baronin Palmer ist der Stern? Sehr gut! Scarpa. Sie ist wunderhübsch, nicht wahr? D'Estill. Wunderhübsch, wie Sie sagen. Scarpa. Und wenn cs ihr einfällt, sich wieder zu verheiraten — wird es ihr nicht schwer fallen — Rams. Natürlich — bei einer so auffallenden Schönheit. Scarpa. O, sie hat noch etwas für sich. D'Estill. Was denn? Scarpa. Man hält sie für reich. Rams. Man hält sie für reich? D'Estill. Euer Ercellenz haben gesagt, man hält sie für reich? Scarpa. Ich habe es gesagt. Rams. Ich glaube, daß der Reichthum der Baronin Palmer außer aller Frage stehe? D'Estill. Die Einen geben ihr mehr, die Andern weniger — aber Alle sagen, daß sie außerordentlich reich ist. Scarpa. Und Sie glauben das, und die Welt glaubt es auch. Rams. Ihr Mann war der reichste Banquier von Birkenfeld. Ist sie nicht seine Universalerbin? Scarpa. Meine Herren, wissen Sie noch nicht, welche Rolle der Credit spielt? Die Papiere steigen, die Papiere fallen. Wenn man seine Casse zusperrt, hat mau oft einen Schatz darin, wenn man sie aufmacht, findet man nichts, als Papiere. Jeder Banquier hat zwei Vermögen:', ein wirkliches und ein scheinbares. D'Estill. Nun? Scarpa. Bei Palmer's Tode ist das eine verschwunden, das andere ist der Witwe geblieben. Rams. In was besteht das? Scarpa. In — nichts. D'Estill. Das ist wenig. Scarpa. Sehr wenig — nicht wahr? Sehr wenig, allein was liegt daran? Die Baronin Palmer ist schön. Wir sind in Paris, in der ritterlichsten Stadt der Welt, und cs wird Niemand einfallen, eine schöne Frau zu fragen: Wie viel Mitgift haben Sie? (Er verbeugt sich und sagt im Abgehen für sich.) Spitzt eure Klauen, Ihr Herren Pariser. (Ab.) y Fünfte Scene. , D'Estillac. De Ramsay. Ra ms. Was sagen Sie dazu, D'Estillac? , D'Estill. Seine Ercellenz ist boshaft, , sehr boshaft. Ra ms. Zum Glück sind wir aber fein. D'E still. Ich denke, wenn der Gesandte zufällig seine Frau verlöre, so würde die Baronin Palmer und ihr scheinbares Vermögen bald einen Bewerber mehr haben. De Rams. Sie glauben doch nicht im Ernst, daß er im Stande wäre, seine Frau bei Seite zu schaffen, um wieder heiraten zu können? D'Estill. Das sag' ich gerade nicht — Rams. Bis jetzt ist die Dame noch immer gesund — D'Estill. Folglich können wir ihretwegen ruhig sein — beschäftigen wir uns nur mit dem Gesandten. Wenn ich beabsichtigte, mich um die Hand der Baronin Palmer zu bewerben, so würde mich Frondeville mehr beunruhigen. Rams. Es ist wahr — er verläßt sic keinen Augenblick. D'Estill. Er behauptet sie schon zu kennen — will sie vor drei Monaten in Baden kennen gelernt haben. Er spricht aber auf sonderbare Weise von dieser Bekanntschaft, und lächelt so zweideutig — Rams. Glauben Sie, daß er wirklich im Stande wäre, sie compromittiren zu wollen, und sie dadurch zu zwingen, ihn zu heiraten? Wäre er fähig, sich ihrer Gunst laut zu rühmen? D'Estill. Laut? Nein, aber — leise. Dieser Frondeville ist ein gefährlicher Mensch, und außerordentlich geschickt. Er hat sich mehrmals geschlagen, und die Duelle hatten immer einen sehr unglücklichen Ausgang — für seine Gegner nämlich. Das muß man sich merken. Rams. Sie wollen doch nicht sagen, daß er den Leuten nicht Zeit läßt, sich zu vertheidigen, und sie verrätherischer Weise verwundet. D'Estill. Das sag' ich gerade nicht. Aber Sie haben eine merkwürdige Weise, die Worte aufzufassen, wenn man von Leuten spricht, die für Ihre Nebenbuhler gelten könnten. Ich glaube, der Mann, der Ihnen in's Gehege ginge, müßte sich auf einen fürchterlichen Krieg gefaßt machen. Rams. Und was hätte der zu erwarten, der Ihnen in's Gehege ginge? D'Estill. Herr von Ramsay — Rams. Herr D'Estillac! D'Estill. Reden Sie offen, haben Sie Lust zu heiraten? Rams. Wahrscheinlich. Und Sie? D'Estill. Vielleicht! — Ein Diener (meldet an der Seitenthür rechts). Der Herr Graf Prar. D'Estill. Graf Prar? — Ich habe wohl falsch verstanden? (Lucien kommt aus dem Ballsaal, bleibt im Hintergründe stehen, und hört zu.) Rams. Der Graf Prar. Sie haben ganz recht gehört. D'Estill. Dann muß er noch mehr betrunken sein als gewöhnlich, und muß das Gesandtschaftshotel für ein Kaffeehaus genommen haben. Rams. Sie glauben doch nicht, daß er im Stande ist, sich so zu betrinken, daß er auf der Straße zusammenfällt, und die Nackt unter freiem Himmel zubringt? l D'Estill. Das sag' ich gerade nicht. l ^ Sechste Scene. Vorige. Lucien (kommt vor). Luc. Dann haben Sie Unrecht, Herr ! D'Estillac. - Rams. Herr von Mere! Luc. Der Graf Prar ist neulich die halbe Nacht der Länge nach mitten auf der , Straße gelegen, l D'Estill. Ist es wahr? 1 'j 7 Luc. Am folgenden Tage hatte er ein rheumatisches Fieber. Rams. Kein Wunder. Auf dem kalten Pflaster die ganze Nacht — Luc. Um fünf Uhr Früh fahren die Wagen zu Markte, denken Sie, die sind Alle über ihn weggesahren. Rams. Nicht möglich. Luc. Sie glauben mir nicht? Fragen Sie ihn selbst, da ist er. Siebente Scene. Vorige. Prar. Prar.Guten Abend, Lucien. D'Estillac, ich grüße Sie. Um was sollen Sie mich fragen? Rams. Ich, um gar nichts. Prar. Also Sie, D'Estillac? DE still. O, ich nicht. (Lucirn srtzt sich auf's Sopha.) Prar. Ramsay, Sie haben da ein wunderbares Gilet. D'Estillace, das Ihre ist abscheulich, aber Sie, Ramsay, Sie bebewundere ich! Erröthen Sie nicht, es ist ja nichts Unrechtes, ein wunderbares Gilet zu haben. Aber was Teufel, warum gehen Sie Arm in Arm mit Ihrem Schneider spazieren? Noch dazu auf dem Boulevard, zur Stunde, wo die ganze elegante Welt versammelt ist? Rams. Ich, was fällt Ihnen ein? Prar. Freilich ist's so. Man hat Sie gesehen, man hat Sie gehört. Er nennt Sie beim Taufnamen, Edmund! Man hat mir noch andere schöne Dinge erzählt — ich weiß mich nur nicht recht zu besinnen — (Ramsay will fort, er hält ihn zurück.) Warten Sie, warten Sie, cs fällt mir schon ein. Der gute Schneidermeister Borniche begnügt sich nicht damit, daß die Meisterwerke, die aus seinen Händen kommen, in der feinen Welt paradieren. Nein, er will auch dabei sein. Er mißbraucht seine Gewalt über Sie — Sie sollen ihm fabelhafte Summen schulden, und deshalb zwingt er Sie, ihn als Abschlagszahlung — spazieren zu führen, ihm Ihren Arm zu leihen. Rams. Das ist ein Scherz. Prar. Nein — es ist ein Geschäft wie jedes andere, für einen Spaziergang auf dem Boulevard — ein Gilet. Für einen Spaziergang im Gehölz — eine Unaussprechliche. Für einen Abend in der großen Oper — einen ganzen Anzug. Rams. Ich weiß nicht, wer diese Dinge erfindet? Prar. An Ihrer Stelle, Herr von Ramsay, würde ich ihn übervortheilen. Was versteht so ein Schneider. Ich würde ihm Vorschlägen, ihn bei einer Marquise auszuführen, für — einen mit Seide gefütterten Winterrock. Und wissen Sic, wem ich ihn dann vorstellte? Der Sängerin Armande — für einen Schneider kann sie schon die Marquise spielen. D'Estill. Herr Graf! Prar. O, D'Estillac ist eifersüchtig! D'Estill. Ich, eifersüchtig? Die ganze Welt weiß, daß ich die Verbindung mit Armande satt habe. Armande langweilt mich. Prar. O, das ist ein häßliches Wort, D'Estillac. Wenn ich das Armanden wieder sagte, wie würde die Sie auszanken — vielleicht noch mehr. Man sagt, sie wäre flink mit der Hand. D'Estill. Wer sagr das? Prar. Ich nicht — denn mich hat sie niemals geschlagen. Aber es ist merkwürdig, wenn man sie im Anfänge Ihrer Bekanntschaft mit Armanden sah, so nannte man sie bei ihrem Nameu, und wenn man Armanden sah, sagte man, das ist D'Estil- lac's Geliebte. Jetzt ist das anders — man nennt Armanden bei ihrem Namen, und wenn man Ihnen begegnet, sagt man, das ist Armandens Geliebter. D'Estill. Was soll das bedeuten? Prar. Das bedeutet, früher gehörte Armande Ihnen und jetzt gehören Sie ihr. Man muß sich in Acht nehmen, die französische Sprache hat gewisse Feinheiten — Ä 3 D'EsttN. Kennen Sie die? Prar. Wir Deutsche haben eine eigene Gabe, uns fremde Sprachen anzueignen. (Er seht sich zu Lucien.) Ramsay (leise zu D Estillac). Kommt Der auck, um zu heiraten? D' Estill. Wozu wäre er sonst hier? (Beide ab in den Ballsaal.) Achte Scene. Lucien, Prar. (Beide fitzen auf dem Eanapö.) Prar. Lucien, Du bist traurig. Luc. Ich? Nein. Prar. Du bist traurig, und das betrübt mich. Ich war ausgelassen lustig, als ich hieherkam, aber wenn ich Dich traurig sehe, werde ich trostlos. Luc. Du weißt, daß ich seit drei Monaten nicht mehr recht lustig bin. Prar. Liebst Du Fräulein d'Aurrey noch immer? Luc. Noch immer. Prar. Du hast mir gesagt, die Heirat wäre aufgeschobcn, nicht aufgehoben —. Luc. So hoffe ich. Prar. Und die Ursache dieses Aufschubes? Luc. Ist ein Geheimniß. Prar. Es gibt zweierlei Geheimnisse. Die Einen muß man für sich behalten, die Andern muß man in alle Winde streuen. Jst's eines der letzteren, dann theile es mir mit. Ich schwöre Dir, ehe zehn Minuten vergehen, soll es die ganze Welt wissen, sogar die Bedienten und Kutscher. Ich öffne das Fenster und ruf' es ihnen hinab. Luc. Mein Geheimniß ist eines von denen, die man für sich behalten muß. Prar. Dann sage es mir nicht, wenigstens jetzt nicht. Luc. Wenn es nur allein mich beträfe, hätte ich cs Dir längst mitgetheilt. Alles, was ich Dir sagen kann, ist — ich reise morgen nach Baden. Prar. Zu welchem Zweck? Jetzt ist ja Niemand dort. Luc. Ich will einige Erkundigungen einziehen. Vielleicht kann ich dort die Hindernisse aus dem Wege räumen, welche meine Heirat verschieben. Prar. Wie lange wirst Du ausbleiben? Luc. Acht Tage — vierzehn Tage — vielleicht einen Monat — so lange es nö- thig ist. Prar. Armer Lucien! Doch auch ich hätte Ursache, traurig zu sein. Als ich vom Tische aufstand, fing Corilla an mich zu lieben, mich sehr zu lieben! Ich bin überzeugt, jetzt betet sie den Dermontoff an. Du kennst doch Dermontoff? Der reiche Russe, dessen Vermögen kein Ende nimmt. Ein anbetungswürdiger Mann! Mir hat er einen Degenstoß gegeben, aber einen so hübschen, daß ich nur auf die Gelegenheit warte, ihn wieder weiter zu geben. Luc. Bist Du der Baronin Palmer vorgestellt worden? Prar. Ist sie da? Luc. Ja. Prar. Ist sie ganz — von Gold? Luc. Ich glaube nicht. Prar. Schade! Eine Frau von Gold, mit diamantenen Augen, das könnte mir gefallen. Luc. Sie ist nicht von Gold, sie hat keine diamantenen Augen, aber sie ist sehr schön. Prar. Kennst Du sie? Luc. Ich war ein Jahr lang bei der Gesandtschaft in Birkenfeld. Der Baron Palmer lebte damals noch, und ich war oft in seinem Hause. Prar. Höre, weißt Du, warum man mich Hieherberufen hat? (Figg tritt ein.) Luc. Ich nicht, frage Herrn Figg. 9 ^ Neunte Scene. 2 Vorige. Figg. K Figg. Sie sind schon hier, Herr Graf? T Ich will Seine Ercellenz sogleich benack- » richtigen. ^ Prar. Herr Figg, wissen Sie nicht, i was mir Seine Ercellenz mitzutheilen hat? i Figg. Ich weiß nur, daß es etwas ^ Ernstes ist, etwas sehr Ernstes. Z Prar. Etwas sehr Ernstes! Glauben H Sie, daß er am Ende gar — meine Meinung wissen will, über das Ende der Welt? i Soll ich ihm vielleicht sagen, auf welche Weise dieser Zerstörungsprozeß stattfinden 1 wird? Das wäre ernst, j Figg. O nein. « Prar. Das ist traurig. Denn das wäre 4 die einzige ernstliche Unterhaltung, deren Z ich in diesem Augenblicke fähig bin! Ueber das Ende der Welt werde ich Alles sagen, ^ was man von mir verlangt, und ich weiß, j ich werde vom Nordpol sprechen, von den ^ Eisbergen — Figg. Herr Graf, ich bitte Sie — Z Prar. Herr Figg, ich schwöre Ihnen, Z jedes ernste Gespräch ist mir unmöglich, Z wenn ich nicht früher zehn Minuten schlafen ^ kann. Figg. Jst's nur das, Herr Graf? Dann ist Alles gut. Schlafen Sie eine Viertelstunde lang, wenn Sie wollen. Prar. Wo? (Er steht auf.) Festst loffnet die Seitenthür links). Hier in diesem kleinen Salon. Niemand wird Sie stören, ich werde Seiner Ercellenz sagen, Sie wären noch nicht da. Prar. Sie retten mich, Herr Figg. Lucien, Dir vertrau' ich meinen Schlummer an. Bewache diese Thür, und wenn Jemand — Du lächelst so traurig; gibt cs denn wirklich Liebesschmerzen? — Herr Figg, waren Sie jemals verliebt? F > gg- Herr Graf, diese Frage — Prar. Waren Sie verliebt? Figg. Nun — ja. Prar. Haben Sie auch gelitten? Figg. Je nun manchmal — wie alle Welt. Prar. Wie alle Welt! Also nur ich bin von diesem Sckmerz ausgeschlossen! Luc. Er wird Dich auch erreichen. Prar. Ich bin nicht mehr so jung, und sehe auch nickt aus wie die Männer, die sich von einer großen Leidenschaft hinrcißen lassen. Luc. Es wird Dir das geschehen, was allen Denen geschieht, die eine Lebensweise führen wie Du. Du wirst Dich eines Tages in ein Frauenzimmer verlieben, das weder jung, noch hübsch, noch — tugendhaft ist. Du wirst Dick bis zum Wahnsinn in sie verlieben, und sie wird Dich auslachen. Prar. Eine angenehme Prophezeiung. Und so kur; vor dem Schlafengehen — das wird hübsche Träume verursachen. (Er geht links ab.) Zehnte Scene. Lucien. Figg. Figg. Wir wollen die Thür zulehnrn — so, jetzt kann er ruhig schlafen. Ist das nicht Herr Mazeray, der hieherkommt? Luc. Ja wohl. Figg. Dann gehen wir lieber. Mazeray (kommt aus dem Ballsaal, und zeigt sich unangenehm berührt, wie er die Beiden sieht)- Luc. Warum? Figg. Weil es angenehmer ist, freiwillig zu gehen, als sich auf höfliche Weise fort- schicken zu lassen. (Er zieht sich zurück.) Eilfte Scene. Vorige. Mazeray. Maz. (etwas verlegen). Guten Abend, mein Herr! (Lucien verbeugt sich.) Die Baronin Palmer ist wirklich reizend. Haben Sie sie gesehen? 10 Luc. Noch nicht, mein Herr! Maz. (lebhaft). Dann gehen Sie doch in den Ballsaal. Es wird Ihnen zwar Mühe kosten, in ihre Nähe zu gelangen, denn eine dreifache Mauer von schwarzgekleideten Herren umringt sie. Aber die Mühe wird Sie nicht reuen. Luc. (lächelnd). Ich werde diese schwarze chinesische Mauer zu durchdringen suchen. (Er drückt ihm die Hand und geht mit Figg in den Ballsaal.) Zwölfte Scene. Mazeray (allein). Endlich sind Sie fort! Alles beschäftigt sich mit der Baronin Palmer — der Augenblick wäre günstig — warum kommt sie nicht? Unsere Blicke hatten sich doch soeben begegnet, und es schien mir— Ah! da ist sie! Dreizehnte Scene. Mazeray. Louise. Maz. Dank, daß Sie gekommen! Louise. Hören Sie mich. Maz. Ich bringe mein Leben damit zu, auf die wenigen Augenblicke zu warten, wo ich Sie allein sprechen kann. Louise. Ich habe Ihnen etwas zu sagen. Maz. Ich auch. Ich will Ihnen sagen, daß ich — Louise (unterbricht ihn). Habe ich Ihnen nicht verboten, diese Worte anszusprechen? Maz. Es ist wahr— und ich danke Ihnen dafür. Ich darf Ihnen diese drei Worte nicht sagen, dafür bleiben mir tausend andere. Wenn ich auch sage, was mir in den Mund kommt, Sie müssen doch fühlen, daß Alles denselben Sinn hat, daß mich nur ein Gefühl durchströmt. Louise. Mazeray! Maz. Wenn ich Ihnen sage: das ist ein hübscher Abend, dieser Walzer ist schön, der Mann ist gut gewachsen — so wissen Sie wohl, daß mir an dem schönen Abend, an dem Walzer und an dem Manne nichts liegt, und daß ich das nur sage — Louise. Wie viele Worte! Maz. Weil ich die drei Worte nicht sagen darf. Louise. Um ein Ende zu machen, erlaube ich Ihnen, sic einmal auszusprechen. Maz. Nur einmal. Louise. Ja, nachdem Sie gehört, was ich Ihnen zu sagen habe; aber unter einer Bedingung. Maz. Welche? Louise. Sie m üffen mich ruhig anhören. Maz. Sprechen Sie! Louise. Ich will von Ihnen reden. Maz. Von mir allein? Louise. Ja, von Ihrer Zukunft. Maz. O, die ist nicht zweifelhaft! Ich liebe Sie heute, und morgen werde ich Sie tausendmal mehr lieben. Das ist meine Zukunft. Louise. Habe ich Ihnen nicht verboten? Maz. Sie haben mir soeben erlaubt, einmal dürfte ich es sagen. Louise. Nachdem Sie gehört, Sie hören aber nicht. Maz. Ja doch, ja doch! Sprechen Sie. Louise. Eines von uns wenigstens muß vernünftig sein. Ich bin es. Maz. Ihr Alter gibt Ihnen das Recht dazu. Eine achtzehnjährige Diplomatin — Louise. Genug des Scherzes. Bei dem Spiel, das wir spielen, kann ich viel verlieren und Sie nichts gewinnen. Maz. O! Louis. Ich sehe, Sie verstehen mich. Ich läugne nicht, daß ich Sie gerne höre, allein ich will diesem Vergnügen nicht ein ganzes Leben opfern, nicht das Ihre. Sie sollen mir eine glänzende Stellung, ein Vermögen verdanken. Maz. Was sollen mir diese? Louise. Lassen Sie mich sprechen. Es n I bietet sich ein.e Gelegenheit, man muß'sie ^ ergreifen. ß Maz. Ick verstehe Sie nicht. Louise. Indem ich Sie zu Ihrem Glücke zwinge, werde ich leiden; ich läugne ^ cs nicht. Aber ich werde stark sein, und Sie ^ auch, denn ich will es. Maz. Was wollen Sie? Sprechen wir vernünftig. Ist ein guter Schneider nicht eine gute Sache? Rams. Noch besser ist's aber, wenn Htatn-Repertoirr. Rr. 124, man die Kleider zu tragen weiß, die einem dieser Schneider macht. Prar. Ganz Ihrer Meinung. Ein Mann, der ein Kleid zu tragen versteht, kann auf Alles Anspruch machen. Man hat Unrecht zu sagen: In diesem Manne steckt der Stoff zu einem Minister. Man sollte sagen: Auf diesem Manne ist der Stoff eines Ministers. Rams. Auf diesem Manne? Vortrefflich! (Er lacht.) Prar. Und besonders über die Frauen trägt der gut gekleidete Mann den Sieg davon. Man mag noch so sehr dagegen eifern, bei einer hübschen Frau macht die gut gebundene Schleife einer Cravatte mehr Wirkung, als vier gut geschriebene Bände über den unterseeischen Telegrafen. Rams. Wenn ich nur wüßte, wo Sie hinauswollen? Prar. Das sollen Sie gleich erfahren. Wenn Sie den unfehlbaren Geschmack, den Ihnen die Natur verliehen, nutzbar- machen, wenn Sie eine Art »Brummcl« werden, kurz, mit Ihrem Schneider in Verbindung treten wollten, so würden Sie Ihren Mitlebenden einen großen Dienst erweisen. Es würde gewiß in der Geschichte ausgezeichnet werden, man habe es Ihnen zu verdanken, daß in unserer Zeit auf dem Boulevard eine Gattung gut gekleideter Männer herumgingen, welche von den Frauen angebetet wurden. Rams. (verblüfft). Das hätte man mir zu danken? Prar. Ihnen! Ist das nicht eine schöne Zukunft? Rams. Das heißt — ich würde doch lieber die Baronin Palmer heiraten. Prar. Sic würden — gewiß sind Sie Ihrer Sache also noch nicht? — Rams. Nein — aber ich kann es ja versuchen. Prar. Was wird aber ans dieser Heirat werden, wenn Borniche alle die Wechsel producirte, die er von Ihnen seit so lan- ? ger Zeit erhalten hat, und Sie noch heute Abend in's Gefängniß führen ließe? Ra ms. Heute Abend? Pr ar. Noch heute Abend. Er hat es mir selbst gesagt. Rams. Glauben Sie im Ernst, daß er im Stande wäre, das zu thun? Prar. Sie sind ihm durchaus noth- wendig, er kann Sie nicht entbehren und ist Alles im Stande, um Sie zu zwingen, zu ihm zurückzukehren. Warten Sie nicht, bis er Sic zwingt, gehen Sie lieber freiwillig hin. Rams. Ich muß wohl, wenn er, wie Sie sagen, die Absicht hat — Prar. Gehen Sie zu ihm, und verlassen Sie ihn nicht mehr. Bei ihm erwartet Sie das Glück, Reichthum, ein Ruf. Ehe sechs Monate vergehen, haben die Mode- Journale einen großen Mann aus Ihnen gemacht. Das ist mehr werth, als wenn Sie zwischen D'Estillac und Frondeville spazieren gehen. Elfterer verspottet Sie, und Frondeville siebt Sie über die Achsel an. Rams. Wenn D'Estillac mich verspottet, so verspotte ich ihn. Frondeville scheint wohl einige Rechte auf die Baronin Palmer zu haben, und könnte es übelnehmen — Prar. Welche Rechte? Rams. Er hat vor einem Monat einige Worte fallen lassen, welche er nach und nach ergänzte. Er hat die Baronin Palmer schon in Baden gekannt, und ein Bedienter soll Frondeville des Morgens gesehen haben, früh — sehr früh — Prar. Sagte er das? Rams. Er gibt es zu verstehen. Ich glaube übrigens, daß er sehr geneigt ist, Alles durch eine Heirat gut zu machen. Prar. Herr Frondeville hat vor Allem ein Geschäft zu beendigen, welches ihn vielleicht verhindern wird, an's Heiraten zu denken. Rams. Ich will mit der Baronin sprechen, von ihr Abschied nehmen. Prar. Thun Sie das, mein Herr. Dritte Scene. Vorige. Frondeville. (Allgemeine Begrüßung.) Fron dev. (zu Ramsay). Haben Sie vielleicht die Absicht, die Baronin Palmer auf- zusuchen? Rams. Mein Herr, entschuldigen Sie — Frondev. Wenn ich nicht irre, so wünscht die Baronin in diesem Augenblicke allein zu sein. Rams. (ist etwas eingeschüchtert, erholt sich aber aus einen Wink von Prax). Wenn Sie erlauben, so will ich die Baronin selbst darum fragen. Frondev. Mein Herr! (Er macht eine drohende Bewegung, Prax hält ihn zurück, Ramsay geht ab.) Vierte Scene. Prar. Frondeville. Prar. Wenn er Lust hat, schlecht empfangen zu werden, lassen Sie ihm dieses Vergnügen. Wollen Sic nicht einige Augenblicke bei mir bleiben, Herr von Frondeville? Frondev. Entschuldigen Sie, Herr Graf, aber ich habe nicht die Ehre zu Ihren Bekannten zu zählen. Prar. Was macht das? Sie wissen wohl, wie rch meine Abende zubringe? Frondev. Ja wohl, aber ich sehe nicht — Prar. Ich schwäre Ihnen, daß mich meine Lebensweise sehr zugänglich gemacht hat. Ich habe mich gewöhnt, nicht nur mit Leuten umzugehen, die ich nicht kenne, sondern sogar mit Leuten, die ich sehr gut kenne, und das ist viel schwieriger. (Siesetzen sich an den Tisch in der Mitte.) Es ist mir oft geschehen, daß ich Jemand gegenüber saß, wie ich Ihnen jetzt gegenüber sitze, mein theurer Herr von Frondeville, und daß ich zu mir sagte: Aber warum sprichst 19 Du denn eigentlich mit diesem Menschen? Du weißt doch, daß er ein — Spitzbube ist. Fron dev. Sie haben das — zu sich gesagt? Prar. Ja und sehr oft. Bei Soupers oder — anderswo — Man kommt mit so vielerlei Leuten zusammen! Aber da ich im Grunde ein guter Kerl bin, so lachte ich darüber. Man muß in unserer Zeit sehr nachsichtig sein. — Ich langweile Sie doch nicht, mein Herr? . Frondev. Nickt im Geringsten. Prar. Die Spitzbuben sind jetzt sogar in großem Vortheil. Sie können ihre Schlechtigkeiten ausüben, ohne daß man darüber erstaunt oder entrüstet ist. Man sagt einfach, sie verstehen ihr Handwerk gut. Im Falle Sie mich nicht ganz verstehen, möchte ick Ihnen gerne ein Beispiel. Frondev. Ich glaube Sie zu verstehen, aber ich bitte Sie um das Beispiel, welches mir das Vergnügen gewähren wird, Sie länger zu hören. Prar. Sie sind sehr gütig. Setzen wir also den Fall, ein Mann hätte aus dieser oder jener Ursache den lebhaften Wunsch, eine Frau zu heiraten. Frondev. O! Prar. Sie hören mir doch zu? Frondev. Mit aller Aufmerksamkeit. Prar. Setzen wir den Fall, dieser Mann erfände einen Roman, baute, zwei oder drei Zufälle benützend, ein Lügengebäude auf, umspänne nach und nach die Frau mit seinen Verleumdungen, und sagte dann plötzlich: Sie haben jetzt nur die Wahl zwischen einem verlorenen Ruf oder einer Heirat mit mir. — Wenn der Mann, von dem ich spreche, bis dahin ehrlich war, so wird man ihn mit Zorn, mit Verachtung überschütten, und alles Mögliche thun, um sein Vorhaben zu verhindern. Wenn er aber ein Spitzbube ist, sieht man ihm mit gekreuzten Armen lächelnd zu, denn er übt eben sein Handwerk aus. Man bemüht sich, nur zu sehen, ob er es auch versteht, verfolgt mit den Augen die Mienen, die er anlegt, bis sie eines Tages platzen, und die Frau in den Abgrund stürzt.— Das heißt, wenn sich dem Verräther nicht plötzlich ein Mann in den Weg stellt, der ehrlich oder verrückt genug ist, diese unterirdische Arbeit zu unterbrechen. Frondev. (sieht ihn fest an). Herr Graf, Sie sprechen sehr gut. Prar. Es freut mich, daß Sie dieser Ansicht sind. Frondev. Ihre Unterhaltug hat mir ein lebhaftes Vergnügen bereitet, und Sie können es mir nicht verdenken, wenn ich mich nach einer Fortsetzung derselben sehne. Prar. Ich stehe stets zu Diensten. Frondev. Statt jedoch hier weiter zu plaudern, wäre es vielleicht besser, wenn wir uns in den Wald begäben, der nur zehn Minuten von hier entfernt ist. Prar. Wie es Ihnen gefällt. Frondev. Ich denke, Sie werden eben so viel Vorsicht besitzen, als Geist — Prar. Sie meinen? Frondev. Ich meine, daß es besser ist, Waffen mitzunehmen, wenn man in einen Wald geht. Man könnte ein Abenteuer haben. Prar- O, ich werde Ihnen beweisen, wie vorsichtig ich bin; ich werde Waffen mitnehmen und sogar — mich von zwei Personen begleiten lassen. Werden Sie nicht dasselbe thun? Frondev. Wir dürfen jedoch nicht zugleich fortgehen. Es sind nicht so viele Leute bei der Baronin Palmer, um es möglich zu machen, daß sich sechs Männer entfernen, ohne bemerkt zu werden. Prar. Gut, mein Herr, gehen Sie voraus. Herr D'Estillac wird hieherkom- men, ich habe ihm einige Worte zu sagen, dann folge ich Ihnen. Frondev. Ich erwarte Sie in einer Stunde, mein Herr. Prar (sieht auf seine Uhr). In einer Stunde. Frondev. (grüßt und geht). r* 20 Fünfte Scene. Prar (allein). Es ärgert mich, wenn ich einem Schurken begegne, der Muth hat, denn es verhindert mich, ihn ganz zu verachten. Im Ganzen genommen ist Frondeville ein annehmbarer Gegner. Ich habe ihn zwar nur im Fcchtsaale gesehen, Andere aber sind ihm gegenübergestanden. Zum Glück bin ich bei Laune und Kraft, ich will es versuchen. ihm den Degenstich Dermontoff's beizubringen. Ich hoffe, meine Regierung wird mit mir zufrieden sein. Sechste Scene. Prar. D'Estillac. D'Eitill, (im unzufriedenen Tone). Sie wünschen mich zu sprechet, Graf? Prar. Ja, ich möchte, daß Sie mir erklären, ob Sie böse auf mich sind. D'Effill. Böse? Weshalb? WegenAr- mande? Es wäre der Mühe werth, sich über solche Dinge zu ärgern! Dann muß ich Ihnen bemerken, daß Sie mir die Dame erst abgenommen haben, als ich beschlossen hatte, sie zu verlassen. Prar. Wahrscheinlich, weil Sie daran denken, die Baronin Palmer zu heiraten? D'Estill. Ja, das war der Hauptgrund. Ucbrigens hat man mir immer mehr Leidenschaft für Armande zugetraut, als ich je für sie fühlte. Ihre Stimme zog mich an. Sie hat eine wunderbare Stimme. Prar. Ah! D'Estill. Ihre Stimme zog mich an; aber das Uebrige — Prar. Das ist immer so. An der Frau, die wir lieben, sind uns hundert Dinge glcichgiltig, aber zum Unglück ist es die hnnderteinte Eigenschaft, die uns an Sie fesselt. D'Estill. Mich fesselte gar nichts, und jverm mich auch etwas angezogen hätte. jetzt bin ich frei. Glauben Sie daher ja nicht, daß ich Ihnen zürne. Prar. Ihr Blick straft Ihre Worte Lügen. (Lustig.) Reichen Sie mir die Hand, D'Estillac, Sie haben keine Ursache, mir zu zürnen. Ich war bei Armande, das ist wahr, aber nur, um ihre Klagen anzuhören. D'Estill. Ihre Klagen? Prar. Ich habe versucht, sie zu trösten, aber es war unmöglich! D'Estill. Sie trösten? Ist sie denn traurig? Prar. Sie ist trostlos. D'Estill. Warum? Prar. Seit zwanzig Tagen hat Sie sie nicht gesehen. D'Estill. Seit zweiundzwanzig Tagen. Prar. Sie haben Sie gezählt? — Sie sollten zu ihr gehen. D'Estill. Nein. Wenn ich meinen Fuß über ihre Schwelle setzte — Prar. So würden Sie die Schwelle hier nicht mehr betreten. D'Estill. Das weiß ich nicht, aber ich möchte mich dem nicht aussetzen. Prar. Sie müssen zu ihr gehen. Sie müssen! — Sie besitzt einen Brief von Ihnen, in welchem Sie ihr schwören, daß Sie sie auch lieben werden, selbst wenn Sic diese Heirat mit der Baronin Palmer schließen. D'Estill. Armande hat Ihnen diesen Brief gezeigt? Prar. Ja, und erklärt, daß. wenn Sie nicht heute im Laufe des Tages zu ihr kommen, sie Abends der Baronin Palmer Ihren Brief überschickt. D'Estill. O! Prar. Das ist eine unzarte Handlung, aber ich konnte sie nicht davon abbringen. Sie besteht darauf. Ist das nicht abscheulich? D'Estill. Es ist verzeihlich. Das arme Mädchen handelt nur so, weil sie mich liebt. Prar. Wissen Sie das gewiß? 21 D'Estill. O, ich habe Beweise! Sie wissen, ich bin musikalisch. Denken Sie, ich muß ihr alle Arien einstudiren, ich muß mit ihr singen, und versuchen die Stimme des Sängers nachzuahmen, mit dem sie Abends spielen muß. Prar. Ah, das ist wirklich ein Beweis von Liebe! D'Estll. Neulich mußte sie eine Scene spielen, wo sich der Sänger als Pierrot verkleidet. Denken Sie, ich mußte das vollständige Kostüm eines Pierrots anziehen, und die Scene mit ihr durchgehen. Prar flachend). Armande hat sich den Spaß gemacht, Sie als Pierrot zu sehen? D'Estill. Als Pierrot, das Gesicht mit Mehl bestäubt. Prar (für sich). Im Alter von fünfundvierzig Jahren! O, Lucien, deine Prophezeiung liegt mir auf dem Herzen! (Laut.) Sagen Sie mir D'Estillac, aber sagen Sie mir die Wahrheit — Sie haben, glaube ich, immer ein etwas leichtfertiges Leben geführt? D'Estill. Ganz wie Sie, Graf, ganz wie Sie! Das heißt, Ihre Gegenwart gleicht meiner Vergangenheit. Prar (für sich). Sollte seine Gegenwart meiner Zukunft gleichen? D'Estill. Ich eile zu Armande. Ich muß den Streich verhindern, die Närrin wäre im Stande ihn auszuführen. Siebente Scene. Vorige. Madelainc. Madel. Ich bin froh, daß ich Sie hier finde, Herr D'Estillac. Man hat mir ein neues Lied zugeschickt, welches mir sehr hübsch zu sein scheint. Setzen Sie sich an's Elavier und ich will es singen. D'Estill. Ich bin trostlos, Frau Baronin, aber ich habe soeben eine Nachricht erhalten, und muß augenblicklich nach Paris. Madel. Wer hat Ihnen diese Nachricht gebracht? D'Estill. Der Herr Graf. Madel Und ist es nothwendig, daß Sie so schnell forrfahrcn? D'Estill. Ich muß augenblicklich fort, und bitte daher mich zu entschuldigen. Madel, beben Sie wohl, mein Herr. D'Estill. Frau Baronin — Herr Graf — (Er verbeugt sich und geht.) Achte Scene. Madelaine. Prar. Madel, (legt das Lied aus den Tisch). Vor einer Viertelstunde hat Herr von Ramsay eben so plötzlich Abschied genommen. Ich glaube, ich sehe die beiden Herren nicht wieder. Prar. Bedauern Sie- Madel. Daß ich das Lied nicht singen kann? Ja, Herr D'Estillac hätte mich begleitet. Prar. Ich werde mich an's Elavier setzen und versuchen, Ihnen diesen Dienst zu leisten. Madel. Gut. Aber es ist merkwürdig, es scheint, daß ein eigenes Verhängniß alle Diejenigen erreicht, welche mir die Ehre erweisen, sich mit mir zu beschäftigen. Von all' Denen, die mich täglich besuchten, sah' ich sehr Diele gar nicht mehr. Erinnern Sie sich an Herrn Bornet? Am Tage nach dem unglücklichen Spazierritt war er verschwunden. Prar. Ein unglücklicher Zufall zwang ihn, vor Ihnen ein Pferd zu besteigen. Sic haben genug darüber gelacht. Madel. Ein unglücklicher Zufall wollte, daß Herr von Marsac mich gerade immer in dem Augenblicke besuchte, wo ich Geld für die Armen sammelte. Prar. Es geschah ihm zum zehnten Male; er hat auch ein sehr betrübtes Gesicht dazu gemacht. Madel. Am folgenden Tage war er verschwunden, und Dank irgend einem andern unglücklichen Zufall mehrere» Herren ebenfalls. Heute entfernen sich Herr von 22 Ramsay und D'Estillac. Finden Sie das nicht sonderbar? Prar. Was denn? Madel. All' diese unglücklichen Zufälle. Besonders da Sie Derjenige waren, der mir die Idee in den Kopf setzte, Herrn Bornet zu einem Spazierritt einzuladen, Sie waren cs, der, so oft Herr vonMarsac mich besuchte, an meine Collecte für die Armen mich erinnerte — Prar. Sie wollen mir doch nicht zu verstehen geben — Madel. Daß Sie alle diese unglücklichen Zufälle hcrbeigcführt haben? Ja, das will ich. Prar. Und wenn es so wäre, würden Sie mir darüber zürnen? Madel. Ich sage nicht, daß ich Ihnen zürnen würde, aber ick suche einen Grund und finde keinen. Prar. Es wäre doch so leicht, einen zu finden. Madel. Welchen? Prar. Vielleicht ein wenig Eifersucht. Madel. Eifersüchtig, Sie? Prar. Ja. Madel. Eifersüchtig auf mich? Prar. Auf Sie allein nicht, aber auf alle Frauen. Ich habe einen unglückseligen Charakter. Es genügt, mich in Wuth zu versetzen, wenn eine Frau irgend einem Andern als mir eine Aufmerksamkeit erweist. Die Zeit und der Raum sind kein Hinderniß bei dieser Narrheit. Ich hasse den Mann, den eine Frau liebt, welche zweitausend Meilen von hier entfernt ist, und ich glaube, ich habe dem Marcus Antonius bis heute noch ,licht die Leidenschaft verziehen, welche er einstens der Königin Cleopatra eingeflößt hat. Madel. O, das ist eine häßliche Krankheit. Prar. Nicht wahr? Madel (lachend). Es ist nicht möglich, mit mehr Prätension zu sagen, daß Sie Niemand lieben. Prar. Gott sei Dank! Madel, (am Klaviere). Das ist eine häßliche Krankheit. Ich erinnere mich an einen Mann, der auch daran litt, und ohne Zweifel ernstlicher als Sie. Er besaß schon in früher Jugend Alles, was er zu seinem Glücke brauchte, und doch war er nicht glücklich. Er hatte sein Haus mit Rcichthümern angefüllt, und dennoch weinte er, weil cs ihm leer schien. Da zog die Liebe in sein Herz, und er bemerkte, daß, um die Leere des Hauses auszufüllen, nichts fehlte, als die Frau seiner Liebe. Der Mann ist derjenige, dessen Geist Sie rühmten, dessen Namen ich trage. Er selbst hat mir seine Leiden erzählt, und mir gesagt, daß sie an dem Tage aufhörten, an welchem er anfing mich zu lieben. An Ihrer Stelle würde ich seinem Beispiele folgen, das würde Sie heilen. Von dem Tage an, wo Sie eine Frau lieben, werden Ihnen die Andern alle gleichgiltig werden, selbst die Königin Cleopatra, und Sie werden dann ohne Zweifel auch dem Marcus Antonius verzeihen. Prar. (nimmt das Lied und betrachtet es) Eine Frau lieben? Das Mittel ist sehr einfach. Madel. Ganz einfach, wie Sie sehen, versuchen Sie es. Prar. Wollen Sie singen? Madel. Ja. (Prax setzt sich an s Klavier, Madelaine stellt sich neben ihn und fingt.) Lied. Prar. Arb, Madelaine, Madelaine? Madel. Sprechen Sie mit mir? Prar. Entschuldigen Sie, die Musik — das Lied ist Schuld, ich hatte den Kopf verloren. (Er steht aus.) Madel. In der That, es scheint so. Prar. Entschuldigen Sie, ich bitte! Jetzt habe ich ihn schon wieder gefunden. Madel. Haben Sie mir nicht gesagt, wenn ein ehrlicher Mann mich liebte, würde er sich wohl hüten, es mir zu gestehen? Prar. Sie erinnern sich noch daran? ) 2 '1 k 23 Madel. Wie Sie sehen. Meinen Sie, daß mein Vermögen diesen ehrlichen Mann bestimmen würde, zu schweigen? Prar. Ja. Madel. Dann würde mich dieser ehrliche Mann nicht lieben. Prar. O! Madel. Ich sage Ihnen, er würde mich nicht lieben. Bin ich in Ihren Augen denn so unbedeutend, daß mein Vermögen um so viel mehr wiegt? Vielleicht habe ich das Recht ein wenig stolz zu sein. Vielleicht darf ich glauben, daß meine Person bemerkt zu werden verdient, trotz meinem Vermögen. Und wenn der Rahmen noch so prachtvoll ist, verdient das Bild an sich selbst nicht auch, daß man es betrachtet? Ich will bescheiden sein. Ich gebe zu, daß für die Gleichgiltigen das Bild nichts ist, und der Rahmen alles für die Gleichgiltigen, aber nicht für den, der mick liebte. Es wäre eine traurige Liebe, wenn dieser Mann an irgend etwas Anderes dächte, als an mich, wenn er mich nicht so sehr liebte, um vergessen zu können, daß ich reich bin. Wenn ich arm wäre, würde er mich dann auch nicht genug lieben, um cs ver-I gessen zu können? Prar. O, wenn Sie arm wären. Madel. Nicht wahr? Wenn man selbst reich ist, und sich zu einer Frau herabläßt, die nichts hat, dann ist das eine schöne Handlung? Man kann stolz darauf sein, sich selbst achten und verehren, und vielleicht nennen Sie das lieben. Ich aber glaube, daß die Liebe keinen Stolz kennt, und kein Hinderniß beachtet, sei es um hinauf- oder hinabzusteigen. Der Mann, der sich znrückhalten läßt, weil die Frau, die er zu lieben vorgibt, eine untergeordnete Stellung einnimmt, liebt gewiß nicht. Aber der, der vorgibt eine Königin zu lie^ den, und schweigt, weil diese Frau eine Königin ist, liebt eben so wenig. Wenn mich ein Mann nicht genug liebt, um mein Vermögen darüber vergessen zu können, so liebt er mich nicht wirklich und beleidigt mich. (Kleine Pause.) Sie antworten mir nicht? Prar. Was soll ich Ihnen antworten? Alles was Sie gesagt haben, ist sehr wahr, aber — Madel. Aber? Prar. Aber — aber. Ein Mann sprach gegen das Duell; er sprach eine Stunde lang, und sehr gut, dann ging er hin und schlug sich mit Jemand, der ihm etwas lebhaft widersprochen hatte. — Es gibt Dinge, gegen die man nichts thun kann. Alles was Sie gesagt haben, ist sehr wahr, aber es verändert das nicht, was ist. Madel Es verändert nichts? Prar. Gar nichts. Und das ist ein Unglück. (Ein Diener kommt und bringt der Baronin eine Karte.) Prar (für sich). Wer Du auch seist, ich danke Dir, daß Du gekommen bist. Madel, (liest die Karte). Herr Lucien de Mere — ist das nicht Ihr Freund? Prar. Mein bester Freund; kennen Sie ihn? Madel, (zum Diener). Herr de Merä ist willkommen. Neunte Scene. Vorige. Lucien. Luc. Frau Baronin — . Prar. Lucien?! Luc. Wie geht es Dir? Prar. Darum muß man Dich fragen. Bist Du fröhlicher als vor einem Monat? Wie steht's mit deiner Heirat? Luc. Ick hoffe, ich werde bald heiraten. Prar. Deine Reise war also nicht unnütz? Luc. O nein. Madel. Woher kommen Sie, mein Herr? (Aus ein Zeichen von ihr setzen sich alle Drei.) Luc. Aus Baden, Frau Baronin. Sie werden ohne Zweifel überrascht sein, wenn ich Ihnen sage, daß ich mich dort nicht nur 24 mit meiner Heirat, sondern auch sehr viel mit Ihnen beschäftigt habe. Madel. Mit mir? . Luc. Vor drei Monaten waren Sie in Baden — Madel. Ja. Luc. Ich habe erfahren, daß kein Tag verging, an dem Sie nicht eine Wohlthat ausübten. Madel: Mein Herr! Luc. O, läugnen Sie es nicht, die Berichte, die ich erhielt, sind verläßlich. Sie gaben sich Mühe, diese schönen Handlungen zu verbergen. Daraus schließe ich, daß eine schöne Handlung, die mich sehr interessirt, und deren Urheber unbekannt ist, auch von Ihnen ausgeübt wurde. Madel. Ich dachte, der Hauptgrund Ihrer Reise war Ihre Heirat? Luc. Ja, Frau Baronin, und von meiner Heirat ist eben die Rede. Madel. Ich verstehe Sie nicht. Luc. Ich will mich deutlicher erklären: Vor drei Monaten reiste ein sehr junger Mann, der bei einem Banquicr angestellt war, durch Baden. Er hatte eine bedeutende Summe Geld bei sich, welche seinem Hause gehörte, nicht ihm. Er betrat den Spielsaal, verlor eine Kleinigkeit, und hielt inne. Das Orchester spielte einen Walzer, dieser ging ihm zu Kopfe, und machte ihn fast trunken. In seiner Thorheit fing er wieder an zu spielen, und warf Geld und Bankbillets hin, bis der Walzer wieder aufhörte; dieß brachte ihn zu sich, er hörte auf, aber es war ihm nichts übriggeblieben oder wenigstens so viel als nichts. Er kehrte in sein Hotel zurück, und beschloß, sich eine Kugel durch den Kopf zu jagen. Doch das Erste, was ihm in die Augen fiel, war eine noch größere Summe als die, die er verloren hatte. Sie lag auf seinem Tische. Der unbekannte Wohlthäter hatte sich wahrscheinlich in der Zahl geirrt. PaI (welcher auf seine Uhr gesehen, steht ans und sagt zur Baronin). Entschuldigen Sie, Frau Baronin — Luc. Was hast Du? Prar. Ich habe Herrn Frondeville gebeten, einen Auftrag zu vollziehen, und ich brenne vor Begierde, das Resultat zu erfahren. (Ab.) Zehnte Scene. Madelaine und Lucien. Luc. Hat ihn meine Geschichte verscheucht? Madel. Ich glaube nicht. Graf Prar liebt die schönen Handlungen, und die, die Sie soeben erzählten, ist schön, sehr schön. Luc. Bis jetzt hat sich die Person, die sie ausgeübt hat, sehr wohl verborgen, aber man ruhte nicht, man gab sich alle Mühe, um sie zu entdecken. Madel. Und ist es gelungen? Luc. Frau Baronin, glauben Sie, daß ich Ihnen diese Geschichte erzählte, um Sie zu unterhalten? Die Wohlthäterin sind Sie! (Er steht aus.) Madel, (steht auch auf). Ich? Luc. Ja, Sie! Madel. Diesen Schluß habe ich nicht erwartet. Aber Sie irren sich, ich bin es nicht, die den jungen Mann gerettet hat. Luc. Ich verstehe, (sie wollen es nicht eingestehen. Wenn Sie wüßten, wie mich die Sache interessirt. Ich beschwöre Sie — Madel. Aber ich bin es nicht. Luc. Vielleicht vertrauen Sie mir, wenn ich Ihnen Alles sage. Der junge Mann ist der Bruder von Fräulein Leonie d'Auvray, welche ich heiraten will. Er hat Alles eingestanden. Leonie's Vater, dessen Bedenken zu besiegen ich umsonst versucht habe, hat erklärt, daß er an unsere Heirat nicht denken könne, bis er die Person entdeckt hat, welche seinen Sohn gerettet, bis er seine Schuld an sie — abgetragen. Nachdem ich Ihnen die Personen genannt, werden Sie einsehen, daß Sie gestehen müssen, Frau Baronin. Sie sind es, nicht wahr? Madel. Ich schwöre Ihnen, daß Niemand von mir erfahren wird, was Sie mir 8 soeben erzählt haben. Mehr kann ich nicht K sagen. M Luc. Sie sind cs nicht?" Madel. Ich bin es nicht. Luc. Ich falle aus den Wolken. Ich glaubte es so sicher — . Madel. Es wird Ihnen am Ende doch gelingen, zu entdeckeil — Luc. Leoniens Bruder ist noch in Baden. Er forscht noch immer. Vielleicht hat er bis jetzt den Namen der Person schon ^ erfahren. Ich erwarte heute einen Brief F von ihm. Man wird ihn mir hierhcr- F bringen. Bewegt Sie das auch nicht einzu- ^ gestehen? Bald werden Sie nicht mehr läug- nen können. Sind Sie es wirklich nicht? Madel. Würde ich denn noch schweigen, ; wenn ich cs wäre? Luc. Warten wir denn auf diesen Brief. Madel. Vielleicht bringt ihn Herr Figg? Er kommt sehr eilig. Luc. Wirklich, er läuft — da muß etwas geschehen sein. Eilfte Scene. Vorige. Figg (durch die Mittklthür). Figg (sehr bewegt). O Frau Baronin! (Er sinkt in einen Stuhl.) Luc. Was ist geschehen, Herr Figg? Figg. Der Graf — Herr Frondcvill — ein Degenstoß — Madel. Der Graf ist verwundet? Figg. O nein. Madel. Also Herr Frondeville — Figg. Wenigstens sechs Wochen im Bette! (Er steht auf) Man hat ihn schon fortqebrachk. Madel, (für sich). Wie die Andern. (Laut.) Was ist dieser Herr Frondeville für ein Mensch? Figg. Wissen Sie es nicht? Dann werden Sie es erfahren. Jetzt ist er wohl für einige Zeit ungefährlich aber das wird viele Zungen in Bewegung setzen. Nehmen Sie sich in Acht. Die, denen er Furcht kinflößte, werden jetzt mehr sagen, als wahr ist, und — Madel. Er war also gefährlich? Figg. Ja, sehr gefährlich. Madel. Und der Graf hat sein Leben auf's Spiel gesetzt, um ihn zu entfernen? Figg. O, Graf Prar ist tapfer, sehr tapfer. Mad. Das weiß die ganze Welt. Figg. Aber die ganze Welt weiß nicht, daß er gut ist, so gut! Wenn man es nur sagen dürfte, aber er würde böse werden. Madel. Wissen Sie, warum er sich geschlagen hat? Figg. Ich? Ich weiß nichts davon. Madel. Sie lachen? Figg. Ich habe weiße Haare, Frau Baronin, und verstehe mich auf derlei Dinge nicht. Einmal vielleicht — aber jetzt habe ich es vergessen. Madel. Suchen Sie sich zu erinnern — ich möchte den Grund wissen — Figg. Ah! Wenn sich der Graf geschlagen hat, so ist's gewiß wegen — — Zwölfte Scene. Vorige. Prar. Madel, (stößt einen Schrei aus, sucht aber gleich ihre Bewegung zu bemustern, mit zitternder Stimme). Nun, Graf, Ihr Auftrag — Prar. Ist besorgt. Madel. Um was handelte es sich? Prar. Um nichts. Madel. Nichts? Prar. Um nichts. Aber warum sehen mich Alle so ernst an? Welches Gespräch habe ich unterbrochen? Mad. Sie haben sich geschlagen, Graf? Prar. Ich? Mad. Mit Herrn Frondeville, warum wollen Sie es nicht eingestehen? Prar. Hat Ihnen Herr Figg gesagt — Madel. Herr Figg hat uns aber den Grund nickt gesagt. Prar (freudig) Ah? Madel. Aber Sie werden ihn uns sagen, nicht? Prar. Ich? Das ist unmöglich. 26 Madel. Warum? Prar. Warum — warum! Ich werde es Herrn Figg niemals verzeihen, daß er mich in eine solche Lage gebracht hat.— Wissen Sie nicht, daß ich Graf Prar bin? Haben Sie die Wirkung vergessen, die dieser Name auf Sie machte, als ich ihn zum ersten Mal aussprach? Ein Monat genügt nicht, um mich zu ändern. Es ist wahr, ich habe mich mit Herrn Frondeville geschlagen, aber ich würde mir niemals erlauben, Ihnen den Grund unseres Zankes zu sagen. Madel. Herr von Merö, ich bitte Sie um Ihren Arm. Luc. (im Abgrhcn). Ich wollte wetten, daß nicht ein wahres Wort an dem ist, was er Ihnen da zu verstehen geben will. Madel, (bleibt stehen, sieht Prax an, und geht dann mit Lucien ab). Dreizehnte Scene. Prar. Figg. Figg (für sich). Wenn man sich alle Mühe gibt, sich einer Frau zu nähern, und wenn man bei ihr ist, Alles sagt, was ihr unangenehm sein kann, so behaupten Leute, die sich darauf verstehen, daß das der Beweis von wahrer Liebe ist. Prar. Glauben Sie, daß die Baronin mir zürnen wird, Herr Figg? Figg. Ich glaube im Gegentheil, daß sie Ihnen sehr dankbar sein wird. Prar. Ach, Herr Figg, warum sind nicht Sie der Besitzer dieser unglückseligen zwanzig Millionen? Vierzehnte Scene. Vorige. Scarpa. Scarpa. Graf, unsere Geschäfte gehen schlecht. Prar. Nicht so sehr. Das war im Gegentheil ein gnter Tag. Frondeville, Ram- say, D'Estillac sind beseitigt. Es wird noch lange dauern, bis die Baronin Palmer wieder heiratet. Scarpa. Ihre Heirat ist beschlossen. Prar. Was sagen Sie? Scarpa. Die Baronin Palmer heiratet Herrn Mazeray. Prar. Wie? Mazeray? Scarpa. Alle Welt spricht davon, und Sie wissen nichts? Meine Frau hat diese Heirat gestiftet. Es ist ihr gelungen, die Baronin Palmer zum Schweigen zu vermögen, und sie hat sich dann beeilt, dieses Schweigen für eine stumme Einwilligung zu erklären. Prar. Wir werden gegen Ihre Frau kämpfen. Scarpa. Gut, aber wie? Prar. Wie, das weiß ich noch nicht. Dieser Mazeray ist schwer anzugreifen, er ist jung, reich, wohlerzogen, vollkommen ehrenhaft. Wenn er wenigstens eine schwache Seite hätte, bei der man ihn fassen könnte. Gibt's denn kein Mittel, um zu verhindern — Figg (leise). Es gibt eins. Prar. Welches? Figg (wie oben). Herr Mazeray ist wahnsinnig in eine verheiratete Frau verliebt. Prar. Wir sind gerettet. Herr Figg weiß — Scarpa (verächtlich). Herr Figg weiß etwas. — Was weiß denn Herr Figg? Prar. Mazeray liebt eine verheiratete Frau. Scarpa. Wenn er eine andere Frau liebt, warum willigt er dann ein, die Baronin zu heiraten? Zieht ihn ihr großes Vermögen an? Figg. O nein. Prar. Ich glaube auch nicht, daß Mazeray dessen fähig ist. Ich glaube vielmehr, daß die Frau ihn nicht wiederliebt, oder wenn sie ihn liebt, ihre Pflichten beachtet. Scarpa. Sie wollen sagen, daß sic ihn nicht erhört? Prar. So ist's. 27 Scarpa. Das genügt. Wer ist diese Frau, Herr Figg? (Er nähert sich ihm.) Figg (erschrocken). Diese Frau? Scarpa. Ja. Figg. Ich weiß es nicht. Scarpa. Ihr Wissen ist immer unvollständig. Aber was liegt daran, ich werde es entdecken, ick, das kleinste Zeichen genügt mir, die Spur eines Fußes auf dem Sande, ein abgebrochener Zweig im Walde. Ich kenne nur einen Mann, der ein noch stauneuswertheres Talent hat, etwas zu entdecken, das ist der Fürst von Birkenfeld, unser Herrscher. Eines Tages gefiel es ihm, ein Liebesgeheimniß zu erfahren, er entdeckte, daß die Liebenden sich in einem Zimmer befanden, welches nur eine Thür hatte, ließ diese Thür versperren und würdigte sich herab, sein allerhöchstes Auge an das Schlüsselloch zu legen. Auf diese erfinderische Weise erfuhr er, was er wissen wollte. (Er lacht, wendet sich um und sieht Ngg's ernstes Gesicht.) Nun, Herr Figg, ist diese Anecdote nicht originell genug, um Ihnen ein Lächeln zu entlocken? Figg. Ich glaubte, sie wäre noch nicht zu Ende. Scarpa. Sie ist zu Ende. — Sagen Sie der Frau Baronin, daß ich sie zu sprechen wünsche, und verlieren Sie Herrn Mazeray nicht aus den Augen. Wenn Sie bemerken, daß er eine Frau besonders ansieht oder leise mit ihr spricht, sagen Sie es mir sogleich. Figg. Ich werde nicht ermangeln. (Will ab.) Scarpa. Herr Figg! Figg. Ercellenz? Scarpa. Wenn ich in Zukunft eine Anecdote erzähle, so lachen Sie meinethalben schon beim ersten Wort. Es ist immer besser, wenn Sie zu früh und am Anfänge einer Geschichte lachen, die ich erzähle, als wenn Sie nicht lachen, wenn ich eine Geschichte beendet habe. Figg- Ich werde gehorchen, Ercellenz. Fünfzehnte Scene. Scarpa. Prar. Prar. Sie haben einen Plan? Scarpa. Einen Plan, der uns retten soll. Lassen Sie mich handeln. Prar. Diese Liebe kann uns nützlich sein. Scarpa. Ich weiß, was zu thun ist. Lassen Sie mich nicht aus den Augen, Prar, beobachten Sie jedes meiner Worte, jede Bewegung, jeden Blick meiner Augen. Sie werden sehen, was die Menschen für armselige Marionetten sind, wenn sie in die Hände eines Diplomaten gerathen, der die Fäden zu leiten versteht. Sechzehnte Scene. Vorige. Die Baronin Scarpa. Louise. Dn wünschest mich zu sprechen? Scarpa. Ja, meine Liebe. Ist es wahr, daß Du die Baronin Palmer beredet hast, Herrn Mazeray zu heiraten? Louise. Ja, ich habe es gethan. Scarpa. Das war wohl nur ein flüchtiger Wunsch, beiläufig wie eine Seifenblase. Du hast Dir vorgenommen, diese Heirat zu schließen, so wie Du Dir des Abends vornimmst: »Morgen werde ich ein schwarzes oder ein buntes Kleid tragen.« Louise. Du täuschest Dich. Scarpa. Ganz Europa erkennt an, daß ich mich niemals täusche, aber was gilt die Meinung von ganz Europa einem Kinde gegenüber? Louise. Ich habe ernste Ursachen, um diese Heirat zu wünschen. Scarpa (lächelnd). Ernste Ursachen. Louise. Die ernstesten. Scarpa. Ich kann mir denken, welch' ernste Ursachen deine achtzehn Jahre da hcrausgefunden haben. Aber lasse Dir sagen, mein Kind, es gibt Sandkörner, die 28 eine Welt ausmachen, und wie leicht ein Brautschleier auch ist, es hängen oft schwere Interessen daran. Louise. Was willst Du damit sagen? Scarpa. Nicht mehr, als ich gesagt habe. Diese Heirat ist unmöglich. Erstens liebt Mazeray die Baronin Palmer nicht. Louise. Wie, Du weißt? Scarpa. Wir wissen es. Nicht wahr, Prar? Prar. 3a, wir wissen es. Scarpa. Er liebt eine Andere. Louise. Wie, Du weißt auch —^ Scarpa. Wir wissen es. Nicht wahr, Prar? Prar. Ja, wir wissen es. Scarpa. Er liebt und wird geliebt. Louise. Dem ist nicht so. Scarpa. Man hat ihm widerstanden, er hat den Muth verloren. Aber wenn wir ibm sagen werden: Errathen Sie denn nicht, was die arme Frau bestimmt hat, Ihnen zu sagen, daß sie Sie nicht lieben kann? Wie sie gelitten hat, als sie Ihnen befahl, sich von ihr ferne zu halten? Prar. Sie hat geweint, aber er hat ihre Thränen nicht gesehen. Scarpa. Er hat sie nicht gesehen, aber ich werde es ihm sagen — Louise (für sich). Kaum halte ich mich mehr. — Scarpa. Verstehen Sie denn nicht, werde ick zu ihm sagen, daß diese Heirat eine Probe ist, und wenn Sie setzt vor diese Frau hintreten, die Sie lieben — Prar. Und die Sie liebt — Scarpa. Wenn Sie ihr sagen werden: Ich konnte die Baronin heiraten, aber ich wollte nicht — Prar. Die Baronin Palmer ist schön, sie ist reich. Scarpa. Und ich wollte sie nicht heiraten. Verstehst Du nicht, daß diese Frauen einem solchen Opfer, einem solchen Beweis von Liebe nicht widerstehen kann? Prar. Sehr gut. Scarpa. Sic kann nicht widerstehen. Louise. Du irrst — Sie wird widerstehen. Scarpa. Du kennst sie, wie es scheint? Kennst Du sie so genau, um für sie gutstehen zu können? (Kleine Pause.) Du schweigst? So werde ich sprechen. Louise. Wenn Du gesprochen haben wirst, so wird es so sein, wie gewöhnlich — gerade, als ob Du gar nicht gesprochen hättest. Und daß es so ist, ist ein Glück für alle Welt. (Ab.) Siebzehnte Scene. - Prar. Scarpa. Scarpa. Was sagt sie da? Prar. Sie ist ein wenig erzürnt, weil Sie Ihre Pläne durchkreuzen wollen. Scarpa. Ist die Frau, die Mazeray liebt, hier? Praz. Herr Figg sag! so. Scarpa. Eh' eine Stunde vergeht, will ich, daß Mazeray ihr zu Füßen liegt. Prar. Die Sache ist gut eingeleitet. Scarpa. Ich bin mit mir zufrieden. Prar. Es ist nur Eins zu bedenken. Finden Sie nicht, daß wir mit der Tugend einer Frau ein etwas leichtes Spiel treiben? Scarpa (schnalzt mit den Fingern). Bah! Prar. Und ihr Mann? Scarpa (schnalzt wieder mit den Fingern). Bah! Prar. Denken Sie wirklich so leicht darüber? Scarpa. Das sind Kleinigkeiten, welche für gewöhnliche Menschen von Wichtigkeit sein mögen, aber ein Mann, der über Europa wacht, kann darauf kein Gewicht legen. Er hat nur auf Eins Rücksicht zu nehmen, Einem Alles zu opfern, seinem Staat! Und dann — (Er lacht.) Prar. Was dann? Scarpa. Vergessen Sie nicht, es sind hier drei oder vier Notabilitäten aus Birkenfeld, es wäre ja möglich, daß einen von 29 ihnen das Loos getroffen hätte. Der konnte sich gratuliren, er hätte seinem Lande einen Dienst erwiesen. Prar. Könnte er dafür nicht eine Belohnung verlangen? Scarpa. Warum nicht? Der dicke Baron Spandler wünscht schon lange den Verdienstorden. Prar. Das wäre eine gute Gelegenheit — Scarpa. Erwarten Sie mich hier, ich will mit Mazeray sprechen. (Ab.) Prar (allein). Es lebe Seine Ercellenz! — Wieder Einer, der sie nicht heiraten wird. (Er fingt.) Achtzehnte Scene. Prar. Madelaine. Madel. Sie haben gesungen? Prar. Es ist möglich. Ich singe oft, ohne es zu bemerken. Besonders wenn ich vergnügt bin. Madel. Ich will diese gute Laune benützen. Graf, sind Sie mein Freund? Prar. Ich? Madel. Sie zaudern? Das heißt den Zweifel weit treiben. Prar. Ich zaudere nicht, Fran Baronin, ich bin Ihr Freund. Madel. Nun — wenn sich ein Moment darböte, wo es sich entscheiden müßte, ob die Freundschaft oder die allgemeine Eifersucht, von der Sie mir soeben erzählten — stärker sei, welches Gefühl von beiden würde die Oberhand gewinnen? Prar (für sich). Wo will sie hinaus? Madel. Nun? Prar. Bei meiner Treue, Fran Baronin, ich weiß cs nicht! Madel. Wir werden cs erfahren. Die Gelegenheit ist da, ich habe Sie um einen Dienst zu bitten. Prar. Sprechen Sie. Madel. Ich muß gestehen, ich befinde mich in einer verwickelten Lage. Von einer Seite umgeben mich ehrliche Männer, welche mein Reichthum zum Schibeigen zwingt — von der andern Seite Leute, die nicht so zart denken, und die gerade mein Reichthum veranlaßt zu sprechen — sehr viel zu sprechen. Ich will letzteren um jeden Preis entkommen, und deshalb bin ich entschlossen, dem Stillschweigen jener, die nicht genug sprechen, ein Ende zu machen. Ich weiß, welcher Gefahr ich mich aussetze; einige unglückliche Erfahrungen haben mir bewiesen, daß ich allein nicht Kraft genug habe, all' den Schlingen zu entgehen, die man mir legt. Meine Unwissenheit will daher den Geist eines Mannes zu Rathe ziehen, welcher zwar noch jurg ist, aber eine so reiche Lebenserfahrung besitzt, daß er auf den ersten Blick den Ehrenmann vom Abenteurer, den Mann, der mich liebt, von dem Manne, der nur meinen Reichthum liebt — unterscheiden kann. Und der Mann, auf den ich rechne, dem ich vertraue — sind Sie! Prar. Ich? Madel. Ja, Sie! Sehen Sie sich die Leute an, die mich umgeben, sehen Sie sie gut an, denn mein Schicksal liegt in ihren Händen. Am Tage, wo Sie mir sagen werden : »Das ist ein Ehrenmann, das ist ein Mann, der Sie liebt,« werd' ich Ihnen glauben, unbedingt glauben. Prar. Ich? Ich soll Ihnen den Mann bezeichnen — Madel. Ja, das ist der Dienst, um den ich Sie bitten wollte. Prar. Ich soll — hätte ich das gewußt, würde ich nicht gesungen haben. Mad. Sie wollen meine Bitte nicht erfüllen? Prar. Durchaus nicht. Madel. Es steht also fest: Die Eifersucht ist stärker, als die Freundschaft? Prar. Verlangen Sie von mir was Sie wollen — aber etwas Anderes. Madel. Ich verlange nur das Eine. Wollen Sie? Prar. Nein. Madel. Gut, dann Hab' ich nur noch Folgendes zu sägen: Da Sie nicht für mich wählen wollen, so will ich selbst wählen. Aber ich wünsche, daß der, den ich wählen werde, von den sonderbaren Zufällen verschont bleibe, von denen ich vor einer Stunde mit Ihnen sprach. Sollte das nicht geschehen, so werde ich es nicht nur als eine Kriegserklärung gegen den Mann meiner Wahl betrachten, sondern auch'gegen mich selbst, und dieser Krieg wird nicht lange dauern. (Sir geht ab.) Prar. Den Mann ihrer Wahl? Sollte sie wirklich schon gewählt haben? Neunzehnte Scene. Prar. Scarpa. Scarpa (kommt durch die Mittelthür und nähert sich dem Grafen). Graf, sie sind gefangen. Prar. Wer? Scarpa. Wir werden erfahren, wer die Frau ist, die Mazeray liebt. Ich bin ihnen gefolgt, aber die Nacht ist so finster, ich konnte sie nicht erkennen. Sie sind da drinnen. (Bezeichnet die Thür links.) Prar. Da? Scarpa (geht zur Thür links). Ja, und sie können nicht heraus. Ich habe Herrn Figg befohlen, die Thür, durch die sie ein- getreten sind, zu schließen. Prar. Sehr klug. Scarpa. Rühren Sie sich nicht, ich will horchen. Er spricht von der Heirat, die er geopfert hat. Prar. Dannüst's Mazeray. Scarpa. Die Frau spricht nicht. Soll ich durch's Schlüsselloch sehen? Prar. Da sich unser Fürst selbst gewürdigt hat — Scarpa. Ich wette, es ist die Frau des dicken Spandler. Prar. Hoffen wir es zu seinem Besten. Scarpa (fikht durch's Schlüsstlloch und fährt zurück). Dl Prar. WaS gibt's? Scarpa. Meine Frau! Prar. Sie sagen — Scarpa. Meine Frau! Prar. Sie? Sie wären derjenige — (Gr zwingt sich ernst zu bleiben.) Eines kann Sie trösten, es geschah znm Besten Ihres Landes. Scarpa (ruft). Licht! Licht! Prar. Beruhigen Sie sich, Ercellenz. Scarpa. Nein, ich will Licht haben, Llcht! Prar. Was wollen Sie thun? (Carl bringt Lichter und stellt sie aus den Tisch links.) Scarpa. Oeffne diese Thür, Carl, beide Flügel, (ßs geschieht.) Und jetzt geh'! (Carl ab.) Zwanzigste Scene. Vorige. Madelaine und Lucien (ans der Thür links). Madel. Wir kommen heraus, wie Sie sehen, und warten nicht, bis man sich die Mühe gibt, uns zu holen. Prar. Sie? Sie und Lucien? Scarpa. Was soll das heißen? (ßr stürzt in das Seitenzimmer, kommt wieder heraus, und steht Lucien und Madelaine an.) Niemand, Waren nur Sie Beide in dem Zimmer? Madel. Da Sie mich dazu zwingen, muß ich es wohl gestehen. Wir waren allein. Scarpa. Sie? Es ist unmöglich. Ich habe doch recht gesehen? Ich habe den Mann sprechen gehört. (Zu Lucien.) Sie wa ren es nicht, ich bin Ihnen ja soeben gefolgt. Luc. Ich weiß, daß Sie uns gefolgt sind, Herr Baron, ich habe Sie gleich erkannt. Scarpa. O! — Herr Figg! Herr Figg! 3! Einundzwanzsgste Scene. ^ Vorige. Figg. ^ Figg. Herr Baron — 2 Scarpa. Sie haben also nicht die Thür > geschlossen, wie ich es Ihnen gesagt habe. § Figg. Ja doch, da ist der Schlüssel, j Scarpa. Sie haben sie geschlossen, so- H bald ich es Ihnen gesagt hatte? Figg. Ja. Madel, (leise). Sie sind nicht nur klug, ; Sie sind herzensgut, Herr Figg. Scarpa. Aber der Mann, der da . drinnen war, hat der Frau geschworen, daß er sie liebt — Ich habe es gehört — Madel, (leise zu Lucien). So antworten i Sie doch. l Luc. Es ist wahr'— warum sollt' ich es ^ laugnen? Ich habe der Frau Baronin ge- Z schworen — i Prar. O! 3 Scarpa. Er sprach von einem Opfer, Z von einer Heirat — Madel. Wissen Sie nicht, daß Herr von Merö eine andere Dame heiraten ' sollte? Scarpa. Ja — aber — . Madel. Und er hat mir da drinnen ge- > sagt, daß er meinethalben diese Heirat auf- i gibt, Sie haben ganz recht gehört. Luc. (leise zu Madelaine). Verzeihen Sie! Ich hätte nicht die Kraft gehabt, das zu sagen. Madel, (ebenso). Deshalb habe ich es - gesagt. Scarpa. Herr Figg — Figg. Ercellenz — Scarpa. Wo ist meine Frau? Figg. Die Frau Baronin hat sich eingeschloffen, sie ist leidend. Scarpa. Seit wann? Figg. Beiläufig seit einer halben Stunde. ! Kurz pachdem sie mit Euer Ercellenz gesprochen. Prar. Herr Figg — Figg. Herr Graf? Prar (leise). In einer Stunde reise ich ab. Wenn Sie mir erwas zu schreiben haben, schreiben Sie mir nach Alexandrien in Egypten. Ich will dorthin. Figg. Ucbereilen Sie sich nicht, Herr Graf. Prar. Es ist mein fester Entschluß. Figg. Haben Ercellenz sonst keine Frage an mich zu stellen? Scarpa. Nein, Herr Figg. Figg (leise zuPrax). Uebereilen Sie sich Nicht. (Rechts ab ) Zweiundzwanzigste Scene. Prar. Scarpa. Lucien. Madelaine.' Luc. (leise zu Madelaine). Wir retten die Baronin, und das ist recht. Allein wir haben einen Andern dadurch sehr unglücklich gemacht Madel. Glauben Sie? Luc. (bezeichnet Prax). Sehen Sie ihn an, er ist zu bemitleiden? Madel. Was soll ich thun? Luc. Ein so heftiger Schmerz verdient wohl ein gütiges Wort. Madel. Soll ich ihm vielleicht zu Füßen fallen und ihm eine Erklärung machen? Luc. Sie sollten fast — warum sind Sie Millionärin? Scarpa. Es ist merkwürdig. Ich hätte geschworen, daß es Mazeray war. Luc. Sie sehen, daß ich es war. Ist das nicht Beweis genug? Scarpa. Beweis sind meine eigenen Augen. : Luc. Vielleicht ist Ihnen etwas in das Au ge gefallen? Scarpa. Ja — mir ist etwas ins Auge gefallen. Madel, (leist zu Lucien). Er ist noch nicht überzengt. Luc. Lassen Sie mich's vollenden. (Zum Baron.) Ich will zur Frau Baronin gehen und fragen, wie sie sich befindet. 32 Scarpa. Ich gehe mit Ihnen. Ick muß erfahren — Luc. (leise zu Madelaine). Sagen Sie ihm nur ein Wort. Ich liebe auch, und weiß daher, was er leidet. (Scarpa und Lucien ab.) (Prax erhebt den Kopf, und wie er fleht, daß er mit Madelaine allein ist. steht er aus, verbeugt sich und geht. Madelaine will nach, will sprechen, rafft sich aber zusammen und bleibt.) (Der Vorhang fällt.) Dritter Lei. (Derselbe Dekoration.) Erste Scene. Madelaine (fitzt an einem Tisch, Prax tritt ein). Madel, (geht ihm einen Schritt entgegen und sagt mit zitternder Stimme). Herr Graf, ich ließ Sie zu mir bitten — Prar. Was wünschen Sie, Frau Baronin? Madel. Ick wollte Sie noch einmal sprechen, bevor Sie scheiden. Prar. Wahrscheinlich wollen Sie mir Ihre früheren Worte in's Gedächtniß zurückrufen? Madel. Welche Worte? Prar. Sie sagten mir: Sie hätten die Absicht, selbst zu wählen. Wenn Sie in dem Augenblick, wo Sie mir das sagten, noch nicht gewählt hatten - so haben Sie sich sehr schnell entschieden. Madel. Hätte ich schlecht gewählt? Prar. Lucien? — Nein. Gewiß nicht. Der Himmel behüte mich, über Lucien anders zu sprechen, als ich denke. Er ist ein Ehrenmann. Wenn er Ihnen gesagt hat, daß er Sie liebt, so liebt er Sie auch. Wenn er Ihnen das Mädchen geopfert hat, hie er heiraten wollte, so liebt er es nicht mehr, sondern er liebt — Sie. Sie sagten mir, Sie hätten ihn schon in Deutschland gekannt? Wahrscheinlich hat diese Liebe schon damals begonnen. Was wünschen Sie von mir? Soll ich Ihnen versprechen, daß ich nichts gegen diese Heirat thun werde? Zch verspreche es Ihnen. Madel. Sie wollen also wirklich ab- reisen? Prar. Hätten Sie mir noch etwas zu sagen? Ich habe Ihnen ja versprochen — Madel. Glauben Sie, daß Herr von Mer6 für mich paßt? Finden Sie nicht, daß er ein wenig zu ernst für mich ist? Zu sehr Diplomat? Kurz ein wenig zu alt — trotz seiner fünfundzwanzig Jahre. Ich war mit einem Greise verheiratet, ich bin jung, und die Jugend zieht mich an, kleine Thorheiten, sogar etwas Leichtsinn würde mich nicht schrecken. Es ist vielleicht unrecht, allein ich glaube, der Mensch, der leichtsinnig ist, ist gut, und er gleicht dem Ideale, das ich mir von einem Mann gemacht. Der Mann — soll sich um das Urtheil der Welt nicht kümmern, er soll ihr Lob verschmähen, und lieber die Hand sehen lassen, die das Weinglas zum Munde führt, als die, mit welcher er Wohlthaten ausübt. Prar. Glauben Sie nickt, daß das eine hübsche Vignette gäbe? In der einen Hand ein Weinglas, in der andern — eine prächtige Vignette für eine Romanze. Madel. Warum bemühen Sie sich, sich Leiden zu schaffen? (Prax lacht ) Sie lachen? Prar. Ja, ich lache, weil mir die Geschichte eines Freundes einfällt. Er war achtzehn Jahre alt. lebte auf dem Lande bei seinem Vater, und fast jede Nacht machte er sechs Meilen Weges, um eine Frau zu besuchen, die seine Geliebte war. Madel. Mein Herr — Prar.-Verbieten Sie mir nicht zu sprechen, erlauben Sie mir fortzufahren. Am Schluß der Erzählung kommt die Moral. Madel. Ich hatte vielleicht Unrecht, ! i > S ) j 1 § i 33 Ihnen zu sagen, daß ich kleine Thorheiten! liebe. Prar. Mein Freund gebrauchte alle H Vorsichtsmaßregeln. Er ging in Strümpfen H über die Treppe hinab, sattelte sein Pferd H im Finstern, und getraute sich kaum zu ath- 1 men, um die Dienstleute nicht aufzuwecken. 2 Wenn er das Pferd aus dem Stalle führte, ; bestreute er den Weg mit Stroh, dann ga- z loppirte er über geackerte Felder, oder durch 4 Gräben, um keinen Lärm zu machen, und 5 um nicht gesehen zu werden. Nun muß ich I noch bemerken, daß die Frau schon wenigstens zwanzig Liebhaber gehabt hatte, daß ^ nichts mehr zu verbergen war — und daß > der Mann der Geliebten und die ganze 1 Welt wußte, was vorging. Dennoch bestand sie darauf, daß sorgsam Stroh gestreut ^ wurde, und daß er durch Gräben ritt. ^ Ma del. Das ist die Gesc: ichte. Wo ist ^ die Moral? Prar. Die Moral ist: »Daß die Frauen ? betrügen müssen, selbst wenn es nicht noth- ; wendig ist, selbst wenn sie Niemand zu be- 2 trügen haben.« Jene, von der ich spreche, H betrog einen Schatten, weil sie in Wirklich- ß keit Niemand zu betrügen hatte. H Madel. Ich glaube vielmehr, daß die L Frau ihren Geliebten nur zwang, Komödie ^ zu spielen, um sein Vergnügen zu ver- doppeln. Sie betrog Niemand, und wollte ii Niemand betrügen, aber er glaubte Jemand zu betrügen, und diese Illusion ^ machte ihn glücklich. Den zwanzig Liebhabern, die die Frau schon gehabt hatte, verdankte sie wahrscheinlich ihre Erfahrung. Sie wußte, daß die Männer Futter . sür ihre Eitelkeit brauchen. Da sie ihren» Geliebten keine Wirklichkeit opfern konnte, so half sie sich, und opferte ihm einen < Schatten. So lege ich mir Ihre Geschichte aus. Es ist möglich, daß ich mich irre, und daß Sie Recht haben, allein warum z erzählten Sie mir die Geschichte? Glauben H Sie, daß ich Jemand betrüge? ' Prar. Warum sagten Sie mir, Sie ^ wollten wählen, da Sie doch schon ge- D ^ata-Rqxrtoirr Sk. 1»4. wählt hatten? Sie geben vor, Lucicn zu lieben. Wen betrügen Sie? Mich oder Lueien? Madel. Im strengsten Falle können Sie vermuthen, daß ich Herrn von Merä betrüge, da Sie glauben, daß er mich liebt. Prar. Sie sagen, da ich es glaube? Madel. Aber Sie betrügen, das ist schwieriger. Denn wenn mich mein Ge- dächtniß nicht täuscht, haben Sie mir nie gesagt, daß Sie mich lieben. Prar Gewiß nicht. Madel. Und das ist sehr unrecht, denn Sie könnten nichts Besseres thun. Prar. Finden Sie das? Mad. Und wenn Sie klug wären, müßten Sie es sogleich thün. Prar. Sie wollen, daß ich Ihnen sage, daß ich Sie liebe? Madel. Warum nicht? Prar. Daß ich Sie liebe, sonst nichts? Madel. Welches Spiel spielen Sie mit mir? Wenn es etwas gibt, was Sie nicht verstehen, so will ich es Ihnen erklären. Mache ich zu viel Ansprüche, wenn ich Sie zwingen will, mir ein Wort zu sagen, das Ihnen ein Recht gäbe, eine Erklärung von mir zu verlangen. Prar. Ich verlange gar nichts. Madel. Warum wollen Sie mir nicht sagen, daß Sie mich lieben? Glauben Sie, daß ich es nicht weiß? Prar. Sic wissen es? Madel. Haben Sie mir nicht seit diesem Morgen schon sehr vrele Beweise gegeben? Prar. Beweise, welche Beweise? Madel. Halten Sie mich für blind. Waren Sie cs nicht, der Herr D'Estillac und Herrn von Ramsay forlgeschickt hat? Waren Sie es nicht, der sich mit Herrn Frondeville schlug? Waren Sie es nicht, der in dem Herzen des Herrn Mazeray die Liebe wieder entzündete, welche ihn von mir entfernen sollte. Prar. Ja wohl, das Alles habe ich gethan. 3 34 Madel. Sie gestehen eS ein? Prar. Ja, ich gestehe cs ein. Aber cingestehen, daß ich das Alles gethan habe, weil ich Sie liebe, ist etwas Anderes. Es schmerzt mich, Sie enttäuschen zu müssen. Madel. Wie? Prar. Sie zwingen mich, ein Staats- geheimniß zu verrathen Ich hatte den Auftrag erhalten Sie zu verhindern, einen Franzosen zu heiraten. Man hat mich mit dieser zarten Mission betraut und ich habe bis jetzt so gewissenhaft als möglich meine Pflicht erfüllt. Madel. Das kann nicht sein. Prar. Es ist so. Madel. Unmöglich, Sie konnten nicht ein solches Spiel mit mir treiben. Prar. Wissen Sie nicht, daß ich Ge- sandtschafts-Attachä bin? Ich habe gethan, was man mir befohlen hat. Madel. Vielleicht glauben Sie Ursache zur Rache zu haben — Sie glauben, ich hätte Ihnen wehe gethan — und Sie wollen — Prar. Sie haben mir nickt wehe gethan. Madel. Sie können sich dem nicht aussetzen, was ich im Stande wäre zu thun — Prar. Sie sind schön genug, um die Wahrheit zu ertragen. Wenn ich Sie nicht liebe, so liebt Sie Lucien. Ich wiederhole Ihnen, daß ich das Alles gethan habe, weil es meine Pflicht war, und nicht, weil! ich Sie liebte. Madel. O! Siebente Scene. Vorige. Lucien. Prar. Du bist's? Luc. Ja, ich habe den Baron bei seiner Frau gelassen. Freund, ich bin überglücklich. Der Brief, den ich erwartete — Prar. Ich habe mit Dir zu sprechen, Lucien. Luc. Was hast Du mir zu sagen? Prar (wüthmd). Was ich Dir zu sagen habe? (Sich zurückhaltend.) Nichts, durchaus nichts. (Ab.) Achte Scene. Lucien. Madelaine. Lue. Was hat er denn? Madel. Sie sprachen von dem Briefe, den Sic erwarteten — Luc. Ja. Ein Diener, der von der Post kam, hat mir gesagt, daß er dort einen Brief für mich gesehen mit der Postmarke von Baden. Madel. Sie werden ihn wohl bald bekommen. Luc. Ich will selbst hineilcn — ich. kann nicht watten. Madel. Sie glauben durch diesen Brief den Namen jener Person zu erfahren? Luc. Ich bin dessen fast gewiß. Madel. Daun wünsche ich, daß dieser Name der Name eines Mannes ist. Luc. Wie, und dann? Madel. Dann — ist dieser Mann unverheiratet, so werde ich ihn fragen, ob er mich zur Frau will. Luc. Sie wollten? Madel. Ich will dem Allenein Ende machen. Wenn ich den Mann wähle, der eine solche Handlung begangen hat, so bin ich sicher, einen Mann zu wählen, dessen Namen ich mit Stolz tragen kann. Ich schwöre — Luc. Schwören Sie nicht. Sie sind in einer solchen Aufregung — Madel. Aufregung, das ist ein Wort, welches ich nicht verstehe. Ich bin im Ge- gentheil ruhig, sehr ruhig. Sobald Sie den Namen dieses Mannes wissen, theilen Sie ihn mir mit; wenn er will, wird er mein Mann. Ich schwöre cs, und ich werde diesen Schwur halten. (Ab.) 35 Neunte Scene. Lucien (allem). 3ch weiß, daß sie den Schwur halten wird, und das ist's, was mich beunruhigt. Das ist eine merkwürdige Art einen Mann zu wählen. Im Grunde aber nicht so schlecht. Wenn nur nicht das Z Glück des armen Prar im Spiele wäre; ^ was mag nur zwischen Ihnen vorgefallen ^ sein? S Zehnte Scene. Lucien. Prar. Prar. Ich habe Dir dennoch etwas zu sagen. ^ Luc. Was denn? Prar. 3ch will Dir sagen, daß wir uns schlagen müssen. Luc. Äh! Prar. Ein Duell auf Leben und Tod. Hörst Du? Luc. Ich höre. Prar. Und wenn ich Dich tödte, so werde ich nur bedauern, daß ich Dich nicht wieder lebendig machen kann, um Dich wieder zu tödten. Luc. Auf die Weise nähme es ja gar kein Ende? Prar. Du sollst mir Alles bezahlen, was ich jetzt in der Stunde gelitten habe, während ich darauf wartete, daß sie Dich verließ. Luc. Eine Stunde. Es waren höchstens fünf Minuten. Prar. Du sollst mir Alles bezahlen, — ; und ich kann Dich nur tödten! Mein Gott, « ich kann Dich uur tödten! H Luc. Ich denke, das ist schon etwas. 1 Prar. Lucien! z Luc. Sage mir ernstlich, mein Freund, I hast Du wirklich Lust, Dich mit mir zu z schlagen? z Prar (finkt vernichtet auf einen Stuhl). Es ist zu viel, mein Gott, es ist zu viel! Ich habe Unrecht, verzeihe mir. Du liebst si^ und Du hast Recht! Sie liebt Dich — um so besser. Luc. Was sagst Du da? Prar. Du warst in Deutschland. Wahrscheinlich liebtet ihr Euch schon damals, und dann hat man Euch nicht soeben überrascht, hast Du nicht gestanden — Luc. Du bist verrückt! Weißt Du nicht, daß das Alles nur geschah, um die Baronin Scarpa zu retten? Prar. Die Baronin Scarpa? Luc. Sie war da drinnen mit Mazeray. Herr Figg ließ sie entfliehen, und da der Baron doch Jemand finden mußte, so hat er mich und die Baronin Palmer drinnen eingeschloffen. Prar. Ist das wahr? Luc. Hat sie Dir denn nichts davon gesagt? Prar. Sie hat mir gesagt, daß sie sich gerne gegen mich erklären möchte, aber zuerst müsse ich ihr sagen, daß ich- Luc. Du solltest — ihr sagen — Prar. Daß ich sie liebe. Luc. Du hast es nicht gethan? Prar. Was willst Du — ich war ein Narr — ich hatte Euch Beide gesehen, Beide gehört — ich wollte einen Mord begehen — augenblicklich einen Mord begehen, ich wollte Dich morden! Luc. Die Stimmung eines Verliebten. Prar. Ist cs aber auch wahr? Luc. Was? Prar. Du liebst sie wirklich nicht? Luc. Wirklich nicht — da ich Fräulein D'Auvray heirate. Prar. Du liebst sie nicht? Wie froh bin ich! Luc. Ich sehe es. Prar. Froh ... für Fräulein D'Auvray . . . denn sie liebt Dich, und sie hätte ohne Zweifel sehr gelitten. Luc. Fräulein D'Auvray, nicht wahr? Du fühlst immer nur für Fräulein D'Äu- vray? Prar. Du glaubst mir nicht? Luc. Nicht ein Wort. 3 * 3 « ^ Prar. Ich bin so rasend, daß ich Dich küssen möchte. Luc. Wenn es Dir Spaß macht, küsse mich! (Sie umarmen sich.) Prar. Also wirklich wahr? Sage mir— Luc. Wie oft noch? Prar. Du hast Recht, ich glaube Dir! Doch was ist das? Ich verliere wahrhaftig den Kopf! Was geschieht denn mit mir? Was fühl' ich denn? Luc. Im gewöhnlichen Leben nennt man das — die Liebe. Prar. Liebe? Ich? In meinem Alter? Der ich dreißig Jahre und etwas mehr hinter mir habe? Luc. Ich habe Dir gesagt, daß es auf einmal über Dich kommen wird. Erinnerst Du Dich nicht? Prar. Ja, ja. Luc. Nun stehst Du? Prar. Aber Du sagtest dock, das Weib würde alt sein ... und häßlich! . . . Nun wirst Du doch eingestehen, daß Du Dick geirrt hast. Aber ich werde entschieden lächerlich, und Du wirst Dich über mich lustig machen. Luc. Es ist nicht so gefährlich — auch ich liebe und weiß sehr gut — Prar. Du liebst? Du? Luc. Gewiß. Prar. Und Du hast durchgemacht, was ich durchgemacht habe? Luc. Wahrscheinlich. Prar. Ah, Du liebst doch nicht so wie ich! Luc. Jetzt wirst Du anmaßend! Prar. Du hast nie so viel gelitten, kannst also auch nicht so glücklich sein. Ick schwöre es Dir, es ist unmöglich! Luc. Du schwörst! so wie ein Mann, der dreißig Jahre zählt und einige darüber. Luc. Und Du wolltest ihr nicht sagen, daß Du sie liebst — Prar. O, aber jetzt — Luc. O, mein Gott, aber der Schwur — Prar (sehr ernst). Ah! (KleinePause.) Wir sind Beide ernst geworden, ich wette, wir hatten einen Gedanken. Luc. Ich glaube nicht. Prar. Auf Ehre, ich hatte sie vergessen ! — Luc. Was? Prar. Ihre Millionen! Ohne diese verfluchten Millionen wäre ich schon längst glücklich! Luc. Wenn es nur das wäre! Aber zum Unglück gibt es ein anderes Hinderniß, ein viel ernsteres — Prar. Ich verstehe Dich nicht. Luc. Was hast Du der Baronin Palmer gesagt, als ich früher hereinkam? Es muß etwas gewesen sein, was ihr unangenehm war. Prar. Es ist sogar möglich, daß das, was ich gesagt habe, sie auf's Höchste erzürnt hat. Luc. Das erklärt ihren Schwur. Prar. Einen Schwur? Luc. Ehe fünf Minuten vergehen, werde ich einen Brief erhalten, in diesem Briefe wird ein Name genannt sein. Wenn dieser Name der Name eines Mannes, und dieser Mann nicht verheiratet ist, — hat die Baronin geschworen, ihn zu fragen, ob er sie zum Weibe nehmen will. Prar. Der Mann hat also eine sehr schöne Handlung begangen? Luc. Ja. Prar. Ah! Luc. Siehst Du, deshalb bin ich plötzlich Prar. Ganz und gar unmöglich. Wenn man zwanzig Jahre alt ist, fühlt man nichts so ernst geworden. Als ich Dich so glücklich 37 sah, habe ich vergessen, daß die Frau, die Du liebst, für Dich verloren ist. Prar. Hole diesen Brief! Eilste Scene. Lucicn. Prar. Figg. Figg (mit rinem Brief in der Hand). Herr von Merä. Prar (zu Lucien). Hole diesen Brief und sollte der Name, den er enthält, mein Tod sein. Figg (für sich). Was sagt er da? (Er verbirgt den Brief.) Luc. (wendet sich wieder gegen Figg) Wollen Sie etwas, Herr Figg? Figg. Ich? Nein, nichts. Luc. Sie haben mich doch gerufen, als Sie eintraten. Figg. Ich? Ganz und gar nicht. Luc. Ich hätte darauf geschworen. Es scheint, daß alle Welt heute geschwächte Sinne hat — der Baron Scarpa sicht nicht recht und ich höre nicht recht. (Ab.) Zwölfte Scene. Prar. Figg. Prar. Jedenfalls werde ich nicht abeisen, ohne ihr zu sagen — Figg. Sie sind also noch immer entschlossen — Sie wollen nach Alexandrien in Egypten? — Prar. Mehr als jemals. Figg. Figg. O — wer weiß! Sie sind noch nicht fort. Prar. Wie? .Figg (zeigt den Brief). Sie sprechen von einem Briefe, von einem wichtigen Briefe— Prar. Ein Brief, den Lucien erwartet. Figg. Ich war im Begriff, ihn ihm zu geben. Da hörte ich — Prar. Sie hatten den Brief in der Hand und ließen ihn fort? Figg. Sie sagten, der Brief interessire Sie — Prar. So ist's auch. Er enthält einen Namen-aber was soll ich mit diesem Brief anfangen — er ist nicht an mich adressirt. Figg- 3st's nur das? Geben Sie her. (Er nimmt den Brief.) Prar. Was thun Sie? Figg. Ich nehme die Sache auf mich. (Er will den Brief öffnen, Madelaine tritt ein.) Prar. Das wollen Sie für mich thun, Herr Figg? Figg. Für Sie, Herr Graf — für Sie — thäte ich Alles! Dreizehnte Scene. Vorige. Madelaine. Madel. Eine solche Anhänglichkeit 'ist doch gewiß schmeichelhaft. Prar. Geben Sie mir den Brief, mein Freund. Figg. Da ist er. Prar. Ich bin noch immer entschlossen abzureisen — wollen Sie, so kommen Sie mit mir. Figg. O, Herr Graf! Prar. Verlieren Sie keine Zeit, wir reisen sogleich. Figg. (im Abgrhk») Weil sie ihn nicht liebt, das dumme Weib! (Ab.) Vierzehnte Scene. Prar. Madelaine. Madel. Ich kam zur Unzeit. Wahrscheinlich berechtigt Sie die Mission, die man 38 Ihnen anvertrante, diesen Brief zu erbrechen und Sie wollten — Prar. O! Madel. Thun Sie es doch!— Wir werden sehen, ob Sie die Heirat verhindern können, die ich beschlossen habe — wir wollen sehen, ob Sie etwas erfinden können, das mächtiger ist als mein Schwur. Prar. Ihr Schwur! Sie haben wirklich geschworen? Madel. Ja! Prar. Und Sie werden Denjenigen heiraten — Madel. Ja! Prar. Auf diese Weise müßte Der, der -für Sic fühlte, alle Hoffnung aufgeben. Madel. Alle! Prar. Derjenige, der Sie liebte, könnte es Ihnen also jetzt sagen, denn man könnte ihn nickt mehr im Verdacht haben, daß er lügt— eine Lüge würde ihm ja nichts mehr nützen — Madel. Gewiß. Prar. Das Geständniß, das Sie früher von mir verlangten, und welches ich damals nicht machen konnte — darf jetzt über meine Lippen kommen. — Madelaine, ich liebe Sie! Madel. Sie lieben mich? Prar. Ja, jetzt darf ich reden. Madel. Ist das das neue Mittel, welches Sie jetzt anwenden wollen? Es wird Ihnen nichts nützen. Prar. Ick werde nichts thun, um Ihre Heirat zu hindern. Ich segne Ihren Schwur, obwohl er mir alle Hoffnung raubt — denu jetzt darf ich sprechen. Ich habe Ihnen gesagt, wenn ein ehrlicher Mann Sie liebt, so wird er sich wohl hüten, es Ihnen zu sagen, denn der Argwohn würde Sie überall eine Falle sehen lassen — aber jetzt, wo Sie geschworen haben, einen Andern zu heiraten, jetzt, wo Sie für mich verloren find, kann ich Ihnen sagen, daß ich Sie liebe, daß mein Leben Ihnen gehört, und zwar seit dem Tage, wo ich Sie zum ersten Male sah! — Madel. Sie hatten eine Mission zu erfüllen — Sie haben sie gewissenhaft erfüllt — wer sagt mir, ob dieß jetzt nicht auch ein Diplomatenstreich ist? Prar. Sie werden mir glauben, wenn ich abgereist sein werde — wenn Sie verheiratet sind — wenn ich fern von Ihnen bin! Ich beschwöre Sie, dann denken Sie mein, wenn auch nur einen Augenblick, nur so lange, um zu sagen: Er war aufrichtig, er hat dich wirklich geliebt! Trotz meines Leides bin ich Ihnen Dank schuldig, Sie haben mich auch unaussprechliche Freuden kennen gelehrt, und Schmerzen, an die ich nicht glaubte. Ich werde nur für das Andenken dieser Leiden und Freuden leben.— Welche werde ich mehr lieben — die Leiden oder die Freuden? Ich weiß es nicht! Madelaine, Sie haben mich gerettet. Als ich Sie zum ersten Mal sah — war ich ein Wüstling, durch Sie bin ich ein Mann geworden, ein Mann, der liebt. Ich glaubte kein Herz zu haben, Sie haben es erweckt. Ich bin wie der Erbe eines Bettlers, der nichts findet, als ein zerfallenes Haus, zerbrochene Möbel und kahle Mauern — da rückt er unwillig einen alten Sorgcnstuhl weg, ein Goldstück fällt heraus, noch eins, noch eins — er zertrümmert, er durchsucht, er durchwühlt Alles, und findet überall Gold. Er hat alle Hände voll und findet noch immer Gold, der Schatz ist endlos — nichts als Gold, wohin er sieht. Der Mann bin ich, Madelaine, das zerfallene Haus ist mein Herz — ich glaubte, es sei leer und ich finde einen unendlichen Schatz von Liebe darin. Ich liebe Sie, Madelaine, ich liebe Sie, ich liebe Sie! (tzr Mt zu ihren Küßen.) Madel. Aber diese Mission, dieseMis- sion! Wie konnten Sie sich herbeilassrn — Prar (steht auf). Damals liebte ich Sie noch nicht, sonst hätte ich sie nicht ange- SS nommen. Um sie zu erfüllen, mußte ich in Ihrer Nähe leben, und da lernte ich Sie sieben! — .i r 1 Fünfzehnte Scene. ß Vorige. Lucien. Luc. Man sagt mir, Herr Figg hätte meinen Brief. ^ Madel. Da ist er! (Sie gibt Lucien den Brief, er öffnet und liest ihn.) Nun, der Name? Luc. Ist darin enthalten. Madel. Ist's ein Mann? Luc. Ja. ^ Madel. Kennen Sie ihn? Lnc. Ich kenne ihn. Er ist nicht verheiratet. Madel. Ah! — Z Luc. Das ist merkwürdig! Lesen Sie ^selbst! (Er gibt ihr den Brief. —Kleine Pause.) ? Sechzehnte Scene. ^ Vorige. Figg. ,Z Figg. Ich bin bereit, Herr Graf. H Madel. Sie sind ein ehrlicher Mann, ^ Herr Figg. ,Z Figg. Frau Baronin — Z Madel. Ein ehrlicher, aber ein sondcr- r barer Mann. s Figg. Ich verstehe Sie nicht. ? Madel. Trotz dem Schein haben Sie ^Vermögen,—Sie müssen Vermögen haben. H Figg. Ich? Madel. Ohne Zweifel. Sie müssen reich sein, sogar sehr reich, wenn Sie öfter solche Handlungen begehen. Figg. Was wollen Sie damit sagen? Madel. Haben Sie das nicht gethan, wovon in diesem Briefe die Rede ist? Ha- ^ Sie nicht den jungen Mann gerettet? (Sie gibt ihm den Brief.) Figg. O! u Madel. Sie können nicht längncn, da ist der Beweis. - ^ Figg. Ich habe wohl das Geld'hingebracht, aber wo hätte ich es hernehmen sollen? Begreifen Sie denn nicht, -daß ich nur das Werkzeug war, und daß ein An-, derer — Madel. Wer? Figg. Ein Mann, den ich liebe - ich allein — und zwar, weil ich ihn kenne! Mad. Sein Name? " Figg. Sein Name? O, Frau Baronin, wenn er mich zum Werkzeug gewählt, wenn er mir dieses Geheimniß anvertraut hat, und noch andere — so geschah es unter der Bedingung, daß ich schweigen werde. Ich habe geschworen! Luc. Aber aus meiner Heirat! wenn ich den Namen nicht erfahre, wird nichts! Herr Figg, mein Glück hangt davon ab, sprechen Sie! Figg. Ich kann nicht sprechen! (Kleine Pause.) Madel, (beobachtet Prax und nähert sich ihm dann). Wenn Sie Herrn Figg zwingen, seinen Schwur zu halten, so zwingen Sie mich, meinen zu brechen. Prar. Madelaine! Madelaine! ^Umarmung). Siebzehnte Scene. Vorige. Scarpa. Louise. Louise. Das sieht einer Verlobung sehr ähnlich. Luc. Es ist auch eine Verlobung, Frau Baronin. Scarpa. So ist's recht, Graf. Heiraten Sic die Baronin Palmer, das ist das beste Mittel, um zu verhindern, daß sie einen Andern heiratet. Madel, (zu Louise). Wie befinden Sie sich jetzt? 40 Louise. Ich danke Ihnen — besser! Scarpa. O, meiner Frau geht'S gut, aber mir geht'S schleckt. Luc. Wieso? < Scarpa?- Meine Augen werden immer schwächer. Sie für Herrn Mazeray zu halten! Meine Frau hat Recht.—Sie sagt, die Luft von Paris thut mir nicht gut. Louise (schnell). Za, ich habe meinem Mann gerathen, Paris so schnell wie möglich zu verlassen. Luc. Ah! Louise. Und mit mir nach Birkenfeld zurückzukehren. Scarpa. Und ich werde diesen Rath befolgen. (Zu Prax.) Ich habe Ihnen versprochen, daß Sie mit einem Satz vorwärtskommen sollen, ich halte Wort. Sie ! sollen während meiner Abwesenheit meine Stelle vertreten. Prar. Wie? Ich soll — Scarpa. Sie nehmen es doch an? Madel, (zu Prax). Sie n üffen diesen I Antrag annehmcn. Sie haben mir ge sagt, Sie hätten viele Thorheiteu begangen, und wären ein Mann, ein ernster Mann geworden. — Sie müssen es jetzt beweisen. Wenn Jemand einen so schnellen Wechsel unwahrscheinlich finden sollte — so werden wir ihnen antworten, daß es etwas gibt, was einen solchen Wechsel möglich - macht — die Liebe! (Sie reicht ihm diel Hand) — (Der Vorhang fällt) -t-i !l' ,ll - 6 ? N.l? '41'.'- )s->. - '' jrMs.-i e.ln.' - i'.." - -i)'^ t- - r - ri - v '! : L'üi ^ ' k - . -l!,- jN NU.' .irit'ivdt u.r » Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Gewohnheiten. Lustspiel in einem Act. Nach dem Französischen von Max Stein. (Am Wallnertheater in Berlin zuerst mit brillantem Erfolge gegeben.) Personen: Gras Adolf Dolsey. Z ranne, seine Frau. Gontran de Darins. Zaqueline, Kammermädchen. (Ein Salon. Mittelthürr. Links in der ersten Eou- lisse rin Fenster und Arbeitstisch» zweite Goulisse rin Fenster und Arbeitstisch. Rechts erste Eoulisse eine Thüre, ein kleiner Schrank, ein Piano, im Vordergründe rin Sopha.) Erste Scene. 3eanne. Jaqueline. Gontran. 3 ean ne (steht bei dem Kamin). 3aq. (geht Gontran entgegen, der eben durch die Mittelthür kommt). > 3aq. (leise zu Gontran). Die gnädige Krau ist heute sehr übler Laune. Gontr. (leise). Warum? 3st eine ihrer Gewohnheiten gestört worden? 3aq. (ebenso). Nein. 3ch glaube, der Zorn gilt 3hnen! (Ab durch die Mitte.) 2 Zweite Scene. Zeanne. Gontran. Gontr. (tritt vor). Frau Gräfin — (Pause. Zeanne setzt sich in einen Fauteuil links vom Kamin. Gontran für sich.) Der Empfang ist eben nicht sehr warm! (Laut.) Ich habe im Klubb dinirt, beeilte mich aber, da ich wußte, daß Sie mich erwarten. — (Zeanne sieht ihn an, für sich.) Dieser Blick! — (Laut.) Daß Sie mich mit Ungeduld erwarten, denn wir müssen ja in der revuväes äsux vroväes das letzte Capitel des Romans lesen, welcher Sie so lebhaft interessirt. — Sie waren voll Spannung, seine Lösung zu hören — und baten mich, pünktlich zu sein. Sie sehen, ich habe diesen Befehl nicht vergessen! (Pause. Für sich.) Hm, Jaqueline hat Recht! (Nimmt das Buch und setzt sich.) 3ch beginne, hören Sie, Frau Gräfin, ich beginne! (Liest.) »George horchte auf Paulinens Worte mit mühsam zurückgehaltenem Zorn; in diesem Augenblick«— Zeanne (unterbricht ihn). Ich war gestern Abend bei meiner Mutter. Gontr. Ich weiß es, deshalb konnte ich Ihnen ja das Ende des Romans nicht vorlesen — ich thue es also jetzt. (Liest.) »George horchte« — Zeanne (unterbricht ihn). Meine Mutter hatte anfangs die Absicht, den Abend zu Hause zuzubringen — Gontr. So sagten Sie mir. Zeanne. Allein sie erfuhr, daß in der Oper eine Piece aufgeführt werde, welche man seit fünfundzwanzig Jahren nicht gegeben hatte — eine Piece, deren Aufführung sie wenige Tage nach ihrer Hochzeit beiwohnte — sie bekam Lust, diese zu sehen — Gontr. (unruhig). In der Oper? Zeanne. Ja, ich begleitete meine Mutter! Gontr. Ah! Haben Sie sich unterhalten? Zeanne. In einer Loge, gegenüber der unsrigen, saß eine junge Dame; sie war sehr hübsch — aber auffallend, — sie heißt Metella! Gontr. Sie kennen ihren Namen? Zeanne. Einige Lebemänner saßen in unserer Nähe und sprachen von ihr so laut und mit solchem Entzücken, daß ich sah, es müsse für diese Menschen interessant sein, sie zu kennen. Wenn diese Herren schon glücklich waren, nur ihren Namen aussprechen zu können, wie viel mußte sich erst Jemand einbilden, dem es gestattet war, sich an ihrer Seite zu zeigen. Seine Eitelkeit begnügte sich auch nicht damit, im Hintergründe der Loge verborgen zu bleiben, er beugte sich vor — man sah ihn — erkannte ihn — Gontr. Ah! Zeanne. Und er verlor in diesem Augenblick die Freundschaft einer Frau, die — Gontr. Wie, Sie wollten — Zeanne. Erst wollte ich Sie gar nicht mehr empfangen; allein ich zog vor. Sie noch einmal zu sehen, um Ihnen zu sagen, daß es zum letzten Male sein soll! Gontr. Wie? Ich soll Sie nicht mehr sehen? Zeanne. Ah doch, an den Tagen, wo mein Salon allen meinen Bekannten offen steht; aber an jene Abende, die wir allein im freundschaftlichen Geplauder verbrachten, die mir zu lieben Gewohnheit geworden, ist nicht mehr zu denken! Gontr. Das ist unmöglich! Zeanne. Es ist möglich! Gontr. Sic denken nicht ernstlich daran, Gräfin! Vor sechs Monaten kam ich zum ersten Male zu Ihnen — an dem Tage, wo meine Wahl zum Deputirten nicht durchgesetzt werden konnte — so etwas vergißt man nicht! Sie sprachen mir mit so sanften Worten Trost zu, daß ich täglich 3 I wieder kam, auch als ich schon getröstet war. Bedenken Sie doch, daß auch mir diese A-ende zur süßen Gewohnheit geworden sind. Sie können nicht verlangen, daß ich dem entsagen soll! Jeanne. Wer trägt die Schuld? Gontr. Wer die Schuld trägt? Bis jetzt habe ich nur von mir gesprochen, aber ich könnte — Wenn mein Gedächtniß mich nicht trügt, so traf ich Sie eben an jenem Abende in großer Erregung, in welche Sie eine ernste Unterredung mit meinem Cousin, Ihrem Herrn Gemal, versetzt hatte. Nach zweimonatlicher Ehe boten Sie ihm Ihre — Freundschaft an und baten um die seine. Er ward empfindlich, gereizt und nahm endlich Ihren Vorschlag an. Sie fühlten sich einsam, Sie langweilten sich, da kam ich, um — Ihnen die revns äss ckeux rnonävZ vvrzulesen. Was werden Sie jetzt anfangen, wenn Sie auch mich fvrtschicken? Was werden Sie anfangen, wenn Ihr treuer Schatten von Ihrer Seite gewichen ist? Wer wird den Thee nach Ihrem Geschmack bereiten? Wer wird das Feuer schüren? Wer wird Ihnen den Roman zu Ende vorlesen? — Schon ein Stuhl, der nicht an seinem gewohnten Platze steht, verursacht Ihnen Nervenkrämpfe; wie wird cs erst sein, wenn ich fehle, ich, das unentbehrlichste Möbel Ihres Salons? 3eanne (sieht aus). Es bleibt bei dem, was ich gesagt! Gontr. Frau Gräfin — ich habe Sie ja nie beleidigt, mein Benehmen war immer — 3ean ne. Leugnen Sie, in der Loge jener Dame gewesen zu sein? Gontr. (stkht auf, mit einiger Eitelkeit), j Wozu lügen? Ich leugne es nicht! 3ranne. Ah — Sie freuen sich sogar darüber, — Ihre Augen leuchten ja förmlich vor Eitelkeit! Gontr. Frau Gräfin, Sie find merkwürdig ungerecht; und wenn ich es wagen dürste, würde ich Ihnen etwas sagen — Jeanne. Was? Gontr. Nein — ich wage es nicht — ich wüßte nicht, wo ich die rechten Worte hernehmen sollte. Jeanne. Nehmen Sie sie her, wo Sie wollen, aber sprechen Sie! Ich will es. Gontr. Dann werde ich es versuchen, aber Sie dürfen mir nicht zürnen, da Sie selbst mich dazu auffordern! Jeanne (ungeduldig). Sprechen Sie doch endlich! Gontr. Nun, es ist wahr, daß ich in Ihrer Gesellschaft mich sehr glücklich fühlte; dieser Salon war mir zum Paradies geworden, aber — zürnen Sie nicht — zum Paradies ohne — Obstbäume. (Bewegung Jeannr's.) Ich hatte Sie vorbereitet! Ich beklage mich nicht, ich weiß, daß ich nichts erwarten durfte; aber warum rechnen Sie es mir zum Verbrechen, wenn solche Bäume— Jeanne. Leben Sie wohl! Gontr. Sic sind sehr hart, erst zwingen Sie mich zu sprechen und nun — Jeanne. Ich wußte nicht — Gontr. Wenn meine Worte Ihnen nicht gefallen, so werden es vielleicht die im Roman. (Nimmt das Buch.) Jeanne. Es bleibt bei meinem Ausspruch. Verlassen Sie mich und gehen Sie — zu Metella. Gontr. Und Sie selbst geben mir diesen Rath? (Die Gräfin wendet sich ab.) Gut, ich gehorche, Frau Gräfin! (Grüßt, geht ab.) Dritte Scene. Jeanne (allein). Er geht wirklich — und mit welcher freudigen Hast! Es scheint beinahe, als ob er sich glücklich fühlte, von meiner Gesellschaft befreit zu sein! Wie eitel er ist, sich einzubilden, ich könnte seine Gesellschaft nicht entbehren, ich sei an sie gewöhnt! Dieser Roman — (Nimmt das Buch.) Es * 4 las ihn mir vor — nun, ich werde jetzt selbst lesen, damit ist der Sache leicht abgeholfen, -r- (Setzt sich und sucht im Buche die Stelle.) Die Geschichte mit dem Paradiese ist recht sonderbar. Ah, da ist das Capitel! (Liest.) »George horchte auf Paulinens Worte- — (Unterbricht sich.) Der Tisch steht nicht fest. (Liest.) »Georgehorchte auf.« (Untrrbrichtsich.) Unerträglich! (Liest.) »George horchte« — (Steht auf ) Unmöglich! (Klingelt.) Vierte Scene. Zcanne. Zaqueline. 3aq. (tritt ein). Sie befehlen, gnädige Frau? Jeanne. Sieh, was mit dem Tisch ist, er schwankt. Jag. 3a, dagegen läßt sich nichts thun. das ist — seine Gewohnheit! 3eanne. Wie? 3aq. Es gibt ein Mittel, aber ich kenne es nicht. Jeanne. Versuche es doch! 3aq. Das versteht nur Herr von Parins- 3canne (ärgerlich). Wir werden es wohl auch finden. (Versucht es mit Zaqueline.) 3aq. Es geht nicht, gnädige Frau, die Tische sind wie die Menschen; wenn man sie ungeschickt anpackt, werden sie verdrießlich und eigensinnig. 3eanne. Lege ein Stückchen Holz unter den einen Fuß! 3aq. (thut es). 3a, gnädige Frau, aber Herr Parins hätte — 3eanne. Genug — geh'! 3aq. Gnädige Frau wünschen nichts weiter? 3eanne. Nein. Jaq. Nun, wenn es doch der Fall sein sollte, brauchen die gnädige Frau ja bloß zu läuten. (Ab.) Fünfte Scene. 3eanne (allrin). 3aqueline lacht mich aus, und sie hat im Grunde ganz Recht. Es ist wahr, daß ich 3emanden brauche — daß mir 3emand fehlt. — 3ch bin gewöhnt, den Abend ruhig plaudernd in meinem Fauteuil zuzubringen — die einzige Ursache, warum ick Herrn Parins Abwesenheit vermisse. Uebri- gens, wenn es auch ganz angenehm ist, einen Gesellschafter zu haben, so ist es doch überflüssig, daß dieß gerade Herr Parins sein muß. Es gibt gewiß Menschen genug, welche mit Freuden seinen Platz hier am Kamin einnehmen würden. Zum Beispiel mein Onkel. — O nein, ich gähne schon bei der Erinnerung an ihn. — Der Baron? Der kennt nicht eine einzige meiner Gewohnheiten. — Doctor Wellen? — Ach, der könnte nicht zwei Minuten im Paradies zubringen ohne—Obstbäume. — Hm, ein sonderbarer Einfall von Parins! — Dann bleibt noch — nein, mit dem ist es nichts, und dann — ja, daran hatte ich bei Gott ganz vergessen — dann ist noch ha, ha! warum nicht? Dann ist noch — mein — mein Gatte! (Lacht.) 3a, das geht! (Klingelt.) Sechste Scene. 3eanne. 3aqueline. 3aq. (tritt ein). Gnädige Frau, ist der Tisch —? 3eanne (ungeduldig). Nein. 3aq. Oder einer der Stühle? 3eanne. Nichts von alledem. 3st der Graf ausgefahren? 3aq. Nein, gnädige Frau, der Wagen steht noch im Hofe. 3eanne. Sag' dem Grafen, daß ich ihn ersuche, zu mir zu kommen. 3ag. (steht fir erstaunt an). Gnädige Frau — 5 Ieanne. Hast Du nicht gehört? Zaq. Ich gehe schon! Siebente Scene. Ieanne (allein). Ich fürchtete in der That schon, den ganzen Abend allein zuzubringen. — Nun ist mir geholfen. Ein Gemal ist doch ?cin ganz nützliches Ding', selbst wenn er Fehler hat. Die Gesellschaft hat den Fall vorausgesehen, in dem eine Frau wie ich, die daran gewöhnt ist, daß man ihr Abends vorliest, plötzlich darauf angewiesen ist, selbst zu lesen — was viel unbequemer ist. An dem Tage, wo sie ihren gewöhnlichen Vorleser verliert, wird sie einen Ersatzmann finden: ihren Gatten! (Adolf tritt rechtsein) Achte Scene. Ieanne. Adolf. Adolf (bleibt auf der Schwelle stehen). Sie wollen mich sprechen, Ieanne? Ieanne. Sie waren im Begriff auszugehen. Adolf (tritt vor). Ja, um diese Stunde bin ich gewöhnt — Ieanne. Ist der Gang wichtig? Adolf. Nein, ich gehe in die Oper und habe vorher Zeit, Sie zu hören. Ieanne. Es gibt für Sie nichts zu hären, im Gegentheil, ich will hören. Adolf. Wie? Ieanne. Ich will den Abend zu Hause zubringen, und wenn es Ihnen angenehm wäre — bei mir zu bleiben. Adolf (erstaunt). Was sagen Sie? Ieanne. Ich frage, ob Sie mir heute Abend Gesellschaft leisten wollen — das ist doch ganz einfach! Adolf. Einfach! Ieanne. Sie wollen nicht? Adolf. Wer sagt das? Ieanne. Wir gelobtenuns doch, Freunde zu bleiben. Sind Sie nicht mehr mein Freund? Adolf (gibt ihr die Hand). Ich bin's! Ieanne. Nun, ich fordere nichts, das man nicht berechtigt wäre, von einem Freunde zu begehren. (Adolf lacht.) Warum lachen Sie? Adolf. Ich lache nicht, ich bin nur etwas überrascht. Ieanne. Worüber? Adolf. Ich dachte daran, daß Sietrotz dieser großen Freundschaft seit vier Monaten sich meiner wenig erinnerten. Das ist jedoch ein Anlaß mehr, diesen glücklichen Zufall zu benuhen. Ieanne. Sie bleiben also? Adolf. Ich bleibe! Ieanne (lebhaft). Ach, wie glücklich bin ich! Adolf (bewegt). Wirklich? Ieanne. Ja, — ich bin gewöhnt, wenn ich zu Hause bin, Jemand an meiner Seite zu haben. Adolf. An Ihrer Seite? Ieanne. Dort am Kamin. Adolf. Ah — also darum? Ieanne. Ja. Verstehen Sie mich nun? Adolf. Vollkommen; und es macht mich glücklich, die Stelle dieses »Jemands« auszufüllen, damit Sie durchaus nicht in Ihren Gewohnheiten gestört werden. (Setzt sich in den Fauteuil, in welchem die Gräfin in der ersten Scene saß.) Ieanne. Ah, wenn Sie das wollen, so dürfen Sie sich nicht in diesen Fauteuil setzen — das ist der mcinige. Adolf (steht auf). Ach so! Ieanne. Nehmen Sie jenen! (Adolf setzt sich in den andern Fauteuil, Ieanne setzt sich iu den ihrigen. Mit Behagen.) Ach! Eharmant! Adolf (ebenso). Hm! Hm! (Er beginnt mit den Fußspitzen aus dem Boden zu trommeln, Ieanne sieht hin.) Ieanne (ungeduldig). Ah! (Für sich.) Va- rins that das nie! (Sie beobachtet ihn kurze Zeit, dann sagt sie.) Ich bitte, lassen Sie das! Adolf. Was? 6 Jeanne (zeigt auf seinen Fuß). Nun — das —! Adolf (W ruhig). Entschuldigen Sie! Ist es so recht? Jeanne. Ja. (Mit Behagen.) Nun fühl' ich mich wieder recht behaglich. Adolf. Das freut mich! Jeanne. Sie spotten? Adolf. Nein, nein! Doch was wollen wir jetzt thun? Jeanne. Nehmen Sie dieses Buch! Adolf (nimmtes). Was soll ich damit? Jeanne. Mir vorlesen. Adolf. Ah, vorlesen? Jeanne. Sehen Sie, hier! (Adost legt das Buch auf den Tisch, nachdem er sämmtliche Gegenstände aus demselben vom Platze gerückt hat und stellt den Arbritskorb dicht vor Jeanne hin. Jeanne beobachtet ihn mit steigender Unruhe.) Nun? Adolf. Sogleich. (Liest sehr laut ) »George horchte auf Paulinens Worte— (Jeanne rückt den Arbeitskorb zu ihm, er schiebt ihn wieder ihr zu) mit mühsam unterdrücktem Zorn; in — in diesem« — Jeanne. Wie? Adolf. Lese ich nicht laut genug? Jeanne. Mein Gott, ja, aber Sie lesen, als verstünden Sie nicht — Adolf. Wie soll ich auch, wenn ich mittendrin anfange? — Sagen Sie mir gütigst, warum George auf Paulinens Worte mit mühsam unterdrücktem Zorn horchte? Jeanne (sinnt nach). Ja, warum George? — Adolf (lacht). Ach, Sic wissen es auch nicht? Jeanne. Dieses Werk erscheint nur alle vierzcbn Tage und ich bin gewöhnt, daß man mir, bevor wir ein neues Capitel beginnen, mit einigen Worten den Inhalt des vorigen ins Gedächtnis zurückruft. Adolf. Aber ich kenne denselben nicht, ich habe ja das letzte Capitel nicht gelesen. Jeanne. Das ist wahr — lassen wir das Lesen also lieber ganz! Adolf. Mit Vergnügen! (Legt das Buch nieder, steht aus und geht aus und ab.) Jeanne (welche ihm unruhig zufieht). Sie wollen auf- und abgehen? Adolf. Darf man das nicht? Jeanne. Nein, dann — setzen Sie sich wieder hierher. Adolf. Mit Vergnügen! (Setzt sich.) So! Jeanne. Wie traulich es ist, so beisammen zu sitzen! Adolf. Entzückend! Jeanne. Sie lachen schon wieder! Adolf. Nein, ich lache nicht. Aber was thun wir nun, wenn wir nicht lesen? Jeanne. Sie können thun, was Sie wollen; ich werde arbeiten. Bitte, geben Sie mir meine Stickerei. Adolf. Ihre Stickerei? (Sieht sich um.) Jeanne. Ja. Adolf. Wo ist sie? Ich weiß nicht, wo liegt sie? Jeanne. Ich auch nicht. Bitte, suchen Sie. Adolf. Mit Vergnügen! (Steht aus und sucht) Jeanne. Nun? Adolf (welcher den Arbritskorb durchwühlt hat, während Jeanne ihm ängstlich zufieht). Hier ist sie nicht! Jeanne. Suchen Sie anderswo! Adolf (sieht sich um). Anderswo, anderswo! Wo zum Teufel kann Gontran sie nur hingesteckt haben? Jeanne. Wie? Adolf. Ich begreife nicht, wo Gontran — (Hält inne, lacht.) Jeanne. Wollen Sie jetzt noch leugnen, daß Sie lachen? Adolf. Nu ja, es ist wahr, ich lache! Ich will dabei auch gestehen, daß mir eine Frage auf den Lippen schwebt. Jeanne. Welche? Adolf. Ich wollte Sie fragen, wie es kommt — Jeanne. Nun? Adolf. Daß heute Gontran nicht hier ist? (Jeanne steht auf und klingelt.) 7 Neunte Scene. Vorige. Jaqueline. Jaq. Gnädige Frau! 2 ranne. Jaqueline, suche meine Stickerei und gib sie mir. Jaq. Sie wird wohl im Arbeitskorb liegen. (Nähert sich dem Tische.) Adolf. Da habe ich schon gesucht. Jaq. (sieht die Unordnung im Korbe). Ach, ach, gnädiger Herr! Adolf. Sie ist nicht da! Jaq. Also wahrscheinlich dort! (Oeffnet die Tischlade und nimmt alle Gegenstände heraus.) Nein! Auch nicht! Adolf (zieht alle Laden aus dem Schrank und legt sie auf das Sopha). Irgend wo muß diese Stickerei doch sein. Jaq. Gewiß, ich will suchen. Adolf. Ja, wir wollen suchen, Jaqueline! (Jaqueline nähert sich dem Sopha.) Iranne (welche ihnen ungeduldig zufieht). Müßt Ihr denn solche Unordnung machen? Jaq. Ich suche, gnädige Frau! Adolf (der alle Laden ausgeleert hat). Nichts da! Die Stickerei kann aber doch nicht fortgeflogen sein. — Laß uns weiter suchen, Jaqueline. (Geht zum Piano und durchwühlt die Noten.) Jaq. Ja, gnädiger Herr! (Sie sieht unter die Kiffen des Sopha's und läßt eins auf den Boden fallen.) Jeanne. Jaqueline, ich verbiete Dir — Jaq. Seien Sie unbesorgt, gnädige Frau, sobald wir die Stickerei gefunden haben, werde ich Alles wieder ordnen. Adolf (ge(t zum Kamin, rückt die Uhr, nimmt eine von den beiden Nasen, sieht hinein und schüttelt sie). Da ist sie auch nicht! (Stellt sie auf den Tisch.) Jeanne (ärgerlich). Das ist zu arg! Jaq. (vergißt sich). Wo Herr Varins sie nur hingelegt haben muß? Jeanne (zornig). Jaqueline! Ich brauche die Stickerei nicht, geh'! (Jaqueline ab.) Zehnte Scene. Jeanne. Adolf. Adolf. Jaqueline hat Recht! Wenn ich nur wüßte, wo Gontran ist, so würde ich ihn aufsuchen, ihn fragen — Jeanne. Wenn es nur dessen bedarf, Sie in Ihrem Werke der Zerstörung zu hemmen, das kann ich Ihnen sagen. Adolf. Wo ist er? Jeanne. Wahrscheinlich bei Fräulein Metella! Adolf (fährt zusammen und läßt ein Nipp, das rr in der Hand hält, fallen). Metella! Jeanne. Ja — so heißt die Dame. Es wundert mich, daß er Ihnen nichts davon erzählt hat — er scheint ziemlich eitel auf diese Eroberung! — Nun aber, da Sie wissen, wo er ist — werden Sie ihn wohl aufsuchen! Adolf. Gewiß! (Für sich.) Bei Metella, während ich hier diese Stickerei suche! (Laut.) Sie zürnen nicht, wenn ich Sie verlasse? Jeanne. Zürnen! Sehen Sie sich doch einmal tun! — In der Stunde, welche Sie hier zubrachten, haben Sie sich in meinen Fauteuil gesetzt — beim Vorlesen haben Sie geschrieen, als ob ich taub wäre — den Salon haben Sie in diesen gräulichen Zustand versetzt — alle meine Gewohnheiten gestört, und nun fragen Sie noch, ob ich zürne, daß Sie gehen! Ich danke Ihnen sogar — ja ich bitte Sie, mich zu verlassen! Adolf (verletzt). Das beruhigt mich — auf Wiedersehen also! (Adolf rechts ab.) Jeanne. Auf Wiedersehen! Eilfte Scene. Jeanne, dann Jaqueline. Jeanne (allem). Wo er hingeht? Ob wirklich, um Gontran zu ftage»? Was kümmert mich das im Grunde! — Endlich ist er fort! (Sieht sich um.) Mein armer 8 Salon! Wie hat er Dich zugerichtet! Ich werde auch ausgehen — hier kann ich unmöglich-leiben! (Rust.) Jaqueline! 3aq. (tritt rin). Gnädige Frau befehlen? Jeanne. Hut und Mantille, schnell! 3aq. (erstaunt). Sogleich! (Ab.) 3eanne (allein). 3ch will zu meiner Mutter — ich fühle das Bedürfniß, mich ein wenig auszuweinen — und recht viel Böses von meinem Manne sprechen zu hören. Dazu gibt es dort Gelegenheit. (Jaqueline kommt zurück mit Hut und Mantille, Jeanne zieht sie an.) 3ch gehe zu meiner Mutter und komme in einer Stunde zurück, 3aqueline. Wenn bei meiner Rückkehr sich auch nur eine Stecknadel nicht an ihrem gewohnten Platz befindet, so verlassest Du mein Haus! 3aq. (lächelnd). Gnädige Frau! 3eanne (geht zum Fenster). Der Wagen meines Mannes ist noch da, ich nehme ihn, das sei meine Rache! (Ab.) Zwölfte Scene. 3aqueline, dann Adolf. -3«q. (allein). Mich fortschicken— lächerlich! Sie ist an mich gewöhnt, ich könnte, wenn ich wollte, sogar darauf trotzen — in einer Stunde würde sie mich wieder holen lassen. (Man hört das Rollen eines Wagens, Adolf tritt ein.) Adolf. 3st das mein Wagen, 3aqueline? 3aq. 3a, die gnädige Frau fährt eben darin fort. (Ordnet den Salon.) 3n einer Stunde kommt sie zurück. Adolf (für sich). Wie eigenthümlich!. Meine Familie drang in mich, mich zu verheiraten, ich gab nach. Nach zwei Monaten fallen mir die Launen und Eigenheiten meiner Frau auf; ich werde gereizt, zornig, endlich langweile ich mich und suche Zerstreuung bei — Metella. Heute nun finde ich an meiner Frau ganz dieselben Launen, dieselben Eigenheiten, und — heute gefallen sie mir, heute liegt ein ganz eigen- thümlicher Reiz darin. — Wie kommt das? (Setzt sich auf das Sopha.) Wie kommt es, daß ich, anstatt zu Metella zu fliegen, ruhig hier bleibe und über ihren Vcrrath nicht den mindesten Groll hege? 3ag- (hat ein Kissen vom Boden ausgenommen und legt es auf das Sopha). Erlauben Sie. gnädiger Herr, ich muß Ordnung machen, die gnädige Frau hat gedroht, mich fortzujagen, wenn Sie bei ihrer Rückkehr nicht Alles findet, wie sic cs gewöhnt ist. Sie ist heute in recht schlechter Laune. Adolf. Ah — ist sie das oft? s (Fängt maschinenmäßig an die Laden zu ordnen.) 3aq. Nein, aber sie liebt nicht, daß man ihre Gewohnheiten stört! (Ordnet die Noten.) Adolf (für sich). Das habe ich bemerkt! (Laut.) Kennst Du diese Gewohnheiten? 3aq. 3«, im Allgemeinen. (Nimmt die Base, die auf dem Tische steht.) Adolf (für sich). 3ch muß sie auch im Detail kennen lernen! (Findet ein Flacon auf dem Sopha.) 3aq. Wo gehört denn schnell diese Vase hin — A d olf. 3ch weiß es nicht — und dieses Flacon? 3aq. 3ch weiß es wirklich nicht recht, gnädiger Herr! Beide (sehen sich um). Das ist fatal! (Gontran tritt ein.) Dreizehnte Scene. Vorige. Gontran. 3aq. Ah, Herr Varins! Wir sind gerettet! (Zu Gontran.) Wo gehört das hin? Gontr. Diese Vase? Hierher! (Stellt sie auf den Kamin) Adolf. Und das, Gontran? Gontr. Dort in die zweite Lade rechts. (Nimmt das Flacon und legt es hin.) Adolf (für sich). Dieser Mensch kennt die Gewohnheiten meiner Frau — im Detail, der kann mir helfen! Jaq. (nimmt den Arbeitskorb). Ich werde diesen Korb in meinem Zimmer ordnen! (Ab.) Vierzehnte Scene. Gontran. Adolf. Gontr. (für sich, sieht sich um). Welche Unordnung! Adolf. Du suchst die Gräfin? Gontr. Nein, ich suchte Sie! Adolf. Mich? Gontr. Ja, ich will Sie um eine Gefälligkeit ersuchen. Adolf. Sonderbar. Und auch ich wollte gerade Dich bitten — Gontr. Erst hören Sie mich. Vor drei Tagen führten mich einige meiner Freunde in eine Welt ein, die mir bis jetzt fremd war. Man lud mich zu einem Souper; es waren auch Damen dabei, unter ihnen eine — Adolf. Ein Engel! Gontr. Ja, Metella! Adolf. Cousin, nimm Dich in Acht! Diese Engel sind gerade nicht immer Gesandte des Himmels. Gontr. Um Gottes willen, Cousin, keine Moralpredigt! Um so weniger, als ich dort sehr viel von Ihnen sprechen hörte— Adolf. Hm! Schweig'! Gontr. (lacht). Es schien, als ob man gar nicht von Ihnen loskommen konnte. Adolf. Schweig'! Willst Du denn — Gontr. Ich will keine Moralpredigt, sondern Ihre Hilfe! Adolf. Was soll ich thun? Gontr. Ich war eben bei Metella — sie war allein —- ich war überglücklich durch die Aussicht, den Abend in ihrer Gesellschaft zuzubringen! Aber dort herrschen Manieren, die ich nicht kenne, eine Sprache, die ich kaum verstehe; bald fühlte ich, daß ich Fehler auf Fehler, Ungeschicklichkeit auf Ungeschicklichkeit beging. Anfangs spottete Metella, dann ward sie ungeduldig, böse — und endlich schickte sie mich fort! Da fiel mir ein, daß ich glücklicherweise einen Cousin habe, der die Erfahrung, welche mir fehlt, besitzt. Sie sollen mich also belehren, wie man sich benehmen muß, um in jenem Kreis, den Sie ganz gut kennen, einen Abend zuzubringen, ohne sich lächerlich zu machen. Wollen Sie das? Adolf. Recht gern, aber nun ist die Reihe an mir. Ich habe Gelegenheit gehabt, zu entdecken, daß ich in die Gewohnheiten meiner Frau nicht so eingeweiht bin, als es sein sollte. Da fiel mir ein, daß ich glücklicherweise einen Cousin habe, der die Erfahrung, welche mir fehlt, besitzt. Du sollst mich also belehren, wie man sich benehmen muß, um in diesem Salon, den Du ganz gut kennst, einen Abend zuzubringen, ohne sich — unangenehm zu machen. Willst Du das? Gontr. Recht gern, aber unter der Bedingung, daß auch Sie — Adolf. Mit Vergnügen. Beginne also deinen Vortrag. (Setzt sich aus das Sopha.) Gontr. Wohlan! Die Gräfin setzt sich in diesen Fauteuil, man muß den andern einnehmen, aber sich so setzen, geben Sie wohl Acht, daß man, ohne sich erheben oder mit dem Stuhlerücken zu müssen, mitder rechten Hand immer ganz bequem die Glocke, die Lampe und die Feuerzange, mit der linken, — geben Sie wohl Acht, — das Album, den Fächer, die Schere und den Arbeitskorb erreichen kann. Adolf. Hm, das ist sehr verwickelt! Gontr. Nein, es ist ganz einfach. Mit der Rechten die Glocke, die Lampe — So! Adolf (steht aus). Hör' 'mal! Deine Erklärungen würden sehr an Deutlichkeit gewinnen, wenn Du sie ein wenig in Scene setzen könntest. Fünfzehnte Scene. Vorige. Jaqueline. Jaq. (tritt'ein, bringt den Korb und stellt ihn aus den Tisch). Da ist der Korb. Alles in Ordnung! Adolf. Ah, wir sind gerettet! Komm', Jaqueline! Jaq. Sie befehlen? Adolf (zu Gontran). Vortrefflich! Anstatt mir meine Rolle zu erklären, kannst Du sie mir jetzt Vorspielen! (Nimmt Jaqueline bei der Hand.) Jaqueline wird die Rolle der Dame übernehmen. Jaq. Ich? Adolf. Ja wohl! (Leise zu Gontran.) Für Dich wird Jaqueline die Gräfin sein, für mich — Gontr. Ah, ich verstehe! Adolf (setzt sich in den Fauteuil neben dem Sopha). So, die Vorstellung kann beginnen. Gontr. (nimmt Jaqueline bei der Hand, führt sie zum Fauteuil der Gräfin und läßt sie nieder- setzen). So, nun bemühe Dich, die Manieren einer vornehmen Dame anzunehmen. (Gibt ihr einen kleinen Fächer und Fußbank.) Jaq. (eine Stellung einnehmend). Ist es so gut? Gontr. Vortrefflich! (Zu Adolf.) Sehen Sie, welches Talent Jaqueline zur vornehmen Dame entwickelt! Jetzt geben Sie Acht, die Scene beginnt. (Geht durch die Mittelthür ab, klopft außen sehr leise an und öffnet ebenso zart die Thür.) Ich trete ein. Adolf. Nur werter. Gontr. (grüßt Jaqueline erfurchtsvoll, die leicht mit dem Kopse nickt, stellt seinen Hut auf das Piano und nähert sich ihr). Ich fasse ihre Hand mit Ehrerbietung. Adolf. Natürlich! Gontr. (fährtsort). Mit Ehrerbietung, durch welche aber eine gewisse wärmere Empfindung durchschimmert. Adolf (für sich). So! Gontr. Kurz, man muß aber sehen, daß ich die Hand einer schönen Frau küsse. Adolf. Ah! Gontr. Ungefähr jo. (Küßt Jaqueline die Hand.) Adolf. Ich verstehe, fahre nur fort. Gontr. Nein, jetzt ist die Reihe an Ihnen. Adolf (steht aus). Wohlan! Komm', Jacqueline! Jaq. (ebenso). Was soll ich nun? Adolf. Jetzt bist Du weniger eine vornehme Dame, sondern blos eine — interessante Dame! Jaq. Ich verstehe, gnädiger Herr! Adolf. Eine weniger vornehme wie interessante Dame ist zu Hause etwas — ungezwungener in ihren Stellungen. Jaq. (setzt sich nachlässig aus jdas Sopha, Adolf bringt ihr Haar etwas in Unordnung, so daß einzelne Locken auf die Stirne fallen). So gut? Adolf. Vortrefflich! (Zu Gontran.) Sieh' 'mal, was für vielseitiges Talent Jaqueline entwickelt! Gontr. Sonderbar! Ganz Metella's Stellung! Kennen Sie sie denn? Adolf. Das bleibt sich gleich. So gib nur jetzt weiter Acht! Gontr. (setzt sich). Ich bin ganz Aufmerksamkeit! Adolf (geht durch die Mitte, tritt schnell ohne zu klopfen ein mit dem Hut auf dem Kopfe). Ich trete ein. Gontr. Nur weiter. Adolf (geht leist singend zum Kamin, sieht einen Augenblick in den Spiegel, nimmt den Hut ab und wirst ihn von sich, rückt einen Fauteuil vor den Kamin, wärmt sich, ohne Jaqueline an- zusehen. in gleichgiltigem Tone). Guten Morgen, Kindchen, wie geht es? Jaq. Erträglich, Graf! Adolf (steht aus, nähert sich Jaqueline, zu Gontran). Vor Allem, lieber Freund, vollkommene Ruhe, eher eine gelangweilte Miene — und um des Himmels willen nur keinen Ungestüm, kein Feuer! Du näherst Dich dem hübschen Kinde, Du reichst ihm die Hand — (Jaqueline streckt ihm ihre Hand etwa- cokett entgegen). Sehr gut, Ja- queline! (Zu Gontran). Du nimmst die Hand und küssest — "(Beugt sich über JaqueUne und küßt sie auf die Wange.) Jaq. (schreit). Ah! Adolf. Jaqueline — man schreit nicht! Gvntr. (steht auf und nähert sich schnell Jaqueline). Jetzt ist die Reihe an mir. Adolf. Ja — (hält ihn auf) mir meine Rolle zu Ende vorzuspielen. Deine scheinst Du gut aufgefaßt zu haben, nur noch viel zu viel Feuer! Gontr. So kehre in deinen Fauteuil zurück, Jaqueline! Jaq. Ich werde also wieder vornehme Dame? Gontr. Ja! Jaq. In Gottes Namen! (Bringt ihre Haare in Ordnung, geht vornehm durch das Zimmer und setzt sich in den Fauteuil.) Gontr. (setzt sich zu ihr). Ich setze mich hier zum Tische, wo ich bequem und mit leiser Stimme lesen kann. Adolf. Ah, man muß also leise lesen! Gvntr. Ja, wohl, sehr leise und schnell bis man zu einer Stelle kommt, die zu der Situation paßt— zumBeispiel eine Stelle, wo von einer jungen Frau und einem jungen Manne die Rede ist — solche Stellen gibt es in jedem Roman — dabei verweilt man dann und liest sie recht mit Empfindung. Adolf (für sich). Schon wieder Empfindung? Gvntr. Manchmal — im Feuer der Rede — ergreift man auch wohl die Hand — Adolf. Ah! Gontr. Man ergreift die Hand und im Augenblicke, wo man sie küssen will, zieht die vornehme Dame sie zurück und sagt — Jaq. (kinfallend). Was thun Sie denn? Sie sind kindisch, Graf! Gontr. Jaqueline hat es errathen! Adolf. Das Mädchen hat ausgezeichnete Gaben! Jaq. (betonend). Ich habe diese Antwort einmal gehört. Gontr. So? Nun kehren wir aber wieder zu Metella zurück. Jaqueline — Du bist jetzt wieder die interessante Dame. Jaq. (steht aus und placirt sich wie vorhin). Um so besser! Adolf. Du setzest Dich — (Setztfichrechts von Jaqueline.) Gontr. Nahe? Adolf. So nahe Du willst, aber Du mußt mit der rechten Hand von dem Toilettentisch ein Spiel Karten nehmen können. Gontr. Karten? Adolf Ja, Karten und ein Traumbuch das findet sich an jedem solchen Orte. Du beginnst ihr scherzend wahrzusagen — Gontr. DaS kann ich nicht. Adolf. Das ist auch gar nicht noth- wendig. Du plauderst, waS Dir einfällt, darfst aber nicht vergessen, deine sechzigtausend Livres Renten einznweben. Jaq. (wendet sich rasch zu Gontran). Wirklich? Adolf. Du sichst wie das wirkt! Bei einer solchen Stelle nun verweilt man länger und mit Salbung. Dann gibt man das Wahrsagen auf und geht zu irgend einem Kartenspiele über, ohne jedoch den Gegenstand des Gespräches fallen zu lassen. Im Feuer der Rede ergreift man die Hand, die interessante Dame zieht sie nicht zurück und sagt — Jaq. (einfallend). DcrJuwelier war hier! Adolf. Vortrefflich! Gontr. Merkwürdige Anlagen! Adolf. DaS hast Du aber nicht gehört, Jaqueline? Jaq. Nein — ich habe es errathen. Adolf, (zu Gontran). Du wirst wohl auch errathen, was Du weiter zu thun hast. Man hat die Partie nachlässig immer verloren und zahlt seine Spielschuld. (Gibt Jaqueline ein Portefeuille.) Jaq. (nimmt tS). Sie sind sehr liebenswürdig, Graf. Gontr. DaS ist ja ganz leicht! Also gib mir das Stichwort, Jaqueline. 12 Ja ip Der Juwelier war hier! Gontr. (gibt ihr Geld). Hier. Jaq. Der Wagenbauer — Gontr. (wie oben). So? Auch der Wagenbauer! Hm! Jaq. Auch der — Gontr. Jetzt habe ich nichts mehr! Adolfs Du siehst, daß Du Deine Rolle schon bis zu Ende kennst. (Man hört das Rollen einet Wagens.) Jaq. Die gnädige Fran! (Ab ) Sechzehnte Scene. Gontran. Adolf. Gontr. Ich will nicht, daß die Gräfin mich hier findet. Adolf. So geh' durch mein Zimmer. — Es scheint, Du willst dein erstes Debüt wagen. Gontr. So ist es! Adolf. Glück auf, mein Freund! — Aber bald hätte ich die Hauptsache vergessen — wo hast Du die Stickerei meiner Frau hingekramt? Gontr. (zirhtfic ausderTaschk) Da ist sie! Adolf (erstaunt). In deiner Tasche? Gontr. Nun ja — Sieh' 'mal, die Gräfin bildet sich ein, daß sie sehr fleißig daran stickt — und wenn die Arbeit trotzdem nicht vorschreitcn will, so wird sie ärgerlich — um das zu vermeiden, trage ich sie zeitweilig zu einer Stickerin, die nach und nach — Adolf (nimmt die Stickerei). Ein köstlicher, unbezahlbarer Einfall! (Gontran will gehen.) Halt — erst sage mir noch die Adresse der Stickerin — man kann nicht wissen — Gontr. Fräulein Lucie, gleich imNeben- hause, im dritten Stock. Adolf. Danke! Jetzt geh'! ich höre meine Frau! (Gontran rechts ab.) Siebzehnte Scene. Adolf, dann Jeanne. Adolf (steckt die Stickerei in die Tasche, nachdem er sie lächelnd angesehen und den Kops geschüttelt). Hm! Hm! Im Grunde bin ich doch wohl an Vielem Schuld — das darf aber nicht so bleiben, es handelt sich um ihr — um unser Gluck — das lohnt schon der Mühe, eine kleine Rolle zu studircn und so gut als möglich zu spielen. (Er zieht sich zurück, Zeanne tritt ein, ohne ihn zu bemerken, er beobachtet sie. Sie macht eine Miene der Befriedigung, da sie den Salon wieder geordnet findet und will die Mantille ablegen. — Adolf, welcher sich ihr leise genähert hat, Hilst ihr — sie blickt ihn erstaunt an — er trägt die Mantille auf einen Stuhl im Hintergründe und löst die Bänder ihres Hutes. Sie tritt etwas ängstlich zurück, er beruhigt sie lächelnd und legt dann den Hut mit großer Sorgfalt auf einen Stuhl. Jeanne's Erstaunen wächst. Adolf nähert sich mit behutsamen Schritten dem Fauteuil Jranne's, rückt ihn rin wenig vor, führt Jeanne hin, läßt sie niedersetzen, schiebt ihr ein Fußbänkchen unter und setzt sich in den anderen Fauteuil für sich, indem er sich an Gontrans Worte erinnert.) Feuerzange — Fächer — Scbere. — (Nimmt das Buch.) Jeanne (ängstlich). Sie wollen lesen? Adolf. Ja. Jeanne. Wie vorhin? Adolf. Nein — mit etwas gemäßigterer Stimme. Jeanne, hören Sie mich! Was noch vor einer Stunde geschehen, soll nie wieder geschehen! Ich habe alle Ihre kleinen Gewohnheiten grausam verletzt, weil ich sie nicht kannte — jetzt kenne ich sie, jetzt werden sie mir heilig sein! Jeanne. Sie kennen sie? Adolf. Ja — und von nun an werde ich darüber wachen, daß nichts Ihr Leben auch nur für einen Augenblick trübt. Wir wollen zusammen plaudern — sticken! Vor Allem aber lesen. (Liest ganz leise.) »George horchte auf« — Jeanne (versteht ihn nicht). Wie? 13 § Adolf (ebenso). »George horchte auf Paulinens« !— Jeanne. Sie lesen gar zu leise, ich verstehe Sie nicht! Adolf. Das kommt daher, weil wir so weit entfernt sind. Wenn ich ein wenig näher rückte — Jeanne. Näher? "" Adolf. Nun ja —- für Gontran ist das eine ganz angemessene Distanz — aber für mich — für Ihren Gatten — Jeanne. So rücken Sie näher — da Sie es wünschen! Adolf (thut so). Nun werden Sie gleich besser verstehen! (Liest noch leiser.) »George horchte« — Jeanne. Ich verstehe noch immer nicht — Adolf. Die Distanz ist also noch zü groß! Wollen nicht auch Sie ein wenig dazu beitragen, sie zu vermindern? Jeanne. Ich? Adolf. Nun — nur ein klein wenig! Jeanne. Nun — wenn es durchaus nöthig ist — (Rückt ihren Fauteuil näher zu dem Adolfs.) Adolf. Dank, liebe Jeanne! (Küßt ihre Hand.) Jeanne. Was thun Sie? Adolf. Ich danke Ihnen! (Küßt ihre Hand.) So, nun werden Sie mich ganz verstehen — nicht wahr? (Nimmt das Buch.) Jeanne. Lesen Sie jetzt nicht — ich bin zerstreut — es wäre mir jetzt nicht möglich, Interesse zu haben für Adolf. Für George und Pauline? Wollen wir also sticken! (Zieht die Stickerei ander Tasche.) - Jeanne. Ah — Sie haben die Stickerei endlich gefunden? Adolf. Ja, wenn man nur gut sucht! Hier ist sie. — (Kniet nieder.) Kannst Du mir vergeben, Jeanne? Jeanne (bewegt) Ich Ihnen — Dir — (Adolf küßt leidenschaftlich ihre Hand) vergeben? Was denn? Adolf. Daß ich Dir nicht früher gesagt habe, was Gontran wohl bis jetzt noch nicht thar — Jeanne. Das ist? Adolf. Daß die Bestimmung des Weibes nickt allein die iss, zu dieser Stunde zu sticken und zu jener sich die rsvus ä68 äeur mouä68 vorlesen zu lassen, sondern geliebt zu werden ; und selbst ein wenig zu lieben — wenn es nicht zu sehr gegen ihre Gewohnheit ist! Jeanne (gerührt). Adolf — vergib auch Du mir. Ich sehe jetzt erst ein, wie thöricht ich war, aber ich will allen meinen Gewohnheiten entsagen. Adolf (steht pas). Nein, das sollst Du nicht, im Gegenthcil, Dü sollst Dich nur an noch Etwas gewöhnen. Jeanne. Woran? Adolf. An mich! (Jeanne reicht ihm beide Hände.) *) Der Vorhang fällt- Ende. *) Die Darstellerin der Zaqueline, in Berlin von Frl. Schramnt vortrefflich gespielt, hat jedes irgend absichtliche Auflegen entschieden zu vermeiden Anmerkung. Der Besitz dieses Stückes gibt keiner Bühne das Recht zur Ausführung desselben. Dieses Recht muß von dem Unterzeichneten besonders erworben werden. Franz Kratz. tzlisabethstraße Nr. 1, in Bien. In unserem Mtaer Theater-Repertmr erscheinen demnächst: Rach vierzig Jahren. nk Lustspiel in einem Act von A. Scholz. .l-«- Die rothe Nesel. Characterbild mit Gesang in sechs Abtheilungen von Betty Aorrng. Ein ungeschliffener Diamant. Genrebild in einem Act. Nach dem Englischen von AlexanderBergen. Die Erzieherin. Schauspiel in vier Acten. Nach Paul Foucher von Max Stein. , Don Friedrich Kaiser find bei uns erschienen: Männerschönheit. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mt Titelkupfer. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Netter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mt 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr- oder 75 Nkr. Eine Posse als Medici n. Originalposse mit Gesang in 3 Acten- Mt allegorischem Bilde. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 NW Ein Fürst. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mt 1 allegorischen Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr- Mönch und Soldat. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mt 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr- Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbilde- 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Rastelbinder, oder: 10000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbild«. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Junker und Knecht. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Acten. 8- geh. 15 Sgr- oder 75 Nkr. Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Dienstbotenwirthschaft, oder: Chatouille und Uhr. Charakterbild mit Gesang in 2 Acten. Mt 1 Titelbilde. 8- geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Doctor und Friseur, oder: Die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 Acten. Zweite Auflage. 7*/, Sgr. oder 35 Nkr- Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr. Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Ein neuer Monte-Christo. Original-Characterbild in 3 Acten- 12 Sgr. oder 60 Nkr. Die Frau Wirt hin. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Etwas Kleines. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr- Zwei Testamente. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Unrecht Gut. Characterbild mit Gesang in 3 Acten und 1 Vorspiele. 12 Sgr- oder 60 Nkr. Des Krämers Töchterlein. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Eine Feindin und ein Freund. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Ein Lump. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Verrechnet. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Palais und Irrenhaus. Original-Characterbild mit Gesang in 2 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Jagdabenteuer. Posse mit Gesang in 2 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Naturmensch und Lebemann. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Don Johann Rcstroy find bei uns erschienen: Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder: Das Geheimniß des grauen Hauses. Posse mit Gesang in 5 Aufzügen, 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Einen Jux will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. Zweite Auf. läge, geh. 12 Sgr. oder 80 Nkr. Die Zerrissene. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Talisman. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Unverhofft. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 alltg. Bild. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Der Unbedeutende. Posse in 3 Acten. Mit 1 illum. Bild. 12. geh. 20 Sgr. oder 1 fl. Der böse Geist Lumpacivagabundus, oder: Das liederliche Kleeblatt. Zauberpofft mit Gesang in 3 Aufzügen. Dritte Auflage. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Das Mädl aus der Vorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Die verhängnißvolle Faschingsnacht. Posse mit Gesang in 3 Aufzügen. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Eulenspiegel, oder Schabernack über Schabernack. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. Zweite Auflage. >0 Sgr. oder 50 Nkr. Freiheit in Krähwinkel. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 3 illum. alleg. Bild. 12. geh. - 24 Sgr. oder 1 fl. 20 Nkr. Ferner find daselbst erschienen: Sämmtliche Theater von Castelli, Gleich, Grillparzer, Hopp, Hensler, Kaiser, Weidmann, Feldmann, Weißenthurn, Deinhardstetn, Holbein, Kotzebue, Jffland, Werner, Hafner, Vogel, Körner, Ziegler, Jünger, Collin, Perinet, Huber, Baumann, Birch-Pseiffer, Schröder, Clanren, Herzenskron, Treitschke, Sonnleithner, Chrimfeld, Meist, Koch, Schilddach, Seyfried, Bäuerle re. Die Wallishauffer'sche Buchhandlung in Wien, hoher Markt, hält das möglichst vollständigste Lager aller im Buchhandel erschienenen ältesten und neueren Theaterstücke, besorgt das nicht Vorräthige schnell und gibt Verzeichnisse gratis aus. Druck und Papier von Leopold Sommer in Wir». Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt.) Nach vierzig Jahren. Lustspiel in einem Aufzuge. Don A. Scholz. Personen: Adolf Zeisig. Pomposia Sturm. Carpus Casus. Florian Nichts. Cordula, seine Frau. Christine. Toll. j Doll. > Zeisigs Freunde. Nelke. j Eine Auswärterin. Die Handlung spielt in Wien. Elegant möblirtrs Zimmer mit zwei Fenstern, zur Rechten und zur Linken. In der Mitte die Thüre. An der Wand zur Linken das lebensgroße Bild- niß eines Mannes im besten Alter. Erste Scene. Zeisig ist soeben beschäftigt, mit einer Haushälterin eiu kleines Arrangement zu einem Festschmaus zu treffen. Man deckt einen Lisch, setzt auf denselben Teller und Gläser, stellt einen Korb mit Flaschen an eine Ecke des Tisches u. s. w. > Zeisig (während des Arrangements). Die Wasiete daher! — Den Schinken und den Kalbsbraten zu beiden Seiten — so — und dazwischen die Cigarren, genial zerstreut, alle Sorten durcheinander — so — der Flaschenkeller rechts an meinen Stuhl — so — das Brodkörbchen zu meiner Linken, und nun fort, den Kaffee bestellen. (Die. nenn ab) Zeisig (allein). Also vierzig Jahre alt und noch keinen eigenen Herd, keine Frau, keine Theilnehmerin meiner Freuden! eigentlich mehr der Leiden, denn in wessen Leben überbieten n cht die Leiden stets die Freuden? — Was habe ich nicht erlebt und erlitten bis an den heutigen Tage, an welschem ich das vierzigste Jahr zurücklegte 2 und mein Avancement zum Official erreichte! — Aber es ist gut. 's ist vorbei, ich bin ein Mann geworden und auch mein Gelübde ist zu Ende! — Seliger Freund! Ich habe es Dir treu gehalten, und nun ich wieder frei bin, will ich heute meinen Geburtstag recht vergnügt verleben. Der Anfang ist günstig, denn daß mir mein College sein geräumiges Zimmer für diesen Tag so freundlich abtrat, ist charmant; meine kleine Dachwohnung hätte nicht hingereicht die Gesellschaft zu fassen, die ich mir geladen. Schade, daß er selbst nicht dabei sein kann! — Was der Schlingel für eine allerliebste Wohnung hat! Welch' nette Möbel! — Es ist doch ein größeres Vergnügen, so zu wohnen, als wie ich unterm Dache in Gesellschaft von Sperlingen und Fledermäusen! — Aber das muß anders werden! Ich habe eine höhere Gage; bin Official; wieder frei; nehme mir eine größere Wohnung und dann eine kleine Frau! — Ich liebe die kleinen Frauen, man bringt sie überall so leicht unter und kommen auch billiger in der Kleidung, als wenn sie so lang, groß und dick sind, weil man bei jedem Kleide ein paar Ellen erspart; und dann fürchte ich mich auch vor den großen Frauen; weiß der Teufel, ich bücke mich immer unwillkürlich, wenn mir so eine imposante Frauengestalt entgegentritt. (Ist während des ganzen Monologes mit Arrangiren beschäftigt gewesen und jetzt ans Fenster tretend und es öffnend; links.) Ah! ein vi8-ü-vi8! Schau! Schau! Da ist ja mein hübscher Lockenkopf, der mich schon einige Male auf der Promenade so lebhaft intereffirte! (Niest sehr stark.) Christine (am gegenüberliegenden Fenster arbeitend). Zur Gesundheit! Zeisig (zum Fenster hinausrusend). Ich danke! (Für sich). Ei, ei, wie freundlich! — Sieh! Das wäre gleich ein Mädchen nach meinem Geschmacke. (Es wird heftig an der Thürr geklopft). Ah! Meine Gäste! (Oeffnet die Thürr.) Zweite Scene. Zeisig. Frau von Sturm. (Frau von Sturm, elegant schwarz gekleidet, dicht verschleiert, ein sehr energisches und aufgeregtes Wesen.) Fr. v. Sturm (rasch eintretend). Sind Sie Herr Kornwall? Zeisig. Nein, meineGnädige, ich bin— Fr. v. Sturm (ihn unterbrechend). Doch, was frage ich noch, dieser erloschene Blick, dieses blasse Gesicht zeigt mir den Rvuv! — Ja, Sie sind es, sind mein böser Engel, mein Dämon! Zeisig. Meine Gnädige, ich muß sehr bitten — Fr. v. Sturm (energisch). Nehmen Sie Platz (schiebt Zeisig einen Sessel unter, schlägt den Schleier zurück und stellt sich ihm gegenüber) und hören Sie mich an. Zeisig (setzt sich verblüfft). Fr. v. Sturm. Mein Mann ist ein Treuloser, und Sie sind — sein Verführer. Zeisig (ausstehend). Bitte um Entschuldigung, aber — Fr. v. Sturm (aufbrausend). Schweigen Sie, und hören Sie mich an! Zeisig, (setzt sich wieder langsam). Fr. v. Sturm. Vor wenigen Monaten war ich noch das glücklichste Weib unter der Sonne, und jetzt bin ich das unglücklichste!— Ich war meinesMannes Abgott, seine Seele, sein Alles; da lernte er Sie kennen, und mein Himmel war vernichtet. Zeisig (aufstehend). Madame, umunun terdrochen glücklich zu sein, müßten die Kräfte unserer Natur unendlich sein; über- dieß bitte ich zu bemerken, daß nicht ich — Fr. v. Sturm. Setzen Sie sich! (Zeisig gehorcht.) Sie schleppten ihn von seinem En gel hinweg in dieß wilde Leben; Sie waren der Satan, der ihn in die Arme der modernen Götzen, des Carnevals, führte, und er vergaß bei diesen glänzenden, schmeichelnden Schlangen seine Pflichten. Sein ganzes Wesen war verändert, ja, seine Zerstreuung ging so weit, daß er mich, seine Gemalin — statt wie immer mit dein sü- ßenNamen: »Theure Pomposia« mit einem gottlosen: »Schöne Maske« begrüßte. Ist das nicht um wahnsinnig zu werden? — Zeisig. Allerdings! — Aber die lebhaftesten Vergnügungen sind gewöhnlich auch die minder dauerhaftesten, weil sie uns zu sehr erschöpfen. Was aber meine Person betrifft, so bin ich unschuldig, ich bin — Fr. v, Sturm. Unschuldig!? — Warum suchen Sie ihn nicht in seiner Häuslichkeit auf? warum meiden Sie meine Nähe? — Zch hörte ihn nur immer von Ihnen mit Begeisterung sprechen, nie aber war ich so glücklich, Sie zu sehen! —Mit List mußte ich mir Zhre Adresse verschaffen, und Sie nennen sich unschuldig!? Waren Sie es nicht, der ihn versuchte, Maskenbälle zu besuchen, welche ihn die sanften Reize seines Weibes vergessen, und Geschmack fin- ^ den ließen an Aufregungen stärkerer Art, L und kaum dies vorüber, verleiteten Sie ihn z zu Vergnügungsreisen! Was hat ein ver- D heiratheter Mann in Constantinopel und Z Griechenland zu thun? — Harem's zu be- z suchen, und griechische Schönheiten zu bewundern? Mein Boudoir sollte sein Harem, ich selbst seine Venus sein. Damit will ich aber nicht sagen, daß er für weibliche Reize unempfindlich sein sollte, er soll einen kleinen Fuß bewundern, aber den weinigen; er soll eine weiche weiße Hand drücken, aber die meinige, meine Busenschleife soll der Verräther zerknittern — o, geben Sie mir einen Stuhl, ich werde ohnmächtig. Zeisig. Um Gottes willen! — Nur keine Ohnmacht, heute, wo ich meinen Geburtstag festlich begehen will— (schiebt Pom- Posta einen Sessel unter). Und NUN, gnädige 1 Frau, erlauben Sie mir auch ein wenig zu s reden: Ich bin nicht der, für den Sie mich halten, mein Freund überließ mir aus Gefälligkeit für heute diese seine Wohnung, mn mit einigen Bekannten meinen Geburtstag feiern zu können. Fr. v. Sturm. Essen und trinken wollen Sie Unglückseliger, während mich Kummer und Verzweiflung verzehren? Das dulde ich nicht! Das wäre Verrath an derMensch- heit! (Packt die Schachtel mit der Pastete und will dieselbe durch s Fenster werfen.) Zeisig (fällt ihr in die Arme). Madame, jetzt ist's genug, ich bin ein guter Mensch, aber ich kann auch^ zornig werden, lassen Sie meine Pastete^ in Ruhe! — Warum soll ich mich von einer Dame beleidigen lassen, die ich gar nicht kenne? (Fr. v. Sturm packt eine andere Schüssel.) Lassen Sie meinen Kalbsbraten stehen — eben so wenig kenne ich Ihren Gemal! Fr. v.Sturm. Sie kennen meinenMann nicht? — Pomposius Sturm, den schönsten Mann des Jahrhunderts kennen Sie nicht? — Ha, Sie verläugnen ihn! — Das ist zu viel! O mein Blut, mein Blut, es steigt mir zu Kopfe, meine Sinne schwinden, wie morsches Holz will ich zusammenbrechen. (Sie nimmt den Stuhl und drückt ihn kräftig zu Loden, daß er krachend auseinanderfährt.) Zeisig. Erlauben Sie! — Sie ruiniren ja meine Möbel— seine Möbel — meines Freundes Möbel; so nehmen Sie doch nur Raison an; ich bin ja hier nicht zu Hause — ich bin nicht Kornwall! Fr. v.Sturm. Sie sind nickt Koruwall! Sie glauben mich zu betrügen? —- Gut, wir wollen uns nicht weiter erhitzen, wir wollen zu Ende kommen, und so hören Sie denn, was ick verlange: »Sie geben jeden Anspruch auf meinen Mann auf; Sie leisten gänzlich Verzicht ans seine Gesellschaft, und Sie werden es thun, Sie scheinen ein guter Mensch, wenn Sie auch ein leichtsinniger Patron— ! Zeisig (aufbrausend). Ich bin kein Patron, ich bin Beamter! Fr. v. Sturm. Gleichviel! — Sollten Sie aber fortfahren, sich fernerhin an meinen Mann zu hängen und Leidenschaften in ihm zu erwecken, welche die Würde seiner Stellung verletzen, nnd mich, seine Gemalin, Unglücklich machen, so bin ich zum Aeußer- sten gefaßt. — Sehen Sie hier diesen Dolch! (Zieht einen Dolch aus ihrem Busen.) Mit diesem Dolche durchbohre ich Sie! <3 eisig (zurückprallend). Herr Gott! Fr. v. Sturm. Wenn Sie nicht vollbringen, was ich befehle. Zch fordere von Ihnen meinen Mann mit dem Rechte der beleidigten Gattin. Sie werden Sorge tragen, daß er allen leichtsinnigen Verbindungen entsagt, und die Abende, statt sie im Tabakqualm erfüllten Kaffeehause am Spieltische zu tödten, bei mir im ambraduftenden Boudoir vertändelt. Maskenbälle, Vergnügungsreisen seien für ihn entschwundene Träume, Ihre fatale Person, Sie selbst, sind für ihn gestorben und begraben. Zeisig (entsetzt). Bei lebendigem Leibe! Fr. v. Sturm. Sie sind todt! — Und damit Sie begreifen, daß cs mir um meine Drohung Ernst sei, so erfahren Sie: daß Italiens glühende Sonne mein Blut erwärmte, und daß das Land, wo die (Zitronen blühen, und welches ich mein Vaterland nenne, auch seine Energie, seinen Haß und seine Rache mir eingeimpst hat. Zeisig (sehr gereizt). Ich aber glaube, Madame, daß, wenn etwas mehr nordische Ruhe Ihr Blut übersrosten, Ihre südlichen Empfindungen und die Gluten unter dieser schöngewölbten Stirn — Fr. v. Sturm. Keine faden Schmeicheleien, kein Wenn und kein Aber! — Sie haben mich verstanden, und werden wissen, was Sie zu thun haben! — Adieu! (Stürzt ab.) Zeisig (ihr sehr aufgeregt bis an die Thürr uacheilend). Adieu! zweunal Adieu! (Wieder in den Vordergrund kommend.) Hat mich die Frau echauffirt. — Gut, daß meine kleine Gesellschaft noch nicht beisammen war — wäre ein schönes Intermezzo gewesen. (Tritt an den Tisch und arrangirt dir aus demselben in Unordnung gerathenen Speisen.) Meine Pastete wäre aus ein Haar durch's Fenster geflogen! Dem Herrn Gemal gratulire ich! — Sa- lansweib! Und diese Größe, beinahe fünf Schuh! (Es klopft.) Herein! Dritte Scene. Zeisig, Herr von Casus. Casus (ein leichtbewegliches sanguinisches Temperament, trägt einen Vollbart und spricht sehr schnell. Er stürmt, ohne irgend eine Notiz von Zeisig zu nehmen, in's Zimmer, blickt rasch um sich, sieht das Porträt, zuckt zusammen und schreit). Er isi's! (Nimmt einen Stuhl, setzt sich der Lhüre gegenüber und starrt unverwandt aus dieselbe.) Zeisig (ihn erstaunt beobachtend). Herr, was wollen Sie denn? — Casus. Warten! Zeisig. Auf wen? Casus (aus das Bild zeigend). Auf den! Zeisig. Da können Sie lange warten! Casus. Ich versäume nichts! Zeisig. Dieser Herr ist schon lange todt; es ist der Vater meines Freundes. Casus. So warte ich auf den Sohn! Zeisig. Aber wer sind Sie denn? Casus. Ein Unglücklicher! Zeisig. Erlauben Sie, ich feiere heute meinen Geburtstag, dazu kann ich keinen Unglücklichen brauchen. Casus. O! Sie geniren mich nicht! Zeisig. Ah, das ist gut, aber Sie ge- nircn mich! Casus. O nein! Ich sitze ruhig hier und warte! Zeisig.' Ich erwarte in kurzer Zeit eine kleine Gesellschaft, und da ich einen Fremden nicht geladen, so werden Sie begreifen— Casus. Ich werde mich ganz ruhig verhalten! Zeisig. Ich danke Ihnen, aber ungeladenen Gästen weist man die Thür! Casus. Oho! Zeisig (schüchtern). Und wenn Sie dann nicht Folge leisten — erpedirt — man Sie — durch die Thür! 8 Casus (aufspringend, sehr heftig). Das? Sie unterstehen sich, mit mir so zu sprechen! Nicht genug, daß mich der Sohn dieses Mannes, (aus das Bild zeigend) dem er auf ein Haar ähnlich sieht, bis in das tief Innerste meines Wesens verwundete durch sein unverschämtes Benehmen, so weisen Sie mir auch noch die Thür? Mir, einem Unglücklichen, dessen politische Karriere vernichtet, und dessen schönster Lebens-Moment, wo ihm die Anerkennung seiner Mitbürger zu Theil werden sollte, durch einen blasirten Menschen zerstört wurde! Herr, das ist Felonie! — Zeisig. Aber so erklären Sie sich doch deutlicher, ich verstehe Sie nicht. Casus. Sie verstehen mich nicht! O ja, die Sprache des beleidigten Vaterlandsfreundes versteht ihr nicht, ihr Thoren, ihr kosmopolitischen Nachtwächter. — Aber man darf euch nur ansehen, steht der Mann vor mir mit einem Gesichte wie ein zerknitterter Bogen Löschvapier, ohne Licht, ohne Schatten, Alles verschwommen, verzerrt, ohne Ausdruck, ohne Plastik! Zeisig. Ich bitte, mein Gesicht in Ruhe zu lassen. Heute sind es vierzig Jahre, daß ich damit herumgehe und cs bat bis jetzt noch Niemanden beleidiget, sagen Sie mir lieber ohne Plastik, was Sie ! denn eigentlich wollen? Casus. Sie scheine» schwer zu be- ! greifen! (Zeisig einen Sessel anbiktend.) Setzen Sie sich. Zeisig. Wenn Sie erlauben.' (Für sich.) Dieß ist der Zweite. (Setzt sich.) Casus (sich neben Zeisig setzend). Ich trat im 92. Bezirk als Wahlcandidat für den Gemeinderath der Hauptstadt auf, hatte meine Rede wohl präparirt und einstudiert und betrat in einer Versammlung der angesehensten Honoratioren und Wähler die Tribüne. Zeisig. Erlauben Sie, ich sehe, die Geschichte wird länglich, ich werde mir eine Cigarre anzünden. Thut dies.) Casus. Der Sohn dieses Mannes fand sich gleichfalls in dieser Versammlung ein. saß mir gegenüber und starte mich fortwährend mit seinen großen runden Augen an. Es lag so etwas Höhnisches , Blasirtes in dem Ausdruck seines Blickes, daß mich unwillkürlich eine eisige Kälte überfiel, nichtsdestoweniger begann ich meine Rede. — In feurigen Worten entwarf ich mein Programm, das die Ideen des gemäßigten Fortschrittes bis zu den kühnsten Reformen mit all' ihren Wechsel- wirkungen scharf und kantig auseinandersetzte. Zeisig (ungeduldig). Kürzen Sie sich, kürzen Sie sich, wenn ich bitten darf. Casus. Da plötzlich bei einer genialen rhetorischen Figur schnitt ihr Freund eine Grimasse. — Er gähnte, aber wie? — Kolossal! — Ich habe schon viel in meinem Leben gähnen sehen, — ich sah zum Beispiele bei einer automimischen Darstellung ein ganzes Auditorium der schönsten Frauen und geistreichsten Journalisten gähnen, jedoch mit einer Grazie, mit einer Liebenswürdigkeit, daß man alle süßen Wonnen des ersten Schlummers fühlte, aber ein Gähnen wie das dieses Menschen kam mir noch nicht vor. — Mir war, als ob ich in den Rachen eines Tigers blickte. — Nun, sollen Sie erfahren, besitze ich die Eigentümlichkeit, sobald jemand in meiner Nähe gähnt, mitgähnen zu müssen. — Kaum also sah ich das riesige O, welches der Unglückselige mit seinem Munde bildete, mir gegenüber, gähnte ich ebenfalls — einmal — man zischelte — zweimal — zum dritten Male — und ein furchtbares Gelächter tobte durch den Saal. — Ich war verloren, meine Rede zum Teufel, meine Wahl unmöglich. Und seit dieser Zeit kann ich dieß Gesicht nicht vergessen. Ueberall verfolgt es mich, auf meinem Schreibtische taucht es wie ein Gespenst aus dem Tintenfasse und gähnt mich an. Zeisig (gähnt ebenfalls sehr stark). Casus (aufspringend). Unglücklicher, Sie gähnen ja auch. Zeisig. Hunger! — Nur Hunger, und darum bitte ich, zu Ende zu kommen und mir zu sagen, was mir eigentlich die Ebre Ihres Besuches verschaffte, weshalb Sie hier erschienen sind — Casus. Um den Sohn dieses Mannes zu bestrafen. — Er muß sich mit mir schlagen. (Nimmt ein paar Pistolen aus der Tasche, und legt dieselben auf den Tisch.) Zeisig (schnellt empor). Aber doch nicht heute, und nicht hier, Verehrtester, wo ich mich amüsiren will. Casus. Za wohl hier. Hier in seiner Wohnung soll sein Blut fließen, ich werde ihn lehren, die schönsten Gedanken eines erleuchteten Kopfes zu vernichten, Gedanken, welche Monate lang erwogen, wie der Blitz in die Gesellschaft schlagen und zünden sollten. Der Sohn dieses Mannes — Zeisig. Mein Freund, wenn ich bitten darf. — Aber jetzt ersuche ich Sie böflichst, dieses Zimmer zu verlassen, welches für den Augenblick mein Zimmer ist. Mein Freund, der Sohn dieses Mannes, hat es mir für heute abgetreten, und ich ersuche Sie nochmals, dem Spaß ein Ende zu machen, sonst wäre ick schließlich gezwungen — (man hört das Feuerfignal auf der Straße ertönen.) Was ist das? Feuer! (Eilt ans Fenster rechts.) Casus (ebenfalls an's Fenster tretend). Wahrhaftig, das ist Feuer. Dienerin (eiligst durch die Mitte) Am Quai brennt es, Herr Zeisig, du lieber Gott, das ganze Dach steht schon in Flammen. (Ab.) Zeisig. Am Quai? — Dann geht's mich nichts an, ich wohne am Opernring. Casus. Aber mich geht es an, ich wohne am Quai (seine Pistolen zusammenpackend). Auch das noch! Adieu, mein Herr, ich verlasse Sie, aber sobald ich die Gewißheit! habe, daß cs nickt in meinem Hause! brennt, komme ich wieder. (Eilig ab, unten tönen die Feuerfignale von Zeit zu Zeit fort.) Zeisig (allein). Das nenne ich Hilfe in der Noth. Ohne dieses wohlthätige Feuer hätte ich den tollen Menschen nicht so schnell loskriegen können. Aber mein Freund macht curiose Streiche, und die ganze von ihm beleidigte Menschheit kommt über mich, heute, wo ich meinen 40. Geburtstag feiern will. — Wo denn meine Freunde stecken? — Am Ende muß ich meine Pastete allein verzehren. — Das thue ich nicht, eher lade ich mir Jemanden von der Gasse, oder— mein hübsches vis-ä-vis ein. — (Geht an s Fenster). Wie fleißig das Mädchen arbeitet — welch' ein zartes Profil, und wie heiter die Kleine ausfieht. (Rufthinüber.) Sie werden sich die Augen verderben, mein Fräulein, wenn Sie immerwährend so auf einen Punkt sehen. Christine (von außen). Meine Augen— ah, die sind an die Arbeit gewöhnt, mein Herr. Zeisig. Lieben Sie thätig zu sein? Christine. Ich muß es wohl sein. Wenn man kein Vermögen besitzt, muß uns die Arbeit redlich ernähren. Zeisig. Ja wohl, mein Fräulein, die Arbeit! — Glücklich Jeder, dem die Arbeit Trost bietet für so Manches, was ihm das Schicksal versagt. Christine. Wie meinen Sie das? Zeisig. Ich frug, was Sie arbeiten? (Es klopft.an der Thüre.) Schon wieder; herein! Vierte Scene. Zeisig. Herr und Frau Nichts. Hr. Nichts. Um Vergebung, mein Herr, dieß Quartier ist zu vermiethen? Zeisig. Das weiß ich nicht, es gehört meinem Freunde. Heute hat er die Wohnung mir überlassen, weil ich eine kleine 7 Gesellschaft zu empfangen beabsichtige, wie Sie aus den Vorkehrungen hier bemerken werden, und meine Wohnung zu einem derlei Unternehmen zu klein ist. Ich ersuche Sie daher, ein anderes Mal zu kommen. (Bei sich.) Denen muß ich gleich reinen Wein einschenken. Fr. Nichts. O, ich bitte, wir werden unser Geschäft gleich vollendet haben. (Nimmt eine lange Schnur aus der Tasche, und fängt au die Wände zu messen.) Hr. Nichts. Ja, und glauben Sie überhaupt, man hat seine Beine gestohlen, daß man gleich wieder den zweiten Stock hinuntersteigt, um denselben später wieder hinaufzusteigen? Fr. Nichts. Es ist eigentlich gemein, uns so die Thüre zu weisen! Hr. Nichts. Ja, und sogar sehr gemein. Der Zettel, worauf geschrieben steht, daß diese Wohnung zu vermicthen sei, klebt an der Hausthür; Sie müssen sich daher gefallen lassen, daß man heraufkommt und Ihre Wohnung besichtigt. Zeisig. Aber ich sage Ihnen ja, ich wohne nicht da! (Bti Seite.) Der Tausendsappermenter hätte mir auch sagen können, daß er gesonnen ist, die Wohnung zu ver- miethen. L Hr. Nichts. Sie wohnen nicht hier? A (Setzt rasch seinen Hut auf.) Herr! was ma- si chen Sie in einer fremden Wohnung? Fr. Nichts. Wie können Sie sich un- I - terstehen, in einer fremden Wohnung hon- ' netten Leuten die Thüre zu weisen?! » Hr. Nichts. Wie kommen Sie in eine E " fremde Wohnung? —Wissen Sie, daß ich iz gute Lust habe Sie arretiren zu lassen?! Fr. Nichts. Man würde sogar dem ! Herrn des Hauses einen Dienst erweisen, wenn man diesen verdächtigen Menschen festnehmen ließe! , Seifig (der nicht zur Sprache kommt, mit , steigender Unruhe). Erlauben Sie! — Hr. Nichts (ihn rasch unterbrechend). Die- ^ ser Mensch ist vielleicht gar nicht zuständig? Fr. Nichts. Hat wahrscheinlich keine Legitimation! ' Hr. Nichts (inquisitorisch). Mein Herr, haben Sie eine Legitimationskarte? — Wer sind Sie? Fr. Nichts. Wie heißen Sie? Zeisig (zornig). Ich heiße Zeisig und bin — Fr. Nichts. Zeisig! — Siehst Du, lieber Mann, er heißt Zeisig! — Der Name sagt es schon, mit wem wir es zu thun haben. Er heißt Zeisig, und ist wohl auch ein lockerer Zeisig! Hr. Nichts. Der nicht einmal eine Wohnung hat! Zeisig (der die Geduld verliert, im höchsten Zorn). Potz Element, machen Sie mich nicht toll und lassen Sie mich jetzt auch reden, ich bin ein Mensch wie Sie, und habe meine Galle, nur bin ich der Zeisig und Sie sind der Gimpel, das ist der Unterschied zwischen uns. Fr. Nichts (aufschreiend). Mann, er nennt Dich einen Gimpel! Hr. Nichts. Mit welchem Rechte beleidigen Sie mich? Fr. Nichts. Mein Mann ein Gimpel, das ertrage ich nicht! (Sinkt auf einen Stuhl.) Hr. Nichts. Sie werden den Gimpel zurücknehmen. Zeisig. Das wohl nicht, aber hinausjagen werde ich ihn aus diesem Neste, daß er daran denken soll. Augenblicklich entfernen Sie sich, oder ich rufe die Polizei! Hr. Nichts. Gut, ich gehe, doch schenke ich Ihnen diese Sottisen nicht! Ich werde Sie zu treffen wissen, — seien Sie versichert. — (Geht rasch nach der Thür.) Zeisig (jm höchsten Zorn auf die Frau zeigend, die noch immer in fingirter Ohnmacht auf den Stuhl liegt, ihm nachrusend). Nehmen Sie Ihre Alte mit! Fr. Nichts (aufspringend). Ha, das ist zu viel, Mann, er nennt mich eine Alte! j— Ich eine Alte, und Du ein Gimpel! 8 Das ertragen meine Nerven nicht, oh, mir schwindelt, einen Stuhl, ein Ruhebett! — (Sinkt ihrem Manne in die Arme.) Hr. Nichts. Essig! —Haben Sie keinen Essig? — Mußmichder Satan in dieß unglückselige Haus führen! — Gott, sie stirbt mir unter den Händen! — Bringen Sie doch Essig oder Wein, dort steht ja Wein — reichen Sie mir ein Glas Wein! Zeisig. Der gehört für Gesunde, nicht für Ohnmächtige. Fr. Nichts (emporfahrend, und sich auf Zeisig loSstürzend). O, Sie — Sie — Sie Ungeheuer! Sie versagen einer Sterbenden ein Glas Wein. — Das ist Tigcrnatur, das tödtet mich vollends! (Wirft sich wieder in ihre- Mannes Arme.) Zeisig. Wenn Sie sterben wollen, so sterben Sie, wo es Ihnen gefällig ist, ich werde nie etwas dagegen einzuwenden haben, nr;r hier sterben Sie nicht, wo ich meinen Geburtstag und mein Avancement feiern will. Und Sie, mein Herr, bringen Sie Ihre Frau an die Lust, so wird ihr besser werden. Hr. Nichts. Ja, mein Thierchen, an die Luft! — Tue Lust wird deine Gesundheit wiedcrbringen. (Sucht seinen Hut, den er noch immer auf dem Kopfe hat.) Wo ist denn mein Hut? — Aber Ihnen wird es wahrlich keine Früchte tragen, uns so beleidiget zu haben, eine Frau in der Blüthe ihrer Jahre »eine Alte* zu nennen. Fr. Nichts (sich langsam aufrichtend). O mein Gemal! ^ Hr. Nichts. Und mich einen Gimpel! — Haben Sie im zoologischen Garten bemerkt, welche traurige Figur die Gimpel spielen? (Sucht wieder.) Geben Sie mein Eigenthum zurück, meinen Hut! Zeisig. Jetzt ist der auch fertig. Sie haben ihn ja auf dem Kopfe. Hr. Nichts (befühlt den Hut). Pardon, ich werde noch ganz confus, also fort aus dieser Höhle, hinaus in die Lust, in die Sonne, komm, Eordula, komm, mein armes, gekränktes Weib, fort, fort! — (Führt seine Frau, die sehr schwach scheint, ab.) Zeisig (allein). Hol' euch der Kukuk! — Ist mir denn so etwas schon vorgekommen?! — Aber das muß ich gestehen, eine schöne Geburtstagsfeier ist dieß, ein Skandal um den andern und von meinen Freunden kommt Niemand. Am Ende ist's eine Verabredung und die verschiedenen Personen, die mich nach einander so weidlich ärgerten, sind eine Erfindung von ihnen. Die Schlingel sind dieß wohl im Stande, ärgern mich heute, und lachen mich dann morgen noch herzlich aus! — Aber das kommt daher, weil ich unverheiratet bin, mit einem Junggesellen erlaubt man sich Alles! — (Geht mit großkn Schritten umher.) Das muß anders werden, und bald — ich bin im Stande — und führe heute noch — jetzt gleich — die Entscheidung herbei! — Aber, wie fange ich's an? Soll ick bescheiden anklopfen, und mir in ihrer Wohnung einen Korb holen? — Nein, das wage ich nicht, ist auch schon zu oft dagewcsen, sie soll mir den Korb bringen, ja, hier, auf neutralem Boden, — und noch ein prächtiger Gedanke taucht in mir auf! — Oho, meine Freunde, wer zuletzt lacht, lacht am besten. Ihr glaubt, ich werde meine Pastete allein verzehren? — Ich glaube kaum, versuchen wir's! (An'S Fenster tretend und hinüberrufend.) Mein Fräulein! Christine (von außen). Was wünschen Sie? Zeisig. Darf ich mir auf ein Viertelstündchen die Ehre Ihres Besuches ausbitten? Christine. Die Ehre meines Besuches? Sie scherzen wohl? Zeisig. Ich habe Ihnen etwas Wichtiges mitzutheilen! Christine. Das glaube ich kaum! Zeisig. Sie haben Bedenken, zu mir zu kommen? — So erfahren Sic denn, daß ich hier eben so fremd bin wie Sie, mein tz Fräulein, indem dieses Zimmer meines Freundes Wohnung ist. Wir finden daher neutralen Boden zu den Eröffnungen, die ich Ihnen zu machen habe! Christine. Es ziemt sich aber nicht, mein Herr, ich bin ein Mädchen, und Sie sind allein! Zeisig. Sie kommen aber nicht zu mir. Sie besuchen meinen Freund, der Jurist und gegenwärtig nicht zu Hause ist, um Aufschluß in einer Familien-Angelegenheit zu erhalten, und ich desgleichen. Da treffen wir uns denn, und können unfern gegenseitigen Besuch eine zufällige Begegnung nennen. Christine. Das ist sehr spitzfindig! Zeisig. Ueberdieß gebe ich Ihnen mein Ehrenwort! Christine. Genug, mein Herr! Ihrem Ehrenworte und noch mehr Ihrem ehrlichen Allssehen will ich trauen, aber Sie müssen sich kurz fassen, denn ich habe Arbeit! Zeisig (hüpft singend vom Fenster weg). Trala, trala! Sie kommt— Fingerzeig des Himmels! Das Mädchen gefällt mir. Dicß schöne blonde Haar, und sie hat so etwas Sympathetisches in ihrem Wesen! (Gefaßt.) Ich werde beutemit ihr speisen! — Ich habe die hübsche Kleine schon längere Zeit beobachtet, und jedesmal, so oft ich ihr begegnete, weilte mein Blick länger auf ihrem Ge- sichtchen, als auf dem anderer Mädchen. Sie hat ein sehr hübsches Figürchen, nicht ;U groß, so wie ich die Frauen liebe. Sie kann kaum vier Ellen auf ein Kleid brauchen. (Es klopft.) Sie kommt! Herein! Fünfte Scene. Zeisig. Christine. Christine (einfach, nett gekleidet und sri- sirt, ein schwarzes Band um den Nacken geschlungen. Sie bleibt schüchtern an der Thüre stehen) Also, soll ich es wagen? Zeisig. Immerhin, mein Fräulein! (Eilt ihr entgegen und führt sie galant in den Vordergrund.) Christine. Ich boffe, mein Herr, daß die Ankündigung wichtiger Mitteilungen keine Kriegslist war, um mich armes Schäfchen hcrüberzulocken. Zeisig Nein, gewiß nicht; die Wahrheit ist ein Dedürfniß für den Menschen. — Nun aber erlauben Sie mir eine Frage, von deren Bejahen alles Folgende abhängt. Christine. Und die wäre? Zeisig (etwas schüchtern). Wollten —Sie heute mit mir speisen? Christine. Mein Herr! Zeisig. Ja oder nein? Christine. Mein Herr! Zeisig. Sie sehen, der Tisch ist gedeckt, wir dürfen uns nur setzen und damit Sie wissen, wessen Gast Sie sind, so erfahren Sie: ich heiße Adolf Zeisig, bin Beamter und heute vierzig Jahre alt. Christine. Ist das die ganze wichtige Eröffnung, die Sie mir zu machen haben, so erlauben Sie mir mich zu empfehlen, denn ich habe Arbeit. Zeisig. Das eben Gesagte dient nur zur Einleitung, und Sie dürfen mich nicht verlassen. — Ich zähle heute vierzig Jahre, feiere also meinen Geburtstag, und da wollen Sie mich so einsam mein kleines Mahl verzehren lassen? Mein Fräulein, wenn ich Ihnen sage, daß Ihre Gegenwart mein Diner mir noch einmal so angenehm machen würde, verlassen Sie mich dann auch? Christine. Dann müßte ich erst recht gehen! Zeisig. Daß sie mich glücklich macht. Christine. Ich habe einmal irgendwo gelesen, man solle Niemanden um eine glückliche Stunde bringen! Zeisig. Sehen Sie, sehen Sic! — Und Sie wollen das? Ich bin von Allen ver- ly lassen. — Eine Geliebte besitze ich nicht— mir war noch Niemand zugetban, (mit einem Seufzer) nicht einmal meine Mutter, denn sie setzte mich als Kind in einem Körbchen auf die Straße, gleichgiltig, ob mich der Hufscklag eines Pferdes tkdten, oder ob mich eine mitleidige Seele auflesen würde. Christine (fürsich). Mein Schicksal! Zeisig. Meine Freunde verläugnen mich! unberufene Personen verbitterten mir den Morgen mit ihren Narrheiten, und nun wollen auch Sie mich meiden! — Nein, mein Fränlein, nicht wahr, das thun Sie nickt, und in dieser Voraussetzung erlaube ich mir die zweite Frage: Leben Ihre Eltern noch? Christine lbei Seite). Meine Eltern! (Laut.) Ich bin eine Waise, so recht ein Stiefkind der Natur! — Zeisig. O mein Fräulein, die Natur ist keineswegs für den größten Theil ihrer Kinder eine Stiefmutter gewesen. Der Mensch, den sein Schicksal hat in einem dunklen Stande geboren werden lassen, weiß nichts von der Ehrsucht, die den Höfling verzehrt; nichts von all' den Sorgen und Vorwürfen, die den Reichen belästigen. Die Dürftigkeit spannt die Kräfte der Seele an, sie ist die Mutter des Fleißes — aus ihrem Schooße gehen Genies, gehen Talente und Verdienste hervor, welche Ueberfluß und Größe, wider ihren Willen, zu huldigen ge- nöthiget sind. Doch wohin gerathen wir? — Also Sie sind eine Waise, gänzlich frei? an Niemanden gebunden? Christine. Ich stehe allein in der Welt! Zeisig (mit Energie). So nehme ich mir die Freiheit, um Ihre Hand anzuhalten! — Zch bitte, keine Einwendung, ich lasse Ihnen Bedenkzeit — bis wir diese Pastete verzehrt, und diesen Wein getrunken haben werden. Bis dahin überlegen Sie und seien Sie mein Gast. — Erwiedern Sie nichts! Sie beobachten mich, und während dieser geistreichen Beschäftigung speisen Sie nebenher — in der Zerstreuung, was der Tisch hier bietet. Ich Litte, nehmen Sie Platz! — Christine. Diese Mittheilung ist allerdings wichtig — sie überrascht mich — Zeisig. Nun? Christine (nach einer Pause einen Entschluß fassend). Gut, mein Herr, ich nehme Ihren ersten Antrag an, das heißt, ich will mit Ihnen speisen.—Die Artigkeit Ihrer wohlmeinenden Absicht gebietet mir, daß ick Ihnen diese kurze Zeit gönne. (Setzt sich.) Zeisig (schenkt Wein ein in die Gläser und servirt mit galanter Laune). Christine. Also, Sie wollen mich heiraten ? Zeisig. Za. (Servirend.) Hier ist die Pastete! — und das im vollen Ernste! Christine. Ohne mich näher zu kennen; ohne meine Eigenschaften gegenüber Ihren Eigenthümlichkeiten in Erwägung gezogen zu haben? Zeisig. Ich erkenne Ihre Seele in Ihrem Auge. Christine. Ohne mich überhaupt zu fragen, ob ich Sie liebe? Zeisig. Das wage ich noch nicht. Mir genügt, wenn Sie mir gestehen, daß Sie mich nicht hassen, und nur ein klein wenig gut sind. — Sind Sie das? — keine Worte — so erheben Sie das Glas, und stoßen Sie an, ganz leise, kaum ersichtlich! Christine (thut, wie rr verlangt). Sic sind ein närrischer Mensch! Zeisig. Und Sie ein herrliches Mädchen! Sehen Sie. mein Fräulein! Christine. Ich heiße Christine! Zeisig. Also reizende Christine! Zch kenne Sie schon geraume Zeit und folgte Ihnen schon öfters verstohlen, (leise verschämt) bei welcher Gelegenheit ich auch entdeckte, daß Sie ein wunderhübsches Füßchen besitzen. 11 1 § Christine. Stille von meinen Geheimnissen. Zeisig. Aber ich wagte nie Sie anzureden. Sie thaten immer so eilig, waren immer so vresfirt, ich immer so unentschlossen, daß Sie mir beständig entschlüpften; — auch war ich noch nicht vierzig Jahre alt. Christine. Noch nicht vierzig Jahre! — Herr Zeisig, ich halte Sie für einen vernünftigen Menschen, und setze voraus, daß Sie den Scherz nicht zu weit treiben werden. Was sollte Sie veranlassen, erst mit dem vierzigsten Jahre als Freier aufzutreten? Zeisig. Ein Versprechen, ein Gelübde, gelegt in die Hand eines Mannes, eines sterbenden Mannes, ist die Ursache, daß ich einsam stehe. Cristine. Sie haben einem Manne versprochen, ledig zu bleiben? — Sonderbar. Zeisig. Nicht wahr, das ist curios? — Aber von heute an bin ich wieder frei, das vierzigste Jahr löste mein Gelübde. Christine. Und da haben Sie groß- müthig mich zum Opfer auserlesen. Aber wollen Sie mir nicht etwas Näheres über Ihr geheimnißvollcs Gelöbniß mittbeilen? Zeisig. Da müßte ich Ihnen eine kleine Geschichte erzählen. Christ. So erzählen Sie, ich bitte. Dicl- leicht könnten wir diplomatische Noten daran knüpfen, deren Endresultat — Zeisig (schnell eiusallend). Ihre Hand wäre. Der Preis ist zu hoch, um ihn nicht verdienen zu wollen. Christine. Bitte, bitte, ich erwähnte nichts von meiner Hand, aber jener Mann? Wer war jener Mann, dem Sie geloben mußten, sich nicht zu verheiraten? Zeisig. Er war mein bester Freuud! — Seine Eltern fanden mich auf der Straße, wohin man mich als Kind gestoßen, und erzogen mich mit ihm. So lebten, lensten, liebten und haßten wir zusammen. Unsere Bestimmungen trennten uns später, als ich bald darauf erfuhr, Arthurs Eltern wären durch unglückliche Spekulationen verarmt, er selbst liege zum Sterben darnieder. — Ich eilte an sein Lager und da entdeckte er mir, daß er eines Morgens ein Körbchen vor der Thüre seiner Wohnung fand. — Sie zittern, Christine. Christine (das Glas ergreisrnd). Den Kindern der Vorsehung zum Wohle. Zeisig. Sie ahnen, daß der Korb ein Kind barg, welches ein beiliegendes Briefchen als das meines Freundes bezeichnte, und das die unglückliche Mutter des Ncu- gebornen dem Vater vor die Thüre setzte und sich selbst — (Pause.) Christine. Entsetzlich! Zeisig. Arthur bebte. Er vernichtete den Brief, hing dem Kinde, es war ein Mädchen, den Ring, welchen ihm die schöne Mutter einst als Zeugen ihrer Liebe an den Finger steckte, am seidenen Schnürchen um den kleinen Nacken, und stürmte davon, nachdem er vorher sorgfältig seine Wohnung verschlossen hatte. Christine (schmerzlich). Er hatte sein armes, hilfloses Kind so dem Zufalle preisgegeben, seine Wohnung hinter sich abgeschlossen, und auf der Schwelle sein Kind, wie eine Blume, die vom Busen eines Mädchens fällt, dem Zertreten preisgcgcben. Hatte vorgezogen, daß das Wimmern der Kleinen als ewiger Mahnruf der beleidigten Menschheit an sein Ohr töne. Ha, ha, ha! — Das ist der Sieg des Verstandes, das ist die Cultur, die selbst das Herz beleckt. — Stoßen Sie an, Herr Zeisig, jetzt bin ich in der rechten Laune. Zeisig. Himmel, was ist das? Sie sind außer sich, Christine. Christine. Nichts, nichts. — Träume, wüste Träume steigen vor mir auf, kommen Sie zu Ende mit Ihrer Geschichte, ich bitte darum. i Zeisig. Arthur war jedoch nicht der kalte, gewissenlose Mensch, für den er sich hielt. Sein Blut beruhigte sich, eine namenlose Angst bemächtigte sich seiner; das Herz siegte, er eilte zurück in seine Wohnung, da war der Korb mit dem Mädchen verschwunden. — Umsonst forschte er mit aller Mühe und Sorgfalt des Vaters nach dem Kinde — es war verschollen. Christine. Verschollen. Zeisig. Jetzt auf seinem Sterbelager bat mich Arthur nach dem Mädchen zu forschen, wenn er nicht mehr wäre, vielleicht, daß es mir gelänge, was er längst aufgegeben, und ich — selbst ein Ausgestoßener, hingerissen von Mitleid und Schmerz, versprach nicht nur dieses, sondem noch mehr, ich wollte Vaterstelle an dem Kinde vertreten und mich ganz demselben widmen. Christine (für sich). Ein edles Herz! Zeisig. Zwanzig Jahre bestimmte ich dieser Aufgabe. Sind diese verstrichen,und meine Bemühungen, auch nur eine Spur der Verlornen zu entdecken, erfolglos gewesen, so wäre anzunehmcn, sie sei todt, oder anderweitig versorgt, und ich meines Gelübdes entbunden. Dicß gelobte ich, und Arthur starb. — So blieb ich Junggeselle. — Ich habe seit dieser Zeit keine Mühe, keine Anstrengungen gescheut, das Mädchen zu finden, alle Behörden unterstützten mich auf das Freundlichste, aber Alles war umsonst, und fast wie ein Traum nebelt die ganze Begebenheit mir jetzt vor der Seele, wo beute mein Gelübde gelöst, und ich wieder frei und unabhängig bin. Christine (erschüttert). Und auf welche Weise wollten Sie das Kind entdecken, welche Anhaltspunkte stellten Ihnen nur das geringste Resultat in Aussicht? Zeisig. Der Ring an des Kindes Hals, ein einfacher Goldreif mit einem Türkis und dem eingegrabenen Motto: »Mit Gott und deiner Liebe!« Christine (nimmt einen Ring von dem Bande an ihrem Halse und reicht denselben Zeisig in höchster Aufregung). Dieser hier? Zeisig. Herr des Himmels! Wie kommen Sie zu diesem Ringe? Christine. Ich — ich bin die Tochter Ihres Freundes, das älternlose, hinausgestoßene Kind, das fremdes Erbarmen ausgenommen, fremdes Mitleid erzogen hat, das ohne Vater und Mutter groß geworden ist, denn sie verstießen mich beide. — Eine brave Arbeiterin eines großen Mode-Magazins der Residenz fand mich, und nahm mich in ihr Haus, sie liebte mich, eifersüchtig beinahe hütete sie mich, indem sie mich für das Kind einer verstorbenen Schwester ausgab. So wuchs ich unter ihrer Pflege heran, lernte an ihrer Seite thätig sein — und war gerettet. — Die Arbeit, dieser Genius der Menschheit, nahm mich später unter ihre Fittige. Die Arbeit stärkte meinen Glauben, die Arbeit bestärkte meine Hoffnungen, die Arbeit verschaffte mir Achtung, sie hielt mich den Versuchungen fern, sie war meine Freundin, meine Liebe. Zeisig (m Entzückung). Arthur, seliger Freund! Ich segne deinen Auftrag.—Sie, Christine, seine Tochter. — Ist es ein Traum! — Was ich Jahre lang vergebens anstrebte, hätte ein Ungefähr mir entdeckt? Sic, Christine, Arthurs Tochter! — Und so sckön, so reizend — und ich —! Ja, ja, Sie sind es, es sagt mir's eine innere Stimme, und dieser Zug um den Mund — so spielten seine Lippen, so glänzten seine Augen bei erregtem Gefühle — ja, jetzt habe ich volles Recht auf Ihre Hand, reichen Sie mir diese. Christine. Gemach, gemach, Herr Zeisig. Vorläufig (reicht ihm die Hand) danke ich Ihnen, Sie ließen mich meinen Vater erkennen, und wollen — Zeisig. Ihnen auch den Gatten geben, den Beschützer, den Erhalter, damit Ihre schönen Augen sich nicht noch länger abmü- hen dürfen. 2a, Christine, was ich meinem sterbenden Freunde gelobt, will ich jetzt doppelt freudig erfüllen, wenn anch in anderer Bedeutung des Wortes. Ich bitte Sie, nehmen Sie mich, lassen Sie mich nicht längere Zeit am Lager liegen; denn es ist höchste Zeit, daß ich verbraucht werde! Christine. Nun denn, so muß ich mich Ihrer erbarmen, sonst verschmachten Sie vor meinen Augen! So erfahren Sie denn, Herr Zeisig, daß auch ich Sie schon längst nicht ungern sah; daß meine Augen Sie jejzes Mal auf Ihrem gewöhnlichen Spaziergange suchten, und mit Befriedigung erblickten, und daraus folgt, daß, wenn Sie mit einem armen Mädchen zufrieden sind, ich Ihnen hier meine Hand reiche. Zeisig. Und das Herz? Christine. Das müssen Sie eben ganz erobern, ich glaube aber, der Sieg ist schon halb errungen. Sechste Scene. Vorige. Toll. Voll. Nelke. Toll (zu Zeisig). Du bist und bleibst ein Confusionsrath. — Ladest uns zu einem Diner — Voll. Und erwähnst mit keiner Sylbe, daß Dir Kornwall zu diesem Zwecke seine Wohnung überlassen hat. Zeisig. Sollte ich das vergessen haben? Nelke. Allerdings! — College Müller, der davon Bescheid wußte, sah uns am Thore des Hauses, dessen Dachwohnung Du bewohnst, auf- und abpromnieren, und wenn er uns nicht hichergeschickt hätte, könnten wir an deiner versperrten Thüre noch immer warten. Toll. Und während dem unterhältst Du Dich hier mit einem hübschen Mädchen. Zeisig. Respekt,meine werthen Freunde, in diesem Mädchen stelle ich Euch meine Braut vor. Alle. Deine Braut? Zeisig. Ja, meine Braut, die ein freundliches Geschick mich hier finden ließ. Voll. Diesem Ereigniß gebührt ein großartiger Toast. (Man Mt die Gläser.) Nelke. Er lautet? Zeisig, (ein Glas ergreifend mit erhöhter Stimme). »Es leben die Aus gestoßenen!« Alle. Wie? Zeisig (mit Christine anstoßend). »Die Kinder der Vorsehung!« Christine (sich sanft zu Zeisig hinneigend). Aber erst mit 40 Jahren. (Der Vorhang fällt während des Klirrens der Gläser.) Ende. mo tzttu rükZ' b's'7^ "i7M chi övit ,-)rüM7yrr «IlM'c «,,!>^i -!»ME ,-s" .M°. .»^,, »'--n'-l-,« ,»>-- ' " ^. ').im na^N ^-junNir^oö Ml lE .»77iÄÄ ^rö tznumvjE 7 <»« »A nrm^bil-^i^ ,.i-«r mnne.,« '«.i^ »« ,i« -d- >."L. «»->- .V 'Dutt ch 7 izu.'tt (Is ,7li!7§ MiU/ .7NiY'7^0 rir llÄ: !)s,rllch'p)'L iin/, 777^1^. x.MM«r^LT '»ch)4 ,r»)Uk6. tz>j -j-k^r ^lliS E W «m. --NU -Ä» .-»«-.«»> «-r,«»» ''» «- tt-rfküsii, . ncich) 7i§ ch> 'irm. n,ni,ur 7'L« ßl.1 , s.m,^ r-r^' u^.Mlörli'Nnu rn7-!l ^ri77^r,m (lull .I!r;^m jtl.4 :(js/s 7,77giM rü-itt fi/.nL? : i-U»-j^(N7s, IU77Ü<, iun lk/M , ^ ^rrir»»^-7»ir»I U! i', ' ^liuni ^>, 7»« urnm,r-/I -l>'»»> 5^. ^ .A,u n^jj»n 77!»1 chim di't-'i'/'') !!', ß:i<^i77L) Ul7<5 .ük'it '' l.77iM,18 iüü« n/.w» ?»,iu§! 7?) .UI'U^ „r-lvü" lim 6n,ii7?tz!, »vtN «i7» 7 ^ d lk tV 7 i '1 tt 7 <1 7! s -nmmirL 'tt7N7ßys, ?7»'^ .rllK 7t-^. ,7!".r'ivnü 7MÜi7-Ä L«i'Mk 7'll-r^ 77^ 77ltti5^ -'' st-^it-ki? tzP»r. 1^ u-rvl it-il) 7lli »7ts. >»4- llui fN7 77'U^ U»-j7(N7s» 7Ä' rill» §!ijf ^t7^^IN rs,ttfis<77>u^§ N7ch ,,sM Lil',7,,1 ^mr ir7td»!677 ^Ms/rö,'>77 ,k- »l,ch2l.M tt)M77, 71^ unvl 7N»77tt. 77r?I N7l^/I 'l7! ,n»s H7^7»7 ^ .7chtt7 , ^:77rl7 7)Z ttMritt LkT. .7 77^ ,77(tk 7(I»»rU^ sk-r ,:l777'E M7I7i'i »l^ t!s,y«tt7'j^. ll . .77,'i N7f,r,t77'l!i tz7UlN^lÄ .» ^ N ^'. ;ch W-e 'W!' ULPer Sd^ Von Friedrich Kaiser sind bei uns erschienen: Mänilerschönheit. Original-Characterbild mit Gesang 3 Acten. Mit Titelkupfer. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Eine Posse als Medicin. Originalposse mit Gesang in 3 Acten. Mt allegorischem Bilde. 8. geh 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Fürst. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischen Bilde. 8- geh. 15 Sgr oder 75 Nkr- Mönch und Soldat. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr- Der Rastelbinder, oder: 10-000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Lgr. oder 75 Nkr. Junker und Knecht. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr- Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in2Acten. 8. geh. 15 Sgr- oder 75 Nkr. Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Dienstbotenwirthschaft, oder: Chatouille und Uhr. Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8- geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Doctor und Friseur, oder: Die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 Acten. Zweite Auflage. Sgr. oder 35 Nkr. Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7 '/, Sgr. oder 35 Nkr. Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr. Ein neuer Monte-Christo. Original-Characterbild in 3 Acten. Die Frau Wirt hin. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Etwas Kleines. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Zwei Testamente. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Unrecht Gut. Characterbild mit Gesang in 3 Acten und 1 Vorspiele. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Des Krämers Töchterlein. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr- Eine Feindin und ein Freund. Posse mit Gesang in 3 Acten. Ein Lump. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Verrechnet. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten- Palais und Irrenhaus- Original-Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Jagdabentheuer. Posse mit Gesang in 2 Acten. Naturmensch und Lebemann Characterbild mit Gesang in 3 Acten- 12 Sgr- oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr- oder 60 Nkr. 12 Sgr- oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr- 12 Sgr. oder 60 Nkr. än der LdallishauHer'schen Buchhandlung (Josef Klemmt in Wien, Äadt, höhet Markt Nr. 1, find erschienen: WUM - aus Stücken von: Berg, Berla, Bittner, Blallk, Böhm, Elmar, Flamm, Gottsleben, Grois, Grün, Gründorf, Hafsner, Juin, Kaiser, Langer, Megerle, Nestroy u. A. Drei Hefte. Gr. 8 - geh. Preis 1 fi. 50 Nkr. oder 1 Thlr. Jedes einzelne Heft 50 Nkr. oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: B erg D. F. 1- Ta möcht i halt das G'wissen sein. 2- RequifitervLouplet. 3 . Figuren-Couplet. 4- Nachher wird es schon wern. 5- Glöckchen-Couplet. 6 - Biblisches Couplet. 7. Falsche Benennungen. 8 - Tann ist sie da die bessere Zeit. 9 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün. IN. Volkslieder. 11. Aber geb'n thut's cs nit. — Berts, Alois. 12- Jetzt da war's halt Noth, daß wer antauchen thät. 13. Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. 14. Zu was dann die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lachcouplet. 16 Aus einer Chronik». 17- Früchte, die verbotm find. 18- Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20 . Mythologie-Couplet — Berts u. Bittner. 21 - Ohne Umschneiderei. 22 Die papierene Zeit. 23- Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Bittner Anton. 24. Thier-Couplet 25- Das ist noch Geheimniß. 26- Wer hält es geahnt. 27. ^bronigu« »eLnünlsus«. — Bittner u. Morländer. 28- Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29- Und so wird hinterrücks g'redt — Böhm, Josel. 30. Na da sieht mau s doch, daß's an der Eintheilung fehlt. 31- Wenn man die Wirkung ficht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32- Maschinen-Couplet. 33 Wo man was sucht, dort find't man es nicht. — Elmar, Carl. 34. O Spiel der Natur. 35 Lied des Teufels. 36- Man glaubt nicht was in einem Menschen oft steckt. 37- So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. 38- O ungeheure Ironie. 39- Da möcht ich halt wissen, was nachher gschicht Inhalt des zweiten Heftes. Elmar, Carl. 40-Was lieget da dran. 41. I" so geht's, wenn man heut zu Tag Geister citirt. — Feldmann u Flamm. 42- Mt Kleinem fängt man an, mit Großem hört man auf. 43 So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Lhcod. 44. Keine Rose ohne Dornen. 45 Gesundheit und ein recht langes Leben. 46. Jedes Häferl hat sein Deckerl 47. Repertoire-Couplet — Flamm u. Wimmer 48. Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät. 49 So behilft sich halt Jeder, so gut als er kann — Gottsleben, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einm ganz gemeinen Grund. 51. Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52. Na, das kennen wir schon! 53 . Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54 . Wir bedanken uns sehr. — Grün», Johann. 55 Was ein Narr ist. 56- Ein Lhineser. — Gründorf. 57 's ist just net nöthi, aber nothwendi war's — Hassner, Carl. 58. Da find's mäuscrlstill. 59 Es steckt was dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60. Wann der mein Kapperl hätt'. 61- Ja, ich kann's nit ändern, es is halt a so. — Juin. 62- Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht 63- Wozu Mancher eigentlich geboren. 64 Fiakerlied. 65 Zu was von den Göttern eine Auskunft begehren. — Juin u. Ftrrx. 66 . Ta wird einem heiß, kalt — warm! 67. Ungeheuer genannt! — Kaiser, Friedrich. 68 . Ich bitt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. Inhalt des dritten Heftes. Kaiser, Friedrich. 69. Es muß ja nicht gleich sein. 70. La braucht man beim helllichten Lag a Latcrn. 71- Jetzt das g'hört auf ein anderes Blatt. 72- Die sind halt g'schcidt. 73. Das ist so nobel und so billig dabei. — Langer, Anton. 74- Was ist der Unterschied. 75. Aber da mag Keiner net. 76-Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 77. Es schaut nur gemeiner aus. 78 Zu früh und zu spät. 79. Man kann fich's wohl denken, aber sagen darf man s nicht. 80. Wann mich d»r fragen thät. — Megerle, Ther. 81. Marsch mit dem in d'Buttcn. 82. Man muß nur den g ünstigen Zeitpunkt erfragen. — Nestroy. 83- Und 's ist Alles net wahr. 84. Kometen-Lied au? »Lumpaci«. 85 Auf was sich Mancher hinauswachsen kann. 86 . DaS wär ganz etwas Neu's. 87. Und man kommt aus kein Grund. 86 - Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 89- Ja, hat denn die Sprach' da kein anderes Wort. — Barry, A. 90. Ob der wohl die Wahrheit wird sagen Druck und Papier von yeopold Sommer in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. rot h e Eharakterbitd mit Gesang in 6 Abtheilungen . !!'u UNd Ns, t " i » l einenl Vorspiele unter dem Titel: Eine 8 elbst iniirde r i n. iil. - n:> n i!. Un 1 UÜV- N:'d<.4S Klint mir:r-i-k >' Bon Betti A o u n g. .4 t i ^ .. N I Ä ^ ^ . > tu Nu : rn>! nin . n' Persoiteil des Vorspiets-. irlnnii? a Earl Walter, Arzt. - u j j . > Anna, Ehrlich's Tochter. Ehrlich, Schneidermeister. Anton, Altgeselle. Margareth, dessen Weib. - ^ ^.Gesellen. - "" ^ '-'i Erste Abtheilung: Der Weg nach -em Kirckchofe^ 77t. « I u u 11117 7 Gabriele Walter. Trautmann, Lantor. Florian, Bedienter Katharina, Wirthschasterin Eva. bei Walter. Franz Steiner, Forstadjunct. Anna. Die Handlung spielt aus einem Dorfe. 20 Jahr» später als das Vorspiel. t Zweite Abtheilung: Die rothe Liese l. Anna. Eva. Veit. Todtengräbcr. Magrr, Amtsschreiber. Florian. Franz. Die rothe Liesel. Hiesel, i Hansjörgel, > Banern. Mathies, ! Der Wirth. Bauern. Dritte Abtheilung: Die Rache der Geschlagenen. Frau Brrnhofer, eine reiche Bäuerin. Eva, ihre Tochter. Magrr. Anna. Doctor Earl Walter. Gabriele. Traulmann. Franz. Florian. Die rothe Liesel. V i e r t e ^A btheilung: Frau Werner. Frau Bernhofer. Eva. Mager. Doctor Walter. Gabriele. Anna. Spielt um sechs Wochen später als die dritte Abtheilung. Fünfte Abtheilung: Die Verwandelte. Liesel. Florian. Eva- Walter. Gabriele. Trautmann. Anna. Sechste Abtheilung: Zwei Mütter. Walter. Gabriele. Trautmann. Anna- Liesel. Krau Brrnhofer. i, , j Mager. Eva. . Franz. Florian. 7717771 - Vorspiel: j Eine Selbstmörderin. (Zimmer und Werkslätte bei Ehrlich. An einem großen Tische im Hintergründe der Bühne arbeiten die Gesellen. Rechts im Vordergründe der Bühne zeichnet Anton an einem Tische Tuch zum Norschneiden. Links sitzt Anna bei einer Handschuhnähmaschine und arbeitet, neben ihr ist ihre Mutter mit dem Ansbessern eines alten Kleidungsstückes beschäftiget.) Erste Scene. Margareth. Anton. Anna und Gesellen. Chor der Gesellen: Arbeit macht frohen Muth, Ist jedem Menschen gut, Arbeit macht frisches Blut Stechet nur zu! Und nach der Fcierstund' Ist dann ein Gläschen g'sund, schmeckt dann der Liebsten Mund, Schmeckt dann die Ruh! Marg. Wo nur mein Alter heut' wieder bleibt? Der Feierabend ist vor der Thur und er noch nicht z'Haus. Gewiß ist er wieder wo in s Polilisiren h'neinkommen und da vergißt er auf alles Andere. Anton. Laßt die Frau Ehrlich unserm Meister die Freud'. Die Frauen haben ihren Kaffee und wir Männer unser Politik. Marg. (lächelnd). Wenn sie nicht immer ang'feucht werden müßt eure Politik — nachher lasset ich sie mir noch g'fallcn. Anton (mit einem schmerzlichen Blick auf> Anna). 'S geht schon nicht anders, Frau Meisterin. Die Politik vom Meister muß !mit Wein — so wie die Handschuh von der Mamsell Anna mit ihren Thränen befeucht werden, sonst geht nichts vorwärts! Anna (erschrickt und senkt den Kopf). Marg. (ernst). Anna! Sag' mir nnr einmal, was Dir eigentlich ist? So kopfhängerisch wie Du jetzt bist, Hab' ^ch all' mein Lebtag kein Madel in dein Alter g'se- hen. Fehlt Dir was, so sag' es, aber laß das dumme melancholisch und sentimental sein, was sich für eine arme Schneiderstochter nicht schickt. Ich kann's nit leiden. Anna (weich). Aber Mutter, wen genirt denn meine Traurigkeit, als höchstens mich selbst? Marg. Ich werd' Dir's sagen, wen's genirt: erstens dein Vater, zweitens mich, drittens die ganze Menschheit, mit der Du umgehst. Du warst früher ein frisches, lebendiges Ding, hast in aller Früh schon mit deine Liebeln wie ein Singvogel 's ganze Haus aufg'weckt, Haft bei der Arbeit die G'sellen und dein Vätern durch dein frischen und g'sunden Humor ang'eifert, warst auf'm ganzen Grund nur unter dem Spitznamen »die Lachtauben« bekannt, und jetzt — jetzt brauchest nur ein schwarzen Rock anzulcgcn, damit Dich Jeder für ein Conductansager haltet. Und wegen was? das weiß kein Mensch! Anton (für sich). Als ich — und noch wer! (Die Gesellen entfernen sich nach und nach.) Marg. Ich richt' jetzt das Nachtessen. (Zu Anna.) Hör' auf mit der Arbeit, schau hinüber »zum Rössel«, ob der Vater nicht drüben ist, vielleicht erwischt noch ein Stücke! von seiner Politik und kriegst einen andern Humor! (Sie geht ab.) Zweite Scene. Anna. Anton. Anna. Ja, Frau Mutter! (Sie steht auf und beseitigt ihre Arbeit.) Anton (legt ebenfalls das Luch zusammen, dann geht er aus Anna zu, saßt sie bei der Hand und sagt weich). Mamsell Anna, sein's Harb auf mich? Anna. Nein, Anton, Sie haben ja nur die Wahrheit g'sagt. Ich weiß, daß ich mit dem G'stcht ein Jeden zuwider bin, und doch kann ich nichts dafür. Unser Herrgott allein weiß, wie und was mir ist! Anton. Warum aber erleichtern Sic Ihr Herz nicht durch eine Mittheilung? Sagen's der Mutter, was Ihnen druckt. Schauen's, Mamsell Anna, Sie haben so brave, gottesfürchtige Eltern, von denen Sie kein Unrecht zu befürchten haben, also — Anna (rasch). Nein, niemals— meinen armen Eltern am wenigsten! Anton. Wann Sie mir Ihr Vertrauen schenken wollten — Anna, Sic wiffen's nur zu gut, wie gern ich Ihnen Hab', denn was Sie an meiner armen kranken Mutter vor ihrem Tod gethan haben—Mamsell Anna, das werd' ich Ihnen in Ewigkeit nicht vergessen! Anna. Ich weiß, Anton, daß Sie mir gut sind, gern' würd' ich Ihnen auch sagen, was mir auf dem Herzen liegt, aber ich kann's nit — ich kann's nit! Anton. So werd' ich Ihnen helfen. Sein's nit bös, wenn ich Ihnen vielleicht zu grausam in's Herz hineinschneid', um das kranke Ding zu finden, was drinnen sitzt. — Sie sein verliebt. Leider nit in ein Menschen, der Ihre Lieb' zu schätzen — zu verdienen wußt'! Na, na, werdeü's mir nit bös, ich hab's Ihnen g'sagt, daß die Ope- ! ration schmerzlich sein würd'; wollte Gott, ! es wär' noch eine Heilung möglich. Also, . Sie sein verliebt. Der junge Arzt, der seit ^ einigen Monaten in unserm Haus wohnt, ^ der Ihre Mutter vom Tod errettet, wie sie ,das Nervcnfieber g'habt hat, der is der Gegenstand Ihrer Traurigkeit. — Anna, wann's noch möglich ist, so schlagen's Ihnen den Menschen aus dem Sinn, denn der is für Ihnen verloren, den kriegen's all' Jhner Lebtag nicht. Anna. Weil ich ein armes Madel bin, weil nur das elende Geld diese Heirat verhindert — sonst bin ich überzeugt, daß Carl mich zu seinem Weib nehmet. Anton. Ja, das ist möglich. Wann Sie so viel Tausender hätten, als Ihr Vater ehrliche Gedanken — dann könnt's sein, daß der Herr Doctor sich die Schneiderstochter g'fallen lasset und sie zu seiner Frau erhebet, aber so — Anna. So ist's vor der Hand unmöglich, wie er selbst sagt, und wie ich's auch recht gut einseh'. Seine Praris ist noch nicht so ausgedehnt, daß er ein Weib, daß er eine Familie erhalten könnt', und ein Arzt, der mit eigenem Elend im Haust zu kämpfen hat, wird unempfindlicher für fremdes; er kann sich nit mit der Sorgfalt, mit der Ruhe um fremde Leiden kümmern, wie's ein Glücklicher, ein Zusried'ner im Stande ist. Anton. Das hat Alles er Ihnen g'sagt? Schön g'red't, ausgezeichnet. (Barsch.) So warten's denn, Mamsell Anna, bis er Wittiber wird, vielleicht stirbt die reiche Frau bald und räumt Ihnen ihren Platz. Bei unserm Herrgott und ein Doctor is ja Altes möglich! Anna (faltet die Hände und sieht ihn starr an). Anton, ich versteh' Ihnen nit! Anton. Es ist vielleicht besser, — aber nein, Sie sollen Alles erfahren! Wann auch die Medicin hantig ist — desto wirk ' samer soll sie seilt. Der saubere Doctor Walter ist der erklärte Bräutigam von der Tochter des Hausherrn in der Steingasse, des reichen Wallheim. Er hat sie behandelt, als sie vor Kurzem schwer krank war; na, und da mag er ihr zugleich was eiugeben haben, daß sie ihn mit ihrer Hand hat be- o glücken wollen. Der alte Herr bat ihm das Madel nocb antragen, na ja, jung und nobel sckant er aus, der Herr Doctor, seine Praxis vergrößert sich auck von Tag zu Tag, folglich ist er ein ganz acceptabler Schwiegersohn. — Ich bab' die Nachrichten vom Wall beimischen Bedienten, dem ich an Feierabenden seine Livröcn ausbesser. Anna (sinkt auf den Stuhl und schlägt beide Hände vor das Gesicht, indem sie lam schluchzt). Anton (nach einer kleinen Pause). G'schwie- gen hätt' ich wie ein Grabmal, wann ich mir denkt hätt', daß's für Sie besser g'we- sen war, denn im Grund geht's mich nichts an die G'schicht. Aber Sie macken Ihnen Hoffnungen auf ein'n Menschen, der Ihnen für'n Narren halt, der Ihren Lebensmuts» untergräbt; Sie sein das einzige Kind braver Eltern — und so ein Lum — Anna (faltet bittend die Hände). Anton. Na, ick sag's nit. Aber so ein herzloser Mensch soll kein braves Herz brechen. Schlagen's Ihnen den Doctor aus'm Sinn, Anna, nehmen Sie sich ein braven, arbeitsamen G'schäftsmann, wie's Ihr Vater ist, und wann Sie ihn auch nit mit solche Augen anschauen können wie den bezahlten Visitenmacher, so sein's ihm eine warme, treue Freundin, und wenn er ein gescheiter Mensch ist und Ihnen gern hat, wie ich Ihnen Hab', so werden Sie noch immer ein Haupttreffer in der Lotterie für ihn sein. Besinnens Ihnen, Mamsell Anna, aber lassens Ihnen Zeit, wann's auch lang dauert, Einer find't sich doch, der Ihnen nimmt und wann's Ihnen auch vom vielen Weinen die Augen trüb und die Wangerln bleich g'mackt haben: und der Eine — bin ick! B'hüt Ihnen Gott! (Gr geht rasch ab.) Dritte Scene. Anna (allein, nach einer kleinen Pause, während welcher sie krampfhaft schluchzt). O Du mein Gott! mein Gott! Ist denn das möglich? Earl! Carl! Konntest Du mir das antbun, der du gelobt hast vor Gott mich immer zu lieben, mich nie zu verlassen ? Aber nein, es kann, es darf nickt sein! Wenn er auch wollte, er ist nicht mehr frei! vor unserm Herrgott ist er mein Mann, er muß es auch vor den Menschen sein. — Ich Hab' g'fehlt, daß ich mit mein' Herzen auch den Verstand verloren Hab', daß ich meine Eltern hintergangen, — aber so hart wirst du mich dock nit strafen wollen, all- gütiger Vater im Himmel, wirst dein armes Kind nit der Verzweiflung, der Scham preisgeben! — Nein, das soll, das wird nit g'schehen! Ich werd' ihn zu zwingen wissen, daß er mir sein Wort halt'. (Weich.) Zwingen?! O mein Gott, gib, daß es das nit braucht; was war' das für eine Ehe, die nur darum geschlossen wurd', um ein'n begangenen Fehler gut zu macken. (Sie faltet die Hände.) Mein Gott, hilf Tu mir! (Sic sinkt in den Stuhl und legt den Kopf auf den Tisch) Vierte Scene. Anna. Walter. (Walter ganz schwarz, elegant gekleidet, tritt zur Thür herein, er sieht sich um, erblickt Anna und geht auf sie zu.) Walter. Anna! Anna (fährt auf und stürzt ihm mit einem Schrei in die Arme). Mein Earl! Walter (macht sich ernst, aber sanft von ihr los). Anna, ich bin gekommen, ein ernstes Wort mit Ihnen zu sprechen. Anna (für sich). Mein Gott, der kalte Ton! Sollt' es wahr sein? (Laut.) Reden Sie, Carl! Walter (mit Ueberwindung). Anna, wir müssen uns trennen! Anna (schnell). Also doch wahr? O Du mein Gott! Walter. Ich wollte Ihnen den Kummer so gerne erspart haben, Anna, wenn es möglich gewesen wäre. — Wir liebten uns, lieben uns vielleicht noch, ebenso wie früher, Anna, aber dennoch müssen unsere Wege auseinandergehen, sollen wir nicht Beide unglücklich werden. — Anna, mein armes Mädchen, ich sehe was Du leidest — könntest Du in mein Innerstes schauen, Du würdest darin den Abglanz deiner eigenen Gefühle erblicken. Anna. Was aber in aller Welt soll uns denn dann trennen, wenn wir uns lieben? Walter. Unsere Armuth, Anna. Wir haben diesen Punct bereits einmal besprochen, Sie kennen meine Ansicht darüber. Zudem leben meine Eltern noch, ferne von hier, die alt und gebrechlich, ihre einzige Stütze in ihrem Sohne haben sollen. Meine Praxis, die noch so neu ist, daß sie kaum mich erhält, würde lange nicht für eine Familie ausreichen. Aber alles dieß hätte sich noch machen können — wir sind Beide jung, mit bescheidenen Ansprüchen an das Leben würden wir dennoch glücklich und zufrieden gelebt haben — aber ein anderer Umstand, der entscheidender gewirkt, hat eine Heirat zwischen uns Beiden unmöglich gemacht. Anna, ich habe mich vor einigen Monaten, als mein Freund und Studiengefährte, der Leid und Freud mit mir getheilt, schwer erkrankte, für ihn verbürgt, um eine Schuld, derentwegen er und seine Familie in's Unglück gestürzt wären, zu tilgen. Die Summe, die ich leichtsinniger oder gutmüthigerweise in einem halben Jahre zu verdienen dachte, ist leider so groß, daß sie mir auch Niemand geliehen haben würde; da proponirte man mir eine reiche Heirat, die ich mit dem Verstände, wenn auch nicht mit dem Herzen angenommen habe. Anna (fest). Die Sie aber nicht schließen werden, nicht schließen dürfen. Walter, Sie haben da in einer langen Red' mir beweisen wollen, daß Sie vernünftiger Weise nicht anders haben handeln können — ich sag' Ihnen aber, daß der Verstand nit das Herz verdrängen darf und cs zu einer Niederträchtigkeit zwingen! Walter. Das Wort sagt zu viel! Anna. Zu wenig, wenn das wahr ist, was ich gehört, wenn Sie wirklich im Stand wären mich aufzugeben. Carl, unser Ver- hältniß kann und darf nit gelöst werden — in keinem Fall! Walter. Und doch muß cs sein. Beruhigen Sie sich, Anna, und vergessen Sie mich. (In der Thür des Hintergrundes erscheint jetzt Anton und belauscht die Redenden.) Anna (heftig). Vergessen?! Ein ganzes zertrümmertes Lebensglück, meine Schmack, meine Schand'? Carl, haben Sie denn vergessen — Carl. Daß wir Beide jung und schwach genug waren, uns zu lieben — nein, meine Anna, ebenso wenig aber kann ich mehr zurück. Dringen Sie nickt weiter in mich, Sie würden mich unglücklich macken, denn ich könnte doch nicht anders handeln. Anna (kräftig). Gut, so werd' ich Sie zu zwingen wissen, indem ich — Carl. Mich und Andere, so wie sich selbst in's Elend stürzen wollen. Anna, es ist zu spät, heute Abend verlasse ich diese Stadt — seit einer Stunde bin ich ver- mält! Anna (sinkt mit einem lauten Schrei zu Boden). Walter (schlägt sich die Hand vor die Stirne). Ich habe das vorausgesehen! Fünfte Scene. Vorige. (Ehrlich kommt aus der Mitte mit Anton. Margarethe aus der Seitenthüre.) Marg. (stürzt auf Anna zu). Anna, mein armes Kind, was ist denn g'schehen?! Ehrlich (bleibt sprachlos erstaunt stehen). Walter (verwirrt und ergriffen, mit einem liebevollen Blick auf Anna, für sich). Warum mußte ich Sie noch einmal sehen wollen! Ehrlich (tritt vor). Was ist denn da vorg'gangen, Herr Doctor? Ich Hab' g'rad noch so viel g'hört und g'sehen, daß ich mir von der Sach' herausg'nommen Hab', daß Sie nit unschuldig sein an dem Auftritt. Walter. Erlassen Sie mir jede Erklärung, Herr Ehrlich, die ja zu nichts mehr dienen könnte. Anna wiegte sich in Hoffnungen, die sich leider nicht erfüllen konnten — das Erwachen aus ihren Träumen führte eine Krisis herbei. — Leben Sie wohl; wenn Anna zu sich gekommen sein wird, so sagen Sie ihr, daß meine einzige, letzte Bitte, die war, sie möge meinem Andenken Nicht fluchen! (Er stürzt ab.) Anton (ballt hinter ihm die Faust). Nein, segnen wird sie Dich, Du elender Kopf- und Herzverdreher— Dir wird die zahlende Stund' auch noch heimkommen! Ehrlich. Also ist's doch so, wie ich immer geahnt Hab'? Anna war in den Doc- tor verliebt?! — Daher also das kopfhängerische Wesen, das viele Seufzen den ganzen Tag? (Fährt auf.) Na, und warum is denn jetzt z'samm'g'fallen? Hat er ihr d'Lieb' aufg'sagt? Anton. Er ist seit heut' früh verheirat't. Anna (schlägt die Augen aus, blickt um sich, plötzlich scheint ihr das Bewußtsein ihrer Lage zu kommen, sie drückt die Hände vor ihre Augen und stöhnt schmerzlich). O mein Gott! Ehrlich (geht auf sie zu). Was soll die Verzweiflung jetzt heißen? (Streng.) Hör' auf zu heulen. Ein ehrbares Madel wird um ein'n davong'rennten Liebhaber nicht zum G'spött der ganzen Nachbarschaft wie eine Komödiantin von einer Ohnmacht in die andere fallen. Hast Du hinter den Rucken von deinen Eltern eine Liebschaft an- g'fangt, hast Du's nit der Müh' werth g'funden zu sagen: Vater, Mutter, so schaut's aus in mein'mHerzen, billigen Sie meine Wahl? so mußt Du jetzt damit zufrieden sein, daß er Dich hat sitzen lassen. (Nimmt sie bei der Hand und führt sie vor ) Ich will hoffen, (mit gedämpfter Stimme) daß Du Dich nicht weiter mit ihm eing'lassen hast, als sich für ein ehrbares Madel schickt, und daß Du nit roth zu werden brauchst, wenn sein Namen g'nennt wird, — sonst, Anna — (sieht sie wild an und verläßt barsch das Zimmer). Sechste Scene. Vorige ohne Ehrlich und Walter. M arg. Anna, Du hast nit reckt g'han- delt an uns, namentlich an mir, Deiner Mutter, Deiner ersten Freundin auf dieser Welt; aber dein Vater war schon so streng und hart gegen Dick, daß ick nichts mehr sagen kann, als: wein' Dich aus, mein armes Kind, Thränen lindern den Schmerz! Wohl dem, der noch Thränen hat, weh' dem, bei dem sie versiegt sind. (Sie küßt sie auf die Stirne.) Mein armes, armes Kind! Könnt' ich Deinen Schmerz lindern! Eine Mutter tragt ja so gern, so willig für ihr Kind! (Sie legt ihre Hand aus Annas Kopf und geht dann Ehrlich nach.) Siebente Scene. Anton. Anna. Anna (nach einer kleinen Pause dumpf vor sich hin). Und solchen Eltern sollt' ich eine Schande machen, sollt' vor der Zeit ihre Haare bleichen und sie vor Gram und Schmach in die Gruben schicken? Nein! (Bon einem Entschlüsse ersaßt.) Was wird denn die Welt sagen? Sie hat sich aus Liebe das Leben g'nommen; die armen Eltern werden zwar jammern und wehklagen um den Verlust ihrer Tochter, aber (schaudernd) sie werden nicht die Schmach und Schand' ihres Kindes beweinen dürfen. (Zu Anton.) Anton, Sie haben mir vor kaum einer Stund' g'sagt, daß Sie mich gern haben, daß Sie mir immer gut sein wollen. Ich nehm' Sie schon jetzt beim Wort, (weich) ich werd' eine Reis' machen, weit, weit weg von hier, werd' vielleicht nit mehr kommen können. Anton, in Ihre Hand leg' ich das Schicksal meiner armen Eltern! (Sie sinkt in die Knie und faltet bittend die Hände.) Anton, bkidem ewigen Seelenheil Ihrer eigenen Mutter bitt' ich Sie, stehen Sie ihnen bei! 8 Anion (erschüttert). Anna! Mein Gott, was haben's denn vor? Sie wollen doch nicht — Anna (sich rasch erhebend, hält ihm die Hand vor den Mund). Nichts will ich, was Sie wissen dürfen, nicht- thu' ich, was ich nickt muß! Anton, halten Sie mich nicht zurück von einem Vorhaben, das mein einziger Ausweg, mein einziges Ziel sein kann. Mein Gott, Sie würden's einst vielleicht bedauern. (Sie reicht ihm die Hand.) Anton, wollen Sie mich ganz der Verzweiflung übergeben? (Dringend.) Sagen Sie, daß Sie meinen Eltern ein Sohn sein wollen! Anton (faßt mit beiden Händen die ihm dargereichte Hand, drückt sie und sagt dann mit bewegter Stimme, indem er wie zum Schwur seine Rechte in die Höhe hebt). Bei der Seligkeit meiner Mutter — ja!! Anna. So dank' ich Ihnen! (Sie läuft ab, wie sie zu der Mitte kommt, dreht sie sich um, sieht nach der'Thür, wo ihre Eltern hineingegangen find, faltet die Hände nnd sagt mit bebender Stimme.) Himmlischer Vater, schenk' ihnen Dein' Segen! (Sie stürzt ab.) Anton (allein). Mein Gott, was hat sie vor? Es ist kein Zweifel, sie will sich an's Leben! Und warum —- leider is mir das nur zu klar! Ich will ihr nach, will sie von dem gräßlichen Vorhaben retten — will ihr nicht nur das Leben, sondern auch die Ehre retten! (Er stürzt ihr nach.) Offene Verwandlung. (Freie Gegend? Es ist Abend. Man sieht im Hintergründe die Bahn, eine Laterne verbreitet ein düsteres Licht aus der Bühne) . Achte Scene. Anna (kommt langsam von der Seite. Sie ist in tiefes, schmerzliches Nachdenken versunken In der Mitte der Bühne angekommen, sieht sie sich um, zuckt zusammen und sagt dumpf). 3a, der Ort ist recht für mein Vorhaben. Weit genug von dem Bahnhof, daß mich kein Wächter erblickt. — Ich Hab' ihn noch einmal sehen wollen, den Mann, der so viel Elend über mich gebracht, und den ich doch so zärtlich, so unaussprechlich lieb Hab'. O, wenn er eine Ahnung bätt' — wenn ich ihm früher g'sagt bätt' — aber mir selbst ist ja erst in dem Moment, wo ick vernommen Hab', daß Earl einer Andern angebört, mein ganzes Elend klar geworden. — Und diese Glückliche, ick Hab' sie g'seben, jetzt auf dem Bahnhof, wo ick mich bintcr einer Säulen versteckt hatte. — O mein Gott! wie glücklich sie ausg'scben hat an seinem Arm. Er aber war traurig und blaß. Das hat mir wohlgethan! (Sie macht einige Schritte nach rückwärts.) Dort wird der Zug, der das glückliche Paar fortführt, auf seiner Hochzeitsreise Herkommen, wird mit seiner fürchterlichen Gewalt heranbrauscn und im Vorbeifliegen»mein armes Leben mitnebmen. O Du mein Earl! Du, der Du die Schuld an mein' frühen Tod sein wirst — verzeih' mir, daß ick Dich zu mein' Mörder gemacht Hab' — verzeih' mir meine gränzen- lose Liebe zu Dir — meiner einzigen Sckuld! (Man hört ein Zttchrn von der Bahn ) Herr, mein Gott! Das ist mein Sterb- glöckel! (Sie finkt auf dir Knit. Man hört das Ave Maria-Geläute kinkr nahen Kirche, mit sanfter Orgelmnfik gemischt.) Vater, verzeih' mir meine Sünden, so wie ich Denen verzeih', die mit wehgethan — erbarme Dich meiner Eltern — erbarme Dich meiner — meines — (Man hört das Schnauben des Locomotives. Anna springt mit einem Schrei auf und stürzt sich auf den Weg. in dem sie den Kops auf die Schienen legt. Zn dem Moment stürzt Anton aus die Bahn, erblickt Anna, reißt sie empor und fällt neben ihr mit dem Ausrufe : 3efns, Maria! in die Kniee. ^ tsmpo braust der Zug dicht an Beiden vorüber. Anton kniet neben ihr. die Hände zum Gebete gefaltet- DaS Ave Maria und ein Ehoralgesang währcn fort, während der Vorhang fällt) 9 Erste Der Meg nach demZttrchhos. (Ein Gartln. Rückwärts nn hohes Gitter mit einem Thor, das offen steht. Links im Hintergründe der Bühne ist das Wohnhaus zu sehen; rechts ein Pavillon , dessen Flügelthürrn weit offen stehen und zu welchen einige Treppen führen. Man hört ans demselben die Töne eines Pianos.) Erste Scene. Katharina. Später Florian. Kath. (sitzt an einem kleinen Gartentischchen und liest in einem Briefe. Von Zeit zu Zeit schüttelt sie traurig den Kops). Florian (ist leise durch die Gitterthür tingr- treten, er nähert sich lautlos Katharinen, hält ihr die Hände vor die Augen und sagt:) Schon wieder ein Lieb'sbrief? Kath. (erschrocken, sich losmachend). Ah! Florian! Ja, was ist denn das? Wo kommen Sie denn her? Florian. Direct von meinem Herrn, der in einer halben Stund auch da sein wird. Er hat mich vorausg' ckickt. damit ick die Fräul'n Gabriele aus die Freud vorbereitet: kann, denn er meint, wann's ihn zu gah sieht nach einer dreimonatlichen Abwesenheit, so könnt' sie wieder ihre Nerveu- zufält' kriegen. Kath. O, das Fräulein ist so frisch, heiter und blühend geworden, daß der gnädige Herr seine Freude daran haben wird. Florian. Na, das bin ich überzeugt. Aber sagen Sie mir nur eigcntlick, denn Sie sind länger im Haus als ick, Sie müssen das besser wissen, warum hat sie denn so dalkcte Nerven? Kath. Das kommt von ihrer seligen Mutter her, die immer sehr nervös und leidend war; das ist ein natürliches Erbstück. Florian. So? Darum wahrscheinlich bin ich auch alleweil durstig, weil mein Herr Vater, so lang als er verheirat't war, alle Tag, wie man sagt, einen Affen soll g'habt haben — und den Hab' ich geerbt! Katb. Jetzt will ich aber gleich die Clavierlection unterbrechen und den Florian bei dem Fräulein melden. Florian. Warten's noch ein Bisserl — ich hör' für mein Leben gern Elavierspieleu, und dann möckt ich früher auch noch wissen, ob der Brief, den Sie vorhin g'lesen haben, wirklich ein Lieb'sbrief ist. (Komisch-rrnst.) Katharina, Sie sollten über die Zeit der Jugendthorheiten schon hinausgestolpert sein! Kath. Nachen-). Ja, das mein' ich auch! (Ernst.) Nein, das ist leider ein trauriger Brief. Wenn der gnädige Herr eine Stell- vertreterin für mich gefunden haben wird, verlasse ich dieses Haus. Florian. Was? Sie wollen fort, jetzt, nachdem Sie beinahe zwanzig Jahre hier sind? Kath. Ich muß, wenigstens für kurze Zeit, um meine todtkranke Schwester, die Niemanden auf der Welt hat, als mich, bis an ihr Ende zu pflegen. Ist Alles vorüber und der Herr Doctor nimmt mich wieder zurück; so komme ich vom Herzen gern! Florian. Recht haben Sie. Wann nicht — vielleicht Hab' ich derweil eine reiche Fürstin oder so was geheirat't, dann nehme ich Ihnen als Aja — oder als Bonne. Kath. (heiter). Sie sind ein Narr! (Man hört aus dem Pavillon eine reizende weibliche Stimme, welche ein Lied singt.) Florian. Potztausend! Wer ist denn das? (Er lauscht.) Das ist eine g'sunde Brust — das ist doch nicht der Fräul'n Gabriele ihre? Kath. Nein, das ist Evi, dem Fräulein ihr Liebling — Sie kennen sie ja, die Tochter von der reichen Bernhoferin. Florian. So? Kommt die noch immer so fleißig in's Haus? w Kath. Mehr als sonst. Seit der gnädige Herr das Fräulein verlassen mußte, um einem seiner reichen Patienten in'sDad zu folgen, ist sie fast täglich da; der Herr Eantor, der das Fräulein in der Musik un- terricktek, ist auch der Gesanqlehrcr Evi's gewesen, und nun musicireu sie oft stundenlang alle Drei. Es ist eine Freude ihnen znzuhörcn. Florian. Also die Evi ist diese Nachtigall? O, ich Hab' von jeher eine Gall g'habt, daß ich nicht der Adam von dieser Eva bin! (Das Lied verstummt.) Kath. Sie kommen! (Beide treten ein wenig in den Hintergrund.) Zweite Scene. Vorige. Gabriele, Trautmann und Evi (kommen aus dem Pavillon). Gabr. (im Dortreten). Sie sind also mit meinen Fortschritten zufrieden, lieber Herr Trautmann? Trautm. Noch mehr als das, ich bewundere Sie, mein Fräulein! (Er küßt ihr die Hand.) Gabr. Sie sind zu nachsichtig gegen mich, ein wenig Strenge dürfte mir nicht schaden, und wenn Sie an mich alles Lob verschwenden, was bleibt Ihnen dann für Evchen, die heute wieder so reizend gesungen hat? Eva (lachend). O, ich bitt' Sie, Fräul'n Gabriele, führen Sie den Herrn Eantor nicht in Versuchung! Ein Lehrer auf dem Dorf galant gegen seine Schüler — das wär' ja zum Todtlachen! Florian (für sich). Die Landmadeln krieg'n Batzen — die Stadtsräul'n Bußerln auf die Hand. Gabr. Wie wird mein Vater sich bei seiner Rückkehr unserer kleinen Concerte freuen, die wir ihm zu Liebe veranstalten wollen. Nicht wahr. Herr Trautmann, Sie widmen uns dann Ihre freien Abende? Trautm. (warm). Gebieten Sie über mich, mein Fräulein! ich werde kein höheres Glück kennen, als Ihnen zu jeder Stunde gehorchen zu dürfen. t Trantmann hat sich gewendet, um zu gehen, Gabriele hat ihm die Hand gereicht, und wie sie sich umdrcht, bemerkt sie Florian, der sich wiederholt räusperte, um ihre Aufmerksamkeit zu erregen. Gabriele schreit laut auf und eilt aus ihn zu.) Gabr. Florian! Florian! Wo ist mein Vater? Florian. Gesund und wohlauf auf dem Weg hierher. Er wär' gleich mitgekommen, aber er hat das gnädige Fräul'n nicht zu stark überraschen wollen. Gabr. (in höchster Freude). Ach, er hat nichts, gar nichts zu befürchten, ich bin ja so stark, so kräftig — lieber Trautmann — Evchen — Frau Katharine begleitet mich, wir wollen ihm entgegeneilen! (Katharine ist in's HauS gegangen, uud hat Hut und Mantille geholt für Gabriele.) Eva. Verzeihen Sie, Fräul'n, wenn ich nicht mitgeh'n kann, ich bin heut' schon zu lang vom Haus fort—die Mutter erwart't mich. Abends will ich wiederkommen, um den Herrn Doctor zu begrüßen! Gabr. Ach ja, thue das, bringe auck deine Mutter mit, wir wollen dem theuren Vater ein kleines Fest geben — ach, ich freue mich unaussprechlich, ihn wiederzusehen! (Katharine hat ihr Hut und Mantille gereicht und Trautmann bietet ihr seinen Arm.) Adieu denn, Evchen, auf heute Abend! (Gabriele, Trautmann und Katharine ab. Gva hat sie bis in den Hintergrund begleitet.) Dritte Scene. Florian. Eva. Florian. Herrgott, ist das eine Freud' über so einen ankommenden Vater. Was machet die Fräul'n erst für ein Lärm, warm der Bräutigam oder der Herzliebste an- käm'? Eva. Vielleicht weniger. Der Herr Dreier ist aber auch ein Barer, wie's wenige gibt. Wie ist's denn Ihnen gegangen, Florian, die ganzen drei Monate, als Sic weg waren? Florian. Mir? Schlecht, schauderhaft! Ich sag' Ihnen, ich Hab' den ganzen Tag vor lauter Sehnsucht und Liebesgram zu keiner Arbeit kommen können. Beim Frühstück Hab' ich statt der Semmeln meine Thränen in den Kaffee eintunkt. Zu Mittag Hab' ich die Suppen so versalzen, daß ich vor Durst umkommen bin, und auf die Nacht Hab' ich dann von dem vielen Weinen den Verstand verloren. Eva (lachend). Und wer ist denn die Glückliche, nach der Sie sich gar so fürchterlich g'sehnt haben? Florian. Grausame Namensschwester unserer Urahndel — wer anders als Du selbst? Eva (stolz). Reden's nit so g'schwoll'n. Sie wissen, ich bin nichts weniger als hoch- müthig, denn dazu hält' ich kein Recht und kein' Ursach' — aber derlei G'spaß kann ich nit leiden. Merken's Ihnen das. (Sie geht ab.) Florian (fikht ihr erstaunt nach). Ah, da muß ich bitten! Jetzt gift sich die, daß man ihr die Cour macht. Das ist bei einem Frauenzimmer noch nicht dagewescn! Das halt' die erste Eva nicht einmal gcthan in ihrer Unschuld. Aber freilich, damals hat's auch nur ein'n Mann g'geben — wann's den so abg'schnalzt hätt', wär's als alte Jungfer sitzen blieben und das wär' für die Nachwelt ein Malheur g'west. — Couplet. Mit der Wiener Ausstellung Js nir, wie man hört, Die bis jetzt stark dafür war n, Hab'n den Stiel umgekehrt. »Denn, so sag'n's, in Paris wird »Auch a Ausstellung sein, »Und damit z''concurriren, »Fallt uns wirklich nit ein!« Doch daß Wien als a Weltstadt Nit Paris nachsteh'n kann — Jetzt das hab'n's halt vergessen, (Ironisch.) Na ja, wer denkt denn da d'ran. D'neue Uhr mit Springziffern, Die beleucht' wird auf d'Nacht, Hat die Wähler der Gemeinde Wirklich rapplig gemacht. Denn sic fühl'n das Bedürfniß, Daß in kommunalen Sphär'n Allerhand sollte springen, Und genau beleucht' wer'n. Aber daß ganz was Anders Als a Uhr paffert dann — Jetzt das haben's halt vergessen, (Lächelnd.) Na ja, wer denkt denn da d'ran. Eine Burg halb verfallen, Steht auf unserm still'n Grund, Und wcil's in ihr so wimmelt. Hab'n's -'schlossen zur Stund: »D'Burg, die woll'n wir verpachten, »'Soll's a Engländer krieg'n; »Soll mit persischem Pulver »D'g'wissen Käferln besieg'«.« Doch daß d' Käferln, die nachfolg'n, Man nit n'auspulvern kann, Jetzt das hab'n's halt vergessen, (Verschämt) Na ja, wer denkt denn da d'ran. Mit'm Ballon sein in d'Luft g'fahr'n Neun Franzosen letzthin, In Hannover sein's 'runter, Hab'n glaubt, sie sein hin. Weg'nen Pech im lieb'n Deutschland, Sie sehr verdutzt war'n; Aber schon ihre Landsleut' Hab'n g'seh'n vor fünfz'g Jahr'n: »Daß in Deutschland man niemals »Festen Fuß fassen kann.« Jetzt das hab'n's halt vergessen, (Achsklzuckcnd,) Na ja, wer denkt denn da d'ran. 12 Um die Ausgab'n zu decken, Js beantragt, daß 's Land diene Steuern soll kriegen, Alles zahlt — mit einand'. Für den Lirrirs zahlt Jeder, Der Aufwand viel macht, D'Personalstcuer, die wird Kreuzerweis eingebracht. Daß da Mancher als Steuer Fünfundzwanzig krieg'n kann — (Prosa.) Kreuzer nämlich. Jetzt das hab'n's halt vergessen, (Mit Furcht.) Aber i denk'alleweil d'ran. In Erziehungsanstalten Lernen Madeln gar viel, Feine Arbeiten, singen, Tanzen und Pianospiel. ' - ^ Zeichnen, malen, französisch — Englisch — deutsch,' manchmal auch Sich mit Anstand bewegen, Wie es Sitte und Brauch. Doch daß 's Madel einst kochen Und d'Wäsch'waschen kann— ^ Auf das thun's halt vergessen,' (Geziert.) Na ja, wer denkt denn da d'ran. Den Beethoven und Schubert Hab'n sie ausgrab'n letzthin, Diese zwei großen Meister, Diese Zierden von Wien. Hab'n die Schädel, die einst an Melodienschätzcn reich, Diese Schädel, so arm jetzt, Abgebildet sogleich. Aber daß das dem Menschen Bis in's Herz weh' thun kann; Jetzt das hab'n's halt vergessen, (Bitter.) Na ja, wer denkt denn da d'ran. Weg'n dem Nothstand in Ungarn Wurd' schon lang' debattirt, Man hat Millionen Zu Helsen votirt. Sag'n Manche: .Wir sind »Im Princip nicht dageg'n, »Thut's nir überstürzen, »Laßt's Zeit, zu crwäg'n!« Aber daß Ter, der schnell hilft, Doppelt helfen dort kann — Jetzt das hab'n's halt vergessen, (Höhnisch.) Naja, wer denkt denn da d'ran. (Geht ab.) " II. , Verwandlung. (Freie Gegend.) Fünfte Scene. Franz (kommt mit dem Stutzen auf der Schulter langsam und düster vor sich hinblickend von rechts). Wielang sie heut wieder in dem verwünschter» Haus bleibt. Seit einer Stund' schon geh' ich hier auf und ab und sie kommt noch immer nicht. Ist ihr das kranke, verhätschelte Fräule wirklich so in's Herz g'wach- sen? (Bitter lachend). Hahaha! Narr, der ich sein müßt', wenn ich mich selbst zum Besten halten wollt'. Aber jetzt Hab' ich's satt, ich laß' ihr die Wahl — entweder er — oder ich — Einer muß den Platz räumen! Sechste Scene. Vorige. Eva (kommt hastig von links, eilt aus Franz zu und gibt ihm die Hand). ^ Eva. Grüß'Dich Gott, Franz! Armer Narr, hast warten müssen? Franz (ohne ihre Hand zu nehmen). Narr? — ja. Arm?— nein, denn so lang der Mensch ein ehrlich's Bewußtsein hat, ist er noch immer reich g'nug! Eva. Franz, was hast denn schon wieder? Was ist Dir denn schon wieder durch den Kopf g'fahren? Franz. Durch den Kopf? nichts, aber durch's Herz deine Schlechtigkeit! Eva (stolz und streng). Franz! Franz. Ah was, — ich werd'nicht länger mehr der Dalk sein, und mich von Dir bei der Nasen herumführen lassen. Evi, Du 13 weißt, daß ich Dir ang'hör mit Leib und Seel', daß ich kein' andern Gedanken Hab', als Dich, daß ich im Stand war', ein' Mord zu begehen an dem, der mich bei Dir verdrängen wollt'! (Bittend.) Du kennst ja auch meinen täglichen Wunsch! Eva. Das Haus vom Doctor Walter zu meiden? Ja, den kenn' ich, aber das mußt Du nit verlangen, daraus wird in Ewigkeit nichts. Franz (auffahrend). Weil ich Dir weniger gilt als die dort — weil die Sippschaft — Eva (stolz). Still! kein böses Wort über die Leut', die ich verehr', als ob sic meine eigenen Blutsverwandten wären! Franz (lacht bitter). Eva. Ja, lach' nur, es ist doch so. Du kennst sie leider zu wenig, sonst denkest grad' so wie ich. Du weißt, daß im Anfang des Frühjahrs, wie der Doctor die Billa heranß't kauft hat, die arme Gabriele so kränklich und schwächlich war, daß ihr das mindeste Geräusch oder ein Schrecken schon Ohn- mackten oder Krämpf' zuzogen haben. Alle Leut' hier im Ort haben glaubt, daß sie kein halb's Jahr mehr leben wird. Damals hat mich unser Herr Pfarrer dem Doctor, der sein Freund ist, empfohlen, damit ich dem Fräulein Gesellschaft leisten und sic ausheitern soll. Bald waren wir keine Fremden mehr, das arme Haschcrl hat sich an mich ang'schlossen, hat mich liebg'Wonnen und hat bald nicht mehr ohne mich sein können. Franz. Und derweil hat ein Anderer das Lebensglück von ein Burschen g'stohlen, der nichts hat auf der ganzen Welt, als Dich! Eva (erstaunt). Wer ist denn das? Franz (wild). Wer Anderer als der saubere Herr Cantor — dein ehemaliger Lehrer und jetziger Verehrer! Eva (lachend). Schau, jetzt g'fallst mir wieder, jetzt wirst g'spaßigl Franz. Mir ist aber nicht spaßig zu Murh. Mit ein' Wort, ich will nicht, daß Du in s Walterische Haus gehst, so lang er dort ausundeiugeht. Eva (stolz). Du willst nicht? — Du, seit wann steht denn Dir das Reckt zu, über mich ein' Willen zu haben? Franz. Seit der Zeit, als Du mir g'schworen hast nur mir z'g'hören und kein' Anderen. Eva. Und das werd' ich halten, wann Du Dein wüsten Charakter ablegst und ein anderer Mensch wirst. Bin ich dann dein Weib vor Gott und der Welt, (weich) dann, Franz, werd' ich kein' andern Willen haben als den deinigcn; (fest) so lang ich aber frei und ledig und nur auf mein ehrlich's Herz und mein g'sunden Verstand zu hören brauch' — so lang — Franz, werd' ich Deinen eigensinnigen Grillen nie nachgeben, nie! Ich werd' in's Walterische Haus gehen, so lang sie mich so herzlich wie jetzt auf- nehmen und wann zehn Cantoren dort auS- undeingingcn. Franz (zornig). Ist das dein letztes Wort? Eva (bestimmt). Mein letztes! Franz. Und wann ich Dir mein' Lieb' aufsaget, wann ich nichts mehr von Dir wissen wollt'? Eva. Und wann ich wüßt', daß Du für mich auf immer und ewig verloren wärst —^! , Hranz(wüthkild, mit gewaltsam unterdrückter Stimme, die gegen den Schluß seiner Worte laut und drohend wird)? Jetzt hör' auch mein letztes Wort. So wahr als ich hier vor Dir steh', so wahr als Du mir das Liebste auf der ganzen weiten Welt bist, so wahr als ich ohne Dich nicht einmal in den Himmel 'nein möcht — so g'wiß werd' ich auch, wenn Du Deine B'such' dort nir einstellst (er reißt den Stutzen von der Achsel und hebt ihn hoch in die Höhe) Dir mit dem G'spiel da ein' Weg zeigen, der — (In dem Augenblicke geht Anna, schwarz gekleidet über die Bühne; sie bleibt stehen und fragt mit sanfter Stimme, indem sie nach der entgegengesetzten Seite der Bühne zeigt.) Anna. Ist das der Weg nach dem Friedhof? (Franz und Eva find tief erschüttert.) Franz (tonlos). Ja! (Anna wendet sich. Franz geht ab nach der dem Friedhöfe entgegengesetzten Seite. Eva faltet die Hände und sieht ihm erschrocken nach.) Zweite Abheilung. Die rothe Liefe. (Der Kirchhof. Zm Vordergründe der Bühne befindet sich ein kleiner mit einem Gitter umschlossener Hügel, mit einem Kreuz, aus welchem mehrere verdorrte Kränze hängen. Beim Ausziehen des Vorhanges kniet Anna am Fuße des Grabes, mit gefalteten Händen und blickt wehmüthig aus dasselbe. — In einiger Entfernung von ihr steht Veit mit der Pfeife im Munde auf sein Grabscheit gelehnt.) Erste Scene. Veit. Anna. Veit. Ja, ja, a zwanzig Jahr, ja, so lang ist's her — daß ich's da ein'bett' Hab', und viel tausendmal Hab' tch mich g'wun- dcrt, daß seine Eltern nie kommen sein und doch nit d'rauf vergessen haben, sondern alle Jahr fleißig fürs Aufputzen vom Grab 's Geld g'schickt haben. Ja, und weit, weit her sein die Geldbrief kommen, das Hab' ich aus'm Poststempel g'seh'n. Nit wahr, Madame, Sie waren im Ausland? Anna (die sich in Gestalt und Manieren ganz verändert hat, hat zwar noch ein jugendliches, aber sehr blasses Gesicht. Ihre Haare sind mit grauen Streifen durchzogen und ihr Blick ist matt). Ja, wir lebten weit von hier — sehr weit. Mein Mann hatte dort eine Schwester, die eine kleine Wirtschaft besaß, und aus Liebe zu ihr hat er sich dort angesiedelt. Veit. So! Na und mir scheint, jetzt ist Ihnen wieder ein Verwandt'- g'storben? ! Anna, (düster). Mein Mann! § Veit. Das muß für Ihnen ein recht ! schmerzlicher Verlust g'wesen sein, denn - wann Sic schon für so ein, kaum ein paar ! Stund' altes Kind zwanzig Jahr trauern, wie werden's denn erst den Vater davon verschmerzen? Anna (schmerzlich). DenVater desselben? Nie!! (Ruhig.) Mein Mann — er war mir ein treuer, ein ergebener Freund. Veit (mit gutmüthiger Neugirr). Haben's vielleicht ein Menge kleiner Kinder z'Haus? ! Mein Gott, für ein Wittib ist das ein schwe- sres Kreuz. i Anna. Ick habe Niemanden auf der Äelt, Niemanden. Meine Eltern sind ein §Jahr nach meiner Abreise ans der Heimat > gestorben, ohne daß ich ihnen die Augen >zudrücken konnte, ich stehe jetzt allein da. l Veit. Na, das ist wirklich hart, aber trösten Sie sich, vielleicht sind't sich noch Jemand, den's gern haben können, Sie sein ja noch nicht so alt. Anna. Sagt mir, guter Mann, ich sehe hier mehrere Kränze auf dem Kreuze, habt Ihr mein armes Kind damit beschenkt? Veit (ehrlich). Nein, die kommen von der reichen Bernhoferin, die versieht das Grab alle Wochen a paarmal damit, und wann sie nit kommt, so kommt ihr Tochter, die schöne Evi. Anna (erstaunt). Aber was kann die Leute zu diesem Liebesdienste bewegen? Veit. Das weiß ich nit. (Indem er in die Kerne blickt, lächelnd.) Wann Sie's aber erfahren wollen, so dürfen's nur die schöne Evi selber fragen, denn wann mir recht ist, so kommt's dort wieder mit ein' Kranz daher. B'hüt Gott derweil! (Gehtab.) Zweite Scene. Anna (allein, sie beugt sich auf das Grab). Du armes, theurcs Kind, ach warum mußtest Du mir sterben! wie kurze Zeit nur war es mir vergönnt, Dich an meine Brust zn drücken — sie nahmen Dich mir, um, wie sie sagten, mir Ruhe zu gönnen, und tö als ich wieder nach Dir verlangte — da warst Du todt! — (Sir verhüllt sich das Gesicht.) O, daß ich damals mitDir hätte entschlummern dürfen! — Dritte Scene. Anna. Eva. Eva (kommt niedergeschlagen mit einem Kranz von Feldblumen in der Hand). 3ch kann noch nicht z'Haus gehen, die Mutter würd' meine Traurigkeit bemerken, mich ausfragen und ich könnt' ihr nichts verheimlichen. Sic .scheltet dann auf den Franz und das thut mir weh — obwohl sie Recht hat — denn (mit einem tiefen Seufzer) er hat ein wildes Temperament! (Sie geht auf das Grab zu und erblickt Anna; zusammensahrend.) Die schwarze Frau! — Was macht denn die auf dem Grab? Anna (hebt den Kops in die Höhe). Geben Sie mir die Blumen, damit ich den kleinen Engel beschenke. Eva (reicht ihr den Kranz mit Widerstreben). 3a —aber ich glaub', ich hält' mehr Recht dazu — die Blumen kommen von mir — Anna. 3a, ja (herzlich) das ist wahr; aber sehen Sic, es ist das erste Mal, daß die eigene Mutter ihm solche bringt — nach Zwanzig 3ahren! Eva (höchst erstaunt). Was? Sie sind die Mutter? Anna. 3a, ich bin es. Ev a (reicht ihr freundlich dieHand). Lchaun's, das freut mich. Seit sich auf der Welt bin, Hab' ich mich d'ran g'wöhnt, das kleine Wesen da drunt' für mein' eigene Schwester zu halten — jetzt kommt's mir fast so vor — als ob Sie mein' Mutter waren. Anna. Wie aber kamen Sic dazu, daß- Eva. Sehen's, das war so. Vorzwanzig Jahren, sagt meine Mutter, ist ein Fremder mit seiner Frau auf einige Wochen hier in's Ort kommen. Kurze Zeit nach ihrer Ankunft hat der kleine Wurm da das Licht der Welt erblickt. Zu derselben Zeit bin ich geboren worden. Mein' Mutter hat früher schon mehrere Kinder g'habt — alle sind ihr g'storben — (lächelnd) mich hat unser Herrgott nit mögen, vielleicht war ich ihm zu schlimm. Der armen Fremden ihr Kinderl is g'storben. Die Madame, die meiner Mutter beig'standen ist, hat ihr's erzählt und die Mutter hat die arme Frau von Herzen bedauert und hat in ihrer Glückseligkeit, daß ich so frisch und munter war, g'schworen, zeitlebens auf das Grab von dem klein' Wesen frische Kränz' und Blume» zu spendiren. So ist's kommen — das ist die ganze G'schicht. — Die Fremde ist nachher wieder fort und wir habennie mehr ein Mörtel von ihr g'hört. Anna (reicht ihr die Hand). 3ch danke 3hnen; es scheint aber, als wollte 3hre Mutter den Schöpfer bezahlen für das Unglück, womit er Andere heimgesucht und sie verschont hatte. Eva (rasch). O, denken Sie nicht übel von meiner Mutter, sie ist eine kreuzbrave, herzensgute Frau — die Niemande» was Böses wünscht und hat nur in ihrer Glückseligkeit 3hr Unglück doppelt empfunden. (Ernst.) 3ch glaub' auch, die Mutter hätt' traurige, böse Zeiten g'habt, wann ich auch g'storben wär', denn der Pater hat sich nach ein' Kind g'sehnt, mehr als sie, und wie er mich das erste Mal in seine Händ' g'nom- men hat, soll er g'sagt haben: »Wenn das wieder stirbt — dann habt's mich auch am längsten g'seh'n!« Anna. Lebt Ihr Vater noch? Eva (traurig den Kopf schüttelnd). Nein! — (Sie reicht, sich schnell die Augen trocknend, Anna die Hand und sagt:) Aber jetzt kom- men's mit mir, auf unfern Hof. Die Mutter wird sich von Herzen freuen, Sie kennen z'lerncn, und wenn sie bei uns bleiben wollten; — so brauchen Sie sich gar nicht zu gcniren — denn wir sind nit arm und der Bernhoferin ihre Gastfreundschaft (la. chend) die glaub' ich, die ist weltberühmt! Anna. Ich nehme 3hr freundliches Anerbieten mit Dank an. Einige Tage will ick mich hier aufhalten, was dann geschieht, weiß ich noch nicht. Vielleicht lasse ich mich dauernd in Ihrer Gegend nieder — dann bin ich doch wenigstens in der Nähe meines -Kindes. Eva (freudig). Und auch in der unsern. O, wir wollen Ihnen schon die traurigen i Gedanken vertreiben, meine Mutter ist gar eine - leutselige, muntere Frau und ich — (Man hört in dem Moment das schrille Pfeifen und Schnauben eines Eisenbahn-Lokomotivrs und das damit verbundene Läuten. Eva schreit laut aus und verhüllt fich mit beiden Händen das Gesicht. Als das Geräusch vorbei ist, läßt sie dieselben finken, ihr Gesicht ist todtenblaß.) Anna. McinGott, was ist Ihnen denn, was haben Sie? Eva (lächelnd). Ist sckon wieder vorbei — das Hab' ich seit meiner Kindheit — ich kann das ml hören — bin auch nur einmal auf der Bahn g'fahren, und d'raus todtkrank worden. Der Arzt sagt, das liegt ' in den Nerven, die Mutter müß't einmal recht erschrocken sein! — (Sie saßt sich vollends und sagt heiter.) Kommen's jetzt — kvmmen's! (Sie nimmt Anna's Arm in den ihren und führt dieselbe^ welche nachdenklich geworden ist, rasch ab.) . Verwandlung. (Der' Gemeindewirthshausgarten. Rechts und links Bänke, Tische und Stühle. Rechts der Eingang in s Haus. Im Hintergründe sieht man eine Kegel-, bahn, an welcher fich einige Bursche des Dorfes belustigen. Die Tische sind fast alle besetzt. Im Vordergründe rechts sitzen Florian, Mager und etwas von ihnen abgewendet, in tiefe Gedanken versunken, Franz.i Links im Vordergründe Hanns Zvrgel, Mathes und Hiesel. Alles lacht, zecht und belustigt fich. Der Wirth geht, die Gäste bedienend, ab und zu.) Vierte Scene. Mager. Also der H err Doktor ist wieder da. So, so, bleibt auch da? Florian. Ei beileibe, der fremde Eava- lier, den er nach Carlsbad begleiten hat müssen, hat ihm nur auf kurze Zeit Urlaub geben, weil er jetzt grad' keine Zeit hat krank zu sein und das grausliche Wasser zu trinken, — denn so lang man das G'säuf trinkt, ist an keine Beschäftigung zu denken. Mager. So! Da muß aber der Kavalier just nicht sehr krank sein, wenn er sich das so einthcilen kann. Florian. Ich weiß nicht, was ihm eigentlich fehlt, mein Herr sagt, es drucket ihn immer was — Htesel (am gegenüberstehmden Tisch zu Mg- thies:) Du hörst, Mathes, ist Dein Alte noch immer so eifersüchtig? Mathies. O mein, und das wie! Hiesel. Wie kummt's denn nachher, daß Dich aus'm Haus traut und daher kämma bist? Mathes (pfiffig). Der Bader hat mir g'Holsen, er hat ihr weiß g'macht, daß i a wild's Leberleiden hätt'und fest Bewegung machen müßt, und weil grad heunt nir z'thoan is z'Haus, so hat's mich selber fortg'schickt aus die Berg! Hiesel (lachend). Was verlangt denn der Doctor für das Recept? Mathes (seufzend). A Guldenzettel! Mager. Ja, so ein Doctor zu sein, ist gar nicht übel! Florian. Wann für jedes Leiden ein Kräutel g'wachsen wär, ja— aber mitunter ist das Brot von ein Arzt auch ein recht saueres. Mager. Ja, ja, das ist wohl wahr, aber so ein Arzt lebt doch mcistelts wie ein Kavalier — hält sich Equipage, kauft sich mitunter sogar eine Villa — Florian. Ja, nehmens mir's nit übel, aber Sie sein auch einer von den Neidhammeln, die, weil sie's im Leben zu nichts bracht haben, auch Andern nichts vergönnen I Mager. Das ist nickt meine Schuld fünfundzwanzig Jahre bin ich Amtsschrei- ber — wissen Sie, was das heißt, fünfundzwanzig Jahre zu sitzen? 17 Florian. Wären's vor die fünfundzwanzig Jahr mehr g'sesscn, hätten's was Ordentliches gelernt — dann hätten's vielleicht später mehr spazieren gehen können. Mager. Ich habe auch Ihren Herrn durchaus nicht angegriffen — aber daß es mitunter welche gibt, die — Florian (lachend). Die sich in alle Zeitungen annonciren, die Bücher herausgeben und jedem Patienten zum Verkauf anbieten — die verschleierte Damen einladen — oh ja, solche Dalken gibt's auch, die schaden aber Niemanden als höchstens sich selbst. Franz (der bis jetzt stumm dagesessen ist und den Kopf in die Hand gestützt hatte, hebt ihn jetzt in die Höhe; zu Florian). 3hr habt' s ein' braven Herrn. Wie kommt's denn, daß er, der sein' Tochter so gern hat, nit mehr besorgt für sie ist? Florian (erstaunt). Noch mehr besorgt? ich glaub' er hat an alle Fliegen in sein Haus rin Circular herumgehen lassen, daß keine laut nießen darf, wenn sein Töchterl schlaft. Franz. Das mein ich auch nicht, aber ihr Herz könnt in G'fahr kommen — geht doch der Musje Cantor alle Tag ungenirt dort aus und ein — Florian. Na freilich — unser Tochter ist just für so ein' Dorfmusikanten auf die Welt kommen — der gibt seine Lectionen und wird bezahlt dafür. Der Schneider, der Schuster und der Jnstructor, das sein in den Augen der jungen Damen keine Mannsbilder — da hat's keine G'fahr. Mager (spitz). Man sagt aber doch, daß der Herr Trautmann jetzt tiefsinnig geworden sei und daß, wenn er die Villa nur von weitem sehe, er schon purpurroth wird. ^ Florian (lachend). Als ob's sonst keine Frauenzimmer dort gebet, was wär' denn die alte Wirthschafterin nnd nachher die schöne Cvi — ich glaub' der zu lieb seufzet ich selbst wie eine verroste Thürangel. Franz (sein Glas heftig aus den Tisch stoßend). Das verbitt 'ich mir! Ltz «k Florian (erstaunt) Was? Ah da muß ich lachen, da müßt' man bei Glich erst auf ein' Stempelbogen ein G'such schreiben, ob mall seufzen darf? — jetzt thu ich's erst recht! (Er seufzt.) Ah! — oh! — Mager (halblaut zu ihm). Reizt ihn nicht, er ist sehr jähzornig und in die Eva bis über die Ohren verliebt. Franz. Zahlen! (Er nimmt kleine Münze und legt sie aus den Tisch.) Florian (gutmüthig). Bleiben's noch da — trinken's noch a Glaserl! Franz. Nein — ich Hab' genug — mein Durst ist schon g'löscht. Florian. Als ob man zum Weintunken ein' Durst brauchet! Gehn's, a Schlucker! (er schenkt ihm ein) auf der Zukünftigen ihr Wohlsein! Franz (nimmt das Glas, für sich). Auf daß ich mich geirrt Hab'! (Trinkt.) Florian (heimlich zu Franz). Mir scheint Ihr eisert's mit dem Herrn Cantor? Das müßt's nit thun — man macht sich oft böse Stunden mit so einbild'te G'schichten. Habt Zhr's einmal beim Speanzeln erwischt und mit eigenen Ohren s'Bufferln g'hört; — nachher könnt's schön stad anfangen mißtrauisch zu werden. Franz (wüthend). Derweil hätt' ich's schon zerrissen! Florian. AlleZwei?—Sie sein ja über ein' Löwen! Zerreißen! wer wird denn ein' Liebespaar zerreißen?! Franz (packt ihn wild am Arme). Wer ist ein Liebespaar, wer? Florian. Au weh! — mir Zwei g'wiß nicht — ich bitt' Ihnen, Sie versteh'n ja gar kein' Spaß! Künste Scene. Vorige. Die rothe Liese. diese (in zerlumpten, schutzigen Kleidern, ihr» Küße stecken ohne Strümpfe in Holzschuhen, sie trägt eine blaue, schlechte Schürze nach Art der Holzklauberinnen, aus dem Kops hat sie rin seuer- r rothes großes Tuch, unter welchem ihr weiches, hellblondes Haar wild und verworren herabhängt. Sie ist während der letzten Worte eingetreten und hat leise zugehört. Jetzt schlägt sie Franz aus die Achsel und sagt.) Gift Dich nit — schad't Dir nur, Helfen thut's nir. Dein' Dirn kriegt ein and rer Bua Du kriegst Dein'n Wir! Franz (stößt sie unmuthig von sich). Fahr ab — boshafte Her'! Florian (sie erstaunt betrachtend, für sich). Ah, das ist ein lieber Schneck! Liese (heimlich zu Franz, schnell). Bleibt's da ein Augenblick — ich Hab' Euch was an- zuvertraucn! Franz (verächtlich). Du, mir? — wir Zwei haben keine G'heimniß! Liese. Es betrifft die Evi—ich Hab' was erfahren — Franz. Fahr' ab, sag' ich Dir—ich will nichts wissen! Liese, (spöttisch, lauernd). Recht habt's — viel wissen macht Kopfweh, und mir scheint, euer Kopf (sie macht ihm das Zeichen der Hörner) hat eh schon Druck g'nug! Franz. Was soll das heißen, he? (Er packt sie heftig am Arm.) Liese (kalt). Los lassen, sag' ich! Einmal hat sich der Franz schon an mir vergriffen — ich Hab' die Schuld noch nit zahlt — ein zweites Mal — köunt's um seine Augen g'scheh'n sein. Florian (der zuhört). Mir scheint, Krampe rln hat's tüchtige. Franz. Red', Liefe!, was gibt's? Liese. Wart's, ich schick' nur die Männer dort fort — is dann der Tisch frei — Nachher werden wir reden! (Siegeht nach links.) Florian (zu Mager). Wer ist denn diese Dorfschönheit? Mager. Die rothe Liese, eu;e Waise. Sie lebt ganz allein in ihrer Hütte vor'm Dorf und ernährt sich vom Holzverkaus, Erdbeer- und Schwämmesuchen. Boshaft ist sie wie eine Schlange und im ganzen Orte lebt vielleicht nicht ein Mensch, dem sie nicht schon was angcthan hätte. Florian. Eine charmante Person das! (Sie sprechen leise.) Liese (zu Hikskl). Hieselbauer, euer G'scheckete hat sich auf der Hald heuut a Hörndl abg'stoßen und liegt mit blutigem Schädel oben auf der Wiesen. Der Halber hat's just dem Mathes sein Weib erzählt, die (mit einem boshaften Blick aus denselben) ihren kranken Mann scbon in alle Eck' und Winkeln sucht. Da drüben Hab ich's just begegnet! Mat hi es (erschrocken aufspringend und Geld auf den Tisch werfend). B'hüt Gott, Männer! (Er geht schnell ab.) Hiesel. D'G'scheckete? Na, das Malheur! mein schönst's Stückel Vieh! Da muß ich ja gleich zum Curschmied lausen! (Er Acht grüßend ab, nachdem er dem hcrbcikommen- den Wirthe Geld gegeben.) Liese (lehnt sich mit dem Ellbogen aus den Tisch, wo nur noch Hanns Jörge! fitzt). Geh, Hanns Jörgel, laß' mich trinken, mich dürst's! Hanns 3- (schenkt ein und reicht ihr mit finsterem Gesichte das Glas). Da hast! Liese (triukt». Pfui Teure!, ist der sauer! Du, Hanns Jörgel, Deine Wcichscln daheim müssen süßer sein; wie ich über'uZami bei Dein' Garten 'neing'schaut Hab', still grad a fünf, sechs Buben auf deine Bäum' umg'krarelt und haben brockt was Zeug halt! Hanns I. Da soll ja glcich's Donnerwetter d'reinschlagcn! Wo war denn mein Weib? Liese (verschmitzt lächelnd). Auf der dril- bern Seiten — auf der Bank vor der Hans thür, der Herr Bezirksvorstand is grad vorbeigangen — ich glaub er hat ihr was erzählt, denn sie hat ihm so andächtig zu- g'hört,nachher hat er ihr die Hand druck — ein lieber Maun, der Herr Bezirksvorstand — und so herablassend! 19 Hanns 2- (wirft wüthend sein Geld auf den Tisch, schleudert Liesen, die ihn boshaft lächelnd anfieht, einen zornigen Blick zu und sagt:) Oh Du Bißgurn Du! (ßr geht hastig fort.) Liese (lachend). Fahrt's ab — Trotteln! (Zu Franz, der unterdessen sich wieder an seinen alten Platz gesetzt und vor sich hingcstarrt hatte) Herr Forstadjunct, kommt's her da! Franz (geht an den andern Tisch, bleibt dort stehen und kreuzt die Arme, indem er Liese fest anschaut. Florian ist unterdessen zurückgetreten und schaut den Kegelscheiberu zu. Mager ist an seinem Platz geblieben, der Wirth hat sich zu ihm gesetzt, beide plaudern leise miteinander). Zetzt red. aber die Wahrheit, das sag ich Dir — denn für jede Falschheit oder Lug', die Du über d'Evi vorbringst, trägst eine Zahnlücken davon. Du kennst meine Hand! Liese (mit verbissener Wuth). Zch kenn's (drohend) und ich werd' ihr's einbringen. Dll weißt, daß ich kein Menschen was schuldig bleib', der mich neckt — Du hast noch mehr than — Du hast mich g'schlagen — wegen was — wegen ein' klein Holzfrevel im Wald — bei dem Du mich erwischt hast — und hast doch recht gut g'wußt, daß ich ein arm's Waserl bin und mir jedes Stückel Brot sauer verdienen muß! Franz. Nit wegen dem Holz Hab' ich Dich g'straft, sondern wegen dein' Aufbegehren, wie ich Dich aus'm Wald g'schafft Hab'. Hätt'st bitt', wie sich's gehört — Liese (trotzig). War' mir nit eing'fallen! Kurz, Du hast die Hand aufg'hoben—und der Mann, der sich an ein' schwachen, hilflosen Weib vergreift — (ausspuckend) der iS ein' Ehrloser! Franz (will auffahrcn). Du! — (ruhiger) ich hab's oft genug bereut — es war das einzigemal — (mit Widerstreben) verzeih' mir's! Liese (Hönisch) Meinst? — Vielleicht — ^st iahl ich Alles zurück. (Kalt, aber mit einem lauernden Blicke aus Franz.) Heut' Hab' ich die Evi g'seh'n, wie's grad vor ihrer Hausthür mit dem Musje Trautmann g'redt hat. Er hat's um eine Z'sammenkunft bitt' und sie hat ihm's zug'sagt. Franz (schreit). Du lügst! (Sr ballt drohend die Faust.) Liese. Geh' hin und frag's! — aber freilich, sie würd' Dir's grad' eing'stehn. Aber erwischen kannst Du's alle Zwei — mit eigenen Augen kannst Dich überzeugen — Franz (außer sich). Wo — wo — kommen sie z'samm' ? aber nein, nein, es ist nit möglich — die Liesel ist ja so boshaft, so rachgierig — Liese (spöttisch). Wann's nit wahr ist, kannst ja wieder dein Heldenmuth auf mein Rücken beweisen — das ist Dir ja ein Kinderspiel! Franz (sich gewaltsam beherrschend). Zch will Dir Alles glauben, Alles! Also wo ist das Rendezvous? Liese (schadenfroh). Zn dem Lusthaus, das im Walterischen Garten steht, da ist's hübsch dunkel und heimlich — da musiciren sie beim Tag — und busseln auf d'Nacht — Franz (mit gepreßter Stimme). Um wie viel Uhr? Liese. Um 8 Uhr. Nach'm Gebetläuten. Franz. Gut ist's. Ich werd' dort sein, werd' die Falsche beobachten, und dann dem Ort da auf ewig b'hüt Gott sagen, wann Dein' Red' d'Wahrheit g'west ist. Wann Du mich aber, wie Du's mit alle Burschen machst, g'foppt hast, wann Du init der Ehr' von ein braven Madel Dein Spiel trieben hast — nachher, Liesel — nachher nimm Dich in Acht! (Geht drohend ab.) Sechste Scene. Vorige ohne Hanns Zörgcl, MathieS, Hiesel und Franz. Liesel (ihm nachblickend, voll Haß). Brr! fürcht' mich schon, bin nicht so dumm! (Sie geht auf Mager zu» den der Wirth so eben allein gelassen.) Herr Amtsschreiber, ich HLtt' ein G'schäft für Euch! (Sie setzt sich zu ihm und stützt beide Ellbogen aus.) Mager. Ein Geschäft für mich? r» Liese. Und das was für eines.— (Halbleise.) Ihr könnt's ja eine kleine, zierliche Handschrift nachmachen, he? — Mager. Zch weiß nicht, was der Liese einfällt — Liese. Allerhand. — Also hat der Herr Amtsschreiber die G'fälligkeit, ein Zetterl z'schreiben, wo Er den Herrn Trautmann für heut' Abends acht Uhr zu einem Rendezvous einlad't in's Walterische Lusthaus. Mager. Zu einem Rendezvous — den Cantor — mit mir? Liese. Er ist ein Kameel, mit Respect zu vermelden, der Herr Amtsschreiber, — den Zettel soll Er ja mit einer klein' Frauenzimmerschrift schreiben — am besten mit der Evi ihrer — (ihn scharf ansehend) ich glaub', der Amtsschreiber hat oft g'nug Quittungen von der Evi in die Hand kriegt, denn sie schreibt ja Alles was in's Haus g'hört und er ist der Cajsier von der Frau Bernhoferin — und da hat Er zu seiner Unterhaltung öfters die Schrift nach- g'macht, was? - Mager (in höchster Verlegenheit). Einmal — ja, ich erinnere mich — hatte damals gerade nichts zu thun, und zum Spaß — Liese. Hab' ich ihm durch's Fenster zug'schaut. Mager. Gerade als ich den Wisch vernichten wollte — Liese. Aber früher noch, aus purer Spielerei — ein Stempel d'rauf druckt Hab'. (Streng.) Geb' sich der Amtsschreiber keine Müh', mir was weiß zu machen — Er war damals vielleicht in Geldverlegenheit und hat sich helfen wollen. Ich hätt' ihn um's Brot und in Arrest bringen können, aber ich Hab' mir denkt, Er ist ein alter Tattel, der nirgends mehr Unterkommen wurd' — und Hab' g'schwiegen. Mager (brutal). Was hätte denn die Liese übrigens beweisen können? Liese. Ich hätt' so eine Spielerei, von denen Er mehrere g'macht hat, vorzeigt. Mager (rrschrockkn). Äa, wie ist sie denn — Liese. Dazu kommen? (M der Hand auf den Tisch schlagend.) G'schnipft Hab' ich's ihm. Beim Fenster bin ich 'neingestiegen, nachdem ich ihm damals, ohne daß Er's g'merkt hat, zug'schaut.Hab', und bin über sein Tischladcl g'gangen, wie Er fort war — jetzt weiß Er's — der Herr Amts- schreiber! Mager (empört). Das war ja offenbarer Diebstahl? Liese (ruhig). Kann schon sein; aber das g'hört nicht zu unser'm G'schäft. Also Er lad't den Cantor zu ein' Rendezvous mit der Evi — Mager. Das thu' ich nicht; ich werd' mir doch nicht selbst einen Wolf in meinen Schafstall sperren? Liese. Wann Er im Lusthaus wär', könnt's ein Schafstall sein — so hat's kein' G'fahr. — Wann der Herr Amtsschreiber den Zettel fein säuberlich g'schrieben hat, so kann er versichert sein — daß er morgen um ein Nebenbuhler weniger hat — der Franz hat dann aufg'hört für ihn ein Schrecken z'scin! Mager (ängstlich) Sie will ihn doch nicht umbringcn? Liese (lachend). Stein, der Amtsschreiber ist noch dümmer als schlecht! — Ich muß's ihm's nur erklären. Ich Hab' heut' früh den Adjuncten und die Evi belauscht, wie sie mit einander g'stritten haben; er in seiner dummen Eifersucht hat ihr den Anton vorg'worfen und hat von ihr verlangt, daß sie nit mehr in's Walter'sche Haus geht. Sie hat ihm's abg'schlagen — und so sein's Harb aus einander' gangen. Da bin ich auf ein Plan verfallen. Der Franz muß fort von hier — sonst frißt mich die Gall — denn den haß' ich, so weit als er warm ist. Mager. Aber ich versteh' doch noch immer nicht — Liese. Das ist auch gar nicht nothwen- dig — nur schreiben soll er — wann nicht, so bleibt der Franz da und ich erzähl' der Dernhoferin eine G'schicht — Mager (ihr den Mund zuhaltend). Ich schreib' schon — gleich will ich nach Hause gehen, um — Liese. Dableibcn — 's muß gleich sein, denn ich brauch' den Zettel in einer Dier- telstund'. (Sie geht zum Wirth.) Herr Stau- dinger, der Amtsschreibcr laßt bitten um Feder und Papier! (Der Wirth holt das Verlangte.) So, und jetzt schreibt's — ich werd' schauen, daß's nicht g'stört werd's! Mager (schreibt). Liese (gebt zu den K egelscheib ern, wo Florian steht, und singt): Oes Patzer, üs scheibt's ja So dalket und dumm — Nit mehr als ein einziger Kegel fallt um! Hatt' ich nur a Sechserl, Riskir'n wollt' ich's gern Und wollt Euch beim Scheiben Schon zeigen ein' Herrn! Florian (frappirt). Schau, wie das Rothkröpfel prächtig singen kann! (kr gibt Geld hin.) Da zeig' dein' Kunst — (zu den Scheidern) gcht's — laßt's scheiben! (Die Burschen lassen Liese hinzutreten, sie wirft das von Florian gegebene Geld auf dir Bank zu dem übrigen und singt:) Liese. A Rothkröpfel bin i, A Gimpel bist Du! Und Gimpeln seid's Alle Mir schaut's jetzt zu! (Sie wirst die Kugel hinaus und tritt vor, der Kegelbub schreit: »Alle Neune! - Die Burschen räumen ärgerlich den Platz; einer von ihnen reicht ihr das gewonnene Geld — in dem Moment geht ein alter Mann bei der offenen Gartenplanke vorüber und streckt bettelnd seine Mütze vor — die Bursche drehen ihm den Rücken. Liese wischt an ihm vorüber und wirft schnell das Geld hinein. Nur Florian, der staunend die Achseln zuckt, hat dich bemerkt. Hierauf thut sie, als schieb sie das Geld in die Tasche, macht den Burschen eine lange Nase und singt:) Liese. Jetzt fteh'ns da wie d' G'wiffen, Wie d' Grauen am Berg Und der Größte von ihnen Js ein winziger Zwerg! (Die Bursche gehen drohend auf Liese zu. Diese stellt sich ihnen keck entgegen. Florian tritt vermittelnd zwischen sie.) Florian. Haltet ein, sie ist ein Mädel, G'hört zum zarten, schönen G'schlccbt, Hat somit auch unsre Nachsicht, Zarte Rücksicht, z'fordern 's Recht! Die Burschen (lachen). Haha, zum schönen G'schlecht, Sie soll nit so keck sein, Soll geben a Rua, Sie thut ja als wär' sie Der stärkefte Bua! Liese (zu Florian). Pack ein, du Beschützer Vom schwachen Geschlecht, Du stand'st auf der Wiesen Als Vogelscheuch recht! (Die Burschen lachen. Liese geht zu Mager, dieser hat den Zettel geschrieben, gefaltet und ihn ihr gegeben; sie nimmt denselben und steckt ihn rasch in den Busen, ohne daß Florian oder die Uebrigen etwas davon bemerken.) Florian (bei Seite). Wär' sie nicht so kraupat, So wild und zersetzt — Sie intereffiret Mich wirklich zuletzt. (Er geht aus sie zu.) Kleine Blonde — milde Schöne, Sei nicht grantig, gib mir d' Hand, Ist ein Mägdlein ungeberdig, Schau, so ist das eine Schand! (Er will auf sie zugehen, sie weicht zurück.) rr Liefe. Jetzt ist's aus, ich Hab' kein' Zeit mehr, Und Ihr seid's mir Alle z'dumm, Wann ich Zeit Hab', wann ich Lust Hab', Vielleicht kehr' ich wieder um! (Sir will fort. Die Burschrn umringcn sir, zerren an ihren Kleidern, einer von ihnen reißt ihr das Tuch vom Kopfe, ihr Helles, röthlich schimmerndes Haar, das sehr reich aber nicht gebunden und gekämmt ist, fällt wild auf dir Schultern, fie reißt das Tuch schnell aus des Burschen Hand und rr- tirirt gegen die Mauer, wo an einer großen Bottich eine Gartenspritze lehnt, diese füllt fie rasch, während die Burschen fingen:) Die Burschen. So g'schwind kommst Du heut' nit Aus unserer Hand, Und wann hinter deiner Der Teufel auch stand'! (Liese ist aus einen Stuhl gesprungen und hat die Spritze gegen die Bursche gerichtet ) Liese. Der Teufel der helfet Zu allererst Euch — Ich hilf mir schon selber, Ich hilf mir jetzt gleich! (Sie drückt los, ein großer Wasserstrahl fährt über Aller Köpfe hin, Liese springt von dem Stuhl herab und läuft schnell ab, die Burschen ihr nach. Florian und Mager schütteln sich das Wasser ab, der Wirth droht ihr mit geballter Faust) (Der Vorhang fällt.) Dritte Abheilung. Die Rache der geschlagenen. (Zimmer bei der Bernhofer Bäuerin. Nach Art der reichen Bauernhäuser möblirt; an der Wand fleht man blankgrputzte Zinnschüsseln, eine große Schwarzwälderuhr und am Fenster Blumentöpfe und ein Vogelbauer ) Erste Scene. Frau Bernhofer. Mager. Fr. Bernh. (eine stattliche Bäuerin). Und ich sag's dem Amtsschreibcr noch tausendmal — es ist umsonst. Sei er nicht gar so ein Narr — schäm er sich, so ein alter Mann und nach so verrückt! Mager (beleidigt). Frau Bernhoferin, ich glaub' wir geben an Jahren Eines dem Andern nichts nach! Fr. Bernh. (lachend). Wir zwei— ja — für mein Alter paffet der Amtsschreiber noch eher! Mager'(schnell). Nun also — ich nehm' ja die Frau Bernhoferin augenblicklich! Fr. Bernh. Wann's von nichts G'schei- tern zu reden wißt's, Amtsschreiber, so seid's lieber gar stad — ich krieg auf euern Diseurs allemal ein öden Magen! Mager (kopfschüttelnd). Ich gebe meine Bewerbungen nicht auf. Ich bleibe mir konsequent. Eine Bernhoferische muß mein werden — und wann sich Himmel und Hölle zwischen uns werfen! Fr. Bernh. G'worfen kann schon was werden — da hinaus beim Tempel! (Sit zeigt auf die Thür.) Und jetzt b'hüt Gott, ich Hab' kein Zeit mehr, muß zu die Knecht schauen die 's Heu einbringcn von der Wiesen, Sei der Amtsschreiber g'scheit, daß wir gute Freund' bleiben können! Mager. Ich geh' und nimm mir ein Beispiel an Jacob in der biblischen G'schicht —die Rachel hat ihn zwar lang herumzogen, endlich hat er sie doch bekommen und Familie obend'rein. Derweil auf Wiedersehen, Frau Bernhoferin! (Er geht ab ) Zweite Scene. Frau Bernhoferin (allem). Na, das war' für mein Everl ein Aussicht ! (Sie geht an die Thüre, dieselbe öffnet sich und Eva mit Anna treten rin.) Ah, da bist fa, Everl— wo bleibst denn heut' so lang? Dritte Scene. Vorige. Anna, Eva. Eva (umschlingt und küßt sie, fröhlich). Ich bring' der Frau Mutter Jemand. (Sir zeigt aus Anna.) Rath's wer das ist! Fr. Beruh, (freundlich» Das weiß ich nit, is mir aber alleseins, wann die Frau unser Gast sein will, is sie mir vom Herzen willkommen! Anna. Jcb danke Ihnen, gute Frau, ich werde Ihre Gastfreundschaft nur so lange in Anspruch nehmen, bis ich einen Platz in irgend einem anständigen Hause gefunden, denn, obwohl ick ein bescheidenes Vermögen besitze, von dem ich leben könnte, möchte ich doch nicht so allein stehen — möchte irgend einen Beruf haben — irgend Jemanden angehören! Fr. Bernh. Sie suchen also eine Stelle als Haushälterin — hier in der Näh'? — Anna. Das wäre mir am liebsten! Fr. Bernh. O, da kann ich Ihnen g'rad jetzt zu einer verhelfen! Eva (lächelnd). Tie Frau Mutter weiß aber noch immer nit, wen sie vor sich hat? Fr. Bernh. (aufmerksam). Nein - kann mir's auch nicht denken.— Anna (ihr die Hand entgegenstreckend). Sie haben die Frau vor sich, für deren Kind Sie bis jetzt so viel gethan! Fr. Bernh. (entsetzt). Heilige Mutter! Anna! — Sie wären — Eva (fröhlich). Tie Mutter von unserer klein' Freundin d'raußt — der wir immer die Buschen und Kränz' bracht habdn. Fr. Bernh. Und Sie wollen da — da im Dorf bleiben? — Anna. Hier oder in der Nähe desselben! Fr. Bernh. (in größter Angst). Wo ist denn Ihr Mann? Anna. Todt! Fr. Bernh. (für sich). Gott sei Dank! (Laut.) Und wegen was sein Sie denn eigentlich nach zwanzig Jahren wieder daherkommen? Anna (traurig). Um meinen todten Engel zu besuchen. Fr. Bernh. (ergriffen). Armes Weib! Eva (zu Anna). Jetzt sind Sie aber bei lebendige Freund und müssen auf die todten vergessen! — Betrachters mich a bisserl als ihre Tochter, ich werd' mir Müh' geben, Sie aufzuheitern. (Heiter.) Die Frau Mutter theilt sich schon mit Ihnen in mein Herz, nit wahr? Fr. Bernh. (heftig erregt). Nein, nein! — Evi — sckau hinaus zu die Knecht, ob's Heu schon einbracht ist — ob Alles in Ordnung — Anna. Sie haben vorhin gesagt, daß Sie eine Stelle für mich wüßten, wo ich — Fr. Bernh. (schnell). Wo Sie's prächtig haben werden — ja. (Zu Eva.) Die Frau Katharina war da, sie hat uns ein' Einladung für heut' Abend zu ein' klein' Fest bracht, und die hat mir g'sagt, daß sie wegen Familienverhältnisse das Haus vom Doctor verlassen muß — dahin könnten Sie vielleicht kommen. Der Doctor Walter ist — Anna (schnell). Doctor Walter? Fr. Bernh. Kennen Sie ihn? Anna (gefaßt). Nein! Fr. Beruh. Der Doctor Walter ist Wittiber, hat ein einziges, kränkliches Töchter!, dem mein' Evi öfters G'sellschast leist', — bei den Leuten würden Sie's prächtig haben und wie die Frau vom Hans leben! 24 Anna (heftig). Nein, nein! in dieses Haus würde ich nie gehen! Fr. Bernh. lrrstaunt). Warum denn nicht? Sie kennen's ja gar nit? Eva (dringend). 3a, ja, liebe Madame, Sie würden gewiß recht zufrieden sein, der Toctor ist der beste, der gütigste Mensch und seine Tochter ein Engel — dann wären Sie auch immer in unserer Näh' und — Fr. Bernh. (drängt sich schnell zwischen Bride). Geh' hinaus zu die Knecht. Evi — schau nach! Eva. Ja, Frau Mutter! (Sie nimmt Anna bei beiden Händen.) Das wär' prächtig, wann Sie im Walterischen Haus wären, da hätt' ich eine kindische Freud' — nehmen's den Platz an — mir zu lieb —! Fr. Bernh. (ungeduldig). Ob'sDu'naus, gehst! Evi (lachend). Ich geh' schon! (Für sich.) Mir kommt die Mutter völlig eifersüchtig vor! (Geht ab.) Vierte Scene. Frau Bernhofer. Anna. Anna (für sich). Sollte das eine Fügung des Schicksals sein, das mich beinahe am Grab meines Kindes mit dessen Vater zusammenbringt? Aber nein, ich will ihn nicht Wiedersehen, nie, nie! Fr. Bernh. (für sich, Anna von der Seite betrachtend). Was simulirt sie denn? (Laut.) Madame, besinncn's Ihnen, in einer halben Stund' geh' ich in's Walterische Haus und wenn's Ihnen recht ist, so leg' ich ein' Worte! ein für Sic. (Geht ab.) Fünfte Scene. Anna (allein). Er ist hier, ist Witwer und steht allein da, gleich mir. Aber nein, (bitter) hat er doch ein Kind — ein Wesen das ihn liebt — das er lieben darf! — O Walter, Du hast viel, sehr viel an mir verbrochen! (Mit gewaltsam unterdrückter Bitt rkeit.) Doch das ist vorbei, ich habe Dir längst verziehen — (mit einem tiefen Seufzer) konnte ich denn anders? (Halb leise, indem sie den Kopf in die Hand stützt.) Lieb' ich ihn doch immer noch! (Sie zieht ein Medaillon aus der Brust) Ob Du wohl noch derselbe bist? —Ob diese theuern Augen noch eben so sinnig blicken wie einst? (Sie fährt mit der Hand über die Stirn.) Thö- rin, die ich bin! er ist wohl ebenso alt geworden, als ich selbst! (Wchmüthig). Doch nein, mich hat der Kummer rasch gealtert! — (Kleine Pause, sinnend.) Sein Haus betreten — darin walten dürfen — für ihn sorgen (immer rascher) um ihn sein — ihn pflegen, wenn er krank— ihn trösten, wenn er traurig ist — (Sie steht rasch aus.) Und wenn ich den Muth hätte, mich ihm vorzustellen? Hat mich eine zwanzigjährige Abwesenheit von der Heimat — haben mich Schmerz und Leiden nicht in Sprache und Gestalt verändert? — Was sollte mich hindern — ist er nicht frei — bin ich es nicht? Ich werde mich noch unkenntlicher zu machen suchen, werde unter fremdem Namen sein Haus betreten — und wenn er mich aufnimmt, (in höchster Seligkeit) dann, Walter! — ich nehm' die Stelle an! (Sie geht rasch ab in daS Zimmer der Frau Bernhofer.) Verwandlung. (Der Garten des Doctor Walter. Es ist dunkel. Das Haus ist erleuchtet, der Pavillon geschlossen Sechste Scene. Florian (kommt aus dem Hause). So, jetzt kann ich auf eine halbe Stund' fort; die Herrschaft ist mit dem Speisen fertig und plauscht (Er sieht sich überall um) 's ist noch keine Seel' da — ich wcrd' mich jetzt g'schwind in die Gardcrob von mein' Herrn begeben und mir Einiges zu leihen nehmen — dann kann der Spaß losgehc»! — Wer hätt' das dem Rothkröpfel an- g'sehen, daß sie ein Aug' auf den Herrn Cantor hat? Schau, schau, und wie pfiffig >sie die G'schicht ang'stellt hat — kein Mensch, hat'S g'meint, sieht'S, wie sie zn Mittag beim Gartenthürl hereing'wischt ist und das Zetterl da (er zieht den Brief aus der Tasche) in den Hut des Herrn Trautmann geworfen hat. Aber aufg'seffen, Roth- kröpfel! ich Hab' auch g'sunde Augen; ich Hab' das Zetterl g'schwind herausg'nommen und werd' diese Entdeckung benutzen! (Lachend-^ Der Herr Cantor wird über die Entziehung dieses Genusses nicht Harb sein — und ich werd' nicht viel davon zu profitiren sucken. Aber auölachen will ich sie zuletzt — will ihr zeigen, daß nit sie allein die Leut' necken und sekiren kann und morgen soll das ganze Dorf die G'schicht vom Rendezvous der rothcn Liesel erzählen! (Man hört zum Gebet läuten.) Oho, jetzt darf ich mich tummeln — nach acht Uhr geht's los! (Er geht schnell in'S Haus.) Siebente Scene. diese (kommt durch die Mitte. Sie hat ein schwarzes Kopftuch gleich dem Eva's genommen und einen Rock, welcher dem Eva's ebenfalls ähnelt.) So, in dem G'wand sucht kein Mensch die rothe Liesel — jetzt soll er kommen, der wilde, der gähzornige Bursch. Ich schlag' ihn heut empfindlicher, als er mich damals >m Wald, — seine Wunden wird schwerer keilen. Um d'Evi ist mir leid — sie hat a (ut's Herz — und wann alle Leut' so wären wie sie gegen mich g'wesen; — nachher wär' ich auch nit so — wie ich jetzt bin! (Sie stampft mit dem Fuß.) Wann nur der bantor g'wiß kommt — ah, was, so was vwsäumen die Männer nie! (Nachdenklich.) Horch, es kommt wer! (Sie schlüpft in den Pavillon, zieht die Thür hinter sich zu und öffnet dann von innen leise das Fenster.) Achte Scene. Vorige. Franz. 8 ranz (kommt mit dem Stutzen auf der Achsel laigsam durch die Mitte und sieht sich vorsichtig un. nachdem er die Thür geschlossen. Das Läuten dr Glocke ist verstummt.) Da wär' ich, aber g'seh'n Hab' ich kein' Menschen. (Erwischt sich den Schweiß von der Stirne.) Wann mich die rothe Liesel ang'logen hätt' — wann mein' Evi brav und mir treu wär' — (Mit gepreßter, zitternder Stimme.) Herr, mein Gott, dann gelob' ich Dir, ein anderer Mensch z'werden, mein Lebtag soll kein jähzornig's Wort — kein wilder Blick — Aber wann sie doch kommt — wann der Cantor — nein, nein! schon der Gedanke wär' die lebendige Höll', ich müßt' nicht, was ich thät'! — (Er erblickt Florian, der im schwarzen Anzug durch die Thür des Hauses tritt. Zn dem Moment geht der Mond auf und beleuchtet die Scene.) Heiliger Gott — da kommt er! (Er springt schnell hin. ter das Fenster des Pavillon-.) Neunte Scene. Vorige. Florian. Florian (tritt rasch aus dem Pavillon und ruft:) Pst! Pst! Franz (leise). Er ist da, aber sie noch nicht. Vielleicht hat sie ihn zum Besten g'halten. Liese (hat dm Kopf aus dem Fenster ge- steckt, ebenso wie Florian). Pst! pst! Franz (schlägt beide Hände vor das Gesicht, schmerzlich stöhnend). Evi! Florian. 'S Vögerl ist schon d'rin! (Er gehtzum Pavillon, öffnet denselben und schlüpft hinein.) Franz (außer sich vor Schmerz und Wuth). Ich glaub', ich hätt' g'nug! Also das ist Dein' Lieb', Du ehr- und herzloses Madel. Das Dein' Treu'? Jetzt ist's aus mit mir! Florian (hat unterdessen Liese im Pavillon gesucht, sie öffnet rasch das Fenster, springt heraus und eilt gegen die Gitterthür zu. Florian springt ihr nach.) Ah, das ist eine sonderbare Lieb'! (Will ihr Nacheilen, stößt an Kranz, diese* packt ihn wild.) Liese (eilet die Gittcrthür zu öffnen, welches ihr aber nicht gelingt). Florian (mit dem Jäger ringend). Loslassen sag' ich, oder — Franz (ihn sesthaltend). Nichts oder— früher wirst noch gezeichnet — daß Tu ein Andenken hast! (Sie ringen, plötzlich entladet sich das Gewehr, welches Franz auf der Achsel 2S trägt; der Schuß geht loS und trifft Liese, welche mit einem lauten Schrei zu Boden stürzt. Franz und Florian lassen sich bestürzt los ) Zehnte Scene. Vorige. Toctor W a l t e r, Gabriele, Trautmann Eva, Frau Bernhofer, Katharina und Bediente mit Lichtern (eilen herzu). Franz (erblickt Eva und stößt einen Schrei ans). Heiliger Gott, ich dank Dir — die Evi war's nit! (Er finkt in dir Knie. Gabriele ist ohnmächtig geworden, Eva ist zu Liese geeilt und nebeu ihr niedergesunken um ihr beizustchen, ebenso Walter, während Trautmann und Katharina sich mit Gabrielen beschäftigen). > Gruppe. (Der Vorhang fällt) Vierte Abtheilung. Frau Werner. (Zimmer bei Frau Bcrnhoscr ) Erste Scene. Mager. Frau Bernhofer. Mager. Wie ick Ihr sag', Frau Bernhoferin, der Steiner Franz kommt heut' noch heraus — die Untersuchungshaft ist ihm als Strafzeit ang'rechnet worden, da es sich herausg'stellt hat, daß nicht er das Gewehr auf die rothe Liese abgeschossen, sondern daß es im Ringen mit dem Florian losgegangen ist. Das reumüthige Geständniß der rothen Liese, daß sie den Franz mystificirt habe, um sich an ihm zu rächen, hat vollends sein Vergehen gemildert; mit einem Worte: er ist frei und wird wahrscheinlich so bald als möglich seine Bewerbungen um die Eva wieder aufnehmen. Fr. Bernh. (heftig). Das soll ihm ver- gehen! (Nach einigem Ueberlegen.) Mein Entschluß ist g'faßt — es geht nit anders! (Zu Mager.) Hat sich der Amtsschreiber den Vorschlag überlegt, den ich ihm gestern g'macht Hab'? Mager (mit saurem Gesicht). 3a, — wenn ich nur endlich an das ersehnte Ziel komme und Eva meine Hand nimmt, dann will ich meinetwegen in ein halb Dutzend saure Aepfel beißen! Fr. Bernh. (bei Seite). Mir ist leid um's Madel, daß sie den Zwetschkenkrampus heiraten soll — aber es muß sein — (Laut.) Also hat sich der Amtsschreiber meine Be- dingniß g'merkt? Mager. Ja, die Frau Bernhoferin bleibt bis an Ihr seliges Ende hier auf dem Hof. Fr. Bernh. Bleib als Frau von Haus und Hof, die, außer der Evi, allein was z'redcn hat — und führ' das Commando. Weiter — Mager. Die Evi darf, so lange die Frau Bernhoferin lebt, nicht von ihr getrennt werden, und hat — Fr. Bernh. Auf Niemand aufzulosen, als auf ihre Mutter,—ihr Mann bleibt bis zu mein Absterben eine Null! Mager (für sich, mit einem Seufzer). Das wird eine reizende Eristenz werden! Fr. Bernh. Verschrieben wird dem Schwiegersohn von der reichen Bernhofenn vor der Hand kein Groschen — bis es sich herausstellt, wie er sich auffuhrt und ob er seine Frau und Schwiegermutter gehörig respectirt — (schlägt mit der Hand auf dal Tisch) und dafür werd' ich schon sorgen! Mager (für sich). Das ist eine Schwier germama, die sich nicht einmal vor der Hochzeit genirt! (Laut.) Indessen nach dem Ab leben der Frau Bcrnhoferin — Fr. Bernh. An das ist vor der Hand nit z'denken. Ich glaub', ich bin so ein rüstig's Weib, daß ich ein zwanzig Ia^r schon noch mitmachen kann. 27 Mager (für fich). Das wäre schrecklich! (Laut, schnell.) Ich gehe ja Alles ein, was die Frau Bernhofcrin will, nur mach' sie um Gotteswillen, daß die Heirat schnell zu Stande kommt, sonst kehrt der Franz zurück und der wäre im Stande — Fr. Bernh. Ihn niederzubrennen? (Verächtlich.) War'Schad um's Pulver! (Sit sieht zum Fenster hinaus). Da kommt die Evi — schau' Er jetzt, daß Er verschwind't; ick) will's Madel bearbeiten, aber wann sie Ihn sähet — wär's umsonst. Mager. Ich gehe schon — geb' sich halt die Frau Bernhoferin recht viel Mühe. Gott wird Ihr's an den Enkeln einst vergelten— Fr. Bernh. Amtsschreibcr, hör' Er auf, sonst wird mir's öd! (Mager will durch die Mitte abgehen.) Nit da hinaus, da begegnet sie Ihm — dort — durch die Küchel! (Sie schiebt ihn zur Thür links hinaus.) Na wart', Dich werd' ich schon noch Herrichten. Zweite Scene. Vorige. Eva. Eva (kommt niedergeschlagen und setzt sich an den Tisch, wo sie ihre Arbeit aufnimmt). Grüß Gott, Mutter! Fr. Bernh. Wo warst denn, Evi? Eva (traurig). Bei der rochen Liest. (Schmerzlich.) D'Mutter fragt noch. Wo sollt ich denn g'west sein? Darf ich denn dort hingeh'n, wo ich so gern, so oft g'we- sen bin? (Nach einer kleinen Pause.) Was Hab' ich denn ang'ftellt, daß mir d'Mutter 's Walterische Haus verboten hat? Fr. Bernh. (ausweichend). Ganz verboten Hab' ich Dir's nit. Warst ja seit der schrecklichen G'schicht schon zweimal dort! Eva. Zweimal! Seit sechs Wochen zweimal! Und d'arme Gabriele war doch krank. Mutter, das ist hart! Fr. Bernh. Hart? Kann sein, aber für mich war's auch hart, daß Du, trotz mein Verbot, dein G'spusi mit'm Franz fort- g'sührt hast. Was Haft jetzt davon? daß Du froh sein mußt, wann Du g'schwiud ein' Mann kriegst, der Dich Heirat, damit die Leut an Ruh' geben. Eva. Wegen was denn? Ich Hab' mir ja nichts zu Schulden kommen lassen? Fr. Bernh. Alleseins, die Leut reden doch. Mit ein Wort: Du heiratest — ich Hab' vorhin dem Amtsschreiber Dein Ja- wort versprochen. Eva (heftig). Da nimmt's die Mutter nur wieder z'ruck — denn eh' ich den nimm, spring ich in's Wasser! Fr. Bernh. Weißt ein' Andern, denDu lieber hast? Außer'm Franz laß ich mir ein Jeden g'fallen, der's ehrlich mit Dir meint; aber heiraten mußt, und das bald! Eva. Lasscn's mir Zeit, Frau Mutter. Ich müßt ja selber kein Ehrg'fühl haben, wann ich ein Mann heiratet, den ich nit mag. Fr. Bernh. Der Amtsschreiber macht sich nichts aus Deiner Lieb, er wird Dich gut behandeln — dafür steh' ich Dir — und das thun, was Du willst und vor Allem was ich will! (Sanft.) Schau, Everl, ich will Dir Alles an die Augen abschauen, will mein Lebtag kein Schritt von Dir weichen, es ist ja nur dein Glück was ich im Aug' Hab'! Sag' ja! Eva (die Hände faltend). Mutter — ich kann nit! Fr. Bernh. (bestimmt und feierlich). Hör' mich an. Der Franz kommt in mein Haus als Schwiegersohn nie, das sckwör' ich Dir bei unserer lieben Frau und meiner Sterbe- stund', in der ich ruhig hinübergehen will. Willst ein'n Andern, so sag's; wannst aber innerhalb acht Tagen nit zum ersten Mal verkünd't bist — so hast kein' Mutter mehr. — Nicht Dich darnach! (Sie geht ab.) Dritte Scene. Eva (allein, sie faltet entsetzt die Hände). Was ist denn mit der Mutter vorg'gan- gen, daß sie sich gegen mich so verändert hat? Und wegen was soll ich denn jetzt 28 iibcr Hals und Kopf heiraftu? und noch dazu ein' Menschen, den sie ebenso veracht', als ich selbst. — Das bat ein Grund, — aber welchen? — Der Franz ist für mich verloren — das weiß ich, denn selbst wenn er sich jetzt ändern sollt, so vergißt die Mutter nie auf ein' Schwur, den sie einmal ab- g'legt hat und auf ibren Tod z'warten — nein, nein, das fallet mir nit ein! — Was soll ich anfangen? (Don kinrm Gedanken erfaßt.) Ich will zum Doctor Walter geben, will ihn bitten, daß er die Mutter umstimmt, daß sie ibren Plan aufgibt, mich an den verhaßten Menschen zu verheiraten. Der Doctor gilt was bei ihr — wann ich nur das durchsetz', dann bin ich schon zufrieden! (Sie geht rasch ab.) Verwandlung. (Im Hause Walter'-. Eleganter Salon mit Mittel- und Seitenthüren. Rechts im Vordergründe ein Balzac, aus welchem Gabriele im Negligä liegt und schläft. Neben ihr ein Tischchen, an welchem Anna fitzt und liest. Anna ist wie früher schwarz gekleidet, trägt aber eine Mantille, welche ihre Gestalt ganz umhüllt, auf dem Kopfe ein Häubchen und über diesem noch ein Spitzentuch, welches ihr tief in s Gesicht fällt. Beim Ausziehen des Vorhanges ist sie über ein Buch gebeugt.) Vierte Scene. Anna. (Gabriele schlafend. Sie schlägt das Buch zu, fährt sich mit der Hand über die Stirne und sagt, einen Blick auf Gabriele werfend.) Wie sauft sie schläft. Armes Kind! wie glücklich sie in ihren Träumen aussieht. Seit sechs Wochen lebe ich unerkannt, unter fremden: Namen in diesem Hause. Mit welchen Gefühlen ich mich ihm vorstellcn ließ, das weiß Gott allein! Die Schreckensscene im Park hatte seine Tochter auf's Krankenlager geworfen, kurz ehe ich kam — er war zu sehr mit ihr beschäftigt, um mich einer besonderen Aufmerksamkeit zu würdigen; später hat er sich daran gewöhnt, in der sorgsamen Pflegerin seines Kindes keine Fremde zu sehen. Ach, wenn er eine Ahnung hätte! Und Gabriele, mit welcher Innigkeit sie an mir hängt; habe ich es doch dahin gebracht, daß sie Evi — ihre liebste Freundin — weniger vermißt, deren Mutier unbegreiflicher Weise das Mädchen ferne hält. Evi ist ein vortreffliches Geschöpf — es liegt in ihrem Wesen ein Etwas, das mich unbeschreiblich anzieht — ich wollte sie öfter um mich haben! (Man klopft: fir lcgt schnell ihre Brille an.) Herein! Fünfte Scene. Walter, die Vorigen. Walter (im Eintreten). Störe ich, Madame Werner? Anna (von dem Moment, wo Walter eingetreten, immer erregt und mit zitternder Stimme). Nein, Herr Doctor, durchaus nicht. Walter. Gabriele schläft? Ich wollte sie sehen, ehe ich nach der Stadt fahre. Wie geht es ihr? Anna. Sie ist wohler als je, nur etwas matt. Walter. Sie ist eine Treibhauspflanze, Madame Werner — ein einziger Sturm, ein kleiner Frost kann sie hinwegnehmen— und ich stehe dann allein auf der Welt! Anna (fürsich). Gleich mir! (Laut.) Aber ein Ercigniß, das jedem weiblichen Wesen bevorsteht — das Erwachen einer tiefen Neigung, kann sie zu neuem, kräftigem Leben erwecken — unter dem wohlthuenden Einflüsse eines warmen, liebenden Herzens kann ihre ganze Zukunft eine glückliche werden! Walter (rasch). Das ist es, worauf ich bis jetzt meine Hoffnung gründe. Wird sich aber ein Mann finden, der dieses zarte, schwächlicke Geschöpf zu seinem Weibe nehmen wollte, wird sic seine Liebe erwiedern? Bis jetzt habe ich nie gemerkt, daß Ella irgend ein lebhaftes Interesse für einen Fremden genommen hätte, und da ihre zarte Gesundheit ihr verbietet Gesellschaft ten zu besuchen, so wird es wohl lange dauern, ehe — Anna. Ehe sie das Gefühl der Liebe kennen lernt? Sie hat dicß bereits — ohne den Mann ihrer Wahl in der höheren Gesellschaft gefunden zu haben. Walter (erstaunt). Was sagen Sic? Anna. Gabriele liebt — noch hat sie dieses Gefühl sich vielleicht nicht selbst gestanden — in ihren Träumen aber hat sic sich und den Gegenstand ihrer Empfindungen verrathen! Walter (lebhaft). O sagen Sie mir, Madame Werner, wer ist es, der Ella's Herz gewonnen — ich habe keine Ahnung — Gabriele (ist erwacht, sie hört ihren Namen und lauscht den Worten der Beiden, ohne sich durch eine Bewegung zu verrathen). Anna. Werden Sie aber nicht, von Standesvorurtheilen eingenommen, vielleicht das Lebensglück Ihres einzigen Kindes zertrümmern? Walter. O halten Sie ein! Erinnern Sie mich nicht an die Möglichkeit, daß ich Gabrielens Schicksal zu dem meiuigen gestalten sollte. Nein, weder Geld noch eine hervorragende Stellung werden mich je bei der Wahl eines Schwiegersohnes bestimmen; die Eigenschaften seines Charakters und Herzens allein werde ich berücksichtigen. Anna. Tann haben Sie keine Ursache zu Besorgnissen, denn Trautmann scheint ein in jeder Beziehung ehrenhafter Mensch zu sein. Walter (überrascht). Trautmann? Also er ist es, den sie liebt? Gott sei Dank — dann hoffe ich mein Kind glücklich zu sehen, denn trügt mich nicht Alles, so liebt auch er sie. An seinen Aeußerungen, an seiner tiefen Melancholie während ihrer Krankheit glaubte ich dieß zu ersehen. — Traut- mann ist arm — aber brav. Seine Stetig jetzt zwar eine untergeordnete, aber seine Talente werden sich Lahn brechen, er wird sich eine Zukunft gründen. Können sie vor der Hand auch keine glanzende Eri- stenz führen, so wird, mit bescheidenen Ansprüchen an das Leben, ihre beiderseitige Liebe sie doch glücklich machen! Anna (schmerzlich, bitter). Waren das immer Ihre Ansichten, Herr von Walter? Walter (trübe). Leider nein, — das Leben hat sie mich erst gelehrt. Anna (forschend). Und haben auch Sie aus Liebe geheiratet — (leise) waren Sie glücklich? Walter. Madame Werner, Sie stellen da eine Frage an mich, die ich sonst Niemanden mit Aufrichtigkeit beantwortet haben würde — durch die Aufopferung aber, welche Sie für mein Kind an den Tag legten, haben Sie ein Recht auf mein Vertrauen. Ich will Sie einen Blick in meine Vergangenheit thun lassen. — Sie mögen dann beurtheilen, welche Gründe ich zu meinen jetzigen Ansichten über Heiraten aus Vernunft habe. — Als junger, angehender Arzt hatte ich die Bekanntschaft eines braven, herrlichen Mädchens gemacht, das ich von ganzem Herzen liebte. Anna war ein Engel, zart, sinnig, aufopfernd. Meine Liebe wurde erwiedert mit der Leidenschaft eines Herzens, welches diese Empfindung zum ersten Male kennen lernt. Da kam ich, bei meinen ohnedieß beschränkten Eristenzmittcln, in die mißlichste Geldverlegenheit — ich hatte eine alte Mutter zu ernähren — meine Praxis war noch zu neu — mit einem Wort, ich nahm zu einem verzweifelten Mittel meine Zuflucht und reichte einem Mädchen aus reichem Hause meine Hand, das mich unglücklicherweise leidenschaftlich liebte. Anna. Unglücklicherweise, sagen Sie? Walter. Za wohl, denn dieß hat ihr und mein Unglück vervollständigt. Augenblicklich nach meiner Vcrmälung trat ich mit meiner Frau eine kleine Reise in s Ausland an, um vor Allem der Stadt für einige Zeit den Rücken zu wenden, wo ich meine Anna in Verzweiflung wußte. Meine Frau bemerkte nur zu gut meinen fortwährende^ 30 Trübsinn und die Seufzer, die mir verstohlen entschlüpften — ihre Eifersucht wurde rege — armes Weib — und diese ward bald die Quelle eines unsäglichen Elends! (Er wischt sich den Schweiß von der Stirne.) Anna (für sich). Was werde ich hören? (Saut.) Ich fürchte schmerzliche Erinnerungen geweckt zu haben, Herr von Walter, und dispcnsire Sie für die fernem — Walter. Nein, nein — ich will Ihnen Alles erzählen; Sie werden mich vielleicht beklagen und ich mein jHerz nach langer Zeit einmal erleichtern. Meine Gattin versprach Mutter zu werden. Die Freude, in den Besitz eines geliebten Kindes zu kommen, ließ uns auf kurze Zeit unfern beiderseitigen Kummer vergessen. Wir waren in die Heimat zurückgekchrt und ich hatte mich meinem Berufe als Arzt mit doppelter Liebe hingegeben. Eines Tages kehrte ich von meinen Krankenbesuchen nach Hause und fand meine Frau — einer Leiche ähnliä'. Vergebens forschte ich nach der Ursache ihrer Erkrankung — sie schwieg — ohne mich eines Blickes zu würdigen! Anna (Iheilnehmend). Und haben Sie nie erfahren? — Walter (schmerzlich). O, nur zu bald. Die Stunde, wo ich Vater werden sollte, nahte — Gabriele erblickte das Licht der Welt — ihre Mutter aber entschlief bald darauf für immer, nachdem sie mir verziehen und mich die Ursache ihres tödtlichen Kummers hatte wissen lassen. Anna (forschend). Und die war? — Walter. Ein an mich gerichteter Brief, welchen sie in einer Anwandlung von Eifersucht erbrochen hatte, und der wohl im Stande war, diese furchtbare Wirkung auf sie zu machen. Anna. Und dieser Brief, waS enthielt er? Walter (srhr bewegt). Die Mittheilun- gen eines Mannes, welchen ich einige Zeit für meinen glücklichen Nachfolger gehalten — Anna's Gatten. Dieser schrieb mir in wenigen Worten, daß er Anna geheiratet, nm ihr die Ehre und meinem Kinde einen Namen zu geben — daß dieses Kind gestorben und Anna, meinem Andenken fluchend, nun jedes Band, das zwischen ihr und mir einst bestand, als vollkommen gelöst betrachtet sehe. Anna (für sich). Anton war das im Stande? Großer Gott! Walter. Anna war Mutter gewesen als ich sie, verließ — begreifen Sie, Ma' dame, was ich gelitten, als ich diese Erfahrung machte? Anna, die ick noch immer liebte, als ich längst der Gatte einer Andern und auch sie vermalt war — ein Wort von ihr und ich würde diese unselige Heirat nie geschlossen haben — zarte Scheu und eine unverzeihliche Verschwiegenheit hak uns Alle — Alle elend gemacht! Anna (tief erschüttert). Vielleicht war es ihr unmöglich ein solches Geständniß zu machen — vielleicht wurde ihr zu spät das Bewußtsein ihrer Lage! Walter. Zu spät! Ja, ja, das ist das rechte Wort. Zu spät habe ich cs eingesehen, was cs heißt, einen übereilten Schritt gethan zu haben — zu spät war cs, um einem armen Weibe, das an gebrochenem Herzen gestorben, das Leben wieder zu geben, zu spät, um mein durch den Kummer der Mutter sieches Kind blühend zu machen — mein Gewissen zu beruhigen, mich selbst zu heilen — war es zu spät! (Er ist in einen Stuhl gesunken.) Anna (in heftigem Kampfe mit sich selbst). Mein Gott, soll ich mich ihm entdecken? (Laut zögernd.) Haben Sie Anna nicht wiedergesehen? Walter. Nein, sic war mit ihrem Manne verschwunden — ihre Eltern, die ich ausforschen ließ, sagten, sie seien im Auslande; bald darauf starben auch diese und ich hörte nichts mehr! Anna. Und wenn Sie jetzt ihren Aufenthaltsort erfahren könnten? Walter. Wozu? — Sie ist vermalt — und würde mir doch nie verzeihen! 31 Anna (mit sich kämpfend, für sich). Gott! — gib mir ein Zeichen, ob ich mich ihm zu erkennen geben soll — Walter. Es ist zu spat — ich habe meine Hoffnungen auf Glück begraben! Gabriele (die mit tiefer Erregung Alles cmgehört hatte, vorkommend, schlingt beide Arme um Walter und legt ihren Kopf au seine Brust). Nein, nein, Väterchen — noch bin ich ja da —ich will Dich jetzt doppelt lieben, um Dich für so viele Leiden zu entschädigen! Anna (erstarrt, läßt ihre Arme, mit denen sie ihre Verhüllung abstreifen wollte, sinken, tonlos). Es ist zu spät! Walter (höchst erschreckt). Gabriele — Tu hast — Gabriele (niederknieend und seine Hand streichelnd). Alles gehört, Väterchen, verzeihe mir! Ich weiß nun, daß Du die Wahl meines Herzens billigst — daß Du mich glücklich machen willst — warum sollst Du cs nicht auch noch werden? Sechste Scene. Die Vorigen. Eva. Eva (ist eingetreten und sagt traurig). Störe ich vielleicht? Der Vorhang fällt. Fünfte Abteilung. Die Verwandelte. (Zimmer der rochen Liese in einer armseligen Hütte.) Erste Scene. Liese. Eva. blese (ist dem Aeußern nach total verändert. 3hr Anzug höchst einfach und ärmlich, aber rein und nett. Zhr Kopf ohne Tuch, das weiche hochblonde Haar in Zöpfe gestochten. Zhr Gesicht ist durch die Krankheit blaß. Den linken Arm trägt sie in einer schwarzen Binde. Beim Aufziehen deS Vorhanges fitzt sie mit Schreiben beschäftigt an einem Tische, neben ihr Eva, die sie hierin unterrichtete). Liese (legt die Feder hin). Punctum und Streusand d'rauf! — Wann's nicht so fürchterliche Haken wären, so könnt' man's schon für ein ordentliche Schrift halten! Eva. Es ist gar nit so schlecht, Liest, wenn man bedenkt, daß Du seit zehn Iah-. ren keine Feder ang'rührt hast. Liese Und vor die zehn Jahr aus Bosheit in der Schul auch nicht viel g'lernt Hab', sag's nur, Evi — genire Dich nit. Eva (sanft.) Aber jetzt bist anders worden, folgsam und fleißig, jetzt wirst das Versäumte bald wieder einholen. Liese. Und das Alles verdank ich Dir, Evi. — Nit g'nug, daß Dn's nit zugeben hast, daß ich damals in's Spital 'brackt worden bin, wie mir das Malheur g'sche- hen ist, und mich Tag für Tag g'pflegt hast wie deine eigene Schwester, hast mir auch, wie ich aufsteh'n Hab' können, die Zeit vertrieben, hast mir Lesen und Schreiben wieder g'lernt. Eva. Was mehr werth ist, ich Hab' Dir gezeigt, daß die Menschen nit so bös und schlecht sein, wie Du Dir einbild't hast. Liese. Ja, aber sckirt und g'ueckt hat mich das Volk im Dorf mein Lebtag g'nug. Als Kind schon haben's mich g'schimpft wegen meine rothen Haar — wegen mein zerlumpten G'wand, — das hat mich boshaft und heimtückisch g'macht, denn für meine rothe Parrockcu Hab' ich nichts können — die hat mir unser Herrgott auf- g'setzt und um meine Lumpen hat sich mein Stiefmutter nicht kümmert. Später, wie sie g'storben ist und mich ganz allein auf der Welt g'laffen hat, da Hab' ich mir denkt: Justament legst ihre schön' Kleider nit an und bleibst wie Dn bist—dem bösen Volk z'lieb wirst Dich mit ausputzen. Und so haben's nit aufg'hört mich zu verspotten und zu necken — (lachend) na, und ich Hab' ihnen Alles g'hörig z'ruckzahlt! Eva (sanft). Liest — sag' mir einmal, warum hast denn gar so ein grimmigen Haß auf'n Steiner Franz g'habt, daß Du die G'schicht ang'fangt hast? Liese. Du weißt's ja, weil er mich im vorigen Winter traktirt hat! (Sie zeigt aus ihren Rücken.) Jetzt sind wir quitt. (Mit komischem Seufzer.) Ich weiß aber wirklich nit, wer mehr kriegt hat — er oder ich. Eva. Er sitzt seit sechs Wochen unschuldig und Du hast viel ausg'standen und wärst bald a Krüppel worden. Liese (heiter). Um ein g'sundes Pratze! Hab' ich jetzt weniger, aber dafür ein fescheS G'sicht! (Sie nimmt einen kleinen zerbrochenen Spiegel.) Ich bin völlig sauber, was? Aber heut' muß ich einmal 'naus in die frische Luft — mir ist schon völlig entrisch in der Hütten und der Herr Doctor hat mir's Ausgehen schon erlaubt. Eva. Ja, heut' geh'n wir mit einander, ich begleit' Dich in's Walterische Haus, wo Du sie Alle um Verzeihung bitten wirst für den Wirrwarr, den Du ang'richt, und Dich bedanken wirst für das Gute, was sie Dir in deiner Krankheit erwiesen haben. (Ernst.) Und zu allererst gehen wir in die Capell'n zu unserer lieben Frau und beten ein Vaterunser, daß sie Dir ferner beisteht, daß dein Herz und G'müth bald ebenso g'sund wird wie dein' Hand, nit wahr, Liesi? Liese (wischt sich mit den Aermeln dieThrä- nen auS den Augen und sagt weich und gerührt:) Ja, Everl, und ich werd' ihr danken für den Schutzengel, den sie mir in Dir — (Sie blickt durch s Fenster und bricht in ein Helles, froheS Lachen aus.) Hahaha! Evi — dort schau hin! Hahaha! Eva (erstaunt). Was hast denn? Liese (noch immer lachend). Der Florian kommt, er will mir schon wieder sein' Vtsit machen — (bittend) heut' laßt ihn aber h'rein, gelt? Eva. Freilich— jetzt bist Du g'sund, jetzt kann er Dir schon seine Aufwartung machen. — Sei freundlich gegen ihn. Der arme Teufel fürcht sich z'todt auf dein Aufnahm'! Liese (fidel). Victoria! Das gibt a Komödie! Wart', Evi — ich geh' nur da hinein — bereit ihn a wenig vor! (Sie geht schnell in die Kammer.) Zweite Scene. Eva. Dann Florian. Eva. Der wird Augen machen, wann er die Liesi jetzt sieht! (Es klopft.) Herein! Florian (tritt ein, er trägt in der Hand eine ungeheure Flasche Wein und ein Packet. Er ist sehr ängstlich nnd blickt nach allen Seiten um) Jft's erlaubt? Eva. Ja, ja. Kommen Sie nur, Herr Florian, die Liesi ist nur einen Augenblick in die Kammer 'nein'gangcn. Was habcu's denn da? Florian. Ein kleines Genesungspräsent für die rothe Liesi — ich bin ihr schon eine Aufmerksamkeit schuldig, weil ich ihr zu die Schmerzen verholfen Hab', durch mich ist ja 's G'wehr losg'gangen. — Da Hab' ich ihr eine Flaschen G'rebbelten und da ein geratenes Gansel gebracht — damit sie ihren Zorn in etwas Anderem als in mir verbeißt, wenn sie etwa recht grimmig ist, und da— (er zieht aus der Tasche ein sehr grellrothes großes Kopftuch) Hab' ich ihr kill Tüchel von ihrer Passionsfarb' kauft, wird sie gar schiech, so blend' ich sie mit dem. Eva (lachend). 'S ist nit so arg, Herr Florian, die Liesi hat sich in ihrer Krankheit geändert — sic kennt kein' Rachsucht mehr. Florian (ungläubig den Kops schüttelnd). Laffen's mich aus — die wird sich ändern. Die zahlt mir's noch in zehn Jahren heim, waS ich ihr für ein' Streich g'spielt Hab'. — Liese (ist unter die Thür getreten und be» lauscht lachend die Beiden). 33 Florian (fortfahrend). Die ist im Stand, sie verwandelt sich in eine Trud nnd druckt mich bis an mein seliges End'. Ich sag's Ihnen, Mamsell Evi — vor der Liesel Hab' ich ein' Respect, der noch nit da war. Alle Nacht erscheint sie mir vor mein' Bett, droht mir mit ihrer ang'schwollenen Hand und sagt mit hohler Stimme — Liese (ist leise vorgetreten, schlägt Florian aus die Achsel und sagt mit hohler Stimme). Na wart', Du g'freu' Dich!! Florian (ist heftig erschrocken, er dreht sich schnell um und ist bei ihrem Anblick sprachlos). Eva (mit Vergnügen Florians Erstaunen betrachtend). Na was sagen's denn zu meiner Patientin? Liese (komisch). Zu der Trud, die ihn drucken wird bis an's selige End'? Florian. Mir steht der Verstand still! (Er betrachtet fie fortwährend und schiebt heimlich das rothe Tuch wieder in seine Rocktasche.) Liese (weidet sich an seiner Verlegenheit). Eva. Sie sind kommen, um der Liesi zu ihrer Genesung zu gratuliren — das ist schön von Ihnen, Herr Florian, und sie — (wirst Liesen einen bedeutungsvollen Blick zu) wird Ihnen auch von Herzen Alles vergessen, was g'schehen ist. Ich geh'derweil voraus in die Waldcapelle — komm' mir bald nach, Liesi — ich erwarte Dich! (Sie reicht Liesen die Hand, welche, diese mit beiden Händen drückend, fie zur Thür begleitet.) Liese. Gleich komm' ich nach, gleich! Dritte Scene. Florian. Liese. Florian (kann sich nicht von seinem Staunen erholen). Ist das möglich, ist das wirk- lich die nämliche garstige Her, die mich und die Burschen im Wirthshaus g'neckt und zuletzt so gehörig g'waschen hat! Ich trau' noch immer meinen Augen nitl Liese (vorkommend). Mir scheint, der Flo- uan hat mir was bracht? rye«rn.««p«rl«irr. 114. Florian (fie fortwährend anstarrend). Eine kleine Herzstärkung — (er reicht ihr die Flasche; für sich) Meiner Seel', sie — g'fallt mir jetzt — (Laut.) Das Gansel — (Für sich.) Sie schaut völlig g'schmackig aus — (Laut.) Nehmen Sie's nit ungütig, daß ich Ihnen ang'schoffen Hab' — (Für sich.) Ich werd' gleich verschossen sein — (Laut.) es ist nicht gern g'scheh'n — (Für sich.) Herrgott, hat das Madel a paar Augen! Liese (sehr heiter). Macht nichts — ist Alles vergeben und vergessen, Herr Florian, im Gegentheil, ich muß mich noch recht schön bei ihm bedanken, wenn Er nit wär' — so hätt' mich die Evi nit so verwandeln können. Sie hat mir zug'redt, daß ein Madel was auf sich halten müßt — sie hat mir aufdisputirt, daß meine rothenHaar— Florian (schnell). Goldblond sind — das ist der rechte Ausdruck — in England wieget der Kopf mit der Färb' seine tausend Pfund! O Liesi — Liesi—warum sind Sie so sauber worden! Liese (lachend). Na freilich, ich thät's halt noch bedauern! G'fallet ich ihm vielleicht besser, wie ich früher ausg'schaut Hab'? Florian. Nein, nein! aber — weniger G'fahr laufet ich, mich zu verlieben! Liese (auflachmd). Verlieben—in mich? in die rothe Liesel? Das wär' zu dumm! (Plötzlich ernst.) Das wär' a G'spaß! (Sit steht ihn forschend an.) Florian (hat die Flasche geöffnet, vom Schranke im Hintergründe zwei Gläser genommen, schenkt ein und reicht ihr ein GlaS). Auf Ihr Wohlsein, Liesi — und auf unsere Freundschaft! Liese (nimmt das Glas, fieht ihn freundlich an, trinkt und sagt dann). Der ist gut, aber — (fie stellt das Glas hin) ich krieget ein' Spitz! Florian (für sich). Und ich brauchet ein', damit ich Courage krieg' (Laut, indem er ihr wieder einschenkt.) Auf der Jungfer Evi ihr Wohlsein! r Liese (nimmt schnell das Glas). Mit tausend Freuden! (Sie leert es ebenso schnell, stellt es dann hin, faßt nach ihrem Kopf und sagt lächelnd). Das war z'viel — ich bin noch zu schwach, um so viel Wein zu vertragen! Florian. In vino vsritas— sagt der Böhm — diese!, (er ergreift ihre Hand) sag' mir — g'fallet ich Dir gar nit? diese (erröthend, fleht ihn von der Seite an). Na — er ist so schiech nit — Florian. Könnt'st mir nit a bissel g'neigt sein? diese (verlegen). Warum denn nit? Florian (bittend). Geh' — gib mir a Bussel! diese (entzieht sich ihm). Warum denn nit gar! Florian. Thu' nit so spröd — 's wird's erste nit sein! diese (schnell). Meiner Seel— 's wär' 's erste! Florian (erstaunt). Was — Du hätt'st nie ein' Buben küßt? diese (hebt schwörend die Hand aus). Meiner Ehr', nein! Florian. Ja, warum denn nit? Liese (senkt beschämt den Kopf). Ich war ja ein' jeden z'wild! Florian. Aber jetzt — jetzt bist Du sehr sauber! Liese (schnell). Jst's wahr? Florian (dringend). Gibst mir eins? diese. Wegen meiner! Wegenein' wird's ja noch nit aus sein, da! (Sie küßt ihn, sieht ihn erstaunt an und sagt fröhlich lachend.) Du, das ist erst nit so schlecht — ich gib Dir noch eines. (Sic küßt ihn schnell und läuft dann nach dem Hintergründe zu einem kleinen Spiegel, besieht sich darin und sagt, indem sie mit der Hand über die Stirne fährt:) Ich Hab ein' klein' Affen! Florian (ganz selig). Herrgott, das waren ein paar Millionsbuffeln, mit der Gattung werd' ich mich einwintern! dieserl! (Er saßt sie an der Hand.) Geh' her! (Erzieht sie zu sich, hebt ihr den Kops in die Höhe.) Willst nit mein Weiberl werden? ! Liese (nickend). War' nitIo z'wider! Florian. Ich Hab' mir bei mein' Herrn a paar Gulden erspart, ich werd' ihn bitten, daß er mir die Gärtnerstell' gibt, diejetzt g'rad vacant ist, und Du wirst meine Frau Gärtnerin, ist Dir's recht? Liese (tranrig). Aber hörst — ich Hab' nichts, als — Florian. Ob's Du stad bist! Du schenkst mir dein Herz, dein' Hand — und vielleicht über's Jahr — ein klein' Gärtnerbuben, was? diese (hält ihm die Hand auf den Mund). Pst! So was sagt man ja nit so laut! Florian. Also gilt's? diese (einschlagend), 's gilt! Florian. Wird's Dich nit reu'n? diese. Mein Lebtag nit. Florian. Gut — heut' red' ich noch mit mein'Herrn und zu der Weinles' machen wir Hochzeit, ist's recht? Liese. Na ob! D'Everl wird schauen,und die Madeln im Dorf werden sich giften, wenn d'rothe Licsel so ein sauberen Mann kriegt! Aber jetzt geh'n wir — die Everl warr in der Capell'n auf mich — ich will dort beten. Du, das Hab' ich jetzt noch mehr von Nöthen, (sie stoßt ihn mit dem Ellbogen) muß ja um ein' braven Mann bitten! Florian (lachend). Wie wirst denn daö anstellen? diese. Paß auf! (Sie kniet nieder.) Gesang der Beiden. Ich kniee mich schön nieder, in d'Höh streck' ich d'Händ Und bitt' d'liebe Frau, daß mir alleweil beiständ', Ein' Mann sollt's mir schenken, der sauber und gut, Sein' diese! nur gern hat, keiner Andern schön thut. Daß er z'Haus trinkt sein Wein und in's Wirthshaus nit rennt, Kein' andere Freud' als die häusliche kennt. 35 Florian (knirrt sich neben sie hin). Na wart' Du — ich kniee mich gleich hin neben Dich, Denn in der Kirchen is Platz auch für mich. I bitt' unfern Herrgott, wie Du d'liebe Frau, Daß er auf mein Lieserl fein obachtsam schau! Daß sie nit viel keifen thut und nit viel brummt, Wann ihr über's Leberl a Kleinigkeit kummt. Liese. I bitt' d'liebe Frau, daß er 's Kartenspiel'n laßt, Und daß er das Rauchen bald ebenso haßt. Florian. I bitt' unfern Herrgott, recht schon bitt' ich ihn: Daß' niemals nit anlegt so a Mord-Cri- nolin! 2 glaub', ich Hab' auch was zu reden im Haus! Florian (stcht auch auf). Nichts hast Du zu reden, das Thema g'hört mein, 'S stcht schon in der Bibel: Er soll dein Herr sein! Liese (weinend). Dahat man's, jetzt fangt er 's Mißhandeln schon an, Ist das nit ein grausamer, herzloser Mann! Florian. Da hat man's, jetzt weint sie, und ich frag' weg'n was? Geh', Weiberl, weg'n was sein dieAeugerln Dir naß? Liese. Ist das Deine Lieb', wann Du jetzt schon so bist? Liese (verschämt). Auf's Zahr soll's uns schenken a ganz kleine Dirn' — Florian. Wir haben probirt halt ein' häuslichen Zwist. Florian. Und mir soll er ertra a Buberl zuführ'n. Liese tdreht sich auf den Knien zu ihm). Was fallt Dir denn ein, das wären Zwei? Florian. Mir ist's recht, ich bin schon dabei! Liese. Nit wahr, Du besiehst nit auf Dein dicken Kopf? Florian. Aha, der Pantoffel hat mich schon beim Schopf! Liese. Nein, nein, was zu viel ist, das thut niemals gut — Schau, daß er dein' Bitt' nur g'schwind z'rucknehmen thut! Florian. Das fallt mir nit ein — ich b'steh' auf ein Sohn, 'S gibt Madeln auf der Welt fast z'viel überall schon. Liese. Ein anders mal geb' ich vom Herzen gern nach — Florian. Das anderem«! kommt sein Lebtag nit nach! Liese. Kein' Streit soll's mehr geben, kein' Gift und kein Zank — Liese (springt aus). A das wär' nit übel, das bitt' i mir ausl Florian. Und wenn sie kein' Gall hält', wurd' sie sterbenskrank! r * .Liese. Wir wollen's probieren, wer's / länger hält aus — I Ich mein halt, ich krieg ein'Wau- wau in mein Haus! Florian. Wir wollen's probiren, wer's länger hält aus — ^ Ich meinhalt, ich krieg a schlimm's Lieserl in's Haus! (Beide ab.) Verwandlung. (Zimmer im Hause des Doctors.) Vierte Scene. Walter, Trautmann und Gabriele. Trautm. Wie kann ich Ihre Güte, Ihre Herzlichkeit je vergelten, Herr von Walter? Walter. Durch das, daß Sie meine Tochter recht glücklich machen, und (mit einem Blick auf diese) ich glaube, Sic sind das im Stande. Trautm. Doppelt dankbar muß ich Ihnen sein, verehrter Freund, daß Sie mir so viel Vertrauen schenken, nach dem unseligen Ereignisse, das mich in Ihren Augen com- promittiren mußte. Gabriele (lächelnd). Sie meinen durch den Brief, welcher an Sie gerichtet und durch Florian unterschlagen wurde? Ah pah, die rothe Liese gestand ja selbst, daß es nur darauf abgesehen war, dem Forstad- juncten einen schlimmen Streich zu spielen, und dann ist die Liese so entsetzlich häßlich, daß — ah! (Sir erblickt Lirsr, die mit Evi und Florian eivgrtreten ist.) Fünfte Scene. Vorige. Evi, Liese, Florian. Walter (lächelnd.) Nun weiter, Ella,— die Liese soll so entsetzlich häßlich, daß — Florian (vortretend). Der untergebenst Gefertigte Florian Deirelmann bei seinem Herrn um die Bewilligung zu seiner Verehelichung mit besagter Häßlichkeit, der Jungfrau Elisabeth, gehorsamst ersucht. Gabriele. Mein Gott, ist das Mädchen verändert! Liese (mit einem dankbaren Blick auf Evi). Das verdank' ich ihr! Florian. Aber jetzt bin ich es, der die komplette Veredlung der Liesel bewirken will; ich werde sie von einem sauberen Madel in ein sehr sauberes Weiberl verwandeln. — Herr Doctor, gnädiger Herr, — für langgeleistete ehrliche Dienste bitt' ich heut' um eine Gratislöhnung — beglücken Sie mich mit der vacanten Gärtnerstell, wie ich dann die Liese beglücken will— Liese. Jetzt sei stad mit Dein' Beglücken — laß' mich früher reden! — Herr Doctor — Fräulein Gabriele — und auch Sie, Herr Cantor — ich Hab' Sie alle schwer beleidigt durch den Auftritt, den ich in Ihrem Haus ang'stellt Hab — Walter (einfallend). Für welchen Sie hinlänglich gebüßt haben, mein Kind. Legen Sie Ihren wilden, trotzigen Charakter, Ihre kleinen Bosheiten von jetzt an ebenso ab, wie Sie mit Hilfe Eva's Ihre frühere Erscheinung in eine andere verwandelt haben, und Sie werden an uns immer gute Freunde haben. (Liese küßt ihm die Hand.) Florian. Ich werd' schon dafür sorgen, gnädiger Herr. Nächst der Veredlung der Plutzerbirn und Feigen in Ihrem Garten werd' ich mir auch die meinerGattin angelegen sein lassen. Walter. Gut, Er soll die Stelle haben — aber merke Er wohl — daß auch Er gewisse Schwächen abzulegen hat — vorzugsweise — (Er macht die Pantomime des Trinkens.) Liese. Herr Doctor, dafür will ich wieder sorgen. Wenigstens sechs Wochen lang soll der Florian kein Tropfen Wein trinken — damit er uns überzeugt, ob er im Stand ist zu entsagen! 37 Florian. Die Flitterwochen bei Wasser zubringen? Ah, das gibt's nit, da komm' ich um eine Dispens ein. Walter. Heute Abend wird das Ver- lobungsfest meiner Tochter mit Herrn Trautmann gefeiert. Auch Ihr könnt' zu gleicher Zeit Euch versprechen, und ich werde heute noch den Florian vor der Dienerschaft als Gärtner installiren — dann könnt Ihr so bald als möglich Hochzeit machen. Sie kommen doch auch, Evi — mit Ihrer Mutter, nicht wahr? Eva (traurig). Ich dank herzlichst, Herr Doctor, bitt' aber um die Gnad' zu Haus bleiben zu dürfen. Sie wissen, mein Kummer ist zu groß, als daß ich in so eine glückliche Gesellschaft passet. Gabriele. Evi — Du wirst doch nit fehlen wollen, Du, die mir so lieb geworden, der ich so viele frohe Stunden verdanke? Nein, nein, Evchen — das darf nicht sein — das dulde ich nicht. Du müßtest nlir nur mein Glück mißgönnen! Eva. Fraul'n Gabriele! ich Ihnen was mißgönnen? mein Gott, was fallt Ihnen ein! Aber ich will Ihnen die Freud' nit trüben durch mein trauriges G'sicht — ich möcht' Ihnen die Lustigkeit nit verderben. (Sie bricht in Thränen aus.) Ich kann nit anders — verzeihen's mir! (Sie drückt ihr die Hand und geht schnell ab.) Sechste Scene Vorige ohne Eva. Liese (erstaunt und bewegt ihr nachsehend) Ja, was hat sie denn — was ist ihr denn g'schehen? Walter. Ihre Mutter will sie zwingen, den häßlichen Gemeindeschreiber zu heira- then trotz ihres Widerwillens gegen denselben. In acht Tagen schon soll sie zum ersten Male mit ihm verkündet werden. Armes Mädchen — ich habe heute Alles angc- wendet bei der alten Bäuerin, um dieselbe umzustimmen — vergebens. Liese (heftig die Hände ineinanderschlagend und mit dem Fuße stampfend). Was? den zaun- dürren, auschiechen Gelsenritter soll sie nehmen? Nit einmal denken! eher kratz' ich ihm eigenhändig die Augen aus, daß er's nimmer anschauen kann mit seine grauen Fledermausgucker! Florian (für sich). Sie wird recitiv! Liese (zornig). Wie kann man so ein sauberes, gutes, braves Madel wie d'Evi ftlr so ein ausdürrten Federfuchser b'stimmen? — draus wird nichts — ich leid's nicht! Walter. Das wird Ihnen nichts, nützen Liese, da selbst ich meinen Einfluß auf Frau Bernhofer vergebens anwandte. Liese. Meinens? Oho! ich bin mächtiger, als Sie glauben, ich werd's Ihnen zeigen, was ich im Stand bin. Und wann der Amtsschreiber mit der Ev; schon beim Hochaltar stund, wann ihm's Jawort schon in der Gurgel stecket und ich ging' hin und zeiget ihm was, er laffet's sitzen! Walter. Sie wollen doch nicht wieder mit einem Ihrer Gewaltstreiche ein Unheil anrichten, Liese? Liese. Nein, Herr Doctor—das brennte Kind fürcht's Feuer. Ich weiß, daß ich mich auf meine Klugheit allein nit verlassen kann — d'rum bitt' ich Sie um Ihren Beistand, Herr Doctor— (leise) Schickens die Fräul'n und den Herrn Trautmann fort — ich möcht' gern allein mit Ihnen reden. Walter. Was können Sie mir denn zu sagen haben? Liese (bittend). Ich bitt' Ihnen — nur ein Augenblick! Walter. Gabriele — Trautmann — laßt mich mit Liesen allein, ich werde Euch bald folgen! (Gabriele und der Cantor gehen ab.) Gabriele (im Abgehen). Mit Vergnügen, Väterchen! Liese. Florian, fahr' ab — ich Hab' mit Deinem Herrn zu reden. Florian (in komischem Schmerze). Ich geh' — aber, Liesel — das sangt zeitlich an! — 38 (Für sich.) Ich wert)' sie durch rin schlüssellöchriges Observatorium belauschen! (Er geht, Liese mißtrauisch anblickrnd, ab.) Siebente Scene. Walter. Liese. Walter. Nun, mein Kind, reden Sie, was haben Sie mir zu sagen? Liese. Herr Doctor, ich Hab' das Mittel in der Hand, die Evi von der verhaßten Heirath zu befreien, aber ick weiß nit recht, wie ich's anwenden soll. Hörcn's mich an. Vor Allem müssen Sie, Herr Doctor, die Bernhoferin zwingen, daß sie der Evi ihren freien Willen laßt. Wcrlter. Ich sagte Ihnen ja schon, daß ich erfolglos mich für Evi verwendete. Liese. Das war was Anderes. Ich geb' Ihnen aber jetzt ein Mittel, das wirken wird. (Sie sieht sich nach allen Seiten um und sagt leise.) Die Evi ist nicht der Bernhoferin ihr Kind — sie ist nur ein unterschobenes. Walter (erstaunt). Was sagen Sie? Liese. Ja, ja, es ist so. Vor sechs Jahren ist meine Stiefmutter, die hier im Dorf Wehmutter war, g'storben. Wie sie schon recht schlecht worden ist — es war mitten im Winter, zeitlich in der Früh um 5 Uhr, hat's mich in den Pfarrhof 'nein um den Geistlichen g'schickt—daß er's versehen sollt. Der ist kommen, Gott Hab' ihn selig — er ist auch schon todt, war a steinalter, lieber Herr — da hat's mich 'nausg'schafft aus'm Zimmer, vor die Hütten. Aber mir war's z'kalt draußt im Schnee und so bin ich über d'Bodenstiegen wieder beim Kuchelfenstcr 'reing'stiegen und Hab' mich unter'm Ofen verkrochen. — Da Hab ich g'hört, wie d'Mutter kreißt und lamentirt hat und g'sagt, cs drucket's eine schwere Schuld, weil sie einer armen jungen Frau, die hier im Dorf vor 14 Jahren durchg'reist war und ein kleines Maderl geboren, das g'sunde Kind wegg'nommen und ein todtes — der reichen Bernhoferin ihr's, unterg'schoben hätt'. Waller. Jst's möglich? Weiter! Liese. Der Herr Pfarrer hat ihr streng' vorg'halten, daß das ein Verbrechen g'we- sen wär, und da d'rauf hat sie erwiedert, sie hätt' sich durch's Geld von der reichen Bäuerin und die Bitten von der jungen Fremden ihren Mann verführen lassen, der immer g'sagt hätt', er möcbt' das Kind nit b'halten, weil's nit sein eigenes wär'. Walter. Weiter! Liese. Die Fremde ist in ein hitziges Fieber verfallen, wie's g'hört hat, daß ihr Kinderl todt wär', und ist später mit ihrem Mann fortg'reist und nit wieder kommen. Das hat die Stiefmutter dem Herrn Pfarrer offenherzig g'standen, hat ihn bitt', falls er die junge Frau einmal wo finden sollt', ihr die Entdeckung zu machen, damit ihr G'wissen in der Ewigkeit a Ruh' hätt', und ist verschieden. — Der alte Herr Pfarrer aber ist a halb's Jahr d'rauf auch ein- g'schlafen und hat die rechte Mutter sicher nit derfragt. Walter (mit sichtlichem Interesse). Und haben Sie keine Beweise — keine Schrift, nichts über diese Angelegenheit gefunden? Liese. Nichts. Aber die Namen von die jungen Ehleut' Hab ich mir g'merkt — sie heißen — Walter. Und wie kommt es, daß Sie, die, verzeihen Sie, doch so gerne die Leute neckten und quälten, nie von dieser Entdeckung Gebrauch machten? Liese (stolz). Herr Doctor, ich war boshaft, aber nie schlecht — und Hab nie Jemanden was in den Weg g'legt, dem ich was schuldig war. Und der Evi war ich Dank schuldig, denn sie hat mich oft in Schutz g'nommen, wann mich die Andern verfolgt haben. Ihrer Muttter, der Bern, hoferin, hätt' ich nichts sagen dürfen — ich Hab' keine Beweis' — kein' Zeugen gehabt und sie wurd mich wegen Verleumdung sicher aus'm Ort haben jagen lassen. Zudem Hab' ich g'wußt, daß sie mit Leib und 39 Seel' an der Evi hängt und die Evi auch an ihr — d'rum Hab' ich g'schwiegen. Walter. Aber jetzt — wie wollen wir ihr jetzt beweisen — Liese. Ick weiß schon wie. Sie sind ja Doctor — sagen's, Sie Hätten den Vater von der Evi behandelt nnd der hätt' Ihnen ein Geständniß g'macht. Walter. Wo eristirt aber dieser Mensch — wie kann ich sagen, wo ich ihm begegnet — Liese. Mein Gott, Sie wissen Ihnen aber gar nit z'helfen und sind doch ein G'studierter. — Auf der Reis' — im Bad' — Sie kommen ja weit herum. Sie brauchen ihr bloß sein' Namen z'sagen und nachher wird sie Ihnen glauben. O, ich Hab' mir'n gut g'merkt, denn ich Hab' ihn in mein Namenbüchel g'schriebcn und seit der Zeit oft buchstabirt. Walter (nachdenklich) So, — und wie lautete dieser —? Liese. Sie, die Mutter nämlich, hat Anna g'heißen — Walter (auffahrend). Anna—! Liese. Und er — der saubere Herr Vater — der kein lebendig's Kind hat wollen — Anton Dreier. Walter (ausschreiend). Anton Dreier?! (Außer sich.) Heiliger Gott — wär' cs möglich! Wie lange, sagen Sie, daß die Geschichte her ist? Liese. Vor sechs Jahren ist meine Stiefmutter g'storben — und 14 Jahr früher hat sie die Kinder ausg'tauscht. Es sind also g'rad' zwanzig — Walter. Richtig — zwanzig Jahre — D mein Gott! mein Gott! Liese, ich bitte Sie, sagen Sie mir noch einmal, haben Sie auch recht gehört — ist keine Täuschung möglich? Liese (kopfschüttelnd). Nit möglich — denn mein G'hör war immer gut — ich hör' jeden Schwaben unter'm Herd seufzen. Walter. Eva — Eva wäre also — Liese. Na was ist's denn weiter, daß sich der Herr Doctor gar so alteriren um die Eva — ein Vätern wird sie doch wo haben — und wann er sich auch nit mehr find't — ist vielleicht kein Schad' um ihn; ich glaub' überhaupt, Herr von Walter — Sie sollen die G'schicht Niemanden erzählen außer der Bernhoferin, um sie von ihrer Dummheit mit'm Amtsschreiber abzubringen. Walter. Gehen Sie jetzt, Liese, ich bitte Sie — lassen Sie mich allein. Wenn meine Hoffnungen, die ich jetzt hege, sich verwirklichen, dann — o dann kann ich ja noch glücklich werden. O mein Gott, nur jetzt keine Täuschung! Liese (für sich). Er will glücklich werden? Ja zu was denn er? von ihm ist ja gar keine Red'? Walter. Gehen Sie zur Frau Bernhoferin, liebe Liese, und bitten Sie dieselbe, sie möchte sich gleich zu mir bemühen — ich will ihr eine Mittheilung machen. Auch Sie kommen wieder und bleiben in der Nähe, um mir nötigenfalls als Zeugin zu dienen, wenn sie läugnen sollte. Liese. Gut ist's — aber nur kein' Bal- lawatsch, Herr Doctor — machen's die G'schicht g'scheit. — Na wart, kraupeter Bräutigam — dir werden mir's Heiraten vertreiben! (Sie geht ab.) Achte Scene. Walter (allein; er geht heftig erregt auf und ab). Evi — Evi wäre meine Tochter! An- na's Kind! Ja, ja, sie hat auch Aehn- lichkeit mit Anna — ihre Augen — den seelenvollen Klang ihrer Stimme — ich fühle meine ganze Liebe zu ihrer Mutter wieder erwachen! — Wo mag sie weilen, vielleicht ist sie längst todt. Ö mein Gott, zeige mir vor Allem den Weg, wie ich in den Besitz meiner Tochter gelangen kann — denn wenn Frau Bernhofer läugnet — 40 Beweise liegen nicht vor — welche Rechte will ich dann geltend machend (Nachfinnend.) Ich will zur List meine Zuflucht nehmen und geht dicß nicht — gut, dann werde ich als Vater austreten — Alles will ich in Bewegung setzen, um mir mein Kind zn erobern. Neunte Scene. Walter. Anna. (Anna ist leise eingetreten und geht auf den Tisch zu.) Anna (für sich). Er spricht mit sich selbst — und wie glücklich er aussieht! — Nun ja — es ist das Bewußtsein, sein Kind froh und zufrieden gemacht zu haben. (Sie nimmt vom Tisch ein Arbritskörbchen und will damit wieder leise sich entfernen.) Walter (bemerkt sie, geht rasch auf sie zu und sagt). Fran Werner — wohin gehen Sie? Anna. Zu Ihrer Tochter, Herr von Walter — um ihr das Arbeitskörbchen zu bringen. Walter. Bleiben Sie einen Augenblick — ich möchte Sie von einem glücklichen Ereignisse in Kenntniß setzen, das — Anna (kühl). Die Vermälung Ihrer Tochter, nicht wahr? Die Sache ist ja nicht so neu — Walter. O nicht das — sehen Sie — ich bin so glücklich, so unaussprechlich froh — und doch darf ich nicht Alles sagen — das Geheimniß gehört nicht mir allein; — Sie jedoch, der ich heute Morgens erst mein Herz cröffnete — Sie sollen auch an meinem Glücke theilnehmen. Sie sehen mich erstaunt, fragend an? So hören Sie denn, daß von den Wesen, welche meinem Herzen nabe gestanden und welche ich für ewig für mich verloren hielt — eines mir wieder geschenkt werden soll — daß es lebt — hier — in meiner Nähe lebt! Anna (verwirrt). Sollte er ahnen? — sollte er mich erkannt haben? Walter. Za, ja — ich werde sie an mich binden — denn sie 'gehört mir und nichts — keine Rücksicht soll mich mehr zu einer Trennung von ihr bestimmen! Anna (Mernd). Diese Sprache — wär's möglich — Walter. Ist die Sprache eines Glücklichen! Erfahren Sie denn — Zehnte Scene. Vorige. Gabriele. Gabriele. Nun, Väterchen, hast Du uns lange genug allein gelassen, nun gebe ich Dich nicht mehr frei! — (Sir legt ihren Arm in den seinen und zieht ihn fort.) Walter (im Abgehen). Sie sehen — es ist jetzt unmöglich! Anna. Immer sie — die zwischen uns tritt — es ist zu spät — ich werde sein Herz nie mehr ganz ausfüllen! (He sinkt in einen Stuhl und legt den Kopf in beide Hände.) (Vorhang fällt.) Sechste Abtheilung. Zwei Mütter. (Aus dem Bernhofe. Rechts das Wohngebäude, links eine Scheuer, ein Ziehbrunnen rc. Erste Scene. Eva. Franz. Franz (ist sehr blaß. Er trägt dieselbe Kleidung wie im früheren Acte, ist aber ohne Stutzen und Jagdtasche). Evi, also jede Hoffnung nimmst Du mir? Hast denn gar kein Erbarmen — Hab' ich denn noch nit g'nug gebüßt? — Sechs Wochen bin ich wie der gemeinste Verbrecher g'sessen — Hab' jetzt meine Stell' als Forstadjunet verloren — und Du willst mich jetzt auch verstoßen? Evi — sei barmherzig — ich kann ohne Deiner Lieb' nit leben — ich kann nit! Eva (steht einige Schritte weit von ihm, mit abgewendetem Gesichte). Hör' auf, Franz, Du zerreiß't mir's Herz — ich kann Dir kein' Hoffnung machen, denn die Mutter hat ein'n heiligen Schwur abg'legt, daß Du in ihr Haus nie als Schwiegersohn kommen sollst — sie ist eine gottesfürchtige Frau — sie wird ihn halten. (Sie dreht sich um und reicht ihm bewegt dir Hand.) Gib mich auf, Franz, cs gibt ja noch Madeln g'nng auf der Welt — schönere, g'scheitere — die Dich von Herzen gern haben werden — vergiß mich! Franz. Wer dein Bild einmal im Herzen tragt, der kann kein' Andere mehr gern sehen. Evi, Du bist mein Abgott, mein Alles! Ich fühl's, wann ich Dich aufgeben muß, so wird mich auch mein Schutzgeist verlassen und ich werd' wieder i'rückfallen in mein früheres Temperament, oder gar — mein'm elenden Leben ein End' machen! Eva (kntsrtzt). Franz! Franz. Ja, ja, es wird schon so sein! Eva. Das wolltest Du mir auch noch anthun? Scham Dich, Franz, ich hätt' Dich für besser g'halten! (Nach einer Panse.) Was sollt' denn nachher ich thun? Ich, ein schwaches, armes Madel, dem nit einmal wie Dir die Freiheit bleibt? Du kannst hinaus in die Welt, kannst in ein'm neuen Beruf dein Heil findenj, denn Du bist jung, kräftig, Haft was g'lernt. Dir blüht wenigstens die Hoffnung auf eine glückliche Zukunft, aber mir? — Ich muß mein Leben an ein alten, habsüchtigen Meirichen binden und meine einzige Erlösung auf da drüben (sie deutet nach dem Himmel) bauen! Franz. So weit ist's also kommen? O warum ist der Schuß, der die rothe Liesel troffen, nit mir in's Herz g'fahren! Der Schmerz wär' mir wenigstens erspart blieben. Evi — behüt' Dich Gott! (Er reicht ihr die Hand.) ' Evi (mit gewaltsam unterdrücktem Schmerz, ihm die Hand gebend, leise und mit zitternder Stimme). B'hüt Dich Gott, Franz! Franz. Ist das Alles, was Du mir zum Abschied für immer und ewig mitgibst, Evi? Eva (dreht sich um und stürzt ihm laut schluchzend an den Hals). Leb' wohl! mein Franz, Gott schütz' Dich, er gcb' Dir eine glückliche Zukunft — und die Möglichkeit, daß Du mich vergißt! (Liese ist eingetreten und belauscht die Beiden, sie wischt sich mit ihrer Schürze wiederholt die Thrakien aus den Augen.) Franz (legt seine Hand aus Eva's Kopf). Das wird nit sein können, mein Herzblattes, mein Augapfel Du! — Aber ich werd' mich z'sammennehmen, daß ich's aushalt', ich werd' mich an Deine Worte erinnern und schauen, daß ich's zu was Tüchtigen bringen kann. O Evi, Evi! Das ist heut' die schwerste Stund' von mein'n Leben! Eva (noch immer in seinen Armen). Trag's mit Demuth, Franz, Gott wird Dir's einstens anrechnen! — Und jetzt b'hüt' Dich Gott! (Sie will sich seinen Armen entziehen.) Franz. Also gäbet's wirklich keine Hoffnung ? Eva. Keine. Zweite Scene. Vorige. Liese. Liese (vortretend). Wann ich nit wär! S-"-' j Di- A-sti Liese. Ja die Liesel, die wird Euch helfen, um einmal aus ihrer Schuld z'kom« men. Kinder, hört's mich an. Gebt's die Hoffnung nit auf — Ihr kriegt's Euch so g'wiß, als der Florian die rothe Liesel! — Na, beutelts nur die Köpf' nit — hat die 4L Liefet ein Versprechen einmal nit g'hal- ten. He? Eva. Das ist aber eine Unmöglichkeit! Franz. Liese, wenn Du das möglich machen könntest — zeitlebens würd' ich Dir dankbar sein! Eva. Ich hör' die Mutter kommen — Franz, geh' fort — ich bitt' Dich! Liese. Nein, er soll dableiben und soll fein höflich sein gegen sie. Dritte Scene. Vorige. Mager. Frau Bernhofer saus dem Hause). Fr. Bernh. Oho, da ist große G'sell- schaft —Evi — mir scheint, Du vergißt — Eva. Nein, Frau Mutter, aber ich Hab' dem Franz ja ein Abschiedswort nit verwehren können! Franz. Frau Bernhoferin, ich bab' mein Urtheil g'hört, es ist hart — warum laßt's die Evi nicht auf mich warten? Ich will jetzt zum Militär gehen, fremde Dienst nehmen, mich auszeichnen — und wenn ich als braver, geachteter Mensch z'ruck- komm — Fr. Bernh. Dann wird er der Bernhoferin ein willkommener Gast sein und ihr Schwiegersohn, der Herr Amtsschreiber, gegen ein' Besuch in Ehren nichts haben. Oixi! Mager. JmGegentheile — wir wollen ihn nach Kräften bewirthen. Bis dahin kann er vielleicht auch unsere Buben zum Spaß im Erercieren unterrichten und — Franz (ballt insgeheim die Faust). Halt' Dich, Franz — vergiß' Dich nit! Liese (boshaft). Und den Amtsschreiber im Spießruthenlaufen! Viel haltet er aber nit aus — er ist ja so zaundürr! Mager (wüthend). Halt' Sie 's Maul — Sie Drache! Liese. Wär' ich nur einer, ich verschlinget den Amtsschreiber mit Putz und Stin- gel. — Frau Bernbofcrin — der Herr Doctor Walter schickt mich zu Ihr — Sie möcht' so bald als möglich zu ihm kommen er bat mit Ihr was z'reden. Fr. Bernh. (mißtrauisch). Ich wüßt' nit was! Der Herr Doctor stnd't den Weg zu mir so gut, wie ich den zu ibm. Uebrigens war er gestern erst da — ich kann mir's denken, was er will. Liese. Glaub's nit, daß Jhr's wißt — er ist springgiftig g'west über Euch — denn er hat was erfahren — (bedeutungsvoll) mir scheint, was Euch nicht lieb sein dürft'. Fr. Bernh. Erfahren über — mich? Liese (heimlich). Und über d'Evi! Fr. Bernh. (sehrerschrocken). Ueber d'Evi? Liese. Geh' d'Frau Bernhoferin gutwillig hin — sonst — Fr. Bernh. (verwirrt). Ich werd' kommen. Evi — geh' in's Haus — richt' mir mein' Sonntagshauben her — der Franz (zu ihm) kann mit ihr gehen, wann er ihr noch was z'sagen hat. Franz (freudig). Vergelt's Gott, Frau Bernhoferin! (Er geht mit Eoi in'S Haus.) Mager. Ich werde sie begleiten! (Er will nach.) Liese (zwickt ihn in den Arm). Tableiben, Krampus! Mager. Ob Sie mich loslaffen will! Liese (heimlich). Wann Er nit gleich, auf der Stell, was Er rennen kann, z'Haus lauft — so zeige ich der Bernhoferin das Brieferl, das Er damals zum Rendezvous in der Evi ihr'n Namen g'sckriebcn hat. Mager. Ich bitt' Sie um Gottes willen — was fallt Ihr ein! Liese. Wird Er gehen —? Mager. Ja doch — aber — Liese. Frau Bernhoferin! (Sie will mit dem Briefe aus sie los.) Mager. Verteufelte Here, ick gebe schon! Frau Schwiegermutter — dringende Geschäfte nöthigen mich — (Liese drängt ihn nach dem Ausgange) ich muß — Liese. Abfuhren! 43 Mager. Gehorsamer Diener! (Er grüßt die Bernhoferin, indem er den Hut abnimmt und geht ab.) Liese (macht ihm eine Grimasse nach). Vierte Scene. Liese. Frau Bernhofer. Fr. Bernh. (ist ganz in Gedanken versunken und beobachtet nicht, was um fle vorgeht). Was will er denn von mir haben? — Sollt' er was erfahren? — Ah pab, das ist nit möglich! Der Einzige, der noch um die G'schicht g'wußt hat, ist todt. Sie hat keine Idee — ich ängstig' mich umsonst. Bald hat die Sorg' ein End'. Ist sie einmal an den Amtsschreiber verheiratet, dann nimmt sie mir kein Herrgott mehr— denn's Weib muß beim Mann bleiben und daß der Mann bei mir bleibt, dafür Hab' ick contractlich g'sorgt. Hält' ich denn sonst die Evi g'zwungen, so ein' Menschen zu nehmen, wann ich nit wnßt, daß ich mit dem thnn kann was ich will? Und trennen iaß ich mich von der Evi nit — eher laß Ich mich in Stückel z'rreißen! Liese (hat die Bcrnhoferin fortwährend beobachtet; für sich). Was sie immer in ihr'n Bart h'ueinbrummt? Wann's nur fortging — der Doctor wird schon auf sic warten mit seiner Medicin. (Sie niest absichtlich.) Hatzi! Fr. Bernh. (dreht sich nach ihr um — erschrocken). Wer ist denn da — ah — die Liese — Hcls Gott! Liese. Ist gern g'scheh'n. Schau, d' Frau Bernhoferin, daß Sie zum Herrn von Walter kommt — sonst wird er vielleicht bös. Sie haben heut Abends ein kleines Fest und er möcht' früher noch mit Ihr sprechen — und »wann's nit bald kommt,« hat er g'sagt—»so werd' ich andere Schritt' machen« — hat er g'sagt! Fr. Bernh. (erschrocken). Andere Schritt'?! — Liese. Za, andere Schritt', hat er g'sagt. Und der hat Füß — den holen's nachher nit ein! Fr. Bernh. (ängstlich). Ich muß gehen — damit ich meine Angst bald überstanden Hab' — wer weiß, was es ist. Geht d'Liefe! mit? Liese. Nein, ich Hab'der Evi versprochen, daß ich bei ihr bleibe. Fr. Bernh. Gut bleib' sie da — der Franz muß jetzt fort! (Sie geht in s Haus.) Fünfte Scene. Liese (allein). Nur anschaffen, Frau Bernhoferin — da jagt sie ihn hinaus — und dort (sie zeigt aufs Fenster) hilf ich ihm, wenn's sein muß, herein. Früher aber gehen wir ihr nach, zum Doctor Walter und holen uns ein Trost für die Zukunft. Zuchhe — d'rothe Liefe! wird noch der Schutzgeist für d'Verliebten! (Sie geht ihr nach in s Haus.) Verwandlung. (Der Garten Walters- Die Thür des Pavillons ist geschlossen, man hört aber wie im ersten Acte Musik daraus ertönen, dießmal leise und in ernsten Weisen.) Sechste Scene. Walter mit Frau Bernhofer. (Beidetreten aus dem Hause.) Walter. Frau Bernbofer, ich habe Sie zu mir beschicden, um Sie noch einmal auf- zufordern, Sie möchten von der projectirtcn Heirat Ihrer Tochter mit dem hiesigen Amtsschreiber Mager absteben. Dießmal aber werde ich Sie nicht darum bitten — ich werde es Ihnen befehlen! Fr. Bernh. (auffahrend). Mit welchem Recht, wenn ich fragen darf? Walter. Das sollen Sie später erfahren. Vor der Hand sage ich Ihnen, daß diese Heirat nicht stattsinden wird. 44 Fr. Bernd. Und ich sag' Ihnen, daß die Evi am Sonntag ein- für allemal ver- künd't und am Montag Hochzeit machen wird. Das sagt Ihnen die Bernhofer Bäuerin, die immer ausführt, was sie sich einmal iu' Kopf g'setzt hat. Verstanden? Und vom Befehlen kann schon gar keine Red' sein — bis dato ist der noch nit geboren, der der Bernhoferin was zu befehlen hatt'l Walter (fikht fit fest an und sagt mit ruhiger, ernster, scharf betonender Stimme, indem er sie an der Hand faßt). Es ist auch nicht die reiche Bäuerin, zu der ich jetzt spreche und für deren Kind ick ein velo einsege, nicht die allgemein geachtete, ebrbare Frau Bernhofer, der ich Befehle ertheilcn will — (mit sehr strengem Taue) es ist die gottlose, Pflicht- und ehrvergessene Kinderräuberin! Fr. Bernh. (zurücktaumelnd). Jesus Maria! (Im Hintergründe der Bühne ist Liese lauschend erschienen.) Walter. Es ist das Weib, das nur auf die Erfüllung ihrer eigenen Wünsche bedacht, einen herzlosen Raub an einer armen jungen Mutter verübte, das Weib, das nicht bedachte, wie der Gram um das verlorne Kind die Mutter hätte tödten können, und sie — die Räuberin — wäre auch zur Mörderin geworden. Das Weib ist es, das jetzt das arme Kind an einen alten, elenden Wicht verkuppeln will — weil ihr Eigensinn oder ihre Bosheit durchaus ein solches Opfer verlangt — und dieses Weib werde ich nicht schonen, wenn sic nicht reu- müthig bekennt und allen Rechten an das Mädchen entsagt! Fr. Bernh. (hat sich wieder gefaßt und sagt trotzig). Ich Hab'Ihnen lang genug zug'hört — Herr Doctor — jetzt ist mir's zu viel! Beweisen Sie mir das Verbrechen, das Sie mir jetzt aufdisputiren wollen. Walter. Gut, Sie sollen die Beweise haben. Der Handwerker Anton Dreier, welcher vor zwanzig Jahren hier im Dorfe Ihr Mitschuldiger wurde — hat in einer Anwandlung von Reue vor Kurzem Alles gestanden und zwar einem Collegen von mir — welcher mich brieflich aufforderte, das Mädchen ausfindig zu machen. Fr. Bernh. (krck). Das ist erlogen! Der Handwerker, der vor zwanzig Jahren hier war und von dem ich nur g'hört, den ich aber nie g'seh'n Hab' — ist todt! Walter (rasch). Er ist todt! Fr. Bernh. Wann Sie Alles so gut wissen, so muß Ihnen ja das auch bekannt sein? (Für sich.) Sonst lebt kein Zeug' und er hat mir mit ein'mheiligen Eid schwören müssen, nie ein Wort zu verrathen! Walter. Es gibt noch einen andern Zeugen, das Weib, das Ihnen beigestanden. als Sie und jene Fremde Mutter wurden. Fr. Bernh. (kalt und trotzig). Die ist auch todt! Walter. Vor ihrem Tode aber hat sic dem Priester, der ihr den letzten Trost spendete, Geständnisse gemacht, die — Fr. Bernh. (wir vorhin). Falsch und erlogen waren!—Im hitzigen Fieber plauscht man immer ein'n Unsinn — übrigens den, dem sie's g'macht haben könnt', das war unser alter Herr Pfarrer — der ist seit sechs Jahren begraben. — (Auffahrend.) Herr von Walter, jetzt Hab' ich Ihr Eraminiren — Ihre Beleidigungen satt. Danken Sie's meiner früheren Freundschaft für Sie und Ihre Tochter, wann ich Sie nicht bei G'richt wegen Verleumdung klag'. Jetzt wird die Evi erst recht verheirat! Adies! (Sie will fort, Walter hält sie zurück, faßt sie an der Hand und gibt der zugleich im Hintergründe lauschenden Liese einen Wink, diese läuft in's Haus und holt Eva, Franz und Florian, welche im Hintergründe stehen bleiben und erstaunt zuhören.) Walter. Halt! So gehen Sie nicht fort. Ich habe es mir zugeschworen, Sie nicht eher von hier wegzulassen, bis Sie eingestandcn oder mindestens Evi ihre Freiheit wiedergegeben. Schwören Sie, daß Evi Ihr leibliches Kind ist — und ich lasse Sie frei! 4L Fr. Beruh, (will sich loSmachen). Lassen's' mich fort — (in heftiger Angst) ich will nit schwören — Sie haben kein Recht mich bis zum Schwur zu treiben! Walter. Weib! Ich weiß, daß Dir die Heiligkeit eines Eides bekannt ist — darum sollst Du mir nicht eher fort, bis Du ihn abgelegt. — Evi soll selbst kommen, von ihr wirst Du zum Schwur getrieben — Sie soll deine Schlechtigkeit von mir erfahren, und wenn Du siehst, wie sie Dich verachten und verwünschen wird, wie sie von Dir die eigene, die schwcrgekränkte Mutter verlangt, die vielleicht fern von hier die Augen schon auf ewig geschlossen, dann (in der Thür des Pavillons ist Anna erschienen, sie will herab- steigen, erblickt aber die sonderbare Stellung Walter s und der Bäuerin und bleibt lauschend und sehr erstaunt stehen) wirst Du, der eigenen Sterbestunde gedenkend — (man hört plötzlich das Zügenglöcklein leise ertönen) Heiliger Gott, das ist ein Zeichen, das Er uns gesendet! Weib, bei dem Heile jener armen Seele, welche jetzt hinüberschwebt zu dem ewigen Richter, dem wir Alle einst werden Rechenschaft ablegen müssen für unsere Thaten — bei jener armen Seele, welche vielleicht wie Du so schwerbeladen — frage ich Dich noch einmal — ist Evi deine Tochter? Fr. Bernh. (ist gleich bei den ersten Klängen des Glöckleins sich bekreuzigend in die Knie gesunken und ruft laut schluchzend). Nein, nein, 'sie ist's nit — mein Kind schlaft d'raußt — aufm Friedhof — die Evi g'hört der Fremden! Anna (die in heftiger Aufregung zugehört, begreift plötzlich Alles und stürzt mit einem lauten Aufschrei aus der Treppe des Pavillons zusammen). (Musik bis zum Schlupfe.) Trautmann und Gabriele (kommen rasch aus dem Pavillon und tragen die Ohnmächtige vor). Eva (stürzt auf ihre Mutter zu und nimmt ihr rasch die Haube und das Tuch vom Kopse). Liese (hat Wasser geholt). Gabriele (öffnet ihr das Kleid, ein Medaillon fällt heraus). Gabriele. Vater! Vater — DeinBild! Walter (der sich ebenfalls genähert und Anna s Puls gefühlt, wirft einen Blick auf das Medaillon, dann auf Anna, streicht ihr rasch das Haar aus der Stirne und schreit :)Heiliger Gott — Meine Anna! (Er sinkt neben ihr in die Knie.) Eva. Meine Mutter! Walter. Anna — ich habe schwer gebüßt für mein an Dir begangenes Verbrechen!—Kannst Du mir verzeihen? Anna (ihn und Eva umschlingend). Alles! Gabriel e(in höchster Freude). Siehst Du, Väterchen, ich Hab' es gesagt, wir werden Alle glücklich werden! Liese (stolz). Ja, wann d'rothe Liesel nit g'wcsen wär' — wär's nit so kommen. Gruppe. (Der Vorhang fällt.) Ende. Zn der SDallishausser?schen Huchhandlung (Josef Klemm) !n Nim, iatz gebt's ihr Milli und die Hundeln legt's dort ins Gras, da kann i mi' halb todt- lachen, wann aner über den andern purzelt. So und seht fahrt's ab. (Die Diener ob.) Mit meine Vieher bin i ferti' — jetzt kumm' i zu Ihnen. (Zu Blentheim.) Wer sein's denn? Baron. Meine Liebe, vergiß doch nicht, wer Du bist — Marg. Au! Die Teufelsschuh' erinnern mi' leider schon, daß i a große Dam' bin. Wer is denn der Herr? Baron. Gin intimer freund von mir, Rittmeister von Blentheim. Ä)!arg. (einen K»i^ mackn-nd^. G srent mi. Grüß Ihnen Gott. Lassen's Ihnen's g sallen bei uns. Was sagen's denn, is das a Wetter für's Heu, und d' Grdäpfel stehn a schön. Baron. Schweige doch — Marg. Ja, zu was is denn der Herr nachher tummen, warnl nian nix reden soll mit ihm? I bin zu todt sroh, daß Sie kummen sein, mein Alter brummt den ganzen Tag und so hab'n wir doch amal Abwechslung. Baron. Aber — Marg. (zu Blentheim). Er sagt, r bin no nit gebüldet, er will mi' immer politiren, i sürcht' aber, aus lauter Politur bleibt am End' von der armen Margareth gar nix übrig. Rittni. Das wäre sehr traurig, gnädige Frau. Baron. Willst Du nicht auf Dein Zimmer gehen, liebe Margarethe? Marg. Ra! Baron. Ra, na, so sage wenigstens nein, „nein!" Marg. I waß net, was alteweil mit der Sprach' woll'n, i red'do g'wiß deutsch. (Zu Blentheim.) San Sö a erzog'n wor n? Baron (fleht unmutbig zurück). Rittrn. Ich glaube. Marg. Ra, sein's froh, wann Sie's Überstunden haben — dös is weiter ka Plag! Rittrn. Und doch ist die Jugend die glücklichste Zeit. Marg. Dös schon. I freu' mi no, warm i d'ran denk', wie i mit'n Hanns 'n ganzen Tag umg'rennt bin, wann ma mitt'n im Bach d'rin g'leg'n sein — wissen's, dös war derHauptg'spaß, Eins das Andere 'neinz'werfen. Baron (zum Rittmeister). Bemitleiden Sie mich! Rittrn. (zum Baron). Ich beneide Sie. Baron (wie oben). Sie wollen mich trösten. Ä)!arg. isilb Iwisiben sie dräiiflenbi. Da heißt's, i Hab' kei' Büldung — schickt sich das Wispeln ? Is das engere Erziehung ? Rittrn. Die gnädige Iran hat Recht, wir verdienen Züchtigung. Marg. Ra, warum nicht gar, das thut der Schulmeister den klein'n Bub'n. Baron. Lieber Rittmeister, Sie bleiben doch zu Tisch? Marg. Ja, ja, schnabulirens mit uns. 4 Baron. Mathilde, ich beschwöreDich! Marg. Glaubst, er versteht mi nit? Er weiß schon (zu Blentheim) und bringend no a paar Soldaten mit, wir haben's recht gern. Baron (strampst mit den Füßen). Marg. Sehen's, mein Alter fangt schon zum Tanzen an. Rittm. Ich nehme Ihre gütige Einladung dankbarst an, gnädige Frau! Ich mache eine Promenade im Park und bin in einem halben Stündchen wieder zurück. Marg. Geben's mir d'Hand, Sie g'fallen mir. Baron. Bleiben Sie nicht lange, lieber Rittmeister. Rittm. Gewiß nicht. (Er verbeugt sich und geht ab.) Marg. (ihm nachrufend). 6ou t8ciiur! öou t8ebur! (Zum Baron.) So, da hat er an französischen Brocken, daß er sieht, daß i a was kann. Dritte Scene. Porige ohne Rittmeister. Baron. Jetzt, wo wir allein sind, muß ich Dir sagen, liebes Kind, daß Du Dich abscheulich benommen Haft. Marg. So? Und i Hab' glaubt, i war ganz Frau Baronin. Au weh', mein Schuch! Baron. Ich glaubte, ich müßte davonlausen! Marg. Ja, warum hast es denn nit g'than? Warum pickst denn immer an mein'm Ellbogen? Wenn Du mußt', wie langweilig Du bist mit Deinem ewigen G'schäftsdiscurs: Eisenbahn, Curszettel, Einkommensteuer, Grundsteuer, Nation, Staat, Volksbildung, was geht das Dich an? Die Herren Minister wer'ns schon richten auch ohne Dich, wir werden's ihnen nicht lernen. Baron. Das verstehst Du nicht, t. Aber das versteh' i — schön Schnauzbart — wenn er nur g'wiß die Soldaten mitbringt. Baron. Ich weiß, daß Du nichts Uebles denkst, daß Dein Herz rein ist, allein Du mußt Dich so benehmen, daß Andere dies auch von Dir glauben. Der Diamant ist werthvoll, allein im ungeschliffenen Zustande ist sein Werth gering. Marg. I wir mir halt Müh' geben. (Plötzlich wieder beiter.) Was wer'n wir denn z'effen haben heut'für Tein Freund? Baron. Der Koch hat mir soeben die Karte überbracht: LabiNauck au xratio, koulet aux '1'ruÜ68, ?omm68 (io torre ä 1a liioiioiieu. Marg. Das kenn i Alles nit. Wenn's nach mir ging, macheten mir ihm Selchfleisch mit delikate Knödeln! Baron. Liebes Kind — Marg. Oder a Speckkraut mit Schweinsohren, das ißt er gewiß. Baron. Hör' auf mit dem ordinären Diseurs. Marg. I red', was i denk'. I halt nix hinter'n Berg. Js das ordinär? I sag' mei' Lebtag nit: „O Gott, wie freu' i mi, Ihnen z'sehen", wann i die Leut' zum Teuxel wünsch'. I lach' nit, und drück' ihnen nit d'Hand, und sag' kan' schöne Sachen, wann i's nit a a so man. Du kannst das Politur nennen, bei mir haßt man das Lugen. Baron. Aber die Welt hat ihre Pflichten. Marg. I kenn nur meine Pflichten und die sein recht handeln und d'Wahr- heit reden. Baron. Aber die Bildung, die Erziehung. Marg. Jetzt is genug. Von der Erziehung will i nix mehr hören. Von heut' an jag' i 'n französischen Lehrer und 'n Clavierschlager fort, und wann der Tanzlehrer kommt, der mir immer 5 Ein Diener (meldet). Herr und Frau Baronin von Rodenfels sind soeben vorgefahren. (Ab.) Baron. Himmel, mein Onkel mit seiner jungen Frau! Ihr erster Besuch seit unserer Hochzeit! Liebste Margarethe, wenn Du mir etwas zu Gefallen thun willst, so bitte ich Dich, ja nur jetzt — Marg. Wenn Du nit brummst, thu' ich Alles. Baron. Ich will nie mehr zanken mit Dir, heute sei aus Deiner Hut. Sprich so wenig wie möglich. Tu weißt, mein Onkel war gegen unsere Verbindung und heut' kommt er, um uns zu bezeigen, daß er nicht mehr zürnt. Lege Deine Schürze ab und empfange den Besuch, wie ich es Dir schon so oft gezeigt. Marg. I will's probiren, Baron. So bist Du mein liebes, gutes, braves Weibchen, ich will Dich auch recht herzlich küssen, wenn sie fort sind. Marg. Nix, das muß glei' csscheh'n. Baron. Also gleich. (Küßt sie.) Sei nur recht achtsam. (Margarethe geht, nimmt die Schürze ab und verbirgt sie.) Baron (geht den Eintretenden entgegen). Wierle Scene Vorige. Baron von Rodenfels. Marie. Baron (ihnen entgegengehend). Lieber Onkel! welche Auszeichnung, Sie besuchen UNs! (Margarcihc steht affectirt steif abseits.) Rod. Ich sollte nicht, doch die Gräfin hier bat für Dich und als junger Ehemann konnte ich ihr nichts ab- schlagen, und somit sei der kleine Zwiespalt zwischen uns vergessen. Baron llübt der Baronin die Hand). Wo Engel- bitten, muß Milde walten. Rod. Wir kommen soeben von unserer Hochzeitsreise zurück. Mein erster Weg ist zu Dir. Marie. Und wo ist Ihre junge Frau? Baron. Ich werde gleich die Ehre haben, sie vorzustellen, doch muß ich im vorhinein um Entschuldigung bitten, wenn etwa eine kleine Gaucherie — sie ist ein Naturkind — noch nicht vertraut mit den Gebräuchen der deau moucke. Rod. Nichts mehr davon. Ich habe Dir den kaux pas verziehen und meine Frau wird sich ihrer annehmen. Wo ist sie ? Baron. Hier! Margarethe, hier stelle ich Dir meinen gütigen Oheim, Herrn Baron Rodensels, und seine Frau Gemahlin vor. Begrüße sie als — Marg. Ha, was seh' ich? Baron. Nun? Marg. (vrrbkligt sich ungeschickt, wie sie die Gräfin erblickt, ruft sie auS). Das ist ja die Fräule Marie, die junge Marie, von bei uns draußen aus'm G'schloß! Sie sei'n mei' Tant' wor'n. Ah, das is g'spaßig! Marie. Mein liebes Gretchen! (Sie umarmen sich.) Marg. Na, wie mi das g'sreut! (Zum Baron.) Wir haben oft miteinander g'spielt und wie oft is sie zu uns kommen, wenn mir g'melkt haben, ah — sein's nit bös, aber i muß a bißl weinen, wenn ich auf z'Haus denk. Marie. Ihres Vaters Pachthof liegt unweit von unserem Schlosse, und ich freue mich wirklich, die Gespielin meiner Kindheit wieder zu sehen. Marg. Aber daß Sie so an alten Mann g'heirat't haben! Na, schad't nix, sonst wärn's nit mei Tant' wor'n. (Geht mit ihr in den Hintergrund.) Baron. Sie verzeihen ihre Unart, lieber Onkel, sie meint es gut, und ich hoffe, es wird noch gelingen, sie zu bilden. Rod. Der Umgang meiner Frau wird ihr bald andere Begriffe von den Pflichten einer Dame beibringen, denn meine Gattin ist das Muster einer sein gebildeten Hausfrau. Lassen wir sie beisammen, ich habe mit Dir ohnedies in Geschäften zu reden. (Z» Marie.) Entschuldige, meine T heuere, wir wollen 6 Dich die Freude des Wiedersehens ungestört genießen lassen. Marg. Das is g'scheit! Rod. (lochend). Himmlische Einfalt. Was sagst Tu zu meiner Gattin? He? — Dieser Anstand? — Nicht wahr? Ehrfnrchtgebietend! (Beide ab.) Aünfte Scene. Vorige ohne Rodenfels und Baron. Marg. Jetzt lassen'* Ihnen doch nur erst recht anschau'n. Dieselben Augen, dieselbe Nasen, aber nit dieselbe gesunde Färb'. Sie lachen auch nit so sorgenlos wie ehnder, stolz sein's g'wiß nit wor'n — sein's vielleicht nit glückli? Marie. Warum soll ich es Dir verbergen, Margarethe? Mein Herz ist schwer und voll Kummer. Marg. Ah gengen's. Vielleicht sekirt Ihnen Jhner Mann, der alte Schippel! Meiner is recht gut, aber manchesmal wird er mir doch z'wider mit feiner ewigen Bildung. Nachher will er mi mit so langweilige Bücher sekiren, Phisolophie soll i lernen, das g'sallt mir nit, da hat mir mein Stubenmadel „die G'heimniß von Wien", „die Herzogin vom Thury" und „die beiden Graset" gebracht, Sie, das is schön, aber schauerlich. Marie. Du bist geblieben, wie Du warst. Marg. I bin alleweil die alte Margareth, wann i a in an seidenen Futteral steck'. Marie. Was liegt an der äußeren Hülle. Marie. Na, wie sie schön reden! Sie passeten für mein Alten, der hat Alles gern nobel. I bin neugierig, wie mir der Ihrige g'sallen wird. Wenn er nur nit gar so alt war', warum haben's ihn denn g'heirat'? Marie. Ich bin meinen Eltern gehorsam gewesen. Diese Heirat hat viel Sorge von ihren Häuptern genommen. Ich bin meinen! Alarme daher vielen Tank schuldig, allein lieben — Marg. Könnens ihn nit? No, vielleicht geht's mit der Zeit. Jetzt is er amal Jhner Mann, der liebe Gott wird Ihnen schon helfen. Sechste Scene. Vorigr. Rittmeister Blentheim. Ritlm. Gnädige Frau, Sie sehen, ich bin pünktlich. Jst's möglich — Marie! Marie. August! Marg. Was, Sie kennen den Herrn? Es ist mein' Alten sein guter Freund — Na, das is g'scheit, da wer'n wir uns prächtig unterhalten. Rittm. Wie hätte ich hoffen können, Sie wieder zu sehen! Marie. Besser, es wäre nie geschehen! Ich bin mit meinem Manne hier, und — Rittm. Sie wünschen, daß ich gehe - - Marg. Ah, jetzt versteh' ich! (Leise zu Marie.) Ten könnten's anders lieben, no, Jhner Alaun kann ja nix dagegen haben, daß'n da treffen, sie wer'n do' nit raufend wer'n deswegen. Rittm. (zu Marie). Wenn Sie daraus bestehen, daß ich mich entfernte, so muß ich gehorchen. Marg. Gar ka Red'! — I Hab' Ihnen eing'lad'n und Sie bleiben. — Sie Fräule Marie — Frau Tant', will ich sagen, geh'n zu Ihrem Alaun, sagen ihm: Mein lieber Alter, der da is mei' früherer Liebhaber, Du mußt aber nicht eifer-süchtig sein. Wann ich ihn a amol gern g'habt Hab', jetzt is das vorbei, denn i bin dei' Frau. Jetzt is er nur mehr mein guter Freund und da is nix Schlecht'* dabei. Alleweil g'radans und d' Wahrheit g'sagt, da kommt man am besten fort. Wo nix zu verheimlichen is, kann a nix verrathen wer'n. Marie. Es gibt Lagen im menschlichen Leben, ly» die Klugheit Verschwiegenheit gebietet. Rittrrr. (leise). Marie, nur zwei Worte ohne Zeugen. Marie. Ich beschwöre Sie, verlassen Sie dieses Haus und kommen Sie ein andermal hieher. Ersparen Sie mir die peinliche Verlegenheit vor meinem Gatten. Marg. Wer weiß, über was für langweilige Sachen der mit meinem Mann reden wird. Marie. Ich will ihn aufsuchen. (Zu Maraareth ) Margareth, wenn Du mich liebst, so schweige über dieses Zusammentreffen gegen Jedermann. Leben Sie wohl, mein Herr! (Sie geht ab.) Rittm. (folgt ihr auf dem ftuße) . Marie, ich muß Sie noch einmal sprechet: und koste es mein Leben. (Er eilt ihr nach.) Siebente Scene. Margarethe (allein). Schaut's daher! Mein' Tant' kommt mir recht spaßig vor. No, wann's ihr so a große Freud' macht, daß i nix sag', so will ich's thun, obmohl's mir sehr schwer ankommen wird. Wie ma "mal mit an G'heimniß anfangt, is 's mit der Aufrichtigkeit schon ans. Achte Scene. Vorige. HaimS. Diener. Diener. Er irrt sich, lieber Freund, hier kennt ihn Niemand. Hanns (vor der Thür). Nach der Beschreibung muß das dös Hans sein, und wenn i nit irr', meiner Seel', da steht d'Margareth wie's g'wachsen is. Marg. Hanns, Du bist da? Die Freud ! (Sie schütteln sich die Hände.) Lieber Vetter, wie geht's Dir denn alleweil? Hanns. Jetzt geht's mir gut, Mar- gareth, weil i Di' wieder sieh'. Marg. Bist eigens herknmmen, um mi' z'seh'n? Hanns. Freili! Marg. Dös is brav von Dir. Hanns. I bin mit Kohl':: in der Stadt g'wes't und da Hab' ich auf':: Rückweg ein klein Abstecher g'macht und bin daher in d'Visit kommen. Seit Du fort bist von uns, Margareth, g'freut mi gar nit mehr das Bauernleben, 's is gar so ordinär. I werd'nächster Tag die ganze Wirthschaft am Nagel hängen und schau n, daß i an Platz in der Stadt find', und wein: i auch nur Bedienter wer':: kann bei so einer schön':: Dan:', wie Du's bist, Margareth. Marg. So hoch willst hinaus? Hanns. Na, i bin ja a sauberer Bua, warum soll i mein Glück nit probir'n ? I will a schöne Klader haben, so an Rock voller Knöpf und Schnür, am Hut a goldenes Bandl, und nix thun, als mit der Frau spazieren geh':: oder fahren, im Vorzimmer sitzen und Brief auf der silbernen Tatzen einitrag'n, wia sie's bei uns auf'n Schloß machen. Marg. Du bist a dummer Kerl! Na, kannst ein Tag dableib'n, wannst nix versäumst, eh'st in d'Stadt einigeh'st. Mein Alter hat freili g'sagt, i soll kan von meini Leut' seh'n, bis i nit nobel wor'n bin, und die Bauerng'wohnheiten vergessen Hab' — da kann er aber lang' warten! Und weil'st schon da bist, so will i ihn schon hernmkrieg'n, daß d' bleiben därfst. Setz' Di' nieder und erzähl' mir alle Neuigkeiten. Wie geht's denn Deiner Mutter? (Sie setzen sich.) Hanns. Recht gut. Marg. Hat der Thomas die Liesl g'Heirat't? Hanns. Vor einer Wochen hätten's kopulirt wer':: soll'::, wie's aber zu der Kirchen kommen sein, is der Thomas erschrocken und is davong'rennt, d'Liesl hat si' fast d'Augen ausg'want. Marg. Sixt es. I Hab'alleweil g'sagt, der Thomas is a Narr. Setz' Di nur 8 näher, Hanns, schenir Di' nit, weg'n die dalketen Kleider, 's steckt ja d'Margareth d'rin. — O Gott, wie das wohl thut, wenn ma wem hat, mit dem ma' amal a g'scheit's Wortreden kann! Miris or'ntlich leicht um's Herz. Was macht denn die alte Müllner-Liesel? Hanns. Vor an halben Jahr is g'storb'n. Marg. (faltet die Hände). Tröst'sGott! Hat's 'n Peter Alles vermacht? Hanns. O na. Tu Margareth, das sein G'schichten! Marg. (näher ruckend). So? No so erzähl'! Hanns. Der Peterl hat schon fest auf d'Erbschaft g'rechnet, hat nix mehr g'ar- beit't, is alleweil imWirthshaus g'hockt; da stirbt d'Alte und vermacht ihr Geld an weitschichtigen Vettern, und maßt warum ? Weil der Peterl amal ihren alten Hund mit'n Fuß g'stoßen hat. Der Hund is zum Bücken in d'Kost kummen, der Peter aber sitzt im Schuldenarrest. Marg. Was is denn mit'm klein Michel? Hanns. Der hat'n Martin alle seine Schwein' abkauft, und 'n Martin sein' Tochterhatan Wittiber g'heirat mit sechs Kinder, Ochsen hat er aber nur zwa. Sie hält' 'n Schulmeister aus Nixendorf haben können, aber sie hat'n nit mög'n, weil er bucklet is. Seitdem prügelt der die Bub'n, daß's a Graus is. Und der Seppel hat Birn g'stohl'n und hat unbändige Schläg' kriegt von sein'm Vätern. Der Briefbot' is a Greißler wor'n, — 'n Pfarrhof haben's vergrößert. Der Wächter is krank, und die Kinder im Dorf hab'n an Eselshuften. — Jetzt waß i nix mehr, als daß der alten Hannerl ihr Kuh hin wor'n is. Marg. Wann i meini Augen zumach', so glaub' i g'rad, i bin daham, so natürli hast mir unser Dorf vor d'Augen bracht. Hanns. Und sein ma' vielleicht nit glückli dort g'wesen? Weißt, wie wir am Kerschbaum g'sessen sein, und sie hab'n uns g'sucht, derweil hab'n wir alle Kerschen abklaubt? Marg. Und wie uns der Vater mit auf'n Markt g'nummen hat, wo wir so schöne Lebzelten kriegt hab'n, seit derer Zeit Hab' i kan so guten mehr g'essen. Hanns. Und amal, wie Du nit hast leiden woll'n, daß i Dir a Bußl gib, wie Du 'n Schuh anszog'n und mir über d'Nasen g'schlag'n hast, o Gott, das waren schöne Zeiten! Marg. Kennst noch unser Leibliedel? Hanns. Ob ich's kenn! (Hier muß ein österreichischer Gesang eingelegt und ein Ländler getanzt werden. Am Schluffe küssen sich HannS und Margarethe. in diesem Augenblicke treten Immergrün und Rodenfels ein. Allgemeines Erstaunen.) Neunte Sceue. Vorige. Baron Immergrün. Baron Rodenfel-. Baron. Himmel! Was seh' ich? Rod. Ein Bauernjunge, der Deine Frau küßt? Marg. (zu Hanns). Bleib nur da, 's is nur mei' Mann. Baron. Wer ist der Bursche und was will er hier? Marg. 'S is mei' Vetter, der Hanns. Wir haben uns so g'freut, daß wir uns wieder g'seh'n hab'n, daß ma g'sprungen sein und uns küßt hab'n, wie auf'n Dorf. Du bist do' nit bös, lieber Mann, wegen der Dalkerei, is was gar nit, wia's zugangen is. Hanns. Wann man halt was g'wohnt is, das laßt man schwer. Rod. Sehr naiv, in der That. Baron (zu Marie). Ich bitte Dich, uns allein zu lassen. — Und Du, Bursche, packe Dich augenblicklich! Marg. Was? Fort? — der Hanns? Gar kei' Red', wir hab'n uns no lang nit ausplauscht. 9 Hanns. O je, mir san no' nit halb fertig. Marg. Du bleibst da. Hanns. Ja freili! Baron. Ihr Benehmen, Madame, ist höchst unanständig. Sie vergessen Ihre Stellung, Sie vergessen, daß Sie meine Gemalin sind. Marg. Na, dös vergiß i g'wiß nit, denn Du brummst alleweil wie a echter Ehemann! Hanns. Was, er brummt mit Dir? Das soll er stehen lassen. Baron. Kurz und gut, Madame — Ä)!arg. (ihn zornig unterbrechend). Kurz und gut, Herr, ich hab's satt! I laß mi nit länger sekiren, i will wieder die Margareth sein. I hab's lang g'nug probirt, und Hab' mir Müh' geb'n, um a Dam' z'werd'n, es geht nit und cs is mir a z'langweilig. Von heut' an zieh' i meine alten Kleider an, die zwicken und geniren mi so überall, und nachher tanz' i und sing' mit'n Hanns, so oft und so lang als's mi g'srent, und wegen dem ein Bußl is a no nit aus. A Bußl in Ehren kann ka Mensch nit wehren. (Zu Rodenseis.) Wegen was halten's Ihnen denn gar so auf? Möchten Sie was dagegen haben, wann i Ihnen a Bußl gebet? Rod. O nein! Hanns. Na jetzt, den möcht' i g'rad net küssen. Marg. Und wann i Dir nit in mein'n alten Kleidern g'fall'n Hab', warum hast mi denn g'heirat? I kann ja wieder z' Haus geh'n, hab'n mi Alle gern, wie i bin, gelt, Hanns? Hanns. Alle — und i am allermeisten. Marg. Du guter Hanns! Kumm, i zeig' Dir meine Ganserln und meine Fadeln. Ter Brummbär wird sich schon wieder anders besinnen. (Sie läuft mit Hanns ab.) Zehnte Scene. Porige. (Ohne Margarelh und HannS.) Baron. Es ist umsonst, die wird sich nie mehr ändern! Rod. Ich habe das vorausgesehen, lieber Nesse. Eine so niedriggeborne und in so gemeinen Verhältnissen erzogene Person kann nicht mehr anders werden, selbst wenn sie den besten Willen dazu Hütte. Diese Ehe konnte daher nur höchst unglücklich ansfallen. Baron. Ihre Aufrichtigkeit, das gute Herz, welches sie bewies, als sie mich, den Fremden, pflegte, ihre Schönheit, ihre Jugendsrische, alles das riß mich hin — und da ihr natürlicher Verstand nicht abzusprechen ist, so glaubte ich, es müsse mir gelingen — Rod. Du siehst nun, wie irrig diese Meinung war. Die Gemeinheit erhebt sich nie bis zu uns, wir können nur zn ihr hinabsteigen. — Es muß auch so sein, es muß verschiedene Classen geben. — Hättest Du, so wie ich, eine Dame von seiner Erziehung geheiratet, so stündest Du nicht rathlos da! Solche Frauen nur sind im Stande, das Glück eines Edelmannes zu gründen. Erhebe Dich, lieber Neffe, sei ein Mann. Jetzt ist's zu spät. Du mußt tragen, was Du selbst Dir aufgebürdet hast. (Ab.) Hilfte Scene. Baron Immergrün (allein). Ich fürchte, die Last wird mir zn schwer! Und gerade jetzt im Beisein meines Onkels, bei seinem ersten Besuche. Diese Scene! Es ist entsetzlich! (3n de» Garten sehend.) Dü kommt Blent- heim in Begleitung einer Dame? Was seh' ich, es ist meine Dante! Sie scheinen ein ernstes Gespräch zu führen — sie ist verwirrt — sie weint — 10 — was soll das bedeuten! Er preßt ihre Hand an sein Herz, er küßt sie — sie zieht die Hand nicht zurück — sie kommen hieher! Welch' peinliche Lage --ich möchte um Alles in der Welt nicht, daß sie ahnten, ich hätte sie beobachtet. (Er schlüpft hinter die Blumengruppe.) Zwölfte Sceue. Marie. Rittmeister von Blentheim. Baron Immergrün (hinter den Blumen). Rittm. Erlauben Sie mir wenigstens, Ihnen manchmal zu schreiben. Marie. Wenn sie mir versprechen, verschwiegen nnd behutsam zu sein, wenn aus Ihren Briefen nur Freundschaft spricht, so gestatte ich eine derartige Correspondenz von Herzen gern, denn dieser Briefwechsel wird mir Trost gewähren. Rittm. Marie, Sie beglücken mich! (Der Baron will sich cntfernen und wirft einen kleinen Blumentopf um.) Marie. Himmel! Was mar das? Rittm. (sich umsehend). Nichts — wir sind ohne Zeugen. Marie. Verlassen Sie mich jetzt, ich beschwöre Sie, und wo Sie mich auch immer sehen, lassen Sie Niemand ahnen, daß wir uns jemals gekannt. Rittm. So sei es. Lassen Sie mich noch einmal Ihre theure Hand an meine Lippen drücken, um von nun an als Fremder vor Ihnen zu erscheinen. (Er küpt ihr die Hand.) Preizeynte Scene. Vorige. Margarethe. Marg. (sie ist im Costüm einer Bäuerin). Ah! (Rittmeister und Marie erschrecken über diesen Au-ruf, er gebt ab.) O scheniren's Ihnen nit. Es g'sreut mi, daß i g'rad zum Handkuß kommen bin. Denn wann's nix Unrechts is, daß Ihnen der schöne Officier d'Hand küßt, so kann's a nix Unrechts sein, wann mir mei' Vetter um'n Hals fallt. Marie. Liebe Margareth, es ist jedenfalls nichts Unrechtes, allein ich wünsche dennoch nicht, daß irgend Jemand etwas davon erfährt, am allerwenigsten mein Mann. Marg. So? No, i glaubet, vor Jhnern Mann sollten's g'rad am allerwenigsten a G'heimniß haben. Marie. Ich habe auch keines, jedoch wenn er erfährt, daß ich allein mit dem Rittmeister gesprochen, wird er eine Erklärung verlangen, er ist eifersüchtig, mit einem Wort, ich verlasse mich auf Deine Diskretion — Marg. Auf was verlassen's Ihnen? Marie. Auf Deine Verschwiegenheit, liebe Margarethe. Marg. I denk', 's wär' besser, man verlasset sich aus sein G'wissen — Marie. Ich bitte Dich — Marg. I schlag's ja nit ab, i sag' uur, i thät's nit. Mei' Alter is g'wiß brummig und z'wider, i mach' ihm selten was recht, aber er kann alles wissen, was i red' und was i thu', denn wann in der Eh' 's G'heimthun anfangt, hört 's Glück und d' Lieb' auf. Bei Jhna hat d' Lieb' freili no' gar nit ang'fangt, in der Eh'wenigstens — (Immergrün entfernt sick.) ^ie hab'n ja nur Jhnern Eltern z'Lieb g'heirat't — i Hab' mein Mann aber g'heirat't, weil i ihn gern Hab' und er mi. Marie. Liebe Margareth, ich verdiene Deine Vorwürfe — allein ich bitte Dich, hilf mir nur diesmal. Ich werde nie mehr in die Lage kommen, Deine Hilfe in Anspruch zu nehmen, ich schwöre es Dir. Marg. So is 's recht! So g'fall'ns mir. Wenn Sie Jhner Wort halten, halt i mein's auch. Marir (drückt ihr die Hand und geht ab). 11 Vierzehnte Scene. Margarethe (allein). Mir mär' so gut in meinen alten Kleidern, und i mär' aus'n Weg so glücklich und lustig z'sein, und die G'schicht von der Frau Tant' hat mi wieder ganz trauri' g'stimmt. Es is mir, als wär's a Unrecht, was i da versprochen Hab'. Es g'fallt mir gar nit, es is mir g'rad, als wann i was g'stohlen hält' und jetzt kummt a Jeder und schaut mir in mein'n Sack, was d'rinsteckt. Innfzehnte Scene. Porige. Hann». Hanns (noch hinter der Bühne). I bin da so guat wie z'Haus. I las; mir nix thun. (Tritt ein.) Marg. Was gibt's denn? Hanns. I Hab' da in dem Zimmer d'rüben g'wart't, wo'st mi hing'führt hast. Weil i allein g'wesen bin, is mir d'Zeit lang wor'n, da Hab' i mi aus'n Sessel g'stellt und Hab' mir die Bilder ang'schaut. Da is dei' Mann kummen und hat mir g'sagt: d'Sesseln g'hör'n nit zum Stehen; i bin runterg'stieg'n und Hab' mi d'rauf g'setzt. Da hat er mi beim Krag'n g'nommen und hat mi 'nauswerfen woll'n, i Hab' mi aber nit 'nauswersen lassen, sondern Hab' g'sagt, Du hast mi in das Zimmer g'führt und hast g'sagt, da soll i warten, und da will i bleiben, so lang's mi g'freut, er hat mir nix z'schaffen. Marg. Was? Hanns. So hat a Wort 's andere geben, i Hab' was g'sagt, er hat was g'sagt, nachher Hab' i wieder was g'sagt, und auf d'letzt hat er mi wieder beim Kragen g'nommen und hat mi richtig 'nausg'worsen. Marg. Recht hat er g'habt. Hanns. I leid's aber nit. — I hab'n a was g'haßen. Marg. Du — ihn — was denn? Hanns. I Hab' g'sagt, er glaubt, er is a großer Herr, er is aber nur a großer Esel. Marg. Das hast Du g'sagt? Hanns. Ja. Marg. Du nixnutziger Lümmel Du, na wart', i werd' Dir an Art lernen! (Sie zieht ihren Schuh au» und prügelt ihn durch.) Sechzehnte Scene. Vorige. Baron Immergrün. Baron Rodenfel». Marie. Marg. (läuft dem Baron entgegen). I bin recht froh, daß Du kommst, jetzt wirf den kecken Bub'n no' amal n'aus. Der soll nimmer mit Dir grob sein, i hab'n g'rad mei' Meinung g'sagt. Hanns. Zu Dir kumm i nimmer! Das was i. I geh' zu meiner Mahm z'Haus, die hat mi gern. Auf die Sesseln nit sitzen und nit steh'n, und auf d'letzt auch no 'nauswerfen, das könnt' i brauchen. Baron. Margarethe, Du vertheidigst mich ja mit wahrem Löwenmuth. Marg. Sollt' i nit? Das is ja mein'n Schuldigkeit. I bin aber froh, daß i Dir anmal was recht thu'! Schau', mannst mit mir z'frieden wär'st, thüt i Dir Alles z'Lieb, was i Dir an die Augen absehen kunnt'. Siebzehnte Scene. Vorige. Rittmeister von Blentheim. N ittm. Freundchen, ich muß gestehen, Ihr Park ist superb arrangirt — ich störe doch nicht? Baron (ernst, sie einander vorstellend.) Mein Onkel Baron von Rodenfels und seine Gemalin — Rittmeister von Blentheim. 12 Rod. O, ich habe die Ehre, den Herrn Rittmeister zu kennen, meine Frau aber kennt ihn nicht. Erlaubemir, Marie, Dir einen alten Freund vorzustellen. Marie (sich verbeugend). Jeder Freund meines Mannes ist mir willkommen. Baron (für sich). Welche Verstellung! Marg. (ebenso). No, d'Frau Tant' is nit bitter, sie thut, als ob's 'n in ihrem Leben gar nit g'seh'n hält'! Rod. (leise »um Baron). Armer Junge, ich habe wirklich Mitleid mit Dir. Während ich meine Gattin mit Stolz präsentire, mußt Du, armer Teufel, zittern, daß Dich die Deinige nicht com- promittirt. Baron (leise zu Rodenfels). Danke für die gütige Theilnahme, lieber Onkel, ich resignire mit freudigem Herzen. (Laut.) Margarethe, geliebtes Weib, willst Du mich nicht küssen? Marg. Warum denn nit. Du bist ja mei' lieber Mann! und wann'st so freundlich mit mir bist, so laß i mein Leben für Dich. Baron (zu Hanns). Aus die Fürsprache meiner Frau soll Dir Dein Uebermuth verziehen sein. Du kannst zum Essen hierbleiben, ich selbst werde für Dich sorgen. Hanns. Küß d'Hand. (Für fick.) Jetzt kann i mi rächen! Essen will i wie zehn Halter! I werd' mein'n Zorn verbeißen. Baron. Weißt Du, Margarethe, daß Du in Deinen Bauernkleidern sehr hübsch aussiehst? Marg. Es muß wohl so sein, weil i's ang'habt Hab', wie 's Di' in mi verliebt hast. Baron. Und von heute an sollst Du anzieh'n und treiben was Dir gefüllt. Marg. I wir nur reden, was Dir Freud' macht; wenn's Tu nur Geduld haben und mir Zeit lassen willst, so will i mi schon a bißl politiren lassen, (m,t einem Blick auf Marie) z'viel aber nit, denn allzuviel is ung'sund. Diener stritt ein). Es ist servirt. Marg. Bitt', wenn's gefällig is zum Speisen. Rod. (will Marien» Arm nehmen, der Rittmeister ist ihm aber zuvorgekommen, sie gehen ab, Rodenfels folgt ihnen, HannS geht hinten nach). Marg. (zu Immergrün). Tu, gelt, es gibt auch unechte Diamanten? Baron. Ja freilich! Marg. Mir scheint, mir scheint, die sein aber no schlechter als wie die ungeschliffenen. Baron. Margareth! (Will sie küssen.) Marg. Bitt', das schickt sich nicht, führen Sie mich zu Tisch, wou mari! (Wie sie aus halbem Wege sind, fallen sie sich in die Arme.) Der Vorhang fällt- Ende. Druck «o» W. Heinrich in Wie». Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Die Er) jeher in. Paul Fauche r. Nach dem Französischen von Max Stein. Herzogin von Meran. Herzog Aimery von Märan, ihr Stiefsohn. 86onie von Meran, seine Schwester. Gras Raymond von Meran, Aimery's Onkel. Henry von Marruil. Julius von Rozay. Hermanre Brifsaut, Erzieherin. Madame Godard, Hotelbeptzerin zu Versailles. Justin, Rozay's Diener. Lloi, ein Kellner. Ein Diener der Herzogin von Meran. Der erste und vierte Act spielen zu Versailles, der zweite und dritte in Paris. — Zwischen dem ersten und zweiten Acte liegt ein Zeitraum von einem Jahre. Schauspiel in vier Acten von Personen Erster Zcl. (Großer Saal in einem Gasthose. Eine Mittelthür, welche aus die Straße führt. Rechts ein Fenster mit der Aussicht in den Hos, eine Seitenthür, welche in Madame Godard's Zimmer führt; links drei Thüren neben einander, über denselben die Nummern 9, 10 und I I.) Erste Scene. ^loi, dann Julius von Rozay. Kloi. Nummer 9, 10 und I I, haben noch immer nicht geläutet. Nun—bei Num-^ (greift iv dte Tasche und gibt Klo i Geld) Hier, mer 9 und 10 wundert es mich nicht — zwei Zimmer, aber eine einzelne Nummer! Ich habe gerade noch Zeit ein Glas Wein auf die Gesundheit des Herrn von Nummer H zu trinken. Er war schon gestern Abend sehr freigebig — da wird er cs wohl heute Morgens noch mehr sein. Ah, da kömmt er! Rozay (tritt aus der Thür Nummer 9 und bleibt einen Augenblick an der Thür Nummer 10 stehen). Ich habe nicht den Muth diese Schwelle zu übertreten! Es gibt keine peinlichere Situation, als die gegenüber einem Weibe, gegen das unsere Anschläge mißglückt sind! Ich hatte mehr List angewandt, dieses Mädchen in meine Gewalt zu bekommen, als die Präsidcntenstelle eines Reichsrathes erfordert, und nachdem es mir endlich gelungen war, es in einen Winkel dieses Hauses zu locken — denn ich mußte auf Widerstand gefaßt sein — fällt gestern Abend plötzlich ein Nachbar aus dem Himmel, d. h. aus dem Waggon, und bemächtiget sich des anstoßenden Zimmers, von dem uns nur eine dünneBreterwand trennte. Ich durfte keinen Versuch machen, den Lästigen berauszulocken, da er der Verwandte einer Frau ist, die ich verlassen habe und ich Hm also um jeden Preis meine Anwesenheit hier verbergen muß. So bin ich geschlagen wie ein Sckulknabe, ohne den Kampfauch nur versucht zu haben ! Ordnung gemacht? 3 Lloi. Ich bin eben daran, Madame! Mad. God. So spät?—Nicht einmal ein klein wenig Migraine darf man haben, so lange man noch nicht von seinen Renten lebt! (Zu Kloi.) Was ist seit gestern vorgefallen? Lloi. Gestern Abend, nm neun Uhr, kam ein Diener und bestellte zwei Zimmer! Pt ad. God. Welche haben Sie gegeben? Lloi. Nummer 9 und 10. Mad. God. Was ist noch vorgefallen? Lloi. Um zehn Uhr kam eine junge Dame und bezog Nummer 9. Mad. God. Allein? ^loi (geheimnißvoll). 3a, allein, aber sic erwartete Jemand — der auch kam. Man hatte zwei aneinanderstoßende Zimmer genommen, und — Mad. God. Genug. Lloi. O — ich vergaß — eine Stunde später kam noch ein Herr, der nicht erwartet wurde. Er hatte den Zug nach Brest versäumt, stieg hier ab und bezog Nummer 11. — Hier kömmt die junge Dame! Dritte Scene. Vorige. Hermance. Herrn, (tritt aus Nr. in, zu Lloi). Sagen Sie mir, geht der Zug bald nach Brest ab? kloi. Um 10 Uhr 65 Minuten! Herm. Danke! Lloi (Ab,) Mad. God. (hakHermance aufmerksam an- gksehen). Ich täusche mich nicht —- sie ist es. Hermance! Hermance Briffaut! Herm. Sie kennen meinen Namen? Mad. God. Und Sic auch den meini- gen, denk' ich! Sehen Sie mich doch an! Herm. Emilie! Mad. God. Ja, Emilie Martin, jetzt: Hot lg*" Godard, Eigenthümerin dieses ^ Herm. Warum nennst Du mich nicht urehr »Du«, wie einst im Pensionate? j Mad. God. Weil—Ihre ganze Erscheinung — diese einfache, aber elegante Toilette, — ich habe zwar auch Seidenkleider, trage sie aber nur an Festtagen. Herm. Gute Emilie, ich habe nicht Ursache auf meine Toilette stolz zu sein! Mad. God. Wie? Herm. (warm). Aber umarme mich doch, dann wirst Du auck das trauliche Du wieder finden! Mad. God. (ergreift ihre beiden Hände und betrachtet Hermance einige Sekunden). Aus vollem Herzen, denn Du hast noch immer jenen geradelt, ehrlichen Blick, der Dich so hübsch macht. (Umarmt sie, für sich.) 6loi hat also gelogen! (Laut.) Erinnerst Du Dich manchmal an das Pensionat in Paris, wo wir uns so innig liebten? An die Vorsteherin, die verstorbene Madame Gendron, diese kleine verwachsene Dame, die zu Ende des Jahres immer so große, wohlgewachsene Rechnungen schrieb? — Aber erzähle mir doch — was ist mit Dir vorgegangen? Du bist gewiß auch schon verheiratet, wir sind ja im gleichen Alter! Wie geht es deinem Manne, deinen Kindern? Herm. Ich habe keinen Mann, keine Kinder' Mad. God. Keinen Mann, keine Kinder! — Im Pensionat warst Du dock immer die Erste! Jetzt räche ich mich, ich habe einen reizenden Knaben! Herm. Aber wir kommt es, daß ich Dich hier als Hotelbesitzerin finde? (Bewegung der Madame Godard ) Nicht als ob Du Dich dadurch gedemüthiget fühlen solltest, aber deine früheren Ansichten — deine Ansprüche — Mad. God. Waren die meiner Ver- ^ wandten — kleiner Beamten — sie waren lächerlich. Lange warteten sie auf die Erfüllung dieser thörichten Träume — endlich gaben sie dieselben doch auf. ^ Herm. Und dann? ^ Mad. God. Dann bot sich eine annehmbare Partie, Herr Jean Godard, Hotelbesitzer zu Versailles, ein hübscher, braver 1 * 4 Mann. Leider kann ich ihn Dir nicht vorstellen, da er verreist ist. Er war wohlhabend — sein Geschäft in gutem Gang — er ward viel gesucht und wählte mich. Vergebens schwätzte man ihm vor, ick sei arm, und er, ein Bauer, ein Landmann, werde von einem Mädchen verachtet werden, das die Erziehung eines Fräuleins erhalten hatte. Er antwortete, daß ein Mädchen den Mann nie verachten wird, der es versteht, ihre Liebe zu erringen und zu verdienen. Er hat ganz richtig geurthcilt, und ist er auch in der Grammatik nicht so fest, wie ich, so könnte er, was gesunden Menschenverstand und gesundes Herz betrifft, Manchem etwas vorgeben. Wohl litt anfangs die Eitelkeit des Fräuleins Emilie Martin ein wenig, als mein Mann mich »Milli* rief— aber verunstaltete er auch meinen Namen, so lag doch in seiner Stimme so viel Güte, so viel Zärtlichkeit. — Jetzt ist Jean stolz aufseine Hausfrau, die so gut rechnet, daß er nickt betrogen werden kann. Er hat von mir gelernt die Gelehrten nicht gering zu schätzen, er liest ihre Werke, und mit der Erweiterung seiner Kenntnisse vermehrt sich auch sein Wohlstand. Wir gewinnen Preise bei den landwirthschaftlichen Ausstellungen der Provinz, Jean wird ein Mann von Bedeutung, er fühlt sich geehrt, nimmt bessere Manieren an — ick stimmte die meinen ein wenig herab — und so ward das Gleichgewicht hergestellt. Herm. Du bist so gut — Du verdienst glücklich zu sein! Mad. God. Und Du — bist Du es nickt? Herm. Ich? Mad. God. Vor Allem aber sage mir, was Dich hierherführt? Herm. Ich kam, um hier den Zug nach Brest abzuwarten. Mad. God. Wohin soll er Dich führen? Herm. Nach Amerika! Mad. God. Ohne deine Familie? Herm. Ohne sie. Mad.God. Du bist also nicht glücklich? Herm. Bei mir bandelt eS sich nicht darum, glücklich zu sein, sondern — Geld zu verdienen. Mad. God. Arme Hermanee! Aber erzähle mir dock, wie es Dir seither ging. Herm. Was soll ich Dir sagen? Meine Geschichte hat viel Aehnlickkeit mit der deinigen — bis auf die Heimat. Als einziges Kind bejahrter Eltern, war ick Gegenstand der zärtlichsten Liebe, beinahe der Anbetung. Man gab mir eine fürstliche Erziehung, allein sobald diese beendet war, mußte ich anfangen—zu rechnen. Um meine Zukunft sicherzustellen, hatten sich meine Eltern in Schulden gestürzt, und bald wurde die Trostlosigkeit ihrer Lage noch durch die Hinfälligkeit des Alters verschlimmert. An mir war es nun zu arbeiten. Mad. God. Gewiß! Aber welche Laufbahn hast Du gewählt? Herm. Die Kunst — der Handel — der Unterricht — das sind die einzigen Br- rufszweige, welche sich einem jungen Mädchen ohne Vermögen bieten, dessen Erziehung ihm nicht erlaubt, Handarbeiterin oder — Kammermädchen zu werden. Bei den Ansichten meiner Eltern durfte ich nicht daran denken, in einem Magazine oder am Bureautische zu sitzen. Die Kunst lockte mich allerdings — Mad. God. Ja— da winken Beifall— Ruhm — und auch Vermögen! Herm. Ja, die blendenden Strahlender Ruhmeskrone leuchten uns verführerisch entgegen. — Aber wenn auch Eine dieses Ziel erreicht, wer zählt all' Diejenigen, die nur einem trügerischen Jrrlichte folgend, am Wege erlagen? Und doch liegt für das Weib die größte Gefahr nicht am Wege, sondern am Ziele selbst, an jener gefährlichen Flamme, an der so Viele ihre Flügel versengen! Das Talent verdammt uns Frauen zur Einsamkeit, gibt uns dem Neid, dem Vorurtheile preis; der Ruhm führt uns Gefahren entgegen, denen unsere Eitel keit, unser Herz nicht immer zu widerstehe» vermögen; der Beifall macht uns zur Zielscheibe des Mißtrauens, der Verführungen! Mad. God. 3a — es kommen viele Damen in mein Hotel, die hier mehr Aufsehen erregen, als auf der Bühne. Herm. Was blieb mir nun übrig? Um ein Institut zu eröffnen, fehlte es mir an Capital, so war ich vor zwei Jahren gezwungen, in einem großen Hanse die Erziehung eines Mädchens zu übernehmen, meine armen Eltern zu verlassen — Mad. God. Das ist hart! Aber manchmal kommt man sogar von Petersburg oder Amerika zurück und die Reichen und Vornehmen sind oft sehr großmüthig, wo es sich um ihre Kinder handelt. Du erhältst vielleicht eine Pension — Herm. Eben diese Träume hegt mciue Familie. Aber wie viele Qualen erduldet man, bis man dieses Ziel erreicht! Der Platz am Ende des Tisches, das Seidenkleid, das man nicht zurückweisen darf, und das uns mehr demüthigt, als das von unserem Gehalte gekaufte Leinwandklcid! Mad. God. Gaben Dir diese Menschen Ursache zur Klage? Herrn. Im Gegentheile. Ich war bei dem Herzoge von Msran, dem französischen Gesandten in Havre. Ein höchst achtungs- werthcr Mann, dessen zweite junge, schöne > Frau mir seiner würdig zu sein scheint. Mad. God. Und die anderen Familienglieder? Herrn. Sind— mein Zögling, ein fünfzehnjähriges Mädchen, das mich liebt gleich einer Schwester — und ein Sohn. Mad. God. O — ein Sohn — und Du konntest diese Leute verlassen? Herrn. Ich mußte es. Mad. God. Warum?—Du schweigst? Nimm Dich in Acht, ich bin sehr neugierig! Herrn. Du zwingst mich. Dir ein schmerzliches Geständmß zu machen. Der Herzog von M6ran bewilligte mir einen Urlaub, ich meine Eltern in Frankreich besuchen könne, — ich fand sie im tiefsten Elende, auf dem Punctc, von ihrem heimatlichen Herde vertrieben zu werden. Seit ich in Hannover bin, konnte ich wenig für sie thun, da mein erster Jahresgehalt für die nöthigsten Bedürfnisse meiner, Toilette aufging. Nun aber stellt mir eine Dame aus Brasilien den Antrag ihr unter glänzenden Bedingungen zu folgen und bietetmir außerdem einen bedeutenden Vorschuß an. Diesen Vorschuß, der meine Eltern rettet, konnte — wollte ich nicht von der Familie Meran erbitten. Mad. God. Und darum verläßt Du diese braven Leute, denen Du Dich hättest anvertrauen sollen? Und jene Dame? Herm. Schrieb mir, sie, im Falle ich ihren Antrag annehme, hier zn erwarten, wo sie mit dem Zuge von gestern Abend oder heute Morgens ankommen würde. Aus diesem Grunde brachte ich die Nacht hier zu. Mad. God. Das ist sonderbar! Warum berief sie Dich nicht lieber in ihr Hotel? Herm. Ich weiß es nicht, ein Diener, welcher auch dieses Zimmer für mich besorgte, übergab mir gestern Abend diesen Brief mit der bedungenen Summe — dem Lösegelde meiner Eltern! Mad. God. Alles, was Du sagst, beunruhigt mich. An einer Handschrift mag allenfalls noch das Geschlecht zu erkennen sein, aber an Banknoten! Herm. Viele Details in diesem Briefe konnten nur von jener Dame kommen. Mad. God. Oder von einer Person ihrer Bekanntschaft — ihrer Familie — Herm. (besorgt). Ihrer Familie? Mad. God. Das beunruhigt Dich? Herm. Ich wurde dieser Dame in der That von ihrem Bruder empfohlen. Mad. God. Ach, nun versteh' ich! Gestehe, daß dieser Herr Dich ausgezeichnet hatte — Herm. Ich sah ihn in Hannover, er ist einer der vertrauten Freunde der Familie. Es ist wahr, daß er — aber ich gab ihm bald zu verstehen, daß er solche Gedanken aufgeben müsse! 6 Mad. God. Ein Mann versteht das nie! Herm. Und Herr Rozay — (Bewegung Madame Godard s) bat mich, ihm zur Sühne zu erlauben, mit seiner Schwester zu unterhandeln, welche in Brasilien verheiratet ist. Mad. God. Wie— vielleicht Julius von Rozav? Herm. Ja — kennst Du ihn? Mad. God. Seine Familie lebt in der Nähe. Dieser Mensch liebt Abenteuer und kennt keine Niederlage — weder bei den Frauen noch bei seinen Nebenbuhlern. Seine Hand hält ein unfehlbares Mittel, sie znmSchweigen zu bringen. Meine arme Hermance, man hat Dich in eine Falle gelockt! Herm. Unmöglich! Eine solche Beschimpfung! Mad. God. Aber wie konntest Du, ein junges Mädchen, nicht mehr Vorsicht haben? Herm. Vorsicht! — Vorsicht! — Bin ich, war ich je ein junges Mädchen? Ge- nöthiget um jeden Preis eine heilige Ehrenschuld gegen meine Eltern zu tilgen, bin ick ein Taglöhner, der die Hand nach seinem Lohne ausstreckt; ein Reisender, der nicht Gluck sucht, sondern Arbeit; ein Streiter, der gegen das stürmische beben ankämpft! — Vorsicht, meine gute Emilie! die kann man von mir nicht fordern! Ich darf der Gefahr nicht unterliegen, ich werde es nie, aber sie zn fliehen, habe ich selten die Zeit und niemals das Recht! Mad. God. Ich begreife, daß dieses einsame Leben — Herm. Dieses Leben bereitet mir täglich grausame Scenen. Erst gestern Abend fand ich in dem Zuge, welcher mich hierher brachte, einen Unbekannten, der, als er sah, daß ich allein war, mir Anträge stellte, die mindestens überflüssig waren.Das vermehrte noch meine Verstimmung, meine Aufregung! Mad. God. Wäre ich nur an deiner Stelle gewesen. Ich hätte ihn bald abge- fertiget! Herm. Auch er ist hier in deinem Hotel, er bewohnt das Zimmer neben meinem — ich erkannte chn an seiner Stimme. Künste Scene. Vorige.- Raymond. Raym. (kommt aus der Thür Nr. 11). Entschuldigen Sie, Madame, wann geht der Zug nach Brest? Mad. God. In einer halben Stunde, mein Herr. Herm. (fürsich). Mein Unbekannter aus dem Waggon. Raym. In einer halben Stunde? Da habe ich noch Zeit! (Sieht Hermance.) Ah, mein Fräulein-— oder Madame! Ich suchte Sie nicht, aber ich bin entzückt Sie zu finden. Herm. Mein Herr — Mad. God. Wenn ich aufrichtig sein soll, mein Herr, so glaube ich nicht, daß das Fräulein ebenso denkt! Raym. Ich auch nicbt!— Madame — oder das Fräulein — hat wohl eine ganz abscheuliche Meinung von mir?—Nun, ich muß gestehen daß ich sie verdiene. Aber nur in der Zerstreutheit beging ich diese Beleidi- gung, mein Gewissen macht sie wieder gut. Ja, bei mir spricht das Gewissen — icb war immer ein Freund der tobten Sprachen! (Zu Hermance.) Madame — oder mein Fräulein — ich reise, ich reise weit fort, um vielleicht nie wieder zurückzukehren. Die Erinnerung an eine nicht gesühnte Taktlosigkeit wäre für einen galanten Mann^— und das bin ich — ein zu schweres Gepäck — das taugt auf der Reise nicht. Was wollen Sic! Ich habe mich getäuscht — das ist nun einmal meine Gewohnheit! —u Sic dürfen mir aber darum nicht gram sein. Sie kennen mich noch nicht. — Hier ist mein vollständiges Signalement: »Physisch: Neunund dreißig Jahre alt -— an meinem Wohnorte heißt das, —auf der Reise manchmal neun- undzwanzig! Moralisch: ein geistig Km;- 7 sichtiger. Wenn sich um meine Wiege eine Schaar wohlthätiger Feen und Geister versammelt hat, Gall und Lavatcr waren sicher nicht unter ihr. Ich kenne nichts von meinen Nebenmenschen als ihre materielle Hülle— ihr Charakter entgeht mir völlig. Ost wollte ich sie achten und fand spater, wie grausam ich mich getäuscht hatte. — Dem Gluck habe ich so lange vergebens nachgejagt, daß ick endlich zu der Ucber- zeugung gelangt bin, cs müsse in meiner Tasche stecken, aber — ich werde nie entdecken — in welcher! Mad. God. (leise zu Hermance). Ein Original! Raym. Also, mein Fräulein — oder Madame — Sie werden mir gewiß vergeben, wenn ich als Milderungsgrund noch anführe, daß ich mit dem vertrauensvollsten — also leicht irrezuführenden Herzen — auf die Welt kam, welcher Umstand mich zweimal um mein Vermögen brachte: erst um mein Erbe, und dann — um meine Illusionen! Endlich wurde ich meiner Familie beinahe ein Fremder, ein die Welt Durchziehender, der — wie dieß eben jetzt der Fall — unbekannte Länder aufsucht, um sich dort weniger einsam zu fühlen, und der keinen Gefährten hat, als — seine Cigarre. Eine Cigarre, das ist noch das Einzige, was uns nickt betrügt. Sie gibt sich eben für nichts als Rauch und Asche! — Nun, eS ist abgemacht — nicht wahr, Sie vergeben mir? Herrn. Es ist unmöglich, mein Herr, 3hnen zu grollen! (Geht zum Fenster und blickt in den Hof.) Ah, mein Gott! ^ Mad. God. (leise zu Hermance). Was ist Herrn, (ltisk zu Mad. Godard). Ich weiß Nicht, was das bedeutet — Raym. (für fich). Wie verwirrt sie plötz- "ch ist! Herrn, (leise zu Frau Godard). Dieser jun« ^ ^ — ich kenne er ist aus Hannover — Raym. (^t sich ebenfalls dem Fenster genähert und über Hermancens Schulter hinaus- gesehen). Heinrich von Mareuil! Was bringt ihn hierher! Mad. God. (leise zu Hermance). Folge mir in mein Zimmer. (Ab mit Hermance.) Sechste Scene. Raymond, dann Heinrich und Justin. Raym. (allein). Sieh! Heinrich vonMa- reuil's Anblick schien diese Jugend zu rühren! — Teufel, es wäre unangenehm, wenn ich zu weit gegangen wäre— nicht in der Galanterie, sondern in den Entschuldigungen. (Heinrich tritt ein mit Justin ) Heinr. (zu Justin) Herr von Rozay wird also in den Gasthof zurückkommen? Justin. Ja, mein Herr. Heinr. So werde ich ihn erwarten. (Justin ab ) Ich hatte mich nicht getäuscht! Raym. Herr Heinrich von Mareuil! Heinr. (erstaunt). Graf Raymond von Möran! Sie, den man bereits in Amerika glaubte! (Kür sich.) Besonders ich hoffte cs! Raym. (seufzend). Es ist wahr, ich gehe dorthin, um gewissen Ideen zu entfliehen, die in meinem Alter wahnsinnig sind! Heinr. (für sich)- Oh, ich kenne diese Ideen! Raym. Das ist ein Rechnungsfehler des Herzens! — Ich sollte schon abgereist sein, allein vor acht Tagen, als ich um die zur Reise nöthigen Summen zu Herrn Roger, meinem Geschäftsmanne, sandte — Heinr. Nun — ? Raym. Nun— da war mein Geld bereits in Amerika, es war mir dahin vor- ausgeeilt! Das ist gar nicht wunderbar — Roger war ja ein Mensch, den ich für zuverlässig hielt! Heinr. Welches Unglück! Raym. Im Gegentheile: ein Glück! denn sonst hätte ich ihm auch noch den Rest meines Vermögens anvertraut. — Aber wenn mein Erscheinen hier unerwartet ist, bei Ihnen schemr dieß nicht der Fall — Heinr. Was wollen Sie damit sagen? 8 Raym. Daß Ihre Reise hieher gewiß einen interessanten Zweck hat — das ist ja bei einem Gesandtschafts-Attache nicht anders möglich! Sie gehören jener Schule an, wo man weder handelt, noch unthätig bleibt, weder stark noch mager wird, ohne besondere geheime Absichten — Heinr. Ich schwöre Ihnen, mein Herr, daß ich hier nicht erwartet wurde! Raym. Lassen wir das — ich sehe, Sie wollen schweigen. — Berichten Sie mir lieber von Hannover, — von meiner Familie! Wie geht es dem Herzoge? Heinr. Dem Herzoge? Raym. Ja — ich verließ ihn leidend. Heinr. (für sich). Wenn er die Wahrheit erfährt, reist er vielleicht nicht ab! (Laut) Nun, er ist ziemlich wohl — doch habe ich den Auftrag, einen Arzt von Paris hinzusenden, oder bei meiner Rückkehr mitzubrinqen. Raym. Natürlich — wenn man Herzog ist, darf man den Tod nicht so billig haben! (Setzt sich.) Und meine liebliche L6onie? Diese Perle, dieser kostbare Schatz? Heinr. (für sich). Dem er näher war als ich — zum Glück ohne es zu bemerken! (Laut.) Sie ist wohl. Raym. (seufzt). Ah, Herr von Mareuil, ich begreife leicht, daß man dieses reizende Kind m seine Zukunftsträume verweben kann — wenn man das Glück hat, jung zu sein und — Sie sind jung — da man sich doch einmal nach dem Geburtsscheine richtet. — Wie alt sind Sie? Heinr. Fünfundzwanzig Jahre! Raym. Nun — mein Herz, aber nur mein Herz — ist zwanzig Jahre alt, um Ihnen dieß zu beweisen, will ich offen mit Ihnen sprechen! Sehen Sie, Herr von Mareuil, ich muß Ihne« im Vertrauen sagen, daß Sie besser thnn würden, an eine legitime Verbindung mit einem hohen Hause zu denken, als daran — Ihren Chef, den Herzog von M6ran, überall zu vertreten! Heinr. Ich verstehe Sie nicht! Ueber- all, sagen Sie? Raym. Ja — Z. B. —bei seiner Frau! Heinr. (lacht). Wie — Sie glauben, daß ich —? Ha, ha! Raym. Sie lachen? Ich täusche mich zwar manchmal, aber doch nicht in dem, was ich so klar vor mir sehe. Eines ist gewiß: entweder sind Sie der — in diesem Falle natürlich unglückliche — Verehrer der Herzogin von M6ran — oder Sic sind ihr Vertrauter. — Da sie aber kein Geheimnis hat — Heinr. Warum wollen Sie nicht glauben, was choch viel wahrscheinlicher ist, nämlich, daß all' meine Bemühungen und Aufmerksamkeiten nur den Zweck haben, die Stiefmutter für meine Pläne zu gewinnen — ihre Vermittlung zu erlaugcick Raym. Warum ich es nicht glaubt» will? Weil Sie es mir sagen! Heinr. (schnell). Herr Graf! Raym. Die Diplomaten sind in Allem der Gegensatz ihrer Mitmenschen! Ihre» Worten Glauben zu schenken wäre eine Beleidigung! Heinr. (lächelnd). Wenn Sie die Sacht so auffaffen — Raym. O — immer täusche ich mich denn doch nicht! So bin ich fest überzeugt, daß nur Eifersucht Sie dazu bewog, die Versetzung unseres letzten Consuls in Hannover — Julius von Rozay — so eifrig zu betreiben, obwohl er sich nicht im mindesten mit der Herzogin beschäftigte. Heinr. Er beschäftigte sich nicht — (Für sich.) Seine Kurzsichtigkeit verläugnel sich doch keinen Augenblick! Raym. Die Herzogin ist nicht nur tugendhaft, sondern auch von dem lebhaftesten Pflichtgefühle beseelt! Sie hat nitr vergessen, daß das einzige HciratSgut, das sie dem Herzoge von Mvran zubrachte, ihn Jugend und Schönheit war. 9 Siebente Scene. Vorige. Madame Godard. INoi. Mad. Gvd. (sehr aufgeregt —sie bemerkt Raymond). Der Zug von Nantes ist angekommen, mein Herr,— in zehn Minuten geht er wieder ab. Lloi, das Gepäck von Nr. I l! (Lloi geht in die Thüre Nr. 11.) Raym. Zehn Minuten — Zeit genug, ein Räthsel zu lösen. Mad. God. (gibt chm ein Papier). Hier Ihre Rechnung, mein Herr. Raym. (nimmt es, gibt ihr Geld). Die Aufklärungen, welche ich wünsche, sind hier nicht verzeichnet — ich werde mich an die Dienerschaft wenden. Hcinr. (zu Raymond). Aufklärungen — ein Räthsel? Raym. Ja, ein Räthsel in schwarzem Seidenkleid! Eine Reisebekanntschaft — vielleicht eine neue Täuschung! (Zu Madame Godard.) Leben Sie wohl, Madame! (Zu Heinrich.) In Puncto »Täuschungen« ist man immer reicher, als man cs wünscht! (Ab mit Heinrich.) Achte Scene. Madame Godard, dann Hermance, später Justin. Mad. God. (allein). Ah, jetzt muß ich Nkit ihr sprechen! (Geht an die Thür ihres Zimmers). Hermance! Hermance! Herrn, (trittheraus). Nun, was willst Du? Ist die Dame angekommen, welche ich erwarte? Mad. God. Diese Dame wird gar nicht ankommen! Herrn. Wie? Mad. God. Ich wußte ja, daß dieß eine nichtswürdige Falle sei! Herm. Was sagst Du? Mad. God. Lloi hat gebeichtet. Julius v. Rozay hat Alles veranstaltet! Herm. Wie, Du glaubst? Mad. God. Er bestellte zwei in Verbindung stehende Zimmer, eines von ihnen wurde Dir angewiesen, das zweite bezog er. Herm. Wär' es möglich! Mad. God. Du verstehst also, daß Lloi, die Dienerschaft Herrn Rozay's und vielleicht noch andere Menschen an deiner Schuld nicht mehr zweifeln. Rozay hat wahrscheinlich darauf gerechnet, diese Situation, durch die Du in der Meinung der Welt verloren bist, zu be nützen, um — Herm. (mit einkm Schrei der Entrüstung). Emilie! Mad. God. Dieser Mensch ist zu Allem fähig. Just, (tritt ein). Herr von Rozay bitter Fräulein Hermence Driffaut, ihn zu empfangen. Mad. God. Wie, er wagt es! (Zu Justin.) Sagen Sie ihm — Herm. Ich erwarte ihn! (Justin ab.) Mad. God. Wie? Herm. O, ich muß ihn sehen! (Rozay tritt ein.) Neunte Scene. Vorige, v. Rozay. Herm. Kommen Sie, mein Herr, kommen Sie — wir haben mit einander zu sprechen! Diese Dame ist meine Freundin — ich bestehe darauf, daß Sie ihr versichern, mich seit gestern nicht einen Augenblick allein gesehen zu haben! Roz. O — ich habe nie das Gegen- theil gesagt. — Ich sehe aber, Fräulein, daß Sie bereits wissen, wir sehr ich strafbar bin! Herm. Aber was dachten Sie denn, mein Herr? Daß Sic mich in den Augen Anderer herabwürdigen wollten — gut, das begreife ich, das ist nur — schlecht; aber was ich nicht begreife, ist, daß Sic es wagen konnten mich — auch nur einen Augenblick — mit Ihren Hoffnungen zu beschimpfen! Daß Sic es gewagt haben, mir — Geld zu senden! Dieses Geld (mit 10 einem Schrei.) Ah, ich habe es noch! (Reicht ihm ein Portefeuille und bricht in Thronen aus.) Hier ist es, mein Herr! Sic kennen mich, Sie wissen doch, daß ich es nicht auf solche Weise verdiene! (Wirst sich in Mad. Godard's Arm.) Roz. Ich begreife Ihre Entrüstung, mein Fräulein, — allein, so groß das Nebel auch ist, kann es doch gut gemacht werden. Herm. (entrüstet). Gut gemacht? Roz. Wenn man aus dem Vorgefallenen auch noch so schlimme Trugschlüsse zieht — mit welchem Rechte dürste man Fräulein Hermance Briffaut anklagen — an dem Tage, wo sie Julien Rozay's — Frau ist? Herm. Ich — Ihre Frau? Roz. Ich weiß seit langer Zeit wie sehr ich Sie liebe — aber erst seit heute, in welchem Grade Sie verdienen, geliebt zu werden. Ein Wort von Ihnen, und ich eile zu meiner Familie, um ihr anzuzeigen, daß Sie eingewilligt haben, meine Frau zu werden! Herm. Ich will Ihnen nicht wiederholen, mein Herr, daß es Beschimpfungen gibt, die durch nichts wieder gut gemacht werden können — auch nicht durch einen Antrag, den ich für aufrichtig halten will: allein — könnte ich dieß auch vergessen, so würde dieser Weg doch für Keines von uns Beiden zu einem glücklichen Ziele führen! Sie, mein Herr, sind einer jener Menschen, die vor nichts zurückschrecken, was sie ihrem Ziele näher bringt, selbst nicht vor etwas Rechtlichem! Und da Sic mir endlich doch die Ehre erweisen, zu glauben, daß ich nie Ihre — Geliebte sein werde, so ziehen Sie vor, mir Ihre Hand zu reichen. — als Ihre Hoffnung auszngeben! Rozay. Ach — beurtheilen Sie mich nicht so strenge! Lassen Sie mich hoffen, daß meine ausdauernde Liebe endlich Ihr Herz zu rühren vermag! Herm. Niemals! — Mein Herz kann nie Ihnen gehören, weil — Rozay. Nun? Herm. Weil es von einer andern Liebe erfüllt ist! Rozay. Wie?! Herm. O, seien Sie ruhig, mein Herr! Ich werde immer von dem getrennt bleiben, der wohl niemals erfahren wird, welches Gefühl ich für ihn hege. Aber vergessen Sie nie, daß ich dieser Liebe — so hoffnungslos sie auch ist — ewig treu bleiben will! Mad. God. (für sich). Jetzt verstehe ich Alles! Roz. Wie, Hermance, ich soll glauben, daß Sie diesem Manne, den Sie lieben, der Sic gewiß liebt — nie angehören werden? Ich kann es nicht! und obwohl ich den Schmerz erdulden muß, Sie zu verlieren — so werde ich doch niemals die Demüthigung ertragen, Sie als dieFrau eines Andern zu sehen! Nie! Dieß wäre mehr als Unglück, es wäre eine Schmach — und unter eine solche wird Julius Rozay sich niemals beugen! Herm. (stolz). Was können Sie thun, mein Herr? Rozay. Das wird der Augenblick geben — doch seien Sie überzeugt, mein Fräulein; wir sind noch nicht zu Ende! Mad. God. Das wird sich zeigen! (Heinrich tritt ein.) Zehnte Scene. Vorige. Heinrich von Mareuil. Heinr. (grüßt Hermance). Mein Fräulein! Herm. Herr von Mareuil! Rozay (zu Heinrich). Sie hier, mein Herr? Heinrich. Ich bedauere, wenn ich vielleicht ungelegen komme, Herr von Rozay, allein ich habe Fräulein Hermance einen Brief von ihrer Schülerin zu überbringen. Rozay. Und man beauftragte Sie? 11 Heinr. Nicht eben mich, sondern —I (betonend) die Herzogin von Märan, welche ich nach Paris begleitete! Rozay (schnell). Wie — die Herzogin? Heinr. Ist in Frankreich. Eine telegraphische Depesche ans Hannover, welche mich hier in Versailles erreicht, berichtet mir ein schreckliches Unglück, welches die Familie von Märan getroffen. Herrn, (erschrocken). Wie, mein Herr, ein Unglück? Heinr. Ja— ein Schlag, der schneller kam, als man erwartete. — Doch wurde schon dieser Brief des Fräuleins von Meran unter den traurigsten Befürchtungen geschrieben. (Gibt Hermance rinenBricf.) Herrn, (nimmt ihn zitternd). Sprechen Sie doch, mein Herr, dieses Unglück — Heinr. (betonend und Rozay fixircnd). Die Herzogin von Märan ist Witwe! Herrn. Ah! arme L^onie! (Oeffnrt den Brief.) Rozay. Witwe! Heinr. (nähert sich Rozay. leise und schnell zu ihm). Die Herzogin ist hier — unruhig — fassungslos —; sie folgte mir hieher und erwartet Sie zwei Schritte von hier in ihrem Wagen. Wenn Sie zögern, eilt sie vielleicht selbst hieher — Rozay. Himmel! Heinr. (leise). Obwohl sie noch nicht weiß, daß sie frei ist; allein Sic wissen, daß Sie es nicht mehr sind! Herm. (zu Madame Godard). Lies, Emilie, was Läonie mir schreibt! (Gibt ihr dm Brief.) Heinr. (zu Hermance). Sie werden entschuldigen, wenn Herr von Rozay Sie verläßt — eine heilige Pflicht ruft ihn! (Energisch zu Rozay). Nun — kommen Sie, mein Herr! Rozay. Auf Wiedersehen, mein Fräu- lein! (Ab mit Heinrich.) Eilste Scene. Hermance, Madame Godard. Mad. God. Was wirst Du jetzt thun? Herm. Du fragst noch! — Ich reise nach Hannover! Mad. God. Aimäry von Meran liebt Dich also? Herm. Mich? Mad. God. Gewiß—Du liebst ihn — Herm. Emilie! Mad. God. Ja, Du liebst ibn! O, eine Frau täuscht man in so etwas nicht! Herm. Nun ja — es ist wahr! Mad. God. Du hoffst seine Frau zu werden? Herm. Seine Frau? — Emilie — diese Liebe hatte einen Vertrauten! Mad. God. Wen? Herm. Den Herzog von Meran! Es war mir nicht möglich, ihm diese Leidenschaft zu verbergen, und obwohl er mich mit Beweisen seiner Achtung und Zuneigung überschüttete, konnte der Greis mir nicht verhehlen, daß nichts auf dieser Welt so unmöglich sei, als eine Verbindung zwischen» seinem Sohne und mir! Ach, cs war überflüssig, mir das zu erklären — ich wußte es von jeher. — So leistete ich dein alten Herzoge von Meran den feierlichen Eid: falls mir je, vor oder nach seinem Tode, die Hand seines Sohnes angeboten werden sollte — sie zurückzuweisen! Mad. God. Welcher Muth — welche Aufopferung! Aber wie komint es, daß Du nun nach Hannover zurückkehren willst? Herm. Lies diese Zeilen seiner Schwester. Mad. God. (liest). »Sie wissen, mit welcher Liebe Aimöry an seinem Vater hängt — ein furchtbarer Schlag droht ihm; — kommen Sic, aus Mitleid für ihn!* Herrn. Der Streich ist gefallen, sein Herz bricht, seine Gesundheit — sein Leben sind vielleicht in Gefahr! Ich eile zu ihm — 12 Mad. God. Du bereitest deinem Herzen neue Qualen! Herm. Meinem Herzen? Darf ich ein Herz baben? Mad. God. Hermancc! Herm. Mir bleibt nur die Wahl zwischen einer Qual und der andern! Vielleicht treibt das Elend schon morgen meine Eltern aus ihrer letzten Zufluchtsstätte — das Unglück drängt, Emilie! — Ich wollte Aim^ry fliehen, ich hoffte auch ferne von seiner Familie Mittel zu finden, meine Eltern unterstützen zu können — die einzige Aussicht, die sich mir bot, war eine Falle jenes Elenden. Du siehst wohl, daß ich nicht anders handeln kann! Mad. God. Nein, Hermance — Herm. Es muß.sein, Emilie! Es gibr eine Bestimmung und Jedem auf Erden wird sein Loos vorgeschrieben: dem Einen Glück und Frieden, dem Andern Leiden und Entsagung. Allein so dornenvoll die Bahn auch ist, Keiner hat das Recht von ihr ab- zuweichen, sie feige zu verlassen! Mad. God. (weint). Meine gute Hermance! Herm. Gott wird mir Kraft geben! — Leb' wohl! (Umarmung, Hermance ab.) (Vorhang fällt.) Zweiter Act. lEin kleiner Salon im Hotel Meran zu Paris.) Erste Scene. Heinrich, ein Diener, dann die Herzogin. Hcinr. Wollen Sic mich der Herzogin melden? Diener. Hier kommt sic eben, mein Herr. (Ab.) Herzogin ( tritt ein und eilt Heinrich entgegen). Sie sind der erste Freund, Heinrich, den ich in Paris wiedersinde! — Aber erzählen Sie mir von ihm — von Rozay, den rch seit einem Jahre nicht gesehen habe — nicht sehen wollte. Darf ich den Versprechungen seiner Briefe vertrauen? Heinr. Zweifeln Sie an Rozay? Herzogin. Mein Freund, mit der Liebe zieht auch die Sorge in unser Herz — (mit leiser Stimme, wie für sich selbst) oft auch — die Reue! Heinr. Rozay wird nicht säumen, Madame, alle Verpflichtungen, welche sein Herz gegen Sie hat, zu erfüllen. Allein da Sie mir die Rolle eines Freundes zutheilen, eine Rolle, die schwierig zu erhalten und noch schwieriger durchzuführen ist, so erlauben Sie mir, eine Frage an Sie zu stellen. Warum führen Sie seit mehr als einem Jahre ein so klösterlich abgeschiedenes Leben auf Ihrem entfernten Landsitze? Warum empfingen Sie, außer den Gliedern Ihrer Familie, Niemand — selbst nicht Rozay? Herzogin. Warum? (KleinePause.) Ich will Ihnen Alles sagen, Heinrich — durch Zufall haben Sie sich mein Vertrauen erworben — durch sich selbst aber meine Freundschaft. (Heinrich setzt sich neben sie.) Zweifelnd an der Treue des Menschen, dessen Liebe mein Leben ist, entschlossen, ihn um jeden Preis einer unbekannten — vielleicht nur in meiner Phantasie lebenden Nebenbuhlerin wieder zu entreißen, — verließ ich vor einem Jahre Hannover, um hie- hcr nach Paris zu eilen — wohin mir bald eine Trauerbotschaft folgte. Hcinr. Die man eine — Befreiung nennen könnte. Herzogin Der Streich, welcher meine Fesseln sprengte, schlug mächtig an mein schuldbeladenes Gewissen. Ich bebte scheu zurück vor dem Glücke, das sich mir plötz-' lich so offen bot — und um es einigermaßen zu verdienen, einigermaßen meine Schuld zu sühnen, gelobte ich mir, das ganze Trauerjahr in vollständiger Einsamkeit das Andenken eines Mannes zu ehren, dem ich im Leben so schwer Unrecht gethan. Heinr. Ich verstehe! Herzogin. Noch eine andere Pflicht hielt mich auf meinem Gute zurück. Hermance konnte in dieser Abgeschiedenheit die Erziehung L^onie s vollenden, welche meiner Obhut anvertraut bleibt, bis der von ihrem Pater für sie gewählte Vormunde — Graf Raymond von Märan ankömmt. — Heute aber will ich Rozay zum ersten Male Wiedersehen — und zwar vor Zeugen. Heinr. Ja — ick werde ihn in den kleinen Kreis Ihrer vertrauten Freunde ein- führcn. Herzogin. Bald hoffe ich der Familie von Mvran anzeigen zu können, daß ick mit Rozav — allen traurigen Erinnerungen entfliehend — nach seinem Bestimmungsorte als Consul reise, welchen Posten ich durch die Bemühungen meiner Freunde für ihn erwirkte. Nock eine Freude ward mir. Der Herzog von M^ran, in seinem Testamente verschwenderisch gegen seine Familie, sich der Verdienste Hermancen's anerkennend und dankbar erinnernd, vergaß in demselben — mick, die ihm dafür aus vollem Herzen dankt! So wird mir erspart, dem Manne, den ich liebe, das Vermögen eines Gatten zuzubringen, welchen ich seinetwegen hintergangen habe! Glauben Sie mir — als ich den letzten Willen des Herzogs von Mvran erfuhr — der mich der Armuth übergibt — athmete ich freier auf; ich glaubte darin das erste Zeichen zu sehen, daß Gott mir vergeben will! Heinr. Seien Sie nicht so strenge gegen sich, Herzogin, — Ihre Freunde — selbst die Welt, sind weniger hart und Ihre Reue — Herzogin. Genug von dieser traurigen Sache — lassen Sie nns Lvonie nicht vergessen. Sie ist kein Kind mehr, der Augenblick ist gekommen, Heinrich, Ihre Angelegenheit zu betreiben, und obwohl Ihr Vermögen geringer ist als das Läonie's, so ist eine Verbindung mit Ihnen für die Familie von Mvran doch eine höchst wün- schenswerthe. Leider aber habe nicht ick über die Hand meiner Stieftochter zu entscheiden. Heinr. Warum nicht? Lvonie hegt für Sie eine zweifache Liebe, sie liebt Sie wie eineMutter, wenn sie Ihren Worten lauscht, wie eine Schwester, wenn sie Sie sieht! Herzo gin. In Ihrer Galanterie, Heinrich, vergessen Sie, daß Lvonie — abgesehen von ihrem Vormunde, auch von ihrem älteren Bruder, dem jetzigen Herzoge von Meran, abhängt, und ich kann Ihnen nicht verhehlen, daß meine Fürsprache eine schlechte Anempfehlung bei Aim^ry ist. Heinr. O, Sie müssen Aim^ry entschuldigen, Herzogin — wenn es noch Fanatiker gibt, denen man Achtung schuldig ist, so sind es die der kindlichen Liebe. Sie wissen welch' finsterer Melancholie er seit dem Tode seines Vaters verfallen ist — seine Trauer gleicht beinahe der des Hamlet! Herzogin. Hamlet! (Steht auf.) Heinr. (steht aus). Aber Shakespeare ist schon veraltet; heute spielt Othello an der Börse — König Lear legt sein Vermögen in Staatspapieren an, und Hamlet spricht von Zinsen und Procenten! Herzogin. DieHauptsache ist, daßSic Leonie's Einwilligung erhalten — da kömmt sie eben mit ihrer Erzieherin. Zweite Scene. Vorige. Hermance. Lvonie. Lvonie (tritt schnell und freudig ein und eilt auf die Herzogin zu). Ach, Sie ahnen nicht, wie glücklich ich bin! (SiehtHeinrich und grüßt.) O, Herr von Mareuil! Heinr. (grüßt). MeinFräulein! (Aürfich.) Wie lieblich sie ist! Eine reizende kleine Million! Herzogin (zu Hermance). Was erregt Löonie's Freude so sehr? Herm. Ick will ihr das Vergnügen nicht rauben, es Ihnen selbst zu sagen, Madame. Lsonie. Mein Cousin Raymond ist in Paris! l4 Heinr. (str sich). Teufel, wie^feurig die Kleine wird! L^onie. Wir werden ihn vielleicht noch heute sehen —er hat Aim6ry geschrieben. Heinr. Es ist sehr schön, mein Fräulein, die Abwesenden nicht zu vergessen! L^onie. Die Abwesenden! Raymond war nie abwesend, denn er war uns in der Erinnerung stets gegenwärtig! Alles liebt ihn hier — Hermance ausgenommen, weil sic ihn nicht kennt. (Zu Heinrich, der gehen will.) O bleiben Sie, mein Herr, Ihre Diplomatie kann uns vonNutzen sein. Denken Sie, diese abscheuliche Hermance. Herzogin. Nun? r Lsonie. Sie will uns wieder verlassen! Herm. Aber mein liebes Kind, Sie sind bereits so gelehrt als ich — und jetzt ruft mich die Pflicht zu meinen Eltern zurück. Leonie. Und wir? Wir, die so sehr an Sie gewöhnt sind, mein Fräulein, wir, die wir Sie lieben — O, es ist abscheulich! Herm. Leonie! L6onie (zur Herzogin und Heinrich). Schon vor einem Jahre wollte sie uns verlassen — kein Mensch wußte warum. Da beschwor man sie zurückzukommen — warf sich dem grausamen Fräulein zu Fußen—glaubte es endlich fest zu halten — aber keine Idee! Nachdem man dahin gelangt ist, Hermance noch mehr zu lieben als früher — und das war keine leichte Aufgabe — kömmt Sie plötzlich und gibt vor, daß ihre Eltern sie rufen! Ihre Eltern - (mit komischem Zorn) diese Egoisten! Herm. Aber, liebes Kind. Lsonie (lebhaft). So etwas sollte verboten sein! Man hat nicht das Recht so hart und grausam zu sein, wenn man feiner Schülerin als Muster der Güte dienen soll — und man hat noch nie gehört, daß Jemand die Erziehung eines Menschen übernimmt, um ihm Schmerz zu bereiten! Herm. Meine liebe Lsonie — (Willsie umarmen.) Lsonie. Nein, ich bin nicht mehr Ihre liebe Leonie. Auch Herr von Mareuil wird Sietadeln, mein Fräulein, und auch die Herzogin — sie wird fordem — Herzogin. Fordern? Was hätte ich hier zu fordern! Lvonie. O, Sie wissen nicht, wie Hermance Ihnen ergeben ist. Sie erinnern sich z. B. noch jenes kunstvoll gestickten Taschentuches, welches ich Ihnen vor zwei Jahren zu Ihrem Geburtsfeste gab? Sie hatten ein gleiches bei der Königin von Hannover gesehen und den Wunsch geäußert, ein solches zu besitzen. Allein mir gebührt nur der halbe Dank dafür — Hermance war es, die mehr als die Hälfte der Aufgabe löste, die, als ick ermüdet war, viele Nächte bei dieser schwierigen Arbeit zubrachte. — Fragen Sie nur meinen Bruder, der das Modell besorgt hatte und sah, welche Mühe Hermance auf die Arbeit verwandte. Herm. Lsonie, wozu dieser Kleinigkeit erwähnen! Löonie. Oh, diese Kleinigkeit bereitete der Herzogin große Freude — (Zu der Herzogin.) Aber wie kömmt es, daß ich das Tuch nie mehr in Ihren Händen sehe? Herzogin (stehtauf). Oh, solange ick Trauerkleidung trug, konnte ich einen solchen Lnrusgegenstand nicht zur Schau tragen. Hermance hat aber hiemit besonders Ihre Anhänglichkeit für Dich bewiesen, — liebe Läonie, was meine Dankbarkeit jedoch nicht mindert, und wenn es Dick glücklich macht, sie an deiner Seite zu behalten, so vereinige ich meine Bitte mit der Deinigen. Lvonie (sieht Aimery, der eben eintritt). Da kömmt Verstärkung — mein Bruder! Dritte Scene. ^Vorige. Aimery. Heinr. (geht Aimöry entgegen und gibt ihm dir Hand). Sie kommen im rechten Augenblicke, Aim6ry, man bemüht sich, Fräulein Hermance hier zurückzuhalten, während sie um jeden Preis Ihr HauS verlassen will. Wir sind nur Drei gegen eine eigensinnige Dame — das ist zu wenig! Aimery. Ist es auch mir erlaubt, mein Fräulein, Sie zu bitten in unserem Hause als Freundin zu bleiben? Herm. Herr Herzog — L6onie. Nun — Herm. Alles hat sich gegen mich verschworen! Läonie. Sie kann unfern Bitten nicht langer widerstehen! Nun,Hermance—nun? — Ah, es ist abgemacht! (Bewegung Her- mance s.) Kein Wort weiter! — Sie bleiben? (Umarmt sie.) Herzogin. Sie werden mir wohl heute Abend behilflich sein, die Honneurs zu machen, Hermance — ja? (Zu Aimery.) Aimvry, ich erwarte einige Gäste — Herr von Marcuil versprach zu kommen und — (zögert, sich überwindend) einer seiner — unserer Freunde, den Sie oft bei Ihrem Vater gesehen haben, wird ihn begleiten — Julius von Rozay. Herm. (für sich). Julius von Rozay! Aimery (für sich). Dieser Name auf! ihren Lippen! (Laut.) Von Ihnen geladen, Madame, ist man stets willkommen; allein! vorher bitte ich Sie noch um eine kurze Unterredung. Herzogin. Gut — vor dem Empfange. Aimöry (ficht fie an, für sich). Ich muß Gewißheit haben! Herzogin (leist zu Heinrich). Sie sehen — dieser eisige Ton — glücklicherweise kommt Raymond — Läonie's Vormund — mit ihm kann ich leichter sprechen. (Will gehen.) Löonie (hält fie zurück). Noch einen Kuß zum Danke, daß Sie uns halfen, Hermance zurückzuhaltcn! Herm. Liebes Kind — freuen Sie sich nicht zu früh — ich habe nicht eingewilligt — ich kann es nicht — ich muß zu meiner Familie zurück! Aimery. Was sagen Sie? Heinr. (für sich). Rozay's Name hat seine Wirkung gethanl Lsonie. Wie? Sie hatten doch eben nachgegeben! Herm. Ich handelte unüberlegt — Herzogin (für sich). Diese Veränderung! L äo n i e. Welche Laune! Aim6rH. Es ist unmöglich! Herzogin (schnell für sich). Es ging doch nichts vor, seit — ach! man nannte Ro- zav! (Laut,bitter.) Ich finde es unnütz, liebe Lvonie, deine unerbittliche Erzieherin länger zu bestürmen — ich wenigstens verzichte darauf. — Auf Wiedersehen, Herr von Mareuil! (Für fich.) Rozay kannte — Hermance schon früher — o, ich werde wachsam sein! (Links ab.) Heinr. (für sich). Die Karten verwirren sich — ein König und zwei Damen! (Grüßt L^onie und Heinrich ) Meine Damen! (Gibt Aimery die Hand, durch die Mittelthür ab.) Vierte Scene. Aimäry, Hermance, L6onie. Aimöry. Lassen Sie mich hoffen, mein Fräulein, daß Sie von Ihrem Entschlüsse abkommen werden! Ich—heute das Haupt der Familie Meran — bitte Sie, an Leo? nie's Seite als Freundin, als Beschützerin zu bleiben — nur Ihnen hätte mein Vater L^onie anvertrauen sollen. Herm. Mein Herr — all' meine zärtliche Neigung für Ihre Schwester gibt mir doch kein Recht auf diese Rolle. — Sie vergessen, daß ich nur eine Fremde bin, eine Untergebene! Aimery (mit zurückgrhaltener, tiefer Empfindung). Eine Untergebene! Eine Fremde! — Es ist wahr, Sie gehören jener blasse an, der oft nur die Wahl bleibt zwischen wenig lohnender Arbeit und — einem sündhaften, aber glanzvollen Leben! Sie verließen Ihre Familie, Ihre Heimat, um in der Fremde Arbeit und ein mühevolles Leben aufzusuchen! Ihre ganze Rache an der Gesellschaft, die Ihnen einen so traurigen Platz anweist, besteht darin: Licht in ihre jungen, unerfahrenen Köpfe zu bringen-„und sich 16 durch Ihre Kenntnisse, durch Ihre Tugen-1 den jene Liebe, jene Achtung zu erobern, welche Ihre glücklicheren Schwestern schon bei ihrer Geburt mit ihren Namen erbten! O, glauben Sie mir, Sie, die Untergebene, die Fremde, sind hier die einzige Freundin, die ich für meine Schwester wünsche — Sie allein in diesem Hause können ihr als würdiges Beispiel dienen! Im Namen meiner Schwester — nein, im Namen meines Vaters beschwöre ich Sie, uns nicht . zu verlassen! Herm. Mein Herr — Ihre wohlwollende Beharrlichkeit — was kann ich er- wiedern — Leonie (leise zu Hermance). Hermance, sehen Sie doch — seine Augen sind voll Thränen — Herm. (für sich). Ich darf nicht bleiben — er würde mich lieben! (Laut.) Sie sprechen von Ihrem Vater. Gestern, kaum in Paris angekommen, suchte ich den meinigen auf, den ich vor einem Jahre unglücklich, von Entbehrungen noch mehr gebeugt als vor Jahren verlassen hatte. Da fand ich meine Eltern froh und sorgenlos in einem freundlichen Asyle, wo Ruhe und Wohlbehagen ihre Tage verlängern werden. Dieses unschätzbare Glück, mein Herr, danke ich den großmüthigen Bestimmungen Ihres Vaters! Aim6ry. Was mein Vater that, geschah nur in gerechter Anerkennung Ihrer Sorgfalt und Aufopferung für meine Schwester! Herm. (nach einer kleinen Pause). Ich weiß nicht, an welche Aufopferung der Herzog dachte, aber ich weiß, daß kein Opfer — keines je zu groß sein wird, mich seiner Wohlthaten würdig und dankbar zu erweisen! L^onie. Nun — und? Herm. Ich kann mich nicht näher aussprechen — aber mehr als je muß ich bei meinem Entschlüsse verharren. (Bewegung Löonie r.) O, zürnen Sie mir nicht, mein theureS Kind! Ich bedarf großen Muthes — den in Ihren Augen undankbar zu erscheinen! (Ab.) Fünfte Scene. ' Aim^ry. Lvonie. L^onie. Mein armer Bruder! Dusiehst, ich habe Alles aufgeboten — Aim^ry. Noch ist alle Hoffnung nicht verloren! Leo nie. Ah — Du bist noch starrsinniger als Hermance! (Hat sich dem Fenster genähert, stößt eineu schwachen Schrei aus.) Ah! Aimery. Was hast Du? Löonie. Ich? — Nichts! Aimöry (küßt sie aus die Stirne). Leb' wohl! (Für sich.) Nur zwei Dinge erfüllen meine Seele: eine edle Leidenschaft und eine heilige Pflicht! (Ab.) Sechste Scene. L6onie, dann Raymond. Lvonie (allein). Ich wagte nicht ihm zu sagen, daß ich da unten im Hofe eben Raymond erblickte—er hätte errathen, warum ich so erregt bin — ich bin ganz rotb geworden! Es kommt Jemand — (Horcht.) Ja, ja — Er ist es — er ist es! (Raymond tritt ein, Löonie eilt ihm entgegen und wirst sich in seine Arme.) Raym. (höchst erstaunt). Was ist das? L6onie. O, wie glücklich ist Ihre kleine Lvonie, Sie zuerst begrüßen zu können! Raym. Ich habe vor einem Jahre ein Kind in Europa verlassen und finde bei meiner Rückkehr eine Dame! Läonie. Ja, die Jahre der Trennung zählen doppelt — das haben wir tief empfunden. Aber setzen Sie sich zu mir, und lassen Sie uns plaudern! (Setzen sich auf das Sopha.) Sie waren so lange fort — Sie haben 'gewiß die ganze neue Welt durchwandert? Raym. Mein liebes Kind, es gibt keine neue Welt! ,, Lvonie. Wie? Amerika — 17 Raym. Ja, man nennt Amerika die neue Welt — lächeruch! Es gibt nichts Neues mehr! Die zweite Hemisphäre ist nichts als ein getreu s geographisches Abbild der ersten, auf der eine weitverbreitete Epidemie herrscht: die Europamanie, die sich unter dem Namen »Neuerung« dort eingeschlichen hat! Leonie. Ich sehe, daß Sie Ihre gute Laune nicht verloren haben, Cousin! Raym. Das ist um so verdienstvoller, als es nicht die Laune eines Cousins ist, sondern die — eines Onkels! Ich bin Onkel und — Vormund, das ist noch impo- nirender! Vergiß also nicht, daß Du mir Ehrfurcht schuldig bist! Ehrfurcht, diese Zwillingsschwester unseres ersten grauen Haares — Ehrfurcht, dieser Tribut, den wir im Alter fordern, der uns in der Jugend beleidigen würde! Löonie. Nun, Sie mögen sagen was Sie wollen, ich habe keine — Ehrfurcht vor Ihnen! Raym. Kleine Schmeichlerin! (DieHer- zogin tritt ein ) Siebente Scene. Vorige. Herzogin. Herzogin. O Raymond! Ich wußte nichts von Ihrer Ankunft, sonst wäre ich schon früher hiehergeeilt, Ihnen die Hand zu drücken! Raym. Sie können nicht denken wie glücklich ich mich fühle, wieder bei meiner Familie zu sein! (Feurig.) Die Familie ist ja das Einzige, woran man, Gott sei Dank, noch keine modernen Verbesserungen gemacht hat! Herzogin. Sie werden mir erlauben müssen, sogleich von ernsten Dingen mit Ihnen zu sprechen. — Laß' uns allein, Lövnie! Läonie Raym ). Und Sie erlauben, daß man mir schon jetzt den Abschied gibt? Für einen Cousin sind Sie nicht liebenswürdig genug, mein Herr. The««»U»put»ui» Nr. 12S. Raym. Vielleicht bin ich nicht Cousin genug, um liebenswürdig zu sein! (Leonie geht zum Piano und nimmt Noten; die Herzogin setzt sich aus das Sopha, Raymond steht neben ihr.) Herzogin. Da ich diesem Hause nicht mehr lange werde vorstehen können, so ist es Zeit an Leonie's Zukunft zu denken. Wenn Aim6ry sich nicht entschließt, sich zu verheiraten, so kann Leonie nicht unter seinem Schutze bleiben, und Sie, mein lieber Raymond, sind etwas zu jung zur Ueber- nahme dieser Vormundpflicht! Raym. (für sich). Wie — ich zu jung? Herzogin. Das Beste für Läonie wäre — eine Heirat. (Leonie beginnt zu spielen.) Raym. (für sich). Sollte sie etwa an mich denken? Läonie (spielt; für sich). Von was sie nur sprechen? Herzogin. Meine Wahl fiel ans einen Mann, dessen gesellschaftliche Stellung und dessen Alter für Leonie passend sind. Raym. (für sich). Kaum beginne ich zu träumen, so werde ich schon geweckt! (Laut.) Und dieser Mann ist? Herzogin. Heinrich von Mareuil! Raym. Heinrich wirbt um L^onie'S Hand! Er hat mir also doch die Wahrheit gesagt! Diese Diplomaten finden doch immer ein Mittel, uns zu täuschen! Herzogin. Nun. was sagen Sie zu Herrn von Mareuil? Raym. Was ich sage? Nun—ich sage: Warum.nicht? (Leonie spielt heftiger.) Herzogin. Wollen wir unsere Pläne Leonie mittheilen — sie scheint ungeduldig zu werden! Raym. Ja — (Zu Löonie.) Komm', Kleine! (Löonie spielt fort. Raymond ergreift ihre Hand.) Man verheiratet Dick! Leonie. Wie? Raym. Mit einem liebenswürdigen jungen Manne. Er ist so klug, daß er sich darüber hinaussetzen würde, jung zu sein, und so jung, daß er nicht nöthig hat, klu- zu sein. Leonie (enttäuscht). Ah! 18 Raym. Ich glaube nicht, daß Du einen Vorwand hast, ihn auszuschlagen! L^onie. Ich schlage ihn auch nicht aus! Raym. Wie — Du nimmst ihn, ohne ihn noch zu kennen? Lsonie. Za — Onkel, da Sie ihn sehr gut zu kennen scheinen. Raym. Das ist kein Vertrauen mehr — das ist Wahnsinn! (Sieht Aimsry, der eintritt.) Aim6ry! Achte Scene. Vorige. Aim^ry. Aimäry. Raymond! Ah, ein guter Verwandter! Ein wahrer Freund! (Gibt ihm die Hand.) Raym. Du kommst eben recht, wir sprachen gerade von einem Gatten für deine Schwester — die Herzogin schlägt eine Partie vor — Aim6ry. Ach — die Frau Herzogin ist so freundlich für Löonie zu sorgen? Ich danke ihr, allein ich nehme an, daß man meine Einwilligung fordern will und — versage sic! Raym. Wie? Herzogin. Was bedeutet das, Aimvry? Raym. Träume ich? L^onic nimmteinen Bräutigam an, ohne ihn zu kennen und Du weisest einen zurück, ohne zu wissen wen? Ich bin ja hier in einem Jrrenhause! — Ich reiche als Onkel und als Vormund meine Entlassung ein! L6onie. Beruhigen Sie sich, Onkel! Raym. (zornig). Mich beruhigen? Zch reise wieder — ich gehe nach Amerika — nein, nach Haiti, ich kenne zwar die Sprache der Eingebomen dort nicht, aber ich werde mich gewiß besser mit ihnen verständigen, gl- mit Euch! (Ab, zieht Löonir mit sich.) Neunte Scene. Herzogin. Aimvry. Herz, (setzt sich). Endlich sind wir allein, Aimvry. Ihr Benehmen gegen mich ist höchst sonderbar — so weisen Sie einen Bewerber um die Hand Ihrer Schwester nur darum zurück, weil er — von mir vor- gcschlagen wurde — und das, bevor ich Ihnen noch seinen Namen genannt habe, der allein hinreichen würde, mich zu recht- fertigen — Heinrich von Mareuil! Aimäry. Madame — Herzogin. Können Sie mich dieser Wahl wegen beschuldigen? Aimäry. Sie beschuldigen, Herzogin? Im Gegentheile, es handelt sich um eine Rechtfertigung. Herzogin. Eine Rechtfertigung? Die — Ährige? Aim^ry. Nein,Madame — die meines Vaters. Herzogin. Ihres Vaters? Aim^ry. Dieses Wort überrascht Sic? Sie wissen, welche Stelle mein Vater in meinem Leben einnahm — welcher Kultus für sein Andenken in meiner Seele lebt! In seiner langen, glorreichen Laufbahn erfuhr er nie was es sei, zu sinken, abzunehmen — jede Schwäche war ihm 'fremd, sogar die des Alters. Mit sechzig Jahren noch jung, war sein Herz der Liebe fähig geblieben — seine Wahl fiel auf Sie, Madame, denn nur Sie schienen ihm schön und würdig genug, um seine edle Seele in der Ihren wiederzuspiegeln! Herzogin. Aim6ry — Aim^ry. Erinnern Sie sich noch an alle Beweise dieser seiner Liebe? Ich will Ihnen nicht seine fürsorgende Aufmerksamkeit zurückrufen, nicht den verschwenderischen Luxus, mit dem er sie umgab — Alles dieß könnten Sie nur seiner Eitelkeit oder angeborenen Prunkliebe zuschreiben! Nein — ich will von seiner ehrfurchtsvollen Liebe sprechen, von seiner demüthigen Ergeben- 19 heit, seiner zaghaften, rührenden Bescheidenheit! Selbst diese edle, aufopfernde Liebe schien ihm zu gering zu sein für diejenige, welche sie eingeflößt hatte. Ewig unter dem Gedanken zitternd, diesen kostbaren Schatz nicht zu verdienen, erlitt sein Herz all' die qualvollen Martern einer ersten Leidenschaft und seine Augen lernten wieder Thränen kennen! Sie müßcn zugeben, Madame, daß eine solche Neigung anzunehmen, um sie mit Undank zu lohnen, ein Verbrechen wäre! Herzogin. Aber—Aim^ry— Aim^ry. Ja— ein Verbrechen! Die furchtbarste blutigste Beleidigung, die mick trifft, weiß ich ebenso zu vergeben als zu vergessen, allein wenn man meinen Vater verkannt hätte, oder — beschimpft! — O! schon bei diesem Gedanken, Madame, glaube ich rasend zu werden! Herzogin tergriffm). Ich begreife nur nicht, Aim^ry, wie Sie darauf kommen — Airn^ry. Sie haben Recht — wohin verirre ich mich! Ich kam ja, um — meinen Vater zurechtfertigen! Bei Eröffnung seines Testamentes erfuhren Sie, daß er Diejenige in Armuth ließ — Herzogin. Die arm zu ihm gekommen war — das ist nur gerecht. Aim6ry. Vielleicht! — Ein eigenthüm- liches Zartgefühl bewog meinen Vater. Er wollte vermeiden, daß auch nur der leiseste Zweifel entstehen könne über die Aufrichtigkeit Ihres Schmerzes, und beauftragte mick, Ihnen erst nach Ablauf des Trauerjahres dieses Dokument einzuhändigen. (Reicht ihr eine Schrift.) Herzogin. Dieses Dokument — Aim^ry. Sichert Ihnen eine Rente von 50.000 Francs. Herzogin. Mir? Aimvry. Ihnen — konnte man von dem Herzoge von M^ran weniger erwarten? Herzogin. Sollte ich sie nicht zurückweisen? Aimvry. Warum? Warum sollte die Frau, welche, so lange mein Vater lebte, den Namen einer Herzogin von Märan würdevoll trug, die Mittel zurückweisen, dieses auch nach seinem Tode thun zu können? Herzogin. Aber dieser Name — ich bin noch jung — wenn ich ihn einst mit einem andern vertauschte? Aim^ry. Und wenn auch? Können Sie glauben, daß mein Vater Sie durch dieses Legat zu ewiger Einsamkeit verpflichten wollte? Verleumden Sie sein edles Herz nickt mit dem Gedanken: er habe gewünscht, so viel Jugend, so viel Schönheit mit sich begraben zu sehen! Mein Vater war nur zu der einen Forderung an Sie berechtigt: den Namen zu achten, welchen Sie mit ihm theilten — seine Ehre rein zu erhalten! (Mit zunehmender Energie.) Nun — diese Pflichten haben Sie ja erfüllt! Herzogin (ergriffen). Ich? Aimery. Nicht wahr? — Wohlan, so nehmen Sie diese Schrift, Sie haben das Recht dazu, ja — die Verpflichtung! denn keine Hand darf sie zurückweisen, es sei denn eine unwürdige! Herzogin (in größter Verwirrung nimmt die Schrift). AilNtzry! Zehnte Scene. Vorige. Raymond. Raym. (trittein). Was habt Ihr? Diese Aufregung — ich errathe, Ihr sprecht von Heinrich von Mareuil! Herzogin (verwirrt). Ja — in derThat! Raym. Und Du, Aimvry, verharrst gewiß bei deiner Ungerechtigkeit! Ich bin überzeugt, daß es der Herzogin nicht gelingen konnte, Dich zu gewinnen! Aber nur ein Vorurtheil kann Dich hierin leiten, denn Heinrich ist ein Junge, an dem nichts auszusetzen ist. Er mag seine Fehler haben, aber ein junger Mann ohne Fehler würde mir ernstliche Besorgnisse einflößen — das wäre ja gar kein normaler Zustand! r* 20 Aim6ry. Sind Sie auch überzeugt, Raymond, daß man dem Günstling der Frau Herzogin nichts vorwerfen kann? Raym. Vollkommen— obwohl ich selbst ihn einmal in einer Situation fand, wo ich ihn verdächtigte — Aim6ry. Erzählen Sie! Raym. O — ungerecht verdächtigte! Es war vor einem Jahre — ich erinnere mich ganz genau des Datums, da es an dem Tage meiner Abreise war — am fünfundzwanzigsten September. Herzogin (bewegt). Am fünfundzwanzigsten September? Raym. Ich war gezwungen, eine Nacht in Versailles zuzubringen, da ich den Zug nach Brest versäumt hatte. Im Waggon hatte ich eine junge Dame getroffen, deren Erscheinung ebenso einnehmend als achtbar war; am nächsten Morgen fand ich sie in Versailles wieder — in demselben Hotel, in welchem ich wohnte—im »goldenen Adler!« Herzog, (für sich). Im »goldenenAdler!« Raym. Ich glaubte die reinste Tugend vor mir zu haben, und hatte meine Entdeckungsreise mit einer — Verirrung begonnen. Herzogin. Ich begreife aber nickt, wie Herr von Mareuil — Raym. Geduld! Das junge Mädchen war nach Versailles zu einem Rendezvous gekommen, und Herr von Mareuil befand sich in dem Hotel. Wäre nun er der Held dieses Abenteuers gewesen, so wäre dieß schlimm, denn es stellte sich heraus, daß dieses Rendezvous ebenso erniedrigend für den Mann war, der es gefordert, als für das Mädchen, das es angenommen hatte. Allein die junge Dame erwartete nicht Herrn v. Mareuil! Herzogin. O, sind Sie überzeugt, daß nicht er —? Raym. Vollkommen! Aim^ry (für hch jdik Herzogin ansehend). Diese Aufregung! Raym. Ich hatte Heinrich im Saale des Hotels verlassen — im Höfe angelangt fand ich einen Wagen — eine Frauenhanb, wahrscheinlich die jener jungen Dame, ließ eiligst die Vorhänge herab, ohne in ihrer Verwirrung zu bemerken, daß ihr ein Taschentuch entfallen war — ein höchst kostbares Tuch! Aimery. Und führte dieses Tuch nickt auf die Spur? Raym. Nein, da es keinen Namenszug trägt; doch muß es einer großen Dame angehören — es ist wahrhaft königlich! Aimäry. Ah! Herzogin (in höchster Aufregung zu Raymond). Nun — und dann? Raym. Dann? — Der Wagen entfernte sich schnell, nachdem der wahre Verführer vorher eingestiegen war, welcher in seiner Aufregung an mir vorüberhuschte, ohne mich zu sehen. Herzogin (welche der Erzählung mit steigender Erregtheit zuhörte). Und dieser Verführer war —? (In diesem Augenblicke begegnet sie dem starren und furchtbaren Blicke Ainwry s und stockt.) Aimvry. Ich denke, Madame, daß dieser Name Ihnen nun, wo wir wissen, daß es nicht Heinrich v. Mareuil ist, ganz gleichgiltig sein kann. Raym. Aimöry hat Recht! Und ich bin um so mehr abgeneigt ihn zu nennen, als es einer der Freunde des Herzogs von Meran ist, den ich oft bei ihm sah und den Ihr vielleicht noch empfängt. Glaubt mir, es ist niemals gut, wenn man seine Freunde zu genau kennt! Herzogin (für sich). Zeit und Ort — Alles stimmt — die Verwirrung Herman cens, als man seinen Namen nannte — ich bin verrathen! Eilste Scene. Vorige. L^onie, dann». Rozay, Heinrich, Hermance. Gäste. Löonie (tritt rin, zur Herzogin). Sie sind noch hier? Unsere Gäste erwarten Sie bereits !m Salon! 21 Herzogin. Lasse Sie bitten, sich hierher zu bemühen, wir wollen den Thee hier nehmen. — Man soll auch Fräulein Her- mance sagen, daß ich sie hier erwarte! Leonie. Ich hole sie! (Ab.) Raym. Es ist nicht möglich im Familienkreise zu bleiben! (Bemerkt Rozay, der mit Heinrich von Mareuil und den Gästen eintritt, für sich.) Von Rozay! Ah, wenn ich meine Erzählung vorhin vollendet hätte, so wäre dieses Schlußcapitel eine sonderbare Einleitung für sein Erscheinen gewesen. Man rhut Recht daran, alle Vorreden zu vermeiden. (Heinrich und Rozay grüßen Aimery und Raymond, welche den Gruß kalt erwiedern, Aimery stellt Raymond den Gästen im Hintergründe vor, während dem nähern sich Heinrich und Rozay der Herzogin.) Heinr. (zur Herzogin). Madame, ich bringe Ihnen einenFreund! (Zieht sich zurück.) Rozay (leise zu der Herzogin). Ich hoffe, Klotilde, Sie vertrauen mir. Herzogin (leise). Man beobachtet uns, ich erwarte Sie morgen! sHermance erscheint mit Leonie im Hintergründe und bereitet den Thee.) Rozay (bemerkt Hermanee). Hermance! Herzogin (beobachtet Rozay). Er erbleicht! (Zu Hermanee.) Servircn Sie den Thee! Raym. (steht Hermance, für sich.) Träume ich? (Leise zu Leonie.) Wer ist diese Dame? Leonie. Meine Erzieherin, die wir Alle achten und lieben! Raym. (für sich). Die Heldin des Abenteuers zu Versailles! Hier in Rozay'sNähe — in diesem Hause — sie L^onie's Erzieherin! Herzogin (beobachtet Hermance und Rozay, für sich). Sie weicht seinem Blicke aus—und seine Aufregung — Raym. (für sich). Die Anwesenheit ihres Verführers bringt sie nicht einmal in Verlegenheit! — O, diese Erzieherin scheint eingehende Studien gemacht zu haben. Herzogin (zu Hermance). Vergessen Sie den Grafen Raymond von M6ran nicht! Herrn, (für sich). Raymond von Meran! Raym. (für sich). Sie hat mich erkannt! Diese Verwirrung — nun, das ist natürlich, man kann ruhig sein gegenüber eines Mitschuldigen, zittert aber vor einem Zeugen ! Herzogin (für sich, Hermance beobachtend). Vor ihm will ich sie demüthigen! (Laut zu Hermance.) Serviren Sie doch! (Hermance gibt Raymond Thee.) So, nun können Sie sich entfernen, wir bedürfen Ihrer nicht mehr! (Hermance bleibt starr stehen.) Nun, so gehen Sie doch! Ailll^ry. Bleiben Sie! (AllgemeineBestürzung.) Herzogin. Wie, Aimery! — Aimery. Entschuldigen Sie, Madame, wenn ich Sie an etwas erinnere, was Sie in Ihrer Zerstreutheit vergessen zu haben scheinen; nämlich: daß Fräulein Hermance — wenn sie nicht beinahe unserer Familie angehörte — unser liebster Gast wäre! Herzogin. Und ich? Was bin ich? Nimäry. Sie, Madame? Sie—Sic sind bei dem Herzoge von Meran! (Hermance macht eine Bewegung zum Gehen.) Ich beschwöre Sie, mein Fräulein — blei- den Sie! Raym. (leise zu Hermance). Wir sprechen uns noch! Gruppe. (Der Vorhang fällt.) Dritter Art. (Ein Salon im Hotel Meran.) Erste Scene. Rozay, ein Diener, dann Heinrich. Rozay. Sie sagen, die Herzogin sei leidend und könne Niemanden empfangen? Diener. Niemand, mein Herr! 22 Rozay. Ich werde hier warten, bis Jemand von der Familie kommt. (Diener ab. Heinrich tritt ein.) Nun, Heinrich, die Herzogin? Heinr. Hoffen Sie nicht in diesem Augenblicke vorgelaffen zu werden,'sie empfängt Niemand.— (Bewegung Rozay's.) Ja—auch Sie nicht. Nur Fräulein von M^ran ist an ihrer Seite. Die Herzogin brachte dieNacbt nach der ihr von Aimery in ihrem Salon vor ihren Gästen zugefügten Beleidigung in furchtbarer Aufregung zu! Und doch war dieß nicht das Schlimmste; — sie ahnt in Hermance eine Nebenbuhlerin. Ja, die Frauen haben einen Sinn mehr als wir: die Eifersucht! Vergebens habe ich versucht, sie durch einige beruhigende Worte zu trösten, indem ich ihr wiederholte, daß Sie nur sie lieben! Rozay (sktzt fich). Wollte Gott, Sie hätten wahrgesprochen, mein lieber Heinrich, allein ich kann selbst nicht mehr daran glauben, wie viel weniger kann es mir also gelingen, die Herzogin zu täuschen. Heinr. Wie? Rozay. Meine Liebe für Hermance ist zur unwiderstehlichen Leidenschaft ange- wachscn. (Bewegung Heinrichs.) Ich weiß, was Sie sagen können, ich weiß, wie sehr ich Beschuldigungen und Vorwürfe verdiene — aber als ich gestern nach so langer Trennung die Herzogin wieder fand, sah ich nur Hermance! Während Elotildens Anblick mich an meine heiligen Pflichten mahnte; hegte mein Herz doch nur das eine Verlangen, in jenem Herzen lesen zu können, welches sich mir so hartnäckig verschließt. Heinr. Sind Sie gekommen, um der Herzogin das zu sagen? Rozay. Die Wahrheit ist eine heilige Pflicht! Heinr. Ja, für Jene, welche auch alle anderen bürgerlichen Tugenden strenge zu erfüllen wußten, im entgegengesetzten Falle aber verschlimmert sie das Nebel nur! Und dieß dürfte hier der Fall sein, denn glauben Sic mir, die Herzogin würde einen solchen Schlag nicht ertragen können. Rozay. Aber ist es denn möglich, einer Frau zu verbergen, daß man sie nicht mehr liebt? Heinr. Ist es denn unmöglich, einer Frau zu entsagen, von der man nicht geliebt wird? — Allein hätten Sie Hermance auch vor der Herzogin kennen gelernt und ihre Liebe errungen, so, daß Clotilde Ihnen später erschienen wäre, Ihr Nimmersattes Herz würde sich ebenso wie jetzt von dem Schatten einer erloschenen Leidenschaft losgesagt haben, um der neuen Beute nachzujagen! Lassen Sie uns die Sache vernünftig besprechen, lieber Julius, denn jedes Leben fordert — wie jeder Roman — endlich einen ernsten Schluß. Es ist höchste Zeit, daß Sie wieder in Ihre diplomatische Laufbahn zurückkehren, welche Sic so oft durch die stürmischen Vergnügungen einer — sich etwas lange hinziehenden Jugend unterbrachen. Vergessen Sie nicht, daß die Herzogin allein Ihnen diesen Weg zu einer glänzenden Zukunft wieder eröffnen kann. Außerdem sind Sie, was man beinahe arm nennen muß, da es in unserem Kreise darin keine Mittclstraßc gibt. Für die Menschen des schwarzen Frackes und der Damastkleider beginnt dort, wo der Reick- tbum aufhört, unmittelbar das Elend! Nun — seit gestern ist die Herzogin reich! Rozay (steht auf). Reick! — Und glauben Sie vielleicht, daß dieses Wort Entschädigung für Alles in sich trägt? Nickt Jedermann ist so — glücklich, hier in seiner Brust nur das Hammerwerk einer Maschine zu fühlen, wie gewisse fünfundzwanzigjäh- rigc Greise! Don dem Augenblicke an, wo ick die Herzogin nicht mebr liebe, ist sie mir — trotz ihrer Schönheit, trotz ihrem Reicktbume nichts mehr neben dem armen jungen Mädcken, zu dem mich eine glühende, vielleicht wahnsinnige, gewiß aber uneigennützige Liebe all mächtig hinzieht! Ich gestehe, daß mein Leben, das in strafbaren und eitlen Freuden hinging, ein ver- 23 lorenes war, aber habe ich mein Herz auch oft verschleudert, so habe ich es doch nie verkauft! Heinr. Sie vergessen, Rozay, daß ich nur von Ihren Pflichten gegen die Herzogin von Meran spreche. Dieses Hotel kann ihr nach dem gestrigen Auftritte keine Heimat mehr sein, und sie würde dasselbe schon jetzt verlassen haben, wenn ihr leidender Zustand sie nicht daran verhindert hätte. — Bisher, Rozay, sprach ich nur zu Ihrem Verstände, jetzt aber wende ich mich an Ihre Ehre! Die Herzogin hat sich das Haus ihrer Familie für immer verschlossen; sie geht aus demselben allein, gedemüthigt, tiefgebeugt. Wollen Sie ihr, Rozay, Ihren schützenden Arm verweigern, Ihren Namen, sie wieder emporzurichten? Können— dürfen Sie dieß? Rozay (»ach einer kleinen Pause). Sie haben Recht, es gibt wohlverdiente, doch grausame Strafen, unter die man sich beugen muß. Ich werde die Herzogin sprechen, sobald ich Zutritt erhalte — Heinr. Und was werden Sie ihr bringen? Rozay. Schweigen über meine Leiden und Ergebenheit für die ihrigen. Heinr. Endlich spricht Ihr Kopf—und Ihr Herz! Rozay. Auf Wiedersehen! (Ab) Heinr. Ob er sein Wort halten wird? Er ist verliebt, also—unzurechnungsfähig! Zweite Scene. Voriger. Raymond. R a y m. (tritt im Hintergründe ein). * Ah, Herr von Mareuil! — Ich bin seit gestern Abend in der furchtbarsten Aufregung! Heinr. Sie? Raym. Wie kann man Aimöry's Benehmen erklären! Eine solche Scene gegen seine Stiefmutter — und vor Gästen! Aber er muß ihr Gcnugthuung geben, und Fräu- lein Hermance muß dieses Haus verlassen — ich habe ihr bereits sagen lassen, daß ich sie zu sprechen wünsche. Wissen Sie, daß Aimäry gestern auch einen Bewerber um die Hand seiner Schwester zurückwies, aus dem einzigen Grunde, weil er von der Herzogin vorgeschlagen wurde? Und wissen Sie, wer dieser Bewerber ist? Sie! Aber Sie werden Leonie heiraten, ich will eS! Heinr. Aber — Raym. Und das so bald als möglich! Zum Teufel, ich bin ja Läonie's Vormund! — Sie gefallen ihr, davon bin ich überzeugt, sie hat bereits eingewilligt, und ich bestehe darauf, daß die Sache nicht in die Länge gezogen wird; ich will nicht, daß Leonie Zeit hat, zu entdecken — Heinr. Was? ^Kaym. Nichts —nichts! (Für sich.) Es ist thöricht genug sie zu lieben, man muß sich nicht auch noch lächerlich machen und es verrathen! (Sieht Leonie, die eiutritt. und geht ihr entgegen.) Heinr. (für sich. Raymond ansehend). Welch' edler Mensch! Wie bemüht er sich um daS, was er doch fürchtet! Dritte Scene. Vorige. Leonie. Raym. Was macht die Herzogin? Leonie. Sie ist ruhiger und wird bald ihr Zimmer verlassen können. Raym. Um sie gänzlich herzustellen, muß man ihr die Erfüllung eines Wunsches anzeigen. Leonie. Eines Wunsches? Raym. Ja — deine Heirat! Leonie. Meine Heirat? Raym. Ja — mit Herrn von Mareuil! Heinr. Ich würde nicht wagen, so zu drängen, mein Fräulein, aber Ihr Vormund — Raym. Ja — warum noch zögern? Leonie (für sich). Ja wohl—warum noch zögern? 24 Raym. Nun, wo Du weißt, wie gut die Wahl ist, in welche Du vorhin so — blind eingewilligt, wirst Du doch nicht zurücktreten? Leo nie (ernst). Nein, mein Onkel, und da Sie so sehr um mein Glück besorgt sind — Heinr. Wie, mein Fräulein, Sie würdigen mich —? Raym. Habe ich es Ihnen nicht gesagt? Heinr. Ach entferne mich mit den süßesten Hoffnungen, mein Fräulein, und eile, meine Familie von meinem Glücke zu benachrichtigen! (Grüßend ab.) Vierte Scene. Raymond. Leoni e. Leo nie. Ich habe Ihren Wunsch erfüllt, Onkel, aber — Raym. (für sich). Jetzt bleibt sie bei dem —- Onkel! Läonie. Sie werden nicht vergessen, daß auch mein Bruder seine Einwilligung geben muß — Rav in. Dein Bruder! Was könnte der Wahnsinnige dagegen einzuwenden haben? Trotz seinem hohen Range wüßte ich nicht, welch' bessere Partie er unter unserer Aristokratie für Dich finden könnte! Leonie. Wenn Si eglauben, mein Bruder denke, er dürfe sich nur mit den Rohan's oder Montmorency's verbinden, so irren Sie — allein bas ist nun einmal Ihre Gewohnheit! Raym. Wie? Glaubst Du, Aim^ry würde bei einer Wahl sein Herz berücksichtigen? Leonie. Gewiß! Es ist traurig genug, daß die armen Frauen verurtheilt sind, ihre Empfindungen verbergen zu müssen, sich von denen, welche sie lieben, übergangen zu sehen, um den Bräutigam zu nehmen, der ihnen gleichgiltig ist! Raym. Ja, wenn sie keinen wachsamen Freund an der Seite haben, wie Du, der ihre geheimsten Wünsche erräth und zu erfüllen trachtet! Leo nie. Mit einem Scharfsinne, der Ihnen Ehre macht! O! wie glücklich ist mein Bruder! Er darf frei um den Gegenstand seiner Wahl werben, denn er ist ein Mann, eines jener Wesen, die ein Privilegium auf die Freiheit haben! Er darf, seiner Neigung folgend, ein Mädchen ohne Vermögen, ja in untergeordneter Stellung zu sich erheben, sobald es seiner würdig ist. Raym. Was willst Du damit sagen? Läonie. Aimery weiß, daß es Herzen genug gibt, die dem Stolze geopfert werden, der Eitelkeit, irgend einem Wahn, einer — Verblendung! Er will glücklich sein und er wird es. O, es gibt noch Glück, das ist aber der einzige Trost für Diejenigen, denen es nie winkt! Raym. Ja, nun verstehe ich — Du öffnest mir die Augen! Läonie (für sich). Er öffnet sie also manchmal doch! Raym. Nun begreife ich! Der Eifer, mit welchem Aimäry gestern die Vertheidi- dung Hermancens übernahm — wie konnte ich an ihm nicht gleich erkennen, daß er sie liebt! — Nun erinnere ich mich auch an einige Worte des verstorbenen Herzogs. Er theilte eure blinde Bewunderung für Her- mance und beklagte mit Erich ihre Abreise! Leonie. Sie kehrte zu uns zurück, als wir Waisen geworden. Raymond. Ja — und als die Wachsamkeit des Vaters nicht mehr zwischen ihr und Aim^ry stand! Läonie. Wie, Sie könnten glauben—? Fünfte Scene. Vorige. Hermance (tritt rin). Raym. Treten Sie näher, mein Fräulein! Herrn. Sie wollten mich sprechen, mein Herr — 25 Raym. Ich wollte Ihnen mitthcilcn, daß L^onie nun keiner Gesellschaft mehr bedürfen wird, als der — ihres Gatten! Herm. (zu Leonir). Sie verheiraten sich, mein Kind? Raym. Ja — Sie haben ihren Verlobten gestern Abend hier gesehen. Herm. (entsetzt). Gestern Abend! Doch nicht Julius von Rozay? Raym. Nein — beruhigen Sie sich! Heinrich von Mareuil! Herm. (umarmt Löonie). Ah, Gott sei gelobt! Raym. (für sich). Wer könnte jetzt noch zweifeln? (Zu Leonie.) Ich wünsche mit Deiner Erzieherin allein zu sprechen, mein Kind! (Leonie ab.) Sechste Scene. Raymond. Hermance. Raym. (bietet Hermance einen Stuhl). Sie werden begreiflich finden, mein Franken, daß ich, das älteste Glied dieser Familie, ich, der Vormund Lvonic's, den Gegenstand unserer Unterredung berühre — Ihre Anwesenheit war gestern Veranlassung einer höchst unliebsamen Scene! Herm. Niemand bedauert dieß so sehr als ich, mein Herr. Ich war so unglücklich, erst gedemüthigt zu werden, ohne es zu verdienen, und dann gerächt — ohne es zu wünschen! Hätten Sie mich nicht hier zurückgehalten, so hätte ich dieses Haus vielleicht schon jetzt verlassen! Raym. O, Sie wissen ganz wohl, mein Fräulein, daß die Entfernung kein Hinderniß ist, und daß Abwesenheit nur dazu dient, die Sehnsucht nach dem geliebten Gegenstand zu erhöhen! Herm. Ich verstehe Sie nicht, mein Herr. Raym. Nun, so muß ich mich deutlicher erklären. Nehmen wir an, ein junges Mädchen — z. B. Sie, wäre von dem Vertrauen des Chefs eines großen Hauses erwählt worden, die Bildung des Geistes und des Herzens seines jüngsten Kindes—einer Tochter — zu leiten. Dieses Mädchen benütze nun die Vorrechte des vertrauten Umganges, des gemeinsamen Lebens, um die Liebe des ältesten Sohnes zu erregen — (Bewegung Hermance's) oder diese Liebe — anzunehmen. Ick frage Sie selbst, mein Fräulein, welche Meinung muß uns diese Berechnung oder — diese Schwäche ein- flößen? Herm. Weder Berechnung noch Schwäche, mein Herr! Ich zweifle daran, daß der Herzog von Meran mich liebt. Raym. Auch nach dem gestrigen Auftritte? Herm. Auch nach demselben. (Kinne Pause.) Sagen Sie, Herr Graf, wenn ich hier, wo ich freien Zutritt zu allen Gemächern hatte, wo nichts mir verschlossen war — wenn ich da, geblendet von all' den Kostbarkeiten, verführt von dein Lurus, mich hätte verlocken lassen, mir irgend ein werthvolles Geschmeide anzueignen, was mußten Sie von mir denken? Nun, würde ich eine bessere Meinung verdienen, wenn ich in diesem Hause, welches sich mir gastfreundlich und vertrauungsvoll geöffnet, nicht einen verhältnißmäßig werthlosen Edelstein geraubt hätte, sondern das Glück, die Ruhe dieses Hauses — die Ehre seines Geschlechtes? Wäre nicht dann mein Vergehen tausendfach größer, Ihr Zorn, Ihre Entrüstung noch gerechter? Gewiß! Ein solcher Triumph wäre schmachvoller für mich als jener Fehler— denn eine Schuld, die man büßen kann, mag allenfalls noch Mitleid und Nachsicht erregen, aber die, welche mit kühner Stirne in ihrer Straflosigkeit schwelgt, kann nichts finden als Abscheu nud Verachtung! Raym. Diese Worte drücken edle Gefühle aus, mein Fräulein, aber— sind dieß die einzigen Beweggründe, welche Sie bestimmen würden, die Liede Aim^ry's zn- rückzuwcisen und — seine Hand? Herm. Die einzigen. Raym. (für sich). Welche Derstellungs- kunst! (Laut.) Sie wählen jedenfalls einen schlechten Weg, um Ihr Ziel zu erreichen,, den Namen des Mannes nenne und ihm denn nichts ist so sehr berechnet Aimery's das Tuch ausliefcre? Leidenschaft aufzustacheln als diese Sprache Herrn. Ich bitte Sie sogar diese — — welche übrigens nicht neu ist, denn mit! Drohung zu erfüllen, denn nur so kann ich denselben hochstrebenden Worten gelang es I gerechtfertigt werden! Ihnen auch den verstorbenen Herzog zu täuschen! Herm. Zu täuschen? Raym. Ja, zu täuschen, ich wiederhole es! Uebrigens ist man in unserem Jahrhundert duldsamer als früher, und wenn nichts Sie von Aimäry trennte als der Unterschied des Ranges, so — doch scheinen Sie zu vergessen, daß Sie dem Reisenden von Versailles gegenüber stehen. Nach den Entschuldigungen, die ich dort an Sie gerichtet hatte, zog ich nähere Erkundigungen ein, und erfuhr, daß Ihre so zarte und uneigennützige Liebe für Aimäry wenigstens keine — ausschließliche war. Herm. Mein Herr! — (Ruhiger.) Doch ick begreife — von dem Scheine irregeleitet, den eine mir gelegte, unwürdige Falle auf mich warf — Raym. Falle — Schein —! Ich wünschte, daß dem so wäre — dochAimäry ist bereits auf der Spur — Herm. Aimäry! Raym. Ich erzählte ibm gestern mein Abenteuer in Versailles, nichts verschweigend als die Namen — den Ihrigen, weil ich ihn noch nicht kannte, den des Verführers aus Vorsicht. Heute Morgen jedoch schrieb mir Aimäry, er fordere zwei Dinge: den Namen des Helden dieses Vorfalles und ein Taschentuch, das ich auffing, als es der Hand der Schuldigen entfiel, bevor der Wagen mit ihr fortrollte. Herm. (für sich). Der Wagen — es war also noch eine Frau da? Raym. Ich zögerte jedoch, Aimäry dieses Tuch zu übergeben. Herm. Warum das? Raym. Warum? Sie fragen noch? (Für sich.) Diese Kühnheit ist wahrhaftig genial! (Laut.) Sic wollen, daß ich Aimäry Siebente Scene. Vorige. Aimäry. Aimäry (tritt ein). Nun, Onkel, bringen Sie mir Antwort auf meine zwei Bitten? Raym. Ja — ich hegte erst einige Besorgnisse sie zu geben, aber (fiehtHermance an) man hat mich beruhigt. Der Name des Mannes ist Julius von Rozay. Aimäry (für sich). Ich wußte es! Raym. Das Tuch, welches die Dame verlor — ist hier! (Gibt es Aimvry, nachdem er es hat Hermance sehen lassen.) Aimäry (nimmt es). Ö— ich erkenne es! (Zu Hermance, es ihr zeigend.) Sie doch auch? Herm. (für sich). Das Tuch, welches ick für die Herzogin stickte — sie war es also! Aimäry. Sie, mein Fräulein, müssen am besten wissen, für wen dieses Tuch gestickt wurde, wem cs angehörte — sprechen Sie! Herm. Ersparen Sic mir jede Antwort! Aimäry. Sie wollen nicht sprechen? (Zu Raymond.) O, Raymond -- Raym. Ich verstehe — ich lasse Euch allein. (Zu Hermance.) Sie haben es so gewollt! (Ab.) Achte Scene. Aimäry. Hermance. Ai märv (losbrrchind). Endlich sind wir allein! Endlich kann ich sprechen, kann ich sagen, was — doch nein! Ihrer Reinheit gegenüber will ich gewisse Erinnerungen nicht erwecken, will von nichts sprechen, als von Ihnen! Hermance, wollen Sie mir, 27 dem Herzoge von Märan, die Ehre erweisen — meine Hand anzunchmen? Hcrm. (aufschreiend). Ich? Aimäry. Ja Sie, Hermance! Herm. (nach einer kleinen Pause tiefbewegt). Unmöglich— Herzog. Aimäry. Unmöglich! Herm. Bedenken Sie, wer Sie sind und wer ich bin! Ich erinnere Sie, den besten, den ergebensten der Söhne, an Ihren Vater — wenn er Sie hören könnte, was würde er sagen? Aimsry. Mein Vater? Sie wissen, wie sehr er Sic liebte, er würde gewiß nicht hindern wollen — Herm. Bestehen Sic nicht auf Ihrem Wunsche, Herzog, Sie kennen ja alle Hindernisse, die sich ihm entgegenthürmen — doch nein! Sie kennen eines nicht, das unüberwindlich ist! Aim6ry. Unüberwindlich? Welches? Sprechen Sic! Herm. (für sich) Ich darf nicht sprechen, — denn ihm entdecken, welchen Eid ich seinem Vater geleistet habe, wäre schon ein halber Verrath! Aimery. Für mich gäbe es nur das eine Hinderniß: daß Sie der Wahl eines Ehrenmannes unwürdig wären! Sic sehen also, daß nichts auf der Welt uns mehr trennen kann, selbst nicht Ihre Kälte — denn diese würde ich besiegen durch meine Liebe, meine Aufopferung. — Herzogin. Herzog, kein Wort mehr — haben Sie Erbarmen! Aimery. Hermance! Herm. Ich kam in dieses Haus, wo man mich aus Mitleid — l Bewegung Aimöry's.) nun — aus Wohlwollen aufnahm, um im Kreise der Reichen und Glücklichen einige süße Minuten zu verleben und dann unbemerkt aus ihm zu scheiden, und — vergessen zu werden. Wenn aber meine Bewunderung für so viele edle Eigenschaften, meine Dankbarkeit für Ihren großmüthigen Antrag, in meinem Herzen nickt zu verlöschende Gefühle wachriefen — (Bewegung Aimery's ) ich sage nicht, daß dem so ist, aber wenn es einst geschähe: würde es nicht ein ewiger Vorwurf für Sie sein, mich mit wundem Gemüthe, mit von sehnsuchtsvollen Traumbildern erfüllter Seele, zu meinem bescheidenen Leben zurückkehren zu sehen, wo nichts meiner harrt als Arbeit und Entsagung? (Aimvry will sprechen.) O, dringen Sie nickt in mick, ich beschwöre Sie! Mein Entschluß ist unerschütterlich! Foltern Sie mich nicht weiter — ich leide bereits schwer genug. Schonen Sie mich — haben Sie Erbarmen! (Sie finkt aus das Sopha.) Aimery. Erbarmen, sagen Sie? Aber sehen Sic denn nicht, daß ich es bin, mit dem man Erbarmen haben muß? Ich wollte schweigen, aber mein Herz strömt über! Hermance, nicht nur im Namen meiner Liebe flehe ich zu Ihnen, nein — im Namen meines Unglückes! Sie wissen, daß. bevor Sie mir erschienen, all' meine Liebe, meine Anbetung meinem Vater geweiht war! Und ich mußte sehen, wie die Frau, die ihm Alles verdankte, ihm in seinen letzten Tagen mit Undank lohnte— diese Frau, deren Ruf eben vorhin nur durch Ihr edel- müthiges Schweigen gerettet ward! (Zeigt das Tuch.) Hier ist der Beweis ihrer Schuld! Sic verrieth den Herzog von Meran eines Menschen wegen, der mit ihrer strafbaren Leidenschaft nur sein Spiel trieb, und zur selben Zeit noch eine andere Frau verfolgte — denn Raymond traf in Versailles noch eine junge Dame — auch eine Geliebte Ro- zay's! Und um eines solchen Menschen willen betrog man meinen Vater! Herm. Um Gottes willen, Aimäry, wo bleibt Ihre gewohnte Ruhe? Aimvry. Ruhe! Begreifen Sie denn nicht, wie ich leide? Denken Sic doch an Alles, was ich ertragen mußte, ich, der beschimpfte Edelmann, der verzweifelnde Sohn, der Alles aufbot, um im Dunkel des Zweifels diesem Verrathe nachzuforschen, der sich meinen Blicken immer wieder zu entziehen wußte. Ich war verdammt, müßig zuzu- schcn, wie die Schande sich in unser Haus 28 schlich und die Ehre unserer Familie untergrub, denn ich konnte diesem Rozay vor der Welt kein Vergehen Nachweisen, das ein Duell auf Leben uud Tod gefordert hätte, und nur ein solches sollte zwischen uns statt- sinden. Mein Arm war machtlos, keine Waffe war mir gegeben, diesen Elenden zu strafen, meinen Vater zu rächen — denn ihn rächen hieß: ihn nochmals entehren! Herrn. Vergessen Sie nie, daß Sic durch ein solches Verfahren Ihren Namen vor der Welt bloßstellen würden! (Für sich.) Rozay's sichere Hand würde ihn tödten! Aimery (fährt fort). Daß ich so vielen Leiden nicht erlegen bin, danke ich Ihnen, Hermance! nur Ihnen, die ich stets beobachtete, die meiner Schwester in allen Tugenden zum Muster diente! An diesem hehren, versöhnenden Bilde weideten sich meine Blicke, fand ich Trost und neue Hoffnung! Aber welch' geheimnißvoller Wahn, welch' unerklärbare Laune treibt Sie nun an, sich mir entreißen zu wollen? Warum bestehen Sie darauf, mich zu fliehen — Sie, die mir werthvollere Güter bringt, als ich zu bieten habe — denn mit Ihnen, Hermance, kommen: Trost in eine von Bitterkeit und Qual erfüllte Existenz; Muth und Kraft zum Leben; Wiedergeburt meiner verzweifelnden Seele! Sagen Sie, Hermance, wollen Sie mich wirklich verlassen — wollen Sie denn meinen Tod?! Herm. (hingerissen). Ich — die mein Leben für Sie gäbe! Aimery. Ah, Sic sehen wohl, daß Sic mich lieben! Herm. Mein Gott! Raym. (außen) Kommen Sie, Herzogin! Herm. Man kommt — die Herzogin! Aimsry. Hermance! (Faßt ihre Hand.) Herm. Lassen Sie mich! Lassen Sic mich! (Reißt sich los, schnell ab.) Neunte Scene. Aimery. Raymond. Herzogin. Raym. (zu der Herzogin, welche er hereinführt). Ich sagte Ihnen ja: Alles ist aufgeklärt, und mein Neffe wird Ihnen volle Genugthunng geben! (Sieht Aimsry.) Ah, Aimery — hier ist die Herzogin! Aimery. Nun? Raym. Nun— Du weißt wohl, was Du gut zu machen hast. Aimery. Ich habe gegen die Frau Herzogin nichts gut zu machen. Herzogin. Ah! Raym. Wie? Du wagst es Partei gegen deine Stiefmutter zu nehmen für — ein Fräulein Hermance? Aimery (mit Energie). Kein Wort weiter über dieses Mädchen — es wird meine Frau! Raym. (ganz verblüfft). Wie? Herzogin. Sie — Herzoginvon Meran! Aimery. Ja, Herzogin von Meran, und wenn Jemand dieses Namens unwürdig ist, so ist nicht sie es! (Ab.) Zehnte Scene. Raymond. Herzogin. Raym. Aimery! — O, sie hat es verstanden sich zu entschuldigen, Alles zu läug- nen, Sie hat vielleicht sogar gewagt, Sic zu verleumden! (Will gehen.) Herzogin. Wohin, Raymond? Raym. Zu Hermance! Herzogin. Noch ein Wort, Raymond. Aus Ihren abgebrochenen Sätzen, aus Ihrer Entrüstung schließe ich, daß Aimery und Hermance nicht nur durch den Standesunterschied getrennt sind. — Raym. Urtheilcn Sie selbst. Sie erinnern sich an mein Abenteuer in Versailles am 25. September — an das dort statt- gefundene Rendezvous — Nun, das Mädchen, welches ich dort sah — 29 Herzogin. War Hcrmancc! Ich ahnte es! (Für sich.) Ich muß Alles erfahren! lLaut.) Ich verstehe die zarten Bedenklichkeiten, lieber Raymond, welche Sie bewogen zu schweigen, doch der Scandal, welchen Sie der Erzieherin Leonie's zu ersparen gedachten, könnte gemildert und Aim^ry's Heilung schneller bewirkt werden, wenn es uns gelänge, den Verführer zu bestimmen, sein Unrecht gegen die Bethörtc gut zu machen. Raym. Sie haben Recht — so könnte Alles versöhnend gelöst werden. Es wird auch auszuführen sein, da der Verführer gestern Abends sehr bewegt schien. Herzogin. Er war also gestern Abend hier? Raym. Ich wollte ihn nicht verrathen, da Sie aber einen so edlen Gebrauch von der Wahrheit machen wollen, so will ich meine Erzählung vervollständigen — der Held derselben ist Julius von Rozay! Herzogin. O! — Nun, wo ich ihn kenne, wollen wir die Sache sogleich zu Ende bringen. (Sie klingelt, ein Diener tritt ein.) Ist Herr von Rozay noch hier? Diener. Ja, Frau Herzogin, er wartet im Salon. Herzogin. Ersuchen Sie ihn hieher zu kommen. (Diener ab.) Raym. Sie haben Reckt, dieß ist der beste Weg! Eilfte Scene. Vorige. Rozay. Herzogin. Treten Sie näher, Herr von Rozay. Ich wünsche eine offene, entschiedene Erklärung von Ihnen. O, lassen Sie sich von der Anwesenheit des Grafen nicht abhalten, es gibt Augenblicke, wo ein Zeuge nicht mehr überflüssig ist, sondern — notwendig — Gestehen Sie, Herr von Rozay, daß Sie lieben! Rozay. Madame—- Herzogin. Sie lieben eine Dame, an welche Sie bereits durch das Pflichtgefühl gebunden sind — Rozay. Ich verstehe nicht — Herzogin. Ich habe das Recht, eine Erklärung von Ihnen zu fordern, da die betreffende Person in unserem Hause lebt — es ist Fräulein Hermance Briffaut! Rozay. Madame — Herzogin. Wollen Sie läugncn, daß Sie am 25. September mit ihr in Versailles zusammentrafen — wollen Sie läug- nen, daß sie Ihre Geliebte ist? Rozay. Meine Geliebte? Herzogin. O, ich weiß, daß man in solchen Fällen gerne schweigt — allein wenn Jemand nöthig hat, um Ihre Verschwiegenheit zu bitten, so ist es nicht diejenige, welche Sie lieben! Was hindert Sie also, mein Herr, einen Ihrer Schwüre zu halten — einen Ihrer Fehler zu sühnen? Rozay (für sich). Ist dieß eine Falle? (Laut.) Vielleicht habe ich andere Pflichten, Madame — Herzogin. Sie sprechen von anderen Pflichten, Herr von Rozay, Haber wenn Sie Fräulein Briffaut lieben, wer sollte dann die Frau sein, elend genug, um — das Mitleid eines Herzens anzunehmen, das ihr sonst nichts bietet? Urtheilen Sie künftighin besser und gerechter selbst von Jenen, welche so unglücklich waren — Sie zu lieben! Das Unglück des Herzens muß mit noch viel mehr Würde getragen werden als jedes andere, man kann unter seiner Last sterben — nicht aber tim Gnade betteln! Ravm. (für sich, begeistert). So kann nur ein makelloses Weib sprechen! (Aimny und Hermance treten von verschiedenen Seiten ein.) Zwölfte Scene. Vorige. Aimvry, Hermance. Herzogin. Kommen wir zuEnde, mein Herr. War die Dame, mit welcher Sie am 25. September in Versailles zusammentrafen, Fräulein Hermance Briffaut? 30 Rozay. Ja, Madame! Aimkry stritt vor). Das ist eine Lüge! Rozay. Herzog! Aimery. Wagen Sie es, mein Herr, diese Verleumdung, mit welcher Sie das arme, alleinstehende Mädchen niederschmet- teru wollten, auch jetzt zu wiederholen, wo Sie von der Herzogin von Meran sprechen? Rozay. Wie—Fräulein Hermance?— Aimery. Wird meine Frau! Rozay sfür fich). Er ist es, den sie liebt, seinetwegen also wurde ich abgewiesen! Aimery. Nun, mein Herr, bleiben Sie noch bei Ihrer Behauptung? Rozay. MeinHerr—ich stehe Ihnen zu Diensten! Herrn, sfürfich). Es darf nicht sein, Rozay würde ihn tödten! Gott, wie ihn retten? Aimery fzu Rozay) Nun denn — folgen Sie mir. H erm. stritt schnell vor, zu Aimery). Halten Sie ein — dieses Duell darf nicht stattfinden! Aimery. Wie? Haben Sie gehört was er sprach? Herm. Die Wahrheit! Aimvry. Die Wahrheit!? Sie waren in Versailles, Hermance, Sie? Herm. Ja! Aimvry snach einer kleinen Pause zu Rozay). Ich sehe, daß ich mich zu einer Heftigkeit Hinreißen ließ, die hier — schlecht angewandt war, — ich bedauere es, — entschuldigen Sie mich, mein Herr! Raym. (für sich). Endlich gesteht sie, es war höchste Zeit! Aimery (leise zu Rozay). Erwarten Sie mich in einer Stunde! (Ab.) Rozay (zu Raymond). Kommen Sie, mein Herr! (Mit Raymond ab durch die Mit- telthüre, Herzogin links ab.) Herm. (finkt aus einen Stuhl). O mein Gott! (Vorhang fällt). Vierter Act. (Hotel der Madame Godard in Versailles. Salon wie im ersten Act.) Erste Scene. Herzogin. Madame Godard. Herzogin stritt sehr aufgeregt ein, zu Madame Godard). Sind Sie die Herrin dieses Hotels, Madame? Mad. God. Ja, Madame. Herzogin. Es fand so eben hier in der Nähe ein Duell statt — im Gehölze Satory — hat man nicht einen Verwundeten hiehergebracht? Mad God. Ja, er ist hier. Herzogin. Sie haben ihn also gesehen? — Kennen Sie die beiden Duellanten? Mad. God. Einen von ihnen — den Verwundeten. Herzogin. Es ist — Mad. God. Herr von Rozay! Herzogin. Ist die Wunde gefährlich? Mad. God. Nein, Madame, sehr leicht — leider! (Bewegung der Herzogin.) Entschuldigen Sie, ich sagte Ihnen ja, daß ich Herrn von Rozay kenne! Herzogin (für sich). Es ist dasselbe Hotel wo ich Rozay damas aufsuchte! (laut). War es Herrn von Rozay's Wunsch, hieher gebracht zu werden? Mad. God. Nein — er ward auf Ver anlaffung seines Gegners hieher geführt, dessen zwei Secundanten den Verwundeten begleiteten. Herzogin (für sich). Raymond und Heinrich! (Laut.) Der Gegner des Herrn von Rozay ist nicht hier? Mad. God. Nein, Madame. Herzogin. Er war es, den ich zu sprechen wünschte. Mad. God. Er wird kommen. Wollen Sie seine Ankunft vielleicht in meinem Zim- I. 31 mer erwarten, Madame? Sie sind so bleich und scheinen leidend zu sein. Herzogin. Ich nehme Ihren Antrag dankbar an, bitte Sie aber mich zu benachrichtigen, sobald der Herr kömmt! (Rechts ab mit Madame Godard.) Zweite Scene. Heinrich von Mareuil, dann Justin. Heinr. (tritt links ein, hält einen Brief in der Hand). Justin! (Justin tritt ein). Herr von Rozay beauftragt Sie, diesen Brief dem Fräulein Hermance Briffaut zu überbringen. Sie werden diese Dame hieher begleiten. (Justin ab, Aimöry erscheint.) Es war höchste Zeit! Dritte Scene. Heinrich, Aimery dann die Herzogin hinter der Thür. Aim^ry. Nun — Rozay? Heinr. Seine Hand ist verletzt — es ist nichts von Bedeutung. Aim^ry. Und fanden Sie Gelegenheit ihm meinen Wunsch mitzutheilen? Heinr. Ja, in Raymond's Abwesenheit! Aimäry. Ich hoffe, Rozay versteht mich, und weiß welchen Ausgang dieses zweite Duell haben muß! Herzogin (lauscht hinter der Thür). Gott! Heinr. Rozay stellt sich Ihnen zur Verfügung. Aimöry. Danken Sie ihm in meinem Namen! (Heinrich ab.) Nun muß ich versuchen, Näheres überHermacnc zu erfahren — (Sieht die Herzogin.) Die Herzogin! Vierte Scene. Aim6ry. Herzogin. Herzogin. Ich hoffte noch zu rechter Zeit zu kommen, um den ersten stampf zu verhindern! Aimery. Den ersten Kampf? Herzogin. Ich war dort (zeigt aus die Thür) und hörte Alles! Ich hege keinen Groll, Aim6ry, wegen Ihrer mir vor Zeugen zugesügten Beleidigung. Sie handelten unter dem Einflüsse einer rücksichtslosen, glühenden, edlen Leidenschaft, deren Lohn — wie gewöhnlich — der Undank war! Allein ein stolzes Herz hört auf zu lieben, wenn es in seiner Würde verletzt wird, Wer aber wie Sie daran denkt sich zu rächen, liebt noch! Hören Sie auf mich, entsagen Sie diesem neuen Kampfe, den kein Gesetz der Ehre fordert und dessen größte Gefahr Ihnen droht! Nur deshalb, Aim^ry, will ich dieses Duell verhindern. Aim6ry. Ich bin Ihnen sehr dankbar, Madame, für die Theilnahme, welche Sie dem Sohne des Herzogs von M^ran zuwenden, allein Ihre Besorgniß für — mich muß schwinden, sobald Sie erfahren, daß bei dem ersten Zusammentreffen nur Herr von Rozay verwundet ward. Herzogin. Sie beharren also bei Ihrem Vorsatze? Aim^ry. Das setzt Sie in Erstaunen, Sie? Herzogin. Sie lieben sie also noch — Aim^ry. Madame! Herzogin. Ja — Sie lieben sie noch! Denn Sie schlagen sich nur mit Rozay, damit er sie nicht besitzen kann, er — der sie liebt, der nur für sie lebt, und dies gar nicht mehr zu verbergen sucht! Aimvry. Madame, ich muß Sie bitten — Herzogin. Hinter dieser Thür verborgen hörte ich, daß Rozay Hermance um ein Rendezvous in diesem Hotel bittet. Aimöry. Hermance! Herzogin. Und sie wird kommen, zweifeln Sie nicht daran — der Weg zu diesem Hause ist ihr bereits bekannt! Aimöry (schmerzlich). War'es möglich? (Sinkt aus einen Stuhl.) Herzogin. Was nützt eS also sich von einem Nebenbuhler zu befreien, wenn Ihnen dann ein Weib bleibt, das Ihrer unwürdig ist? 32 Aimöry. Halten Sie ein, Madame! Die Liebe, welche ich einst für Fräulein Briffaut gehegt, genügt, daß ich nie dulden werde, daß man sie in meiner Anwesenheit herabwürdigt! Herzogin. Wie — Sie verthcidigcn Hcrmance noch? Aimvry (sich kaum mehr beherrschend). Es gibt Fälle, Madame, wo eine solche Aufgabe noch schwieriger zu lösen wäre! Herzogin. Noch schwieriger, als ein Mädchen in Schutz zu nehmen, das sich nicht nur entehrt hat — sondern auch — verkauft? Aimöry (losbrechend). Madame, wenn dieses Mädchen so handelte, so verrieth es nur sich selbst, entehrte nur seinen eigenen Namen! Herzogin (ausschrriknd). Ah! Aimbry. Ist es nur Hermance allein, welche bei dem Anblicke dieses Hauses er- röthen muß? Herzogin. Aimöry — ich sehe, daß Sie Alles wissen. Ich bin es, die Sie in diesem Duelle treffen wollten. Aber — bin ich nicht schwer genug bestraft? Aimöry. Sie. Madame? Herzogin. Ich sehe mich von dem betrogen und verlassen, dem ich Alles auf dieser Welt zum Opfer gebracht habe! Fügen Sie meiner Sünde, meiner Schmach nicht noch den Vorwurf hinzu, Ihr Leben in Gefahr gebracht zu haben! Entsagen Sie diesem Duelle, ich beschwöre Sic! Habe ich meinen Fehltritt nicht hinlänglich gebüßt, durch all' die Qualen, die ich erlitten? Ist mir nicht die herbste Strafe geworden, die: unter Ihren Augen erröthen zu müssen, hier vor Ihnen zu beben, wie eine Verbrechern vor ihrem Richter? Aimäry (kalt). Genug, Madame — de- müthigen Sie sich nicht vergeblich! Herzogin. Sie sind also unversöhnlich? Aimöry. Unversöhnlich! Aber bedenken Sie doch, Madame, daß Ihr Mitschuldiger meinen Vater auf das Schmählichste hintergangen, und das Weib, das ich liebe, entehrt hat! (Bewegung der Herzogin,) Q, ich weiß was Sie sagen wollen! Ich weiß, daß Sie mir — Herrn von Rozay gegenüber, mit dem Beispiele der Versöhnlichkeit und Ergebung vorangehen; aber Madame, nur dem Schuldigen kommt es zu das Haupt zu beugen, und das war ich nie! Auch ein Ehrenmann darf sich manchmal von seiner Leidenschaft Hinreißen lassen — wenn diese Leidenschaft Hand in Hand mit der Gerechtigkeit geht. Unsere Familie besaß ein Erbe: die Ehre — Rozay hat sie uns geraubt! Ich besaß ein Glück — Rozay hat es zertreten! Nun, ich bin kein Mensch der Blutgier und der Rache, allein es kommt eine Zeit, wo man endlich dock müde wird, immer Gnade zu üben! Herzogin. Eine Schmach wenigstens darf ich von mir weisen, Aimöry (zieht eine Schrift aus ihrer Tasche). Gestern zwangen Sie mich diese Schrift — diese Wohlthat Ihres Vaters anzunehmen, heute wissen Sie warum ich sie vernichte! (Zerreißt die Schrift.) Leben Sie wohl! (Ab.) Fünfte Scene. Aim^ry, dann Raymond und Heinrich. Aimvry (allein; sieht ihr nach). Mein Vater würde ihr vielleicht vergeben haben! — (Kleine Pause.) Hermancens Schuld ist nicht nur für sie selbst eine Schmach, sondern auch für mein Herz, das sie so sehr geliebt hat! Und ich sollte nicht das Recht haben, mich zu rächen? Raym. stritt mit Heinrich ein). Ich bringe gute Nachricht — Rozay's Verwundung ist eine ganz leichte! Aim^ry. Um so besser. Raym. Nun aber, Aimöry, wo Ihr euren Streit als Ehrenmänner mit der Waffe ausgefochten habt, nun, wo der Muth seine Rolle gespielt hat, ist die Reihe an d°r Höflichkeit des Edelmanns! Aim^ry. Was wünschen Sie? Raym. Was Du nach dem Kampfe 33 schon längst hättest selbst tbun sollen — Dich mit Rozciy versöhnen! Aim6ry. Daran ist nicht zu denken. Raym. Ick denke aber daran! Du scheinst Rozay's edle Handlungsweise nicht so zu würdigen wie wir. Aim6ry. Ich verstehe Sie nickt! Raym. Weit davon entfernt aus seiner Ueberlegenheit in der Fechtkunst Vortheil zu ziehen, war er offenbar nur darauf bedacht, Dich zu schonen! Aim^ry. Mich schonen — er! Raym. Es thut mir weh, deine Eitelkeit verletzen zu muffen, mein Freund, aber es ist unbestreitbar, daß die blinde Wuth, mit der Du Dich schlugst, gegenüber der überlegenen Sicherheit deines Gegners hätte zu einem schlimmen Ende für Dich führen können. Rozay ward auch nur verwundet, weil er weniger auf sich bedacht war, als darauf, dein Leben zu schonen! — Nun, wirst Du ihm jetzt vergeben? — Noch immer dieses starre Schweigen? Solltest Du unversöhnlich gegen Rozay, schonungslos gegen die Herzogin, nur für — Fräulein Hermance Gefühl haben? Aim^ry. Raymond, um Gottes willen, sprechen Sie diesen Namen nickt aus! Sechste Scene. Vorige. Madame Godard, dann Hermance. Mad. God. Eine Dame ist soeben angekommen und wünscht Herrn von Rozay zu sprechen. Aimvry (für sich). Mein Gott — sollte Hermance —! Raym. Wie heißt diese Dame! Mad. God. Fräulein Hermance Brif- faut. Aim^ry (für sich). Sie! Raym. Fräulein Hermance Briffaut wagt es noch vor uns zu erscheinen? Mad. God. Wie? Raym. Und hier, wo Alles sie lebhaft darin erinnern sollte, daß sie das Recht verloren hat, sich einer achtbaren Familie zu nähern! Mad. God. (für sich). Wie — könnten sie glauben, daß Hermance—? (Laut.) Entschuldigen Sie, mein Herr — ich bin mit dem Fräulein aufgewachsen, ich kenne es und habe das Recht es zu vertheidigen! Aim^ry (schnell). Können Sie das? Raym. Sie hat doch selbst gestanden — Mad. God. Was? Herm. (ist seit einigen Augenblicken ringe» treten). Die Wahrheit — (Zu Mad. Godard.) Ja, ich habe Alles gestanden — Mad. God. Gestanden? Herm. Ja — ich bitte Dich aber, Emilie, uns jetzt allein zu lassen. Mad. God. Ich gehe, allein — (Geht kopfschüttelnd ab.) Herm. (zu Heinrich, der gehen will). Ich bitte, bleiben Sie, mein Herr! Raym. Erlauben Sie mir Ihnen zu bemerken, mein Fräulein, daß in diesem Augenblicke, wo so wichtige Dinge uns in Anspruch nehmen — Herm. Hören Sie erst, mein Herr, ob das, was mich hieherführt, nicht wichtig genug ist, Alles zu entschuldigen, sogar — meine Anwesenheit. Raym. Sprechen Sie denn! Herm. Ich erfuhr, daß man L^onie, dieses theure Kind, dessen Glück mir am Herzen liegt, verheiraten will. Raym. Nun? Herm. Es ist mir lieb, in Herrn von Mareuil's Anwesenheit sprechen zu können, welcher diese Verbindung gewiß nicht wird einem Mißverständnisse verdanken wollen. Ich las in 86onie's Herzen, das offen vor nur liegt, wie das meinige vor ihr. Dieses Herz gehört nicht Ihnen, Herr vo n Mareuil, sondern einem Anderen. Raym. Einem Andern? Wem? Herm. (zu Naymond). Ihnen! Raym. Mir! Heinr. und Aimäry. Ravmond! r Raym. Das ist nicht möglich! Das ist ein Traum! Heinr. (mit verborgenem Groll) Er wandte der Liebesgöttin den Rücken, da läuft sie ihm nach — das ist natürlich, sie ist ja ein Weib! Raym. L^onie — sie liebt mich — und ich, der nicht wagte — (sich erinnernd) Ah! Heinr. Was haben Sie? Raym. Arme Lvonie! Als ich heute Ain«6ry zu diesem Duelle abholte, und sie in der peinlichsten Angst zurückblieb, ließ ich ihr, um sie zu beruhigen, sagen, ich sei es, der sich schlägt! Herm. Gott, was haben Sie gethan? Raym. Ich wollte sie trösten. Aber ich eile zu ihr — O, ich werde wahnsinnig oder sterbe noch aus Freude! (Schnell ab.) Heinr. Ich eile zu Rozay! (Rechts ab.) Aimery (macht erst einen Schritt auf Her- mance zu, hält dann inne, für sich) Hier waltet irgend ein Geheimniß—Hermance wird nicht sprechen, aber Andere. (Ab.) Siebente Scene. Hermance. Mad. Godard. der einem Todten gegenüber um so heiliger, um so unverletzlicher ist! Mad. God. Dieser Eid fordert nicht, daß Du deine Ehre mit Füßen treten läßt! Herm. Ja! Denn nichts sonst würde Aimöry vermögen von seinen Bemühungen um mich abzulaffen, und ich — O, ich fühle zu gut daß ich nicht länger Kraft besitze. seinen Bitten, seiner Zärtlichkeit femer zu widerstehen! — Du mußt mir versprechen, Emilie, mich nicht zu verrathen! Mad. God. Du bestehest darauf? Herm. (mit steigender Aufregung). Ich fordere es! Ich beschwöre Dich — seinetwegen! Da es schon unser Loos ist, ewig getrennt zu sein, uns nie anzugehören, so soll er mich verachten — dann wird er weniger leiden! (Schluchzt.) Mad. God. Ja, und was ibn rettet, wird Dich tödtcn! Aber ich will nicht schweigen — ich werde ihm Alles sagen! (Geht schnell nach der Thür) Herm. (eilt ihr nach und hält fie zurück). Du darfst nicht — noch weißt Du nicht Alles! Mad. God. Sprich! Mad. God. (tritt schnell aus ihrem Zimmer). Ich warte voll Ungeduld auf eine Erklärung von Dir, Hermance. Verstehe ich recht, Du duldest, daß man Dich für entehrt hält? Herm. Es muß sein — dieser Familie wegen. Mad. God. Dieser Familie wegen? Und denkst Du nicht an die Deinige? Herm. Die Meinige? Sei ruhig, sie kennt mich ihr Vertrauen ist unerschütterlich. Mad. God. Aber die Welt — Herm. Was kümmert mich die Welt, wenn er es glauben muß— er! Mad. God. Du handelst unrecht, Hermance; wir Frauen haben nichts als unsere Ehre! Herm. Du irrst — wir haben auch Pflichten! Vergiß meinen Eid nicht/ Emilie, Herm. Es handelt sich nicht nur um Aimsry's Ruhe — sondern um sein Leben! Mad. God. Um sein Leben? Herm. Ja, denn Rozay's Arm ist gewandt genug, um seinen Gegner zu tödten. Nun lies diese Zeilen! (Gibt ihr einen Brich) Mad. God. (liest). »Das Leben des Mannes, den Sie lieben, ist in meiner Hand. Kommen Sie.« — Und Du hast dieser Aufforderung Folge geleistet? Herm. Ich mußte wohl. Ick habe für Aimery mein Glück, meinen Ruf gegeben — ich werde ihm vielleicht noch mebr opfern müssen. Mad. God. Meine arme Hermance! Herm. Man kommt Rozay! — Geh', doch erst versprich mir zu schweigen! Mad. God. Hier meine Hand! (Ab.) Achte Scene. Hermance. Rozay (mit verbundener Hand). Herrn. Sie sehen, mein Herr, ich habe Ihrem Rufe Folge geleistet. — Uebrigens — Dank Ihnen habe ich nichts mehr zu verlieren. Sprechen Sie, mein Herr! Rozay. Hermance, vor einer Stunde war das Leben des Mannes, der mir Ihr Herz geraubt hat, in meiner Hand. Zehnmal hat die Spitze meines Degens seine Brust gestreift und, glauben Sie mir, ich habe nicht den Sohn des Herzogs von M^ran geschont, sondern — Sie! Herrn. Mich? Rozay. Ihnen opferte ich meine Zukunft, meine Pflichten gegen eine Ihretwillen verlassene Frau. Nun, ich kann noch mehr thun, ich kann Ihnen auch noch meine Ehre opfern, ich kann, wenn Sie es wollen, diesen Kampf auf Leben und Tod, der bald zwischen mir und dem Herzoge von Meran stattfinden soll — verweigern! Herrn. Und welchen Preis setzen Sie auf dieses Opfer? Denn Ihre Großmuth, mein Herr, muß erkauft werden! Rozay. Welchen Preis ich darauf setze? Sie fragen noch? Sie fragen, nachdem ick Ihnen meine Hand angeboren, nachdem! Sie wissen, daß ich Sie liebe? > Herrn. Sie lieben mich! Sie lieben mich! (Losbrechend.) Bei diesen Worten bäumt sich meine Seele und meine Entrüstung will freien Laufhaben! Sie wagen es zu sagen, daß Sie mich lieben?— Auch ich liebe, mein Herr, — und befehle Ihnen also, dieses Wort nicht mit Ihren Lippen zu entweihen! Rozay. Hermance! Herm. Sie lieben mich! Und womit haben Sie diese Liebe bewiesen? Sie haben das hilflose, alleinstehende Mädchen, das, hinausgestoßen in die Fremde, sich Arbeit und Brod suchen mußte, um seinen Eltern eine Stütze sein zu können — in eine nichts- würdige Falle gelockt! Sie haben dieses Mädchen — das Sie lieben — mit Ihren entehrenden Nachstellungen verfolgt, seinen Ruf für immer vernichtet! — Und nun, nun kommen Sie nnd sagen ihm: Ich habe das Leben des von Ihnen geliebren Mannes nur geschont, um es Ihnen jetzt — abzukaufen! Abzukaufen um den Preis Ihrer Freiheit! Und das nennen Sic Liebe? — Rozay. Und dennoch — Herm. Schweigen Sie, mein Herr! Sprechen Sic dieses Wort nicht mehr aus! Ich weiß, daß Sie vor nichts zurückschrecken — nicht vor Gewaltthärigkeit, nicht vor einer Erbärmlichkeit, aber wagen Sie es nicht mehr, dieses heilige Wort: Liebe in den Staub zu ziehen! Es ist Ihnen erlaubt, sich zu rächen, mein Herr, nicht aber zu lästern! Rozay. Mich rächen — Sie selbst weisen mich darauf hin? Noch einmal, Hermance, biete ick Ihnen meine Hand, mein Leben — nehmen Sie es — oder beschuldigen Sie mich nicht, wenn ich es vertheidige — auf Kosten eines Anderen! Herm. Auf Kosten eines Anderen! Roz. Hier meine Hand — nehmen Sic sie an? L6onie (außen). Hermance, Hermance! Herm. Lvonie! < Neunte Scene. Vorige. Leonie, Raymond, dann Aimsry und Madame Godard. L6onie (tritt mit Raymond ein). Hermance, man klagt Sie an — ich aber glaube nicht an Ihre Schuld! Herm. Leonie — mein theures Kind! Leonie. Ich eilte hieher, um Sie zu sehen, Sie zu bitten, Alles aufzuklären! Ich will nicht dulden, daß man Sie — der ich Alles verdanke lgibt Raymond die Hand) — ungerechter Weise verdammt! Raym. Ungerechter Weise! Liebe Leonie, gerne möcht' ich deinen Glauben thcilcn, allein die Gesellschaft, in welcher wir Fräulein Hermance B'riffaut finden, bkwrist, daß 3 « Du besser gethan hättest, deine Erzieherin nicht aufzusuchen! Aimvry (ist eingetreten). So ist es, meine Schwester! Mad. God. (ist mit Aimöry eingetreten, leise zu Hermance). Er wollte Ausschluß von mir — ich habe mein Wort gehalten — (Trocknet sich die Augen.) Herm. Ah! Raym. Komm', L^onie, und auch Du, Aimvry, verlasse diesen Ort. (Sieht aus Her- mance.) Glaube mir aber, daß ich Dich von der reinen, unbescholtenen Erzieherin nie getrennt hätte — und nicht ich allein dachte so, sondern auch — dein Vater! Aimäry. Mein Vater? Herm. (für sich). Wie? Raym. Einige Tage vor dem Tode des Herzogs von M^ran —FräuleinHermance war damals verreist, nach — Versailles — sprach ich ihn allein. »Mein guter Raymond,« sagte er, »ich habe einsehengelernt, wie thöricht es von uns ist, nur in den Reihen der Aristokratie jene Tugenden und häuslichen Freuden zu suchen, welche wir vielleicht weit eher in einfacheren Verhältnissen finden würden. L^onie's Erzieherin z. B. ist ein armes Mädchen, das ich von meinem Sohne getrennt habe und das mir feierlich geschworen hat, seine Hand niemals anzunehmen!« Aimvry. Geschworen! Raym. (fährt fort). »Nun, wenn Aimäry heute ihre Hand begehrte, so würde ich sie freudig in die seine legen!« Herm. Ach! Mad. God. (für sich). Nun kann ich sprechen! Raym. tzu Hermance). Dieß ist die Zukunft. mein Fräulein, deren Sie sich unwürdig gemacht haben! Mad. God. Unwürdig! Ich war verpflichtet zu schweigen — jetzt aber ist meine Zunge gelöst! Hermance ist unschuldig — Sie war das Opfer einer Falle dieses Herrn (zeigt auf Rozay) und aus Aufopferung für die Familie von Mtzran — that sie nichts, sich zu rechtfertigen. Fragen Sie nur Herrn Rozay. — (Zu Rozay.) Sprechen Sie doch, mein Herr—sprechen Sie, wenn noch etwas Ehre in Ihnen lebt! Rozay. Alles, was diese Dame sagt — ist wahr. Ich warf diesen Verdacht aus Fräulein Briffaut's Ehre, weil ich sie aus diese Weise zu zwingen hoffte, meine Hand, meinen Namen anzunehmen. — Und nun, Herzog, kann der Kamps zwischen uns nicht stattfinden — Aimäry. Nicht? Rozay. Nein, er ist überflüssig: Sie sind vollständig gerächt! (Ab.) Aimäry. Hermance, nun, wo kein Eid Ihre Hand — Ihr Herz mehr bindet — wollen Sie mein Weib werden? Herm. Ach! — Mein Ainu-ry. (Stürzt iu seine Arme.) (Der Vorhang fällt.) Ende. , Anmerkung. Der Besitz dieses Buches gibt keiner Bühne das Recht zur Ausführung. Dieses Reckt muß von dem Unterzeichneten besonders erworben werden. Max Stein. Druck und Papier »«» Leopold So«»«» in 4o>r». (Den Bühnen gegenüber" als Manuskript gedruckt.) Immer )u Hause. Lustspiel in einem Act von M. A. Grandjean. / Mit freier Benutzung eines französischen Stoffes. (Im k. k. priv. Carltheater in Wien zuerst mit Erfolge gegeben.) Personen: Spürte in, ehemals Zollinspektor. Adele, seine Frau. Krau von Stromer, Witwe, ihre Freundin. Friedrich Brandt, Doctor der Mediciu. Rosine, Magd bei Spürlein. Ein Amtsbote (Zimmer bei Spürlein. Mittelthür im Hintergründe. Neben derselben Buffets. Links im Hintergründe Thür zu einem Korridor, welcher nach der Küche führt. Weiter gegen den Vordergrund links die Thür zu Spürlein's Zimmer. Rechts im Vordergründe ein Fenster. Weiter rückwärts an derselben Seite eine Thür nach Adelens Zimmer führend. Am Fenster ein kleiner Tisch mit Schreibgeräten Eine Wanduhr, Sopha, Stühle rc.) Erste Scene. Adele, später Rosine und Spürlein. Adele (fitzt am Tischchen rechts). 27 und 8 macht 35, und 8 macht 43. Sie. wa. Spurl. (steckt den Kopf aus der Zimmerthür links). Adele. .. Adele! (Verschwindet wieder.) Adele. Gleich, gleich — (Rechnet weiter.) 27 und 8 macht 35, und 8 macht 43 — Spürl. (wie vorher). Adele — haben wir heute nicht den Fünfzehnten? Adele (verdrießlich). Ja—ich glaube. Spürl. (verschwindet). Adele. Jetzt kann ick abermals von vorne anfangen. 27 und 8 macht 35, und 8 macht 43 — Spürl. (wie früher). Adelchen — wo liegt denn der Zollstab? Ich habe etwas auszumeffen. <. 1 Adele. Der Zollstab—? und 8 macht 43 — ich weiß es nicht. Du hast ihn ja gestern den ganzen Abend in Händen gehabt. Spürl. (zieht sich wieder zutGI). Adel* (sicht auf die Uhr). Bald Mittag — und ich sitze noch immer da im Morgen- costüme wegen eines Rechnungsfehlers von 3 Groschen, den ich nicht finden kann, weil mich mein Mann nicht zwei Sekunden in Ruhe läßt. (Fängt wieder an zu rechnen.) Es geht nicht — ich werde immer mehr irre— die Ziffern tanzen mir vor den Augen. (Rust.) Rosine! Rosine (aus der zweiten Iseitenthür im Hintergründe links). Da bin ich, gnädige Frau. Adele. Rosine— mein Mann ist mit deiner Küchenrechnung nicht zufrieden — ich soll sie da eben durchsehen. Rosine. So — nicht zufrieden? Geht's schon wieder los? Du lieber Gott, dem Mann kann man gar nichts recht machen. Alles weiß er besser, überall will er corri- giren — es ist nicht auszuhalten. Adele. Rosine! Rosine. Nichts für ungut, gnädige Frau — ich habe schon bei Ihren Eltern achtzehn Jahre gedient — ich kenne Sie fast so lange Sie auf der Welt sind — ich darf wohl ein bischen frei vom Herzen weg reden. Adele. Er ist nun einmal so — aus alter Gewohnheit. Er muß Etwas zu thun haben. Rvfinr. In die Küche darf er mir nicht mehr — düS sag' ich ein- für allemal. Dort hat er nichts zu suchen— ich habe keine Contrebande uitter'm Herd. Adele. Rosine — nicht so heftig! Rosine. Ei, gnädig« Krau, unsereins hat auch fein Ehrgefühl. Ich bin jetzt vier- «ndzwanzig Jahre Köchin — ich verstehe meine Sache, Gottlob, und brauche keinen Aufseher. Der Herr Gemal kommt des Bormittags wohl ein halb Dutzend Mal hinaus, hebt von allen Töpfen die Deckel !ab, beschnuppert Alles, tadelt Alles— nein, das halte ich nicht länger aus! Adele. Er meint's ja nicht böse. Aber — er ist nun einmal den ganzen Tag zu Hause — hat nichts zu thun — Rosine. Und da pl<^ er seine Frau und seine Dienstboten. WärUm hat denn der gnädige Herr seinen Dienst aufgegeben—? ja, ja, ich weiß, Ihnen zu Gefallen, wie er sagt, na — ich glaube nicht, daß Ihnen das sehr viel Freude macht.— Kann mir's denken. Adele. Rosine — denke besser — und rede weniger — ich rathe es Dir. Jetzt nimm die Rechnung da und steh' selbst nach. Rosine. Schon gut—es soll ein Fehler darin sein? Adele. Ja, so sagt mein Mann — um drei Groschen. Rosine. So! (Es wird geklingelt.) Adele. Ah—gewiß kommt derDoctor! Rosine. Wer? Adele. Doctor Brandt! Rosine. Haben Sie nach ihm geschickt? Adele. Bewahre, bin ich denn krank? Rosine. Nun — weil — Adele. Geh' nur (Es wird wieder geklingelt») Rosine. Na, na, ich komme schon. (Ab.) Adele (stellt sich indessen an s Fenster und sieht nach der Straße). Fr. v. Strömer (von außen). Zu Hause? Rosine (jssntt die Mittelthür). Ja—bitte nur etuzutreten — gnädige Frau. (Entfernt sich wieder, nachdem sie hinter Frau v. Strömer die Thüre geschlossen.) Adele. Wer ist da — ach — meine liebe Earoline! (Geht Fra» von Strömer entgegen.) Zweite Scene. Frau von Strömer. Adele. Adele. Welche Ueberraschung! Sieht man Dich einmal wieder! Fr. v. Strömer. Nun — thust Du doch, als hätten wir uns Monate lang 3 nicht gesehen. Und doch find es nur einige Tage. Adele. Ach, die Tage kommen mir jetzt so schrecklich lang vor! Fr. v. Strömer. Ich begreife— (Nach Spürlein's Zimmer zeigend.) Dein Mann ist immer da? Adele. Immer zu Hause. Fr. v. Strömer. Arme Adele! (Beide nehmen aus dem Sopha Platz.) Adele. Das heißt—weißt Du— ich habe mich so eigentlich nicht über meinen Mann zu beklagen—er ist die Güre selbst— Fr. v. Strömer. Mitunter etwas brummig — Adele. Wenig — ich versichere Dich— wenig, er ist ein ganz lieber, vortrefflicher Mann, aber — ach Du verstehst doch nicht, was mich eigentlich verdrießt— Dein Mann war Cabinctscourier und meistens auf Reisen. Fr. v. Strömer. Ja — darum lebten wir sehr einig und friedlich. Adele. Und jetzt bist Du Witwe, bist vollkommen frei — Fr. v. Strömer. Ach, der Witwenstand hat auch sein Unangenehmes. Adele. Ei, denkst Du wieder an's Heiraten? Fr. v. Strömer. So ist's — und ich brauche deinen Rath — Adele. Ich höre. (Steht aus.) Fr. v. Strömer. Du bist zerstreut, Adele. Adele. Nein — ich meinte, es käme Doctor Brandt. — Seit einigen Tagen ließ er sich nicht sehen. Ich glaube, er ist ju einem Patienten auf's Land gerufen worden. Fr. v. Strömer. Erwartest Du ihn? Bist Du unwohl? Adele. Nein, nein! Fr. v. Strömer. Bis er kommt, wollen svir von ihm plaudern. Gerade ihn meine ^ — als Zukünftigen. Adele (lebhaft). Ihn? Hör' ich recht — Friedrich? Kr. v. Strömer. Den Doctor Brandt? Ja. Wamm nicht? Adele. Ja freilich, wamm nicht? Aber sage mir nur — Spürl. (von innen ruft). Adele—Adele! Adele (ärgerlich). Er läßt mich nicht in Ruhe. — (Laut.) Ich komme gleich! (Zu Frau v. Strömer.) Also erzähle mir doch — Fr. v. Strömer. Aber dein Mann — Adele. Thut nichts— ich möchte zu gern wissen — Fr. v. Strömer. Was sagst Du zu meiner Wahl? Doctor Brandt ist jung, hübsch, ein geachteter Arzt — Adele. Du denkst also wirklich ganz im Ernste an eine Verbindung mit ihm? Fr. v. Strömer. Im vollsten Ernste. Er machte mir schon vor zwei Jahren den Hof, ehe ich Strömer heiratete—aus Rücksichten für meine Familie — Du weißtdas. Mein Onkel — meine Tante, Alles dringt in mich, eine zweite Wahl zu treffen, und da schlägt man mir einen Herm v. Braunfels vor. Besagter Braunfels ist eigentlich ohne Beschäftigung, seinem Charakter nach — ein guter Mann — und mein Onkel will ihm eine einträgliche Stelle als Inspektor bei der Eisenbahn verschaffen — mein Onkel ist Direktor der Gesellschaft und seine Stimme entscheidet. Adele. Nun, und warum nimmst Du diesen Herrn v. Braunfels nicht? Fr. v. Strömer. Erstens will ich einen Mann eigener Wahl, und zweitens will ich keinen Mann, dem ich erst eine Anstellung verschaffen soll. Ich habe Vermögen, Doctor Brandt hat eine hübsche Praris und eine selbstständige Stellung in der Gesellschaft — und ich gebe ihm den Vorzug, das heißt, wenn er will. Adele. Du glaubst — er wolle nicht? Fr. v. Strömer Ich glaube es nicht— ich möchte nur darüber im Klaren sein, ob jetzt nicht Verhältnisse ihn hindern, ob vielleicht eine heimliche Liebe — Adele (roth). Meinst Du? r* 4 Fr. v. Ström er. Darum wollte ich Dich bitten, den Doctor ein wenig auszuholen — so ganz von Weitem — willst Du so gut sein? Adele. Recht gern. Verlasse Dich ganz auf mich. Fr. v. Strömer. Schön, liebe Adele. Und nun — noch etwas. Die Stelle als Eisenbahninspector, welche mein Onkel-Di- rcctor zu vergeben hat — möchte ich gerne deinem Manne verschaffen! Adele. Meinem Mannes Fr. v. Strömer. Die Stelle bedingt zuweilen Bereisungen der ganzen Bahnlinie — täglich regelmäßige stundenlange Abwesenheit vom Hause — ich denke, die Beschäftigung wäre sehr angenehm — Adele. Mir wohl — aber meinem Manne? Er wird nicht darauf eingehen. Er wird die Stelle ausschlagen. Fr. v. Strömer. Vielleicht doch nicht — man muß nur seine Eitelkeit rege machen. Die Stelle soll ihm aus eine so schmeichelhafte Weise angeboten werden — Adele. Meinst Du denn, daß dein Onkel — Fr. v. Strömer. Sie ihm gibt? — Gewiß. — Ich vermag Alles über chn, habe schon so be iläufig davon gesprochen. Sage nur, — erlaubst Du es? darf ich deinen Mann zum Inspektor machen? Ad ele (lächelnd). Ich habe nichts dagegen. Fr. v. Strömer. Gnt. Aber — stillgeschwiegen — Spürlcin darf nichts davon erfahren — er soll überrascht werden. Dritte Scene. Vorige. Spürlcin. Spürl. (im Schlasrock aus seinem Zimmer). Aber, Adele! (Sieht Frau v- Strömer.) Ach — gnädige Frau, ich bitte tausendmal um Entschuldigung, daß ich mich so vor Ihnen sehen lasse — aber Sie können gar nicht glauben, was ich zu thun habe — ich komme nicht dazu, Toilette zu machen. — Einkäufe zu revidiren, Ausgaben zu regi- striren, Rechnungen zu corrigiren. — Seit fünf Uhr und fünfundzwanzig Minnten bin ich heute auf den Beinen, und seitdem war noch keine Sccunde fast für mich. Ich bin an Thätigkeit gewohnt — und jetzt mache ich mir im Hause zu schaffen. Fr. v. Strömer. Aber was gibt es da so viel zu schaffen? Spürl. Mein Gott — tausend Dinge. Besonders wenn man eine so nachlässige Magd hat, wie wir leider. Nichts begreift sie, Alles läßt sie sich zehnmal sagen, und thut doch wieder, was sie früher gethan. Sie ist so eigensinnig, so bösartig, so verstockt — (Zu Adele ) Wie steht's mit der Küchenrechnung? Hat sich die Differenz gefunden? Adele. Ich konnte doch jetzt nicht rechnen, wo Caroline da ist! Spürl. (wieder zu Frau v. Strömer). Sie glauben nicht, gnädige Frau, was man mit schlechten Dienstboten auszustehen hat. Unsere Rosine kauft schlecht und theuer ein, z. B. gestern, wir hatten grüne Erbsen — Adele. Aber ich bitte Dich, Heinrich, diese Details — Spürl. Liebe Adele, Genauigkeit ist nun einmal meine Tugend. Mit dem gebrannten Kaffee z. B. da ist immer derselbe Umstand. Drei Viertelstunden habe ich unserer Magd neulich erplicirt, welche Farbe der gebrannte Kaffee haben müsse — ich habe ihr die Farbe mit eigenen Händen zur Vergleichung auf's Papier gepinselt — rs nützt Alles nichts — heute ist der Kaffee wieder verpfuscht. Adele. Aber warum? Spürl. (nimmt nur Hand voll gebrannte» Kaffee aus der Tasche seines Schlafrocks). Da — zu dunkel! zu dunkel! Adele. Aber neulich fandest Du ihn zu licht. Spürl. Ja — er war um eine Nuance zu licht — dämm bestimmte ich die Farbe 5 genau — da (zieht aus der anderen Tasche einen Streifen Papier) da, sehen Sie, gnädige Frau — mit Sepia — diese Couleur ist die rechte — vergleichen Sie — der Kaffee ist heute um eine Nuance zu dunkel. Fr. v. Stromer. Kaum merklich! Spürl. Um eine Nuance— es ist nicht bedeutend, aber der Geschmack leidet darunter. Um eine Nüance zu wenig gebrannt, fehlt dem Kaffee die Kraft, die Ausgiebigkeit; dagegen nur um eine Nüance zu viel — Adele. Aber, lieber Mann — Spürl. A propos — ich habe den Stoff nachgemessen, den Du gestern zu Möbeln gekauft hast. Wie viel Ellen sollen es sein? Adele. Achtunddreißig Ellen. Spürl. So? Siehst Du — wiederum eine Viertelclle zu wenig! O diese Kaufleute, wer ihnen traut, ist betrogen. Aber ich kenne das — ich lasse mich nicht hiuter's Licht führen. Und hörst Du, Adele — der blaue Stoff macht sich im gelbe» Zimmer gar nicht gut — Adele. Nun, so wollen wir eine andere Harbe wählen. Spürl. Aber Hab' ich's nicht gleich gesagt? Du wolltest es nicht glauben. Jetzt komm' — überzeuge Dich— blaßroth wird sich viel besser machen — meinst Du nicht blaßroth? Adele. Meinetwegen, ja, blaßroth. Spürl. Nein, überzeuge Dich selbst — oder Sie, gnädige Frau, Sie haben Geschmack, entscheiden Sic — Fr. v. Strömer. Sehr verbunden, Herr Spürlein, allein — ich bedauere, ich muß svrt. (Nimmt ihren Hut.) Spürl. Ach, bleiben Sie doch nur ein paar Minuten! Plaudern wir ein bischen! Wovon sprachen Sie denn mit meinerFrau, als ich vorhin eintrat? Wie? Von Putzsachen, natürlich. O, ich kenne die Damen! Adele, sieh' nur das hübsche Kleid, welches Hrau von Strömer heute trägt. Charmant, wahrhaftig — wunderhübsch — das ist Mouffeline, nicht wahr — Ausländerstoff, wie? Ja, dergleichen können wir hier zu Lande nicht fabriciren, das kostet gewiß acht bis acht einen halben die Elle? Fr. v. Ström er. So ungefähr — ich weiß es nicht mehr genau. Spürl. Ich muß einen gleichen Stoff auffinden; o, ich werde ihn finden! Morgen geh' ich mit Adelen von einem Magazin zum anderen. Fr. v. Strömer (leise zu Adele). Geht er mit Dir auch in die Kaufläden? Adele. Immer. Er ist der Schrecken aller Kaufleute. Spürl. Ja, Adelchen, Du sollst ein eben so hübsches Kleid haben. Laß' mich nur machen. Ich thue Dir ja Alles zu Liebe, Alles, nur bleibe hier und laß dein Reiseproject fahren. Fr. v. Strömer (zu Adele). Du willst reisen? Spürl. Ja, stellen Sie sich vor, meine Frau hat plötzlich Lust bekommen, ihren einzigen Anverwandten — Vaters DetterS Bruder — oder so dergleichen, einen Gutsbesitzer in Schlesien, zu besuchen. Der Herr Doctor Brandt hat ihr das in den Kopf gesetzt. Fr. v. Strömer. So? Doctor Brandt ist ja, wenn ich nicht irre, aus Schlesien gebürtig? Spürl. Möglich. Fr. v. Strömer. Nun, so lassen Sie Ihre Frau reisen, und reisen Sie mit. Spürl. Geht nicht, geht nicht! Ich bin mit dem Detter in Schlesien etwas gespannt. Ich habe ihm einmal die Wahrheit gesagt — verstehen Sie — der Mann hat das Unglück, zu glauben, er selbst müsse ganz allein Alles dirigiren, überall seine Nase dabeihaben, nun schnüffelt er jeden Winkel aus, brummt und zankt den ganzen lieben Tag, zerträgt sich mit seiner Nachbarschaft, mir seinen Dienstleuten, macht sich und Andern das Leben sauer — ein ganz unausstehlicher Patron, sage ich Ihnen. Und das will er nicht einsehen, durchaus nicht einsehen. 6 Fr. v. Stromer (lächelnd). Ja. an den Dalken im eigenen Auge will Niemand glauben. Auf Wiedersehen — Spürl. Sie verlassen uns also wirklich? Fr. v. Stromer. Ich muß. (Leise zu Adele.) Ich gehe schnurstracks zu meinem Onkel-Director — Dir muß geholf n werden, armes Kind. (Laut.) Ihre ganz ergebene Dienerin, Herr Spürlein. Spürl. Ich habe die Ehre. Wollen Sie uns nicht heute Mittag zu Tische beehren? Adele. Ach ja, liebe Caroline, mach' uns die Freude! Fr. v. Ström er. Wenn es Ihnen Vergnügen macht, Herr Spürlein — Spürl. Sehr bedeutendes Vergnügen. Ich will Ihnen den ganzen Speisezettel sagen — ip86 keeil — selbst entworfen — Reissuppe— Rindfleisch mit Senf oder kleinen Gurken nach Belieben — Kohl mit — Fr. v. Stromer. Genug, genug, ich komme. (Leise zu Adele.) Du sprichst vielleicht indessen mit dem Doctor? Spürl. Was sagten Sie, gnädigeFrau? Fr. v. Strömer. Nichts. (Bei Seite.) Er ist unerträglich. (Zu Adele.) Vergiß nicht! Adele. Nein, verlasse Dich darauf! Spürl. (zu Adele). Was sagst Du, Adele? Adele. Nichts. Fr. v. Strömer. Auf Wiedersehen, Herr Spürlein. (Will mit Adelrn abgehen. Spürlein drängt sich hinzu, bietet ihr den Arm und geleitet sie zur Thür.) Vierte Scene. Spürlein. Adele. Spürl. Eine sehr liebe Frau! Adele. Ja — und darum hast Du sie in die Flucht gejagt! Spürl. Ich? Adele. Freilich — warum mußtest Du Dich immer in unser Gespräch mengen. Spürl. O, habt Ihr denn Geheimnisse mit einander?— Adele. Das nun eben nicht, aber man plaudert doch gern ungestört. S p ü rl. Ja — das wollen wir jetzt nun thun — ich habe Dich ja so lieb, Mäuschen. (Will sie umarmen.) Adele (sich saust loswindcnd). Ja, ja, jetzt fängst Du wieder von der Küchcnrechnung an, nicht wahr? Spürl. Das heißt, ich meine nur — Adele. Hast Du heute deine Zeitungen schon gelesen? Spürl. Alles,— politische Nachrichten, Notizen, Feuilleton, Annoncen — ü propos — in den Inseraten fand ich ein Buch angekündigt (zieht ein Blatt Papier aus der Tasche) — ich habe mir das notirt, ich will cs kaufen. (Liest.) »Kurzgefaßte praktische Anleitung, Obst in Dunst und Zucker zu sieden und wohlerhalten aufzubewahren* — kostet nur acht Groschen. (An der Mittelthür wird geklopft.) Adele (freudig). Es kommt Jemand. Spürl. Wird man denn immer belästigt, wenn man sich in seiner Häuslichkeit eben recht behaglich fühlt! Brandt (öffnet die Thür). Störe ich? Adele. O nein, nein! Fünfte Scene. Vorige. Doctor Brandt. Spürl. Sieh', sieh', der Herr Doctor! (Schnell.) Wie geht's, wie steht's, wie befinden Sie sich?— wie es mir geht? Nun, danke, so ziemlich, bin zufrieden. Sie auch, wie? Viele Patienten? Die Grippe soll wieder stark grassiren, wie? Brandt (bei Seite). Immer ist er zu Hause! (Laut, zerstreut ) Die Grippe? ja- leiden Sie daran? Spürl. Ich? Gott bewahre! Adele. Sie haben sich lange nicht bei uns sehen lassen, lieber Doctor! Brandt. Haben Sie mich vermißt, als Freund vermißt? Sehr schmeichelhaft für 7 mich. Allein — Sie wissen vielleicht — ich wurde zu einem Patienten auf's Land gerufen. Spürl. Ein bedeutender Patient? Brandt. 3a —hitziges Fieber. S pürl. Nein, ich meine — eine Person von Rang? Brandt. Ja— ein Baron und Geheimrath. Spürl. Gratulirc. Der Herr Doctor kommt in Ruf. Das hitzige Fieber ist gebändigt? Brandt (verdrießlich). Ja. Spürl. Läßt sich ein hitziges Fieber schnell curiren? Brandt. Nach Umständen. Doch jetzt bitte ich um Erlaubniß, mich wieder entfernen zu dürfen Meine hiesigen Patienten könnten meiner bedürfen. Adele, Ach, das war ein kurzer Besuch! Spürl. Wollen Sie mit uns zu Mittag speisen, Doctor? Reissuppe, Rindfleisch mit Senf. Brandt. Wenn es mir möglich ist, recht gerne. Spürl. Sie treffen da Jemand—eine Dame, welche Ihnen nicht gleichgiltig ist. — Ja, ja, man weiß wohl, was man weiß, — die gewisse junge Cabinet-Couriers- Witwe! Brandt «bei Seite). Muß er das gerade vor ihr erwähnen! (Laut.) Was fällt Ihnen ein? Spürl. Warum nicht — die Frau ist jung, hübsch, geistreich — hat Vermögen. Adele (bei Seite). Gr mengt sich in Alles. Spürl. Dann sollen Sie einen Wein kosten — Inländer — hunlite sup^riaure — von mir manu xropria auf Flaschen gezogen und in Sand gelegt. (Greift an seinen Taschen herum.) Wo sind denn die Kellerschlüssel? Adele, hast Du die Keller- Ichlüffel? Adele. Nein. Denke aber doch bald an deine Toilette — Du bist noch im Schlafrock — Spürl. Ja, wahrhaftig — und noch nicht rasirt. Wenn nur Rosine nicht vergessen hat, heißes Wasser in Bereitschaft zu halten! Rosine! — Rosine! — wo steckt denn die Person wieder? Ich will lieber gleich selbst Nachsehen. (Ab.) Brandt (bei Seit»). Endlich ist er fort! (Nähert sich Abelen.) Gnädige Frau— (Hält inne, da man Spürlein draußen poltern hörte ) Spürl. (wieder eintretend). Soll man sich da nicht zehn Dutzend Gallenfieber an den Hals ärgern! Adele. Was gibt's denn wieder? Spürl. (einen Siedkessel in der Hand). Rosine ist nicht da — und ich muß mir damit dem Siedkessel die Hände verbrennen! (Die Hand wechselnd.) Es ist gräßlich, was ich da draußen wieder sehen muß — ein halber Korb voll Kohlen wird verbraucht, um ein Mund voll Wasser zum Sieden zu bringen — wollte man meinen Angaben folgen, so wären zwei oder drei Stück höchstens genug — (Wieder die Hand wechselnd.) Sßß! heiß! Brandt. Erlauben Sie — Spürl. Bitte, bitte. Und meine Seife — wo ist meine Seife? Adele. Wahrscheinlich in deinem Zimmer, am Spiegeltisch. Spürl. Am Spiegeltisch — möglich. (Will abgehen.) Merke ein bischen auf, wo Rosine herumläuft — ich beobachtete schon ein paar Mal auf der Stiege einen Unter- ofsicier von der leichten Cavaüerie — wer weiß — eine Liebschaft — Adele. Ich bitte Dich, was Du Dir einbildest. (Drängt ihn sanft in sein Zimmer.) Sechste Scene. Brandt. Adele. Brandt. Ein sehr ehremverther Mann, Ihr Herr Genial, aber — Adele (mit einem Seufzer). Aber — Brandt. Immer trippelt er um Sie hemm, niemals trifft man Sic allein — 8 Adele. Wohl wahr, und ich habe eben mit Ihnen zu sprechen. Brandt. Wirklich? kann ich Ihnen mit irgend etwas gefällig sein? Sie haben ganz über mich zu befehlen. Adele. Sehr gütig — aber — es ist nicht das — entschuldigen Sie nur, wenn ich indiscret scheine; es interessirt mich aus gewissen Gründen sehr, zu wissen, wie Sie über die Ehe eigentlich denken', aber ganz aufrichtig. Brandt. Ueber die Ehe? Adele. 2a. Wenn sich z. B. eine vor- theilhafte Partie finden würde, eine junge, hübsche, liebenswürdige Frau — Brandt. Ich würde sie ausschlagen. Adele. O! Brandt. Weil ich sie nicht lieben könnte. Adele. Und warum? Brandt. Ich liebe eine Andere. Adele. Nun, so heiraten Sie diese. Brandt. Ach, wenn sie noch frei wäre. Adele. Eine verheiratete Frau? O, diese Neigung ist sündhaft, Sie müssen dagegen kämpfen. Brandt. Ich habe es versucht, jedoch ohne Erfolg. Es zieht mich unwiderstehlich in die Nähe dieser Frau. Adele. Aber was soll daraus werden? Brandt. Sie ist die Flamme — ich die Mücke — ich muß dem Lichte zu, es ist mein Fatum — Adele. Sich die Flügel zu verbrennen? Brandt (nach einer kleinen Pause). Wie steht's mit Ihrer beabsichtigten Reise nach Schlesien? Adele. Ich bin noch nicht fest entschlossen. Brandt. Ich habe gleichfalls Verwandte dort — was würden Sie sagen, wenn ich mich anbieten wollte, mit Ihnen zugleich die Reise zu machen — Sic zu begleiten. Nun? Fr. v. Stromer (von außen). Ja, ja, Rosine, ich bleibe zu Mittag. Adele. Man kommt — schweigen Sie davon! (Entfernt sich rasch von Doctor Brandt.) Siebente Scene. Vorige. Frau v. Stromer. Brandt (etwas verlegen grüßend). Gnädige Frau — Fr. v. Stromer. Herr Doctor— (Fixirt ihn scharf, zu Adele.) Was hat er denn? Er scheint mir so betreten — Adele. Ich weiß es nicht. Fr. v. Stromer. Aber auch Du selbst — (Leise.) Ah, Du hast gewiß mit ihm über den bewußten Punct gesprochen? Adele (ebenso). Ja, ich wollte eben; der Doctor kam erst diese Minute. Fr. v. Ström er (wie oben). O, ich begegnete ihm zehn Schritte vom Hause, als ich vor einer halben Stunde wegging. Adele (leise). Mag sein, aber mein Mann war da. Fr. v. Strömer (leise). So will ich Euch jetzt allein lassen. Ich war bei meinem Onkel, dein Mann bekommt die Anstellung, 's ist Alles abgemacht, noch heute erhält er das Decret. Also ich gehe jetzt. (Laut.) Nun will ich doch den blauen Möbelstoff ansehen. Adele. Schön, ich gehe mit, Sie erlauben, Herr Doctor. Brandt (verneigt sich stumm). Fr. v. Strömer (leise). Aber so bleibe doch, sprich mit ihm. Adele (verlegen) Recht gerne, aber Dn siehst, ich habe noch Toilette zu machen. Fr. v. Strö m e r (bei Seite). Sie will nicht, was soll das heißen? (Amt.) So geh' also, ich warte hier. Adele. Komm' doch mit. Fr. v. Strömer. Nein, ich will lieber hier bleiben. (Geht nach dem Tische rechts.) Adele. Gut, wir wollen uns gegenseitig nicht geniren Herr Doctor, Sic wissen, wir speisen um drei Uhr; wollen Sie vielleicht mittlerweile Ihre Patienten besuchen? Brandt. Meine Patienten, wahrhaftig, 9 die vergaß ich. Punct drei Uhr habe ich wieder die Ehre. Ar. v. Stromer (bei Seite). Sie schickt ihn fort? Brandt. Und über die Reise sprechen wir noch? Adele (ausweichend). Ja — auf Wiedersehen! (Ab in ihr Zimmer ) Brandt (entfernt sich durch die Mittelthür) Achte Scene. Frau v. Ström er (allein). Hm — hm — ich komme da auf allerlei Gedanken. — Mir scheint, ich habe an Adele einen schlechten Anwalt getroffen. — Herr Spürlein, Sie sind selbst an alle Dem Schuld! Sie haben es dahingebracht, sich einer Frau unausstehlich zu machen, von welcher sie aufrichtig geliebt waren. Vielleicht ist es noch Zeit, vorzubeugcn— ich will ihm einen Wink geben. (Man hört Spür- lein's Stimme.) Da kommt er — schon wieder im Streit! Neunte Scene. Frau v. Stromer. Spürlein. Rosine (ein Bündel offener Servietten in der Hand). Spürl. (zu Rosine, während Beide aus der zweiten Thür links aus die Scene treten). Ich bin hier der Herr im Hause, verstanden? Rosine. Meine Küche geht den Herrn nichts an. Spürl. Ihre Küche? — Meine Küche! Rosine (heftig). Meine Küche! Spürl. Immer besser — offene Widersetzlichkeit. (Zu Frau von Stromer.) Da hast Du s — da hörst Du s. (Seinen Jrrthum bemerkend.) O — bitte sehr um Entschuldigung — ich glaubte, es wäre Adele. — Jetzt haben Sie eine Probe, gnädige Frau. Es ist nicht auszuhalten. Rosine (zugleich). Es ist nicht auszuhalten. Spürl. Still, wenn ich rede! Rosine. Das darf nicht so bleiben. Spürl. Das sag' ich auch. Ueberall. wo ich hinschaue, nur Unordnung, Nachlässigkeit, Vergeßlichkeit. Wie ist's mit der Kü- chenrechnung — ist der Fehler gefunden? — Drei Groschen. Rosine. Ja, ja, der Fehler ist gefunden — es sind aber nur zwei Groschen. Spürl. Drei Groschen! Rosine. Meinetwegen drei Groschen — schreien Sie nur nicht so. (In ihren Säcken herumstöbernd.) Da haben Sie Ihre drei Groschen — ich will Sie ja nicht dämm betrügen— da sind die drei Groschen! Fr. v. Ström er (lacht bei Seite). Spürl. Nicht unverschämt werden — ich brauche das Geld nicht. (Halb zu Rosine- halb zu Frau v. Strömer.) Es ist mir auch nicht um die drei Groschen, es handelt sich um mein System, um die Ordnung in meinem Hause. (Geht ärgerlich auf und nieder.) Rosine (halblaut zu Frau v. Strömer). So treibt er's Tag für Tag! (Zieht sich zurück.) Spürl. (zu Frau v. Strömer). Soll man sich da nicht ärgern? Das geht so Tag für Tag! Rosine (wie oben). Meine Geduld ist erschöpft! Spürl. (wie oben). Meine Geduld ist zu Ende! Fr. v. Strömer (bei Seite). Arme Adele! Spürl. (bemerkt, daß sich Rosine Frau von Strömer wieder nähert, saßt sie am Arm). Lasse Sie die gnädige Frau mlt Ihren Zudringlichkeiten in Ruhe. Hinaus! Rosine. Ja, ick gehe, und komme nicht wieder. Ich hab's satt. Seien Sie Herr im Hause, mein bester Herr Spürlein, seien Sie Herr, so viel Sie wollen, so lang' es Ihnen Vergnügen macht! Kochen Sie selbst Ihr Gemüse, stechen Sie sich selbst Ihre Hühner ab — Spürl. (immer zorniger). Das kann ich so gut wie Sie! Rosine. Decken Sie selbst den Tisch! 10 Spürl. (wie oben). Als ob das eine Kunst wäre! Rosine. Na, so versuchen Sie's nur gleich. (Legt ihm »inen Pack Servietten auf den Arm.) Da — gute Unterhaltung! Und da ist meine Schürze — so — empfehle mich! (Wirft ihm die Schürze zu.) Spürl. (im höchsten Zorn). Rosine — Sie wird mich augenblicklich um Entschuldigung bitten! Rosine. Ihre ungehorsame Dienerin, Herr Spürlein! (Ab durch die zweite Thür link».) Zehnte Scene. Frau v. Stromer. Spürling. Fr. v. Ström er (lacht). Hahaha! — Es ist zu komisch — nehmen Sie's nicht übel, Herr Spürlein — Spürl. Sic lachen, meine Gnädige? Sie sind nicht indignirt? Fr. v. Stromer. Wie Sie aussehen, Hahaha! Spürl. (wirft die Servietten und die Schürze, welche er bik jetzt am Arm trug, von sich). Es ist empörend, himmelschreiend! Fr. v. Stromer. Nur ruhig! Fassung! Spürl. Jetzt will ich zu meiner Frau — will ihr sagen — Fr. v. Strömer. Lassen Sie doch Adele bei ihrer Toilette ein wenig Ruhe. Bleiben Sie, Herr Spürlein — ich habe Ihnen Mehreres zu sagen, und Sie haben ja hier (aus die Servietten zeigend) so viel zu thun. Spürl. (eine Serviette aufhebend). Ja — also — ick bin ganz Ohr. (Bemüht sich die Serviette in Falten zu legen, was ihm nicht gelingt.) Sprechen Sie nur — brauchen Sie 'ihalb für sich murmelnd) sapperment nochmal — geht's denn nicht so? — ah so— (wieder zu Frau v. Strömer) wollen Sie gntenRath- Fr. v. Strömer. Sie haben jetzt nicht Ruhe und Muße, mich anzuhören. Später. Spürl. Bitte — bitte — wegen dieser Lappereien da — ich bin nur so leicht aufgeregt, aber gleich wieder gut. (Reißt wü- thknd eine Serviette, welche er nicht falten kann, mitten auseinander.) Da! (Wieder zu Frau von Strömer.) Sie sagten also — Fr. v. Strömer. Ich habe bereits mit Adelen gesprochen, aber es wäre mir dock sehr lieb, auch Ihren Rath zu vernehmen. — Ich gehe nämlich mit dem Gedanken um, wieder zu heiraten. Spürl. So? Gratulire. Natürlich — (halb zerstreut, während er immer mit dem Falten der Servietten beschäftigt ist) eine so junge Witwe, eine so — (grimmig, während er an der Serviette herumzerrt) unverschämte Person! — O — verzeihen Sie — ich dachte schon wieder an dieses Geschöpf— diese Rosine! Fr. v. Strömer. Ich habe auch so halb und halb gewählt — Spürl. So? Wieder einen Eabinets- Courier, der nie zu Hause ist? Fr. v. Strömer. Das nun eben nicht, aber doch keinen Mann, der nichts zu thun hat. Ich habe eine Tante — eine sehr praktische Frau, und die meint eben, ein solcher Mann sei ein Unglück. Spürl. So? Was verstehen Sic unter »Nichts zu thun?« Fr. v. Strömer. Ick — das heißt, meine Tante meint, der Mann müsse eine Beschäftigung, einen Erwerb, ein Amt haben, wodurch er ein nützliches Glied der menschlichen Gesellschaft würde — Spürl. Hm — und ich — was wäre denn ich? Ick habe mein Amt aufgegeben. Fr. v. Strömer. Ich habe meiner Tante eben Sie als Gegenbeispiel aufgestellt, es nützt nichts, sie bleibt dabei. Sie sagt, dieses Herumschnüffcln im Hause — entschuldigen Sie, meine Tante sagt so, sei nichts weiter, als geschäftiger Müßiggang; dadurch — meint meine Tante — wird ein solcher Mann der ganzen Welt und zuletzt seiner eigenen Fran zuwider — sie ersinnt alle möglichen Mittel, seiner los zu werden, stickt Zerstreuung außer dem Hause, bekommt allerlei Gelüste, so z. B. nach kleinen Reisen — n Spür, (betroffen, unterbricht seine Beschäftigung mit den Servietten). Reisen—? also Sie meinen — Fr. v. Stromer. Ich — nein, meine Tante... und, wer weiß, die Sucht nach Zerstreuung nimmt zu — die Frau kommt in Gesellschaften— dort findet man die Frau sehr liebenswürdig — und sic — sie findet vielleicht auch Jemanden liebenswürdig, wenigstens im Vergleich zu ihrem Manne. Ja — sagt meine Tante — dahin bringt cs am Ende so ein — permanenter Gemal. Spürl. Permanenter Gemal! Fr. v. Stromer. Aber — ich schwatze da — und vergesse ganz, daß Sie so sehr beschäftigt sind. (Zeigt auf die noch nicht zu- sammengelegtm Servietten.) SpNrl. (diese verächtlich von sich werfend). Ah — ich mag nicht mehr. (Bei Seite.) Permanenter Gemal! (Laut.) Ihre Frau Tante ist also der Ansicht... Fr. v. Ström er. Zürnen Sie nur ja nicht, daß ich Ihnen so viel kostbare Zeit geraubt habe! (Ab in Adelens Zimmer.) Eilfte Scene. Spürlein (allein). Ei der tausend, die Frau Tante... hm, hm — das wirbelt mir im Kopfe herum ! — O — es hat zwar keine Gefahr — Adele ist mir von Herzen gut und findet Niemanden sonst liebenswürdig, nein — wüßte nicht wen! — Aber— wenn die Alte doch Recht hätte— hm — dann wär's ja besser gewesen, ich hätte meine Anstellung behalten — es ist nur wegen dessen, was noch geschehen könnte — aber meine Anstellung ist vergeben — wo find' ich eine andere. Die Plätze im Staatsdienst sind wie bei einer neuen Oper — alle im Voraus vergeben — man balgt sich darum! O — ein Einfall — ich will mir eine Anstellung verschaffen. (Setzt sich an den Tisch und schreibt.) Ich ernenne mich selbst— ich oc- troyre mir eine Anstellung! Zwölfte Scene. Brandt. Spürlein. Brandt (im Eintreten bei Seite). Immer er! Spürl. (für sich schreibend). To — NUN noch das ?03l8erixtmn — das ist die Hauptsache! Brandt (für sich). Ich muß eine Gelegenheit finden — Spürl. Ah, Sie sind's, Doctor? Brandt. Ich kam auf Ihre Einladung — Sie sind wieder sehr beschäftigt? Spürl. Schon fertig. (Bei Seite.) Dieser spöttische Ton — das fällt mir nun Alles erst auf. — Jetzt die Adresse — an Herrn Heinrich Spürlcin — so — die Handschrift ist sehr gut verstellt.— (Steht auf.) Entschuldigen Sic, lieber Herr Doctor, ich muß ausgchcn. Brandt. Sie gehen aus dem Hause? Sie? Spürl. Ja. ich — das wundert Sie? Brandt. Ja wohl — mit der gnädigen Frau —? Spürl. Allein. Brandt. Allein? Aber Sie bleiben doch nicht lange aus? Spürl. Das weiß ich nicht. Brandt (freudig). Das ist ja — Spürl. Merkwürdig— nicht wahr? Sollte ich (sieht auf die Wanduhr) zum Speisen vielleicht nicht zurück sein, so soll man nicht auf mick warten. Brandt. Ah! Spürl. Ja. (Bei Seite im Abgehen.) Permanenter Gemal! (Ab in sein Zimmer ) Dreizehnte Scene. Brandt. Dann Adele. Frau v. Strömer. Brandt. Er geht fort — ohne seine Frau — bleibt ungewiß wie lange aus — was ist denn davorgefallen?! Nun,Gott sei Dank, so bin ich ihn los! 12 Adele sin ihrem Zimmer). Komm' nur, Caroline! B ran dt. Ah, ihre Stimme! Fr. v. St r ö M er sin Adelens Zimmer). Gleich, gleich! Brandt. O, Frau v. Strömer ist bei ihr — auch eine sehr hübsche Frau, in die man sich wohl verlieben könnte, — ich war es schon einmal — ich dürfte die Flamme nur wieder anblasen — Fr. v. Strömer (im Heraustreten). Die Sache ist also wieder ausgeglichen? Adele. Ja — ich habe Rosine besänftigt — Fr. v. Strömer. Sieh nur, daß dein Mann den Friedenstractat genehmigt. Brandt (vortretend). Gnädige Frau — Adele (angenehm überrascht). Ah, sieh' da, unser Doctor! Fr. v. Strömer. Vortrefflich— wir werden Sic gleich als Tafeldecker enga- giren. Adele. Aber — wo ist denn mein Mann? Brandt. Herr Spürlein ist ausgegangen ! Adele. Wie? Fr. v. Strömer. Wahrhaftig? Adele. Wirklich ausgegangen? Fr. v. Strömer. Das wäre überraschend. Adele. Ich glaub' es nicht. Er wird sich irgendwo versteckt haben. Brandt. Nein, nein, er ist fortgegangen. Adele. Ohne mir etwas zu sagen — heimlich — so plötzlich —? Fr. v. Strömer (lächelnd). Nun, er hat Dich überraschen wollen. Vermuthlich hat er nachgedacht: womit könnte ich denn meiner Frau ein Vergnügen machen? — und da fiel ihm ein: Nimm deinen Hut und geh'! Adele (halb lächelnd, halb ärgerlich). Ach, scherze nicht! Fr. v. Strömer. Ich glaube gar, Du ängstigest Dich jetzt? Brandt. Herr Spürlein hat mich gebeten, zu sagen, er würde vielleicht nicht zum Speisen kommen. Adele. Unbegreiflich! Fr. v. Strömer. Adelchen, dein Mann hat heute einen guten Einfall nach dem andern. Adele (im Tone des Vorwurfes). Caroline! Fr. v. Strömer (bei Seite). Sollte mein Wink so schnell gewirkt haben? Brandt (für sich). Sie ist so zerstreut — und ich möchte sie gerne sprechen — wegen der Reise — Adele (zu Frau v. Strömer) Spott ewie Du willst — dieses Fortgehen ist nicht natürlich — 's ist ein Ereigniß — Fr. v. Strömer. Aber kein unglückliches. Brandt (sucht sich Adelen wieder zu nähern). Ick möchte wohl — Adele (ihn überhörend, zu Krau v- Strömer). Es muß jedenfalls eine ganz besondere Veranlassung dazu gewirkt haben. Fr. v. Strömer. Du hast heute vielleicht zum ersten Male eine Sehnsucht nach Deinem Manne! Adele. Wahrhaftig! (Man hört Spürlein von außen brüllen.) Fr. v. Ströme r. Da hast Du ihn wieder! Vierzehnte Scene. Vorige. Spürlein. Adele (ihm entgegen). Heinrich, wo warst Du denn? Spürl. (wichtig thuend, holt tief Athem und sieht Alle der Reihe nach bedeutungsvoll an) Fr. v. Strömer. Ihr Weggehen hat sehr viel Unruhe erregt. Spürl. Bah! Adele. So fortlaufen, ohne mir nur ein Wort zu sagen! Mir, deiner Adele! Brandt (bei Seite). Sonderbar, ich hätte gedacht, sie müßte froh sein — 13 Was denn? Spürt, (bei Seite). Ah — schon? wie erst, wenn sie von meiner Anstellung hören wird, (lacht) die ich mir selbst verschafft habe. (Reibt sich, vergnügt trällernd, die Hände.) Adele. Aber was hast Du denn? Erkläre mir — Spül. Soll geschehen, Du mußt cs ja doch erfahren. Adele. Fr. v. Strömer Spürl. (zu Adele). Setze Dich. (ZuFrau v. Stromer.) Nehmen Sie Platz, schöne Frau. (Zu Adelen.) Es thut mir leid, mein Kind, aber die Pflicht ruft, die Neigungen müssen schweigen. Ich hatte so gerne still und friedlich am häuslichen Herde gelebt; Du hast gesehen, mit welcher Hingebung ich als freiwillig in's Privatleben zurückgetretener Zollinspector zu Hause gewirkt habe; es soll nicht länger so sein, mehrfache Aufforderungen, wieder Dienste anzunehmen, habe ich zurückgewieseu, — dießmal kann ich nicht, darf ich nicht! Adele. Wie, versteh' ich recht? Spürl. Man zwingt mich, eine Anstellung anzunehmen bei der Eisenbahn. Fr. v. Strömer. Bei der Eisenbahn? Spürl. So ist's. Aber nicht etwa (macht die Signalpantomime der Bahnwächtcr) Ü ckone — nein — als Inspector, als bereisender Inspektor! Immer in Bewegung, heute hier, morgen dort, das ist mein Element! Adele. Ich kann es gar nicht glauben; so rasch — (sieht Frau v. Strömer fragend an). Brandt (bei Seite). Welches Glück! Fr. v. Strömer. Haben Sie da firen Gehalt oder Diäten? Spürl. Wie? (Schnell gefaßt.) Das ist noch nicht bestimmt. Adele. Und warum warst Du ausgegangen? Spürl. Ja, um mich zu erkundigen; 's ist Alles in Ordnung. Ich habe da einen alten Freund bei der Eisenbahn, einen Direktor, und der hat mich so lange beschwatzt, hat mich bei meinem poiM ä'kcmusur gepackt; ich konnte endlich nicht anders, ich mußte annehmen, — na, und da ging's wie der Blitz; er hat das große Wort zu reden, dieser.. . (Spricht einen Namen undeutlich aus.) Adele. Wie heißt er? Spürl. Nun, der bekannte — wie gesagt — Fr. v. Strömer. Herr von Wellborn vielleicht? Spürl. — Richtig. Kennen Sie ihn? Fr. v. Strömer (nickt, bei Seite). Ich Nicht. (Leise zu Adele ) Mein Onkel! Spürl. (bei Seite). Was fang' ich denn aber nur mit meiner Zeit an —? Bah — ich fahre auf allen Eisenbahnen herum und inspicire — inkognito. Fünfzehnte Scene. Vorige. Rosine (mit einem Briefe). Rosine. Ein Brief an den gnädigen Herrn. Spürl. Ah, von der Direktion! —keine Ruhe — sie wollen mich haben um jeden Preis! (Gibt den Brief seiner Frau.) Adele. Du liesest den Brief nicht? Spürl. O, ich weiß schon Alles, als ob ich ihn selbst geschrieben hätte. Rosine (zu Spürlein). Herr Spürlein, ich nehme meine Schürze wieder! Spürl. Gut, gut. Rosine. Der gnädigen Frau zu Liebe. Spürl. Meinetwegen. (Zu Adele.) Nun, der Brief? Fr. v. Strömer (öffnet und liest). »Mein Herr, die Direktion hat Sie, in Würdigung Ihrer ausgezeichneten Eigenschaften, zum Eisenbahn-Inspector ernannt. Ich beeile mich, Sie von dieser Wahl ungesäumt in Kenntniß zu setzen.« Unterschrift unleserlich. Spürl. Wie immer! Mein Freund, der Direktor schreibt so genial undeutlich! Fr. v. Strömer (für sich). Meines Onkels Unterschrift? o, die ist's nicht! (Legt den Brief zusammen.) 14 Spürl. Es kommt noch ein Post- scriptum. Fr. v. Stromer. So? Spürl. (sich verbessernd). Das heißt — nicht?... es schien mir so. Fr. v. Stromer. Sie haben Recht! (Liest.) »Ich muß Sie jedoch bitten, Ihren Dienst unmittelbar noch heute anzutreten, das Anstellungsdecret wird nachträglich ausgefertigt werden.* Spürl. Das auch noch! (Zu Adele.) Da siehst Du, wie man mich presfirt. Adele. Aber so bald! Das ist grausam! Das geb' ich nicht zu. Ich lasse dich nicht so rasch! Rosine (bei Seite freudig). Er geht fort. Brandt (bei Seite). Erwünschte Anstellung! Adele. Man wird es nicht so strenge nehmen — warte noch bis morgen — begehre Aufschub! Nicht wahr, Du thust das? Spürl. Geht nicht, liebes Kind, ich kann doch nicht gleich zu Anfang so lau im Dienste sein. Ich will auf der Stelle meine Anstalten treffen. (Ab in sein Zimmer.) Sechzehnte Scene. Vorige. Ohne S p ü r l e i n. Adele (leise zu Frau v. Stromer). Warum hast Du denn bei deinem Onkel die Anstellung gar so hastig betrieben? Fr. v. Stromer (ebenso). Du glaubst — daß ich — Adele (wie oben). Nun, wer denn sonst? Fr. v. Stromer (für fleh). Es ist nicht richtig mit der Anstellung. (Zu Adele.) Sage deinem Manne ja nicht, daß ich die Hand im Spiele hatte. Adele. Nein, nein! — (Laut.) Das kommt so plötzlich — wie ein Gewitter — kaum noch Zeit zum Mittagessen — Rosine. Damit wird's noch eine Weile dauern — ich habe ja heute nicht fünf Minuten Ruhe gehabt — es war nicht mög- lih — Adele. Er muß eher zu Mittag essen — so lasse ich meinen Mann nicht fort. Rosine. O, dann will ich mich schon beeilen. (B6 Seite.) Nur damit er recht bald fortgeht. (Ab nach der Küche.) Fr. v. Stromer (leise zu Adelen). Höre, liebe Adele — ich will jetzt schnell zu meinem Onkel Wellborn gehen — vielleicht ist es möglich zu machen, daß dein Mann Frist erhält — Adele. O — sei so freundlich— es wird wohl möglich sein! Fr. v. Ström er (bei Seite). Bei dieser Gelegenheit erfahre ich, wie cs mit dieser überraschend schnellen Anstellung steht! (Ab.) Siebzehnte Scene. Adele. Brandt. Adele. Mein armer lieber Mann, ich kann mich gar nicht dareinfinden. (Netzt nach Spürtet» s Zimmer.) Brandt. Gnädige Frau — ein Wort nur — Adele. Herr Doctor — mein Mann ist im Begriffe abzureisen — Brandt. Heute Morgens machten Sie mir Hoffnung — darf ich Sie an die Reise nach Schlesien erinnern? Adele (bei Seite mit leisem Schreit). Diese Reise! warum wollt' ich reisen? warum? darf ich es mir gestehen? Brandt. Ihr Entschluß? Adele. Ich bleibe hier. (Wendet sich zum Abgehen.) Brandt. O, verlassen Sie mich nickt so schnell — Spürl. (die Thür seines Zimmers halb öffnend, bei Seite). Ah — der Doctor — hält eine Anrede an die schöne Witwe! — Brandt. Sie zürnen? Spürl. (bei Seite). Sie zürnt?— ah— Verstellung, nichts als Verstellung! Brandt. O, vergeben Sie mir, gnädige Frau! 15 Spürl. (wie oben). Na, nicht viele Umstände — (Lacht.) Vergeben Sie ihm, gnädige Frau — Adele. Noch einmal, Herr Doctor!... Spürl. (auffahrend). Teufel, meine Frau! Adele (sich umwindend). O, mein Mann! Achtzehnte Scene. Vorige. Spürlein. Spürl. (geht langsam nach dem Vordergründe , Und beobachtet Brandt, welcher im Hintergründe auf- und abschreitet). Hm — ist das Anfang ober Ende—? Im ersten Falle wäre mir meine Anstellung doch sehr unangenehm. Adele. Was ist Dir, mein Lieber? Brandt. Herr Spürlein scheint etwas verdrießlich darüber, daß er sein Amt so schnell antreten muß. Spürl. Jedenfalls möchte ich eher noch wissen, was Sie meiner Frau zu Leide ge- than haben? Brandt. Ich? Spürl. Ja — weil Sie Vergebung wünschen. Brandt (nach augenblicklicher Pause). O — ich bat die gnädige Frau um Vergebung — wenn ich ihr vielleicht lästig war. Spürl. Lästig — wie so? Brandt. Mit einem Anliegen — Spürl. Mit welchem Anliegen —? Adele (einfallrnd). Wegen Carolinen. Brandt. Ja — wegen Carol — wegen Frau v. Stromer. Adele. Der Doctor ersuchte mich, ein gutes Wort für ihn bei meiner Freundin zu sprechen, und ließ nicht nach mit Bitten. Brandt. Da wurde — so schien mir's — die gnädige Frau etwas ungeduldig — Adele. Und daher bat er mich um Vergebung — Spütl. Ah — so! (Bei Seite.) Ich werde mir aber doch vielleicht einen Urlaub bewilligen! (Geht im Hintergründe aus und nieder.) Adele (halblaut zu Brandt). Für dießmal half ich Ihnen aus der Klemme, aber — keine Scene mehr wie vorhin Herr Doctor! Neunzehnte Scene. Vorige. Frau v. Strömer. Fr. v. Ström er. Ah, Sie find doch noch zu Hause, Herr Spürlein. Spürl. Ja — ich bin noch zu Hause. Die Direktion wird wohl ein bischen warten. Fr. v. Strömer. Nun— bis morgen — länger nicht — man wünscht, baß Sie Ihren Posten morgen früh antreten. Spürl. Man wünscht — ich — meinen Posten? Fr. v. Strömer. Nun — Sie machen ja ein so erstauntes Gesicht — Adele. Ja wirklich — Brandt. So verdutzt! Spürl. Erstaunt— verdutzt! was Ihr Alles aus meinem Gesichte herausleset — ich begreife nur nicht, wie die gnädige Frau — Fr. v. Strömer. Ganz einfach — ich war bei Herrn v. Wellborn — Spürl. Ah — bei Mehlborn. Fr. v. Spürl. Wellborn. Spürl. Weiß schon — also dieser — Fr. v. Ström, (mit Beziehung.) Ihr alter Freund — Spürl. Wie — mein — ja so, mein alter Freund — Fr. v. Ström. Wünscht, daß Sie morgen Ihre Function beginnen. Spürl. (ganz verblüfft). Wünscht er? Fr. v. Ström. Es muß durchaus sein. Spürl. Muß durchaus sein? Fr. v. Ström. Ja. Spürl. (langsam Alle der Reihe nach an- sehend). Merkwürdig! 16 Zwanzigste Scene. Vorige. Ein Amtsbote. Amtsb. Herr Heinrich Spürlein? Spürl. So heiß ich. Amtsb. (ihm ein versiegeltes Schreiben übergebend). Ich habe Ihnen dieses Amtsschreiben einzuhändigen. Spürl. Amtsschreiben? So? Woher? Amtsb. Von der Eisenbahn-Direktion. Empsehle mich gehorsamst. (Ab.) Fr. v. Ström. Gewiß schon das An- stcllungs-Decret. Sehen Sie, wie rasch man zu Werke geht. Nun wäre also Alles in Ordnung! Spürl. (das Papier empfangend). Meiner Treu, das Decret! ein ganz echtes Dokument. — (Liest.) Zweitausend Gulden Gehalt — (Greift sich an den Kopf.) Bin ich denn noch wach? Jetzt sage man noch, es geschehen keine Wunder mehr! Adele. Das ist ja eine vortreffliche Anstellung! Spürl. Ja — vortrefflich — nicht wahr? . . . Brandt. Was Sie doch für geheime Freunde haben! Spürl. Ja, nicht wahr — geheime Freunde? Fr. v. Ström, (wklcht mit Spürlein zugleich das Decret gelesen hat). Sie haben täglich zwölf Stunden Dienst— Sonntage ausgenommen. Spürl. So? Fr. v. Ström. Es steht da ausführlich Ln der Instruction. Spürl. In der Instruction? (Sieht in das Papier.) Richtig, von acht Uhr Früh bis acht Uhr Abends —. Schön — Adele. Bist Du mit der Anstellung zufrieden? Spürl. Ich — v ja, und Du? Adele. Ich auch. Spürl. Ja? (Sich in Positur stellend.) Na, schön, ich acceptire also den Posten — definitiv — ja — Schiller, der große Schiller, hat Recht: Der Mann muß hinaus Jn's feindliche Leben, Muß wirken und streben, Muß wetten und wagen, Das Glück zu erjagen. Ehe ich aber in's »feindliche Leben« hinaustrete, möchte ich gerne zwei Leutchen glücklich sehen, die mir sehr werth sind. Herr Doctor — weg mit aller Schüchternheit— sagen Sie dieser liebenswürdigen Witwe, daß Sie dieselbe schon lange im Stillen verehren — Fr. v. Ström. Wie — mich? Spürl. (zu Brandt.) Nun, ist's nicht so? Brandt. O — ich läugne nicht — Spürl. (dringend). Also Sie lieben diese hier gegenwärtige jugendliche Witwe? Adele (leise zu ihm). Herr Doctor, ich glaube, Sie sollten ja sagen. Brandt. Ja — ich habe — Spürl. Sie haben vorhin meine Frau um Vermittlung gequält — richtig! Nun Hab' ich mich endlich Ihrer erbarmt, damit Sie sich nicht in stiller Leidenschaft ver zehren. Brandt (bei Seite). Warum nicht, sie ist so hübsch — Spürl. Und nun, schöne Frau, lassen Sie den armen Doctor nicht länger schmachten. Adele (zu Krau von Stromer). Sei nicht grausam, Caroline. Fr. v. Strömer. Ich bin so überrascht — Spürl. Angenehm — unangenehm? Sie lächeln — also angenehm. Gut — ich stelle den Gott Hymen vor und arrangire die provisorische Verlobung so — bitte um 17 die beiderseitigen rechten Hände so — das wäre in Ordnung — Taren sind nicht zu bezahlen. Und nun — Rosine (meldend). Das Essen ist fertig! Spürl. Bravo! Jetzt zu Tische — dann will ich n ich auf mein Amt vorbereiten. Von acht Uhr Morgens bis wieder acht Uhr Abends gehöre ich der Eisenbahn — die übrige Zeit — meiner Frau — ich will da so liebenswürdig sein, daß mein Adel- cben wünschen soll, ich wäre »immer zu Hause«. Du, Rosine — Rosine (halb für fich). Nun fängt er wieder an — Spürl. Halte Küche und Rechnung wohl in Ordnung. — Ueb' immer Treu' und Redlichkeit bis an dein kühles Grab! Jeden Sonntag will ich ein bischen Nachsehen. (Zu Adele.) Nur ein bischen — der Mensch will doch ein keines Sonntags- Vergnügen! Der Vorhang fällt. Ende. lheattr-Rrptrloirt Nr. ISO r Von M. A. Grandjcan find im Verlage der Wallishanffer'fchen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadl, hoher Markt Nr. 1, erschienen: Rothe Haare. Lustspiel in einem Act ^ und Das Pamphlet. Lustspiel in einem Act. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Heimlich. Lustspiel in einem Act. ^7V, Sgr. od. 35 Nkr. Die geheime Mission. Lustspiel in drei Acten. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Am Clavier. Lustspiel in einem Act. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Ein Hut. Lustspiel in einem Act. 7 V, Sgr. od. 35 Nkr. Das hohe C. Lustspiel in einem Act. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Drei Viertel auf EU Schwank in einem Act. 6 Sgr. od. 30 Nkr. Er kann nicht lesen. Posse in einem Act. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Einen Namen will er sich machen. Posse in einem Act. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Hoffen und Harren. Schwank in einem Act. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. -»«X-— Druck und Papi« von Hropold Sommn in Mrn. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Sand in dieAugen. Lustspiel in zwei Acten von Labtche und Martin. Deutsch von Alexander Bergen. Repertoirestück des kais. kön. Hofburgtheaters. Personen: Malingear, Doctor der Medicin. Blanche, seine Frau- Emmeline, deren Tochter. Ratinois. Eonstance, seine Frau. Friedrich, deren Sohn. Robert, Holzhändler. Josesine, Kammermädchen der Fr. Ratinois. Alexandrine, Kammermädchen Sophie, Köchin Ein Tapezierer. Ein Geschäftsführer. Ein Jäger. Ein Dieuer. Eia Mohr. im Hause Malingear's Erster Act. (Salon bei Melingear. Links ein Piano, rechts ein Schreibtisch. Ein Tisch in Mitte der Bühne. Ein Sopha, Stühle, ein Gueridon. Eine Mittelund zwei Seitenthüren.) Erste Scene. Blanche, Sophie (mit einem Eiukauskorbe). Sophie. Ich soll also keinen Fisch kaufen ? Blanche. Nein. Es war diese Woche sehr stürmisch auf dem Meere, er wird un- r^ata.3kp«n«»t Rr. Ul. verschämt in die Höhe gegangen sein. Sieh nur, daß Du einen vorzüglichen Lungenbraten zu einem Filet bekömmst. Sophie. Und welches Zugemüse? Man sieht schon grüne Erbsen. Blanche. Du weißt, daß die frühreifen geschmacklos sind. Bereite uns einen gefüllten Kohl. Sophie. Wie vorige Woche? Blanche. Wenn Du vom Markte zurück^ kömmst, gib mir Dein Einschreibbuch. Wir wollen rechnen. Sophie. Sehr wohl, Madame.(Reckts ab.Z 1 L Zweite Scene. Blanche. Malingear. Maling. (kommt durch die Mittelthür). Da bin ich! Gute» Morgen, liebe Frau. Blanche. Hi, Du warst schon aus? Woher kömmst Du? Maling. Ick habe meine Patienten besucht. Blancke. Deine Patienten? Wem erzählst Du das? Unglücksfälle, die sich auf offener Straße ereignen, Leute, die man überfährt oder die aus dem Fenster stürzen, das sind die einzigen Patienten, die Dir zufallen. Maling. (setzt sich). Heute Morgens hat man mich jedoch um sechs Uhr geholt — hier hat man mich aufgesucht — kurz, ich habe einen Patienten. Blanche. Wohl einen Fremden? Maling. Nein— einen Franzosen. Blanche. Seit zwei Jahren ist das zum ersten Mal, daß Du in Deiner Ruhe gestört wirst. Maling. Alles muß seinen Anfang haben, ich fange an Carriere zu machen. Blanche. Mit vierundfünfzig Jahren? — Das ist etwas spät. Soll ich Dir sagen, warum Du kein Glück hast? Du verstehst Dein Handwerk nicht. Maling. Handwerk? Blanche. Oder Deine Kunst, wennDn willst. Maling. Ich wäre kein guter Arzt? Blanche. Wenn Dir der Zufall, wie ein Wunder, einen Patienten zuführt, fängst Du damit an ihn zn beruhigen, Du sagst: Fürchten Sie nichts, in ein paar Tagen ist eS vorüber. Maling. Soll ich die Lente erschrecken? Blanche. Du behandelst Alle nach der Manier, als wären Deine wichtigsten Fälle Sommersprossen oder erfrornc Nasenspitzen. Ich kenne mehrere Deiner Collegen — das sind Aerzte! Wie sie einem Kranken nur nahekommen, zucken ste die Achseln und sagen : das ist ein langwieriger Fall! Man begehrt ein Concilium — schlägt einen Professor vor — Maling. Wozu? Blanche. Damit er bei nächster Gelegenheit die Höflichkeit erwiedere, und Gleiches mit Gleichem vergelte. S o schasst man sich eine Praxis. Maling. (steht auf). Auf diese Weise werde ich nie eine bekommen. Blanche. Mit Deiner Ehrlichkeit hast Du aber nach und nach die wenigen Patienten, die Du hattest, verloren. Ein Einziger war Dir geblieben — der letzte, ein braver Mann. Maling. Herr Dubourg. unser Nachbar? Blanche. Er hatte, ohne es zu wissen, eine Nähnadel geschluckt. Du behandeltest ihn vierzehn Tage, das Ding ging herrlich vorwärts, — da fällt Dir am fünfzehnten ein. ihm zu sagen .Mein lieber Herr Dubourg,Sie müssen mir nicht zürnen, aber ich weiß eigentlich nicht, was Ihnen fehlt. Maling. Ich wußte es auch in der That nicht. Blanche. Dann sagt man: Sie sind — nervös. O, wenn ich Arzt wäre! Maling. Du würdest ein schöner Char- latan sein. Blanche. Es ist nur ein Glück, daß die Vorsehung besser für uns gesorgt hat, und uns ein Einkommen von 22000 Livres gab. Trotzdem müssen wir daran denken, unser Einkommen zu vermehren. Kömmt einmal der Moment, so will ich die Sache in die Hand nehmen! — Doch wohin hat man Dick heute Morgen geholt? (Sie setzt fick ) Maling. (etwas verlegen)' Zu — zu einem jungen Manne. Blanche. Von Familie? Maling. (nimmt Banknoten aus seinem Schreibtisch). Ja — er hat eine Familie. Da, nimm diese viertausend Francs. Blanche. Was soll ich damit? Maltng. So viel kosten die neuen Möbel unseres Salons. Der Tapezierer wird heute seine Rechnung bringen. Blanche (nimmt die Banknoten). Out. Aber Dein Patient? (Sie steht aus.) Maling. Bist Du neugierig! Ein Kutscher hier im Hause ist durch den Hufschlag eines Pferdes verletzt worden. Blanche. Ein Kutscher? Ich gratulire! Morgen wird man Dich — zu den Pferden rufen. — Maling. Scherze, so viel Du willst, aber ich bin entzückt, daß ich dem braven Burschen beistehen konnte, und jede gute That wird belohnt. Ich habe mit ihm geplaudert und so Manches erfahren. Blanche. Was denn? Maling. Man erzählt sich Verschiedenes über uns. Blanche. Ueber uns? Was könnte man sagen? Maling. Der junge Mann, der täglich mit unserer Tochter musicirt — Blanche. Herr Friedrich? Den wir voriges Jahr im Seebad kennen lernten? Maling. Herr Friedrich, sagt man, sei der Bräutigam unsererTockter. Beim Hausmeister haben sie gestern Albend sogar schon den Tag der Hochzeit bestimmt. Blanche. Ach mein Gott! Maling. Du siehst, daß es manchmal gut ist, wenn man die Kiltscher behandelt. Blanche. Was sollen wir thun? Maling. Ohne Zagen in's Fleisch schneiden. Friedrich ist wohl sehr liebenswürdig, er hat sehr hübsche Manieren — Blanche. Ja, er ist wirklich sehr einnehmend. Maling. Und es ist sehr hübsch von ihm, daß er siebenmal die Woche auf unserm Clavier trommelt, aber die Lieder ohne Worte müssen aufhören, er muß sich «klären, es ist die höchste Zeit. Blanche. Warum die höchste Zeit? Maling. Emmeline ist traurig, sic hat kcinen Appetit- Blanche. Lassen wir einen Arzt holen. Maling. Einen Arzt — wer bin denn ich? Blanche. Ach ja—ich vergaß. (Für sich.) Gott verzeihe es mir — aber ich habe kein Vertrauen zu meinem Hausarzt. Maling. Als Friedrich gestern mit Emmeline das Duett sang, habe ich Blicke bemerkt — sehr lyrischer Natur. Blanche. Ich muß gestehen, daß er mir als Schwiegersohn gar nicht unangenehm wäre — Maling. Mir auch nicht. Er gefällt mir, ist von guter Familie — Blanche. Aber warum erklärt er sich nicht? Maling. Das ist seine Stunde — er wird gleich mit seinem Notenheft erscheinen. (Er sieht Friedrich eintreten.) Da ist er schon. Dritte Scene. Vorige. Friedrich. Fried, (tritt mit Musikalien unter dem Arm rin und grüßt). Wie befinden Sie sich, Madame? Blanche. Ganz wohl. (Leise zu Malingear). Sprich mit ihm. Maling. (ebenso). Warte nur, bis ich eine passende Gelegenheit finde. Fried. Wo ist das Fräulein? Sie ist doch nicht unwohl? Maling. Nein, aber — Fried, (bezeichnet die Musikalien). Ich bringe ihr eine neue Romanze, auch der Titel ist sehr hübsch: »Der erste Seufzer.* Blanche (hustet bedeutsam). Maling. (leise zu ihr). Ja, ja. (Laut.) Herr Friedrich, Sie sind ein guter junger Mann und werden es nicht übelnehmen, wenn ich und meine Frau Sie um eine kurze Unterredung bitten. Fried. Mich? (Auf ein Zeichen Malingear'S setzen sich Alle.) Maling. Herr Friedrich, Sie haben zu viel Geist, um nicht zu begreifen, daß Ihre häufigen Besuche in unserem Hause — 4 Vierte Scene. Vorige. Emmeline (aus der Thür). Emm. Guten Morgen! Fried, (steht aus). Blanche (zu Friedrich). Sie sagen, daß diese Romanze sehr hübsch ist; wer hat sie componirt? Fried. Ein Schwede. Emm. Wie heißt sie? Fried. Der erste Seufzer. Maling. (schnell). Einer Mutter — Blanche (ebenso). Für ihr Kind. Emm. Ist das ein langer Titel! Blanche. Emmeline, ich habe meine Wolle im Schlafzimmer vergessen, willst Du sie mir holen? Emm. Gewiß, Mutter. (Ab.) Fried, (setzt sich nieder). Maling. Ich sagte, Sie werden es begreiflich finden, daß Ihre häufigen Besuche — in meinem Hause — wo sich ein junges Mädchen befindet — den Leuten Stoff zum Reden geben. Heute Morgens hat mir einer meiner Patienten — Blanche (schnell). Ein reicher Banquier. Fried. Herr Doctor, ich glaube, mein Benehmen war immer — Maling. Vollkommen zufriedenstellend, ich kann nichts Anderes sagen. Aber Sie wissen, die Welt ist immer geneigt — Emm. (kömmt wieder). Mutter, da hast Du Deine Wolle. Maling. (ändert den Ton). Das Sujet ist wirklich hübsch für eine Romanze. Die Mutter sitzt an der Wiege ihres Kindes — und seufzt. Blanche. Wunderhübsch! Emmeline, ich habe meine Nadel zerbrochen, willst Du mir eine andere holen? Emm. Gleich, Mutter. (Für sich.) Jetzt schickt sie mich schon zweimal fort — das hat was zu bedeuten. (Ab.) Maling. Ich sagte — die Welt ist im- pier geneigt, die unschuldigsten Handlungen in ein zweifelhaftes Licht zu stellen. Deshalb ist es Pflicht eines Vaters, allem Gerede durch eine offene, freimüthige Erklärung ein Ende zu machen. Blanche (leise). Sehr gut. Maling. Herr Friedrich, ich hoffe, Sie werden uns frei und offen autworten. Fried, (steht aus). Vor Allem erlauben Sie mir. Ihnen dafür zu danken, daß Sie eine Frage zur Sprache bringen, welche selbst zu stellen—ich nicht den Muth hatte. Ja, ich gestehe es jetzt ohne Scheu, ich liebe Ihr Fräulein Tochter und cs wäre die süßeste Erfüllung aller meiner Wünsche, sie mein zu nennen. Blanche (für sich). Das habe ich gehofft. (Sir strhrn Alle aus.) Meling. Das ist klar und ehrlich gesprochen. Sie erlauben mir wohl noch einige Fragen— Fried. Ucber meine Familie, über meine Stellung? Sehr gerne. Ich bin Advocat. Maling. Advocat! Entschuldigen Sie mein Erstaunen, aber ich kenne Sie seit zwei Monaten, und während der ganzen Zeit haben Sie sich weniger mit Erpence als mit Clavier-Noten beschäftigt. Fried. Ich bin Advocat—die ersteren werden schon mit der Zeit kommen. Maling. Haben Sie viel Patienten? Fried. Ich bin Anfänger — ich habe noch wenig Elienten. Maling. Das kenne ich — deshalb zürne ich Ihnen nicht. Fried. Uebrigens bin ich unabhängig. Mein Vater war Geschäftsmann und hat sich mit einem ansehnlichen Vermögen zw rückgezogen. Ich bin sein einziger Sohn. - Blanche (sür sich). Das ist gut. l Fried. Ich habe meinen Eltern meine I Gefühle für Emmeline nicht verschwiegen, I und hoffe, daß sie in Kurzem den Schritt t thun werden, der allem Gerede ein Ende machen wird. Blanche (leist zu Malingear). Er dnttkt sich so beredt aus. 5 Maling. (ebenso). Er istAdvvcat. (Laut.) Herr Friedrich, wir wissen die Ehre zu schätzen, welche uns der Antrag Ihrer Eltern zu Theil werden läßt — Fried. Herr Doctor — Maling. Aber bis dahin bitten wir uns den Gefallen zu erweisen, Ihre Besuche gütigst einstellen zu wollen. Fried. Wie? Blanche. Nur wegen der Welt, — nur wegen der Welt. Maling. In einigen Tagen werden Sie wohl wiederkommen — officiell. Bis dahin nehmen Sie Ihre Musikalicn mit. (Er nimmt sie vom Llavier und reicht sie ihm ) Fried. Wenn Sie cs durchaus so haben wollen — aber was soll ich anfangen? Maling. Gehen Sie in's Eriminal, in den Gerichtssaal, das wird Sie zerstreuen. Fried. In den Gerichtssaal? Gott bewahre! Ich werde mir die photographischen Auslagen ansehen. Maling. (für sich). Der Mensch will Advocat sem! Er hat nur Sinn für die Künste. Fried, (grüßt und sagt im Abgehen). Ich bitte Fräulein Emmeline zu sagen, daß ich sie liebe, daß ich sie anbete — so lange noch Athem in mir ist. Maling. Schon gut, nicht so laut, das hüt Zeit. (Er begleitet ihn hinaus.) Fünfte Scene. Blanche. Emmeline. Später Mal in- gear. Dann Alerandrine. Blanche. Der junge Mann ist so gut. Emm. (eintretend). Ja, sehr gut, und ich werde überaus glücklich mit ihm sein. Blanche (erstaunt). Wie? Was sagst Du da? Woher weißt Du? Emm. (verwirrt). Ich habe einige Worte vernommen — ohne zu wollen, als ich Deine Nadel suchte, die gerade vor der Dhüre lag. Blanche (imitirt sie). »Als ich Deine Nadel suchte!« — Das ist recht häßlich, wenn man horcht. Emm. O zürne nicht, Mutter! — Ich will Dir ein Geheimniß anvertrauen. Blanche. Ein Geheimniß? Emm. Während Du gestern zum Fenster gingst, hat mir Herr Friedrich anvertraut, daß seine Mutter heute kommen wird. Blanche. Heute? Emm. Unter dem Vorwände, die Wohnung im dritten Stocke miethen zu wollen. Sie will uns sehen, ehe man um mich anhält. Blanche. Das ist ein Glück, daß der Salon neu möblirt ist. Emm. Und Herr Ratinois wird zum Vater kommen. Blanche. Er ist doch nicht krank? Emm. Ach nein, es ist auch nur ein Vorwand, um seine Bekanntschaft zu machen. Aber sage es Niemand, es ist ein Geheimniß. Blanche. Sei ganz ruhig. — Maling. (kömmt wieder). 'S ist ein reizender Junge, so herzlich! Blanche (leise zu ihrem Mann). Malingcar! Maling. Was? Blanche (leise). Ich will Dir ein Gc- heimniß anvertrauen, sage es aber Niemand. Frau Ratinois will heute Morgens kommen, unter dem Vorwände, als ob sie die Wohnung miethen wolle. Maling. Sieh' doch! Blanche. Und ihr Mann auch, um Dich zu consultiren. Maling. Das ist ja wie ein Eramen! Blanche. Sie wollen uns kennen lernen, ehe sie weitergchen. Das ist doch natürlich ! Aler. (tritt ein). Madame, es ist eine Frau da wegen der Wohnung im dritten Stock. Maling. t Blanche. ! Sie ist's! Emm. s 6 Blanche (zu Alexandrine). Bringe mir schnell meine Spitzenhaube. Alex. Sogleich, Madame. (Ab.) Blanche (zu Emmeline). Nimm die Schürze ab. Mein Gott, wie schlecht bist Du frisirt! Ich will Dir das Haar ordnen. (Emmeline kniet vor ihr, sie ordnet das Haar.) Maling. (erstaunt, für sich). Was hat sie denn auf einmal? Alex, (eilt herein). Da ist die Haube. Blanche (welche sitzt). Setze mir sie auf, Du siehst, daß ich beschäftigt bin. (Alexandrine setzt ihr die Haube auf. Sie fährt fort Emmeline das Haar zu richten. Zu Alexandrine ) Mehr nach rückwärts. Malingear, eine Haarnadel! Emm. Vater, ich bitte um eine Stecknadel! (Sie beschäftigt sich mit ihrer Ehemisette.) Blanche. Beeile Dich doch! Maling. (reicht ihnen Beides). Da! (Für sich.) Was haben sie denn? Blanche. So — jetzt lass' die Dame eintreten. (Alexandrine ab. Leise zu Malingear.) Duze mich nicht. Maling. Warum? Blanche. Es ist so gemein, so bürgerlich. (Zu Emmeline.) Setze Dich zum Cla- vier, halte Dich aber gerade und singe Deine Solfeggien. Emm. (am Piano). Solfeggien? Blanche. Ja, ja. (Emmeline singt, Blanche nimmt eine Stickerei.) Sechste Scene. Vorige. Madame Ratinois. Später Alexandrine. Blanche (zu Emmeline). Genug, mein Kind, wir bekommen Besuche. (Sie steht auf.) Sonst. Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, ich fürchte zu stören. Habe ich die Ehre,mit dem Herrn Doctor Malingear zu sprechen? Maling. Ich stehe zu Diensten, Madame. Const. Ich komme wegen der Wohnung im dritten Stock. Blanche. Ich bitte Platz zu nehmen. (Die Damen setzen sich.) Sonst. Sie sind zu gütig, Madame. Ich habe das Fräulein unterbrochen. Emm. O, Madame! Const. (zu Blanche). Es ist wohl Ihr Fräulein Tochter? Blanche. Ja, Madame. Const. (für sich). Friedrich hat Recht, sie ist sehr hübsch. (Laut.) Das Fräulein ist musikalisch? Blanche. Eine Schülerin von Duprez. Maling. (für sich erstaunt). WaS? Const. Ah! Duprez lst ihr Gcsang- lebrer? Maling. (sich vergessend, zu Emmeline) Was singst Du uns da vor? Blanche (schnell). Eine Arie aus der »Jüdin«. (Sie macht Malingear ein Zeichen.) Mein Mann frägt, was unsere Tochter singt — eine Arie aus der »Jüdin«. Const. (für sich. Die Leute scheinen auf großem Fuße zu leben; hier ist's eleganter wie bei uns. Blanche. Es ist mein Princip, immer die ersten Lehrer zu nehmen. Als Emmeline anfing zu malen — Const. (zu Malingear). Ei — das Fräulein malt auch? Maling. (verwirrt) Es scheint— meine Frau wird Ihnen die Details- Blanche (bezeichnet ein Gemälde, welches an der Mauer hängt). Wie finden Sie die kleine Landschaft? Const. (steht aus). Ein Oelgemälde! Blanche (auch ausstehend). Sie hat das st zum Zeitvertreib gemacht. Maling. (für sich). Ah, das ist zu stark! Emm. (für sich). Was nur der Mutter einfällt! Const. (das Gemälde betrachtend). Das ist so wahr, so frisch, man sollte glauben, ein Künstler hätte es gemacht. 7 Maling. (für sich). Man kann es auch glauben, es ist ein Lambinet und kostet mich zweitausend Francs! Sonst, (für sich). Sie haben wirklich Alles für die Erziehung des Mädchens gcthan. (Laut ) Und die Wohnung, ist ste noch frei? (Sie setzen sich wieder.) Blanche. Sie wird es zur nächsten Ziehzcit, aber mein Mann will sie frisch Herrichten lassen. (Zu Malingear.) Nicht wahr, das ist Ihre Absicht? Maling. Du weißt wohl— (sich verbessernd) Sie wissen wohl, daß ich heute eine Zusammenkunft mit dem Tapezierer habe. Blanche. Ich empfehle Ihnen den kleinen Salon, der ist am meisten vernachlässigt. Maling. Sie sollen die Tapeten selbst wählen. Emm. (für sich). Sie? Sind denn Vater und Mutter böse? Sonst. Und was beträgt der Zins? Maling. Viertausend Francs. Aler. (tritt sehr erstaunt ein). Herr Doctor, es ist ein Patient da! Maling. t Blanche ! (für sich). Er ist's! Emm. I Blanche. (Man steht auf.) Ein Patlent — als ob das etwas so Merkwürdiges wäre! Aler. 'S ist doch zum ersten Male! Blanche (schnell). Daß der Herr hieher- kömmt? Schon gut, Du weißt, daß die Patienten meines Mannes alle der Reihe nach eintreten, man kann ihn nicht früher empfangen als die Leute, die schon lange warten. (Sie geht zum Schreibtisch und schreibt auf ein Papier.) Gib dem Herrn diese Num- nier, Nr. 16. (Alexander ab.) Maling. (für sich). Meine Frau versteht es! Sonst, (für sich). Nr. 16! welche Praxis! Blanche. Mein Mann hat auch nicht einen Augenblick Zeit; des Morgens muß er auf die Klinik und kömmt erst Mittags nach Hause, das Gabelfrühstück nimmt er stehend, denn da beginnen die Ordinationsstunden und sie dauern bis drei Uhr. Maling. Aber meine Theure! Blanche. Ich sage Ihnen, Doctor,Sie richten sich zu Grunde. — Dann besucht er seine Patienten an allen Enden von Paris, und des Abends kömmt er nach Hause müde und zerschlagen. Glauben Sie, daß er sich da Ruhe gönnt? Keine Idee! Dann schreibt er erst an seinem großen Werke, welches bei einer feierlichen Sitzung in der Akademie vorgelesen werden soll. Man wartet schon darauf. Maling. (able'mnd). Aber! — Blanche (schnell). Sie sollen nur warten, Sie sind doch nicht für die Herren allein auf der Welt! (Vertraulich zu Constanze.) Es ist eine Abhandlung über die ägvptische Augenkrankheit, die vom Sand herrührt. Sonst. Ein süperber Gegenstand! Maling. (für sich) Meine Frau hätte einen Zahnarzt heiraten sollen. Sonst. Welche Existenz! (Zu Malingear.) Warum gönnen Sie sich denn niemals eine Zerstreuung? Maling. O, meine Frau übertreibt — Blanche (unterbricht ihn). Zweimal die Woche im Winter geben wir unfern Freunden eine Tasse Thee. Maling. (für sich). Jetzt gibt sie gar Soireen! Blanche. Dienstag und Samstag — man macht Musik, wir sehen die ersten Künstler von Paris bei uns, mein Mann ist so freundlich, sie von ihren kleinen Leiden zu befreien, ohne auf ihre Dankbarkeit zu rechnen. Eon st. Wie, umsonst? Blanche. O— Künstler! Aber die Herren machen sich ein Vergnügen daraus, ja sie betrachten es als eine Pflicht, meinen Salon zu besuchen. Sie sind sehr liebenswürdig, sehr zuvorkommend. Maling. (für sich). Trara! trara! Sonst, (für sich). Die Leute machen wirklich ein hübsches Haus! 8 Blanche. Madame ich hoffe, daß, wenn Sie in unserem Hause wohnen, Sie uns auch die Ehre erweisen werden, unsere kleinen Soireen zu besuchen. Maling. (für sich). Sie ladet sie ein! Sonst. Sie sind wirklich zu gütig. (Für sich.) Sie leben ganz im großen Styl. (Sie steht auf.) Blanche. Sie gehen schon, Madame? Eon st. Ja, aber mit der Hoffnung, bald wiederzukommen. Glauben Sie mir, ich werde mich sehr glücklich fühlen, mit einer so ausgezeichneten und achtungswerthen Familie engere-innigere-Bande zu schließen. Blanche (verneigt sich). Madame — (Sie ruft.) Baptiste! Baptiste! Maling.(für sich). Baptiste? Wo nimmt sie einen Baptiste her? Blanche (zu Malingear). Haben Sie den Kammerdiener wohin geschickt? Maling.(verblüfft). Den Kammerdiener? Ich? Nein. (Für sich.) Wir haben nie männliche Dienerschaft gehabt. Blanche. Die Leute sind doch nie da, wenn man sie braucht. (Sie ruft.) Aleran- drine, Alerandrine! (Zu Constanze.) Ich bitte tausendmal um Entschuldigung, Madame. (Alexandrinr erscheint.) Oeffne die Thüren! Const. (für fich). Welcher Styl! Wenn ihnen mein Friedrich nur nicht zu gering ist. (Laut.) Mein Herr — meine Dame — (Sie begrüßen fich ceremoniell. Constanze und Ale- xandrine ab.) Siebente Scene. Vorige ohne Constanze. Später Alerandrine. Maling. Endlich ist sie fort! Emm. Mutter, willst Du mir erklären? Blanche. Jetzt kannst Du Deine Schürze wieder vornehmen und das Dessert Herrichten. Geh', mein Kind. Emm. Ja, Mutter. (Für fich im Abgehen.) Habe ich jemals in Oel gemalt? (Ab.) Maling. Jetzt sind wir allein. Ich habe kein Dessert herzurichten und ich hoffe, Du wirft mir erklären — Blanche. Was denn? Maling. Was? Deine Uebertreibun- gen! Warum hast Du dieser Dame gesagt, daß Duprez unsere Tochter unterrichtet? Wir kennen ihn nicht einmal. Blanche. Hätte ich sagen sollen, daß sie eine Schülerin des Herrn Glumeau ist? Des weltberühmten Herrn Glumeau, den Niemand kennt? Maling. Muß man denn überhaupt ihren Lehrer nennen? Was sollte das mit dem Bilde, das Du ihr unterschobst? Blanche. Nun? Maling. Es ist ein Lambinet. Blanche. Es steht kein Name darauf. Maling. Ah, ein schöner Grund! Und wenn unsere Tochter, die nie einen Pinsel in der Hand gehabt hat, ein paar Monate verheiratet ist, und man zu ihr sagen wird: »Male uns diese hübsche Landschaft mit den Kühen« — was wird sie antworten? Blanche. Das ist ganz einfach. Es ist eine allgemeine Regel, daß die jungen Mädchen, sobald sie heiraten, die schönen Künste vernachlässigen. Emmeline wird sagen, daß ihre Nerven die Farben nicht mehr vertragen, und daß sie die Malerei aufgibt. Das ist genügend. Maling. Das ist genügend! Und ich, und mein großes Werk über die ägyptische Augenkrankheit? Blanche. Ist unter der Presse! Und sobald eine Buchdruckerei abbrennt, wird es heißen, das Manuskript ist mit verbrannt. Maling. Und die Menge Patienten, mit denen Du mich bedacht hat? Blanche. Ja, ich habe Unrecht, und sobald die Dame wiederkommt, werde ich ihr alle Dinge in ihrer nackten Wahrheit erzählen. Ich werde sagen: »Madame, hier stelle ich Ihnen den Doctor Malingear vor, einen unfruchtbaren Zweig der Facultät, er behandelt nur Kutscher — und die gratis. Hier Fräulein Malingear, sie kann lesen, I schreiben und rechnen; Frau Malingear, die ihre Kleider selbst macht und mit ehelicher Zärtlichkeit die ihres Mannes flickt. Maling. Es ist ebenso unnütz in diese Details cinzngehen, als solche Lügen zu erfinden. Soll ich Dir sagen, warum Du cs thust? Aus Stolz, aus Eitelkeit! Du willst den Leuten Sand in die Augen streuen! Blanche. Das ist wahr, ich gebe es zu. Maling. Ah! Blanche. Ich thue aber nichts, als dem Beispiele meiner Mitmenschen folgen. Jeder streut dem Andern Sand in die Augen. Warum macht man Toilette? Weshalb hat man Diamanten, Wagen, Livreen? Für die Augen der Andern! Maling. Geh' doch! Blanche. Und Du selbst — vielleicht ohne es zu wissen — folgst der allgemeinen Regel. Maling. Ich? Blanche. Erinnerst Du Dich an die kleine goldene Kette, die Du an Deiner Uhr trugst? Maling. Ja; nun? Blanche. Sie war so klein, so klein, daß Du Dich ihrer schämtest, Du verbargst sie in Deinem Gilet. Maling. Um sie nicht zu verlieren. Blanche. O nein, um sie nicht zu zeigen. Jetzt hast Du eine andere, ungeheuer große— diese da— Du spielst mit ihr, Du breitest sie aus, Du bist stolz darauf. Maling. Welche Thorheit! Blanche. Aber Du hütest Dich wohl, zu sagen, daß sie falsch ist. Maling. (schnell). Schweige doch! Blanche. Das ist auch: Sand in die Augen. Du bist nicht besser als die Andern. Unsere Tochter ist eine kleine goldene Kette, -- sehr einfach, sehr bescheiden, ganz Wahrheit, daher bemerkt sie auch Niemand, denn rs gibt wenig Kenner. Zieren wir sie mit etwas, was blinkt und in die Augen fällt, und man wird sie allgemein bewundern wie Deine falsche Kette. Maling. (für sich). Sie hat nicht Unrecht in dem, was sie sagt. Alex, (tritt ein). Herr Doctor — Maling. Was gibt's? Al er. Der Herr — das Nr. 16 wird ungeduldig. Maling. Ah, es ist wahr, wir haben ihn ganz vergessen, den armen Mann. Laß' ihn eintteten. Blanche (schnell). Nein, noch nicht. Er hat die Nummer 16. (Zu Alexandrine) sage, der Herr empfängt erst Nummer 14. (Ale- xandrine ab.) Gib mir Deine Börse. Maling. Meine Börse? Weshalb? (Er gibt sie ihr.) Blanche. Zehn Louis auf die Platte, drei auf den Schreibtisch, zwei auf das Elavier. (Sie legt die Goldstücke an Ort und Stelle.) Maling. (erstaunt). Was thust Du denn da? Blanche. Sieht man das nicht so bei allen Aerzten von Ruf? Maling. Es ist wahr! Das ist ihr Sand. Blanche. Setze Dich zu Deinem Schreibtisch, nimm eine wichtige Miene an. Sei etwas schroff, sprich wenig — Du hast Eile. Ich lasse Dich allein, rufe Nummer 16 (sie kömmt wieder), vergiß aber nicht, daß er gesund ist — täusche dich nicht. Maling. (am Schreibtisch). Sei ganz ruhig! (Blanche rechts ab.) Achte Scene. Malingear, Ratinois, später ein Jäger in Livree. Maling. (allein). Meine Frau ist wirklichmerkwürdig! (Er ruft.) Man lasse Nummer 16 eintreten! Al er. (öffnet die Thür links und ruft). Nummer 16! 10 Ratin. (tritt ein und sagt für sich). War das eine Sitzung! Drei Viertelstunden anti- chambriren. Maling. (ohne ihn anzusehen, schreibend). Setzen Sie sich. Ratin. Ich danke. (Setzt sich. Für sich). Die Leute sind hübsch möblirt. Maling. (schreibt fort und sieht ihn nicht an). Setzen Sie sich. Ratin. 3ch danke, ich sitze schon. (Für sich.) Mir ist so wohl—von was für einer Krankheit soll ich ihm vorschwatzen? Maling. (legt die Feder nieder und kehrt sich gegen ihn). Was fehlt Ihnen? Ratin. Mein Herr, seit ungefähr acht Dagen — (Man klopft mehrere Male an die Thür links.) Maling. (ruft). Schon gut— warten Sie nur! (Für sich.) Meine Frau klopft, um glauben zu machen, daß Leute da sind. Ratin. (für sich). Nummer 17 wird un geduldig. Maling. Sprechen Sie! Ralin. Vor acht Tagen — wenn ich acht Tage sage, meine ich neun — bin ich auf der Eisenbahn nach Saint-Germain zurückgefahren, als ich nach Hause kam, sagte meine Frau: Wie Du roth bist! Bist Du krank? Ich antwortete ihr: Ich bin eben nicht krank, aber ich fühle mich so — so! Dann habe ich ein Fußbad genommen und so ist's gekommen. Maling. (steht auf, für sich). Der Mann sieht ehrlich aus. (Laut.) Was fühlen Sie? Ratin. (verwirrt). Mein Gott, verschiedene kleine Schmerzen — bald hie — bald da — Maling. Haben Sie Kopfschmerz? Ratin. Nein. Maling. Der Magen? Ratin. Ist gesund. Maling. Wie ist der Puls? (Er nimmt ihn bei der Hand.) Ratin. (für sich). 3st das eine schöne Kette — ich habe noch niemals eine so dicke gesehen. Maling. (für sich, erfreut). Er betrachtet meine Kette! Rat in. (für sich). Man sieht gleich, daß das kein kleiner Arzt ist, der den Patienten nachläuft. Maling. (nimmt ein Stethoskop und klopft Ratinois' Brustab, dann legt er leise sein Ohr an Ratinois' Rücken). Athmen Sie! Stark — noch stärker! Rat in. (steht auf und sagt für sich). Ich bin neugierig, welche Krankheit er in mir entdecken wird. Maling. 'S ist genug, die Sache ist mir schon klar. Ratin. Ah! (Kür sich.) Er wird mich mit Blutegeln bedeckend Maling. Mein Herr, Ihnen fehlt durchaus nichts. Ratin. Wre? Rob. Ah, wenn dem so ist, will ich es nicht mehr sagen. (Er sieht auf die Uhr.) Halb ! drei? Leb' wohl, ich komme später wieder. ! Ratin. (erstaunt). Ah! i Rob. Heute ist ja der Namenstag Deiner Frau, der 22. April. ^ Ratin. In der That und ich hatte es vergessen! 1 Rob. Auf dem Rückwege will ich über > den Blumenmarkt gehen und ihr einen l Orangenbaum kaufen. Ratin. Za wohl, Sie überraschen sie ! ja jedes Jahr mit dieser Kleinigkeit! T^Uer-Rep«Noirt Nr. 1S1. Ratin. Seien Sie ruhig, mit Ihnen werden wir doch keine Umstände machen. Also um sechs Uhr. R o b.Einverstandcn.UnterAnderem! Sag' doch, was geschieht mit Friedrich, werdet 3hr den Jungen nicht verheiraten? Ratin. Vielleicht ist etwas im Zuge. Rob. Etwas Gutes? Rat in. Eine unverhoffte Partie. Rob. Ein Holzhändler? Ratin. Nicht so ganz — aber zum Unglücke stockt die Geschichte etwas — es zieht sich in die Länge. Rob. So? Das Feuer will nicht brennen? Man muß Holz nachlegen. Willst Du, daß ich mit ihnen rede? Ratin. (erschreckt). Nein, lch danke! (Kür sich.) Wenn er mit der Herzogin zusammenträfe! Rob. Du kennst meine Absichten — ich habe keine Kinder — ich bin reich — am Hochzeitstage werde ich Friedrich ein Geschenk machen — ein schönes Geschenk! Ratin. Guter Onkel Robert! Rob. Leb'wohl, aufWiedersehen! Plaudere nicht wegen der Ueberraschung — ich meine den Orangenbaum. Ratin. Seien Sie ohne Sorgen. (Ro« bert ab.) Dritte Scene. Ratinois, dann Josephine, später Constanze. Ratin. (allein). Ein prächtiger Mensch! Er betet Friedrich an und — ist im Stande ihm — zwölf silberne Eßbestecke zu geben. Der arme Junge! Ich fürchte, aus der Heirat wird nichts — er hat seine Augen zu hoch erhoben — Es ist Sckade. r 18 Jos. (tritt ein). Ein Herr und eine Dame wünschen Sie zu sprechen. Ratin. Ihr Name? Jos. Herr und Frau Malingcar. Ratin. (fährt zusammen). Wie?Ach, Sapperlot! Ach, Sapperment! Wo ist meine Frau? (Zu Josephine.) Warte, lass' sie noch nicht herein, (tzr ruft.) Constanze! Constanze! Const. (kommt schnell heraus). Mein Gott, was ist denn geschehen? Ratin. Sie stnd's! Const. Wer? Ratin. Der Vater und die Mutter! Was fangen wir an? Const. Man muß Sie empfangen, sie kommen mit der Antwort. Ratin. Sie selbst? Glaubst Du? Const. Gewiß. (ZuJosephine.) Laß' Sie eintreten. Ach, mein Gott, und die Möbelkappen! Ratin. Ja, die Möbelkappen! Nehmen wir sie weg. (Zu Josephine.) Warte — laß sie noch nicht herein — hilf uns — (Alle Drei eilen aus der Bühne hin und her und nehmen die Kappen weg.) Welches Ereigniß! Welcher Tag! Const. Fasse Dich, Muth! Und vor Allem dutze mich nicht. Ratin. Warum? Const. Wir müssen es machen wie sie. (Zu Josephiue, welche die Möbelkappen durch die Seitenthür geworfen hat.) Jetzt laß sie eintreten. (Josephine ab ) Ratin. (zu seiner Frau). Setz' Dich an's Clavier, sing' Solfeggien! (Er bemerkt, daß im Hintergründe noch eine Möbelkappe aus dem Stuhl geblieben ist.) Eine ist vergessen worden. (Er läuft hin, die Thür wird geöffnet.) Vierte Scene. Vorige. Herr und Frau Malingear. Const. (geht Blanche entgegen). Ach, wie glücklich bin ich, Sie bei mir zu sehen! Maling. Wir machen uns wirklich Vorwürfe, wir schulden Ihnen einen Besuch— Blanche. Aber der Doctor ist so beschäftigt, so in Anspruch genommen — Const. Bitte, setzen Sie sich doch — (Sie setzen sich ) Maling. Werden wir nicht das Vergnügen habeu, Herrn Ratinois zu sehen? Rat in. (welcher im Hintergründe geblieben war, um die Möbelkappe abzunehmrn und zu verstecken, wird gerade damit fertig, sie in einen Holzkorb zu schieben). Da bin ich! (Malingear steht auf.) Ich war in meinem Arbeitszimmer. (Begrüßung.) Dürfte ich so frei sein, mich um Ihre schätzbare Gesundheit zu erkundigen, Madame? Blanche. Sie ist vortrefflich — bis aus die Migräne. Const. Gerade wie bei mir. Ich verliere den Kopf vor Migräne. Ratin. Ich auch — ich verliere auch den Kopf — vor Migräne. (Er setzt sich, ebenso Malingear.) Blanche. Wird man Sie morge/r in der italienischen Oper sehen? .Const. O gewiß — ganz gewiß. Rat in. Was wird gegeben? Maling. »Rigoletto.« Ratin. Um so besser — um so besser! Blanche. Man wird nie müde, diese Musik zu hören. Alle. Ja, das ist wahr. Blanche. Besonders aber das Finale. Alle. O, das ist reizend! Blanche. Und das Andante — Ratin. Das ist strahlend — strahlend — strahlend! Maling. (für sich). Der Schwiegervater ist ein Fanatiker, ich bin wie meine Frau, ich verstehe nichts von Musik. (Kleine Pause,) Blanche (zu ihrem Mann). Ich fürchte, wir rauben Herrn und Frau von Ratinois ihre kostbare Zeit. Const. O, was fällt Ihnen ein? Ratin. Ich habe nichts zu thun, ick habe mich vom Geschäft zurückgezogen. Maling. Ah, Sie waren Geschäfts mann? 19 Ratin. Ja. Blanche. Welcher Gattung? Ratin. (verwirrt). 3ch — ich war — Const. (schnell). Mein Mann war Besitzer einer Zuckerraffinerie. Maling. Ah, ein großer Industrieller! Ratin. (für sich). Zuckerbäcker—Zuckerraffineur — Zucker ist Zucker! Blanche (sür sich). Die Zuckerraffineure find Millionäre. (Kleine, wieder empfindbare Pause.) Doctor, Sie vergessen, daß wir eine Antwort zu geben haben. Maling. (steht aus). So ist's. (Er nimmt eine wichtige Stellung an.) Madame und Sie, mein Herr, hatten die Güte, vor vierzehn Tagen eine Frage an uns zu stellen, welche uns eben so sehr freut als ehrt. Ratin. und Const. (verbeugen sich). Doctor — Madame — Maling. Die Erkundigungen, die wir einzuziehen das Vergnügen hatten, sowohl über Ihren Herrn Sohn, wie über die Familie, welcher er die Ehre hat anzugehören, — die Erkundigungen, welche keinen inquisitorischen Charakter haben konnten, noch dursten — davon werden Sie wohl über- I zeugt sein — diese Erkundigungen brachten ! uns auf den Gedanken, daß wir Ursache haben, den schmeichelhaften Antrag, mit dem Sie uns beehrten, ernstlich in Erwä- öUNg zu ziehen! (Er setzt sich wieder.) Ratin. (steht auf und sagt sehr bewegt). Herr Doctor, ich glaube der treue Dolmetsch der Gefühle meiner Frau zu sein — und meiner eigenen — und jener meines Sohnes Friedrich, welcher Advocat ist — wenn ich Ihnen sage — und zwar mit einer Rüh- ! Ulng, die Sie verstehen werden — denn ! auch Sie sind Vater — und Sie find Mutter, Madame — wenn ich Ihnen sage ^ Herr Doctor — empfangen Sie heute ! dm Segen und die herzliche Dankbarkeit Einer Familie — welche — die — einer Familie — welche — (mit Begeisterung) — ^ kurz, wollen Sie heute nicht mit uns speisen? Blanche (erstaunt). Wie? Maling. Heute? Const. O, das wäre reizend. (Für sich.) Ums Himmels willen, was fange ich denn an? Blanche. Ein anderes Mal—später. Ratin. Eine solche Ehre wäre als ein Glück zu betrachten. Const. Wir wären ganz unter uns. Ratin. Nun, Doctor? Const. Nun, Madame? Maling. Wir können nicht nein sagen, aber unter einer Bedingung. Ratin. Welche? Maling. Daß Sie gar keine Umstände machen. Rat in. Einverstanden. Const. Unfern gewöhnlichen Tisch — nichts als unfern gewöhnlichen Tisch. (Sie klingelt.) Sie erlauben? (Leise zu Zosephine, welche eintritt ) Hole mir schnell den Geschäftsführer des Herrn Chevet im Palais Royal. 3os. (erstaunt). Wie? Const. (leise). Schnell, schnell. (Joseph, ab.) Blanche (zu Constanze). Es versteht sich, daß wir keine Toilette machen. Const. Nein, wir bleiben, wie wir sind. Maling. Und jetzt bitte ich Sie noch um eine kurze Unterredung, mein lieber Ratinois. Ratin. 3ch stehe ganz zu Diensten. (Für sich.) Er hat mich Ratinois genannt, am Ende duzen wir uns noch einmal. Maling. Wir haben noch von unseren kleinen Geschäften zu sprechen. Ratin. (für sich). Ah, die Mitgift! (Laut.) 3ch hoffe, wir werden auf keine Schwierigkeiten stoßen. Wollen Sie in mein Cabinet eintreten? Maling. Nach 3hnen, Ratinois. Ratin. Wie sollte ich — (Er läßt ihn vorausgehm, — sür sich.) Er hat mich wieder kurzweg Ratinois genannt. 3ch hätte noch nicht den Muth, ihn Malingear zu nennen. (Er folgt ihm.) r* 20 Fünfte Scene. Constanze. Blanche. Sonst. O wie glücklich wird Friedrich sein! Blanche. Im Vertrauen, ich glaube, er ist meiner Tochter nicht gleichgiltig. Conft. Das theure Kind! Ich werde sie auch lieben wie eine Mutter. Blanche. Wollen wir nicht ein wenig von der Einrichtung unserer Kinder sprechen? Sonst. O, sehr gerne. Blanche. Morgen gleich wollen wir uns daran machen, ihnen eine Wohnung zu suchen. Sonst. Im Entrcsol! Blanche. Die Entresols sind zu nieder, lieber im zweiten Stock. Sonst. Der zweite Stock ist zu hoch — Blanche. Also im ersten Stock, das wird aber sünf- bis sechstausend Francs kosten. (Sie setzen sich.) Sonst. Setzen wir also sechstausend Francs an. Blanche (nimmt eine Karte aus ihrer Brieftasche). Warten Sie, ich schreibe Alles aus diese Karte. (Sie schreibt ) »Wohnung sechstausend Francs.« Sonst. Für Toilette — denn das ist wichtig — Blanche. Für eine Frau, die in einer gewissen Sphäre lebt, ist es sehr schwer mit weniger als vier- bis fünftausend Francs auszukommen. So viel gebe i ch aus. Sonst. Ich auch — Setzen wir also sechstausend Francs. Blanche (schreibend). »Toilette sechstausend Francs.« (Für sich.) Das laß' ich gelten, sie ist nicht karg. Sonst, (für sich). Ich habe im vorigen Jahre nur neunhundert Francs gebraucht, und da hat mich Ratinois ausgezankt. Blanche. Für den Wagen — glauben Sie, daß sie sich einen Wagen halten können? Sonst. Ich hoffe wohl. (Für sich.) Das wird von der Mitgift abhängen. Blanche. Es ist hier für eine junge Frau außerordentlich unangenehm, bei schmutzigem Wetter zu Fuß zu gehen — besonders mit den Kleidern, wie man sie jetzt trägt. Sonst. Ganz und gar unmöglich. Es gibt wohl Miethwagen — Blanche. Fiaker? O sprechen Sie mir nichts von diesen häßlichen Kasten! Sonst, (lebhaft). Ich spreche nicht davon. Blanche. So schwarz, so eng! Sonst. Und so schmutzig. Um Alles in der Welt brächte man mich nicht da hinein. (Für sich.) Ich gehe immer zu Fuß. Blanche. Ich denke ein kleines Coupe. Sonst. Mit zwei kleinen Pferden — Blanche. Und einem kleinen Kutscher — Sonst. Setzen wir sechstausend Francs. Blanche (schreibt). » Coupe sechstausend « (Für sich.) Diese Zuckersieder baden sich in Gold. (Laut.) Auslagen für das Haus, für den Tisch — Sonst. Setzen wir sechstausend Francs. Blanche. Es ist genug. (Sie rechnet.) 6 — 12 — 18 — 24— in Allem 24,000 Francs. Ich glaube, es wäre gut. (Sie legt die Karte auf den Tisch.) Sonst. Ja, ich denke auch, es wäre gut! (Sie stehen aus.) Sechste Scene. Vorige. Ratinois. Malingear. Maling. (tritt aus der Thür links, Ratinois folgt ihm). Einverstanden, Ratinois, Sie haben mein Wort. Ratin. Und Sie das meine — Malin gear. (Für sich.) Ich Hab' nur Malingear gesagt! Ich hab's riskirt. Maling. (zu den Damen). Wir sind voll kommen einverstanden. Ratin. Vollkommen — Malingear. Blanche (leise zu ihrem Manne). Wie viel? Maling. (ebenso) Einmalhunderttau ftend. 2! Blancbe. (erstaunt, für sich). Nicht mehr? Const. (leise zu ihrem Manne). Wie viel? Ratin. (ebenso). Einmalhunderttausend. Const. (für sich). So wenig? Blanche, (leise zu ihrem Mann). Gehen wir, ich muß mit Dir sprechen. Maling. Wir bitten um die Erlaubniß, Sie verlassen zu dürfen, ich habe noch einige Patienten zu besuchen. Ratin. Die Herzogin? Const. Also um sechs Uhr erwarten wir Sie. (Zu Blanche.) Und vor Allem keine Toilette. Blanche. Wir sind Beide darin einverstanden! (Sie grüßt.) Madame — Ratin. AufWiedersehen,— Malingear. (Malingear und Blanche durch die Mittelthür ab.) Siebente Scene. Constanze. Ratinois. Spater Josephine. Ratin. Ein gutes Geschäft gemacht! Const. Einmalhunderttausend Francs! — Du sprichst doch nicht im Ernst? Ratin. (erstaunt). Was verlangst denn Du? Const. Das ist ja eine elende Summe — einmalhunderttausend Francs! Rat in. Ick gebe ja auch nicht mehr. Const. Das ist ein großer Unterschied, unser Sohn hat eine Stellung — er ist Advocat. Ratin. Aber ohne Clienten, Advocat vom nicht gerufen werden! Const. Man bekommt nicht gleich Prozesse. Rat in. Wenn er keine Prozesse hat, so "t's so gut, als ob er kein Advocat wäre. Const. Aber er hat eine Zukunft. Ich begreife nicht, wie Du auf diese Summe eingehen konntest. Ratin. Wenn junge Eheleute mit einer Rente von zehntausend Francs anfaugen, so ist das doch ein hübscher Beginn! Const. Ein Elend ist es! Rat in. Das möcht' ich doch sehen. Const. Das kannst Du gleich sehen! (Gibt ihm die Karte.) Sieh' Dir einmal das an! Rat in. Was ist das? Const. Das Budget unserer Kinder, welches Madame Melingear auf dieser Karte entwarf, während Ihr da drinnen war't. Ratin. (liest). »Wohnung sechstausend Francs, Toilette, Coups, vierundzwanzigtau- send Francs.'- Const. Und da haben wir noch die — Kinder vergessen. Rat in. Das beweist nichts. Man kann das Budget herabsetzen, — gewisse Posten streichen wie die Kammern. Const. Heute ist es nichts mehr mit dem Streichen! Wenn Fräulein Malingear ein einfaches junges Mädchen wäre — nach dem Princip der Ordnung und Sparsamkeit erzogen, wie wir — dann ginge Alles ganz gut; aber ein Fräulein , welches Musikstunden bei Duprez nimmt, welches in Oel malt, und ihrem Mann nicht einmal einen Knopf annähen kann — Ratin. Hast Du sie schon aufgefordert, es zu versuchen? Const. Sie singt Solfeggien, hat sich ihr ganzes Leben lang nur in Spitzen und Seide gehüllt, muß eine Wohnung im ersten Stock haben, einen Wagen, einen Kutscher. Ich finde, das Alles auch nicht übel, aber dann muß mak eine Mitgift haben, eine ordentliche Mitgift. Rat in. Ereifere Dich nur nicht. Friedrich liebt das Mädchen, und wenn wir ihm sagen, daß die Heirat zurückgehe — Const. Hier ist keine Rede vom Zurückgehen, sondern vom Hinaufgehen. — Ma- lingears sind reich, sehr reich — Leute, die einen Jäger haben! Ratin. Der sieben bis acht Fuß mißt! Const. Sollen auch die Mitgift höher greifen, Du mußt mit dem Vater wieder sprechen. Ratin. Ich soll— also — wieder — sprechen? Sonst. Du siehst aus, als ob Du nicht wüßtest, wovon die Rede ist. Ratin. Ich weiß es, aber es ist schwer einem Manne zu lagen, die einmalhundert- tausend Francs, die ich gebe, genügen aber jene, die Sie geben, genügen nicht. Das bleibt einem in der Kehle stecken. Sonst. Er ist eitel, man muß ihn streicheln, ihn bei der Eigenliebe packen. Biete Dich selbst an, etwas mehr zu geben, das wird ihn auf die rechte Fährte bringen. Ratin. Wenn wir nur aufschlagen könnten, aber mit einer Rente von sieben- zchntausend Francs — Sonst. Man fügt ein Geschenk hinzu — eine Kleinigkeit. Ratin. Zwölf silberne Bestecke. (Für sich.) Die des Onkels Robert. 3os.(eintretend). Madame, der Geschäftsführer des Herrn Chevet ist da. Sonst. Er soll eintreten. (Josephine ab.) Ratin. Constanze, es ist wohl überflüssig, Dir anzuempfehlen, es an nichts fehlen zu lassen. Sonst. Sei ruhig. Achte Scene. Vorige. Der Geschäftsführer, dann Friedrich. Geschäftsf. (tritt ein und grüßt, er ist in schwarzen Frack) Madame wünschen? Sonst. Wir wollen ein Diner geben. Ratin. (sitzend). Ein großes Diner. Geschäftsf. Wie viel Personen? Sonst. Wir sind unser — sechs. Ratin. Tragen Sie auf zwölf an. Wir haben eine bedeutende Persönlichkeit eingeladen — den Doctor Malingear. Sie haben wohl schon von ihm sprechen gehört? Geschäftsf. Nein, mein Herr. Ratin. Es muß doch sein — er behandelt nur die feine Welt! Und da diese Welt von Ihnen bedieut wird und sich vielleicht von Ihren Speisen — Geschäftsf. Madame, ich schlage Ihnen Folgendes vor : Zweierlei Suppe, Bis- quit und ?ota§6 ä 1a rsinv. Ratin. Sind Trüffeln dabei? Geschäftsf. Nein, mein Herr, es gibt keine Suppe mit Trüffeln. Ratin. Schade. Sonst. Und dann — Geschäftsf. Als Zwischengericht — Friedr. «tritt ein). Da bin ich. Ratin. und Sonst. Friedrich! Rat in. (steht auf). Sie waren da! Friedr. Wer? Ratin. Die Malingears. Friedr. Wirklich? Sonst. Du gefällst dem Fräulein. Ratin. Auch dem Vater und der Mutter — Alles ist in Ordnung. Friedr. Zst's möglich? Sonst, (öffnet die Arme). Ach, mein Sohn! (Umarmung.) Ratin. (öffnet seine Arme). Und ich? Friedr. Mein Vater! (Er umarmt ihn.) Geschäftsf. (für sich). Ich störe da. (Sr zieht sich in den Hintergrund zurück und betrachtet ein Gemälde.) Ratin. Ich habe sie heute zum Diner geladen. Friedr. Ein guter Gedanke! Sonst. Wir sind soeben dabei, das Diner zu bestellen. Rat in. Da ist der Geschäftsführer des Herrn Chevet. Wo ist er denn hingekommen? (Er ruft ihn.) Mein Herr — Geschäftsf. (nähert sich). Ich bitte um Entschuldigung. Ratin. (zu Friedrich). Wir waren gerade bei der Zwischenspeise, Du kannst uns helfen. Geschäftsf. Als Zwischenspeise:Rhein- Karpfen ü 1a Oftawftorck mit Trüffeln. Rat in. Sehr gut. Geschäftsf. Und kleine Krebsen in Form von Ohrringen! Ratin. (plötzlich). Ach Sapperlot! 23 Friede, und Sonst. Was ist's denn? Ratin. Ich habe den Onkel Robert eingeladen — die Ohrringe geniren mich! Sonst. Ihn? Das ist unmöglich. Friedr. Weshalb? Sonst. Wir können ihn doch nicht mit den Malingears zusammenbringen? Geschäftsf. (fürfich). 3ch störe. (Ergeht wieder zum Gemälde.) Friede. Aber er ist mein Onkel und ein so guter Mensch — Ratin. Gut aber nicht fein! Und dann hat er eine Manier zu essen—er steckt immer das Messer in den Mund. Sonst. Und fährt mit seiner Gabel in alle Schüsseln. Ratin. Dann schüttet er Wein in seine Suppe, das mag gut für den Magen sein, aber nicht für das Auge! Friedr. Das ist aber kein Grund ihn zu beleidigen! Ratin. Lass' uns ein vernünftiges Wort sprechen. Wenn wir das Opfer bringen und ein prachtvolles Diner geben, so werden wir es doch nicht selbst verderben? Denke nur was für eine Figur würde der Onkel Robert gegenüber einem— Rhein-Karpfen ä la Oliamdorä spielen? Er würde an seiner Seite aussehen wie eine Schüssel mit Kohl. Willst Du, daß man eine Schüssel mit Kohl auftrage? Sonst. Wir werden ihn für morgen ein- laden. Ratin. Ja. Zu dem Rest, der übrig bleibt! Es ist abgemacht. Fahren wir fort. Nach dem Karpfen — (er sucht den Geschäftsführer) — wo ist er denn? (Erruft.) Mein Herr! Der Mensch geht immer fort. Geschäftsf. (kommt wieder vor). Entschuldigen Sie. Rat in. Nach dem Karpfen — Geschäftsf. Als Entree: kilst äs doeuk mit frischen grünen Erbsen. Ratin. Mit. Trüffeln! Geschäftsf. Wenn Sie es wünschen! Rat in. Ob ich cs wünsche! Geschäftsf. Braten; chinesischer Goldfasan mit Trüffeln. Rat in. Sehr gut! (Zu Friedrich.) Kannst Du Dir den Onkel Robert in Gegenwart eines chinesischen Goldfasans denken? Er würde ihn zu sehr geniren, den guten Mann. Geschäftsf. Als Entremet hätte ich Ihnen gerne Trüffeln ü la I^nenllus vorgeschlagen, aber Sie haben ohnedieß schon so viel Trüffeln — Ratin. Das thut nichts — das thut nichts — Sonst. Serviren Sie uns nur Trüffeln a 1a I^uenIIus. Sie, neulich habe ich in einem Hause gespeist, wo man nach jedem Gericht Messer und Gabel wechselte. Geschäftsf. Das geschieht jetzt überall. Sonst. Ich habe aber nur 24 Bestecke. Ratin. Nun, so lassen Sie das meine nicht wechseln. Friedr. Auch meines nicht! Sonst. Und auch meines nicht! Geschäftsf. Man kann sie ja schnell rein machen. Ratin. Das istwahr. (Für sich.)Er weiß sich zu helfen. (Laut.) Und jetzt zum Desert. Geschäftsf. Als Mittelstücke würde ich Ihnen irgend ein hohes Zuckerwerk Vorschlägen. Ratin. Etwas sehr Hohes. Geschäftsf. Vielleicht den Thurm von Nanking mit Gebüschen aus Ananas und auf der Spitze einen aus Zucker gesponnenen Chinesen. Sonst. Das muß reizend sein! Rat in. Was kostet das? Geschäftsf. 64 Francs. Ratin. Ah! Erlauben Sic, im Zucker kenn' ich mich aus als ehemaliger — Sonst, (unterbricht ihn). Schon gut. — Wir werden sehen — wir werden es uns überlegen. Geschäftsf. Sobald Sie befehlen, wird Alles bereit sein. Welche Marken ziehen Sie beim Champagner vor? Most oder Wittwe? 24 Sonst. Eine Wittwe? Ratin. Welche Wittwe? Friede. Die Wittwe Cliqnot, das ist der beste Champagner. Ratin. Und was kostet der? Geschäfts f. Zwölf Francs. — Most kostet nur sechs. Ratin. Wir werden sehen, wir werden eS uns überlegen. Const. Serviren Sie uns das Diner Punct 6 Uhr. Geschäftsf. Darauf können Sie sich verlassen, Madame, (tzr geht.) Rat in. (ruft ihn zurück). Mein Herr! Geschäftsf. Sie wünschen? Ratin. Es ist noch etwas, was ich besonders gern hätte, aber nicht zu nennen -weiß. Man scrvirt es ganz zuletzt, es ist warmes Wasser mit Salvei — zumTrinken— Geschäftsf. Das sind Mundschalen — Friedr. Das trinkt man ja nicht! Ratin. (erstaunt). So? Ich hab's getrunken! Geschäftsf. (für sich im Abgehen). Sind das Krämerseelen! (Ab.) Ratin. Ich glaube, unser Diner wird ganz hübsch sein, wenn wir davon sprechen. Const. Aber das Wichtigste haben wir vergessen. Ratin. Was denn? Const. Die Malingears haben einen Jäger — wir müssen durchaus auch einen Livree-Bedienten haben. Ratin. Das ist wahr! Friedr. Wozu? Rat in. Wir dürfen nicht zurückbleiben. Const. (für sich). Der Herr, der im ersten Stock wohnt, ein Kreole, ist über Land gefahren — seine Bedienten sind zu Hause — vielleicht könnte ich — (laut) komm, Friedrich, Du mußt noch Einiges besorgen, Friedr. Ich bin bereit, liebe Mutter. (Sir gehen beide ab.) Neunte Scene. Rajinois, später Robert. Ratin. Einen Livräe-Bedienten? Wir haben nur Joscphine. Rob. (eintretend). Da bin ich! Ratin. Onkel Robert! Rob. Ich komme zeitlich, denn ich habe einen fürchterlichen Hunger. Rat in (für sich). Ich muß eiu Mittel er- rnnen, um die Einladung rückgängig zu machen, ohne ihn zu beleidigen. Rob. Im Vorübergehen bin ich bei Lesage eingetreten und habe eine Pastete gekauft, ich habe sie Josephinen übergeben. Ratin. Guter Onkel, Sie denken an Alles! Rob. Mit Kalbfleisch und Schinken gefüllt. Ratin. Ach, mein Gott, soeben fällt mir ein — Rob. Was? Rat in. Ich habe Sie wohl gar zum Diner eingeladen? Rob. Gewiß! Ratin. Ich hab's ja gewußt! Rob. Nun? Ratin. Nun — wir sind für heute eingeladen, meine Frau hat mich soebeu daran erinnert. Rob. O, das ist langweilig. Ratin. WirsindbeiBlanchards geladen, es war nicht möglich abzulehnen, sie haben Wildpret bekommen — Rob. Begreife, begreife! Ratin. Sie sind doch nicht böse? Rob. Was fällt Dir ein, sind wir nicht Verwandte? Aber meine Pastete? Ratin. Wir werden sie morgen essen. — Sie kommen doch gewiß? Rob. Zuverlässig. Unterhaltet Euch gut. (Er geht.) Ratin. Auf Wiedersehen morgen. Rob. (kommt zurück). Soeben fällt mir ein, ich habe Blancbard etwas zu sagen, wahrscheinlich komme ich Abends zum Kaffee. 25 Ratin. (für sich). Teufel! Rob. Auf Wiedersehen heute Abend! l Durch die Mittelthür ab.) Zehnte Scene. Ratinois, dann Friedrich, später ein Diener. Ratin. Da bin ich gut angekommen. Er wird uns nicht bei Blanchard finden, das wird eine schöne Geschichte geben. Friedr. (tritt ein, mit Büchern und einem Stereoskop beladen). Da sind meine Einkäufe. Rat in. Was bringst Du denn da? Friedr. Ein Album mit Photographien. Die Mutter sagt, wir sollen es auf den Tisch legen, man wird glauben, es seien unsere Bekannten. Ratin. Das ist ein guter Gedanke. (Er blättert in dem Album.) Lord Palmerston, der Graf Gortschakoff, Horace Vernet, Leotard, Rigolboche. Friedr. (zeigt ihm eine kleine Schachtel). Das ist für Dich. Ratin. Wasist das?-EineKette? Friedr. Für deine Uhr. Ratin. Ich glaube sie ist noch dicker als die vonMalingear. (Er befestigt seine Uhr daran.) Sie ist prachtvoll, und wild einen merkwürdigen Effect machen. Friedr. Sie ist falsch — das darf man aber nicht sagen. Ratin. (mdignirt). Falsch? (Nachdem er überlegt.) Zwar, wenn das Falsche aus sieht wie echt, so ist es nicht mehr falsch. (Ein großer Diener in Livree kommt durch die Mittel- khür mit zwei angezündeten Lampen. — Zu Friedrich.) Wer ist denn der da, kennst Du ihn? Friedr. Nein. Ratin. (zum Diener, welcher die Lampen auf den Kamin stellt). Guter Freund, wo kommen Sie her? Diener. Aus dem ersten Stock. Ratin. Ah, sehr gut. (Zu Friedrich.) Er >st ausgeliehen. Er wird Figur machen. (Der Diener geht ab, er sieht ihm nach.) Aber er ist nicht so groß wie der von Malingcar. (Man hört das Rollen eines Wagens.) Friedr. (eilt zum Fenster). Ein Wagen — sie sind's! Ratin Und meine Frau ist nicht da! Constanze, Constanze! (Die Mittelthür öffnet sich-) Eilste Scene. Vorige. Maliugear, Blanche, Sie kommt! (Er sieht die Toilette seiner Frau, welche sehr auffallend und buntsärbig ist. für sich.) Ach, ein ganzer Regenbogen! Eon st. Ach wie liebenswürdig, daß Sie so früh kommen! Blanche. Wir konnten es nicht erwarten bei Ihnen zu sein. (Fürfich.) Drei Reiben Spitzen-Dolants — das ist Verrath!(Laut.) Welch' bewunderungswürdige Toilette. — 26 Eon st. VerschwindetnebenIhrer. (Für sich.) Goldstoff! Welch' schlechter Geschmack! Friedr. Mutter, wollen wir nicht in den Salon gehen? Eonst. Gewiß. (Friedrich ab mit Emmeline.) Blanche t leise zu ihrem Manne). Halte Herrn Ratinois zurück und sprich mit ihm wegen der Mitgift. Maling (leise)- Ja. Eonst. (leise zu ihrem Mann). Bleibe beim Schwiegervater und bespreche die Mitgift. Rat in. (leise). Ja, ja. Eonst. (bezeichnet die Salonthür). Ist es gefällig, Madame? (Sie gehen rechts ab.) Zwölfte Scene. Ratinois. Malingear. Ratin. (für sich). Wir sind allein. Es ist gar nicht bequem die Sache einzuleiten. Maling. (für sich). Wie pack' ich die Geschichte an? Ratin. (nähert sich ihm). Liebe, Malin- gear, es war recht liebenswürdig von Ihnen, unser kleines Diner anzunehmen. Maling. Sie haben uns mit so herzlichem Wohlwollen cingeladen. — Ratin. Weil ich Sie liebe. Maling. Und ich Sie nicht minder. Ratin. (drückt ihm die Hand). Mein guter Malingear! Maling. (ebenso). Mein aller vortrefflichster Ratinois! Ratin. (für sich). Das ist all' zu sentimental und bringt uns vom Ziele ab. (Laut ) Wir haben vorhin die Frage wegen der Mitgift so oberflächlich besprochen. (Sie setzen sich zum Tische links.) Maling. (für sich). Er fängt selbst an. (Laut.) Wirklich nur sehr oberflächlich. Sie sprachen von hunderttausend Francs. — Rat in. O! das ist eine Zahl, die ich so in die Luft geworfen habe. Das steckt Ihnen keine Grenzen. Maling. Ich habe mir auch gedacht, ein Besitzer einer Zucker-Raffinerie — ^ Ratin. Und Sie — ein berühmter Arzt, der zwanzigtausend Francs auf einen Schlag bekommt. Maling. Wer? ich? Ratin. Nun ja, Sie — ich habe es ja gesehen. Ich bin aber gesonnen ein Opfer zu bringen, ich gebe das Silberzeug. Maling. (erstaunt). Acb! Ratin. Und Sie? Maling. Ich? — Ich nehme es auf mich, den Kamin in Salon zu schmücken. Ratin. (erstaunt). Ah! (Für sich.) Es muß Alles bis auf die J-Tüpfel ausgemacht werden! (Laut.) Malingear, wir dürfen nicht vergessen, daß Alles sehr theuer ist. Maliug. Das ist wahr, und Leute, die ehemals mit einem Einkommen von zehntausend Francs sehr gut gelebt haben, — müssen sich heut zu Tage sehr einschränken. Ratin. So ist's — und wir werden nicht wollen, daß unsere Kinder sich rinschränken müssen. Maling. Gewiß wollen wir das nicht. Ratin. Sehen Sie, wenn Ihre Tochter — Ihre geliebte Tochter sich's überlegen müßte, ob Sie sich einen Hut oder einen Eachemir kaufen kann — Maling. Und wenn Ihr Sohn — Ihr einziger Sohn gezwungen wäre von seinen Erpense-Noten.zu leben — Ratin. O, reden wir nicht von meinem Sohn, ein Mann weiß sich immer zu helfen. — Aber Sie, das arme Kind, das Ihre Freude, Ihr Stolz ist — denn Sie lieben Ihre Tochter doch sehr. Maling. Fast so sehr wie Sie Ihren Friedrich. Ratin. Ja — sprechen wir aber nicht von Friedrich, sondern von Emmeline. Man muß diesem theuren Kinde eine glänzende Existenz sichern. Maling. (sehr warm). O, ick danke Ihnen in Ihrem Namen. Rat in. Und um das zu ermöglichen, muß die Mitgift erhöht werden. Maling. Ganz meine Ansicht. 27 Rätin. Bestimmen Sie selbst — ich gehe auf Alles ein. Maling. (für sich). O, sehr gut! heutzutage ist doch nur mehr mit dem Handelsstand etwas zu machen. (Laut.) Ich denke, einmalhundertfünfzigtausend Francs — Ratin. O, das ist nicht genug, Malin- gear. — Maling. So sagen wir zweimalhundert- tausend Francs. — Ratin. (steht auf). Abgemacht! Ich gebe das Silberzeug und Sie zweimalhundert- tausend Francs. Maling. (stehtauf). Wie? Das heißt Sie geben sie. Ratin. Ich? Was fallt Ihnen ein? Maling. Warum denn ich und nicht Sie? Ratin. Weil Sie — in Ihrer Lage — ein Mann, der einen Wagen hat — eine Loge in der italienischen Oper — und einen Zager — Maling. Sie haben ja auch einen Wagen — eine Loge in der italienischen Oper und — einen Mohren! der kostet noch mehr! Ratin. Ich, ich! Das ist ganz etwas Anderes — Maling. Warum? Treiben Sie vielleicht einen Lurus, den Ihnen Ihre Stellung nicht erlaubt? Ratin. Meine Stellung erlaubt Alles — meine Stellung ist glänzend. Maling. Wenn dem so ist, so ist's nur gerecht, daß Sie ebensoviel geben wie ich. Jeder zweimalhunderttausend Francs! (Für sich.) Ich habe ein Einkommen von zweiund- zwanzigtausend Livres, jetzt bleiben mir zwölf. Ratin. (für sich). Ich habe ein Einkommen von fiebzehntauseud Livres — da blieben nur sieben — das ist unmöglich. Maling. Sie zaudern wegen einer elenden Summe Geldes? Ratin. Ich zaudere nicht! hunderttausend Francs mehr oder weniger, was macht mir das! Ich gebe dreimalhunderttausind! Sehen Sie, so zaudere ich. Maling. (erstaunt). Wie — dreimal- hunderttausend? — Ratin. (für sich). Ich treibe ihn hinauf, bis er selbst zurücktritt, die Geschichte muß sich zerschlagen. (Laut.) Sie zaudern? Maling. Nicht einen Augenblick! Ich überlege nur. (Für sich.) Dreimalhundertrausend Francs — das ist unmöglich! Es gibt nur ein Mittel, ich steigere die Mitgift so lange, bis er nein sagt — dann ist die Geschichte zu Ende. (Laut.) Ich schlage vier- malhunderttausend vor. — Ratin. Das ist nicht genug—fünfmal- hunderttausend. — Maling. Das ist nicht genug — sechs- malhunderttausend — (Robert wird sichtbar. ) Ratin. Das ist nicht genug — Dreizehnte Scene. Vorige. Robert. Rob. (mit einem Orangenbaum). Was scchs- malhunderttausend Francs? Rat in. (für sich). Der Onkel Robert! Gerade wollte ich die Million loslassen, — und ich hätte sie lvsgelassen! (Laut zu Robert.) Herr Malingear, der künftige Schwiegervater! Maling. Wir besprachen soeben die Mitgift — Rob. (stellt seinen Orangenbaum nieder). Sie gaben sechsmalhundcrttausend Francs? (Er verbeugt sich tief.) Mein Herr, ich gratu- lire Ihnen. Maling. Herr Ratinois gibt ja ebenso viel. Rob. Wer? Du? Rat in. (verwirrt). Natürlich. — Rob. (zu Ratinois). Ich gratulire — ich hatte keine Idee, daß Du so reich bist. Rat in. So reich! so reich! Ich bin jedenfalls wohlhabend, aber wenn man Leuten gegenüber steht, die Millionärs sind und solche Prätensionen machen. — 28 Maling. Erlauben Sie, mein Herr, ick habe gar keine Prätensionen gemacht — sondern Sie — Ratin. Ich? Ich habe mich eingetragen, das Silberzeug anzuschaffen und darauf hin sind Sie losgegangen! Maling. Ich bin losgegangen? Ich habe mich angeboten, den Kamin zu schmücken und darauf haben Sie ganz kalt »Ah« gesagt. Natin. »Ah« habe ich gesagt,' dazu hatte ich ein Recht, aber ich habe es nicht kalt gesagt. Maling. Erlauben Sie, mein Herr — Ratin. Erlauben Sie, mein Herr — Rob. Seid Ihr einig oder nicht? Ratin. Wir sind einig — wenn man will. Aber ich habe es nicht kalt geantwortet. Maling. Sie haben es gethan. Ratin. Nein, mein Herr. Maling. Ja, mein Herr. Ratin. Wollen Sie, daß ich Ihnen sage, was ich denke? Maling. Sie werden mir einen Gefallen erweisen. Ratin. Sie suchen einen krummen Weg, damit sich die Heirat zerschlage. Maling. Ich einen krummen Weg? Ratin. Einen krummen Weg! Ich beharre bei dem Wort! Aber ich bin ein rechtschaffener Mann — Maling. Doch nicht mehr als ich? Ratin. Das ist möglich. Aber da ich keine krummen Wege gehe, so sage ich Ihnen freimüthig — Alle Beide Zugleich). Aus der Heirat wird uichts! Rob. Aber, meine Herren, laßt Euch doch nicht so Hinreißen. Ratin. Ich lasse mich nicht Hinreißen— lGanz zufrieden für sich.) Es ist geschehen, es ist aus. Maling. (ebenso). Es ist aus! Rob. Wer wird bei einer solchen Sache so übereilt sein! Ein Bruch ist bald geschehen. (Zu Ratinois.) Liebt denn dein Sohn das Fräulein nicht? Rat in. Liebt er sie nicht! — Freilich liebt er sie! Er ist verliebt bis zum Verruckt- werden, aber das thut nichts! Rob. (zu Malingear). Und Ihr Fräulein Tochter— ist ihr Friedrich gleichgiltig? Maling. So ziemlich — das heißt — sie schien eine gewisse Vorliebe für ihn zu haben, das kann ich nicht läugnen, aber — Rob. Aber das thut nichts — nicht wahr? Maling. Das Hab' ich nicht gesagt — erlauben Sie — Rob. (losbrechcnd). Nein, ich erlaube nicht! Ihr seid Beide aus Eitelkeit und Stolz zusammengesetzt. Maling. Mein Herr — Ratin. Onkel — Rob. Ich habe mich seit einer Viertelstunde zurückgehalten, aber jetzt muß ich losbrechen. Seit vierzehn Tagen thut Ihr nichts Anderes als lügen, Euch blenden und Euch betrügen. Rat. und Maling. Mein Herr! Rob. Ja, betrügen, denn Ihr versprecht eine Mitgift, die Ihr Keiner im Stande seid zu geben. Jst's wahr oder nicht? Prahlt Ihr nicht mit einer Lebensweise, die Euch fremd ist und die Ihr nicht bestreiten könnt? Ratin. Aber — Rob. Es gibt kein Aber. Ich habe mit den Dienstleuten geredet — denn wenn ick etwas wissen will, so rede ich mit den Dienstleuten, das ist so mein System! Ratin. Was konnten sie Ihnen sagen? Rob. Für's Erste habe ich einen Mohren in deiner Küche getroffen. Wie kann man einen Mohren iu einer Küche hernm- laufen lassen! Pfui, wie schmutzig!—Dann hat der Herr Neffe einen Wagen gemietbet, eine Loge in der italienischen Oper — Ratinois in der italienis cken Oper! 29 Ratin. Es ist ein öffentlicher Ort, ein Theater! Rob. In welchem Du Dich langweilst! Ratin. Ah! Rob. Du langweilst Dich, und deine Frau auch, (er bezeichnet Malingear) und dieser Herr da auch! Ratin. Nun gut, ich gebe es zu: Ja. Maling. Ich gestehe, daß die italienische Oper — Rob. Warum habt Ihr also Logen genommen? Maling. Meine Frau — Rat in. Unsere Frauen — Rob. Aus Prahlerei, aus Eitelkeit! Um den Leuten Sand in die Augen zu streuen, dreht man sich heut' zu Tage im Kreis herum, man bläht sich aus wie ein Luftballon, und wenn man so mit Eitelkeit vollgestopft ist, so platzt man eher, als man das zugibt. Ehe man sagt: »Wir sind zwei ehrliche, einfache Männer, zwei Bürger,* eher opfert man die Zukunft, das Glück seiner Kinder. Wenn sie sich auch lieben, man antwortet: »Das thut nichts!« Und Ihr wollt Väter sein? — Gute Nacht. (Er will gehen.) Ra t i N. (hält ihn schnell zurück). Onkel Robert, bleiben Sie! (Gerührt ) LieberOnkel, Sie tragen Ohrringe, Sie haben keinen Geist, Sie haben keine Bildung (er schlägt sich aufs Herz) aber das haben Sie! Maling. Ja, das hat er! Ratin. (sehr bewegt). Sie haben mich gerührt, Sie haben mich gedemüthigt, Sie haben mir bewiesen, daß ich ein Vater bin, den man zum Fenster Hinauswersen soll (er bezeichnet Malingear) und diesen Herrn auch. Aber es ist nicht meine Schuld, es ist die Schuld meiner Frau, und sie soll es büßen! (Weich werdend.) Ich schwüre Ihnen, wenn ich jemals von dem Wege abweiche, den— der— (plötzlich) wollen Sie mit uns speisen? Vierzehnte Scene. Vorige. Blanche. Constanze. Emme- line, Friedrich, dann der Geschäftsführer. Const. Nun, meine Herren, warum lasset Ihr uns so lange allein? Rat in. Da ist meine Frau! Kommen Sie näher, Madame? Maling. (strenge zu seiner Frau). Kommen Sie näher, Madame — Const. Was ist's? Blanche. Was gibt es? Ratin. (zu Constanze). Schuldige, aufgeblasene Mutter—aber das ist ja so Mode heut zu Tage — Maling. Man dreht sich im Kreise — Rat in. Man bläht sich auf wie ein Luftballon — nein, wie eine Crinoline. Maling. Man fürchtet sich nicht, die Zukunft, das Glück seiner Kinder zu opfern. Rat in. Und wenn Sie sich lieben, so antwortet man: »Das thut nichts!« Und Ihr wollt Mütter sein? — Gute Nacht! Blanche. Was habt Ihr denn? Con st. (zu Ratinois). Willst Du mir sagen — Ratin. (heftig). »Stricke!« — Denn Sie müssen wissen, mein Herr, sie strickt mir alle meine wollenen Strümpfe. Maling. Und meine Frau auch, mein Herr! Blanche. Wie, Madame, Sie stricken? Rat in. Ja — sie strickt! Herunter mit den Larven, ich bin Ratinois, ehemals Zuckerbäcker — nicht Zuckerraffineur. Maling. und Blanche. Wie? Const. Aber — Rat in. Lass' mich in Ruhe! Und sie hat im Laden verkauft. Ich gebe meinem Sohn einmal hunderttausend Francs Mitgift — Maling. Jetzt ist die Reihe an mir. Ich bin Malingear, bin ein Doctor ohne Patienten— 30 Sonst. Wie? Ratin. Und die Herzogin? Maling. Residirt in ihrem spanischen Schlosse! Ich habe in diesem Jahre nur einen Kutscher behandelt und das gratis! Ich gebe meiner Tochter eine Mitgift von einmalhunderttausend Francs. Rob. Und jetzt ist die Reihe an mir. Ich heiße Robert, bin ein Holzhändler, der mit zwölf Sous in der Tasche nach Paris gekommen ist, und gebe meinem Neffen eine Mitgift von einmalhunderttausend Francs. Friedr. Ach, mein Onkel! Emm. Mein guter Onkel! Geschäftsf. (tritt ein). Das Diner ist servirt! Rob. Und jetzt zu Tisch. Rat. Einen Augenblick! Alle. Was gibt es? Ratin. Ich habe ein Diner bestellt. Ich schäme mich. Sechs Gerüchte mit Trüffeln. Alle (im Tone des Vorwurfs). Ratinois! Maling. Ein Familienvater! Ratin. Könnte man es Herrn Chevet nicht zurückschicken? Alle. Nein, nein! Rob. Ich protestire! Ratin. So essen wir es denn zur Strafe! (Man reicht den Damen den Arm und geht gegen den Speisesaal.) (Der Vorhang fällt.) Ende. Den Bühnen gegenüber al- Manuskript gedruckt. Localsängerin -»»Postillon. Posse mit Gesang in drei Acten von Friedrich Kaiser. Musik dom Kapellmeister A. M. Storch. (Am 13. Februar 1864 im k. k. priv. Josephstädter Theater in Wien mit brillantem Erfolg zum ersten Male gegeben.) per sonen Möllmann, Postmeister. Ranny, seine Nichte. Nathis, t P"er. ! Postillon-. Hanns, 1 Rix, Theaterdirector. ^ Gummi, Theaterarzt. Uberberger, Advocat. Gäste, Schauspieler und Schauspielerinnen, Mathilde, Schauspielerin. Ambro-, Theaterdiener. Netti, Stubenmädchen. Jean, Friseur. Lisi, ein Landmädchen. Meile-Heim, Bankier, Bliukevsteru, Theatergäste. Postillon-, Landmädchen, Dienerschaft, Musiker rc. rc. 1 Erster Act (Hofraum im Posthause, seitwärts rechts ein Theil des Gebäudes, einen Stock hoch — ober der Thür ein Schild mit einem Posthorn — an dcm Fenster im ersten Stockwerke Blumentöpfe; links gegenüber vom Gebäude eine Remise, in welcher man Wägen, Pferdgeschirre u. dA sieht, — rückwärts eine Mauer, in deren Mitte sich ein breites, offen stehendes ßinfahrtsthor befindet, den Hintergrund bildet eine anmuthigc Gebirgslandschaft.) Erste Scene. Mathis. Fanny (hinter der Scene). Peter, Hanns, andere Postillons. Mathis (steht beim Ausziehen des Vorhangs unter dem Fenster des Posthauses, das Lied, welches man von oben herab singen hört, auf dem Posthorn begleitend, und dabei immer sehnsüchtige Blicke nach dem Fenster richtend). Fanny (fingt im ersten Stockwerke). Lied. Thut d'Sonn über'n Berg heraufsteigen, Will Alles sei Freud' d'rüber zeig'n, Die Lerche, hoch ob'n in der Luft Ein' trillernden Morgengruß ruft; ,k j Die Amseln und Finken im Wald. Die singen, daß um und um schallt, Der Haushahn gern auch singen that, Aber 's geht nicht! — was thut er? — er kräht! Und doch hört ihn d'Sonn freundlich an, Denn er thut halt so viel, als er kanv! ! (Jodler.) Die Bleameln, wann d' Sonn' steigt herauf, Die putzen sich auch alle auf, Der Rosenstock zeigt seine Pracht, < Hat hundert von Knospen aufg'macht, tz Die Tulpen, im prächtigsten G'wand, Macht gar alle andern zu Schand, Nur 's Veigerl, so einfach und blau, Hat kein' Schmuck, als ein klein's Tröpferl Thau, Und dock schauts die Sonn' freundlich an, Aenn 's thut halt so viel, als es kann! (Jodler.) Mathis (setzt, nachdem das Lied verstummt, das Posthorn ab, blickt schwermüthiq gegen das Fenster. — erwartungsvoll) Na! (Tiefbrtrübt.) Nichts g'sehen! Sie selber singt, daß sogar die Sonne jedes Wesen freund l>ch anschaut, weil jedes thut, was es halt kann — und sie — sie schaut mich nicht an, und'ich'— ich thu', doch fast noch mehr, als ich kann! Ich blas' zwei Instrumente z'gleich — 's Posthorn und 's Trübsal — und wenn man einmal das blast, dann pfeift man auch bald auf m letzten Loch! Wann's nur an's Fenster kommen war', wann's mir als Zeichen der Anerkennung ein Bleamerl herunter g'worfen hält'! — O Gott! ich war' sogar selig g'wcsen, wenn's mir ein' ganzen Blumentopf an' Kopf g'worfen hätt'! Aber das Garnichtsder- gleichenthun — das ist zu kränkend! — Oder chät sie's vielleicht gar nicht bemerkt, daß ich ihr Lied accompagnirt habe. — Na, so will ich ihr jetzt allein was blasen — eine schwermüthige Melodie und ganz na gelneu! — (Beginnt die Melodie des Liedes: »Wie ich bin verwichen rc> zu blasen.) Peter, l kommen zu verschie' Hanns, l denen Seiten des Hio- die übrigen PostillonS 1 tergrundes herbei Peter (tritt zu Mathis und klopft ihm «ml die Schulter). He! Mathes! Was thust denn? Du blast ja so schmelzend, daß's mich wundert, daß dein Posthörnd'l noch nicht zergangen ist! Mathis (verdrießlich). Geht's Euch was an? Hanns (zu MathiS). 3a wohl, Du versündigst Dich gegen ein altes Sprichwort! Mathis. Gegen was für eins? Hanns. Es heißt: »Was Dich nicht brennt, das blas' nicht!« — Na, 's Posthörnd'l brennt Dich doch g'wiß nicht — warum blast es denn hernach? Peter. Ha, ha, ha! Ich weiß aber was ihn brennt. (Gegen das Fmster weisend.) Die j Jungfer Mahin von unserm Herrn Postmeister — die Fanny! Mathis (fast verschämt). Hör' auf! Hannes. Na, so soll er's heiraten! Einem Postillon wird's doch nichts machen, I wenn er einmal aufsitzt! Peter. Nein, nein! g'rad'ein Postillon soll gar nicht ans Heiraten denken! Mathis. Warum nicht? Peter. Weil er doch oft fort muß, und wenn er zu sein' Weib z'hauskommt, hat er immer ein Hörnd'l! (Auf das Posthorn weisend.) Mathis (sich verstimmt abwendend). Gehts, i gehts! 3ch bin, meiner Seel'nicht aufg'legt, > Spaß z'machen! Peter. Und hastdoch kaCourage, Ernst z'machen! An Deiner Stell' hätt' ich schon längst mit'm Postmeister g'red't — er ist ja nicht nur der Vetter, sondern auch der Vor- ) mund von der Fanny und wenn er will — ! Mathis. Was nutzt mich das, wann sie nicht wollt'? I Hanns. Ja, weißt denn Du das noch j nicht einmal? j Mathis (traurig). Wer kennt sich denn 1 aus? Mannigs Mal — freilich schauts I cm mit so cin'm freundlichen G'schau, ' mein Herz ordentlich ein' Galopp ein- Ichlagt, aber gleich darauf wieder, wann "h ihr in d'Näh' will — wirft's wieder ein' ^ eiskalten Blick auf mich, daß ich ordent- uch 's Rheumatische davon kriegen könnt'. Peter. Ja, ein gary eigenes G'schöpf ist's — das ist wahr. Hanns. Mir scheint, sie weiß selber nicht recht, was sie will! Peter. Das kommt Alles daher, weil sie zweierlei Erziehungen genossen hat. Mathis. Zweierlei Erziehungen? Peter. Na ja, ihr Vater, der alte Schulmeisterr, war ein strenger Mann, der hat's tüchtig in der Corda g'halten — sie hat nie aus'm Haus dürfen, außer wenn's mit ihm auf m Chor in d'Kirchen 'gangen ist, denn 's Singen, das war das einzige Vergnügen, was er seiner Tochter erlaubt, und in dem er sie auch unterricht' hat! Mathis (schwärmend). Wie singt's aber auch? Wann's so am Sonntag während dem Hochamt ihre Stimm' loslaßt, schauen sich alle Leut' nach ihr um— 's ist ja g'rad, als wenn die Tön' vom Himmel selber kämen! Hanns. Na, dann beneid' ich ihren künftigen Mann, dem wird während seiner Eh' oft sein, als ob er alle Engel im Himmel singen höret! Peter. Wie aber ihr Vater g'storben ist, da ist sie, nach sein' letzten Willen, daher zu ihrem Vetter und Vormund, unserm Postmeister, der hat ka Zeit g'habt recht auf sie Acht z'geben — nach dem frühem Zwang hat's auf einmal volle Freiheit g'habt — und sie war erst vierzehn Jahr' alt — da ists dann a Bißl a Wildfang wor'n! Hanns. Das ist wahr! Auf der Hutweid'draußt schwingt sie sich oft aufs wildeste Pferd und jagt wie der Sturmwind davon! Peter. Sie schießt trotz dem besten Jäger. Hanns. Und erst beim Tanz! Ha! ha! ha! Da meint' man ja g'rad, 's brennt der Boden unter ihr! Mathis (feurig). Aber brav ist's bei all' dem blieben! Wer nur ein unb'schaffenes Wort über sie laut werden lassen wollt, — meiner Seel'! dem schlaget ich d'Hirn- schal' entzwei! — Jetzt sagt's aufrichtig: 1 * Könnt's ihr was Uebles nachsagen? — Was? Peter. Nein, nein, nein! Hanns. Mir ist mein' Hirnschal'n z'lieb! (Zieht sich etwas zurück.) Mathis (gegen das Haus hiuhorchend). Aber still! still! 's kommt wer — 's ist der Herr Postmeister! — Wenn der mich jetzt dahier find't, sieht er mir's gleich im G'sickt an, daß ich nur von ihr g'redt Hab' — geh'n wir ihm aus dem Weg! Hanns. Ja — komm' mit uns hinüber in s Wirthshaus — zahl' uns a Maß Wein, da werden Dir die Grillen vergeh'n! (Nimmt Mathis unter dev Arm und führt ihn mit sich fort. Die übrigen Postillons folgen.) Zweite Scene. Roll mann (allein, tritt mürrisch aus dem Hause). Lied. Bedenkt man, wie oft solche Fäll' arrivir'n, Worüber ein Mensch den Verstand könnt' vcrlier'n, So ist's noch zu wundern, daß einNarren- haus Reicht für die Bevölkerung der großen Stadt' aus, Kein einziger hat ja die Affecuranz, Daß's Hirnkastel bleibt durch sein Leben lang ganz, Denn täglich muß Sachen man sehen und hör'n — Worüber man gleich könnte wahnsinnig wer'n! 's hat Einer studiert viele Jahr, Tag und Nacht, Bis er's hat zu anständigen Zeugnissen bracht, Sein Collega dagegen — aus ein'm reichen Haus, Der bild't sich derweil im Billardspielen aus! D'rauf schauen sie beide, daß's werden ang'stcllt, Der G'scheite wird nichts — doch der Esel mit Geld Find't Protection, kommt zu Würden und Ehr'n, Jetzt da könnt' man doch gleich d'rüber wahnsinnig wer'n. Es geht mit dem Verstand g'rad wie mit den Zähnen, kein Mensch ist sicher, ob er nicht einmal ein' Zahn oder den Verstand verliert, nur hat man's bei den Zähnen leichter — wenn einer schadhaft wird, kann man ihn ohne Gefahr für's Leben heraus ziehen und dafür einen künstlichen einsetzen lassen, aber wenn einem 's Hirn brandich wird, da gibt's kein' Operateur, der ein's herauszieht und dafür ein falsches einsetzt! Auch gibt's eine Narkose für Gehirnschmerzen — nämlich ein' ordentlichen Rausch, und darum behandeln auch ordentliche Leute den geistigen Schmerz wie einen jungen Hund, sie geben ihm Branntwein zu trinken, damit er nicht größer wird! — Ich haß' alle Betrunkenen, ich duld' unter meinen Leuten keinen, der sich auf's Trinken verlegt, und doch — doch fühl' ich seit einiger Zeit manchmal selber das Bedürfniß, mir ein' kleinen Spitz anz'trinken, um nur d'peinlichen Gedanken los z'werden! — Ich Hab' mein'seligen Bruder, dem Schulmeister, auf dem Todtenbett g'schworen, daß ich seine einzige Tochter zu einem glücklichen Wesen heranziehen will — na bisher ist's mir g'rathen, aber jetzt — jetzt kommt der kritische Moment; sie ist in dem Alter, in welchem ein Mädel aufhören soll ein Mädl zu sein, sie soll von Gott und Rechtswegen heiraten; aber ich — ich soll auch verantwortlich sein für ihr künftiges Glück. — Der Gedanken quält mich bei Tag und Nacht, ich werd' ganz damisch d'rüber, und ich fürcht' alleweil, es wird eines Tages an den Straßenecken ein Zettel ang'schlagen sein des Inhalts: »Verlorner Verstand! Derselbe ist von mittlerer Größe und ist aus 5 dem Weg von der Vormundschaft zur Ehe- Procuratur verloren gegangen. Im Dor- nndungsfalle bei der Polizei-Direction ab- Zttgeben." (Bleibt sinnend stehen.) Dritte Scene. Rollmann, Fanny. Fanny (kommt heiter aus dem Hause; zu Rollmann). Guten Morgen, Vetter! (Zhn betrachtend.) Prr! wie stürmisch schau'n Sie wieder d'rein? Was ist Ihnen denn schon wieder über's Leberl g'loffen? Rollm. Pah! — meiner Leber fehlt nichts, aber im Magen liegt mir was! Fanny. Im Magen? Was denn? Roll m. Meine Vormundschaft! Fanny.So? (Etwas beleidigt.) Hm!warum haben Sie's denn nachher ang'nom- men? Rollm. Es war ka Zeit zum Widersprechen, dein Vater ist schon im Sterben g'legen, wie er mich hat rufen lassen, um mich zum Dank für meine treue Bruderlieb' zum unglücklichsten Menschen zu machen! Fanny (verwundert). Zum unglücklichsten Menschen? Rollm. Ja, indem er die Last der Vaterpflicht auf meine Schultern gelegt hat. Ich — schon nah' an sechzig — wcrd' da auf einmal Vater — und von so ein' Kind! Ich sag' Dir aufrichtig, wenn ich jemals wirklich hält' Vater werden wollen, hätt' ich mich um ein Bißl ein anderes Kind umg'schaut! Fanny. Ja, was haben's denn an mir ausz'stellen? Rollm. Was ich ausz'stellen Hab'? Deine Eitelkeit — deinen Muthwillen — deine Launenhaftigkeit — dein Hudri- wudriwesen — deine — o Gott, wann ich Alles das ausstellen wollt', was ich an Dir ausz'stellen Hab' — so kommt wieder der Wiener Gemeinderath in Verlegenheit um ein'Platz, der groß genug sein sollt'für's Ausstellungslocale! — Vor Allem aber Hab' ich auszustellen, daß Du kein Herz, oder wenigstens kein vorschriftmäßig orga- nisirtes Herz hast! Fanny (erstaunt). Was wollen Sie damit sagen? Rollm. Das sollst gleich hören: Ein rechtschaffenes weibliches Herz rührt sich im vierzehnten Jahr, sehnt sich im sechzehnten und wird stürmisch im achtzehnten Jahr — Du gehst jetzt aber schon bald in s neunzehnte und ich Hab von all'dem noch keine Spur bemerkt! Fanny (schalkhaft). Wiffen's, woher das kommt? Rollm. (aufmerksam). Na, woher? Fanny. Weil ich vor mein'Herzen kein Glasfenster Hab' anbringen lassen, damit nicht jeder gleich so — Dir nichts — mir nichts — hineinschauen kann! Rollm. (erfreut). Was? — was hör' ich da?— Fannerl! so hätt' sich am End' in deiuemHerzen doch schon so was g'rührt! Fanny. Na! und wann? — würden Sie mir dann freie Wahl lassen? Rollm. (bedenklich). Freie Wahl? — Kind, das könnt' g'fährlich werden! Fanny. Es heißt aber doch, der freie Wille ist des Menschen Himmelreich — Rollm. Könnt' aber in d e m Fall'leicht zur Hölle werden! Kennst Du die Menschen? — Kennst Du die Welt? — Ja, wenn Du, so wie ich, Dir durch sechzig Jahr eine Erfahrung gesammelt hättest — dann, dann könntest Du frei wählen! Fanny. Hahaha! — Aber ich glaub' es würd' dann jeder auf die Wahl verzichten! Rollm. Darum laß' uns lieber jetzt gemeinsam bcrathen — sag' mir also vor Allem — Fanny. Ich — ich soll zuerst reden — zuerst sagen, welcher von die jungen Männer und Burschen im Ort mir am besten g'fallt! Und wann nachher Derjenige, den ich mein', es doch nicht so g'meint hätt' — wie ich g'meint Hab' — die Schand'! — Detter! ich traute mich 6 nicht einmal Ihnen mehr in's G'sicht z'schauen. Nein, nein, Vetter, wann Sie gar so viel Menschenkenntniß. und gar so viel Scharfblick haben, als Sie immer sagen, so müßten zuerst Sie den herausfinden, — Sie müßten mir ihn Vorschlägen, und — (sieht nach dem Hintergründe. Heftig erschreckt, für sich.) O mein, der Mathis! Rollm. (erstaunt)- Na, na, was hast denn auf einmal? Fanny (wendet sich verlegen ab). Nichts, nichts. Vierte Scene. Vorige. Mathis. Mathis (erscheint wieder im Hintergründe, für sich). Da sein's jetzt grad' alle Zwei beisammen, o mein Gott, wenn ich jetzt nur ein Bissel mehr Courage hätt'. (Bleibt zögernd im Hintergründe stehen). Rollm. (fortwährend auf Fanny sehend). Warum red'st denn nicht? (Faßt ihre Hand.) und die Hand zittert? Was ist's denn, (Sieht sich um und erblickt Mathis.) Ah, wir sein nicht allein. Fanny (rasch). Ja. ja, der Mathis — er — er wird vielleicht mit Ihnen z'reden haben. — Lassen's mich, — lassen's mich — (Eilt rasch in s Haus ab, wird aber während der folgenden Scene ausder Schwelle lauschend gesehen.) Rollm. Ja, was hat's denn,—daß auf einmal so davonrennt, weil Einer von meine Postillons — und der — (wendet sich gegen Mathis, auch diesen verwundert an- sehend) der steht auch da, als wenn er g'rad beim Haferstehlen ertappt war'. — (Plötzlich von einem Gedanken ergriffen.) Ha! sie — und er — er — und sie? Alle Wetter, wenn am End' der? — Bemerkt Hab' ich schon längst, daß bei ihm nicht Alles so ganz in der Ordnung ist, da heißt's einmal ein Bißl auf'n Zahn' fühlen. (Laut, den ganz Unbefangenen spielend.) Ah, Du bist da — Mathis. Mathis (verlegen). Ja, ich — ich — und Sie, Herr Postmeister! Sie wollen ausgeh'n. Rollm. Ja, Du weißt, ich genieß' als Postmeister im ganzen Orte auch das Renommee eines Thierarztes, weil ich meine Pferd' alle selber behandel' — und da Hab' ich halt mehrere Patienten. Mathis. Ja, Ihnen schlagt auch selten eine Cur fehl — Rollm. Hm, mitunter will's doch nicht recht vorwärts geh'n! Da Hab' ich Ein', der schwerlich zu curiren sein wird, — nnd ich möcht' ihm doch recht gerne helfen! Mathis. Was fehlt ihm deun? — Rollm. Das ist's eben! Er tragt alle Lasten, die ihm aufg'laden werden, thut sei Schuldigkeit wie sonst, kurz, man merkt ihm gar nichts an, als daß er alleweil die Ohren hängen läßt und 's Futter nicht anrührt, aber er sagt halt nicht, was ihm weh thut! Wer glaubt's wohl, daß der Patient sein könnt'? Mathis. Hm, vcrmuthlich ein Esel. Rollm. Hast's errathen. Mathis. Na, der kann freilich nicht sagen was ihm fehlt, — dafür ist er ja ein Esel. Rollm. Aber denk' Dir jetzt so em G'schöpf, was in derselben Lage wär' (legt seine Hand aus Mathis' Schulter), das man gern von seinem Leiden befreien möcht', und das reden könnt', und doch das Maul nicht aufmacht! Mathis. Ein krankes G'schöpf, was reden könnt', und es doch nicht thut, — das war' ja zu dumm! Rollm. Gelt, — das wär' noch ärger als ein Esel — und wann ich ein solches in mein' Haus hätt' (strenge) so duldet ich's nicht länger, ick schaffet's fort! — Mathis. Aber ich weiß nicht, warum Sie mir grad' das sagen! Rollm. (wieder gleichgiltig scheinend). Weil Du, apropos! — Du hast mir ja neulich g'sagt, daß dein Taufgöd, der reiche Braumeister drüben in Holmau, gern möcht' — daß Du zu ihm herüber kommst. Mathis. Ja, er ist schon alt und 1 schwach, und d' Leut sagen alle, ich sollt's 7 nicht versäumen, — ich könnt'vielleicht ein Erbschaft machen, — aber ich — (seufzend) ich mag halt nicht von da fort! Rollm. Und ich sag' Dir, Du mußt fort, heut' noch! — Mathis (heftig erschreckt). Was — was — aber (fast weinend) warum denn? Rollm. (in gutmüthiger Heftigkeit) Weil Du — Du das G'schöpf bist, was krank ist, das beim Arzt im Haus ist, das reden könnt, und doch nicht redt — Du bist ja — aber Du hast ja selber erst g'sagt, — was so ein G'schöpf ist! Mathis (erstarmt). 3ch — ich wäre krank? Herr Postmeister! wer hat Ihnen denn das g'sagt? Rollm. Das braucht mir Niemand zu sagen, das seh' ich bei der Fütterung —will ich sagen, beim Essen! Wenn da Einer von meine Postillons, der so wie Du, oft des Tags seine drei, vier Stationen zu Pferd' g'macht hat, sich nicht ordentlich in d' Schüssel hineinlegt — alleweil ein Nipf macht — nichts red't und nichts deut' — da Hab' ich's gleich weg, — daß's bei ihm am Huf fehlt — wollt' ich sagen, daß ihn wo der Schuh drückt. Mathis (wendet sich seufzend ab). Rollm. Aha! Laß't schon wieder ein Seufzer los! — baß' Dir Zeit, morgen auf der Straße nach Holmau kannst nachher seufzen, wie Du willst — in meinem Haus kann ich aber so ein' verstockten Schmachtlappen nicht brauchen. Mathis (traurig). Na, so geh' ich halt in Gottesnamen, wenn's mich schon nicht mehr brauchen können. Rollm. (wieder heftig). Nicht brauchen, nicht brauchen! Du bist mir der liebste von alle meine Postillons — verläßlich — Pünktlich — nüchtern — sparsam — ich — ich Hab' Dich fast so lieb als mein' Sohn, aber eben deshalb ist's niederträchtig von dir, daß Du kein' Vertrauen zu mir hast. Meiner Seel', wenn ich Dich oft w ang'sckaut Hab', wie Dir's Helle Wasser in den Augen g'standen ist, ich hätt' Dich prügeln können, nur damit Du's Maul anfg'macht hätt'st. Mathis. O mein Gott, lieber Herr Postmeister, wann ich Ihnen auch mein Leiden, 'klagt hätt', — das, was mich allein curiren könnt' — Rollm. Meinst Du, Hab' ich vielleicht nicht?—O Du kennst meineHauSapotheken nicht — (ficht gegen das Hausthor und erblickt die eben aus der halbgeöffneten Thür hervorguckende Fanny. Für sich) Aha! (Laut zu Mathis) und i hätt' a Medicin — (eilt rusch zum Hause und saßt Fanny s Hand). Fanny (in höchster Verlegenheit). Aber Vetter — Mathis (erblickt Fanny in freudigem Schreck). Um Gottes willen, die — die Jungfer Fanny. Rollm. Hahaha! (Fanny anblickend, zu Mathis). Jetzt merk' ich erst, daß Dich nur 's Gewissen so druckt hat — Du - Brandstifter! Mathis. Brandstifter?! Rollm. Läugne nicht! Du bist auf frischer That ertappt! Ich seh' das von Dir angelegte Feuer — da schau her! (Aus Fanny weisend.) Die furchtbare Röthe auf den Wangen, und bei den Augen schlagen die helllichten Flammen heraus. Mathis (selig). Jungfer Fanny! Rollm. (zu Mathis). Aber ich will Dich auch strafen. Mathis (wieder erschreckt zurücktretend). Strafen? Rollm. Ja, und zwar nach dem alten strengen Gesetz, was sagt, daß man einen bei einem Feuer ertappten Brandstifter gleich mitten in die Flammen hineinwerfen soll! — Und das thu' ich — da (wirst Mathis in Fanny s Arme) da lieg', — jetzt brennt's in Gottesnamen zusammen! — Ich geb' mir gar kein' Müh' mehr mit'n Löschen. Mathis (Fanny umschlungen haltend ganz außer sich). Mein Gott, wie ist mir denn? Ja — ja — Fanny! (Will sie küssen.) Fanny (bemüht sich loszumachen). Laß' mich! (Fast böse). Aber die Keckheit! — Herr Vetter, so Helsens mir doch. Rollm. (sich vergnügt die Hände reibend). Ha, ha, ha! — Gar ka Red'. Fanny (drängt endlich Mathis unwillig von sich weg), bin End' jetzt! (Zu Rollmann tretend, ernst.) Detter, jetzt lassen's mich reden. Rollm. Nichts — gar nichts ist mehr zu reden, als daß heut' noch die Verlobung und morgen die Hochzeit sein muß. Z l Mathis (entzückt) Heut' noch. N j Fanny (heftig). Nein, nein, nein! Rollm. (zu Fanny). Kein' Widerspruch. Kommet Dir vielleicht jetzt wieder eine and're Laune? — Nutzt Dir nichts! — Du mußt jetzt schon mir z'Lieb so g'schwind als möglich heiraten — mir war die Vormundschaft immer eine Last, und jetzt, seitdem ich weiß, daß Du verliebt bist, wurd's mir noch schwerer — also nur keinen langen Brautstand. — Morgen ist Hochzeit, dabei bleibl's — ich lauf' selber in's Ort — trommel alle Leut' z'samm' — schick' ein' Erpressen um den Notar — Contract wird g'macht, — gegessen — 'trunken, 'tanzt soll werden die ganze Nacht. Haha! Noch nach Jahren sollen die Leut' von der Hochzeit im Posthaus reden. (Eilt lustig nach dem Hintergründe ab) Fanny (eilt ihm nach). Aber Herr — Herr Vetter! Mathis (tritt ihr in den Weg). Aber liebe, himmlische Fanny, was hast denn? Du — Du willst den lieben guten Herrn Postmeister aufhalten, unser Glück zu begründen? Fanny (mit Stolz). Unser Glück? — Du glaubst also noch, daß es mich glücklich macht, die Frau von ein' — (etwas geringschätzend) Postillon z'werden? Mathis (wieder ganz niedergebeugt). 3a, — wie ist mir denn, — bist Du mir denn nicht wirklich gut? Hab' allweil nur an Dich denken müssen — und oft war's mir, als ob ich Dir, wenn Du so schwermüthig zu uns heraufkommcn bist — gleich um den Hals fallen müßt'. Mathis. Aber warum hast es denn nicht 'than? Ich hält' ja nichts dagegen g'habt! Fanny. Aber gleich d'rauf hab' ich mich wieder geärgert über Dich. Mathis. Mein Gott, warum denn? Fanny. Weil Du gar nichts Anders z'thun g'wußt hast, als verliebt z'sein. Mathis. Aber lieber Himmel, hätt' ich denn sonst noch was thun sollen? Fanny. Du fragst noch? — Eine wahrhafte Lieb' muß für ein' jungen Mann ein Sporn sein, es weiter vorwärts z' bringen — so eine Stellung zu erreichen, daß seine Geliebte auf ihn stolz sein kann. Mathis. Stolz —auf mich? O Gott, das verlang ich mir ja gar nicht. Fanny. Aber ich — ich verlang'-! Ich verlang's nicht, daß die Freundinnen und d'Nachbarinnen d'Achsel zucken, und sagen: Na — was hat's denn für ein Mann kriegt? — Ein Postillon! — »O je!« sagt die Eine, »so ein hätt' ich längst haben können, wenn ich mich hätt' wegwerfen wollen!« — »Und,« setzt die Andere dazu, »er heirat's ja nur, weil er einmal die Post kriegen will!« — So was möcht' ich mit meinen eigenen Ohren hören und das — das machet mich unglücklich. Schau' laß ein g'scheit's Wort mit Dir reden. Mathis. A g'scheit's Wort?—mit mir — heut'? — das wird schwer möglich sein. Fanny. Schau — der Vetter überstürzt Alles! — Verlobung — doch, das ließ ich mir noch g'fallen — aber heiraten sollten wir erst, bis Du Dich durch was Besonderes ausgezeichnet, oder irgend was worden bist — weißt, so, daß die Leut' mich um Dich beneiden müßten. Mathis. Ich wüßt' meiner Seel' nicht, wie ich das anstellen sollt'! Fanny (fast ärgerlich über sich selbst). Ja, — ich kann nichts dafür — aber s' ist so! Ja — Du hast mir g'fallen und, wie ich Fanni (sich wieder unwillig abwendend). mich auch dagegen g'sträubt Hab'— ich! Geh' — Du bist doch gar z'langweilig! — 9 Hast Du denn gar kein' Ehrgeiz? — Ha! wenn ich ein Mann und an deiner Stell' wär', ich müßt hundert Weg für einen, um recht berühmt z'werden! Mathis. So laß doch hören! — Was thät'st denn so zum Beispiel? Fanny. Na, so gib Acht! Fanny Schlag' den Feind, er rückt an! Mathis. Schlagen? den Feind? — Er hat mir ja nichts 'than! Fanny. Hat denn ein Orden für Dich keinen Reiz? Fünfte Scene. Vorige. Fir. Fir (erscheint während des folgenden Duettes zuerst außerhalb der Einfahrt, und kommt dann, fortwährend lauschend und sein Entzücken durch Geberden ausdrückend, in den Hof selbst herein). Duett. Fanny. Haben wir jetzt denn nicht Krieg vor der Thür?' Mathis. Krieg?! — Bei dem Wort zittert Alles in mir! Fanny. Welche Gelegenheit gibt's da zum Ruhm! Mathis. Ich Heirat, dann Hab' ich viel eher a Kreuz. -s L N Fanny. Wie ich auch mahne — es treibt ihn nichts an! Und so ein Hasenfuß nennt sich ein Mann! Mathis. Sie red't mir lang gut — es greift mich nicht an, Weil mich von ihr gar nichts fortbringen kann! Fanny. Oder als Seemann vertraut ich der Flut — Mathis. Mathis. Kaum is man ausmarschirt, bringen's ein' um! Fanny. Wär' ich ein Mann, und verliebt so wie Du, Tricb'S mich begeistert der Fahne gleich zu! Hoch dann zu Rosse — so, als ein Husar Sprengt ich hinein in die feindliche Schaar! Hurrah! wie zückte, gleich Blitzen, mein Schwert! Hundert von Feinden ich streckt' sie zur Erd'! Sieg heißt's! Victoria! göttliche Lust! Goldenes Ehrenkreuz ziert meine Brust! Mathis. Mir g'fallt das nicht. Mir wird schon in ein' Schinakel nicht gut! Fanny. Stolz fliegt das Schiff über's wogende Meer — Mathis. Daß mich ein Haifisch zum Frühstück verzehrt. Fanny. Hin zu den Schätzen an fernem Gestad', Die ich frohlockend auf's Schiff mir dann lad'. Kehr' ich zurück dann — mit donnerndem Schuß Send' ich dem Vaterland erst meinen Gruß, lAber Holdlicbchen mein Auge erspäht ^Unter der Menge, die gaffend dort steht! 10 Ihr in die Arme! mit doppelter Lust Drückt sie den Helden des Meer's an die Brust! Mathis. G'fallt mir nicht, das! Fanny. Selbst Amerika sehen? Mathis. Wilde z'sehen, brauch' ich so weit nicht zu geh'n! Fanny. Aber es winken viel Schätze Dir zu! Mathis. Ich brauch' nur ein Schatz, und der — der bist Du! -s- -c N Fanny. Wie ich auch mahne — es treibt ihn nicht an, Und so ein' Hasenfuß nennt sich ein Mann! Mathis. Sie red't mir lang gut — es greift mich nicht an, Weil mich von ihr gar nichts fortbrin- > gen kann! Mathis (eilt nach dem Duett nach dem Hintergrund links ab). Fanny (durch Mathis' Weigerung sichtbar verletzt, in s Haus ab). Fir (hat sich indeß unbemerkt vom Hintergründe gegen die Thür des Hauses geschlichen, an welcher er nun Fanny mit einer tiefen Verbeugung entgegentritt). Entschuldigen, mein verehrtes Fräulein — ! Fanny (bleibt überrascht stehen, für sich). Ein Fremder? — Aber er druckt sich sehr galant aus! (Laut mit einem tiefen Knix.) Mein Herr! Sie sein vermuthlich ein Passagier — aber (sich umsehend) ich Hab' kein' Postwagen g'sehen, in welchem Sic an- 'kommcn sein könnten — Fix, O mein Fräulein! ich bekleide emcn Stand, in welchem man auch ohne Postwagen gehörig ankommen kann! Fanny. Wie so? Fir. Ich bin nämlich Theaterdirector! Fanny. Theaterdirector? (Erfreut.) Was sagen Sie? Kriegen wir am End' da Heraußen ein Theater? Fir. Ein Theater? Dahier? Nein, mein Fräulein, der Ort liegt zwar mitten im Wald, aber ich zweifle doch, daß die Kunst hier auf einen grünen Zweig kommen könnte! (Sich in die Bmst werfend.) Ich bin Direktor in der Residenz. Fanny (erstaunt und Sehnsucht verrathrnd). In der Residenz! — Aber was gibt denn nachher uns in unserem Gebirgsdors die besondere Ehr'? Fir. Ich bin eben ans einer Geschäftsreise begriffen, um meine Gesellschaft zu komplettsten! — O, Sic glauben nicht, was ich Alles für meine Gesellschaft thue — ich bin für sie jeder Aufopferung fähig! Fanny. Wirklich? Fir. O wie oft, bei meinen früheren Entreprisen, wenn's wo in einer Stadt sich durchaus nicht machen wollt', bin ich gegangen und die Gesellschaft Hab' ich sitzen lassen! — O — ich weiß immer, was ich meiner Gesellschaft schuldig bin. Fanny. Und was suchen Sie denn jetzt g'rad für Ihre Gesellschaft? Fir. Das, was das Gesuchteste ist, eine Localsängerin! Fanny. Localsängerin? — Ich Hab' den Ausdruck zwar schon öfter in den Zeitungen g'lesen, die mein Vetter immer aus der Stadt bringt, aber ich Hab' mir nie recht erklären können, was denn der Unterschied zwischen einer Sängerin überhaupt und einer Localsängerin ist? Fir. Sie wissen das nicht? (Für sich) O unschuldiges Gemüth! (Laut.) Nun, ick will Ihnen das erklären: Eine Opernsängern, singt zwar auch in einem Local, aber bei ihr ist Alles künstlich — eine Localsängerin aber kann nie genug natürlich sein! — Eine Opernsängerin singt so hochdeutsch, daß man gewöhnlich von dem, was sie singt, kein Wort versteht; — eine Local- II sängerin singt aber so, wie ihr der Schnabel wuchs, man versteht nicht nur, was sie singt, sondern sie gibt einem noch eine Menge m ehr zu verstehen; — eine Opernsängerin kann meistens nur singen, und gar nicht reden; — eine Localsängerin aber muß das Maul auf'n rechten Fleck haben, und Sachen reden, die sich ein anderes Frauenzimmer nicht einmal zu denken traut; eine Opernsängerin wird wenigstens alle Wochen achtmal heiser — eine Localsängerin macht Häuser und singt fünfzigmal nach einand', denn sie halt' ein' Puff aus! Dcßwegen erlangen aber auch gewisse Localsängerinnen größere Berühmtheit als manche große Opernsängerin, sie werden nicht nur bei Lebzeiten fetirt, sondern oft selbst nach ihrem Tod noch in Dichtungen verherrlicht — wie z. B. die Therese Krones. Fanny. Ja, von der Hab' ichg'hört, die ist in einem Stück eine Hauptfigur! Fir (schwärmend) Oh! das war sie auch im Leben! Und darum, wenn man jetzt eine Localsängerin als den Inbegriff alles Edlen, Guten, als das Ideal der Tugend und echten Weiblichkeit bezeichnen will, so sagt man von ihr: »Sie ist eine zweite Therese Krones!« Fanny. Und eine solche suchen sie jetzt? Fir (mit einem schmachtenden Btick auf Fanny). O! ich glaub' sie schon gefunden zu haben! Fanny. Wirklich? — Wo denn? Fir. Es hat mich schon gestern eine wundervolle Stimm' in die Kirche hineingelockt — mitten unter allen andern Chorsängerinnen hat sic herausgeschmettert. »Ha!« dacht ich mir, »das wär' was!« Aber bei einer Lvcalsängerin in einem ^tadttheater ist's wie mit einem Clavier, was für einen Salon bestimmt ist, es kommt nicht blos auf den Ton an, sondern auch auf die Form, auf die Gestalt! Deshalb wollt' ich auch wissen, wie die Sängerin aussieht! — Nach dem Hochamt ist aber Alles bunt durchcinand' ans der Kirchen herausgepovelt—ich könnt'also nicht wissen, wer so schön gesungen hat — deshalb Hab' ich gestern den ganzen übrigen Tag dazu verwendet, im Ort herumzustreichen, um nur einmal wieder die Stimm' zu hören — aber was Hab' ich g'hört? In einem Haus eine Kuh blöcken, im andern eine Geiß meckern, im dritten Gänse schnattern — sie sie war nicht darunter! — Schon wollt' ich das Suchen aufgcben, und mir hier im Posthause eine Gelegenheit zum Abfahren bestellen — da — da — hör' ich auf einmal meine Stimm' wieder — ich schleich' herein, und sehe Sie — Sie! Fanny (überrascht und geschmeichelt). Mich?! (Etwas cokett.) Da werden Sie sich vielleicht sehr enttäuscht g'sehen haben — Sie haben sich wohl nach mein'BißlG'sang ein' andere Vorstellung g'macht — Fir. O nein! nein! Sie sind gerade so rund wie Ihr Gesang! O mein Fräulein! glauben Sie mir, Sie sind geboren zur Localsängerin, und ich bin überzeugt, daß Sie im ersten Augenblick, als Sie auf die Welt gekommen sind, gleich Local geschrien haben! O wenn cs möglich wär', Sie so nach der Residenz zu bringen; so eme urwüchsige Gebirgspflanze mitten im Kunst- tcmpel — das wär' etwas ganz Apartcs, etwas Erotisches — etwas Ionisches! Fanny. Ich in die Residenz? — Ah — das wär' wohl schon lang mein Lieb- lingswunsck g'wesen, aber mein Vormund — Fir. Sie haben einen Vormund? O — das ist ja wunderbar! Fanny. Warum denn? Fir. Weil unsere meisten Localsängerinnen schon lang über die Vormundschaft hinaus sind! Aber was ist's mit dem Herrn Vormund? Fanny. Er hat mir nie erlaubt, in die Residenz zu reisen, er sagt, es wäre dort so g'fährlich! Fir. Gefährlich? — Aberglaube! — Gerade für ein junges hübsches Mädchen ist's nirgends sicherer als in der Residenz! 12 Wenn sie ja einmal Abends sich verspätet, so tragen sich gleich die schönsten Herren an, sie zu begleiten — nur damit ihr nichts geschieht! Fanny. Und dann, sagt er, kost's zu viel Geld! Fix. Aber es soll nicht Geld kosten, sondern tragen! Was glauben Sie denn? Eine gute Localsängerin wird bei uns mit Gold ausgewogen! Fanny. Mit Gold ausgewogen? Fir. Verstehtsich. (Für sich.) Darum ist's den Direktoren am liebsten, wenn sie »eine leichte Perlon« ist! (Laut.) Stellen Sie mich auf die Probe! Sagen Sie, daß Sie bei mir ein Engagement annehmen wollen, und ich gebe Ihnen mit Wonne alle Jahre 2000 fl. Fanny (erstaunt). 2000 fl.? Alle Jahre? Himmel! da könnt' man sich ja eine Menge ersparen! Fir. Freilich! Sparen ist die Haupteigenschaft einer Schauspielerin! Uebrigens ist die Gage bald Nebensache! Wenn Sie gefallen — und daran ist kein Zweifel — so regnet es nur Präsente: heut' ein goldenes Bracelett' — morgen eine Rolle Du- caten — übermorgen Diamanten! Fanny. Diamanten! Fir. Ja—die Amanten bleiben nicht ans! Und die allgemeine Verehrung, die Sie genießen würden — Ihre Porträts kommen in allen Kunsthandlungen heraus, es reißen sich darum alle Lithographen — Photographen — Xilographen und auch andere Grafen — Fanny (schon immer mehr verwirrt). Was sagen Sie — Grafen? Fir. Und Fürsten und Prinzen werden zu Ihren Füßen liegen undselig sein, wenn Sie ihnen nur gnädigst zulächeln! Ihrem Salon — denn natürlich einen Salon werden Sie haben, so reich möblirt wie ein Thronsaal — Fanny. Einen Salon — Fix. Und Bediente in Livree und eine Equipage und Reitpferde werden — Fanny. Hören's auf! — Hören's auf! Es dreht sich schon Alles in mein' Kopf herum! So ein Leben — voll Glanz und , traurig) dahier — als die Frau von ein' Postillon? > Fir. Was hör' ich? Sic? — Sie? Fanny. Naja— Sie müssen ihn ja grad' vorhin g'sehen haben — Fir. Wie — was? Der junge Tölpel? — Fanny (rasch). Nein — nein — er ist ein guter, braver Mensch, den ich auch recht gern hätt' — wenn er nur ein Bißl mehr Ehrgeiz hätt'! Fir ldringender). So wecken Sie seinen Ehrgeiz! Steigen Sie selbst zu einer Höhe hinan, das wird ihn dann antreiben, Ihnen gleich zu werden. Fanny (nachdenkend). Ha! Sie mögen nicht Unrecht haben! Wenn ersehet, daß ich in der Hauptstadt d'rin so was Rechtes geworden wär', daß ich die Auswahl unter den vornehmsten Männern hätt' — Fir. Dann müßt ja er auch steigen! Also, Fräulein, fassen Sie rasch einen Entschluß — folgen Sie mir — Fanny (traurig). Ach Gott! es ist ja doch zu spät — heut' soll ich noch verlobt, morgen schon verheirat' werden! Fir. Was? morgen schon? Da bin ich ja grad' noch zurecht gekommen, um Sic aus der größten Gefahr zu retten! — Ha! ich komm' mir selbst vor wie ein Schutzgeist, der Sie von dem Abgrund zurückreißt. Fanny. Ah! es ist ja kein Rücktritt mehr möglich. Fir. Warum nicht? — Die Eh' ist eine Lotterie, also kann man vor der Ziehung noch immer zurücktreten! Fanny (rasch). Versuchen Sie's wenigstens, auf irgend eine Art durchzusetzen, daß die Hochzeit verschoben wird—Zeit gewonnen — Alles gewonnen! Fir. Ja — ich will's probiren! Mich sollen sie vor der Hand nicht sehen — im 13 rechten Augenblick tret' ich schon vor! (Tritt mehr in den Hintergrund zurück, wo er anfangs beobachtend stehen bleibt.) Sechste Scene. Vorige. Rollmann, Mathis. R 0 llM. (tritt im Gespräche mit Mathis durch die Einfahrt ein; vergnügt). Alles in Ordnung — die Gäst' werden gleich kommen — der Herr Pfarrer ist bereit, morgen in aller Früh' die Kopulation vorzunehmen. (Tritt zu Fanny.) Na, Du hoch das so ruhig an? — Morgen — Kopulation! springt Dir bei dem Gedanken nicht 's Herz im Leib? Math is (ganz niedergeschlagen). Ach! die Jungfer Fanny hat schon wieder ganz andere Gedanken! Rollm. (entrüstet). Was? jetzt — andere Gedanken? Ah, da müßt' ich bitten! Dann wäre ja dagegen eine Wetterfahne das Sinnbild der Beständigkeit! — Aber ich hab's satt, mich in alle Launen zu fügen! Ich Hab' ihre Wahl gebilligt, Hab' meine Zustimmung geben— jetzt muß's aber auch dabei bleiben! Punctum! Fanny. Lieber Vetter, wollen's mich anhören? Rollm. Anhören? Meinetwegen — weil ich just Zeit Hab' — Fanny. Aber ruhig, versprechen's mir das, ganz ruhig. Rollm. iheftig). Zum Teufel, bin ich denn nicht ohnehin ruhig? — So red' — red'! Fanny. Schaun's, ich weiß, daß Sie hauptsächlich aus dem Grund' so g'schwind Ihre Zustimmung geben haben, weil's mich sobald als möglich los haben wollen! Rollm. (auffahrend). Da hör'man! Da hör' man! So werden die besten Absichten verkannt! Fanny. Nein, nein! Ich weiß, woran ich bin! Aber deshalb ist ja nicht noth- wendig, daß ich so kopfüber Heirat' — auch will ich nicht, daß mein künftiger Mann glaubt, ich betracht' den Eh'stand nur als ein Dersorgungshaus! Nein, ich will ihm und der ganzen Welt zeigen, daß 's Heiraten für mich keine Nothwendigkeit ist, und daß ich auch allein im Stande bin, mich anständig zu erhalten! Rollm. Verrückte Idee! Anständig erhalten! Von was denn? Vermögen hast kein's — von mir hast nichts als ein' Aussteuer zur Heirat z'erwarten — was willst also lhun? Für d'Leut arbeiten? in ein' Dienst geh'n? Deine Händ' sein nicht darnach! Fanny. Aber, Vetter! ich Hab' eine Stimm'! Rollm. Die Stimm' von ein' Frauenzimmer wird bei keiner Wahlversammlung angenommen! Fanny. Aber — beim Theater! Rollm. (zurückprallend). The— The— Mathes! halt' mich! ich erstick' an dem Wort! The— Thea— nein, nein! ich bring's gar nicht heraus! (Wüthend auf Fanny zugehend.) Gottvergessenes Kind! — Du — die Tochter von einem frommen, ehrsamen Schulmeister — meine Nichte und Mündel ! -- und Komödiantin? ? Mathis. Nein, nein! Fanny! das kann dein Ernst nicht sein! Dann wärst ja für mich verloren! Fanny. Warum denn? Wir sein' alle Zwei noch jung! Laß' mir jetzt mein'Willen, in ein paar Jahren hast Du mich wieder! Mathis (verzweifelnd). Aber wie?! Rollm. (zu Mathis). Mach' Dir keine unnöthigen Sorgen: Ich bin noch da! Ich Hab' noch z'redcn! Aber vor Allem red' Du! (Auf Fanny zueilend und heftig ihre Hand fassend.) Wer hat Dich auf solche Gedanken gebracht? —denn in deinem Kopf können's nicht g'wachsen sein! — Red', wer war's?! Nenn' mir den Kerl und die Peitschen von all'meinenPostknechtensollen z'thunkriegen! Flr (im Hintergrund für sich). Meine Situation fängt an verflucht bedenklich zu werden. (Will sich näher zur Einfahrt schleichen.) 14 Rollm. (zu Fanny). Na, werd' ich's erfahren? Wer war da? (Sicht sich um und er. blickt Fix.) Ha, dort! Fir (für sich, angstvoll). Hat mich schon! Rollm. (zu Fix)- Wer sein Sie? Was wollen Sie hier? Fir (für sich). Jetzt heißt's verblüffen! (Laut.) Eil ein Postmeister, und dock selbst ein so schlechter Kutscher! Rollm. Wie so? Fir. Nun, das »Anfahren* in doch gewiß keine gute Eigenschaft eines Kutschers! Rollm. (sich mäßigend). Ich bitt'umVer- gebung, aber (mit einem finstern Blick aus Fanny) es gibt häusliche Angelegenheiten, die ein' so zu sagen aus dem Häusel bringen. Also mit wem Hab' ich die Ehre? Fir (für sich). Was sag' ich denn g'schwind? Wenn er mein' wahren Stand erfahrt, ist er am End' im Stand — (reibt sich den Rücken, dann laut). Ich, ich bin ein Advocat! Rollm. Und wünschen? Fir. Ich Hab' geglaubt hier im Posthaus (mit einem Blick aus Fanny) eine Zugkraft zu finden! Rollm. Ah — Sie meinen eine Fahrgelegenheit? Fir. Ja, eine Gelegenheit zum Abfahren. Rollm. Hm! das wird heut' schwer halten! Wissen's, Herr Doctor, es Heirat' heut' einer von meine Postillons, und da kann ich doch kein' von seinen Cameraden vom Fest fortschicken? Fanny (spöttisch). Schicken's den Ma- this fort — der ist heut' am entbehrlichsten ! Mathis (gekränkt). Aber Fanny! Rollm. (zu Fanny). Was? g'rad den Bräutigam? Fanny. O! es bräutigamt sich noch lang nichts! Vetter, ich rath' Ihnen, ma- chens kein Aussehen im Ort, denn ich sag' Ihnen, es wird nichts d'raus! Rvllm. Das wollen wir sehen! Fir (zu Rollmann). Herr Postmeister! Ich bemerke mit Befremden, daß Sie, um Ihrer Familienangelegenheiten willen, die Beförderung der Passagiere vernachlässigen. Ich werde mich darüber bei der Postdirec- tion beklagen! Rollm. (stutzend). Bei der Postdirection? (Leise zu Mathis.) Sapperment! Das ist gefährlich! Wenn so ein Advocat nur eine Klag' anbringen kann, so thut er's g'wiß! (Einen Gedanken fassend.) Aber halt! (Laut zu Fix.) Herr Doctor, Hörens mich! Ich möcht' Sie ja hauptsächlich nur deshalb hier z'ruckhalten, weil ich eine sehr einträgliche Arbeit für Sie wußt! Fir. Eine Arbeit? für mich?! Rollm. Nicht wahr, als Advocat befassen Sie sich doch auch mit dem Eontract- machen? Fir. O ja, Eontracte machen, das ist eine Hauptbeschäftigung! Rollm. Na sehn's — das treffet sich ja prächtig! Wir brauchen just einen Con- tract — ich müßt da erst — ins nächste Stadtel am den dortigen Notar schicken — das kostet eine Menge Zeit und noch dazu soll der Notar ein rechter Dummkopf sein — da könnten ja Sie leicht seine Stell' versehen — Fir. Einen Contract — mit dem Fräulein machen? (Aus Fanny weisend.) Das wäre mir allerdings ein sehr großes Vergnügen! Mathis (traurig). Aber mein Gott, was nutzt ein Eh'vertrag, wann die Fanny kein Eh' vertragt? Sic wird ihn gar nicht unterschreiben. Fir (leise zu Rollmann und Mathis). Ha, ha, wenn ich ihr in s Gewissen rede, steh' ich gut, daß sie einwilligt. Oh' ich Hab', darin eine merkwürdige Ueberredungskraft. Rollm. (kise zu Fix). Na, so thun Sie 's doch, ich bitt' Ihnen um Gotteswillen, ich will ja gern dafür zahlen, reden's mit ihr— reden's. (Schiebt ihn zu Fanny.) Fir (saßt Fannys Hand, leise zu ihr). Kind, gelegener könnt' mir gar kein Auf- 15 trag kommen. Ihr Vormund scheint seine väterliche Gewalt gebrauchen zu wollen, da können wir nur durch Schlauheit dagegen arbeiten — sonst ist Ihre Zukunft — Ihr Ruhm — Ihr reicher Erwerb — mit einem Worte alle unsere Lustschlösser zu Wasser geworden. (Spricht leise und eindringlich mit ihr fort.) Rvllm. (die Beiden betrachtend, leise und vergnügt zu Mathis). Er red't ihr zu wie der Rärey ein' stutzigen Pferd! und sie — schau nur hin, wie sie die Ohren spitzt, gib Acht, er schlagt's breit. Fir (laut zu Fanny). Nicht wahr, mein Fräulein, Sie sind bereit, sich mit mir über die Bedingungen des Contractes zu verständigen? (Leise.) Sagen Sie »3a«! Fanny. Nun, wenn der Vetter durchaus darauf besteht. Rollm. (erstem) Na, das ist einmal eine vernünftige Red'. (Zu Mathis leise.) Ist a Mordmann der Advocat. Fir (zu Fanny). Und Sie werden ihn dann auch gleich unterschreiben? (Leise.) Sagen Sie Ja! Fanny. Ja, wenn der Contract in allen Puncten so ist, wie ich will. Mathis (rasch und freudig). O Gott, Fanny, das überlaß' ich ja ganz Dir. Lass' hineinschreiben, was d'willst — von Dir ist mir ein jeder Punct recht. (Zu Rollmaun leise.) Ist wirklich ein Mordkerl der Advocat. Fir (zu Rollmann). Und Sie, Herr Postmeister, sind auch mit Allem einverstanden? Rollm. O ich red' in gar nichts mehr was d'rein. Ich erkläre sogar hier vor Zeugen, daß ich mit dem Augenblick, in dem der Eontract in Wirksamkeit tritt, meinen sämmtlichen Vormundsrechten entsag', und sie mündig erklär'? Fir (für sich). Das ist ja präcktig. (Laut zu Fanny.) Also, mein liebes Kind, wollen Sie sich auf Ihr Zimmer begeben und mich dort erwarten? Fanny (blribt noch unschlüssig stehen). Fir. Wie? Sie besinnen sich noch? Fanny (nach kurzem Kampfe mit sich selbst, eilt zu Rollmann). Also, Vetter, sind Sie wirklich zu keiner Verschiebung zu bewegen? Rollm. Nein, nein, um keinen Preis. Ich Hab' schon g'sehen was für närrische Gedanken Dir kommen, wenn man Dir Zeit laßt. Also mach' g'schwind, un'sre Gäst werden bald da sein, und Du mußt Dich auch noch in Brautstaat werfen. Fir (zu Fanny). Und vorher müssen wir auch noch alle Puncte des Contractes durchgehen; Sie glauben nicht, wie nothwendig in so einem Fall das Durchgehen ist. Fanny (rntschlosstn). Ja, — ich seh', es bleibt nicht's Anderes übrig. (Wendet sich gegen Rollmann und saßt von innerer Bewegung ergriffen seine Hand.) Vetter, glauben's ja nicht, daß ich's vergeß', was für ein guter Vetter und Vormund Sie mir immer waren, und von Dir (indem sie auch Mathis eine Hand hinhält) weiß ich auch, daß d'mich wirklich lieb hast, glaubt's mir also alle Zwei, daß ich den jetzigen Schritt nur thu', um (zu Rollman) Ihnen einmal für alles Liebe und Gute, was Sie mir erwiesen haben, reichen Dank abtragen, und (zu Mathis) Dir mit der Zeit ein recht angenehmes, sorgenfreies Leben bereiten z'können. Also nicht's für ungut, b'hüt' Gott, b'hüt'Gott! (Gilt rasch in s Haus ab.) Mathis (ihr ganz entzückt nachsthend). O Gott, wie lieb und freundlich sie auf einmal wieder ist. Rollm. D'rum muß man jetzt das Eisen schmieden, so lang's warm ist, und vor Allem verhüten, daß sie jetzt nicht am End' mit Jemanden z'sammkommt, der wieder verdirbt, was der Herr Doctor gut g'macht hat. Fix. O seid unbesorgt. Ich laß' sie jetzt nicht mehr aus den Augen, bis sie unterschrieben hat. Rollm. Und ich nicht, bis sie copulirt ist, sie darf mir früher gar nicht aus dem Haus heraus. Denn ich laß' mir's nicht nehmen, es muß sich so ein Spitzbub' im 16 Ort befinden, der 's d'rauf abg'sehen hat, dem Mädel den Kopf z'verdreh'n. Mathis (mit geballter Faust). Wenn ich den Kerl erwischet, Herr Gott, wie ich den mühlet! Fir (für sich). Schöne Aussichten. Rollm. (zu Mathis). Nein, nein, sei nur ruhig. Ich treff' schon meine Maßregeln, daß Sie mit Niemanden andern, als mit unfern Leuten zusamm'kommt. Das Haus har nur den Ausgang dahier, im Hof werden hernach die Tisch' für deine Cameraden herg'richt', und denen werd' ich streng auftragcn, daß sie die Fanny unter gar keinemVorwand aus demHaus hinaus- laffen, wenn nicht ich oder Du dabei sein. Fir (für sich). Teufel das durchkreuzt ja meinen ganzen Plan. (Nachdenken-.) Hm, hm, hm! Rollm. (zu Fix). Na, Herr Doctor, gehen's jetzt zu ihr hinauf und machen's nur den Contract recht fest, damit 's nicht mehr aus kann. Fir. Ja, ja, über das denk' ich eben nach? Rollm. Und dann — nicht wahr, bleiben Sie unser Gast, bis die Hochzeit vorbei ist. Fir. Nein — das kann ich unmöglich. Sie sehen, ich thue für Sie, was ich kann — aber mein G'schäft — mit einem Wort ich muß heut' noch eine Gelegenheit nach der Stadt kriegen. Rollm. (sich verlegen hinter dem Ohre kratzend). Ich weiß wirklich nicht — (Man hört lautes Gejauchze hinter der Scene.) Rollm. (zu Fix). Na, da hörcn'S. Das sein meine Postillons, die trinken jetzt schon drüben imWirthshaus Prob'. — Ich könnt' Sie keinem von den Leuten anvertrauen, denn wenn die was im Kopf haben steh' ich für nichts. Fir (für sich). Teufel, Teufel, was stell' ich denn da an? (Bleibt nachdenkend stehen ) Siebente Scene. Vorige. Ambros. Ambros (ein junger Bursche in einfacher Livree, kommt, einen großen Reisesack tragend, durch die Einfahrt Fix erblickend). Ah' da trejf' ich Sie ja, Herr — Fir (hat sich umgesehen und Ambro- schnell in die Rede fallend). Ach Du — trag' mein Gepäck nur indeß in's Haus — ich bleib' noch einige Zeit hier. Ambros (geht in s Haus). Rollm. (zu Fix). Ist das Ihr Bedienter? Fir. Ja wohl, und — (plötzlich voueinem Gedankm ergriffen, laut ausschreiend). Ich Hab s. Rollm. Was denn? Fir (etwas verwirrt). Ich — ich wollt' nur sagen —ich Hab' einen Ausweg gefunden. Rollm. Wie so? Fir. Nun, sehen Sie — der Bursche, den ich da bei mir habe, der war selbst einmal Postillon — wenn Sie mir also nur einen Wagen und ein Paar Pferde anvertrauen wollten, so könnte ja dieser kutschi- ren! Rollm. Meiner Seel'! das ging — Fir. Und wenn Sie vielleicht eine überflüssige Postillonslivröc hätten — Rollm. O genug! Es sein' erst die ganz neuen vom Schneider kommen! Fir. Nun, dann laßt sich ja auch der Form genügen — geben Sie mir eine von den Livreen, ich steck' den Burschen hinein — mittlerweile lassen Sie einen Wagen anspannen, und sagen Ihren Leuten, daß Sie für heute einen Aushilfs-Postillon ausgenommen hätten, den man also ungehindert fortfahren lassen soll! Rollm. Sie sein aber wirklich ein g'scheiter Herr! Für Alles wiffen's ein' Ausweg! — Ja — ja, so machen wir's — so ist uns Allen geholfen! (Man hört vom Hintergründe her eine ländliche Musik, welche bis zum Beginn des nächsten Austrittes immer näher kommt.) Fir (aufhorchend.) Was ist das? Rollm. Ja, das sein schon unsre Gäst', die ziehen mit der Musik auf, die ich b'stellt Hab'! Mein Gott, und wir sein ja gar nicht so weit — der Contract — Fir (rasch). Soll sogleich in Ordnung sein — schicken Sie mir aber nur bald die Livree. Rollm. Ja, ja, die sollen's gleich haben. Fir. Und dann, daß der Wagen bereit steht, wenn ich mit meinem Geschäfte fertig bin, das ist der einzige Lohn, den ich für meine Bemühung verlang'. Nur gewiß den Wagen. Rollm. (drängend). Ja, ja. Fir (für sich). Gott, ich bin eigentlich mitten im gefährlichsten Wagen d'rin — etil non risiea, von ro8iea — 6or- kLAAio. (Ab ins Haus.) Achte Scene. Vorige. Peter. Hanns. Die übrigen Postillons. Peter, Hanns, die Postillons, (kommen lustig und jauchzend durch die Einfahrt herein). Sie kommen! Sie kommen! Peter. Halloh! Heute soll's lustig hergehen. (Zu Mathis.) Wir Alle freuen uns, daß Du heiratst. Hanns. Und ich freu' mich noch ertra, daß nicht ich Heirat'. Rollm. (zu den Postillons) Kinder, be- vor's an die Lustbarkeit geht, ist noch a kleine Arbeit z' verrichten. Die Postillons. Was denn? Rollm. Ein Paar von Euch müssen dort (nach dem Hintergründe links weisend) die Kalesch' herausschieben — schmiert's es gut, denn wißt, es soll ein Advocat d'rin fahren, und dann nehmt's dort (nach dem Hintergründe weisend) aus'm Stall die zwei Vräunl'n und spannt's es ein. Hanns. Ja, wie ist's denn, soll denn heut' doch noch Einer von uns fahren? "»«>säi,geri„ und Postillon» Rollm. Stein, nein, Euch will ich heut' alle bei einander haben, d rum Hab' ich einen außerordentlichen Vice-Postillons- Substituten aufg'nommen, — er wird hernach schon herunterkommen, den laßt's nur fahren. Peter. Schon gut. (Zu einigen Postillons.) Na, kommt's, spannen wir gleich an. (Geht mit ihnen nach dem Hintergründe ab.) Rollm. (zu den übrigen Postillons). Und Ihr tragt's hernach Wein und Bier aus dem Keller (auf links weisend) herauf. Hanns. Ja! Juchhe, wir stürzen gleich den ganzen Keller um, denn heut' muß G'sundheit trunken werden, so viel G'sund- heit, und so lang G'sundheit, bis uns allen Übel wird. (Geht mit den übrigen Postillons nach links im Vordergründe ab.) Mathis (steht nach dem Hintergrund). Da kommt schon 's ganze Ort und die Fanny — Rollm. Die kann ich jetzt nicht herun- terholen, man muß dem Herrn Doctor Zeit lassen, ihr Alles g'hörig auseinander- z'setzen. Wir führen halt unsre Gast derweil, bis der Contract zum Unterschreiben fertig ist — Mathis (mit Bangigkeit). Unterhalten? Ich weiß nicht, mir ist noch immer nicht recht unterhaltlich zu Muth, daß man der Fanny so zureden hat müssen — (Schüttelt bedenklich den Kops.) Rollm.(ihn ausmunternd). Pah, pah, das waren nur solche Faren, — lustig, d'Leut' kommen!G'schwind, mach' einBräutigams- g'sicht. — Wir müffen's doch freundlich begrüßen. Neunte Scene. Vorige. Musiker. Festlich geputzte Landleute, Mädchen mit Blumen, dann Peter, Hanns, die Postillons, die Musiker (ziehen voraus, stellen flch aber sogleich im Hintergründe an der Mauer aus). Rollm. und Mathis (den Kommenden entgegengeheudj. Seid willkommen, liebe Gäste. r 18 Chor. Zu dem heutigen frohen Feste, Sind geladen wir erschienen. Rollmann. Mathis. Das ist wahrlich schön von Ihnen. Hoch willkommen! Hoch willkommen! Chor. Immer freundlich ausgenommen, Ist man ja in diesem Haus. Rollmann. Mathis. (Gegen die Thür des Hauses weisend, einladend.) Kommt herauf zum Tanz und Schmaus. Chor. Ja, hinauf, zu Tanz und Schmaus! (Während dieses kurzen Gesanges gehen die ältern Dorfbewohner in das Haus ab.) Rollm. und Mathis (folgen). Die Mädchen (wollen ebenfalls in das Haus). (Nachdem sämmtliche Gäste durch die Einfahrt hereingekommen waren, wurde während des Gesanges von den früher nach dem Hintergründe abgegangenen Postillons ein offener Wagen hinter der Mauer von links nach rechts vorgerollt, so daß derselbe jetzt gerade vor der Einfahrt sichtbar ist.) Peter,Hanns und die Postillons (sind theils vom Hintergründe, thcils vom Vordergründe links wieder gekommen, eilen aus die Mädchen zu und halten jeder eines derselben aus). Peter (zu seinem Mädchen). Halt, halt, so geht's nickt. Hanns. Laßt's die Alten hinanfgehett. Ihr Jungen müßt da bei uns Jungen bleiben. Die Mäd ch en (sich etwas sträubend). Nein, nein, laßt uns fort. Peter. Fort, hoha! Da sein die Musikanten. (Zu diesen.) Spiclt's nur gleich ein recht frischen G'strampften auf — nachher werden wir sehen, ob noch Eine vom Fleck kann, wann's auch wollt'. Juchhel Die Musikanten (spielen einen Ländler). (Die Postillons und die Mädchen tanzen, und enden mit einer passenden Gruppe.) Zehnte Scene. Vorige. Fanny (etwas später) F i r. Fanny (tritt als Postillon verkleidet, im Gesichte durch ein Schnurbärtchen und durch eine schwarze Perrücke unkenntlich gemacht, aus dem Hause). Da bin ich! Wo steht mein Zeugl? Peter (sieht sie erstaunt an). Wer ist denn die Krautwurzen? Fanny. I — i — bin der neue Postillon. Alle Postillons (lachend). Hahaha! Fanny (sie ausspottend). Hölzernes G'lächter! Kommt's epper auf d'Größ an? Ist Mancher a größers Roß als das, wo er d'raufsitzt, und kanns do nit zwingen. — Aber i! Ha, habt's denn nie was g'hört von dem Postillon von Al- menruh. Peter. Met Lebtag nicht. Fanny. Na der, der bin i. Jetzt wißt's es, und jetzt gafft's mich nicht weiter an wie d'Maulaffen. Hanns (zu Fanny). Na, hörst, grob bist schon wie a Stallknecht, aber (wichtig) mit dem allen ist nichts gethan. A ordentlicher Postillon muß noch a Bißl was anders können, als grob sein. Peter. Ja, wenn wir Dich als Came- raden aufnehmen sollen, so mußt zum Einstand a lustig's Postillonsliedl singen, und auch zeigen, daß d'mit der Peitschen umgeh'« kannst. Fanny. O, das wird leicht a Hexerei sein, also-macht's Engre Loser aus, und hörts —. Ich will Euch das Lied! singen, was einmal der Hofharfenist aus Almenruh auf mich dicht' hat — aber Ihr müßt auch mit einstimmen. Die Postillons. Ja, ja, leg' nur los. 16 Fannv lfingt). Lied mit Chor. deut le, kommt's — und hört'die G'schickte Vom jungen, feschen Postillon, Von allem dem, was ick berichte, Ist d'Hälste sicher wahr davon. In allen Dörfern, allen Stad'ln, Hat er gebraucht zu blasen nur, Gleich stürzen d' Weiber und die Mad'ln, Mit'm Kopf auf d'off'nen Fenster zur. Hi! he! hi! he! Ist das a Bua, Der Postillon von Almenrua. ' Chor. Hi! He! Hi! He! rc. (Schnalzt mit -er Peitsche.) Fanny. So manches Weiberl könnt' ich nennen, Die mit dem Postillon ist g'fahr'n, Gleich thät ihr's Herzerl hellauf brennen, Wie s sieht den jungen, lieben Narr'n; Wirft er's auch um, sie thut nicht klagen, Sie fallt ja nur in's weiche Gras, Und thut, wenn's heimkommt, auch nichts sagen. Als: O die Reis' das war a Spaß — Hi! He! Hi! He! Ist das a Bua, Der Postillon von Almenrua. Chor. He! Hi! He! Hi! rc. (Schnalzt mit der Pritsche.) Fanny. Paßt auf, was noch mit ihm wird g'scheh'n, Jetzt sitzt er wohl noch auf dem Bock, -Doch ein paar Jahr, — dann sollt' Ihr seh'n. Kommt er im goldgestickten Rock. Vierspännig kommt er angefahren, Da sitzt er dann im Wagen d'rin, — Dann reißt die Augen auf, Ihr Starren, Und ruft : Traun wir denn unfern Sinn? He! Hi! He« Hi! Ist das a Bua, Der Postillon von Almenrua. Chor. He! Hi! He! Hi! rc. (Schnalzt wie oben.) Eilfte Scene. Vorige. Fix. Fir (kommt, in einen leichten Reisemantel gehüllt, znm Schlüsse des Liedes aus dem Hause eilig). Aufgeseffen! Aufgeseffen! Fanny (eilt voraus ab). Fir (während er in den Wagen springt). Treib' die Pferde an. Fort, fort! (Der Wagen fährt rasch fort.) Die Postillons (sehen alle erstaunt nach). Hanns. Wie ist mir denn? Mir ist die Stimm' gegen den Schluß zu so bekannt Vorkommen. Peter (zur Hinfahrt gehend und nachsehend). Wie er davonjagt über Stock und Stein. Zwölfte Scene. Vorige. Rollmann. Mathis. Gaste, dann Ambros. Rollm. und Mathis (eilen bestürzt au- dem Hause heraus). Die übrigen Gäste (folgen). Rollm. und Mathis. Leut', Leut'! Die Postillons. Was gibt's denn? Rollm. Habt's mein Jungfer Mahm nicht g'seh'n? Peter. Mit kein Aug'. Mathis (verzweifelt). Im ganzen Haus ist's nicht z'finden. (Fanny s Stimme von einiger Entfernung.) He! Hi! He! Hi! Ist das a Bua, Der Postillon von Almenrua. Mathis (aufhorchend). Um Gottes willen das — das ist ihr Stimm'! Peter. Nein, nein, das ist der Postillon. Ambros (tritt aus dem Hause). Mathis (ihn erblickend).) Bursch', wv hast Du die Livräe? Ambros. Die Hab' ich ja der schönen Mamsell geben müssen, die mitmein Herrn, dem Theaterdirectvr, sortg'fahren ist. Rollm. (entsetzt). Ähr — Ihr — Ma- this! wart'! jetzt trifft mich der Schlag! (Taumelt zurück; einige Gäste halten ihn in ihren Armen auf.) Fannp's Stimme (in noch weiterer Entfernung). He, hi, he, hi! Ist das a Bua, Der Postillon von Almenrua! Schluß-Gruppe. (Der Vorhang fällt.) Zweiter Act. (Spielt um fünf Jahre später als der erste ) (Salon in einem Hotel der Residenz, reich möblirt, mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren.) Erste Scene. Mathis. Jean. Mathis (fitzt in eleganter Morgentoilette an einem Tische im Vordergründe, auf welchem ein Spiegel steht und die Requisiten des Friseurs liegen.) Jean (ist eben beschäftigt, ihm einen falschen blonden Schnurr- und Backenbart anzukleben; nachdem er damit fertig geworden, zu Mathis). Monsieur! betracht Sie sick in der miroir! sein nick die barde wie gewachsen auf Ihre Wange? Mathis (sich im Spiegel betrachtend). Ha, meiner Seel', kein Mensch kann kennen, daß das rin falscher Bart ist. Jean. Nui8 eueors die psruHus liloiiätz! (Setzt ihm eine blondgelockte Perrücke auf den Kops und betrachtet ihn dann selbstgefällig.) Vraimsnt! tout wöeolmai^adls ! Mathis. Wirklich! wenn ich mich so auf der Gassen begegnet, ich kennet mich selber nicht! Jean (stolz). Das sein der priviltzAtz der OoMvurrs ätz ?ari8! Mathis. Ja, ja, das glaub' ich, daß man das inParis am besten z'wegen bringt, ein G'sicht zu machen, in dem kein Mensch erkennt, was eigentlich dahinter steckt! — Na, ich bin mit Ihrer Kunst zufrieden! (Nimmt Geld aus einem Portemonnais und reicht es Jean.) Da! Jean (sehr erfreut). 0 llttzrei! Mathis. Ich werd' Sie immer so gut bezahlen, aber — (legt den Finger aus den Mund). Jean. O Monsieur! sein Sie ganz tran8 t r (auf Gummi s anderer Seite stehend, erschreckt). Doktor, machen Sie mich nickt unglücklich! ES wird nicht von Bedeutung sein — ne soll nur etwas einnehmen, damit sie g'snnd wird! Fanny (zu Fix). Sie haben sich versprochen, Sie wollen sagen: ick soll nur g'snnd werden, damit Sie was entnehmen! Fix. Aber haben Sie denn schon etwas gebraucht? Fanny (heimlich die Banknote dem Dr. Gummi zeigend, laut zu Fix). Ja, von dem brauch' ich sehr viel! (Zu Gummi, indem sie ihm die Banknote gibt.) Was halten Sie denn von dem Recept? (Leise zu ihm.) G'scheit sein, Doctorl! Gummi (betrachtet, von Fix abgewendet, die Banknote, für sich). Zehn Gulden? «Laut.) Hm! das ist 'mal so ein Hausmittel für manche Uebel, aber die Dosis müßte öfter wiederholt werden! (Steckt die Banknote ein.) Fanny. Ja! (Mit einem bedeutenden Blick auf Gummi.) Wenn Sie sagen, daß mein Zustand bedenklich ist — Gummi. Allerdings Labe ich Ursache, Sie durch einige Wochen täglich zu besuchen! Fir (verzweifelnd). Einige Wochen?! Ich bin ruknirl! — Dann muß ich mein Theater zusperren! Fanny. Zu was denn znsperren? — 's geht ja ohnehin Niemand hinein, wenn ich nicht spiel'! Fir (wüthend). Sie reißt noch Witze! (Für sich.) Es nutzt nichts — ich mnß's auf ein' and're Art probiren! (Laut zu Fanny. sehr einschmrichklnd.) Aber allerliebste, reizendste der Localsangerinnen!— Ich zweifle zwar nickt, daß Sie stark angegriffen sind, aber der Wille vermag sehr viel über den Organismus — ich bin überzeugt, wenn Sic nur wollen — Fanny. Es ist aber die Frag', ob ich wollen will! Fir. Versuchen Sie's, nur einige Töne — (hebt fle sanft von ihrem Sitze auf, legt ihren Arm unter den seinigen. und führt fir gegen das Piano) ich will Sie begleiten. Fanny (sich ganz ermattet stellend). Auf m Elavier? — Nun — probiren wir's? aber Sie müssen hübsch nachgeben — das sag' ich Ihnen gleich! Fir. Ja, ja — (Setzt sich zum Piano und schlägt ein Notenheft aus.) Also gleich da — das Lied der Aelplerin! (Präludirt) Fanny (nimmt Noten zur Hand und singt mit absichtlich heiserer Stimme). Dort unren in der Quellen Da schwimmen Forell — (hustet) ka! — hä! — kä! — (Legt die Noten weg ) Es geht nicht! die ganze Forellen ist mir im Hals stecken blieben! Fir. O, versuchen Sie's nur noch einmal, wenn Sie's auch ein Opfer kostet! (Leise zu ihr.) Ich bin ja auch bereit, Opfer zu bringen! Täglich fünf Gulden Spiel Honorar mehr! Also anevra! äa eapo! ^Schlägt wieder die Melodie an.) Fanny (fingt mit etwas freierer Stimme). Dort nnt' an der Quellen Da schwimmen Forellen — Fir (während Fanny fortfingt, für sich). Gott sei Dank! Die Forellen ist hcraußen! Fanny. Im sonnigen Schein Doch, da kommt a Fischer, A junger, a frischer, Wirft d'Angel hinein! Fir. Bravo! bravissimo! Nur fort! Fanny (versucht zu jodeln, schlägt aber mit der Stimme um). Es geht nicht! es geht dock nicht! Fir (dringender). Muß gehn! Zehn Gulden Spielhonorar mehr! Fanny (legt das Notenheft weg). Nein! nein! Ich riskir', meine ganze Stimm' zu verlieren! Fir. O fürchten Sic das nicht! Ihre Stimme hat eine Kraft — Fanny. So? — Na, da will ich gleich sehen, ob meine Stimm' noch ausreicht! (Schlägt die Arme über einander 'tritt vor Fix, in strengem Tone.» Apropos! Was Hab' ich g'hört? — Sie haben meine beste Freundin, die Mathild' entlassen? Fi r (wichtig). 3a — ich mußte! Es gibt Directionsverhältnisse — Fanny. Sagen Sie lieber: »Es gibt Verhältnisse des Direktors« — (strenge» die aber auf's G'schäst kein' Einfluß haben sollen! — Wenn ich so was hör' — das ärgert — das alterirt mich — das fahrt mir gleich in den Hals wie a Fischgräthen! (hustet) hä — kä hä! Fir. Um Himmels willen! werden Sie um nicht gleich heftig! Sie verderben sich auf's Neue! — Es kann sich ja Alles wieder machen — mit der Zeit — Fanny (auffahrend). Mit der Zeit? — nein! Die Mathild' ist eben bei mir, es kann also gleich Alles in Ordnung kommen! (Geht zur Seitenthür rechts, öffnet dieselbe und ruft hinein.) Du, Mathild'! ick bitt' Dich, komm' einen Augenblick heraus! Siebente Scene. Vorige. Mathilde. Math, (tritt aus dem Seitenzimmer rechts). Du wünschest? — (Fix erblickend.) Der Herr Direktor noch hier? Fanny. Ja — er wünscht Dich hier um Vergebung bitten zu dürfen — Fir (zurückfahrend). Was — was — um Vergebung — Fanny (rasch , doch leise zu Fix). Tie haben einer Dame Unrecht gethau, 's ist also nur Ihre verfluchte Schuldigkeit, daß Tie den ersten Schritt zur Versöhnung khun! Also g'schwind — sckön hingehen! die Hand küssen. (Führt Fix zu Mathilden.) Fix (zu Mathilde», zögernd). Mein Fräulein! Fanny (leise zn Fix). Hand küssen, sag' ick! Fir. Nun denn (küßt Mathilden's Hand). Zch habe mich von einer Aufwallung zu sehr Hinreißen lassen — entschuldigen Sie — ich — ich wünsche, daß unser gegenseitiges Verhältniß sortbeitehen — Fanny (zu Mathilden). Und ich glaub', Du könntest Dich um so mehr versöhnlich zeigen, da der Herr Direktor Dir von heut' an jährlich um 500 fl. mehr geben will — Fir (macht einen Satz zurück). Was? 500fl. — Wer hat das gesagt? Fanny (zu Fix). 3ch! — Und ich will eben sehen, ob meine Stimm' so viel Kraft hat, als Sie eben vorhin beharrptet haben! (Leise zu Fix ) Sie — machen's keine Um- ständ' sonst begehr' ich 2000 Gulden. Fir (zornig). Nein — das thu' ich nicht. Fanny (sich beleidigt stellend). So? so? — Na, ich will meine Stimm' nicht mehr strapaziren — ich red' nichts mehr! — ich fühl's — ich nluß mich schonen — ich leg' mich heut' noch in's Bett — (Für sich.) Um zwölf Uhr in der Nacht! (Laut, indem sie mit schwankendem Schritte wieder zum Divan geht, und sich wie ermattet darauf niederläßt.) Doktor! ein' Haarlinsenmehl-Umschlag! Fir (wüthend für sich). Da haben wir's! Wenn ich ihren Willen nicht thu', Hab' ick alle Tag' einen Schaden von l OOO Gulden! — Es bleibt nichts übrig — ich muß auch in den sauren Apfel beißen! (Würgend.) Nun — also — so geb' ich denn nach! — (Zu Mathilden.) Sie sollen die Zulag' haben! Math, (mit kalter Höflichkeit). Ich danke Ihnen. Fanny (ganz vergnügt vom Divan aufspringend und zu Mathilden eilend). Und ich gratulire Dir — jetzt bleiben wir wieder beisammen! Math, (leise zu Fanny). Du bist so gut! Fir (mit Zngrimm ans die beiden Damen blickend, leise zu Gummi). Da sehen's nur, wie sie wispelu! wie sie triumphiren — verdammtes Weibsvolk! Oh! es wär' noch- L8 wendig, daß ein Theaterdirector 365 Häute hätte, damit er alle Tage aus der Haut fahren könnte. Achte Scene. Vorige. Nctti. 9!ktti (eilt zur Mittelthür herein, zu Fanny). Fräulein! es fahren schon Wägen vor — die Gast' kommen — Fanny. Mein Himmel! Und ich bin noch nicht im Soiroe-Anzuge! Fir. Was hör' ich? —Gäste? Soiree? Fanny (mit komischer Noblesse). 3a, es ist heut' bei mir großer Empfang! Fix. Aber Sie sind ja unpäßlich! Fanny. Ich fühle mich schon wieder päßlich! Fir (zu Gummi). Doctor! das können Sie nicht zngeben! Fanny. Ich lad' ja den Herrn Doctor selbst dazu ein! (Zu Gummi.) Doctor, ich Hab' gestern drei Körb Champagner zum Präsent kriegt! Rüderer, ettarte dlaneke! Gummi. Nun — wenn ich dabei bin — es heißt ja in derWiffenschaft: »?rae- 86ltt6 rneckieo nikil nocet. Fanny. Ha haha! das heißt auf Deutsch: »Präsente schaden ein' Arzt nie!« Aber jetzt heißt's an die Toilette! Du (zu Netti) bitt' die Herrschaften, nur indeß da cinzutreten. (Netti ab.) Fir (vor Wuth seinen Hut zerknitternd). Es ist zum Rasendwerden! Fanny (zu Fix). Pfui, Direktor! Was machen's denn für a G'sicht? — Es muß doch Ihr Wunsch sein, daß ich mich restau- rir'! — Deswegen Hab' ich mich an den ersten Restaurateur der Stadt g'wendt, und (Luft rinzirhknd) riechen's schon? Trüffel- Pasteten — Hummern — Austern! O — die Atmosphäre stärkt schon mein' Kehlkopf! Hören's nur (Mit ganz freier Stimme laut schmetternd.) Kommet! Zu Tische Lad' ich Euch ein! Eisige Frische Kühlet den Wein. Gläser voll! Euer Wohl! Hurrah! Iuhe! (Eilt jodelnd mit Mathilden nach rechts ab.) Fir(wüthend zu Gummi). Sie foppt mich! Sie tanzt auf meiner eigenen Nase Polka! Und ich — ich muß mir's gefallen lassen! — ich muß ihr noch schön thun! Ihr — diesem in's Weibliche übersetzten ausgelassenen Schusterjungen! Ich Hab' mir da selber eine Ruthe auf den Rücken gebunden, die mir alle Tage einen Schilling gibt! Aber still! Da kommen schon Einige! (Tritt mit Gummi etwas in den Hintergrund zurück.) Neunte Scene. Vorige. Herr v. Blinkenstern, Mathis, Rollmann, dann Diener (letztere tragen während der folgenden Scene zu beiden Seiten des Hintergrundes reich besetzte Buffets heraus, bringen Schüsseln mit Speisen, Tafelaufsätze, Flaschenkörbe u. s. w.). Blinkenst. (in elegantem Salon-Anzuge, tritt mit Mathis Armin Arm ein). Mathis (ist nach englischer Mode gekleidet, seine Haltung steif). Rollm. (nun statt seine früheren grauen, lang herabhängende schwarze Haare und einen gleichfärbigen Schnurrbart tragend, im Kostüme eines ungarischen Edelmannes folgt ihnen, sich erstaunt im Saale umsehend.) das ist Quartier von Komödiantin? lerinAette! Ist schöner eingerichtet als bei uns Stuhlrichter! (Immer mehr bewundernd.) Das ist wirklich, was ist einzig in seiner Art, daß man sagen kann: Was ist das? Blinkenst. Was sprechen Sie, Komödiantin — Fräulein Grünhold ist eine Künstlerin — Sie müssen sie nur in einer ihrer Parade-Rollen sehen! (Sieht sich um und 29 erblickt Fix.) Warten Sie! 3ck> werde sogleich das Repertoir erfahren. (Tritt zu Fix zurück und spricht mit diesem.) Rollm. (nun rasch mit Mathis noch mehr in den Vordergrund tretend, in seiner gewöhnlichen Redeweise). Na. Mathis! Was sagst zu mir? Hab' ich nicht von dem Husaren-Wacht- meister, der bei mir im Quartier g legen ist, g'nug profitirt? Mathis. 3a — 's ist nicht möglich, Ihnen z'erkennen, aber nehmen's Ihnen nur in Acht, wenn sie erst da ist! Rollm. Dann verrath' ich mich erst recht nicht! Denn ich müßt' mich ja schämen, als der Vetter von so einer Person erkannt z'werden! Zehnte Scene. Vorige. Meilesheim, Ueberberger (treten durch die Mitte ein, bleiben aber bei Fix stehen). Mathis (sich nach den Neuangekommenen umsehend, zu Rollmann). Aber sehen's nur — es kommen doch die schönsten Leue zu ihr! Rollm. Mein lieber Mathis! G'rad', wenn zu ein' ledigen Frauenzimmer schöne Leut' kommen, geht's meistens schön zu! (Bemerkt, daß Blinkenstern mit Fix näher kommt.) Aber pst! sie kommen! jetzt (wieder seine frü- Haltung annehmend) bin ich wieder ganz (ilul^a8 — Du sei ganz Leektsulr! — ich verrath' mich g'wiß nicht! Blinken st. (tritt mit Fix vor, die übrigen Häste kommen auch mehr in den Vordergrund, zu Mathis und Rollmann). Nun, wir werden morgen das Vergnügen haben, Fräulein Grünhold glänzen zu sehen. (Fix vorstellend.) Der Herr Direktor — Rollm. (Fix erkennend und sich vergessend). Million Teufel! da ist er ja! Mathis (leise zu Rollmann), llm Gottes willen! Blinken st. (verwundert zu Rollmann). Was haben Sie? — Ist Ihnen der Herr Direktor bereits bekannt? Rollm. (seine Aufwallung mühsam bemri- sternd). Nein, nein! Aber hat uram (aufFix weisend) nur so viel Ähnlichkeit mit Betjar, was hat bekommen in Steina manger fünfzig von Panduren. (Gemüthlich zu Fix.) War vielleicht verwandt zu Ihnen? Fir (lächelnd). Nein— ich kann mich wirklich dieser Ehre nicht rühmen! Rollm. Ist Schad'! Mathis (zu Fix). Also Miß Grünhold wird morgen wieder thun spielen? Fir. Wer kann gut stehen dafür? — Versprochen hat sie's wohl, aber Sie wissen ja Alle, wie mich diese Mamsell mit ihren Capricen malträtirt! Meilesh. Sagen Sie ihr, daß ich werd' kommen in Theater und nehmen drei Logen, und daß ich ihr will werfen lassen Kränze, von denen kostet 10 fl. das Stück, und sie wird spielen! — Ich sag Ihnen, sie wird spielen, so wahr ich heiße Meilesheim und Cümpanie! Blinken st. Nun und wir werden auch ein Ucbriges thun, um ihr Wiederauftreten recht festlich zu begehen. Fir. Aber, meine Herren, das sind nicht die rechten Manövres, diese kleine wilde Katze zu zähmen. Gerade das, daß das Publicum immer Partei für sie nimmt, macht sie ja so übermüthig und unbändig. Es wäre endlich an der Zeit eine kleine Demonstration gegen sie zu machen, man dürfte nur einige skandalöse Geschichten von ihr unter die Leute bringen. Was sagen Sie zu dem Plan? Meilesh. (den Kops schüttelnd). Verzeihen Sie. Ich kann nicht begreifen, Sie — als Theaterdirector sind doch wie ein Kaufmann, und ihre Schauspieler und Schauspielerinnen sind die Waare die sie anbieten dem Publicum! — Wenn nun herginge ein Kaufmann, und schreit selber: -»Da seht, die Waare, die ich dahier Hab' am Lager, und die Ihr kauft am liebsten, ist eine verlegene faule Waare und hat Flecken um und um!« müßt' man da nicht sagen: Der Kaufmann ist ein dummer Mann? Rollin. (sich wieder vergessend). Ich sag', ein Herr, der seine eig'nen Leut' verdächtigt, ist ein schlechter Kerl. F i r (verdutzt zurücktretend). Mein Herr! Mathis (tritt vor, sich gewaltsam beherrschend und ruhig erscheinend). lind wer ruhig anhört, wie beleidigt wird ein Lady, ist n'od Gentleman. I — will Satisfation (sprich: Sätsfätsche). (Nimmt gegen Fix eine Borerstellung an ) Fir (furchtsam zurückweichend). Verzeihen — Sie — ich — ich versteh' nicht englisch. Mathis. So werd' ich geben die erste Lektion. (Dringt stoßend auf ihn ein.) §ir (zur Seite springend). Allweh! Zu Hilfe — ein Attentat. Blinken st. zwischen die Streitenden). Ueberb. . Meine Herren, zur Rübe! Gumrnl. ) Eilste Scene. Vorige. Fanny. Mathilde. Fanny (im reizendsten Salonanzuge, tritt während des allgemeinen Tumultes mit Mathilden aus der Seitcnthür rechts.) Was glbt's denn da? Mathis (bleibt plötzlich in seiner Po- xerstellung wir eingewurzelt stehen). Sie — Rollm. (erstaunt aus Fanny blickend). Das — sie? — Gott, wie Haben s I ^ denn das Madel ang'legt? Fanny. Ja, sagen's mir nur, was ist denn da Vorgängen? Alle (schweigen verlegen). Fir (sich ein Sacktuch vor die Nase haltend). Verzeihen Sie — ich — ich habe eben so starkes Nasenbluten bekommen — ich — ich bedaure — ich kann nicht länger das Vergnügen haben. (Eilt durch die Mitte ab.) Fanny (ihm nachsehend). Er geht? — Na, jetzt kann's erst heut' bei mir schön werden. Aber — (Bückt verwundert Mathis an, welcher noch immer unbeweglich in seiner früheren Stellung verharrt) wer ist denn das? Blinken st. (Mathis vorstellend). Ich stelle Ihnen hier den jungen Lord vor, welcher, wie ich Ihnen bereits gesagt, vor Begierde brannte, Ihre persönliche Bekanntschaft zu machen. Fanny. Nun ja, 's ist ja eine bekannte Eigenschaft reisender Engländer, daß sie auch die unbedeutendsten Gegenstände sehe»! wollen. (Zn Mathis.) Im Thiergarten waren Sie verrnuthlich schon, jetzt sehen Sie sich halt so ein inländisches Schnabelthier, Localsängerin genannt, auch noch an. Mathis (steht, die Augen starr auf sie gerichtet, noch immer sprachlos). Fanny (sieht ihn verwundert an, zuckt die Achseln, dann leise zu Blinkenstern). Sie, ist das ein Taubstummer? Blinkenst. Nein — dock der Anblick Ihrer Schönheit scheint ihn sprachlos zu machen. Fanny (Mathis von der Seite betrachtend, leise zu Blinkenstern). Gar kein Übler Mensch — und mir ist, als wann ich ihn schon wo g'sehen haben müßt — (Sieht wieder lächelnd auf Mathis.) Mathis (für sich, abwchrend). Ich halt's nicht aus. (Zn Rollmann tretend.) Herr Postmeister, jetzt Halten s mich, wenn sie mich länger mit so ein Blick anschaut, zergeh' ich wie ein Butterstritzel in der Sonn'. Fanny (leise zu Blinkenstern). Eurios, die falschen Engländer sein sonst so keck, und der echte kommt mir vor wie ein rechter Traumichnicht. Blinkenst. Und dennoch ist er ein Mann der That — ein Champian für Frauenehre. Er hak sich eben, bevor Sie kamen, ritterlich um eine Dame angenommen, in deren Abwesenheit über sie übel gesprochen wurde. Fanny. Hahaha! Jetzt kann ich mir Alles erklären. Die Lästerzungen war mein lieber Herr Direktor, und die abwesende Dame — war ich. (Geht wieder zu Mathis.) Ich dank' Ihnen recht herzlich. (Hält ihm die Hand hin ) Mathis (verwirrt und ängstlich, leise zu Rollmann). Sie laßt mich nickt ans. Rollm. (leise). So nimm doch ihre Hand, es fallt sonst auf. Mathis (wendet sich rasch gegen Fanny, hascht nach ihrer Hand, und bedeckt sie in ungestümer Hast mit Küssen). Fanny (entzieht ihm lachend ihre Hand). Na, na, beißens mir nur d' Hand nicht ab. (Leise zu Blinkenstern.) Schau, schau, jetzt thaut das englische Eis erst auf. Blinken st. (leise zu Fanny). Ah, wasSie bei ihm für Eis halten, ist nur Lava auf einem Dulcan. Glauben Sie mir — ich beobachte ihn schon, seit er hier in uns'rer Stadt weilt. Seine Liebe zu Ihnen grenzt schon beinahe an Verrücktheit, und wenn Sie ihn erst im Theater sehen könnten, wenn Sie aber eines von Ihren lustigen Oesterreicher-Liedchen singen. — Aber Sie könnten nun selbst in der Nähe diese Wirkung sehen. (Laut.) O Fräulein, beglücken Sie uns mit einem Liedchen. Alle Gäste (in die Hände klatschend). 3a, ja, ein Lied, wir bitten. Fanny (heiter). 3ch weiß ja eh', daß ich bei einer G'sellschaft nie ohne G'sangel dar- auskomm, und Hab' mich deßhalb schon vorbereit' — ja, ich Hab' mir sogar meine Begleitung schon b'stellt — gcben's nur Acht. (Eilt zur Seitenthür links, öffnet dieselbe und ruft in s Nebenzimmer). Kommt s NM Heralts, Lenteln. Zwölfte Scene. Vorige. Ein Zitherspicler. Zwei Geiger und ein Quilarreschläger. (Alle vier in oberösterreichischer Tracht, treten ans dem Nebenzimmer) Fanny (zur Gesellschaft) Sehens, das ist ein Original-Quartett aus'n Innthal, mit der Begleitung will ich Ihnen heut' einmal echt österreichische G'stanzeln singen. Alle (applaudirend). Bravo, Bravo! Die Musiker (haben an einem Tische, welchen ihnen die Diener stellten, Platz genommen ) Faun» tzur Gesellschaft). Ick bitt', Nehmens Platz. Die Gälte (setzen sich zu beiden Seiten). Mathis und Rollm. (bleiben mehr im Vordergründe seitwärts stehen). Fanny (zu den Musikern). Also stimmt's an. (Singt folgende Schnaderhüpfeln, deren jedes mit einem Jodler endet, indem sie sich nach der Melodie halb tanzend bewegt.) Schwarzaugets Buabel, Du bist der meini, Bist mir scho g'wachsen, 3n s Herzerl eini. Wann i z'Nacht munter wer, Und mein' Bub'n singen hör', Zieht mi fest n'aus sei Stimm', War gern bei ihm. Juchhe! du fescher Bua, Knöpf Dir die Tascherln zua, Wenn einmal 's Tascherl springt 's Geld verklingt. Spielleut', spielt's lusti auf, Schenk' Euch sechs Batzen d rauf. Trefft's mir nur 's rechte Lied, Werd's mir nit müd'. Mathis und Rollm. (haben schon in der ersten Hälfte des Liedes angesangm sich unwillkürlich nach dem Tacte der Musik zu bewegen, klatschen später in die Hände, am ßnde stimmen beide in den Jodler ein, drehen sich bäurisch im Kreise und jauchzen.) Alle andern Gäste (sehen verwundert auf Mathis und Rollmann, und stehen zuletzt auf, verwundert ausrusend). Was ist das? Der Engländer — der Ungar?! Fanny (ebenfalls erstaunt, im Gesänge innehaltend, zu den Beiden). 3a, wie geschieht Ihnen denn? Rollm. (sich zuerst besinnend, indem er stehen bleibt, für sich). Himmelsapperment! 82 1 Reißt den sich noch drehenden Mathis am Rockschoße, leise zu ihm.) Diehkerl! Was treibst denn? Mathis (sich ebenfalls besinnend). Meiner Seel'! (Leise zu Rollmann.) Aber Herr Rollmann! Sie haben ja auch- Rollm. (leise). Stad sei — benimm' Dich wie ein anständiger Mensch! Meilersh. (Rollmann betrachtend). Ha- haha! ich werd' gehen auf der Börs, und machen in Staalspapieren, weil ich doch Hab' gesehen, daß die Ungarn anfangen zu tanzen nach österreichischer Weise. Fanny. Ja, um ein Landler z'lernen braucht man kein Tanzmeister, sondern nur a Zither und a Geigen! (Zu Mathis.) Wollen Sie's einmal mit mir probieren? Mathis (voll Verlegenheit). ^68? i —i will! (Leise zu Rollmann.) Herr Rollmann! Herr Rollmann! wenn ich mit ihr tanzen muß, steh' ich für nichts gut! Rollm. (leise). Wart' nur, ich will pro- biren, ob ich ihr 's tanzen nicht doch verleiden kann! (Laut zu Fanny.) O Fräule! Der Lord hat schon tanzt! wie mir sein mit ein- and' durchgereist durch Altrieding — Fanny (plötzlich von dem Worte ergriffen). Altrieding?! Rollm. (leise zu MathiS). Siehst — der Nam'von ihremHeimatsort juckts doch aBißl. Fanny. Verzeih'« Sie — waren Sie länger in dem Ort? Kennen Sie vielleicht den Postmeister? Was macht er? Rollm. Hm! (die Achsel zuckend) weiß ich nicht, ob noch macht —aber lang macht auf keinen Fall mehr. Fanny (sehr erschreckt zurücktretend). Was — was sagen Sie?! Nicht mehr lang — Um GotteS willen was ist ihm g'schehen? Rollm. Lbatta! Hat Unglück gehabt der Mann — ist einmal ganz ausgeraubt worden. Fanny. O mein Gott! Rollm. Liegt jetzt ganz krank und allein und will gar nichts mehr, als sterben! Fanny. Sterben? Er?! Allmächtiger! (Wankt zum Divan zurück, finkt La denselben und drückt das Sacktuch, laut schluchzend, an ihre Augen) Mathilde (eilt rasch zu ihr, bemüht, sie aufzurichten). Liebe Fanny! — Um des Himmels willen! was nberkommt Dich? Gummi (eilt ebenfalls hin). Mathis (leise zu Rollmanu). Was ha- ben's denn ang'stellt? (Will ebenfalls hineilen.) Rollm. (ihn zurückhaltend). Obst da bleibst! Mathis (leise). Aber schaun's nur — sie ist ohnmächtig — sie stirbt! Rollm. (leise). Nein, nein! (Mit dem Ausdrucke innerer Freude.) Ich sag' Dir, sie ist viel — viel besser, als ich gedacht Hab'. Gummi (zu Fanny). Ich bitte, nur den Puls. (Will nach Fanny s Hand langen ) Fanny (plötzlich rasch von ihrem Sitze in die Höhe fahrend). Lassens mich! Mir fehlt nichts! Aber fort muß ich — fort — auf der Stell'! Alle (erstaunt). Was hören wir? Math, (zu Fanny). Wohin willst Du? Fanny. Fort! Nach Haus! — In meine Heimat! — Ich muß! Halt' mich Niemand auf! Math, (zu Fanny.) Was fällt Dir ein? — Fort von hier? — Bedenke doch dein Contract! Fanny (anssahrend). Was Contract?! Ich kümmere mich um kein' Contract — um kein' Direktor — um kein' Theater! (Dem Weinen nahe.) O Gott! wenn ich lieber in mein' Leben keines kennen g'lernt hätt ! — Einen Reisewagen! Rollm. (leise vergnügt zu Mathis). Ein guter Kerl ist sie doch 'blieben! Math, (leise zn Ueberberger). Sie begeht eine Thorheit! Gummi (leise). Ich muß den Direktor rasch in Kenntniß setzen! (Eilt durch die Mitte ab.) Ueberb. (tritt zu Fanny). Fräulein, wollen Sie mich anhören? Fanny (zu Ueberberger). Ah, gut, daß Sie hier sein — Sie sein Advocat, Sie müssen machen, daß mein Contract gelöst wird. Ueberb. Liebes Kind, dasselbe Ansuchen haben Sie bereits wiederholt an mich gestellt, und ich habe Ihnen nach sorgfältiger Prüfung Ihres Vertrages bereits gesagt, daß derselbe nur in dem einen Falle erlöschen wurde, wenn Sie sich verheiraten. Fanny. Heiraten? — wenn ich auch das Mittel ergreifen wollt', wer Heirat' mich denn so in der G'schwindigkeit? Mathis (rasch hervortretend). 3 will — R 0 ll M. (rasch leise zu Mathis). Mathis ! ! Mathls (leise zu Rollmann). Lasseu's mich — das paßt zu meinem Racheplan! (Laut wieder zu Fanny.) Vk8, Miß, wenn ich Zhnen kann sein gefällig — ick beirate Sie! Fanny (ihn starr ansehend). Sie? Sie?! (Plötzlich einen Gedanken fassend, für sich.) —Ha! wenn er — ja — ja — so ging's! Es handelt sich nur darum, ob er auf den Vorschlag einging! (Laut sehr artig zu Mathis.) Mylord! Ihr Antrag ist eben so schmeichelhaft als erfreulich — doch ist vorhin jedenfalls noch Vieles und Wichtiges zu besprechen! Blinkenst. Dann wollen wir nicht stö- ren. (Zu den übrigen Gästen.) Begeben wir uns in die Nebensalous. (Alle ab.) Dreizehnte Scene. Mathis und Fanny (allein). Mathis (wieder eine steife Haltung annehr mend). äsar Nis8! Fanny. Ich bitt' Ihnen um Gottes willen! reden's jetzt nur so viel wie möglich deutsch, denn es handelt sich vor Allem darum, daß wir uns g'schwind verstehen! Mathis (für sich). Herr Gott! so gach will sie's auch noch! Fanny. Sie haben mir den Beweis geben, daß Sie mich wirklich lieben — -'vrqlszngenn und PosliUon, Mathis. Over)'! sehr viel! (Kür sich.) Was G'wiß's weiß ich eigentlich jetzt selber nicht! Fanny. Darum will ich Sie — Sie allein auch lohnen — mit meinem Vertrauen! — Und so sag' ich Ihnen denn aufrichtig, daß ich Sie nicht lieb'! Sind Sie dadurch beleidigt? Mathis (rasch, feurig). 0 not! not! ich bin beleidigt gar nicht! Fanny (hält ihm ihre Hand hin). Wollen Sie trotz dem mein Freund bleiben, und mir helfen ohne allen Eigennutz? Mathis. Vö8 — ^v8. I will! s Schlägt ein.) Fanny. Also — So Hörens! Zch will — ich muß fort — Sie haben aber grad' vernommen, daß ich nicht los komm', als wenn ich Heirat' — Mathis (wieder traurig). Also wollen Sie mich doch heiraten? Fanny (sich vorsichtig umsehend). Pst! pst! — es soll nur so ausschau'n, als ob ich heiratet; wir bestellen einen Notar, der vor Zeugen ein' festen Contract zwischen uns abschließt, das ist schon beinah' so viel als eine Trauung selbst — Mathis (den Kops schüttelnd). 0 No! no! Fanny. Dann sagen Sie, Sie wollen sich in meinem Geburtsort mit mir ver- mälen lassen — das kann der Direktor nicht wehren — wir fahren fort — Alles glaubt, ich bin verheirat' — Sie aber geben mir Ihr Wort, daß Sie gleich darauf den Contract zerreißen, und von gar keinem Recht Gebrauch machen. Mathis (zögert). Fanny (ängstlich wendend). Sie b'sinnen sich?! — Herr! haben's Barmherzigkeit! — Es ist der einzige Weg, los zu kommen! Mathis. Aber wenn erfahren thut der Direktor, daß Sie nicht geheiratet haben in vsrit^ — wird er Sie wieder holen zurück — 3 Fanny. O nein! nein! wenn ich nur erst in Altrieding draußen -in! dort Hab' ich schon Ein', der mich g'wiß gleich Heirat'! Mathis (für sich). Oho! Sie glaubt vielleicht — daß ich mir noch ein Ehr' *d'raus machen werd', wann ich's jetzt heiraten darf — na wart' — Du sollst Dich cnrios irren. Fir's Stimme (noch außerhalb derSccne). Was? fort?! Das wollen wir sehen? wo ist sie? Fanny (erschreckt auffahrend), lim Alles in der Welt! — Der Direktor! jetzt ist keine Zeit mehr, zu überlegen! (Dringend zu Mathis.) Herr, wollen Sie mir Helsen? Mathis (entschlossen). ^68 — I will! Vierzehnte Scene. Vorige. Fix. Dr. Gummi. Meiles- heim. Blinkcnstern. Rollmann. Mathilde. Neberberger. Die übrigen Gäste. Fanny (Mathis' Hand ergreifend). Äa, meine Herrschaften. Ich stell' Ihnen hier meinen Bräutigam vor, mit dem ich mich herlt'noch verloben — morgen aber in meinem Geburtsort vermälen werde. Alle Gäste. Wir gratuliren. (Umringen Fanny und Mathis, Glück zu wünschen.) Fir (verzweifelt). Gratuliren? — Und ich — ich — mein Theater. (Zn Mathis.) Gentleman, Sie werden doch nicht — Mathis. Vs8, i 8im1I. — l Ms tim mi88 l lvill schreiben unter Contract was (zu Ueberberger) ^ON sollen setzen aus — 00W6. I ^vill sjivak mit ^ou. (Fängt sich in Ueberberger's Arm und geht mit ihni in die Seitenthüre rechts ab.) Math, (zu Fanny). Du willst Dick also wirklich schon morgen vermälen? Aber Du wirst doch noch früher all' deinen bisherigen College» und Colleginnen erlauben, von Dir Abschied zu nehmen. Fanny. Ja, bitt' sie hereinzukommen — sie sollen Theil nehmen an der Freud' einer G'fangenen, der eben ihre Ketten ab- g'nommen werden! (eilen von den Nebenzimmern, in welche sie früher abgegangen, wieder heraus). Fir und Gummi (eilen durch die Mitte herein). Meilersh. Blinkenst. Rollm. Mathilde Die übrigen Gäste Fir (ganz außer sich). Was hör' ich? (Zu Fanny.) Sie wollen abreisen? — Wird nichts d'raus. — Ich lasse Sie überwachen — die ganze Gesellschaft Hab' ich vom Theater weg zu Hilfe gerufen. Ihr Haus ist bereits voll allen Seiten umstellt — und ich umzingle Sie persönlich. Sie dürfen nirgends hin, als nur ins Theater, und auch dorthin nur unter Bedeckung. Fanny. So, so, ich darf nicht fort? Auch nicht, wenn ich zu meiner Hochzeit geh' ? §ir (prallt zurück). Hochzeit? Lie — Sie? Math. Ich ruf' sie sogleich. (Ab durch die Mitte.) Fir (leise zn Gummi). Sie will sich in Ihrem Geburtsorte trauen lassen? Ha, dann ist noch nicht alle Hoffnung verloren! Jetzt heißt's den ganzen Landsturm aufbieten. (Will mit Gummi fort.) Fünfzehnte Scene. Vorige. Schauspieler und Schauspielerinnen (stürmen herein und hindern so Fi; und Gummi sortzugehen). Quodlibet. Chor. Ach, darf man der Nachricht vertrauen? Dir strahlt heut' ein glücklicher Stern. Aus Lieb' vor allen andern Frauen Gewählt von ihm, dem großen Herrn. 35 Fanny. Ja, ich hab's jetzt gnädi, Morgen werd' ich Lady, Heut' noch, o Theure, Bin ich die Eure. Lasset den Abschied recht heiter sein, Heute uns herzlich der Freude weih'n, Füllet die Gläser zum Rande voll, Leert sie auf Aller Wohl! Chor. Füllet die Gläser zum Rande voll, Leeret, ja leert sie auf Aller Wohl! Nagelprob, Die ich lob, Trinket aus, Bringet aus Dreimal hoch Ein Lebehoch! Fir (für sich). Welch' ein Gesicht wird sie doch morgen machen. Der ist nur klug, der am Ende lacht. (Zu Fanny.) Mein Fräulein, darf ich gratuliren. So wie sie ist Keine mehr, Suchen Sie auch rings umher. Lade uns ein, Bei Dir als Gast zu sein, Bei Tanz und Wein, Bei Lust und Scherz Erhebt sich das Herz! Rollmann. Isten tioxöää ^668 rünsäm, 826 p Aulamdom, 826 p violäui; Värj Kiv 6 n räm tiarerLära, Vl 882 U t676k N6M 8okära. Chor. Tra la la la la rc. Mathis (tritt auf). Dli6 eontraet il 18 ^68 fertig, 0nä68 äri>v cl jn All's gewättig. Chor. Die Einen. FaNNY (zu Fix). Zu Dir bin i g'angcn, Bei Dir hat's mi g'freut', Zu Dir komm' i nimmer, Der Weg is ma z'wcit! Chor (Fix verspottend). He, he, he, he, Sag' für ewig Er Ade, Wer wird künftig singen? He! —? Fir (zu Allen). Spottet nur zu —! Spottet nur zu —! Spottet nur zu —! Spottet nur zu —! Spottet nur zu —! Vier Mädchen (treten vor. zu Fix). Warten Sie, Herr Direktem, Bald ist sie nicht die Zhre mehr, Heut' noch ist sie Mylords Braut, Doch morgen schon ihm angetraut, Wie kommen denn die mit einander fort? Die Ander». Wie kommen denn die mit einander fort? Die Mädchen. Red't Er. Die Männer. So versteht dann Sie kein Wort. Fanny (zum Chor). Glaubt Ihr, das Englische fallt mir so schwer? Oootl morniuA, 6ooci 6V6MNA, Was braucht man, Was braucht man denn noch mehr! llotm tak6 6tcmä M6, Mathis. Ott, ^68, ^68, )N8, ^68, ^68! Fanny. Kv6r^ vli6r6 äireotli. L * Mathis. O! 768, 768, 768, 768, 768 ! Fanny und Mathis (zugleich). Komisch carrikirt. LI6Ä8 IN7 dear, Hov ttl 6 8 UU 18 8 ldllIU 7 VVkat '8 o eioeic ^t tour .7 am diniin^ LllAÜ 8 k I^ord LuAÜati vord Luxli8k do§ Loxlmli ko§ I^orck, vord, kox, Oa Okeer Old ^u^laud Otieer! Vk 8 , 768, 768, 768, 768, V 68 , 768, 768, 7S8, 768! Fanny (sich ermannend und Abschied nehmend). So sage ich denn Lebewohl der Kunst, Dock Ihr — Ihr bewahrt mir Eure Gunst. Chor (zu Fanny). Sie bleibe Dir! Wo Du ziehen mögest hin, Unser Sinn Bleibt Dir zugewandt, Weilst Du auch in fernem Land'. Lebe wohl in frohem Bunde, Freu' der Liebe Dich, nun befreit Don dem Zwang, in sel'ger Stunde, Wo dem Gatten dein Herz sich weiht. Wo Du ziehen rc. rc. (Wiederholt bis Ende.) (Alles bewegt sich freudig und tanzt nach Arrangement) (Der Vorhang fällt.) Dritter Lei. (Hosraum vor dem Posthause wie im ersten Act.) Erste Scene. Mathis. Rollmann. Hanns. Peter. Postillons. Mathis (wieder als Postillon gekleidet). R ollm. (in seiner eigenen Gestalt, stehen mitten unter den Postillons). Mathis (zu den Postillons). So — Ihr wißt jetzt Alle, um was sick's handelt, und werd's mir helfen, den Spaß ausz'führen — geh' also Einer von Euch dort auf den Hügel, von dem aus man auf die Poststraßen steht, und wie er nur von Weitem ein' vierspännigen Wagen Herkommen sieht, geb' er gleich mit'n Posthorn das Signal — dann wißt Ihr Alle, was Ihr weiter zu thun habt! Peter. Gut ist's — (zu einem Postillon) geh' nur Du auf den Hügel! (Der Postillon entfernt sich nach links im Hintergrund.) Rollm. szu Mathis). Wir sein ihr doch richtig um a gute Stund' vorauskommen. — Ja, meine Bräundln — die sein über den kürzer» Feldweg nur g'flogen! Mathis. Aber jetzt, lieber Herr Postmeister, ist's Zeit, daß Sie sich auch bereit halten. Rollm. Versteht sich — ich muß noch g'schwind auf'n Tod krank werden. Mathis. Da wird sich's gleich zeigen, ob sie wirklich nur aus Theilnahme mit Ihrem Schicksal so g'schwind hat heraus- z'kommen g'sucht. Rollm. Die nächste Stund' soll mir über Alles Klarheit geben! Jetzt komm' nur und hilf mir oben Alles Herrichten! Mathis. Ja, ja! (Zu den Postillons) Also versäumt's nichts — und nur ja den Spaß nicht verderben! (Geht mit Rollmann ins Hans ab.) 37 Hanns (Mathis nachsehend» zu den andern PastillonS). Er red't all'weil von ein Spaß, und dabei schaut er so trübselig d'rein. Peter. Ich kann mich überhaupt noch gar nicht z'recht finden! Nach sünf Jahren kommt er heut' auf einmal wieder zu uns — ist recht schön angezogen und begehrt doch wieder sein alt's Postillons'g'wand. Zweite Scene. Vorige. Fir. §ir sin einen leichten Reisemantel gehüllt, schleicht durch die Einfahrt herein und sieht sich vorsichtig rings um). Hanns (ohne Fix zu bemerken, in seinem Gespräche fortfahrend). Wie's mir scheint, seit der G'schicht' mit der Mahm von unser'm Postmeister ist's da (auf die Stirn deutend) mit ihm nicht inehr recht richtig. Peter. Ist mir recht leid um den Ma- this, war immer so a guter Kerl und muß weg'n ein' Madl so unglücklich werden! Hanns. Ja, meiner Seel'! wenn ich den wüßt', der ihm's abspänstig g'macht hat — den könnt' ich so Hanen, als wenn er mir selber was anthan hätt'. Peter (und die andern Postillons). Ja, das thäten wir auch. Fir (dn horchend näher geschlichen war, für sich). Ah, — die Stimmung ließ sich ja benützen! (Tritt mitten unter die Sprechenden, laut.) Bravo! das nenn ich kameradschaftliche Gesinnung, das ist 68prit clu eorps. Peter (ihn erstaunt ansehend). Hanns. Wer ist denn der Herr? Fir. Ich, ich bin mit der Nichte des Herrn Postmeisters in der Stadt bekannt geworden, und könnte Euch wohl denjenigen bezeichnen, welcher sie ihrem ersten Liebhaber, eurem Freund und Cameraden, abwendig machen will! Hanns. Was nutzt uns das, wenn wir's auch wissen — da müff'n wir'n haben! Fir (rasch). Nun, er wird heute noch herauskommen! Alle Postillons (aufgeregt). Was? was sagt der Herr? Fir. Ja, ja, das ist so, wie ich Euch sag' — denkt Euch nur die gemeine Bosheit — gleichsam um den armen Mathis zu verhöhnen, will er die Mamsell Fanny heut' noch — und gerade hier — in diesem One — zum Altar führen! Peter (erschreckt). Gott im Himmel! wann das g'schicht, thut sich der Mathis was an! Hanns (entrüstet). 'S ist aber auch schlecht von der Fanny. Fir. Ah, — die ist weniger Schuld, als Ihr glaubt.—Der Fremde hat sie überredet, einen Vertrag mit ihm abzuschließen — aber sie gäb' jetzt selbst viel dämm, wenn sie den widerwärtigen Kerl auf gute Art los werden könnt'! Hanns. Ja (zu den übrigen Postillons) da sollt'n wir doch was thun! Peter. Ja, was denn? Fir. Nun, Ihr habt's ja g'rad vorhin selber gesagt — Hanns. Ja — wir mühlen ihn fest durch — Peter (ebenfalls ausgebracht). Durchdroschen soll er wer'n — Die andern Postillons. Aus'n Salz g'haut! Fir. Ha! ha! ha! Ich glaub' wohl, wenn Ihr dazu Courage hättet, es vergingen ihm d'Heiratsgedanken! Hanns. Was — Courage? — Ha, als ob's da so viel Courage brauchet, wann wir Alle über den Ein- Fir. Noch dazu ist er nicht euer Landsmann, — 's ist ein Engländer! Hanns. Ein Engländer? — Na, dem wollen wir einmal zeigen, wie's englische Leder 'gärbt wird! Fir. Ja! es ist eigentlich eine National- Ehrensache, so ein hergeschwommener Insulaner will einem ehrlichen deutschen Burschen sein Mädel wegsischen — 38 Hanns. Ha! Er soll ganz andere Fisch kriegen! (Zu den Postillons.) Nicht wahr — da seid's Alle dabei? Alle (aufgeregt). Ja, ja, — wir Alle! Peter. Aber wie kennen wir ihn denn? Fir. Ihr könnt gar nicht fehlen — es wird ja kein anderer Fremder hente das Posthaus betreten. »Hanns. Wir paffen ihm auf und wie wir'n d'erblicken, geht die Trischaknng los! Fir. Bravo! bravo, meine Tapfern! Der Mathis wird's Euch lohnen — und ich — ich selbst — wenn Ihr Euch Muth und .Traft trinken wollt' — (zieht seine Börse heraus und vertheilt Geld unter die Postillons) da, da habt Ihr eure Löhnung voraus — kämpft für Englands Niederlage! Hanns. Zahlt werden wir auch nock? — Na — Sie sollen auch mit unserer Arbeit z'frieden sein! (Alle ab) Dritte Scene. Fir (allein). Warum's nie thut tadeln — stets lob'n Jeden Schritt, den die machen da droben, Das könnt' man genau detaillir'n, Wenn sie zum Budget just votiren Noch a halbe Million, weil's sonst nicht kommen d'raus — Doch, das halt'eine grelle Beleuchtung nicht aus! A Künstlerin, die noch recht schön, Laßt gern sich vor den Lampen sehn', Und nicht nur auf'm Theater bloß, Wo sie in mancher Rolle groß. Auch wenn ihr Wort die Kritik spricht, Erscheint sie sogar im besten Licht: Warum aber a Millionär Für Kunst hat geschwärmt gar so sehr, Daß er an Contract sogar macht, Worin er sie reichlich bedacht, Dagegen aber fest darin stellt, Auß'r ihm darf kein Mensch auf der Welt Betreten als Freund der Gefeierten Haus, Jetzt, das halt' a grelle Beleuchtung nicht aus! Es war' nur zu wünschen, daß es bis zu diesem Ueberfalle etwas dunkel würde, damit der Beefstakesfresser gar nicht wüßte, woher ihm eigentlich diese Ueberraschung kommt, denn so ein Geschäft gehört auch zu den vielen auf der Welt, die im Gegensatz zu dem allgemeinen Drängen nach Licht, eine all zugrelle Beleuchtung nicht anshalten! Couplet. Die freie Presse, das ist g'wiß, Daß die ein Licht im Finstern ist, Sie hellte auf die tiefe Nacht, Die wir im Schlaf' einst zngebracht; Bei Allem, was man jetzt bericht't, Die Losung heißt nur: «Licht, mehr Licht!* Warum aber a Redaction Oft blast ein' ganz andern Ton, Im Fasching glänzt beim Maskenball Der Luster hell im großen Saal, Es werden noch, — es ist a Pracht, Rings Kandelabers angebracht! Damit das Treiben recht man sieht, Reiht' um und um man Licht an Licht! Dagegen im Gang ringsumher, Da ist's mystisch und dunkel oft sehr, Denn wenn dort ein schmachtender Herr Lang seufzet vor ein' Debardeur — Und wenn er sie endlich bestimmt, Daß sie ihre Larve abninunt, Das böhmische G'sicht, ohne Larven — o Graus! Das haltet a grelle Beleuchtung nicht aus! Ein gutes Amt'l ist vacant, Bittsteller kommen hergerannt, Der Chef will unparteiisch seh n Und laßt d'rum ein Befehl ergeh n, 39 Daß über jeden man bericht' Was an ihm wär', denn er will Licht! Doch einer, der just nicht viel kann, Der stellt die Sach' viel schlauer an, Zum Chef schickt er sei junge Tant', Mit seinem Gesuch in der Hand; Der Chef sich mir der nur bespricht, Und wie es daun weiter geschieht, Daß sie gleich's Decret bringt ihr'm Detter nach Haus — Das halt' eine grelle Beleuchtung nicht aus! Wenn von den Photographen hier Sich einer aufnimmt ein Quartier, So sucht er gleich ein' Glassalon — Der recht beleucht' ist von der Sonn'. Sein G'schüft ist einmal so gericht', Cr braucht dazu viel Licht — viel Licht! Doch gibt es auch Photographien, Die eigene Käufer anziehcn, Gruppirungen, die doch gewiß Erinnern nur an's Paradies, Und doch werden Bilder der Art Nur heimlich im Kasten verwahrt — Warum hängt man die nicht in d'Auslag' hinaus? Ja, die halten a grelle Beleuchtung nicht aus. Wenn in dem Insurgentenkrieg Erfochten d'Russen einen Sieg, Da haben's in Bulletins oft g'schrieben, Von ihnen wär' ka Manu geblieben, Und ganz entstellt war oft die G'schicht, Da wünschet man sich oft mehr Licht! Jetzt aber haben d'Oesterreicher g'schlag'n Wie d'Löwen sich vor ein paar Tagen — Und wie sie des Sieg's auch bewußt, Gesteh'n sie doch offen den Verlust, Geben ehrlich die G'fallenen an, Vom Obersten bis zum g'mein' Mann, Denn was d'Oesterreicher leisten im Schlachtengebraus, Das halt auch die grellste Beleuchtung stets aus. An Wägen, welche fahr'» bei Nacht, Sein stets Laternen anbracht, Die Vorsicht ist g'wiß sehr gescheit, Sonst stoßen in der Dunkelheit Zwei Wägen z'samm und Alles bricht, D'rum angezündet nur das Licht! Doch war auf ein' Ball ein Gourmand, Macht an a hübsches Maderl sich an, Sie geh'n gleich in d'Restauration, Essen von jeder Speis drei Portion' Champagner von selbst sich versteht, Bis Alles im Kreise sich schon dreht — Die Wirkung, wenn's fahren im Fiaker nach Haus', Jetzt, die hält a grelle Beleuchtung nicht aus! Ein Herr die Augen stets verdreht. Wenn von der Lust der Welt ist d'Red'! »Mich,« sagt er, »ziehet das nicht ab, Ich denk' an Jenseits nur und Grab, Denn wenn der Tod die Hülle bricht, Will rein ich geh'n zum ewigen Licht!« Er selber ist ledig — a Mahm, A junge, halt's Hauswesen z'samm', Und weil halt der Herr gar so gut, Verwaiste er aufnehmen thut — Jetzt, daß die klein' Buben dem Herrn So gleichschau'n, g'rad als ob's wär'n Aus seinem Gesicht völlig g'schnitten heraus, Jetzt, dc>s halt' a strenge Beleuchtung nicht aus. (Nach dem Liede hört man in einiger Entfernung das Posthorn blasen.) Vierte Scene. Mathis, Peter, Hanns, Postillons, Liese, mehrere Landmädchen, Musikanten, Kellner. Hanns, Peter, ) die Postillons, ! (kommen schnell vom Hin- Lisi, Mädchen t tcrgrunde links herbei), und f Musikanten (folgen ihnen und stellen sich rückwärts auf). 40 Ein paar Kellner (briugrn große Gefäße mit Wein und kleinere Krüge). Mathis (den Tameraden rasch entgegenge- hend> Na, was ist's? — Ist ste's wirklich? Hanns. Ja, ja, ich Hab' den Wagen selber g'sehn, — er muß in fünf Minuten im Ort sein! Mathis. So stellt's Euch g'schwind an, als ob wir mitten im Fest wären! Wo ist die, die für heut' mei' Braut abgeben will? Hanns (führt Liese vor. welche nach Art der Bauernbräute geputzt ist). Da, mei' diese!, — sie hat Dir auch glei' ein' ordentlichen Buschen mitbracht! bisi (reicht Mathis einen großen Blumenstrauß). Da, da! steckts'n auf Euren Hut! Mathis (rasch den Strauß auf seinen Hut steckend). Her damit! Also fangt's an! (Zu den Musikanten.) Lvsg'legt! (Zu Lisi.) Komm' her, Dirndl! (Stellt sich mit Lisi zum Tanze an.) Die übrigen Postillons (paaren sich auch mit ihren Mädchen). Die Musikanten (spielen einen lustigen Tanz auf). Alle (tanzen unter Händeklatschen und Strümpfen nach ländlicher Weise). heut' kommt — All's wird tractirt! (Zu den Uebrigen ) Dringt's miraKrügl, daß ich's der gnädigen Frau da zubringen kann! (Nimmt einen Weinkrug, trinkt daraus und hält ihn dann Fanny hin.) Sollen leben, Euer Gnaden! Unbekannter Weis! Heut' soll Alles leben! Vivat! Juche! Na — thun's mir B'scheid! Fanny (für sich). Gott im Himmel, mir scheint, der hat ein' Rausch — und eh'dem war das so a stiller Mensch! Mathis (ihr wieder den Krug hinhaltend). Na, legen's kein Verschmach d'rauf, 's ist schon noch mehr Wein da! Hahaha! Ein ganzer Keller soll heut' aus'lrunken wer'n! Fanny (für sich). Wart'! ich will ihn schon zu sich bringen — (Laut.) Nun — ländlich sittlich! — gebt her! (Langt nach dem Kruge und zieht zugleich den Schleier vom Gesicht.) Na — seht her! Mathis (sieht sie an, dann als ob er sie gar nicht erkennen würde). Na — nur ein' festen Schluck! Fanny (befremdet). Aber, so seh' mich doch an! Mathis. Na? (Sieht ihr nochmals ins Gesicht, dann die Achsel zuckend.) Ist just nichts Fünfte Scene. Vorige. Fanny. (Zanny (tritt im Reisemantel, einen Schleier über das Gesicht, durch die Einfahrt, erstaunt). Was ist denn da los? (Der Tanz hört aus, alle Paare treten zu beiden Seiten.) Mathis. Was los ist? — Hochzeit gibt's! (Seinen Hut schwenkend.) Juche! Fanny (Mathis ganz erstaunt anblickend). Math -(Sich besinnend, für sich). Er kennt mich nicht! — Aber so Hab' ich ihn nie g'seh'n! (Laut, mit etwas verstellter Stimme.) Also Hochzeit! Mathis. Ja, wenn Euer Gnaden uns die Ehr' geben woll'n, ist's recht — wer Besonders z'sehen! Fanny (einen Schritt zurücktretcnd). Was? Du kennst mich nicht? Mathis (dummlachend). Hahaha! jetzt redt's mich gar per »Du« au! Fanny (im herzlichsten Tone). Aber Mathis! Mathis (wie oben). Hahaha!—Mein' Nam' weiß's auch! — Sein wir vielleicht schon einmal g'fahren mit einand'? Fanny (für sich). Heiliger Gott, sollen mich denn die fünf Jahr, seit ick von hier fort bin, so verändert haben? (Laut.) Erinnerst Dich denn nicht mehr — an die Fanny? Mathis (sich gleichsam schwerfällig besinnend). Die Fanny — Fanny. Na ja — die Mahm vom Postmeister? Mathis. Ah die! (Rasch zu Fanny) Ich bitt', Euer Gnaden, reden's jetzt von der nichts. Fanny (immer mehr erstaunt) Warum nichts? Mathis (heimlich zu Fanny). Mei Braut (auf List weisend) braucht nichts davon z'wiffen, daß ich einmal so dumm war, mit der Grcrl anz'bandeln. Fanny (bei dem Worte Braut zusammen- bebend, sich mühsam beherrschend). Braut? — Die? — Mathis? — Du? — Ihr — Ihr verheiratet? Mathis. Versteht sich, — heut' noch. Fanny (fast ausschreiend). Heut' noch? Um GotteS willen! (Wankt.) Einige Mädchen (eilen zu ihr und unterstützen sie). Jesas, es wird ihr nicht gut! Mathis (auf Fanny blickend, für sich). Aha, 's reißt's doch a Bißl z'samm' — recht so, recht so — sie soll nicht glauben, daß ich mir wegen ihr 's beben n'unter- fteß'. Fanny (sich wieder ausraffend). Laßt mich — laßt mich — 's ist vorbei! (In Thränen ausbrechend.) Alles vorbei! Mathis sfür sich). Z'viel weinen darf's aber nicht, sonst scdwabt's mir mei ganze Festigkeit weg. 'Fanny (fich mühsam sammelnd, zu Mathis und Lisi tretend). Also Ihr liebt das Mädchen? Mathis. Und wie! Ich Hab' noch gar keine auf der Welt so gern g'habt. — Aber halten wir uns jetzt nicht auf. Spielleut', aufgespielt, weiter fortgetanzt! Juchhe und Juchheissa! (Schwingt seinen Hut und dreht sich wieder mit Lisi im Lanze.) Die übrigen Paare (tanzen auch jubelnd und jauchzend). F'anny (für fich). Er hat mich ganz vergessen. — Aber Hab' ich's denn anders um ihn verdient? O, mei schönste Hoff- uung ist zerronnen. — Aber — ich bin ja nicht wegen ihm kommen. — Ich will mein Vetter aufsuchen; — will sehen, ob ich bei dem vielleicht noch etwas gut machen kann; schnell, schnell zu ihm! (Zieht den Schleier vor's G'ficht und eilt ins Haus ab.) Mathis (in demselben Augenblicke mit dem Tanz einhaltend). Halt, ruhig jetzt. Macht's kein' Lärm weiter. — Denn jetzt will ich erst hinauf, will horchen, wie's Ihr Vetter in's Gebet nimmt. Peter. Was, Du willst horchen? Mathis. Ich muß, ich muß und bei mir wenigstens soll das Sprichwort: »Der Horcher an der Wand« Hört seine eig'ne Schand« nicht eintreffen. (Eilt ins Haus ab.) ! Hanns (ihm verwundert nachsehend, zu den ! klebrigen). Versteht's Ihr was von dem Allen? Peter. Ich versteh' nur so viel, daß die zwei beut' noch grad' so stark in einander verliebt sein wie vor fünf Jahren. Hanns. Meinst, weiler's sog'razt hat? Kannst schon Recht haben. Aber eben deswegen dürfen wir's nicht zugeben, daß so a bieb durch ein' Ausländer g'stört wird. (Zu Allen.) Ihr wißt's Alle, was wir z'thun haben? — Wir stellen uns jetzt rund um's Haus herum, — und wie wir den verdächtigen Kerl seh'n, so wollen wir das Geld, was wir kriegt haben, redlich verdienen. — Kommts Alle — kommt's! Alle (entfernen fich nach dem Hintergründe) Sechste Scene. Verwandlung. (Zimmer im Posthause, einfach eingerichtet, in der Hinterwand ein Alcoven, welcher anfänglich mit einem Borhangt verdeckt ist, rechts und links Thüren — im Vordergründe ein Lisch, neben demselben ein altmodischer Lehnstuhl, aus welchem eine Schürze liegt.) Fanny, dann Rollmann. Fanny (tritt durch die Seitenthür links ein). Da wär' ich — im ganzen Haus Hab' ich Niemanden g'seh'n — aber das ist das 42 Schlafzimmer von mein' Detter — (Leise sprechend.) Er wird dort (Men den Alcoven weisend) liegen. Wann ich nur mußt, ob er schlaft? — denn wenn er munter wär', und ich so auf einmal vor seinen Angen erscheinet, wer weiß, ob's ibm nicht schadet — die Freud' — (sich besinnend, schmerzlich) die Freud'? Nein, nein, 'S war' eher Schreck, Zorn. — Er weiß ja nicht, warum ick da bin. Aberseh'n will ich dock — (Sie gehtauf den Zehen zum Alcoven, lüftet dort den Vorhang und wirst einen Blick in den Alcoven, rasch wieder wcgtrctend.) Er schlaft. (Einen Gedanken fassend.) Ictzt weiß ich, was ich thu', damit ich nach und nach erfahr', wie er über mich denkt, — wie er gegen mich gesinnt ist. — (Wirft rasch den Rcisemantel ab, unter welchem sie ein einfaches Kbid trägt, und nimmt den Hut ab.) Ich stell' mich, als wenn ich a Kranken- wärtcrm wär', die der Arzt — na ja — ein' Arzt wird er doch haben — für ihn aufg'nommen hat — das Reisekleid schallt nicht viel gleich, lind übern Kopf mach' ich mir ans dem Sacktuch a Gngel — «Tritt zu einem an der Wand hängenden Spiegel und richtet sich das Tuch so, daß es ihr Gesicht halb bedeckt.) So, so kennt er mich g'wiß nicht, lllld da — (eine auf einem Stuhle liegende Schürze gewahrend) da liegt ein Dortttch — das bind' ich um. (Thnt es.) So, — jetzt kann ich's wohl riskiren. (Geht wieder zum Alcoven, und zieht nun den Vorhang ganz zurück.) Rollm. (liegt im Schlafrocke, eine Nachtmütze ans dem Kopse und halb mit einer Decke zugcdeckt, auf einem Schlafdivan; neben letzterem steht ein Nachtkästchen, auf welchem sich eine ziemlich große Arzneiflasche, eine Tasse und ein Glas mit Löffel befinden; über dem Divan an der Rückwand hängt ein anfangs mit einem Tuche verhangenes Bild in einfacher Goldrahme.) Fanny (Rollmann betrachtend, gerührt). Mei guter Detter, er schlaft fest, — und — er schaut wirklich aus, als wann er gar nie krank g'wesen war'— wann die Röthen im G'sicht nicht von ein' Fieber ist. — Das liebe, ehrliche Gesicht, so lang' Hab' ich's nicht g'seh'n— ich — ich muß ihm a Bußl geben. (Beugt sich über Rollmann's Stirne — fährt aber erschreckt rasch zurück.) Er rührt sich — wird munter werden — g'schwind, g'schwind daher. (Setzt sich auf einen neben dem Divan stehenden Stuhl.) Rollm. (regt sich, gleichsam im Erwachen begriffen) Au weh, — ach, Einnehmcn — mei Mediciu. — Fanny, lwleick, gleich! (Steht schnell auf, nimmt die Arzneiflasche und das Glas vom Nachtkästchen und tritt damit etwas vor, mit verstellter Stimme). Aber da steht nicht d'rauf wie viel von der Medicin z'nehmen ist. Rollm. (mit schwacher Stimme). Nur's ganze Glas voll. (Für sich.) Ich Hab' mir zur Vorsorg' schon ein' rothen Wein ein- g'füllt. Fanny (füllt das Glas voll und tritt dann wieder zu Rollmann). So, da, Herr Postmeister. Rollm. (nimmt das Glas und sieht dann Fanny befremdet an). Aber — wer sein denn Sic? Fanny. Ich, ich bin — der Doctor hat mich aufg'nommen, — ich soll Sic warten und pflegen. Rollm.So, so, —ja. ja, von fremden Leuten muß ich mich pflegen lassen, so geht'S, wenn man alt wird, und keine Kinder, keine Verwandten hat. (Leert das Glas.) Ah — das stärkt! Fanny (mr sich) Da sein wir ja gleich beim rechten Capitel. (Zu Rollmann, indem sie ihm das Glas abnimmt, und dasselbe wieder auf das Nachtkästchen stellt.) So? Sie haben also gar keine Verwandten? Der Doctor hat mir ja doch was g'sagt von einer Jungfer Mahm — Rollm. (auffahrend und sich erbittert stellend). Wer redt' von der? Wer untersteht sich mich an die zu erinnern — an die Kreatur. Fanny (zurücksahrrnd, entsetzt), o mein Gott! 43 Rollm. (fich leidend stellend). Ah, 's ist mir jetzt in alle Glieder g'fahren — d' ganze Medicin kann mir nichts nutzen. — Sckenken's mir doch einmal ein. Fanny. Ja, ja, lieber Herr Postmeister. (Nimmt wieder die Flasche und füllt das Glas aufs Neue — es ihm hinreichend.) Da! (sanft) bleiben's nur ruhig liegen. (Nimmt ihm das geleerte Glas ab.) Rollm. Nein, nein. — Ich kann jetzt nicht mehr liegen bleiben — 'S bremselt mir durch alle Adern — ich — ich will a Bißl aussteh'u — der Doctor hat mir's ja schon erlaubt — (Richtet, sich matt und schwach stellend, sich halb von seinem Lager auf.) Fanny (ihn rasch unterstützend). Warten's, warten's — ich hilf — ich fuhr' Ihnen (indem sie ihn bis zu dem Lehnstuhle im Vordergründe führt, sichtlich erfreut). Ja, ja, es geht ja schon recht gut. Rollm. (sich jm Lehnstuhle niederlassend, für fich). Sie ist wirklich recht lieb — aber (sich selbst arrangirend) 's nutzt ihr nichts — d'Leviten muß ich ihr doch ordentlich lesen. (Laut, fich noch immer mürrisch stellend.) Sie muffen mir's nicht vor übel nehmen, daß ich Sie vorhin so angerumpelt Hab' — aber wann Sie wußten, was mir die Dirn, mei Mahm, Alles angethan hat, ah, — ich will gar nicht davon reden. Fanny (sanft) Das, mein ich, ist g'rad' g'fehlt. Sie sollten Ihr'Galt' nicht so in sich hineinschlucken — reden — recht viel d'rm ber reden — das erleicht's Herz. Rollm. So, so, meinens? (Für sich) Na wart. Es soll Dir leid thun, mir den Rath geben z'haben. (Laut.) Aber was laßt sich viel reden. — Sie ist ein undankbares, ehrvergessenes G'schöpf. Fanny (zusammmbkbend). Ehrvergessen? Rollm. Ja, ja, stellen's Ihnen vor — (ganz aus skiner Rolle eines Kranken fallend und mit immer kräftigerer und immer heftigerer Stimme) ich Hab' alles Mögliche für sie gethan, aber da — da kommt ein Schwa- dronär von ein' Theater-Principal her, und ftc — geht durch — mitten unter der Verlobung — hören's! Die Schand für mich, — für den ehrlichen Burschen, den ich ihr b'stimmt Hab' — wann ich daran denk'! — Himmeltausend Sapperment. (Schlägt kräftig auf den Tisch, springt dann vom Sitze ans und rennt wüthend im Zimmer auf und nieder.) Fanny (ihn betrachtend, für sich). Na, er scheint mir aber schon wieder recht rie- gelsam. Da kann er auch schon a Bißl was Stärkeres vertragen. (Laut.) Und hat sie gar kein Lebenszeichen mehr geben? Rollm. Hm, gleich im Anfang' a paar Wochen nach ihrer Flucht — ja, da sein a zwei oder drei Brief von ihr kommen. Fanny. Und was hat's denn da g'schrie- ben? Rollm. (mürrisch). Was weiß ich? Ich Hab' die Brief gar nicht g'lesen — hab's uneröffnet wieder zurückg'schickt. Fanny (entrüstet). Uneröffnet zurück- g'schickt, — gar nicht gelesen? Herr Postmeister, die Brief von Ihrer Mahm, — der Tochter von Ihrem seligen Bruder? — Haben Sie wissen können, ob's nicht ein Nothschrei — ein Hilferuf von dem armen Mädel war, das vielleicht gleich in den ersten Wochen ihre Verirrung bereut hat — nnd gerne wieder zurückkommen war', wenn ihr nur Jemand verzeihend die Hand entgegen g'halten hätt'. Herr Postmeister — nehmens mir's nicht übel, das war hart — das war schleckt von Ihnen! Rollm. (verdutzt stehend). Hart, schlecht? Fanny (immer glühender). Ja, ich wic- derhol's. Ich frag' Sie, wenn das arme Mädel, das sich auf einmal in der Fremde, allein — vom Bruder ihres Vaters so ganz anfgegeben und verstoßen g'fühlt hat, wirklich schlecht worden wär' — wen trifft die Verantwortung? — Sie — nur Sie allein — Herr Postmeister. Rollm. (für sich). Jetzt ist's reckt! Ich Hab' ihr mei' Meinung sagen wollen, und derweil kanzelt sie mich ab! (Laut.) Ah 44 was! wenn sie hätt' brav bleiben wollen, wär' sie's auch ohne Aufsicht g'blieben! A' Tugend, die a Schildwach' braucht, ist d'Schildwach nicht werth! FaNUY (sich etwas stolzer aufrichtend). Und wer — wer sagt Ihnen, daß Sie nicht brav g'blieben ist? Rollm. Hahaha! — Als ob ich nicht g'hört hätt', was 's für a Leben führt! Liebhaber nach den Dutzenden! Fanny (rasch). Solche, die ihr den Hof machen — ja! Daß sie ficb's g'fallen laßt, ist eine Eitelkeit, vielleicht sogar eine Noth- wendigkeit, wann sie sich nicht selber Feind machen will — aber wo — wo ist ein Beweis, daß sie auch nur ein' einzigen ein' Vorzug geben — ihm ihre Neigung zugewandt — oder gar ihre Grundsatz' g'opfert hätt'? Rollm. Hm! ich Hab' just kein Beweis, aber auch keinen Gegenbeweis! Fanny. Und geltet Ihnen auck nicht ihr heiliger Schwur als Gegenbeweis? Rollm. s überrascht zurücktretend). Ihr — Ihr Schwur? yanny (rasch das Tuch von ihrem Kopse reißend und zu Rollmann's Füßen stürzend). Ja, Detter, ja! — ick — ich selber bin's— und ich—ich kann Ihnen schwören. — (Erhebt die Hand wie zum Schwure.) Rollm. (sie rasch abhalteud). Halt! halt! nicht so! (Zieht sie rasch empor, und mit sich zum Alcoven, wo er den Vorhang von dcm Bilde wegzieht — es ist das Brustbild eines alten Mannes in schwarzemfKleide — darauf hinweisend.) Da schau' her! kennst Du das Bild? Fanny (mächtig ergriffen). Ja, ja, mein Vater! Rollm. Siehst es — das Bild, ich hab's — seit Du fort bist — verhängt, weil mir immer war, als blickten mich die Augen mit ein' bitteren Vorwurf an, aber jetzt — jetzt schwör' dahier beim Bild und bei dem Andenken deines Vaters, daß Du Dich nie seiner unwürdig benommen hast! Fanny (auf die Knie sinkend und ihre Hand erhebend). Ja, ja, ich schwör'S — und Gott soll mein' Schwur hören — Rollm. (ergriffen, fährt sich zuerst über die Augm, dann rasch Fanny empor- und an seine Brust ziehend). Fanny! — ich — ich glaub' — ich verzeih' Dir! Fanny (selig sich an seine Brust schmiegend). O mein lieber, lieber Detter! (Rasch.) Aber jetzt — jetzt sollen's auck erfahren, warum ich eigentlich da bin, — ich Hab' von Ihrem Unglück g'hört! Rollm. (höchst vergnügt). Nichts Unglück! Es gibt kein Unglück mehr! Fanny. Aber Sie sein doch ausg'ranbt wor'n! Rollm. Ja, aber (Fanny noch fester an sich ziehend) ich Hab' Alles — Alles wieder zurück 'kriegt! — ick bin reicher, glücklicher als jemals! Fann y.O dann wird auchIhre.Krankheit— Rollm. Was Krankheit! G'sund bin ich — jung bin ich — lustig will ich sein! — Juche! — (Will sich mit ihr im Kreise drehen.) Fanny (fichsanftvon ihm losmachend).Vetter, laffcn's mich — wie glücklich mich auch die Versöhnung mit Ihnen macht, so bin ick doch zur Lustbarkeit nicht aufgelegt! (Dem Weinen nahe.) Ach, ich Hab' mir meine Rückkehr in die Heimat doch anders vorg'stellt! Rollm. Wie denn? — wie denn? Fanny. Schauen's — so z'wider mir auch meine bisherigen Verhältnisse schon worden sein — so hat mich doch mein reiches Einkommen nur aus dem Grund g'freut, weil ich g'hofft Hab', — ich werd' einmal dem Mathis zum Ersatz für alles Leid mit meiner Hand zugleich a sorgenfreie Zukunft bieten können, aber — (weinend) der hat mich vergessen und jetzt ist Alles — Alles vorbei! Rollm. Na ja, der Mathis — aber mein Himmel, ein Postillon — ein Postillon — das wär' doch jetzt nichts mehr für Dich. 45 Fanny (rasch). O Gott, Vetter, sein niederer Stand — seine Armuth war'kein Hinderniß mehr. Ich bin von meinen hochfliegenden Ideen ab'kommen, mit ihm wär' ich aus Freuden a Bäuerin — aber ohne ihn verlang' ich mir gar nichts mehr, b'halten's Sie mich nur bei sich, ich will gern arbeiten — dienen — Siebente Scene. Vorige. Mathis. Geld geben, damit wir den Bräutigam von der Jungfer Fanny — Rollm. Ha, ha, jetzt versteh' ich — Hanns. Na, wir haben richtig aufpaßt, und wie wir im Dunkeln ein Fremden um s Haus herumschleichen g'se- hen haben — Rollm. (lachend). Habt's gleich auf den lospaukt. Ha, ha, ha! Mathis. Aber da kommen ja unsere Gäst', ich stell' Dich als Braut vor. Mathis (noch als Engländer). Nein, — das sollst Du nicht — jetzt schau mich an (Reißt Perrücke und Bart ab.) Fanny (außer sich vor Ueberraschung). Was seh' ich? (Ausschreiend.) Mathis! Mathis. Ja, ich bin's, wie ich leib und lebe. Fanny. Wie begreif' ich's denn? Der Engländer? Mathis. Das war nur a schlechte Uebersetzung — zur Prob'. Fanny. Und die G'schicht mit der Lisi? Mathis. Alles nurProb' — aber das Stuck spielen's nicht. Fanny, glaubst denn, ich Hab' Dich jemals vergessen können? (Breitet die Arme aus.) (Man hört Plötzlich von unten herauf, jedoch von einiger Entfernung, Fix's Stimme schmerzlich o rufend.) Lapt aus, zu Hilfe, zu Hilfe! (Verworrene Stimmen der Postillons, während man zugleich die Peitschen schwirren hört ) Nicht auslaffen, nur zu, schlag' ihn nieder! M°atbi'ä ^ (Hachen auf). Kanny. j ist dem. das? Rollm. (kilt ans Fenster und sicht hinab). Was gibt's denn? Ha, dort meine Postillons, — 's ist a G raus'. — Die schlag'n ja den Direktor! — (Zu den Postillons). Ja, was hat's denn da geben? Hanns. Ja, der Herr Direktor hat uns Achte Scene. Vorige. Landleute im Fcstschmuck. Fir, Kranzeljungfern, Musiker (kommen vom Hintergründe). Alle (dem Brautpaare zujauchzend). Vivat, vivat, hoch! Fir (verblüfft). Was, der Mathis, also doch? Rollm. Ja, und heut', heut' reden's ihm die Braut nimmer mehr ab. Fanny (zu den Postillons). Damit Ihr aber doch noch ein' Erinnerung an meine Verlobung vor fünf Jahren habt's, so will ich Euch (zu den Postillons) noch a G'setzl zu dem Postillonsliedel singen, — singt's mit — und wer nicht singen kann, soll wenigstens dazu knallen. (Nimmt einem der Postillons die Peitsche aus der Hand und fingt das Folgende.) Lied mit Chor. Madln und Buam, jetzt paßt's nochmal auf, 's Leben hat allerlei Poststation', Bald gcht's bergab und bald wieder bergauf, Doch a Station is die schönste davon: Da, wo die Herzen begeg nen einand', Und dann zu ein' Fuhrwerk werd'n g'spannt. Hi, he, Hi, he! Immer nur zua, immer nur zua, Denn heiraten thut man nie zu fruah. (Chor fällt ein.) (Unter lautem Jubel fällt der Vorhang.) Ende. Der Besitz dieses Stückes gibt keiner Bühne das Recht zur Aufführung Dieses Recht muß vom Unterzeichneten besonders erworben werden. Adalbert Prix, WeUMe Nr, S. in Wien. Von Friedrich Kaiser find bei uns erschienen: Männerschönheit. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit Titelkupfer 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Eine Posse als Medici n. Originalposse mit Gesang in 3 Acten. Mit allegorischem Bilde. 8- geh 15 Sgr- oder 75 Nkr- Ein Fürst. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischen Bilde. 8. geh. 15 Sgr oder 75 Nkr. Mönch und Soldat. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr- Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten. Mi! 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr- Der Rastelbinder, oder: 10 000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8- geh- 15 Sgr. oder 75 Nkr- Junker und Knecht. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Acten 8- geh. 15 Sgr- oder 75 Nkr Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbild« 8. geh. 15 Sgr- oder 75 Nkr Dienstboten wir th sch aft, oder: Chatouille und Uhr. Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8- geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr Doctor und Friseur, oder: Die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 Acten. Zweite Auflage- 7*/z Sgr. oder 35 Nkr Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr Müller und Schiffmeister- Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr Ein neuer Monte-Christo- Original-Characterbild in 3 Acten. Die Frau Wirt hin. Characterbild mit Gesang in 3 Acten- Etwas Kleines. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Zwei Testamente- Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Unrecht Gut. Characterbild mit Gesang in 3 Acten und 1 Vorspiele. Des Krämers Töchterlein. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr Eine Feindin und ein Freund. Posse mit Gesang in 3 Acten- Ein Lump. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Verrechnet. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Palais und Irrenhaus. Original-Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Jagdabenteuer. Posse mit Gesang in 2 Acten- Naturmensch und Lebemann. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr l 2 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr Hn der Wallishausfer'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt, hoher Markt Nr. 1, find erschienen: aus Stücken von: Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Elmar, Flamm, Gottsleben, Grois, Grün, Gründorf, Haffner, Juin, Kaiser, Langer, Megcrle, Nestroy u. A. Drei Hefte. Gr. 8. geh. Preis 1 fl. 50 Nkr. oder 1 Thlr. Jedes einzelne Hrst 50 Nkr. oder 10 Sgr Anhalt des ersten Heftes: Berg D. F. 1. Da macht i halt das Gewissen sein. 2- Requifiten-Couplet. 3. Aiguren-Couplet. 4. Nachher wird es schon wern. 5- Glöckchen-Couplet. 6. Biblisches Couplet. 7. Falsche Benennungen. 8- Dann ist fie da die bessere Zeit. 9- 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün. 10. Volkslieder. 11. Aber geb'n thut's es nit. — Berts, Alois. 12. Jetzt da war's halt Noth, daß wer antauchen thät. 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt. 14. Zu was dann die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lachcouplet. 18. Aus einer Chronika. 17- Früchte, die verboten find. 18- Falsche Anfichten. 19- Französische Worte. 20. Mythologie-Couplet. — Berts u. Bittner. 21. Ohne Umschneiderei. 22- Die papierene Zeit. 23. Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Bittner Anton. 24. Thier-Couplet 25- Das ist noch Geheimniß. 26. Wer hätt' es geahnt. 27. Ldroniyus seanäLlonss. — Mtner u. Morländer. 28. Aehnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29. Und so wird hinterrücks g'redt. — Böhm, Josef. 30. Na da sieht man's doch, daß's an der Eintheilnng fehlt. 31- Wenn man die Wirkung sieht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32- Maschinen-Couplet. 33 Wo man was sucht, dort find't man es nicht. — Elmar, Esrl. 34. O Spiel der Natur 35 Lied des Teufels. 36- Man glaubt nicht was in einem Menschen oft steckt. 37- So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. 38 O ungeheure Zronie. 39. Da möcht ich halt wissen, was nachher g'schicht Inhalt des zweiten Heftes. Elmar, Carl. 40. Was lieget da dran. 41. J^ so geht's, wenn man heut' zu Tag Geister citirt. — Feldmann u. Flamm. 42- Mit Kleinem sängt man an, mit Großem hört man auf 43. So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Lheod. 44 Keine Rose ohne Dornen. 45 Gesundheit und ein recht langes Leben. 46- Jedes Häserl hat sein Deckerl. 47. Repertoire-Couplet — Flamm n. Wimmer 48. Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät 49- So behilft sich halt Jeder, so gut als er kann. Gottsleben, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 51. Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52- Na, das kennen wir schon! 53- Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54. Wir bedanken uns sehr. — Grün», Johann. 55 . Was ein Narr ist. 56- Ein Chineser. — Grünbors. 57 's ist just net nöthi, aber uothwendi war's. — Kassner, Carl. 58. Da sind's mäuscrlstill. 59 Es steckt was dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60. Wann der mein Kapperl hätt'. 6t. Za, ich kann's nit ändem, es is halt a so. — Juin. 62- Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht 63 Wozu Mancher eigentlich geboren 64 Fiakerlicd. 65. Zu was von den Göttern eine Auskunft begehren. — Juin u Flerx. 68. Da wird einem heiß, kalt — warm! 67. Ungeheuer genannt! — Kaiser, Friedrich. 68. Ich bitt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. Inhalt des dritten Heftes. Ksi!er, Friedrich. 69 Es muß ja nicht gleich sein. 70. Da braucht man beim helllichten Tag a Latern. 71- Jetzt das g hört auf ein anderes Blatt. 72. Die find halt g'scheidt. 73. Das ist so nobel und so billig dabei. — Langer, Anton. 74- Was ist der Unterschied 75 Aber da mag Keiner net. 76-Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 77. Es schaut nur gemeiner aus. 78- Zu srüh und zu spät. 79- Man kann sich's wohl denken, aber sagen darf man's nicht. 80- Wann mich der ftagm thät. - Megerle, Lher. 81- Marsch mit dem in d'Butten. 82- Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. — Nestroy. 83 Und 's ist Alles net wahr. 84- Kometen-Lied aus »Lumpaci". 85- Aus was sich Mancher hinauswachsen kann. 88 Das wär ganz etwas Ncu's. 87. Und man kommt auf kein Grund. 88- Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 89- Ja. hat denn die Sprach' da kein anderes Wort — varry, A. «o. Ob der wohl die Wahrheit wird sagen. Bon Johann Restroy find bei uns erschienen: Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder: Das Geheimniß des grauen Hauses. Posse mit Gesang in 5 Aufzügen, 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Einen Jux will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Auszügen. Zweite Auf. läge, geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Die Zerrissene. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Der Talisman. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Unverhofft. Posse mit Gesang io 3 Acten. Mit 1 alltg. Bild. 12. geh. 15 Sgr oder 75 Nkr. Der Unbedeutende. Posse in 3 Acten. Mit 1 illum. Bild. 12. geh. 20 Sgr. oder 1 fl Der böse Geist Lumpacivagabundus, oder: Das liederliche Kleeblatt. Zauberposse mit Gesang in 3 Aufzügen. Dritte Auflage. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Das Mädl aus der Vorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Die verhängnißvolle Faschingsnacht. Posse mit Gesang in 3 Aufzügen. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Eulenspiegel, oder Schabernack über Schabernack. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen. Zweite Auflage. 10 Sgr. oder 50 Nkr Freiheit in Krähwinkel. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 3 illum. alleg. Bild. 12. geh. 24 Sgr. oder 1 fl. 20 Nkr. Ferner find daselbst erschienen: Ssmmtliche Theater von Castelli, Gleich, Grillparzer, Hopp, Hensler, Kaiser, Weidmann, Feld- mann, Weißenthurn, Deinhardstein, Holbein, Kotzebue, Jffland, Werner, Hafner, Vogel, Körner, Ziegler, Jünger, Collin, Perinet, Huber, Baumann, Birch-Pfeiffer, Schröder, Clauren, Herzenskron, Treitschke, Sonnleithner, Chrimfeld, Meisl, Koch, Schilddach, Seyfried, Bäuerle rc. Die Wallishauffer'sche Buchhandlung in Wien, hoher Markt, hält das möglichst vollständigste Lager aller im Buchhandel erschienenen ältesten und neueren Theaterstücke, besorgt das nicht Dorräthige schnell und gibt Verzeichnisse gratis aus. -- Trnck und Papier von Leopold Toininn in Wien. (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) Schwesterliche! -- 40 »-- Lustspiel in einem Act, nach dem Englischen von Alexander Bergen. Personen: Graf Delacour, Obrist. Adolf von Valmont, t Victor von Beauregard, l Gardrofficicre. Friedrich von Nangy, f Rosalie von Valmont, Adolfs Schwester. Marie Delacour, Tochter des Obristen. Ein Gardeofficier. Zwei Diener. Wachen. (Handlung zur Zeit Ludwig Xlll.) Erste Scene. (Adolfs Wohnung. Eleganter Salon im Geschmack Ludwig Xlll.) R o satte (fitzt und liest), Adolf (fitzt unweit von ihr und klopft ungeduldig mit dem Stiefelabsatz aus den Boden). Ros. Sei doch ruhig, Adolf, Du bringst mich zur Verzweiflung mir diesem Tap! Tap! Tap! (Adolf steht unwillig auf und geht Ttzeal«k-Rep ^ zu des Dauphins Gemächern befindet, nicht ! ' sehr hell erleuchtet, cs kommen wenig Leute ^ vorüber und in einer Stunde löse ich Dich wieder ab. Ich glaube, wir könnten es wagen. ! ^ Ros. Könnten? Wir werden es wa- - gen. Weißt Du aber gewiß, daß Victor ^ , fort muß? Ich möchte nicht, daß er mich als Gardeofficier sähe — ^ ! Adolf. Wenn Du auf der Wache bist, l ist er schon meilenweit von Paris entfernt. ! Doch wir haben keine Zeit zu verlieren, in ' einer halben Stunde n ußt Du im Palast Z jein — also ziehe Dich an. Z Ros. Suche mir deine schönste Uniform 1 heraus, und wenn ich ihr nickt Ehre mache, so sperre mich zeitlebens in ein Nonnen- ! kloster. ! Adolf. Ich werde Dir die Parole sagen und Alles was nöthig ist — also vorwärts, Marsch, Capitän Rosalie! Ros. Fertig, Camerad! (Sie geht, bleibt aber wieder stehen.) Wäre es nicht gut, wenn Du mir für vorkommende Fälle ein paar Flüche einstudiertest? ^ Adolf. Capitän, das findet sich. — 3ch brauche Sie wohl nicht zu erinnern, daß Sic bewaffnet sind — für den Fall, i daß man Sie beleidigte — Ros. Ich werde es nicht vergessen, Ea- merad, und wenn ich meinen Degen ziehen muß, werde ich dem Namen de Dakmont keine Schande machen. (Beide ab.) Verwandlung. Zweite Scene. (Ein Gang im königlichen Palast. Rechts befindet sich die Thür, welche zum Dauphin führt, links eine Seitenthür. Zn Mitte des Ganges hängt eine Lampe. Ein Tisch, zwei Stühle.) GrafDelacour (aus der Thür links), Victor und Friedrich (folgen ihm). Vict. Ich bin sehr froh, daß ich nicht nach Chalons muß, Herr Obrist. Das heißt, wenn ich nicht wegen Unfähigkeit zurück bleiben soll. Del. Unfähigkeit? Jeder Officier, der in meinem Regimente dient, muß als fähig betrachtet werden. Die Absendung der Depeschen unterbleibt. (Za Friedrich.) Ich glaube, Sie halten heute zum erstenmal Wache vor den Gemächern des Dauphins? Friedr. So ist's, Herr Obrist. Del. Ich empfehle Ihnen besondere Wachsamkeit — ich fordere, daß jeder Soldat streng seine Pflicht erfüllt, von Ihnen, dem Bräutigam meiner Tochter, fordere ich es mehr als von jedem Andern. Friedr. Ich hoffe Sie immer zufrieden zu stellen, Herr Obrist. Del. Leider macht der Leichtsinn des Dauphins besondere Strenge nothwendig. Wir müssen uns an die Befehle Ihrer Majestät halten und alle Bitten und Drohungen des Dauphins unberücksichtigt lassen. Sie dürfen ihm durchaus nicht gestatten, den Palast zu verlassen. Friedr. Ich werde gehorchen. Del. Meine Herren, an Ihre Posten. Sie Beide im Vorzimmer, Valmont im Gang vor der Thür. Vict. (für sich). Das habe ich gefürchtet! Del. Gute Nacht, meine Herren. Vict. und Friedr. Gute Nackt, Herr Obrist. (Delacour links ab.) ^ 4 Dritte Scene. Victor, Friedrich. Vict. Daß gerade heute Valmont die Wache haben muß. Friedr. Warum? Vict. Der Dauphin möchte heute Nacht für eilt paar Stunden entschlüpfen. Ist's ein Wunder? Sie halten ihn wie einen Gefangenen. Adolf ist so strenge in seinen Ansichten, wir werden Mühe haben, ihn zu bereden. Friedr. Ich denke, je weniger wir dazu thun, um den Dauphin in seinem Vorhaben zu unterstützen, um so ehrenhafter ist es für uns. Vict. Hahaha! Ein Heiliger bei der Garde! Schäme Dich! Doch warte nur, bis das Gold auf deiner Uniform etwas weniger glänzt — Du wirst schon anders denken. Ick habe dem Dauphin oft geholfen und werde ihm helfen, so oft ich kann, und doch bin ich ein guter und loyaler Soldat. Friedr. Aber die Befehle Ihrer Majestät — Vict. Sollen von ihrer Garde befolgt werden — wir gehören zur Garde des Dauphins und müssen ihm gehorchen. Friedr. Du denkst sehr sophistisch! — Läufst Du selbst keine Gefahr dabei? Vict. Was ist ein Soldatenleben ohne Gefahr? Was wäre das Leben ohne Abenteuer? Der Dauphin hat ganz Recht, das Leben zu genießen. Friedr. Ich fürchte, ich werde bei der Garde wieder meine Grundsätze einbüßen müssen. Vict. Die schöne Marie Delacour ist ja dein Schutzengel. Ihr Einfluß wird die Verführungsküm'te aller Gardisten zu nichte machen. So unliebenswürdig ihr Vater — so liebenswürdig ist sie. Friedr. Wenn der Dauphin aber so streng bewacht wird, so begreife ich nicht, wie er entkommen kann? Vict. Nicht so laut. — (Etwas leis«.) Von seinen Gemächern gelangt man über eine heimliche Treppe in den Garten — dort steht eine Schildwache, welche dem Dauphin treu ergeben ist. Friedr. Dieser treue Mann scheint ein Derräther zu sein? — Vict. Er denkt an die Zukunft und ist loyal anticipando. Der Dauphin wird König werden! — Nun komm', wir wollen zu ihm. Friedr. Ich hoffe, er bleibt heute Nacht zu Hause. Vict. Ich hoffe es auch, wenn er aber nicht will — dann, lieber Friedrich, müssen wir uns fügen. (Beide rechts ab.) Vierte Scene. Rosalie (in der Uniform eines Gardeosficiers). Bis hieher geht Alles gut. Adolf hat mir genau gesagt, wie ich mich zu verhalten habe, und da bin ich auf meinem Posten. Ich sehe so schön aus, daß es jammerschade ist, daß ich in dem halbdunklen Gang stehe, wo mich Niemand sieht. Ich hoffe, mein Schnurbart ist treu und hängt fest an meiner Lippe! Himmel, wenn ich ihn verlöre, dann wär's um meinen Muth geschehen. Es mag so mancher von meinen Ea- meraden eben so denken. — Aber es ist zu komisch! Ein Fräulein von gutem alten Adel, von unbeflecktem Rufe steht Sckild- wache vor der Thür des Dauphins — des Dauphins, dessen Ruf der allcrschlimmste ist. — Wenn er ahnte, wer hier steht, ft ist es sehr wahrscheinlich, daß Seine königliche Hoheit selbst herauskäme, um mich zum Souper einzuladen. Doch wenn er zufällig wirklich käme? Dem Gedanken darf ich nicht Raum geben, wenn ich meiner Uniform nickt Schande machen und davonlaufen will. Still, ich höre Tritte. - 5 Fünfte Scene. Rosalie, Victor und Friedrich (aus des Dauphins Thür). Friedr. Aber — Dict. Was nützen deine Aber — er will und es muß geschehen. Ich kann Valmont nicht ansprechen, mich kennt er — Dich nicht — Dir wird er eher nackgeben. Friedr. Es ist aber gegen meine Grundsätze — Viel. Es ist der Wille des Dauphins, des zukünftigen Königs! Schnell oder er wird ungeduldig werden (Rechts ab.) Ros. Del. Ja — aber ich erlaube Ihnen nicht den Palast zu verlassen. Ueberlegen Sie bis morgen Früh, bis dahin werden Sie bei meiner Tochter bleiben, ich werde sie sogleich zu Ihnen schicken. Jeder Versuch zu entfliehen würde Ihnen und Ihrem Bruder Verderben bringen. (Für sich.) Ich werde sogleich die Parole ändern. (Ab.) Ros. Ihn heiraten, eher lasse ich mich erschießen, hängen, ja sogar prügeln. Der herzlose alte Affe! O wäre ich nur ein Mann, nur eine Viertelstunde lang, wie würde ich ihn züchtigen. Achte Scene. Rosalie, Adolf. Adolf. Rosalie, da bin ich! Ros. Endlich, ich bin gerettet! Adolf. Himmel und Erde, Du bist ohne Rock, ohne Stiefel? Ros. Frage mich nicht, jeder Augenblick ist kostbar, gib mir deinen Rock, schnell! Adolf. Aber ich begreife nicht — Ros. Gib mir Hut und Rock, schnell, ich beschwöre Dich! (Adolf zieht dir Uniform aus und hilft sie ihr anziehen.) Jetzt schnell deine Stiefel — Adolf. Aber wie soll ich ohne Stiefel— Ros. Du siehst wohl, daß ich ohne Stiefel bin — ich kann doch nicht so nach Hause gehen, ich schicke Dir andere — schnell! Adolf(mdem er die Stiesel auszieht). Wenn ich nur wüßte — Ros. Ich kann Dich nicht aufklären — die Stiefel ziehe ich auf der Treppe an — lebe wohl, hilf Dir heraus so gut Du kannst — ich habe meine Schuldigkeit gethan und eile nach Hause. (Sie nimmt die Stiefel und eilt ab.) > 9 Neunte Scene. Adolf (allein). DaS ist aber merkwürdig! Was mag da vorgegangen sein? So eben staunte ich > Rosalie ohne Rock und Stiefel zu finden, j und jetzt stehe ich eben so lächerlich da. Ist meine Schwester verrückt geworden? Sic sah so verwirrt aus. Was sage ick nur, wenn j mich Jemand in diesem Zustand findet? Zehnte Scene. Marie D elacour sau« der Thür links), Adolf. Adolf (für sich). Fräulein Delacour und ich —ohne Stiefel, ohne Rock, doch ich darf den Posten nicht verlassen. Marie (läuft zu Adolf und küßt ihn). Da bin ich! Adolf (für sich). Sind sie Alle verrückt hier im Palast? Marie. Wer hätte das gedacht! Du stehst aber merkwürdig hübsch aus. A d o l s (für sich). Ick möchte wissen ob sie meinen Rock und meine Stiefel hat. Marie. Papa hat mir Alles gesagt. Adolf. So? (Für sich) Wenn er nur io gefällig wäre, auch mir Alles zu sagen. Marie (küßt ihn). Wenn jemand sähe, daß ich einen Gardeofficier küsse, das wäre komisch! Adolf. Sehr komisch! Marie. Ick küsse Dich noch einmal, gerade des Spaßes halber. (Sir küßt ihn wieder.) Adolf (für sich). Die Geschickte ist räth- ftlhaft, aber gar nicht unangenehm. Marie. Wie kannst Du nur den häßlichen Schnurbart ertragen, er kratzt ja — sobald wir allein sind, werde ick ihn Dir abnehmen. Adolf. Wie, Sie, mein Fräulein, Sie> wollen mir den Bart abnehmen? I Marie. Fräulein? Warum sagst Du nicht Marie? Adolf. Marie also —, ist es nicht unschicklich, daß Sie hier sind? Marie. Sie? Warum sagst Du nicht Du? — Ich komme ja nur um Dich zu holen — ich denke, für Dich schickt es sich eben so wenig hier zu sein. Komm, gehen wir — Adolf. Wir? Wohin? Marie. Du bleibst bei uns bis morgen Früh, eigentlich bei mir. — Adolf. Wie? (Für sich.) Die Sache wird ernst. Marie. Ich weiß nur nicht, ob Dir meine Kleider passen werden. Komm! Adolf (für sich). Der Teufel! Will sie mich in Weibskleider stecken? Ohne Zweifel, sie hat meinen Rock und meine Stiefel und jetzt will sie auch noch das Uebrige haben. Eilfte Scene. Friedrich (mit dem Rock, Hut und Stiefel), Adolf, Marie. Friedr. (für sich). Jetzt ist es aus mit dem Ausflug des Dauphins, es sind andere Schildwachen aufgestellt — es muß ihn jemand verrathen haben. Marie. Du siehst in dieser Uniform wirklich sehr hübsch aus. Friedr Ich höre Stimmen — was sehe ich — Marie mit der Milchsuppe Valmont; was will sie hier? (Er horcht.) Marie. Komm, deine armen Füße müssen ganz kalt sein. Friedr. (für sich). Du — der Teufel hole seine armen Füße. Adolf. Es ist wahr, ich friere etwas, aber — Marie. So komm', gehen wir in mein Zimmer. Adolf. Mein Fräulein, ich kann durchaus nicht — Friedr. (vortretrnd). Das ist zu viel; 10 Adolf. Noch Einer, und wie es scheint auch vom Complott, denn er hat den Rock und die Stiefel. Marie. Sie hier, Friedrich? Gehen Sie, gehen Sie sogleich. (Sie stellt sich vor Adolf.) Friedr. Gehen, um Sie mit dem Kapitän Valmont allein zu lassen, mit dem Sie zu dieser Stunde hier allein sprechen? Marie O Sie Eifersüchtiger, das ist meine Freundin Rosalie von Dalmont. Adolf (für sich). Das galt also Alles meiner Schwester! Friedr. Da sind Rock und Stiefel Ihrer Freundin! — (Er wirft sie auf den Boden. ) Sie täuschen mich nicht, meinFräulein! Marie. Wie einfältig! Geh', Rosalie, sage ihm selbst — Adolf. Ich bedauere sehr Ihnen widersprechen zu müssen, mein Fräulein — aber ich bin Adolf von Valmont. Marie (schreit aus). Adolf! — Friedrich! (Sie eilt zu ihm.) Papa hat mich hie- ber geschickt und gesagt, Rosalie sei da in der Uniform eines Gardeofficiers und statt ibn fand ich diesen häßlichen Menschen! Adolf (für sich). Und soeben hat sie mir ausdrücklich gesagt, daß ich sehr hübsch aussehe. Friedr. Capitän Dalmont, ich fordere Genugthnung. Adolf. Sie sollen sie haben, dazu bin ich immer bereit. Aber ich muß diese Dame entschuldigen, sie war im Jrrthum — Friedr. Sie hätten das aber nicht benützen sollen — Adolf. Das habe ich auch nicht gethan — ich habe mich passiv verhalten — mehr kann man von einem Gardeofficier nicht verlangen. Zwölfte Scene. Delacour, Marie, Adolf, Friedrich. Marie (eilt ihm rutgegen). Papa, cs ist ein Mann. Del. Was ist ein Mann? Wo ist ein Mann? Wer ist ein Mann? Marie. Der dort — und ich habe ihn geküßt, Papa, mehr als einmal geküßt. Friedr. (für sich). Das auch noch! Del. (zu Friedrich). Gehen Sie. Sie werden mir morgen Rechenschaft geben, auch Sie waren einverstanden. Friedr. Verzeihen Sie — erlauben Sie — Del. Ich erlaube Ihnen zu gehorchen, gehen Sie! (Friedrich zieht sich zurück, Marie folgt ihm, sie sprechen leise. Zu Adolf.) Nun, mein Fräulein, willigen Sie ein? Adolf. Herr Obrist, ick bin kein Fräulein. Del. Bei St. Denis! es ist Adolf von Dalmont. (Für sich.) Eine neue Mystifikation. (Laut.) Wo ist Ihre Schwester? Adolf. Zu Hause, in ihrem Bette. Del. Wie kommen Sie hieher? Adolf. Habe ich nicht die Wache hier? Del. Wenn Sie das wissen, warum wa- ren Sie nicht hier? Adolf. Sie sehen, ich bin hier, Herr Obrift. Del. Haben Sie die Frechheit mir zu sagen, daß Sie die ganze Wache gehalten haben? Adolf. Wenn Sie nicht mein Vorgesetzter wären und wenn bloß einer meiner Cameraden die Keckheit hätte, eine solche Frage an mich zu stellen — wüßte ich wie ich antworten würde. Del. Sie weichen meiner Frage aus — das ist keine Antwort. ^ Friedr. (tritt vor). Die Wahrheit vor Allem — ich kann bezeugen, daß Capitän Dalmont die ganze Zeit hier war, von ihm nahm ich ja Rock und Stiefel zu leihen. Del. Wirklich? Sie geben mir da nicht nur einen Beweis, wie strenge Sie meine Befehle befolgten, sondern anch — wie besonders scharfsinnig Sie sind! Sie haben Rock und Stiefel von einer Dame zu leihen genommen und haben das nicht er- kannt! Wie dieser Mensch aber hierher an! ibre Stelle kam, das möchte ich wissen. Adolf. Herr Obrist, ick — Del. Schweigen Sie, vor zehn Minuten waren Sie ein Frauenzimmer oder ich bin ein Dummkopf! Adolf. Sie trauen mir Zauberkräfte zu. ^ Innerhalb zehn Minuten sollte ich mich in einen Mann verwandelt haben? Ich habe diesem Herrn Rock und Stiefel geliehen und um zu beweisen, daß sie mein sind, werde >ch sie mit Erlaubniß der Dame wieder an- ziehen. (Er zieht sich an.) - Del. Marie, geh' in dein Zimmer. Marie. Ja, Papa. (Sie wirst Friedrich einen Kuß zu, im Dorübergehen zu Adolf.) Der häßliche Mensch! (Links ab.) Del. (zu Friedrich). Geben Sie hinein und sagen Sic dem Capitän von Beaure- gard, er soll die Wache hier abnehmen. Sie, Kapitän Valmont, gehen in's Wacktzim- mer. Sie sind verhaftet. (Links ab.) ^ Friedr. (zu Adolf). Vergessen Sie nicht, 2ie muffen mir Genugthnung geben. Adolf. Ich stehe Ihnen zu Diensten. (Friedrich ab) Mein Kopf wirbelt mir von Röcken, Stiefeln, Duellen und Küssen — und jetzt soll ich auf die Wachstube. Wo und wann werde ich Aufklärung finden über den heutigen Abend? (Ab.) Dreizehnte Scene. Victor (ans der Thür rechts). Gerade als ich mich auf den Divan werfen und sanft einschlnmmern wollte — schickt man mich hier heraus. Heute Nacht >si der Teufel los. Der arme Dauphin muß zu Hause bleiben, Valmont ist arretirt, weil cr ihm seine Kleider geliehen hat, und Friedrich schwört, er renne ihm morgen früh sei- ir" ^kgcn durch den Leib. Wer nur der Verräther war? Morgen wird es sich wohl uufklären. Vierzehnte Scene. Victor. (Ein Officier und zwei Wachen führen Rosalie herein.) Officier. Capitän, hier ist ein junger Mann, der uns eine falsche Parole gegeben hat, und sich aus dem Palast schleichen wollte. Wir wollten ihn in's Wachzimmer bringen, allein er beschwor mich ihn zudem hier wachhabenden Officier zu führen. Dict. Gut, lassen Sie ihn hier, ich werde mit ihm sprechen. — Offic. Sie hasten also für ihn? Dict. Ja. Offic. (ab mit den Wachen) Pict. Was wollen Sie von mir? Ros. Nichts. (Sie hat den Hut tief auf der Stirne fitzen.) Dict. Warum verlangten Sie dann hie- hergeführt zu werden? Wer sind Sie, ick kenne Sie nicht, sind Sie von unserm Regiment? Ros. Ich gehöre zu gar keinem Regiment — bitte, lassen Sie mich fort. Dict Kommen Sie her, lassen Sie sich ansthen. Ros. (für sich). Wenn mich die Erde nur verschlingen möchte! Dict. Kommen Sic her, hören Sie nickt? Ros. Ick bin nickt von Ihrem Regiment und brauche Ihnen daher nicht zu gehorchen. Dict. Wenn Sie sich noch einmal unterstehen mir so zu antworten, werde ich Ihnen Ihre ausgeliehene Uniform ausklopfen lassen! Ros. (für sich). Das ist der Mann, der schwört mein Sclave zu sein. Pict. Kommen Sie her! Ros. Ich will mich nicht anstarren lassen. Dict. Seht den Affen an! Ros. (für sich). Affen! Vor einigen Stunden sagte er, ick sei ein Engel. Dict. (strenge). Hieher! (Rosalie nähert sich furchtsam.) Den Kopf in die Höhe! 12 Ros. Wenn Sie mich nicht in Ruhe lassen, so verklage ich Sie bei Rosalie von Valmont. Vict. Du junger Bengel wagst cs ihren Namen auszusprechen — was weißt Du von ihr? Ros. Ich kenne sie sehr gut, sie hat mich sehr lieb. Vict. Du unverschämter Bursche! Jcb haue Dir die Ohren ab, wenn Du das noch einmal sagst. (Er nimmt sie beim Arm und führt sie vor.) Was weißt Du von der Dame? Ros. Lassen Sie mich los, Sie thun mir wehe — ick weiß, daß sie Ihnen sehr dankbar sein wird, wenn Sie mich aus dem Palaste bringen. Vict. Wirklich! Wenn Du mir nicht sagst wer Du bist und woher Du die Dame kennst, lasse ich Dich gut durchprügeln. Ros. Prügeln! Schon wieder prügeln! Das ist zu viel. (Für sich.) Wenn ich nur den Degen ziehen könnte! (Sie versucht es.) Vict. Soll ich Dich mit deinem eigenen Degen prügeln? Doch was sage ich eigen, wer weiß, wem Du ihn gestohlen hast. Ich lasse Dich in's Wachtzimmer führen und durchsuchen — wahrscheinlich hast Du Dir noch mehr zugeeignet. Ros. Durchsuchen? Nein, nein! Nur das nicht. Vict. Wahrscheinlich hast Du gestohlene Gegenstände bei Dir — daher diese Angst. — Ros. (für fich). Auf's Wachtzimmer, durchsuchen, das wäre das Schlimmste. — (Laut.) Ich will gestehen. Vict. Gut. Wer bist Du? Ros. Victor von Beauregard, kniee nieder! Vict. Niederknieen? Ich? Ros. Kniee nieder und bitte um Verzeihung! Vict. Bist Du verrückt, Bursche? Ros. Kniee, sage ich, Du bist oft genug zu meinen Füßen gelegen. (Sie nimmt den Hut ab) Vict. Rosalie! Träume ich? Ros. Auf die Knie! Vict. (kniend). Geliebte Rosalie! Ros. Stehen Sie auf, man könnte uns sehen. Vict. Wie kommen Sie hieher, in diese Kleider? Ros. Fragen Sie mich jetzt nicht, ich bin in Gefahr und Adolf auch — ich hielt die Wache für ihn und die schrecklichsten Folgen — Vict. Wie, Sie waren derjenige — Ros. Um's Himmels willen, schweigen Sie! (Sie wendet sich verschämt ab ) Vict. Sie haben den Dauphin — Ros. Schweigen Sie! — Adolf istarre- tirt, ich werde öffentlich beschämt werden — Vict. So lange ich einen Degen habe, gewiß nicht. Ros. Delacour hat mich entdeckt, es gibt nur ein Mittel, gehen Sie zum Dauphin und bitten Sie ihn, mich und meinen Bruder zu schützen — wenn cs Ihnen gelingt, hier ist meine Hand, morgen werde ich Ihre Frau. Vict. Zum Dauphin! Er müßte sehr hart sein, wenn er meinen Bitten widerstünde. Aber ich habe die Wache — ich darf nicht fort — Ros. Ich übernehme die Wache — ich bin ja heute schon im Zuge. Also noch einmal auf kurze Zeit. — Eilen Sie! Vict Ich gehe; diese Unglücksuacht kann noch sehr glücklich enden! (Ab.) Fünfzehnte Scene. Rosalie (allein). Ros. Jetzt, da er fort ist, überfällt mich neue Angst. Wie hart ist meine Eitelkeit bestraft worden — ich beklagte es, daß mich Niemand steht, und jetzt bedauere ich vom Herzen gesehen worden zu sein. Ich werde blaß werden vor Aerger, mein Lebelang, so oft ich einen Musketier sehe! Himmel, 13 es kommt schon wieder Jemand. Nimmt denn mein Elend gar kein Ende? Wer ist es? Der Graf! Jetzt bin ich verloren! Sechzehnte Scene. Rosalie, Delacour. Del. Capitän von Beauregard, auf ein Wort! Ros. Gr sich). Das alte Ungethüm! Del. (für sich). Ich muß Vorkehrungen treffen, daß die Sacke verschwiegen bleibt — ich würde lächerlich werden — skr erkennt Rosalie.) Wie, Sie wieder? Dießmal täusche ich mich nicht, hier hat der Teufel die Hand im Spiel. Sie waren es also doch und ich ließ mich schon irremachen. Wo sind Sie gewesen? Was haben Sie mit dem Capitän von Beauregard angefangen? Wo haben Sie Ihre Stiefel herbekommen? Sind Siej es selbst oder sind Sie Ihr Bruder? ^ Ros. (für fich). Jetzt heißt es dem Sturm Trotz bieten. (Laut.) Ich verstehe Sie nicht — ich halte hier die Wache für meinen Freund Victor. Del. Es scheint, Sie halten Wache für die ganze Garde. — Sie interessiren sich sehr für die Musketiere, Fräulein von Val- monl. Ros. Ich weiß nicht für wen Sie mich halten. Del. Ich bewundere Ihre Ruhe, aber ^eßmal täuschen Sie mich nicht. Wollen ^rie mir jetzt die Frage beantworten, welche ich an Sie gestellt habe, als ich Sie hier ohne Rock und Stiefel sprach? Ros. Ich erinnere mich wirklich nicht, daß ich das Vergnügen gehabt hätte, Sie ohne Rock und Stiefel zu sehen, und gestehe, daß ich dieses Vergnügen auch gern entbehre. Del. Nicht ick war ohne Rock und Stic- stl, sondern Sie. — Erinnern Sie sich ^lleicht auch nicht, daß ich Ihnen einen Heiratsantrag machte? Ros. Bisher wußte ich nicht, daß Obristen von der Garde ihre Officierc heiraten. Del. Wollen Sie mit mir spielen? Ros. Der Himmel behüte! — Zum Spielen würde ich mir einen jüngeren, lustigeren Gefährten wähle»». Del. Wollen Sie meine Frage beantworten oder nicht? Ros. Es ist gegen die Disciplin, auf der Wache zu sprechen — ich werde Ihnen gar nicht »nehr antworten. (Für sich.) Wenn nur Victor bald käme. Del. Gut, es bleibt mir also nur EiuS zu thun Übrig. (Er geht nach links.) Ros. (für sich). Was hat er vor? Del. Wache! Man bringe den Capi- tain von Valmont hieher. (Ab in sein Zimmer.) Ros. Was will er mit Adolf? Mich tödtet die Angst! Siebzehnte Scene. Marie (aus ihrem Zimmer), Rosalie. Ros. Gottlob, endlich ein weibliches Wesen! (Sit eilt aus Maria zu.) daß Dich umarmen! Marie. Zurück, Sie häßlicher Musketier! Ros. Aber Marie, kennst Du mich nicht? Ich bin Rosalie. (Der Graf zeigt sich an seiner Thür.) Marie. Nein, nein, Sie sind ein Mann! Ros. Sieh' mich doch an, ich bin wirklich Rosalie! ^ Achtzehnte Scene. Del. (tritt vor). Marie, Rosalie. Del. Sie geben es also zu, »nein Fräulein? Ros. Ich bin verloren! Marie. Aber früher warst Du ja auch da? Papa, ich habe also keinen fremden Mann geküßt? Neunzehnte Scene. Adolf (mit der Wache, welche sich sogleich zurückzieht). Delacour, Marie, Rosalie. Adolf. Rosalie, ick trage alle Sckuld, fürchte nichts — ick werde Dick schützen und Dir für deine schwesterliche Liebe ewig dankbar sein. Del. Capitän, ich habe Ihrer Schwester einen Heiratsantrag gemacht, ich, der Obrist Graf Delacour. Nimmt sie meine Hand an. so ist Alles vergessen, wo nicht, mein Herr Capitän, so werden Sie cas> sirt und der Name Ihrer Schwester soll Paris für einige Zeit Stoff zum Lachen liefern. Adolf. Dieß sind Worte, die eines Soldaten und eines Cavaliers unwürdig sind, und deshalb versichere ich Sie, meine Sckwester wird Ihre Hand nickt annehmen und müßten wir Beide darüber zu Grunde gehen. Uebrigens wer es wagt, den Namen meiner Schwester mit Spott oder Mißachtung zu nennen, hat es mit mir zu thun. Del. Gut, mein Herr, gut, wir werden sehen. Marie. Papa, Rosalie ist ja Capitän Beauregard's Braut. Del. Schweige! Ros. Ja, ich bin Victors Braut und werde nur seine Frau. Del. Sie weisen mich also wirklich ab? Ros. Ja, und ich würde Sie abweisen, wenn Sie der einzig lebende Mann wären. Del. Sie sollen an mich denken! Wache! Zwanzigste Scene. Victor (aus des Dauphins Zimmer). Delacour. Adolf, Marie, Rosalie. Ros. Victor! Endlich! Vict. Graf Delacour, ich bringe den Befehl Seiner königlichen Hoheit des Dauphins, Alles, was in dieser Nacht hier vorgefallen ist, soll als ungeschehen zu be trackten sein. — Wer diesen Befehl Übertritt, wird mit der allerhöchsten Ungnade bestraft. Ros. (reicht ihm die Hand). Theurer Victor, morgen, ich halte mein Wort. Del. Ich muß gehorchen! Die Befehle des Dauphins muß man respectiren! Einundzwanzigste Scene. Friedrich (aus des Dauphins Zimmer). Delacour, Marie, Rosalie, Adolf, Victor. Friedr. Seine königliche Hoheit wünscht das Fräulein von Valmont auf einige Augen blicke allein zu sprechen. Ros. Ich widersetze mich! Vict. und Adolf. Ich auch! Del. Es ist zwar ganz gegen die Dis ciplin, aber dem widersetze ich mich auck und werde es dem — Dauphin sogleich sagen. (Ab in des Dauphins Zimmer.) In unserem imer Theater-Repertmr erscheinen demnächst: Mlintjliye. Schauspiel in vier Acten und einem Nachspiele, von Octave Feuillet. Deutsch von Marie Saphir. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Lustspiel in einem Act von Leon Gozlan. Deutsch von Alexander Bergen. 7V. Sgr. od. 35 Nkr. Eine fixe Idee. Lustspiel in einem Act von M. A. Grand jeall. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Zn der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien »find in Bearbeitungen von Alexander Bergen . früher erschienen: Der Mord in der Kohlmeffergaffe. Posse in einem Act. 7 V, Sgr. od. 35 Nkr. Eine Vorlesung bei der MMeillem. Posse in einem Act. 6 Sgr. od. 30 Nkr. Ein junger Gelehrter. Lustspiel in einem Act. 6 Sgr. od. 30 Nkr. Der neue Don Quixotte. Lustspiel in einem Act. 6 Sgr. od. 30 Nkr. Mein öräutein Muster. Lustspiel in einem Act. 6 Sgr. od. 30 Nkr. MM Bär «d meine Nichte. Posse in zwei Acten. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Aus Liebe sterben. Lustspiel in einem Act. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Ein ungeschliffener Diamant. Genrebild m einem Act. 7/, Sgr. od. 35 Nkr. Sand in die Augen. Lustspiel in zwei Acten. -»«x- — Druck und Papia von Lropsld Eomma m Wir«. Deu Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. M o « I i l> Schauspiel in vier Acten und einem Nachspiel von Oetaoe Feuillet. Deutsch von Marie Saphir. Personen Raoul Montjoye, 50 Jahre. Henriette, seine Frau. Roland. deren Kinder. Eäcile Marquis de Rio Velez, General Marquise de Rio Velez. Saladin. Ti berge, Gastier bei Montjoye. Lajauuaye. Georges Corel. Ein Maire. Ei» Diener. Erster Act. (Movtjoye'S Arbeitscabinet, Bücherschränke, Statuen, Kunstgegenftände, höchst elegante Möbel. Rechts An großer Schreibtisch mit Portefeuilles und Papieren, vor diesem ein Fauteuil. Mittelthüre, zwei Seitenthüren.) Erste Scene. Tiberge. Kammerdiener. lBeim Aufziehen des Vorhanges sprechen Tiberge uud der Kammerdiener leise bei der Mittelthüre, geöffnet ist, dann zieht der.Kammerdiener sich zurück uv- schließt die Lhüre. Tiberge trägt ein großes Portefeuille unter dem Arm und kommt vor, mit unzufriedener Miene den Kopf schüttelnd, daun setzt er sich links aus einen Stuhl.) Tib. (spricht murmelnd wie ein Greis). Er bleibt immer derselbe — immer derselbe! Allem Trotz bietend, Alles mit Füßen tretend, Allem Hohn sprechend! Zch verabscheue solche Charaktere! — Und wenn das noch Alles wäre — aber das Uebrige taugt noch weniger! Und ich — ich stehe da — wie ein Mitschuldiger! — Wenn ich dara» denke; — Gott aber weiß warum! e r steht in meine Seele! (Sieht Eöcile, die rechts .ein- tritt, und steht lächelnd auf.) Ah, Fräulein Es- eile! 1 2 Zweite Scene. Tiberge. Cscile. E6c. (in eleganter Morgentoilette zum Aussehen bereit). Guten Morgen, Herr Tiberge; ist mein Vater nicht da? Tib. (verlegen) Nein, Fräulein — aber er wird sogleich kommen — er ließ mich eben holen, als er nach Hause kam. C6c. Nun — ich werde später kommen, ihn zu umarmen, denn jetzt mache ich einen Spaziergang mit meiner Mutter — Leben Sie wohl, Herr Tiberge. — Wie geht es denn Ihren Kindern? Tib. O, tausend Dank, liebes Fräulein — vortrefflich! C6c. Sagen Sie doch Ihrer Großmutter, ste soll mir die Kleinen morgen bringen — ich habe etwas für sie und auch für Großmütterchen. Tib. Ach, Fräulein, Sie verwöhnen uns Alle! Cäc. Also morgen Mittag — ja? — Jetzt Adieu! (Durch die Mitte ab. Tiberge verbeugt sich.) Dritte Scene. Tiberge, dann Montjoye. Tib. (sieht Lvcile gerührt nach). Ja, ja— das erklärt so Manches — das ist der Schutzgeist! — Sie und ihre Mutter. Und unter diesen Umständen sind zwei gar nicht zu viel! Montj. (nach englischem Geschmückt gekleidet, langer amerikanischer Backenbart ; tritt links rin und spricht in die Loulissc zurück). Hat Man Tiberge benachrichtigt? Ah — da ist er! Guten Morgen, mein Freund! Tib. (gibt ihm das Portefeuille). Herr Montjoye! Montj. (setzt sich zum Schreibtisch). Laß' sehen! (Oeffnet das Portefeuille.) Setz' Dich hoch, mein Freund, Du wirst müde sein, nach der tollen Orgie am Opernball — o, ich habe Dich gesehen, Spitzbube! Tib. (rechts vom Schreibtisch, grollend). Sie haben schlecht gesehen! Montj. Wie? Jener übermüthige/frivole Debardeur, der einen Luftsprung bis an den Luster hinauf machte, warst nicht Du? Ich glaubte fest, Du seiest es. — Nun sage mir, gehen die Sachen nicht vortrefflich mit den Granitblöcken in der Bretagne? Tib. Ja — wenn es nur auch von Dauer ist! Montj. Der Granit? Pah — Du zweifelst an Allem. — Teufel, in Afrika steht es noch besser! Sag' mir doch, wie viel Percente wirft das in diesem Jahre ab? Tib. Zwanzigtausend Francs! Montj. Hm — das ist ganz annehmbar für den Anfang. Ich muß Dir Gerechtigkeit widerfahren lassen: Du hast diese Sache sehr gut eingeleitet! Tib. Gut eingeleitet — hm, das ist möglich, aber man muß erst das Ende ab warten — und dann werde ich immer darauf zurückkommen: Sie sollten dem früheren Eigenthümer einen Antheil an den Opera tionen geben — er ging zu Grunde — und während wir uns auf seiner Farm bereichern, stirbt er auf der Straße Hungers! Montj. Nun — das ist der Laus der Welt, so lange sie besteht! Die Menschen sind in zwei Classen getheilt: in solche, die die Kastanien aus dem Feuer holen, und in solche, die ste verzehren. Tib. Er ist Familienvater — Montj. Kümmere Dich doch nicht um solche Nebensachen, mein Freund! — Ah, auch diese Kohlcnminen sind sehr werthvoll, ich werde sie bei Gelegenheit messen lassen. — Diese Entdeckung habe ich auä> Dir zu verdanken — Du hast sie aufgespürt, wie manches Andere — Du hast eine feine Nase, mein alter Tiberge! Tib. Hm — ich hätte mein Leben besser anwenden können — Montj. Wie, alter Brummbart? — 3 Bist Du mit deiner Stellung bei mir nicht zufried en? ' Tib. Ach Gott, ja, ich bin zufrieden, das heißt, ich bin zufrieden, und bin es nicht! Montj. Hm — ein andermal mehr davon. (Oeffnet einen Brief; erstaunt, aber gleich- giltig.) Ah — der arme Junge! Tib. Wer, Herr Montjoye? Montj. Du erinnerst Dich wohl noch an den kleinen Gendrin, den ich nach Shanghai geschickt habe? Er ist beim Ausschiffen ertrunken. Tib. (entsetzt). Der kleine Gendrin! — Ist es möglich? Montj. Ja, man schreibt es mir aus Bordeaux. Hm — das ist fatal — man muß wieder einen Andern hinschicken — und zwarso bald als möglich. —Wähle einen jungen Menschen aus meinem Bureau, Ti- berge! Tib. Hm, der kleine Gendrin! Aber ich wußte, daß er einmal ein schlimmes Ende nehmen würde. Er war ein herzloser Egoist! Montj. (zerstreut). Ein kluger Kopf! Tib. Er unternahm die Reise gegen den Willen seiner Eltern — seine arme Mutter starb vor einigen Tagen aus Gram um den Undankbaren! Montj. (wie oben). Ein kluger Kopf! Tib. (mit Beziehung, aber schüchtern), lind ich, Herr Montjoye — ja — ich glaube an eine Vorsehung! Montj. Was sagst Du? Tib. (wie oben). Ich glaube: es gibt eine Vorsehung! Montj. Um so besser für Dich, mein guter Alter! Tib. (für sich) Es freut mich, daß ich ihm das zu hören gab! (Geht nach dem Hin- tngrund und begegnet Lajaunaye, welcher eintritt.) Herr Lajaunaye! — ick habe die Ehre, mein Herr! Vierte Scene. Vorige. Lajaunaye. Montj. (bleibt fitzen). Ah— Du bist es! Laj. Ich störe Dich doch nicht? Montj. Nein — aber was ist denn vorgefallen? Laj. (der sich Mühe gibt, einen peinlichen Gedanken zu bezwingen). Nichts—ichsucheDich en pa8sant auf— wenn ich Dich aber störe — Montj. Durchaus nicht. Nun, Tiberge, komme in einer Stunde wieder — bis dahin werde ich diese Schriften durchgesehen haben. Tib. Gut, Herr Montjoye! (Für sich.) Es freut mich sehr, daß ich ihm das zu hören gab. (Links ab.) Fünfte Scene. Montjoye. Lajaunaye. Montj. Setze Dich doch! — Du erlaubst mir wohl, mein Briefpacket zu öff- nrn? Ich stelle dennoch ganz zu deinen Diensten. (Sieht Briese durch.) Nun, was gibt es Neues seit den langen — zwei Stunden, die wir uns nicht gesehen haben? Laj. (sehr niedergeschlagen, und sich bemühend heiter zu scheinen). Gar nichts! Ich ging vorüber — da kam ich herauf. (Nimmt eine» Stuhl und setzt sich in reitender Stellung daraus) Wie? Du bist schon an der Arbeit? Wahrhaftig, Du kannst Dich gleich an die Arbeit setzen nach einer so tollen Nacht? Du hast gar nicht geruht? Montj. Ich? Nicht einen Augenblick! Ich war eine halbe Stunde beim Fechtmeister, dann ging ich nach Hause, rasirte mich — und da bin ich jetzt! Laj. (an einem Flacon riechend). Ja, Du bist solid — stählern! Montj. (fleht ihn an) Und Du? was hast Du denn, Lajaunaye? Du siebst ein wenig angegriffen aus! . 1 * Laj. Angegriffen? Pah! Im Geaen- theile, ich fühle mich ganz leicht, ganz fröhlich. (Singt mühsam.) Tra, la, la, la — O, ich habe mich köstlich amüsirt! O Gott, wie köstlich! Wir haben uns sehr gut amüsirt, nicht wahr, Montjoye? Montj. O, gewiß. Laj. Ah, wie geistreich ist diese kleine Juliette! dieses Feuer — dieses Leben! O, das satanisch schöne Leben! (Plötzlich ernst.) Unter andern, weißt Du, was mir zustieß, als ich den Restaurant verließ? Montj. Nein — was denn? Laj. Ich nahm ein Bad — Montj. Ist das der Unglücksfall? Laj. Nun — ick wurde im Bade plötzlich unwohl. Montj. Mein Gott, eine solche Kleinigkeit — Laj. Nein, ich wurde ernsthaft unwohl, so unwohl, daß die Garxons von Angst ergriffen wurden; so unwohl, daß — mein Ehrenwort darauf! — daß ich, da ich ein wenig gedrungen, ein wenig zur Apoplexie geneigt bin — wahrhaftig schon dachte, am Ende meiner Tage zu stehen. Montj. Pah — Laj. Mein Wort darauf! Nun, da schwirrten mir eine Masse ganz sonderbarer Ideen durch den Kopf — ich dachte auch an Dich, mein alter Freund! Montj. (srhr glcichgiktig). So — das ist hübsch von Dir. Laj. Ich sagte mir: der arme Montjoye — der wird sich wundem, wenn er das hört! Montj. (schr ruhig). O nein, ich hätte mich gar nicht gewundert, denn mit deiner Constitution — deinem kurzen Halse und deiner traurigen Hypochondrie — Laj. Nun — eine Thräne hättest Du mir doch geschenkt! Montj. Ich glaube kaum, mein Freund. Sich', ich habe noch nie über diese Frage nachgedacht, aber ich glaube kaum, denn ich weine sehr schwer — besonders nach hem Frühstück. Laj. Höre, Montjoye, Du bist doch zu hart! Montj. Ich bin nicht hart — ich bin aufrichtig, mein Freund — immer wahr, und ich mache keine Phrasen. Du würdest mich nicht beweinen, ich würde Dich nicht beweinen, so verhält sich die Sache! Laj. Ja, ich weiß es wohl: Du lachst über Alles, Du glaubst an Nichts! Ich im Grunde auch nicht — aber trotz alledem möchte ich Dich doch in einer solchen Krise sehen, wie ich eben eine durchgemacht habe. Ich versichere Dir, in einem solchen Augenblicke jagt ein Gedanke den andern mit Blitzesschnelle — man denkt an Dinge, an die man nie gedacht hat, und stellt sick ganz eigenthümliche Fragen; man frägt sich z. B. ob — Montj. (unterschreibt einige Papiere). Was denn? Laj. Nun — ob die Welt wirklich aus nichts besteht, als aus Procenten, Rou lette, Trüffeln und Weibem. Montj. Hm — vielleicht! Laj. Mein Gott, Montjoye, Du bist charakterfest — sehr charakterfest, das erkenne ich an, ich bewundere es sogar; aber es gab doch zu verschiedenen Zeiten — manche Menschen, die eben so große Charakterstärke besaßen, und die dennoch — an etwas glaubten! Montj. Hm — Du hast nicht Unrecht. Laj. Boffuet war kein — Cretin. Montj. O nein! Laj. Und der gewisse — wie heißt er doch? Ja — Jean Jaques Rousseau — auch nicht. Montj. Nein, gewiß nicht! Laj. Und noch viele Andere! Nun — siehst Du — das gibt Stoff zum Nachdenken. Montj. Ja wohl! (Wendet sich im Fau» teuil um und steht Lajaunaye an.) Soll ich Dir etwas sagen, Lajaunaye? Laj. Sprich! Montj. Gib Dich zur Ruh', mein Gu- j ter — mit Dir ist's zu Ende! 5 Laj. (steht verletzt auf). Nein — es ist nicht zu Ende mit mir — ich war nur etwas erschüttert durch den heutigen Vorfall, das ist Alles! Dann habe ich Kummer, Familien - Verdrießlichkeiten. Stelle Dir vor: ich komm' nun nach Hause. Was finde ich da? Eine Frau, die die ganze Nacht auf mich gewartet hat, und nun weint, — einen Sohn, der in's Solide schlägt, die Partei seiner Mutter ergreift, und mit mir schmollt, — eine Tochter, die sich kränkt und hinstecht, und mich Alles befürchten läßt — kurz, Alles steht schlecht! Montj. (der ausgestanden ist, berührt mit theilnahmsvoller Miene seine Schulter). Armer Junge! (Lacht ironisch.) Mit Dir ist's doch zu Ende! Laj. Ich sage Dir: nein! Ich bin bereit, heute Abend wieder anzufangen — Du aber kannst freilich lachen, Du, das fleischgewordene Glück. Du hast eine Frau, die dein freies, ungenirtes Leben mit engelgleicher Ergebung trägt. Wie zum Teufel bringst Du das zu Wege? Montj. Ich habe ein geheimes Mittel, mein Freund! Laj. Gib es mir! Montj. Unmöglich! Aber einen Rath will ich Dir geben. Liquidire, Lajaunaye, zieh' Dich auf dein Landgut zurück, wirf Dich der Oeconomie in die Arme, und trinke Milch statt Champagner! Laj. Ernsthaft gesprochen, Montjoye, finde ich diesen Scherz von schlechtem Geschmack. Ich komme voll Vertrauen zu Dir, weil ich mich ein wenig entmuthigt fühle, und anstatt mich zu ermuthigen — Montj. Werde nur nicht weich, La- jannaye, Du weißt ja, daß ich Dich liebe — besonders zur Börsestunde. Da — gib mir die Hand. Laj. Gut — aber sage mir nicht mehr, baß es zu Ende ist mit mir! Montj. Nein, nein — es ist nicht zu ^nde! Im Gegentheile, Du fängst erst recht an! (Die Thür rechts öffnet sich, Hen- riette erscheint in Straßen-Toilette.) Ah, meine Frau! Sechste Scene. Vorige, Henriette. Laj. (grüßt). Madame — Montj. Auf Wiedersehen, Lajaunaye! Und: es ist nicht zu Ende mit Dir! (Wäh. rend Lajaunaye durch die Mitte abgeht, für sich.) Mein Gott, was ist das für eine bedauerns- werthe Race! Siebente Scene. Montjoye, Henriette, dann der Kammerdiener. Montj. (saßt Henriettens Hand). Sie sind wohl? Und was macht C^cile? Ich habe sie noch nicht gesehen. Henr. Sie wird sogleich kommen — sie begleitete mich, und bringt Ihnen getreulich ihre tägliche Morgengabe: einen Veilchenstrauß! Sie sähe das Schlimmste voraus, wenn sie nur ein einziges Mal darauf vergäße — das gute Kind! Montj. Die kleine Thörin! — Diese romantischen Ideen haben Sie ihr cinge- flößt — denn Sie gehören zu den Anhängern des »Blauen«. Henriette — wenn alles Blau von Himmel und Erde verschwunden wäre, so fände sich noch immer genug in Ihrem Herzen. Henr. Ich will Ihnen von einer Entdeckung sprechen, die ich und Ereile gestern bei unserem kleinen — der Wohlthätigkeit gewidmeten —Spaziergang machten. Seitdem man Cäcile den Strudel der großen Welt und ihrer Zerstreuungen kennen gelehrt hat, nehme ich sie stets auf diesen Spaziergängen mit, um ihre Gedanken nicht zu sehr der Welt und ihrer Frivolität zu überlassen, und sie auch die ernste, traurige Seite des Lebens kennen zu lehren. Wenn Ereile des Morgens bei ihren Armen gewesen ist, führe ich 6 sie mit weniger Sorge des Abends auf den Ball — eS ist mir, als müßten ihre Morgenstunden ein Schutz sein gegen ihre Abendstunden. Montj. Und Ihre Entdeckung? Henr. In meinem Forschen nach Armen, nach den sogenannten verschämten Armen, fand ich einen, der, wie ich boffe, Ihre Theilnahme erregen wird. Es ist einer Ihrer Jugendfreunde, von dem Sie mir einige Male gesprochen haben — ein Herr Saladin! Montj. Saladin! Ei, der alte Saladin lebt noch? Henr. Er lebt — aber ein trauriges Leben. — Er ist in einer Druckerei als Setzer — glaub' ich — angestellt, — seine Frau ist krank — Montj. Ah — bah! Henr. Dazu vier kleine Kinder. Montj. Hm — hm! Henr. Zum Uebermaße war er selbst zwei Monate an's Bett gefesselt — kurz: ein unsägliches Elend! — Er erzählte mir, daß er sich einmal in Ihrem Vorzimmer eingefunden hat, — doch ohne zu Ihnen gelangen zu können. Nun, da versprach ich ihm, daß Sie ihn heute Morgens empfangen würden —. Sie werden es doch, nicht wahr? Montj. Mein Gott, meine Liebe, ich bin mit Arbeit überhäuft. (Denkt einige Sekunden nach ) Jedoch — ja — ich werde ihn empfangen — um so mehr, als ich glaube, ihn verwenden zu können. — Er war ein geistvoller Bursche — aber ein Feuerkopf, ein Poet, ein Träumer. — Nun aber, wo er älter ist, wird er wohl klüger geworden sein. Wenn er will, so kann er Alles, er ist geschickt, unterrichtet, thätig, ergeben — ja — er kann mir wirklich von großem Nutzen sein. — Ich werde ihn empfangen. Henr. Ich danke Ihnen, mein Freund. Montj. Mein Gott — da es Ihr Wunsch war. (Klingelt, der Diener tritt ein.) Wenn Herr Saladin kommt, so werden Sie ihn einlassen. (Der Diener verbeugt sich und will gehen.) O — weil ich eben daran denke, auch Herrn Sorel! (Diener ab.) Henr. Wie? Vielleicht Georges Sorcl? Montj. Ja er, der Sohn meines ehemaligen Compagnons in Bordeaux. Er ist Advocat in Paris, hat Talent — aber, wie man mir sagt, kein Glück, und ich werde mich freuen, ihm vvn Nutzen sein zu können. Sorel war ein Thor — meine Schuld ist es nicht, wenn er zu Grunde ging — und überdieß noch so kindisch war, sich eine Kugel durch den Kopf zu schießen. Allein die Thatsache, daß wir längere Zeit in Compagnie waren, genügt, den Wunsch in mir rege zu machen, seinem Sohne von Nutzen zu sein. — Ich erwarte ihn heute. Henr. Das ist edel gedacht! Montj. Wenn ich mich mit Sorel verständige, so gewinnen wir auch einen guten Gesellschafter für Roland. Henr. Ja, und er bedarf der guten Gesellschaft sehr, der arme Roland! Sie sollten ihm doch vorstellen, mein Freund, sich in Gegenwart seiner Schwester und meiner ein wenig mehr Zwang aufzuerlegen. Gestern, als er in unsere Loge kam — ich glaube, es war nach einem heiteren Diner — war mir sein Benehmen wahrhaftig betrübend und genant. Montj. (unzufrieden). Ah — schicken Sie ihn zu mir, sobald er nach Hause kommt — aber, wenn ich nicht irre, ist dieß seine Stimme. (Man hört den Ton mehrerer Stimmen, Montjoye öffnet die Mittelthür und ruft:) Roland! Rol. (außen). Schweige! Ich sage Dir, es ist deine Schuld! Du richtest das Pferd so zu! Montj. Roland! Rol. (außen). Einfaltspinsel! (Tritt ein, hält eine Reitpeitsche in der Hand.) 7 Achte Scene. Vorige. Roland. Rol. (gibt Montjoye die Hand). Guten Morgen, Vater! (Bietet Henrietten die Stirne tun.) Guten Morgen, Mutter! — Ich bin wüthend! Montj. Ueber wen? Rol. Ueber den Dummkopf Jean, der zu Pferde sitzt wie eine Amme! Er hätte mein schönes Iagdpferd beinahe zu Schanden geritten. Montj. Er hatte wahrscheinlich zu viel getrunken — und bei dieser Gelegenheit wert)' ich Dich bitten, ihm darin nicht mit gutem Beispiel voranzugehen — besonders nicht, wenn Du deine Mutter und Schwester in das Theater begleitest. Rol. Ich? — Wie Mutter — sollte ich mich gestern Abend ein bischen unpassend benommen baden? Henr. Ein bischen? Rol. Ah, ich bemerkte es nicht — verzeihen Sie mir, liebe Mutter, ich hitte Sie tausendmal um Entschuldigung. (Küßt Henrietten die Hand.) Aber seien wir aufrichtig! Sie sind selbst ein wenig Schuld — wie kann man mich in ein so hypersentimentales Stück führen? Ich mußte etwas thun, um ein wenig Heiterkeit und Leben in die Sache zu bringen! Montj. Was für ein Stück wurde "ufgeführt? Rol. O, es gleicht einem Trauerpferd, und sollte nur in der Fastenzeit gegeben werden! Es heißt — warten Sie — es heißt: »Die letzte Diligence!« Die Handlung spielt in England. Im ersten Acte macht man Bekanntschaft mit einer Familie von Engländern — nicht von Jucker und Rosinen, nein, wirklicken, steilen Engländern. Dann folgen Schlag auf Schlag — eine Rückkehr aus Indien — ber Degen meines Vaters — das Kochbuch meiner Tante — das Spinnrad mei- uer Großmutter. — Man spielt in der Lotterie, — man hat Glück, — man gewinnt den Haupttreffer — im Hintergründe rollt ein Wagen vorbei, das ist: die letzte Diligence! Hören Sie, mein Vater — (mit Rührung Montjoye's Hand drückend) die letzte Diligence! Montj. (lacht unwillkürlich). Lasse mich, Sausewind! Rol. Nun kommt erst die Hauptsache! — Im zweiten Act tritt die Eisenbahn auf! Mit ihr Umsturz alles Bestehenden — Con- fusion — Lärm - allgemeine Auflösung aller Sitte und Moral! Mittelst Dampf entführt nun der Sohn seine Cousine — die Tochter entführt den Präfect — die Mutter plänkelt mit dem Stationsches! Da erscheint zum Glück ein gutherziger Greis aus der alten Zeit, aus der schönen Zeit der Diligencen.-»Wird das kein Ende nehmen? Denkt an die Tugend, meine Kinder, an die Ehre, an die — Diligencen, an das Vaterland, an die Municipal- garde!« So dehnt sich die Geschichte über 300 Klafter Eisenbahnschienen aus. Danu umarmt man sick, — segnet sich, — heiratet sich, — segnet sich wieder — bei bengalischer Beleuchtung! Das ist die große Handlung. O — wenn rch diesen Thränen- Pumpmeister erwischen könnte, der meine Mutter drei Glockenstunden lang weinen ließ! (Geht nach links.) Henr. (zuckt mit den Achseln, zu Montjoye). Ich empfehle Ihnen meinen Schützling Saladin nochmals. Montj. (begleitet sie). Seien Sie ruhig! Noch ein Wort, meine Liebe — Ich erlaubte mir einen Gast unseres Clubbs für Ihre Montags-Gesellschaften einzuladen: einen vornehmen Fremden — den Marquis de Rio Vclez und seine Frau, eine reizende Dame, mit der man sich jetzt viel beschäftigt. (Geht zu seinem Schreibtisch.) Henr. (mit Zwang). Ja — in der That! man beschäftigt sich sehr. — Ich werde ihn freundlich empfangen, wie Sie es wünschen, mein Freund — Montj. Ich werde Ihnen sehr dankbar dafür sein. (Er setzt sich, Henriette rechts ah.) 8 Neunte Scene. Montjoye. Roland. Rvl. (stützt sich auf die Rücklehne von Montjoye- Fauteuil). Nun, Papa, Sie find heute mit Ihrem Befinden zufrieden? Montj. Ich, ganz gut — warum trägst Du? — Was ist denn heute Nacht aus Dir geworden — ich verlor Dich plötzlich aus dem Gesicht-. Rol. Lieber Papa — ich brachte den Rest der Nacht, — brav wie ein kleiner HMoftr, — in unserem Clubb zu. Montj. Den Rest der Nacht! Was hast D« krü Clubb gemacht? Rol. Ich habe gespielt, bester Papa! Montj. Und nach deiner Zärtlichkeit zu urtheilen — hast Du verloren? Rol. O — aber nicht in dem frivolen Baccarat — sondern bei dem soliden Whist. Mösttj. Wie viel? Rol. Hm — aber, Sie haben mir noch nicht geantwortet, Papa — fühlen sic sich iu det That ganz wohl? MoNtj. Wie viel? Rol. Zehn Tausend — Montj. (schreibt zwei Zeilen). Hier sind sie '— aber wiederhole das nicht — ich werde mich nie durch die Fruchte deines Müßigganges zu Grunde richten lassen. Rol. Danke, mein lieber Papa; aber Sie dürfen mir mein Müßiggehen nicht vorwerfen — es wäre ungerecht. — Haben nicht Sie selbst mir untersagt mich mit Geschäftsangelegenheiten zu befassen? — Sic erttineni sich wohl noch? Damals als ich niich mit ein paar kleinen Operationen an dtr Börse versuchte. Und mein Debüt war doch ern glänzendes — ein allgemeiner Aufschrei des Staunens herrschte bis nach Lsndort — Sie selbst, Papa, wußten nicht, an was sich halten. — »Wer zttm Teufel, riefen Sie,* ist denn dieser räthselhafte und unternehmende Speculant, der eine solche Revolution in dtn Papieren hervorbringt?* Nun: dieser berühmte Speculant war: ich! Montj. Ich bleibe dabei: Wiederhole das nicht. Ich gebe Dir einen sehr anständigen Jahresgehalt — und erwarte, daß er Dir in Zukunft genügt. Wenn Du wieder Schulden machst — so werde ich sie beim ersten Male — noch zahlen, aber — Dich in's Trockene setzen. Rol. (heiter). Das glaube ich Ihnen nicht, Papa! Montj. Ich werde Dich in's Trockene setzen; baue auch nicht zu sehr auf deine eingebildeten Rechte, mein Sohn; Du weißt, daß ich mir ein eigenes Gesetzbuch gemacht habe, das sich immer Recht zu verschaffen weiß. — Und für den Fall, daß Du mich auf's Aeußcrste bringen solltest, habe ich Dir eine kleine Uebcrraschung aufbewahrt, über die Du sehr staunen wirst. Rol. Mein Vater — Sie find mir immer als Freund entgegengekommen — und nun diese Sprache — Diener (tritt ein). Herr Saladin ist eben gekommen. Montj. Lassen Sie ihn eintreten. (Diener ab ) Ich bin dein Freund, mein Junge, aber nur auf Revanche! — Es ist doch nicht von mir zu verlangen, daß ich dein Freund sein soll, und Du mein Feind? verstehst Du? Nun geh — Schelm — undsage dem Diener, daß er das Frühstück serviren soll. Rol. (für sich). Ein charakterfester Mensch das, mein Papa! (Links ab.) Zehnte Scene. Montjoye, dann Saladin. Montj. (fitzt bnm Schreibtisch und unterzeichnet mehrere Papiere). Diener (meldet). Herr Saladin. (Mont joye setzt seine Beschäftigung fort, ohne sich umzuwenden. Saladin tritt ein. Trägt einen schwarzen altmodischen Frack, weiße, zerknitterte Lravate, mit hängenden Enden, schwarze, zerrissene Handschuhe, grauen, verwilderter Bart, graues, von den Schläfen zurückgestrichenes, über der Stirne aufgethürmtes Haar, und hat eingefallene Augen, abgemattete 9 Miene. Er bleibt einen Augenblick bei der Thür stehen, dreht seinen alten Hut in dm Händen herum, und sieht verlegen und verwirrt um sich.) Sal. Entschuldigen Sie die Freiheit, die ich mir nehme, mein Herr — wenn nicht Madame Montjoye mich ermuthigt hätte — MvNtj. (reicht ihm über die Schulter die Hand). Guten Tag, Saladin! Wie geht es Dir? Sal. Wie Sie — Du erkennst mich noch? Montj. Gewiß! (Steht auf.) Ah — Du hast Dich ein wenig verändert — ich übrigens auch — ja, wir sind keine zwanzigjährigen Jünglinge mehr, mein Alter! Mein guter Saladin! — wie glücklich macht das Wiedersehen! Sal. (erfreut und gerührt). Wie! ist es Wahrheit? Du läßt Dich herab, mich zu kennen? — Sieh', Montjoye, sei nicht böse — aber ich hoffte nicht so empfangen zu werden —. Du — in deiner Stellung — und ich muß Dir gestehen — (Trocknet sich die Augen.) Montj. Nun — nun — Du bist noch immer nicht klug — was soll das? Sal. Vergib mir, mein Freund — ich bin erst von einer schweren Krankheit genesen — und noch ein wenig schwach. — Montj. Armer Junge — es ist wahr, Du bist etwas bleich. (Zwei Diener bringen einen Tisch, auf dem ein reiches Frühstück ser- virt ist.) Hieher! — Willst Du mit mir stühstücken, Saladin? Sal. (schüchtern). Dank, mein Freund, ich habe schon gefrühstückt — Montj. Du hast schon gefrühstückt? — Nun — wenn auch — ein Rcconvalescent ist immer bei Appetit. Sal. Du bist zu freundlich — aber — Montj. (zum Diener). Ein Couvert! — So — setze Dich hieher, mein Freund — (Der Diener hat ein Couvert gebracht, und stellt rinea Stuhl für Saladin, dann ab ) So— (Setzt sich.) Wie lange ist das nun her, hm? Sal. O — fünfundzwanzig Jabre, mein Freund — denn so lange ist es, daß ich Bordeaux verließ. Montj. Fünfundzwanzig Jahre! Wahrhaftig — so ist es! — darf ich Dich bedienen? Geröstete Eier mit Trüffeln — bist Du ein Freund davon? Sal. Ich — ich glaube ja — mein Freund. Montj. Warum aber bast Du mich nicht schon früher aufgesucht? Mein Name ist doch nicht so unbekannt in Paris — Du mußtest doch erfahren — Sal. Ich muß gestehen, mein Freund, daß ich anfangs über die Identität im Zweifel war. Trotzdem ich mir zurückrief, zu welch' schönen Hoffnungen Du in der Jugend berechtigtest, war es mir doch nicht möglich, in dem Stern der finanziellen und eleganten Welt von Paris, dessen großartige Unternehmungen und Erfolge, dessen Duelle, dessen Luxus, Pferde, Wagen — weiß Gott was Alles! — seit fünfzehn Jahren die Bewunderung der Residenz erregen — meinen ehemaligen Compagnon von Bordeaux zu erkennen, den ich als einfachen Bankbeamten verlassen hatte. Eines Tages endlich wollte ich darüber in's Klare kommen — ich erwartete Dich vor dem Thore deines Hotels —. Du tratst heraus, fuhrstin deiner Equipage davon — mein Herz schlug gewaltig auf — ich glaubte ohnmächtig zu werden. Montj. (schenkt ihm Champagner ein). Du bist ein großes Kind! Warum kamst Du nicht schon am nächsten Tage? Das war nicht schön von Dir! Sal. Ich kam ja, mein Freund — nur war dein Portier nicht allzu freundlich — denn mein Aussehen ist kein besonderer Empfehlungsbrief. Ich wollte nicht drängen, ich sagte mir, daß das Glück Dich vielleicht verwöhnt habe — wie deinenPor- tier. — Kurz, erst deiner Frau ist es gelungen — ach, mein Freund, was für eine Frau ist das! Welch eine Erscheinung des Himmels! 10 Montj. Nicht wahr? — Noch eine Pastete, mein Freund? Nun — und was ist aus Dir geworden? Sal. Aus mir? — Ich bin Corrector in einer Druckerei, und wenn mir des Nachts Zeit bleibt, so copire ich. Montj. Und um diese Stellung zu erlangen, hast Du fünfundzwanzig Jahre zugebracht? Sal. Leider ist es so! Montj. Wie ist das möglich, mit deinem Geist, mit deinem Wissen, deinem Fleiß und Enthusiasmus! Wie hast Du das angefangen? Sal. (bescheiden). Mein Gott — nichts wollte mir gelingen, — dann — Du weißt, daß meine Ideen etwas eraltirt sind — Montj. Ja— Du warst Republikaner — nicht wahr? Trinke doch! Sal. Republikaner — das heißt — erlaube mir — ich — M o n tj. Nun — vertheidige Dich nicht — Sal. Ich vertheidige mich nicht — ich will nur nicht, daß Du glaubst, ich dürste nach Blut — Montj. O nein — Du bist wohl ein platonischer Republikaner, nicht? Sal. Hm, platonisch eben nicht — Höre, Montjoye, soll ich Dir ein Glaubcns- bekenntniß ablegen? Montj. Nein, das ist überflüssig! Erzähle mir deine Lebensgeschichte, das ist mir lieber. Und dann kann man auch den Meister nach seinen Werken beurtheilen! Sal. Nun gut! Du mußt vor,Allem im Auge behalten, daß am Anfänge meines Lebens eine große Idee, ein großes Gefühl — vielleicht eine große Illusion mich beseelte: Liebe und Achtung für die Menschheit! Daraus entsprang natürlich der eifrigste Wunsch, ihr nützlich sein zu können. — Auch wollte ich, wie alle Welt, mein Glück machen, aber unter Glück verstand ich »Gutes thun«. Montj. Hm! Sal. Dieß, mein Freund, ist das Ideal, dem ich seit dreißig Jahren nachjage, von einer Carriere zur andern gehend, von einem Land in's andere! Montj. Mein guter Saladin! — Trinke doch! Sal. So versuchte ich es nach und nach beinahe mit jedem Beruf. — Ick war Ad- vocat, Bankier, Journalist. — Ich wollte sie veredeln, läutern — und werde scham- roth für meine Mitmenschen, wenn ich mich an die Gleichgiltigkeit und Undankbarkeit erinnere, die mir abwechselnd zum Lohn für meine uneigennützigsten Bemühungen wurden. Montj. Du setzest mich in Verwunderung! — Nun und dann? — (Schenkt ihm zu trin- ten ein.) Sal. (nach Lust haschend). Nöthigc mich nicht, so viel zu trinken. Dann — machte ich Reisen. Montj. Ah, Du bist gereist? Sal. Ja, aber mit keinem Vergnügungszug — Du wirst gleich hören. Erinnerst Du Dich an meine Schwärmerei für Byron? Montj. Wie, für Lord Byron — jetzt? — Er ist ja schon todt, mein Freund! Sal. Eben sein Tod war es, den ick bewunderte — und den ich nachahmen wollte, indem ich mein Leben irgend einer edlen Idee weihte, der Befreiung eines Volkes. — So machte ich es mir zur heiligen Pflicht, überall hinzueilen, wo der Schrei eines Unterdrückten ertönte, oder die Thräne eines Opfers floß. — Du erräthst wohl, wohin mich das geführt hat! Montj. Nun—wohin? Sal. Nach allen vier Weltgegenden! Erst nach Spanien — wo ich eine schwere Wunde davontrug, — dann nach Italien, wo ich einen Schuß ins Bein bekam — dann in die Walachei gegen die Türken -- wieder einen Schuß aufgesangen; und endlich eines schönen Morgens ans Ende der l Welt — nach La Plata! ! Montj. La Plata? — Was zum Ten- ^ fel haltest Du dort zu thun? ; Sal. (mit steigender Aufregung). D, mein freund — schauerliche Dinge ereigneten sich dort, von denen man hier nichts weiß — aber ich, ich wußte davon, und ich eilte hin! Kurz, was soll ich Dir noch sagen, nachdem der letzte Rest meines kleinen Vermögens ausging — nachdem ich zehnmal verwundet — und dreimal zum Tode ver- urtheilt ward —; Montj. Ach! Sal. Ja — wie Du mich da siehst, wurde schon dreimal das Todcsurtheil über mich gesprochen. Mont. Aber doch nicht vollstreckt? Sal. Nein, das nicht. Aber nach fünfundzwanzig so verlebten Jahren, da endlich— verarmt, von Wunden bedeckt — hier verbannt — dort zum Tode verurtheilt, da, ich muß es Dir gestehen — Du wirst mich mr schwach und feig halten — da fing ich an den Muth zu verlieren. Montj. Dein Wort darauf? (Schenkt ihm ein) Sal. Mein Wort! Gib mir nicht zu trinken, ich bitte Dich. — Erlaubst Du mir, mein Halstuch ein wenig zu lüften? Montj. Lege Dir keinen Zwang auf! Sal. (ein wenig trunken). Danke! — Nun, mein Freund, kannst Du Dir beiläufig eine 3dee von meinem Leben machen. — Du siehst, an Thätigkeit wenigstens hat es mir nicht gefehlt! Ja, ich habe ein Capital an Eifer, Energie und Ausdauer verschwendet ich erschrecke selbst, wenn ich es manchmal überlege. Was gibt es, das ick nicht 'Mternommen, nicht versucht hätte! Sieh', ich war Advocat, Bankier, Journalist; ich war Soldat — General in La Plata; ich war — ja was war ich nicht? O! (mit Exaltation und ausstehend) ich war sogar Gott! Montj. Wie? Sal. Ja, ich habe sogar damit an getan gen — denn das war in meiner Ju- gend. Ich träumte von einer neuen Religion — Du weißt, das war damals Mode — und ich, ich war der Gott dieser Reli- öiou. Ich hatte einen kleinen Saal ge- miethet, und trug ein prachtvolles Costüm von schwarzem Sammt, mit einer Silbertafel auf der Brust mit der Inschrift: »Liebe!« — Hm, es ward nichts daraus, das war auch natürlich und recht, denn das Ganze war eine Thorheit, aber — ick hatte daran geglaubt aus innigster Ueber- zeugung. Montj. Du warst also in deiner Jugend ein Gott! Sal. (sehr exaltirt, und am Ende seiner Rede sehr gerührt). Nun, was folgt aus alledem, mein Freund? daß die Menschen nichts taugen, oder doch nur sehr wenig; denn es ist traurig, ja es ist abscheulich, daß ein armer Teufel wie ich, der sich nicht eine zweideutige Handlung vorzuwerfen hat, der während dreißig Jahren seines Lebens seinen Verstand, sein Hab' und Gut, sein Blut hingegeben hat — wenn auch für Chimären — es mag sein — so doch für edle Chimären, daß dieser Mensch nichts erreicht hat, als den Schmerz: in seinen alten Tagen Frau und Kinder in einer Dachkammer hungern zu sehen! (Fährt sich über dir Augen.) Gib mir deine Hand, mein Freund, denn ich war der Verzweiflung nahe, da kamst Du, Montjoye — und gabst mir das kostbarste Gut zurück: die Achtung vor der Menschheit! (Drückt Montjoye mit Wärme die Hand.) Montj. Guter Saladin! (Ein Diener tritt mit einer Präsentirtasse ein.) Nimmst Du Thee oder Kaffee? Sal. O — Thee, mein Freund, Thee! (Diener ab.) Montj. Nun, für mich folgt aus alledem, daß Du nicht praktisch bist, mein Lieber! (Steht aus.) Du hast dein ganzes Leben lang —»imBlauen« herumgetappt! — in dem, was ich das »Blaue« nenne; Du lebst im Blauen, ganz wie meine Frau, und verlierst Dich im Aether! — Ich, mein Freund, ich habe ganz anders gehandelt. — Mein Ausgangspunkt war: der Abscheu vor allem Blauen in Allem und Jedem! Sal. (steht aus, hält eine Tasse Thee in der Hand). Was verstehst Du unter dem „Blauen«, mein Freund? Montj. »Blau« nenne ich Alles, was nnpractlsch ist — Alles, was im moralischen Sinne nicht »das Mein und das Dein* — im philosophischen Sinne nicht »zweimal zwei sind vier« ist. — Poetische Träumereien, kindische Illusionen, romantischer Aberglaube, krankhafte Empfindsamkeit, hochtrabende Phrasen — gehören Alle in's Reich des »Blauen«! In meiner frühesten Jugend schon sah ich, wie die Menschen von all' diesen freiwilligen Scla- venketten erdrückt wurden; sie flößten mir tiefe Verachtung ein, und weckten den Vorsatz in mir: niemals zu werden wie sie! Sal. Du scherzest wohl? Montj. Ueberdicß war ich überzeugt, daß dieß das einzige Mittel sei, ihnen nützen zu können, und sagte mir, daß ein Mensch, der den Drang in sich fühlt, einst etwas Großes leisten zu müssen, es sich zur ersten Pflicht machen muß, auch etwas Hervorragendes zu werden, seine große Bestimmung zu erfüllen! Für einen Schwächling aber gibt es keine große Bestimmung! Aus diesem Grunde habe ich auch von Anfang an — bei aller Achtung vor den wahren gesellschaftlichen Gesetzen — Alles abgeschüttelt, was von Ewigkeit an, die Schwäche des gewöhnlichen Menschen ausmacht, alles was conventionell ist, alle jene Empfindungen, die Schmarotzerpflanzen gleich, den Menschen umstricken, und seine angebornc Schwäche noch vermehren, indem sie ihm den letzten Rest gesunden Markes aussaugen, sein Gewissen mit thörichten Fragen martern, und ihn gänzlich zu Boden drücken. So schritt ich kühn durch die Menge, mit freiem Geiste und festem Herzen, nichts und Niemand fürchtend, in einer Hand das Gesetzbuch, in der andern den Degen — und nun sieh', was ich erreicht habe! Sal. (erstaunt). Ah! Montj. Und mehr als je steht die Ueberzeugung in mir fest, daß Jemand, der sein Leben mit all' diesem unnützen, idealen Kram vollpfropft, den ich weise bei Seite geworfen, zwar ein guter, im gewissen Sinne auch ein großer Mensch sein kann, aber weder ein starker, charakterfester, noch ein glücklicher, ja selbst nicht einmal ein nützlicher Mensch! — Du, Saladin, bist ein lebender Beweis hievon, denn was im Grunde hast Du in deinen dreißig Jahren der Aufopferung für deine Mitmenschen geleistet? Nichts, gar nichts! — Menschen wie ich sind es,die der Menschheit nützen, indem wir sie zu unserem Nutzen verwenden. Ich — mit meinen haarsträubenden Grundsätzen verschaffe Millionen deiner Nächsten Brod, und Du? Du mit deinen schönen Empfindungen — Du kannst es nicht einmal Dir selbst und deinen Kindern schaffen! Sal. (stellt die Tasse auf den Tisch). Ach, ich habe auch schon die Frage an mich gestellt: ob ich nicht mein ganzes Leben lang im Irrthume war. — Vielleicht hast Du das Wahre gefunden, — vielleicht bist Du ein wahrhaft großer Charakter! Montj. Zweifle nicht daran, mein Freund — ich bin groß — Montjoye, der wahrhaft große, starke Charakter! Ah, wenn Du mein Leben kennen würdest, ich war nur einmal schwach, ein einziges Mal — ich war verliebt in meine Frau — und entführte sie ihrer Familie, die uns ihre Einwilligung versagt hatte. Das war der einzige Fehler, der auf meiner Conduitelrste zu finden wäre — außerdem strauchelte ich auch nicht einmal! Von dem Bewußtsein meiner großen Nützlichkeit für jdie Welt durchdrungen, betrachtete ich mich selbst als ein heiliges, unfehlbares, unantastbares Geschöpf. Kurz, in einem einzigen Puncte gleiche ich Dir, mein guter Saladin: ich war ein Gott, ich bin es, und — werde es sein: nämlich, mein eigener Gott! Willlt Du mein Prophet sein? Ein Prophet mit 13 einem Jahresgehalt von zehntausend Francs und freier Wohnung für Dich und deine Familie? Sal. Mein Freund — Du treibst Scherz. Montj. Zehntausend Francs und freie Wohnung — willst Du? Sal. O, mein Freund, treibe keinen so grausamen Scherz mit mir! Denke, welchen Himmel Du mir zeigst: meine Frau, meine geliebten Kinder aus dem Elend errettet zu wissen — sie glücklich, ja wieder lächeln zu sehen! Sie sind ja mein letztes Ideal, meine letzte Liebe! Sieh', Montjoye — Du bist selbst Vater, — Du weißt, mit welcher Zärtlichkeit man an seinen Kindern hängt — um Gottes willen, treibe kein Spiel mit diesen heiligen Gefühlen! Montj. Ich versichere Dir, daß mein Vorschlag ernst gemeint ist. Ueberdieß erlebst Du noch die Freude, nach Gefallen in deinem Elemente schwimmen zu können: Du wirst deinen Nächsten den ganzen Tag über Gutes thun — dieß ist deine einzige Beschäftigung : deinen Nächsten Gutes thun! Sal. Aber in welchem Lande, mein Freund? Vielleicht in China oder gar im Monde? Montj. In Chantilly. Höre! Bisher lebte ich nur dem Vergnügen, jetzt aber regt sich der Ehrgeiz in mir, ich will mein Leben krönen, ich will Dcputirter werden, um später Minister sein zu können. Mit dieser Absicht kaufte ich in Trvval in der Nähe von Chantilly, im Mittelpunkte eines Wahlbezirkes, eine große Besitzung mit einem Herrenschlosse — zu dessen Gouverneur ich Dich ernenne. — Du warst ja Alles — warst Du schon einmal Gouverneur? Sal. Nein, mein Freund — mit meinen Ansichten! Montj. Ich begreife! Nun, Du wirst es jetzt sein. Du wirst Dich ein wenig um meine Besitzung und viel für meine Wahl interessiren. Meine Frau und Tochter bringen den Sommer in TrFval zu — mich jedoch halten die Geschäfte hier zurück — nun, Du wirst in Trvval für mich handeln — Du bist klug, thätig, verstehst es, Dir Sympathien zu erwerben, Du wirst mich beliebt machen. —Du wirst Schulen gründen, Armenhäuser, Kirchen,— den Landbau unterstützen — Rosenmädchen krönen — kurz Alles thun, was deine menschenfreundliche Einbildungskraft Dir eingibt. Ich eröffne Dir zu diesem Zwecke einen unumschränkten Credit — bist Du es zufrieden? Sal. Zufrieden, mein Freund? Meine rosigsten Träume werden noch durch diese meinem Geschmacke und meinem Gefühle entsprechende Aufgabe übertroffen. Und wenn die politische Färbung deiner Candi- datur meinen alten Ucberzeugungen nicht zu sehr widerspricht — Montj. Ganz und gar nicht, mein Freund, ich gehe noch weiter als Du, ich bin ein Mann des Fortschrittes, sehr freisinnig — nach amerikanischen Principien. Du bist auch etwas vernünftiger geworden, — Du wirst weder das Glück des ganzen Universums von mir fordern, noch die Aufhebung der Sclaverei — wir werden einig werden! Sal. Ich bin überzeugt davon, mein Freund. Die Deputirtenstelle in diesem Orte ist also frei? Montj. Noch nicht — sie wird es aber bald sein. Der Deputirte, ein Herr d'An- bancourt, ist sehr krank. Sal. Sehr krank? Montj. Ja, er kann höchstens noch drei Monate leben. (Diener tritt ein.) Sogleich! (AuSaladin.) Nun, wann reisest Du nach TrFval? Sal. Sobald Du es wünschest. Montj. O, je früher desto besser! Komm morgen um diese Stunde wieder, da werden wir dasNahere besprechen—und nimm einstweilen diesen kleinen Vorschuß deines Gehaltes an. (Nimmt eine Banknote von seinem Schreibtisch und gibt sie Saladin.) Sal. O, erlaube mir, meine Frau und meine Kinder zu bringen, und sie in deine Arme zu werfen! 14 Montj. (schnell). Nein, mein Freund, um Gottes willen komm mir nur mit nichts Blauem! Ich werde sie ein ander Mal sehen. Auf Morgen, Saladin! (Saladin drückt ihm nochmals die Hand, blickt zum Himmel empor, trocknet sich die Augen und geht durch die Mittelthür ab.) Eilfte Scene. Montjoye, dann Georges. Montj. Hm, das Elend hat ihn sehr heruntergebracht — nun, das gute Leben wird ihm seine Verstandeskräfte wieder geben! Diener (tritt ein, meldet). Herr Georges Sorel! (Ab.) Montj. (ernst für sich). Noch eine Lvra, die gestimmt werden muß! Georg, (tritt ein). Mein Herr! Montj. (für sich). Wie ähnlich er ihm ist! (Laut.) Guten Tag, mein Herr — setzen Sie sich, ich bitte. Ich freue mich, daß Sie meiner Einladung Folge geleistet. Georg, (kalt, verbeugt sich). Mein Herr— Montj. Mein Name ist Ihnen wohl nickt fremd? Georg. Er ist es Niemand in Paris. Montj. Ihnen aber nock weniger als jedem Anderen. (Georges verbeugt sich mit derselben Kälte.—Kleine Pause.) Ich möchte nicht gerne tranrige Erinnerungen in Ihnen erwecken, Herr Sorel aber meine Bitte, hieher zu kommen, müßte Ihnen ganz unerklärlich sein, würde ich Ihnen nicht in's Gedächt- niß zurückrufen, daß ich vor ungefähr zwanzig Jahren kurze Zeit der Compagnon Ihres Vaters war. Georg. Ich weiß es, mein Herr. Montj. (ficht ihn sehr aufmerksam an). Sie waren damals noch ein Kind — es ist natürlich, daß Sie keine Erinnerung für mich haben — Ihre Familie hätte Ihnen denn von mir gesprochen. Georg. Meine ganze Familie bestand (Ms einer alten Tante, die mich nach dem Unglücksfalle zu sich nahm. — Sie halte immer in strenger Zurückgezogenheit gelebt — und war also unwissend über Alles, was vorgegangen war. Ich glaube kaum, daß sie Ihren Namen kannte, mein Herr — auch vermieden wir mit gleicher Scheu — unsere Blicke der Vergangenheit zuzuwenden. Montj. (wie von einer großen Sorge befreit). Das ist begreiflich — auch ich werde diese Vergangenheit nicht mehr berühren, ich erwähnte ihrer nur um Ihnen die Empfindungen anzudeuten welche mich leiten. Ich würde mich sehr glücklich schätzen, wenn es mir gegönnt wäre, Ihnen nützlich zu sein. Georg. Mein Herr! Montj. Ich hörte Sie vor einigen Ta gen plaidiren — und war erstaunt, daß ein Mensch Ihrer Begabung noch nicht den Rus und das Vermögen erlangt hat, welche ihm gebühren. Georg. Sie beurtheilen mich zu nachsichtsvoll. Montj. Nein,— die ganze Welt rühmt Ihr Talent, nur bedauert man, — Sie entschuldigen meine wohlgemeinte Offenherzigkeit — daß es Ihnen an Energie fehlt und an jenem Geschick der Inscenesetzung, zu der heut' zu Tage Jedermann Zuflucht nehmen muß — und wäre es der glän zendste Geist, das ausgesprochenste Talent. Ist dem so? Georg. Es wäre undankbar, mein Herr, Ihre theilnehmenden Worte nicht mit Aufrichtigkeit zu beantworten. Ja, es ist wahr: ich habe keine Energce, keinen Muth! Sie errathen wohl, warum. — Ich gehe gesenkten Hauptes einher, — gebeugt von der Last einer niederschmetternden Erinnerung — eines fleckenlosen Namens! Montj. Sie übertreiben das Uebel, mein Freund —. Ihr Vater war unglücklich, allein seine Ehre blieb makellos! Georg, (stolz). Ich bin davon überzeugt, mein Herr — und doch folgte ihm der Fluch ins Grab, — der gerechte Fluch von 15 hundert Unglücklichen, die Vertrauen in ihn gesetzt, und ihr kleines Vermögen seinem Hause anvertraut hatten, d. h. nicht seinem blühenden Geschäfte, sondern seiner Redlichkeit! Der Fluch dieser Menschen, die er mit in's Unglück gerissen hat. Wie kann ich das je vergessen — wie kann ich es je gut machen. — O, hätte ich die Hoffnung, nur die leiseste Hoffnung, es je zu können, dann, ich schwöre es Ihnen, dann würde es mir nicht an Muth und Energie fehlen! Montj. Anstatt an Unmögliches zu denken, sollen Sie Ihre mögliche Pflicht im Auge behalten, die: sich als wahrer Mann zu zeigen und Ihre reichen Talente auf würdige Weise zu verwerthen. Sie werden mir erlauben Ihnen eine Gelegenheit dazu zu bieten. Es wird Ihnen bekannt sein, daß ich all' mein Streben großen industriellen Spekulationen gewidmet habe; daraus entspringen nun eine bedeutende Anzahl von mehr oder minder verwickelten Rechtsfragen, sowohl in Paris als in der Provinz. Mein Anwalt wird bald müde und verzagt — wollten Sie, — bis Sie Besseres gefunden haben —, ihm die Hälfte der Geschäfte abnehmen? Georg. Mein Herr, Sie bieten mir eine glänzende Stelle — und eine ehrenvolle — wie könnte ich .da widerstehen? Montj. Diese Sache ist also abgemacht; schon morgen werde ich Ihnen einige Papiere und Vollmachten übergeben. (Stehtauf.) Georg, (geht aus). Wie soll ich Ihnen danken, wie die Kälte entschuldigen, mit der ich Ihnen entgegenkam — und die mir zwar im Allgemeinen anklebt, die ich aber Ihnen gegenüber noch übertrieb—. Ich weiß nicht was für ein dunkler Schatten, was für ein unbegreifliches Vornrtheil sich unwillkürlich meiner bemächtiger hatte, — doch wer unglücklich ist, wird mit der Zeit auch mißtrauisch! Montj. (heiter, seine Schulter berührend), besonders ein Advocat — nicht wahr? — Nun aber, wo wir so weit einig geworden, erlauben Sie mir wohl, aufrichtig wie ein Freund mit Ihnen zu sprechen. Sehen Sie — Ihre Wohnung ist nicht glänzend genug — ohne Charlatan zu sein, muß man doch den Schwächen der Menschen ein wenig nachgeben, die es lieben, nach dem Schein zu urtheilen. — Ferner macht es Ihre neue Stellung auch wünschenswerth, daß Sie in meiner Nähe sind. — Der Entresol meines Hauses steht leer, und obwohl die Miethe ein bischen hoch ist —' 3000 Francs, so macht Ihre neue Stellung es Ihnen möglich, auf die Zukunft zu ziehen. Georg, (lächelnd und verlegen). Gestatten Sie mir, ein wenig zu überlegen. Den Preis ganz abgerechnet, der in der That über meine Kräfte geht, habe ich eigen- thümliche Ideen von Unabhängigkeit — Montj. Oh, ich will Sie nicht von ihnen abbringen. Zwölfte Scene. Vorige. Cäcile (mit einem Veilchenbouquet) Esc. (kommt schnell herein, bleibt stehen, wie sie Georges sieht, und grüßt ihn. Georges macht eine Bewegung des Staunens und scheint Gecile zu erkennen). Montj. Was willst Du, Kleine? Esc. (zieht ihn bei Seite). Ich bringe den Tag mit meiner Mutter in Auteuil zu, und — Du kennst ja meinen kleinen Aberglam ben! — ich hätte keine ruhige Minute, wenn ich Dir vorher nicht meinen kleinen Talisman gebracht hätte! (Steckt die Veil, chen in sein Kopfloch.) Montj. Kleine Thörin! (Küßt sic aufdie Stirne.) Eöc. (droht ihm mit dem Finger). Ich will Dich nicht ohne dem Bouquet sehen, hörst Du? (Leise.) Wer ist dieser Herr? Montj. Er wird wahrscheinlich den Entresol in unserem Hause beziehen. E^c. (sieht Georges verstohlen an). Meine Stimme har er! (Laut.) Adieu, Papa! (Grüßt Georges.) Mein Herr! (Ab.) Georg, (für sich). O, mein Gedächtniß täuscht mich nicht, — sie ist es! Dreizehnte Scene. Montjoye, Georges, dann Tiberge. Montj. Nun, was beschließen Sie? Georg. Ihre Güte beschämt mich — ich nehme Ihren Vorschlag an. Montj. So ist's recht: mein Advocat, mein Nachbar und — ich hoffe — mein Freund! (Reicht ihm die Hand.) Georg. Mein Herr! (Nimmt seine Hand; Tiberge tritt in demselben Augenblicke links ein, und macht eine Bewegung des höchsten Erstaunens.) Montj. Auf Wiedersehen! (Georges ab durch dir Mitte.) Montj. (zu Tiberge). Nun, was stehst Du da mit offenem Munde? Tib. Nichts. — Dieser Herr—ich habe mich wohl getäuscht? Montj. Nein, Du täuschest Dich nicht, es ist Georges Sorel, der Sohn deines ehemaligen Herrn, den ich zu meinem Ad- vocaten gewählt habe. Und nun : Schließe deinen Mund und öffne ihn nur zur rechten Zeit! Hörst Du? (Gibt ihm das Portefeuille.) Der Vorhang fällt. Zweiter Act. (Im Schlöffe Trsval in der Nähe von Chantilly. Das Innere eines Gartensalons, dessen drei Mit- trlthüren in den festlich erleuchteten Garten, die mittelste derselben auf eine Terrasse führt. Zwei Sritenthüren in das Schloß führend. Beim Heben des Vorhanges ist Abenddämmerung; die Diener beenden eben das Aufzünden der Kronleuchter rc. unter Saladin's Leitung.) Erste Sceue. Saladin, daun Ereile. S a l. Schnell, schnell, meine lieben Kinder — ein wenig mehr Eifer — ein bischen Leben! Das Diner wird gleich vorüber sein — halt', mein Junge, da stelle mir noch einen Armleuchter hin — so! Ah, auch hier! Und Ihr (zu den Andern) erleuchtet den Bogengang!zSchnell, Kinder, schnell! (Rust in dm Garten hinab.) Mehr Laternen in das Bosquet! C6c. (tritt links ein). Ach, wie hübsch! wirklich reizend! Bravo! Saladin, Bravo! Sal. (aus einer kleinen Leiter stehend und einen Armleuchter anzündend). Nicht wahr, mein Fräulein? Für eine Improvisation ist es herrlich geworden! C6c. Das ist wahr! Aber warum thun Sie das selbst? Sie werden sich ermüden! Sal. O, ich werde nie müde, Fräulein! Obwohl ich fünfzig Jahre alt, mit Wunden bedeckt und dreimal zum Tode ver- urtheilt bin — (zu einem Diener) Gib' mir noch eine Lampe, schnell! — bin ich unermüdlich wie ein Omnibus, besonders wenn es sich darum handelt, Ihnen eine Freude zu machen, Fräulein! C6c. Sie sind so gut — aber — sagen Sie mir, Herr Saladin — haben Sie an Herrn Sorel telegraphirt? Sal. Ja, Fräulein, ja! — C6c. Und die Einladungskarten ausgesandt? S el. Ja — zehn Meilen in der Runde! Cec. Und nicht wahr, Herr Saladin, Sie — Sie wissen ganz bestimmt, daß man an Herrn Sorel telegraphirt hat? Sal. Gewiß, Fräulein — (zu einem Dimer). Nehmt das fort! (Zeigt die kleine Leiter.) C6c. Das Clavier ist auch gestimmt — nun fehlt nichts, als recht viele Tänzer! Sie werden doch auck tanzen, Herr Saladin? 17 Sal. Natürlich, Fräulein— wenn Sie es wünschen, thue ich Alles. Ich werde also tanzen! C6c. Nun muß ich aber schnell meine Toilette beendigen. (Will links abgehen, wendet sich um.) Die telegraphische Depesche an Herrn Sorel ist also gewiß abgegangen? Zweite Scene. Vorige. Georges (tritt durch die Mittelthür links ein) 'Georg. Ja, mein Fräulein! Cvc. Ach — Herr Sorel! Und — Sie kamen sogleich — ohne zu wissen warum? Das ist viel! Georg. Mein Gott, Fräulein, Sala- din's Depescbe ließ keinen Aufschub zu, sie lautete: »Kommen Sie todt oder lebend mit weißer Cravatte.« Nun da bin ick — lebend und mit weißer Cravatte! C6c. (nähert sich Saladin). Der gute Saladin — er denkt doch an Alles! O — Sie sind zu liebenswürdig! (Nimmt seine beiden Hände.) Ich liebe Sie — Sie wissen nicht, wie sehr ich Sie liebe! Sal. Doch, Fräulein — ick habe eine kleine Ahnung davon! (Für sich.) Sie liebt mich — per Procura. (Laut.) Aber das ist recht abscheulich, daß Sie mich hier zurückhalten — ich habe noch so viel zu thun! (Geht durch die mitterste der Mittelthüren auf die Terrasse und ruft in den Garten hinab.) Mehr Laternen in das Bosquet! Lickt, mehr dicht! (Ab.) Dritte Scene. Georges, Cöcile. Georg. Was geht hier vor, mein Fräu- lein! Was für ein Fest feiert man? Csc. Erstens das Kirchweihfest des Dorfes, dann den doppelten Sieg meines Vaters bei dem Rennen in Chantilly. — ^re wissen wohl, daß er — Dank meinen« Tkater.Rq>«t»ne Nr. ISt. Deilchenftrauß — beide ersten Preise gewonnen hat — rasende Summen, wie ich höre. — Mein Vater kam in strahlender Laune hier an, und da er das ganze Dorf im Festtagsgewand sah, öffnete er seinen Park für die guten Leute und gibt ihnen ein kleines Souper unter den großen Bäu» men. Auch das Rosenmädchen wird man uns vorstellen — das, einer alten Sitte nach, heute gekrönt wurde. Wir freuen uns und benützten Papa's gute Laune, um einige Einladungen in die Nachbarschaft zu senden und improvistrten einen kleinen Ball — schon der schönen spanischen Marauise zu Liebe, die ganz Paris den Kopf verdreht und auf der Rückkehr von dem Rennen zu Chantilly uns mit ihrem Besuche überraschte. Georg. Ah — Madame des Rio Velez ist hier? Csc. Ja — Sie werden das Glück haben, sie bewundern zu können — wie gefällt sie Ihnen? Georg. Hm, jedenfalls besser als ihr Gemal! C6c. Natürlich! Aber — sind sie bezaubert wie alle Welt? Georg. O nein, mein Fräulein! C6c. O, um so besser! — um so besser für Ihre Ruhe! — Kurz alle diese glücklichen Ereignisse ließen Saladin Ihre Gegenwart als Freund und als Tänzer wünschen — doch «ch schwatze da und muß doch ««och an ineine Toilette denken. (Verbeugt sich.) Mein Herr, ich glaubte Ihnen diese Erklärung schuldig zu sein! (Entfernt sich nach links, kommt aber wieder zurück.) Herr Sorel? Georg. Mein Fräulein? Cäc. Nicht wahr — Sie finden mich nicht zu vergnügenssüchtig, zu leichtsinnig? Georg. O — Fräulein! Cec. Sie müssen bedenken, daß diese Zerstreuung mir jetzt sehr erwünscht kommt, da ich und meine Mutter den Sommer so einsam und trübe in diesem finstern Schloß zubrachten, wo nickts uns erheiterte, unH 2 Freude bereitete, als irgend ein Besuch von Paris. Mein Vater oder — Georg. O Fräulein, in Ihrem Alter ist cs doch so natürlich, den Tanz zu lieben. C6c. Sie aber, Sie sind so ernst — man könnte sich beinahe vor Ihnen fürchten! Georg, (lacht). Auch wenn ich tanze, Fräulein? E6c. (lacht). Hm — kurz, ich will Sie bitten, mich nicht schlecht zu beurtheilen. Georg, (ernst, nachdem er ein wenig gezögert hat). Besorgen Sie das nicht. Seit dem ersten Augenblicke, wo ich so glücklich war, Sie kennen zu lernen, hatte ich volle Ursache, Sie gut zu beurtheilen; an jenem Tage, mein Fräulein, waren auch Sie ernst. C^c. An jenem Tage? Es war doch bei meinem Vater, als Sie mit ihm wegen der Wohnung in unserem Hause sprachen? Georg. Nein — mein Fräulein! Es war vorher — einige Stunden vorher. Esc. Wie? ich hätte Sie vor jenem Tage schon gesehen? Darum also schienen Sie mir so bekannt — allein ich glaubte mich zu täuschen. Georg. Ich sah Sie bei einem meiner Elienten, dessen sehr armer Advocat ich bin. Sie kamen mit Ihrer Mutter — das Elend, welches sich Ihrem Auge bot, war so herzzerreißend, daß Ihr Herz von innigstem Mitgefühl ergriffen ward. Es wundert mich nicht, mein Fräulein, daß Sie mich an jenem Tage nicht sahen, denn Ihre Augen waren von Thränen um- schleiert. C6c. (verwirrt). Ja, in der That — ich erinnere uuch nun, und — cs freut mich, wenn Sie wissen, daß ich auch — (unterbricht sich, grüßt) auf Wiedersehen, mein Herr! (Links ab.) Vierte Scene. Georges (allein). Ja, es wäre strafbar — erbärmlich, dieses Kind unglücklich zu machen, ihm Unruhe und Qualen zu bereiten! Und dock übersteigt die Probe meine Kraft. Ich muß dieser Sache ein Ende machen, will ich mich nicht fortwährenden Martern aussetzen, fortwährend in der Gefahr schweben, mich zu irgend einem thörichten Streich Hinreißen zu lassen! Ja, ich werde Muth haben! — Was Muth, ich brauche nur gesunden Menschenverstand. Wer wird gegen das Unmögliche ankämpfen wollen? O, mein armes Leben, wozu soll es mir nun? (Man hört laute Stimmen.) Fünfte Scene. Georges, Montjoyc, Roland, La- jaunape, der Marquis de Rio Velez (treten alle sehr lebhaft sprechend ein, wie Men schen, die gut dinirt haben. Einige Diener stellen einen Tisch in die Mitte und stellen Tassen mit Kaffee, Liqueur, Flaschen und Gläser darauf) Montj. (ohne Georges zu sehen). Nein, mein Herr, lachen Sie nicht darüber, die naiven Menschen sind die einzigen, die ick schätze! (Nimmt ein Glas.) Hoch die Naiven! Ich beklage, aber ich liebe und verehre sie. Zum Beweise besteht mein ganzes Haus aus Naiven. Meine Diener sind — naiv, meine Beamten: naiv; Tiberge, mein Eas- sier: naiv; mein Freund Saladin: naiv; mein — (Will sortfahren, sieht aber plötzlich Georges; der Marquis und Lajaunaye haben sich gesetzt.) Sieh' da, Sorel! Guten Tag. Sic sind wohl von den Damen berufen worden? Georg. So ist es. Montj. Das war ein guter Gedanke! Wir haben ein reizendes kleines Fest. Ein Rosenmädchen — den Maire, den Pom pier, den Dorfschulmeister — kurz Alles, was zu einer gewählten Gesellschaft gehört! Rvl. (ist erst jetzt eingetrkten). Ah, guten Tag, Georges! (Drückt ihm die Hand.) Guten Tag, tugendhaftester meiner Freunde. Mein Lieber, ich habe gegessen wie ein Taglöhner, und war nie so stolz daraus, ein Franzose zu sein, als heute! Du haß doch von dem Triumphe meines Vaters gehört? Georg. Ja! (Zu Montjoye gewendet.) Ich bringe ihm meine Glückwünsche. Montj. Hm — mein altes Glück — 100.000 Francs, die mir vom Monde berabfallen, ohne »Platz da- zu rufen. - Bedienen Sie sich doch, meine Herren, nun lieber Marquis! Was sagen Sie zu meinem kleinen Landhäuschen? Ist es nett? Marq. (düstere Physiognomie, zurückhaltend, spricht langsam und hochmüthig). Sehr hübsch, mein Herr! Montj. Die anstoßende Waldung hier ist auch mein Eigenthum. — Ich hoffe, General, Sie werden mir die Ehre erweisen, manchmal darin zu jagen. Marq. (steht auf und nähert sich dem Tisch). Sie sind zu liebenswürdig. Was für Wild haben Sie in diesem Lande? Montj. Nun, wir haben sehr viele Fasanen, Rebhühner, wilde Ziegen, kurz eine ganz hübsche Jagd. Marq. (schenkt sich ein). Wie kann man an solchen Kinderspielereieu Vergnügen finden? Montj. Was wollen Sie? Wir jagen was wir haben. Sie werden doch nicht erwarten, daß wir in unserer Provinz eine Tigerjagd veranstalten sollen? Bei Ihnen gibt es wohl Tiger, nicht wahr? Marq. Nun, wir haben eben keine Tiger, aber doch Panther. Montj. Ah! Marq. Dann den Leopard, der nicht mit sich scherzen läßt, und besonders viele Äaguars. Das ist eine Jagd, die eines Mannes würdig ist. Montj. Haben Sie sich dieser unschuldigen Zerstreuung oft hingegcben? Marq. O. seit meiner Kindheit. — Es ist auch nicht die geringste Gefahr dabei, wenn man keine Furcht hat. Haben Sie übrigens nock nicht bemerkt, daß zwei Finger meiner linken Hand dienstunfähig stNd? (Zeigt die linke Haud.) Montj. O! Marq. Ja — das sind die kruetu8 belli! Es war vor zwei Jahren, wenige Tage nach meiner Verheiratung. Ich machte einen Morgenspaziergang in den an das Gut meiner Frau angrenzenden Wald lind hatte nur vorsichtshalber einen Revolver bei mir. (Stellt das Glas nieder.) Da höre ich plötzlich ein Rascheln im Gebüsch — ich erhebe den Kopf, und sehe einen Jaguar, einen wunderschönen Jaguar, der sich zum Sprunge anläßt. Laj. O — Teufel! Marq. Ich sinke schnell auf ein Knie, bücke mich, das Thier macht seinen Sprung, ich werfe mich auf die Seite, indem ich mich aber so auf die linke Hand stütze, daß das Thier, welches mich streifte, mir zwei Finger zerquetschte, während auf der andern Seite mein Revolver ihm ein paar Worte in's Ohr sagte. — Bei Gott, das war mein bester Schuß! Anitta, meine Frau, wollte es gar nicht glauben, allein hier ist der Beweis — (hält das Glas in der linken Hand und zeigt seine rechte) diese zwei Finger, die mir für immer ihren Dienst versagen. R ol. (steht schnell auf). Ah, — entschuldigen Sie, aber — Marq. Was, mein Herr? Rol. War es vorhin nicht die linke Hand? Marq. (kalt und streng). Sie haben sich getäuscht, junger Mann. Rol. Es muß wohl so sein, General! (Leise zu Lajaunayc ) Wie gefällt Dir dieser Brasilianer? (Georges und der Marquis ziehen sich zurück.) Laj. (leise zu Roland). Nimm Dich in Acht, er soll sehr blutdürstig sein — auch seine Frau zittert vor ihm. Rol. Sind Sie wirklich verheiratet? Ein Mensch, der links und rechts nicht zu unterscheiden vermag, könnte sich leicht auch an feinem Hochzeitstage geirrt haben! 20 Sechste Scene< Montj. Wir Alle! (Zur Marquise.) Madame, darf ich Ihnen meinen Arm anbieten? Vorige, Saladin. Sal. (stürzt athemlos herein). Montjoye! Montj. Was ist vorgefallen? Sal. Mein Freund, Du hast Glück, daß einem angst und bange werden kann! Weißt Du, was man mir so eben mittheilt? Montj. Was denn? Sal. Ich weiß eigentlich nicht, warum ich mich freue, denn die Sache ist im Grunde sehr traurig — Herr d'Auban- court, der Deputirte des Bezirks — Montj. Nun — hat sein Arzt den Sieg davongetragen? Sal. So ist es! Und d'Aubancourt ist tobt! Montj. Ah, meine Herren, Sie hören, Herr d'Aubancourt ist nicht mehr! Das ist ein großer Verlust — besonders für ihn selbst! Laj. (drückt ihm glückwünschend die Hand). Du kennst meine Gefühle, mein Freund! Sal. (zu Montjoye). Da die Deputirten- stelle nun frei ist, so möchte ich schon heute Abend dem Maire ein paar Worte über deine Candidatur sagen. Montj. Ja, gut, es kann nicht schaden, sondire das Terrain. Ah, hier sind die Damen! (Henriette, Löcile und die Marquise erscheinen im Hintergrund links, Saladin grüßt uud geht rechts ab.) Siebente Scene. Vorige ohne Saladin, Henriette, Ereile, Marquise, dann ein Diener. Marquise. Wahrhaftig, Madame, dieses Fest ist reizend. Marq. Bezaubernd! Ein Diener (tritt ein, zu Henriette). Madame — es sind einige Gäste im Salon. Henr. Gut, ich komme! Marquise (nimmt seinen Arm, leise). Ich muß Sie sprechen! Montj. (laut). Nun, Sorel? Meine Herren! (Zeigt auf die Thür rechts, die in den Salon führt.) General, wollen Sie meine Tochter in den Salon führen? (Alle rechts ab, theils durch die Mittelthür rechts, theils durch die Seitenthür. Montjoye und die Marquise bleiben allein zurück.) Achte Scene. Montjoye, Marquise. Marquise (im Tone ernsten Vorwurfes). Sind Sie wahnsinnig, mein Herr? Montj. Ich — warum? Marquise. Nun, dieser Diamant. — O, eS ist Wahnsinn. Ich fand seit diesen Morgen noch keinen Augenblick, um 3b' nen zu sagen — Montj. Mein Gott! Wer wird über eine Kleinigkeit so viel sprechen? Ich hörte von Ihrer Bewunderung für diesen Stein, den Sie zufällig bei dem Juwelier gesehen hatten. — 3ch lege Ihnen denselben zu Füßen — das ist doch ganz einfach! Sind Sie doch in dem Lande geboren, »wo die Diamanten sprießen.« Ich sandte Ihnen eine Blume Ihres Vaterlandes — das ist Alles! Marquise. Und dachten Sie nicht an die furchtbare Verlegenheit, in die Sie mied dadurch meinem Gemal gegenüber bringen konnten? Er trat heute Morgens in mein Zimmer und sah diesen Ring auf meinem Toilettetisch. Uebrigens finden Sie Ihre gerechte Strafe, und wäre ich nicht z" ärgerlich über Sic, so müßte ich wahrhaftig lachen. — Haben Sic nicht bemerkt, daß der General diesen Ring trägt? Montj. Ja, ich habe diese sonderbare Laune bemerkt. 21 Marquise. Sie kennen seine Eifersucht nicht — seine furchtbare Heftigkeit! Allein ;um Glück hat er noch eine Leidenschaft, die eben so unbezwingbar ist: die Leidenschaft für Edelsteine. Ich sagte ihm, dieser Diamant käme von meiner Mutter, und inn seinen Verdacht ganz niederzuschlagen, mußte ich ihm denselben sogar — (sie wendet sich um und sieht den Marquis, der zu horchen scheint.) Himmel, da ist er! (Schnell rechts ab.) Neunte Scene. Montjoye, Marquis. Montj. (für sich). In der That, es ist der große Jaguar selbst! Sollte er wirklich so wild sein? Wir wollen sehen! Marq. (mit sehr düsterer Miene). Mein lieber Wirth. es freut mich, Sie allein zu finden. Ich will Ihnen einen Vorschlag machen. Montj. Ein Vorschlag, der von Ihnen kommt, kann mir nur angenehm sein. Marq. Ich bin einer Sache schon sehr müde, sie ist mir sehr lästig Montj. Was meinen Sie, Marquis? Marq. Das Hotel-Leben! Montj. So! Marq. Ja. und da mein Aufenthalt >n Paris sich zu verlängern droht; — ist nicht die zweite Etage Ihres Hotels vom April an zu vermiethen? Montj. Ja, in der That! Marq. Wäre es Ihnen unangenehm, mich dort zu wissen? Montj. O, lieber Marquis, es würde noch glücklich machen! Marq. Der Preis ist 10.000 Francs, glaube ich? Montj. 10.000 Francs! Marq. So sind wir einig? (Reicht ihm die Hand.) Montj. Gewiß! (Gibt ihm die Hand, für sich.) Ich möchte aber doch wissen — (Laut.) Ach, was für einen schönen Diamanten haben Sie da, General? Marq. Nicht wahr? Er kommt von meiner Schwiegermutter. — Ich erhielt ihn heute Morgens von Anitta. Montj. (für sich). Man bringt nichts aus ihm heraus. (Henriette erscheint im Hintergründe an Georges' Arm.) Zehnte Scene. Vorige, Georges und Henriette. Montj. Ich vermuthe aber, General, daß meine Frau andere Pläne mit der zweiten Etage hat. — Jedoch werde ich das ordnen, und rechne bis dahin nur auf Ihre Verschwiegenheit. (Marquis verbeugt sich, zu Henriette.) Nun, meine Liebe, unterhält man sich im Salon — tanzt man? Hcnr. Ja, mein Freund. Montj. Wollen wir nicht ein wenig zusehen, General? Marq. Mit Vergnügen. Henr. Wo wollen wir das Rosenmädchen empfangen, hier oder im Salon? Montj. Hier, ich werde sogleich die Anordnungen treffen. Marquis! (Ab mit dem Marquis) Eilfte Scene. Henriette, Georges. Henr. (setzt sich auf das Sopha). Nun, mein Herr, jetzt sind wir allein — ich höre Sie! Georg. Darf ich mit vollkommenem Freimuth zu Ihnen sprechen, Madame? Mit der gänzlichen Gewißheit, daß Sie keinen Zweifel, keinen Verdacht in die Aufrichtigkeit meiner Worte setzen? Henr. (sieht ihn überrascht an). Sie können es, mein Herr! Georg. Ja, Madame, das wußte ich auch im Voraus, ich fühlte es, denn es ist unmöglich, daß das grenzenlose Vertrauen 22 die Achtung und — erlauben Sie mir hinzuzufügen, die innigste Sympathie, von denen ich für Sie erfüllt bin, nicht ein wenig Lohn finden sollten, ein wenig Achtung — Henr. Meine größte Achtung! Georg. Sie können nicht ahnen, Madame, was Sie mir waren in dieser Welt, der ich bisher beinahe fremd war, in dieser Welt, wo alle redlichen, wahren und tiefen Empfindungen so wenig Mode sind, daß ick mir mit denselben beinahe lächerlich erschien. Ich wiederhole es, Madame, Sie können nicht ahnen, wie Sie mir zur Stütze dienten — zum erhebenden Beispiel — und dennoch, Madame, muß ich Sie verlassen. Henr. Uns verlassen? Georg. Ja, Madame, ich muß es, will ich die Ruhe meines Lebens nicht für immer verlieren. Henr. (ruhig). Meine Tochter? Georg. Ja, Madame! und es wäre strafbar, wollte ich diesen vertrauten Umgang, der mir schon so viel Sckmerz bereitet hat, auch nur um einen Tag verlängern. Das, Madame, war es, was ich Ihnen zu sagen hatte. Jeder Andern gegenüber wäre mir dieß Geständniß höchst peinlich gewesen, nur bei Ihnen glaubte ich Vertrauen zu finden, wenn ich Ihnen sage, daß nie der Gedanke in mir aufstieg: den 'Abgrund überspringen zu wollen, der mich von eurer Tochter trennt. Ich wollte Sie auch bitten, diesen Entschluß Herrn Mont- joye mitzutheilcn und ihn meiner ewigen Dankbarkeit zu versichern. Ich gedenke Paris für einige Zeit zu verlassen und werde schon morgen abreisen. Henr. (zerstreut und nachdenkend). Sie lieben meine Tochter? sie, die noch so jung und scheinbar so leichtsinnig? Sie haben also entdeckt, welch' edler Kern in ihr ist? Georg. Sie ist — Ihre Tochter, Madame! Henr. Und liebt Cvcile Sie wieder? Georg. Ich weiß es nicht, Madame. Henr. (steht aus). Herr Sorcl, Sie sind wirklich ein Mann von Ehre, und was noch mehr ist: ein rechtschaffener Mann! Gehen Sie streng mit sich zu Rathe, bevor Sie mir nun antworten. Ereile ist Ihnen unter sehr verführerischen Auspicien zuerst erschienen; aber würden Sie diejenige, die Ihnen heute als Erbin eines allgemein geachteten Namens und eines großen Vermögens gegenübersteht, auch dann lieben, wenn sie ohne Namen dastünde, ohne Asyl, ohne Brot? Georg, (sehr erstaunt). Madame! Henr. Antworten Sie mir! Georg. Vergeben Sie mir, Madame, aber ist diese Probe meiner und — Ihrer würdig? Ist sie nicht höchst sonderbar und — nutzlos? Wie kann sie Ihr Vertrauen vermehren, wenn Sie an mir zweifeln. Madame, wenn Sie nicht verstanden haben, daß ich Ihre Tochter wahrhaft und von ganzer Seele liebe, daß ich auf mein ganzes Lebensglück verzichte, um das ihrige mit keinem Hauche zu trüben; daß ich in diesem Augenblicke, wo ich sie für immer verlieren soll, meine volle Manneskraft zu- sammenraffcn muß, um nicht zu weinen wie ein Kind; daß ich sie wahnsinnig liebe und sie ohne Namen, ohne Asyl, ohne Brot jubelnd empfangen würde, mit Freudenthränen und den gütigen Himmel preisend, der sie mir sendet! Henr. (in großer Aufregung). Nun ja, ich glaube Ihnen! (Nimmt seine Hand.) Fragen Sie nicht, forschen Sie nicht, heute nicht — niemals, aber — verlassen Sic uns nicht! Georg, (jm höchsten Staunen). Wie soll ich — (Man hört Stimmen.) Henr. Ich beschwöre Sie, verlassen Sie uns nicht. 23 Zwölfte Scene. vorige, Saladin, Montjoye, 8a- iannaye, Roland, Marquis, Cöcile, einige Gäste, später das Rosenmädchen mit chrem Vater, dem Maire, Dorfschulmeister, ein Pompier. Sal. stritt ein, zu einem Diener). Den Wunsch für das Rosenmädchen! (Mehrere Diener bringen Erfrischungen und stellen sie aus !>en Tisch. In Mitte derselben eine große Bowle Punsch. Montjoye tritt rechts ein und führt die Marquise am Arm, dann der Marquis mit Eecile am Arm.) 66t. (nähert sich ihrer Mutter und reicht ihr nn Etuis). Hier ist das Collier, Mama! (Zu Georges.) Sie ist sehr hübsch, das kleine Rosenmädchen, Sie werden sehen! Montj. Wir müssen die Sache ernst nehmen, meine Herren! Hörst Du, Roland? (Das Rosenmädchen tritt mit ihrem Pater ein, der sie zu Henriette führt; der Maire, der Dorfschulmeister, ein Pompier.) Henr. (sehr verlegen). Es ist sehr freundlich, mein Kind, daß Sie uns Gelegenheit geben, Ihnen unsere Glückwünsche sagen zu können. Ich bin sehr erfreut — sehr dankbar — erlauben Sie meiner Lochter, Ihnen ein kleines Andenken zu überreichen. Rosenm. O Madame, so viel Güte! C6c. Erlauben Sie, mein Fräulein! lLegt ihr das Collier um den Hals.) So, soll ich Sie jetzt umarmen? Rosenm. O Fräulein! Henr. Umarmen Sie auch mich, mein Kind! (Umarmt sie mit einer gewissen Schüchtern- '"t und sagt leise zu ihr:) Beten Sie für auch! (Das Rosenmädchen sieht sie erstaunt an, hmriette und Cocile setzen sich.) Rol. Bravo! Das ist eine wunderhübsche Scene! (Leise zu Montjoye.) Nun, Papa, schnell eine kleine Rede. Montj. (leise und streng). Roland! (Laut.) Herr Maire, ich sehe mit Vergnügen, daß Sie einen unserer alten Gebräuche wieder eingeführt haben, der dazu beiträgt, die guten Sitten der alten Zeit und ihre heilsamen Grundsätze aufrecht zu erhalten, jene Sitte und Moralität, die stets die Grundpfeiler des gesellschaftlichen Glückes bleiben werden! (Zum Rosenmädchen.) Meine Stimme, mein Fräulein, kann den Triumph, den Sie heute gefeiert haben, nicht vermehren, erlauben Sie mir jedoch einen Toast auszubringen auf Ihre glückliche Zukunft, die Ihrer Tugend gewiß zum Lohne werden wird! Herr Maire — (zu den klebrigen) Meine Herren — (bittet um ein Glas Punsch) Sie werden mir wohl Bescheid thun! Hoch das Rosenmädchen! (Alle trinken.) Dorfschulm. (leise zum Maire). Herr Maire, jetzt wäre der günstigste Augenblick! Der Maire (etwas verlegen). Hm — glauben Sie? Herr Montjoye — (mit trauriger Miene). Wir erhalten eine sehr betrübende Nachricht. Wir sind Alle sterblich, und unser Deputirter Herr d'Aubancourt hat sich gestern selbst davon überzeugt. Montj. (betrübt). Ah! Wirklich? Der arme d'Aubancourt! Maire. Nun wäre es ein großer Trost für uns, wenn wir ihm zum Nachfolger einen Mann geben könnten, der dem ganzen Land schon durch seine Wohlthaken bekannt ist. Montj. Ah — Herr Maire — eine solche Ehre — ich bin so überrascht — Rol. (mit halber Stimme). Ist das wirklich wahr, Papa? Montj. (fährt fort). Ich war auf eine solche Auszeichnung nicht vorbereitet — doch glauben Sie mir, wie sehr dieser Antrag mich ehrt. Meine Geschäfte nehmen mich zwar außerordentlich in Anspruch, Sic wissen es, jedoch wenn die Stimme meines Landes mich rufen sollte — wie plötzlich es auch sei, so werde ich in ihr die Stimme meiner Pflicht erkennen. (Gemurmel des Beifalls.) Maire. Ach, meinHerr, das sind schöne, edle Worte! (Sie drücken sich die Hände.) Rol. Bravo! Es fehlt nichts mehr, als die Marseillaise! Monts, (nimmt den Maire bei Seite). Tie glauben also wirklich? Rol. Lajaunaye, was machst Du? Las. (steht hinter dem Sopha, auf dem die Marquise sitzt). Ich bewundere deinen Vater! Rol. Sieh' einmal diesen Pompicr an — ein klassischer Kopf, ich muß ihn küssen! Las. Laß' diese Thorheiten! Rol. (nähert sich mit spöttischer Miene dem Pompier, der sehr eingeschüchtert zu sein scheint). Nun, Herr Pompier, wollen Sie nicht etwas zu sich nehmen? Pomp. O mein Herr, ich habe schon ein Glas Punsch getrunken. Rol. O, was thut das? Nehmen Sie noch ein Glas, (nimmt selbst ein Glas) und sagen Sie mir, unter uns, mein Freund, sind Sie immer mit Ihren Pumpen zufrieden? Pomp, (wohlgefällig). Das will ich meinen, mein Herr, sie gehen vortrefflich! Rol. O, das freut mich. Aber unter Andern, Herr Pompier, genirt Sie Ihr Helm nicht? Es scheint, daß diese Falte auf Ihrer Stirn von ihm herrührt? Pomp. Nein, Sie irren sich, mein Herr, das ist eine Brandwunde. Ich trug sie bei dem Feuer davon, das Ihren Pachthof ergriffen hatte. Rol. (verlegen und beschämt). Ah, cs ist eine Wunde? (Für sich.) Ich bin sehr ungeschickt — lange nickt so glücklich wie mein Papa! (Laut.) Entschuldigen Sie — wollen Sie mir Ihre Hand geben? Pomp. O, mein Herr — Monts. Nun, lieber Herr Maire, wir sprechen uns noch. Wir haben zu lange aus die Königin unseres Festes vergessen. (Zu Saladin.) Sei so freundlich, unsere Gäste in den Tanzsaal zu führen. Sal. Kommen Sie, meine Herren — meine Damen! (Alle entfernen sich nach rechts. Henriette bleibt allein auf ihrem Platz, in trauriges Nachdenken versunken.) Cäc. (zu Georges). Nun, mein Herr, Sie bieten mir nicht den Arm? Georg. Doch, mein Fräulein. (Reicht ihr den Arm.) Cäc. Wissen Sie nicht, warum meine Mutter so traurig ist? Georg. O, sie ist bloß ermüdet. Cäc. Haben Sie lange mit ihr gesprochen? Sie lieben meine Mutter doch? Georg. Ich liebe und verehre sie. Cäc. Und ich — ich bete sie an. (Steht eben ihrem Vater gegenüber). Ach, Papa, liebst Du mich? (Reicht ihm im Vorübergehen die Stirne hin.) Monts, (küßt sie auf die Stirn). Nein, gar nicht — geht — geht, meine Kinder! E^c. (im Abgehen für sich). »Meine Kinder!« (Ab mit Georges.) Dreizehnte Scene. Montjoye, Henriette. Monts. Nun, Henriette, Sie kommen nicht? Henr. Gönnen Sie mir einige Minuten, mein Freund, ich fühle mich leidend. Monts. Leidend? Ich muß gestehen, daß Ihr Benehmen vorhin beinahe lächerlich war. Henr. Ich — Monts. Sehen Sie nicht ein, daß Sic sich durch diese Mienen einer Büßerin den sonderbarsten Schlüffen aussetzen? Henr. (stehtaus). Das Sonderbarste wäre nicht schlimmer als die Wahrheit. Wie soll ich dieses reine Kind umarmen, es segnen — ohne daß die mahnende Stimme des Gewissens mir meine Unwürdigkeit vorwirft. Monts. Ah schön — jetzt segeln wir mitten im »Blauen«. Werden Sie diese poetische Empfindelei, von der Sie sich st freiwillig quälen lassen, nie ablegcn? Was 25 meinen Sie mit dieser Unwürdigkeit? Seien Sie gerechter gegen sich selbst. Sind Sie nicht eine rechtschaffene, tugendhafte Frau, tugendhafter als zwei Dritttheile von jenen, deren legitime Stellung Sie beneiden? Verbannen Sie doch solch' eitle Bedenklichkeiten, die nur Schwachheiten sind. Henr. Und Sie selbst — mit all' Ihrer Starke, könnten Sie glücklich, könnten Sie ruhig sein, wenn Sie sich die Liebe und Achtung derWelt unter einem falschen Namen, unter einem falschenTitel erworben hätten? Und ist dieß nicht bei mir der Fall? So lange ich noch zurückgezogen am häuslichen Herd bei meinen Kindern mich verbergen konnte, fühlte ich mich weniger elend. Aber in dem Hellen Licht des Tages, in dem Glanz der Welt, in die Sie mich mehr und mehr stürzen, wird mir die Lüge meines Lebens zur unerträglichen Last! O mein Freund, wenn Sie die Qualen ahnen könnten, die mich täglich — stündlich foltern, Sie würden mich von ihnen befreien — und Sie könnten es so leicht. — Heute mehr als je fühlen Sie sich glücklich, Alles lächelt Ihnen, alle Ihre Wünsche sind erfüllt. Mit dem Glücke zieht gewöhnlich auch die Güte in unser Herz — Nun, seien Sie gütig gegen mich! Wenn es mir je gelang, Ihr Leben ein wenig zu versüßen, wenn ich durch alle Ereignisse mit treuer Liebe an Ihnen hing, wenn ich Ihrem Herzen je thcuer war: o, dann haben Sie Mitleid mit meinem Schmerz, lassen Sie mein Gewissen Ruhe finden, damit ich meine Kinder umarmen kann, ohne er- röthen zu müssen. Lassen Sie mich Ihre Frau sein — vor Gott! Montj. Henriette! Henr. Ich sehne mich nickt der Welt wegen nach dem Titel, nach den Rechten einer Frau — ich will gerechtfertigt »'ein, vor Gott und mir — ick besckwöre Sie, mein Freund! Montj. Meine liebe Henriette! Sie verstoßen nicht nur gegen eine unserer Bedingungen, sondern Sie fordern das Unmögliche; auch sind Sie nicht logisch. Warum sollte Ihr Gewissen Ihnen eine Schuld — wenn es eine ist — vorwerfen, die nur mir allein zur Last fällt? Als Sie einwilligten, mir zu folgen, war es beschlossen und Sie glaubten fest daran — daß unsere Verbindung durch die gewöhnlichen Formalitäten geheiligt werden würde. Die Verhältnisse bestimmten es jedoch anders. Ohne Sie weniger zu lieben, wollte ich mir doch einen gewissen Grad von Unabhängigkeit bewahren. Beruhigen Sie sich also endlich und quälen Sie sich und mich nicht mit Ihren Chimären! Henr. Chimären?! Und fürchten Sie denn nicht, daß alle diese heiligen Gefühle, die Sie mit Füßen treten und als kindische Schwachheiten betrachten, sich eines Tages gegen Sie wenden und furchtbar rächen könnten? Mont. Sie kennen meine Ansichten. Es gibt wenig Dinge auf dieser Welt, die ich fürchte. Henr. Denken Sie nicht an Ihre Kinder? Nicht daran, daß sie Ihnen eines Tages fluchen können? Montj. Warum sollten sie mir fluchen? Wenn sie meine Wohlthaten verdienen, so werden sie sie genießen, so lange ich lebe, und auch nach meinem Tode. Machen sie sich ihrer jedoch unwürdig, so kann ihr Fluch mir sehr gleichgiltig sein! Henr. Da nichts Sie rührt, als Ihr eigenes Interesse, haben Sie denn nicht bedacht, daß die Welt, die Ihnen bis jetzt nichts brachte, als Vergnügungen und Triumphe, für Ihren Ehrgeiz — daß diese Welt, wenn sie morgen erführe, daß sie schmählich von Ihnen betrogen worden, daß der Salon Ihrer Frau nur der Salon Ihrer Geliebten ist, glauben Sie nicht, daß sie Sic eben so verdammen würde wie mich? Montj. Soll das eine Drohung sein? — Sie sind vollkommen im Jrrthume, meine Liebe — man würde Sie verdam- mcii, allein gegen uns ist man nachsichtiger, und ein Jahr später würde ich eben so angesehen und mächtig dastehen wie beute. Wenn Sie wollen — können Sie die Probe machen. Henr. (seufzt). Ach! (Man hört Stimmen in» Garten.) Sal. (kommt über die Terrasse). Wo ist er? Wo ist er denn? Montj. Nun, was gibt's? Vierzehnte Scene. Vorige. Saladin. Sal. Mein Freund, Tu mußt Dich dem Volke zeigen. Man weiß, daß Du candidirst, — die Nachricht ist mit Enthusiasmus ausgenommen worden — sage ich Dir — die Bande derBürgerwehr ist unter dinen Fenstern und — höre nur — (Man ruft außen: Montjoye!) Montj. (geht zum Fenster rechts und wird mit Vivatrusen empfangen). Meine Herren und meine Freunde — ich danke Ihnen — ich bin tief gerührt — zählen Sie auf mich — von diesem Augenblicke an — widme ich mich Ihrem Wohle, dem Ihrer Familien — Ihrem Interesse, vor Allein aber: dem Vaterlande! (Enthusiastische Zuruse unter dem Fenster.) Henr. (ist im Vordergrund geblieben, sinkt auf einen Fauteuil, stützt den Kopf schluchzend in die Hände). Mein Gott, habe Erbarmen mit mir und — vergib ihm! (Der Vorhang fällt.) Drittel Z e t. (In Paris. Montjoye's Arbeitszimmer wie im ersten Act.) Erste Scene. Montjoye, Marquise, später ein Diener. (Die Marquise sitzt auf einem Fauteuil, trocknet sich die Augen init ihrein Taschentuch.) Montj. sfitzt neben der Marquise). Beruhigen Sie sich, liebe Marquise! Ich versichere Ihnen, daß Ihre Befürchtungen nnbegründet sind. Der General ist ganz derselbe gegen mich, der er stets gewesen. Würde er anck, wenn nur der Schatten eines Verdachtes in ihm lebte, in einem Hanse mit mir wohnen wollen? Marquise. Vielleicht doch! Ich fürchte eine Falle — bei ihm muß man aus Alles gefaßt sein; Sie kennen ihn nicht. Sie wissen nicht, was ihn nöthigte, sein Vaterland zu verlassen, und ich wage nicht, es Ihnen zu sagen. O, er wird mich eines Tages morden. Montj. Liebe Marquise! nur in Ihrer Einbildungskraft leben solche Gefahren. (Ein Diener tritt ein.) Nun? (Der Diener gibt ihm eine Karte.) Sie werden den Herrn ein- treten lassen, sobald ich klingle. (Der Diener ab, Montjoye gibt der Marquise die Disitkarte ) Marquise, (steht schnell aus). Gott! Nun sehen Sie? Montj. (steht aus). Das ist doch ganz einfach. Er kündigte mir gestern schon diesen Besuch an, er kommt, um mit mir über Ihre künftige Wobnung zu sprechen. Marquise. O, Gott straft mich schwer! Leben Sie wohl! (Geht durch die kleine Thür links ab.) Montj. (begleitet sie und küßt ihre Hand) Leben Sie wohl und lassen sie jede Angst — jede! (Marquise ab.) 27 Zweite Scene. Montjoye, dann Marquis. Montj. (allein, klingelt). Sie ist sehr hübsch, wenn sie weint. Ob aber auch aufrichtig? Hm — das ist eine Nebensache. (Marquis tritt ein.) Guten Tag, General! (Bietet ihm einen Stuhl.) Marq. Guten Tag! Ick weiß, daß Sie beschäftigt sind, ich werde mick nickt setzen. Ich wollte nur fragen, ob ich mit Bestimmtheit darauf rechnen kann, daß die Wohnung am fünfzehnten zu beziehen ist, weil ich dann sogleich die Arbeiter senden will. Montj. O gewiß! Marq. Und ist auch Madame Montjoye 'chon unterrichtet? Montj. Ja — sie ist sehr erfreut. Marq. O, dann sind wir in Ordnung. Nacht Miene, als wolle er gehen, kömmt aber nrükk.) Ah, ich erinnere mich eben, ich habe Ihnen noch ein paar Worte zu sagen über Roland, Ihren Sohn. Er ist ein reizender Junge, den ich sehr lieb gewonnen habe, aber eben darum fühle ich mich verpflichtet, Ihnen zu sagen, daß er für einen jungen Menschen ein wenig zu hoch spielt. Montj. Ah — er hat wieder verloren? Hm — darum ist er seit einigen Tagen so düster. Marq. Trotz unseres Ratbes, vom Hpiele abzulassen, ließ er sich neulich Abend doch hinrcißen, und schuldet mir auch noch "ne kleine Summe. Montj. Ihnen, General? Marq. O, eine Bagatelle! Er scheint jedoch davon genirt zu sein, denn statt den Termin gestern einzuhalten, bat er mich um einen kleinen Aufschub. Sie wissen uwhl, wie wenig mir daran gelegen ist; allein ich dachte, es wäre Ihnen lieb, da- vorr unterrichtet zu sein. Monrj. Wie viel? Marq. Fünfundzwanzig tausend Francs, uicht mehr. ^ Montj. Ich werde die Ehre haben, Ge- >neral, Ihnen die Summe im Laufe des Tages zukommen zu lassen, doch ersuche ich Sie, meinem Sohn nicht davon zu sagen, ick will ihn ein wenig in Angst lassen. Marq. Verlassen Sie sich auf mich. Dritte Scene. Vorige. Saladin. Sal. (tritt durch die Mitte ein, sieht etwas verstört aus). O, entschuldige — ich glaubte Du seiest allein. Montj. Ah, Dubist's?Was bringtDich nach Paris? Sal. (bleibt im Hintergründe stehen). O nichts. Ich wollte Dich um eine kleine Auskunft bitten. Marq. Ich lasse Sie allein. Wie geht es mit Ihrer Candidatur? Montj. O, ganz gut, ich habe vortreffliche Aussichten! Marq. Wann findet die Wahl statt? Montj. Uebermorgen. Marq. Teufel, das geht schnell. Ich sage Ihnen schon jetzt meine Glückwünsche. (Drückt Montjoye die Hand, grüßt Saladin, ab.) Montj. Nun, was gibt s, mein Freund? Ich sehe Wolken auf deiner Stirne — es ist doch kein Unglück geschehen? Sal. Nein, das nicht, aber dein Nebenbuhler setzt Himmel und Erde in Bewegung, jede Waffe ist ihm gut genug, und das Mittel, das er jetzt ergriffen har, könnte unfern Erfolg leicht schmälern, wenn wir uns nicht mit Energie daran machen, ihn zu bekämpfen. Montj. Was für ein Mittel ist das? Sal. Eine offenbare Verleumdung, die aber sehr geschickt in Scene gesetzt ist, und wobei man einige Daten so zu benützen wußte, daß — Du weißt doch, daß dein Nebenbuhler la Barriere von Bordeaur ist? Montj. Nun, was weiter? Sal. Nun — er und seine Freunde verbreiten abscheuliche Gerüchte über den 28 Ursprung deines Vermögens. Sie sprechen von dem Fallissement deines früheren Com- pagnons Sorel, welches Du erst berbeige- sübrt, und dann zu deinem Vortheile ansgebeutet hättest. Da ich nun ganz unbe kannt bin mit den Ereignissen aus jener Epoche, so komme ich, um Aufklärung zu bitten, damit ich im Stande bm, unfern Gegnern energisch entgegenzutretcn. Montj. Ah, mein Lieber, diese Verleumdung ist mir nichts Neues mehr. Du begreifst, daß ein Mensch sich nicht zu meiner Stellung cmporschwingen kann, ohne alle Schlangen des Neides aufznscheuchen. Ich will Dich aber mit wenig Worten überzeugen, daß der Ursprung meines Vermögens eben so makellos als solid ist. Meine Verbindung mit Sorel hatte die Ausbeutung einer Goldgrube in Brasilien zum Zwecke — Du wirst Dich erinnern, daß zu jener Zeit die Welt mit solchen Unternehmungen überschwemmt war, die unsere jedoch bot besondere Garantie. Wir sandten unseren Ingenieur hinab, und Sorel sogar auch seinen Cassier und Bevollmächtigten! Tiberge, der sein volles Vertrauen besaß, nun, da geschah es, daß nach unendlichen Kosten das Unternehmen sich als unfruchtbar erwies; ich zog mich bei Zeiten zurück. Sorel jedoch war so thöricht, meinen Rathschlägen und meinem Beispiele zum Trotz ausharren zu wollen, und — er ging zu Grunde. Das ist Alles — Du siehst, wie klar die Sache ist. Sal. (zögert ein wenig). Hm, ja — sieh', ich verstehe nichts von Geschäften, aber man gibt an, Du habest in der Folge die Goldgrube wieder an Dich gebracht, und dadurch dein Vermögen erworben. Montj. Höre nun weiter: Diese Goldgrube, in der eben so wenig Gold zu finden war, als damals in deiner Tasche, zeigte sich späterhin als ergiebige Kupferquelle. Ich brachte die Cottcession wieder an mich — diese Eoncession, die Niemand mehr wollte, und ziehe seit dieser Zeit jährlich zweimalhunderttausend Livres daraus. Was ist dabei Unrechtes? Sal. Nichts — es ist wahr, aber Du verstehst, daß es im Moment unmöglich ist, den Wählern alle diese Einzelheiten zu erzählen, während jene große Verleumdung mit unendlicher Macht auf ihre Einbildungskraft wirkt. Montj. Vergiß nicht, daß wir ein Argument haben, das mehr als Alles für uns sprechen muß: die Anwesenheit des jungen Sorel in meinem Hause als Advocat und als Freund. Nun, es ist doch nicht wahrscheinlich, daß er diese Stellung angenommen haben würde, wenn ich die meinige aus dem Unglücke seines Vaters geschöpft hätte! Sal. Du hast ganz Recht. Ich dachte selbst schon daran, aber leider hat man ihn so selten in Tr6val gesehen. Montj. Sage, Saladin, willst Du noch mehr? Willst Du eine Nachricht, welche diese Verleumdungen mit einem Schlage verstummen machen soll? Sage kühn: Georges Sorel sei mein künftiger Schwiegersohn, sei bereits mit Ereile verlobt. Wenn es nöthig ist, kann er auch selbst nach Trä- val kommen, um diese Nachricht zu bestätigen. Sal.(ftmdig). Wie, mein Freund, ist das wahr? Montj. Es wird in zehn Minuten wahr sein, wenn ich es will — und ich will es! Ich beschleunige damit eine Sache um wenige Monate, die schon längst beschlossen war. Du mußt doch auch bemerkt haben, daß die zwei jungen Leute sich gefallen? Sal. Gewiß habe ich das. Es hat mir sogar Sorge gemacht, denn ich liebe sie beide von ganzem Herzen, und hatte wenig Hoffnung, daß Du deine Einwilligung geben würdest. Montj. Warum? Sorel hat nichts, das ist wahr, aber er ist ein rechtschaffener > Mann, und hat eine große Zukunft vor sich — er liebt Cecile, Ereile liebt ihn — > nun, sie sollen glücklich sein! — 29 Sal. (ergreift seine beiden Hände). Das ist schön, Montjoye, was Du da thnst. Es ist sehr schön, zengt von einer edlen Seele. (Gerührt.) O, mein Freund! Man kennt Dich nicht! Montj. Was ich thue, ist ganz einfach. Einestheils ist das Glück meiner Tochter auch das meinige, und dann wünsche ich einen Schwiegersohn, der leicht zu behandeln und mir ergeben ist. Kurz Du kannst die Neuigkeit sogleich verbreiten. Sal. Officiell? Montj. Ja! Ich werde Dir Sorcl sogar heute noch schicken, doch ich höre Ereile. Sie bringt mir wohl ihre Morgengabe, ihren blauen Tribut. (Lecile tritt rechts ein.) Ah, guten Morgen, mein Fräulein! Fünfte Scene. Vorige. Ereile (mit einem Veilchenstrauß). C 6 c. Guten Morgen Vater! (Umarmt ihn und gibt ihm das Bouquet.) Ah, Guten Morgen, Saladin! Wie geht es Ihnen? Sal. (feurig). Sehr gut, mein liebes Fräulein, vortrefflich, und wenn Sie Herrn Georges sehen — Cäc. Herrn Georges?! Sal. So sagen Sie ihm, wie glücklich ich bin — (erstaunt; nähert sich ihm). Glücklich? Worüber? Sal. (zögert). Hm — seine Bekanntschaft gemacht zu haben. Leben Sie wohl, mein Fräulein! Leben Sie recht wohl! (Zu Montjoye.) Ich gehe nach Träval zurück und jetzt bürge ich für den Erfolg. (Ab.) Kind, laß' uns ein wenig ernsthaft sprechen. Ich will Dir einen Entschluß mittheilen und Dich bitten, mir nicht zu widersprechen — Tu weißt, ich liebe das nicht. Mein Kind, ick verheirate Dich! Esc. (erschrocken). Ach, mein Vater! Montj. Warte nur. (Klingelt, der Diener tritt ein.) Bitten Sie Herru Sorel, sich zu mir zu bemühen. E ec. (zweifelnd und freudig). D Papa! mein liebster Papa! Montj. Ah, jetzt bin ich der liebste Papa! E 6 c. (mit tiefer Bewegung). Ist es wahr — ist es möglich — er ist es, er! Montj. Er—oder das Kloster. Wähle! Esc. O geliebter Papa — O mein Gott! (Legt ihren Kops an Montjoye's Brust und weint.) Montj. Nun — nun — Töchterchen! Ist das Kummer? (unter Thränen). D nein! Montj. Du liebst ihn also, nicht wahr? (freudestrahlend und enthusiastisch). Ja, ich liebe ihn, liebe ihn aus voller Seele! Vor welchem Schmerz rettest Du mich, — was für Freude gewährst Du mir! Vergib, Papa, aber ich beschuldigte Dich schon der Blindheit, der Unvorsichtigkeit. Wie oft wollte ich Dir sagen: Schicke ihn fort, mein Pater, schicke ihn fort, wenn Du nicht willst, daß ich ihm meine Liebe, mein Leben weihe. Ach, ich vermochte es nicht. Er besaß sie schon, und ich fühlte, daß ich fern von ihm, fern von seinen Blicken, seinem Herzen mich stets allein fühlen mußte. Allein da seine liebe Gegenwart nicht mehr meine Gedanken ausfüllen, meine Hoffnungen, meine Zukunftsträume; allein, wenn er nicht mehr da ist, um Alles in Freude und Licht zu verwandeln! Dock Dank dem Himmel und Dank Dir, mein Vater! ich bin glücklich, überglücklich und Sechste Scene. Montjoye. EFcile. segne Euch Beide. Cec. Was ist denn vorgefallen? Montj. Schön, mein Kind! Ich mache Montj. Nichts — er ist vergnügt, weiljnur die eine Bedingung, daß diese Hochzeit ts mit meiner Wahl gut steht. Nun, meinj ohne allen Prunk, ganz im Stillen gefeiert 30 wird, in der Provinz — vielleicht gar nickt in"PFrankreich. : Ich habe Unreine eigenen Gründe dafür. Cöc. O, ganz wie Du willst, Papa! Montj. Außerdem fehlt uns noch die Einwilligung deiner Mutter! Cöc. O, ich bin ihrer gewiß. Montj. Auch der des Bräutigams? Cöc. Ick hoffe es! Montj. Auch ich. Aber wir werden ihm gegenüber auf ganz ungewöhnliche Weise verfahren müssen. Er ist zu bescheiden, zu schüchtern, um deine Hand zu bitten. Ich bin also gezwungen, Dick ihm anzubieten — das ist etwas fatal! E«rc. (schüchtern). Willst Du mir erlauben, ihn ein wenig vorznbereiten? Montj. Auf sein Unglück? Esc. Ja, weil ich glaube, er wird überrascht sein, angenehm überrascht. Montj. Glaubst Du? Nun gut, mein Kind, es sei. Ich ermächtige Dick, ihm leise anzudeuten — hörst Du, anzudeuten. daß ich ihn nicht zurückweisen werde. (Man hört Georges' Stimme.) Da kommt das Opfer! Cöc. Ich zitt're! Montj. Ich gehe in mein Bureau. Wenn Tiberge kommt, so ersuche ihn, mich in seinem Zimmer zu erwarten. Eöc. Ja, mein Vater! Montj. Muth, meine Kleine! Muth und Klugbeit. (Links ab.) Siebente Scene. Cöcile, dann Georges. Cec. (allein). Es ist wahr, ich habe jetzt allen Muth verloren. (Setzt sich.) Georg, (tritt ein und grüßt). Entschuldigen Sie Fräulein, Herr Montjoye ließ mich rufen. Esc. Mein Vater ist in seinem Bureau, er bittet Sie, ihn hierzu erwarten Wollen Hie sich nickt setzen? Georg. Ich danke. (Nach einer kleinen Pause.) Hat Madame Montjoye sich schon erholt? Enc. O, sie ist ganz wohl — der Bali bei Madame Derkoff war sehr hübsch, uickr wahr? Georg. Reizend! Das Arrangement der Blumen war wirklich bezaubernd. Eöc. Ja, nicht wahr — diese Blumen, diese Lickter. — (Für sich.) Es ist sehr schwer. Georg. Die Gräfin Derkoff ist eine Französin, nicht wahr? Cäc. Ja — und war an einen Russen verheiratet. (Für sich.) Es ist sehr schwer. (Laut.) Wissen Sie, daß die Gräfin Sie sehr schätzt? Georg. Nein, ich wußlees nicht, Fräulein; allein es macht mir Vergnügen, es Ihnen zu glauben. E6c. Sie hat gestern in Ausdrücken von Ihnen gesprochen, die ich nicht zu wieder holen wage. Nur Eines findet sie an Jh nen auszusetzen — Sie sind zu schüchtern. Georg. Ich bin nicht schüchtern, ich bin nur manchesmal zerstreut — in Gedanken verloren. Das ist leicht erklärbar — ich war nicht immer so glücklich, wie ick eo jetzt bin. Cvc. Die Gräfin erschöpfte sich in Lobsprüchen, Sie haben alle Verdienste, alle Tugenden der Welt, und endlich sagte sie sogar: wenn ich nur wenige Jahre jünger wäre, so könnte er mich meinen Schwur, ewig Witwe zu bleiben, vergessen machen. Aber — fügte sie hinzu, er ist so schüchtern, daß ich am Ende gezwungen sein würde, ihm meine Hand selbst anzubieten — denn er würde sie nie begehren. Georg.(lacht). Da hat sie wohl Recht! Eäc. Ja gewiß, aber — es gibt noch andere junge Frauen, und — Mädchen — (Steht aus). Wirklich, Herr Georges, die Dame hat Recht, diese Schüchternheit sckader Ihnen. Sie zürnen mir dock nicht, jdaß ich Ihnen das sage? 3t Georg. Zch bin Ihnen sogar sehr dankbar, mein Fräulein, kann aber nickt zugeben, daß ick schüchtern bin. 6 ec. (beschäftigt sich am Schreibtisch, als suche oder ordne sie etwas). Doch — es fehlt Ihnen an Muth, an Kühnheit - ein wenig Kühnheit steht einem Manne sehr gut. Wir können sie entbehren — manchmal aber sind wir sehr muthig — sehr. Sie aber, mein Herr, sind es gar nicht. Mein Vater denkt ganz eben so. Er läßt Ihnen volle Gerecktigkeit widerfahren, aber auch er tadelt Ihre Zurückhaltung, Ihre Bescheidenheit. Sie — Sie bitten ihn nie um etwas, und er wäre vielleicht geneigt, Zhnen viel zu gewähren, ja in der That, es könnte sein — vielleicht! Georg, (zweifelnd). Fräulein — E^c. (grüßt ihn ernsthaft). Mein Herr! (Geht, wendet sich an der Thür um.) Vielleicht! (Ab.) Achte Scene. Georges (allein). Was will sie sagen? Diese Sprache, diese Andeutungen — sie ist viel zu charaktervoll, um solche Worte leichtfertig auszusprechen. (Kleine Pause.) Ach, das arme Kind! Cvcile wird einigen wohlwollenden Worten ihres Vaters zu viel Gewicht beilegen. Ja, wenn nichts zwischen uns stünde, als meine Armuth, dann - er wäre vielleicht großmüthig genug, diese zu vergessen. Aber mein gebrandmarkter Name, ich, der Sohn eines Ehrlosen — (Kleine Pause.) und doch schien sie ihrer Sache so gewiß, sah >o glücklich aus, er ließ mick rw - n — was er mir wohl zu sagen hat? L iÄvlt! wenn diese Freude mich erwartete — ich glaube kaum, daß ich stark genug wäre, sie zu tragen — meine Liebe ist zu groß. (Setzt luh voll llnrube und Erwartung.) j Neunte Scene. Georges, Tiberge. Tib. (tritt durch die kleine Seitenthür links ein, ein Portefeuille unter dem Arme; im herzlichen Tone zu Georges). Ich habe die Ehre, Sie zu begrüßen, Herr Sorcl! Georg. Guten Tag, Tiberge! Sie suchen wohl Herrn Montjoye? Er wird sogleich kommen, ick erwarte ihn. Ttb. (legt das Portefeuille aus den Tisch). Wie, Herr Georges! Noch immer so melancholisch? Warum das? Alles lächelt Ihnen jetzt und es gewährt mir Trost, in meinen letzten Tagen Sie noch glücklich zu sehen, bevor ich gehe, um Ihren armen Vater wieder zu finden! Georg. Guter Tiberge, Sie wissen, daß es für mich kein Glück gibt. Tib. Geben Sie diese düsteren Ideen aus! Unglück erlebt zu haben, ist keine Schande! Aber Sie sind ganz so wie Ihr Vater! Dieselbelt übertriebenen Ansichten von Ehre und Zartgefühl, die ihn in's Un glück gestürzt haben. Georg, (saßt seine Hand). O, Sic haben meinen Vater gekannt, Sie wissen, daß er ein Ehrenmann war. Und wenn auch Andere seinem Andenken fluchen, ich werde stets mir Liebe und Verehrung an ihn denken. (Setzt sich auf das Sopha und bestimmt Tiberge, dasselbe zu thun.) Tib. Das können Sie auch mit vollem Rechte. Ich bürge Ihnen dafür. Ich, der fünfzehn Jahre an seiner Seite verlebte, die fünfzehn schönsten Jahre meines Lebens, ich weiß, daß nie auch nur der Schatten eines unrechtlichen Gedankens in ihm auf- stieg — aber ich liebte ihn auch, ich betete ihn an! Ach — und doch war tch es, der ihm den letzten Schlag versetzte. Georg. Sie, Tiberge? Tib. Ach, auf sehr unschuldige Weise! Ich kam von Brasilien zurück, wohin er mich gesandt hatte, um seine Interessen 32 zu überwachen, oder besser gesagt, die eines Anderen. Jene unselige Goldgrube, meine Ankunft — die Berichte, welche ich brachte, zerstörten seine letzten Illusionen — und er hatte deren viele, welche ihm meine Briese noch gelassen hatten, obwohl ihm mehrere derselben nicht zugekommen sind, wie ich erst jetzt erfuhr. Während meiner Erzählung ward er furchtbar bleich, der Arme, dann sandte er nach Ihnen, hielt Sie lange fest in den Armen, und bat mich dann, Sie auf das Land zu meiner Mutter zu bringen. — Er wußte ja, wie sehr wir Sie liebten. Am nächsten Tage kam ich allein zu ihm zurück — unruhig, besorgt. Als ich den Garten durchschritt, sah ich ihn durch das geöffnete Fenster in seinem Cabinetc. Auch er mußte mich bemerkt haben, denn er zog sich schnell zurück, und im selben Augenblicke ertönte — o mein Gott! (Verhüllt sich das Gesicht mit den Händen; nach einer kleinen Pause.) Die grauenvolle That war geschehen. Georg. Seine Entehrung und die meine! (Bricht in Thränen aus.) Lib. (ties bewegt). Nein, mein Herr! Lassen Sie diese Gedanken, von Entehrung kann nicht die Rede sein, denn er betrog Niemanden! Georg. Wer außer mir wird Ihnen das glauben? Tib. (stkht auf; mit Energie). Er ist es, der betrogen wurde, verlassen, auf erbärmliche Weise verrathen; das ist die Wahrheit, die heilige Wahrheit. Georg, (steht aus). Wie? Betrogen — verrathen — durch wen? Tib. (zögernd und zitternd). Sie werden es wohl eines Tages erfahren. Georg. Aber, wenn Du es weißt, Du — wie kannst Du dulden, daß das Verbrechen eines Andern mein Leben trübt! mein Herz und das Andenken eines Dir theuren Mannes. Weißt Du, daß der Makel, der auf meinem Namen hastet, die einzige Schranke ist, die zwischen mir Md meinem Glücke steht? Tib. Ist eS möglich? Georg. Ich schwöre es Dir! Tib. Wohlan! Nur bei meinem Tode wollte ich Ihnen dieses Geheimniß mittheilen, aber ich kann Ihre Thränen, Ihre Verzweiflung nicht ertragen, nicht die Leiden des Sohnes, wenn der wahre Schuldige straflos triumphirend einhcrgeht! Georg. Der wahre Schuldige! Wer ist es? Wer? Tib. O, Sie ahnen es wohl, an Ihren Qualen — an den meinigen — denn er ist von unschuldigen edlen Menschen umgeben, die ich achte und liebe — wie Sie es thun! Georg. O mein Gott! Tib. Nun ja, der Schuldige — derjenige, der Ihren Vater in s Unglück stürzte — Georg. Nun, wo ist er? Tib. Wir sind bei ihm. Georg. Unglücklicher! Was sagst Du da? Tib. Zu lange schon, mein Freund, belastet dieses Geheimniß mein Gewissen! und seit ich Sie täglich sehe, war mir das Schweigen unerträglich geworden. Aber doch — Sie müssen das der Schwäche des Greises zu Gute halten; doch schrak ich vor dieser fürchterlichen Entdeckung zurück, vor den betrübenden Folgen, die sie für mich und Andere haben mußte. Allein ich hatte dafür gesorgt, daß wenigstens nach meinem Tode — der nicht mehr lange auf sich warten lassen kann, die Wahrheit Ihnen bekannt würde. Sie sollen Beweise haben, die jeden Zweifel vernichten müssen. (Links ab.) Georg, (allein). Dieser Streich trifft mich unvorhergesehen, plötzlich, wie ein Blitzstrahl, und läßt mir kaum Besinnung, UM klar zu sehen. (Zu Liberge, der zurückkommt.) Bist Du auch dessen sicher, was Du mir da sagst? Tib. (übergibt ihm einige Schriften). Sehen Sie selbst! Hier finden Sie alle Daten, die ich über die schändlichen Manoeuvres finden konnte, denen Ihr Vater zum Opfer fiel. (Horcht.) Er kommt! Lassen Sie mich allein mit ihm. Sie müssen sich sammeln, und diese Dokumente unverzüglich lesen. Gehen Sie in mein Zimmer da hinein! Georg. Ich glaube zu träumen, einen entsetzlichen Traum. (Links ab.) Zehnte Scene. Tibcrge, dann Montjoye. Tib. (allein). O, es ist manchmal sehr schwer, seine Pflicht zu thun. Mo nt), (tritt im Hintergründe ein. hält einen versiegelten Brief in der Hand). Tiberge, senden Sie dieß zu Herrn von Rio Delez. Nun — ist Sorel nicht gekommen? (Setzt sich zu seinem Schreibtisch.) Tib. (zeigt auf die Thür seines Kabinetts). Er ist dort! Montj. Dort? Was macht er da? Tib. Er liest einige Schriften, die ich seit langer Zeit für ihn vorbereitet habe. Montj. (seine kigarrettr drehend). Gibt es heute etwas Neues, mein Freund? Tib. (halb für sich). Ja wohl — es gibt etwas Neues. Montj. Was — alter Freund? Tib. Ich bin nicht Ihr Freund, mein Herr — ich bin Ihr Cassier, oder besser gesagt, Ihr Er-Cassier. Montj. Teufel, was schwatzt Du da? Du willst mich verlassen? Tib. Nein — aber Sie schicken mich fort. Montj. Warum? Tib. Warum? Weil ich es nicht länger ertragen konnte, weil mein Gewissen endlich die Oberhand gewann, weil ich Herrn Sorel Alles gesagt habe (Montjoye steht schnell auf), und weil die Papiere, die er jetzt in Händen hält, ihm den Namen desjenigen mittheilen, der sein Vermögen aus dem blutigen Ende seines Vaters schöpfte. Montj. (grht aus ihn zu). Und Du hast das gethan, Du? Elender Greis! Tib. (mit Festigkeit). Eben, well ich ein elender Greis bin, wollte ich, bevor ich r*—er.«tp«rw«» Sie. 1LL. diese Welt verlasse, handeln, wie die Gerechtigkeit und Wahrheit es erfordem, und wie es Gottes Wille ist! — Sie glauben an nichts, ich aber — ich glaube an Gott, und darum bin ich reicher als Sie, so arm und elend ich auch bin. Montj. (sich beherrschend). Seit langer Zeit schon, Herr Tiberge, ahnte ich Ihren lächerlichen Verdacht und war auf Ihre Verleumdungen vorbereitet. Wollen Sie mir aber erklären, wie ein so gewissenhafter Mann, wie Sie, die Wohlthaten eines Mannes annchmen konnte, den er so — günstig beurtheilt? — Tib. Als ich in Ihr Haus eiutral, hatte ich keine Ahnung von jenen That- sachen — die meiner Meinung nach das Derdammungsurtheil über Sie sprechen. Erst lange Jahre später spielte der Zufall mir einige Briefe aus Brasilien in die Hände, die nie erhalten zu haben Herr Sorel mir bei unserer letzten Unterredung versicherte. In jenem Augenblicke hätte ich Sic wohl verlassen sollen, das ist wahr — aber das Alter war gekommen — ich war schwach — ich blieb. — Heute büße ich diese Schwäche durch die furchtbarsten Qualen, die ein Menschenherz zerreißen können. Montj. (setzt sich — ruhig). Gut! Wollen Sie mir aber nicht sagen, wessen Sie mich eigentlich anklagen? Tib. Gewiß, mein Herr! Unter den Papieren, welche Herr Georges eben durchsieht, befindet sich auch eine Erzählung der Ereignisse, die meiner Meinung nach So- rel's Sturz herbeigefnhrt haben. Dieser Sturz war an jenem Tage unausweichbar, als Sie, mein Herr, das Unternehmen zu Grunde richteten, das sie erst selbst gegründet hatten, indem Sie einen Vertrag brachen, ohne dazu berechtigt zu sein. Montj. Ich wäre nicht dazu berechtigt gewesen? Du scherzest! Tib. O nein, mein Herr! — Als Sie mit Herrn Sorel in Eompagnie traten, und einen Vertrag schloffen, der Sie für allx 3 34 Fälle Emen an den Andern band, befanden sich einige Dokumente in Ihren Händen, von denen Ihr Compagnon hätte Kenntniß haben sollen. — Dem war jedoch nicht so! Sie wußten zum Beispiel, daß das Unternehmen nur durch eine gänzliche Umwandlung gelingen könnte. Diese Umwandlung wurde auch später bewerkstelligt, aber zu Ihrem Vvrtheile allein, nämlich erst nach dem Ruine Ihres früheren Compagnons und Ihrer Aktionäre, wo Sie die Goldgrube wieder an sich kauften, um in ihr — plötzlich eine Kupferquelle zu entdecken, die Sie zum reichen Mann gemacht bat. Montj. Gut, Herr Tiberge! Tib. Soll ich Ihr Haus gleich verlassen, mein Herr, oder erst den Abschluß des Monates abwarten? Montj. Erwarten Sie meine weiteren Befehle. (Georges tritt links ein, Montjoye steht aus, Tiberge wechselt einen Blick mit Georges, dann ab.) Eilfte Scene. Montjoye. Georges. Montj. Ich schmeichle mir, Herr Sorel, daß Sie die sonderbare Mittheilung, die Ihnen eben gemacht wurde, nach Ihrem wahren Werthe beurtheilen. Dieses Zeug- niß eines kindisch gewordenen Greises, der zwanzigjährige Wohlthaten mit einer Erbärmlichkeit belohnt! Georg. Ich selbst, mein Herr, habe so viele Beweise Ihres Wohlwollens empfangen, daß meine Dankbarkeit und noch — andere Gefühle mir Ihnen gegenüber Rücksichten auferlegen, die mit meiner Sohnespflicht in Einklang zu bringen mein höchstes Streben ist. Ich kann unmöglich Verdacht gegen die Aussage eines Greises hegen, der gegen sein eigenes Interesse handelt, und bin überzeugt, daß er fest an die Wahrheit alles dessen glaubt, was er gesagt und geschrieben hat. Was ich glaube, will ich Ihnen sagen, indem ich Sie vorher bitte, es meineni jetzigen Gemüthszustande zuzuschreiben, wenn mir ein hartes Wort entschlüpfen sollte. Montj. Sprechen Sie, mein Herr! Georg. Eines Tages — im Anfänge Ihres Lebens und Ihrer Karriere erkannten Sie den offenen Abgrund, der Ihr wachsendes Vermögen, Ihren Ruf, Ihre Zu kunft zu verschlingen drohte. Sie waren jung — ich will gerne glauben, daß Sie in der Verwirrung des Augenblicks einen Schritt derDorsicht für ehrenhaft und erlaubt hielten, dessen furchtbare Folgen Sie nicht vorhersahen. Die Zukunft jedoch, meinHerr, mußte Sie aufklären, jetzt wissen Sie es: daß jener Schritt, den Sie für einen unschuldigen hielten, den Ruin von hundert Familien herbeisührte, die Entehrungen und den entsetzlichen Tod eines rechtschaffenen Mannes! — (Sehr ergriffen.) Nun. ich frage Sie, ist es nicht Ihre Pflicht, das gut zu machen? Montj. Erklären Sie sich — ich verstehe Sie nicht. Georg. Ich weiß, daß das, was ich von Ihnen fordere, großen Aufopferungs muthes bedarf — aber fühlen Sie nicht selbst, daß meine Bitte vollkommen gerechtfertigt ist? Nur von Ihnen hängt es ab, den Fluch, der so lange auf dem Andenken meines Vaters ruht, in Segenssprüche zu verwandeln! Ja — ich beschwöre Sie, mein Herr, thun Sie dieß und — aus die Gefahr hin, zu weit zu gehen in meiner Nachgiebigkeit, will ich die Sühne als eine die Schuld überwiegende anerkennen und aus dieser edlen That neue Pflichten gegen Sie schöpfen, Ihnen alle Ergebenheit wei hen, der mein warmes Herz fähig ist - alle meine Zukunftspläne Ihnen zu Füßen legen! Montj. Ihre Folgerungen wären ganz richtig, aber Ihr Ausgangspunkt ist ein falscher — er ist eine Verleumdung! Nicht ich habe Ihren Vater ins Unglück gestürzt, sondern seine eigene Blindheit, die all' meinen Rathschlägen zuwider handelte. Icb lhabe ihn lief bedauert, ich habe seinem 35 Sohne eine Sympathie gezeigt, von der ich ihm noch größere Beweise aufbewahrt hatte, aber hier endet meine Pflicht, und wenn Sie fordern, daß ich mich zu Grunde rich- ten soll, um die Fehler Ihres Vaters zu sühnen; wenn Sie fordern, daß ich mein ganzes, durch Mühe und Arbeit errungenes Vermögen in den Abgrund seines Falisse ments werfen soll: so ist dieß ein so wahnsinniger Vorschlag, daß ich zögere, ihn für Ernst zu halten. In jedem Falle jedoch weise ich ihn zurück. Georg, (nach einer Keinen Pause, sich mit Mühe beherrschend). Sie werden begreifen, Herr Montjoye, daß ich von diesem Augenblicke an eine heilige Pflicht zu erfüllen habe, und Sie kennen mich gut genug, um überzeugt zu sein, daß kein Gefühl, und sei es das mächtigste, sich je hindernd zwischen mich und diese Pflicht drängen wird. Ich verlasse Sie jetzt, wir Beide bedürfen der Sammlung. In zwei Tagen jedoch werde ich Sie um eine Unterredung bitten. Montj. Wie Sie wünschen, aber — Sie kennen meinen Entschluß! Georg. Ich hoffe aus tiefster Seele, daß dem nicht so ist. (Er grüßt ) Mein Herr! Montj. (kalt). Ich habe dieEhre, mein Herr! (Lscile tritt rechts ein und bleibt starr stehen; mit halber Stimme.) Meine Tochter! (George legt mit einer Bewegung des Schmerzes die Hand aufs Herz, verbeugt sich tief vor Löcilie, dann ab.) Zwölfte Scene. Montjoye, Cöcile. Esc. Mein Gott, was ist geschehen? Was ist vorgegangen? Montj. Mein Kind (faßtihre Hand), fasse Muth! Nimm deine ganze Festigkeit zu Hilfe; unsere Pläne sind gescheitert — und wahrscheinlich für immer. C^c. O gütiger Himmel! Montj. Herr Sorel ist der Mitschuldige einer abscheulichen, meine Ehre angreifenden Verleumdung — in Wahlinteressen. Don nun an sind wir Feinde — Todfeinde! E6c. (schmrrzlich). O mein Vater! Montj. Wenn Du mir nun deine Liebe beweisen willst, so vermehre den Kummer nicht, den ich selbst empfinde. Nur keine Scene, keine Thränen, ich bitte Dich! Geh' zu deiner Mutter, mein Kind, und schicke sie mir. Hörst Du — schicke mir deine Mutter! C6c. Ich gehe — (Kür sich.) Ach, wie ich leide! (Rechts ab.) Dreizehnte Scene. Montjoye allein, dann ein Diener. Montj. Das arme Kind — doch fort mit diesen Gedanken! Ja, ich will mit Henriette sprechen, sie ist klug, sie wird mir rächen, ich habe zwarnichts zu befürchten, allein ein Scandal ist immerhin unangenehm — (Kleine Pause.) Hm, wenn es ihr nicht gelingen sollte, diesen jungen Mann zur Vernunft zu bringen, so werde ich es bewerkstelligen. In jedem Falle muß die Wahl in zwei Tagen erfolgt sein — das ist das Wichtigste! (Bemerkt aus seinem Schreibtisch den Brief, den er hingelegt hat.) Q, ich hätte bald vergessen. (Klingelt, ein Diener tritt ein.) Senden Sie Jean mit diesem Brief zu dem Marquis von Rio Velez, er soll eine Quittung bringen. Diener. Sogleich! (Nimmt den Brief, geht ab.) Montj. Eine Quittung ist zwar bei Spielschulden nicht gebräuchlich — aber bei diesem Menschen — (Henriette Kitt recht» ein.) Vierzehnte Scene. Montjoye. Henriette. Montj. Ah, Sie sind es, meine Liebes ^ tZvcile hat Ihnen gesagt, daß — 36 Herr. Daß Sic mich zu scheu wünschen. ja. Allein ick war eben im Begriffe, zu Ihnen zu kommen, denn auch ich habe mit Ihnen zu sprechen. Montj. (steht fie erstaunt an). Ah, worüber? Henr. (mit Bitterkeit). O, nicht über den Schmerz, über die Qualen, die Ihre Zärtlichkeit dem Herzen Ihres Kindes bereitet, denn ich weiß noch kaum, was vorgefallen, aber tch errathe Alles. Es ist wieder einer Ihrer Gewaltstreiche, dessen Opfer Ihre Tochter ist. — Was liegt daran? Ich weiß seit langer Zeit, daß Ihre Kinder, ich, die ganze Welt Ihnen nur Werkzeuge sind, um Ihr Vermögen oder Ihr Vergnügen fördern zu helfen und daß Sie dieselben wegwerfen, sobald sie Sie geniren! Montj. Nehmen Sie sich in Acht, Henriette! Henr. O, ich fürchte mich nicht! Eine Mutter, die die Würde, die Ehre ihrer Tochter vertheidigt, verliert nicht so bald den Muth! Montj. Die Ehre Ihrer Tochter? Wovon sprechen Sie eigentlich? Henr. Erst seit einem Augenblicke kenne ich den Namen der Person, die Sie in Ihrem Hause gastfrei ausnehmen wollen. Nun — ich hoffe, Sie werden selbst verstehen, daß der Platz für diese Person nicht hier ist — hier in einem Hause mit Ihren Kindern! Montj. Ah, das ist wieder eine Ihrer Einbildungen! Sie sind stets geneigt, jedem noch so lächerlichen Gerücht ein williges Ohr zu leihen. Henr. Sei dieses Gerücht falsch oder wahr, so hätte es allein Sie von dem Gedanken abbringen müssen, diese Frau unter ein Dach mit Ihrer Tochter zu bringen. Montj. Es ist nicht meine Gewohnheit, mir eine Lection geben zu lassen, oder einer thörichten Laune nachzugeben. — Ich werde thun, was mir gefällt. Ich bin freier Herr in meinem Hause — freier als manch' Anderer, und Ihnen am wenigsten ist es erlaubt, dieß zu vergessen. Henr. Ich verstehe — ick habe hier mcht mehr Rechte, als diese Frau — vielleicht denke ich ebenso. Ich weiß, daß zwanzig Jahre der Thränen, der Reue meinen Fehler, so unwillkürlich er auch war — nicht sühnen konnten! Sie wissen auch, wie geduldig ich alle Beleidigungen, alle De- müthigungen, mit denen ich genährt ward, hinnahm! Aber ebenso ergeben, wie ich für meine Leiden war, ebenso entschlossen und unbeugsam werden Sie mich finden, wo es sich um meine Tochter handelt! Ich werde Ihre Rücksichtslosigkeit für die Reinheit meiner Tochter nicht dulden; so lange ich hier bin, so lange ich lebe — wird diese Frau unser Haus nicht beziehen. Montj. Sie sprechen im Wahnsinn! Wie wollen Sie es verhindern? Henr. Indem ich meinen Kindern Alles gestehe, sogar meine Schande — und sic zu Richtern aufrufe. Sie sollen zwischen uns Beiden wählen. Lassen Sie sie rufen. Montj. (macht schnell einige Schritte gegen den Hintergrund, wie um zu rufen, bleibt dann stehen). Wissen Sie, was Sie verlangen — was Sie thun? Sie wissen, daß meine Vorsätze — einmal gefaßt — unverzögert ausgesührt werden. Die Folge von alledem ist unsere augenblickliche Trennung — für ewig! Henr. Ich weiß es— ich bin dazu entschlossen! Ich bin zu Ende mit meiner Geduld, mit meiner Kraft. Geschehe, was da wolle, ich bleibe keine Stunde länger in diesem Hause. Montj. Gut, es sei! Ich willige nicht nur darein, sondern — ich fordere es, will Sie aber doch gegen Ihre eigene Thorheil in Schutz nehmen. Was soll ein Scandal vor der Welt, und besonders vor Ihren Kindern nützen? Können Sie sich selbst und Ihren Kindern die Bitterkeit, die Schmach oieses Geständnisses nicht e» sparen? Genügt es nicht, ihnen zu sagen, daß ein ernstes Zerwürfniß uns zu dieser Trennung bewegt? Henr. Tburi Sie, was Ihnen gut dünkt. Montj. Ich verspreche Ihnen überdieß, den Kindern freie Wahl zu lassen. — Nun, sind Sie entschlossen? Henr. Ja! Montj. (öffnet die Thür des Hintergrundes und spricht hinaus). Bitten Sie Herrn Roland und Fräulein Cecile sogleich zu mir zu kommen. Henr. (schmerzlich für sich). O meine Kinder! Montj. Und wovon wollen Sie nun leben? Haben Sie auch dieß bedacht? Henr. O, ich weise Ihre Wohlthaten zurück! Das Wenige, was mein Vater mir hinterlaffen hat, wird mir genügen und auch meinen Kindern — wenn sie mir bleiben. Ich weiß wohl, daß ich sie der Armuth weihe, hoffe aber, daß sie dieselbe aus Liebe zu mir tragen werden. Montj. (ironisch). Hoffen Sic es immerhin ! Henr. O, Sie zweifeln wohl daran, nicht wahr? Sie achten nichts—sogar Ihre Kinder nicht! Fünfzehnte Scene. Vorige. Roland, Ereile. (Roland und Lecile treten durch die Mittelthür ein, beide begreifen mit einem Blick die gewaltige Erregung Montjoye's und Henriette's und bleiben bestürzt stehen.) Montj. Meine Kinder, ich ließ Euch rufen — ein peinlicher Streit hat sich zwischen mir und Eurer Mutter erhoben — er führte zu einem noch peinlicheren, jedoch nothwendigen Entschluß. Der Grund dieses Zerwürfnisses muß Euch unbekannt bleiben. Wir trennen uns! (Schmerzliche Bewegung der Kinder.) Wir trennen uns unwiderruflich! Eure Mutter wird dieses Haus »erlassen, um es nie wieder zu betreten. Ob Ihr nun Eurer Mutter folgen, oder bei mir bleiben wollt, ist Eurer eigenen, freien Entscheidung überlassen. Henr. O, sagen Sie ihnen Alles! Sagen Sie, daß bei Ihnen der Reichthum ist, der Lurus — bei mir Armuth und Arbeit, und — als einzige Freude (tief bewegt) meine unaussprechliche Zärtlichkeit! Sprecht jetzt, meine Kindes meine theuren Kinder! (Kleine ängstliche Pause; Roland und Lscile scheinen von einem furchtbaren Kampf zerrissen.) E6c. (tritt auf ihren Vater zu, und bleibt vor ihm stehen). Ist es wahr, mein Vater, ist es möglich? Montj. Ja, meine Tochter. E6c. (küßt seine Hände). So lebe wohl, mein Vater! (Wirft sich in die Arme ihrer Mutter, welche alle ihre Bewegungen mit Todesangst beobachtet hat Montjoye unterdrückt mit Mühe eine Bewegung des Schmerzes.) Rol. (nähert sich seiner Mutter). Auch ich bin bereit, meine Mutter, Dir zu folgen, aber willst Du es? Willst Du, daß ich meinen Vater allein lasse? Henr. Nein, bleib' bei ihm. Und Du, meine Tochter, komm, laß uns gehen. (Ab mit Löcile, welche weint.) Sechzehnte Scene. Montjoye. Roland. Montj. (setzt sich und wendet den Kopf ab). Rol. (nähert sich seinem Vater) Mein Vater! Montj. (wendet sich plötzlich um, sieht ihn an; streng). Warum bist Du nicht mit deiner Mutter gegangen? Rol. Mein Vater! Montj. Weil Du mich liebst, nickt wahr? (Steht aus.) Nein, weil Du Geld brauchst, weil Du Schulden hast! O, es ist erbärmlich — es ist feig! Rol. «schreit auf). O! Aber — Sie sind mein Vater. Sprechen Sie, womit — an wem soll ich Ihnen beweisen, daß ich nicht feig bin? 38 Montj. (mit Bitterkeit und Zorn). D! Du willst Dick scklagen, und Du glaubst, daß, um ein Mann von Ehre zu sein, es hinreicht, den Degen oder die Pistole handhaben zu können, und sein unnützes Leben auf's Spiel zu setzen. Du glaubst, daß man, wenn man es nur so weit gebracht hat, jedes andere Verdienst entbehren und seine frühreife Verdorbenheit, seine erbärm- lickr Trägheit von einem Spieltisch zum andern, vor» einer Schenke zu der andern fckleppen kann! Was liegt auch daran, hat man doch den Muth, sich im Nothfalle zu duelliren, folglich — ist man ein Ehrenmann, und Niemand wird wagen, dieß zu bestreiten. Nun, ich wage es, ich wage es, Dir zu sagen, daß dieß schmählich ist! Hörst Du? (Setzt fich links.) Rol. Gut, ich will es zugeben, was Du sagst, ist wahr, und ick erröthe oft vor mir selbst, daß ich nichts bin, nichts, als ein nutzloser Müßiggänger. Aber was sollte ich auch thuu? Welchem Werk, welchem Zweck, welcher Zukunft sollte ick mein Leben weihen, wenn man seit meiner Kindheit jede heilige Ueberzeugung, jeden Glauben, jede edle Illusion in meinem jungen Herzen zertreten und durck erbarmungslosen Hohn schon im Keime erstickt hat, wenn die Worte: Ehre, Pflicht, Religion, Vaterland nie anders vor mir ausgesprochen wurden, als mit Spott und Verachtung! Nun, wenn es wahr ist, wenn ich nichts thue, nichts liebe, wenn nichts in meiner erstarrten, vor der Zeit gealterten Seele irgend ein ehrgeiziges Streben erwecken kann, wenn ich mir selbst und den Andern Schande mache, wer trägt die Schuld? Antworten Sie mir, mein Vater, denn ich — ich wage es nickt! Montj. (steht aus). Du hast mich beschimpft, Roland — die Strafe soll nicht ausbleiben! (Geht zum Schreibtisch und schreibt einige Zeilen, die er während seiner Rede in der Hand hält.) Deine Spielschuld soll Dich nicht beunruhigen — sie ist bezahlt. Aber nun müssen auch wir uns trennen. Ich schulde Dir nichts, gar nichts, gar nichts! Zwischen mir und deiner Mutter herrscht ein schmerzliches Geheimniß, das Du jetzt auch erfahren mußt: Du bist allerdings mein Sohn, aber das Gesetz gibt Dir diesen Titel nicht. Deine Rechte hängen ganz allein von meinem Willen ab. Mit einem Wort: Deine Mutter — ist nicht meine Frau. Rol. Gerechter Himmel! (Sinkt auf einen Stuhl.) Montj. Es ist möglich, daß ich eines Tages vergesse, wie weit Du Dich von deiner Tollkühnheit Hinreißen ließest, und Dir meine Neigung wieder schenke. Jetzt aber müssen wir uns trennen. Ich habe für deine Zukunft gesorgt — wenn Du willst, kannst Du sie durch Arbeit nock behaglicher machen. Nimm dieses Billet, es ist die Anweisung für eine Rente. Rol. (steht aus, sieht seinen Vater an und zerreißt das Billet). Leben Sie wohl, mein Vater! Montj. Unglücklicher, was willst Du nun beginnen? Rol. Ich werde meine Mutter und meine Schwester umarmen, und dann, — zum Degen greifen, ich werde Soldat! (Schnell rechts ab.) Montj. (allein, scheint einen Augenblick von tiefer Bewegung niedergedrückt zu sein, dann richtet er sich energisch aus). Ah, pah! Sei ein Mann, Montjoye! (Der Vorhang fällt.) Vierter Lct. (Lecile's Schlafzimmer, höchst elegant möblirt Stühle, Polster rc. von Handarbeit, im Hintergründe ein Himmelbett, weiß und rosa Gardinen, eine Htagöre mit Statuetten, links ein Tisch, neben diesem ein Korb mit mehreren angesangenen 39 Arbeiten, unter denselben ein Polsterkissen; rechts in der ersten Coulisse eine Seitenthür, von einem Vorhang bedeckt, ein Kamin, in der zweiten Cou- lisse ein Fenster. Links eine Seitenlhür.) Erste Scene. Montjoye, ein Diener. MvNtj. stritt durch die Mittelthür ein, den Hut auf dem Kopf, die Reitgerte in der Hand; der Diener folgt ihm, ein Portefeuille mit Schriften in der Hand tragend Diener. Hat Ihnen der Spazierritt wohl gethan, Herr Montjoye! Montj. (düster, legt die Reitgerte aus den Kamin). Ja, ein wenig. Lege das auf den Tisch. Hier wenigstens werde ich ungestört arbeiten können. Du wirst Niemanden vorlassen, als Lajaunaye, Sorel und Saladin, wenn er ankömmt. Diener. Herr Lajaunaye ist bereits im Salon. Montj. Gut! führe ihn zu mir. — Unter Anderem, Joseph, ist keine Depesche von Chantilly gekommen? Gewiß nicht? Diener. Nein—nichts, Herr Montjoye! Montj. Das ist sonderbar! (zögernd, sich überwindend) und — bist Du meinen Befehlen nachgekommen? Diener. In Betreff der Damen? Ja! Als sie vorgestern Abend das Hotel verließen, begaben sie sich zuerst in das Kloster zu Notre-Dame. Gestern Morgens bezogen sie in der Nähe eine Wohnung in der kus 6s 1'c>U68l, wo sie von Herrn Roland erwartet wurden. Montj. Uns äs I'ousst? Welche Nummer? Diener. Nummer 85. Montj. Vergiß nicht, Joseph, daß für alle Welt die Damen und Roland für kurze Zeit verreist sind. Nun geh! (Joseph ab, die Lhür bleibt offen.) Saladin's Schweigen ist unbegreiflich, sollte er erfahren haben? (La- jaunaye tritt ein.) Zweite Scene. Montjoye. Lajaunaye(trägteinePistolen, khatouille, die er im Hintergründe auf einen Stuhl stellt). Montj. Guten Morgen, Freund! Ich danke Dir für deinen Eifer! Laj. Ich eilte sogleich hieher, als ich dein Billet erhielt. Was ist vorgefallen? Du schlägst Dich heute Morgens? Montj. Ich hoffe, daß es nicht geschieht, aber es wäre doch möglich. Denke nur, der unglückliche Sorel glaubt an alte, jetzt durch Wahlintriguen wieder hervorgesuchte Verleumdungen, und fängt Streit mit mir an wegen — dem Fallissement seines Vaters! Laj. Pah! — Sorel? Montj. So ist es! Heute Morgens sollen wir eine entscheidende Unterredung darüber haben. Ich hege die Absicht, ihn mit väterlicher Freundschaft zu behandeln, meine früheren Duelle erlauben mir das, ja machen es mir gleichsam zur Pflicht; trotz alledem aber könnte er mich doch auf'S Aeußerste treiben, und in diesem Falle wünsche ich, daß die Sache gleich zu Ende gebracht wird — und da er nicht versteht den Degen zu führen, so - hast Du die Pistolen gebracht? Laj. Hier sind sie! Montj. Ich kenne sie nicht, wir können uns ihrer bedienen. Nun bitte ich Dick, das Resultat unserer Unterredung im Salon abzuwarten, wo Herr Fernere bereits auf Dich wartet! Laj. Schön! Aber wie kommt es, daß Du hier bei deiner Tochter bist? Hast Du die Damen entfernt? Montj. Es war nicht nöthig, denn sie sind vorgestern mit Roland verreist. Laj. Ah — Montj. Ja — und ich benützte diesen Zufall, um mich in das Zimmer meiner Tochter zu flüchten, es ist das einzige, wo- 40 hm der höllische Lärm der Tapezierer und Arbeiter vom zweiten Stock nicht dringt. Laj. Ah — die Vorbereitungen deiner neuen Einwohnerin. Sage mir doch einmal — Montj. (setzt sich rechts; ernsthast). Was, mein Freund? Laj. Du übst deine Theorien im Großen aus; jene Theorien, die Du uns vor zwei Tagen in unserem Clubb gepredigt hast. Die Heirat, sagtest Du, sei eine mythologische Institution, deren Zeit nun zu Ende sei, und die endlich wieder verschwinden muffe. Betrachte das freie Amerika, sagtest Du, das stets voraus ist! Die Mormonen sind die Pioniere der Zukunft rc. O mein Freund! ich vergesse keines deiner Worte — ich verschlinge sie. Montj. (trocken). Du thust Unrecht! Laj. Der einzige Unterschied zwischen uns ist der, daß Du den Mmh hast, deine Meinung zu vertreten, und ich nicht. Ich betrüge und verrathe meine Frau, und muß Dir gestehen, daß ich sie doch innig liebe. Nur meine Phantasie wird ihr untreu — mein Herz gehört stets ihr. Jetzt gehe ich aber, Du wirst mir gleich sagen, daß es zu Ende mit mir ist! (Will gehen.) Montj. (hält ihn zurück). Hast Du keine Neuigkeiten von meiner Wahl gehört? Laj. Ich? Nein — und Du? Montj. Nichts! die Abstimmung muß gestern Abends stattgefunden haben. Ich erwartete heute Morgens die Depesche und kann Saladin's Schweigen nicht begreifen — Hm — vielleicht kommt er selbst. (Horcht, macht einen Schritt auf die Thür zu.) Höre! — vielleicht jetzt. (Joseph bringt ein kleines Packet, daS in eine weiße Papierdüte gehüllt ist.) Dritte Scene. Vorige. Diener. Montj. Nun — was bringst Du? Diener. Man hat dieß für Sie gebracht — eine verschleierte Dame, wie mir der Eoncierge sagt. Montj. Gut. (Macht ein Zeichen, eS auf den Tisch zu legen, Joseph ab ) Laj. (nähert sich dem Tisch). Ah, laß' hören — schon wieder eine Dame? Es ist ein Bouquet! Montj. Pah — ich weiß von nichts. Laj. Ja, ja, Pionier der Zukunft — doch ich eile jetzt zu Fernere. (Ab.) Vierte Scene. Montjoye (allein, setzt sich zum Tisch und öffnet langsam die Düte, welche einen Veilchen' strauß umgibt. Er sieht daS Bouquet einen Augen« blick an, dann wendet er den Kopf ab und stützt ihn in die Hände; einige Minuten später berührt er die Blumen mit seinen Lippen und murmelt) Armes Kind! (Legt das Bouquet, wir gegen seine Schwäche ankämpfend, aus den Tisch und steht auf.) Ach! (Geht im Zimmer hin und her, bleibt hie und da stehen, vor dem Bett, der Eta göre, dem Arbeitskorb, die ihm seine Tochter ins Gedächtniß rufen ) Sie hat Alles zurückgelassen, Alles — ich will aber nicht, daß sic zu viel leidet. (Bemerkt Eöcile's Schmuck, der in einer Glasschale aus dem Tische steht.) Ihr Schmuck — sic soll ihn haben! (Nimmt Colliers, Ringe, Braceletts rc., leert den Inhalt der Schale aus den Tisch und sieht sich um.) O — auch ihre angefangenen Arbeiten! (Nimmt aus dem Arbeitskorb eine angefangene Stickerei.) Wie fleißig sie ist! Alles hier ist von ihrer Hand! (Setzt sich und legt den Schmuck zusammen.) Ja, ich werde ihr Alles senden, als Erwiederung des Veilchen-Bouquets — Armes Kind! (Wendet sich um, erblickt die Marquise de Rio Delez, runzelt die Stirne, beherrscht sich aber und steht lächelnd auf.) Fünfte Scene. Montjoye. Marquise. Montj. (geht der Marquise zuvorkommend entgegen). Wie — Sie, Marquise? Marquise. Ick wußte, daß Sie allein find, und kam — Ihnen als Nackbarin die Hand zu drücken. Monts, (gezwungen). Sie find zu liebenswürdig ! Marquise. Warum aber sind Sie hier? Monts. Der Lärm, den Ihre Leute oben machen, scheuchte mich hieher. Marquise. Ich bedanre sehr — aber bald ist Alles beendet — , Zieht sich um.) Hm. dieses Zimmer ist sehr niedlich! (Zieht den Schmuck.) D Gott, was ist das — diese Menge Geschmeide —! (Setzt sich zum Tische.) Monts, (im gezwungenen Tone). Der Schmuck meiner Tochter. Marquise. O, wie schön — wie geschmackvoll! (Sieht die Gegenstände einzeln an; Montjoye sieht ihr mißvergnügt zu.) D, Perlen! — Sind sie echt? Monts. Natürlich. Marquise (mit kindischer Koketterie). O, ich habe noch nie Perlen getragen — ob sie mich wohl gut kleiden? Ick will es verbuchen ! (Steht aus. mit dem Kollier in der Hand, al- wolle sie es vor dem Spiegel versuchen.) Monts, (hält sie ab) Nicht! — Ihre Morgentoilette ist dazu nicht paffend — auch nicht Ihr Teint — . (Nimmt ihr sanft da- Kollier aus der Hand.) Marquise (ein wenig beleidigt). Glauben Sie? (Setzt sich verdrießlich.) Es ist sehr kalt in diesem Zimmer — man friert hier! (Nimmt das Sophakissen aus kecile's Arbeits- korb, wirst es aus die Erde und setzt ihre Füße darauf. Auf Montjoye's Gesicht spiegelt sich eine heftige Unzufriedenheit.) Die Abreise Ihrer Familie kam sehr plötzlich, nickt wahr? Monts. Ja — eine Laune meiner Hrau — Marquise. Werden Sie den Damen folgen? Monts. Nein. Marquise (lacht plötzlich). Aber, mein Gott, wie einsilbig und unliebenswürdig Sie deute find! Was geht vor? Erwarten Sie äernaud — genire ich Sie — wie? Monts. Nein. Entschuldigen Sie meine üble Laune — ich habe keine Nachricht von meiner Wahl und bin neugierig — das ist Alles! Ich erwarte Saladin mit fieberhafter Ungeduld — ick bin besorgt — in höchster Aufregung! Marquise. Ah, das ist allerdings eine Entschuldigung. Nun will ich Sie allein lassen! (Steht auf, hält das Peilchenbouquet in der Hand, das sie spielend ergriffen hat.) Monts. Nur Sie, Madame, können mir diese Augenblicke der Erwartung verschönern! (Küßt ihre Hand und nimmt ihr das Veilchenbouquet.) Entschuldigen Sie — es ist von meiner Tochter. Marquise. Ah! Monts. Aber — ich höre einen Wagen in den Hof fahren - (Nähert sich schnell dem Kenster.) Bei Gott, es ist Saladin — endlich werde ich erfahren — Marquise. Ich bin selbst neugierig, das Resultat kennen zu lernen. — Wollen Sie eine Wette mit mir eingehen, um — nun eineWette a äiZerstiou—wollen Sie? Monts. Gewiß — aber — vergeben Sie mir, es ist besser, wenn man Sie während der Abwesenheit meiner Familie nicht bei mir findet. (Zeigt die Thür links.)Dieser Gang führt in den Salon — wenn Sie — Marquise. Wie? Darf ich Ihnen keinen Besuch machen? Ich — Ihre Nachbarin? Monts, (ungeduldig). Nein — hier nicht, in diesem Zimmer! Marquise. Das ist eine Beleidigung! Monts. Nein, aber ick bitte Sie — Marquise. Ich begreife nicht — Monts, (geht zornig auf sie zu, bleibt plötzlich stehen und sagt leise aber mit fester Stimme). Ich bitte Sie zu gehen — begreifen Sic nun? Marquise (zögert erst, dann wie gebrochen von dem plötzlichen Gefühl der Schande geht sie auf die Thür zu). O — mein Gott! (Ab.) 42 Sechste Scene. Montjoye, dann Saladin. Sal. (außen. heiter). Nun, wo hat er sich denn vergraben? (Tritt ein ) Wo steckst Du, großer Mann? Triumph — Triumph, mein Lieber! Ich selbst wollte Dir die Freudenbotschaft bringen — komm' in meine Arme! Montj. (sich losmachend). Ist cs wahr? — Ich bin gewählt? Sal. Mit 18.000 Stimmen! — Eine Wahl erster Qualität! Montj. Ich bin am Ziel! — Und, aufrichtig gesagt, mein Freund, ich bin sehr erfreut und danke Dir aus vollem Herzen für deine freundschaftlichen Bemühungen! Sal. Bedanke Dich bei Dir selbst, mein Freund — denn nur dem großmüthigen Entschlüsse: Georges zu deinem Schwiegersohn zu machen, verdankst Du deine Wahl! Ein Millionär, der seine Tochter einem armen Teufel gibt, weil er ein rechtschaffener Mann ist — das packt! Das rührt die ganze Welt! — Nun, wo sind Sie? deine Frau, Eecile, Georges? Ich will sie umarmen, das soll meine Belohnung sein! Montj. Du mußt Dich ein wenig gedulden, mein Freund — meine Frau und Tochter sind für einige Tage verreist, und Georges — ja, was Georges betrifft — denke nur, mein Freund — Siebente Scene. Vorige. Ein Diener. Diener (tritt ein). Herr Sorel ist hier! Sal. (macht einen Schritt auf die Thür zu). Ach — der gute Georges! Montj. (hält ihn zurück). Nein, höre! (Nimmt ihn bei Seite, leise.) Mit wenig Worten, mein Freund: die von den Ca- balen meiner Feinde verbreiteten Verleumdungen sind bis zu ihm gedrungen und haben dem armen Jungen den Kopf eingenommen. — Es wäre unnütz, es Dir verhehlen zu wollen; wir werben heute eine ernste Unterredung haben. (Zeigt ihm die Sei- tenthür rechts.) Geh' hier hinein — in Ctz- cile's Schlafzimmer — ick erlaube Dir zu horchen, Du kannst Dich selbst überzeugen, mit welcher Schonung ick in dieser Angelegenheit verfahre. Im Nothfalle kannst Du Dick auch in's Mittel legen, um dem armen Jungen den Verstand wieder zu geben! Sal. (starr vor Staunen). Den Verstand! War' es möglich? In zwei Tagen! —ah, mein Gott, mein Gott — was hör' ich da? Montj. Geh', mein Freund, geh'! (Saladin rechts ab. Zum Diener.) Lasse Herrn Sorel ein! Achte Scene. Montjoye, dann Sorel. Montj. (allein, ficht Saladin nach). Er mußte es erfahren. Das beste Mittel, ihn auf meine Seite zu bekommen, war also, mir den Schein zu geben, ihn zu meinem Vertrauten zu wählen! (Sorel tritt ein, sie begrüßen sich, Montjoye sehr höflich und zuvorkommend.) Herr Sorel, in diesem Augenblicke mehr als je bedaure ich das Miß verständniß, das zwischen uns herrscht. Zu jeder anderen Zeit hätte ich Sie mit offenen Armen empfangen, in der Freude über die Durchsetzung meiner Wahl in Trvval. — Noch andere Ursachen (spielt mit dem Deil- chenbouquet, das er vom Tische genommen bat) außer diesem glücklichen Zufall machen meine Stimmung Ihnen gegenüber zu einer versöhnlichen, die sich, wie ich hoffe, auch Ihnen mittheilen wird. Sie werden wohl in diesen zwei Tagen der ruhigen Ueberlegung ohnedieß zu einem größeren Gerechtigkeitsgefühl gekommen sein. Georg, (sehr ernst). Es ist wahr, daß diese zwei Tage der Ueberlegung eine Veränderung in mir hervorgebracht haben, allein ich muß Ihnen gestehen, daß diese anderer Art ist, als Sie es erwarten. Es wurde mir in diesen zwei Tagen klar, daß in dem Unglück, welchem mein Vater erlag, nickt nur ein Opfer war, sondern auch ein Schuldiger! Monts, (macht eine Bewegung, die er sogleich unterdrückt). Sie irren sich, mein Herr! Georg. Meine frühere Absicht war, von Ihnen die einzige Entschädigung zu fordern, die möglich ist: die Ehrenrettung meines Vaters, und wenn ich sie von )hnen nickt erlangen konnte, mich an das Gesetz zu wenden. Monts. An das Gesetz? Sprechen Sie im Ernst? Können Sie auch nur einen Augenblick glauben, daß sich auf der ganzen Welt ein Ricktcrstubl findet, der so unglaubliche, so unbegründete Ansprüche, wie die Ihrigen sind, anerkennen wird? Georg. Vielleicht! Doch sei dem, wie ihm wolle, ich habe diesen Plan aufgegeben. Wenn ich Sie antasten wollte, müßte ich auch das Leben zweier Wesen trüben, die mir heilig sind, müßte Gefühle in meinem Herzen ersticken, die mir immer theuer bleiben werden, so hoffnungslos sie auch sind! Mein Muth war nicht groß genug für diese schwere unbarmherzige Pflicht. 3ch habe beschlossen, Frankreich zu verlassen, ferne von meinem Vaterlande zu sterben, ferne von Europa — und Sie Ihr Glück m Ruhe und Frieden genießen zu lassen — doch unter einer Bedingung! Monts. Sie stellen Bedingungen?! Doch sprechen Sie — ich habe mir vorgenommen, Geduld zu haben. Georg, (nähert sich Montjoye. mit leiser Stimme). Was ich von Ihnen verlange, ist, daß Sie diejenigen zurückrufen, die Sie vertrieben haben, und ihnen die Stellung, das Glück und die Rechte wiedergeben, deren sie so würdig sind. Monts, (verwirrt, unsicher, wirft einen unruhigen Blick aus die Seitenthür). Mein Herr! lTmr sich) Wie kann er erfahren haben? Georg. O, beschuldigen Sie Niemanden, Niemand als ich selbst hat mir die Mission gegeben, die ich setzt erfülle»« will, Niemand hat 'mir eine Botschaft aufgetragen, oder auch nur etwas anvertraut. Einige unbestimmte Worte, die eines Tages einer besorgten Mutter entschlüpften, ließen mich seit langer Zeit die Wahrheit ahnen. Gestern hat sie in ihrer Verzweiflung meine Ahnung bestätigt. Nun wohlan, geben Sic mir Ihr Wort, diesen Act der Gerechtigkeit, den ich von Ihnen fordere, zu thun, und ich reise augenblicklich ab, um nie wieder zu koinmen — mein Ehrenwort darauf! Monts, (mitfieberhafter Auflegung und Zorn). Mein Herr! Was meine Privatverhältnisse betrifft, haben Sie eine zu große Meinung von Ihrem Rechte und von meiner Geduld. Ich ersuche Sie, zu schweigen und sich zurückzuziehen. Georg, (heftig werdend). Wie, Sie sprechen so zu mir, der init solcher Schonung, solcher Rücksicht verfährt? Sie sprechen von Geduld — glauben Sie denn, daß die »»einige grenzenlos ist? Und wenn ich Ihr Geheiinniß der Welt preisgebe, glauben Sie nickt, daß sie nach diesem einzigen Zug Ihr ganzes Leben, all' Ihre schrecklichen Grundsätze durchschauen und beur- theilen »vird, daß sie, empört über die Verachtung, mit der Sie ihre Gesetze, ihre Gebräuche behandeln — lSaladin ist aus der Seitenthür getreten und hört, ohne gesehen zu werden.) Monts, (wirst das Bouquet heftig aus den Tisch). Mein Herr! Georg. Was »vird die Welt sagen, wenn sie sieht, daß Sie Ihre Frau — ja Ihre Kinder in blinder Selbstsucht dem Gespötte — der Verachtung der Welt preisgeben l Monts, (ergreift die Reitpeitsche und droht ihm) Genug, mein Herr, nehrnen Sie sich in Acht. Zehnte Scene. Vorige. Saladin. Sal. (stürzt hervor, entreißt Montjoye die Reitgerte und wirst sie aus den Boden). Nimm' 44 Dich selbst in Acht! (Kleine Paus,.) Ein ein- ziges Wort: — Ist es wabr? (Montjoie antwortet nicht.) Es ist wabr, und nun — nun glaube ich alles Andere! Alles ist wahr, und Du — Du hast mich zu deinem Mitschuldigen gemacht! (Machtim Uebermaße seines Zornes eine drohende Geberde.) Aber nein — ich habe dein Brot gegessen, obwohl noch nie eine Wohlthat so theuer bezahlt worden ist. Das also ist deine Charakterstärke? Aber Du Haft es mir selbst gesagt — es ist wabr, Du hast es mir au jenemTage gesagt, wo das Unglück mich in deine Arme führte. Aber ich —ich glaubte Dir nicht — und ach, ich verstand Dich gar nicht! Jetzt verstehe ich Dich! Ja, es ist wahr, Du bist wirklich einer jener starken, großen Menschen, jener freien, mächtigen Geister, deren unser fruchtbares Jahrhundert so viele hervorbringt, einer jener großen Geister, denen Alles auf Erden Kinderei, Aberglaube, lächerliches Vorur- theil ist — außer die eine große Moral, die Moral des Erfolges! Was sind Gerechtigkeit, Ehre, Gewissen, Gott? Nichts als poetische Kindereien! Wenn nur das Gesetz befriedigt ist, die Polizei — dann ist Alles gut! Der Schwache klimmt lang- sam und mühselig den steilen Pfad des Lebens hinan, bei jedem Schriit stellt sich ihm irgend ein Bedenken hemmend in den Weg, irgend eine Regung des Herzens oder des Gewissens — der Starke stürmt, ihn zertretend, im Sturmschritt hinauf und erreicht sein Ziel. Die Augen des Schwachen füllen sich mit Thränen, feine heftigsten Leidenschaften legen sich bei dem Gedanken an seine Mutter, an sein Weib, an seine Kinder. Der Starke schreitet in seinem blinden Ehrgeiz, wenn es sein muß, über den Leichnam seines Vaters, über die Ehre seiner Tochter. Der Schwache opfert freudig sein Leben für seinen Glauben oder für sein Vaterland, der Starke treibt mit der öffentlichen Gefahr Speculation und spielt L In KLU 386 sogar über den Sturz seines eigenen Vaterlandes! Das ist dein Geschleckt der Starken! — Wohlan, sei glücklich! Ich aber, bevor ich die Freuden und die Ebren dieses Lebens um diesen Preis verkaufe, will lieber Hungers sterben — auf offener Straße — unter der blauen Himmelsdecke, im Herzen ein wenig Hoffnung, ein wenig Glauben! Montj. (kalt, hat sich rechts gesetzt) Wenn Du mir diese Rede an den Kopf schleuderst, Saladin, so hast Du wohl auch ihre Fob gen vorhergeseben? Sal. Gewiß habe ich das, und will sie augenblicklich berbeiführen. Wenn deine Mäkler erfahren werden, daß ich sie um ihre Stimmen schmählich betrogen habe, so sollen sie zu gleicher Zeit hören, daß ich dein Opfer, nickt aber dein Mitschuldiger bin! Also, so bald Du willst. Herr Georges, Sie werden mein Zeuge sein. Georg. Vergeben Sie, Herr Saladin, ick weiß Ihre edelmüthige Vermittlung zu schätzen, aber ich kann sie nicht annehmen. (Zu Montjoye.) Sie haben mich auf gemeine Weise beschimpft, mein Herr, ich fordere Rechenschaft! Sal. Georges, ich beschwöre Sie, im Namen — Georg, (unterbricht ihn). Wollen Sir mich entehren? Sal. (verzweifelnd, verbirgt den Kopf i« seinen Händen). Montj. Meine Zeugen sind bereit! Georg. Ich werde sie nicht warten lassen — ich war aus Alles vorbereitet. (Grüßt ) Mein Herr! (Ab.) Eilfte Scene. Montjoye. Saladin. (Nach einer kleinen Pause nimmt Montjoye seine» Hut. und will die Pistolen-Chatouille ergreifen) Sal. (nähert sich schnell Montjoye und ergreift ihn beim Arm; energisch.) Du willst das wirklich thun? Erft den Vater und nun den Sohn? (Sieht ihm fest in die Augen.) Du glaubst also wirklich, daß es keinen Gott gibt? Montj. Wir werden sehen! (Nimmt die Pistolen. Ab.) S a l. (sinkt auf einen Stuhl). O mein Gott, die armen Kinder! Zwischen- Vorhang. (Vorhang geht auf. Selbe Dekoration.) Zwölfte Scene. Montjoye, dann Lajaunaye, später Cöcile. Montj. (tritt schnell durch die Mttelthür ein, den Hut auf dem Kops, er ist sehr bleich und angegriffen, zieht, in düstere Gedanken versunken, seine Handschuhe aus, und fährt mehrere Male mit der Hand über die Stirne, dann macht er einige Schritte durch das Zimmer, stützt sich aus einen Stuhl und sagt mit dumpfer Stimme). Man erstickt hier! (Geht zum Senster, öffnet es, und schöpft schwer Athem. Lajaunayc tritt ein.) Nun? Laj. Sehr gefährlich — ich fürchte — Montj. Ah! (Fällt aus den Stuhl.) Laj. Man wollte ihn gar nicht mehr transportiren. Ich komme jedock, Dich zu fragen — er wohnt doch hier? Montj. Gewiß, man soll ihn Hieherbringen. Laj. Aber die Damen — wenn sie zurückkommen? Montj. (steht auf). O, das hat keine Gefahr — ich erwarte sie nicht so bald — allem Anscheine nach, wird ihre Reise — l" hält Plötzlich inne; die Mittelthüre hat sich geöffnet und Eöcile erscheint). Meine Tochter! (Wirft schnell einen Blick auf Lajaunaye.) Du bist's, mein Kind? (Sieht sie ängstlich an, und streckt ihr zögernd die Arme entgegen.) ^öc. (läuft auf ihn zu und umarmt ihn). Mein Vater! Montj. (erleichtert). Ah! (Zu Lajaunaye.) Geh, mein Freund, besorge Alles so gut als möglich — so wie ich gesagt — Laj. Ja, mein Freund. Mein Fräulein ^ (grüßt Locile; ad). Dreizehnte Scene. Montjoye. Cöcile. Evc. (steht Montjoye mit Thränen an, seine Hände haltend). Mein Vater! Montj. (besorgt, ste mit fragenden Blicken ansehend). Du bist gekommen, um — mich zu sehen? Cöc. Ja — ich hatte meinen Muth und meine Thränen erschöpft — und bin gekommen. Montj. Wie Du zitterst, arme Kleine. Erhole—fasse Dich! (Er läßt sie niedersetzen, sie nimmt ihren Hut ab, und legt ihn aus den Tisch.) Auch ich habe Dich nicht vergessen. (Setzt sich auf eiu Tabouret neben seine Tochter.) Sieh'! ich habe deinen Schmuck zu- sammcngerafft, um ihn Dir zu schicken — für deine Veilchen, sie haben mick tief gerührt. Evc. (ihn bei der Hand haltend). Danke — aber ich wünschte — ich hoffte etwas mehr. Montj. Was? Sprich! (Sieht sich um und horcht immerwährend mit Unruhe.) Aber Du wirst Dich erkälten, das Fenster ist geöffnet — die Zugluft hier — (Schließt das Fenster und die Thüre und kommt zurück.) Nun laß hören! Eöc. (ist ausgestanden). 3a, jetzt nach diesem guten Empfang habe ich neue Hoffnung, denn ich sehe, daß Du mich wirklich liebst! Montj. (mit gebrochener Stimme). 3a, mein Kind—ich liebe Dich! Willst Du mich umarmen? (Umarmt sie mit einer Art von Verzweiflung.) Esc. Mein theurer Vater! So hatte ick Recht, als ich zu meiner Mutter, die mich zurückhalten wollte, sagte: Nein, ich will es versuchen — ick bin überzeugt, daß er leidet wie wir. Montj. (mit dumpfer Stimme, wie zu sich selbst). 3a wohl! 46 Esc. Ich weiß, daß diese zwei Tage der Einsamkeit ihn belehrt haben, wie sehr er uns geliebt hat, vielleicht ohne es zu wissen, denn ein Mann ist sich nicht immer bewußt, wie stark die Bande sind, die ihn an den häuslichen Herd sesseln, an seine Familie, an tausend kleine Gewohnheiten des Zusammenlebens. Aber wenn er sich allein sieht in dem verödeten Hause, wenn keiner jener vertrauten Töne zu ihm dringt und ihm sagt, daß Jemand da ist, dessen Leben und Seele er ist, daß Jemand da ist, bei dem er Trost findet, wenn er leidet, ein Lächeln, wenn er glücklich ist, und Liebe und Zärtlichkeit zu jeder Stunde, dann — Ach, Du weinst — Du weinst! Du siehst wohl, daß ich Recht hatte! (Drückt seine beiden Hände und sieht ihn liebevoll an.) Montj. (gerührt und verwirrt). Nun aber sage mir, was Du willst. Ich muß Dir gestehen, daß Du viel von mir erhalten kannst, denn — es ist wahr — ich liebe Dich mehr, als ich geglaubt habe und ich will nicht, daß Du mir fluchst. Nicht wahr, mein Kind, Du wirst mir nie fluchen — niemals — was auch geschehen möge? Esc. Ich Dir fluchen, mein Pater? Montj. (merkt, daß die Thüre sich öffnet, und ruft mit Hntsetzrn aus). Wer kommt? Vierzehnte Scene. Vorige. Saladin. Sal. (tritt ein). Entschuldigen Sie, Fräulein — (Zu Montjoye.) Nur ein Wort, ich bitte Dich! (Montjoye nähert sich Saladin, der ihn bei Seite nimmt und leise sagt ) Entferne deine Tochter — er wird in wenigen Minuten hier sein. Montj. (für sich). Himmel! (Laut; ruhig.) Gut, mein Freund, geh! Sal. (sich mit Mühe zur Ruhe zwingend). Aus Wiedersehen, mein Fräulein! (Ab ) Fünfzehnte Scene. Montjoye, Ereile. Cäc. (beunruhigt). Es ist doch kein Unglück geschehen, nicht wahr? Montj. Nichts, mein Kind — ein dringendes Geschäft. (Mit fieberhafter Besorgniß, die von Augenblick zu Augenblick zuuimmt.) Nun, meine Tochter, wir werden gehen, nicht wahr? Es ist ja dein Wunsch — nun es sei, komm — laß uns gehen! C6c. (freudig). Zu meiner Mutter? Montj. Ja, zu deiner Muttter — komm' dock — laß sie nickt länger warten. Esc. O, Du bist so gut — wie glücklich wird sie sein! Aber ich bitte Dich noch um eine Minute. Da dein Herz so sin mich spricht, so — Montj. Was — was denn? (Horchtmit wachsender Unruhe.) Esc. Es gibt noch Jemand — der Dich erzürnt hat, und der leidet. Montj. Dein Bruder — ich vergebe ihm. Komm, ineine Tochter. Cec. (schüchtern). Noch Jemand! Montj. (mit dumpfer Stimme). Noch Jemand. — Wer das? C6c. Er! O, ich weiß, daß ein Wo« von mir ihn zu Dir zurückführt. O mein Vater, erlaube mir dieses Wort auszusprechen — schenke mir nicht nur halbes Glück — ich liebe ihn so sehr! Vergiß auch nicht, daß, wenn ich ihn liebe, wen» mein Herz und mein Leben ihm gehören — es nur Dein Werk ist. Laß mich Dir sagen, mein Vater, daß ich ohne ihn nicht leben kann! Montj. Nun, wir werden sehen — icb verspreche Dir — aber wir werden ani Weg weiter davon sprechen — komm jetzt — ich bitte Dich, vergiß nicht, daß deine Mutter uns erwartet. (Er bemerkt, daß Le eile ihm nicht zugehört, sondern aus ein Geräusch horcht, das von außen hereindringt.) C6c. Was ist das für ein Lärm auf der Straße, mein Vater? Montj. Nichts — ich höre nichts. C6c. Doch — höre nur, diese Menge Stimmen! O, Du mußt es hören! Montj. Wahrscheinlich irgend ein Unglucksfall. (Hält Eecile verzweiflungsvoll zurück.) Sieh Dir das nicht an, mein Kind, ich bitte Dich! (Das Getöse wird stärker und kömmt näher.) C6c. Das ist jetzt im Hofe — mein Gott, was geht denn vor? Und Du selbst, Du siehst so bestürzt aus — so besorgt — o ich muß es sehen! (Eilt zum Neuster.) Montj. Mein Kind, ich beschwöre Dich! E 6c. Ich will es sehen! (Reißt das Fenster auf.) Ein Wagen — man hebt einen Verwundeten heraus — (Schreitauf.) Ah! (Bleibt wie versteinert stehen, entsetzt vor sich hinblickend, Montjoye steht unbeweglich, erstarrt neben ihr; plötzlich wendet sie sich um, sieht ihn an, versteht Alles, stößt einen herzzerreißenden Schrei aus, drängt ihren Vater mit einer Geberde des Entsetzens bei Seite, flieht vor ihm bis auf die andere Seite des Zimmers und fällt bewußtlos nieder.) Montj. (wahnsinnig vor Schmerz). Meine Tochter! — Gott — mein Gott! (Oeffnet die Mittelthür und ruft hinaus.) Hilfe! Sa- ladin — Saladin! Sechzehnte Scene. Vorige. Saladin. (Saladin eilt herein und versteht augenblicklich was vorgesallen ist; kniet neben Eöcile hin und ergreift ihre Hand.) Montj. Ist sie todt? O sprich! — Ich weiß nichts — ich sehe nichts — Sal. Sie wird bald wieder zu sich kommen, aber — glaube mir, es ist besser, wenn ihr erster Blick nicht auf Dich fällt. Montj. (außer sich). Ich soll gehen, ich soll mein Kind allein lassen — krank — vielleicht sterbend? — Kannst Du das von einem Vater fordern? Sal. (strht auf). Was kannst Du ihr sagen, wenn sie zu sich kommt? Montj. Du hast Recht—Nun wohlan, ick gehe — ich gehe! (Entfernt sich mit langsamen, maschinenmäßigen Schritten, dieselben Worte zerstreut wiederholend. An der Thüre an gelangt, wankt er, hält sich an einen Stuhl und geht nach einer kleinen Pause ab. Saladin geht zu Eöcile zurück, um sie aufzuheben.) (Der Vorhang fällt.) Nachspiel (Ein einfaches, in einen Garten führendes Zim mer. — Einige Blumentöpfe. Links ein kleiner Arbeitstisch mit einem Körbchen, Mittelthür, eine Seitenthür rechts.) Erste Scene. C6cile, dann Saladin. E6c. (hält eine Stickerei in der Hand, und steht horchend an der Seitcnthür rechts). Sie schläft noch immer — ich wage nicht ihren Schlummer zu stören, obwohl dieser Brief mir in den Händen brennt. — (Die Mittelthür öffnet sich, Saladin tritt ein.) Ah, mein Freund, Sie sind es! Sal. Haben Sie mich nicht erwartet, Fräulein? C6c. Nein — heute nicht. Warum? Sal. Wirklich micht? Sie wissen nichts? C6c. Nein, was ist denn geschehen? Sal. Ja, ich weiß es auch nicht. Wo ist Ihre Mutter? C6c. Sie schläft noch, und ich will sie nicht stören , obwohl ich sie mit höchster Ungeduld erwarte. Sie bedarf der Ruhe so sehr, und dieß ist seit fünf Monaten das erstemal, daß sie ruhig schläft, und auch ihr Erwachen soll ein freudiges sein. (Zeigt ihm ?eiueu Brief.) Sehen Sie, mein Freund! 48 Sal. (schnell). Von Ihrem Bruder? Esc. Ja — Gott sei gelobt! denn sein unbegreifliches Schweigen schon seit sechs Wochen — seit der Schlacht bei Magenta, hatte uns in die größte Unruhe versetzt. Es nützte nichts, daß man uns damit tröstete, er würde in Mailand geblieben, und seine Briese verloren gegangen sein. Meine Mutter war der Verzweiflung nahe, und dieses neue Unglück würde sie, die so viel gelitten — .'Henriette tritt rechts ein.) Ah! Zweite Scene. Vorige. Henriette. Eec. Guten Morgen, liebe Mutter! Henr. Guten Morgen, Kleine! —Guten Morgen, mein Freund! Helfen Sie mir dock dieses Kind auszanken. Ereile hat gewiß wieder seit Tagesanbruch gearbeitet, trotz meines Verbotes. C«c. O Mutter, das macht mir Vergnügen, und dann war ich heute schon vor der Sonne auf, munter und fröhlich wie ein Vogel, voll freudiger Ahnungen. Henr. Freudige Ahnungen? (Plötzlich errathend.) Ah, Du hast einen Brief! C6c. Hier ist er! Henr. (entreißt ii,r den Kries). Don meinem Sohne — er lebt! Ah, Gott ist gütig! C6c. Mutter! Henr. Und Du hast ihn nickt geöffnet? Evc. Ick wollte deiner Freude nicht vorgreifen. Henr. (bricht eilig den Brief auf und versucht zu lesen). »Mailand — Meine geliebte Mutter!« — Nimm, Cäcile, lies — ich kann nicht. (Setzt sich auf einen Stuhl, den ihr Saladin hingibt.) C^c. (kniet neben sie hin und liest den Brief). »Meine geliebte Mutter! Wir lieferten eine große Schlackt, wie Du weißt. Es war ein hübsches Debüt für einen jungen Militär, der nie im Feuer war — als im Hippodrüme. Ich batte anfangs sogar ein wenig Furcht — Henr. Armes Kind! Sal. O, oho! x E6c. (fährt fort). »Aber das ging bald vorüber, und ich schlug mich wie ein Löwe. Ich war auch so glücklich, eine Fahne zu erobern —« Sal. Bravo! C6c. »Einer der Feinde entriß sie mir wieder.« Sal. Teufel! C6c. »Ich entriß sie ihm wieder und ! wurde dafür mit Lobsprüchen belohnt, und :—mit noch etwas. Doch, da ich glaube ! ziemlich zu gleicher Zeit mit diesem Briefe ^zu Euch zu kommen —« Henr. Er kommt! Sal. Bravo! Ein prächtiger Junge! C6c. »So habe ich Euch eine kleine Ueberraschung aufbewahrt.« Was denn? (Sttht aus.) Henr. Lies weiter, mein Kind! Eec. »Ich schreibe Euck ein wenig spät, weil ich keine Zeit batte, und weil —* (Hält plötzlich inne.) Henr. Mein Gott, er ist verwundet! C6c. Beruhige Dich, Mutter, cs ist vorüber. (Liest weiter.) »weil ich bei Eroberung der Fahne eine Wunde in der Schulter davontrug.« Henr. O — Esc. »Es ist nichts von Bedeutung, und ich bin überdieß vollkommen hergestellt, da ich abreise, und doch hätte ich Euch vielleicht nie wieder gesehen ohne die treue Pflege und Aufopferung eines Freundes, der zwanzig Nächte hindurch an meinem Bette wachte. Ich bringe ihn Euch mit, Du wirst den Retter deines Sohnes ein wenig lie den, nicht wahr? O — und Cvcile gewiß - das will ich meinen. Sal. Es ist vielleicht eine Freundin? Eäc. O, Saladin! Sal. O, so was kommt vor! Henr. (hat dru Briefgenommeu). »Auf bal digesWiedersehen. Euer Roland.« (AW de» Brief uud umarmt ihre Tochter.) Sal. Er kann jeden Augenblick kommen. Ja — nun begreife ich! Rolands Brief und Rückkehr stehen gewiß mit dem eigenthümlichen Vorfall in Verbindung, der mich heute hieherführt. Hcnr. Wie! Was für ein Vorfall? Sal. Sie müssen mir erlauben, Sie erst an die Ereignisse zu erinnern, die uns einen Schlüssel geben können. Sie wissen, daß vor fünf Monaten, nach einem schrecklichen Tage, derjenige, den Sie so sehr liebten, den Sie trotz seiner Fehler noch lieben, Paris plötzlich verließ, ohne uns mit seinen Plänen oder seinem Aufenthaltsorte bekannt zu machen. Bevor er abreifte, legte er jedoch sein Mandat als Deputirter nieder, das er auf ungerechte Weise sich erworben hatte. Seit jener Zeit hörte man nichts mehr von ihm, und man nahm an, er habe sich indie vereinigten Staaten zurückgezogen, und sein Vermögen mitgenommen. Henr. (schmerzlich). Wenn er überhaupt noch am Leben ist; denn mich verfolgt manchmal ein entsetzlicher Gedanke! Sal. Nein, nein, lassen Sie solche Ideen! Nur Tiberge besaß sein volles Vertrauen, er besorgte den Verkauf des Hotels, liquidirte die Geschäfte, realisirte das ganze Vermögen und verließ endlich selbst vor zwei Monaten Paris. Ich glaubte ihn weit von hier, da erhalte ich gestern eine geheimnißvolle Botschaft von ihm, die mich auf das dringendste bittet, mick heute Morgens um 10 Uhr bei Ihnen, Madame, eirr- zufinden, um eine interessante Mittheilung zu vernehmen. Henr. und Cäc. Ah! Sal. Noch merkwürdiger ist, daß zu gleicher Zeit auch Jemand Anderer, Jemand, den Sie kennen — eine gleiche Einladung erhielt. C6c. (verwirrt). Jemand, den wir kennen? Sal. Ja, Fräulein! ein alter Freund, ein Kranker, schwer Verwundeter, der aber Ihratn-Rqxrloi« Nr. 1S4. jetzt, wie Sie wissen, wieder vollkommen hergestellt ist. Henr. Wie, Herr Sorel? Sal. Ja, Madame! Er zögerte anfangs, zu kommen, aber Tiberge's Brief war so ernst, so dringend, daß ich ihn endlich dazu bestimmte. Cec. O meine Mutter! Sal. Muth, Muth, mein Kind! Sie kennen Tiberge, er ist nicht fähig, mit Ihren Empfindungen zu spielen, und muß triftige Beweggründe haben, um — Tib. (außen). Treten Sie ein, Herr Georges! Cäc. Er! Sal. (erstaunt). Und Tiberge! Dritte Scene. Vorige. Tiberge, Georges. Georg, (sehr bleich und ergriffen). Entschuldigen Sie, Madame, meine Anwesenheit, die schmerzliche Erinnerungen Hervorrufen muß — allein man sagte mir, sie sei nothwendig. Tib. So ist es, mein Herr! (ZuHenriette.) Sie sollen bald nicht mehr zweifeln, Madame. (Lächelt C-scile gerührt an.) Guten Morgen, Fräulein Cäcile! Es ist lange her, seit — o, wie freue ich mich. Sie wieder zu sehen! Aber fassen Sie sich Beide, raffen Sie Ihren ganzen Muth zusammen! Henr. Unseren Muth? O Gott! Tib. Nein, nein, Sie müssen nicht erschrecken, sondern sich auf eine große Ge- müthserschütterung vorbereiten. O, Madame, es gibt auch angenehme Gemüths- erschütterungen — es gibt auch Freu den- thränen! Henr. Um's Himmels willen — sprechen Sie, Unrein Freund! Tib. (der lange Zeit über gehorcht hat, zeigt aus die Mittelthüre) Sehen Sie! 4 50 Vierte Scene. Vorige. Roland (im Militärrock, den rechten Arm in der Schlinge, das Ehrenkreuz an der Brust). C^c. und Henr. (schreien auf). Ah! Rol. Meine Mutter! Meine Schwester! (Umarmt sie.) Henr. Mein Sohn! (Berührt leicht seinen Arm.) Du leidest nicht mehr, mein Kind? Rol. Nein, gute Mutter! Eäc. (zeigt aus das Ehrenkreuz). Und das? Rol. Das ist meine Fahne, die ich zur Droche fassen ließ. Aber Mutter, ich bin nicht allein gekommen! Henr. Wie? Rol. Der Freund, dessen Sorgfalt und treue Pflege, dessen Aufopferung mich gerettet haben — ich habe ihn mitgebracht! Henr. (unruhig). Wie Du das sagst! Wo ist er? Rol. Er ist hier, Mutter — da! (Saladin geht in den -Hintergrund.) Fünfte Scene. Vorige, Montjoye. Montj. (seine Züge sind ein wenig verändert, tiefer Ernst und Trauer spiegeln sich in ihnen. Bei seinem Eintreten ist allgemeine Bewegung. Henriette und Cecile sehen ihn zögernd an, bereit, sich in seine Arme zu werfen. Er hält sie durch eine Gebrrde zurück und sagt mit tiefer, unterdrückter Empfindung). Henriette, ich hoffte nicht mehr Dich je wieder zu sehen — ich hätte eS nicht gewagt! allein die Vorsehung ist gütiger gegen mich, als ich es verdiene, und setzt mich in die Lage, Dir nach all' dem Kummer, den ich Dir bereitet habe, endlich auch eine große Freude zu machen, zu der Wiederherstellung deines Sohnes beizutragen, ihn in deine Arme zurückzu- führen. Stoße mich nicht von Dir, Roland kann Dir sagen, was ich an seinem Schmerzenslager gelitten habe, von welchen Gedanken und Gefühlen ich bewegt wurde. Ferne von mir ist es, zu glauben, daß ich durch die Erfüllung einer so einfachen und natürlichen Pflicht meine Ungerechtigkeit gegen Euch gut gemacht und deine Neigung wieder gewonnen habe, deren ich mich so unwürdig zeigte. Daher bitte ich Dich nicht in meinem Namen — da Du mir keine Rücksicht schuldig bist — sondern im Namen deiner Kinder, diesen Ring anzunehmen. (Gibt ihr einen Ring.) Wir werden ihn weihen lassen, sobald Du deine Einwilligung gibst! Henr. (nimmt zitternd den Ring). Q mein Gott! Montj. (ergreift ehrfurchtsvoll ihre Hand und führt fie gerührt an seine Lippen). Dank, Henriette! (Nähert sich seiner Tochter.) An einem schrecklichen Tage, Cäcile, war es deine Hand, durch die die himmlische Gerechtigkeit meinem Herzen eine Wunde schlug, aus der die heilige Quelle der Wahrheit floß! Es ward nur gerecht, daß ich durch dieselben Gefühle bestraft ward, die ich verkannt und mit Füßen getreten habe. Nun, deine Hand ist es auch, die ich heute wähle, um den schlimmsten Fehler meines Lebens zu sühnen, die grausamste Wunde, die ich schlug, zu heilen. Gib dieß Herrn Sorel! (Gibt Eecile ein versiegeltes Couvert, fie nähert sich Georges und gibt es ihm- Saladin geht zu Tiberge, wie um ihn zu befragen.) Georg, (öffnet das Couvert). Die Ehrenrettung meines Vaters, o Gott! Montj. Nun wißt Jbr, wozu ich mein Vermögen angewandt habe. Von nun an bin ich so arm, wie Du, Saladin, ja noch ärmer, denn ich kann nichts für dein Glück thun, und Du viel für das meinige, Du 51 kannst — mir freundschaftlich die Hand drücken. Sal. (ergreift seine beiden Hände, mit von Rührung erstickter Stimme). O mein Freund! Nun sprich mir wieder vom »Blauen«. — Jetzt segelst Du mitten d'rin! (Weint.) Georg, (zu Montjoye). Und ich, mein Herr, vermag ich nichts, gar nichts zu Ihrem Glucke? .->r 4 .101 st' n -!l- -l, Montj. O, doch — Alles! Bitten Sie meine Tochter, mich zu umarmen.' Coc. Ah (wirst fich in seine Arme) mein Vater! (Montjoye drückt fie weinend an sein Herz) Montj. Nun fühle ich mich wieder glücklich und — stark! Stark durch die Liebe meiner Frau, meiner Kinder. (Reicht Georges die Hand; Gruppe.) k Ende. i Zu Bearbeitungen vou Marie Saphir (Max Stein) fiud früher bei un- erschieneu: - ^ ' 75-- " r - ,« ' Mein Album. - '' ^ N5. - ! ^ ^ , .ll«) - ^ Lustspiel in einem Act. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Gewohnheiten. Lustspiel in einem Act. 7V, Sgr. od. 35 Nkr. Die Erzieherin. Schauspiel in vier Acten. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Demnächst erscheint: Em lieben« Mensch. Lustspiel in einem Act. Dru Bahnhof? Und. Sic haben mir gesagt, daß ick noch drei Stunden Zeit habe, und ich bin ja erst eine Viertelstunde hier. Ich bitte also um die Gunst, noch nicht fortgehen Ul müssen. Bar. Wenn dem so ist, mein Herr — (Sie setzt sich.) Unb. (setzt sich wieder) Ich fahre also fort. Eine einfache Sappe nennt man — Bar. (sagt halblaut). Mein Gott! Und. Wie? Bar. Nichts. (Für sich.) Er ist nicht einmal hübsch, ganz und gar nicht hübsch. Unb. Eine einfache Sappe nennt man die, wo keine Schanzkörbe angebracht sind. Man führt sie nur im Anfänge einer Belagerung aus, wenn man noch weit von dem belagerten Orte entfernt ist. Bar. (für sich). Ist dieser Genieofficier langweilig! Unb. Die Schanzkörbe sind cylinderför- mige Körbe ohne Boden, eine Art Käfige, welche man mit Erde anfüllt. Die ersten Schanzkörbe sind achtzig Centimetres hock, und haben sünfundsechzig Centimetres im äußeren Umfange. Bar. (für sich). Er bringt mich um! Das ist der Regen in einen Menschen verwandelt! Unb. Die zweiten Schanzkörbe sind mit Faschinen ungefüllt. Tic Faschinen sind Bündel aus kleinem Reisig. Dieser Reisig — Bar. (für sich). Wre bring' ich ihn los. Wer schützt mich vor dieser Belagerung! Zwölfte Scene. Vorige. Anselm. (Man hört den Regen sehr stark rauschen.) Ans. (eiltlinksherein). Frau Baronm! Frau Baronin! Bar. (steht auf). Nun? Ans. Die Sonne ist nicht durchgedrungen, das schlechte Wetter hat die Oberhand gewonnen, gesiegt, es regnet in Strömen! Bar. (betroffen für sich). Alle Pläne sind wieder zu Wasser geworden! Es ist entsetzlich! Die Robervals kommen nicht! Ich bin wieder allein! Ans. (für sich, im Abgehen). Sie ist wü- thend. Ich gehe ihr aus dem Wege, sonst macht sie's mit mir wie mit dem Barometer. Dreizehnte Scene. Die Baronin. Der Unbekannte. Unb. (für sich). Das kömmt mir gelegen. (Kleine Pause, während welcher -die Baronin ihre üble Laune zeigt. Nach und nach nähert sie sich dem Unbekannten. Man hört den Regen nicht mehr.) Bar. (sanft). Mein Herr, wollen wir wieder zu den interessanten reizenden Sappen zurückkehren? (Sie setzt sich wieder.) Unb. Sehr gerne, meine Gnädige, (ßr setzt sich.) Bar. Nach und nach gewöhnt man sich daran, und ich gestehe, auch die Schanzkörbe interessiren mich. Ja, ich finde die Schanzkörbe reizend, und auch die Bündel und auch die Faschinen — Unb. Wenn dem so ist, Madame — (Für sich.) Welche Veränderung? Und was hat sie hervorgebracht? (Laut.) Weil Sie es wünschen, wollen wir zur fliegenden Sappe übergehen. Bar. Ja, gehen wir über. (Für sich.) Wenn man ibn näher betrachtet, ist er gar nicht so übel! Unb. Massagen Sie, gnädige Frau? (Die Baronin verneint stumm.) Die fliegende Sappe wird immer bei Nacht ausgeführt. Man läßt aus dem Laufgraben ein Detachement Arbeiter herauskommen, von welchen jeder eine Schaufel trägt. Bar. (wiederholt). Ja, mein Herr, eine Schaufel. Unb. Eine Haue — Bar. (wiederholt). Eine Haue. 10 Unb. Und eine Flinte am Bandelier — Bar. (wikdrrholt). Und eine Flinte am Bandelier. Unb. Die volle Sappe ist etwas Anderes. Bar. (zerstreut). Wirklich? (Für sich.) Iä, wäre neugierig zu wissen, ob er verheiratet ist. Unb. Eine volle Sappe kann nur durch sehr geübte Sappeure ausgeführt werden. Dar. (wiederholt). Die volle Sappe! (Traurig für sich.) Wenn man mir eines Tages gesagt hätte, daß mich die Langweile zwingen würde, mich mit vollen Sappen zu beschäftigen. Man muß sich eben in Alles fügen. Unb. Der erste Sappeur arbeitet knieend, der zweite arbeitet auch knieend, aber der dritte — Dar. Der dritte — Unb. Der dritte arbeitet gebückt. Bar. Unerhört! Unb. Der vierte Sappeur — Vierzehnte Scene. Vorige. Anselm. Ans. (tritt schnell links ein). Victoria! Die Sonne hat den Regen bezwungen, der Himmel ist prachtvoll! Victoria, Frau Baronin! Victoria! Bar. Victoria! Meine Gäste werden kommen. Anselm, bereite schnell Alles zu ihrem Empfange, sie kommen gewiß mit dem ersten Zug, geh'! (Anselm rechts ab.) Unb. (für sich). Mußte mich der Ungeschickte gerade beim vierten Sappeur stören. Fünfzehnte Scene. Der Unbekannte. Die Baronin. Bar. Mein Herr, wenn es Ihnen gefällig ist, so wollen wir die Beschreibung des vierten Sappeurs auf ein anderes Mal aufheben. Unb. Ah! Bar. Sie noch länger aufhalten, wäre ein Mißbrauch, eine Unschicklichkeit — eine große Unschicklichkeit. Unb. (für sich). Schon wieder eine Veränderung? (Laut.) Ich schwöre, Madame, ich habe keine Eile. Bar. Nein, mein Herr, nein, benützen Sie die unverhoffte Wiederkehrdes Sonnenscheines, gehen Sie. ^ Unb. (für sich). Ah! Ich glaube zu er- rathen — Bar. Ehe Sie jedoch gehen, empfangen Sie meinen Dank für die unendliche Gefälligkeit, mit welcher Sie mir eine Stunde lang Gesellschaft leisteten. (Sie stellt sich vor den Spiegel, welcher ober dem Kamin hängt, und richtet sich das Haar.) Unb. (für sich). So lange es regnete, hat sie mich zurückgehalten, jetzt, da es schön wird, schickt sie mich fort. Sie langweilte sich, das ist Alles, sie wollte eine Zerstreuung haben, eine Aufregung und das bin ich. Ich habe da eine hübsche Rolle gespielt, und sie verdiente — aber wie soll ich sie bestrafen, wie? Fällt mir nichts ein, gar nichts? Und ich brenne doch vor Begierde, ihr eine gute Lection zu geben. Bar. (für sich, noch immer vor dem Spiegel). Er braucht lange, bis er sich entschließt. Der vierte Sappeur brennt ihm noch aus den Lippen. Unb. (nähert sich der Baronin). Leben Sic wohl, Frau Baronin, und empfangen Sie meinen Dank für Ihre Gastfreundschaft. Bar. (verläßt den Kamin). Ich bitte Sie zu vergessen, daß ich Sie fast gezwungen habe, mein Schloß zu betreten. Unb. Ich bin Ihnen dankbar für diesen Zwang, Frau Baronin. (Für sich.) Sie ist ebenso egoistisch als schön, und ich soll ihr weder die Hände küssen, noch die Augen auskratzen können? Bar. Mein Herr, ich werde es nie vergessen, daßSiemir die angenehmste Stunde verschafften, welche ich seit sechs Monaten verlebt habe. (Für sich.) Ich bin ihm dieses kleine Kompliment schuldig, und im Grunde ist's die Wahrheit. Unb. Nach dieser Stunde, Frau Baronin, werden mir die zwei Stunden, die ich bis zur Ankunft des nächsten Zuges allein verleben muß, sehr lang erscheinen. Leben Sie wohl, Madame. (Er geht gegen die Thür.) Bar. Ich will Ihnen einen Rath geben. lDer Unbekannte bleibt stehen.) Es ist schönes Wetter, benützen Sie diese zwei Stunden, um unsere Gegend zu besehen. Besehen Sie die Königswiese, den Wasserfall der Feen, die kalte Quelle, jetzt können Sie das Alles ohne Furcht thun, jetzt wird Sie der berüchtigte Mirandon nicht mehr aufhalten, berauben oder gar morden. Unb. Mirandon? Bar. Ja, der elende Mirandon, welcher seit langer Zeit diese Gegend unsicher machte, nnd mir eine tödtliche Angst einflößte. Unb. (für sich). Jetzt Hab' ich sie. Bar. Er wurde aber gestern gefangen genommen. Unb. Ich habe ihn diesen Morgen in der Nähe der Eisenbahn gesehen, wohin man ihn führte, um ihn nach Paris zu bringen. Bar. Jetzt muß er schon dort sein, und wir sind von ihm befreit. Unb. Befreit? Noch nicht, Madame. Bar. Wie so? Da er- Unb. Mirandon hat nicht nur Verstand, sondern auch eine unglaubliche Stärke. Er hat sich von den Eisen befreit, welche ihn fesselten, hat die vier Gensdarmen, die ihn begleiteten, zu Boden geworfen, verwundet, ist über die Felder entflohen, und man konnte seiner nicht mehr habhaft werden. Bar. Großer Gott! Er ist frei? Unb. Frei, wie ich und Sie. Bar. Das Rauben auf der Fahrstraße, das Plündern in den Dörfern, das Ueber- fallen der Schlösser fängt also von Neuem wieder an? Ich soll meine Nächte wieder schlaflos und in Angst verleben? Mirandon! Schon der Name flößt Entsetzen ein. Der Mensch ist schrecklich, sowohl moralisch als physisch. Er soll sehr häßlich sein, wie man sagt. Unb. Man übertreibt. Bar. Sie haben ihn also gesehen? Doch ja, Sie erzählten mir soeben — Unb. Er ist gar nicht so häßlich, als man sagt, er hat Haare wie die meinen — Bar. Ah! Unb. Meine Stirne — Bar. Ah! Unb. Meine Nase, meinen Mund und meine Gesichtsfarbe — Bar. (unruhig). Dann sehen Sie ihm also sehr ähnlich? Unb. Das ist leider nicht schmeichelhaft. Bar. Und sein Wuchs? Unb. Wie der meine. Bar. (srhr beunruhigt). Sein Alter? Unb. Das meine. Bar. (erschreckt). Aber dann, mein Herr — (während dieser Worte versperrt der Unbekannte alle Thüren. indem er rechts ansängt.) Was thut er da? Was thun Sie? Unb. (nähert sich der Baronin und bleibt dicht vor ihr stehen). Madame, der berüchtigte Mirandon — bin ick! Bar. (erschreckt). Sie? Unb. Ja, Madame. Keinen Laut, keine Bewegung. Bar. Ich bin verloren! Mirandon ist bei mir! Unb. Bei Ihnen, Madame. Haben Sie mich nicht rufen lassen? Bar. Ah! Unb. Haben Sie mich nicht gezwungen, hieher zu kommen? Bar. Was wollen Sie? Gold? Unb. Für wen halten Sie mich? Bar. Wollen Sie Gold? Unb. Wie cs scheint, halten Sie micb jetzt für einen Wechsler. Früher hielten Sie mich für einen Glaser. Bar. Wollen Sie Diamanten? Unb. Ich besitze eine ganzeHöhlc voll. 12 Bar. Was wollen Sie denn? Und. (ironisch). Zerstreuung! Bar. Zerstreuung? Und. Ja, Madame, Zerstreuung. Ick brauche sie gleich Ihnen, wenn — es regnet. Bar. Was muß ich dcnn thun, um Sie zu zerstreuen? Nnb. Sie müssen mich — lieben. Bar. (entsetzt). Sie lieben? Unb. Das allein wird mich zerstreuen. Bar. Aber, mein Herr! (Sie geht um den Tisch links herum, der Unbekannte folgt ihr aus Schritt und Tritt.) Unb. Ihre Liebe, Madame, Ihre Liebe! Die Liebe oder das Leben! Bar. Aber, mein Herr! Wie kann ein Mann, der mir so gebildet schien — Unb. Eben darum, Madame, weil ich zu gebildet war, bin ich ein Held der Fahrstraße, ein Räuber, ein Mörder geworden! Glauben Sie aber nicht, daß schlechte Anlagen oder Habsucht mich zum Dieb machten. Eine verzweifelte Liebe hat mich dazu gebracht! Bar. Eine verzweifelte Liebe? Unb. Ja, Madame, ich räche mich. Die Liebe hat mich zum Verbrecher gemacht. Bar. Ihre Geschichte muß romantisch nnd fürchterlich sein. Unb. Fürchterlich und romantisch, Madame. Bar. (urugierig für sich). Ich fürchte mich zwar entsetzlich, aber ich möchte doch wissen — Unb. In der Touraine, welche mein Vaterland ist, betete ich die Frau eines Steuereinnehmers an. Bar. Sie war wohl schön? Unb. Ich würde sagen, sie war die schönste der Frauen, wenn ich Sie nicht gesehen hätte. Dar. (für sich). Ein Rest von guten Manieren ist dem Räuber noch geblieben. Unb. Und wie liebten wir uns! Eigentlich, wie liebte ich sie. Denken Sie sich, Madame, eines Tages fand ich in ihrem Boudoir einen Cavalleriesäbel. Ich schöpfte — Verdacht — B a r.Man urtheilt oft nach dem Schein. Unb. (wüthend). Ein Cavalleriesäbel Schein? Bar. (erschreckt). Aber, mein Herr, wenn der Träger des Säbels nicht da war? Unb. (traurig). Aber er war da. Bar. In diesem Falle — Unb. Es war ein Capitän der Gens- darmerie. Ich nahm den Säbel und spießte damit die Ungetreue und ihren Liebhaber an der Thür fest. Bar. (entsetzt). O! Unb. Ich ging fort, man packte mich, führte mich in's Gefängniß und verurtheilre mich. Hätten Sie mich verurtheilt, Madame? Bar. Fahren Sie fort, mein Herr, fahren Sie fort. (Für sich) Ich zittere, aber seine Geschichte interessirt mich. Unb. Die Jury hätte mich zum Tode verurtheilt, aber es war ein mildernder Umstand, der Mann — Bar. Der Steuereinnehmer? Unb. Der Steuereinnehmer hatte am Tage, nachdem ich seine Frau umgebracht, seine Visitkarte bei mir abgegeben. Bar. Seine Karte? Unb. Ja, Madame, eingebogcn. — Man fand in dieser Höflichkeitsbezeigung seinerseits einen Verdacht, einen Schein von Mitschuld. Ueberdieß sind weder der Capitän der Gensdarmerie, noch meine verhaßte Geliebte gestorben. Man schickte mich nach Toulon, wo ich das Gelübde that, mein Leben nur einem Zwecke zu widmen, nämlich: die Gensdarmerie auf Tod und Leben zu verfolgen, sobald ick nämlich wieder die Freiheit erlangen würde! Ich habe meinen Schwur gehalten, ich habe der Gensdarmerie Trotz geboten, ich habe sie geschmäht, ich habe sie verhöhnt, verspottet, kurz, ich habe ihr tüchtig zu thun gegeben. Diesen Morgen glaubten sie schon, sie hätten mich, aber ich bin ihnen entflo- hrn, um den Kampf mit ihnen auf's Neue zu beginnen. Bar. (für sich). Welche Leidenschaft! Welcher Mensch! Welches Abenteuer! Unb. Sie sehen, Madame, ick hatte Recht, Ihnen zu sagen, daß die Liebe an allen meinen Fehlern und meinen schlechten Handlungen Schuld ist. Und wenn Sie noch daran zweifeln sollten, so werd' ich es Ihnen beweisen, denn die Liebe, die Sie mir einflößen, wird mich zu noch größeren Uebergriffen verleiten. Bar. (erschrocken). Mein Herr! Unb. Sie sind tausendmal schöner und verführerischer als die Frau des Steuer einnebmers, und ich dürste nach Zerstreuung. Bar. (ruft). Zu Hilfe! Unb. Schweigen Sie, Madame, ich habe Waffen bei mir — Muth und Entschlossenheit. Bar. (erschreckt). Ich schweige schon. (Eine kleine Pause.) SechszehnLe Scene. Vorige. Anselm. Ans. (von außen. Er klopft an die Thür rechts). Frau Baronin! Frau Baronin! Unb. Ich erlaube Ihnen zu antworten, Madame, antworten Sie. Bar. (mit zitternder Stimme). Was gibt es, Anselm? Ans. (von außen). Der Zug ist angekommen. Bar. Auch die Robervals? Ans. (von außen). Nein, ohne Robervals. Der Zug ist um zwei Stunden früher gekommen, weil die Eisenbahn später gar nicht mehr fahrbar sein wird. Der Sturm ist stärker geworden, und es regnet dichter als je. Die Loire ist ausgetreten, die Felder und Wiesen sind überschwemmt, das Schloß allein steht noch im Trocknen. Unb. (mit halber Stimme so daß ihn nur die Baronin hören kann). Tcufcl, da heißt's sich aus dem Staube machen, hier könnte man mich leicht gefangen nehmen. (Für sich.) Ich denke auch, die Strafe genügt. (Laut.) Frau Baronin, ich gehe, ich denke, Sie werden mich nicht zurückhalten. Ans. (von außen sehr laut). Mein Herr, wenn Sie fort wollen, müssen Sie sogleich gehen. Die bandleute behaupten, daß man bei diesem Grade von Ucberschwemmung vor zwei Monaten nicht aus dem Canton herauskann. Siebenzehnte Scene. Der Unbekannte. Die Baronin. Bar. Zwei Monate! Noch zwei Monate Langweile! (Der Unbekannte will die Thür aufsperren, sie hält ihn zurück.) Mein Herr, antworten Sie mir aufrichtig. Unb. Madame — Bar. Sie haben oft die Reisenden aufgehalten, bestohlen und geplündert? Unb. Ja, Madame. Bar. Aber Sie habe»! nie Ihre Hände mit Menschenblut befleckt? Unb. Niemals! Bar. So bleiben Sie. Ein Dieb ist mir lieber, als die Langweile; ich ziehe einen Räuber der Einsamkeit vor. Ja nach einem Regenwetter von acht Monaten auf dem Lande sogar einen noch größeren Verbrecher. Unb. Aber Ihr Ruf? Bar. Ich bin Witwe. Unb. Wenn Sic es nicht länger sein wollten — Bar. (für sich). Er ist verrückt. Unb. Daß ich kein Glaser bin, wissen Sie bereits. Ich will Ihnen die Wahrheit sagen: Ich bin von guter Familie und komme soeben von einem Besuch bei den Robervals. — Bar. Bei den Robervals von Tourp? 14 Und. Welche Sie heute aus Toury erwarten, und welche mich mit einer Dame aus dieser Umgegend verheiraten wollen. Bar. Sie sind bei dieser Dame. Und. Wie? Sie wären die Baronin von Gontran? Bar. Und Sie sind also der Unbekannte, den mir die Robervals vorstellen wollten? Unb. (sich verbeugend). Marquis Theodor von Vernier. Bar. (lächelnd). Aber Mirandon? Unb. (auch lächelnd). Mirandon ist jetzt wahrscheinlich in Paris in einer Zelle der Conciergerie. Achtzehnte Scene. Vorige. Victorine. Vict. (klopft an die Thür rechts). Unb. (lächelnd). Wollen Sie nicht öffnen, Frau Baronin? Bar. (öffnet die Thür, Victorine tritt ein). Viel. Frau Baronin. Bar. Was willst Du? Vict. Der Herr Maire ist da — die Überschwemmung hat ihn überrascht und er sucht hier eine Zuflucht. Unb. DerMaire?Hat er seine Schärpe? Vict. Ja, mein Herr. Bar. (reicht dem Unbekannten die Hand, der ihr einen leidenschaftlichen Blick zuwirft). Wohlan, lasse ihn eintreten! (Der Vorhang fällt.) Ende. Den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt. Eine fixe Idee. Lustspiel in einem Act von M. A. Grandjean. (Im k. k. pr. Earltheater, im Theater an der Wien, im Friedrich-Wilhelmstädtischen Theater zu Berlin mit Erfolg gegeben.) Personen: Anselm v. Katzensprung. Adelaide, seine Schwester, verw. v Auenheim. Henriette, seine Tochter. Philipp, Zöger ^ Paul, Bedienter l Z-n-S, Kn.sch-, ! b'> K-tz-°IPrmg. Benjamin, Koch k F anny, Stubenmädchen bei Frau v. Auenheim. Baron Wildegg. Fritz, dessen Sohn, unter dem Namen Zacob Blümle. Mölln er, Kammerdiener des Barons. Chevalier v. Krabbe. Männliche und weibliche Dienerschaft. (Die Handlung geht auf einem Schlosse des Herrn v- Katzensprung vor. (Alterthümliches, jedoch etwas im modernen Geschmack renovirtes Zimmer. Mittelthür. Zwei Seitenthüren Aus beiden Seiten Tische mit Schreibzeug. Rechts ein Sopha. Stühle u. s. w.) ^8. Rechts und links vom Schauspieler aus angenommen. Erste Scene. Henriette (allein). Henr. (von links kommend, sieht sich vorsichtig spähend überall um). Fritz ist nirgends zu sehen! — Ach, mir wird schon so bange 2 bei dieser verstohlenen Liebe! Freilich ist Fritz nicht so ängstlich, er ist stets heiter und findet eben das Geheimnißvolle so pikant, aber dennoch — dennoch — Zweite Scene. Henriette. Fritz (als Gärtner gekleidet durch die Mitte). Fritz (der die letzten Worte gehört hat). Dennoch ist meine furchtsame Henriette voll Sorgen und Befürchtungen. — Haben Sie so wenig Vertrauen zu mir? Henr. Das vollste Vertrauen. Fritz. Und trotz dem stets verzagt? Henr. Wenn Sie sich verrathen, wenn man erfährt, daß unter der Maske des Gärtners Jacob Blümle der junge Baron Fritz von Wildegg verborgen ist — Fritz. Wenn und immer wenn! Ich fühle mich sicher, ruhig und unendlich zufrieden mit dem pikanten Verlauf unseres Liebesromans. Henr. Ich sehe kein gutes Ende voraus. Mein Vater haßt alle Bewerber überhaupt, besondeis jene aus der Residenz. Seitdem ich dort war, wittert er überall Verehrer, die mir nachgelaufen sein sollen, verriegelt sorgfältig alle Thore, läßt jeden Abend die Hunde los und macht bei Anbruch der Dunkelheit, von Philipp begleitet, die Runde durch den Park, um irgendwo einen versteckten Liebhaber zu finden. Fritz. Den rechten aber findet man nicht. Henr. Meine Tante will mich dagegen durchaus mit dem ziemlich betagten Chevalier von Krabbe vermälen, der als Gast auf dem Schlosse wohnt, und mich mit seinen Galanterien quält. Fritz. Richtig! — Mein eigener Vater hat mir ein Fräulein von ausgezeichnet guter Familie zur Gattin bestimmt, wahrscheinlich eine ganz charmante Person, die ich nun aber nicht heiraten will — so Käufen sich denn die Schwierigkeiten von beiden Seiten auf das Allerschönste. Inmitten all' dieser dräuenden Gefahren stehe ich wie der Fels im Meere — geborgen durch mein Inkognito vor den Hunden, den Bedienten, den Vätern und der gnädigen Frau Tante. Henr. Pst — ich höre Schritte. Es ist mein Vater. Leben Sie wohl, Fritz! Fritz. Auf Wiedersehen, liebe Henriette! (Beide zu verschiedenen Seiten ab ) Dritte Scene. Katzensprung. Frau von Auenheim (von rechts). Katzenspr. (im Heraustrcten). Laß mich zufrieden, ich weiß, was ich zu thun habe. Fr. v. Auenh. Ich frage aber — wozu diese täglichen Narrheiten! 2n der ganzen Gegend spricht man ja von deinem Abschreckungssystem — und auf eine solche Be- willkommung sollen sich Liebhaber finden? Katzenspr. Also spricht man davon? Gut, sehr gut! Ich habe heute etwas Neues erfunden. Bei der kleinen Hinter- thüre im Park habe ich ein Fuchseisen angebracht. Wie Jemand dort hineinschleichen will, pautz, da zappelt er! Fr. v. Auenh. Das ist zu verrückt! Katzenspr. Schwester! Fr. v. Auenh. Sei nicht böse, lieber Bruder, ich habe nur laut gesagt, was alle Leute denken. Katzenspr. So? Fr. v. Auenh. Kein Mensch kann aus Dir klug werden. — Du schickst Henriette mit mir in die Stadt, läßt sie dort auf Promenaden, in's Concert gehen, und jetzt sperrst Du das arme Mädchen wieder ein, wie eine verzauberte Prinzessin, gehst umher wie ein feuerspeiender Drache und deine Leute müssen Furien vorstellen und aus jeden armen Liebhaber lauern, der iln allenfalls hierher nachschleicht. Katzenspr. (sich mit schlauem Lächln dtt Hände reibend). S'ist phantastisch. 3 Fr. v. Auenh. Was willst Du mit alledem erreichen? Soll Henriette nicht lieben? O, das Hilst Alles nichts, und wenn alle Hunde und alle Bediente Tag und Nacht mit off'nem Rachen aufpaffen, es hilft nichts. Liebe muß sein! Ein anderer Vater würde einem ordentlichen Liebhaber noch die Leiter halten, wenn er in das öde Schloß da einsteigen will, und Du stellst Fuchseisen auf. Katzenspr. Das versiebst Du nicht. Meine Hindernisse sind lauter Liebespro- ben für etwaige Anbeter meiner Tochter. Einen wahrhaft Liebenden dürfen keine Hindernisse schrecken. Sie müssen seine Leidenschaft nur vergrößern und seinen Muth zum Aeußersten bringen. Hast Du nichts vom Leander gehört? — Nichts? — der schwamm durch das Meer, um mit seiner Geliebten zu kosen. — Hast Du nicht von den Sabinerinnen gelesen? Die wurden von ihren Liebhabern, den jungen Römern, gewaltsam geraubt und geheiratet. Einem Solchen nur will ich Henriette zur Frau geben. Liebt er sic wahrhaft, so darf er sich vor den Bedienten nicht fürchten, er muß das Gitter überspringen, die Hunde erwürgen; im Fuchseisen zappelnd, muß er dem grausamen Vater fluchen und der Geliebten neuerdings ewige Treue schwören, und wenn der Vater gleich mit tausend Donnerwettern dazwischenfährt, das darf ihn nicht geniren — er muß etwas wagen, um ein Weib zu gewinnen. Verstehst Du mich jetzt? Fr. v. Auenh. Ich werde nach dem Arzt schicken. Du glaubst wirklich, daß es m unserm Jahrhundert einen Liebhaber gibt, der das unternimmt, was Du ihm zumuthest? — Du willst ja einen Märtyrer aus deinem Schwiegersohn machen! Nein, da findest Du Keinen, 's ist nicht denkbar! Einen so glühenden Liebhaber gibt es nicht mehr im Jahre 1864. Katzenspr. Das wollen wir sehen; ich bleibe bei meinem Grundsätze. Jetzt weißt Du, was ich im Sinne habe — schweig' aber, lasse das Mädchen von meiner Absicht ja nichts merken. Außer Dir weiß Niemand, was ich eigentlich will. Fr. v. Auenh. Ich glaube, Du weißt es selbst nicht recht. Katzenspr. Sehr genau. Jeder muß und soll glauben, ich will gar keinem Manne die Hand meiner Tochter geben. — Wenn Einer trotzdem sich nähert und die Liebesproben besteht, dann — Fr. v. Auenh. Es kommt keiner — Katzenspr. Das wird sich finden! (Beide rechts ab.) Vierte Scene. Benjamin. Fanny (kommen aus der Gallcrie). Fanny. Ach, laß mich doch in Ruhe mit deinen Narrheiten! Benj. Narrheiten? Ungläubige! Zweis- lerin! Der Tag wird kommen, wo Du beschämt dasteheu wirst, wenn die Hülle fällt, wenn ich die weiße Jacke ausziehe und im modernsten schwarzen Frack vor Dich hin- tretc. Fanny. Wie kann man denn nur so sich selbst zum Besten haben? Bildet sich der Mensch immer ein, sein Vater sei irgend ein unbekannter großer Herr. Benj. Wenigstens ein Baron, gewiß! Fanny. Und er wird eines Abends mit vier Pferden in s Schloß fahren. Benj. Wird fragen: »Wo ist mein lang entbehrter Sohn, mein theurer, lieber Benjamin?« Ich ruse ein vernehmliches »hier!« fliege in seine Arme, er preßt mich an sein schlagendes Herz, heiße Thräneu fallen aus meine Wangen, er spricht gerührt: »Ganz wie seine Mutter!« — umarmt mich nochmal stürmisch — sämmtliche Dienerschaft steht schluchzend umher — Fanny mach: große Augen und denkt: also ist er doch — Fanny. Ein Tollhäusler, ein Phantast! Wie kann man denn wachen und so ver rückte Träume haben. Mir scheint, de: Vollmond macht Dich verwirrt! i » 4 Benj. O nein! Dieser Glaube, diese Ahnung ist nicht von gestern — sic ist mir von der Natur in's Herz geschrieben, sie ist mit mir groß geworden, und jetzt steht sie vor mir, winkt mir lächelnd zu und spricht: »Benjamin, Benjamin — bald wird dein Sehnen sich erfüllen, er wird erscheinen, der Vater, der Baron.« Fanny. Sag mir nur um des Himmelswillen, worauf gründet sich denn dein toller Wahnsinn? So ganz ohne Ursache ist er nicht, wenn auch ohne vernünftigen Grund. Benj. O ich habe sehr gute Gründe. Fanny. Laß doch hören! Benj. Eh: ich zu gewichtigen Beweisen schreite, frage ich Dich, ohne Eitelkeit, nur mit gerechtem Selbstbewußtsein: Leuchtet nicht aus diesen Zügen etwas, wie soll ich sagen — etwas Urnobles, etwas Apartes, etwas Höheres? Wie? Fanny. O Du eingebildeter Tropf! Diese Züge! Nun ja, Du bist eben nicht übel, — aber — sieh mich an — meine Züge sind auch nicht übel, und mein Vater war herrschaftlicher Portier. Benj. So war doch auch er schon von jener Luft angeweht, in welcher das Höhere athmet. Aber — Du bist hübsch — das läugne ich nickt, doch fehlt Dir der Ausdruck des Unaussprechlichen, mit einem Worte des Höheren. — Und meine Bildung, meine Haltung, meine Tournüre, mein Gang — das gewisse je ne 8ais yuoi in meinem ganzen Wesen — ist das nicht in die Augen springend? Wenn Du da das Höhere nicht ahnst, bist Du blind, oder willst es sein. Fanny. Nein, ich bin nicht blind, Du bist ein ganz charmanter Junge, darum habe ich Dich auch ausgezeichnet vor den Uebrigen, habe Dich meiner Liebe gewürdigt, mit einem Worte, Du bist ein ganz geschickter Koch — aber laß nur deine fire Idee. Benj. Was? Fire Idee nennst Du die Stimme meines Herzens? Gut, weil Du nicht siehst, sollst Du hören. Setzen wir uns. Fanny. Hier? — wenn die Herrschaft kommt! Benj. Ueber ein Kleines werde ich wohl das Recht haben, hier zu sitzen. Fanny (setzt sich kopfschüttelnd aus das Sopha rechts). Benj. (nimmt neben ihr Platz). Also vernimm! Tu allein sollst um meine Gefühle wissen und einen Blick in mein Innerstes werfen. (Pathetisch und mit bombastischem Erzählerton.) Als ich anfing zu denken, stand ick schon allein in der Welt. Ich war der PfleglingeinerTaglöhnerswitwe. Von mei nen Eltern sagte sie mir nichts. Von andern Leuten erfuhr ich, ein unbekanntes Weib, wahrscheinlich war es meine Wärterin, habe mich als zweijähriges Kind jener Frau überbracht, und sei wieder verschwunden. Meine Pflegemutter vertröstete mich auf die Zukunft, so oft ich mehr wissen wollte. »Wenn Tu größer sein wirst,« sagte sie immer. Eines Tages rührte sie plötzlich der Schlag, sie war mausetodt, ehe ich Zeit hatte, größer zu werden. Ick besaß nichts, als dieses kleine Medaillon, ein Andenken von meinem Vater, wie mir die Pflegemutter gesagt hatte. Das war mein ganzer Reichthum und das ist mein Talisman , meine Wünschelruthe. — Dieses Medaillon wird mich sicher dahin führen, wo mein Vater lebt — und das wird bald geschehen — sehr bald, so sagt mir meine innere Stimme. — Nach dem Tode meiner Pflegemutter ward ich Lehrjunge bei einem Bäcker; einmal fraß mir ein Hund die Semmeln aus dem Korbe — so kam ich um's Brot — d. h. ich wurde fortgejagt. Dann wurde ick also Kellner in einem Gasthofe, dort erwarb ich mir Praxis im Schnüren und lief davon — zum Theater, wo ich auf dem Schnürboden angesteüt wurde; dann kamich sehrherunter, wurdeSta- list, spielte: »Gemurmel im Volke,« war auch zuweilen sprechender Knappe und Vertrau- 5 ter: endlich gefiel mir auch das nicht, weil man mir nichts Höheres zu leisten geben wollte, keinen Fieseo und Carl Moor — ich entsagte der dramatischen Kunst und wurde Baumeister, d. h. ich baute Lustschlösser. Als ich recht in der Tinte war, wollte ich mich in's Wasser stürzen, besann mich aber und ging zu einem Weinhändler, kam von da als Küchenjunge und Bratspieß-Maschinist in eine Herrschastsküche, avancirte zum Dicekoch, dann zum ersten Küchendireckor und Vorkoster und bin bier nun wirklich Spersezetrel-Dramaturg. Ich könnte gegenwärtig mit meiner Stellung Ulsrieden sein, wenn mir nichts Höheres bestimmt wäre. Das ist in Kurzem die Geschichte meines vielbewegten Lebens. Was meinst Du nun? Fanny. Ich meine, Du bist ein armer Bursche, weil Du deine Eltern nie gekannt hast, daß aber dein Papa eiu vornehmer Herr sein soll, ist durch nichts bewiesen. Benj. Durch nichts als durch meine Ahnung und durch das Höhere, welches mich auszeichuet. Fanny, Du glaubst also nicht, daß ich der Sohn eines Barons bin? — Fanny. Ach, jetzt kommt wieder der höhere Wahnsinn über Dich! Das halte ich nicht aus! Adieu, mein guter Benjamin! (Mit ironischer Devotion.) Mein Herr geheimer Baron, ich habe die Ehre, mich Ihnen geborsamst zu empfehlen. (Links ab.) Benj. Fahre hin. Du fassest mich nicht — niedre Magd, das Höhere ist Dir verschlossen, der Sinn dafür ist Dir versagt. Fahre hin! (Will durch die Mitte ab.) Fünfte Scene. Benjamin. Frau v. Auenheim. Henriette. Krabbe (von rechts, setzt sich aus einen Stuhl neben dem Sopha, auf welchem Henriette Platz nimmt). Fr. v. Auenh. (winkt Benjamin). Pst! Benj. (geht in Gedanken verloren weiter) Fr. v. Auenh. Benjamin, hören Sie nicht? — Benj. Wer ruft! — O, Sie sind's, gnädige Frau! — Fr. v. Auenh. Wo haben Sie denn immer Ihre Gedanken, Sic schleichen ja herum wie ein verrückter Poet. Was sind das für Possen? Benj. (für sich). Possen! Auch Sie! Fr. v. Auenh. (zieht einen Zettel aus der Tasche — zu Krabbe). Entschuldigen Sie einen Augenblick, Herr Chevalier! - (Zu Benjamin.) Merken Sie auf — da ist der Küchenzettel für morgen zum Diner. Es ist das Geburtsfest Henriettens, der Herr Chevalier ist unser Gast. Da — können Sie gut lesen? Benj. (indignirt). O, gnädige Fran — am liebsten lese ich in den Sternen, das ist die höchste Lectüre, dort steht mein künftiges Schicksal geschrieben, dort — Fr. v. Auenh. Mensch, sind Sic toll?; Benj. Ich höre mit beiden Ohren, gnädige Frau. Entschuldigen Sie mich, ich bin ein Unglücklicher. Es gibt im Menschenleben Augenblicke — Fr. v. Auenh. (bei Seite). Sonderbarer Kauz. (Laut.) Also Acht gegeben! — (Setzt sich zum Tische links.) Benj. (bleibt vor ihr stehen). v. Krabbe (der bis jetzt leise und eindringlich mit Henriette gesprochen, welche ihm zerstreut zugehört). Sie sind so verstimmt, mein verehrtes Fräulein? Henr. Schlagen Sie einen andern Ton an, so soll diese Verstimmung verschwinden. v. Krabbe (zu Henriette). Sie verschmähen meine ehrerbietige Bewerbung, Fräulein — Sie wollen nichts davon hören? — Ich bin nicht unbescheiden, aber ich dächte doch, einige meiner Vorzüge wären nicht zu verwerfen. Ich bin mit Glücksgütern gesegnet. Benj. (zn Frau von Auenheim fragend, auf eine Stelle im Küchenzettel deutend). Gespicktes Rindfleisch? Fr. v. Auenh. (nickt bejahend). 6 v. Krabbe. Meine Familie ist achtbar und bekannt, mächtig und zahlreich. Benj. (wie oben). Schöpsencotelettes mit Sprossers. v. Krabbe. Ich sehe doch nicht übel aus. Bin ich nicht sehr gut conservirt? Benj. Sardellen in Essig und Oel. v. Krabbe. Ich würde ein zärtlicher Gatte sein. Ich würde mich in der Ehe so beimisch fühlen. Benj. Hecht in der Buttersauce. Fr. v. Auenh. (zu Benjamin) Das Uebrige ist Ihnen deutlich? Benj. Ja. Fr. v. Auenh. Gut, — also für morgen zwei Uhr. Uebrigens, mon etter — mit dem Lesen gebt es Ihnen doch schleckt! Benj. (verbeugt sich, achselzuckend bei Seite). Tie Kritzelei soll man vom Blatt lesen! — O Gott, wenn ich nur eine Kartoffel wäre, daß ich aus der Haut fahren könnte. (Durch die Mitte ab.) Sechste Scene. Porige (ohne Benjamin). Fr. a. Auenh. Nun, Kinder Ihr wäret sehr eifrig im Gespräch. Feiern wir morgen vielleicht Geburtstag und Verlobung zugleich? v. Krabbe. Schwerlich. Fräulein Henriette hat eine Antipathie gegen auch, wie es scheint. Nach einer ernsten Ueberlegung wird sich mein Antrag vielleicht einer besseren Antwort zu erfreuen haben. (Durch die Mitte ab.) Siebente Scene. Henriette. Frau v. Auenheim. Dann Benjamin. Fr. v. Auenh. Henriette, Du thuft sehr unrecht, den vortrefflichen Ehevalier so spröde zu behandeln. Ich ratheDir ernstlich — gib ihm das Jawort. — Einen Bessern findest Du nicht! Henr. Vielleicht doch! Fr. v. Auenh. Hier, bei dieser Auswahl von Liebhabern! Liebes Kind — glaube mir — ich kenne den Chevalier schon lange. Ach, es war meine erste Jugendliebe, — Verhältnisse trennten uns — ich mußte die Convenienzheirat mit Auenheim schließen. O, Krabbe ist ein charmanter, ritterlicher, liebenswürdiger Mann! Benj. (ist näher getreten und äußert lebhaften Antheil an der Erzählung der Frau von Auenheim). Henr. Liebe Laute, Sie denken sich ihn stets jünger; diese Illusion ist aber mir nicht zuzumuthen. Fr. v. Auenh. Ach — er war damals bezaubernd. Ich liebte ihn - Henriette — wie ich seitdem nie wieder geliebt habe! Doch ziehen wir einen Schleier über das Vergangene — geh — überlege Dir die Sache — ich sage Dir nur, der Chevalier ist ein Mann von altem Schrot und Korn — ach, cs gibt keine solchen Männer mehr! Henr. Vielleicht doch! Fr. v. Auenh. Mit deinem ewigen — vielleicht doch! Du bist jung und denkst Dir — »o ich bleibe nicht sitzen.« Ich sage Dir aber — vielleicht doch! Adieu! Henr. (vor sich hinlächelnd durch die Mitte ab) Achte Scene. Frau v. Auenheim. Benjamin. Benj. (für sich). Götter! — was Hab' ich gehört — darf ich diese Worte deuten, wie meine innere Stimme mir sagt — sic liebte ihn, wie sie nie einen andern geliebt hat! Wie — wenn sie — meine Mutter — O! — (Zieht das Medaillon hervor und nähert sich langsamen Schrittes dem Sopha links, aus dem Frau von Auenheim gedankenvoll fitzt) Pardon, gnädige Frau, wenn ich störe. 7 Fr. v. Auenh. Was wollen Sie schon wieder? Benj. (stürzt ohne ein Wort zu reden vor dem Sopha nieder und hält das Medaillon empor). Kennen Sie diesen? Fr. v. Auenh. (springt aus). Was soll das heißen? Benj. (springt gleichfalls auf, für sich). Sie ist es nicht. Aber Er? Hat er auch nur einmal geliebt? Soll er später nicht wieder geliebt haben? Eine Andere? Fr. v. Auenb. (für sich.) Mir wird fast bange bei dem Menschen. Benj. Gnädige Frau, wie gesagt — ich bin ein Unglücklicher. Es gibt im Menschenleben Augenblicke, Stunden, ganze Vormittage gibt es —wo man eine Frage frei hat an das Schicksal! Meine Zeit zu fragen ist noch nicht gekommen, aber sie wird kommen und dann — dann ist das große Räthsel meines Lebens gelöst. (Bill abgehen.) Neunte Scene. v. Krabbe. Vorige. ' v. Krabbe (kommt aus dem Garten zu irrau von Auenheim, ohne Benjamin zu bemerken). Run — hat Henriette ihren Sinn nicht geändert? War auch Ihre Uebcrredungs- kunst fruchtlos, theure Adelaide? Fr. v. Auenh. (bemerkt Benjamin). Was "eben denn Sie noch da? Benj. (nähert sich v. Krabbe und fixirt ihn 'charf). v. Krabbe. Nun? Was soll's. 41162- ^ 0U8 6N! Benj. (zieht plötzlich das Medaillon hervor und hält es Krabbe vor die Augen), v. Krabbe (fährt erschrocken zurück). hiev? Benj. (bleibt noch einen Augenblick in der vorigen Stellung, dann steckt er das Medaillon ruhig ein). Auch der nickt! Stimme des Blutes, schweig, pochend Herz — gib Dich zur Ruhe — der Chevalier ist's nicht — an einen Höheren bin ich gesendeti (Rasch ab.) Zehnte Scene. v. Krabbe. Frau v. Auenheim. v. Krabb. Was hat denn der junge Mensch? Fr. v. Auenh. Weiß ich denn selbst? Er benimmt sich so verrückt, und doch so interessant sonderbar — vielleicht ist er ein unglücklick Liebender! O Chevalier, als Sie mich vor fünfundzwanzig Jahren liebten, da waren Sie auch verrückt. v. Krabbe. O ja, aus Melancholie uämlich. Fr. v. Auenh. O, daß sie ewig grünen bliebe Die schöne Zeit der jungen Liebe. v. Krabbe. ?a88ov8 1a äs88U8. Mein Herz hat sich jugendlich erhalten, wenn es auch Ihre cokette Niece nicht glauben will. Sie haben ihr doch nicht gesagt, daß ich einstens schon für Sie geschwärmt habe? Fr. v. Auenh. Ja wohl, das Hab' ich ihr gesagt! v. Krappe, ülilon dien, das war gefehlt — ach, ach, das ist mir sehr unangenehm, nun kann sie mir mein Alter so bequem Nachreden — und ich sehe kaum aus wie ein Mann von vierzig Jahren. Fr. v. Auenh. Nun, sehe ich denn wie eine Matrone aus? v. Krabbe, de ne di8 pa8 esla, aber es ist fatal, sehr fatal! Meine konsequente, ausdauernde Liebe wird aber vielleicht doch obsiegen, trotz des coketten Muthwillens, mit welchem mich Henriette jetzt behandelt, trotz der Opposition, welche ich von Ihrem Herrn Bruder zu erwarten habe, dessen phantastische Tollheiten — (Da eben Katzensprung eintritt, verneigt er sich höslichst gegen diesen und geht durch die Mitte ab.) 8 Eilfte Scene. Katzensprung. Frau v. Auenheim. Katzenspr. (von rechts, einen offenen Brief m der Hand). Donnerwetter noch einmal! Schöne Geschichte! Das wirft alle meine Projekte über den Haufen! Das macht einen Strich durch meine Anstalten, das blamirt mein ganzes System! Fr. v. Auenh. Das hast Du denn? Du bist ja ganz außer Dir! — Katzenspr. Es ist zum Rasendwerden! Ich treffe alle Anstalten gegen einen romantischen Ueberfall; nun schleicht sich ein Liebhaber verkleidet hier ein — steckt sich in die Maske eines dienenden Individuums, umgeht das Fuchseisen, ist seit Wochen in meinem Hause, spielt vielleicht mit den Hunden, die ihn zerreißen sollten, hilft wahrscheinlich die Runde machen, lacht sich in die Faust über meine Absperrung — o es ist schrecklich! Fr. v. Auenh. Da hast Du es uun! Hab' ich's nicht immer gesagt, die Sache geht schief. Hab' ich's nicht gesagt, wie? — Katzenspr (ohne aufseine Schwester zu hören) Höre nur, was mir Baron Wildegg, mein alter Freund, schreibt. (Liest.) »Lieber Freund! Mein Sohn Fritz, der Sausewind, hat sich seit drei Wochen vom Hause entfernt, um eine Erholungsreise anzutreten, wie er vorgab. Ein Bekannter, der unlängst an deinem Schlosse vorbeireiste, will ihn aber in Diencrkleidung in der Nähe desselben gesehen haben. Ich weiß nun, daß mein Sohn für deine Henriette schwärmte, als sich diese hier in der Residenz aufhielt, und dieß bringt mich auf den Gedanken, daß er etwa gar in irgend einer Verkleidung sich in dein Haus geschlichen habe, um dort bei deiner Tochter den zärtlichen Schäfer zu spielen. Wie ich meinen Sohn kenne, sieht ihm das ähnlich. Ich habe ihm aber eine andere Braut bestimmt und Haffe alle romantischen Liebeleien.« Fr. v. Auenh. Siehst Du, das ist ein praktischer Mann, der alte Baron. Katzenspr. Unterbrich mich nicht! /Liest weiter.) »Sei also so gut, über deine Leute ein wenig Revue zu halten. Es w'rd Dir wohl nicht schwer werden, meinen Sohn herauszufinden und wenn cr sich noch so sehr verstellt. Hast Du ihn, so schreibe mir sogleich; ich will dann dem Roman schnell selbst ein Ende machen! Wildegg.« Rufe sogleich sämmtliche Dienerschaft zusammen. Ich will auf der Stelle Musterung halten. O, nur Geduld, ich werde ihn schon hervorlocken, den geheimen Baron. Und wenn ich ihn habe, dann will ich ein ernstes Wort mit ihm reden. Fr. v. Auenh. (lachend). Nun, da laßt Du ihn vielleicht köpfen und schickst ihn nach Hause? Katzensp. Das wird sich finden. Noch Eins! Warum die Leute zusammen berufen werden, darfst Du ihnen meinetwegen sagen. Warum aber der Baron Wildegg sich verkleidet hat, muß geheim bleiben. Sobald er aus seinem Inkognito getreten ist, habe ich mit ihm über diesen Punkt unter vier Augen zu reden. (Er geht rechts. Frau von Auenheim durch die Mitte ab.) Zwölfte Scene. Fanny (allein). Fanny (die während der letzten Worte Katzensprungs an der Thür links lauschend gesehen wurde, tritt nun vor). Also es wird Ernst! Man hat die Spur des Baron Wildegg gefunden — man sucht ihn. Jetzt gilt's ihn und das Fräulein zu warnen. Zum Glück ist der gnädige Herr ein ungeübter Spürhund und hat keine feine Nase.—Mein lieber Herr von Katzensprung! Sie schützen sich gegen die Liebe Ihrer Tochter wie gegen Bären und Wölfe — den Fuchs aber sollen sie nicht fangen! (Rasch links ab, kommt aber während der folgenden Scene wieder.) Dreizehnte Scene. (Männliche und weibliche Dienerschaft durch die Mitte. Unter der Zahl der ersteren befinden sich: Philipp, Jonas und Paul. Darauf Katzensprung von der rechten Seite; ein wenig später Hritz, der im Hintergründe bleibt, Fanny, welche leise mit ihm spricht.) Phil. Also Einer von uns ist ein Baron? Paul, (lachend). Ha, ha, wer hätte das geglaubt? Phil. Aus Würmern werden Schmetterlinge, aus Hausirjuden Millionäre — warum soll aus der LivrFe, aus der Stalljacke nicht ein Baron hervorgehen? Ich habe einmal eine Geschichte gelesen — pst, der gnädige Herr! Katzenspr. (eintretend). Ruhe! Man stelle sich auf und höre auf meine Worte. So! — Daß Einer unter Euch ein Baron ist, daran ist nicht zu zweifeln, das ist ausgemacht. Nur ist die Frage, wer? und dahinter will ich kommen. Ich muß den Baron todt oder lebendig haben. Die Barone haben aber keine bestimmten Unterscheidungszeichen vor den übrigen Menschen, wenigstens haben die Naturforscher bisher nichts dergleichen entdeckt. Die Würde steckt tief im Innern, da soll ich sie herauskitzeln, das ist eine kitzliche Sache! Gut essen und trinken wie ein Baron wollt Ihr alle. — Ruhe! Kein Gelächter! Man höre! Ich ersuche also den versteckten Herrn Baron, der sich unter Euch befindet, sein Versteckenspielen aufzugeben und sich zu zeigen, damit ich nicht so viel Zeit verliere. So — ich rufe jetzt den Baron auf zum ersten — znm zweiten — und zum dritten Male! — Was? Keiner meldet sich? Jonas. Hä, hä, hä! Ich muß mir meine Collegen alle noch einmal recht genau anschen. Merkwürdig, lauter dumme Gesichter! Paul (drehend). Du! Ionas.Na bistDu vielleichtderBaron? Leider! Paul. Ach, mein Vater war Schneider. Phil. Aber Jonas — der gibt sich gerne ein so gewisses Ansehen — findet Alles zu schlecht — macht Bemerkungen über den gnädigen Herrn — Katzenspr. So — das untersteht er sich ? Du Schlingel, Du! (Sich befinmnd.)Sollten Sie jedoch vielleicht der gesuchte Herr Baron sein, so würde ich das entschuldigen. Jonas (dumm lachend). Ne. gewiß nicht, ich bin kein Baron. Mein Vater war Hausknecht. Katzenspr. Weißt Du das gewiß? Jonas (wie oben). Freilich! Katzensp. (für sich). Könnte diese Bor- nirtheit nicht Maske sein? (Laut.) Sage mir aufrichtig, bist Du so dumm, oder stellst Tu Dich nur jetzt so dumm? Jonas. Ne - ich bin immer so. Katzenspr. Auf Ehre? Jonas. Auf Ehre! Katzenspr. (für sich). Nein, der ist's doch nicht. (Bemerkt Fritz.) Ah, Jacob - Du bist ja auch da! Fritz (verdrießlich mit gewöhnlicher Haltung und mit einem Anklang von Dialeet). Nun ja, ich habe gehört, wir sollen Alle da heraufkommen, na, da bin'ich auch — ich hätte aber in Garten was Besseres zu thun. Katzenspr. Ruhig — Weißt Du, warum Du hier bist? Fritz. Nun ja — Das ist ja eben die Dummheit — lassen sie mich in Ruhe, gnädiger Herr, ich bin kein Baron — Ich habe was Gescheiteres zu tbun. Unten bab' ich einen Maulwurf, dem ich schon drei Viertelstunden lang aufpaffe, der ist mir viel wichtiger als die ganze Geschichte da. (Zieht sich mürrisch hinter die Uebrigen zurück und spricht leise mit Fanny.) Katzensp. Nun, der ungeschliffene Bengel ist es doch gewiß nicht. So kann der gebildete Mensch die Politur nicht verläug- nen! (Nachdenkend.) Wer also, wer? Halt — Einer fehlt noch! Wo ist Benjamin? ly Vierzehnte Scene. Vorige. Benjamin (der schon früher durch die Mittelthür eingctreten war, tritt plötzlich auf Katzensprung zu) Benj. Hier! Suchet nicht länger! — Der Schleier ist gefallen, der Sohn ist ge- nllideii, ich bin der Baron. Ja, ick! Phil (verblüfft). Du? Jonas, (freudig erstaunt zu den Andern). Er? Paul, (sich verwundernd Bcjamin nähernd). Sie? Alle (drängen sich um Benjamin herum und geben ihr Erstaunen zu erkennen). Katzenspr. (zu Philipp). Schnell bringe einen Frack von mir heraus! Fritz, (der im Hintergründe stiller Zuschauer blieb, gibt seinen Antheil an dieser Entwicklung durch Geberden zu erkennen und wechselt insgeheim Zeichen des Einverständnisses mit Fannn). Benj. Ja, es ist so, der Baron war Küchenjunge und hat unter Euch gewohnt. Laßt es gut sein! — Keine Handküsse — ich ehre eure Rührung. Alle. Vivat, es lebe der Herr Baron! Benj. Danke — Ihr seht, ich bin sichtlich gerührt! Schont meiner! Phil, (kommt zurück, einen schwarzen Frack ausgkbreitet tragend). Euer Hvchwvhlgeboren, Herr Baron! denn Sie sind's, das seh' ich schon! Jeder Stand hat sein Gewand, für Ragouts und für Gewürze ziemt sich wohl die Küchenschürze, doch die Kleidung wäre Hohn für den gnäd'gen Herrn Baron. Benj. Bravo, poetischer Hasenvertilger! Lasse Dich umarmen, Mann! — Ja — mein ist der Frack und mir gehört er zu! Katzensp. Bitte — mir gehört er zu, aber ich leih' ihn Ihnen! Denj. (zu Fanny). Wie steht es nun, Zweiflerin? Ungläubige? Ist noch Alles eine fire Idee? — Fahr' hin, ich habe Dich nie gekannt. Katzensp. (mit strengem Pathos). Herr Baron, in einer Viertelstunde bitte ich um eine Unterredung unter vier Augen. Denj. (mit Grandezza) Mit Vergnn gen. Belieben Sie aber gefälligst sogleich Anordnungen zu treffen, daß mir standesgemäße Appartements eingeräumt werden. Katzenspr. Das soll geschehen. (Spricht leise ein paar Worte mit Philipp.) Auf Wiedersehen, mein Herr Baron! Benj. revoir, Herr von Katzensprung. (Winkt der Dienerschaft gnädig zu.) Gott befohlen! (Katzeusprung geht rechts, die Dienerschaft durch die Mitte ab.) Fünfzehnte Scene. Fanny. Benjamin. Fanny. Du — Du, Benjamin! Benj. Ich bitte um den gehörigen Titel! Im Uebrigen. wie gesagt, thut mir leid, jedoch — Unterschied des Standes Unterschied der Begriffe — Sie muß sich nach einem Andern umsehen, liebes Kind! (Wirst sich nachlässig auf's Sopha.) Alle früheren Beziehungen sind zwischen uns abgebrochen. Ich wünsche nicht mehr daran erinnert zu werden. Fanny. Benjamin, ich bitte Dich — Benj. Ich bin der Baron — Baron — ja wie heiß' ich denn eigentlich? Egal, nenne mich: Baron; ich bin ein Cavalier wie andere Cavaliere. Fanny (will an seiner Seite Platz nehmen) Ich will Dir etwas sagen, Benjamin. Benj. (sie zurückweisend). Bitte — MUß depreciren — hier ist nicht Raum für uns Beide. Fanny. So? — Aber vor einer Viertelstunde — Benj. Jetzt diu ich — Baron! Uebri- gcns wenn man eine Geliebte sitzen läßt, kann man sie auch stehen lassen. Fanny. Grobian! (Bei Seite.) Geduld, das sollst Du mir büßen. (Laut.) Ich sage 11 Dir, Du wirst es bereuen, Du wirst wiederkommen — Benj. O nein — ich werde nicht wiederkommen! Dein Geschick ist entschieden — wir sind getrennt auf ewig! (Bricht den Kochlöffel entzwei und wirst ihr die Stucke vor die Füße. Durch die Mittelthür ab.) Sechszehnte Scene. Fanny, dann Fritz und Henriette. Fanny. Geh' nur, mein guter Benjamin, Du wirst bald demüthiger werden. (Henriette und Fritz treten durch die Mittelthür ein.) Henr. Jetzt muß aber doch ernstlich darüber nachgedacht werden, was geschehen soll. Fritz. Dafür lassen Sie mich und den Zufall sorgen, der bisher so viel für uns gethan hat. Vor der Hand aber darf das Mißverständniß mit Benjamin nicht gestört werden. Er muß in jeder Beziehung meine Ztelle vertreten, sogar vor Ihrem Vater als geheimer Liebhaber gelten. Sie müssen diesen Irrthum in jeder Weise unterstützen. Henr. Aber wie soll ich — Fanny. Verlassen Sie sich nur auf mich, Fräulein, ich gehe Ihnen nicht von der Seite. Pst — ich höre Schritte — es ist der gnädige Herr! Fritz. Also — leben Sie wohl, Henriette! Muth und ein bischen Keckheit — dann wird Alles glücklich ablaufen. (Rasch durch dir Mitte ab.) Siebenzehnte Scene. Katzensprung. Fanny. Henriette. Katzen spr. Ah, gut, daß ich Euch bei- sammentreffe, Fräulein und Zofe! Ich will wie das Donnerwetter zwischen Euch fahren! Henr. Ach, Papa! Katzenspr. Ruhig — Alles ist entdeckt! Schöne Geschichten. Ein verkleideter Liebhaber, Baron Inkognito! Fanny. Nein, bitte — BaronWildegg. Katzenspr. Ruhig! Schon seit Wochen eingescklicken, ein Verhältniß angesponnen, zärtliche Rendezvous, geheime Händedrücke, verstohlene Seufzer, wie? Henr. Ach — ! Katzenspr. Ruhig! (Zu Fanny.) Und Sie, naseweise Person, Sie war die Vertraute, die Hehlerin? Fanny. Ach Gott — nein, gnädiger Herr — ich wußte kein Wort davon — erst seit zehn Minuten hat mir das Fräulein Alles entdeckt — sie wollte von mir, ick sollte ihr läuguen helfen, aber das kann ich nickt, mein Gewissen, meine Pflickt, ick wasche meine Hände in Nnsckuld — ick will da nicht die Mitschuldige sein. (Zu Henriette leise.) Sv thun Sie ein bischen boie auf mich — spielen Sie mit Komödie. Henr. Du bist eine undankbare, eine herzlose Person! Hab' ich Dich darum mit Wohlthaten überhäuft, Dir meine Zuneigung geschenkt — o — es ist abscheulich! Fanny (leise). Bravo! (Laut.) Liebes Fräulein, es bricht mir das Herz, wenn ich Sie weinen sehe, aber ick kann nicht anders. Katzenspr. Daß laß ich mir gefallen. So hast Du deine Schuldigkeit gcthan! (Zu Henriette.) Jetzt will ich den Herrn Baron sprechen, Du bleibst aber mit Fannv da im Nebenzimmer und kommst heraus, sobald ich Dich rufe. Henr. Ja, Papa! (Mit Fanny rechts ab ) Achtzehnte Scene. Katzensprung. Benjamin. Katzenspr. Herr Baron, ich erwartete Sie! Benj. O, ganz der Ihre, ganz der Ihre, Herr von Katzensprung. 12 Katzenspr. Ihr Herr Vater, der Baron Wildegg, hat Ihren Aufenthalt erforscht, in wenig Stunden wird er wahrscheinlich selbst hier sein, um Sie in seine Arme zu schließen. Benj. (bei Seite). Also ich bin ein junger Baron von Wildegg! Katzenspr. Vorher aber haben wir zusammen noch eine Angelegenheit in's Reine zu bringen, über die ich Aufklärung haben muß. Wehe Ihnen, wenn Sie zu weit gegangen sind. Setzen Sie sich. Benj. 3ch — nein — ich bin nicht zu weit gegangen, — brauche daher nicht zu sitzen! — (Für sich.) Was will denn der alte Hausnarr? — Katzenspr. Bitte, nehmen Sie Platz! (Nachdem Beide fitzen.) Sie haben mein Schloß wohl nicht der schönen Gegend we- gen zum Aufenthalt gewählt? Benj. Nun — das heißt, die Gegend ist sehr arabesk — Katzenspr. Pittoresk, meinen Sie! Benj. Ja, ja — arabesk und pittoresk — das ist ja ganz synagog — synomim wollt' ich sagen. Katzenspr. Bitte — keine Späße. — Sie haben während Ihres Aufenthaltes in meinem Hause ein Liebesverhältniß angesponnen? Benj. (für sich) Er weiß davon? Katzenspr. Nun — läugnen Sie? Benj. Nein, ich läugne nicht — Katzenspr. Also? Benj. Das berührte angesponnene Ver- hältniß ist bereits wieder ausgesponnen. Katzenspr. Das heißt, Sie haben keinen Geschmack mehr an der verkappten Liebelei! Aber so soll Ihnen das nicht hingehen, Sie müssen nun den Muth haben, diese Liebe offen zu bekennen, und nur eine Heirat, sogleich, noch heute, kann das Geschehene vergessen machen. Benj. Heirat? Warum nicht gar! Katzenspr. (aufstehend). Herr Baron, reizen Sie mich nicht! Benj. Es thut mir sehr leid, Ihren hohen Zorn zu erregen, aber ich begreife nicht — Katzenspr. Sie werden mit dem Mädchen noch heute getraut, oder Sie haben es mit mir zu thun. Benj. O! Katzenspr. Sie müssen sich mit mir schießen! Benj. Aber — Katzenspr. Keine Worte! Wählen Sie — eine Kugel — Benj. Eine Kugel? Warum Kugel? Das ist mir zu rund. Katzenspr. Eine Kugel oder meine Tochter! Benj. To — Tochter? Katzenspr. Nun? Benj. Erlauben Sie — ich bin so weg — als hätt' ich schon eine Kugel im Leibe! Also Ihre Tochter—Fräulein Henriette?— Katzenspr. (öffnet die Thür des Seitenzimmers links). Heraus! Neunzehnte Scene. Henriette. Fanny. Vorige. Katzenspr. Hier diese meine Tochter, oder — (geht zum Tische und nimmt ein Paar Pistolen aus dem Schubfache) wir sprechen so mit einander! Benj. Herr von Katzensprung — eine solche Sprache — ick kann nicht Worte finden — Ihre hier gegenwärtige leibliche, liebliche Tochter — Fräulein Henriette — Katzenspr. (zu Henriette). Also — Du liebst den Baron Wildegg? Henr. (lächelnd bei Seite auf Fanny blickend, die ihr ausmuntcrnd zuwinkt). Ja, Papa! Benj. (für sich). Papa! Himmel — ßc — mich — und ich ahnte gar nichts — Katzenspr. (zu Benjamin). Und Sie Sie lieben meine Tochter wieder — Benj. Nein — ja, das will sagen — wie gesagt — ich fühle wohl — Fanny. Der Herr Baron drückt sich ja deutlich genug aus. Katzenspr. Zum letzten Male, werden Sie meine Tochter heiraten? Benj. Ihre Tochter — ja — mit dem größten Vergnügen — wenn das Fräulein nichts dagegen hat, mir ist es eine Ehre. Katzenspr. Mir eben nicht, aber die Verhältnisse gebieten diese Heirat — Sie bequemen sich dazu — gut — abgemacht. Heute Abend noch wird die Trauung vollzogen. Benj. Heute noch, ist es denn so drin gcnd? Katzenspr. Mein Entschluß steht scst. Benj. Nun, in Gottesnamen! (Plötzlich sich besinnend.) Aber sapperment, was wird mein Papa Baron dazu sagen? Katzenspr. Das kümmert mich nicht! Benj. Aber mich — wenn er mich des- avouirt! Katzenspr. (greift wieder nach den Pistolen). So ziehen Sie dieses vor? — Benj. Seien Sie nur nicht so hitzig. «Für sich.) Gott, ist das ein mittelalterlicher Wütherich! Der wäre im Stande, mich zu erschießen, und meinen blutigen Leichnam meinem Baron Vater mit dem Postwagen einzuschickcn, declarirt als Drucksachen ohne Werth. Katzenspr. Nun denn, Ihr letztes Wort? Benj. Es bleibt dabei, ich werde Ihr Schwiegersohn. (Während dieser Scene ist es nach und nach dunkel geworden.) Zwanzigste Scene. Fritz. Vorige. Fritz (durch die Mitte, mit einem Armleuch- tkr, welchen er auf den Tisch rechts stellt). Katzenspr. Hier (geht zum Tisch und schreibt einige Zeilen) ist meine schriftliche EinwiUi- siung zur Trauung. Fanny (leise zu Henriette und Fritz, der sich genähert hat). Das geht ja über alle Erwartung herrlich! Katzenspr. (hat geschrieben und gibt Benjamin das Papier). So — den Herrn Pastor werde ich sogleich verständigen lassen. Benj. Haben Sie die Gewogenheit Und nun, theucrste Braut, gestatten Sie mir, daß ich den ersten Kuß bräutigam- licher Liebe aus Ihre schwellenden Lippen drücke. Katzenspr. Halt! Da wird nichts geküßt. Ehe Sie nicht der Gemal meiner Tochter sind, dürfen Sie ihr nicht auf zehn Schritte in die Nähe. (Zu Fanny.) Ich mache Dich dafür verantwortlich und baue auf deine Wachsamkeit, auf deine Treue (zu Fritz) für diesen Herrn hier. Dem Herrn Baron von Wildegg bestelle ich Dich zum Wächter — Du wirst ihm auf Schritt und Tritt folgen, ihn nicht aus den Augen lassen, und haftest mir dafür, daß er mit meiner Tochter kein Wort spricht, sich ihr nicht nähert. Verstanden? Fritz. Sehr gut, Euer Gnaden Katzenspr. Noch Eins! Ich betrachte Sie, Herr Baron, als nothgedrungenen Schwiegersohn, werde also Ihrer Trauung, die mir keine Freude macht, nicht beiwohnen. Zu Zeugen ernenne ich Jacob und Fanny. Punctum! (Zu Henriette und Fanny) Nun könnt Ihr gehen. (Beide in dasSeiten- zimmer links ab. Zu Fritz.) Aufgepaßt! (Ihm eine Pistole gebend, während er die andere ein schließt.) Wenn der Herr hier Miene macht zu entspringen —Feuer! (Durch die Mitte ab.) Einnndzwanzigste Scene. Fritz. Benjamin. Benj. Entspringen? Gott bewahre! — Meine Stellung als Baron ist zu hoch, als daß ich an's Entspringen denken könnte. (Nimmt sich einen Stuhl und setzt sich ganz in den Vordergrund. Zu "Fritz.) Gefällig Platz zu nehmen? — Bitte, nur nicht geniren. 14 Fritz. Wenn Sie erlauben. (Nimmt einen Stuhl und setzt sich aus fünf Schritte Distanz Benjamin gegenüber.) Benj. Ich bin wirklich sehr gespannt, wie das ablaufen wird. Fritz. Zch bin auch gespannt, und (den Hahn spannend) der Hahn ebenfalls. Benj. (aufspringend). Lassen Sie den Hahn in Ruhe! Fritz (gleichfalls ausstehend). Bleiben Sie nur ruhig, Herr Benjamin. Ich bedauere Sie — Benj. Wie so? Fritz. Wenn Sie mich nicht verrathen, will ich Ihnen etwas entdecken. Herr v. Katzensprung will Ihnen seine Tochter zur Frau geben, aber er wird sie Ihnen nicht als Frau lassen, glauben Sie mir. Gleich nach der Hochzeit nimmt er die junge Baronin wieder zu sick und Sie siud verheirateter Witwer. Benj. Ach, das wäre ja nichtswürdig, grausam! Ich soll also eine Art Strohmann vorstellen? Fritz. So etwas dergleichen. Benj. Aber der Herr von Katzensprung sollte sich doch eine Ehre daraus machen, mein Schwiegervater zu sein. Er ist nur Herr von — ich bin Baron — da ist doch ein schöner Standesuntcrschied zwischen uns, eine Kluft, mehr als ein Katzensprung. Fritz. Nun, thnn Sie, wie Sie wollen. Ich habe Sie gewarnt. Benj. Ja, ich glaube schon, daß Ihr Recht habt, mein lieber Jacob. Also rin Anderer ist eigentlich des Fräuleins geheimer Liebhaber? Fritz. Wie ich Ihnen sage. Benj. Und Ihr kennt diesen Andern? Fritz. Wie mich selbst. Also hören Sie wohl! — Herr v. Katzensprung ist ein wunderlicher Kauz. In einer Stunde bereut er schon wieder, daß er die Heirat erzwungen hat, er wird froh sein, wenn er hört, daß sie nicht vollzogen worden ist. Benj. Er wird mich also nicht todt- schießen? Fritz. Gewiß nicht. Nun geschwinde geben Sie mir die schriftliche Einwilligung des Herrn v. Katzensprung. Der geheime Andere soll an Ihre Stelle treten. Benj. Aber was fang' ich an? — Ich kann mich doch vor dem alten Herrn nicht sehen lassen. Fritz. Sie verbergen sich indessen in meiner Gärtnerwohnung und kommen nicht eher heraus, bis ich Sie hole. Verstanden? Benj. Ihr seid ein spitzbübischer Kauz, Freund Jacob, ein Hauptintriguant, aber — das sage ick Euch, wenn ich in die Patsche komme, schieb' ich Alles auf Euch. (Gibt ihm das Papier.) Fritz. Es wird ganz gut ablaufen — nun aber schnell — es wird dunkel. Da — ist der Schlüssel zu meiner Wohnung — rühren Sie sich nicht — machen Sie keinen Lärm machen Sie auch kein Licht. Benj. Was — ich soll im Dunkeln bleiben? Fritz. Ja, jetzt muß noch Alles im Dun keln bleiben. Ueber ein Kleines wird Ihnen schon ein Licht aufgehen. Benj. Na schön. (Nimmt den Schlüssel.) Lassen Sie mich aber nicht zu lange im Finstern. (Mitte ab ) Zweiundzwanzigste Scene. Fritz (allein). Fritz So— der wäre beseitigt! Und nun, an's Werk! (Klatscht in die Hände.) Die Katastrophe naht. Jetzt, freundlicher Zufall, laß auch noch den letzten Strich ge lingen. Dreinndzwanzigste Scene. Henriette. Fanny. Fritz. Hcnr. (ist in einfachem Brautanzuge und hat einen Mantel übergeworsen). Fanny. Da find wir! Henr. Ach, Fritz, ich zittere vor Angst. Fritz. Seien Sie nur ohne Sorge. Sie eilen jetzt nach der Capelle und in zehn Minuten ist Alles vorüber. Halt, wer kommt da? — Phil, (noch in der Scene links), Jacob — Jacob! — Fritz (zu Fanny). Schnell mit Henrietten voraus in die Capelle — ich folge. (Alle Drei rechts ab.) Vierundzwanzigste Scene. Katzensprung. Frau v. Auenheim. v. Krabbe (durch die Mitte). Katzensp. (zu seiner Schwester). Mache mir den Kops nicht warm. Schreie mir die Ohren nicht voll! Ich habe genug von dem heutigen Familienspectakel. v. Krabbe. Nnis — o'est aKneux! 0'k8t »Arerix! Fr. v. Auenh. Ich sage Dir, Du wirst es bitter bereuen. Dieser sein sollende Baron v. Wildegg ist ein Mensch ohne Lebensart, ein ungeschliffener Patron. v. Krabbe. (In rustre — uu ^olisson! Katzcnspr. Ich kann nicht anders handeln. Die Ehre des Hauses — v. Krabbe. Non äiou — das laßt sich vertuschen. Ich hätte das Fräulein dennoch zu meiner Ehegemalin gemacht, trotz der flüchtig — leichtsinnigen liaison. Man drückt ein Auge zu (bei Seite) schon um des bedeutenden Heiratsgutes wegen. (Laut.) Ich hätte mit meiner Person den Mantel des Vergessens über das Geschehene gebreitet. Katzenspr.MeineTochter will abervicl- leicht keinen alten Mantel. Mit einem Wort, es ist zu spät. In diesem Augenblick ist die Heirat bereits vollzogen. Künfundzwanzigste Scene. Philipp (durch die Mitte). Vorige. Phil. Gnädiger Herr — Katzenspr. Was gibt's? Phil. Es ist ein fremder Herr draußen, der Sie zu sprechen wünscht. Katzensp. Hat er seinen Namen nickt genannt? Phil. Nein, er will mit Ihnen gleich insgeheim sprechen. Katzenspr.Wahrscheinlich der alte Baron. (Zu Philipp.) Bitte ihn, einzutreten. (Philipp durch die Mitte ab.) v. Krabbe (entfernt sich mit Frau von Auenheim durch die Thür links). Wir wollen nickt stören! Sechsund zwanzigste Scene. Katzensprung. Tann Möllner. Später Philipp. Katzenspr.Nun bin ich neugierig, was der Alte zu der Geschichte sagen wird. Möllner (eintretend). Habe ich die Ehre, Herrn v Katzensprung zu sprechen? Katzenspr. Der bin ich! (Bei Seite.) Das ist ja gar nicht der Baron. Möllner. Ich bin der Kammerdiener des Herrn Barons von Wildegg. Katzenspr. Ach so! Wo ist er selbst? Ex hat doch meinen Brief erhalten? Möllner. Ja, er ist auch bereits im Orte angelangt und im Gasthofe abgestiegen. Katzensp. So, warum im Gasthofe? Möllner. Es ist uns ein Rad gebrochen — und wir haben den Wagen noch zur Noch in den Gasthof schleppen lasten; der Herr Baron hat nun eben noch eine Conferenz mit dem Schmied wegen der Reparatur, wird aber dann sogleich die Ehre haben, seine Aufwartung zu machen, und hat mich indeß vorausgesandt, um ihn zu melden. Katzenspr. So so! Sie sind von dem Zwecke der Herreise des Herrn Barons unterrichtet? 16 Möllner. Vollkommen; ich stehe seit zwanzig Jahren in seinen Diensten und genieße das vollkommenste Vertrauen meines Herrn. Vor seinem alten Möllner hat er kein Geheimniß. Katzenspr. Schön, schön! Möllner. War es wirklich ein Liedes- Handel mit dem Fräulein Tochter, welcher ihn zu der Verkleidung veranlaßt hat? Katzenspr. Allerdings. Möllner. Und was gedenken Euer Hochwohlgedoren in dieser Sache zu thun? Katzensp. Habe bereits Alles gethmu der junge Herr hat sich bequemen müssen, meine Tochter augenblicklich zu seiner Gattin zu machen. Möllner. Diese Wendung wird den alten Baron ein wenig überraschen — aber ich denke, die Sache wird in Frieden und in Güte ablaufen. Man hat die Conve- nienzheirat rückgängig gemacht und besagtes Fräulein wird sich nächstens mit einem jungen Rittmeister in der Residenz verloben. Katzenspr. Desto besser! Phil, (durch die Mitte lrise zu Katzensprung). Alles vorüber! Das Fräulein ist mit Fanny auf ihrem Zimmer, der junge Herr Baron kommt eben mit dem Gärtner Jacob durch den Garten herauf. Katzenspr. Gut. Wenn der Herr — ankommt, führe ihn sogleich auf mein Zimmer. Phil. Also der Herr da ist nicht — Katzenspr.Nein. (Zu Möllner.) Bittemir in mein Cabinet zu folgen. (Beide rechts ab.) Siebenundzwanzigste Scene. Philipp. Baron v. Wildegg. Dann Benjamin. v. Wild egg (durch die Mitte). Ist Herr von Katzensprung zu sprechen? Ich bin der Baron von Wildegg. Phil. Ich habe bereits Ordre, den Herrn Baron auf der Stelle zum gnädigen. Herrn zu führen. (Oeffnet ihm die Thür rechts, durch die er abgeht.) So — der ist da, nun kann der Spectakel losgehen. (Will durch die Mitte ab. Benjamin tritt ein.) Eben rech^ Herr Baron, der Herr Papa ist bereits an^ gekommen! ^ Benj. Schon da? Warum eilt er mir nicht entgegen? Phil. Er ist hier (nach rechts zeigend) bei dem gnädigen Herrn. Benj. Dort! Also nur diese Thüre trennt mich von ihm? Der große Augenblick naht! Ich höre Schritte! Laßt uns allein, Philipp. Die Scene, die jetzt kommen soll, duldet keine Zeugen. Phil, (durch die Mitte ab). Achtundzwanzigste Scene. Benjamin. Dann Möllner (von links». Benj. Es nahet Jemand der Thüre — ich ahne »den väterlichen Fußtritt-«. Möllner (eintretend bei Seite). Man hat sich verständigt, nun will ich den jungen Herrn holen und ihm sagen — Benj. (breitet die Arme aus, ohue ein Wort zu reden). Möllner. Wer ist da?-Nun, was soll das heißen? Denj. (wiederholt die vorige Gebilde). Möllner(für sich). SonderbarerMensch; wie er mich anstarrt. (Zn Benjamin.) Reden Sic doch! Was soll dieseGeberdc bedeuten? Benj. Sagt Dir dein Herz nichts, Mann? — Sieh hier deinen Sohn! Möllner. Sind Sie toll? Benj. (das Medaillon aus dem Busen ziehend), Hier mein Talisman, meine Wünschest ruthe — dießmal hat sie mich nicht betrogen — Du, Du bist mein Vater! Möllner (das Medaillon betrachtend) Mein Gott, wär's möglich — dieses Medaillon — ich hing es meinem neugebor- nen Sohne vor sechsundzwanzig Jahren 17 um den Hals — es war am Vorabend des Ausrückens in's Feld — ich mußte Weib nnd Kind verlassen, ich sah beide niemals wieder — alles Nackforschen war vergebens— das Dorf Niedernberg, in dem wir gewohnt, fand ich als Brandstätte wieder — ja — es ist kein Zweifel, Du bist mein Sohn, mein langvermißterBenjamin! Benj. So hat die Stimme meines ahnenden Herzens nun doch endlich Recht behalten. O, ich habe viel nachzuholen; sechsundzwanzig Jahre, und nichts für die Unsterblichkeit gethan! Möllner. Aber Du kommst mir sonderbar vor — diese Sprache? Benj- Frappirt Dich, nicht wahr? Glaub's wohl — ich galt hier allgemein für halb verrückt, weil ich nicht verstanden wurde, weil ich nicht herabsteigen wollte zu den blöden Naturen meiner Umgebung. Jetzt ist die Verzauberung gelöst, in die das Schicksal als böse Fee mich gebannt hatte, und wie in alten Märchenzeiten aus einem Bären ein Prinz wurde, so wird aus dem Koch — Möllner. Ein Narr. Höre, Benjamin, Du machst mir wirklich bange; ich glaube im Ernste, bei Dir rappelt's. Benj. Sage mir, Vater, heiße ich wirklich Benjamin? Möllner. Wie sonst? Benj. O, — schließe mich nochmals in deine Arme— ich will dein Sohn sein und bleiben — ich erbe deinen Namen, dein Vermögen, dein Wappen! — Möllner. Vermögen! — Wappen! Welches Wappen? Benj. Das Wappen der Familie! Sage — wie viele Ahnen haben wir? Was erzählen die Geschichtsbücher von den Thaten unserer Vorfahren? Wo haben sie sich ausgezeichnet? Wo haben sie gekämpft und geblutet! O, ich will auch kämpfen — aber ohne zu bluten, wenn es möglich ist. Möllner. So höre doch auf mit dem wahnsinnigen Geschwätz! Ich bin ja Kammerdiener! Thtatti-Rtpttt»«« Rr. Ue. Benj. (drei Schritte zurücktaumelnd). Kammerdiener ! Möllner. Ja, Kammerdiener des Barons von Wildegg! Benj. (zerschmettert). Kammerdiener! Nein, nein, es kann nicht sein! Ick finde den Vater und verliere den Baron! Unmöglich! Unmöglich! Neunundzwanzigste Scene. Katzensprung. Baron von Wildegg. Henriette. Fanny, v. Krabbe. Frau v.Auenheim (von rechts). Dann Philipp. Fritz (durch die Mitte). Hritz (bleibt im Hintergründe). Katz enspr.Was ist das für ein Lärmen! Ach — der junge Herr! (Zu Baron v. Wildegg ) Baron, hier — (auf Benjamin zeigend) übergebe ich Dir den verliebten Landläufer. v. Wildegg. Wen meinst Du? Katzensp. Diesen jungen Mann da — Benj. (geht ängstlich gespannt auf den Baron zu und hält ihm das Medaillon vor). v. Wild egg. Diesen jungen Mann da! Den kenne ich gar nicht! Das ist gar nickt mein Sohn! Benj. (fällt erschöpft auf einen Stuhl). Katzenspr. Nicht deinSohn? Nickt der junge Baron von Wildegg? Möllner. Nein, sondern mein Sohn, der Sohn des Kammerdieners Franz Möllner, ehemals Wacktmeister im zweiten Dragonerregiment. Benj. Ein kleiner Dragonerjunge! Katzenspr. Schrecklich, gräßlich! Ick werde wahnsinnig! Fr. v. Auenh. (für sich). Jetzt hat er's! Schöne Entwicklungsgeschichte — das kommt von seinen verrückten Ideen! O meine Ahnungen! Das sind die Folgen, wenn man — v. Krabbe. O'est aKrsni! Es ist ein Scandal! - r 18 / v. Wild egg. Aber ich begre e die Verwirrung nicbt! Mölln er. Ich auch nicht! v. Wild egg (zu Möllner). Also das ist Ihr so lange vermißter Sohn? Ich bin berzliä' erfreut darüber, lieber Möllner. Katzenspr. Aber ich nicht— Donnerwetter — ich hielt ihn für deinen Sohn und — o ich kann's gar nicht sagen — lAnf Benjamin losstürzend.) Herr, wie konnten Sie sich unterstehen, mich zum Besten zu haben, einen Namen zu usurpiren, der — der — o, es ist ungeheuer! Benj. Fragen Sic mich gar nichts! Ich kann nicht reden. Ich bin so niedergeschmettert —so aus allen geträumten Himmeln gestürzt-ich weiß Ihnen gar nichts zu sagen, als — mir scheint, wir haben uns Beide außerordentlich blamirt. Katzenspr. (zu Wildeggl. Es hilft nichts — es muß heraus — ich habe meine Tochter mit diesem jungen Menschen da — den ich für deinen Sohn gehalten habe — verheiratet — Fr. v. Auenh. Das sind die Folgen, wenn man — Katze nsp. (zu Benjamin). Mein Herr, wenn Sie nicht allen Rechten und Ansprüchen entsagen, schieße ich Sie todt und macke meine Tochter zur Witwe. Benj. (ganz zerknirscht). Lassen Sie mich leben! Ich habe gar nickt die Ehre, Ihr Schwiegersohn zu sein! „. Fr. v. Auenh. Was ist denn das wieder? Benj. Ick bin zurückgetreten, einem andern geheimen Liebhaber des Fräuleins zu Gefallen! Katzenspr.Wer ist dieser Andere? Wo ist dieser Andere? Fanny (Fritz vorführend). Hier! E n ' - ^tll- Katzenspr. Mein Gärtner — Benj. Er! v. Wildcgg. Mein Sohn! Katzenspr. Was, dieser? Fritz. Ja, Vater — dein Fritz, der hier als Gärtner sich cinscklick, und von den verschiedenen Mißverständnissen und der siren Idee dieses jungen Mannes da (auf Benjamin zeigend) begünstigt, diese Verwirrung angerichtet har. Katzenspr. Also Sie sind — Fritz. Fritz Baron v. Wildegg und laur dieser schriftlichen Einwilligung seit einer Viertelstunde der ehelich angetraute Gemal Ihrer Tochter. — Dringen Sie noch aus Scheidung? Katzensp. Nein, nein, ick danke Gott, daß die Sache so ablänft. Habe Angst genug ausgestanden- Möllner (zu Benjamin). Sage mir dock nur, wie kamst Du auf den Gedanken? Benj. Ewiger Schleier decke dieses Trugbild meines Gehirns. Fritz. Mein lieber Doppelgänger und gestürzter Pseudo-Baron —seien Sie ein Mann und fassen Sie sich. Genügt Ihnen die Stelle als erster Koch in meinem Hause, so sei diese Ihnen unter der Bedingung, daß Sie gut machen, was Sie im Hoch- muth gefehlt haben, daß Fanny Ihre Frau werde. Benj. Wenn sie mich noch will. . Fanny. Nun also, Benjamin, bin ich jetzt deiner würdig? Benj. Spotte nur, Du hast Recht. Aber ick bin gründlich geheilt. Ausgestorben ist das Reich der Träume — am Heerde will ich wirken und sterben, Dort fordere ich mein Jahrhundert in die Schranken! Das sei von heute an meine einzige fire Idee! (Der Vorhang fällt.) > ,, .1 ' - ^ ' Hi' oe. , , ' , . ,1. . -I ,»r -Illtlci - .. . . -Nil >> i, . ! ' I! Mllh.' 'MN ? !',!!> - mm Den Bühnen gegenüber als ManuscrtpL gedruckt. Die Jungfer Taut'. —- Volkskomödie mit Gesang in drei Acten mit neun Bildern von Alois Berla. Musik vou O. Storch, Sohn. Erstes Bild: Eine alte Jungfer. Zweites Bild: Ein majorennes Findelkind. Drittes Bild: Der Weg in den Himmel. Viertes Bild: Der Bettgeher. Fünftes Bild: Die Soirse in der Schwemm. Sechstes Bild: Abgeblitzt. Siebentes Bild: Ein Winkelversatzamt. Achtes Bild: Einer, der seine Sünden büßt. Neuntes Bild: Zwischenbrücken. Personen: Jungfer Christine Herzig, Hausbesitzerin in der Vorstadt. Carl, ihr Neffe, Diurnist. Peregrinus Böckel, Besitzer einer Leimsiederei. Willibald Wichtl, Chortänzer im Ballet. Ernst Fröhlich, Musikus. Pumps, Gastwirth. Resi, seine Nichte. Magdalena Linden. Carl, ihr Sohn. Feinmann. Uhrmacher, Spineder, Amtsdiener, Frau von Psiss, Miethsleute im Hause der Herzig. Fleck, Schneider. Madame Schmalzt. Gerstl, Fabrikant. Finsterle, Oelerer. Frau Puss, Nähterin. - - Mali. Fuxl, Schreiber. . . Kathi, . -> -> ) Lori, > Balletmädchen. Fanny, 1 Riegl, Hausmeister bei Jungfer Herzig. Miethsleute. Wirthshausgäste. Kirchengänger, Balletmädchen. Kellner rc. Erster Act. (Ein nach der Mode der Zwanzigerjahrc tapc- zirtes und möblirtes Zimmer. Tische und Stüdlc nach alter Form von schwerem Eichenholz. Ein Sopha, so wie die Stühle mit schwarzem Leder überzogen. Eine Wanduhr. Nebftdem an der Mittelwand zwei Porträts in altmodischen Rahmen. Das eine stellt einen Bürgerofficier aus dem Neunerjahr, das andere eine Dame aus derselben Zeit vor. Links, rechts und in der Mitte je eine Thür. Weiße Gardinen rechts am Fenster Links und rechts immer vom Zuschauer genommen.) Erste Scene. Feinmann, Fleck, Spineder, Frau von Pfiff, Riegl. Riegl (kommt beim Ausziehen des Vorhanges von der Seite rechts, geht nach der Mittelthür und sagt, selbe öffnend). Bitt'nur hereinzuspa- ciern. Die Eintretenden. Guten Tag! 8srvu8! Ihr Diener! Riegl (erwiedernd). A so viel! (Blickt umher.) Schaut's, schaut's, von zweiundzwanzig Parteien sieh i nit mehr als fünf Stück, die da sein, um den Lichtmeßzins zu zahlen. Die Andern warten wieder bis zum Muß oder gar noch länger. Wer aber is Schuld? Niemand Anderer als die gnädige Fräula Hausfrau. Die verdirbt durch ihre unzeitige Gutheit, durch ihre beispiellose Nachsichtigkeit alle Parteien. Fcinm. Sein's still, über die Fräul'n Herzig laß ich nir kommen. Flick. Ich auch nicht. Spined. Sie, das schwache Weib, die Jungfer, hat mehr Charakter als mancher Mann! Fr. v. Pfiff. Und dabei ist sie so fromm, so gottesfürchtig, eine wahre, echte Christin. Riegl. Sehn's, eben d'rum ärgert sie sich auch unchristlich darüber, daß Sie, meine liebe Frau von Pfiff, Ihr ganzes Logis an Bcttgeher verlassen, von denen Sie alle Quartal mehr als den, freilich sehr billigen Zins 'rausschlagen. Fr. v. Pfiff. Mein Gott, ich bin eine Witwe, und muß sehen, wie ich bei der theuern Zeit durchkomme. Riegl. No auf die Art wie bis jetzt net mehr; das kann ich Ihnen schon sag'n. Die gnädige Fräula Hausfrau leidt's nimmer Ihre fünfundfufzig Vetter »für ein'n soliden Herrn!« Fr. v. Pfiff (aufgeregt). Was sag'n Sie? Das wär' doch — Riegl (ohne auf ihre Worte zu hören, sagt er zu dem Eintretenden, sich tief verbeugend). Had unterthänigst die Ehre, Herr von Böckel! Zweite Scene. Vorige. Böckel. ' Böckel (einfach gekleidet — Glatze —freundliche, zuweilen schielende Augen — ungefähr fünfzig Jahre alt — gemächlicher Redeton). Gruß U der Himmel, guter Hausmeister. Riegl (devot). Wie steht's mit Dero werthem Befinden? Böckel. No, so, so! Wann ich nur nickt immer Gewissensbisse l ätt'! Riegl. Ei, warum denn? Böckel. Er weiß doch, daß ick eine größt Leimsiederei betreib'! Nun sieht Er— das Leimsi eben ist heutzutag kein so gutes Geschäft mehr wie früher, wann man sicks auch noch so angelegen sein laßt. Daher muß man die Arbeitskräfte reduciren, dadurch werden verheiratete Leut', die ein' Bünkl Kinder bab'n, brodlos, — sie jammern — man weiß dann net, thut man recht oder unrecht — und sieht Er, da peinigen Einem die Gewissensbisse. Riegl. Oho! Böckel (seufzend). Und man könnt' so zufrieden sein, wann die Leut' auf'n Leim gingen wie ehedem! Aber verplauschen wir die Zeit nicht mit profanen Discursen. (Süßlich.) 3st meine hochverehrte Freundin, die wohlehrsame Jungfrau Christine Herzig, zu sprechen? Riegl. O ja, dieFräul'n Hausfrau will zwar g'rad einnehmen — Böckel (höchst besorgt). Sie will einnehmen? Jst's denn krank? Riegl. Na, den Zins will's einnehmen — da sein die Parteien — sie warten schon! Böckel. Na, da will ich nicht aufhalten. Ich komm' später. Riegl. Na, bitt' — die gnädige Fräula Hausfrau erwartet Sie ja! Geh'ns gleich mit uns hinein. Die Leut' können den Zins a in Ihrer Gegenwart zahlen — kommen's nur! (Zu den Andern.) Ich bitt'! (Sämmtliche Anwesende folgen Riegl, der sie nach rechts führt.) Böckel (im Abgehen für sich). Bei diesem feierlichen Acte bin ich sehr'gern zugegen, da kann ich mich gleich für die Zukunft orientiren. (Er geht ab, die Andern mit.) Dritte Scene. Resi (ein hübsches Mädchen, nett gekleidet, mit kinem runden Hütchen aus dem Lockenscheitel, Handschuhe rc. tritt durch die Mitte ein. — Musik). Lied. 3ch bin zwar nur aus g'ringem Stand Und doch von feinem Wesen, Man kann das Wort Noble ss' mir von Der Stirn herunter lesen; Der Wirth, mein Onkel, aber macht Mir oft mit sein'n Manieren Recht viel Verdruß, no ja, am End' Muß man sich schon genieren. Prosa: Ich sag' meinem Onkel oft, wann ich zu ihm in die Schwemm' komm', wo die Fnhrleut' und sonstige Gäst' sitzen: Lieber Onkel, es ist recht schön, daß Sie das Bier frisch vom Zapfen und den Wein aus dem Mutterfaff'l schenken — Gesang: Aber d'Gäst, die net zahlen, werfen Sie gleich hinaus, Seins doch nobel — nur nobel, das bitt' ich mir aus. (Geht mit vornehmer Haltung umher.) Bis jetzt war ich mit Leidenschaft Balletmadel beim Theater, Mein Onkel aber, der für mich Sorgt wie ein zweiter Pater — Der will durchaus, ich soll der Kunst Für immerdar entsagen, Um praktisch z'werd'n, mir einen Dienst Als Stubenmadel erfragen. Prosa: Ich, die ich bereits in der letzten Quadrille tanzte, ein Stubenmadel? Hab' ich entsetzt ausgerufen. S'Maul halt, dummes Ding, hat meinOnkel, der Wirth, erwiedert; ich will, daß Du Sinn kriegst für die gewöhnlichen, bürgerlichen Verhältnisse. Als wenn ich'n net eh hätt' den Sinn für's Bürgerliche. Wie oft bin ich bei den Sitzungen in der Wipplingerstraße g'west, Hab' auf die Reden der Herren Gemeindevertreter aufgepaßt wie aHaftlmacher, wann Einer von die Herrn Commi— Com- mi — no wie sagt man denn? Commini- sten so recht Josef Wagnerisch gesprochen hat, ah — Gesang: Hab'g'laubt ich, ich müßt' ihm gleich spenden Applaus, Denn nur nobel — nur nobel, das bitt' ich mir aus! (Geht aus und ab, und klatscht dabei graziös lächelnd in die Hände.) 1 * 4 Ich krieg' wohl schwerlich einen Mann Aus adeligem Geblüte, Ich bin zu arm, als daß mir einst Ein solches Glück erblühte; Doch der, der mich für alle Zeit Als Gattin will erhaschen, Der muß schon einer sein, der sich — No, der sich halt hat g'waschen. Prosa: A feiner, aufmerksamer, eleganter Mensch! Die Haare muß er sich alle Tage brennen lassen, alle zweite Tag muß er frisch geputzte Handschuh und Donnerstag und Sonntag a frisch's Hemd anzie- hen. Er kann mir sogar a Bissel untreu sein, ja wirklich, meiner Seel'! Gesang: Ich mach' mir aus einer Liaison g'rad nir d'raus, Aber nur nobel — nur nobel, das bitt' ich mir aus! Also hier is der Schauplatz meines zukünftigen Wirkens. Bei einer alten Jungfer ! No! die wird mich weiter net malträ- tir'n. Aber was will ich machen? Mein Onkel hat g'sagt: »Daß Du mir nicht etwa zu so ana Hudriwudri-Familie in 'n Dienst gehst, oder gar zu ein'n alten Herrn als Wirthschafterin.« Und weil ihm nun einer von unsere täglichen Gäst', der Musikus Fröhlich, verrathen hat, daß die Jungfer ein Stubenmadcl sucht, so hat er mich Knall und Fall herg'schickt, und jetzt darf ich dazu- schau'n, daß ich den Dienst krieg, sunst wird mein Onkel iuchti und z'reißt mich trotz meiner Nobleß in der Luft. (Dir Mittelthür ge§t auf, Fröhlich erscheint in derselben.) Ah, da kommt grad' mein Gignon, der Musikus, ich muß ihm doch ein paar Sotisen an- hängen. Vierte Scene. Vorige. Fröhlich. Fröhl. (ein ältlicher robuster Mann mit weingrröthetem, aber intelligentem Gesichte. Reinliche Kleidung weißes Halstuch, mit den altmodischen Zipfeln, Drillen, die tief auf der Nase sitzen, so daß er zuweilen mit den Augen darüber wegspäht. Das Haar ü I» Beethoven, scheinbar gleichgiltiges Wesen, häufig Tabak schnupfend, aber mit großer Behäbigkeit, kurze rhapsodische Sprachweise. Beim Eintreten fleht er links und rechts, wobei er unwillkürliche Verbeugungen macht) Kein Mensch da — Bisserl warten — (zieht die Dose, wobei er den Hut zwischen die Beine nimmt). Resi (zu ihm herantretend). Guten Tag, Herr Fröhlich! Fröhl. (über die Brille wegsehend, nachdem er Rest erkannt, gleichgiltig). Servus! (Schnupft ) Resi (beleidigt). No, Sie könnten — glaub' ich — schon a Bissel böslicher sein! Fröhl. Net nothwendig! Resi (ärgerlich). So? Glauben also, ick bin schon Dienstbot? Mein lieber Herr Fröhlich, vergessen Sie nicht, daß ich bis jetzt imTheater auf der Bühne oben tanzte, während Sie tiefuntermirim Orchester s' Bassettel sekirten. Fröhl. Lieber unten knotzen, als oben — (macht eine schwerfällige Tänzerattitude). Resi (zornig). Sie sein ein Ignorant — der für das Schöne in der Kunst kein' Sinn hat! Fröhl. (mürrisch). S' Schöne — in der Kunst? — gibt's net — schon lang aus der Mod' — Hauptfach': paff machen (zuckt die Achseln) übrigens — mir - Wurst! Resi. Wann Ihnen Alles Wurst ist, st war's a g'scheiter g'wesen, Sie hätten mein' Onkel net aufmerksam g'macht, daß die Jungfer dahier ein Stubenmadel suckt — glauben's, Sie haben mir damit ein'n Gefall'n erwiesen? Fröhl. (aufrichtig) Na; weiß's schon woll'n net gern arbeiten, lieber umahupfen. Resi. Ah, was! Das Tanzen is a ein' Arbeit. Fröhl. Für mich—'s zuschau'n (schnupft ) Resi (zornig). O, Sie beleidigender Mensch, wär'n Sie nur net mein Onkel sein Stammgast, so saget ich Ihnen jetzt a 5 paar Grobheiten, die — (unterbricht sich und nach rechts blickend). Ah! 's kommt wer — da is die Jungfer — Fröhl. (sehr ausgeregt). Die Jungfer Herzig? Fünfte Scene. Vorige. Feinmann, Fleck. Spineder, Frau von Pfiff, Madame Schmalzt, Riegl (kommen von links; ihnen folgen Christine und Böckel, der Christinen den Dortritt läßt). Fein mann, Fleck, Spineder, Frau von Pfiff, Madame Schmalzt (im Abgehen gegen Christine gewendet sagen sie:) Haben die Ehre uns zu empfehlen. (Ab durch die Mitte.) Ehrist. (eine Dame von ungefähr vierzig Jahren mit freundlichen, aber sehr marquirtcn Gesichtszügen. Sie trägt einen dunkelblauen Rock mit knapp anliegendem Leib und engen Acrmeln, die gegen die Schultern zu ,ein wenig weiter sind bin weißes Schleiertuch mit Spitzen hüllt die Brust ein. Manchetten, gestrickte Halbhandschuhe. Das Haar ist rückwärts hoch ausgestcckt, lange Scheit- locken mit Kämmen befestiget, rahmen das Gesicht ein. Eine gewisse Zimperlichkeit und das Unmodische der Kleidung üben zuweilen eine fast komische Wirkung). Ehrl st. (den Abgrhenden freundlich zurnfend). Adieu, meine Lieben! B'hüt Gott! (Kommt vor und sagt, sehr bündig sprechend) Hausmeister! (Zu Blöcke! ) Bi te, setzen Sie sich, mein Freund! Böckel. O, ich danke! Riegl. Befehl'n, gnä Fräula Hausfrau? Ehrist. Daß Er sich nicht einfallen läßt, mit den Parteien, die den Zins nicht bezahlt, unhöflich zu sein. Riegl. Oh, gnädige Fräula Hausfrau, öis zum Muß red' ich gar nir. Ehrist. Und nach dem Muß hat Er noch weniger zu reden. Riegl. Aber ich bitt' — s' is wegen die 'Kündigungen, respective allenfallsige Pfändungen! Ehrist. S' wird Niemand gekündigt— Niemand gepfändet. Ich kenne meine Parteien, sind durchweg brave Leute, denen ich in keinem Fall wehe thun möchte! Geh' Er! Böckel (schwärmerisch). Nein, die Milde— diese Engelhaftigkeit! Riegl. Küß d' Hand, gnä Fräula Hausfrau. (Gehtab.) Fröhl. (der bei Christinens Erscheinen sehr unruhig wurde, die Brillen geputzt und geschnupft, tritt jetzt vor und sagt mit tiefen Bücklingen und einigermaßen bewegtem Tone). Schamster Diener, Fräul'n! Christ, (freundlich). Ah, Herr Fröhlich! Fröhl. Bitt' — Zins — (gibt ihr Geld) fünfundzwanzig Gulden — zähl'ns! Christ. Nicht nöthig, lieber Herr Fröhlich. Ich kenne Ihre Pünktlichkeit. Sind Sie auch zufrieden mit der Wohnung? Fehlt nichts? vielleicht ist eine Reparatur anzuordnen? Fröhl. Nir Reparatur — Alles pump fest — herrliches Logis — Aussicht gar himmlisch. Christ, (lächelnd). Sie haben ja gar keine andere Aussicht als die nach dem Fenster meines Arbeitszimmers? Fröhl. (vergnügt). Eben d'rum schau' immer herüber. (Mit Gefühl.) O Fräulein! Böckel (der mit einigem Mißfallen zuhört). Hochverehrte Freundin, wer ist denn Ihr vi8-ü-vi8, wann man fragen darf? Christ. Dieser Herr ist Musikus im Opernthcater. Böckl (entsetzt). Musikus — Operntheater, wo sie singend und hüpfend dem Laster huldigen, Cancan tanzen. — (Mit Abscheu.) O, mich grußelt! Fröhl. (sieht ihn zornig an und ruft). Mich auch — raunzen und Augen verdrehen — sich schön machen, weiß Gott wie fromm sein. (Mit Indignation.) Gleichfalls Cancan! (Deutet anfs Herz.) Innerlicher! Böckel (auffahrend, mit gekränktem Tone). Wie? Was? — 6 Christ, (bedeutsam). Herr Fröhlich — Sie wissen wohl nicht, daß dieser Herr mein Freund ist? Fröhl. (der seine Erregung niederkämpft). Freund? Der? (Ruhig.) Uebrigens — mir Wurst! Diener! (Verneigt sich und geht durch dir Mitte ab.) Sechste Scene. Vorige ohneFröhlich, gleich daraufCarl. Böcke! (außer sich). Ein merkwürdiger Grobian dieser musikalische Baalspriester. Christ. Ah, lassen Sie ihn gewähren. Er ist ein Sonderling, außerdem ein höchst ehrenwerther Mann. (Earl bemerkend, der durch die Mitte cintritt.) Ah — Carl, kommst Du erst aus dem Amte? Carl (ein junger Mann, der ein wenig verkümmert aussieht. Er geht zu Christine und küßt ihr die Hand). 3a, liebe Tante, ich hatte einige wichtige Gänge im Aufträge meines Chefs, die ich lieber gleich besorgte. Christ, (mit mütterlichem Tone). Recht so! Es freut mich, daß Du Dir die Pflichten deines neuen Berufes so recht angelegen sein lässest Carl, (mit trübem Lächeln). Ich muß wohl, wenn ich nicht als Diurnist mit dreihundertfünfzig Gulden Jahresgchalt meiner lieben Tante immerfort zur Last fallen will! Christ. Nun, mit einem Avancement wird's wohl nicht so bald etwas werden, aber deßhalb sollst Du nicht allzulang Noch leiden. Dafür habe ich bereits gesorgt. Carl. Wie verstehen Sie das, Tante? Christ Du kennst Jda, die Nichte meines geehrten Freundes, Herrn von Böckel.— Die Hab' ich Dir zur Frau bestimmt. — Zn sechs Wochen ist Hochzeit. Carl (erschrickt). Tante — ich sollte—? nein, das ist unmöglich! Christ. Wie, unmöglich, sagst Du, NeHe? Böckel(der Resl zuvor bemerkt und betrachtet). Hochgeehrte Freundin, wir sind nicht allein. Christ, (wendet sich um). Wer ist hier? (Zu Resi.) Was beliebt? Resi (vortretend und eine Attitüde machend). Ich, Fräulein — ! Ich Hab' erfahren, daß Fräulein ein Stubenmädel suchen; als dieses präsentir' ich mich gefälligst! Christ, (sie betrachtend). Mit Crinoline und Federhut? Meine Liebe, damit pra- sentirt Sie sich sehr unvortheilhaft! Resi (ungläubig). Ah na, steht mir ja sehr gut. Christ. Nach Ihrem Geschmacke, der aber nicht der meinige ist; geh' Sie, kann Sie nicht brauchen. Resi (nimmt erschrocken den Hut ab). Die Crinolin' zieh' ich g'wiß später aus, aber ich bitt', Fräulein, nehmen's mich, denn wann mein Onkel erfahrt, daß ich mit'n Federhut abbrennt bin, so — so — ich bitt' recht schön, nehmen's mich — ich — ich muß zu einer alten Jungfer — ah — (sich verbessernd) wollte ich sagen. Christ, (lacht). Sie braucht sich nicht zu corrigiren. Ich bin eine alte Jungfer, und bin's mit Stolz! Resi (verwundert). Sv? Christ. Ja, Sie mags glauben, daß ich mit Stolz eine alte Jungfer bin, denn 's ist eben ein Zeugniß für mich, daß ick nie nach dem strebte, was heutzutage so selten ist wie vierblättriger Klee, nach einem Manne! Böckel (deprecirmd). No jetzt, hochgeehrte Freundin, was den vierblättrigen Klee betrifft, so — CH ritt, (ohne auf Böckel zu achten). Indessen — ich muß sagen — Ihr Benehmen gefällt mir besser als Ihre Toilette. Sag' Sie mir, wer ist denn Ihr Onkel, dessen Sie erwähnte? Resi. Es ist der Gastwirth Johann Pumpf in der Steingassen. Christ. Gut, ich werde mich erkundigen. Komm' Sie morgen Früh, ich denke, wir dürften uns einigen. Für jetzt b'hüt Sie Gott! 7 Resi. Küß' d'Hand, Fräul'n! (Küßt ihr die Hand, für sich im Abgehcn.) Also Morgen ohne Crinoline! (Seufzend.) Wo bleibt denn nachher die Nobleß? (Nimmt eine noble Haltung an. weil sie aber merkt, daß Christine sie beobachtet, knickt sie zusammen und schleicht sich ganz dcmüthig zur Thür hinaus.) Siebente Scene. Vorige ohne Resi. Christ, (zu Carl, der in Nachdenken versunken an der Seite steht). Nun zu Dir, Neffe. Du hast vorhin eine Aeußerung gethan, die — Carl. Beste Tante — es versteht sich doch von selbst, daß ich in meiner Stellung als Diurnist an keine Heirat denken darf. Christ. Deßhalb habe ich für Dich daran gedacht. Ich und HerrBöckel sind einig, er gibt seiner Nichte eine Aussteuer — Böckel(bescheidkns. Fünfzehnhundert Gulden und die Wasch'! Gern thät' ich mehr, aber meine Leimsiederei legt mir zu große Lasten auf. — Christ, (unterbrechend). Cs ist nicht mehr nöthig, denn ich gebe meinem Neffen ohnehin zwanzigtausend Gulden und freie Wohnung in einem meiner Häuser, da kann das junge Paar schon zufrieden sein. Carl (gerührt). Theure Tante, ach, wie gut sind Sie — Christ, (sanft). Immer, mein lieber Carl, wenn Du mich nicht hinderst für dein Glück zu sorgen. Sieh, damals, als Du Buchhalter in Schlesien warst, da konntest Du nach deinem Gefallen leben, und was war die Folge? Du geriethcst in schlechte Gesellschaft, machtest Schulden, und hätte ich Dich vor vier Monaten nicht ausgelöst, Du säßest heute noch im Schuldenthurme. Seit der Zeit lebst Du bei mir, einfach, aber ruhig, nichts quält Dich, Du bist ein selbstständiger Mensch, und wenn Du durch meine Beihilfe ein glücklicher Gatte und Familienvater geworden bist, und ich schon lange im Grabe modere, so wirst Du gewiß mit Rührung meiner gedenken und sagen: Sie hat's doch aufrichtig mit mir gemeint, — die alte Jungfer Tant'! Carl (in großer Bewegung). Ach! Böckel (der ungemein gerührt thut, sagt, stob er mit sich selbst spräche). Sie will modern — dieser Engel der Güte, der nur aus Gnad' uud Barmherzigkeit mit dieser sündhaften Menschheit hienieden herumwandelt. Sie, mein Augentrost und Herzensbalsam, will im Grabe modern! Da müßt' ich ja wie Hiob ausrufen: Mein Antlitz ist geschwollen vom Weinen und meine Augenlider sind verdunkelt! (Er verhüllt sich das Gesicht.) Christ, (die Böckel mit Theilnahme betrachtet, sagt dann zu Carl). Lieber Carl, wenn Du mir eine Freude machen willst, so gehst Du jetzt gleich zu Jda, und leistest ihr Gesellschaft, bis Herr Böckel nach Hause kommt. Du thust es, Carl, wenn Du deiner Tante eine recht große Freude machen willst. Carl (den es drängt, ihr ein Geständniß zu machen). Tante — ich — Böckel (schluchzt auf). Carl (wirft einen unwilligen Blick auf Böckel und sagt resignirt). Wie Sie befehlen, Tantel (Geht schnell nach rechts ab.) Achte Scene. Christine. Böckel. Christ, (geht zu Böckel und sagt sanft). Nun, mein Freund, Sie freuen sich doch, daß unser Lieblingsplan bald zur schöne» Wirklichkeit herangereift sein wird? Lassen Sie uns jetzt noch alle Einzelheiten desselben behaglich durchsprechen. Nehmen Sie Platz! (Sie setzt sich auf das Sopha.) Nun, warum setzen Sie sich nicht? Böckel (mit plötzlicher Eraltatiouf. Weil mein Platz zu Ihren holden Füßen ist! (Fällt vor ihr auf die Knie.) Ach, geliebte Freundin, die lieblicher denn ein Geräuch von Myrrhen, Weihrauch und allerlei Pulver eines Apothekers, wann kommt endlich der Wonne- 8 tag, an welchem Du mich zu deinem seligen Bräutigam erkiesest? Christ, (steht rasch aus und sagt scharf)- Herr Böckel, so dürfen Sie mir nicht kommen, ich habe es Ihnen schon früher einmal verboten. Hätten wir uns vor Zeiten gekannt — als ich noch ein junges Mädchen war — da hätten Sie vielleicht (ironisch) mit Ihrem Liebcsfeuer mein Herz entzündet. Jetzt aber ist's nichts mehr damit, denn Sie sind ein Mann bei Jahren, 4ind ich, die Jungfer Christine Herzig, bin eine alte Schachtel! (Lachend.) Guten Morgen, mein verehrter Freund, und bleiben Sie mir hübsch bei Vernunft. Behüt Sie Gott! (Geht schnell nach links ab.) Neunte Scene. Böckel (allein). Böckel (der ihr, auf den Knien liegend, wie perplex nachgesehen). Wieder einmal abbrennt! Sie geht mir nickt auf den Leim! Himmel- kreuzkruci — (Mäßigt sich.) Nein, das Fluchen ist nicht meine Sache. Ich will rnhig abwarten — einmal bleibst Du mir doch picken, darauf legt dir ein Jurament ab der liebe, gute, im Stillen leimsiedende Pe- rcgrinus Böckel. (Springt auf und eilt ab.) Verwandlung. (Wirthshausstube im alten Styl. An der Mittelwand die Schank, daneben eine Eingangsthür, rechts eine Seitenthür. links ein Fenster. Ein paar Tische rechts, links in der Nähe des Fensters ein einzelner Tisch, überall an den Tischen Stühle.) Zehnte Scene. Mehrere Gäste. Pumps. Pumps (ein dicker rothnaflger Mann mit Kappe und Dortuch, hat eben Einen bei der Thür hinausexpedirt und schreit). Daß sich der Herr in meinem Local nimmer sehen läßt! (Kommt echausfirt uach vorne.) Die Gäste. Was war's denn eigentlich, wie ist denn eigentlich der Streit angan- gen? Pumps. Nun, wie soll er denn angangen sein? I steh' zuvor in der Schank und kost't a Glasl Rötzer; da hör' i wie der Dienstmann, der daneben am Tisch' sitzt, hamli sagt: »'S is merkwürdig, daß der Wirth von sein'm weißen Wein so a dunkel- rotheNasen kriegt hat.« Ich fahr' gleich ans ihn los und sag': »I bitt' mir die Spaß von ein'm Dienstmann in mein'm Local aus.« Da sagte er: »In Jhr'm Local bin ich net Ihr Dienstmann, sondern Sie als Wirth sein meinDienstmann!« — »Oho!« sag' i; »woll'n Sie, Dalkendippel, mir dock net etwan lernen, wie ich die Gäst behandeln soll?« Darauf, stell'ns Ihnen vor, steht der Dienstmann auf, zahlt und sagt ganz boshaft zu mir: »Herr Wirth, wann Sie was Schwer's z'tragen hab'n, so ru fen's nur mich, wann's aber Ein'n brauchen, der Ihnen lernen soll, wie man die Gäst behandelt, so rufen's ein'n Andern, denn ich bin Familienvater und bei der schwer'n Arbeit würd' i hin!« Jetzt frag' i, soll man da net rein aus der Haut fahr'n? Ein Gast (begütigend). No jetzt, wann man so lang wie der Herr Pumps Wirth am Platz is, so muß man's gewöhnt sein, daß allerhand g'schieht! Pumps (zornig). Was allerhand? Früher is jahrelang nir g'schehen und i bin mich viel besser g'standen. Jetzt aber g'schieht alle damlang was, und man muß sich nur giften. (Schreit ) Ruah will i hab'n in mein'm Local! Gast. Aber, Herr Pumps, wer wird denn so schreien? Pumps. I kann schrei'n, denn i bin in mein'm Local, jetzt schrei'n aber a Andere in mein'n Local und das sein keine Localverhältnisse mehr. Gast. No ja — 's is ja schon vorbei! Die Andern. Freilich — wer wird denn gar a so — (Sie gehen an die Tische rechts und setzen sich.) 9 Etlste Scene. Vorige. Magdalena und Carl (durch die Mitte, beide in ärmlichen Reisekleidern). Magdal. (eine junge bleiche Person, trägt eine alte Reisetasche, und führt Carl, einen Jungen von 6 — 7 Jahren, der eine Pelzmütze und ein Mäntelchen trägt, an der Hand; sich an Pumps wendend). Herr Wirth, wir kommen von der Reise, können wir bei Ihnen übernachten? Pumps. Warum net? Anständige Leut' thu' i schon beherbergen, und die Frau schaut anständig aus, wann's a sicher a armer Teufel is! (Bemerkt, daß er Magdalenen verletzt hat ) No, no, nir für unguat—bin a wen- gerl reich, dafür bin i aber doch viel billiger und raub' meineGäst' net aus, als wie manche von meinen höflichen College»! Die Frau muß halt a halb's Stünderl warten, bis a Zimmer in Stand g'setzt is! (Rust bei der Thür hinaus.) He, Hiesel! Stimme (von außen). Ja! Pumpf. 'S Hofzimmer sauber Herrichten. Zwa Vetter frisch übcrziegen und fest einhatzen, sunst reiß i Dir den Kopf ab und steck'n in Ofen! Stimme (von außen). Ja! Pumpf. So, da — setzt sich die Frau daweil nieder —will d'Frau net daweil a Glaser! Rothen? — Der wärmt aus — Magdal. Danke! Pumpf. Braucht'« net zu zahl'n, der alte Pumpf kann schon a an Tropfen g'ra- then, und dem klan Burschen geb'n ma a Brctzen! (tzr hat während des Redens Beides hrrgeholt.) So, g'seg'ns Gott! Magdal. O, mein Herr, ich danke herzlich! Pumpf. Wo kommen's denn her? Magdal. Aus Schlesien. Pumpf. Kommt dem klan'n Dürscherl sein Vater a mit? Magdal. Nein, wir kommen nach Wien, um ihn aufzusuchen! Carl. Mutter — gelt — wir suchen den Vater heut' noch? Magdal. Nein, mein Kind; indessen morgen wollen wir — Carl (bestimmt) Ich will heut' noch zum Pater. Ich muß ihn küssen. Magdal. (beschwichtigend). Nun ja, warte nur, vielleicht kommt er! Carl. Er kommt? Wo — wo? (Er läuft zum Fenster.) Magdal. Bleib' doch, Carl! Carl. Nein, ich will ihn kommen sehen! Magdal. Nun gut, so sieh zum Fenster hinaus, aber ruhig sein. (Sie setzt ihn an's Fenster.) Carl (klatscht in die Hände). Jetzt werd' ich denDater kommen sehen, das is g'scheit! Pump f(wohlgesällig). Brav, kleiner Bursch — 's g'fallt mir, daß er in'n Vater so gern erseg'n möcht'. Zwölfte Scene. Vorige. Willibald (durch die Mitte). Willib. (rin magerer, dürftig gekleideter Mensch, der seine Worte zeitweise mit Tänzer- attituden begleitet, kommt herein, dreht sich wie ein Kreisel und sagt mit balletmäßiger Schluß- attitude). Wünsch' guten Abend allerseits! Pumpf (verdrüßlich). Der Herr Wichtel schon wieder da? Willib. Ja, jetzt bin ick da— aber vorher war ich ganz wo anders. Was glau- ben's, wo? Im Findelhaus. Pumpf. Im Findelhaus? Was hab'ns denn da gemacht? Willib. Erkundigungen eingezogen in Betreff eines gewissen Willibald Wichtel, jetzigen Tänzer beim Ballet, in der ersten Quadrille von rückwärts, vormals Findelkind! Pumpf. Was? Sie war'n a Findelkind ? Willib. Bin's noch, aber ein majorennes Findelkind, eins mit dem Militärmaß. Pumpf. Aber davon hab'ns ja nock gar nie was g'sagt? Willib. Hab's ja selber net g'wußt. Heut' aber, wie ich zu meiner alten Frau 1V » Mutter, der privilegirten Patschenmacherin, sag', sie soll mir einige Zehnerzettel verabfolgen, kommen wir in einen unbändigen Disput. sie heißt mich einen leichtsinnigen Menschen, derihreGüte schon a paar tausendmal mißbraucht hat, ich werd' d'rüber rabiat und erinnere sie an ihre Mutterpflichten, da schreit sie mit einmal: Daß Du's nur weißt, Du Lump, ich bin deine Mutter gar nicht! Was, ruf' ich, und mach' dabei vor Aufregung eine kvtrsum's andere, d'Frau Mutter verläugnet das Kind Ihrer Schmerzen, dieWonne Ihrer alten Tage? Ah was, sagt sie, ich Hab Dich aus'mFindelhaus zu mir g'nommen, und wann Du gut than hast, so hättest Du nie erfahren, daß Du mein Kind net bist! — Ich bitt' Sie, als wenn das so ein Glück wär', von einer Pat- schenmacherin abzustammen. Pumpf. No, alleweil a viel a größeres Glück, als so a Kind z'hab'n, wie der Herr eins is. Willib. Bin's ja eh nit, bin wer weiß was für a verwunschener Prinz oder sonst von vornehmer Herkunft, denn das sieht man an dem Adel meiner Bewegungen (wögt den Oberkörper hin und her), und nachher Hab' ich auch die gewissen aristokratischen Nägel an die Finger. Pumpf. Scin's froh, wann's Nägel an die Stiefelsohlen hab'n. Willib. No, daß ich's kurz mache. Auf die Eröffnung meiner Ziehmutter bin ich schnurstracks in's Findelhaus, Hab' nach- g'fragt, ob ick da nicht vor vierundzwanzig Jahren ein silbernes Kreuz oder ein Medaillon mit Diamanten oder vielleicht gar eine goldene Sackuhr, die auf fünfunddreißig Edelsteiner lauft, vergessen Hab', denn ick Hab' mir sagen lassen, daß die Findelkinder immer mit solche Kennzeichen aus d'Welt kommen, man nennt's auch Muttermale, aber es war nichts mehr vor- z'finden. D'rauf Hab' ich meine Adresse soll'us nur gleich zu mir schicken, ich werde meine Sohnespflichten in einer Weise üben, daß dem alten Herrn vor Rührung die Augen übergehen sollen. Pumpf. No, der Vater wird a Freud' hab'n, wann er Ihnen umahupfen sieht. Willib. Das kann er auch, denn einen Sohn, der solche Sprüng' macht wie ich, den kriegt man nicht alle Tag'. Aber apropos, wo ist denn meine Kunstcollegin, die Fräulein Theres? Pumpf. 'S is aus mit der Collegia- lität. Meine Nichte geht in ein'n Dienst als Stubenmadel. Willib. Was, Terpsichore im Dienst? Das ist ja ärger als der Pegasus im Joch! Pumpf. Ja, i kann net helfen, es muß sein und übrigens, was kann denn aus einem Balletmadel wer'n? Willib. Ja, was aus einem Balletmadel werden kann? Das is sehr verschieden, aber Fräul'n Theres wär' sicher ein Stern erster Größe geworden. Ach, man muß sie nur in der Colonne tanzen g'seh'n hab'n. Sie war von Allen die Sauberste. Ihre Füßerl waren so klein als wie die Hoffnung eines Communalbeamten auf einen Theuerungsbeitrag, kurz geschürzt war sie wie ein einactiges französisches Lustspiel, eine Taille hat's g'habt, so dünn wie das hohe ^ von einem Tenoristen, und diese Grazie, sie hat sich manchmal so g'wunden als wie der Vortrag eines Diplomaten, der auf die deutsche Frage eine Antwort geben soll. Und jetzt Stubenmadel, sie, die den höheren Balletstyl studirthat, sie soll jetzt den Besenstiel in d'Hand nehmen? Herr Pumpf, das darf net g'scheh'n, lieber will ich die Tberes heiraten. Pump f. Sie, mit I hrem unsichern Brot? Willib. Ah, ich verdiene mir mein Brot mit die Füß', das is sicher; ein unsicheres Brot hat nur der, der's mit'n Kopf verdie- Nnd dann bedenken's, wann sick das Gcheimuiß meiner Geburt dort lassen, und Hab' g'sagt: So wie ein nen muß. Graf — 's kann auch ein Fürst sein — sich auf einmal meldet, um sein Kind zu reclamiren, so j enthüllt! II Pu inpf. Vitt' Ihnen, hörn's mir auf. Die Rest, wann's schon einmal Heirat', so muß sie a bürgerliche Partie machen. Willib. Gut, ich komme um die Stelle eines Tanzmeisters der Commune Wien ein. Pumps. Zu was braucht denn die Commune ein'n Tanzmeister? Willib. No, sein's so gut, das is ein sehr wichtiger Posten für die Sitzungen, die ohne Tanz gar nicht abgehalten werden können. Pumps. Ah, laffen's mich aus, meine Nichte muß Stubenmadel wer'n, oder — ah da kommt's ja! Dreizehnte Scene. Vorige. Resi. Willib. Sie is da, die der Kunst Entrissene! Ach, FräuleinTheres!(Erwillzuihr.) Pumps (dazwischentretend). Net rühren, oder i tanz Ballet mit Ihnen, daß's damisch wer'n. Also, Resi, jetzt red', wie steht's mit'n Dienst? Resi. Ich bin so viel als ausgenommen bei der reichen Jungfer Christine Herzig. Magd, (aufmerksam). Christine Herzig? Pumps (der ausathmet). No, Gott sei Dank! Brav, Madel, das hast gut 'troffen. Resi. Ja aber, stelln's Ihnen vor, ich muß ohne Crinolin einstehen, is das net schrecklich? Willib. Ohne Crinolin? Ja, das sieht einer alten Jungfer gleich! Pumps. Mach' Dir nir d'raus; manche Weiber seh'n in der Crinolin eh' aus als wie a Pfiff Wein in einer Maßflaschen. Resi. Sie seh'n, Herr Onkel, ich Hab' Ihnen den Willen than, wann's aber jetzt wieder brummen, so — Pumps. Na, na, mein Reserl, Du bist a brav's Madel, und sollst mir nur so lang m Dienst bleiben, bis Du praktisch worden bist, nachher such' ich Dir ein'n braven Mann, der mein Wirthshaus übernehmen soll, denn das is a alte G'schicht, a Gol- lasch muß papricirt, a Milirahmstrudel zuckert und a sauber's Madl g'hejrat wer'n. Willib. Ja wohl, und was der Paprika für's Gollasch, der Zucker für die Milirahmstrudel is, das bin ich für die Theres! (Schwärmerisch.) Gelt', Therese — Du Theresianum meiner Gefühle! Pumps (zornig). So reden Sie mit meiner Nichte? (Rust gegen den Schank.) Hausknecht, diesen Herrn — Resi. Aber, Onkel, laffen's ihn doch plaudern. Warum soll er mir net a Bisserl die Cour machen? Willib. Freilich, wann ich die Cour mach', zeigt das nur, daß ich, der Resi gegenüber, ein äußerst couragirter Mensch bin. Pumps. Aber balt, was fällt mir da ein! Die Jungfer Herzig hat ja einen jungen Mann im Hause, einen Neffen, der Diurnist ist? Madel, ich bitt' Dich, daß Du mir da net etwa eine Düftlerei an- fangst! Willib. Ja wohl, das wäre entsetzlich! Resi Ah, brauchen's ka Sorg z'hab'n, der Neffe is Bräutigam! Mag dal. (die seit der Nennung des Namens »Herzig» mit gespannter Aufmerksamkeit gehorcht hat, ruft nun halblaut). Mein Gott, was hör' ich? Carl. Mutter, der Vater kommt noch immer nicht! Hörst Du? (Er zerrt sie am Arme.) Magdal. Laß — laß mich! (Sir hat sich erhoben, und neigt den Kopf vor, um besser zu hören.) Pumps (der fortwährend mit Resi gesprochen). Also er is wirklich Bräutigam? Resi. Ganz g'wiß, ich Hab' ja g'hört, wie's seine Taut' g'sagt hat. Pumps. Welche Braut hat er denn? Resi. Sie heißt Jda, und ist die Nichte des Herrn von Böckel, eines Freundes von der Jungfer Herzig. Magdal. (mit tiefem Schmerz). O schändlich! (Sinkt weinend an Carls Seite aus den Stuhl.) Resi. Jetzt aber erlaub'ns, Onkel, daß i 12 a Bisserl auf meine Kammer geh', ich muß meine Waschkladeln z'samm packen — denn die seidenen wird mir die Jungfer nit leiden— muß mich überhaupt für einen neuen Wirkungskreis vorbereiten! (Sie läustrechts ab.) Gäste. Herr Pumpf, zahlen! P U M p f (tritt zu dm Gästen). Bin schon da! Willib. (bei Seite). Er merkt g'rad net auf! Schnell zu ihr, der Angebeteten! Ich will sie bitten, sie soll schau'n, daß die alte Jungfer im Interesse unserer Liebe von mir tanzen lernt. (Mit einem Sprung folgt er Resi.) Pumpf (der die abgehenden Gäste becom- plimentirt). Geb'ns mir wieder die Ehre, meine Herr'n! (Sieht Willibald in die Seitenthür rechts schlüpfen.) He, halt! o Du verflixter Haxelprofessor — no wart',ich werd' Dir der Resi nachsteig'n lernen! (Eilt Willibald nach.) Vierzehnte Scene. Magdalena. Carl. Carl (der Magdalena umfaßt). Mutter! Mutter! Mag dal. (die den Kopf in die Hände gedrückt hatte, umfängt jetzt Earl und ruft unter Thränen). Carl, o Du mein armes verwaistes Kind! Carl. Mutter, weinst Du, weil der Pater nicht kommen will? Ach, weine nicht, wir dürfen ihn ja nur suchen gehen. Mag dal. Mein Kind, denke nicht daran, den Vater zu suchen, Du würdest ihn ja doch nicht finden, und findest Du ihn (bitter) er würde Dich nicht kennen. Carl. Aber ich kenne ihn — meinst Du, ich wüßt' nicht, wie mein guter Vater, der mich, wie er noch bei uns war, so lieb' hatte, ausficht? Komm' nur, Mutter, ich finde ihn! Mag dal. (bitter). Ja, Du findest ihn im Himmel, ihn, den Vater aller Unglücklichen! lAufspringend.) Doch nein — noch will ich nicht verzweifeln, vielleicht Hab' ich nicht recht gehört, vielleicht sind es Verwandte meines Carls, von denen das Mädchen gesprochen; ja, es wird, es muß so sein — ich will hin zu ihr, will sie fragen — Gott kann uns ja nicht so unglücklich werden lassen! (Sie eilt in die Seite rechts.) Fünfzehnte Scene. Carl (allein). Die Mutter sagt, im Himmel fänd' ich den Vater? — Ach, bis in den Himmel ist es gewiß sehr weit — und die Mutter ist so müd', sie will immer schon schlafen und dann ist sie auch immer so traurig. (Geheim- nißvoll.) Könnt' ich nicht heimlich fortgehen — den Vater suchen? Ach ja, das wär' so schön, und die Mutter würde vor Freude in die Hände klatschen und zum Vater sagen: Siehst Du, was unser Carl gescheit ist? (Entschlossen.) Ja, ich thu's — ich suche den Vater — zwar weiß ich den Weg in den Himmel nicht, aber ich werde ihn schon finden, denn die Mutter sagt immer : Carl, wenn Du ein braves Kind bist, dann kommst Du gewiß in den Himmel. (Sorgfältig umherblickend.) Die Mutter ist dort drinnen, jetzt geh' schnell — schnell fort, und bin ich draußen, so laufe ich so lange, bis ich in den Himmel komme. (Schleicht leise durch das Zimmer zur Thür, dort wendet er sich um, wirst ein Kußhändchen nach der Seite rechts und sagt gut- müthig.) Mein Mutterl! nicht bös sein — Pah — lieb's Mutterl! (Ab durch die Mitte.) (Leise unruhige Musik. Nach einer Pause.) Sechzehnte Scene. Magdalena (kommt von rechts, ihre Miene drückt den tiefsten Schmerz aus, ihre Füße wanken; sie drückt die Hand aufs Herz und sagt:) Es ist Wirklichkeit — mein Urtheil gesprochen— er, der Mann, der mir ewige Liebe und Treue geschworen, der mich nie verlassen wollte,— er vergißt seine Schwure — nimmt eine Andere zum Weibe, er ent- 13 ehrt'sich und mich! O, mein armes unglückliches Kind, Du — (Sie blickt aus nach dem Platze, wo Carl am Fenster gesessen, entsetzt starrt sie auf die Stelle und will sprechen, kann aber keinen Laut hervorbringen, dann wendet sie sich, und wie vom Fieber geschüttelt von namenloser Angst läßt sie ihre Blicke umherkreisen, endlich schreit sie mit furchtbarer Anstrengung:) Mein Kind! Carl — Carl, wo — ist es? -— (Jetzt findet sie Kraft, sich zu bewegen, sie rennt wie sinnlos umher, lacht krampfhaft.) Das Kind — will mich necken — hat sich versteckt — (Mit den weichsten, schmerzlichsten Tönen bittend.) Carl — ich bitte Dich — komm' hervor. (Plötzlich von einem Gedanken ersaßt.) Heiliger Gott — was fällt mir ein — er ist fort, sucht seinen Vater— allein -— in derNacht — ich muß — muß — (Will fort und fühlt sich auf dem Platze festgehalten, da schreit sie verzweifelt:) Hilfe! Hilfe! Siebzehnte Scene. Pumpf. Resi. Willibald. Leute von der Straße. Resi. Mein Himmel, was is denn g'scheh'n? — Ach Gott, die Frau! Magdal. (ohne Athem). Mein Kind — rettet — rettet — (Stürzt zusammen.) Musik. Gruppe. (Der Vorhang fällt rasch.) Verwandlung. (Ein beschneiter Straßenplatz zur Abendzeit. Zm Hintergründe die Seitcnfronte einer alterthümlichcn Kirche mit einem matterhellten Eingänge. Daneben ein in die Wand gefügtes, mit Blumen geschmücktes Steinbild. Davor eine brennende Ampel mit blauen oder rochen Gläsern. Die Kirchenfenster von innen beleuchtet. Neben dem Bilde ein paar beschneite Bäume. — Die Musik, welche zu Ende der vorigen Verwandlung die Schlußscene melodramatisch charakterifirte, dann in bewegten, unruhigen Rhythmen des Umherirren des Kindes und die Klage der Mutter ausdrückte, endlich aber einen religiösen Charakter annahm, schließt beim Ausziehen des Vorhanges mit einer Choralweist.) Achtzehnte Scene. Männer und Frauen (in Mäntel und sonst winterliche Gewänder gehüllt, treten, nachdem die Musik zu Ende, aus der Kirche und gehen ruhig nach verschiedenen Seiten ab). Carl (der Knabe, kommt aus einer Vordercou- lisse von links, die Hände stierend in den Taschen seines Kleides). Ach — ach — nun bin ich schon so weit gegangen — es ist kalt und finster — viele schwarze Männer sind mir begegnet, — ich habe mich so vor ihnen gefürchtet, daß ich mich nicht zu fragen getraute, welchen Weg ich gehen soll, um meinen Vater zu finden. Ich weiß auch den Weg zurück nicht mehr, sonst liefe ich zur Mutter, die sich gewiß schon ängstigt UM mich. (Er blickt nach der Kirche und ruft freudig.) O Gott! da ist eine Kirche wie zu Hause bei uns, und in den Kirchen, sagt die Mutter — da wohnt der Himmelvatcr! — Ob wohl in der Kirche der Weg ist, der in den Himmel führt? Wenn ich nur das wüßte, wenn mir nur Einer den Himmelvater zeigte, daß ich ihn fragen könnte, denn er muß es ja wissen! (Er geht unschlüssig hin und her.) Neunzehnte Scene. Voriger. Christine (im Mantel und La- puch on mit einem großen Gebetbuche in der Hand, kommt aus der Kirche, und will quer über die Bühne). Carl. Die da herausgekommen ist, die frag' ich. (Sich vor Christine stellend.) Du, Frau! Christ. Was ist das? Ein kleiner Knabe und ganz allein zu so später Stunde? Was willst Du, mein Kind? Carl. Ich bitt' Dich — gelt, das ist eine Kirche? Christ. Freilich! Carl. Wohnt in der Kirche der Himmelvater? Christ, (ergriffen). Wie herzig der Kleine fragt! Ja, mein Bursche, da drinnen wohnt der Himmelvater. Willst Du etwas von ihm? Carl. Ja, siehst, Frau, ich will zu meinem Vater, der im Himmel sein soll, und d'rum bitt' ich Dich, führ' mich zum Himmelvater, damit er mir den Weg zeigt! Christ, (vor Rührung beklommen). Ack)! mein Gott — eine Waise — hat den Vater verloren, vielleicht die Mutter auch. Mein Kind, wo ist denn deine Mutter? Carl. Das weiß ich jetzt nicht! Siehst, Frau, ich und die Mutter sind heut', wie es schon bald finster war, hergekommen — früher find wir lange gefahren — den ganzen Tag — und weil die Mutter müd war und schläfrig — so bin ich davongelaufen, ohne daß sie es weiß, und wollte den Vater suchen, um ihn zur Mutter zu führen. Christ, (erschrocken). Heiliger Gott — der Knabe ist seiner Mutter entlaufen und ich weiß nun nicht, wo man sie finden kann. (Sich fassend.) Aber das Kind darf nicht länger umherirren. Du, Kleiner, wie heißt Du? Carl. Carl! Ach! (Es wird in diesem Augenblick die Kirchenthür geschloffen und gesperrt.) Du, Frau — nun haben sie zugesperrt — nun können wir nicht mehr in die Kirche und ich kann meinen Vater nicht mehr finden! Ach! (Fängt zu weinen an; die Kirchcn- ftnster werden dunkel.) Christ. Nun, sei nur still, mein Herzchen, komm mit, ich werde mit Dir gehen, wir suchen deinen Vater, und wenn wir ihn nicht finden, so bringe ich Dich wieder zur Mutter! Aber weinen darfst Du nicht! Carl (der sich beruhigt). Nein—nein— bin schon still. Christ. Also komm'! (In dem Augenblick hört mau die siebente Stunde ausläuten.) Carl (zögert und blickt noch immer nach der Kirche). Christ. Nun, warum gehst Du nicht? Carl. Frau — hörst Du nicht sieben läuten? Da muß ich ja jedesmal beten. (Er nimmt dir Mütze ab, faltet die Hände und kniet nieder.) Christ. O Du fromme Unschuld, ja bete, und ich folge deinem Beispiel! (Sie kniet neben Earl nieder und faltet die Hände ) (Musi k.) Der Vorhang fällt- Zweiter Act. (Arbeitscabinet der Jungfer Herzig. Mittelthür, zwei Seitenthüren. Die Ausstattung des Eabinets ist, mit Einschluß der Tapeten, altmodisch in den Formen und Dessins. Allerlei Nippkssachen, als: Stickereien, Perlenarbeiten, seine Gläser auf Tischen und Etageren. Rechts in der ersten Louliffe, wie immer vom Zuschauer, eine Toilette, links ein Arbeitstisch mit Weißzeug bedeckt Eine Uhr, Teppich. In der Ecke links ein runder weißer Ofen, obenauf eine mythologische Gipsfigur. Durch das Osenthürchen sieht man das Kohlevfeuer.) (Eine kurze Entrsemusik leitet das Bild ein» Ruhe, Stille und Behaglichkeit ausdrückend.) Erste Scene. Christ, (tritt von der Seite links auf. Sie ist in ein altmodisches, aber mit großem Geschmack gewähltes Neglige gekleidet, muß also sehr hübsch aussehen. Sie trägt ein kleines Kaffeeservice, blickt einen Mommt lang durch die geöffnete Thür zurück, schließt dann dieselbe und stellt das Service zur Seite. Darauf kommt sie nach vorne und sagt ) Nun ist mein kleiner Gast wieder eingeschlafen, nachdem ihm das Frühstück, welches ich selbst bereitete, ganz außerordentlich gemundet hatte. Dabei hat er mir seit dem frühesten Morgen schon allerlei von seiner Heimat, von Vater und Mutter vorgeschwatzt, ohne daß ich daraus klug IS werden konnte. (Lächelnd.) Mer ich habe mit unendlichem Vergnügen zugehört. (Will etwas sagen, hält wie verschämt inne, eine kleine Pause; dann blickt sie ein wenig hinter sich und sagt endlich halbleise mit überquellendem Gefühl:) Es muß doch wunderlieb sein, ein Kind zu baben! — So ein kleines, zartes Wesen mit Hellen Augen, die Einem grad'aus in's Gesicht schauen, wie es erwachsene Menschen nie thun. Es macht Einen fast verlegen — aber warum? — Fühlt man vielleicht, daß man trotz allem Wissen, trotz aller Erfahrung (oder vielleicht gerade deß- halb) weit weniger werth ist, als so ein kleiner unschuldiger (lacht) Paurel? Ick bin nun schon — einige Jahre auf der Welt, aber noch niemals war ich so froh, so vergnügt, so glücklich wie heute. Es war aber auch zu schön. Wie lieblicher Vogelfang schlug es an mein Ohr, als der Junge mich des Morgens aus dem Schlafe weckte. (Traurig.) Ach! leider werde ich dieses mir ganz neue Glück nickt lange genießen. Ob das Kind wirklich noch einen Vater hat, ist mir aus seinen Reden nickt klar geworden, aber eine Mutter bat es noch, und diese wird wohl die Anzeige von dem Verluste des Kindes bei der Behörde bereits gemacht haben, man wird seinen Aufenthalt ausforschen, es seiner Mutter zurückgeben, und ick (mit Beklemmung) werde wieder so einsam sein wie bisher! wgs« Laut'. das für junge Leute heutzutage — Liebeleien an allen Ecken und Enden, und dabei wollen sie ein armes kleines Kind nicht einmal ansehen. (Weich.) Und mir macht das Ansehen so großes Vergnügen. (Ist zur Thür links gegangen, und die Thür sachte öffnend späht sie hinein.) Er ist aufgewacht und spielt mit dem Canarienvogel, den ich ihm hingesetzt habe — jetzt setzt er meine Nachthaube auf. (Lacht.) Haha — wie spaßig er aussieht, o Du lieber Herzensjunge! (Sie eilt links ab.) . Sechste Scene. (Es wird schnell und geräuschlos die Mittelthür geöffnet. Fröhlich's Kops erscheint und verschwindet wieder. Darauf wird die Thür geöffnet. Fröhlich tritt ein.) Fröhlich (sehr aufgeregt scheinend Kitt ein). Bettgeher — sagt der Hausmeister — muß'nselber sehen — glaub's net — wann aber doch — Kruzi — wo — wo ist sie denn? (Er geht nach der Seite links, guckt durch's Schlüsselloch.) Seh' nichts — klopfen! (Er klopft an.) Christ, (tritt hastig aus). Fröhlich (prallt zurück). Christ. Ei, Herr Fröhlich — was — wollen Sie eigentlich? (Kommt vor.) Fröhlich. Wünsch guten Morgen! (Starrt sie an, dann schaut er über die Brillen weg, den Kops langsam zur Seite drehend, nach links.) Christ, (ungeduldig). Nun, wollen Sie mir nicht sagen, was Sie veranlaßt, mich am frühen Morgen gleichsam zu — zu — überfallen? Fröhlich (hat die Dose gezogen, schnupft langsam und sagt dann nach links weisend). Der Bettgeher! . Christ, (ärgerlich). Herr Fröh — (Fängt plötzlich zu lachen an.) Ah, entsinne mich — mein lieber Herr Fröhlich, hat man Ihnen nicht gesagt, was es kostet, wenn sie meinen — Bettgeher sehen wollen? Fröhlich. Kost's, was es kostet, werd' gesteigert — macht nir — muß'n seh'nl 18 Christ. So? Hm, welche Neugier — wer wird sich denn um Alles bekümmern, was — Fröhl. Kümmere mich um gar nir — mir Wurst — Alles — aber das — (seufzt schmerzlich) Ach! Christ, (für sich). 3ch begreife den Mann nicht — (Laut) Herr Fröhlich, ich dächte, es könnte Ihnen sehr gleichgiltig sein, wenn ich —^ Fröhl. (mit bebender Stimme einfallend). Gleichgiltig? O — druckt mir'sHerz ab — Kopf ganz rebellisch. Christ. Aber, Herr Fröhlich, sind Sie denn — Fröhl. (fällt auf die Knie). Bin's! Ja — unsinnig — Christ, (erschrocken). Was denn? Fröhl. Bis über alle zwei Ohren! Christ. Mein Herr! Fröhl. (aufgeregt). Nicht erst seit heut' — schon lang — in der Früh —j z'Mit- tag beim Essen und auf d'Nacht erst recht sitz' im Orchester — 's Baffettel zwischen die Knie — spiel' schrecklich falsch — stimmt nicht — Capellmeifter wüthend — Tact- prügel auf m Buckel — nutzt nir — komm' ganz heraus — (verzweifelt) Skandal! Christ. Aber weshalb? Fröhl. (trostlos). Bin halt verliebt! — Christ. In wen? Fröhl. (außer sich). In Sie! Christ, (zurückweichend). In mich? Resi (die eben durch die Mitte eintritt). Wünsch guten Morgen! Siebente Scene. Vorige. Resi. Christ. (,ben so beschämt als entrüstet, sich abwendend). Das ist zu arg! Resi (nach Fröhlich sehend). Ui je! Fröhl. (perplex). Au weh! (Kurze Pause, eine Art Tableau.) Christ, (sich sammelnd, für sich vor Anger). Das verdient Strafe. (Schars.) Herr Fröhlich, stehen Sie aus! — Sie müssen aus- ziehen! Fröhl. (schnellt in die Höhe). Auszieh'n? Christ. Ja, ich künde — Ihnen die Wohnung, und wollen Sie mir für die an- gethane Beleidigung Satisfaktion geben, so verlassen Sie augenblicklich mein Haus — den Zins, den Sie gestern bezahlt, werde ich Ihnen zurückerstatten. Und nun b'hüt' Sie Gott! Fröhl. (ist wie vom Schlage getroffen, er nimmt die Dose hervor, schlägt immerfort ganz verwirrt auf den Deckel, blinzelt dabei mit den Augen, als ob fie voll Wasser wärm, fährt mit den Händen darnach, stoßt sich die Brille von der Nase, läßt in Folge dessen ganz consus die Dose fallen und sagt nun vollständig fassungslos geworden, voll des tiefsten Kummers): Wünsch' — wohl — g'speist z'hab'n! (Taumelt zur Mttelthür hinaus ) Resi (Dose und Brille aufhebend und Fröhlich nachlausend). Herr Fröhlich — Sie haben was vergessen. Achte Scene. Christine (gleich daraus) Resi. Christ, (auf- und abschrcitend). Welche Beschämung vor dem Mädchen noch dazu! Der Mann muß den Verstand verloren haben. Resi. (kommt lachend.) Hahaha! — Das ist zu g'spaßig. Der Musikus ist über die ganze Stieg'n 'nunterg'fallen. Christ. Hat er sich verletzt? Resi. Na, unten is er dag'festen, als wann er von der Anstrengung ausrastet. — Wann er jung und sauber wär', so saget ich jetzt (mit einem graziösen Knicks): Ew. Gnaden, ich gratulire. Christ, (halb unwillig und dabei lachend) Ah — bah! der Mann scheint verrückt! Lassen wir das. Sie kommt wegen des 19 Platzes — fand noch nicht Zeit, Erkundigungen einzuziehen, indessen — (tritt zur Rest) kann Sie mit Kindern umgehen? Resi. MitKindern? Ja — das heißt — Christ. Es wäre möglich, daß — (weist nach links) öffne Sie sackte dort die Thür, und schau' Sie hinein. Resi (thut, was ihr aufgetragen). Christ. Was sieht Sie? Resi (ficht recht einfältig auf Christine). A Kind — Christ. Nun, was macht Sie denn für ein dummes Gesicht? Resi. No ja, — weil — weil — Christ. Ah, Sie meint, ein Kind bei der Jungfer Herzig wäre wohl etwas Merkwürdiges? Resi (saßt sich). No, jetzt warum denn? 'S ist vielleicht der Herr Neveu, oder Cousin — oder der kleine Göd — Christ. Nichts von alledem. Resi. Ja, nachher weiß ich wirklich nit, wo ich das Kind Hinthun soll. Christ. Es ist ein Kind, welches ich gestern Abend auf der Straße fand. Es war ganz allein, wußte nicht, wo seine Mutter sei, der es entlaufen schien, da nahm ich es mit mir, damit ihm kein Leid geschieht. Resi (plötzlich in großer Bewegung). Es is a Buberl — net wahr, a Buberl? Christ, (etwas zögernd.) Nun ja — aber was hat Sie denn? Sie ist ja ganz außer Resi. Ew. Gnaden, weil ich glaub', daß ich weiß, wem das Kind gehört. Christ, (hastig). Wie? Resi. Eine Frau — erst gestern von der Reise kommend, ist bei mein'm Onkel einkehrt. Der is das Kind verlor'n gangen -— die Frau hat furchtbar g'jammert ^ ich bin selber gleich auf die Polizei — wir hab'n die größte Mühe g'habt, die §rau nur halbwegs zu beruhigen. Christ. Und ist die Frau noch beim Onkel? Resi. Ja, nachdem sie die ganze Nacht wie verzweifelt war, ist sie zwar heut' Früh, weil sie weiß, daß das Kind — wird's g'funden, zu uns bracht wird — Christ, (traurig). Ach, ja wohl! Resi. Aber noch was, kurz bevor das Kind fort is, hat sich die Frau bei mir, weil sie g'hört hat, daß ich zu Ew. Gnaden in Dienst kommen soll, nach Ew. Gnaden erkundigt. Christ, (aufmerksam) So? Resi. Ich denk', die Frau, die in großer Noth scheint, hat den Plan g'habt, sich bei Ihnen vorzustellen und um irgend eine Unterstützung zu bitten. Christ, (mit Feuer). Sie kann kommen, zu jeder Stunde! — Um des Kindes willen gebe ich ihr, was sie benöthigt, sich zu helfen! Und dann ist es ja auch Christenpflicht, seinen Nebenmenschen beizuste- hen. Meine Liebe, geh' Sie nur gleich nach Hause und schicke Sie mir die Mutter, hört Sie? Resi. Ja, Ew. Gnaden! (Will fort, bleibt und sagt.) Ach, vergeben's, daß ich jetzt was sagen will, was a Bissel nach Aberglauben schmeckt. Christ, (lächelnd). Red' Sie ungescheut, wir alten Jungfern sind immer ein wenig abergläubisch! Resi. Ah, alte Jungfer — Sie sein ja gar net alt — als Jungfer — no jetz't — aber als — als Hausfrau — da — (lachend) hab's ja g'rad' zuvor g'seh'n, wie gern die Männer die Hausherrn von der Hausfrau sein möchten. Christ. Sie vergißt, was Sie eigentlich sagen wollte! Resi. Ja so, ich wollt' sagen, daß meine erste Dienstleistung bei Ew. Gnaden ein Kind betrifft, das gibt mir die frohe Gewißheit, daß ich Glück und Segen in meinen neuen Stand haben werd'! Küß d'Hand, Ew. Gnaden! (Eilt ab.) r * 20 Neunte Scene. Christine (allein). Christ, (bewegt). Die Mutter hat sich nach mir erkundigt — bedarf meiner Hilfe — ach — wie glücklich macht mich diese Nachricht! Ja, ich will thun, was in meiner Macht steht, aber das Kind muß bei mir bleiben, ich will es erziehen, seine Zukunft freundlich zu gestalten, soll von nun an die Aufgabe meines ganzen Lebens sein. O, ich weiß gar nicht, welcher Opfer ich fähig wäre, um mit seiner Mutter um den Preis seiner Liebe zu ringen. Wenn ich's nur ganz allein besitzen könnte, ich würde es so betreuen, daß es nichts entbehren sollte, als den Vater, den ich ihm nun freilich nicht geben — Zehnte Scene. Vorige. Böckel (durch die Mitte). Böckel (hat rillige Male geklopft, ohne von Christinen gehört zu werden, daun hat er die Thür geöffnet und unterbricht Christinens Worte, indem er mit recht biederem Tone sagt): Der Himmel segne Sie, meine theure Freundin! Christ, (blickt hastig nach ihm, und sagt, wie von einer Idee überrascht). Ach! Er ist hier, und in diesem Momente kommt er? (Sie ist bestürzt.) Böckel (kommt subtil austretend vor). Meine vortreffliche Freundin, ich komm' zwar ein wenig zeitlich, aber meine Sehnsucht hat mich wieder die ganze Nacht nicht schlafen lassen. Links und rechts Hab' ich mich auf einsamen Lager hin- und hergewurlt, und in einem fort Hab' ich simulirt: Wann nur schon der Tag tagen that, daß Du thätest hineilen zu ihr, deinem Aug- und Herzenstrost, vielleicht wärst Du so glücklich ihr einen Dienst zu leisten, oder ein großes Opfer zu bringen, um ihr neuer- dings'zu zeigen, daß sie keinen treueren, anhänglicheren und zuthunlicheren Freund hat, als den armen Leimsieder Peregrinus Böckel! Christ, (sieht ihn forschend an). Haben Sie es wirklich gedacht? Sehen Sie mir offen in's Aug'! Böckel. O, mit Seligkeit! (Cr will sie immer ansehen, schaut aber immer aus die Seite.) Christ. Sie sehen mich ja nicht an! Böckel. Nicht? Das wär' aber doch — (Er zwingt sich ihr in s Gesicht zu blicken, und schielt dabei ganz fürchterlich vor Anstrengung.) Jetzt aber — so kann nur der alte Napoleon g'schaut haben. Christ, (bei Seite). Wenn ich das Kind behalte, Mutterpflichten an ihm übe, wäre es nicht auch meiue Pflicht, ihm den Vater zu ersetzen, und wäre nicht dieser fromme, ehrbare Mann, den ich Freund nenne, derjenige, mit dem ich die Sorge und Freude am Gedeihen des Kindes theilen möchte? Böckel (für sich). Was hat denn die Alte? Sie macht so g'wisse Augen — ist so g'wiß unruhig — sollte mein Glutblick dcnWeg zu ihrem Herzen endlich doch gesunden haben und sollte das Sprichwort: »Morgenstund' Hai Gold im Munde* sich bewahrheiten? Dann heißt es sich an ein zweites Sprichwort zu erinnern, welches besagt: »Das Eisen muß man schmieden, in so lange es noch warm ist.« — Ach was — ich riskir's — (Laut.) Engel der Güte, Labsal meiner Seele, wirst Du Dich noch gegen einen Bund sträuben, der dem Herren so wohlgefällig sein thun müßte? Christ, (die ihn bei den letzten Worten in nig angeblickt, sagt). Mein Ureund, erlauben Sie mir eine Frage zu stellen, die Ihne» zuerst Ihr Gewissen beantworten muß. (Feierlich.) Wenn ick mich bestimmen ließe, in den heiligen Stand der Ehe mit Ihnen zu treten, würden Sie bereit sein, denPflich tcn eines Vaters in jeder Beziehung nach zukommen? Böckel (ist ungemein bettoffen, und sicht sc wortlos mit offenem Munde an). 21 Christ. Ich frage Sie noch einmal: würden Sie einem Kinde, welches die Vorsehung in unsere Obhut gegeben, ein guter, treuer Vater sein? Böckel (stotternd). Wäre das — wäre das — wäre das Kind — männlichen Geschlechtes? — oder —? Christ. Es ist männlichen Geschlechtes. Böckel (ruft aus). Es ist? Ah! (Für sich.) Jetzt bin ich so paff, daß man nicht pafferer sein kann. Christ. Ich sehe und zwar mit Vergnügen, daß Sic nicht gewillt sind, leichtfertig ein Versprechen zu geben. Recht so, mein Freund, überlegen Sie reiflich, was Sie thun können. Eines sei Ihnen versichert : Können Sie die Ihnen zugedachten Verpflichtungen nicht übernehmen, dann bleiben wir dennoch Freunde wie bisher, und ich wünsche, daß nichts dieses schöne Verhältniß stören möge. Für jetzt leben Sie wohl, besuchen Sie mich heute Abends und lassen Sie mich erfahren, was Sie zu thun gesonnen sind. (Sie hat seine Hand gefaßt, ihn ein wenig an sich gezogen, sieht ihm innig in die Augen, wird ungemein verlegen und ihn schamhaft von sich drängend, sagt sie zärtlich:) Auf Wiedersehen — folgen Sie mir jetzt nicht — mein lieber — lieber Freund. (Geht, ihm mit inniger Schwärmerei zuwinkend, nach links ab- Man hört, wie sie die Thür abschließt.) Eilste Scene. Böckel (allein). Mir steht der Verstand still wie eineFeuer- mauer. Auf eine solche Entwicklung war ich nicht gefaßt. Schaut's die Jungfer an — sie hat einen Buben, das muß ja schon ein Rieseulackl sein, denn ich kenn' sie seit Jahren und — dieser Sprosse is wahrscheinlich so ganz in der G'ham in die Höh' gangen. — Wann ich nur wüßt, wo er steckt, damit ich heut' aus'n Abend' schon gehörig orientirt wär', wann ich ihr meine Heiratseinwilligung kund thu', denn g'heirat' wird's aus alle Fäll', später werd' ich schon sorgen, daß mir das menschgewordene Kukuksei nicht z'viel zwischen den Füßen herumlaust. Die Jungfrau wird dann freilich Wehe — Wehe — schreien, wenn sie sieht, wie wenig Lust ich Hab', den zärtlichen Vater zu spielen, aber ich lasse mich das nicht anfechten und denke mir, es ist so Laus der Welt, daß, während es Menschen gibt, die ihren Mitbruder zwingen, einWehgeschrei zu erheben, wieder And're denselbigen Mitbruder veranlassen, wohlgefällig auszurufen: Ah diese sind gut — und wie die Lamperln so stumm. Couplet. Wann's beim Greißler z'sammakumma D'alten Weiber, da geht's los, D'Nachbarn wer'n auf d'Mucken gnuma, Und am Glanz herg'stellt famos! Alles wifsen's: daß Die trunken, Und daß d'Andern g'essen hab'u, Daß Der Der, Die Dem hat g'wunken, Und daß hamli kumma z'samm'. Da seufzen's laut in d'Höh': »Weh — Weh — dreimal Weh!« Doch hab'ns d'Ueberfuhr versamt, und kummt's amal zur Klag', Aendern sich die alten Weiber gänzlich um mit einem Schlag', O Du mein Gott—meiner Seel' na! Ach, wer wird da was finden? So was z'sag'n vom Herrn Nachbarn, thät i fürchten um der Sünden! Das hat Die g'sagt — na, 's hat 's Die g'sagt! so geht's dann im Kreis herum, Und jetzt sein's alle gut die Zaschen, wie die Lamperln so stumm. 22 D'feschi Sali d'rüb'n vom Thury Macht als Debardeur, o Gott! Ganzen Fasching Remasuri. Ach, es is a Schand' und Spott! . Satanskind is's, ein gebornes, Liebelt mit der Männer Schaar! Ißt an ganzen Schippel G'frornes, Und — 's ist wirklich schauderbar — (Heimlich.) Laßt sich zahl'n von mir an Thee, (Zitternd.)Wehe—Wehe —dreimal Weh! Dagegen meine Köchin, was ist die für eine Taube! Bringt sie mir des Leibes Atzung d'runt im Garten in die Laube, Sagt sie: »Beste Herr,Sie haben's'me Appetit gewiß grußmächtige, No, da is me Bratel schwein'nes, halbe Bier, auch ganz prächtige!« Und dann geht sie sittsam trippelnd—schaut verschämt sich manchmal um. Ach, die Köchin is gut, wie a bamperl so frumm. Weil die Deutschen jetzt den Dänen Auf's Crawatl sehr stark steig'n. Um zu still'n zahllose Thränen, Um den Dänentrutz zu beugen, Machen d'Engländer Spectakel, In den Zeitungen— und wie Nur bedroht wird ein Schinakel, Sapperlot, da jammern sie: D'Dänen krieg'n in ein'm fort Schlä(g)! »Wehe— Wehe — dreimal Weh!« Sie drohen auch den Deutschen, sag'n:»Ihr werdet's schon noch g'spür'n, Wann, Ihr Deutschen, nicht bald aufhört's, werden wir interveniren. Und sie thun zu diesem Zwecke, um die Sieger zu verblenden, Sich an ihre guten Freunde jenseits des Canals wenden, Aber die geb'n bloß zur Antwort: »Dasmal ist es nir mit'm Bum,« Wir Franzosen bleib'n guat—wiedieLam- perln so frumm. Wie von Oesterreich die Soldaten Sein in Hamburg einmarschirt, Hat a Frau bei ihrem Gatten Sich gezeigt sehr irritirt. »Wie?« rief sie, »solche Wilde Schickt man uns in das Quartier? Solche Bären ungedrillte Sollt' empfangen ick bei mir? Sterben müßt' ich, wann's geschäh' — »Wehe— Wehe— dreimal Weh!« Und richtig fallt's in Ohnmacht, wie er einruckt der Herr Vetter Mit'm Einquartierungszettel und. mit'm Schnauzel — ein Trompeter! Aber schon nach ein paar Tagen wird sic hamli mit ihr'm Bären, Laßt dann später von dem Bären mit Visiten sich beehren — Und sagt schmeichelnd zu dem Gatten: »Lie bes Alterchen, nicht brumm! Der Trompeter ist gut, wie a Lamperl so frumm.« Die meisten fremden deutschen Blätter Hetzen uns bis 'nauf zum Hals; Oesterreich kann für jedes Wetter, Ist der Sündenbock für All's. Als ein Popanz nur, zum Schrecken Wird das Reich gern ausgcnützt; Oesterreich, gut zu allen Zwecken, Wird mit Geifer stets bespritzt, Chorus machen's ja von je Mit dem Wehe, dreimal Wehe!« Doch wenn's gilt das deutsche Reich in Ernst zu wahren und zu schützen, O, da lasten sie das Oesterreich gewiß nicht einsam sitzen, Rufen's auf als Bund'sgenossen, reden von den Bundespflichten, Wollen nicht, daß's seine Händel soll für sich als Großmacht schlichten, Sag'n: Nur g'schwind mit Haut und Knochen opfere Dich für deutschen Ruhm. Da sind die Oesterreicher guat — und wie d' Lamperln so frumm. Wann's den Narrenabend feiern Hier in Wien, da geht es zu; Eine Legion von Schreiern Gibt die ganze Nacht ka Ruh', Und da ist ein Hetzen, Jagen, Summen, Surren, Poltern, Brüll'n, Zwicken, Stoßen, Prellen, Schlagen; Ernste Männer sich verhüll'n Gar als Weib —nein — die Idee! Wehe — Wehe — dreimal Weh! Jetzt, was mich betrifft, ich weiß nichts, weil ich mich niemalen mischte In die Kreise jener Sünder und alldort im Trüben fischte, Aber wenn die Narrenschaaren sich thun wirklich so arg Hetzen, Sollte man, denk' ich, den Abend durch ein'n andern ersetzen; Die Katharinredout' zum Beispiel bringt den Anstand g'wiß nicht um, Da find d'Masken so guat — und wie Lamperln so frumm. (Ab) Verwandlung. (Das Gastzimmer des ersten Actes bei Pumps. Es ist jedoch festlich mit Guirlanden, grünen Reisern und Wandleuchtern geschmückt. Die Tische sind frisch gedeckt und mit Blumensträußen geschmückt.) Zwölfte Scene. Pumps, Resi (treten von der Seite rechts auf). Pumps. No also, Resi, was sagst? (Zeigt umher.) Js das a Pracht? Wo gibt's a Local in unserer Stadt, was die Vortheile eines Elitesalons mit denen einer urgemüth- lichen Schwemm in sich vereinigt, wie das meinige? Resi (lachend). Ja, es is prächtig! Der Dekorateur, der diesen Glanz in diese niedere Hütte gebracht, das ist ja ein wahres Mordgenie. Pumps. Das Mordgcnie bin ich selbst. 3a — ja — das Arrangement is von mir. Die Papierketten sind nach alten Mustern, wie s die Egypter g'habt haben, wann bei Ihnen Kirchtag war, und die Tannenreifige sein Imitationen aus der alten Ritterszeit, denn damals hat's lauter Tannabam geben, weil jeder halbwegs arrangirte Ritter einen Haufen Reisige haben mußte. Und das thu' ich Alles ohne Entree, ohne klafterlange Anschlagzettel, rein nur aus Rücksicht für meine Stammgäste; ich gib ihnen heut' auf d' Nacht einen Schlafhaubenball , uns're geehrten Bezirksausschüsse sind sämmtlich dazu eingeladen. Resi. No, es is ein Glück, daß ich heut' nicht schon in meinen Dienst bei der Jungfer Herzig eintreten mußte, so kann ich doch von der Festlichkeit auch profitiren. Pumpf. Ja, 's fragt sich, ob Du mich nicht anplauscht und den Dienst wieder aus- g'schlagen hast? Resi. Aber, Herr Onkel, jetzt werden'S mich gleich bös machen. Ich Hab' Ihnen doch gleich Alles erzählt — von dem g'fun- denen Kind von der Mutter, die ich seit Vormittag erwartet, und jetzt zu der Jungfer hing'schickt Hab'. Pumpf. Ja richtig, aber hast Du mir nicht auch g'sagt, daß die fremde Frau 'than hat, als wollt' sie gar net zu der Jungfer hingeh'n? Resi. Freilich, ich Hab' mir das Benehmen der Frau gar nicht zu erklären g'wußt.— Wie ich ihr sag': »Das Kind ist g'funden,« schreit sie laut auf vor Freuden, wie sie aber hört, daß das Kind bei der Jungfer is, da zeigt sie sich mit einmal furchtbar erschrocken, will um keinen Preis hingehen, bittet mich, ich soll ihr das Kind herholen, und nur weil ich ihr alles Mögliche vorgestellt und sie versichert Hab', daß ich ihren Wunsch in keinem Fall' erfüllen kann, entschließt sie sich endlich zu der Jungfer zu gehen. Pumpf. Sie wird sich doch nicht vor der Jungfer fürchten? Resi. Es hat so ausg'schaut, aber sie hat wirklich kein Grund dazu, denn die 24 Jungfer is ein seelengutes G'schöpf, und ich g'steh's, wann ich den Platz bei ihr nit krieg', wo anders steh' ich nicht ein, lieber geh' ich wieder zum Ballet. Pumps (auffahrend). Untersteh' Dich, und mach' mir die Schand — meine Nichte ein Balletmadel, der Name Pumps kann so was gar net ertragen. Resi. Ich heiß' ja auch nicht Pumps, und führ' den Namen meiner Mutter. Pumps. Die war aber eine geborne Pumps, und ich Hab' mich bei ihren Lebzeiten genug über diese Preisgebungen der edelsten Familieninteressen g'ärgert. ! Resi. Aber sag'ns mir nur, was hab'ns denn gegen die armen Balletmadeln? Pumps. Balletmadeln? Ich hab's nie kennen g'lernt, weil ich in kein Theater geh'; aber unter Balletmadeln stell' ich mir ein ganzes Bataillon G'schöpf' vor, die dem Teufel aus der Butten g'sprungen sein. (Man hört von draußen eine Menge Mädchen durch einander trillern und lachen.) Pumps. No, was is denn das? Resi (freudig). Mein Dank! 's 'Reden is erlaubt. Ja, meii^ Christ. Begleiten Sie mich, ich will Fräulein, ich bin nicht nur gekommen, mich Ihnen dankbar dafür sein! ausz'richten, ich richt' auch Ihren Herrn! Willib. Mit tausend Freuden! Ach, wie Neffen aus! So ein Mann, da versetzt er wird der Herr Neffe glücklich sein, daß Sie den Gagebogen, um heiraten zu können, j ihm verzeihen, sich aussöhnen! da sitzt er ganze Nächte auf und copirr für's > Christ. Mein Herr, Sie irren; ich will Geld, um für sein Kind Brot z'kaufen, da-! meinem Neffen Hilfe bringen, das bin ich bei versinkt er in gräßliche Schulden, riskirt meinem Namen schuldig — ihm verzeihen— seine Stellung — ruiuirt seine G'sundheit und statt, daß er die Hilf' seiner reichen Leut in Anspruch nimmt, läßt er sich heut', von einem zu erbärmlichen Subject wie der Leimsieder Peregrinus Böckel is, auspfändcn. Christ. HeiligerGott Willib. No nir — als daß der Herr Herzig, der als armer Teufel in Zwischenbrücken logirt, heut' auf die Nacht nichts mehr sein nennen wird, als ein Weib, ein Kind und ein' Strohsack! Christ, (finkt in einen Stuhl, halblaut und schmerzlich). O! Resi (die höchst erregt ist). Herr Onkel — Plimpf (der gerührt und zugleich wüthend ist). Laß mich aus — oder — Resi. Willibald! Willib. (auch sehr erregt). Laß mich geh'n, oder — Resi. Aber — ich — will Dir ja — a Bußl geb'n! Willib. (düster). A Bußl? Bei mir busselt sich in dem Leben nir mehr! - Christ, (erhebt sich). Es ist — ist— eine Schlechtigkeit von ihm — daß — wenigstens das Kind hätte er zu mir — ach, mein Kopf — (wendet sich an Willibald) Herr — ich will Ihnen Geld geben — gehen Sie — doch nein — Rest — Resi! Resi. Befehl'n, Fräulein?! Christ. Hut, Shawl — Herr Pumpf, einen Wagen, rasch — rasch — Resi. Ja, Ew. Gnaden! (Eilt rechts.) Pumpf. Gleich wird einer dasein! (Ab durch die Mitte.) ^Christ, (zu Wichtl). Mein Herr, wissen Sie die Wohnung meines Neffen? mich mit ihm aussöhnen—niemals! Kommen Sie! (Sie wendet sich zum Gehen.) Willib. (schickt sich an ihr zu folgen). Verwandlung. was sagen Sie?) ^er innere Raum eines hölzernen Häuschens in ^ ^ Zwischenbrücken. Holzwände. Einfaches Ameublement Schwarzwälderuhr. Blumenstöcke an den mit weißen Linnen verhängten Fenstern. Häusliche Geräthschasten. Ein Vogelbauer.) Eilfte Scene. Carl II. (an einem Seitentischchen spielend). Carl I. und Magdalena. Magdal. (zu Carl). Beruhige Dich, lieber Carl, Gott kann uns ja nicht ganz unglücklich werden lassen. Und sollten wir auch Alles verlieren, die Zuversicht auf eine Wendung zum Besseren bleibt uns ja dock, so lang wir uns selbst noch haben. Carl (bleich, erschöpft, unruhig auf- und abschreitend). Meine theure Magdalena! Du weißt, daß ich seit unserer Verheiratung, trotz allem Elend, nickt verzagte, allein jetzt, wo Du mir die Nachrickt bracktest, daß dieser elende Böckel unser Schicksal in seinen Händen hat, jetzt schwindet die Hoffnung auf eine bessere Zukunft zugleich. Magdal. Und warum, Carl? Möge das Aergste geschehen, möge er uns das Wenige, was wir besitzen, nehmen, wir werden rüstig darangehen, das Verlorne zu ersetzen. Carl. Ack, meine Liebe, nicht der Verlust unserer geringen Habe macht mich un- 44 glücklich; aber ich weiß, daß ich auch mein Amt verliere, wenn es bekannt wird, daß wir Schulden halber gepfändet wurden. Mag dal. (trostlos). Ach, mein Gott; ist das möglich?! Carl. Es ist gewiß; meine Stellung verpflichtet mich, vor der Welt den Anstand zu bewahren, als ein Mann zu gelten, der in geordneten Verhältnissen lebt. Man wird mich entschuldigen, wenn ich durch Krankheit oder irgend ein unvorhergesehenes Ereigniß in Noth gerathe, den Schuldenmacher jedoch sucht man zu beseitigen, indem man ihn seinem Schicksal überläßt. Mag dal. (voll Angst). Sei ruhig, Carl, wir haben noch eine Hoffnung. Fröhlich, unser Freund, ist noch nicht zurück, er will Hilfe schaffen. Carl. Ach, Magdalena, woran erinnerst Du mich? Fröhlich, dessen Armuth nur noch von seiner Aufopferungsfähigkeit übertroffen wird — der Mann, der aus Anhänglichkeit nun selbst in die bitterste Noth gerathen, er joll uns helfen? Und wenn auch, dürfen wir es dulden, daß er sich für uns zu Grunde richtet? Mag dal. Ach nein, Du hast Recht — und dennoch — ich — da ist er! Zwölfte Scene. Vorige. Fröhlich (durch die Mitte). Fröhl. (erhitzt und erschöpft hereineilend). Verflixte G'schicht' — nir ausg'richt' — Alles umsonst—Welt mit Brettern vernagelt. (Wirft sich auf einen Stuhl.) Earl (bitter lächelnd zu Magdalena). Nun also — hoffst Du noch immer? Fröhl. War im Theater — Vorschuß verlangt — Bagag' gibt nir her — a paar intime Freund' ang'redt — no größere Bagage, die Freund' — bin sogar zu ein'm reichen Banquier, bei dem ich in Soireen Cello spiel' (Lopirt den Banquier.) Bester — solch' kleine Geschäfte mach' ich nicht — (Wüthend.) Aber Tänzerin soutenren — armen Teufel hinwer'n lassen — groß's G'schäft! Pah! (Er pustet vor Erregung.) Magdal. Wir sind also verloren — es gibt nichts mehr, was uns retten könnte! Carl (der in großer Erregung auf- und ab- gegangen, nimmt plötzlich seinen Hut), debe wohl! Magdal. Wo willst Du hin? Carl. Ich will — (Er ist ganz fassungslos und stürzt mit dem Ausrufe fort). Lebt wohl! (Durch die Mitte ab.) Fröhl. (springt auf). Frau Herzig! g'schwind nach — net aus den Augen lassen— Donau ganz nahe — man kann net wissen — ihm nach! Magdal. (entsetzt). Mein Gott! Fröhl. Geh'ns — bleib z'Haus daweil, vielleicht besser — wenn d'Erecution kummt — nur g'schwind! Magdal. (die sich zum Fortgehen gerüstet hat, ruft im Meilen.) Der Himmel sei uns gnädig! (Ab.) Dreizehnte Scene. Fröhlich und Carl. Carl (ist aufgesprungen und will Magdalena nach). Mutter! Mutter! Fröhl. (hält ihn ab). Was treibst? — wo willst hin? Carl. Ich Hab' Angst, der Vater ist fort — Fröhl. Wird schon wieder kommen! Bleib' da! Carl. Nein — nein — der Vater stirbt! Fröhl. Stirbt — ah geh, Du Patsch! Carl. Hast Du denn nicht selbst g'sagt, die Mutter soll dem Vater nach, weil die Donau nahe ist und glaubst, ich weiß nicht, daß die unglücklichen Menschen in die Donau springen? Fröhl. (ängstlich). No ja — aber dein Vater thut's net, der ist woandcrst hin! — gleich in der Näh' — 45 Carl. Wohin? Fröhl. (voll Verlegenheit). In — in — Wurstelprater — Carl. So? Fröhl. Ja freilich in den Wurstelprater. (Für sich vergnügt.) Er sitzt auf. Carl. Der Vater sitzt auf? Wo? Fröhl. (ärgerlich). Der Bursch hat ein G'hör! — Wo er aufsitzt? — auf die Ringelroß — weißt. Carl — Carl. Ich will auch hin. Fröhl. No ja — ich geh' auch mit Dir — Carl. Jetzt gleich? Fröhl. Bissel später (für sich). Gibt ka Ruh' — übrigens 'sG'scheiteste — i' geh fort — no ja — kummt Erecution — anpumpt — Alles zug'sperrt — (Reibt sich die Hände.) Sehr gute Jdee'n — Zeit gewinnen — Du, Carl! Carl. Was? Fröhl. Augenblick warten — geh ins Kammerl — Hemd anziag'n — ganz verschwitzt— wart— bin gleich da— (Er geht links in die Seitenthür.) Vierzehnte Scene. Carl (allein). Carl (geht einen Moment lang wie in Gedanken hin und her, dann sagt er): Vater und die Mutter müssen recht unglücklich sein - (Die Hand neben den Mund legend, sagt er ge- heimnißvoll.) Sie haben gar nicht daran gedacht, mir was zum Essen zu geben. — Ich hätte freilich darum bitten können, aber — ich — ich wollte nichts dergleichen thun — na ja, wer wird denn auch an s Essen denken — (klug) bei dem Elend! Wo sie nur hingingen? Ich glaub' nicht, was der Fröhlich sagte, der foppt Einen gern. Ob ich sie nicht draußen sehe! (Geht zum Fenster, und dort aus einen Stuhl kelternd, späht er hinaus.) Sie sind nicht da — aber— was ist das? Ein Wagen — er bleibt stehen — wer steigt denn da aus? Eine Frau und ein Herr — ach — ach — das ist ja die Mahm — sie kommt zu uns — (freudig) die Mahm! (Er will vom Stuhle herab, plötzlich ängstlich.) Ach Gott, vielleicht ist sie da, wie der böse Mann sagte — mir den Sckopf zu beuteln? (Die Thür geht auf, er erschrickt und setzt sich aus den Stuhl nieder). Da ist sie schon. (Er fitzt, und wagt es nicht sich umzuwenden.) Fünfzehnte Scene. Vorige. Christine. Willibald. Christ, (schnell eintretend). Das also ist die Wohnung? Willib. Ja, da logirt die Familie Herzig sammt ihrem Bettgeher, dem Musikus Fröhlich. Christ, (mehr für sich, bewegt). Ach Gott, welche Noth scheint hier zu herrschen! (Zu Willibald.) Es ist Niemand hier. Willib. Vielleicht in der Kammer dort — (Weist aus die Thür links.) Christ, (geht nach der Thür, und bemerkt nun Carl). Da — da! (Rust freudig.) Carl! Carl (auf dem Stuhl kauernd, sagt ängstlich). Grüß Dich Gott, Mahm! Willib. Ah, der Sohn vom Hause! (Er macht, mehr im Hintergründe bleibend, ein Complimevt gegen Carl.) Christ. Nun, mein Kind, Du siehst mich gar nicht an? Carl. Nein! Christ. Hast Du mich nicht mehr lieb? Carl (stockt und sagt scheu). Nein. Ch ri st. (schmerzlich). Haben Dir also deine Eltern verboten, mich zu lieben? Carl. Das nicht— sie sagen immer, ich soll Dich recht lieb haben, ich muß auch immer für Dich beten, daß Du recht lange lebst und gesund bleibst, aber — Christ. (weich und wehmüthig). Nun,aber? Carl. Meine Mutter weint immer — mein Vater ist auch so traurig, weil es uns gar so schlecht geht und Du hast so viel 46 Geld, gibtst ihnen nichts und dämm bist Du bös. Christ. (wie flehend). Earl! Carl (traurig). Ja, siehst Du, Mahm, ick kann nicht gut sein! Christ, (vor Rührung stammelnd). Ach, mein Herr, was sagen Sie zu diesem lieben Kinde? Willib. Gnädiges Fräulein, ich sag', lassen's ihn studieren, das wird a zweiter Doctor Berger. Christ. Carl, warum kommst Du denn gar nicht zu mir? Carl (der sie mißversteht). O ich wär'schon zu Dir gekommen, aber der Vater will nicht, so lang' wir arm sind. Wer arm ist, muß stolz sein, sagt der Vater, und der ver- steht's— er ist Beamter! (Er hat nach und nach seine Scheu vergessen und läßt die Füße hin- und herbaumeln.) Willib. Bravo! Da wird der kleine Carl gewiß auch Beamter werden! Carl. Ich, nein—ich kann nicht Beamter werden, denn wir haben zu viel Schulden, und die Beamten dürfen keine Schulden haben. Christ, (bittend). Carl, geh', steig' herab und komm' zu mir. Carl (wieder ängstlich). Nein — Du thust mir was! Christ, (fast erschrocken). Ich sollte Dir was thun? Ach, Du böses Kind, wer hat denn Dir das gesagt? Carl. O, ich weiß schon! (Gekränkt.) Ich trau' auch Niemanden mehr, der meinen Vater und Mutter nicht leiden kann — nur dem Fröhlich trau' ich, der hat uns lieb, der hat Dich auch lieb, aber Du magst ihn und uns nicht. Christ, (fast geärgert). Das ist nicht wahr! Carl. Oho! (Er wendet sich zu ihr). Hast Du den Fröhlich lieb? Christ, (ftappirt. sagt sie). Nein! Carl (triumphirend). Siehst Du, ich hab's Christ. Aber Dich liebe ich, ick will Dich mit mir nehmen — Carl (schnell). O, ich geh' nicht mehr mit Dir, ich bleibe bei meinen Eltern und Fröhlich. (Wehmüthig.) Wart' nur, Mahm, heut' kommt noch wer, der nimmt uns Alles weg. nachher haben wir gar nichts mehr, thun verhungern, thun alle Drei sterben und Du — (sängt zu weinen an) brauchst kein Geld herzugeben!(Hält die Hände vor s Gesicht.) Christ, (kann sich nicht mehr zwingen und mit einem Schmerzensschrei stürzt sie zum Stuhle, umklammert Carl und sinkt vor ihm halb in die Knie). Willib. (eilt erschrocken herbei). Fräulein! (Er will sie ansassen.) Christ, (ermannt sich und ihn abwehrend sagt sie stammelnd). Nein — nein — gehen Sie — lassen Sie uns allein! Willib. Siebefehlen! (Geht schnell auf den Zehen hinaus.) Sechzehnte Scene. Christine. Carl. Christ, (blickt nach Willibald, wie sie sieht, daß er fort ist, saßt sie mit einer Art Extase das Kind an und spricht mit leidenschaftlicher, aber gedämpfter Stimme). Carl, mein süßer Engel — ick habe Dick lieb, ach ja, glaube es mir, ich will Alles thun, was Du verlangst und Alle, die Du liebst, will ick auck lieben, aber ich bitte — bitte, sei gut, küsse mich jetzt! (Sie hat Carls Kopf in ihren Händen.) Carl (nimmt die Hände von den Augen, saßt sie mit seinen Händen um den Hals und ruft zärtlich). Mahm! (Küßt sie.) Christ, (ihn fest umschlungen haltend, seufzt selig). Ach! 47 Siebzehnte Scene. Porige. Fröhlich. Fröhl. (der in diesem Moment seitwärts ein- getreten ist, sieht die Gruppe, bleibt betroffen stehen, macht dann ein paar eilige Schritte, erkennt Christine und ruft ganz perplex). Das is — das is ja — die Jungfer — (Gerührt und entzückt.) O du mein Gott, ist's möglich? (Gr steht mit ausgebreiteten Armen und blickt nach Christine.) Carl. Mahm, da ist der Fröhlich! Christ, (streckt ihm die Hand entgegen). Herr Fröhlich! Fröhl. (eilt zuihr, saßt ihre Hand, legt den Arm um ihre Taille, so daß sich Christine unwillkürlich von ihm gehalten erheben kann). Christ. Herr Fröhlich — Freund derer, die ich liebe, die ich immer liebte, Sie haben sich meinen tiefgefühltesten Dank erworben. Sagen Sie, ach, sagen Sie, wie soll ich Ihnen danken? Fröhl. (vor Freude stotternd). A — a Busserl! Christ, (küßt ihn rasch). Fröhl. Ah! Carl (der aus dem Stuhle steht, klatscht freudig in die Hände). ! Christ, (zu Fröhlich determinirt). Sie werden mein Mann! (Reicht ihm die Hand.) Fröhl. (einschlagend). Mit Wonne! (Man hört von außen Willibald und Böckel streiten.) Achtzehnte Seent? Porige. Böckel eintretend und Willibald vor sich herstoßend, ihm folgen Carl, Magdalena, Pumps, Resi. Böckel (zu Willibald). Aus dem Weg', sag' ich, kraft gerichtlicher Entscheidung nehme ich hier Alles in Beschlag! (Erblickt Christine.) Ha! was seh' ich?! Carl und Mag dal. (zu Christine eilend). Tante! Christ, (beide umarmend). Meine Kinder! Willi b. (zu Böckel) Na also, Herr Leimsieder, jetzt hab'ns ausg'sotten! Böckel. Allgemeine Versöhnung —das gibt mir den Gnadenstoß! (Er stürzt hinaus). Pumps (zu Willibald). Willibald — Findelkind, Du hast zwar kein'n leiblichen Vater g'sunden, aber an Schwieger-Onkel. Die Resi g'hört dein, weil Du Dich so brav aufg'führt hast. Willib. Resi! Resi. Willibald! Christ. Meine Lieben, Alles ist vergeben und vergessen. Von nun an wollen wir Alle zusammen eine glückliche Familie bilden, und ich hoffe, daß Ihr die Frau Fröhlich eben so lieben werdet, wie mein kleiner Carl die Mahm, die ihm ihr ganzes zukünftiges Glück verdankt! (Sie schmiegt sich an Carl, den Fröhlich auf seinem Arm hält. Carl umschlingt Magdalena, Willibald Resi. Pumps und Alle bilden eine Gruppe.) (Musik.) (Der Vorhang fällt rasch) Ende. Anmerkung. Der Besitz dieses Stückes gibt keiner Bühne das Recht zur Ausführung. Diese« Recht muß von dem Unterzeichneten besonders erworben werden. Adalbert Pri Wollzeile Rr. 3, in Wien. In der Wallishauffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien von Alois Berla bisher erschienen: Gervinus, Der Narr vom Nnlersberg. n Posse mit Gesang in drei Acten. 8 Sgr. od. 40 Nkr. Me Ä4»ch»e m See lieget. ' Lustspiel in einem Acte. 6 Sgr. od. 3V Nkr' Der Zigeuner. Genrebild mit Gesang in einem Acte. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. <» Gharaktergemälde mit Gesang in drei Acten. 12Sgr. od. 60Nkr. -XX-- D>utk und Papier von Leopold Sommer i» Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Nur Mutier. Lustspiel in zwei Acten, nach dem Französischen von Alexander Bergen. (Am k. k. Hofburgtheater in Wien zuerst mit glänzenden Erfolg gegeben.) Personen: Besetzung im k. k. Hofburgtheater. Herr von Bernac... Herr La Roche. Frau von Bernac. . Frau Hebbel. Dolsy, deren Tochter. Frl. Baudius. Georg von Rövel, ihr Schwiegersohn . Herr Sonnenthal. Gontram, ihr Sohn . Herr Baumeister. Herr Benoit de Pouzols. Herr Ferari- Mariette, Kammerjungfer. Frl Grafenberg. Franyois, Bedienter. Herr Arnsburg. August, ein Kind von drei Zähren. Erster Act. (Ein Salon. Drei Mittelthüren, eine Seitenthür rechts, eine links. Zn Mitte der Bühne rin Tisch mit grünem Teppich, auf diesem ein Album, mehrere Bücher, ein Arbeitskorb und eine Glocke. Rechts ein Sopha, Stühle, Fauteuils und ein Gueridon. Links ein Tisch.) Erste Scene. Frau von Bernac. Dolsy. (Beide fitzen. Fr. von Bernac stickt, Dolsy zeichnet.) Fr. v. Bernac (sieht, daß Dolsy auffieht und horcht). Was hast Du denn, Dolsy? Du bleibst auch nicht einen Augenblick ruhig. Dol. Mama, hat man nicht geschellt? Fr. v. Bern. Wen erwartest Duden»? Vol. (setzt fich wieder). Meinen Mann. Ich weiß nicht, was er seit einiger Zeit hat. Er geht jeden Morgen sehr früh aus. Wenn ich ihn frage, wohin, antwortet er mir, daß er frische Luft schöpfen müsse. Findest Du das natürlich, Mama? Fr. v. Bern. Für einen Ehemann? O ja. Wir müssen uns keine Illusionen machen, mein Kind. Die Ehemänner gleichen den Idealen selten, von denen wir träumen, so lange wir junge Mädchen sind. Uebrigens hast Du gar keine Ursache, Dich zu beklagen. Du bist seit einem Jahre verheiratet, und Georg benimmt fich sehr gut. Könnte ich nur dasselbe von deinem Vater sagen! Der hatte schon am ersten Abende unserer Verheiratung vergessen, daß er verheiratet war, er nahm seinen Hut und wollte in den Clubb gehen. Vol. Wo gebt aber Georg jeden Morgen hin? Fr. v. Bern. Mache Dir darüber keine Sorgen. Ein Ehemann hat doch das Recht spazieren zu gehen, und besonders wenn er weiß, daß seine Frau nicht allein zu Hause ist. Bin ich nicht bei Dir? (Man hört klingeln.) Vol. Jetzt hat man aber wirklich geschellt. Er ist's, Mama! Soll ich mit ihm schmollen? Fr. v. Bern. Gott behüte, mein Kind. Setze Dir doch keine Thorheiten in den Kopf. Georg ist gewiß schuldlos. Zweite Scene. Vorige. Georg. Georg (tritt singend durch eine der Mit- telthüren ein, nähert sich Volsy und küßt sie). Ich habe Dich heute Morgens kaum gesehen. Vol. (noch immer fitzend). Wo bist Du gewesen? Georg (geht zum Tisch in Mitte der Bühne). Wo ich gewesen bin? Ich war spazieren, frische Luft schöpfen. Schwiegermama, ich küsse Ihnen die Hände. Fr. v. Bern. Ach, Georg, ich bin heute recht betrübt. Gonlram hat mir geschrieben. Georg (lächelnd). So? Mir auch. Fr. v. Bern. Er schreibt: »Liebe Mutter, schicke mir Geld, aber sage dem Vater nichts davon.« Uud seinem Vater hat er geschrieben: » Lieber Vater, schicke mirGeld, aber sage der Mutter nichts davon.« Georg (zeigt ihr einen Brief). Lesen Sie dieses Postscriptum. Fr. v. Bern (liest). »Schicke mir Geld, aber sage meinem Vater und meiner Mutter nichts davon.« Georg (nimmt den Brief wieder). Der ver- steht's, der Herr Husaren-Lieutenant. Fr. v. Bern. Zn was braucht er so viel Geld? Georg. Die Gage eines Untcrlieute- nants ist klein, uud die Verführungen zrmr Vergnügen sind groß. Fr. v. Bern. Ich bin wirklich sehr besorgt. Gontram ist ein leichtsinniger Kopf, und ich fürchte, wenn er sich selbst überlassen bleibt, wird er noch große Thorheiten begehen. Georg. Sie habenRecht, Mutter. (Kür sich.) Wie wär's, wenn ich meine Schwiegermutter zu den Husaren schickte? (Er setzt sich zu ihr und sagt ganz laut.) Gontram hat einen schwachenEharakter; erläßt sich leicht Hinreißen, und ich fürchte, daß dieses dreifache Begebren nach Geld schon eine Folge davon ist. Fr. v. Bern. Aber er ließe sich eben so leicht zum Guten leiten. Ein Wort von mir würde genügen. Georg. Warum sprechen Sie das Wort nicht? Fr. v. Bern. Sind wir nicht getrennt? Georg. Darf ein Mutterherz getrennt bleiben? An Ihrer Stelle würde ich augenblicklich nach Poitiers reisen. Das wäre wohl traurig für Sie und noch mehr für uns, aber wenn es sich darum handelt, sein Kind zu retten — Fr. v. Bern. Und meine Tochter? Georg. Nun? Fr. v. Bern. Die braucht mich doch noch viel nöthigcr als ihr Bruder. Georg. Bin nicht ich da? Fr. v. Bern. O, das ist ganz etwas Anderes. Georg (fürsich). Das hoffe ich. Fr. v. Bern. Nein, ich bleibe! (Siereicht Dolsy die Hand. Diese drückt sie ihr. Georg geht nach rechts.) Ich werde Gontram einen vier Seiten langen Brief schreiben, ihn ermahnen, ihm Rathschläge ertheilen. Ich denke, das wird genügen. Georg (für sich). Sie bleibt fest. Fr. v. Bern. Ach, wenn es nur gm keine Söhne gäbe! Was hat eine Mutter von ihnen? Kaum hat man sie ein bis- chen groß gezogen, so kommen Sie in die Schule, zum Regimente, aber eine Tochter — (sie steht aus und nähert sich Volsy, welche auch aussteht). Nicht wahr, Du wirst mich niemals verlassen? Vol. O nein, Niemals! (Sie umarmen sich.) Georg (für sich). Niemals? Eine schöne Aussicht. (Laut.) Theure Volsy! Das Wetter ist so schön. Willst Du nicht einen Spaziergang mit mir machen? Vol. Ich kann nicht, Georg, ich habe der Mama versprochen, mit ihr Besuche zu machen. Du bist also völlig frei. Georg. Du bist sehr gütig, ich danke Dir. Vol. Dein Hut und deine Mantille sind in meinem Zimmer. Mama, komm'! Fr. v. Bern. Warte. (Sie klingelt.) 2ch will Francois noch einen Auftrag geben. Georg (für sich). Was fang' ich bis zum Diner an? Franx. (tritt ein). Ich bitte, wer hat geklingelt? Fr. v. Bern. Ich! (Sie geht in den Hintergrund und sagt leise zu ihm.) Gehen Sie zu Frau von Courtin und sagen Sie ihr — Franx. Ich bitte um Entschuldigung, aber ich habe für Herrn von Ravel mehrere Gänge zu machen. Wenn die gnädige Frau jedoch befehlen — Fr. v. Bern. Nein. Befolgen Sie vor Allem die Befehle meines Schwiegersohnes. (Sie nähert sich Lolsy.) Komm', Volsy. Vol. Auf Wiedersehen, Georg! (Siegehen beide rechts ab.) Dritte Scene. Georg. Franxois. Georg. Franxois, gehe sogleich zu meinem Schneider, und sage ihm — Franx. Ich bitte um Entschuldigung — aber Frau von Bernac hat mir soeben mehrere Commissionen aufgetragen; wenn Sie jedoch befehlen — Georg. Nein, befolge vor Allem die Befehle meiner Schwiegermutter. (Er setzt stch aufs Lauape und sagt für sich.) Ich werde selbst gehen, so Hab' ich doch etwas zu thun. Ich möchte wissen, warum ich geheiratet habe? Gewiß nicht um eine Frau zu haben. Franx. Der gnädige Herr scheinen ärgerlich. Ich will nicht fragen, warum? Ich gehöre nicht zu den plaudersüchtigen Bedienten, die sich ihrem Herrn aufdrängen, und in der vielfachen Zahl mit ihnen von Familien - Angelegenheiten sprechen. Zum Beispiel: Wir verheiraten unsere Tochter — wir betrügen unsere Frau u.s.w. Aber ich will Ihnen einen Rath geben: Zerstreuen Sie sich. (Er reicht ihm eine Zeitung.) Lesen Sie! Georg. Zeitungen? eine schöne Zerstreuung. Frantz. Darf ich eine Bitte wagen? Georg. Rede. Du hast immer etwas zu bitten gehabt, als ich noch Junggeselle war. Fahre fort. (Für sich.) Es hat sich ohnedieß wenig geändert. Frantz. Wollen Sie nicht erlauben, daß das Stubenmädchen statt mir die Zimmer wichst? Georg. Warum? Frantz. Weil es zu viel für mich ist, tch halte es hier nicht aus. Georg (für sich). Ich aber, ich muß es aushalten. Fran§. Ich bin der Diener von vier Herren, ich habe wirklich zu viel zu thun. Georg (für sich). Und ich gar nichts. Wie wär's, wenn ich die Zimmer wichste? Frany. Sie sind gut. Sie wollten einen zweiten Bedienten nehmen, aber die Frau Schwiegermutter will nicht. Georg. Woher weißt Du das? Frantz. Ich habe neulich beim Frühstück gehorcht. Ich habe das in meinem ersten Dienst gelernt, beim Grafen Elpy. Das ist ja die einzige Zerstreuung, die man hat. Georg. O — da mußt Du ja so ziemlich Alles wissen, was im Hause vorgeht? Franx. Ja, aber ich mische mich in gar nichts. Es schickt sich nur für alte Be- 1 * diente, überall d'reinzureden. Das kommt erst mit der Zeit. Georg. Das ist ja ganz hübsch, was Du mir da sagst. Und sprichst Du auch außer dem Hause über das, was Du hier hörst? Frany. Gewiß, gnädiger Herr. Ich erzähle überall, daß Herr und Frau von Bernac sich mit ihrem Schwiegersöhne sehr gut vertragen. Georg (zornig für sich). Und leider ist es wahr! Fr an 9. Daß Sie niemals zanken, und daß es schon ein ganzes Jahr so fortgeht. Gewöhnlich dauert der Frieden nicht so lange; ich habe in Häusern gedient, wo die Schwiegermutter schon nach acht Tagen mit dem Schwiegersöhne zu zanken anfing. Aber Frau von Bernac ist so ausnehmend gut mit Ihnen — Georg. Gut, sehr gut! (Wüthend für sich.) Es ist nur zu wahr! Fr an 9. Der gnädige Herr haben es wirklich recht gut getroffen. Georg (steht auf). Verlasse mich! Du langweilst mich. Fran9- Ich werde den gnädigen Herrn nicht lange mehr langweilen, denn ich will die Frau Schwiegermutter bitten, einen andern Bedienten zu nehmen. Georg. Wie Du willst! (Franyois zieht sich in den Hintergrund zurück.) Nur die Dienenden sind also frei. Der Sclave kann gehen, sobald cs ihm beliebt, und ich, der freie Mann, muß bleiben. (Rust.) Fran- 9vis! Fran9. (tritt vor). Gnädiger Herr! Georg. Kömmt Herr Benoit oft hieher? Fran9. Gewöhnlich zweimal des Tages. Georg. Sage mir, Francis, da Du Alles siehst — und Alles hörst — hast Du etwas bemerkt? Fran9. O gnädiger Herr, in derlei Dingen bin ich sehr erfahren. Ich habe beim Grafen Elpy — Georg. Du langweilst mich mit deinem Grafen Elpy. Warum hast Du ihn verlassen? Fran9. Ich habe ihn erst auf dem Friedhofe verlassen, und pflichtschuldig die Trauer für ihn getragen. Georg. Sprich! Was weißt Du? Was hast Du entdeckt? Glaubst Du, daß Herr Benoit — Fra«9. Gnädiger Herr, Herr Benoit hat jedenfalls ein besonderes Interesse, hieher zu kommen. Georg. Du glaubst wegen meiner Schwiegermutter? Fran9. Gnädiger Herr, der Geschmack ist zwar verschieden, aber wenn ich zu wählen hätte — Georg (unterbricht ihn). Dummkopf! Fra «9. Das ist ein hartes Wort. Georg (für sich). Man hat mich also wirklich aufmerksam machen wollen? Fran9. Wünschen der gnädige Herr mich noch um etwas zu befragen? (Herr von Bernac wird an der Mttelthür links sichtbar.) Georg. Mein Schwiegervater kommt. — Geh! Fran9. (für sich). Der Herr ist heute sehr nervös. Das Wetter scheint stürmisch zu sein. (Rechts ab.) Vierte Scene. Georg. Herr von Bernac. Bern, (gibt Georg rin Papier). Da hast Du, Georg. Ich hoffe, es wird Dir nicht unangenehm sein, wenn dein Schwiegervater die Stelle deines Caffiers einnimmt. Georg. Die Rechnung meines Schneiders quittirt? Schwiegervater, wie kann ich zugeben — ich habe heute meine Interessen behoben, und wollte ihn soeben selbst bezahlen. Bern. Jetzt wirst Du dein Geld an- 5 ders verwenden. Das ist Dir doch nicht unangenehm? Georg (nimmt seinen Arm). Nein, und ich danke Ihnen. Aber ich weiß etwas, was mir noch angenehmer wäre. Bern. Was denn? Georg. Wenn Sie Ihre Frau manchmal spazieren führen möchten. Bern. Was fällt Dir ein? Sie löst sich auf der Straße ebenso in Thränen auf, wie zu Hause. Nichts hält sie zurück, selbst nicht die Straßenjungen, die sie aus- lachen. Georg. Sie sind ungerecht. Werfen Sie ihr vor, daß sie Empfindung hat? Bern. Nein, aber was wirfst Du ihr vor? Georg. Nichts. Sie ist eine prächtige Frau. Verträglich, herzensgut, sie überhäuft mich mit Aufmerksamkeiten, ist immer liebenswürdig, und ich hätte gar nichts gegen sie zu sagen, wenn sie nicht meine Schwiegermutter wäre. Aber da Ihre Tochter meine Frau ist, so befinden wir uns, nämlich ich und die Schwiegermutter, in einem Ausnahmszustand; wir stehen uns als Feinde gegenüber. Wir sind Beide eifersüchtig, kurz, zwei Nebenbuhler. Sie will sich das Herz ihrer Tochter erhalten, ich gebe mir alle Mühe, es zu erobern. Wir sind Beide zu leidenschaftlich, zu sehr Egoisten, um auf eine Theilung einzugehen. Jeder Schritt, den ich vorwärts mache, ist für die Mutter eine Niederlage, daher hält sie meine Frau, vielleicht unbewußt, nur ans Instinkt, von mir ferne. Das ist auch ! ganz natürlich. In ihren Augen bin ich ein Fremder, der ihr die Zärtlichkeit rauben will, welche ihr seit so vielen Jahren zn Theil wurde, und auf die sie ein Recht hat. Sie ist eine Henne, die ihr Küchlein zu verlieren fürchtet. Sie ist herzensgut, sanft, liebenswürdig, aber sie wird es mir nie verzeihen, daß mich ihre Tochter liebt. Das ist eine allgemeine Regel, und die Ausnahmen sind sehr selten. Eine Mutter muß sehr viel Charakterstärke, sehr viel Seelengröße besitzen, damit sie sich zwingen kann, ohne Bitterkeit den zweiten Platz in dem Herzen ihres Kindes einzunehmen, und lächelnd zuzusehen, wie ihr Kind ein Glück genießt, welches nicht ihr Werk ist. Bern. Ich verstehe, und — Du hast Recht. Es ist wahr, meine Frau ist viel zu viel um Euch. Georg. Wenn meine Schwiegermutter zugegen ist, steht sie mir übrigens nicht so sehr im Wege, als wenn ich mit meiner Frau allein bin. Volsy ist ihren Ansichten nach noch immer ein kleines Mädchen. Kann es auch anders sein? Ihre Heirat war kein Ereigniß für sie, ihre Lebensweise wurde kaum dadurch geändert. Frau von Bernac hat eines Tages zu ihr gesagt: »Kind, wir werden einen Herrn in Kost und Quartier nehmen. 'S ist ein hübscher junger Mann, er ist wohlhabend — der Herr Maire und der Herr Pfarrer haben ihn empfohlen; der Form halber muß er dein Mann werden.« Volsy hat sich gefreut , denn man hat ihr zu gleicher Zeit die Erlaubniß gegeben, Cachemirs und Schmuck zu tragen, allein auszugehen und sich Madame nennen zu lassen. Was blieb ihr noch zu wünschen übrig? Nichts! Ich kann das arme Kind nicht tadeln, wenn es fortfährt, seiner Mutter zu gehorchen, wie bisher, und sich keine Mühe gibt, den Mann zu lieben, den es noch nicht kennt. Man läßt ihr ja keine Zeit dazu. Aber Sie müssen zugeben, daß dieß ein abnormer Zustand ist, der schon viel zu lange gedauert hat. Bern. Du denkst doch nicht daran, uns zu verlassen? Georg. Wenn auch nicht heute, einmal muß es doch sein. Bern. Bedenke den Schmerz meiner Frau, sie würde uns das Haus überschwemmen mit ihren Thränen. Ich begreife, daß unser Zusammenleben Dich manchmal stört; aber dem Uebel kann abgeholfen werden. Unsere Wohnungen sind getrennt, und ich 6 will einen Gesundbeits-Cordon ziehen, der Dich vor deiner Schwiegermutter bewahren soll. Du sollst mehr mit deiner Frau allein sein, und sie lehren, sich mehr an Dich zu halten, als an ihre Mutter. Glaube mir, Georg, Du sollst es nicht länger bereuen , daß Du uns das Wort gegeben hast, uns nicht von unserem Kinde zu trennen. Georg (für sich). Hätt' ich's nicht ge- than! Bern. Beruhige Dich und — komm' heute in den Elubb mit mir. Georg. Ich danke. Bern. Du hast Unrecht. Abends wird Musik gemacht, es wird ganz lustig sein. Vielleicht entschließest Du Dich später; ich komme bald wieder. Leb' wohl! (Er will gehen) Georg. Noch ein Wort! Bern. Beeile Dich. Georg. Ich habe gestern meine alte Tante besucht, welche ganz Paris bei sich sieht. Die Art und Weise, wie sie über Herrn Benoit sprach, über seine Bekanntschaft mit uns, und seine häufigen Besuche, ließ mich ohne Mühe errathen, daß man davon spricht. Bern. Du wirst doch nicht glauben? Georg. Ich glaube nichts — aber im Fall dieser Mensch von meiner Schwiegermutter die Erlaubniß hätte, in's Haus zu kommen, und unter der Maske, ihr bei ihren wohlthätigen Werken beizustehen, nteine Frau compromittirte, — dann hätt' ich wohl das Recht das Wort zu bre chen, das ich Ihnen gab. Bern. Das ist ganz unwahrscheinlich. Benoit ist erst einundzwanzig Jahre alt, da ist man noch viel zu romantisch, viel zu muthlos, um sich in eine junge Frau zu verlieben. Georg. Das ist möglich! aber ich gebe Ihnen mein Wort, ich werde die Wahrheit erfahren. Bern. Bedarfst Du meiner noch? Georg. Nein. Bern. Ich gehe also in denClubb. (Er drückt ihm die Hand; Georg rechts ab. Bernac will durch die Mittelthür fort, fleht aber, daß Frau von Bernac aus ihrem Zimmer tritt ) Fünfte Scene. Herr und Frau von Bernac. Herr v. Bernac. Gut, daß Du da bist — so kann ich gleich mit Dir sprechen. Fr. v. Bernac. Ist etwas vorgefallen? Bern. Ich habe eine lange Unterredung mit Georg gehabt, er ist unzufrieden, und denkt ernstlich daran, Volsy — Fr. v. Bern. Er will sie doch nicht von uns fortnehmen? Bern. Er hat es nicht ausdrücklich gesagt, aber ich glaube, er denkt daran. Fr. v. Bern, (wnuend). Ach, mein Gott! Mein Gott! Bern. Thränen? Ich gehe. (Er will gehen.) Fr. v. Bern, (hält ihn zurück). Aber er hat ja gar nicht das Recht dazu. Hat er uns nicht sein Wort gegeben, uns niemals von Volsy zu trennen? Bern. Er ist ein Ehrenmann, und wird 'ein Wort halten; aber es könnte Fälle geben, wo es meine Pflicht wäre, ihm sein Wort zurückzugeben, nämlich, wenn er einen Grund hätte, sich über Dich zu beklagen. Fr. v. Bern. Ueber mich? Was kann er mir vorwerfen? Bern. Du stellst Dich nicht genug in den Hintergrund. Ich habe es Dir oft genug gesagt, allein Du hast es nicht beachtet. Du drängst Dich immer zwischen ihn und seine Frau. Ich weiß, daß es aus mütterlicher Liebe geschieht, aber es ist ein großer Fehler. Georg wird sich erst dann wohl bei uns fühlen, wenn er vergißt, daß er nicht bei sich zu Hause ist. Fr. v. Bern. Die Wohnung ist doch ge- theilt? Bern. Ja. Das verhindert Dich aber nicht, in diesem Salon zu sitzen, der zu seiner Wohnnng gehört. Fr. v. Bern. Weil unser Salon so kalt ist. Bern. Laste Dir einheizen. — Liegt Dir nicht daran, deine Tochter bei Dir zu behalten? Fr. v. Bern. Ob mir daran liegt, großer Gott! Bern. So sei deinem Schwiegersöhne nicht immer im Wege, geh' nicht zu ihm, warte bis er zu Dir kommt. Fr. v. Bern. Was thät' ich nicht, um mein Kind bei mir zu behalten! Ich will sortan immer in meinem Zimmer bleiben, ich verspreche es Dir! Bern. Du kannst ihn deshalb doch mit Aufmerksamkeiteil und Geschenken überhäufen. Fr. v. Bern. Ich werde ihm Alles geben, was ihm Freude machen kann. Bern. Gut. Fr. v. Bern. Ich will alle seine Wünsche erfüllen. Bern. Sehr gut. Fr. v. Bern. Jeden Tag will ich ihm eine Ueberraschung bereiten. Bern. Gib ihm Honig zu trinken, und der Vogel wird nicht fortsiiegcn; er wird Alles thun, was wir wollen, er wird unsere Ruhe sichern, und unsere Tochter glücklich machen. Fr. v. Bern, (fängt Plötzlich zu weinen an). Er wird sie glücklich machen? O, mein Gott! Bern. Was hast Du denn wieder? Fr. v. Bern. Er wird sie glücklich machen. Bern. Nun? Fr. v. Bern. Und ich, ihre Mutter,kann gar nichts für sie thun. Bern. O Egoismus! Nicht einmal die Mutterherzen läßt Du in Ruhe. (Er will gehen.) Fr. v. Bern, (schluchzend). Geh' noch nicht fort — ich habe Dir — einige Cra- vatcn gekauft — sie liegen auf deinem Schreibtisch. Bern. Jetzt weinst Du sogar wegen den Cravaten? Fr. v.B ern. (laut schluchzend). Mein Herz ist so voll — Bern. Daß es übergeht, wie gewöhnlich? Ich rette mich! (Er geht ab.) Fr. v. Bern. Ich soll niemals mehr dasitzen! (Sie setzt sich zum Tisch in die Mitte und weint. Georg tritt schnell ein.) Sechste Scene. Frau von Bernac. Georg. Georg. Volsy — (Er sieht seine Schwiegermutter und bleibt stehen. Wie ihn Frau von Bernac sieht, steht sie schnell aus und sucht ihre Stickerei zusammen.) Fr. v. Bern. Ich geh' schon, ich geh' schon, lieber Georg, das ist Ihre Wohnung, Ihr Salon; ich will Sie nicht stören. Georg. Sie sind sehr gütig. Fr. v. Bern. Wie finden Sie dieses Stickmuster? Georg. Sehr geschmackvoll. Fr. v. Bern. Es sind Pantoffeln — für Sie. Georg. Sie überhäufen mich mit Aufmerksamkeiten. Fr. v. Bern. Sind Sie nicht der Mann meiner innigstgeliebten Tochter, sind Sie nicht Derjenige, der-aber ich will Sie nicht länger stören, ich gehe. (An der Thür kehrt sie wieder um.) Georg, nicht wahr, Sie werden mich nicht von meinem Kinde trennen? Georg. Würde Ihnen denn das gar so schwer fallen? Fr. v. Bern. Volsy ist meine ganze Freude, mein einziger Trost. Ohne sie wäre ich unglücklich, Georg. Mein Mann — ist nicht böse — aber er hat mich niemals verstanden, — er hat cs nicht einmal versucht. Er hat es vorgczogen, mich allein zu lassen, immer allein,« lebt wie ein Jung-' geselle, und ist vom Morgen bis zum Abend imClubb. (Laut weinend.) Nicht wahr, Georg, ich darf in den Armen meiner Tochter sterben? Georg. Gewiß, liebe Mutter. Fr. v. Bern. Ich dankeDir, mein Sohn. (Volsy kommt schnell durch die Seitenthür links in neuer Toilette.) Vol. Mama! Mama! Mein neues Kleid steht sehr gut. Fr. v. Bern, (verwirrt). Das freut mich; doch dein Mann ist da, ich gehe. (Schnrll ab.) Siebente Scene. Volsy. Georg. Volsy. Was hat sie denn? Georg. Ich weiß es nicht. Vol. Wie findest Du mein Kleid? Georg. Reizend. Vol. Es ist ein Geschenk meiner Mutter. Georg (für sich). Wie ist's möglich, mit Leuten zu brechen, die Einen mit Geschenken überhäufen? Vol. Was hast Du denn? Seit einigen Tagen erkenn' ich Dich nicht mehr. Georg. Ich leide an den Nerven. Jst's einem Manne nicht auch erlaubt, Nerven zu haben? Die Frauen haben sie doch. Vol. Fehlt Dir etwas? Hast Du nicht Alles, was Du brauchst? Hast Du Dich über irgend etwas zu beklagen? Georg. Ja. — Doch nein. Du würdest mich doch nicht verstehen. (Er setzt sich rechts zum Tisch.) Vol. Sprich doch. Georg. Von etwas Anderem. (Er nimmt ein Buch.) Hast Du den Roman angefangen, den ich Dir gestern gebracht habe? Vol. Nein. Mama hat ihn auf dem Tisck liegen sehen, und mir gesagt, es sei ein schlechtes Buch. Sie hat mir verboten, es zu lesen. Georg. Das ist meine Sache. Hab' ich nicht das Recht, meine Frau Bücher lesen zulasten, die mir gefallen? (Er steht auf, Volsy bittet ihn mit einer Gebrrde, leiser zu sprechen.) Es ist an mir, zu wissen, was für Dich paßt oder nicht. Vol. (nimmt das Buch). Ja, ja; ich will es lesen, aber sage Mama nichts davon; sie würde mich auszanken. Georg. Bist Du ein kleines Mädchen? Stehst Du unter der Vormundschaft deiner Mutter, oder unter dem Schutze deines Mannes? Vol. Ich bin deine Frau, Georg. Georg. Nun, so fasse Vertrauen zu mir. Thue, was ich Dir rathe, und fürchte Dich nicht vor deiner Mutter. Sie darf Dich nicht mehr auszanken. (Er führt sie zum Ea- napö.) Vol. Ich werde den Roman lesen, ich verspreche es Dir. Ist er unterhaltend? Georg. Komm, Volsy, setze Dich zu mir. Wir find allein, das kommt sehr selten vor; ich habe Dir so viel zu sagen. Vol. Sprich, Georg, ich höre. Meine ganze Seele gehört ja Dir. Georg. Geliebtes Weib! Achte Scene. Vorige. Frau v. Bernac. Fr. v. Bern, (tritt schnell ein). Ich will Euch nicht stören, Kinder, ich gehe gleich wieder. Dolsy, ich habe die Länge deiner Vorhänge vergessen, kannst Du sie mir sagen? Vol. Zwei Mötres und einen halben. Fr. v. Bern. Mit dem Saum? Vol. Nein, ohne Saum. Fr. v. Bern. Danke. (Sie geht, kehrt aber wieder um.) Hast Du meine Schere nicht gesehen? Vol. Nein. Fr. v. Bern (sucht auf dem Tisch). Ich weiß nicht, wo ich sie hingebracht habe. Ich kann sie nirgends finden. Wie ungeschickt, da Hab' ich sie in der Tasche! (Ab.) 9 Neunte Scene. Georg. Volsy. Georg. Sage, findest Du es angenehm, stets unterbrochen zu werden? Vol. Es geschah aus guter Absickt. Sie will uns gewiß Vorhänge kaufen. Georg (stehtaus). Das ist unerträglich! Und seit einem Jahre geht das so fort. Vol. (nähert sich ihm). Georg! Georg. Hast Du vergessen, welche Scene sie uns am Morgen nach unserer Hochzeit gemacht hat, weil Du etwas später als gewöhnlich hinübergingst, um ihr guten Morgen zu wünschen? Vol. Ich habe es nicht vergessen, denn es hat mich viel Thränen gekostet. Georg. Seitdem wartet fie nicht, bis Du zu ihr kommst, sondern sie kommt zu uns. Jede Stunde, jeden Augenblick, so oft es ihr einfällt. Das ist nicht mehr cmszuhalten! Ach, warum Hab' ich eingewilligt, daß wir zusammen wohnen! Ich liebte Dich, das ist meine Entschuldigung; ich wäre Alles eingegangen, um Dich zu besitzen, und was Hab' ich davon? Und das sollte immer so fortgehen? Unmöglich! Vol. Georg, Du willst mich doch nicht von meiner Mutter trennen ? Georg. Bin ich nicht gebunden, Hab' ich nicht mein Wort gegeben? Und was würde die Welt dazu sagen? Kinder, die so gute, herzliche, großmüthige Aeltern verlassen! Pfui! über die Undankbaren! Es sind Ungeheuer! Vol. Georg, beruhige Dich, ich bitte Dich, lieber Mann, Du wolltest mir doch so viel sagen? (Sie führt ihn zum Eanapö und setzt sich zu ihm.) Georg. Theure Volsy! Vor einem Jahre noch warst Du fast ein Kind, jetzt bist Du eine verheiratete Frau, meine Frau. Du mußt das Leben kennen lernen. Die Welt ist wie eine Komödie, mit jedem Schritt stoßen wir auf eine Ueberraschung, auf eine Falle, auf eine Gefahr. Meine Hand soll Dich führen, sie soll Dich gefahrlos an allen Klippen vorüberleiten, meine Liebe soll dein Schutz sein, mein Herz dein Zufluchtsort. (Er will fie umarmen, und sieht Frau von Bernac links eintreten, er steht auf und sucht während der folgenden Scene seine Ungeduld zu bezähmen.) Zehnte Scene. Vorige. Frau von Bernac. Fr. v. Bern. Mein Kind, ich habe Dich so lange nicht gesehen, es fehlt mir etwas, ich muß Dich umarmen! (Sie umarmt Volsy.) Vol. (steht aus). Liebe Mama! Fr. v. Bern, (geht, kehrt aber wieder um). Sage, willst Du die Aermel deiner schwarzen Seidenrobe weit haben, oder eng, mit Epaulett's und Schnüren? Vol. O nein, Mama, nur keine Schnüre. Fr. v Bern. Also auch keine Epau- lettes? Vol. Nein, Mama, ich möchte Aermel haben wie di Frau von Duroseau. Fr. v. Bern. Also weit, mit weißem Atlas gefüttert, und mit Richen besetzt. Jetzt weiß ich Alles! (Sie geht links ab.) Eilfte Scene. Volsy. Georg. Georg (wütheud). Nimm deinen Hut! Vol. Weshalb? Georg. Nimm deinen Hut! Vol. Wo wollen wir denn hingehen? Georg. Ich weiß es nicht, ich muß frische Luft schöpfen, ich muß einige Stunden fern von hier zubringen. Komm, wir wollen in's Gasthaus essen gehen, und dann in irgend ein Theater. Vol. (freudig). Ach, wie hübsch! (Sie hält inne.) Aber was wird Mama dazu sagen? 10 Georg. Was sie will. Nimm deinen Hut! Vol. Sage es ihr wenigstens. Georg. Nimm deinen Hut! Dol. (rechts ab). Zwölfte Scene. Georg. Frau von Bernac. Fr. von Bern, (tritt links rin). Volsy, gib mir die Adresse von — wo ist sie denn? Georg. In ihrem Zimmer, sie setzt ihren Hut auf. Fr. v. Bern. Wir haben uns gar nicht vorgenommen auszugehen. Georg. Aber ich gehe mit ihr aus. Fr. v. Bern. Ihr Zwei allein? Georg. Ick denke, wir sind groß genug, und brauchen keine Kindsftan mehr? Fr. v. Bern. Aber wo wollt Ihr denn hin? Georg. Zuerst in's Gasthaus. Fr. v. Bern. In's Gasthaus? Georg. Ja, und von da in s Theater. Vol. (tritt ein mit dem Hut aus dem Kopse). Fr. v. Bern. In's Gasthaus? Vol. Ja, Mama, Du bist doch nicht böse darüber? Fr. v. Bern. (Korken). Du bist verheiratet, ich habe kein Recht, mich zu wider- setzcn; aber eS scheint mir, daß ein Mann, der seine Frau achtet, sie nicht an öffentliche Orte führen wird, wo sie mit verschiedenen Leuten Zusammentreffen kann. Ich will mich nicht näher erklären. Georg. Volsy ist meine Frau, und ich allein habe das Recht zu beurtheilcn, was sich für sic schickt oder nicht. Fr. v. Bern. Ich schweige, aber es ist sehr grausam, wenn eine Mutter — Dol. Lieber Georg, wie wär's, wenn Mama mit uns käme? Fr. v. Bern. Ich, in's Gasthaus? Ich begreife nicht, wie Du nur daran denken kannst? Geht nur, geht, mein Mann speist auch außer dem Hause — ich werde allein essen. (Sie setzt sich auf das Gauapö und weint.) Vol. (wrinend). Mama — Georg. Komm', Volsy. Vol. Georg, könnten wir den nicht den Ausflug auf einen Tag verschieben, wo Papa zu Hause speist? Georg. Nein, ich bleibe heute nicht zu Hause! Dreizehnte Scene. Vorige. Herr von Bernac. Bern, (kommt durch die Mittelthür). Du hast also deinen Entschluß geändert? Du speist mit mir im Clubb? Vol. Das ist ein Ausweg. — Ja, lieber Georg, gehe mit dem Vater, und ich werde bei Mama bleiben. Fr. v. Bern, (steht aus). Ich denke, das wäre auch schicklicher. Vol. Geh', lieber Georg. Bern. So komm'doch, wenn Dich deine Kral» darum bittet. Vol. Ach ja, Georg, mir zu Liebe. Georg. Wenn Du es so haben willst. (Küßt sie.) Bern, (hat Georgs Hut genommen und reicht ihn ihm). Gehen wir! Georg (für sich). Ich muß sie von hier fortbringen, koste es, was es wolle. Vol. (begleitet ihren Mann bis zur Thür) Unterhalte Dich gut, lieber Mann. (Georg und Bernac durch die Mittelthür ab- Frau von Bernac setzt sich zum Tische links. Volsy kommt wieder vor und setzt sich ihr gegenüber.) Vierzehnte Scene. Frau von Bernac, Volsy, dann Francois und Herr Benoit de Pouzols. Fr. v. Bern. Jetzt, da wir unsere Männer los sind, wollen wir uns mit unfern Wohlthätigkcitsanstalten beschäftigen. In acht Tagen ist wieder Sitzung, bis dahin müssen wir uns in den Stand setzen, über unser Wirken Rechenschaft geben zu können. V o l. Hat Herr Benvit schon viele Lose für die Kinderbewahranstalt angebracht? Fr. v. Bern. Er hat versprochen, bei allen bekannten Damen die Runde zu machen, und wird bald kommen, uns den Erfolg zu sagen. Fran§. (meldend). Herr Benoit de Pou- zols! Ben. (tritt ein und begrüßt die Damen). Fr. v. Bern. Ah, Herr Benoit, wir erwarten Sie schon mit großer Ungeduld. Ben. (zirht ein Papier aus der Tasche und reicht es Frau von Bernac). Hier ist die Liste der verkauften Lose. (Frau von Bernac steht ans, Francois übergibt Volsy ein Papier.) Franx. Man hat diese Rechnung für Herrn von Revel gebracht. Vol. Von wem? Franx. Vom Tapezierer Tripotet. (Ab.) Vol. (legt die Rechnung, welche eingefiegelt ist, aus den Tisch und steht auf). Ben. Madame, haben Sie schon den Ausweis ausgeschrieben, wie viel Brot und Fleisch wir in diesem Jahre an die Armen vertheilt haben? Vol. Nein, Frau von Courtin hat die Arbeit übernommen. Fr. v. Bern. Ich wollte den Ausweis diesen Morgen von ihr holen lassen, aber Francois hatte keine Zeit. Ben. Wir müssen ihn aber heute haben. Fr. v. Bern. Sie wohnt ganz nahe, ich will ihn selbst holen. Ben. Wie könnte ich das zugeben. Ich werde gehen. Fr. v. Bern. Nein, nein, ich schulde ihr ohnedieß einen Besuch, und Sie können mittlerweile die Rechnungen schließen. Vol. (erbricht das Couvert und liest die Rechnung). Ben. Zu thun Hab' ich wohl, ich muß die Einnahmen addiren, die Auslagen auch, und dann letztere von elfteren subtrahiren. Ich bitte mir nur einen Platz anzuweisen, wo ich rechnen kann, ohne zu stören. Fr. v. Bern. Gehen Sie in das Arbeitszimmer meines Mannes, dort können Sie ungenirt arbeiten. Vol. (finkt auf das Canape und bedeckt sich das Gesicht mit den Händen). Ben. Ich werde sogleich an's Werk gehen. (Links ab.) Fünfzehnte Scene. Frau von Bernac. Volsy. Fr. v. Bern. Volsy, willst Du mit mir gehen? Vol. (weinend). Ach, Mama, ich bin so unglücklich! Fr. v. Bern. Mein Gott! Was ist denn geschehen? Vol. Er betrügt mich! Fr. v. Bern. Was willst Du damit sagen? Vol. (gibt ihr die Rechnung). Sieh', diese Rechnung hat mir Franxois soeben gebracht. Fr. v. Bern, (liest). Vom Tapezierer Tripotet? Möbel für den Salon? — Weiß mit Gold? — rother Seidendamast mit Gold knöpfen ? Vol. (liest ebenfalls). Das Boudoir zeltartig ausgespannt — Fr. v. Bern, (liest). Mit himmelblauem Zitz, — Scklafzimmer-Möbeln aus Rosenholz — violettfarber Atlas — Vol. (bricht neuerdings in Thränen aus). Fünfundzwanzigtausend Francs für Möbeln aus Rosenholz. Er betrügt mich, diese Möbeln gehören für eine Frau! Fr. v. Bern. Ich wollte, wir könnten daran zweifeln. Vol. Aber ich werde mich rächen! Fr. v. Bern. Beruhige Dich, mein Kind, diese Aufregung wird Dir schaden. Vol. Ja, Mama! Weißt Du, was er die Kühnheit hatte mir heute zu sagen? Fr. v. Bern. Ich bitte, beruhige Dich— 12 Vol. 3a, Mama! Er sagte, er hätte nur den einzigen Wunsch, mich von Dir zu trennen. Fr. v. Bern. Das bat er gesagt? Vol. Ja, Mama! Er treibt die Grausamkeit so weit, daß er mir auch deine Liebe rauben will. Fr. v. Bern. Ach, mein armes Kind! Vol. Er soll es versuchen, mich aus deinen Armen zu reisen. Fr. v. Bern. Ich werde es nicht dulden! Vol. Und ich noch weniger. Wer würde mich dann lieben? Mich trösten? O nein, Mama, ich werde mich niemals von Dir trennen! tSir schlingt die Arme um ihren Hals.) Fr. v. Bern, (umarmt sie). Wie gut Du bist! Vol. Rathe mir, was soll ich thun? Fr. v. Bern. Sage ihm — Vol. Ich sage ihm gar nichts mehr, ich kehre ihm den Rücken, ich rede nur mehr mit Dir! Fr. v. Bern. Das ist gut, das ist sehr gut. Ach, wie froh bin ich, daß ick nicht nach Poitiers gereist bin. Aber jetzt muß ich die Rechnung haben. (Im Fortgehen.) Ich komme gleich wieder. (Links ab.) Vol. (setzt sich zum Tisch Benoit erscheint an der Thür und sieht sich vorsichtig um, ob er mit Dolsy allem ist). Sechzehnte Scene. Dolsy. Benoit. Ben. Madame! (Dolsy erschrickt, er nähert sich ihr). Ich bin's! Vol. Sie, mein Herr, was wollen Sie? Ben. Sind wir allein? Vol. Ja, aber — Ben. Ich habe Alles gethan, um diesen glücklichen Moment herbeizuführen. Ach, Madame, ich Hab' Ihnen so viel zu sagen? Vol. Hat es Eile? Ben. Das fragen Sie noch? Vol. Kann es nicht aufgeschoben werden? Ben. Ich warte schon so lange. Vol. (strht auf). Dann können Sie wohl noch einen Tag länger warten. Ben. Aber Madame — Vol. Herr Benoit, find Sie mein Freund? Ben. Ach, Madame, Alles, was das Herz — Vol. (unterbricht ihn). Gut, so leisten Sie mir einen Dienst! Ben. Sprechen Sie, Madame. Vol. Eilen Sie in die Straße Lafitte, zum Tapezirer Tripotet. Ben. (wiederholt). Tripotet. Vol. Sagen Sie ihm, daß Sie von den Möbeln sprechen gehört haben, die er Herrn R6vel geliefert, und daß Sie dieselben sehen wollen, weil Sie, im Falle sie Ihnen gefallen, bei ihm die gleichen bestellen werden. Ben. Aber, Madame, ich denke ja nicht daran — Vol. Das weiß ich wohl, aber auf diese Weise werden Sie die Adresse der Wohnung erfahren, wo die Möbel hingebracht wurden, und diese Adresse muß ich heute noch haben. Ben. Ich verstehe nicht — Vol. (losbrechend). Verstehen Sie nicht, daß mein Mann mich betrügt? Ben. Mein Gott im Himmel, wär' das möglich? (Georg erscheint im Hintergründe, und da er die Beiden beisammen steht, nähert er sich ohne Geräusch.) Vol. Ja, Herr Benoit, und ich will die Adresse meiner Nebenbuhlerin haben. Ich will ihn überraschen, wenn er ihr zu Füßen liegt, um sie Beide nicderzuschmettern! Wollen Sie mir die Adresse verschaffen? Ben. Ich verspreche es Ihnen, denn Sie sind im Rechte. Arme Betrogene, wie bedauere ich Sie! Doch Sie müssen den Schuldigen strafen. Ach, wenn Sie mir erlauben möchten, Ihnen einen kleinen Racheplan vorzuschlagen! 13 Vol. Sprechen Sie, mein Herr, sprechen Sie. Ben. Ach, Madame, wenn Sie wüßten — (Er fällt ihr zu Füßen) Siebzehnte Scene. Vorige. Georg. Georg (klopft ihm aus die Achsel)- Wollten Sie die Gefälligkeit haben, den Rest Ihrer Rede hinunterzuschlucken? Dol. (für sich). Er! Ben. (steht auf). Mein Herr! Georg (sehr höflich). Sie haben ganz ge- nug gesagt, lieber Herr Benoit, und es wäre indiskret, noch mehr wissen zu wollen. Ben. Mein Herr! Georg. Ich wiederhole Ihnen, daß ich vollkommen zufrieden bin. (Er drückt ihm derb die Hand.) Braver junger Mann! Präch- tiger junger Mann! Ben. (windet sich). Aber, mein Herr — Georg (fährt fort die Hand zu drücken und schiebt ihn dabei immer näher zur Thür). Ich weiß — wichtige Geschäfte rufen Sie ab — lassen Sie sich nicht abhalten, — gehen Sie doch schnell, lieber Freund — gehen Sie doch! Ben. Ab:r, mein Herr! Georg. Glauben Sie mir, ich werde den Dienst nie vergessen, den Sie mir geleistet haben, niemals! (Er ist mit ihm bis j"r Thür gekommen, und stößt ihn hinaus.) Ben. (verschwindet) Achtzehnte Scene. Volsy, Georg, später Herr und Frau v. Bcrnac und Francois. Georg (für sich fröhlich). Endlich winkt wir die Freiheit. (Kleine Pause, dann sagt er streng.) Madame, und jetzt zu Ihnen. Vol. Alles ist aus! Ich spreche nicht wit Ihnen. Georg (für sich). Tripotet's Rechnung macht ihre Wirkung. (Laut.) Ich werde mich nicht erniedrigen, Ihnen Vorwürfe zu machen, Madame — Vol. Es würde auch nicht paffen, denn Sie betrügen mich. Bern, (tritt im Hintergründe ein). Georg. Was soll das heißen? Bern, (sagt leise zu Georg). Georg, ich habe Herrn Benoit eben im Vorzimmer überrascht. Er ist ganz roth geworden, ich denke, das spricht deutlich — Georg. Und ich Hab' ihn überrascht, wie er meiner Frau zu Füßen lag, er erblaßte, ich denke, das ist noch deutlicher. Fr. v. Bern, (tritt ein). Georg. Der neue Tartuffe macht meiner Frau den Hof. Das sind seine guten Werke. Fr. v. Bern, (vortretend). Wäre es wahr? Vol. Ja, Mama! Soeben lag er zn meinen Füßen, da! — Georg (nimmt seinen Hut). Volsy, willst Du deinem Manne folgen? Vol. (eilt zu ihrer Mutter). Ach Mama, Mama! Georg. Du fliehst mich? Sehr schön, da Sie Ihre Tochter so gut bewachen, Madame — so bewachen Sie sie ferner (für sich) wenn Sie können! (Laut.) Ich gehe! (Er ruft:) Franxois! Frantz. (tritt ein). Mein Herr? Georg. Wennnoch Rechnungen kommen, schicke mir dieselben in die Straße de la Victoire Nr. 25. (Ab.) Dol. (fällt ihrer Mutter weinend in die Arme). Ach, Mama! Fr. v. Bern, (weinend). Mein armes Kind! Herr v. Bern, (schlägt aus den Tisch). Jetzt ist die Ueberschwemmung fertig. Rette rch wer kann! — (Der Vorhang fällt) lt Zweiter Lei. (Ein elegantes Boudoir. Zm Hintergründe ein Kamin und zwei Thüren. Aus jeder Seite des KaminS ein Glockenzug. Links ein Fenster und rin Stehspikgel, rechts ein Schreibtisch und eine Seitenthür. Ein Canape, Fauteuils, Stühle, ein Tisch, mehrere Gruppen von Blumen. Alles festlich beleuchtet.) Erste Scene. Mariette und Francois (welche ausräumen). Mar. Weshalb hat man Ihnen gekündigt? Franx. Gekündigt? Ich kündige immer selbst. Ich bin fort, um meinem Herrn, Herrn von Revel — allein zu dienen, ich war schon vor seiner Verheiratung bei ihm. Bei wem haben Sie zuletzt gedient? Mar. Bei einer reichen Witwe. Frantz. War auch männliche Dienerschaft da? Mar. O ja, ein Kutscher und drei Bediente. Franx. Dann haben Sie wohl Erfahrung. — Sie werden wissen, was der Friede werth ist. Es ist ein Elend, wenn die Dienerschaft, die unter einem Dache leben muß, wie Hund und Katze lebt. Mar. (seufzend). Ja wohl, ein Elend. Fra n§. Wir wollen daher Freunde sein und schwören, uns in unseren Unternehmungen nicht zu schaden, sondern sogar zu nützen, wie es nur möglich ist. Mar. Ich schwöre es! (Sie reicht ihm die Hand.) Franx. Der Bund ist geschlossen. Mar. (setzt sich auf's Canapv). Franx. Noch Eines. Es wäre möglich, daß ich Ihnen in freien Stunden den Hof machte. Als ehrlicher Mann muß ich Sie warnen, machen Sie sich keine falschen Hoffnungen. Mar. Fürchten Sie nichts. Ich kenne die Livree. Frany. Das Glück, meine Frau zu werden, wird Ihnen nie zu Theil. Mar. Ich werde mich zu trösten wissen. Frantz. Wenn ich einmal heirate, so heirate ich irgend eine reiche Bürgerstochter, die mir ein Geschäft mitbringt, und das Vermögen, um es fortführen zu können. Ich setze mich zur Ruhe. (Er setzt sich in einen Fauteuil, man hört eine Klingel.) Man klingelt. Oeffnen Sie die Thür. Mar. Ich denke, das ist Ihre Sache. Frantz. Ich öffne niemals. Georg (an der Seitenthür rechts). Was soll das heißen? Willst Du sogleich auf- machen, Schlingel? Franx. (für sich). Wenn der Herr in dem Tone mit mir spricht, werden wir nicht lange beisammen bleiben. (Durch die Mittelthür rechts ab.) Georg. Mariette, ist Alles bereit? Mar. Ja, mein Herr! Georg. So laß mich allein! (Freudig, für sich.) Ich hab's ja gewußt, daß sie ko,w men wird. (Mariette durch die Mittelthür links ab. Bernac tritt ein ) Georg. Nicht sie — mein Schwiegervater! Zweite Scene. Georg. Bernac. Bern. Eine schöne Aufführung! Du kannst stolz darauf sein! Georg. Hat Sie Dolsy hergeschickt? Bern. Nein, ich habe mich selbst hergeschickt. Erröthest Du nicht? Georg. Ganz und gar nicht. Bern. Schämst Du Dich nicht, meine Ruhe zu stören? Georg. Ich — ich hätte Ihre Ruhe gestört? Bern. Du weißt also gar nicht, was im Hause vorgeht, seit Du fort bist? Meine Frau begießt alle Zimmer mit ihren Thrä- nen, und meine Tochter schlägt alle Thü- ren zu, daß das Haus erbebt. Soll das , lange so fortgehen? Georg. Ich hoffe nicht, lieber Schwiegervater. Bern. Ich habe mir nie ein Kind gewünscht , und Gott hat mich gestraft und hat mir deren zwei gegeben. Von dieser Zeit an hatte ich keinen ruhigen Augenblick mehr. Zuerst die kleinen Wünsche meiner Frau, die natürlich erfüllt werden mußten, dann die Launen, die Prätensionen, die Tyrannei der Ammen, dann das Kindergeschrei, dem alle Gattungen Kinderkrankheiten folgten! Endlich war das Alles überstanden, die Kinder waren erwachsen. Ich ließ memen Sohn Soldat werden und verheiratete meine Tochter. Jetzt hoffte ich frei aufathmen zu können. Weit gefehlt! Mein Sohn macht nichts als Schulden, und mein Schwiegersohn ist im besten Zuge, es eben so weit zu bringen. Er mie- thet eine Wohnung, möblirt sie prachtvoll, der Himmel weiß für wen, und mir läßt er zwei Frauen auf dem Hals, die meine und die seine. Das ist zu viel, mein Herr, das ist zu viel! Georg. Das denke ich auch. > Bern. Das muß ein Ende haben. I Georg. Und das so schnell als mög- s lich. Ja, Schwiegervater, es muß ein Ende nehmen. Bern. Aber wie? Georg. Ich habe ein Mittel gefunden. Sobald- Man klingelt.) Sie ist's! Bern. Sie rst's? Ich kann doch nicht mit — dem Fräulein Zusammentreffen! Wo soll ich hinaus? Georg. Es ist ja kein Fräulein — Bern. Wer ist's denn? (Govtram wird sichtbar.) Georg (sieht ihn). Gontram! Bern. Mein Sohn? Gontr. (für sich). Mein Vater — wie ungelegen! Dritte Scene. Vorige. Gontram (in Husaren-Uniform). Bern. Jetzt kommt mir der auch über den Hals! Was Teufel führt Dich hieher? Gontr. Bedanken Sie sich bei meinem Obristen, Papa. Ich bat ihn gestern um einen Urlaub. »Einen Urlaub, Herr Lieutenant?« — »Ja, Herr Obrist.« — »Sollen ihn haben.« Er gab mir den Urlaub — und da bin ich. (Er umarmt seinen Vater.) Wie freu' ich mich, Dich so wohl zu sehen! Bern, (macht sich los). Schon gut, schon gut! Warum hast Du uns nicht früher geschrieben? Gontr. Ich zog es vor, wie eine Bombe in's Haus zu fallen. Es ist militärischer. Bern. In's Haus? Bist Du hier zu Hause? Gontr. (etwas verwirrt). Ich war auf dem Wege nach Hause, da begegnete ich Francois mir Packcten beladen, — er gab mir Georgs neue Adresse, und ich eilte hieher — weil ich ihm etwas zu sagen habe; zwar nichts Wichtiges, aber etwas, was keinen Aufschub leidet. — (Abbrechend.) Laß Dich nochmals umarmen, Papa! Bern. Nenne mich doch nicht mehr Papa, dein Schnurrbart ist viel zu groß dazu. Gontr. Und wenn mein Schnurrbart noch einmal so lang wird, so bin ich doch immer dein Kind. Wie geht's meiner Mutter, meiner Schwester? Bern. Nichts von ihnen! Gontr. Sei so gut und bereite sie auf meine Ankunft vor, in einer halben Stunde drücke ich sie Beide in meine Arme. Georg (zu Bernac). Wenn Sie Abends wieder hier vorüberkommen, so will ich Jh- 16 nen jede Aufklärung geben, die Sie verlangen können. Bern. Ich rechne darauf, Georg. Gontr. Mama soll einstweilen mein Zimmer Herrichten lassen. Bern, (für sich). Wird das wieder eine Unruhe im Hause machen! O die Kinder, die Kinder! (Er sieht Gontram stolz an.) Aber hübsch ist der Bursche! Teuflisch hübsch! Ich kann eigentlich doch stolz auf ihn sein. (Ab.) Vierte Scene. Gontram. Georg. Georg. Was hast Du mir zu sagen? Mach' es schnell, denn ich habe Eile. Gontr. Also schnell. (Zögernd.) Erinnerst Du Dich an Balbine? Georg. Balbine? Nein. Gontr. Ja doch, Balbine Taupier! — Ich bat Dich, dem armen Mädchen Geld zn geben — als ich nach Poitiers mußte zum Regiment. Georg. Ach ja, jetzt erinnere ich mich. Gontr. Nun — sie ist todt. Georg. Warum erzählst Du das mir? Gontr. Warte nur. Ihre Freundin theilte mir diese traurige Nachricht in einem Briefe mit. Dieser Brief hatte folgendes Postscriptum: »Was soll mit August geschehen?« Georg. August? Wer ist August? Gontr. August, das ist dein Neffe. Georg. Mein Neffe? Wüßte nicht woher. Gontr. ?atsr iä sst, Frisur nuptias non äslnonbtrant. Uebrigens ist es ein prächtiger Junge. Ganz das Abbild seines Vaters und schon drei Jahre alt. Georg. Aber Gonlram! Gontr. Was nützt das Alles? Wir liebten uns, sie war siebzehn Jahre alt, ich achtzehn; kann man in dem Alter klug sein? Georg. Es ist aber doch der Einzige? Dein Ehrenwort darauf — es ist der Einzige? Gontr. Der Eine ist mehr als genug! — Sage mir, was fang' ich mit August an? Georg. Da frägst Du mich? Gontr. Gewiß, ich bin ja eigens deshalb hieher gekommen. Georg. Das ist zu stark! Gontr. Zum Regiment kann ich ihn doch nicht mitnehmen? Georg (lacht) Einen dreijährigen Jungen — das würde schwer gehen! Gontr. Es meiner Mutter eingestehen, das ist unmöglich. Du kennst ihre Grundsätze. Georg. Ja, sie würde wüthend sein. Gontr. Du bist mein Freund, mein Schwager, Du kannst es meiner Schwester Vorbringen. Sie ist Frau, sie wird auch eines Tages Mutter werden, sie muß wissen, was man mit einem Kinde anfängt. Ich verlasse mich ganz auf euch Zwei. Ihr müßt mir aus der Verlegenheit helfen und für August eine Stelle finden. Georg. Eine Stelle! Vielleicht gar schon eine Anstellung? Bist Du verrückt? Was für eine Stelle für einen dreijährigen Jungen? Gontr. Im Wirthshaus kann ich ihn doch nicht lassen! Georg. Im Wirthshaus? Gontr. Ja, hier nebenan. Ich war in Saint-Cloud bei seiner Kostfrau, die ihn nicht mehr behalten konnte wegen Mangel an Platz. Sie hat nämlich selbst Zwillinge bekommen. — Ich habe ibn hieher gebracht, und jetzt ist es an Dir, ihn unterzubringen. Georg. Ich kann gar nichts thun, hilf Dir heraus, so gut Du kannst. Gontr. Du willst gar nichts thun, und Du willst Vater sein? Georg. Ich hoffe cs eines Tages zu werden, und eben deshalb will ich mich nicht mit fremden Kindern befassen. Gontr. Fremde Kinder? Bin ich nicht 17 dein Schwager? Und ich glaubte, Du hättest mich lieb — Georg. Warum kommst Du auch gerade in diesem Augenblick? Ick habe andere Dinge im Kopf. Gontr. Hab' ich Dich gebeten, meinen August in deinem Kopfe unterzubrmgen? Georg (lachend). Wenn ich Dich ansehe und mir denke, daß Du Vater bist, muß ich wirklich lachen. Aber Helsen kann ich Dir nicht. Gontr. Du willst also entschieden nichts sür August thun? Georg. Vielleicht spater, in diesem Augenblicke ist es unmöglich. Gontr. Es ist aber ebenso unmöglich, daß er die Nacht allein im Wirthshause zubringt — ick weiß ja gar nicht, wie weit seine Erziehung reicht. (Man hört klingeln.) Georg. Wie mir das Herz schlägt! Gontr. Du erwartest Jemand? Georg. Ja, und Du mußt fort! Franx. (tritt ein). Georg. Nun, Franyois? Franx. 2«, mein Herr! Georg. Endlich! (Zieht Gontram hinaus.) Geh' da hinaus, man darf Dick nicht sehen. Gontr. Und August? Georg. Gott, wie langweilst Du mich mit deinem August! (Er zieht ihn hinaus.) Fünfte Scene. Franxois. Volsy. Vo l. Das ist also Herrn von Revel's Wohnung? Franx. 2a, Madame. Er wird gleich kommen; bitte sich zu setzen. Vol. 2ch, mich hier setzen? Niemals! Fra NH. (für sich). Man muß in diesem Leben nichts verschwören. , Vol. (ficht sich um). Es ist sehr hübsch hier. So viel Lichter, so viel Blumen — warum ist Alles so geschmückt? Nu» Mutt«. Krany. Um — 2emandens Ankunft zu feiern. Vol. Ah, es soll also 2emand ankommen? Frautz. 2st schon angekommen, Madame — Vol. (für sich). Sie ist hier! Georg (tritt ein). Franyois, laß uns allein! Vol. (für sich). Er! (Francois ab.) Sechste Scene. Georg. Volsy. Georg (nähert sich ihr). Meine theuere Volsy! Vol. (tritt zurück). Mein Herr, dieß ist also 2hre Wohnung? Georg. 2a, mein Kind. Vol. Und Sie haben sie so hübsch eingerichtet — für eine Frau? Georg. Für eine Frau. Vol. Die Sie lieben? Georg. Die ich anbete! Vol. Das ist zu unverschämt! Wo ist sie? Wo? Mein Herr, ich gehe nickt fort von hier — Georg. Das hoffe ich auch. Vol. Bis ich ihr nicht die Augen ausgekratzt habe. Georg (umschlingt sie und dreht sie gegen den Spiegel). Du könntest so grausam sein, diese schönen Augen auszukratzen? Vol. (will sich losmachen). Was willst Du damit sagen? Georg. Daß ich nur Dich liebe! Vol. Willst Du mich noch einmal betrügen? Georg. Würde ich Francois vor Dir meine Adresse gesagt haben, wenn ich diese Wohnung für eine Andere gemiethet hätte? Hältst Du mich sür so einfältig? Nein, es war eine Falle, die ich Dir legte und in die Du gegangen bist. 2ch hätte Dich mit Ge- 18 walt fortnehmen können, denn ich hatte ein Recht dazu, aber ich habe vorgezogen, zu warten, bis Du von selbst kommst, und jetzt bist Du da, in deiner Wohnung. Vol. In meiner Wohnung? Georg. Lies in meinen Augen, ob ich lüge. D o l. Zch weiß nicht, träume oder wache ich. Georg, ist das auch Alles wahr, was Du mir da sagst? (Sie sieht sich um und erblickt an der Wand neben dem Kamin ein kleines Bild.) Mein Porträt! Georg. Zweifelst Du noch? (Er umarmt sie.) Dol. Nein, nein. Ach, wie froh bin ich, daß ich mich getäuscht habe! Georg. Wie froh bin ich, daß es vorüber, daß Du da bist! Dol. Das Alles gehört also mir? Georg. Za, Geliebte! Dol. Wie hübsch das Alles ist! (Sir betrachtet Alles.) Georg. Nicht wahr, der Tapezierer Tri- polet hat seine Sachen gut gemacht? Vol. Aber weshalb diese Lichter, diese Blumen? Erwarten wir Besuch? Georg. Niemand wurde erwartet als Du! Dol. Wie lieb Du bist, Georg! Und icb konnte Dich im Verdacht haben, Dich beschuldigen! Georg. Ich mache Dir ja keinen Vor- wurf, mein Kind. Dol. Zch habe Dich auch so lieb! (Sie fährt zusammen.) Aber — o mein Gott! Georg. Was hast Du denn? Vol. Meine Mutter! Georg. Deine Mutter ist zu Hause, und wir sind es auch. Glaube mir, mein geliebtes Weib, diese Trennung war noth- wendig, ja unausweichlich. Einmal mußte es doch geschehen, und cs ist besser spät, als niemals. Die arme Frau wird darunter leiden, ich weiß cs, es muß schmerzlichsein, sich von dem Kinde zu trennen, das man geboren hat, das man so vor seinen Augen heranwachsen sah, und welches mit unserem Leben verschmolzen ist. Zch glaube, daß es keinen tieferen Schmerz gibt, kein größeres Opfer. Aber es ist das Loos aller Mütter, und die feinfühlendsten, die edelsten werden nicht an sich denken, sondern an das Glück ihres Kindes. Vol. Meine Mutter wird sich niemals dareinfügen, Georg. Sie wird mir vorwerfen, undankbar zu sein, so lange sie lebt, vielleicht sogar mir fluchen. Es geht nicht, lieber Mann, ich beschwöre Dick, führe mich zu ihr zurück! Georg. Sei es, wie Du willst. Du bist frei zu gehen. Vol. Und Du? Georg. Ich bin zu Hause. Dol. Ah! (Georg klingrlt.) Was machst Du? Georg. Zch klingle deinem Kammermädchen, sie kann Dich begleiten. Vol. Habe ich ein Kammermädchen? Georg. Natürlich. Siebente Scene. Vorige. Mariette. Mar. Madame haben geklingelt? Vol. Wie heißen Sie? Mar. Mariette, Madame. Vol. Welch' hübscher Name! Mar. Befehlen, Madame, daß ich Zh- nen das Haar richte? > Vol. Zch danke, ich frisire mich immer ^ selbst. Mar. Oder wollen Madame Toilette machen? Voi. Zch kleide mich immer selbst an. Mar. O, verzeihen Sie, Madame, das paßt für ein Mädchen, aber nicht für eine verheiratete Frau. Wozu heiratet mail denn, als um seine Bequemlichkeit zu ha ben? Uebrigens werden Madame mit mir zufrieden sein. Wenn ich nur einmal weiß, wie sie mich haben wollen, dann dürfen Sie auf meinen Eifer und aus meinen Gehorsam rechnen. Im Punctc der Toilette bin ich auch nicht ungeschickt, und wenn Madame sich nicht bemühen wollen, darüber nachzudenken, so bin ich selbst im Stande, etwas zu erfinden, dieß ist nicht mein erster Dienst. Ich habe, Gott sei Dank, schon bei sehr eleganten Damen gedient. Wollen Madame mir erlauben Ihnen den Shawl und den Hut abzunehmen? Ich will beides in's Schlafzimmer tragen. «Sie nimmt ihr Hut und Shawl ab und geht rechts ab ) Achte Scene. Georg. Dolsy. Vol. Die scheint sehr erfahren zu sein. Georg. Warum hast Du ihr »licht deine Befehle crtheilt? Vol. Sie hat mir ja gar nicht Zeit dazu gelassen, sie hat in einemfort geplaudert. Georg. Du mußt sie lehren, Dich an- zuhörcn und Dir zu gehorchen. Vol. O, das werd' ich schon. Georg. Jetzt aber hat sic Dir deinen Shawl genommen — Vol. Und meinen Hut, und hat beides ohne meine Erlanbniß fortgetragen; ich will doch gleich — Georg Mt sie zurück). Bleib, das hat später Zeit, morgen, wenn Du willst. Vol. (legt die Hand auf seinen Arm). Lieber Georg, glaubst Du denn, daß ich bei Dir recht glücklich sein könnte, wenn ich weiß, daß meine Mutter trostlos ist? Georg. Es wäre gewiß besser, wenn Alle zufrieden wären, aber das ist nicht leicht, (tzr fuhrt sie zum Kamin.) Uebrigens unmöglich ist esnicht—ich habesogar schon einen Plan. (Sie setzen sich aus'8 Eanapö.) Vol. Was hast Du vor? Georg. Wenn Du wüßtest, was ich im Sinne habe, würdest Du mich auslachen, denn es scheint unmöglich auszuführen. Vol. Dann wird es wohl auch unausführbar sein? Georg. O nein! (Er küßt sie.) Vol. Ich hätte niemals gedacht, daß die Ehe eine solche Veränderung im Leben herbeiführt. Georg. Weil Du mir nur deine Hand gegeben hast, und nicht dein Herz. Vol. Nein, ich habe Dich geliebt. Georg. Wie man eine Puppe liebt. Pol. Bin ich denn ein Kind? Georg. Fast. Vol. O »»ein! ich fühle ganz anders als ehemals, und besonders jetzt. Ich begreife gar nicht, daß ich Dich nicht schon lange so liebe. Ach, Georg, ich habe viel verlorne Zeit einzubringen Georg. Du liebes Kind! Vol. Ich bin kein Kind mehr, denn »nein Herz hat sprechen gelernt. Zweifelst Du daran? (Sie nimmt seine Hand und legt sie aus ihr Herz.) Fühle, wie es klopft! Georg. Mein geliebtes Weib! Vol. Mein theurer Georg! Frantz. (bringt einen gedeckten Tisch). Georg. Unser kleines Diner. Frantz. (setzt den Tisch vor das Lanapö). Madame, es ist servirt. Vol. Ach, das ist gescheit, ich bin furchtbar hungrig. (Georg setzt sich neben sie, KranyoiS will serviren.) Georg. Franyois, Du kannst uns allein lassen. Frany. (für sich). Wenn die Herrschaften nur keine solchen Heirnlichkeiten hätten! (Er geht ab.) Georg. Wie schön das ist — wir Zwei so ganz allein! So wahr ich lebe, ich glaube, das ist das erste Mal, seit wir verheiratet sind. Vol. (essend) Ach, wie gut schmeckt das! Georg. Hier wird man »ms wenigstens nicht stören, und ich kann Dir ohne Unterbrechung sagen: Volsy, ich lie- (Man klingelt.) Vol. (steht auf). Es kommt Jemand — wie langweilig! FraNtz. (kommt schnell durch die Mittelthür rechts). Frau von Bernac! (Er geht schnell durch die Mittelthür ab.) Dol. Meine Mutter? Ach — wenn sie mich hier sieht! Georg. Ich will mich dem ersten Feuer aussetzen; sehe Dir unterdessen dein Schlafzimmer an. Ich habe mir alle Mühe gegeben, damit es Dir gefalle. (Volsy durch die Seitenthür rechts ab.) Neunte Scene. Georg. Frau v. Bernac. Fr. v. Bern. Sie haben keinen Grund zu erschrecken, mein Herr! Ich werde Sie nicht lange stören, denn hier bin ich nicht an meinem Platz. Georg. Da haben Sie Recht, Madame. Fr. v. Bern. Fürchten Sie auch nicht, daß ich Ihnen Vorwürfe mache, obwohl Sie sie verdienen. Ein Mann, der seine Frau verläßt- Georg (für sich). Sie weiß noch nichts. Fr. v. Bern. Mein Herr, ich komme nur im Interesse meiner Tochter. Sie bat wie ich eine lebhafte Einbildungskraft, eine glühende Seele. Sie weiß Ihre Adresse — und wird Hieherkommen wollen, um sich zu überzeugen Ja, mein Herr, Sie wird kommen, um Sie zu entlarven; ich will ihr diesen Schmerz ersparen. Die Mutter will die Wunden heilen, die der Mann geschlagen hat. Wir müssen uns daher über die Lüge einverstehen, die mein armes Kind täuschen soll. Das ist Alles, was ich von Ihnen verlange. Haben Sie Mitleid mit mir, mein Herr! Mein Gott! Ist es so weit gekommen, daß ich die Mitschuldige meines Schwiegersohnes werden muß, um mein Kind zu betrügen? Aber ich muß es thun, ihr Glück, ihre Ruhe hängen davon ab. Georg. Sie sind wirklich nur deshalb gekommen? Fr. v. Bern. Ja, mein Herr. Georg. Sic sind wirklich eine der besten Frauen, und ich hätte große Lust, Sie zu umarmen. Fr. v. Bern. Mein Herr! Georg. Ich fühle wirklich Gewissensbisse. Fr. v. Bern. Sie bereuen? Georg. Ja — doch nicht in Ihrem Sinne! Fr. v. Bern. Es wäre doch so leicht, diese Wohnung und diese Möbel los zu werden, zu uns zurückzukommen! DieThür ist immer offen fiir den verlornen Sohn! Georg (für sich). Schwiegersohn! Ich habe nicht den Muth, ihr die Wahrheit zu gestehen. Fr. v. Bern. Sie antworten mir nicht? Sie wollen also nicht? (Sie bricht in Thronen aus.) Ach, Georg, Sie hatten doch geschworen, Volsy glücklich zu machen! Georg. Sie soll es sein! Ich schwöre es Ihnen. Sie ist es schon! Fr. v. Bern. Glücklich? (Sie sieht nach dem Tische.) Hier ist für Zwei gedeckt, mein Herr! — Leben Sie wohl! (Sie will fort.) Zehnte Scene. Vorige. Volsy (ans der Seitenthür).H Vol. Mama! Fr. v. Bern. Volsy! Ich wußte es ja, daß sie Hieherkommen wird, das arme Kind! Vol. Ich bin ja hier zu Hause! Fr. v. Bern. Hier zu Hause? Dol. Wir wollten uns gerade zu Tisch setzen, wie Du gekommen bist. Har es Dir Georg nicht gesagt? Fr. v. Bern. Georg, Sie haben ein grausames Spiel mit mir getrieben. Georg (für sich). Der Augenblick der Krisis ist da. Fr. v. Bern. Georg, was Hab' ich Ihnen gethan? Was können Sie mir vorwer- fen? War ich eine launenhafte, widerwärtige, boshafte Schwiegermutter, wie man sie auf der Bühne schildert und im Leben so oft trifft? War ich nicht immer gut, zärtlich, aufmerksam? Ich habe nur für Euch gelebt, nur an Euer Vergnügen gedacht. Ich habe Sie sogar vertheidigt, als Ihre Frau Sie beschuldigte! Gibt es viele Schwiegermütter, die das thun würden? Nein, mein Herr! Warum wollen Sie mich trotz Ihres Versprechens von meiner Tochter trennen? Georg (für sich). Ich fühle, daß ich schwach werde. (Laut und entschlossen.) Weil ich einen widerwärtigen, unausstehlichen Charakter habe, weil ich unverträglich bin, und es nicht leiden kann, wenn man gut mit mir ist Ja , ich werde wüthend darüber. Kurz, Madame, ich hinein Bär und will daher in meiner eigenen Höhle leben, wo ich brummen und knurren kann, wie ich will. Fr. v. Bern. Ach, wie haben wir uns in dem Menschen getäuscht! Vol. (leise zu Georg). Aber das ist ja Alles nicht wahr — Georg (leise zu ihr). Freilich nicht, aber da ich nicht sagen will, daß sie Unrecht hat, so muß ich wohl das Unrecht auf mich nehmen. (Laut.) Wir hoffen jedoch, daß Sie uns recht oft besuchen werden. Vvl. (nähert sich ihrer Mutter). Liebe — Mama — (in Folge eines Blickes Georgs) ich — ich werde Dich täglich besuchen. Fr. v. Bern. (kalt). Bemühe Dich nicht. Je seltener wir uns sehen, desto angenehmer wird es deinem Manne sein. Es ist jedoch überflüssig, Dich darauf aufmerksam zu machen, Du wirft nur zu bald den Weg vergessen, der Dich zu deinen Aeltern führt. Der Undank der Kinder ist immer der Lohn der Mütter. Lebt wohl! (Ab.) Eilfte Scene. Volsy, Georg, dann Mar iette und Franyois. Vol. Und Du läßt sie so fortgehen, Georg? Siehst Du denn nicht, wie ich leide? (Sie finkt auf das Eanaps) Georg. So, jetzt fällt sie in Ohnmacht, das hat noch gefehlt! Volsv, komm' dock zu Dir! (Er saßt sie bei den Händen.) Vol. (mit halber Stimme). Meine Mutter! Meine Mutter! Georg. Was fang' ich denn nur an? (Er ergreift eine Flasche.) Das ist Wein. (Er nimmt den Wasserkrug und schüttet ihn über sein Schnupftuch aus ) Gott, bin ich ungeschickt! (Er läuft zum Glockenzug und klingelt.) Franyois! Mariettc! Frany. und Mar. (treten ein). Frany. Madame liegen in Ohnmacht? (Er nimmt den Tisch fort.) Georg. Was fang' ich an? Sie kommt nicht zu sich. Mariette, eile Frau von Ber- nac nach, sage, ich bitte sie wieder zu kommen. Mar. (eilt ab). Georg (zu Francois). Weißt Du ein Mittel? Frany. Ja, Essig. Georg. So bringe welchen; schnell! Frany. Wir haben ja keinen zu Hause. Georg. So hole welchen! (Francois ab.) Volsy! Volsy! Komm' doch zu Dir! Mein Gott, wir Männer taugen doch gar nichts, wenn eine Frau in Ohnmacht fällt! Zwölfte Scene. Vorige. Frau v. Bernac und Mar iette. Fr. v. Bern. Mein Gott, meine Tochter! (Sie eilt zu ihr.) Georg. Was ist da zu thun? Fr. v. Bern. Riechsalz! Zum Glück Hab' ich mein Flacon! (Sie zieht ein Flacon aus ihrer Tasche und gibt es Volsy zu riechen. Zu Mariette.) Schnell heißes Wasser! Machen Sie einen leichten Thee! 22 Mar. Za, Madame! Georg. Sie öffnet die Augen. Dol. Mama! (Sie umschlingt ihre Mutter.) Ach, verlasse mich nicht! Ach, verlasse mich nicht! Fr. v. Bern. O nein, niemals! Georg lfür sich). Niemals? Und ichhabe sie noch selbst zurückgerufen! (Laut zu Dolsn) Wie ist Dir denn? Dol. Besser, viel besser. Fr. v. Bern. Aber es kann wieder kommen. Ich bleibe jedenfalls die Nacht hier. Mariette soll mir ein Bett in deinem Zimmer richten. Georg. Und ich? Fr. v. Bern. Sie können hier im Salon schlafen! (Sit legt ihren Hut und ihren Shawl ab und beschäftigt sich mit Dolsy.) Georg (fieht ihr zu und sagt für sich). Sie tritt wieder in ihre alten Rechte und läßt sich hier ganz häuslich nieder. Was Hab'ich jetzt gewonnen? Zst's denn gar nicht möglich, daß ich ein ruhiges »zu Hause« für mich haben kann? Muß ich diese Schwiegermutter ewig mit mir Herumschleppen? (Man hört im Nebenzimmer ein Kind weinen.) Fr. v. Bern, (steht schnell auf). Da weint ja ein Kind? Dol. (ebenso). Ein Kind hier? Georg (für sich). August! Könnte er nicht der rettende Engel werden? Dreizehnte Scene. Vorige. Gontram. Gontr. (ohne die Damen zu sehen). Zch habe Dir August gebracht, er ist da im Nebenzimmer — es scheint ihm aber nicht bei Dir zu gefallen, er weint immerwährend. Dol. (weinend zu Georg) Hast Du mich deshalb von meiner Mutter getrennt, damit ich um so früher deine Fehltritte erfahre? Georg. WaS sagst Du da? Pol. (wirft sich ihrer Mutter in die Arme). Ach, Mama! Fr. v. Bern. Ach, meine arme Tochter! Georg. Aber zum Teufel nein, das Kind gehört ja nicht mir! Gontr. (zupft ihn beim Rockschooß). Georg. Laß mich in Ruhe! — Es ist Gontrams Kind! Fr. v. Bern, (plötzlich). Ab! (Lebhaft.) Ja, ja, es ist Gontrams Kind! (Leise zu Gontram.) Sage doch ja! Gontr. Ja, es ist mein Kind! Fr. v. Bern, (zu Dolsy). Hörst Du es wohl? Du hast gar keine Ursache, Dich zu beunruhigen. Dol. Mama, Du willst mich täuschen! Fr. v. Bern, (leise zu Georg). So helfen Sie mir doch! Georg (zu Dolsy, welche auf dem Canaps sitzt). Dolsy, Du sollst Alles wissen! Dol. (wendet den Kopf ab). Fr. v. Bern, (zu Dolsy). So höre ihn doch an! Georg. Gontram hat mir soeben vertraut, daß er ein armes Mädchen liebte. Gontr. Ja, Balbine Taupier. Fr. v. Bern, (leise). Gut. Georg. Sie ist gestorben — Fr. v. Bern. Sehr gut. Gontr. (im Tone des Dorwurses). Mama! Georg (sortfahrend). Und hat ihm ein Kind hinterlassen. Dol. Das ist nicht möglich! Gontr. August ist wirklich mein Kind. Fr. v. Bernac. Vortrefflich! Gontr. (für sich). Was hat sie denn? Georg (fährt fort). Gontram hat das Kind sogleich abgeholt — Fr. v. Bern. Hat mich um Verzeihung gebeten — Gontr. (erstaunt). Was? Ar. v. Bern. Aber ich war so aufgebracht, so wüthend — Gontr. (für sich). Das verstehe der Teufel! ! Georg. Er hat das Kind zu mir gebracht — Gontr. Ja, das ist wahr. Fr. v. Bern. Dem Anblick konnte ich nicht widerstehen. Das Kind hat mich so zärtlich angelächclt, daß es mich zu Thränen gerührt hat. Gontram, ich nehme mich des Kindes an und verzeihe Dir. Gontr. (fällt ihr zu Füßen). Meine liebe, theure Mama ! Keine Frau auf Erden ist so gut wie Du! Aber Du sollst das nicht umsonst gethan haben. Ich schwöre Dir, es soll nie wieder geschehen, nie! Fr. v. Bern, (erstaunt). Wie? Es wäre also wahr? Georg. Die reine Wahrheit. Gontr. (reicht ihr einen Brief). Da ist der Brief, der mir die traurige Nachricht mittheilte. Fr. v. Bern, (sieht den Brief an). Ich wollte meine Tochter täuschen, um ihr einen Schmerz zu ersparen, und — Georg. Und Sie haben sich dadurch eine Freude bereitet. Ihr Enkel ist ein prächtiges Kind! (Gontram geht aus einen Wink Georgs ins Nebenzimmer.) Fr. v. Bern. Ihr könnt sagen, was Ihr wollt, ich werde nie zugeben — Gontr. (kommt mit dem Kinde wieder). Ach! Mama! Georg. Sie können dem Anblick nicht widerstehen, das Kind lächelt Sie so zärtlich an — es rührt Sie — bis zu Thränen — Fr. v. Bern, (umarmt das Kind weinend). Der arme.Kleine! wie hübsch er ist — aber etwas blaß. Georg. Wenn er nur einmal gut ge- pstegt wird. Fr. v. Bern, (sich mit dem Kinde beschäftigend). Das soll er werden! Das muß er werden ! Der arme Kleine ist so zart. Georg (absichtlich). Beruhige Dich, Gvntram, es soll August jetzt an nichts wehr fehlen — ich nehme ihn an. Fr. v. Bern. Und wenn Sie dann selbst Kiuder bekommen, würde der arme August vernachlässigt werden. — Nein, nein, ich behalte das Kind ! Georg (für sich). Wir haben sie! Wir haben sie! (Laut.) Warum! wollen Sie mir das liebe Kind nicht lassen? Fr. v. Bern. Er gehört mir. Nicht wahr, Gontr m, Tu gibst ihn mir ? Gontr. (stellt sich als ob er zauderte) Zum ersten — zum zweiten — zum dritten Mal! Mama, er gehört Ihnen! Fr. v. Bern, (setzt sich und nimmt August aus den Schooß). Ich habe noch das Kinderbett, in welchem Du und deine Schwester gelegen, das soll er bekommen. O, es soll ihm an nichts fehlen! Georg. Wie reich an Liebe ist doch solch' ein Mutterherz! Fr. v. Bern. Gontram, das Kind muß auf's Land. Wir sind im Monat April — morgen gleich fahren wir hinaus und mie- then eine Wohnung. Gontr. Wie Du willst, Mama! Dol. Wie, Du willst uns verlassen, Mama? Fr. v. Bern. Ich muß! August ist schwächlich, er benöthigt Landlust. Georg. Wann werden wir Sie denn Wiedersehen? Fr. v. Bern. Im Herbst — da werde ich Euch besuchen, so oft ich kann; so oft ich nämlich von dem Kinde abkommen kann. Gontr. (für sich). Ter kleine Spitzbube hat sie schon ganz erobert. Husarenblut! Fr. v. Bern, (steht aus und sagt zu Nolsy). Du brauchst mich nicht mehr. Nicht wahr, es geht Dir schon besser? Vol. Ja, Mama. Fr. v. Bern, (nimmt ihren Hut und ihren Shawl). Gontram, sage Mariette, sie soll das Kind anziehen. Wir wollen nach Hause. Gontr. Ja, Mama, (tzr will mit dem Kinde abgehen.) 24 Fr. v. Bern. Sie soll ihn recht gut einhüllen, damit er sich ja nicht verkühlt, die Luft ist kalt. Gontr. Ja, Mama. (Wie oben.) Fr. v. Bern. Sie soll einen Sbawl von deiner Schwester nehmen, seine Kleider sind so leicht. Gontr. Ja, Mama. (Er geht mit dem Kinde rechts ab. Zm selben Augenblick tritt Herr von Bernac ein.) Georg. Ah, da ist mein Schwiegervater! ziehen will. Ich werde Dir schon sagen warum. Gontr. Ja, Papa, die Mama wird Dir schon sagen warum. Bern, (erschrickt). Ein Kind? Das Kindergeschrei soll bei mir im Hause von Neuem wieder anfangen? Fr. v. Bern. Morgen ziehen wir auf's Land. Bern. Im April? Und mein Clubb? Fr. v. Bern. Augusts Gesundheit ist wichtiger als dein Clubb. (Sie geht rechts Vierzehnte Scene. Vorige. Herr von Bernac, später Gontram. Bern. Ja, ich bin's, und ick hoffe, Du wirst mir nun erklären- Georg. Das wird bald geschehen sein. Sie befinden sich hier in meinerWohnung. Bern. Und — Fr. v. Bern, (ruhig). Ist das nickt genug? Georg und Volsy haben diese Wohnung gemiethet, sie werden bier wohnen. Ist das etwas Außerordentliches? Bern. O nein, es ist mir sogar lieber, ich werde mehr Ruhe haben. Gontr. (kommt wieder). Mama, der Kleine ist bereit. Bern. Welcher Kleine? Gontr. August, Papa. Bern. August? Wer ist August? Kr. v. Bern. Ein Kind — das ich erhinein) Bern. Wer ist dieser August? Warum soll ich mich seinetwegen geniren? Gontr. Die Mama wird Dir schon sagen warum. Fr. v. Bern, (kommt mit dem Kinde wieder). Gute Nacht, Volsy! Gute Nacht, Georg! Komm, mein kleiner Liebling, schmiege Dick an mich, damit Du nicht frierst. Bern, (sieht das Kind zornig au). Was ist denn das für ein Kind? Gontr. Es ist August, Papa. Fr. v. Bern, (zu ihrem Manne). Was stehst Du denn so verblüfft da? Nimm das Kind! (Sie gibt es ihm auf den Arm, küßt Volsy und schiebt ihn hinaus; sie folgt ihm mit Gontram.) Vol. (zu Georg). Mama verläßt uns, und wie es scheint, sogar mit Freuden? Georg. Liebe Frau, die Mütter sind ein wenig wie die Hühner; wenn sie keine Küchlein haben, begnügen sie sich mit kleinen Enten. Der Vorhang fällt. Ende. Druck und Papier von Leopold Sommer in Wien. Den'Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Akpsel des Nachbars Posse in drei Acte». Wo Victor Jardou. Nach dem Französischen von Hohen markt. Personen: Wilhelm Thienemann. Paola, dessen Frau. Reschauer, Wirth. Lisette, Stubenmädchen. Therese Mittmann. Helene Blühdorn, ihre Schwester. Angelika Stahl, deren Nichte. Felix Rodenberg, Doctor der Rechte. Hector Frenzel, sein Freund. Ein Herr. Ein Nachtwächter. Ein Gensdarm. Ein Kellner. Eine Seffelvermietherin. Reisende. Bauern und Bäuerinnen. Straßenjungen. Der erste und zweite Act spielen in Baden bei Wien, der dritte Act spielt in Petersdors. Erster Äet. Ein öffentliches Garten-Kaffeehaus. Tische und Stühle. Im Hintergründe Spaziergänger. Kinder, welche Ball schlagen und über die Springschnur Hüpfen. Das Orchester spielt eine Quadrille. Die weiften Tische find von Gästm besetzt. Geschäftige MarqueurS eilen hin und her. Erste Scene. Frau Blühdorn. Fräulein Mitt mann, Angelika. Fr. Blühd. Ja, die Strauß'schen Wal zer bleiben halt doch einzig. Frl. Mittm. Das sind Vorurtheile Strauß! Was sind alle Sträuße im Ver gleiche zu Ziehrer. Habe ich Recht, Angelika Angel. Ich weiß es nicht. Ich kenne Ziehrer nur aus seinen Reclanien. ! Mittm. Was? Du kennst die »Jäger- Polka« nicht? Angel. Nein. Ich habe seit Langem gar keinerlei öffentliche Concerte besucht. Mittm. (pikirt). Ich verstehe Dich wirklich nicht. Seit Du von deiner kleinen Reise zurück bist, finde ich Dich stets so übler Laune — so mürrisch. Blühd. Ich bin auch versucht zu glauben, daß Du Dich in unserer Gesellschaft nicht wohl fühlst. Mittm. Und es doch unsere Pflicht ist, Dich zu beschützen, liebes Kind! Eine junge Witwe darf nicht allein sein, sie müßte sich denn allen möglichen Unannehmlichkeiten aussetzen wollen. Die Männer sind heut zu Tage so unverschämt — Blühd. Aber natürlich nur gegen junge wehrlose Damen — wenn wir bei Dir sind, da kommt uns keiner in die Nähe. (Die Musiker haben zu spielen aufgehört und sich entfernt. Die Spaziergänger zerstreuen sich.) — Uebrigens glaube ich zu wissen, was Dich drückt: Die Witwenschaft ist es! — (Mit einem Seufzer.) Ach, ich kenne das aus Erfahrung! Mitm. Nun, dem könnte ja leicht abge- holfen werden. Haben wir nicht eine herrliche Wahl für Dich getroffen? Angel, (schmollend). Herrn Rodenberg? Blühd. (lebhaft) Ein vortrefflicher Mensch! Mittm. (ebenso). Einer unserer ersten Advocaten, — hat eine glänzende Car- riere in Aussicht, ist voll Rücksicht für das zarte Geschlecht. Blühd. Und von seltener Solidität. — Ein wahres Muster-Eremplar! Mittm. Ein Mensch, der täglich seine Ernennung zum Richter erwartet. Angel. Ach — was kümmert das mich! Blühd. Wie? Angelika! Ist das Bewußtsein, einen Mann zu haben, bei dessen Anblick alle Verbrecher erzittern und Herzklopfen bekommen, — ist ein solches Bewußtsein, sage ich, nicht ein großes, ein erhabenes? Angel. Aber Tante, — mir verur- sacht's kein Herzklopfen. Mittm. Man kann für die vielseitigen Verdienste eines so edlen Mannes nur dann blind sein, wenn man seine Augen schon auf einen andern Gegenstand geworfen hat! Angel, (verlegen). Auf einen Anderen? Mittm. Ja — da ist dieses saubere Früchtchen, — der Freund deines Seligen? Angel. Herr Frenzel! Blühd. Frenzel oder Krenzel, was weiß ich! Der Name thut auch nichts zur Sache. Ich habe schon genug, wenn ich ihn sehe mit seinem geckenhaften Wesen — Angel. Mein Gott, er ist an das Residenzleben gewöhnt, Tante — Rodenb. (erscheint im Hintergründe. Mehrere Spaziergänger grüßen ihn — er sucht die Damen). Mittm. So? — Ich habe nicht ge wußt, daß es in der Residenz Mode ist, junge Damen zu besuchen, ohne sich vorerst deren Angehörigen vorzustellen. Blühd. Sind wir nicht in jenem schönen Alter, wo man mit Recht auf die Ehrerbietung dieser Herren der Schöpfung Anspruch machen kann, ohne deshalb auf zartere Empfindungen verzichten zu müssen? Mittm. Gewiß! Herr Rodenberg, — das ist ein ganz anderer Mann! (Roden- berg bemerkt jetzt die Damen, will sich ihnen schnell nahem, verwickelt sich aber in die Spring- schnur eines kleinen Mädchens.) Ah—da ist er! Zweite Scene. Vorige. Rodenberg. Blühd. Ah — Herr Rodenberg! Das freut uns! Die Sesselvermietherin (tritt z» Fräulein Mittmann heran). Ich bitte UM sechs Kreuzer! 3 Rodend, (entrüstet). Ah, das ist stark! (Zu den Damen.) Erlauben Sie, meine Da- ! inen! (Bezahlt die Sesselvermictherin.) So — ! hier nehmen Sie! — Nein, es ist entsetz- > lich! Man läßt Damen für ihre Plätze zah- ! len, während man sie dafür bezahlen sollte, ! daß sie den Park durch ihre Anwesenheit > verschönern! Es ist zu arg! (Ein Blumenmädchen ! geht vorüber, er nimmt ihr zwei kleine Bouquets ^ ab und reicht sie den beiden älteren Damen, Angelika nicht beachtend.) Blühd. Immer liebenswürdig! I Rodend, (ihr die Haud küssend). Ich be- ! strebe mich Ihnen ähnlich zu werden, meine Damen. Blühd. Mittm. Wirklich charmant! Reizend! ! Mittm. Schade, daß Sie die Musik versäumt haben. Rodend, (immer zu den Alten). Ich höre ^ sie, wenn Sie zu mir sprechen. Blühd. (deutet aus einen Stuhl zwischen ihr und ihrer Schwester). Nun? Haben Sie schon Nachricht aus Wien bekommen? Rodenb. (hat sich gesetzt). Zu dienen. Meine Sache steht vortrefflich! Meine Ernennung ist schon unterwegs und dürfte I mit der Abendpost bereits in meinen Hän- ! den sein. Noch heute also, meine Damen, werde ich Ihnen als »Richter* gegenüber- siehen. (Küßt beiden die Hände.) Blühd. Erzählen Sie uns doch etwas von der gestrigen Gerichtsverhandlung. Mitt. Ach ja! Die Gerichtsverhandlun- i gen sind jetzt täglich so interessant — so pikant — so — erzählen Sie! Blühd. Sie sollen aber auch gesprochen haben wie der Mühlfeld. Rodend, (mit Selbstbewußtskin). o — haben Sie schon davon gehört? Ja — meine Rede hat auch Aufsehen erregt. Aber das Bewußtsein, die Sittenlosigkeit unserer Zeit öffentlich brandmarken zu können, ist anch ein so erhebendes, begeisterndes —ein ^ und wenn Sie wüßten, meine Damen, was für ein Prozeß das war! Ich sage Ihnen, skandalöse, —grauenhaft! —Und erst die Details — die sind solcher Art — (Mit Entrüstung.) O! es ist unerhört! Blühd. und Mittm. (rücken mit dem Zeichen tiefsten Interesses und größter Neugierde ihre Stühle dicht zu Rodenberg heran). O, erzählen Sie! — Erzählen Sie! Angel, (steht auf und setzt* sich rechts). Blühd. Um was handelt es sich denn? Rodenb. Mein Gott, wie so oft um eine Verführung! Mittm. (seufzend). Ach — wie interessant! Blühd. (enttäuscht). Sonst nichts? — Ich glaubte weiß Gott was da herauskommt. — Ich habe etwas viel — viel Pikanteres erwartet. Rodenb. Es handelte sich um eine Verführung und Entführung. — Zwei jun.,e Leutchen, die von ihren Aeltern nicht die Erlaubniß erhielten, sich zu heiraten! — Der junge Mann — übrigens ein ausgezeichneter Mensch — entschloß sich endlich seine unmündige Geliebte unter erschwerenden Umständen zu entführen. Ich plaidirte als Kläger und habe natürlich mitBerücksichtigung der erschwerenden Umstände das höchste Strafausmaß beantragt! Blühd. Gefängnißstrafe? Rodenb. Ja — schöne Frau — zehn Jahre! — Nicht mehr? Angel. Der arme Mensch! Blühd. (entrüstet). Was muß ich hören! Meine Nichte entschuldigt einen Verführer! Mittm. Einen Entführer! Beide alten Damen. Horreur! Angel. Ich entschuldige ihn ja nicht — ich bedauere ihn nur! Und ich glaube, wenn die Aeltern ein bischen nachgiebiger gewesen wären und in eine ehrbare Heirat gewilliget hätten — Rodenb. Hm — das hat der Richter auch gemeint — ich aber ließ es nicht zu! Ich habe es gewagt, ein solches Uebermaß der Milde öffentlich zu tadeln! Angel. Ach — ein wenig Nachsicht — ein wenig Mitleid — Rodenb. (unterbricht sie schnell). Nein — 4 meine Gnädige—keine Nachsicht, kein Mitleid ! — Mitleid ist Verbrechern gegenüber am Unrechten Orte! (Er spricht, als plädire er und schlägt im Eifer aus die Stuhllehne, als stünde er aus der Kanzel.) Und wenn das Gesetz, das doch die Unschuld beschützen soll, selbst durch die Finger sieht — wer soll dann das zarte, schwache Geschlecht beschützen?! — Blühd. und Fr. Mittm. Ja wohl — wer soll uns beschützen?! — R 0 de N b. ( jus Feuer gerathend). Also — ZU den Waffen! Lasset uns die zunehmende Verderbtheit der Bevölkerung, die uns über den Kopf zu wachsen droht, bekämpfen, laßt uns — sie ausrotten mit Stumpf und Stiel! — Tod der Unmoralität, Tod — der Schlemmerei, ja, Tod — der Liebe! Denn die Liebe ist die Ursache aller Untugenden, aller Laster, aller Verbrechen, aller Gräuel der Welt! Die beiden Alten (enthusiasmirt). Ach — er spricht wie ein Gott! Blühd. Ganz wie der Mühlfeld! Rodend, (fährt fort). Ich schließe nun, indem ich den hohen Gerichtshof bitte — Blühd. (erstaunt). Wie? Rodend. O — entschuldigen Sie — ich habe mich vergessen — ich habe geglaubt, ich stehe vor Gericht! Und es ist auch so— ich stehe wirklich vor dem Richterstuhle, vor dem der Grazien! (Verneigt sich gegen die Beiden.) Blühd. Ach! — man erkennt den geübten Redner. Mittm. Es ist aber Zeit für die Kirche. Komm', Schwester. Rodend. Es ist kaum sieben Uhr. Mittm. Noch so früh! Und es fängt schon an kühl zu werden! Rodend. Es ist nahe — ich eile — meine Damen—und hole Ihnen Shawls. Blüh d. (sich zierend). Wie—Sie wollen sich bemühen? Rodenb. Bemühen? Ist das eine Mühe? — Ich fliege — in einem Augenblick bin ich wieder da! (Er eilt in den Hintergrund ab, wirst ihnen von dort noch einen Gruß mit der Hand zu, der einem Kusse gleicht.) Dritte Scene. Vorige, ohne Rodenberg, dann Frenzel. Blühd. Und einen solchen Menschen verstehst Du nicht zu würdigen, Nichte? Mittm. Noch dazu weil dieser einfältige Wiener — (Frenzel tritt im Hintergründe links ein.) Blühd. (ohne ihn zu sehen). Dieser Grobian! Mittm. (ebenso). Dieser Gecken! (Frenzel tritt näher.) Blühd. Mit seinem Tabakdampfe! Mittm. Und seinem Nasenzwicker! Blühd. Und seinen Lackstiefeln! Mittm. Und seinen verwilderten Bart! Frenzel (welcher, hinter ihnen stehend, Alle? gehört hat, ohne bemerkt worden zu sein, Kit! plötzlich zwischen den beiden Alten vor und macht hnen eine tiefe Verbeugung). Meine Damen! Beide Damen (erschrocken). Ach! (Sic stehen schnell aus) Frenzel (wendet ihnen den Rücken, um Angelika zu begrüßen). Wie geht es Ihnen > heute Abend, meine Holde? (Spricht leise ! mit ihr.) Blühd. (leise zu Frl. Mittmann). Welche Keckheit! Mittm. (leise zu Fr. Blühdorn). Komm, Schwester! Wir wollen dieser skandalöse» Unterredung nicht als Deckmantel dienen! Mein Gott! — wenn die Welt am Ende gar dächte, daß ich! — Oh — komm'! Blühd. (zu Angelika). Komm' in den Abendsegen, Nichte! Angel, (ironisch). Wie — Sie wolle» Herrn Rodenberg nicht erwarten? Blühd. Er weiß, daß wir in der Kirche sind, und wird auch meine Schwester dort I abholen, wie er es täglich thnt! Frenzel (zu Angelika). So ist mir doch erlaubt, Sie unter dem Schutze Ihre müt- I terlichen Freundinnen zu begleiten? (Angelika nimmt seinen Arm, beide gehen voraus links ab.) Mittm. (höchst entrüstet). Mütterlich! — ha — mir das? Blühd. (ebmso). Der Unverschämte! Beide. Mütterlich!! — (Wüthend ab durch dieselbe Coulisse wie Angelika.) Vierte Scene. Rodenberg, ein Kellner (Spaziergänger im Hintergründe). Rodcnb. (eilt höchst geschäftig herein, über jedem Arm einen Shawl tragend, kommt liebenswürdig lächelnd vor und glaubt die Damen noch ! anwesend). Hier, meine Verehrteften, hier! (Sieht, daß die Plätze leer find.) Wie, die alten Heren sind fort? — Und ich Narr schleppe mich mit diesen dummen Shawls hemm? — Ich bin ganz athemlos! lEr wischt sich den Schweiß von der Stirn.) Freilich sind es nicht diese alten Schachteln, die mich so ins Feuer gebracht haben — sondern dieser verdächtige kleine Herr, dem ich so lange nachgestiegen bin, und der mir endlich doch entwischt ist! i Sieht forschend nach den Spaziergängern im Hintergründe.) Es ist merkwürdig — wo uiag er nur hingekommen sein? — Oder Ne? — Denn ich will meine Hand in's Feuer legen, daß er eine Sie, mit einem Worte ein verkleidetes Frauenzimmer ist ! — , Dahinter steckt eine Gerichtsverhandlung! — Wenn ich erst sicher bin, so Hetze ich ihr "n paar Gensdarmen auf den Hals — und mich dazu! — Aber ich bin ganz erhitzt von der Jagd — He, Kellner! Kellner (rückt rechts Tisch und Stuhl zurecht). Sie befehlen, mein Herr? Rodenb. Ein Gefrornes! Schnell! (Kellner ab.) Der Teufel hol' die Tanten — ich werde sie erst nach der Kirche abholen! (Er wischt den Tisch mit einem der ShawlS ab.) Mir graut schon jetzt, wenn ich an die Whistpartie mit diesen alten Pyramiden denke! Fünfte Scene. Vorige. Paola. Paola (in sommerlicher Männerkleidung, schlägt mit ihrem Stock auf den Tisch link-). Kellner! — Einen Schwarzen! Rodenb. (sieht aus, schnuppert, bemerkt Paola). Ha — er — sie! Paola (ficht ihn, für sich). O weh — mein Verfolger! Der Einfaltspinsel! Rodenb. (für sich). Sie erkennt mich! Paola (für sich). Wenn ich ihn nicht irre mache, so bin ich verloren! (Nimmt mit Bravour eine Cigarre.) He, Kellner, Feuer! Kellner (tritt ein, bringt ein Glas schwarzen Kaffee und setzt es vor sie hin.) Hier, mein Herr! (Gibt ihr Feuer.) Paola (für sich, nach Rodenberg sehend). Wenn er noch hübsch wäre! — Aber solch' ein häßlicher Ding — (Hat ihre Cigarre angezündet) Rodenb. (hat eine Zeitung ergriffen, schielt jedoch über sie hinweg auf Paola). Das hat man davon, wenn man sich, wie ich, ausschließlich und allein den Studien der Rechte weiht und alle anderen darüber vernachlässiget! Man kennt alle Strafpara- graphe auswendig, man ist im Gesetzbuche zu Hause wie in seiner eigenen Wohnung, und wenn's darauf ankommt, kann man ein Männchen nicht von einem Weiblcin unterscheiden! — Ja, wenn mein Freund Frenzel da wäre — der ist ein fescher Geist — der würde mir gleich sagen, wie ich d'ran bin! Der hätt'es gleich los! (Sieht in seine Zeitung) Paola (erleichtert). Gott sei Dank — er gibt das Naturforschen auf! — (Nach einer kleinen Pause ärgerlich, sieht sie hin.) Das 6 war aber geschwind! (Wendet den Kopf ab; dann sieht sie sich wieder nach ihm um.) Richtig, er sieht mich nicht mehr an! (Zornig.) Er sieht mich nicht mehr an! — Der einfältige Mensch weiß gar nicht, was er versäumt ! Rodend, (mit der Nase aus der Zeitung). An welchen besonderen Merkmalen kann man ein verkleidetes Frauenzimmer nur erkennen? Paola (hat ihn auf einem Blick ertappt; für sich). Aha — er hat sich's doch überlegt! (Sie streicht sich das Schnurbärtchen.) Rodenb. (für sich). Ha — die Hand ist klein! — Laß einmal die Füße sehen! (Sieht Paola's Füße an, die diese weit vorgestreckt hält.) O Gott — o Gott — die kleinen Füße! Paola (bemerkt seinen Blick und zieht die Füße instinctmäßig unter ihren Stuhl zurück). Na — ist er bald fertig? Rodenb. (schnell für sich). Solch eine Bewegung hat nur eine Katze oder ein Weib! (Legt die Zeitung aus den Tisch ) Paola (nachdem sie verschiedene Stellungen mit ihren Beinen versucht hat, verlegen, für sich). Das wird unbequem — ich weiß gar nicht mehr, wie ich mich setzen soll! Rodenb. (steht auf; für sich). Ich habe einmal gehört, daß alle Frauen krumme Beine haben — Much gefaßt! — ich muß sie mir in der Nähe anschauen! Paola (besorgt). Er kommt näher! Rodenb. (hat eine Cigarre herausgezogen und geht damit auf Paola zu). Mein — Herr — Paola (dreht sich zu ihm um). Signor? Rodenb. Wollen Sie so freundlich sein, mir Feuer zu geben? Paola (hält ihm lächelnd ihre brennende Cigarre hin). 8i, LiANOr — 6660! Rodenb. Um Gottes willen — das ist viel zu viel Feuer! — Diese Augen! — Sie sind Italiener? Paola. 8i, 8ixnor! Nun — brennt die Eigarre? Rodenb. (mit aller Gewalt an ihr ziehend). Nein — Paola (lacht). Oiovinetto! — Sic haben sie nicht abgebissen! Rodenb. Richtig! (Sieht die Cigarre verdutzt an.) Paola. Geben Sie her! (Schneidet die Spitze weg.) So! Rauchen Sie denn nie? Rodenb. Nur selten — heute zum ersten Male! Paola. Da vero? Rodenb. (zieht an der Cigarre). 8i, 8iAN0r! (Sicht sich Plötzlich furchtsam um.) Herr Je! Wenn die alten Tanten mich jetzt sehen würden! (Seine Cigarre ist wieder ausgegangen.) Paola (lacht). Brennt sie nicht? — (Hält ihm die Cigarre hin, die sie zwischen den Lippen behält; er zündet die (einige so an.) Rodenb. Danke, Signor, ich — (Sieht sie an, für sich.) Ha — das Kinn (Mit einem Schrei.) Ha! — (Für sich ) Und das Gilet — das Gilet! Paola (erschreckt über seinen Aufschrei). Nun? Rovenb. (vom Rauch genirt, sieht sie immer an, für sich). Es ist ein Frauenzimmer! Paola (für sich). Wie er mich ansieht! Rodenb. (für sich.) Und noch dazu — ein schönes Frauenzimmer! Paola. (über seinen stieren Blick mehr und mehr erschrocken). Um Gottes willen — er hat den bösen Blick! — (Laut ) He — Kell- ner, zahlen! (Geht über die Bühne.) Rodenb. (will bezahlen). Ich — erlauben Sie — aber — (von dem Rauchen mein und mehr betäubt) Alles dreht sich — ich — ich sehe nicht mehr recht — Paola. (erschrocken) Diese Augen! — Es ist gewiß, er hat den bösen Blick! Rodenb. 8iFnorina — Paola (macht das Zeichen der Beschwörung)- ^eeiäents — aeeickente! (Eilt ab.) Rodenb. (verblüfft, macht die Bewegung die er nicht versteht, nach). ^66lä6llt6? Was? — Wie? — Was will sie sagen? 7 Aber — ich weiß nicht — ich seh' nichts mehr — ich — Sechste Scene. Rodenberg. Frenzel. Frenzel (ist links eingetreten und will schnell ans Rodenberg zu, um ihn zu halten). Nun? — Weis ist Ihnen? Rodenb. (ohne ihn zu erkennen). Fest halten! — Die — die Cigarre — Frenzel (erkennt ihn auch erst jetzt). O — Rodenberg! Rodenb. Frenzel! Frenzel. Aber — was ist Dir denn? Bist Du betrunken? Du? — Rodenb. Oh — mein lieber Freund — ich habe zum ersten Male im Leben einen Erceß verübt! Ich habe geraucht! — (Zu Frenzel, der ihn verlassen will). O fest- halten — nicht loslaffen! Frenzel. Wie kann man so ungeschickt sein! Einen ersten Versuch stellt man nicht an einem öffentlichen Spaziergang an, sondern zu Hanse, hübsch unter Schloß und Riegel! Rodenb. (fährt plötzlich zusammen). Die Alten sind doch nicht da?! Frenzel. Keine Alten und keine Zungen! Trink' ein Glas Wasser — (Nimmt eines vom Tisch und gibt es ihm.) Da! Rodenb. (trinkt). Ah — ah! (Mit kläglicher Miene.) Und so etwas (sieht dm Eigar- rrnstumpf an) nennt Ihr einen Genuß! — Aber, was führt Dich hieher? Frenzel. Der Hunger! — Kellner, Kaffee! (Kellner ist vor Kurzem cingetretm und bat sich bei den Tischen zu schaffen gemacht, jetzt geht er ab.) Während ich esse, kannst Du mir deine tollen Streiche erzählen. — Beichte! Rodenb. (entsetzt). Tolle Streiche — ich? Frenzel (lacht). Nun — wenn'Du »Er- ceffe verübst«! Rodenb. Ich! Frenzel (setzt sich zum Tische rechts, aus welchen der Kellner seinen Kaffee und einen Brod- korb gestellt hat). O, mein armer Freund, Du bist auf schlechte Wege gerathen, wie ich sehe! — Du, das Muster aller Sitte und Moral! Du, dem die Stutzer nächstens den Tugendpreis zuerkennen wollen — Du stehst hier vor einem Kaffeehause und — hört es mit Schaudern, hohe Götter! — und rauchsteine Cigarre! — Und das Laster schreitet unaufhaltsam vorwärts! Immer vorwärts! Morgen wirst Du Champagner trinken — übermorgen den Kikeriki lesen — überübermorgen in's Theater an der Wien gehen — und Sonntag, Sonntag hast Du es schon so weit gebracht, daß Du im Stand' bist, einer Dame eine Liebeserklärung zu machen! O — und das muß ich an Dir erleben, an Dir, mein Sohn? Rodenb. (erschrocken). Wie? Du glaubst wirklich — ? Frenzel. Hüte Dich, holder Junggeselle! Ist nur der erste Schritt geschehen, so — Rodenb. Ach, geh! — Weil ich eine Cigarre geraucht habe! Frenzel. Es gibt keinen Rauch ohne — Feuer! Du rauchst — also brennst Du auch! — Wenn dein Gewissen rein ist, warum hast Du denn früher so erschrocken ausgerufen: »Die Alten sind doch nicht da?« Rodenb. Still — Unseliger! Frenzel. Siehst Du! Rodenb (geht sehr aufgeregt auf und ab). Nun — und wenn? Und wenn? Frenzel (trinkt Kaffee). Was — »und wenn?« Rodenb. (stützt sich mit beiden Händen auf den Tisch und sagt mit höchster Aufregung und Entschlossenheit, aber in gedämpftem Ton). U N d wenn — Du Recht hättest? Ist das ein Leben zu nennen, dieseSchlafmützen-Eristenz, die ich seil dreißig Jahren führe? War ich nicht schon als Schuljunge der »Altkluge« 8 — als Student der »jugendliche Greis* — was soll dann erst später aus mir werden?! — Für Dich und Deinesgleichen sind die Freuden, die Zerstreuungen der Welt, — die schönen Mädchen, der Champagner, — der Cancan, alle Genüsse des Lebens! — für mich armen Actenwurm bleibt das bürgerliche Gesetzbuch mit allen seinen Paragraphen und sonst nichts — nichts! — Zum Frühstück das Gesetzbuch — zum Mittagessen das Gesetzbuch — zum Schlafengehen das Gesetzbuch! — Und ich habe Paragraph auf Paragraph verschlungen und hinabgewürgt, und verdaut und wiedergekäuet und mir Magen und Hirn vollgestopft damit! Aber bei Nacht — im Traum— da bist Du mir erschienen — und ein Heer von schönen Mädchen. —Ihr habt auf meinen alten Actenbündeln Walzer getanzt und Du hast mir mit spöttischem Lachen zugerufen: »Dich, mein Lieber, Dich laden wir zu unserm frohen Fest gar nicht ein! — Du bist ja ein Actenwurm, ein Tugendheld!* — Das heißt so viel als: Du bist ein — Esel, den man zu nichts brauchen kann! (Hält erschöpft und athemlos inne er zittert vor Wuth und Erregung.) Frenze l. O dreimal Gerechter! — bist Du solchen frommen Wandels satt? Rodenb (wird immer wärmer). So ist das reife Mannesalter herangekommen. O, es ist wabr, ich bin angesehen, geachtet, verehrt — aber von wem? Von alten Weibern und von Männern, die auch alte Weiber sind. — Aber in diese Monotonie fällt nicht ein Liebesblick, nicht ein Händedruck, nicht ein einziges Rendezvous! Nichts! — Ich habe in meiner juridischen Laufbahn mit tausend und tausend Verbrechern zu thun gehabt, — mit Dieben, Mördern, Fälschern — hinter jedem »interessanten Fall« aber ist ein Weib gesteckt! Alles für die Weiber, durch die Weiber! — Ich habe Reden gehalten, angeklagt und vertheidigt und — den Sieg davon getragen — aber allein, immerallein! Und wenn ich mich umgesehen und ausgerufen habe! I7t>i k'smioa? Wo ist das Weib? — Das Weib, das mir liebreich hätte die Hand bieten sollen — da bot sich nichts meinen Blicken dar, als die Hand des Richters, auf den Paragraph deutend. Frenz cl. Armer Mensch! Rodenb. (geht mit großen Schritten auf und ab. leidenschaftlich). Ach, gib mir dieTrun- kenheit der Leidenschaft — gib mir die verbotene Frucht — die Aepfel des Nachbars! — Gib mir Liebesbriefe, Rendezvous, Zerwürfnisse und Versöhnungen! — Conflictc! O! — Ich sehne mich nach Eifersuchtsscenen — nach einem Nebenbuhler — mit Gefahren! Ein Kleiderschrank — in dem man sich versteckt, — ein Fenster, durch das man sich rettet. — O! Liebe will ich haben — Liebe und alle ihre Thor- heiten und Alles was ich täglich verdamme und verurtheile, daß wünsche ich mir jetzt, und — o Gott — o Gott, wie gerne möchte ich das Alles selber erleben, nur ein einziges Mal, damit ich vor meinem Ende doch wenigstens weiß, wie der Biß in eine verbotene Frucht schmeckt! Frenz el. Aber, unglücklicher Thor — Du bist ja im schönsten Delirium — Du gehst ja mit offenen Augen dem Laster in die Arme! Rodenb. Daran bist Du Schuld! Du hast mir Vitriol in die Adern geträufelt mit deinen Billetsdour und mit deinen Liebesabenteuern! Frenzel Ich? Rodenb. Ja, Du! Und was ich bisher nur aus deinen Erzählungen weiß, das will ich jetzt aus eigener Erfahrung kennen lernen! Frenzel (steht auf). Am Ende begehst Du noch ein Verbrechen — aus lauter Neugierde! Rodenb. Ein Verbrechen— nie! Dagegen sträuben sich alle Paragraphe in mir! — Aber ich fühle den unwiderstehlichen Drang in mir, wenigstens einmal im Leben auf einem Abweg zu wandeln, meinen schönen Grundsätzen daS Genick 9 :u brechen, kurz— etwas Verbotenes zu thun! Etwas Gesetzwidriges, Jncrimini rendes, etwas, das gegen irgend einen Paragraph verstößt! Frenzel. Du willst also sündigen, um — einem dringenden Bedürfniß abzuhel sen? Du bist wahnsinnig! Rodcnb. Das ist möglich! Aber ich werde heiraten — verstehst Du das? Ich werde zum Richter ernannt — verstehst Du das? Und bevor ich ein Ende mache — will ich einmal einen Anfang machen! Frenzel. Du bist und bleibst ein T hör! Du beklagst Dich darüber, im sicheren Hafen zu sein, ohne die Stürme kennen gelernt zu haben und die Seekrankheit, und die gefräßigen Haifische, die in der Krino- line spazieren gehen! Weißt Du denn auch, aus wie viel Gefahren, Gewissensbissen, Enttäuschungen und Rheumatismen die Seligkeit eines Mannes zusammengesetzt ist, der, wie ich, Glück bei den Weibern hat? Rodend. Paperlapap! Du hast leicht reden! Du stehst vollgefressen vom Tisch auf und predigst den Ausgehungerten Enthaltsamkeit! Frenzel. Was, Du Spitzbube, im Augenblicke, wo Du Dich mit einem jungen Mädchen verheiraten sollst — Rodend. Ah — 's ist ja eine Witwe. Frenzel. Das bleibt sich gleich! Rodend. Danke schön — das bleibt sich nicht gleich, da sind die Rollen vertauscht, und das macht mich nur lächerlich! — Und wenn Sie noch Feuer hätte, vulkanisches Feuer wie die schöne Paola, von der Du mir so viel erzählt hast! Deine Paola mit Augen, so schwarz wie die Hölle, deine eifersüchtige, tobende Italienerin! — Aber, richtig, Du hättest sie ja heiraten sollen! Frenzel. Za — aber ich war nicht ganz entzückt von all diesen eben aufgezähl len Eigenschaften, und zog es damals vor, nach Prag zu ziehen. Von dort habe ich ihr durch einen Freund schreiben lassen, daß ich todt — in der Moldau ertrunken bin. Rodend. Die Arme! Werweiß, welche entsetzliche That sie in der Verzweiflung begangen hat — wer weiß, wo hinein sie sich gestürzt hat — Frenzel. Du hast Recht. — Sie hat sich in die Arme von »Thienemann u. Compagnie« gestürzt, der einer unserer ersten Goldarbeiter und jetzt ihr Gemal ist. Rodend. Das zeigt von Energie, von schneller Entschlossenheit! Meine sanfte Witwe kann sich nicht einmal entschließen, ja oder nein zu sagen. — Schon ihr Name ist so unentschieden — so butterweich — so sanft und fad: Angelika! Frenzel (überrascht). Angelika! Rodend. Ist das nicht abgeschmackt? Beinahe so abgeschmackt wie die zwei alten Pyramiden, die ihr nie von der Seite weichen! Frenzel (schnell). Du meinst wohl die beiden Tanten? Rodend. So ist es! Frenzel (schnell). Dann sprichst Du ja von Frau Angelika Stahl? Rodend. Za! Kennst Du sie? Frenzel (erstickend). Ob ich — Sie! — Du! — Ah, alle Wetter! Rodcnb. Nun — was hast Du denn? Frenzel (faßt sich schnell). Nichts — nichts! — Zch habe sie in Wien öfters gesehen — weiter nichts! (Für sich.) Er ist also mein Nebenbuhler! — Und ich Dummkopf halte ihm noch Sittenpredigten, und will ihn bekehren! — Na — da heißt es Umschlagen! (Laut.) Sieh' da! — Die schöne Witwe liebt Dich also? Rodenb. Keine Spur! — Aber die Alten — wie immer! Frenzel. Und diese Heirat — Rodenb. Hat mit meinem Herzen gar nichts zu thun — aber der Verstand hat auch seine Rechte und im Punkte der Finanzen — Frenzel. Nun, so viel ich weiß, ist sie ja arm? Rodend. Ja wohl; trifft sie aber eine Wahl nacb dem Geschmack ihrer Tanten, so geben diese ihr eine reiche Aussteuer! Und ich—der ich so tugendhaft, so solid bin, der nie raucbt—d.h. so selten!—ich, derAlles trägt, ihre Launen, ihre Shawls, ihren Mops — ich habe die besten Aussichten! Frenzel. Und das Alles hast Du auf's Spiel setzen können—wegen einer Cigarre? Rodend, (gkheimnißvoll). Hm — hinter der Cigarre steckt etwas! Frenzel. So?— Was denn? Rodend, (ebenso). Ein — Weib! Frenzel. Ein Weib! Rodenb. (ebenso). Ja — ein Weib, das Feuer gibt! Ein als Mann verkleidetes Weib! Sie saß dort — (Blickt zum Tische, wo Paola saß, und bemerkt ein Portefeuille, welches dort am Boden liegt.) Aber — was ist das (eilt hin und hebt es auf) das hat sie verloren! Frenzel (nimmt und öffnet es). Bravo, jetzt werden wir gleich wissen, wer sie ist. Ach, ein Paß! (Liest.) Joseph Karian, Me- diciner! Rodenb. (erstaunt). Mediciner? Frenzel (für sich). Karian—den Namen soll ich ja kennen! Rodenb. (guckt über Frenzel's Schulter in den Paß, liest.) Gestalt groß, vier Schuh, drei Zoll — (Er ergreift hastig den Paß und sieht ihn durch ein Augenglas an.) Dasistjaradirt! Aber wie schlecht! Man sieht ganz deutlich, daß statt der 4 früher 5 dagestandenist — ha, dieser Paß ist gefälscht! Frenzel (für sich). Jetzt weiß ich es — Karian heißt der Cousin meiner Paola! Sollte dieser Verkleidete — Rodenb. (hat das Portefeuille durchsucht und zieht eine Photographie heraus). Ein Porträt. Frenzel (sieht es an; für sich). Meines? — Es ist Paola! Rodenb. Hm— sieh einmal her — man hat diesem Menschen die Augen ausgestochen! Sapperlot — die muß Temperament haben! Frenzel. Daran erkenn' ich sie! — Rodenb. Wie? Frenzel (schnell sich verbessernd). Die Fra uen — die Frauen, wie sie alle sind. Sie sieht sich verlassen, verrathen, wegen einer Andern — sie verfolgt den Treulosen, schwört ihm Rache und — sticht der Photographie die Augen aus, bevor sie sich an's Original halten kann. Rodenb. Nun— hör' einmal — wenn diese Verkleidete so d'reingeht — das macht Einem ganz angst und bange! Frenzel. Bah — das ist gerade zum Entzücken! Rodenb. Findest Du? Frenzel. Gewiß! Ein Weib, das Einem aus Liebe die Augen aussticht — nach der sehne ich mich schon lange! Rodenb. Na — ich danke schön! Frenzel. Gibst Du das Abenteuer also auf? Rodenb. (ficht das Bild an — schwankt). Nun — aufrichtig gesagt — dieses Bild mit den zwei Löchern statt der Augen — das ist eben nicht sehr einladend — Frenzel. (schnell). So überläßt Du mir das Feld — Rodenb. Dir? Frenzel. Nun ja! Rodenb. Aber — aber — ich — Frenzel (mit erheucheltem Feuer). Ich danke Dir! — Ich eile ihr nach. (Thut, als wolle er gehen.) Rodenb. (hält ihn zurück). Nun — so warte doch ein bischen — ich — ich möchte eigentlich recht gerne — Frenzel. Wie — Du wolltest Dich einer solchen Gefahr aussetzen — Rodenb. Nun ja, denn — wer nichts wagt, gewinnt auch nichts! Frenzel (warm). Ja, so etwas paßt für mick —aber nicht für einen so unerfahrenen, unschuldigen Menschen, wie Du bist! Ueber- lege Dir doch nur, in was für einen Abgrund Du Dich stürzen willst. Dieses Weib ist — dieser kleinen Probe nach (zeigt auf das Bild) offenbar nervös, feurig, leidenschaftlich — II Roden-, flüstern). Ja wohl— ja — Frenz el. Sie wird Dich in viernnd- zwanzig Stunden tiefer in den Taumel der Verführungen stürzen, als deine Angelika in eben so vielen Jahren! Robenb. (entzückt). Das ist sicher! Frenz el (immer wärmer). Sie ist eine Zauberin, eine Sirene, ein Dämon! Sie wird Dir in dem Becher der Liebe nicht nur himmlischen Nectar kredenzen, sondern glühende Lava. Rodenb. (strahlend). Glühende Lava? Frenzel. Oder Raserei der Leidenschaft — Rodend, (immer mehr hingerissen). Ha — Raserei? — Das muß göttlich sein! Frenzel. Bis zum Wahnsinn! Rodend, (völlig enthufiasmirt). Wahnsinn! — Solchen Aussichten kann ich nicht widerstehen — Ich eile zu ihr! Frenzel. Trotz meiner wiederholten Warnung? Ro d enb. Ehe ich nicht drei Verwarnungen habe, ruhe ich nicht! Ich war unentschieden, noch habe ich geschwankt — aber ein Weib, das solche Genüsse zu verschenken hat — Circe, Calypso und Medea in einer Krinoline vereint — einem solchen Weibe widerstehe wer da wolle — ich kann es nicht — ich wag's auf meine beiden Augen hin! (Will ab.) Frenzel. So warte doch nur noch einen Augenblick, — weißt Du denn, wo sie wohnt? Rodenb. Nein — aber ich kann es leicht erfahren — die Fremdenliste muß mir helfen — Frenzel. Aber — Rodenb. Nichts — ich riskir' meine Augen! (Schnell rechts ab.) Siebente Scene. Frenzel, dann Paola. Frenzl. So, den habe ich mit meiner Tugendpredigt schön in's Feuer gebracht! Dadurch sichere ich mir Angelika — nun heißt es nur noch Paola los werden — Himmel! da kommt sie! (Versteckt sich rechts hinter den Bäumen.) Paola (tritt links im Hintergründe ein und geht, ihr Portefeuille suchend, bis zu dem Tisch, an dem sie gesessen hat). Frenzel (für sich). Aha — sie sucht ihr Portefeuille — Paola. Das Portefeuille ist verschwunden—undmitihm mein Paß und das Portrait dieses Elenden! (Mit einer drohenden Geberde.) Frenzel (für sich). Da heißt es sich vorsehen ! Paola. Aber was nützt mir auch sein Porträt — dem kann ich nichts mehr an- thun, aber ihm. — Und wenn ich ihn erwische— diesen Damnato! (drohende Bewegung) so — Frenzel (für sich). Danke! Paola. Ihn und seine Angelika, dann soll sie erfahren — Frenzel (erschrocken). Um Gottes willen — sie will mich verrathen! Paola. Man hat sie mir in der Kirche gezeigt — sie muß gleich zurückkommen — (Sie sieht in die Loulisse hinaus.) Da ist sic schon! Achte Scene. Vorige. Angelika. Paola (eilt der eintretenden Angelika schnell entgegen). Oh, Madame — ich — Angel, (erschrickt, dann ruhig). Lassen Sic mich meiner Wege gehen, mein Herr! Paola (hat sich gefaßt). Hören Sie mich an. — Sie haben von mir nichts zu fürchten, ich bin ein Weib wie Sie — Angel. Dann weiß ich nicht, was wir mit einander gemein haben — Paola. Was? — Das Herz eines Ver- räthers! Frenzel (horcht). Ich verstehe sie nicht! (Tritt hinter den einzelnstehenden Baum.) 12 Angel. Was sagen Sie? Paola. Jener Abscheuliche, der sich Ihnen in Wien vorstellen ließ und von einer Heirat sprach — Angel. Herr Frenzel? Er sollte ein Verrat her sein? Es ist nicht möglich ! Paolo (schnell, leise). Haben Sie Muth zu mir zu kommen, in das Hotel »zum rochen Krebs«'? Frenzel (für sich). Wenn ich nur was hören könnte! Paola. Ich werde Ihnen die Briefe zeigen, die er mir vor drei Tagen geschrieben hat —gerade als er anfing, Ihnen denHof zu machen. Angel. Briefe? An Sie? Paola. Ein solcher Stoß! — Angel, (schwankend). Ich kann es nicht glauben! — Und — Sie besitzen diese Briefe? Paola. Ja wohl, ich will sie Ihnen zeigen, wenn Sic mich besuchen. — Kommen Sie aber nicht, dann — M68edina! — dann erwürg' ich ihn am Fuße des Altars, und Sie dazu, und mich auch! Angel. Um Gottes willen! — Ich werde kommen — ich will mich selbst überzeugen — aber jetzt leben Sie wohl — wenn mau mich sähe — allein — des Abends — mit einem Manne, wenn meine Tanten kämen! — Adieu! (Schnell ab.) Paola (sieht ihr nach, lacht verächtlich) Ha — solch'ein schwaches Ding will ein Weib sein! (Geht inks ob.) Neunte Scene. Frenzel. Dann Thienemann. Frenzel (allein). Was zum Teufel kann sie ihr nur gesagt haben? Ich muß es erfahren, Angelika selbst soll — (Will Angelika Nacheilen, bleibt aber plötzlich, sich besinnend, stehen.) Nein — es ist viel wichtiger zu erfahren, wo Paola wohnt! (Will Paola Nacheilen, bleibt plötzlich stehen, wie oben.) Ist es wirklich wichtiger? — Angelika ist wahrscheinlich erzürnt. — Hm — Paola wahrscheinlich auch, aber — an der liegt nur nichts! Also zu Angelika. — (Will dieser Nacheilen, bleibt wieder stehen.) Liegt mir auch wirklich nichts an ihr? O! — doch, es liegt mir daran. — Man muß immer wissen, wo der Feind sein Lager aufgeschlagen hat. Also zu Paola! (Er will durch die Eoulisse ab, wo Paola sich entfernt hat, und stößt mit Thienemann zusammen.) Thiene IN. (tritt links ein; er ist erhitzt, athemlos, erschöpft und schleppt einen kleinen Koffer am Riemen hinter sich her). Frenzel (hupft auf einem Bein und reibt sich das andere). D! — Au! Thienem. (ebenso). O! — Au! (Nun sehen sie sich, immer auf einem Bein hüpfend, an und erkennen sich.) Frenzel. Was seh' ich —Thienemann! Thienem. Ei — Herr Frenzel! Frenzel. (für sich). Paola's Gemal! — Der muß sie mir vom Halse schaffen — das ist sein Geschäft als Ehemann! Thienem. (erstaunt). Wie kommen denn Sie hieher, nach Baden? (Von einer plötzlichen Eingebung ergriffen.) Ha, ich Hab s Sie haben meine Frau entführt! — Geben Sie mir meine Frau zurück, Sie — Elender, Sie — Verführer!—Sie—Sic — (Stottert, lallt, finkt erschöpft aus einen Stuhl.) Ich will meine — Pa — Pa — Pa — — Ich — ich kann nicht sprechen — Ich — mich trifft der Schlag! — (Sinkt wie ohnmächtig zusammen) Frenzel. He! —Thienemann! —Erholen Sie sich! — Schnell ein Glas Wasser! (Nimmt eins vom Tisch und gibt es ihm.) Thienem. (spricht in abgerissenen, kurzen Sätzen). Ah — ah! Dank —und der Doktor sagt, ich soll mich ja nicht aufregen — nur nicht anfregcn — sonst — sonst ist's aus mit mir! — Ah! mein Halsbinde! — ich ersticke — (Reißt es herunter.) So! — Frenzel. Hm, der Doctor hat Recht! — Sie scheinen ausgesprochene Anlagen zu einem Schlaganfall zu haben. Das Ge- 13 sicht — diese Nase — der Hals — Ja, mein lieber Herr Thienemann, Sie müssen sich wirklich in Acht nehmen — nur nicht aufregen! Aber — wann sind Sie denn angekommen? Thienem. Um vier Uhr — drei Stunden hetz' ich von einem Gasthaus in's andere — und kann sie nicht finden — Frenzel. Ja, lassen Sie uns nur reckt ruhig sprechen! Thienem. (fährt wüthend und entrüstet auf). Ruhig?! Frenzel. Bst! Nur nicht aufregeu — Sie wissen! Thienem. (setzt sich schnell; sanft). Bin ich noch sehr — echauffirt — sehr roth? Frenzel. Noch ein bischen, ja! Thienem. Und meine Augen? Sind sie — mit Blut unterlaufen? Frenzel. Ein wenig. Sie glauben also, daß Ihre Frau hier ist? Thienem. (fährt aus, wüthend). Glauben? Ich weiß cs! — (Aus ein Zeichen Frenzel's sehr sanft, sich sehend.) Ich weiß es! Frenzel. Und wie es scheint,verdächtigen Sie mich, mein lieber Herr Thienemann! Mich, gegen den verleumderische Zungen Sie schon vor Ihrer Heirat aufgehetzt haben. Aber ick schwöre Ihnen, daß ich durchaus nicht Ihrer Frau wegen hier bin, und ich weiß nicht, was ich darum geben würde, wenn Sie fünftausend Meilen weit wäre! Thienem. (zweifelnd, leidend). Ist das auch wahr? (Wüthend aufspringend.) Wenn Sie mich aber betrügen! — Frenzel. Bst! Nur nicht aufrcgen! — (Thienemann setzt sich, schnell besänftiget, wie oben.) Ich bin hier, um mich zu verheiraten! Thienem. Ja so, mein lieber Freund! Das hätten Sie mir gleich sagen sollen! Und — wenn Sie heiraten, mein Lieber — da brauchen Sie gewiß so Manches — Ich habe eine sehr hübsche Auswahl bei mir —die neuesten Braceletts—Brachen rc. — Nun, ja ein junger Ehemann, der braucht allerhand — (Will seinen Koffer öffnen.) Wir haben prachtvolle Garnituren — alle Pao- la's Geschmack — das Weib hat einen Blick für Brillanten, es ist eine Passion! (Gerührt.) Und eine solche Frau soll ich verlieren! — (Mit dem Koffer beschäftiget.) Ich habe auch Bernsteinketten — echten, reinsten Bernstein — (Gerührt.) O — Pao- la —! Eine Frau, die sich auf's Geschäft so gut versteht! zu verlieren, das ist zu traurig. Frenzel. Beruhigen Sie sich nur, mein guter Herr Thienemann, wir werden die Sache schon wieder ordnen! Sic wissen ja — heut zu Tage läßt sich Alles arrangi- ren! — Aber — haben Sie denn gar keine Vermuthung, warum Paola Ihr Haus verlassen hat? Haben Sie Streit mit ihr gehabt? Thienem. Ich wüßte nicht — ja doch! Sie hat mit ihrem Cousin allein nach Preß- burg fahren wollen — und mir war das nicht ganz recht. — Nun ja — ein Cousin — und Preßburg schon gar — und — Frenzel. Und da hat Paola, die ein bischen hitzig, ein bischen rechthaberisch ist — Ihnen beweisen wollen, daß sie doch reist, und ist hieher gefahren, um Sie für Ihren Starrsinn zu bestrafen — das ist Alles! Thienem. Glauben Sie? Frenzel. Gewiß, und nun ist Ihre erste Sorge, ausfindig zu machen, in welchem Gasthaus Ihre Frau abgestiegen ist. Thienem. Ich war schon beinahe in allen Gasthäusern von ganz Baden, aber nirgends eine Spur von meiner Frau! Aber endlich habe ich ihre Adresse doch erfahren, von dem Kutscher, der sie geführt hat — sie wohnt beim »goldenen Kreuz« — seine Beschreibung trifft zu — Frenzel. Die Beschreibung? Thienem. Ja — Sie trägt ein graues Schleppkleid — Frenzel. Wie? Thienem. Blauen Crepehut mit weißem Schleier uud einen weißen Bournus! Frenzel (für sich). Um Gottes willen — er weiß nichts von ihrer Verkleidung — er 14 ist auf falscher Fährte.— Und ich darf ihm nicht sagen, daß ich sie gesehen habe, sonst erwacht sein Verdacht wieder und ich lade mir außer der Frau auch noch den Mann aus den Hals. — (Zu Tyienemann, der mit dem Zuschnüren seines Koffers beschäftigt ist.) Aber wenn— wenn Ihre Frau die Kleider gewechselt har — Thienem. (schnell, mißtrauisch). Haben Sie sie gesehen?! — Frenzel (schnell). Nein — nein! Aber— Thienem. Kein aber — die Beschreibung trifft zu— ich gehe »zum goldenen Kreuz-! (Ab.) Frenzel (sicht ihm nach, für sich). Geh' zum Teufel — Du Einfaltspinsel! Thienem. (kommt zurück). Ich danke Ihnen auch für Ihre Freundschaft! (Drückt ihm die Hand.) Frenzel. O — bitte — Thienem. Meine Frau wird Augen machen, wenn sie mich auf einmal sieht! Frenzel. Gewiß! Ich kann mir's denken! Thienem. Also leben Sie wohl — edler, wahrer Freund! (Ab.) Frenzel (allein). Der wird sie schwerlich finden, wenn er einem grauen Schleppkleid nachstcigt! Der befreit mich auch also nicht von ihr. — So ein Ehekrüppel ist doch zu gar nichts zu brauchen! — (Sieht in die Loulisse.) Da kommt Felir zurück — der muß mir helfen! Zehnte Scene. Frenzel, Rodenberg. Rodenb. (stürzt athemlos herein). Victoria! Ich habe die Adresse! Frenzel. Bravo! Rodenb. (voll Freude). Ein bartloser junger Mann von weibischem Aussehen ist gestern um drei Uhr angekommen und bei den »drei Kronen« abgestiegen; heute früh ist er dort ausgezogen und in der »Stadt Wien« eingekehrt — heute Nachmittag ist er von dort auch schon fort und hat sich im »rothen Krebs« einlogirt. Frenzel (für sich). Und der dumme Thienemann foppt sich mit seinem »goldenen Kreuz!« (Laut.) Hörst Du—es scheint, diese Dame ist sehr für'sAusziehen eingenommen! Rodenb. Dasistja eben interessant! — Sie will wahrscheinlich Jemanden von ihrer Spur abbringen! Dahinter steckt irgendein pikantes Liebesabenteuer — Frenzel. Oder einpikanter Ehemann — Rodenb. (erschrocken). Sei so gut — ich bin so schon in ewiger Aufregung, in ewiger Angst. Die alten Tanten — Angelika — jetzt auch noch einen Ehemann! Das wäre mehr, als ich vertragen kann! Fühl' einmal selbst. (Legt Frenzel's Hand auf sein Herz.) — Hörst Du wie es da drinnen klopft? Tik — tak, tik — tak! — Es ist rein lächerlich! Frenzel. Ja — das sind die erstenVor- empfindungen eines ersten Rendezvous! Du bist glücklich, mein Freund — so etwas erlebt man nur einmal im Leben! Rodenb. Ich bin wie umgewechselt!— Ich habe Wallungen — nervöse Zustände, daß ich über alle Dächer springen möchte— dann wieder überrieselt mich kalter Schweiß — in meinem Alter! Es ist zu lächerlich! (Setzt sich und trinkt.) Und Du — Unglücksmensch — mußt mir auch noch von ihrem Mann reden — jetzt bin ich ganz weg. — Frenzel. Raff' Dich doch zusammen, Mensch! — Komm', laß Dich ein bischen herausstaffiren! (Geht auf ihn zu und bringt sein glatt gekämmtes Haar in Unordnung.) So — deine Haare ein bischen flatternd — zerzaust. Rodenb. Was machst Du denn? Frenzel. Und dieser prosaischen Cravate ein bischen lyrischen Sckwung gegeben — (Aendert seine Cravatenschleise.) Rodenb. Ja — Schwung! Nur Schwung. Laß mich schwingen! Frenzel. Das Gilet halb offen (öffnet ihm oben einen oder zwei Knöpfe des Gilets) 15 damit wir im Ganzen ein bischen unternehmend, ein bischen fesch aussehen. Rodenb. Das wäre ganzschön — aber — wenn mich Jemand so sähe! Es ist zwar schon dunkel. — Frenzel. Sei unbesorgt — es ist neun Uhr — deine Tanten sind wohl schon ruhig zu Hause. Rodenb. (zaghast). Ich wollt', ich wär' es auch! — Ich habe große Lust, fein schlafen zu gehen! Frenzel. Das wär' nicht übel! Rodenb. Nein, ich werde nie — nie den Muth haben ihr zu sagen — was ich zu sagen habe! Aber — hm — was habe ich ihr denn eigentlich Zusagen? — Nichts, gar nichts habe ich ihr zu sagen! Frenzel. Du wirst Dir doch diese herrliche Gelegenheit nicht entwischen lassen? Du — der Rechtsgelehrte, der mit ihrem falschen Paß in der Hand im Stande ist, dieses Weib niederzuschmetlern. Rodenb. Du hast Recht — ein gefälschter Paß — Paragraph 153 — sind fünf Jahre Kerker — Frenzel. Und daran klammerst Du Dich! — Du jagst ihr entsetzliche Furcht ein — und nichts macht die Weiber gefügiger als Furcht! Angst müssen sie haben! Du fragst — sie wird verwirrt, verliert endlich den Kopf und die Rollen sind ausgetauscht; sie bittet, Du läßt Dich nicht erweichen. — Sie fällt Dir zu Füßen — da ändert sich die Scene nochmals — Du fällst ihr zu Füßen und rufst emphatisch aus: »Dein ist der Sieg!« Verschwunden ist der Richter, verschwunden sind Gesetzbuch und Paragraphe — und nichts ist geblieben, als ein Mann, der Dich liebt, der Dich anbetet!« — Und so weiter, und so weiter — es wird schon gehen! Du wirst sehen, wenn man nur einmal angefangen hat — alles Andere macht sich dann von selbst! Rodenb. Aber ich bin ja noch nicht Richter — so lange ich die Ernennung nicht in Händen habe, bin ich nicht berechtiget. Frenzel. Bah, morgen ha st Du sie, und auf den einen Tag kommt es nicht an. Rodenb. Was! Widerrechtliche Beilegung von Titeln und Würden — Paragraph 181 — Fenzel. Geh' zum Teufel — Du bist und bleibst ein Hasenfuß. Rodenb. Nein — ich gehe! (Will ab.) Fenzel. Bravo! Rodenb. (bleibt stehen). Nur ein paar Minuten laß' mich noch ruhen — gib mir ein Glas Rhum! Frenzel (schenkt ihm ein). Da — Held! Rodenb. O, spotte nicht! (Sieht auf seine Uhr.) Wenn der Zeiger auf Viertel steht, dann gehe ich — daun gehe ich gewiß! Geschehe, was da wolle! (Trinkt.) Frenzel. Es ist Viertel! Rodenb. Schon?!— Irrst Du Dich auch nicht? Frenzel. Nein— also vorwärts! Rodenb. (mit Ueberwindung). Ja, vorwärts! — (Der Zapfenstreich ertönt.) Im -schritt — Marsch! (Die Hände in den Giletausschnitten, mit den Fingern trommelnd, ein wenig berauscht.) Beide. Vorwärts—Marsch! Rataplan, rataplan! (Frau Blühdorn und Fräulein Mittmann erscheinen im Hintergründe rechts.) Rodenb. (dreht sich aus der Fußspitze herum, die Hände noch in dem Gilet). Und es lebe die Liebe! Fr. Blühd. und Frl. Mittm. (starr vor Staunen und Entsetzen). Ah! — was ist das? Rodenb. Himmel! — Die Mumien! (Erschrocken rechts ab.) Elfte Scene. Frenzel, Frau Blühdorn, Frln. Mitt- mann, Spaziergänger. Blühd. und Mittm. Rodenberg! — Ist es möglich? — 16 Frenze! (für sich). Jetzt ist's an mir. (Laut.) Meine verehrten Damen. — Sie suchen wahrscheinlich JhreShawls — hier sind sie. Erlauben Sie nur, meine Gnädigen, Rodenderg's unverzeihliche, strafbare Nachlässigkeit gut zu machen! (Holt die Shawls von dem Stuhle, wo Rodenberg fie liegen ließ ) Mittm. (erfreut). O — mein Herr — Blühd. (ebenso) Wir danken Ihnen, mein Herr — Frenz el. Meine Damen! (Bietet ihnen ehrerbietig den Arm.) Mittm. O, mein Herr! (Für sich.) Er hat wirklich doch gute Seiten! Blühd. (für sich). Bei näherer Bekanntschaft gewinnt er offenbar! (Beide beschäftigen sich noch mit ihren Shawls.) Frenzel (zu einem vorübergehenden Herrn). Mein Herr! Man raucht den Damen nicht in s Gesicht. (Nimmt diesem die Zigarre aus dem Munde, wirst sie weg, dann für sich.) Paola ist blockirt, — Rodenberg compro- mittirt, die Damen sind geködert, — habe Dunk, Schicksal — ich Hab' mich nicht umsonst gemüht. — (Währmd er den Damen den Arm gibt, fällt der Vorhang.) Zweiter Lei. Elegantes Zimmer im Gasthofe »zum rothen Krebs*. — Links, erste Eoulisse ein Kamin; zweite Eoulisse Eingangsthür. — Rechts, erste Eoulisse Verbiudungsthür mit einem anstoßenden Zimmer. — Zn Mitte des Hintergrundes ein Alcoven mit Bett. Zn Mitte dieses Alcovrns (vom Bette gedeckt) eine kaum bemerkbare Tapetenthür. Links vom Alcoven, beinahe gegenüber vom Zuschauer ein Fenster, welches aus Dächer geht. — Rechts vom Alcoven ein Wandschrank für Kleider. — Zn der Mitte des Zimmers ein Tisch, Stühle rc. — Es ist Nacht, aber das Zimmer bleibt währeud des ganzen Actes durch eine Kerze erhellt.) Erste Scene. Paola, Lisette. Lisette (führt Paola herein; fie hält rin Licht in der Hand). Ich hoffe, Sie sollen zufrieden sein, mein Herr — das ist das schönste Zimmer im ganzen Hause. Paola (immer in Männerkleidung, eine Reisetasche in der Hand). Es ist gut. (Legt ihren Sack rechts nieder. Für sich.) Sv — da sind wir noch einmal ausgezogen, um Thienemännchen irre zu führen, im Falle er mich verfolgen sollte! Ich bleibe die Nacht hier und morgen mit dem frühesten Zug flieg ich wieder anderswohin. (Geht zum Bette.) Lisette (zündet ein Licht auf dem Kamm an und sieht verliebt nach Paola. Für sich). Ack> — was für ein allerliebster junger Mensch ist das! Paola (bemerkt die Thür rechts). Was ist das für eine Thür? Lisette. Da wohnt der kleine Engländer! Paola. Was! Ein kleiner Engländer? Lisette. Ja, mein Herr — diese Thür verbindet die zwei Zimmer, wenn man will. Jetzt ist sie verschlossen. Paola (versucht die Thür). Ja — sie ist verschlossen. Und was ist das? (Zeigt aus den Wandschrank) Lisette. Das ist ein Wandschrank für JhreKleider, mein Herr — und hier dieses Fenster — es geht auf eine Terrasse. Paola. Auf dem Dache? Lisette. O — das ist sehr bequem, mein Herr, ich kann Ihnen versichern, sehr bequem! — Vor Ihnen, mein Herr, hat ein Commis-Voyageur hier gewohnt—nun, da haben wir alle Abende da draußen geraucht! — (Verbessert sich.) Das heißt — er hat geraucht — manchmal auch nicht. Paola (lacht). Schön, mein Kind! (Geht in den Hintergrund und zieht hinter du» s Vorhänge des Alcovrns die Stiesel aus.) Lisette (für sich). Er ist zu lieb! Beson- j ders wenn er lacht! (Laut.) Ich bitte, mein ^ Herr, soll ich Ihnen nicht helfen? Paola. Nein, ich danke Dir! ' Lisette. Hm — ich wäre bereit. — Ist ^ auch sonst nichts gefällig, mein Herr? Paola (zieht ihren Rock aus, und einen kleinen Schlasrock, den sie aus der Reisetasche genommen hat, an). Nein — nichts. ! Lisette (seufzt). Das ist Schade! — Ick ! halte geglaubt, daß Ihnen vielleicht doch I noch etwas gefällig wäre! Nun — gute Nacht, mein Herr! (Will gehen.) , j Paola. Gute Nacht! (Ruft sie zurück.) ! Doch halt! — Ich hätte beinahe vergessen. — Es wird Jemand nach mir fragen — den führen Sie — Lisette. Ein Herr? Paola. Nein, eine Dame! Lisette. Eine Dame! — Paola. Hast Du mich verstanden? » Lisette (brummend). Na — wer wird «denn so was nicht versteh'«! Eine Dame ^ — um diese Zeit. — Ich denke, das ist I verständlich genug! Paola. Was sagst Du? ^ Lisette. Zu einem anständigen Haus! (Man klopft.) Paola. Das ist sie! (Zu Lisette.) Oeffnen Sie die Thür. Lisette. Aber — Paola (öffnet selbst, zu Angelika, die verliert ist und aus der Schwelle stehen bleibt). Treten Sie ein! Angel. Aufgeregt). 3ch bin so schnell gegangen — Paola (rückt ihr einen Stuhl hin. Zu Li- . sttte, welche sich bemüht, Angelika's Züge zu l schm). Lassen Sie uns allein! I difette. Ich gehe schon, mein Herr! H (Halblaut.) Das sind schöne Geschichten! schlägt die Thür hinter sich zu.) Zweite Scene. Paola. Angelika. Angel, (ohne sich zu setzen, sehr aufgeregt). Ich komme etwas spät — die Tanten wollten durchaus nicht zu Bette gehen — zum Glücke wohnen wir hier nebenan. (Bevor sie sich setzt.) Aber — sagen Sie inir — wissen Sie auch gewiß, daß Sie — ein Frauenzimmer sind? I Paola. Ich habe immer so gehandelt, als ob ich es gewiß wüßte — und man hat mich noch nie Lügen gestraft. — Angel. Was wollten Sie mir mittheilen? Paola. Daß Herr Frcnzel mir zur selben Zeit Liebe geschworen hat wie Ihnen, und daß ich es Ihnen beweisen kann! Hier sind seine Liebesbriefe! Looo! Angel. Diese ganze Schachtel voll?! — Paola (leert den Inhalt einer Schatulle auf den Tisch). Da sind sie alle die Liebes- pfänder! — Blumen — Briefe — all' der Schnickschnack des Herzens! — Und Alles — Lüge, Heuchelei! O, der Elende! (Zeigt eine vertrocknete Rose her.) Das war der erste Liebesbote, — der Anfang ist blühend — das Ende ist so! (Sie wirst die Blume mit dem Stocke weg.) Und dieser Handschuh! — Ich habe ihm einen Knopf angenäht und an demselben Tag — Oorpo äi Laeeo! wenn ich ihn so in deu Händen zerreißen könnte. — (Dreht den Handschuh nach allen Seiten und schleudert ihn dann ebenfalls fort.) Und seine Haare! — Eine große Locke — als ob er gar so viel zu vergeben hätte! (Wirst die Locke in den Kamin.) Brenne, Locke — brenne, brenne! Angel, (hat einen Brief ergriffen, und sieht die Adresse an). Es ist wirklich seine Schrift! Paola (schnell). Lesen Sie —oder nein, ich kenne sie alle auswendig! Versuchen wir's. (Bezeichnet mit ihrem Stocke ein mit einem Rosaband gebundenes Packet.) Rosa Packet) erstes Stadium. Das fängt an: Mein Engel! — mit drei Ausrufungszeichen. Angel, (liest). -»Mein Engel« und drei Ausrufungszeichen! — Paola (wie oben). Zweite Abtheilung: Gelbes Packet. Hier heißt es nur mehr »Meine Liebe« — und ein Beistrich. Da war ihm schon ein Ausrufungszeichen zu viel Mühe! — Sehen Sie nur nach! Angel, (öffnet einen Brief des zweiten Packetes und liest). Es ist so! Paola. Wenn man bedenkt, daß man diese Briefe liest, immer wieder liest und nicht verstehen will, bis der Verräther eines Tages nicht mehr kommt und sich nicht einmal die Mühe gibt zu schreiben! (Nimmt die Briefe und wirst fie zu Boden.) Ach — wenn ich ihn so mit Füßen treten könnte! (Tritt auf den Briefen herum.) Angel, (nihig). Ich habe diese Briefe gelesen, aber — was soll ick daraus schließen? Paola (sieht fie erstaunt an). Das Weib ist göttlich! Sie sollen daraus schließen, daß er mich vor Ihnen geliebt hat — und das sehr! Angel. Ich habe nie geglaubt, Herrn Frenzel's erste Liebe zu sein. Es genügt mir, daß er, seit er mich kennt, aufgehört hat, Sie zu lieben — wie Sie mir eben selbst versichern! Paola. Sie sind also die Gegenwart und ich die Vergangenheit — Angel. Ich muß Sie bitten, keine Vergleiche zwischen uns anzustellen — ich habe ihm nie Rechte eingeräumt, die Sie — Paola (ironisch). Ach, ach — ja — Sie sind noch in schwebender Unterhandlung! Er spricht von idealer, platonischer Liebe! nicht wahr? Abends sieht er seufzend zum Himmel auf und flüstert: »O, Angelika — sieh diesen kleinen Stern dort oben! Es ist der Stern unserer Liebe!« (Bewegung Angelika'«.) Dann seufzen Sie alle Beide und heben die Nase zum Himmel wie zwei mondsüchtige Kälber! Angel. Aber — woher wissen Sie? Paola. Nun, Gott sei Dank— wir haben oft genug im Mondschein geschwärmt! Angel. Wie! Er hat auch Ihnen gesagt — Paola. (faßt ihre Hand und zieht fie zum Fenster). Da — das ist mein Stern! Angel, (besorgt). Welcher? Paola. Das linke Rad des kleinen Wagens! Und der Ihrige? Angel, (verlegen — betroffen). Aber — meiner — Paolo. Nun — ? Angel. Es ist derselbe! Paola. Es ist erbärmlich! Er zündet jeder von uns dasselbe Gestirn an — nnd hat doch eine gehörige Auswahl! Angel. Und wenn ich Abends liebend zu diesem Stern emporblickte — so haben auch Sie — Sie — Paola. Nun, am Ende machen Sie mir noch Vorwürfe, daß Sie mir meinen Stern geraubt haben, den ich zuerst besessen habe! Angel. O, ich mache Ihnen nichts streitig! Nicht den Stern und nicht Herrn Frenzel! — O, es ist abscheulich! (Man pocht unter ihnen.) Was ist das? Frenzel. (ruft unten). He, dort oben! Wird bald Ruhe? Angel. Diese Stimme! Paola (schnell). Still! Frenzel. Wer kann denn da schlafen! Paola. Er ist es! Angel. Frenzel! Paola. Er wohnt also hier! O göttliche Vorsehung! Nun wollen wir unfern Spaß haben! Angel. Was wollen Sie thun? Paola. Er soll kommen — ich weil? ein Mittel! (Stößt mit Tisch und Stuhl aus den Boden ans.) Krack! Frenzel (von unten). Tausend Donnerwetterelement! (Man hört unten poltern und die Thür ausgehen.) . _ , Paola (zu Angelika). Verbergen Sie im) im Alcoven — Sic sollen diese heuchlerische Seele kennen lernen! (Ruhig horchend ) Es 19 hat seine Wirkung nicht verfehlt. Er steht auf, er öffnet die Thür, er kommt herauf. (Man hört Frenzel's Schritte.) Angel. Mein Gott, hätte ich ahnen können — Paola. Schnell! Er ist da! (DrängtAn- gelika in den Alkoven und zieht die Vorhänge zu.) Dritte Scene. Paola. Frenzel. FreNzel (in Nachtkleidern, einen Leuchter mit Licht in der Hand. Er tritt schnell ein und geht ganz vor, ohne Paola zu sehen, die zwischen der Thür und dem Fenster steht). Sagen Sie mir, was glauben Sie denn —(Sieht sich um und erkennt Paola.) Himmel! — Sie? Paola (freundlich). Ich! Frenzel (sucht nach Worten). Ich — ick — (Kür sich) Verdammte Patsche! Paola. Nun? Frenzel (hat sich schnell gefaßt). Wundern Sie sich nicht, Paola — wenn meine Bewegung so heftig ist, daß sie mir die Sprache raubt! Ihr Anblick — die Freude — die Seligkeit—Sie hier—in diesem Zimmer! O, wenn ich das geahnt hätte! (Will gehen.) Paola (vertritt ihm mit gekreuzten Armen den Weg). Dann wären Sie wohl nicht heraufgekommen — hm! Frenzel (kühn). O nein — nein! Denn Ähr Anblick thut mir zu wehe — erinnert mich zu schmerzlich an Ihre Treulosigkeit! Paola (verdutzt). Was hör' ich da? Frenzel (mit kalter Würde, tief verletzt, er putzt sein Licht). Denn Ihr Anblick thut mir ju wehe — (tragisch) verwundet mich zu tief — aber ich will lieber — (Will gehen.) Paola (springt zur Thür und schließt sie). ^luclrtz mia! Man höre nur diesen Menschen an! Ich — Er nennt mich treulos — mich! — Haben Sie denn an den Brief vergessen, an den schwarzgesiegelten Brief , von Ihrem Freunde in Prag? Der Brief enthielt wohl die Wahrheit! Sie sind wirklich ertrunken — nicht wahr? Kurz — sind Sie todt? (Stampft mit dem Fuße auf) Ja oder nein? Frenzel (ruhig). Daß ich todt bin — könnt' ich gerade nickt sagen — aber wozu fragen Sie mich? Und wenn ick Ihnen jetzt sage, daß ich bei meinem verzweisiungsvollen Sprung in die Moldau mit dem Kopf in eine Felsenhöhle gefallen bin, in der ick acht Tage lang gelebt und mich von Fischen ernährthabe, bis zufällig ein Fischernetz mich an's Ufer zog und dem Leben wieder gab — werden Sie mir glauben? Nein! Und darum will ick lieber — (Will gehen.) Paola (vertritt ihm den Weg). Du wirst nickt gehen! — Frenzel. Was wollen Sie von mir? haben Sie mich nicht verrathen — haben Sie sich nicht verheiratet? Paola. Das kannst Du mir nicht zum Vorwurf machen! Ich wollte von keinem Mann mehr etwas wissen — darum habe ich mit diesem Thienemann geheiratet. frenzel (putzt sehr ernst sein Licht). Nun, ick dächte, Thieneman — Paola. O —Thienemann ist Thiene, mann — weiter nichts! — Ihn heiraten war so viel, als Dir treu bleiben, Undankbarer! (Sinkt weinend an seine Brust.) Frenzel (weiß nicht was er mit seinem Lichte anfangen soll. Er spricht sehr ruhig, wischt sich eine Thräne fort). Es mag sein — aber was geschehen ist — ist geschehen, Paola! Das unglückliche Schicksal, das uns so grausam trennt, könnte mich dazu hinreißen, mich (tragisch) gegen den Willen der Götter zu empören — den Himmel anznklagen — (in höchstem Affect) ihm zu stucken! Aber (sehr ruhig) ich will lieber — (Will gehen.) Paola (hält die Arme um ihn geschlungen, geht jedoch von links an seine rechte Leite) — Gehen — meinst Du? Urenzel (wie oben durch das Licht immer genirt). Ja, gehen! denn, Paola, ich bin ein rechtschaffener, ehrlicher Mensch — Thienemann ist mein Freund! — Es ist genug, r* 20 Paola, daß wir unglücklich sind — laß' uns nicht auch noch — strafbar werden! Paola (wendet, ohne ihre Stellung zu verändern, sein Gesicht gegen sich, so daß er ihr gerade in die Augen sieht. Mit halber Stimme). Canaglie! Frenzel. Wie? Paola (losbrechend). Canaglie! Du bist nicht in die Moldau gefallen, sondern Du willst heiraten! Frenzel. Ich? Paola. Ja — o, ich kenne sie, deine Erwählte, ich habe mit ihr gesprochen! — Sie heißt Angelika — sie ist Witwe — sie hat zwei alte Tanten! — Frenzel. Wie haben Sie sie genannt — An — An — Paola. Angelika! Frenzel (als besänne er sich erst jetzt). Ah — Sie meinen Frau von Stahl! Ist es möglich? Ah! Paola (triumphirend). Sie verläugnen sie? —Sagen Sie das noch einmal! (Sieht freudestrahlend nach dem Alcoven.) Frenzel (ertappt sie aus dem Blicke; für sich). Ah — Angelika ist hier! Paola (lebhaft). Sagen Sic doch, daß sie häßlich ist, einfältig, abscheulich! — Sagen Sie mir das laut in's Gesicht und — ich vergebe Ihnen! — Frenzel (feurig). Wenn ich Ihnen sagen soll, daß sie häßlich ist — Paola (triumphirend, sieht auf den Alkoven). Ja! Frenzel. Und dumm! Paola. Dumm — ja! Frenzel. Und lächerlich! Paola (gegen den Alcoven hinrufend). Und lächerlich! Frenzel (ruhig). So — so kann ich es nicht, weil ich Angelika liebe und anbete! Paola (dem Ersticken nahe). Was— wie — Sie lieben Angel — (sie strampst mit den Füßen und fällt in seine Arme). D — tru- clita — trackita! (Frenzel schleppt sie zu einem Stuhle rechts.) 0 xovsra kaola! — Frenzel (für sich, aus den Alkoven sehend). Nun — kommt sie nicht? (Laut.) Wasser — Hilfe — sie stirbt! Angel, (stürzt hervor, reicht ihm ein Flacon). Hier! Frenzel. (sich erstaunt stellend). Angelika! — Sie hier? Angel. Ja — ich habe Alles gehört — wie glücklich bin ich! Paola (verzweifelnd und rasend). Olr! worts! — I^g. worts! Angel. Doch fort von hier — auf Wiedersehen, Hector! (Schnell ab) Frenzel. Warten Sie — warten Sie doch einen Augenblick — ich begleite Sie! Pools (kommt schnell zu sich, springt auf, packt ihn beim Kragen und wirst ihn aus den Sessel nieder). Keinen Schritt von der Stelle, Elender! Frenzel (dervonihr sestgeh alten wird) Paola — wenn Sie nicht ein schwaches Weib wären! (Man hört eine Thür zumachen ) Paola. Sie ist fort. — Jetzt kannst Du gehen! Frenzel (nimmt sein Licht ruhig, und putzt es wieder). Adieu! Paola (tragisch). Geh', — aber zitt're vor meiner Rache! Alle Furien — Frenzel (unterbricht sie und sagt ruhig). Für alle diese Furien habe ich nur ein Wort: Thienemann ist in Baden! Paola (erschrocken). Mein Mann! Frenzel. Und wenn Sie nicht vernünftig sind, so lasse ich ihn los! (Ab.) Vierte Scene. Paola (allein, wirst schnell ihren Schlafrock an). Jetzt bleibt nichts übrig, als noch einmal ausziehen. Aber wohin? Ich war schon in allen Gasthäusern. — Wo ist nur mein Rock? —O, der Elende! — Wosindmeine Stiefel? — (Rückt alle Möbel bei Seite.) Isästto — ich kann meine Stiefel nicht sin den! (Sie kommt suchend bis zum Alkoven; man pocht, sie geht immer noch suchend hinter den Vorhang, und ruft:) Herein! —(Für sich.) Die Kammerkatze. Fünfte Scene. Paola. Rodenberg. Rodend, (öffnet die Eingangsthür und steckt den Kops herein. Er ist ganz erhitzt und ausgeregt). Nr. 17 sagt die Zofe. — Ich schleiche schon drei Viertelstunden um den Gasthof herum, ohne Mnth zum Eintreten zu haben. — Endlich Hab' ich mich entschlossen — (Er stößt an die Feuerzange, sie fällt um.) Paola. (im Alcoven). Warten Sie einen Augenblick — ich stehe zu Diensten — Rodend, (für sich). Wenn's nur wahr ist! (Steht immer bei der Thür.) Ich MUß wie eine Klatschrose aussehen! — Ich bin so anfgeregt — (Legt die Hand aus sein Herz.) Wic's da schlägt — und hämmert. Es ist zu lächerlich! —Ich hätte ein bischen d'raußen stehen bleiben sollen — um mich zu fassen — um meine Handschuhe anzuziehen — nein, nur einen! — Einen zieht man an und einen halt man so in der Hand — das ist jetzt Mode, glaub' ich! — Aber — wo ist er denn, der Andere? (Sucht seinen zweiten Handschuh — hat jedoch beide an.) Wo ist er denn? — (Er läßt im Suchen sein Taschentuch und seinen Hut fallen, der mitten in's Zimmer rollt. Er wagt sich nicht vor, um ihn aufzuheben.) So — das ist ein schöner Anfang — keine Handschuhe — keinen Hut — scharlachroth — ohne Courage. — Ich glaube, es ist am besten, ich komme später wieder — sie hat mich nicht gesehen — (Schleicht auf den Fußspitzen vor, um seinen Hut ju holen.) Paola. (im Alcoven). Ich komme schon! ^Rodend, (der eben den Hut aufheben will), ^ie kommt — O, Himmel! (Läßt seinen Hut wieder liegen und läuft fort.) Sechste Scene. Paola (allein). Paola. (kommt aus dem Alcoven hervor, sie hat ihre Stiefel angezogen). Za, mein Kind, ich — (Sieht den Hut ) Ja, wo kommt denn das her? Ha — der Verräther hat seinen Hut vergessen! O komm! — (Hebt den Hut aus. schlägt ihn ein und wirft ihn zum Fenster aus das Dach hinaus.) Ich wollte, Du wärst dein Herr! — Ja, cs war mir doch, als habe Jemand geklopft! (Geht zur Thür, sieht hinaus — da hört man auf der Treppe Thiene- mann's Stimme.) Thienem. (außen). Wo führen Sie mich denn hin? Paola. Mein Gott — das ist ja mein Mann — Siebente Scene. Paola. Thienemann. Lisette. Li fette (außen). Hier, mein Herr! Thienem. (außen). So hoch! — Im dritten Stock! Paola. (voll Angst). Ni8eria! — Er ist's — Ich bin verloren! (Stürzt in den Al- coven.) Lisette (führt Thienemann herein). So — hier ist das Zimmer! — (Für sich.) Wer wird auf einen Menschen Rücksicht nehmen, der Damenbesuch empfängt. Thienem. (schleppt noch immer seinen Koffer nach. Ist erschöpft und müdel. Ich war in allen Gasthäusern von ganz Baden, keine Paola zu finden. — Jetzt Hab' ich die Jagd aufgegeben und suche nur mehr Ruhe — hier, wo ich gerade vorüberkam, will ich einkehren, mich ausschlafen und morgen mit Tagesanbruch — da kann's wieder losgehen! Lisette (spricht in den Alcoven hinein, zu Paola). Mein Herr! — Dieser Herr ist 22 eben von der Reise angekommen — alle unsere Zimmer sind besetzt — und da in Ihrem Bett Platz für zwei Persollen ist — so werden Sie wohl diesem Herrn die Hälfte abtreten — Thienem. Sagen Sie ihm nur— daß ich mich sehr ruhig verhalte! Lisette. Der Herr ist sehr ruhig — er wird Sie nicht stören! (Beide horchen.) Hm. — er schläft schon — oder er macht sich nichts hören! (Rückt geräuschvoll mit dem Stuhle.) Thienem. (für sich). Ganz wie Paola! — Solche Sccncn Hab' ich alle Abend mit ihr — Lisette. Nun — wer nicht hören will, muß fühlen! — Begeben Sic sich ungenirt zu ihm! (Im Abgehen für sich.) Nun — wenn die kleine Dame noch da ist — so wird das ein netter Spaß! (Lachend ab.) Achte Scene. Thienemann, Paola (im Alcoven). Thienem. Wenn ich morgen wieder so Hetzen muß — wo bleibt da die vorae- schriebrne Ruhe! — O Paola, Paola! — (Man hört das Bett krachen.) Teufel, ich habe ihn aufgeweckt! (Leise.) Mein Herr! — (Pause ) Nein — er schläft noch immer! (Zieht seinen Rock aus.) Wenn er nur nicht so heftig ist, als Paola! — (Er geht auf den Alcoven zu, das Bett kracht, als würfe man fich heftig darin herum; Paola stöhnt wie rin Kranker. Thicnemann bleibt am halben Wc?e stehen und borcht erschrocken; das Stöhnen dauert fort, so wie das Krachen des Bettes. Die Vorhänge zittern.) Er hat einen sehr unruhigen Schlaf, dieser Herr. (Er zieht den Vorhang weg, man sieht Paola, die sich ganz angekleidet in's Bett gelegt hat. Sie vergräbt den Kopf in die Bettkisscn, hat ihr Taschentuch nmgebunden. wie ein Mensch, der Zahnschmerz hat, schlägt mit Händen und Füßen aus das Bett, wie Jemand, der aus Schmerz zappelt und stöhnt jämmerlich.) Alle Wetter — der Jüngling scheint nicht sehr vergnügt zu sein. Paolal stöhnt, streckt eine Hand zum Himmel). Ach! Thienem. Herr — haben Sie Katzenjammer — oder Zahnschmerz? Paola (wie oben). Ach! Thienem. Es sind Zahnschmerzen — ich kenne das. Paola leidet oft daran, meist des Abends, gewöhnlich wenn — Paola (wie oben). ^! Thienem. (zu Paola). Legen Sie ein bischen Knoblauch in den Zahn — das hilft manchmal — Paola (wie oben, steigernd). Ach! Thienem. Hm — der Knoblauch Hilst ihm wohl nicht. — Sehen Sie, mein liebes Herrchen — ich will Ihnen sagen — das geht Alles wieder vorüber! — Wenn Sie nur sechs — sieben Stunden wieder ruhig schlafen wollten, da sollten Sie 'mal sehen, wie das weg ist — wie fortgeblasen! — So — nun erlauben Sie wohl — (Er will zu Bette und zieht die Decke fort ) Paola (verdoppelt ihr Stöhnen und Zappeln). O, o! — Ach! — Thienem. (springt erschrocken zurück) Herr Je! (Paola wirft mit ihrem Gezappel erst ihr Kopfkissen, dann das Plumeau re. aus ihn ) D — (Der Tisch wird ebenfalls nmgeschleudert ) Nun auch noch der Nachtisch! Geben Sic doch ein bischen Acht, junger Mann! (Paola hüllt sich in Decken und vergräbt sich im Bette; sie geberdet sich wie rasend vor Schmerz.) Wenn Sic vielleicht Anfälle von Tobsucht haben — so sagen Sic cs gefälligst! — Alle Wetter, ich trachte, daß ich fortkomme! -- Für so eine Bescherung muß ich schön danken! (tzr packt eilig seine Kleider und seinen Koffer zusammen.) Ich gehe hinunter oder hinauf — es ist alleseins — nur fort! Paola. O! Thienem. Ja, ja —lassen Sic sich ibn nur ziehen, das ist das einzige Mittel! Ich Hab' mir doch gleich gedacht, daß die Geschichte so ein Ende nehmen wird wie mit meiner Frau! (Schnell ab) 23 Neunte Scene. Paola (allein). Paola (wirst die Decken weg und springt angekleidet ans dem Bette). Gott sei Dank, der erste Sturm ist abgeschlagen, jetzt — schnell fort! (Packt ihre Bagage zusammen) Zehnte Scene. Paola, Rodenbcrg. Rodend, (tritt leise ein; für sich). Da bin ich wieder — ich habe alle meine Energie und Unerschrockenheit wieder gefunden. — Also vorwärts. Paola (hört Geräusch, wendet sich um). Wer da? Rodend, (verwirrt, will den Liebenswürdigen spielen, verliert aber ganz den Kopf).Bitt— entschuldigen Sie — ich — ich will — Ich habe doch die Ebre Sie zu sprechen — meine Gnädige? Paola (erschrocken für sich). Es ist der Mensch mit dem bösen Blick! — Rodend, (für sich). Bah — der Rubi- con ist einmal überschritten — jetzt — Kühnheit steh' mir bei! Ich wage den ersten Schritt: die Einschüchterung! (Macht die Thür zu und dreht den Schlüssel um ) Paola. Nm's Himmels willen — was will dieser Mensch? (Ergreift schnell ihre Reitgerte) Rodend, (steht bei der Thür, in strengem Tone). Ich bedauere. Madame, daß meine Pflicht als Magistratsperson — Paola. Magistratsperson! Rodend, (ebenso). Ja, Madame! — Ich bin — und wenn ich sage, daß ich cs bin — (Sieht aus seine Uhr, für sich.) Hm — in einer Viertelstunde ist meine Ernennung da, also angenommen: Ich bin es wirklich — (Lant lächelnd.) Ja — ich bin Richter! Paola. Richter! Rodend, (lächelt dumm verlegen). Ja — ja, gewiß — Sic können mir's glauben! Paola. Nun, mein Herr, was habe ich mit dem Gericht zu thnn? Rodend. Ich gestehe, daß — Paola (heftig). Was habe ich gcthan? — Was will man von mir? Antworten Sie — (Stampft mit dem Fuße.) So antworten Sie doch, mein Herr! Rodend. Meine Gnädige — ich — (Kür sich.) Sapperlot — sie schüchtert mich ein — (Laut.) Dieses Portefeuille — ein Paß — ein Paß, Madame! (Zeigt ihr das Portefeuille, um sie einzuschüchtcrn.) Paolo (nimmt es erfreut). Ah, Sie bringen mir mein Portefeuille wieder! Ich danke Ihnen, mein Herr! (Perbeugt sich, wie ihn verabschiedend.) Rodenb. (verdutzt; für sich) Ich kann doch nicht so wieder fortgehen — (Entschlossen feurig.) Madame, Sie haben mich er- rathen! Ja — schon gestern Abends haben Sie in meinen Augen gelesen — (Paola sieht ihn erschrocken an und macht das Zeichen der Beschwörung. Er sieht sie verblüfft an; für sich.) Schon wieder diese Bewegung — was will sie nur damit— (Er geht stets um sie herum, ihr nach; laut.) Und jetzt — in diesem Augenblick — sagt Ihnen meine Erregung — was in mir vorgeht. Auch ein Richter ist zuweilen Mensch und Mann! Wie kann die Gerechtigkeit blind bleiben, für dieses Uebermaß von Reizen, die — für diesen Feuerblick, der — (Paola wiederholt die Geste.) Für diese — (Sucht verwirrt nach seiner Tabaksdose ) Ich bin so verwirrt, so — aber, ich schwöre Ihnen, Madame, daß — Nebri- gens wird das Gericht entscheiden — (Paola wiederholt die Geste mit beiden Händen; er sieht sie consus an.) Ich aber — diese Bewegung— (Ahmt sie nach.) Was wollen Sic denn eigentlich?! — Paola (die ihn angesehen hat, lacht laut aus). Nein — das alberne Gesicht! (Geht wieder daran ihre Effecten zusammen zu richten; er sieht sie erstaunt an ) Gute Nacht, mein Herr! (Eilt auf die Thür zu.) 24 Thienem. (außen). Paola! Paola (bleibt erschrocken stehen). Ah! Rodcnb. Paola!— Sie heißen Paola? Paola. Still ! Oder —! (Rodenberg bleibt erschrocken mit aufgesperrtem Munde vor der Thüre stehen.) Thienem. (außen) Paola, ich weiß, daß Du da bist — Frenzcl hat es mir gesagt — Ich habe Dich sprechen gehört — Es ist ein Mann bei Dir! Oeffne die Thür! Rodend, (ängstlich, stotternd). Wa — was ist das für eine Stimme? Paola (leise). Mein Mann! Rodcnb. (entsetzt). Ihr Mann! — Sie hat — Sie sind — ein Ehemann! O Himmel! (Schnell.) Eilf Uhr Nachts — ungebührliche Stunde — ein Zimmer im Gasthaus — verschlossene Thür — verdachterregende Umstände — verbrecherische Zusammenkunft: — Paragraph 337!! (Zu Paola ) Oeffnen Sie — öffnen Sie schnell oder — (mit heiserer Stimme) wir sind verloren! Paola (leise). Nein — verstecken Sie sich! Rodend, (eilt außer sich umher). Verstecken? — Aber wo — wo? Paola. (öffnet den Wandschrank rechts). Da hinein! Aber geben Sie Acht, es ist ein Wandschrank, die TapetenverNeidung ist nur dünn, man könnte Sie drüben hören! Rodcnb. Zn einen Schrank? Nie! — Ein Mann, der sich in einen Schrank ver steckt, stellt durch diesen einzigen Umstand das flagranti äslioti her! — Wissen Sie, was das sagen will?—Paragraph 338! — Zwei Jahre Kerker! Paola (drängt Rodenberg gegen seinen Willen in den Schrank). Unsinn — nur hinein, schnell! Rodend, (flehend). Bedenken Sie, Unglückselige — das lla§rnnti äelioti! Paola. Was liegt mir daran! (Schließt die Thür des Wandschrankes.) So — der ist in Sicherheit — jetzt fort! (Sieht sich um.) Thienem. (außen; stößt mit dem Fuß gegen die Thür). Wenn Du nicht öffnest — so sprenge ich die Thür! Rodend, (steckt den Kopf hervor, schnell, beschwörend). Madame — wenn Sie nicht öffnen, so verstoßen wir vor Gericht gegen den Paragraph — Pao la (unterbricht ihn, schlägt ihm die Thür des Schrankes aus die Nase zu und ruft außer sich). Geben Sie noch keine Ruhe? (Dreht den Schlüssel um.) Thienem. (außen). Ich warte hier vor der Thür — ich habe um den Polizei- Commissär und um einen Schlosser geschickt! Paola. Wie entfliehen? — Ha — im Alcoven ist eine Thür! — (Eilt zum Alco- ven, springt auf das Bett und versucht die Ta- Petenthüre.) Ah — verschlossen! — (Eilt zu der Thür in der zweiten Eoulisse rechts.) Ach — das Fenster — es führt aufdie Dächer! — (Eilt zum Fenster.) Rodend, (im Schrank). Machen Sic doch auf! (Trommelt an die Thür ) Ich ersticke!— Ich bin des Todes! (Er stemmt sich und drückt mit aller Macht an die Thür des Wandschrankes, sie gibt endlich nach und er fällt sammt ihr auf die Bühne. Durch sein Herumarbciten hat er aber auch die Rückwand zertrümmert, welche in ein anstoßendes Zimmer führt, das zum Theile durch die entstandene Oeffnung sichtbar ist ) Paola (kommt vor). Sie entsetzlicher Mensch! Können Sie nicht bleiben, w» man Sie hinsteckt?! — Rodend, (steht mühsam auf und sagt in kläglichem Tone). Nein — lebendig habe ich es da d'rin nicht aushalten können! Paola (bemerkt die durchgebrochene Wand) Himmel — wir sind gerettet! Dort ist ein Ausweg! Sie haben den Kleiderschrank des kleinen Engländers durchgebrochen — Rodend, (kniet zwischen den Trümmern des Schrankes). Was, ich habe einen Schrank erbrochen? — Paragraph 173. Paola (wirst ihm einige Kleidungsstücke zu). Nehmen Sie — verkleiden Sie sich — (Sie wickelt sich in ein Plaid des Engländer-) Rodend, (noch immer knieend). Woher sind diese Kleider? Paola. Sie gehören dem kleinen Engländer.' Ich nehme sie — Rodend, (entsetzt, immer am Boden). Sie nimmt sie— Diebstahl! — In einem Gasthofe, Paragraph 386!— (Rutschtaus den Knien zu ihr ) 3ch beschwöre Sie bei Allem, was Ihnen theuer ist — lassen Sie diese Effecten hier. (Er hängt sich an ihren Plaid, um sie zu verhindern, denselben umzunehmen.) Unser Fall ist schon entsetzlich genug — nehmen Sie das nicht — cs handelt sich um etwas Schreckliches — um den Paragraph 386 — (Mit tragischer, ersterbender Stimme.) Uns droht das Zuchthaus! (Geräusch von Stimmen und von außen Schlüsselgeklirr.) Paola (macht sich von ihm los). Still — der Schlosser. — Schnell fort — hier haben Sie meinen Dolch — (Gibt ihn denselben.) Rodend, (knieend). Wozu? Paola. Um das Schloß d'rüben zu sprengen, wenn der Engländer die Thür gesperrt hat, die nach dem Corridor führt! — Rodend. Eine Thür sprengen — ich? — Mit einem Dolck! — Die Waffe in der Hand — Sprengung eines Schlosses — Artikel 381, Paragraph 3, und Artikel 385, Paragraph — Thienem. (außen). So, Madame, jetzt sind wir gleich bei Ihnen! (Man hört am Schlosse arbeiten.) Paola (zu Rodenberg). Lassen Sie sich in Gottesnamen erwischen, wenn Sie Lust haben — ich rette mich! (Will durch den zertrümmerten Wandschrauk in das Zimmer des Engländers.) Rodend, (klammert sich verzweiflungsvoll an sie.) Aber ich bin unschuldig — Sie können es bezeugen und beeiden, daß ich unschuldig bin! Paola (sich losmachend). 3a, ja — aber lassen Sie mich. Leben Sie wohl! (Stürzt in das Zimmer.) Rodend. Hier Ehebruch — dort Einbruch, verbunden mit Diebstahl. — 3ch bin zweifach verloren! — Wehe — wehe über mich! (Erstehtaus, die Thüre erbebt.) Da bleibt nichts übrig, als — mich schnell durch eine Verkleidung unkenntlich zu machen! (Fährt mit jedem Arm in die Aermel eines andern Kleidungsstückes und eilt Paola nach, durch den Wandschrank.) Wehe! — Wehe! (Verschwindet.) Eilfte Scene. Thienemann, Frcnzel, Lisette. (Die Thür geht aus, und Thienemann steigt im selben Momente herein,wo Rodenberg verschwindet.) Thienem. Man schließe die Thür — dann können sie uns nicht entwischen! Aber wo sind sie denn? Frenzel. Aber Thienemännchen — nur nicht aufregeu! — Lisette (sieht den zerkrümmrrten Wandschrank). Sie müssen hier fortsein — der Schrank ist erbrochen! Thienem. Hier? (Steigt durch die Bresche.) Paola! Paola! (Frenzel und Lisette folgen ihm und verschwinden gleichfalls; da erbebt die Thüre im Alcoven, wird ausgebrochen, stürzt jedoch nach rückwärts, und Rodenberg springt auf das Bett. Er ist außer sich, verstört, hält in einer Hand Paola's Dolch, in der andern einen Schürhaken. Paola folgt ihm.) Rodend. Wo sind wir? (Springt aus den Boden.) Paola (ebenso). Wo wir waren — in meinem Zimmer! (Eilt zur Eingangsthür, sie ist verschlossen.) Rodenb. Wehe — wehe! Paola (zeigt ihm die Thür rechts) Durch diese Thür — schnell — sie kommen! — (Hebt ein Stück der zertrümmerten Thür auf.) Rodend, (der so außer sich ist, daß er kaum Herr seiner Sinne ist). Sie kommen! — (Er sprengt mit Schürhaken und Dolch die Thür rechts und eilt durch diese ab- Paola folgt ihm.) Paola und Rodenb. Fort! fort! (Verschwinden.) 28 Zwölfte Scene. Thienemann, Frenzel, Lisette. Kellner, Stubenmädchen ;c. Thienem. (kommt durch die erbrochene Al- covcnthür, klettert mühsam aus das Bett, von wo er auf die Erde kollert). Paola — strafbares Weib! Ich habe Dich mir deinem Buhlen gesehen! Frenzel (lacht). Aber — nur nicht auj- rcgen, Thienemännchcn! Thienem. (ist mit Frenzel's .Hilfe ausgestanden und sieht die erbrochene Thür rechts) Hü — dü — da — (Stürzt durch die Thür ab, die Andern ihm nach.) Dreizehnte Scene. Paola, Röhenberg. Rodenb. (mit in Unordnung gerathenen Kleidern, entsetzensbleichem Gesicht, Dolch und Schürhaken in der Hand kommt durch den Wandschrank hereingestürzt). Wo sind wir? Paola (die ihm folgt). In meinem Zimmer! Rodenb. Hölle und Vcrdammniß! (Man hört Thicnemann's Stimme: Paola, Paola! rufen.) Paola. Sic kommen — wohin fliehen wir nur? Ha! — auf die Dächer! (Eilt zum Fenster.) Rodenb. (wiederholt, wie von Wahnsinn ergriffen, ihre Worte, ohne zu wissen, was er sagt). Za! Auf die Dächer! Paola (springt auf die Fensterbrüstung) So — hier hinaus! (Springt hinaus ) Rodenb. (eben so). Ja — hier hinaus! (Springt hinab aus das Dach ) Thienem. Paola! Paola! — (Kommt durch den Schrank, Frenzel durch den Alcoven und Lisettc durch die erbrochene Thüre rechts — im selben Momente verschwindet Rodenberg und der Zwi- schenvorhang fällt sehr schnell.) Verwandlung. (Zwischenmusik.) (Auf den Dächern.) (Linkseinsehr abschüssiges, gegen die Mitte der Bühne abfallendes Dach mit einem flachen Bodenfenster Borne ein Schornstein. — Rechts ein anderes, minder abschüssiges Dach, ebenfalls mit flachem Bodenfenster. — Zn der Mitte eine Dachrinne. — Links eine Mauer und Gitterwcrk, die in den Hintergrund führen, bis zu einer Art Heuboden. Dieser Heuboden hat ein Fenster, welches in den Hof geht, aber vom anstoßenden Dache zu erreichen ist. An dem Bodenfenster ist ein Strick mit Haken zum Aufziehen des Heues angebracht. — Rechts die hohe Sei- tenwand eines Hauses, in dieser ein Fenster. — In, Hintergründe, vom Heuschober bis zum Hause rechts, geht eine kleine, niedrige Mauer; in der Mitte derselben ein Schornstein mit kleinen eisernen Rauchfängen. — Es ist Tag. — Rodenbcrg's Hut. den Paola beim Fenster hinausgeworsen hat, liegt in der Dachrinne.) Erste Scene. Paola. Rodenberg. Paola (kommt aus dem Bodenfenstrr links). Lo — kommen Sie nur hier heraus! Rodenb. (folgt ihr, immer seinen Schürhaken in der Hand). Wo sind wir? Paola (ist bis zum Fenster des Heubodens gekommen, sieht in den Hof). Alls dem Dache! Rodenb. Sie kommen uns doch nicht nach? Paola. Nein, sie haben unsere Spur verloren. Das Fatale an der Geschichte ist nur, Haß wir jetzt noch weiter von der Straße entfernt sind, als früher. Und wie kommen wir da hinunter? Im Hofe steht ein Heuwagen — auf den könnte man wohl ohne Gefahr springen, aber — der Hof ist voll Menschen — und der Tag bricht an! Rodenb. (klettert ans allen Bieren auf dem Dache umher). Wenn ich nur stehen könnte — (Will sich erheben, indem er sich an den Schornstein klammert.) Paola (schnell sich in das Fenster des Heubodens zurückziehend). Stehen Sie nicht auf — meinMann kommt! (Rodenberg fällt wieder auf alle Vier nieder. Thienem. (außen, sehr ferne). Paola! Paola! Rodenb (mit zitternder Stimme). Hat er Waffen? Paola (sieht vorsichtig ans dem Fenster). Ja — er hält etwas Langes in der Hand — ich kann nicht sehen, was cs ist. — (Verschwindet wieder.) Rodenb. (das Wort bleibt ihm im Halse stecken.) Ein — Gewehr! (Sitzt aus der Mündung des Schornsteins im Vordergründe) Es ist ein Gewehr! Der von dem Ehemanne an seiner Gattin oder ihrem Buhlen begangene Mord, wenn er sie unter dem ehelichen Dache in tluAranti äelioti erwischt, ist, nach Paragraph 324 zu entschuldigen. — Wenn dieser Mensch mich findet, so hat er das Recht mich zu — ermorden! — Unter dem Dache sind wir freilich nicht — aber das ist ein Nebenumstand — die Hauptsache ist das ÜLFranti ckslioti! und das — das liegt klar auf der Hand! d. h. aus dem Dache. (Steht auf.) 3m besten Falle also komme ich mit dem Leben davon und erhalte Gefängnißstrafe — die höchste, natürlich, denn ich bin ja eine Magistrats Person! Und dann liegt gar kein Entlastungsgrund vor, nicht ein emziger! Es sei denn Wahnsinn! (Er glitscht aus und kollert über das Dach herab bis in die Dachrinne in Mitte der Bühne.) Es bleibt also nichts übrig, als — Wahnsinn vorzuschützen! Und das nennt man die Wollust der Liebe! Paola (kommt wieder hervor und erscheint aus dem Dachstuhl ober Rodenberg). Tie kommen — über den Heuboden — Rodenb. Sie kommen! — Da heißt cs retiriren — aber wohin? (Sieht das Fenster rechts.) Vielleicht durch dieses Fenster? Paola. Es ist geschlossen! Rodenb. (schwingt sich mit dem Schürhaken in der Hand auf das Dach rechts). Als ob so etwas mich noch abhielte! Was kümmere ich mich um geschlossene Thüren oder Fenster! (Erreicht die Spitze des Daches und will das Fenster in der Seitenwand im Hanse rechts mit seinem Schürhaken einschlagen. Es wird aufgerissen und Fräulein Mittmann und Frau Blühdorn erscheinen in Nachtgewändern.) Fr. Blühd. und Frln Mittm. Diebe! Mörder! —- (Ziehen sich unter Rufen zurück.) Rodenb. (entsetzt) Die aufgewickelten Mumien! (Er springt vom Fenster zurück, reißt die Blumentöpfe mit und kollert einige Schritte abwärts.) Thienem. (außen, vom Bodenfenster links her). Hierher — ans den Boden! Rodenb. Der Ehemann! — Wehe! wehe! (Macht einen Satz auf das Dach links und klammert sich an den Schornstein.) Paola (erschrocken). Sie kommen — ich rette mich! (Geht auf den Heuboden zu.) Ein Straßenjunge (erscheint im Bodenfenster links). Da sind sie! — Zn mir — zu mir! (Springt heraus, um Rodenberg beim Fuß zu packen und in die Dachrinne zu ziehen; Rodenberg schleudert ihn mit dem Fuß weg, so daß der Junge zur Hälfte ins Fenster zurücksällt; er steht jedoch gleich wieder auf und schreit:) Diebe! Räuber! rc. (Will Rodenberg beim andern Fuß packen, dieser schleudert ihn wieder mit dem Fuße fort und der Straßenjunge fällt über die kleine Mauer in den Hof — und stößt einen Schrei aus. Rodenberg im höchsten Entsetzen liegt regungslos platt aus dem Dache.) Paola (sikht in den Hof hinab und sagt, ohne von Rodcnberg gehört zu werden). Er ist zum Glück auf den Heuwagcn gefallen — Bei Gotr, ich folge ihm — ich riskir's! (Ergreift den Strick der Winde und läßt sich hinab.) Rodenb. (ohne sie zu sehen oder zu hören, wischt sich den Angstschweiß von der Stirne und murmelt mit erstickter, heiserer Stimme). Mord — Paragraph 304! — Jetzt ist Alles beisammen: Ehebruch, Einbruch, Diebstahl und Mord— in einer Viertelstunde! Was bleibt mir noch zn thun übrig? Gibt's denn gar kein Verbrechen mehr, das ick noch begehen könnte? (Rauft sich verzweiflungsvoll das Haar.) 28 Thienem. (außen, aber näher als vorher). Hieher — Gensdarm! (Man hört Stimmen, daS Gemurmel damit die ganze Scene zunehmend fort.) Rodenb. (steht jetzt, setzt seinen verdrückten Hut aus und schwingt den Schürhakens. Die GenSdarmerie! Jetzt bleibt mir nichts mehr übrig, als mein Leben zu vertheidigen wie ein wildes Thier! — Du bist zum Tiger geworden, Rodenberg, wohlan, so sei ein Tiger! »Ach — es war nicht meine Wahl!« — Wer kommt? Platz, dem Tiger! (Schlägt mit dem Schürhaken um sich, daß die Ziegel vom Schornstein und vom Dache fliegen.) Ich bin ein Tiger! Zweite Scene. Rodenberg. Thienemann. Gensdar- men. Straßenjungen, dann Fr. Llühdorn und Fr. Mittmann, Reisende rc. rc. Thienem. (kommt aus dem Dachfenster links, schleppt wie immer seinen Koffer nach). Zu Hilfe — ick Hab' ihn! — Frenzel (außen). Thienemann! — Rodenberg! Thienem. Zu mir! — Ich bab' ihn! Rodenb. (bei Thicnemann stehend). Du hast mich! — Habaha! — Ich habe Dich! (Drückt ihn in das Fenster zurück.) Erster Gensdarm (am Fenster der alten Damen). O! — Herr Rodenberg, ick komm' Ihnen gleich zu Hilfe! Wo ist er denn? Rodenb. (der Thienemann immer wieder gedrückt hält — der sich losmachen will — mit einer plötzlichen Hingebung). Da ist er! (Setzt Thienemann seinen eigenen, arg mitgenommenen Hut auf.) Thienem. (sich sträubend und versuchend aus dem Hut hervorzublicken). Ich?! (Der Gens- darm springt aus dem Fenster und klettert auf das Dach recht-, ein Kellner aus dem Gasthause »zum rochen Krebs-folgt ihm.) Das ist nicht wahr — ich bin ja — ich bin — Rodenb. (zum Gensdarm). Sie kennen mich! Im Namen des Gesetzes fordere ich Sie auf, verhaften Sie diesen Menschen! Gensd. Ja, Herr Rodenberg! (Packt und hält Thimemaun, der sich sträubt.) Rodenb. (für sich). Ich mach' mich aber doch über die Grenze! (Schleicht sich fort und läßt sich am Strick hinab wie früher Paola.) Verschiedene Stimmen. Diebe — Räuber — Mörder! Gensd. (laut triumphirend). Wir haben ihn! (Reisende erscheinen an allen Fenstern, und von unten tönt lautes Stimmengesurre, von Schreien unterbrochen, Frenzel stürzt aus dem Dachfenster links. Alle toben und schreien durch einander.) Wir haben ihn! Sie haben ihn — Hurrah! — Sie haben ihn! Der Vorhang fällt schnell. Dritter Act. (Hin ärmliches Gasthaus in Petersdors. — Links erste Conlisse die eiserne Thür eines Backofens; die Heizung derselben ist hinter der Conlisse. —Neben dem Backofen ein Kamin, neben diesem eine in das Innere des Hauses führende Thür. — Rechts erste Coulisse ein Backtrog, neben diesem ein Fenster mit der Aussicht auf das Feld. — Zm Hintergründe links die Eingangsthür; rechts ein großer Schanktisch mit Flaschen von allen Größen und mit verschiedenen Etiketten besetzt. — Links im Vordergründe Tische, Stühle rc.) Erste Scene. Re sch au er (allein). Re sch. (fitzt rittlings aus einem Stuhle und scheint in tiefe Gedanken versunken zu sein). Wer Pech hat—der hat einmal in Allem Pech! — Mein Detter Sterzinger sagt mir eines Morgens : »Reschauer,«sagt er —»ich geh' nach Mexico! — Willst Du mir mein 29 Wirthhaus in Petersdorf abkaufen? Meierei und fünfzig Flaschen Wein, ein prächtiges Geschäft, — unverwüstbar! Der größte Esel kann's nicht zu Grunde richten!* — Hm — das macht mir Lust und ich sage: »Was willst Du denn dafür?—»Na,« sagt mein Vetter Sterzinger, »für zwölfhundert Gulden kannst Du's haben.« — »Na,« sage ich, »tausend sollst Du kriegen!« — Und — er hat sie gekriegt, der Vetter Sterzinger!— Er hat sie schon! — Und ich — ich habe dieses Wirthshaus. ! (Sieht sich um.) Wie ich ankomme, ist mein ! erstes Geschäft—daß ich eitlen Kalbsbraten an den Spieß stecke und auf einen Gast warte! — Na, so vergeht ein Tag — noch einer, endlich vier Tage—achtTage! — Ich schau schon alleweil, aber kein Gast ist zu sehen! Und der Kalbsbraten steckt immer noch am Spieß!—Mir wird die Geschichte endlich langweilig und ich mach' mich daran, meinen Wein zu kosten! — Zuerst brech' ! ich einer Flasche Zwetschkenwasser denHals (thut es), versuch' es — (thut es) — und was finde ich? Wasser genug—aber reines Wasser ohne allen Zwetschenkrampus! — Ich probir's mit dem Kümmel — (thut es) — dieselbe Geschichte, sehr vielWasser, aber keine Spur von Kümmel! — Kurz, Vetter Sterzinger hat meinen Fluch mit nach Merico genommen: in allen fünfzig Flaschen, die ich ihm für theueres Geld abgekauft habe, ist nichts als Wasser! Zu meinem Trost Hab' ich eine gute Flasche Gumpolds- kirchner mit mir gehabt — sonst wüßt' ich nicht, was mich in meiner Verzweiflung aufrecht erhalten hätte! — Und der Kalbsbraten — der steckt noch immer am Spieß! (Man hört das Rollen eines Wagens.) Ein Wagen! ha — Rettung! — Ein Gast! Zweite Scene. Reschauer, Frenzel. Frenzel (athemlos, zieht ihn beim Kragen in die Höhe). Wirth! Re sch. Hier, mein Herr, was ist gefällig? Frenzel. Ist kein Herr hier vorüber- gekommen — dicker Mensch von runder Gestalt, rundes Kinn und runde Nase? Re sch. Nein — aber ich habe einen Kalbsbraten mit gelben Rüben — Frenzel (geht). Dann hat er einen andern Weg eingeschlagen. Re sch. (sucht ihn zurückzuhalten). Einen vortrefflichen Kalbsbraten — ganz frisch — Frenzel (stößt ihn fort). Gehen Sie zum Teufel! (Oeffnet die Thür, ruft:) Kutscher! (Ab; man hört das Fortrollen eines Wagens.) Re sch. (taumelt von dem Stoß auf einen Stuhl links bei der Thür). Fort — fort! Kreuzmillion Donnerwetter! Der erste Gast — (man hört Peitschenknall). Ha — da ist ein zweiter! — Ich bin gerettet! Dritte Scene. Reschauer. Thienemann. Thienem. (tritt erhitzt und verstört ein, zieht Reschauer beim Kragen iu die Höhe). Wirth! Re sch. Hier, mein Herr. Was ist gefällig? Thienem. (schnell). Ist nicht ein Mann hier vorübergekommen? — Klein, mager — von weibischem Aussehen — mit einem kleinen Koffer? Re sch. Nein — aber ich habe einen Kalbsbraten mit gelben Rüben — Thienem. (geht). Geh'n Sie mit Ihren gelben Rüben zum Teufel — Resch. (packt ihn beim Rock). Mein Herr — Sie wissen nicht was Sie verschmähen. Thienem. (stößt ihn zurück, so daß Resch- auer auf den Stuhl rechts von der Thür fällt. Er stürzt hinaus). Kutscher! (Man hört das Fortrollen eines Wagens.) Resch. (allein, kläglich). Fort — und der Kalbsbraten — (Schnüffelt.) O, Du mein — er brennt an! Er brennt an! (Schnell ab durch die Thür links ) 30 Vierte Scene. Paola, Rodenberg, dann Reschauer. Paola (erscheint außer dem Fenster, öffnet es vorsichtig und guckt hinein). Eine Gasthausstube — sie ist leer — Schnell hinein! (Steigt rittlings auf das Fenster und springt hinein.) Rodend, (folgt ihr ebenso). Wo sind wir? (Hat den Hut des Engländers, ist tief niedergeschlagen.) Paola. (heiter, setzt sich aus den kleinen Koffer, den sie mitbringt). Im Wirthshause! Und das ist nicht so übel nach einem Marsch von zehn Stunden! Rodend, (sitzt auf dem kleinen Koffer, der dem Engländer gehört). Ich bin todt — was haben Sie aus mir gemacht! Paola. Sie haben mich in diese ganze Patsche gebracht! Ich habe gleich erkannt, daß Sie den bösen Blick haben! Rodend. Ja — der böse Blick war der, mit dem ich Sie zuerst angesehen habe! Hätt'st es geh'n gelassen! Paola. Ich bin tvdtmüde! Rodenb. Und ich — glauben Sie, ich sitze hier auf Rosen? — Sogar dieser Koffer, der mir zum Ruheplatz dient, ist ein Verbrechen! Dieser Koffer, den ich zehn Stunden lang mit mir Herumschleppe — wem er gehört? Mir nicht! ich weiß nicht einmal wem gehört er! So groß ist meine moralische Verderbtheit schon — so tief bin ich schon gesunken — daß ich instinctmäßig Missethaten begehe — ohne nur daran zu denken! Paola. (sieht sich um, nachdem sie um das Zimmer herumgcgangen ist). Wenn ich nur wüßte, wo unsere Abenteuer uns hinge- sührt haben? Rodenb. (springt auf). Wo sie uns hingeführt haben? Sie können noch fragen? — Wissen Sie, Madame, daß unseretwegen in diesem Augenblicke alle Telegraphen in Bewegung sind, daß die Gensdarmerie die; ganze Gegend durchstreift, daß unser Steckbrief und meine Photographie in allen Acmtern vvrliegen, nach allen Richtungen versandt wird?! — O, Madame, seit gestern Abend zehn Uhr bin ich Richter, und wenn ick meine Pflicht kennen würde, so ließe ich mich arretiren — und Sie dazui! Ja — ich selbst würde uns selbst arretiren und mit eigener Hand vor den Richterstuhl des Gesetzes schleppen! Dahin haben Sie nns gebracht, Madame Thicnemann! Paola (lacht). Hahaha! Sie sind wahnsinnig! Rodenb. (erfreut). Ha — glauben Sie das? Gut — so können Sie es um so eher vor Gericht beeiden — denn ich schütze jedenfalls Wahnsinn vor! Paola. Was geht mich dasGericht an? Rodenb. (sieht sie starr vor Staunen an). Sie fragen schon wieder so? — Sie glauben also, daß Alles, was wir seit gestern gethan haben, ganz in der Ordnung ist? Sie finden es wohl ganz natürlich, daß man Thüren sprengt, Engländer ausranbt, und Straßen buben von den Dächern regnen läßt? Paola (lacht). Ach, der Straßenjunge! Macht der Ihnen Kummer? Das ist zu lächerlich. (Geht suchend umher.) Rodenb. Dieses Weib ist ja eine Megäre ! (Packt sie bei der Hand und zieht sie vor.) Aber — vergessen Sie auch die Gesetze, Madame — die Paragraphe? Ich habe nachgerechnet, was mich dieser Streifzug in die Obstgärten des Herrn Thienemann kostet! Wissen Sie, wie hoch mir diese Aepfel des Nachbars zu stehen kommen? Ich habe gegen die Paragraphe: 181, 337, 338,173, 304, 386 gefehlt, das macht so viel als: hundertsiebenundvierzig Jahre Zuchthaus, zehn Jahre schweren Kerker, verschärft mit siebenmaligem Fasten in jeder Woche und nachher fünfundzwanzig Jahre polizeiliche Ueberwachung! — Das kosten mich Ihre Aepfel! Paola. Hab' ich Sie dazu eingeladen? Iwpeväklltö! Hab' ich Sie aufgefordert zu mir zu kommen — krebsroth, erhitzt, ver- 31 stört, lächerlich und so aussehend, wie Sie eben aussehen, nur um mich von der rechtzeitigen Flucht aufzuhalten und mich mit Ihren lächerlichen Liebeserklärungen zu martern? Rodend, (blickt zum Himmel, tragisch). Ihr hört dieses Weib, o hohe Götter! — Dieses Weib, das mit seinen Vitriolblicken das Fener des Lasters in meine tugendhafte Seele geschleudert hat! Paola. Ich?! — Rodend, (fährt fort, ohne aus sie zu hören) Vierzig Jahre! Vierzig Jahre der Tugend und der Keuschheit zählte ich — da geht dieses Weib vorbei und ihr Blick versengt meine Sittenreinheit in der Blüthe, und dringt mich dahin, wo ich jetzt steh'. Paola (lacht hell aus). Rodend, (fortfahrend). Aber Du hast es so gewollt, Rodenberg! Du hast Dich nach den Stürmen der Leidenschaft, nach den Qualen der Liebe gesehnt — jetzt erfülle dein Schicksal, ewiger Jude der Liebe — wandle hin auf deiner verbrecherischen Bahn an der Seite deiner Mitschuldigen! (Im Eifer glaubt er vor Gericht zu stehen und gegen sich selbst zu plaidiren.) Sehen Sie ihn an, meine Herren, sehen Sie ihn an, diesen gestern noch allgemein geachteten, seiner hohen Tugenden wegen überall geschätzten Mann! Heute steht er vor uns, gebeugt, von Schmach bedeckt, mit Ketten belastet — das Opfer einer sündigen Liebe! O, meine Herren, welche Lehre liegt für uns in dem Anblicke dieses großen Verbrechers, der — hier — dort — (Sucht uach dem Verbrecher und erkennt sich selbst.) Entsetzen — ich bin es selbst! — Wehe, wehe! — Paola (lacht). Gut plaidirt! Wahrhaftig! — Ich suche mir aber ein anderes Nachtquartier auf, und wenn Ihnen meine Gesellschaft — Rodenb. 8atanL3! —Deine Gesellschaft ist Hölle— aber unsere Gräuel- thaten sind die Galeereuketten, die uns aneinander schmieden! (Nimmt seinen Koffer und ihren Arm.) Vorwärts, Weib, Arm in Arm mir Dir, so fordere ich alle Paragraphe in die Schranken! Fünfte Scene. Vorige. Reschauer. Resch. (kommt aus der Küche). Gäste! — Und die wollen wieder fort?! (Tritt ihnen in len Weg.) Halt! Nicht von der Stelle! Rodend, (zu Tode erschrocken). Q! (Für sich.) Es ist aus! Resch. (freundlich sanft). Was ist gefällig! Paola. Ah — Sie sind der Wirth! Rodend. Gott sei Dank! — (Er ist so erschrocken, daß er einer Ohnmacht nahe ist.) Ich — ich — o! — Ah! (Schwankt, geht nach links, setzt sich neben dm Tisch.) Resch. Was ist ihm denn? Paola. Nichts — die Ermüdung der Reise— Schnett etwas Riechsalz! Resch. (will gehen). Ja! —(Bleibtstehen.) Das Hab' ich nicht! Paola. Ein wenig Köllnerwasser! Resch. (wie oben). Ja! —(Bleibt stehen.) Das Hab' ich nicht! Paola. Essig! Resch. (wie oben). Ach ja! — (Bleibt stehen.) Den Hab' ich aber auch nicht! Rodenb. (erholt sich). Danke,edlerWirth, für Ihre große Sorgfalt — es ist schon wieder gut! Paola. Also fort! Resch. (enttäuscht). Schott? (Runzelt die Stirne.) Haben's Sie's denn gar so gnädig?! Rodenb. (für sich). Was? (Leise zu Paola, während Reschauer in den Hintergrund geht.) Dieser Mensch hat eine Spur! Paola (zuckt mit den Achseln). Ah,Unsinn! (Lacht.) Rodenb. (leise). Ich sag' Dir,Weib — er hat einen Verdacht! — Lachen Sie — aber so lachen Sie doch! Verstellen Sie sich oder wir sind verloren! (Für sich.) Jetzt 32 nur Vorsicht! (Laut.) Ha, mein Freund, wie weit haben wir zur Grenze? Re sch. (erstaunt). Sie wollen über die Grenze? Rodend. Ja — warum sollen wir uns die Grenze nicht einmal ansehen, wenn wir schon in der Nähe sind? Re sch. Aber— Sie werden doch früher essen? Paola (geringschätzend). Hier? Rodenb. (leise zu Paola). Still — Unselige — nehmen Sic es an und lächeln Sie, oder wir sind verrathen! So lächeln Sie doch! Sie können ja Alles, Sie werden doch auch lächeln können! (Laut.) Natürlich werden wir hier essen. (Zu Paola.) Nicht wahr, mein liebes Kind? (Zu Resch- auer aus Paola zeigend.) Mein Bruder — (Zu Paola.) Geh, liebe Kleine — (ZuResch- auer ) Ich will mit ihm — Resch. Liebe Kleine? Ihm? Rodend. Nein — nicht ihm — ihr! Resch. (verblüfft). Mit wem: Ihr? — Rodend, (verliert der Kops) Nun — mit — mit der Tante! Resch. (immer verblüffter, sieht sich um). Tante? Wer? Wo? Rodend, (wie oben). In Triest! Resch. (ganz perplex). Ah! — (Bildetfich ein ihn zu verstehen.) Ah! — (Sieht ein, daß er's doch nicht versteht.) Nein! ich verstehe es nicht! Aber — kann ich mit etwas dienen? Rodenb. Natürlich! Mit was immer! Resch. (für sich). Gott sei Dank — nun bringe ich meinen Kalbsbraten an! Paola. Nur keinen Kalbsbraten! Resch. O! —(Für sich) Bah — er steckt schon einige Zeit am Spieß — da kann ich ihn für Schöpscrnes ausgeben! Rodenb. Wie viel Zimmer können Sie uns für die Nacht anbieten, Herr Wirth? Resch. Wie viel? Ich habe nur eines! Aber die kann ich Ihnen alle geben. Rodenb. Gut. Resch. Dann eile ich das Bett machen! (Will gehen.) Paola (hält ihn zurück). Was — das Bett! Sie haben nur ein Bett? Rodenb. Was thut das, Madame? — (Leise.) Mein Gott — in unserer Lage — Resch. (überrascht über das Wort »Madame«, kommt zurück und sieht Paola an). Ja, nur eins — aber es ist groß — Rodenb. So? — (Zu Paola affectirt.) Mein lieber Kleiner — Paola. Aber — Rodenb. (schnell, leist). Still, um Gotteswillen! Seien Sie unbesorgt, ich nehme das Bett — Sie können auf einem Stuhl schlafen — Paola (für sich). Sobald ich allein bin, mach' ich mich davon! (Sie wendet sich um, findet sich aber gerade dem Wirth gegenüber und dreht ihm schnell den Rücken.) Resch. Ah! (Geht zu Rodenberg, ohne einen Blick von Paola zu wenden ) Sagen Sie einmal, mein lieber Herr — Rodenb. He — was beliebt? Resch. Sie haben Unrecht gegen mich hinter dem Berge zu halten! Ich weiß recht gut, woran ich bin! Rodenb. (erschrocken). Wie? Resch. Die kleine Dame da — die sich so genirt — weil nur ein Bett — lächerlich! — Rodenb. Die kleine Dame? (Sieht sich rechts um, als suche er Jemand.) Resch. (dreht ihn na ch rechts herum). Nicht dort — da! — Teufel, glauben Sie, daß man so etwas nicht sieht? (Deutet mit einer Bewegung aus Paola's Form.) Rodenb. (für sich). Verloren! Resch. Alter Sünder! Hehe — kommt man Ihnen auf solche Sachen! (Drohend.) Sie! — (Für sich.) Aber — ich hole meinen Kalbsbraten! (Schnell links ab.) Sechste Scene. Rodenberg. Paola. R odenb. (kann erst aus Schreck kaum Worte finden, dann stammelt er). Schnell — wir müssen fliehen! Liebente Scene. Paola (kommt vor). Warum? Rodend. Dieser Mensch weißj unser Geheimniß— weiß Alles! Daß Sie ein Mann sind — daß ich ein Weib bin— daß wir verheiratet sind. — Lassen Sie uns fliehen! Paola. Das ist jedenfalls das Beste! Rodenb. Vorwärts! (Nimmt sie beim Arm.) Komm', Mitschuldige, komm'! Paola (fleht durch das Fenster). Still! Rodend. He? Paola (erschrocken). Mein Mann! — Sie kommen! (Schließt schnell die Thür.) Rodenb. (fleht auch durch das Fenster). Und die Altert! — Himmel, man ist auf unsrer Spur! — Wo verbergen wir uns? He — in diesem Backofen! (Macht die eiserne Thüre aus.) Paola (sieht hinein). Pfui — das ist zu schwarz! Rodenb. (in Verzweiflung). Und wie ich Ihrethalben einen Straßenjungen ermordet habe — war das nicht auch schwarz, war das nicht auch pfui?! — Paola. Sie kommen! Rodenb. (zeigt auf den Ofen). Kriechen Sie schnell hinein! Mt zum Backtrog, hebt dm Deckel aus und fleht, der Bühne den Rücken wendend, hinein.) Paola (den Ofen ansehend, für sich.) Rein — da d'rin ist's zu abscheulich. — Das Fenster — Mt hin.) Es ist Niemand zu sehen — schnell hinaus! (Springt beim Fenster hinaus.) Thienem. (außen). Hier herein, meine Damen — hier herein! (Geräusch von Stimmen.) Rodenb. (wendet sich um). Sind Sie d'rin? (Er sieht sich um, und glaubt, Paola ist in den Ofen gekrochen.) Aber — Sie Unvorsichtige — wie kann man die Thür offen stehen lassen! — (Er stürzt hin, und schließt die eiserne Thür des Ofens.) Sie kommen — letzt — schnell! (Er eilt zum Backtrog und verschwindet in demselben im Momente, wo die Thür aufgeht und Alle hereinstürzen. Er läßt den Deckel geräuschvoll fallen.) Rodenberg (versteckt), -Thieneman, Fr. Blühdorn, Frl. Mittmann, Angelika, Reschauer, ein Wächter, mit Heugabeln bewaffnete Bauern. Thienem. (schleppt Reschauer beim Kragen herein). Ich sage Ihnen — er ist hier! Man hat ihn gesehen! Resch. (ängstlich.) Wer? Fr. Blühd. Dieses Unthier! Re sch. Ein Unthier? Thienem. Groß — Fr. Blühd. Fett — Frl. Mittm. Abscheulich — Thienem. Mit einem Koffer. — Mit meinem Koffer! Frl. Mittm. Und mit einer Abenteuerin — der Frau dieses Herrn! (Zeigt auf Thienemann.) Thienem. Erlauben Sie, Madame — Frl. Mittm. (schreit). Eine Abenteuerin! Ja — das ist sie! Thienem. Ich will aber nicht, daß alle diese Leute — Frl. Blühd. (ohne aus ihn zu achten). Ja, meine rechtschaffenen Landleute, hier seht Ihr einen armen, betrogenen Ehemann, dessen Frau, diese — Thienem. (will sie zum Schweigen bringen). Aber — Fr. Blühd. Und wir verfolgen den Verführer und seine Buhlin — in Gesellschaft ihres Mannes Thie — Thiem. (verzweiflungsvoll — will ihr immer den Mund zuhalten). Um Gottes willen — verrathen Sie nicht auch noch den Namen! Frl. Mittm. Thienem — Thienem. (wie oben). Nicht! — Beide Frauen (schreien auf einmal)- Thienemann! Thienem. Nun ja, ja, Oscar Anton Thienemann, Juwelier, Mariahilferstraße, Nr. 58, 2. Stock, die Thür rechts! — (Zieht ein Büschel Bifitkarten hervor, und theilt 34 sie aus.) Wenn Sie etwas brauchen— meine Herrschaften — Re sch. (zu den zwei Damen). Sie suchen einen Herrn, der mit einer Dame entflohen ist? Frl. Blühd. Za! Re sch. Ja — wollen Sie ihn einsperren? Thienem. Natürlich! Re sch. (für sich.) So? Wie bring' ick denn dann meinen Kalbsbraten los? Fr. Blühd., Frl.Mittm. u.Thienem. (zu Reschauer). Nun? Re sch. O — der ist schon lange wieder fort! Thienem. Welchen Weg hat er eingeschlagen? Resch. Kommen Sie, ich werde ihn ihnen zeigen! Alle. Schnell, schnell! (Ab.) Achte Scene. Rodenberg, dann Reschauer. - Rodenb. (allein; spricht aus dem Backtrog, seine Kleider sind in Unordnung gerathen). Nun — schnell fort — Paola! Hm — sie kann wohl nicht aufmachen! (Eilt zum Backofen, bevor er die Thür öffnen kann, tritt Reschauer eia; er bleibt also an -den Ösen gelehnt stehen.) Resch. So — die sind abgeschafft! (Zu Rodenberg.) Ja — wie sehen denn Sie aus? Rodenb. Ich Hab' mich ein bischen im Backtrog umgeseh'n! Resch. So? was macht denn meine Torte? Ich will einmal sehen! (Sieht in den Backtrog, nimmt den Teig einer Torte heraus.) Alles in Ordnung! — Jetzt kann sie gleich in den Ofen! Rodenb. In den Ofen! Resch. Jetzt kann sie gemüthlich schmoren! Rodenb. Schmoren?! —Wer?Was? Resch. Nun — die Torte da! Rodenb. Ja — wo denn? Resch. (geht über die Bühne und zeigt aus den Backofen). Nun — da d'rin! Er glüht schon. Rodenb. (entsetzt). Er glüht? Resch. Das will ich meinen! Ich habe ja vorhin ein tüchtiges Feuer angemacht! Rodenb. Ein Feuer! — Und dieser Ofen? — Resch. Glüht! — (Er öffnet die Thür, das Innere des Ofens ist glühheiß.) Rodenb. (prallt entsetzt zurück). Ha — Paola — Pa — und ich — ich habe sic eingesperrt — ich! — Gräßlich — entsetzlich! — Wehe — wehe — wehe! — Resch. Ja — was haben Sie denn? Was gibt's? Rodenb. (eilt besinnungslos hin und her. während Reschauer links abgeht). Was es gibt? Unseliger! Wasser — Wasser — (Eilt zum Ofen und ruft hinein.) Madame! kommen Sie heraus — es ist ja zu heiß da d'rin! — So kommen Sie doch! — Gerechter Himmel — sie hört mich nicht mehr — sie ist gebacken! Ha — ich rieche Menschenfleisch ! — (Mit heiserer Stimme.) Ich — ick habe sie hineingcsteckt! — »Qualen, die den Tod nach sich ziehen« — Paragraph 303 — Resch. (kommt zurück, hält die Torte auf einer Osenschausel). Sagen Sie — Sie machen so ein verdrießliches Gesicht, sind Sie viel- leickt kein Freund von Torten? Rodenb. (weiß nicht was beginnen). Ich? — Im Gegentheile — ich, ich bete sie an — Es ist entsetzlich! — Ich liebe sie — O, es ist gräulich, infam! (Reschauer, der nicht aus ihn achtet, will die Torte in den Ofen schieben.) Nicht da hinein! — Wirf das weg! Resch. He? Rodenb. Wirst Du es wegwerfen? (Entreißt ihm die Schaufel, und wirst die Torte fort) Resch. Na — wenn Sie kein Freund von Torten sind, so müssen Sie andern 35 Leuten nicht den Appetit verderben! (Hebt die Torte auf.) Rodend, (verstört, erschöpft, die Schaufel in der Hand; für sich). Ich habe ein Weib gebacken! Was bleibt mirjjetzt noch Grauenhaftes zu thun übrig — als sie auch noch zu essen?! — Re sch. (nimmt ihm die Schaufel weg; hat das letzte Wort gehört). Essen? — Da will ich gleich nach ihr schauen. Rodend. Nach wem? Re sch. Nun — die kleine Dame! Rodend. Suchen Sie sie nicht!—Suchen Sie sie nie! (Wischt sich den Angstschweiß von der Stirne.) Resch. Sie sind ganz erhitzt — ja, das macht der Ofen! (Stellt den Tisch zurecht.) Rodend, (wiederholt im Grabestone). Der Dfen! (Leise, Reschauer mit den Blicken verfolgend.). Dieser Mensch hat einen Verdacht! Resch. (kommt mit einer Flasche Wein vor). Wollen Sie sich ein bischen stärken? Das ist echter Gumpoldskirchner! Da werden Sie Augen machen. Rodend, (nimmt instinetmäßig das Glas, welches Reschauer ihm gibt, und sieht diesem, der in den Hintergrund geht, nach). Dieser Wirth kennt mein Geheimniß zur Hälfte — er wird auch die andere Hälfte errathen. — Dieser Wirth ist zu viel auf der Welt! — Was fange ich nur mit ihm an? (Trinkt einen Schluck, ohne den hin- und hergehenden Reschauer aus den Augen zu lassen.) Resch. Der Wein ist gut, nicht wahr? Rodend. Köstlich! (Für sich, schenkt sich ein Glas ein ) Gefangen werden, oder nicht gefangen werden, das ist jetzt die Frage! — Und so weit wie ich gekommen bin, kommt's mir auf einen kleinen Mord mehr oder weniger auch nicht an! Da das Schicksal mich schon zu einem seiner Ungeheuer gemacht, wie sie nur in Jahrhunderten einmal erstehen, zum Schrecken und zur Geißel der Menschheit—wohlan denn! so will ich mich in Gräuelthaten baden und neue Verbrechen erfinden! (Fährt sich mit einer schrecklichen Geberde durch das Haar.) Was sang'ich nun mit diesem Wirthe an? Es ist cinWirth zuviel in der Welt. (Nach einer kleinen Pause hält er ihm das Glas hin ) Stoß' an! Resch. (für sich). Er dtttzt mich! (Laut.) Warum denn nicht! Rodend, (düster, mit ihm anstoßend). Es lebe die Freude! Resch.Unddie kleine Dame! —Hehehe! Rodend, (springt aus und packt ihn an der Gurgel, in schrecklichem Tone). Warum dieses Gelächter? Resch. (erschrocken). He nu — weil ich lustig bin! Rodenb. (läßt ihn nach kurzem Besinnen los, tragisch). Gut! — (Reschauer setzt sich zu ihm.) Nun laß uns an's Werk gehen! (Schenkt ihm zu trinken ein, streckt sich die Aermel aus.) Resch. AH,Sie wolleuSpaß machen! — Da bin ich dabei! Rodenb. (für sich). Ich muß ihn durch erheuchelte Lustigkeit sicher machen! (Singt mit kläglicher Stimme ) »Freuet Euch des Lebens!« Resch. (fällt in den Gesang ein). »Lott'ist todt — Lott' ist todt« — Rodenb. (sieht ihn mit einem furchtbaren drohenden Blick an und wiederholt). »Freuet Euch des Lebens!* Resch. (hat einige Male die Gläser neu gefüllt, singt ebenfalls mit »freuet Euch« und wird endlich ein bischen benebelt). Herr Je — das ist eine neue Art zu singen! Man sollte nicht glauben, daß miteinersolchenStimme noch ein Frauenzimmer für Sic entbrennen kann. Rodenb. (mit einem Satz in die Höhr). Unseliger! (Faßt ihn an der Gurgel.) Resch. (halb erstickt). Schon wieder! Rodenb. (beruhigt sich und läßt ihn los). He — es lebe die Freude! Resch. (zittrrnd). Sie haben eine sonderbare Art sich zu freuen! — Rodenb. (schenkt ihm zu trinken ein). Still — wir sind nicht zu unserer Unterhaltung hier. — Laß' uns an's Werk! Resch. (trunken, lacht). He — mit eurer Lustigkeit hat's doch einen Haken! — 3 * 36 Hört, mir scheint, Ihr seid nicht glücklich! Rodend, (ballt die Fäuste). Ick — ich bin nicht glücklich? Resch. (betrunken). Nein — Ihr seid nicht glücklich! — Ich — ich bin ein Schlaukopf — ich — das hübsche Weib — das Ihr entführt habt Na — ich weiß Alles! Rodend. Ha! Resch. Und jetzt — wo die Geschichte doch einmal geschehen ist — Rodend, (mit krampshast geballten Fäusten). Ha! — Resch. Wäre das ein schöner Braten — Rodenb. (will ihn wieder packen). Ha! Resch. (schüttelt ihn ab). Na, jetzt ist's genug mit dem Spaß! — Rod. (für sich). Er weiß Alles — wenn ich ihn nicht mit Wein betäube, so bin ich verloren — (Laut.) Trink'! — (Reicht ihm eine Flasche, die er vom Tisch holt.) Resch. (nimmt die Flasche, aber er ist schon total betrunken und leert sie). Ah — das thut wohl — (Singt.) »Freut Euch des Lebens« — »Lott ist todt — todt — o!« — (Sinkt vom Stuhle und schläft ein.) Rodenb. (auch betrunken). Er hat genug! — Was hat er nur getrunken? (Hebt die Flasche auf, die Reschauer fallen ließ und sieht die Etikette an; schreit entsetzt auf.)HirschhorN- geist! Ha! — Ich habe ihn ermordet! — — Jetztsind's Drei! — (Man hört pochen.) Man pocht — es ist die Gcnsdarmerie — Was fang' ich nur mit dem Wirth an? (Hält sich kaum aus den Füßen, verliert den Kopf, packt Reschauer bei den Beinen, um ihn zum Backofen zu schleppen.) In den Ofen — zu dem andern Opfer! (Läßt los.) Er ist zu schwer! — (Sieht Paola's Koffer.) Ha — ihr Koffer — den darf man hier nicht finden! (Ergreift alle ihre Sachen und wirft sie mit seinem Koffer in den Backtrog. Wie er sich um- dreht, sieht er Reschauer. den er einen Augenblick vergessen hatte.) Ha — der Wirth! — (Nimmt ihn wieder bei den Beinen und schleppt ihn zurück bis gegen den Tisch.) Schnell unter den Tisch mit ihm! (Läßt ihn liegen und stellt den Tisch über ihn, doch sehen Reschauer's Stiefel vorne unter dem Tischtuch hervor.) Ha — die Stiefel! (Stößt sie mit dem Fuß zurück, während der ganzen Zeit wird an die Thür gepocht und gerufen: »Aufmachen!* — Dann hört man eine Thür gehen.) Sie kommen — jetzt Ruhe — Fassung! (Erschöpft, verstört, erschrocken, betrunken, wahnwitzig.) Ruhe— (stürzt ein Glas Wein hinab, knöpft seine Kleider über quer). Fassung — Fassung! — Zehnte Scene. Rodenberg, Reschauer, Frenzel, Thienemann. Bauern mit Heugabeln. Thienem. (triumphirend). Da ist er! Derselbe, den ich bei Frau Thienemann ertappt habe! Rodenb. Bei Paola? Ich kenne sie gar nicht! Thienem. So?Woher kennen Sie denn ihren Taufnamen? Und sind Sie nicht derselbe, dem ich auf's Dach nachgeklettert bin? Rodenb. Das — das war nicht ich — das war der Wirth — ich denuncire den Wirth. Schreiben Sie es nieder — geben Sie es zu Protokoll (klopft auf den Tisch, hält sich daran, sich ein Ansehen gebend) daß ich den Wirth denuncire! (Hier sieht er einen Stiefel Reschauer's, der zuckt.) Ha — der Stiefel! —Ah! (Stößt den Stiesel mit dem Fuß unter den Tisch zurück und sagt.) Ich bin ruhig — ganz ruhig! Thienem. Ich sage, das ist der Verbrecher ! Und zum Beweise (bemerkt seinen Koffer) hier mein Koffer mit den Brillanten, die er mir gestohlen hat. Rodenb. (für sich) Ich habe auch Brillanten gestohlen? (Sinnt nach.) Don dem Verbrechen habe ich gar nichts gewußt. Thienem. Haben, nicht Sie den Koffer hieher gebracht? Rodenb. (lebhaft). Nein! Ich kann es beweisen! Frenzel (zu Thienemann). Wenn er es beweisen kann — 37 Rodend, (gebrochen, inThränen ausbrechend). Ich — ich bin unschuldig — ich bin ein armer, unglücklicher, geschlagener Mann! Ich melde die Berufung an. Geben Sie jtt Protokoll — (Reschaner hat versucht, unter dem Tisch hervorzukriechen, will aufstehen, seine Hand kommt zum Vorschein und klammert sich an den Rand des Tisches.) Schreiben Sic nieder. — (Wie er aus den Tisch schlägt, saßt Resch- auer's Hand die (einige; er reißt sich los, fällt mit einem Schrei höchsten Entsetzens in Frenzel's Arme.) Die Hand — die Hand aus dem Grabe! — Wehe — wehe! Die todte Hand! Alle (entsetzt). Was? Rodend, (sieht sie Alle der Reihe nach an). Was habtIhr denn? Was wollt Ihr?! — Ich sage Euch, es ist die Hand des Wirths! — Aber sie soll sprechen, wenn sie es kann, hahaha! Re sch. (der nach und nach hervorgekrochen, setzt sich auf; fingt). »FreuetEuch des Lebens!« Rodend. Ha! — (Zerrauft sich das Haar, stiert ihn an und stürzt dann auf ihn zu.) Schweig! — ich will lieber gestehen — Alles gestehen— Ja: das will ich! So hört — dieser Mensch da, der singt, ich, ich habe ihn ermordet! — Fragt ihn nur, ob ich ihn nicht ermordet habe! Re sch. (weinend). Ja — er hat mich er» mordet! Rodend. Vergiftet! Und Paola — Paola habe ich — gebacken! Alle (mit höchstem Entsetzen). Gebacken! Paola (außen). Lassen Sie mich los! Rodend. Ha — diese Stimme — Eilste Scene. Vorige. Paola. Angelika. Fr. Blüh- dorn. Frln. Wittmann, der Straßenjunge aus dem zweiten Acte, der Gensdarm, der Wächter, Bauern. Paola (wird von den zwei Alten herein- gkschleppt). Lassen Sie mich doch! Thienem. Paola! Paola.Thienemann! (Reißt sich los und fällt ihm um den Hals.) O mein geliebter Gemal — seit vierundzwanzig Stunden lauf' ich Dir schon nach! (Ueberschüttet ihn mit Liebkosungen.) Rodenb. (verblüfft). Der Wirth — Paola — der Junge! — Ha — stehen denn alle Todten wieder auf! (Fällt in Frenzel's Arme; Alles beschäftigt sich um ihn — er erholt sich, schlägt die Augen auf.) Wo bin ich? Frenzel. Unter Freunden — beruhige Dich. Rodenb. (mit matter Stimme). Und — und meine Opfer? Frenzel. Sind alle frisch und gesund, wie Du siehst! Rodenb. O göttliche Vorsehung! Ich bin also kein Dieb, kein Verführer, kein Mörder?! — Ich habe Niemand lebendig gebacken?! Das Alles sollte nur ein Traum gewesen sein? Thienem. Aber — hören Sie — sagen Sie einmal — Frenzel. Pst — nur nicht aufregen! Sie haben Ihre Frau und Ihre anderen gestohlenen Sachen wieder, also fragen Sie weiter nicht so viel und geben Sie sich damit zufrieden! Rodenb. Was seh' ich — auch meine Braut — Die alten Damen. Zurück! Rodenb. Wie! Blühd. (ironisch). Sie sind noch zu jung, um schon zu heiraten. Mittm. Und der Bräutigam unserer Nichte ist — dieser Herr! (Zeigt ausFrenzel.) Rodenb. (zu Frenzel). Theurer Freund, ich gratulire Dir von ganzem Herzen. Meine Lebensgefährtin ist das Gesetzbuch und dem bleib' ich treu. — Die Aepfel des Nachbars sollen mich nicht mehr gelüsten. Gruppe. (Der Vorhang fällt.) Ende. 7k-. !Db'lilj' .777,77,1 3 ^ ^ »linLiö? ni 6tt)6yA f.n„ -°t chs, .ln?) !>tiil>m»nrj(iT.»!<">'nis 71-3 chi 77>3 3)i chf. i) l3)i),s, 177,111 s-lE> mü mu mIch)>si iN6)?ll'LlL> 1I)öd7Ä,S'(.^Mr ^ ünvtt: 7,,^ n>-lit;'id,7?i Ni 1ÜLT) !'l«k r,6,i(tt n)i6»'L',.cklrL jqi? .Mchl W! k"3 lim 77 ,'M) ^^- chij 11^1)7, 77 nrli NIN 3>5s jtzMßr'liä ^)U!^t»1sil iE", 7' ; )s>>ni)l riü 6nc/-i. 4 77IM ^3)7 Tliö (7'IM Msjiitk »'«6 1tz)>li1>),Ä'1,iiN!kA ni »niö^l^'') mssck^ »7^!L M7M7 ii> ,P737I7)3— 77 ) 6 77 17 )7?; 7Ml1 .l)H7k,7s; ! 717,6 dtti) 6ni)^-sic! - Lllk^ si'T (.»M7il .cki!?',i 62 i rr^? !'^rv( —- s3,Ä — IsömV l-mmilL „Itanl liinj .6,7)62^ ! ?7)^7Ü sttisni 4mt , -u)v ,67iil's)-, 67,77 3n"l s!li, 67ki§ !.(nl,-mn ,-i'<Ü: ,»4 ,M ,ll l^-ll .6i7s6oXc !tl6,s, -ritt! — .^7Ü^ rllovt dr-N ?7l«,6 73^167)3 LE 3< !/,Macher? nbi!N^ 7> 6 tts 62 K: lstz^E 5)6 ^«r-k- )i6 ili h, ^>7Ä),'.7l ch/. /ri), . 7 , 73 ^ 7 , 8 ' i'isl ,6E n ',,1 v'jln 6i'l!,tt7l7.1 5) )i"s mir 21 .lychsscs, !!<-', ),» 7 , 61 ? - - Mtt,6s! 6'n7r'mri!>? )67i3 — !^' 7,675 W> !r.6i>6s.6 1N117N iki, mn „llvl tzr>§ !?rr,dr,6,sj ,n,chr,^q7v«i,s> cha» 4rm ^3mn 7 , 6 ) -3)s,K! ftti,', 77^,21,/; '! 57 l) 3 ,lkL ,6 chrM 7 ,rr, 7 f(* .(itzm"s -l'u- 3 >>l 1"' )j§ 77,753 - 7^)? .7NS7l,r^H — w7U7ii, )i§> ! tl,j>,71ttl. jchjn 77777 — .1,-71,7^ 71,7,6>IV ,7^ 6«»l Ilmftz „6/^ N,6k6 Z7Z. .rnnS. S 06 chft 1iuv77,^) '— .3«>6y)(c (.», Niii inn nno6 1,7,711 6 :r,s^ — mM,st d,i!^ ,r§ 11,hüls vsltt ,7)6,727 irrch-rT 7i,N)b!l,7'7,tziä,i ^chi ^sj7liH7,6 ,7)6 chsiliM 7,1,16 — lrü',1 7,4 chü ,i§ 77,6,H 6nu 1,72 1^7177 7)11)2, i-^7l7N 7,3» jx)7^ — !1)67)1717, 7l<1) )6r,6 :,7,6,77i7iz jj,7k! !,§7>§ D6747N7, H)i7I „6- 3,7 6 2777,177 6)177, —' 6>i ^7)Ä' .677,6ojL 1*7) <)).77r 1,.^ 7,-iE (öa'nixn) . 3 , 12 ^' _ 1I7D7^ ' ! 1)67)717 !V7'7I7^ .71,777 1,(2 71)l!l) ,i,7il ,i§ .särllS j IchdriöM (mMnH m,i,chv^ liin) ,11^ .17,17)77,3 77- 17)6»l 71777 ,s,7177j ' 7,,)'sI»I7 777V,) >1177)7^ 1)6 6NÜ .M11Ü1' ? - ^ r.) !ri»ä. 7,'p',6 — sst srE, ,6ilU,i/> i)iu,i5 n>> .3ir,6)H? ! ),l>E -N.-l)^- 7ll)-177.!'> ID) 71(1 ,7iil1l7,7/, 3)7. "tzol chirrr siT msfi»? .lniqnv) -— -llnriiiS )'»,j6 — 7 ,^ .37l)3)isc .)N))L rWd ,,7.)M' .77.-7^. 'l.'^'^ .,K .d,27»Lk ""l.??.V »« .„ch .«.«< di«>jchr.,. 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Der Zweck entschuldigt die Mittel. Edm. Ich danke Ihnen, gnädige Frau. Ihre Güte wird mich in meinem Unglück trösten. Carol. Man muß nicht so schnell verzweifeln. Diese Heirat. . . Edm. Ist unmöglich! Carol. Habe ich denn noch nicht genug gesagt, um Ihnen Muth zu machen — soll ich Ihnen gestehen, daß Sie mir schon beim ersten Anblick — nicht mißfallen haben? (Sie verbirgt ihr Gesicht hinter dem Fächer.) Edm. (erschrocken). Wie gnädige Frau, Sie sprechen von sich? Carol. Von wem denn? Edm. Mein Gott! War ich noch nicht unglücklich genug? 2 Carol. (für sich). Der arme Junge! Edm. Wie soll ich Ihnen mein Bedauern schildern, daß ich diesen Jrrthum verursacht habe? Carol. Wie, mein Herr, ich habe mich geirrt und Sie haben geschwiegen? Edm. Der Schreck verursachte mein Stillschweigen,—möge er mich entschuldigen. Carol. (sinkt aus den Fauteuil rechts). Es gibt keine Entschuldigung für einen Derrath. Edm. Ich, Sie verrathell? Hier zu Ihren Füße« (er kniet vor ihr) lassen Sie mich um Vergebung bitten, ich stehe nicht auf, bis Sie mir verzeihen! Achtzehnte Scene. Laura, Labaroque, Vorige. (Laura in einem rosafarbenen Ballkleide. Blumen an der Brust und im Haare.) ^ / Laura (die Edmond zu Carolinens Füßen Ersieht). Ah! Carol. (sieht Laura). Ah! Edm. Ah! (Er springt auf.) La bar. (hebt die Hände gegen Himmel "" ' und schreit entsetzt). Ah ! Edm. (läuft von Caroline zu Laura und von Laura zu Caroline) Gnädige Frau! Gnädige Frau! Gnädige Frau! O wenn nur ein Mann da wäre, ich ersticke vor Zorn! (Er erblickt Labaroque und stürzt auf ihn los, dieser läuft erschrocken davon, Edmond ihm nach.) Neunzehnte Scene. Caroline, Laura. Carol. (für sich). Mit dem Einen bin ich fertig, jetzt zu ihr. (Laut.) WaS soll diese Maskerade? Die Musik ist fort. Diesen Morgen, wo es an der Zeit war, verschmähtest Du dieses Kleid und jetzt ziehst Du es an. Willst Du Dich lächerlich machen? Laura (kalt). Ich habe es mir anders überlegt. Carol. Zu spät. Laura (erschrocken). Zu spät? Carol. Diese zwei Worte wurden schon oft mit Schreck gesprochen — wenn eszu spät war. Laura. Was willstDu damit sagen ? Carol. Hast Du nichts gesehen? Laura. Ja wohl — einen Skandal! Carol. Für die Scheinheiligen ist Alles Skandal. Laura. Ein Mann zu deinen Füßen, bei Hellem Tage. Carol. Beleidigt Dich der Helle Tag ? Laura. Du vergißt alle Schicklichkeit. Carol. Kann ich nicht lieben, wen ich will, wer mir gefällt? Laura. Aber ihn? Carol. Ich glaube gar. Du erhebst Ansprüche ? Laura. Ich? Ich meine nur—Du kennst ihn ja gar nicht. Carol. Woher weißt Du das ? Laura. Du hast es mir selbst gesagt. Carol. Du hast mir dasselbe gesagt — und es war eine Lüge. — Das Lügen ist zwar nur eine kleine Sünde und sie wird leicht vergeben, aber Strafe verdient sie dock. Ich habe Dich gefragt, ob Du diesen jungen Mann heiraten willst, ob Du ihn liebst, ob Du ihn kennst? Du hast nein gesagt — Du hast ewige Witwenschaft geschworen, ganz die Artemisia aus der guten alten Zeit gespielt. Du wolltest in Thränen schwimmen, Dich ewig in lange Trauergewänder hüllen und Asche auf dein Haupt streuen. Und plötzlich, nur weil eine Andere nimmt, was Du verschmäht — wird Alles umgestoßen. Man stürzt sich auf den Kampfplatz, man bewaffnet sich vom Kopf bis zum Fuß, man kleidet sich in Rosa und bekränzt sich mit Blumen. Gott behüte Einen vor trauernden und tugendhaften Cousinen! War es nicht ge- 19 nug, daß Du mein Vertrauen und meine Gastfreundschaft mißbrauchtest — mußt Du sogar meine eigenen Gaben benützen, um mir zu schaden? — Gib' mir mein Kleid zurück! (Edmond kommt zurück, wie er aber sieht, daß die zwei Cousinen streiten, verbirgt er sich hinter dem Thürvorhang.) Zwanzigste Scene. Edmond, Vorige. Laura. Liebe Caroline, verzeih' mir meine Schwachheit, welche ich anfange zu bereuen. Wenn Du in meinem Herzen lesen könntest, würdest Du mich bedauern, statt mich mit Vorwürfen zu überhäufen. Ich wollte mit dem Leben kämpfen, allein meine Schwäche siegte. Carol. Warum hall Du gekämpft? Warum gelogen? Warum ihn zurückge- lloßen, wenn Du ihn liebst? Laura. Weil ich ihn zu früh geliebt habe! Carol. Zu früh? Laura. Als ich noch nicht durfte! Carol. Ah! Als dein Mann noch lebte? Laura. Ja, allein wider meinen Willen, ohne es zu wissen. Wie grämte ich mich, als ich cs erkannte! Wie bereute ich vielen Fehler, den ich ohne Willen begangen! Um meinGewissen zu beruhigen, wollte ich dieNei- gung in meinem Herzen ersticken, wie ein Verbrechen. Ich schwor, die Zukunft zu opfern für die Fehler in der Vergangenheit. Vielleicht hätte ich mich bezwungen, allein als ich sah, daß er meinem Befehle gehorchte, sich entfernte und einerAndern das Herz schenkte, welches ich von mir gewiesen hatte; — da fühlte ich, daß ich jung bin, und ich wollte auch schön sein. Ich streckte meine Hände nach der Liebe, nach dem Leben aus! Allein wie Du sagst — zu spät! Lebe glücklich mit ihm und ich —ich werde sterben! Carol. (fröhlich). Nicht so schnell, hoffe ich! Ich wollte Dir nur dein Ge- heimniß entlocken, jetzt gebe ich die General-Absolution und was noch mehr ist — meine Einwilligung. Laura. Wie, Du spieltest Komödie mit mir? Carol. Und wie ich hoffe, nicht schlecht. Es hat nichts gefehlt, sogar der Liebhaber, der an den Thüren horcht, oder, wie es jetzt modern ist, hinter der Portiere ist da — (zu Edmond). Kommen Sie doch aus Ihrem Versteck hervor, mein zukünftiger Herr Cousin, und danken Sie mir für Ihr Glück. Edm. (eilt auf Laura zu). Darf ich es glauben? Laura (zieht seinen Brief hervor und reicht ihn ihm). Hier, Ihr verbrannter Brief. Carol. Ich habe es ja gewußt, daß er Dir zwei Billets gegeben; siehst Du, das lst das Billet, zahlbar nach Sicht. Edm. (zu Caroline). Ach, gnädige Frau, Sie sind die liebenswürdigste der Frauen! Laura. Mein Herr — und ich? Edm. Sie — Sie sind die geliebteste! Einundzwanzigste Scene. Labaroque, Vorige. La bar. Gnädige Frau, eS ist servirt. Carol. Herr Cousin, reichen Sie Ihrer Braut den Arm — Labar. (für sich). Braut? Ob es etwas Unmoralischeres gibt als eine Witwe, man sollte sie alle ausrotten! Ende. In der Walli-Hauffer'scheu Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien find Br- arbeitungen von Alexander Bergen früher erschienen: Der Mord in der KohlmesserMe. Posse in einem Act. 7*/, Sgr. od. 35 Nkr. Eine" ' „ der Wnsineikerin. Posse in einem Act. 6 Sgr. od. 30 Nkr. Ein MngerGklehrter. Lustspiel in einem Act. 6 Sgr. od. 30 Nkr. Der neue Don Ouixotte. Lustspiel in einem Act. 6 Sgr. od. 30 Nkr. Mein Fraulein Rruder. Lustspiel in einem Act. 6 Sgr. od. 30 Nkr. Kein kür nniHine Wle. Posse in zwei Acten. 7*/, Sgr. od. 35 Nkr. Aus Mebe sterben. Lustspiel in einem Act. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Der Gesandtschafts Attache. Lustspiel in drei Acten. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Ein ungeschliffener Diamant. Genrebild in einem Act. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Sand in die Augen. Lustspiel in zwei Acten. * 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Schwegertiebe. Lustspiel in einem Act. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Regen und Sonnenschein. Lustspiel in einem Acte. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Nur Mutter. Lustspiel in zwei Acten. 10 Sgr. od. 5V Nkr. -- 40 »-- Druck und Papür von Leopold Sommrr in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Gute Nacht, Rosa! Dramatisches Genrebild iu einem Acte von Friedrich Kaiser. Im kais. königl. Hof-Burgtheater mit vielem Beifall gegeben. Personen: Besetzung im k. k. Hof-BurSthealer. Doctor Moorstein.Hr. La Roche. Secretär Brint.Hr. Sonaenthal. Rosa.Frl. Goßmann- Ein Zimmerkellner- (Zimmer in einem Hotel der Residenz. Eine Mittelund zwei Seitenthüren. An der Rückwand hängt eine Pendule, deren Zeiger nahe an zwölf Uhr weist. An der Seitenwand rechts rin großer Spiegel. Zm Vordergründe ein Tisch mit Fauteuils. Es ist beim Aufziehen des Vorhangs ganz finster.) Erste Scene. Ein Zimmerkellner. Doctor Moorstein. Secretär Brint. Der Zimmerkellner (tritt, voranleuch. ttnd, zuerst duch die Mittelthür ein stellt den Armleuchter auf den Tisch im Vordergründe und entfernt sich dann wieder). lhiater.Stepntoire Nr. 141. Moor st ein! (erscheinen Arm in Arm unter Brint j der Mittelthür). Brint. Nun habe ich Sie bis zu dem Hotel, ja sogar bis zur Thür Ihres Quartiers geführt, und nun sage ich Ihnen gute Nacht, und — Moorstein. Und wollen sich entfernen? Wird nicht angenommen! (Zieht ihn gleichsam hinein.) Ich lasse Sie noch nicht fort — Brint. Aber es ist schon späte Nacht — ich fürchte, wir stören Ihre Nachbarschaft. Wie ich sehe, steht dieser Sälon mit den andern Paffagierzimmern in Verbindung ^— Moor st. Thut nichts! — Das Cabinet (aus die Seitenthür rechts weisend) gehört noch zu meinem Appartement — 's ist mein Schlafgemach — und diese Thür (aus die Seitenthür links weisend) führt wohl in ein anderes Zimmer, das aber nicht belegt scheint— wenigstens sah und hörte ich noch Niemanden!— Aber was meinen Sie? Lassen wir uns ein paar Gläser Groog heraufbringen — Br int. Ich danke — es ist ganz gegen meine Gewohnheit — Moorst. Was Gewohnheit!— Ich sage Ihnen, wenn der Mensch einmal anfängt, seine Gewohnheiten streng einzuhalten, fängt er auch an alt zu werden. Ich habe das an mir selbst erfahren! Während der letzten zehn Jahre, seit ich meine Praxis aufge- gebcn, und mich auf mein Landgut zurückgezogen habe, wo ich aus Mangel an Gelegenheit eine gewisse Lebensordnung ein- halten mußte, fing ich wirklich schon an ein grämlicher Pedant zu werden — aber hier in der Residenz, wo mich meine alten Freunde und Collegen, lauter fidele Häuser, von Unterhaltung zu Unterhaltung ziehen und mich selten vor Mitternacht nach Hause kommen lassen, lebe ich gerade in Folge dieser D^bauchen gleichsam wieder auf. Br int. Nun, dann habe ich mir ja ein Verdienst um Sie erworben, da ich es war, der Sie überredete, wieder einmal die Hauptstadt zu besuchen — Moorst. Ja — ich bin Ihnen zu Dank verpflichtet — hier fühle ich mich wieder ganz flotter Bursche, obgleich ich den ver- hängnißvollen Fünfziger schon seit einigen Jahren im Rücken habe — Brint (flch erstaunt stellend). Nicht möglich! Moorst. Ja, ja— 's ist so — aber wer'S nicht schon weiß, braucht's eben nicht zu erfahren — Brint. Es würde mir ohnehin Niemand glauben, der Sie in der heutigen Gesellschaft gesehen hat — Moorst. Ja, ich war so angenehm aufgeregt — so fast übermüthig — der Champagner war auch so vortrefflich — Brint. Und Ihre Tifchnachbarin so interessant — Moorst. Ja, ho? mich der und jener! ganz verdammt interessant! Brint. Nicht wahr, das war eineUeber- raschung— Moorst. Jawohl! (Lachend) Ist ein perfider Schelm — mein Freund, der Ban- quicr Stollheim — sagt mir bei der Einladung nichts vorher— ich glaube, wir werden wieder soganzsnALrxonsein—undnun treff' ich dort die ausgezeichnetsten Erscheinungen der Kunstwelt — nota lasns, As- neris kewinini! Brint. Ja, Herr von Stollheim ist ein großer Kuustmäcen, namentlich in Bezug auf das Ballet — Moorst. Recht hat er, das Ballet allein hält die Kunst noch auf den Beinen! Brint. Und Sie Glücklicher wurden gerade neben eine der reizendsten Koriphäen dieser Kunst placirt, neben Mademoiselle Fleure — Moorst. Ja, neben Adelaiden — Brint. Ha! Sie nennen sie schon beim Vornamen? — ei — ei! Moorst. Hm! es klingt schöner (etwas schwärmerisch) »Adelaide« — und (geschmeichelt) sic erlaubte mir, sie nur so zu nennen! Brint. So? — ei, ei! Moorst. Ah — es hat nichts Weiteres auf sich — aber man spricht sich so leichter — und — ich muß gestehen, ich habe nicht bald eine Dame gefunden, mit welcher es so interessant wäre, zu conversiren — ich bedauerte, daß die Gesellschaft so zeitlich aufbrach. Brint (schlau lächelnd). Nun— die Fortsetzung folgt ja morgen! Moorst. (etwas verlegen). Morgen? ich wüßte nicht — Brint. Sie verschwenden Discretion, wenn Sie ein Geheimniß daraus machen wollen, daß Mademoiselle Fleur Sie ein- geladen hat, morgen bei ihr zu soupiren. Moorst. (halb ärgerlich). Hm! — Es kömmt doch Alles auf! — Nun ja — sie 3 hat mich eingeladen, aber ich hoffe doch, nicht mich a llein! Brint. (ironisch) Ah! sonst Härten Sie wohl die Einladung gar nicht angenommen? Moorst. Das ginge ja gar nicht an! Sie wissen ja, daß ich in den letzten Jahren Ehemann geworden bin — Brint. Haben Sie dieß Adelaiden auch gesagt? Moorst. Hm! es fand sich eben keine Gelegenheit — und — wissen Sie — wenn Sie von ihr gefragt würden, so- Brint. Ich verstehe — seien Sie ganz ruhig! ich werde weder Adelaiden auf Ihre Frau, noch diese (etwas mehr betonend) aus jene eifersüchtig machen! Moorst. Eifersüchtig? — Ah, gehn Sie! — muthen Sie mir denn so viele Geckenhaftigkeit zu, daß ich glauben sollte, ich hätte Adelaiden in mich verliebt gemacht? — Ich bilde mir nicht einmal ein, daß mir dieß bei meiner Frau gelungen ist! Brint. (mit erhöhter Aufmerksamkeit). Was sagen Sie? — Ihre Frau sollte Sie nicht lieben? Moorst. Lieben? nun ja — das glaube ich — wie man einen Wohlthäter —einen Vater liebt; aber zwischen einer solchen Liebe und dem, was man Derliebtsein nennt, liegen zwanzig Grad RFaumur! Ich mache mir da keine Illusionen! Brint. Aber wie kam s denn, daß Sie überhaupt heirateten? Moorst. Mein Gott! heiraten wir Männer, wenn wir geliebt werden, oder wenn wir verliebt sind? — und das letztere war bei mir der Fa!!! — Ich wurde — draußen auf dem Lande — gebeten, eine arme, schwer erkrankte Schulmeisterswitwe zu besuchen — ich that's. und lernte bei dieser Gelegenheit die Tochter meiner Patientin, ein wahres Engelsbild, kennen; — diese sah und sprach ich täglich, mein noch immer junges Herz fing Flammen, ich vergaß darauf, daß ich nahe an fünfzig, und sie noch nicht zwanzig Jahre zählte, — hielt um ihre Hand an — und sie — ich glaube, sie wagte es aus purem Respekte nicht: »nein« zu sagen! Brint. Und fühlten Sie erst nach Ihrer Vermälung den Mangel an Liebe? Moorst. Gott bewahre! — nein — das muß ich gestehen — meine Frau liest mir jeden Wunsch in den Augen — ein Widerspruch von ihrer Seite ist etwas nie Gehö.tes — einen Zweifel an der Unum- stößlichkeit meiner Ansichten wagt sie nie auszusprechen — auf jede Aeußerung erhalte ich ein: »Ja, lieber Carl,« oder »wie Du glaubst, lieber Carl,« zur Antwort — Brint. Nun, das ist ja sehr liebenswürdig — Moorst. Ja — aber, aufrichtig gesagt, reizlos; — Ach, wie ganz anders ist dagegen eine Conversation mit einer Künstlerin wie Adelaide! — Dieser ewig perlende Humor — dieses elektrische Funkensprühen — dieses liebenswürdige jri8ts milieu zwischen dem feinsten Anstande und genialer leerste — das ist so etwas ganz Eigentümliches, das meine Frau all' ihr Lebtage nicht treffen würde; — ich sag' es: um einen Mann verliebt zu machen, dazu reicht die Natürlichkeit eines weiblichen Wesens aus, aber, um ihn verliebt zu erhalten, dazu gehört Kunst! Brint. Aber sagen Sie mir, wie benahm sich denn Ihre Frau bei Ihrer Abreise? Moorst. Hm! es sprach sich in ihrem Wesen wohl eine gewisse Aengstlichkeit vor dem Alleinbleiben aus — und offenbar nur mir zu Liebe gab sie dem Abschiede sogar einen Anstrich von Schwärmerei — Brint. Wie so? wie so? Moorst. Es ist kindisch! — stellen Sie sich vor — ich mußte ihr das Versprechen geben, daß ich täglich Abends, bevor ich zu Bette ginge, mich vor den Spiegel stellen und mit lauter Stimme: »Gute 4 Nacht, Rosa!« sprechen werde, sowie sie ebenfalls täglich vor dem Schlafengehen laut: »Gute Nacht, Carl,« sagen wolle! Brint. Sonderbar — sehr sonderbar;— wollte sie vielleicht, daß dieses »Gute Nacht« sagen für den Herrn Gemal eine Gattung Gewissenserforschung sein solle? Moorst. Nh — so weit geht ihre psychologische Berechnung nicht — es ist ein kindischer Einfall, weiter nichts —! Brint. Und haben Sie wahrend Ihres hiesigen Aufenthaltes wirklich den mysteriösen Spruch täglich gesagt? Moorst. Ja — ich kam mir dabei zwar immer etwas lächerlich vor — aber ich gab einmal mein Wort — Brint. Und — werden Sie es heute auch sagen? 1 Moorst. (stutzend). Heute? — warum betonen Sie das »heute« so besonders? Brint. Sie fragen noch? — Hahaha! — Nun — ich will Ihnen Muße lassen, mit Ihrem Gewissen zu Ratbe zu gehen — es ist spät geworden, und ich muß morgen zeitlich auf, um den Train nicht zu versäumen. Moorst. Also Sic wollen wirklich morgen fort? Brint. Ich muß — die Inspektionsreise nach den fürstlichen Gütern läßt sich nicht länger verschieben — Moorst. Ah — ist mir leid! Brint. Nun, in einigen Tagen bin ich ja wieder zurück, und Sie versprachen mir, so lange hier zu bleiben; also nochmals Ihr Wort darauf — (Hält ihm die Hand hin.) Moorst. Nun ja — wenn Sie wirklich nicht länger als einige Tage ausbleiben — (schlägt ein) so gilt's! Brint. Also sage ick Ihnen Lebewohl auf baldiges Wiedersehen — Moorst. Nun denn: Glückliche Reise, und guten Erfolg bei Ihren Geschäften — (Schüttelt ihm die Hand.) Brint. Gleichfalls, lieber Doctor! gleichfalls — also gute Nacht — (Geht ab.) Moorst Gute Nacht! Brint. (öffnet die Thür nochmals). Vergessen Sie heute nicht auf das gewisse »Gute Nacht, Rosa!« Hahaha! (Verschwindet rasch.) Zweite Scene. Moorstein (allein). (Aergerlich.) Ah gehen Sie zum! Ick wüßte nicht, warum ich eben heute das meiner Frau gegebene Versprechen nicht erfüllen sollte? — Mein Gewissen? Ha — es gibt Leute, welche behaupten, daß die Ehemänner überhaupt ein elastisches Gewissen besäßen! — Aber auch strenge genommen, was'habe ich denn gethan? Daß ich etwas galant gegen diese Priesterin Tcrpsichorens war? — Je nun — ich mußte doch zeigen, daß ich mich auf dem Lande nicht ganz verphilistert habe; oder habe ich etwa auf meine Frau vergessen? — im Gegentheile, es fiel mir gerade heute oft ein, daß ich (seufzend) verheiratet bin — also sehe ich nicht ein, wie mir heute das »Gute Nacht« schwer fallen sollte! — Ich will es sagen, und dann — zu Bette! (Nimmt den Armleuchter, und tritt vor den Spiegel, sich selbst betrachtend.) Hm! wirklich! — meine Feinde müßten gestehen, daß ich für meine Jahre noch recht gut aussehe — besonders heute — die gewisse Aufregung verjüngt mich — und wenn die Beleuchtung so mehr von oben einfällt — (hebt das Licht höher) es ist immerhin eine interessante Physiognomie, und eine solche soll auf Damen mehr einwirken, als ein glattes Iünglingsgesicht, und eine geistreiche Person, wie diese Adelaide- (Besinnt sich plötzlich und stellt das Licht aus den Toilettentisch unter dem Spiegel.) Ich l>in aber doch ein nmuvais 8ujat — soll meiner Frau pur äüslLQoe gute Nacht wünschen, und denke dabei an — — nein, nein! das darf nicht sein — also — 5 (Erhebt das Licht wieder.) Teufel! — da sind einige graue Haare — darauf muß ich den Friseur morgen aufmerksam machen, ich will doch nicht meinen Taufschein auf dem Kopfe tragen, wenn ich — bei dem gewissen Souper-ba hä — cs kann sehr amüsant werden, besonders wenn so Wenige als möglich dazu eingeladen sind; — sie — und ich, und — und — sonst gar Niemand! hä hä! eine kleine Gesellschaft, aber gewählt! (Die Uhr schlägt zwölf) Moor st. (sieht sich, fast erschreckt, nach der Uhr um). Sonderbar, fast hätte mich jetzt das Geräusch mitten in der nächtlichen Stille erschreckt! — Zwölf Uhr — eine ominöse Stunde — ganz geeignet zu einem geistigen Rapporte — also — an's Werk! (Erhebt das Licht wieder und beginnt.) Gute Nacht, Adel — — (über sich selbst ärgerlich) das ist doch zu albern — kömmt mir jetzt die Adelaide in den Mund, wo ich meiner Frau-ich muß mir sie nur recht lebhaft denken — (mit seiner Hand gleichsam etwas in der Lust vor seinen Augen Schwebendes wegtreibend) so geh' doch weg, Bild von heute — das Bild meiner Frau will ich vor Augen haben—so—und nun rasch — (absichtlich sehr laut, und mit einem gewissen Anlaufe) — Gute Nacht, Rosa! Eiste weibliche Stimme (im Seiten- jimmer links). Gute Nacht, Carl! Moorst. (heftig erschreckt, läßt beinabe den Leuchter fallen, zitternd). Was war das?! — von dort her — (auf die Thür links weisend) war es eine Täuschung meiner gereizten Sinne? oder hat das Zimmer ein Echo? — Nein, nein — das Echo macht doch nicht aus Rosa einen Carl — cs war ein lebendes Wesen, welches mich belauscht hat — wer wohnt da? — Courage! dem Geisterspuk muß ich auf die Spur kommen — ich will Licht in der Sache — (Nimmt dcn Armleuchter, tritt zur Seitenthür, und horcht.) Alles mäuschenstill! (Wieder horchend.) Horch! horch! das war dock, als bewegte sich etwas! (Pocht leise an.) Keine Antwort?! — was soll das? — (Pocht stärker an laut rufend.) Verehrte Nachbarschaft! — Ich bitte Sie um aller Barmherzigkeit willen! antworten Sie nur mit einer Sylbe! (Horcht.) Es rührt sich nock immer nichts! (Rüttelt am Schlosse.) 's ist zugesperrt --- ah — der Schlüssel steckt hier — wenn nur nickt innen ein Riegel vorgeschoben ist! — Ich versuch's — ick schließe auf, denn Aufschluß muß ick haben! (Dreht den Schlüssel um, die Thür geht auf.) Ha — offen! aber (ins Zimmer sehend) noch nichts zu sehen! (Hineinrufend.s Jst's erlaubt einzutrcten? — Keine Antwort?! — Ei was! ich überschreite die Grenzen ohne vorhergegangene Kriegserklärung! (Er will in das Zimmer eintreten.) Dritte Scene. Moorstein — Rosa. Rosa (im einfachen Kleide, ohne Hut, tritt ihm aus der geöffneten Thür entgegen). Moorst. (erschreckt zurücktaumelnd). Was seh' ich? — Rosa! (Mehr für sich.) Meine Frau! (Stellt den Leuchter wieder auf den Tisch, dann zu Rosa.) Weibchen! wie in aller Welt kommst denn Du daher? Rosa (sich anfangs beherrschend). Verzeih' — ich wollte Dich überraschen — Moorst. Nun — das ist Dir allerdings gelungen! — Du bist mir also nack- gereist vermuthlich eben jetzt erst angekommen? Rosa, Nein — ich bin schon den ganzen Abend hier — Moorst. (für sich). Dann bin am Ende ich angekommen! Rosa. Das Zimmer neben dem deini- gen war zu Glücke leer — Moorst. (verlegen lächelnd). Ei, das ist das ist ja ein rechtes Glück! — 6 Rosa. Ich bezog es — wartete lange — zweifelte schon, Dich heute noch sprechen zu können, bis — bis ich Dich sprechen hörte — Moorst. Aha! Mein lautes »Gute Nacht!« siehst Du, wie getreu ich mein Versprechen erfüllte — Rosa. Ja — ich habe mich davon überzeugt ! Moorst. Und — da hast Du darauf geantwortet? — Daß ich's auch nicht gleich erkannte! — Es war aber nicht deine gewöhnliche Stimme — Rosa (nun erst mit dem Ausdruck der Kränkung). Ich war auch nicht in der gewöhnlichen Stimmung! Moorst. (ahnend, für sich). O weh! sie hat mehr gehört — zum Glücke ist's mir ein Leichtes, ihr die Sache anders darzu- stellen — sie glaubt mir ja unbedingt! — (Laut, scherzhaft drohend.) Rosa! mir scheint. Du hast gehorcht! — Sieh, das ist nicht gut — es erzeugt leicht Mißtrauen, — man fängt nur einzelne Worte auf — ohne allen Zusammenhang —und dann — Rosa (immermehrhervorbrcchend). Nein — ich habe den ganzen Zusammenhang vernommen — ich weiß Alles — Alles — Alles ! (Spricht das letzte Wort fast von Lhränen erstickt, wirst sich in das Fauteuil neben den» Tische links, und birgt die Augen in das Sacktuch.) Moorst. (verblüfft) Alle Wetter! — jetzt heißt's die Sache klug einleiten — (Tritt zu ihr; sanft.) Nun, nun, Rosa ! Du mußt mich erst ruhig anhören — ich weiß, mir Dir kann man vernünftig sprechen! Rosa (sich halb zu ihm wendend, und seine früheren Reden parodirend). Ja, lieber Carl! Moorst. In einer Gesellschaft lediger Männer wird der lächerlich, welcher der. Prüden spielen will — das siehst Du doch ein? Rosa (wie oben). Ja, lieber Carl! Moorst. Du wirft es natürlich finden, daß man da einen Scherz mitmachen muß — Rosa (wie oben). Wie Du glaubst, lieber Carl! (Heftiger werdend, indem sie sich vom Sitz erhebt.) Nicht wahr, wenn ich auch jetzt auf deine Reden nichts Anderes antworten würde, wäre es für Dich nicht mehr reizlos? (Wendet sich erbittert von ihm ab.) Moorst. (für sich). In der Thür muß ein Stethoskop angebracht sein — sie weiß jedes Wort! Rosa (immer gereizter). Aber mit dem »l cber Carl« ist's jetzt aus — vorbei für immer! Ich habe Dir nichts mehr zu sagen, als (in strafendem Tone) gute Nacht, Carl! (Will fort.) Moorst. (sie rasch zurückhaltend). Aber, um des Himmels willen, Rosa ! Du willst doch jetzt nicht fort? Wir müssen uns doch erst aussprechen! Rosa. Das heißt: Du möchtest Dich ausreden, aber das hilft Dir nun nichts mehr, Du selbst hast meinen Glauben an Dich gemordet — und darum: Gute Nacht! — Das ist mein letztes Wort! (Will fort.) Moorst. (sie wieder aufhaltend). Aber Röschen! Du gehörtest doch sonst nicht zu den Frauen, welche immer das letzte Wort haben wollen! Du warst immer so nachgiebig — Rosa. Ja, ich wagte es nie Dir zu widersprechen, weil ich Dich von dem ersten Augenblicke an, als ich Dich kennen lernte, nicht als einen Mann gewöhnlicher Art, sondern beinahe wie ein höheres Wesen betrachtete ! — Als Du in die ärmliche Stube meiner Mutter eintratest, mir dein wohlwollenden, freundlichen Gesichte, mit Augen, aus welchen gleichsam eine Heilkraft zu strömen schien — da — ich weiß nicht, wie es kam — da fühlte ich zum ersten Male mein Herz so sonderbar, so ganz eigen beklommen — es war mir, als würde cs gedrückt, und wolle doch sich weit öffnen, um dein Bild in sich 7 aufzunehmen; — wenn Dn so tröstend mit der Kranken sprachst, klang mir deine Stimme wie Musik aus Himmelsräumen — die Klarheit, mit welcher Du deine wissenschaftlichen Ansichten auch mir begreiflich machtest, überwältigte mich — ich fühlte mich Dir gegenüber so klein, so unbedeutend, wie ein armes Erdengeschöpf einem Gotte gegenüber, und so wie jenes die Gottheit, so liebte ich Dich! — Und — als Du mich an dein Herz zogst, als Tu mich srugst: »Willst Du mein sein?« — da — da war's mir so, wie einem jener Kinder zu Muthe gewesen sein muß, als der Heiland sprach: »Lasset die Kleinen zu mir kommen,*— denn von gleicher mitleidsvoller und doch so unendlicher Liebe wähnte ich Dich beseelt — und Du — Du warst nur verliebt! — (Wendel sich von ihm ab und finkt wieder in das Fauteuil.) M o o r st. (überwältigt zu ihr eilend). Liebe, himmlische Rosa! Rosa. O versprich Dich nicht, Du wolltest »Adelaide« sagen! Moorst. Nein,nein! von der ist ja keine Rede! — Wenn Du mich nur anhören wolltest — Rosa (macht mit der Hand eine abwehrende Bewegung). Moorst. Rosa! Du wirst mir doch das Recht der Vertheidigung lassen, welches selbst dem ärgsten Verbrecher zusteht! Rosa. O daß Du Dich vertheidigen — daß Du Dich rechtfertigen könntest! Moorst. Ich kann's! höre mich nur an — ich bin überzeugt, daß ich Dich vollkommen beruhige! Rosa. Mich beruhigen? — Nach dieser Erfahrung — Aber — ein Leidender soll kein Mittel unversucht lassen — also gut — ich will Dich anhören — (Sich wirderzu ihm wendend.) Sprich — sprich! Moorst. (für sich). Wie soll ich nun beginnen ? Rosa (wieder aufspringend). Ha! — Du überlegst erst — mußt erst spitzfindige Sophismen ersinnen? — Damit richtest Du jetzt nichts bei mir aus! Wahrheit will ich, und diese bedarf keines künstlichen Redebaues ! — Sei wahr — ich bitte Dich um Gottes willen ! sei wahr! Moorst. Aber Du perhorrescirst mich ja förmlich! — (Für sich.) Das Weib ist heute nicht zu kennen! — Diese Leid en- schaftlichkeit! — aber- — eben diese gibt ihr einen eigenen Reiz! Rosa. Nun — ich bin bereit! So beginne doch dein Plaidoyer! Ich will Dich ja ganz ruhig anhören! (Setzt sich und verschränkt die Arme.) Moorst. Sieh, liebe Rosa! das Ganze ist im Grunde etwas so Unbedeutendes, daß es vom Ueberflusse wäre, Dich darüber zu kränken — aber das ist eben das Unglück, daß Ihr Frauen nie einsehen wollt, daß derartige kleine Abenteuer die Liebe zu euch gar nie beeinträchtigen! Rosa (sich wieder erhebend). Sv? so? — Ich danke für die gute Lehre, und werde dieselbe auch befolgen! Moorst. (stutzend). Was sprichst Du da? Rosa (mit etwas leichtfertigem Tone). Nun, vielleicht bin ich doch noch liebenswürdig genug, daß es irgend ein interessanter Modeherr der Mühe werth findet, mir den Hof zu machen! Moorst. Daran zweifle ich nicht, aber Du- Rosa. Nun — anhörcn müßte ich ihn doch — man würde ja zu lächerlich, wenn man gleich die Prüde spielen wollte! Und dann muß es auch einen ganz eigenthüm- lichen Reiz haben, wenn so ein feingebildeter junger Herr sich zierlich nähert, — die erste Anfrage nur mit den Blicken wagt, dann seiner Bewunderung nur leise Worte leiht— endlich kühner werdend, seine Reden mit poetischen Blumen durchwirkt —wenn sich dann ein flüsterndes Gespräch — durchaus nur in Bildern — entspinnt — oh! dann sprühen auch elektrische Funken hip- 8 über und herüber — die Gedanken beginnen gleichsam zu phosphoresciren — o! das ist dann gewiß eine viel pikantere Conver- sation als die alltägliche mit dem Herrn Gemal! Moorst. Rosa! Ich hoffe, Du sprichst nur im Scherze so! Rosa. Hm! wer weiß, ob nicht schon im Ernste ein Versuch gemacht wurde — Moorst. Himmel und Erde! — Rosa! Rosa. Sei ruhig! (Ihn wieder parodirend.) Ein derartiges Abenteuer wird meine Liebe zu Dir gar nicht beeinträchtigen! Moorst. Das glaube der Teufel! Ro'sa. Nun — Du wolltest ja, daß ich an diese Ansicht glauben solle! Moorst. Das — das war —(Für sich.) Zum Henker! sie spricht wie ein Opponent bei einem Rigorosum, und wirft mich mit meinen eigenen Argumenten! — (Laut ) Rosa! — der Scherz muß ein Ende haben — ich will jetzt Aufklärung. Du wirst mir genau berichten- Rosa. Wirst Du mir auch so gewissenhaft berichten, wie Du Dich morgen bei dem gewissen Souper amüsirt haben wirst? Moorst. Davon ist keine Rede mehr! Ich verspreche Dir, ich gehe nicht hin — ich lasse mich entschuldigen — das Souper kann nicht stattfiuden, wegen— (mit einem Blicke aus Rosa und einem unterdrückten Seufzer) unvermuthet eingetretenen Hindernissen! Rosa. Hm! aufgeschoben ist nicht aufgehoben ! Moorst. Nein — nein — ich schwöre Dir's, es soll aus sein für immer! Rosa. O, ich will Dich in deinen so unschuldigen Unterhaltungen nicht stören — bleibe Du hier — ich fahre morgen Wieder nach unserem Landsitze zurück! Moorst. Und ich sollte Dich allein draußen lassen mit diesen entsetzlichen Grundsätzen?! Rosa. Die Du mir beigebracht hast! O — ich werde eine gelehrige Schülerin sein — ich bring' es vielleicht noch zu der von Dir so sehr gerühmten genialen I^sA^rsts! Habe nur Geduld, vielleicht lerne ich auch noch die Kunst, einen Mann nicht nur verliebt zu machen, sondern ihn auch verliebt zu erhalten! Moorst. Nein — nein — das ist nicht nöthig — Rosa! ich versichere Dich, der bloße Gedanke, daß Du irgend einen Verführer auch nur anhören könntest, bringt mich zur Verzweiflung! — Ich fühle mehr als je, daß ich Dich liebe — daß ich noch wahnsinnig in Dich verliebt bin, denn um den Preis, Dich mir zu erhalten, ließ' ich meinethalben ein ganzes oorxs äs bullst über die Klinge springen! — Also vergib — vergib mir den Fehltritt — auf meinen Knieen flehe ich Dich an — (Kniet vor ihr nieder.) Rosa (mit mitleidigem Lächeln auf ihn herabblickend). Du kniest vor mir! — Jetzt sehe ich einmal auf Dich herab — sonst war ich nur gewohnt, bewundernd zu Dir hinaufzublicken — früher sah ich in Dir einen Gott — nun — nun Hab' ich erfahren, daß Du auch — ein Mensch bist! Moorst. Ja, ich kann nichts dafür, daß ich's nicht weiter gebracht habe — und eben darum — sieh — ich habe menschlich — wenn auch nicht jugendlich gefehlt — also sei Du als Richtcrin auch nicht unmenschlich! Rosa. Nun— den Gott habe ich verehrt — den Menschen aber kann ich nichts, als — trotz seiner Schwächen — lieben! (Beugt sich versöhnt zu ihm nieder.) Moorst (entzückt sich erhebend). Also Du — Du verzeihst mir? Rosa. Man liebt ja Niemanden mehr, als dem man schon einmal zu verzeihen Gelegenheit hatte! (Schmiegt sich an seine Brust.) Moorst. Mein Engelskind! Nur einmal hattest Du diese Gelegenheit, und ftie 9 — nie sollst Du sie wieder finden! Aber — um Eines möchte ich Dich doch inständigst gebeten haben — gib Du mir nie — hörst Du— nie Gelegenheit, Dir verzeihen zu müssen! Darum gestehe: was war's mit dem Versuche, von dem Du sprachst? — wer ist der elende Versucher — wer die Schlange in meinem Paradiese? Rosa. Zm Paradiese war es Eine Schlange, welche Mann und Weib verführte — Moorst. Ich verstehe Dich nicht! Rosa. Dich verlockte dein Freund, Herr von Brint, während seines letzten Aufenthaltes bei uns, nach der Stadt zu reisen, um mich auf dem Lande allein treffen zu können — Moorst. Alle Donnerwetter! — die Inspektionsreise — sie galt nicht den Gütern des Fürsten, sondern meinem höchsten Gute! — Aber das ist ja kaum glaublich! Rosa. Ich kann Dir den Beweis Herstellen. — (Ein Brieschen hcrvorziehend ) Er unterstand sich, mir dieses Briefchen zukommen zu lassen — Moorst (hastig den Brief nehmend). Dieser Brief — ja — 's ist seine Hand — Rosa. Und dieß bestimmte mich eben, nicht auf dem Lande zu bleiben, sondern Dir zu folgen, — während Du- Moorst. Rosa! Meine Rosa! — Und ich — ich sehe, Dir gegenüber bin ich das schwache Geschlecht — mich zu verführen, war' ihm beinahe gelungen — o, dieser Brint — dieser Brint! — wenn ich ihn nur noch treffen könnte- (Es wird an der Mittelthür gepocht.) Moorst. Wer ist's — so spät? Brint's Stimme (von außen). Doctor! sind Sie noch auf? Moorst. Ha! er ist's! Willkommen! (Laut.) Ja — ich bin noch auf — (mit gedrückter Stimme) eben aufgebracht! Rosa (bittend). Mäßigung, lieber Carl! Moorst. Laß mich nur — tritt etwas zurück — (Laut.) Nur herein! Vierte Scene. Vorige — Brint. Brint (tritt rasch ein). Entschuldigung, daß ich Sie störe — ich vermisse mein Etui — und in demselben steckte meine Legiti- mationskarte, die ich zur Reise brauche — Hab' ich's nicht hier bei Ihnen verloren? Moorst. Ein Etui fand sich nicht vor — wohl aber Ihre Legitimation — hier — hier haben Sie's zurück! (Gibt ihm den Brief.) Brint. Dieser Brief (ihn bettachtend, wie niedergedonnert) Herr Doctor — dieser Brief — er scheint in Unrechte Hände gelangt zu sein — Moorst. Nein, er kam — (Rosa an der Hand vorführend) in die rechte Hand — Brint. Gnädige Frau — Sie — hier? Moorst. Ja, das »gute Nacht*, welches Ihnen so lächerlich erschien, bewirkte einen magnetischen Rapport — der Magnetismus war so stark, daß meine Frau sich nur zu mir hergezogen fühlte, und nun (indem er sie umschlingt) fest an mir hängt, wie ich an ihr! Ich denke, Herr Secretär, Ihre Inspektionsreise ist jetzt nicht mehr pressant — wir aber — wir reisen heute — ja in dieser Stunde wieder nach Hause, und darum — gute Nacht pour janrais! (Wendet sich mit Rosa zum Abgehen.) Rosa (spöttisch grüßend zu Brint). Gute Nacht, Herr von Brint! (Ab mit Moorstein.) Brint (allein stehen bleibend, ganz vernichtet). Gute Nacht! (Der Vorhang fällt) Iheattr-Repnlon« Nl. 141 r In unserem HMer-Repertmr erscheinen demnächst: Ein alter Sünder. Charakterbild mit Gesang und Tanz von Vincenz Pirzel. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Der arme Marquis. Schauspiel in zwei Acten von Dumanoir und Lafargue. 10 Sgr. od. 50 Nkr. Eine leichte Person. Posse mit Gesang in drei Abtheilungen und 7 Bildern von Anton Bittner. Der schöne Feischhauer. Lustspiel in einem Act von Alexander Bergen. (Den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt.) Ein slier Fünder! Charakterbild mit Gesang und Tan, in drei Arten von Vinecnz Pirzel. (Im k. k. priv. Theater in der Josefstadt mit vielem Beifalle gegeben.) Personen: Herr von Duckmäusl, ein reicher Hagestolz. Heinrich Dorn, sein Neffe, Director einer reisenden Schauspielergesellschaft Anna, dessen Gattin. Kinder. Rosa, j Gras Tellheim. Krisperl, Komiker, Julie Spitz, Localsängerin, Bär, Vater, Gift, Jntriguant, Frau Weidenblatt, Mutter, Flora, ihre Tochter, Liebh aberin, Christian Lach gern, Schiffmeister. Michel Grant, Duckmäusl's Diener. Mitglieder von Doru's Gesellschaft. Murr, Bürger, Seine Frau. Deren sechs Kinder, Gagler, S preitz, Adelaide, Nosalinde, Pi n kl, Haxl, Sp ringfüßel. Ein dicke Frau, Steffel, Knecht bü Lachgern Gäste beim Kirchweih, feste in Hadersdors. Schauspieler. Gäste. Landleute. Schiffknechte. 1 tbttln.Aqxttoire -k. Erster Act. (Freie Gegend in der Nähe einer kleinen Stadt. Rechts vorne ein Landhaus, Links der Weg zur Stadt. Ja der Nähe deS Hauses eine Steinbank.) Erste Scene. Bürger und Landleute (kommen von verschiedenen Seiten). Von Petersburg bis nach Paris, Wir klimmen bloß aus G'fälligkeit Zu Ihnen her auf kurze Zeit, Weil wir von Ihnen hab'n erfahr'n, Daß für die Kunst sein große Narr'n. (Schlägt einen Wirbel.) Chor. Hahahaha! Hahahaha! Das wird a luftige Gaude! Chor. Krisperl. Jnhe, juhe, jetzt kann's lustig wer'n, Komödianten sein da, die hab'n wir so gern', Die spiel'n uns was vor, zum Wanen und Lachen, Die thu'n unterhaltliche Faren uns machen, Komödianten sein bei der traurigen Zeit No' die einzige Freud' für lustige Leut'. (Man hört in der Ferne einen Trommelwirbel.) Chor. Schaut's hin, schaut's hin, als Trummler voran Der G'spaßmacher ruckt wie a'Narrendatt'l an. " Zweite Scene. Vorige. Krisperl (von Kindern begleitet, tritt vom Hintergrund trommelnd aus, und ist sehr carikirt als Käsperle gekleidet). Enlrötied. (Den Gesang mit Trommelschlägen begleitend.) Wohl aufgepaßt! Wohl aufgepaßt, Bevölkerung von Stadt und Land Wir führ'n gar schöne Stückl n auf Voll G'spaß und Witz und Mord und Brand; Wr sein die größten Künstler g'wiß Wohl ausgepaßt! Wohl aufgepaßt! Als Käsperle kumm' i' voraus, Und treib' mit meinerTrommel z'samm, Das Publicum in's Musenhaus. Ja, hochverehrte Gönnerschaft, Sie werd'n erst uns're Künstlerkrast Begrüßen, wann wir declamiren Und in die schönsten Stuck agiren; Um desto schöner wer'n wir spiel'n, Je mehr Sie zahl'n nach gutem Will'n. (Wirbel.) Chor. Hahahaha! Hahahaha! Das wird a lustige Gaude. Erster Bürger. Also Sie sein der G'spaßmacher von derer Komödianten- Banda, die bei'm »Ochsen«-Wirth in der Scheuer 's Absteigquartier g'nommen hat. Krisp. (komisch nobel). Ja, wirsein in der Scheuer abg'stieg'n, weil der »Ochsen«- Wirth kann Salon hat, der für uns passend wär'. Erster Bürger. Und wo werden's denn Komödie spiel'n? Kr isp. Ebenfalls in der Scheuer, weil's dort am luftigsten is', den der große Zulauf, den unsere Vorstellungen finden wer'n, verlangt a' gute Ventilation, sonst müßten die hochverehrten Zuschauer zu viel schwitzen. Zweiter Bürger. Am Schwitzen liegt mir nir d'ran, wann i nur a pfiffige Unterhaltung Hab'. Was für Stuck wer'ndenn bei Ihnen gespielt? Krisp. Lauter klassische. Zweiter Bürger. Sein Räuber a dabei? Krisp. Nir als Räuber. »Die Räuber- von Schiller, »die Räuber in den Abruzzen,« »die Räuber auf Maria Kulm,« »der Räuber und sein Kind,« »das Raubschloß in Thüringen,« »die geraubte Jungfrau.« — Ohne Raub is bei ein' klassischen Stuck kein Vergnügen. Bäuerin (zu ihrem Manne). Du Alter, da fürcht' i mi, denn mir fallt der rothe Natzl ein, der uns die g'scheckerteKuhg'stohl'nhat. Krisp. Mit einer dalketen Kuh geb'n sich unsere Räuber gar nicht ab, die schnappen nur auf's Höhere und gefährlich sein's a nicht, weil's im letzten Act immer hin- g'richt werd'n. Bauer (neugierig). Wern's aufg'hängt oder köpft? Krisp. Das knmmt auf's verehrte Publicum an Je mehr 's Publicum zahlt, je stärker wird der Räuber g'martert. Bauer. Wann i seh'n kann, wie Aner g'rädert wird, zahl' i wegen meiner a Gnl- denzett'l. Krisp. Um a Guldenzettel laß' i mi selber rädern, denn bei uns thut's nit weh'. Weil i aber der G'spaßmacher bin, so steh' i nach dem Rädern wieder auf, mach' mein Compliment an die Gönnerschaft und sing' dazu: (Singt.) Wohl aufgepaßt! Wohl aufgepaßt. Der Käsperle is g'ftorb'n, Weil's aber nur Komödie war, Hat's d' Freud' ihm nit verdorb'n. Da steht er wieder frisch und g'sund Und wird no' leben manche Stund'. A Narr, wann's nur a g'scheiter is, Der lebt am allerlängsten g'wiß, Hätt' i nit so a lustig's Brod, 3 wär' vor Elend schon maustodt. (Trommelt sehr laut ) Chor. Hahahaha! Hahahaha! Das wird a lustige Gaude. Dritte Scene. Vorige. Duckmäusl (aus dem Hause). Duckm. (alter Mann mit weißen Haare», philiströs gekleidet, hager und gebückt, aus eine» Stock gestützt, tritt aus dem Hause und sagt verdrießlich). Was gibt's da für Geschrei und Trommlerei? Wenn man in seinem Landhause Ruhe haben will, ist ein solcher Lärm was Entsetzliches. Kinder (spottend). Ui! der Herr v. Duck- mäusl, der Herr v. Duckmäusl! der is schon wieder granti. Duckm. Still, kleine Teufelsbrut. Baue r. Schimpfens nit, gnädiger Herr, meine Kinder sein a dabei und die hat nit der Teure! g'macht. Bäuerin. Er gift sich halt, weil er selber keine Kinder hat. Duckm. Kann die Frau das wissen? Erster Bürger. Die reichen Stadtherrn haben oft mehr Kinder, als' »rerken lassen. Zweiter Bürg er (lachend). Aberwenn's amal auf der Welt sein, kümmern Sie sich nimmer darum, damit's ihnen nir geben dürfen. — Duckm. Ich bin kein Solcher. Aber ein solider, ruheliebender Mann bin ich, der aus der Residenz auf's Land gezogen is, um sich der moralischen Beschaulichkeit zu widmen. Bäuerin. G'hört das epper a zum Moralischen, daß der gnädige Herr neuli aufm Feld unser Liesl in's G'sicht zwickt hat, als wann er a verliebter junger Bursch' wär'? Duckm. Das Hab' ich aus Freundlichkeit gethan. Krisp. (ironisch). Und wann a gnädiger alter Herr freundlich is, darf man ihm'- nit übel auslegen. L* 4 Duckm. (ihn messend). Mischt sich dieser Thaddädl auch hinein? Krisp. Respect! Ich bin Künstler. Duckm. Saub're Kunst, die mit der Trommel umgeht! Krisp. Aufm Land is halt die Trommel das, was in der Stadt die Zeitungen sein. Die Zeitungen schreiben Reclame und i schlag' wegen der Reclame an Wirbel. Duckm. Man trommelt also Komödie in der Scheune aus? Krisp. Es gibt Komödien, die durch ganz Europa austrommelt wer'n, und bei Beleuchtung ang'schaut, sein's weniger werth, als die unsrigen. Duckm. Weil die ganze Welt so unmoralisch geworden ist, daß Sie nur noch von Täuschungen lebt. Krisp. Ich lad' Euer Gnaden höflichst ein, unsere theatralischen Vorstellungen zu besuchen, da werden sich Euer Gnaden überzeugen, daß unsere Täuschungen wenigstens unterhaltlichsein. Duckm. Gott soll mich behüten. In der Komödie spielt der Teufel mit, in der Theaterbude holt er sich die meisten Opfer. Kluge werden dort verrückt, — Sittsame lasterhaft und die hohe Schule der Lumperei theilt dort ihre Prämien aus. O! ich hab's erfahren in meiner eigenen Familie, — darum hasse ich das Komödianten-Volk und möchte meinen Haß der ganzen Welt einflößcn. Krisp. O, da muß i mi tummeln. Wann der Herr sofort discurirt, red'ter mir amEnd' mein z'sammtrommeltes Publicum ab. (Zu drn Andern.) I bitt', meine Herrschaften, kummcn's mit, daß i Ihnen's Repertoir von uusermHoftheater vortrummeln kann.(Smgt.) Wohl aufgepaßt, wohl aufgepaßt, Wir spiel'n die schönsten Stuck, Von Schiller und von Kotzebue Von Meyerbecr und Gluck. »Die Grille« und der »Wallenstein,« »Die Hochzeit bei Laternenschein,« Peim Carneval pariserisch, Da tanzen wir Cancan am Tisch, Sic krieg'n von Kunst an ganzen Schatz Und nur a Zehnerl kost't der Platz. (Trommelt.) Chor. Hahaha! Hahaha! Das wird a lustige Gaude. (Alle mit Krisperl, der sorttrommelt, rechts ab.) Vierte Scene. Duckmäusl (allein). Nichtswürdiges Gesindel das! Wenn ich daran denke, daß ich in meiner Jugend ) selbst — aber ich will daran nicht mehr denken. (Sieht nach links.) Wer kommt dort? Eine ärmlich gekleidete Frau in einem Papier lesend, das einer Theaterrolle ähnlich sieht. Vielleicht gehört sie zu der ausgetrommelten Bande. (Aufmerksam.) Uebri- gens eine stattliche Gestalt, ein interessantes Gesicht. Was kann es schaden, wenn ick mich hier auf die Bank setze und warte. (Setzt sich aus die Bank ) Fünfte Scene. Voriger. Anna (sehr einfach gekleidet, ein abgetragenes Tuch um die Schulter und einen schwarzen Schleier um das Haupt geschlungen, eine Rolle in der Hand, tritt langsam von links aus). A nn «.Eilende Wolken! Segler der Lüste! Wer mit Euch wanderte, wer mit Euch schiffte. Grüßet mir freundlich — (Unterbricht sich — mit bitterem Lächeln.) Ach, was träume ich da. Während ich die Rolle einer Räuberheldin studiren will, fallen mir Schiller's himmlische Verse ein und ich vergesse, daß »Maria Stuart* nicht zu einer Aufführung in einer Scheune gedichtet wurde, also studiren wir wieder um Brot. — (Sicht in die Rolle.) ISE. 5 Duckm. (bei Seite). Wenn die zu einer solchen Bande gehört, dann muß sie entweder liederlich oder unglücklich sein. Anna (unwillig). Ich kann nicht, ich kann nicht. Diese plumpen Worte, ohne jeden Hauch von Poesie, widerstreben meinem Gedächtnisse, welches sich dagegen empört. (Laut.)O, wie bin ich unglücklich! Duckm. (bei Seite). Also Hab' ich's er- rathen. Anna. Aber die Noth gebietet. Ich bin es meinem Gatten, meinen lieben Kindern schuldig, daß ich den Stolz der Künstlerin dem Bedürfnisse zum Opfer bringe. (Will zur Bank, fleht Duckmäusl und hält inne.) Duckm. (deutet mit gezwungenem Lächeln nach der Bank). Madame, ist's gefällig. Anna. Danke, mein Herr. Sie scheinen hier der Ruhe zu genießen, welche ich nicht stören will. Duckm. Nehmen Sie immerhin Platz. (Rückt zur Seite.) Anna (bei Seite). Seine Miene gefällt mir nicht, aber vielleicht gewinne ick uns einen Gönner. (Setzt sich.) Duckm. Was lesen Sie da, wenn ich tragen darf? Anna. Eine Rolle, die ich heute Abend spielen soll. Duckm. Sie sind also Komö — Schauspielerin will ich sagen. Anna. Ja, mein Gatte ist der Principal jener reisenden Gesellschaft, welche die Gunst des Publicums hier zu erringen hofft. Duckm. tfie fixirrnd). Sie sind wohleinst in besseren Verhältnissen gestanden? Anna (gepreßt). So lange ich unverheiratet gewesen bin. Duckm. Wahrscheinlich aus Liebe geheiratet? Anna. Ja! Duckm. Kann mir beiläufig denken, wie cs gekommen ist. Ihr Gatte hat Ihnen Hoffnungen vorgespiegelt — Anna (rasch). Er hat mir nichts vorge- spiegelt, er hat stets ehrlich und offen gegen mich gehandelt, aber — Duckm. Er hält sich vielleicht für einen großenKü nstler, ohne es zu sein. Durch Selbsttäuschung hat er Sie unglücklich gemacht. Anna (das Gesicht verhüllend). O meine Kinder! Duckm. (steht auf, moralifirend). Ja sehen Sie, Madame, das kommt von der Unbesonnenheit. Ich glaube, daß Sie eine Künstlerin sind, aber die Kunst rächt sich, wenn man sie der Schwärmerei zum Opfer bringt. Anna (sich erhebend). Ich war keine Schwärmerin, — ich liebte meinen Gatten zu innig und ernst, als daß ich seine Selbsttäuschung hätte heilen können. — Aber ich folgte ihm, weil ich es für meine Pflicht hielt. Duckm. J't er Ihnen dankbar dafür? Wird er nicht eifersüchtig, wenn Sie dem Publicum gefallen, — während er wahrscheinlich nicht gefällt? Anna. Bitte, nein Herr, lassen Sie mich darüber schweigen. Duckm. Aha! Wollte Ihnen nur zeigen, daß ich diese Geschichten kenne. (Heftig.) Habe selbst so einen Narren in meiner Familie, der Sohn meiner verstorbenen Schweiler, der einst mein Erbe geworden wäre, ist vor einigen Jahren den Komödianten nachgclaufen, hat sich dadurch meinen Haß und seine künftige Enterbung zugczogen. Anna (betroffen) O mein Gott! Welche Ähnlichkeit! Duckm. (aufhorcheud). Wie so Ähnlichkeit? Was wollen Sie damit sagen? Anna. Daß auch mein Gatte seine Leidenschaft für-die Kunst, wie er cs nennt, mit Haß und Enterbung büßen muß. Duckm. Sein Name? Anna. Heinrich Dorn! Duckm. (prallt zurück). Ha, mein Neffe! Anna (nach langer Pause, in der fie ihn zitternd angesehen). Wäre es möglich, mein Herr, — Sie, — Sie wären der Onkel meines unglücklichen — Duckm. (sehr heftig). Reden Sie mir von keinem Unglücklichen, sondern von einem 6 Elenden, Verworfenen, der meine väterlichen Wohlthaten mit Undank gelohnt hat. — Ist er mit seiner Bande hierher gekommen, um die Ruhe meiner Abgeschiedenheit zu stören? Anna. Nein,gewiß nicht. Er glaubte Sie noch in der Residenz und von dort hält er sich sckon um meinetwillen fern, weil die Residenz der Schauplatz meines theatralischen Glücks war. Duckm. Ich habe damals munkeln gehört, daß er mit einer Schauspielerin von großem Talent, Namens Anna Stern, ein Derhältniß habe.— Diese waren also Sie? Anna. Ja, mein Herr! Diese war ich. Duckm. Und Sie konnten die Thorheit begehen, mit einem solchen Taugenichts in die Welt zu laufen? Anna. Ich habe meine Zukunft geopfert, weil ich glaubte, das Glück der Seinigen dadurch begründen zu können. Ich habe mich getäuscht und büße dafür. Duckm. Aber er, — aber er? Kann er mit dem Gedanken leben, daß er eine solche Frau mit in's Elend gezogen hat? Anna. Er liebt mich und hofft — Duckm. Er liebt Sie nicht, sonst würde er sich um Ihretwillen schämen, und hoffen kann er ebenfalls nicht, — weil er meinen unerbittlicher! Charakter kennt. Anna (faltet die Hände). Ach, mein Herr, wir haben Kinder,— erbarmen Sie sich um dieserwillen. Duckm. (betrachtet sie von der Seite, bei Seite). Fürwahr ein herrliches Weib! Ich empfinde wieder was von dem, was ich vor neunzehn Jahren für eine Andere empfunden habe, — das ist zwar sündhaft, aber der Mensch kann nicht immer ein Tugendspiegel sein. Anna. Seien Sie gegen meinen Gatten gnädig und rechnen Sie auf unsere ewige Dankbarkeit. Duckm. (mit Bedeutung). Für ihn habe ich keine Gnade. Anna. Wie wäre dieß möglich, da für Ehegatten Glück und Unglück gemeinschaftlich ist? Duckm. Verlassen Sie den Undankbaren, dann will ich für Sie und Ihre Kinder sorgen. Anna. Mein Herr — Duckm. (energisch). Verlassen Sie ihn, sage ich, kommen Sie mit Ihren Kindern zu mir,— Sie werden den Tausch nicht zu bereuen haben. Anna. Und mein Gatte? — Duckm. Der mag sich in der Welt Herumtreiber!, wo es ihm beliebt, — er ist ja dock für jede solide Existenz verdorben. Anna. O Himmel, denken Sie so schlecht von mir, daß ick meinen Gatten, den Vater meiner Kinder in elender Trostlosigkeit verlassen könnte? Duckm. Sie sind es aber Ihren Kin dern schuldig. Anna. Wissen Sie, mein Herr, daß ein vornehmer Protektor mir das erneuerte Engagement an der Residenzbühne zugesichert hat, wenn ich ohne meinen Gatten dorthin zurückkehren wollte. Ich schlug es aus, weil ich die Treue im Unglücke für das Höchste erkenne. Duckm. (hämisch lächelnd). Da muß ich abermals fragen, ist Ihnen mein Neffe dankbar dafür? Anna. Nickt so, wie ich es verdiente, aber die Ungerechtigkeit seiner Eifersucht kommt aus seinem kranken Herzen. Duckm. Hm, hm! Ich wiederhole Ihnen meinen Antrag, Madame. Sie würden dabei am besten fahren. Anna (mit Affkct). Unmöglich. Wenn mich die Kunst, das Bewußtsein der eigenen Fähigkeit über die vergessenen Pflichten kaum zu trösten vermöchte, — wie sollte ick es über mich gewinnen, von der Gnade dessen, der meinem Gatten seine Hilfe entzieht, im schmachbedeckten Wohlsein zu leben? Wenn meine Kinder darben müssen, so werbe ich bittere Thränen weinen, aber es werden keine Thränen der Schande sein. i ! i § , 7 — Schande dem Weib, das nicht seiner^ cigenen Schmerz und den seiner Kinder^ lieber erduldet, als zu dem Vater seiner' minder sagt: Wir verlassen Dich, weil Du jür uns nicht Brot genug hast. (Links ab.) Duckm. (allein). Jetzt bin ich erst recht in sie verliebt. Müßte mit dem Teufel zugehen, wenn ich sie von ihm nicht trennte. Aber wie fang ich's an. Weuy ich ihr beweisen könnte, daß er ihres Edclmuthes, unwürdig ist, aber wie ich das beweisen, soll, darüber muß ich erst simuliren. (Ab m s Haus.) Mcin'n Sammtspenser Hab' ich schon lang wo versetzt, Mein seid'nes Röck'l studirt leider jetzt, Mein G'wand und mein Schmuck sein gar weit schon von hier, A Glück, daß i Hab' no mein' Schönheit bei mir. (Jodler.) Gift (ärgerlich). Na, das ist merkwürdig, die Mamsell Julie kann noch singen, während wir nichts zum Beißen haben. Julie. I verbeiß' mir halt mit'm Singen den Magen. (Singt ) Verwandlung. (Das Innere einer großen Scheune Im Hintergründe der offene breite Eingang, durch dm man in s Freie sieht. Rechts und links Seitenthüren. Außerhalb des Mitteleinganges steht ein Theaterkarren Aus Tischen und Bänken liegen Garderobe- ftücke herum. Allgemeine bunte Unordnung. Am vordersten Tisch rechts eia kleiner zerbrochener Toilettespirgel-) Sechste Scene. Julie. Bär. Gift. Frau Weidenblatt. Flora und anderes Personal vom Theater. Julie (ordnet vor dem Spiegel ihre Coiffure). Bär (fitzt rückwärts, häufig Tabak schnupfend). Gift (geht mit großen Schritten auf und ab). Weidenbl. (steht hinter Rosa, diese frifirend). l Die Andern sind mit der Garderobe und mit dem Kehren beschäftigt.) Julie (singt). A r i e 1 t e. Ja, das is zum giften, i machet mi gern So schön als i kann für die Männer und Herrn, Was Hilst aber's Putzen, i Hab' kaGar- d'rvb, Die Bandeln fein alt und die Tüchel sein grob; Die Traurigkeit macht ein'm nur Falten im G'sichr, Das wär' für mein' Schönheit a garstige G'schickt, So lang i ka Falten Hab', was i do g'wiß, Daß's mit meiner Kunst noch zum Aushalten is. Die Männer hab'ns gern, wann mau'S freundlich anlacht, Das hat schon gar Manchen zum Narr'n- dattl g'macht. Und i Hab' mein Lebtag ka anders Begehr', Als daß a jed's Mannsbild mein Narr'n« dattl wär'. (Jodler.) Gift. Ich, Mamsell Julie, werd' Ihnen niemals einen Narr'ndattl abgeben. Julie (lacht). Ihnen müßt's auch dalket ansteh'n mit Ihrer z'widerwurzigen Physiognomie. Bär (launig). Der Teufel soll da kan Z'widerwurzen werd'n, wenn man net amal Tabak zum Schnupfen hat. Julie. Sie hab'n halt a ungenügsame Nasen, Herr Bär, die mehr Futter braucht als Ihr ganzer Leib. Bär. Ich Hab' mir 's Tabakschnupfen bei der Kunst ang'wöhnt, weil i als zärtlicher Vater oft lange Rührungspausen Hab'. Julie. Ich füll' meine Kunstpausen mit'm Cokettireu auf's männliche Publicum aus. 8 Flora. Ja, die Mamsell Spitz cokettirt oft neben mir so stark, daß ich vor Verlegenheit die Augen Niederschlagen muß Julie. 'S Nugenniederschlagen is bei einer sentimentalen Liebhaberin Schuldigkeit, und Sie spielen so sentimental, daß man dabei oft einschlafen möcht'. Weidenbl. (gekränkt). Beleidigen Sie meine Tochter nicht, sonst geh' ich zum Herrn Direktor klagen. Flora Da hilft nichts, Mama, das Fräulein Spitz hat ja die Gnade der Frau Direktorin, welche auch so gnädig ist, mir meine Rollen vor der Nase wegzuspielen. Weidenbl. Ja, Du bist ein unterdrücktes Talent, aber nur Geduld, wir werden schon einen Gönner finden, der sich Deiner annimmt. Gift (rasch) Verlassen wir mit einander diese undankbare Direktion, welche unsere Verdienste nicht zu schätzen weiß. Julie. Das können's nit, weil's mit'm Herr Dorn Contract haben. Gift. Der Contract is aus, wenn man keine Gage bekommt. Bär (steht auf). Wenn man net amal an Tabak zum Schnupfen hat. Flora. Wenn man als hoffnungsvolles Talent unterdrückt wird. Weidenbl. Und wenn eine kecke Localsängerin von der Frau Direktorin protegirt wird, während wir, vom höheren Fach — Julie (lacht). Habaha! I glaub, 's höhere Fach is in unfern Verhältnissen das, waS dem Publicum am meisten g'fallt. Wenn mich die Frau Direktorin gern hat, so kommt das daher, weil ich ihr eine teilnehmende Freundin bin, die das Unglück begreift, — wenn «solche Künstlerin mit einer solchen Gesellschaft herumzichen muß. Gift. Die Mamsell Spitz beleidigt uns. Bär. I geh' durch, wenn i nit Satisfaktion krieg'. W°.7-Nb,.! ^ Rachel Die Andern (nähern sich). Siebente Scene. Vorige. Dorn (von rechts). Dorn (junger, einfach gekleideter Mann, mit blassen, ernsten Zügen, tritt rasch heraus und sagt ziemlich barsch). Schon wieder Unfrieden in der Gesellschaft. Vergessen Sie ni^t, meine Herren und Damen, daß wir heute Abend hier unsere erste Vorstellung geben. Gift. Der Jntriguant ist nicht dabei. Bär. Und der zärtliche Vater a nit. Weidenbl. Und die Mutter noch weniger. Flora. Und die Liebhaberin schon gar nicht. Dorn. 'Warum? Gift. Weil wir uns von einer schnippischen Localsängerin nicht beleidigen lassen. Mamsell Spitz erlaubt sich, die Frau Direktorin zu bedauern, weil sie in unserer Gesellschaft Komödie spielen muß. Dorn (bei Seite, sehr düster). Ah, da hat sie wohl recht. (Laut.) Ich bitte Sie allerseits, die Hoffnungen, welche ich auf den Beifall des hiesigen Publikums gesetzt habe, — nickt durch Ihre Uneigennützigkeit zu vernichten. Unsere Eristenz hängt daran. Gift. Saubere Eristenz für einen Künstler von meiner Qualität. Haben Sie uns nicht versprochen, daß wir bald aus einem anständigen Theater spielen werden? Dorn. Um das zu erreichen, müssen wir Zusammenhalten und uns ein gutes Renommöe zu erwerben suchen. Ich bitte Sie noch einmal um Einigkeit. Achte Scene. Vorige. Krisperl. Krisp. (durch die Mitte, heiter). Alsoaus- trummelt sein wir. (Legt die Trommel ab.) Dorn, (besorgt). Glauben Sie, daß wir gute Geschäfte machen werden? Krisp. Wenn d'Leut' so in's Theater rennen, wie's mirnachg'renntsein, somüssen wir s Orchester ausräumen lassen. D'»Maria Stuart« Hab' i ihnen mit Balletversprochen, den »Wallenstein« mit Feuerwerk, und die »Jungfrau von Orleans« mit einem natürlichen Springbrunn. Von unsermJntriguanten Hab' i erzählt, daß der Laroche in Wien wegen seiner durchg'fallen is; von unserm Vater, daß der Anschütz wegen seiner pen- sionirt wer'n soll; von unserer Mutter, daß d'Madame Haizinger immer want, wenn's von ihr reden hört, und vou unserer jugendlichen Liebhaberin, daß deßhalb den an kan' Hoftheater bleiben kann, weil d'Leut' mit ihr zu viel Spectakelmachen, was sich an ein Hoftheater nit schickt. Julie. Na und was hast denn von mir erzählt? Krisp. Von Dir Hab' ich nur g'sagt, daß du meine Geliebte bist, das war der sicherste Beweis für dein riesiges Talent. Dorn. Sie hören also, daß wir aus eine gute Einnahme hoffen dürfen. Beruhigen Sie sich einstweilen, und rechnen Sie auf meine wärmste Dankbarkeit. Gift. Heute will ich noch spielen, aber morgen muß die Gage auf dem Tisch liegen, sonst — kein Geld — keine Schweizer. Weiden bl. Wir wollen Sie nicht unglücklich machen, Herr Dorn, aber meine Tochter verlangt ihr Fach. Flora. Das Recht ha'c:r alle Liebhaberinnen von der Gurli bis zur Mcdea. (Beide in den Hintergrund.) Bär (seine Dose zeigend, zu Dorn.) Schauns amal so a Dosen an. Ka Stäuberl Tabak mehr d'rin. Wenn's aHerz im Leib haben, so geben's mir doch wenigstens ein Spielhonorar für mein Nasen. (Zn den Hintergrund ab, wo die Andern nach und nach verschwinden.) Neunte Scene. Dorn. Julie. Krisperl. Dorn, (sich in einen Stuhl werfend, sehr düster). Den Andern suche ich Hoffnungen zu machen, ich selbst habe keine mehr. Krisp. (tröstend). Na wär' nit Übel, wann Sied'Hoffnung verlier'n, was sollten den wir anfangen? Nir da, es muß geh'n. Ich Hab' Ihnen so gern, Herr Dorn, daß i wegen Ihnen aufm Seil tanzen könnt'. Dorn (bitter lächelnd). Vielleicht kommt es noch so weit, mein lieber Herr Krisperl. Julie (mit Nachdruck). Es brauchet aber nit so weit z'kommen,wenn der Herr Dorn das Mittel ergreifen wollt', was am nächsten und am sichersten is. Dorn (steht rasch auf, unwillig). Wenn ich von dem Talent meiner Frau leben wollte? Julie. Ihre Frau hak amal's Talent. Dorn, (bitter). Und ich habe keines, meinen Sie. Julie. Das geht die Resencenten an. I will nur sagen, daß's Ihnen ka Schau»' machen könnt', wenn's Ihre Frau so lang' z'Hilf nehmeten, bis's Ihnen selber helfen könnten. ! Dorn. Ha, ich verstehe! Meine Frau könnte in der Residenz wieder Engagement finden. (Mit scharfer Betonung.) Der gute Graf Tellheim will ihr dazu behilflich sein. Julie. Der Herr Graf hat's schon damals protegirt, wie's noch nit verheiratet war und es hat ihr ka Mensch was Uebles Nachreden können. Krisp. (ängstlich). Aber wenn das g'schehet, Julerl, da müßt ja unser G'sell- schaft auseinandergehen. Julie. Die wird so a nit lang beisamm bleiben. Krisp. Und was wurd denn aus uns Zwa? Julie. Was aus mir wurd, weiß i schon; i ginget mit der Frau in d'Stadt und bleibet als Mittelding zwischen G'sell- schafterin und Stubenmädl bei ihr. Krisp. (tragikomisch). Julie! Du könntest deinen Romeo verlassen? Dorn (bitter). Ei warum nicht? Meine Frau hat auch die Julie gespielt und würde mich doch sehr leicht verlassen. 10 Julie (zornig). Das is nit wahr. I was am besten, wie die arme Frau oft bitterlich want, weil's Ihren Stolz und Ihre undankbare Eifersucht kennt. Wann das nit wär', hätt's den Herrn Grafen seine Verwendung gewiß nit unbenutzt lassen, denn sie hat ihre Kinder zu gern, als daß 's ohne Schmerzen sehen könnt', wie's verhungern. Dorn (schmerzlich heftig). Verhungern? — Unsere Kinder werden nicht Hunger leiden, wenn sie auch mit mir allein sind. Ich werde für Sie arbeiten. Sage das meiner Frau. Sage ihr, sie möge wegen dieser Rücksicht ihre künstlerische Carriere, welche ihr doch am höchsten gilt, nicht zerstören. Krisp. (erschrocken). Herr Dorn, das schaut fast wie a Strohsack aus, — den's Ihnerer Frau vor die Füß' werfen. Julie. Ich beb' den Strohsack ans und werd' schon wissen, was i damit z'thun Hab'. — Pfui Teure!! Wann a Frau mit ibr'm Mann 'sElend ertragt, wann's wegen sein Eigensinn ihre Kinder Noch leiden läßt, so verdient's wenigstens den Dank dafür, daß's der Mann erkennt. Aber na. Bei Ihnen is d'Eitelkeit z'groß, als daß be- greifeten, was Jhner Frau für Opfer bringt. Sie sein Direktor und schau'n Jhner Frau nur als erste Heldin an, — aber i kenn's als Mutter, i will's unterstützen dabei, daß ihr bei derer Roll nit endlich 'sHerz brechen muß. (Durch die Mitte ab.) Zehnte Scene. Dorn. Krisperl. Krisp. (wendet sich ab und trocknet sich die Thränen). Dorn (gezwungen lachend). Hahaha! Die Localsängerin hat eine pathetische Rede gehalten und sogar mein Spaßmacher ist davon gerührt. Krisp. Derzeih'ns, Herr Dorn, der -Ochsen«-Wirth hat mi mit an Seitl Heurigen tractirt, und weil i nimmermehr d'ran g'wöhnt bin, so rinnt er mir halt bei die Augen heraus. Dorn (legt die Hand aufKrisperl's Schulter). Sie sind ein braver, ehrlicher Mensch. Sie würden wohl bei mir bleiben, wenn meine Frau mich verlassen sollte? Krisp. Bis an's End' der Welt. Dorn. Nun wohlan, ich will Ihnen Gelegenheit geben, sich als Mann von Wort zu erweisen. Die Gesellschaft entlasse ich und von meiner Frau trenne ich mich. Krisp. Um Gottes willen! Das kann nit Jhner Ernst sein. Dorn. Wahrhaftig. Wenn meine Frau, wie Julie sagt, sv bitterlich weint, weil ich als Nebelwolke ihren Glücksstern verhülle, so will ich diese Thränen trocknen. Was die Kinder betrifft, so möge sie das Mädchen behalten, welches ohnehin kein Herz für mich hat, ich behalte den Knaben und werde für ihn zu sorgen wissen. Krisp. (jammernd). Das wird a bürgerliches Trauerspiel. Da thu' i nit mit. Dorn. Ein energisches Mittel, die Trennung hcrbeizuführen, soll mir der Vorwurf jener Eifersucht bieten, den ich so oft hören muß, nnd der vielleicht nicht unbegründet ist. Ich bedarf keiner Schonung, — meine Frau soll gehen müssen, weil sie doch nur aus Barmherzigkeit bleiben will. Krisp. Ich bitt' Sie, Herr Dorn, geben s den hochtragischen Gedanken auf. Dorn (bitter lachend). O, ich mein' es nicht tragisch, — glaube mir, Du spaßiger Pylades, wir werden ein recht lustiges Leben mit einander führen. Dein Orest wird nicht so blöde sein, daß er sich von den Furien peitschen läßt. Während meine Frau die Iphigenie spielt, werden wir vielleicht auf dem Seile tanzen, aber wir werden zufrieden sein, weil wir Niemand Dank schuldig sind. (Rechts ab.) Krisp. (allein). Das wird a Trauerspiel, auf was nit amal der Nestroy a Parodie machen könnt', wenn er noch lebet. Was fang' i denn an, daß der Hamlet g'scheit wird, bevor sich d'Ophelia in's Wasser II stürzt? —Halt! Ich hab's! — Die Kinder müssen mir helfen. Die Kinder versteh'« vom Hamlet nir, also werden's ihm a nit Recht geb'n, wann er ganz Dänemark durch sein' Narrheit ruinirt. (Links ab ) Eilfte Scene. Anna. Julie (durch die Mitte). Anna (aufgeregt). Nein, nein, Julie, Du wirst mich selbst durch den Beweis, daß mein Gatte gegen mich undankbar, nicht zur Vernachlässigung meiner Pflichten bewegen. Ach, er ist unglücklich und das Unglück macht ihn vergessen, was ich aus Liebe für ihn geopfert habe. Julie. Das is eine Entschuldigung, die man vielleicht gelten lassen könnt', wenn Sie allein bei ihm leideten, aber als Mutter müffen's anders reden. Entweder so oder so. Entweder muß er Ihnen nachgeben oder Sie der Nothwendigkeit. (Zieht ein offenes Brieschen aus der Tasche und hält cs Anna vor das Gesicht.) Kennen's die Schrift? Anna (betroffen). Es ist die Handschrift des Grafen Tellheim. Julie. Ja. Das is schon der sechste Brief, den i vom Herrn Grafen kriegt Hab', seit Sie ihm verboten haben, daß er an Ihnen selber schreibt. Anna. Wahrscheinlich wieder der gewöhnliche Inhalt. Julie. Nit ganz der gewöhnliche. Der Herr Graf schreibt dasmal sehr dringend, weil's Engagement in der Residenz beim Teure! is, wenn's Ihnen nit unter einer Wochen entschließen. Anna. O mein Gott, stärke mich! Sieh', wie ich zwischen den Pflichten der Gattin und der Mutter kämpfe. Julie. Die Mutter hat's Vorrecht. Lesen's den Brief und Sie wer'n seh'n, daß der Graf 'sNämliche schreibt. Zwölfte Scene. Vorige. Dorn. Dorn (ist indessen herausgetreten, eilt rasch hinzu). Was schreibt er? Was? Ich will ihn lesen. (Entreißt ihr den Brief.) Julie, (trotzig). Was Ihnen nir angeht, Herr Dorn, denn der Briefis an mi adressirt. Anna (bittend). Beruhige Dich, Heinrich, und glaube, daß ich bis zu diesem Augenblicke nicht gewußt habe — Dorn (befehlend). Still! (Bei Seite.) Die Gelegenheit ist da, welche unsere Trennung fördert. (Laut lachend.) Es ist die höchste Zeit, wenn Frau Dorn sich dem unwürdigen Schicksal entreißen will, welches ihr verblendeter Gatte— (bitter lachend) Hahahaha! Ja wohl war ich verblendet, als ich glaubte, die Künstlerin werde ihren Enthusiasten um mich vergessen können. Anna. Heinrich, Du thust mir weh. Dorn (überblickt den Brief). Dieses Schreiben athmet eine Besorgniß um dein Glück, welche nur der belohnten Leidenschaft entspringen kann. Anna (auffahrend). Der belohnten Leidenschaft? Kränke die Ehre deiner Gattin nicht, denn sie ist auch die Deinige. Dorn. Sie wird es nicht mehr sein. Wir müssen uns trennen. Julie (fröhlich). Gott sei Dank, daß's ihm selber einfallt. Anna. Uns trennen? Warum? Dorn. Weil ich Ihren geheimen Schmerz, von dem Ihre Freundin mich unterrichtet hat, nicht länger auf meinem Gewissen tragen will. — Ich bin nur ein armseliger Komödiant. — Sic waren eine gefeierte Künstlerin und sollen es durch den Entschluß, den ich gefaßt habe, wieder werden. Anna. Nein, nein, ich verlasse Dich nicht, Heinrich, selbst wenn Du meine Aufopferung mit Undank belohnst. Höre, was ich eben jetzt um Deinetwillen ausgeschlagen habe. 12 Dorn (spöttisch). War vielleicht Graf Tellheim hier und wollte Ihnen ein Geschenk machen? Anna (sehr ernst). Nein, aber mit Deinem Onkel habe ich gesprochen. Dorn. Mit meinem Onkel? Hier? Anna. Er bewohnt ein Landhaus in der Nähe, vor dessen Thür wir zusammengetroffen sind. Dorn. Boshafter Zufall! Du schändest mich vor dem, der sich über meine Schande freut. (Zu Anna.) Hast Du Dich ihm als meine Gattin zu erkennen gegeben? Anna. Unser Gespräch führte die Entdeckung herbei. Der Onkel hat mir den Antrag gemacht, mich mit unfern Kindern in sein Haus zu nehmen. Dorn. Hahaha! — daran erkenne ich den alten Sünder. Es ist ein Triumph für Dich, daß Du einem solchen Theaterfeind gefallen hast. Julie. Es kann ja auch Barmherzigkeit gewesen sein, weniger mit der Frau als mit den armen Kindern. Dorn. Die Barmherzigkeit meines Onkels kenne ich. — Verflucht, — daß Du mit ihm Zusammentreffen mußtest! Anna. Ich segne diesen Zufall, wenn er mir Hilst, dein Vertrauen wieder zu gewinnen. Dorn. Nein, Madame, nein, er gewinnt Ihnen mein Vertrauen nicht, — denn es konnte Ihnen nicht schwer fallen, die Anträge des alten Wüstlings zu resusiren. Julie (zornig). Jetzt wird's mir z'viel. Wann Sie a Mann wären, der auf seine brave Frau und auf seine armen Kinder denkt, so gingen's zu Ihrem Herrn Onkel selber hin und falleten ihm zu Füßen für sein' guten Willen. Dorn (lachend). Guten Willen? — Er will uns von einander trennen, weil meine Frau seiner Lüsternheit gefällt. — Doch ich komme ihm zuvor, indem ich dieseTrennung zu Gunsten Tellheim's acceptire. Anna (mit sich selbst kämpfend, stolz und entschlossen). Wohlan, es sei. — Weil Du mich verstoßen willst, — so nehme ich diese Verstoßung an. — Die Liebe zu meinen Kindern fordert es. Dreizehnte Scene. Vorige. Krisperl. Carl. Rosa. Krisp. (ist während der letzten Worte ringetreten). Da haben aber die Kinder a was d'reinz'reden. Alt na (umschlingt ihre Kinder). Meine Rosa! — Mein Carl! Ach! Ihr wißt nicht, was die Mutter um Euretwillen leiden muß. Krisp. Das wissen's Alles, denn ich Hab' den Kindern Alles g'sagt, was ihr Vater mir g'sagt hat. Anna (zu den Kindern). Ilnd was sagt Ihr? Rosa (sechs Jahre alt). Ich will bei Dir bleiben, Mama. Dorn. Das Hab' ich erwartet. — Aber Du, Carl? Anna (rasch). Carl bleibt ebenfalls bei mir. Carl (neun Jahre alt, halbtraurig, halb entschlossen). Nein, Mama, nein, — wenn der Vater Dich und Rosa nicht mehr hat, so müßte er sich ja gar zu verlassen fühlen. (Eilt auf Dorn zu.) Ich bleibe bei Dir, Papa. Dorn (ihn küssend). Du sollst es nicht bereuen, mein lieber Knabe. Julie (heftig). Das geht nicht. Der Bub is no viel z'klan, um sein Mutter nimmer z'brauchen. Krisp. Und 's Madel is no viel z'klan, um ihr'n Vätern nimmer z'brauchen. (Zu Dorn und Anna.) Um Gottes willen, männliche und weibliche Direction, machen's an frischen Contract mit einander, den Stempel zahl' i. Dorn (zu ihm). Bei meinem Entschluß bleibt's. Wenn Du ein wahrer Pylades bist, so wirst Du dem Orestes folgen. Krisp. Das thu i, aber wann wir vielleicht nach Tauris kommen, wo uns a wilder König fressen will — 13 Carl. Wir sind unser Drei und werden uns gegenseitig zu schützen wissen. Krisp. Wann wir aber vor Hunger schwach werd'n? Carl. O, wir werden nicht hungern. Ich kann allerlei hübsche Künste machen, dafür werden uns die Leute gut bezahlen. Krisp. (seufzend). Alsomach' ich halt den Kasperl dazu. Anna (feierlich zu Dorn). Ich kann Dir, dem Vater, nicht verwehren, wenn Du den Sohn behalten willst; aber ich mache Dich verantwortlich für die Gesundheit seines Leibes und seiner Seele. Dorn (kalt). Madame, seien Sie versichert, daß ich Kraft haben werde, für meinen Sohn zu arbeiten und nach Pflicht zu sorgen, wenn ich der Dankbarkeit gegen seine Mutter enthoben bin. Duckm. (von den Schauspielern gefolgt, erscheint im Hintergründe). Anna (eilt zu Carl). O Carl, einmal küsse ich Dich noch und gebe Dir meinen Segen für die lange Trennung mit. (Um. «rmt und küßt ihn.) Duckm. (tritt vor). Was geschieht hier? Vierzehnte Scene. Vorige. Duckmäusl. Schauspieler Dorn (unangenehm überrascht). Ha! seh' ich recht? — Mein Onkel? Duckm. (gezwungen freundlich). Dein Onkel, welcher von deiner Frau und diesen Personen (zeigt auf die Schauspieler) erfahren hat, wie übel es mit Dir steht. Bär. Ja, sehr übel. Meine leere Tabaksdosen zeigt's. Gift. Und mein leerer Magen kann es beschwören. Dorn (zu Duckmäusl). Ich wußte nicht, daß Sie aus der Residenz hiehcr gezogen sind, sonst hätte ich diesen Ort vermieden. Anna (sich erhebend zu Duckmäusl). Sie sehen uns im Begriffe zu scheiden, mein Herr. — Ihr Neffe trennt sich von mir. Duckm. (vergnügt zu Dorn). Ist das wahr? Dorn (sarkastisch lächelnd). Ja, es ist wahr, Herr Onkel, aber Ihr großmüthiger Plan wird dadurch nicht gefördert. Meine Frau geht in die Residenz, um dort wieder in Engagement zu treten. Duckm. (gedehnt). In die Residenz? — (Bei Seite.) Da gehen wir nach. Dorn (zur Gesellschaft). Ich danke der Gesellschaft für die geleisteten Dienste und verabschiede mich von ihr. Gift. Das heißt Entlassung. Aber wir haben Rückstände zu fordern. Dorn. Machen Sie sich mit Allem zahlhaft, was ich an Theatergarderobe und anderen Utensilien besitze. Ich nehme nur das Bewußtsein mit, als ehrlicher Mann gehandelt zu haben. Carl. Recht so, Papa. Wir werden uns schon wieder was verdienen. Anna (bewegt zu Duckmäusl). Mein Herr, die Ursache Ihres Hasses gegen meinen Gatten ist mit seinem Abschiede von der theatralischen Welt beseitigt. — Handeln Sie jetzt an ihm so großmüthig, wie Sie es an mir thun wollten. Dorn (sehr aufgeregt). Weg mitderGrvß- muth, — weg mit der Heuchelei auf jeder Seite! (Zieht Carl und Krisperl an sich.) Hier habe ich einen Freund und ein Kind, — dieseBeiden sind aufrichtig, darum fühle ich mich in ihrem Besitze reich. Duckm. (bei Seite). Wie, das gut geht! Wenn sie einmal getrennt sind, werde ich schon Mittel finden, mich ihr zu nähern. Anna (fast schluchzend). Geh, Rosa, bitte deinen Vater, daß er Dich zum Abschiede noch einmal küsse. Rosa (nähert sich Dorn mit gefalteten Händen). Krisp. (hebt Rosa auf chnd reicht sie Dorn hin, unter Schluchzen). Da haben Sie's. Dorn (küßt Rosa). Krisp. (tritt zu Julie). Du könntest mir wohl a letzt's Buß'l geben, weil i jetzt in der Komödie 's erste nimmer kriegen kann. Julie (ihn küssend). Da ist's, — aber verlang' nit, daß i dabei wanen soll, denn j bin ka sentimentale Liebhaberin, 14 Carl (Rosa umarmend). Gib mir auch einen Kuß zum Abschied, Schwesterchen. Anna (faßtRosas Hand).Carl, leb' wohl! Erinnere deinen Vater an uns, wie deine Mutter sich an Euch erinnern wird. Heinrich, wenn Du in mein Herz blicken könntest, würdest Du mir zurufen, wie ich aus voller Seele rufe: Gott sei mit Dir! (Während sie sich mit Rosa, von Julie gefolgt nach rücktswärts wendet, fällt der Vorhang.) Zweiter Act. (Eleganter Salon. Mittel- und Seitenthüren. Sopha. Stühle. Blumentisch.) Erste Scene. Graf Tellheim. Julie (durch die Mitte). Graf (junger, eleganter Mann, von liebenswürdigen Manieren, ohne Affectation, sagt ziemlich aufgeregt). Was fällt Dir ein, Julie, daß Du mir wie einem zudringlichen Gecken die Thüre verschließen willst? Du hast deine Gebieterin wohl mißverstanden, weil Du mir den Eintritt zu ihr verweigerst? Julie (freundlich, doch bestimmt). Nein, Herr Graf, ich mißversteh'meine Gebieterin niemals nicht und verweigere Ihnen den Eintritt zu ihr nach einem sehr deutlichen Befehl. Graf. Aber, mon äisu! ich habe ihr doch nichts Böses angethan. Julie. Wenn ein galanter Herr einer Schauspielerin zu viel Gutes thut, kann das ihrem Ruf schädlicher sein, als wenn er ihr was Böses thun wollt'. Graf. Verstehe! Dieser Grund ist nicht stichhältig, — denn die ganze Stadt weiß, daß ich deine Gebieterin nur als Künstlerin verehre. Julie. Die ganze Stadt kann das wissen und kann sich dabei doch denken, was g'freut. (Mit komischem Ernst.) Sie haben uns getäuscht, Herr Graf. Graf. Getäuscht? Wie so? Julie. Sie haben uns weiß gemacht, daß die Direktion dieses elegante Quartier für uns gemiethet hat. Die Direktion hat sich aber unvorsichtiger Weise »erschnappt, und so haben wir erfahren, daß Sie der elegante Quartiermacher sind. Graf (ärgerlich). Die Direktion ist ein Esel! Höre mich an, Julie. Es ist wahr, daß ich mir diese Freiheit genommen habe, aber ich wußte, daß Frau Dorn ohne Mitte! in die Residenz zurückgekommen ist. Julie (stolz). Wir haben unser Talent, das ist Mittel genug. Graf. Frau Dorn hatte sich in einer armseligen Wohnung einquartiert, welche höchstens für eine Handarbeiterin paffend wäre. Julie. Weil wir uns vvrgenommen haben, sparsam zu sein. Graf. Für wen? Julie. Für uns're Kinder. Graf (bitter). Und für einen undankbaren, eigensinnigen Mann, den wir nickt vergessen können. Julie. Den wir auch nicht vergessen werden, weil das unsere eheliche Schuldigkeit ist. Kurz und gut, Herr Graf, Sie haben durch Ihre heimliche Wohlthäterei unser Ehrgefühl verletzt, wir haben diese elegante Wohnung wieder aufgckündigt und das Mobilar steht Ihnen zur Verfügung. Graf. Soll mich der Teufel holen, wenn ich es zurücknehme. Julie. Na, so bleibt's halt da stehen. Sie sind aber zu viel honett, Herr Grat, als daß Sie uns durch Trutzigkeit in ein Stadtgespräch verwickeln sollten. Graf. Jedenfalls bin ich trotzig genug, um hier zu bleiben, bis deine Gebieterin mich noch einmal empfängt. Ich verdiene es nicht wie ein Schuljunge fortgeschickt zu werden. 16 Zweite Scene. Vorige. Anna (von links). Anna. Sie verdienen meinen wärmsten Dank, Herr Graf. Graf. Ah, da ist sie! (Will ihre Hand küssen.) Anna (zieht ihre Hand zurück und grüßt ihn zurückhaltend). Graf. Also selbst ein Handkuß ist mir nicht vergönnt. Anna. Es ziemt mir nicht, einen Handkuß von meinem Wohlthäter zn empfangen. Graf. Pfui doch, wie kalt! Julie hat mir gesagt, was die Ursache ist, und ich beklage aufrichtig, wenn ich Sie durch eine gute Meinung — Anna. Herr Graf, anJhrer guten Meinung zweifle ich nicht. Aber ich bitte Sie, auch das Pflichtgefühl der Gattin zu achten. Jhnenverdanke ichdie Möglichkeit, mir eine sichere Stellung in der Künstlerwelt, durch diese aber meinen Kindern eine sorgenfreie Zukunft zu schaffen. Das ist eine Wohlthat, welche sich nicht vergrößern läßt, ohne — mich zu beschämen. Sie kennen meine Verhältnisse, — die Eifersucht meines unglücklichen Gatten. Muß cs nicht meine höchste Sorge sein, jeden Verdacht fern zu halten, welcher diese Eifersucht berechtigen könnte? Die neue Stellung, welche ich Ihrer Protection zu danken habe, muß mir natürlich Neider schaffen, die jede Gelegenheit ergreifen werden, um mir zu schaden. Der größte Schade für mich wäre ein begründeter Zweifel in meiner Ehre. Graf (verdrießlich). Was ist der langen Rede kurzer Sinn, daß ich meine Besuche bei Ihnen einstellen soll. Anna. Ich bitte darum. Graf. Sie werden aber doch andere Besuche empfangen müssen, weil Sie Ihren Salon nicht für Jedermann verschließen können. Anna (lächelnd). Meinen Salon? Von morgen an werde ich wieder eine sehr bescheidene Wohnung haben, welche meinem Entschlüsse, in jeder Beziehung sparsam zu sein, entspricht. Graf. Sparsam, sparsam, — in der Residenz ist es für eine Künstlerin nicht möglich, ihren Etat gleich dem einer Handarbeiterin einzurichten. Anna. Ich erkenne das für meine Pflicht. Graf. Nun, wahrhaftig, dann erkenne ich es für meine Pflicht, Ihnen dabei nicht hinderlich zu sein. Ich verabschiede mich und werde dieses Mobilar holen lassen. Anna. Je früher, desto lieber, Herr Graf. Nehmen Sie die Versicherung, daß mein Herz dankbarer ist als meine Lippen. Graf (sich achtungsvoll verneigend). Adieu; (Durch die Mitte ab.) Dritte Scene. Anna. Julie. Anna (seufzt, setzt sich auss Sopha und verhüllt sich das Gesicht). Julie. I weiß, warum Sie seufzen, Frau Dorn, — Sie denken Ihnen, der Herr Graf sollt' mein Mann sein. Anna (heftig). Wie kannst Du mir einen solchen Gedanken zumuthen? — Hast Du mich je als hochmüthig kennen gelernt? Julie. Nein, aber als zartfühlend und für a zartfühlende Frau is die Galanterie g'wiß angenehmer als die Grobheit. Anna. Mein Gatte war nie grob gegen mich. Julie. Schickt er Ihnen aus Höflichkeit die Brief z'ruck, die's ihm so herzlich schreiben? Anna. Er hat mir die Briefe wohl nur darum zurückgeschickt, weil Geld darin enthalten war. Julie (sarkastisch). Und Geld haterg'nug! Anna. Den nächsten Brief werde ich unbeschwert absenden, da wird er ihn gewiß beantworten. Wenn ich nur erfahren könnte, wo er sich jetzt beflndet. 16 Julie. Ja, das wird schwer sein. So a unbestimmte Existenz wie dem Herrn Dorn seine wechselt gar oft den Platz. Der Krisperl schreibt a nit. — Wann er mir was Gut's z'melden hält', würd' er mi bei seiner Verliebtheit gewiß nit warten lassen. Anna. Wenn ich nur wüßte, wie es meinem lieben Carl gebt. (Steht aus.) Ich muß es ersahren. Ich muß mich bei der Polizei erkundigen. Julie. Saubere Ehr' sür ein Mann, wann seine Frau auf der Polizei ihre Erkundigungen einziehen muß. (Es klopft.) Anna. Man hat geklopft. Herein! Krisp. (erscheint in der Mittelthür). Julie (schreit aus). Ha,— der Krisperl! Vierte Scene. Vorige. Krisperl. Krisp. (trägt einen sehr komischen, aus lauter unpassenden Stücken zusammengesetzten Anzug und bemüht sich elegant zu scheinen, tritt langsam ein und grüßt mit halb dreistem, halb verlegenem Lächeln). Anna (eilt ihm entgegen). Sie kommen wie ein Engel, den meine mütterliche Sorgfalt gerufen hat. Sagen Sie schnell, wie es meinem lieben Carl geht. Krisp. Bleibt nir zu wünschen. G'sund wie «Fisch und lustigwieaAdarl. (Eidechse.) Anna. Hat er mir keinen Kuß geschickt? Krisp. Ja. Aber weil i das Buß'l Ihnen nit persönlich ausrichten kann, — so richt i's halt der Julerl aus. Julie (ihn küssend).. Das war dein Trinkgeld. Anna. Setzen sie sich und erzählen Sie mir nun Alles. (Setzt sich neben ihn.) Geht es meinem Gatten wohl? Krisp. (gezwungen). Ja, bleibt nir zu wünschen übrig, d. h. zum Wünschen bleibt am End' all'weil was. Julie. Wie man an dein'm Anzug bemerken kann. §krisp. Js er vielleicht net sauber? Julie. Für an Narren am Maskenball wär' er famos. Anna. Ich habe gehört, daß Heinrich bald nach unserer Trennung eine kleine Anstellung bei einem Gutsbesitzer erhalten hat. Krisp. Ja, er war Schreiber und i war als überzähliger Hausknecht, aber weil er dabei immer declamirt und ich alleweil Couplet g'sungen Hab', so haben wir bald unsere Entlassung kriegt. Anna. Was geschah weiter? Krisp. Wir haben uns wieder auf die Kunst verlegt. Der Herr Gemal is bei einer böhmischen Musikantenbande als Primgeiger angestellt word'n, i war Paukenschläger und der Carl Tschinelist. Anna. Armes Kind! Krisp. Die Eristenz wäre gar nit so übel gewesen, — aber der Nationalhaß hat uns verdrängt. Die Böhmen haben so lang kan Ruh' geben, bis wieder andere Böhmen an uns're Stell kommen sein. Also haben wir uns halt wieder auf die Menschendarstellung werfen müssen. Julie. Ihr seid's wieder Schauspieler wor'n? Krisp. Na, Photographen. Um unser z'samm'g'spart's Geld hab'n wir uns an Apparat kaust und sein damit auf die Dörfer umg'wandert, weil's dort no weniger Photographen gibt. — Wir sein uns bei derer Kunst recht gut g'standen, aber ein unglücklicher Zufall hat uns in gerichtliche Schwulitäten bracht. Julie. So? Das is a Ehr'! Krisp. Der Bürgermeister von an großen Dorf hat verlangt, daß wir'n pho- tographiren soll'n, wie er in seiner ganzen Amtswürde beim Fenster herausschaut. Gut, wir Haben s g'macht. Vor einer Menge Leut' sein die Bilder ausg'stellt wor'n, was war da im Hintergrund z'seh'n? — Dem Bürgermeister sein Weib, wie sie sich vom Wächter küssen laßt. War das a Spectakel! Statt daß der Bürgermeister sein Weib ein- g'sperrt hätt', hat er uns wetzen myralwi- 17 drigc Bilder einsperren lassen. Vierzehn Tag sein wir g'sessen, der Apparat is aus die G'richtskosten d'raufg'gangen, mit der Kunst war's vorbei. Julie. Hahaha! Das hätt' i seh'n mög'n, wie's Es miteinander brummt habt's. Anna (ernst). Du lachst und bedenkst nicht, daß mein Kind indessen ohne Schutz war. Krisp. Der klane Carl hat derweil bei der Bürgermeisterin ganz gut g'lebt, besser vielleicht als bei uns. Anna (rasch). Was wollen Sie damit sagen? Leidet mein Carl jetzt etwa Hunger? Krisp. Na, das nit, aber plagen muß er sich halt a bißl. Anna. Plagen? Womit? Krisp. (vrrlkgcn).Ja Wissens, FrauDorn, mitunter is halt nothwendig, daß a Kind sein'm kranken Vätern d'raushilft. Anna (steht rasch aus). Ist mein Gatte krank? Krisp. Er hat sechs Wochen lang hitziges Fieber g'habt, und schaut jetzt in der Re- convalescenz noch canariengelb aus. Anna. Warum haben Sie mir nichts davon geschrieben? Krisp. Weil ich nit riskiren Hab' wollen, daß er mich zum Teufel jagt. Julie. Beim Teufel könntest Dir vielleicht ein schöneres G'wand verdienen. Krisp. Was is 's schönste G'wand gegen die Freundschaft! Anna (schmerzlich). Also selbst in der Krankheit stößt er meine Hilfe zurück. Auf welche Weise aber kann ein Knabe von neun Jahren seinen Vater unterstützen? Krisp. (dreht den Hut). Sie derfen nit erschrecken, wenn i's Ihnen sag', denn es schaut g'fährlicher aus, als es wirklich is. Anna. Nun? Krisp. Der Klane tanzt auf'm Seil. Anna. Heiliger Gott, mein Kind, mein armer, lieber, holder Knabe! Und sein Vater ist unbarmherzig genug, um Lhtol«r-Aep. Pardon! Mnrrl (zornig). 2 brauch' kan Pardon, geben's a andersmal besser Acht. Gagler) „ , . Spreitz j Murrl. Lachen thun's a no? Gleich wirf i Ihnen a paar Kinder in's G'sicht. Spreitz (zu Gagler nobel). Hab'ich Dir nicht gesagt, ami, daß wir hier nur gemeine Leute treffen werden? Die Frau (gereizt). Na, jetzt gar so gemein sein wir nicht, wir g'hör'n zu der Mittelklasse. Murrl. Die am meisten Steuern zahlt) aber um das kümmern sich die Windbeutel nicht. (lachen sehr laut). Spreltzj ^ * Murrl (zu seiner Familie). Geh'n wir weiter, — denn wannidie Zwa Niederschlag, so werd' i no wegen öffentlicher Gemaltthä- tigkeit arretirt. (Rückwärts mit seiner Familie ab.) Gagler. Siehst Du, lieber Freund, das is ein Amüsement für Unsersgleichen, wenn man solche Spießbürger zornig macht. Spreitz. Man riskirt aber Scandal dabei. Adel, (nimmt rasch seinen Arm). Ich möcht' gern ein Gefrornes essen. Rosal. (faßt Spreitz's Arm). Und i a paar Frankfurter. Adel, (heimlich). Aber, Regerl! Spreitz (zu Gagler). LnLn! Führe Du Deine Dame zum Zuckerbäcker, ich werde die meinige zum Selcher führen. Gagler. Ihr Name, meine Holde? Adel Adelaide. Spreitz. Und der ihrige, wenn ich bitten darf? Rosal. Reg - (sich besinnend) Rosalinde. Pin kl und Harl (zwei Kappelbuben, find im Hintergrund erschienen, haben die Scene belauscht und treten nun rasch vor). Pi N kl (reißt Rosalinde an sich). Obst her« gehst! — (Zu Spreitz) Das is d'Schuster« reger! vom Liechtenthal, mein Schatz. Harl. (hatAdelaide gefaßt). Und das is d'Schneidernett'l vom Himmelpfortgrund, mei' Geliebte. Pinkl. HastDuDiwoll'n aufd'Noblige auffi spiel'n? Rosal. D'Nett'l hat den verrückten Einfall g'habt. Gagler (heimlich zu Spreitz). Mir haben uns blamirt. Harl (zu Gagler und Spreitz). Also weiter. S?ttitz! 22 Ptnkl (zu den Mädchen). Esseid's a paar saubere Wutzerln übereinanda, aber wir wollen Eng verzeih'n, warmes für uns die Zech zahlt's. Mädchen (rasch). Wir zahl'n schon. Harl. Juhe! Jetzt kann's lusti wer'n. So a Mariabrunner Kirchtag is halt do a recht a christlich's Vergnügen. (Alle jodelnd ab.) Achte Scene. Dorn (im Akrobaten-Eostüm tritt aus dem Zelte. Er trägt die sichtlichen Spuren einer kaum «berstandenen Krankheit, seine Stimme ist unsicher, seine Bewegungen zeigen Schwäche, er geht zu dem Pflocke, woran das Seil befestiget ist, prüft dessen Spannung und tritt dann vor). Das Seil ist gutgespannt, — wenn es nur nicht über den steinigen Graben liefe, aber es war kein anderer Platz zu finden! Ach, — mir bangt unt mein Kind, dennoch bin ich gezwungen, seine liebevolle Aufopferung noch eine kurze Zeit zu nützen, bis ich meine volle Gesundheit wieder habe. Dann aber nie mehr. — O, wenn seine Mutter wüßte! (Trotzig.) Fort mit dem Gedanken an sie, der mir auch ihren Protektor in's Ge- dächtniß ruft. (Sieht umher, mitbitteremLächcln.) Wo nur mein armer Pylades so lange bleibt. Ich fühle, daß Orestes verloren wäre, wenn ihn dieser einzige Freund verließe. (Steht, sinnend.) Neunte Scene. Dorn. Duckmäusl. Duckm. (kommt aus dem Hintergründe, sieht nach Dom). Da steht er. Meine Spione haben wahr berichtet, und ich darf die Gelegenheit seiner tiefsten Erniedrigung nicht unbenützt lassen. (Tritt vor und legt die Hand aus Dom's Schulter.) Dorn (sich wendend). Bist Du zurück, mein Pylades? (Erkennt Duckmäusl, heftig). Ha! — Sic auch hier? — Verfolgen Sie mich überall, wo Sie sich an meinem Unglück weiden können? Duckm. (sanft). Dein Unglück ist auch das meinige, weil es mir zur Schande gereicht. Dorn. Ja, zur Schande. Wären Sie meiner Leidenschaft für die theatralische Kunst nicht so unerbittlich entgegen getreten, hätten Sie mich im Beginn dieser Laufbahn unterstützt, — statt mich erbarmungslos zu verstoßen, dann würde ich meinem Berufe Ehre gemacht haben. Duckm. Lassen wir das! Meiner Ueber- zeuguug war ich es schuldig, — denn ich bin ein Feind der Schauspieler. Dorn. Aber nicht der Schauspielerinnen! — Man sagt Ihnen nach, Sie hätten in Ihrer Jugend ein Mädchen vom Theater unglücklich gemacht. Duckm. (bitter lachend). Unglücklich! Hahaha! — Wenn ich nichtfürchten müßte lächerlich zu werden, so würde ich Dir sagen, daß bei dieser Thorheit ich der Unglückliche gewesen bin. Seit wir uns zum letzten Male gesehen, habe ich Dir am deiner Laufbahn nachforschcn lassen. Dorn. Dann werden Sie wissen, daß ich viel gelitten habe. Duckm. Ich weiß es und — darum kommeich hieher, um Dir meine Hilfe anzubieten. Natürlich unter Bedingungen. Dorn (kalt). Lassen Sie hören. Duckm. Du gelobst mir feierlich, bei dem Glücke deiner Kinder, daß Du jeden Gedanken an die sogenannte Theaterkunst fahren lassen und Dick nnverweilt in's Ausland begeben willst, um bis zu meinem Tode dort zu bleiben. Dorn. Warum das? Duckm. Weil — ich will es Dir unverhohlen sagen, — weil ich mich Deiner schämen muß, so lange Du in der Heimat bleibst. Dorn (nach einigkm Sinnen). Hm! Sic haben wohl Recht (bei Seite) und wenn ich an meinen armen Knaben denke, — (laut) aber sind das Ihre einzigen Bedingungen? Duckm. Nein, ich fordere noch die Trennung von deiner Frau. Dorn. Sind wir nicht schon getrennt? Duckm. Ich spreche von einer vollständigen, gesetzlichen Scheidung. Dorn (ihn scharf beobachtend). Was bestimmt Sie dazu? Meine Frau ist ja doch eine Künstlerin, welche Ihnen keine Schande macht. Duckm. Sie ist Komödiantin. Dorn (sarkastisch). Dennoch haben Sie ihr einen Platz in Ihrem eigenen Hause angeboten. Wie reimt sich das zusammen? Duckm. Sehr gut. — In meinem Hause wäre sie eben keine Komödiantin mehr gewesen, und hätte ich das nur um der Kinder willen gethan. Dorn (sich ihm nähernd). Ich durchschaue Sie, Onkel! — Meine Frau hat Reize für Sie, deren Besitz Ihnen nur erreichbar scheint, wenn ich meine gesetzlichen Ansprüche daraus verliere. Duckm. (sich abwendend). Pah! Unsinn! — (Bei Seite.) Er bat einen scharfen Blick, aber seine Noth wird meine Pläne unterstützen. (Laut.) Nun, wie lautet deine Antwort? Dorn (fest). Nein! Nein! Duckm. (heftig). Du willstDich von einer Frau nickt scheiden lassen, welche Dick zum Hahnrei macht? Dorn. Das können Sie mir nicht beweisen. Duckm. Doch, doch. Ich wohne jetzt wieder in der Stadt, und die halbe Stadt spricht davon. Dorn. Graf Tellheim! Graf Tellhcim! Duckm. Der Graf hat für deine Frau einen kleinen Palast gemiethet und auf das Eleganteste eingerichtet. Dorn (schmerzlich). Anna! Anna! Duckm. Ja, ja. Rufe nur nach ihr, die Glücklicke hört auf den Ruf ihres unglücklichen Mannes nicht. Krisp. (ist im Hintergründe erschienen, tritt rasch vor). Das is Verleumdung. Zehnte Scene. Vorige. Krisperl. Dorn. O, Du kommst eben recht, mein Freund, um mich in den fürchterlichsten Qualen zu trösten. Mein Onkel bietet mir Hilfe an, wenn ich in's Ausland gehe, wenn ich mich von meiner Gattin scheiden lasse. — Kann ich das, darf ich das um unserer Kinder willen? Krisp. (energisch). Na, na, glauben's dem alten Rauwasch'l da ka Wort, wann er von JhnererFrau was Schlecht's erzählt, das woaß i besser. Dorn. Woher? Krisp. (bei Seite). I trau' mir's nit z'sagen, daß i bei ihr g'wesen bin, i muß mir mit einer Lüg' helfen. (Laut.) Die Iulerl is mir in Mariabrunn begegnet. Dorn. Und was hat sie Dir gesagt? Krisp. Der Graf Tellheim is ausputzt. Die Frau Dorn denkt an kein' andern Mann als an Ihnen. Wenn's zu ihr zurück kommen wollen, so steht Ihnen jeden Augenblick die Thür offen. Duckm. (boshaft). Um von den Ueber- bleibseln zu zehren, welche der Graf hinter- laffen hat. Dorn (rasch). Ich komme nicht zurück, niemals. (Zu Duckm.) Aber ich verwerfe auch Ihre Bedingung. Duckm. Damit dein Knabe auf dem Seile tanzen kann. Dorn (das Besicht verhüllend). Ach! Etlfte Scene. Vorige. Earl (aus dem Zelte). Earl (in Tricot von Silberdock gekleidet, springt lustig heraus und ruft). Da bin ich schon, Papa. Ich habe nun Sprünge gelernt, welche den Leuten gewiß gefallen werden. (Sieht Duckmäusl.) Ach, da ist schon wieder dieser häßliche Alte! 24 Dorn. Es ist mein Onkel, lieber Carl, der uns viel Geld geben wollte, wenn wir weit, recht weit fortgingen. Earl (bittend). Nur nicht gar zu weit, damit meine Mutter und mein' Schwesterchen uns nicht vergessen. Krisp. Na, na, wir bleib'n da im Vaterland und wer'n schon wiederamal auf ein' grün'n Zweig kommen, wann wir nur die G sundheit erhalten. Dorn.Nicht wahr, mein Kind, es würde Dir webe tbun, wenn Du nach meinem Tode als Fremdling zu deiner Mutter kommen müßtest? Carl. Sprich' doch nicht von deinem Tode, Papa, — und warum sollte ich als Fremdling zu meiner Mutter kommen? Dorn. Weil, wenn die Aelternvon einander geschieden sind, so ganz geschieden, — daß Sie nichts mehr als den Namen gemeinschaftlich haben, der Knabe nur dem Pater gehört und für seine Mutter fremd wird. Carl. Ach, da müßte ich vor Traurigkeit sterben. Dorn (hebt ihn aus die Arme und küßt ihn). Du sollst nicht sterben, Du mein liebes holdes, muthiges Kind, welches für seinen Vater arbeitet und duldet. — Gott wird meine Kräfte stärken, daß ich deiner Liebe danken kann, ohne mein Bewußtsein zu schänden. Ich werde deine Mutter nicht mehr Wiedersehen, wohl aber Du. — Und wenn Du sie wieder siebst, wirst Du ihr sagen können: — MeinVater wies den Reichthum zurück, — damit ich nach seinem Tode Dir nicht fremd werden soll. (Ab mit dem Knaben in s Zelt.) Krisp. (komisch heftig zu Duckmäusl). Wenn Sic das nit ergriffen hat, nachher sein Sie ka Mensch, sondern a Berchtesgadner Mandel, wo man's Dutzend um a Zehnerl kauft. — Es is Ihr Glück, daß i mi jetzt in mein Bajazzo-G'wandl werfen muß, sonst fanget ich ein' Scandal mit Ihnen an, daß der Hadersdorferbcrg vor Schrecken umfallet, — da falleren heut' glei' a paar tausend B'soffne mit. (Ab in s Zelt.) Duckm. (ohne auf KriSperl zu achten, ist sinnend dagestanden). Wenn es wahr ist, daß der Graf nicht mehr zu ihr kommen darf, — so muß sie einen reichern Soutteneur gefunden haben. Wenn dieser kein Adonis ist, so kann ich ihn vielleicht ausstechen. Ich will mit dem Versuche nicht zögern. (Eilt rechts ab.) Zwölfte Scene. Springfüßl, Adelaide, Rosalinde, Pin kl, Harl Murrl sammt Frau und Kinder, viele andere Festbesucher, in bunten, zum Theile sehr carikirten Anzügen, mit bekränzten Hüten, Tüchern an Stöcke gebunden. Manche in Hemd- ärmeln, mehrere sehr betrunken, Frauen mit aufgeschürzten Kleidern, Männer mit Weingläsern u s. w. kommen lärmend aus dem Hintergründe. Springs, (eine hagere carikirte Gestalt in abgetragener schwarzer Kleidung, weißer Lravate mit langen Zipfeln, zerrissenen weißen Handschuhen, ruft sehr laut und geschäftig). Hier, meine Herrschaften, ist der geeignete Platz zum im- provisirten Balle. Ich bin zwar nur gewöhnt, der baute-voles die Tänze zu arrangireu, aber zum Besten der Volks- Civilisation mache ich heute eine Ausnahme. Pinkl (lachend zu Haxl). Du, der Tanzmeister will uns civilisiren. Springs Wir beginnen mir einer Quadrille welche in einen Polka übergeht und mit einem sigurirtcn Cotillon-Walzer endet. — Es ist gleichsam ein getanztes Quodlibet von meiner allerneuesten Erfindung. Adel, und Rosal. Also anfangen, — anfangen! Harl (lachend). Denen kummt's schon in d'Füß'. Adel, mit . Pinkl i. , . ... T , treten emander vis-rr-vis Harl mlt, Rosal. > Murrl'sFrau. Alter,i muß a mittanzen. Murrl. Schämst divordcine Kinder nit. 25 Frau (deutet in dir Soulisse). Kinder, schaut's derweil den Wurstel an. Die Kinder (laufen fort). Frau (faßt Murrl am Arm). Wann's a vis-ä-vis brauchen, Herr Tanzmeister. Springs. Bitte, bitte, nur hieher. Murrl (kläglich). Als wann i heut'nit eh schon g'nug g'schwitzt hätt'. Springs, (fordert eine sehr dicke Frau mit zerdrücktem Federhut zum Tanz' ans). Darf ich um die Ehre bitten, Madame. Dicke Frau. I tanz' mich a bissel schwer mit meiner Dicken. Springs. Von mir geleitet, werden Sie wie eine Sylphide tanzen. (Trittmit ihr in die Reihe uud klascht in die Hände.) Also bitte UM Attention. s Komische Quadrille, welche nach dem zweiten Tarte in eine Polka, dann in einen lächerlich ngurirten Cotillon übergeht) Springs, (schreit beständig, schiebt seine Tänzerin hin und her, die Cotillonfigurcn verwirren sich. Allgemeiner Lärm und Lachen. Am Schlüße wird Springfüßel niedergeworsen. Komische Gruppe). Krisp. (als Bajazzo gekleidet, das Gesicht komisch bemalt, tritt mit einer Trommel aus dem Zelte). Springs, (springt zornig auf). Einmal hier Tanz-Arrangeur gewesen und niemals mehr. (Eilt fort.) Alle (lachen). Der Bajazzo kummt, der Bajazzo! Dreizehnte Scene. Vorige. Kris perl. Krtsp. (schlägt einen Wirbel und singt). Herrrreinspaziert! Herrrreinsvazicrt, Es gibt a große Hatz. Herrrreinspaziert! Herrrreinspaziert, A Zehnerl kost't der Platz. Sie werd'n die schönsten Künsten seh'n, Das bringt nur a Professor z'weg'n, Die höhere Gymnastik is Bei uns am allerhöchsten g'wiß. Herrrreinspaziert! Herrrreinspaziert! Weil glei' der Anfang is. Harl. Gengen wir eini, daß wir die Narren auslachcn können. Krisp. (bei Seite). Haßt's uns wegen- meiner Narren, wann's nur zahlt's. Harl und Pinkl (mit ihren Mädchen ab in's Zelt). Krisp. (wie oben). Herrrreinspaziert! Herrrreinspaziert! Wir tanzen auf'm Sal, Herrrreinspaziert! Herrrreinspaziert! Wir purzeln nit aufs Mal. Wir machen's gar politisch halt. Denn wann just Aner runterfallt, Und schlagt sich a paar Rippen ein, So glaub'n die Leut', es muß so sein. Herrrreinspaziert! Herrrreinspaziert! Ick schlag' die Trummel ein. (Trommelt sehr stark.) (Einige Andere gehen in das Zelt.) Murl. Da sollen wir unsere Kinder eini- führ'n. Frau. Na, lieber Alter, die Kinder derfen nit seg'n, wie a anders Kind sein Leben riskirt. (Zu Krisperl.) Nit wahr, — Sie haben a klan's Büberl dabei? Krisp. (seufzt). Ja, den Herrn Professor sein Sühn. (Trommelt und fingt.) Herrrreinspaziert! Herrrreinspaziert! A Künstler von nenn Jahr. Herrrreinspaziert! Herrrreinspaziert! Der springt als wie — (Sieht nach rechts, hält inne und sagt.) Um Gottes willen! Da kummt seine Mutter. (Singt.) Herrrreinspaziert! Herrrreinspaziert! A Künstler von — Murrl. Na, warum singt denn der Bajazzo nit weiter? (Aus der Arena wird die schmetternde Musikbegleitung zum Seiltanzcn hörbar.) Krisp. (bei Seite). Dort kommt sei' Mutter voller Aengsten g'loffen, und da d'rin geht schon d'Musik an. Der Klane tanzt schon auf'n Seil. Jfahr' ab. (Läuft in s Zelt.) 26 Murrl. Der Bajazzomuß verrückt wor'n sein, weil er auf amal so davonrennt. Anna (inner der Scene). Dort ist es! Dort ist es! Vierzehnte Scene. Porige. Anna. Julie (von rechts). Anna («lt auf die Bühne, angstvoll zn den Umstehenden). Nichtwahr, liebe Leute, hier ist die Arena, wo sich ein kleiner Knabe auf dem Seile producirt? Murrl. Ja, der Bajazzo hat grad' g'sungen davon. (Man hört in der Arena applaudiren und Bravo rufen.) Anna. Sie rufen Bravo, während mir das Herz bricht. (Will in s Zelt.) Julie (hält sie zurück). Warten's, Frau Dorn, — aus derer Ueberraschung könnt' a Unglück entstehen. Earl (erscheint mit einer Balanzierstange am Gnde des Seiles, Küsse werfend). Murrl. Da tanzt er ja, der Klane. Anna (sieht hinauf, schreit laut). Earl! Earl (wendet sich, verliert das Gleichgewicht und stürzt). Alle (auffahrend). Ha! er is g'stürzt! Anna (stößt einen unarticulirten Schrei aus, und sinkt kraftlos zusammen. — Pause.) Julie (Anna unterstützend). O Du himmlische Barmherzigkeit! Warum hab'n wir g'rad' in dem Augenblick'kommen müssen! Dorn (in der Arena verzweifelnd rufend). Mein Knabe! Todt! Todtl Fünfzehnte Scene. Vorige.Krisperl mit Carl.SpäterDorn. Krisp. (ohne Trommel, den leblosen Knaben auf den Armen, eilt heraus und ruft schluchzend). Da bring' ich unfern klan'n Verunglückten! — Wenn er sterben muß, so soll er wenigstens am Herzen seiner Mutter sterben. Alle (erstaunt). Seiner Mutter? Anna (sich halb aufraffend und den Knaben an sich pressend). Mein Kind! Seine Augen sind geschlossen! Seine Pulse starr, sein Herz will zu schlagen aufhören. Dorn, (tritt wankend aus dem Zelte mit gefalteten Händen). Anna! Anna (die Hand wie zum Fluch gegen ihn ausgestreckt). Weg! weg! — Den Zorn Gottes ruf' ich ans einen herzlosen Vater! (Passende Gruppe.) Der Vorhang fällt. Dritter Ärt. (Zimmer in der Wohnung des Herrn Duckmäusl.) Erste Scene. Duckmäusl, Mich! (kommen von rechts). Duckm. (in einen Schlafrock gehüllt, er ist in sehr gedrückter Stimmung und sagt fast kläglich). Du bist ein boshafter Mensch, Mick!. Warum sprichst Du immer nur von Dingen, die mir unangenehm sind? Michl (ein plumper Mensch mit boshafter Mene, ist in einfacher Livrse gekleidet, sagt kurz und trocken). Weil i a Freud daran Hab', wenn sich Euer Gnaden giften. Duckm. Warum hast Du eine Freud' daran? Michl. Weil Euer Gnaden kein Testament machen wollen, wo mir a gut's Legat für meine langjährige treue Dienstleistung ausg'setzt is. Duckm. (heftig). Ich will kein Testament machen, — weil ich mich noch gesund und kräftig fühle. — Was aber deine langjährige Dienstleistung betrifft, so hast Du dabei sehr behaglich eristirt. Michl. Saubere Behaglichkeit, wenn man 's ganze Jahr zu kaner Unterhaltung kummt. Duckm. Komme ich selbst zu einer Unterhaltung? Lebe ich nicht wie ein Einsiedler? 27 Michl. Das is Ihner eigene Schuld. Warum haben's nit zum Heiraten g'schant. Duckm. Weil ich in meiner Jugend betrogen worden bin, und die Weiber fürchte. Michl (spöttisch). Hören's auf! Wann's Ihnen fürchten; warum möchten's denn nachher mit aner Schauspielerin anbandeln ? Duckm. (auffahrend). Wer hat Dir das gesagt? Michl. Mein Verstand. — A Dutzend Brieferln Hab' i schon zu der Madame Dorn bintragen. Duckm. Weil sie die Frau meines Neffen ist und ich mich nach dem Befinden ihres verunglückten Knaben erkundigen wolle. Michl. O der klanc Vua is schon lang aus der G'sahr. — Aber der Madame Dorn ihr Stubenmad'l hat mir beim letzten Brief'! g'sagr, — Sie möchten amal mit Ihren Zudringlichkeiten aufhören. Duckm. (bei Seite). Verdammtes Dienst- boteuvolk! Michl. Sie hat mir a g'sagt, es war' schöner, wann's Jhnern armen Vettern auf- sucheten, von dem seine Frau nir mehr wissen will, damit er nit vor Elend und Verzweiflung z'Grund geht. Duckm. Warum hat er sich von ihr nicht scheiden lassen, jetzt könnte er im Auslande herrlich leben. (Trotzig.) Nein. nein. — Ich werde für diesen Lumpen nichts mehr lhun, seine Frau aber möge Zusehen, ob sie nicht meiner Wohlthaten einstens bedarf. Michl. Das muß i sagen, wann i a Frauenzimmer wär', für Jhnerc Wohlthaten kriegetens ka Bussel. (Es klopft.) Duckm. Wer klopft? — Geh' hinaus und sage, daß ich für Niemanden zu sprechen bin. Michl. (will gehen). Zweite Scene. Vorige. Lachgern. Lachg. (alt, rüstig, lebhaft, mit geröthetcm Gesicht, stattlich bürgerlich gekleidet, öffnet die Mittelthür und ruft in lachendem Tone:) Mit Verlaub, — logirt da der Herr von Duck- mäusl? Michl (auf Duckmäusl zeigend). Ja, aber er ist nit zu sprechen. Lachg. (tritt ungenirt ein). Hahaha! — So a Ausred' gibt's bei mir nir. — Mein Compliment, Herr Duckmäusl! Duckm. (verdrießlich). Mit wem Hab' ich die Ehre? Lachg. Die Ehr' is meinerseits, wie man gewöhnlich sagt. Hahaha! — Der Ehriüian Lachgern bin i. — Der lustige Schifflnafter bin i aus der Spillau. — Hahaha! — Gelten's, das hatten's Ihnen nit vorg'stellt, daß a solche Ueberraschung erleben? Duckm. Ich kann mir wirklich nicht enträthseln — Lachg. (lachend). Natürli! Wir hab'n uns ja sein Lebtag no nit g'sehn. Hahaha! Aber i bin so a Kerl, den ma auf's erste Mal glei kennt. — A lustiger Kerl. — a g'sunder Kerl, — und wann's nothwcndig is, — a kecker Kerl. Michl. Ja, sonst hatten's auf s Hereinsagen g'wart. Lachg. (sieht nach Michl). Was is denn das für a gagelbamene Figur? Duckm. Mein Bedienter. Lachg. Also sein's so gut und machen's ihn unsichtbar, — weil i vor'm Bedienten nit über Familienangelegenheiten reden kann. Duckm. (betroffen). Familienangelegenheiten? Lachg. Ja— Sie werd'n Ihner wundern. Hahaha! — I bin in die G'schickt einikummen wie der Pontius Pilatus in's Credo. — Das macht mei Gutherzigkeit und mein Lustigkeit, hahaha!— Aus Gut- 28 Herzigkeit Hab' i an halbvcrruckten ehemaligen Theaterdirector Unterstand geben und aus Lustigkeit sein'n G'spaßmacher a no dazu, weil i über den so viel lachen kann. Duckm. (bei Seite). Jetzt begreif' ich. (Laut.) Geh' hinaus, Michl. Mickl (trotzig). An alten Diener, der zu- gleich Vertrauter is, schickt man net glei so kurzweg aussi. Duckm. (heftig). Geh', Hab' ich gesagt. Michl. Und was g'schieht, wann i dableiben will? Lachg. (lachend). Ka Unglück net, aber a Luftfahrt ohne Ballon. (Packt Michl, hebt ihn halb auf und drängt ihir laut lachend hinaus.) Dritte Scene. Vorige, ohne Michel. Lachg. Hahaha! — Jetzt erlauben's, daß i mi niedersetz, denn unter a paar Stunden wer' i mit meiner G'schicht net fertig. (Setzt sich.) Duckm. (sich setzend, kalt). Damit Sie schneller fertig werden, will ich Sie der Einleitung überheben. Es handelt sich wahrscheinlich um meinen Neffen Heinrich Dorn? Lachg. Ja, so haßt der halbverruckte arme Teufel. Duckm. Sie nennen ihn halbverruckt. Ist das wörtlich oder figürlich zu nehmen? Lachg. Wörtlich, sehr wörtlich. — Hahaha! — I mach' mir völli a G'wiffen d'raus, daß i no um kan Doctor g'schickt Hab', der sein'n Kopf untersucht. — Aber i denk' mir, vielleicht is's nur a Uebergangcl, > und nachher is er a ka g'fährlicher Narr, er declamirt nur all'weil, als wann er um's Geld Komödie spielet. Duckm. Hätte er an's Komödiespielen nie gedacht, so stünde es besser mit ihm. Lachg. Ja, das will iglauben. Hahaha! — Aber jetzt is amal 's Unglück g'scheh'n und man kann an Mitmenschen nit verhungern lassen, wenn er eh' schon g'straft is. Duckm. Auf welche Weise ist er zu Ihnen gekommen? Lachg. Hahaha! Das war unbändi g'spaßi! — Stellen's Ihnen vor, i bin vor vier Wochen mit meiner Familie am Ha- dersdorfer Kirchtag g'wesen, — denn wo's lustige Remasori gibt, da thu' i gern mit. —Es war schon bald Mitternacht, d'Eisen bahn hak schon den letzten Zug voll Rau- schige hercing'führt g'habt, da Hab' i mein Zeugl aus'm Wirthshaus g'holt, und bin mit meiner Bagage auf der Hütteldorfer Straßen hamkutschirt. — Auf amal hör'n wir an Hilfschra, — als Menschenfreund spring i natürli vom Bock, laß meiner Alten derweil 's Latseil in der Hand und schau hin, was g'scheh'n is. Da liegt seitwärts ^auf der Straßen a Mann, der sein Kopf all'weil an d' Skalier haut, als wann er'n mit G'walt zerbrechen wollt',— neben ihm steht an Anderer, der sich vor lauter Angst nit z'rathen waß. — »Es seid's b'soffenc Lumpen übereinander,« Hab' i sag'n woll'n, aber da hat der Ane d' Hand aufg'hob'n und hat mir zug'rufen: »Um Gottes will'n helfen's uns, — mein armer Freund wird verrückt.« (Pause ) Es waren richtig kane B'soffenen, — es waren a paar Unglückliche, die i damals auf mein Zeugel g'nom- men Hab', und die schon vier Wochen lang jetzt bei mir als Gäst' logiren. (Wischt sich die Augen, lacht gezwungen.) Hahaha! Duckm. (nach einer Pause). Wissen Sie, wie das Unglück gekommen ist? Lachg. Ja, der G'spaßmacher hat mir später Alles erzählt. Hahaha! — Das is gar a lustiger Kerl. — Wann er über sein'n Freund lachen muß, schäm er d'rein, daß i lachen möcht', und wann er über Ihnen recht gottsjämmerlich schimpft, da muß l mir vor Lachen völlig den Bauch halten. Duckm. (bitter). Ich gratulrre Ihrem Bauch zu diesem Vergnügen. Wissen Sic aber auch, wie mein Neffe seine Strafe verschuldet hat? Lachg. Freili waß ich's. Er hat sein klans Bübl aus'm Seil tanzen lassen, 's Bubl is 29 aufn Ruf von seiner Mutter 'runterg'stürzt und hält' sich bei ein'mHaarl 's G'nack ab- g'stoßen. — Hahaha! — D'rum is halt a Glück, daß die Kinder Schutzengeln hab'n. Wir Zwa wär'n von so an Plumser maustodt. Duckm. Die Mutter hat ihr Kind mitgenommen, behält es bei sich und will von ihrem Manne nichts mehr hören, so wie ich von ihm nichts mehr hören will. Lachg. (springt vom Stuhl auf). Sie müssen aber, — Kreuzfikerlot! — Sie müssen! Duckm. (steht aus). Mein Herr — 8achg. Ob's per Herr oder obs per Kerl mit mir disk'rir'n, das is, wie mein böhmischer Oberknecht sagt: Schesko jedno.-— I geh' amal nit aus Jhnern Zimmer, bc- vor's mir net das versprochen haben, was mir Jhnern Neffen sein' Frau versprochen hat. Duckm. Seine Frau? Sie waren also bei ihr? 8achg. Obi bei ihr g'wesen bin und ob i a bißl von der Leber weg g'red't Hab'.— Hahaha! — I Hab' so lang g'red't, bis i üockha sri war. Duckm. Das bemerkt man eben nicht. Lachg. Abcr g'nutzt hat's. D'Frau Dorn hat mir's Wort geb'n, daß auf der Stell an Fiaker nehmen und mit ihr'n Kindern zu ihren unglücklichen Vätern 'nausfahren will. Wann Sie's nit glauben, i Hab' a Zeugin mitbracht, die im Vorzimmer b'raußt wart. Duckm. Eine Zeugin? Wer ist das? Lachg. Ehemals war's Localsängerin, — und jetzt is Stubenmadl. Duckm. (ärgerlich). Diese kecke Person. Lachg.Kcckmag's vielleicht sein, aber dabei is sie a lieber Schatz. I hab's mitbracht, damit's mir bei Ihnen hilft, wi/S mir bei ihrer Frau g'holfen hat. Duckm. Eine ganz vergebliche Bemühung. Lachg. Das werd'n wir seh'n. (Oefsnet die Mittelthür.) Kummen's herein, Mamsell, — i bin schon mitten in der Schlacht. Julie, (tritt ein). Lachg. (drängt Michel, berauch gern herein will, zurück). Du bleibst draußen. Vierte Scene. Vorige. Julie. Duckm. Diese Zudringlichkeit wird unverschämt. — Was will man eigentlich von mir? Lachg. Was man will? Reden Sie jetzt, Mamsell, — daß i a wengerl Athem schöpfen kann. Duckm. (zu Zulie). Aber kurz. Julie (tritt vor, energisch). Es braucht ka lange Red', Herr von Duckmäusl, — um das zu sagen, — was Jhner Schuldigkeit is. Weil's gegen Jhnern Neffen von seiner Kindheit an herzlos gewesen sind, d'rum hat er ja zu Ihnen ka Herz haben können, d'rum is er eigensinnig und unglücklich wvr'n, d'rum muß er jetzt büßen. Sie sein der Mitschuldige, also müssen's a von der Buß' was auf Ihnen nehmen. Lachg. Ja, der Hehler wie der Stehler. Duckm. (heftig). Das wird mir zu toll. Am Ende hätte ich die Schuld, daß der Bruder Liederlich der Komödiantin nachgelaufen is. Julie (gereizt). Reden's von meiner gewesenen Kollegin mit mehr Respect. — Gar mancher noble Herr hat von der Theaterwelt so g'redt wie Sie, aber hamli hat er sich do net g'schamt, a saubereKomödian- tin zu seiner Geliebten zu machen, — indem er ihr vom Heiraten was vorg'logen hat. Lachg. Ja, so hamliche Hcrr'n soll's in der Naturg'schicht mitunter geb'n. Duckm. (betroffen). Was will die Mamsell mit ihrer böswilligen Anspielung sagen? Julie. Da is gar nirBöswillig's dabei, denn i red' von aner wirklichen G'schicht'. (Heftig.) Meiner eigenen Mutter is es paffirt, sonst wär ick eigentlich gar nickt auf d'Welt kommen. Lachg. (galant) Aber das war' süp d'Welt a Malor, so Duckm. (fleht fiegrofl an). Ihrer eigenen Mutter, sagen Sie? — Darf man fragen, wo Sie auf die Welt gekommen sind? Julie. Bei einer wandernden Schauspielergesellschaft in Korneuburg. Duckm. (bei Seite). Die Umstände treffen zu. (Laut.) Und der Name Ihrer Mutter? Julie. Barbara Spitz. Duckm. (zuckt heftig zusammen und wendet sich ab). Lachg. Hahaha! Das muß a Nam' sein, den der gnädige Herr nit leiden kann. — (Zu Julie.) Sie sein also, wie man poetisch sagt: ein Kind der Liebe. Jul. Von meiner Mutter aus, aber men,' Vätern seine Liebe war Betrug. Erst hat er ihr's Heiraten versprochen, nachher bat er nir davon wissen wollen. Wie aber mein' Mutter aus Verzweiflung an Andern sein Werb wor'n is, da hat er über Untreu' g'schrien, damiter sich nur selber weiß brennt. — Pfui Teurel! — Mein' Mutter is g'storb'n, wie i neun Jahr' alt war, mein Stiefvater a Jahr später. (Mit Affect.) I hält' in der Welt verkümmern müssen, wann sich die Komödianten nit meiner erbarmt hätten, — die der gnädige Herr aus Verachtung so titulirt. — I g'hör' nit mehr zu ihnen, aber i lass'unsere Leut' nit schimpfen, von denen i Wohlthaten g'nossen Hab'. Lachg. Die Person is a Schatz. Duckm. (mit halber Stimme). Wissen Sie auch, wer Ihr Vater gewesen ist? Julie. Na! — I waß nit amal sein Nam', weil mein' Mutter sogar den hat vergessen wollen. Duckm. (bei Seite)- Also bin ich gesichert. Aber eine sonderbare Empfindung ist es doch, welche sich da meiner bemächtigt, — ich war immer so einsam, — soll ich denn auch einsam sterben? Lachg. (vergnügt). Mamsell, Sie sein schon d'rechte Hilfsarmee, — wann wir jetzt z'sammhalten, so bringen wir den Herrn von Duckmäusl soweit, daß er in meinZeug'l einsteigt, wasi unten steh'n Hab', Md mit uns zu sein' verrückten Neffen fahrt. Julie. DaS müssen wir durchsetzen, eher gengen wir gar nit aus dem Zimmer weg. Duckm. (bei Seite). Ich bin es ihr schuldig. Julie. Also reden' s, Herr von Duckmäusl, — wollen's Ihre Unbarmherzigkeit gut machen? Um den Preis könnt' i sogar mein' eigennützigen Vätern verzeih'n. Duckm.. (rasch und bewegt). Ich gebe nach! — Ich gebe nach! Lachg. (freudig). Jetzt wird's lusti! — Wann i heut' no recht lachen kann, so verdank' i das nur Ihnen, Mamsell. Duckm. (fleht scheu nach Julie). Ja, nur Ihnen, — nur Ihnen! Ihre Geschichte hat mich weich gemacht, es wäre mir lieb, wenn Sie für meine Nachgiebigkeit weniger übel von Ihrem Vater denken möchten. Hören Sie, Mamsell, das wäre mir lieb. (Links ab.) Fünfte Scene. Lach gern. Julie. Lachg. (sehr lebhaft). Jetzt wert)' i glei' mein Zeuget Herrichten. Aber halt, no Geduld. Bis der Herr von Duckmäusl in sein' G'wand steckt, könnten wir Zwa noch a Menge mit einander reden. Julie. Sie sein so a kreuzbraver Mann, Herr Schiffmeister, daß i mit Ihnen red', wie mir der Schnabel g'wachsen is. Lachg. Bravo! Das g'freut mi. (Lacht ) Sagen's mir, liebe Mamsell, es is vielleicht dalket, daß ich a g'wesene Localsängerin um so was frag', aber i möcht's halt wissen. (Sehr vertraulich.) Hab'n's schon amal an Liebhaber g'habt? Julie. Freili Hab''i an g'habt, —i hätt' ihn eigentlich von Rechtswegen so no. Lachg. Wer is denn der Kerl? Julie. Wann's gisti wer'n, sag' i Ihnen's nit, denn Sie kunnten ihm vielleicht was thun. Lachg. Wenigstens prügeln. Julie (lächelnd) Lassen wir mein'Lied- Haber derweil auf der Geilen liegen und reden wir nur von Ihnen. Lachg. (leidenschaftlich). Ja nur von mir, — ob's mi für ein' dummen Kerl halten oder nit. i Hab an Ihnen an Narren g'fressen. Julie. Das is mir sehr schmeichelhaft, aber Sie sind ein verheirateter Mann, also darf i mi von Ihnen nit fressen lassen. Lachg. Wenigstens kosten. —Schaun's, liebe Mamsell, es is freili wahr, daß i verheiratet bin, — aber nur unser Herrgott könnt' in seinen unerforschlichen Rathschlüffen — Julie. Ihre Frau vielleicht sterbenlaffen? Lachg. I will's als guter Ehemann nit wünschen, aber übertragen wär'sgnua dazu. Julie. Sä)ön, Herr Schiffmeister, — soll i aufden Tvd von JhnererFrau warten? Lachg. Es warten ja oft ganze Völker und kriegen nit amal an Mann dafür. Julie (beiSeite). I muß nur an G'spaß d'raus machen, sonst kommt er mir z'itark in Ernst hinein. - (Laut.) Hahaha! Ver- gessen's net, Herr Schiffmeister, daß i beim Theater g'wesen bin. Ich verlang von mein' Liebhaber theatralische Talente. Lachg. Wann's glauben, daß i was lernen kann, so werd' i auf a Weil Statist im Burgtheater. Julie (lachend). Na, na, als Statist wurden's wenig lernen. Lachg. Also geben Sie mir Unterricht. Julie. Das will i probiren. Aber i woaß im Voraus, — daß Ihnen die theatralische Manier nit eingehen wird. Lachg. Liebe kann Alles. Duett. Julie. Zum Beispiel auf an Ritterscklvß Da sitz' i ganz betrübt, Weil der zu mir net eini darf, Der mich so feurig liebt. Mein Ritter aber, spät auf d'Nacht, Hat mit sein Schwert an Weg sich g'macht, Im Angel knarrt die Thür, Mein Ritter steht vor mir. Lachg. (theatralisch ritterlich). I kumm als der Ritter Bei Nacht und Gewitter Und wirf' a paar Knappen Gleich hin auf die Pappen, I hupf zu Dir eini Und schrei: Du bist Meint, Und hau' glei mein Schwert Voller Jubel um d' Erd'. Julie: Das wär' schon g'fehlt, a Ritter braucht Mehr sanfte Schwärmerei, Er schaut die Maid nur an und macht Verdrehte Aug'n dabei. Er singt ihr vor a Minnelied, Indem er d' Harfen rührt. Lachgern: Na, 's Aug'uverdreh'n, das triff i schon, Wann i dabei nur scheangeln kann, Und wegen dem bisserl Minnesang Da is mir a nit bang. (Singt komisch schwärmerisch, mit Geberdm die Harfe spielend.) O Maidlein auf dem Thurme, Du wohnest gar so hoch, Ich komme trotz dem Sturme Zu deinem Fenster doch, Und krieche trotz dem Wurme Durch's allerkleinste Loch. Julie (lachend). Das wär' a schöner Minnegesaug, Da würd' mir ja zum Schwitzen bang. Lachgern. 0 Maidlein auf dem Thurme — Julie. Um Gottes willen, hören's auf. Lachgern. Ich krieche gleich dem Wurme — Julie. Nur nit zu mir herauf. Lachgern (lachend). Das is halt a verflirte G'schicht', 1 bin nit für's Theater a'richt'j 32 I glaub' schon fast selber auf Ehr', Daß i als Ritter zum Auslachen wär'. Julie. Ja wirkli', zum Lachen. Lachgern. Was laßt sich da machen? Beide. Hahahahaha! L'?°ch.! f«r Zw°. Julie. I sitz' als Fräulein Roccoco Am seid'nen Canape, Und trink' aus der Chineserschale An' schwachen Milchkaffee. Da kummt a gar galanter Herr, So fein, als wenn er drechselt wär', I halt' mein Fächer für Mein Seladon ist hier. Lachgern (affectirt, respektvoll). Als Herr mit'm Zöpfen Da thu' i fein klopfen, I mach' a schön's Buckerl, Bin süß wie a Zuckerl, I stink' von Pomadi, Und 's Handerl wird g'sckleckt Voller tiefstem Respekt. Julie. A feiner Roccologalan Bleibt nit so dalket steh'n, Er muß viel mehr beweglich sein, Und hupfen mehr als gehn, Er singt mir vor a Schäferlied, Und blast a d' Flauten mit. Lachgern. Na 's Hupfen bring' i a no z'weg'n, I Hab' ja schon g'nua Gasböck g'seh'n, Vor'm Flautenspicl und Schäferg'sang Da is mir a nit bang. (Singt in idyllischer, Roccocomanikr, währender beständig hüpft,, und in den Pausen zwischen dem Hesange das Flötenspiel imitirt.) Philis im Rosenkleid, Dideldideldidel — Hast Du zum Küssen Zeit, Didel rc. Schau deinen Dämon an, Didel rc. Bin i kein schöner Mann? Didel rc. Hör' nur mein Liedel So voll Gefiedel, O Du verstehst mich schon. Didel rc. Julie (lachend). Das wär' a Schäfergesang. Lachgern. Didel rc. Julie. Da wurd' mir angst und bang. Lachgern. Didel rc. Soll i no blasen lang? Julie (stark verneinend). Didel rc. Lachgern. Das is halt a verflixte G'schicht', I bin nit für's Theater g'richt', I glaub' schon fast selber auf Ehr', Daß i als Schäfer zum Auslachen wär' (Schluß wie in der dritten Stophe.) (Repetition.) Julie. I steh' am Berg als Almadirn Und schau hinab in s Thal, I wart' am schönsten Jagabuam, Der kummt auf jeden Fall. Wann's d'runt' im Dörfl ackti läut', Da is mein Bua g'wiß nimmer weit, Mi brennt's im Herzen schier, Mein Jager knmmt zu mir! Lachgern (sorcirt, plump und stürmisch)' A zärtlicher Jager Is g'wöhnli recht mager, Das kummt von die Hitzen, Vom Krareln und Schwitzen. 33 Er stolpert auf d'Alma, Und zwischen die Kalb'n Als kecker Schwerack Nimmt er 's Derndl beim G'nack. (Umschlingt ihren Hals.) Julie (sich losmachend) Warum nit gar, a Jagerbna, Der is nit glei so keck, Er legt, wann er zum Dirndl kummt, Sein Stutzen früher weg. Und wann er hätt' a Bufferl gern, Da mußt erst g'jodelt wer'n. Lachgern. ^ Na, das wird wohl ka Kunst nit sein, I find' mi schon in's Speanzeln d'rein. Und weg'n dem bißl Almag'sang Da is mir a nit bang. (Thut, als ob er sein Gewehr ablegte, setzt seinen Hut schief auf's Ohr, steckt die Hände in die Armlöcher der Weste, singt in ländlicher Weise tänzelnd und jodelt dazu, wobei er oft um- " schlägt und den Athem verliert.) Derndl, mein Sterndl, Di Hab' i so gern; Und i möcht', wann Du möchtest, Dein Hcrzblattel wer'n. (Jodler.) Julie (lachend). Ich bitt' Ihnen, hörn's auf, hörn's ans, Sonst geh' i noch vor Lachen d'rauf. Daß 's wissen, wie's a Dirn hat gern, Soll'ns mi jetzt jodeln hörn. (Singt einen kräftigen Jodler.) Lachgern. Das is halt a verflirte G'schicht, I bin nit fürs Theater g'richt, I glaub' schon fast selber auf Ehr', Daß i als Jager zum Auslachen wär'. (Schluß wir früher, dann Beide durch die Mitte ab.) Verwandlung. (Gegend an der Donau. Im Hintergründe der Fluß. Jenseits des Flusses Auen. Vorn rechts das Wohnhaus des Fischers. Links Holzhaufen.) Sechste Scene. Dorn. Krispcrl (beide sehr ärmlich, ohne Kopfbedeckung aus dem Hause). Dorn (tritt rasch heraus mit flatterndem Halstuch, unheimlich blickend und mit theatralischem Pathos). Folge mir nicht, Pylades.Jch habe mit Iphigenie unter vier Augen zu sprechen. Krisp. (komisch kläglich, bei Seite). Jetzt bild't er sich schon wieder ein, daß er der Orestes is. (Laut.) Lieber Herr Dorn, wir sein ja nit in Tauris, sondern in der Spittlau,— da gibt's ka Iphigenie. Dorn. Traurig genug. Wenn ich sie nicht finde, werden wir von den scythiscken Barbaren umgebracht. Krisp. Scythische Barbaren gibt's a nit da, sondern lauter gemürhliche Sckiff- leut'.— Sie sein wieder in einer klassischen Phantasie, Herr Dorn. Dorn (bitter lachend). Classisch! klassisch! Als ob man das heut' zu Tage noch hören wollte. Possen muß man treiben, mein guter Horatio. Krisp. Jetzt bin i wieder der Horatio. Dorn. Possen. Wer nur den Humor dazu hätte. Krisp. (rasch). I Hab' ihn. — Soll i Ihnen das Couplet Vorsingen mit dem Refrain: »O Du lieber Allgustin, — Alles is hin —* Dorn, (wild aufschreiend). Alles ist hin! Alles ist hin. Krisp. (jammernd). Jetzt darf i nit amal mehr vom lieben Augustin reden. Heut' is er am verrücktesten. Wann nur der Schiffmaster bei seiner Frau was ausg'richt hat, — vom Herrn von Duckmäusl verhoff' i mir eh' nir! Dorn (legt die Hand auf Krispin's Schul» tern). O Stauffacher! Stauffachcr! Krisp. Jetzt bin i wieder der Stauffacher. I kumm in alle möglichen Stuck herum, — wo a Komiker gar nir z'thun S Lh«attr»St«ptttoire Nk. 144 34 hat. (Laut.) Aber lieber Herr Dorn, — beleidigen Sie den Schiller nit. Der Stauf facher gehört zum »Wilhelm Tell«. Dorn. Ja, zu mir. Aber ich war ein schlechter, von Gott verlassener Schütze, weil ich mein Kind in s Herz getroffen habe. Statt den Apfel das Herz. — Da liegt er vor mir, der muthige, holde Knabe, — todt, todt, — und seine Mutter schleudert Flüche auf mein Haupt. Krisp. (bei Seite). Ah, weun's ihn sehet! Dorn (drängt ihn von sich). Darum weg von mir, mein treuer Roderich, dein Carlos ist versiuckt, — er will sterben. (Sinkt auf einen Hausen Schiffholz und verhüllt sich das Gesicht.) Krisp. (schluchzend). Jetzt bin i gar der Marquis Posa word'n; den Jammer halt i nimmer aus. (Sieht nach dem Hintergrund.) Ha! — Was sch' i? — Dort kummt a Frau nrit zwei Kindern her! — Das is Jhner Frau, Herr Dorn! — Er versteht nit, was i sag'! — (Eilt zur Coulisse.) Sie kummt näher, — sie laßt die Kinder z'ruck, — wahrscheinlich, damit sie sich vor ihrem Vätern nit schrecken. — (Ruft ) Da sein wir, Frau Dorn! —Dasein wir alleZwa! Anna (wie im ersten Act gekleidet, kommt rasch von links» sie blickt herum und ist sehr bewegt). Ah, mein Freund! Siebente Scene. Vorige. Anna. Krisp. (ihr die Hand küssend). Lassen's Ihnen d' Hand küssen dafür, daß Ihnen um uns erbarmt haben. — Is der Schiffmeister bei Ihnen g'wesen, har er Ihnen die traurige G'schicht erzählt? Anna. Ich weiß Alles. — Nie mehr wollte ich meinen Gatten sehen, aber seine fürchterliche Strafe hat den Zorn nieines empörten Muttcrherzcns gelöscht. Krisp. (zeigt auf Dorn). Seh'ns, wie er dorten hockt, ohne von sein'm Glück was z'merken. Wann man ihm nur begreifli machen könnt', daß der klane Carl nit todt is. — Aber da plag' i mi umsonst damit. Dorn (steht plötzlich auf, heroisch). Mit Kettenkugeln will ich sie empfangen. Krisp. Hab'ns g'hört? Jetzt bild't er sich ein, daß er der Wallenstein is. — Gleich wird er mi sür'n Grafen Jsolau anschau'n. Anna (sich Dorn nähernd, sanft) Heinrich, kennst Dn mich nicht? Heinrich, (sie fixirmd). Nenne mich nickt mehr Heinrich, Gretchen, — das erinnert mich an Mephistopheles. Krisp. Jetzt is er wieder der Faust. (Schr laut.) Kummen's zu sich, Herr Dorn, — da steht Jhner Frau, — und da steht Jhner Freund, der Krisperl. Dorn. Hahaha! Wenn meine Frau und mein Freund hier wären, müßte auch mein Knabe dabei sein, mein armer Knabe. Anna (geht rasch an die Coulisse zurück, führt Carl hervor, der nett gekleidet ist, und sagl sehr laut). Hier ist er. Dorn (blickt wild umher). Wer hat gesagt: Hier ist er? Wer will in der Per zweiflung mich noch höhnen? Anna (zu Carl). Komm! komm! Eile Deinem Vater in die Arme, wenn Du Dick nicht fürchtest. Carl. Mich fürchten?(Eilt auf Dorn zu ) Da bin ich, Papa, — so frisch und gesund, wie ich auf dem Seile getanzt habe. Dorn (aufschrciend). Auf dem Seile! — Halt! Halt! — (Stürzt auf die Knie und preßt den Knaben an sich.) Lieber sterben, als das Leben meines Kindes wagen. Krish. (schluchzend zu Anna). Mir scheint, das hat g'holfen. Anna (mit fester Stimme^ Blicke deinem Sohn in s Gesicht. Berühre die Narbe auf seiner Stirne, die von jenem Sturze ge blieben ist, und überzeuge Dich, daß Gott ihn uns erhalten hat. Dorn (schluchzend). Erhalten! erhalten! — (Betastet dm Knabm.) Ja, Tu bist es, lieber, holder Knabe, Du bist's— (Steht rasch aus.)Das will ich sogleich deinem Vatersagen. Krisp. szu Anna). Er isdo no verrückt. — Sie sein ja der Pater, Herr Dorn. Dorn. Gewesen! Gewesen! — Die Mutter erkennt mich nicht mehr an. Anna. Sie erkennt Dich an, nnd znm Beweise will sic Dir Dein Töchterlein auch wieder Zufuhren. (Führt Rosa vor.) Rosa (faltet schüchtern die Hände). Lieber Papa! Dorn (saßt beide Kinder an den Händen und betrachtet sie). Ja, das sind wirklich meine Kinder. (Zu diesen.) Aberihrkommt zu spät, ich darf nicht mehr euer Vater sein. Carl und Rosa. Warum nicht, Papa? Dorn. Weil ein Vater seine Kinder ernähren muß, und ick euch nicht ernähren kann. (Zeigtnach Anna.) Dorthin geht zu eurer Mutter, die kann es, — eure Mutter ist eine Künstlerin, ich bin nur ein Wander-Komödiant, ein gemeiner Gaukler. (Führt die Kinder rasch zu Anna nnd trittwicder zurück.) Da nimm sie! Bitte den Grafen Tellhciin, daß er ans ihnen noble Leute macht. Anna (entrüstet). Heinrich! Krisp. (heftig zu Dorn). Kummt Ihnen der Verstand nur deßwegen z'ruck, daß Ihre Frau so ungerecht beleidigen? Dorn. Ungerecht? Hahaha! —Meinst Du Pylades, — sie würde mir Erbarmen schenken, wenn sie sich keiner Schuld bewußt wäre! Anna (mit großem Affcct). Ich bin mir keiner Schuld bewußt, das schwöre ich bei dem Lebeck unserer Kinder. Nus Liebe bin ich Dir gefolgt, obgleich ich wußte, daß meiue Zukunft keine glückliche sein wird Airs Liebe habe ich das Bewußtsein der Künstlerin zum Schweigen verdammt. — Ans Liebe habe ich mit meinen Kindern gedarbt, — ans Liebe habeich den Schmerz der Mutter, — und die Pflicht der Gattin vergessen. Aus Liebe habe ich mich zu schämen verlernt, wenn eine Scheune der Schauplatz unserer brotsuchendenThätigkeit war. Aus Liebe habe ich einen edlen, uneigennützigen Freund, der mir wieder eine geachtete Stellung begründen half, durch Zu- rückstoßung beleidigt. Aus Liebe kam ich hieher, um Versöhnung anzubieten, damit sich dein kranker Geist an meinem Herzen wieder aufrichten möge. Aus Liebe flehe ick Dich um Glauben an, denn Glaube nnd Liebe führen auch die Hoffnung zurück. Dorn (sich ihr nähernd, mit gepreßter, zit ternder Stimme). Du hast Recht, Anna, — ohne Glaube und Liebe gibt's keine Hoffnung. Wenn ich nur nicht so krank wäre, daß ich noch glauben und lieben könnte. Carl (mit Vorwurf). Papa, ich müßte Dir reckt böse werden, wenn Du meiner lieben Mutter wehe thun könntest. Krisp. (heftig). Und i a! — Kruziueser, wann's wieder g'sckeit g'nug sein, das; Jhner Frau und Kinder kennen, so müffen's a kennen, was Jhner Schuldigkeit is. Dorn (sich stolz erhebend). Ö, das kenn' ich sehr wohl! — (Zu Anna und den Kindern.) Die Schande muß anfhör'n, welche sich vom Vater und vom Gatten über Euch erstreckt. Der Undank muß aufhören und die tolle Eifersucht. — Friede muß werden. Ihr müßt vom Pater und Gatten sagen können, wir haben zwar durch seine Schuld viel gelitten, aber wir verzeihen ihm, denn er hat nach .Kräften gebüßt. Unverdiente Gnaden wollte er nicht empfangen, aber er dankte doch dafür, indem er uns den Frieden wieder gab. (Breitet die Hände aus.) Der Friede Gottes sei mit Euch und mit mir. (Eilt rechts ab.) Achte Scene. Vorige ohne Dorn, dann Lackgern, Julie und Duckmausl (von links). Anna. Um des Himmels willen, was hat er vor? Seine sonderbaren Worte lassen mich das Schrecklichste befürchten. Krisp. Sein's nur ruhig, Frau Dorn, er bat seine Vernunft no nit reckt beisamm, aber nach und nach wird er's schon kriegen. Lachg. (mit den Andern tritt rasch von links auf). Also da sein wir! — Die gnädige 3 * 36 Frau hat Wort g'halten. (Zu Julie.) Und wir haben's a g'halten. WaS? Hahaha! — (Zu Anna.) Da steht der Herr v. Duck- mäusl, wie er leibt und lebt. Anna (zu Lachgern). O mein Herr, wie unendlichen Dank sind wir Ihnen schuldig! D u ckm. (freundlich zu Anna). Frau Dorn, ich bin gekommen, um Ihren unglücklichen Gatten heilen zu dürfen. Krisp. Halb is er schon g'heilt, wann ihm no der Herr von Duckmäusl von seiner Goldtinctur was eingibt — Duckmäusl. Er soll wieder die Stelle eines Sohnes bei mir vertreten (sieht nach Julie) weil ich ja doch keine Kinder habe. Julie (herzlich). Jetzt möcht' i wegen meiner Ihr Kind sein. Krisp. (rasch). Ah na! Da müßt i als dein Liebhaber abdanken. Lachgern (auffahrend zu Julie). Also das ist der G'wisse? Julie (nickt). L a chg. (sieht nach Krispel). Und diese Schlange habe ich an meinem Busen genährt. Krisp. Was für a G'wiffer? Was für a Schlange, wann i bitten darf? Lachg. Reden wir nir davon. (BeiSeite.) Meine Alte könnt's hören. (Zu Anna.) Also die Gnädige hat der Herr Gemal schon g'seh'n? Was hat er denn g'sagt dazu, daß sein Mündel no lebendig is? Hat ihn d'Freud' wieder vernünftig g'macht? Anna. Ach, ich weiß es noch nicht. Er ist mit Aeußemngen fortgeeilt, welche mich beunruhigen. Duckm. (bewegt). Kinderchen, gebt mir die Hände. Ich will euren Vater wieder glücklich machen. (Zieht Carl und Rosa an sich )^ Krisp. So ist's recht, Herr von Duckmäusl. — Jetzt vergunne i Ihnen selber ein Kind, — aber nur mein Julerl net. Duckm. (plötzlich die Kinder loslassend, mit fröhlicher Energie). Und g'rad die muß es sein. (Tritt zu Julie, mit lauter Stimme.) Ich bekenne mich als alter Sünder und stelle Ihnen meine leibliche Tochter vor. Julie (heftig erschüttert). Gott steh' mir bei! Krisp. (kläglich). Mir soll er a beisteh'n, sonst hat's mit meiner Liebhaberroll'ein End'. Lachg. (zu Duckmäusl). Deswegen hat's Ihnen bei der Barbara Spitz einen solchen Riß geben. Anna (zu Julie). Dein Vater, — Du verdienst glücklich zu werden, denn dein Herz ist edel. Julie(komisch bewegt). Papa!Mig'freut's unendli, daß wir einander g'funden haben, aber (weist nach Krisperl) den dorten dürfen's mir net wegnehmen. Duckm. Er soll Dir bleiben. Krisp. (mit einem Lustsprung). Juhe! Duckm. Ich bin reich genug, um Euch und meinen Neffen glücklich zu machen. Meine alten Sünden sollen endlich gebüßt werden (reicht Anna die Hand) auch die, welche ich an Ihnen begangen habe. Lachg (bei Seite, komisch zornig). Wann ich nur den Krispin umbringen dürfte! Neunte Scene. Vorige. Steffel (vom Hintergrund rechts, später) Dorn und Schiffleute aus dem Holzschiff. Steffel (eilfertig). Herr Schiffmaster! Herr Schiffmaster! A Unglück is g'scheh'n, aber es is schon wieder gut. Lachg. So? Was war's denn? Steffel. Der verrückte Komödiant, dem der Herr Schiffmaster Unterstand geben hat, is a paar hundert Schritt von da in die Donau g'sprungen. Anna (fährt auf). Steffel. I Hab' Holz aufg'schlicht und Hab' ihn erst g'seh'n, wie er schon ganz beim Ufer war. Schubbs bin ich ihm nach, oberer war schon unter m Wasser d'runt. 3 kannnit schwimmen, also hätt' er dersaufen müssen, wann nit g'rad a Holzschiff von uns daher kummen wär'. I Hab' wie a 37 B'seffener g'schrien, unsere Schiffleut hab'n mi verstanden, a paar sein untertaucht und richtig hab'ns ihn bei die Haar derglengt. Lachg. (zieht den Hut) Lieber Herrgott, dankDir! Julie (schluchzend). Wanen's nit, Frau Dorn, 's kalte Wasser is ja für die Narren sonst g'sund. Krisp. (lebhaft) Ja, jetzt muß er curirt sein. Anna (zu den Kindern). Wir wollen ihm entgegeneilen und ihm zurufen: Liebe uns, so können wir ja Alle glücklich werden. Dorn (von rechts aus dem Hintergrund mit wirren Haaren, in größter Extase). Anna! Kinder! Verzeihung! (Sinkt aus die Knie und faßt ihre Hände.) Die bösen Geister habe ich in der Flut ertrankt, und nur die guten führen mich zu Euch zurück. (Ein Holzschiff erscheint auf der Donau, auf welchem sich Schiffleute in malerischer Gruppe befinden.) Lachg. (mit Julie). Hahaha! Jetzt will i nit amal den (zeigt aus Krispin) umbringen! Da kummt mein Schiff. (Nust den Schiffleuten zu:) Heut' habt's Eng an Feiertag verdient, heut' sollt's Alle auf meine Rechnung trinken! Schifsleute (schwenken die Hüte). Vivat! Vivat! (Der Vorhang fällt.) Ende. Druck «ud Papi« »o» vropotd So»»« tu Wie«. . rr: ri«, Ä ^ ;EckB )7>snu .»'ttLVß Äm.'fB'S m Sn ,M, ^ ^ch'M'5^ M .^'ti .r^rkür» 1uM'r;4l )!6. -du-ch; rj>M iE'-..st«K , .WL» "chü. z«ichL« )«h .n^vr tz' >N<^L ^ü'ijsjün^n»ü^pi«tz)»L. M jqirz) MÄ lktt'.r 1'N ?t -L .si . .., >»< i t . .^ichch iitzM Hrch'.z. ttpltt tnurml. yPj«z.M W .l»L (NoäS'l- .qbnfL dpini.p>,M' ^lD^.«-'E'^-.'.it.'r^ (k,q.mi>r»ti ' .-^,,, .. . . .A ' ch)H'>iinrr lua ,k!f.' ^'ivsl 'tusck - r»^'MÜ»'^ .E. '.(m«SriiL Ltr,0t" / ^ .»n^nnt ^''rNj.tzttjl'rä,B ^«üvruE möl.(>M !,E .>M ,)s . .v-lMWMs, 'l!lL r»s,iitt i,nnÄ>ü - . »Witzr^niH' nnw ^tHrna-s) ll7v^ ...! niK,.! culs^.' ,^,oizH niß»,tz ni .r 6 a A r.iW »cL. ' ' ' ' '^'pStzK" .» > . . - ^ - xA Fx > - '' ' . :v..!c>d :. !> .r-'k"p-u, -.:cL k-.i fV ^ . .A .^.»'.!.e»cherr, '' k 'ÄE'7'7;ti ^ -7-" ?-utir. -Lat« w^vrrjiö Z MK?' s ^ '. -A- i'' ->.-. wch N-!L» Kck ^ ^ MOS ^ s -echt ^.rn v»n Duck- ? USiiü rAM M!-' - ,u (. r - . O-.: ^ A AZi. -' ,S g V>S '' - ^ '' *** . .H ^ ^ ' . .^ »ngur.'iir l Ztzn«! Nbcr» Tt^'n^ ^FH^- »W»ir '- - '««n Irüert^rt ^ ^sd' HA M I >.' ' - x? tz-^vrr ' - '-»'-k«7 Ufte Osr. GMM x-^ -»> --»^A N» HAK WSv Mi^KM^M -' -'- ... ^ Lri-r-AAtA XA.A ' >!,.^ MitzN, XN" ^ ^ - ''Al, ' ' -"-' A E . ..... -. . ,-i. ^ ,....'. . :- ^ -. ' '- '?W- .»»M »t «o«»L «t«i>»»» ««, !»»»«' ««I d«,s Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. arme Marquis. Schauspiel iu zwei Me« von Dumanoir und Lasargue. Deutsch von Alexander Bergen. (Am k. k. Hofburgtheater in Wien mit glänzendem Erfolg gegeben.) Personen: Besetzung im k. k. Hosburgtheatn. Der Marquis von La Fresnaie. Hr. Fichtner. Madrlaine, seine Tochter. Frl. Baudius. Rigaud, Banquier. Hr. Meixner. George, sein Sohn. Hr. Franz Kirschner. Frau Godard. Fr. Hebbel. Duperron, Zuwelier. Hr. Herzfeld. Nicolas, ein Baueruknecht. Hr. Baumeister. Fargeau, ein alter Diener. Hr- La Roche. Gelestin, Diener der Frau Godard. Hr. Nerstl. Ein Diener. Hr. Barko. Ein Friedensrichter. Gerichtsdiener. Ein Kammermädchen. Diener. Der erste Act spielt im Hause des Marquis, in der Umgebung von Bourges, der zweite Act aus dem Schlosse La Fresnaie, in der Umgebung von Alen-on. th«attk.Rq>ntoire Nr. 14». Erster Art. Ein Sprisesaal, eine Mittel- und zwei Seitenthü- ren, link- ein Kamin; weiter rückwärts ein Fenster. Rechts ei» Spetsetisch. Im Hintergrund rin Crrdenztisch, beim Kamin stehen ein großer Fau- leuil und eine Fußbank. Stühle, ein kleiner Kasten. Erste Scene. Nicolas, später Madelaine. Nicol, (allein, er hält eine Livree in der Hand). Welche Ehre für mich! Ich, Nicolas Serpolet, ein einfacher Bauernknecht, gelange zur Würde eines Lakai's, ohne die dazwischenliegenden Stufen emporsteigen zu müssen. Bekleiden wir uns denn mit unseren Insignien. (Er zieht die Livree an.) Man muß dem Herrn Marquis Gerechtigkeit widerfahren lassen — diese Livree ist so großartig, daß ich mich frage: «ist sie zu groß für mich, oder bin ich zu klein für die Livree? Madel, (trägt eintrctend Tischwäsche aus dem Arm). Du bist zu kleiu für die Livree, Nicolas. Nicol. Danke für die Belehrung, gnädiges Fräulein! Werde mir Mühe geben, zu wachsen. Aber was seh' ich? Das Fräulein Madelaine von La Fresnaie trägt Tischwäsche auf ihren altadeligen Armen! Wohin soll das führen? (Er will ihr die Tischwäsche abnrhmen.) Wollen Sie die Güte haben, es mir zu überlassen? Madel. Ich danke, Nicolas. Mein Vater hat mich mit diesen kleinen Anordnungen betraut und sie unterhalten mich. Nicol. Verzeihen Sie, mein Fräulein. Die Tochter eines Marquis ersten Ranges hat nicht das Recht, sich auf diese Weise zu unterhalten. Ihr Stammbaum leidet darunter und — ich auch. Madel, (lächelnd). Es ist der Tochter eines Marquis nicht verboten, eine gute Hausfrau zu sein, und zum Beweis will ich Dir helfen, den Tisch zu decken. Nicol. Helfen? An Ihnen ist's zu gebieten, zu befehlen! Madel, (nimmt den Silberkorb). Gut denn, Herr Nicolas, willst Du die Gefälligkeit haben, dieses Silberzeug zu putzen, während ich die Tischwäsche herrichtc? Nicol. Gefälligkeit! Man sagt: Nicolas, thue dieß, Nicolas, thue das! Man fährt seine Leute rauh an. So spricht die Noblesse, denk' ich. Madel, (reicht ihm den Silbcrkorb). Hier, mein guter Nicolas. Nicol, (für sich). Sie ist unverbesserlich! — Schatten ihrer Ahnen, verzecht ihr diese Güte. (Laut ) Man soll sich iu Ihrem Silberzeug wie in einem Spiegel sehen, den Gästen soll auf dem Grunde jeder Gabel ihre Nasenspitze erscheinen! (Stellt den Silberkorb auf einen Stuhl, setzt sich aus einen zweiten und putzt.) Madel, (beschäftigt sich mit der Tischwäsche) So ist's recht, geh'n wir an die Arbeit. Nicol. Arbeiten? Sie, ein Fräulein von La Fresnaie! Wenn ich Ihr Urgroßvater wäre, würde ich im Grabe darüber er- röthen. Aber jeder Mensch hat seine eigenen Ansichten, der Herr Marquis ebenfalls; habe alle Achtung vor ihm. Madel. Das sollst Du auch, Nicolas, denn mein Vater ist der edelste, der beste Mensch. Nicol, (arbeitend). Das ist wahr. Aber ich habe andere Ansichten über den Adel als er. Ich zum Beispiel hätte mein altes, schönes Schloß La Fresnaie! in der Normandie nicht verlassen, um hier diesen kleinen Pachthof zu bewohnen. Wenn ich von altem Adel wäre, müßte ich ein ganzes Regiment Lakaien haben, und eine Escadron von Pferden. Ich würde mich nicht wie der » Herr Marquis mit einer alten grauen Köchin für Alles und mit der alters- granen Stute meines Vaters begnügen. Madel. Du siehst, daß ihm die graue Stute deines Vaters genügt, denn er hat sie sogar beute Morgens an unfern alten Wagen spannen lassen, um in die Stadt zu fahren. Nicol. Das Alter abgerechnet, ist unsere Stute freilich kein Pferd wie ein anderes. Sie hat einmal den Preis gewon nen, gehört also auch zur Noblesse, aber dennoch — Madel, (hat sich in dm großen Fauteuil gesetzt, und faltet die Tischwäsche). Sage, Nicolas, was sollten wir mit Lakaien anfangen, wenn wir keine Arbeit für sie haben? Und sollen wir Pferde halten, um sie im Stall stehen zu lassen? Seit dem Tode meiner armen Mutter leben wir, wie Du weißt, gänzlich zurückgezogen. Wir sind nichts als die letzten zwei lebenden Bilder aus der alten Familie La Fresnaie, vor welcher Du und dein Vater sich beute noch in Ehrfurcht beugen. Wir leben ruhig und friedlich auf dieser kleinen Besitzung, warum sollen wir diese Ruhe stören, und einen Lurus treiben, der zu unserem Glücke nicht nothwendig ist? Meinem Vater genügt seine Tochter, die er liebt, und sein Clavier, das er anbetet. Und ich — ich bin glücklich, weil ich meinen Vater glücklich sehe. Nicol. Ich kenne noch eine dritte Leidenschaft. Madel. Kein Wort davon, Nicolas, ich bin schon auf die zweite eifersüchtig. Nicol. Seien Sie ganz ruhig, Fräulein, die dritte ist nicht gefährlich; es ist — die Schnupftabaksdose. Sie wissen — die schöne, goldene Dose, geziert mit dem Porträt der zwei Wilden — (halblaut) in großer Toilette. (Laut.) Gerade wie auf diesem Silberzeug. Madel. Ja, das Wappen der La Fresnaie. Diese Leidenschaft begreife ich, und auf sie bin ich nicht eifersüchtig. Mein Großvater hat diese Dose vom König von Frankreich erhalten, und mein Vater bewahrt sie wie eine Familien-Reliquie. Nicol. Es wäre gut, wenn er nur sie so bewahren würde! Madel. Was willst Du sagen? Nicol. Nichts, nichts! Ich werde den bösen Zungen nicht Nachreden. Madel. Was sagen die bösen Zungen? Nicol, (zaudernd). Sie sagen — Madel. Sprich! Nicol. Wohlan, Fräulein! aber seien Sie ja nicht böse, — sie sagen, der Herr Marquis sei geizig. Madel. O mein armer Vater! Sie kennen ihn nicht. Nicol, (aufgebracht). Das Hab' ich ihnen auch gesagt! Er — geizig! Ihr kennt ihn nicht; er ist karg, das ist Alles! Maoel. Wie, Nicolas? Auch Du? Nicol. Ich? Niemals, mein Fräulein. Ich glaube nur, daß er in seinem Keller viele Louisd'or vergraben hat, welche alle das Porträt des Königs tragen von dem Sie gesprochen und die er auch bewahrt als Familienandenken. Madel, (nachdenkend). Ah! Nicol. Und wenn man nichts ausgibt, keine Leute bei sich empfängt — Madel. Doch! zum Beispiel heute. Nicol. Richtig! Heute hat der Herr Marquis Gäste, aber es ist zum ersten Mal seit Menschengedenken. Madel. Alles muß doch einen Anfang haben, Nicolas, und ich danke Dir und deinen Aeltern, daß Ihr uns bei dieser außerordentlichen Gelegenheit so hilfreich an die Hand geht. Ihr seid alle brave Leute! Nicol. Ich bin gewiß nicht neugierig — aber dürfte ich mir erlauben, zu fragen, warum der Herr Marquis seine alten Gewohnheiten aufgibt? Madel. Ich weiß es noch nicht. Mein Vater hat gestern Abends zu mir mit ungewohntem Asusdruck gesagt: Mein Kind, morgen früh fahre ich nach Bourges, und beim Diner werden wir Gäste haben. 4 Nicol. Merkwürdig! (Er steht auf.) Ick bin fertig, Fräulein. Madel. Danke, Nicolas. Willst Du das Silberzeug nickt auf den Credenztisch stellen? Nicol. Sogleich, mein Fräulein! (Er geht beim Fcnstrr vorüber.) Ah! Da ist er schon wieder! Madel. Wer denn? Nicol. Der Sohn des reicken Bankiers aus Bourges, der erst vor Kurzem eine Besitzung hier gekauft hat, — Herr Rigaud. Madel, (verwirrt). Ab! Georg. Nicol. Georg heißt er? Das wußte ich nicht. Es ist merkwürdig, daß er gerade immer hier spazieren gehl. Madel, (wie oben). So? Nicol. Haben Sie das nicht bemerkt? Madel, (wie oben). Nein. Nicol. Die Gegend muß ihm sehr gefallen. Madel. Wahrscheinlich. Nicol. Er tritt in's Haus. Madel, (schnell). Und mein Vater ist nicht da, um ihn zu empfangen? Hilf mir schnell aufräumen, lieber Nicolas! Nicol. Aufräumen? Das ist meine Sache. Es kommt Besuch, jetzt seien Sie Marquise! George (an der Mittelthür). Um Vergebung. mein Fräulein! Madel. Treten Sie ein, mein Herr! Nicol, (für sich). Jetzt fort — ja, ja, die Gegend gefällt ihm! (Er geht ab.) Zweite Scene. Madelainc. George. George (verlegen). Ihr Herr Vater ist nicht anwesend? Madel. Nein, mein Herr. George. Ich glaubte den Herrn Marquis auf der Terrasse zu sehen und ich erlaubte mir — Madel. Mein Vater ist nach Bourges gefahren. George. Dann muß ich mich geirrt haben. Ich bedauere, mein Fräulein, wenn ich Sie gestört habe. Madel. Nicht im Geringsten. Sie wollten wahrscheinlich meinen Pater sprechen? George. Ja. — Eine Angelegenheit — vielmehr ein Vorhaben, er weiß davon — er hat es Ihnen vielleicht schon mitgetheilt? Madel. Nein, mein Herr! George. Und doch müssen Sie in dieser Angelegenheit zu Rathe gezogen werden. Madel. Ich? George. Ja. mein Fräulein, und wenn Sie freundlich geneigt wären, so wären alle Schwierigkeiten gehoben. Madel. Diese Angelegenheit interessirt Sie also sehr? George (lebhaft). Sehr! Und meinenVa- ter auch. Madel. Nun, wenn Alle derselben Meinung sind, was haben Sie zu besorgen? George. Ich weiß nicht, wie Sie darüber denken. Und dann (zögernd) man sagt, derHerrMarquis besitze eine kleineSchwäche. Madel, (lebhaft). Für seinenNamen, seinen Adel? Georg e (verlegen). Ja, mein Fräulein! Ja. Madel, (für sich). Auch er hält ihn für geizig. George. Mein Vater kommt heute zum Speisen hieher und ich hoffe — Madel, (sehr erstaunt). Wie? Er und Sie sind die Gäste, die wir erwarten? George. Wußten Sie das nicht? Madel. Nein, wirklich nicht! George. Mein Vater hat den Herrn Marquis fast genöthigt. Er hat sich als Nachbar ohne Umstände eingeladen und kommt zu diesem Dmer eigens aus Pans. Madel. Herr Rigaud und Sie sind sehr willkommen. Nicol, (meldet an). Herr Duperron. 5 Dritte Scene. Vorige. Herr Dnperron. George. Der erste Juwcliervon Bourges. Du per. Und Ihr und des Fräuleins unterthänigster Diener. (Er verbeugt sich) Madel. Wahrscheinlich bringen Sie mir mein Medaillon? Tuper. Ja, mein Fräulein! Der Ring daran ist wieder so fest, als ob er neu wäre. Madel. Ick danke Ihnen für Ihre Pünctlichkeit, Herr Duperron. Ich war ganz unglücklich, seit ich mich von diesem Porträt trennen mußte. Es ist das Einzige, welches ich von meiner Mutter besitze. (Zu George.) Sie verstehen mich. Herr Georg? George. O ja! Denn auch ich habe meine Mutter verloren. Madel, (bekochtet das Porträt). Wie schön sie war! Sehen Sie doch. George. O, sehr schön. Madel. Finden Sie das? George. Jchfinde, daß Sie ihr ähnlich sehen. Madel, (verlegen zu Duperron). Was bin ich Ihnen schuldig, Herr Duperron? Duper. Nichts! Madel. Nichts? Das ist zu billig! Duper. Ich hatte die Ehre, heute Morgen den Herrn Marquis in meinem Laden zu sehen. Madel. Nh, er hat bezahlt? Duper. Ja, mein Fräulein! Madel. Mein guter Vater, er denkt doch an Alles. (Sie geht zum Kamin.) Duper. (zu George). Herr Rigaud kommt, wie ich höre, diesen Abend aus Paris. George. Ja, Herr Duperron, und ich erwarte ihn mit großer Ungeduld. Duper. Das begreife ich, mir geht es ebenso. Sie wissen doch, was er mir versprochen hat? Ich hoffe, sie werden diesem Geschäfte nicht entgegentreten? George. Welchem Geschäft? ^ ^ Duper. Ich soll den Brautschmuck ! liefern. ! Madel, (für sich, indem sie sich auf den ! Kamin stützt). Den Brautschmuck! George (hat sich umgewendrt und ihre Bewegung gesehen). Duper. Herr Brigaud wird sich doch nicht mit dem Brautschmuck beschäftigen, ehe er mit Ihnen über die Heirat gesprochen hat? Madel, (welche sich entfernen will). Entschuldigen Sie, mein Herr — George (sagt leise zu ihr, indem er sie zurückhält). Sie sind so bewegt, mein Fräulein. O, wie dank' ich Ihnen! Madel, (wie oben). Mein Herr — George (wieoben). Die Braut, die mir mein Vater bestimmt, sind Sie! Madel, (wie oben, freudig). D, lassen Sie mich fort, mein Herr! Lassen Sie mich fort! (Eilt rechts ab.) Vierte Scene. Georg. Duperron. Duper. Ich fürchte, ich habe da eine Dummheit gemacht. George (sehr lustig). Im Gegcntbcile, Sie sind nie geistreicher gewesen. Duper. O nein! nein! Ich habe eine Dummheit gemacht. Ick weiß das immer nachher! Wie konnte ich auch von Braut- schmuck und Heirat sprechen vor einem armen Fräulein, welches leider nie an so etwas denken darf. George. Weshalb denn? Duper. (lrisr und geheimnißvoll). Ich habe diesen Morgen eine sehr traurige Entdeckung gemacht. Alle waren erstaunt darüber, und ich am allermeisten. Ich sage Ihnen, ich habe eine Dummheit gemacht. George (ohne ihn zu hören). Einverstanden! Aber fahren Sie fort. Duper. Alle Leute wundern sich, daß der Herr Marquis so zurückgezogen auf dieser kleinen Besitzung lebt und daß sein 6 einziger Luxus in einem alten Pferde besteht das nicht ihm gehört, und einem Wagen, der ihm nur schon zu lange gehört. George. Weiter, weiter! Duperron. Was sagte die Welt, und ich auch? O, ich Dummkopf! George (ungeduldig). Fahren Sie doch fort, fahren Sie fort! Du per. Die Leute sagten, der Marquis sei geizig. George. Nun? Duper. Es ist nicht wahr. Die Leute haben stch geirrt. George (freudig). Welches Glück! Duper. Er ist arm, er ist zu Grunde gerichtet! George. Himmel! Duper. Vor einer Stunde war ich in meinem LadenmilmeinerFrau, und wartete auf Kundschaften. Die Zeiten sind schlecht, ick empfehle mich Ihnen, nebenbei gesagt, nochmals wegen dem Brautschmuck. George (ungeduldig). Schon gut, nur weiter! Duper. Da trat der Herr Marquis bei mir ein. Er war an der Straßenecke aus- qestiegen, wahrscheinlich, um nicht aufzufallen. Trotz seiner Blässe lächelte er, und sprach mit der Grazie und Noblesse an, welche ihm in Allem eigen ist, was er thut, und was er spricht: »Herr Duperron, ich will Ihnen ein Geschäft Vorschlägen," sagte er. »Ich habe eine goldene Dose, die mir unnützen Platz einnimmt, denn ich schnupfe nicht mehr, ich möchte sie los werden.« Und mit zitternder Hand reichte er mir seine Dose, von welcher er mit einem Federmesser sorgfältig das Wappen der La Frenaie abgckratzt hatte. George. Und was hat das zu bedeuten? Duper. (fortfahrend). »Sehen Sie die Dose an,« fügte er hinzu, »wägen Sie sie und sagen Sie mir, was das unbedeutende Ding dem Gewichte nach werth ist.« — »Hundertdreißig Franken,« erwiederte ich, ich zählte ihm die Summe auf, er nahm sie mit zitternden Fingern und ging. George. Sonderbar! Duper. So sagte auch meine Frau. Sie ist sehr neugierig, wie alle Frauen — der Juweliere. — Sie ist dem Marquis in einer kleinen Entfernung gefolgt und sah, wie er bei einem Delicatessenhändler eintrat, um ein mitTrüffeln gespicktes Pou- lard zu kaufen, eine Gansleber-Pastete und andere Eßwaaren, welche beiläufig die 130 Francs kosteten, welche er von mir erhalten hatte. George (für sich). Ach, mein Gott, ich errathe! Duper. Der Marquis hat heute Gäste, und um das Diner bezahlen zu können, war er gezwungen, seine Dose zu verkaufen. George. Das ist entsetzlich, mein Herr! Duper. Ich begreife nicht, daß es Leute gibt, die da essen können, die eine solche Einladung annehmen. George (für sich). Die sich selbst eingeladen haben! O mein Vater! — Und es ist unmöglich, ihn vorzudereiten, er kömmt erst zur Essenszeit aus Paris. Duper. Leute, die die Dose des Marquis verzehren, seinen letzten Schatz! George (für sich). Madelaine hat keine Mitgift — wenn mein Vater das erfährt! Ich muß früher mit ihm sprechen, ihn Über dem — (Man hört daS Rollen eines Wagens) Duper. (am Fenster). Es ist der Herr Marquis. Sein ausgeliehener Bedienter nimmt die eingekausten Lebensmittel in Empfang. George. Der Marquis? (Er geht schnell rechts ab.) Duper. Er geht fort? (Er ruft ihm nach ) Mein Herr, ich empfehle mich nochmals wegen — (Er kehrt zurück.) Der Herr Marquis! Fünfte Scene. Duperron. Der Marquis. Nicolas (mit den Lebensmitteln beladen). Marq. (zu Nicolas). Stelle Alles aus den Credenztisch und beeile Dich. 7 Nicol. Za, Herr Marquis. (Für sich, indem er die Lebensmittel auf den Eredenztisch stellt.) Ein Poulard mitTrüffeln, das laß' ich gelten! das paßt für die Noblesse! Duper. (für sich). Es hat die ganze Dose aufgezehrt! Marq. (zu Nicolas). Trage das Poulard in die Küche, dann gehe in den Keller und hole Wein herauf. Nicol. Wie viel Flaschen? Marq. (denkt einen Augenblick nach). Dringe Alles, was Du findest. Nicol, (ab). Marq. (für sich). Es können nur mehr sieben oder acht Flaschen da sein. Duper. (sich verbeugend). HerrMarquis! Marq. Sie hier? Herr Duperron? (Er sucht seine Unruhe zu verbergen.) Sollte Sie das kleine Geschäft reuen, welches wir diesen Morgen gemacht haben? Duper. Nicht im Geringsten, Herr Marquis! Ich bin gekommen, um dem Fräulein das Medaillon zu bringen, welches sie mir zum Ausbessern gegeben hatte. Es iü eben erst fertig geworden. Marq (beruhigt). Ganz gut! Haben Sie es ihr schon gegeben? Duper. Ja, Herr Marquis Marq. Wollen Sie so gut sein, mir zu sagen, wie viel ich Ihnen schulde? Duper. Nichts, Herr Marquis. Marq. Wie, nichts? aber — Duper. Das Fräulein hat mich schon bezahlt. Marq. Daun habe ich Ihnen nur für Ihre Mühe zu danken. (Man hört Madelame voa Weitem singen ) Hören Sie, das ist meine Tochter. Wenn die Lerche singt, dann ist ihr Herz zufrieden. Sie sehen, Herr Duperron, wie fröhlich, wie glücklich wir sind. Duper. (für sich). Der arme Mann! Welche Mühe er sich gibt, um sein Elend zu verbergen. (Der Gesang ertönt näher.) Marq. (setzt sich auf das Fauteuil). Meine liebe Tochter kommt. Duper. (für sich). Ick gehe, ehe eine Erklärung erfolgt. Marq. Sie wollen fort? Duper. Ja. Herr Marquis. Marq. Ohne eine Erfrischung zu nehmen? Duper. Ich danke, Herr Marqms. Marq. Nehmen Sie wenigstens ein Glas alten Weines. Duper. Ich muß nach Bourges zurück. (Für sich.) Jeder Tropfen würde mir auf der Lippe bleiben. (Er geht ab.) Sechste Scene. DerMarquis. Madelaine (aus der Thür rechts; sie trägt zwei Glasschalen mit Eompot). Marq. Guten Tag, liebes Kind. Madel. Guten Tag, geliebter Vater. Marq. Die Lerche hat wohl gut geschlafen, weil sie so fröhlich singt? Madel. Ach ja, mein Vater, ich bin fröhlich, — glücklich! Marq. (küßt sic). Komm, setze Dich da her. (Er bezeichnet ihr die Fußbank, nimmt ein kleines Schächtelchen aus der Tasche und macht ihr ein Ohrgehänge ein.) Madel. Was thust Du denn da? Marq. Halte Dich ruhig. (Er gibt ihr das zweite Ohrgehänge.) Da! Madel. Ah bist Du deshalb bei Herrn Duperron gewesen? Marq. (etwas verlegen). Ja, ja, deßwe- gen. Madel, (umarmt ihn). Wie gut Du bist! Marq. Jetzt habe ich aber ein paar ernste Worte mit Dir zu sprechen. Madel. Und wenn ich die ernsten Dinge errathe, die Du mir sagen willst? Marq. Dann bist Du eine Fee. Madel. Ich bin zwar keine Fee, aber ich weiß Alles. Marq. Gut denn, so sage mir, was ich Dir sagen wollte. Madel. Du erwartest heute zum Diner einen unserer Nachbarn. 8 Marq. Das ist wahr. Wie heißt er? Madel. Herr Rigaud. Marq. Und? Madel, (schlägt die Augen nieder). Und seinen Sohn, Georg. Marq. Warum zitterst Du, mein Kind? Du liebst Georg, — nicht wahr? Madel, (verwirrt). Mein Vater! Marq. Komm', mein Kind, vertraue deinem Vater! Madel, (lehnt ihren Kops an die Brust des Marquis). Ja, ich liebe Georg! Marq. (küßt sie). Ich danke Dir für dein Vertrauen, mein Kind! — Aber da Du Alles erräthst, so weißt Du vielleicht auch, warum wir heute Zusammenkommen? Madel. Ich hätte nie den Muth gehabt, das zu errathen, aber man hat es mir gesagt. Marq. Wer? Madel. George. Marq. Ab! Er war da? Madel. Ja, er wollte mit Ihnen sprechen, Vater. Marq. Während meiner Abwesenheit? Ich verstehe, er wollte mir zuvorkommen. (Lächelnd.) Ein Vater mag noch so sehr lieben, ein Liebender geht ihm vor. Madel. Ich bin so glücklich, Vater! Marq. Warte, liebes Kind, warte! Sprich das Wort noch nicht aus. Diese Heirat beruht bis jetzt auf einer Hoffnung, wenn ein Hinderniß einträte — Madel, (ausstehend). Ein Hinderniß? Marq. Man kann nicht wissen. Madel. Welches? Herr Rigaud scheint einverstanden. Georg wünscht nichts sehnlicher, ich widersetze mich nicht, mein Vater .. . solltest Du — Marq. Ich, mein Kind, ich deinem Glücke ein Hinderniß in den Weg legen? Mein ganzes Leben ist ja nur Dir geweiht! Mad. Nun, was hätten wir dann zu fürchten? Marq. (steht auf)- Nichts, nichts. Aber bereite Dich zum Diner, es wird bald Zeit sein. Madel. Ein Hinderniß! O, mein Vater, warum hast Du mich so geängstigt? (Sie küßt ihn und geht.) Siebente Scene. Der Marquis, später Nicolas. Marq. (folgt Madelaine mit den Augen). Wenn Herr Rigaud nichts verlangt, als daß sein Sohn glücklich werde, so kann ich ihm antworten: »Hier, mein Herr, da haben Sie mein einziges, mein geliebtes Kind!« Aber wenn er eine Mitgift verlangte — (Er sucht den schmerzlichen Gedanken los zu werden.) Fort! fort mit diesen Gedanken. (Er nimmt den Silberkorb.) Sechs Gabeln und sechs Löffel, wir werden Vier bei Tische sein; das genügt nicht, aber ich werde Nicolas unterrichten. (Er besieht die Tischwäsche.) So rein, so weiß, so glänzend, das ist durch Madelaine's Hände gegangen. Der Tisch wird genügen, und ich hoffe auch das Diner, die Pastete, das Poulard — das Ucbrige wird unser Hühnerhof und unser Küchengarten liefern. Nicol, (kommt mit einem Weinkorb, und zieht drei bestaubte Flaschen heraus, welche er sorgfältig abwischt). Marq. (wendet sich in dem Augenblick um, wo Nicolas die dritte Flasche reinigt; lebhaft). Was thust Du da? Nicol. Ich wische die Flaschen ab, sie waren voll Staub. Marq. (unzufrieden). Das ist ja eben recht! Lasse die andern ja wiesle sind. Nicol, (erstaunt). Welche andern? (Er zeigt den leeren Korb.) Es sind alle, Herr Marquis, ich habe Alles heraufgebracht. Marq. (erschrocken). Wie? Es sind nur mehr drei Flaschen da! Nicol. Nicht mehr. Marq. Ah! Schon gut, gehe. Nicol, (ab). 9 Marq. (allein). Ach, mein Gott, nur drei Flaschen, das ist ja nicht genug! (Er sucht sich zu beruhigen.) Doch, Madelaine trinkt keinen Wein, — ich werde mich auch hüten, — George ist verliebt, folglich ißt und trinkt er nicht — es bleiben also drei Flaschen für Einen. Herr Rigaud wird genug haben. (Er nimmt die drei Flaschen, betrachtet sie und schüttelt bedauernd den Kops, stellt fie zum Kamin, versperrt die Mittelthnr, kniet am Kamin und bestäubt mit einer kleinen Schaufel die Flaschen mit Asche, dann stellt er fie auf den Eredenztisch, zieht seinen Oberrock aus, hängt ihn in den Kasten und nimmt einen alten sckwarzen Frack heraus, welchen er sorgfältig ausbürstet; er bemerkt, daß die Näthe an den Aermeln abgetragen sind, sieht nach einem Tintenzeug, welcher auf dem Kamin steht, zaudert, als ob er sich schämte, entschließt sich aber endlich die Feder zu nehmen, und die Näthe mit Tinte zu bestreichen. Diese stumme Scene wird mit Musik begleitet. Der Marquis hält noch die Feder in der Hand.) O! meine Ahnen, seht mir nicht zu! Nicol, (klopft an die Thür). Ich bin's, ich! Marq. (sperrt die Thür aus, das Orchester verstummt). Achte Scene. Der Marquis. Nicolas. Nicol. Ich bin's, Herr Marquis, Ihr Lakai. Marq. Komm nur herein, decke schnell den Tisch. Nicol, (macht sich geschäftig wie ein Kellner und schreit). Gleich! gleich! Marq. (erstaunt). Wie? Was soll das? Nicol. Ihr Lakai deckt auf, Herr Marquis. Als ich hörte, daß ich bei Tisch aufwarten soll, habe ich mich vom Kellner in Bourges unterrichten lassen. Der sagt auch immer: Gleich, gleich! Marq. Sei so gut, und lasse Dich anderswo unterrichten, — sei nicht so laut! Nicol, (beschämt). Wie der Herr Marquis befehlen. (Für sich.) Jetzt hat er mich ganz herausgebracht! (Laut.) Für wie Viel soll ich decken? Marq. Für Vier. Nicol. (leise). Gleich. (Noch leiser.) Gleich. (Er breitet das Tischtuch ungeschickt aus.) Marq. (nimmt es ihm aus den Händen und breitet es sorgfältig aus). Das Tischtuch legst Du so auf. Die Gedecke so: eins hieher, das zweite daher, das dritte dorthin, das vierte gegenüber. (Er stellt die Teller zurecht.) Nicol, (sieht ihm zu). Sehr gut, Herr Marquis. Marq. Die Salzfässer hieher, die Caraffe dorthin, gegenüber der Wein — Nicol, (sieht erstaunt, daß die Flaschen wieder bestaubt sind, und will fie rein machen, der Marquis hält ihn durch eine Bewegung ab). Marq. Das Desert hieher — (Nicolas sieht immer zu.) Nicol, (erstaunt). Wie, Herr Marquis, das Desert wird vor der Suvpe aufgetragen? Marq. Das ist russische Sitte. Nicol. Ach, wenn es russisch ist — (Für sich.) Die russischen Gebräuche gefallen mir gar nicht. Marq. Die Gläser stellst Du so, die Bestecke kommen hieher; höre, Nicolas, daß Du ja nicht die Gedecke wechselst! Nicol. O Herr Marquis, ich weiß, daß man das niemals thut. Marq. (betrachtet den Tisch). Ganz gut. Ich bin mit Dir zufrieden, mein Junge, Du hast Alles ganz gut gemacht. Nicol, (bescheiden). Der Herr Marquis sind sehr gütig, — man thut was man kann. Madel, (hinter der Bühne). Vater! Vater! Marq. Meine Tochter kommt, — gehe in die Küche. 10 Nicol, (stolz ab). Man geht, Herr Marquis! (Ab.) Neunte Scene. Der Marquis, Madelaiüe, später Rigaud. Madel, (tritt schnell ein). Mein Vater! Marq. Du bist so bewegt — Madel. Der Wagen des Herrn Rigaud ist in den Hof gefahren. Marq. Ach, ich verstehe —und George, ist er mit ihm gekommen? Madel. Nein. Herr Rigaud kommt aus Paris. Marq. (am Fenster). Georg kömmt soeben von der andern Seite, — von Bour- qes. Gehen wir in den Salon um sie zu empfangen. Rigaud (tritt schnell ein). Ich trete ein, mein lieber Nachbar, ohne mich anmelden zu lassen. Ich bin sehr erfreut, Sie in, Speisesaal zu treffen, denn ich habe einen höllischen Appetit, (Er sieht Madel'aine.) O! Verzeihen Sie,mein Fräulein. (Gegenseitige Begrüßung.) Marq. (reicht Herrn Rigaud die Hand). Seien Sie mir willkommen! Ich begrüße Sie als einen lieben Nachbar und werde mein Möglichstes thun, damit wir uns, wenn Sie heute fortgehen, als Freunde — auf Wiedersehen! sagen. Rigaud (enthusiastisch). O, Herr Marquis! Ich kann keine Phrasen machen — ich habe mich mein Lebelang nur mit Zahlen beschäftigt — aber ich weiß — wenn man einen Rigaud mit mehreren Millionen multiplicirt, so kommt erst noch kein Marquis heraus, — am wenigsten aber ein Marquis wie Sie! — Ist mein Sohn noch nicht hier? Nicol, (meldet an). Herr Georg Rigaud Zehnte Scene. Vorige, George. Rigaud. Endlich! Ich glaubte schon, Du würdest uns warten lassen. George (grüßt den Marquis und Made- laine und sucht dann sich Rigaud zu nähern). Entschuldigen Sie, mein Vater, ich war zu Hanse, weil ich Sie früher zu sprechen wünschte. Rigaud (entfernt sich von ihm). Thut mir leid, allein ich bin direct hieher gefahren, weil ich sehr hungrig bin. George (für sich). Es ist unmöglich, ihn zu sprechen. Nicol, (welcher während Obigem die Suppe aufgetragen hat). Herr Marquis, es ist ser- virt. Rigaud. Eine willkommene Nachricht. Marq. Gehen wir zu Tische, lieber Nachbar. Rigaud. Zu Befehl, Herr Marquis — ich gehorche Ihnen sehr gern. (Ihn zu. rückhaltend ) Eh' wir uns jedoch setzen, möchte ich Sie um eine Prise aus Ihrer prachtvollen Dose bitten. Marq. O, mit Vergnügen. (Er erinnert sich und bleibt stocken.) George (für sich). Ach, mein Gott! Marq. (stellt sich, als ob er die Dose suchte). Ja, wo Hab' ich sie denn? Ach, ich werde sie in der Bibliothek vergessen haben. Nicolas ! Madel. Ich werde sic Dir holen, lieber Pater. Rigaud. Bemühen Sic sich nicht, mein Fränlein, ich habe ja meine Dose bei mir. Sic ist zwar mit keinem Wappen geziert, aber sie wiegt zwanzig Ducaten, sie ist nm eine bürgerliche Dose, aber immer mit gutem Tabak versehen und immer bereit, die Nase eines Freundes zu erquicken. Marq. (nimmt «ne Prise). Sie erlauben! Rigaud (für sich). Jetzt hat er wieder eine Prise erspart. 11 Madel. Herr Rigaud wird uns verzeihen, wenn er nicht Alles nach Wunsch findet, allein wir armen Landbewohner können nur auf unfern Hühnerhos und auf unfern Garten rechnen. Rigaud. Aber ich bitte Sie, Fräulein! (Kür sich ) O weh, ich furchte, daß wir ein elendes Essen bekommen. Nicol, (für sich, indem er Rigaud zufieht die Suppe essen). Nu, der fängt gut an. Madel, (zu George). Und Sie essen nicht? George. Ach, entschuldigen Sie, ich vergaß. Rigaud (lacht). O, ich habe auch vergessen — als ich zwanzig Jahre alt war. (Zudem Marquis lachend.) Er vergißt! Marq. (zu Rigaud). Darf ich Ihnen einschenken? Rigaud. Ich bitte Sie darum. Nack der Suppe trink' ich immer einen fingeryoch puren Wein. (Er hält sein Glas hin. zieht es aber erst dann zurück, nachdem es voll ist ) Nicol, (für sich). Das nennt der fingerhoch! Marq. (zu Georg). Und Sie, mein Herr! George. Ich danke, Herr Marquis, ich trinke sehr wenig. Marq. Und Du, Madelaine? Madel. Du weißt ja, lieber Vater, daß ich nur Wasser trinke. Marq. Ja wohl. (Er will sich einschenken, zieht aber die Flasche zurück.) Gerade so wie ich heute. Rigaud. Sie auch? Sie wollen mick also zwingen, heute für Vier zu trinken? George Das wäre ganz gegen Ihre Gewohnheit, mein Vater. Rigaud. Ja — aber ein alterArzt hat behauptet, daß jeden Monat ein kleiner Er- ceß ganz gesund wäre. Dreißig Tage bin ich ganz mäßig gewesen — zum Glück hat dieser Monat 31 Tage, ich speise heute bei Ihnen, Marquis, und — Marq. (lächelnd, für sich). Ich habe einen schlechten Tag gewählt. Nicol, (trägt mit großer Würde das Pou- lard mit Trüffeln aus). Rigaud. O! O! Ein Poulard mit Trüffeln! Marq. Nicolas! Nicol, (stellt das Poulard vor den Marquis, welcher es tranchirt). Rigaud. Auf mein Wort! Wenn dieses Poulard aus Ihrem Hühncrhofe kommt, so gratulire ich Ihnen. Und die Trüffeln, find die auch auf Ihrem Grund und Boden gewachsen? Madel. Ich bin ebenso erstaunt wie Sie! Rigaud. Ah! Herr Marquis, das ist nicht recht. Sie haben versprochen, uns ohne Umstände zu empfangen, wir sind Nachbarn — Marq. (lächelnd). Können Nachbarn nickt auck die Trüffeln lieben? Rigaud (für sich). Mein Verdacht war ungegründet — der Mensch ist eher ein Verschwender! (Laut.) Bordeaur und Trüffeln gehören zusammen. Ick bitte Sie um einen Tropfen. (Er reicht ihm das Glas und zieht es wieder erst zurück, nachdem es voll ist.) Nicol, (für sich) Das nennt der einen Tropfen! Marq (für sich). Eine Flasche ist schon leer. (Laut.) Nicolas, gib Wein her! Nicol, (wechselt die Flasche und sagt für sich). Eine ist todt! Rigaud. Georg, willst Du mir nicht Helsen, in dem Keller des Marquis eine Bresche zu legen? Auf die Gesundheit und das Glück des Fräuleins! George (reicht dem Marquis sein Glas). Rigaud. Und Sie, Herr Marquis? Mara. (gerührt). Dieser Aufforderung kann ich nicht widerstehen, Sie packen mich bei meiner schwachen Seite. Rigaud. So ist's recht! Madel. Mein Herr, dießiual mach' ich eine Ausnahme, ich trinke auch mit! Rigaud (triumphirend). Ah, ich wußte es ja, daß ich Sie Alle zwingen würde, mir mir zu trinken. Auf die Gesundheit und 12 das Glück des Fräuleins Madelaine. (Er trinkt) Nicol, (für sich). Der Mensch kann sein Glas weder leer noch voll sehen. Rigaud. Meine Freunde! Jetzt will ich Euch eine Neuigkeit mittheilen, welche in Bourges großes Aufsehen erregt. George. Und die ist? Rigaud. Man spricht von einer Heirat. George und Madel, (bewegt) Don einer Heirat? Rigaud (machtdem Marquis Zeichen). Hm, Hm! (Laut.) Ja, von einer Heirat, und zwar — von der meinigen. George (kalt). Sie haben Ihren freien Willen, Date'-! Rigaud. Das denk' ich auch! Da ich einen Sohn habe, der 25 Jahre alt ist, so muß ich wohl majorenn sein. Aber beruhige Dich! Ehe ich zum zweiten Male heirate, ist es doch gerecht, daß ich Dtch wenigstens einmal verheirate. George (freudig). Heiraten Sie bald, Vater? Rigaud (lachend zum Marquis). Ah! jetzt hat er Eile. (Laut.) Das hangt von meiner Zukünftigen ab. Sie zaudert noch, aber sie wird einwilligen — ohne Zweifel. George. Wer ist Ihre Zukünftige? Rigaud. Frau Godard, eine Witwe. George. Ah, sie ist Witwe? Rigaud. Ja wohl, sehr Witwe — (Er schenkt sich ein und zeigt die leere Flasche.) Und sie verlangt einen Nachfolger, gerade wie diese Flasche. Nicolas! (Zum Marquis.) Nicht wahr, er heißt Nicolas? Bringe Wein, mein Junge! Nicol, (für sich, indem er die Flasche fortträgt). Jetzt ist die zweite auch hin. Rigaud (fortfahrend). Unglücklicherweise hat der Name Godard meiner Braut niemals gefallen und es verlockt sie auch nicht sehr, Frau Rigaud zu heißen. Madel, (naiv). Frau Rigaud? Das klingt doch ganz hübsch. Rigaud. Fräulein! diese Worte machen mich doppelt glücklich, denn sie erwecken in mir eine doppelte Hoffnung. Marq. (zu Nirolas, welcher die dritte Flasche bringt). Gib her, Nicolas! Rigaud. Ja, ja, gib her! (Ernimmtdie Flasche.) Marq. (will sie wieder nehmen). Bemühen Sie sich doch nicht! Rigaud. Das ist ja ein Vergnügen. (Zu Madelaine.) Und wenn ich nicht schon auf Ihre Gesundheit getrunken hätte — Marq. (in Todesangst für sich). Die letzte Flasche! Rigaud (zu Madelaine). Aber Sie werden es mir nicht versagen, auf meine bevorstehende Vermälung zu trinken? Madel. Gewiß nicht. Rigaud. Und Sie auch nicht, Herr Marquis? sEr füllt das Glas des Marquis an.) Marq. Das werd' ich niemals austrinken. Rigaud. Sie kennen das Sprichwort: Eingeschenkt, ausgetrunken. (Zu Georg.) Und Du? George. Ich danke, mein Vater. Rigaud. Wie, mein Sohn, Du weigerst Dich? Sollte diese Heirat — George. Wie können Sie das denken! (Für sich.) Ich darf mich nicht weigern. (Laut.) Sehr wenig! Rigaud (füllt George's Glas und auch das seine). Also auf meine Verheiratung! (Ertrinkt) Nicol, (für sich). Der Mensch ist ein Schwamm! Rigaud. Das ist der wahre Wein für einen Marquis! Sie haben wohl vier- oder fünftausend Flaschen in Ihrem Keller? Nicol (für sich). Und wenn wir sie hätten, der tränke sie alle aus! Rigaud (schenkt sich ein). Die Flasche ist zu Ende, bring' eine neue, Nicolas! Nicol, (für sich). Jetzt hat er die dritte auch umgcbracht. Marq. (für sich). Der kalte Schweiß steht mir auf der Stirne. Rigaud. Nicolas! Nicol. Befehlen? 13 Rigaud. Wein, mein Junge. Nicol, (mit halber Stimme). Gleich — gleich — Marq. (maschinenmäßig zu Nicolas, welcher ihm Zeichen macht). Geb' in den Keller, Nicolas! Nicol, (bleibt verblüfft stehen). Ja, Herr Marquis — Rigaud. So geh' doch! Marq. (zu Nicolas, welcher sortgeht). Nein, warte, Nicolas, warte! Ich habe vergessen, daß der Kellerschlüssel in meinem Zimmer ist- (Er macht eine Anstrengung, um aufzustehen.) Ich will ihn selbst holen. (Er macht einige Schritte und murmelt.) Hinaus! Hinaus! (Die Kraft verläßt ihn und er fällt auf einen Fauteuil.) Madel, (eilt zu ihm). Himmel! Mein Vater, was hast Du? (Zu Georg.) Bitte, öffnen Sie das Fenster. Marq. (kommt zu sich). Sei ruhig, mein Kind — es ist nichts — die Hitze — Luft! — Es ist mir schon besser. Madel, (umarmt den Marquis) Ach, mein armer Vater! Marq. Beruhige Dich — es ist nichts — nur ein kleiner Schwindel. Rigaud (welcher auch ausgestanden ist). Ich bin der Schuldige. Ich habe Sie verleitet, zu viel zu trinken, Marquis. Ich glaube immer, daß jeder so viel vertragen kann, wie ich. Marq. Ich bin trostlos, diese Störung verursacht zu haben. Setzen Sie sich dock, meine Herren. (Er steht auf.) Rigaud. Nein, nein! Wir sind ja mit dem Essen fertig und wollen jetzt von ernsten Dingen sprechen, Herr Marquis! George. Ich lasse Sie allein, mein Vater. Marq. (zu Madelaine). Geh auch Du, Mein Kind. (Zu George und Madelaim.) Geht in den Garten spazieren. George (für sich, indem er Madelaine den Arm bietet). Wie wird das enden? Marq. (zu Georg). Mein Herr, ich vertraue Ihnen meine Tochter an. George und Madelaine (ab). Eilfte Scene. Marquis. Rigaud. Rigaud (steht Madelaine nach). Herr Marquis, Ihre Tochter ist ein Engel! (Er setzt fich zum Marquis.) Marq. Ich denke wohl so — ich, ihr Vater. Aber es macht mich glücklich, es von Ihnen zu hören. Rigaud. Sie erratben ohne Zweifel, was ich mit Ihnen besprechen will? Marq. Ich bin bereit, Sie zu hören. Rigaud. Herr Marquis, ich besitze nicht wie Sie einen Stammbaum, dessen Wurzeln sich bis in die längstvergangene Zeit erstrecken. Ich bin nur ein Bürgerlicher, ein Emporkömmling, aber — Marq. Mein Herr, Sie haben den Adel der Gesinnung und dem räume ich den ersten Rang ein. Rigaud. Ich danke Ihnen für diese Worte, sie machen mir Muth, offenherzig mit Ihnen zu sprechen. Herr Marquis, ich liebe meinen Sohn, wie Sie Ihre Tochter lieben. Marq. Dann lieben Sie ihn sehr, mein Herr. Rigaud (fortfahrend). Und um mich seines Glückes zu versichern, bitte ich Sie für ihn um die Hand Ihres Fräuleins Tochter. Marq. Mein Herr, ich gebe mir keine Mühe, meine Freude zu verbergen; der Kummer läßt sich verschweigen, die Freude nie — sie bricht immer durch. Ich antworte Ihnen daher mit voller Offenheit: Die Vereinigung unserer Kinder ist mein sehnlichster Wunsch. Rigaud (reicht ihm die Hand). Ihre Hand, Herr Marquis, — das Geschäft ist abgeschlossen. Verzeihen Sie das Wort, — 14 aber das Heiraten ist ein Geschäft,— und da wir schon diesen Gegenstand berühren, so erlauben Sie mir eine Frage, welche sorgsame Leute, die für das Glück Ihrer Kinder bedacht sind, mit zwei Worten abmachen, oder vielmehr mit —zwei Zahlen Marq. (für sich). Das Blut friert in meinen Adern. Rigaud. Im Falle der beabsichtigten Heirat gebe ich meinem Sohne fünfmal- hunderttausend Franken, und cedire ihm mein Banquiergeschäft. Ich verlange nicht, ja ich wünsche nicht einmal, daß Sie Ihr Fräulein Tochter mit einer gleichen Summe bedenken, — allein ich muß doch wissen — mit einem Worte, sagen Sie, was sind Sie gesonnen, für Ihre Tochter zu thun? Marq. Mein Herr — Rigaud. Die Hälfte? — Oder finden Sie das auch zu viel? Gut, bestimmen Sie selbst, wie viel. Marq. Ich kann nicht — Rigaud. Also das Viertel: Hundertfünfundzwanzigtausend Franken? Für einen Krösus wie Sie ist das ja eine Kleinigkeit. Marq. Ich bin trostlos, mein Herr, aber es ist mir unmöglich! Rigaud. Erlauben Sie, — mir liegt nichts an Geld, denn mein Sohn ist reich genug für Zwei — aber fürchten Sie nicht die Gerüchte zu bestätigen, welche sich über Sie verbreitet haben? Marq. Welche Gerüchte? Rigaud. Man sagt, daß Sie fürchterlich an Ihren harten Thalern hängen, — man sagt es überall — also: Fünszigtau- send Franken? Auch nicht? Also fünfundzwanzig — um die Einrichtung unserer Kinder zu bestreiten. Marq. (steht auf). Nichts! Rigaud. Nichts? Marq. (trostlos). Ich kann nichts für meine Tochter thun! Rigaud (steht auch aus). Ah, das ist zu stark! Man hat es mir wohl gesagt, aber jch wollte es nicht glauben. Sie sind geizig! Wohlan, Herr Marquis! Ich habe auch einen Fehler: ich bin eigensinnig, und wenn Sie Ihrer Tochter diese elenden fünfundzwanzigtausend Franken nicht geben, welche ich mich schäme von Ihnen zu begehren, so erkläre ich Ihnen, ich, Johann Baptist Rigaud, daß diese Heirat nicht stattfinden wird! Marq. (für sich). Meine arme Tochter! (Laut.) Mein Herr, zwingen Sie mich nicht Ihnen ein Geständniß zu machen — Rigaud. Herr Marquis, es ist unnütz, diese Unterredung länger auszuspinnen. Marq. Halten Sie ein, mein Herr. Als Vater ist es meine Pflicht, Ihnen zu sagen — Nicol, (eilt bestürzt herein). Herr Marquis, Herr Marquis! ES hat Eile! Hier sind wichtige Schriften. (Für sich.) Und ick hielt ihn für geizig wie alle die andern Dummköpfe! (Er bezeichnet Rigaud, sieht den Marquis mitleidig an und geht ab.) Marq. (für sich, nachdem er die Schrift gelesen). Die Pfändung! Das ist der letzte Schlag, allein ich mußte darauf gefaßt sein! Rigaud. Nun, Herr Marquis? Marq. Ich will Sie nicht länger aufhalten. Rigaud. Sie gehen nicht darauf ein, wirklich nicht? Marq. (mit Würde). Wirklich nicht! Rigaud. Gut, Herr Marquis, dann wollen wir nicht mehr davon sprechen. Ich will meinen Sohn aufsuchen und mit ihm dieses Haus verlassen, welches wir nie wieder betreten werden. Mein Sohn wird darüber sterben, Herr Marquis — Ihre Tockter auch — aber Sie werden sich Ihre fünfundzwanzigtausend Francs erhalten haben! (Er geht ab, man hört ihn vor der Thür sagen.) Komm, George, wir fahren fort; mein Fräulein, ich empfehle mich Ihnen! Marq. (finkt ans einen der Stühle, welche bei dem Tische stehen). 1Ü Zwölfte Scene. Marquis. Madelaine. Madel, (ängstlich). Was geht hier vor, Vater? Marq. Madelaine! Made,!. Herr Rigaud hat Dick verlassen, er fährt fort und nimmt Georg mit sich — Marq. Daun weißt Du Alles! Madel. O Himmel! Und unsere Heirat — er willigt nicht ein? Aber sprich doch, Vater, dein Stillschweigen tödtet mich! Marq. Herr Rigaud hat deine Hand für seinen Sohn begehrt — Madel, (freudig). Nun? Marq. Herr Rigaud ist reich — er hat eine Mitgift verlangt — er hat sie selbst bestimmt — Madel. Und Du, mein Vater? Marq. (schweigt). Madel. Du hast nicht eingewilligt? Marq. Nein, mein Kind. Madel, (sucht sich zu beherrschen). Gut, mein Vater! (Für sich.) Jetzt begreife ich. Marq. (für sich). Auch sie! — Auch sie! — (Laut, indem er ihre Hand zu fassen sucht.) Madelaine! Madel. Genug, mein Vater. (Mit einem Gemisch von Schmerz und Bitterkeit.) Du hast recht gethan, Du bist mir nichts schuldig, nicht einmal eine Erklärung, welche nur schmerzlich sein könnte für uns Beide. (Sie bedeckt sich das Gesicht mit beiden Händen.) Marq. (stürzt aus die Knie vor ihr und schluchzt laut). Verzeihung, Verzeihung, meine Tochter! Ich bin arm, ich bin zu Grunde gerichtet! Madel, (schreit auf). Was sagst Du da? Arm — zu Grunde gerichtet? —Und Du bittest mich um Verzeihung?Du knieest vor mir? Steh' auf Vater! Um Gotteswillen, steh' aus! Marq. (wirst sich in ihre Arme). Madelaine, mein Kind! (Sie halten sich lange umarmt, dann macht er sich loS, setzt sich und saßt sie bei beiden Händen.) Es sind nun achtzehn Jahre, wir waren an einem Winterabend in unserm großen Salon in La Fresnaie- versammelt. Deine Mutter stickte, und saß neben deiner Wiege, in welcher Du einge- schlasen warst, — ich saß bei meiuem Klavier und spielte leise jene Melodie, welche ich noch so oft spiele, und die Dich in deiner Kindheit immer einschläserte. Wo sind jene schönen Tage, jene glückliche Zeit! Die Vergangenheit war ruhmvoll und ehrenhaft, die Gegenwart durch alle süßen Freuden einer glücklichen Häuslichkeit geschmückt und wir erwarteten eine noch schönere Zukunft, wenn wir in deine freundlichen Au gen sahen! — Plötzlich schellte man heftig an der Schloßglocke, ich erschrak, — als ob ich ein Unglück geahnt hätte, — die Thür öffnet sich, eine trostlose Frau stürzt herein, es war die Frau meines Bruders — sie warf sich mir zu Füßen und ries: »Rette ihn, rette ihn! er will sterben, er will sich tödten!« — Das Börsenspicl hatte die Stammgüter des Grafen La Fresnaie verschlungen, und eine letzte Spekulation hatte ihm eine sehr große, heilige Schuld auferlegt.» Was können wir thun?« frug ich meine Schwägerin, indem ich sie aufhob, »was willst Du von mir?« »Das Leben meines Mannes,« antwortete sie und eine innere Stimme rief in mir: »Die Ehre unseres Hauses!« Ich hatte schon die Feder ergriffen, da fielen meine Blicke auf deine Wiege — die Feder entfiel mir wieder. Madel, (ängstlich). Du hast gezaudert? Marq. Ich suchte anderSwo den Muth, den mir dein Anblick geraubt hatte. Ich richtete meine Blicke auf deine Mutter — sie stand ruhig und würdevoll auf und sagte: (Cr steht aus) »Marquis von La Fresnaie, thue deine Pflicht! Komme, was da kommen mag.« Madel, (mit Enthusiasmus). Seid geseg« net alle Beide! Marq. Am selben Abend noch unter- 16 schrieb ich, —am folgenden Morgen wurde das Schloß mit einer Hypothek belastet— einen Monat darauf wurde es im Licita- tionswege verkauft — und an dem Tage starb deine Mutter. Madel. Mein Vater! Marq. Ich zog mich mit Dir auf diese kleine Besitzung zurück, welche den letzten Rest unseres verschwundenen Vermögens bildete, — ich verbarg meine Armuth, wie ein Anderer seine Schande verborgen hätte, ich gab dem dummen Stolze nach, welcher mich dem Verdacht der Verachtung preisgab, — ich täuschte sogar Dich, mein Kind, weil ich allein leiden wollte, und immer vor diesem fürchterlichen Geständniß zurückschrak. Ich war thöricht genug, zu glauben, daß man Dir die Schätze deines Geistes und deines Herzens als Mitgift anrechnen würde, aber ich bin grausam enttäuscht worden! — Du bist schön, Du bist gut — Du bist ein Engel, — was nützt das Alles, — Du bist arm —sehr unglücklich! Madel, (welche ihre Thränen zurückhielt). Nein, mein Vater! nein! Wenn Du mir versprichst, Muth zu haben, werde ich ihn auch haben. Wenn Du nicht mehr weinst, will ich lächeln. Ich werde stark und mu- thig sein, wie es deine Tochter sein soll. Marq. O, sage das nicht! Sage, Du willst mir deine Leiden verbergen (weinend) denn Du hast ihn geliebt, mein armes Kind, Du hast ihn geliebt! Madel, (fest). Ich liebe Dich, mein Vater! Die Hoffnungen eines Augenblicks, den kurzen Traum, werde ich vergessen, ich will, — ich muß es! — War ich bis heute nicht glücklich an deiner Seite? Und jetzt, wo ich Dir deine Last tragen helfen soll, können wir nicht wieder glücklich sein, — hier in unserer ruhigen Einsamkeit? Marq. (bitter). Hier! Armes Kind, Du glaubst noch an etwas, — Du bildest Dir noch ein, daß das Unglück müde wird, und innehält, — wir haben kein Asyl prebrj hier lies! (Er gibt ihr die Schrift. Der Friedensrichter und der Gerichtsdiener erscheinen an der Mittelthür.) Nicol, (läuft herbei). Herr Marquis! Die Leute vom Gericht! Madel. Gehen wir, Vater! gehen wir! Marq. Was soll aus uns werden, mein Kind? Madel. Es gibt einen Gott! Marq. Komm! Komm! (Zum Friedensrichter.) Thuen Sie Ihre Pflicht, mein Herr! (Sie gehen rechts ab.) Nicol, (fällt laut weinend auf einen Stuhl). Und ich — und die andern Dummköpfe hielten ihn für geizig! Zweiter Äct. Ein Salon im Schlosse La Fresnaie, mit Familienporträts geziert. Eine offene Mittelthür, welche in einen zweiten Salon führt. Rechts eine Seitenthür, links ein Fenster. Rechts steht ein Tisch. Links ein Elavier mit der Klaviatur gegen das Publicum. Sopha, Fauteuils, Stühle. Erste Scene. Fargeau. Cslestin. Ein anderer Diener. Esl. (steht aus einer Doppelleiter und hängt ober der Mittelthür das Porträt der Frau Go- dard ans, welche in einem Hochrothen Kleide und mit Hochrothen Federn aus dem Kopfe gemalt ist). Hängt es gut da, Herr Fargeau? Farg. (welcher am Tische fitzt). Ja! Zwischen dem Porträt der Präsidentin und jenem des Feldmarschalls. Cvl. So! (Er steigt von der Leiter herab ) Farg. (für sich). Welcher Contrast, guter Gott! Die gute dicke Bürgersfrau, roth wie ein gesottener Krebs, hängt neben — Esl. (nähert sich ihm). Wie sagten Sie, Herr Fargeau? Das wäre das Porträt einer Präsidentin und jenes das eines — 17 Farg. (steht auf). Feldmarschalls! Der Urgroßvater des Herrn Marquis, getödtct beim Rheinübergang unter Ludwig XIV. Esl. Das war ein sehr schöner Mann! Farg. (stolz). Alle Männer waren schöne Männer zu jener Zeit. — Versteht sich die adeligen. Esl. (leise zum anderen Diener). Ist dieser Vater Fargeau ein alter Aristokrat! (Laut ) Und wer ist diese schöne Dame? Farg.Meine Kinder, wenn Ihr vor diesem Porträt vorübergeht, neigt Euch in Ehrfurcht. Es ist die letzte Marquise von La Fresnaie. Diener (erstaunt). Und das Porträt ist hier geblieben? Farg. Ihr seid neu in diesem Hause, junge Leute, um so besser für Euch. Ihr wäret nicht hier, als der Herr Marquis vor achtzehn Jahren gezwungen wurde, diese Gegend zu verlassen, und sich auf eine kleine Pachtung in der Umgebung von Bourges zurückzuziehen, wo er wohl noch lebt. Ihr habt nicht gleich mir gesehen, wie dieses Schloß verpfändet, verkauft wurde mit Allem, was es enthielt, mit Allem . . selbst den Familienporträts, welche man dem Herrn Marquis nie zurückgeben wollte. Evl. Das war nicht recht! Farg. (trocknet sich die Augen). Nein, es war nicht recht. Diener. Brauchen Sie uns nicht mehr, Vater Fargeau? Farg. Nein, Kinder. Geht, es ist heute großes Diner hier, und Ihr habt zu thun. (Cölestin und der Diener ab; sie nehmen die Leiter mit.) Zweite Scene. Fargeau, später Madelaine. Farg. (spricht zum Porträt der Marquise). Sie that recht daran, zu sterben, die arme Dame! Der gute Gott hat ihr viel Kum- Theatrr-Repertoin Nr. 14S. mer erspart! (Er wendet sich, um zu gehen und begegnet Madelaine, welche eintritt.) Madel, (trägt eine kleine Schachtel, und bleibt an der Thür stehen). Ist Frau Godard zu sprechen? Farg. Was wünschen Sie von ihr? Madel. Sie hat diese Spitzen bei mir in Alenxon bestellt und da sie soeben vollendet wurden, so bringe ich sie. Farg. Sie kommen von Alenxon, und zu Fuß? Madel. O! cs ist ja ganz nahe, höchstens eine halbe Stunde Wegs. (Sie trocknet sich die Stirne.) Farg. Sie sind müde, setzen Sie sich doch. Madel. O nein, ich danke, ich habe viel Arbeit zu Hause, und die Tage sind in dieser Jahreszeit so kurz. Farg. Wie Sie glauben. (Er bezeichnet ihr die Thür rechts ) Gehen Sie diesen Gang entlang, dort werden Sie die Kammerjungfer der Frau Godard treffen, welche Sie zu ihr führen wird, (tzr hält sie zurück und sagt leist.) Sie bringen Spitzen, vielleicht zur Hochzeit der Frau Godard? Man sagt hier im Schlosse, daß sie heiraten soll. Madel. Ich weiß nichts davon. Hier, sagen Sie? Farg. Ja, am Ende dieses Ganges. Madel. Ich danke Ihnen. (Sie geht rechts ab.) Farg. (folgt ihr mit deu Augen). Es ist merkwürdig! Alle die Nähtcrinnen und Stickerinnen, die Hieherkommen, sehen lustig und muthwillig aus und diese ist so ernst und traurig. Dritte Scene. Fargeau. Frau Godard. Fr. God. (kommt durch die Mittelthür). Wornach schauen Sie, mein Alter? Farg. Ach, verzeihenSie, Frau Mar— (Kür sich.) Was sage ich denn? (Laut.) Frau Godard. 2 18 Fr. God. (lächelnd für sich). Er hat mich Frau Marquise genannt. (Laut) Wer sind Sie, mein Lieber? Farg. Ich bin Peter Fargeau, Frau Godard. Fr. God. Ach ja! — Der alte Diener des Marquis, der nach dem Verkaufe hier geblieben ist. Wie lange sind Sie schon hier im Schlosse? Farg. Zweiundvierzig Jahre, Frau Mar — (verbessert sich) Frau Godard. Fr. God. (selbstgefällig für sich). Schon wieder. (Laut.) Ich behalte Sie. Die alten Porträts, die alten Fauteuils, die alten Diener — Alles behalte ich; aber renovirt muß Alles werden. O, es werden hier große Veränderungen Vorgehen. Farg. (für sich). Das glaube ich. Fr. God. (beobachtrt ihn grnau). Drehen Sie sich um. Sie haben da sehr abgetragene Kleider, lieber Alter. Sind sie auch schon zweiundvierzig Jahre alt? Farg. Frau Godard — Fr. God. Seien Sie ruhig, Sie sollen i eine neue Livree haben. Eine rothe Livree. Farg. (für sich). Roth? (Er sicht nach dem Porträt.) Das scheint ihre Leibfarbe zu sein. (Laut.) Gut, Frau Godard. Fr. God. (für sich). Ah. er irrt sich nicht mehr. (Laut.) Da Sie so lange im Hause sind, so trage ich Ihnen auf, alle die Tölpel von Bedienten abzurichten, die ich aus Alcntzvn mitgebracht habe und die sich in diesem großen Schlosse verirren. Meiner Treu, ich glaube, ich verirre mich auch noch darin. (Sie lacht laut und ordinär.) Farg. (für sich). Die Frau Marquise hat nicht so gelacht. Fr. God. Dann empfehle ich Ihnen meine heutigen Gäste, Herrn Rigaud besonders. Farg. Herrn Rigaud? Fr. God. Der große schöne Mann, der gestern angekommen ist. Vergessen Sie nicht, daß er der reichste Banquicr von Bourges ist. Ich hoffe, daß man ihm das schönste Fremdenzimmer angewiesen hat, das Zimmer, welches man ehemals dem Gouverneur der Provinz gab. Farg. (skufzknd). Als es noch eine Provinz gab und einen Gouverneur. Fr. God. Wenn der Präfect des Departements hieherkommt, werden wir ihm dasselbe Zimmer geben. Farg. (schüttelt den Kopf). Das ist aber doch etwas Anderes. Fr. God. (klopft ihm freundschaftlich auf die Schulter). Sie sind aus der guten alten Zeit. (Zeigt auf die Porträts.) Ans der Zeit dieser noblen Leute, der Präsidenten und Marquisen. Ach, das muß schön gewesen sein. Farg. (lebhaft). Acb ja, Frau Mar — Frau Godard. Fr. God. Nur zu, nur zu, geniren Sie sich nicht, ich bin eine gute Frau, ich vertrage Alles. — Wie viel Gehalt haben Sie bis jetzt gehabt? Farg. Zweihundert Thaler. Fr. God. Sie sollen vierhundert haben. Danken Sie mir nicht, aber reden Sie immer so mit mir, wie Sic jetzt mit mir gesprochen haben, — fürchten Sie nicht, mich zu beleidigen. Ja, mein guter Fargeau, Sie sollen ein glückliches Alter bei mir haben, und eine schöne rothe Livree. Und jetzt gehen Sie. Farg. (für sich im Abgehen). Sie ist eine gute Frau, aber — es ist doch nicht so, wie es war! Vierte Scene. Frau Godard (allein). Dreimal hat er mich Frau Marquise genannt! (Lächelnd.) Das war hübsch, sehr hübsch. Aber warum er sich immer verbessert und Frau Godard gesagt hat? Frau Godard! In Alenxon hat dieser Name Effect gemacht. Aber hier in diesem Schlosse klingt er abscheulich, wie eine falsche Note. Eigentlich schlimmer, denn mich geniren falsche Noten nicht! (Aergerlich.) Wie diese großen Damen alle jetzt diese Frau Godard ausrichten werden. Die Witwe IS des Eisenhändlers Godard. Sie haben mir schon mein schönes Haus in Alen^on nicht vergönnt, — jetzt erst dieses Schloß. Der Adel in einer kleinen Stadt ist eine wahre Pest! JnParis haben sie keine Idee davon, da kümmert sich Eins um's Andere nicht, aber in der Provinz! Der selige Godard, welcher bei seinem Eisen drei Millionen verdient hatte, wurde von diesen armen Adeligen angesehen, als wäre er kein Mensch, und ich erst. Ihre Weiber barsten aus Neid über meinen Ueberfluß an Seide, Sammt und Spitzen. O! wenn ich wenigstens eine Baronin werden könnte! Wie wollt' ich diese Grafen ohne Grafschaft behandeln. Aber leider soll ich nur Frau Rigaud werden. Rigaud! Godard — Godard — Rigaud, das ist immer eins und dasselbe. Frau Marquise klingt dock ganz anders. (Sie setzt fich.)Warumhat mich der dumme Alte auch dreimal so nennen müssen. Er hat mir ganz den Kopf verdreht. Fünfte Scene. Frau Godard. Madelaine. Madel, (zur Kammerjuugser, welche sie cin- führt). Ich danke Ihnen! Fr. God. Was gibt's? Madel. Ich bringe Ihnen Ihre Spitzen, Frau Godard. Fr. God. Ah, lassen Sie sehen. (Wie sie die Schachtel nimmt, sieht sie Madelaine an.) Sic ist hübsch, die Kleine! Haben Sie das gearbeitet, mein Kind? Madel. Ja. Fr. Gad. (öffnet die Schachtel). Ah! das ist ja wunderhübsch. Sie müssen wohl schon in früher Jugend gearbeitet haben, nicht wahr? Waren Ihre Aeltern auch Arbeitsleute? Madel, (schlägt die Augen nieder). Fr. God. Geniren Sie sich nicht. Ich verachte die Arbeiter nicht! (Für sich.) Man muß sich zu dem Volk herablaffcn. (Laut.) Mein seligerMann war auch Arbeiter, aber er hat nicht in Spitzen gearbeitet, sondern in Eisen. Jetzt lassen Sie mich diese Dinger aber näher bettachten. (Sie breitet die Spitzen aus.) Madel, (sieht sich um, erblickt das Porträt der Marquise, und stößt einen Schrei aus). Ach! meine Mutter. Fr. God. (wendet sich um). Was sagen Sie? Madel. Nichts! Fr. God. Ja wohl. Sie haben gesagt meine Mutter, und dabei haben Sie jenes Porträt angesehen. Madel. Nein, nein! Fr. God. (steht aus). Und dieses Medaillon an Ihrem Hals? Madel. Nein, nein! Fr. God. Mein Gott, ist es möglich! Sie wären — Madel. Nein. Fr. God. Die Tochter des Marquis. Madel. Ich beschwöre Sie. (Sie fällt aus die Knie.) Ich konnte mich nicht zurückhalten, als ich das Antlitz meiner Mutter sah. Meine Mutter! (Sie steht auf.) Ich bitte, verrathcn Sie mich nicht. Niemand darf es erfahren — Fr. God. (herzlich). Niemand! Es sei, aber ich weiß es! (Für sich.) Die Tochter des Marquis vou La Fresnaie. (Laut.) Fassen Sie sich, Fräulein, ich werde Sie nicht verrathen, weil Sie es so haben wollen. Aber Ihr Vater, er weiß doch? Madel, (lebhaft). O nein! nein! er weiß nicht, daß ich hiehergekommen bin. Ich arbeite heimlich, um ihm die Sorge für unseren kleinen Haushalt zu erleichtern. Fr. God. (für sich). Die armen Leute! Madel. Mein Vater macht täglich lange Spaziergänge in der Umgegend von Alentzvn. Während dieser Zeit arbeite ich. Fr. God. Und Ihre Mutter? Wie, Sie weinen? Ach, mein Gott! ist sie — Madel. Sie ist todt! Fr. God. Ihr Vater ist also Witwer? Madel. Seit achtzehn Jahren. r* 20 Fr. God. (für sich). Witwer — und arm! (Laut und herzlich.) Aber Sie stehen noch, setzen Sie sich doch! Madel. Ich danke, ich muß fort. Fr. God. Warum? Madel. Wenn Jemand käme, Sie wissen, ich will nicht erkannt sein. Rigaud (von außen). Frau Godard ist im Salon? Gut. Fr. God. Sie haben Recht, es kommt soeben Jemand. Madel, (lebhaft). Leben Sie wohl. Fr. God. Ach! wir müssen ja erst unsere Rechnung schließen. Erwarten Sie mich bei meiner Kammerjungfer. (An der Thür rechts.) Anna! Ich empfehle Ihnen das Fräulein! Reichen Sie ihr Erfrischungen. Auf Wiedersehen, mein Kind, ich komme bald nach. Madel, (ab). Fr. God. So ist das Leben. Eine Marquise La Frcsnaie klöppelt Spitzen für's tägliche Brot, und Godard hat drei Millionen mit seinen Eisenarbeiten verdient ... Und er hat recht daran gethan! Sechste Scene. Frau Godard. Rigaud. Rigaud. (lebhaft). .Ach, guten Morgen, Frau Godard. Fr. God. (für sich). Schon wieder Godard! (Laut ) Guten Morgen, Herr Rigaud! (Sie betont dm Namen scharf.) Haben Sie gut geschlafen auf meinem Schloß? Rigaud. Wie ein Bauer! Aber ich habe goldene Träume gehabt. Fr. God. Wie ein Banquirr. Rigaud (küßt ihr die Hand). Nein, wie ein Verliebter. Fr. God. Rigaud, gehen Sie doch. Rigaud. Um sechs Uhr bin ich aufgestanden, um Ihren Park zu besehen. Ach, wie schön, wie herrschaftlich! Welcher Unterschied zwischen diesen gestern gepflanzten Gärten. Diese großen uralten feudalen Bäume sehen so stolz auf Einen herab, daß man ordentlich Respect vor ihnen bekömmt. Es sind lanterStammbäume! Und der große Teich! Die prachtvollen Fische! Königliche Karpfen, wie in Fontainebleau. Wie ich gestern hieher in Ihr Schloß kam, haben mir schon die zwei gothischenThürme solchen Respect eingeflößt, daß ich vor ihnen den Hut abgenommen habe. Und die Zimmer, dieser Salon, — Alles duftet nach Alterthum! Nichts ist jung hier, als Sic, Frau Godard. Fr. God. Schmeichler! lFürfich.) Er ist liebenswürdig, obwohl nur ein Rigaud. (Laut.) Ich erwarte heute Gäste, den Notar und den Maire mit ihren Frau Gemalinnen zum Diner. Rigaud (zaudernd). Zum Diner? Fr. God. Das scheint Ihnen nicht angenehm? Rigaud (bewegt). Schon das Wort erinnert mich an ein Diner, welches mir seit sechs Wochen auf dem Herzen liegt. Fr. God. Nicht im Magen? Rigaud. Nein, auf dem Herzen, denn ich fühle Gewissensbisse. Fr. God. (lacht). Was soll denn das heißen! Rigaud. Lachen Sie nicht, mich hat dieses Diner Thränen gekostet. Fr. God. O! Das ist also eine ernste Geschichte? Rigaud. Ich bin ein guter Kerl! Ich bin wirklich ein guter Kerl, und dennoch Hab' ich den edelsten, den besten Menschen schändlich behandelt, weil ich ihn für reich und geizig hielt. Reich! — Fr. God. (hört zu, ohne ihn zu verstehen). Rigaud. Am Tage darauf erfuhr ich, daß er sein letztes Kleinod verkauft hatte, um dieses Diner bestreiten zu können. Ich eilte zu ihm, — aber man hatte ihn aus seiner kleinen Besitzung vertrieben. Was ist aus ihm geworden? Seit jenem Tage sucht ihn mein Sohn überall, und ich speise nur mehr bei Leuten, wo ich überzeugt bin, daß 21 sie reich, daß Küche und Keller wohl bestellt sind, und ich die dritte Flasche trinken kann, ohne mir ein Gewissen daraus zu machen. Fr. God. (lachend). Diese Geschichte versteh' ich nicht. Sie müssen sie mir bei Tische noch einmal erzählen. Vielleicht versteht sie der Maire. Rigaud (wieder lustig). Oder der Notar! Ach, der Notar! Wenn Sie seine Gegenwart benützen wollten. Fr. God. Wir werden sehen. Rigaud. Haben Sie noch nicht genug gesehen? Sie kennen meinen Charakter, welcher gut ist, mein Vermögen, welches schön ist, mein Aenßeres, nun ich denke — ich habe Ihnen das Alles in Pansch und Bogen angetragen, nehmen Sie das Gute und das Schlechte. Fr. God. Wir werden sehen. Rigaud. Sie zaudern noch? Warum? Ist's mein Name, gefällt Ihnen der Name Rigaud nicht? Fr. God. Ich bin aufrichtig. Es wäre möglich. Rigaud. Nu, hören Sie, ich glaube, daß die Godard auch nicht die Kreuzzüge mitgemacht haben. Aber ich weiß, das ist es nicht, — ich habe einen Nebenbuhler! Fr. God. Was sagen Sie da? Rigaud. Ich bin meiner Sache gewiß. Ist er reicher als ich? Das ist kaum möglich! Verliebter? — Das ist gar nicht möglich! Jünger? — Das wäre möglich. Frau Godard, Sie wollen einen jungen Mann! Fr. God. Herr Rigaud, Sie werden beleidigend. Rigaud. Weil ich Sie liebe! (Für sich.) Und Ihr Schloß! (Laut.) Diese Taille, (Fürsich.) Diese uralten Bäume. (Laut.) Diese Augen. (Für sich.) Die schönen Karpfen! (Laut.) Alles gefällt mir an Ihnen und wenn ich meinen Nebenbuhler entdecke, — und ich werde ihn entdecken, dann soll er sich auf das Fürchterlichste gefaßt machen, es wird ein Krieg zwischen uns entstehen auf Tod und Leben! Dieß ist mein Ultimatum, Frau Godard. Entweder Ihre runde schöne Hand oder den Krieg! Sie werden Madame Rigaud, oder ich kämpfe, bis es auch keinen Herrn Rigaud mehr gibt, (tzr geht ab.) Siebente Scene. Frau Godard, dann Cölestin, später der Marquis. Fr. God. Er ist wirklich in mich verliebt. (Unwillig.) Warum hat mich der alte Grauschimmel auch dreimal Frau Marquise nennen müssen. (Lslestiu tritt ein.) Was gibt's? Cöl. Der Klavierstimmer aus Alenyou ist gekommen. Fr. God. Was geht das mich an, er soll stimmen. Er soll da hereinkommcn. Eöl. (öffnet die Thür, der Marquis tritt ein, grüßt und bleibt an der Thür stehen). Fr. God. (ohne ihn anzusehen). Stimmen Sie! Stimmen Sie! Da ist eins meiner Claviere. (Sich umwcndend.) Ich habe noch drei! Marq. Sie lieben die Musik wohl sehr? Fr. God. Ich? Gott soll mich bewahren. So ein Clavier ist ein hübsches Möbel, und gehört in ein elegantes Haus. Ich rühre es nicht an. Marq. (lächelnd für sich) Dann lohnt es sich schon der Mühe, es stimmen zu lassen. Fr. God. (zerstreut). Ich will zu dem armen Mädchen gehen, sie geht mir nicht aus dem Kopf. (Zum Diener.) Cölestin! Nein, Du bist zu dumm. Wo ist Fargeau? Man rufe Fargeau. (Sie ruft.) Fargeau! Marq. (für sich). Fargeau — 22 Achte Scene. Die Vorigen. Fargeau. Farg. Frau Godard! (Er nähert sich ihr, ohne den Marquis zu sehen, welcher sich abge- wendet hat.) Fr. God. Fargeau, bitten Sie die kleine Spitzenklöpplerin — (Man hört eine Glocke.) So, jetzt sind meine Gäste schon da. (Zn Cölestin.) Führe sie in den Sommersalon, wenn Du ihn findest, heißt das, denn Dil bist so dumm — Cel. (für sich). Sie sagt mir das so oft, daß ich es am Ende selbst glauben werde. (Ab.) Fr. God. Fargeau, bitten Sie das junge Mädchen, noch ein wertig zu warten. Marq. (hat das Clavier ausgemacht). Farg. (wendet sich um und sieht ihn, er erkennt den Marquis und stößt einen Schrei aus). Ah! Fr. God. Was gibt's? Farg. (sehr verwirrt). Nichts, Frau Mar — Frau Godard. Fr. God. Warum haben Sie dann Ah! gesagt? Wegen nichts sagt man nicht Ah! Farg. Ich bitte um Entschuldigung. Fr. God. Schon gut! schon gut. (Für sich, indem sie nach dem Marquis sieht.) Icb vergaß; man muß Gastfreundschaft ausüben, wie die ehemaligen Bewohner dieses Schlosses. (Leise zu Fargeau.) Sie werden den allen Clavierstimmer hier essen lassen, — in der Küche. Farg. (stößt wieder einen Schrei aus). Ah! Fr. God. Schon wieder Ah! Farg. (für sich). In der Küche! Fr. God. (für sich). Der gute Mann wird alt! (Sie acht durch die Mittelthür ab.) Nennte Scene. Der Marquis. Fargeau. Farg. (wartet bis Frau Godard fort ist, dann wirft er sich dem Marquis zu Füßen und küßt ihm die Hände). Ach, Herr Marquis! Marq. (hebt ihnauf). Fargeau,was thust Du da? Gib mir die Hand, Fargeau, — die Hand. Farg. (weinend). Mein Herr! mein guter Herr! Marq. (welcher seine Bewegung zu bemei- stern sucht). Was ist denn geschehen? Warum weinst Du? Du thust ja, als ob ich todt oder entehrt wäre. Ich bin gesund, und mein Herz ist nicht gebeugt — sei also ruhig, mein guter alter Diener! Farg. Ich sehe Sie wieder! Ich habe Sie wieder gefunden! Aber wo ist sie? Marq. Madelaine? Farg. Die ich als Kind auf meinen Armen trug, und die ich wohl nicht wieder erkennen würde, wenn ich sie sähe. Ich werde sie wieder sehen, —nicht wahr, Herr Marquis? Marq. Nein, mein guter Alter, nein. Verlange das nicht von mir. Du könntest mich verrathen, denn sic darf niemals wissen, daß ich hieher gekommen bin und warum ich kau». Farg. (erstaunt). Wie? Marq. (vertraulich). Sie glaubt, daß ich jeden Morgen lange Spaziergänge in der Umgebung von Alenxon mache. Ich gehe wohl die umliegenden Güter ab, weil ich da die Claviere stimme. Madelaine geht früh schlafen; wenn sie sich in ihr kleines Kämmerchen zurückgezogen hat, schreibe ick für das Orchester des Theaters Noten ab, und das theure Kind hält das Geld, welches ich mir so verdiene, für den letzten Rest unseres ehemaligen Vermögens. Farg. Aber das viele Gehen, — die Anstrengung wird Sie tödten, mein armer Herr! 23 Marq. (fröhlich). Ach nein! Das macht mich stark und gesund. Sieh' mich an. Heute -in ich schon drei Meilen gegangen. Farg. Und vielleicht ohne etwas zu sich genommen zu haben. Marq. Wenn ich nach Alenxon zurückkehre, werde ich mir ein gutes kleines Weißbrot kaufen. Farg. Heute nicht, Herr Marqnis, — heute nickt, denn Frau Godard hat mir befohlen, Sie zu bewirthen. Marq. Danke! — Danke. Farg. Sie hier zu bewirthen (betonend) in diesem Salon. Marq. Nein, nein! Farg. Entschuldigen Sic, Herr Marquis, es ist der Befehl der Frau vom Hause, und ich habe bei Ihnen gelernt, daß ein Diener gehorchen muß. (Für sich.) Sie wird mich fortjagen, aber was liegt daran! Sie soll sich ihre rothe Livrve behalten. (Durch die Mittelthür ab.) Zehnte Scene. Det Marquis, später Madelaine. Marq. (ficht sich um, wie er allein ist). Dieser Salon, — dieses Bild, — Alles, alles erinnert mich an die Vergangenheit! (Sr öffnet das Fenster.) Da stehen sie, die schönen alten Bäume, die ich immer in meinen Träumen und in der Erinnerung sah, undi die ich jetzt vor Thränen nicht sehen kann! l Kleine Pause; der Marquis saßt sich und sagt mit sestcr Stimme.) Marquis von La Fres- naie! Du bist gekommen, nm das Clavier zu stimmen. (Er geht zum Clavier und zieht aus seiner Tasche einen kleinen grünen Sack mit Stimmgeräthen.) Madel, (aus der Thur rechts). Frau Godard kömmt nicht, und ich kann nicht länger warten. Zch muß nach Alenxon zurück, ehe mein Vater nach Hause kommt. Marq. (schlägt einigt Accorde an). Madel. Es ist Jemand hier. (Sie zieht sich etwas zurück.) Die Kammerjungfer hat mich zwar bezahlt, aber da Frau Godard darauf bestand, daß ich warten soll, so weiß ich nicht. soll ich gehen oder bleiben. (Sie stützt sich aus dir Lehne eines Fauteuils und bettachtet das Porträt ihrer Mutter. — Der Marquis schlägt noch einige Accorde an, und spielt dann, wie in Erinnerung versunken eine Melodie, bei welcher Madelaine zusammenbebt.) Diese Melodie, — dieses Lied,—das ist — (Sie wendet sich um, zaudert einen Augenblick, dann nähert sie sich langsam dem Clavier, sie erkennt ihren Vater, hält sich aber zurück, und ohne ein Wort zu sagen, saßt sie ihn beim Kops und wendet ihn um.) Marq. (überrascht; verbirgt rasch das Säckchen). Madelaine! Madel, (sieht ihn fest an). Was thust Du da, mein Vater? Marq. Madelaine, Du hier? Madel. Mein Vater— ich war ängstlich, als Sie fortgingen, ich weiß nicht warum, ich — ich bin Ihnen gefolgt. Marq. (ängstlich). Aengstlich?Weshalb? Geh' ich nicht jeden Morgen spazieren? Ich kam zufällig hier vorüber, begehrte dieses Schloß zu sehen, und kam herein. — Das ist Alles. (Madelaine streckt die Hand gegen das Clavier aus und sieht ihren Vater fragend an.) Das Clavier? Du weißt ja, daß ich kein Clavier sehen kann, ohne es anzurühren. (Lachend.) Uno dieses hat meine Ohren beleidigt, — es ist ganz verstimmt. Höre diesen falschen Ton, der Ton ist falsch, wie — Madel, (sieht ihn an). Mein Vater — (Er schlägt die Augen nieder.) Eilste Scene. Vorige. Fargeau. Farg. (bleibt an der Thür stehen und sagt für sich). Das werd' ich niemals wagen — niemals! 24 Marq. (zu Madelaine). Aber ich will das« Clavier zumachen, damit man nichts bemerkt. (Er steht auf.) Farg. (für sich, wie er Madelaine steht). Die kleine Arbeiterin? Um so besser. (Während der Marquis das Clavier zumacht, zupft er sie leise beim Kleid; sie steht sich um, er winkt ihr, fie folgt ihm einige Schritte, er sagt leise:) Helfen Sie mir, ich bitte Sie. Madel, (leise). Recht gem. Was wollen Sie? Farg. Sie werden die Geschichte wohl nicht verstehen, aber das macht nichts. Ich bin beauftragt, diesem Herrn da das zu geben. (Er öffnet seine Hand.) Madel, (lebhaft). Geld? Farg. Leise! Ja, dieses Goldstück, und ich wage es nicht. Madel, (für sich). Jetzt versteh' ich Alles. (Laut.) Du hast mich getäuscht, mein Vater! Farg. Ihr Vater! (Er steht Madelaine bestürzt an.) Marq. (wendet sich um). Was hast Du denn, Fargeau? Farg. (versteckt schnell das Goldstück) Madel. O! verstecken Sie dieses Geld nicht! und Du, mein Vater, schäme Dich nicht, es anzunehmen. Auch ich habe gearbeitet, auch ich habe Geld verdient. Da ist es. Warum sollten wir darüber erröthen? Ich habe für Dich gearbeitet, mein Vater, und Du für mich. Farg. Fräulein Madelaine! Marq. (welcher seine Bewegung zu beherrschen sucht). Gut, meine Tochter, gut. Es ist mir ganz recht. Es war eine falsche Scham, ich bin davon befreit und fühle mich nun leicht, glücklich und stolz. Gib mir das Geld, Fargeau, gib- es mir! Ehrlich verdientes Geld hat noch nie entehrt. Hier, mein Kind, — wir haben eine gute Einnahme gemacht, — der Tag war gut! (Sie fallen sich in die Arme.) Farg. Fräulein Madelaine! Marq. Madelaine, es ist der gute Fargeau, von dem ich Dir so oft erzählt habe. Madel. Fargeau, der Diener meiner Mutter? Farg. Welcher sie niemals verließ. Madel. Vater, erlaube, daß ich ihn umarme. (Man hört das Geräusch von Tellern.) Farg. (freudig). Man setzt sich zu Tisch, — jetzt ist nichts mehr zu besorgen! (Er eilt zur Mittelthür, zwei Diener bringen einen kleinen gedeckten Tisch; Fargeau legt sich eine Serviette über den Arm und sagt:) Herr Marquis ! es ist servirt. Marq. Fargeau, ich habe Dir doch gesagt — Farg. (bittend). Herr Marquis, versagen Sie mir die Freude nicht, Sie noch einmal bedienen zu dürfen. Madel, (zwingt den Marquis zum Sitzen). Setze Dich, lieber Vater! Einem alten treuen Familiendiener darf man nichts abschla- gen. Marq. Aber Du? Madel. Man hat schon für mich gesorgt. ... Ich will jetzt meinen Carton holen, und dann gehen wir im Vereinnach Hause. Vereint und heiterer, als da wir vereinzelt gekommen. Die Arbeit, die uns drückte, weil sie heimlich geschah, soll von nun an unsere Freude sein. Ich komme bald wieder, mein Vater! (Sie küßt ihn und geht) Zwölfte Scene. Marquis. Fargeau. Farg. Und nun befehlen Sie, Herr Marquis, ich stehe zu Ihren Diensten. Sehen Sie mich an! Die Freude hat mich um zwanzig Jahre verjüngt! Marq. (lacht). Du siehst ja ganz prächtig aus! Farg. (besteht die Speisen) Was soll denn das? Das ist ja elend, miserabel! Kaum gut genug für die Dienerschaft. (Cölestin geht im zweiten Salon an der offenen 25 Mittrlthür vorüber, und trägt eine Schüssel, aus welcher ein Kasan liegt) Gib schnell her! Csl. Aber, das gehört ja für die Herrschaft. Farg. (nimmt die Schüssel). Ganz richtig — für die Herrschaft! (Man hört eine Klingel.) Hörst Du, man klingelt. Hole schnell etwas Anderes? (Cölestin läuft fort ) Hier, Herr Marquis! Ein Fasan aus dem Park, also guter Rare. Marq. (lacht) Laß' mich doch zu Athem kommen. (Man hört wieder klingeln.) Farg. (für sich). Ah, sie locken den Fasan. Fliegt nicht mehr auf, Hab' ihn er- legt. (Er geht zur Mittklthür und sieht in den Speisesaal hinaus, ein Diener geht vorüber und trägt eine Schüssel.) Gib her — Diener. Das gehört für die Herrschaft. Fr. God. Aber nicht hier, sFürsich ) Er ist wirklich auch dumm der Alte! (Laut ) Es ist ein Mißverständniß und — Farg. (unterbricht sie lebhaft). Frau Go- dart! (Madelaine kommt aus der Thür rechts, bleibt aber stehen, wie sie Frau Godard erblickt) Fr. God. (zu Fargeau). Führen Sie den Mann in die Küche. Madel. Meinen Vater in die Küche? Fr. God. (fährt zusammen). Ihr Bäte»! Der Marquis! Vierzehnte Scene. Vorige. Madelaine. Farg. Ganz richtig, — für die Herr schaft! Hole etwas Anderes. (Der Dienrr entfernt sich. Fargeau setzt dem Marquis die Zchüssrl vor.) Marq. Noch etwas? (Man hört noch Itärker klingeln.) Farg. (für sich). Man donnert bereits! Das Gewitter naht! Dreizehnte Scene. Vorige. Frau Godard. Fr. God. (durch die Mittelthür, sehr aufgeregt) Welche Bedienung! Es ist unerhört! Wo stecken denn die Tölpel? Farg. Frau Godard — Fr. God. (sieht den Marquis, welcher ausgestanden ist und bei seinem Stuhl stehen bleibt) Was seh' ich! (Leise zu Fargeau.) Was haben Sie gethan? Wo haben Sie den Kopf — sind Sie verrückt? Farg. Frau Godard haben ja gesagt, ich solle den Herrn bewirthen — Madel. Komm', mein Vater, gehen wir. Fr. God. (eilt zu ihm; sehr bewegt) Herr Marquis, — ich bitte — setzen Sie sich. Marq. Aber — Fr. God. (stammelnd). HerrMarquis — ich bin — ich wollte — ich — ich beschwöre Sie, —setzen Sie sich! Sehen Sie sich um — Sie sind ja zu Hause, in Ihrem Schloß. Fräulein! . . . Fargeau, helfen Sie mir doch den Herrn Marquis zurückjuhal- ten! Marq. Ich bin gerührt .... Fr. God. (bittend). Wenn Sie nicht wieder Platz nehmen, so muß ich glauben, daß Sie böse auf mich sind, HerrMarquis, ich beschwöre Sie! Marq. (lächelnd). Ich sitze ja schon. (Setzt sich.) Fr. God. Schnell, Fargeau! Klingel» Sie, alle Bedienten sollen Hieherkommen. Was ist denn das für ein Wein, der kein Siegel hat? Schnell, Fargeau, bringen Sie vom feinsten, vom besten — so gehen Sie doch! Farg. Sogleich, Frau Godard (Entzückt für sich.) Sie ist doch eine prächtige Krau! 26 (Er ruft.) Eslestin! Joseph! Bringt okätsLU wLrxaui! Marq. Ich weiß wirklich nicht — Esl. (geht mit einer Schüssel Compot vorüber). Fr. God. Hieher! Hieher! Farg. (E die Schüssel nehmen). Alles hieher! Esl. (will die Schüssel nicht hergeben). Aber das gehört ja für die Herrschaft! Fr. God. Ganz richtig', für die Herrschaft. Farg. (lächelnd). Ja wohl, für die Herrschaft! Habe ich es nicht schon zweimal gesagt? (Er stößt ihn fort.) Hole etwas Anderes! Csl. Für die Herrschaft? Farg. Ja, Alles fiir die Herrschaft! Madel, (für sich, indem sie die Hände faltet). Mein guter Vater! Rigaud (kommt durch die Mittelthür mit der Serviette in der Hand). Fünfzehnte Scene. Vorige. Rigaud. Rigaud (bleibt im Hintergrund stehen). Was Teufel geht denn da vor? (Er steht Frau Godard.) Ah, Frau Godard, all' Ihre Gäste rufen nach Ihnen! Fr. God. (welche sich nur mit dem Marquis beschäftigt). Schon gut, schon gut! Sie sollen nur essen. Rigaud (für sich). Sie sollen essen! Sie haben aber nichts zu essen! Aber mit wem spricht sie . .. ? (Er tritt vor und erkennt den Marquis.) Ah! Fr. God. (nimmt eine Flasche). Ich bitte um Ihr Glas, Herr Marquis. Rigaud (nimmt ihr eilig die Flasche aus der Hand). Ich bitte, erlauben Sie mir dem Herrn Marquis einznschenken. Marq. Herr Rigaud? (Er will aufstehen.) Rigaud (hält ihn zurück). Ich bitte, Herr Marquis. Bleiben Sie! (Er steht an der einen Seite des Marquis. Frau Godard an der andern.) (Leise.) Sie sind hier? Und mein Sohn fährt ganz Frankreich ab, um Sie zu änden. Marq. Ihr Sohn? Fr. God. (bietet dem Marquis eine Schüssel an). Herr Marquis! Rigaud. Ich bitte, Herr Marqnis! trinken Sie! (Leise.) Mein Benehmen gegen Sie war schändlich! Marq. Herr Rigaud! Rigaud. Was sage ich', schändlich, es war niederträchtig. So, jetzt ist es heraus, das erleichtert mich — das thut mir gut. Fr. God. (von der einen Seite). So essen Sie doch. Rigaud (von der andern Seite). Trinken Sie! ich bitte. Beide. Herr Marquis! (Sie überhäufe» ihn mit Aufmerksamkeiten.) Farg. (erhebt die Hände gegen Himmel). Marq. (aufstehend). Tausend Dank! Fr. God. (für sich). Wenn ich Rigaud nur fortschicken könnte! (Laut.) Lieber R^- gaud, lassen Sie meine Gäste doch nichl allein! Rigaud. Ach, was! Sie sollen essen. (Für sich.) Sie haben zwar nichts, aber das ist ihre Sache. Csl. (tritt ein). Ein Herr, der in einem Wagen angekommen, wünscht Herrn Rigaud zu sprechen. Rigaud. Mich? Fr. God. (für sich). Das ist gescheit! (Laut.) Gehen Sie, Herr Rigaud! man erwartet Sie. Rigaud (nur mit dem Marquis beschäftigt). Der Teufel soll ihn holen! Fr. God. (zu Eölestin). Bring' dem Herrn die Antwort des Herrn Rigaud. Rigaud (unwillig). Ich gehe ja schon — ich gehe ja schon! Ich komme aber wieder, — Herr Marquis. (Für sich.) Der 27 soll sich freutn — mich gerade jetzt zu stören. (Er geht ab. Man trägt den Tisch fort.) Fr. God. (leise zu Madelaine). Ich bitte Sie, mein Fräulein, lassen Sie mich einige Augenblicke mit Ihrem Herrn Vater allein. (Wie sie sieht, daß Madelaine zaudert.) 8s hängt vielleicht Ihre Zukunft davon ab— und die Zukunft Ihres Vaters! Madel. Was sagen Sie? Fr. God. Ich bitte! Madel, (ab, ohne daß es der Marquis bemerkt). Fr. God. (für sich). Ich soll Frau Ri- gaud werden? — Niemals! Sechzehnte Scene. Marquis. Frau Godard. Marq. (verbeugt sich). Und nun erlauberl Sie mir, Ihnen zu danken und Lebewohl zu sagen. (Er will gehen, und sucht Madelaine mit den Augen.) Fr. God. (unterdrückt ihre Bewegung). Das Fräulein von La Fresnare ist nicht mehr da! Wir sind allein. Marq. (erstaunt). Wie? Sie hat uns verlassen? Fr. God. Ich habe sie darum gebeten Marq. Ah! Fr. God. (zögernd). Weil — Marq. Weil? — Ich bitte sprechen Sie. Fr. God. Sprechen? — Das ist nickt so leicht. Sehen Sie, Herr Marquis, unsere Stellung ist verschieden. — Sie im- poniren mir, trotzdem ich eine Frau bin, der es nicht an Courage fehlt, denn ich habe Krallen und Nägel — wie man zu sagen pflegt. Ja, wenn Herr Rigaud statt Ihnen vor mir stünde, mit dem wär' ich bald fertig. Marq. (lächend). Nun, so denken Sie, ich sei Herr Rigaud. Fr. God. Sie wissen wohl, daß das nicht möglich ist. (Betonend.) Und dann — der geht nicht fort, —Herr Rigaud bleibt, aber Sie Herr Marquis, Sie wollen dieses Schloß verlassen, in welches Sie der Zufall für einen Augenblick zurückgeführt hat; dieses Schloß, in welchem Sie vielleicht geboren sind, in welchem Sie so schöne Tage verlebt haben, und ich soll hier bleiben? Ich, die Tochter des Arbeiters Simon, die Witwe des Eisenhändlers Godard? Fänden Sie das gerecht? Marq. Dieses Schloß konnte in keine würdigeren Hände gelangen. Glauben Sie, daß wir es einem ehrlichen Arbeiter nicht gönnen, wenn er durch Fleiß und Ausdauer ein Vermögen erwirbt? Im Gegen- theil, ich freue mich, daß diese schöne alte Besitzung nicht zerstückelt wurde, wie so viele andere. (Er streckt die Hand gegen den Kamin aus.) Es ist gerade so, als ob man eine dieser prachtvollen Porzellanvasen in tausend Stücke schlüge, um die Trümmer zu verkaufen. Dieß ist hier nicht der Fall, und das ist gut! Fr. God. Sie mögen das in Ordnung finden, — ich finde es aber nicht, ich bin wüthend! Marq. Erlauben Sie mir Ihren Worten einen Widerspruch entgegensetzen zu dürfen, — obwohl ich für das Gefühl, welches Ihnen dieselben einflößt, dankbar bin. Leben Sie wohl! Fr. God. (außer Fassung gebracht). Leben Sie wohl, Herr Marquis. (Er will gehen, Frau Godard wirst sich in die Brust und sagt rauh.) Und was soll aus Ihnen werden? Marq. (wendet sich erstaunt um). Wie? Fr. God. Es ist heraus — um so besser! Ja, ich frage, was soll aus Ihnen werden? Marq. (lächelnd). In meinem Alter wird man nichts mehr — man bleibt was man ist. Fr. God. (mit zusammengebissenen Zähnen). Man bleibt arm — das ist lustig! (Siesieht ihn an ) Aber — sind Sie denn wirklich arm? Marq. Wie meinen Sie das? Fr. God. (weist ihm einen Stuhl an und setzt sich neben ihn). Glauben Sie wirklich, daß Sie vollständig zu Grunde gerichtet sind? Marq. Ich glaube davon überzeugt zu sein. Fr. God. Don Allem, was Sie besaßen, ist Ihnen das Schönste und Beste geblieben. Marq. Ich verstehe Sie nicht — was wäre mir geblieben? Fr. God. Ihr Name! Marq. Mein Name? Ja, den konnte man nicht pfänden und unter den Hammer bringen. — Aber was ist heut zu Tage ein Name werth? Fr. God. (lebhaft.) Millionen! (Sie schlägt die Augen nieder.) Für Kenner! Marq. Sie sind eine Kennerin? Fr. God. Ich und — viele Andere. (Nach einer kleinen Pause.) Warum verheiraten Sie sich nicht zum zweiten Mal? Marq. Welcher Einfall! Fr. God. Ein prächtiger Einfall, Sie sind noch jung. Wie alt können Sie sein? Höchstens fünfzig Jahre. Marq. (aufstehend). Entschuldigen Sie, aber ich bin sechzig. Fr. God. Unmöglich! (Sie steht auch aus, und sagt leise und bewundernd für sich.) Er ist fest und solid wie sein Schloß. Ja diese alten Familien bauten gut. (Laut.) Wenn Sie eine Frau fänden — welche für Ihr Alter paßte, welche das Glück hätte, reich, und das Glück — ich will sagen, das Unglück Witwe zu sein — Marq. (lächelnd). Eine reiche Frau, die — Fr. God. (schnell). Drei Millionen besitzt! Marq. Ah! Sie kennen sogar die Summe. Fr. God. (etwas verlegen). Nun, wenn diese Frau — Marq. Die nickt eristirt. Fr. God. Die eristirt, Herr Marquis, denn ich kenne sie. Wenn also diese Frau, um der Ehre tbeilhastig zu werden, Ihren Namen tragen zu dürfen, Ihnen ihr ganzes Vermögen anböte, was würden Sie ihr antworten? Mara. Muß ich antworten? Fr. God. Gewiß. Marq. «einfach). Nun, ick würde ihr antworten, daß man das seinen Namen verkaufen heißt und in unserer Familie haben wir niemals etwas verkauft. Wir haben kein Talent zum Handel. (Bewegung der Fr. Godard.) Sie müssen jedoch nickt glauben, daß ich nickt Ausnahmen anerkenne. Was liegt an den Millionen der Frau, wenn sie geliebt wird, wenn es ihre Person und nicht ihr Vermögen ist, welche der Mann zu besitzen wünscht. Allein hier wäre dieß nicht der Fall — denn ich weiß nickt einmal von wem wir sprechen. Ich bitte Sie daher, diesen Gegenstand abzubrechen. Fr. God. Sie wollen also durchaus arm bleiben? Marq. Ehe ich diese Bedingungen eingehe — ja! Fr. God. (tritt nahe zu ihm und sagt halblaut). Und Ihre Tochter, Herr Marquis ? Marq. (sehr bewegt). Meine Tochter! Fr. God. Hat sie niemals geliebt, leidet sie nicht im Stillen? Marq. Woher wissen Sie? Fr. God Ick weiß Alles! Marq. Herr Rigaud? Fr. God. Hat mir Alles gesagt. Ick weiß,, daß das Fräulein von La Fresnaic Ihrer Liebe und jeder Hoffnung auf Glück entsagt hat, um fick Ihnen ganz zu weihen. Wohlan, wenn die Frau, von der wir sprechen, hinzufügte: Ihre Tochter, Herr Marquis, wird auch meine Tochter sein, ich werde sie lieben wie eine Mutter, und ihr 2S die Hälfte meines Vermögens zur Aussteuer geben, sie wird glücklich sein! Marq. Madelaine! Fr. God. Der Stolz des Edelmannes muß hier ganz aus dem Spiele bleiben, das Herz des Vaters soll allein entscheiden. Sprechen Sie! Marq. (für sich). Madelaine glücklich — Fr. God. (ihn beobachtend). Er schwankt— (Sie setzt sich zum Tisch und schreibt schnell.) Marq. (für sich). Vorwärts! Marquis von La Fresnaie. Verkaufe dock deinen Namen, Um deine Tochter glücklich zu machen. Du willst noch immer nicht? (Er wendet sich um und siebt Frau Godard schreiben.) Was thun Sie da, Frau Godard! Fr. God. (mit dem geschriebenen Brief in der Hand). Sie sollen es erfahren, Herr Marquis. Die Frau, von der wir gesprochen, ist nicht mehr ganz frei. Es bewirbt sich Jemand um ihre Hand, und sie hat versprochen, heute eine entscheidende Antwort zu geben. Dieser Brief enthält eine abschlägige Antwort. Wenn Sie den Antrag annetz- men, so schicken Sie den Brief ab, im anderen Falle zerreißen Sie ihn, oder werfen Sie ihn in s Feuer, und Alles, was geschehen ist, war ein Traum und es wird niemals mehr davon gesprochen werden. Hier! (Sie gibt ihm den Brief.) Marq. (besieht die Adresse). An Herrn Rigaud! (Erstaunt.) Rigaud! Siebzehnte Scene. Vorige. Rigaud. Rigaud (eilt freudig herein). Er war's — Georg! Fr. God. Ihr Sohn? Rigaud. Mein Sohn hat mich erwartet, und ihn wollt' ich zum Teufel schicken. Da kommt er mit Fräulein Madelaine. Achtzehnte Scene. Vorige. Georg, Madelaine. Far- geau. Rigaud (sehr bewegt). Herr Marquis! Vor sechs Wochen babe ich für meinen Sohn die Hand Ihres Fräuleins Tochter begehrt — nun heute habe ich die Ehre, diese Bitte zu wiederholen. George und Madelaine (nahen sich Hand in Hand). Vater! Rigaud (fährt fort). Aber unter einer Bedingung — und ich habe das Recht, diese Bedingung zu stellen. Sie dürfen Ihrer Tochter keine Aussteuer geben. Nicht fünfmalhunderttausend — nicht zweimal- hundcrttausend — nicht zwanzigtauseud— kurz nichts, gar nichts! oder ich führe meinen Sohn wieder fort, und sage Ihnen gute Nacht! Willigen Sie ein? Marq. Ich werde Ihnen sogleich antworten. (Er nähert sich Frau Godard uud sagt leise.) Sie haben es gesehen, — Sie haben cs gehört, — dieser reiche Mann beugt sich vor unserer Armuth und ich sollte diesen Adel der Gesinnung, diese Großmuth durch einen Verrath lohnen? Ich sollte ihm die Frau rauben, die er zu besitzen wünscht? Sie wollten einen Edelmann heiraten, Frau Godard. Da steht auch ein wahrer Edelmann. Und was wäre ich, wenn — Fr. God. (sieht ihn an, reicht ihm die Hand, nimmt den Brief und zerreißt ihn). Marq. (zu George). Mein Sohn! Fr.God. (zu Rigaud). MeinBräutigam! (Sie reicht ihm die Hand.) Marq. (zu Frau Godard, Madelaine bezeichnend). Ihre Tochter! Fr. God. Welche dieses Schloß nicht mehr verlassen wird. (Zum Marquis.) Sie werden hoffentlich wohl auch da bleiben? 30 Farg. (freudig). Ich eile, um die Zimmer des Herrn Marquis herzurichten! Fr. God. Herr Gott! — und meine Gäste, — die habe ich ganz vergessen! Rigaud. Nun, wenn sie bis jetzt noch nicht verhungert sind, können sie noch warten. Fr. God. Herr Marquis! Fräulein Madelaine! Kommen Sie. (Sie geht gegen die Mittelthür, Madklaine und Georg folgen ihr.) Rigaud (hält den Marquis zurück). Einen Augenblick! (Er nimmt eine Dose aus der Tasche und bietet ihm eine Prise an.) Mein Freund — eine Prise. Marq. (ohne hinzusehen). Mit Vergnügen. Rigaud (schließt die Dose des Marquis und reicht sie ihm). Hier mein Hochzeitsgeschenk! Der Vorhang fällt. Ende, Den Bühnen gegenüber alS Manuscrtpt gedruckt. Eine leichte Person. in drei Abheilungen und sieben Bildern von Anto» Bittner. (Im k. k. priv. Theater an der Wien zuerst mit glänzendem Erfolge gegeben.) Personen: I. Abteilung. Erstes Bild: Die Verschwörung Im Pfaidlerladen. Agnes Schrammel, Psaidlerin. Rosa, eine entfernte Anverwandte der Frau Schrammel. List, j Kathi, > Nähterinnen. Rest, j Betti, l Sali, > Nähterinnen. Mali, j Frau Eipeltauer. Flinserl, Schreiber bei einem Advocatrn. Zweites Bild: Die böse Nachbarschaft: Sterzl, eia reicher Fabrikantenssohn. »U?,' j I-i»' Carl Schwirbl. Commis in einer Modehandlung. Ein Sollicitator. Frau Schrammel. Rosa, j List. > Nähterinnen. Betti,s Kathi,» Mcüi, Nähterinnen. Rest, ! Frau Eipeltauer. Ein Gerichtsdiener. Frau Tuscht, eine arme Witwe. Deren fünf Kinder. Drittes Bild: Etwas Kleines. Mauserl, j Schreiber bei Amerliug. Rosa. Frau Strobel, Tabakkrämerin. Ein Diensimavn. Thealer-Nepert-irr Nr. 144. t Doctor Amerliug. Theodor, dessen Sohn- Herr von Gruschprl, Kranzrlbinder. StÄ' ! Schreiber bei Amerling- Fliaserl, Stiegerl, Schneps, Kramer, Fall!, Federl, Schwarzl, />Duicl^ N.^Adtheitung. Viertes Bild: Eine musikalische Kauzlei. ^ . Fanni, Frau Schrammel s Tochter. / Schreiber N1)Ülj(k Nlll'U Fünftes Bild: Im SchuÜ>enarrest. BrLndling, Rosa, Nähteriu. Doctor Amerling. Theodor, sein Sohn. Veronika, Magd. . 'Sin alter Kanzleidiener. Ü7 02 N1Ü ni Malzler, Braumeister aus Linz. T^vov ^ ^'trS M)6n,znLltz tim 5,,^ Carl Schwirbl. Toll, ^ Schwartl, I Schalln ? Schuldgefangene. ^ 4 il lj Pfahl, I - - ' .tzNUllI Tipster, Schuldgefangenr. Eine Dame, Buxmann, Aufseher. Frau Eipeltauer. Kathi. L ''rf ' Betti Matt. .U'-i-,I',,I->idb«chi>'s Bild. Die leichte Persou. nn»lüin?lk .linnnvichD 4'ngst Frau Schrammel Fanni, ihre Tochter. ' Doctor Amerling. Theodor, dessen Sohn Kliuserl. Stiegler- Malzler. Sterzl. Carl Schwirbl. .n,ui!ini<1öA lloL- ilE 'NNvtliqj'N U077, ii, jiö ii'lnrckL .l'n-nii-. Frau Eipeltauer. ""on»i' Rosa. Betti. Mali. Sali. Kathi. Rest. NN nmmorchD t »iL N7nni7.^ö^ ! I ii'E : IliS .I,°ck-I°iicks Nchjn,«4äst, IN. Abt Heilung. Siebentes Bild: NdNNjldillt, Ä t lL b r ummen. 7,.«» ^ ,!.'l .7,11,1 Doctor Amerling. Theodor, sein Sohn. Fanni, seine Frau. Sterzl. Ein Actuar. Ein Schreiber- Eia Gerichtsdiener. Frau Eipeltaurr. , s lv-cho^- Rosa- . lisow i-! ' uurK I - , Die Haudluug spielt in Wie», " ^ i ' rrl i»? 11071-- 7,>'">/l. inüf N177 : .Ssni' Mali. Sali. Kathi. Rest. List-^ Flinserl. Stiegler. Earl Schwirbl. Malzler. Nachbarsleute. -Msnstnlck'.'.l.':? n>r. 'Sn,-« .m ' ; ui sinimuÄ , >7imch§ --a 7'ltoii,i!i-'i - kmmarchI uo,7- v> >E ninnnitübik t iN,«' hailrimü' 7vi7o:i rrövZ N7??76> !?lchiil7^ ne«/ ln»? i . i7,snilr> ,-U ill« ,,Il0 i,OFräula Rosa, Sie wer'n doch nicht unwohl sein?« sic sagt d'rauf: »Zch war heut die ganze Nacht auf und Hab' Hemden g'näht.» — Kinder, ich sag'Euch, dieses Männerhcm- denmachen ist nur der moralische Vorwand, uu, in die Wohnungen der Junggesellen zu dringen — sie ist — Alle. A leichte Person — Fr. Eipelt. Doch ich vergiß ganz, wegen was ich da bin; Frau von Schrammel, ich bring' a Neuigkeit. Fr. Schrammel. Was ist denn g'sche- hen? Zft der 47ger kommen? Fr. Eipelt. Nein, aber was Anderes kommt! Ihre Tochter, die Fanni. Mein Detter iS mit ihr bis Linz g'fahren, dort iS sie abg'stiegen, weil sie noch kränklich ist und nicht in einemfort fahren kann! Ich Hab' mir gedacht, ich muß Zhnen's gleich erzählen, weil's sonst keine andere Neuigkeit in der Vorstadt gibt. — Richtig ja, der Hackirer hat g'rauft mit seinerFrau und der kleine Beamte von Nr. 27 ist pfändt wor'n vom Greißler! Sie, das war ein Aussehen! Und die Frau von Hausenbichel, die ehemalige Köchin, die den Hofzuckerbackcreinfie- dersgehilfen g'heirat't hat — denken'S Ihnen, die schickt heut in aller Früh daS seidene Kleid, was sie bei Gugel und Comp, um 67 fl. 88 kr. kauft hat, in's Versatzamt! da iS waS dahinter — Sie wer'n seh n — da is was dahinter! Zch geh' zum Dampfschiff, geht's mit? Alle Mädchen. Freilich — freilich! Fr. Eipelt. Madeln, wann's waSsecht'S bei der Rosa — nur mir sagen— ich häng' derer Person ein Maul an, daß sie Respect kriegen soll vor unser ein'm Soliden—denn Gott sei Dank — wir werfen uns nicht weg, wie so eine verdächtige Person, der die Mannsbilder nachlaufen, uns g'schieht das 's ganze Zahr nit! — denn Gott sei Dank, wir sind — gehen wir auf einen Ball — Dominos — wenn auch kein Mensch red't mit uns, so sind wir wenigstens keine Debardeurs. (Alle ab.) Fr. Schrammel (allein). Die Fanni, die erst auf d'Wochen hätt' kommen sollen, kommt heut' schon, das ist ein glückbringendes Ereigniß—das muß ich gleich in d'Lotterie setzen. Unverhoffte Ankunft ist 36, Dampfschiff 82, allgemeine Umarmung 23, das Erste ist jetzt Setzen in die Lotterie, das Zweite ist meine Tochter umarmen! Ich mach' einen Temo mit meiner Fanni! (Ab durch die zweite Thür.) Dritte Scene. Rosa (kommt durch die Glasthüre, die iu das Psaidlergewölbe führt, sie trägt mehrere Kartaudeln in grünen Einbündtücher, wirst dieselben beim Eintreten auf den Boden). Lntröe-Lied. Ist ein Madel jung und sauber, Muß man'S wie a Festung ehr'n, Die das ganze Zahr belagern Zunge wie auch alte Herr'n ; L Schöne Worte, süße Reden Thun als Bomben erplodir'n; Doch Komorn wird nicht erobert, Das halt aus beim Bombardir'n. Mein Wablspruch ist gewiß bekannt Aus alter'Kriegsgeschicht': »Die alte Gard' kann sterben. Doch sie ergibt sich nicht!* Unser Herz ist für die Stutzer, Was man sagt, der Pulverthurm; Mit Bracelettcn, Broche und Ringerln Laufen's gar so gern d'rauf Sturm, Dieses G'schütz ist auch sehr g'fährlich, Manches Vorwerk nimmt cS ein, Doch in d'bombensich're Festung (Deutet aus das Herz.) Kommt der Feind halt doch nicht h'uein; Weil mein Wahlspruch ohne Weiter- Zu ein'n jeden Stutzer spricht: »Die alte Gard' kann sterben, Doch sie ergibt sich nicht!« »Die alte Gard' kann sterben, aber sie ergibt sich nicht!« Das Hab' ich einmal in ein G'schichtenbüchel g'lesen und das ist mein Wahlspruch! — Nur nicht nachgeben! Wir können warten! Es ist freilich für ein junges saubersMadl's a curiose Arbeit, eine alte Gard' zu sein — na ja, sterben mag man nicht und sich auf Gnad' und Ungnad' ergeben, wär' zwar mitunter nicht unangenehm — aber das gibt's nicht — denn ich bin tugendhaft wie die alte Gard'. Ah, was seh' ich, wer kommt da! Unser verrückter musikalischer Zimmerherr, diese Ausnahme von allen Männern, weil er mir nämlich nie die Cur macht. Vierte Scene. Rosa. Flinserl. Flinserl (kommt von rechts mit eiuem «roßen Waldhorn und einem Pack Noten). Fräulein Rosa — ich küß' die Hand! Rosa. Herr Flinserl, was für ein guter Wind führt denn Sie zu uns? Flinserl. Ein leiserWeftwind der Liebe. Daß Sie einen Geliebten haben, der Carl heißt und Commis in einer Modewaaren« Handlung ist, scheint Ihnen bekannt zu sein? Rosa. Ich kann es officiell bestätigen, in dieser Beziehung bin ich General-Cor- respondenz. Flinserl. Na, also gut — ich geh' vor einerDiertelstundeüber'nGraben, steht er da vor'n G'wölb, macht ein fuchsteufelswildes G'stcht und wichst sich sein Schnurbart; ich mach' mein Compliment — er erwischt mich beim Frackschöffel,laßt mich nicht aus, ich muß seinen Postillon d'amour machen, und Ihnen diesen Brief übergeben. (Gibt ihr einen Brief.) Rosa. Herr Flinserl, meinen innigsten Dank! (Hält ihm die Hand hin zum Küssen.) Flinserl (küßt ihr die Hand). Bitte Alles zu lesen und sich vor mir nicht zu gcnireu. Rosa. DaS hat Zeit — der Brief enthält ja doch nichts Anders als die Versicherung, daß er mich heut' noch so gern hat, wie in der ersten Stund', wo wir uns auf dem Dianasaal kennen g'lernt haben ; — doch wie geh'ts Ihnen —Sie haben's Waldhorn bei sich und ein Packet Noten — das bedeutet — Flinserl. Großes Festconcert! Zum Schluß Divatgeschrei — deutsches Vaterland — Pech-Polka — dreimaliger Tusch — und aus ist's! Rosa. Hat ein glückliches Ereigniß stattgefunden? Flinserl. Gar kein's —das ist eben das Unglück! Fräulein Rosa, Sie glauben gar nicht, was ein Gesangverein ausstcht, wenn sich nicht täglich 27 Gelegenheiten darbieten, etwas ansingen zu können. Rosa. Und wie ist denn gestern das Mozartfest in der neuen Welt ausge^ fallen? Flinserl. Großartig! Dem berühmten Compositeur zu Ehren Hab' ich aklein neunzehn 6 Krügel Bier getrunken—Alles aus Pietät! — Von ackt Uhr Abends bis drei Uhr in der Früh Hab' ich »Schleswig-Holstein meerumschlungen« gebrüllt —aber so laut, daß in ganz Hietzing kein Mensch hat schlafen können. In alle großen Städte Deutschlands haben wir eine Deputation geschickt — wir wissen gar nicht zu wem — aber doch! JnBerlin wollen wir in oorpors erscheinen, und drei Tag in einemfort singen. Rosa. Ja, wollen Sic dort den Haß gegen Oesterreich noch mehr anfachen? Flinserl. Im Gegentheile. Verbrüderung, Rührung, Verschmelzung durch die Wunder des Gesanges! Rosa. Was Sie aber Tag und Nacht z'sammsingen! Flinserl. Unerhört! Mein Organ ist aber auch schon ganz hin! Die Halsentzündungen hören bei mir gar nicht auf! Ich bin Ihnen heisrig 's ganze Jahr, als wenn ich 12,000 fl. Gage hätt'! Rosa. Und warum wirken Sie denn bei all' diesen Festlichkeiten mit? Flinserl. Wie g'sagt, bloß wegen der deutschen Einheit! Gesang vereint! Neulich sind wir Alle von der Patrouille eing'führt wor'n! Sie, das war eine Einheit! Alle für Einen, Einer für Alle! Im Kerker selbst haben wir noch 48 Stunden gesungen: »Ein freies Leben führen wir.« Rosa. Bei welchem Verein find Sie denn Mitglied? Flinserl. Bei einem Privatvcrein. Der Männergesangverein singt uns zu wenig, d'rum singen wir auf eigene Faust. Aus'n Biedersinn, aus den Liedgenoffen u. s. w. haben's uns mit einer Majorität von 1247 gegen zwei Stimmen ausg'stoßen, darum haben wir einen wilden Gesangverein gegründet. Rosa. Und was hat der für eine Aufgab'? — Flinserl. Tag und Nacht zu brüllen! Ein ordentlicher Verein singt nur bei großen Gelegenheiten, alle Vierteljahr höchstens einmal — wir aber fingen jeden Tag wenigstens 25mal! Für uns ist Alles ein Ereigniß! Kriegt der Bürgermeister von Dingsda ein neu's flanellenes Nachtlei- bel, brüllen wir zu der Feier: »Ermanne dich, Deutschland!« Wachst im Stadtpark eine neue erotische Kelchpletschen, singen wir: »Du Hain voll kühlen Schatten« — heiratet ein guter Freund, so lassen wir den Chor los: »Gebet vor der Schlacht.« Jetzt aber empfehle ich mich. Die Gleichgesinnten erwarten mich, sonst studiren's wieder was verkehrt ein — wie neulich, da haben's statt dem Freiheitslied aus »Don Juan« den »Ach Herr Jegerle« g'sungen und statt dem »Wir winden dir den Jungfernkranz« das »Obs d' hergehst! «Fräul'n Rosa, ich küß die Hand. (Ab.) Fünfte Scene. Rosa (allein). Jetzt muß ich aber sehen, was in dem Brief d'rin steht'! (Liest ihn.) »Liebe Rosa!« — Gott, ist das lieb — wenn man weiß, man ist diese liebe Rosa selbst! (Liest den Brief.) Was muß da geschehen sein' — er will mich besuchen — in meiner Wohnung, und ich Hab' ihm's streng verboten, die böse Nachbarschaft, die soll kein' Anhaltspunct haben, mich in Wahrheit zu verdächtigen. — (Liest wieder den Brief.) Sechste Scene. Vorige. Fr. Eipeltauer, Lisi, Kathi, Resi, Mali, Sali, Betti und viele Mädchen (kommen in Hüten und Mantillen). Eipelt. Also, Madeln, kommt's — iu der Nähe der Taborlinie logirt's — da stellen wir uns auf — sehen wir was Verdächtiges, so — Lisi. Da steht's — sie liest einen Brief. Mali. Vermuthlich einen Liebesbrief— Betti. Vielleicht von einem unserer treulosen Liebhaber! Eipelt. Zum Glück kann mein Chevaur- 7 legers nicht schreiben, sonst glaubet ich, er ist von ihm! — Wart's. Madeln, ich z fang mit ihr was an. — Fräulein Rosa 1 haben vcrmuthlich eine gute Nachricht er- j halten? j Rosa. Eine sehr erfreuliche! Man ! schreibt mir, daß Sie, Frau von Eipeltauer, j sich in Zukunft nur um Ihre eigenen An- ! gelegenheiten bekümmern werden, und nicht mehr um die Ihrer Nachbarschaft. Eipelt. Ah, die Keckheit! Rosa. Auch schreibt man mir ferner, es werden sich die anderen Damen hier an der Frau von Eipeltauer ein Beispiel nehmen. Alle Mädchen. Ah, das ist infam! Eipelt. O, werfen Sie nur Ihre 1 Schlingen nach alle Richtungen aus — meinen Freund werden Sic doch nicht fangen. Rosa. 3m Gegentheil. ich kann Ihnen noch einen andern zudringlichen Wachtmeister gratis überlassen. (Alle Mädchen lachen.) Rosa. Schant's, Madeln, Ihr dauert's mich mit eurem Neid! Was kann i denn dafür, daß mir a bissel mehr Männer nach- steigen als euch! Was genirt euch denn das? Ihr redt's von mir immer so g'wiß — und als ob — und als wann — und klagt's mich wegen jeder Kleinigkeit an — das muß aufhören! Eipelt. Wischt'-^- waschi — meinen Chevaurlegers möchten's mir doch ab- sischen! Rosa llachenv). Ihren Chevaurlegers — hahaha, Sie wer'n doch nicht glauben — Kathi. Und meinen Anbeter haben Sie mir durch Ihre freundlichen Reden auch abwendig g'macht. Sali. Die unsrigen ebenfalls! Betti. Kurz, alle unsere Geliebten, Verehrer, Anbeter, Souteneure und Freunde sind in Sie verliebt Rosa. Sehr schmeichelhaft für mich, aber ich kann da nir dafür. Wenns aber in mich verliebt sind, so bin ich noch lang nicht in sie verliebt — und wenn euch eure Liebhaber so rasch treulos wer'n, ist das nur eure Schuld! Alle Wie? Rosa. Ihr habt's nur den gerne, der euch die werthvollsten Präsente gibt, ich bin selig, wenn mir mein Geliebter um zwei Kreuzer Katarrhzetteln verehrt; ihr macht's nur Landpartien per Fiaker, nobel Schani, mit ein' ausgliehenen Bedienten, ich geh zu Fuß mit mein' Amanten nach Baden, Heiligenkreuz, in d'hintere Brühl, und von da noch, wenn's sein muß, über Hütteldorf nach Paris. Ihr bringt's an ein' solchen Tag 25 fl. an, und es is euch ertra noch die Zeit lang dabei; wir kommen mit sechs Zehnerzetteln d'raus und haben uns göttlich unterhalten! Ihr müßt's im' Theater auf ein Fauteuil sitzen, wir sitzen auf der letzten Gallerte und schwitzen für unsere 20 kr. um 5. fl.! Und was ist das Resultat? Wenn Ihr nach ein'Jahr die Bilanz mit eure Verehrer macht's, was kommt heraus? Ein Deficit! Der Liebhaber nämlich fehlt! — Eure Anbeter lieben euch nur vierzehn Tag — während mein Geliebter mir treu bleibt. Ich und mein Carl, wir sein wie's Vaterland und die Staatsschuld, wir wer'n einander nicht los! (Nimmt Hut und Shawl.) So, und jetzt geh' ich dem Fräulein Fanni entgegen und habe die Ehre, mich den Damen ergebenst zu empfehlen. (Macht rinen spöttische Knix.) Alle (gleichfalls). Adieu! Gute Unterhaltung! Rosa (abermals knixend). Giften's Ihnen nicht so — sonst muß ich lachen! Alle (gleichfalls knixend). Leben Sie wohl (Nachdem sie ab ist, strampfen Alle mit den Füßen) Das ist eine Infamie, sie halt uns noch für ein Narren! Eipelt. (den Finger hebend). Rache! Alle. Rache! Eipelt. Rache! Alle. Rache! (Alle erheben die Hände zum Schwur.) (Der Zwischenvorhang fällt ) 8 Zweites Bild. (Großes Vorzimmer, dasselbe ist mit einer Tapetrnwand, welche vom Souffleur in gerader Linie nach rückwärts geht — in zwei Theile getheilt.) (Links und rechts vom Publicum aus angenommen.) (Im Hintergründe die Eingangsthür — links eine Thür, welche in die Wohnung der Krau Eipeltauer führt.) Zweite Scene. Frau Eipcltauer, Frau Schrammel (kommen durch die Mitte). Eipeld. Nur herein, nur herein! Schrammel. 27 Staffeln hat die Stiegen. Warum hat's nicht 26 oder 28? Das hat was zu bedeuten! den 27er muß ich am ersten Ruf in die Lotterie setzen. Eipelt. Sie wer'n sich überzeug'n; sehen's, da Hab' ich ein Loch 'bohrt — wenn man da durchschaut, sieht man zwar Zm Hintergründe die Eingangsthür, rechts eine Thür, die in die Wohnung der Rosa führt. Aus derselben Seite ein praktikables Fenster. Im Hintergründe links ein Alcoven, der mit ordinären Vorhängen abgeschlossen ist.) Erste Scene. Frau Tuschl (kommt mit fünf kleinen Mädchen im Alter von drei bis acht Jahren durch die Mitte, Alle find ärmlich aber reinlich gekleidet). Tufchl. Kommt's, Kinder, d'Fräula Rosa hat bei der Hausmeisterin den Schlüssel da g lasten, daß wir sie in ihrer Kammer erwarten können. Alle. Mutter, a Stückerl Brod! Tuschl. Wart's nur, Kinder — bald kriegt's was z'effen, sie bringt gewiß waS mit. (Sperrt dir Thür rechts auf und geht mit Allen ab.) 9 gar nichts, aber man kann jede- Wort hören! da sollen Sie sehen, waS diese Person für eine Person is. (Horcht.) Mäuserl- still! Was Gott, wo die jetzt Cancan tanzt. Wir wollen, bis sie nach Haus kommt, derweil ein Glaserl Elfer trinken. Schrammel. Ein Elfer! Schon wieder ein Numero — der Elfer wird jedenfalls nach Linz g'sitzt. Eipelt. Die Madeln sind in der ganzen Gaffen aufg'stellt, wie's was Verdächtiges seh n, so wird mir die Meldung g'macht. Schrammel. Sie haben g'sagt, die Fanni kommt an! Ich renn' am Landungsplatz — Dampfschiff hat 49, wart und wart — es steigen a Menge Fremde aus — Rastaschen is 64 — die Fanni is nicht dabei! Glauben's, daß ihr was g'schch'n is — Unglück hätt 29! Eipelt. Vielleicht kommt's morgen an! das ist ein brav's Madel, da können's Ihnen verlassen — aber diese Rosa — na, wir werd'n schon seh'n. (Beide ab.) Dritte Scene. Rosa (durch die Mitte, fie trägt einen Laib Brod). Gott sei Dank, daß ich z'Haus bin, bevor's ganz dunkel ist, sonst hätten die Leut' im Haus gleich wieder waS z'reden! Dem Carl habe ich g'schrieben, er darf mich in meiner Wohnung nicht besuchen! Jetzt muß ich aber zur Frau Tuschl, ihre Kinder haben Hunger und der Laib Brod wird ihnen sehr gut schmecken, mir auch; denn ich Hab' ebenfalls keine anderes Nachtmahl, aber 's trockene Brod in Ehren schmeckt tausendmal besser als ein Fasan, wenn man als Confect ein alten glatzkopfeten Baron mit- g'nießen muß. (Ab in dir Thür rechts.) Vierte Scene. Sterz l, Biegler, Stadler. (Alle mit Lhampagnerflaschen und Speisen in Papier kommen durch die Mitte.) Sterzl. Nur mir nach, Freunderl, das wird ein' Hetz, großartig! 10 '« -- , k Nit .v- ^ ^ ,. ' * ^ '-'i^- ! K-tji^s z -r - ' .-- 'iik äriW ° m ;-r( ! .'^ 7-zinm Bigler. Aber— . ^ Stadler. Ich glaube nur — ' Sterzl. Habt's.schon wieder Aengsten? Es ist ja bloß ein Marchandmodmadl, da wird man lang' Umständ' machen! Glaubt's ihr, es geht uns überall so wie bei der feschen Wirthin in Liechtenthal? Biegler. No, sei so gut! -— Stadler. Für so ein' Unterhaltung bedank' ich mich! Sterzl. Von zwei Hausknecht so durch- trischakt z'wem, das ist der höchste Genuß! Fremrderl, dieses Wonnegefühl müßt's erst kennen lernen! ' - um. Biegler. Ich sehn' mich wirklich nicht! Sterzl. Ihr glaubt's nicht, wie das wohl thut, für die Liebe zu dulden! Uebcr die Stiegen zu fliegen für einen geliebten Gegenstand, draußen zu liegen mit morali- scherrUeberzeugung, das ist ein lis-ut Aoüt! »Biegler. Aber Sterzl, bedenk, das Madel soll doch Glicht so sein, daß man nur so- " ^ Sterzl. Das kommt Alles auf die Einleitung an; ich hör' Schritte, laßt nur mich machen. Fünfte Scene. Vorige. Rosa (von rechts). , 7Ä-L-<- t! « H /> .'All/ ! M'. i>/' mr gm:/ 2 ' .rrii- N"ör>' -- a Al.- '^1) ° - Ni r 7 7 ! -, ? j dt . 7,7. 7k. 7,7» n Rosa. Was seh ich! Meine Herren, ich bin sehr überrascht — was wünschen Sie? — Sterzl. Was wir wünschen? Rosa. Ich glaube sogar, daß die Herr'» ^ sich in der Wohnung geirrt haben — Sie suchen vielleicht eine Dame, die parterre ' is — ich wohn' im ersten Stock — und Sie haben sich offenbar zu hoch verstiegen. Sterzl. O das macht nichts — / Rosa. Daß Sie also keine unnöthige Zeit versäumen, bitt' ich — - Sterzl (zu Biegler und Stadler). ^^gebt's, gleich werd'n wir draußt lieg'n. II -n -7 --- !o§ .l;»')'. ?' ; 4 ."- -- - ' ' ^ i; j - ; - r> kl 'u '77 - 2 « 7 U 77 7-1 ) "4 7U j 7, '. N? ^ 4 ^k ',' r-: nn u'. ^ . 'n't- ,L/. .- -- -.^ - > ,.. .. N^«.' . N^'; i. - ,i:--;l ^ " n u'l N'.'i'- > '"- 5 " '< ' 7 ! .45 -,'s/.-.'. ,! 4 . -rr.ttlk^ -.?- . 5 ? 7 ^ -'^ »i . - , ! U:r,''s : 4 '' 7-1 7 - 1 «-- >-s. - '.c^. . 4 "' i: > m «;!(- 7 sn^- .- ^ 7 ?. n.-> ! . 4 , '.-Ult 'tinr? 1-1 .urstl,- ' ' '-nrz- '' r:> . ^ ' 4 ' . >,» n ^ . s. 1 -)/* ,7 /, - '- .'' 7 -sll i n >' s 4 7 jNUs 71-1 örist 77?-. ,aL .5 . ^ r.'I ,urus> rf-riuj -j'j 77-6 -ln« 1 !.' .nrllai- ::;s,a! urdr.-iub) t:.-: ^ > u?s tt.'-r -!4..'k'.''.t ?:7 -s:,„ n I- " ^ 4 -:rc 5 ^ 7 d 4 nü 7 'iL- -^Irruvtj« nrnr^N ?ft: ZI i tznÄ .ir.- ;i L 717 ;. N 1 NNl^ 7 j 7 l 7 ' II'Un'-' ^ 5 '.I - (Laut). Mein Fräulein, Sie wurden uns nämlich empfohlen! Rosa. Ich werde mich gleich selbst empfehlen. (Will ab.) Sterzl (siezurückhaltend). Nur noch einen Augenblick! Rosa. Und wer hat mich denn empfohlen? Sterzl (stotternd). Die — die, was sag' ick nur geschwind, die Frau von Fel- bermayer — Rosa. Ich habe nicht die Ehre, diese Dame zu kennen. Sterzl (laut). Die Frau von Felder- mayer meint nämlich — glauben Sie ja nichts Anders^ da Sie so vortrefflich sticken, da wollten wir sechs Dutzend Hemden bestellen — ja wir sind schon so — nicht wahr? — Um Ihnen zu beweisen, daß — Rosa. Ich bedaure keine Arbeit anneb- men zu können, auch pflegen mich meine Kundschaften nicht so spät zu besuchen. Sterzl. Aber ich bitt' Sie — Nacht- jankerln zu bestellen auf d'Nacht um V. auf neun! ist ja nichts Unanständiges! Was haben Sie also zu entgegnen? Rosa (im strengsten Tone). Dort ist die Thür! Sterzl (für ' sich). So geht's nicht! (Laut.) Gut, jetzt werd ich aus ein' andern Ton reden! Liebe Rosa — kleiner Debardeur — Perle der Tanzmeister — schwoll- licher Engel — ich bin der junge Sterzl, Sohn des alten Sterzl. Rosa (rasch einfallend). Der in Gum- pendorf die große Baumwollspinnerei hat? Sterzl. Richtig! (Entzückt.) Sie kennt mich schon! (Laut.) Das hier sind meine Freunderln und wir möchten gern ein' fide- len Abend zubringen, wir haben Champagner mitbracht — Biegler. Polackeln! Stadler. Kaltes Kälbernes, Sardinen — 12 Rosa. Ah, jetzt versteh'ich und da suchen Sie eine G'sellschaft, die Ihnen helfen soll, das zu verzehren! Sterzl. So ist's! Wir wollen einekleine Hetz' haben! Biegler. A Gauds! Stadler. A Remasori! Sterzl. Und da sind ertra noch fünfzig Gulden für unvorhergesehene Fälle. Rosa. Za, warum haben's denn das nicht gleich g'sagt? (Nimmt die Flaschen, das Geld und dir Packete mit den Speisen.) Gleick wird Ihr Wunsch erfüllt sein! Es sind g'rad' fünf hübsche Mädeln und eine junge Frau hier, die sollen bei dem Souper die Hauptrolle spielen. Sterzl. Fünf Madeln und eine junge Frau! Göttlich! Ich verlieb' mich in alle Sechse! Rosa. In Alle? Sterzl (halb schwärmerisch). Wenn mir der Eigenthümer eines Gartens alle Blumen zur Verfügung stellt, soll ich nur eine pflücken? O nein, ich will einen ganzen Buschen haben. Rosa. Es kommt nur daraus an, wie Ihnen der Buschen g'fallt! (Laust lachend mit Geld, Flaschen und Speiseu rechts ab.) Sterzl. Gut geht'S, Freunderln! Bin ich ein Kerl? Was? Nur mir so waS überlassen, ich kenn' mich aus ! Sechste Scene. Vorige, Rosa, dann Fr. Tuschl mit den fünf Kindern. Rosa. So, hier sind die fünf hübschen Madeln und hier die junge Frau, die sich's recht gut schmecken lassen wollen. (Tusch! uud die Kinder kommen mit den Fla« schm und Eßwaaren.) Sterzl. Was? Diese kleinen Paureln. diese Frau in der Garderob'? Da find wir ja aufg'seffcn! 13 Biegler. Dlamirtund — Stadler. Ang'schmiert! — Rosa. Für ein' guten Appetit steh' ich gut! Sterzl. Ja aber — Rosa. Und mich freut's, daß dem Herrn von Sterzl sein' Sohn die Gelegenheit geboten ist, eine unedle Handlung von Herrn Sterzl's Vater halbwegs gut zu machen. Sterzl. Wie soll ich das versteh'»? Rosa. Der Mann dieser Frau hat in der Fabrik Ihres Vaters gearbeitet — er ist mit der Hand in's Schwungrad kommen und liegt seit sechs Wochen krank! Der Herr Papa hat ihn als unfähig entlassen. Die fünfzig Gulden, die Sie für unvorhergesehene Unfälle bestimmt haben, sind hinreichend, um den Zins zu bezahlen, und ich hab's gleich g'wußt, daß Sie nicht zu mir kommen sind, um Nachtjankerln zu bestellen, sondem Sie haben das nur als eine Aus red' g'nommen, um auf eine feine Art die arme Frau mit ihren fünf Kindern zu unterstützen — nicht wahr, ich Hab' Recht, Herr von Sterzl? Sterzl (ganz verblüfft). Ja freilich — versteht sich — was denn? (Zu Biegler und Stadler.) Das iS a Feine! Die foppt uns noch ertra um unser Geld! Rosa. Das Souper wird aber, da ich kein' Speisesalon besitz', nicht hier, sondern in der Wohnung dieser jungen Frau ftattfinden, und die Herrn werden sic deshalb dorthin begleiten — mich freut'S, daß wir uns so gut unterhalten haben, nicht wahr? Sterzl. Ungeheuer! Rosa. Und ich hoff', daß Sie sich an diese Hetz' — an diese Gaude und an diese Re- masori noch recht oft erinnem werd'n. Ich wünsch' gute Nacht! (Begleitet Alle zur Thür und bricht iu ein laute- Gelächter aus.) 14 ! Irr»^ .7 ?l S r. - - chj 'Srü litr^al? nr 7 /.^ .v)d^ - Sv r. ^. !r: -: - -n,-r ßl-z ,tz- ru;ri ^?m S'U »iS uSoL '/urf tzrrl^ rw 2 i. nos (nvldno^i. i!Z,nn " ,ü> "-i >^.. . - ,.-> 5 : 4 s 7 ''?s.'-.s rri..^ Siebente Scene. Rosa (allein). Hahahaha! Die werd'n an das Souper denken und an die G'sellschaft, in der sie jetzt den Abend verleben können! ' n'tlrsirry 8SÄ ä>) l!--'« ri!/L .lzru?-:'. n» rock ur.77l nriS nnr«)^ .r -d^' - rrt:sö.v>st drrrv'5 -lr?' Ät.:^nu'ü.'ckZ S'ni Sno^. ?;ü tun - Nnvi! tir's 1 g»i! Sm - inr hin L's.'.i.' bl» nSi tust k^l.A rixA r,li rüf ri§ 7 5 .nrslnV pichnis -i I .n,?--1 ,m6vS num.s'.' -»n-, Achte Scene. Rosa. Carl. Carl (kommt rückwärts durch das Fenster) Rosa, bist allein? Rosa (erschrocken). Carl, Du hier? Carl. Mit sammt meiner Bagage. (Wirst ein Papier-Packet auf dm Tisch ) ,nrlSvz)6 uz "iS M" ^N'rchrnnil) Ich soll' eing'sperrt werden in Schulden- tchm »Z-ßoS ,chn'7-'n 7.'ör ) i)' arrest, darum möcht' ich mich bei Dir ver- uz n!:,?nvjtcho!b mu ,Snii nrnim^' 7-,» »-stecken, nur eine Stund', ich muß ohnedem tz!o run tzoS niövä )»L knililu, , heut' Nacht noch fort für mein Principal ,nn) ,nii luv mu -^i-nach Linz— d'rum laß' mich nur da, bis rniSniÄ inrrj nrrrii lim zmrr- .t')' her Train abgeht. 'SoS cki tchin — ' < Rosa. Du wirst verfolgt? ^ lziiiL ^0 77,^. , Carl. Von einem Sollicitator — ich .-- chMrrs nL ^üi6r,a /.nn--) 5 kenne ihn recht gut — er hat mich sein ün,. ?,)M »L. - n">S tzvm >i! Lebtag' nicht g'sch'n — das is mein Glück, dmi tqstc >ju . -n. t.7 .weißt, ich Hab' nach dem Tod von mein'n chj vS „Sv Srwi 7'"'".-- ' . i, Vater, um seine Ehre rein zu erhalten, na', 7',^ rckin 'LisiS N'-- '' u.L . -seine Schulden uorH «»tznuj 7>);i1 smi,'.- 7 7 -r77l Gulden auf Wechsel. Die Wechsel sind tz,s )ss N)S777tt l!777! ^rnSuäNrU: gallig ?)vS .tz'turrf.chi'tt - 7l7tj)!s7(!lliS^dS Rosa. O mein armer Carl! Ichm m.., r-r,.. ,7. Earl. Wein' nicht, Rosa, denn nut den v , schönsten Thränen zahlt man keinen lan- ^d-nW-chs-l. >,..< m. ... R°sa. Was f°ng-n «i- ,«I qü« »» «m, ij»»«!, -.7 Earl. Wrr lirbm uns wie InShrr. 3» E " S7,m N7,nni7, t'so Nb,r ,b.' »NUß eh' nach Linz für mein' Chef, blerb E«.« k'i"«'». >E -7 »ir-rchn Tag' °»« ,.»» «,»». ...^ de» dicken Branmeiste, ans! Rosa. Aber horch, Carl, Du reist em biffel viel um in der Welt! Das letzte Mal, '2. . O'e) m. . ) '1 - Neunte Scene. Bctti, Sali, Mali, Lisi, Resi, Kathi (durch die Mitte). Lisi. Madeln, es ist so, wie ich Euch g'sagt Hab' — bei der Rosa ihr'm Fenster ist vor fünf Minuten ein Mannsbild ein- g'stiegen. Mali. Ah, hör' auf — Kathi. Jst's möglich — Resi. Also wirklich — Betti. War er sauber? Lisi. In der Dunkelheit Hab' ich das nicht sehen können, aber ein Mannsbild war's, das weiß ich g'wiß! Kommt's nur g'schwind zu der Frau von Eipeltauer. (Alle links ab.) , Du bist erst vor vierzehn Tagen z'ruckkom- men, warst gar drei Monat aus! Carl. Da, da war ich mit mein Chef in Paris. Rosa. Diese ewige Umfahrerei bringt ueue Bekanntschaften, Verbindungen rc. rc. mir sich. Ich Hab' von diese Mabile-Bälle curiose Sachen gehört. Ah paperlapapp. keine Ausreden, wann ich ein Mann wär', ging' ich auch hin. Du^wirst auch nicht mit'n Lohndiener die Kirchen und Monument'an- g'schaut haben. Carl. Ich hör' Schritt' auf der Stiegen, — vielleicht ist's der Sollicitator— Rosa, versteck' mich! Rosa. Da hinein in mein Zimmer, g'schwind sperr's zu. Carl. Mit Vergnügen. (Ab rechts in das Zimmer.) Rosa (allein). 500 fl. braucht er? Und ich Hab' nichts mehr zum Versetzen. Das Bracelet ist von Bronze Nr. 15, das Kleid'l Hab' ich auf's Abzahlen und auf das Huterl krieg ich kein ersten Satz! Mein Gott, wär' denn gar nichts da zu verkümmeln? Vielleicht, daß' diese Bildeln werthvolle Oel- gemälde seitl? (Betrachtet dieselben.) ^ n Is Ml!. ^ >r -- .i - li -- l> !i ' ^ . Lll.. 7 // ei Iik- ;a,ii!iir 1 « Zehnte Scene. . Rosa. Ster zl. Sterzl (für sich). Da bin ich wieder. Zwei Dienstmänner muß sie wenigstens aufnehmen, die mich aus'n Haus bringen — da steht sie und betrachtet die alten Kupferstich! Wann ich wußt, daß ihr so was eine Freud' macht, ich kaufet ihr um 2 ff. Mandelbögen — jetzt wart' ich hier, bis sie 's Licht auslöscht, dann! — ich sag' nichts als dann! (Schlüpft iu dm Alcovea.) Rosa. Wan' ich's noch so hoch schätz', i wenn ich sogar rechne, daß sie ein Bewunderer kaust, mehr als 47 Neukreuzer sein's doch nicht werth! Eilste Scene. Rosa. Sterzl (im Alcovm). Eilste Scene. Frau Eipeltauer, Frau Schrammel, Resi, Betti, Mali, Sali, Kathi, Lisi und viele Mädchen. Lisi. Ganz gewiß ist es so, Frau Eipel- tauer! Eipelt. Wann sich die Sach' wirklich so verhält, Madame Schrammel, ja, da müssen sie das Madel davonjagen — da bleibt nichts Anderes übrig. Schrammel (im Traumbüchel nachsehend). Verstoßung eines jungen Mädels ist 36. Eipelt. Die verdient den ziehlterlichcn Fluch! Schrammel. Fluch ist 82! Eipelt. Kommen's, schaun'n wirdnrch'S . ? Loch, da wer'n wir unS gleich überzeugen. (Alle dräng," sich zur Thür — einmal sieht Diese durch da- Loch, einmal eine Andere.) Rosa (hat unterdessen da- Papierpacket geöffnet, welche- Carl mitgr-racht). Was nimmt er denn da Alles mit? IS das sein Um und Auf? — Ein Ulmerkopf — drei Pfeifen- 17 röhrln — ein deutsches Band — ein paar Pistolen — ein alter Säbel und ein paar Fecbthandschuh? — Das sein seine ganzen Aktiva? Da bin ich ja noch Familie Rothschild dagegen! Jetzt wird's aber Zeit, daß der Carl — ich muß nur sehen, ob die Lust rein ist. (Sieht durch rin Loch in die Thür.) Was seh' ich? Ich Hab' vig-a-vis ein Aug' g'seh'n — na wart', Stadttratschen, ich werd' dir geben horchen! Ihren böhmischen Chevaurlcger kann ich sehr gut ausspotten, ein Säbel ist auch da, na g'fteu' dich! Alle Mädchen (zu Frau Eipeltauer, welche eben bei der Thür horcht). No, sehen Sie was? Eipelt. Sehen nicktS; Kinder, ich hör' einen Schleppsäbel! (Alle stoßen einen unterdrückten Schrei aus.) (Geht zum Tisch, nimmt den Säbel, schleppt denselben durch das Zimmer nach, und stellt sich vor die Thür.) Eipelt. Es ist ein Ofncier bei ihr — o gräßliche Möglichkeit! Wie— wenn — am Ende — vielleicht ist es ein Cavallerist — vielleicht gar kein Officier — sondern mein Chevaurlcger — (Sie eilt zum Loch und horcht weiter.) Rosa (stößt den Säbel mehrere Male aus den Bodm und spricht als, Rosa dann wieder als Soldat, den sie im Baßton nachahmt). »O Fräule Rosa, satra Lene, lieb ich sie unsinniges verflirtes!« — »Oh, ich dich ebenfalls, mein lieb's gut's Herzerl! — »O Fräule Rofitschka, san's me Engel himmlisches! Bitt' ich um Hubitschko!« Eipelt. Erist'S! Alle. Wirklich? Eipelt. O Männer—Krokodillenbrut! Schrammel. Krokodill hat 87. Rosa. »Wenzel, wirklich? Du willst also mein gehören?« — »Rofitschka, auf Zeit ewiges!« Eipelt. Himmel — mir wird schwach— Rosa. »Sag' mir nur, theurer Freund, ist's denn möglich, daß du in die Frau Eipeltauer verliebt warst?« — »O, Hab' ich nur suppte— is e alte Schachtel dalketes, unnöthiges, überflüssiges.« Thttta-Arperloa -k. 14t. 2 18 Eipelt. Gebt's mir ein' Dolch, den Wenzel bring ich um! Ich eine alte Schachtel! ' Alle. Ah! Ah! Schrammel. Schachtel ist 88! Eipelt. Na wart', Elender -- ich will Dich überraschen! — - Eipelt. Jetzt reißt mir die Geduld, er gibt ihr a Bussel! Schrammel. Ist 62. Eipelt. Er küßt noch immer — Mir nach! Jetzt soll's Donnerwetter losbrc- chcn! (Sie dreht den Schlüssel an der Thür um, reißt die Thür aus und stürzt in das Zimmer der Rosa.) „ ' ' ! - ' . /> : ' . . ,l. ^ Rosa. »Du hast also nur mich gern? Mich ganz allein?« — »Freilich, Ro- sitschka! — Und alte Schachtel bring' ich um mit Sabel meiniges gefaßtes ärarisches !« (Macht mit dem - Säbel ein großes Gepolter.) Rosa. »Nun, so soll ein Kuß unfern Liebesbund besiegeln.« — »Ja, da kriegste fetzt Hubitschko!« (Sie küßt sich aus die Hand, daß es laut schnalzt.) Rosa (küßt). - Rosa (läßt den Säbel fallen und lacht). Eipelt. (sich im Zimmer umsehend). Rosa. Sie wünschen? Eipelt. Wo ist der Chevaurlegers? Rosa. Was für ein Chevaurlegers? Eipelt. Der Sie g'rad abküßt hat läugnen Sie nicht—wir haben an der Thür g'horcht und Alles g'hört. Rosa. So? Na, der Horcher an der Wand hört seine eigene Schand! Da haben Sie wohl auch g'hört, wie ich zu ihm g'sagt Hab': »Theurer Freund, ist's denn möglich, daß Du in die Frau Eipeltauer verliebt warst?« — »O, Hab' ich sie nur suppte — is e alte Schachtel dalketes — unnöthigcs, überflüssiges!« Alle. Was ist das? 19 Rosa (lachend). Ich Hab' den Chevaur- leger selber g'spielt, und die Frau Eipel- tauer und die ganze verehrte Gesellschaft auffitzen lassen. Eipelt. Ich fall' in Ohnmacht! NI lilkk ... N 7« i- - Iti^ Zwölfte Scene. Vorige. Solicitator und Gerichtsdiener. (Beide schwarz angezogen.) Sollic. Meine' Herrschaften, wir kommen , um einen gewissen Herrn Carl Wirbl, der sich hier befinden soll, aufzusuchen, um ihn wegen einer Wechselschuld von fünfhundert Gulden in den Schuldenarrest zu bringen. Rosa. Himmel, wenn's ihn finden, ist er verloren. Alle. Also er ist doch hier? Sollic. Und im Aufträge der Behörde erlaube ich mir eine nähere Hausuntersuchung zu halten. Sterzl (steckt seinen Kopf durch die Alco- venvorhänge). Jetzt bin ich gar eing'schlafen da hint'! Was ist denn das? Eine Menge Leut' ? (Zieht den Kopf zurück.) Sollte, (har Sterzl bemerkt und steht die Bewegung der Vorhänge). Aha — hier scheint er ja schon zu sein! (Schlägt die Vorhänge auseinander.) Mein Herr, Sir sind entdeckt, wollen Sie in das Zimmer treten — Sterzl (hervorkommend). Wenn's erlauben, bin ich so frei. Rosa. Wie ist das möglich, daß Sie in mein Zimmer kommen? Eipelt. O Sie scheinheilige Person, thun's nicht so, als wann Sie nicht wüßten, wie ein Mann in's Zimmer kommt! Geht's, Madeln, lacht's die holde Unschuld und ihren Liebhaber aus! (Alle Mädchen lachen fie höhnisch aus.) Rosa (für sich). Ihren Liebhaber? Eine Idee! » 20 Sollic. Mein Herr, Sie werden mir . 7. ^ ' .1- ! .7 > 'n.^:.. -.. ... .7 — ^ kH ...folgen— 1 ! . Sterzl. Wenn's zu einer Gaude is, 7 mit pikier — ! / !'' ^ 7 . 'tl)> > ' Rosa (zum Sollicitator). Sie erlauben mir ein paar Worte! (Leise und -schnell zu Sterzl ) Herr Sterzl, Sie haben mich zu einem Souper eingeladen, ich hab's zu- '-! ,r , rückgewiesen, jetzt lad' ich Sie zu einem r ? .' . ' ', , ' ' r Souper ein, der Herr hier (deutet auf den Sollicitator), ein Onkel von mir, geht anck mit — sehr ein fescher Geist, der auch ji!4l 7ir: ,n^!'5 / -.' 7 .- !lc's ,'^^s:. 7 '' 7 7 ^;'"i.7'./. - ." 7^ . , > Z7L2 -7 ^.:-. 7'^ ',' jr. ^ , . Ü, 'l) gern bei einer Hetz dabei ist! Er führt Ihnen hin — es ist schon alles hergerichtet. " Sterzl. Ausgezeichnet! Rosa. Sie sind dabei? ^ Sterzl. Versteht sich. O ich glücklicher ^ Kerl! . Eipelt.(zu Allen). Das zärtliche Täuberl ^ paar nimmt Abschied — hahaha! 7 (Alle Mädchen lachen.) ^ ./ml 7 ^ ' ,. 7 . N7- . 7' i ' -7 ... .. - i.-r 7.7 - . Sollic. (still zu Sterzl). Sind Sie der- s ! .. 7 jenige, welcher — - R 0 sa (leise zu Sterzl). Sagen's ja! - Sterzl. Aufzuwarten! Kommen's nur, .. - . > '» dn^.'.r . 7 ' mein Lieber; nehmen wir den andern ^ ' 777, d- r - - ^ Herrn auch mit? .... . ", . . . ' ! l.!? ^ ;, - Sollic. Freilich! Sie sind also der Ge- < ' liebte dieses Fräuleins? 5 ^ ' -- )' ^r! ... .7 ::^ . . .-;f 7- ^ Rosa (deutet ihm ja zu sagen). ' ' Sterzl. Was denn! Sie, das wird eine Hetz' heut' — so was war nock i ' nicht da! ' s ^ S 0 lic. (leise). Sie folgen mir also ohne > Widerrede? t- . - ^ ^ s- - ' '' Sterzl. Na, ich werd'mich dock nicht bitten lassen? ^ .- .- r u,. -7.L ,. ' u- ..- tt..^ r^r- 7'. ! 7 ^ 7 7k. / ^ ! 7 5 ck. '.7 77L "!' Nrss.Ll v-ickL. i:7 . ^ . - .. - Sollic. Sie wissen weshalb? - Sterzl. Alles, Herr Onkel! u ' Sollte. Und ich hoffe — Sterzl. Daß wir uns sehr gut unter- 7 halten! — Kommen's, Herr Onkel! Hän- -NL 'l 7 gen's Ihnen ein. (Hängt sich in ihn ein.) , .)< Sie Docativus übereinand — das sehet 75 - man Zhuen gar nicht an! Aber Recht ha- ' ^ / ri ben's. Ein Mann wie Sie, in den besten Jahren — ah, das wird heut' ein Jur — auf Wiedersehen, Rosa — dort — wo — (lkgt die Hand auf den Mund). Ausgezeichnet ! (Geht eingehängt mit dem Sollicitator und dem Gerichtsdiener, welcher folgt, durch die Mitte ab). Dreizehnte Scene. Vorige (ohne Sterzl, Gerichtsdiener und Sollicitator). Eipelt. Ah, die Keckheit! Der g'freu. sich noch, daß er in Schuldenarrest kommt. Na, Frau Schrammel, was sagen Sie dazu? Lisi. Haben wir nicht Recht g'habt? Mali. Sind unsere Reden Verdächtigungen ? Kat hi. Stehen wir nicht groß da ge- ' gen so eine Mamsell? — Schrammel. Ja, meine liebe Rosa, Du wirst einsehen, daß die Leut' Recht haben! Ich Hab' dich am 14. November 45 — es war g'rad Linzer Ziehung — — wie Du mir vor die Thür g'legt worden bist — ich weiß' noch wie heut', denn ich Hab'Dich auf'gnommen, erzogen wie ein eigenes Kind — aber Du — diese Schand', ick hält' nie geg'laubt, daß ich wcrd' den 34ger sehen müssen. (Weint.) Rosa. Frau Mutter, hören's meine Vertheidigung an. Eipelt. Ah was — da is gar nichts zu reden! Wir haben Sie ertappt auf frischer That, da gibt's nichts mehr zu vertheidigen. Lisi. Auch erklären wir, daß wir nicht mehr mit ihr arbeiten. Sali. Ich könnt's schon nicht thun wegen meinem Grafen, der mich schon seit fünf Jahren soutenirt, und dem meine Ehre über Alles geht. Betti. Mein Freund denkt g'rad auch so — und ich glaub', er zahlet gar nicht mehr 22 mein' ZinS, wenn er erfahret, daß ich unschuldiges Mädel durch so eine Gesellschaft verdorben werden könnt'. Kat bi. Auf seinen guten Ruf muß ein junges Wesen was halten, hat mir unser Zimmerherr g'sagt, wie er 's letzte Mal mit mir im Universum g'west ist. Schrammel. Da Hörstes —d'rnm, damit die Redereien ein End' haben, thu', was Du willst — aber in mein' HauS kann ich Dich nicht mehr leiden, weil mir die Solidität über Alles geht. Dahier hast den Brief von deiner Mutter, der neben Dir im Körbel g'lcgen ist am 14. November 45 — wo der 65gcr kommen ist — und jetzt thu', was Du willst, aber ich will' eine Ruh' — Rosa. O mein Gott, so sagt sich also Alles los von mir! Eipelt. Alles! — Mir bricht das Herz — aber was die ganze Welt g'sagt hat, müssen auch wir sagen, die Jungfer Rosa ist und bleibt eine leichte Person! Alle. Eine leichte Person! Rosa. Also eine leichte Person bin ich? Aber wirklich g'spaßig is es — wann ein Rauchfangkehrer find't, daß sich der Bäck' schwarz g'macht hat! Und mir scheint alleweil, ich bin unter lauter Rauchfangkehrer noch der einzige Bäck! Geht's weiter Alle miteinander,es könnt's Euch gut verstellen, aber Ihr könnt's nit aufrichtig empfinden — Zhr könnt's nur heimlich zärtlich sein, weil Ihr glaubt's, man lestEuch's herunter, daß Euch ein seidenes Kladel, ein feiner Hut, ein Fiaker ohne Nummero lieber is, als der ganze Geliebte! Eipelt. Ah — ah! Madeln — dieser Diseurs — ich geh — Alle. Das is zu gemein!. Eipelt. Leben Sie wohl! — Alle Mädchen (spöttisch) Adieu — Sie — Eipelt. Sie — Person Sie! Alle (fix spöttisch messend, mit Frau Hipel- lauer ab). 23 Rosa. Heut' seh' ich erst, wie schmerzlich es ist, daß's ein Wiederseh'n nach dem Tode gibt. (Pause.) Also in diesen Händen is meine Ebrc? Gar Niemand Hab' ick, der für mich fühlt und der es ausrichtig meint mit der verlassenen Rosa? Earl (aus der Seitenthür tretend). Als mich! Rosa. Mein Carl! (Umarmen sich.) (Während der Gruppe fällt der Zwischenvorhang.) Drittes Kitd. (Eine entlegene Straße in der Vorstadt. Rechts im Hintergründe ein stockhohes Haus. Rechts, links und im Mittelpunkte der Bühne mehrere halbverfallene ebenerdige Häuser, welche einen Halbkreis bilden. Eine mattbrennende Laterne erhellt noth- dürstig das Ganze.) Vierzehnte Scene. Frau Tu schl (mit ihren fünf Kindern geht in ihr Haus). Dann Amerling. Theodor (kommt mit einer Reisetasche links). Theodor. Sie finden also, daß mir die Jschler Dadecur gut angeschlagen hat? O Vater, warum thun Sie nichts für Ihre Gesundheit! Sie sehen so blaß, so angegriffen aus. Am er. (ernst). Wenn ich nicht so fröhlich bin wie du, so weißt, daß ich meine Ursache dazu habe. Theodor. Ich weiß es. Meine Mutter stand nur kurze Zeit an Ihrer Seite, sie starb, indem ich das Licht der Welt erblickte. Es feblt ein Weib an Ihrer Seite. - (Amerling wehrt ab.) Theodor. Sie wollen nichts wissen davon, es ist mir bekannt jenes Mädchen, welches Sie liebten, bevor Sie meine Mutter kennen lernten. Amerl. (ausgebracht). War eine Treulose. Nichtswürdige — eine Elende! sie starb im Krankenhause allein, verlassen, und steht dort oben vor dem Richterstuhle. Theodor. Aber sie war auch Mutter, so viel ich erfuhr — Amerl. (tief ausseufzend, hastig). Aber man weiß nicht, was aus dem Kinde wurde — doch was reißt du diese Wunde auf? Sieh', Theodor, ich bin Advocat, die Welt stellt mich als Muster auf von Rechtlichkeit und doch wird es da d'rin nicht ruhig, und wenn mich Andere als Ehrenmann hknstellen, so straft sie mein Gewissen Lügen. (Pause.) Nun, vielleicht werde ich glücklich in eurem Kreise. Vielleicht streicht mir dein Weib die Sorgen aus der Stirne. Wenn sie so rein und brav ist, wie du sagst, gut; wenn sie aber vielleicht so wie Jene, die mich betrog — nein, Theodor, ich werde nie zugeben, vaß mein Sohn so unglücklich wird, wie es sein Vater war. (Nimmt ihm die Tasche ab.) Gib her, ich weiß schon, du wirst dein Alles noch einmal sehen müssen, willst vor den Fenstern auf und ab vromeniren, —Hab' das Alles mitgemacht. Thu's in Gottes Namen! Gute Nacht! (Ab in's Haus.) Fünfzehnte Scene. Theodor (allein). Er ist so, wie ick ihn verließ! Wie soll das enden? Er glaubte, ich sei nach Ischl meiner Gesundheit wegen, in- deß ich nur hinreiste, um Fanui zur Seite zu stehen in ihrer traurigen Lage! Ach was, der Vater ist ein strenger Mann, aber er hat ein vortreffliches Herz! Unser Plan wird ausgeführt. Ist das Kind wie durch Zufall in seinem Hause, wird er den armen Wurm gewiß nicht verstoßen, er wird es liebgewinnen,sein Lächeln wird für mich und seine arme Mutter eine Fürsprache sein und machen wir ihm dann das reumüthige Ge- ständniß, so wird er uns verzeihen! Rasch an's Werk! (Ab.) Sechzehnte Scene. Fltnserl, Hahnl, Sterndl, Mäuserl und viele schwarzgekleidete Herren (kommen mit allen möglichen Instrumenten und Notenblättern). Flinserl. Nur mir nach, meine Herren! Hier ist das Haus vom Principal! Hahnl. Du foppst uns vielleicht wieder die ganze Nacht herum und dann wird aus unserer Gesangsproduction nichts d'raus. Sterndl. Jetzt paffen wir schon sechs Wochen auf eine Gelegenheit — Flinserl. Kann ich was dafür? Seit zwei Jahren haben wir schon so ein wunderschönes Requiem für ein'n plötzlichenTo- desfall einstudirt und wir bringen's nicht d'ran! Es stirbt keiner von nnsern Bekannten, cs ist g'rad, als ob sic's uns zu Fleiß thäten. Mäuserl. Wo singen wir denn heut? Flinserl (deutet auf Amerling s Haus). Hier! Der Sohn von meinem Principalen is aus Ischl z'rückkommen, krank is er fort, jetzt is er frisch und gesund! Herrliche Gelegenheit zu einer Fest-Cantate! »Heil sei dem Tag, an welchem du bei uns erschienen, dideldum. dideldum, didelduml* Ich hol' die Noten, in einer Viertelstund kann's angeh'n! O seliger Augenblick, wo der monatlang zurückgehaltene Gesang endlich losbrechcn kann! (Alle nach dem Hintergründe ab.) Siebenzehnte Scene. Theodor. Ein Dienstmann (mit einem langen Korbe). Theodor. Dort im Haus rechts, die erste Thür geben Sie den Korb ab. Dienst mann. Schon gut! (Abin'sHaus rechts.) Theodor. Die Sache ist herrlich eingeleitet, die alte Wirthschafterin, eine gute Frau, weiß davon; sie wird meinen Vater gewiß bestimmen, das Kind zu behalten— komm' ich zu ihm — werde ich ebenfalls auf sein gutes Herz einwirken, und dann kommt es nimmermehr aus dem Hause. Dienstmann. Abgeliefert! Der alte Herr hat fragen wollen, was ich bring' und von wem, aber ich Hab' mich auf gar keine Antwort einlaffen! Theodor. Sehr gut! Ich will Ihnen diesen Gang dafür zwanzigfach bezahlen. (Ab mit dkm Dirustmann.) Achtzehnte Scene. Amerling (kommt mit dem Korbe aus dem Hause). He, Dienstmann — he! wo ist er denn? Nicht mehr zu sehen! (Besieht das Kind, indem er die Decke des Korbes lüstet ) Nichts- würdige Rabenmutter! die ihr Kind von sich stößt und fremden Leuten vor die Thüre legen laßt. Armer Wurm? Ich will Dich aufnehmen, man soll sich an mir nicht getäuscht haben — aber halt! — wenn das Kind eine Frucht der Schande, wenn seine Mutter eine Betrügerin wäre, wie Jene, die mich —? Fort mit dem Kind zu Gericht! (Will fort.) Doch nein, man würde die Mutter ausforschen, entdecken, schwer bestrafen. (Zieht dir Brieftasche.) Hundert Gulden dazugelegt, und hier vor die Thür gesetzt. (Sieht sich um.) Meine alte Veronika war nicht zu Hause, Niemand weiß davon, ich will kein Kind der Schande in meinem 25 Hause.' (Hat den Korb zu einem auf der linken Seite stehenden Hause gezogen und vor die Thür gesetzt, läutet an der Glocke der Hausthür; er läuft in sein Haus, man hört, wie er die Thür hinter sich znsperrt.) Neunzehnte Scene. Frau Strobel, die Tabakkrämerin (kommt aus der Gewölbthür mit blauen Augengläsern, zwei Hunde unterm Arm) 3a, was ist's denn? Nach zehn Uhr geb' ich keine Cigarren mehr her! Kein Mensch da? Gerechter Himmel, was seh' ich? Ein Korb und d'rin — alle guten Geister, steht mir bei, das hab'n mir die nirnutzigen Leut' herg'legt, weil's wissen, daß ich mir ein paartansend Gulden erspart Hab' und alle Montag fünfzig Gulden in die Sparkasse trag! O, die schlechte Welt! so ein gefühlloses Volk— das arme Kind! Aber ick kann's nicht nehmen, nickt wahr, Scholi, das geh nicht? Das zweite Zimmer gehört dir und dem Zamperl, im Salon scklaft der Puzi und in's Cabinetlaßt die Zippi Niemand hinein! Das Meerschwein! will auch hernm- hetzen, die Kiniglhasen sein ohnedem in der Küchel, ich Hab' vor lauter Viehern kein'n Platz für ein Kind! Nackmittag, wo der Scholi schlaft, — und so ein Kind schreit immer, na, das geht nit, das war' unbarmherzig! Ich weiß, was ick thu! da kommt g'rad' der Herr von Grnsckpel nach Haus, das ist sehr ein frommer Mann, dem seine Pflicht ist es, für so ein'n Wurm zu sorg'n, dem leg' ich's hin. (ryut es.) Komm', Sckoli, verkühl' dich nicht! (Ab in'sGewölb) Zwanzigste Scene. Herr von Gruschpel (angestochen). War das ein Disput heut' im Wirthshaus! Hab' ich ein bissel die Tiroler vertheidigt, daß's keinXProtestanten aufnehmen. Als guter Christ muß ich so reden, und wenn sich eine G'legenheit find't, danach handeln. (Will zur Thür und stolpert über den Korb.) Was is denn das? Himmel, ein kleines Kind! Das baben's mir herg'legt, weil ich immer so tugendhaft daherred'. Jetzt wär' vielleicht eine Gelegenheit, christlich zu sein! (Lüstet die Decke.) Wer weiß ob — man kann nicht wissen — im Gegentheile, das Kind schaut so keck d'rein — freilich — freilich! Das Kind is schon ein junger Protestant! Und eine' bogene Nasen hat's auch, am End' gar ein Jud! Das wäre ja fürchterlich! Ich soll einen Demagogen heranziehen, der, wenn er größer wird, ein Schandblatt herausgibt und über mich Artikel schreibt? Fort mit ihm zu meinem vi8-ü-vis, dem Advocaten, das is auch so ein liberaler Schreier — der sagt— Mensch is Mensch! Aber nein, der könnte es auch zu so einem Schreier erziehen, da stell' ich es lieber der Tuschl vor's Haus, die hat ohnehin fünf Kinder, da geht es in Einem. (Stellt den Korb der Tuschl vor die Thüre und geht in sein Haus ab.) Elnundzwauzigste Scene. Rosa (allein mit einem Dünkel Habseligkeiten). Dahier is das Haus, wo die arme Frau mit den fünf Kindern logirt, die ich heut' tractirt Hab' — die wird der leichten, aus dem Haus gejagten Person gewiß für heut' Nacht ein' Unterstand geben! Und morgen schau ich mich um ein anderes Platzl um, und wann ick eine Arbeit Hab', werd' ick wieder recht glücklich sein. Ich bin Keine von denen, die gleich verzweifeln und g'sckwind an's Sckanzl laufen und sick in's Wasser stürzen. Na, da wär' mir lad um's G'wand — bis ich in's Wasser geh', muß viel g'scheh'n—- sehr viel! (Sieht den Korb.) Mein Gott! was is denn das? Ein kleines Kind — es streckt die Handerl aus—es is schlecht zudeckt— es friert— o ihr schlechten Leut'! (Nimmt es heraus.) Komm her, Kleiner! was ist dir denn? 26 Zwetundzwanzigste Scene. Rosa. Amerling. Theodor (wird im Hintergründe sichtbar). Amerling (stürzt aus dem Hause). Hab' ich Sie, elende, pflichtvergessene Person, die ihr Fleisch und Blut andern Leu tcn vor die Thür legt? Rosa (verwundert). Wo muß denn der auskommen sein? Amerling. Haben nicht Sie das Kind, bevor ich es dorthin legte — mir vor die Tbüre gelegt? Rosa. Was — Sie Habens nicht auf- g'nommcu — sondern wieder wegg'legt? Sckamen's Ihnen! Amerling. Welche Frechheit! Wie können Sic cs wagen, sich Ihrer Schändlichkeit zu rühmen — Rosa. Redens nicht so g'schwoll'n — bolen's lieber a Mili, ein' Zuckerkand'l und bungen's eine Decken. Amerling. Für Ihr Kind? Rosa. Nein, für Ihr Kind, Sie sagen ja selber, daß Sie's wegg'legt haben! Amerling. Wie, Sie sind nicht die Mutter? Rosa. Was denn nicht noch? ich bin Modistin — wie kommet ich denn zu so was? Amerling. Sie haben es nicht per Dienstmann zu mir geschickt? Rosa. A Dicnstmann hat's brackt? Ich Hab' glaubt', die Kinder bringt der Storch — Amerling. Was wollen Sic jetzt thun? Rosa. Was mir mein Herz vorschreibt. Ich sollt's zwar nicht — erfahrt's die böse Nachbarschaft —. so gibt's Redereien Permuthungen — Verdächtigungen — ah was — wer wird sich um die Welt kümmern, wo stch's um ein junges Menschenleben handelt. Ein ordentliches Mädel — wird's heißen, nimmt kein' kleines Kind auf, was man auf der Straßen find't. — Die Leut' haben vielleicht Recht! Aber ich bin ja kein ordentliches Mädel — ick bin jabloßa leichte Person! (Hat das Kind aus dem Korbe in die Arme genommen und läutet bei der Frau Tnschl — Theodor erscheint im Hintergründe.) (Während der Zeit fällt der Vorhang.) Ende der ersten Abtheilung. Zweite Alitheilung. Vierte Nitd. (Kanzleizimmer bei Amerling. Dasselbe hat eine Mittel-, rechts und links eine Seitenthür. An den Wänden offene Schränke mit Büchern, Schriften rc. Mehrere Schreibpulte, links im Vordergründe ein Sopha.) Erste Scene. Vervnica. Theodor. Fanni. Veronica Das Kanzleipersonal ist noch nicht da — der Herr Papa is ausg'angen, na — Fräulein Fanni, da können wir un- zenirt ein Viertelstündel verplaudern! Sa- gen's mir nur, Fräulein, warum weinen's denn an Ihrem Hochzeitstag? Fanni (fitzt auf dem Sopha und hat traurig ihren Kops auf die Hand gestützt). Kann ich anders? Mein heutiges Glück ist nicht vollständig! Sie wissen ja, daß ich schuldbeladen vor den Altar trete, daß ick meinen rechtlichen Schwiegervater hintergehen muß. Theodor. Auch mich martert derselbe Gedanke — doch es gibt kein anderes Mittel, um deine Hand zu erhalten. 27 Deronica. Aber jetzt reden's, was macht das kleine Buberl? Fanni. Es befindet sich wohl! Rosa ist ja meine Ziebschwester, und obwohl es Herr Amerling nicht gerne sieht, weil sie eben nicht im besten Rufe steht, besuche ich sie fast täglich unter dem Vorwände, daß ich beisteuere zur Erhaltung des Kindes! Theodor. Um das gute Mädchen auf den baldigen Verlust des Kindes vorzube- rciten, ließ ich ihr heute von unbekannter Hand schreiben, daß die Eltern des Kindes dasselbe nächstens zurückverlangen werden! (Man hört läuten.) Deronica. Aha, der Schneider mit dem Brautkleid — ich führ' ihn derweil in's blaue Zimmer. , Rechts ab.) Zweite Scene. Vorige. Flinserl. Flinserl. Zukünftiger Herr Principal — ich mache meinEompliment. (Zu Fanni.) Zukünftige Kran Principalin, ich küß' die Händ'! Theodor Herr Flinserl, Sie sind so echauffirt — Flinserl. Ist's anders möglich — habe ich nicht das Glück, das ganze Arrangement bei der heutigen Hochzeit zu leiten? Fanni. Die zukünftige Principalin wird Ihre Bemühungen dankbar anerkennen und — Flinserl. Bitte, ist gem g'scheh'n! — Ich wollt', Sie thäten durch ein ganzes Jahr in ein'm fort heiraten, daß ich täglich singen könnt'! Mein einziger Wunsch ist, meine Seele mit Gesang auszuhauchen! Sie werden staunen heute! Noch nie dagewesen! Der ganze Garten wird illuminirt, das heißt, wenn wir die Erlaubniß dazu bekommen! Zwischen jedem Ballon hängt a deutsche Fahn', das beißt, wenn's erlaubt wird! Und alle drei Minuten wird das »deutsche Vaterland« g'sungen, das heißt, wenn's nicht verboten wird, und dann beginnt nach drei vorhergegangenen Pöller- schüssen, das heißt, wenn's losgehen, die Tafelmusik, und die verehrten Gäste begeben sich dann durch eine Allee von vierundzwanzig weißgekleideten Jungfrauen, das heißt, wenn wir so viel auftreiben, in den Speisesalon! Fanni. Ihr Arrangementstalent ist außerordentlich! Flinserl. Ich versichere, Fräulein, — Sie werd'n daliegen vor Bewunderung! Alle Lehrbuben aus der ganzen Vorstadt Hab' ick zum Vivatschreien z'sammg'fangt — jeder kriegt vier Kreuzer. Das wird ein unerhörter Enthusiasmus! Während der Tafel Enthüllung des Transparentes — ein blinder Amor — welcher einem blonden Jüngling einen Pfitsckerpfeil auf'n Frack schießt! Theodor. Das wird ja brillant werden! Flinserl. Nicht wahr? Ja, jetztkommen aber erst die Gesangsfeierlichkeiten! Schon während der Tafel singt unser Gesangverein l 27Pieccn — wir haben anfänglich bloß 98 singen wollen, aber wenn wir schon dabei sind — nach Tisch beginnt das Concert, die Solis, sowie ein drei Stunden dauerndes Quartett — Kinderchöre rc. rc., kurz ein Scandal, wie noch nichts Aehnli- ches dagewesen ist. Theodor. Ich danke Ihnen, Herr Flin- scrl, schon in vorhinein, sowie auch meine Braut und hoffe — Dritte Scene. Vorige. Deronica. Deronica (durch die Thür rechts rufend). Der Papa ist da — er hat eine Menge Hochzeitspräsente mitgebracht. Theodor. Komm', Fanni — der gute Vater! (Reicht ihr den Arm und führt fi rechts ab.) 28 Vierte Scene. Flinscrl (allein). O, ich wollt' es ginge schon los! Ich komm' mir vor wie eine geladene Kanon' — bei der immer Einer mit der Lunten herumfuchtelt. Jetzt will ich wieder, wie alle Tag', das trockene Aeten- leben durch die Göttin Gesang poetisch gestalten. Unsere Schreiber sind alle bei meinem Verein, und da wird alles Amtliche recitattv verhandelt. Das ist großartig anzuhören. Aha, da kommt unser nichtmusikalischer Amtsdiener. Fünfte Scene. Ein alter Kanzleidiener. Flinserl. Flinserl (fingtin getragenem Ton). Elen-, der Sclave, nun gehe zum Greißler, der da wohnt an der Ecke, und kaufe ein Paar Würstel, natürlich brennhaße. Diener. Fangen's schon wieder an mit der dalketen Singerei, die Andern wer'n auch gleich kommen, dann geht's wieder wie im Narrenthurm! Gcben's ein Geld her! Flinserl (fingt nachfolgenden Text aus der Sterbearie aus -.Lucia*). Engel, Du mußt schuldig bleiben, Mußt' die Würstel so auftreiben, Erst am Ersten kann ich zahlen, Früher Hab' ich, früher Hab' ich gar kein Geld! Diener. Aber der Greißler will nimmer borgen. Flinserl (singend). Ha, der Elende! Schrum! Schrum! Er soll es büßen! Schrum! Schrum! Gefangen bringen ihn meine Vasallen ans meine Veste! Schrum! Schrum! und schmachten soll er dann im tiefsten Schrum! Schrum! Burgverließ, wo wie im Stadtparpark, Schrum! Schrum! wo nur Kröten und Unken Hausen ! Schrum! Schrum! dadaridadara- dadada! Diener. Ui Jegerl, jetzt kommen auch noch die andern Narren ! Sechste Scene. Flinserl, Stiegler, Schnepf, Kram- mer, Faltel, Federl, Schwarz! (kommen mit den Acten). Alle sfingend und sich tief verbeugend) Sei uns gegrüßt, sei uns viel tausenmal gegrüßt, Du.kühner Sieger! Flinserl (singend). Ebensoviel—detto mit Obers. Meine Achtung ! Wie geht es, meine Herren? Stiegler (singend). Danke, so ziemlich ! Schnepf (singend). Ist gefällig eine Prise? Krammer (singend). Ich bin so frei! Faltel (singend). Ah, der kitzelt in der Nase! Federl (singend). Das hat er schon an sich, der Schwarzgebeizte! Schwarz! (singend). Man muß gleich nie — nie — niesen. (Er niest.) Alle (im Ehor). Zum Wohlsein! Zur Genesung! Schwarzl. Ich danke! Flinserl (singend). Und nun an die Arbeit, Ihr Herren! (Singt nach der Melodie »Die schönsten Augen*.) Nun beißt es Erpensnoten schreiben, Und pfänden die Leut' kreuz und quer; Einsperren und Alles versiege!'n, Was woll'n die Klienten noch mehr? (Alle setzen sich an die Schreibpulte nnd arbeiten.) 29 Siebente Scene. Porige, Rosa (mit einem Brief in der Hand). Rosa (zu Stiegler). 3ch bitt, ich komm', um — Stiegler (singend). Wenden Sie sich an diesen Herrn! (Deutet aus Schnepf.) Rosa (zu Schnepf). Ich möcht' gern' — Schnepf (singend). Der HerrConcipient wird Ihnen Bericht erstatten. (Deutet auf Krammer.) Rosa (zu Krammer). 3ch wünsche nämlich zu wissen — Krammer (singend). Nähere Auskunft können Sie nur vi8-ü-vi8 erfahren! (Deutet auf Faltel.) Rosa (zu Faltel). Sagen Sie mir gefälligst — Falter (singend). Weiß noch weniger als diese beiden Herrn. Ich bitt' deshalb — Rosa. Ach, jetzt wird's mir z'viel. Das ist ja, scheint mir, a Narrenthurm und kein' Kanzlei! Aber mich sekirn's nicht! 3 sing' auch mit! da krieg' ich vielleicht eher ein' Antwort. (Singt laut.) Meine Herren, Kruzi Türken, Donnerwetter, Million Himmel- sapperment, was ist das für eine Wirth- schast! Auskunft will ich über eine Sache! Flinserl (singend). Ach, was seh' ich, Fräulein Rosa? Rosa (singend). 3a, ich bin's, mein lieber total verrückter Herr von Flinserl. Flinserl (singend). Sie wünschen? Alle (singen). Wir hören! Schwarzl (singend). Mit wem haben wir die Ehre? Rosa (singt auf die Melodie: »bin Schütz bin ich* re.). Marchands de Modes Hab' ich die Ehr' zu sein, Ein Madel bin ich, wie es nur wenig gibt, D'rum sind die Männer rasch in mich verliebt, Ein 3eder seufzt: O Rosa, wärst Du mein! Alle (fingen seufzend). Ach! Ach! Ach Rosa (singt auf die Melodie: »Ich bin die seschi Sali*). Verlieren's vor Entzücken Nur den Verstand nicht glei', Denn wenn ihn auch wer findet, S'wär'.kein' Profit dabei. 3ch komm' jetzt 8tant6 psäe Zu 3hnen her erpreß', Mit einer ganzen Vorstadt Beginn' ich ein' Proceß! Flinserl (singt). Hoch die Proceffe! Alle (singend). Hoch leben die Processe! hoch! hoch! hoch! Achte Scene. Vorige. Amerling. Amerling. Was ist denn das für ein Spectakel? Alle. Himmel! der Principal! (Eilen au ihre Schreibtische.) Rosa (welche nun ganz allein steht). Entschuldigen, Herr Doctor, ich komme — Amerling. Ah, was seh' ich — Sie sind's, Mamsell, und wünschen? Rosa. Ein Wort an Sie — zwei an die Bande — nein, Spaß bei Seite, ich Hab' was z'rcden. Amerling. Stehe zu Diensten. Nehmen Sie Platz. (Führt fit zum Sopha; zu den Schreiber» ) Meine Herren, da heute die Hochzeit meines Sohnes ist, so haben Sie vielleicht kleine Vorbereitungen mit 3hrer 29 Toilette zu treffen, ich hebe deshalb die Kanzleistunde auf und empfehle mich Ihnen. Flinserl. O Gott, warum heiratet Ihr Herr Sohn nicht alle Tag'? Herr Principal ! dürfen wir zum Abgang den Trauer- chor: »Es gibt ein Wiederseh'n« singen? Meine Herren — Amerling. Danke — danke — Flinserl. Nicht? Auch gut! Desto mehr heut' Abend! (Im Abgehen.) Immer frisch und froh und frei! (Alle ab.) Neunte Scene. Rosa. Amerling.. Amerling (lächelnd). Mein Conci- pient macht mir noch Alle verrück. Statt einer Advocatenkanzlei habe ick nur mehr einen Gesangverein. (Setzt sich zu Rosa.) Nun, Mamsel, was wünschen Sie? Rosa. Ich möcht' gern ein' Proceß führen! Amerling. Mit wem? Rosa. Eischrecken's nicht —mit Ihnen, Herr Doctor! Amerling (erstaunt). Mit mir? Rosa. Und mit der ganzen Vorstadt. Amerling. Da haben Sie eine starke Gegenpartei. Rosa. Ich nimm's, wenn sei muß, mit der ganzen Welt auf! Amerling. Da haben Sie sebr viel Muth! Rosa. Courage hält' ich, aber mit Courage allein führt man kein' Proceß. Amerling. Ich verstehe, dazu gehört' Geld! Rosa. Und das Hab' ich nicht, mein baares Vermögen ist nur so groß, daß ich Alles schuldig bleiben kann. Aber bei mir geh'n die Leut' nicht so d rauf ein wie bei einer Regierung. Amerling. Dann werden Sie den Proceß verlieren. Rosa. Leider! Ich weiß schon, mit den Herren Advocaten ist nichts anzufangen. Wann man zu einem Doctor »guten Mor, gen« sagt, so ist das schon eine Besprechung und kost't gleich 8 Gulden 64 Kreuzer. Amerling (lacht). So arg ist's eben nicht! Rosa. Auf Stempelmarken bringt man gleich ein paar Zinshäuser an. Amerling (lacht ärger). Rosa. Und wenn man ein Proceß we- wegen 200 Gulden gewinnt, verliert man 12.000 Gulden dabei. Amerling. Nun, es gibt schon noch Ausnahmen bei den Advocaten. Rosa. Das glaube ich, d'rum wend' ich mich auch an Sie, Herr Doctor! Rosa. Mir scheint allerweil, die 100 Gulden, die bei dem klan Buberl g'legen san — Amerling. Sie werden doch nicht glauben — Rosa. Ich glaub' allcrweil — Sie sind nicht gar so grantig, wie Sie «ns- schau'n — deßwegen müffen's aber ja nickt denken, daß ich in Ihnen verliebt bin. Amerling. Und wäre das ein Unglück? Rosa. Das g'rad' nicht — aber ick Hab' schon ein' Liebhaber — und wenn ich zwei hätt', müßt' ich Ein für'n Narren halten, und daß Sie derjenige wär'n, Herr Doctor, das darf Ihnen nicht beleidigen. Amerling. Aber man kann Ihnen ja auch so gut sein. Ich Hab' aus der liebevollen Aufnahme, die Sie dem weggelegten kleinen Kinde gewährten, bemerkt, daß Sie ein gutes Her; besitzen müssen, ein viel besseres als ich — ja, ja, viel besser — Rosa. Ja, Sie sind halt' ein Mann, der sich an's G'setz halt', seg'n's, das thu' ich wieder gar nicht. Amerling. Sagen Sie mir — ich höre so Widersprechendes von Ihnen, haben Sie denn keine Eltern, die — / 31 Rosa. Meine Mutter ist tobt und mein Vater — geh'n's, red'n wir gar net von dem Menschen — Himmel, die Fanni! Zehnte Scene. Vorige. Theodor. Fanni (v. R). Fanni. Du hier, Rosa? Amerling. Wie? Die Damen sind per Du? Rosa. No freili! (Sehr schnell sprechend.) Als kleines Madel bin ich ihrer Mama vor die Thür g'legt wor'n! wir sein zusammen groß wor'n — und Hab' ich was ang'stellt — ich war als Kind ein kleiner Teufel, so hat sie's auf sich g'nommen — ich bin noch jetzt ihre Schuldnerin, und ich wollt', es käm' amal eine Gelegenheit, wo ich ihr meine Lieb und Dankbarkeit beweisen könnt'. Fanni. Nach diesem Augenblick sehn' ich mich auch! (Fällt ihr um den Hals und küßt sie.) Theodor. Aberwas führt Sie,Mamsell Rosa, in das Haus meines Vaters? Amerling. Ein Proceß! Deshalb verlaßt uns, Kinder, wir haben von Geschäftssachen — Rosa. O, meine Angelegenheit ist kein Geheimniß. Also hören's, wegen was ich da bin. Es handelt sich um das von mir aufgenommene kleine Kind — Fanni (leise zu Theodor). Um unfern — Theodor (leise zu Fanni). Still — Sie weiß noch nicht, daß wir — verrathe Dich nicht. Rosa. — Schaun's— ich Hab' so Niemand' auf der Welt — und das klane Buberl hat mir der Himmel g'schickt, um aus mir eine solide Person zu machen, ja, ja, so ist's ! — Wann -früher beim Sperl oder in der »neuen Welt« großes Gartenfest war — ich Hab' müssen dabei sein, selbst auf die Gefahr, meine letzte seidene Man- tille zu versetzen. Jeden Walzer, jede Polka Hab' ich mitmachen müssen, ja selbst zum Cancantanz wurde ich als Debardeur auf dem Dianasaal verleitet — ich kann s a bissel — und nicht früher bin ich von einer Unterhaltung z'Haus g angen, als bis der letzte Geigenstrich des Polstertanzes den Zapfenstreich zum Heimgeheu verkündet hat; jetzt ist das anders; jetzt sitz' ich bei meinem klein angenommenen Weltbürger, wieg ihn ajapopaja — und lächelt er mich dann freundlich an, und streckt die kleinen Händerln nach mir aus, so is mir das lieber als alle Walzer, Polka und Cancans beim Sperl und in der neuen Welt. Ich bin jetzt ein solides, gesetztes Frauenzimmer und Hab' mich so verändert, daß ich mich selbst nicht erkennen möcht', wenn ich mir a- mal zufällig auf der Gasse begegnen sollt'— und wem Hab' ich das zu danken — mein' klein' Buberl — und d rum geb' ich'n auch nimmer her! Amerling. Es wird Ihnen dasselbe auch Niemand wegnehmen. Rosa. Freilich! — Heut' Hab' ich ein' Brief kriegt — da lesen's — (Gibt Amerling einen Brief.) Fanni (lrise zu Theodor). Das ist der Brief den Du — Theodor (rbenso) . Nur ruhig! Amerling (liest). Man schreibt Ihnen, daß die rechtmäßigen Eltern das Kind in einigen Tagen zurückverlangen. Rosa (weinerlich). Ich gib's aber nimmer her! Amerling. Sie können sich allerdings darauf berufen, daß eine Mutter, die ihr Kind schonungslos fremden Händen anvertraut, aufhört eine gute Mutter zu sein. Fanni (zu Theodor). Hörst Du — Amerling. Sie können sagen, daß der Vater, welcher für sein Kind nicht Sorge trägt — ein Nichtswürdiger ist — Theodor (einsallend). Wer wklß, ob nicht Verhältnisse — 32 Amerl. Du wirst doch nicht eine solche Mutter, einen solchen Vater vertheidigen wollen? (Zu Rosa.) D'rum, wenn man Ihnen das Kind abfvrdern will, werde ich Ihr Anwalt fein! Verlassen Sie sich darauf! Sie weinen, Fanni? Wer wird so leicht ergriffen sein? Sie wissen eben noch nichts von der Verdorbenheit der Großstädte — von den herzlosen Müttern und elenden Verführern! Also, liebe Rosa — verlassen Sie sich auf mich — ich bin Ihr Anwalt — guten Morgen! (Ab.) Fanni (fällt Theodor, als Amerling ab ist, unter Thränen um den Hals). Theodor, sprich! — willst du dem Vater unser Geheimniß wirklich nicht offenbaren? Theodor. Ich kann nicht— sonst wil ligt er nie in unsere Verbindung — Rosa (tritt zwischen Beide und faßt sie bei der Hand). Fannerl! Fannerl! Mir geht ein Flambeau auf. Mir scheint allerweil — ich errath'— warum du in Ischl warst?! (Der Zwischenvorhang fällt.) Fünftes Rit». (Der Hof eines Schuldgefängnisses. Zn der Mitte der Bühne ein stockhohes Haus, welches von männlichen Sträflingen bewohnt ist. Rechts ein stockhohes Haus, welches von weiblichen Sträflingen bewohnt ist. Im Vordergründe rechts, erste Eou- lisse, die Eingangsthür in die Kanzlei, links im Vordergründe erste Eoulisse, großes Thor, der allgemeine Ein- und AuSgang. Ein Wachtposten geht vor dem Thor, patrouillirend. Ein Gerichtsdiener empfängt dir Eiutretenden, entläßt die Fortge- heuden.) Eilste Scene. Lurmann, Schalter, Schwartl, Toll, Kortner, Zobel, Brandling, Pfahl, Tipfler und viele Andere (fitzen auf den Bänken und beschäftigen sich aus verschiedene Weise. Viele promeniren zu Zweien und Dreien, rauchen Pfeifen und Cigarren. Diele lachen und plaudern. Die vorkommenden Personen sind aus allen Ständen rekrutirt; man sieht Griechen, Juden, ärmlich angezogene und schwarzbefrackte Herren. Viele gehen im »Nachtjankerl«, Diele in Schlasröcken herum. Das Ganze muß ein buntes Bild einer gemischten Gesellschaft geben.) Schaler. Ich krieg'um vier Kreuzer ein Emmenthaler! Schwartl. Ich ein Bachhändl mit Salat! Toll. Ich ein'Maß Thaler! Fortner. Ich ein Kreuzerlaberl! Zobel. Ich ein Pfiff Wein! Brödling. Ich ein Packel Tabak! Pfabl. Ich um vier Kreuzer saure Gurken! Tipfler. Ich einen Häring! Burmann (gibt die verlangten Gegenstände aus einem Korbe). Thun's mich nur nicht zerreißen. Einer nach dem Andem. Schwartl(zuSchaller)-Was? Sie krieg'n nichts als um vier Kreuzer ein'Käs? Warum lassen's Ihnen denn nicht ein Bachhändl bringen? Schalter. Die vier Kreuzer waren mein letztes Geld! Schwartl. Na, das ging' mir noch ab — im Schuldenarrest sitzen und kein Geld haben — d'rum laßt man sich ja einsperren, daß man was hat; ich Hab' durch mein Sitzen sechzigtausend Gulden profitirt — es ist Alles auf die Frau g'schrieben—wenn ich hinauskomm', bin ich ein reicher Mann. Toll (zu Fortner). Wegen wie viel sitzen denn Sie? Fortner. Ich sitz' eigentlich bloß wegen 1 fl. 34 kr., die ich dem Greißler schuldig war. Wann der Mann acht Tag wartet — hätt' er's ja kriegt, aber na, na, er klagt mich ein. Nach drei Wochen hat's mit den Gerichtskosten schon 67 fl. 89 kr. aus- g'macht. Und mit lauter Tagsatzungen, Er- 33 ftrecknngen, Erpensen, Gerichtskosten und Alimentationsbeiträgen ist meine Schuld seit einem Jahr auf 4236 fl. angewachsen. Wie soll ich das zahlen als Beamter mit dreihundert Gulden?— So lang steht die Welt gar nicht, daß ich das absitzen könnt'. Alle (lachen). Brödling. Trösten's Ihnen! — Schaun's mich an — ich laß' mich jedes Jahr ein paarmal einsperren. Der Gläubiger muß alle Tage vierzig Kreuzer zahlen — so gewöhnt man den Leuten das ewige Fordern ab. Zwölfte Scene. Vorige. Frau Eipeltauer. Kathi, Lisi, Resi, Betti, Mali, Sali (kommen links im Hintergrund durch den allgemeinen Eingang)' Betti. Was machen denn wir im Schuldenarrest? Eipelt. Ihr sollt's sehen, wie ein Ein- g'nahter ausg'löst wird. Alle. Wen lösen's denn aus? Eipelt.Kommt's, Madeln, in die Kanzlei, da sollt Jhr's erfahren. (Me ab.) Dreizehnte Scene. Vorige. Sterz l. Sterzl (kommt aus dem mittleren Hause). Meine Herren — guten Abend allerseits!— Alle. Ah, der Herr Schwirbl! Sterzl. Sterzl, wollen Sie sagen — na, na, Schwirbel, es ist schon recht— mitunter vergiß ich ganz, wie ich heiß und wer ich bin. Die Herren hab'n g'lacht — gibt's eine Gands? Ich bin dabei! Schwartl.Sie wollen aber alleweil ein' Jur haben! Sterzl. Deswegen bin ich ja auf der Welt! Toll. Na, da hätten'- Ihnen schon a beffer's Local aussuchen können. Th«»ie Bamschabl! — (Verschwindetvom Fenster.) Alle (brechen in ein lautes Gelächter aus). Sterzl (zornig aufspringend). Was hat sie g'sagt? Bamschabl! Das ist, scheint mir, gar nicht italienisch. Zobl. Na, bei der sind's ordentlich abbrennt. Sterzl. O, das glauben Sie nur, bei so italienischen Gräfinnen stoßt man immer aus Schwierigkeiten, das liegt im Klima. 4 34 Ader Freunderln, zieht's Euch jetzt ein bissel z'ruck, da Hab' ich g'rad die dicke Rrsi beim Fenster g'seh'n — denkt's Euch, die haben's als Debardeur einsperren müssen, weil's andere G'wand alles im Versatzamt rst — jetzt baudl ich mir der an! Da geht's leichter. (Blickt schwärmerisch aus ein anderes Fenster ) Die Andern (gehen lachend in de» Hintergrund). Vierzehnte Scene. Earl. Schwirbl. Burmann (durch die tzingangsthür links). Earl (zu Burmann). Ich komme mich selbst zu stellen. Es soll ein Jrrthum vorgefallen sein, den ich gleich nach meiner Rückkunft von Linz erfahren Hab'. Ich bin jener Schwirbl, welcher — Burmann. Nichts, nichts, derSchwirbl fitzt ja schon seit drei Wochen. Carl. Das ist ja eben der Zrrthum! Burmann. Reden s nicht so confus. Es wird sich Einer umsonst einspcrren lassen. Carl. Wie ich Ihnen sage, ich bin — Burmann. Jetzt schaun's, daß auffi kummen — sonst — Carl. Sie müssen mich einsperren ich werde Ln der Kanzlei schon mein Recht suchen. (Ab in die Kanzlei.) Fünfzehnte Scene. Vorige. Frau von Dusel (ältliche Dame, sehr nobel gekleidet). Bur mann. Zu wem wünschen Sie, meine Gnädige? Frau Dusel. Ich suche (bemerkt Sterzl), ah, da rst er ja! Florian! Sterzl. Frau Tant' — ah, die Freud' Sie sind auch im Schuldenarrest? Wer hat denn Ihnen einsperren lassen? Frau Dusel, k'i äone! du wirst,doch nicht glauben, daß ich — Sterzl. Warum nicht? Hier, Frau Tant', finden Sie alle Stände, alle Stationen — alle Religionen! Wir find hier eine Art Parlament — denn bei uns ist Alles vertreten! Frau Dusel. Ich bin gekommen, um Dich aus diesem schrecklichen Orte zu befreien. Sterzl. Sehr liebenswürdig, Frau Tant', — aber ich geh' nicht fort von da — nicht um ein G'schloß — Frau Dusel. Wie? (Sich umsehend.) Welche unheimlichen Gestalten — das .find wohl Räuber? Sterzl. Räuber nicht— na! aber Räuber san schon dabei! Frau Dusel. Und unter diesen Menschen willstDu—das geht nicht— bedenke meine Stellung— mein Mann ist fürstlich Scknu- delofsky'scher Spritzenschlauchschleuderer, und wenn es bekannt würde, unser Neffe fitzt im Schuldenarrest, o won äisu! man würde mir den Eintritt in die feinen Gesellschaften für die Zukunft verweigern; ich werde daher sogleich Anstalten treffen, daß man Dich, weil Du zahlungsfähig bist, zwingt, diesen Ort zu verlassen! 0 ü äone? (Ab in die Kanzlei ) Sterzl. Mein' Tant' hat heut' wieder ihren noblen Tag! So ein Hofspritzen- schlauchschleuderer ist halt auch was! Ah, da war die Lina am Fenster—g'schwind auf die Knie! (tzs erscheint ein Mädchen am Fenster im ersten Stock. Sterzl macht ihr mit großen Gestikulationen die Cour.) Sechzehnte Scene. Vorige. Malzler (rin großer dicker Manu von links durch die allgemeine Eingaagsthür). Durmann. Malzler (zu Burmann). Wer ich bin? Was? Das wissen Sie nicht? Ah, das ist ein merkwürdiger Mensch! Ich bin der reiche Braumaster Egydius Malzler von Linz — und will mit meruem Neffen reden — der Lump soll da im Schuldenarrest sitzen. 35 Burmann (steht nach einem Buche) Wie heißt er? Malzler. Das wissen Sie auch nicht? Ah, das is ein merkwürdiger Mensch! Schwirbl heißt er! Bur mann. Dort steht er, der Nämliche, der da in ersten Stock hinauf cokettirt — ich empfehle mich! Malzler (für sich). Recht ein hübscher Bursch'! Ich mach' mivordentlich ein' Vorwurf, daß ich mich seit dem Tod meines Bruders um ihn gar nicht umg'schaut Hab', daß ich ihn nicht einmal kenn'. — Was g'schiebt, das steht fest; zuerst lef ich dem Bub'n recht die Leviten, dann beutl' ich ihm für seinen Leichtsinn den Schopf, und zum Schluß zahl' ich seine Schulden und gib' ihm noch ertra ein Geld! So zu handeln erfordert die Ehre meines Hauses! Sterzl. Fort ist die Lina — setzt wart' ich auf die Ncttel! Die Nettel ist mir fast noch lieber, obwohl eigentlich auch die Tildi — Malz! er (packt Sterzl derb beim Rockkragen und beutelt ihn) Sie — ich hält' ein paar Wort mit Ihnen z'reden — wollen s mich anhörcn? Sterzl. Mil Vergnügen; aber packen's mich nur nit so an! Malzler (deutet auf eine Bank im Vordergründe). Da setzen's Ihnen nieder! Sterzl. Das ist nicht nothwendig; wenn wir hier auch stehen, wir sitzen deshalb doch Alle! Malzler. Himmelsackerlvt — thun's was ich sag'! (Legt dir Hand auf seine Achsel und setzt ihn gewaltsam aus die Bank.) Sterzl (für sich). Die Kraft! Das ist ein als Mensch ang legter Elephant! (Laut.) Ja, waS wollen Sie denn eigentlich von mir? Malzler. Elender Mensch ! Schuldenmacher ! Filou! Schandfleck unserer Familie ! Nichtswürdiger Hallodri! Sterzl. Sonst Habens aber keine Schmerzen? Malzler. Still sein — aufpaffen, waS ich sag', sonst bring' ich Dich um, und morgen Nachmittag um vier Uhr ist eine Leich'! Sterzl. Ah — der is aus'n Narrenthurm auskommen. Malzler. Ich bin nämlich dein Onkel! — Sterzl. Was? mein Onkel? Ich Hab' ja gar kein'Onkel! (Für sich.) Ja, richtig, ich bin ja der Schwirbl! (Laut.) Mein Onkel sind Sie? — Na, was mich das freut — an mein Herz, Bruder meiner Tante! (Will ihn umarmen.) Malzler (die Umarmung zurückweisend). Nein, deines Vaters! Aber halt, später kommen die Umarmungen — jetzt sind wir noch bei den Grobheiten! Bua, wie kannst Du Dich untersteh'n, Schulden zu machen? Seit 150 Jahren ist der Fall in unserer Familie nicht vor'kommen. Sterzl. Seh'n's, wie ich mich auszeichne ! Malzler. Unser Großvater war Finanzminister und nicht einmal der hat das geringste Anlehen aufnehmen wollen. Sterzl. Da hat er aber g'wiß in die ersten acht Tag das Portefeuille niederlegen müssen. Malzler- Nein! Er hat fich's überlegt, und doch aus'glichen. Aber was der Staat thu'n darf, das is nicht jedem Menschen erlaubt. Der Staat weiß, daß es die Unter- thanen zahlen müssen — aber wer zahlt für Dich? Und Du machst uns die Schand' und laßt Dich wegen lumpige 500 fl. einsperren? Bua — ich muß Dir den Schopf beuteln. (Nimmt Sterzl beim Schopf uud will ihn beuteln.) Sterzl (laut ausschreiend). Ah! Hilfe! Rettung! Alle (in den Vordergrund stürzend). WaS gibt's denn? Malzler (läßt ihn aus). O, nichts ist eS l Ich Hab' bloß den Kopf gebeutelt. Sterzl. Aber den Meinigen. 3 * 36 Fr. Dusel (zu Malzler). Mit welchem Recht haben Sie sich unterstanden? Malzler. Ich bin sein Onkel. Sterzl (für sich). Jetzt kann's losgehen — Fr. Dusel (ihn lorguettirend und ihn messend). Wer sind Sie? Malzler. Sein Onkel! Fr. Dusel. Lächerlich! Denn wissen Sie, ich bin seine Tante. Malzler (auf sie losgehend und sie messend). Wer sind Sie? Fr. Dusel. Seine Tante! Malzler. Lächerlich! — Da müßten Sie ja meine Frau sein! Fr. Dusel. Und Sie mein Herr Ge-? mal! Der Bruder seines Vaters ist mein Mann — und der sind Sie nicht! Ich frag' Sie: sind Sie Hofspritzenschlauchschleuderer? Malzler. Nein! Und ich frag' Sie: sind Sie die Frau Malzler, Bräumeisterin von Linz? Fr. Dusel. Nein! Malzler. Dann sind Sie auch nicht meine Frau, und folglich auch nicht seine Tant'! Fr. Dusel. Und sie nicht mein Mann, folglich nicht sein Onkel! Malzler. Ah, jetzt wird's mir z'viel! (Packt Sterzl bei der Brust.) Bua, red', bin ich dein Onkel? Sterzl (für sich). Sag' ich »nein«, dreht er mir's G'nick um. (Laut.) Ja wohl — Sie sind — Fr. Dusel. Wie? Florian, red', bin ich deine Tant'? Sterzl. Ja wohl — Sie sind die — Malzler. Was? Mir scheint, mich halt' nicht nur die Alte, sondern auch der Bua für ein' Narren! No g'freut'sEuch — morgen um vier Uhr ist gegenseitig euer Leich'! (Will mit einem großen Knotenstock aus Beide los.) Sterzlund Fr. Dusel (sich retirirrnd). Hilfe! Hilfe! Alle (sich dazwischendrängend und Malzler kchhaltend). Halt! Halt! Earl (sich aus der Masse vordrängend). Halt! Ruhe! Ich, meine Herrschaften, kann das Räthsel lösen! Der Herr wurde statt mir durch ein Mißverständniß eingesperrt — ich bin der Carl Schwirbl! Sterzl. Das ist nickt wahr — der bin ich! Carl. Mein Herr, der Spaß geht zu weit. Ich wiederhole nochmal, ich bin Carl Schwirbl und Sie sind mein lieber guter Onkel! Malzler. Was? Du — der Andere wird blaß? Aber richtig, ja! — Du hast ja ganz die Schwirblerischen Züge — komm an mein Herz! (Umarmt Carl.) Sterzl. Jetzt muß ich richtig fort! Eipelt. (vortreteud). Meine Herrschaften! wir kennen den Herm Schwirbl persönlich, wir waren dabei, wie er arretirt worden ist, und wir sagen Ihnen hiermit, daß es niemand Anderer is, als der dahier. (Deutet aus Sterzl.) Alle Mädchen. Ja, der da ist's! Sterzl. Ich leb' wieder auf — ja, ich bin der Schwirbl! Carl. Aber, meine Damen — Eipelt. Sie sind ein Betrüger! Alle Mädchen. Ja, ja, so ist's! Carl. Onkel, so reden Sie doch! Malzler (stößt Carl zurück). Marsch! Sie sind ein elender Filou! Ja, ja, das und kein Anderer ist mein Neffe! — (Deutet aus Sterzl.) Jetzt bemerk' ich erst, er hat ganz die Schwirblischen Züge in sein' G'sicht. — Bua, Du bist der Rechte — komm' an mein Herz! (Umarmt Sterzl.) Carl. Ah, das ist zum Verzweifeln! (Zu Sterzl.) Aber ich bin ja hier, um mich statt Ihnen einsperren zu lassen? Sterzl. Ich dank' Ihnen, ich bin froh, daß ich da herin'sitz'! Eipelt. (zu Sterzl). Herr Schwirbl, wir haben Ihnen eine erfreuliche Nachricht zu bringen — wir brauchen Sie heute noth- wendig bei einer Hochzeit, und ich habe den Wechsel, wegen dem Sie eingesperrt sind, 37 angekauft, und erkläre Ihnen, daß Sie frei sind. Sterzl. Mich trifft der Schlag! (Sinkt auf die Bank.) Burmann. Und laut Auftrag des Handelsgerichtes haben Sie augenblicklich den Schnldenarrest zu verlassen. Sterzl. Das ist mein Tod! — Jetzt hilft keine Verstellung mehr — Herr Malz- ler, ich bitt' Sie, schlagen's mich nicht todt — aber ich bin wirklich nicht der Herr Carl Schwirbl und Sie sind nicht mehr mein Onkel! Malzler. Was? Ist das aber jetzt gewiß? Doch ja — ja — der Herr (aus Sterzl) war ein Betrüger, und ich begreif' gar nicht — daß ich — hast Du nicht — wie ich gleich g'sagt Hab' — die ganzen Schwirblerischen Züg' — Bua — (Zu Carl.) Du bist es, — an mein Herz! Carl. O mein lieber guter Onkel! (Fällt ihm um den Hals.) Malzler. Ich zahl' deine Schulden — Carl. Hören Sie nickt — daß diese edlen Seelen dort bereits Alles zahlt haben? Stcrzl. O Gott! ich Hab' mich die vierzehn Tag' göttlich unterhalten! Ich geh'nur mit schwerem Herzen! So schwer ist noch Keiner aus dem Schuldenarrest hinaus. (Singt auf die Melodie: »So leb' dmn wohl, du stilles Haus.*) So leb' denn wohl, Du Sitzungshaus, Ich zieh' betrübt von Dir hinaus, Und finde ich das größte Glück, An dieBetti,Tildi, Mali denk' ich zurück! (WirftKüsse auf die Fenster im ersten Stock, an welchen viele Damen erscheinen und ihm mit den Schnupft tüchern Lebewohl zuwinken. Hängt stch in die Tante ein und wankt ab. — Malzler und Carl folgen fich umarmend, Frau Eipeltauer und die Mädchen ebenfalls Die Zurückbleibruden winken ihnen Lebewohl zu.) (Während dem fällt der Zwischenvorhang.) Sechstes Bild. (Einfach möblirtes Zimmer der Rosa, dessen ganze Hinterwand beinahe von einem großen Bogenfenster eingenommen wird. Man hat die Aussicht auf eine kleine Kirche, zu deren Thür einige Stufen führen, zwei Seitenthüren.) Siebzehnte Scene. Theodor, Rosa (stehen vor einem Korb und betrachten das schlafende Kind). Theodor. Liebe Rosa, Sie wissen nun unser Geheimniß, der kleine schlafende Engel ist, wie Sie ahnten, wirklich unser Kind. Rosa. Also darum hat's mich oft des Tag's zehnmal besucht, und den Klein' g'herzt und küßt, daß ich beinah' eifersüchtig wor'n bin. Theodor. O Rosa, leider fürchte ich, daß mein Vater eine Ahnung von dem Geheimniß hat. Er ersuchte Sie so plötzlich um die Erlaubniß, daß die Hochzeitsgäste sich hier bei Ihnen versammeln. Rosa. Sie haben Recht, er muß was Vorhaben! Sollten unsere Vorstadttratschen — ? Möglich is Alles! Gegen die Frau Eipeltauer is ein Landesgerichtsrath gar nichts, was das Ausfratscheln anbelangt. Theodor. Wenn vielleicht irgend Jemand in Ischl nachgeforscht und in Erfahrung gebracht hätte, daß Fanni — wenn man meinem Vater Alles mitgetheilt haben sollte, — o, er wäre bei seiner Strenge im Stande das Lebensglück seines Sohnes zu vernichten und den Ruf meiner Braut öffentlich auf den Pranger zu stellen. Rosa. Paperlapapp, wer weiß, was der alte Herr vor hat, aber tritt er als Feind auf, so thu'n wir's a! Mir machen ihn todt, — aber nicht mit Waffengewalt — na, wir reden ihn bloß todt! und brauchen Sie Verstärkung, so steht im Hintergründe als 38 Reserve die eilte Gard'! Gehn's zu Ihrer Braut, sie wird fertig sein mit ihrer Toilette! Der Kleine schlaft, wir können ihn schon ein bisserl allein lassen. O du mein Gott! Hochzeit is heut! Wann's nur mit mir auch schon so weit wär', eine so fidele Braut wie mich hätt' Deutschland noch nicht gesehen! (Theodor ab.) Louptel. Es ist möglich, daß ich mich jetzt wieder nicht passend aus'druckt Hab'. Aber ich kann nir dafür — ich find' mich halt in das noble Affectirte nicht hinein. Es gibt mitunter Leut' im ersten Stock, die sich g'spreizt und g'schwoll'n benehmen — daß man sich ordentlich g'freut d'rüber, ungebildet zu sein! Ja zu eb'ner Erd' und erster Stock — das ist mannigsmal ein großer Unterschied! Aus ihrem Budoir ! Kommt eine noble Dam', Die Kinder kommen auch > Just im Salon zusamm'. Bon )our — ina Lllo, oommsnt Vous POrttzL-V 0 U 8 , lNON 8 I 6 Ur? Voilä wa ollere, o pronos plpoo. ^aHN 68 — vite — le äejsuner. (Sir geht sehr nobel, das Lorgnon in der Hand.) Alles sehr geschnofelt, aber fein. (Die Dame copirend.) lVIon olier Omillaumo — (in gewöhnlicher Stimme) da steht nämlich ein kleiner Bub', der sich noch nicht selber schneuzen kann (als Dame) mon oller öuil- luurue — ich höre, die Schouvernante ist nicht oontent mit Dir! Lavos-vorm! Hu'eat^ue o'e 8 t oela? ^e 8 ui 8 außer mir — (In gewöhnlicher Stimme.) Jetzt sieht sie auf einmal die böhmische Ammel mit'n Kleinsten —(Als Dame.) Oormnent? o'eat ne pa 8 pv 88 ilrlo. Sie kommen mit dem Kinde — welches jeden Moment — ^a- yue 8 , mein eau äo Oolo^ne — warum bleiben Sic nicht auf dem oliamlrro! (Im gewöhnlichen Tone.) Jetzt wird g'frühstückt! Der Zucker wird mit einer klein' Feuerzangen herausgefangt - 7 - eine Maschin' steht am Tisch, wo der Kaffee, wann man ein halbes Dutzend Schnallen umdreht, tröpferU weis außerrinnt, wie's Wasser beim Röhr- brunn am Tradmarkt, und da sitzen's nachher beisamm', jedes ein' Stecker in der Hand — die Kinder mit der französischen Grammaire — bis der Bediente an meldet, daß der Friseur da ist, und der maitro äo (lanss — oder mormiour Io proko 88 our. — 3ßt ein Bub' statt ein Kipfel zwa, so schreit die Frau Mutter, will ick sagen die Mama: O Olrar1o8 — mon äiou — ah, das ist oyuivoejuo! — So tbun's im ersten Stock. Mit einem feschen Jodler Und einem Grüß' Dich Gott Kommt z'HauS die Wäscher-Sali, Die Händ' von Arbeit roth — Ein halbes Dutzend Kinder Sie hupfen um a dum, Seid's still, macht's kein Spectakcl Und bringt mich nur nicht um! D'Mutter — schrei'n fünfe z'gleich —, wie die Thür aufgeht, und reißen ihr aus ja und na die Butten vom Buckel. Na, laßt's mich nur aus — Aber jetzt fangt der kleine Nepomuk, der statt in einer Wiege iu ein' alten Trüherl liegt, auch zum Schreien an und will die Frau Muada sehen Ich komm' schon — sagt die Frau Sali und herzt ihr Buberl und stopft ihm das Ma- genkipsi in's Maul, was sie um 2 kr. bei'm Stand'! 'kauft hat, und was dem Buben prächtig schmeckt— obwohl er eigentlich schon 3 Wochen alt und mehr Bretl als eine Meblspcis is! Die Erdäpfeln war'n zug'stellt — da hört man Stiefeln trappen — A Schra von der ganzen Familie — ist ein Feuer auSkommen? — Na, der Vater ist'S — der Holzsckeiberfranzl! — das ist ein Juckazen und eine Freud', daß man's drei Gassen weit hört, und man sicht da wenigstens , daß die Leut' zusamm' eine Familie san — sie reden vielleicht nicht gm deutsch, aber auck nicht schlecht französisch, 3S Und das ist auch was wertst Für die Leut' von z'ebner Erd'! In einem Sitzungssaal Wird eben debattirt, Gesprochen uud beratben Und auch interpellirt! Sodann hält der Präses A sehr a lange Sauß. Auf d'letzt sann Alle gangen, Er red't allanig bloß. (Im Rednerstyle.) Denn wie aus den naturwissenschaftlichen Forschungen hervorgeht, läßt es sich kaum bezweifeln, daß die Gewässer bei eingetretenen Kältegraden mit einer gewissen krystallartigen Kruste überzogen werden, welche sich — wie die berühmtesten Gelehrten zugeben, nach und nach verdickt, welche Kruste sodann mittelst eigens dazu bestimmter Instrumente von den Gewässern losgemacht und in seiner ursprünglichen Gestalt unter dem Namen Eis an Fleischhauer und Zuckerbäcker verkauft wird. (Im gewöhnlichen Tone.) Jetzt kummt ein großer Schnupfer mit einer Dosen, die kracht wie eine alte Kastenthür — Fünfe san während der Zeit schon fortgangen. (Im Rednerstyl.) Je mehr jedoch diese Kristallisation, Eis genannt — geht schon wieder Aner! — an Consistenz zunimmt, ist mit Hinsicht auf den Umstand, daß bei erhöhterTemperatur eine Schmelzung dieser Massa zu gewärtigen ist— wieder Zwa!— Mancherlei zu berücksichtigen.Mt gewöhnlicher Stimme.) Abermals ein Schnupfer! Ich weiß nicht, ob Sie schon bemerkt haben, daß es sich hier um Vorsichtsmaßregeln gegen eine Ueberschwemmung handelt— aber warten's nur — er kommt schon d'rauf! (Im Redner- style.) D'rum, meiuHerr— es isteineThat- sache — die nicht weggeläugnet werden kann — gleich Fünfe — daß Wafferge- fahren nur dadurch entstehen, wenn das Wasser sein Ufer verläßt. Wenn wir daher annchmen, daß — (Im gewöhnlichen Styl) Es ist keine Seel' mebr da — und der Redner muß abtauchen—weil er schon bis über die Wadeln lm Wasser steht. So schießen's mannigsmal anBock Die Leut' im ersten Stock! Bis über d'Knie im Wasser, An Hak'n in der Hand, So helfen d'raußt die G'sell'n Im waschelnaffen Gewand! Da schwimmt ein alte Bettstatt, Da gar ein Kleiderschrag'n Und doch gibt's glei' a Sechse. Die d'ran ihr Leb'n wag'n! Derweil der Herr die lange Rede ^halten hat, haben ihm die ArbeitSleut' sein ganzes Sacken, die 'S Wasser mitg'nommen hatt', erhalten! Und dabei san's fidel, thun nicht viel reden, sondern lieber fester angreifen und handeln! Da kömmt der Wächter und halt eine feierliche Anrede. Es ist hiermit beschlossen — aber es hört ihn kein Mensch an, weil ein Jeder denkt — wann einmal die Gefahr da ist — nachher ist'S zu spät, eine lange Metten anznhören, da muß sich der Mensch im Vertrauen auf fein' eigene Kraft selber helfen! Hilfe — hört man rufen — der Wächter steht allein am Schrägen nnd die braven Leut' rudern hin auf ein Begelladen zu den Unglücklichen! Sie fragen nicht, krieg'n wir eine Medaille — — na — der Dank ihrer Mitmenschen ist Ihnen die schönste Auszeichnung — Der is ja a was werth, Sag'n Die von z'ebner Erd'! A große Sängerin Braucht jetzt ein' Secretär, Denn ohne Abällino Thut'S jetzt kein' Patti mehr; Der macht dann die Contracte, Empfängt die Director'n, Er meldet ihre Wünsche Und ihren hohen Zorn! Da sitzt er im Fauteuil der Secretär und der Director steht hinten und wart' schon eine halbe Stund', bis der Herr Secretär 40 drei Bogeu lobende Recensionen für auswärtige Zeitungen fertig hat;— endlich ist er fertig, der Secretär nämlich — denn der Direktor ist's schon lang. — »Darf ich endlich, «seufzt der Direktor. — »Treten Sie vor,« sagt der Secretär. — »Darf ich hoffen?« sagt der Direktor. — »Sie dürfen,« sagt der Secretär. — »Fräulein Eveline Sponbonadi haben geruht, Ihnen huld- vollst ein Gastspiel für sechs Rollen zuzusagen,« — wie der Direktor das hört — geht ihm gleich die Physiognomie aus dem Leim. »Fräulein Sponbonadi bezieht für jedesmaliges Auftreten zweitausend Gulden, im Vorhinein zahlbar, die Sie ausleihen können, wie Sie wollen— jede dritte Vorstellung ein Benefice, Fiaker — Reise — Tafel, sowohl für das Fräulein, wie für ihre Begleitung—sechzehn Personen—frei! Wenn das Fräulein in einer Zeitung getadelt werden sollte, haben Sie ein Pönale von dreitausend Gulden zu erlegen und ferner zu sorgen, daß das Publicum dem Fräulein täglich dreißig bis vierzig Kränze zu werfen hat.« Und der Direktor versetzt sogar sein'n letzten Rock Für die Leut' vom ersten Stock. Zum andern Herrn Direktor Kommt auch ein klan's Talent Und fragt den Secretarius, Ob sie ihn sprechen könnt'. O nein, der Herr Direktor Ist heut' für Niemand z'Haus. Wer sind Sie, meine Liebe? Und nun fragt er sie aus: »Sie wollen ein Engagement, nicht wahr?« »Ja, ich bin Localsängerin«. »Wo waren Sie zuletzt?« »Daund dort.« » Singen Sie einmal waS!« Jetztsingt man soschön als man kann. »In Gottesnamen für kleine Rollen, vierzig Gulden Gage—ein Gulden Spielhonorar.« — Den andern Tag kriegt man eine Roll' von acht Bogen in's Haus — man spielt und g'fallt — auf einmal hat man 's Malheur und verkühlt sich.— »Was?«schreit der Direktor, »Sie waren heut' ans keiner Prob'? Sie zahlen eilf Monatsgagen Straf', sind entlassen und ich krieg' 440 Gulden heraus! »Aber ich bitt', ich war krank—« »Ab, Sie haben allerweil was — meinen Bruder grüßen Sie auch nicht — und unlängst haben Sie auf dem Theater statt guten Abend guten Morgen g'sagt.—Jetzt weint man — 's ist lauter Heuchelei — «ruft er— »Das kennen wirschon!«—Das is abiffel an Unterschied — die Localsängerin hat halt kein Secretär, die muß ein guten Magen haben. Wie es sich halt gehört, Für Eine z'eb'ner Erd! Achtzehnte Scene. FUnser! und viele Herren (mit Instrumenten erscheinen vor dem Fenster). Fltnserl. Also hier stellen wir uns auf, meine Herren, jeder Hochzeitsgast wird mit einem fürchterlichen Tusch empfangen! Stic gl er. Sie haben aber heut' eine Arbeit, Herr Flinserl. Flinserl. Ich Hab' Ihnen heut' schon 's eilfte Hemd an — so schwitz' ich mich herunter. Denken's Ihnen, der Baß hat so Zähnweh, daß er 'S Maul gar nicht auf- machen kann. Es bleibt nichts Anderes übrig, als daß ich in's Häfen hineinsing', das macht sich unendlich tief. Stiegler. Sie kennen Ihnen halt aus! Flinserl. Die weißen Madeln werden gleich erscheinen, die streuen Blumen — nämlich um sieben Gulden Kudelkraut; nach der Trauung die neuesten russischen Compo- sitionen des Wiener Capellmeisters Strauß! Doch da kommen schon Gäste!— Tusch!! Alle (machen einen kurzen Tusch). Neunzehnte Scene. Malzel, Sterzl, Carl, Vorige. Sterzl. Geht das uns an? Flinserl. Aufzuwarten! das heißt, wenn Sie zur Hochzeit gehören? 41 Sterzl. Ich Hab' g'laubt— wir wer'n empfangen, weil wir aus'n Arrest kommen! So lang man nicht eing'sperrt war — haben die Leut' meistens kan Respect, und da mir die Worte mangeln, um meinen Dank abzustatten, so soll die Nationalbank für mich sprechen. (Orffnet eine Brieftasche und übergibt Flinserl eine Zehnerbanknote.) Flinserl. Ein Zehnerbanknoten! Tusch! Alle (machen einen Tusch.) Zwanzigste Scene. Carl, Malz ler, Sterzl (sind während dem Tusch in Rosa s Zimmer getreten). Malzler. Also da wohnt deine Geliebte ? Carl. Ja, liebster Onkel! Sterzl. So ist's — hier logirt unsere Geliebte! Carl. Herr Sterzl, ich verbiete mir diese kollegialen Ausdrücke! Ich erlaube Ihnen wohl, daß Sie sich statt mir einsperren lassen, aber nicht, daß Sie meine Geliebte die Ihrige nennen. Sterzl. Aber unter guten Freunden ist ja das was Gewöhnliches, daß zwei Freunde eine Geliebte haben. Einundzwanzigste Scene. Vorige. Rosa (von links). Rosa. Was seh' ich, Carl! Carl. Rosa! (Sie drücken sich herzlich die Hände.) Rosa. Herr Sterzl, meinen innigsten Dank. Sterzl. Daß ich mich statt Ihren Geliebten hab'einsverren lassen? Gern g'scheh'n — ich bitt', schaffen's ein anders Mal. Malzler (leise zu Carl). Also die ist's? Ein Mordmadel, die g'fallt mir! Carl. Rosa, hier Hab' ich ein lieben Gast mitbracht — wer glaubt's, daß der Herr ist? Rosa. Wer? das ist doch — ja, ja — jetzt erinnere ich mich an die Photographe— der grauperte Kopf — die lieben blauen Augen— der dicke Bauch — dann die rothc Nasen—ja, ja das is dein Onkel, der Herr Malzler! (Stürzt ihm an den Hals und küßt ihn ) Sterzl. Himmel, wenn ich nur jetzt auf fünfMinuten der Braumeister wär' — und wie's ihn druckt— wir haben jetzt doch schon Preßfreiheit! Malzler. Ja, der bin ich — und insofern man ein jung's Mad'l nach dem ersten Bussel beurtheilen kann, so muß ich Ihnen sagen, Sie g'fallen mir! Und wann euer Hochzeit is, schenk' ich tausend Maß Bier an unbemittelte Durstige! Zwanzigtausend Gulden gib' ich Aussteuer'—mich kost'ts ja nichts— da wird 's Seite! um ein Kreuzer theuerer, in vierzehn Tag Hab' ich Alles herin. Rosa und Carl (stürzen ihm um den Hals). O Sie guter Herr Onkel! Sterzl. Allgemeine Umarmung und icb steh' da wie ein Löffel des Pappes! Was geschieht denn a so mit mir? (Zn demselben Augenblicke großer Tusch. Flinserl hat das Zeichen dazu gegeben.) Malzler. Was is das? Rosa. Aha, die Hochzeitsgäste! Zwetundzwanzigste Scene. Vorige. Fanny,Theodor, Fr.Schrammel. Hochzeitsgäste. Fanny (im weißen Brautkleide, stützt sich auf Theodors Arm und auf Frau Schrammel). Schrammel. Fannerl, deine Mutter is heut' so glücklich, daß ihr nit amal Num- mero für die Lotterie einfallen! Alle (drängen sich um das Brautpaar und begrüßen es stillschweigend aus das Freundlichste). Flinserl (vor dem Fenster). Richten, meine Herren — Tusch — großen Tusch! (Großer Tusch.) Drelundzwanztgste Scene. Vorige. Frau Eipeltauer, Betti, Mali, Sali, Kathi, Resi, Lisi. (Alle hochzeitlich gekleidet.) Fr. Eipelt. (im Eintreten). Diese Ehre, meine Herrschaften — Fanny, an mein Herz! (Umarmt die sich sträubende Fannn ) Meine Herrschaften, entschuldigen, wir sind zwar nicht zur Hochzeit geladen, aber wir haben so viel Mitgefühl für fremdes Glück — wir sind so weiche Seelen — so zartfühlend, daß wir uns das Glück nicht versagen können — (leise zu ihrer Gesellschaft) schaut schrecklich abgelebt aus, diese Gredl — dann diese fade Noblesse — (Laut.) Wir gratuliren ans voller Brust! (Leise.) Er ist im Grund' auch auch ein ganz gewöhnlicher Mensch. Ich bin neugierig, ob denn der anonyme Brief gar keine Wirkung gemacht hat. (Sprechen leise mit einander.) Amerl. Meine Herrschaften, Sie werden sich wundern, warum ich Sie nicht in meinem Salon, sondern hier in der Stube einer armen Handarbeiterin versammelt habe! Sehen Sie, damit hat es ein eigenes Bewandtniß. Fr. Eipelt. Sie wer'n doch net glaub'n, daß vielleicht — nein — ein solcher Verdacht — Amerl. Bitte, bitte! ich habe hiernach vor der Trauung eine Art Verhör abzuhalten, und Sie sind die Geschwornen, die ein Urtheil zu sprechen haben. Es handelt sich darum, einen lautgewordcnen Verdacht, der den guten Ruf der Braut meines Sohnes an den Pranger stellt, vor den Augen der Welt niederzuschlagen. Alle (erstaunt). Wie? Fr. Eipelt. (zu den Mädchen). Ah, das is ja nicht möglich! Fanny (für sich). O mein Gott! Theodor. Vater, Sie werden doch nicht verlangen — Amcrl. Strenge Rechenschaft! (Lüstet den Vorhang de-Korbes.) Fanny! Sehen Sie hierher! Man sagt, Sie seien die Mutter dieses Kindes, welches mir kürzlich vor meine Thür gelegt wurde. Alle. Jst's möglick! Ah! Ah! Fr. Eipelt. Na, was jetzt für schleckte Leut' gibt, einem Mädel so was nachsagen! Fanny (zittert und stützt sich auf Theodor). Dieses — dieses — Amerl. Sprechen Siel Fanny (steht das Kind an, well sprechen, die Stimme versagt ihr und sie stammelt). Ich ich — Rosa (vertretend). Still, Fanny, still — sie is so ein gut's Mad'l und wenig hätt' g'fehlt, so hätt' das gute Wesen eine fremde Schuld auf sich g'nommen! Sie weiß, daß ich allgemein gelten thn' als eine leichte Person! Sie hat mich gern und möcht' mich gern retten in meiner desparaten Lag'! Aber gib' Dir keineMüh', Fanny, ein'n Mohren wascht man nicht weiß! O, Madame Ei- peltauer, Sie haben Recht g'habt, wenn Sie oft g'sagt haben von mir — ich bin nicht viel werth — Sie Habens errathen — ja, ich bin wirklich schlecht, denn das Kind dahier, das Büberl, (schluchzt) is mein Sohn — i ch bin die Mutter. Alle. Wie? Carl. Rosa, ist es denkbar — nein, nein — ich kann's nicht glauben — Fr. Eipelt. Za, das ist schon möglich — derer siebt Alles gleich. Rosa. Ich war Diejenige, die 's weggelegt hat — freilich Hab' ich's wieder z'ruckg'nummen, weil's Ihnen z'wider war, aber nicht aus gutem Herzen, nicht aus Barmherzigkeit Hab' ich's aufg'nommen, sondern weil mir nichts Anders übrigblieben is. Ich bin halt das, was ich immer war — eine leichte Person! Carl. Rosel, was muß ich hören! Malzler. Die darf in Linz nit ins Bräuhaus — Amerl. Also Sie waren die herzlose Person? Doch Sie trifft nicht allein das Verdammnngsurlheil! Die größte Schmack trifft den Mann, der Sie zu diesem Schritt 43 vcranlaßte! Sprechen Sie, wer ist der Elende? Sterz l (leise zu Rosa). Brauchen's an Vätern? Ich steh' zu Diensten? Rosa (deutet, daß er »ja* sagen soll). Sterz! (vortretend). Meine Herrschaften — ich — ich — der Sterz! — ich bin der Vater von diesem Knerzl! Alle. Wie? Sterzl. Aber jetzt geh' ich — leb' wohl, Rosa Adio, Bubi, auf mvecksroi! (Ab ) Amerl. Jetzt, Fannv, wo die böse» Zun» gen der Nachbarschaft beschämt sind, jetzt nehmen Sie meinen Segen, werden Sie glücklich mit meinem Sohne! (Fanny fällt schluchzend Theodor um den Hals, nachdem sie Rosa s Hand innig gedrückt hat, und wankt an Theodors Arm zur Thür. Alle folgen bis aus Rosa. Carl und Malzler.) Eipelt. Kinder, geh'n wir — in einem solchen Haus, bei einer solchen Person dürfen solche Leut' wie wir nicht länger verweilen! (Ab.) (Wie das Brautpaar sichtbar wird, gibt Flinserl den Musikanten ein Zeichen und ein lustiger Marsch beginnt. Die weißgekleideten Mädchen und Hochzeitsgäste schließen sich dem Zuge an und ^olgen dem Brautpaare in die Kirche Die Musikband« stellt sich vor derselben aus — der Marsch ist zn Ende und man hört leise Orgkltöne. — Große Pause.) Earl. Alse betrogen, schändlich betrogen! (Ab mit Malzler.) Rosa (allein, sie verhüllt weinend das Gesicht, nach einer Pause). Was war das? Mir lauft ja 's Wasser aus die Augen wie bei einem Rohrbrunn? Ich weine? Nicht einmal denken! (Trocknet sich schnell die Augen.) Vielleicht gar um einen Liebhaber, der mich wirklich gleich für schlecht hält? Js ja gar nicht der Müh' werth, na, lachen thu' ich — lachen, laut lachen! Die Trauung beginnt, bald ist sie eine allgemein geachtete Frau! (Hebt das Kind aus dem Korbe und hält gegen das Fenster.) Da schau, wie deine Mutter glücklich wird durch die leichte Person! (Zm selben Augenblicke ist das Brautpaar mit den Hochzeitsgäste» in die Kirche getreten.) (Der Vorhang fällt.) Dritte Abtheilung. Siebentes Kild. (Gerichtskanzlei. Einfaches Zimmer, eine Mittel« und rechts und links eine Seitenthür. Zm Vordergrund links ein Schreibtisch, zwei Sessel. Zm Hintergrund rechts eine lange hölzerne Bank) Erste Scene. Frau Eipeltauer, Mali, Sali, Resi, Kat hi, Betti, Gerichtsdiencr, Schwirbl. Gerichtsd. Ich bitte nur da hereinzu- tretcn, bis die Zeugen gerufen werden. (Zeigt in das Zimmer links. Alle dorthin ab.) Zweite Scene. Schwirbl, Rosa (welche zuletzt eintritt) Schwirbl. Rosa! Dich muß ich ! er finden? Rosa. Das hält' ich nicht g'laubt, isi ich hier von Dir Abschied nehmen werde Schwirbl. Das hab'n wir ja eh' sch » gethan! Rosa. Nur die Gerichtsverhandlung will ich abwarten, dann reis' ich fort — in die neue Welt — aber nicht nach Hietzing, wo der Schwenker der Columbus ist — nein, nach Amerika! Schwirbl. Wie! Du wolltest — 44 Rosa. Dort mit ein' Wilden ein Verhältnis! anfangen; — die Weißen hier sind mir schon z wider. Ich werd' eine Verbindung mit einem Indianerhäuptling einge- hen, so eine Liaison macht sich sehr g'schwind, man tanzt mit ihm in einer mondhellen Nacht eine Polka um einen Feigenbaum, und nach der ersten Tour ist man schon mit ihm verheiratet. Das geht rasch und das g'fallt mir! Hier ist das anders — da hat man zwei Jahre ein Verhältniß mit so ein' weißen Wilden — und wann man glaubt — man wird ein Paar, — so laßt er s'Ma- del sitzen — die ganze Stadt red't davon — und ihr bleibt nichts Anders übrig — als nach Amerika zu reisen und sich mit ein' wilden Indianerhäuptling zu verheiraten. Schwirbl. Rosa, Du sprichst ja, als wär' mir ein Vorwurf zu machen. Rosa. Carl, wie kannst Du nur glauben, daß Dir ein' Marchande de modes untreu wer'n kann! Nämlich ein Marchande de modes-Madl wie ich. Sckwirbl. Wie? Du bist — Rosa. Treu wie das Deficit in einer Staatsschuldencassa! Schwirbl. Aber das kleine Kind! Rosa. Verstehst Du was von der Literatur? Schwirbl. O ja! Rosa. Siehst, Carl — es gibt Bücher, die ein Buchhändler selber verlegt, das is nachher eigener Verlag, für den man ver- antwortlich ist, manchesmal gibt Einem aber auch ein Autor sein Geisteskind in Commission —; also siehst Du — jenes Kind war nur Commissionswaar'! Schwirbl. Das kann glauben, wer will — ich glaub's nicht — Rosa. Carl — was wirst denn thun, wann Tu einsiehst, daß Du mir Unrecht gethan hast? Carl. Auf die Knie fallen und um Verzeihung bitten. Rosa. Das laßt sich hören — Gerichtsd. (tritt ein). Jungfer 'Rosa, Jhner Kind schreit! Rosa. Ich komm' schon. Psürt Dich Gott, Carl, Du sollst sehen, was die Rosa für ein Madel ist. (Ab durch die Mitte ) Schwirbl (zum Gerichtsdiener). Da ist der Besehl, meinen Onkel aus der Haft zu entlassen. Seine Arretirung geschah irrthüm- lich. Ich werde, wenn es erlaubt ist, ihn hier erwarten. (Ab in die Sejte ) Dritte Scene. Flinserl, Stiegler und seine Gesangsfreunde, Malzler (fangen draußen den Chor an und treten singend ein). Ein freies Leben führen wir, Ein Leben voller Wonne. Gerichtsd. Meine Herren, ruhig, Sie sind arretirt, hier darf nicht gesungen werden. Flinserl. Es geschieht nicht mehr, schweigen wollen wir, still wollen wir sein wie die Wiener Wasserfragc. Malzler. Mich cinsperren — mich, der ich in Linz wegen meiner guten Gesinnung bekannt bin. Im 48gcr-Jahr bin ich drei Monat n einem Garderobekasten gesteckt, mich, einen ruhigen Bräumeister, das ist zu viel! Flinserl. Wir werden Sie zum Ehrenmitglied ernennen. Malzler. Sie dummer Kerl, gehn's mir aus'm Weg — Sie sagen zu mir: »Sind Sie so gefällig und halten's die Noten!- Ich thu's — derweil kommt eine Patrouille und arretirt uns wegen nächtlicher Ruhestörung. Flinserl. Leider! So werd'nbeiuns die schönen Künste eingeführt! Malzler. Wann das in Linz bekannt wird, daß ich eing'spertt war — so bin ich ja bei die Gntg'sinnten verlor'n. Flinserl. Sie brauchen's ja Niemand zu erzählen. Malzler. O, so was ist gleich bekannt! Zehn Menschen kannst Du 's Leben retten, 45 erfahrt keine Seele was! Aber zwei Stund' eing'sperrt — so weiß die ganze Stadt. Fli nserl. So sagen Sie, man hat Sie wegen schriftstellerischen Arbeiten — Malzler. Das ist wahr! Ich werd' sagen, ich Hab' eine Brochüre über die Erdäpfelkrankheit herausgegeben, und weil die so frei g'schrieben war, so haben's mich eing'sperrt. Das wird in Linz Aussehen machen. (Ab.) (Während dieser Scene find die übrigen Gesangsmitglieder zur Seite abgesührt worden.) Flinserl (allein). Es empört mich! O Mitwelt! Vom Beethoven und Schubert haben's jetzt die Baner ausg'raben, von Mozart thäten sie's auch, wann's wüßten, wo er begraben liegt; da sieht man, daß die eigentliche Anerkennung immer zu spät kommt. Uns hätten's lebendig, uns könn- ten's vergöttern, wann's wollten, könnten uns photographiren, in welcher Stellung als sie wollten, aber es geschieht nichts; statt uns in einer Walhalla aufzustellen, stellen's uns in's Polizeihaus ein, statt uns aus Stein zu hauen, hauen's uns vielleicht aus'n Salz, statt der Clio mit dem ehernen Griffel der Geschichte kommt höchstens ein Corpora! mit'u Haslinger. So sitzen wir hier als musikalische Märtyrer, als Johannes Huffe des Gesanges, aber nur Geduld, mein Einsperren soll ihnen keine Rosen tragen; jetzt Hab' ich Zeit, über meine Ideen ordentlich nachzudenken; ich Hab' nämlich eine Erfindung gemacht, Alles auf musikalischem Weg auszudrückcn, was man nicht sagen darf, oder wozu man a ganze Menge Worte brauchet. , Couplet. Triff' ich just auf der Straßen wo Ein Herrn Gemeinderath, So red' ich über dieß und das — was vorgeht in der Stadt. Mir'n Pflastern ist das wirklich eine große Brodlerei, Es sind bei einer Gassen bloß zwei Pflasterer dabei. Bald vergeffen's die Gasbeleuchtung, bald vergeffen's d'Wafferröhrn, D'rum muß ewig all'weil wied'rum frisch pflastert werd'n. Und lauft vielleicht einst aus Berlin die Freudennachricht ein, Daß a Ministerkrisis könnt' vermuthlich möglich sein. Tra ra ra, psirt di Gott, komm' gut nach Haus, Rast' Dich auf dein'm Portefeuille zwanzig Jahr' aus. Ein Brand, dös ist was Schreckliches, im Feuer steht a Haus, Ein solches Schauspiel druck' ich auch gern musikalisch aus. Immer fröhlich, frisch und frei, Turner, die sind gleich dabei, Js dann Alles z'sammengramt— kommt auch's Unterkammeramt. Es geht hinein auf's Magistrat a Geschäftsmann Steuer zahl'n, Wie laßt sich denn ein solcher Weg wohl musikalisch mal'n? Hauszinnssteuer, Gewerbesteuer, Einkommensteuer, Verzehrungssteuer, Es ist Heuer, ungeheuer, Alles theuer! Nir als Steuer! Wann Einer am Glacis logirt, Und schaut beim Fenster 'naus, Der steht, sind seine Nerven schwach, A bisserl Trema aus. Rum bi di dum, rum bi di bum, Mancher Tambour haut herum, 46 Bis der Trompeter ausg'lernt is, Wird die Vorstadt damisch g'wiß. Der Mozart, der is leider jetzt schon ziemlich roccoco. Es geht auf allen Theatern jetzt Nicht anders mehr als so. Alte Musik is a Schand', Immer nur originell pikant, Mozart, Haydn, Gluck, Beethoven, Händel, Bach Sind verdrängt von Offenbach. Ein Sänger, dem's von Herzen geht. Der macht kein G'schäft jetzt mehr, Plärrt er nicht, wie's gebräuchlich is, Als wie ein alter Bär. Irsma ittLLNLio o MLlsäotto, O inlelios Hussto 6 Atrstto, Schrei n wie die Halter solchere Herren, Können ! 2,000 Gulden Gage begehren. Und steht man am Orchester drob'n Als fescher Dirigent, So muß man zeig'n, daß man dieMod' Des Dirigirens kennt. Gar nit hinschau'n auf die Noten, Nonchalant nur cokettir'n. Seine Geigen in der Hüften, Thut der Fesche dirigir'n. (Ab ) Vierte Scene. Actuar (Kitt eia, setzt sich und läutkt). Gerichtsdiener. Befehlen? Actuar. Sind die vorgeladenenZeugen im Vorzimmer? Gerichtsdicner. Alles is da! Actuar. Das kleine Kind auch? Gerichtsdiener. Na, und ob! Es schreit. Ich Hab' ihm 's bürgerliche Gesetzhuch hingelegt, damit es sich a biffel unterhalt — aber es fangt bei jedem Paragraph mehr zu wanen an. Actuar (schreibend). Beschwichtigen Sie es auf andere Weise. Gerichtsdicner. Ich Hab' so schon wollen a Bischkoten kaufen— aber wir haben alle mitsamm'n nur das Geld auf eine G'schrate. Wie's keine Ruh' gibt, weiß ich, was ich thu'. Zch reich's ein im Protokoll — da bleibt Alles liegen, und man hört sein Lebtag nichts mehr! Actuar. Lassen Sie die Parteien ein- treten. Gerichtsdicner (öffnet die Thür links und ruft hinaus). Eintreten! Fünfte Scene. Vorige. Frau Eipeltauer, Mali, Sali, Resi, Kathi, Betti, Lisi (treten rasch Seite links ein). Rosa und Sterzl (durch die Mitte). Fr. Eipelt. Ergebenste Dienerin, ich bin sehr erfreut, endlich einmal eine Gelegenheit zu finden, um der löblichen Behörde nicht allein meine Loyalität, sondern auch meine Moralität beweisen zu können. — Was diese verworfene Person anbelangt (deutet auf Rosa), so sind wir Alle darüber einig — daß — (Deutet aus die Mädchen, die sich knixend verneigen.) Actuar (im strengen Tone). Wollen Sie gefälligst schweigen, bis Sie gefragt werden! Fr. Eipelt. Ich bin ja zum Aussagen herbesteüt — nicht zum Ausfchweigen. Actuar. Vor der Hand haben Sie nur ruhig zuzuhören. (Zu Sterzl.) Sie heißen? Sterzl. Das weißt ja so — wir sind ja täglich in der Bierhalle beisammen. Actuar. Die Bierhalle gehört nicht hierher! Sterzl. Aber nur gehören in die Bier- Halle. Actuar. Herr Sterzl! 47 Sterzl. Siehste, daß Du's weißt — Actuar. Geboren? Sterzl. Ja! Actuar. Wo? Sterzl. Zu Haus! Actuar. Zn welcher Stadt mein' ich — Sterzl. Ah so! In Wien, katholisch — in neuerer Zeit resormirt — Stand ledig, Augen zwei, Nasen eine, Mund am gehörigen Fleck — Haar gebrennt, besondere Kennzeichen—liebenswürdiger Mensch. Actuar. Amtsdiener, bringen Sie die Bank! Sterzl (erschrocken). Ah. da muß ich bitten — ich Hab' ja nichts g'sagt, was nicht wahr is, und er will mir für mein offenes Geständniß vielleicht Fünfundzwanzig heruntermessen lassen. Actuar. Sie haben sich hier nur ruhig niederzusetzen. (Deutet aus die Bank.) Sterzl (sehr freundlich). Ah so! —Setzen! — Ich Hab' glaubt, hinauflegen! — mit Vergnügen — (Setzt sich aus die Bank, die mehr im Hintergründe hingestellt wurde.) Actuar (zu Rosa). Sie heißen? Rosa. Rosa Blüml! Actuar. Ihr Alter? Rosa. Zwanzig Jahr'! Fr. Eipelt. (zu dm Mädchen leise). Daß ich nicht lach'— sie ist wenigstens sechsundzwanzig — Alle Mädchen (leise). Versteht sich — Actuar. Wovon leben Sie? Rosa. Ich bin Nähterin! Fr. Eipelt. (wie oben). Daß ich nicht lach' — hahaha! Alle Mädchen (stecken die Köpfe zusammen und lachen und kichern). Actuar. Man sagt, daß Sie einen leichtsinnigen Lebenswandel führen. Rosa. Sagt man? Na, laß'man's sagen! Mein lieber Herr Beamter! Auf dieser Welt wissen die Leut' über ein' jeden Menschen was! Wann ein Madl blaß ist —^ so erzählen sich die Nachbarn: »di« keibt's!^ Wann's roth is— heißt'S wieder —»Damen schlagt das leichte Leben gut an.* Wann man auf ein' Ball geht — sagen's — »Dö is doch überall dabei« — bleibt man zu Haus, so zischeln's — »die unterhalt sich zu Haus besser!« Wo ist denn ein Mensch aus der Welt, von dem die Leut' nickt eine große G'schicht' wissen! Glauben's vielleicht, daß's Ihnen nicht auch schon uachg'rcd'l hab'n, wie viel Semmeln Sie im Kaffee eintunken? So was genirt mich nicht. Fr Eipelt. Wir reden, aber Gott sei Dank nur, wann wir was Definitives wissen. Actuar. Ich bitte — Fr. Eipelt. Glauben Sie, daß wir uns von einer solchen Person werden was hin- aufdisputiren lassen? (Zieht ein Buch hervor.) O ich Hab' mir schon das Strafgesetz mtt- gebracht! Das ist gegen Nummero 294 — und 96 — 372 und 88, 491 bis 504! Actuar. Zum letzten Male Ruhe — oder Sie müssen das Zimmer verlassen. Sterzl (steht aus). 3ch bitt' — ich bab' etwas zu bemerken! Actuar. Schweigen Sie. Sterzl. Was? So behandelst Du mich? Mich — deinen Freund! Beim nächsten Tappen sag' ich bei jedem Spiel ooutru! für Dich gibt's kein Pagatl mehr! (Setzt sich.) Actuar. Herr Sterzl— vergessen Sie nicht, daß Sie hier nicht im Kaffeehaus, sondern bei Gericht sind. Sterzl (für sich). Wenn ich nicht ruhig bin, läßt er die Gallerte räumen und ich kann fortgehen. Actuar (zu Eipeltauer). Sprechen Sie, Frau Eipeltauer, was wissen Sie Verdächtiges über die Nähterin Rosa Blümel? Eipelt. Ui Jegerl! Eine ganze Menge! Gleich vorgestern in der Nacht um eilf Uhr ist sie in ein' Carriere durch unser Gaffen g'laufen, ich frag': Thut das'ein ordentliches Madl? — Rosa. Ja! Alle Mädchen (höhnisch). So? wirklich ? , Rosa. Mein Kind war krank —- 48 Sterzl. Richtig — unser Herr Sohni war unpäßlich — . Rosa. Und der Doctor hat g'sagt, es muß so rasch als möglich die Medicin aus der Apotheken g'holt wer'n. Eipelt. Da geht man nicht selbst — man schickt einen Dienstmann. Rosa. Um diese Zeit liegen alle schon im Bett. Eipelt. So weckt man einen aus. Rosa. Ich glaub' g'rad, daß das sür ein ordentliches Madel das Unanständigste wär'! — Eipelt. So schickt man den Hausmeister! Rosa. Der verlangt drei Zehnerln für'n Gang; da ich aber nur so viel Geld g'habt Hab', um mit genauer Noth die Medicin zu zahlen, so bin ick lieber selber 'gangen. Fr. Eipelt. O Gott, ich kann schon noch andere Sachen zu den hohen Ohren des Gerichtes bringen. Ich versichere, Herr Paragraph, wenn ich den letzten Fasching um drei Uhr in der Früh z'Haus kommen bin — ist sie g'rad auch immer zu Haus kommen g'west! An die verrufensten Orte Hab' ich diese Person g'funden — Actuar. Ja, was haben denn Sie an diesen verrufenen Orten gemacht? Fr. Eipelt. Ich? Erlauben Sie mir — man ist halt — man geht halt auch — das ist wieder ein sonderbarer Mensch — Actuar. Ich glaub' beinahe, daß Sie keine Ursache haben, die Moralität anderer Personen zu überwachen. Fr. Eipelt. (sür sich). Nein, wie eine anständige Frau jetzt behandelt wird, das ist infam. Sterzl (steht aus). Ich bitte — ich habe etwas zu bemerken — Actuar. Schweigen, sag'ich. Sterzl (für sich). So? Gut! Nie mehr einen Ultimo! Actuar (läutet). Gerichtsdiener. Befehlen? Actuar. Sind die für halb lOUHr vor- Heladenen Zeugen im Vorzimmer? Gerichtsdiener. Alles is da! Actuar. Lassen Sie dieselben eintreten. Gerichtsdiener (öffnet die Thür, geht ab). Sechste Scene. Vorige. Doctor Amerling, Theodor, Fanny. Actuar. Ich Hab' Sie vorladen lassen — da Sie, Herr Doctor, — so wie das junge Ehepaar hier in der Angelegenheit, welche zu untersuchen ist, mit verflochten sind! Nehmen Sie Platz! Rosa Blümel — find Sie die Mutter des fraglichen Kindes? Rosa (steht Fanny stagend an, welche bittend die Augen zu ihr erhebt, und sagt in leisem Tone). Ja! Actuar (zu Sterzl). Und Sic? Sterzl (steht Theodor fragend an, dieser deutet ihm .ja- zu sagen). Ja! wir sind die Ael- tern! Actuar (zu Rosa). Frau Eipeltauer und ihre Freundinnen haben die Anzeige erstattet, daß Sie Ihr Kind weggelegt, und sich somit eines schweren Vergehens schuldig gemacht haben. — Sprechen Sie, Herr Doctor Amerling, haben Sie das Kind vor Ihrer Thür gefunden? Amerling. Allerdings, aber — Actuar. Gut! die Thatsache steht fest! — So erfahren Sie, denn es ist bereits der Proceß eingeleitet, um die Mutter für diese unnatürliche Handlung zu bestrafen. Bis zur Entscheidung des Urtheils aber habe ich die Verfügung zu treffen, daß für die Zukunft dieses Kindes gesorgt werde. Die Behörde wird das Kind Händen übergeben, welche es vor einer ähnlichen zweiten Vernachlässigung bewahren! Fanny (sür fich.) O mein Gott! Actuar (zu Rosa). Gehen Sie, Rosa Blümel, und nehmen Sie Abschied von Ihrem Kinde — Sie sehen es zum letzten Mal — die beiden Diener stehen bereit, um es im nächsten Augenblick jener Anstalt 49 zu übergeben, welche für verlassene Kinder Pflegeältern besorgt. Fanny (vorstürzend) Nein— das werden Sie nicht — dazu haben Sie kein Recht — die Mutter wird ihr Kind zu schützen wissen (stellt sich vor dm Korb), und es vertbeidiqen dis zum letzten Blutstropfen! Alle. Was ist das? ^anny. Nicht eine zweite Schuld will i6 auf mich laden, und was auch immer g Hetzen möge, ich ruf' cs freudig aus: ", ich bin die Mutter dieses Kindes! ^ Imerling. Wie? Theodor. So ist es, Vater — Ihre Strenge hielt uns ab, das Geständniß vor der Hockzeit zu macken. merling. Ick bin also betrogen — N' swürdig hintergangen? ^ >,eodor. Wir haben dieses Kind nie- ? verlassen! Es wegzulegen fiel uns >i—es bildet ja unser Glück— unser -i.! Wir haben versucht — es in dein ^.».ns zu bringen — nichts weiter! — dem ^ zu Liebe — Vater, haben wir Dich getäuscht. Actuar. Das ist freilich eine ganz andere Sache. — Ich glaube — es ist hier kein Grund zu einer Untersuchung. (Zum Schreiber.) Schreiben Sie: Von weiterem Verfahren abgelaffen— ncl (Schreibt.) Fr. Eipelt. (zu dm Mädchen). Auf diese Artist also das Kind nicht von der Rosa? Ah, das is Schad'! UebrigenS — ich weiß nicht — ich will nicht was behaupten — weil ich nicht die Person bin, die überall was sieht, aber ich glaub' alleweil — es is Eine so wie die Andere — das Kind is von alle Zwei! (Die Mädchen mit Frau bipel- tauer ) Siebente Scene. Vorige ohne Frau Eipeltauer und die Mädchen. At.uar (deutet aus Sterzl).. Amtsdicner! Dieser Herr hier kommt aus drei Tage in Arrest. Nr. 144 Sterzl. Was, ich? Actuar. Bei Wasser und Brod! Sterzl. Ja, wegen was denn? Actuar. Wegen falscher Zeugenaussage, da Sie sich für den Vater dieses Kindes ausgegeben hab'n. Sterzl. Da deprecir ich! Ich Hab'bloß g'sagt — wir sind die Aeltern? Na jetzt, das wer'n's doch sehen, daß das Kind jünger is als ich und die Rosa! Actuar. Vorwärts! Sterzl. Ich meld' die Berufung an— ich laß'ein'n Ausschuß zusammensetzen, einen Sterzl-Ausschuß — man hat mich ja gar nickt auf frischer That erwischt! Da müssen viele Sitzungen gehalten werden — mein Herr — bis ich eing'sperrt werde! Das geht nicht so. — (Der Gerichtsdiener nimmt ihn beim Kragen und führt ihn durch die Mttr ab. — Actuar, Schreiber und Amtsdicner folgen.) Sterzl (ruft im Abgthen). Nie mehr einen Ultimo! Achte Scene. Amerling, Theodor, Fanny, Rosa. Theodor. Vater! Fanny. Verzeihen Sie unS — Amerling. Kein Wort weiter— Du hast deinen Vater belogen und betrogen — gut denn — so lerne auch verzichten auf ein Vaterherz! Ich habe keinen Sohn mehr, ich verstoße Dich! Theodor. Vater! Amerling. Mein Entschluß bleibt unabänderlich; aber Sie, Rosa, haben ein echtes, unverfälschtes Herz. Ihre Aufopferung für meine Familie, durch die Sie Ihre Ehre, Ihren Geliebten, Alles verloren haben, sie hat mich ergriffen, warm berührt; ich fühle mich zum Danke verpflichtet, und um Ihre Zukunft zu sichern, um Ihnen meine Sympathie zu beweisen, adoptire ich Sie, die 4 50 arme Verstoßene, als meine Tochter, und ich hoffe, Sie werden es nie bereuen, in mir einen zweiten Vater gefunden zu haben. Rosa. O, ich wollt' — doch na, das geht nicht — der Herr Theodor allein hat nur ein Recht. Sie werden ihm verzeihen, und ist ihm auch ein Vorwurf zu machen, so hat er doch braver gehandelt wie hundert Andere; ich kann's an mir selbst beweisen, ich bin auch ein weggelegtes Kind. Ihr Sohn ist ein ehrlicher Mann, der sein Madel net in Noth und Elend verlassen hat, wie der, der meine Mutter auf einen bloßen Verdacht inStich lassen hat. (Gibtihmeincn altenBries.) Da lesen'S, was so ein Herr für einen herzlosen Abschiedsbrief schreibt. Amerling (ergreift den Brief). Das ist ja meine Hand — meine letzten Zeilen an Louise! (Wankt ) Rosa. Was ist Ihnen, Herr Doctor? Amerling (zitternd den Brief betrachtend, für sich). Und ich konnte meinen Sohn verdammen, während durch meine Schuld dieselbe That — (Laut.) Rosa, ich stehe als ein Unwürdiger vor Ihnen, und so wie ich meinem Sohn verzeihe, verzeihen Sie auch mir, ich bin der, der einst diesen Brief geschrieben; Rosa, ich bin dein Vater! (Stürzt in Rosa'S Arme.) Letzte Scene. Flinserl, Schwirbl, Malzler und die Gesangsfreunde (find während der letzten Scene in der Mittelthür erschienen). Flinserl. Eine wiedergefundene Tochter, macht's einen Tusch! (Die Gesangsfreunde fingen einen Tusch.) Schwirbl. Rosa, wir werden also ein Paar? Rosa. Für's ganze Leben. Malzler. Und damit ich auch noch was z'rcden Hab', gib ich vierzigtausend Gulden als Aussteuer. Rosa. So viel brauchen wir gar nicht, wir sein schon mit weniger zufrieden, und ich wollt' nur, daß alle Andern auch so zufrieden wären mit der leichten Person. Der Vorhang fällt Ende. Diuck und Papier von «eopold Sommer in Men. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Der schöne Mischhauer. Lustspiel in einem Act. Nach dem Französischen von Alexander Bergen. (Im k. k. priv. Carltheater in Wien zuerst mit glänzendem Erfolg gegeben.) Personen: Georg. James, ein Pächter in der Nähe Londons. Mary, seine Cousine. Mr. Robert, Pfarrer. Bauern. Die Handlung spielt auf James' Pachthof. Ein einfaches aber sehr reinliches Zimmer. Im Hintergrund eine Thür, welche in den Garten führt; links rin Fenster und eine Glasthür, welche ebenfalls in den Garten führt; rechts eine Thür, welche in die Küche, und eine zweite, mehr im Vordergrund, welche in ein zweites Zimmer führt. Zwischen diesen beiden Thüren eine große Uhr mit einem Kuckuk. Ein großer und ein kleiner Tisch, Stühle, ein Speiseschrank. Ihratn-Rtptrloi« Nr. 14b Erste Scene. Mary, später Robert. Mary. James wird bald zurückkommen, ich muß trachten, daß das Essen fertig wird. (Sie geht gegen die Küche.) Rob. stritt durch die Mittelthür ein, er ist in einen Mantel gehüllt). Guten Abend, Mary! r Mary. Sie sind schon zurück, Herr Pfarrer? Ich dachte, Sie wollten unsere ganze Grafschaft durchreisen? Rob. Das Hab' ich auch gethan, und bin soeben angekommen. Wo ist dein Vetter? Mary. Seit vierzehn Tagen seh' ich ihn kaum mehr. Er kommt nur auf den Pachthof, um zu essen, und wenn ich ihm nach Tische sein Glas Gin bringe, so sagt er: »Ich habe keine Zeit.« Sogar das Rauchen vergißt er. Rob. Die Sache nimmt einen ernsten Charakter an. Vielleicht hat er Geschäfte, vielleicht verkauft er seine Ernte noch vor der Ernte? Mary (ängstlich). Nein, aber er treibt sich mit andern jungen Burschen der Umgegend herum, und Boby, unser Knecht, hat mir gesagt, sie beschäftigen sich mit der Regierung. Rob. (lächelnd). Das ist wirklich ein ernstes Geschäft! Mary. So dachte ich auch, und das hat mir eben Angst gemacht. Ich stellte James zur Rede, und was denken Sie, Herr Pfarrer, was er mir geantwortet hat? Rob. Nun? Mary. Frauenzimmer sollen sich nicht um Politik kümmern, sondern um die Wirthschaft und um die Küche. Rob. Da hat James ganz Recht. Mary. So! — Man sieht, daßSicauch ein Mann sind, Herr Pfarrer. Wir Frauenzimmer sollen unsere Angst verschlucken und uns im Stillen unglücklich fühlen. Rob. Nein, aber man muß der Vernunft Gehör geben, und sich nicht ohne Noth ängstigen. Doch ich will mit James sprechen, wenn er nach Hause kommt. Wenn er Lust hätte, in England Revolution zu spielen, werde ich ihm rachen, noch ein wenig zu warten. Mary. Thun Sie das, Herr Pfarrer. Rathen Sie ihm auch, seine Felder nicht zu vernachlässigen, sein Vieh, seinen Pachthof und — noch so manches Andere, das er ganz zu vergessen scheint. Rob. (lächelnd). Ich werde ihn daran erinnern, er soll nichts mehr vernachlässigen. Jam. (von außen). Auf Wiedersehen, Nachbarn! Ich zähle auf Euch, zählt auf mich! Mary. Es ist James, — er kommt gerade recht. Bitte, reden Sie mit ihm, Herr Pfarrer. Zweite Scene. Vorige. James. Jam. Schon zurück, Herr Pfarrer? Rob. Ja, und ich freue mich, Dich wiederzusehen. Jam. Und jeder aus der Pfarre freut sich, wenn erSie sieht, denn dieGemeinde ist glücklich, die einen solchen Pfarrer hat. Sie trinken doch ein Glas Gin mit mir? Rob. Nein, James. Jam. Nur ein paar Tropfen. Mary, den Gin! (Mary geht zum Speisekasten, nimmt eine Flasche und zwei Gläser heraus und stellt sie aus den kleinen Tisch.) Mary, schenk ein! (Es geschieht.) Rob. Ich habe Eile, ich muß bald in die Pfarre zurück, James. Jam. Der Gin steht ja schon auf dem Tisch, und es ist ein so feuchter Nebel in der Luft — (Er nimmt den Mantel ab und reicht ihn Mary.) Auf Ihre Gesundheit, Herr Pfarrer. (Sie setzen sich und trinken.) Mary Pfeifen und Tabak! Noch ein Glas, Herr Pfarrer. Auf meine Gesundheit. Rob. Jetzt ist es genug. Jam. Soll ich nicht gesund sein? Rob. Ich kenne Dich. Du wirst so viel Ursache zum Trinken finden, bis wir den Kopf verlieren. Jam. Das nicht, aber den Spleen. (Er stopft sich eine Psrise.) In unserem Lande 3 muß man etwas Geistiges zu sich nehmen, das treibt das Blut durcheinander. Rob. (stopft sich auch eine Pfeife). Ich glaube, bei Dir wäre das überflüssig. Du siehst so erhitzt aus — Jam. Weil ick — zufrieden bin. John Bull wird heute einen großen Sieg erringe»«. (Mary winkt dem Pfarrer ängstlich, Robert beruhigt sie mit einer Geberde.) Rob. Einen Sieg? Da müßte ja vorerst gekämpft werden. Jam. Weshalb oder warum? Das englische Volk will eine gerechte Sache. Es vereinigt sich ruhig, es setzt sich ruhig in Bewegung, es sagt ruhig seine Meinung. Die Konstabler sehen ruhig zu, und die Regierung sagt ruhig: »Die braven Leute haben Recht, inan muß ihnen gewähren, was sie verlangen." Jeder hat seine Pflicht gethan, jeder ist zufrieden, jeder geht ruhig nach Hause. Ro b. Das »väre freilich ein leicht errungener Sieg, aber gewöhnlich kommt es anders. (Mary setzt sich zum großen Tisch und beschäftigt sich mit einer weiblichen Arbeit.) Jam. Herr Pfarrer, wissen Sie dem» nicht, daß man dem Prinzen Georg zweimal die Regentschaft verweigert, daß inan dem Parlament d»e Bill zum dritten Mal vorgelegt hat, und heute darüber entschieden werden soll? Wenn man unsere Lords walten läßt, werden sie wieder nein sagen. Um das zu verhindern, soll heute Abend um fünf Uhr eine große Demonstration stattfindcn. Ich führe hundert Männer an, die ganze Pfarre. Sie werden sich doch nicht ausschlicßeu, Herr Pfarrer? Rob. Ich denke, es ist besser, die Politik treiben zu lassen, die es verstehen. Jam. Ich sehe, Sie sind gerade »vie die Alten von» Dorf, die sind alle gegen den armen Prinzen Georg. Dafür sind aber wir Jungen alle für ihn. Rob. Ich bin Niemanden- Feind, aber ich weiß, daß Prinz Georg sich nicht immer benimmt, wie er sollte, ich weiß vielleicht zu viel von ihm, um zu wünschen, daß er Regent wird. Jam. Mary, Feuer! (Mary ab in die Küche.) Was wissen Sie von ihm, Herr Pfarrer? Rob. Ich weiß, daß Prinz Georg ein leichtfertiges, unmoralisches Leben führt, und der Sitte und der Religion zuwider handelt. Als ich jetzt unsere Grafschaft durchreiste, Hab' ich mich auf's Neue davon überzeugt. Ein armes junges Mädchen lag im Sterben und ich wurde zu ihr gerufen. Sie drückte mir ein Medaillon, welches ein Porträt enthielt, in die Hand und sagte leise: »Sie werden ihn erkennen. Wenn ich nicht mehr bin, geben Sie ihm das zurück.« Jam. Und das Porträt? Rob. War das eines jungen Mannes, dessen Züge mir unbekannt waren. Die Unglückliche starb, ich trat aus der Hütte, und — (Mary kommt aus der Küche.) Jam. Nun? Rob. (leise). Still! — Mary ist da. Jam. (lebhaft). Nun, und wenn eres wäre? Jugend hat nicht Tugend, er wird sich bessern. Rob. Ich wünsche es von ganzem Herzen. Jam. (zündet seine Pfeife an dem Licht an, welches Mary iu der Hand hält). WaS seh' ich denn da? (Er nimmt den Leuchter und stellt ihn aus den Tisch.) Mary (zieht sich erschrocken zurück). Was denn? Jam. (legt dir Pfeife nieder). Komm' einmal näher, Mary, laß deine Hände sehen. (Mary reicht sie ihm.) Du bist grasen gewesen. Lüge nicht! Mary (verlegen). Ja, Jaines. Jam. Und ich hatte es Dir verboten. Ich wäre selbst gegangen, oder ich hätte eilten Knecht geschickt. Mary. Die armen Leute haben genug zu thun, und Du auch, Jaines. 4 Iam.Die armen kleinen weißen Hände, wie hast Du sie zugerichtet, Du garstiges Ding! Mary (wendet sich ab). Du zankst doch immer, James. Jam. Da bleiben! — ich bin noch nicht fertig. Mary. Es ist wirklich gescheiter, wenn ich in die Küche gehe, als wenn ich deine Albernheiten anhöre. Jam. (steht aus). Ist das der Respect, den Du mir schuldig bist? Steh'n geblieben! — Mary. Was willst Du denn noch, James ? Jam. Um wie viel Uhr bist Du gestern schlafen gegangen? Lüge nicht! Mary. Um Mitternacht. Jam. Hab' ich's nicht gedacht! Du hast gewiß die Rechnungen von der ganzen Woche gemacht? Mary. Ja. — Jam. Und ich hatte es Dir verboten. Ungehorsames Ding! (Er setzt sich.) Mary. Warum willst Du nicht, daß ich Dir etwas Mühe erspare? Warum zankst Du immer? Wenn Du mich bei Tag arbeiten ließest, brauchte ich es nicht bei Nacht zu thun, oder wenn Du fortgehst, heimlich wie ein Sünder. Jam. (trocken). Geh' in die Küche und schäme Dich! — Kochen, das ist deine Arbeit! (Sanft.) Mary, vergiß nicht Rhum in die Puddingsauce zu gießen. Mary (im Abgehen). Ich werde frisches Wasser hineingießen, weil Du immer brummst. (Sie geht in die Küche.) Jam. (ruft ihr nach). Ist das der schuldige Respect? Rhum! (Er setzt sich wieder zu dem Pfarrer.) Mary (öffnet die Küchenthür und ruft.) Wasser! (Und schließt die Thür schnell wieder). Dritte Scene. James. Robert. Jam. (welcher Mary zärtlich Nachsicht). Dieses Kind ist der Segen Gottes! An dem Tage, wo Mary's sterbende Mutter sie mir übergab, indem sic sagte: »James, sie hat nichts auf der Welt als Dich —« war sie nicht höher als das, (zeigt) sie schlang ihre Aermchen um meinen Hals und versteckte ihr Köpfchen an meiner Brust. Seit dem Augenblick, Herr Pfarrer, ist mir ein Glücksfall nach dem andern in's Haus gekommen. Ein Monat danach brach ein heftiges Gewitter los, und zerstörte meine ganze Ernte. Rob. Armer Junge, nennst Du das einen Glücksfall? Jam. Ja,denn es hat mich gelehrt, daß ich noch mehr arbeiten konnte, als früher. Ich schlief täglich zwei Stunden weniger, und arbeitete doppelt. Es fehlte der kleinen Mary nichts, und ich wurde immer dicker. Am Winter darauf kam ein anderer Segen Gottes: Ein Onkel starb, und hinterließ mir-sieben kleine Kinder und eine alte blinde Mutter. Rob. (ihm die Hand drückend). Ich weiß es. Jam. Ich stand noch um zwei Stunden früher auf, und arbeitete doppelt. Ich versorge die Alte, ich versorge die Kinder, und werde immer dicker. Rob. Gottes Segen, mein Junge. Jam. Das sagte ich ja eben. Aber jetzt geht's nicht mehr recht zusammen. Der Pachtzins wurde erhöht, die Steuern sind groß! Ich arbeite, so viel ich kann, aber Mary thut mehr, als ihr Alter und ihre Kräfte erlauben. Das zerreißt mir das Herz! Ich habe daher über unsere Lage nachgedacht, und auf einmal wurde mir Alles klar. Man muß einen Entschluß fassen. Rob. Was meinst Du? Jam. Sehen Sie, Herr Pfarrer, ich brauche auf meinem Pachthof noch eine 5 Person für die grobe Arbcir, da ist mir der Gedanke gekommen — Rob. Dir eine Magd zu nehmen? Jam. So was dergleichen. — Ick will heiraten. Rob. Heirathen? Jam. Ein Mädchen, dick und stark wie ub, mit Händen und Armen wie die meinen, mit einer eben so dicken Taille und einem guten Stück Geld. Verstehen Sie? Rob. Nicht ganz. Jam. Dann braucht Mary gar nicht mehr zu arbeiten, oder nur sehr wenig. An Wochentagen ruht sie sich aus, und am Sonntag führe ich sie in meinem Wägelchen spazieren, zu meinen Freunden oder in die Stadt. Ich kaufe ihr schöne Kleider, und nichts soll zu ihrem Glücke fehlen, und zu meinem auch nicht. Rob. Und deine Frau? Jam. Wieso meine Frau? Rob. Was wird die während dem machen ? Jam. Arbeiten. — Gibt's nicht genug zu thun im Pachthof? Die Kühe, die Hühner, die Schweine wollen gefüttert sein, dann die große Wäsche, das Essen für die Arbeitsleute, für das Vieh und für mich. — O, sie wird genug zu thun haben. Mehr als genug. Rob. Gewiß ; aber wird ihr das genügen, wird sie sich dabei glücklich fühlen? Wird sie sich nicht langweilen? Jam. Nun, und die Kinder? Wenn so ein Dutzend kleine Kinder um sie herumwimmeln, wird sie sich nicht langweilen. Rob. Kennt Mary deinen Plan? Jam. Nein, noch nicht. Rob. Warum? Jam. Ich hatte nicht den Muth, es ihr zu sagen. Ich bitte Sie, Herr Pfarrer, wollen Sie es ihr beibringen? Sagen Sie ihr, daß ich es nur aus Rücksicht für sie thue, daß es mich aber nicht verhindern wird, sie immer lieb zu haben, und daß sie mich nie verlassen darf, hören Sie — nie! Rob. Gut, — ich will es ihr sogleich sagen. (Er geht gegen die Küche.) Jam. (hält ihn zurück). Nein, nicht jetzt. Wenn ich einmal nicht zu Hause bin, und sie nicht gleich darauf sehen muß. Rob. Es sei. Also künftige Woche? Jam. Ja, gegen Ende, oder auch die nächstfolgende Woche, cs hat keine Eile. Rob. (für sich). Der gute Junge ahnt nicht, was in seinem Herzen vorgeht. Mary (an der Küchenthür). James, komme heraus, man frägt nach Dir. Jam. Wer denn? Mary. Herr Georg. — Er besichtigt die Schafe. (Sie zieht sich zurück.) Jam. Gut, ich komme gleich. Sie hat ihr Auge doch bei Allem. Entschuldigen Sie, Herr Pfarrer, aber es handelt sich um ein Geschäft. Ein schöner junger Fleischhauer aus Süsser will meine Schafe kaufen. Rob. Geh', mein Junge. — Das Geschäft vor Allem. (James durch die Mittelthür ab, Robert nimmt seinen Hut und Mantel.) Vierte Scene. - Robert. Mary. Mary (kommt aus der Küche mit einem Stoß Teller). Wollen Sie nicht mit uns essen, Herr Pfarrer? Rob. Ein anderes Mal, mein Kind. Mary (indem sie den Tisch deckt). Sie hätten unsere neue Kundschaft kennen gelernt, denn der hat sich sicher schon eingeladen — (Sie nimmt Bestecke und Gläser aus dem Speisesch-ank.) Der ist nicht scheu. Rob. Kommt er oft zu euch? Mary. Fast alle Tage, und da ist des Trinkens, Rauchens und Singens kein Ende. (Man hört von außen fingen.) Hören Sie, er fängt schon an. Rob. Ich muß auf den Pfarrhof zurück. Lebe wohl, Mary. Mary. Ihre Dienerin, Herr Pfarrer. Rob. (geht zur Thür, sieht aufmerksam hin-^ au-, der Gesang Georg- nähert sich, Robert! zeigt sein Erstaunen und kehrt plötzlich in s Zimmer zurück; Mary sieht ihn verwundert an. Robert sagt für sich). Mein Gott! (Laut und verwirrt) Wirklich, Mary, dein Braten duftet so schön — Mary. Das freut mich, ich decke auch für Sie, Herr Pfarrer, ja, darf ich ? Rob. Nein, nein. Mary (für sich). Was hat er denn? Rob. (für sich, indem er hinausfieht). Es ift nicht möglich, und doch — ich muß mit Mary! darüber sprechen. Mary. Während ich den Tisch decke, verbrennt mir Alles in der Küche; so gcht's, wenn man Alles allein thun soll. Rob. (schnell). Ich will Dir helfen, Mary. (Er legt Hut und Mantel weg.) Mary (lächelnd). Sie, Herr Pfarrer? Rob. Warum nicht? Mary. Sie sagten ja so eben, Sie müßten in den Pfarrhof — Rob. Ein bischen Hab' ich schon noch Zeit, und Du wirst sehen, wie geschickt ich bin. (Er folgt Mary in die Küche.) Mary (für sich im Abgehen). Da steckt etwas dahinter. Fünfte Scene. James. Georg. Georg (im Eintreten). Fünfundvierzig Schilling per Stück. Jam. Scchsnndvierzig. Georg (im Zimmer umhergehend). Nicht um einen Penny mehr. Jam. So prächtige Schafe! Georg. Kein Fleisch, lanter Fett, das sicht man auf den ersten Blick. Jam. Aber die Wolle — Georg. Die schenk' ich Euch, was thue ich damit? Also wollt Ihr? Ich zahle baar. Jam. Gebt doch um einen halben Schilling mehr. Georg. Wir wollen sehen. — Vielleicht nach dem Essen. Jam. Ich habe schon mit viel Fleischhauern zu thun gehabt, und es gibt feine Kerle unter ihnen, aber einen solchen wie Ihr, Herr Georg, wüßte ich in den vereinten drei Königreichen nicht zu finden! (Er gibt ihm einen derben Schlag auf die Achsel.) Georg. Gut gegeben. — Aber ein Wolf frißt den andern nickt. Da habt Ihr auch Ein's, Herr James ! (Er schlägt ihn noch stärker auf die Achsel.) Jam. Gut gegeben! (Er reibt sich die Achsel.) Ich sag's ja, Ihr seid ein tüchtiger Kerl. Jetzt will ich uns frisches Bier aus dem Keller holen. Georg. Gut, James, wir wollen die Gesundheit des Königs trinken, und dann unser Geschäft abschließen. Jam. Gott erhalte den König! Aber wenn ich heute eine Gesundheit trinke, so ist es nicht die seine. Georg. Wessen denn? Jam. Die eines liederlichen Jungen. Ein Teufelskerl, aber ein guter Engländer ist er. Ich meine den Prinzen Georg. (Ab.) Sechste Scene. Georg (allein). Georg (verändert Haltung und Sprache). Prinz Georg, Du hast zwar einen schlechten Ruf, aber Du bist geliebt! Die armen Jungen werden es bei unfern Lords doch nicht durchsetzen. Ein Prinz, der sich in Wirths- häusern herumtreibt, der wie ein Kutscher trinkt und wie ein Matrose flucht! Pfm, sagt unser alter Adel, der so streng, so tugendhaft und so langweilig ist! Wie kann man es einem Prinzen verzeihen, daß er keinen Sinn für Seide, Spitzen und Sammt hat, daß er natürliche Rosen unter 7 einem einfachen Strohhute den geschminkten Wangen unserer Damen vorzieht, entzückt ist, wenn er ein unschuldiges Herz findet, wenn es auch unter einem wollenen Mieder schlägt? Es gibt am ganzen Hofe nicht ein Weib, deren Schönheit Mary's gleich käme, und sie verdient es mehr geliebt zu werden, als alle Gräfinnen und Herzoginnen am Hofe. Und wenn sie darüber aus Galle sterben, ich liebe Mary! Siebente Scene. Georg, Mary, später Robert. Mary (bringt den Braten und setzt ihn aus den Tisch). Sie sind allein, Herr Georg? Georg. Allein mit Ihnen, ist das nicht ein Glück? Mary (setzt die Stühle zurecht). Sie sind sehr artig. Georg. Nein, denn ich mahne Sie an eine Schuld, die Sie nicht bezahlt haben. Mary. Ich? Georg. Haben wir gestern nicht um einen Kuß gewettet? — Hab' ich nicht gewonnen ? Mary. Ich hatte es vergessen. Georg (zeigt aus die Uhr). Spielschulden bezahlt man in vierundzwanzig Stunden. Es bleiben Ihnen nur mehr fünfzehn Minuten (Er will sich Mary nähern, diese läuft um den Tisch herum, er ihr nach.) Mary (am andern Ende des Tisches). Die Frist ist noch nicht verstrichen! Georg. Ja, wenn man aber seinen Schuldner hat, und ihn entkommen läßt, riskirt man Alles zu verlieren! (Er verfolgt Mary, und steht plötzlich Robert gegenüber, welcher mit dem Pudding aus der Küche kommt. Beide sehen sich schweigend an.) Mary (sie vorstellend). Unser verehrter Herr Pfarrer. Herr Georg, einer der reichsten Fleischhauer aus Süsser. (Sie nimmt Robert den Pudding ab und stellt ihn auf den Tisch.) Georg. Ich bin erfreut Sie kennen zu lernen, Herr Pfarrer. (Er reicht ihm die Hand.) Rob. Ich ebenfalls, junger Mann. Wie mir Mary sagt, sind Sie eine gute Kundschaft hier, und das spricht zu Ihren Gunsten, denn ich liebe Mary und James, als ob sie meine Kinder wären. Mary. Der Herr Pfarrer ist so gut. Georg. Die Herzensgüte spricht aus seinen Zügen. Rob. Und aus den Ihren die Offenheit. Mißbrauchen Sie diese Gaben der Natur nicht, junger Mann. So manches Gesicht erweckt Vertrauen, und man sieht zu spät die Täuschung ein. Georg (für sich). Der Teufel soll ihn holen. Achte Scene. Vorige. James (welcher einen Krug mit Bier trägt). Jam. (sieht Robert erstaunt an), Sie beehren uns doch, Herr Pfarrer? Das ist schön. Rob. (ohne ihn zu hören, betrachtet Georg). Aber je mehr ich Sie ansehe — Georg. Nun? Rob. Um so bekannter kommen mir Ihre Züge vor; ich habe Sie gewiß schon irgendwo gesehen. Georg. Noch Einer, der eine Aehnlich- keit entdeckt. Jam. (hat den Krug niedergesetzt und tritt näher). Aehnlichkeit — mit wem? Georg. Gewiß mit dem Prinzen Georg, so sagen wenigstens Alle, die ihn kennen. Rob. Ja, so ist's. Jam. Mit dem Prinzen Georg? Mary. Den ich so gerne kennen möchte ? Jam. Und ich erst, ich gäbe zehn Jahre meines Lebens darum. Rob. Seht Euch diesen jungen Mann an, es ist eben so viel, als ob Ihr den Prinzen gesehen hättet. Georg. Wenn ich diesen Prinzen nur auch einmal sehen könnte, um zu wissen, ob er mir wirklich so ähnlich ist. 8 Rob. Ick habe ihn nur einmal flüchtig gesehen, und dennoch hat mich die Aehn- lichkeit frappirt. Georg. Es muß wohl so sein, denn wo ich hinkomme, spricht man davon. Die Geschichte fängt an mich zu langweilen. Jam. Nu, ich denke, es ist gerade keine Beleidigung, dem Prinzen Georg ähnlich zu sehen. Georg (für sich). Der Pfarrer ist mir sehr ungelegen — er wendet seine Augen nicht von mir ab. Mary. Gehen wir zu Tisch, der Braten wird kalt. Georg. Ja, ja, zu Tisch! Ich bin hungerig wie ein Windhund, (er setzt fich) und werde essen wie ein Drescher. Rob. (für sich). Diese Sprache, — diese Manieren — ich werde mich doch getäuscht haben. (Er setzt fich auch.) Jam. (seht fich). Wissen Sie, Herr Pfarrer, daß ich eifersüchtig bin auf Mary? — Ihr ist es gelungen, Sie hier zurückznhal- ten, mir nicht. Mary (welche vorlegt). O, mir auch nicht, ich habe den Herrn Pfarrer gebeten, er hat »nein« gesagt, hat sich aber dann anders entschlossen. Rob. (verlegen). Dein Braten duftete so schön, Mary. Jam. Und für Schafe, die so schön duften, wenn sie auf den Tisch kommen, wolltet Ihr mir einen Schilling per Stück abzwickcn, Herr Georg! Georg. Der Teufel hole alle Schillinge und alle Schafe, jetzt wollen wir essen, trinken und singen. Sing' uns ein Liedchen, Mary! (Hier kann ein Lied eingelegt werden, welches von Mary oder James gesungen wird. Die Andern stimmen ein.) Jam. (zu Georg). Euer Wille ist geschehen, jetzt wollen wir eine Gesundheit trinken : Der Prinz Georg soll leben, und bald die Regentschaft antreten! (Mary und Georg erheben ihre Gläser.) Nun, Herr Pfarrer, Sie trinken nicht mit? Rob. (ernst). Ich wünsche nicht, daß der Prinz früher die Macht hat, das engliscke Volk zu regieren, als bis er diese Ehre verdient. Wenn er sein leichtsinniges Leben fortführt, wird er dieser Ehre nie würdig sein. Will er seine Geburt und seinen Stand vergessen, und sich in den gemeinen Schenken Londons Herumtreiben, so betrifft das nur seine Person; wenn er sich aber in Familien einschleicht, um dort Schande und Thränen zurückzulassen — Mary. Wenn er das thut, so ist das abscheulich! Rob. Es ist mehr — es ist ein Verbrechen. (Georg steht heftig auf.) Sie denken doch auch so, Herr Georg? Georg (welcher fich zu bemeistern sucht). Man malt den Teufel oft schwärzer, als er ist. Rob. (für fich, indem er aufsteht). Er ist's, ich habe mich nicht getäuscht. Jam. (steht auch auf). Wenn der Prinz Regent wird, wird er sich gewiß bessern. (Er nimmt seinen Dudelsack von der Mauer.) An dem Tag soll die ganze Grafschaft nach meinem Dudelsack tanzen. Rob. (für sich). Arme Mary! Da heißt's vorsichtig sein. Jam. (pfeift auf dem Dudelsack einige Tacte eines Trinkliedes). Georg. Teufel, James, Ihr pfeift gut. Jam. Und Sie sollten sehen, Herr, wie schön Mary zu meinem Dudelsack tanzt. Georg. Wirklich? (Ernimmt Mary beider Hand.) Wollen wir's versuchen? Mary. Nein, nein! Georg. Wie? Auch nicht dem Prinz Georg zu Liekk? Mary. Dem Prinz Georg zu Liebe? — Ja. (Sie tanzen, James fährt fort zu pfeifen.) Rob. (welcher seine Ungeduld nicht verbergen kann, sagt für fich). Der dumme James pfeift noch dazu, der Hirnlose! (Wenn der Tanz ans ist, küßt Georg Mary plötzlich; Mary läuft verwirrt in eine Ecke.) Jam. Was soll denn das? Georg. Ich mache mich bezahlt. Mary war mir einen Kuß schuldig. s Jam. Einen Kuß? — Mary, ist das wahr? Mary (skhr verlegen). Ja, wir haben gewettet, und ich habe verloren. Jam. (kratzt sich betroffen den Kopf). Rob. Der Tanz war sehr hübsch, den sollten Sie mit Mary auf James' Hochzeit tanzen, Herr Georg. Georg (erstaunt). Wie? James heiratet ? Mary (tritt lebhaft vor). James heiratet ? Jam. (winkt Robert zu schweigen). Nein — nein — das heißt — wenn — Rob. James ist doch alt genug, um zu heiraten, glaub' ich. Georg (für sich). Sollte er am Ende Mary heiraten wollen? (Laut.) Wie heißt die Braut? Rob. Ich weiß es nickt. Er hat mir keinen Namen gesagt, sondern nur, daß er ein großes, dickes, hübsches, reickes Mädchen heiraten will. Mary (schmerzlich). Ein reiches Mädchen! (Sie geht in den Hintergrund und weint.) Rob. (für sich). Ter Schlag hat getroffen. Georg (fürsich). Es ist nicht Mary. Jam. Aber, Herr Pfarrer, ich Hab' Ihnen doch gesagt — und Sie haben mir gesagt — daß Sie ihr sagen werden — (Fürsich.) Ich möchte bersten vor Zorn! lZu Mary.) Macke Dir nichts daraus, denn wenn ich auch heirate — Georg (unterbricht ihn lachend). Er entschuldigt sich mit einer Miene, als ob das Heiraten ein Verbrechen wäre. Jam. (unwillig). Weil man mich überrascht hat! Rob. (zu Mary). Mary, Du weinst; was hast Du denn? Mary. Nichts, nichts! (Sie eilt in die Küche) Rob. (fürsich). Jetzt bin ich ruhig, sie sie liebt James, da ist der Andere nicht zu fürchten. (Man hört Glockengeläute.) Die Glocke ruft, ich muß in die Kirche, um Gottesdienst zu halten. Jam. Ich folge Ihnen später mit Mary. Rob. (reicht Beiden die Hand und geht ab). Neunte Scene. James. Georg. Georg (unwillig für sich). Jetzt schleppt er sie wieder in die Kirche, ich kann doch nie allein mit ihr sein. (Er nimmt seinen Hut und Stock.) Jam. Wie, Ihr wollt fort? Georg (trocken). Ja. Jam. Ihr geht nicht mit in die Kirche ? Georg. Nein. Jam. Und unser Handel? Georg. Was für ein Handel? Jam. Die Schafe Georg. Sind mir zu theuer. Jam. Ich lasse Euch den Schilling nach. Georg. Ich mag sie nicht mehr! Jam. Gut — so wird sie ein Anderer mögen. Kommt doch mit in die Kirche. Georg. Ich bin nicht in der Laune, eine Predigt zu hören. Jam. Soll ich euer Pferd satteln lassen? Georg. Ich werde es selbst thun, brauche Niemanden. (Ab.) Jam. Was hat er denn? Er muß ein Bein geschluckt haben. Mary! — Mary! Zehnte Scene. Mary. James. Jam. Mary, meinen Hut! Mary. Nimm ihn Dir. Jam. (erstaunt). Wie? Meinen Hut will ich haben. Mary. Nimm ihn Dir. Jam. (erstaunt für sich). Ich soll ihn selbst nehmen? Nun, thun kann ich's wohl, er liegt mir ganz nahe bei der Hand. (Er nimmt den Hut und setzt ihn aus.) Mary, auf dem Weg in die Kirche könnte ich wohl eine Pfeife rauchen — gib sie mir. 10 Mary (welche schon im Begriffe war sie ihm zu geben, hält inne und sagt), Pimm sie Dir! Jam. Wie? Mary. Nimm sie Dir. Jam. Nimm sie Dir! Am Ende kann ich das auch thun. (Er nimmt die Pfeife und stopft sie ) Mary, hole dein Gebetbuch, wir gehen in die Predigt. Mary. Ich gehe nicht! Jam. (sehr erstaunt). Was hast Du gesagt? Mary. Ick gehe nicht. Jam. Wie, Du läßt mich allein in die Predigt gehen? Das ist das erste Mal. Mary. Aber es wird nicht das letzte Mal sein. Jam. Der Herr Pfarrer wird uns aber erwarten, cs wird ihm weh thun, wenn Du nicht kommst. Mary (für sich). Daran denkt er aber nicht, wie weh' er mir gethan. Jam. (sanft). Komm mit, Mary, ich bitte Dich. Mary. Laß mich in Ruhe! (Sie hat während Obigem unwillig den Tisch abgeräumt, nimmt nun das Geschirr, geht in die Küche und schlägt die Tbür zu.) Jam. Es ist klar, die hat auch ein Dein geschluckt! Eilste Scene. James. Georg Georg (zeigt sich an der Mittelthür). Mein Pferd ist gesattelt, und da mein Weg bei der Kirche vorbciführt, so denk' ich, wir könnten den Weg zusammen machen. Jam. Ich bin bereit. Georg. Und Mary? Jam. (legt den Finger aus den Mund). Die geht nicht mit. Georg. Warum? 3 am. (leise). Die hat eine Laune! So Hab' ich sie noch nie gesehen. Sie will allein zu Hause bleiben. Georg (für sich). Allein? — Der Augenblick wäre günstig. Aber wie bringe ich ihn los? (Er denkt nach und fährt dann plötzlich zusammen, als wäre er mit sich einig.) Jam. (an der Küchenthür). Leb' wohl, Mary! Wir gehen — Leb' wohl! (Zu Georg ) Sie antwortet nicht, hat die eine Laune heute! Nu — Mary ist klein und schwach, der kann man das so hingehen lassen, wenn aber mein zukünftiges Weib eine solche Laune haben sollte — Ihr wißt, die große, dicke, mit Händen und Füßen wie die meinen, der werd' ich den Mann zeigen, die werd' ich curiren! Georg (lacht laut). Jam. (für sich). Bei dem ist die üble Laune vorüber, jetzt lacht er wieder. Georg. Unter andern — ich kaufe eure Schafe. Jam. Wirklich? Zu welchem Preise? Georg. Zn sechsundvierzig Schilling. Jam. (reicht ihm die Hand). Abgemacht! Georg (an der Küchenthür). Leben Sie wohl, Mary! (Betonend.) Auf Wiedersehen, Mary! (Zu James ) Gehen wir. Jam. Sechsundvierzig Schilling per Stück. (Für sich.) Er hat kein Bein geschluckt! (Beide ab.) Zwölfte Scene. Mary (aus der Küche). Ist das ein Unglückstag! Alle meine schönen Träume sind zu Ende. (Sie finkt auf einen Stuhl.) Aber ich will fort von hier, weit fort, wo mich nichts an ihn erinnert, wo ich nichts von ihm höre und nicht sehe, wie er mit einer Andern glücklich ist. Ich will — ich muß ihn vergessen. (Glockenge- läute.) Die Glocke ruft, es ist Gottes Stimme, bei ihm werde ich Trost finden. Ich will in die Kirche gehen und Gott bitten, daß er mir die Kraft gibt, James zu vergessen. (Sie eilt gegen die Thür, Georg steht vor ihr, Mary stößt einen Schrei aus.) 11 Dreizehnte Scene. Mary. Georg. Georg. Schweigen Sie, Mary, Niemand hat mich zurückkommen sehen, Nie> mand weiß, daß ich da bin. Mary (ängstlich). Wo ist James? Georg. In der Kirche. Ich that, als ob ich gegen London ritte, bin aber abgestiegen, habe mein Pferd an einen Baum gebunden, und mich durch die Hecken hie- hcrgeschlichen. (Er faßt ihre Hand) Haben Sie mich nicht erwartet? Mary (zieht ihre Hand zurück). Ich, Herr Georg? Georg. Ich sagte ja a u f W i e d e r- se h e n. Hat mich Ihr Herz nicht erra^ then? Mary (erstaunt). Mein Herz? Georg. Mary, Sie sind scbön, man bat Ihnen das gewiß schon oft gesagt. Mary. Mir? — Niemals. Georg. Das ist eine Schande für die Bauern, die Sie täglich sehen, ich habe bessere Augen. Ein Moment genügte mir, um die Reize Ihres Körpers und die Vorzüge Ihres Herzens zu erkennen, und in dem meinen eine Liebe zu entflammen, welche nie verlöschen wird. Mary (ängstlich). Liebe? — Sie lieben mich? (Sie entfernt sich von ihm.) Georg. Mary, James will heiraten. Mary. Möge er glücklich sein! Georg. Seine Frau wird hier befehlen, s i e wird Herrin sein, vielleicht wird Ihre Schönheit sie zur Eifersucht reizen, Mary, was für ein Leben werden Sie dann hier führen? Mary. Ich bleibe nicht, ich gehe fort von hier. Georg. Wohin? Mary. Ick weiß eS noch nicht. Georg. Mary, ich kann Ihnen eine glückliche Zukunft sichern, ich bin reich, sehr reich! (Mary sieht ihn erstaunt an.) Obwohl ich nur ein Fleischhauer bin. Mein Vermögen soll das Ihre sein. Sic sollen in London wohnen, Ihr eigenes Haus, Wagen und Pferde haben. Mary. Lassen Sic mich, Herr Georg — lassen Sie mich. Georg (hält sie zurück). Meine Zärtlichkeit soll jeden Wunsch Ihres Herzens er- rathen. Gewiß, Mary, ich werde mir Ihre Liebe gewinnen. Mary. Ich habe nichts als mein Herz, aber Herzen verkauft man nicht. Leben Sie wohl, Herr Georg. Georg. Mary. Ich soll Sie nie wieder sehen? Mary. Verlassen Sie mich. Jam. (von außen). Boby! Schließe das Thor und lasse die Hunde los! Mary (erschreckt). James! Georg, (für sich). Was Teufel führt den zurück? Mary. Wenn er Sie hier sieht, was wird er denken? Fliehen Sie! Georg (stolz). Ich fliehen? Mary. Ich bitte Sie! Georg. Mary, Du bittest? Nur ein Wort, und ich gehe. Wirst Du mich lieben? Mary. Gehen Sie — gehen Sie! Georg. Wirst Du mich lieben? Mary. Vielleicht! — Georg (drückt schnell ihre Hand an seine Lippen). Leb' wohl, Mary, leb' wohl! (Er stürzt fort, Mary lehnt sich zitternd an einen Stuhl.) Vierzehnte Scene. Mary, James (stürzt mit einer Heugabel herein) . Mary. Ich werde ihn niemals lieben, aber das war der einzige Weg, ihn fortzubringen. Jam. (sieht sich überall um). Wo ist er? Hast Du ihn gesehen? Na, wenn ich ihn finde! (Er geht in die Küche.) Mary (für sich). Mein Gott, sckütze mich! 2 am. (kommt wieder zurück). Der Spitzbube muß entflohen sein. Eigentlich hat er Recht gehabt, denn wenn ich ihn erwischt hätte, hätte ich ihn aufgcspießt wie ein Bündel Heu. (Er nähert sich Mary und faßt sie bei der Hand.) Du bist blaß,Mary, Hab' icb Dich erschreckt? — Der Pfarrer muß sich geirrt haben, vielleicht Hab' ich ihn auch schlecht verstanden. (Er lehnt die Heugabel an den Tisch.) Mary (unruhig). Der Pfarrer? Was hat er Dir denn gesagt? Jam. Mir? — Nichts. Aber mitten in der Predigt erblickte er mich, dann sah er auf den leeren Platz neben mir und blieb stecken. Mary. Nun? Jam. Die Leute begannen zu kichern, denn es war offenbar, er hatte den Faden verloren. Plötzlich sing er wieder zu reden an, aber er betrachtete mich dabei, als ob er nur für mich predigte. Mary. Was hat er denn gesagt? Jam. Daß es recht gut sei zu beten, daß mau aber auch seine Augen offen haben müsse, weil Gott sie einen dazu gegeben hat. Es sei recht schön, in die Kirche zu gehen, aber manche Leute thäten besser zu Hause zu bleiben, und das zu bewachen, was Gott ihnen anvertraut habe. Daß die Wölfe gerne die Schafe anfallendabei sielen mir gleich die meinen ein. Er sah mich immer an, als wollte er sagen: »Was machst Du da, Du Dummkopf?« Endlich stand ich auf und lief nach Hanse, denn ich glaubte wirklich, es habe sich ein Dieb bei mir eingeschlichen. Mary (für sich). Ich athme wieder auf. Jam. Was dem Pfarrer nur eingefallen ist? Hast Du Jemand gesehen, Mary? Mary (verlegen). Ich? Jam. Ja, — war Jemand da? Mary (für sich). Mein Gott, ich kann nicht lügen. Jam. Willst Du wohl antworten? — Ist das der schuldige Respect? (Plötzlich, als ob ihn ein Gedanken überfiele.) Mary! Marv (schlägt die Augen nieder). Jam. Es war Jemand da! Mary (furchtsam). Ja. Jam. Wer, wer, wer? Du antwortest nicht, Dn schlägst die Augen nieder, Duwirst roth. Das war kein Spitzbube, — das warein schlechter Kerl! Du biss doch nicht mit ihm einverstanden? Mary. James, kannst Du so etwas von mir glauben? Jam. Ich glaube gar nichts, aber ich will wissen, was er gesagt hat. Mary. Er — hat — gesagt — (Sie hält inne.) Jam. (ergreift die Heugabel). Ich spieße ihn auf wie ein Bündel Heu! Und Du — Du unterstehst Dich doch nicht verliebt zu sein? Mary (richtet sich stolz auf). Bin ich nicht frei? Jam. (wirst wüthend die Heugabel weit von sich). Frei? Dick zu verlieben — Zu heiraten?— Don mir sortzugehen? Von mir, der Dick wie eine Schwester liebt? Nein, Mary, Du bist nicht frei, Du hast nicht das Recht, mir das Herz zu zerreißen, mir -ich ersticke! Und jetzt fang' ich gar an zu weinen, das ist eine schöne Geschichte. Mary. James, meine Schuld ist cs nickt. Jam. Jst's vielleicht die meine? Mary. Bist Du denn blind? Jam. Ick? — Ich verstehe Dich nickt! Mary. Nicht? — Dann Hab' ich Dir nichts mehr zu sagen. (Sie will gehen.) Jam. So, Du gehst fort? (Er wird immer zorniger.) Glaubst Du, ick werde mich grämen, mager werden? — So wahr ick James heiße — nein! Aber heiraten will ich, und das morgen — nein, heute Abend. . Mary. Don mir aus kannst Du auch gleich jetzt heiraten. 13 Jam. Ja, gleich jetzt—nur ein Schwein will ich noch früher abstechen, denn aus meiner Hochzeit soll gegessen und getrunken werden, bis Alle unter dem Tisch liegen — ich zuerst. (Laut weinend.) O, ich werde sehr glücklich sein! Mary (für sich). Ich will zum Herrn Pfarrer, der soll mir rathen. Jam. Du bist noch da? — So geh' dock! Mary. Du jagst mich fort? Jam. Ja, ich will allein sein. Mary. Gut, ich lasse Dich allein, damit Du ungestört an deine große, reiche, dicke Braut denken kannst! (Gehtwüthend ab, James will ihr nach, bleibt aber wieder stehen.) Fünfzehnte Scene. James (allein). Jam. Nein, ich laufe ihr nicht nach, ich halte sie nicht zurück, sie ist undankbar, sie hat ein schlechtes Herz. Ich bin froh, daß sie fort ist, so kann ich doch ungenirt zornig sein. (Er wirst die Stühle um.) Ich kann zerbrechen, was ich will. Wenn ich nur schon verheiratet wäre, so könnte ich doch meine Frau prügeln, die große — dicke — mit den groben Händen. Wenn ich sie nur da hätte, aber nein — ich will ledig bleiben, ich will allein leben, wie ein Bär, will den ganzen Tag arbeiten, und mich des Abends betrinken. Am Sonntag lese ich die Bibel, und wenn junge Mädchen vorübergehen, lasse ich die Hunde auf sic los. Sechzehnte Scene. Voriger. Georg. Georg. Es ist unmöglich hinauszu- kommen, das Gitter ist versperrt. Jam. (sieht ihn erstaunt an). Wie? Herr Georg hier? Georg (für sich) Der Teufel hole den Dummkops! Jam. (für sich). Wenn er es wäre, der schöne Fleischhauer! (Laut.) Reitet Ihr so nack London? Georg. Kann ich nicht zurück kommen, wenn es mir gefällig ist? Jam. Ah! Und es war Euch gefällig? Georg. Hätte ich Euch um Erlaubniß fragen sollen? Jam. Um in mein Haus zu kommen, gewiß! Georg. Ihr seht, daß ich nicht darauf wartete. Jam. So? Ihr könnt aber lange warten, bis Ihr wieder hinauskommt. (Erzieht sich den Rock aus.) Georg (für sich). Teufel! Die Geschichte nimmt eine schlechte Wendung. Jam. Endlich Hab' ich wem, an dem ich meinen Zorn auslassen kann. Seht mich nur an. In einer halben Stunde werdet Ihr höchstens mit einem Auge sehen. Georg, (zirht sich dm Rock aus). Ich bin ein guter Engländer, ich werde mich zur Wehre stellen. Jam. Vorwärts! (Sie boxen.) Siebzehnte Scene. Mary. Robert. Rob. Großer Gott! (Sie trennen die Kämpfenden.) Jam. Herr Pfarrer, ich bin in meinem Rechte, der Mensch hat sich bei mir eingeschlichen. Rob. Das Hab' ich gefürchtet. Jam. Aber mit geradenGlieden kommt er mir nicht wieder hinaus! Rob. (hält ihn zurück). James, laß Dich nicht so vom Zorn Hinreißen, deine Freunde sind versammelt, sie erwarten Dich, und glauben, Du kömmst nicht mehr. Soeben sagten sie, Du seiest ein schlechter Bürger. Jam. Sagten sie das? Ich will ihnen das Gegentheil beweisen. (Er sieht Georg an.) Den Kerl heb' ich mir auf später aus, 14 (Leisr zu Robert.) Lassen Sie sie nicht allein und zanken Sie Mary recht aus. Rob. Verlasse Dich auf mich. Jam. Sie soll unter die Erde sinken vor Scham, nach Allem, was ich für sie gethan. Aus Liebe zu ihr wollt' ich sogar heiraten. Das erweckt meinen Zorn auf's Neue!(Er stürzt wieder auf Georg los- Mary stellt sich dazwischen.) Rob. (streng). James, geh! Jam. Ja, ich gehe, aber ich komme wieder, er soll mir nicht entwischen. Mary. James! Jam. Laß mich! (Er eilt ab.) Mary. James! James! (Sie eilt ihm nach, Georg will ihr folgen, Robert stellt sich ihm aber in den Weg.) Rob. Entschuldigen Sie, mein Herr! Achtzehnte Scene. Robert, Georg, später Mary. Georg. Was wollen Sie von mir?Spre> chcn Sie frei, — aber ich sage Ihnen im Voraus, ich liebe die Predigten nicht. Rob. Da königliche Hoheit mir erlauben, frei zu sprechen, so will ich es thun. Georg. Leise, mein Herr, ich will nicht erkannt sein. Ehren Sie mein Geheimniß. Rob. Vor Allem ehre ich meine Pflicht. Georg. Ist es Ihre Pflicht, mir nach- zuspionircn? Rob. Es ist meine Pflicht, ein junges Mädchen, das ich liebe als ob es meinKind wäre zu beschützen. Georg. Auch ich liebe sie, ich liebe sie wahnsinnig, und sie soll mein werden trotz Ihrem Schutze. Rob. Ick sehe, daß ich Recht hatte, für das arme Kind zu fürchten. Ich bin ein schwacher Greis, (Mary zeigt sich an der Mit- trlthür) aber ich weiß ein Mittel. (Er zieht ein Medaillon aus der Tasche.) Erkennen Sie dieses Porträt? Georg. Dieses Porträt? Wie kommen Sie dazu, wer gab es Ihnen? Nob. Ein junges Mädchen, das wenige Augenblicke darauf starb, nachdem sie ihrem Verführer verziehen hatte. Georg. Anna! —Arme Anna! (Er finkt auf den Stuhl, welcher neben dem Tische links strht.) Rob. Die armeFamilie zerfloß in Thrä« nen über den Verlust ihres einzigen Kindes. Ich entfernte mich schweigend und tief ergriffen, und hatte kaum einige Schritte aus dem kleinen Häuschen gemacht, so weckte mich lautes Gelächter aus meinen traurigen Gedanken. Ich sah auf, eine Gruppe fröhlicher junger Leute zog lachend und singend an mir vorüber. Der Eine fiel mir besonders auf, und wie ich seine Züge genauer betrachtete, entfuhr mir ein Schrei der Ueberraschung. Ich ziehe das Porträt aus der Tasche, vergleiche es mit seinen Zügen, will auf ihn losstürzen, da tritt einer der Herrn vor und rnft: »Zurück, es ist der Prinz Georg!« Mary (stürzt vor). Der Prinz Georg? Georg (sicht auf). Mary! Mary. Der Prinz Georg! Rob. (saßt Mary an der Hand). Nun, königliche Hoheit, bin ich noch zu schwach, um dieses Mädchen zu vertheidigen? Georg. Nein, nein! Aber ich kann sie nicht aufgeben, ich liebe sie zu sehr. Rob. Aber doch nicht genug, um sic zu heiraten, denn das können Sie nicht, königliche Hoheit. Georg. Warum nicht? Hat nicht Eduard I V. eine Bürgerliche geheiratet und zur Königin von England gemacht? Mary soll Kronprinzessin werden. Mary. Niemals, königliche Hoheit. Georg. Dann Hab' ich einen Nebenbuhler. — Du liebst! Mary. Hoheit! Georg (mit immerwachsendem Zorn). O, ich weiß, wer es ist. James, der Unverschämte, der es gewagt hat, Hand an den Prinzen Georg zu legen. 15 Mary. Verzeihen Sie ihm, Hoheit. Georg. Jetzt sage ich »niemals«! Rob. Königliche Hoheit! Georg. Ich will nichts mehr darüber hören. Dieser James, dieser Bauer, der mir vorgezvgen wird, er muß fort — fort aus England — Mary. Himmel! Georg. Matrose soll er werden. Mary. Erbarmen, Hoheit! Er weiß ja gar nicht, daß ich ihn liebe, und um Sie zu besänftigen, schwöre ich, daß er es nie erfahren soll. Ich will fort, ich will ihn nie wieder sehen, und da ich nicht die Ihre sein kann, Hoheit, so will ich niemals heiraten, ich schwöre es Ihnen. Georg. Ich nehme deinen Schwur an, vergiß ihn nicht, Mary, der Kronprinz von England würde Dich an deinen Meineid erinnern. (Man hört Geschrei. Glockengeläut, und Kanonendonner.) Was ist das? Rob. (sieht hinaus). James kommt zurück. Georg. Kein Wort vor ihm. (Geschrei von außen ) Hurrah! Hurrah! Neunzehnte Scene. Vorige. James, später Bauer«. Jam. (eilt lebhaft herein und schwingt seinen Hut). Hurrah! Hurrah! Der Prmz Georg ist Regent von England! Georg (für sich). Ich Regent? 3am. (zu Robert). Hab' ich's nicht gesagt, daß ich ihn dazu machen werde? Es hat es zwar die Mehrzahl gewollt, aber meine Stimme hat den Ausschlag gegeben. Georg (leise zu Robert). Ist er deshalb in die Stadt? Und die Freunde, die ihn erwarteten? Rob. (leise). Waren JhreFreunde,'Ho- heit. Jam. (indem er nach Mary blickt) Morgen will ich zum Prinzen Georg gehen, und ihm sagen: »Hoheit, ich bin einer von denjenigen, denen Sie die hübsche Regentschaft verdanken, die Ihnen die Lords nicht geben wollten. Sehen Sie mich an, ich bin ein hübscher, solider, kräftiger Junge; geben Sie mir eine Stelle bei Ihrer Garde, ich will mich für Sie um bringen lassen.« Mary. James, Du willst Soldat werden? Jam. (ohne ihr zu antworten). Daun werd' ich ihn um noch etwas bitten. Rob. Was denn? Jam. Ich werde sagen: »Hoheit, wir haben einen Pfarrer, der sehr viel Herz, aber sehr wenig Gehalt hat. Bitte, denken Sie auch an den ein bischen.« Georg (setzt sich zum Tisch und schreibt). Rob. (gerührt). Guter James! — Und Du — und deine Heirat? Jam. (zornig). Heirat? — Ich hasse die Weiber! (Mit einem Blick nach Mary.) Alle hasse ich sie. Rob. Und doch kenne ich eine, für deren Glück Du Alles thun wolltest. Jam. Ja, ja, ich war solch ein Dumm- kopf! Rob. Damit sie nicht so viel arbeiten soll, wolltest Du sogar eine reiche Heirat machen. Jam. Ja, ja — ich war ein Esel! Mary (für sich). Mein Gott, meinetwegen wollte er heiraten? Georg (steht aus und macht ihr rin Zeichen). Jam. Was nützt das Alles — ich habe jetzt in meinem Herzen gelesen, Herr Pfarrer, und ich fühle, daß das nicht der rechte Weg gewesen wäre, aber jetzt ist's zu spät, sie liebt einen Andern. (Zu Georg.) Einen Andern, der da steht wie ein Stock, und nicht das Maul aufmacht, während er jauchzen sollte vor Entzücken! Rob. James! Jam. Ich bin schon ruhig, Herr Pfarrer, er soll glücklich mit ihr werden. (Fürsich.) Aber ich werde darüber sterben. (Laut zu Georg.) Als guter Christ verzeih' ich Ihm. (Leise zu Georg.) Das sag' ich NM dem Herrn Pfarrer zu Lieb, im Stillen aber ver- 16 fluche ich Euch und werde Euch ewig verfluchen. (Er sieht, daß Mary weint.) Jetzt weint sie, wahrscheinlich hat sie doch Herzweh, und das freut mich, und wenn es ihr das Herz bricht, soll es mich noch mehr freuen. (Er weint.) Ich weine zwar auch, aber ich weine nur aus Freude. (Er setzt sich zum Tisch.) Mary (will zu ihm Hinstürzen). James! Georg (streng). Mary! Mary (verzweifelnd). Verzeihen Sie, ich halte meinen Schwur. Georg (nähert sich James und klopft ihn auf die Achsel). Jam. Was will er denn von mir, der schöne Fleischhauer? Georg. James Du willst, ich soll Mary glücklich machen? Jam. Seit wann sind wir denn per Du? Glücklich machen, das wollt' ich Ihm auch gerathen haben, sonst — Georg. Ich weiß nur e i n Mittel, ich gebe sie Dir. Jam. Wie? — Was? Mary. Wär's möglich! Georg. Ich muß wohl, da sie Dich liebt. (Er führt Mary zu James.) Jam. (entzückt). Mich? — Mich liebt sie? Mary (finkt ihm in die Arme). Rob. (leise zu Georg). Hoheit, diese Groß- muth — Georg (leise zu Robert). Ich will das Opfer vollständig bringen, und wenn mich mein Herz hieher zurückziehen sollte, so werde ich daß Porträt ansehen, daß Sie mir zurückgegeben haben. — (Laut.) Ich schwöre es Ihnen, mein Fuß soll diese Schwelle nie mehr betreten, das Glück dieser jungen Leute soll mir heilig sein. Jam. (schüttelt ihm derb die Hand). Das ist schön von Ihnen, das hätte ich kaum von einem Fleischhauer wie Sie — erwartet. Jetzt achte ich Sie wieder. Georg (zu Robert, indem er ihm das Papier gibt, welches er geschrieben hat) Hier, Herr Pfarrer — (Er geht gegen die Thür.) Jam. Er geht fort — Georg. Lebt wohl! Lebt wohl! (Schnell ab.) Rob.(welcher das Papier gelesen hat).Was seh' ich, ich bin Bischof von Brighton mit 2000 Pfund Einkünften! Jam. Wie? Was? — Der schöne Fleischhauer hat Sie zum Bischof gemacht? (Geschrei von außen.) Hurrah! Hurrah! Georg (eintrctend). Es ist unmöglich fortzukommen, sie haben mich erkannt. Banern (drängen sich herein) Hurrah! Es lebe der Prinz Georg, der Regent v on England! Jam. Der Prinz? — Es ist der Prinz? — Ich fall' in Ohnmacht! Nein, ich falle in deine Arme, Mary, und rufe: »Es lebe der Prinz Georg!« (Das Orchester spielt Rule Brittania.) Die Bauern rufen: »Es lebe der Prinz Georg! (Der Vorhang fällt.) Ende. Truck und Papier von V. Coinnier in Wim. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt, Der Soldat im Frieden. Charakterbild mit Gesang, Tanz, Tableaux rc. in drei Acten von Friedrich Kaiser. Musik vom Kapellmeister Ad. Müller. Personen: Diener Geweine. im Dienste deS Baron Matadors. Baron Maindors, Gutsbesitzer. Elotilde, seine Tochter. Herr von Nesselheim, deren Verlobter. General Steinimseld. Hauptmann Stürmsort- Kurzmann, Oberarzt. Anton Hart, Gefreiter. Stram, Horner, Weißberger, Müller und Bürgermeister. Rudolf, sein Sohn, Feldwebel. Rosi, seine Tochter. K nett mann, Bäckermeister. Adrian, sei» Sohn. Steffler, Quartiermeister. Bracker, Schulmeister. Elise, seine Schwester. Wenzel, Ortswächter. Gäste deS Barons, Officiere, Gesellschaftsdamen, Militär zu Fuß und zu Pferde, Dorfbewohner, Schuljugend, Seiltänzer, Acrobaten, Arbeiter, Zigeuner, Tänzer, Dorsmufiker, eine Militärbande rc. Robert Schwenk. Ercole, ein Acrobat. Ali, Araber. Zean, Haushofmeister Paul, Büchsenspanner Franz, Johann, Franyois, Koch Spund, Kellermeister Peter, Koch Zack, Reitknecht Jacob, Bauernbursche. Nanni, Magd. Ein Kellner. Pepi, l Hanns, l Schuljungen. Natzi, I Erster Act. (Freie Gegend an der Grenze des Ortgebietes von Aschendors — im Vordergründe rechts ein Wirths- haus — in der Mitte der Bühne eine aus Tannenreisern zusammengesügte und mit bunten Fahnen behangene Triumphpforte, im Hintergründe waldige Anhöhen.) Erste Scene. Weißberger, Knettmann, Adrian, Bracker. Mehrere ältere Bewohner des Ortes, unter diesen Steffler. Die Schuljugend mit ihrer Fahne (aus der rechten Seite der Triumph- Pforte). Nanni, Jacob, Bursche und Dirnen. Elftere Blumensträuße aus dm Hüten, letztere solche auf der Brust und in den Händen tragend. (Auf der linkm Seite der Triumphpsorte.) Dorsmufiker. (Hinter der Triumphpforte postirt.) Weißb. (ungeduldig nach dem Hintergründe sehend). Noch allweil nichts z'sehen und nichts z'hören! Meiner Seel'! Wenn jetzt die Poller nicht bald losgeh'n, so geh' ich selber los, und renn auf und davon bis zur .Eisenbahnstation! Brack. Welch'ein Gedanke! Sie müssen hier bleiben an der Spitze der Gemeinde, als deren neuer Bürgermeister. Weißb. Ach was! ich bin nicht nur neuer Bürgermeister, sondern auch alter Vater — Heldenvater noch dazu! Brack. Nun ja, Ihr Sohn hat sich im Kriege ausgezeichnet, er kömmt heute zurück, avancirt und decorirt —die ganze Gemeinde theilt Ihre Freude und hat sich hier versammelt, um ihn an der Grenze seines Geburtsortes nach einem von mir entworfenen Programm feierlichst zu begrüßen — nun werden doch nicht Sie allein vorauslausen? Knettm. (zu Weißberger). Nein, Vetter! Das geht nicht — Ihr müßt Euch an's Programm halten, sonst wird aus der Pasteten ein Dalken! Weißb. Na, in Gottesnamen! Zum Glück ist da ein Wirthshaus! (Gegen dasselbe rufend.) Gebt's mir noch a Krügel heraus! (Ein Kellnerjunge bringt einen Krug Wein.) Weißb. (thut einen mächtigen Zug). Knettm. Nehmt's Euch nur in Acht! Ihr trinkt's heut' a bißl z'viel und lauter puren Wein — schütt's wenigstens a Wasser hinein! Weißb. Warum nicht gar! Ich bin Müller, ich brauch's Wasser nothwendig für meine Mühlen, nachher werd' ich's selber wegtrinken! — Sorgt'sEuch nicht um mich — heut' krieg' ich kein andern Rausch, als ein' Freudenrausch! (Dm Krug schwingend ) Juchhe! Vivat! Mein Sohn soll leben! Adr. (zu Weißbergrr). Aber, Herr Schwiegervater! Ihr redt's heut' nur alleweil von euren Sohn, vergeßt's denn ganz d'raus, daß's auch a Tochter auf d'Welt bracht habt's? Weißb. Warum ist sie eine Tochter — ein Mädel? Ha! ich wünschet mir, daß sie auch ein recht tüchtiger Bursch wor'n wär'! Adr. (fast erschreckt). Na, das thät ich mir ausbittcn! Weißb. Ha ha ha! Dir wär das freilich nicht so angenehm — Dir als ihrem Bräutigam! Adr. (smszmd). Bräutigam? Wer weiß, ob's noch wahr ist! Weißb. (beleidigt). Ob's noch wahr ist? — Hab' ich's nicht g'sagt? Du paßt zu ihr — sie ist eine Müllerstochter, Du ein Bäckerssohn, der also sein sicheres Brot hat — jetzt schon Jodel ist. Knettm. Und also in kurzer Zeit das sein wird, was ich jetzt bin! 3 Weißb. Ueberdieß sein wir eh schvn weitschichtig verwandt, sie braucht nicht ein' Stockfremden zu heiraten! Adr. Aber seitdem sie weiß, daß' mich heiraten soll, thut's allweil ftemder! Ich sag' Euch, sie ist öfter von einer Kälten gegen mich, daß ich in ihrer Nähe völlig den Rheumatismus kriegen könnt'! Weißb. Paperlapap! — Was sich liebt, das neckt sich! Aber (sich umsehend) wo ist's denn? Sie hat g'sagt, sie wird gleich Nachkommen, und ist noch nicht da! — Sie wird doch die Feierlichkeit nicht versäumen? Adr.(traurig). Nein,nein, kommen wird's schon, aber sie hat nur nicht mit mir geh'n wollen! Weißb. Sie muß doch neben Dir st e h'n, damit ich Euch zwei mein'm Sohn gleich als a Brautpaar vorstellen kann; und während der Zeit, die er bier zubringt, muß noch eure Verlobung sein, oder 's Kreuzdonnerwetter - (Man hört von einiger Entfernung her zwei Pöllerschüsse. Er läßt in freudigem Schreck den Krug aus der Hand fallen ) Ha! habt's es gehört? Pöllerschuß! Signal! D'Eisenbahn halt — er steigt aus — er kommt — er kommt! Alle (in freudiger Bewegung aus ihren Reihen tretend und gegen den Hintergrund blickend). Er kommt! er kommt! Brack, (zu der in Unordnung gerathenen Schuljugend schreiend). Halt! halt! Steh'n geblieben! Weißb. (fast außer sich). Was? Steh'n- geblieben?! Das halten meine Füße nicht ans! — Entgegen! ihm entgegen! Alle! (Will fort.) Brack, (ihnzurückhaltend). Aber es heißt ja im Programm: an der Grenze des Ortes! Weißb. Nichts da! Mein'Freud' kennt keine Grenzen! Halt's mich nicht auf! ich Hab'heut'z'reden! Mir nach,wer mei'Freud' wirklich theilt! Er kommt! Juchhe! (Eilt seinen Hut schwenkend nach dem Hintergründe ab.) Knettm. und alle Uebrigen (eilen ihm, ebenfalls ihre Hüte schwenkend, in bunter Unordnung nach). Brack, (verzweifelnd die Hände ringend). Mein Programm! Meine Anordnungen! In meinem Leben werd' ich kein Festordner mehr! (Eilt den Uebrigen nach.) Adr. (allein zurückbleibend). D Rost wird sich mit'n Aufputzen verspät' haben — ich hol's — jetzt muß's doch mit mir geh'n! (Nach dem Vordergründe rechts ab.) Zweite Scene. Rob. (in einem abenteuerlichen Anzuge, einen breitkrämpigen Hut auf dem Kopse, in einem buntverschnürten Sammtrocke, eine rothe Schärpe um die Hüfte und eine Reitpeitsche in der Hand, kommt mehr im Vordergründe links heraus). Lied. Nimmt man das Leben wie man will, 's ist nie was Anders als a Spiel! Jed's Kind — a Nummer der Lotterie, Das Eine wird gezogen nie! Mit'm Andern, wo ste's nie gedacht, Hab'n d'Eltern oft ein Terno g'macht! . Und wachst der Bub heran zum Mann, Fangt er zu mariagen an, Doch wechselt dann die Karten sie. So wird oft d'raus a Tapp-Partie, Wo er, so viel's ihn auch verdrießt, Doch meistens nur der Strohmann ist! (Mit leichtsinniger Ausgelassenheit.) 3a! 's Leben ist ein Spiel, und 's kommt sellen darauf an, ob man die Spielregeln recht kennt, nur keck muß man dreingeh'n, und Glück muß man haben! Das Sprichwort sagt zwar: »Das Glück ist blind.« Aber das ist erlogen! Wenn's Glück wirklich blind wär', wie könnt's denn so Manchen jahrlang bei der Nasen herumführen, während es selbst sich vonNiemanden führen läßt! Nachher heißt's aber »ein Sprichwort — ein Wahr- wvrt!« und g'rad das Sprichwort ist selber eine Lüge, denn ein wahres Wort kann schon deswegen kein Sprichwort werden, weil man die Wahrheit am seltensten sprechen darf. Ist z.B. das wahr, 4 wenn man sagt: »Die Morgenstund' hat Gold im Mund'?« Sieht man nicht, daß just die Leut', die gezwungen sein, schon bei Sonnenaufgang an d'Arbeit z'geh'n, höchstens a paar Kupfergroschen verdienen, während so mancher Chef, der sich erst um elf Uhr aus den Federn macht, damit er von halb zwölf bis halb eins im Bureau die Zeitungen lesen kann, mit Gold bezahlt wird! Wie dumm ist das Sprichwort: »Ein Schelm, der mehr gibt, als er hat,« — soll's nicht vielmehr heißen: »Ein Schelm, der weniger gibt, als er kann?« — Ein anderes Sprichwort sagt: »UnrechtGut gedeiht nicht!« Lächerlich! woher kämen denn dann die dicken Bäuche der Lieferanten? Oder: »Wem der Himmel ein Amt gibt, dem gibt er auch Verstand.« Wie kommt's dann, daß die meisten jungen Männer, sobald's nur ein Amt haben, gleich an's Heiraten denken! Nein, nein, laßt's mich aus mit den Sprichwörtern, denn sie sein nichts, als die Weisheit der Dummköpfe; von allen Sprichwörtern hat sich nur Eins bewährt, das: »Ehrlichkeit währt am längsten,« denn wenn man die jetzige Welt betracht', so sieht man, daß die Ehrlichkeit schon am längsten gewährt hat! Natürlich! Ehrlichkeit ist weiblich — Weiber aber taugen zu großen Geschäften nicht, darum hat man die Ehrlichkeit pensionirt, und der Schwindel ist an ihre Stell' kommen! — Man red't jetzt so viel von Industrie — ja, ja! Die Industrie hat uns geadelt, d'rum gibts jetzt so viel Industrie-Ritter! — Man schämt sich fast schon, als einfacher bürgerlicher Kerl unter ihnen herumzugeh'n, und darum Hab' auch ich mir in diesem Orden die ersten Sporn verdient! Also hin zum Pharaotisch kühner Unternehmung, Alles eingesetzt! Ich ruf': »Va daa^us!« — Die Bank steht hoch, entweder spreng ich sie, oder-(sich rasch eines finsteren Gedankens entschlagend) Ah pah! Wer zuerst an die Gefahr denkt, sinkt nie! Ich denk' pur an's Gelingen! — Aber zuvor will ich mich ein wenig im Spiellocal und in der Spielg'sellschaft umschauen, ob nicht ein unheilbringender Kibitz in der Nähe ist! (Sieht sich ringsum, dann nach rechts blickend.) Ha! da kommen ein paar Eiugeborne — vielleicht dienen die mir, um mich etwas zu orientiren! Legen wir uns vor der Hand etwas in den Hinterhalt! (Zieht sich etwas zurück.) Dritte Scene. Robert (verborgen). Rosi, Adrian. Rosi (eilt zuerst vom Vordergründe rechts heraus, den ihr folgenden Adrian mit Widerwillen abwehrend). Laß mich! Laß mich! Adr. Aber Rosi! warum rennst denn so vor mir davon? Hab' ich denn gar so was Schreckliches an mir? — Ich bin ja so fromm wie a Lamperl! Rosi. Sag': wie «Schaf!— Das ist's eben! Und Du sollst mein Mann werden! Müßt' ich mich nicht schämen, wenn bei der Hochzeit der Pfarrer zu mir saget: »Er soll dein Herr sein!« (Spöttisch lachend auf Adrian weisend.) Der da — (mit Stolz) mein Herr! Adr. O Gott! Das ist ja nur so a Formel! — 's fallt' mir ja gar nicht ein, daß ich dein Herr werden wollt! imGegen- thcil, ich will dein Bedienter, dein Knecht sein, so lang' ich leb'! Rosi. So kannst meinetwegen zu mir in Dienst geh'n, aber ein' Knecht z'hei- raten, dazu ist die Müller-Rosi zu stolz! Adr. (kleinlaut). Jetzt kenn' ich mich schon gar nicht mehr aus! Als Herrn willst mich nicht, als Knecht auch nicht — was sollt' ich denn hernach werden? Rosi. Ein Mann! Adr. Aber das bin ich ja — auf Ehr'! Rosi. Ja, das hast bewiesen vor zwei Jahren! Adr. (nachdmkend). Vor zwei Jahren? Was war denn damals? Rosi. Die Stellung zum Militär! 5 Adr. Richtig! Ich war just in die Zwanzig — folglich militärpflichtig — ich weiß nicht, warnm's just die Zwanziger so gern nehmen? Aber g'nug — alle Burschen, die just in dem Alter waren, haben sich im G'meindehans zur Stellung einfinden müssen! Rosi. Und d'runter warst auch Du und der arme Halter-Tonl! Adr. Ja, und g'rad der Trott! hat das Glück, und zieht a Loos, was ihn frei g'macht hätt', und ich derwisch eins, wo's mich behalten hätten — aber ha, ha, ha! ich war g'scheit! Rosi. Sag', Du warst niederträchtig, hast die Einfältigkeit von dem armen Burschen benützt, und in der G'schwindig- keit die Loos vertauscht! So bist Du frei geblieben, und er ist assentirt worden! Adr. Um ihn war weniger schad'! — Was hat er denn g'habt, wie er noch bei uns war? — Er war a Waisenbub', den die G'meind' aus Barmherzigkeit aufg'futtert, und hernach zum Diehhüten verwend't hat, wo er auf der Hutweid' mit den Kälbern fraternisirt, und auch nicht mehr g'lernt hat als sie! Rosi. Er war doch glücklich in seiner Lag', und 's Scheiden ist ihm so schwer g'fallen! — Ich seh' ihn noch, wie er mit dem grünen Sträußel auf seiner Mützen zum letzten Mal bei mein' Fenster vorbei ist — er hat so schwermüthig zu mir hinauf- g'schaut, und vor Thränen nichts Anders herausbracht, als: »B'hüt Gott — auf immer!« (Mit wehmüthiger Erinnerung.) 3ch kann's nicht vergessen! Adr. (stutzend). Du! Dir geh'n die Augen über und mir geh'ns auf! War am End' der Halterbub' für Dich eine Weid — nämlich ein' Augenweid'? Rosi (sich beleidigt abwendend). Du bist ein -(Wieder mit Stolz.) 3ch und so ein Bursch'! — 3ch bedaure ihn und sonst nichts! Adr. Aber mich hätt'st nicht bedauert! — cs war damals schon d'Red' davon, daß bald a Krieg auöbrechen wird, was hätt'st denn gethan, wenn ich hernach so als Stelzfuß heimkommen wär', und um Dich ang'halten hätt'! Rosi. Dann — dann hätt' ich Dich g'nommen! Adr. Merkwürdig! Dreiviertel Mann wären ihr lieber als a ganzer! — Aber 's hätt's Leben auch kosten können, und das Leben ist mir ein zu werthvolles Angedenken von Vater und Mutter, als daß ich's so leichtsinnig auf's Spiel g'setzt hätt'! 3ch will überhaupt gar nichts vom Krieg wissen, mir war schon in der letzten Zeit das ewige Reden von Schlachten und die Schwärmerei für die Soldaten langweilig! 3ch frag': was Hab' ich davon, daß's so g raust haben? Rosi (erregt). Das hast Du davon, daß Du jetzt nicht mehr roth z'werden brauchst, wenn man Dich ein' Deutschen nennt. Adr. (ganz albern). 3 bin ja früher a nit roth worden. Rost (sich mit tiefster Verachtung von ihm abwendend). Auf die Red' Hab' ich kein' Antwort mehr. (Man hört zuerst von einiger Entfernung, dann immer näher kommend, Musik und lautes Divatrusen.) Adr. (aufhorchend). Ha! dein Bruder kommt — geh'n wir ihm miteinander entgegen! (Will ihre Hand fassen.) Rosi (ihn von sich drängend). Nein! Du bleibst da! Wenn Leut', wie Du, bei der Rückkehr von unseren Helden jubeln, so ist's nichts als Heuchelei! Bleib' da — schau' Dir mein' Bruder gut an, dann betracht' Dich selber im Spiegel, vielleicht wird's Dir doch klar, daß Du in unsere Familie nicht paßt! (Eilt rasch dem Hintergründe zu.) Adr. (ihr nacheilend). Aber Rosl! Rosl! laß' mich nicht dasteh'n wie a Nannerl! Nimm mich mit! (Läuft ihr nach.) Rob. (hervortretend). Man feiert hier die Rückkehr eines Helden! Am End' kommen mehrere Soldaten in's Ort. — Das wär' 6 für mich etwas störend — (m die Scene sehend) aber nein! Vor der Hand ist's nur Einer — mit dem werd' ich mich bald auf vertrauten Fuß stellen können — 's heißt nur die G'legenheit abwarten! (Tritt wieder zurück und mengt sich dann unter die übrigen Ortsbewohner.) Vierte Scene. Robert, Dorfmusiker, Bracker (mit den Schulkindern). Die Bursche und Mädchen. Jacob, Nanni. — Die Dorfmusiker (kommen, einen lustigen Marsch aufspielend, raschen Schrittes zuerst herein und stellen sich bei der Triumphpforte aus). Die Schulkinder (eilen bunt durcheinander gemengt ihnm nach). Die Bursche und Mädchen (folgen denselben, laut jubelnd). Chor der Schulkinder. Heil dem Helden tneses Krieges, Der mit Zeichen seines Sieges Zu der Heimat warmen Herd, Don den Seinen froh umschlungen, Und mit Kränzen reich umrungen, Heute ist zurückgekehrt! Rufet All' mit lauter Stimme: Heil dem Tapfern! Heil! Heil ihm! Fünfte Scene. (Während des Chors, welcher von dem lauten Iubelgeschrei der Lameraden übertönt wird, fährt rin Wagen, welcher von zwei mit Bändern und Blumen ausgeputzten Pferden gezogen wird, und in welchem Rudolf und Weißberger, sich umschlungen haltend, stehen, rasch vom Hintergründe durch die Triumphpsorte ein. Zu jeder Seite des Wagens reiten zwei festlich geschmückte Bauernbursche mit ihren Peitschen knallend — Rosi, Adrian, Knottmann,Stefsler— die übrigen Ortsbewohner eilen zunächst dem Wagen herein ) Die Mädchen (werfen, sobald der Wagen hält, ihre Blumensträuße in denselben). Rttd. (in der Uniform eines Feldwebels, die goldene Medaille an der Brust, noch vom Wagen herabsprechend). G'uug, liebe Landsleut'! Und schon mehr als z'viel! Dank Euch herzlich! Aber jetzt laßt's mich nur vom Wagen herunter, damit ich den Boden meiner Heimat wieder berühre! (Springt rasch vom Wagen, gerade Rofi in die Arme.) Rost! Schwester!! GrüßDich Gott, tausendmal! (Küßtfie und eilt dann mehr in den Vordergrund, sichtbar mächtig erregt.) Da bin ich wieder! (ZuWeiß- berger, der ebenfalls vom Wagen gestiegen ist.) Vater! wißt Ihr noch, das ist die Stell', bis zu der Ihr mich vor drei Jahren, wie ich zum Militär gangen bin, begleitet habt! Da habt's mich zum letzten Mal umarmt und g'segn't und dazu g'sagt: »Rudolf, 's ist dein eigner Willen, daß Du Soldat — wirst — in Gottes Namen! halt Dich brav und mach' uns keine Schand'!« — Das Hab' ich Euch damals versprochen, unser Herrgott hat mir g'helfen, daß ich mein Wort Hab' halten können! Er hat mich geschützt mitten in der Schlacht, er führt mich g'sund und mit dem Ehrenschmuck an der Brust wieder daher zurück, und darum commandir' ich mir jetzt selber: »Zum Gebet.« (Nimmt den Lzako ab und blickt voll inniger Andacht nach oben.) Alle Männer und Bursche (ziehen gleichsam unwillkürlich auch ihre Hüte ab). Rud- (nach einer Pause sich wieder bedeckend). So! — Er wird mich verstanden haben! Weißb. (mit hervorbrechenden Freudenthrä- uen). Und mich auch! mich auch! Rudolf! Laß Dich noch einmal recht anschauen! (Faßt Rudolf auf beiden Schultern.) Warta bißl! Ich seh noch nicht recht! 's ist bei mir inwendig so warm, da rinnt mir's Wasser über die Fenster! (Sich die Augen trocknend.) Aber nein! Solche Thränen soll man gar nicht trocknen — Thränen, die ein Vater aus Freud' über seinen Sohn weint! (Fällt Rudolf um den Hals.) Brack, (zu Weißberger tretend). Ja, es ist Ihnen Glück zu wünschen zu so einem Sohn, der brav ist in jeder Beziehung, denn mit 7 « Vergnügen Hab' ich wahrgenommen, daß er nicht, wie ich wohl befürchtet hatte, im wüsten Kriegsleben das Beten verlernt hat! Rud. (heiter zu Bracker). Ha, ha! Sie l aben das glaubt, Herr Schulmeister? Fehlgeschossen! 3m Krieg' lernt man's Beten erst recht! 3ch sag' Ihnen, wenn so vor einer Schlacht der Feldpatcr sein Segen über's ganze Regiment gibt, da zuckt's gar g'waltig durch alle Herzen, denn Alle füh- len's lebendig, daß schon im nächsten Augenblick Leben und Schicksal nur in der Hand Gottes liegt! und wenn dann nach einem Sieg sich Alle wieder sammeln, die Regimentsbanda vortritt, und das »Großer Gott wir loben Dich!« anstimmen, da Hab' ich oft g'sehm, wie den ältesten Soldaten 's Helle Wasser über die grauen Schnur- bärt' herabtropft ist! Ich mein, so ein' Andacht bringen die Leut' im Frieden gar nicht z'samm', und wenn's stundenlang im Hochamt sitzen, und die Opernsänger auf'n Chor noch so schön singen! Brack. Nun, jedes nach seiner Weise! Aber jetzt erlauben Sie, daß ich zuerst die festliche Anrede — (Zieht eine Schrift hervor.) Rud. (ablehnend). Ich dank!' — 's ist so viel, als ob ich's g'noffen hätt'! Nur keine einstudirten Förmlichkeiten! Wann's meine Landsleut' freut, daß ich glücklich heimkommen bin, so zeigen Sie mir's am besten, wenn's heut' recht ungenirt lustig sein! Weißb. Dafür ist gesorgt! (In die Scene rechts zeigend.) Dort auf der Wiesen ist der Tanzboden herg'richt! (Zu den Burschen und Mädchen.) Dorthin nehmt's die Musikanten mir, und tanzt's, daß der Staub davonstiegt! Die Bursche. Allons! Zum Tanz! (Wollen die Mädchen fortziehen.) Nanni (zu Rudolf). Aber Sie, Herr Feldwebel, kommen doch auch nach? Rud. Versteht sich, und mit einer jeden von Euch mach' ich ein' Tanz! (Zu den Burschen.) Wann 3hr nichts dagegen habt's! Iac. Fallt uns nicht ein! Sie können heut' tanzen, mit welcher s' wollen — 's ist uns ein Ehr'. (Zn den klebrigen.) Aber jetzt kommt's! Alle. 3uhe! Zur Musik! (Men mit dm Musikanten nach rechts ab.) Die Schulkinder (folgen ebenfalls). Weißb. Und für uns Hab' ich da Heraußen Tisch' -'stellt! — (Ruft gegen das Wirthshaus.) Aufgetragen! Einige Kellner (tragen zu beiden Seiten bereits gedeckte Tischt, Stühle und Bänke heraus). Weißb. Setzt Euch, Nachbarn, zum Essen! Zeigt's mein Sohn, daß auch Civi- listen sich auf's Einhauen versteh'n, und daß Ihr Euch auch nichts d'raus machl's, wann Einer oder der Andere ein klein' Hieb davontragt! Knettm. (auf einm Tisch im Vordergründe weisend, auf welchem ein großer Blumenstrauß steht). Wir setzen uns daher, der Rudolf obenan! Rud. Ah was! 's soll kein Oben- und kein Untenan geben! Ich setz' mich zu Vater und Schwester, das ist mein liebster Platz! Weißbcrger, Rudolf, Rosi, Knett« man, Adrian (setzen sich an den bezeichnten Tisch). Die übrigen Ortsbewohner (nehmen an den andern Tischen Platz). Rob. (während sich die klebrigen setzen, für sich). Jetzt ist die beste G'legenheit, mich bei Allen einzutegeln! (Winkt einem Kellner zu sich, und spricht leise mit ihm.) Brack, (zu Weißberger). Wenn der Herr Bürgermeister nicht ungütig nehmen, so möcht' ich wohl bitten, auch an Ihrem Tische Platz nehmen zu dürfen! Weißb. Nur her da zu uns! G'rad Sie, Herr Schulmeister, dürfen nicht fehlen. Mein Sohn repräsentirt den Nährst and, da muß also auch der Lebrstand vertreten sein, denn sein die drei Stand' freudig bei einand', dann ist Glück und Segen im Land'! 8 Rud. Ha, ha! Ihr habt da, vielleicht ohne d'ran zu denken, ein recht hübschen Toast ausgebracht! Weißb. So? War das ein Toast? Nachher sollten wir ja aber auch dazu trinken und anstoßen! — Also die Gläser zur Hand. Rud. Halt! halt! wo unser Einer dabei ist, muß der erste Trinkspruch auf wen ganz Andern ausgebracht werden! Ich bin überzeugt, daß Alle freudig einstimmen werden, wenn ich jetzt mein Glas erheb — (Steht mit dem Glase in der Hand aus.) Zwei Kellner (treten aus dem Wirths- hause, einer derselben trägt einm Korb mitLham- pagner-Bouteillen, der andere lange Stengelgläser auf einer Tasse und stellt letztere auf den Tisch). Alle (verwundert). Was ist das? Champagner? Weißb. Wer hat denn den bestellt? Rob. (vortretend). Ich Hab' mir die Freiheit genommen, die Batterie aufführen zu lassen, die bei den Toasten zugleich die nöthi- gen Salven geben soll! Rud. (steht Robert befremdend an). Wer ist denn der Herr? Rob. Ein Mann, der gern dabei ist, wo einem braven Soldaten zu Ehren ein Fest gegeben wird, der aber auch sein Theil dazu beitragen will! (Entkorkt während dieser Rede eine Bouteille, füllt ein Stengelglas und hält dieses Rudolf hin.) Nehmen's das Glas, Herr Feldwebel, das paßt besser zumG'sund- heit trinken! Rud. Ich danke, das Glas, mit dem ich mein erstes Lebehoch ausbringen will, darf kein solches schwindsüchtiges Stingel- glaö sein, es muß ein' soliden Boden haben, es darf auch nicht mit dem ausländischen Wein g'füllt sein, der mehr als d'Hälfte Schaum ist, sondern mit ein' guten, alten Oesterreicher, voll wie uns're Herzen, denn (sein Glas erhebend, zu dm Anwesenden) wir wollen trinken auf das Wohl des Kaisers von Oesterreich! Alle (sich freudig erhebend und mit den Gläsern anstoßend). Hoch unser Kaiser! hoch! hoch! Adrian (nachdem er auch getrunken). Ah! jetzt wär' ich in der Stimmung, über die Franzosen (auf die Champagner Bouteillen zeigend) herz'fallen, und ihnen die Hals z'brechen. Rud. (zu Robert). Zuerst müssen wir aber wissen, mit wem wir die Ehre haben? Rob. (hält Rudolfseine Hand hin). Mit einem Kriegskameraden! Rud. Wie? Sie sein Soldat? Rob. Ich war's — aber keiner von denen, die nur Soldaten werden, weil sie müssen, — ich Hab' schon als sechzehnjähriger Bursch Vater und Mutter verlassen, und bin mit den Freiwilligen nach Italien, Hab' den Krieg mitg'macht und in allen Schlachten mitg'fochten. Rud. (ihn etwas mißtrauisch bettachtend). Wirklich? Rob. Ja, und damit ich mich bei jeder Gelegenheit damit ausweisen kann, trag' ich meine Tapferkeitszeugniffe Tag und Nacht bei mir. (Den rechten Rockärmel aus- streisend und seinen nackten Arm aufweisend). Da schaut her! Weißb. (auf Roberts Arm blickend). Ah! die breiten Narben! Wo haben's die kriegt? Rob. In einer Bataille, wo ich ganz allein einen Obersten aus fünf feindlichen Reitern herausg'haut Hab'! Weißb. und Knettm. Allein? — Gegen Fünf? Rob. Ha! Solche Affairen haben immer den größten Spaß g'macht! Ich könnt' Euch noch mehr solche mit Säbelklingen geschriebene Atteste vorzeigen, aber — (Rudolf vertraulich auf die Schulter klopfend) nicht wahr, Camerad! Ihr versteht das Kriegshandwerk, und glaubt jetzt, daß ich ein tüchtiger Soldat war'! Rud. Hm! 's Dreinschlagen allein macht nicht den tüchtigen Soldaten aus! Aber warum sein's denn nicht beim Mili- Rob. Wie der Krieg ans war, ist unser Freiwilligencorps aufgelöst worden, man hat mich zwar gebeten, daß ich mich in eine reguläre Trupp' einreihen lassen soll, aber das Casernenleben im Frieden war' nicht nach meinem G'schmack, ich Hab' mich deshalb auf eine freie Kunst verlegt, bei der Kraft und Courage nie aus der Uebung kommen, und bin jetzt Principal bei einer Acrobaten-Gcsellschaft! Weißb. Einer Croaten-G'sellschaft? Rob. (verbessernd) Acrobaten — das sind Künstler — Rud. (etwas verächtlich). Sie sind also so eine Art Luftspriuger-Seiltänzer? Rob. Ja, ich lieb' den Stand, weil er mit G'fahr verbunden ist, ich setz' wohl alle Tag meine g'raden Glieder, ja mein Leben auf's Spiel, aber das thut der Soldat im Krieg auch (zu Rudolf) 's ist also kein Unterschied — nicht wahr — Camerad? Rud. (aufwallend). Mein Bester! Der Soldat setzt sein Leben auf's Spiel für sein' Kaiser, für sein Vaterland — Sie aber für ein paar Gulden —. Der Unterschied ist so groß, daß von einer Cameradschaft zwischen uns keine Rede sein kann! (Wendet sich von ihm ab.) Weißb. (sieht gegen die Scene links). Wer kommt denn da? — Ah — der Monsieur Jean, der Haushofmeister vom Baron, ob'n auf'n Schloß — was will denn der da? Sechste Scene. Vorige. Jean. Jean (kommt eilig vom Vordergründe links). Ah, da treff' ich ja noch Alle beisammen. (Zu Weißberger.) Guten Tag. Herr Bürgermeister! Weißb. Auch so viel! (Steht auf und hält Weißb. Was, mein Fleisch und Blut? Jean. Ihren Herrn Sohn nämlich! — Nh, da ist er ja! (Zu Rudolf.) Herr Feldwebel, meine Sendung betrifft Sie! Rud. Mich? Jean. Ja, mein gnädiger Herr, Baron von Mainsdorf, hat erfahren, daß Sie heute angekommen sind, und läßt Sie bitten, sich heute noch auf dem Schlosse vorzustellen. Weißb. tgeschmeichelt). Hörst! — Auf's Schloß — zum Herrn Baron, diese Ehr'— Rud. (mit einigem Stolze). Ra, ich bin wohl schon ganz ander'n Leuten vorgestellt worden — und — aufrichtig g'sagt, ich bab' nur auf einen Tag Urlaub, um meine Familie heimsuchen z'können — bei der möcht' ich also den Tag zubringcn — der Herr Baron wird mich also wohl entschuldigen. Jean. Aber es ist auch der Herr General von Steinimfeld auf dem Schlosse, und auf dessen Wunsch — Rud. (rasch ansstehend). Ah — ein Herr General — das ist etwas Ander's! — Melden Sie mich indeß, ich werd' mich gleich präsentiren! Jean. Schön! Schön! So empfehl' ich mich wieder. — (Will fort.) Weißb. Aber warum denn gar so eilig? Rasten's Ihnen a biß'l aus! — Jean. Ich—rasten? Ja, wcnn's möglich wär', aber vor einigen Tagen ist davon keine Rede — Sie wissen ja — Weißb. Ja, ja — ich Hab' g'hört — ein großes Fest auf dem Schloß — Jean. Ja, das fünfzigste Geburtsfest des Herrn Baron, es soll besonders pompös gefeiert werden — der ganze Adel aus der Nachbarschaft ist eingeladen und soll mit den mannigfaltigsten Vergnügungen und Spectakeln unterhalten werden! — In den Salons Ball — im Parke Feuerwerk und Fest-Aufzüge — das ganze Ar- ihm sein Glas hin.) 3st's vielleicht g'fällig? rangcment ruht auf meinen Schultern — Jean. Danke! Ich komme nicht wegen!und nun läßt mich eine der wichtigsten Ihrem Wein, sondern ich will Ihr Fleisch ^Personen im Stiche! und Blut! i Weißb. Wer ist das? 10 Jean. Ein gewisser Robert Schwenk, ein Mensch, der ein besonderes Geschick in der Stellung von Tableaur, in der Aufführung gymnastischer Productionen und pantomimischer Scenen haben soll — den wollte der Herr Baron sür das Parksest engagi- rcn — ich wandte mich brieflich an ihn, er sagte zu, schickte ihm Reisegeld nach Ungarn für ihn und seine Gesellschaft — vor zwei Tagen sollte er schon hier sein, und läßt nun von sich nichts sehen und hören! Er kommt am Ende gar nicht! 's ist sich nie zu verlassen auf derlei Sujets! Rob. (zu Jean tretrend). Sujet?! — Wie können Sie so bagatellmäßig von einem berühmten Künstler sprechen? Kennen Sie den Herrn Robert Schwenk? Jean. Nur parrenommtzo — persönlich nicht! Rob. (ausholend). Aber ans dem Schlosse wird ihn doch Jemand kennen? Jean. Keine Seele! Rob. (sich vergessend). Famos! (Rasch hinzusetzend.) Ich find' es nämlich famos, daß Sie, obwohl weder Sie noch ein Anderer ihn kennt, dennoch behaupten, daß er nicht da ist! Jean. Aber ich werd's doch am besten wissen — Rob. Ich am allerbesten! Jean, (verwundert). Sie? Wer sind Sie? Rob. (zieht einen Brief hervor und hält ihn Jean vor die Augen). Lesen Sie die Adresse — Jean, (aus den Brief sehend, überrascht). Meine eigene Handschrift — an Herrn »Robert Schwenk« — der Brief, den ich selbst an ihn geschrieben! Mein Herr! Sie sind doch nicht am Ende selbst—? Rob. (sich in die Brust werfend). Robert Schwenk, bekannt, so weit die deutschen und und noch andere Zungen reichen! Jean, (hoch erfreut). Also Sie — dennoch hier?! — Nun, Gott sei Dank! — Die Angst, welche ich schon Ihrethalben ausgestanden habe, aber (sich umsrhend) Sie sind allein? Wo haben Sie Ihre Leute? Rob. Die Hab' ich ans der letzten Station zurückgelassen, wo sie sich in Staat werfen, denn noch heut' Abend will ich an der Spitze meiner Truppe meinen feierlichen Einzug durch das Dorf und auf das Schloß halten! Jean. Charmant! Charmant! Das wird gleichsam ein Vorspiel zu den Festlichkeiten der nächsten Tage — aber jetzt eil' ich sogleich zurück und melde dem Herrn Baron, daß Sie hier sind, denn auch dieser war schon über Ihr Ausbleiben verstimmt! (Zu Allen.) Adieu allerseits! (Zu Rudolf.) Herr Feldwebel, kommen Sie bald nach! Ah — nun ist mir ein Stein von der Brust gefallen! (Eilt nach links ab.) Rob. (für sich). Mir auch! mir auch! Es geht! (Sich zur Gesellschaft wendend, mit Stolz.) Jetzt muß ich zu meiner Truppe! — Sie haben ja gehört, daß die ganze Herrschaft auf dem Schlosse fast vor Sehnsucht vergeht, mich zu sehen! (Mit einem Blick auf Rudolf.) Es gibt noch Leute, welche die Kunst zu schätzen wissen! Und gar die Aerobatik—das ist die Kunst aller Künste, um die uns selbst hochgestellte Personen beneiden müssen! Was gäb' mancher Staatsmann am Conferenztische darum, wenn er seine Balancirstange so halten könnt', daß durch diese Europa wieder in's Gleichg'wicht käm ? Oder ein Volksvertreter, wenn er auf dem Schlappseil der öffentlichen Meinung, wie unser Einer, ohne Schwindel bis zur höchsten Stell' hinanschreiten könnt'! — Wie froh wär' mancher Finanzminister, wenn er die Last der Staatsschulden so leicht heben könnt', wie mein Signor Ercole seine Centnergewichte? Diese Alle könnten bei mir in die Schule gehen, und deshalb kann es mich nicht al- leriren, wenn mir ein Herr Feldwebel die Cameradscbaft aufkündet! — ^äios, Oa- ftulsros! (Nickt herablassend mit dem Kopfe, und geht stolz nach dem Hintergründe ab.) Rud. (ihm nachsehend). Geh — aufgeblasener Prahlhanns! 11 Knettm. (zu Rudolf) Aber, daß Du ihn gar so abtrumpft hast — er war doch auch Soldat — seine Wunden — Rud. Wer weiß, wo und wie er die kriegt hat? — Uebrigeus ist zwischen einem abenteuernden Raufbold, den's immer nur dorthin zieht, wo's just d'runter und d'rüber hcrgeht, und einem echten Soldaten noch ein gewaltiger Unterschied! Mit ein Wort: Mir g'fallt der Bursch' nicht, und ch bin froh, daß ich den Wein, mit dem er uns hat tractiren wollen, nickt angerührt Hab'! Aber jetzt muß ich zum Herrn General — ick werd' wohl schnell wieder zurück sein — auf baldiges Wiedersehen also! — < Ab nach links.) Weißb. (ihm nachrufend). B'hüt Dich Gott, Rudolf! (Ihm mit dem Ausdrucke der innigsten Vaterfreude nachsehend, zu den klebrigen.) Ist das ein Mann word'n, mein Bub'! — Was?! — Der g'wiffe Stolz! Und wie's um ihn zugeht! Der Herr Baron laßt ihn einladen — der Herr General will ihn sehen! 's ist a völlig's G'riß um ihn! Wem Andern g'schehen denn leicht solche Ehren? Ha! s'gcht halt nichts über ein' Kriegsmann! — Mich freut's, daß er einer wor'n ist, und wann ich noch zehn Söhn' hätt', alle müßten's mir Soldaten werden! (Füllt sein Glas auf's Neue, und tritt mit demselben in die Mitte der Bühne.) Kommt's, Freund' und Nackbarn; stoßt jetzt mit mir an: Vivat der ganze Soldatenstand! Alle (mit ihm anstoßend). Vivat der Soldatenstand! Hoch! Siebente Scene. Vorige, Anton, Stramm, Horner, später die Bursche und Mädchen. — Jacob, Nanni. 'A nt. (in der Uniform eines Gefreiten). Stramm und Horner (als Gemeine eines anderen Regiments als das Rudolfs treten in voller Marschadjustirung vom Hintergrund links aus). Ant. (bleibt noch im Hintergründe stehen, commandirt). Halt! Bei Fuß! Die Gemeinen (gehorchen). Die Bauern (sich umsehend, erstaunt). Soldaten?! Ant. (vortretend). Wo treff'ich hier den Ortsvorstand? Weißb. (zu Anton). Der Bürgermeister bin ich! Was steht zu Diensten? Ant. Wir sind als Quartiermacher vor- ausg'schickt — in den nächsten Tagen folgt eine halbe Compagnie, die hier bequartirt werden muß! (Gibt Weißberger eine Schrift.) Die Bauern (unter einander murrend). O je! Schon wieder ein' Einquartirung! Jacob, Nanni, die Bursche und Mädchen (kommen während des Folgenden auch wieder zurück). Rosi (hat Anton schärfer in s Auge gefaßt, für sich). Mein Gott, seh ich denn recht? (Will etwas näher zu ihm treten.) Adr. (fix am Rocke zurückhaltend). Was hast denn auf einmal? Bleib' da! Einem Soldaten darf man nicht zu nahe treten! Weißb. (nachdem er die Schrift gelesen, verstimmt den Kops schüttelnd, leise zu Knettmann). Gleich a halbe Compagnie! Knettm. (leise zu Weißberger). Wieder so a Last für die G'meind'. Weißb. (leise, die Achseln zuckend). Dagegen laßt sich nichts thun! (Laut zu Anton.) Na — 's ist gut! (Zu Stefflcr.) Nachbar Steffler! Ihr seid's Quarticrmeister — sckafft's eure Anstalten! Steffl, (verdrießlich zu einigen Bauern). Mitten unter der Unterhaltung wieder ein Amtsg'schäft! (Laut zu Anton.) Na so kommt's halt glei' mit, daß ich Euch die Quartierzetteln ausstell' — (Geht ^voraus, dem Hintergründe zu.) Ant. (für sich), 's kennt mich kein Mensch mehr! (Laut zu Weißberger.) Adieu, Herr Bürgermeister! (Geht, nachdem er noch einen Blick auf Rost geworfen, zu den Gemeinen zurück.) Rosi (für sich). Die Stimm' — der jBlick! Ich muß mich überzeugen! 12 Ant. (commandirend). Schultert! Halb rechts! Marsch! (Sie gehen.) Rosi (ruft laut). Tonl! Ant. (erfreut, zuerst zu den Gemeinen). Halt! (Eilt vorwärts, herzlich.) Jungfer Rosi! Alle Anwesenden (erstaunt). Ja, was ist denn das? Rosi (zu Allen). Kennt's ihn denn nicht mehr? Der Halter-Tonl! Alle (aufs Neue erstaunt). Der Halter- Tonl! Ant. Ja, ich bin's! (Mit Rührung zu Rost.) Und daß g'rad' Sie mich zuerst erkannt haben, Jungfer Rosi! Ich kann Ihnen nicht sagen, wie mich das freut! Rosi (sich fast schämend und mit zurückwei- sendem Stolz). Ihr dürft's Euch das nicht anders auslegen, als daß ich mir halt die G'sichter besser merk', als die Andern! (Wendet sich ab.) Weißb. (zu Anton). Ick hätt' Euch meiner Seel' nicht erkennt! Ihr habt's jetzt a ganz and're Haltung — ein' and're Sprach' — Adr. Mein Gott, das kommt daher, weil er sich hat ein' Schnurbart wachsen lassen! Weißb. (zu Anton). Na, wie ist's Euch denn alleweil'gangen? — Wart's auch im Krieg? Ant. (verstimmt). Nein, mein Regiment ist in der Garnison geblieben! Weißb. (kühler). So! so! Adr. (leise zu Rost). Er hat'sPulver noch nicht g'rochen! Rosi (ärgerlich zu Adrian). UttdDu hast's nicht erfunden! Ant. (zu Weißberger). Wir wären Alle gern' mit in's Feld, aber was hilft's? Der Soldat muß dort bleiben, wohin er com- mandirt worden ist! Weißb. (wie oben). Freilich! freilich! Na — wenigstens sind's g'sund blieben! Wann's mit Eurer Bequartierung in Ordnung seids, kommt's wieder daher auf a Glasl Wein! — 's seids ja doch ein G'meind'kind — und mein Sohn, der Feldwebel mit der Medaille, ist auch da! Ant. Ja? — Nun, dann komm' ich! Auf Wiedersehen also! — B'hüt' Gott, Jungfer Roll! (Wieder zu den Gemeinen tretend.) Marsch! (Sie gehen mit Steffler nach rechts ab.) Rosi (sieht Anton nach), 's ist wirklich merkwürdig! — Er ist ganz ein And'rer — und schon G'fteiter! Adr. Na ja — er ist a G'fteiter — aber vergiß nicht, daß Du auch bereits eine Gefreite — eine von mir Gefreite bist! Rosi (sich von ihm abwendend). Ich Hab' Dir noch kein' Fahneneid g'schworen. Adr. (zu den andern Burschen). Daß die Madeln gleich die Augen stecken lassen, wann's nur ein' Uniform sehen, daS ist so ein' Unform! — Gebt's Acht, die Soldaten verdrahen ihnen noch^allen die Köpf'! Jac. Oho! Das wollten wir sehen! So lang d'Soldaten im Ort sein, führt Keiner von uns sei' Dirn zum Tanz — Die andern Bursche. Ja, ja — so halten wir's! Jac. (zu Nanni). Und wann ich seh', daß Du mit ein' speanzelst, so hau' ick Dich aus'n Salz, damit'st nicht vergißt, daß i ch dein Schatz bin! und jetzt — (zu den andern Burschen) kommt's, führen wir die WeibS- leut' heim! (Geht mit den übrigen Burschen und Mädchen nach rechts ab) Bracker und die übrigen Bauern (entfernen sich auch). Adr. (zu Rosi). Siehst! so discuriren die andern Burschen mit ihren Dirnen! wenn ich's mit Dir auch so machen wollt! Rosi (ihn über die Achseln ansehend). Na, so probier's halt einmal! KnettM. (zu Adrian und Rosi). Geht'S — geht's! streit's nicht allweil! Laßt's uns lieber von was G'scheitern reden! (Zu Weiß- berger.) Ihr habt's ja g'sagt, daß, sobctzd Euer Sohn da ist, unsere Familien-Ange- legenheit in Ordnung bracht werden soll — Adr. (zu Rosi). Hörst! Familien-Ange- legenheit! — das geht uns Zwei an! Wir 13 sollen eine Familie werden! Wenn nur dein Bruder schon vom Schloß z'ruck wär'! Rosi. Ja! Ich wünschet das auch schon! Adr. (erfteut). Ja? Kannst es auch schon nicht mehr erwarten? Rosi. Ja, ich kann's nicht mehr erwarten, daß er der G'schicht ein End' macht, denn er wird sich um mich annehmen, er wird nicht dulden, daß ich gezwungen werd'. — Weißb. Nicht dulden! Er! Er ist Soldat und weiß, was Subordination ist, er wird eine gegen die väterliche Autorität rebellirende Tochter nicht unterstützen! Rud olf's Stimme (noch hinter der Scene). Vater! Schwester! Rosi. Ha! da ist er! (Wendet sich gegen links, bleibt aber staunend stehen.) Was seh' ich? Achte Scene. Vorige. Rudolf. Rud. (in Lieutenants-Uniform, die goldene Medaille an der Brust und die Feldbinde von der linken Schulter nach der rechten Hüfte tragend, tritt in freudiger Aufregung von links auf). Da bin ich wieder! Jetzt seht mich an! Rosi. Rudolf — Du — Officier! Weißb. (seinen Augen kaum trauend). Du — Du — Off — Ossi — ein Sessel! ich muß Umfallen! (Taumelt zurück.) Rud. (rasch zu ihm eilend, heiter). Vaterl! faßt Euch doch! Weißb. (sich wieder auftaffrnd). Nein, nein! Hahaha! ich will mich gar nicht fassen — ich will närrisch werden vor Freud'! Mein Sohn! mein Rudolf — Of- sicier! (Die einzelnen Auszeichnungen betastend.) Gold'nes Porte-^e, gold'ner Stern, gold'ne Borden, gold'ne Rosen! O mein gold'ner Rudolf! (Umarmt ihn ungestüm, drängt ihn aber wieder von sich weg.) Geh' a bissel weiter weg von mir, sonst, meiner Seel! freß ich Dich vor lauter Lieb' mitsammt dem Ezako und Sabel! Hahaha! Ich Hab' ein' Officier zum Sohn! — (Stolz.) Ich! Rosi (zu Rudolf) Aber erzähl' doch, wie das so g'schwind kommen ist? Rud. O — das war schon Alles vorbereitet! Der Herr General hatt' von mir gehört, und wie ich jetzt zu ihm kommen bin, hat er mich zuerst über unfern Feldzug, über Scklachtenaufstellung u. s. w. befragt, und ich Hab' ihm Bescheid geben, so weit ich's können Hab', darauf sagt er: »Wollen Sie in mein Regiment übertreten, Herr Lieutenant?« — Ich seh' ihn ganz überrascht an — er aber fahrt gleich fort: »Ich habe schon das Nöthige veranlaßt — Sie sind von dieser Stunde an mein Adjutant, und damit Sie sogleich als solcher erscheinen können« — dabei macht er die Thür vom Nebenzimmer auf, wo diese ganz neue Uniform und der Säbel schon bereit gelegen sind, drängt mich hinein und sagt: »Werfen Sie sich rasch in Staat und dann kommen Sie mit mir zum Frühstück!« Weißb. Zum Frühstück? Das muß ein lieber Mann sein — dein General! Rud. Wir sind dann hinüber in den Salon — Weißb. (erstaunt). In den Salon?! (Zu den klebrigen) Hört's! mein Sohn! — Salon! (Mit Stolz.) Natürlich — Officier — (Zu Rudolf.) Red' weiter, Lieutenant. Rnd. Dort war der alte Baron und die Baronesse Clotilde — wie ich die gesehen Hab' — Weißb. Na, die hast Du ja schon kennt, bevor Du zum Militär bist — Rud. Freilich! aber damals war sie kaum 14 Jahre alt — ein halbes Kind — ich Hab' ihr oft, wenn sie an unfern Garten vorbeigegangen ist, einen Blumenstrauß über den Zaun gereicht — aber jetzt, Vater! wenn ihr sie jetzt sehet- Weißb. Na, jetzt ist's halt um drei Jahre älter! Rud. (begeistert). Kann man das älter werden nennen, was nur immer schöner 14 — strahlender wird? Ich war fast geblendet von ihrer Erscheinung, denn die Engel selber müßten froh sein, wenn's so ans- seh'n wie fiel — und sie, die Baroneff', hat mir zuerst gratulirt, und mir mit ihren eigenen schneeweißen Händen die Feldbinden umgebnnden! Weißb. (stutzend). Feldbinden umbnn- den? — Fangt da am End' ein' Bandlerei an? — Rudolf! Rud. Ja, Vater, ich gesteh' Euch's — mir war, als wenn mir ein Blitz in's Herz gefahren wär'l Weißb. (fast erschreckt). Herr Gott, hast denn kein' Blitzableiter aufg'steckt? Die Ba- roneff'! Die ist doch zu hoch! Rud. Wenn ich immer gedacht hätt' — »das ist zu hoch,« so hätt' ich nie eine Schanzen erstürmt! — Weißb. Aber die Baroneff' ist ja keine Düppler-Schanzen! Rud. Gleichviel: »Vorwärts!« heißt meine Losung! Ich bin zwar jetzt erst ein neugeback'ner Lieutenant — aber in ein paar Jahren soll der Stern (aus den Stern auf seinem Rockkragen zeigend) eine Borte zur Unterlag' kriegen, und wenn ich dann als Stabs officier — Weißb (von dem Gedanken säst schwindlich). Du — Stabsofficier?' — Die Baroneff' deine Braut? -(Aufgeregt.) Ja! sie muß Dich nehmen — sie muß! — ich thu's nicht anders! Ha! Ich komm' ein, daß Dir ein neuer Krieg bewilligt wird, damit Du g'schwinder avancirst — und dann bist Du ja nicht nur Officier, Du bist auch ein reicher Sohn — Du sollst anf- treten wie ein Cavalieri Brauchst Geld? Nur sagen- Rud. (lächelnd). Danke! danke! lieber Vater! Weißb. Was? ka Geld brauchen? Was wär'st Du denn für ein Officier! Gleich kommst mit mir, damit ich meine Unverbrennbare aufmach'! und deine Brieftaschen pollstopf'! Du bist einmal mein Stolz, Du sollst auch mein einziger Lurus sein! (Will ihn mit sich sortziehen.) Knettm. (ihm in dm Weg tretend). Aber Vetter, vergeßt nicht — Ihr habt ja g'sagt — daß Ihr, so lang der Rudolf da ist — Weißb. (verletzt). Der Rudolf! der Ru- . dolf! Könnt Ihr nicht sagen: »der Herr Lieutenant?« Rud. Macht keine Umstände! Aber wenn's etwas zu sprechen gibt, worüber Ihr meine Meinung hören wollt, so thut es heute, denn morgen muß ich den Herrn General nach der Stadt begleiten! Knettm. Na — 's betrifft die Rosi und den Adrian, die ein Paar werden sollen — Adr. Und noch mehr, als ein Paar, wenn wir nur erst verheiratet sein — Rud. Hm! Da Hab' nicht ich, sondern nur die Rosi zu reden! — Rosi (mit hervorbrechenden Thränen). Ja, wenn mich der Vater reden ließ'! Aber ick werd' ja gar nicht ang'hört! D'rum bitt' ich Dich — red' Du! — Rud. (zuckt die Achseln). Mein Gott! ich— Rosi (dringender). Denk' Dir, die Baroness' Clotild' sollt' an ein Menschen verheirat' werden, den sie nicht aussteh'n kann, und sie bittet Dich, sie von ihm zu befreien, was thäst Du? Rud. Ich? — Donnerwetter! Der Kerl müßte mir vor die Fuchtel! Rosi. So thu' das, was Du für die Baroneff' thun wollt'st, doch auch für dein' arme Schwester! Adr. (furchtsam zurückspringend). Fuchtel?! — Ich bin kein Soldat! ich fordere eine civile Behandlung! Rud. (zu Adriau). So sag' ich Dir auf gut bürgerlich: Ein Mann, der weiß, daß ihn ein Mädel nit leiden kann, und sie doch zur Frau begehrt, ist entweder ein schlechter oder ein dummer Kerl, und keinen von den Beiden möcht' ich meine Zustimmung geben! Knettm. (beleidigt). Zum Glück kommt's da, wo wir, die Väter, einig sein, auf deine Zustimmung nicht an! Weißb. (eine vornehmere Haltung annehmend). Bitte sehr! bitte sehr! Mein Herr Sohn hat mir so viele Freud' gemacht, daß auch ich nichts thun werd', was ihn verdrießen könnt'! — Ihr dürft also keine solche Sprache mit ihm führen! Knettm. (gereizter). Aber ich soll mein' Bub'n weh' thun lassen! Ich soll mich um mein Sohn nicht so gut annehmen, wie Jbr um den eurigen? Weißb. Es ist ein Unterschied zwischen Sohn und Sohn! Knettm. Ach was! Euer Sohn ist Lieutenant — allen Respect! aber mein Sohn- Weißb. Ist Jodel — verhalt sich also zu meinem Sohn g'rad so wie ein' Back- schüsscl zu einem gold'nen Portc-op^e! Knettm. Hört's! Ihr tragts auf einmal die Nasen g'waltig hoch! Weißb. Weil sie mir von heute an auch nach etwas Höherem steht! Verstanden? Knettm. Ihr thut's ja g'rad, als ob mein Sohn sich's zu einer ungeheuren Ehr' anrechnen müßt, in eure Familie hinein- z'heiraten! Weißb. Jedenfalls ist's für euren Sohn mehr Ehre, wenn er in unsre, als für meine Tochter, wenn sie in eure Familie hineinheirat' — sie findet in eurer Familie keinen Officier — da ist's Heiraten gar ka Freud'! Knettm. (herausplatzend). So laßt's eure Tochter a Soldatendirn werden! Weißb. (m höchster Entrüstung einen Satz zurückmachend 1. Soldaten — dirn — meine Tochter — die Officiersschwester! — Ich weiß nicht, was ich thu'! (Ballt die Fäuste) Rnd. (leise zu Weißberger). Kommt nicht in Zorn, lieber Vater! Laßt Euch nicht Hinreißen, Roheit mit Roheit zu erwidern! Weißb. (leise zu Rudolf). Hast Recht, Lieutenant! Er soll merken, daß ich einen Sohn Hab', der in die Salöne kommt! (Laut zu Knettmann.) Verdankt es meiner feineren Bildung, daß ich Euch auf eure Red' keine Grobheit sag' — Ihr ordinärer Taigpatzen! Knettm. (wüthend). Was? Ihr gebt mir Titeln? Weißb. Taxfrei! und somit Schluß der Debatte! Ich glaub', Ihr könnt' jetzt wissen, wie eure Angelegenheit steht! Knettm. So? Also aus? aus? Weißb. Aus! rein aus! Die Eonferenz geht auseinander! Rosi (eilt zu Weißbergrr). Vater, lieber Vater! Ihr wißt nicht, wie glücklich Ihr mich macht! Wie soll ich Euch danken? Weißb. Bedank' Dich bei dein' Bruder — was ich gethan Hab', Hab' ich aus Rücksicht für seine jetzige Stellung gethan, ich darf ihm jetzt keine ignoble Verwandtschaft anhängen — Du sollst auch etwas Vornehmeres erhalten. Adr. (boshaft). Ja, ein' Cavalier mit der Patrontaschen auf'm Buckel! Neunte Scene. Vorige. Anton. Ant. (kommt, ohne Feuergewehr, vom Hintergründe rechts, bleibt aber, die Anwesenden bemerkend, anfangs in einiger Entfernung stehen, dem Gespräche zuhörend). Weißb. (entrüstet zu Adrian). Schon wieder! Patrontaschen! Ha! auf was will der Bursch sticheln? Rosi(rasch zu Weißberger). Ich bitt'Euch, hört ihn gar nicht an — was der z'sammredt — Adr. Ist d'Wahrheit! (Zu Rost.) Ha! warum hast denn, seit dem der Toni fort war, alleweil g'seufzt und g'weint und — Ant. (freudig bewegt, für sich). Gott! was hör' ich? Weißb. Was? Der Tonl — der Halterbursch, der jetzt als G'freiter z'ruckkom- 16 men ist? (Zu Rudolf.) 3ch bitt' Dich — schlag' ihn — (auf Adrian zeigend) nieder, Du hast ein' Sabel! So eine Zumuthung! Rud. (blickt Rofi an). Rost! Was hast Du — Du wirst ja mit einem Mal über und über roth —? Rosi (fast weinend). Ans Zorn — Adr. Ja, 's gift's, daß ich ihr G'heim- niß verrathen Hab', sie ist bis über die Ohren verliebt in Toni — Ant. (kann sich nicht mehr beherrschen und eilt vorwärts, feuriger). Jungfer Rosi! Rosi (erschreckt). Um Gottes willen! er hat's g'hört — (Verhüllt ihre Augen mit der Schürze.) Wcißb. (Anton betrachtend). Alle Teufel — die Blick! (Zu Rudolf.) Ich bitt' Dich, commandire ihm: »Rechts g'schaut,« wenn mein' Tochter links steht — und: »Links g'schaut,« wenn sie reckts steht, dann kann er kein Aug' auf sie hab'n! Ant. Jungfer Rosi! Nur ein Wort! (Will zu ihr.) Rosi. Fort! fort! (Will entfliehen.) Rud. (hält Rofi an der Hand zurück, zu Anton laut). Halt! Ant. (sich befinnend, bleibt stehen und salu- tirt). Herr Lieutenant! Rud. (führt Rosi etwas bei Seite, leise zu ihr). Rosi! Hab' Vertrauen zu mir, sag' mir, ist wirklich der — (aus Anton zeigend) — Weißb. (ist Rudolf gefolgt, leise zu ihm). Nein, nein — es kann — es darf nicht sein! Du bist Officier — Du strebst nach einer Baronischen, und sie — deine Schwester — sollt' sich so weit vergessen, einem so gemeinen Menschen wie ein Gefreiter — Rud. (ernst zu Weißberger). Vater, vergeht nicht, daß auch ich zuerst das, was er jetzt ist, Hab' sein müssen! Weißb. Du warst im Krieg, das ist das rechte Klima für Soldaten — da schie- ßen's in d'Höh — aber so ein Soldat im Frieden — Rud. Verdient, wenn er ein braver Manu ist, dieselbe Achtung! (Sich wieder zu Rofi wendend, noch leiser.) Und, liebe Schwester! schäme Dich nicht — sag' mir — (Man hört plötzlich vom Hintergründe her eine lärmende türkische Musik.) Knettm., Adr., Weißb. (sichüberrascht umsehend). Was ist das? Adr. Ah! die Künstler halten ihren Einzug! Rosi (für sich). Gott sei Dank, ich bin von der Pein erlöst! (Macht sich von Rudolf los.) Laß mich schauen— ah da! da kommen's her — (Blickt gegen den Hintergrund.) Zehnte Scene. Vorige. Dorfbewohner beiderlei Geschlechts. Robert. Der Zug der Acrobaten- Gesellschaft. Eine Musikbande. Dorfb. (eilen von beiden Seiten des Vordergrundes neugierig herbei). R ob. (in einer rothen, mit Goldstickerei überladenen Uniform, sprengt mit noch Einigen seiner Bande, welche gleichfalls im phantastischen Kostüme find, zuerst zu Pferde vom Hintergründe hervor, sitzt in der Mitte der Bühne ab, und schreitet mit stolzer Haltung mehr vorwärts.) Aerob.-Gesellsch. (vorauseinecostumirtc Musikbande, dann Zigeuner in der Tracht von Arabern zu Pferde, zuletzt die übrigen Mitglieder, sämmtlich im buntschillernden Kostüme, einige klowns unter denselben kommen die Anhöhe herab und bewegen sich unter fortwährender Musik nach dem Vordergründe). Rud. (blickt Rofi kopfschüttelnd nach, dann zu Anton tretend, herzlich). Nun, hast Du mir nichts anzuvertrauen? Ant. (noch immer in militärischer Haltung). Herr Lieutenant! Rud. (lächelnd). Ah was! seh' jetzt in mir nicht den Lieutenant! (schnallt seinen Säbel ab und hängt ihn über die Lehne eines Stuhles), sondern deinen Spielkamerad auf der Haid und im Feld, der Dich herzlich grüßt! (Hält ihm die Hand hin.) Ant. (eioschlagend). Rudolf! Du bist so gut — 17 Weißb. (eS bemerkend, erstaunt). Aber Rudolf, ich begreif' Dich nicht! mit dem thust Du so cordial — und (auf Robert weisend, welcher indeß abgestiegen und näher gekommen ist) mit dem warst so grob! schau ihn nur jetzt an — die prächtige Uniform! Rud. Was prächtig! Eine Uniform soll ein Ehrenkleid sein, das wird sie aber nicht durch das, was darauf gestickt ist, sondern durch den, der darin steckt! Jetzt seht Euch nur zuerst all' die goldgestickten Hannswurst-Gewänder an, und dann (aus Antons Waffenrock zeigend) so ein' einfacher Waffenrock und sagt selber, welches Kleid verdient eher Ehrenkleid zu heißen? (Während dem ist der Zug ganz herabgekommen und hat sich in der Mitte der Bühne zu einer Gruppe formirt, deren Mittelpunkt Robert, in martialischer Haltung eine Fahne schwingend, bildet.) (Der Vorhang fällt) Zweiter Lot. (Zm Dorfe; — rechts ein niederes Haus mit der Aufschrift »Schulhaus», vor demselben ein Tisch und einige Stühle — links ein ärmliches Bauernhäuschen, aus dessen Dachluke eine Stange mit daranhängendem Tannenbüschel gesteckt ist; vor demselben ebenfalls ein Tisch mit zwei Bänken und einigen Stühlen, gegen rückwärts zu ein Gartenbeet mit Gemüse bepflanzt. Zm Hintergründe zwischen eingezäumten Gärten einzelne Bauernhäuser.) Erste Scene. Bracker. Elise. Elise (fleht mitten im Gemüsenbeete, sich mit dem Ausnehmen einiger Krautköpfe beschäftigend). TtzraUk-RqxUotrr dir. 14s, Brack, (tritt eben auS dem Schulhause, das Batzenserl unter dem Arm und an den Fingern Verse scandirend). Es versammeln sich die Gäste Zu dem hohen Geburtsfeste Elise (hört zu arbeiten auf, beide Arme in die Seite stemmend). Da hat man's! er denkt schon wieder an nichts, als an seine Reim'! (Vortretend.) Aber Sebastian! Brack. Ah, Schwester, guten Morgen! Elis. Guten Morgen? als wann unsereins jemals einen guten Morgen hätt'! Bei uns reimt sich auf »Morgen« nur »Sorgen*. Brack, (seufzend). Und Borgen! Elise. Ja, schuldig sein wir schon g'nug — aber von was zahlen, wenn Du ewig nichts thust, als Sylben zählen! Brack. Ein armer Dorfschullehrer hat leider nichts Anderes zu zählen! Elise. Daß wir z'Grund gehen müssen, das — kannst Dir auf den Fingern ab- zählen! Wie mein Mann gestorben ist, hast mir antragen, daß wir gemeinschaftliche Wirtschaft halten sollen — ich bin d'rauf eingangen, aber ich seh', daß d'Wirthschaft auch eingeht! Du verdienst nichts — ich kann mei klein's Weingartel nicht mehr ordentlich bearbeiten lassen, und d rum gibt's nur wenig und säuern Wein — seit acht Tagen Hab' ichausg'steckt — aber 's kommt ka Mensch — woher soll ich Steuer und Abgaben zahlen? Und dazu haben's mir jetzt noch ein Mann in's Quartier g'legt! — Ja, wohin denn mit der Welt? Brack. Ein alter Trostspruch sagt: »Verzage nicht, o frommer Christ, Bevor Du nicht gehangen bist.« und darum verzage auch Du nicht! Ich arbeite jetzt eben an einem Gelegenheitsgedichte! Elise. Was ist das? Brack. Nun, wenn ein armer Teufel eine Gelegenheit findet, für seine Verse ein paar Gulden zu verdienen, so nennt man das ein »Gelegenheitsgedicht«. Und so r 18 will ich denn heute noch zur Geburtsfeier des Herrn Barons ein Carmen verfassen — das gelingt mir aber in der Stube nicht — ich muß fort — Elise. Was? jetzt fort! 's werden ja gleich die Kinder in d'^chul kommen — Brack. Die mußt Du so lang' beschäftigen, bis ich zurückkomme! Elise. Was? ich? — die wilden Buben? — kann ich die g'wältigen? Brack, (ihr das Batzenserl reichend). Ich übergebe Dir hiermit das Abzeichen meiner höchsten Gewalt, die ultima ratio xaoäa- AOForum! — Ich kann nicht weilen — ich fühle — der Gott rührt sich in mir — ich muß dichten! (Zm Abgehen wieder scan- dirend.) Sieh', es nahen sich die Gaste Zu dem hohen rc. rc. (Ab.) Elise (will .ihn zurückhalten). Aber so bleib' doch — Bruder, hör ! — (Nachdem erfortist.) Er ist nickt zum derhalten! (Ihn imitirend.) »Der Gott rührt sich in mir!« ja 's wird schier der Hunger sein, der sich rührt! — Und ich soll kochen für ein' fremden Menschen, derweil wir selber nichts Recht's z'essen haben — arbeiten soll ich, und den Schulg'hilfen auch noch machen?! — (Wirst das Batzenserl heftig auf den Tisch.) Herrgott, lch Hab' schon ein' Grant in mir, daß ich d'Welt in Fransen zerreißen könnt! Zweite Scene. Elise. Anton. Stramm. Horner. Ant. (nur mit dem Seitengewehr bewaffnet, im Zwilchkittel, die Lagermütze auf dem Kopse, tritt aus dem Hintergründe rechts aus). Horner u. Stramm (ebenfalls im Zwilchkittel, ohne Waffen; elfterer einen Einkaufkorb am Arme tragend, folgen). Ant. (zu Elisen). Grüß'Gott — Hausfrau! Elise (unwillig). Auch soviel! (Kür sich.) Ach wollt', daß Euch alle — Ant. Wir haben just für unser Mittagessen gesorgt — Elise. Das brauch'ich nicht! (Mehr für sich.) Denn wenn ich so ein'Quartiersmann , seh', Hab' ich eh' schon g'geffen! Ant. (nimmt aus Horners Korb ein Stück rohes Fleisch und reicht es Elisen). Da ist meine Portion Rindfleisch — Elise. Noch ung'sotten! — (Für sich.) Solche Roheiten muß man hinnehmen! (Reißt Anton das Fleisch beinahe aus der Hand.) Gebt's den Brocken her! Horner (beleidigt). Na, hör' die Frau! Ant. (zu Horner leise). Laß't nur! Ich weiß eh', daß mich just nicht 's beste Quartier troffen hat — aber 's wird wohl nicht lang' dauern! Schaut's nur, daß Ihr auch mit eure Hausleut' gut d raus kommt's! und wann's in ein Wirthshaus gehen wollt's, kommt's daher, daß wir hübsch unter uns sein! Na, jetzt geht's nur! Horner u. Stram (ab nach links). Ant. (legt das Seitengewehr ab, zieht eine kurze Pfeife und einen Tabaksbeutel aus der Tasche, topit sich die Pfeife — dann sich umsehend). Liebe Hausfrau — habt's kein Feuerzeug bei der Hand? Elise (welche indeß einige Stücke Holz zusammengelesen und sich angeschickt hat, dieselben aus einem vor dem Hause befindlichen Hackstocke zu verkleinern, mürrisch). Ich Hab' meine Zünd- hölzl nicht für Euch! Schau! Was der nicht noch Alles wollt'! Ant. Na, mir steht's Bitten frei, und Euch's Versagen! (Sucht in den Taschen.) Hab' denn ich nicht?— Ah richtig! da Hab' ich ja mein Zeug! (Zieht Stein, Schwamm und Stahl hervor, schlägt sich Feuer und brennt die Pseise an.) Elise (hustend). Pfuh! — der Tabaks- g'stank! Ant. Ja, lieb's Frauerl! Kein' Knaster fassen wir halt nicht! Elise. Ich seh' aber gar nicht ein, zu was man sich so ein' Untugend ang'wöhnen muß! (Hat dabei eine Tabaksdose hervorgezogen und schnupft.) Ant. (lächelnd). Na! schmeckt Euch die Pries — scht's, so schmeckt mir halt mein Pfeiferl! Elise (das Holz klein machend). Ich Hab' ka Zeit, mit Euch z'discurir'n — ich Hab' z'arbeiten, und Ihr macht's mir noch mehr Arbeit! wegen Euch muß ich zum Kochen schauen — Ant. Aber das müßt's ja doch ohnedem für Euch selber! Elise. Ja— versteht sich! Glaubt's, wir Habens so gut, daß wir alle Tag a Rindfleisch haben könnten? — für uns brauchen d'Fasttag gar nicht im Kalender z'steh'n, die finden sich von selber — ein' Tag Erdäpfel, — am andern a paar Knödel — da bin ich mit der Kocherei bald fertig — aber für so ein' Herrn Soldaten muß ma a Supperl sieden — muß Zeit versäumen, — Holz verbrennen — Ant. Aber Ihr kriegt's doch dafür ein' Entschädigung. Elise. Na ja, die paar Kreuzer! die reichen kaum für's Salz, was man dazugeben muß, und d'rum sag' ich Euch gleich, bild'ts Euch ja nicht ein, daß ich Euch noch a Zuspeis zum Fleisch geb', oder was in d'Suppen, — ich thu' weiter nichts, als was mei verfluchte Schuldigkeit ist — ich Hab' Euch a ganz frisch's Bett g licht — Ant. Ja, ganz frisch. (Für sich.) Ich hab's g'spürt; das Bett muß erst frisch g'schottert worden sein! Elise. Und euer Fleisch sied'ich Euch! Punctum! Ant. Ich verlang' auch nicht mehr. (Für sich.) Das Weib hat halt selber nichts z'bei- ßen, und g'rad das macht's so bissig. — Aber ich bin noch überall gut daraus kommen, ich werd' doch die Alte auch noch heimlicher machen. (Näher zu Elise tretend, laut.) Schaut's, mir ist leid, daß ich Euch Ungelegenheiten machen muß. — Elise (noch immer verdrüßlich). Ich weiß's, daß Ihr nicht daran Schuld seid's - und — wenn ich noch jünger wär'; machet ich mir auch nichts daraus. — Ant. (für sich). Jetzt werd' ich's gleich haben! (Laut.) Na, na! in eurem Alter! wie alt könnt's denn sein? Elise (hört zu arbeiten auf). Na, wie hoch schätz'st mich denn? Ant. Na, ich denk', so a bißl über die Dreißig! Elise (freundlicher werdend). Jetzt geht's! foppen gilt nicht! Ant. (für sich). Ich hab's schon! (Laut.) Nein, nein, meiner Seel' und Gott! ich schwöret darauf, Ihr seid's über die Dreißig — (Für sich.) Aber wie weit d'rüber, das sag' ich nicht. Elise. Ich Hab' schon die Vierziger! — Ant. (sich erstaunt stellend). Die Vierziger? Davon sieht man in eurem G'sicht gar ka Spur! Elise (geschmeichelt). Na, erhalten Hab' ich mich schon, aber in die Kräften spür' ich's doch — und die viele Arbeit. (Will wieder zum Hackstock.) Ant. Wenn ich Euch helfen kann, recht gern ! (Will ihr die Axt aus der Hand nehmen.) Elise. Na, warum nicht gar! — Ihr werd'ts doch nicht — Ant. Ah was! wann man so auf'« Dorf im Quartier liegt, wird ein' die Zeit eh lang, und wann ich so ein' lieben Weiberl a Last abnehmen kann, bin ich glei dabei. (Nimmt die Axt und beginnt das Holz zu spalten.) Elise (für sich). Schau, ist erst a guter Bursch' — hat doch a Lebensart! (Ihm zusehend.) Und wie flink als ihm von der Hand geht! — (Laut, freundlich.) Na — ich geh' derweil in d'Kuchel — soll ich Euch a paar Erdäpfel in d Suppen geben oder a Happel Kraut? Ant. Was euer guter Willen ist, aber thut's Euch wegen mir nicht weh'. Elise (indem sie das klein gemachte Holz zusammenrafft). Ah, man hat auch ein Herz im Leib, und a Soldat ist ja auch a Mensch, und wann a Soldat noch dazu so a lieber Mensch ist — hi, hi, hi! meiner Treu, wann ich nicht so ein übertragenes Weih 8 * 20 war', könnt's g'scheh'ri, daß ich heut'd'Sup- pen versalzet! Ant. (m den Scherz eingehend). Und ich, wenn ich jetzt in Feindesland wär' — Elise. Na? Ant. So könnt's geschehen, daß ich von dem Recht des Eroberers Gebranch machet — (Thut, als ob er sie umarmen wollte.) Elise (sich ihm lachend entziehend). Geht's, geht's! Ihr seid's a rechter Vocativns! (Im Abgehen. für sich.) Schau! — mit dem wär' auch als Feind gut d'rausz'kommen! (Nickt ihm nochmals freundlich zu und geht dann in ihr Haus.) Ant. (allein). Ha, ha! Im Frieden muß man 's Kriegführen studieren, und so Hab' ich's — halt jetzt auch probirt, die alte Festung einz'nehmen! Na ja— man will doch nicht den ganzen Tag a z'widereS G'sicht sehen, und wegen der (gegen das Haus weisend) wurd' die Rost doch nicht eifersüchtig sein! (Sich gleichsam selbst verspottend.) Die Rost — eifersüchtig — auf mich! 's ist ein Unsinn, so was z'denkcn, aber — ich denk's halt doch,—'s thut ein'm in meiner Lage so wohl, wenn man sich selber foppen kann! — Ich könnt' den ganzen Tag so fortträumen, aber wozu führet's? (Sich ermannend.) Lieber an die Arbeit! Ich muß noch mei' Montur und Rüstung putzen — gestern bin ich nicht mehr dazukommen! Ich werd's da Heraußen thun, damit ich der Quartierfrau kein Staub in der Stuben mach'! (Ab ins HauS.) Dritte Scene. Hanns. Pcpi. Natzi. Mehrere andere Schulknaben. Gleich darauf Anton. Hanns,Pepi undNatzi (kommen, Bücher, Schreibtheken und Rechentafeln, theils unter dem Arm, theils in den Schultaschen tragend, lärmend, und sich unter einander balgend, vom Hintergründe rechts). Hanns (den Schreienden zurufend). Seid s stad! Wir sind schon beim Schul Haus! Pepi. Ah was! Ich hab'n Schulmeister noch d'raust auf'n Feldweg g'seh'n — die Katz' ist aus'm Haus! (Wirst sein Schulzeug muthwillig in die Höhe.) Iuhe! Alle Andern (ebenfalls jubelnd) Iuhe! Heut' ist ka Schul! Juchhe! (Springen umher.) Ant. (tritt wieder aus dem Hause, seinen Tornister in der einen, sein Gewehr und seinen Ezako in der andern Hand tragend, er legt Alles auf den Tisch). So, jetzt noch das Putzzeug. (Geht wieder in's Haus zurück.) Die Knaben (find bei Antons Erscheinen sogleich ruhig geworden, leise unter sich). 8l Soldat! Hanns (nachdem Antou wieder abgegangen) Dort hat er sein G'wehr hing'stellt. (Will zum Tische.) Pepi (ihn zurückhaltend). Nicht anrühren! — 's könnt losgeh'n! Hanns. Nein — nur amchau'n.(Schleicht sich zum Tische und besteht neugierig das Gewehr.) Tu, Pepi! wenn ich so a G'wehr hätt' — und so ein Ezako! (Nimmt den Ezako in die Hand.) Pepi. Laff'n liegen! Hanns. Na, der Ezako wird doch nicht losgeh'n? — Pcpi. Von ein Soldaten kann Alles losgeh'n! Hanns. Bist a Hasenfuß! — Da — schaut's mich an! (Setzt den Ezako aus.) Pcpi. Hahaha! Schaust g'rad so aus wie a Maus in ein Laib Käs! Ant. (tritt wieder aus dem Hause, Bürste und anderes Putzzeug in der Hand tragend, bleibt in der Thür stehen, und sieht lächelnd den Kindern zu). Hanns (zu Pepi). Ah! mein Kopf würd' schon in den Ezako hineinwachsen! (Nimmt sein Lineal statt eines Säbels.) Habt Acht! G'wehr aus! Pepi und Natzi (erblicken Anton, ängstlich zu Hanns). Er ist da! Hanns (sieht sich nach Anton um, erschreckt) Q mein Gott! (Legt schnell dev Ezako ab, und 21 will sich mit den andern Knaben auf die andere Seite flüchten.) Ant. (vorwärts kommend, gutmüthig). Na, na, Bub'n! fürcht's Euch nicht! Ich thu' Euch nichts! (Die Knaben halten sich noch immer scheu zurück.) Ant. Wer von Euch will a Stück! Com- mißbrod kosten? (Nimmt aus seinem Brotsacke einen halben Laib Brod und ein Messer, und beginnt Stücke abzuschneiden). Hanns (kommt zuerst etwas näher). Ich bitt'! Ant. Na da! (Gibt ihm ein Stück Brod.) Die andern Kinder (kommen ebenfalls näher). Bitt' ich! Ant. (schneidet ihnen ebenfalls Brod ab). Da nehmt's — schmeckt's Euch? Die Knaben. Ah ja! (Essen gierig.) Ant. (für sich). So ist der Mensch!Alles schmeckt ihm, so lange er es nicht essen muß!(Zu Natzi.) Sag'mir einmal,Kleiner, was willst denn Du einmal werden? Natzi. Nichts. — A nt. Aber von was willst Du denn leben? Natzi. Vom Geld! Ant. Aber wenn Du nichts bist, woher willst denn a Geld krieg'n? Natzi. Ich laß mich penstoniren! Ant. Hahaha! (Für sich.) Der Bub rcd't fast wie ein Alter. (Zu Pepi.) Na und Du! Lernst Du schon brav? Pepi. Nein! der Vater schickt mich nur in d'Schul, damit ich sitzen lern', wenn ich das kann, dann lern' ich erst lesen und schreiben! Ant. So! Ich mein, wann Du zuerst recht fest schreiben könnt'st, nachher findet fich's Sitzen vielleicht von selber! (Zu Hanns.) Na und Du, kleiner Blasengel, was möcht'st denn Du einmal werden? Hanns (couragirt). Ich — ich werd' a Soldat! Ant. Saperlot!—Na, jetzt kann Deutsch- land ruhig sein. — Laß Dich einmal an- schau'n! (Eommandirt.) Nicht Euch! Hanns (steht kerzengerade und zieht die Hände stramm an den Leib). Ant. Schau, schau! gar nicht übel! (Richtet ihn.) Nur noch den Kopf mehr in d'Höh', und die Brust heraus! — So! Jetzt pro- bir' einmal 's Marschiren! — Wann ich sag: »Marsch!« stell' den linken Fuß zuerst voraus. — Gib Acht! »Marsch!« Hanns (setzt den linken Fuß weit voraus, bleibt aber dann mit ausgespreizten Beinen stehen). Ant. Na —jetzt den rechten nach! Das links Auftreten bringt nichts vorwärts, wenn man rechts zurückbleibt! Also weiter: Eins — zwei — Eins — zwei — (Stellt sich neben Hanns und marschirt mit ihm.) So, 's geht ja! — Halt! Hanns (bleibt gerade stehen). Ant. Gut ist's g'gangen! Bist ja ein Mordkcrl! Hanns. O, wann ich nur ein G'wehr hätt'! Ant. A G'wehr — hm! — 's meinige ist Dir z'schwer, — aber (sieht sich um und erblickt einen am Hause lehnenden Ruthenbesen) ah da! (Nimmt den Besen und reicht ihn Hanns.) Da nimm! denk' Dir halt, es wär' a G'wehr! Hanns. Der Besen? Ant. Warum denn nicht? O, a guter Besen ist auch a Waffen, wenn man den recht gebrauchen wollt', könnt' man das Vaterland von einer Menge innerer Feinde befreien, gegen die man kein G'wehr anwendet, weil's eh' kein Schuß Pulver werth sein! (Zu Hanns.) Also halt ihn nur g'rad! (Zrigt es ihm.) Siehst — so! (Nimmt skin eigenes Gewehr zur Hand und stellt sich vor Hanns.) Mach' mir nur Alles nach! Jetzt sag' ich: »Präsentirt!« (Präsentirt sein Gewehr.) Eins — zwei! Präsentirt! Hanns (ahmt es ziemlich gut nach). Ant. Na, 's geht ja! (Richtet den Besen.) Nur mehr gerad', gibAcht! Nachdem »Präsentirt!« kommt »Sckultert« (zeigt es ihm) hast g'sehen? Hanns (sich nun selbst commandirend). Schultert! (Thut es genau nach dem Tempo.) Ant. (erfreut). Famos! —Kleiner Kra- vat! Du bist ja ein lieber Kerl! (Hebt ihn 22 ans und küßt ihn, dann für sich.) Herr Gott, wenn ich so ein Bub'n hätt'; der mir g'höret! — aber nein — für mich allein wollt' ich ihn nicht haben, mir und der Rosi sollt' er miteinander g'hören! Hanns (bittend). Noch ererlieren! Die andern Knaben (den Anton ebenfalls umdröngend). Wir auch! - wir auch! Bitt' — a G'wehr! Ant. (für sich). Jetzt wollen's auf einmal Alle G'wehr haben! — Und's ist halt mit derVolksbewaffnung so a Sach!— Aber sie wollen's ja nur zur Spielerei — und ich kann den klein' Kerls nichts ab- schlagen! (Laut zu den Knaben.) Na — gut; Ihr sollt's Soldatenspielen dürfen, aber schön ruhig müßt's hernach sein! Alle Knaben. Ja, ja, wir werden brav sein! Ant. So stellt's Euch vor der Hand in in Reih und Glied. (Ordnet sie in zwei Reihen.) Den da (aus Hanns weisend) — der ist schon ein gedienter Mann, den mach' ich zu Eurem Feldwebel! (Stellt ihn an die Spitze.) So! und jetzt, Cameraden! marschiren wir dorthin (nach rechts weisend) zum Bach — dort Hab' ich Haselstauden g'sehen, aus denen will ich für Euch Alle Stecken schneiden! Die Knaben. Stecken kriegen wir! Juhe! Ant. Ruhig in der Front! Acht geben auf's Commando! — Halb rechts! Die Knaben (wenden sich zum Theile noch ungeschickt). Ant. (sie drehend). Da ist rechts! So! Jetzt Alle z'gleich links auftreten! Die Knaben (marschiren in gleichem Schritte nach rechts ab.) Ant. (während die Kinder an ihm vorüber- grhen, für fich). Ich bin im Grund a recht a närrischer Kerl — spiel' da mit den klein'n Bub'n, als ob ich selber noch einer war'! Ah was! ich denk', der taugt nicht, Kindern was z'lehren, der nicht mitunter selber zum Kind — werden kann! (Legt den Tornister und Lzako wieder bei der Thür in das Haus hinein und folgt dann dm Kindern.) Vierte Scene. Adrian. Jacob. Mehrere Bauernbursche. Robert. Dann Elise. Adr. (dem man es ansieht, daß er bereits vom Weingenusse aufgeregt ist. kommt mit Jacob und den andern Burschen vom Hintergründe links). Jetzt geh'n wir daher! — Bei allen andern Stangenwirthen im Ort war ich schon, Hab' überall mein Leid vertrinken wollen— 's greift nichts an!— Aber da — (aus das Bauernhaus zeigend) da schenken's ein echten Darmreißer — vielleicht beißt mir der mei' unsinnlge Lieb' aus'm Herz heraus! — Kommt's! setzen wir uns! (Setzt sich auf eine Bank an dem Tisch vor dem Bauernhause.) Jacob und die Bursche (setzen sich). A d r. (schlägt auf den Tisch und ruft). Heda! Wein h'raus! (Zu Robert.) Na, Herr Principal! setzen's Ihnen nit zu uns? Rob. (welcher mit den Burschen gekommen, aber etwas abseits, sie beobachtend, stehen geblieben ist). Werd' gleich die Ehr' haben. (Für sich.) Es sein Soldaten im Ort — sollen noch mehr kommen — darum heißt's auf die Stimmung im Volk so eiuwirken, daß cs mit der bewaffneten Macht keine Alliance schließt! Fünfte Scene. Vorige. Elise. Elise (tritt mit mehreren Krügen aus dem Hause, für fich). Ja, heut' sein gar Gast' da! (Setzt die Krüge auf den Tisch.) So — da ist der Wein! wann's noch was braucht's, klopft's nur an's Fenster — ich Hab' heut' viel in der Küchel z'thun — Adr. So! gibt d'Frau vielleicht heut' große Tafel? Elise. Ja, bei uns tafelt sich was! — aber 'S liegt ja der G'freite bei mir im Quartier! Adr. (vom Sitze auffahrend). Der G'freite — der Tonl? — Rob. Ar sich). Ah! das gibt ein' ganz guten Anknüpfungspunkt! (Geht zum Tische und setzt sich ebenfalls, laut zu Elise.) Na, laß sich d'Frau nicht aufhalten! So ein gnädiger Herr Soldat will tractirt sein — brat's — backt'S — Elise. Ich wußt' nicht, mit was? Ich Hab' nicht einmal a Stücke! Schmalz z'Haus! Rob. Wasbraucht'sButterund Schmalz, wir können's ja auf a andere Art tractiren. Warum sollt'sJhr dieHerrn Soldaten nicht auszeichnen, wenn's bei Euch im Quartier liegen? Freilich fischcn's Euch dafür eure Madeln weg — Adr. Wahr ist's — hol' mich der Teufel! Wahr ist's! O Rosel — Mosel! Rob. O Rosel - Rosel! Ist das Alles? — Weinen könnt's wie ein kleiner Bub', aber sich wehren wie ein Mann, das ver- stehr's nicht. — Adr. Was? Ich war' kein Mann? — Ich will mich wehren, um d'Rosel rauf' ich mit'n Teufel. Rob. Ja versteht sich mit'm Teufel, aber nicht mit ein' Soldaten; Ihr guscht's Euch ja Alle, wann's ein Bajonett blitzen scht's. Jac. I nit! — mein Lebtag nicht! Die Uebrigen. Und wir a nit! — wir a nit! (Erheben sich tumultuarisch.) Ha! uns soll einer kommen. Jac. (firht in die Scene rechts). Ha! — da kommt Einer! Adr. (auffahrend). Wo? — wo? (Ebenfalls hinsehend). Ha! er ist's — der Tonl! (Zu den Burschen.) Buam! — Ich bin jetzt in einer Rage, daß ich ruhig zuschauen könnt', wenn den einer ordentlich durch- walket. Rob. Ha! schaden könnt's nicht, wann Ihr zeiget, daß Euch vor sein Bratspieß nicht fürcht's! Alle Bursche. Ja, ja — das wollen wir dem Soldaten zeigen. Jac. (zu den klebrigen). Ha! 's braucht nur ein' Anlaß! (Zu Adrian.) Weißt was, Du mußt mit ihm anhandeln — Adr. Ja, das will ich schon — aber wann's zu was kommt — Jac. Nachher sein wir da — Alle für Ein'! Adr. Nachher ist's recht! — da stell' ich mein' Mann! O, 's muß heut' noch zu ein' festen G'rauf kommen! Laßt's mich nur machen! (Sieht den Kameraden entgegen.) Rob. (für sich). D'Kohlen Hab' ich in d'Glut bracht — jetzt braucht's nur ein' Luftzug und d'Flammen schlagen in d'Höh'. — Aber ich will nicht dabei g'sehen werden! (Zieht sich unbemerkt in den Hintergrund zurück.) Elise (ängstlich, für sich). Gott! — das gibt am End' a Spectakel da vor mein' Haus — ich muß nur schauen, daß ich's von einander halt! (Geht Anton entgegen ) Sechste Scene. Vorige. Anton, dann Stramm, Horner. Aut. (kommt vom Hintergründe rechts, noch in die Scene sehend). So — jetzt sollen's derweil allein manövriren — ich Hab' noch nicht g'frühstückt! (Erblickt Elisen, zu dieser.) Ah, Hausfrau, bringt's mir ein' Pfiff Wein — versteht sich für Geld und gut's Wort! Elise (ängstlich, leise). Ja, ja — aber wollt's es nicht lieber in der Stub'n trinken — denn seht's — da — die Burschen — sie sein heut' so streitig. Ant. Pah! pah! Ich Hab' ja kein' was in Weg g'lcgt und vertrag' mich mit der ganzen Welt gur. — Elise (immer ängstlicher). Nein schaut s! thut's es mir z'Lieb'! — Setzt's Euch wenigstens daher — (Aus den Tisch vor dem Schulhause weisend.) 24 A nt. Na, wann Euch a G'fallen damit g'schiebt — mir ist's all's ein's — und (in die Scene links sehend) da kommen just meine Leut' auch, da hätten wir d'rüben eh kein Platz — bringt's für die auch gleich was z'trinken! (Setzt sich und lehnt sein Gewehr neben sich.) Elise (im Abgehen für sich). O Himmel! wann nur beut' schon Feierabend war' — mir ist angst und bang! (Geht in ihr Haus ab.) S tra mm und H or n er (nur mit Seitengewehren bewaffnet, kommen von links). Ant. (sie zu sich winkend). Kommt s her da! ang'schafft Hab' ich schon! Horner und Stramm (setzen sich zu ihm). Zac. Na, warum setzen sich denn die Herr'n Soldaten nicht zu uns? Sein wir Ihnen vielleicht z'schleckt? Was? Ant. (ganz ruhig). Ihr seid ja Eurer g'nug an Ein Tisch — und der (auf seinen Tisch weisend) war leer! Elise (kommt mit Gläsern und stellt sie auf Antons Tisch). Ant. Wart's! Ich zahl' gleich! (Gibt ihr Geld.) Elise (wieder besorgt auf die Bursche sehend). Gott! was die für Blick' herüberwerfen! 's kommt richtig zu was! Ich schau, daß ich in mein Haus kpmm' und sperre die Thür zu — (Eilt rasch in ihr Haus und macht die Thür hinter sich zu.) Iac. (leise zu Adrian). Na, — Du hast ja g'sagt, Du wirst anhandeln — so thu's, wannst Courage hast! Adr. (leise). Glei, — glei! — Ich weiß's schon wie! (Steht auf, steckt beide Hände in die Taschen seines Beinkleides, und tritt mit herausforderndem Wesen zu Anton.) Na, was ist's denn, Tonl, darf man schon gratuliren? Ist dei Sach' mit der Müller-Rosel schon in Ordnung? Ant. (auffahrend). Adrian! — (Sich schnell mäßigend.) Red' mit mir von was Du willst, aber laß' den Namen von ein' braven Mäd'l aus'm Spiel! Adr. Brav's Mädel? Hahaha! Ich hör', sie geht mit Dir als Marketenderin — Ant. (mit mühsam zurückgehaltenem Zorn). Geh' zu deiner G'sellschaft z'ruck, ich bitt' Dich! — Adr. (bei dem man die Trunkenheit bereits merkt). Ah! — 's ist wohl a Keckheit, daß ich mich untersteh', mit dem gnädigen Herrn G'freiten. (Macht einen plumpen Kratzfuß.) Bitt' um Verzeihung — ich Hab' nicht g'wußt, daß Ew. Gnaden schon vergessen haben, daß einmal bei uns 's Vieh aus- trieben haben! Stramm. Na, alles Vieh scheint er aus dem Ort nicht ausgetrieben zu haben! Ant. (zum Stramm leise). Sei ruhig. Du siehst, in was für ein Zustand er ist! (Wendet Adrian den Rücken zu und spricht mit Stramm fort.) Adr. Er — er kehrt mir d'awige Seiten zu? — Impertinent! (Zu Anton.) Mich anschauen, wann ich mit Dir red' — (Will Anton an der Schulter gegen sich kehren.) Horn, (aufspringend und Adrian wegdrän- gend). Nicht anrühren! rath' ich Dir! Adr. (zurücktaumelnd und schreiend). Was? Stößen?— Mich stößen? Iac. (leise zu den Burschen). Jetzt geht's los! (Springt vom Sitze auf und eilt zu den Soldaten.) Was gibt's da? Was ist Euch nicht recht? Die Bursche (folgen ihm). Ja — das wollen wir wissen! Stramm. Daß Ihr Eure Betrunkenen nicht bei Euch behalt's! Iac. (aufbrausend). Wer von uns ist betrunken? Wer? (Zu den Burschen ) Hört's! — Sie schimpfen ein' aus unserer G'sellschaft! Leiden wir das? Die Bursche. Nein—das lassen! . wir nicht auf uns sitzen. Adr. (hat sich schnell hinter die anderen!^ retirirt). Sarfarion! I Iac. (zu den Soldaten). Solche Spa- tzenschreckcr fürchten wir noch lang nicht! 25 ^stramm und Horner (von ihren Sitzen auffahrend und nach ihren Seitengewehren greifend) Himmclkreuzdonnerwetter! Die Bursche. Was? d'Bajonetten? Schlagt's mit die Stühl' und Krügel drein! i Einige langen nach Stühle und Krügen.) Siebente Scene. Porige. — Rudolf. Rud. (erscheint ganz im Hintergründe). Aut. (mit starker Stimme zu Stramm und t Horner). Halt! Ihr geht alle Zwei in Euer Quartier. > Stramm. Herr G'freiter — Aut. Ich befehls — ich bin jetzt Euer Commandant! Keiner von Euch untersteh' sich, sein Haus früher wieder zu verlassen, als bis ich's erlaub' — Horn. Aber- Ant. (strenge). Subordination! Halb links — Marsch! Stramm — Horner (richten sich militärisch, salutiren und gehen nach links ab). Jacob, die Bursche (über Antons Haltung stutzend, unter sich). Er schickt die Andern fort? Ant. (sein Gewehr zur Hand nehmend), Und Ihr hört mich an! Wann ich jetzt meine Leut' nicht z'rückg'halten hält', wir hätten Euch, so wahr Gott im Himmel ist, mit blutigen Schädeln heimg'schickt — aber ich Hab' Befehl, jeden Eonflict zwischen den Soldaten und der Einwohnerschaft zu ver- j hindern, — deshalb Hab' ich die G'meinen fortgcschickt — nnd steh' allein da,— greift mich jetzt an, — dann bin ich im Fall der Nothwehr und (sein Gewehr zum Ausfälle bereit haltend) werd' mich wehren, > wie man sich gegen ein' Räuberanfall wehren muß. > Adr. (verkriecht sich hinter den Tisch ängstlich). Er schießt! > Iac. (etwas verdutzt). Ra — na — so ! war's ja nicht g'meint- Ant. (wieder gemäßigter). Das will ich glauben — ich kenn' meine Landsleut!' — Wann ihre Köpf' erhitzt sein, können's wohl ein' tollen, aber niemals einen schlechten Streich ausführen, d'rum will ich auch den ganzen Austritt vergessen! (Mit dem Kopse nickend, und sein Gewehr schulternd.) B'hul Gott! (Geht nach dem Hintergründe zu — dort Rudolf erblickend und sich richtend.) Herr Lieutenant! Rud. (leise zu ihm). Bleib'! (Geht weiter vorwärts.) Iac. (ohne Rudolf zu bemerken, etwas beschämt zu den Burschen) Wir haben ihm doch nicht ankönnen! Adr. Ai! weil er sich nicht z'raufen traut hat, hat er schöne Wort' g'redt — das ist's Ganze, was er beim Militär g'lernt hat! Rud. (ganz vortretend). Er hat nach dem Befehl gestandet, den ihm sein Vorgesetzter gegeben hat, und hat also, während seinerDienstzeitdas gelernt, was so mancher in jahrelangen Universitätsstudium nicht lernt — er hat gehorchen gelernt! — Nehmt Euch an ihm ein Beispiel! Und jetzt — geht! Jacob, Adrian — die Bursche (ziehen ganz kleinlaut ihre Hüte ab, und entfernen sich nach dem Hintergründe). Rud. (zu Anton). Du hast Dich ganz g'scheit benommen! Halt Dich nur eben so bei dem Auftrag, den ich Dir jetzt er- theil! Hör' mich an! Der Baron will an den Festlichkeiten, die während der nächsten Tage im Schloßpark stattfinden, die Bewohner aus der ganzen Ortschaft theil- nehmen lassen, — schon jetzt ist der Eintritt allen gestattet. — Die Neugierde treibt eine bunte Menge hinein — deshalb ist eine gewisse Ueberwackung noth- wendig; darum wirst Tu mit deinen Leuten noch heut' im herrschaftlichen Wirth- schaftsgebäude bequartirt. Es soll aber der Anschein vermieden werden, als ob Ihr als Wache dort wäret. — Du wirst also nur in dem Fall', wenn mein Vater, als 26 Ortsvorstand, Dich dazu auffordert, mit deinen Leuten dienstlich anstreten. Ant. (noch immer in militärischer Haltung, doch nicht im Stande seine Empfindungen zu verbergen). Also der Herr Bürgermeister wird auch im Schloß sein, und — und- R u d. (Anton in s Auge fassend). Ja er — und meine Schwester, wollen auch die Festlichkeiten mit ansehen. — Ant. (höchst erfreut, für sich). O Gott! sie auch? R u d. Aber jetzt laß'uns ein vertrauliches Wort mit einander reden. Ant. (im ungezwungenem Tone). Was hast Tu mir also zu sagen? Rud. Eine ernste Frag' Hab' ich an Dich zu stellen, obwohl ich die Antwort beinah' im Voraus weiß! (Seine Hand auf Antons Schulter legend, beinahe mitleidig.) Aufrichtig! Du bist in meine Schwester verliebt? Ant. Unbändig! (Wieder niedergeschlagen.) Mach' mich jetzt aus, oder lach' mich aus. Rud. Ich thu' kein's von beiden — im Gcgentheil' — ich sag' Dir, 's kommt mir fast so vor, als ob sie Dir auch gut war'! Ant. (entzückt). Was! — Wirklich? — O Rudolf! wie selig machst Du mich durch die Mittheilung! — Aber (Rudolf befremdet ansehend) Du schaust so ernsthaft d'rein — bist Du vielleicht dagegen? Rud. Ich bin nicht gegen eine treue und ehrliche Lieb' — aber Toni! hör' mich an! Ich muß heute noch mit dem General fort — Du bleibst im Schloß' und meine Schwester wird auch öfter dort zu thun haben — Du könntest Gelegenheit finden, mit ihr allein zusammen zu kommen. Ant. (freudig). Glaubst wirklich? — Rud. Das soll und darf aber nicht sein! denn die Gelegenheit macht wohl oft einen Helden, aber sie macht auch Diebe! Aut. Rudolf! Was denkst Du von mir? R u d. Daß Du ein Mensch — noch dazu ein verliebter Mensch bist, und daß der Teufel immer Teufel bleibt — darum versprich mir mit Handschlag und Ehrenwort, daß Du jede Gelegenheit vermeiden willst, mit meiner Schwester allein zusammen zu kommen — (Hält ihm die Hand hin.) Ant. (zögert). Du verlangst?- Rnd. Du b'sinnst Dich? (Schnallt rasch wieder seinen Säbel um; im dienstlichen Tone ) So frag' ich Dich, Gefreiter, als Vorgesetzter, was ist die erste Pflicht eines Soldaten? Ant. (sich schnell ebenfalls militärisch richtend). Das Vaterland gegen äußere und innere Feinde zu vertheidigen — Leben und Eigenthum seiner Mitbürger zu schützen — Rud. Recht so! Was ist aber das kost- barste Eigenthum des Bürgers? Sein häus- ^ licher Frieden — seine Ehre! Die muß der ^ echte Soldat schützen auch gegen seine ei- ! genen Begierden. (Sich etwas abwendeud.) Ich - bab' geglaubt, Du bist schon ein echter ^ Soldat! Ant. (überwältigt). Ja, ja — ich bin's! Ich will's auch sein! (Faßt Rudolfs Hand — mit seiner linken, während er seine rechte wie zum Schwure erhebt.) Und darum schwöre ich, mich so zu halten, wie Du verlangt hast. Rud. (wiederherzlich). Bravo! Das Hab' ich von Dir erwartet! Ich seh', beim Militär bist Du erst ein rechter Mann geworden — sag' mir, hast Du Dich denn so leicht in Alles hineingefunden? A n t. Ach, 's ist nicht so schnell 'gangen! Ich bin mir im Anfang so unglückselig Vorkommen — weg von meine Wiesen — weg von dem Ort, wo ich zwar keineDerwandte, aber doch lauter Bekannte g'habt Hab' — mitten unter fremden Leuten, und noch dazu als ein so dummer Kerl, wie ich dazumal noch war. — Ich Hab' ja dahier im Ort gar nie ein' Unterricht g'noffen, denn die hiesige Gemeinde hat glaubt, sie thut für ein' armen Waisenbuben g'nug, wenn's ihn just nicht verhungern laßt. — Ich war also unter allen Recrutcn der unanstelligste; beim Ererciren hat der Eorporal l. seine liebe Noch mit mir g'habt, in der Compagnicschul' haben mich meine Eame- raden ausg'lacht, weil ich nicht einmal ein' 27 Buchstaben lesen oder schreiben können Hab' — über Alles das bin ich schon so verzagt, so trübselig worden, daß ich einmal — wie ich just in meiner Stuben allein war, schon nach mein G'wehr g'langt Hab' und — R u d. (erschreckt). Um des Himmels willen! Ant. Nein, nein! erschrick nicht! — Ich bab' mich nicht erschossen, denn ohne daß ich's g'merkt Hab', war der Hauptmann cingetretcn, reißt mir das G'wehr aus der Hand — und schant mich nur fest an — und — wie er g'sehen hat, daß mir's Wasser aus den Augen lauft, da — hat er mit mir g'redt, und wie hat er g'redt! Mei Vater, wenn ich noch ein'hätt', könnt' nicht anders reden — von dem Tag ang'fangen Hab' ich mir vorg'nommen, für den Hauptmann thu' ich Alles! Und wann mir was nicht recht har eingeh'n wollen, Hab' ich mir denkt: Es muß gehen und (mit Befriedigung) 's ist auch 'gangen! — Rud. Das seh' ich, sonst hätt' man Dich nicht zur Charge gemacht! Ant. Man hat mich z'crst zum Menschen g'macht, und wenn ich denk', wie ich einmal war, und wie ich jetzt bin, was ich jetzt weiß und kann, so muß ich's als ein wahres Glück betrachten, daß's mich zum Militär g'nommcn haben! O wenn nur unser Regiment in den Krieg 'kommen wär', ich hätt's auch weiter bracht, aber so— (Blickt wieder traurig zu Boden.) Rud. Na, nur nicht muthlos! Was nicht ist, das kann noch werden! (Herzlich.) Komm her, alter Schwed'! (Zieht ihn lachend an sich und küßt ihn.) Achte Scene. Vorige. Weißbergcr. Weißb. (kommt vom' Hintergrnnde links, Rudolf erblickend, für sich) Was seh' ich? Mein Sohn, der Lieutenant, —er küßt den G'freiten — er armt ihn um! Ant. (ohne Weißberger zu bemerken). Ach Gott! Du sprichst mir Muth zu, aber ich seh' halt doch, daß ich auf die Rost jede Hoffnung aufgeben muß! — Weißb. (zuhorchend, für sich). Was red't er? — Ross — Hoffnung? Rud. (zu Anton). Das sag' ich nicht! — Du bist noch jung, hast jetzt was gelernt, und wenn Dil einmal ausgedient hast — Weißb. (für sich). Bei mir hat er schon ausgedient! Rud. Und wenn meine Schwester Dich wirklich liebt — W e i ß b. (vorwärtseilend und losplatzend). Dann soll sie der Teufel holen! Rud. Mein Vater! Ant. Ihr Vater! (Zugleich.) Weißb. (zu Rudolf). Rudolf! Lieutenant! Ich begreife gar nicht, wie Du in dem Menschen noch Hoffnungen auffüttern kannst? Ein Gefreiter und meine Tochter! — Ha und ihr Bruder ist in eine Baroness' verliebt! Rud. Vater, hört mich ruhig an! Weißb. Ich Hab' für so was gar keine Oh - ren! — Ha! mit einem meiner Kinder verfolg' ich die stolzesten Pläne und 's andere soll ich wegwerfen! Kann ein Mensch mit einem Fuß hinauf- und zugleich mit dem andern hinunterkrareln! Nein! Und darum muß es aus sein! (Zu Anton) Hört's! aus! Ant. Aber 's hat ja noch nichts ang'fangen! Weißb. Eben das muß aus sein! — Und um Euch jede Hoffnung zu benehmen, so schwör' ich als Mann, Vater, Müller und Bürgermeister, daß ich meine Tochter nie dem G'freiten geben werd'! Und jetzt (zu Anton strenge) halb rechts! Marsch! (Als Anton noch zögert, ungeduldig.) Na, wird's? Ant. Der Herr Lieutenant hat mit mir zu reden g'habt— ein Vorgesetzter kann mit mir commandiren, sonst (mit einem gewissen Stolze) Niemand auf der Welt! 28 Weißb. Was? ich hält' nichts zu befehlen? Ich — als Bürgermeister? — Ich laß gleich den Wächter holen! Rud. (leise zu Weißberger). Vater! bedenkt, daß der Anton nicht mehr euer Viehhirt ist! Weißb. So soll er mich auch nicht in ein'n Viehzorn bringen! — Lieutenant! Ich bitt' Dich, commandir Du! »Marsch zum Teufel!« sonst erlebst noch was! Rud. (zu Anton). Mach Dich zu deiner Uebersiedlung in's Schloß bereit, und erwarte mich dann dort — ich Hab' Dir noch einige Weisungen zu geben! Ant. Sehr wohl! (Nimmt sein Gewehr, salutirt und geht in s Haus ab.) Weißb.Nicht einmal die Mützen nimmt er vor mir ab, der grobe Kerl! Aber ich will mich nicht weiter giften— ichhab'Dich auf- suchcn wollen, mein Sohn, Lieutenant — ich Hab' Dich ja heut' den ganzen Tag noch nicht g'seh'n! — Rud. Ich bedaure dicß selbst, doch mein Dienst als Adjutant — Weißb. Na ja, Du steckst ja all'weil bei dein'm General, aber weißt, ich hätt' halt gern g'habr, daß Du mich doch auch in nähere Berührung init dem Baron bringst — wenn wir schon in Verwandtschaft treten sollen. — Rud. Aber lieber Vater, das ist ja noch im weiten Felde — Weißb. Laß mich nur einmal mit dem Baron und der Baroness' reden — ich werd' das auf meine gewohnte feine Weis' einleiten. — Rud. Heute wird dieß nicht mehr möglich sein — der Baron begleitet den General bis nach dem benachbarten Gute Rodenstein, und will erst morgen Früh zurückkehren. — Weißb. Ich paß ihn ab — Du bist ja in der Nahe vom General, ehe Ihr also in den Wagen steigt, werd' ich — wie zufällig da sein. Rud. Und ich werde dort von Euch Abschied nehmen, so ließ es sich wohl machen. — Ich sag' Euch also jetzt nicht Lebewohl, sondern auf Wiedersehen, lieber Vater! (Drückt ihm die Hand und geht nach rechts ab.) Neunte Scene. Weißberger (allein). (Rudolf nachrufend.) B'hüt Dich Gott derweil! — Ja — ich muß eine Baroness' zur Schwiegertochter kriegen und hernach — ha, ha, ha! 's ist fast zu lachen — werd' ich zum Schwiegersohn ein Individuum nehmen, was erst der Uebergang von der Gemeinheit zur Corporalität ist! — Ah — der Hacken werd' ich schon ein' Stiel finden! — aus der Stilübung kommt man ohnehin nie heraus, denn wo man hinschaut, gibt's Hacken und Hackerln — na, für manche finden wir wohl ein' Stiel, aber doch gibt's wieder a Menge Hacken, für die man unbegreiflicher Weise bis dato noch immer keine Stiele g'funden hat! — Couplet. Ein Erbschaftsrecht besitzt ein Mann, Sein Gegner doch erkennt's nicht an Und gibt die Erbschaft nicht heraus, Thut schon, als wär' er Herr im Haus, Da rührt sich im Deutschen das Rechtlich- keitsg'fühl, Für die Hacken find't er auch noch ein Stiel! Doch Leute gibt's — wir kennen'S — Wo's Geld wittern, rennen's, Schleich'n ein sich in d'Häuser, Ihr Tritt ist ein leiser, Schon oft find's erschienen Mit gar frommen Mienen An's Sterbbett von Reichen, Um dort erbzuschleichen, Benützen die Schwächen, Lassen sich was versprechen, Nur gleich vor zwei Zeugen, Das wird dann ihr eigen. 29 So finden g'wiffe Schleicher auf Krumm- wegen ihr Ziel, Ja, find't denn für die Hacken Niemand ein' Stiel? Es klagt so Mancher und mit Reckt: Das brittische Krämervolk mcint's schlecht, Stift Unheil nur am Continent Und reibt vergnügt sich dann die Händ', A Flotte, a deutscke, würd' enden das Spiel, Dann wär' für die Hacken gefunden der Stiel! - Dock gibt's mancken Dandv, Der g'fallt sick unbändi, Sick englisch zu tragen, Aus London den Wagen, Den Rockstoff, den läßt er Sick kauf'n in Manchester. Mit ein' englischen Messer, Da ißt er viel besser, Er schimpft, daß a Sckand is, Ueb'r All s, das hier z'Land is, Thut's Geld hinausschicken, Derweil unsre Fabrikeu Zu Grund' geh'n, weils d'englische Waar' druckt zu viel, Ja, find't denn für die Hacken Niemand ein' Stiel? Wenn ein Gewaltiger sick vermessen, Das ewige Recht ganz zu vergessen, Verträge, die seit tausend Jahr'n Zwar oft verletzt, doch giltig war'n, Zu brechen und zu glaub'n, er kann thun, was er will, Da hab'n für die Hacken wir g'funden ein' Stiel. Doch kommen Verträge Auch öfter zu wege, Damit uur ein Sänger Erhalten bleib' länger, Gibt man in der Rage Zwanzigtausend Gulden Gage, Damit er sich schonat Noch Urlaub drei Monat — Doch er geht gastiren, Statt drei'n erst nach vieren, Denkt wieder an sein' Pflicht er, Doch singen kann noch nicht er, Weil er von der Erholung sick erholen erst will, Ja, find't denn für die Hacken Niemand ein' Stiel? Is in ein' Garten a Maulwurf d'rin, Ein Spatenstich und er ist bin. — Das laßt, Ihr Wühler, g'sagt Euch sein, Die Ihr vom Ausland schleicht Euch ein, Wenn einer das Erdreich hier auflockern will, Für die Hacken find'n wir sckon auch noch ein' Stiel. Dock fragt sich's die Kröten Im Stadtpark zu tödten, Weil's sich so vermehrten Mußten Anteln ang'schafft werden. Wenn sich die Anteln vermehr'», Müssen G'meinderäth' g'wählt wer'n, Daß d'Anten verzehren, Wann sick d'G'meinderäth' vermehren, Wer wird die dann verzehren? Kurz Anten und Heckten Sein noch nicht die Reckten, Die Frösch' und die Kröten bleib'n ang'stellt stabil, Kür die Hacken find't unser G'meinderäth kein Stiel. RepetitionS-Strophe. Wenn eh'mals in a ferne Stadt Was Wichtiges man zu b'stellen g'habt hat, Mußt reiten ein Courier um d'Wett' Und ist oft kommen doch zu spät! Jetzt bringt jede Nachricht a Draht an sein Ziel Und so is für die Hacken g'funden der Stiel. Wenn man thut am Land wohnen In nah'n Stationen Von der Residenzstadt Und Correspondenz hat, 's sein nur anderthalb Stunden, Doch hat sich's schon g'funden, Daß d'Brief nach zwei Tagen Erst wer'n zugetragen, 30 Denn am Land gibl's Fälle, Wo d'Briefträgerstelle Muß d'Köchin versehen, Da thut's halt leicht g'schehen, Daß die mit ihr'm Schatz a Station halt. wo's will, Ja, find't denn für die Hacken Niemand ein Stiel? Zehnte Scene. Verwandlung. (Vorhalle im Schlosse, deren Bogenwölbung auf Säulen ruht, — rechts und links breite Treppen, welche in die oberen Stockwerke führen — Im Hintergründe gegen den Park zu offen — Links im Vordergründe ein runder Marmortisch, an demselben Gartenstühle. — Rechts eine Gartenbau! ) Jean, Robert. Jean (kommt mit Robert von der Treppe links herab). Rob. (wie zu Anfang des ersten Actes gekleidet). Ich dank' Ihnen, daß Sie mir die Prunksäle in diesem Tracte des Schlosses gezeigt haben. Jean. O, meine Schuldigkeit — die darf ich jedem Fremden zeigen — sie sind ja nur zum Arischen — aber nicht wahr, sehr interessant? — Der Ahnensaal, wo alle Vorfahren der freiherrlichen Familie aufgehängt sind — Rob. Und das Antikencabinet — die prachtvollen Bechertaffen — Carafen — Jean. Ja, man könnte es beinahe eine Schatzkammer nennen — (Wichtig.) 's ist ja Alles von echtem Gold und Silber — Rob. (gleichgiltig). So? Ich Hab' nur die kunstvolle Arbeit bewundert. (Gegen die Stiege rechts weisend.) Gehen wir jetzt da hinauf. Jean. Zu was? Da ist nichts Besonderes zu sehen — da sind nur die Zimmer vom Herrn Baron und am äußersten End' die von der Baroneff' und diese sind jetzt poch zu Hause — Eiifte Scene. Vorige. Weißberger, Rosi. W eißb. (in einem etwas unmodischen schwarzen Anzuge, kommt mit Rofi, welche ebenfalls j eine gewählte Toilette trägt, bei den letzten Worten Jeans durch die Bogenwölbung). Noch ^ zu Hause? (Zu Rofi.) Wir haben also noch nichts versäumt — (Zu Jean.) Ser- j vus, Herr Haushofmeister. (Zu Robert.) ^ Diener, Herr Principal! (Zu Jean.) Sagen Sie mir, von welcher Stiegen kommt der Herr Baron herunter? Jean. Nun (gegen die Treppe rechts wei- end) von hier! — Weißb. Dank' Ihnen! (Zu Rofi ) Da > stellen wir uns her! (Führt sie zur Treppe ! rechts.) s Jeau. Was wollen Sie denn? « Weißb. Ich muß den Herrn Baron sehen, wenn er herunterkommen ist. (Horcht.) Ha! ich hör' oben Thüren gehen, Spor- j reu und Säbel klirren — Rosi! nimm > Dich z'samm', daß wir ein' guten Eindruck j machen! (Richtet sich die Gravatte und stäubt ^ mit dem Sacktuche die Stiesel ab.) ! Jean (gegen die Treppe rechts sehend). In ^ der That! Der Herr General — der Herr l Baron — die Baronesse — ! Weißb. Und mein Sohn, der Adjutant! Zwölfte Scene. Vorige. General von Steinimfeld. Clotilde. Baron von Mainsdorf. Rudolf. Zwei Diener. General (Glotilden am Arm führend). Rudolf (in voller Uniform mit l der Fcldbindk), die zwei Diener (mit Mänteln ! ! und Reisesäcken kommen die Treppe rechts herab) ! Gen. (im Herabgehen zu Glotilden). Ba- ! roneffe! ich werde mich hier von Ihnen verabschieden, der Abend wird kühl — Elot. Nein, nein! ich begleite Sie bis zum Ausgange des Parkes. Weißb. (macht ein tiefes Compliment). Gnädige Baroneff', ich küß' das Klrid! Herr General Ercellenz! mich freut's, die werthe Bekanntschaft zu machen! Befinden sich immer? Gen. (befremdet zu Glotilden). Wertst? — Rud. (vortretend). Erlauben, Herr General, daß ich Ihnen meinen Vater vorstelle — Gen. Ah! — der Herr Bürgermeister! — Nun (zu Weißberger) es freut mich, Gelegenheit zu finden, Ihnen Glück wünschen zu können zu einem so wackern Sohne (aus Rudolf weisend), den Sie dem Vaterlande geschenkt haben. Weißb. Bitte! — war meine Schuldigkeit — 's ist mir leid, daß ich nur den ein' Sohn g'habt Hab', aber wie der Krieg ausbrochen ist, war ich bereits Witwer — das Vaterland muß also schon vorlieb nehmen — aber (mit Vaterstolz aus Rudolfs Schulter klopfend) ein Mordkerl ist er — was? (Zu Llotilden.) Die gnädige Baroneff' wer- den das auch finden — nicht wahr? Rud. (leise zu Weißberger). Aber Vater! Weißb. (leise zu Rudolf). Laß' mich nur— ich muß doch a bißl auf'n Strauch schlagen! Bar. Es ist dem Herrn Bürgermeister aber auch zu seiner Tochter zu gratnliren — ein so hübsches und so braves Mädchen — Weißb. Ja, Gott sei Dank! sie g'rath ihrer Mutter nach! — aber Ew. Gnaden haben sich auch nicht zu beklagen — die Fräule Baroneß' ist auch ein sehr lieber Schneck! (C-lotilde mit Wohlgefallen betrachtend.) Meiner Seel'! — na — ich sag' nichts als: meiner Seel'! Rud. (leise). Aber Vater! Weißb. (lnse). Was hast denn? Ich muß doch 's Compliment erwiedern! Bar. Nun, Herr Bürgermeister! ich hoffe Sie und Ihre Tochter auch bei dem Feste zu sehen — Weißb. Werd' so frei sein — Hab' schon g'hört — glorreicher Geburtstag — da muß ich gleich gratnliren — Glück — G'sundheit — langes Leben — Alles was Sie sich selbst wünschen können — Bar. (lächelnd). Danke —danke—doch (erblickt Jean). Ah, mein Kammerdiener (Zum General.) Du erlaubst wohl, daß ich diesem noch einige Aufträge gebe — Gen. Immerhin! Wir sind nicht pres- firt! (Spricht mit Rudolf und Weißberger.) Bar. (tritt etwas vor). Jean! Jean. Euer Gnaden befehlen? Bar. Ich werde erst morgen Früh wieder von Rodcnstein zurückkehren, sorge Du für die Bewachung des Schlosses — es sind fremde Leute im Parke — sieh', daß sich alle entfernt haben, bevor es Nacht geworden — Rob. (ebenfalls vortretend). Entschuldigen, Herr Baron, dieser Befehl bezieht sich doch nicht auf meine Leute, denn diese haben bis spät in die Nacht hinein an den Vorbereitungen zu arbeiten, die Gerüste aufzuschlagen u. s. w. Bar. Für Ihre Leute hasten Sie wohl? Rob. O, — so wie für mich selber! Bar. (zu Jean, gegen links weisend). Hier im Gange lasse wie gewöhnlich abwechselnd einige der Diener Wache halten — sieh' aber selbst nach! Jean. Werde nicht ermangeln! bitte vollkommen beruhigt zu sein! Var. (zu Jean und Robert). Also Adieu! (Kehrt zum General zurück.) Nun steh' ich zu Diensten — Wagen und Reitpferde erwarten uns vor dem Thore. Weißb. Erlauben Ew. Gnaden, daß ich auch mitgeh' — ich muß sehen, wie mein Sohn aufsitzt — Clot. (welche indeß freundlich mit Rosi gesprochen, zu dieser). Aber Sie, liebes Röschen, gehen doch noch nicht ganz fort! — Ihr Vater wird nichts dagegen haben, wenn Sie mir noch ein Stündchen Gesellschaft leisten. Weißb. Ich, dagegen haben? Keine Idee! Alles eine Gnad'; wenn's von mir abhänget, ich ließ Ihnen meinen Sohn auch da! Clot. (zu Rofi). Sie begleiten mich dann in den kleinen Küchengarten, den ich mir anlegen ließ, ich werde Sie um Ihren Rath bitten. Denn so oft ich an Ihrem Garten vorübergehe, beneid' ich Sie fast, so prächtig gedeiht dort Alles, während bei mir nichts recht fortkommen will — Weißb. Es liegt vielleicht an den Pflanzen, aber ich, Baronesse, ich möcht' Ihnen a Pflanzen aus meiner Fechsung geben, wenn's die bei Ihnen in a Beeterl (aufs Herz weisend) einsetzen, und gehörig betreuen möchten, da sollten s sehen, wie die sich herauswachst. (Leise zu Rudolf.) Bemerkst Du die zarte Anspielung — Gen. Nun, denk' ich, brechen wir auf, wir haben eine gute Stunde nach Roden- stein. Bar. Ich bin bereit — Gen. (m>t dem Baron nach dem Hintergründe abgehend, zu Weißberger). Adieu, Herr Bürgermeister! (Ab mit Llotilden, dem Baron und Rudolf.) Weißb. Empsehl' mich, hat mich recht g'freut — (Zu Rofi.) Komm' — wir gehören zur Suite vom General — Ha, wenn mich die Leut' aus'n Ort sehen als Suitier! (Folgt mit Rofi.) Jean (begleitet die Abgehenden ebenfalls bis zum Ausgange der Halle). R 0 b. (im Vordergründe sichtbar aufgeregt aus-und niedergehend, für sich). Ha! der Herr Lieutenant ist fort — der Baron auch, ein Theil der Dienerschaft auch — da könnten wir ja heut' Nacht schon ein Partiechen machen! Aber hier muß ich noch die Karten mischen. Jean (kommt wieder zurück). Rob. Nun, Herr Haushofmeister! der Herr Baron ist fort — jetzt können Sie doch auch ein wenig aufathmen! Jean. Ja — Gott sei Dank! Ich komm' sonst ohnehin selten dazu. Rob. 'S geht mir und meinen Leuten fast ebenso! — Aber wie wär's, wenn wir — ich meine Sie und die übrige Dienerschaft und ich mit den ersten Künstlern meiner Truppe uns einen recht vergnügten Abend machen wollten? Jean (schmunzelnd). Vergnügten Abend! Hm! wäre schon dabei — aber das Schloß darf ich nicht verlassen — Rob. Das sollen Sie auch nicht — wir machen die Vorhalle dahier gleichsam zur Wachstube!— Während Einige da oben die Wache beziehen, trinken wir Andere hier, spielen, treiben uns're Kurzweil — (Vertraulich.) Ich Hab' ja auch einige ganz scharmante Damen unter meiner Truppe— Jean. Damen? Hä hä hä! Das könnte allerdings sehr amüsant werden — die Baroness' wird sich mit ihrer weiblichen Umgebung bald in ihre Gemächer zurückziehen — dort hört sie nichts, wenn's auch hier etwas toll hergehen sollte. Rob. Und Sie werden sehen, was ich für prächtige Bursche Hab'! — Künstler aus allen Welttheilen! (Gegen dm Hintergrund rechts sehend.) Da kommen eben Einige — sehen's nur! Jean(zurückprallcnd). Ah! was sind denn das für fürchterliche Kerls? Dreizehnte Scene. Vorige. Ali. Mehrere andere Mitglieder (in arabischem Kostüme) Ali und die Araber (treten vom Hintergründe rechts ein). Rob. Das sind Araber, die ich eigens aus der Wüste Sahara verschrieben Hab'! Jean (ängstlich). Araber? — Mein Gott! Das sind wohl eine Gattung Menschenfresser? Rob. (lachend). Sein's ruhig! Auf Sie wcrden's doch kein Appetit kriegen! Jean (leise). Ich möchte doch keinen von den Kerls in der Wüste Sahara begegnen, wenn der Hausmeister einmal zugesperrt hat! — Ali (auf Iran zugehend, in echt österreichischem Dialekte). Dö Hitz, Herr Kammerdir- 33 ncr! Sö könnten uns wohl ein g'sunden Tropfen bringen lassen! 3ean (tritt überrascht zurück). Alle Wetter! R ob. (zu Iran). Was haben's denn schon wieder? , Jean. Nichts! Ich bin nur überrascht, > daß ich so gut arabisch versteh' — Rob. Ha ha ha! Ja, der Bursch' hat sich schnell acclimatisirt! Jean. Hab'n Sie ihn vielleicht im Wiener Thiergarten aufziehen lassen? Rob. Nein, Wecksel frißt er nicht! — > Aber holen's nur die übrige Dienerschaft, j und richten's dem Herrn Kellermeister ' besonders meine Empfehlung aus! ^ Jean. Ha ha ha! Verstehe! Na, Sie t sollen sich über die Bewirthung nicht zu bc- ! klagen haben. (Seist.) Lassen Sie nur die s Damen bald kommen— ich bin gleich wieder da! (Ab nach rechts.) Rob. (rasch zu den Arabern). Kinder, unsere große Production muß heut' noch stattfinden! Ali und die Araber (sich schnell um ihn sammelnd). Heut' noch? Rob. Still! still! Merkt's Euch nur Eins. Es wird jetztWein kommen — halt's Euch zurück, daß mir Keiner von Euch ein' Rausch kriegt! (Zu einem der Araber.) Du hol' unsere Zigeunermusik — (zu einem Andern) Du unser Weibsvolk her! (Zwei von den Arabern entfernen sich eilig nach dem Hintergründe ) Rob. (steht in die Scene). Sie kommen! Nur jetzt recht lustig! Vierzehnte Scene. Vorige. Jean, Spund, Paul, einige andere Diener und zwei Kellnerjungen (mit großen Krügen und Gläsern, kommen von rechts Bald daraus erscheint im Hintergründe eine Thvurr.Rrptlioi« Re. 14«. abenteuerlich costümirte Zigeunerbande mit Musik« Instrumenten.— Ferner Dirnen in orientalischem Kostüme). Ein Athlet. Jean (zu den Kellnerjungen). So, steü't nur Alles dorthin. (Aus den Marmortisch weisend.) Rob. (zu Spund und den andern Dienern). Ah, mein Herr! 's freut mich, den Abend in Ihrer G'sellschast zubringen zu können, wir wollen einmal recht fidel sein! — und während wir trinken, sollen meine Araber Ihnen einen echt beduinischen Cancan zum Besten geben! (Zu Einem seiner Leute.) Ah — da ist ja mein erster Athlet! Zeug' auch Du deine Künste und (zu den herbeieilenden Dirnen) Ihr tanzt dazu! (Gegen die Mufikbande.) Allons — Aufgespielt! Der Athlet (beginnt in der Mitte der Bühne seine Kunststücke, während die Dirnen sich um ihn in einem wilden Tanze bewegen). Jean und die Diener (stehen mit dem Rücken gegen den Tisch gekehrt und sehen dem Spiele zu). Rob. (füllt indessen hinter dem Rücken der Diener die Gläser, schüttet dann aber aus einem Fläschchen, welches er aus der Brusttasche zieht, in alle Gläser einige Tropfen, für sich). Der Ertract hat seine Schuldigkeit noch immer gethan! Die Diener (nachdem die Production geendet, applaudirend). Bravo! bravo! Jean (zu Robert). Aber lassen Sie doch jetzt die Mädchen etwas näher kommen. Rob. Ja, die Damen sollen uns den Wein credenzen, während ich Ihnen ein Trinklied zum Besten geben will! Dann haben wir die drei Dinge, ohne die der Mensch ein Narr ist: Wein, Weib, Gesang! Die Diener (lustig). Ja, Wein, Weib, Gesang! Trinklied mit Chor. (Am Schlüsse jeder Strophe, welche der Chor wiederholt, reichen dir Dirnen der Dienerschaft die vollen Becher, welche fortwährend rasch ge- S 34 leert und wieder gefüllt werden, — man merkt schon während des Liedes die rasche Wirkung des Getränkes; nach der letzten Strophe werden Alle so ausgelassen wild, daß sie sich mit den Dirnen im Tanze drehen, dann aber vollends betäubt und erschöpft auf Bänke und Stühle finken.) Fünfzehnte Scene. Vorige. Anton. A nt. (erscheint während des allgemeinen Tumultes im Hintergründe). Teufel, wie gehl's denn da zu? (Zieht sich rasch wieder zurück, wird aber fortwährend lauschend gesehen.) Spund (ebenfalls in einen Stuhl gesunken). Donnerwetter! — ich — Kellermeister — ich vertrag' doch was — aber heut' — der Wein — der Tanz — Jean (ist mit seiner Tänzerin aus eine Bank gesunken). Ich — ich bin in Ma — Maho- meds Himmel! — Diese Odal — Oda- liskin! rei — reizend! (Nickt schlaftrunken mit dem Kopfe.) Rob: (zu einem seiner Leute, leise). Ha! Hab' ich die (ans die Diener weisend) zugedeckt — aber jetzt muß ich sehen, daß ich's von da fortbring'! (Geht zu Jean und rüttelt ihn.) He! Herr Haushofmeister! vergessen Sie nicht, daß Sie dieWachen aufstellen sollen, cs wird dunkel! Jean (sich blöde entsinnend). Ja — ja — Wa — wach — wie — wir hatten Alle Wach — aber Wein — nur noch Wein. Rob. (für sich). Na wart! ich will ihm noch ganz den Rest geben! (Geht zum Tische, zieht wieder sein Flaschen hervor und schüttet es in einen Krug, für sich.) Uepetakur cko8l8 ! (Geht mit dem Kruge zu Spund und Jean und hält ihn jedem hin.) Ant. (hat es belauscht, für sich). Was thut er denn? Rob. Na, noch einen Schluck, aber dann auf die Wach'! Jean (nachdem er getrunken, sich mühsam erhebend). Ja, auf d' Wach'! (Schreit.) He da! Auf — Wach'! G'wehraus! (Taumelt) Ha, ha! meine Fuße! — Macht nichts — ! ich — ich sitz' Wach' — (Wankt zu den Dienern, sie rüttelnd ) Auf! Ihr — Ihr seid I glaub' ich — gar betrunken? Darf nicht ^ sein! — Seht mich an — ich — oh — I ich bin rein! Die Diener (erheben sich, sich mühsam ermunternd). Ja — auf Wach'hinauf! Jean. Nur mir — mir nach! (Wankt voraus die Stufen hinan.) (Die Diener folgen ihm ) i Rob. (den Abgehenden nachsehend). Ha! das ist eine saub're Quardia! Wenn die sich da oben niedersetzen, so schlafen's so fest, daß ihnen ein Blitz in ein' hohlen Zahn > fahren dürft', und sie werden nicht munter. (Man hört von außen die Gartenglocke läuten.) Rob. Aha! Die Gartenglocke — das Zeichen, daß sich alle Fremden, die sich noch im Park aufhalten, zu entfernen haben! Um so besser—dann wird das Thor g'sperrt — und wir — wir sein die Herrn! (Zu den Arabern.) Kommt jetzt nur Alle mit mir! — heut' sollt Ihr noch mein Feldherrn- Genie bewundern! (Ab mit allen klebrigen nach dem Hintergründe rechts.) Sechzehnte Scene. (Es wird nach und nach ganz dunkel, — man sieht im Hintergründe — im Parke Besucher desselben rasch von rechts nach links eilen — Anton — später Weißberger, Rosi, Knettmann, Adrian.) ^ Ant. (tritt, nachdem Alle abgegangen, rasch in den Vordergrund). Was ist das? Der Seil- j tänzer und alle seine Leut' sein ganz nüchtern — und die, die Wach' halten sollen, können vor Rausch und Schlaf kaum stehen! — Herr Gott! Da ist was Schlechtes im Werk — (Sieht nach den Forteilenden.) Alles geht heim — ich mit meine zwei Mann bleib' allein im Schloß, und die Ueberzahl — ah was? Nur den Kopf nicht verloren! Weißberger und Rosi (erscheinen außerhalb der Halle, von rechts nach links gehend). 35 Weißb. (zu Rost). 3st die Baroneff' a biß'l lieb! Was? Sie hat uns gar nicht fortlaffen wollen? (Will vorübergehev.) Ant. (ihn erblickend). Ha! der Bürgermeister! (Nickt ihm zu sich.) Pst! Pst! Herr Bürgermeister! daher! daher! Weißb. (stehen bleibend). Wer p'stet denn da? (Tritt mit Rosi in die Halle.) Rosi (Anton erkennend). Ha, der Ton!! Knettmann, Adrian (erscheinen ebenfalls im Hintergründe). Adr. (zu Knettmann). Hab' ich's nicht g'sagt — 's ist die Rost! (Treten ' ebenfalls in die Halle, bleiben aber anfangs mehr rückwärts stehen.) Weißb. (entrüstet). DerTonl! derG'freite — und er untersteht sich- Ant. (hastig). Still! Still! Um Alles in der Welt! Ein Glück, daß ich Sie dakier treff', Herr Bürgermeister! Das Schloß, — vielleicht das ganze Dorf ist in Gefahr! Weißb. (auffahrend). Gefahr? Adr. (ängstlich). Wie? — Wo? — Warum? Ant. Ah, — Ihr auch da? — Um so besser — aber hört — hört — ich Hab' die Seilränzertrupp' belauscht — das ist ein gefährliches Gesindel — Weißb. Warum nicht gar — der Seiltänzer-Prineipal — Ant. Verdient eher am Strick als auf dem Seil zu tanzeu, — er ist das Capo von den Spitzbuben — er cvmmandirt die Räuberbande! Weißb. (plötzlich starr vor Schreck). Räuber — bande — das Wort — es fahrt mir in alle Glieder — Adr. Um Alles in der Welt — Vater! rennen wir davon! Ant. (saßt ihn an der Hand). Halt! Da- geblieben! — Wir müssen gemeinsam handeln, denn noch für heut' Nacht ist ein Schurkenstreich beabsichtigt! Weißb. Um Gottes willen! Hört's auf! Mich — mich trifft der Schlag! (Wankt zu riurm Stuhle und sinkt in denselben.) Knettm. Mich, — mich hat er schon troffen! (Sinkt ebenfalls in einen Stuhl.) Rosi (eilt zu Weißberger). Aber, Vater! um Alles in der Welt! Faßt Euch doch — Ihr seid's Ortsvorstand — Ihr müßt Maßregeln ergreifen! Weißb. Maßregeln! Ich — Ja freilich! — (Rafft sich wieder aus, und rennt verzweifelnd auf und nieder.) Aber was? Wie? Die Bande zählt wenigstens fünfzig Köpf', und ich — ich gebet was d'rum, wenn mir Jemand saget, wo mein Kopf steht! (Plötzlich sich besinnend, zu Anton.) EvMMandant — die einzige bewaffnete Macht im Ort — Ihr müßt's einschreiten! (Mt bittend aufgehobenen Händen.) Gefreiter! Herr Gefreiter! Ich bitt' Euch um Gottes Barmherzigkeit willen — helft's — rett's! Adrian—Knettmann (ebenfalls zu Anton eilend). Ja — das geht's löbliche Militär an! Adr. (zuAnton.) Edler deutscher Krieger! Weißb. Schutzengel in der Montur — verlaß' uns nicht — Ant. (mit einem gewissen Stolze aus die Bittenden blickend.) Ja, ja, so seid's! — So lang's Frieden habt's, und Euch von nirgend her a G'fahr droht, da zieht's Euch zurück, aber wenn's Euch einmal wieder auf die Nägel brennt, dann könnt's schreien: »Militär, zu Hilf'!« Adr. Ich bitt' Dich, trag' uns jetzt nichts nach — wann ich Dich beleidigt Hab'—auf den Knien bitt' ich's ab — (Will niederknien.) Weißb. Und ich — was thu' denn ich, um ihn wieder gut z'machen! Rosi! gib ihm a Bußl! Vielleicht Hilst das! Oder ist Euch's Relutum lieber? (Zieht seine Brieftasche.) Da ist Geld! — Knettm. Da nehmt's mei silberne Uhr. (Will Antou seine Uhr reichen.) Ant. (barsch). Laßt das! Ich weiß, was mei' Pflicht ist, und dafür laß' ich mich nicht zahlen! Ich und meine Leut' werden zu eurem Schutz da sein, so lang' noch ein Tropfen Blnt in unfern Adern ist! — Aber S* 36 (zu Weißberger) Ihr müßt auch thuu, was ich anordn'! Weißb. Ja, ja, schaffcn's nur! Aber was — was soll denn geschehen? Ant. Sie lassen gleich alle Männer im Ort' z'sammenrusen — Weißb. Ist nicht nöthig, — wir haben heut' Abends ohnehin Gemeindesitzung! — (Verzweifelnd.) Gott! wann ich die Rauberg'schicht Vortrag' — das wird wieder Debatten geben, da sitzen wir noch bis morgen in der Früh, und auf d'letzt kommt doch nichts G'scheites heraus! Ant. In so ein' Fall' darf's nicht zum debattiren kommen, — da muß ein Willen entscheiden, — ein Mann befehlen! Sic rufen die kräftigen Männer und Burschen, die ein Herz im Leibe haben, auf! Weißb. Ja, ein Herz hat ein Jeder im Leib' — aber wohin 's ihnen halt hernach fallt? — Ant. Die sollen sich so gut als möglich bewaffnen mit Heugabeln, Hacken — Dreschflegeln — Weißb. Gut. — Ich biet' den Landsturm auf! Ant. Dann sollen's über die Mauern heimlich in den Park z'kommen suchen — am Platz vor dem Schloß treffen's mich- und meine Leut' — übrigens muß noch für weitere Hilf' g'sorgt werden — ich weiß, in Riedstädten sein Jäger bequartirt. — (Rasch.) Und in Rodenstein liegt, wie ich g'hört Hab', ein Cavallerie-Piquet. Weißb. Da ist aber überall mehr, als eine Stunde hin! Ant. Gleichviel — Sie müssen reitende Boten hinschicken — ich werd' in Eil' die Estaffetten schreiben. (Zieht eine Brieftasche hervor, reißt einige Blätter aus derselben, setzt sich zum Tische und schreibt.) Weißb. (verwundert). Er kann jetzt schreiben! Ist doch bei uns nie in d'Schul gangen. Rosi. Aber wohl beim Regiment. Weißb. Ja, ja! Beim Regiment wird oft was dictirt, z. B. fünfundzwanzig. — Ant. (steht wieder aus). So, das muß zu- ^ erst besorgt werden. — Adr. (hastig). Ich, ich b'sorg' das — ich sattel mir unsere braune Stutte, die fliegt I wie der Wind — Ant. Gut, gut — so nimm! (Gibt ihm die Zettel.) Adr. (für sich). Wenigstens komm' ich auf die Art aus'n Ort! — Weit davon ist gut für'n Schuß. (Rennt mit großen Schritten ' nach dem Hintergründe links ab.) > Ant. Möglich, daß wir noch zur rechten Zeit Succurs kriegen, wenn aber nicht, s dann müssen wir sehen, was wir mit eigener Kraft richten. (Drängend zu Weißberger ) Also gehen's jetzt — gehen's, 's ist keine tl Minute Zeit zu verlieren! Weißb. Ja — ja, ich geh', ich renn' — Rosi (besorgt zu Anton). Und Ihr — ihr bleibt schon da? — Wenn Euch aber keine Hilfe kommt? — Ant. So soll doch, so lang ich leb', keiner von die Gauner in s Schloß! Also b'hüt' Gott, Rosi, wer weiß, ob wir uns nochmals sehen! B'hüt Gott! Rosi (saßt seine Hand mit hervortreten- den Thränen). Donl, b'hüt' Gott! - Weißb. Ich sage: Helf' Gott! denn er ^ und die Soldaten allein können uns retten! (ZuNosi und Knettmann.) Kommt's, kommt's! Ant. Ich hol' meine Leut' — die G'wehr scharf g'ladcn — dann vor's Schloß — und — wenn der Augenblick kommt, d rauf und d'ran. (Eilt voraus ab ) Weißberger, Rosi, Knettmann (Eilen ebenfalls ab.) Weißb. (ruftAnton nach). Rennt's nicht gar so, — begleit's uns doch bis zur Parkthür. (Alle ab.) Zwischenvorhang. 37 Siebenzehnte Scene. Verwandlung. (Platz vor dem Schlosst, von welchem ein Flügel die Halste des Hintergrundes, der andere die rechte Seite der Bühne einnimmt, vor elfterem sind Gerüste, Kletterstangen und Seile bis zur Höhe der Fenster angebracht. Dom Hintertracte zieht sich quer über die andere Hälfte der Bühne eine mit Schlinggewächsen bedeckte Mauer, in der Mitte derselben ein breites, anfänglich verschlossenes Thor, den Vordergrund rechts und die ganze linke Seite nehmen Baumgruppen und Gebüsche rin.) Robert. Ali. Leute von Roberts Truppe. Robert und Ali (beide in Mäntel gehüllt, schleichen aus dem Gebüsche links hervor) Die Uebrigen (kommen während des Folgenden, langsam und leise austretend, von verschiedenen Seiten). Rob. (leise zu Ali). Noch ist Alles still! (Sieht gegen den Hintergrund.) Noch ist nichts ZU sehen — nichts zu hören! Ali. Was willst denn sehen? Rob. Ich Hab', um vor jeder Störung von Seite der Ortsbewohner sicher zu sein, ein paar von unseren Zigeunern zu der Gcmeindescheuer, die außerhalb des Dorfes steht, g'schickt, die sollen's anzünden — dann entsteht Fcuerlärm — Alles rennt zur Brandstätte, und an's Schloß denkt Niemand. (Sieht sich wieder um.) Aber die Bursche lassen sich Zeit, und ich wart' nur auf das Signal! (Spricht leise mit den Uebrigen.) Achtzehnte Scene. Vorige. Anton. Stramm. Horner. Jacob/ Mehrere Bursche (mit Gabeln, Hacken, u. dgl. bewaffnet, später Rosi (in Männcr- kleidern). Ant., die Gemeinen, die Bursche (erscheinen, ihre Gewehre bereit haltend, hinter den Gebüschen links). Ant. (leise zu seinen Leuten). Sie sein da! Halt s Euch nur alle ruhig — erst wenn ich den ersten Schuß thu' — stürzt hervor. Rob. (leise zu den Uebrigen). Ich Hab' übrigens auch dafür gesorgt, daß wir auch in den nächsten Tagen vor jeder Verfolgung sicher sind. Ali. Wie willst es machen — Rob. Wenn wir hier (aus den Mittelpunkt weisend) fertig sind, geh'n wir dorthin (ausden Tract links weisend) und nehmen die Baroneff' mit als — unsere Geißel — (Man sicht plötzlich den Himmel oberhalb der Schloßmaucr von Feuerröthe erglüh » gleich darauf hört man vom Orte her die Sturmglocke läuten und wirres Geschrei.) Rob. Ha! sehet ihr! jetzt an die Arbeit! kein Spectakel gemacht, schnell auf die G'rüster — bei den Fenstern hinein, packt Alles in Bündel-und laßt es da herunter! Die Leute Roberts (klettern an den gespannten Seilen und Gerüsten bis zu den Fenstern des ersten Stockwerkes im rückwärtigen Tracte, verschwinden, oben angelangt, durch die Fenster). Neunzehnte Scene. Vorige. Baronesse Clotilde. Einige weibliche Dienerinnen. E l 0 t. (im Nacht-Negligee, eilt, von den Dienerinnen begleitet, aus dem Thore des Schloß- tractes rechts, in höchster Bestürzung). Himmel! Feuer im Orte! und (das Treiben der Leute gewahrend) was geschieht hier? Rob. (für sich). Ha! eben recht. (Lautzu Llotilden.) Baronesse, Feuer im Orte — ich suche das Werthvolle zu retten — doch das Werthvollste sind Sie selbst. — Der Brand ergreift das Schloß — ich will Sie auf meinen Armen — (Will sie umfassen.) Elot. (entsetzt zurückspringend). Laß't mich! Zu Hilfe! zu Hilfe! Rob. (will sie mit Gewalt erfassen). Elot. (eilt schreiend in's Schloß zurück). Ali (verwehrt ihr den Eingang). 38 Ant. (schießt in diesem Augenblicke). Ali (stürzt zu Boden). Ant. (schreiend). Heraus! d'rauf und d'ran! (eilt vorwärts, wirst sein Gewehr weg und stürzt sich aus Robert, mit ihm ringend.) Die Gemeinen und die Bauern (stürzen ebenfalls aus dem Gebüsche hervor). Alle Räuber (erscheinen wieder aus der Außenseite des Schlosses, einige schießen). Die Bauern (fallen über sie her — Handgemenge, in welchem die Bauern zu weichen beginnen). Ant. (noch immer mit Robert ringend, zu den Bauern). Halt's Stand! (Man hört Trompeten schmettern und Trommeln wirbeln.) Ha — sie kommen! sie kommen zurecht! Rob. (hat sein Messer gezückt und stößt nach Antons Brust). Für Dich zu spät! Ant. (stürzt zu Boden). Rosi (welche in Männerkleidern ebenfalls im Gebüsche erschienen, stürzt zu ihm). Tvnl! Tvnl! (Kniet bei ihm nieder.) Zwanzigste Scene. Vorige. Rudolf. Militär zu Fuß und zu Pferd. (Während des Gemenges wird das Thor in der Mauer gesprengt, Rudolf mit dem blanken Säbel und das Militär stürzen herein — der Kampf beginnt auf's Neue. Robert wird überwältigt- Rudolf eilt zu der ohnmächtig hingesunkenen Llotilde.) Schlußtableau. Der Vorhang fällt. Dritter Act. (Spielt um einige Tage später als der zweite. Stube im Gemeindehause mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren, links ein Fenster, rechts im Vordergründe ein mit grünem Tuche bedeckter Tisch, auf welchem Papiere und Schreibzeug find, an demselben Stühle.) Erste Scene. Robert. Wenzel. Stramm. Horner. Rob. (wird von Wenzel durch die Mittelthür hereingebracht). Horner und Stramm (werden durch die geöffnete Mittelthür außerhalb derselben mit aller § Rüstung und mit aufgepflanztem Bajonette Wache haltend gesehen). Wenz. (in barschem Tone zu Robert). Da herein! Wird Herr Burgemeiste gleich da sein! Rob. Wird mir ein außerordentliches Vergnügen sein! (Sieht sich in der Stube um, für sich.) Ha! ein unvergittertes Fenster! (Laut.) Es ist aber hier eine sehr schöne Aussicht! (Will gegen das Fenster.) Wenz. (ihm rasch den Weg vertretend). Stehen bleiben's! oder ruf' ich Wach'! Rob. Pst — Pst! — Ich Hab' ja nur wollen ein wenig die Aussicht — Wenz. Sie haben's gar kein Aussicht, als auf Galgen! Sakramensky, Bandit! Rob. (sich zum Lachen zwingend). Ha ha ha! — Fürcht' mich nicht! Meine Unschuld wird und muß zu Tage kommen. — Wenz. Ja — bei Nacht! Rob. (für sich). Sollt' denn dem Kerl gar nicht beizukommen sein? (Sich wieder in der Stube umsehend.) Die Gelegenheit wär' prächtig — nur ein Sprung- Wenz. (strenge). Stad sein! sag' ich! Rob. Na! ich werd' doch mit mir selber reden dürfen? 39 Wenz. Nichts! Hab' ich Befehl, daß ich Ihnen full reden lassen mit Niemand, a potom dürfen's auch nicht reden mit sel- bernes! Kunntens machen Verabredung! Rob. Ha — ich denk' nicht d'ran! Ich kann mich über Alles rechtfertigen, aber mir ist's nur z'wider, so lang herumgezogen z'werden! Wenz. Herumziehen macht nir — aber (mit einer Pantomime am Halse) hinaufziehen! Rob. Ich Hab' mir eben gedacht, wenn ich so ein g'scheitenMann zum Richter hätt' wie zum Beispiel Sie — denn Sie, ah! das sieht man Ihnen an — Sie müssen sehr g'scheit sein! Wenz. (mit Selbstgefühl). War' ich sonst nicht Ortswachter! Rob. Und als g'scheiter Mann werden Sie einsehcn, daß Sie ein Esel wären, wenn Sie sich nicht ein Geld machten, wenn Sie sich's noch dazu auf eine leichte Art verdienen können! Wenz. (aufmerksam werdend). Geld machen? Was wollen's sagen? Rob. Warten's a bißl! (Streift sein Beinkleid auf und sucht in seinem Stiesel.) Wenz. (erschrickt). Was machen's? — Herr Gott! Hat er vielleicht Messer. Rob. Still! still! (Zieht aus der Röhre seines Stiesels eine Börse heraus und läßt die Münzen klirren.) Wie g'fallt Euch die Musik? Wenz. (gierig horchend). Ale sadrazeni! Ist schöner, als wann's blasen Cralinett! — Js e Gold? Rob. Hundet Stück blanke Ducaten! Wenz. Taibcl! — Aber wie kummen's dazu? Rob. Ich Hab' mir's erspart! Wenz. Erspart? Aha— kralowat! — Aber warum haben's steckte in Stiefel? Rob. Weil ich bei meiner Arretirung gleich gedacht Hab', daß ich Fersengeld geben MUß! (Oeffnet die Börse und läßt Wenzel das blanke Gold schm.) Schauen's es an, Wächter! Schauen's es an! Wenz. (begierig hinsehend). D, wie glanzte! Wie schön! (Trocknet sich die Augen.) Rob. Sie weinen ja gar? Wenz. Weil ich so lang Hab' nicht g'seh'n! Rob. (heimlich dringender). Sie sollen Ihnen g'hören, wenn Sie's gleich zählen! Wenz. Sonst nir? — Rob. (schüttet rasch das Geld auf den Tisch). Aber Sie dürfen sich dabei nicht nmsehen! (Wendet sich schnell gegen das Fenster.) Wenz. (Roberts Absicht errathend, und mit seiner Begierde kämpfend, den Kops bald auf Robert, bald auf das Gold richtend). Halt, was wollen's! Rob. Kein Lärm machen, sonst verfallt das Geld dem G'richt, und Sie haben nichts! (Nähert sich noch mehr dem Fenster.) Wenz. (außer Fassung). Das Gold — goldne Zaplati — (Eilt zum Tische und langt nach dem Gelde, zugleich mit schwacher Stimme.) Wach'! — Patrouille! (Steckt indeß das Geld ein.) Stramm und Horner (sind bereits während Wenzels letzter Rede leise eingetreten, springen nun Robert in den Weg und halten ihm die Bajonette entgegen). Halt! Rob. (zurückprallend). Alle Teufel! Wenz. (ebenfalls erschreckt». D Iektts! Aber machte nir! (Steckt rasch das Geld vollends ein, dann zu den Soldaten.) Ah, bin ick) so froh, daß Habens g'hört, wie ich Hab' schrien: »Wach'!Patrouille! (Zu Robert mit der Faust drohend.) Verfluchte Kerl, hatt' er wull'n schapirowat! Stramm (erbittert). Und Ihr habt's es angeh'n lassen wollen, aber wir haben nur Geld scheppern g'hört, und haben uns gleich gedacht — Zweite Scene. Vorige. Wcißberger und der Gemeindeschreiber (treten aus der Seitenthür rechts). Weißb. (erstaunt stehen bleibend). Ja, was geht denn da vor? 40 Wenz. (erschreckt). Pane Burgemeiste! (rasch leise zu den Soldaten) Sagen's nir — bitt' ich Ihnen — da haben's! (Will jedem von den Soldaten ein Goldstück in die Hand drücken.) Stramm und Horner (schlagen Wenzel so ans seine Hände, daß die Goldstücke zu Boden fallen). Weißb. Was? Aus mein Wächter laßt sich Geld herausschlagen?—Werd' ich jetzt einmal hören, was's gibt? Horner. Ah der Schuft — (auf Robert weisend). Rob. Keine Beleidigung! Horner. Er hat den Wächter zahlt, daß er ihn entwischen lassen soll, und der hat wirklich — Weißb. (dieHände zusammenschlagend)- Was hör' ich? — Wenzel? — Ihr laßt Euch bestechen, war't doch sonst immer so ein ehrlicher Kerl! Wenz. (fast weinend). Herr Burgemeiste! Haben's Gnad'! — Ist erste Mal, daß is aufkni»men! Aber su schönes Geld! (Zieht eine Handvoll Ducaten hervor.) Hat mir macht ganzes Hirn kralawatsch! — Bin ich doch Mensch — sterbliches dürftiges. — Weißb. Ja, und Gold und Silber sind die stärksten Augenblcnden. Man sollt wirklich auf solche Münzen die Wort prägen lassen: »Führ' uns nicht in Versuchung.« (Zu Wenzel.) Das Geld da her — (Auf den Tisch weisend.) Wenz. (gibt mit sichtbarem Schmerz und zögernd das Geld auf den Tisch). Herr Burgemeiste! glauben's mir, 's mir leid- Weißb. Daß Ihr es hergeben müßt — das glaub' ich Euch! — Und jetzt gebt's euren Säbel her — Wenz. (bittend). Herr Burgemeiste! Weißb. (strenge). Den Säbel her! Und dann sührt's Euch selber ein, weil wir noch kein andern Wächter hab'n! — Das soll eure letzte Amtshandlung sein! (Nimmt ihm den Säbel ab.) Marsch! Wenz. (trostlos). Gott, o Gott! was ist e für Schand, wann's Leut' mich gehen sehen su! waren's g'wohnt, z'sehen immer * nur Wächter mit Sabel! (Geht traurig durch die Mitte ab.) ^ Weißb. (zu Stramm und Homer). Ich bitt' Sie, meine Herrn, bleiben Sie im I Zimmer, denn mir wird ordentlich angst in der Nähe von dem Menschen! (Aus Robert.) Zu allen Schandthaten — Einbruch — Diebstahl — Entführung — Rob. Muß erst bewiesen werden — Weißb. Kommt jetzt noch die Bestechung amtlicher Autoritäten und Suchverflucht— wollt'ich sagen: Fluchtversuch! Er häufelt ja Verbrechen auf Verbrechen! Besetzen Sie alle Ausgäng'! 's wär' gut, wenn Einer von Ihnen das Haus umzingeln möcht' — Horner. Sein's unbesorgt, uns kommt er nicht aus! (Stellt sich an s Fenster.) Stramm (stellt sich an die Thür). Weißb. (zum Gerichtschreiber). Wir aber gehen jetzt an unser Geschäft. (Setzen sich an den Tisch.) Rob. (für sich). 'S müßt'doch mit dem Teufel zngeh'n, wenn ich den Dorfdespoten nicht herumkriegct! Nur keck! (Laut, zum Tische tretend.) Es scheint, daß ich jetzt einmal zu ein' Verhör komm' — warum ist das nicht gleich am ersten Tag g'schehen, nachdem ich durch ein bloßes Mißverständniß arrctirt worden bin? Weißb. Mißverständniß? — Erlauben Sie — Rob. Reden's nicht! — Ich frag', zu was diese Verschleppung? Prompte Bedienung will ich von einem Gericht! Weißb. Na ja, ja, Sie werden schon bedient werden! Aber wir sind nicht das Gericht, dem muß ich erst ein schriftliches Protokoll über die ganze Begebenheit ein- senden, und Sie in der Anlage bcibiegen! Rob. Mich dem Gerichte überliefern! ! Hahaha! für das, daß ein Paar von meinen Leuten haben stehlen und ich allein die Baronesse Hab' retten wollen? Hahaha! 's ist zum Todtlachen! Haben Sie meine Leute schon vernommen? 41 > Weißb. Probirt Hab' ich's gestern und vorgestern, aber die Kerls reden ja eine l Sprach', aus der keine Katz' klug wird. Rob. (für sich). Ha, pfiffige Kerl! (Laut.) Ja, es sind meistens außereuropäische — Perser — Araber — Weißb. Mir scheint, die meisten von den Diebsinseln! Rob. 'S ist aber auch ein Chineser darunter — mich wundert, daß Sie sich mit dem nicht haben verständigen können. Weißb. Wir halten uns an Sie, da Sie deutsch sprechen können! Rob. Ich brauch' eigentlich gar nicht zu sprechen, da g'nug Anderes für mich spricht! Haben Sie Einsicht von meinen Papieren genommen? was? Weißb. Na ja — da liegen's! (Auf einen Pack Papiere weisend.) Rob. Na also— ist das nicht Alles in der Ordnung? (Die Papiere auseinanderlegend, und eines nach dem andern immer kräftiger auf den Tisch aufschlagend.) Da, mein von allen Gesandtschaften vidimirter Reisepaß! — Da meine förmliche Conccssion von der hiesigen Regierung — da Zeugnisse von den höch- > sten Herrschaften, die Bestätigungen von i Behörden, daß ich mich überall als ein j höchst ehrenhafter Charakter benommen Hab'. ! Weißb. (etwas verlegen). Na ja, das Hab' ich wohl Alles gelesen. Rob. Und können glauben, daß so ein Mann, der solche Zeugnisse aufzuweisen hat, nur so über Nacht ein Räuber und Mordbrenner werden kann? Hahaha! Sic wollen mich am End' unter Escorte an's Gericht abliefern? Hahaha! Weißb. (ganz verblüfft). Er lacht! Rob. Beim G'richt werden's noch mehr lachen über den Schafskopf von ein' Dorf- Bürgermeister, der sieb so unsterblich bla- mirt hat. Weißb. Schafskopf? blamirt? —! Rob. Ja, 's ist schrecklich für ein' Bürgermeister, aber es kommt vor! Dritte Scene. Porige. Rudolf. Auditor Strengheim. Rud. und Strengh. (treten unbemerkt durch die Mittelthür ein. winken den Wachen, sich ruhig zu verhalten, und bleiben an der Thür stehen). Weißb. (verwirrt und verlegen zum Gerichtsschreiber). Ich weiß wirklich nicht recht, woran ich bin! Rob. (für sich). Er ist schon irr' — nur fortgekeckt! (Laut.) Na, da haben's mich ja, bindcn's mich, legen's mich in Ketten; — mir kann's nur Spaß machen, denn die höchsten Herrschaften werden bald für mich einsteh'n, wcnn's hören, daß der berühmte, allgemein geachtete Robert Schwenk durch Ihre Dummheit in solche Fatalitäten kommen ist! Strengh. (noch an der Thür stehend, ruft): Gregor Rapp! Rob. (sieht sich überrascht um). Wer ruft? Strengh. (vortrrtend). Ah, der Schurke hört doch noch auf seinen wahre »Namen! Rob. (zusammenbebend, für sich). Der Auditor! — (Hält sich mühsam an der Lehne eines Stuhles aufrecht.) Weißb. Wahrer Name? — aber in sein Paß steht ja schwarz auf weiß: »Robert Schwenk!» — oder hat er mich mit den Papieren nur papierlt? (Hält die Papiere Roberts hin.) Strengh. Nein, nein, die Papiere sind durchaus echt, aber dieser Bursche, der einst bei einer Freiwilligenschaar diente, von welcher er aber, um gerechter Strafe für schlechte Streiche zu entgehen, zum Feinde desertirte, nach dessen Besiegung als Marodeur umhervagabundirte, und zuletzt das Haupt einer Gaunerbande wurde, hat den Seiltänzer-Principal, den wahren Robert Schwenk, als dieser eben auf der Herreise durch Ungarn begriffen war, überfallen, ihn all' seiner Habseligkeiten und Papiere beraubt, und unter Vorweisung 42 der letzteren Eingang auf dem Schlosse gesunden! Weißb. (erstaunt). Jst's möglich? Strengh. (auf Robert weisend). Dieß bleiche Gesicht wäre der beste Beweis, wenn es noch eines solchen bedürfte! Aber eben langten auf telegraphischem Wege Steckbriefe von dem Gerichte ein, an welches sich der Beraubte gewandt, — und ich — als ich hier eintrat, erkannte in dieser Galgenphysiognomie gleich den unverbesserlichen Strolch, welcher damals der Schandfleck des ganzen Corps war, bei welchem ich selbst meine ersten Dienste als Auditor versah! (Zu Robert barsch.) Nun, was hat Er noch daraus zu erwiedern? Rob. (hat sich nach und nach wieder ermannt, mit dem Humor der Verzweiflung). 3ch bewundere die Bündigkeit, mit der Sie meine biographische Skizze entworfen haben! Uebri gens frent's mich, einen alten Bekannten zu treffen, mit dem ich schon vor Jahren in Geschäftsverbindung war. — Ich hoff'. Sie werden mich gut behandeln. — Sie kennen schon meine Natur! — Strengh. Elender! Der freche Spaß wird Dir vergehen! In dem Orte, in welchem Du dein letztes Verbrechen verübtest, ist das Standgericht publicirt, und dahin wirst Du nun abgeliefert! — Rob. (auf's Neue erschreckt, für sich). Standgericht?! — entweder — oder! aber nur nichts merken lassen! (Die Mittelthür öffnet sich, man sieht außerhalb derselben eine Abtheilung Militär stehen.) Rob. (sich umsehend). Ah! recht stattlicher Cortege! (Für sich.) Wenn die mich einmal in der Mitten haben, ist auf kein Dnrch- brennen mehr zu denken! 's gilt ein' Desperationscoup. (Springt rasch beim Fenster hinaus.) Stramm und Horn, (eilen an'sj Fenster und feuern ihre Gewehre durchs dasselbe ab). ^Beinahe Horn. Verwundt ist er — aberizugleich. er lauft noch! Dort — durch die! Weingärten! ' Rud. Ihm nach! nach! (Eilt durch die Mitte ab.) Stramm und Horn, (folgen). (Man hört von außen mehrere Schüsse fallen.) Weißb. (steht wie versteinert). Pess! piss! — und ich bin ganz baff! Der Kerl muß ja ein verzaubertes Eichkatzel sein! Wie ist er denn nur fortkommen? Strengh. (wüthend). Sie fragen noch? — Durch Ihre Schuld! — Weißb. Durch meine Schuld? — Ah — jetzt ist's recht! — Ich kann gar nichts davor! Strengh. Wie könnt' cs Ihnen nur einfallen, in einem Zimmer, welches nicht einmal vergitterte Fenster hat, ein Verhör anzustellen mit einem so schweren Verbrecher! Weißb. Schwer? — Er ist doch so leicht wie ein Federball 'nausg'sprungen! — Aber Sie haben Recht! (Zum G-meinde- schreiber.) Setzen Sie gleich für die nächste Sitzung auf die Tagesordnung den Antrag, daß unsere Gemeindevertretung in das Budget für's nächste Jahr die Anschaffung von ein' Gitterfenster aufnimmt, und mir den nöthigen Credit hiezu bewilligt! — Strengh Ja nun, weil die Kuh aus dem Stalle ist! — Weißb. So geht's bei uns immer! Strengh. Wenn er nicht mehr eingebracht wird, trifft alle Verantwortung Sie! Weißb. (erschreckt). Himmel! wegen seinem Sprung stund am End' ich selber am Sprung? — Nein! — er muß eingebracht werden! Schreiben wir ein' Preis aus auf seine Einlieferung! Strengh. Ja, das wird was nützen! Weißb. O gewiß! Nur ein Preis ausschreiben, dann wird immer das Schlechte geliefert. — 43 Vierte Scene. Vorige. Rudolf. Einige Dauern. (Man hört zuerst von außen lautes Reden.) Weißb. (gegen die Mittelthür sehend). Was gibt's denn wieder? Rud. (den blanken Säbel noch in der Hand haltend, tritt durch die Mitte ein). Mehrere Bauern (folgen ihm, sichtbar ergriffen, und bleiben am Eingänge stehen). Wcißb. (schnell auf Rudolf zueilend). Du komm'st z'rnck? — Habt's ihn, oder habt's ihn nicht? Rud. (den Säbel einsteckend). 3a! —(Sehr ernst.) Er ist in unfern Händen! Weißb. (höchst erstellt). Gott sei gelobt! — (Zu Rudolf) Auch für den Räuber dank' ich Dir! — Aber gebt's nur Acht, daß er Euch nicht wieder auskommt — nur gleich vor's Standgericht! Rud. Der steht dießseits vor keinem Gerichte mehr! — Wcißb. Na ja, aber jenseits — der Leitha! Rud. (gegen oben weisend). Jenseits! Weißb. Was soll das heißen? (Man hört von außen den gezogenen Klang eines Kirchen- glöckleins.) Rud. Die Glocke beantworte eure Frage — folgt mir und seht selbst! Weißb. Was werd' ich sehen?! Gehn wir — geh n wir Alle hinunter! (Eilt voraus ab. — Alle Uebrigen folgen. — Musik.) Fünfte Scene. Verwandlung bei offener Bühne. (Straße außerhalb des Ortes — in der Mitte der Bühne das Tableau nach dem bekannten Bilde: »Der Tod des Räubers;* rechts und links im Vordergründe Landleute beiderlei Geschlechtes, die Weiber knieend, die Männer mit abgezogenen Hüten, das Tönen der Glocke dauert fort, der Derwandlungsvorhang fällt.) Sechste Scene. Verwandlung. (Park beim Schlosse — rechts im Vordergründe ein Kiosk, dessen Dach auf dünnen Säulen ruht, zwischen welchen sich zeltartige Vorhänge befinden, in demselben eine Ruhbank und einige Stühle, rund um denselben Blumen; links ein Bosquet. unter welchem ein Gartentischchen und einige Stühle stehen.) Anton, Kurzmann. Ant. (im Zwilchkittel, den linken Arm in der Schlinge, von links). A bißl berg'nommen hat's mich doch! und die frische Luft — ich g'spür's — g'sund ist's, aber so g'wiß matt macht's doch! — Ich Hab s nur dem Arzt nicht g'stehn wollen, sonst hätt' er mich gleich wieder in's Bett commandirt, und 's ist dahier so schön! — (Streckt die Deine auf die Bank und stützt das Haupt auf den Ellbogen der rechten Hand, nach und nach vom Schlafe überwältigt) Der G'ruch vom frischen Laub' — die Blumen — ah! Die Welt ist doch schön! und — wenn ich g'storben wär' — 's wär mir leid um mich! — Ob noch wem andern leid g'wesen wär ? Der Rost? — ob die Rost — g'weint hält ? (Blickt sinnend vor sich.) Siebente Scene. Rosi (tritt aus, bleibt im Hintergrund, Anton betrachtend). Wie blaß er ist! Armer Tonl! — Ich weiß selber nicht, was in mir seit dem Augenblick, wo er allein so muthig aufgetreten ist, Vorgängen ist! — Ich war dem armen Burschen immer gut, aber ich hätt' mich g'schamt, es zu g'steh n, und jetzt — jetzt schäm' ich mich fast, daß ich mich g'schamt Hab'! — Wann ich ihm ein kleines Zeichen gebet — 44 Ant. (erwacht in diesem Augenblicke aus seiner Träumerei). Rbsi (fährt erschreckt zurück). D mein Gott! Ant. (sich rasch von der Bank erhebend). Was seh' ich? — Rosi! — Sic — Sie da — bei mir? Rosi (in höchster Verlegenheit). Ich — ich bin mir der Baroness' — (Sich umsehend.) Mein Gott! wo ist's denn hinkommen? (Sieht gegen links.) Ah — dort in der Allee — mit dem Bruder — ich muß zu ihr — (Will fort.) Ant. (feurig). Nein — nein — Rosi! nur ein' Augenblick —! Rosi (stehen bleibend, zögernd). Na — und — was wollt's denn? Ant. Ihnen sagen — (Will auf sie zu, plötzlich sich erinnernd ) Halt! — der Schwur, den ich ihrem Bruder g'leist' Hab! Ich muß fort — sein's nit bös, aber, meiner Seel'! ich muß! — Also b'hüt'Gott,Rosi, b'httt Gott! (Will gehen, sieht sich aber wieder nach Rosi um und bleibt stehen, für sich.) Meine Füß' wollen nicht weiter! — ich brauchet a Dorspannsbewilligung. (Sich zum Gehen zwingend). Na — weiter! Rosi (ihm zusehend, mitleidig). Seht's, 's geh'n fallt Euch noch schwer! Nein — ich kann die Verantwortung nicht auf mich nehmen — setzt's Euch! — mir z'Lieb'! Ant. (wieder innig). Ihnen z' Lieb' ? Ihnen z'Lieb' leg' ich mich in's Grab, und wenn Sie sagen- (Sich wieder besinnend. für sich.) Sei g'scheit, Tonl! Ich bitt' Dich um Gottes willen! sei g'scheit! Rosi (setzt sich auf einen Stuhl im Kiosk, auf einen daneben stehenden weisend). Na, so geht's — nehmt's Platz! Ant. (mit beklommener Stimme). Ich — ich bin so frei — daß ich den Schlaf nicht austrag' — (Nimmt einen Stuhl auf der linken Seite und setzt sich.) Rosi (fast ärgerlich, für sich). Na, ich setzet' mich gar auf die Gartenplanken hinaus! (Laut.) Aber Ihr sitzt's ja so weit weg, daß wir kaum hören können, was wir reden! Ant. (für sich). Ich soll näher kommen! O, mich zieht's eh' hinüber! — wann ich dürft'! — aber nein! (Rückt dennoch rasch näher ) Je näher ich komm', desto mehr zieht's mich! — O Gott! o Gott! o Gott! (Setzt den Stuhl wieder etwas zurück; in die Scene links sehend ) Kommt denn die Baroness'noch nicht bald? — Ich hall's nicht aus! (Pause.) Rosi (hat indeß aus ihrem Körbchen ein Strickzeug hervorgezogen und beginnt zu stricken, für sich). Er red't nichts! (Räuspert sich verlegen. dann laut.) Ihr werd's recht erschöpft sein — natürlich! so a Wunden — Ant. Ah die Wunden — die ist bald g'heilt, aber — Rosi. Na, aber —? Ant. (für sich). Keine Dummheiten — (Laut ) Aber, habe ich sagen wollen — a schön's Wetter brauchet' ich halt! Rosi (herzlich). Na, ich wünsch' Euch, daß Euch die Sonn' recht freundlich scheint! Ant. O, mir ist eh' heiß genug! (Wischt sich mit der rechten Hand den Schweiß von der Stirne.) Rosi. Na, das ist halt die Schwäche! Ant. O Gott! schwach fühl' ich mich just nicht! Rosi. Ihr hab't wohl recht viel aus- g'standen, so lang Ihr g'legen seid? Ant. Ich weiß selbst nicht, der Regi- mcntsarzt hat g'sagt, ich hätt' viel phan- tasirt —. Es war mir manchmal so, als wann die Thür von mein' Zimmer sich ganz still aufmachet, und unter der Thür — da ist ein Köpferl erschienen — wie ein Engelsköpferl — das hat mit so ein' sanften, mitleidigen Aug' auf mich g'schaut, aber — wie ich mich nur auf mein' Lager g'rührt Hab' — war's wieder weg! Rosi (verbirgt ihr Gesicht beinahe in ihrer Strickerei, gezwungen). So? Hm! wie spaßig man phantasirt! 45 Achte Scene. Vorige. Rudolf. Clotilde. Rud. und Clvt. (treten Arm in Arm mehr im Hintergründe links aus). Rud. (deutet lächelnd ausRosi und Anton). A N t. (ohne die Gekommenen zu bemerken, zu Rosi). Und das Sonderbare war, daß mir immer Vorkommen ist, als ob das G'sichtel und die feuchten Augen, und — und die ganze G'stalt (sich erhebend und zu Rosi eilend) Sie — Sie — Rosi (erschrecktvom Sitze auffahrend). Was?! Ant. (sich wieder rasch bemeisternd). Verzeihend — ich Hab' g'glaubt, 's ist Ihnen a Maschen hinnnterg'fallen, und — die Hab' ich aufheben wollen! (Kehrt gleichsam beschämt wieder zu seinem Sitze zurück.) Rud. (bricht in lautes Lachen aus). Hahaha! (Zu Clotilden leise ) Hab' ich Recht gehabt? Rosi (erschreckt). Der Bruder l — die Baroness — Ant. (sich richtend). Der Lieu>^ (Zugleich.) tenant! (Aufathmend, für sich.) Gott sei Dank! Rud. (in der heitersten Stimmung mit Clotilden zwischen Anton und Rosi tretend, lachend zu Anton). Also Du hattest während deiner Krankheit Visionen? Vielleicht (Rosi am Kinne fassend) sehen wirkliche Gestalten wie Visionen aus! Wenn z. D. ein um einen Verwundeten besorgtes Wesen — Rosi (eilt zu Clotilden, ihr Antlitz an deren Busen bergend). Baroneff', ich bitt'Ihnen, befehlen Sie ihm, daß er schweig'! Clot. Im Gegentheile — ich fordere Sie auf, offen zu sprechen! Glauben Sie mir, die größte Lüge ist's, wenn der Mund der Stimme des Herzens widersprechen will! Und wie ich selbst eben j.tzl Ihrem Bruder bekannt habe, wie uneuolich theuer er mir sei — (Geht zu Rudolf und reicht ihm ihre Hand.) Rosi (hoch erfreut). Was? Sie — Sie haben dem Rudolf g'standen —? Na, dann '— dann mach' ich Ihnen's nach, und sag's dem Tonl. (Eilt mit ausgebreitcten Armen auf Anton zu.) Ant. (außer sich vor Freude). Rosi! So kommst Du mir entgegen — und nachher soll ich noch ein Arm in der Schlinge tragen? (Reißt die Schlinge ab und wirst sie weg.) 's geht nicht — ich brauch' alle zwei Arm'. (Drückt Rosi an seine Brust.) Um in deinen Armen die Armseligkeit zu g'nießen! Neunte Scene. Vorige. Dr. Knrzmann. Kurz m. (erscheint im Hintergründe, für sich). Ich suche meine Patientin überall — (Blickt nach vorwärts, und sieht die beiden Gruppen der Liebenden — zuerst sprachlos die Hände zusammenschlagend, dann für sich.) Ah! die gebrauchen Hausmittel! Jetzt Hab' ich die viaAnoZin und proAnosin — und kann den Herrn Baron vollkommen beruhigen. (Eilt nach rechts ab.) Rud. Alle Heimlichkeit soll bald ein Ende haben! Aufrichtig und offen, wie es ehrlichen Männern ziemt, wollen wir vor die Väter unsrer Angebeteten treten. Clot. Mein Vater ist frei von allen Vorurtheilen, und wird dem Retter die Gerettete nicht versagen! Nun aber, liebes Röschen! Folgen Sie — nein, folge Du mir — denn die Schwester dessen, den ich liebe, ist ja auch meine Schwester! (Mit Rosi nach rechts ab.) Ant. (fast von der Zumuthung erschreckt). Rosi! mein Weib? Hör' — der Gedanke kommt mir selber zu keck vor! — Die Rosi — die Bürgermeisterstochter — und ich —! Rud. (ihnparodircnd). Und ich! — Donnerwetter! Bescheidenheit ist schon recht, doch der Mann muß sich auch fühlen! Nun — ich hoff', Du wirst heute noch zu diesem Selbstbcwußtsein gebracht werden!. Hör' mich an! Das im Orte concentrirlk 46 Militär rückt heute vor dem General in Parade aus — Du wirst auch dadei sein — nach der Parade aber werd' ich Dich mit meinem Vater zusammcnbringen — dann sei auch diesem gegenüber kein Trau- michnicht! den poiut 6 6 vii6 in's Auge gefaßt, und »G'radaus!« dadurch muß sich der militärische Freier von dem civilistischen unterscheiden! Wir werden für Dich das Uns'rige thun, dann (lachend) soll Dich der Teufel holen! (Drückt ihm herzlich die Hand ) B'hüt Dich Gott! (Ab nach links.) Zehnte Scene. Anton (allein). Sich setzen oft stundenlang in Betstuhl hinein, Weil sie zur Arbeit nicht anrg'legt just sein. So beten oft d'Leut im Civil, Da könnt' man doch sagen: 's ist zu viel. »Gewehr bei Fuß!« und zum Gebet Die ganze Compagnie dasteht! Drei Trommelschläg' — am Czakod'Hand, Das Aug' dem Himmel zugewandt, Die Lippen sprechen wohl kein Wort, Das Herz nur meld'r sich zum Rapport Mit seinen Wünschen und Begehr'n Beim Herren aller irdischen Herr'n; Ich mein', das ist doch recht g'rad', Und also betet ein Soldat. — Ich soll mich auch bei meiner Bewerbung als Soldat zeigen? Ich Hab' immer g''.neiut, in Allem, was nicht g'rad' zum Dienst g'hört, wär' kein Unterschied zwischen dem Benehmen des Civils und Militärs — aber doch, wenn man das Wesen und Treiben von gewissen Leuten bei gewissen Gelegenheiten im Civil betracht', möcht' man oft ausrnfen: Das ist nicht bloß civil, sondern zu viel — während man bei gleichen Anlässen im Militär doch sagen muß: »Ja — das ist halt ein Soldat!« Couplet. Was Schön's ist die Andacht, die tief aus dem Herzen An Herrgott sich wend't irr Freuden und Schmerzen, Doch Leut' gibt's, die alleweil die Augen verdreh'n, Gebeter herplappern, die's selbst nicht ver- steh'n, Die, statt daß sie ablegen möchten ihre Sünden, Sich woll'n mit dem ewigen Richter ab- finden Mit Formeln, die's ohne Gedanken hersagen, Dabei aber nur ihre Nebenmenschen plagen, Umsonst ist der Tod, kann's was Unwah- rer's geb'n, Der Tod kost' für's Erste schon viel, er kost's Leben, Und wann's dann nur aus war', was kost' erst die Leich', Da meld't sich vor Allen der Conduct-Au- sager gleich, Wie wachst seine Rechnung, stellt man das Begehr'n, Der Welt z'Lieb' recht pomphaft begraben zu wer'n. — Ein eigen's Grab dann, a g'spaßige Red', Als ob aTodter noch a Eigenthum hätt', — Dann sein die Familien oft noch capricirt, Daß Einer auf dem oder dem Ort begraben wird. — Wie oft kommt das vor beim Civil — Es wird ein' wirklich schon zu viel. Wenn aber auf dem Felde der Ehr' Die Tobten zählt ein jedes Heer, Da wird nur eine breite Schacht, Sie Alle aufzunehmen g'macht; Da liegen's friedlich neben einand', Wies' neben einand' hab'n g'halten Stand. Ihr Bartuch ist der Rasengrün Und Gott laßt d rauf die Blumen blüh'n, Denn sein ist ja die ganze Saat Und so ein Grab will der Soldat. 47 Ein Herr geht zum Zahnarzt; ein roglichcr Zahn, Den man mit ein' Zwirnsfaden schon ausreißen kann, Hat weh' 'than, jetzt laßt er sich narkotisir'n, Um nur von der Operation nichts zu spür'n, Wie's gar ist, und endlich der Zahn ist heraus, Traut er sich zu Fuß nicht zu gehen nach Hans, Er wickelt den Kopf sich in Polster ganz ein, Denn schädlich könnt' d'Luft für die Zahnlücken sein. D'rauf sucht in sein' Amt um ein' Urlaub er an, Damit er in Ruhe sich ausheilen kann. Solch' wehleidige Leut' gibt's oft im Civil, Da könnt' man doch sagen, es ist schon zu viel! Vor der Batterie der Commandant Steht mit dem Säbel in der Hand Zm stärksten Feuer fest am Fleck, Eine Kugel kommt — der Arm ist weg. Rasch legt er an sich ein' Verband, Den Säbel d'rauf in d'linke Hand, Und fort wird wieder commandirt, Kein' Schmerz, kein' Müdigkeit er g'spürt, So lang sein' Pflicht zu thnn er hat, Sv a Natur hat der Soldat. (Ab.) Eilste Scene. Baron, Dr. Kurzmann, Weißberger (treten von rechts auf). Baron (zu Wcißberger). Sie waren also bereits so gefällig, meine Einladung den Einwohnern des Ortes mitzutheilen? Weißb. Versteht sich! — N-, den allgemeinen Jubel hätten der Herr Baron anhören sollen! Baron. Alle sollen sich mit mir freuen, daß die gemeinsame Gefahr so glücklich abgewendet wurde! Herr Doctor! — finden Sie die Genesung meiner Tochter so weit vorgeschritten, daß sie, ohne Furcht vor einenr Rückfalle, an dem Feste theilnehmen darf? Kurzm. (zuckt die Achseln bedenklich). Hm! Baron (erschreckt). Um des Himmelswillen! Eine so bedenkliche Miene zeigten Sie bisher noch nie! Kurzm. Weil ich den wahren Zustand der Baronesse nie so erkannte, als eben jetzt. Baron (immer ängstlicher). Eben jetzt? - O sprechen Sie! Kurzm. Ja, ich möchte wohl — aber ich fürchte nur, 's wird Ihnen unangenehm sein, wenn ich die Wahrheit — Baron. Nein, nein! Ich beschwöre Sie, sprechen Sie offen! — Worin besteht ihr Leiden? Kurzm. Es ist eine Krankheit, welche beinahe einen epidemischen Charakter angenommen hat — ein großer Theil der hiesigen weiblichen Bevölkerung scheint davon afficirt zu sein! Baron. Und wie benennen Sie die Krankheit? Kurzm. (lachend). k'edriZaworo8a mi- Iituri8! Hahaha! Baron (verletzt). Sie lachen? Weißb. Na ja, wenn's recht viel Kranke gibt, lachen die Doctoren immer. — Kurzm. Nein, ich lache dazu, wenn ich nicht nur die Krankheit erkenne, sondern zugleich das sicher wirkende Heilmittel verschreiben kann! Baron. Ich versteh' Sie nicht! Weißb. Ich auch nicht! (Zu Kurzmann.) Und was verordnen Sie denn in dem Fall? Kurzm. Ja, das hängt von dem Grade der Krankheit ab, — für die Baronesse z. B. würde ich das Recept so schreiben: ktzeips. Timtturam inartl8 loeumtsnsn- Ü8; zu deutsch: Einen in Gegenliebe aufgelösten Lieutenant! Weißb. (höchst erfreut). Was sagen Sie? Baron (säst entrüstet). Herr Doctor! Sie berühren hier — 48 Kurzm. Die Stelle, wo die Kugel steckt! Kann ich helfen, Herr Baron? Die ganze Krankheit der Baronesse war eine Liebe, die sie bisher nicht zu gestehen wagte, und sie wird geheilt sein, sobald Sie Ihre Zustimmung zu einerVerbindung mit dem Manne geben, den sie liebt! Weißb. Das heißt: mit meinem Sohn! (Zum Baron.) O Herr Baron! Erlauben Sie, daß ich Ihnen gleich eine Liebeserklärung — Baron (zu Weißberger). Ich bitte Sie innezuhalten! Weißb. (zu Kurzmann). So reden Sie, Herr Doctor! Mächen s ihm die Holl' recht heiß! Kurzm. (zum Baron). Ja, Herr Baron! Der Fall ist nicht so unbedenklich, es könnte sich eine Gemüthskrankheit entwickeln — die Baronesse ist ein zartorganisirtes Wesen, und kein Grenadier, der erst todtgc- schossen werden muß, um zu sterben! Baron (heftig erschreckt). Sterben?! — meine Tochter?! Weißb. (dringend). Aber so geben wir ihr doch den Lieutenant! Baron (rasch auf- und niedergehend, die Hand auf seine Stirne pressend). Wenn es so wäre? — Wenn es so wäre! Weißb. (für sich). Er geht aus und ab? — Gut! so kommt die Sach' doch in Gang! (Geht dem Baron nach, laut.) »Wenn es so wäre?« — Glaubens mir, es ist so! Die Baroncss' ist hin, wenn wir nicht bei Zeiten dazuschauen! Baron (zu Kurzmann). Herr Doctor, ich danke Ihnen für die Mittheilung Ihrer Ansicht — (Verabschiedet ihn durch eine Hand- bewegung und setzt sich dann nachdenkend an einen Tisch.) Kurzm. Ich hielt es für meine Pflicht. (Verneigt sich und will sortgehen.) Weißb. (zu Kurzman). Ich werd' Ihnen auch erkenntlich sein! Wirklich! Sie sein ein ausgezeichneter Arzt — haben einen Menschenverstand — d. h. Sie verstehen die Menschen, und wenn einmal in meinem Haus was fehlt, lass' ich bei Niemand andern arbeiten, als bei Ihnen! Kurzm. Nun, so sag' ich Ihnen gleich, auch Sie haben in Ihrem Hause eine Pa- ^ tientin — Weißb. < stutzt). Was? Wer denn? ! Kurzm. Ihre Tochter! Weißb. Warum nicht gar! — Was sollt' denn meine Tochter für eine Krankheit haben? Kurzm. Dieselbe, an welcher die Ba- . ronesse leidet, nur in einem geringeren Grade. — Die Baronesse liebt einen Lieu- ! tenant und Ihre Tochter einen Gefreiten — das ist der ganze Unterschied! Ha ha ha! (Geht nach links ab.) Baron (aushorchend, für sich). Was hör' ich? Weißb. (Kurzmann nachsehend). Das wär' gar dumm! — (Kür sich.) Wenn meine Tochter an dem Uebel laborirt, da hätt' ich (mit der Pantomime von Schlägen) drastische Mittel bei der Hand! Ich darf jetzt nur an mein'n Sohn denken! — Wenn ich nur I wüßt', wie ich ihu (auf den Baron blickend) ! am besten pack! (Bleibt überlegend stehen.) ! Baron (für sich). Da wäre ja das Mittel gefunden, den jungeuMann heute noch zum glücklichsten Menschen zu machen! Doch meine Tochter? — Der Lieutenant hat sich ihrer würdig bewiesen — soll ich ihrem Herzen Zwang anthun? Weißb. (für sich). Ich muß ihn Herumkriegen! — Nur fest d'rauf los! (Zum Ba- > ron tretend, laut.) Also, Herr Baron! daß wir wieder auf den besagten Hammel kom- i nren — nämlich aus mein'n Sohn- Baron. Ich bitte Sie, diese Angelegenheit nicht weiter zu berühren! Weißb. Aber, Herr Baron! sein's g'scheit — (sich rasch verbessernd) ich Hab' sagen wollen: Ueberlegen's a bißl! Wenn man eine Tochter hat, und weiß, daß sie in ein braven jungen Mann sterblich verliebt ist, und wenn so ein junger Mann noch dazu sich in. seinem Stand ausgezeichnet — was Besonderes geleistet hat — 49 Baron (gleichsam als ob er nach und nach überredet würde). 3a, ja, dann sollte wohl ein vernünftiger Vater sich auch über den Unterschied des Vermögens hinaussetzen. Weißb. Uebrigens, Herr Baron, ist die Hauptfach', daß eine Frau an ihrem Manu einen kräftigen Schutz hat! — Und wer könnt' ihr mehr Schutz bieten, als ein Soldat? Baron. Sie haben in der Thal eine so überzeugende Dialectik — Weißb. (für sich, triumphirend). 3ch Hab' ihn schon herumg'kriegt! Jetzt nur noch den Hauptschlag! (Laut.) Und endlich, bedenken Sie, was der Arzt gesagt hat. Baron. Ja, was der Arzt 3hnen sagte — Weißb. (stutzend). Mir? Baron. Daß Ihre Tochter den braven Gefreiten liebe — Weißb. Aber das gehört ja nicht daher! Baron. Doch, doch! denn nach den Ansichten, (etwas ironisch) welche Sie so eben entwickelten, könne»: Sie ja keinen Anstand nehmen, Ihre Tochter sogleich den: tapfern Soldaten zu geben. Weißb. (sür^fich). Da Hab' ich mich schön g'fangt! Tausend Sapperment! was rhu' ich denn? (Laut zum Baron.) Ja, fchaun's, Herr Baron, wenn ich auch wollt', wer weiß, ob mei' Rost wirklich so verliebt ist, und — schaun's — a G'freiter, und — dann — schaun's — es sein halt doch ganz and're Burschen im Ort, die a bißl anders auftreten. (Es ertönt hinter der Scene links die Musik einer Regimentsbande) Weißb. (sich umsehend). Was ist denn das? Baron. Ah — der General hält dort auf dem Schloßplatze Revue über das Militär im Orte — (Wendet Weißberger vollends gegen links.) Jetzt schauen Sie! schauen Sie! rLtaM'Sttp«»« Sir. Zwölfte Scene. Vorige. Rudolf. Anton. Clotilde. Rosi. Der General. Officiere, später Soldaten verschiedener Truppengattungen. R u d. (kommt, Anton mit einem Arme umschlungen haltend, vom Hintergmade links). Mehrere Soldaten verschiedener Truppengattungen (ohne Feuergewehr, jedoch mit dem Seitengewehr versehen und in voller Parade, folgen in nächster Nähe, Anton die Hand drückend, ihn umschlingend u. dgl.). Die Ortsbewohner, darunter auch: Knett mann, Adrian, Steffl er, Bracker, Jacob, Nani (folgen zum Schlüsse, die Mehrzahl derselben die Hüte schwenkend, und »Vivat« rufend). Rud. (zu Weißbergcr, aus Anton weißend) Da, Vater! seht, wie unser Kaiser das Ver. dienst, welches sich der Soldat auch im Frieden um seine Mitbürger erworben, zu lohnen weiß! — Weißb. (verwirrt). Na, g'freut mich unendlich — gratulir' — Baron (zu Weißberger). Nun frag' ich Euch, welcher Bursche im ganzen Orte herrlicher auftreten kann, als dieser? Weißb. (wie oben sich umsehend). Ja, 's ist wahr, so — so g'wiß respektabel — so g'wiß »wie soll ich sagen« — schaut Keiner aus! Baron. Und wenn ich nun sage, daß ich dem Retter meines Eigenthums ein kleines Bauernanwesen kaufe, das bei redlichem Fleiße einst ihn und seine Familie ernähren kann, und alle Töchter des Ortes frage: »Welche von Euch will den zum Manne?« Mehrere Dirnen (wollenhervordringen). Die Bursche (halten sie aber zurück). Rosi. Ich — ich sag'vor aller Welt — ich will sein werden — aber (bittend zu Weißberger) natürlich nur mit eurem Segen! (Die Hände faltend ) Vater! 4 50 Ant. (zu Weißberger eilend). Eieber Herr Bürgermeister! Nud. (aus Weißberger's anderer Seite). Vater! wenn Ihr mich liebt! Weißb. (sich gar nicht mehr zu Helsen wissend. verzweifelnd, für sich). Sie drücken mich ordentlich z'samm' — ich, ich weiß gar nicht mehr — (Zu Rudolf laut.) Ich — ich gebet ja nach, aber Du hast mein Schwur g'hört: »Nie dem Gefreiten!« Ant. Wenn s nur das ist. Weißb. (für fich). Jetzt weiß ich mir gar nicht mehr z'helfen! Baron (zu Weißberger). Sie zögern noch? — (Zu Rudolf.) Herr Lieutenant! Rud. (zum Baron tretend). Herr Baron? Baron (zu Weißberger). Hören Sie mich! das. was Sie thun werden, gelobeich nachzuahmen! (Faßt Elotildens und Rudolfs Hand.) Weißb. Was? — Sie, Herr Baron! Sie wollen — jetzt — (Rasch Antons und Rofi's Hände ineinanderlegend.) Jetzt MÜßt's Euch heiraten! Rosil ihm um den i Vater! Ant. j Hals fallend, j Herr Bürgermeister! Weißb. Na ja. (Zu Anton.) Wann ich Dich anschau' — und die Andern —! And're Väter haben oft ein Kreuz mit ihren Schwiegersöhnen — muß ich nicht froh sein, wenn ich ein Schwiegersohn mit ein' Kreuz Hab'? — (Zum Baron.) Aber jetzt, Herr Baron! — machen Sie's mir nach! Baron. Ich halte mein Wort. (Legt Clotildens Hand in die Rudolfs.) Chlot. !an seinem i Vater! Rud. j Halse, j Herr Baron! Weißb. (zu Anton und Rofi). Sehk's es! die machen's wieder Euch nach — 's ist beim Heiraten alleweil 's Nämliche! Baron. Doch nun laßt uns das Fest beginnen, das den friedlichen Bürger mit den tapfern Kriegern in Freude und Lust vereinigen soll. (Er winkt.) Dreizehnte Scene. Vorige. (Ein Wagen mit einem großen, mit Fahnen besteckten Fasse, aus welchem zu beiden Seiten als Marketenderinnen gekleidete Mädchen stehen, fährt vom Hintergründe herein — eine Mufikbande sängt eine heitere Tanzweise zu spielen an. — Die Marketenderinnen werden von den Baucrn- burschen, — die Bauernmädchen von den Soldaten zum Tanze gezogen. — Während des Tanzes und allgemeinen Jubels fällt der Vorhang.) Ende. Druck »»d Papier vo» Seopow Hommn in «in» Den Bühnen gegenüber als Manuscrtpt gedruckt. Tostl. Komische Scene von Anton Bittner. (Repertoire-Stück des k. k. priv. Carltheaters in Wien.) Personen: Sebastian Tostl, ein armer Weber. Rosel, sein Weib. Nazi, deren Kind. Ein Actuar. Ein Gerichtsdiener (Kurzes Zimmer. Tisch mit Schreibgeräth. Glocke. Mittelthür.) Erste Scene. Actuar. Gerichtsdiener. Act. Ist Jemand im Vorzimmer? Gerichtsd. Der Weber Tostl. Act. Also herein mit ihm. (Gerichtsdiener öffnet die Thür ) Zweite Scene. Vorige. Tostl. Tostl. Schamster Diener! Act. (mit Papieren beschäftigt hört ihn nicht). Tost), (tritt näher, laut hustend). Scham- ster Diener, Hab' ich g'sagt. ^ Act. Schon gut. Warten Sie nur. Ich habe noch — Tostl. O, schon recht. Ich versäume nichts. Entschuldigen überhaupt, Herr Actuar, wenn ich mich nicht ordentlich benimm, aber ich Hab' noch nie bei Gericht etwas z'thun g'habt, ein einzigeSmal war ich drei Monat eing'sperrt. Act. Eing'sperrt? Und warum? Tostl. No, weg'n einer Kleinigkeit. Ich Hab' einmal ein' guten Bekannten, ein'Hu- terer aus G'spaß in den Baffin vom Röhr- brunnen g'worfen. Act. Na, das ist nicht übel. Tostl. Ja, es war sehr schön. Wissen's, ich Hab' seh'n woll'n, ob er, sowie seine Hüte, wasserdicht ist. Act. Das sind recht hübsche Späße. Tostl. O ja, wir haben uns damals Alle sehr gut unterhalten, der Huterer aber nicht, er bat g'sagt: Sie sind ein Esel. Act. Was? 2 Tostl. Zu mir hat er das g'sagt. Act. Zur Sache. Wie heißen Sie? T ostl. SebastianTostl. Und wie heißen Sie? Act. Darnach haben Sie nickt zu fragen. Tostl. Ah so! Ich Hab' glaubt, weil Sie Ihnen so freundlich um mich erkundigen, so muß ich der Artigkeit halber dasselbe thnn. Act. Sie haben nur zu antworten. Tostl. Ah so! Entschuldigen, wenn ich mich nicht ordentlich benimm. Aber wie g'sagt, ich war erst ein einzigesmal unschuldig eingespcrrt. Act. Was, unschuldig? Unschuldig wird Niemand g'strast. Tostl. So? Wenn ich Ihnen einen Brief schreib und schick ich Ihnen unfran- kirt, so werd'n Sie g'strast. Können Sie waS dafür, daß ich keine Marken d'rauf- pickt Hab'. Act. Larifari. Wie alt? Tostl. Ich bin zwölf Jahr alt. A c. Wie ist denn das möglich? Tostl. Wiffen's, ich bin am 29. Februar geboren, und da der nur alle vier Jahr einmal ist, so weiß ich nicht, werd' ich in der Zwischenzeit älter oder bleib ich beim Alten. Act. Schwerlich. Sind Sie ledig? Tostl. Nein, sehr stark gewassert. Ich bin verheiratet, möcht' aber wieder ledig werden und bin desweg'n da, mich von meinem Weib scheiden zu lassen. Act. Also leben Sie nicht gut? Tostl. O, ich leb' sehr gut. Ich lass mir nichts abgehen, ich trink' täglich meine drei Halbe Wein. Act. Ich mein', ob Sie mit Ihrer Frau nicht gut leben. Tostl. O ja. Der Grund meiner Scheidung ist ein ganz anderer. Ich trenne mich bloß deswegen von ihr, weil sie mir einen Buben geboren hat, der mir nicht recht gleich sieht. Art: Nun, wenn es weiter nichts ist. Tostl. O, daS ist kränkend! Mein Nazzi hätt' gleich, wie er auf d'Welt kommen is, ausschauen soll'n wie ich. Act. Und ist daS nicht der Fall? Tostl. Keine Idee. Ich Hab' graue Haar, er schwarze — ick eine rothe Nase, er eine ganz ohne Färb', ich Hab' lange Ohren, er kurze, wie g'sagt, er hat gar keine Familienähnlichkeit. Act. Das ist Nebensache. Tostl. In meiner Familie nicht. Ein Sprichwort sagt, der Apfel fallt nicht weit» vom Stamm, dieser Bub' ist ein Maschanz- ker und ick — ich bin eher eine Plutzer- birn. Act. Sie denken aber doch nichts Arges? Tostl. O, keine Idee! Mein Weib ist eine geborne Tugend und wenn sie nicht eine Schwechaterin wär', wär' sie vielleicht die Jungfrau von Orleans. Act. Und hat Ihre Frau Vermögen g'habt? To fiel. O nein, sie hat nichts besessen, als sich selbst. Eine Viertelstund' nach meiner Vermälung Hab' ich meinen schwarzen Frack versetzt. Act. Also waren Sie ebenfalls arm? Tostl. Das versteht sich. Ich hab's nock nie auf fünf Gulden gebracht. Act. Also hatten Sie mitunter kaum das tägliche Brod? Tostl. O, das schon, aber ver kälberne Schlägel, der zum Brod g'hört, der is uns meistens abgegangen. Act. Das g'hört nicht hieber. Tostl. Freilich, der g'höret zu mir z'HauS. — Scheidung — Scheidung allein ist mein Zweck. Act. Also wollen Sie sich wirklich scheiden lassen? Tostl. Für immer und zwar von Tisch und Bett. Ich Hab' schon die Untertuchrk beim Tandler vergitscht. Act. Ist Ihre Frau gegenwärtig? Tostl. Ob sie gegenwärtig g'rad essen thut, weiß ich nicht, aber sie ißt sehr viel; am liebsten Krautknödl. Act. Ich meine, wo sie jetzt sich befindet. Tostl. Wie ich von zu Haus wegge- gangeu bin, war sie in den Pantoffeln. Act. Machen Sie keine Späße. Tostl. Ich mache gar nichts, am allerwenigsten Spaß. Wenn ich was sag', so ist es wahr. Act. (ungeduldig). Herr, ich habe mehr zn thun (Läutet.) Sie find abgcwiesen. Dritte Scene. Vorige. Gerichtsdiencr. Act. Wer ist im Vorzimmer? Gerichtsd. Die Frau des Webers und ihr kleiner Sohn. Tostl. Mein Nazi? Jetzt können's ihn gleich selbst sehen. Act. (zum Gerichtsdirner). daß sie ein- treten. (Gerichtsdienrr öffnet die Thür.) Tostl. Sie werden sich überzeugen, keine Spur von mir. Vierte Scene. Vorige. Rosel, Nazi. Rosei. Herr Actuar, ich küß d'Hand. Nazi (läuft zu Tostl). Vater, ich küß' d'Hand. Tostl. Hinweg, hinweg, Rabensohn! Nazi. Aber Vater. Rosel. Aber Mann! Act. Herr Tostl, was treiben Sie, nehmen Sie Vernunft an. Tostl. Nein, eher zehn Gulden. Act. Sie sind verrückt. Tostl. Möglich. D'rum bringen'S mir den Buben aus den Augen, sonst bring' ich ihn um. Act. (aufgebracht). Jetzt wird es mir zu arg. Ihre Scheidungsgründe sind nicht stichhältig. Tostl. Aber der Bub' siebt mir nicht gleich, — seine Nasen — Act. (wie oben). Geben's ihm täglich drei Halbe Wein zu trinken, wird sie auch roth werden. Tostl. Und die Haare? Act. Wenn er älter wird, werden seine Haare auch eine andere Farbe bekommen. Tostl (sehr wichtig). Aber die Ohren? Die meinigen sind unerreichbar. Act. Sind Sie froh, daß seine Ohren nicht wie die Ihren — Tostl. Was? Act. Man könnte fast vermuthen — Tostl. (sehr wichtig den Actuar bci Seite nehmend). Daß ich ein Esel bin, — na, gc- niren's Ihnen nicht. Wir sein ja unter uns. Act. Ich glaube gar — Tostl. Nein, nein, ohne Beziehung. (Halblaut.) Ich bin ein Esel, sagen Sir'S aber nicht laut, ich möchte nicht, daß ich die Achtung meiner Familie verlöre. Act. (abgehend). Sie sind ein Narr. (Zum Gerichtsdiener.) Wenn Jemand kommt rufen Sie mich. Rosel. Na also, Mann — Tostl. Schweig. Zu HauS werden wir weiter reden. Halbrechts, halblinks,marsch! Rosel. Na wart, Du g'freu Dich, wannst z'Haus kommst. (Mit Nazi ab.) Tostl. So muß man sich's abrichten. Gerichtsd. Sie sind ein Mordmann. Tostl. Das Hab' ich noch vom Militär. Gerichtsd. Wie, Sie haben gedient? Tostl. Ja, aber nur kurze Zeit, mich hat das Wachstehen genirt. Gerichtsd. Ja, dasistsekant. Tostl. Wenn man sich wenigstens dabei setzen könnt, und dann hat mich mein Corpora! sekirt. Gerichtsd. So? Tostl. Wissen's, er war ein biffel beschränkt, und da Hab' ich ihn öfters^auf- sitzen lassen. Gerichtsd. (zweifelnd). Ah so!Hahaha! Tostl. (bei Seite). Der lacht, den muß ich mir vergunnen. Gerichtsd. Ich habe von Ihnen noch nie ein Bonmot gehört. Tostl. Ich Hab' schon Bonmots gemacht, die bis nach Stockerau gedrungen find. 4 Gerichtsd. So? Hahaha! Tostl. (bti Seite). Was der alleweil hat mit sein' dummen Lachen. Na wart. (Laut ) Sie waren auch beim Militär? Gerichtsd. Ja wohl. Tostl. Nun, als gedienter Mann werden Sie mir wohl die beste Auskunft geben können. Wozu hat unsere Armee weiße und gelbe Knöpf? Gerichtsd. (nachdenkend). Wozu? — 9ta — daß halt ein Unterschied is. Tostl. Nein. Gerichtsd. Wozu denn? Tostl. Zum Zuknöpfeln. Gerichtsd. Hahaha! Tostl. Sagen Sie mir, warum haben denn die Türken krumme Säbeln? Gerichtsd. Das wird doch keine besondere Ursach' haben? Tostl. O ja! Die Türken haben krumme Säbeln, weil die Scheid' auch krumm ist, sonst brächten sie's ja nicht hinein. Gerichtsd. Ja, richtig. Tostl. Sie, wo sein denn die meisten Soldaten? Gerichtsd. Im Krieg! Tostl. Nein, beim Militär. Weil wir schon d'rin sind in dieser Unterhaltung, — sagen Sie mir, wie kann man einem gefräßigen Dienstboten das Brodschnipfen ab- gewöhnen? Gerichtsd. Ah, ich rath gar nimmer. Tostl. Na, fragen Sie mich? Gerichtsd. Also wie kann man einem gefräßigen Dienstboten das Brodschnipfen abg'wöhnen? Tostl. Wenn man neben das Brod ein' recht guten Gugelhupf stellt. Gerichtsd. Das ist zu dumm. Tostl. Aber probat. Haben Sic schon bildliche Räthsel g'seh'n? Gerichtsd. Nein. Tostl. So schaun's einmal. (Nimmt einen Besen, gibt ihn dem Gerichtsdimer in die Hand und verbeugt sich tief.) Was ist das? Gerichtsd. Das weiß ich nicht. Tostl. Das is die Neigung zum Besen. lGeht zum Tisch und murmelt hinein in denselben.) Das is indischkret. (Haut mit der flachen Hand auf die Platte.) Das is praktisch. «Läßt den Leuchter auf- und niedergehend Das is ein leichter Gang. Gerichtsd. Hören Sie, das Hab' ich Alles nicht gewußt. Tostl. Wo ist denn der Trompeter beim Sturm vor den Düppler Schanzen g'standen? ' Gerichtsd. Na halt vor der Front. Tostl. Nein, hinter der Trompeten. Gerichtsd. Weil Sie gar so g'schcit sein, was is denn für ein Unterschied zwischen einem Milliweib und ein Anstreicher? Tostl. Milliweib, — Anstreicher, — das weiß ich nicht. Gerichtsd. Na seg'ns, das Milliweib ist ein Weibl und der Anstreicher is ein Mandl. Tostl. Das muß Ihnen wer g'sagt bab'n. Unter Andern, was is denn für ein Unterschied zwischen einem Esel und Ihnen? Gerichtsd. Zwischen mir und ein Esel? Tostl. Ja, denken's nur nach. Gerichtsd. Ich weiß keinen. Tostl. Ich weiß auch keinen. - l- Gerichtsd. (zornig). Der Herr Aetuar hat Recht, wenn er sagt, Ihre Ohren sind zu lang für einen Menschen. Tostl. Und Ihre find zu kurz für einen Esel. Gerichtsd. Ich mag mich gar nicht abgeben mit so ein' Narr'n! (Ab.) Tostl. Gut, daß er geht, sonst hätt' ich ihm was Unangenehmes g'sagt. Aber still, mir scheint, Zwölfe länten's; nach der Uhr meines Magens muß wenigstens . so viel schon sein. Vielleicht hat meine Rosel beim Greißler doch noch eine Creditivurst herausgepumpt. Dieses Verhör hat mir ein' curiosen Appetit gemacht, richtig läu- ten's Zwölfe. (Schnell ab.) (Der Vorhang fällt.) Ende. Von Wien nach London. Komische Seme mit Gesang von A. B i 1 t n e r. Dargestellt von Herrn Z. Matras. Eh' ich mehr nach London reise, Eh' fahr' ich nach Stockerau, Mödling, Atzgersdorf und Liesing, Simmering und Eipeldan; Liverpool, Paris und London Kommen unserm Wien nicht gleich. (Hoch mein Wien und meine Wiener! Hoch mein gutes Oesterreich!) (Rep.) Prosa. An Vergnügungszug soll ma mitmachkn und bleiben soll ma's lassen; der schönste Vergnügungszug is das, kan Schritt vor sein' Thür 'nausmachen. Mich haben's schön d'rankriegt, koschama Diener, im Anfang' Hab' i mir nit g'nua Banknoten mit- nehmcn können für's Agio und am Schluß Hab' i nachher lauter Agio g'habt und gar keine Banknoten; schaffen's bald wieder. Mein' Frau hat mir gute Lehren geben, i Hab' g'sagt, sie soll einpacken, sie hat g'sagt, vergiß nit auf mich, i Hab' g'sagt, sie soll die Galloschen nit vergessen; i Hab' g'sagt, bleib' mir tren, Hab' indessen einige Adressen hervorg'sucht von Großhandlungshäuscrn, und endlich hat sie mir, sie war schon ganz verwirrt, einen barchetenen Kuß auf die Stirn gedrückt, eine sanfte Unterhosen nn- ter'm Arm gegeben und so bin i endlich fort. Wär' bald zu spät auf die Bahn kommen, weil ich mich mit ein'm Komfortabel gestritten Hab', bin aber mit 48 kr., das heißt ohne 48 kr. glücklich angelangt. Das Locomotiv war schon beim dritten Pfiff, der Kondukteur bat schon alleweil g'schrien: »Einstcigen, einsteigen! sonst blei- ben's z'rück!« Hm! wär' mir g'rad noch abgangen, dreihundert Gulden zahlen und am Bahnhof nachschau'n. He sang. Rechts und links zwei z'widerc Herren, Einer hat nach Luft geschnappt, Dieses Niesen von dem andern, Der hat wieder d'Strauchen g'habt. 2 Vi8-ä-vi8 zwei alte Weiber, Mit einander bloß drei Zähn'. Alles das kann ein'm pafsiren, Fährt man am Vergnügungstrain. Prosa. Der eine von den zwei z'widern Herr'n bat alleweil g'schrien: »Luft! mehr Lust!« Wann man nur an eine Zigarre denkt hat, und der andere hat siebenundsechzigmal nach einander g'niest, hab'n die Vi8-a-vi8- Damen eben so oft wieder«Helf Gotl!« und »Zur Genesung« g'sagt, und für so einen Dialog gibt's keine Straf'. Endlich hab'n's gar am Schooß Kaffee z'machen ang'fangt; damit er recht gut wird, hab'n's drei Pack'l Cichorie dazug'nommen, mich hab'n's gebeten, ich soll dawcil die Pinkeln halten; in dem einen waren, scheint mir, vier Metzen Nuß, in dem andern drei Pfund Butter und Maschanzker; auf einmal, wie der Spiritus im besten Brand und der Kaffee im besten Sud is, schreit der Conducteur bei der Thür eini: »StationSt.Pölten,«wir krieg'nein'n Stoß, fahren mit die Köpf z'samm', der fiedende Kaffee, der brennende Spiritus, Alles über meine Hosen, ich verlier' die Zipf von die Pinkeln und knie auf einmal mitten unter Aepfeln und Nuß wie der Niklo, der's eing'legt hat; und was war derDank? daß mich die herumfitzenden Passagiere noch g'hörig ausg'lacht haben. Hesaug. Hab', verbrannt am ganzen Körper, Wie der Berg Vesuv geraucht, Eine Feuerspritzen Wasser Hab'n's zum Löschen für mich braucht. Leer gebrannt war diese Stätte, Hosen, Hände, Wadeln, Zch'n, Alles das kann Ein'm geschehen. Fahrt man auf'm Vergnügungstrain! Prosa. Ohne Unterkammeramt reise ich gar nirgends mehr hin. So sein wir nach Linz kommen, nach Wels, Lambach, Salzburg, München; diese Städte hab'n wir alle rechts und links liegen lassen; na, zu was hätten wir'S auch mitnehmen soll'n, bis wir endlich find an die französische Gränze gekommen. No, an die Visitation wert)' ich denken! Mich hab'n's für ein'n Italiener ang'schaut und auf die hab'n's jetzt scharf; am ganzen Körper hab'n's mich abg'sucht, ob ich nicht eine Kanone versteckt Hab', und ich kann nichts davor, ich bin so kitzlich, wie mich Einer an- g'rübrt hat, da Hab' ich müssen zu lachen anfangen, und da hab'n's glaubt, ich lach's aus. hab'n mich wollen einsperr'n, hab'n aber kein'n Platz für mich g'habt, und weil in dem französischen Ort zufällig drei Zeitungen erscheinen, so sind, wie es sich von selbst versteht, alle Journalisten g'sesscn. Endlich sind wir nach Paris g'kommen, da ist's mir aber gar schlecht gegangen. Zch geh' Abends in ein'm dunklen schmalen Gaffel spazier'n, begegne eine sehr saubere Französin mit so einem neuen Modehut, der bis zum ersten Stock hinaufgeht, denk' mir, schaust cs an, das Anschau'n kostet ja nichts, und wenn man schon in Paris ist, so will man doch die Sitten und Gebräuche kennen lernen, das heißt, mir war weniger um die Sitten, als um die Gebräuche; ich geh' so auf sie zu und sag' ganz artig und höflich: »Llaäemomelle tulle troi8, eromö paxat ultimo!« auf das winkt sie einem Herrn, der in der Nähe g'standen ist, der schreit mit einer Höllenstimme auf mich zu: »Orauä bete! allemnucle trete! Ltupiäe bete! reäieul bete!« alleweil böte hat er g'schrien, der Kerl muß schläfrig g'wefcn sein. Ich Hab' mich aber glücklich losg'macht von ihm, und bin nach Calais, wo wir uns cing'schifft hab'n. Sei'n die Franzosen gescheite Leut ! Weil's wissen, daß ein'm Jeden um 12 Uhr nicht gut ist, wird um halb 2 g'geffen, und die zwei französischen Capb 3 tän' lassen fich'S ganz allein gut g'schehen, das hat man seh'n müssen. Ein alter Herr, der sonst gemächlich im Winter-Bierhaus fitzt, der fragt cin'n Andern: »No, wie geh'ts Ihnen denn?« »O je, mir ist miserabel, — und Ihnen?« »Mir ist gar nit.« Jetzt kann man sich denken die Verwirrung. Dreihundertundfünfzig ach Gott's, o Jc's und Himmelsapperlott's und die zwei Ca pitän dazu mit dem Viehhunger. Gesang. Ich Hab' g'laubt, mich holt der Teufel, Ja, mein Kopf war völlig dumm. Die 354! gesprungen ist All s um und um; 's Schiff ist hin- und hcrgesprungen, Hör'n und Seh'n mußt Ein'm vergehen. Bumsti! da sind Fünf geleg'n, Das heißt ein Dergnügungstrain! Prosa. Ich Hab' mich erst wieder in London erholt; ich schlaf ganz fest, kommt der Lohndiener und weckt mich auf. Ich frag', was ich so zeitlich sollte, nach meiner Berechnung war's erst halb 3 Uhr in der Früh. »Nein,« sagt der Lohndiener, »cs ist schon halb 11 Uhr, bei uns ist's alleweil so finster, das macht der Nebel! Gehorsamster Diener! Ein Kellnerbub' bringt mir mein Frühstück, es war so ein Bub mit eilf Jahren, der Kerl hat besser englisch g'redt als wie deutsch. Ich schau' mein Frühstück an, trau meinen Augen nicht, bringt mir der ein rohes Stück Rindfleisch her, wie es bei uns in der Fleischbank hängt, ich Hab'diese Leiche liegen lassen und bin fort zur Ausstellung. Auf den Weg dahin begegne ich eine sehr saubere Engländerin. »Halt, denk'i mir, da muß unterhaltlichsein, lauter Engländer in der Nähe.« gehe sanft auf sie zu, zeige ihr meine Karte, wo darauf steht, daß die Fahrt, LogiS, Unterhaltung, Alles umsonst is. Na ja, daS war Sache der Unternehmung, darauf sagt der Lohndiener, das wär' eine Miß. Das war das zweite Mißverständnis Jetzt bin ich fort zu der Ausstellung, da war ein ungeheures Gedränge, da steht ein Kerl neben meiner, klopft mich mit einer weißen Millykerzen auf d'Achsel. I geh' auf die andere Seiten, steht wieder so Einer mit einer weißen Millykerzen. Ich werd' schiech, nimm dem die Millykerzen, was eigentlich ein weißes Staberl war, aus der Hand, und hau's an sein'm Puckel ab. Das hätten Sie sehen sollen. Tausende von Millykerzen, nichts wie nebelweiße Staberln, es war nämlich die englische Conftablerwache, da hab'n's mich eing'sperrt, so lang bis die Andern alle fort sein, da bin ich mit'n Zollvereinsschub nach Wien erpedirt worden. Gesang. Eh' ich mehr nach London reise, Eh' fahr' ich nach Stockerau, Mödling, Atzgersdorf und Liesing, Simmering und Eipeldau; Liverpool, Paris und London Kommen unserm Wien nicht gleich. (Hoch mein Wien und meine Wiener! Hoch mein gutes Oesterreich!) («,»,.) In der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt, ,hohrr Markt Nr. 1, ist erschienen: UUM-GOWWA aus Stücken von: Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Elmar, Flamm, Gottsleben, Grois, Grün, Grnndors, Haffner, Juin, Kaiser, Langer, Megerle, Nestroy u. A. Drei Hefte. Gr. 8- geh. Preis 1 fl. 50 Nkr. oder 1 Thlr. Jedes einzelne Heft 50 Nkr. oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Dcrg D. F. 1- Da möcht i halt das G'wissen sein. 2- Requisiten-Couplet- 3- Figuren-Louplet. 4. Nachher wird es schon werd'n. 5- Glöckchen-Couplet. 6- Biblisches Couplet. 7- Falsche Benennungen. 8- Dann ist sie da die bessere Zeit. 9- 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün. 10. Volkslieder. 11. Aber geb'n thut's es nit. — Berla, Alois. 12- Jetzt da war's halt Noth, daß «er antauchen thät. 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hält'. 14. Zu was dann die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lachcouplet. 16- Aus einer Lhronika. 17. Früchte, die verboten find. 18- Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20. Mythologie-Couplet. — Berts u. Mtnrr. 21- Ohne Umschneidrrei. 22- Die papierene Zeit- 23- Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Bittner Anton. 24. Thier-Couplet 25- Das ist noch Geheimviß. 26. Wer hätt' cs geahnt. 27. Ollromgus 80 Lnäalsu 86 . — Bittner u. Mortänder. 28- Aehnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29. Und so wird hinterrücks g'rrdt. — Böhm, Joses. 30. Na da sieht man's doch, daß's an der Eintheilung fehlt. 31. Wenn man die Wirkung sieht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32- Maschinen-Couplet. 33- Wo man was sucht, dort find't man eS nicht. — Elmar, Carl. 34. O Spiel der Natur. 35 Lied des Teufels. 36. Man glaubt nicht was in einem Menschen oft steckt. 37- So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. 38. O ungeheure Ironie. 39- Da möcht' ich halt wissen, was nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes. Elmar, Carl. 40-Was lieget da dran. 41. Ja so geht's, wenn man heut' zu Tag Geister citirt. — Feldmanu u. Flamm. 42- Mit Kleinem fängt man an, mit Großem hört man auf 43. So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Theod. 44. Keine Rose ohne Dornen. 45- Gesundheit und ein recht langes Leben. 46- Jedes Häferl hat sein Deckerl. 47. Repertoire-Couplet. — Flamm u. Wimmer- 48- Wann er nur a klau's Bisserl z'ruckdenkeu thät. 49. So behilft sich halt Jeder, so gut als er kann Gottsleben, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 51. Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52- Na, das kennen wir schon. 53. Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54. Wir bedanken uns sehr. — Grün, Johann. 55- Was ein Narr ist. 56. Ein Chineser. — Gründorf. 57- 's ist just netnöthi, aber nothwendi war's. — Hass,rer, Carl. 58. Da flnd's mäuserlstill. 59 Es steckt was dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60- Wann der mein Kapperl hätt'. 61. Ja, ich kann's nit ändern, es is halt a so. — Juin 62. Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht. 63- Wozu Mancher eigentlich geboren. 64. Fiakerlied. 65- Zu was von den Göttern eine Auskunft begehren. — Juin u. Flerx. 66 Da wird einem heiß, kalt — warm! 67-Ungeheuer genannt! — Kaiser, Friedrich. 66 Ich bitt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. Inhalt des dritten Heftes. Kaiser, Friedrich. 69. Es muß ja nicht gleich sein. 70. Da braucht man beim helllichten Tag a Lateru- 71- Jetzt das g'hört aus ein anderes Blatt. 72. Die find halt g'scheidt. 73. Das ist so nobel und so billig dabei. — Langer, Anton. 74- Was ist der Unterschied 75- Aber da mag Keiner net. 76- Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 77- Es schaut nur gemeiner aus. 78- Zu früh und zu spät. 79- Man kann sich's wohl denken, aber sagen darf man's nicht. 80- Wann mich der fragen thät. — Megerle, Lher. 81. Marsch mit dem in d'Butten. 82. Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. — Nestroy. 83. Und 's ist Alles net wahr. 84. Kometea-Lied aus »Lumpaci». 85- Auf was sich Mancher hinauswachsen kann. 86. Das wär ganz etwas Neu's. 87- Und man kommt aus kein Grund. 88- Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 89- Ja, hat penn die Sprach' da kein anderes Wort. — varry, A. 90- Ob der wohl die Wahrheit wird sagen- Druck und Papier von Leopold Sommer in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuscrtpt gedruckt. Die Räuberbraul. Posse mii Gesang und Tanz in drei Acte» und neun DilLcru von Carl Elmar. Musik von Kapellmeister Storch. (Im k. k. priv. Theater in der Josephstadt mit Beifall gegeben.) Personen: Adele von Reichenfels, eine reiche Witwe aus Wien. Herr von Zimperlich, deren Onkel. Paolo Sanguinoso, Briganten-Eapitän in Neapel. Pietro, » Antonio, > dessen Gefährten. Bartolomeo, 1 Kilian Sterz, Landwirth vom Tullnerboden. Lorenz, dessen Oberknecht. Wawerl, eine Köchin aus Wien. Marchese Lupino. Zechino, Besitzer eines Weinberges am Vesuv- Kioretta, dessen Schwester. Rosina, deren Magd. Penzinger, ein Vagabund. Mangianello, Peppina, Rosinetto, Malasorte, Maddalena, Lucia, Loretta, Argentino, Ein Diener. > Gäste bei Sanguinoso. Briganten. Landlente. Enrabinieri- Erster Art. Erstes Bild. In der Näuberküche. Felsenhöhle rechts, ein Feuerherd, an welchem Waberl kocht, links ein Felsblock, der mit Schüsseln und Flaschen besetzt ist. Erste Scene. Waberl (halb deutsch, halb italienisch gekleidet, kocht in einer Kasserolle). Pietro (steht links im Hintergründe an den Höhleneingang gelehnt sinnend). Antonio. Bartolomeo und andere Briganten (find nach beendeter Mahlzeit um den Felsblock gelagert). Chor der Lriganten. Schmausen, Zechen das ist gut, Den Briganten macht es Murh; Gurgel naß und Magen satt, Das erhält die Stirne glatt; Schmaus und Wein von A bis Z, Das ist unser Alphabet. Wawerl (für sich mit dem Chor). Aber d'Waberl hamli bet', Wann's nur d'Freiheit wieder hätt'. Chor. Wenn der Magen wohl genährt, Und die Gurgel frisch bescheert; Fang der Teufel, wenn er kann, Handel mit Briganten an; Doch er nimmt sich wohl in Acht, Vor des Sanguinoso's Macht. Wawerl (wie oben). Ach, meine Rechnung is schon g'macht, Liebe Freiheit, gute Nacht. tanischen Briganten zu Ehren. Wenn man nur zum Nachtisch von der Köchin auch ein paar schmackhafte Küsse erhalten könnte. Waw. (schnippisch). Sonst aber haben's keine Schmerzen? Bartol. (höhnisch). Nimm Dich in Acht, Antonio, daß deine verliebten Wünsche nicht unserem Capitano zu Ohren kommen, denn Paolo Sanguinoso betrachtet diese schnippische Wiener Köchin als sein ausschließliches Eigenthum. Ant. (trotzig). Pah, sein Recht daraus u üßte er uns erst beweisen. Wir haben die Reisegesellschaft aus Wien gemeinschaftlich übersatten und ausgeplündert, das Madel aber Hab' ich mir als Beute zurückbehalten. Bartol. Und der Capitano hat sie mit dem Rechte sich zugeeignet, mit dem er sich Alles zueigner, was eigentlich der ganzen Compagnie gehört. Waw. (für sich). Saubere Compagnie von lauter Spitzbuben. Ant. (rasch ausstehend). Was gilt's? Wenn ich von der Dirne einen Kuß haben will, so muß ich ihn bekommen. Bartol. (und die Andern ausstehend). Da wären wir neugierig. Waw. (den Kochlöffel schwingend). Und i selber a! — Kommt's nur her, wer mein Kochlöffel auf seiner Pappen g'spüren will, der hat's erste Vorrecht. Ant. Sie droht uns! Jetzt muß sie zur Strafe uns Alle nach einander küssen. Die Briganten. Alle! Alle! (Stürzenans Wawerl los.) Waw. (sich wehrend und mit dem Kochlöffel herumschlagend). Ös verfiirte Räuberbagasch! Aner g'sunden Wiener Köchin seid's no lang nit g'wachsen. Ant. (lachend). Das Mahl war gut, die Pletro (ein junger Mann von edlem, gebieterischem Wesen, mit der gespannten Pistole da- üiener Küche kommt unter den neapoli^ zwischcntretend zu den Briganten). Zurück! s Schämt Euch, mit feiger Begier über ein wehrloses Weib herzufallen. Ant. Hahaha! Will Signor Pietro wieder einmal den Tugendhelden spielen? Bartol. (spöttisch). Er ist ein geborner Cavalier und kann sich die ritterliche Galanterie nicht abgewöhnen. Ant. Er ist ein Brigant wie wir, wir lassen uns nichts verbieten von ihm. Die Andern. Wir lassen uns nichts verbieten. (Wollen auf Wawrrl los.) Pietro Zurück! Wer sich ihr mit einem Schritte nähert, hat meine Kugel in seinem Diebsgehirn! Ant. Er hat uns Diebe genannt, er lästert die Compagnie. Alle. Rache! Rache! Pietro. Ich lästere nicht, aber Ihr macht jener Sache, deren Fahne zum Deckmantel dienen sollte Schande! — Der politische Zweck, welcher auch mich verblendete und unter euer schmachbedecktes Banner lockte, wird durch eure nichtswürdigen Unthaten entehrt! Ihr seid nicht königliche Parteigänger, sondern eineBan- diten-Compagnie. Ant. Dann ist auch Sanguinoso ein Bandit, er wird dich für diese Beschimpfung züchtigen. Wab. (stolz). Da müßt' initsein' Lcib- köchin sein, so lang' i da bin, g'schieht dem Signor Pietro nir. Die Banditen (nach rückwärts blickend). Der Capitano. Zweite Scene. Vorige. Paolo Sanguinoso. Paolo (ein kräftiger Mann, phantastisch gekleidet, tritt rasch aus dem Hintergründe ein und ruft sehr lebhaft). Holla, Briganten! Ein guter Fang steht uns bevor, zu dem Ihr Euch schnell in Bereitschaft setzen müßt. Die Briganten. Lvvrvs, ?solo 8an- 8ULLV8V, swivu! Bartol. Gilt's einer Schaar vom r« §a1s,n1uowo, die wir überfallen sollten? Paolo (lachend). Nein, die Sache ist weniger kriegerisch als romantisch. Bartol. Etwa wieder ein Weib? Paolo. Ein schönes und reiches Weib! Eine Witwe aus Deutschland, welche dnrch ihre Vorliebe zur Romantik nach Neapel geführt, mit Beihilfe unseres Agen- tenMarcheseLupino auf einem Spaziergange in unsere Hände fallen soll Bartol. (spöttisch). Ei, Capitano! Das ist wieder ein Streich, mit dem unser ritterlicher Pietro nicht einverstanden sein dürfte. Ant. Der uns eben eine Banditen- Compagnie genannt. Paolo (entrüstet). Banditen?! Pietro. Weiber zu überfallen und zu berauben, ist nicht die Sache eines Edelmannes. Paolo. Wir verfolgen dabei einen höheren Zweck. Der Reichthum jener Dame wird unserem Kampfe für die Legitimität neue Mittel liefern. Pietro. Die Legitimität ist ein heiliges Wort, welches durch Euch geschändet wird! Banditen. Hörst Du, Capitano, hörst Du? Waw. (energisch). Seit's stat! — Zum Aufhetzen habt's Courage, aber vor den g'spannten Pistolen fallt eng's Herz in die Stiefel! Paolo. Du schweig! Waw. (zu Paolo). Wissens, Herr Capitano, warum die kraupeten Kerle da, auf den Signor Pietro an Pick haben? Weil's mi alle hab'n abschmatzeln wollen und weil er des nit g'litten hat. Paolo. Abschmatzeln? Was bedeutet dieses Wort? Waw. Na, das bedeutet (macht die Ge- berde des Küssens). Paolo (eifersüchtig auffahrend). Oor^ro «1i l)L0oo! Waw. (cokett schmeichelnd). I bin aber nur Ihner Leibköchin^, wann i mi sogar von Ihnen nur an ein'Suntag küssen * 4 lass'! wert)' ich's denen nit unter der Wochen erlauben. Paolo (zu Pirtro). Du hast also das Mädchen in Schutz genommen? Pietro. Es ist stets meine Art, der Beschützer des Schwächer« zu sein. Paolo. Dafür will ich Dir den Schimpf auf unsere Compagnie vergeben, aber nimm Dich in Acht, daß Du deinem beschworenen Gehorsam gegen mich nie untreu wirst. Pietro (edel). Ich habe leider geschworen, Flucht oder Verrath wirst Du vom Kavalier Pietro di Sardegna nie zu befürchten haben. Meinen Arm aber wirst Du stets nur für jenen Zweck bewaffnet finden, den ich auch für den Deinigen gehalten habe, nie für die Schmach! Wenn Du gegen Schutzlose deine Waffen kehrst, wcrd' ich sie gegen Dich und gegen Alle, welche Dir gehorchen, bis zum letzten Blutstropfen schützen. (Ab durch die Mitte.) Dritte Scene. Vorige ohne Pietro. - Ant. (zu Paolo). Du solltest den Narren hängen lassen, oder zum Teufel jagen, denn er ist uns doch nur hinderlich. Wab. Wann's nämlich a Madl küssen woüt's,was ihre Busseln nur für'n Schönsten aufhebt. Paolo (geschmeichelt). Bin dieser Schönste ich? Wab. (cokett.) Na, wer denn sonst? (Fürfich.) 3 muß dem Capitano 's Goderl kratzen, denn wenn er auch kebi wird, so wehr i mi doch gegen ihn leichter als gegen die ganze Banda. Paolo (ihr schmeichelnd). Was gibt's heute zu essen? Wab. 3 Hab' 3bnen lauter Leibspeisen kocht: Mehlnockeln in der Suppen, Rindfleisch L In ilnlienne garnirt, Polenta mit neapolitanischer Wurst, Makroni mit Krautsalat, Zwetschkenpofößen und an butterwachen Rehschlegel mit Pomerant- schen. Paolo. Wann wir von der Expedition zurückkommen, will ich mir deine kochkünstlerischen Werke vortrefflich schmecken lassen. Wab. (seufzend). Ach, die Expedition verdirbt mir meine ganze Freud! Paolo. Ei warum? Wab. Wann a schöne reiche Wittib kummt, nachher wird der Herr Capitano von der armen Köchin nix mehr wissen wollen. r Paolo (rasch). O,da täuschest Du Dich! — Wenn Du deine Sprödigkeit oblegen wolltest — so — Wab. (cokett lachend). Wurd' i vielleicht Frau Capitanerin? Na, i werd mir's bedenken. — A Köchin muß halt vorsichtig sein, damit sie sich bei der Lieb' net verbrennt. Lied mit Chor. Waberl. D'Lieb is wie a Suppenheferl, Was am Herd beim Feuer steht, Obacht geb'n muß d'Kuchel-Everl, Daß's ihr ja nit übergeht. D'Suppen steigt gar leicht in d'Höh Und es thut der Köchin weh, Wann ihr d'Fetten, stark erhitzt, Aus die Finger spritzt. Paolo. Darum sollst Du die Suppen nicht übergehen lassen, sondern sie zu rechter Zeit, wenn sie nämlich am heißesten ist, aus meinen Teller schütten. Waberl (fingt, cokrtt). Schütten thät i freili gern, Aber 's kann halt g'fährli wer'n, Und mir wär um's Teller lad Wann's gar z'springa that. Briganten (lachend Waberl's Dialcct pa- rodirend). Und ihr wär' um's Teller lad Wann's zerspring« that. ,Ui Waberl. D'Liab is wie a Schmarn imReindl, D'Köchin das am besten kennt, Langsam kriegt's das rechte Bräunl, Z'gach wird's aber g'wiß verbrennt. Wenn der Schmarn soll schmecken gut, Braucht er nur a sanfte Glut, Nachher wird er recht sein grad, Wann er Rammerln hat. Paolo. Meine neapolitanische Leidenschaft verlangt aber keine sanfte Glut, sondern eine brennende Flamme. Waberl. Nehmens Zhna Herz in Acht, Daß ka gache Hitz' wird g'macht, Wann vor Hitz das Reindl z'bricht, Is der Schmarn ang'richt. Thor. (Wie oben.) Wann vor Hitz rc. re. Waberl. D'Liab is, wie am Spieß a Bratel, 's Bratel iS a g'waltig's Trum, d'Köchin als a pfiffig's Madl, Draht's am Herd beim Feuer um. Wann's vielleicht a Gansel iS, Was da steckt am Bratenspieß, Muß a Köchin von Talent, Srbau'n, daß's marb wird für die Zähnt. Paolo. Meine Zähne sind scharf genug, steh nur, daß ich die gebratene Gans bald bekomme. Waberl (lachend). I bin braten erst zum Theil, Warten müffen's no a Weil, Daß nit sagen, vom Beißen rach, Ui! die Gans is zach! (Läuft durch die Mitte fort Paolo ihr nach). Chor. Daß's nit sagen rc. rc. (Der Chor ab ) Verwandlung. Zweites Bild. Die romantische Witwe. (Elegantes Zimmer in einem Gasthofe.) Vierte Scene. Adele v. Reichfeld und Herr v. Zimperlich (treten von rechts ein; Adele trägt elegante Sommerkleidung, italienischen Strohhut, Zimperlich einen Anzug von Nanking und Panamahut). Adele (lebhaft heiter). Onkel, verderben Sie mir durch Ihre Besorgnisse die neapolitanische Romantik nicht. Wir sind nicht hieher gekommen, uns zu fürchten, sondern um uns begeistern zu lassen. Zimp. (kleinlaut). Wenn das in meiner beständigen Angst nur möglich wäre! Die Natur in Neapel mag begeisternd sein, aber man begegnet da so vielen Menschen, die- Adele. Die eben Neapolitaner sind. Zimp. (kleinlaut). Ja, mit Rinaldo Rinaldini-Gefichtern. Wir haben auch ihre Leidenschaften bereits kennen gelernt: Ma- caroni essen, Faulenzen, Betteln, und, wenn sie bei übler Laune sind, Messer werfen. Adele. Das sind nur Leidenschaften der gemeinen Claffe, der Lazzaroni, welche hier die Stelle der Dienstmänner vertreten. Zimp. Unsere Dicnstmänner sind viel gemächlicher. Adele. Aber nicht so romantisch. Zimp. Du weißt, Adele, daß ich Dir in Allem gern gefällig bin, aber mit dem Wunsche, daß ich Dich auf der Reise nach Neapel begleiten soll, hast Du meiner Vorliebe für Sicherheit und Bequemlichkeit ein kolossales Opfer auferlegt. Adele. Meine Dankbarkeit wird diesem Opfer entsprechen; der Reichthum, den mir mein verstorbener Herr Gemal hinter- 6 lassen hat, steht der Bequemlichkeit meines lieben Onkels zur Verfügung. Zimp. Ach Gott, wenn ich ihn nur genießen könnte! Wenn wir nur schon wieder in unserem Hause auf der Ringstraße wären, oder in unserem ländlichen Tuscnlum auf dem Tullner Boden. Adele (lachend). Dorthin werd'ich Sie nicht begleiten. Zimp. Warum? Adele. Weil ich lieber der romantischen Leidenschaft eines neapolitanischen Banditen, als der lächerlichen eines Landwirths vom Tullnerboden zum Opfer fallen will. Zimp. Du sprichst von dem armen Kilian Sterz, der Dich mit schwärmerischer Zärtlichkeit verfolgt. Adele. Diese Verfolgung ist mit Ursache daran, daß ich mich nach Neapel geflüchtet habe, denn der alberne Mensch hätte mich noch lächerlich gemacht. Zimp. Du bist nicht ohne Schuld — der arme Kilian ist in landwirtschaftlichen Angelegenheiten zuweilen in das Haus deines Gatten gekommen, da hast Du aus kokettem Muthwillen mit ihm gescherzt. Adele. Weil ich ihn nicht für blöd genug gehalten habe, um einen solchen Scherz für Ernst zu nehmen. Zimp Er hat es aber so genommen und ist nahe daran um deinetwillen verrückt zu werden. Adele (lachend). Soll ich ihn etwa heiraten, damit er seinen precären Verstand zurückerhält? Zimp. Nein. — Aber ich meine nur, daß ein Landwirth vom Tullnerboden weniger gefährlich ist, als ein neapolitanischer Bandit, (mit Nachdruck) sogar weniger als vielleicht ein neapolitanischer Marchese. Adele. Aha, diese Anspielung trifft unfern galanten Freund, den wir auf einer Promenade am Golf kennen gelemt haben, und der sich uns mit so viel Gefälligkeit als Cicerone angeboten hat. > Zimp. Ein bezahlter Cicerone würde j mir nicht so bange machen, wie dieser j Marchese mit seiner aufdringlichen Ga- ! lanterie. Adele. Lieber Onkel! wer überall Gefahren sehen will, der findet sie auch ! überall. ! lEin Diener meldet eintretend:) Der Herr Marchese Lupino. Fünfte Scene. Vorige. Marchese Lupino (durch die Mitte). Lup. (elegant gekleidet, tritt mit vielen Com- plimenten ein). Adele (freundlich). Willkommen, Herr Marchese! Kein Cicerone kann pünktlicher sein, wenn eine Dame, die sein schönes Vaterland bewundern will, auf die Begleitung ihres Führers wartet. i Lup. Signora, ich halte es für meine ^ Pflicht, einer so liebenswürdigen Dame zu ! beweisen, daß der politische Antagonismus welcher dermalen zwischen Oesterreich und Neapel herrscht, den Geboten unserer Galanterie keinen Abbruch thut. — Ich habe die Ehre mich Ihnen für den ganzen Tag zur Disposition zu stellen. Adele (vergnügt). Für den ganzen Tag? Das ist schön! Welche Merkwürdigkeiten wollen Sie uns heute bewundern lassen? Lup. Sie scheinen die romantischen zu lieben? Adele. O, ich schwärme dafür. Lup. Wohlan, Signora, so mache ich den Vorschlag, einen Wagen zu miethen, um nach einer pittoresken Wald sch lucht in der Nähe des Vesuvs zu fahren. Zimp. (erschrocken). In der Nähe des ! Vesuvs? Wann aber der zu speien anfängt?! Lup. (lächelnd). Er ist jetzt nicht bei so übler Laune. 7 ! j Zimp. Und dann — dann muß ich gestehen, daß Wald sch luchten nicht meine Leidenschaft sind, wenigstens nicht ohne Gendarmerie-Begleitung. Adele (lachend). Fürchten Sie sich vor einem Zampa oder Fra Diavolo? Zimp. Ja, mir sind hier schon Leute vorgckommen, welche mit diesem schrecklichen Theaterhelden eine sehr unliebsame Aehnlichkeir besitzen. Lup. Das ist nationaler Typus. Zimp. Ah so! Adele. Der Herr Marchese ist zu galant, als daß er uns in wirkliche Gefahren bringen könnte. (Heroisch.) Uebrigens würde ich selbst eine vorübergehende Bekanntschaft mit dem Brigantaggio, der jetzt in den Zeitungen eine so große Rolle spielt, nicht fürchten. Lup. Signora! wenn etwas meine Verehrung noch erhöhen kann, so ist es Ihr heroischer Muth. Zimp. Wer ist dieser Brigantaggio? Vermuthlich ein wilder Kerl mit Stiletten und anderem nationalen Mordwerkzeug bewaffnet? Lup. (mit Pathos). Er ist keine einzelne Person, sondern eine große, weitverbreitete Gesellschaft, welche das erhabene Wort »Legitimität« auf ihre Fahne geschrieben hat. Zimp. Was kümmert uns die Legitimität von Neapel? Adele (mit Effect). Wenn sie uns auch nicht kümmert, so müssen wir doch denen Achtung schenken, welche mit Gefahr ihres Lebens für dieselbe kämpfen. Es ist die einzige Romantik, deren sich unser materielles Zeitalter noch zu rühmen hat. Lup. Und ihre Helden sind auch darin romantisch gesinnt, daß sie sich dem schönen Geschlechte gegenüber ritterlich bezeigen. (Heimlich.) Signora! ich selbst gehöre za dieser ritterlichen Corporation, welche für eine gefallene Krone kämpft. Adele. Ich schätze Sie dafür um so mehr. (Laut.) Genug, lieber Onkel, die romantische Landparthie bleibt abgemacht und wird auf der Stelle angetreten. Zimp. (seufzend). Wenn es unser Blut kostet, hast Du die Verantwortung dafür. Lup. Darf ich Ihnen meinen Arm anbieten, reizende Heroine? Adele (seinen Arm nehmend, schwärmerisch). Ach, Herr Marchese! — Ich bin nur eine Frau, welche so lange das Joch der Gewöhnlichkeit getragen hat, daß ihre Seele des Aufschwungs zum Ungewöhnlichen bedarf! Mein verstorbener Gatte war ein guter, ein gefälliger Mann, aber zuweilen wäre es mir doch lieb gewesen, wenn er genug Stimme gehabt hätte, um den Zampa oder den Fra Diavolo zu singen, denn das hätte der Romantik unserer Ehe genützt. (Ab mit Lupino durch die Mitte.) Zimp. Auf der Ringstraße und auf dem Tullnerboden gibt's keine Romantik aber auch keine« Brigantaggio, darum bin ich dort lieber. (Durch die Mitte ab) Verwandlung. Drittes Bild. Einx Waldpartie. (Pittoreske Waldschlucht im italienischen Charakter Dorspringende Felsenblöcke, Bergsteige, Wasserfälle. Der Hintergrund ist in Halbdunkel gehüllt.) Sechste Scene. Kilian, Sterz und Lorenz. (Kommen nacheinander ermüdet aus dem Hintergründe, tragen ländliche Reisekleidung, hohe Stiefel und breite Hüte. Lorenz hat ein Felleisen auf dem Rücken und einen dicken Stock in der Hand.) Entröe-Duett. Sterz (komisch melancholisch). Da sein wir in Neapel jetzt. Lor. (gemächlich brummig). Diel hundert Meil'n von z'Haus. 8 Srerz. Ich Hab' nur'S halt m s Köpf'l g'setzt. Lor. Der Teufel bringt's net raus. Sterz. Ich geh' der Herzgeliebten nach. Lor. Und i patsch hinterd'rein — Sterz. Wenn sie mi a net leiden mag. Lor. So leid halt i die Pein. Beide. Ja die Lieb' is halt a böser Geist, Weil's mi gar noch nach Neapel reißt Vom Tulln erb öden bis daher, No weiter is's nit mögli mehr, So weit schon halt's von Hof und Haus Nur a Verliebter aus. Lor. Ja, daß's vom Tullnerboden bis zum Berg Vesuv ka Katzensprung is, das g'spür' i an meine Füß' und an mein Buckel! — Au weh, das hat man davon, wenn man als getreuer Oberknecht sein' Herrn net allein will laufen lassen. Sterz (ärgerlich). I Hab Dir's nit g'schafft. — Und g'loffen sein wir ja net, wir sein bis zum hintern T hürl von Neapel g'fahr'n. Lor. Aber nur bis zum Thürl. Torten hat Ihnen d' verliebte Ungeduld kan Fried mehr lassen; Sie hab'n ein'n neapolitanischen Gassenbuben g'fragt, ob er nit waß, wo d' Frau von Reichenfeld logirt, der schlechte Kerl hat ja g'sagt, hat sich für's Wegweisen an Zwanz'ger zahlen lassen, und hat uns nachher in die Ansckicht her- zarelt, wo er uns davon g'rennt is. — Da tappen wir jetzt herum wie a paar verlorne Schaf. Sterz. Das is romantisch — nnd's Romantische g'fallt der Frau von Reichenfels. Lor. Aber mir nit, weil i 's Felleisen schon nimmer daschleppen kann. Sterz. So leg's derweil untern Baum hin, und rast Di aus. Lor. Da könnt eppa a Räuber vüre springa, und könnt' mir's mitsammt mein Sunntagsg'wandl nehmen. — Na. na! I b'Halts lieber aus'm Buckel und «nein Stecken in der Hand, daß i gegen so an neapolitanischen Grasel g'stellt bin. Sterz Ach, Lorenz! Wenn wir den langen Weg umsonst g'macht haben, wann der Beweis von meiner Zärtlichkeit derer stolzen Wittib a no net gnug is, nachher soll mi a neapolitanischer Grasel umbringen, i dank ihm no dafür. Lor. Sie sein mit Respect z'melden a Narr! I wollt' lieber, es bringet Aner das hoppetarschigeWeibsb i ld um, was Ihnen mit boshaftigen G'spaffeteln zuerst verrückt g'macht hat, damit's Ihnen hat auslachen können, wie der Patschen fertig war! — Is das an Unglück! — Von Haus und Hof sein wir weg, und just in aner Zeit, wo daham Alles d'runter und d'rüber geht: Der Jodl hat's Fieber, die beste Kuh will ka Milli geben — nnd die neue Burger - meisterwahl steht vor der Thür, wenn wir net dorten san, kriegen wir vielleicht den Dümmsten. Sterz (heftig). Wann i mein Geliebte net krieg, brauch i kan Burgermaster a nit, ob's nachher a g'scheiter oder a dummer is. Lor^ (ebenfalls heftig). Aber is denn d'Frau vonReichenfels allan auf derWelt?! Wie Sie a kernfester, g'sunder Mann sind, der seine schuldenfreie Wirtschaft hat, kön- nen's auf'n Tullnerboden Hundert für Ane finden, und im Neapolitanischen no mehr. Sterz. Wirst glei stad sein! — Kannst Du mir als ehrlichen österreichischen Sterz die Schlechtigkeit zutrau'n, daß i mein Herz in ein Polenta-Reinl oder in a Makaroni-Heferl einiwirf? — Lor. Alles an's, wann's nur Hilst! — D'Frau von Reichenfels is unsre Landsmännin, und waß den österreichischen Sterz net z'schätzen. Wann Ihnen a saubere Neapolitanerin mehr z'schätzen waß — so greifen's zna. Zech ino (ein älterer dicker Mann in de> Tracht eines wohlhabenden italienischen Land mannes ist während der letzten Worte aus dem Hintergrund von links aufgetreten, hat mit lebhafter Neugierde zugehört und ruft nun mit cor- dialem Lachen): Ein trefflicher Rath! Siebente Scene. Vorige. Zcchino. Lor. (schreiend). Patroll! Patroll! das is a Räuber, wie er leibt und lebt! Zeckino (lachend). Nicht doch, ^inioo! für einen Räuber bin ich zu dick, zu gemüth- lich und zu faul. Lor. Aber das G'wandl! So Hab' ich den Abällino z'Wcan im Theater g'seh'n. Sterz. Warum net gar! Der Abällino hat ja an langen Sabel und a rothe Federn aufm Huat! Zechino. Ich bin ein ehrlicher Land- wirth. Lor. (rasch vergnügt). A Landwirth sein's, da habn's ja nachher 's nämliche G'schäft als wie mein Herr. Wir sein auf'n Tullnerboden z'Haus. Zechino. Und ich am Vesuv. Dort besitze ich einen großen Weinberg, wo der berühmte Lacrymä Christi wächst. Lor. Das is wahrscheinlich der neapolitanische Gumpoldskirchner? Haben's vielleicht a Probflaschel davon im Sack? Zechino. Leider nein! — Wenn ibr mich aber nach Hause begleiten wollt, so sollt ihr mehr als eine Probe davon haben. Lor. (zu Sterz). Was manen's? — Zu der Frau von Reichensels kommen wir zeitlich gnua, gengen wir früher mit dem braven Weinbauern. Sterz (mit Eifer). Na, na! Wenn uns der Herr an G'fallen thun will, so soll er uns nur den nächsten Weg in d'Stadt zeig'n, denn mein Herz is durstiger, als wie meine Gurgel. Zechino (lachend). Ich weiß's! Ich Hab euer Gespräch mit ang'hört und meinen Bauch vor Lachen geschüttelt. Lor. (zu Sterz) Da hören's! Wenn schon so a Bauch über Ihna lachen muß, nachher können's Ihna denken was d'Frau von Reichenfels für a Kirrerei verbringen wird. Sterz. Das kann man nit wissen, sie kann aMitleid en kriegen, wcnn's mi vor lauter Wehmüthigkcit so auf der Tacken sieht. Zechino. Ich würde mich schämen, wenn ich als Mann auf das Mitleid eines Weibes hoffen müßte. Lor. I —a! (Zu Sterz.) Laffen's Ihnen von dem Herrn a saubere Neapolitanerin verkuppeln, wann's a nit zum Heiraten is, wenigstens zu an verliebten Techtcl- mecktl. Sterz. Sei stad! — Es gibt keine Neapolitanern«, die meiner Geliebten 's Wasser reicht. Zechino (zu Sterz). Ihr kennt meine Schwester Fioretta nicht. Lor. (schwärmend). O mein! Fioretta! das muß schon ein halbcter Engel sein. Zechino. Und ein reicher Engel. Lor. Also a ganzer! (Zu Sterz.) Ichbitt' Ihnen, schau'n wir's an, das kost ja nir und wir kriegen noch an neapolitanischen Gumpoldskirchner. Sterz (mit Affect). Na, Lorenz! I Hab' mich amal dein Teufel verschrieben, also kann ich kan Engel brauchen. Zechino (für sich). O weh! — Wann ich einen solchen Narren nicht d'ran krieg', so bleibt meine reizende Fioretta sitzen. Sterz (der indessen nach links blickt, auf- schreiend). Alle guten Geister! Lor. Was gibt's denn? Sterz. Dort schau hin, Lorenz! Wann das nit d' Frau Reichensels is, so sein meine Augen verrückt! Lor. Das wär'ka Wunder! (Hinblickend.) Aber meiner Seel'! Sie is 's! Ihr gagel- bamener Herr Onkel stolpert mit, und a fremder Herr. Zechino. Der Marchese Lupino! — Sollte diese das Täubchen sein, das mein 10 Geschäftsfreund, der Signor Capitano, fangen will, wie er mir eben mitgetheilt hat? Da könnte ich doch vielleicht diesen Gimpel für meine Fioretta fangen. Sterz (Mernd). Sie kummt! — Halt mi, Lorenz, denn wenn ich ihr nit ind'Arm fallen kann, so fall' ich eppa auf d'Nasen. (Stützt sich aus Lorenz.) Achte Scene. Vorige. — Adele, Lupino, Zimperlich (von rechts). Adele (rasch auftretend). Gewiß, Herr Marchese, Sie haben nicht zu viel gesagt, diese Waldpartie ist ein Ideal von bezaubernder Romantik.— (Sterz erblickend, höchst überrascht.) Was seh' ich? Lor. (mit Vorwurf). An Narren seben's, gnädige Frau, der Ihnen nach Neapel nachg'rennt is, weil's ihn auf'n Tullnerboden no net gnua g'foppt haben. Zimp. (ganz perplex). Herr Kilian Sterz! Sind Sie es denn wirklich? Zcchino (für sich). Das trifft sich gut! der Sanguinoso holt sich die Braut, und ich hole mir den verschmähten Bräutigam. S^rz (gegen Adele gewendet, mit kläglichem > Ton). Gnädige Frau! 3 hab's nit aushal- ten können, i Hab' Ihnen nachreisen müssen, damit 's kennen lernen, was a verliebter Sterz für a Zähigkeit hat. Lup. (lachend). Der arme Teufel! Adele (für sich) Was soll ich jetzt thun? Zu seinem eigenen Besten muß ich ihn durch Spott zu curiren suchen. (Spöttisch zu Sterz.) Mein lieber Herr Kilian Sterz! Wenn Sie mir nur Ihre Zähigkeit beweisen wollten, so haben Sie sich überflüssige Mühe gemacht, denn meine Zähne sind von dieser Eigenschaft so überzeugt, daß ich noch immer daran stochern muß, um die Reste Ihres von mir zerrissenen Herzens herauszubringen. Lor. (zu Sterz). Merkens wie's heanzt? — Schämens Ihnen, wenn's jetzt no net über's Heserl steigen. Sagen Sie's der Gnädigen, daß 's Ihnen auf sie net an- kummt, weil's a bildsaubere Fioretta kriegen können. Adele (lachend). Wer ist diese Fioretta? Zechino (sich verneigend). Meine Schwester! — Lup. (sich ihm nähernd). Ah sieh! Unser wackerer Zechino hier. (Heimlich.) Hält sich Paolo in Bereitschaft? Zechino (heimlich). Ganz nahe! Adele. Ein Bekannter von Ihnen, Herr Marchese? Lup. Ja, mein Weinlieferant, der in der That eine reizende Schwester besitzt. (Heimlich zu Zechino.) Rede ich Dir so zu Gefallen? Zechino (nickt). Adele. Nun so rath' ich Ihnen, Herr Sterz, wenden Sie die Zärtlichkeit, welche Sie mir beweisen wollen, bei jener reizenden Fioretta an, vielleicht sind ihre Zähne für eine solche Kost geeigneter. Lor. Beißen kann Jede! Zimp. (zu Sterz). Wenn ich Ihnen rathen soll, so kehren Sie lieber schnell auf den Tullnerboden zurück, und suchen Sie sich eine Braut, welche mit der einheimischen ' Kost zufrieden ist. Sterz (heftig). Ich such' gar keine mehr. — An Banditen will i haben, der mir sein Stilet in's Herz stoßt. Paolo (plötzlich aus dem Hintergrund hervortretend, mit humoristischem Lachen). Kann ich mit dem meinigen dienen? (Allgemeine Bewegung.) Neunte Scene. Vorige. — Paolo. Zimp. Gott steh' uns bei! das ist der leibhaftige Rinaldo-Rinaldini. Lor. (zu Sterz). Der kommt mir wie der jAbällino vor. n bup. (lkise zu Adele). Es ist Einer von den Nnsrigen. Adele. Also ein Held! (Betrachtet Paolo mit Interesse.) Paolo (sich verneigend) Verzeihung, Signora, wenn meine plötzliche Erscheinung Ihre zarten Nerven unangenehm berührt bat. (Nach Sterz zeigend.) DerWunsch dieses Mannes hat meinen Humor angeregt, und so habe ich vergessen, was auch ein Briganten-Capitän den Damen schuldig ist. Zimp. Ein Briganten-Capitän?! Ich bin des Todes! P ao l o. O Signor, keine Furcht! (Heroisch.) Wir tödten nur diejenigen, welche uns politisch gegenübersteh'n. Zechino (für sich). Und die, welche ihr Geld nicht hergeben wollen. Adele (zu Paolo). Der Herr Marchese hat mich über den Charakter Ihrer Genossenschaft aufgeklärt und meine romantische Gesinnung laßt mich dieselbe schätzen. Sterz (kläglich). Hörst, Lorenz? Wann i an Sabel und a rothe Feder hätt', könnt' i a der G'schätzte sein. Adele (spöttisch). Nicht ohne den dazugehörigen Muth. Paolo (mit Affect). Ja, der Muth ist jene Eigenschaft, deren wir nicht allein zum Kämpfen, sondern noch mehr zum Leiden bedürfen.— Entbehrungen sind des Briganten hartes Loos, und nur das Bewußtsein kann ihn entschädigen, daß er für eine große Sache duldet Zechino (für sich). O Schelm! Paolo. Im Dunkel des tiefsten Waldes liegt er, rauh gebettet, die Morgen- röthe weckt ihn zur Gefahr, die Mittags- tzlocke läutet ihm nicht, denn sein armseliges Mahl wird nur in unbehaglicher Eile genossen, der Abend hat keine Kühlung und die Nacht keine Ruhe für ihn, denn sein Lebenslauf ist eine unaufhörliche Wacht! Was er aber am schmerzlichsten vermißt, das ist die Pflege einer sanften weiblichen Hand, welche den Erschöpften labt, den Verwundeten heilt, und den einsam Trauernden tröstet. Lup. (für sich). Wenn man den Kerl reden hört, möchte man ihn für einen Poeten halten, aber die romantische Dame wird an seiner Poesie genug bekommen. Lor. (lachend). Herr Sterz, da sein wir auf dem Tullnerfeld besser d'ran. Adele. Das Gemeine ist immer besser daran als das Edle. (Zu Paolo.) Ihre Schilderung des Brigantenlebens hat mir solches Interesse eingeflößt, daß mich beinahe der Wunsch überkommt, es durch persönliche Anschauung kennen zu lernen. Zimp. (entsetzt) Um des Himmel willen, Adele! Du wirst doch nicht unter die Bri> ganten gehen wollen? Adele. Warum nicht, lieber Onkel! Zn Ihrer Gesellschaft und auf kurzen Besuch. Paolo (für sich). Daß der Besuch länger wird, ist dann meine Sache. Zechino (für sich). Die Närrin! Sie merkt nicht, daß die ganze Komödie auf ihren Fang abgesehen ist. Adele. Was sagen Sie zu meinem Einfall, Herr Marchese? Lup. (galant). Ich sage: Was eine heroische Dame will, das darf sie auch. Adele (fest). Nun, wohlan denn ich will! Sterz (sehr heftig). Und ich sag', es darf nitg'schehn! Als Oesterreicher leid' ich's nit, daß meine Landsmännin unter die wälli- schen Banditen geht! Paolo ldrohend). Keine Beleidigung, oder ich mache deinen Wunsch zu Wirklichkeit! (Zeigt ihn die Pistole). Zech, (rasch vor Sterz tretend) Bitte, bitte! — Wenn er todt wäre, könnte er meine Fioretta nicht mehr heiraten. Lor. Und die Fioretta krieget kan S terz. Adele. Wenn Sie Furcht haben, Onkel, so steht es Ihnen frei, zurückzubleiben. Zimp. Ach— ich habe gräßliche Furcht, aber Zurückbleiben kann ich nicht, weil ich Dich beschützen muß. Paolo (die Pistole nach dem Hintergründe abfeuernd). Briganten! Zum Ausbruch Musik. (Im Hintergrund und aus allen Anhöhen erscheinen plötzlich die Briganten eine malerische Gruppe bildend, mit geschulterten Gewehren.) Zimp. Himmlische Barmherzigkeit, wo sind denn die auf einmal Herkommen? Paolo (stolz). Sie kommen von überall her,wenn ihr Capitan o befiehlt. (ZuAdele.) Meine Compagnie, Signora, welche unserer schönen Besucherin das Geleite geben soll. Adele (die etwas betroffen war, sich schnell fassend, heroisch). 3ch grüße die Compagnie und nehme das Geleite an. Paolo. Lvvlvs,! Die Briganten. Lvviva! Musik. (Adele saßt Lupino's Arm, sich nach dem Hintergründe wendend. Paolo unterstützt Zimperlich, welcher zitternd folgt- Sterz will Nacheilen, aber Lorenz umschlingt ihn mit beiden Armen. Zrchino reibt sich nach Sterz blickend mit vergnügtem Lächeln die Hände.) Zweiter Act. Viertes Bild. Sterz am Feuer. (Stube in Zechino's ländlicher italienischer Wohnung. Im Hintergründe ein bereits offenes Fenster mit der Ausficht ins Weingebirge. Rechts und links Seitenthüren. Die Einrichtung besteht aus Marmortischen und Rohrstnhlen.) Erste Scene. Zechino und Fioretta (von links). Fior. (eine sehr häßliche Person in vorgerückten Jahren, mit langen schwarzen Locken, dichten Augenbrauen, karikirt ausgeputzt, mit feuer- rothen Bändern, bunte italienische Kleidung, sehr lebhaft und energisch, sagt im Eintreten). Zch will hoffen, Bruder, daß ich nicht auch dieses Mal die Gefoppte bin! Der junge deutsche Landmann, den Du gestern mitgebracht hast, und den ich hinter den Vorhängen meines Fensters mit Aufmerksamkeit betrachtet habe, gefällt mir außerordentlich. Zechino. Darum Hab'ich ihn ja mitge- brackt, daß er Dir gefallen soll, denn Du mußt doch endlich heiraten. Fior. Za, endlich! Mir hat aber schon Mancher gefallen, ohne daß es zum Heiraten gekommen wäre. — Wenn's mit diesem auch nichts wird, so werde ich Dich zwingen, mir mein väterliches Erbtheil herauszugeben, und werde mir selbst einen Mann verschaffen, denn ich Hab' das Alter und die Energie dazu. Zechino. Das kann Niemand bezweifeln. Sei aber nur unbesorgt, der blöde Landwirth aus Oesterreich wird sich vor deiner Energie nicht retten können. Fior. Du hast mir aber gesagt, daß er in eine Andere verliebt sei? Zechino. Die Andere ist zum Glück eine Närrin, und hat sich von Sanguinoso fangen lassen, der mein alter Geschäftsfreund ist, und sie schon mir zu Liebe fest- halten wird. Du darfst nur nicht vergessen, daß dieser Kilian Sterzioso ein sentimentaler Deutscher ist; mit der neapolitanischen Furia richtst Du bei dem nichts aus. Fior. Ich werde meine Furia zu bändigen wissen. Zechino. Auch mußt Du Dir Mühe geben seinen Begleiter, so plump und ungeschlacht der Kerl ist, auf die Seite zu bringen. Ich habe bei dem schon vorgear- ! beitet, er freut sich schon auf den guten Wein, den er hier trinken wird. Fior. Ach, dieser Wein ist nicht feuriger, als meine Sehnsucht nach Liebe. LZ Zech ino (nach rechts horchend). Horch! — In der Schlafkammer unserer Gäste hat sich was gerührt. Sie werden ihre Ermüdung endlich überwunden haben und erwacht sein. (Durch's Schlüsselloch an der Thür guckend.) Es ist der Knecht. Er gähnt fürchterlich, reckt sich fast die Arme aus, und scheint sich nach einem Frühstück um- zusehen. Fior. Aber was thut der Andere? Zech ino. Ter schläft noch. — Du hast indessen Zeit die Macht deiner Liebenswürdigkeit an dem Knecht zu prüfen. — Er kommt — es wird gerathen sein, wenn Du dein Gesicht ein bischen abwendest, damit er nicht zu sehr verblüfft wird. Fior. (lächelnd). Du bist ein Schmeichler, Bruder Geronimo. (Setzt sich, das Gesicht abwendend links.) Zechino (für sich). Ah! sie hält's für Schmeichelei! Lor. (tritt von rechts ein, gähnt und sagt schmunzelnd). Wünsch allerseits an guaten Muring. Zweite Scene. Die Vorigen. Lorenz. Zechino (sehr freundlich). Ah, sich! Einer unserer lieben Gäste. (Ihm kräftig die Hand schüttelnd.) Von Awrno, amioo! Gut geschlafen, wie ich hoffen will? Lor. Na, i moan's, wie a Ratz. — Zs a ka Wunda, wann man in derer neapolitanischen Hitz an halben Tag mit'n Felleisen umag'stolpert is. Zechino. Hier mögt Ihr euch nach Herzenslust erholen. Lor. Za, das wir i a thun. Z'erst that i halt um a wcng was z'kiefeln bitten. Zech, (lächelnd). iVlunAiars, wie wir Italiener sagen. Lor. Za, mkMArare! Sehr viel m»n- Fmre! >" Zechino. Das Frühstück ist bereit, und wartet nur auf die Ermunterung beider Gäste. Lor. (rasch). Soll i mein Herrn eppa aufwecken? Er hat no sein Lebtag nit so lang in Tag einig'schlafen. Zechino. Nein, gönnen wir ihm die Ruhe und machen wir indessen nähere Bekanntschaft mit einander. Fior. (hustet ungeduldig). Lor. (Fioretta bemerkend). Ui! da sitzt ja a Weibsbild, — die hat aber schöne rothe Bandeln am Kopf! Zechino. Es ist meine Schwester Fioretta. Lor. (neugierig). So? die is? Warum draht's uns denn d'awige Seiten zua? Zechino. Weil sie fremden Männern gegenüber ein wenig schüchtern ist. Lor. Die G'schamigkeit g'fallt mir. (Freundlich.) Schenirn's Zhna net, liebe Jungfer, ich Hab' schon mehr saubere Weibsbilder mit rothe Banderln g'seh'n. A Saubere därf sich alleweil anschau'n lassen, nur bei dieSchiechen is's mitunter g'fährli. Zechino (für sich). Darum ist hier große Gefahr. Lor. (zu Fioretta). Lafftn's mi nur a Wengerl von der Seiten gucken. Fior. (wendet ihr Gesicht etwas gegen Lorenz.) Lor. (für sich). Don der Seiten is nit viel Saubers d'ran. (Laut.) Bitt', no a weng'l mehr Fior. (wendet sich mehr gegen ihn). Lor. Die wird allweil schiecher. Zechino (zu Fioretta). Beseitige deine Schüchternheit und zeige ihm dein ganzes Gesicht. Lor. O pfui! — (Sich besinnend, bei Seite.) Jetzt hätt' i bald pfui Teufel g'sagt. Zechino. Seid ihr nun zufrieden? Lor. (komisch höflich). Ja, i bedank mi! Zechino (zu Fioretta). Der Eindruck, welchen Du auf diesen braven Mann gemacht hast, wird sich auch bei dem Andern wiederholen. »4 Lor. (für fich). Mein Herrn druckt's eppa glei nieda. Fior. (aufsiehend). Daß er aber gar so lange schläft! Man sollte doch glauben, er wäre auf meinen Anblick neugierig. Lor. Vielleicht hat ihm schon vonJhna tramt. (Man hört Sterz sehr laut von innen niesen.) Lor. Ah, er niest! — Bei meinem Herrn is's wie bei die Hund; in derFruh niesen's z'erst, nachher gengens eißerl. Fior. Ach, Brnder! ich bin zu bewegt, als daß ich den jungen Mann gleich selbst empfangen konnte. Bereite ihn auf meine Bekanntschaft vor und rufe mich, wenn er mit dem Niesen fertig geworden ist. Sterz (niest lauter). Fior. Ah, er niest musikalisch. (Linksab) Zechino (für fich). Die Here will mir das schwerste Stück Arbeit an den Hals werfen, aber ich habe mich schon genug geplagt. (Vertraulich zu Lorenz.) He! guter Freund— wollt Ihr mir den Gefallen thun und euren Herrn auf den Anblick meiner Schwester vorbereitend Lor. Warum wollen's denn das nit selber thun? Zechino. Weil ich im Weinberg dringende Geschäfte habe und weil ich als Bruder die Schönheit meiner Schwester nicht so herausstreichen kann. Lor. (schmunzelnd). 3 soü's also außa- streichen, meiuen's? Zechino. Ja, je mehr, desto besser! — Der erste Kuß, den Fioretta von eurem Herrn bekommt, trägt Euch auS meinem Geldbeutel zwei Ducaten ein. Lor. (für sich). Da bin ich also besser d'ran als mein Herr. Sterz (uirst noch stärker). Zechino. Er hat zum dritten Mal geniest. Lor. Ja, unter dreimal thut er's nicht, jetzt wird er a glei außa kumma. Zechino (eilig). Also, ich räume Euch das Feld; seid geschickt! sür den ersten Kuß zwei Ducaten, sür jeden folgenden das Doppelte, bei der Hochzeit aber eine große Börse voll! — (Für sich.) Wenn die Fioretta den Gimpel gefangen hat, kriegt der Lockvogel von mir keinen Heller. (Ab durch die Mitte ) Lor. (allein). Da krieget i an Haufen Ducaten z'samm', den mir mein Herr verdienen müßt, das wär net schlecht! — Aber bin i net a Lugenschippel, wann i ihm so a Schiechigkeit für a Schönheit anfidispu- tiren will? — Ah was, zum Heiraten kommts nit glei, und er vergißt derweil wenigstens auf d'Andere. Dritte Scene. Lorenz, Sterz (von rechts). Sterz (rasch befehlend). Lorenz! pack dein Felleisen auf, in fünf Minuten müssen wir wieder am Weg sein. Lor. Was? ohne Frühstück? Sterz. Kannst Du auf ein Frühstück denken, Nimmersatt, wannst meine Geliebte unter den Banditen wast? Lor. Sie is ja selber gern mit die Banditen gangen. Sterz. Mer i muß ihr nach! — Du hätt'st mi schon gestern nit erhalten können, wann i net vor Hunger und Müdigkeit schwach g'wesen wär. Aber die sech s Pfund Macaroni, die mir der Zechino zum Nachtmahl hat sieden lassen, und das wachc Pflaumenbett, in dem ich zwölf Stund g'schlafen Hab', die hab'n mi wiederum so stark g'macht, daß i mi vor aner ganzen Rauber-Eompagnie nit fürcht. Lor. I bin a kan Hasenfuß, aber aNan mag i no viel weniger sein. Oder wär's ka Narrheit, wann wir der Frau von Reichenfels nachlaufen, während wir da so a präch tigs Leben hab'n können, wenn wir nur a Wengl g'scheidt sein? Sterz. Was nennst denn Du g'scheidt? ! Lor. Essen, was' zum Essen gibt —- trinken, was' zum Trinken gibt — und küssen, was zum Küssen gibt. 15 Sterz. Für mich gibt's aber da nir zum Küssen. Lor. Warten's nur, bis d'Fioretta g'seh'n hab'n. (Mit der Zunge schnalzend.) Sie, das is a g'schmackigs Brockerl! Sterz (spöttisch). Hör' auf! Lor. Sie wissen, daß i für d'Weibs- bilder an guten G'schmacken Hab'! Sterz. Ja, die dicke Annamiedl vom Tullnerboden ist deine größte Schönheit. Lor. (schmunzeld). Ah na! — Wenn mir bei der Annamiedl nur die Dicken g'fallt, so g'fallt mir bei der Fioretta Alles. Sterz (neugierig). Is denn wirkli gar so schön? Lor. Man muß's halt von der neapolitanischen Seiten betrachten. Augenbram und Locken hat's, die man ihr mit Gusto ausreißen, a Nasen, in die man mit Gusto einibeißen, und a paar Aeugerln, die man ihr mit Gusto aus kratzen möcht'!—Natürli vor Lieb'; g'wachsen is's wie a Pfeisen- röhrl, mollet wie a Müllnersack und dabei do so schlank — so schlank, daß i 's mit meine zwa Hand' umspannen kunnt. Sterz. Na, da därs's g'rad net gar so schlank sein. Lor. Dabei hat's a G'schamigkeit, daß an z'erst nur mit an Drittel G'sicht anschaun kann; um's zweite und um's dritte muß man erst a Weil bitten. Sterz. Und wie alt kann's denn bei- läufi sein? Lor. Um's Alter fragt man bei einer solchen Schönheit nit, aber majorenn, glaub i, wird's aus jeden Fall schon sein. Sterz. Vielleicht schon zweimal. Lor. Ah na! Fior. (tritt unbemerkt in großer Spannung rin). Sterz (mit Affect). Und wenn Du sagst: DieFioretta is «Engel und wann's wirkli an Engel is, so kriegt's doch ka Busserl von mir, eher küß i no a Her. Lor. Sie, geben's Obacht, sonst kummt eppa a Her daher. Fior. (rasch zwischen Beide tretend, mit cokettem Lächeln). Eher eine Fee! Sterz (entsetzt ausschreiend). O pfui der Teufel! Vierte Scene. Vorige. Fioretta. Fior. (zornig). Was hast Du gesagt? Pfui der Teufel, hast Du gesagt! — Das ist eine Beleidigung in eurer groben Sprache! Lor. Na, na, kan Beleidigung is 's net, luau sagt's nur, wenn man halt an gachen Grausen kriegt. Sterz (heftig zu Lorenz). Du niederträchtiger Kerl! — Die ausgepichte Lemonistau- den hast Du mir als a Schönheit recom- mandirt? Lor. Als a neapolitanische. Sterz Das is net «mal a mexikanische! Fior. Ha! Schon wieder eine Beleidigung! Lor. (heimlich zu Sterz). Machen's d'Fioretta net fuchti, sonst laßt's uns eppa von ihre Knecht in Vesuv einiwerfen. Sterz (laut). Besser in Vesuv als in die Arme von einer solchen Schönheit. Fior. Ha, ^rmtriaoo ws-lsästto! Lor. Sie flucht schon! Fior. (zu Sterz). Du bist in meiner Gewalt und wirst meinen Willen tbun, oder in diesem Hause sterben! Lor. (begütigend). Er thut's ja! Bedenken Sie aber nur, daß ein österreichischer Sterz net so g'schwind auskocht ist, wie« neapolitanische Polenta. Fior. Er soll an dem Feuer meiner Liebe oder an der Glut meiner Rache kochen! Sterz. Da spring i lieber außi aus'u Hefcrl! (Läuft nachdem Fenster im Hintergrund.) Fior. Springen? Versuch's! — Das Fenster führt nach einem Abgrunde, in welchem Du Dich zerschmetterst. — Wenn 16 Du aber aus einer Thür entkommen willst, so Hetze ick Dir die Hunde nach. Sterz. Das ist a hundsmäßige Behandlung! — Und justament laß' i mi net dahalten! Lor. (bittend). Lieber Herr Sterz! — Eher als Ihnen d'Rippen brechen, oder von an wellischen Sultel z'reißen lassen, eher könntcn's der Jungfer Fioretta- Sterz (zornig). Hör' mir mit so aner Jungfer auf! — An dem Allen bist nur Du Schuld. Wegen dein Hunger und Durst Hab' i mi daher zarcln lassen! — Lor. Sie sein ja a hungri g'wesen, sonst hätten Ihnen d'Macroui nit so g'schmeckt. Sterz. Wegen die paar Nudeln, werd' i nit derer Wetterher ihr Opfer werd'n. Fior. (spöttisch). Schimpf' Dich nur aus. — Wenn Du die Fruchtlosigkeit deiner Weigemng erkannt haben wirst, dann wirst Du Dich in meinen Willen fügen. Sterz (verzweifelt). Das gibt's net! — Unser Herrgott wird an ehrlichen Sterz in Schutz nehmen, der lieber aus'm Heferl springt, als daß er auf so «schändliche Weis verbreselt! (Schwingt sich über die Kensterbrü- stung und verschwindet.) Lor. und Fior. (ausschreiend). Ah! Ah! (Paus e.) Fünfte Scene. Lorenz und Fioretta. Fior. (jammernd). Der Unglückselige! Er hat sich lieber in den Abgrund gestürzt, als in meine Arme! Lor. (an's Fenster eilend). Herr Sterz! — Um Gottes willen, melden's Ihnen. Fior. Ach, von da unten gibt es keine Meldung mehr. Lor. Er ist g'wiß in tausend Scherben auseinander. (Aus Fioretta zustürzend.) Was thu' ich Dir denn, Du verflirte Bandelkramerin! — I wirs Di' mein armen Herrn am Buckel nach. (Schleppt sie zum Fenster.) Fior. (kläglich). Pardone! Pardone! Lor. Nir Pardone! mit an Schupfer bist in der Höll beim Teureld'runt. (Hinunterblickend). Ha! sieh i recht? Drunt krarelt er über d'Staner auffa! Fior. (sich von ihm losreißend). Das ist nicht möglich! Lor. (lachend). Schaun's abi! Mir wirft er a Patsckhand zu und Ihnen zagt er d'Feig'n! Fior. (wüthend). l^aloästto! Lor. Jetzt is er auf der andern Seiten oben, und fangt wi a Narr zum Rennen an. — (Rufend.) Warten's, Herr Sterz, wir rennen mit einander. (Will fort.) Fior. (ihm den Weg verstellend). Zurück! mein Schrecken ist vorbei und Du sollst meine Furia kennen lernen, wenn Du nur einen Schritt von dieser Stelle machst! Lor. (eingeschüchtrrt). Aber sein's doch vernünfti! Fior. Ich will nicht vernünftig sein! Mein verschmähtes Herz will Rache haben und Du bleibst für diese Rache aufgespart. Lor. (angstvoll). I? — Wollen's eppa mi statt mein Herrn jetzt heiraten? Fior. Das weiß ick noch nicht. — Aber einstweilen sollst Du mir als Geißel dienen. Lor. Als Geißel! — Das ist ein Instrument, mit dem man zuschlagt? — Wegen meiner — wann Ihnen mit'n Zuschlägen g'Holsen is- Fior. Du sollst mein Sclave bleiben, bis dein entflohener Herr zurückkehrt. Lor. Nachher komm' ich ans der Sklaverei nimmer los. Fior. (spöttisch). Wenn Du den 8alto mortale nachmachen willst, oder Dich vor den Zähnen des Diavolo und des Nerogrande nicht fürchtest, so stehen Dir die Wege zum Entkommen frei, doch Du wirst Dich besinnen. — So dumm und plump Du bist, wirst Du Dich in Fiorettens Ketten fügen lernen, (kokett.) Für den Ge- horsamen sind es rosige.Fesseln, für den Widerspenstigen aber werden sie zur eisernen Last. (Bedeutsam.) Es bleibt Dir anheimgestellt, ob Du das Eisen vorziehen willst oder — die Rosen. (Geht links ab.) Sechste Scene. Lorenz (allein). Wann i das G'schwab'l recht verstanden Hab', so laßt mir d'Fioretta d'Wahl, ob i mir den Mag'n mit Macroninudeln oder mit ihr'n Busserln verderben will. — Da g'hört a Ueberlegung dazu, mit derer man nit so g'schwind' ferti is als wie mit aner Schüssel voll Sterz. — Bei dem Wort »Sterz« fallt mir wiederum mein verrückter Herr ein. Der hat wirkli sein' guten deutschen Nam' nit umsonst. — A guter deutscher Sterz kommt überall in Verlegenheit und muß überall leiden. Lousttet. 1 . Die Speisen wie die Menschen sein Verschieden auf der Welt, A feine, wann's gut schmecken soll, Die kost' a Menge Geld. A grobe kann viel g'sünder sein, Und wenig Kunst begehrt's, Zu solchen g'sunden Speisen g'hört Der gute deutsche Sterz. 2 . Die feinen brauchen feine G'schirr Von Zinn und von Porz'llan, Und wenn man nicht gut Obacht gibt, So brennen's leicht sich an. A Hefen und a Deckel d'rauf, Das find't man allerwärts, Und weiter braucht zum Kochen nir Der gute deutsche Sterz. 3. Die feinen g'hör'n für seine Leut', Bei denen kann der Mag'n, Weil's g'wöhnlich sehr verzärtelt sein, Ka grobe Kost vertrag'n. Die Volksleut' halten's kräftig aus, Dom Drucken krieg'ns kein Schmerz. Es druckt's gar viel noch schwerer als Der gute deutsche Sterz. 4. Nur das kann halt ein' braven Mann Verdrießen bis in d' Seel', Wenn And're thun, als g'höret ihm Was dalket's nur vom Mehl. Verachtung kann er nit vertrag'n, Die schneid't ihm tief in's Herz, Da fahrt er aus dem Hefen schier Der gute deutsche Sterz. 5. Doch weil er halt bescheiden is Und friedlich auch dabei, So dauert's mit'm Zorn nit lang, Es duckt sich wieder glei'. D'rum machen auch die Fremden sich Gar oft mit ihm ein' Scherz, Und lachen, wenn er gesteigert wird Der gute deutsche Sterz. 6 . Wann's wieder aber kumma sollt, Wie's früher oft schon war, Daß Fremde woll'n vom deutschen Herd Die Bräteln schnipsen gar; Da wird für's liebe Vaterland Vergessen Spott und Scherz, Und nur sein' treue Kraft bewährt Der gute deutsche Sterz. 7. Der englische Pudding is keck, 'S französische Ragout, D'Macaroni-Nudeln sein mit die Befreund't auf Du und Du. Wann alle Drei mitsamm' vielleicht Uns treffen woll'n in's Herz Da fürcht' sich nachher erst noch nit Der gute deutsche Sterz. (Ab.) Verwandlung. r SünfteS Bild. Die Gefangenen. (Ruinen im Walde. Zm Hintergründe die Hofmauer eines alten verfallenen Schlosses mit einer halb eingestürzten Pforte. Rechts und links Mauertrümmer.) Siebente Scene. Pietro, Wawerl (treten rasch durch die mittlere Pforte ein). Pietro (lebhaft). Du bist also mit mir einverstanden und willst mir behülflich sein, der gefangenen fremden Dame Beistand zu leisten, wenn sie dessen gegen Sanguinoso's frechen Ucbermuth bedarf? Waw. (mit Wärme). No, das is natürli! — Die arme Frau hat sich mit ihrer Schwärmerei für's Romantische selber g'fangt und waß vielleicht no net amal, daß's in aner schrecklichen G'fahr is. — 3 müßt schon aus Menschlichkeit an ihr theilnehmen, um wie viel mehr, weil's mein' Landsmännin is, obwohl man das an ihrer hochdeutschen Sprach' nicht merken kann. Pietro. Sie scheint eben so gebildet als romantisch zu sein, überhaupt eine Dame von den liebenswürdigsten Eigenschaften. " Waw. (schelmisch). Mir scheint, Sie haben Feuer g'fangt, Signor Pietro? Pietro. Du scherzest. — Hab' ich sie doch kaum einige Minuten lang gesehen. Waw. Zum Verliebtwer'n is a halbete Minuten gnua, b'sonders wann man mit solchen Blicken ang'schaut wird, wie d'Frau von Reichenfels nach Ihnen g'worfen hat. Pietro (rasch). GlaubstDu, daß ich von ihr bemerkt worden bin? Waw. O verstellen's Ihnen nit! — So gut Sie Ihnern Blick bemerkt hat,' so Aut haben <Äe die Ihrigen bemerken müssen, aber sein's nur vorsichtig, denn der Sanguinoso traut Ihnen ohnehin nicht recht. Pietro (düster). Was hat er zu fürchten? Bin ich nicht durch meinen Schwur sein Gefangener? Waw. A G'fangene is d'Frau von Reichensels a, und weil i die dritte bin, so müssen wir auf Schutz und Trutz z'samm- halten. (Durch die mittlere Pforte blickend.) Ah, dort kommt's mit ihrem Onkel aus unser Platzl los. Pietro. So will ich mich durch dieses Mauerloch entfernen. (Will nach rechts fort.) Waw. (ihn zurückhaltend). Halt! halt! Der Sanguinoso is ja nit dabei und wer was ob no amal so a gute G'legenheit kommt. Pietro. Es wäre besser für mich, die Gelegenheit zu vermeiden. Achte Scene. Borige. Adele und Zimperlich (aus der Mitte). Adele (heiter). Sie sehen, lieber Onkel, daß Ihre Furcht grundlos gewesen ist; Niemand könnte galanter sein, als dieser Capitän Sanguinoso, der uns sogar ein im provisirtes Fest bereiten will, und uns einstweilen die Freiheit läßt, seine romantische Behausung zu betrachten. Zimp. (kopfschüttelnd). Schon gut. Ich werde doch nicht.früher beruhigt sein, bis ich ihn und seine Behausung wieder im Rücken habe. n Waw. (laut). Da kann i dem gnädigen Herrn nicht Unrecht geben. Adele (freundlich). Ah sieh! unsere Wie ner Köchin aus der neapolitanischen Brigantenküche, und jener junge Mann in ihrer Gesellschaft ist uns auch kein Fremder mehr. Pietro (bewegt). O Signora! Möge die Anwesenheit von uns Beiden Ihnen zur k9 Warnung vor jenem galanten Bösewicht dienen! Zimp. Hörst Du, Adele? Bösewicht ! hat er ihn genannt. Adele (betroffen). Sind Sie nicht selbst ein Genosse des Capitäns? Pietro. Ja, durch schmähliche Lüge! — Zum politischen Kampfe hat er mich geworben, für diesen Zwecke Hab ich meinen Namen, meine Ehre und mein Vermögen zum Opfer gebracht. Als es aber geschehen war, als ein feierlicher Schwur mich an den Banditen fesselte, da warf er seine Maske ab, und ich erkannte mit Entsetzen den gemeinen Räuber! Zimp. O gräßlich! Pietro. Meine,, Schwur halte ich, aber zum Verbrechen biete ich meine Hand ! nicht. Darum habe ich mich geweigert, an Ihrer Gefangennehmung mitzuhelfen. Adele. An meiner Gefangennehmung? — Ich bin ja mit meinem Onkel und dem Marchese Lupino freiwillig hergekommen. ^ Pietro. Der Marchese Lupino ist ein Spießgeselle der Banditen und hat Sie nach j Verabredung hiehcr gelockt. Zimp. O meine Ahnung! Waw. Ja, gnädige Frau, Sie sein da in aner Rauberg'sellschast, wo außer uns Zwa (nach Pietro zeigend) ka ehrlich's G'stcht mehr z'finden is. Pietro. Wir haben uns aber dasWort gegeben, Ihnen so viele Aufopferung zu beweisen, als nur in unseren Kräften steht. Adele. Signor, meinen Dank! (Zu Wawerl.) Du aber, meine freundliche Landsmännin, nimm die Versicherung, daß ich deine Dienste zu lohnen wissen werde. Waw. (etwas stolz). I will Ihnen net als Dienstbot helfen, gnädige Frau, sondern als vaterländische Freundin. .Machend.) Zum Glück hat der Capitano an Aug' auf mi; wann i ihm 's andere blind machen kann, so hoff' i- Pietro (nach rückwärts blickend). Er kommt! Neunte Scene. Vorige. Sanguinoso. Sang, (tritt rasch aus der Mitte ein, er trägt schwarze Salonkleider, einen Stern auf der Brust). Ick stehe zu Ihren Diensten, Signora. Sie sollen mit einem Feste überrascht werden, wie Sie es in diesen verfallenen Räumen nicht erwarten. Zimp. (bei Seite). Jetzt hat er sich salonfähig gemacht. Adele (mit Nachdruck). Ich bin schon von Ihrer Kleidung überrascht, welche mit der Dürftigkeit des Brigantenlebens in auffallendem Widerspruche steht. Wer hat Sie mit diesem Orden decorirt? Sang, (lachend). Ei, Signora, ich selbst! Weil ich ein König unter den Meinigen, habe ich wohl das Recht dazu. Zimp. (bei Seite). Die Spitzbuben de- coriren sich selber. Sang. Wir haben auch unsere geheimem Schätze,unsere geheimenVergnügungen und unsere geheimen Gäste bei denselben. Zimp. (bei Seite). Das mag ein sauberes Gesindel sein! Adele. Werde ich von diesen Gästen welche kennen lernen? Sang. Gewiß, — durch die Gefälligkeit des Marchese Lupino sind noch gestern die Einladungen geschehen. Adele. Wird der Marchese auch beim Feste sein? Sang. Nein. Er mußte nach derSladt zurück und läßt sich deshalb entschuldigen. Zimp. (bei Seite). Der galante Filou! Sang, (mit zärtlichem Lächeln gegen Wawerl). Was aber unsere Küche betrifft, so werden die Herrschaften gewiß zufrieden sein, denn die kleinen Hände dieser geschickten Dirne- Waw. (cokett schmollend). Hören s auf! Der Gnädige» ihre Händ' sein Ihnen do lieber, als die meinigen. r* 20 Sang, (bei Seite). Bravo! Sic eifert! Waw. Zum Kochen bin i gut gnua, wenn's aber a Unterhaltung gibt, da wird a gnädige Frau herg'holt und i derf's bedienen. Sang, (heimlich). Wenn Du nicht so spröde wärest, könntest Du die gnädige Frau hier spielen. Waw. (bei Seite). O, er sitzt mir schon auf! Adele. An dem Feste werden doch auch Ihre Waffengenossen theilnchmen? Sang. Die meisten hält der Dienst zurück; zum Beispiel diesen hier (nach Pietro zeigend), dem ich einen wichtigen Wachtposten anvcrtrauen will. Adele (rasch). Für den Wachtposten werden sich wohl Andere finden. Ich wünsche, daß dieser junge Mann in unserer Gesellschaft bleibe. Zimp. (heimlich). 3a, besteh' nur darauf! Sang. Diesen Wunsch, Signora, könnte ich nur mit Gefährdung unserer Sicherheit erfüllen. Adele (fest). Und ich kann nur unter dieser Bedingung bei Ihrer Festlichkeit zugegen sein. Sang, (pikirt lächelnd). Ei, das klingt ja sehr energisch! Adele. Es ist so meine Art. Sang, (bei Seite). Du wirst cs Dir abgewöhnen, wenn ich aus dem Spiele Ernst mache. — Mein Spiel hat ja doch nur den Zweck (nach Wawerl blickend) diese trotzige kleine Here ohne Gewalt zu bändigen. (Laut.) Wohlan, ich gehorche. Adele. So wähle ich diesen jungen Mann für die Dauer meiner Anwesenheit zum Cavalicr und erwarte, daß er den Pflichten eines solchen Nachkommen wird. Pietro (rasch zu ihr tretend). O Signora! Im Schlosse meiner Ahnen habe ich diesen Dienst erlernt und niemals habe ick mich demselben freudiger unterzogen. Adele (ihm dm Arm reichend, sehr wohlgefällig) Das ist die Sprache der romantischen Galanterie! (Ab mit Pietro.) Zimp. (zu Sanguinoso). Sie erlauben doch, daß ich meiner Nichte folgen darf? Sang. Die Freiheit meiner Gäste ist unbeschränkt. Zimp. (bei Seite). Ach, wenn sie das wäre! — Aber er macht's mit uns wie die Katze mit den Mäusen : Zuerst gespielt, dann aber gefressen! (Ab.) Zehnte Scene. Sanguinoso. Wawerl. Sang. Du siehst, mein Schatz, es finden Damen an uns Gefallen, welche höher stehen, als eine Köchin. Waw. (heftig und die Eifersüchtige spielend). Aber kochen können's nit so gut, und so treu scin's a nit!— O,Sie werden's schon erfahr'n! Die Gnädige wird nach der Unterhaltung geh'n und wird Ihnen brav aus- lachen. Sang. Sie wird nicht früher gehen, bis sie mir ihr Geld verschrieben hat, und dann werde ich der Lachende sein. (Mt Nachdruck.) Ueberdieß könnte ich auch Liebe von ihr begehren. Waw. (rasch). Die kriegen's nit! — A honette Frau laßt sich zu der Lieb' nel zwingen, oder wenigstens nur, wenn's g'heirat wird. Sang, (lachend). Das könnte ich ja nach meiner Weise thun. , Waw. O Sie Ganserl! — Habens net mir versprochen, daß i Capitanerin werd'? Sang. Wo ich mehr Neigung finde, dort bezeige ich auch die größere Dank» barkcit. Waw. O i unglücklich's Madel! Weil i net vor der Hochzeit mit mir speanzel» laß, muß i cpper als Jungfer sitzen bleib'n! - 21 Sterz (erscheint ganz ermattet am mittleren tzingang). Sang, (bei Seite). Mein Spiel ist gewonnen! (Laut und sehr bestimmt.) Entweder Du wirst heute noch dieMeinige oder- Waw. (jammernd). Die Frau von Reichenfels ! Sterz (schreit erschrocken auf). Eilste Scene. Vorige. Sterz. Waw. (betroffen). Was ist denn das für eine gagelbamene Figur? Sterz (tritt schüchtern vor). A armer Reisender vom Tullnerboden. Sang. Hahahaha! seh' ich recht? — Du bist ja der Baucrntölpel aus Oesterreich, den mein Freund Zechino für seine verrückte Schwester gefangen hat. Waw. (herzlich). Also wieder a Landsmann! Sterz. Die Fioretta hat mi auf der Stell heiraten woll'n, aber i bin ihr beim Fenster außig'sprnngen. Sang. Das ist begreiflich. Sterz. Weil i starke Baner Hab, so is mir bei dem Riesensprung nir g'scheh'n und i bin meiner Nasen nach in'nWald und hcr- g'loffen. Sang. Was willst Du denn aber hier? Sterz. Die Frau von Reichenfels in Schutz nehmen, wann's mir a nit dankt dafür. Sang, (lachend). Dummkopf! Waw. (mit Interesse). Sie sein also der, von dem die Gnädige g'sagt hat, daß er ihr mit seiner faden Lieb' so z'wider is? Sterz (schmerzlich). Z'wider! Sang, (zu Wawerl). Das ist eine Landsmannschaft, auf welche Du eben nicht gar stolz sein darfst. Waw. Aber g'freun thut's mi do. (Zu Sterz.) Kränkens Ihnen nit, mein lieber Herr; — wie haffen's denn? Sterz. Sterz. Waw. Was das für a vaterländischer Nam' is! — Also kränkens Ihnen nit, Herr Sterz, und suchen's Ihnen halt a Andere. Sang, (lachend). Der ein solcher Gimpel gefällt. — Ich stelle es Dir frei, ob Du ihn behalten oder fortjagen willst. Waw. (rasch). Nachher b'halt ih'n! Sang. (zuihr tretend, bedeutsam). Während ich beim Feste bin, denke darüber nach, ob Du die Braut Sanguinoso's nicht beneiden mußt. Die Braut wird herrschen und die Magd wird ihr dienen. Meine Wahl hängt von den Beweisen der Liebe ab, welche mir die Eine oder die Andere gibt. (Ab.) Zwölfte Scene. Sterz und Wawerl. Sterz (ihm nachblickend). Den hätt' i bei an Haarl nimmer kennt; der schaut ja jetzt mehr an gnädigen Herrn gleich, als an Räuber! Waw. Das is oft Alles an's. Sterz (lebhaft). Also entwederSie sollen sein Opfer wer'n, oder Frau von Reichenfels? Waw. Ane von uns Beiden muß sich opfern. Sterz (bittend). Ach, da thun lieber Sie's! — Sie sein a gemüthliche Oester- rcicherin; i will net fragen, wie's unter d'wällischen Räuber kumma sein, wann's mir nur Jhner G'müthlichkeit beweisen. Waw. (lachend) Egoistischer Mensch! — Weil er in d'Gnädige verliebt is, halt er's für an Banditen z'gut, aber i könnt' mir so an g'fährlichen Schatz auf'm Buckel binden. Sterz. Sie hab'n weniger z'fürchten. — A Köchin muß ja sogar mit Fratsch- lerweiber raufen können, also kummt's a mit Banditen d'raus. 22 Waw. (cokett). 3 bin, wie's bemerken wer'n, ka vierecketcr Kucheldragoner. — Schaun's mi nur g'fälligst a bißl näher an. Sterz (wohlgefällig). 3a, Sie haben a saubers G'wachs! Waw. Und meine Tugend ist noch säu- b'riger. Sterz. A Hallunk, der's nit glaubt!— Meiner Sir, 3ungfer Köchin, wann i 3hnen früher g'seh'n hätt', als d'Frau von Reichenfels.... Waw. So hätten's 3hnen cpper in mi verliebt? Sterz. 3a, vielleicht wär's paffirt. Waw. Auf jeden Fall wär's g'scheiter g'wesen, als daß's aner Gnädigen vomTull- nerboden bis Neapel nachg'rennt sein, um von ihr nir Anders z'hören, als: Der Mensch is mir z'wider! Sterz. 3 siech ja mein' Narrheit ein, aber jeder Narr hat halt seine lichten Augenblicke, und seine finstern. Waw. Wann's zu mir in die Cur gehen woll'n, so wert)' i schau'n, daß mehr lichte als finstere krieg'n. Sterz. Wie wollen's denn das an^ fangen? Waw. Mit der Vernunft. — 3 will 3hnen glei' den Unterschied erklären, der zwischen aner noblen Frau und aner g'müthlichen Köchin besteht. Duett. Wawerl. A noble Frau im Canap6 Gar gravitätisch sitzt, Von G'müthlichkeit is ka 3dee, Der Stolz im Aug' ihr blitzt. Da meld't ihr der Bediente an: Es möcht' gern a verliebter Mann Der Narr von ihren Launen sein, Sie laßt ihn stolz herein. Sterz. Ach ja! das is mir selber g'scheh'n, 3 war bei ihr im Haus, Da is sie auf dem Sopha g'leg'n, Die Schönheit war a Graus. Und wie i so da g'standen bin, Ganz damisch voll verliebtem Sinn, Da hat sie nur mit Lachen g'fragt: Ob mi der Teurel plagt? Wawerl. Der Teurel sitzt als Eitelkeit Bei noblen Frau'n im Herzen, Sterz. 3 Hab' mir's aber g'merkt bis heut', Und kann's halt nit verschmerzen. Wawerl. 3etzt schau'n wir in der Küchel nach, Dort is a and're Sach'. (Gemüthlich.) 3n der Küchel steht beim Feuer Gar a g'schmackige Person, Und a Mannsbild, was ihr theucr, Setzt ihr zu voll Passion. Und sie laßt ihm gern ihr Handel, Sagt gar freundli zu dem Mandel: 3s a Köchin Dir net z'schlecht, Mir bist a glei' recht! Sterz. Bei der Köchin geht's halt g'schwinder, Weil's net nobel is. Wawerl. Aber kennen muß's a Blinder, Wann's wem gern hat, g'wiß. — (Affectirt) D'rinnet sitzt die noble Dam' 3mmer no so fad, Sterz. Und i steh' vor ihr im Tra'm, Seufz' nur öfter stad. Wawerl. Endli kummt ihr gar der Schlaf. Sterz (rasch). 2a, das iS passirt, 2 bin als geduldig's Schaf Außi retirirt! Wawerl (lebhaft und lachend). Und kaum is er d'raußen, der zärtliche Narr, Da springt sie vom Sopha, so munter als 's war, Und sagt, daß er hör'n muß noch draußen den Stich: Ach Gott! dieser Mensch ist zuwider für Dreizehnte Scene. Sanguino so,Adele,Pietro,Zimperlich (treten aus dem Hintergründe ein, ihnen folgen) Mangiarello, Pcppina, Rosinetto, Malasorte, Argentino, Maddalena, Lucia, Loretta und Serpentino. Zum Schluffe: Antonio und Bartolomeo (welche mit andern Briganten im Hintergründe bleiben). (Während dem Eintreten Musik.) mich! — Derweil sie das sagt, hat die Köchin beim Herd 3hr'n Liebhaber küßt, daß man's krachen fast hört, Und sagt, wie er schaut voll Verliebtheit auf sie: Du bist mir net z'wi der, Du bleibst mein Partie! Was lernt man da d'raus? Sterz (nachdenklich). 2 bring's nit heraus. Wawerl. So denken's halt nach! Sterz. 's is a kitzliche Sach'! Beide (sehr langsam). Man lernt, daß 's mitunter könnt' nutzen gar sehr (Rasch und lebhaft ) Wann d' Frau und die Köchin glei d' Nämliche wär'! (Ab.) Verwandlung. Sechstes Bild. Die Räuberbraut. (Alterthümlicher Saal in einem verfallenen Schlosse, E Fahnen, Waffen und Reisig verziert. Zm Hintergründe eine Gallerie mit Bogenfenstern, durch welche der Wald sichtbar ist. Zu beiden Seiten alterthümliche Stühle.) Sang, (zu Adele). Hier, Signora, befinden wir uns im Prunksaale des halb verfallenen Schlosses, welches vom ehemaligen Rittersitze zur Behausung für Briganten herabgesunken ist! Doch haben wir mit unseren freundlichen Gästen schon manche vergnügte Stunde hier durchlebt. Adele «scharf) Das Brigantenleben ist also doch nicht so freudenleer, wie Sie es mir geschildert haben. Sang. Man muß sich nur mit geheimen Freuden begnügen. Bevor wir zur Tafel schreiten, bitte ich um die Erlaubniß, 2hnen die einzelnen Mitglieder unserer Gesellschaft vorzustellen. Zimp. (bei Seite). Bin neugierig, was da für ein psle-msls herauskommen wird. Sang, (die Gäste nacheinander mit ironischer Artigkeit vorstellend). Hier einer unserer ältesten und liebsten Freunde, der Signor Mangiarello, gewesenerHotel-Besitzer i n Neapel, durch seine liebenswürdige Gattin Peppina mit mir verwandt. Mang, (ein sehr dicker Mann mit rothem Gesichte, plumv, doch mit dem Ausdrucke trivialer Pfiffigkeit). 2a, wir sind Schwäger! (Schmnu- zelnd.) 2ch habe mir meinen Herzensschatz (nach Peppina zeigend) mit dreijähriger Galeerenstrafe verdienen müssen. Pep. (eine junge Frau, cokett geputzt, schnippisch). Scheint Dir etwa dieser Preis zu theuer? Mang. O nein! — Du bist ja ein liebes, braves Weibchen, wenn Du Dich auch 24 als Jungfrau unter den Briganten Herumgetrieben hast. Pep. (für sich). Das war eine lustige Zeit! Sang, (zu Adele). Mein wackerer Freund ist wegen einigen Gefälligkeiten, die er mir als Gastwirth durch Zwangsanlehen von vermöglichen Fremden erwiesen hat, mit der Gerechtigkeit in Collision ge- rathen: mit der Hand meiner Nichte habe ick ihn dafür entschädigt. Mang, (vergnügt). So ist's. — Kaum von den Galeeren gekommen, habe ich mir meinen Ehestand eingerichtet. — Hehehe! — Mein Geld hat mir die Gerechtigkeit nicht nehmen können, ich esse und trinke den ganzen Tag, küsse zum Zeitvertreib, und wenn mein Weibchen Vergnügen haben will, so besuche ich mit ihr unfern Freund, der mick deshalb am liebsten hat, weil ich auf der Galeere gewesen bin. Zimp. (bei Seite). Eine recht sympathetische Freundschaft. Sang. Hier — Signor Rosinetto, einer unserer größten Dichter, aber leider verkannt. — Seine Muse war zuerst dem Könige geweiht, ohne belohnt zu werden, dann dem Volke, abermals unbelohnt, — dann sogar dem Pabste, ohne die geringste Anerkennung, bis er sie endlich mir gewidmet hat. Rosin. (carikirt fantastisch gekleidet, mit affrctirtem Pathos). Sauguinoso, swiva! Besingen werde ich den großen Mann, den Mäcenas, bis die Saiten meiner Lyra springen, denn er gibt mir nicht allein B e- geisterung, sondern auch das nöthige Geld dazu! Sang, (zu Adele). Wollen Sie seiner Muse gestatten, Ihre Liebenswürdigkeit zu besingen? Adele (rasch.) Ich danke! Sang. Hier ein anderer Unglücklicher, der gewesene Journalist Malasorte. Sein Schicksal wird durch den Umstand tragisch, daß er es allen Parteien recht machen wollte; gestern hat er konservativ geschrieben, heute liberal, morgen klerikal und übermorgen social. Zimp. (bei Seite). Ein konsequenter Charakter. Mal. (ein hagerer Mann, ärmlich gekleidet, sehr giltig). Weil mick aber keine Partei verstanden hat, so hat mich auch keine zu schätzen gewußt, keine hat mich leben lassen, jetzt schreibe ich gegen Alle. Sang, (lächerlich). Und dabei gewinne nur ich» — meine geheime Druckerpreffe arbeitet für das Brigantenthum, das ist eine Partei, welche ihre Vertreter leben läßt. Mal. Dafür schreiben sie auch für dieUn- sterblichkeit! Zimp. (bei Seite). Hoch die Reklame! Sang, (respektvoll). Hier stelle ich Ihnen unseren reichsten Gönner vor: Signor Argentino, neapolitanischer Banquier. Zimp. (erstaunt). Banquier!? — Ein Mann des Geldes wagt sich in's Brigantenschloß? Sang, (stolz). Wir beschützen die Reichen, wenn Sie mit ihrem Dank nicht knausern. Adele (halblaut zu Argentino). Und Sie schänden sich solch' eines Schutzes nicht? Arg. (ein elegant gekleideter Mann, achselzuckend). Mein Gott, was thut nicht der Mensch, wenn er will behalten sein Geld! Sang, (ironisch galant). Signora Mad- dalena, Vorsteherin einer höheren Töch terschule. Zimp. (bei Seite). Das müssen cu'riosk Töchter sein. Maddal. (eine überladen geputzte Frau mit näselnder Stimme). Ich habe nur zwei von den lieben Kindern mitgebracht, die andern sind bei verschiedenen Cavalieren eingr- laden. Lucia und Loretta (zugleich). Wir sind aber die schönsten. 25 Vierzehnte Scene. Vorige, Penzinger (aus der Mitte). Penz. (rin wild aussehender trotziger Mensch in zerrissener deutscher Tracht, den zerknitterten Hut ans dem Kopfe, einen Knotenslock in der Hand, tritt plötzlich mit herausfordernder Geberde rin, blickt umher, die Gesellschaft musternd, dann ruft er sehr laut). Na, was g'schlecht denn mit mir? — Is unser Aner epper z'schlecht, daß man aufg'führt wird, wenn man schon unter Seinesgleichen is?! . Zimp. (erschrocken). Eine Stopanzer Figur, die wienerisch redet! Sang (heftig). Wer hat Dir erlaubt, hier einzutretcn? Du gehörst nicht zur Gesellschaft. Penz. Aber zu der Banda g'hör i, weil i seit vorgestern bei Eng angaschirt bin. — Oder glaubt's, i bin von Wean nach Neapel kumma, daß i sunst ka Unterhaltung haben soll, als mit Enk ins Stehl'n geh'n? Sang. Hinaus! Penz. Das Commando gibt's bei mir nit! (Stolz.) I bin der Penzinger-Tonl, der in Lerchenfeld und in Adergling selber Commandant g'wescn is! Die Harbesten Jodlerbuben hab'n vor mir Respect g'habt; sogar die Polizei hat mir den Vorzug geb'n und hat mi allerweil mit doppelter Pa- troll einführ'n lassen! Adele (für sich). Ich schäme mich im Namen von Wien! Penz. Nur weil's in der Weanerstadt jetzt gar so viele strafen gengen, weil in Erbfien die Kost nimmer z'g'nießen is, und weil man bei jeder Schlußverhandlung sein Nam' in die Zeitung lesen muß, daß man sein ganze Reputation verliert, deswegen Hab' i mi von engem Seelenverkäufern anwerben lassen, und bin in das Macroni-Land hergerast; aber i verlang' mem Respect! Sang, (drohend). Du hast uns zu re- spectiren! Zwischen einem Briganten und einem lumpigen Spitzbuben ist ein großer Unterschied! Penz. (hohnlachend). Den möcht' i kenna! — Macht's eppa 's Gwandl aus, oder der Branntweinstern auf engem Frack? — Den Stern hätt' i mir durch den Un- Machten schon lang verdient! — — (Mit Eifer.) Und i bin a ka Spitzbua! Ich Hab' bis auf den heutigen Tag nir g'stohln, nir g'raubt, i Hab no kan Menschen umbracht außer a paar Weibsbilder mit der Eifersucht; aber d'Rafferei, 's Hanscrlg'spiel, die Gifthütten und die kecken Dierzeiligen kann i halt net lassen. Adele (rasch). Dann seid Ihr also noch kein Verbrecher? Penz. No nit. — In Wean hätt' i's meiner Verwandschaft nit anthun mögen, aber in Neapel liegt nir dran, da g'hört's zu der Modi. — Stehl'n und raub'n und Leut' umbringen is da so gut a Profession, wie a And'rc: sie hat a kan Zunftzwang mehr, sondern freie Genossenschaften! (Lachend.) Na, so werd' i halt neapolitanischer Professionist. — Wann's Glück will, kann i dabei a Geld verdienen und kumm als »klaner Capitalist« ins Vaterland zurück, wann's Unglück will, kann i aufg'hängt wer'n, da wissen die Weaner Zeitungen nir davon, und meine Vertheidiger können sagen: Die politische Feindseligkeit hat mi umbracht. Adele (mit Affect). O, wenn Ihr noch nicht ganz verloren seid, so kehrt in'sVater- land zurück, erduldet dort lieber Mangel und Noth, als daß Ihr euer Seelenheil für den Sold eines elenden Räubers verkauft! I Allgemeine Bewegung.) Sang. Holla, Signora! — welches Wort haben Sie sich gegen uns erlaubt? Adele (energisch). Das Euch gebührende. 26 Zimp. (bei Seite). Ach, jetzt sind wir verloren! Adele. O, o, wie schrecklich hat mich meine Phantasie betrogen, als ich in dem Briganten einen Helden, einen Streiter für gefallene Größe sah! — Entbehrungen und beiden, deren er sich heuchelnd rühmt, schienen meine Theilnahme aufzufordern und selbst mein Vergessen der Vorsicht, der weiblichen Sitte zu entschuldigen. — Ich habe diese Täuschung mit Abscheu und Entsetzen gebüßt! — Statt Heroismus habe ich hier nur Frechheit, statt Aufopferung nur gemeine Selbstsucht gefunden! — Der Prunk, mit welchem sich ein Räuber prahlt, gibt nur von seinen Missethaten Zeugniß! Wer den Genuß der Beute theilt, der theilt auch das Blut, welches an ihr haftet, die Flüche, die Schmach! (Die Gäste und Banditen haben einen Halbkreis gebildet, mit Spannung lauschend.) Penz. (für sich). I bin just a nit höfli g'wesen, aber die hat no a g'sunders Maulwerk! Sang, (zu Adele tretend). Wohlan! Wenn ich ein Räuber bin, Signora, dann haben Sie auch kein Recht, auf meine Schonung Anspruch zu machen. (Sehr laut.) Vernehmen Sie den Urtheilsspruch: Nicht nur Ihr Vermögen soll meine Beute sein, sondern auch Sie selbst! Adele (entsetzt). Lieber sterben! Sang, (höhnisch). Lassen Sie den romantischen Heroismus. — Von allen hier Anwesenden wird es Niemand wagen, Ihr Beschützer zu sein. Pietro (hat den Dolch gezogen und ruft vorstürzend). Ich wag'es, ich! Sang. Bist Du toll, Pietro, daß Du vergißt, welche Strafe den Rebellen trifft? Pietro. Du bist ein Rebell gegenRecht und Ehre! Sang, (zu den Briganten). Fasset ihn! Pietro (auf Sanguinoso losstürzend). Stirb! (Antonio und Bartolomeo fasten Pietro von rück- wärts und zerren ihu zurück.) Sang, (zu Adele). Sie haben geseh'n, daß es gegen mich keine Vertheidigung gibt. Penz. (für sich). Wanns Ane von AHatz ling wär', nehmet i mi an um sie, aber so aner G'spreizten vergunn' i's. Waw. (erscheint in der Gallerte). Sang, (triumphirend). Ja, Signora! Nicht allein Ihr Gold, sondern auch Ihre Ehre muß mein Opfer sein! Zimp. (laut jammernd). Kommt uns denn kein Engel zu Hilfe?! Waw. (rasch hervortretend). Ka Engel Mt, aber vielleicht a Köchin. Sang. Ei! was willst Du? (Allgemeine Aufmerksamkeit.) Fünfzehnte Scene. Vorige. Wawerl. Waw. (zärtlich schmeichelnd). Was i will, Herr Capitano?! — Können's no frag'n, was a Verliebte will, die bei ihrem Herzensschatz an Gusto auf a Andere bemerkt? Sang, (für sich). Herzensschatz hat sie mich genannt! Penz. (die Wawerl betrachtend). Die is schon a so. (Macht eine Faust.) Sang, (lachend). Die Stillung meines Gusto, wie Du es nennst, soll ja deine Rivalin nur bestrafen. Waw. (lebhaft). Strafen Sie's auf a and're Art, wann i nit vor Eifersucht z'Grund geh'n soll! Sang, (für sich). Jetzt bin ich am Ziel! Waw. Machen's mi zu JhrerBraut — und die Gnädige soll, statt meiner, Köchin wer'n. (Leise zu Adele ) I man'Ihnen's gut! (Laut.) Es gibt für a noble Frau ka härtere Straf', als wenn man an Dienstboten zu ihrer Herrschaft macht. Sang, lrasch). Ja, sie soll den Standeswechsel empfinden! — (Gebieterisch.) Auf die Knie, Signora, vor der Braut des Räubers! 27 Zimp. (heimlich zu Adele). Wenn er verlangt, daß Du auf Erbsen knien sollst, thu's, um unser Leben zu retten! Adele (mii Stolz). Nicht vor der Braut des Räubers beuge ich mich, sondern vor meiner Retterin. (Läßt sich vor Wawerl auf ein Knie nieder.) Penz. (lachend). Das schreib i nach Wean! Dritter Act. Siebentes Bild. Dame und Magd. (Räuberküche wie im ersten Act. Feuer am Herd.) Erste Scene. Adele (als Magd gekleidet, kauert am Herde, mit den Kochtöpfen beschäftigt). Zimperlich (ohne Rock und Halstuch fitzt links aus einem Schemel und schabt Rüben). Zimp. (kläglich). Ach Gott! ach Gott! wenn mich meine Wiener Bekannten in diesem pittoyablen Zustande sehen könnten, das Herz müßte ihnen vor Mitleid brechen. Der zartnervige, fürBequemlichkeit schwärmende Zimperlich schabt in einer Räuberküche Rüben! Adele (bitter lächelnd). Welche die romantische Adele kochen muß. Trösten Sie sich, Onkel, es ist unser Schicksal. Zimp. Ah pah! Folge deines Eigensinns und meiner nachgiebigen Schwachheit ist's. Wenn ich nur nicht mitgegangcn wär'! Adele. Bis jetzt hat man uns noch kein anderes Leid zugefügt, nur der armeP i etr o leidet für seine Aufopferung. Zimp WaS hat's uns genützt? — Wir müssen doch die Dienstboten einer Räuberbande sein — und den Pietro werden sie wahrscheinlich aufknüpfen. Adele (sich rasch erhebend, sehr bewegt). Das verhüte der Himmel! Zimp. (beißend). Wenn sie den braven Sterz aufknüpfen wollten, würde es Dir weniger Kummer macken. Adele. Halten Sie mich für Undank-- bar? Pfui! Ich bin von der Hingebung gerührt, welche mir der wackere Landmann sogar noch jetzt beweist. Zweite Scene. Vorige. Sterz (aus der Mitte). Sterz (ohne Hut und Rock, zwei Wasserkübeln an einer Stange über die Schulter tragend und absetzend). So, gnädige Frau.— Weil's schon amal Raubcrköchin sein müssen, will i Ihnen wenigstens die Plag' mit'n Waffertragen erspar'n. Adele (freundlich). Seien Sie meiner herzlichen Dankbarkeit versichert. Sterz. Ich verlang' mir kan Dank. — I verlang' mir net amal was Besser's mehr. Zimp. Nämlich Liebe? Sterz (gemächlich). Mein' Verliebtheit in die gnädige Frau war nur a langwierige Kopfkrankheit. — I Hab' mir aber den Kopf dabei so ang'stoßen, daß i Hab' kalte Umschlag auflegen müssen, und die haben mir d'Hitzen vertrieben. Adele. Das heißt, Sie haben einsehen gelernt, daß wir für einander nicht geschaffen sind? — Um Ihretwillen freu' ich mich über diese heilsamen Erkenntnisse. Sterz. Heilsam is 's schon g'weseu, aber a wengerl z'spat is 's kuma. Adele. Sie haben dabei noch nichts verloren. Sterz. O ja! Erstens Hab' i mein braven Lorenz bei der jchiachen Fioretta in Versatz, den lch vielleicht gar nimmer aus- lösen kann; — und zweitens — zweitens muß i mein neuen Schatz verlier'n. 28 Zimp. Etwa gar die Köchin? Sterz. Ach ja! — Sie bat mir schon g'fallcn, wie i's erste Mal näher ang'schaut Hab'; wic's mir nachher den Unterschied zwischen aner Gnädigen und zwischen aner G'müt hlichen erklärt hat, da hat's ma no viel besser g'fall'n, jetzt aber, wo die arme brave Person so an niederträchtigen Kerl heiraten soll, jetzt g'fallt's mir erst am allerbesten! Zimp. (bedauernd). Sic haben Malbeur mit Ihren Liebschaften. Adele. Ich hoffe, diese Heirat wird nicht zu Stande kommen. Sterz. Ach, mit so aner Banditenheirat geht's überhaps! — Gestern is d'Wawerl Braut wor'n, heut wird's ohne Geistlichen und ohne Beistand cuplirt—und morgen in der Früh is der wilde Eh'stand- ferti! Adele. Nein, nein! — Wenn sie nicht selbst sich befreien kann, so müssen wir das Acußerste thun. Zimp. Wir müssen froh sein, wenn man uns das nackte Leben läßt. Sang, (aus der Mitte eintretend, mit spöttischem Lachelu). Eine richtige Meinung! Dritte Scene. Vorige. — Sanguinoso. Sang, (der wieder als Brigant, doch prächtiger, gekleidet ist, ironisch galant zu Adele). Ich komme, Signora, um zu Gunsten Ihrer Freiheit mit Ihnen zu unterhandeln. Zimp. (rasch). Nämlich wegendem Lösegeld? — Wenn es nicht gar zu viel ist. . . . Sang. (kurz). Ich spreche nur mit der Dame. (Zu Adele). MarcheseLupinohat mir gesagt, daß Sie nach Ihrer Aeußerung eine halbe Million besitzen. Zimp. (rasch). Aber nur in österreichischer Währung. Sang. Weil bei uns nach klingender Münze gerechnet wird, so schlage ich das Lösegeld auf hundert tausend Duca- ten an. Zimp. (bei Seiten). O du mercantilischer Hund! Adele. Wenn ich gezwungen bin, eine so hohe Summe zu bezahlen, dann verlasse ich diesen Ort als Bettlerin. Sterz (zu Sanguinoso). Sie können do nit verlangen, daß a noble Frau wegen Ihnen betteln geht? Sanguinoso (gebieterisch). Still! (Zu Adele.) Ich glaube, die Freiheit ist für keine Summe zu theuer. Adele. Bevor ich mich entschließe, sagen Sie mir, was mit dem jungen Mann geschehen soll, der um meinetwillen den Dolch gegen Sie gezückt hat. Sang. Die Antwort darauf befindet sich in unserer Nähe. (Geht zurück und winkt.) Vierte Scene. Vorige. — Pietro (von zwei Briganten geführt; seine Hände find mit Stricken gebunden; einer der Briganten hält einen Strick in der Hand). Adele (entsetzt). O barmherziger Gott! er ist gefesselt. Sang, (nach dem Stricke weisend, den der Brigant trägt). Und jener Strick gehört für seinen Hals! Adele. Gnade! Gnade! — Wenn seine Freiheit mit inbegriffen ist, so gebe ich mein ganzes Vermögen hin! Sterz (für sich). Den hat's lieber als mi! Pietro (sehr bewegt). O Signora! — was ist die Freiheit eines Unglücklichen werth, der in thörichter Unbesonnenheit zum Genossen von Banditen geworden ist, wenn er sich ferne hielt von ihren Verbrechen? — Meine Ehre, mein Vermögen, mein edler Name ist hin! Pietro di Sarid egna ist schon lange gestorben; lassen Sie 29 auch den sterben, welcher Ihre Ehre beschützen wollte, weil es ihm sein Herz gebot! Adele. Nein! — Wenn thörichte Unbesonnenheit strafbar ist, so habe auch ich dafür zu büßen. Zimp. Und ich leide als Unschuldiger ^nit! , Adele (entschlossen zu Sanguinoso). Die geforderte Summe wird bezahlt, wenn wir Alle miteinander ziehen dürfen; wo nicht, so mache ich auch für meine Freiheit keinen Federzug. Sang, (zu den Banditen). Bindet ihn los! (Zu Pietro spöttisch.) Du hast Dich bei der Romantik dieser Frau zu bedanken. — Und nun, Signora, folgen Sie mir, um den Wechselbrief auszufertigen, dessen Eincassirung bei Ihrem Banquier mein Geschäftsag ent besorgen wird. Zimp. (bei Seite). Eine Geschäftsagentur hat er auch! Pietro (der losgebunden wurde, iich Adele nähernd). Wenn meine Freiheit Sie den Genuß des Lebens kostet, dann wäre cs für die Ruhe meines Herzens besser, wenn ich stürbe. Adele (lächelnd). Nein, nein! — Ich beeile mich, den Beweis meiner Dankbarkeit zu unterschreiben. (Will gehen.) Waw. (in schöner italienischen Tracht, den Brautkranz im Haar, ist am Eingänge der Höhle erschienen und ruft jetzt, rasch vortretrnd). Künste Scene. Vorige. Wawerl. Waw. Was soll unterschrieb'» wer'n, gnädige Frau? Zimp. Unser finanzieller Ruin. »Hunderttausend Ducaten Lösegeld.« San g. (zu Wawerl). 3a, liebes Bräutchen; das wirst auch für Dich ein Geschenk zur Hochzeit ab. Waw. (energisch). 3 bedank'mi dafür! — 3 verlang mir a bcsser's G'schenk, nämlich a honette Handlung. Sang, (bettoffen). Was heißt das? Waw. 3 verlang', daß meine Landsleut' da, und derSignor Pietro ohne die mindeste Bedingung frei wer'n! Sang. Ei, mein Schatz, bist du närrisch? Waw. Mein Vernunft könnt nit g'sun- der sein. Aber i caprizirmidrauf — und eh' i mir an mein Hochzeitstag was abschlag'n laß, eher wird aus der Hochzeit gar nir d'raus. Sang, (halb drohend, halb lachend). Das möchten wir sehen! — Meinst Du, weil ich bis jetzt nachgiebig gewesen bin, so könntest Du nun meine Gewalt nicht fühlen lernen? Waw.3hre G'walt?(Die Nägel weisend.) Da! Probir'n's Sie's!—Eh' i mi von 3hnen küssen lass', wann's mi nit selber g'freut, eher vcrliern's die Augen aus'm Kopf. Zimp. (bei Seite). Das Mädel is coura- girter als ich! Sang, (lächelnd). 3ch will Dich heute nicht böse machen, mein Schatz. Deine Schützlinge sollen ohne Bedingung frei werden, aber erst wenn unsere Hochzeit vorüber ist. (Bei Seite.) Dann nehme ich mein Versprechen zurück. Waw. (für sich). 3 was, wie er's mant, aber wann mir meine Absicht g'rath, so hab'n wir nach der Hochzeit nir mehr z'fürchten. (Lebhaft zu Adele.) Und jetzt — jetzt mach' i mein'Einladung, gnädige Frau. Sie und der Herr von Zimperlich sollen auf unfern Ehrentag mittanzen. Zimp. (bei Seite). 3ch bin gerade dazu aufgelegt. Waw. (zu Sterz). Und Sie a! — Wir tanzen an österreichischen Landler mit einander. Sterz (kläglich). Da ist a neapolitanischer Wald ka Platz dazu. Waw. Wir halten ja nit im Wald unfern Ehrentag. — Mein Bräutigam hat mir die Bitt' erfüllt, daß unsere Hochzeit 30 imWeingebirg bei sein' Freund Zechino gefeiert wird. Sterz (erschrocken). Was ? beim Zechino? — Da kann i schon gar nit mitgeh'n, weil mi dortendieFioretta glei' wieder abfanget. Adele (zu Wawerl). Wir nehmen die Einladung an. Sang, (zu den Banditen). Führt die Gefangenen nach ihren Zellen, und gebt ihnen ihre Kleider zurück. (ZuPietro.) Du hastdas Lager der Compagniesogleich zu verlassen. — Gedenke deines Schwures, daß Du nie und nirgends an mir zum Verräther werden willst. Pietro. DerVerrath ist in meinem Geschleckte unbekannt. (Sehr bewegt zu Adele.) Addio, Signora, addio! Wenn derHiminel »leinen Wunsch erhört, so läßt er mich das Opfer, mit welchem Sie mir Leben und Freiheit wiedergeschenkt haben, an Ihrer Freiheit und an dem Glücke Ihres Lebens vergelten! (Rasch ab.) Adele (bewegt). Da verlaßt uns ein edler Mann! (Nach Wawerl und Sterz blickend.) Zwei Andere, welche mir Edelmuth bewiesen haben, vermag ich nicht zu belohnen. — (Mit Bedeutung.) Mögen sie selbst einander sagen, welcher Lohn ihnen der liebste wäre, und möge ihnen das Glück zur Erreichung desselben behilflich sein. Zimp. (komisch resignirt). Also geh n wir tanzen. (Adele, Zimperlich und die Briganten zur Mitte ab.) Sang. Nun, mein Schatz, laß uns den Aufbruch in s Weingebirge vorbereiteu. Wawerl. I Hab erst mit dem no was z'reden (Trotzig.) I werd'do seh'n, ob mein Landsmann so a Hasenfuß is, daß er mir wegen der Fioretta die Begleitung abschlagt. Sang, (lachend). Hahahaha! Deshalb braucht er kein Hasenfuß zu sein. — Ich habe mich ebenfalls vor der Zärtlichkeit dieser Dame gefürchtet. — Wenn ich auch nicht aus dem Fenster gesprungen bin, so habe ich mick dock eiligst auf die Füße gemacht! (Ab.) Sechste Scene. Sterz. Wawerl. Wawerl (blickt ihm nach, dann tritt sie eiligst zu Sterz und sagt energisch dringend). Jetzt sein wir allan, Herr Sterz, aber die Zeit is g'meffen! — Was wollen's? Wollend mi's Opfer vom Banditen wer'» lassen, oder wollen's mi lieber selb er krieg'n? Sterz (rasch). Lieber selber! Lieber selber! Wawerl. I glaub's! Denn i mußt ka Wienerin sein, wann i nit schon g'merkl hätt', daß's in mi verbrennt sein. Sterz (leidenschaftlich). Unsinnig! Wawerl. Wann's mi aber krieg'n wollen, müffen's a was thun dafür. Sterz. Nur nit bei der Fioretta! Wawerl. 3a, just bei Der! — Sie müssen mit' auf'n Weinberg geh'n und müssen der Fioretta sagen, daß Sie's heiraten wollen, wann's mi von meiner Heirat los macht.— Sie kann's, weils a raf- finirte Jntriguantin is, und sie wird's, weil s auf'n Sanguinoso an rachsüchtigen Pick bat. Sterz. Auf mi hat's aber auch an Pick. Wawerl. Den müssen's ibr mit a paar zärtlichen Busserln austreiben. Sterz. O pfui der Teurel! Wawerl. Es dauert ja nit lang! — Wenn i mein Bräutigam los Hab', hilf i Ihnen, daß's die Braut wiederum vom Hals krieg'n. Sterz. Derweil bin i von ihren Busserln schon todt! Wawerl (energisch). Entweder Sie thun's, oder i muß aus aner jungfräulichen Köchin avereh'lichte Rauberin wer'n, die vielleickt mit ihrem Mann auf'n nämlichen Galgen g'hängt wird. Sterz (entsetzt). Die Wawerl g'hängt? Wawerl (cokett). Stellen's Ihnen dagegen vor, wann i Jhna Weib wurd', mit derer Fesckigkeit, mit derer G'schmackigkeit, mit derer Resolutheit! 3k Sterz, (feurig). 3a, der ganze Tnllner- boden müßt mirneidiwer'n! Waw. Und die halbe Wienerstadt a! (Ihn streichelnd.) Also denkens drüber nach und entschließens Ihnen, eh's no z'spat wird! — Ach', Sterz! Wann Du in meine Händ kummest, nachher wurd a feine Mehlspeis aus Dir! —Wie i d'Mehlspeisen zuckern kann, das will i Dir mit an verzuckerten Busserl beweisen! (Küßt ihn rasch und eilt fort.) Sterz (allein). Sie hgt mir a Busserl geben; das war so süß, daß i der Fioretta ihre gar nimmermehr verkiefeln kann! (Sehr laut.) O du lieber Gott, hilf mir! Schick mir an guten Engel her, i will ihm gern alle Banknoten geben, die i bei mir im Stiefel trag! Penz. (der indessen am Eingang rasch erschienen ist, rasch.) Was? Der Herr hat Banknoten? Siebente Scene. Sterz. Penzinger. Sterz (bei Seiten). Ui jegerl! — Das is nit der Engel, den i mir für d'Wawerl g'wünschen Hab'. Penz. Der Herr hat Courage! — In a Rauberböhl'n nimmt er an' Stiefel voll Banknoten mit. Sterz (furchtsam). Der Stiefel is nit gar so voll. Penz. Mir wurd's auf der Wanderschaft g'nua sein. Sterz (neugierig). Ans der Wanderschaft? — I Hab g laubt, es seid's mit der Compagnie da engaschirt? Penz. (stolz). Bin schon wieder entlassen.— Bin ihnen az'harber Kerl, denen Wällischcn. — Mit an Schreckenberger richtens bei mir nir aus, und mit an Lerchenfelder G'stanz richt i bei ihnen nir aus, also hätten wir mit einander's ewige G frött. Wann i nit in Guten los kumma war', so war' i desertirt, denn iHab' mir das Rauberg'schäftIganz anders' jvor- g'stellt. ^ - Sterz. So? Wie denn? Penz. (lebhaft). 3 Hab' mir's vorg'stellt, wie die G'schicht vom Carl Moor, die mir im Theater so gut g'fallen hat. — Da is do a G'rcchtigkeit dabei, da wer'n lauter Spitzbuben massakrirt — und die Räuber sein famose Kerln! —B'sonders der Schweinzer! Dem hält'i allwcil helfen mögen, wenn er den Franz, die Canalle, davong'schleppt hat, weil's die moralische G'rcchtigkeit begehrt! Sterz. Habt's denn Es an Sinn für G'rcchtigkeit? Penz. No, i bitt'! epper nit? Wann's in Lerchenfeld an Unrechten hab'n prügeln woll'n, da hab'i dreing'feuert, wie der brave Schweinzer. Sterz. Das g'fallt mir. — Aber wohin geht denn Enker Wanderschaft? Penz. Dorthin, wo's am wenigsten Polizei gibt. Sterz. Aha! vor der Polizei fürcht's Enk halt? Penz. Nit amal denken! — Aber z'wi- der is, 's wenn ma die ewige Schererei mit'n Ketten hat. Red'ma wir lieber vom Herrn sein Stiefel. Sterz (bei Seite). Au weh! Penz. Wann der Herr Banknoten hat, so könnt' er mir ja a paar verdiena lassen. Sterz. Recht gern. — Aber i wüßt nur nit glei mit was! (Plötzlich aufschreiend.) Ha, da Hab' i an prächtigen Gedanken! Penz. Das g'freut mi. Sterz (dringend und vertraulich). Er werd's wissen, daß der wällische Capitan die Köchin heiraten will? > Penz. Das g'schmackige Weaner G'wachs! 3 vergunn's dem Kerl gar nit. Sterz. 3 a nit! — Desweg'n möckt' ih'n vor der Hochzeit fangen lassen. Penz. Da g'hört a Polizei dazu. — Sterz. Und um die soüt's Es g eh'N. 32 Penz. (sehr betroffen). I? — Um die Polizei!? Sterz. Is ja a neapolitanische, die Enk no nit kennt. Penz. Mi kennt jede! Sterz (sehr dringend). Lauft's nur g'schwind in d' Stadt hinein und bringt's die Patroll auf dem Zechino sein Weinberg mit! Penz. Warum geht denn der Herr nit selber? Sterz. Weil i als G'fangener nit darf. Prnz. (sinnend). Hm, hm, hm, hm, hm! — Kann mi auf das G'schäft nit einlassen. Sterz. Wann i Enk aber hundert Gulden gib? Penz. Das is z'weni. Sterz. Wann i Enk zweihundert gib? Penz. Das-wär' nachher 's Doppelte. Sterz. Wann i Enk — dreihundert gib — vierhundert — oder in Gott's Nam' fünfhundert? Penz. (überwältigt). Halt! — Die müßt' i erst sch'n. Sterz (ein Papierpäckchen aus dem Stiesel ziehend). Da sein lauter neue Hunderter. (Zeigt das Geld.) Penz. (hinstarrend). Weiß und grean, wie s G'sicht von an B'soffencn, wann ihm nit gut wird. (Plötzlich sehr heftig.) Halt's mir net so nah vor d'Augen, oder i vergiß mi! (Sich fassend.) Na, na! Wann i ka wäNischer Räuber bin, mag i no weniger «deutscher sein.-Nur Credit müßt's mir geben, i will die fünfhundert Gulden glei' im Voraus hab'n. Sterz. Glei' im Voraus? (Bei Seite.) Wenn i ihm nur trau'n derfet, er schaut aber gar so an Lumpen gleich! Penz. (bei Seite). Er schaut zwar kan Lumpen gleich, aber trau'n ders i ihm des wegen do nit. Sterz (plötzlich entschlossen). Da habt's! (Gibt ihm die Banknoten, dann sehr dringend.) Jetzt aber tummelt's Enk, daß's mit der Patroll aus'n Weinberg kummt's! Penz. (das Geld anstarrend). Fünfhundert Gulden! So an Credit hat derPenzinger Tonl! I krieg an völligen Respect vor mir! Sterz. Weiter! weiter! Penz. (heroisch). Jetzt gilt's! — Wann's mi von Neapel nach Wean mit Springer und Hand brasletten hamschicken, so mach' i mir nir d'raus, denn i kann zu der Weaner G'rechtigkeit sagen: Der Penzin- ger-Tonl hat auf sein G'sicht fünfhundert Gulden kriegt! Das G'sicht kann an Lum- pen g'hör'n, aber an Spitzbub'n ewi nit! Gibt's nit! (Rasch ab.) Achte Scene. Sterz (allein)'. Tausend Gulden zahl' i ja gern, wenn i d'Fioretta nit küssen darf (das Geld wie der in den Stiesel steckend), aber i Hab' nur Aeugsten, daß mir der verlumpte Kerl nit Wort halt'! — Uebrigens soll man an Menschen nit bloß von der auswendigen Seiten messen, denn er kann einwendi vielleicht viel schöner sein; umkehrter is das oft der nämliche Fall. Couplet. I. A Mann hat a Weiberl, das Weiberl is brav, So treu und geduldig, und sanft wie a Schaf, Nur leider ihr G'sicht is von Blattern zerstochen, Am Hals hat's an Kropf, und ka Fleisch auf den Knochen. Der Mann sucht a Mittel, um das zu verschmerzen, Er weiß ja, sein Weib hat die Schönheit im Herzen. D'rum weil er's von auswendig g'nießen nit kann, So schaut er's halt bloß nur von inwendig an. 33 2 . A Kaufmann der wird als a Geizhals betracht, Bloß weil er sein' Caffa voll Aengsten bewacht. Die Caffa von Wertheim, ka Dieb kann's verletzen, Und er sitzt no d'rauf wie a Drach auf sein' Schätzen. Doch just weil er scheint so besorgt nm die Thaler, D'rum hat er Credit als sicherer Zahler. Wie würden fick d'Leut' den Credit übcr- leg'n, Wann's könnten die Caffa von inwendig seh'n. 3 . In Wien auf der Ringstraßen steht a Palast, Der iS auf der Welt schon der herrlichste fast. Die Fenster von Spiegeln, die Mauern vergold't, Man glaubt, daß d'rin noch viel schöner sein sollt'. Wann aber der Zinstag kommt, sieht's in dem Haus Mitunter gar schiach aus, die Parteien , zieh'n aus. Da sagt der Palast so bescheiden er kann: Ich bitt', schau'ns mich gar nicht von „ einwendig an. 4 . Politische Geheimniß wer'n oft erpedirt, Vermacht und versiegelt, daß Niemand was g'spürt, Die Herr'n Diplomaten beschwör'n auf ihr G'wiffen, Daß niemals der amtliche Schleier wird z'rissen, Doch eh die Depeschen an's Ziel noch gewandelt, Wird schon auf der Bors das Geheimniß verhandelt, «r. 14« Dort hab'n sie's im Courszettel lang schon entdeckt, Was in der Depeschen d'rinn einwendig steckt. 5 . A Convention macht der Menschheit jetzt warm,' Italien und Frankreich will geh'n Arm in Arm Und wenn Arm in Arm geh'n die Zwei miteinander, Das wär' halt für'nFrieden a g'fährlicher Brander. Man munkelt ganz heimlich schon was von Venedig,^ Doch mit derer Gefahr is's lang nit so gnädig, Denn was bei uns krank is, daß wird in der Stund', Wo's auswendig G'fahr gibt, von inwendig g'sund. 6 . Ein Schriftsteller schwärmt sür die Freiheit der Press', Er is ihr Verehrer fast bis zum Erceß, Er thut's mit dcrFeder sehr schön außerputzen, Und will ihr die weiteste Herrschaft er- trutzen. Dabei springt sein' Federn zu keck über's Blattel, Und macht auf ein G'setzparagraphen a Fadel; Jetzt brummt er im Löchel, der hitzige Mann, Und schaut sich die Freiheit von inwendig an. 7 . A reicher Theaterfreund sitzt in der Loge, Tagtäglich und bläht sich drin auf wie a Frosch, Ihm g'fall'n aber bloß nur die Stuck mit viel Madeln, Sein Kunstsinn beschränkt sich auf mostete Wadeln. S 34 Und während dem Stuck thut er öfter verschwinden, Da iS er als Gast aufmPodium z'finden. Von auswendi sieht man's dem Herrn gar nit an, WaS er ausin Theater von inwendi kann! 8 . Da kenn i an Herrn mit ein grundg'schei- tcn G'sicht, Sein Blick voller Geist iS in d'Wolken stets g'richt, A Stirn von der Höchen wird selten nur g'funden. Die Haar auf m Kopf sein vor Weisheit verschwunden. Man traut mit dem Mann sich vor Ehrfurcht nit z'reden, Sein Geist iS von auswendig z'stark für an Jeden, Doch laßt er zum Reden sich manchmal herbei, Da meldet sich der Esel von inwendi glci. (Ab.) Verwandlung Achte- Bild. Die dreifache Hochzeit. (Rei-cude Gegend im Weiagebirge. Zm ferneren Hintergründe der Desuv. Die Hügel des Gebirges verlieren sich von rückwärts nach vorne, verschiedene Gruppen und Plateaus bildend. Zwischen dem letzten Hügel und dem Hintergründe ist ein Abgrund angenommen. Links der Eingang in Ze- chioo's HauS, rechts führt der Weg in das Thal hinab.) Neunte Sceue. Lorenz und Fioretta (ausdemHause). Fior. (wohlgefällig). -So gefällst Du mir, Du widerspänstiger deutscher Bär — jpenu Du immer so artig gewesen wär'st, hätte ich Dich nicht hungern und dursten lassen, aber zwei Tage bei Wasser und Brot haben deine Wildheit gezähmt; Du wirst nur Speise und Trank aus meinen Händen mit Freundlichkeit empfangen. Lor. (bei Seite). I drucket's lieber mit die meinigen todt! Wenn i aber no länger fasten muß, so verlier' i die ganze Kraft und kann nit amal mein' Unschuld verthei- digen. Fior. Nun? Du antwortest nicht? Lor. (laut). Mir verschlagt's ja immer d'Red, wann i antworten soll. Fior. Das kommt von deiner deutschen Blödigkeit. Lor. Ja, i bin a halberer Trottl. Fior. Es wird Dir leichter werden zu antworten, wenn ich Dir bestimmte Fragen stelle. Lor. (bei Seite). Ui! jetzt geht's los! Fior. Möchtest Du nicht den Stand eines Knechtes mit dem eines Herrn vertauschen? Lor. Ah ja; aber i Hab' halt z'weni Geld für d'Herrlichkeit. Fior. Das Geld Hab' ich, oder eigentlich mein Bmder, der es mir herausgeben muß, wenn ich heirate. 'Lor. Da kriegt's aber nachher Jhner Mann. Fior. Ja — aus meiner zärtlichen Hand. — Wenn es mir nun einfiele, diese Hand in die Tatze eines deutschen Baren legen zu wollen, hätte ich dafür Dankbarkeit zu erwarten? Lor. Mein Gott! was maß a Viech von Dankbarkeit? Fior. Ich verlange keine so schwierigen Beweise: nur Gehorsam, Treue, Dienstfertigkeit und Geduld. — Diese Kleinigkeiten können doch nicht so schwer sein. Lor. Aber leicht sein's a nit. — I Hab s daham no nit g'lernt. Fior. Hast Du nicht deinem Herrn Gehorsam leisten müssen? Lor. In, mit dem war i aber nit verheirat'. Fior. Hat noch Niemand Dienstfer- ligkeit von Dir begehrt? Lor. Unserer Pfarrerköchin Hab' i dann und wann Wasser tragen g'holfen. Fior. Ist deine Geduld noch nie geprüft worden? Lor. Höchstens durch den G'manwachter, wenn er mir drei Stunden lang politische Neuigkeiten vorg'schwabclt hat. Fior. Und endlich deine Treue? Lor. An derer hat die dicke Annamirl gar nit z'weifelt. Fior. (heftig). Also eine dicke Annamirl ist deine heimliche Liebe? Lor. Hamli is's net, weil's der ganze Tullnerboden woas. Fior. Oh, jetzt begreif' ich, warum du zwei Tage lieber von Brod und Wasser leben, als mir einen Kuß geben wolltest! Lor. Das is net bloß d'Annamirl Ursache dran. Fior. Ja! — Wenn du nicht für die Dicke schwärmst, würde ich Dir nicht so mager scheinen. Lor. (bei Seite). Sie scheint weniger z'ma- ger als z'schiach. Fior. (befehlend). Mir kommt es nicht auf'sKüssen an, aber auf dcnGehorsam. (Mit kategorischer Grberde auf ihren Mund zeigend.) Da! Lor. (den Dummen spielend) Was? Fior.Küssen sollstDu mich, oder ich lasse den Diavolo und den Nerogrande los! Lor. (refignirt). Lieber an Biß in's Maul als in Wadel. (Nähertsich ihr, ruft aber plötzlich noch rechts zeigend.) Oho! dort schauens hin! A fremder Mann kommt ber, und mir scheint a junger. Fior. (hinblickend, sehr überrascht). Was seh'ich! — Das ist ja Pietro, einer von der Brigantcn-Compagnie. Lor. (erschrocken). Also a Räuber! Fior. Nur ein Gezwungener, weil der schändliche Sanguinoso den armen jungen Mann betrogen hat. — Sollte er frei geworden sein? Lor. (rasch) Wann er's is, so nehmen'- ihn anstatt mir! Fior. (feurig). Ja, der wäre mir lieber! Zehnte Scene. Vorige. Pietro (von rechts). Pietro (rasch austretend, mit verwirrter Hastigkeit). Ich habe mit Euch zu sprechen, Signora Fioretta! Fior. (cokett). Mit mir? — Der Cavaliere di Sardegna hat nur zu befehlen. Pietro (immer rasch). Ich bedarf eurer Hilfe. — Nicht für mich selbst, denn ich bin durch die Aufopferung einer edlen Dame aus den Händen Sanguinoso's befreit; aber ihr will ich meine Dankbarkeit beweisen, indem ich ihr Freiheit und Vermögen rette. Fior. (grdkhnt). Ah so! — Ich soll also einer Fremden helfen, die der Signor Pietro vermuthlich liebt? Pietro. Das gehört nicht hierher. — Nennt mir den Preis für eure Hilfe. Wenn ich, der Verarmte, ihn bezahlen kann, so werde ich ihn bezahlen. Fior. (wiedrr freundlich). Ah, das klingt schöner! Pietro. Es ist eine deutsche Dame, für welche ich eure Hilfe bedarf. Lor. (rasch). Eppa d'Frau von Reichenfels? Pietro. Ja, so heißt sie. Lor. (bei Seite). Derer vergunn' i zwar die Rettung nit, aber damit i aus der G'fahr kumm, will i der Fioretta zusetzen. (Zu Fioretta.) Ach, i bitt'Ihnen, thun Sie's; Sie machen Ihnen ganz Oesterreich zum Freund damit! Fior. Was frage ich um Oesterreich! (Nach Pietro blickend.) Ich verlange eine bessere Belohnung. Lor. Aha! Pietro (zu Fioretta). Ihr werdet bereits wissen, daß heute Sanguinoso's Hochzeit auf eurem Weinberge gefeiert werden soll? 3 * 36 Fior. (spöttisch). Ja, ich weiß.— Er wjll eine plnmpeWienerKöchin heiraten, die er vor einiger Zeit gefangen hat. 'Lor. Da is er wenigstens mit dem Magen gut versorgt. Fior. Mein Bruder hat sich aus dem Staube gemacht, weil er wegen dieser HochzeitinkeineUnannehmlichkeitengerathen will; ich aber werde mir zum Empfange des Brautpaares keine Mühe machen. Lor. Fürcht' sich denn der Räuber nit, daß er da auf'm Weinberg g'fangt wird? Fior. Er verläßt sich aus das Einver- ständniß mit meinem Bruder, aber ich könnte ihm einen Strich durch die Rechnung machen. Pietro. Der Capitano ist Euch verhaßt? Fior. Wie die Hölle! Pietro. Er soll nicht verrathen werden, weil ich es ihm geschworen habe, aber die Gefangenen, welche er als Hochzeits- * gaste mit sich führt, sollt Ihr mir helfen, ihm durch List entreißen. Fior. (lächelnd). Durch List? — Ihr habt Euch an die Rechte gewendet, Signor Pietro, meine List kann wohl helfen. — Aber ich verlange einen hohen Preis! Lor. Eppa, glei a hundert Busseln? Fior. Mehr! Mehr! (Bestimmt.) Ich verlange. Signor Pietro — (abbrechend, mit coketter Verschämtheit) doch das kann eine Jungfrau nur unter vier Augen sagen. Lor. I mach d'meinigen zu. (Schließt die Augen.) Pietro (resignirt). Und wenn es mein Leben kosten sollte, ich bezahle ja gern den höchsten Preis! Fior. (sich schmachtend an Pietro s Arm hängend). Das Leben wird es nicht kosten! — Begleitet mich in den Weinkeller, das ist der geeignete Ort, wo ich Euch den Plan meiner bist, und den Preis für dieselbe nennen will! Lor. ,bei Tritt). O Du geschlagener Mann! Fior. mit Pietro (ab in's Haus). Lor. (allein). Der is mir z'Recht kum- ma, wie i schon den Strick um den Hals g'habt Hab'! Jetzt Hab' i aber auf mein Herrn ganz vergessen; jetzt Hätt' i erfahr'n können, ob er der Gnädigen unter die Räuber nachg'rennt is. Sterz (von rechts auftretend) Lorenz! Lor. (aufschreiend). Alle guten Geister! Herr Sterz! (Eilt auf ihn zu. Beide umar. men sich.) Etlfte Scene. Lorenz. Sterz. Sterz (erschöpft). Lorenz, i kumm in Todesangst! — Hinter mir sein d'Rauber, die mi net auslaffen, und vor mir is d'Fio- retta, die mi no weniger auslassen wird. Lor. (rasch). Na! sie hat jetzt an Andern. — An g'wiffen Pietro di Sar- dcllia. Sterz. Was.?! In den is ja d'Frau von Reichenfels verliebt und er in sie! Lor. Deswegen will er sie retten. — D'Fioretta soll ihm behilflich sein, und er bat sich zu jedem Preis bereit erklärt. Sterz (erstaunt). Du! da muß i mi schämen! — I null a mein neue Geliebte retten, aber nit um jedem Preis. Lor. Was? Sie hab'n a neue Geliebte?! Sterz. An Schatz, Lorenz, zu dem Du mir selber gratulir'n wirst, wann mir unser Herrgott und der Penzinger helfen! A Perl von aner Weaner Köchin. Lor. Epper d'Nämliche, die der Rau- berhauptmann heiraten will? Sterz. Wann ihm net d'Polizei durch den Sinn fahrt! Ferne Musik. Sterz (»ach rechts weisend). Tort kom- men's schon durch die Schluchten auffakra- relt. I werd Dir's And're hamli sagen, damit'st vor mein neuen Schatz Respect hast. Lor. Man wird völli verrückt! (Beide treten vorn an die rechte Seite, leise sprechend.) 37 Zwölfte Scene. Vorige. Briganten, dann junge Land- mädchen, Sanguinoso mit Wawerl, dann Adele und Zimperlich, endlich wieder Briganten (kommen^im Zuge von rechts. Die Briganten vertheilen sich lo. daß sie aus den Hügeln Gruppen bilden. Die Landmädchen mitten, Adele und Zimperlich treten an die Seite links. Sanguinoso tritt mit Wawerl in den Vordergrund). Lor. (während dem Zuge heimlich nach Wawerl blickend). Das is ag'schmackige Person, die Köchin! Sterz (heimlich). Nit wahr? und die soll i an Räuber lassen? Lor. Nit um d'Welt! Polizei! Sang, (nachdem sich die Gruppen gebildet haben). Hier soll unsere Hochzeitstafel auf- geschlagen werden. — Doch — wo bleibt der Wirth? (Laut rufend.) Heda! Holla! — Hat man auf dem Weinberge vergessen, daß Gäste von unserer Art nicht gerne warten? (Nach dem Hause blickend.) Aha! Da kommt sie ja schon, die reizende Fee dieser zauberischen Einsamkeit. I - Dreizehnte Scene. Vorige. Fioretta (mit zwei Mägden, welche Weinkrüge und Becher tragen). F i or. (ironisch freundlich). Ich begrüße das Brautpaar. Mein Bruder kann wegen einem dringenden Geschäfte nicht zugegen sein. Sang. Oder wegen seiner Furcht vor den Sbirren. — Sagt ihm, daß ich diese Vernachlässigung bestrafen werde, und beeilt Euch, uns den Ehrentrunk zn credenzen. Fior. Gleich, gleich! (Füllt die Becher.) Sang. Die Here macht ein so falsches Gesicht, daß ich fast Verdacht schöpfen Möchte! (Tritt zu Adele und Zimperlich, mit ihnen sprechend.) Waw. (heimlich rasch zu Sterz). Haben's mit der Fioretta g'redt? Sterz .heimlich). 3 bin schon z'spät kumma, aber der Pietro wird uns helfen und fünfhundert Gulden Hab' i für die Polizei reskirt. Waw. (seufzend). Die kummt auch öfter Z'spät! Sang, (ironisch zu Adele). Sie werden es nicht bereuen, diesen Abend uns noch geschenkt zn haben, morgen schenke ich Ihnen dafür die Freiheit. Zimp. (bei Seite). Wcr's glaubt! Sang, (umherblickend). Die Becher sind gefüllt und ausgetheilt, also kann das Hochzeitsfest mit besang und Tanz beginnen. (Zu Wawerl.) Du, Bräntchen, singe nns ein lustiges Lied dazu. Fior. (leise zu Adele). Hütet Euch, von dem Wein zu trinken! (Die Becher find unter die Briganten vertheilt worden, die Mädchen stellen sich zum Tanze und führen während des Chores nach jeder Strophe eine kurze Tarantella aus.) Sang, (zu Fioretta). Bekomm' ich keinen Becher? Fior. (ihm einen Becher reichend). 3a, den schönsten, Capitano, und ich wünsche, daß er Euch schmeckt! Waw. (fingt im Ländlersthle). 1. 3 sing' für den Bräutigam, den i mir denk', Und den i mein' Lieb' ganz allani nur schenk', 3 sing' für den Anzigen, der mir gut g'fallt, Und dem will i treu sein, ob jung oder alt! (Heimlich Sterz zuwinkend ) 3 sing' nur ganz hamli,--'damit i kan kränk', Und sag' zu mein Herzen nur, was i mir denk'! Die Briganten. (Die indessen getrunken haben, sehr lebhaft.) Wein vom rothen Tranbenblute Macht uns Allen frisch zu Muthe, Faß und Faß den letzten Rest Trinken wir zum Hochzeitsfest! (Während dem Gesang Tarantella.) 2. Wawerl. I fing' für dm Räuber, der g'stohl'n hat mein Herz, 3 wollt's ihm gern lassen, es macht mir kan Schmerz, Nur das will i hoffen, er wird mir für's Leb'n Das seinige gern zur Entschädigung geb'n. Denn wann er mein's nehmet und gebet nir her, Da brächt' mi mein' Lieb' in a Rauber- Malör. (Chor und Tanz wie oben.) (Die Briganten beginnen zu taumeln.) Sang, (den Wein kostend). Verdammte Here! Dein Wein ist schlecht! (Wirft den Becher weg.) Fror, (achselzuckend). I^er^maeOkristi! 3 - Wawerl. Z sing' für meine Hoffnung, die lass' i nit aus, 3 komm' amal g'wiß no in's Vaterland z'Haus. Da werd i nit 's Weib von an Räuber ' mehr sein, 3 komm' mit mein' Liebsten in 'n Himmel hinein! Die himmlischen Engeln, die wer'n nocher g'spür'n, A Köchin kann'S Herz von an Räuber curiren. (Thor und Tanz.) (Alle Briganten stürzen plötzlich in verschiedenen Gruppen zu Boden.) Sang. Hölle und Teufel, was ist das? Meine Briganten find wie todt niedergestürzt. Fior. (höhnisch).' Nein, sie werden nur schlafen, aber lange genug, bis deine Gefangenen, Du Bandit, befreit find. Sang, (wüthend). Wer hat Dich dazu gedungen, Höllenweib? Fior. (Pietro rasch auS dem Hause ziehend). Dieser da! Sang, und Adele. Ha! Pietro! Pietro (zu Sanguinoso). Hätte ich Dich verrathen wollen, so würde ich die Sbir- ren gerufen haben, aber ich wollte nur dein Verbrechen mitFioretta's Hilfe verhindern, Sang, (höhnend). Welchen Preis hat sie dafür begehrt? Fior. (rasch). Seine Hand, seine Liebe! Adele (entsetzt). Und er hat es zuge- sagt? Pietro (schmerzlich). Ja, Signora, für Sie! Adele (energisch). Ich nehme das Opfer nicht an, darum gibt es auch keinen Preis dafür! Pietro (zu ihren Füßen). O Signora! Waw. (lachend). Jetzt kann i sagen, was für a Bräutigam in mein' Liedel g'mant war. (Auf Sterz zueilend.) Der da! Sterz (sie umschlingend). O Wawerl! Sang. Hütet Euch, dem Löwen zu trotzen, wenn er auch allein ist. Fior. (drohend). Und noch mehr der Löwin! Sang. (zu Wawerl). Her zu mir! Lor. (dazwischenspringend). Halt! — Mit dem Löwen nimmt's der Lorenz auf. Penz. (plötzlich von links neben dem Hause) Und mit der Löwin der Penzinger. Sterz (Penzinger zurufend). Kummt die Polizei?! Penz. Glei wird's da sein! Vierzehnte Scene. Vorige, Penzinger, später Cara- binicri. Adele (zu Pietro). Jetzt sind wir gerettet, frei, fetzt biete ich Ihnen den Lohn der Liebe. 3S Pietro (ihre Hand küssend). Für den ich mit ewiger Treue danken will! Zimp. (nach rechts blickend). Ha! dort kommen Soldaten herauf! Wonnevoller Anblick! Sang. (Lorenz, der mit ihm gerungen hat, mit Riesenkraft von sich stoßend). Hinweg! (Nach rechts und links blickend.) Die Gebirgspfade sind versperrt! Die Waffen der Carabi- nieri blitzen mir entgegen! O Fluch! So ende ich durch Weiberlist, aber nicht in Ketten will ich sterben! (Eilt nach der Höhe des letzten Hügels.) Fior. (sich ja Penzinger's Annen wehrend). Laß los, damit ich dem Derräther ins Gesicht fahren kann! (Will auf Pietro zu.) Penz. (lachend). DcrPenzinger leid's nit. Musik. (Von beiden Seiten dringen Earabinieri mit angeschlagenen Gewehren vor, diese nach Sangui- noso richtend. Die Mädchen haben sich in einer Gruppe furchtsam niedergekauert.) (Die Musik schweigt.) Sang, (der auf der Spitze des Hügels angelangt ist, den Earabinieri zurusend). Wollt Ihr den Sanguinoso fangen? Versucht's — der Abgrund ist hinter mir, wenn eine dreifache Hochzeit werden soll, so feiere ich die meinige mit dem Tode! (Die Earabinieri schießen zugleich. Sanguinoso stürzt sich nach rückwärts in den Abgrund. Allgemeine entsprechende Gruppe. — Musik.) (Der Vorhang fällt.) Ende. Zn der WaMSHauffer scheu Markt Nr. 1, ist erschienen: Buchhandlung (Josef Klemm) in Wim, Stadt, hoher aus Stücken von: Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Elmar, Flamm, Gottsleben, Grois, Grün, Grnndorf, Haffner, Iuin, Kaiser, Langer, Megcrle, Nestroy u. A. Drei Hefte. Gr. 8- geh. Preis 1 fl. 50 Nkr. oder 1 Thlr. Jedes einzelne Heft 50 Nkr. oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg B- F. 1- Da macht i halt das Gwissen sein. 2- Requisiten-Louplet. 3- Figurrn-Couplet. 4. Nachher wird es schon wern. 5- Glöckchen-Couplet. 6. Biblisches Couplet. 7- Falsche Benennungen. 8. Dann ist sie da die bessere Zeit. 9- 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün 10 . Volkslieder. 11- Aber geb'n thut's es uit. — Berla, Alois. 12- Jetzt da war's halt Noth. daß wer antauchen thät- 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. 14. Zu wae dann die Feindseligkeit gegen das Thier. 15 Lachcouplet. 16. Aus einer Chronika. 17. Früchte, die verboten find. 18- Falsche Ansichten l9- Französische Worte. 20. Mythologie-Couplet — Berla u. Bittner. 21- Ohne Umschneiderei. 22 Die papierene Zeit. 23- Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Lrttner Anton. 24. Thier-Louplet 25- Das ist noch Geheimniß. 26- Wer hätt es geahnt. 27- Cbromyns soLnäLlsuss. — Bittner u. Morländer. 28. Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29- Und so wird hinterrücks g'redt. — Böhm, Joses 30- Na da sieht man's doch, daß's an der Einteilung fehlt. 31- Wenn man die Wirkung sieht, und d'Ursach nit kmnt. — Doppler, I. 32- Maschinen-Louplet. 33 Wo man was sucht, dort find't man es nicht. — Elmar, Carl. 34. O Spiel der Natur. 35 Lied des Teufels. 36 Man glaubt nicht was in einem Menschen oft steckt. 37- So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. 38- O ungeheure Ironie. 39 Da möcht' ich halt wissen, was nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes. Elmar, Carl. 40-Was lieget da dran. 41. Ja so geht's, wenn man heut zu Tag Gester citirt. — Frldmann u. Flamm. 42- Mit Kleinem sängt man an, mit Großem hört man auf 43- So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Lheod. 44- Keine Rose ohne Dornen. 45 Gesundheit und ein recht langes Leben. 46- Jedes Häserl hat sein Deckerl. 47. Repertoire-Couplet — Flamm u. Wimmer 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät. 49- So behilft fich halt Jeder, so gut als er kann - Gottsleben, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 51. Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52- Na, das kennen jrvir schon- 53. Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54- Wir bedanken uns sehr. — Grünn, Johann. 55- Was ein Narr ist. 56- Ein Chineser. — Gründorf. 57 's ist just uet nöthi, aber nothwen'di war's. — Haffner, Carl. 58. Da fiud's mäuserlstill. 59 Es steckt was dahinter, ich wrtt. — Hopp, Friedrich. 60- Wann der mein Kapperl hätt'. 61. Ja, ich kann's nit ändern, es is halt a so. — Iuin. 62- Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht 63 Wozu Mancher eigentlich geboren. 64 Fiakerlied. 65 Zu was von den Göttem eine Auskunft begehren. — Iuin u- Flerx. 66. Da wird einem heiß, kalt — warm! 67 Ungeheuer genannt! — Kaiser, Friedrich. 68. Ich bitt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. Inhalt des dritten Heftes. Kaiser, Friedrich. 69. Es muß ja nicht gleich sein. 70. Da braucht man beim helllichten Tag a Latern. 71- Zetzt das g'hört auf ein anderes Blatt. 72- Die find halt g'scheidt. 73- Das ist so nobel und so billig dabei. — Langer, Anton. 74. Was ist der Unterschied 75. Aber da mag Keiner net. 76- Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 77 Es schaut nur gemeiner aus. 78- Zu früh und zu spät. 79. Man kann sich's wohl denken, aber sagen darf man's nicht. 80- Wann mich der fragen thät. - Mrgerle, Lher. 81. Marsch mit dem in d'Butten. 82. Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. — Nestroy. 83. Und 's ist Alles net wahr. 84. Kometev-Lied aus »Lumpaei*. 85- Aus was fich Mancher hiuauswachsen kann. 86. Das wär ganz etwas Neu's 87. lürd mau kommt auf kein Grund. 88- Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 89. Za, hat Perm die Sprach' da kein anderes Wort. — Varry, A. 90- Ob der wohl die Wahrheit wird sagen lpmck m»d Papier » » «mpo» Go»«« i» «im Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Ein Stillleben auf dem Lande. Pojsk in einem Anßugr von Carl Juni u n d Louis Flerx. (3m k. k. priv. Carltheater und im k. k. priv. Theater in der Iosefstadt in Wien mit Erfolg gegeben.) Personen: Herr von Schafsleber, ein Partikulier. Apollonia, seine Frau. ' Herr von Hahnengist, Negoziant. Elise, seine Frau. Herr von Fall, Schassleber's Detter. Mathilde, seine Mündel. Carl von Halden Peter, Schassleber's Bedienter. Ein Briefträger. Die Handlung spielt auf Schassleber's Landsitze in der Nähe der Residenz. Die Bühne stellt einen Theil eines schönen Gartens vor. Im Hintergründe ein praktikabler Garten-Pavillon mit Fenster und Thür, im Vordergründe rechts das Wohnhaus mit praktikablem Fenster. Erste Scene. Peter, hierauf Schafsleber. (Beim Aufziehen des Vorhanges ist Peter damit beschäftigt, die Blumen zu begießen und zu ordnen.) So, das war' Alles in der Ord- Thnutr-Rtpirtoire Str. I4S nung, der gnädige Herr wird Augen machen, wenn er sieht, wie ich das Alles schön herg'richt und rangirt Hab' — da gibt's wieder a ordentliches Trinkgeld — denn der Alte hat an dem Landleben an Narr'n g'freffen — und weiß recht gut, daß, wenn seine Blumen frisch bleiben sollen — es gehörig (mit der Pantomime des Geldzählens) regnen muß — (Hat die letzten Blumentöpfe geordnet.) So, jetzt noch g'schwind zur großen Laube, und nachher den Lohn ab- g'holt. (Lüust ab.) 1 2 Schafsl. (im Schlafrock. Mütze und Pfeife in, Mund tritt aus, er bleibt nach einigen Schritten stehen und holt einige Male ties Athem). Hm, göttlich, hm, delicat, hm, famos! es geht doch nir über die freie Landluft, die kriegt man halt in der Stadt gar so selten, — ich Hab' mir's schon wollen in Plutzer hineinbringen lassen — aber mir war die Verzehrungssteuer zu groß. (Hat sich während dieser Rede aus die Gartenbaak gesetzt, und bläst starke Rauchwolken in die Lust, dieselbe einathmend.) Hm, wie g'sund, wie rein (raucht) gegen den Dampf in der Stadt— (Hustet.) Verdammtet Rauchen! Na, froh bin i aber, meiner Seel', daß i die Stadt hinter nur Hab' — man hat ja nit an Augenblick a Ruh' — alle Minuten gibt's was Anderes und der Schluß is alleweil, daß man Geld hergeben muß. — Bald kommt a Bräutigam ganz selig, und lad't Einen zu seiner Hochzeit als Beistand ein — worin besteht der Beistand? — daß man brav blechen darf, — hernach kommt wieder Einer, der is noch seliger, der kommt G'vatterbitten — i sieh aber nit ein, warum ich dem seine Daterfreuden mit meinem Geld bezahlen soll — i wollt' nir sagen, wenn man schon früher ins Haus kommen is — no, da laßt man sich so was eher g'fall'n, aber da kommen oft wildfremde Menschen und sagm, heb'ns mir meine Engerl. — Hernach kommt der Tritte, das is aber schon der Seligste von Allen — der hat die Scheidungsbewilligung von seiner Frau in der Hand — und verlangt, daß man ihm das Geld vorschießen soll, was er seiner Frau auswerfen muß — sagt man so einem Menschen auch: »Sie, hören Sie, das is viel Geld,* er ist so glücklich, weil er seine Frau aubringt, daß er auf den Werth des Geldes gar keinen Werth legt. — Auf a paar Dutzend wohlthätige Sammlungen kann mau auch alle Wochen rechnen, und so müssen wir armen Reichen alleweil herhaltcn — da is es am Land heraußt ganz was Anders — da hat .naw alle diese Keiereien nit zu fürchten — da lebt man so ruhig wie unser Herrgott in Frankreich (sich verbessernd) das heißt, wie er anmal dort g'lebt har. Nur Eines wünschet i mir noch, verheirat't sollt' ich nit sein — der Eh'stand is zwar recht schön — ja — aber i sag' halt doch alleweil, der Eh'mann ist der glücklichste, der ka Frau hat. Zweite Scene. Schafsleber, seine Frau (am Fenrir ster). Ein Briefträger. Fr. Schafs l. (erscheint am Fenster des Hauses). Theobald! Schassl. (für sich). Da hat's schon der Teufel — wie man den Wolfen nennt, kommt er g'rennt — Fr. Schafsl. (lauter rufend). Theobald! Mann, hörst Du denn nicht? Schafsl. (für sich). Es wär' kein Wunder, wenn einem Hören und Sehen verginget — (Sich umwendend und zärtlich stellend.) Ah, Du bist's, mein Engerl — i war grad' so in Gedanken vertieft — Fr. Schafsl. 3» Gedanken? Du? (Schnell.) Das werd'n wieder schöne Dummheiten gewesen sein, an die Du gedacht hast - Schafsl. Ich Hab' an Dich gedacht— Fr. Schafsl. An mich? Schafsl. Ja — und wie glücklich ich bin, daß Du mein Weiberl bist — Fr. Schafsl. Ach, Theobald, istdaS aber auch wahr? Schafsl. So wahr ich auf dem Platzerl steh'. (Springt schnell mit beiden Füßen auf die Seite ) Ein Brieftr. (tritt ein). Herr von Schafsleber zugegen? Schafsl. Ja; was gibts? Brieftr. Ein Brief für Sie. (Wieder ab ) Schafsl. (nimmt den Brief). Ein Brief? Fr. Schafsl. (hastig und ueugicrig) Was ist daS für ein Brief — von wem ist der Brief — was steht in dem Brief? 3 Schüfst. Mein Kind, das weiß i selber nit, i muß'n erst aufbrechen. Fr. Sckafsl. Warte, bis ich bei Dir bin — ich will dabei sein — muß sehen, ob Du den Brief nicht vertauschest —- (Verschwindet vom Fenster.) Schasst, (im Zorn). I wollt, i kunnt' Dich vertauschen, Du alte Trud, Du . . es gibt doch nichts Schrecklicheres auf der Welt, als ein altes Weib, das eifert, — — da sein die egyptischen Plagen a reine Kinderei dagegen. — Aber von wem muß denn der Brief sein — Fr. Schafsl. (eilig aus dem Hause). So, da bin ich schon. Schüfst. (mit einem sauren Gesichte). Das freut mick unendlich, mein liebes Weiberl. Fr. Schafsl. Nun, so erbrich doch den Brief — oder macht Dich meine Anwesenheit verlegen fürchtest Du vielleicht — Schafsl. O nein, — nein, nicht im Geringsten — (bricht den Brief schnell aus) siehst, er is schon offen. — Jetzt werd'n wir gleich sehen. (Betrachtet die Unterschrift.) Martin Falk! . . . von meinem Vetter Falk. Fr. Schafsl. Don deinem Vetter? Schafsl. Was kann mir denn der so Dringendes zu schreiben haben? (Liest.) »Lieber Vetter! Meine Mündel, Mathilde, die ich seit acht Tagen aus dem Penstonatc genommen habe, um sie mit dem Sohne eines meiner Freunde zu verheiraten, ist aus meinem Hause entflohen, — sollte fie allenfalls Zuflucht bei Dir nehmen — obwohl sie Dich nur dem Namen nach kennt, so halte sie fest, und lese ihr recht tüchtig den Text.« Du,Weibi, der Brief geht Dich an — (Hält ihr den Brief hin.) Fr. Schafsl. Mich? Schafsl. Ja — Weibi, Dich — denn im Tertlesen bist Du groß — natürlich — Uebung macht den Meister. Fr. Schafsl. (zärtlich). Hast Du Dich vielleicht über mich zu beklagen? Schafsl. (ihr ausweichend). Fr. Schafsl. (plötzlich wieder rasch). Aber dein Glück ist es, daß der Brief von deinem Vetter Falk ist — ich dachte schon — es wäre vielleicht ein Liebesbrief — Schafsl. Aber i bitt' Dich um Alles in der Welt, hör' mir mit deiner dalketen Eifersucht auf — schau ich aus wie ein Mann, der auf Eroberungen ausgeht — Fr. Schafsl. Wer ist im Stande, die Verstellung der Männer zu durchschauen — wer kann ihnen blindlings trauen — o Theobald, es wäre schändlich — wenn Du deine 25jährige Gattin verrathen, verlassen würdest. — Schafsl. (reißt bei deu letzten Worten die Augen aus). Du, um wie viel Dutzend Jahr' hast Dich den» g'schnitten, — i glaub', in dein' fünfundzwanzigsten Geburtstag bin ich erst auf d'Welt kommen. Fr. Schafsl. Wer redt' von mein' Alter; fünfundzwanzig Jahr' sind wir schon verheirat'. Schafsl. (für sich). Und ich leb' noch — Himmel, da steht man, daß dem Manne Kraft gegeben wurde! Fr. Schafsl. Künftige Woche feiern wir unsere silberne Hochzeit. Schafsl. Zu was diese Unkosten — am Land thut's a platirtc auch — 's Silber is eh rar. Fr. Schafsl. Und in fünfundzwanzig Jahren unsere goldene. Schafsl. Das Glück wünsch' ich mir gar nicht zu erleben. Fr. Schafsl. Ich schreibe heute noch die Einladungen an alle unsere Bekannten und Freunde — es soll ein Freudenfest werden — Schafsl. No — wär' nit übel — (Zu seiner Frau.) Nein, nein, Engel, wir wollen an diesem feierlichen Tag einen Ausnahmszustand in unsere Ehe bringen — und ihn in aller Ruhe feiern. Ich habe schon dafür gesorgt — und alle Anstalten getroffen. Fr. Schafsl. Was,ohne mich zu fragen? Natürlich, Du bist der Mann — die Männer sind die Herren — ich bin nur 1 * 4 das Weib — die Magd — die Sklavin — ich Hab' gar kerne Stimme. Schafsl. Du hast keine Stimm? Na, wer Dir die Stimm' abdisputirt, der muß taub sein; i sag' Dir, mancher Sänger in der Stadt thät sich gratuliren, wenn er eine so ausgiebige Stimm' hält' und so loslegen könnt' wie Du. Aber lassen wir das jetzt, und schau, daß der Kaffee bald g'macht wird, ich möcht' heut' mit Ruhe frühstücken. Fr. Schafsl. Der Mann bringt mich nrit seiner Ruhe noch zur Verzweiflung, aber das sag' ich Dir, wenn unser Hochzeitstag nicht nach meinem Wunsche gefeiert wird, so sollst Du keine ruhige Stunde mehr auf der Welt haben — das schwöre ich Dir — (Rasch ins Haus ab.) Dritte Scene. Schafsleber. Halden: Schafsl. Als wenn ich jemals eine g'habt hätt', seit ich verheirat' bin — aber man muß dem lieben Herrgott auch für das Wenige danken — und so will ich wenigstens die paar Minuten jetzt, die meine Frau mit'n Kaffeemachen zubringt (setzt sich recht bequem) so recht commod, und in aller Ruhe genießen. Halden (rasch herein). Herr von Schafsleber! Herr von Schafsleber! Schafsl. (springt erschreckt aus). Herrgott, was gibt's denn, wo brennt's denn? Halden. Ach, liebster, bester Freund, mir brennt es unter den Sohlen. Schafsl. Was soll denn ich da thun? Halden. Verbergen sollen Sie mich — und das so schnell als möglich — man ist mir bereits auf der Ferse. Schafsl. Mein lieber Freund, mir scheint, auf Ihrer Fersen ist nir Anders als in Ihrem Kopf — ein Sporn. Halden. Ach, mein Herr, jetzt ist keine Zeit zu Bonmots, sagen Sie mir lieber, wo ich mich verbergen kann, (tzrblickt den Pavillon.) Ah, da hinein! (Rasch hinein.) Schafsl. He, halt, nir da! ,Für sich.) Js schon drin. (Laut.) Sie, ich bin aber für nir verantwortlich. (Für sich.) No ja, — man könnt' die größten Fatalitäten haben — wer weiß, was er ang'stellt hat, das war' a schöne G'schicht, wann's mich so in aller Ruh' abholeten und einkastelten — Halden (öffnet die Jalousien). Sie, Herr von Schafsleber! Schafsl. (ärgerlich). Aber zum Teufel, was treibn's denn; macht man denn d'Fen- ster auf, wenn man verborgen bleiben will? Halden. Nur einen Augenblick. Sie müssen mir einen Brief schreiben. Schafsl. Ich muß? (Halblaut.) Der Kerl schafft mit mir herum, als wenn ich sein Bedienter war', und ich Hab' ihn höchstens drei- oder viermal im Kaffeehaus g' sehen. (Zu Halden.) Was sollt' ich denn an Ihnen schreiben? Halden. Nicht doch, verstehen Sie mich recht — Sie sollen den Brief in meinem Namen schreiben. Schafsl. Ah so! Halden. Nur wenige Worte! Schreiben Sie: Angebetete Mathilde, halten Sie meine Entfernung für keine Vernachlässigung. Mein glühendes Verlangen ist es, Sie zu sehen — aber Umstände, die, wie ich hoffe, bald beseitigt sein werden, zwingen mich, Sie auf kurze Zeit zu meiden. — Mehr brauchen Sie nicht zu schreiben. Schafsl. Fallt mir auch gar nit ein. Ich bin nit der Mann, der mehr schreibt, als nothwendig is — es kommt überhaupt nir G'scheits heraus dabei. — Aber warum schreib'n's denn nit selber? Halden. Mein Gott, weil ich in der großen Eile vom Pferde stürzte, und mir den Arm verrenkte — Schafsl. Siehst Du's— da hast Du's. — Zu was tummeln? — Hübsch langsam kommt man auch zum Ziel. Halden. Ach, mein lieber Freund, Sie werden meine Eile, meine Haft begreifen, wenn ich Ihnen sage, daß mein Onkel hier ist, der mich in Triest glaubt, und mich mit einem Mädchen verheiraten will, das ich 5 nicht einmal dem Namen nach kenne. Ich ergriff schnell die Flucht. Wenige Schritte vor dem Dorfe stürzte ich vom Pferde — und war genöthigt mir im Wirthshause kalte Umschlag' geben zu lassen. Schafsl. Ihr Onkel hätt' Ihnen vielleicht warme Umschläg' geben. Halden. Wer malt Ihnen aber mein Entsetzen, als ich ganz zufällig durch das Fenster blicke, und meinen Onkel gerade auf das Wirthshaus zufahren sehe. Was beginnen, wohin mich wenden, wie meine Mathilde in Kcnntniß setzen — da fielen Sie mir ein, mein lieber Freund. Schafsl. Nir Dümmeres hätt' Ihnen auf Ehre nit cinfallen können. Halden. O. ich war von Ihrer Güte und Zuvorkommenheit im voraus überzeugt. Schafsl. Wirklich, no, das freut mich. (Für sich.) Verfluchter Kerl! Halden. Ich gab meinem Reitknecht, den der Onkel nicht kennt den Auftrag, ihn nicht aus den Augen zu lassen, und mir ein Zeichen zu geben, wenn ich ungesehen fortkommen kann — und nahm den Hausknecht mit mir, damit er den Brief bestelle, den Sie so gütig sein werden zu schreiben — darum holen Sie schnell Tinte, Feder und Papier — der Hausknecht wartet vor dem Gitter. (Schlägt die Jalousien zu) Schafsl. (sieht eine kleine Weile stumm und starr nach dem Landhaust, dann kläglich). Ach! Mir scheint, mit der gehofften Ruhe am Land hat's auch ein Hakerl. (Will ins Haus ab.) Halden (reißt rasch die Jalousien auf und schreit ihm nach). Noch Eins, Herr von Schafsleber! Schafsl. (wendet sich erschreckt rasch um> 9ta, was is denn schon wieder? Halden. Ich vergaß Ihnen zu sagen, als Adresse brauchen Sie nur zu schreibeil: »An Fräulein Mathilde;« verstanden? (Schlägt die Jalousien wieder zu ) Schafsl. Ich wollt', ich hätt' mich nicht dazu verstanden— war' viel g'scheiter gewesen. (Im Abgehen.) O Commodität. Du bist gräßlich gestört, ich falle als ein Opfer der Nächstenliebe. (Ab ins Haus.) Vierte Scene. Halden (allein). Halden (öffnet wieder die Jalousien). Sie, Herr von Schafsleber! Ah, er ist fort — desto besser — er wird den Brief schreiben und ihn dem Hausknecht einhändigen, auf diese Art wird meine theure Mathilde beruhiget; was mich betrifft, mein Entschluß ist gefaßt — sobald Johann mir das verabredete Zeichen gibt, daß mein Onkel fort ist, schreibe ich ihm einen von Triest batikten rührenden Brief, worin ich ihm meine Liebe zu Mathilden gestehe, daß ich ohne sie nicht glücklich werden kann — appellire an seine Großmuth, an sein gutes Herz und ich wette —es wird noch Alles prächtig ablaufen — (Es wird in die Hände geklatscht.) Ha! (Horcht, es wird nochmals in die Hände geklatscht.) Richtig — das Zeichen — Triumph, mein Onkel ist fort — jetzt keine Zeit verloren! (Kommt rasch aus dem Pavillon.) Gott der Liebe, stehe mir bei. (Ab.) Fünfte Scene. Frau Hahnengift. Fr. Hahn, (einen dichten Schleier vor dem Gesichte, kommt rasch herein). Mein Gott, die unausstehliche Person verfolgt mich auf Schritt und Tritt — wo mich verbergen, damit sie mich nicht bemerkt? (Erblickt den Pavillon.) Ah, dieser Pavillon, er soll für einige Minuten mein Asyl sein. (Rasch hinein und schließt Thür und Jalousie.) Sechste Scene. Schafsl eher. Eine alte Frau, hierauf Frau Schafsleber. Schafs, (kommt mit Tintcnzklig. Feder und Papier aus dem Hanse, stellt Alles aus den 6 Lisch vor der Gartenbau! und richtet sich Alles! zum Schreiben her.) So, da Hab' i jetzt Al-I les beinand' — Tinten. — Federn, Papier, Streusand und Siegelwachs — es fehlt mir nur noch a Kleinigkeit — das Concept. (Während dessen sieht man außerhalb deS Gartengitters eine alte Frau über die Bühne gehen, die Jemanden zu suchen scheint und dann in den Coulissen verschwindet.) Fr. Schafsl. (kommt leise aus dem Hause geschlichen, und stellt sich unbemerkt hinter Schafsleber). Ich sah meinen Mann mit Schreibzeug und Papier aus dem Hause schleichen — was muß er denn so schnell und heimlich zu schreiben haben? Schafsl. Ich werde jetzt ein' Liebesbrief schreiben; wenn das meine Frau müßt'! Fr. Schafsl. (für sich). Was hör' ich? Schafsl. I weiß gar nit, wie ich's anfangcn soll. Fr. Schafsl. Na, warte nur, Du Ungeheuer, ich werde Dir dictiren. Schafsl. Also »Liebe Mathilde!« Nein, das ist viel zu kalt! Fr. Schafsl. (für sich). Ihm ist das zu kalt und mir wird siedendhciß dabei. Schafsl. (schreibend). Jnnigst feurigst glühendst, brennend heißest geliebte Mathilde! Na, da wird's doch genug haben. Fr. Schafsl. (für sich). Mir wird's schon zu viel. O der Schändliche! Schafsl. Schreiben Sie meine Entfernung nicht meinem Tode zu — a na — halt, das thut's nit — der Tod wäre doch eine giltige Entschuldigung, also (schreibend) Schreiben Sie meine Entfernung nicht einer Vernachlässigung zu. Fr. Schafsl. Sie will er nicht vernachlässigen — aber mich vernachlässiget er schon lange. Schafsl. (schreibend). Ich verlange zu sterben, wenn ich Sie sehe— a, umgekehrt Hab' i sagen wollen — ich sterbe vor Verlangen Sie zu sehen — so ist's recht. Fr. Schafsl. (schlägt die Hände zusammen). Sterben will er für sie — und ich muß leben, um zu sehen, wie mein Mann für eine Andere sterben will! Schafsl. Umstände, die ich bald beseitigen werde, sind die Ursache davon. Fr. Schafsl. Was hör' ich, beseitigen will er mich — also auf einen Mord ist es abgesehen? O der Wütherich,der Blaubart! Schafsl. Ihr Sie ewig und noch länger liebender —« So, jetzt die Adresse — An Fräulein Mathilde. Punktum. Fr. Schafsl. Warte, ich gebe Dir den Streusand d'rauf. Schafsl. (siegelt dm Brief). Einen Liebesbrief braucht mau eigentlich nicht zu siegeln, denn wer einem Liebesbrief glaubt, is eh schon petschirt (Steckt den Brief in die Tasche, sieht sich vorsichtig um, ob ihn Niemand sieht, seine Frau dreht sich so, daß sic immer hinter ihm steht, und er sie nicht erblickt.) Es hat mich Niemand gesehen. (Er geht zum Pavillon, hält den Mund an das Schlüsselloch und ruft hinein.) Sind Sie da? Fr. Schafsl. Was ist das? Ich glaube gar, er hat hier noch Eine versteckt, während er an die Andere schreibt. Schafsl. Sind Sie da, frag' ich? Fr. Schafsl. (klopft ihn heftig aus die Achsel). Freilich bin ich da! Schafsl. (sich verblüfft umwcndend). Ui jegerl, meine Frau! (Laut zu ihr.) Ah, Du bist's, mein liebes Weibi! Fr. Schafsl. (ihn nachspottend). Ja, ich bin's, dein lieb's Weibi—aber ich will wissen, was Du dort mit dem Munde am Schlüsselloch gemacht hast — Schafsl. Wer, ich? (Für sich.) Soll ick ihr sagen — nein — sie könnt' wieder weiß Gott was glauben. Fr. Schafsl. Nun, werde ich erfahren — Schafsl. Ich — Hab' frische Lust g'schöpft — Fr. Schafsl. Durch das Schlüsselloch — Schafsl. A na! (Für sich.) Das war dumm. (Laut ) Ich Hab' nur die Spinnerin Herausblasen, die d'ringesteckt is — Fr. Gchafsl. Die Spinnerin? Ja, ja — mir scheint — es hat sich was ang'spon- nen — aber die Spinnerin will ich kennen lernen, die Dich ins Netz gelockt hat — und zu der Du so zärtlich sagtest: »Sind Sie da?* Na — was schaust Du denn so dumm in die Luft hinein?! Schafsl. 3 schau — mir kummt's Wetter nicht richtig vor — mir scheint, ich erleb' ein' Sturm. Fr. Schafsl. Ich werd' Dir schon ein Wetter machen. Ich sag' Dir, ich bin überzeugt, daß Jemand in dem Pavillon verborgen ist, aber ich will wissen — wer — wer — wer cs ist — ich bestehe darauf — und wenn ich einmal sage, ich bestehe darauf — Schafsl. O, ich weiß, da nutzt dann alles Andere nir — Ich Hab' tägliche Erfahrungen in dem Punct, aber dießmal — (Für sich.) Was sag' ich ihr denn geschwind, von dem Liebsbrief darf sie nir ersah, ren — Fr. Schafsl. Nun — dießmal? Schafsl. Ist es eine Ehrensache — ein Duell! Fr. Schafsl. Ein Duell — eine Ehrensache — Unsinn! Schafsl. Za wohl, die sogenannten Ehrensachen sein meistens nir als Unsinn — da thun sie sich einander mit Säbeln oder Pistolen alle möglichen Grobheiten an — und wenn's Einer dem Andern a Läufe! abg'schoffen — oder sich recht zerfetzt hab'n — nachher is die Ehre reingewaschen! Diesen Unsinn hat mein Busenfreund auch eingesehen, und d'rum Hab' ich ihn da d'rin versteckt. Fr. Schafsl. So! also einen Busenfreund hast Du da d'rin versteckt? Schafsl. Ja, einen Busenfreund. . « Fr. Schafsl. Und was ist's denn mit dem Briefe, den Du in deiner Tasche versteckst?! Schafsl. (verlegen). Was für ein' Brief?! Fr. Schafsl. Ei, den Brief andie Mathilde, die Du so glühend zu sehen verlangst — die Umstände, die Du zu beseitigen hoffest — Schafsl. (sür fichj. Aber Alles weiß sie. — Mir scheint — meine Frau hat bei einem Zauberer practicirt, ich bemerke überhaupt sehr viel Hermannartiges an ihr. (Laut.) Mein Kind — was soll denn ich noch für ein glühendes Verlangen haben, machst ja Du mir schon die Hölle heiß genug. (Bewegung der Frau Schafsleber.) Na, kalt genug, Hab' i sagen wollen! und Um- ständ? — in was für Umständ' soll denn ich sein — der Brief geht mi gar nir an, den Hab' ich nur für meinen Busenfreund da d'rin g'schrieb'n — Fr. Schafsl. Das is Alles nit wahr, — Du belügst, Du betrügst mich, grauer Don Juan! Schafsl. Aber ich versichere Dich auf Ehr' — Fr. Schafsl. Nun gut denn — so will ich diesen Busenfreund sehen! Schafsl. (eilt zur Thür). Na ja, damit amal a Ruh is — (Klopft an die Thür.) Kommcn's heraus. (Die Thür öffnet sich, und Frau Hahnengist tritt heraus.) Siebente Scene. Schafslcber, Frau Schafsleber, Frau Hahnengift. Schafsl. (fährt entsetzt zurück). Alle guten Geister, was is denn das? Fr. Schafsl. Ha, meine Ahnung hat mich nicht betrogen! Fr. Hahn, (im Heraustreten). Ich bitte um Entschuldigung! (Alle Drei reden fast zugleich.) Fr. Schafsl. Also so steht dein Busenfreund aus? Schafsl. (ganz verblüfft). I kenn' mi gar nit aus — (Zu Frau Schassleber.) Aber laß Dir nur sagen, Weibi! Fr. Schafsl. Zurück, Ungetreuer! Schafsl. 's ist zum Verrücktwerden! (Zu Hahnrngist.) Wie kommen Sie da hinein? Was wollen Sie da? wer sind Sie? 8 Fr. Hahn. Ick bin — Fr. Schafsl. O! ich bitte — Madame oder Mamsell— sparen Sie alle Worte — mich täuscht man nicht — mir spielt man keine Komödie vor — o, ich armes, unglückliches Weib! — mir hat nicht umsonst heute Nacht von zwei Schlangen geträumt, die mich erdrückten — Schassl. Von was hat Dir geträumt? Fr. Schassl. Von zwei Schlangen, die mich erdrückten — Schassl. (für fich). O Gott! warum war das nur ein Traum! Fr. Hahn Aber so lassen Sie sich doch erklären — Fr. Schassl. O, ich bin bereits im Klaren — ich bedarf keiner weitem Aufklärung. (In erstickter Wuth.) O, esistschänd- lich — ein Mann — in diesen Jahren — solche Sprünge — SchafSl. (sich anschauend). Sprünge — oho! sie meint vielleicht die Falten. Fr. Schassl. Mir bricht das Herz! (Zornig.) Aber — nein — nein — das wäre dem Barbar eben recht — cs soll nicht brechen — im Gegentheile — es soll verhärten, so hart werden — wie ein Kieselstein — und kein Fleben, keine Bitten sollen es erweichen, in dieser Minute noch schreibe ich meinem Onkel, dem Advocaten, und meinem Bruder, dem Doctor. Schassl. Ich bitt' Dich um Alles in der Welt, rede mir nir vom Advocaten und vom Doctor — Fr. Schassl. Aha! graut Dir schon, Du grauer Sünder! Schassl. I glaub's gem, Advocat — Doctor — das is a schöne G'sellschaft der Eine nimmt's Geld, der Andere 's Leben! Fr. Schassl. Du sollst es fühlen, eine Frau beleidigt zu haben, die alle Tugenden der Welt besitzt, die immer alles Mögliche gethan — Dich glücklich zu machen — aber jetzt werde ich Dir einen Proceß an den Hals werfen, der Dich dein Vermögen kosten soll, ärgern will ich Dich, daß Du alle Farben spielen sollst. Schassl. Das fallt in jetziger Zeit nit auf. Fr. Schassl. Tag und Nacht will ich Dich sekiren — daß Du den Tod davon haben sollst. (Weinend.) O. es ist schändlich, eine Frau so zu behandeln — die es so gut mit ihm meint! Aber Du sollst mich kennen lernen! (Rasch ab.) Schassl. (nachrufend). Ich Hab' leider schon fünfundzwanzig Jahr' das Vergnügen. Achte Scene. Schafsleber, Frau Hahnengift. Schassl. (fürfich). Aber was wahr ist, ist wahr, das Landleben fangt recht ruhig an! Fr. Hahn. Entschuldigen Sie, mein Herr, daß ich den Frieden Ihres Hauses gestört!! Schassl. O ich bitt', meine Gnädige — da is gar nir zu stören — von Frieden war in unserm Haus no gar nie a Red'! Fr. Hahn. Vor Allem bin ich Ihnen aber noch Rechenschaft schuldig — wie ich in diesen Pavillon kam. Schassl. Ja — und ich muß Ihnen aufrichtig sagen, meine Gnädige, ich bin sehr neugierig d'rauf. Fr. Hahn. So hören Sie denn. Ich habe einen — Bruder — einen leichtsinnigen jungen Menscben.— Mein Mann will nichts von ihm wissen— und hat ihm das Haus verboten. — Ich erfuhr, daß er sich in einer bedauernswerthen Lage befinde, und benützte die Abwesenheit meines Mannes, welcher wichtiger Geschäfte wegen nach Linz reiste, um meinen armen Bruder zu sehen und zu sprechen.—In meinem Haust konnte ich ihn nickt empfangen, da unsere Haushälterin, eine alte Närrin, welche s früher in dem Wahne stand, mein Mann würde sie heiraten — Schafs!. Die alten Wirtschafterinnen haben das alle. Fr. H abn. Keine Gelegenheit unbenützt laßt, mich bei meinem Manne zu ver- schwärzen, und mich sicherlich verrathen hätte. Ich beschick also meinen Bruder da heraus, in dieses abgelegene Dörfchen — Schafsl. Aha! Fr. Hahn. Doch kaum sprach ich einige Worte mit ihm — als ich in der Entfernung meine Haushälterin erblickte, die wahrscheinlich davon erfahren und mir gefolgt war. Schafsl. Ja, so a alte Wirthschaftcrin die schnuppert Alles aus. Fr. Hahn. Zum Glücke ist sie sehr kurzsichtig — und ich hatte noch so viel Zeit, mich in diesen Pavillon zu flüchten, um ihren Blicken zu entgehen — das Uebrige wissen Sie ohnedieß — Schafsl. O! sehr genau — so gc- nau, daß ich's in meinem Leben nit vergessen werde — aber — erlauben Sie mir noch eine Frage — kennen Sie den Herrn schon länger, den Sie da her- ausbestellt haben — Fr. Hahn, (etwas verlegen). Mein Herr — ich sage ihnen ja — daß es mein Bruder — Schafsl. Ah ja —Ihr rechter Bruder, Sie verzeihen schon, die Nächstenliebe macht uns ja Alle zu Brüdern und Schwestern. Fr. Hahn. Nur eine Stunde lassen Sie mich noch hier verweilen, bis ich sicher bin, daß die Haushälterin meine Spur verloren! — Neunte Scene. Vorige. Frau Schafsleber. Fr. Schafsl. So — die beiden Briefe sind geschrieben — und Du kannst Dich gefaßtmachen. (Erblickt Frau Hahnengift.) Wie, Mamsell — Sie noch —hier? Ha! Sie treiben die Unverschämtheit zu weit! Fr. Hahn. Madame! ) - r Schafsl. Liebes Weibi! j ^«4- Fr. Schafsl. Laß mich. (Zu Hahnen- gift.) Augenblicklich verlassen Sie dieß Haus. (Man fleht die alte Frau an dem Geländer wieder Vorbeigehen.) Fr. Hahn, (leise zu Schafsleber). Mein Herr, ich kann jetzt nicht fort — sehen Sie dort die alte Frau — das ist meine Wirtschafterin. — Schafsl. Na warten's nur, ich werd's schon machen! Fr. Schafsl. Was sind das für Heimlichkeiten — impertinent — in meiner Gegenwart. Schafsl. (geheimnißvoll zu seiner Frau). Pst! (Legt den Finger aus den Mund.) Nur ruhig — Du sollst Alles erfahren. Fr. Schafsl. Was soll denn das wieder heißen? Schafsl. Hör' mich an, mein liebes Weibi, diese schöne junge Dame ist — Fr. Schafsl. (für sich). Er sagt ihr Galanterien in meinem Beisein — 's ist empörend! Fr. Hahn, (leise und rasch zu Herrn Schafs» leber). Um Alles in der Welt, mein Herr, sagen Sie Ihrer Frau nichts — Sie wäre im Stande die Alte hereinzurufen, um sich von der Wahrheit Ihrer Worte zu überzeugen! Schafsl. Das ist auch wieder wahr! Aber waS sag' ich ihr denn jetzt? Fr. Schafsl. Nun, was stockst Du denn — wer ist denn diese schöne junge Dame? — Wer ist sie denn? Schafsl. (verlegen). Wer sie ist? — Za — wer — wer ist sie denn? (Einen Gedanken fassend — für sich.) Ah! ich hab's. (Laut.) Es ist die Mündel von meinem Detter Falk — die Mathilde — die ihrem Vormund durchgangen is — und bei nns Zuflucht sucht. Fr. Hahn, (rasch zu Schassleben). Him- 10 mel, in was für eine Geschichte verwickeln Sie mich da? Schafsl. (rasch zu Frau Hahnengist). Ich muß meine Frau besänftigen. Fr. Schafsl. Was sagst Du — das wäre — Schafsl. Na freilich ist ste's, ich habe Dir's früher schon sagen wollen, aber Du laßt einen ja gar nicht zu Worte kommen; aber so empfang' sie doch freundlich. Fr. Hahn, (für sich). Ich muß einstimmen, so gewinn' ich Zeit. (Sie geht zu Frau Schasslebrr, indem sie ihr die Hand küßt.) Gnädige Frau — Fr. Schafsl. (weiß noch immer nicht recht wie sie daran ist — für sich). Das ist so wenig Falk's Mündel, als ich es bin — aber ich will mich stellen, als glaubte ich es — um so die Wahrheit zu ergründen. (Zu Frau Hahnengist.) Mein liebes Mathildchen! Schafsl. und Fr. Hahn, (haben sich unterdessen Zeichen des Einverständnisses gemacht und fahren nun erschreckt zusammen). Fr. Schafsl. Es freut mich recht sehr, Sie kennen zu lernen — Sei'n Sie mir tausendmal willkommen. (Umarmt sie.) Schafsl. (für sich) Js mir richti auf- geseffen, he! he! he! he! Fr. Schafsl. Sie müssen mir schon verzeihen, daß ich früher so aufbrausend war — aber wenn man ein so liebes, schönes Männchen hat — (geht aus Schasslebrr zu, welcher wohlgefällig lächelt, und kneift ihn in die Wangen) schwebt man in einer immerwährenden Angst, seinen theuren Schatz zu verlieren ( Schasslebrr wie oben) und bewacht ihn mit Argusaugen. (Schafsleber wie oben.) Nicht wahr, HerzenSmännchen? Schafsl. So laß ich mir's gefallen, gib mir a Buffi! Fr. Schafsl. (küßt ihn). Schafsl. (wendet sich ab, um sich den Mund abzuwischen). Vor fünfundzwanzig Jahren hat's mir besser geschmeckt. Fr. Schafsl. (wendet sich ebenfalls ab). O der Judas der! Schafsl. Die alte Graten! Fr. Schafsl. (zu Frau Hahuengift). Aber jetzt kommen Sie, liebe Mathilde, kommen Sie in's Haus, machen Sie sich's bequem — (Faßt sie am Arme.) Fr. Hahn, (folgt). Gnädige Frau! Schafsl. Ja — gehn's hinein, Til- derl! Fr. Schafsl. Und dann wollen wir bei einer Schale Kaffee dauernde Freundschaft schließen. Fr. Hahn. Verzeihung — Fr. Schafsl. Darum habe ich zu bitten — aber machen Sie keine Umstände — kommen Sie — Sie sollen bei uns recht gut aufgehoben sein. (Ab mit Frau Hahnen- gist) Zehnte Scene. Schafsl. (sich vergnügt die Hände reibend). Hahaha; das Hab' ich pfiffig g'mackt — meine Frau Hab' ich versöhnt — die Gnädige gewinnt Zeit, und das Beste von Allem ist, ich Hab' amal a Ruh — Hab' lang g'nug d rauf warten müssen — aber Sapperlot! (sieht nach der Uhr) schon zwölfe! — Und Hab' no mein Kaffee nit kriegt — a was — was liegt am Kaffee, die Ruhe, die ich jetzt genießen werd', ist mehr werth, als aller Kaffee von ganz Mokka! Eilfte Scene. Voriger, seine Frau (tritt ein, sie ist sehr ernst gestimmt, und drückt in ihren Mimen'einen festen Entschluß aus). Fr. Schafsl Herr Gemal! Schafsl. (ärgerlich). Ob's einem ein' Augenblick a Ruh lasset! (Zärtlich.) O, Du bist schon wieder da, mein Schatz! Fr. Schafsl. Schatz? Dein Schatz! ElenderHcuchler—Du hast Deinen Schatz verloren. Schafsl. (str fich). Ick laß' ihn gewiß nicht austrommeln. (Laut.) Aber was ist denn schon wieder geschehen, daß Du mit so einer G'spensterphysivgnomie herumgehst — Fr. Schafsl. Was g'scheh'n ist! das fragst Du noch? (Für sich.) Doch nein — ich will beiter scheinen — er soll den Triumph nicht haben — mein Herz gebrochen zu sehen — (Laut.) Nichts ist g'scheh'n — ich wollte Dick nur fragen, ob wir im Gatten speisen — Schafsl. Freilich — in der freien Natur da schmeckt Einem Alles viel besser, — wenn so das G'selckte unter Rosenlauben duftet, und der Jasmingeruch die Leberknödel würzt — über das steht gar nir ans — aber Du — Du handelst ja gegen alle Lebensart — Du laßt unfern Gast so ganz allein — Fr. Schafsl (dumpf). Sie bedarf keiner Unterhaltung mehr! — Schafsl. (ftappirt). Warum denn nit? Fr. Schafsl. Ich will Dir nur zwei Worte sagen — Sckafsl. Nur zwei Worte — Du — das gibt's nit! Fr. Schafsl. An eine Mathilde hast Du den Brief heute Morgen geschrieben ? — Schafsl. Ja — mir scheint Mathilde hat's geheißen — Fr. Sckafsl. Du schriebst den Brief für einen Freund — der aber nirgends zu finden war — Mathilde heißt die Mündel deines Vetters — diese Mathilde ist aus dem Hause entflohen — wegen wem ? wegen Dir! Schafsl. Wegen mir?! Was fallt Dir net ein! Fr. Schafsl. (dumpf). Ich Hab' Euch durchschaut — aber Du hast nicht daran gedacht, daß ein gekränktes, betrogenes Weib jeder Rache fähig ist — Sckafsl. Hör' auf, mir wird völlig entrisch — Fr. Schafsl. (laut und dumpf). Ich habe mich gerächt, fürchterlich gerächt! Sckafsl. (ängstlich). Mein Gott — was ist denn gescheh'n — wo ist denn die Tildi? Fr. Schafsl. (wie oben). Aufgehoben — sebr gut aufgehoben — ich habe es Euch ja versprochen — und ich hielt mein Wort — Schafsl. (die höchste Angst in feinen Zügen ausdrückend, weicht langsam, seine Frau fixi- rend, zurück). No — no — Du — Du wirst sie doch nicht — Fr. Schafsl. Ja! Schafsl. (ausschreiend). Um Alles in der Welt! (Für fich.) Die Eifersucht hat meine Frau zu einem Mord verleitet. Fr. Schafsl. (indem fie den Schlüssel, welchen sie in der Hand hielt, in den Busin steckt). Ich Hab' sie mir vom Halse geschafft. Schafsl. Was versteckt sie denn da — mir scheint gar a Messer — auf d'Letzt stickt sie mich auch ab. Fr. Schafsl. Aber auch Du entgehst dem Lohne für dein Verbrechen nicht — Sckafsl. (für sich). No, da haben wir s — 's is schon richti — jetzt heißt's schmeicheln. (In komischer Angst, welche er zu verbergen sucht, den Zärtlichen spielend, nähert er fich seiner Fran.) Weibi! Fr. Schafsl. (wendet ihm kalt den Rücken). Was soll's? Sckafsl. (wie oben, für fich). Diese Kälte — rein Lafargc. (Laut.) Engi! Fr. Schafsl. Was willst Du noch von mir, Teufel? Schafsl. (wie oben). Mausi! Fr. Schafsl. Ja wohl — Mausi — das ist der wahre Ausdruck — denn Du spielst mit meinem Herzen wie dieKatz' mit der Maus. Sckafsl. Mußt nicht bös sein auf mich, mußt nicht glauben — Fr. Schaft. Ja wohl — da hört der Glaube auf — wo die Gewißheit anfängt — aber mein Entschluß steht fest, unabänderlich fest. 12 Schafsl. Und wo — worin besteht der fe — feste Entschluß. Fr. Schafsl. Morgen mit dem Frühesten schreibe ich deinem Vetter, und bestelle ihn hieher — Schafsl. (für sich). Soll der vielleicht auch als Opfer fallen? Fr. Schafsl. Und dann — dann laß' ich — ahnst Du nichts — (Zst auf ihn losgegangen, er retirirt) Schafsl. (retirirend). No, — was — soll ich denn ahnen? Fr. Schafsl. Das Schrecklichste. Schafsl. Mir steht der Angstschweiß auf der Stirn — Fr. Schafsl. Dann — laß' ich mich von Dir scheiden. Schafsl. (ausathmend und froh). Nit möglich — (Kür sich.) Das is ja nir Schreckliches. Fr. Schafsl. Nicht möglich? Warum nicht möglich? Ich will es — und werde cS! Schafsl. O, ich will Dir nicht widersprechen. Fr. Schafsl. Suche dann dein Glück in den Armen der hergelaufenen Mamsell. Schafsl. (sehr schnell). Also lebt Sie? Fr. Schafsl. (sieht ihn erstaunt an). Leben? Sch afsl. (wie oben). Also Du hast Sie nicht umgebracht? Fr. Schafsl. Umgebracht?! Bist Du von Sinnen? Schafsl. Was Haft Du denn da hernach für ein Mordinstrument versteckt? Fr. Schafsl. Mordinstrument? Ich glaub', Du hast den Verstand verloren! (Zieht den Schlüssel hervor.) Mein Schlüssel ist's. Schafsl. Schlüssel! Fr. Schafsl. Der Schlüssel von meinem Zimmer, wo ich die Elende einge'perrt habe. Scd afsl. Schlüssel, — eingesperrt, — ha, ha, ha! (Für sich.) Und ich Esel Hab' geglaubt, ha, ha, ha, — na, das ist zu dumm — ha, ha, ha! Fr. Schafsl. O lache nur, lache nur, ich werde auch lachen, aber zuletzt; wer zuletzt lacht, lacht am besten. Schafsl. (lachend). Aber liebesWeibi— ha, ha, ha! (Lacht fort.) Fr. Schafsl. (indem sie den lachenden Schafsleber betrachtet). Nenne mich nicht mehr so, ich bin nickt mehr dein Weib, ich sage mich los von Dir, und will in einem Kloster, fern von der Welt und ihren Falschheiten, meine Tage beschließen. Schafsl. (noch immer lachend). Ah, das is zu dumm! Fr. Schafsl. (in Wuth). Lache nicht. Du — Du — Barbar — Du — Blaubart — Du — (Die Worte versagen ihr.) Ich muß nur fort, — sonst erstick' ich noch vor Wuth! (Rasch, mit grimmigem Blick auf Schafsleber ab.) Zwölfte Scene. Schafsleber (allein). Dann Hahnengift. Schafsl. (lachend, ihr nachrufcnd). O, i bitt' Dich — genir' Dich gar nit wegen meiner. (Allein ) Ha, ha, ha! — I kann no gar nit zu mir kummen — das Miß- verständniß war zu g'spaßig — aber was mach' ich denn jetzt? — (Denkt nach.) Ah, i weiß schon — nir — i laß alle Fünf grad sein —und misch' mi in die ganze G'schicht gar nimmer d'rein, das is das G'scheiteste — (Indem er sich setzt.) 3 bin schon so MÜd' und abg'schlagen, daß i mit Gusto a Ständer! schlafen könnt', und ich seh' gar nit ein, was mich davon abhalten sollt'. Meine Frau kocht Wuth und Rache, da braucht's länger dazu als wie zu der Einbren'n i Hab' also nit z'fürchten, daß sie mich abermals stört. (Legt sich auf die Bank und streckt sich au? ) Ah, das is delicat, wie das wohl thut, es geht doch wirklich nir über das Landleben, wenn man's so in aller Ruh' genießen kann. (Fängt an einzuschlafen.) Hahn, (stürzt hinein). Freund Scbafs- leber, Freund Schafsleber! Schafsl. (springt höchst erschreckt mit beiden Füßen zugleich auf). Um Alles in der Welt, was gibt's denn? Hahn. Ah, da sind Sie ja — Gott sei Dank, — liebster — bester Freund — helfen — rathen — retten — Schafsl. (wirst zornig seine Mütze zu Boden). Na, was z'viel is, is z'viel, mir scheint, das Schicksal will mit mir Letzerl (Fangamandel) spielen, aber ich will nir davon wissen. (Geht zornig aus und ab.) Hahn. Sie müssen wollen, Engelfreun derl — Sie müssen — denn i kann mimt mehr helfen — i bin in Verzweiflung — i bring' mi um. Schafsl. Meinetwegen, aber nur nit da bei mir, draußt auf der Wiesen is a wunderschönes Platzerl dazu. Hahn. Aber na, na, i bring' mich nit um, aber Sie bring' ich um. Schafsl. (fährt erschrocken zurück). No, sein's so gut, — ja, is denn heut' Alles Bandit, was zu mir kommt? — He, Hilfe, Hilfe! Hahn. Was schrei'n denn Sie um Hilfe — ich bin ja derjenige, der Hilfe braucht —. S chafsl. Haben Sie nicht gesagt — i bring' Sie um. Hahn. Ja, das Hab' i g'sagt, und ich werd' auch Wort halten. Schafsl. Na also, und glauben Sie, ich werd' da so ruhig zuschau'n, wenn Sie mich in meiner Gegenwart abkrageln? Hahn, (verwundert). Ihnen? Was plau- schen's denn da z'samm? Schafsl. No, wen woll'ns denn abkrageln? Hahn. Meine Frau, diese Sataniftin, diese Belzebübin. Schafsl. Ihre Frau?Mir scheint, Sie sein verrückt? Ihre Frau is ja schon lang todt. O Gott, Sie vergessen auf Ihr größtes Glück, daß Sie Witiber snrd. Hahn. Ach, wenn ich das noch wäre, aber leider; schau'n Sie, bester Freund, der Esel geht nur einmal tanzen, aber manchen Menschen ist der längste Fasching noch zu kurz, ub bin so ein Unglücklicher — ich Hab' wieder geheirat'. Schafsl. Sie haben wieder geheirat'? Ah, jetzt fang' ich an Ihr Unglück zu begreifen. (Erfaßt seine Hand, welche er tragikomisch drückt.) Liebster Freund, ich ehre Ihren Schmerz! Hahn. I Hab'geglaubt, ich werd's recht pfiffig anstcll'n, Hab' mir denkt: Was sollst erst lang herumsuchen und Frauenzimmer kennen lernen, ließ fleißig das Fremdenblatt, da steh'n alle Tag a paar Dutzend Heiratslustige mit sammt alle ihre guten Eigenschaften d'rin, da brauchst Dir's nur aus- z'klauben, i Hab' auch richtig alle Tag das Fremdenblatt gelesen. Sö. da g'hört a Mag'n dazu; auf einmal sind' ich folgende Annonce: Eine junge Dame mit einer Sylphengestalt s. Is. Elßler, einer Stimme ä 1a Lind, der Wuchs griechisch, die Nase böhmisch, — a, römisch will i sagen, die Augen italienisch, die Haare germanisch, der Hals junonisch , die Füße chinesisch, nebstbei häuslich wie die Penelope, geistreich wie Jda Hahn-Hahn, duldsam wie die Geno- feva, sittsam wie die Lucretia, auch Harfenistin, — Schafsl. Harfenistin? Hahn. D. h. sie spielt die Aeols- harfe — und in allen Künsten sehr bewandert , die über ein Vermögen von 20,000 Gulden disponiren kamt, sucht aus Mangel an Bekanntschaft einen Lebensgefährten aus dem Mittelalter mit einnehmendem Aeußern und ruhigem Charakter. Kreuz-Million-Donnerwetter, das bin ich, schrei ich gleich, stürze schnurgrad zu ihr hin und Heirat' sie vom Fleck weg. Schafsl. Ohne sich weiter zu erkundigen? Hahn. Zu was?! Ein besseres Zeugniß wie die Zeitung hätt' ihr die Mchbarschaft g'wiß nit gehen, uuh j Hab' -'rechnet, wann 14 von -cm gedruckten, wie gewöhnlich, nur -'Hälfte wahr is, so is sie eh schon ein ganzer Engel. Schafsl.NoundSie hab'n sich vielleicht verrechnet — Hahn. O! und das wie! denken Sie nur — oder nein - nein, denken Sie nicht — es nutzet doch nir — Schafs!. Was?! Hahn. Denn Sie würden das Schreckliche doch nicht errathen — vor der Heirat is sie mir wie die Tugend Vorkommen, — aber seil der Hochzeit is mir sehr bedenklich zu Muth — Ich Hab' sie belauscht — sie hat Briefe in's Feuer geworfen — da is die Flamme der Eifersucht in mir aufgelodert — Schafsl. So! geb'ns Obacht — daß der (auf den Kops deutend) Dachstuhl nit a Feuer fangt — da 'is viel Brennmaterial! — Hahn. I Hab' keine Ruh g'habt — Schafsl. Trösten's Ihnen, i Hab' a keine! Hahn. Und Hab' beschlossen, sie auf die Probe zu stellen — i Hab g'sagt — daß ich auf a paar Tag verreisen muß, — Hab' Abschied g'nommen — bin aber nur bei einer Linie hinaus und bei der andern gleich wieder hereing'fahr'n — wie ich z'Haus komm — Freunderl — jetzt reißens Augen und Ohren auf — Schafsl. (sehr gespannt). Sein schon offen! Hahn, (tragisch). Wie ich z'Haus komm' — find' i im ersten Zimmer — Schafsl. (wie oben). No! Hahn, (dumpf). Niemanden! — Aber im zweiten Zimmer — Schafsl. Aha! Hahn. Auch Niemanden — wüthend stürze ich in's dritte Zimmer und da — Schafsl. Na und da? Hahn. Da war garNiemand! Kurz, ich stürz' und wend' das ganze Quartier und jmd' Niemanden — gar Niemanden — Schafsl. No — was wolln's denn her» nach — Hahn. Das is ja g'rad das Schändliche — Sie war entflohen, — im dritten Monat unserer glücklichen Ehe entflohen — Schafsl. O Gott! wenn mir meine Frau das Vergnügen machet, — i zahlet noch das Reisgeld. Hahn. Aber ich muß sie finden — und wenn sie im Mittelpunkte der Erde steckt — Schafsl. I suchet die Meinige g'wiß nit— (Zu Hahnengift.) Aber warum sein Sie denn zu mir kommen, glauben Sie etwa — Hahn, (ihu unterbrechend). Es thut so wohl, wenn man fein Unglück an dem Busen eines theilnehmenden Freundes aus- schütten kann — Schafsl. Ich bedank mich recht schön — aber — Dreizehnte Scene. Vorige. Peter, Frau Schafsleber. Fr. Schafsl. (zu Peter). Deck' nur da auf — wir wollen im Freien speisen — ah, Herr von Hahnengift! Hahn, (ihr die Hand küssend). Gnädige Frau — Sie sehen in mir den unglücklichsten Menschen von der Welt — Fr. Schafsl. Das freut mich — Hahn. Wie?! Fr. Schafsl. In Ihnen einen Leidensgefährten zu finden — denn auch ich bin unglücklich — Schafsl. Aber liebes Weibi! Fr. Schafsl. Schweig,Barbar. (ZuHah- nengift traurig.) Sie werden uns doch das Vergnügen erzeigen, mit uns zu speisen? — (Zu Peter.) Noch ein Couvert! Hahn, (traurig). Ich nehme Ihre gütige Einladung an, — und werd' versuchen, meine Desparation zu verbeißen und meinen Kummer hinunter zu schlucken. Peter (welchergedeckt). Es ist aufgetragen. Fr. Schafsl. Setzen wir uns. (Alle Drei setzen sich.) Sckafsl. (zu seiner Frau). Du — speist die Fräulein Mathilde nit mit — (leise zu ihr). Du wirst sie doch nicht verhungern lassen wollen? Fr. Schafs!. Sie speist auf ihrem Zimmer (für sich) und soll mir nicht mehr entkommen. (Zu Hahnengift, welcher sehr hastig ißt. indem sie ihm ein Glas Wein kredenzt.) Stoßen Sie an, Herr von Hahnengift — auf baldiges Vergessen unserer Leiden! Hahn, (anstoßend). Sie haben Recht, gnädige Frau, zu so einem Toast paßt gerade der Wein am besten — denn der Wein is ja eigentlich nir Anderes als Thrä- nen, die man den Trauben gewaltsam erpreßt! Aber ich bin Mann — ich will den Becher bis auf den letzten Tropfen leeren. (Gr trinkt das ganze Glas aus, und macht dann ein saures Gesicht —Für sich.) Brr! Wenn ich gewußt hätt', daß er so sauer is— wär' ich nit so gach g'wesen. Fr. Schafs!. Sie schneiden ja ein fürchterliches Gesicht; kommt Ihnen der Wein sauer vor — Hahn, (sich verlegen entschuldigend). D nein! — der Wein nicht — aber mir scheint — das Glas is neben der Effig- flasche» g'standen und hat von der Witterung anzog'n. Vierzehnte Scene. Vorige. Frau Hahnengift. Fr. Hahn, (hat schon früher das Fenster geöffnet und erblickt ihren Mann). Himmel, mein Mann, — was beginnen!? Ah l (Faßt kinen Entschluß und verschwindet vom Fenster.) Schafsl. Warten's — iwerd' Ihnen eine Flasche alten 97ger heraufholen — da bringt Ihnen der G'ruch schon auf andere Ideen! (Steht aus und geht zu der Thür.) He! Peter! bring' a Flaschen Grebelten mit heraus — Fr. Schafsl. und Hahn, (find im eifti- gen Gcspräche mit einander). Schafsl. (will wieder auf seinen Platz — da wirft ihm Frau Hahnengist einen Zettel zu und verschwindet wieder am Fenster). Alle Teufel! Fr. Schafsl. Was ist Dir dennZu- Hahn. Was haben Sie denn? j gleich. Schafsl. (tritt mit dem Fuß auf den Zettel). Ah! — nir — i Hab' auf amal an Krampf im Wad'l kriegt! Fr. Schafsl. und Hahn. Ah so! (Sprechen wieder eifrig fort.) Schafsl. (macht als reibe er sich den Fuß). Verfluchter Schmerz — (Hebt, indem er sich vorsichtig nach seiner Frau umsteht, den Zettel auf.) Was is denn das wieder? (Liest.) »Retten Sie mich, Ihr Gast ist mein Mann!« (Zusammenfahrend.) Was?!! mich trifft der Schlag! Peter (bringt den Wein). Da ist der Wein, Euer Gnaden! Schafsl. (indem er sich zum Tische setzt und den Zettel verbirgt). Das is a verfluchte G'schicht — Fr. Schafsl. (kredenzt Hahnengist den Wein). So! lieber Herr Hahnengift, trinken Sic, — und vergessen Sie die Ungetreue, wie ich den Ungetreuen vergesse. Schafsl. (für sich). O Gott!.. ich werde mich gleich selber vergessen. Hahn, (nachdem er getrunken). Ha! das stärkt — das is recht — ich brauche Kraft — denn wenn meine Spürhunde, die ich in alle Richtungen ausg'schickt Hab', meine Frau und ihren Helfershelfer finden — dann erstcch' ich zuerst sie — dann ihn! Schafsl. (schreit auf). Ah! Hahn, und Fr. Schafsl. Was gibt's? Schafsl. Es hat mir auf amal so an Stich geben in der Seit'n. Hahn. Ah, das is gleich vorbei! Schafsl. (fürsich). Ja ich wollt', es wär' Alles schon vorbei! . Fr. Sckafsl. Wünickt noch. Jemand Sauce? Hahn. Ick dank'! 16 Schafsl. Ich auch. (Für sich.) I bin selber in einer schönen Sauce. Fr. Schafsl. Ich bitte sich des Bratens zu bedienen. — Wünschen Sie — Geflügel oder Hirschenes? Hahn, (aufschreiend). Hirschenes! I bitt' Ihnen um Alles in der Welt, gnädige Frau, gehen's mir mit'n Hirschenen weg oder meine Lammsnatur wird zum uncul- tivirten Tiger! Schafsl. (zehrt an einem Biegel, um seine Augst zu maskiren). Fr. Schafsl. Nur nicht so hitzig, lieber Freund! Hahn. Hitzig! bin ich hitzig? Zur Ge- grntheil, ich kann gewiß viel verbeißen und hinabschlucken — aber Alles hat Maß und Ziel — Alles hat a End'. Fr. Schafsl. Schlagen Sie sich die Sache aus dem Kopf. Hahn. Schlagen! — Ja, das is das wahre Wort — aber ich werde mich schlagen! Schafsl. (für sich). Den Gefallen thät' ich ihm! Hahn, (ausspringeud). Mit dem Elenden — dem Schurken — dem Schuften — dem Verführer — Fr. Schafsl. (auch aufstehend). Wohl be- komm's! Schafsl. (steht auch aus, seine Füße wanke« vor Angst, in der Hand hält er deu Biegel eines Geflügels, er schielt mit ängstlichen Blicken bald nach Hahnengist und seiner Frau, bald nach dem Fenster, wo Frau Hahnesgist erschienen. Bei jedem scharfen Worte Hahnengist'S zuckt er zusammen, und zerrt ängstlich au dem Biegel). Hahn, (steht vor Schafsleber) Wenn ich ihn nur schon so vor meiner halt', wie der vcrrebelt wurd'l Schafsl. (für sich). Es spricht der Gerebelte aus ihm! Fr. Schafsl. Kommen Sie, lieber Hahngift—.ich werde Zhneu unsere Anlagen zeigen — damit Ihnen die Grillen vergehen. (Bietet ihm den Arm.) Hahn. Za, Sie haben Recht, gnädige Frau — geh'n wir, Luftveränderung ist für eine Seelenkrankheit sehr wohlthuend; geh'n wir. (Hängt sich ein.) B'hüt Ihnen Gott, liebster Freund, und wenn Ihnen vielleicht der verfluchte Kerl Unterkommen sollte, — so sagen's ihm, daß ich es gar nicht erwarten kann, ihn zu maffacriren — und ihm den Garaus zu machen — meine Fingerspitzen jucken mich unendlich — ihm seine verbrecherische Seel' aus'» Leib zu reißen — sagen Sie ihm das, wenn's ihn seh n, den schlechten Kerl. (Zieht Frau SchafSleber etwas unsanft fort.) Schafsl. I wcrd's ihm ausrichten! Fünfzehnte Scene. SchafSleber, hierauf Frau Hahnengift (am Fenster). Schafsl. Ah! ah! — das is a schöne Situation! Wenn der erfahrt, daß seine Frau bei mir is, — bringt er mich um, und wenn meine Xantippe hinter den Betrug kommt, sekirt sie mich zu Tod, es is g'hupft wie g'sprungen — Fr. Hahn, (am Fenster). Ach, mein Herr! Schafsl. (erschreckt). Ach, gnädige Frau! Fr. Hahn. Zn solch' entsetzlicher Angst wie ich ist noch Niemand gewesen. Schafsl. Wenn Sie die meinige hätten, hätten's auch genug. Fr. Hahn. Ich muß aus dem Hause. Schafsl. Das wär' mir wirklich sehr angenehm. Fr. Hahn. Aber wie es bewerkstelligen, da ich eingeschloffen bin — ach, mein Herr, — denken Sie doch ein wenig nach. Schafsl. Nein! — was ich heizt' Alles soll — (Laut.) Ich muß Ihnen gesteh'n, daß ich mich mit'n Denken nie stark befaßt Hab' — aber warten's — können's vielleicht fliegen? — Fr. Hahn. Ach, mein Herr, die Gefahr drängt —es ist keine Zeit, zu scherzen. 17 Schafsl. Und doch ist mir ganz g'spa- ßig zu Muth. — Aber (plötzlich von einem Gedanken befallen) halt! ich hab's — o, ich bin ein Genie; das ist der beste Ausweg! (Eilt in die Eoulisse, aus welcher er gleich mit einer großen Gartenleiter erscheint, er lehnt sie an das Fenster.) So! kommen Sie jetzt gefälligst herunter. Fr. Hahn. Wie, mein Herr, ich sollte — Schafsl. Machen's keine Umständ' — warten's — i hilf Ihnen beim Fenster heraussteigen. (Er steigt einige Stufen hinauf.) Fr. Hahn. Es kommt Jemand. (Schlägt daS Fenster zu.) Schafsl. Aufd'Letzt meineFrau! (Fällt fast die Stufen herab, wirst die Leiter bei Seite.) Sechzehnte Scene. Schafsleber. Mathilde. Math, (eilt aus Schassleber zu). Ach, mein Herr! Schafsl. (fährt zurück). Ein fremdes Frauenzimmer — Math, (ängstlich uud bittend). Sie sind doch Herr von Schafsleber — Schafsl. (barsch). Ja — der bin ich — aber wer sind Sie — und was suchen Sie bei mir — Math. Zuflucht! Schafsl. (erstaunt). Was? Math, (sortsahrend). Schutz und Erbarmen — um meines verstorbenen Vaters, Ihres besten Freundes, willen! Ich bin Mathilde Flor — die Mündel Ihres Vetters Falk — Schafsl. (mit steigender ängstlicher Verlegenheit). Wa — wa — was — Sie sind, die Mathilde? Ah, ah! — (Für sich.) Jetzt könnt' ich gleich in einen Plutzer springen! Math. O — wenden Sie sich nicht ab von mir — zürnen Sie mir' nicht — ich bin kein leichtsinniges Geschöpf — ich floh aus dem Hause meines Vormundes, weil er mich zwingen will, einen Mann zu rtzvUa.St«P«roire Stk. 1t». heiraten, den ich nicht einmal dem Namen nach kenne — Schafsl. (sich den Angstschweiß abtrockend, für sich). Um die hätt' ich g'schickt, wenn sie nicht selber gekommen wär'. (Laut.) Mein liebes Kind — mir is sehr leid — aber ich kann Sie nicht bei mir b'halten — Math. O, Sie können nicht so grausam handeln — Sie haben ja auch einst geliebt. Schafsl Ja, leider war ich so verrückt! Math. Bei dieser Ihrer einstigen Liebe beschwöre ich Sie — treiben Sie mich nicht in Verzweiflung. (Fällt ihm zu Küßen.) Haben Sie Erbarmen mit meiner bejammerns- werthen Lage — mit meiner unbegränzten Liebe! Siebzehnte Scene. Vorige. Frau Schafsleber und Hahnengift (find schon früher, bei »ja leider war ich so verrückt* eingetreten). Fr. Schafsl. (welche währmd der obigen Rede fast in Hahnengift's Arm fiel, vertretend). Nein, das is zu viel! Schafsl. (mit eine» Sprunge). Him-I melelement! Meine Frau! (A Math, (springt auf). Hahn. Ah, daS ist stark! f Fr. Schafsl. (zu Hahnengift). Ich bitte Sie, Herr von Hahnengift, halten Sie mich, sonst vergreif' ich mich an dem Ungeheuer — , Hahn. Mäßigung! Frau von Schafsleber, Fassung! Math, (freudig). Frau von SchasSleber! 7 Fr. Schafsl. (mit Kraft). Ja, Frau von Schafsleber! Seine Frau —zittern Sie uun, Mamsell! Math. Zittern? O nein, ich danke im Gegentheil dem Himmel, daß er mich jetzt zu Ihnen geführt, denn Sie werden gewiß nicht so grausam sein, wie Ihr Gemal. Fr. Schafsl. Was soll das heißen? r 18 Math. Ich bin Mathilde Flor, die unglückliche Mündel Ihres Vetters Falk. Schafsl. (für sich). O, jetzt geht's z'samm! Fr. Schafsl. Wie, was, welch' ein neuer Betrug! Sie geben sich für Mathilde aus und diese befindet sich schon seit heute morgen bei mir. Math. Was sagen Sie? Das ist nicht möglich, denn ick bin es, Herr Hahnengift kann es bestätigen. Hahn. Ja, das ist die Fräulein Mathilde, ich habe sie oft bei ihrem Vormund g'seh'n. Math, (flehend). O, haben Sie Erbarmen mit mir. Mein Vormund will mich zu einer Heirat zwingen, und ich liebe bereits einen Andern. Fr. Schafsl. Meinen Mann? Math, (erstaunt). Wie? i .... Schafsl. Warum nit gar.) Math. Einen schönen jungen Mann — meinen Carl. Fr. Schafsl. (auf Schafsleber zueilend). Wenn das Alles wahr ist, wer ist denn dann jenes Frauenzimmer, welches Du heute Morgen für Mathilden ausgegeben? Schafsl. (sehr verlegen). Das ist — Fr. Schafsl. Nun, wer ist sie — Schafsl. Sie ist, ich darf's nicht sagen — (für sich) sonst fall' ich dem als Opfer. -> Fr. Schafsl. (mrt Kraft). Deine Geliebte, — aber warte nur, ich werde ein fürchterliches Gericht halten. (Zu Hahnengist.) Sie sind Zeuge, Herr Hahnengist! Lassen Sie diesen Bösewicht nicht aus den Augen. (Stürzt ab ins Haus ) Schafsl. (nachrufrnd). Aber so bör' doch, — laß' Dir doch sagen, — hört nicht (Schlägt fich mit den Fäusten auf dm Kopf.) 'S ist zum Verzweifeln. Hahn. Hören Sie, alter Spezie, solche Stückeln hätt' ich Ihnen gar nit zugetraut. Sie sind ein durchtriebener Vocativus^ Schafsl. Ach, Du mein Gott, ich kann ja gar nir dafür —- es ist — es war — (Für fich.) Wenn ich jetzt mit heiler Haut davonkomm', will ich in meinem Leben nicht mehr lügen. Achtzehnte Scene. Vorige. Frau Schafsleber. Frau Hahnengift. Fr. Schafsl. (»och im Hause). Kommen Sie nur heraus, Mamsell! Schafsl. (für sich, indem er sich hinter den Tisch retirirt). Jetzt wird's Spectakel erst recht los gehen. Fr. Schafsl. (zieht Frau Hahnengift an der Hand nach fich). Ihr Widerstreben nützt Ihnen nichts. Hahn, (erkennt seine Frau). Himmel, meine Frau! Schafsl. (bückt fich unter den Tisch). Jetzt wird er mich gleich abfangen. Fr. Schafsl. (erstaunt). Ihre Frau, und er hat sie in seinem Pavillon versteckt gehabt — Hahn. nnt »>d Papi« von -topold Sommer ia Wtm. (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) Der Mensch denkt Lebensbild mit Gesang in drei Abtheitnngen. Friedrich Kaiser. Musik vom Capellmeister M. Storch. I. Abtheilung: Der Mensch denkt — n. Abtheilung: Modernes Theaterwesen. III. Abtheilung: Gott lenkt! Von Personen: Freiherr von Sendlingen. Adolf, sein Sohn. Baron Leuchtstein. Laura, seine Tochter. Robert Flüchtig. Blasius Techtler, Agent. Schwindel, Theaterdirector. Schnabel, Srcretär Biedermaier, Oberregiss. Juliette Immergrün, bei Daudevillesängerin, s Schwindel. ! Käthchrn, Schauspielerin, > Plapper, Bonvivant, j Häring, Komiker, t Peter, Lyeaterdiener, Bertha, Elevin, Margaretha, Haushä Humbert, Diener Herr von Finkeles, Herr von Rosenzweig, l Leuchtstein. ! Theatergäste. Gertrud, Kräutersammlerin. Emmi, ihre Tochter. Margaretha, Haushälterin t auf dem Gute Humbert, Diener ! Leuchtstein. Michel, ein Bauer. bei Schwindel- Gäste. Schauspieler. Schauspielerinnen. Tänzerinnen. Dienerschaft. Erste Abtheilung: « Der Mensch denkt — Erster Lei. (Salon im Schlosse des Barons Lcuchtstein — elegant eingerichtet — eine Mittel- und zwei Seitenthüren — rechts im Vordergründe ein bereits zum Frühstücke gedeckter Tisch.) Erste Scene. Margaretha. Humbert. Marg. (ordnet das Service aus dem Tische). Humb. (ist mit dem Abstauben der Möbel beschäftigt). Marg. (unwillig zu Humbert). Na, seid's denn noch nicht fertig? Ich Hab'schon's Frühstück aufgetragen, und der Staub fliegt noch un ganzen Salon hemm! Humb. Sein's nur ruhig, Frau Mar- gareth, ich werd'bald selber trachten, daß ich mich ans'm Staub mach'! Marg. (ihn überrascht ansehend). Was? Ihr wollt's also auch wie die Andern machen, und euren Herrn verlassen, weil's ihm nicht mehr so gut geht wie früher? Humb. Nicht deswegen, sondern weil's mir nicht mehr so gut geht! Früher waren zehn Bediente im Schloß, und hat keiner was z'thun g'habt — und jetzt soll ich allein das Nämliche verrichten? — das wird mir z'viel! Marg. Mein Gott! geht's mir denn anders? Eh'mals waren auch mehr weibliche Dienstleut' da, und jetzt bin ich allein als Haushälterin! Humb. Haushälterin? Ja, wenn Sie das sein könnten! Aber das Haus können Sie nicht halten! Das stürzt ein! Marg. ZLie könnt' Ihr so reden? Was wißt Ihr von unserm Baron sein'n Verhältnissen? Humb. Ich weiß nur von ein' Ver- hältniß, was er vor zwanzig Jahren g'habt hat, aber ich Hab' g'nug an dem! Marg. A Verhältniß? — (Neugierig.) Erzählens doch! Humb. Er hat damals in ein'm Forsthaus, was ein paar Stunden von da tief im Wald liegt, das einzige Töchterl vom Förster kennen g'lernt — Marg. Aha — hat ein heimlichen Techtlmechtl mit ihr ang'fangt? nicht wahr? Humb. Einmal aber hat's der Alte doch erwischt — er sieht sei Tochter in den Armen des Barons — reißt im Jähzorn sei Flinten von der Schulter — Marg. (säst aufschreiend). Und schießt sei' eignes Kind todt?! Humb. Nein, nein! das nicht — auf denBaron hat er ang'legt, und der hat sich nur dadurch retten können, daß er ihm zug'rufen hat: »Erschießt's euren Schwie gersohn nicht! Marg. Schwiegersohn? War er denn mit der Försterstochter schon verheiratet? Humb. Nein! — aber versprochen hat er ihr d'Heirat g'habt, und das Versprechen hat er jetzt auch ihrem Vater sogar schriftlich geben! Mit dem hat sich der Alte beschwichtigen lass'n, und hat nichts mehr gegen weitere Besuche g'habt — na ja, der Baron war eh' schon dreiundzwanzig Jahr alt, also bald majorenn — Marg. Dreiundzwanzig Jahr! Aber in dem Alter war er ja g'rad, wie er sich um sei nachmalige Braut beworben hat! Humb. Ja, er war halt g'rad in einer Situation, wo ihm 'ne reiche Comtejst nöthiger zur Frau war, als ein' arme Försterstochtcr! So hat er zu gleicher Zeit seine Brautwerbung betrieben, während er doch immer heimlich zu seiner Waldschönen 'gangen ist! 3 Marq. O pfui Teufel! (Unwillig.) Es ist recht schlecht von Euch, daß Ihr solche G'schichten jetzt noch aufwärmt's! (Wieder neugierig.) Aber sagt's mir nur, wie ist er denn dann doch loskommen? Hu mb. Erst ein paar Tag vor seiner Hochzeit hat er sich an den damaligen Ju- stitiär g'wendt, der hat den Förster kommen lassen und ihm mit ein'm Criminalprozeß gedroht, weil er mit ein'm geladenen Gewehr die Unterschrift erpreßt hätt'! — Was hätt' da so ein armer Teufel machen sollen? Um nicht festg'setzt z'werden, hat er lieber mit- sammt seiner Tochter mitten im Winter sein'n Dienst und sein Haus verlassen! Marg. Und hat man nichts weiter von den beuten g'sehen? Hu mb. Ja — einmal noch! Wie dahier in der Schloßcapellen die Trauung von unserm Baron war, da — wie er am Altar das »Ja« ausg'sprochen hat— hat man mitten unter den Zuschauern ein'n lauten Schrei g'hört — ein Mädel ist ohnmächtig worden — das war die Tochter des Förster —der hat sie aus der Capellen 'naustragen, aber unter der Thür soll er sich noch umdreht, die Faust gegen den Baron erhoben, und ein'n fürchterlichen Fluch ausg'stoßen haben! Marg. (zusamniknschaudernd). Während der Hochzeit — ein' Fluch?! Hnmb. Und was für ein'n! — »Kein Glück und kein'n Segen soll das Eh'paar haben!« Marg. (immer mehr erbebend, ängstlich auf- schreiend). Ah! Humb. »Auf Kinder und Kindskinder soll sich's Unglück forterben!« Marg. (wie oben). Hören's auf! Humb. »Das ganze Schloß soll in sein'n Grundfesten erschüttert werden, und kein Stein soll verschont bleiben!« Marg. (finkt ganz erschöpft in den Stuhl). Ich halt's nicht aus! Hat er den Fluch wirklich ausg'sprochen? Humb. Der Meßner hat mir's erzählt! Marg. (ganz matt). Nachher ist's g'wiß wahr! — Und wenn ich über so Manches nachdenk' — die arme, gute Frau Baronin — Humb. Drei Vierteljahr nach der Hochzeit ist's g'storben! Marg. Und die Baroness' — was's mit der ist — (Verhält sich die Augen mit beiden Händen.) Gott! an das darf ich gar nicht denken! Humb. (neugierig). Unser' Baroneff'? Frau Margareth! — wissen Sie von der was? Marg. (verwirrt). Ich? — Nein! ich weiß nichts! — Und doch — doch — (verzweislungsvoll den Kopf schüttelnd). O Du mein Gott! o Du mein Gott! Humb. (dringender). Aber so reden's doch! Marg. Ja — seht — es ist --- es war — (Man hört aus dem Seitenzimmer rechts klingeln.) Marg. (erschreckt vom Sitze auffahrend). Der gnädige Herr läut'? — Humb. Nein, nein! Es hat mir nur in mein Ohr g'läut'! — Ich bitt' Ihnen, sagen's mir, was Sie von uns'rer Baro- ness' — (Das Klingeln wiederholt fich heftiger.) Ha! dasmal war's der Herr Baron! — Na, ich geh' zu ihm — aber wenn ich wieder loskomm', müssen Sie mir weiter erzählen — (Eilt in das Seitenzimmer rechts ab.) Marg. (allein). Nein — nein! — ich bin froh, daß er jetzt hat fort müssen! Ich will — ich darf nichts reden! — Mein Gott! ich weiß ja selber nichts G'wiff's! und ich wär' froh, wenn von dem, was ich glaub', ka Wort wahr wär'! — Es wär' ja zu schrecklich! — Aber ich will jetzt hinein zu ihr— will mir's wieder recht gut anschauen — vielleicht find' ich doch a Beruhigung! (Geht iu die Seiteuthür links ab.) 1 * 4 Zweite Scene. Blasius Techtler (tritt durch die Mittel- thür ein). Lied. Wenn ich so auf's Land komm', hinaus in d' Natur, Und seh' so die Thiere im Wald — auf der Flur, Wie jedes von ihnen — vierfüßig und Vög'l — Jahr aus — Jahr ein — leb'n nach der ewigen Reg'l; Bei Tag lustig umspringt, und bei der Nacht ruh't, Und keines was g'nießet, was ihm nickt thut gut — Dagegen die Menschen und d'Leut', Da thut Jedes, was ihn g'rad freut, Sie tanzen herum oft bei Nacht, Der Tag wird im Bett zugebracht — Sie fressen oft mehr als's vertrag'», Wann's ihnen auch lieg'n bleibt im Mag'n — Und doch gilt der Unterschied noch allgemein: »Der Mensch hat Verstand — doch das Thier — das hat kein'n! Betracht' man den stattlichen Hirschen im Wald, Wie unter sein'n Weibern auf's Eh'recht er halt'! Denn kommt ihm ein and'rer Hirsch einmal in's Gei, So stellt er zum Kampf sich entgeg'n mit dem G'weih' — Und ist d er auch stärker — nach thut er nicht geb'n, — Eh' er ihm sein Weib ließ — eh' ließ er sein Leb'n! Dageg'n mancher Eh'mann galant, Glaubt, Eifersucht machet ihm Schand', Belästigt sei Frau durch kein'n Zwang, Wenn's Besuch kriegt, so hat er ein'n . Gang, Od'r macht ihren Adorateur In sein'n Haus noch gar die lion- H6Ur8 — Und nimmt sich dafür manchmal Geld von ihm z'leih'n, — »Ja, der Mensch hat Verstand —doch das Thier — das hat kein'n! Wittern d' Pferd auf der Pußta den Wolf in der Näh', Da drängen sich alle, damit kein'm was gescheh', In Kreis, stecken dicht ihre Köpfe zu- samm' — Man glaubet, daß's alle da ein Kopf nur hab'n — Dann schlag'n sie all' mit die Hinterfuß' aus — Und der Wolf geht mit blutigem Schädel nach Haus! Dagegen wir Deutsche — o je! Der Wolf ist wohl auch in der Näh' — Doch, statt nur E i n' Kopf sich zu wähl'n, Thut Jed's sich auf d'Hinterfüß' stell «, Der Wolf — 's ist a Schand und a Spott — Wir machen's ihm wirklich commod! Wenn wir, statt uns z'einen, uns ewig entzwei'n — »Doch wir hab'n Verstand — und die Rösser hab'n kein'n! Ja, der Mensch prahlt immer mit seinein Verstand, und doch begeht das ganze Thierreich mit einander keine so großen Viehc reien,als oft der Mensch, sowohl als einzelnes Individuum, als auch in ganzen Korporationen! Wenn zwei Hund' weg'n ihrem Futter in Streit kommen, so beißen sie si^ selber mit einand' ab, und zum Schluß bleibt wenigstens Einem der ganze Brocken — während die Menschen mit ihren Strei 5 tigkeiten gleich zu einem Advocaten rennen, damit der das Fleisch abnagt und seinem Clienten das leere Bein laßt! — Der Hecht steht im Wasser und paßt auf kleine Fischeln, aber er wird davon fett, während so mancher alte Hecht menschlichen Geschlecktes sich von ein'm jungen Backfisch zu Grund richten laßt! — Wenn der Biber sein Haus bauen will, so sorgt er zuerst dafür, daß er genug Baumäst'. Sand und Lehm hat, und dann geht er erst an d'Arbeit — wir fangen aber ein monumentales Opernhaus zu bauen an, und nach ein'm Jahr zeigt sich's erst, daß wir nicht Steiner g'nug haben und Alles kommt in's Stocken! Ja, cs wär' wirklich einmal Zeit, daß wir einmal aufhört'n, die Thiere abzurichten, sondern lieber eine Akademie grün- det'n, wo die Thiere unsre Professoren wären, und uns in der Lebensklughcit Unterricht gebet'»! — Dritte Scene. Blasius. Leuchtstein. Humbert. Leuchtst. sein Mann bei vierzig Jahren, in elegantem Morgenanzuge, tritt aus der Seitenthür rechts). Hu mb. (folgt ihm). Leuchtst. (Blafius erblickend, sichtbar erfreut). Ah, Herr Techtler! Mein Agent — Sie hier! — (Zu Humbert ) Laß' uns allein! Humb. (verneigt sich und geht durch die Mitte ab). Leuchtst. Gott sei Dank, daß Sie endlich gekommen — schon zweifelte ich auch an Ihnen — Blas, (gekränkt). An mir? — Herr Baron — das verdien' ich nicht! Bin ich nickt seit Jahren schon Ihr Retter in Verlegenheit und Noth — war ich's nicht schon zu der Zeit, wo ick nock hier Justitiär war— Leuchtst. Ja, ja, Sie wußten immer Abhilfe -- doch nie war meine Situation so ernst wie in diesem Augenblicke! Ich schrieb Ihnen, daß meine Gläubiger drohen, dieß mein Stammschloß zwangsweise versteigern zu lassen — und Sie — Sie lassen drei lange Tage auf sich warten! Blas. Weil ich, wie einjhomöopathischer Doctor, keine Visite mach', wenn ich nickt früher meine Apotheken-Etui mit den nö- thigen Heilmitteln fournirt Hab'! Leuchtst. (auflkbend). Sie wüßten also noch zu helfen? — Rathen Sie — wie? Blas. Hm! Bevor man's zu einer zwangsweisen Licitation kommen ließ, müßt' man halt früher etwas auf dem Schloß aus freier Hand an Mann zu bringen suchen! Leuchtst. Etwas aus dem Schlosse? Ich wüßte nichts so Werthvolles? Blas. Aber ich — ich weiß etwas, was zehnmal mehr werth als alle JhreSchul- den— natürlich nur für den Liebhaber! Leuchtst. Und dieß wäre —? Blas, (nähertretend, vertraulich). Haben denn der Herr Baron nickt eine reizende Tochter — Baroneff' Laura — Leuchtst. (verletzt zurücktretend). Herr Techtler! Ich habe Sie nur als Geldkuppler berufen! Meine Tochter aber gebe ich Ihnen nicht in Commission! (Geht aufgeregt auf und nieder.) Blas, (ihn bewundert ansehcnd). Was haben denn der Herr Baron? Will die gnädige Baronesse vielleicht in ein Kloster geh'n'? 's hat nicht den Anschein! Also braucht sie doch ein'n Bräutigam — einen vornehmen und reichen Bräutigam, das versteht sich! Leuchtst. (stehen bleibend und finster vor sich hinblickend). Ich kann's nicht läugnen, daß der Gedanke an die Zukunft meiner Tochter mir oft schwer auf's Herz fällt, doch würde ich sie nie zu einer Verbindung zwingen! Blas. Von einem Zwingen soll gar keine Red' sein! (Die Seitenthür links öffnet sich.) Leucktst. (hinsehend, beinahe erschreckt). Still — still! Sie kommt! — (Leise zu BlafiuS.) Nichts von meiner Lage in ihrer Gegenwart! 6 Blas. Von Ihrer Lage werd' ich nicht reden, aber ich muß ihr eröffnen, wie Sie stehen! Das ist das einzige Mittel zu Ihrer Rettung! Vierte Scene. Vorige. Laura. Laura (in einem geschmackvollen Neglige, kommt aus dem Seitenzimmer links, heiter ans Leuchtsteiu zugehend). Guten Morgen, lieber Papa! (Sie erblickt Blasius, mit stolzer Zurückhaltung.) Ah, Sie hier, Herr Techtler? Leuch ist. (zu Laura). Ja — in Geschästs- angelegenheiten — Herr Techtler wird mit uns frühstücken! Laura (stolz das Haupt zurückwerfend). So? (Für sich.) Daß Papa sich mit solchen Leuten gemein macht! — (Neigt das Haupt ein wenig gegen Blasius, laut.) Nun, wenn es gefällig ist! — (Weist auf einen Stuhl am Tische, zu welchem sie selbst geht, und den Thee in die Tassen zu füllen beginnt.) Blas, (indem er ebenfalls zum Tische geht' laut). Ach, gnädige Baronesse! Sie serviren mir da ein Frühstück, und ich muß Ihnen dafür ein Nacht stück zeigen—finstere Landschaft, ohne alle Silberbeleuchtung. Laura (gleichgiltig). Wollen Sic mir ein Bild zeigen? Blas. Ja, ein Bild dieses Gutes, wie cs in nächster Zukunft aussehen wird! Stellen Sie sich vor: das Schloß wird in ein'm Jahr vielleicht in ein Fabriksgebäude verwandelt sein. — Leuchtst. (welcher sich ebenfalls an den Tisch gesetzt, seufzt laut ans, preßt seine Stirn in die aus den Tisch gestemmte Hand, und blickt verzweifelnd vor sich hin). Laura (erstaunt zu Blasius). Was sprechen Sie da? (Ihr Blick fällt auf Leuchtstein, erschreckt.) Und Sie, Papa! Sie widersprechen nicht? Ihre Stirn' zieht sich in finst're Falten ?! — Um des Himmels willen! Was ist geschehen? (tzilt zu Leuchtstein.) Leuchtst. (sich vom Sitze erhebend und Laura sanft von sich drängend). Laß' Dir Alles von Herrn Techtler erzählen! Ich — ich kann es nicht über mich gewinnen! (Tritt von dem Tische weg und geht mehr im Hintergründe aus und nieder.) Blas. Fassen Sie sich, gnädige Baronesse! bereiten Sie Ihre Nerven vor, da- mit's was aushalten können! Erfahren müssen Sie's einmal — der Herr Baron ist ruinirt! Laura (zurückwankend). Ruin - ! Blas, (die Achsel zuckend). O'est esln! ssälas! — Er hat sich seit einigen Jahren in riskirte Unternehmungen eingelassen, die alle fehlg'schlagen haben, eigenes und fremdes Vermögen ist d'raufgangen—mit einem Wort — jetzt bleibt kein anderer Ausweg, als (vom Sitze ausstehend) der Eoncurs! Laura (fast aufschreiend). Eoncurs! (Schlägt beide Hände vor s Gesicht und finkt in den Stuhl ) Leuchtst. (zu Blasius tretend, ängstlich und leise). Was thun Sie? Sie morden meine Tochter! Blas, (leise zu Leuchtstein). Laffen's mich nur geh'n! Ich muß's früher ein bißl marb klopfen, damit ich hernach meinen Plan auskochen kann! (Zn Laura tretend, tröstend.) Na, na, gnädige Baroness'! Gar so arg müssen Sie sich das nicht vorstellen! Das Gut wird zwar verkauft werden, aber der Papa ist noch ein rüstiger Mann — ich werd' ihm schon eine kleine Anstellung ans- mittcln. — Laura (sich entrüstet erhebend). Mein Vater — dienen?! und ich — ich —? Blas. Na, Sie haben ja auch was g'lernt — ich werd' schon sorgen — Laura (bitter). Mich irgendwo unterbringen, als Gesellschafterin oder Gouvernante! — Ah! — (Eilt verzweifelnd zu Leuchtstcrn und finkt weinend an seine Brust.) Vater! Vater! Ist denn kein anderer Ausweg? — Ich beschwöre Sie, wenden Sie das Unglück ab! — Diese Schmach wäre mein Tod! Ich kann die Demüthigung der Armuth nicht ertragen! Blas, (für sich). Jetzt glaub' ich sie da zu haben, wo ich sie haben will! (Laut.) I", Baroneff'! wenn Ihr Herr Papa helfen könnt', so bin ich überzeugt, er thät's um jeden Preis! O! was ein Vater für seine Kinder zu opfern im Stande ist, das thut selten ein Kind für seine Väter! Laura (fich wieder ausrichtend). Wie können Sie dieß behaupten? — Nennen Sie mir ein Opfer, wodurch ich das Unheil abwenden kann — ich bin freudig bereit, es darzubringen! Blas. Hm! Es käme auf eine Probe an! Wenn ich zum Beispiel einen Mann wüßt', der augenblicklich alle Schulden des Herrn Barons baar ausgleichet, wenn Sie sich bereit erklären, seinem Sohn, den Sie freilich noch nicht kennen, Ihre Hand zu reichen — würden Sie sich dazu entschließen? Laura (»staunt). Von wem sprechen Sie? Blas. Von einem Edelmann der ältesten Sorte, mit einem Vermögen von drei bis vier Millionen! Leuchtst. Drei bis vier Millionen?! — und sein Name —? Blas. Sie sollen ihn selbst heute noch hier empfangen, wenn mir die gnädige Baroneff' feierlich und unwiderruflich erklärt, daß sie seine Bewerbung mit »Ja« beantworten wird! Leuchtst. (lebhaft). Und mit diesem»Ja« wäre also das Unglück abgewendet — die Zukunft meiner Tochter glänzend gesichert! (Wendet fich zu Laura, fie in ängstlicher Erwartung anblickend.) Laura—?! Sprich! Ist dein Herz noch frei? Laura (mit kaltem Stolze). Mein Herz?! Darf ich jetzt dieß befragen? Unser Haus ist dem Untergange nahe — ich fühle mich verpflichtet, es zu retten, und — (ihre Hand in die Leuchtstein's legend) ich will — ich werde es! Leuchtst. (fie freudig umarmend). Meine Tochter! Blas. Victoria! Jetzt gleich einen Courier hinüber erpedirt zu Ihrem Gutsnachbar, dem alten Freiherrn von Sendlingen! Laura (unangenehm überrascht). Wie? Zu dem alten Sendlingen, welcher in der ganzen Gegend als ein närrischer Sonderling verschrieen ist? Leuchtst. Der seit Jahren auf seinem Schlosse wie auf einer bezauberten Burg haust, weder Besuche empfängt noch welche macht? Blas. Meine Besuche empfängt er — ich war zwar nie im Schloß selbst, sondern nur in den außenliegenden Wirthschafts- gebäuden, ich vermittle nämlich den Korn- und Wollverkauf des Gutes — bei der Gelegenheit bin ich öfter mit dem Alten persönlich zusammenkommen — Hab' mir sein Vertrauen erworben, und so- Laura. Ich soll also den Sohn dieses alten Narren —? Blas. Der Sohn ist aber vielleicht ein lieber Narr! Uebrigens kann man, glaub' ich, mit drei bis vier Millionen Narr sein, wie man will! deßwegen werden sich Baroness' doch nicht anders besinnen? — Ich Hab' Ihr Wort! Laura. Und (seufzend) ich werd' es halten! Fünfte Scene. Vorige. Humbert, dann Freiherr von Sendlingen. Humb. (tritt durch die Mittelthür ein, meldend). Freiherr von Sendlingen! Leuchtst. Ist hoch willkommen! (Geht dem Kommenden bis an die Thür entgegen.) Humb. (öffnet die Mittelthür, verbeugt fich vor dem eintretenden Sendlingen und entfernt fich dann wieder). Sendl. (ein alter Mann, aber noch von stattlichem Aussehen, in einer reichen, aber altmodischen Jagduniform, tritt ein). Leuchtst. Mein verehrter Herr Nachbar! Ich schätze mich glücklich, Sie auf meinem Schlosse begrüßen zu können! Erlauben Sie mir, Ihnen meine Tochter vorzustellen. (Weist mit der Hand auf Laura.) 8 Laura (verneigt fich). Sen dl. (tritt näher zu Laura, saßt sie scharf in s Auge, dann wohlgefällig mit dem Kopfe nickend, zu Blasius). Er hat mir nicht zu viel gesagt! i Wieder auf Laura sehend.) In der That! Ein gar wonnigliches, wunderhol- des Fräulein! würdig, die Ahnfrau eines glänzenden Geschlechtes zu werden! (Zu Leuchtftein.) Herr Nachbar! Ich wünsche Ihnen Glück zu dieser Tochter! Leuchtst. Ich werde Ihnen gewiß diesen Glückwunsch erwiedern können, wenn mir das Vergnügen zu Theil wird, Ihren Herrn Sohn kennen zu lernen! Sendl. Ah! mein armer Sohn! Wenn Sie ihn sähen, würden Sie mich bedauern! Leuch tst. (zu Sendlingen). Ich crrathe! Der junge Mann fühlt sich wahrscheinlich unglücklich in der Vereinsamung, zu welcher Sie, unbegreiflicher Weise, ihn bisher verurtheilten. Sendl. Unbegreiflicher Weise?—Finten Sie es unbegreiflich, daß Noah, als er die Sündflut herannahen sah, seine Söhne in die Arche sperrte? Leuchtst. (erstaunt) Die Sündflut?! Sendl. Ja, ja! Die Sündflut — wir haben sie jetzt wieder! Wie die verderbte Menschheit zu Noah's Zeiten in den tätlichen Wogen, so schwimmt sic jetzt in verwerflichen Ideen, über welche sie kurz oder lang untergehen muß! Es hat ein frevelhaftes Nivelliren aller Stände Platz gegriffen — die Gipfel neigen sich, und der aufgewühlte Schlamm steigt zu den Höhen! Prr! Mir graust vor dem Treiben der jetzigen Welt — darum Hab' ich mich auf mein Gut zurückgezogen und suchte auch meinen Sohn seit seiner Kindheit zu bewahren vor dem Einathmcn der giftigen Miasmen moderner Ideen! — Ah! er wuchs so glücklich heran auf meiner Burg, in meinen Wäldern, wie ein echter Recke des Mittelalters, nichts treibend, als ritterliche Künste, Fechten, Reiten, Jagen — o! wär' ich doch bei dieser Methode geblieben! Leuch tst. Und was bestimmte Sie, davon abzugehen? Sendl. Ein unzeitiges Mitleid! Ein entfernter Verwandter war in tiefer Armuth gestorben und hatte einen Sohn hintcrlaffen, der sich eben auf einer Universität befand, ich bot dem armen Teufel ein Asyl auf meinem Schlosse! — Er fand in meinem Sohne ein poetisches Talent, und bot sich an, dasselbe zu cnltiviren — dagegen hatt' ich nichts — denn schon im Mittelalter trieben adelige Jünglinge die Liedermacherei. Blas. Ja, ja, Poesie ist jedenfalls eine ritterliche Kunst— man kann damit fechten geh'n! Sendl. Aber einmal überraschte ich sie bei einer Lection!— Denken Sie sich! was lasen Sie? Gedichte von Freiligrath und Herwegh! Blas. Ah Sapperment! — Und was haben da Ew. Gnaden gethan? Sendl. Was ich gethan? Ich warf die Bücher zum Fenster und den Veiter zur Thür hinaus! Die Bücher Hab' ich verbrannt und den Vetter verbannt auf ewige Zeiten! Blas. Wenn der junge Herr nur ein halber Mensch ist, so müssen ihm Ew. Gnaden noch eine Hälfte dazu geben, da- mit's nur wieder ein' ganzen Sohn ha bcn — und vielleicht kriegen wir noch a Nagel Enkel d'ranf! — Der Gedanken heit dem Alten eingcleuchtet— heiraten sollt' sein Sohn so schnell als möglich — aber woher bei seiner gänzlichen Zurückgezogenheit eine ebenbürtige Braut nehmen? Da Hab' ich sein Aug hicher auf die Blume des Nachbarguts gelenkt — Sendl. (zu Laura). Und mit Wonne ruht es jetzt auf Ihrer Holdseligkeit! Ja, ich bitte Sie, Baronesse! Reichen Sie meinem Sohne Ihre Hand, machen Sie ihn glücklich durch Ihre Liebe, und meine Aufgabe soll es sein, Ihr und Ihres Vaters Glück zu begründen! Nun — welchen Bescheid geben Sie meinem Gesuche! 9 Laura. Mein Vater hat bereits Ihrem Abgesandten (auf BlafiuS deutend) seine Zustimmung gegeben, und meines Vaters Wille ist immer auch der meinige! Sendl. (hoch erfreut). Wacker gesprochen! So wie Sie sprachen in besseren Zeilen auch die Töchter unserer Vorfahren, und dieß ist auch die Weise meines Sohnes! Lenchtst. (rasch). Und er — er — Blas. Erkennt Ihren Stammbaum— das war ihm genug! Leucht st. Doch die Schulden, die auf meinem Gute lasten — ? Blas. Auch die kennt er, und sie sein ihm auch genug! Aber er will Alles aus- gleichen, wenn die Baronesse heut' noch sich mit seinem Sohn' verloben und morgen trauen lassen will! Leuchtst. Nun — Sie haben ja bereits den Bescheid! Blas. Aber der alte Sendlingen noch nicht! Sendl. Ich habe ihm schon gestern Abends mitgetheilt, welches Gluck ich ihm bereiten wolle, und will ihm jetzt die freudige Bestätigung bringen! (Zu Leuchtstein.) Herr Nachbar! bereiten Sie Alles vor, damit wir heute noch die Verlobung feiern können! Leuchtst. Heute noch? Sendl. Ja — ja — ich will die Angelegenheit rasch zum Ziele führen! Ich hole meinen Sohn— und in einer Stunde ziehen die von Sendlingen unter frohem Hörnerschall ein bei Denen auf Leuchtstein! sZu Laura, sie aus die Stirne küssend.) Leben Sie indeß wohl, meine Tochter! (Leuchtstein die Hand schüttelnd.) Leben Sie wohl, Herr Bruder! Auf freudiges Wiedersehen! (Mt in froher Hast durch die Mittelthür ab ) Blas, lzu Leuchtstein). Na, - was sagen Sie? — ich bitt', was sagen Sic? Leuchtst. (Blasius um den Hals fallend). Techtler! Sie sind ein zweiter Josua! Meine Glückssonnc schien bereits im Untergänge, da rufen Sie ihr zu: »Steh' still!« und sie gehorcht Ihnen! — Doch nun lassen Sic uns an das Fest denken! Mein Himmel! wir haben so wenig Zeit! Blas. Ah was Zeit? Geld ist die Hauptfach! Na — zum Glück Hab' ich mich für den Fall vorg'seh'n, und (seine Brieftasche hervorziehend) ein paar Tausender zu mir g'steckt. — Ich schick' Couriere aus nach einem Dekorateur — Restaurateur. — Aber wie schaut's denn mit der Dienerschaft aus? Leuchtst. Leider ist diese auf eine geringe Anzahl zusammengeschmolzen — doch die Livräen der Verabschiedeten sind vorhanden. Blas. Na, wenn man nur die Livreen hat, dann lassen sich leicht so ein paar Bengel finden, die man hineinsteckt! Leuchtst. Nun, ich überlasse das ganze Arrangement Ihnen, und gebe Ihnen als meinem Intendanten pleiu pouvoir! (Zu Laura) Du aber schmücke Dich als Braut, während ich die Einladungsschreiben an die benachbarten Gutsherrschaften richte! Heute soll wieder einmal Freude und Lust einkehren in mein lange verödetes Schloß! (Ab in das Seitenzimmcr rechts.) Laura sab nach links). Blas, (allein). ?1ein pouvoir! — Das heißt auf deutsch eine Vollmacht, die die Taschen voll macht! Nun, ich will diese Mission redlich erfüllen! Aber jetzt nur gleich die Dienerschaft zusammenberufen, und meine ganze Jmportance als neuer Intendant an den Tag gelegt. (Nimmt eine ans dem Tische stehende Klingel und läutet heftig.) Sechste Scene. Blasius. Margaretha. Humbert. Marg. (kilt aus der Seitenthür links). Was ist's denn? Hu mb. (tritt durch die Mitte ein). Best hlcn? Blas. Seid Ihr die ganze Dienerschaft? Psui! schämt Euch, wie könnt Ihr sowenig sein? Ihr solltet wenigstens ein Dutzend dastchen! 10 Hnmb. Ja, was können wir — Blas, (herrisch). Still sein! Jetzt hat in dem Schloß Niemand mehr was zu reden, als ich! Ich bin jetzt Intendant, jetzt soll Alles anders werden! Ich befehl', Ihr Zwei müßt Euch vennehren, und das auf der Stell'! Hnmb. Ja, wie denn? Blas. Schant's Euch um! Was Ihr in der ganzen Gegend an disponiblen Leuten männlichen und weiblichen Geschlechtes findet, das schickt augenblicklich zu mir! es wird Alles assentirt — großartige Rüstungen, denn bei einem Verlobungsfest' muß man immer d'rauf g'faßt sein, daß bald der Krieg losbricht! (Zu Humbert.Mlso fort — fort! Hnmb. Na, schauen will ich! (Ab.) Marg. Verlobungsfcst haben Sie g'sagt? Ja, wer soll denn hier verlobt werden? Blas. Sie nicht! das ist g'wiß! — Aber die Baroness' — Marg. Was? Unser Baroneff'? Hab' ich doch nie was g'hört von ein'm Vcr- hältniß! Blas. Was braucht dazu die Baroness' ein Verhältnis!? — Die Verhältnisse ihres Vaters machen es notbwendig! Marg. (dkn Kopf schüttelnd). Also wieder so a Heirat bloß wegen Geld! Hat denn unser gnädiger Herr nicht an seiner eigenen Eh' g'schen, daß so ein' Eh' zu kein'm Glück führt? Oder war vielleicht sei' selige Frau mit ihm glücklich? Er hat sic ja gleich vom Anfang an vcrnegligirt, und erst wie sie ihm entdeckt hat, daß sie bald Mutter werden wird, ist er a bißl zärtlicher gegen sie wor'n! Blas. Ja, weil er in der Hoffnung war, daß sie ihm ein'n Sohn, einen kleinen Namensfortpflanzer zur Welt bringen wird! Aber 's ist justament a Mädel wor'n. Marg. Er war im Anfang ganz trostlos d'rüber! Blas. Na, sei Frau ist aber am Tage d'rauf g'ftorben, das hat ihn wieder a bißl aufg'heitert! Marg. Aber vor der Welt hat er sich g'stellt, als ob er sein'n Schmerz nur durch a weite Reis' mildern könnt'. Blas. Ich weiß's! Er ist fort und hat die kleine neugeborne Baroneff' ganz Ihrer Pfleg' überlassen! Marg. Ja, wenn ich's nur allein hält' pflegen können, da war' Manches nicht g'scheh'n! Aber der Hausarzt ist d'rauf b'standen, daß's ein Ammel kriegt! Blas. Warum hat Sie diesen Dienst nicht auch versehen? Marg. Aber das war ja nicht möglich! Blas. Ah was! ein treuer Dienstbot' muß für seine Herrschaft Alles thun! Marg. Wir haben noch froh sein müssen, daß just beim Wirth im Ort ein junges Soldatenweib einquartiert war, der ihr Mann, wie sie erzählt hat, vor dem Feind geblieben war, und sie mit ein'm, kaum a Wocken alten Kind z'ruckg'laffcn hat! Na, die Person war ganz glücklich, daß sie den Dienst im Schloß kriegt hat — Blas. Und das muß man sagen, so lang' sie da war, hat die junge Baroneff nie über Nabrnngssorgen klagt! Marg. Aber kurz bevor unser Baron von seiner Reis' wieder z'ruckkvmmen ist, war die Ammel auf einmal wieder verschwunden, und mit ihr z'gleich ein goldenes, mit Brillanten b'setztcs Amulett, was die selige Baroniu noch in ihrer letzten Stund' dem Kind' um den Hals g'hängt hat! Es war ein Familien-Erbstück, an dem der Glauben g'hängt ist, daß's den Kindern, die 's tragen, Glück bringt! Das war jetzt fort — und mit ihm alles Glück! Blas. A papcrlapapp! Das wahre Glück hängt nicht von so ein'm Amulett ab — das find't sich auf natürlichem Weg'! Marg. Na, ich mach' mir halt doch seit der Zeit bittere Vorwürf', daß ich nicht besser Acht geben Hab'! (Tief bekümmert.) Ach! Herr Techtler! Ich kann Ihnen gar nicht 11 sagen, wie mir ist, so oft ich uns're Baroness' anschau'! Blas. Na, sie ist doch ein sehr schönes Fräulein, so wie ihr Vater auch ein sehr schöner Mann war! Marg. (rasch). Nicht wahr? sie schaut ihrem Vater ganz gleich? Blas. Man glaubet, sie ist ihm aus'm G'sicht g'schnitten, wenn nicht er doch noch sein ganzes G'sicht hätt'! Marg. (sinnend). 3a, ja — alle Leut' findcn's, und ich selber auch — aber — Blas. Na, was: aber? Marg. Zch mag gar nicht denken, was ich mir alleweil denk'! (Schüttelt, gleichsam in ihren Gedanken irre, das Hanpt.) Siebente Scene. Vorige. H u m b e r t. Hu mb. (kommt hastig wieder durch die Mit- tclthür herein, sich ängstlich umsehend). Frau Margareth! Frau Margaret!)! Blas. Na, was ist's? Was schaust Du Dich so gegen die Thür um, als wennst a G'spenst g'seh'n hätt'st? Hu mb. Es ist auch so was dergleichen! (Zu Margareth.) Stellen's Ihnen vor, — die alte Gertrud- Marg. (heftig erschreckt). Die Gertrud?— Die wieder da? — o mein Gott! Blas, (erstaunt). Was habt's denn? Wer ist denn die Gertrud? Hu mb. (zu Blasius). Was, Sie haben noch nichts g'hört von der alten Her ? Blas. Was hör' ich? In der Gegend wachsen Heren? Ha ha ha! Und (zu Margareth) wegen der erschrickt Sie? — Sie furcht' vielleicht die Concurrenz! Marg. Spaßen's nicht! Die Bauersleut' erzählen von dem WeibG'schichten — Humb. 3a, sie kocht Zaubertrankeln für's kranke Vieh! Blas. Sei froh, so hast a Hilf' in der Näh', wenn Dir was zustoßt! Marg. Sic soll's Wetter machen können! Blas. Wetter machen? Das können die meisten alten Weiber — geht aber Alles auf natürlichem Weg! Marg. Wahrsagen soll's auch können — 's laufen ihr a Menge Leut' zu und zahlen's dafür! Blas. Na ja, mit'm Wahrsagen verdient man immer leichter was, als mit'm Wahrheit sagen! Das ist der natürliche Weg! — Aber wo halt sich denn das Weib für gewöhnlich auf — Humb. Drüben im Wald von Sendungen — Marg. Wann's nur drüben bleibet, aber sie schleicht sich auch öfter zu uns herüber! Mir hat's ein einziges Mal unser Stallknecht nur von Weitem zeigt, aber ich Hab' gleich a Ganshaut kriegt — Blas. Alles auf natürlichem Weg! — Aber — was will sie denn jetzt? Humb. Sie hat a jung's Madel bei sich, was's auf unfern Schloß in Dienst bringen möcht'! Blas. Ha! also schon eine Recrutin? Marg. (ängstlich). Herr Techtler! Sie werden doch nicht-! Blas. Anschauen muß ich mir's auf jeden Fall — ich Hab' noch nie a Her' g'sehen! (Zu Humbcrt.) Also nur herein mit ihr! Marg. (angstvoll). Halt! halt! nicht, so lang ich da bin! 3ch lauf' fort! 3ch verkriech' mich hinter meinem Betschamel — dort bin ich sicher! (Gilt in die Seitenthür links ab.) Humb. (ist indeß furchtsam zur Mittelthür gegangen und öffnet dieselbe). 3hr sollt's her- einkommen! (Tritt schnell zurück und entfernt sich hastig, nachdem die beiden Frauenzimmer eingetreten find.) Achte Scene. Blasius. Gertrud. Emmi. Gertrud (ein Weib mit gebräuntem Gesichte, grauen, wirr über die Stirne hängenden Haaren, über welche sie rin dunkles Tuch ge' 12 schlungen hat, in gebeugter Haltung, und sich auf einen Stock stützend, tritt durch die Mittelthür ein, die weinende Emmi vor sich hereinstoßend). Wein nicht, dummes Ding, wenn ich für dein Gluck sorgen will! Emmi (in einem armseligen, geflickten, aber reinlichen Bauernanzuge, bleibt, die Schürze vor die Augen haltend, stehen). Gert, (zu Blasius). Küß die Hand. Ew. Gnaden! Blas, (sie betrachtend, für sich). Herr Gott! die ist schön schiech! (Laut.) Also Ihr seid die Gertrud, die Her'? Gert, (beleidigt). Dumme Leut' nennen mich so! Blas. Dank' sür's Compliment! Gert. Weil ich Kräuter und Pflanzen besser kenn' als ein Apotheker, und schon Manchem g'holfen Hab', den kein Doctor aufgebracht hat, d'rum schrein mich d'Leut' so aus — das ist mein Dank! Blas. Na ja, die Leut' begreifen halt nicht, daß Alles auf natürlichem Weg geht! Aber die da — (tritt zu Emmi und zieht ihr die Schürzt von dm Augen, von ihrer Schönheit überrascht) wer ist das wunderliebe Kind? Gert. Das ist mei' Tochter! D l a s. (erstaunt). Eure Tochter?! (Für sich.) Nein! — daS kann nicht auf natürlichem Weg g'gangcn sein! (Laut zu Emmi.) Aber warum weinst denn, mein Engel? Emmi. Weil mich d'Mutter weggebcn will, und ich — ich Hab' doch nichts ver- schuld't! Gert, srauh zu Emmi). Red'st g'rad, als wenn ich Dich strafen wollt', und ich will Dir doch nur ein besseres Schicksal bereiten, als D'bei mir hast! (Zu Blasius ) Ich Hab' g'hört, daß Ew. Gnaden die Dienstleut' ausnehmen, und da thät ich halt recht schön bitten, daß's mein Dirndel ein'n guten Platz gebet'«! Es war schon lang mei' Wunsch, daß's dahier im Schloß dienen könnt'! Blas, (lüsterne Blicke aus Emmi richtend). Dahier— im Schloß! (Mehr für sich.) Hm, hm! — da verlohnt sich's doch der Müh', Intendant zu sein! — Was das Dirndl für Aeugerln hat! — Meiner Seel'! Ich haltet eher die Junge für a kleine Her'! (Zu Emmi.) Also gut! — Du bist ausgenommen, mein Schatz, und kannst gleich dableiben! Emmi (noch heftiger weinend). Nein, nein, Mutter! Nehmt's mich nur noch einmal mit, laßt's mich Abschied nehmen von mein' klein'n Gartel — von mein'm lieben Wald. Blas. Aber zu was denn Abschied? In ein paar Wochen kommst ja so wieder hinüber nach Sendlingen — Emmi (aushorchend). Was sagen's? Wieder hinüber?! Blas. Na ja! Im Gcfolg' unserer Baroness', wenn sie d'rüben einzieht als die Braut des jungen Freiherrn — Emmi (heftig erschreckt). Des jungen—! (Zuckt zusammen, preßt eine Hand an ihr Herz und hält sich mit der andern Hand mühsam auf* recht an der Lehne eines Stuhls, fortwährend mit gespanntem Auge auf die Sprechenden blickend» und gierig auf ihre Worte lauschend.) Gert, (gleichfalls von der Nachricht überrascht, doch freudig, ergreift hastig Blasius'Hand und zieht ihn zu sich hinüber). Was haben's g'sagt? Die Baroneff' — sie — sic heirat't unfern jungen Herrn? — den Baron Adolf?! Blas, (sie erstaunt ansehend). Na ja — heut' ist noch Verlobung! Emmi (mit gepreßter Stimme, für sich) Heut'?! Gert, (sehr freudig). Wirklich! — wirklich?'— Sie heirat't unfern jungenHerrn! so ein'n lieben und reichen Cavalier! Ist das ein Glück! Blas. Also ist der junge Sendlingen wirklich so ein hübscher Mensch? Gert. Ja haben's ihn denn noch nicht g'sehen? Blas. Noch mit kein'm Aug' — er soll heut' zum ersten Mal' herüberkommen! Emmi (gleichsam aufathmend). Zum ersten Mal'?! 13 Gert. Kennt also er die Baroneff' auch noch nicht? Blas. Nein — zu was denn? Wenn er's heirat't, wird er's schon kennen lernen! Emmi (sich ausraffend, beklommen, doch laut). Also er — er hat sich nickt um ihre Lieb' beworben? Blas. Nur gemeine Leut' heiraten aus Lieb' — vornehme aus Rücksichten! Gemeine Leut' heiraten, um eine Familie zu bekommen, vornehme, weil sie eine Familie haben! Bei gemeinen Leuten sagt man: es ist eine Verbindung ihrer Herzen, bei vornehmen heißt es: »eine Verbindung der Häuser!« So genügt es auch hier, daß die beiden Väter wollen. Emmi. Und Sie glauben, daß die Kinder dann gehorchen? Blas. Das steht fest! Unsre Baroneff' hat sich schon erklärt, und der junge Sendungen wird heut' noch herüberkommen! Emmi. Glauben Sie? Blas. Du wirst ihn selber sehen, wenn Du dableibst! Emmi (nach kurzem Besinnen entschlossen). Ja — ja — ich blech' da! Gert. Das ist das erste vernünftige Wort, was ich heut' von Dir hör'! (Zu Blasius.) Also, Ew. Gnaden! ich überlaß das Mädel Ihnen — schaun's, daß's was Rechtts aus ihr machen! , Blas. Werd' mir alle mögliche Mühe geben!—Aber jetzt (zu Gertrud) macht Ihr, daß Ihr fortkommt! Gert. Ach—verzeihen's! könnt'ich nicht die Ehr' haben, mit der Baroneff' selber z'redcn — nur Einmal! Ich versprech' Ihnen dafür, daß ich die ganze Zeit nicht mehr herüberkommen will — Blas, (für sich mit einem Blicke auf Gmmi). Hm! das wär'wohl meinen Zwecken sehr förderlich! (Laut.) Na also! wenn Ihr mir das versprecht, so will ich Euch Gelegenheit verschaffen, obwohl ich nicht weiß, unter welchem Vorwand— (Plötzlich aus eine Idee kommend.) Aber halt! — da fallt mir was ein! — Ihr sollt Euch ja auss Wahrsagen versteh'n? Gert. O mein Gott! den Bauern mach' ich manchmal so was vor — aber so eine vornehme Dam' wie die Baroneff'- Blas. Ihr glaubt's die vornehmen Damen haltet'n auf so was nichts? Da kennt Jhr's schlecht! — G'rad die spielen wohl oft auf der ein'u Seiten die Eman- cipirten, die Aufgeklärten — die Freigeistinnen, aber auf der andern Seiten dür- fen's nur was hören von einer Kartenanf- schlägerin, Tranmauslegerin oder ein'm Geisterklopfen, so rennen's wie b'seffen hin, und der gottselige Humboldt und di? berühmte Liönormande sein für sie gleiche Autoritäten! — Also glaubt Ihr, ihr wahrsagen zu können? Gert. Ihr wahrsagen? — ihr? — (Nach kurzem Besinnen, entschlossen.) Ja — ja — ich will's! Blas. Na also! das Fest wird drüben im großen Gartensaal stattfinden, und wenn sie sich später hinüberbegibt, wird sich schon eine Gelegenheit finden, Euch vorzustellen! Aber das rath' ich Euch, daß's Ihr was G'scheit's prophezeit's! Ihr habt's leicht! sie ist Braut— in ein paar Wochen ist Hochzeit — da lassen sich gewisse Ereignisse Vorhersagen, von denen man mit aller Bestimmtheit Vorhersagen kann, daß's zuverlässig eintreffen! — Kinderei! Also kommt's nur mit mir! (Mit Gertrud durch die Mitte ab.) Emmi (welche seit ihrer letzten Rede in ihre Gedanken versunken schien, nun durch Blasius' letzte Worte gleichsam aus denselben aufgeschreckt). Braut?! — Hochzeit?! — Wenn's wirklich so käm' — (Beide Hände vor die Augen schlagend, schmerzlich) Q! — (Doch rasch sich ermannend.) Aber nein! — nein! nein! — Soll denn das Himmelblau nicht echtfärbig — soll das Quellwasser vergift't sein? Nein! Ebensowenig ist in seinen Augen ein Falsch — in seinen Worten eine Lüg l_ Es ist unmöglich! — Mein Herz sagt mir: »Er bleibt Dir treu* — und hix 14 Stimm' — (die Hand aufs Herz haltend) ist meine Wahrsagerin — die hat mich noch nie irrg'führt! (Ab durch die Mitte.) Verwandlung. (Festlich geschmückter Saal — nach dem Hintergründe zu offen, und die Aussicht in den geschmackvoll angelegten Park bietend — rechts und links Säulen, zwischen welchen Feftons und Blu- menguirlanden angebracht find). Neunte Scene. Humbert, eine Menge Bancrnburschc, unter welchen auch Michel und Adolf (in einer Wanderblouse, ein Ränzchen auf dem Rücken, der Wanderstab in der Hand, Wangen und Kinn von einem mächtigen Dollbarte bedeckt.) Hu mb. (kommt vom Parke in den Saal). Michel, Adolf und die Bauernbursche (folgen ihm). Humb. (verzweiflungsvoll). Nein! was der G'mcindwirth für ein Rhinozeros ist! Ich sag' ihm, er möcht' mir ein paar Leut' schicken, die ich heut' als provisorische substi- tuircnde Bedienten anlegen könnt', und er biet' da gleich ein ganzen Landstuun auf! Aber 's wird sich für Euch Alle ein' Arbeit finden — so viel als ich Livreen Hab', so viel von Euch steck' ich hinein — und die Andern — na — die müssen das staunende Volk vorstellen! Michel. Was ist das? Humb. Na, Ihr stellt Euch beim Gitterthor auf, und wann von Sendlingen herüber die Equipage gefahren kommt, so schreit's, was's nur schreien könnt's: Vivat! Michel. Aber warum denn? Humb. Dumme Frag'! Wann Ihr wüßtet, warum Ihr Vivat schreit, so brauchet man Euch nicht z'zahlen dafür! — Also geht's nur indeß da hinüber (in die Scene links weisend) in's Gartenhalls, dort werd' ich mir schon Diejenigen anssucheu, die für die Livräen paffen! Zum Vivatschreien ist ein Jeder gut g'nug! — Na, Aeht's nur! Michel und die Bauernbursche (entfernen sich nach links) Adolf (der bisher mehr rückwärts gestanden, und fich fortwährend umgesehen, tritt nun zu Humbert vor). Hören Sie, lieber Freund — Humb. (sieht ihn erstaunt an) Wer sein Sie? — Was wollen Sie? Adolf. Ich — ich bin ein Handwerksbursche — eben auf der Wanderschaft — ich war da in der Schenke eingekehrt, und hörte, was hier auf dem Schlosse stattfiilden werde, ich gäbe was d'rum, wenn ich so ein Fest in einer so vornehmen Familie ein- m l so recht in der Nähe mit ansehen dürfte — 's läge mir nichts d'ran, in eine Livrve hineinzukriechen — wenn Sie mich nur i»l Saale selbst placiren könnten — Humb. (ihn von seitwärts betrachtend,^ für sich). Hm! 's ist ein netter Bursch — ein feiil'rcr jedenfalls als uns're Bauernlüm- meln — und der Urwald von ein'm Bart! — Mein Seel'! wenn ich dem die vacie- rende Jägerlivrve anleget, der gebet ein'n famosen Büchscnspänner! Adolf (hat indeß eine Geldbörse und aus derselben ein Silberstück hervorgezogen, zu Hum- bcrt) Ich verlange keinen Lohn dafür, im Geqentheile — ich wäre Ihnen selbst erkenntlich — (Drückt ihm das Silbcrstück in die Hand.) Humb. (für sich). Der Mensch hat wirklich Intelligenzr (Besieht das Geld.) Ein Sil- berthaler!— Aha! er kommt vom Ausland! (Laut.) Na, mein Lieber, wenn Ihnen schon so viel d'ran liegt, so kommen's nur gleich mit mir, damit ich Sie Hirsch- und waldgerecht mach'! O Sie werben sich prächtig ausnehmen als goldbeschlagcner, hirschfängerumgürteter, brettelhupfender Nimrod! (Geht während dieser Rede mit Adolf nach dem Hintergründe links ab.) Zehnte Scene. Blasius. Gertrud. Emmi. Dann Laura. Blas, (tritt mit Gertrud und Emmi im Vordergründe rechts heraus). Die Baroness hat 15 ihre Gemächer bereits verlassen und dort— (nach links weisend) dort säuselt sie eben daher! Emmi (nach links blickend, für sich). Gott! wie schön sie ist — wenn er sic sieht — mir wird doch bang! Laura (in prächtigster Salontoilette, kommt vom Vordergründe links, für sich). Ich will mich überzeugen, welche Anordnungen — (Ihr Blick fällt auf die Anwesenden ; zu Blasius.) Wer sind diese Leute? Blas. Verzeih'n — der Herr Papa hat mich beauftragt, neues Dienstpersonal zu acquiriren, und da ist just so ein altes Weib mit cin'm jungen Mädel (Gertrud vorstellend) Das ist das alte Weib, und das (auf Emmi weisen) ist das junge Mädel — damit keine Irrung g'schieht — Laura. Wer ist das Weib? Blas, (leise). Hm! 's laßt sich eigentlich nicht gilt sagen — die Leut' halten's für eine Zauberin — Laura (spöttisch lächelnd). Eine Zauberin? — diese —? Blas, (leise). Na ja, sie salbt quack, sie sagt wahr — Laura (aufmerksam werdend, leise zu Blasius). Wie? Sie ist eine Wahrsagerin? (Für sich.) Hm! auf dem Wege, auf welchem ich mich eben befinde, wär' es nicht uninteressant — des Scherzes wegen! Blas, (leise zu Gertrud). Beißt schon an! Laura (laut). Nun wohl — ich behalte das Mädchen, und werde ihr selbst die nö- thigen Anweisungen geben! (Z,, Blasius.) Aber Sie werden von den Arrangements in Anspruch genommen sein — lassen Sie sich nicht aufhalten! Blas, (für sich). Aha! — versteh'! Sie will sich den Zukunftskotzett etwas aufhebeu lassen! (Mit einem Anfluge von Spott.) Hab' die Ehre, gute Unterhaltung zu wünschen! (Geht nach dem Hintergründe links ad.) Laura (hat sich indessen in einen Fauteuil rechts gesetzt, scherzend zu Gertrud). Herr Techt- ler sagte mir soeben, Ihr verständet es ZU prophezeien! Ha ha ha! Wähnt ja nicht, daß ich an solche Albernheiten glaube, doch — der Seltsamkeit wegen — es würde mir Spaß gewähren! Wollt Ihr mir meine Zukunft Vorhersagen? Gert, (freudig). Ja, — ja — ich will's! Emmi (leise abmahnend, zu Gertrud). Aber Mutter —! Gert, (zu Emmi). Laß mich! Was ich der Baroness' Vorhersagen werd' — das (mit einem Blicke zum Himmel) das wird — das muß in Erfüllung gehen, denn heut' g'rad' ist's mir, als wär' der Himmel offen, und ich könnt' lesen, was dort im ewigen Buch der Vorsehung g'schrieben steht! — (Zu Laura.) Ihre Hand, gnädige Baroness'! — Ich bitt' — geben's mir Ihre Hand! Laura (ihr die Hand reichend). Nun hier! Gert, (saßt hastig Laura's Hand). Gott! die liebe, schöne, weiße Hand! (Drückt einen Kuß auf die Fläche Laura's Hand.) Laura (zusammenzuckend). Was thut Ihr? (Für sich.) Sonderbar! Meine Nerven beben bei ihrer Berührung! (Laut.) Nun schnell! sprecht! — Was seht Ihr in den Linien meiner Hand? Gert, (die Handfläche besehend). Baroness'! Ihnen ist ein schlimmes Schicksal bevor- g'standen — doch der Himmel hat's zum Besten g'lenkt! Laura (für sich, überrascht). Sie spricht die Wahrheit! Gert. Sie werden die Schuld Ihres Vaters tilgen — Laura (verletzt, für sich, indem sie ihre Hand zurückzi.ehen will). Wie? — es wäre schon bekannt? Gert, (rasch). Aber erschrecken Sie nicht! Sie haben nicht zu leiden, Sie werden Alles gutmachen durch Ihr Glück! Laura. Durch mein Glück! Gert, (lebhafter). Ja — ja— schon ist der Bräutigam in der Näh' — Emmi (zuckt leise zusammen). Gert, (sortsahrend). O — ein schöner junger Cavalier—reich an Gold und Schätzen, aber noch reicher im Herzen, wenn er Sie nur erst g'seh'n haben wird! 16 Emmi (für sich). Jed's Wort geht mir wie ein Messer in's Herz! Gert, (wieoben). Ja — er wird Sie — Sie werden ihn lieben! Laura. Gebe Gott! daß eure Worte Wahrheit werden! Gert, (immer mehr in Extase). 3a — ja — Ehr' und Glanz und Glück durch Lieb' — das steht Ihnen bevor, das gebührt Ihnen, und das — das muß Ihnen werden! O mei' liebe gute Baroness! (Will wieder Laura s Hand küssen.) Laura (ihre Hand rasch zurückziehend). Laßt! laßt! (Erhebt sich vom Sitze.) Hier — (indem sie ein Portemonnaie hervorzieht und es Gertrud reicht) habt Ihr einen Lohn für eure guten Wünsche — Gert, (zurückweisend). Nein! nein! für die Prophezeiung nehm' ich den Lohn erst, wenn sie erfüllt ist! Laura (lächelnd). Nun, wenn sic sich wirklich erfüllt, dann soll der Lohn auch ein größerer sein! Gert. Ich Hofs es! — Ja, ja, Baroness'! Erlauben's mir nur, daß ich nach Ihrer Hochzeit zu Ihnen kommen und Sie erinnern darf — Laura. Das mögt Ihr! doch nun verlaßt mich! Gert. Ja, ja, ich geh' — g'seh'n Hab' ich Sie, und (aus Emmi weisend) das Mädel darf ich bei Ihnen im Dienst lassen—mehr Hab' ich mir für heut' nicht g'wünschr! und Sie werden mich recht oft kommen lassen— o — recht oft! denn Sie werden sich überzeugen, daß Ihnen Niemand über Ihr Schicksal so gute Auskunft geben kann, als ich! — Na, ich küß's Kleid, gnädige Ba- roncff'! Glück und Segen für den heutigen Tag! (Wankt gegen den Hintergrund rechts ab.) Laura (ihr nachsehend zu Emmi). Deine Mutter zeigt eine Zuversicht, die wirklich beinahe zum Glauben an ihre Worte verleitet! Emmi (mit mühsam unterdrücktem Unwillen). Hütcn's Ihnen, Baroness'! Hüten's Ihnen! Laura (sie erstaunt ansehend). Bor was? Emmi. Solchen Worten zu glauben, die doch in nichts — in gar nichts ihren Grund haben, denn bitter möcht's dann schmerzen, wenn von Allem nur das Ge- gcntheil eintreffet! Laura (ausfahrend). Was sprichst Du da? Maßest Du Dir vielleicht auch einen Profetengeist an? Emmi. Nein! Ich kann nicht in den Sternen, nicht in den Linien einer Hand lesen — aber- Laura. Nun, was »aber«? — sprich! Ich befehl' es Dir! Emmi (ängstlich umherblickend). Ich seh', es ist schon Alles zu Ihrer Verlobung her- g'richt— (Gegen den Garten sehend.) Ich seh da fremde Herrschaften- Laura. Nun ja, die Gäste, die wir geladen — Emmi. Aber, gnädige Baroness'— was thäten Sie denn — ich frag' nur — ich setz' nur den Fall — Laura. Welchen Fall? Emmi. Wenn der erwartete Bräutigam doch nicht käm'? Laura (sie zornig mit der Hand von sich drängend). Nicht käme?! Wer gestattet Dir ein so freches Wort mir gegenüber? — Nicht käme?! (Man hört hinter der Bühne ein lautes Vivat-Rusen.) Laura (triumphirend). Ha! hier hast Du die Antwort auf deine läppische Befürchtung! Diese Rufe verkünden das Herannahen meines künftigen Gatten! Emmi (zusammenbebend, für sich). O mein Gott! Laura. Die Gäste treten ein — fort— fort von hier — Dein Bettlerkleid paßt nicht in diese Kreise! — (Wendet sich gegen den Hintergrund.) Emmi (für sich). Ja — ich pass'nicht daher — aber —ich kann — ich kann nicht fort — ha! dort (gegen den Vordergrund rechts weisend) dort hinter der großen Blumenvasen will ich sehen — hören! (Eilt rasch ab 1 17 Ellfte Lerne. Laura. Leuchtstein. Herren und Damen. Blasius. Humbert. Adolf. Diener. Leuchtst. und Blas, (kommen mit den Gästen vom Parke in den Saal). Leuchtst. (Laura erblickend). Ah — Du schon hier, meine Tochter!— Sendlingen's Wagen fährt bereits dem Gitterthor zu — (zu Laura und den Gästen) wir wollen die beiden Freiherren hier im Saale erwarten! (Tritt vollends in den Saal.) (Gegenseitige Begrüßungen Laura's und der Gäste.) Humb., Adolf (in Jägeruuiform) und Diener (find indessen vom Hintergründe links eingetreten). Humb. (postirt einige Diener am Eingänge des Saales, dann mit Adolf mehr gegen den Vordergrund tretend, leise zu diesem). Sie wollen nicht gleich beim Eingang stehen? Haben Recht — stellen's Ihnen daher (ihn au einer Säule im Vordergründe links posti- rend) da können's wenigstens den Empfang 6n kaee sehen! Leuchtst. (hat Laura nach dem Vordergründe rechts geführt). Die Gäste (gruppiren sich zu beiden Seiten). (Das Vivatrusen von außen wiederholt sich noch lärmender ganz in der Nähe.) Blas, (ist mehr im Hintergründe stehen geblieben, nach links sehend). Ha! den Alten seh ich schon! (Schwenkt seinen Hut.) Bivat! Vivat! Zwölfte Scene. Vorige. Sendlingen. Landleute. Sendl. (kommt in wüthendster Aufregung vom Hintergründe links her). Die Bauernbursche (folgen ihm. fortwährend die Hüte schwenkend und jubelnd). Sendl. Ruhe! Ruhe! der Teufel schnüre Euch die Schreihälse zu! Blas, (erstaunt). Wie? Ew. freiherrliche Gnaden allein —? Sendl. (jm Zorne gegen Blasius losbre- i « l ! I I I i wiener Zrsclr-LibHorliek 1MLL3_^ ^ - <- s i vvessk eüii^^K^kknö^lrzes? ö^ieftf?. 8 )tt^^u^e^k2 ^/ien, VI. 6umpen6vr-fL5Lln2LLe 122 L VVf. ^ ^ (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Der John des Gitwyer. Schauspiel iu stuf Acten von Emil Augier. Aus dem Französischen von Marie Saphir. Marquis von Auberive. Herr Marochal. Frau Marechal. Fernande, deren Tochter. Baronin Pseffrrs. Gras von Outrevillr. Giboyrr P ersonen. Maximilian Gerard. Lonturiers la Haute-Sarthe. Vicomte von Drilliäre. Chevalier von Germoise. Madame von Vieuxtour. Dubais, Kammerdiener des Marquis. Ort der Handlung: Paris. Zeit: 1862- Erster Act. (Das Cabinet des Marquis. Mittelthür; rechts von derselben eine kleine Bibliothek, links ein Waffenkasten. In der erste» Coulisse link- ein Kamin, neben demselben eine Causeuse und ein Tisch. Zn Mitte der Bühne ein Tisch. Erste Scene. Marquis. Dubois. Marquis (beendet sein Frühstück). Ich glaube, mein Appetit kommt doch wieder. Dubois (die Serviette^H«.-dM Arm, hält E Flasche XereS in d^HÄy^Hg. Herr Marquis, ^aber er MH langeWenn r-t-ttk-Aiptttoir« Sir rsA - ^an Sie so steht, sollte man gar nicht s glauben, daß Sie eben erst eine Krankheit durchgemacht haben! Sie sehen aus wie ein glücklicher Bräutigam! Marquis. Findest Du? Dubois. Gewiß— und ich bin nicht der Einzige, der so denkt. Das ganze Stadtviertel sagt: Herr Dubois, dieser Mensch — ohne Ihnen nahetreten zu wollen, Herr Marquis! — dieser Mensch wird sich wieder verheiraten, und zwar bald! Es lugt ihm der Ehecontract schon aus den Augen heraus. Marquis. Ah, sagt man das wirklich? Dubois. Mau hat vielleicht nicht sy ganz Unrecht. 2 Marquis. Höre, Dubais— wenn man das Unglück gehabt hat, einen solchen Engel zu verlieren, wie die selige Marquise war, so verspürt man wenig Lust einen zweiten zu heiraten. — Schenk' ein! Dubois (schenkt ein). Das ist begreiflich; aber der Herr Marquis haben keine Erben — und das ist fatal! Marquis. Woher weißt D«, daß ich welche haben würde? Dubois. O — ich wage uicht daran zu zweifeln. Marquis. Verstehst Du das so wie Corvisart? Dubois. Corvisart? Marquis. Ich habe eben nicht Lust, Vater in pnrtibus inLclelinin zu sein;— dämm bin und bleibe ich Witwer, das kannst Du dem ganzen Stadtviertel sagen! Dubois. Aber— Ihr Name, Herr Marquis! Der alte Name von Auberive? Wollen Sie den aussterben lassen? Nichts für ungut— aber einem treuen alten Diener bricht so etwas das Herz! Marquis. Alle Wetter, mein Lieber — Du wirst doch nicht königlicher sein wollen, als der König selbst? Dubois. Und — was soll denn aus mir werden, wenn es keine Auberives mehr gibt? — Wem soll ich dann dienen? Marquis. Ei— Du hast Dir etwas erspart, Du wirst für Dich selbst leben und dein eigener Herr sein. Dubois. O— da verliere ich viel! Nein, — Ihr alter Diener wird Ihnen in's Grab folgen. Marquis. Aber—auf zwanzig Schritte Distanz, werde ich bitten! — Du rührst mich, Dubois, — trockne deine Thränen, noch ist nicht Alles verloren! Dubois. Wie — der Herr Marquis wollten wirklich —? Marquis. Nein, mein Freund — ich habe mein Ziel durchgemacht und trete keinen neuen Dienst mehr an! Aber Du kannst überzeugt sein, daß mir eben so viel an meinem alten Namen gelegen ist, wie Dir selbst. Ick habe ein sehr geistreiches Mittel gesunden, um dem Uebel abzuhelseu, ohne mich — Unannehmlichkeiten auszusetzen. Dubois. Dasist herrlich! — Ich wage nicht den Herrn Marquis zu fragen — Marquis. Ganz recht — begnüge Dich damit, daß ich Dir junge Auberives verschaffe. Ich erwarte sogar heute — ich erwarte heute viele Menschen. Dubois. O — mein guter, mein bester Herr! Marquis. Du bist ein treuer Diener, Dubois, ich werde nicht auf Dich vergessen. Dubois (für sich). Das will ich hoffen! Marquis (zeigt auf den gedeckten Tisch). Nimm das fort. Ich werde um zwei Uhr ausreiten. Baronin (erscheint auf der Schwelle). Ausreiten! Dubois (meldet). Frau Baronin von Pfcffers! (Ab.) Zweite Scene. Marquis. Baronin. Marquis. Ach, Frau Baronin, was verhilft einem alten Gesellen, wie ich bin, zu einem so schönen Besuche? Baronin. Das frage ich mich selbst, Marquis. Seit ich Sie sehe, weiß ich nicht mehr, was mich hieher führte — ich will also wieder gehen. — Marquis. Setzen Sie sich doch, boshafte Frau. Baronin. Nicht doch! — Wie — Sie schließen sich acht Tage lang ein,' Ihre Dienerschaft macht tragische Mienen, Sie versetzen Ihre Freunde in fieberhafte Be- sorgniß, man beweint Sie schwer, und wenn man endlich bis zu Ihnen dringt, findet man Sie — bei Tische?! Marquis. Das will ich Ihnen erklären; ich bin eine alte Cokette und möchte mich um kein Königreich sehen lassen, wenn ich übler Laune bin. Nun, die Gicht ver- -« 3 ursacht eine förmliche Revolution in mir, fie entstellt mich, macht mich unkenntlich — deshalb verberge ich mich. Baronin. Da will ich nur schnell unsere Freunde beruhigen. Marquis. Bah, sie sind nicht so unruhig. Baronin. Einer von ihnen sitzt unten in meinem Wagen, er wartet — Marquis. Ich werde ihn bitten lassen, sich herauf zu bemühen. Baronin. Hm, ich — ich weiß nicht ob — Sic ihn kennen. Marquis. Wie heißt er? Baronin. Ich — ich begegnete ihm zufällig — Marquis. Und brachten ihn für jeden Fall mit — ich verstehe. (Er klingelt.) Sie sorgen für mich wie eine Mutter. (Zu Dubais, welcher eintritt.) Gehen Sie hinab — Sie werden im Wagen der Frau Baronin einen Abbe finden. Sagen Sie ihm, ich sei für seinen liebenswürdigen Eifer sehr verbunden, wäre aber heute Morgens noch nicht gelaunt zu sterben. Baronin. Marquis, Marquis — was würden unsere Freunde sagen, wenn fie Sie so sprechen hörten? Marquis. Bah — ich bin daS snlant teri-idis der Gesellschaft und von ihr ver» zogen. Nebstbei, Dubois, werden Sie noch hinzufügen, daß die Frau Baronin den Herrn Abbe bittet, sich nach Hause fahren zu lassen, und ihr den Wagen hieher zurückzuschicken. Baronin. Aber — Marquis. Wie ich sagte. — gehen Sie, Dubois. (Zur Baronin.) Jetzt sind Sie meine Gefangene. Baronin. Ha, — das ist kaum schicklich, Marquis! Marquis (küßt ihr die Hand). Schmeichlerin! — Setzen Sie sich jetzt, und lassen Sie uns von ernsthaften Dingen sprechen, Frau Egvrie. (Nimmt ein Journal vom Tisch.) Die Gicht hat mich nicht gehindert, unser Journal zu lesen. Wissen Sie, daß der Tod des armen Deodat sich in unserem Blatte auf grausame Weise fühlbar macht? Baronin. Ah, das war ein schwerer Verlust — ein großes Unglück für unsere Partei. Marquis. Ich habe auch eine Thräne um ihn vergossen. Baronin. Ach, welches Talent, welcher Schwung, welcher Sarkasmus — Marquis. Er war der Husar der Orthodorie, — und wird in unseren Annalen als englischer Pamphletist verzeichnet werden: »Oonvieiator ariAlions.* Nun aber, wo wir dem großen Tobten die-gebührende Ehre erwiesen haben — Baronin. Sie sprechen in sehr leichtem Tone von ihm, Marquis — Marquis. Ich habe ihm ja eine Thräne gewidmet, — lassen Sie uns von seinem Ersatzmann sprechen — Baronin. Sagen Sie: von seinem Nachfolger. Der Himmel sendet uns nicht zwei solche Menschen in so kurzem Zeiträume. Marquis. Wenn ich Ihnen aber sage, daß mir dennoch ein zweites Eremplar in die Hände gefallen ist? Ja, Frau Baronin, ich habe eine Feder wieder erweckt, in der der leibhaftige Satan sitzt, eine cynische, beißende Feder, die ihre Gegner mit Geifer und Koth bespritzt; einen Menschen, der im Stande ist, »gegen eine angemessene Belohnung« seinen eigenen Vater mit giftigen Epigrammen zu verfolgen und ihn gegen eine Zulage von fünf Francs zum Dessert zu verspeisen. Baronin. Dsodat aber handelte nach seiner Ucberzeugung. Marquis. Bah, Ucberzeugung! Die kommt in der Hitze des Gefechtes. In der Schlacht gibt es keine Söldner mehr — schon die ersten Hiebe oder Kugeln geben ihnen die »Ucberzeugung«. Ich will wetten, daß unser Mann in acht Tagen mit Leib und Seele zu den Unfern gehört.. Baronin. Wenn Sie keine andere Bürgschaft für seine Treue haben — 1 * 4 Marquis. Ich habe kine — ich halte ihn fest. Baronin. Womit? Marquis. Das bleibt sich gleich, ich halte ihn. Baronin. Warum haben Sie ihn uns noch nicht vorgestellt? Was warten Sie ab? Marquis. Erst seine Ankunft, dann seine Einwilligung. Er lebt in Lyon; doch wird er schon heute oder spätestens morgen hier sein. Ich lasse ihm Zeit ein wenig Toilette zu machen und — führe ihn dann ein. Baronin. Einstweilen werde ich dem Eomitv von Ihrer Entdeckung erzählen. Marquis. Ich bitte Sie darum. Aber — weil eben vom Comite die Rede ist, es wäre sehr liebenswürdig von Ihnen, wenn Sie Ihren Einfluß auf dasselbe in einer Angelegenheit geltend machen wollten, die mich persönlich berührt — Baronin. Mein Einfluß ist ein sehr geringer — Marquis. Ist das Bescheidenheit oder die Einleitung zu einer Weigerung? Baronin. Wenn es durchaus Eines von Beiden sein muß, so ist es Bescheidenheit. Marquis. Sic wissen, meine schöne Freundin, daß diese Herren Ihnen zu sehr verpflichtet sind, als daß sie Ihnen etwas abschlagen könnten. Baronin. Verpflichtet? Wieso? Weil mein Salon ihnen als Sprachzimmer dient. Marquis. Auch darum; aber der eigentliche, der große, der unschätzbare Dienst, den Sie dem Comite stündlich erweisen, ist, daß Sie — herrliche Augen haben. Baronin. Nur ein Ungläubiger wie Sie kann auf solche Dinge achten. Marquis. Ja, nur ich — Aber mehr noch jene ernsten Männer, deren keusche Wünsche jene mystische Simrlichkeit nicht übersteigen, die nichts ist als — verwilderte Tugend. Baronin. Sie scherzen oder träumen. Marquis. Glauben Sie mir, Baronin, aus diesem Grunde und aus keinem andern hat noch jede ernste Gesellschaft ihr Hauptquartier in dem Salon einer geistreichen oder schönen Frau aufgeschlagen. Sie sind beides, und können also ermessen, wie groß Ihre Macht ist. Baronin. O Marquis, Sie schmeicheln mir so sehr — daß ick befürchten muß, Ihre Sache müsse eine sehr schlimme sein. Marquis. Ich wäre sonst wohl allein im Stande sie durchzusetzen. Baronin. Sprechen Sie endlich — lassen Sie mich nicht länger schmachten. Marquis. Die Sache ist die: Wir müssen uns einen Redner für die Kammer wählen, der uns in dem gegen die Universität angezettelten Kampf unterstützen soll; ich wünschte nun, die Wahl fiele auf — Baronin. Auf Herrn Marechal! Marquis. So ist es. Baronin. Sprechen Sic im Ernst, Marquis? Herr Marechal — ! Marquis. Ich weiß, was Sie sagen wollen — allein wir bedürfen keiner donnernden Beredsamkeit, da wir die Reden selbst liefern, und ich gebe Ihnen die Versicherung, daß Marechal ebenso gut lesen kann, wie jeder Andere. Baronin. Wir haben ihn auf Ihre Empfehlung hin zum Deputaten gemacht — schon das war gewagt. Marquis. Erlauben Sie, Marvchal ist ein Gewinn für uns. Baronin. Sie gefallen sich in diesem Irrthum. Marquis. Hm, Sie machen viele Ansprüche. Ein alter Abonnent des »Constitutionnel«, ein Liberaler, ein Voltairianer, der mit Sack und Pack zum Feinde übergeht — was verlangen Sie noch mehr? Herr Marechal ist nicht ein einzelner Mensch, meine Liebe, es ist das ganze Bürgerthum, das uns in ihm entgegenkommt! Ich liebe dieses ehrliche Bürgerthum, welches die Revolution verab- 5 scheut, sobald es nichts mehr dabei zu gewinnen gibt, und den Strom, der es herangeschwemmt hat, setzt zurückdrängen und zu seinem Gunsten ein neues kleines feudales Frankreich gründen möchte. Das Bürgerthum soll uns die Kastanien aus dem Feuer holen — was mich betrifft, so ist es nur diese freudige Aussicht, die mir Lust zum Politisiren macht. Also: Hoch Herr Marschal und alle seine Freunde, die Herren Bürger von Gottes Gnaden! Wir wollen diese kostbaren Alliirten mit Ruhm und Ehren überschütten bis zu dem Tage, wo unsere Sache trinmphirr und wir sie in ihre Verkaufsbuden zurückschicken! Baronin. Aber — haben wir nicht mehrere Deputirte aus demselben Stoffe — warum also gerade denjenigen zu unserem Redner erwählen, der die wenigsten Fähigkeiten besitzt? Marquis. Es bedarf keiner Fähigkeiten. Baronin. Sie interessiren sich sehr warm für Herrn Marschal. Marquis. Was wollen Sie — ich betrachte ihn so zu sagen als Clienten meiner Familie. Sein Großvater war Pächter des meinigen — ich bin Vormund seiner Tochter — das sind immerhin Bande, die aneinander fesseln. Baronin. Und — da sagen Sie noch nicht Alles. Marquis. Ich sage Alles, was ich weiß. Baronin. Dann erlauben Sie mir den zweiten Theil zu Ihren Mittheilungen zu liefern. Man will wissen, daß Sie einst für die Reize der ersten Frau Marschal's nicht ganz unempfindlich gewesen sind. Marquis. Ich will doch hoffen, daß Sie solch' albernen Geschichten keinen Glauben schenken? Baronin. Hm — Sie bemühen sich so sehr, Herrn Marschal jetzt nützlich zu sein, daß — Marquis. Daß es scheint, als müßte lch ihm einst geschadet haben? Ach, mein Gott, wer ist vor bösen Zungen sicher? Niemand — nicht einmal Sie, Baronin. Baronin. Ich wäre doch neugierig, zu erfahren, was man von mir sagen kann — Marquis. Albernheiten, die ich gewiß nicht wiederholen werde. Baronin. Also — glauben Sie daran ? — Marquis. An das Gerücht, daß Ihr verstorbener Herr Gemal die Gesellschafterin seiner Mutter geheiratet habe? Gott behüte! Ich war ganz außer mir vor Zorn! Baronin. Dadurch erweist man solchem Geschwätze zu viel Ehre. Marquis. Aber Sie können überzeugt sein, daß ich die Antwort nicht schuldig blieb. Baronin. Ich zweifle nicht daran. Marquis. Hm — Sie haben aber dennoch Recht, wenn Sie sich wieder verheiraten wollen. Baronin. Wer sagt Ihnen, daß ich das will? Marquis. Ach, das ist nicht schön, Baronin. Sie behandeln mich nicht wie einen Freund! Ich verdiene Ihr Vertrauen um so mehr, als ich es — entbehren kann, da ich Sie ohnedies so genau kenne, als ob ich Ihr Vater wäre. Die Allianz eines Herenmeisters ist niemals zu verachten, Baronin! Baronin (setzt sich zum Tisch). Geben Sie mir erst einen Beweis Ihrer Kunst! Marquis. Mit Vergnügen. Reichen Sie mir Ihre Hand. Baronin (zieht den Handschuh ab). Sie geben sie mir doch wieder? Marquis. Ja — und werde Ihnen behilflich sein, sie anderweitig unterzubringen, was noch mehr werth ist. (Sieht die Hand der Baronin an.) Sie sind schön, reich und Witwe! Baronin. Ach —man sollte glauben die berühmte Lsnormand zu hören. Marquis. Obwohl Ihre Verhältnisse es Ihnen leicht machen, ja Sie dazu ver- 6 führen könnten, ein glanzendes, frivoles Leben zu führen, haben Sie sich dennoch eine ernste Rolle erwählt, eine Rolle, die einen tadellosen Lebenswandel fordert — den Sie auch aufweisen können. 'Baronin. Wenn es eine Rolle wäre, so müssen Sie zugeben, daß es gleichzeitig eine — Buße sein würde — Marquis. Für Sie nicht. Baronin. Woher wissen Sie das? Marquis. Ei — ich lese es in Ihrer Hand! Ich lese hier sogar, daß das Ge- gentheil Ihnen schwerer fallen würde, da die Natur Ihr Herz mit unerschütterlicher Kälte ausgerüstet hat. Baronin (zieht ihre Hand zurück). Sagen Sie doch lieber gleich, daß ich ein Ungeheuer bin! Marquis. Nur Geduld! — Naive Seelen halten Sie für eine Heilige, Skeptische für einen nach Macht und Einfluß strebenden Charakter; ich, Guy-Frantzvis Cordoiere Marquis d'Auberive, ich halte Sie einfach für eine schlaue Berlinerin, die im besten Zuge ist sich mitten im Faubourg Saint- Germain einen Thron zu errichten. Die Männer haben Sie bereits unterjocht, aber die Frauen leisten Ihnen noch Widerstand; sie können Ihnen nicht vergeben, daß Sie eine große Rolle spielen, und da Sie nicht wissen, von welcher Seite sie Sie angreifen sollen, so verschanzen sie sich hinter jenem abscheulichen Gerücht, von dem ich Ihnen zuvor gesprochen habe. Kurz, Ihr Wappen ist Ihnen zu klein und deshalb sehen Sie sich nach einem anderen um, welches groß genug ist, Alles zu bedecken. »Paris ist wohl eine Messe werth,* sagte Heinrich IV. — und Sie find wohl gleicher Meinung. Baronin. Man sagt, daß man den Somnambulen' nicht widersprechen darf, erlauben Sie mir aber dennoch eine Bemerkung. Sehnte ich mich nach einem Gatten, so hätte ich bei meinem Vermögen und meiner Stellung in der Welt wohl schon zwanzig für einen gefunden. Marquis. Zwanzig — ja, Einen — nein! Sie vergessen immer dieses fatale Gerücht — Baronin (steht aus). An welches nur dumme Leute glauben. Marquis (steht auf). DaS ist eben das lrio. Sie werden nur von sehr geistreichen Männern gesucht — von zu geistreichen — und Sie wollen einen Dummkopf. Baronin. Warum das? Marquis. Weil Sie nicht Willens sind, sich einen Herrn zu geben. Sie suchen einen Gatten, der in Ihrem Salon als Ahnenbild fignriren soll — und als sonst nichts! Baronin. Sind Sie zu Ende, mein lieber Hellseher? In Allem, was Sie da sagen, liegt kein Quentchen Verstand — aber Sie haben mich amüsirt — und ich kann Ihnen nun einmal nichts abschlagen. Marquis. Marschal also wird die Rede halten? Baronin. Za — oder ich verliere meinen ehrlichen Namen! Marqnis. Und Sie verlieren Ihren Namen — ich bürge dafür. Baronin. Sie machen aus mir was Sie wollen. Marquis. O Baronin, wie wollte ich Sie beim Wort nehmen, wenn ich noch sechzig Jahre alt wäre! (Dubois bringt aus einer silbernen Tasse eine Disitkarte. Der Marquis nimmt sie.) »Graf Hugo von Qutre- ville.* (Zu Dubois.) Lassen Sie ihn ein- treten! Schnell, lassen Sie ihn — Nein! — Sagen Sie dem Herrn Grafen, ich stehe im Augenblick zu seinen Diensten. (Dubois ab.) Baronin. Ich genire Sie. Das ist nur Ihre eigene Schuld, Sie hätten meinen Wagen nicht fortschicken sollen. Marquis. Da fällt mir eben ein, da ich Ihnen den jungen Mann jedenfalls früher oder später vorstellen will, warum sollte ich es nicht gleich thun? Baronin. Wer ist er? 7 Marquis. Mein nächster Verwandter — ein armer Verwandter. Ich habe ihn nach Paris berufen, um ihn kennen zu lernen, bevor ich ihm mein Vermögen hinter- laffe. Baronin. Das ist eine natürliche Neugierde. Wie kommt es aber, daß Sie ihn nicht kennen? Marquis. Als echter feudaler Edelmann lebt er in seiner Grafschaft, und als ich zum letzten Mal dort war, um seinen Vater zu besuchen, war Hugo erst sieben bis acht Jahre alt. Baronin. Er ist Träger eines schönen Namens. Marquis. Und trägt drei goldene Streifen im azurnen Felde. Aber werden Sie nur nicht träumerisch — das ist kein Ge- mal für Sie, er ist keine solche Null, wie Ihr Ideal es sein muß. Baronin. Sie sagten ja, daß Sie ihn nicht kennen. Marquis. Aber ich kenne das Geschlecht; die Männer sind feurig und Ko« loffe. Der Vater und der Großvater maßen sechs Fuß und waren von verhältnißmäßi- ger Stärke. Ich erinnere mich auch noch ganz gut, daß der kleine Hugo, als ich ihn auf meinen Knieen schaukelte, keine geringe Last war —. Sie werden den Burschen ja sehen! — Ich muß Sie aber um ein bischen Nachsicht für ihn bitten; Sie wissen, solche Landedelleute sind eben nicht immer Muster von Schliff und Politur: es sind leidenschaftliche Jäger, leidenschaftliche Esser, leidenschaftliche Verehrer des schönen Geschlechtes — Baronin. Entsetzlich! Marquis. Seien Sie ruhig. Wir wollen den jungen Mann schon bilden. (Klingelt, dann zu Dubais, der an der Schwelle erscheint.) Lassen Sie den Grafen eintreten. Dubois (meldet). Graf von Outreville! Dritte Scene. Vorige, Graf. Marquis (geht ihm mit offenen Armen entgegen). Ach, kommen Sic doch! — (Bleibt verblüfft stehen.) Wie — Sie — Sic sind der dicke Junge, den ich auf meinen Knieen schaukelte? Graf. Sie müssen in der That finden, daß ich groß geworden bin, Marquis! Marquis (für sich). Groß! — Mager! (Laut.) Entschuldigen Sie mein Erstaunen, Cousin, ich war gewohnt, in Ihrer Familie nur mächtige Schultern zu sehen. Graf. Wahrscheinlich weil mein Vater und mein Großvater wahre Goliathe waren; ich aber arte nach meiner Mutter. Marquis. Darum sind Sie nicht minder willkommen. — Danken Sie Ihrem guten Gestirn, das Sie gerade jetzt zu mir führt, wo ich Sie der Baronin Pfeffers vorstellen kann. Graf (verbeugt sich). Frau Baronin sind wahrscheinlich eine Verwandte der Baronin Sophie Pfeffers? Baronin. Ich bin cs selbst, mein Herr. Graf. Wie? Dieses Muster von Frömmigkeit, von Sittenreinheit und — Baronin. Bitte, mein Herr! — Marquis. Ei, wunderst Du Dich, daß dieses »Muster* nicht alt und häßlich ist —? Graf. Ich gestehe. — Aber Sratior pulottro in eorpors virtus. Baronin. Ach, mein Herr ich verdiene weder den einen noch den andern Ihrer Lobsprüche. Graf (überrascht). O, Frau Baronin, wenn ich geahnt hätte, daß Sie Latein verstehen — Marquis. Wem sonst hast Du hier zu« gemuthet, daß er Latein versteht?! Graf. Entschuldigen Sie also diese unwillkürliche Vertraulichkeit, Frau Baro- 8 nin. (Zu dem Marquis.) Herr von Sainte- Agathe wird glücklich sein, wenn er erfährt — Marquis. Wer ist denn dieser Herr Sainte-Agathe? Graf. Wie — Sie haben nicht von Herrn Sainte-Agathe gehört? Das ist mir unbegreiflich! Herr von Sainte-Agathe ist doch eines unserer Lichter. Ich war so glücklich ihn zum Lehrer zu haben und er ist auch jetzt noch mein Führer in allen Dingen. Marquis (für sich). Das ist gar kein Mann — das ist ein Sakristan. Baronin (für sich). Welche Naivetät? Dubois (tritt ein). Der Wagen der Frau Baronin ist zurückgekommen. Baronin (für sich). Drei goldene Streifen im azurnen Felde. (Laut.) Ich fliehe, Marquis; ich bin hier zu sehr in Versuchung geführt, der Sünde des Stolzes zu verfallen. Auf Wiedersehen, Herr Graf! Ihr Cousin wird mir das Vergnügen machen, Sie zu mir zu bringen — aber ich bitte Sie, alle Schmeicheleien vor der Thür meines Salons zu lassen. Bleiben Sie, Marquis, Sie sind ja krank. (Ab.) Vierte Scene. Marquis. Gras. Graf. Ist diese Dame verheiratet? Marquis. Ja, Cousin. Ich war sehr krank — beruhigen Sie sich — es ist vorüber. Graf. Gott sei Dank! Aber von welcher Krankheit waren Sie heimgesucht? Marquis. Die Baronin ist Witwe. Ich danke Ihnen für die Theilnahme, die Sie ihr widmen. Graf, (für sich). Mein Cousin scheint ein Original zu sein. Marquis (für sich). Mein Erbe will mir gar nicht gefallen. (Laut.) Wir wollen von Geschäften sprechen. Ich habe keine Kinder. Sic sind mein nächster Verwandter und wie ich Ihnen schrieb, habe ich die Absicht Ihnen mein ganzes Vermögen zu hinterlaffen. Graf. Ich verspreche Ihnen, Ihre Wohlthat dadurch zu vergelten, daß ich einen gottgefälligen Gebrauch von derselben machen werde. Marquis. Sie können einen beliebigen Gebrauch davon machen — Allein ich habe zwei Bedingungen an das geknüpft, was Sie meine »Wohlthat« nennen; ich hoffe, daß Ihnen keine derselben unangenehm ist. Graf. Die erste, die mir auferlegt, Ihren Namen dein »reinigen hinzuzufügen, betrachte ich als eine Auszeichnung. Marquis. Schön. Und in welchem Lichte erschein: Ihnen die zweite, die, eine Frau meiner Wahl zu nehmen? Graf. In dem einer Kindespflicht. Marquis. Das ist viel gesagt. Graf. Nicht zu viel, Herr Marquis; denn als ich Ihren liebenswürdigen Brief erhielt, weihte ich Ihnen alle Gefühle eines Sohnes. Marquis. Wie — so schnell? — Ei! Graf. So daß ich mich nicht mehr für berechtigt hielt, über meine Hand zu verfügen und augenblicklich eine sehr reiche Partie aufgab, die Herr von Saint-Agathe mir in Avignon zugedachr hatte. Marquis. Die Sache war gewiß noch nicht weit vorgerückt? Graf. Wir waren erst einmal aufgcbo- ten worden. Marquis. Sonst nichts! Und unter welchem Vorwände haben Sie gebrochen? Graf. Mein Gott, die Familie ist keine solche, auf die man sonderliche Rücksicht zu nehmen braucht — reiche Emporkömmlinge. Ich verabscheue das Bürgerthum. Marquis. Teufel, wie werden Sie sich da zurechtfinden? Es ist ja eine Bürger^ liche, die ich Ihnen bestimmt habe. Graf. Ah, ah, das ist ja allerliebst! Marquis. Sie ist sehr reich und sehr schön, aber sehr plebejisch. Graf. Ist das wirklich Ihr Ernst? 9 Marquis (stehtauf.) So sehr, daß ich diese Heirat zur 8Ürs yus. non meiner Erbschaft mache. Graf. Erlauben Sie mir Ihnen zu sagen, Herr Graf, daß ich nicht begreife, welches Interesse — Marquis. Das ist sehr einfach. Es ist ein junges Mädchen, das ich zur Welt kommen sah und für welches ich eine ganz väterliche Neigung gefaßt habe. Ich will, daß dessen Kinder meinen Namen erben — das ist Alles. Graf. Ist es wenigstens eine Waise? Marquis. Nur von mütterlicher Seite. Graf. Das ist schon etwas. Die Schwiegermütter sind der große Stein des Anstoßes bei allen Mesalliancen. Marquis. Ich muß Ihnen jedoch sagen, daß der Vater sich wieder verheiratet hat und daß die zweite Frau am Leben ist. Sie gehört jedoch der höchsten Aristokratie an — (für sich) durch ihre Prä- trnsionen (laut) und schreibt sich Aglae Marsche»!, geborene von la Vertpillisre. Gras. Und der Vater? Marquis. Ist ein ehemaliger Hammerwerksbesitzer, jedenfalls ein nobler Jndu üriezweig; ist ein Gutgesinnter und Dcpu tirter unserer Partei. Graf. Er nennt sich? Marquis. Marschal. Graf. Das ist sehr kurz. Hat er keine Besitzung, deren Namen er annehmen könnte, um der Mesalliance wenigstens ihre herbste Seite zu nehmen? Marquis. Ich habe noch etwas Besseres ausfindig gemacht. Sie würden doch gerne die Tochter Cathelineau's heiraten? Gras. Gewiß, aber welche Beziehung ist — Marquis. Zwischen einem Krieger und einem Redner? Das Wort ist auch ein Schwert. In acht Tagen wird Ihr Schwiegervater der Vendeer der Tribüne sein. Graf. Was sagen Sie? Marquis. Ich habe von unseren Freunden erwirkt, daß er in der kommenden Session das Wort für uns führen soll. Aber pst! — es ist noch Geheimniß. Graf. Warum sagten Sie das nicht gleich, Herr Marquis? Jetzt gibt es keine Mesalliance mehr. Die gute Sache adelt ihre Anhänger. Und das junge Mädchen ist reich, sagen Sie? Marquis. Es bringt Ihnen so viel mit, daß Sie meine Erbschaft mit Geduld erwarten können. Graf. Möge sie mir nie zukommen. Und — ist sie schön? Marquis. Es ist das schönste Mädchen, das ich kenne, mein Lieber. (Für sich.) So schmeichle ich mir. (Laut.) Sie werden äe glücklich machen, nicht wahr? Graf. Ich glaube dafür bürgen zu können, Herr Marquis. Ich kenne alle Pflichten, welche die Ehe uns auferlegt, und meine Jugend war nur eine lange Vorbereitung für diese heiligen Bande — ja, ich darf sagen, daß ich fleckenlos in deren Kreis eintrete. Marquis. Wie?! Graf. Fragen Sie nur Herrn von Sainte-Agathe, der meine verborgensten Handlungen und geheimsten Gedanken kennt. MarquiS. Ich mache Ihnen mein Kompliment; aber, mein Lieber, es wird Ihnen wohl ergehen wie Orest: Ihre Unschuld wird Sie bereits drücken —. Ich hoffe es wenigstens. Graf(schlägt die Augen nieder). Ich gebe es zu. Marquis. Das laß' ich mir gefallen. Graf. Darf ich Sie fragen, ob meine Zukünftige brünett ist? Marquis. Ach, ah — daS iutereffirl Sie also doch? Graf. Es -ist uns erlaubt, ja sogar empfohlen, in unserer Ehegattin jene vergänglichen Reize zu suchen, die der Tugend noch höheren Werth verleihen. So ist we- 10 nigstens die Ansicht des Herrn von Sainte- Agathe. Marquis. Ach ja — es war schon lange nicht von ihm die Rede. Sagen Sie mir, Cousin, besorgt Herr von Sainte- Agathe auch Ihre Toilette? Graf. Warum? Marquis. Weil Sie aussehen wie ein Weihwafferspendcr. In diesem kläglichen Aufzug kann ich Sie kaum vorstellen; mein Kammerdiener soll Ihnen meinen Schneider schicken. Dubois (tritt ein). Herr Marschal ist hier — darf ich ihn eintreten lassen? Marquis. Das will ich meinen. (Zum Grasen.) Er kommt eben recht. Graf. Kennt er Zhre Absichten? Marquis. Noch nicht und er soll auch erst in einigen Tagen davon erfahren. (Für sich.) Man muß seinem Geiste zu einer andern Arbeit Zeit lassen. Fünfte Scene. Vorige. Marschal. Marschal. Marquis — Sie sehen einen Hochbeglückten vor sich! Ich kam zu Ihnen, um mich nach Ihrem Befinden zu erkundigen — aufrichtig gesagt nicht ohne einige Besorgniß — und höre, Sie wollen schon einen Spazierritt machen. Nun — wenn Sie es für gerathen halten — Marquis. Mit der Gicht ist es wie mit der Seekrankheit: wenn es vorüber ist, so ist es vorüber. — Erlauben Sie mir, mein werther Freund, Ihnen meinen Cousin, den Grafen Hugo von Outreville, vorzu- stcllen. Marschal. Ich fühle mich sehr geehrt, Herr Gras. Sie sehen in mir den ältesten Freund des Marquis. Mein Großvater war Pächter bei dem seinigcn — ich schäme mich dessen nicht; meine Familie hat an Terrain gewonnen, die seinige verloren, — und so kamen wir uns auf halbem Wege entgegen, der Eine vergaß auf seine Ueber- legenheit der Geburt, der Andere auf die— Marquis. Auf die seines Vermögens. Marschal. Wir find die personificirte Verbrüderung der alten und neuen Aristokratie ! Graf. Sie thun sich Unrecht, mein Herr —, Sie gehören ganz zu uns. Mit demselben Rechte wie Cathelineau. Marschal. Wie? Gras. Zwischen einem ruhmreichen Krieger und einem großen Redner ist wenig Unterschied—auch das Wort ist ein Schwert. Sie find der Vendeer der Tribüne. Marschal (für sich). Was will er nur? Marquis. Sie werden ein andermal nähere Bekanntschaft schließen, meine Herren— Sie sind würdig einander zu verstehen. Jetzt aber, Herr Graf, vergessen Sie nicht, daß Sie mit meinem Schneider Rath halten müssen. Das ist eine unerläßliche Bedingung des Pariser Lebens. Graf. Da Sie es erlauben — auf Wiedersehen, mein Herr! Marquis (begleitet ihn). Nun—wie gefällt er Ihnen? Graf. Er hat etwas Bedeutendes an sich, er sieht aus wie ein Genie. Marquis. Man sieht, daß Sie ein Kenner find. Leben Sie wohl. Sechste Scene. Marquis. Marschal. Marschal. Sagen Sie, find Sie sicher, daß Ihr Cousin bei klarem Verstände ist? Cathelineau! Vendeer der Tribüne! Marquis. Er ist ein Schwätzer und hat mich um das Vergnügen gebracht, Ihnen eine große Neuigkeit mitzutheilen. Vor Allem aber, mein lieber Marschal, eine Frage: Sind Sie auch fest überzeugt von der Solidität Ihrer Bekehrung? Fühlen Sie in Ihren Adern keine Spur mehr von dem Gifte des Liberalismus? II Marschal. Ihr Zweifel beleidigt mich. Marquis. Haben Sie Voltaire und seinen Phrasen ganz entsagt? Marschal Sprechen Sie mir nicht von diesem Ungeheuer! Er und sein Freund Rousseau sind Stifter alles Unheiles! Solange die Lehren dieser Taugenichtse nicht vernichtet und für ewig begraben sind, wird nichts heilig sein, wird man sich nicht in Ruhe seines Vermögens erfreuen können. Das Volk muß eine Religion haben, Marquis. Marquis (für fich). 3a — seit er nicht mehr dazu gehört! Marschal. Ja, ich gehe noch weiter: sogar wir müssen eine Religion haben! Wir wollen zu dem Glauben unserer Väter zurück- kchren! Marquis (für fich). Seiner Vater! — Sie waren Käufer der Nationalgüter. Marschal. Der Revolution kann nur ein Ende gemacht werden, wenn man die Universität, diesen Zufluchts-Schlupfwinkel der Philosophie, zerstört, — so denke ich wenigstens. Marquis. Nun, mein Freund, seien Sie froh: die Operationen gegen die Universität werden noch in dieser Session eröffnet. Marschal. Sie machen mich überglücklich. Marquis. Glauben Sie nicht auch, daß die Stimme unseres Redners in diesem denkwürdigen Feldzuge einen mächtigen Wiederhall finden wird — und daß man ihn also mit Recht den Vendeer der Tri büne nennen kann? Marschal. Wie? Marquis — verstehe ich recht? Marquis. Ja, mein Freund, Sie find es, dem wir diese ruhmvolle Rolle zugedacht haben. Marschal. Ist es möglich? Da verhelfen Sie mir ja zur reinen Unsterblichkeit ! Marquis. So ist es. Marschal. Ich darf von der Tribüne herab die Versammlung mit Wort und Geste beherrschen — meine Ideen auf den Flügeln des Ruhmes von einem Ende der Welt zum andern — Aber — alle Wetter — glauben Sie wirklich, daß ich sprechen kann? Marquis. Ich habe eben im Stillen Ihre Beredsamkeit bewundert. Marschal. Ja — unter vier Augen, da mag es noch gehen — aber öffentlich — ich werde nie den Muth dazu haben. Marquis. Daran gewöhnt man sich bald. Die beste Manier schwimmen zu lernen ist, sich in's Wasser zu stürzen. Marschal. Ei — ich möchte nicht gerne plätschern — Marquis. Seien Sie ruhig, mein Bester, wir werden Ihnen Schwimmblasen unter die Schultern heften. Da Ihre erste Rede gewissermaßen ein Manifest ist, so werden wir sie Ihnen fertig liefern —, Sie haben nichts zu thun, als sie zu lesen. Marschal. Dann ist Alles gut—wenn man nichts braucht als Muth und heilige Ueberzeuguug — aber die Welt wird doch nicht erfahren, daß die Rede nicht von mir verfaßt ist? Marquis. Gewiß nicht— Sie müßten denn selbst aus der Schule schwätzen. Marschal. Ich — meine Freunde ver- rathen! Sie werden mir doch das nicht zu- muthen! — Wann werde ich das Manuskript erhalten? Marquis. In einigen Tagen. Marschal. O— ich werde bis dahin gar nicht schlafen können! Ihnen kann ich es ja sagen, meine Schwäche ist der Ruhm. Ich liebe den Ruhm. Marquis. Wie alle großen Seelen. Marschal. Jetzt zähle ich doch ganz zu den Ihrigen? Marquis. Marschal. Ganz und gar. Nun, dann erlauben Sie mir Sie »Condories« zu nennen, wie Sie mich »Marschal«. Es mag eine Kinderei sein, aber — 12 Marquis. Wie es Ihnen gefällt. Sie werden mir meinen Titel wiedergeben, sobald Sie selbst einen haben —. Marechal. Ach, das nenne ich die wahre, die echte Gleichheit! Dubois (tritt ein). Ein ziemlich schlechtgekleideter Mann behauptet von dem Herrn Marquis erwartet zu werden. Marquis. Sogleich. (Zu Marechal.) Ich bedaureSie fortschicken zu müssen, mein Lieber, aber es handelt sich um eine wichtige Geschäftssache. Marechal. Unter unseresgleichen bedarf es nicht so vieler Umstände. Auf Wiedersehen. mein guter Condories, auf baldiges Wiedersehen! (Ab.) Marquis (zu Dubois). Lasse den Fremden jetzt eintretcn. (Allein.) Der Tropf! Und ich muß ihn gar noch zum Baron machen! (Lächelt) Dieser Mensch wird nie wissen, was ich Alles für ihn gethan habe! Dubois (tritt ein). Herr Giboyer! Siebente Scene. Marquis. Giboyer. Marquis. Ah — guten Tag, Herr Giboyer! Giboyer. Herr Marquis — ich bin der Ihrige! — Marquis. Der meinige? — Ach so — entschuldigen Sie— ich habe den Schlüssel zu Ihren malerischen Redensarten verloren. — Ick erfahre von Ihrem — wie nennen Sie Maximilian? — Ihren Mündel? Giboyer. Das wäre zu anspruchsvoll. — Ein Vormund ist ein Luxusartikel — mit dem der Kleine nicht wüßte, was anfangen. Wenn Sie wollen, bin ich sein — Onkel nach Bretagner Mode. Marquis. Wir wollen ihn Ihren Pflegesohn nennen. — Also — ich habe von Ihrem Pllegesohn erfahren, daß Sie einige Tage in Paris zubringen werden, und wurde von einem heftigen Verlangen erfaßt, Sie zu sehen. Giboyer. Sie sind zu gütig, Herr Marquis. Ihr Wunsch ist meinem eigenen entgegengekommen. Sie können überzeugt sein, daß ich Paris nicht verlassen haben würde, ohne an Ihre Thür geklopft zu haben. Ich bin kein Undankbarer. Marquis. Lassen wir das. — Wissen Sie, daß Sie sich gar nicht verändert haben, seit ich Sie zum letzten Male sah? Wie fangen Sie das an? Giboyer. Mein Vater muß geahnt haben, welche Stürme und schnelle Temperaturwechsel cs in meinem Leben geben wird, und hat mich darum zur Vorsorge aus Stein und Eisen gebaut. Aber auch Sie scheinen an Jahren reicher und dabei nicht älter zu werden. Marquis (geht nach rechts). O ich — ich bin so schnell vorgerückt, daß ich mich jetzt seit zwanzig Jahren nicht mehr vom Flecke rühre. (Setzt sich zum Tisch.) Aber wir wollen von Ihnen sprechen, mein Freund. Was ist aus Ihnen geworden? Haben Sie endlich eine ernste Stellung? Giboyer (setzt sich auch). Eine sehr ernsthafte: ich bin bei dem Leichenvereine in Lyon angestellt. Marquis. Bei dem Leichenvereine? Giboyer. Tags über, — Abends bin ich Controleur des Theaters Cvlestin — ich will mich nicht in philosophische Abhandlungen über diesen Contrast ergehen — Marquis. Ich bin Ihnen sehr verbunden. Und was für eine Würde bekleiden Sic bei dem Leichenverein? Giboyer. Ick bin Arrangeur. Mir kommt es zu, den Geladenen mit liebenswürdigem Lächeln zu sagen: »Wenn es Ihnen jetzt Vergnügen macht, meine Herrschaften —« Marquis. Erlauben Sie mir die Bemerkung, wie sehr es mich wundert, daß Sie es bei Ihrem großen Talente nicht besser verstanden haben, die Stecknadeln herauszuholcn. Gib. Das ist leicht gesagt, es erfordert jedoch eine Feinfühligkeit der Finger, die 13 schwer zu vereinbaren ist mit den Lasten, die stets aus meinen Armen lagen erst mein Vater, dann Maximilian. Marquis. Warum gefallen Sie sich auch darin, einen Waisenknaben anzunehmen ? Giboyer. Was wollen Sie — der »Tugendpreis« ließ mir keine Ruhe. (Steht aus.) Sie erlauben, nicht wahr? Ich kann nicht lange auf einem Platze bleiben. — Uebrigens hatte ich damals auch eine gute Anstellung bei dem Journal »Vernouillet*; und glaubte endlich den Fuß im Steigbügel zu haben, um mich emporzuschwingen — aber ach! da stürzt das Pferd unter mir zusammen und ich falle wieder auf den Erdboden zurück — und das noch dazu in dem Augenblicke, wo das zweite Quartal für den Kleinen im Collegium zu erlegen war. Nun mußte ich augenblicklich eine neue Stelle finden. Man trug mir die Herausgederschaft des »Radikalen* an — ich nahm es an. Sie wissen, welche Rolle der Herausgeber einer Zeitung damals spielte: er war der Sündenbock, der Blitzableiter des Journalcs. Eine angenehme Profession, nicht wahr? Aber — man wurde gut bezahlt — ich erhielt tausend Francs und mindestens acht Monate des Jahres bekam ich Kost und Wohnung — von der Regierung! Da konnte ich mir schon etwas bei Seite legen. Unglücklicherweise kam das Jahr 48 und mit ihm war mir die schöne Carriere des Gefängnisses verschlossen! Marquis. Warum hoben Sie Ihre Dienste nicht der Republik angeboten? Giboyer. Sie hat sie abgelehnt. Ich war der Verzweiflung nahe, nicht meinetwegen — denn ich war noch nie darum verlegen, mir meinen Tabak zu verdienen T" aber um des Kindes willen, dessen Erziehung unterbrechen zu müssen ich fürchtete. Da dachte ich an Sie und nahm mir vor, Sie aufzusuchen. Marquis. Erinnern Sie sich noch an dw Zeit, wo Sie der »grausamen Wohl- that der Erziehung* fluchten? Wer hätte damals gedacht, daß Sie mich eines Tages bitten würden, Ihnen darin behilflich zu sein, einem armen Kinde dieses Neffuskleid über die Schultern zu werfen? Giboyer. Ich muß gestehen, daß ich gar manche stille Unterredung mit meinem Kopfkissen hielt, bevor ich den Kleinen in s Collegium schickte. Mein Beispiel war eben nicht ermuthigend! — Allein zwischen unseren Verhältnissen herrschte nur dem Anscheine nach eine gewisse Analogie — eine Portiersfamilie muß mehrere Generationen erleben, bis sie der Gesellschaft eine Bresche schießen kann. Eine Erstürmung gleicht der andern: die ersten Angreifenden bleiben im Graben und bilden mit ihren Leichen eine Faschine für die nächstfolgenden. Nun — ich gehöre zu denen, die geopfert werden, zu den Faschinen, und es wäre doch gar zu dumm, wenn ein solches Opfer nicht einmal Jemand von Nutzen sein sollte! Marquis. Ich meinerseits habe mich glücklich geschätzt, meinem Vaterlande einen Socialisten mehr zu geben. Aber um auf Sie zurückzukommen : Sie hatten damals keine Last mehr auf den Armen, das war der geeignete Moment für die Stecknadeln. Giboyer. So dachte ich auch, aber Sic sollen mein Mißgeschick kennen lernen. Bei der Presse war kein Trunk Wasser mehr zu verdienen, denn die Journale schossen in die Höhe wie die Pilze; da verfiel ich aus die Idee, Biographien meiner Zeitgenossen zu schreiben. Marquis. Ich habe einige davon gelesen — sie waren sehr gewürzt. Giboyer. Zu sehr! Ich war ja so albern, meine Rolle als großer Anwalt der Gerechtigkeit ernsthaft zu nehmen! Dummkopf, der ich war! Ich schrieb und die Folge: Duelle, Processe, Geldstrafen — der ganze Kram! Meine erschreckten Verleger suspendirten den Druck und als ich zur Presse zurückkehren wollte, hatten die einflußreichen Feinde, welche meine kleiney 14 Seitensprünge mir erworben, alle Thüren verbarrikadirt. Und Maximilian trat eben aus dem Collegium aus und ich wollte ihm eine Erziehung erster Qualität geben; da half kein Ueberlegen, kein Zimperlichthun: ich warf den Rock ab und — tauchte unter. Marquis. Sie tauchten unter? Was verstehen Sie darunter? Giboyer. Sie und Ihresgleichen kennen nur die auf der Oberfläche des Weltmeeres schwimmenden Professionen; aber unten auf dem Grunde gibt es noch gar manchen schmutzigen, schlammigen Industriezweig , von dem Sie keine Ahnung haben. Wenn ich Ihnen z. B. sage, daß ich ein Ammenbureau hielt! All' das mundet nicht immer gut, aber ich habe Gott sei Dank einen Straußenmagen und mich in meinen besten Zeiten daran gewöhnt, in den schlechtesten Kieselsteine verdauen zu können. Aber was thut das: Marimilian ist Doctor der Rechte, Doctor der Philosophie, Magister der freien Künste! Er hat Reisen gemacht wie die Söhne reicher Häuser! Er ist ein Mann von Ehre — als ob das Alles nichts kosten würde! Marquis. Es ist merkwürdig, was für ein Interesse Sie an diesem Jünglinge nehmen! Giboyer. Er ist mein einziger Verwandter — und dann — mit dem Alter kommen Einem mancherlei Grillen — die meinige ist: aus Marimilian das zu machen, was ich selbst nicht werden konnte: einen Ehrenmann. Ich gefalle mir in der Rolle eines Misthaufens, dem eine Lilie entsprießt. Am Ende ist dieses Steckenpferd doch mindestens ebenso viel werth als — manches andere, zum Beispiel eine Dosensammlung. Marquis. Das gebe ich zu. Aber warum haben Sie diesen Sohn, den Sie so vergöttern, nicht anerkannt? Giboyer. Welchen Sohn? Marquis (steht aus). Alter Duckmäuser! Ich kenne Ihre Lebensgeschichte so gut wie Sie selbst. Maximilian wurde Ihnen im Jahre 1837 geboren — von einer Zeitungsfalzerin Namens Adele Gerald. Nun — bin ich gut unterrichtet? Giboyer. Ja, mein Präsident. Marquis. Sie haben Mutter und Kind ziemlich leichtfertig im Stiche gelassen bis zum November 1845 — wo das arme Mädchen starb. Giboyer. Woher wissen Sie — ? Marquis. Wir haben auch unsere Polizei, mein Lieber. — Adele Gerard schrieb Ihnen einen verzweiflungsvollen Brief, in welchem Sie Ihnen Maximilian als heiliges Vermächtniß hinterließ; sie eilten an ihr Todtenbett und wollten Ihr Kind durch eine Ehe in srtrernig legiti- miren. Allein die Mutter gab den Geist auf, bevor das Sacrament vollzogen werden konnte. Von diesem Augenblicke an nahmen Sie sich der Waise an, ohne sie jedoch anerkennen zu wollen. Darf ich Sie bitten, mir diese Bizarrerie zu erklären? Giboyer (geht nach rechts). Herr Marquis, ich habe ein Buch geschrieben, dieses Buch ist das Resums all' meiner Erfahrungen, all' meiner Ideen. Ich halte es für gut und wahr, ich bin stolz darauf, es versöhnt mich mit mir selbst! Und dennoch werde ich es nicht unter meinem Namen veröffentlichen, aus Furcht, mein Name könne dem Buche schaden! Marquis. Das ist in der That sehr klug gehandelt. Giboyer. Nun, wenn ich nicht einmal diesemBuche meinen Namen geben will, wie soll ich ihn meinem Sohne geben? Ich freue mich täglich darüber, daß der Tod mir nicht Zeit gelassen hat, ihm diese Galeerenkette anzuhängen. Marquis. Weiß er wenigstens, daß Sie sein Vater sind? Giboyer. Wozu? Wenn er dasGeheim- niß nicht bewahrt, schadet er sich; bewahrter es hingegen, so würde mich das zu tief verwunden. Und warum sollte ich diesen Keim von Schüchternheit oder Schamlosigkeit in seine 15 rcle legen? WaS hätte ich dabei zu gewinnen? Glauben Sie nicht, daß es ihm eines Tages chwerer fallen würde, mir meine Kehler zu ergeben, wenn er über sie erröthen müßte ie über einen erblichen Schandfleck? Marquis. Wissen Sie, mein Lieber, aß Sie. seit wir uns zuletzt gesehen, viel artsühlender geworden sind? Giboyer (trocken). Es wird Ihnen brnso ergehen, wenn Sie Vater sein wer- en. Marquis. O Meister Giboyer, Ihr ergeßt Euch! Giboyer. Ich zahle,—Weiternichts, Herr arquis. Jetzt aber lassen Sie uns zur ache kommen, denn ich vermuthe nicht, aß Sie dieses Verhör nur aus Neugierde ngeüellt haben. Marquis. Was vermuthen Sie denn, venn ich bitten darf? Giboyer. Daß Sie, bevor Sie mir eine icktige Stelle anvertrauen, auch wissen vollen, ob mein Geheimniß eine hinreichende ürgschaft ist. Nun, genügt es Ihnen? Marquis. Ja. Giboyer. So sprechen Sie. Marquis (setzt sich). Wie viel trägt hnen Ihre doppelte Beschäftigung ein? Giboyer. Nchtzehnhundert Francs, — klein diese Summe kann nicht als Basis ür Ihre Anerbietungen gelten. Sie haben ergeffen mich zu fragen, was mich nach ariS führt. Ich kam hieher, um mich mit iner amerikanischen Gesellschaft zu verständigen, die in den Vereinigten Staaten «n großes Journal gründet und mir für die Redaction derselben zwölftausend Francs anbietet. Sie sehen, noch hat mich nicht die ganze Welt vergessen. Marquis. Dafür bin ich selbst ein Beweis. Verstehen Sie denn Englisch? Giboyer. Ich bin ja der Erfinder der Methode Boyerson. Marquis. Und Sie könnten sich entschließen auszuwandern? Giboyer. Gewiß, ausgenommen Sie bieten mir dieselben Vorthetle, in welchem Falle ich Ihnen den Vorzug gebe. Marquis. Sie werden doch ein Opfer bringen, um bei Maximilian bleiben zu können? Liboyer. Das wäre ein Opfer aufseine Kosten; denn wenn ich dort hinüber gehe, so bringe ich ihm nach sechs Jahren dreitausend Francs Renten zurück, das heißt: Die Unabhängigkeit. Marquis. Und wenn wir, ich und meine Freunde, es auf unS nehmen ihn zu poussiren? Ich interessier mich schon lange für ihn und habe ihn als Secretär zu Herrn Marechal gebracht. Giboyer. Das ist etwas! Marquis. O — eS gibt da eine gute, noch conservirte Dame, die sich für die jungen Leute intereffirt und trefflich für sie sorgt. Alle Vorgänger Maximilians haben gute Anstellungen bekommen. Giboyer. Ich danke schön. Die Stelle, die ich Maximilian zugedacht, ist nicht in ihren Reihen, und nur ich kann sie ihm geben. Marquis. Welche Stelle? Was für Reihen? Giboyer. Ist mein Verhör zu Ende, Herr Marquis? Marquis (sieht auf). Gedulden Sie sich ein wenig. — Er wird seinen Namen auf Ihr Buch setzen? Vortrefflich! Auf diese Weise flößen Sie seinem Leben die Quintessenz des Ihrigen ein.—Bravo, Sic vererben ihm damit gleichsam sich selbst, — und üben die Vaterschaft nach Art des Pelikans. Giboyer. Sie gehen von der Sache ab, Marquis; lassen Sie uns zu ihr zurückkehren, wenn ich bitten darf. Hier mein letztes Wort, ich fordere dieselben Bedingungen wie Dsodat. Marquis. Und wer sagt Ihnen — Giboyer. Sie werden mich wohl nicht in Ihre Polizei einreiheu wolle», nicht wahr? Sie besteht aus Größeren, als ich bin. Wozu also kann ich Ihnen dienen außer darin, Ihren Virtuosen zu ersetzen. Sie 16 haben sich gesagt, daß ich kein Mensch bin, der sich von falscher Scham zurückhalten läßt, und Sie haben Recht. Mein Gewissen hat kein Recht dazu, sich zu zieren. Aber wenn Sie glaubten, mich mit einem Stück Brod ködern zu können, so haben Sie sich geirrt. Sie bedürfen meiner mehr, als ich Ihrer! Marquis. O, o, das nenne ich eitel sein! Giboyer. Nein, Herr Marquis. Ich will gerne zugeben, daß Sie einen Ritter von der Feder finden, der es eben so gut wie ich versteht, Jemand mit einem Tintenfaß voll Gift und Galle zu bespritzen, aber das Fatale bei solchen Hilfstruppen besteht darin, daß man ihrer nie sicher ist. Bei mir ist das ein Anderes, mich haben Sie in der Hand. Darum bin ich auch in der Lage Ihnen Bedingungen vorzuschreiben. Marquis. Aus diese verschrobene Ansicht läßt sich nichts erwiedern. Dvodat bekam monatlich tausend Francs, das Comite wollte zwar eine Reduction vornehmen, aber ich werde ihm Ihre Gründe auseinandersetzen. Giboyer. ES wird vielleichterst eine Probe meiner Kunst sehen wollen. Wie wäre es, wenn ich Ihnen bis Abend eine Pastete s 1s, Dsodat bereiten würde? Marquis. Kennen Sie Deodat's Schreibeweise genau? Giboyer. Alle Wetter, ich denke wohl! Soll ich sie Ihnen besinnen? Mit den Freidenkern spielen wiedie Katze mit der Maus, die Philosophie stürzen, mit einem Worte: mit Stock und Schwert um sich hauen, wenn es gilt die Bundeslade zu vertheidi- tigen. Ein Gemisch von weiser Beredsamkeit und dem Dialog des Hanswurst; burlesk in heiligen Dingen, spielt man das »Dies irsv« auf der Kindertrompete Marquis. Bravo! Wenden Sie diese Klauen gegen unsere Feinde und Alles geht gut! — Gagen Sie — halten Sie sich für fähig, eine Rede zu verfassen! Giboyer. Gewiß, — ich besitze auch Beredsamkeit; aber — das gehört nicht hierher. Marquis. Und was für ein Pseudonym werden Sie nehmen? Denn unter Ihrem Namen können Sie uns nicht die nen. Giboyer. Natürlich nicht — es paßt mir auch in jeder Beziehung. Das Kind wird nicht wissen, daß ich es bin; denn ich habe den ganzen Kern des alten Giboyer in sein Glas ausgedrückt — wir wollen zu einem andern übergehen. Ich bin überhaupt dieses armen Tropfes satt, der es nicht dahinbringen konnte, bei all' seinen Ta lenten ein Gelehrter, oder bei seinen Tu genden ein rechtschaffener Mensch zu sein. Wir wollen in eine neue Haut schlüpfen und: Es lebe Herr Boyergi! Marquis. Ihr Anagramm? Vortrefflich! Ich werde Sie morgen Abend Ihren neuen Pächtern vorstellen. (Gibt ihm ei» Bankbillet.) Hier etwas für Ihre ersten Auslagen — wenn ich Sie wiedersehe, will ich Sie nicht erkennen! Giboyer. Verlassen Sie sich auf mich. Ich war zweiter Regisseur im Theater zu Marseille. Marquis. Auf Wiedersehen morgen! (Giboyer ab.) Ah — ist das ein bewegter Tag! Dubois (tritt ein). Das Pferd des Herrn Marquis is gesattelt. Marquis. Schön. (Nimmt seinen Hut und seine Handschuhe.) Ein sonderbarer Kauz! — Er kommt mir vor wie eine Courtisane, die das Heiratsgut ihrer Tochter erwerben will! (Ab.) l7 Zweiter Act. (Ein kleiner Salon bei Herrn Marschal. — Zwei Seitenthürru; im Hintergründe ein Kamin; recht- rin Stickrahmen.) Erste Sceue. Frau Marschal (fitztnndstrickt), Maximilian (fitzt aus einem Tabouret neben ihr und liest ihr vor). Maximilian (li»-t). »Als ich vor Gott allein mich ausgeweint, Wollt' ich auf diese traurigsüßen Plätze Noch einen Blick, bevor ich sterbe, heften, Und habe sie am Abend noch durchwandelt. Ol in wie wenig Jahren —* Fr. Marschal. Ich fürchte, Sie ermüden sich, Herr Maximilian. Maxim. Nein, Madame. Fr. Marschal. Sie denken wohl, daß ich Ihre Geduld ein wenig mißbrauche. Maxim. Ich bin sehr glücklich, daß meine Beschäftigung als Vorleser die Leere in meinen Functionen als Secretär aus- füllt. Ich habe meine zehn Finger nicht benützt, seit ich bei Herrn Marschal bin. Fr. Marschal. Sie lesen wie ein Engel. Maxim. Sie find zu nachsichtig. Fr. Marschal. An der Art wie Sie Verse lesen, fühlt man, daß Sie.ste^lieben — ich, ich schwärme dafür! Sie machen vielleicht selbst welche? Maxim. Ich habe eS gethan und sie waren schlecht genug, um mich nicht wieder in Versuchung zu bringen. Fr. Marschal. Wäre ich ein Mann, ft würde ich Dichter geworden sein — Dichter oder Soldat. Ach, wir Frauen find doch sehr zu beklagen! Thaten find uns untersagt und man erlaubt uns nicht einma Nr. »»1. unseren Träumereien Form und Ausdruck zu geben. Maxim. Die armen Frauen! (Für sich.) Ich wundere mich nur, daß es überhaupt noch welche gibt! (Laut.) Wünschen Sie, daß ich fortfahre? Fr. Marschal. Wenn das Lesen Sic nicht anstrengt — ich werde nie müde, Ihnen znzuhören. Ach, diese Verse sind so 'chön — wahre Musik! Maximilian (lirst). »O, in wie wenig Jahren hatten doch Die Sommer und die Winter uns're Spur Verwischt im Thälchen! In wie wenig Tagen Hat uns die Erde auf den Pfaden, die So wohl gekannt mein Fuß, durchaus vergessen!* Fr. Marschal. Sie waren noch sehr jung, als Sie Ihre Mutter verloren? Maxim.Ich war acht Jahre alt. (Liest.) »Die Vegetation, ein Pflanzenmeer.« Fr. Marschal. Und Sie haben Ihren Vater nie gekannt? Maxim. Nein. (Lie-t.) »Die Vegetation, ein Pflanzenmeer, Hat Alles überdeckt mit Schlingewogen.« Fr. Marschal. Armer junger Mann! Mit acht Jahren allein auf der Welt! Sie müssen vielen Muth bedurft haben. Marim. Durchaus nicht, Madame. Niemanden wurde das Leben leichter gemacht als mir —Dank dem edlen Manne, der sich meiner annahm! Fr. Marschal. Es ist ein Verwandter von Ihnen, glaube ich? Maxim. Cousin zehnten oder zwölften Gliedes — allein seine Wohlthaten haben die Bande der Verwandtschaft so fest gezogen, daß ich ihm noch einen Grad zu wenig gebe, wenn ich ihn Onkel nenne. Er war kinderlos und hat mich so zu sagen adoptirt. Fr. Marschal. O, ich begreife das, ich — die auch keine Kinder hat. Ich war- r glücklich Jemand zu finden, dem ich Mutter sein könnte. i'- Marim. Nun, ich dachte Sie säßen an der Quelle! —"Ihre Stieftochter? Fr. Marsch al. Fernande? Ja — aber — ick möchte einen Sohn. Die Liebe eines Sohnes muß zärtlicher sein. Die arme Fernande! Ich kann ihr nicht zürnen — ihre Kälte gegen mich ist am Ende nur Treue für ein Grab. Mar im. Zch glaubte, sie habe schon in der Wiege ihre Mutter verloren. Fr. Marschal. O nein — sie war drei Jahre alt, und bei uns Frauen sind die Empfindungen so früh reif — Marim. Fräulein Fernande mag die ihrige schon frühzeitig abgenützt haben. Fr. Marschal. Finden Sie Fernande nichtsehr warmfühlend? Marim. Nein — o nein! Fr. Marschal. Ach Gott— sie ist eine kleine Wilde und hat sich selbst erzogen. Ihr Fehler ist vielleicht der Stolz — aber wie könnte das anders sein in ihrer Stellung als reiche Erbin? Marim. Entschuldigen Sie,.Madame, man braucht nicht reich zu sein, um Stolz zu besitzen, und der Stolz ist eine Tugend. Allein, Fräulein Fernande besitzt nicht Stolz — sondern Hochmuth. Fr. Marschal. Haben Sie etwa Ursache zur Klage? Marim. Zur Klage? Nein — denn die Sache ist mir gleichgiltig. Aber, aufrichtig gesagt, Fräulein Fernande entfaltet einen LuruS von Gleichgiltigkeit gegen mich, der ganz überflüssig ist. Ich halte mich an meinem Platze und werde nicht gerne von Jemand aus ihn zurückgewiesen. Sie verschwendet ihre — Kälte. Fr. Marschal. Vielleicht geschieht es in Ihrem Interesse; sic fürchtet vielleicht— Marim. Was? Fr. Marschal. Sie sind jung, sie ist schön — . Marim. Und sie hat Romane gelesen, in denen der arme Secretär sich ln dir Tochter des Barons verliebt? O — sie kann unbesorgt sein, ich laufe keine Gefahr. Zwischen uns liegt ein Strom von Eis. Fr. Marschal. Und dieser Strom ist — ? Marim. Ihre Mitgift! — in die verliebt zu sein sie mich sicherlich beschuldigen würde. Ach, diese jungen, reichen Erbinnen — brrr! — Das Rauschen ihrer Kleider klingt wie das Rauschen von Banknoten und ich lese nichts in ihren schönen Augen als: »DieNachahmungund Verfälschung dieser Noten —* u. s. w. Fr. Marschal. Es freich. mich solche Ideen bei Ihnen zu finden, — ich habe Sie recht beurtheilt. Leider aber sinder man solche Charakterstärke nur mehr bei Menschen, welche die Schule des Unglücks durchgemacht haben. Marim. Aber Sie irren sich, Madame — das Unglück ist der einzige Lehrmeister, der mir, Dank meinem lieben Beschützer, gefehlt hat. Fr. Marscka l. Sie brauchen nicht darüber zu erröthen, daß Sie das Elend kennen gelernt haben, Herr Maximilian, wenigstens nicht vor mir. Marim. Weder vor Ihnen, Madame, noch vor sonst Jemand. Aber wenn ich es auch gekannt habe — so war es in einem Alter, wo man es nicht versteht und — mein Gedächtniß hat mir nichts davon bewahrt. Nur eine unangenehme Erinnerung ist mir aus meiner Kindheit geblieben, die an die Kälte. Uebrigens sah ich, daß alle meine Schulkameraden Frostbeulen hatten, und würde es als Zurücksetzung empfunden haben, hätte ich keine gehabt — (lächelnd) aber ich hatte welche. Fr. Marschal. Es kleidet den Mann wohl, über vergangenes Mißgeschick zu scherzen; die Heiterkeit ist die männlichste Form des Muthes. Marim. (für sich). Sie bleibt dabei, die gute Dame! Fr. Marschal.!Wenn ich einen Sohn hätte, so wünschte ich ihn mir im Gefühle 19 seiner Stärke lächend wie Sie, und würde Sie bitten sein Freund zu sein — oder vielmehr sein Mentor, denn er wäre noch sehr jung. Marim. (für sich). Sie muß spat geheiratet haben! Fr. Marechal. Lieben Sie mich ein wenig, Herr Maximilian — Maxim. Gewiß, Madame — Zweite Scene. Vorige. Fernande (öffnet die Thür und macht Mime sich wieder zurückzuziehen). Fr. Marechal. Komm'nur herein, mein Kind, Du störst uns nicht. Herr Maximilian ist so gütig, mir vorzulesen. — Wenn schöne Verse nichts Abschreckendes für Dich haben, so setze Dich zu Deiner Arbeit und höre. Fernande (legt ihre Stickerei zurecht und setzt sich). Gerne. Maxim, (für sich, mit einem Blick auf Krau Marechal). Wie sie mich ansieht! — Sollte sie etwa — Ah pfui! Fr. Marechal (geht zu Fernande). Diese Stickerei ist sehr hübsch — verliere sie nur nicht wie die letzte. Fernande (arbeitet). 3ch werde sie wohl wiederfinden. Fr. Marechal. 3a — wenn sie kein Mensch mehr braucht, nicht wahr? Fernande. Wahrscheinlich. Fr. Marechal. 3ch lasse eS mir nicht nehmen, Du hast nur vorgegeben sie verloren zu haben, um sie nicht Frau Matheus zeigen zu müssen. Fernande. Warum sollte ich sie nicht zeigen wollen? Fr. Marechal. Wahrscheinlich weil drei Fehler darin waren. Fernande. WaS haben Sie gelesen? Fr. Marechal. »3ocelyu.* Wollen Sie sortfahren, Herr Maximilian? Maxim, (für sich). Sie hat eine eigene Manier die Leute anzusehenl (Lieft.) »Hat Alles überdeckt mit Schlinggewogen, Lian nnd Brombeer' hemmten jeden Schritt; Nicht kannte mich das Kraut, das ich zertrat. Der See, mit dürrem Laube schon beschmutzt, Wars'S ringsum aus mit feinem Wellenschlag. Nichts wiederschien —* Fr. Marvchal (zu Fernande). Was suchst Du denn? 3ch kann nicht zuhören, wenn nicht Alles um mich her ruhig ist. Fernande. 3ch finde meine blaue Wolle nicht. Fr. Marvchal. Du verlierst auch Alles!. Maxim, (strht auf). Wollen Sie mir erlauben, mein Fräulein — Fernande (trocken). Bemühen Sie sich nicht, mein Herr — ich habe sie schon! Maxim, (hebt die Wolle aus, für sich). Und ich auch — das ist doch sonderbar. (Legt den Knäuel aus den Kamin.) Der kleine Naseweis! Dritte Scene. Vorige. Maröchal (ein Manuskript in der Hand). Marvchal. Ah — ich suchte Sie eben, Herr Gürard.—Guten Morgen, Fernande. (Sie reicht ihm, ohne auszuflrhen, die Stirne hin, er gibt ihr einen Kuß.) Hier bringe ich 3hnen Arbeit, mein junger Freund. Maxim. Um so besser, mein Herr. 3ch habe mich schon über meine Unthätigkeit beklagt. Marvchal. Don jetzt an wird es 3hnen daran nicht mehr fehlen. Fernande. Was geht denn vor? 20 Marvchal. WaS vorgeht? — HastDu nicht bemerkt, !was für eine gedankenvolle Miene ich seit drei Lagen habe? Fernande. Nein. Marvchal. Das wrmdert mich ich glaubte eine sehr gedankenvolle Miene zu haben — und es müßte wohl auch so sein. Ich habe eine Rede geschrieben — sie wird Effect machen — wie ein Posauneuschlag! Fernande (sicht auf und geht zu ihrem Vater). Eine Rede? Du wirst eine Rede halten? Maräckal. Ich muß. Fernande. Ach Papa— Reden ist Silber, aber Schweigen ist Gold. Marvchal. Es gibt Verhältnisse, meine Tochter, es gibt Stellungen, wo das Schweigen zum Fehler um nicht zu sagen zur Sünde wird. — Nicht wahr, Aglav? Fr. Marvchal. Gewiß ; Dein Vater ist seiner Partei, seinen vornehmen Freunden und— ich darf es sagen — auch seiner Verbindung mit einer Dertpilliöre, eine Probe seiner Fähigkeiten schuldig. Fernande. Ah Madame — Sietrieben ihn dazu an? ' Fr. Marächal. Freut es Dich nicht, Deinen Vater aus seinem Dunkel hervortreten zu sehen? Fernande. Meine Eitelkeit fühlte sich durch sein ruhig friedliches Leben nicht verletzt — sein rühmloser Name hat mir stets genügt, mir, die ihn liebt. (Zu Marechal.) Was ficht Dich an? Ich werde an dem Tage, wo Du diese verwünschte Tribüne besteigst, keine ruhige Minute haben. Marvchal. Nicht der Ehrgeiz ist es, der mich antreibt, meine Tochter, sondern die Pflicht! Versuche nicht meinen Entschluß wankend zu machen, es wäre vergebens. Die Ehre ruft — und ihrer Stimme muß ich folgen. (Hrruaude kehrt zu ihrer Stickerei zurück.) Mein lieber G^rard, Sie werden mir das Vergnügen machen, mein Gekritzel, so schön Sie eS nur können, zu copiren — ich könnte die Geschickte sonst selbst nickt lesen. Fernande. Ah — Du wirst lesen? Marim. Ich mache mich gleich an die Arbeit. Marächal. Gehen Sie es erst ein bischen durch, um zu sehen, ob Sie meine Schrift enträthseln können. (Zu Fernande.) Ja, ich werde lesen, das ist doch weniger gewagt, nicht wahr, kleine Ungläubige? Meine erste Rede werde ich lesen — was die zweite betrifft — da wollen wir erst sehen. (Gibt ihr einen sanften Schlag auf die Wange.) Wir halten unfern Papa also für einen Dummkopf? Hm? (Fernande küßt ihm die Hand- Maximilian'setzt sich in eine Ecke und fleht daS Manuskript durch ) Ein Diener (meldet) Frau Baronin PsefferS. Vierte Scene. Vorige. Baronin (hat eine zusammengk- rollte Stickerei in ihrem Muff). i Fr. Marvchal. Ah, Baronin — Baronin. Obwohl heute nicht Ihr Em- ! pfangstag ist, Madame, so wollte ich dock j nicht an Ihrer Thür vorübergehen, ohne S Sie gesehen zu haben, trotzdem ich darauf rechne, Sie morgen Abend bei mir zu sehen. Maröchal. Wir werden dieses Vergnügen um keinen Preis versäumen. Baronin. Wie geht es Ihnen, Herr Redner? Marvchal. Ich bin zum Kampf gerüstet, Frau Baronin. Baronin. Das heißt: zum Triumph. Ich wollte auch Sie um eine kleine Gefälligkeit ersuchen, Frau Maröchal. Fr. Marvchal. Ich bedauere, daß es nur eine kleine ist. Baronin. Wir gehören Beide dem Un- terstützungsvercin für die kleinen Chinesen an — meine Karten find bereits alle vergriffen — können Sie mir vielleicht noch ein Dutzend von den Ihrigen nblaffen? 21 Marsch« l. Um die meiner Frau ist die Nachfrage nicht so groß wie um die Ihrigen, liebe Baronin. Fr. Marschal (für stch>DerUngeschliffene! (Laut) 3ch will Nachsehen, wie viel man mir nbriggelaffen hat. Baronin. Warum wollen Sie sich jetzt bemühen— Sie können sie ja zu mir schicken. Fr. Marschal. Nein, ich will sie Ihnen lieber gleich jetzt geben, das ist sicherer, — man könnte sie mir nehmen — Marschal (leise zu ihr). Du Haft sie ja noch alle. Fr. Marschal (leise zu Marschal). Du begehst eine Ungeschicklichkeit um die andere. (Ab.) . Baronin (nähert sich Fernande'- Stickrahmen). Gehören Sie auch der Gesellschaft des Tabernakels an, Fräulein? Fernande. Nein, Frau Baronin. Baronin. Wie — diese Stickerei ist nicht ein Feld für den Teppich der Gläubigen? Fernand e.'Mein Gott, man kann daraus machen, was man will. Baronin. Sie hat gerade das vorgeschriebene Maß — sehen Sie selbst. (Zeigt die Stickerei, die fie in ihrem Muffe trägt ) Fernande (für sich). Oh! Marschal (zur Baronin). DaS haben Sic gearbeitet? O — wie reizend! Fernande. Ja, die Stickerei ist hübsch, fie hat Sie gewiß auch viel gekostet — an Zeit und Mühe, nicht wahr? Baronin (sich zierend). Ach nein — Fr. Marschal (kommt zurück). Ich habe nur mehr neun Karten, hier find sie. Marschal (zeigt ihr die Stickerei der Baronin). Sieh' Dir daS an — Fr. Marsch al (zu Fernande). Ah — Du hast die Stickerei also gefunden? Marschal. Wie sagst Du? Fr. Marsch al. Es ist Fernande's Stickerei, welche fie verloren glaubte. Marschal. Du träumst, meine Liebe. Fr. Marschal. Die Arbeit ist leicht zu erkennen — hier sind die drei Fehler. Nicht wahr, Fernande? Fernande. Es ist allerdings so. Baronin (für sich). O! Marim. (für sich). O! Marschal (für sich). Teufel, wie ist das möglich? Baronin (Fernande mit dem Finger drohend). O boshaftes Kind, Sie haben Ihre Arbeit erkannt und meiner nur gespottet, als Sie mich frugen ob sie mich viel Zeit gekostet habe! l Fernande. Ich wollte Ihnen nur das Geständniß abnöthigen. Frau Baronin, daß Ihre guten Werke Ihnen nicht Zeit übrig lassen, um zu sticken. Marächal(für sich). DasKind hatGeist, wenn's darauf ankömmt! Fr. Marschal. Aber erklären Sie mir doch- .l !- Baronin., Gibt es. in unseren Kreisen noch eine Dame, die ihre Stickereien selbst verfertigt und sich nu mit ihren eigenen Haaren frisirt? Solch' kleine Betrügereien sind allgemein und eingebürgert; fällt uns auch in Gegenwart unserer Freunde eine falsche Locke vom Kopf, so knüpfen wir sie lachend wieder aus — (rollt die Stickerei zusammen) so wie ich es jetzt thue! Marschal (für sich). Man kann nicht anmuthiger sein! Baronin. WaS mich bei der ganzen Sache wundert, ist nicht, daß die Stickerei nicht meine Arbeit ist, da ich Sie gekauft habe, sondern daß es die Ihrige ist, Fräulein. Marschal. In der That — wieso wurde fie Ihnen zum Kauf angeboten? Fr. Marsch al (zu Fernande). Ich habe nie an die Ehrlichkeit deines Kammermädchens glauben wollen — Fernande. Die arme Jeannette — sie ist unschuldig. Fr. Marschal. ES geschieht nicht zum ersten Male, daß deine kleinen Arbeiten 22 verloren gehen; es ist leicht möglich, daß Jeannette damit Handel treibt. Baronin. Dann ist die arme Alte, der wir diese Stickereien abkaufen, eine Hehlerin! Ja, solchen Täuschungen ist die Mild- thätigkeit stets ausgesetzt! Marsch« l (zu Fernande). Die Sache ist sehr ernst — lasse Jeannette kommen, wir wollen ste in's Verhör nehmen. Fernande. Nein, mein Vater; ich werde Dir das große Gcheimniß später erklären. Fr. Mar schal. Warum nicht gleich? Marschal. Lasse Jeannette kommen! Fernande (rrröthrnd). Nun, da man mich zum Sprechen zwingt: ich bin eS, welche der alten Hardouin diese Kleinigkeiten schenkt! Mar im. (für sich). Sieh' doch! Fr. Marschal. Deswegen hast Du doch nicht nöthig so roth zu werden! Baronin. Warum zwingt man sie aber auch, uns ihre edle Seele zu enthüllen ? Fernande. Solche Dinge find lächer- lich, wenn sie nicht im Geheimen geschehen. Fr. Marschal. Du fassest Alles zu romantisch auf! ^ Marschal. Hast Du nicht Geld genug. um Almosen auSzutheilen? Fernande (ungeduldig und mit Thränen in den Augm). Nicht jeder Arme nimmt ein Almosen an! Diese alte Frau ist stolz und daran gewöhnt, von ihrer Hände. Arbeit zu leben. — Jetzt nimmt ihr Gesicht ab — und ich komme ihren kranken Augen zu Hilfe — das ist Alles! Marschal. Beruhige Dich, meine Tochter, das Unglück ist nicht so groß! Marim. (halblaut). Ich denke wohl! Marschal. Was beliebt? Marim. Ich lese diese Schrift ganz gut und will sogleich an die Arbeit gehen. (Ab.) Baronin. Ist das Ihr Secretär? Er hat etwas sehr Distinguirtes. Leben Sie wohl, liebe Frau Marschal, ich bedauere sehr, Fräulein Fernande diesen kleinen Verdruß bereitet zu haben. Jetzt will ich meine Zwietrachtsfackel (zeigt auf die Stickerei) dem heiligen Thomas von Aquin bringen — aber seien Sie unbesorgt, mein Fräulein, ich werde ihm Ihre Mitarbeiterschaft nicht verrathen! . Diener (meldet). Graf von Outreville! Fünfte Scene. Baronin (aus daS Kammgefimse gestützt)' Frau Marschal, Marschal, Fernande, der Graf. Marschal. Guten Tag, Herr Graf. Graf (ohne dir Baronin zu sehen). Wie befinden sich die Damen? Ihr Aussehen ist hinreichende Antwort. Mein Cousin gab mir hier Rendezvous — Marschal. So — Condorier? Graf. Allein meine Ungeduld ließ mich zu früh hiehercilen. Fr. Marschal. Sie sind zu liebenswürdig, Herr Graf! Baronin. Leben Sie wohl, Frau Ma- rvchal! Graf. O — entschuldigen Sie, Frau Baronin — ich hatte Sie nicht gesehen. Baronin. Ich glaubte, Sie haben mich nicht erkannt. Graf (nähert sich ihr). Wie können Sie glauben, daß, wenn man Sie einmal gesehen hat — Baronin. Ich muß cS um so eher glauben, als Ihr Platz in der Capelle St. Thomas von Aquin ganz in meiner Nähe ist, und Sie mich nicht gegrüßt haben. Graf. Wenn ich gewußt hätte, daß ich die Ehre habe, von Ihnen erkannt zu werden — Baronin. O — die Ehren, die ich Ihnen bezeigen kann, rühren Sie wenig. Ich habe Sie eingeladen mich zu besuchen und — Sie sind nicht gekommen. Flöße ich Ihnen denn Furcht ein? Graf. O nein! Baronin. Nun .— so trachten Sie sich Pardon zu erwirken. Diener (meldet) Herr Marquis von Auberive! Sechste Scene. Vorige. Marquis. Baronin (zum Marquis). Jetzt ergreife ich die Flucht — ich müßte Ihnen zu viel Vorwürfe macken, Marquis. Marquis. Worüber, schöne Frau? Baronin. Ihr Cousin soll es Ihnen sagen. Also auf Wiedersehen morgen, liebe Frau Mareckal — und auch Sie, schönes Fräulein, nicht wahr? (Ab.) Graf (für fichl. Sie hat mich erkannt! Marschal. O diese Baronin! Sie ist voll Anmuth, voll Liebenswürdigkeit und überall zu Hause. Fernande. Ja wobl — es schien beinahe, als wären wir hier zu Besuch. Marquis. Was ich vor Allem an ihr bewundere, ist ihr feiner Tact. Sie errieth, daß ich von wichtigen Dingen mit Ihnen zu sprechen habe und räumte mir das Feld. Sehen Sie doch nack, meine liebe Fernande, ob sie wirklich fort ist! Fernande. Aber — bringen Sie uns die Antwort nickt zurück — nicht wahr? Marquis. Es ist wirklich überflüssig. (Fernande ab.) Siebente Scene. Frau Marechal, Marechal, Marquis, Graf. Fr. Marechal. Bin ich vielleicht auch überflüssig? Marquis. Im Gegentheil — Sie sollen mir helfen meine Sache zu gewinnen. Aber — wir wollen uns setzen. (Alle setzen sich.) Frau Marechal — Sie haben die Abneigung nie getheilt, welche Freund Mare- chal gegen eine Verbindung seiner Tochter mit einem Edelmanne hegt. Fr. Mare chal. Weil ich nicht dieselben Gründe habe eine Allianz mit der Aristokratie zu fürchten, wie er; ich trete damit nicht aus meiner Sphäre heraus, sondern trete in dieselbe ein. Marechal. Ach, ich bitte Sie, mein Lieber — diese Abneigung, von der Sie sprechen, war eigentlich keine Abneigung, sondern vielmehr — wie soll ich es nur nennen? -— eine vielleicht zu weit getriebene Bescheidenheit. Marquis. Vor acht Tagen würde ich diese Empfindung noch begreiflich gefunden haben — heute aber gibt es keinen Edelmann mehr, Pen eine Verbindung mit Ihrem Hause nicht ehren würde. Zum Beweise bin ich hier um die Hand Ihrer Tochter zu bitten für den hier anwesenden Grafen von Outreville — den einzigen Erben meines Namens und meiner Güter. Marechal. Wie — ist es möglich? Wie, Herr Marquis — Sie konnten einwilligen, daß — ' Fr. Marechal (leise zu ihrem Gatten). Vergessen Sie doch Würde und Anstand nicht! (Laut.) Ihr Antrag, Herr Marquis, ehrt uns sehr — aber wir müssen vor Allem das Herz unserer thcnren Fernande zu Rathe ziehen. Marechal. Ach ja — das ist wahr! Marquis. Das ist natürlich, Frau Marechal — allein könnte dieß nicht gleich geschehen? Erscheint es Ihnen unangemessen, wenn mein Cousin dem Fräulein sein Anliegen selbst vorbringt? Marächal. Durchaus nicht, Marquis, — nicht im geringsten! Fr. Mar 6 chal (leise). .Du wirfst Dich ihnen ja an den Kops! Marquis. Und Sie, Frau Marechal? Fr. Marechal. Ich finde dieß Vorgehen ganz gegen die Regel — 24 Marquis. Das fühle ich selbst — aber kann die Etikette nicht ein wenig Nachsicht haben mit der Ungeduld dieses jungen Manne- ? (Krise zum Grasen.) So sprechen Sie doch! Graf (kalt). Ich beschwöre Sie, Frau Marvchal — Fr. Marvchal. Da Alle- mich bestürmt — Marvchal. Nun — schicke uns Fernande! (Leise zu ihr.) Und — bereite sie ein wenig vor. Fr. Marvchal. Ich wiederhole es: All' dieß ist ein wenig überstürzt — doch was will ich thun — ich füge mich der Ucbermacht. (Ab.) Achte Scene. Marvchal, Marquis, Graf. Marvchal. Jetzt, wo meine Frau nicht mehr da ist, jetzt kann ich Ihnen ohne Umstände sagen, mein lieber Marquis, wie stolz und glücklich diese Verbindung mich macht. Graf. Nur ich, mein Herr, habe Ursache, mir Glück zu wünschen. Marvchal. Ich habe meiner Tochter nur achtmalhundertkausend Francs mitgeben wollen — jetzt aber mache ich die Million voll. Graf. Bitte, Herr Marvchal, lassen Sie uns nicht von diesen prosaischen Dingen sprechen. Marquis. Im Gcgentheil, wir wollen davon sprechen. Mein Cousin hat im Augenblick nur zehntausend Francs Renten, aber ich — ich habe sechzigtausend, die ich ihm vermachen werde — so spät als möglich. Marvchal. Alle Wetter, ich kann ihm auch noch hundert anbieten — an dem Tage, wo ich begraben werde. Marquis. Meine — Ihre Enkel will ich sagen — können ein gemächliche- Leben führen. Marvchal. Warum verbessern Sie sich, mein lieber Eondorivre? Sagen Sie unsere ' Enkel! Werden Sie nicht Ihren Namen I tragen? Ja, Marquis — jetzt sind wir ^ Verwandte — wenigstens durch die Frauen. > Marquis (mit Bezug). Wir waren es I chon — durch unsere Meinungen. I Marvchal. Aber was geschieht denn — ^ ich möchte wetten, Frau Marvchal läßt uns nur des »Anstandes* wegen warten. Marquis. Holen Sie die Damen, wir werden Sie hier erwarten. Marvchal. Ich eile. (Sicht von der Thüre aus den Grafen zurück.) Wie schön er ist! Neunte Scene. Marquis, Graf. Marquis. Was soll das, mein Lieber? Sie gehen zum Altar wie ein Hund, den man dazu peitscht. Ich will gewiß nicht i Ihr Unglück — wenn Ihre Zukünftige Ihnen mißfällt, so sagen Sie es. Graf. Sie mißfällt mir nicht, aber — Marquis. Sprechen Sie, sprechen Sie — geniren Sie sich nicht. Ich bin wahr- Uch nicht in Verlegenheit einen Erben zu finden. Vno aviilso, von ävttoit s.Itvr — um in Ihrer Sprache zu sprechen. Ich werde nach einem andern Zweige unserer Familie greifen — nach den ValtraverS. Ich bin zwar böse mit ihnen, aber eine Versöhnung wird leicht zu bewerkstelligen ^ sein. Xrsuv, parlrlvu! Graf. Um's Himmels willen, Cousin, erzürnen Sie sich nicht. Marquis. Ich erzürne mich nicht — ich bemühe mich Sie zu beruhigen. ES ist doch klar, daß diese Heirat Sie nicht sehr enthusiaSmirt. Graf. O doch, Herr Marquis — sie enthusiaSmirt mich. Marquis. Ah — Fernande ist Ihnen nicht schön genug. Wohlan, trachten Sie eine Schönere zu finden. Graf. Wenn ich aber das Unglück haben sollte, ihr zu mißfallen — trotz meines guten Willens? Marquis. Das thäte mir Ihretwegen sehr leid, Cousin, aber — ich würde mir meine DaltraverS verschreiben. Ich habe Sie gewarnt. Graf. Mein Gott, welche Situation! (Fernande erscheint an der Thür links.) Marquis Me). Da ist sie — ich lasse Euch allein. Graf Me). 3ch weiß nicht, wie ich die Sache einleiten soll. Marquis (leise). Das ist auch sehr schwierig! Mein Fraulein, ich habe die Einwilligung Ihrer Aeltern, aber mir ist vor Allem um die Ihrige zu thun. (Zu Fernande.) Sie glaubten Ihre Stiefmutter hier zu finden, mein Kind, aber sie hat uns verlassen — wie auch Ihr Vater, und ich gehe, mich zu erkundigen, was sie dazu veranlaßt hat. (Ab.) Zehnte Scene. Graf. Fernande. Graf, (für sich). Der Kopf ist recht hübsch — aber welcher Unterschied gegen die himmlische Pfeffers. Und doch — wenn Sie mich abweist, bin ich verloren. (Laut.) Hat man Ihnen gesagt, meine Freundin, in welcher Absicht — Fernande. 3a, mein Herr. Graf. Ich habe die Einwilligung 3hrer Aeltern — aber mir ist vor Allem um die 3hrige zu thun. Dieß ist ein Gefühl, das Sie wohl nicht mißbilligen können. Fernande. Es ist eben so zartsinnig, als klug, denn ich gehöre nicht zu Jenen, die man verheiratet, ohne sie zu Rathe zu ziehen. Wir kennen uns gegenseitig nicht, mein Herr: wollen Sie, daß wir, um die Bekanntschaft einzuleiten — uns mit voller Aufrichtigkeit aussprechen? Graf. Sehr gerne, mein Fräulein; die Aufrichtigkeit ist meine größte Tugend. Fernande. Um so besser. Es ist die Eigenschaft, die ich über Alles schätze. Also, warum wollen Sie mich heiraten? Graf. Weil ich Sie nicht sehen konnte, ohne — Fernande. O— Sie vergessen unfern Vertrag. Wir haben uns dreimal gesehen — drei Worte mit einander gewechselt, und ich bin ni?ht eitel genug, zu glauben, daß dieß hinreichend war, 3hnen den Kopf zu verdrehen. Graf. Sie find ungerecht gegen sich selbst. Fernande. Wie schwer fällt es doch einem Manne, aufrichtig zu sein! Zu 3hrcr Beruhigung will ich hinzufügen, daß, wenn Sie mich aus Liebe heiraten würden, ich es als meine Pflicht ansähe 3hre Hand auszuschlagen — da eine solche — Ungleichheit unserer Gefühle Sie unglücklich machen müßte, wenn Sie nur ein wenig Zartgefühl besitzen. Graf. Dann — wenn ich aber auch nicht das fühle, was in der Sprache der Welt »Liebe* genannt wird, so hege ich doch alle jene Empfindungen, die der Gatte der Gattin schuldig ist. Fernande. Vortrefflich! Aber — solche Empfindungen vermögen es nicht einen Edelmann zu einer Mesalliance zu verleiten — folglich haben Sie einen anderen Beweggrund. 3ch zweifle nicht daran, daß es ein höchst ehrenvoller ist, warum aber zögern Sie, mir denselben zu nennen? Graf. 3ch zögere nicht. 3ch heirate Sie aus Rücksicht für die Wünsche meines Cousins, eine Rücksicht, welcher nachzukommen mich glücklich macht — Fernande. 3ch hatte es errathen können! Da er sich dieser Mesalliance nicht widersetzt, muß er sie — befohlen haben. Graf. Er liebt Sie so sehr, mein Fräulein — Fernande. Er steht allein auf der Welt — ich bin seine Mündel und so hängt sein Herz sich an dieses Band, so schwach es auch ist. Gehen Sie, Herr Graf, und sagen Sie ihm, daß seine Wünsche erfüllt werden sollen. Graf. Meine Dankbarkeit — Fernande. Sie schulden nur keine — mein Herr; ich nehme einen ehrenvollen Namen, der mir ehrenvoll angetragen wird, und verspreche Ihnen, Herr Graf, mich seiner würdig zu zeigen. Graf. Und ich meinerseits verspreche Ihnen, daß ich trotz — Aber Sie haben Recht, ich eile meinem Cousin diese beglückende Nachricht mitzntheilen. (Ab.) Fernande (nach einer kleinen Pause) Im Grunde genommen, bleibt es sich gleich, — er oder ein Anderer. Die Hauptsache ist — aus diesem Hause hinauszukommen. O, mein armer Vater! Eilste Scene. Fernande. Maximilian. Marim. (das Manuskript in der Hand). Entschuldigen Sie, mein Fräulein, — ich glaubte Ihren Vater hier zu finden. Fernande (geht zu ihrem Stickrahmen). Ich glaube, er ist im großen Salon, — aber ich zweifle, daß Sie ihn jetzt sprechen können, er ist beschäftiget. Marim. (für sich). 3n Gottes Namen, ich werde für dieses eine Wort Raum lassen. Sonderbares Mädchen! (Legt das Manuskript auf dm Kamin, nimmt drn Knäuel Wolle und nähert sich Fernande.) Hier ist Ihre blaue Wolle, mein Fräulein. Was habe ich Ihnen gethan? Warum behandeln Sie mich so hart? — So lange ich Sie für eine gewöhnliche Salonpuppe halten durste, glaubte ich mich weit erhaben über Ihre Geringschätzung und beachtete sie nicht. Aber diejenige, die der alten Hardouin ihre Augen leiht, verachtet keinen Menschen, weil er arm ist, und ich frage Sie nun offen, wodurch ich mir Ihre Achtung verscherzt habe? Fernande (ohne von ihrer Arbeit; aufzu- seheu.) Ich bedaure, mein Herr, daß meiue Art zu sein Sic verletzt; sie ist Ihnen gegenüber dieselbe wie gegen alle Ihre Vorgänger, und — sie hat ihrer Carnöre nicht geschadet. Marim. Ist das Ihre ganze Antwort? Fernande. Ja. Marim. In der That, mein Fräulein, Sie könnten mich nicht anders behandeln, wenn ich der niedrigste der Menschen wäre. Fernande (steht auf). Adieu, mein Herr. Marim. (zwischen fle und die Ahür tretend). Nein, mein Fräulein, nein. — Sie werden mich nicht so verlassen! Aus Ihren Blicken spricht unendliche Verachtung! Die Erklärung, um die ich Sie vorhin gebeten habe — ich fordere sie jetzt. Fernande (hochmüthig). Sie wissen wohl, daß ich sie Ihnen nicht geben kann. Marim. Ich schwöre Ihnen, daß ick nichts weiß, nichts verstehe — außer daß man meine Ehre antastet. Antworten Sie mir — ich beschwöre Sie! Wer hat mich verleumdet? Wessen beschuldigt man mich? Fernande. Lassen Sie uns abbrechen, mein Herr, ich bitte Sie. Marim. O mein Fräulein — Ihr Herz ist gut — Sic schenken den Armen nicht Geld, sondern Mitgefühl, — haben Sie Mitleid mit meiner Seelenqual! ES handelt sich um meine Ehre — um mein thenerstes Gut! Fernande. Waö erwarten Sie von dieser Komödie? Wollen Sie mich zwingen das zu sagen, was nur zu wissen mich errothen machen muß? Lassen Sie mich! Marim. Aber — jedes Wort, das Sie sprechen, ist ein Dolchstoß! Ich beschwöre Sie auf den Knien — Fernande. Sparen Sie das für — Marim. Für wen? 27 Fernande. Für Ihre Carrivre! (Geht an ihm vorüber zur Thür.) Marim. Ah! — Jetzt verstehe ick! — (Fernande bleibt an der Thür stehen.) Meine Vorgänger waren erbärmliche Gesellen — und Sie beurtheilen mich nach ihnen! Aber — ich will mich nicht rechtfertigen — Sie haben mehr Ursache über diesen Verdacht zu erröthen als ich. Gehen Sie — ich bedauere Sie — ja, ich bedauere Sie mehr, als Sie mich beschuldigen. Armes junges Mädchen, das die heilige Unkenntniß des Dösen verloren hat! Zwölfte Scene. Vorige. Marvchal, Marquis. Marvchal. Nun, Herr Gerard — nennen Sic das arbeiten? Maxim. Ich bat das Fräulein Ihnen eine Bitte mitzutheilen, die mir schwer fällt: die um meine Entlassung. Maröchal. Wir? Was? Ihre Entlassung? DaS duld' ich nicht — ich nehme fie nicht an! — Seht doch! Sie verlassen mich gerade jetzt in dem Augenblicke, wo ich Ihrer am meisten bedarf? Marquis. Das geht nicht, mein Lieber. Maxim. Ich habe mich vielleicht schlecht ausgedrückt, mein Herr. Ich bin nicht der Mensch, der Ihre Güte dadurch vergelten will, daß er Sie in Verlegenheit bringt. Ich wollte Sie nur bitten, meinen Nachfolger für mich zu wählen — und werde bleiben, bis Sie diesen gefunden haben. Marvchal. Das ist mir sehr fatal! Ich hatte mich schon an Sie gewöhnt. Ich kann die neuen Gesichter nicht leiden! Marquis. Was für eine Grille fährt Ihnen durch dm Kopf? Marvchal. Bietet sich Ihnen eine bessere Stellung? Maxim. Nein, mein Herr — ich vereise Ihre Dienste nur, um in meine eigenen! zu treten. Ich bin gewohnt, von meiner Ar-j beit abhängig zu sein, aber von nichts sonst. Marvchal. Von Ihrer Arbeit! — Haben Sie mir nicht gesagt, daß Sie, bevor Sie in mein HauS kamen, eine Buchhändlerarbeit gemacht haben, den Bogen zu dreißig Francs? Noch dazu in kleiner Schrift! — Maxim. Ja wohl, in kleiner Schrift. Marvchal. Und Sie wollen zu dieser Hungerleider-Beschäftigung zurückkehren? Fernande (für sich). Ich habe ihn um sein Brot gebracht! Marvchal. Das ist absurd! Maxim. Denken Sie an die Fabel vom »Wolf und dem Hunde*. Marvchal. Behandelt man Sie hier etwa wie einen Hund? Läßt man es an Aufmerksamkeit fehlen? Maxim. Im Gegentheil, mein Herr. Aber — mein Charakter ist so eigenthüm- lich, daß jede Bemühung, mich meine untergeordnete Stellung vergessen zu machen, fie mir nur noch lebhafter in'S Gedächtniß zurückruft. Ich weiß, daß dieß sowohl lächerlich als ungerecht ist. Ich klage auch Niemand an, als mich selbst, aber ich leide und — gehe. (Fernande geht liott ab.) Marquis (für sich). Dahinter steckt etwa-! Maröchal. Sie find sehr stolz! Was soll ich Ihnen sagen, ich kann Sie nicht zwingen, bei mir zu bleiben. Marquis (leise zu Marvchal). Lassen Sie mich mit ihm sprechen! Marvchal. Thun Sie es. («echt» ab.) Dreizehnte Scene. Marquis, Maximilian. Marquis. Sagen Sie mir, mein Lieber, waS geht hier vor? Maxim. Sie hätten mir sagen sollen, Herr Marquis, daß ich hieher kam, um Frau Marvchal's Spielzeug zu sein, Marquis. Ah — daS ist die wunde Stelle? Sie haben der guten Frau in's Auge gestochen? Beruhigen Sie sich: sie wird Sie nicht in die Nothwendigkeit verhetzen, ihr Ihren Mantel zurückzulassen. Frau Marvchal ist romantisch — aber platonisch. Sie verlangt gar nicht, daß Ihr Held sich an dem Roman betheilige. — Sie redet sich ein, geliebt zu werden, kämpft einen schweren Kampf mit sich selbst und besiegt die eingebildete Gefahr endlich, indem sie ihren Verführer in irgend eine gute Anstellung erilirt. Sie sehen also — Sie können bleiben. Maxim. Herr Marquis, dieß sind Milderungsgründe für Frau Marvchal, nicht aber für die Unglücklichen, die die Thor- heiten dieser Frau ausbeuten. Wenn ich mit einem meiner Vorgänger zusammenträfe, so würde ich den Hut nicht vor ihm abzie- hen — auch nicht nach dieser Erklärung. Marquis. Sie find stolz. Maxim. Können Sie mich darob tadeln? Marquis. Gewiß nicht! Maxim. Indem ich cinwillige, noch einige Tage in dieser unerträglichen Situation auszuharren, glaube ich meinen Rücksichten gegen Herrn Marvchal und gegen Sie, Herr Marquis, Genüge zu thun; fordern Sie nicht mehr von mir! Marquis. Darauf läßt sich nichts erwidern. -Maxim. Ich kehre in die Bibliothek zurück, die ich nicht mehr verlassen werde, bis mein Nachfolger kommt. (Ab.) Marquis. Dieser kleine Bastard verdiente ein Edelmann zu sein! (Ab.) Dritter Act. (Marschaus Bibliothek- Mittelthür. Link» vom Zuseher rin Schreibtisch, mit der Rückwand gegen das Publicum. Zn Mitte der Bühne, ein wenig nach rechts, ein Fauteuil und ein Tisch.) Erste Scene. Marvchal (allein). Marvchal (steht in der Mitte hinter dem Fauteuil, wie aus der Tribüne. Auf dem Tische neben ihm steht ein Glas Wasser, er trinkt). »Und, meine Herren, glauben Sie mir, die einzige solide Grundlage der Politik, so wie der Moral ist: der Glaube! Was mau die Völker lehren soll, sind nicht die Gesetze der Menschen, sondem die Gesetze Gottes; denn gefahrvolle Wahrheiten sind keine Wahrheiten mehr! Die göttliche Institution der Autorität ist das Alpha und Omega des ersten Unterrichtes!« (Geht mit dem Manuscriptin der Hand vor ) So — in dem ersten Theile meiner Rede bin ich fest. Das war nicht so leicht — mein Gedächtniß ist verteufelt zähe. Kein Wunder: Ein gutes Gedächtniß ist eine Eigenschaft der Subalternen. — So werde ich also wirklich sprechen! Meine Rede ist vortrefflich. Ich möchte doch gerne wissen, wer der Verfasser ist, um die zweite auch bei ihm zu bestellen. Ich weiß nicht, ob sie auf die Kammer dieselbe Wirkung machen wird, wie auf mich, mir aber erscheint sie unwiderlegbar — sie hat mich in meinen Ucbcrzeugungen bestärkt und meine Seele erhoben! — Ach, cs ist doch eine schöne Sache um die Beredsamkeit! Ich bin zum Redner geboren; denn ich habe das, was sich nicht erwerben läßt: daS Organ und die Geberden! — Das Uebrige — nun, das Uebrige (mit einem Blick auf sein Manuskript) daS läßt sich erwerben! — Doch Herr Görard wird mit 29 seinem Frühstück gar' nickt fertig. Ich möchte schon gerne die Fortsetzung meiner Rede haben — es bleibt mir nicht viel Zeit sie bis morgen zu lernen. Wenn er aus Stolz nicht mehr an meinem Tische essen will, so soll er es in Gottes Namen -leiben lassen, aber er soll mir nicht täglich nach Tische eine Stunde stehlen; meine Zeit ist kostbar! — Sein großes Unabhängigkeitsgelüste ist weiter nichts als das Bedürfniß, während der Verdauung eine Cigarre zu rauchen — — das ist das Ganze! — Die Cigarre macht jede Gesellschaft unmöglich. — Und Eines hängt mit dem Andern zusammen; schlechte Manieren erzeugen endlich schlechte Sitten! Und bettachtet man die Dinge genauer, meine Herren, so findet man bald heraus, daß der Weg zur Revolution über die Trümmer der Convenienz — führt! Nun, war das nicht eine ganz schöne Improvisation? Zweite Scene. Marechal, Maximilian. Marechal. Nun, jnnger Mann, frühstückt man im Gasthofe wirklich besser, als in meinem Hause? Jedenfalls frühsttM man dort länger, ohne Ihnen einen Vorwurf machen zu wollen. Maximilian. Ich habe nur mehr einige Seiten Ihrer Rede zu eopiren, mein Herr, und werde längstens in einer Stunde fettig sein. Marechal. Geben Sie mir jedenfalls das, was Sie fertig haben, damit ich studieren kann. Maxim, (nimmt lose Blätter au- der Lade dt- Schreibtisches). Hier,mein Herr. Ich war so frei, einige Worte hinzuzufügen, die in der grammatikalischen Construttion fehlen und offenbar in Ihrer Feder zurückgeblieben find. Marechal. Hm — ick schreibe das so schnell hin — Maxim. Andere Worte waren unleserlich und da füllte ich die Lücken dem Sinne nach aus. Z. B. — synthetisch, analog. Marechal. Ick sehe mit Vergnügen, wie sehr Sie mit den feinen Sprachwen- dungen vertraut find. Maxim. Derlei Dinge sind für Niemand ein Geheimniß. Marechal. Für Niemand? — Hm — ja, allerdings! Sie sind ein Mensch von Wissen, mein lieber Görard — sagen Sie mir einmal unter uns: was halten Sie von meiner Rede? Maxim. Sie verwirrt mich, mein Herr — und reizt mich. Marechal. Sie — reizt Sie? Maxim. Ja — so wie alle Vernunft- gründe, auf die man nichts zu erwidern weiß und denen unsere innersten Empfindungen dennoch widerstreben. Marechal. Sie geben also zu, daß sich nichts darauf erwidern läßt? DaS ist mir genug. Maxim. Besonders die zweite Hälfte ist von großer Bedeutung. Marächal. So? — Ah — ja. ja wohl! Maxim. Ich muß gestehen, daß ich meine Ansichten schwer gegen einen so lebhaften Angriff zu vertheidigen vermag. Mar schal. Sie machen mich überglücklich! Ich glaube, ich werde Sensation machen. Nun will ich den Schluß meiner Rede auswendig lernen —denn eine Rede, die man abliest, läßt immer kalt. Ich bitte Sie, mir den Schluß in mein Zimmer zu bringen. Wenn es Ihnen gefällig ist, wollen wir dann Generalprobe halten. Sie werden mich öfters unterbrechen, damit ich mich an den Tumult einer öffentlichen Sitzung gewöhne. Maxim. Ich stehe zu Ihren Diensten. (Maröchal ab.) 30 Dritte Scene. Maximilian (allem). Marim. Es ist wahr — ich bin verwirrt und aufgeregt. Verwirrt — das wäre natürlich, da ich daS Gebäude meiner Ansichten über den Haufen geworfen sehe — Aber ärgerlich? Gegen—? Gegen die Wahrheit? Das ist zu albern! Und doch ist es so! Mein Verstand schlägt einen Weg ein, auf dem ich ihm folgen will. Ich fürchte er geht zum Feind über. — Zum Feind? Hasse ich denn Jemand? Nein — selbst nicht dieses junge Mädchen. — Welch' merkwürdiges Product der Eivilisation. Diese reine Stirn, diese unschuldigen Augen und diese verblühte Seele! Und ich — ich war ans dem Puncr sie mit ihrer alten Hardouin für einen Engel zu halten! Ach, mein Fräulein! Sie hätscheln die Ar- muth, die sich niederkniet und jammert, und beschimpfen Diejenige, die schweigt und aufrecht stehen bleibt. Ihre Armen sind nur ein Spielzeug! — Ja — gewiß, ich verabscheue dieses Mädchen! Vierte Scene. Marimilian, Frau Marschal (ein Buch in der Hand). Marim. (für sich). Ach — jetzt kommt die! Fr. Marschal. Ich bringe den »Jo- celpn* zurück. (Maximilian verbeugt sich, setzt sich zum Schreibtisch und fängt an zn schreiben. Klein. Panse.) Man hat Sie ja seü gestern gar nicht gesehen, Herr Maximilian. Ich erfuhr erst durch meinen Gcmal, daß Sie unS verlassen — ist dem so? Marim. Ja, Madame. Fr. Marechal. Und ist der Beweggrund hiezu wirklich der, den Sie meinem Manne angegeben haben? Marim. Ohne Zweifel. Fr. Marschal. Um so besser — ich fürchtete, meine Stieftochter habe Sie verletzt. Marim. Nein, Madame. Fr. Marschal. Dann »erlassen Sie unser HauS nicht böse? Sie werden nicht ganz vergessen, daß dieses Haus einige Tage lang das Ihrige war? Der Secretär verläßt unS, aber der Freund wird wieder kommen? !, Marim. Gewiß, Madame. Fr. Marschal. Dieses Ve sprechen beruhiget mich — denn Sie haben mir wahre Freundschaft eiugesiößt, Herr Marimilian. Marim. Sie sind zu gütig, Madame. Fr. Marschal. Es ist nicht bloß leere Redensart, seien Sie davon überzeugt. Ich hoffe, Sie stellen mich eines Tages auf die Probe. Marim. Nie! Fr. Marschal. Warum nie? Weigert Ihr Stolz sich, einer beinahe mütterlichen Neigung etwas zn danken zu haben? Marim. O, Madame, was soll diese unmögliche Mütterlichkeit? Fr. Marächal (die Augen niederschlagend). Kann ich nicht wenigstens Ihre ältere Schwester sein? Marim. Nein, Madame, ebenso wenig meine Schwester als meine Mutter. Fr. Marschal (mit schwacher Stiunue). WaS also sonst? Marim. Nichts. (Kleine Pause.) Fr. Marschal. Ja, Sie haben Recht, Alles trennt uns. Ich war wahnsinnig. Sie zu bitten wiederzukommen, — thun Sie es nicht, meiden Sie mich. Jetzt verstehe ich, warum Sie dieses HauS verlassen. Sie sind ein rechtschaffener Mann — ich danke Ihnen! Marim. (für sich). Sie hat keine Ursache! 31 Fünfte Scene. Vorige. Fernande. Mar im. (für sich). Auch die noch (Schreibt weiter.)' Fernande (pr Fr. Marechal) 3ch will ein Buch holen. Fr. Marschal. Was für ein Buch? Fernande. Ich weiß es selbst nicht. Zch langweile mich und möchte etwas. Empfehlen Sie mir etwas, Herr Gsrard—einBuch, das von Interesse für mich sein kann (Maximilian steht aus uud geht zu der Bibliothek.) Fernande (fürsich) Ich hoffte ihn allein zu finden! (Maximilian reicht ihr mit einer Verbmgung ein Buch und setzt sich wieder an dm Schreibtisch.) Fernande (schlägt da« Buch auf). »Das Adelslexikon« — Ist das ein Epigramm? Dann verdiene ich es nicht. Ich habe nicht mehr Ansprüche auf das Adelsleri- kon als Sie selbst. (Gibt das Buch Fr. Maröchal.) Sehen Sie, Madame! Fr. Marechal. Wenn ich Ansprüche erhebe, meine Liebe, so sind sie begründet. Fernande. Ich zweifle nicht daran. — Geben Sie mir etwas Anderes, Herr Gsrard — etwas, was Sie z.' B. Ihrer Schwester geben würden. Maxim, (für sich). Auch sie! — Da regnet es ja Verwandtschaften! Fr. Marschal (für sich). Wie sie ihm hofirt! Diener. Herr Graf von' Outreville fragt, ob die Damen zu sprechen sind. Marim. (für sich). Endlich werde ich Ruhe bekommen — (Setzt sich zum Schreibtisch) Fernande (zu Fr. Marechal). Wollen Sie nicht gehen ihn zu empfangen? Fr. Marschal. Er wünscht uns Beide zu sehen. Fernande. Zch bin nicht bei Laune — entschuldigen Sie mich bei ihm. Fr. Marsch al (für sich). Es sieht aus, als wollte üe mit Maximilian allein bleiben. (Zu drm Dimer.) Lassen Sie den Herrn Grafen hier eintreten! (Diener ab.) Sechste Scene. ' Vorige. Graf. Graf. Entschuldigen Sie, meine Damen, daß ich zu so früher Stunde komme. Dieser Brief des Marquis von Auberive mag mich entschuldigen. Maxim, (für sich). Das Gesicht dieses jungen Grafen scheint so offen und echt — wie ein Rechenpfennig. Fr. Marächal (liest dm Brief). 3hr Kousin bittet mich, Herr Graf, Ihnen bei der Wahl der Brautgeschenke behilflich zu sein. Gras. Er selbst besorgt das Aufgebot. Fernande. Schon? Graf. Er will Ihnen nicht Zeit zur Ueberlegung lassen, mein Fräulein. Fernande. Das ist nicht schmeichelhaft für Sie, Herr Graf. Graf. Er weiß wie wenig ich ein so hohes Glück verdiene. Marim. (für sich). Sie heiratet dieses Adelsdiplom? — Jetzt fehlt ihr nichts mehr! Fr. Marechal. Der Marquis behandelt diese Verheiratung wie Bonaparte den Krieg. — Ich nehme Hut und Shawl und stehe zu Ihren Diensten. (Für sich.) Es kommt mir ganz gelegen, daß Maximilian diese Neuigkeit erfahren hat. (Ab.) Siebente Scene. Maximilian. Fernande. Graf. Marim. (für sich). Soll ich stiller Zeuge ihrer Idylle sein, wie ein King.Charles? Graf. Erlauben Sie mir, mein Fräulein, diese kurzen Augenblicke zu benützen — (Maximilian hustet.) Ah, wir sind nicht allein! Fernande. Der GeeretLr meines Vaters, Herr Görard. Graf. Es soll mich freuen, seine Bekanntschaft zu machen; wollen Sie mir ihn vorstellen? Fernande (zu Maximilian). Herr Maximilian, ich stelle Ihnen den Herrn Grafen von Outrcville, meinen Verlobten, vor. Gras, (für fich). Wie — sie stellt mich vor? Marim. Herr Graf — Graf. Sehr erfreut, mein Herr! — (Für fich.) Der Mensch mißfällt mir. (Kleine Pause. Zu Fernande.) Man sagt mir, Herr Marvchal sei nicht sichtbar. — Ist er etwa unwohl? Fernande. Nein; er hat fich eingeschlossen, um zu arbeiten — nicht wahr, Herr Gerard? Marim. (am Schreibtische). Ja, mein Fräulein. (Kleine Pause.) Graf. Ich habe Sonntag meinen Vormittag höchst angenehm zugebracht. In der Madeleinekirche wirkten die ersten Sänger bei dem Hochamte mit, und auch die Orgel wurde von einem vorzüglichen Künstler gespielt. Fernande. Lieben Sie die Musik? Graf. O gewiß. Ich habe auch mit Vergnügen bemerkt, daß die Kirche geheizt wird. Fernande. Ja, unsere Frommen lieben auch die Bequemlichkeit. Graf. Und man thut Recht sie ihnen zu verschaffen — darum war auch die Kirche voll. — In Paris! Dieses Aufleben der Frömmigkeit ist ein tröstendes Schauspiel! Fernande. Wie denken Sie hierüber, Herr Maximilian? Maxim. ES freut mich, daß der Herr Graf »getröstet* ist. Was mich betrifft, so bedurfte ich keines Trostes; ich bin Philo, soph. Graf. Wollen Sie damit sagen, daß Sie kein Ehrist find? Maxim. O — ich bin Christ, Herr Graf! Zum Beweise habe ich Vergebung für Diejenigen die mich beleidigen. Fernande. Vergebung oder Gleichgiltigkeit? Maxim. Beides. Fernande. Ohne einen Unterschied zu machen zwischen Reue und Verstocktheit? Marim. Das untersuche ich nicht so genau. Fernande. Sie find ungerecht, mein Herr. Marim. Das ist möglich, mein Fräulein — Sie verstehen von Allem mehr als ich. Fernande (steht aus, verwirrt). Meine Stiefmutter bleibt lange aus — ich will sehen wo sie bleibt. (Ab.) Achte Sceae. Graf. Maximilian. Graf (für fich). Es steht so aus, asA wären diese Beiden ein bischen pikirt —(Llaut.) Sind Sie schon lange in diesem Hause, mein Herr? Maxim. Nein, mein Herr — und ich bleibe auch nicht. Graf. Das thut mir leid, mein Herr, weil ich eben in dasselbe eintrete. Marim. Sie sind zu liebenswürdig. Graf. Ich will doch nicht hoffen, daß ich Sie von hier vertreibe? Marim. Wie wäre das möglich? Graf. O — Sie wissen, daS ist Redensart, wenn Jemand geht, sobald der Andere eintritt. Maxim. Entschuldigen Sie mich — Herr Graf — ich muß diese Arbeit, die ich soeben beendiget habe, Herrn Marächal bringen. (Grüßt. Ab.) 33 Neunte Scene. Graf (allein). - Hm — unterbricht meine Heirat etwa einen kleinen Roman? Ich bin mißtrauischer, als ich aussehe. Dieser junge Herr, der nicht getröstet sein will, der seinen Beleidigern vergibt, der seine Stelle in dem Augenblicke aufgibt, wo Fräulein Fernande heiratet. — Auf ein Wort von ihm verließ Sie, rorh wie eine Kirsche, das Zimmer — das Wort hatte wahrscheinlich einen Doppelsinn. Hm! das will mir gar nicht gefallen — ich will mit dem Marquis darüber sprechen. (Ein Diener führt die Baronin herein.) Zehnte Scene. Graf, Baronin. Graf (für sich). Himmel — die Baronin ! Baronin. Sie hier, Herr Graf — und allein? Warum hat man mich hier herein geführt? Graf. Die Damen waren eben hier und kommen sogleich zurück. Baronin. Vortrefflich! Herr Maröchal aber ist unsichtbar. Graf. Wie ich höre, arbeitet er. Baronin. Woran? Graf. Wahrscheinlich an seiner Rede. Baronin. Ich dachte, die sei schon fertig. Ich bin deshalb eben hier. Ich hoffe, Frau Marsche,l wird mir die Parole geben, die das Verbot aufhebt, welches ihren Gemal den Blicken der Sterblichen entzieht. Graf. Ich zweifle nicht daran. Baronin. Ich ebenso wenig. (Für sich) Er ist von einer unschätzbaren Aufrichtigkeit. (Srtzt sich, laut) Das ist nun seit wenigen Tagen das dritte Mal, daß der rbrakr-Rkpatom Sk. isi. Himmel Sie mir in den Weg schickt; steht das nicht so aus, als wolle er unS Bekanntschaft schließen lassen? Graf (steht). Man wäre versucht es zu glauben. Baronin. Vielleicht soll aus unserer Begegnung etwas Erfreuliches für unsere Partei hervorgehen. Es ahnt mir etwas derart — und Ihnen? Graf. Die Erfüllung Ihrer Ahnung wäre sehr ruhmreich für mich, Frau Baronin ! Baronin. Sie tragen auf Ihrer Stirne den Ausdruck des Berufenen! Graf. Sie sind zu gütig. Baronin. Der Himmel bedient sich gerne eines reinen Instrumentes. Sie wissen, daß das Cölibat eine hohe Tugend ist. Graf. Ach — ich stehe im Begriffe zu heiraten. Baronin. Wie — Sie heiraten? Graf. Ja, Frau Baronin — ich vereheliche mich mit Fräulein Fernande. Baronin. Auch in der Ehe kann man sein Heil finden. Ich wünsche Ihnen Glück, Herr Graf, Ihre Zukünftige ist reizend und rechtfertiget den Ungestüm Ihrer Leidenschaft. Graf. Den Ungestüm? Baronin. Ei, nur eine heftige Leidenschaft ist Entschuldigung für — Graf. O — verleiht die große Rolle, die Herr Maröchal in der Politik spielt, ihm nicht Adel? Ich glaube nicht aus meiner Sphäre zu treten, wenn ich mich mit unserem Vorkämpfer verbinde. Baronin (für sich). Ach, Herr Marquis — gut, daß ich das weiß! (Laut.) Sie schließen also eineConvenienz-Ehe? Graf. Ja, Frau Baronin — mein Cousin wünscht diese Verbindung sehn- lichst. Baronin. Schön. Ich weiß übrigens nicht — wieso ich dazukomme mich dareinzumengen und Sie müssen mich für sehr indiscrct halten. Schreiben Sie dieß jedoch 3 34 nur meiner vielleicht — unbedachten Sympathie zu, aber als ich Sie zum ersten Male sah, war es mir, als träte mir ein Freund entgegen. (Reicht ihm die Hand.) Habe ich mich getäuscht? Graf. O Madame! (Führt ihre Hand an seine Lippen.) Baronin (zieht lächelnd die Hand zurück). O — nicht eine alltägliche Galanterie war es, die ich erwartete — diese kleine Frauenhand ist es werth, einen männlichen Händedruck zu erhalten — diese Gerechtigkeit werden Sie ihr eines Tages selbst widerfahren lassen. — Sie betrachten mein Bracelet? Graf. Ihr Bracelet? — Ja — Baronin (löst es ab und gibt es ihm). Die Arbeit ist allerdings sehenswürdig — Gras. Ja wohl. Baronin. Besonders das Medaillon. Es enthält die Haare meines verstorbenen Gemales. Graf. Wie — diese weißen Haare? Baronin. O — Herr Graf, mein Leben war ein sehr ernstes. Mit siebzehn Jahren heiratete ich einen Greis, um den letzten Wunsch meiner Wohlthäterin zu erfüllen. Graf. Ihrer Wohlthäterin? Baronin. Schon in der Wiege verwaist, mittellos, nahm eine entfernte Verwandte, die Baronin Pfeffers, sich meiner an — eine Frau voll Engelsgüte, die mich erzog, als wäre ich ihre Tochter. Als sie ihr Ende nahen fühlte, rief sie ihren Sohn zu sich, den damals sechzigjährigen Baron Pfeffers; sie faßte unsere Hände und sagte: »Mein Tod raubt Euch eure einzige Freundin — versprechet mir, Euch in eurer Einsamkeit zu vereinigen und ich werde ruhig sterben. O, mein Sohn, deinem Alter empfehle ich ihre Jugend — und ihrer Jugend dein Alter. Ich gebe Dir nicht einen Ehemann!« fügte sie zu mir gewandt hinzu, »sondern einen Vater!« Graf (sehr bewkgt). Und — warerJhnen wirklich ein Vater? Baronin. Der ehrerbietigste Vater. Aber — warum gebe ich mich diesen Erinnerungen hin — bitte, mein Bracelet! Graf (für sich). Sie ist ein Engel! Baronin. Ach Gott — wie ungeschickt ist man doch mit einer Hand! Kommen Sie mir doch zu Hilfe, Herr Graf! (Hält drm Grasen ihren bloßen Arm hin. — Der Gras versucht das Bracelet zu befestigen ) Sie find auch nicht viel geschickter als ich! Wir wollen sehen, ob wir mit drei Händen fertig werden. (Sie Hilst dem Grafen. Ihre Blicke begegnen sich — der Graf wendet sich verlegen ab Baronin für sich.) Der arme Junge! Jetzt soll man es versuchen, ihm Geschichten von mir zu erzählen! (Laut.) Werden Sie Ihre Braut heute Abend zu mir begleiten ? Graf. Meine Braut — Baronin. Ich will es. Ich bin selbst nie glücklich gewesen — aber ich erfreue mich an dem Glücke Anderer. Es muß etwas Herrliches sein — dieses Entfalten einer reinen Liebe in einem jungen Herzen ! Fräulein Fernande betet Sie gewiß an! Graf. Wenn sie überhaupt Jemand liebt, so — Baronin. So sind nicht Sie cs? Wer sonst? Graf (zu sich kommend). Niemand. Ich wollte nur sagen, daß sie mich heiratet, um zu heiraten. Baronin (für sich). Da steckt Jemand dahinter — ich muß erfahren wer. (Laut.) Wann ist die Hochzeit? Graf (traurig). Das erste Aufgebot erfolgt morgen — und ich bin eben im Begriffe, die Brautgeschenke zu kaufen. Baronin (für sich). Es haben sich schon Partien zerschlagen, die noch weiter vorgerückt waren! (Laut.) Nehmen Sie nochmals meine Glückwünsche I Eilfte Scene. Vorige, Fr. Marschal (in eleganter Stra- ßentoilcttc). Fr. Marschal. O — bitte mich zu entschuldigen, liebe Baronin! Man sagte mir erst jetzt, daß Sie hier sind. Baronin. Und in sehr guter Gesellschaft, wie Sie sehen. Aber — Sie wollten ausgehen — ich will Sie nicht aufhalten. Fr. Marsch al. O — es hat keine Eile. Baronin. Ich- muß Ihnen gestehen, daß mein Besuch nicht Ihnen zugedacht I war. Ich habe Herrn Marschal eine kleine Mittheilung zu machen — seien Sie also nur so gütig mir das Heiligthum zu öffnen, in das er sich geflüchtet hat. Fr. Marschal. Wie — haben sich Ihnen nicht alle Thüren von selbst geöffnet? Baronin. Der Diener hatte Befehl Niemand vorzulaffen und ich wollte nicht zudringlich erscheinen — Zwölfte Scene. Vorige. Maximilian. Fr. Marsch al. Was macht denn mein Gemal, Herr Gsrard, daß er den Zutritt zu sich verweigert? Baronin (für sich). Der Secretär! Wenn er es wäre? Maxim. Ich glaube, er studirt seine Rede ein. Baronin. Er denkt also eine Rede zu halten? Maxim. Ja, Frau Baronin. Baronin (zu Marschal). Dann habe ich ihm nur mehr einige Worte zu sagen. Un- Z5 ter Andern, Sie haben doch Ihre Zusage für heute Abend nicht vergessen? Fr. Marechal. So etwas vergißt man nicht. Baronin. Wenn nun Herr Gsrard nicht besser über seinen Abend verfügt hat, so soll es mich freuen, auch ihn bei mir zu sehen. Maxim. Mich, Frau Baronin? Graf (für sich). Diese Einladung war sehr überflüssig. Baronin. In Ihrem Alter, mein Herr, steht man berühmte Männer gerne in der Nähe — und in meinem Salon können Sie einige solche finden. Maxim. Ich bin Ihnen sehr dankbar, Frau Baronin. Baronin. Sie werden kommen, nicht wahr? (Zu Frau Marschal.) Wollen Sie mich führen? Fr. Marschal. Folgen Sie mir — ich zeige Ihnen den Weg. (Ab.) Baronin (leise zum Grafen, auf Maximilian zeigend). Dieser junge Mann ist sehr hübsch! Graf. Ich habe ihn noch nicht angesehen. Baronin (für sich). Er ist es. Dreizehnte Scene. Maximilian (allein). Maxim. O nein, ich werde meinen Abend nicht bei dieser Baronin zubringen, sondern bei meinem alten Giboyer. (Nimmt seinen Hut vom Schreibtisch). Ich MUß ihm mein Herz ausschüttcn. Die paar versöhnenden Worte dieser Patrizierin haben mich mehr verletzt als die vorangegangene Beleidigung. Sic glaubte aber schon damit viel gcthan zu haben und meint, eine halbe Entschuldigung sei für einen armen Teufe! wie ich mehr als genug. Ich gehe zu Gi- boyer. 3 * Vierzehnte Scene. Maximilian. Fernande. Fernande. Ich muß mit Ihnen sprechen, mein Herr. Marim. (an der Thür). Mit mir, mein Fräulein? Fernande. Haben Sie das nicht erwartet? Haben Sie in Allem, was ich seit heute Früh thue und sage nicht erkannt, wie sehr ich bedaure, was gestern vorgefallen ist? Marim. Sie bedauern es? — Das ist zu viel Ehre für mich. Fernande. Das Bedauern allein ist nicht genug, ich weiß es. Es gibt Beleidigungen, welche von einer Frau eine ebenso strenge Rechtfertigung fordern, wie von einem Manne. Ich habe Sie in meinen Gedanken verleumdet — und bitte Sie um Vergebung. Genügt Ihnen das? Marim. (kommt vor) Ich danke Ihnen. Fernande. Nun danken Sie mir, indem Sie bei meinem Vater bleiben. Marim. Was das betrifft, mein Fräulein, so ist es unmöglich. Fernande. Ich soll also nicht glauben, daß Sie mir vergeben haben? Marim. O, das habe ich, aus der Tiefe meines Herzens. Fernande. Wenn dem so ist, so überlassen Sie mich nicht der Reue, Sie um Ihre Stellung gebracht zu haben. Marim. Machen Sie sich um mich keine Sorge, mein Fräulein. Es fällt mir nicht schwer, meinen Lebensunterhalt zu erwerben, denn ich brauche wenig. Sie haben mir einen großen Dienst erwiesen, indem Sie mir über die Gefahren, denen meine Ehre hier ausgesctzt war, die Augen öffneten. Ich sehe ein, daß der Schein gegen mich war, und daß das Beispiel meiner Vorgänger zu meinem Nachtheile spricht. Bliebe ich, so würde man mich verdammen wie jene .— und man hätte Recht. Fernande. Wie? Marim. Ja, bei Gott! Ich wäre nicht viel mehr werth wie sie, wenn ich mich gleich ihnen dazu entschließen könnte gerechter oder ungerechterweise mich der Verachtung preiszugeben. Fernande. Aber — die Stimme Ihres Gewissens? > Marim. (lächelnd). Ich kenne mein Gewissen — es ist streitsüchtig und würde Händel mit mir anfangen unter dem Vorwände, man habe nur dann das Recht, der Meinung der Welt trotzzubieten, wenn es sich um Erfüllung einer Pflicht handelt. Aber kann man nicht Pflicht nennen, sein Brod mit Butter zu beschmieren? Fernande. Sie haben Recht, mein Herr, Sie sind ein rechtschaffener Mann. Marim. O, mein Fräulein, Rechtschaffenheit ist die Orthographie. Fernande. Aber wenige Menschen wenden sie so an wie Sie. Marim. Für Ihr Alter sind Sie eine große Skeptikerin. Fernande (schlägt die Augen nieder). Das haben Sie mir schon zweimal gesagt. Marim. O, mein Fräulein, ich beabsichtigte keine Anspielung — ich wollte- nicht — O, vergeben Sie mir! Fernande (nach einer kleinen Pause > Man darf nicht denselben Maßstab an mich legen, wie an andere Mädchen, mein Herr. Meine Kindheit floß nicht unter dem Schutze einer sorgsamen Mutter dahin — ich wuchs allein auf, meinem wilden Instinkte nach — und im Gefühle des Ver- laffcnseins. Zu dem Zeitpunkte, wo das Kind endlich anfängt in dem Vater eine Stütze zu suchen, da drängte sich eine Fremde zwischen ihn und mich; ich sah, daß mein Beschützer sich fremden Händen anvertraute und fühlte, daß ihm eine Gefahr drohe — welche? Das wußte ich nicht. Aber meine zärtliche Eifersucht ließ mich bald tiefer blicken. Sie haben Recht, mich zu bedauern, mein Herr, es sind Lei- 37 den an mir vorübergegangen, die über mein Atter hinaus sind — die Leiden eines Mannes, nicht die eines jungen Mädchens. Mein Kopf verarbeitete Gedanken, die gleichsam das Geschlecht meines Geistes zu einem andern machten. An der Stelle weiblichen Zartsinnes entwickelte sich in mir männliches Ehrgefühl. Dieses Gefühl allein verleiht mir einigen Werth und ich gebe Ihnen einen großen Beweis meiner Achtung, indem ich Ihnen erkläre, was für Ansprüche ich an die Ihrige habe. Maxim. Sagen Sie : an meine Verehrung. Fernande. Unsere Bahnen haben sich einen Augenblick gekreuzt, um dann wahrscheinlich für immer auseinanderzugehen, aber ich werde mich an diese Begegnung erinnern und hoffe, daß auch Sie manchmal daran denken werden. Maxim. Gewiß — und meine besten Wünsche folgen Ihnen auf Ihrem neuen glänzenden Lebenswege. Möge die Zukunft halten, was sie Ihnen jetzt verspricht. Fernande (mit traurigem Lächeln). Ich bin nicht verwöhnt, also auch nicht anspruchsvoll. Maxim. Und doch scheint Ihr Zukunfts- Traum sehr — aristokratisch zu sein. Fernande. Sie muthen mir doch nicht zu, daß ich in einen Titel verliebt bin? Maxim. Nun, wenn Sie nicht den Titel lieben — die Person — vergeben Sie, mein Fräulein, ich vergesse mich — und mißbrauche den Zufall, der mir Ihr Vertrauen erworben hat. Fernande (mit Ukberwindung). Und verstehen Sie jetzt, nachdem ich Ihnen mein Vertrauen schenkte, nicht, daß das väterliche Haus mir unerträglich geworden ist, und daß ich gerne die nächste beste Hand annehme, die mich aus ihm hinausführen will? Maxim. Wie — nur darum —? — Die Vorsehung selbst hat mich Ihnen in den Weg geführt. — Fassen Sie .keinen verzweifelten Entschluß, mein Fräulein — die Dinge stehen nicht so schlimm, als Sie es vermuthen. Ich weiß mit Bestimmtheit — und zwar von dem Marquis von Auberive, daß die Vergehen Ihrer Stiefmutter nichts sind als romantische Kindereien. ^ Fernande. Wollte Gott, cs wäre so, aber — Maxim. Aber was? Was für Beweise haben Sie? Briefe — Geständnisse? Das ist möglich, aber ich versichere Ihnen, es ist auch Alles! Fernande. Und — was könnte sie noch mehr thun? Maxim, (sieht sie erstaunt an, dann nach einer kleinen Pause verbeugt er sich sehr tief und sagt). Das ist wahr. Fernande. Sie sehen also, daß ich noch mehr Ursache habe, dieses Haus zu verlassen, als Sie — und so bin ich dem Grafen von Outreville dankbar dafür, daß er mich daraus fortnimmt. Man kommt, — leben Sie wohl, mein Herr. (Ab.) Fünfzehnte Scene. Maximilian (allein). Maxim. O Unschuld! (Bleibt »inen Augenblick unbeweglich stehen, gegen die Thür gewandt, durch die Fernande sich entfernt hat, dann geht er zum Schreibtische, setzt sich und taucht die Feder in das Tintenfaß.) Ah, wie dumm bin ich! Meine Arbeit ist ja beendet. (Steht aus.) Herr Marvckal bedarf meiner heute nicht mehr; ich bin frei. (Nimmt seinen Hut.) Was fange ich nur mit meinem Tage an? Es ist merkwürdig, wie sehr rch mich langweile. Bah, ich will einen Spaziergang auf den Boulevards machen. (Setzt sich.) Ach Gott, wie langweile ich mich! 38 Sechzehnte Scene. Maximilian. Giboyer. Giboyer. Guten Morgen, Kind. Maxim. Ah — Du bist's, mein alter Freund? Ah — Du kommst eben recht. Was machst Du heute? Ich bin frei — komm' mit mir auf das Land — nach Viroflay. Giboyer. Am fünfzehnten Jänner? Maxim. Ach richtig! Giboyer. Du wirst zu früh flügge. Beruhige dieses Frühjahr-Fieber und höre mich mit beiden Ohren. Maximilian — wir sind reich! Maxim, (ftrudevoll). Reick? Giboyer. Ich beerbe einen Verwandten, den ich nie gekannt habe. Maxim. Ah — eine Erbschaft? Giboyer. Zwölftausend Francs Renten. Maxim, (traurig). Das ist Alles? Giboyer. Wie? »Das ist Alles!« — HerrGärard ist wahrscheinlich unter Millionen aufgewachsen? Maxim. Nein — aber Du thatest als handle es sich um die Schätze des Gold- flusses Pactolos! Giboyer. So glaubte ich auch— tausend Francs den Monat schienen mir lehr mythologisch! Maxim. Das ist kein Vermögen, mein armer Freund! Giboyer. Aber — es ist die Unabhängigkeit. Du bist nicht mehr genöthigt, in Jcmandens Diensten zu stehen, mein Kind. Gib Herrn Marechal deine Entlassung. Maxim. Das ist bereits geschehen. Giboyer. Ah! Maxim. Es bedurfte nickt deiner Millionen, um mich der Abhängigkeit überdrüssig zu machen. Giboyer. Jetzt ist Alles gut — Du wirst deine Reise um die Welt fortsetzen. Maxim. Ich soll Paris verlassen? Giboyer. Was hält Dich hier fest? Maxim. Nun — Du. Giboyer. Du wirst denken, ich fei noch in Lyon. Auch mir fällt es schwer, mich von Dir zu trennen. Wenn man will, daß der Bordeaux alt wird, so schickt man ihn über's Meer. Das kostet wohl Geld, man erspart aber an Zeit. Ich »lache es so mit Dir! Maxim. Ah— Du willst mich gar nach Indien erpediren? Giboyer. Nur nach Amerika. Maxim. Wozu? Giboyer. Ei— um dort die Demokratie zu studieren. Maxim. Danke schön — das ist zu weit! Giboyer. Es ist jedenfalls weiter als Viroflay. — Aber Du hast ja sonst das Reisen sehr geliebt? Maxim. Wie es scheint, liebe ich eS nicht mehr. Giboyer. Ah! — Was liebst Du denn? Maxim. Ich liebe — Aber warum gehst Du nicht selbst nach Amerika, um Dich ein- für allemal von deinen Chimären zu heilen? Giboyer. Meine Chimären?— Sind sie nicht mehr auch die deinigen? Das ist etwas NeueS! WaS steckt dahinter? Maxim, (ungeduldig). Nichts. WaS soll dahinter sein? Giboyer (ihn beim Arm fassend). 'Dich mir doch in'S Gesicht! Maxim, (sich schnell losmachend). O, lasse mich! — Darf man nicht an etwas Anderes glauben, als an deine Lehren? Giboyer. Ah!—Und darf man wissen, woran Du glaubst? Maxim. Ich glaube: die einzige solide Basis der Politik sowohl als der Moral ist die Religion! Giboyer. Du bist also jetzt Legitimist? Maxim. Darum muß man eben nicht Legitimist sein. Giboyer. Laß' uns nicht mit Worten spielen. ES gibt nur einen Weg, die Reli- 39 gion in das Bereich der Politik hinüberzubringen, den: zu erklären, daß alle Macht von Gott kommt, und man folglich nur Gott allein Rechenschaft zu geben hat. Diese Idee hat ihr Beachtenswerthes. das will ich zugeben, aber wer sie hegt, ist Legitimist, welch' immer für einerPartei anzugehören er sich auch einbildet! Marim. Nun — und angenommen, daß ich es bin? Giboyer. Bist Du es? Marim. Warum nicht? Giboyer. So bestiehlt man mich ein zweites Mal um mein Leben? (Geht aus Maximilian zu.) Wer hat Dich mir geraubt, grausames Kind? Wo entschlüpfst Du mir? Wer hat Dich mir abtrünnig gemacht? — O — dahinter steckt ein Weib! Nur die Weiber bringen solche Bekehrungen zu Stande. Du bist nicht Legitimist, Du bist — verliebt! Marim. Ich? Giboyer. Irgend eine Sirene hier hat sich das Vergnügen gemacht, Dir Politik zu predigen! Marim. (geht nach links). Frau Marä- chal eine Sirene! Die ganze Predigt ist eine Rede des Herrn Marschal, die mich, als ich sie copirte, zum Nachdenken verleitete. Giboyer. Herrn Mar^chal's Rede! Ein Mischmasch von Sophismen und abgeleierten Tiraden! Marim. Was weißt Du davon? Giboyer. Teufel! Ich habe sie ja verfaßt! Marim. Du? Giboyer (zögrrt nst, dann). Nun ja: ich! Du siehst also, was die Elle davon werth ist. Marim. Ah — Du betreibst dieses Metier? Das war wahrscheinlich von deiner Erbschaft? — Giboyer. Verachte mich, tritt mich mit Füßen — ich zähle ja nichts mehr. Aber gib mir die Geradheit deines Geistes, denn ste ist die Grundlage meines Gebäudes, meine Rehabilitation vor meinen eigenen Augen, meine Auferstehung. In meiner Person habe ich einen Söldner der Wahrheit entehrt, und ich bin nicht mehr würdig, ihr zu dienen — aber ich bin ihr einen Ersatzmann schuldig, und der sollst Du sein! Also verlasse sie nicht, werde nicht zum Deserteur an ihr! Marim. Deine Wahrheit ist nicht mehr die meinige! Jene, die ich anerkenne und der ich dienen will, ist die, welche Dir deine Rede in die Feder dictirt hat! Es wundert mich nur, daß sie Dich nicht selbst von deinem Utopien zurückgeführt hat. Giboyer. Ah — das schlechteste Utopien ist jenes, welches die Menschheit zurückführen will! Marim. Warum nicht, wenn sie den Weg verfehlt hat? Giboyer. Die Ströme irren nicht in ihrem Laufe, und reißen die Thoren mit sich fort, die sie hemmen wollen! Marim. Das sind eitle Phrasen! Giboyer. Nein, es sind Thatsachen! — Frage nur die Restauration! Marim. Ihr habt ja nichts, was Ihr an die Stelle des von Euch Zerstörten stellen könntet. — Giboyer. Wir haben nichts? Ist es in der Geschichte je dagewesen, daß eine Ge, sellschaft eine andere verdrängt hat, ohne höhere Dogmen mitzubringen? — Das Alterthum gab keine Gleichheit zu, weder vor den Gesetzen der Menschen, noch vor den Gesetzen Gottes; das Mittelalter pro- clamirte die Gleichheit im Himmel, das Jahr 89 hat ste auf Erden proclamirt! Marim. (geht nach rechts). Du hast Recht; nun, bist Du jetzt zufrieden? Giboyer (folgt ihm). Weiche der Diskussion nicht aus, mein Kind; es liegt mir so viel daran, Dich zu überzeugen. Was ich vertheidige ist nicht eine Meinung, sondern: mein Leben! Marim. Dein Leben?— Laß'hören: ist eine Gesellschaft ohne Hierarchie möglich? Giboyer. Nein — hundertmal nein! 40 Marim. Wo bleibt dann eure Gleichheit? Giboyer. Ah. das kommt von der Sprachverwirrung! — Gleichheit will nicht sagen: gleiches Niveau! Marim. Was sonst? Giboyer. Dieses große Wort kann nur einenSinn haben, hier unten sowohl, wie dort oben : Jedem nach seinen Werken! — Nun, sage, ist dieses Princip unvereinbar mit der Hierarchie? Marim. Nein — aber undurchführbar. Giboyer. Es ist bereits durchgeführt — wenigstens zum Theil. und schon jetzt erkennt man seine Solidität. Die Administration, die Bureaukratie, die Armee — ohne von der Geistlichkeit zu sprechen — sind sie nicht Hierarchien von Verdienst? Haben unsere Revolutionen auch nur daran gedacht, Hand an sie zu legen? Ihr Gebäude ist so solid, daß alles Andere sich daran stützt. Und dieses zur Hälfte gelöste Problem wagt man für unlösbar zu erklären? Anstatt die provisorischen Theile des Gebäudes zu vollenden, erklärt man, es sei baufällig und vertraut sich, von dieser Ansicht ausgehend — lieber einer Ruine an? Und Diejenigen, die so handeln, nennen sich Feinde Utopiens? — Ich habe ein Buch über dieses Thema geschrieben — Du sollst es lesen. Marim. Nein! Giboyer. Nein? Marim. Wozu? Kann es mich nicht überzeugen, so verliere ich nur meine Zeit. Giboyer. Wenn es Dich aber überzeugen muß? Marim. Wer sagt Dir denn, daß ich überzeugt sein will? Giboyer. O, in diesem Hause befindet sich außer Frau Marvchal noch ein Weib! Marim. Du bist verrückt — es gibt nur eine Erbin! Giboyer. Jetzt wird mir Alles klar! Marim. (entrüstet). Ich würde mich verachten, wenn ich sie liebte, denn ich will nichts verkaufen, was mein eigen ist weder mein Herz, noch meine Feder! Giboyer. Noch deine Feder? — Undankbarer! Und es geschieht doch nur für Dick allein! Marim. Für mich? Mit welchem Rechte erweisest Du mir Dienste, die Dick entehren? Wer sagt Dir, daß ich nicht lieber das Elend ertragen will? Ist das » dasjenige, was Du deine Erbschaft nennst? st Du kannst sie behalten — ich werde sie nickt berühren! (Giboyer fällt in den Fauteuil ! und begräbt das Gesicht in den Händen) Vergib, mein alter Freund — Du hast nicht gewußt, was Du thust! Giboyer. Ich wußte, daß ich mich für Dich opfere, — daß ich deine Jugend vor lenen Prüfungen bewahren mnßte, denen dk meinige erlegen ist, und habe den Koth von deinen Füßen aufgeleckt! — Aber — nicht Dir kam es zu, es mir vorzuwerfen! O — meine Feder ist nicht das Erste, was ich für Dich verkaufe — verkaufte ich ja selbst meine Freiheit! Marim. Deine Freiheit? Giboyer. Zwei Jahrelang habe ich, um deine Collegien bezahlen zu können, die Gefängnißstrafen der Journale abgesehen, aber — was liegt daran! Ich bin ein Halunke und Du willst nichts von mir wissen, i O — Gott sucht mich zu schwer heim! ^ Und doch — ich bin kein schlechter Mensck. — Es gibt traurige Bestimmungen.Pflichten, die zn schwer für meine Schultern waren, haben mich zu Grunde gerichtet. Erst handelte ich so für meinen Vater — jetzt für — Marim. (das Knie beugend). Für deinen Sohn! (Giboyer zieht ihn leidenschaftlich an sein ? H"z.) (Der Vorhang fällt.) Vierter Act. (Ein Salon bei der Baronin. Im Hintergründe zwei offene Thüren, die in einen zweiten Salon führen, wo man ältliche Personen Whist spielen oder plaudern sieht; eine Seitenthür führt in eine Art von Vorzimmer, durch welches der Eingang ist. Zm Hintergründe ein Theetisch; rechts ein Sopha; links ein Fauteuil und ein Stuhl; ein an der Wand stehendes Sopha; links im Hintergründe ein Stuhl neben dem Theetische.) Erste Scene. Baronin. Fernande (kommen aus dem großen Salon). Baronin. Sie sehen, Fräulein, ich habe nicht gelogen, als ich Ihnen sagte, mein Salon sei nicht heiter. Fernande. Es ist sehr interessant, Frau Baronin; man findet hier eine Reunion Berühmtheiten von allen Parteien versammelt. Baronin. Reunion? Sagen Sie lieber eine Union. Aber ich muß gestehen, daß diese Berühmtheiten kein sonderlich frisches Bouquet bilden. Darum habe ich mir auch vorgenommen, ihr durch die Einführung einiger junger, wohlgesinnter Damen ein wenig Glanz zu verleihen und erwarte heute Abend noch einige Damen, die ebenso muthig sind, wie Sie. Fernande. Das ist ein sehr billiger Murh, Frau Baronin. Ein Diener (meldet). Herr Vicomte von Brilliere. (Der Vicomte begrüßt die Baronin. welche ihm die Hand reicht.) Baronin Ihre Mutter befindet sich gewiß schon wohler, da ich Sie hier sehe? Vicomte. Sie ist, Gott sei Dank, ganz hergcstellt. Baronin. Dann eilen Sie, die gute Frau von Vieurtons zu beruhigen. Sie zog vor ein paar Augenblicken Erkundigungen ein. Vicomte. Die treffliche Frau! (Grüßt und geht in drn Salon.) Baronin. Dieser Achtzigjährige ist das »Kind« unseres Vereines, w auch der Abgang junger Männer sich fühlbar macht; aber die Sache ist sehr dclicat — ich will auch nicht einen Schatten von Coketterie in meinem Hause. Ich werde also gezwun^ gen sein mich mit unbedeutenden kleinen Herrchen zu begnügen, — wie z. B. der Secrelär Ihres Vaters. Fernande. Da haben Sie mit Ihrem ersten Versuche eine schlechte Wahl getroffen. Herr Gerard ist nichts weniger als ein kleines, unbedeutendes Herrchen — sondern im Gegentheile ein Mann von wahrem Verdienste — so sagt man wenigstens. Baronin. Ich will es nicht bestreiten, ich meinte nur bedeutungslos den Frauen gegenüber. Eine Frau, die den besseren Kreisen angehört, kann sich doch unmöglich für eine solcheNnll interessircn, nicht wahr? Fernande. Sie werden mich plebejisch schelten, Frau Baronin, aber in meinen Augen ist ein Ehrenmann nie eine Null. Baronin (für sich). Das ist doch klar genug. (Laut ) Unter einer Null verstehe ich nur einen Mann von geringer Abkunft. — Im Uebrigen ist Herr Gerard sehr liebenswürdig und hat etwas Distinguirtes, was man jetzt selbst bei uns nur selten sinder. Träte er zu gleicher Zeit mit einem Edelmann in irgend einen Salon, so würde — wer Herr Gvrard nicht kennt — gewiß ihn für den Adeligen ansehen. Er ist offenbar nicht dazu geboren, Secretär zu sein. Fernande. Er ist cs auch nicht mehr. Baronin. Ab! — Seit wann? Fernande. Seit gestern. Diener (meldet). Herr Chevalier von Germoise! (Der Chevalier begrüßt die Baronin, welche ihm die Hand reicht.) Baronin. Sie sind einer der Letztge- kommcnen, Chevalier! 42 Chev. Es macht mich stolz, daß Sie es bemerken, Baronin! Baronin. Der Marquis von Auberive erwartet Sie mit Ungeduld. Chev. Ja — er verschiebt seine Partie Boston nicht gerne. Ick will mich melden. (Grüßt, tritt in den Salon.) Baronin. Und— warum ist er nicht mehr Sccretär? Fernande. Aus dem Grunde, den Sie selbst angeführt haben, er ist nicht dazu geboren. Baronin (für sich). Sie schlägt die Augen nieder. (Laut.) Ich weiß nicht, was mir für diesen jungen Mann Interesse einflößt. Hat er schon eine andere Stelle? Fernande. Nein, Frau Baronin — meines Wissens nock nicht, und da Sie sich für ihn intereffiren, könnten Sie wohl die Güte haben, sich zu seinen Gunsten zu verwenden. Sie sind ja allmächtig. Baronin. Das ist viel gesagt; allein es müßte mit ungerechten Dingen zugehen, wenn ich Ihnen nicht angenehm sein könnte. Fernande. Ach — ich wäre Ihnen so dankbar! Diener (mrlvkt). Herr Conturier de la Haute-Sarthe. Baronin. Entschuldigen Sie mich, Fräulein, dieß ist eine wichtige Persönlichkeit, mit der ich einige Worte sprechen muß. t Begleitet Fernande nach dem Salon.) Auch würde ich mir die Feindschaft des Grafen von Outreville zuziehen, wenn ick Sie so confiscirc. Fernande. Glauben Sie? Baronin (im Hintergründe angclangtj. Ich werde mich mit dem Schicksale dieses armen jungen Mannes beschäftigen. Fernande. Dank! (Sie drücken sich die Hände, Fernande ab in den Salon.) Baronin (für sich). Mit Einer wäre ich fertig — Und nun wollen wir an Herrn Marechal's Ruhm arbeiten. Zweite Scene. Baronin. Conturier. Baronin (zu Lonturier). Wie geht es Eurer Herrlichkeit? Co nt. Gut — und Ihnen, Baronin? Baronin. Ein wenig verblüfft. Cont. Wovon? (Sehen sich links auf das Fauteuil und den Stuhl.) Baronin. Ueber das Sonderbarste, das Merkwürdigste, das Ueberraschendste, das—Siehe Werke der Madame Sevigns für das Uebrige. Ich erhielt heute Nachmittag den Besuch des armen Herrn von Aigremont. Cont. Warum nennen Sie ihn arm? Ist er krank? Baronin. Schlimmer als das — Sie werden sehen! Das Gespräch wandte sich natürlich auf die Politik, auf unfern Schlachtplan, auf Marechal — auf die Rede. Cont. Nun? Baronin. Denken Sie, er beklagt, daß man nicht ihn selbst damit betraut hat. Cont. Ihn? Einen Protestanten? — Er ist verrückt! Baronin. Er ist es — so dachte ich selbst. Und das ist um so beunruhigender, als er seinen Wahnsinn durch Vernunftgründe rechtfertiget. Cont. Wie das? Baronin. Er sagt, daß einem gemeinsamen Feinde gegenüber religiöse Zwistigkeiten so wie politische in den Hintergrund treten müssen —, daß alle Kirchen sich die Hand reichen müssen, um die Revolution zu bekämpfen, daß ein Protestant, der unsere Sache verfechte, ihr noch mehr Gewicht verleihen würde, daß dieß ein hcrrlickes Beispiel wäre, daß — ich weiß nickt mehr, was Alles — Extravaganzen! Cont. Erlauben Sie — all' das ist nicht so extravagant, Baronin, sondern iw 43 Gegentheil von einer Tiefe der Gedanken, von einer Weitsichtigkeit, die mich bei Ai- gremont in Erstaunen versetzte. Baronin (naiv). Wirklich? Cont. Diese Idee geht gewiß nicht von ihm aus — sie muß ihm von Jemand ein- gcgeben worden sein. Es wundert mich nur, daß Sie bei Ihrem Scharfsinne das nicht gleich entdeckt haben, so gut wie ich. Baronin. Ich bin nur ein Weib und beuge mich vor Ihrem überlegenen Geiste. Cont. Wenn unsere Rede von einem Protestanten gesprochen wird, so ist schon dieß ein Triumph. Baronin. Ach — mein Gott! Cout. Was bedeutet dieser Ausruf? Baronin. Sie werden doch meinem armen Marechal die Rede nicht wieder ent» ziehen? Cont. Nein, gewiß nicht — aber es wird wohl mehr als eine Rede über diese Frage gehalten werden. Baronin. Geben Sie die anderen, wem Sie wollen — die Erste bleibt einmal die entscheidende. Der Anfang ist immer das Schwierigste. Cont. Es ist in der That so. Baronin. Nickt wahr? Cont. Gewiß — und jede andere Rücksicht muß vor dieser weichen. Baronin. Was wollen Sie damit sagen? Cont. Liebe Baronin, ich beschwöre Sie im Namen unserer Sache, Ihren Schützling fallen zu lassen! Baronin. Ach — Sie greifen mich bei meiner schwachen Seite an. — Dieser Aufforderung kann ich nichts versagen. Allein ist der Dortheil in der That ein so namhafter, daß wir uns entschließen können, diesem vortrefflichen Menschen solchen Kummer zu verursachen? Das ist eine sehr harte Aufgabe, mein Freund. Cont. (strht auf). Es ist sehr unrecht, daß wir nicht früher an Aigremont dachten! Aber— wer konnte auch denken, daß er ein willigen würde? Jetzt haben wir Herrn Marechal zugesagt — Baronin sstrht auf). Der übrigens zu uns gehört und darum wohl einige Reckte hat. Cont. (srin). Entschuldigen Sie, das Gegentheil wäre richtiger. Baronin. Ich habe also noch eine Ungeschicklichkeit begangen! — Armer Mar6- chal! — Ich weiß wohl, was man ihm sagen könnte. Man müßte ihm erklären, daß cs sich hier nicht um diese oder jene Person handelt — und daß Sie selbst an seiner Stelle nicht zögern würden, sich dem allgemeinen Wohle zu opfern. Cont. Und Sie müssen doch zugeben, daß es drollig wäre, wenn Herr Marechal da zögern wollte, wo ich nicht zögere. Baronin. Dennoch kann ich Ihnen nicht sagen, wie peinlich mir ein solcher Auftrag wird -— aber meine Freundschaft für Marechal muß sich wohl Ihren Argumenten beugen. Cont. Ich habe von Ihrem Patriotismus nicht weniger erwartet. Baronin. Aber ick mache Sie darauf aufmerksam, daß nicht alle Mitglieder des Comitü's so uninteressirt sind, wie ich — bei dem Marquis von Auberive werden Sie auf mehr Widerstand stoßen. Cont. Ja — er ist diesem Herrn Ma- röchal sehr gewogen. Baronin. Besonders seit er seine Tochter an einen seiner Cousins verheiraten will, den Sie hier sehen werden. Cont. Ist cs möglich? Dieser alte Ritterssohn läßt sich wirklich herbei, sein Geschlecht — mit dem unsrigen zu kreuzen? Baronin.Er glaubt vielleicht, daß Luden Adern dieses kleinen Fräuleins blaues Blut fließt, — aber das kümmert uns nicht. Sie wissen, wie sehr ihm daran gelegen ist, diese Mesalliance durch eine Quasi-Noblesse der Stellung des Herrn Marychal zu bemänteln- ^ 44 ' Cent. Dank für die Aufklärung. Ich will sogleich die Zustimmung der übrigen Mitglieder einholcn— da wird er sich wohl anschließen müssen. Baronin (ficht nach links). Frau Marv- ckal! Ach Gott — wie betrübend ist all' das! Co nt. Bereiten Sie sie langsam vor; ich eile meine Pflicht zu vollziehen, so wie ich es immer gethan habe, ohne Zaudern und ohne Schwäche. Baronin. Sie sind eine antike Seele! (Couturier ab durch eine der beiden Mittelthüren, Krau Marvchal tritt durch die andere rin ) Dritte Scene. Baronin. Frau Marächal. Baronin (für sich). Das wäre der Zweite — jetzt zu ihr. (Laut.) Ich hoffe, Sie denken nicht daran, sich schon entfernen zu wollen? Fr. Mar^chal. Entschuldigen Siemich, ich bin ermüdet. Nur die angenehme Aussicht, einen Abend bei Ihnen znzubrin- gcn, konnte mich bestimmen, heute Abend auszugehcn! — Ich weiß nicht, wo Herr Marsch«! steckt. Baronin. Er hat die Einsamkeit des Dibliothekzimmers aufgesucht, wir wollen seine gedankenvolle Stimmung nicht stören. Ich will Sie eben im Vertrauen um eine kleine Auskunft ersuchen. (Führt Sie zum Sopha.) Sie werden mir wohl einige Minuten schenken, meine Liebe, nicht wahr? (Sie setzen sich.) Trotz Ihrer Ermüdung? Fr. Marsch«!. Zn Ihrer Gesellschaft werde ich sie vergessen. Baronin. Warum verläßt Herr Gs- rard Ihren Gemal? Fr. Marsch«!. Hm — der junge Mann ist sehr stolz und findet jede Abhängigkeit unerträglich. Baronin. Ganz recht, das ist der offi- cielle Grund — aber ich — ich frage Sie um die wahre Veranlassung. Zch will wissen, was ich von diesem jungen Menschen zu denken habe, bevor ich mich für ihn verwende. Fr. Marächal. Wir wollen ihn pro- tegiren, Frau Baronin, — er ist dessen würdig! Er ist das zartfühlendste, loyalste, verläßlichste Gemüth von der Welt! Baronin. Es freut mich ungemein, das zu hören. Ich weiß nicht warum — aber ich fürchtete, er ist ein Jntriguant, und will lieber an die Aufrichtigkeit seiner Liebe glauben. Fr. Marechal (schlägt die Augen nieder). Seiner Liebe? Für wen? Baronin. Nun — für Fernande. Fr. Marechal (schnell). Für Fernande! Der arme Junge — er denkt nicht im Entferntesten daran. Baronin. Wirklich nicht? Sind Sie davon überzeugt? Fr. Marsch al (besorgt). Was läßt Sie vermuthen —? Baronin Ach, mein Gott, nichts — wir wollen nicht mehr davon sprechen, wir werden uns geirrt haben. Fr. Marächal. Eine Frau von Ihrem Tacte irrt sich nicht— wenn der Schein nicht sehr für sie spricht. Was glauben Sie zu bemerken? Baronin. Was kann ich sagen? Ich war so einfältig, mir einzubilden, Fernande's Verehelichung stünde in einiger Beziehung zu dem Austritte dieses jungen Mannes. Sprach er schon vor der Werbung des Grafen von Outreville davon, Ihr Haus zu verlassen? Fr. Marechal (betroffen). Nein — und gerade an jenem Tage nahm er seine Entlassung— Aber nein — er hat ja erst heute Morgen von dieser Heirat gehört. Baronin Nun — sehen Sie. Will man also nicht annehmen, daß Fernande ihn schon gestern davon in Kenntniß gesetzt hat, was unmöglich ist — Fr. Marächal (sehr erregt). Warum unmöglich? .45 Baronin. Ei — dann müßte man annehmen, daß dieser Jüngling ihr nicht gleich- giltig ist, woran ich nicht glauben mag. — Und doch hat sie ihn vorhin meiner Protection und meiner Wärme empfohlen, die bei einer sonst so ruhigen Person überraschend ist. Fr. Marechal. Wirklich? Baronin. Sic hat einen resoluten Kops. Fr. Marächal. Ich kenne sie! Und dieser Görard — sollte er mich so hintergangen haben? Baronin. Wir dürfen nicht voreilig sein — Fr. Marechal. Jetzt entsinne ich mich auf hundert Kleinigkeiten: das gekränkte Benehmen dieses Menschen — Fernande's beinahe flehende Miene-dann suchte sie mit ihm allein zu bleiben — (Wendet sich nach dem Salon.) und da sehen Sie nur, wie die Beiden mit einander plaudern! Sie scheinen ganz vergessen zu haben, daß sie nicht allein sind.— Und dieser einfältige Outreville bemerkt's nickt! Baronin. Das möchte ich nicht beschwören — er beobachtet sie mit besorgter Miene, als stünden sie im Begriffe ihn zu berauben. — Hm, all'das scheint ein schlechtes Ende zu nehmen. die Ehe ist noch nicht geschloffen: nehmen Sie sich in Acht! Fr. Marechal. Sie sehen mich bestürzt ! Baronin. Wenn Ihnen an der Verbindung mit dem Grafen gelegen ist, so haben Sie keine Zeit zu verlieren. Ich kann nicht an Fernande's Doppelzüngigkeit glauben — sie wird unwillkürlich mitgerissen,— rufen Sie sie zu sich selbst zurück, zeigen Sie ihr den Abgrund, der sie von diesem Jünglinge trennt. Fr. Marächal. Wie soll ich das ansangen? Baronin. Weisen Sic den jungen Mann öffentlich in seine Schranken zurück. Fr. Marvchal. Bei welcher Gelegenheit? Baronin. Ach, eine Gelegenheit! — Man kann sie hier — noch heute finden— wir wollen suchen. Und eine Liebe.^die gc- demüthigt worden ist, währt nicht lange. Fr. Maröchal. Sie haben Recht — ich danke Ihnen, liebe Baronin! So wird Fernande gerettet— (für sich) und ich gerächt! (Laut, ficht Maximilian, der aus dem Salon kommt.) Da ist der kleine Betrüger! — Fort — ich könnte mich jetzt nicht beherrschen! ' Baronin. Ja — man soll nicht glauben, daß wir conspirireu! (Gehen durch die linke Mittelthür ab, während Maximilian durch die rechte eintritt.) Vierte Scene. Maximilian (allein). Ich wollte nicht hierherkommen — warum habe ich es doch gethan? O! wie schön ist sic! Welch' ein edleS Gemüth! Ich fühle mich von einer wahnsinnigen Liebe umstrickt und habe nicht mehr Kraft genug, mich ihr zu entziehen! — Aber warum soll ich diesen Kampf gegen mich führen? Warum mich mit Gewalt an die fliehende Vernunft anklammern? Im Ge- gentheile: ich will mich den süßen Entzückungen dieser Verirrung hingeben — der Würfel ist gefallen! Ich liebe sie! ich liebe sie! ich liebe sie! — Ach, das nenn' ich einen guten Entschluß! Wie amüsant ist doch das Leben! Jetzt habe ich wieder für Alles Interesse — Ein Diener (meldet). Herr von Boyergi! Maxim, tan der Salonthür). — selbst dafür, den Nachfolger deS Herrn Dsodat zu sehen! 46 Fünfte Scene. Maximilian. Giboyer. Maxim. Du! Giboyer (für sich, mit rinrr Geberdt des Zornes). Das ist eine schöne Geschichte! Maxim. Du schreibst Dich Boyergi? Giboyer (rauh). Wie kommst Du hic- her? Maxim. Du willst also dieses abscheuliche Metier fortführen? Armer Vater! Giboyer. Vor Allem hast Du mir versprochen zu vergessen, daß ich dein Vater bin! Maxim. Ich habe versprochen es Niemand zu sagen, aber — es vergessen! — Habe ich Dir versprochen, undankbar zu sein? Giboyer. O! — Ich fordere nur einen Beweis von Dankbarkeit von Dir, den, mich mein Werk vollenden zu lassen! Ich muß deine Achtung nicht haben! Maxim. Ich aber muß Dich achten können! Was für einen gottlosen Kampfzwi- schen meiner Zärtlichkeit und meiner Ehre willst Du in mir anfachen? Welche von diesen beiden soll den Sieg davontragen? Giboyer (sitzt auf dem Sopha). Ich kann doch nicht zusehen, daß das Elend Dich aufreibt? Maxim. Glaubst Du denn, daß ich deine Wohlthaten nach annehmen werde, seit ich weiß, was sie Dich kosten? Verdanke ich Dir nicht die Fähigkeit, deinen und meinen Lebensunterhalt erwerben zu können? Haben wir — ich und Du — so viele Bedürfnisse? Wir sind mit der Armuth vertraut — laß' uns wohlgemuth' — Arm in Arm, Hand in Hand, zu ihr zurückkehren! Ist es nicht reizend, wenn wir beide in einem Dachstübchen von unserer Arbeit leben? Giboyer. Für mich kann es reizend sein, ja! Maxim. Für mich noch mehr! Ich weiß jetzt wer Du bist. Ich bin stolz auf Dich; ich habe dein Buch gelesen! Giboyer. Hat es Dich überzeugt? Marim. Gewiß! (Setzt ihm die Hand aus die Stirne ) Und ich will nicht, daß Du den großen Geist, der hier steckt, länger erniedrigest! — Wie mußt Du leiden, mein alter Freund, wenn Du deine schönen Ideen für dieses Krebsenjournal entstellen mußt! Ich beschwöre Dich — tritt ab! (Lächelt ) Ich befehle es Dir! Ich habe doch auch einige Rechte an Dich! Du hast lange genug den Koth vor meinen Füßen aufgeleckt, ' wie Du sagst, wische Dir jetzt den Mund j ab, und — gib mir einen Kuß. (Küßt ihn auf die Wange.) Giboyer. Braves Kind! Marim. Wirst Du mir gehorchen? Giboyer. Ich muß wohl. Bist Du nicht mein Gebieter? Marim. Ah — heute lacht mir Alles! Gott sei gelobt! Giboyer. Alles! Was denn noch? Marim. Nichts. Giboyer. Hast Du Geheimnisse vor deinem alten Freunde? Maxim. Wenn wir nach Hause kommen, schreiben wir deine Entlassung und ich gebe sic in aller Frühe ab, damit diese Herren Comits-Mitglieder beim Erwachen eine kleine Nase finden! Wie freut es mich ihnen ihren Vorkämpfer zu entwenden! Du hast keine Ahnung davon, was hier gebräul wird. Es ist eine ganze Conspiration gegen unsere Ideen. Giboyer. Pah — es ist nichts als eine Salon-Chouanerie, die sich bis in die Speisezimmer und Boudoirs verzweigt. Marim. Du scherzest, aber nimm Dich in Acht! Diese Partei ist eine Legion! Giboyer. Eine Legion von Obersten ohne Regimenter, — ein Generalstab ohne Truppen! Sie halten die Neugierigen, die ihren Kapriolen zusehen, für ihre Armee — und lassen ihre Zuseher Revue passiren, aber am Tage einer wirklichen Schlacht würden sie vergebens Rapell schlagen! 47 Maxim. Dann sind sie nicht zu fürchten! Giboyer. Doch — für die Regierungen , denen sie dienen. Diese Menschen werfen meist nur den Wagen um, an welchem sie ziehen — aber da gelingt es ihnen meisterhaft! (Zwei Diener bringen Thee.) Maxim, (sieht nach dem Salon). Bst! — Man kommt! — Der Marquis von Auberive! — Wer ist der Andere? Giboyer. Mit dem vortrefflichen Couturier la Haute-Sarthe — ein bekehrter Liberaler! Maxim. Die Beiden scheinen sich ja anzubeten! Giboyer. Das will ich meinen! Sie sind ein Herz und eine Seele! — Sieh', ich habe mir in meinem heutigen Artikel das Vergnügen gemacht, einige Sticheleien eben gegen diesen Conturier loszulasscn. Nun der Marquis hat diese Stelle gestrichen indem er bedeutungsvoll sagte: Das ist zu früh! Maxim. Nun, der Marquis wird Dir nichts mehr streichen. Sechste Scene. Vorige, Marquis, Conturier, dann nach einander Baronin und Fernande, Chevalier von Germoiseund eine Dame, Frau Marschal, Vicomte von Brivil- liöre und Frau von Lavieuxtoux. Marquis (im Vordergründe links zu Lon- turier). Da das Comits sich einstimmig für Herrn von Aigremont erklärt, so kann ich mich nur vor seinem Entschlüsse beugen, so peinlich es mir auch ist. Cont. Das Comits hat diesen Entschluß nur nach großem Kampfe und gegen seinen Willen gefaßt, indem es sich vor einem höheren Zwecke beugte, den Sie selbst anerkennen. Marquis. Ich sage nicht nein, mein Lieber, allein es wäre mir lieb, wenn ein Anderer es übernehmen wollte, dem armen Marschal diesen Streich zu versetzen. Cont. Wir aber glauben, daß er ihm, von Ihrer Hand geführt, weniger hart erscheinen wird; sollten Sie sich jedoch durchaus nicht entschließen können, so'nehme ich es auf mich. Marquis. Ich danke Ihnen. (Setzt sich links. — Herr Conturier verliert sich unter den Gästen.) Chev. (zu einer Dame). Der kleine Gs- rard ist wirklich hübscher als der Graf von Outreviüe; aber ist es auch wahr, daß Fräulein Fernande eine Vorliebe für den Secre- tär hat? Die Baronin spricht davon mit einer Furcht, die an Gewißheit grenzt — (Führt die Dame zu einem Fauteuil.) Fr. Markchal (fitzt auf dem Sopha; zu dem Grafen, der ihr Thee bringt). Siedend heiß, wenn ich bitten darf — ich liebe den Thee siedend! Fr. v. Lavieuxt. (hinter dem Sopha zu dem Vicomte). Die gute Dame liebt Alles, woran man sich die Finger verbrennt. Vicomte. Bei Gott, eine solch' bürgerliche Hoffart verdient wohl, daß man ihr ein bischen warm macht. Fr. v. Lavieuxt. Wer weiß — vielleicht wird die Baronin — Vicomte. Hm — der junge Mensch ist schön. Fr. v. Lavieurt. Nicht so schön wie der Titel »Gräfin«. (Ist inzwischen bis in die Atitte der Bühne vorgetreten, zu der ganzen Gesellschaft gewendet.) Pater Dernier hat heute Morgens wunderschön gesprochen. — Waren Sie auch anwesend, Vicomte? Vicomte Ich fand keinen Platz mehr. Giboyer (für sich). Man schickt die Leute fort. Fr. v. Lavieuxt. Sie haben viel verloren. Er sprach über Wohlthätigkeit und entwickelte rührende und ganz neue Ansichten. Giboyer (für sich). Hat er vielleicht gesagt, daß man nicht wvhlthätig sein soll? Fr. Mar schal. Ich war entrüstet über 46 Frau Dervieuse's Toilette. Haben Sie sie bemerkt? Baronin. Nein. Fr. Marsch al. Denken Sie nur, sie trug ein, chamoisfarbes Seidenkleid mit kirschrothem Aufzug, einen gleichen mit Hermelin verbrämten Mantel und einen kleinen weißen Crepehut mit Aufputz von kleinen rothen Federn. — Man kommt doch in die Kirche, um andächtig zu sein, nicht um sich zu zeigen? Marguis (vom andern Ende der Bühne). Und ich sehe mit Vergnügen, daß Sie andächtig waren. Fr. Marechal. Ohne Zweifel; ich trug auch eine Robe ä, In earmelile. Fr. v. Lavieurt. Welche Sie vortrefflich kleidet. Baronin (geht zu Giboyrr hinter dem Sopha). Nehmen Sie Thee, mein Herr? Giboyer. Dank', Frau Baronin — ich fürchte ihn. Baronin (Frau Marechal in's Ohr, zeigt nach der andern Seite, wo Maximilian mit Fernande spricht). Das ist der geeignete Augenblick! (Geht in den Hintergrund.) Fr. Marechal. Herr Gerard! —Nehmen Sie meine Taffe fort! . Graf (nlt auf einen Wink der Baronin herbei. um sie zu nehmen). Erlauben Sie — (Maximilian, welcher bei Frau Marechal's Aufsorde- rung vortrat, bleibt stehen, wie er die Bewegung des Grafen sieht.) Fr. Marechal. Lassen Sie, Herr Graf — der junge Mensch ist ja da. Fernande (für sich). Das ist zuviel! ( Steht auf und geht schnell zum Lheetisch. Gärard tritt einen Schritt zurück.) Giboyer (für sich). Man klingelt ihm! Fr. Marechal (noch immer die Tasse hinhaltend). Herr Gerard—? Fernande (beim Lheetisch). Herr Gerard! Erlauben Sie mir Sie zu bedienen? Marim. Ich habe bereits einen Korb gegeben, mein Fräulein. Fernande (nähert sich ihm mit einer Ta sie »Ä Thee). Von meiner Hand werden Sie ihn i ^ nehmen. k j (Maximilian verbeugt sich und nimmt die Taste. ^ Allgemeines Erstaunen. — Große Pause.) ? Giboyer (für sich). Das ist sein Gc- heimniß. (Zu Frau Marechal.) Die Tasse wird Ihnen zur Last! Erlauben Sie, daß in Ermanglung des Neffen der Onkel Ihren Kammerdiener macht! (Nimmt die Taste aus den f Händen der höchstbetroffenrn Frau Marechal und stellt sie auf den Lheetisch.) ! Baronin (zu Frau Marechal). Arme i Freundin! Wie konnte man das voraus- V sehen! Fr. Marechal. Und ihr Vater ist nicht da! (Gehen in den Salon zurück, — die Gäste folgen ihnen nach und nach.) Siebente Scene. Marquis. Graf v. Outreville. Graf. Nun, Cousin, was sagen Sie dazu? ^ Marquis. Ich sage, daß Fernande eine Impertinenz ihrer Mutter mit großem Zartgefühl gut machte, das nt Alles. Graf. Das ist Alles? Aber sie liebt diesen jungen Mann, Herr Marquis, sie liebt ihn! Marquis. Sie find verrückt. Graf. Das ist möglich, aber ich erkläre Ihnen, daß ich auf diese Heirat verzichte. Marquis. Sie verzichten? Graf. Bürgerlich und compromittirt— das ist zu viel! Marquis. In der That, sehr compromittirt, wenn Sie brechen, denn dieser ^ Bruch würde einem an und für sich unbedeutenden Vorfälle eine ernste Bedeutung verleihen. , Graf. Das thut mir sehr leid, aber — Marquis. Bedenken Sie, mein Herr, daß Fernande meine Mündel, ja so zu sagen 49 meine Tochter ist; daß ich es bin, der diese Heirat arrangirt hat, und also gewissermaßen für die Folgen verantwortlich ist. Graf. Keinesfalls so sehr wie ich, Cousin; Sie müssen daher zugeben, daß ich mich in dieser Angelegenheit als Richter! anerkenne. Marquis. Sie weigern sich also, sie zu heiraten? Graf. Ja. Marquis. Schön, mein Herr; Sie werden mir dafür Rechenschaft geben. Graf. Ich soll mich schlagen — mit meinem zweiten Vater! Marquis. Zu Ihrer Beruhigung will ich Sie enterben. Graf. Aber Ihre weißen Haare, Herr Marquis — Marquis. Machen Sie sich darum keine Sorge, ich bin ein ausgezeichneter Fechter. Graf. Aber — wenn Sic diesen jungen Mann liebt? Marquis. Wenn sie ihn lieben würde — was ich läugne — so ist sie ein muthi- ges Herz, das stets seinen Schwüren getreu bleiben wird. Wir wollen an ihre Seite eilen, um sie durch unsere Gegenwart vor den liebreichen Sticheleien dieser Frömmlinge zu bewahren. Zeigen Sie sich einmal in Ihrem Leben als französischer Cavalier. Marächal (tritt ein). Ah, — Marquis! Marquis (zum Grasen). Gehen Sie voraus, ich folge Ihnen bald. (Graf ab.) Achte Scene. Marschal. Marquis. Marvchal. Was hat der Graf Ihnen gesagt? Sollte die Naivetät meiner Tochter —? Denn weiter ist es nichts — Marquis. Wir sind davon überzeuqt, >ch und der Graf. Marvchal. Ach, ich a^hme wiederauf. lheatn.Rkp«toi« Nr. 1S1. Meine Frau hat mir Höllenangst eingejagt. Es bleibt also bei der Heirat? Marquis. Mehr als je; denn jetzt ist sie für Fernande nothwcndig. Sie begreifen, ^daß nach diesem Schritt der Uebereilung ein Bruch sie für immer compromittiren würde. Marechal. Das ist wahr. Marquis. Wenn also ein Ereigniß einträte, das Ihre Stellung Ihrem Schwiegersohn gegenüber zu einer schwierigeren macht, so wäre dieß dennoch kein Grund, auf Ihre ehemalige Abneigung gegen eine aristokratische Verbindung zurückzukommen. Marvchal. Gewiß; aber was für ein Ereigniß —? Marquis. Wenn Sie aus einer oder der anderen Veranlassung die moralische Ueberlegenheit, die Ihre politische Rolle Ihnen verleiht — für den Augenblick verlieren würden — Marächal. Wie kann ich sie denn verlieren — Marquis. Herr von La Haute-Sarthe hat Ihnen etwas zu sagen. Marschal. Was? Ich zittere — Marquis. Sie werden es von ihm selbst erfahren. Marschal. Um Gottes willen, Marquis, erklären Sie sich. Ich habe Muth. Marquis. Nun, das Eomits hat beschlossen, gegen meinen Willen, mein armer Freund, aber ich stand mit meiner Ansicht allein da — Marschal. Was hat es beschlossen? Marquis. Daß man Ihnen die Rede wieder nimmt. Marschal. Das ist ja eine Infamie! Ich kenne sie bereits auswendig — diese Rede. Marquis. Nun — dann müssen Sie sie wieder vergessen. Marechal. Niemals, mein Herr, nie! Wodurch habe ich einen solchen Schimpf verdient? Marquis. Man ist trostlos, daß man so handeln muß, man bittet Sie um Vergebung — aber das Interesse unserer 4 50 Sache geht Allem vor. Man hat einen Protestanten gefunden, der gesonnen ist — Marschal. Einen Protestanten? Das ist ja lächerlich! Meine Rede hat dann gar keinen Sinn! Marquis (sieht Giboyer, der eintritt). Sehen Sie, mein Lieder, hier ist der Verfasser Ihrer Rede. Marschal. Herr Boyergi? Marquis. Fragen Sie ihn, wie er darüber denkt. Ich — ich will Ihre Tochter beschützen. (Ab.) Neunte Scene. Giboyer. Marschal. Marschal. Was sagen Sie dazu, Herr Boyergi? Giboyer. Wozu? Marschal. Zu der Wahl eines Protestanten, um meine — Ihre — nun, um die Rede zu halten. Giboyer. Diese Herren sehen darin eine große, der Wahrheit dargebrachte Huldigung; ich — ich glaube, daß es Gelegenheit zu einer glänzenden Erwiderung gibt. (Zm Tone eines Redners.) Wie, meine Herren, der eben so gesprochen hat, ist ein Protestant? Wenn er aufrichtig ist, so muß er ja, sobald er die Tribüne verläßt, hingehen und sich bekehren. Marschal. Das ist auch wahr! 2ch frage Sie, was ist denn ein Protestant, wenn er nicht protestirt? Giboyer. Was er ist, meine Herren? Das traurigste Symptom religiöser Gleichgiltigkeit, welches unser Zeitalter noch hervorgebracht hat. Sie sind in der philosophischen Religion weiter vorgerückt als wir. Schon die Wahl Ihres Redners ist ein Zugeständniß: Das Mittelalter ist todt, und Sie — Sie wälzen den letzten Stein auf sein Grab! Warum also sprechen Sie davon, es wieder in's Leben zurückzurufen? Marschal. Bravo! Bravo! 3ch gäbe hunderttausend Francs aus meiner Tasche, wenn man diese Worte dem Jntriguant, der mich verdrängt hat, in s Gesicht werfen könnte. Giboyer. Diese Herren haben Ihnen grausam mitgespielt! Marschal. Auf ganz unwürdige Weise! Giboyer. Man hat Sie mystificirt — und behandelt wie eine Cassandra. Marschal. 2ch werde, ihnen schon zeigen, ob ich einer bin. Giboyer. Sie machen Sie so lächerlich, daß Sie sich gar nicht mehr öffentlich zeigen ' können. Marschal. Oh, — sie sollen es mir bezahlen! Giboyer. Zum Unglücke aber vermögen Sie nichts gegen sie. Marschal. Das kann man nicht wissen. Giboyer (mit halber Stimme). 3ch wüßte wohl eine schöne Rache — Marschal. Welche? Giboyer. Man müßte antworten! Marschal. Ich? Giboyer. Sie niederdonnern! Marschal. O! — Wenn ich es könnte! Giboyer. Dazu fehlt Ihnen nichts als der Donnerkeil — und den kann man Ihnen verschaffen. Marschal. Wer? Sie? Giboyer. Nein— ich bin dem nicht gewachsen. Ich kenne nur einen Menschen, der im Stande ist, meine Rede zu widerlegen, und dieser ist mein Neffe. Marschal. Der kleine Gsrard? Giboyer. Er selbst. Marschal. Er hat die Rede ja un widerlegbar gefunden Giboyer. Seitdem hat er darüber nachgedacht und sie mir Satz für Satz widerlegt. Soll ich es gestehen? Er hat meine Ideen so trefflich widerlegt, daß ich die Partei aufgebe und morgen meine Entlassung als Redacteur nehme. 51 Marschal. Pah, Maximilian sollte Sie so bekehrt haben? Dann müßte er mir ja eine Rede liefern — Gib. O! Marschal. Genügt ihm der Zeitraum einer Stacht? * Giboyer. Hinreichend. Marschal. Und — ich könnte morgen lesen? Giboyer. Und diesen Herren eine Ueberraschung bereiten. Marschal. Ist3hr Neffe verschwiegen? Giboyer. Wie ich selbst. Marschal. Er soll kein Wort fallen lassen — weder gegen meine Frau, noch gegen meine Tochter — noch gegen irgend Jemand. Morgen soll er mir dann sein Manuskript bringen. Giboyer. Abgemacht. Marschal. Welch' schöne Wiedervergeltung! (Geht durch die Thür rechts in den Salon.) Giboyer. Das ist ein Proselyt, auf den die Demokratie nicht stolz sein wird. Aber bah — man muß vor Allem darauf bedacht sein, Maximilians Glück zu begründen. Zehnte Scene. Giboyer. Maximilian. Maxim, (tritt links au- dem Salon) Kommst Du? Giboyer. Du siehst ja aus wie ein Trunkener. Maxim. Ich bin es. Giboyer. Nun zu deiner Entnüchte- rung kannst Du die Nacht damit zubringen, eine Entgegnung auf Herrn Mars- chal's Rede zu halten. Den Stoff liefere ich Dir. Maxim. Wozu? Giboyer. Ich habe einen Deputirten, dem nichts fehlt als die Sprache. Maxim. Ich werde sie ihm nicht geben. Als ob ich mich jetzt um Politik kümmerte. Giboyer. Wie! Verabscheuest Du diese Meinungen nicht, vor denen Verdienst und Ehre eine unzureichende Mitgift sind? Maxim. Du hast Recht — Gib. Diese Meinungen — die Dich von Fernande trennen? Maxim. Ich verabscheue sie. Giboyer. Fühlst Du nicht dein Blut in deinen Adern kochen, wenn Du an dieses alberne Hinderniß denkst? Maxim. Ja wohl, — ich fühle es. Giboyer. Fühlst Du nicht das Be- dürfniß darüber herzufallen und es zu zerreißen? Maxim. Du hast Recht. Ich werde mich mit meinen Zähnen darin verbeißen und müßten sie darob brechen. Giboyer. Nimm deinen Paletot. (Für sich.) Ich trage niemals einen — es ist zu heiß. (Beide ab.) (Der Vorhang fällt.) Fünfter Act. Dekoration wie im zweiten Act. Erste Scene. Frau Marschal (sitzt in Mitte der Bühne und stickt). Fernande (geht schweigend auf und ab). Fr. Marächal. Sie sind sehr aufgeregt, mein Fräulein! Fernande. Und Sie sehr ruhig, Madame! Fr. Marschal. Ich habe keine Ursache es nicht zu sein. Fernande. Und mein Vater steht vielleicht in diesem Augenblick auf der Rednerbühne! 4 * 52 Fr. Marvchal. Ah — das liegt Dir^ im Kopfe? Fernande. Was sonst? Ich bewundere Ihre Ruhe! Fr. Marvchal. Die Rede deines Paters ist glänzend und ich zweifle nicht, daß er einen Triumph damit feiern wird. Fernande. Ich verlange gar nicht so viel. Fr. Marvchal. Das glaube ich; er entfaltet eine Fahne, die nicht die deinige ist. Fernande. Ich gehöre zu gar keiner Fahne und menge mich nicht in die Politik. ' ' Fr. Marvchal. Du setzest mich in Erstaunen: ich hätte gedacht, Du seist mit ganzem Herzen Republikanerin. ^ Fernande. Warum? Fr. Marvchal. Weil diese Meinung gewisse Rangunterschiede ansgleicht. Fernande. Ich verstehe Sie nicht. Fr. Marvchal. Du spielst noch immer die Naive — auch nach dem gestrigen Scandal? Fernande. Scandal? Nur Sie, Madame, können eine so einfache Handlung so schlecht anslegen. Ich bin überzeugt, daß alle Menschen von Gemüth msin Benehmen billigen—-bei dem Gvcifen von Outre- ville angefangen, der in dieser Sache der am meisten Betheiligte ist. '' ' Fr. Marvchal. Am Ende glaubst Du ihm durch deine kjeise Manifestation eine Freude gemacht zu haben! — Ich kann noch immer nicht begreifen, daß er sein Wort nicht zurückgenommen hat! <— Fernande. Wenn ich glauben könnte, daß er auch nur einen Augenblick daran gedacht hat, so würde ich zuerst das meinige Hurücknehmen. Fr. Marvchal! Du "bist sehr strenge! Fernande. Ich dylde nicht, daß er an mir zweifelt. . Ein Diener. Darf ich Jemand vorlassen? - . Fr. Marvchal. Wen? Diener. Die Frau Baronin PfefferS. Fernande (stk sich). Schon.wioder? Fr. Marvchal^Sie ist willkommen. ^ Zweite Scenes Vorige. Baronin.- -i Fr. Marvchal (weist der Baronin eine» Sitz an). Wissen Sie, liebe Baronin, daß Sie mich verwöhnen? '' o Baronin, (steht). Ah, Frau Marvchal, ich komme heute sehr gegen meinen Willen, und. mit einer Misston betraut, die Sie zwar nicht überraschen kann, allein diese peinliche Pflicht hätte eher dem Marquis/vou Aube- rive zugehört, als mir. —. DerurGraf von Outreville jedoch dachte anders und trotz meiner Unlust, mich . in.-solch' zarte Angelegenheiten einzumengen», mußte ich mich seinen Bitten fügen. n 'i Fr. Marvchal. Er nimmt sein Wort zurück? (Zu Fernande.) Nun, was sagte ich Dir? Das. sind die Früchte deiner Ercen- tricitäten. Nach der gestrigen Scenestst dieser Bruch ein Unglück für Dich! Baronin. Wir wollen nicht übertreiben Fräulein Fernande's Ruf bleibt rein. Graf von Outreville ist als wahrer Edelmann so lange vor einem. Bruch^zurückgeschrcckt, als er Veranlassung zu nachtbetligem Gerede über seine,Braut geben. ko»nte;aber die Rede des Herrn Marvchal hat alle. Be.dxnk- lichkeiten'aufgehoben!.'' ' ?' Fernande. Mein Vater hat ge« sprechen? " ' Baronin. Ja, mein Fräulein?—'Und als Graf von Outreville die Kamnter' verließ , eilte er in voller Entrüstung über diese niedagewesene Voltefaee zu Mir! Fernande. Voltefaee! Baronin. 'Wie sonst wollen Sie es nennen? Ich will zugeben, daß Herr Marvchal sich verletzt fühlte, dass er die höhe« reu Beweggründe nicht verstehen wollte, die das Comitv. bestimmt haben, einen andere» Redner zu wählen 53 Fr. Marechal. Einen anderen Redner? Was wollen Sie damit sagen? Baronin. Wissen Sie denn nicht, daß « man ihm die Rede nahm, um sie Herrn von I Aigremont. zu geben? ! Sr. Marechal. Wir sind ganz erstaunt, i Baronin! Z Fernande. Sie sagten aber doch, daß 3 mein Vater gesprochen hat —^ H Baronin. Leider ja; er erhob sich nach H der Rede des Herrn von Aigremont und las zum großen Erstaune»: und zur noch größeren Entrüstung unserer Freunde eine wüthende Entgegung auf die edlen Worte, die er vernommen hatte. .i -7 Fr. Marechal. Entsetzlich! Die Gutgesinnten werden uns in die Acht erklären! Baronin. Ich fürchte es, Frau Marv- chal. Graf von Ontreville kam nach der Sitzung sogleich zu nrir das Uebkige wissen Sie. >!.. > Fernande. Sagk» Sie ihrn^ Frau Baronin, daß er nicht nöthig hatte, sein Wort zurückzuverlangen, — mein Vater hat es ihm selbst zurückgegeben. Baronin.ii Diese Antwort ist Ihrer würdig, mein Fräulein. Leben Sie wohl, Madame. Glauben Sie mir, ich nehme innigen Antheil an dem Schmerz, den Herrn Marechal's Benehmen Ihnen verursachet, (Kür sich.) In einem Monate führe ich drei goldene Streifen im azurnen Felde! (Marechal tritt ein.) Fernande (M ihm um drn Hals).. Mein Vater! (Marechal grüßt die Baronin höflich, die abgeht, ohne ihn lmzusehen.) Dritte Scene. Fr. Marechal, Marechal ^Fernande. Marechal (zu Fernande). Woher nimmt die Baronin diese Miene einer beleidigten Prinzessin? Fr. Marschal. Du kannst noch fragen? Marechal. Ah, Ihr wißt schon! Nnn, mn so besser. Fr. Marechal. Abtrünniger! (Fernande setzt sich an ihre -Stickerei.) Mi. > Marächal. Ei, Frau Marechal, .wenn meinerseits Abtrünnigkeit im Spiele war, so geschah dieß an jenem Tage, an dein ich die Grundsätze meiner Väter verließ, nicht aber an jenem, wo ich zu ihnen zurückkehrte. Ich bin ein Bürgerlicher — ich, ein gut Bürgerlicher, wenn! Ihr es Nicht wißt, u Fr. Marechal. Als Sb ich je hätte daran zweifeln können! Marschal. Mein Na»ne ist kein Name, sondern ein Spitzname; mein' Ahn war wohl ein Märächal, aber kein Marschall, sondern ein Schmied. Fr. Marechal. O Gott — was Allem habe ich mich durch diese Mesalliance ausgesetzt! - Mabechal. Lasse mich mit Denier Mesalliance in Ruhe! Du bist eben so wenig von Vertpellier als ich von Saint-Cloud. Fr. Mar schal. Miin Herr! Marechal. Sic heißen Robillard, Ihr Urgroßvatei war Prvcürator. Fr. Marechal. Mein Herr— respcc- tiren Sie wenigstens meine Familie! Marechal. Sie ist nicht respektabel, deswegen achte ich sie aber umsomehr, dennl-ch- 7 -^ich habe keine Vorurtheile, —ich verachte den Adel und gebe nur einen Unterschied zwischen den Menschen zu — das Vermögen. Fr. Marechal. Wenn Sie den Adel verachten, so wird Ihnen das reichlich von ihm vergolten. Der Graf von Ontreville hat uns durch die Baronin schon anzeigen lassen, daß er die Tochter eines Demagogen nicht heiratet. Marechal. Wirklich? Dieser Strohjunker will mir also nicht die Ehre erweisen, meine Ducaten einzustecken? Er setzt mich mit hal- berPension in den Ruhestand? Er verweigert mir eine Allianz mit ihm? Das findet sich prächtig! Ich wollte ihm eben meine Entlassung einreichen. Fr. Marechal. O, mein Hert — Ihre Sprache wird eben so niedrig, wie Ihre Gesinnungen es sind — Sie werden gemein. Marechal. Ich spreche von der Leber weg, wie es einem freien Mann geziemt, und bin fernevon aller höhnischen Affectation. (Trällert.) »Dem Volk' gehör' ich an, so wie mein' Lieb'.* Ohne Sie beleidigen zu wollen— Fräulein Robillard! Fr. Marschal. Sie sind ein Revolutionär, ein Kannibale! Marechal. Ich muß lächeln! Das ist die ganze Wirkung, welche die Wuth der Ohnmacht auf den Starken auSüben darf! Fr. Marechal. Ich räume Ihnen das Feld. Marechal. Ziehen Sie sich in Ihr Frauengemach zurück und bleiben Sie künftighin dort! (Frau Marechal geht entrüstet ab.) Vierte Scene. Marechal. Fernande. Marechal (setzt sich neben Fernande - Stickerei) Du sagst mir nichts, Mädchen? Thut es Dir um den Outreville Leid? Hast Du ihn geliebt? Fernande. Nein, mein Vater; es wäre eine Convenienzehe gewesen — weiter nichts. Marechal. Der Mensch ist nicht einmal hübsch. Ich weiß gar nicht, wie ich nur daran denken konnte, ein so schönes Mädchen wie Dich diesem adeligen Windspiel geben zu wollen. Sei ruhig, mein Kind, es wird Dir nicht an Partien fehlen, bei deinem Vermögen und — bei dem Ruhme deines Vaters. Fernande. Du hast also großen Erfolg gehabt? Marechal (bescheiden). Einen außerordentlichen, mein Kind! So etwas ist seit zehn Jahren nicht dagewesen! O, diese feinen Comite-Herren werden wüthen, daß sie mir ihre Rede weggcnommen haben! Ich habe diese Rede zermalmt — fürchterlich pulverisirt! Du wirst sie morgen in dem »Moniteur* lesen. — Du bist doch nicht Legilimistin, will ich hoffen? Fernande. Ich — ich bin nichts; aber ich wundere mich, daß Du eS warst — Du, der gar keine Ursache hat, es zu sein. Marechal (steht auf). Im Grunde war ich es auch nicht — ich ließ mich nur von deiner Stiefmutter und von diesem verteufelten Marquis bethören: ich hielt eine Allianz zwischen dem alten und dem neuen Adel für möglich — aber die Binde ist von meinen Augen gefallen. Fernande (nimmt ihn zärtlich beim Arm). Wie dem auch immer sei, ich bin glücklich über deinen Erfolg — und sehr glücklich, daß Alles zu Ende ist. Marechal. Zu Ende? O — das ist erst der Anfang! Alle Redner der Gegenpartei haben sich für morgen einschreiben lassen. Sie werden mir hart zu Leibe gehen — aber Sie wissen nicht, mit wem sie es zu thnn haben! Uebermorgen ist dann die Reihe wieder an mir: meine Freunde zählen auf mich — ich werde sie nicht im Stiche lassen. Diener (meldet). Herr von Doyergi! Marechal. Ist willkommen. — Lasse uns allein, Fernande — ich habe mit ihm zu sprechen. (Küßt sie aus die Stirue, Fernande ab.) Fünfte Scene. Marechal. Giboyer. Marechal. Nun, mein lieber Doyergi, — holen Sie sich meinen Dank? Giboyer. Ich bringe Ihnen meine Glückwünsche. Marechal. Alle Wetter, ich nehme sie an! Aber ein guter Theil derselben fällt Ihrem Neffen zu — er hat meine Ideen wunderbar schön wiedergegeben — viel besser, als ich es selbst gekonnt hätte—das läugne ich gar nicht. 55 Giboyer. Sie sind zu bescheiden! Marsch al. Nein, mein Lieber, ich bin nur gerecht. Dieser junge Mensch wird es weit bringen. Denken Sie an mich — ick sage es Ihnen, und ich verstehe mich darauf. Ich will ihn an mich fesseln und mir sein Glück angelegen sein lassen. Giboyer. Ich danke Ihnen vielmals, aber ich habe andere Absichten mit ihm, ich nehme ihn mit nach Amerika. Marschal. Sie nehmen ihn mit? Giboyer. Ja— ich habe die Redaction eines großen Journals in Philadelphia angenommen und bedarf Marimilians Mitarbeiterschaft. Marschal. Aber, zum Teufel, ich bedarf derselben auch — und viel mehr als Sie! Ich muß eine große Stellung aufrecht erhalten — eine große Sache verthei- digen! Giboyer. Sie sind dieser Aufgabe auch allein gewachsen. Marsckal. Das will ich nicht behaupten. Dieser junge Mann ist mir von großem Nutzen — das verhehle ich nicht. Giboyer. Von Nutzen, das gebe ich zu, aber unentbehrlich: nein! Marschal. O — entschuldigen Sie! Ich habe mich an seine Manier zu arbeiten gewöhnt— und er sich an die weinige, er ergänzt mich, er ist mein rechter Arm, er führt die Feder an meiner Stelle. Sein Styl gefällt mir und ich will damit nicht wechseln. — Und dann — dann habe ich den jungen Menschen lieb gewonnen, ich will ihn unter meinen Augen, in meiner Schule bilden. Wo findet er wieder eine so gute Gelegenheit sich zu bilden, als bei mir? Giboyer. Darum handelt es sich nicht. Marschal. Worum sonst? Handelt es sich um die Bedingungen? Sie selbst können sie festsetzen. Was würde er in Amerika erwerben? Ich gebe ihm das Doppelte! Giboyer. Ach Gott, mein Herr! Marschal. Er will seine Unabhängigkeit bewahren? Er soll sie haben! Niemand soll wissen, daß er mir gehört — damit bin ich ganz einverstanden. Nun — wenn Sie es gut mit ihm im Sinne haben, so müssen Sie meine Anerbietungen annehmen — sie sind sckön! Giboyer. So schön, daß ich meine abschlägige Antwort nur dadurch rechtfertigen kann, daß ich Ihnen die Wahrheit sage. Ich nehme Maximilian hauptsächlich darum mit mir, um ihn von hier fortzubringen, um ihn einer unglücklichen Liebe zu entziehen. Marschal. Er ist verliebt? Na— das nenn' ich auch ein Unglück! Das waren wir ja Alle! Giboyer. Es handelt sich hier um keine Liebelei, sondern um eine Leidenschaft. Marschal. O! Etwa ein Mädchen, das er nicht heiraten kann? Giboyer. So ist cs. Marschal. Der Teufel hole diese jungen Leute! (Für sich.) Und meine Erwiderung übermorgen — was ist's mit der? (Laut.) Wann reisen Sie? Giboyer. Morgen Abend. Marschal. Schenken Sie mir wenigstens acht Tage. Giboyer. Nicht einen einzigen, mein Herr, man wartet auf mich. Marschal. Sapperlot! Gibt es denn kein Mittel, diese verdammte Heirat zu Stande zu bringen? Giboyer. Die Unmöglichkeit ist so groß, daß wir es nicht einmal wünschen. Marschal. Die Familie macht also überschwängliche Ansprüche? Ihr Neffe ist von angenehmem Aeußern,—hat eine glänzende Zukunft, eine sehr annehmbare Gegenwart, denn ich gebe ihm — ja: ich gehe bis zu zwanzigtausend Francs. Zum Teufel, das ist doch eine herrliche Stellung! Was wollen diese dummen Menschen noch mehr? Giboyer. Sobald ich Ihnen den Namen des jungen Mädchens gesagt habe, werden Sie anders sprechen. Marschal. Ist es denn gar eine Mont- morency? 56 Giboyer. Etwas Besseres als das, mein Herr! Um es kurz zu machen: cs ist Fräulein Fernande. Mar schal (sehr ärgerlich). Meine Tochter? — Mein Secretär erlaubt sich die Augen zu meiner Tochter zu erheben? Giboyer. Nein, mein Herr — er geht ja nach Amerika! Marschal. Glückliche Reise! — Um ein Paar schöne Augen gebe ich sie nicht her. Giboyer sverbkugt sich, als wollte er Abschied nehmen). 3ch weiß es. Möge sie mit dem Grafen von Outreville glücklich sein! Marschal. Von Outreville! Ach — ja — ja richtig! (Führt Giboyer wieder vor.) Das ist auch etwas, was ich Ihnen zu danken habe! Die Partie ist rückgängig — Dank der Stellung, die Sie mich einnehmen ließen. Giboyer (für sich). Das habe ich erwartet! Marschal (geht mit großen Schritten auf und ab). Mein armes Kind! Eine Heirat, von der die ganze Stadt wußte — die Hockzeitsgeschenkc waren bereits gekauft, das Aufgebot verkündet. — An wen soll ich sie jetzt verheiraten? Und an alledem sind Sie Schuld, mein Herr! Giboyer (kalt und unerschütterlich). Als ich kam, hat dieser Bruch Sie aber nicht beschäftiget! Marschal. Ach — ich dachte, mein Ruhm, mein Triumph sollen den bösen Eindruck wieder schwächen. Mein Ruhm! — ein zweites Leid! Sie liefern mich wehrlos den Feinden aus, die nur Sie mir geschaffen haben. Ich bin die Zielscheibe einer mächtigen und rachsüchtigen Partei. Man wird sich in Sticheleien über mein Schweigen erschöpfen. Es bleibt mir nichts mehr übrig, als mich von der Arena der Politik zurückzuziehen und Kohl zu pflanzen. Das Unglück ist complet: der Vater ist noch mehr compromittirt als di Tochter! (Setzt sich rechts.) Giboyer. Pah! Eine reiche Erbin ist nie so compromittirt, daß sie keinen Mann finden sollte. Marschal (niedergeschlagen). Ja, irgend einen armen Schlucker, der sie ihres Geldes wegen nimmt und sie unglücklich macht! Giboyer. Es ist wahr, Sie haben Recht — daran habe ich gar nicht gedacht. Ein junger, uneigennütziger Mensch, der sie ihrer selbst wegen heiraten würde — ist eine Seltenheit. Und selbst wenn Sie einen solchen finden, so ist nur Ihrer Tochter geholfen — nicht Ihnen. Marschal. beider haben Sie Recht! Giboyer. Ihr Schwiegersohn müßte denn im Stande sein, Ihnen meinen Neffen zu ersetzen; und so etwas findet sich auch nicht auf der Straße! Marschal. Wem sagen Sie das? Giboyer. Uebrigens genügt es, daß ein Mensch in das Gehcimniß Ihrer Arbeiten eingewciht ist. Marschal. Es genügt? Es ist zu viel! Giboyer. Wie wollen Sie sich aus dieser Klemme retten? Marschal (schlägt sich vor die Stirn). Wie dumm sind wir doch! Das geht ja ganz von selbst! (Klingelt bei dem Kamin.) Giboyer (für sich). Mit einiger 9iach- hilfe. Marschal (für sich, geht nach dem Hintergrund). Es wird mir Ehre machen. Und — ich kann nicht anders handeln. (Zu dem Diener, der eintritt.) Bitten L>ie das Fräulein, zu mir zu kommen. Giboyer. Sie haben eine Idee? Marschal. An Ideen fehlt es mir nie, mein Lieber, aber — an Styl. Sie werden sich wundern. Giboyer. Was haben Sie denn vor? Marschal. Suchen Sie nicht — Sch würden es nie finden. Die Menschen, die ihre Handlungen mit ihren Worten in Einklang bringen, sind selten — ich bin einer von ihnen. Ich — ich bin aus einem 57 Stück gegossen — was ich denke, das sage ich, was ich sage, das thne ich auch! Giboyer (für sich). Es ist merkwürdig, wie klug ich bin, wenn es sich nicht um mich handelt! Sechste Scene. Vorige. Fernande. Maröchal. Meine Tochter — Giboyer (für sich). Da ist sie! Mar schal. Ich stelle Dir Herrn Boyergi, Maximilians Onkel, vor. — Weißt Du. was er mir soeben mitgetheilt hat? Daß sein Neffe nach Amerika reist. Fernande. Er verreist? Davon hat er mir nichts gesagt. Giboyer. Er hat erst beute Morgens diesen Entschluß gefaßt, mein Fräulein. Fernande. Er wird aber doch kommen, uns Lebewohl zu sagen? Giboyer. Es bleibt ihm nur wenig Zeit und er hat daher mich beauftragt, ihn zu entschuldigen. Fernande. Er zählt uns also nicht zu seinen Freunden? Sagen Sie ihm, mcinHerr, daß es mich glücklich gemacht haben würde,! ibm die Hand zum Abschiede drücken zu können und daß ich ihm all' das Glück wünsche, dessen er so würdig ist! Marschal. Es handelt sich gerade um »Glück« für ihn! — Kennst Du die Ursache dieses verzweifelten Entschlusses? Herr Giboyer wollte sie mir nicht sagen, aber mir verbirgt man nicht so bald etwas! — Dieser arme junge Mann verläßt Frankreich, um Dich zu vergessen. Fernande. Mich zu vergessen? — (Zu Giboyer.) Glauben Sie mir, mein Herr — ich bin keiner Coketterie fähig, nur der Zufall ließ zwischen uns eine Art von Vertrautheit entstehen, die ich jetzt tief beklage, da für Herrn Gsrard etwas Anderes daraus entsprungen ist als Freundschaft. Marschal. Das ist ganz gut und schön, aber das Unglück ist nun einmal geschehen. Ich.— halte große Stücke auf diesen jungen Mann. Er ist ein Mensch von seltenem Verdienste und noch selteneren edlen Besinnungen. Fernande. Du läffest ihm nicht mehr Gerechtigkeit widerfahren als ich. Marschal. Er ist arm — nun, um so besser! Kurz: es hängt nur von Dir ab, ihn zu meinem Schwiegersohn zu machen. (Zu Giboyer.) Das haben Sie nicht erwartet, nicht wahr? (Zu Fernands.) Nun, gehst Du darauf ein? Fernande. Ja, mein Vater. Giboyer. O Dank, mein Fräulein! Ick eile es ihm mitzutheilen —. Diener (meldet). Herr Gsrard! Giboyer. O diese Verliebten! — Er wollte abreisen, ohne Sie wieder gesehen zu haben! Marschal (leise). Bst! Lassen Sie mich machen! (Setzt sich aus das Fauteuil in Mitte der Bühne, Fernande steht hinter ihm.) Lassen Sie den Herrn eintreten! < Siebente Scene. Vorige. Marimilian.- Giboyer (zu Maximilian, der ein wenig verwirrt stehen bleibt, wie er ihn steht). Nun ja, ich bin es! Maxim, (zu Marschal). Ich sehe, mein Herr, daß ich Ihnen meine Abreise nicht mehr anzuzeigen brauche. Ich komme, um Abschied von Ihnen zu nehmen — von Ihnen und Ihrer Familie. Marschal (mit fingirter Strenge). Meine Familie, mein Herr, billigt Ihren Entschluß um so mehr, als sie die Ursache desselben kennt. Maxim, (zu Giboyer). Was soll das bedeuten? Giboyer (freudig). Ich habe Alles gestanden! Maxim. Mit welchem Rechte verräthst Du mein Geheimniß? 68 Marschal. Es ist nicht seine Schuld — ich habe es ihm auSgepreßt, wenn ich mich so ausdrücken darf. Ah, mein feiner Herr, Sie erlauben sich meine Tochter zu lieben — Sie sind nicht blöde — Maxim. Mein Herr — Marschal (steht aus). Nun, ich — ich gebe sie Ihnen. Marim. O mein Herr, dieser — Spott — Giboyer. Er spottet nicht — Maxim, (sehr erngt). Wie, mein Herr, Sie willigen ein? — Und Sie, mein Frau- lein — trotz meiner Armuth! Marschal. Ihre Kenntnisse und Jbr Verdienst sind ein großes Vermögen! Maxim. Trotz meiner Geburt! Giboyer (vernichtet, für sich). Mein Gott! Das hatte ich vergessen! Marschal. Was ist denn so Besonderes an Ihrer Geburt? Maxim. Wissen Sie es nicht? Ich trage nur den Namen meiner Mutter. Marschal. Was? Wie? Vater : unbekannt! — (Zu Giboyer.) Und davon haben Sie mir gar nichts gesagt? Giboyer. Ah — ich dachte nicht daran ! Marschal. Sie dachten nicht daran? Sapperlot, Sie mußten aber daran denken! Das ist doch kein gleichgiltigcs Detail! Wenn ich den Vorurtheilen trotze, so achte ich sie doch — und die Welt — Giboyer. Für die Welt ist mein Neffe eine Waise und es wird Niemand einfallen, sich um sein Civil-Etat zu kümmern. Marschal. Das ist im Grunde wahr. Niemand wird—Uebrigens istes ein großer Gewinn, eine Waise zu heiraten. Man heiratet nur den Gatten, nicht auch eine Familie! Maxim. Entschuldigen Sie, mein Herr — ich habe einen Vater. Giboyer (schnell). Das hat -nichts zu sagen! Er hat kein Recht an ihn, da er ihn nicht anerkannt hat! Maxim. Hat er auch keine Rechte vor dem Gesetz, so hat er sie vor meinem Herzen. Verstehst Du mich? Marsch al (zu Giboyer). Was ist das für ein Mensch, dieser Vater? Wie heißt er? Maxim. Giboyer. Marschal. Giboyer? Der Autor der Biographien? Der Pamphletist? Gibover (senkt den Kopf). 3a. Marschal (zu Maximilian). Aber, mein lieber Freund, einem solchen Vater schulden Sie nichts, weder vor Gott noch vor den Menschen. Seien Sie glücklich, daß er Ihnen seinen Namen nicht aufgebürdet hat — Maxim, (losbrechend). Eben darum hat er mich nicht anerkannt — nicht aber um sich den Vaterpflichten zu entziehen — diese hat er mit wunderbarer Aufopferung erfüllt — er war mein Eigen mit Leib und Seele. Fremde mögen ihn beurtheilen, wie sie wollen — ich aber, ich bin seine Jugend und nicht mir kommt es zu, ihn zu verläug- nen! Er hat mich nicht anerkannt, aber ich — ich erkenne ihn an — denn er hat sich durch seine Aufopferung legitimisirt! Giboyer (mit zitternder Stimme). Hörte er Dich jetzt — er wäre mehr als bezahlt! Aber — lasse ihn seine Aufgabe vollenden. Da er sein Leben hingcopfert hat, um Dir das deinige leicht zu machen, so füge ihm nicht den Schmerz zu — den einzigen, auf den er nicht gefaßt war — sich selbst als Hinderniß deines Glückes ansehen zu müssen — versage ihm nicht die bittere Wollust dieses letzten, schwersten Opfers! (Zu Maröchal mit fester Stimme.) Ich verspreche es Ihnen in seinem Namen, mein Herr, er wird verschwinden, er wird gehen — weit — weit fort! Maxim. Wohin er geht, dahin gehe auch ich! Das ist meine Pflicht und mein Glück! Ich werde ihm nicht den einzigen Menschen rauben, der berechtiget ist, ihm in seinem Alter mit Liebe und Verehrung zur Seite zu stehen und einst an seinem Tod- tenbctte zu knieen. Marschal. Diese Gefühle machen Ihnen Ehre, aber Sie find ein wenig absurd. 59 — Meinen Sie nicht auch, Herr Boyergi? (Geht in die Mitte der Bühne.) Giboyer. Ja. Marschal. Sie weinen? Ach Gott, glauben Sie mir, ich bin selbst gerührt! Ich lasse diesem wackern Herrn Giboyer Gerechtigkeit angedeihen und will ihm gerne die Hand drücken — in irgend einer Ecke — aber ich kann ihn nicht zu meiner Gesellschastannchmen, und wenn der H Teufel sich hineinmengt — (Geht nach links.) A Fordern Sie nicht das Unmögliche von mir! Marim. Ich fordere nichts, mein Herr. Marschal (für sich). Anf diese Manier hofft man oft Alles zu bekommen! — das kenne ich! (Laut.) Ich erkläre Ihnen daß ich in meinen Zugeständnissen nicht weiter gehen kann. Sie haben die Wahl zwischen Ihrem Vater — da Sie nun einmal einen haben — und meiner Tochter. — Wählen Sie! ! Marim. O. mein Herr — ich habe nicht einmal das Recht zu überlegen! Giboyer. Ich beschwöre Dich, mache Dir keine Sorgen um ihn. Du kennst diese fanatische Aufopferung nicht, die in sich selbst neue Nahrung findet. — O, der süßeste Gesellschafter, den Du ihm für sein Alter geben kannst, ist der Gedanke, daß Du glücklich bist! Marim. Wenn auch er mir meine Undankbarkeit verzeihen wollte, ich — ich könnte es nie! — Nie! Giboyer (traurig). Wir wollen nicht weiter darüber sprechen. Marschal (ärgerlich). Ja, lassen wir die Sache beruhen. Reisen Sie nach Amerika und: wohl bekomm's! Sie lieben meine Tochter nicht, das ist Alles! Marim. (fällt schluchzend in -aS Fauteuil in Mitte der Bühne). Ich liebe sie nicht! Marschal (an der Thür). Komm'. Fernande! (Fernande, welche die ganze Scene vom Hintergründe aus beobachtet hat, geht langsam zu Maximilian vor. faßt mit beiden Händen seinen Kops und küßt ihn aus die Stirne. Dann — richtet sie sich auf und sieht ihren Vater an) Bist Du toll? Jetzt bin ich schön daran! Sie triumphiren, mein Herr, Sie sind Meister der Situation; Sie haben nichts mehr zu thun, als Herrn Giboyer zu mir zu bringen und ihm es sich in meinem Schlafrocke bequem machen zu lassen. Fernande (zu Giboyer). ES wird mich glücklich machen, mein Herr, wenn Sic mich Tochter nennen wollen! Marschal. Wie — er! ' Fernande. Hast Du das nicht errathen? (Reicht Maximiliau ihre Hände, der sie mit Küssen bedeckt.) Marschal. Nun, dann ist ja nichts in der Situation verändert. — Was ich noch von Ihnen verlange, Herr von Boyergi, ist auch in der Zukunft keine Veränderung ein« treten zu lassen. Giboyer. Ich denke nicht daran! Marschal (für sich). Jetzt habe ich zwei Sekretäre anstatt Einem! Giboyer (für sich). Pah — nach der Hochzeit reise ich doch nach Amerika! Diener (mcldrt). Marquis von Aube- rive! Achte Scene. Vorige. Marquis. Marschal. Treten Sie näher, Herr Marquis. — Sic sollen der Erste sein, der von der Heirat Ihrer Mündel hört. Marquis (sieht Gerard und Fernande an). Mit Herrn Gsrard? — Dem widersetze ich mich! Marschal. Sie widersetzen sich? Und — mit welchem Rechte? Ich bin doch der Vater meiner Tochter, will ick hoffen? Marquis O — gewiß — aber wissen Sie, wer dieser Herr ist? Fernande. Ich liebe ihn! Marquis (für sich). Tatatra! — Nein! (Laut.) Alle Wetter, ich hatte mich an den Gedanken gewöhnt, daß Sie einen der Un- 60 fern heiraten werben, meine liebe Fernande,, und in meinem Alter gibt man seine Gewohnheiten nicht mehr gerne auf.,Junger Mann, Sie sind Waise— es war so Ihre Bestimmung^ — ich habe keine Kinder, ich ließ Ihnen die von den Gesetzen erforderliche Sorgfalt angedeihen: ich adoptire Sie! Martzchal. Wie? Giboyer. Nehmen Sie meinen wärmsten Dank, Herr Marquis! Maxim. Auch ich danke Ihnen, aber ich.bin nicht gewohnt, ,mehrere Vater zu haben — ich habe einen guten, gesunden und halte an ihm fest. Marquis. Nehmen Sie sich in Acht! Sie betreiben diese Seelengröße aus Unkosten Fernande's! 1°, r E u Fernande. Dieser Adel genügt mir! Marquis ' ^zu Marechal). Ich glaube, man könnte Sie wohl auch zu Rathe ziehen! Marschal. Ja — es wäre ganz in der Ordnung und ich will gestehen, es würde mich sehr freuen, wenn mein Schwiegersohn — Aber nein! — nein! Ich .bin Democrat! - Giboyer (fürsich).. Das heißt er bildet es sich ein! , ,, Märquis. Was will ich thun, wenn Alles den Kopf verliert! (Für sich.) Es chleibt mir nichts übrig, als meine Enkel zu adop- tiren! Gruppe. (Der Vorhang fällt-),, - 'l- /- . .. " : ki.-! ' : ^ - ... . - - , ^ V, »,n>? ' ' . ^ rnira - n < , 7 / n -54 r u - - .. .Tnr-r.-.^ Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Mutierglück. Lustspiel in drei Iüeu voa Dumanoir. Deutsch von Dr. Hans Hopfen. Personen: Besetzung im k. k. Hofburgtheater. Albert von ..Kr- Sonnenthal. Clemence. seine Frau.^ döognar. Champrosay, ihr Schwager.Hr- Baumeister. Alme, seine Frau, Clemence's Schwester .... Fr. v. tSremer. Frau Bernard.Irin. Reichel Eugenik, ein Kind.Fanny Wagever. Annette, Kammerjungser.Frln. Hauenthal- Antoine, Bedienter.. Hr. Kaiser. Erster Let. Ein Salon, eine Thür im Hintergründe und Thü- ren zu beiden Seiten. Links rin Kamin. Gegenüber ein Fenster. In der Mitte eia Tisch mitl einem Canape zu jeder Seite- Erste Scene. Albert. Champrosay. Älb. (fitzt aus dem Canape links in Betrachtung eines kleinen Medaillons versunken, welches er hastig verbirgt, sowie er die Thür gehen hört.) Theatn-Repatoire Nr. itzS. Bedienter (laut meldend). Herr Champrosay! Champ. (zum Bedienten). Warum schreist Du denn so? Warum denn so laut? Es ist Heller Mittag, ich bin der Schwager des Hauses, ich komm' als einzelner Herr zu deinem Herrn ganz allein in einer traulichen Morgenvistte, und der Bursch meldet mich mit einer Feierlichkeit an, als ob ich zu einem Minister käme! (Ganz leist, fast ge- heimnißvoll.) Herr Champrosay — ist das nicht genug? (Er geht auf Albert zu, in heftiger Aufregung sich den Schweiß von der Stiry r wischend.) Guten Morgen, lieber Freund! Bist Du allein? Alb. Ganz allein. Champ. Und Frau von Rives, meine liebenswürdige Schwägerin? Alb. Liegt noch zu Bett. Du wunderst Dich, da es schon zwölf Uhr? Ja, mein Himmel, wir haben erst um fünf Uhr Morgens den Ballsaal verlassen. Elemente hat die ganze Nacht getanzt, wie gewöhnlich, und so ein paar Dutzend Schottisch und Polka-Mazurka's, mein Lieber, die wollen eben ausgeschlafen werden. Champ. Also sie li.gt im Bett, sie schläft — um so besser, um so besser, denn Du mußt wissen, ich komme nur zu Dir, Dir allein will ich sagen — aber fühle mir nur einmal den Puls — ich glaube, ich habe das Fieber, he? Verstehst Du was vom Fieber? Hab' ich's? Alb. (ihm den Puls fühlend und ihn dabei betrachtend). Ich weiß nicht — man möchte es beinahe glauben. Du glühst ganz und je länger ich Dich betrachte, finde ich, Du hast ein Anseh'n. Cs ist Dir doch kein Unglück widerfahren? Champ. (freudestrahlend). Warum nicht gar! — Ganz das Gegentheil! Alb. Also ein Glück? Champ. Ein ungeheures! — Aber schau, mir ist so heiß, mich trifft der Schlag, ich — (erblickt auf einem Gueridon Wasserglas und Wasserflasche.) Du erlaubst schon, nicht? — Das ist nun das vierte seit heute Früh. Alb. Freude macht durstig! — Potz Wetter! — Trink' aus, geschwind, und nun sprich. Champ. (stellt Glas und Flasche auf den Tisch und nimmt dann Albert bei der Hand). Du bist mein lieber Schwager, nicht wahr? Alb. Ja wohl und ich freue mich dessen. Champ. Und ich erst! Alb. (lächelnd). Das ist aber doch nicht das ungeheure Glück, welches Du mir ankündigen wolltest? Champ. (setzt sich aus das Canape rechts). Nein, nein! es ist etwas ganz Anderes, etwas Funkelnagelneues, noch niemals Dagewesenes, Du stehst, ich bin ja noch ganz überrascht davon. — Mein Gott! Ist mir warm! (Sick einschevkend.) Nimm mir's nicht übel, aber ich muß noch einmal trinken. Alb. Du! Du! Das ist das fünfte! Champ. baß mich von vorn anfangen. ES mögen nun etwa vier bis fünf Jahre her sein, daß Du das Fräulein Clemence von Balliere heimgeführt hast; es sind zum höchsten sechs Monate, daß ich das Glück und die Ehre hatte, dieHand der Schwester der Genannten zu erhalten, des Fräuleins Amelie Susanne von Balliere. Alb. (unterbrechend). Eheliche Tochter des Herrn so und so, geboren in Paris, Departement der Seine am so und so vielten Champ. Du spottest mich aus und Du hast Recht; ich weiß nicht mehr, wo mir der Kopf steht. Mein Gott! ist mir warm! Alb. (stellt, ohne daß es der Andere merkt, die Wasserflasche zurück). Also weiter, weiter! Champ. Ich weiß nicht, mit welcherlei Gedanken Du in den Stand der heiligen Ehe getreten bist — aber ich dachte mir in meinem Sinn — Du weißt, jeder Mensch denkt sich irgend was bet dieser Gelegenheit, ich sagte zu mir : Champrosay, Gott wird Dir Kinder schenken, Kinder, die alle ihrer Mutter ähnlich sehen werden! — Weißt Du, ich hatte zwei gute Gründe, diese Klausel beizufügen — für's Erste ist meine Frau zu hübsch, ein wahrer Engel, und zweitens — Alb. (ihnunterbrechend und betrachtend). Lassen wir den zweiten Grund auf sich beruhen. Champ. Meinethalben, ich Hab' auch nichts dagegen! — Ich wartete also der Dinge, die da kommen sollten. Alb. In Geduld! Champ. In Geduld, Gott bewahre! In höchster Ungeduld. Schon seit einiger Zeit wollte es mir scheinen, als ob — Na, mit einem Wort — (mit lauter Freude) jetzt ist es gewiß, authentisch, sicher wie eine telegraphische Depesche — (Sich lebhaft verbessernd.) Um Gottes willen, was red' ich, 3 da wird's ja morgen wteberrufen! — Ich will sagen: es ist sicher, unumstößlich beglaubigt, bescheinigt von meinem Doctor, der ein Mann des blaffen Todes ist, wenn er mir was weiß gemacht hat. — Na, da hast Du's — seit heut' morgen bin ich außer mir, ich glühe, ich schmelze, ich — (sucht mit den Augen die Wasserflasche). Ach so, Du hast sie weggestellt. Alb. (steht aus). Meinen herzlichsten Glückwunsch, Liebster, und sobald meine Frau erwacht — Champ. (stehtaus. lebhaft). Nein, ja nicht! — Ich bitte Dich um Alles in der Welt! — Meine Frau will sich dieses Vergnügen nicht nehmen lassen, und sic hat mir ausdrücklich untersagt. Alb. (lachend). Aha! — Schon ein ehelicher Zwist! Champ. Ach, wäre das der einzige! war' es der ärgste! — Ich fordere Dich zum Schiedsrichter auf. — Ist es nicht durch alle Interessen einer wohlgeordneten Hauswirthschaft geboten, zuerst einen Sohn zu bekommen und dann erst eine Tochter? He? Was sagst Du dazu? Alb. (lachend). Ganz gewiß, allein — Champ. Ha, Du bist meiner Ansicht! Das freut mich .'und gibt mir die Kraft, nur um so unerschütterlicher meiner Frau gegenüber diese Ansicht aufrecht zu erhalten. Alb. (immer lachend). Du glaubst wahrscheinlich, man kann sich das so bestellen? Der Mensch denkt und Gott lenkt! Champ. Freilich, freilich, Gott lenkt! — Und meine Frau betet den ganzen Tag zu ihm — und sie ist ja so gut und so hübsch — daß, wenn ich der liebe Herrgott war', ich wüßte nicht, ob ich ihr etwas ab- schlagen könnte. Alb. Also! Champ. Also — es bleibt dabei. Erst den Sohn und dann die Tochter! Punctum, Sand darauf! Und dieser Sohn wird heißen — (Mit einem Ausruf.) Ach! — da haben wir gleich noch so ein Zahnkapsel. Aline und ich, wir streiten uns den ganzen Tag — Alb. Schon wiederum? Champ. Denke Dir — sie will ihn Florestan nennen. Alb. Wen? Champ. Meinen Sohn. Alb. (lachend). Deinen Sohn? — Der vielleicht deine Tochter sein wird. Champ. Nicht doch! Wir waren ja einig, erst der Sohn. — Ich bitte Dich um Alles in der Welt, Florestan! hat man je so etwas gehört? Ein Name aus der großen Oper — der Name eines Menschen, der zu lebenslänglichem zweiten Act ver- urtheilt sitzt; der sich nur von Musik und »namenloserFreude« nährt, das wär' mir eine Existenz! Nein, ich bin für »Jacob!« das ist ein vernünftiger, staatsbürgerlicher Name, der sich ruhig und glattweg aussprechen läßt, ohne Orchesterbegleitung. — Was meinst Du zu Jacob? Alb. (ihm in die Augen sehend). Sag' einmal, lieber Freund, bist Du verrückt geworden? Champ. Ach ja, verrückt — verrückt aus lauter Freud' und Glückseligkeit — aus — (Betrachtet Albert und fährt fort; mit herabgestimmtem Tone schlägt er sich vor den Kops.) Ach, wie ungeschickt! — Wie rücksichtslos einen doch die Freude macht! — Was mußt Du von mir denken? Alb. Wie so? Champ. Ich bin recht schlecht, recht einfältig, so zu schwatzen — kaum etliche kurze Monate verheiratet — da Hab' ich Glücklicher zwei Kinder. Alb. Zwei? Champ. (sich verbessernd). Ach, ja so! Ich rechnete das nachfolgende Mädchen schon mit! — Und Du nach vier oder gar fünf Jahren — Alb. Sage fünf; nach fünf wohlgezählten Jahren. Champ. Noch immer gar kein's! Weh- muth übernimmt mich, denk' ich an deine Frau — N 4 Alb. (mit herber Lustigkeit). Meine Frau? — Die hat wahrlich andere Dinge im Kopf! Champ. Was sagst Du da? Alb. Die nackte Wahrheit! — Meine theuere Clemence besitzt alle Eigenschaften, alle Tugenden, Alles, Alles in reichem Maße, was ein zärtlicher Gatte von der Gefährtin seines Lebens verlangen mag — nur ein Gefühl hat die Natur diesem herrlichen Wesen versagt, ein Gefühl, das sie kaum zu ahnen scheint. Clemence vergöttert ihre Mutter, sie schwärmt für ihre Schwester, ich darf wohl glauben, sie liebt ein Weniges auch deinen sehr ehrenwerthen Schwager, aber sie hat keinen Funken Liebe, nicht die geringste Sehnsucht nach Kindern. Ihr fehlt — wie sag' ich es doch gleich? — ihr fehlt das Organ der Mutterliebe. Champ. (dir Hand auf dem Herzen, begeistert). Mir nicht! Hier sitzt sie — ich fühle mich ganz Mutter — Vater, wollt' ich sagen. Alb. (fortfahrend). Diese letzte, höchste Empfindung des weiblichen Herzens, welche die spätere Hälfte des Frauenlebens ausfüllt und heiligt, fehlt Clemence; sie ist wie ein Kind, das eben die Pension verläßt, sie verlangt nur nach Vergnügen, nach Schauspielen und Bällen, nach Musik und Tanz. Champ. In der That ist sie auf jedem Ball die Erste! Alb. Und meistens auch die Letzte — für mich, der ich niemals tanze, ist da zwar wenig Vergnügen dabei — aber oft, wenn ich ihr nachsehe, wie sie umwallt von Glanz und Melodien lustathmend dahinsaust auf den Klängen eines Walters, da muß ich mir selber sagen: Es wär' doch eigentlich Schade, wenn so ein schönes junges Weib all' diesen Freuden, die sie liebt, durch häusliche Pflichten entrissen würde — durch Pflichten, die sie erfüllen würde, wie irgend Eine — dafür steh' ich gut. - ^ Champ. Na, wenn's denn schon einmal so ist, so wird's also auch gut sein. Aber Du? (Seine Hand ergreifend.) Schau, Albert, unter Schwägern, unter guten Freunden, wie wir Beide sind, da darf man schon einmal mit der Sprache berausrücken — hast Du niemals da, (ihm aus die Brust klopfend) ganz tiefda drinnen — Alb. O laß, laß! Champ. (gemächlich zudringlich). Ei so geh' weg! — Hast Du niemals in deinem Leben — Vaterfreuden genossen?— Weißt Du, ich meine so rein theoretische, he? Hast Du niemals so ein bausbackigcs, zappelndes Bürschchen auf deinen Knieen geschaukelt — oder so ein ganz kleinwinziges allerliebstes Mädchen — so wie Milch und Blut! — so wie — Alb. (der, nachdem er sorgfältig rund um sich gesehen, das Medaillon aus der Tasche gezogen und es ihm nun vor die Augen hält). So wie das da? Champ. (auffahrend). Schau, was ist das? Alb. (leise, mit einem Händedruck). Das ist mein Glück! Champ. (ganz verdutzt). Wie — was— im Ernst? — eine Erinnerung — vergangener Zeiten? — oder noch leibhaftig, lebendig? Alb. Ei gewiß! (Küßt das Medaillon.) Du armes Kind! — Ich glaube, es würde mich tödten, wenn ich Dich nur krank wüßte! Champ. Also— Du hast—? Alb. Still. — Schweig! — meine Frau! Champ. Ei. der Teufel! — Du höre kein Wort über das von vorhin! Alb. Und Du — Champ. Das versteht sich! (Für sich) Schau, schau, daS sind schöne Neuigkeiten! o Zweite Scene. Albert, Champrosay, Clemence. Clem. Albert! — Ah, Sie sind hier, Champrosay? Guten Morgen, lieber Schwager. Wie geht's Ihnen — wie geht's meiner Schwester? Champ. Könnten's nicht besser wünschen! — Nur wissen Sie — (er ficht nach Albert, der ihm ein Zeichen macht) ah, ja so— ausgezeichnet! (Sich auf die Brust schlagend und Albert betrachtend.) Kein Muttcrherz. Clem. Sie überraschen mich in einem schönen Aufzug; ich glaube, man sieht mir's an, daß ich mir eben erst den Schlaf aus den Augen gerieben habe; ist es nicht eine Schande, wie? Champ. Bitte, bitte — meine Frau Schwägerin braucht solcherlei Ucberraschun- gen nicht zu fürchten; die sind nur für die Gesichter gefährlich, welche sich jeden Morgen erst frisch retouchiren lassen müssen — Sie, meine liebe Schwester, Sie find wunderschön zu allen Stunden. Clem. Wenn das wahr ist, dann bekommt mir ja das Tanzen vortrefflich, — man muß mir aber auch zugcstehen, ich verfolge diese Cur mit einer Ausdauer — Alb. Mit einer Ausdauer, die bis fünf Uhr des Morgens anhält. Champ. Ja, ja, Sie machen es nicht wie Madame Delormel, die schon vor zwei Uhr aufgebrochen. Ich komme geraden Wegs von ihr. Elem. (theilnahmsvoll). Sie ist dochnicht ttwa krank? Champ. Sie nickt, — aber ihre kleine 3eanne war etwas leidend und verlangte nach Mütterchens Pflege. Clem. (eine Wallung unterdrückend). Ach, deshalb? — (Nicht ohne Bitterkeit.) Sie hat lehr viel verloren. — Als sie gegangen, da wurde es erst recht schön. — Zwar, ich kann's begreifen, es ist ja natürlich, — das Töchterchen bedurfte der Mutter und ihrer zärtlichen Sorgfalt. Aber nichtsdestoweniger ist sie zu bedauern, — bis zwei Uhr war die Gesellschaft schleppend langweilig, — eine wahre Ausstellung, — aber nachher war das ein Leben, war das eine Lust — (mit übertriebener Lustigkeit) und ich habe gerast bis an den grauenden Tag! — (Zu Albert.) Warum hätten wir auch früher gehen sollen? Sind wir nicht Herren unserer Zeit? — Uns erwartete daheim keine Seele. — Wenn andere, wie diese arme Frau, durch den rauschenden, schwirrenden Geigenjubel ein kläglich lallendes Sümmchen zu vernehmen meinten, ich hörte nichts als Lust und Locken. O, ich habe mich köstlich unterhalten und die arme Delormel hat wahrlich viel versäumt. (Setzt sich anfs Ea- nape recht-.) Alb. (leise zu Champrosay). Da hörst Du selbst! Cham. Das ist die galoppirende Pol- komanie im höchsten Grad! (Laut.) Da werden Sie heute wohl ansruhen, — so wie meine Frau, die muß sich auch ruhig verhalten. Clem. Ausruhen, ich? Ja, kann ich denn zu Hause bleiben? — Haben Sie vergessen, daß heute das große Rennen ist, das große Steeple-chase? Alb. Freilich, ein ganz prächtiges Rennen, die Jokays sind aus der besten Gesellschaft. Champ. (sich aus die Lehne des Lanape's links stützend). Ei ja, ein Neffe von Madame Delormel ist auch darunter, —einer Ihrer Tänzer — er hat seine Tante gebeten. doch ja zuzusehen, — da er einige Aussicht hat, sich den Hals zu brechen, so wünscht er, daß dieses Ereigniß nach Möglichkeit sn tamills vor sich ginge, — 's ist ein guter Kerl, der Neffe. Clem. Da sehen wir die Tante also heute Nachmittag. Alb. (zu Elemente). Wir wollen ihr einen Platz in unserem Wagen anbieten. Champ. Nein, sie kommt nicht,— beut' ist ja Donnerstag, da bleibt sic ihres kleinen 6 Leon wegen zu Haus, der heut' seinen freien Tag in der Pension hat. (Setzt fich auf's Eanape.) Clem. (lachend und etwas ironisch). Schon wiederum! — Aber das ist ja rein zum Verzweifeln, — die arme Frau gönnt sich ja nicht das geringste Vergnügen mehr. Champ. Na, aber der arme Kerl hat nur den einen freien Tag jede Woche, — 's ist ein allerliebstes Bürschchen. Clem. Ja, Sie haben Recht, — 's ist ein ganz liebenswürdiger Knabe, — aber ein Rennen wie das heutige, — wir, wir werden es nicht versäumen, Albert, nicht wahr? Alb. Gewiß nicht, wenn's Dir so viel Freude macht — (Leise zu Champrosay.) Was Hab' ich gesagt? Champ. (für fich). Du hast Recht, — kein Mutterherz. Clem. (zu Champrosay). Sie sehen doch zu? Champ. Ich, Gott bewahre! Ich bleibe bei Almen. Clem. Aber sonst fehlten Sie ja nie bei einem Rennen. Champ. Ja, sonst! als Junggeselle! aber jetzt als Familicnva... (Albert unterbricht ihn, indem er ihn au der Schulter rührt.) Ach, ich will sagen als verheirateter Mann! Clem. (zu Albert, der nach dem Hintergründe geht). Du willst wohl anspannen lassen? Alb. Auf der Stelle! Clem. Noch nicht, nn bischen später, — es ist noch zu früh. Champ. Später? Das freut mich, denn Aline will heut' früh bei Ihnen vorsprechen. Clem. (steht auf). Meine Schwester? Ach, die Freude, — sie kommt doch gewiß und recht bald? Champ. (steht aus). Seien Sie außer Sorge, sie kommt ganz sicher — ich will nur gleich gehen, um sie abzuholen, —Sie darf mir jetzt keinen Schritt aus dem Hause thun, ohne sich auf meine männliche Rechte zu stützen. Clem. Warum denn das? Champ. (etwas verlegen). O? — ich kann mich eben nicht von ihr trennen, — und dann wissen Sie, wie die Leute jetzt die Stiegen wichsen, das ist ja das wahre Glatteis! — entsetzlich! Stellen Sie sich vor, wenn sie ausglitte — (Albert gibt ihm ein Zeichen.) He? — Ach ja so, ja, — ich hole sie.Auf baldiges Wiedersehen! (Eilt ab.) Alb. (nimmt den Hut). Champrosay! — Fort ist er! Dritte Scene. Elemente. Albert. Clem. Willst Du auch gehen? Alb. Ach, — nur auf ein paar Augenblicke. Clem. Richtig — (mit einem Blick nach der Uhr) es ist ja deine Stunde. Alb. (ein wenig überrascht). Was willst Du damit sagen? Clem. Nichts, als daß Du fast jeden Tag mich genau um dieselbe Zeit verlassest. — Glaubst Du, man merkt sich so etwas nicht? Alb. (heiter). Ah! — Nun, um deine Beobachtungen zu verwirren, so bleib ich hier. Clem. (herzlich). So geh' doch — (Sich an seine Schulter lehnend.) lind doch, werweiß, wenn ich eifersüchtig wäre — Alb. (mit freimüthiger Offenheit). Sv würdest Du sehr Unrecht thun. Clem. O, ich Dir! Du hast mein ganzes Vertrauen. Aber — Du weißt, es ist bei Allem so ein gewisses »aber« dabei — manchmal bin ich doch eifersüchtig — er- rath' einmal, auf wen? — Auf die Vergangenheit. Alb. Im Ernst? Clem. Gar sehr im Ernst! Glaub' es nur! Du weißt, wir Frauen haben alle 7 dieselbe Schwäche—wir möchten alle gerne aus kundschaften, was Ihr so zwischen Eurer Studentenzeit und Eurer Verheiratung getrieben habt! Es ist ein Dutzend lustiger Jährchen — (mit dem Finger drohend) Wenn die Polizei einen ausführlichen Ausweis darüber verlangen dürste — da würden schon Dinge zu Tage kommen. Alb. (heiter) Erstaunliche! Besonders bei mir! Ich war ein arger Sünder. Aber das ist verjährt. (Beide Hände scherzhaft zum Schwur erhebend.) Die Gegenwart ist dein und die Zukunft. Clem. O! mehr verlang' ich nicht. Gib mir einen Kuß und geh'! Alb. Ich bin gleich wieder — (Kehrtum.) Ah! Ich will doch bei Madame Delormel vorsprechen und fragen, wie es ihr geht. Clem. Ja, thu' das! Alb. Ihr und ihrer kleinen Jeannc. Clem. (zitternd, dann gefaßt). Ja — ja — Du hast Recht. Alb. Mit welchem Ton Du das sagst! Clem. Ich? Alb. Bist Du verstimmt? Clem. Warum nicht gar! — weshalb denn? —Geh, Liebster, und erkundige Dich UM die kleine — (Sie kann nicht vollenden.) Leb' wohl, leb' wohl! Alb. (für sich). Was hatsiedenn? (Laut) In einer halben Stunde bin ich wieder bei Dir! (Ab.) Vierte Scene. Elemente, dann Annette. Clem. (schellt). Annette! (Annette tritt ein. Etwas aufgeregt zu ihr ) Sage dem Kutscher, daß er nicht weggeben dürfe, und bereite meine Toilette — ich will das Wettrennen mit ansehen. Annette. Was für ein Kleid befehlen ^ie, gnädige Frau? Clem. 's ist mir einerlei. Annette. Den weißen Krepphut? Clem. Nein — (ironisch) in dem seh' ich so würdig aus wie eine Mama — gib mir mein Federhütchen — (Annette ab.) Ich liebe die Aufregung, die man bei diesen halsbrecherischen Reiterkünsten empfindet — das beschäftigt die Einbildungskraft — das zerstreut — und man vergißt. Annette (bringt einen kleinen cbapsau mou3- gnetairs). Diesen da, gnädige Frau? Clem. Ja — gib her! Annette. Werden gnädige Frau spät nach Hause kommen? Clem. Sehr spät — nach dem allerletzten Rennen, wohl verstanden! (Spöttisch ) Ich gehöre nicht zu Jenen, die den Ballsaal schon um zwei Nhr verlassen. (ZuAnnette, die sie erstaunt anfieht.) Was willst Du? — Geh, geh! (Annette ab. Die Federn auf dem Hut ordnend. bitter.) Um zwei Uhr! — Das ist zu früh oder zu spät. — Was hatte sie auf dem Balle zu schaffen — geht man zum Tanze, wenn man ein Kind zu Hause hat? — Kann man sich davon auch nur eine Minute trennen? — Glückliche Mutter! — Abscheuliche Mutter, die Du Gottes Güte mit Undank vergiltst! (Sich ihrer Gedanken erwehrend.) Ich hatte mir selbst versprochen, nie mehr daran zu denken, — aber mein Schwager und mein Mann und alle Welt scheinen ein Vergnügen daran zu finden, mir von Dingen zu reden, die — (Wirstden Hut weg, fällt meinen Sessel.) D, ich könnt' ihnen gram sein, allen diesen Frauen! (Sie stützt das Haupt in die Hand und schweigt ein Weilchen. Die Aufregung legt sich. Wehmuth über- mannt sie und langsam fährt sie fort.) O Du mein Gott! wann, o wann werde ich hier, hier bei traulichem Lampenschimmer, fern vom Geräusch und Taumel jener Feste, eine kleine Wiege sehen, zu der ich mich niederbeuge mit verhaltenem Athem, auf daß auch kein Hauch den Schlummer des geliebten Wesens störe — eine Stirn, so klar und glänzend rein, drauf meine ganze Seele ausgegoffen ruht — kleine blonde Löckchen, in deren zarter Seide die berauschten Finger sich verirren? Warum,mein Herr nndGott, 8 warum hast Du in meinem Herzen diese Flamme einer nie gestillten Zärtlichkeit entzündet, welche gegenstandlos mich innerlich versengt, mich verzehrt !(Sie steht heftig auf.) Sie sagen zwar, Kinder bringen Leid, nicht Freud'! Aber gib mir es, o Gott, dießLeid! Ich nehme es sa gem auf mich, die tausend bittern Thränen, in stiller Nacht am Brüchen des kranken Lieblings vergossen! — Dann will ich zu mir sagen: Sieh, wie es leidet und Du selbst, wie Du weinest — aber es lebt, es lebt, und ich lieb' es! — Es soll nicht, soll nicht also sein! (Sie finkt in das Lanape zurück.) Das bricht mir das Herz! Fünfte Scene. Elemente. Champrosay. Aline. Bedienter. Bedienter (ganz leise anmeldend). Herr Champrosay und Frau Gemalin. Champ. (aufschrriend). Warum denn so leise auf einmal? Jetzt ist cs ein Uhr, lieber Freund, und ich komme mit einer Dame — (Der Bediente zieht sich zurück; indessen hat Aline ihre Schwester umarmt.) Wo haben Sie denn denBedienten her, liebe Schwägerin? der Mensch hat ja keinen Begriff von richtiger Betonung. Clem. (z« Aline). So nimm doch Platz! Aline (sehr geschäftig). Nein — nein — ich mag nicht— wart noch ein Weilchen — (Zum Bedienten.) Bringen Sie Alles hier herein — (Zu Elemente, die sie erstaunt anfieht ) Ja, Du mußt nicht glauben, daß ich Dir heute so einen gewöhnlichen Besuch mache, als Freundin und Schwester — (mit Würde) heute gibt es Angelegenheiten von höchster Wichtigkeit, welche ich deinem Gutachten unterbreiten will. Clem. (lachend). Na, was soll denn das? Du machst mich neugierig! Champ. (nimmt dem Bedienten einige Schachteln ab und stellt sie auf ein Arbeitstischchea, welches er in den Vordergrund rückt). Hier ist etwas, diese Neugier zu befriedigen. Clem. Du hast Einkäufe gemacht? Champ. Einige Einkäufe — ja. (Er will die Schachteln öffnen, Aline verhindert ihn, beide Hände darauslegend.) Aline. Ich bin heute Morgen schon sehr früh ausgegangen und seitdem fahre ich von einem Laden zum andern, so daß ich mir nicht einmal die Zeit genommen habe, zu frühstücken. Champ. (entsetzt). Was! Du hast nicht gefrühstückt? Welche Unvorsichtigkeit! Elemente, ich bitte Sie, lassen Sie etwas Bis- quit kommen, ein Glas Malaga, ein Beaf- stak, irgend eine Kleinigkeit, was immer es sei! Clem. (will klingeln). Aline (einfallend). Laß doch — ich will nicht essen — ich fühle keinen Hunger! (Zu Elemente.) Ich habe die ersten und größten Weißwaarcn Handlungen durchstöbert und— Clem. Was? — Um eitel Weißzeug, um Spitzen und Stickerei hast Du das Frühstück versäumt, Du, deren Ausstattung einen ganzen Salon anfüllte! — Ich kenne Dich gar nicht mehr! Aline. Gedulde Dich! Champ. Gedulden Sie sich! Aline. Ich habe das Beste, das Geschmackvollste ausgesucht und Alles in diese Schachteln packen lassen, beginnen wir nunmehr die hochwichtige Familien-Conferenz. Clem. Sei's denn! Laß deine Wunderdinge schauen — Kragen, Aermel, Tücheln, darin bin ich kompetent — also rasch, zeige her! Al ine. Da schau — Champ. (dazwischensahrend.) Halt — laß mich machen —ich versteh mich d'rauf. (Er stellt die Schachteln aus das Eanape links) Clem. (lachend). Sie? Champ. Ich weiß schon, wie man das anfaffen muß — ich werde nichts zerdrücken. (Er hat aus einer Schachtel ein Kinderhäubchen 9 genommen, das er seiner Faust auffetzt und Elemente vor die Augen hält). Na — da! Aline (die mit raschem Griff sich des Häubchens bemächtigt). Begreifst Du mich jetzt? — O meine Schwester! — Und Du umarmst mich nicht einmal? einmal! (Elementes erstickt einm Schrei.) Champ. Begreifen Sie nun unsere Freude, unsere Glückseligkeit? — Sehen Sie doch! (Aline gibt Elemente das Häubchen hin, aus welches diese stumm und regungslos ihre Augen heftet.) Aline (sehr rasch, ohne vor lauter Freude die Bewegung Elemence's zu bemerken). Was sagst Du zu den blauen Bänderchen? — Sie waren gerade nicht nach meinem Geschmack, — aber er bestand darauf. Champ. (ebenso, ohne Elemente zu beobachten). Und ich bestehe noch darauf, — das ist einmal entschieden, ausgemacht, abge- than, — fange mir nicht noch einmal von vorne an! 's ist merkwürdig, seit wir unser Glück kennen, hört das Streiten gar nicht mehr auf, — bald ist's die Farbe der Bänder, bald ist's sein Taufname, bald ist's— so eben erst, im Wagen, als wir uns über die Zukunft berathschlagten — denn Sie wissen, die Wahl eines Standes, eines Berufs kann man gar nicht früh genug überlegen. Aline. Ja wohl, und weißt Du, was mein Mann will, daß er werden soff? Champ. Nein, — Du willst ja, daß er Soldat werden soll! (Zu Elemente.) Begreifen Sie das? Das ist eine rechte Weibergriffe. Soldat! Du bist nur so eigensinnig darauf versessen wegen der bunten Uniform! Aline. Nun ja, wegen der Uniform. (Zu Elemente, ohne sie zu betrachten.) Dfsicier lst doch besser^ als Notar! Ja, einen Notar will er aus ihm machen! — Das ist was Hübsches, ein Notar! Ehamp. O, es gibt sehr hübsche Notare, — freilich einen rothen Federbusch tragen sie nicht, aber ihre Tracht ist auch viel gesünder und conservirt sich selbst und den, der sie trägt. Frag' doch einmal nach bei einer Lebensversicherungsgesellschaft, sie werden Dir schon sagen wer länger lebt, ein Notar oder ein Zuaven-Capitän. Aline. Jetzt hast Du wieder Recht. Champ. Also! (Mit Autorität.) Flore- stan wird Notar! Aline (lebhaft). Ach! —Also dock Fle- restan? Champ. Hab' ich Florestan gesagt? Na, meinethalben! wcil's schon einmal gesagt ist, — ich will nicht halsstarrig sein! Aber leid ist mir doch um den Jacob! Aline. Papperlapap! — Sie wird weder Jacob noch Florestan heißen, — sie! — verstehst Du mich? — Du sollst den (zu Elemente, sie mit den Armen umschlingend) Namen wählen, Du, die Pathe — (Jnne- haltend.) Ach. mein Gott, was hast Du denn? Champ. In der That, — wir schwatzen und schwatzen immerfort — und Sie, Sie sind so mäuschenstille! Aline. Du fällst mir noch immer nicht um den Hals? — Du küssest mich nicht einmal? Clem. (sie sanft zurückstoßend). Laß mich! Aline (dem Weinen naht). Ach, Du lieber Himmel! was Hab' ich Dir denn gethan? Clem. (sich entfernend). Nein, das ist nicht edel, das ist grausam! Alina. Ja, was denn? Clem. (bitter). Wenn ein reicher Mann einem Bettler begegnet, Schwester, und er läßt prahlerisch sein Gold vor ihm klirren, — ist daS edel? Ist's nicht eine Beleidigung des Elends? Und das hast Du an mir gethan. O, das ist hart! Champ. (für sich, staunend). Ach! Mir geht ein Licht auf! AUne. Elemente! Clem. (mit schwacher Stimme). Laß' mich! — ich bin Dir bös! Aline. O! (Fällt in eineu Stuhl und schluchzt.) 10 Champ. (aus sie Mstürzend). Um Gottes willen, Gemüthsbewegungen in dieser Zeit! Clem. (welche das Angesicht mit dem Schnupftuch verhüllte, wendet sich zu Alme und fällt vor ihr aus die Knie). O vergib, vergib, meine Schwester — ich, ich allein bin ungerecht, bin grausam! Vergib mir, vergiß Alles, was ich gesagt habe! — Ich liebe Dich, ich will dein Kind lieben, es soll meinen Namen tragen! — es soll auch mein, auch mein Kind sein, — mein Kind vor Gott! Aline. Liebe Schwester! (Sie umarmen sich weinend.) Champ. (für sich). Und Albert, der Gatte selbst, verkennt so sehrdasHerz seiner Frau! (Versinkt in Nachdenken.) (Der Vorhang fällt.) Zweiter Art. (Ein kleiner Salon, sehr einfach und bescheiden. Eine größere Thür im Hintergrund. Thüren zu beiden Seiten.) Erste Scene. Frau Bernard, Albert. (Frau Bernard fitzt rechts und näht. Albert tritt durch die Seitenthür links ein, die er offen läßt.) Alb. Guten Tag, Frau Bernard. Bern, (steht aus). Sie sind's, Herr Albert? Alb. Wie geht es Euch seit gestern Morgen? Bern. Recht gut, Gott sei's gedankt!— Die Kleine schläft,—ich will indessen gleich sehen — . Alb. Nein, lassen Sie, — aber sobald sie von selbst erwacht — Bern. Dring' ich sie Ihnen her. (Rechts ab.) (Albert geht zur Thür links.) Zweite Scene. Champrosay, Albert. Alb. Tritt ein! Champ. Sind wir zur Stelle? Alb. Wir sind's! Champ. (sieht rund um sich). Wo ist denn —? Alb. Sie ist da drinnen. Champ. Allein? Alb. Wie beliebt? Champ. Ich meine, ob sic — allein ist? Alb. (lacht). Wieso allein? Was willst Du damit sagen? Champ. (ernsthaft). Hör' mich an, Albert, — ich habe Dich seit mehreren Tagen nicht gesehen, seit jenem Tage, da deine vertraulichen Mittheilungen durch die Da- zwischenkunst meiner Schwägerin unterbrochen wurden, nun begegne ich Dir auf einmal in dieser Straße, im Moment, wo Du in dieses Haus eintreten willst, — Du nimmst mich beim Aermel, Du raunst mir zu: Komm' mit herauf! — Wo hinauf denn?—Zu ihr! — Zu wem? —Zu dem Original meines Medaillons, zu meinem Glück! — Und an der großen Stiege vorbei geht's hurtig über eine Hmtertreppc — Du svringst hinauf, — ich folge Dir etwas langsamer und nicht ganz ohne Herzklopfen, ich sag' es aufrichtig, aber nichtsdestoweniger, ich folge Dir — Alb. Nun? Champ. Nun? — Hör' mich weiter, lieber Freund, — auch ich war einmal jung, wie Du, — sehr jung war ich! (Nicht ohne sich zu brüsten.) Man hat in gewissen Regionen davon zu reden gehabt — (streng) aber jetzt, seit ich verheiratet, seit ich Familienvater bin — na, na, noch nicht ganz, aber fast, — der bloße Gedanke, meine Frau zu hintergehen, Almen zu betrügen! Alb. Nun? Champ. Das thu' ick nicht! — Niemals! niemals! Alb. Ach! Jetzt begreif' ich dieses: Ist sie allein? Ja, mein Lieber, sie ist allein. Champ. Ich athme wieder! Das laß' ick mir gefallen, — dagegen ist nicht's einzuwenden — also ihre Mutter — Alb. (etwas traurig). Ihre Mutter — hat sie niemals gekannt — derselbe Tag, der dem Kinde das Leben gab — Champ. (seine Hand erfassend). Ich verstehe — die Aermste! Alb. (lebhaft). O, es war ein treffliches Weib. Sie verdiente meine ganze Achtung und Liebe, sie verdiente den Namen meiner stolzen Familie, welchen ich ihr gab, leider zu spät gab — auf ihrem Todtenbett. Meine Familie hat nie darum gewußt. Noch viel weniger dürft' ich es wagen, vor der strengen Mutter meiner Frau ein Ge- heimniß zu verrathen, welches mich vielleicht auf immer von Elemente getrennt hätte. Auck nach unserer Verheiratung! schwieg ich, und dieß Schweigen dünkt mich oft unrecht. — Sonst drückt kein Vorwurf mein Gewissen, kein Makel lastet auf dem Namen meines Kindes. Champ. Albert, Du bist ein wackerer Mann. Alb. Du kennst nun das verhüllte ge- heimnißvolle Glück, das ick in einem stillen Winkel meines Lebens hüte — hier unter Frau Benards Obhut und Pflege, einer Frau, die jahrelang in meines Vaters Haus gedient, wird mein Töchterchen erzogen. — D, wenn Du wüßtest, welche Seligkeit ich aus den Augen dieses kleinen Wesens sauge, welche süße Erinnerungen mich begleiten, wenn ich es verlasse. — Und komme ich dann heim zu meiner Elemente, so grolle ick mit mir, denn mir ist, als stähl' ick ihr ein Theil meines Selbst, das ihr doch ganz gehören sollte, ich schelte mich wegen eines Glückes, das ich nicht mit ihr theile — und dabei wächst meine Liebe und Zärtlichkeit Tag für Tag! Champ. (heiter). Na, da hat sie'ja nur Vortheil davon und ein Jedes findet dabei seine Rechnung. (Für sich.) Sollt' ich seine Freude stören und ihm entdecken, daß Elemente — Alb. (lebhaft). Dabei fällt mir ein, Du hast meine Frau nicht gesehen seit den letz- ten fünf Tagen. Champ. Mit keinem Auge. Alb. 's ist eine merkwürdige Veränderung mit ihr vorgegangen, mein Lieber! Champ. Ah! Alb. Eine wahre Umwälzung! Champ. Was Du sagst! Alb. Unglaublich, unerhört — ich hätte es nie für möglich gehalten — Elemente hat nun schon die dritte Balleinladung abgeschlagen. Champ. Was Teufel! Alb. Zwei neue Kleider abbestellt — Champ. O! O! Alb. Und endlick hat sie das Abonnement in der italienischen Oper nicht erneuert. Champ. (lachend). Da wirst Du ja ungeheure Ersparnisse zurücklegen. Alb. Gott bewahre! Das ist eben das Erstaunlichste. Als ich heute Morgen das Budget für ihre privaten Ausgaben in Ordnung bringe — glaubte ick, sie würde mir, wie das bei allen Budgets der Brauch ist, einige Verminderungen Vorschlägen, aber ganz im Gegentheil — sie verlangte noch einen außerordentlichen Credit! Champ. Wozu denn? Wenn sie immer zu Hause bleibt? Alb. Das thut sie eben nicht. Niemals pflegte sie so früh das Haus zu verlassen und so spät nachHause zukommen,wie eben jetzt! — Ich frage mick umsonst, was das bedeuten soll. Ich kann mir's nicht erklären. — Wenn meine Frau etwas auf dem Herzen hätte, das müßt' ich ja gleich gemerkt haben — Champ. (mit absichtlicher Betonung). Ja 12 wohl, das müßtest Du schon längst gemerkt haben. Alb. (nähert sich der Thür rechts). Still — ich glaube — Champ. (lebhaft). Das Medaillon kommt? Dritte Scene. Vorige. Eugenie. Frauard Bern. Alb. Da ist sie! Eug. (Albert entgegenspringend). Grüß' Gott, Papa! Alb. (küßt sie und hebt sie auf sein Knie). Grüß Dich Gott, mein liebes Kind! Champ. (ganz Bewunderung). O ! Eug. Du — wer ist der Herr da? Alb. Das ist mein lieber Freund. Eug. Ich mag die Herren nicht. Champ. Sie ist reizend! Eug. Weißt Du, wen ich viel lieber hätte? Alb. Wen? denn Eha mp. (kommt ganz nahe). Eug. (Albert in's Gesicht schauend). Sag' einmal, Papa, kommt meine Mama auch beute noch nicht zurück? Champ. (zurückprallend) Wie? — Wer? Alb. (gibt ihr eine kleine Schachtel mit Zuckerwerk). Schau', hier Hab' ich Dir etwas mitgebracht. Eug. (küßt ihn). O, ich danke schön,Papa! (Geht zu Frau Bernard.) Da sehen Sie her! Alb. (steht auf). Champ. (nimmt Albert bei Seite). Du — was hat sie da eben gesagt? Alb. (halblaut). Ach, mein Gott! Das erste Wort dieses Kindes, welches seinen ersten Gedanken ausdrückte, war eine jener unschuldig erschrecklichen Fragen, die uns aus der Fassung bringen. Sie fragte uns, warum denn sie keine Mutter habe, da doch alle die andern Kinder eine hätten. — Wir antworteten ihr — Frau Bernard und ich — wir glaubten es recht gut zu machen! Deine Mutter ist auf Reisen, weit weg in fernem Land; aber eines Tages wird sie zurückkommeu und dann wirft Du sie sehen. — Und in diesem guten Glauben hast Du sie fragen hören: Kommt denn Mama auch heute noch nicht zurück? Eug. (kommt zu Ehamprosay und bietet ihm aus der Schachtel an). Magst Du auch etwas? Champ. Wer? Ich? Eug. Ja, Du, Onkel? Champ. Onkel! Sie ist reizend! Freilich mag ich was und sehr viel — aber Du mußt mir selbst zu essen geben. Eug. Warum denn nicht! (Steckt ihm Zuckerwerk in den Mund ) Champ. (in ihr Anschauen verloren.) Sie ist zu hübsch! (Leise zu Albert.) Gerade so muß mein Nummero Zwei werden. — (Zu Eugenie.) Rühr' Dich nicht, Mäuschen, ich bitte gar schön — laß mich Dich betrachten, lange bettachten — ich habe meine Gründe. Alb. (lachend). So! Champ. (leise). Wer weiß, lieber Freund? Die Gewalt der Erinnerung, dieMacht des Gemüths — Alb. Ah! ah! ah! ah! Eug. (zu Boden springend). So! — Jetzt will ich meine Schachtel zu den andern Schachteln in den großen Schrank einschließen. (Zu Ehamprosay stolz.) Ich habe schon einen Schlüssel, mein Herr! Champ. Potztausend! Alb. Geh, mein Kind, geh. Champ. Was, Du läffest sie schon fort? Alb. Ja, ja — (ZuEugenie.) Geh nur, schließ Du nur deine Schachtel ein. Bernard (zu Eugenik). Komm! Eug. Nein, ich weiß schon allein — ich Hab' ja meinen Schlüssel! (Rechts ab.) Champ. (zu Albert). Aber warum schickst Du sic denn schon fort? Alb. (nimmr seinen Hut). Weil— (freudevoll) je nun, weil morgen ihr Geburtstag ist — Chamv. Wirklich! Alb. Und ich alle Kaufläden für sie plündern will. Champ. Ich plündere mit! — Alle Wetter — ich muß mich als Onkel auf den 13 Vater einüben. Vorerst will ich nur geschwind schauen, wie's meiner Frau geht — (zieht die Uhr) es sind schon drei Viertelstunden, daß ich sie nicht mehr gesehen — und hernach komm' ich zurück mit einem prachtvollen Geschenk für deine Tochter. (Geht gegen die Mittelthür.) Komm! Alb. Halt, halt! Ja nicht hier hinaus! — Das ist ja die große Stiege! Champ. Ach ja so! Wir müssen verstohlen über die Hintertreppe — o, das mahntan vergangene schönere Zeit !(Sich schnell verbessernd.) Nein! An die böse Zeit, die arge Zeit! (Beide ab.) Vierte Scene. Frau Bernard (allein). Bernard. Du braver Mann mit deinem guten Herzen.(Nach rechts gewandt.) Ihre Mutter will sic sehen? Er ist ihr ja Vater und Mutter in einer Person. (Sie will rechts ab- gehen. es klopft an die Mittelthür.) Man klopft (Sie öffnet.) Fünfte Scene. Frau Bernard. Elemente. Bernard. Eine Dame! Clem. Bin ich recht bei Frau Bernard? Bern. Das ist mein Name, gnädige Frau! (Bietet ihr einen Stuhl neben dem Tisch, ste setzen sich.) Clem. Ich muß Sie bitten, die Befangenheit zu entschuldigen, deren ich mich nicht erwehren kann; es ist zum ersten Mal, daß ich mich einer Mission unterzogen, für welche man nur zu oft eine üble Aufnahme fürchten muß. Da ich jedoch an alle Thüren dieses Hauses geklopft und überall, in der glänzenden Wohnung des Reichen, wie in der Dachkammer des Ar- lnen, freundliche Aufnahme gefunden habe, so bin ich ermuthigt, auch Sie zu bitten. (sich Gewalt anthuend) Sie errathen wohl Madame, daß es ein mildthätiger Zweck ist, der mich zu Ihnen führt. Bern. Ich bin zwar nicht die Herrin vom Hause, - aber ich weiß zum voraus, daß man mich loben wird, — Sie erlauben, gnädige Frau— (Sich verbeugend.) Und für welche Anstalt, wenn ich fragen darf— Elem. Ich sammle für die Krippenanstalt unseres Bezirkes. Bern, (lebhaft). Die Krippenanstalt — ack, dann Hab' ich zu wenig gegeben. Clem. (sie unterbrechend). Sie gestatten doch, daß ich hier, wie allerwärts, mich an Ihr gutes Werk anschließe und Ihre Spende verdopple. (Sie legt ein Geldstück in die Börse, lächelnd.) Ihr Geld ist gut angelegt, es trägt hundertfache Zinsen. Bern. Die armen Kleinen! Clem. (erregt). Ach! nicht wahr, Sie lieben sie auch, wie wir. — Alles Elend hier auf Erden hat ein Recht auf unser Mitleid, aber das Elend der Kinder ist doch das rührendste von allen. Die armen kleinen Wesen, — so früh schon einsam in der Welt ohne Kraft wie ohne Hilfe, ohne Mutter! Doch wir bereiten ihnen eine andere heimatliche Stätte, wir müssen Mutterstelle an denen vertreten, fürwelchedie eigene Mutter verloren ist, — ach, es ist ein süßer Trost in dem Gefühl, an fremden Wesen Mutterpflichten zu üben, und manchmal scheint's, als ob das Herz sich täuschen ließe und nicht mehr verlangte. (Wehmuth bemächtigt sich ihrer Stimme.) Bern. Gnädige Frau — Clem. (lachend). Wozu es sich verhehlen, daß oft unser Mitleid recht eigensüchtig ist? Bern. Wie meinen Sie das? Clem. Ich hatte einst eine Freundin, — sie war sehr leidend, sic litt an einem stillen Gram, der langsam ihr das Herz zernagte. — In den rauschenden Freuden eines aufregenden Lebens suchte sie Zerstreuung, — und fand sie nicht, — da sagte sie sich eines Tages: vielleicht findest Du anderswo ein Heilmittel für deinen Kummer! und die Eingebung einer glücklichen Stunde zeigte ihr den Weg, den sie verfolgen sollte. Kaum daß sie wenige Schritte auf diesem Pfade zurückgelegt und schon fühlt sie sich ruhiger und der Friede der Entsagung weht wie ein Trosthauch über ihre zuckende Seele. — Nun fürchtet sie sich nicht mehr, allein zu sein, fürchtet sich nicht mehr vor ihren eigenen Gedanken: denn nun weiß sie, woran sie ruhig denken darf: an die armen Kleinen, zu deren Freude auch sic ein Scherflein bcigetragen. Der Dank, den man uns spendet, beschämt uns — wir geben ja nur Geld, und wir empfangen dafür Glück. Wir find es, die zu danken haben. — Leben Sie wohl, werthe Frau und herzlichen Dank! (Geht langsam gegen die Mittelthür; bei Eugeniens Eintritt wendet sie sich plötzlich um.) Eng. (tritt ein, bemerkt Elemente. bleibt einen Augenblick erstaunt stehen, und scheint zu zögern, dann stößt sie einen Schrei aus und eilt in Elementes Arme). Ach, Mama! Clem. O Gott! Eug. Du bist's, — nicht wahr, Frau Bernard, sie ist's? Elem. (fällt aus die Kniee und preßt das Kind in die Arme). O sag's noch einmal dieses Wort. (Bewegung Eugeniens.) Ach, Du fürchtest Dich vor mir, ich seh's — fürchtest Dich, weil ich weine, weil ich zitt're! — Schau, ich kann auch lächeln Dir zu Liebe, o sag's noch einmal! Eug. (umhalst sie). Mama! Elem. (nimmt sie beim Kops und küßt sie; zur Bernard gewandt). Ich weiß nicht, was das bedeuten soll, ich verstehe ja nichts — so reden Sie doch, Frau Bernard, um Gottes willen, antworten Sie doch! (Rasch.) Doch nein! — antworten Sie nicht, ich will nichts wissen! (Zu Eugenie zurückkehrend.) Mein Kind, — meine Tochter! Ah! (Nimmt ein Kettchen vom Halse, an der ein goldenes Herz HLngt.) Schau! Das gehört Dir! -- Das mußt Du immer behalten, das mußt Du tragen alle Tage — Du, die Du mich mit dem süßen Namen — Eug. Ach, wie schön! — (Siebetrachtend.) Aber Du bist doch noch viel schöner, Mama! Elem. (legt ihr die Hand aus den Mund). O schweig, o schweig! (Erhebt sich, geht auf die Bernard zu.) Jetzt, Frau Bernard, will ich Alles wissen. Sagen Sie mir, wie das Alles zusammenhängt. Bern, (leise). Nicht in ihrer Gegenwart, ich bitte Sie inständigst! — Treten Sie hier hinein, — ich will nur geschwind das Mädchen rufen, das die Kleine beaufsichtigt. Clem. Ja, — ja! — (Wendet sich nach Eugenie um, küßt ihr die Hände und geht rechts ab.) Eug. (will ihr folgen, Bernard hält sie zurück). Ach Mama, Mama! — Geht sie denn schon wieder fort? — Wird sie nicht wiederkommeu? Bern. Gewiß, gewiß! sei nur ruhig— (Führt sie zurück.) Da bleib' ich fein still,— ich will nur — Sechste Scene. Vorige. Albert (erscheint links). Alb. (leise, während Eugenie sich nach dem Zimmer umwendet). Ach, Sie hier, Frau Bernard? — Man wird meine kleinen Einkäufe im Vorzimmer aufstellen, —man bringt sie so eben, haben Sie die Güte, dieselben in Empfang zu nehmen. Bern. Aber, Herr A/bert! Alb. Sputen Sie sich, Frau Bernard, sputen Sie sich! (Setzt sich, und nimmt Eugenie zwischen die' Knie, sehr heiter.) Weißt Du denn auch, mein liebes Mäuschen — (Seine Blicke fallen aus das Kettchen, welches Eugenie ihm hinhält, er betrachtet es kurze Zeit, große Bestürzung malt sich in seinem Geschichte, er erhebt sich ungestüm.) Wer ist hier gewesen? 15 Bern. Eine Dame. Alb. Eine Dame? Bern. Um im Namen des Frauenvereins für die neue Krippe milde Gaben einzusammeln. Alb. (für sich in höchster Aufregung). Das ist unmöglich! — Und doch dieser Schmuck — (Zur Bernard mit erhobener Stimme.) Wer war das? Wie heißt diese Dame? ihren Namen, antworten Sie! Sehen Sie denn nicht, was in mir vorgeht? Bern. Nicht so laut. Herr Albert, ich bitte Sie, — sie ist noch hier! Alb. Hier? Siebente Scene. Vorige. Clemence. Elem. sjn höchster Bestürzung). Diese Stimme! Alb. Clemence! Cl em. Du! (Pause.) Alb. Frau Bernard, führen Sie das Kind hinaus. Bern, (für sich). Ach, was ahnt mir! Alb. So gehen Sie doch! Bern, (zu Eugenik). Komm! Eug. (widerstrebend). Ei warum denn? Bern. Wir kommen gleich zurück, ich will Dir nur was zeigen. (Spricht leise weiter, während sie Eugenie absührt.) Achte Scene. Albert, Clemence. Alb. (nähert sich ihr). Clemence? Clem. (kurz ab). Kein Wort! ich bitte Sie dämm! Was können Sie mir zu sagen haben, das ich nicht schon wüßte! — Nach simf Jahren voll Lüge, nach fünf Jahren, die dahingegangen, ohne daß wir einander verstehen gelernt, klärt sich nun Alles aus. (Mit leiser Stimme, aber voll Energie.) Sie waren glücklich, — Sie stürmten heiteren Sinnes dahin durch die Tollheiten eines rauschenden Lebens, denn Sie hatten jedweden Tag eine Stunde verstohlener Freude, eigensüchtig bewahrten Glückes, deren Erinnerung Ihnen überall hin folgte, und selbst die trübe Einsamkeit unseres häuslichen Herdes mit rosigen Gesichten bevölkerte. Und Sie haben geglaubt, daß mir diese Vergnügungen, diese Feste, diese falschen Freuden, denen wir mit einander nachjagten, genügten?—Haben Sie niebegriffcn, daß unter Flitter und Blumen ich ein armes, schmerzlich verkanntes Herz verbarg, das sich an seiner Zärtlichkeit verblutete, die ohne Gegenstand blieb und ohne Hoffnung? — Nein, Sie haben nichts davon begriffen, nichts! — Aber ich, — ich begreife jetzt Alles, ich weiß Alles! (Entschlossen.) Leben Sie wohl, Albert! (Ab.) Alb. (ihr nach). Clemence! Neunte Scene. Albert, Champrosay. Champ. (kommt von links, bringt eine große Puppe und eine kleine Bettstatt). So, — da bring' ich mein Geschenk — da schau einmal her, lieber Freund. (Albertbetrachtend.) Ja, Du mein Gott, was hast Du denn? — Was gibt's denn? Alb. (die Arme nach Elemente auSstreckend, welche sich entfernt). Clemence weiß Alles! Champ. (schreit erschreckt auf, indem er Puppe und Bett fallen läßt). Deine Frau! Mich trifft der Schlag. (Der Vorhang fällt.) 16 Dritter Ä c t. (Salon, wie im ersten Act, dieselben Möbel, nur fehlt der Tisch in der Mitte.) Erste Scene. Champrosay. Aline. (Beide treten in großer Aufregung ein. Der Bediente, der fie hereingeführt, geht ab.) Champ. (ihm nachschauend). Das laß' ich mir gefallen — dießmal sagt.er gar nichts — das ist das Gescheiteste, was er thun kann. Aline (mit Ungeduld). Weil keine Seele daheim ist. Champ. Za so! Aline (klopft an die Thür rechts. Annette erscheint). Ist meine Schwester noch nicht nach Hause gekommen? Annette. Nein, gnädige Frau! Champ. Und mein Schwager? Annette. Zch habe den Herrn nicht zurückkehren sehen. Champ. Gut, so werden wir sie hier erwarten. (Annette ab.) Aline. Ich habe Dir's gleich gesagt, Clemence wird zu unserer Mutter gegangen sein — und daran hat sie recht gethan, ganz recht! Champ. (stellt seinen Hut auf einen Stuhl). Aber Albert? Zch verließ ihn, um mich nach deinem Befinden zu erkundigen und hoffte ihn hier wieder zu treffen. Aline (setzt sich auf das Lanape rechts). Darf er es wagen, wieder hieher zu kommen? Champ. (setztfich aufeinen Stuhl ihr zunächst). O, Du gütiger Gott, sind das Geschichten! Aline. Schaudervolle, höchst schaudervolle! O, über diese Männer, diese Ehemänner. (Streng.) Ei, Herr Champrosay! Champ. (erstaunt). Was? Herr Champrosay? Es ist doch nicht von mir die Rede! Aline (kopfschüttelnd). Noch nicht. Champ. Noch nicht? Aline. Aber über kurz oder lang — 0 mein Gott, wer weiß, welche Enthüllungen mir noch bevorstehen! Champ. Nun, das ist nicht übel. Erlaube mir — hör' mich einmal an — Aline. Lassen Sie mich, mein Herr! Zhr seid Einer wie der Andere. Champ. Nein, sag' ich — es ist nicht Einer wie der Andere — weil Albert ein kleines sechsthalbjähriges Medaillon hat, muß deshalb auch ick? — Ich besitze durchaus keine solchen Schätze. Aline. Sie sind wie alle Andern. Wer weiß, ob von Ihnen nicht noch mehr an's Tagslicht kommt. Champ. Wie so — noch mehr? Hab' ich etwa zwei — Medaillons? Oder gar Drei? Aline. O lachen Sie nur, lachen Sie nur, mit uns ist's aus, ich habe kein Vertrauen mehr zu Zhnen. Champ. Das ist ja recht nett! Ich 1 komme zu der Geschichte wie der Pontius ins Credo; man zeigt mir ein Medaillon, man läßt mich über eine Hintertreppe steigen und damit verlier' ich das Vertrauen meiner Gattin! — Das ist ja ungereimt, ist albern, reiner Unsinn! Aline (weiut). Ach, wie unglücklich wir sind! Ehamp. So ist's recht — jetzt fängt sie auch noch an zu weinen. Aber nein, Du bist ja nicht unglücklich, Du machst ja Con- fuston! So geh, Aline, sei ruhig, ich bitte Dich mit erhobenen Händen — aber stampfe doch nicht so mit deinen kleinen Füßen — denke doch an Florestan! Denn das ist meine ffre Idee bei Tag und Nacht. — Schau, selbst in Mitte aller Aufregungen dieses ereignißreichen Tages verliere ich ihn nicht aus den Augen — ihn so wenig, wie seine Schwester. Aline (staunend). Seine Schwester? Champ. Na ja — die Nachkommen wird. Jetzt eben erst, als wir daherfuhren, ging mir Alles durcheinander im Kopf herum, Albert, sein Medaillon, Clemence, unsere Kinder — Alles. Auch an den kleinen Delormel mußt' ich denken, er zählt jetzt gerade neun Jahre und ich mußte mir sagen, das wäre doch eine ausgezeichnete Partie für unsere Tochter. Al ine. Was, für unsere Tochter? Champ. Nun ja — sie wird wenigstens um eilf Jahre jünger sein, als er — was meinst Du zu dieser Idee? Al ine (lebhaft). Ich? — Ich meine, daß Sie meine Gedanken von den Verirrungen Ihrer Jugend ablenken wollen. Champ. Na, da haben wir's! Jetzt bin ich an Allem Schuld — (Verzwelflungsvoll.) Warum habe ich dieses Haus betreten! Aline, ich beschwöre Dich im Namen unserer — nein, unseres einzigen — (Die Mittelthür geht auf.) Aline. Ah! meine Schwester! Champ. Endlich! Zweite Scene. Vorige. Clemence. Aline (ihr entgegen). Clemence — wo kommst Du her? Clem. (sich zusammennehmend). Warum fragst Du, Aline? Aline. Du kommst von unserer Mutter, nicht wahr? — O sprich, rede! Clem. Du weißt Alles! Aline (auf Champrosay weisend). Er hat mir Alles gesagt. Clem. (in dumpfer Aufregung ihre Handschuhe abreißend). Gut denn! Ja, ich komme von meiner Mutter und ich werde zu ihr zurückkehren, um sie nie wieder zu verlassen. (Sinkt in ein Canape und bedeckt das Gesicht mit beiden Händen.) Champ. (für sich). Bravo! Das wird immer schöner. (Leise zu Aline.) Aber, so sag' ihr doch — lhtattr'Rrpntoile dir. 1-2. Aline (leise). Ja freilich! (Zu Clemence.) Du hast ganz Recht! Champ. (zurückprallend). Was? Sie hat Recht? Aline. Gewiß! Champ. (der sich nun nicht mehr halten kann). Aber Du Unglückselige! Du predigst ja gemeingefährliche Grundsätze! Du vertheidigst den Umsturz der Familie und aller gesellschaftlichen Ordnung! So, so! Sie hat Recht? (Nöthigt Aline in das Canape rechts und setzt sich mit ungestümer Entschiedenheit vor sie auf den Stuhl.) Ich aber sage Ihnen, gnädige Frau, daß Sie Unrecht haben, sehr großes Unrecht — ich denk' es, ich sag' es, und ich werde es beweisen! — Was! — Weil der brave Albert, der doch einmal ein Junggeselle war, jung und ledig, wie ich — Aline (erhebt sich lebhaft). Da haben wir's! — Er gesteht! Champ. Nichts gesteh' ich, gar nichts! (Er zwingt sie wieder zum Niedersetzen und fährt zu Clemence fort ) Nicht wahr, vor sechs Jahren war Albert noch nicht Ihr Gemal — er hatte das Haus Ihrer Frau Mutter noch mit keinem Fuß betreten — ja, er wußte noch gar nicht, daß Sie auf derWelt waren — also war er Ihnen nichts schuldig, ebensowenig, als ich meiner — Aline (außer sich). Diese Schamlosigkeit! Champ. Was? Schamlosigkeit? Meinetwegen— (Zu Clemence.) Und NUN wird auf einmal ein armes, unschuldiges Kind, ein Engel, welchen er seiner Frau geopfert hat — ja, er hat Ihnen diesen Engel geopfert — der wird in Ihren Augen zum Ungeheuer, zum Gegenstand des Abscheu's. (Clemence macht eine abwehrende Bewegung; Aline will ihn unterbrechen.) Das Dasein dieses Kindes wird Ihrem Mann als Verbrechen angerechnet — und das heischt nun Rache, heischt Trennung von ihm, der Sie mehr liebt als selbst sein eigen Kind! Nehmen Sie mir's nicht übel, aber das ist schlecht, Schwägerin, das ist sehr schlecht! Aline (die entwischt uttd rtuü endlich zum Reden kommt). Aber von alledem ist ja keine 18 Redei — Glaubst Du denn, ne rechnet ihrem Manne das zum Verbrechen an? Champ. (erstaunt). Ja, was denn sonst? Aline. Was sonst, fragst Du? — Ja begreifst Du denn gar nichts? Nein, sind diese Männer dumm! Champ. Nu freilich, wir sind lauter Wilde, das ist ausgemacht! Aber was wollt Ihr denn eigentlich? Aline (sich erhebend, mit Rührung). Das arme Kind! — Nein, daraus macht sie ihm gewiß keinen Vorwurf, ich stehe Dir dafür, denn ich kann Clemence's Herz nach meinem eigenen beurtheilen — ich weiß, was sie jetzt empfinden muß, weil ich weiß, was ich an ihrer Stelle jetzt empfinden würde. (Elemente erhebt ungeduldig das Haupt.) Warten Sie nur, mein Herr, wenn ich erst hinter Ihre Abscheulichkeiten komme. Champ. Schon wieder? Ah! Das ist doch zu stark! Aline. O, ich bin darauf gefaßt — ist's nicht heute, so wird's morgen sein, oder übermorgen, oder über s Jahr, das kommt auf Eins heraus! Champ. Sie bleibt dabei! Aline. Ich werde Dir verzeihen, — ja — ich verzeihe Dir schon im Voraus — Champ. O, Du bist zu gütig, ich bedanke mich recht schön. Aline. Aber dieß Kind, mein Herr, dieß Kind hat eine Mutter! Clem. (sich plötzlich erhebend). Schweig! Champ. (rasch). Was sagst Du da? Aline. Schweigen Sie, mein Herr! — Eine Mutter, die man geliebt hat — die man aller Wahrscheinlichkeit nach noch immer liebt! Clem. O schweig'! — Aus Mitleid, schweige! Champ. Aber — Aline. Schweigen Sie! — Das, mein Herr, das ist's, was sie zur Verzweiflung treibt, was ihr das Herz bricht, was sie ihm niemals vergessen wird. Champ. (freudevoll). Aber dann iftja — Aline. Schweigen Sie! Champ. (herausplatzend). Nein, nein, ich will, ich darf, ich werde nicht schweigen! — Ich stehe zwar als einzelner Mann gegen zwei Frauen, aber die Uebermacht soll mich nicht zur Uebergabe zwing-n! Nein, ich kann Euch mit einem Wort, mit einem einzigen Wort — Aline. Nun, so sag' das Wort, sag' es doch! Champ. Gott sei Dank, sie wird neugierig! — Also jetzt brauch' ich nicht mehr zu schweigen? — (Zu Elemente.) Sagen Sie doch einmal selbst: Ist das arme Kind, sobald es Sie sah, nicht in Ihre Arme geeilt? — Hat es Sie nicht seine Mutter genannt? Ist's wahr oder nicht? Sie sehen, ich weiß Alles, was vorgegangen! Nun denn, sie nannte Sie Mutter, Sie, die Unbekannte, die sie noch nie gesehen, — und Sie haben nicht geahnt. — Wohlan denn, ich will Ihnen sagen, warum sie es that. Weil Sie noch nie Jemand diesen Namen gegeben, denn sie hat ihre Mutter nicht gekannt, sie wird sie niemals kennen. Ihre Mutter ist todt! Clem. Was hör' ich? Champ. Darum sagte man dem armen Kinde, das nach der Mutter verlangte, täglich: Deine Mutter ist verreist, aber sie wird wiederkommen. Da kamen Sie. Sie waren für sie die Mutter, die sie täglich erwartete, die geliebte Mutter, die sie nun zum zweiten Male verlieren soll. Wo sehen Sie nun in alledem einen Derrath, eine Treulosigkeit? Wo steckt nun das Verbrechen des armen Albert, wo denn? Clem. Albert! — O, was Hab ich ge- than! Wo er nur bleibt! — Ich muß ihn Wiedersehen — ich will ihm sagen — ich weiß nicht, was ich ihm sagen werde, aber ich muß ihn wieder haben, ich muß! O, komm, meine Schwester! Aline. Ei ja, ich folge Dir, ich begleite Dich — unser Wagen steht ja vor der Thür. Leb' wohl! 19 Champ. (sucht seinen Hut). Nun, und ich? Ali ne. Du erwartest uns hier! Cletn. Komm, komm! (Beide rasch durch die Mitte ab.) Dritte Scene. Champrosay, dann Albert. Champ. Sie entführt mir meine Frau! Sic soll Ln den Wagen steigen. Das geht nicht, ich muß nach. Wo Hab' ich denn meinen Hut? (Findet ihn endlich.) Der Kutscher muß gewiß Galopp fahren. (Wagengerassel, er öffnet das Fenster.) Fort sind sie! Na, was Hab' ich gesagt? He, Jean, nicht so rasch! Ist der Kerl verrückt? So zu jagen auf dem elenden Pflaster! (Albert tritt ein.) Was, Du bist da? Deine Frau ist eben mit Alme fort, — in meinem Wagen, — bist Du ihnen nicht begegnet? Alb. O doch, ich erkannte Almen, die durch's Wagenfenster sah; sie muß mich auch erkannt haben, denn sie gab ein Zeichen; allein der Wagen hielt nicht an. Champ. Das ist unmöglich, denn Dich suchen sie ja — (Abermaliges Wagengerassel, rr läuft an's Fenster.) Richtig! Da ist der Wagen schon wieder zurück, — deine Frau steigt aus — und tritt in's Haus — (Lebhaft.) Nun? nun? Ja, was soll denn das bedeuten? — Der Schlag wird geschlossen, der Wagen gehtwicder davon und meine Frau mit ihm! (Schreit.) Jean, he, Jean! Vierte Scene. Vorige. Elemente. Alb. Sie ist es! Champ. (auf Elemente zu, die hinten bleibt). Ja, wo ist denn meine Frau? — meine Frau? — Sie haben sie fahren lassen — und so ganz allein? Ich muß den Wagen einholen! Adieu, Adieu! (Mt ab.) Fünfte Scene. Albert. Elemente. Clem. (stürzt in seine Arme und kann vor Weinen nicht sprechen). Alb. (sanft). Fasse Dich, fasse Dich! — sei ruhig — (Nöthigt sie aufs Eanape links und setzt sich gleichfalls.) Da setz' Dich her, so recht nahe zu mir, deine Hand in der meinen, — laß deine Thränen fließen, sie werden Dich erleichtern — und nun hör' mich an, — wie man zum mindesten einen Freund anhört, — wenn ich das Recht verwirkt habe, anders mit Dir zu reden. Clem. O nein, nein! Diese Güte verdien' ich nicht — ich, die ich Dir so harte Worte gab. Alb. Ich habe sic vergessen, — habe sie nie gehört. — Die ersten Worte zwischen uns sollen diejenigen sein, die ich Dich jetzt anzuhören bitte — (Ihre Hände fassend.) Elemente, ich habe großes Unrecht an Dir begangen, — ich hätte Dich nickt hintergeben sollen, nicht ein Geheimniß für mich bewahren sollen, das Dir wie mir gehörte. — Mir fehlte das Vertrauen, — oder daß ich es beim rechten Namen nenne, mir fehlte der Muth dazu. Ich liebte Dick zu sehr — mußte fürchten, daß eine Enthüllung wie diese wenn auch nicht Dich selbst, so doch deine Familie bewegen möchte, sich meinen heißen Wünschen zu widersetzen. Als Du dann die Meine warst, da zitterte ich, es möchte das verspätete Geständniß mich versteckt, hinterlistig erscheinen lassen und dadurch den süßen Frieden unseres Hauses auf immer zerstören. — Ick kann mich nicht rechtfertigen, liebes Kind, im Gegentheil, ich klage selbst mich an und bitte Dich um Verzeihung. Clem. (flehentlich). Albert! 2 * 20 Alb. Höre weiter, ich bitte Dich darum! ich habe reiflich nachgedacht seit heuteMor- gen, und alle Gedanken, die meinen Sinn gekreuzt, sollst Du jetzt kennen lernen, um sie zu beurtheilen, vielleicht zu v e rurtheilen. (Fest ) Ich habe mir als ehrlicher Mann und Vater heilige Verpflichtungen auferlegt, die ich nie versäumen, die ich erfüllen werde bis zum letzten Ende. Alles was ich thun kann, um die Zukunft meines Kindes zu sichern, werde ich thun. Meine Sorge wird ewig über ihm wachen keine Rücksicht, so mächtig sie auch sei, wird mich jemals von dieser Verpflichtung entbinden können. Aber neben diesen Pflichten, denen ich nicht entsagen darf, gab es für mich ein Glück, gab es unermeßliche Freuden. Sie waren mein Trost, — meine Entschädigung vielleicht — auf sie kann und darf ich verzichten. (Lle- mence heftet die Augen auf ihn, er fährt in Rührung fort.) Wenn dieses Glück, das mir allein nur eigen, den Frieden, die trauliche Heiterkeit unseres häuslichen Herdes trüben muß, wenn die Zärtlichkeit gegen meine Tochter Dir ein Raub an meiner Gattin dünkt, wenn jede Minute meiner Abwesenheit Dich einen Seufzer, ein Bedauern, eine Thräne kostet — (erregt, trachtet es mit Mühe zu vollenden) so trenn' ich mich von diesem Kinde — und will es nie mehr Wiedersehen. Clem. O Du edles Herz! — O, Du verdienst geliebt zu werden, — Du verdienst glücklich zu sein, glücklich auf jede Weise! — Albert! — ich — (Bedimter tritt ein durch die Mitte.) Alb. (barsch). Was gibt's? Was wollen Sie? Bedienter. Um Vergebung, gnädiger Herr — (Zieht sich zurück.) Elem. (ihn zurückhaltend). Nicht doch! (Leise.) Albert! (Zum Bedienten ) Wasgibt's denn? Bedienter (zögernd). 3ch wollte nur melden, daß die Tafel angerichtet ist. Alb. (steht auf). Ach, jetzt zu Tische gehen! — wo es sich darum handelt. — Clem. (steht auf, leise). Mein Freund, was würden unsere Leute denken? (Lächelnd.) Sie müßten ja glauben, wir hätten uns gezankt! — Schon recht, Antoine, man soll auftragen, — aber hier im Salon — geschwind, Antoine! Alb. (erstaunt). Hier, im Salon? — wo denkst Du hin? Clem. Es ist eine Grille, — laß mich gewähren! Alb. Sei's d'rum, — aber ich möchte doch wissen — (Zwei Bediente bringen einen kleinen gedeckten Tisch herein; leise.) 3ch habe keinen Hunger, ich sag' Dir's voraus. Clem. (ebenso). Dann brauchst Du nichts zu essen. (Zu den Dienern.) Laßt uns allein, geht nur! (Geht zur Tafel.) So komm'! Alb. (will sich setzen, bemerkt die drei Gedecke). Ah, Du erwartest deine Schwester. Clem. Nein! Alb. So speist Champrosay mit uns? Clem. Keineswegs! Alb. Aber diese drei Gedecke? Clem. Nun ja. — Da ist dein Platz, — der meinige hier, Dir gegenüber — Alb. Aber der Dritte? Clem. (mit schneller Bewegung). Muß ich Dir's denn sagen, daß dieß der Platz unseres Töchterchens ist? (Sie eilt gegen die Thür links. Aline führt Eugeuie an der Hand herein.) Eug. (wirst sich in Llemence's Arme). Mama! Clem. Meine Tochter! (Legt sie in Al- berts Arme.) Albert, ich bin glücklich, — ich bin Mutter! Alb. (setzt Eugenie an den Tisch, in die Mitte zwischen fich und Elemente. die sie so umgeben, daß sie wie auS einem Rahmen hervor- fieht. Weinend vor Freude). Ach! daS ist zu viel! zu viel! Clem. (heiter). Wirst Du jetzt essen? 21 Sechste Scene. Vorige. Champrosay. Ehamp. (athmenlos). Ach, da bist Du ja! Aline. Mein Gott, in welchemZustand! (Trocknet ihm die Stirn.) Ehamp. (fich aus die Lehne des Eanape'S stützend). Puh! — So ist noch kein Mensch hinter seinem eigenen Wagen dreingelaufen! Mein Pferd ist zu gut, ich muß ein anderes haben. Alb. Champrosay, da schau! Ehamp. (gewahrt Eugenie). Ah! (Zu Elemente.) Ach, Sie sind ein Engel! — und meine Frau auch — und sie auch. (Er küßt Eugenie.) 's ist aber doch Schade! Alle. Was gibt's denn? Ehamp. Für den Florestan ist sie schon zu groß. Der Vorhang fällt. Ende. Den Bühnen gegenüber alS Manuskript gedruckt. Der Stiefvater. Lustspiel ia ciaem Act. Nach Laurencin und Marc-Michel von , M. A. Grandjean. (Aufgeführt im k. k. Hofburgtheater.) Personen: Lhaviguol, Rentier. Tiburtius Launois. Irene, dessen Gattin, Lhaviguol's Stieftochter. Amable Godet. Madame Br och et. Ort der Handlung: Paris. — Lhavignol's Wohnung. (Das Theater stellt das nett eingerichtete Appar« trment eines Garyons vor. Eine Mittel-, zwei Eeitenthüren. Recht» zweite Loulisse ein Fenster, »ach der Straße gehend; an der Wand neben demselben hängt eine Flinte, Pulverhorn und Jagdtasche. Link- zweite Louliffe ein Kamin, Spiegel und Uhr. Ein Gu^ridon, rechts ein Tisch.) Erste Scene. Chavignol, Madame Brochet. (Beim Aufziehen des Vorhanges tritt Madame Brochet von der rechten Seite ein. Sie trägt vier Bouteillen in einem Flaschenkorb und eine Pastete in einer Schachtel. — Lhavignol im weißen Beinkleide, in He mdärmeln, probirt vor dem Spiegel eine Lravate und trillert fröhlich vor fich hin ) rtze»Nk.»rpq1Hrt Skr. IS». 2 Mad. Broch et. Herr Chavignol! Chav. (sich auf den Haken umdrehend). Wer da? Ah, meine gute Madame Brochet? Nun, was bringen Sie? Mad. Brochet. Den Wein, welchen Sie gestern für heute Morgen verlangt haben. Chav. Ah — charmant — charmant — vier Bouteillen — Mad. Brochet. Zwei Bouteillen Bordeaux, zwei Bouteillen Champagner. Chav. Vortrefflich, meine Beste! Mad. Brochet. Und da sind Ihre Kellerschlüssel. Chav. Gut, die Pastete nicht vergessen? Mad. Brochet. O nein, da ist sie. Chav. Ah — ausgezeichnet — riecht sehr verlockend. — Trüffeln dabei — o, nur Trüffeln! (Reibt sich die Hände.) Das soll ein vergnügter Tag werden! Mein Freund Bourrachard wird zufrieden sein, hoffe ich. (Die Pastete zurückgebend.) Ich sehe, meine gute Madame Brochet, daß man sich auf Sie verlassen kann. Mad. Brochet (knixt). O — das will ich meinen! Sie sind erst zwei Tage im Hause, Herr Chavignol und kennen mich noch gar nicht, aber Sie sollen mich kennen lernen — Chav. (mit seiner Toilette beschäftigt). Natürlich. Mad. Brochet. Wir haben im Hause zwei alte Zunggesellen, denen ich die Wirtschaft führe, zwei brummige, närrische Herren, aber fragen Sie nur die einmal über mich — die werden Ihnen sagen — Madame Brochet versteht's — das ist eine capitale Frau. Niemand kann den zwei Leuten etwas recht machen als ich, ich ganz allein. Sie sind wohl auch — Garxon, Herr Chavignol? Chav. Ich bin Witwer. Ich war drei Jahre verheiratet. Mad. Brochet. Schon Witwer? Chav. Witwer seit zehn Jahren und Vater, das heißt Stiefvater, respective Ex-Stiefvater einer Tochter, einer erwachsenen Tochter. Mad. Brochet. Ist sie am Leben? Chav. Versteht sich — seit acht Tagen verheiratet! Mad. Brochet. Ah, ich gratuliere! Chav. Ja, ich gratuliere mir auch — zu meiner Freiheit, zu meiner Aussicht auf ungestörtes Gartzonvergnügen. Meine gute Madame Brochet — ich war ein guter Vater, ein edler Vater, ein zärtlicher Vater und vor Allem ein wachsamer Vater — das heißt Stiefvater. Als meine Frau starb, war das Kind, meine Stieftochter, acht Jahre alt — ich habe sie erzogen, na und wie — mit welcher Sorgfalt! Zehn Jahre lang! Jetzt aber bin ich froh, daß cs ein Ende hat. Irene ist achtzehn Jahre alt, und glückliche Gattin. Ich habe sie ihrem Genial übergeben, jetzt soll er über sie machen. Meine Functionen sind zu Ende. Zehn Jahre lang Schildwache stehen vor der Tugend einer Stieftochter, immer auf dem »Wer da?« — keine Kleinigkeit. Mad. (während fit seinen runden Sommerhut bürstet). Ja wohl! Chav. Ueberall muß man seine Tochter hinbegleiten — haben Sie einen Begriff davon, welche Langweile man dabei aussteht? Diese Promenade zuerst Hand in Hand, später Arm in Arm— o, schrecklich! Die Besuche im Krippenspiel, im Kindertheater, im Kosmo-, Dio-, Cyclo- und Panorama gräßlich! dann die Erziehung zu Hause — diese unendlichen moralischen und rührenden Erzählungen für erwachsene Töchter, die ich ihr vorlesen mußte — endlich zur klassischen Bildung des Theaters und das Trauerspiel—Irene schwärmt für das Theater — Franxois, für das Elastische — mir ist es ein Gräuel! — sie weint so gern — und ich lache lieber! Zehn Jahre habe ich gelitten und geduldet, als Führer auf dem Pfade der Tugend und Weisheit — das war edel von mir — nicht wahr? aber cs war langweilig! Jetzt aber soll es anders werden! Jetzt bin ich frei, 3 ledig, meine Tochter ist verheiratet, ich will wieder leben, lachen, genießen und das Versäumte nachholen. Zehn Jahre meines Lebens verloren! Zehn schöne Jahre! Jetzt bin ich sünfundvierzig — Mad. Br och et. Ab — Sie sehen so jugendlich aus! Chav. Nun, nun, 's geht an. Mad. Broch et (ihm einen schwarzen Frack reichend). Ist gefällig? Chav. (lebhaft). Wie —? Was? — Ein schwarzer Frack? Heute? Wo ich mich ganz dem Vergnügen hingeben will? Nein, beute will ich nichts wissen von dieser Livree der civilisirten Gesellschaft. Was verfolgst Du mich, schwarzes Gespenst der Etiquette? O, dürfte ich Dich nie mehr erblicken! Wäre der Hochzeitstag meiner Tochter der letzte deines Daseins gewesen! Mad. Br och et. Der Frack lag auf dem Stuhle, und so meinte ich — Chav. (für sich). Ach ja, wahrhaftig — ich habe meinem Stiefschwiegersohn versprochen, für ihn einen Gang in's Ministerium zu machen. Nein, es geht nicht, Freund Bourrachard' erwartet mich in St. Germain. (Wirst^en Frack bei Seite.) Auf Wiedersehen — morgen — heute habe ich keine Zeit! (Nimmt einen Paletot von leichtem Sommerstoff.) Das sei heute mein Gewand. Dahin will ich fliehen, wo die Wolken ziehen, wo die Bächlein rauschen! Natur, freie Natur! Schöne Gegend! Schönes Geschlecht! Guter Wein! Vortreffliche Pastete — dabei läßt es sich leben! Mad. Br och et ldie ein kouvert zum Frühstück gedeckt hat). Sie gehen also aus? Chav. (heiter). Versteht sich und wann ich wieder komme, weiß ich selbst nicht. (Sieht aus die Eßvorräthe.) Aber — wie soll ich damit auf die Eisenbahn? Ich kann doch das ganze Zeug nicht in die Tasche stecken? Mad. Brochet. Ich werde einen Wagen holen. Chav. Thun Sie das, meine Gute — zwei Räder oder vier Räder einerlei! Nur schnell, schnell! Mad. Brochet. Gleich, Herr Chavi- gnol, gleich! (Rechts ab.) Zweite Scene. Chavignol. Ehav. (nähert sich dem Fenster). Wäre ich nur schon draußen! Der Himmel ist so blau, die Bäume so grün, die Luft so mild! Ach Gott, ich freue mich wie ein Kind auf diese Partie! Freund Bourrachard ist ein prächtiger Junge — der hat Alles so hübsch arrangirt. (Nimmt einen Brief vom Tische rechts und liest.) »Mein Alter!« — Dumme Ueberschrist! — Mein Alter berechtigt noch nicht zu der Titelatur. — »MeinAlter! (Weiter lesend ) »Unserer mündlichen Abrede gemäß erwarte ick Dich morgen zehn Uhr in meinem Land Hause zu St. Germaien-en-Laye. Die junge Frau muß Dich endlich auf einen Tag entbehren. Brich also deine Sclavenketten und komme gewiß. Du wirst ausgezeichnete Gesellschaft finden — unter Andern auch die niedliche Modistin aus der Rue de la pair, welche Dich so sehr interessirt.« Ach, die göttliche Eglantine — ich hatte bisher leider gar wenig Zeit diese Liebe zu cultivi- ren! Jetzt bin ich wieder ungebunden. Es lebe die Freude. (Liest.) »Bring' uns guten Humor und einige Flaschen guten Wein mit.« — Soll geschehen! (Legt den Brief wieder aus den Tisch.) Wo nur Madame Brochet mit dem Wagen bleibt! (Sieht auf seine Uhr.) Halb neun — und Bourrachard erwartet mich um zehn — da Hab' ich die höchste Zeit, sonst versäume ich auf der Eisenbahn den Neun-Uhr-Zug — das wäre nicht übel! 4 Dritte Scene. Chavignol, Madame Brochet. Mad. Brochet (durch dir Mittelthür). Der Wagen hält unten! Chav. Ah, endlich! (Ergreift die Schachtel Am adle. Entfernen Sie diese Frau da und Sie sollen es erfahren. Mad. Brochet. Aber, mein Herr, Sie sehen doch! Am adle (heftig, nach der Thür weisend). Haben Sie die Güte — Mad. Brochet (erschrocken). Nun, nun, ich gehe schon! (Ab.) und den Flaschenkorb.) Mad. Brochet. Draußen ist aber auch ein junger Mann, der Sie zu sprechen wünscht. Chav. Keine Zeit jetzt, keine Zeit! Mad. Brochet (iu dev Taschen herumsuchend). Er sieht ganz verstört und wild aus — da ist seine Karte. Chav. (der keine Hand frei hat). Lasten Sie sehen! (Sie zeigt ihm die Karte.) Amable Godet —« (Sinnt, nach.) Godet— Godet, o, ich besinne mich — ein junger Mann mit sehr blonden Haaren — derNeffemeinrs ehemaligen Associ^'s — Schicken Sie ihn fort — ich bin nicht zu Hause. (Will ab.) Godet (tritt ein). Vierte Scene. Vorige. Amable. Amable (vortretend). Doch, mein Herr, Sie find zu Hause. Chav. Mein Herr! (Sanfter.) Wie kön nen Sie das wissen? Entschuldigen Sie — mein Wagen wartet. Amable. Gut, wenn er wartet! So lasten Sie ihn warten. Chav. Ich will aber zur Eisenbahn, zu dem Neunuhr-Zuge, und der wartet nicht. Amable. So werden Sie wohl später noch fahren können. Chav. (ungeduldig werdend). 3ch mag aber nicht später fahren — ich wünsche jetzt zu fahren, auf der Stelle! Wie kommen Sie mir vor, mein Herr, was wollen Sie von mir? Fünfte Scene. Chavignol, Amable. Chav. Der Mensch ist verrückt! (Amable setzt sich ) Merkwürdig! (Geht nach dem Fenster und ruft hinab.) Kutscher! — Warten! ich komme gleich! (Zu Amable.) Nun also, wir sind allein — was beliebt? Amable. Mein Herr — ich bin ein Unglücklicher! Chav. (für sich). Ah — ein genialer Bettler! Amable. Unglücklich durch Sie! Chav. Was! Amable. Sie haben mir das Theuerste geraubt! Chav. Ihnen? Amable. Meine Geliebte. Chav. Ich? Amable. Ich komme heute Morgens an, suche Sie in Ihrer Wohnung Fau- bourg St. Germain — höre, Sie wohnen nicht mehr dort, sondern — sondern — Chav. Mein Schwiegersohn, das heißt Stiefschwiegersohn. Amable. Leider! — Schwiegersohn. Chav. Und seine Frau, meine Tochter! daS heißt Stieftochter! Amable. Leider! Chav. Was haben Sie denn mit Ihrem »Leider!* Amable. Ihre Tochter, Irene, nun verehelichte Madame Launois. Chav. So ist es. Amable. Leider! Chav. Mein Herr — sind Sie bloß 5 ^ gekommen, um mich anzuseufzen und anzu- leider? Meine Tochter ist verheiratet — da gibt'S kein »Leider* —ich sage im Ge- gentheile »Gottlob* — dreimal Gottlob! Amable. Und ich komme voll Freude und Sehnsucht aus der Proinz, voll mir eine Erbschaft zugesprochen worden ist! Chav. Sie haben geerbt — gratuliere. Amable. Leider! Ehav. Schon wieder? Amable. Was nützt mir jetzt Geld und Gut, wenn ich sie nicht besitzen kann, sie! Chav. Mich? Amable. Nein — Irene! — ich liebe sie, werde sie immer lieben. Mein Vermögen wollte ich ibr zu Füßen legen, und finde sie mit einem Andern vermalt. O, mein Herr Chavignol, warum haben Sie mir das gethan — warum? Chav. Mein schätzbarer Herr Amable Godet — Sie sind nichr recht bei Trost — ich habe keine Zeit — ein andermal, ein andermal. Amable. Nein, jetzt. (Rüttelt heftig an einen, Stuhl.) Chav. Sie zerbrechen meine Stühle. Amable. Sie haben mein Herz gebrochen. Rabenvater! Chav. Erlauben Sie — Stief- nur Sti'ef-, nie Rabenvater. Was geht mich Ihre heimliche Liebe an? Noch einmal, mein Herr, ich habe Sie angehört! Leider! Sie können nicht mehr verlangen — also Ihr ganz ergebener Diener. Sechste Scene. Vorige. Irene. Irene (sehr aufgeregt eintretend. ohne Amable zu sehen). Mein Vater! Chav. Du — Irene! Amable (für sich). Sie! Irene. Du gehst aus? Chav. (verlegen). Ja, auf's Land — um ein Landhaus zu besehen — zu kaufen — und Du — Irene (traurig). Ach — Papa! Chav. (sie fixirrnd). Hm? Was soll das heißen? (Setzt seine Last, welche er bis jetzt in den Händen hielt, auf den Gueridon links.) Was fehlt Dir, mein gutes Kind? Irene. Was nur fehlt? Amable (tritt vor). Sie fragen noch, mein Herr? Irene (überrascht). Herr Godet! Amable (wiederholend). Sie fragen noch, mein Herr — Stiefvater? Chav. (ihm den Rücken kehrend). Gehen Sie zum — (Zu Irene.) Nun, so sprich' doch! Irene (durch Amable's Anwesenheit in Verlegenheit gesetzt). O, nichts, nichts! Amable. Ja doch, mein Fräulein — gnädige Frau, wollt' ich sagen, es quält Sic etwas — ich sehe das, ich fühle das, ich begreife das, wenn es auch sonst Niemand fühlt und begreift. (Schlägt sich auf die linke Brust.) Da fehlt es — da! (Fixirt Lhavi, gnol mit einem zermalmenden Blick.) Chav. (für sich). Der Knabe fängt an mir fürchterlich zu werden. Amable (zu Irene). Sie leiden, — Sie haben geheimen Kummer, mein Fräulein — Chav. Nicht Fräulein, wenn ich bitten darf — Amable (ohne darauf zu achten). O läug- nen Sie es nicht — Sie haben geweint — Ihr Gemal macht Sie unglücklich. Irene. Nein, mein Herr, durchaus nicht — im Gegentheil — ich bin glücklich, sehr glücklich! Chav. Da hören Sie es — Aufhctzer. Amable. Ich sehe die Spuren von Thränen, und weiß, was ich zu glauben habe. Chav. (für sich). Soll ich ihn zum Fenster hinauswerfen? Nein, unten ist eine Porzellan-Niederlage. Amable (emphatisch). O, Herr Chavi- gnol — Sie haben mein Herz auf'S Tiefste verwundet — es wird verbluten. Chav. Meinetwegen. 6 Amable (will sich Irenen nähern). Ar- meS Opfer! Chav. (ihm den Weg vertretend). Gehorsamer Diener! Amable (zu Irenen hinüber, während ihn Chavignol nach der Thür drängt). Wir sehen uns wieder! Chav. Schwerlich, schwerlich! Amable (langsam ab, immer nach Irenen zurückblickend). Siebente Scene. Chavignol. Irene. Chav. Schrecklicher Mensch! Und meine Partie! Bourrachard wird warten — Was — Du weinst? — Aber was ist's denn — was hat's denn gegeben? Irene. Acb, Vater, ich bin eine unglückliche Frau! Chav. Was — unglücklich — vorhin aber — Irene. Vor Amable wollte ich es nicht eingestehen. Chav. Also dein Mann — Irene. Ist ein Ungeheuer. (Da Chavignol ungläubig lächelt.) 3a — das ist er — ich kann nicht länger mit ihm leben. Chav. Ah pah! Ein kleiner Zwist — Kinderei. Irene. Nein, nein! O warum hast Du mich mit diesem Manne verheiratet! Chav. Nun, hast Du ihn nicht selbst — freiwillig gewählt? Irene. Du hättest meine Wahl nicht gelten lassen sollen. Chav. O! Irene. Du bist mein Vater. Chav. Ja, Stiefvater! Irene. Du hast mehr Einsicht, Scharfblick, Erfahrung als ich, ein junges Mädchen, — Du hättest sollen deine Autorität geltend machen, hättest sagen sollen: Ich leid' es nicht, ick will es nicht. Chav. Ach, das ist zu arg! Du bist kindisch — vorgestern, als ich Euch verließ, da ward Ihr ja verliebt wie ein paar Turteltauben. Irene. Heute Haffe ich ihn, ja ich verabscheue ihn. Er ist ein Tartüffe, ein Scheinheiliger, er hat mich nie geliebt. Chav. (lachend). Warum nicht gar! Irene. Du hast mich aufgeopfcrt. Chav. Ich? Irene. Ja, ja — Du! O gewiß, Amable wäre kein solcher Tyrann gewesen wie Tiburtius. Chav. Tiburtius ein Tyrann! ES ist wirklich drollig! Achte Scene. Vorige. Tiburtius, dann Amable. T i b. Ach, ich Hab' es ja gewußt, daß ich sie hier finden werde. (Irene will fich ent. fernen, er hält sie zurück.) Bleibe nur, Irene, ick muß Dich sprechen. Irene,kalt). Wozu? Chav. Ja, ja. Ich muß in's Klare kommen, — es ist zwischen Euch ein Mißverständnis das ich aufgelöst sehen will. Verständigt Euch hier aus der Stelle, rasck! (Für sich.) Ich fahre in Gottesnamen mit dem Zehn-Uhr-Zug. (Laut.) Also. Irene. Mein Mann — Tib. Meine Frau — Irene. Mein Mann ist so unartig, — so ungefällig gegen mich — Z Tib. Meine Frau hat seit gestern H eine unerträgliche Laune — ^ Chav. O, o, ich bitte, — Eins nack dem Andern. (Sehr laut.) Ruhe, — Herr Stief-Schwiegersohn, — lassen Sie aus Galanterie, Ihrer Frau — meiner Tochter das erste Wort. Amable (erscheint im Hintergründe). Ab, er ist da! (Horcht dem Gespräche zu.) Irene. Er hat nicht die geringste Aufmerksamkeit für mich, versagt mir den billigsten Wunsch. 7 Tib. Ah — das Armband bei dem Juwelier Jeanniffct? Das nennest Du einen billigen Wunsch, 300 Francs? Sehr billig. Irene. Es war nicht zu theuer. Tib. Du hast schon fünf Armbänder. Irene. Aber kein solches — kein so hübsches. Amable(für sich) O der Filz — der Knauser. Irene. Und heute früh — als ich mit Dir ins Concert wollte, welches Mittags gegeben wird — Tib. Ich habe um die Mittagszeit dringende Geschäfte — ich mußte es Dir ab- schlagen — Irene. O, das ist nur ein Vorwand — Und heute Abends, da hast Du auch Geschäfte, weil ich im Thsä-tre frantzais die neue Tragödie sehen will —? Tib. Wir haben das langweilige Stück ja erst vorgestern gesehen. Irene. Mir war es nicht langweilig, ich will es heute wieder sehen. Amable. Ihr Wille geschehe. (Verschwindet.) Chav. (zu Irenen). Tiburtius hat nicht ganz Unrecht, das Stück ist langweilig. Irene. Uebrigens — ich kränke mich so eigentlich nicht wegen des Armbandes, wegen des Concertes, wegen des Theaters, nein, aber ich sage — ein Mann, der im Stande ist, seiner Frau acht Tage nach der Hochzeit drei Wünsche nach einander zu versagen, der, der hat kein Herz, der liebt sie nickt mehr. (Zu Lhavignol, der eine Bewegung macht.) Du selbst hast mir das zwanzigmal gesagt. Chav. So? Tib. (zu Lhavignol). Sie? Irene. Ja. Tib. (zu Irene). Liebe Irene — in der Ehe muß man auf die Zukunft denken — wir haben zu leben, aber wir sind nicht reich — ich muß darauf rechnen — Irene. Du kannst darauf rechnen, daß ich Dir dein Benehmen nie, nie vergeben werde. (Rasch links ab.) Neunte Scene. Chavignol. Tiburtius. Ehav. (der ihr folgte, fruchtlos bemüht sie aufzuhalten. Man hört den Riegel vorschieben heftig und ärgerlich). So, immer besser — Riegel vor — Zank, Feindschaft, Zwist — charmant — und Bourrachard wartet. Meine Partie ist verdorben. O Stieftochter ! Tib. Nun, Schwiegerpapa — was sagen Sie zu alledem? Chav. Was ich sage? Hm, — ich wollte in Gegenwart Ihrer Frau nicht gegen Sie auftreten — Tib. Wie? Chav. Aber jetzt, unter vier Augen, aufrichtig gestanden — ich muß gestehen, Sie sind im Unrecht. Ihr Benehmen ist unverantwortlich. Tib. O — wie so? Chav. Wie so? Sie fragen noch? Sie nöthigen meine Tochter — nota dsns meine Stieftochter, sich zu mir zu flüchten, mich zu peinigen, zu stören — heute! (Mit einem Blick aus seine Vorräthe.) Ich werde Ihnen das nie vergeben. Tib. Aber ich versichere Ihnen, bester Schwiegerpapa — Chav. Sie mißhandeln das arme Wesen, das Ihnen anvertrante, angetrante Weib. Tib. (ungeduldig). So? Was heißen Sie mißhandeln? Ich soll wohl immer nachgeben, zu Allem Ja sagen? Das werde ich nicht thun. Irene ist voll Launen und Caprizen, das kommt von Ihrem Verhätscheln und Verzärteln. Irene ist ein verzogenes Kind. Chav. (heftig). Das ist nicht wahr! Sie wollen nur immer an ihr corrigircn — dadurch wird sie erbittert — bei mir war sie immer guten Humors. Tib. (heftig). O ja, weil Sie immer gethan haben, was ihr beliebte. 8 Chav. (ebenso). Sie verstehen nicht eine junge Frau zu behandeln. Tib. (ebenso). Soll ich's vielleicht von Ihnen lernen? Chav. (mit Würde). Warum nicht — ich war auch verheiratet, mein Herr. Tib. Lassen wir das — Sie wollten ausgchen — ich hindere Sie nicht daran, lassen Sie mich und Irenen die Sache unter uns ausmachen. Fremde Einmischung taugt nichts in solchen Dingen. Chav. Erlauben Sie — ich bin Vater, Stief- und Schwiegervater. Tib. Und Irene ist meine Frau — ich bin der Herr im Hause, will es sein. Chav. (etwas eingeschüchtert). Ja, ja — ereifern Ste sich nur nicht so. Tib. (ruhiger). Gehen Sie Ihren Geschäften — Ihrem Vergnügen nach — lassen Sie mich mit meiner Frau allein. Man darf solche Anwandlung von Eigensinn nicht aufkommen lassen, sonst wild es damit täglich ärger. Chav. Meinen Sie? Tib. So lange Irene weiß oder glaubt an Ihnen einen Bundesgenossen gegen mich zu haben, zu dem sic jeden Augenblick flüchten und sich beklagen kann, so lange richte ich nichts mit ihr aus. Darum eben möchte ich fort von Paris. Chav. Was? Tib. Nur auf eine kleine Entfernung. Aus diesem Grunde wünschte ich vorzüglich die bewußte Jnspectorsstelle in Nantes. Sie wollten ja heute Vormittags Ihren Freund Prevalon deshalb sprechen. Chav. Ja — weiß — aber unve- muthete Geschäfte — eine Landwirthschaft, die ich in Augenschein nehmen will — Tib. Aber, Schwiegerpapa, Sie haben mir versprochen — denken Sie nur, eiue so gutcAnstellung für mich, nur zwei Stunden von Paris — mit der Eisenbahn — Chav. (lebhaft). Eisenbahn? (Sieht aus seine Uhr und betrachtet seine Norräthe.) Tib. Mein Hausfriede — wie der Ihrige hängen beide davon ab. Chav. Mein HauSfriede auch? Ja — Sie haben Recht — Scenen wie diese heutige afficiren mich, stören mich sehr. (Sieht wieder auf die Uhr ) Tib. Jetzt treffen Sie Herrn Prevalon sicher in seinem Bureau — während dieser Zeit will ich meine Frau zur Vernunft bringen. Chav. (für sich). Ein Viertel über eilf — ich muß schon bis zumZwölf-Uhr-Zuge warten. (Zieht seinen Paletot aus.) T i b. Also Sie gehen in's Ministerium, Schwiegerpapa? Chav Ich MUß wohl! (Zieht den schwarzen Frack an. Für sich.) Her mit der Di- sitenlivrse! Schöne Unterhaltung das. Tib. (klopft an die Thür, durch welche Irene abging). Irene, — Irene! — Sie schweigt; Trotzkopf! Chav. (geht ans Fenster). Nun? Wo ist mein Wagen? Mein Wagen? (Rust.) Madame Brochet! (Für sich). Schöne Unterhaltung! (Laut ) Madame Brochet! Zehnte Scene. Vorige. Madame Brochet. Mad. Brochet (durch die Mitte). Da bin ich. Chav. Wo ist mein Wagen? Mad. Brochet. Der blonde junge Mensch, der vorhin da war, ist damit fortgefahren. Tib. WaS für ein blonder junger Mensch? Chav. Das ist hübsch! Der fährt mit meinem Cab spazieren. Tib. (zu Madame Brochet). Wer war der blonde junge Mensch? Chav. (schnell). Mein Friseur war es! Na, darf ein Friseur nicht blond und jung sein? (Wieder halb für sich.) Schrecklich! Mit meinem Wagen! Jetzt kann ich zu ! Fuße laufen und verliere wenigstens zwan- ! zig Minuten Zeit. (Setzt grimmig den Hut ! auf.) Tausend Millionen Schock —! Ruhig, ! 9 keine Leidenschaft — ich werde mit dem Ein-Uhr-Zugc fahren! (Zu Tiburtius.) Auch Sie — ruhig — (auf die Thür zu Irene» zeigend) keine Leidenschaft! (Ab.) Tib. («ährend er ihn begleitet). Auf Wiedersehen, Schwiegrrpapa, auf Wiedersehen! Eilfte Scene. Tiburtius, dann Irene. Tib. Endlich hat er Vernunft angenommen! So! Und nun ein Wort mit Irene. — (Man hört den Riegel zurückschieben.) Ah — sie kommt! (Zieht fich nach dem Hintergrund bis zur Eingangsthür zurück.) Irene (trittvor'. Alles stille — Tib. (tritt vor). Irene. Ah! (Will in s Zimmer zurück ) Tib. (vertritt ihr den Weg und ergreift ihre Hand, lächelnd). Nun, ist dein Parorys- mus noch nicht vorüber? (Sie zieht rasch die Hand zurück.) Du schmollst noch immer? Irene. Ja! Tib. Wie lange noch ungefähr? — Wie? Irene. Lasse mich — ich bitte— lass mich Tib. (immerlächelnd). Geh doch, Di spielst nur mehr die Zornige—im Grund bist Du nicht mehr so böse. Irene. Ganz im Gegentheil. Tib. (wir oben). Also Ernst? Irene. Voller Ernst. Du glaubst ei nicht — ich soll wohl Alles ertragen, im mer dulden und gehorchen, mich tyrannisi ren lassen, und dabei noch freundlich sein ^ Tib. Nun, sei es wenigstens jetzt, gil ^nur dießmal nach. 1 Irene. Nein, durchaus nicht — dem »wenn ich nachgäbe — i Tib. So würde ich Dich nochmal s Pieb haben. - Irene. Du sollst mich nicht lieb ha brn! Tib. (lacht). Hoho! Irene. Lache nur, lache! Ich Haffe Dich! Tib. Das ist nicht wahr! Irene. Nicht wahr? Willst Du es besser wissen als ich selbst? Tib. Hast Du mich nicht allen übrigen Bewerbern vorgezogen, selbst jenem charmanten Blondkopf, dem Herrn Godet? Irene. Ja — damals — da kannte ich Dich noch nicht so wie jetzt. Du hast mich enttäuscht. Tib. Enttäuscht! Was das für Redensarten sind! Irene. Alles mißfällt mir an Dir! Deine Stimme, deine Haltung, dein Lachen — Tib. Warum nicht gar, Du liebst deinen Tiburtius noch wie immer. Irene. Und dein Name — schon der ist mir zuwider! Wie kann man Tiburtius heißen! Tib. Du hast aber diesen Namen früher sogar recht hübsch gefunden. Und mir selbst gefiel mein eigener Namen, als Du mich am ersten Tage unserer Ehe zum Frühstück riefst — weißt Du — Du stan> best an der Thür und gucktest so freundlich zu mir herein — und riefst so herzlich lockend — diesen fatalen Namen — geh' — versuch' cs wieder, sei freundlich — nun? Lächle ein bischen — nun? Zwinge Dich — es geht — (Sie kann ein Lächeln nicht verbergen.) So — Du hast gelächelt — nun ist's gut! Irene. Nein — 's ist nicht wahr — ich habe nicht gelächelt. Tib. Ja — läugne nicht, ich hab'S gesehen, ich, dein Ti — Tiburtius! (Sie lächelt wieder.) Und noch einmal — der Friede ist geschlossen! Zwölfte Scene. Vorige. Madame Braches. Mad. B röchet (von rechts, trägt ein kleines Etui und ein versiegeltes Papier). Das hat Jemand hier abgegeben. (Tiburtius will die Gegenstände nehmen ) Nein — ich bitte — für die gnädige Frau! Irene, (lebhaft). Für mich? (Nimmt die Gegenstände.) Es ist gut! (Mad. «röchet ab.) Dreizehnte Scene. Tiburtius, Irene. Ti b. Was ist denn das? Irene. Das Armband —ein Concert- billet und eine Loge in's Thsüter franyais! Tib. (überrascht). Ah pah! Irene. O, Du Schalk — Du spielst den Erstaunten! Tib. Ich bin es in der That. Irene (ihm den Mund mit der Hand verschließend). Nur stille — Du stellst Dich bärbeißig, unnachgiebig— machst mir aber doch heimlich die Ueberraschung — das ist hübsch, sehr artig von Dir, mein lieber Ti — Tiburtius! (Umarmt ihn, fröhlich lachend ) Vierzehnte Scene. Vorige. Chavignol. Chav. (durch die Mitte). Umarmung! Also versöhnt? Irene (heiter; zeigt ihm das Armband und das Logenbillet). Da — sehen Sie nur, Papa. Chav. Ah, charmant! Tib. (für sich). Hm— das kommt von ihm! Chav. (zu Tiburtius, ihm die Hand schüttelnd). DaS ist brav, sehr brav von Ihnen, Herr Schwiegersohn! Tib. Wie? Ehav. (ihm die Hand uoch stärker schüttelnd). Ich sage, das ist sehr brav, sehr edel. — Na, zum Geier — was sehen Sie mich so verdutzt an — wirklich — sehr edel! Irene. Ich nehme Hut und Mantillc — dann gehen wir in's Concert — darauf speisen wir beim Restaurant, und Abends gehen wir in s Theater! Mein lieber Tiburtius! (Umarmt ihn und eilt dann links ab.) Fünfzehnte Scene. Chavignol. Tiburtius. Chav. (für sich). Gott sei Dank, derehc- liche Zwist ist geschlichtet, nun kann ich loskommen! (Lrgt den schwarzen Frack ab und nimmt wieder den Paletot, den er rasch anzieht ) So! — Wie gesagt, Herr Schwiegersohn — das ist brav, sehr brav von Ihnen! (Reicht ihm die Hand.) Tib. Na, jetzt keine Schnurren mehr, Schwiegerpapa — Irene ist nicht mehr da, Sie haben das recht gut gemeint — aber — Sie haben nicht recht gethan. Chav. Wie? — Wie so? Tib. Sie müssen mich nicht zum Deckmantel Ihrer Gutherzigkeit machen. (Lha- vignol sieht ihn erstaunt an.) Irene ist jetzt fest davon überzeugt, daß ich nachgegeben habe. Chav. Nun ja — Tib. Sie haben das Armband und die Billets heimlich gekauft, um uns Beide — Irenen und mich — schnell zu versöhnen. Chav. Ich? ich dachte nicht daran. Tib. (lebhaft). Spaß bei Seite. Herr Schwiegerpapa — Sie waren es! Chav. (ebenso) Sie waren es! Machen Sie mich nicht toll! Tib. Nein, sage ich, tausendmal nein, ich nicht! II Chav. Aber ich auch nicht! Wenn ich daran gedacht hätte, vielleicht — aber, ich habe nicht daran gedacht. Tib. Wahrhaftig? Chav. Auf mein Wort. Tib. Aber, wenn Sie nicht — und ich Ä nicht — wer sonst? j Chav. (für sich). Ach, mir scheint — ich l errathe ihn. W Tib. Ich werde es bald erfahren. In k dem Etui steht wohl die Adresse des Zn- ^ weliers — dort will ich mich erkundigen. ^ (Nimmt das Etui.) H Chav. (schnell abwehrend). Lassen Sie ^ das — hören Sie — ich war es doch, ja, ich selbst. Tib. (der daS Etui mittlerweile dennoch geöffnet hat). Das ist nicht wahr, Herr ^ Schwiegerpapa! Chav. Erlauben Sie, Herr Schwiegersohn — Tib. Ich sage Ihnen — es ist nicht wahr — da habe ich etwas gefunden, sehen Sie — ein Billet — j Chav. (verlegen) So? N Tib. Verse. L Chav. Hm. hm! (Für sich.) O du 8 verdammter blonder Hans Narr! W Tib. (liest) M »Was der Gatte Dir versagte, D Der Dich quält und Dich verkennt; W Nimm es hin von einem Freunde, 8 Den dein Herz vielleicht Dir nennt. * M Chgv. Erbärmlich — diese Verse, nicht R wahr —? s-- Tib. Wer ist der Unverschämte — ah i — da stehen unten zwei Buchstaben — A und G — ich hab's: — Amable Godet — Chav. Ah, wie kommen Sie gerade auf den? Warum muß das A und G eben Amable Godet heißen? A G kann bedeuten »Alberner Gimpel« oder »abgedankter Ge- lieber —« Tib. Ich sage Ihnen, es ist niemand Anderer als Herr Amable. Er ist wieder in Paris —heute Morgens sah ich ihn vom Fenster aus — ja, er war es gewiß — aber wie kann der Mensch wissen, was meine Frau wünschte, wie hat er erfahren— (Rust sehr aufgeregt.) Irene! Irene! Chav. (sucht ihn zu besänftigen). Ruhe! Ruhe, Herr Schwiegersohn! Keine Leidenschaft! Sechzehnte Scene. Vorige. 3rcne. Irene (kommt völlig angekleidet aus dem Zimmer). Da bin ich — (Zeigt auf das Bracelet, welches sie am Arm trägt.) Sieh NM, wie hübsch mir das Armband steht. Tib. Za — außerordentlich! Chav. (leise zu ihr). Schweige! Irene (sieht ihn erstaunt an). Warum? (Chavignol winkt ihr bedeutsam und zeigt auf Tiburtius.) Tib. Gib mir das Armband zurück. Irene. Zurückgeben? Tib. Nimm es vom Arm — auf der Stelle. Irene. Wie? Du bist wieder hübsch bei Laune! Chav. (leise). Her damit — ich gebe Dir ein anderes! Irene. DaS ist doch sonderbar. Chav. (leise). Ein schöneres — Irene. Dieses Armband gefällt mir aber besonders, mehr als alle andern. Tib. O, ich weiß jetzt wohl den Grund von diesem besonder» Gefallen. Irene. Welchen Grund? Tib. Frage nicht — gib mir das Armband, ich will es! Irene. O! (Zu Chavignol.) Was soll denn das heißen? Chav. Nichts, nichts. (Ihr dasselbe ab- lösend, leise.) Glb es nur her — später sag' ich Dir warum. (Au Tiburtius.) Nun, da haben Sie. (Gibt ihm das Armband.) Sie sehen, Irene legt keinen Werth darauf — Irene. Ach, ja doch — ja! Chav. (leise zur ihr). So schweige nur. 12 Tib. Das Concertbillet — die Logenanweisung — da — die zerreiße ich — so! Und nun zu dem Herrn A. G., jetzt Hab' ich mit dem noch ein Wörtchen zu sprechen. Chav. Aber mein guter, mein bester Herr Schwiegersohn — Ruhe — keine Leidenschaft! (Bemüht sich ihn aufzuhalten.) Tib. (sich loSreißend). Lassen Sic mich! (Heftig ab.) Siebzehnte Scene. Irene. Chavignol. Irene (die erstaunt und betroffen Tiburtius nachblickt). So sage mir doch nur, Papa — Chav. (unschlüssig und ärgerlich, geht zum Fenster). Da läuft er wie besessen! Was soll ich thun? — Da gibt's ein Duell! Irene, (erschreckt). Ein Duell! — Mein Mann will sich schlagen? Das darf nicht geschehen! Nein! Ich will es nicht — ick liebe ihn — er darf nicht — Papa, Du mußt es verhüten — ihn verhindern — hörst Du! Chav. Ruhig, mein Kind, wer weiß, ob er — ich meinte ja nur, so — indeß — ich will gehen, ihm nachlaufen — ja, ja - tröste Dich nur — (Zieht wieder seinen Frack an.) So — (Für sich.) Wieder im sckwarzen Frack, schöne Unterhaltung das! (Laut.) Lebe wohl, mein Kind, — beruhige Dich — auf baldiges Wiedersehen! (Im Abgkhen brummend.) Schöne Unterhaltung! (Durch die Mitte ab.) Achtzehnte Scene. Irene, dann Amable. Irene. Mein Gott, welche Scenen, — Tiburtius ist sonst so ruhig, so gelassen — und setzt diese Aufregung — ein Duell — aber warum? Mit wem? Amable (der gleich nach Ehavignol's Ab. gang unter der Thür rechts sichtbar wurde, tritt vor). Mit mir, gnädige Frau. Irene. Sie hier, mein Herr und Sie wollen sich mit meinem Manne schlagen? Amable. (lachend). Im Gegentheile eigentlich — er will sich wohl mit mir schlagen, wenn er mich findet — da ich aber in diesem Augenblicke nicht zu Hause bin — Irene. Was haben Sie ihm denn ge- than? Amable. Nichts! Ich habe nur seiner Frau ein Armband geschickt, nebst einem kleinen Gedicht — und — Irene. Sie? (Für sich, etwas piquirt.) Also er nicht? (Laut.) Aber mit welchem Rechte, mein Herr? (Rechts nahe am Tische Platz nehmend.) Mit welchem Rechte? Amable. Mit dem Rechte, welches meine Verehrung — meine Liebe — (Sie wendet sich ungeduldig ab.) O, wäre ich Ihr Gatte geworden, Ihr glücklicher Gatte — Irene! Irene (achselzuckend). Ich bitte, Herr Amable — (Ergreift und zerknittert gedankenlos den Brief, welchen Ehavignol aus dem Tische liegen ließ.) Amable. Ich hätte jeden Ihrer Wünsche aus Ihren Augen gelesen. Irene (die den Brief las, empört aus- springend). Ah! (Für sich.) Was lese ich da? Amable (für sich). Meine Verse. Irene (liest). »Die junge Frau muß Dich endlich auf einen Tag entbehren —* Amable (für sich). WaS der Gatte Dir versagte, Der Dich quält und Dich verkennt, Irene (für sich, liest weiter). »Brich also deine Sclavenketten — ausgezeichnete Gesellschaft — Modistin — Rue de la pair* — abscheulich! Amable (für sich). »Nimm es hin von einem Freunde, Den vielleicht dein Herz Dir nennt!« Irene (für sich, heftig). Also das sind seine wichtigen Geschäfte, — o, es ist himmelschreiend! Was soll ich rhun? Wie mich rächen? (Mit einem Blicke auf Amable ) 8lh! (Nimmt die Eßvorräthe Ehavignol's und stellt ß* 13 s» schnell auf den Gueridon.) So! DaS gehörte H zum Diner mit der Modistin — Rue de la pair — ausgezeichnete Gesellschaft — 1 schon gut! Ich vergelte Gleiches mit Glei- j chem. / Amablc (erstaunt). Was treibt sie denn? j Irene (setzt sich an den Tisch und schneidet die Pastete an). Nehmen Sie Platz. Amable. Ich? Da? Irene. Ja — da bei mir — schnell, schnell! Amable (sich verblüfft setzend). Da bin ich schon. Irene (ihm von der Pastete vorlegend). Nun essen Sie und entkorken Sie diese ^ Flasche hier — so! Danke! U Amable (für sich, vergnügt). Sie gibt W mir ein Stelldichein mit Pastete — ach, ) ^ wie schön — wenn ich nur nicht eben ge- F speist hätte — (Laut, aufstehend.) Ich bitte « um Entschuldigung — ich habe eben ge- H frühstückt, sehr bedeutend, sehr gut gefrüh- ^ stückt — es ist mir unmöglich — I A Irene. Essen Sie, trinken Sie, oder 2 Sie sehen mich nie wieder. H Amable. Ja— wenn Sie befehlen! M (Für sich, während er an der Pastete würgt.) V Ach Gott, mein Herz ist voll, und mein -» Magen auch — ich kann nicht essen! ^ Irene (für sich). Vortrefflich, mein ^ Herr Gemal! Ihre Heimlichkeiten sind nun ^ V entdeckt — Rue de la pair — ich werde W schon dahinterkommen. (Zu Amable.) Dann H werden Sie die Güte haben, mir einen ^" Wagen zu holen. Amable (froh aufspringend). Gleich. Irene. Nein, nein, es hat noch Zeit. (Tür sich.) Ich will das Rendezvous in St. Germain doch in der Nähe besehen. (Zu Amable, der sich wieder gesetzt hat.) Sie essen sa nicht. (Legt ihm ein Stück Pastete aus den Teller, er nimmt seufzend die Gabel.) Sie trinken ja nicht! (Er reicht ihr das Glas, sie schenkt ein.) So essen Sie doch, so trinken Sie doch, Sie werden mich böse machen. Neunzehnte Scene. Vorige. Chavignol. Ehav. (sich im Eintreten das Gesicht trocknend). Nirgends ist er zu finden. (Sieht Amable.) Aber zum Geier, Herr, was machen denn Sie hier? Amable. Ich — ich esse. Ehad. (nähertretend, aufgebracht, halblaut). Wie — was — Sie essen meine Pastete? Amable. Ich — bin eingeladen. Ehav. Irene — was soll das heißen? Irene. Ja, Papa — eingeladen — von mir. Ehav. Ah, das ist stark! Amable (für sich). Ich ersticke! (Nimmt wieder sein Glas.) Ehav. (ihn schüttelnd). Mein Herr, — diese Zudringlichkeit — Irene. Aber Papa — Ehav. Ei, zum Henker, das geht zu weit! Irene, Ach Papa, höre nur, was geschehen ist — laß' Dir erzählen — (Zu Amable.) Wollen Sie jetzt so gefällig sein — Amable. Den Wagen zu holen? (Springtauf.) Mit tausend Freuden! (Zm Gehen.) Ick war eingeladen, Herr Chavignol! (Ab.) Zwanzigste Scene. Chavignol. Irene. Chav. (ihm nachrufend). Gehen Sie zum — (Zu Irenen.) Was soll ich davon denken? Erstens ein Rendezvous mit Pastete — jetzt eine Spazierfahrt — wenn das dein Mann erfährt -77- Jrene. Nichts mehr von ihm — er betrügt mich, er hat Liebschaften — Chav. Tiburtius? Liebschaften? Irene. Ich weiß es gewiß. Chav. Warum nicht gar! Irene. Ich lasse mich scheide«, ich komme wieder zu Dir. Chav. O! O! Irene. Wir wollen uns nicht mehr trennen — Chav. Aber ich bitte Dich— Scheidung, Aufsehen! Scandal! Irene. Was frage ich jetzt darnach. Du mußt die Scheidungsklage aufsetzen, durchsetzen — Chav. Laß mich in Ruhe! Irene. Wie? Du willst Dich nicht meiner annehmen? Du versagst mir deinen Schutz? O, ich arme, betrogene Frau! ich unglückliche Tochter! — Ich habe keinen Vater, nur einen kalten, gefühllosen Stiefvater. (Geht erregt aus und nieder.) Chav. (aus den Tisch schlagend). Bum! Jetzt geht's wieder los — schöne Unterhaltung ! Einundzwanzigste Scene. Vorige. Tiburtius. Tib. (im Eintreten). Er war nicht zu Hause — wenn ich ihn aber treffe, dann geht's ihm schlecht! Chav. Schonen Sie sich, Herr Schwiegersohn. Irene. Ja, schonen Sie sich, Herr Genial, erhalten Sie Ihr theueres Leben nicht für mich — für Andere — ich werde Sie zu entbehren wissen. Ich lasse mich scheiden. Tib. (erstaunt seine Frau und Ehavignol anblickend). Was ist da vorgegaugen? Irene. Ich gebe Dich frei, Du brauchst dann deine geheimen Correspondenzen nicht mehr zu verbergen. Tib. Ich verstehe kein Wort. Irene. Heuchler! Ich habe Beweise in Händen — Chav. Ja, man hat Beweise! (Leise zu Irene.) Hast Du Beweise? Tib. (halblaut zu Ehavignol ihn an der Hand fassend). O, Sie intriguiren gegen mich, wie es scheint — Sie verleumden mich! Wehe Ihnen, Herr Ehavignol! Chav. (ebenso). Was fällt Ihnen ein? Tib. (laut zu Irene). Zeige mir diese Beweise — sie sind falsch — ich gebe Dir mein Wort — Chav. (zu Irenen begütigend). Hörst Du — er gibt sein Wort — Irene, (leise, ihn an der Hand fassend). Brav, Papa, Du trittst auf seine Seite, Du intriguirst gegen mich! Chav. Ich? Irene (zu Tiburtius). Willst Du läug- nen, daß Du heute eine Landpartie machen willst, eine geheime Landpartie mit gewissen Damen. Chav. (halb erstaunt, halb verschmitzt lachend, für sich). O — er auch! Du Spitzbube! Irene (aus dem gefundenen Brief lesend). »Die junge Frau muß Dich endlich auch einige Tage entbehren. Brich also deine Sclavenketten —« (Tiburtiusstreng anblickend.) Nun? Chav. O Gott — mein Brief — Bourrachard's Brief —! (Stöbert in seinen Taschen hemm.) Irene. Es kommt noch deutlicher (Liest.) »Du wirst ausgezeichnete Gesellschaft finden, unter Andern auch die niedliche Modistin ans der Rue de la pair, welche Dich so sehr intereffirt.« — Ah — Du verstummst jetzt, nickt wahr? Tib. Ja, vor Erstaunen — der Brief soll mich angehen? Irene. O, keine Winkelzüge! — Du kennst wohl gar nicht diesen Herrn Bou — Bourra — ^Hält ihm den Brief hin.) Tib. Bourrachard. Ireme. Ah, wie schnell Du den Namen findest — Tib. Er steht ja deutlich da. Irene. Deutlich — für Dich wohl natürlich. Tib. Ich kenne den Herrn nicht — wer sagt Dir, daß der Brief an mich gerichtet ist? Wer beweiset das? 15 Chav. (der bisher verlegen zum Fenster hinausgeblickt, sich die Hände gerieben, geräuspert hat u. s. w.). Allerdings ja -— dieser Brief ist kein Beweis, so was man sagt ein uä liominsm — (Für sich.) In meiner Verlegenheit red' ich gar lateinisch! Irene. Wem soll der Brief gelten? Ich habe ihn hier vor einer Viertelstunde gefunden. Er ist also für Dich (zu Tiburtius) oder — willst Du vielleicht gar so kühn sein, zu behaupten, daß Papa — Chav. (mit Würde). Herr Schwieger, sohn — (Für sich.) Meine Position wird kitzlich. Tib. Ich sage ja nicht, daß Herr Cha- vignol — Irene. Ah — also doch — Du? Tib. Nein! Nein! Vielleicht ist es ein schlechter Spaß — oder — war denn sonst Niemand hier im Zimmer — ja doch — Herr Amable- Chav. Eben fiel mir's ein — Herr Amable — ja, der muß den Brief hier verloren haben — ja, mir ist sogar als ob ich gesehen hätte — ja, es wird so sein — Tib. Es muß so sein. Chav. Es ist so! Irene. Wär' es möglich! Zwetundzwanzigste Scene. Vorige. Amable. Amable. (rintretend zu Zrenen). Der Wagen (Dir Herren bemerkend.) O — alle Beide! Tib. (heftig). Was wollen Sie? i^hav. (mit absichtlichem Zorn). Was suchen ue? Tib. Sie sind sehr zudringlich! ^hav. Unverschämt! Irene (Tiburtius begütigend). Aergere lch nicht, lieber Mann. ^hav. Ja — Alles ohne Leidenschaft. Zu Amable.) Hinweg, sittenloser Jüngling — steigen Sie in Ihren Wagen und fahren Sie in die Rue de la pair — Amable. Wie? Warum? Chav. Dort harret Ihrer eine gewisse Modistin — Irene. Die Sie sehr intereffirt — Tib. Führen Sie die in's Concert — Amable Aber — Irene. Und in's Theater — Tib. Geben Sie ihr das Bracelet — (Steckt ihm dir Billrts und das Bracelet iu die Taschen.) Irene. Und das Gedicht dazu. - Chav. A. G. (Steckt ihm das Gedicht in dir Tasche). O geh! Amable. Ich bitte — Tib. Gute Unterhaltung! Chav. Diel Vergnügen! Irene (lachend) Haha — einen Gruß von mir an Herrn Bourrachard. Tib. (ebenso). Auch von mir! Chav. (ebenso). Und von mir! Amable (der nicht zu Worte kommt, wird von Tiburtius und bhavignol immer mehr gegen die Thür gedrängt und verschwindet endlich durch selbe). Dreiundzwanzigste Scene. Vorige, ohne Amable. Tib. So! der wäre abgefertigt! Chav. Ohne Blut — ohne Leidenschaft! (Zu Irene.) Glaubst Du nun, daß er der Schuldige ist? Hast Du gesehen wie bestürzt, wie zerschmettert er war? Tib. Ja wohl, Irene, jetzt wirst Du doch überzeugt sein — Irene. Ja, es scheint wohl—indeß— Chav. (schnell). Quäle Dich nicht länger, Kind — gib Dich zufrieden; reicht euch die Hände — so — umarmt euch — schön! (Sicht heimlich auf du Uhr.) Zum Drei-Uhr, Zuge komme ich eben recht! Den Abend will ich noch retten! (Will drn Frack auszir« hcn) 16 Irene. Was thust Du Papa, gehen wir nicht zusammen? Chav. Wie so — wohin? Irene. Zum Diner — zu Väry —? Chav. Unmöglich! Irene. O, liebes Väterchen, sei nicht grausam — deine Irene bittet! Nun? Chav. Ein ander Mal. Irene (schmollend). Ah, Du bist ein abscheulicher Stiefvater! Zch lasse Dich nicht los! Gehst Du nicht mit uns, so gehen wir mit Dir! Chav. (zieht schnell den Frack wieder ganz an). Was? (Für sich) Das wäre nicht übel! Irene (zu Tiburtius). Nicht wahr, lie, 1 brr Mann? (Zu Lhavignol.) Wohin gehst Du, was treibst Du — wo willst Du speisen? s L Chav. (dm Rock völlig zurechtsetzend und ^ > zuknöpsend mit Resignation). Mit euch! » Irene (in die Hände Katschend). Bravo, ^ Papa — das ist ein edler Entschluß! Und, j! nicht wahr, Abends gehst Du auch mit uns 1 in's ThvLtre frantzais? b Chav. (mit erzwungener Freundlichkeit) u In's Trauerspiel, versteht sich — ganz so » wie ehedem — ich bin wieder ganz zart ß licher Vater! (Für sich, seufzend, halb zum i Publicum.) Aber so ungeheuer Stief wir ^ heute war ich noch nie! Der Vorhang fällt. Ende. Druck und Papier von -topold Sommer in Wies Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Auf dem Eis' und' Posse mit Gesang io drei Acten von Friedrich.Kaiser. Musik von Kapellmeister Adols Müller. (Am 12. November 1864 zum ersten Mal im k. k. priv. Theater an der Wien gegeben und mit Beifall ausgenommen.) Personen: srine Kinder. -Hollmann, rin reicher Fabrikant. Marie, i Karl, Hugo. Fräulein Adele, Gouvernante. Herr von Strahlbach. Niedberg, Student, dchwarzmaier, Archivar. Träumer, Hotelbesitzer. Hartberg, Kaufmann Stallinge r. Dr. Mahlheim, Notar. Fabian, Diener Jenni, Stubenmädchen Ein Lommissär. Ein Dirnstmann in Hollmann's Hause. Gäste, Fabriksarbeiter und ihre Kinder, Diener. Eisiel Ä c t. (Glaösalon in einer Restauration, rings mit den schäusten tropischen Pflanzen in üppigster Blüthe besetzt, während man durch die Glaswände in rinev mit Schnee bedeckten Park ficht. Zu beiden Seiten Tische und Stühle von eleganter Form. Äus einem der Tische rechts liegen mehrere Zei- tungsblätter.) Erste Scene. Träumer, Hartderg, Stallinger, einige andere Gäste. Träumer (führt die Gäste von der linken Seite der Bühne herein). Eö freut mich unendlich, daß meine früheren Herren Stammgast' mich auch hier iu meinem neuen Etablissement mit ihrem Besuch beehren! — Wie g'fallt's Ihnen? Hartb. Alles prachtvoll — besonders dahier der Wintergarten — Träumer (mit einigem Stolze). Nicht wahr? Der Londoner Krystall-Palast in Miniatur! Wenn man hinausschant Sibirien — hier herin Brasilien — draußen Schnee und Frost — hier Mailuft und Blumenduft! — Draußen kann man die Wintervergnügungen genießen — ich Hab' eigens das Bassin zuftieren lassen zum Schlittschuhlaufen — Stall. Wenn Ihnen nur die Sonn' keinen Streich spielt, sie scheint heut' sehr warm, trotzdem daß wir nicht mehr weit auf Weihnachten haben! Träumer. Ah, das ist nur um die Mittagsstunden — gegen Abend friert nur Alles um so fester! — Aber ist's Ihnen nicht auch gefällig, die Nebensalons zu besehen? (Gegen rechts deutend.) Hartb. 3a, wir nehmen von Allem Augenschein, und wo's uns dann au» besten g'fallt, gründen wir unsere Niederlassung! (Zu den klebrigen.) Kommens, meine Herren! (Alle ab nach rechts.) Zweite Scene. Fadian (allein). Fab. (tritt in einem eleganten Livree-Uebe» rock, einen bordirten Hut auf dem Kopse, von links ein). Lied. Wenn man ans ein' hohem Standpunn sich stellt, Sieht man, a Bedienlenstub'n ist d' ganze Welt! 's bild'n Manche sich ein, Gott weiß wer als sie sein, » Und g'nauer betracht', sein's dock nichts - als Lakai'«! D'rnm wenn schon Livreen man hat ein- geführt, Sv soll's jeder tragen auch, dem sie gebührt; Ab'r g'wisse Leut' gibt's, die zwar bloß weg'n dem G'winnst Sich selber verdingen zum schmählichsten Dienst, Und doch d'großen Herrn spiel'n — wenn ich so Ein' seh' : Frag' i immer: Warum tragt denn der ka Livree?! Ein' Alte hat Geld, und ein sehr junger Herr Thut deßwcg'n, als ob er verliebt in sie wär', Sie laßt sich das g'fall'n und bezahlt seine Schuld'«, Doch was muß der Arme dafür nicht er- , duld'n?! Er muß sie begleit « in s Theater — am Ball, 3 Schaut er auf ein' And're, so gibt's ein' Scandal, Denn sie will geliebt sein, nur sic ganz allein, Für sie soll er scknnacht'n und voll Zärtlichkeit sein! Wenn ich in der Lieb' Ein' so roboten seh', So frag' ich: Warum tragt denn der ka Livree? Es ist curios — die Seel' ist doch das Beste am Menschen, und doch ist's bei weitem nicht so schimpflich, ein Bedienter, als eine Bedientem'«ele zu sein! Denn ein Bedienter gibt sich ehrlich als das, was er ist, während die Bedientenseel' oft auswendig einem sehr noblen Herrn gleichschaut, und die Livree nur inwendig tragt! — Der Bediente tragt die Färb' seiner Herrschaft, die Bedientenseel' aber hat g'wöhnlich gar keine Färb' — ein ordentlicher Bedienter kann, wenn's Glück will, auch ein recht guter Herr werden, wenn aber eine Bedientenseel' zur Macht kommt, so wachst sie sich g'wöhnlich auf den Tyrannen hinaus! — Na — ich bin leider ein Bedienter, aber (sich in die Brust werfend) von einer Seel' ist bei mir keine Red' — nämlich von einer Bedienten- serl'l Jm Gegentheil, in mir steckt der Spiritus eines großen Staatsmannes—dessen bin ich mir bewußt worden, seitdem mein Herr sich auf so viele Journale abonnirt hat — die verschling' ich alle, bevor ich sie ihm auf sein Zimmer bring' — mein liebstes Frühstuck sein so ein paar recht brennende Fragen, und meine delikateste Jansen ein paar recht fett gedruckte Depeschen in den Abendblättern! DaS hat mich seit einem Jahr so gut genährt, daß mir der Kopf aufgangen ist, und ich mich jetzt zu den gewiegtesten Diplomaten zählen kann! — Ha! mich sollten's einmal zu einer Konferenz berufen — ich ging' gewiß nicht auseinander, ohne was auSg'richt z'haben! (Bemerkt die aus dem Tische liegenden Zeitungen, und stürzt darauf los ) Ha! da liegen die neuesten Nummern! — Nur gleich alle mit Beschlag belegt, damit mir nichts auskommt! (Nimmt einige Zeitungen zugleich in die Hand, während er die andern unter dem Arme scsthält, und beginnt die rrsteren zu durchfliegen.) Dritte Scene. Fabian, Hollmann, Adele, Marie, v. Strahlbach, Carl, Hugo. Hollm. (Adele am Arme führend, tritt von links ein). Marie, Strahlbach, Carl, Hugo (folgen ihnen). Hollm. (Fabian erblickend) Da haben wir's! Da steht er, und liest Zeitungen und uns läßt er in der Kälte warten! (Rust - Fabian! Fab. (in die Lecture vertieft, abwehrendj. Pst! Pst! — Lassen mich Euer Gnade« nur erst diese russische Note — Hollm. 's ist zum Teufelholen! (Zu Adklm, ihren Arm loslassend.) Sie verzeihen schon, Fräule! (Geht zu Fabian und nimmt ihm das Blatt aus der Hand.) Hab' ichlDich deshalb dahervorausg'sckückt, damit Du hier Zeitungen liest? Fab. Das wohl nicht, Euer Gnaden haben mir g'sagt, ich soll zuerst sehen, was für ein Publicum da ist, und ob man anständiger Weise auck Damen daherführen kann — Hollm. Na also! Warum bist hernach nicht zurückkommen, um zu rapportiren? Fab. Aber, Euer Guaden! Was hält' ich denn über das Publicum rapportiren sollen? — Sie sehen ja, es ist noch gar kein vernünftiger Mensch da! Hollm. (ärgerlich zu Adclen und Strahlbach). Da hätt' der Dummkopf uns indeß in unseren Wagen einsrieren lassen, und er hält' da g'warl', bis Gäft' kommen wären! — 1 * 4 Sab. (die Achseln juckend). Ich hatte mangelhafte Instructionen! (Liest wieder weiter.) Vierte Scene. Vorige. Träumer, Hartbe rg, Stallt ng er, Garxons, Gaste. Träumer, Hartb., Stall., einige Gäste (kommen wieder von rechts zurück). Hartb. 's ist schon am schönsten, wenn wir d a unser Aosttsr einnehmen. (Aus einen Tisch rechts weisend.) Träumer. Wie's beliebt; werd' sogleich für die Bedienung sorgen! (Linkt einem Gar- yon, welcher hieraus Getränke und Speisen bringt.) Die Gäste (setzen sich an dm Tisch, trinken, einige brennen sich Cigarren an u. dgl). Hollm. (aus die Gäste sehend). Ah — da treff' ich ja gute Bekannte! (Rust.) Herr von Hartberg! — Hartb. (nun erst Hollmann gewahrend und erfreut aus ihn zugehend). Was seh' ich? — Ausnahm' von Ihrer gewohnten Ordnung zu machen — Hollm. Ja, die Ankündigung von dem neuen Etablissement hat uns angelockt, und (sich zu Adelen wendend) nicht wahr, Fräule 's ist dahier so elegant, daß ich Sie wohl, einladen darf — (Weist gegen dm Tisch.) Adele (leise zu Hollmann). Es sind nur Herren da, und deshalb kann weder ich, noch Fräulein Marie an der Gesellschaft Theil nehmen! Marie (zu Adelm). Aber ich denk' doch, wo mein Vater ist — Adele (zu Marien). Ich ersuche Sie, mir nicht zu widersprechen, ich bin es, welche Sie — leider etwas spät — die Regeln des Anstandes lehren muß! (Zu Hollmann) Wir werden uns wieder nach Hause begeben! Hollm. (bedauernd). Was? wieder nach Haus? Aber schaun's, liebe Fräule! es wäre so gemüthlich — uur auf eine halbe Stunde wieder einmal unter meinen alten Bekann« ten zu sein — meine Cigarren zu rauche» Herr von Hollmann! Ah, das ist ja ein halbes Weltwunder, Sie wieder einmal an ein' öffentlichen Ort zu sehen — Hollm. Ja, seitdem ich Witwer bin, sein Arnderungen in meiner Hausordnung vorgekommen — die Sorg' für meine Kinder — obwohl diese jetzt fast eine zweite Mutter gefunden haben — (Adelm vorstcl- lmd) hier in der Fräule Adele von Lindau — welche die feinere Ausbildung meiner Töchter übernommen hat, und zugleich meinem ganzen Hauswesen auf das Musterhafteste Vorsicht — ick sag' Ihnen, eine wahre Perle- Adele (sittsam die Augen zu Boden schlagend). Ich thue meine Schuldigkeit — Hollm. Und dann bringt der Herr von Strahlbach (aus diesen weisend) oft seine Abende bei uns zu — (etwas leiser zu Hartberg) Wissen s, es ist etwas im Werk mit meiner Tochter — Hartb. (ebenfalls leise). Ah, gratulier — (Laut.) Aber heut' scheinen Sie doch eine — (Blickt sehnsüchtig nach dem Tische.) Strahlb. (leise zu Adelen). Lassen wir ihn doch hier! Adele (laut zu Hollmann). Ich bin weit entfernt, Sic von Ihrem Vergnügen ab- ziehen zu wollen — Sie finden hier eine Gesellschaft, welche für Sie mehr Reiz zu haben scheint, als Ihre gewöhnliche Umgebung — Hollm. (fast erschreckt). Aber liebes, gutes Fräule! wie Sie das gleich wieder auslegen! Sie sehen doch, ich Hab' nickt ohne Ihnen dableiben wollen, und (trauriger) wenn Sie glauben, daß sich's nicht schickt — na, so — in Gottes Namen! fahren wir wieder nach Haus — Carl (kläglich). Was? schon nach Haus? Hugo. Vater! Du hast g'sagt, wir werden d'raußt aufm Teich Schlittschuhlaufen dürfen! — Carl. Ja, ja! schleifen! Earl, Hugo (zugleich mit erhobenen Händen). Vater, wir bitten! 5 / lL Hollm. (zu Adel«n> Die armen klein' Kerls! — sie haben sich schon so g'freut — Strahlb. (leise zu Adelen). Um so besser — lassen wir die Knaben auch zurück! Hollm. (zu den Knaben). Na, geht's — bitt's die Fräule, daß sie's erlaubt! Carl, Hugo (eilen zu Adelen, sie bittend). Fräule! Bitt' gar schön! Adele (zärtlich, die Knaben auf die Wange klopfend). Kann ich denn den lieben Kleinen eine Bitte versagen? — Nun. wenn Papa ohnehin hier bleibt, so könnt Ihr ja indeß mit Fabian zum Bassm gehen! Carl, Hugo (jubelnd). 3uhe! auf d' Schleifen! juhe! Men nach links ab.) Adele (zu Fabian). Geb' Er aber wohl Acht auf die Kleinen! Fab. Sehr wohl! (Für sich im Abgehen.) Ich Hab' was G'scheiteres zu thun — (steckt ein Zeitungsblatt in die Tasche) das heutige Abendblatt ist sehr interessant — ich Hab' heut' nur Augen für das, was die Großen der Erde thun, und kann mich durch die kleinen Bübereien nicht in meiner Con- jcctural-Politik beirren lassen! (Folgt lesend den Knaben.) Adele (zu Marien). Und nun begeben wir uns wieder zu unserm Wagen — Strahlb. 3ch werde die Ehre haben, die Damen zu begleiten (Zu Marien.) Darf ich Ihnen meinen Arm bieten? Marie (kalt). 3ch danke! Ich gehe mit dem Fräulein! (Hängt sich in AdelcnS Arm.) Adele (noch immer etwas gekränkt zu Holl- mann). Adieu, Herr von Hollmann! (Will gehen.) Hollm. (ängstlich ihr nachgrhend). Aber liebes Fräulein! Sie sein doch nicht bös? Adele. O! wie hätte ich ein Recht, über irgend eine Ihrer Handlungen auch nur zu urtheilcn! Sie sind Herr Ihres Willens ich bin nur in Ihrem Hause angestellt. (Zu Marien ) Kommen Sie! (Geht.) Hollm. (ihr wieder nachgehend). 3ch bin m einer Viertelstund' wieder zu Hause! — Aus Ehre! Adele. Mir ziemt es nicht, Sie zu con- trolliren! Bon awu86M6nt! (Nickt mit dem Kopfe, und geht mit Marien nach links ab ) Hollm. (Adelen nachsehend , für sich). Sie ist ein bissel piquirt! — Sie will mich gar nicht von ihrer Seite lassen! — Ah — jetzt schaut sic sich doch um! (Hocherfreut.) Sie lächelt wieder freundlich — sie winkt mit der Hand! (Wirft ihr eine Kußhand nach.) Bah, mein Engel! Bah! (Wendet sich wieder nach rechts, Hartberg bemerkend, fast verschämt.) Ah — Sie sein noch da? Hartb. (lachend). Ha, ha, ha! — Na — ich gratulir ! (Klopft ihm vertraulich auf Schulter.) Hollm. (ihn erstaunt ansehend). Zu was? Hartb. Zu der Gouvernant, die Sie sich genommen haben, die gouvernirt Ihnen ja recht ordentlich! Hollm. (gereizt). Mich? Na, warum nicht gar! Ich beobacht' allerdings gewisse Rücksichten, die man dem zarten Geschlecht unter allen Verhältnissen schuldig ist — Hartb. Na. ich weiß mich doch zu erinnern, daß Sie Ihre selige Frau nie g'fragt haben, ob Sie Abends in ein Gasthaus gehen, oder wie lang's ausbleiben dürfen! Hollm. Hm! meine Selige — das war meine Frau — die war so ein schlicht bürgerliches Wesen, ist oft selber mit mir in's Gasthaus gangen — aber die Fräule Adsl', — das ist ganz was Anderes! (Wichtig.) Sie! das ist ein adeliges Fräulein — erzogen in einem adeligen Pensionat — Hartb. Und dient jetzt als Gouvernante? Hollm. Na ja — Wissens, ihre Familie ist eine sehr vornehme Familie, aber schuldlos verarmt — Hartb. Aber wie sind Sie denn just aus die verfallen? Hollm. Na sehcn's, der Herr von Strahlbach bewirbt sich um die Hand meiner Tochter — er hat auch eine sehr noble Verwandtschaft, und damit meine Tochter sich einmal auch in höheren Kreisen bewegen kann, hat er mir gerathen, ihr eine 6 Gesellschafterin zu geben, die ihr die feineren Manieren beibringt, und zu dem Zweck hat er mir eben die Fräule Ndöl' empfohlen! Hartb. (etwasspöttisch). Na, und die scheint wirklich sehr feine Manieren zu baben! j Hollm. (ohne den Spott zu bemerken). Und wie! — Ich sag' Ihnen, ich selber komm' mir oft ihr gegenüber wie ein Schulbub' vor! Mein Gott! ich Hab' mich, so lang' ich leb', nur auf mein Fabriksg'schäft verlegt — das versteh' ich, Gott sei Dank! aus dem ff — aber was don ton und Eourtoisie und Etiquette und äskorZ sein, das waren mir Alles spanische Dörfer — davon bringt mir jetzt die Fräule Adöl' erst ein' Begriff bei! — Die hat Ihnen eine so gute Method', Ein' auf jeden Verstoß aufmerksam zu machen, zu belehren, ohne aufdringlich zu sein — sie ist die Sanstmuth und Bescheidenheit selber, und doch — ich gesteh's Ihnen — imponirt sie mir förmlich. Hartb. Ja, ja, mir scheint selber, sie! thut Alles, um Ihrer Tochter eine zweite Mutter zu werden. - H vllm. (nun erst die Anspielung aussassend). Was?— Sie glauben doch nicht am End' gar —? — Was Ihnen einfällt! Die junge schöne Fräule — und ich —! Hartb. (lachend). Na, na, ua! Hollm. Jetzt gehn's! Was deuken's denn?! Hartb. Ich denk' — Sie hätten Ihre zwei Kleinen auf d'Schleifen begleiten sollen! Hollm. (nicht begreifend). Warum denn? Hartb. Weil Sie ohnehin so nah' d'ran sein, auf's Eis z'gehn! Hollm. Herr von Hartberg, Sie wissen, ich vertrag' ein' Spaß — aber er darf nicht zugleich eine Person treffen, für die ich alle Hochachtung Hab'! — Verstanden! (Geht zum Tische; verdrüßlich für sich.) Ich weiß gar nicht, was sich die Leut' in meine häuslichen Angelegenheiten mischen! (Setzt sich an den Tisch, ganz verstimmt ) Ein Glas Bier! — ich muß schau'n, daß ich bald fortkomm'! Fünfte Scene. Vorige. Spaziergänger. (Man hört plötzlich hinter der Scene den lauten Schrei eines Kindes.) Spazicrg. beiderlei Geschlechtes (in Mänteln und Pelzen, eilen außerhalb der Glaswand von rechts nach links — wirres Durch« kinanderrusen). Was ist g'schehen? Gott! — dort! dort! Sämmtliche Gäste (dadurch aufmerksam geworden, erheben sich von ihren Sitzen). Was ist's denn? Hartb. (ist zur Glaswand geeilt, gegen die linke Seite sehend). Dort — am Teich! Hollm. (erschreckt). Am Teich?! — (Gilt ebenfalls hin, plötzlich entsetzt aufschreiend.) Gott im Himmel! — Der Fabian! — er tragt — (Wankt zurück.) Einige Gäste (unterstützen den beinahe Zusammensinkenden). Faffen's Ihnen! Hollm. (kaum mehr seiner Stimme mächtig). Mein — mein Earl! Sechste Scene. Vorige. Fabian. Earl. Hugo. Spaziergänger. Fab. (kommt, den kleinen Carl, welcher ganz durchnäßt ist, aus den Armen tragend, vom Hintergründe links). Hugo (läuft weinmd nebenher). Die Spaziergänger (folgen ibncn). Hugo. Vater! Vater! —der Earl —! Hollm. (sich gewaltsam ausraffend). Der Earl! — mein Carl! — was ist geschehen! Fab. Es ist nichts geschehen — er ist nur in den Teich gefall'n! Hollm. In den Teich?! Fab. (will Carl in Hollmann's Armr legen) Da haben's ihn! 7 Earl (von Fabians Arm rasch herabgleitend, und mit aufgehobenen Händen zu Hollmann eilend). Vater, sei nicht bös! Hollm. (vom Schreck in die höchste Freude übergehend). Er lebt ja! er lebt! — (Bor Freude lachend und weinend.) Hahaha ! Earl — mein Carl — mein Carl! (Hebt ihn aus, küßt ihn und drückt ihn ungestüm an seine Brust.) Aber, mein Gott, er ist durch und durch naß — was thu' ich denn? Fab. Na, g'waschcn und ausg'schwabt ist er, hängen wir ihn jetzt zum Trocknen auf. Träumer (unwillig zu Fabian). Halt' Er sein Maul! (Zu Hollmann.) So können's den jungen Herrn nicht nach Haus' nehmen — er schnappert ja vor Kalten — überlaffen Sie ihn mir, ich trag' ihn in meine Wohnstuben, leg' ihn in's Bett — meine Frau wird ihm frische Wäsch' geben und ein' Thee machen — Hollm. Ja, ja, wenn's so gut sein wollen! (Zu Carl, indem er ihn in Traumer's Arme legt.) So, mein Kind, leg' Dich nieder — ich komm' gleich hinauf — und (zu Hugo) Du bleib' bei dein' Brüderl! Träumer (tragt Carl nach rechts ab). Hugo (folgt). Hollm. (zu Fabian). Aber um Gottes willen! sag' mir nur, wie ist denn das zugegangen? Fab. Ich kann keinen genauen Bericht erstatten — ich war just an der Nordsee — Hollm. Was — Nordsee? Fab. Nämlich in dem Artikel der »Abendpost« über die skandinavische Politik — Hollm. Und dabei hast nicht auf die Kinder g'schaut, verdammter Zeitungsnarr! Aber weiter — weiter — erzähl'! Fab. Zwischen Dänemark nnd Schweden scheint eine bedeutende Spannung cin- getrcten zu sein! Hollm. (ausgebracht). Kerl, ich bring' Dich um! — Wie das Unglück g'schehen ist, will ich wissen! 8 ab. Na, ich Hab' auf einmal ein' Schrei g'hört — schau' auf — und seh' nur eine Stell', wo das Eis im Bassin cingebrochen war — in demselben Moment springt aber auch schon ein junger, hemdärmlicher Mensch hinein — taucht wieder aus und schleppt den halbersoffencn Buben an's Ufer — Hollm. Und wer — wer war der junge Mensch? Fab. Er scheint ein Verwandter von ein' Neufoundländer zu sein — Hartb. (sieht nach links in die Sccm). Ha! dort steh n noch eine Menge Leut' — nnd in der Mitten — ja — ja, der g'rad den Rock anzieht — aber warten s — er kommt da herein! Hollm. Entgegen! ihm entgegen! (Mt gegen links.) Siebente Scene. Vorige. Ricdbcrg. Mehrere beute- Riedb. (mit in's Gesicht hängenden nassen Haaren, wird von den ihm nachdrängenden Leuten gleichsam hereingeschoben)- Aber beute! — laß't mir doch Lust! Hollm. (aus Riedberg zueilend). Herr! Herr! Sie haben mein'm Kind das beben g'rett' — Riedb. Ist gerne geschehen! Ein Glück, daß ich gerade in der Nähe war, als der Knabe der gefährlichen Stelle zueiltc! (Streift sich die Haare aus der Stirne.) Hartb. (ihn nun erkennend, überrascht). Was seh' ich? — Herr Riedberg! Sie —! Riedb. Ah — guten Tag, Hausherr! — Haben Sic Ihren Wagen hier, so bitt' ich Sie, mich nach Hause bringen zu lassen, denn mir starren die Kleider am Leibe. Hollm. (zu einem Garyon). Einen Fiaker! g'schwind ein' Fiaker! Gartzvn (eilt ab). Hollm. Aber vor Allem möcht' ich Ihnen meinen Dank — Riedb. So viel als empfangen! Ich bitte, kein Wort weiter hierüber — 8 Hollm. Nun also, kein Wort, aber die That. (Zieht rasch sein Portefeuille aus der Vrusttasche.) Riedb. (es bemerkend, tief verletzt, beinahe rauh). Was wollen Sie? — Ich hoffe doch, Sie werden mich dafür, daß ich Ihr Kind gerettet, nicht beschämen wollen? Hartb. (hinzutrctcnd). Herr Riedberg! rch kenn' Ihre Verhältnisse — Sic sein nicht in der Lag', den Großmüthigen spielen zu können, und wenn der Herr von Hollmann in seiner schuldigen Dankbarkeit — Riedb. (bei der Nennung des Namens stutzend). Hollmann? — Der Fabrikant Holtmann? Hollm. Nun ja — und.wenn Sie von mir schon g'bört haben, so Werdens auch wissen, daß ich was thun kann — und 's sollt' Sie nickt beleidigen, wenn ich, da ich just g'hört Hab', daß Sie- Riedb. Daß ich arm bin — und deshalb hielten Sie sich für berechtigt, mich zu dcmüthigen? Hollm. Aber, mein Gott! eine kleine Aushilf'- Riedb. Warten Sie, bis Sie hören, daß ich von irgend Jemanden Hilfe begehrt habe, bis jetzt ist, dem Himmel sei Dank! dieser Fall noch nicht eingetreten! Doch (ficht in die Scene links) dort hält der Wagen! — Gott befohlen! (Eilt nach links ab.) Hollm. (ganz verblüfft). Ich steh' da — wie a Nannerl! Er ist grob mit mir, und weiß noch gar nicht, wie viel in der Brieftaschen d'rin ist — (Zu Hartberg, indem er die Brieftasche öffnet.) Schaun's her! — über fünfhundert Gulden! Hartb. Und wenn hunderttausend Gulden d'rin wären, der hätt's nicht g'nom- mcn! Das ist ein ganz eigener Charakter! Hollm. Ja, sagen's mir nur, wer ist er denn eigentlich? — Sie müssen mir Alles, was' von ihm wissen, erzählen! Aber (sich besinnend) Teurel! Ich werd' heut' später z'Hans kommen, und die Fräule Adel' — (zu Fabian). He — Fabian, geh' Du jetzt voraus nach Haus — erzähl', was g'schehen ist — aber fall' nicht gleich mit der Thür in's Haus! — Bereit' die Fräule und meine Tochter langsam vor, sonst schad't ihnen der Schreck — Fab. (wichtig. Ich erkenne die ganze Delicatrffe dieser Mission, und werde mich derselben als gewiegter Diplomat feinstens zu entledigen wissen! (Vrrncigt sich würdevoll und geht nach links ab; die übrigen Gäste entfernen sich nach und nach.) Hollm. (zu Hartberg, ihn wieder mit sich ^um Tische führend). Jetzt setzen's Ihnen da zu mir, und reden's! (Setzt sich.) Hartb. (sich ebenfalls setzend). Ich weiß von dem Herrn Riedberg nur das, daß er ein Studierender der Rechte ist, und eine kleine Dachstuben in mein' Haus bewohnt — er zahlt seinen Zins zwar pünctlich, dafür aber lebt er so armselig, als man sich's nur denke« kann — den Tag über besucht Collegien und gibt Unterricht in ein paar Bürgerhäusern, bei Nacht aber arbeit' und studiert er, und ich Hab' oft gesehen, daß er sich sein Nachtmahl selber vom Greißler g'holt hat — ein' Brotwecken und ein Stück'l Käs — Hollm. So hat er also gar Niemanden, der ihn unterstützet — Hartb. 's scheint nicht, daß er Verwandte hat, und wenn ihm ein And'rer was Gutes thun will, so weist cr's immer mit ein' Stolz zurück, als ob er die Tausender in der Schublad liegen hält' — ich selber Hab' ihm freien Tisch bei mir antragen wollen er hat mir aber zu versteh'n geben, daß er kein Bettclstudent wär', und hat's nicht angenommen! Hollm. Nicht ang'nommen! — Und was können ihm denn seine Lectionen tragen? Hartb. Wenn er sich's Monat fünfzehn Gulden verdient, wird's viel sein! Hollm. Fünfzehn Gulden! Mein Gott! so viel braucht ja in jetziger Zeit beinah' ein Canarienvogel, um standesmäßig leben 9 zu können!— Und der Mensch weist meine Erkenntlichkeit z'ruck! (Einen Gedanken fassend und vom Sitze aufspringend.) Aber halt! halt! — Ja — ja, so kann ich ihm mein' Dank doch abtragen! Hartb. (steht ebenfalls aus). Wie glau- bcn's denn? Hollm. Hab' ich nicht auch zwei Buben, die was Ordentlich's lernen sollen? Hartb. (rasch aus die Idee eingehend). Und da wollen Sie den Herrn Riedberg als Lehrer aufnehmen? Hollm. Höher hinauf! Zum Hofmeister nehme ich ihn — er soll ganz zu mir in's Haus ziehen — an mein' Tisch essen — ein' anständige Besoldung und Zeit genug für seine Studien haben — Hartb. (nachdenkend). Hm! hm! wann er nur geht! Hartb. Warum sollt' er nicht—? Hartb. Wenn er merkt, daß die Anstellung so quasi eine Belohnung für seine Lebeusrettuug sein soll, bringen ihn zehn Pferde nicht hin! Hollm. (ärgerlich). Das ist aber gar dumm! — Aber (wieder einen neuen Plan fassend) 's soll ihm nichts nutzen! Wissen's, wie wir's anstellen? Sie gehn jetzt nach Haus, und sagen ihm gar nichts, als, daß Sic eine recht gute bection für ihn wissen — nennen aber meinen Namen nicht — führen ihn so gegen Abend in einem Wagen in mein Haus — und ist er einmal oben, dann ist's meine Sach', daß er nicht mehr fortkommt! Also wollen's mir hel- ^ fen? (Hält ihm die Hand hin.) ! Hartb. (einschlagend). Herzlich gern! b Hollm. Na, so kommen's — ich schau, » daß ich jetzt meine Kleine z'Hausbring', Sie I holen derweil den Großen!—Hat er mein' 1 Buben aus'n Wasser zogen, so ist's ja i meine verfluchte Schuldigkeit dafür z'sor- ge", daß auch i h m künftig 's Wasser nicht ms Maul rinnt!— (Hängt sich in Hart- "g s Arm, und geht mit ihm nach rechts ab.) Achte Scene. Verwandlung (Elegant eingerichtetes Zimmer in Hollmann's Hause, mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren.) Jenni (allein). Jenni (tritt aus der Scitenthür rechts). Lied. Thut d'Sonn' überd'Berg' heranfsteig'n, Will Alles sei Freund' d'rüber zeig'n, Die Lerche hoch ob'n in der Luft Den trillernden Morgengruß ruft, Die Amseln und Finken im Wald, Die singen, daß's um und um schallt, Der Haushahn gern auch singen that. Doch 's geht nicht, was thut er — er kräht — Und d'Sonn' hört ihn doch freundlich an, Denn er thut halt so viel, als er kann! 'Die Blümerl'n, wenn d'Sonn steigt herauf, Die putzen sich auch alle auf, Der Rosenstock zeigt seine Pracht, Hat hundert von Knospen aufg'machr, Die Tulpe im prächtigsten G'wand, Macht gar alle andern zu Schand, Nur 's Veilchen so einfach und blau, Schmückt nichts, als ein klein's Tropfer! Thau, Und doch scheint's die Sonn' freundlich an, Denn 's thut halt so viel, als es kann! Ja, auch ich will thun, was ich kann, und was ein mit dem gehörigen Raffinement begabtes Stubenmädel kann, wenn cs will, das soll unser ganzes Haus erfahren! Unsre Fräule hat mich zu ihrem Ge- heimsccretär ernannt, und ich will beweisen, daß ich, wenn ich auch nur etwas über vier Schuh meß', doch dieser Stelle gewachsen bin! Denn aus die Schuh'kommt's nicht an, sondern auf den Fuß, auf den 10 man sich stellt, und ich — ich stell' mich auf die Hinterfuß! — Ich und die Fräule Marie wir sind jetzt Eins! Der Herr von Strahlbach will uns heiraten, wir mögen ihn aber nichr, weil — na, das braucht vor der Hand Niemand zu wissen - genug, cs darf nichts d'raus werden! Der Herr von Strahlbach hat zwar's ganze Haus für sich — aber ich will ihm seine Truppen untreu machen! Vor Allein gibt's einen Angriff auf den Fabian — sein Herz scheint mir von Zunder zu sein, und wenn ein Blick aus meinen Augen — na, Gott sei Dank! blicken kann ich —! es zum Glühen gebracht hat, dann wird's auch transparent, ich komm' hinter alle Geheimnisse, und kann dann alle feindlichen Pläne durchkreuzen! (Sieht nach der sich eben öffnenden Seitenthür links.) Ha — da kommt er just — es handelt sich vor Allem, ihn zu einem Geständniß zu bringen! Neunte Scene. Zenni, Fabian. Fab. (tritt, sichtbar mit hochtrabenden Plänen beschäftigt, aus der Seitenthür links, nimmt, ohne Zenni zu beachten, eine vornehme Haltnng an, steckt eine Hand in die Brust, während er die andere aus einen Tisch stemmt, gcberdet sich, als ob er Audienzen ertheilte u- dgl). Zenni (sieht seinen mimischen Bewegungen eine Weile stillschweigend zu. und bricht dann in ein lautes Lachen aus). Hahaha! hahaha! Fab. (aus seinen Träumen herausgerisscn). Ha! — Wer lacht da? (Zenni erblickend.) Ah! Sie, Mamsell Zenni? Zenni (sich gekränkt stellend). Mir scheint, Sie haben's gar nicht der Müh' werth gefunden, mich zu bemerken! Fab. Wenn der Adler zur Sonne auf- siiegt, achtet er nicht auf das, was im Staube herumkrabbelt! O Mamsell Zenni! wenn Sie wüßten, welch' glänzende Aussichten sich mir öffnen —! Zenni. Glänzende Aussichten? Fab. Za! (Wichtig und heimlich.) Zchwill Zhnen eine considentielle Mitteilung machen! Der Herr von Strahlbach hat mir soeben versprochen, daß er mir durch seine Connerionen einen Dienst bei einem Minister verschaffen will — Zenni. Was? — Hahaha! Sic bei einem Minister?! — Und das glauben Sie? Fab. Warum nicht? Ein Minister wird auch Jemanden brauchen, der ihm aussitzt — hinten auf der Equipage. —Da komm' ich vor der Hand auf's Brettl, später vielleicht sogar an's Brett! Zenni. Nun ja, mir scheint, Sie sein schon der Mann, den man steigen lassen kann! — Und Sie wollten also aus bloßem Ehrgeiz den Dienst verlassen? (DieAn- gen zu Boden schlagend, coquet.) Ist Ihnen denn hier Alles gar so gleichgiltig? Fab. (mit einem verliebten Seitenblick auf Zenni, für sich). Ha! sie gibt mir schon wieder ein Acquit!— Und ich— (Preßt die Hand an sein Herz, seufzend.) O! Zenni (wie oben). Sie seufzen ja g'rad, wie ein unglücklich Liebender! Fab. Das bin ich auch — das bin ich! (Starr gegen Boden blickend.) Zenni. Was? Sie sind verliebt? Fab. Hoffnungslos! Zwischen mir und meiner Geliebten dehnt sich eine ungeheure Kluft! Zenni (enttäuscht, für sich). Also wär's doch eine And'reals ich? (Laut.) Sie lieben also wahrscheinlich ein Mädchen aus einem höheren Stand, als der Ihrige? Fab. O wenn es das wäre! Zenni. Oder vielleicht eine unter Ihrem Stand? Fab. O wenn es das wäre! — Aber das ist es nicht! sie ist das im weiblichen Geschlecht, was ich im männlichen bin! (Wendet sich gegen sie, preßt beide Hände gegen sein Herz, und blickt sie schwärmerisch an.) Es lst — — (sich bekämpfend und wieder abwr» dend) nein! halt' fest an deinem Programm'! II Zcnni (für sich). Er ist doch in mich verliebt! — er traut sich nur nicht — ich muß ihm Muth machen! (Tritt näher zu ihm, und stößt ihn sanft mit dem Ellbogen.) Na, Sie haben mir ja sagen wollen, wer die Glückliche ist? — Fab. Die Glückliche? Sagen Sie: »Die Unglückselige!« (Faßt ihre Hand, und blickt ihr mit trauriger Schwärmerei in's Auge.) 3ch ahne es, auch sie theilt meine Gefühle — 3 enni (die Augen zu Boden schlagend). Nun, und wenn dem so wäre —? Fab. (rasch). Kein Wort weiter! Glauben Sic diejenige zu erreichen? Jenni. 3a, ich glaub', und könnt' 3h- nen sagen — Fab. Kein Wort weiter! — Mir dürfen Sie nichts sagen, aber ihr — ihr sagen Sie, sie soll mein Bild aus dem Herzen reißen, denn ein Bündniß zwischen uns ist unmöglich! 3enni. Aber was macht's denn unmöglich? Fab. Unsere Parteistellung! 3ch geh' Hand in Hand mit dem Cabinette — sie gekört der Opposition an — eine Fusion dieser beiden Parteien ist unmöglich! Sic ist eine Welfin — ich ein Schippeline — getrennt also auf immer! — darum — (sie sanft von sich drängend) geh' in ein Nonnenkloster, Ophelia! — m ein Nonnenkloster! 3 theilcn dadurch gleichsam Ihre Wirksamkeit mit einem Andern, und wissen doch, warum ich Sie in dieß Haus als Gouvernante empfahl — Adele. Damit ich hier eine Macht, einen Einfluß bekäme, den ich zur Förderung IhrerZweckegeltcnd machen sollte— Strahlb. Sie scheinen aber seit einiger Zeit nur Ihr eigenes Ziel in's Auge gefaßt zu haben — Sie suchen den reichen Alten in Ihr Netz zu locken — Adele. Liegt das nicht auch in Ihrem Interesse? Bin ich einmal Mariens Stief- i mutter, dann kann ich entschiedener austreteni! Strahlb. Nein, nein! meine Liebe! So haben wir nicht gewettet, zuerst ich — dann meinethalben Sie — dabei muß es bleiben, (jn drohendem Tour) sonst —! Sie verstehen mich! Adele. Keine Drohungen, wozu ich keinen Anlaß gebe! Ich wirke redlich für Sie, aber was hilst's? Marie scheint eine förmliche Antipathie gegen Sie zu haben. Strahlb. Das geschmacklose Gänschen! — O, wär' ich nur erst definitiv Herr des großen Gutes in Ungarn — ich hätte längst meine Bewerbungen eingestellt! Adele. Aber wird denn dieser unselige Proceß ewig dauern? Strahlb. Fast hat es den Anschein! Der rechtmäßige Besitz dieses Gutes wurde schon bei Lebzeiten meines Vaters von einem seiner Verwandten, dem Baron Hal- mcnau angefochtcn, dieser verproceffirte sein ganzes Vermögen, starb, und hinterließ r seinem Sohne nichts, als den unentschiede« s nen Prozeß — wir machten Vermittlungsversuche , aber der junge Starrkopf ging nicht darauf ein. Adele Aber wie kann er den Rechtsstreit fortsetzen — ohne Vermögen? Strahlb. Er hat dennoch einen Verirrter gefunden, der nun die Entscheidung auf Jahre hinaus zu trainiren bemüht ist — mittlerweile kann auch ich ruinirt sein, wenn nicht eine reiche Partie meine erschöpften Fonds restaurirt! — O, wie ich diesen Halmcnau tödtlich Haffe! Adele. Kommen Sie denn mit ihm noch in Berührung? Strahlb. Er treibt sich hier herum, — kömmt mir wohl auch manchmal in den Weg, doch ick würdige ihn kaum eines Blickes! Zwölfte Sceue. Vorige. Hollmann. Hollm. (eilt aus der Seitenthür links). Er kommt — er kommt! g'rad Hab' ich vom Fenster aus den Hartberg'scken Wagen auf unser Haus zufahren sehen! Adele. Nun, ich bin neugierig, den Menschen kennen zu lernen, in den Sie so großes Vertrauen setzen! Hollm. Na, Sie werden ihn ja sehen, aber vor der Hand nur durch's Schlüsselloch. Kommen's also da in s Nebenzimmer! (Legt Adelens Arm in den seinigen und geht nach rechts ab.) Strahlb. Ich trage wahrhaftig kein Verlangen, diesem pädagogischen Experimente beizuwohnen! (Folgt.) Dreizehnte Scene. Fabian, dann Jenni. Fab. (in einem schwarzen, ihm nicht ganz passenden Fracke, eine weiße Lravatte um den Hals, tritt zuerst aus dem Seitenzimmer links). Ich bin im xranä tsnue! (Stellt sich vor einen Spiegel.) Ha! so ein schwarzer Frack und ein weißes Cravattel geben halt gleich so ein gewisses aristokratisches Air! Jenni (nach Art reicher Bürgerssrauen überladen, aber geschmacklos geputzt, tritt aus der Seitenthür rechts). Da bin ich! wie schau' ick aus? Fab. (fik betrachtend). Schauderhaft für einen Mann des Fortschrittes! Ihr Anzug 14 datirt sich noch vom Jahre 47! Diese Ge- schmacklosigkeit! Jenni. Geschmacklosigkeit beiallerPracht ist eine Haupteigcnthümlichkeit geldstolzer Bürgerweiber, und so ein's soll ich ja vorstellen! — Ich war vor ein paar Jahren bei einer reichen Fleischhackerin im Dienst, und Hab' g'sehen, wie die den Lehrer von ihren Kindern behandelt hat. Nach dem Muster will ich heut' verfahren! — Also nur gleich in Positur g'setzt! (Setzt sich breit auf den Divan.) So! (Zu Fabian.) Setzen Sie sich da neben mich! Fab. Wollen wir nicht eine zärtliche Gruppirung annehmen? (Will seinen Arm um ihren Nacken legen.) Jenni. Warum nicht gar! Sie legen die Händ' in den Schooß und drehen die Daumen um einander — so halten spießbürgerliche Geldprotzen ihre Siesta! — aber still! still! ich hör' kommen! stimmen's nur in Allem in meinen Ton ein! st- Fab. Aha! wir erlassen gleichlautende Noten? Kon! Vierzehnte Scene. Vorige. Riedberg. Riedb. (tritt durch die Mitte ein. sich verneigend). Hab' ich das Vergnügen, die Dame und den Herrn dieses Hauses zu begrüßen? Jenni. Ja— wir sein's schon! Was steht zu Diensten? Riedb. Erlauben Sie mir, diese Karte zu überreichen! (Gibt Zenni eine Vifitkarte.) Jenni. Ah, von Herrn von Hartberg! Sie sein also ein Jnftructor von Ihrem Metier? Riedb. Ja, ich ertheile Unterricht! Fab. Haben Sie vielleicht ein Wander- büchl bei Ihnen oder ein' Lehrbrief? Riedb. (verletzt). Dieß nicht, aber meine Studienzeugnisse kann ich vorlegen! (Zieht eia Packet hervor und gibt es Fabian.) Fab. Ah — die Beglaubigungsschreiben! (Besieht die Zeugnisse ) Sie! in was für einer Sprach' sein denn die? Riedb. In lateinischer — Fab. Ah, lateinisch! (Thut. als ob er dir Zeugnisse läse.) Ah! sehr gute Zeugnisse! Jenni. (lrise zu Fabian). Ja, versteh'« denn Sie lateinisch? Fab. (lrise). Kein Wort! Aber wenn die Zeugnisse nicht gut wären, so zeiget' er's g'wiß nicht her. Jenni (zu Ritdberg). Also wir haben zwei Stuck Buben! Möchten's die wohl in d'Arbeit nehmen? Riedb. Wenn Sie mir das Vertrauen schenken — Jenni. Es sein alle zwei recht talentvolle Knaben; der ältere hat in anderthalb Jahren schon das ganze ABC-Taferl stu- dirt, und der jüngere — na, der ist erst bei den Vorbegriffen! Riedb. Es ist mir angenehm, wenn ick die erste Grundlage legen kann! Jenni. Sie brauchen's überhaupt mit dem Lernen nicht so g'nau z'nehmen, dem» wissen's, unsere Kinder kriegen einmal ein schönes Geld! Riedb. Wenn Sie glauben, daß Geld für den Mangel an Bildung Ersatz biete, so benöthigen Sie ja keinen Lehrer! Fab. (für sich). Mir fallt was ein! Da kann i was anfriemen, was für unsere jun- genHerr'n sehr ersprießlich sein wird! (Laut.) Sie, Herr Jnftructor! Eins sag' ich Ihnen gleich: Die Buben stecken voll Spitzbübereien — Sie müssen mir also den G'fallen thun, sie manchmal recht ordentlich durchzukarbatschen — ich geb' Ihnen die unbeschränkteste Pienipotenz zu solchen Erecu- tivnen! Riedb. O pfui, mein Herr! Der Stock in der Hand des Lehrers ist dessen eigenes Armuthszeugniß! Jeder Streich, einem K»nde gegeben, ist ein Attentat aus das Ehrgefühl desselben. Wie soll cs in späteren Jahren seiner menschlichen Würde bewußt werden, wenn es in seiner Jugend, einem Thiere gleich, durch Schläge dressier wird! Fab. (setzt sich wieder; leise zu Zenni). No, ich Hab' in meiner Zugend Schlag' g'nug kriegt. Er will die Buben nicht hauen? — g'fallt mir nicht — der Mensch! Zenni (zu Riedberg). Vor Allem handelt slch's darum, daß wir über die Bedingungen einig werden! Zch Hab' da Alles ausgeschrieben. (Zieht den Contract hervor.) Sie kriegen freie Wohnung — Mittag- und Abendmal — Fab. Natürlich am Dicnstbotentisch — Riedb. (beleidigt). Wie? Zenni. (leise zu Fabian). Sein's still! Davon steht nichts in der Schrift! (Laut zu Ritdberg.) und monatlich fünfzig Gulden! Fab. (überrascht vom Sitze in die Höhe fahrend). Was? — Fünfzig Gulden? So viel bab' ja nicht einmal ich! Zenni (zieht ihn amRockschooßk aus deu Sitz nieder; leise). Was treiben's denn? Fab. (sich besinnend, für sich). Za so! — ich vergaß mich! (Laut.) Wissen Sie — ich — ich Hab' nicht gewußt, was meine Frau einem Lehrer für ein' Monatslohn gibt — denn sie hat das Budget allein in Händen; aber i glaub', z'fricden können's sein, und dafür ordentlich Zhre Schuldigkeit thun! — In der Früh die jungen Herren sauber waschen, kampeln, anziehen, ihre Kleider putzen, sie spazieren führen, mit einem Wort, dem Bedienten, der im Haus ist, seine Arbeit erleichtern — Riedb. (entrüstet). Dem — Bedienten?! Fab. Ja, es ist ein gewisser Pavian — Fabian wollt' ich sagen — ein feingebilde- ^ ter Mann, mit dem können Sie sich, wenn's sl die Kinder schlafen gelegt haben, auch E mit der höheren Politik unterhalten! H Riedb. Wie? — Ich soll —?! 4 Zenni. Mein Gott, der Mann (auf Ka- ! bian deutend) sieht heut' wieder nicht, was § er redt! — Unterschreibens nur den Vertrag, dann können's heut' noch einstehen, und 's And re wird sich finde»! (Hält ihm die Schrift hiu.) Riedb. (mit einer abwehreuden Handbrwe gung). Zch danke — ick kann diese Stellung nicht annehmen! Zenni, Fabian (überrascht von ihren Sitzen aufspringend). Was? Nicht annehmen! Fab. Das ist ja ein förmlicher Rehfnß (retrm). Zenni (zu Riedberg). Erlauben Sie, Kost, Quartier und fünfzig Gulden! Riedb. (überwallend). Ich wäre mit bei weitem weniger zufrieden, aber Eines fordere ich: die Achtung, welche der Lehrerstand verdient! So lange aber in gewissen Bürgershäusern der Erzieher nickt mit anderen Augen betracktet wird, als ein etwas besser honorirter Domestik, so lange werden unsere Bürgerssöhne den Lehrer und mit ihm Bildung und Wissenschaft gering- sckätzen, im Bewußtsein ihres Reichthums !ihre Rohheit schamlos zur Schau tragen, und die Race der gewissen HausherrnS- söhnchen, welche ihren Stolz nur in einen geckenhaften Anzug und gemeine Frivolität setzen, wird nicht aussterben! Ich aber würde mich schämen, wenn so ein — Bursche einst von mir sagen würde: »Der war mein Lehrer!« — Darum — Gott befohlen! (Will fort.) Fünfzehnte Scene. Vorige. Hollmann. Hollm. (eilt aus der Seitenthür recht» heraus). Halt! halt! Dageblieben! Riedb. (überrascht). Wie? — Herr von Hollmann! — Sie — hier?! Hollm. Ja — in meinem eigenen Haus'! Riedb. Dieß — Ihr Haus?! Hollm. Und meine Kinder will ich g'rad' nur Ihnen anvertrauen! Sein's nickt bös', daß ich Sie auf die Art her- g'lockt Hab' und glaubens ja nicht, daß ich 16 solche Ansichten von ein' Lehrer Hab', wie's der dumme Kerl (auf Fabian zeigend) ausg'sprochen hat, nein! Sie sollen mein Stellvertreter bei meinen Kindern, und mein lieber junger Freund sein — also schlagen's mir's nicht ab, bleiben's gleich von jetzt ab da bei uns! Riedb. (verwirrt). Wie? ich soll bei Ihnen — in Ihrem Hause- Hollm. Nur kein Widerspruch! — Sie müssen nur erst meine ganze Familie kennen lernen! (Eilt zur Seitenthür, öffnet dieselbe und ruft:) Kommt's heraus! Carl! Hugo! Marie! Riedb. (für sich, die Hand an's Herz drückend). Marie! Sechzehnte Scene. Vorige, Carl, Hugo, Marie, Adele, Strahlbach. Hollm. (saßt Earl und Hugo an den Händen). Da, Kinder! da ist der Herr Ried- bcrg! Marie (Riedbcrg erblickend, überrascht, für sich). Was sch' ich? Wilhelm! (Will zu ihm eilen, saßt sich aber schnell und bleibt gesenkten Hauptes stehen.) Strahlb. (auf's Unangenehmste überrascht, Adrlens Hand fassend, leise). Ha — mein Vetter Halmenau! Hollm. (zu den Knaben). Bitt's ihn, daß er bei uns bleibt! (Führt sie zu Riedberg.) Riedb. Herr von Hollmann! fordern Sie nicht-- Hollm. (zu Marien). Geh, Marie! leg' auch Du ein gutes Wort ein! (Führt sie zu Riedberg.) Marie (blickt zu Riedberg auf, dann sich gänzlich vergessend, und mit ausgcbreiteten Armen aus ihn zueilend). Wilhelm! haben Sie mich denn ganz vergessen? Riedb. (überwältigt vom Gefühle). Marie! theuerste Marie! (Will an ihre Brust finken.) Strahlb. (rasch dazwischen eilend). Zurück! Hollm. (ganzverdutzt-reinsehend). 3a, wie g'schieht mir denn? Adele. Welches Räthsel? Fab. Die Auflösung folgt — im nächsten Blatte! (Der Vorhang fällt.) Zweiter Äct. (Salon in Hollmanv's Hause wie zum Schlüsse des ersten Actes.) Erste Scene. Marie, Hollmann, Adele, Strahl- bach, dann Fabian, Jenni. Hollm. (fitzt in der Mitte des Salon- in einem Fauteuil, die Arme über die Brust ge. kreuzt). Marie (kniet bei ihm, die Hände bittend zu ihm erhebend). Adele und Strahlb. (stehen mehr rechts im Vordergründe). Marie. Vater! um Gottes willen! was willst Du thun? Hollm. Vor der Hand gar nichts, als hören — red' also! erklär' Du — Marie. Ja, ja, ich will Alles sagen — aber der Wilhelm — er ist wie verzweifelt fortgestürzt — wenn er sich nur kein Leid anthut! Strahlb. Es wäre wenig Schade um ihn! Hollm. (zu Marien). Sei ruhig! ich Hab' ihm den Fabian und die Jenni nachgeschickt, die werden ihn wohl ernholen. (Die Mittelthür öffnet sich.) Fab. und Jenni (noch in denselben Anzügen wie zum Schlüsse des ersten Actes treten ein). 17 l Marie (sie erblickend, sich rasch erhebend und ihnen entgegeneilend). Ah — da sind sie — wo ist er? Jenni (fast athemlos). Gott sei Dank — ich Hab' ihn noch ereilt — Hab' ihm gesagt, daß der gnädige Herr noch mit ihm sprechen will, und er hat auch selber eingesehen, daß er schuldig ist, Aufklärungen zu geben — Fab. Und so haben wir ihn zurückescor- tirt, und ich Hab' ihn indeß im Schreibzimmer internirt. Hollm. (ist ausgestanden). Gut — gut— ich werd' ihn rufen lassen, aber früher (zu Marien) erzähl' Du! Adele. Aber Herr von Hollmann in Gegenwart dieser Leute- Marie. Ich habe mich dessen, was ich zu bekennen habe, vor Niemanden zu schämen! Fab. Es gäbe auch Stoff zu curioscn Vermuthungcn, wenn eine derartige Verhandlung mit Ausschluß der Oeffentlichkeit gepflogen würde. j Hollm. (zu Fabian). Schweig! (Zu> Marien.) Also bekenn' — wie und wann bist Du mit dem Baron Halmenau — oder Riedbcrg, wie er sich hier nennt, bekannt worden? Marie. Damals, wie ich meine selige Mutter in den Badeort, welchen ihr deri Arzt angerathen, begleitet habe — Fab. (leise zu Zenni). In einem Badeort — das sind meistens gefährliche Zusammenkünfte! — Bin neugierig, was da für eine Wäsch' herauskommt! Marie. Er war dort mit seinem alten I Vater, dem Baron Halmenau, der schon ) sehr leidend war. Wir sind öfter zusammen- !l gekommen, und haben uns bald so lieb ge- t Wonnen, daß wir ohne einander gar nicht mehr leben zu können glaubten! Da starb meine gute Mutter — Du führtest mich nach der Hauptstadt zurück, und seitdem habe ich ihn nicht mehr gesehen, nichts mehr von ihm erfahren, dis er heute, so Bi und Lhrjstbaum. ganz unvermuthet, wieder vor mir erschien — Hollm. Aber als ein armer Jnstructor, unter anderein Namen — Marie. Mir ist dieser Wechsel seines Namens — seiner Verhältnisse selbst unerklärbar, aber das erkannte ich im ersten Augenblicke des Wiedersehens, daß seine Liebe keinem Wechsel unterlag. — Vater! Du weißt jetzt Alles, was ich bisher als mein Herzensgeheimuiß bewahrte — was wirst Du nun thun? Hollm. Ich bin mir selber noch nickt klar, — muß erst überlegen — berathen, aber Du geh' indeß auf dein Zimmer — Marie (bittend). Vater —! Hollm. (strenge). Auf dein Zimmer — sag' ich! — Marie. Vater, zürnst Du mir? Hollm. (sanfter). Nein, nein! Du bist ein junges, unerfahrenes Geschöpf — Fab. 3a — 3bre Jugend und Ihr offenes Geständniß sind mildernde Umstände — Hollm. (zürnend zu Fabian). Halt' Au dein—! (Zu Marien.) Du aber geh' jetzt, und laß mich die Sach' ernstlich vornehmen! Marie. 3ch gehorche—aber um Eines bin' ich Dich, geh' nur mit Dir selbst, mit deinem eignen Herzen zu Rath, denn Dir allein (mit einem Seitenblicke auf Adelen) vertrau' ich! (Ab nach rechts.) Jenni (für sich). Mir aber hat sie sich schon früher anvertraut, und ich fühl' jetzt den erhabenen Beruf, eine Vertraute zu sein! Ich laß'sie nicht allein! (Folgt Marien ) Hollm. (geht sinnend auf und nieder). Strahlb. (leise zu Adeien). Jetzt muß meine Angelegenheit entschieden werden — jetzt, oder nie! Adele (leise) Auch ich finde diesen Augenblick am geeignetsten für uns Beide! Lassen Sie nur mich gewähren! (Es wird an die Mittelthür gepocht.) 2 IS Hollm. Wer klopft? Ist den» Niemand von meinen Leuten im Vorzimmer? (Rust.) Herein! Zweite Scene. Vorige. Ein Diener. Diener (tritt, einen Brief in der Hand haltend, durch die Mitte ein). Hollm. Ein Brief —? Diener. An Herrn von Strahlbach — Strahlb. An mich? — Geben Sie — (Nimmt den Brief, die Aufschrift besehend, überrascht.) Ha, von meinem Agenten! (Laut zu Hollmann.) Sie erlauben wohl! (Erbricht den Brief und durchfliegt ihn rasch; für fich.) »Wichtiger Fund — entscheidend für den Proceß — vor der Hand Geheimhaltung.« (Seine Auflegung kaum bemeisternd, laut zu dem Diener.) Ich werde sogleich kommen. (Diener ab.) .Adele (zu Strahlbach erstaunt). Wie? Sie wollen jetzt fort? Strahlb. Ich muß! (Leise zu Adelen.) Schwarzmaier ist hier! Adele (zuckt zusammen, leise). Himmel! Strahlb. (leise). Beherrschen Sie sich! (Laut zu Hollmann ) Sie entschuldigen, daß ich mich jetzt entfernen muß Fräulein Adele wird Ihnen mit ihrem Rathe bei- steheu! (Sich zu Adelen wendend, leise ) Wenn es zu einem Resultate gekommen ist, verständigen Sie mich sogleich — ich bin im Hotel beim goldenen Löwen — (Sich wieder zu Hollmann wendend, laut.) Ich hoffe bald wieder zurückzukehren — auf Wiedersehen also! (Eilt durch die Mitte ab.) Fab. (zu Hollmann). Soll ich jetzt vielleicht den Herrn Riedberg herüberholen? Hollm. Nein! nein! Ich weiß ja noch gar nicht, wie ich ihn empfangen, was ich ihm sagen soll. (Zu Adelen.) Was ist Ihre Meinung? Adele. Ich würde an Ihrer Stelle diesem Abenteurer— eiufach verbieten, jemals wieder einen Fuß über die Schwelle dieses Hauses zu setzen! Hollm. Ah! so barsch kann ich doch nicht gegen ihn auftreten — er ist der Lebensretter meines Kindes — Fab. Hm! deswegen! — Er hat schlau speculirt — ein kleines Kind hat er Ihnen wiedergebracht, und ein großes will er dafür nehmen! Hollm. Und dann meine arme Marie — sie scheint ernsthaft verliebt zu sein — Adele. Eine Verirrung ihres Herzens, von welcher sie nicht frühzeitig genug zurückgebracht werden kann! — Sie müssen Ihre väterliche Autorität zeigen, und darauf bestehen, daß noch heute eine förmliche Verlobung mit Herrn von Strahlbach statt- finde! Hollm. Was? Heut noch? Fab. Versteht sich, sonst kommen die Weihnachtsfeiertäg' dazwischen — Hollm. Nein, nein! Nur keine solche Ueberstürzung — Adele (gereizt). Ich bedaure, daß meine Ansicht, mein Rath so wenig berücksichtigt werden — da ich aber für die Folgen einer solchen Verzögerung nicht bürgen kann, so werden Sie vergeben, daß ich auf meine Stellung in diesem Hause verzichten muß! Fab. Ha! Sie will ihr Portefeuille zurückgeben — (Zu Hollmann). Euer Gnaden! Sie werden doch diese Demission nicht annehmen? Hollm. (erschreckt zu Adelen). Was? Fräulein Adele! Sie wollten mein Haus verlassen? Adele. Ja — und zwar in dieser Stunde noch! (Wendet sich zum Abgchen.) Hollm. (sie rasch zurückhaltend). Nein! nein! Das werden Sie mir nicht anthun! Liebes Fräul'n! Denkens nur — ich— ich Hab' mich schon so an Sie — an Ihre angenehme Gesellschaft gewöhnt—.mein ganzes Hauswesen liegt in Ihren Händen — Sie haben mir selber g'sagt, daß S'e sich bei uns so wohl fühlen — Adele. Ich sage auch nicht, daß mir dieser Schritt leicht fällt; aber wenn man 'wahrnimmt, daß die zärtlichste Sorgfalt IS nicht gewürdigt, ja daß man selbst mit all seinen Gesinnungen und Gefühlen nicht verstanden wird, dann gebietet die Vernunft dem Herzen zu schweigen — (mit einer von Thränen beinahe erstickten Stimme) wenn es auch beim Scheiden zu brechen droht! (Drückt ihr Sacktuch an die Augen und finkt in rin Fauteuil.) Hollm. Mein Gott! sie weint! (Zu Fabian.) Und was hat sie gesagt? Gefühle — nicht verstanden? Fab. (leise zu Hollmann). D, ich — ich habe diese Gefühle längst verstanden! Hollm. (leise zu Fabian). Und Du glaubst — ? Fab. (leise). Daß die Fräule bis über die Gehörwerkzeuge in Ihnen verliebt ist! Hollm. (freudig und geschmeichelt, leise). Was, verliebt — in mich? —Wär's möglich?! Fab. Bei Gott ist Alles möglich! Hollm. (leise). Und da — da soll ich's fortlaffen? Nein! nein! Um kein' Preis! (Kilt zu Adtlen.) Fräul'n! liebes Fränl'n! weinen's nur nicht! — Ich will ja gern nachgeben — Ich will Alles thun, was ich Ihnen nur in den Augen anseh' — aber laffen's mir nur zuerst Ihre lieben A ugerln wieder sehen! (Setzt sich zu ihr, und zieht ihre Hände von ihren Augen herab.) Adele (wendet sich halb zu ihm, und sieht ihn mit einem schmachtenden Blicke an). Hollm. (entzückt, für sich). Ha! dieser Blick—er zerschmilzt mich ordentlich! — (Laut, indem er ihr« Hand an sein Herz zieht.) Adele — Adelaide! Adele (mit einem Blick auf Fabian). Mein Herr!- Hollm. Ja so! (Für sich.) kvAaräbL ls8 äowestiyutzg! — (Zu Fabian.) Geh' — steh' — zum Herrn Riedberg — er soll zu mir kommen — aber erst, wenn ich läut'! — (Dringend.) So geh doch! . Fab. (für sich), Aha! Die Sitzung wird tu eine vertrauliche umgewandelt — die Gallerte wird geräumt! (Ab durch die Mitte.) Hollm. Jetzt sind wir allein! (Immer feuriger.) Adele! Sie glauben — ich — ich verstehe Ihre Gefühle nicht? — O — ich will Sie vom Gegentheil' überzeugen! (Will sie umarmen.) Adele (sich rasch vom Sitze erhebend). Herr von Hollmann! Hollm. O, nicht so fremd! Nicht so kalt! Schaun's — ich bin zwar nicht mehr so ganz in den Jahren — aber, ich fühl's, der eine Blick von Ihnen hat mich um zwanzig Jahr' jünger gemacht, und wenn Sie mir erst aufrichtig sagen wollten, daß Sie mir gut sein — Herr Gott im Himmel! ich wußt' gar nicht was ich anfanget! Adele. Lassen Sie uns vernünftig sein! Hollm. Davon ist bei mir keine Red' mehr! Adele. Wozu jetzt eine Annäherung, da doch der Augenblick der Trennung so nahe ist! Hollm. Trennung? — Aber wenn ich Ihnen versprich', daß ich den Riedberg abfertigen, daß ich meine Tochter bestimmen will, den Strahlbach zu nehmen - Adele. Und selbst dann! Wenn Ihre Tochter dieß HauS verläßt, wie könnte ich bleiben? Wäre nicht mein Ruf gefährdet, wenn ich, selbst ledig, bei einem im schönsten Mannesalter stehenden Witwer- Hollm. Wenn ich aber nicht Witwer bleiben, wenn ich Ihnen nicht nur mein Herz, sondern auch meine Hand — Adele. Herr von Hollmann! dieser Antrag! — Wenn ich überzeugt wäre, daß er ernst gemeint — Hollm. Sie zweifeln an meinem Wort —aber wenn ich Jhnen's schriftlich geb' — Adele (rasch). Einen förmlichen Verlo- bungs- und Ehevertrag? Wenn Sie diesen heute noch unterzeichnen wollen — Hollm. Ja, ja, heut' noch! wenn meine Tochter ohnehin verlobt wird, geht's unter Einem — heut'Verlobung und morgen am Christabend ist bei mir immer große Gesellschaft — da will ich dann allen meinen Bekannten und Freunden zeigen, was mir r* 20 das Christkinde! eing'legt hat! Aber jetzt — (sie sanft umschlingend und seine Lippen den ihrigen nähernd) eine kleine Drangab' — Adele (sich zierend). Ungestümer! Nun — aber nur auf die Stirne — (Beugt ihr Haupt etwas.) Hollm. (küßt sie zuerst aus die Stirne, entzückt). O Gott! o Gott! (Zieht sie mehr an sich, und küßt sie auch auf die Lippen.) Adele. Was thun Sie? (Macht sich los.) Hollm. Verzeih'ns! Ich bin nur von der Dachwohnung um einen Stock tiefer gestiegen! Adele. Lassen Sie mich nun fort — Hollm. (will sie wieder umschlingen). O, noch ein' Augenblick —! Adele. Erfüllen Sie erst Ihr Versprechen — Herr Riedberg wartet — (Klingelt.) Hollm. (sich nun erst wieder besinnend). Ja so — der Riedberg —! Meiner Seel'! auf den hätt' ich jetzt beinah' vergessen — Adele. Suchen Sie schnell mit ihm fertig zu werden, denn (ihn mit einem zärtlichen Blicke anskhend) ich erwarte Sie! (Wirst ihm noch eine Kußhand zu, und eilt dann rasch nach rechts ab.) Hollm. Und ich —ich kann's gar nicht mehr erwarten! — Ja — 's nutzt nichts — so leid's mir thut — aber der Riedberg muß als Opfer fallen! — Wann's nur schon überstandrn wär'! Dritte Scene. Hollmann, Riedberg. Riedb. (tritt durch die Mitte* ein). Sie wünschten mich noch einmal zu sprechen — Hollm. Ja — (Sieht ihn an, dann für sich.) Wenn derMensch nur nicht gar so ein treu- herzig's G'schau hätt'! — Aber 's muß doch heraus — (Räuspert sich und nimmt eine Prise Tabak, dann laut.) Herr Riedberg- Riedb. Sie befehlen — H ol ljm. Nichts befehlen—gar nichts!— Es ist nur — ich Hab' Ihnen sagen wollen — (Für sich.) Es geht nicht! (Hält ihm die i Dose hin.) Ist'gefällig? 1 Riedb. Ich danke! I; Hollm. (für sich). Aha! er ahnt schon, j daß eine stärkere Pris' Nachkommen wird! > (Sich wieder räuspernd, dann laut.) Also — hm! ^ — Sie! — das ist eine fatale Geschicht'! Rindb. Herr von Hollmann! Sie wis- l! sen nicht- Hollm. Ich weiß Alles. Ich will nichts darüber sagen, daß Sie eine Liebschaft mit meiner Tochter ang'fangen haben — mein Gott! ein junger Mann — ein junges Mädel — die sind dazu auf der Welt — aber daß Sie weiter nichts mehr von sich haben sehen und hören lassen — (im Tone des Vorwurfes) hören Sie —! Riedb. Als ich das Glück hatte, Ihr Fräulein Tochter kennen zu lernen, lebte ich noch an der Seite meines Vaters, dessen wahre Vermögensverhältnisse mir selbst nicht genau bekannt waren — Hollm. Und war Ihr Vater wirklich ein Baron? Riedb. Ja — Hollm. Ja, dann — dann sind ja Sie vermuthlich auch einer — zu was also der falsche Name? Riedb. Ich führe mein Adclsprädicat nicht mehr, weil — für den gänzlich Verarmten der Adel eher eine Last als ein Vorzug ist. — Erst nach dem Tode meines Vaters stellte es sich heraus, daß er durch einen langwierigen Proceß nicht nur sein eigenes Vermögen zugesetzt hatte, sondern noch in bedeutende Schulden gerathen war. Ich war somit noch weniger als ein Bettler — durfte ich als solcher noch einen Gedanken an Ihre Tochter hegen? — Uebcr- dieß vernahm ich, als ich nach der Hauptstadt zog, um meine Studien zu vollenden, daß (schmerzlich) Fräulein Marie mich vergessen, und eine and're Wahl getroffen habe — Hollm. (fast beleidigt). Was — meine Tochter? — Wie können Sie so von ihr I denken? Die hat mir g'rad g'standen, daß I 21 sie noch immer so wahnsinnig in Ihnen verliebt ist, wie früher — Riedb. (freudig). Wie? — Sie bekannte Ihnen —?! Hollm. Na ja! Und mir hält' sie auch Alles g'ftehen können, aber daß da gleich bei Ihrem Eintritt in mein Haus vor der Gouvernante und vor dem Herrn vou Strahlbach die ganze Geschichte verrathen worden ist, das war das Gefehlte! (Sich unwillig abwendend.) Wenn's schon verliebt seid's, so hätt's cs doch g'scheiter anstellen können! Alles hätt' vielleicht noch anders werden können — aber jetzt ist Feuer im Dach — und ich — ich Hab' gewisse Rück-I sichten zu beobachten — und kurz — ich— ich muß Ihnen sagen, daß nach dem, was vorgefallen ist — Ihre Stellung in meinem Haus — Riedb. (niedergeschlagen). Unmöglich geworden ist — ich erkannte dieß — sage Ihnen deshalb Lebewohl, (mit brechender Stimme) und wenn Sie ein herzliches Lebewohl für immer auch Marien bringen wollen — Hollm. (sich die Thränen vom Augen trocknend). Ich dank' — ich werd's ausrichtcn! (Riedberg's beide Hände fassend, herzlich.) Meiner Seel' mir ist so leid um Sie, und — meiner Seel'!, wenn nicht die Fräule Adel' — meiner Seel'! und dann der Herr von Strahlbach — Riedb. Ich weiß, er ist Mariens Bräutigam! Vierte Scene. Vorige, Marie, Ienni. Marie und Ienni (eilen aus der Seiten- thür rechts heraus). Ienni. 's ist kein Wort wahr! Der Herr von Strahlbach unser Bräutigam! Ha! da müßten wir auch dabei sein! Hollm. Jetzt sein die auch da! (Zu vtarim strenge.) Mir scheint gar, Du hast zugehört? Hab' ich Dir nicht gesagt, Du sollst auf deinem Zimmer bleiben? Warum hast Du nicht gehorcht? Ienni. Wir haben gehorcht — dort an der Thür! Marie. Vater! Verzeih' — ich konnte nicht anders — es ließ mir keine Ruhe — Ienni. Und jetzt war ein entschiedenes Auftreten nöthig! — Ha! Wir lassen keinen falschen Verdacht auf uns ruhen, als ob wir unsre erste Lieb' so schnell vergessen! Hollm. (zu Zenni). Was hat sie sich da d'reinzumengen? Ienni. Es gilt die Ehre des Geschlechtes! und ich g'hör' auch zum Geschlecht! Knappen kämpfen für ibrc Ritter, warum nicht eine Zofe für ihr Fräulein? Ich ver- lheidige sie bis auf den letzten Mann! Sie ist vielleicht durch kindliche Rücksichten zur Zurückhaltung verschiedener Gedanken gezwungen — ich aber — ich bin ein freies Mädel — ich kann reden, wie mir der Schnabel wuchs! — Und darum (zu Riedberg) sag' ich Ihnen vor Allem, daß die Fräule Marie nichts von dem Herrn von Strahlbach wissen will, daß sie ihn haßt wie das Lamm den Wolf — wie die Taube den Geier — wie ein Apotheker die Homöopathie ! Marie. Sie spricht wahr, und ehe ich den heirate, nehme ich Gift! Hollm. (erschreckt). Untersteh' Dich! Marie! Wenn Du das thust, enterb' ich Dick! Ienni. Sie thäte recht! (Tragisch.) Man muß zu sterben wissen! Ich selber hol' ihr einen Pfiff Blausäure! Marie, (zärtlicher zu Hollmann). Aber nein nein! So weit wird's nicht kommen! Ich kenne ja das gute Herz meines Vaters! Hollm. Mein Gott! was kann ich —? Ienni. Ja freilich! Euer Gnaden dürfen gar nichts mehr thuu — denn die Fräule Adele — diese Schlange — Hollm. (ausgebracht). Red' sic nichts gegen Die! — Das bitt' ich mir aus! — 22 Sie ist eine Person von großem Verstand — hat einen guten Geschmack — Jenni. Vielleicht weil sie sich stellt, als ob sie Euer Gnaden zum Fressen gern hätt'? — Na, ich wünsch' wohl zu speisen! Marie. Mir ist sie widerwärtig und wenn sie nicht aufhört, immer in mich zu dringen, dem Strahlbach Gehör zu schenken—weiß Gott! ich gehe auf und davon! Hollm. Gottvergessenes Kind! weißt Tu nicht, welches Vergehen das Durchgehen ist? Jenni. Es steht geschrieben: »das Weib soll Vater und Mutter verlassen, und dem Manne folgen!« Was geschrieben ist, bleibt geschrieben, und darum, Herr Riedberg! wenn Sie von der Partie sein wollen, nur schaffen! Ich halt' die Strickleiter! Hollm. Ah, das ist ja eine förmliche Verschwörung! Aber da werd' ich ein' Riegel vorschieben! (Zu Zenni.) Sie kommt aus dem Dienst! Jenni (geringschätzend). Oiü (Für sich.) Hat mich eh' nicht g'freu't — kein einziges vernünftiges Mannsbild im ganzen Haus! Hollm. (zu Marie). Und Dich sperr' ich ein! Du kriegst Gitter vor's Fenster und ein Vorhängschloß! Riedb. Seien Sie unbesorgt, Herr von Hollmann! Ich werde ein Gut, welches ich nicht auf rechtmäßigem Wege erwerben kann, nicht rauben! Hollm. Bravo! So hör' ich's gern! (Zu Marie.) Da nimm' Dir ein Beispiel! Dieser edle Mann! Wir stoßen ihn aus unser'm Haus, und er denkt doch nicht an's Durchgeh'n! Jenni (zu Riedberg). Schamen'sIhnen! Hollm. Aber jetzt muß ein Ende gemacht werden! (Sich furchtsam umsehend.) Meine Adele wird sonst ungeduldig! (Zu Riedherg.) Mein Herr, ich gesteh's aufrichtig, ich achte Sie — ich schätze Sie hoch — Sie sind mir unendlich werth, aber jetzt (bittend) schaun's, daß's weiter kommen! Riedb. Ja, ich verlasse Ihr Haus! Leben Sie wohj! (Will fort.) Marie (an Hollmann'S Brust finkend, weinend). Vater! Hollm. (tröstend zu Marien). Na — na! (Zu Riedberg ) So rennen Sie doch nicht so! (Ebenfalls dem Weinen nahe.) Nehmen's doch ein' ordentlichen Abschied — ich erlaub' es Ihnen in Gottes Namen! (Schiebt Marien zu Riedberg. und wendet sich ab.) Sv! Ich schau' nicht hin! Riedb. (Marien stürmisch an sein Herz drückend). Marie! Leb' wohl — leb' wohl auf ewig! Jenni (in lautes Schluchzen ausbrechend). Uhu! Uhu! — Es ist rein nicht auszuhal- tcn! — So ein Abschied! (Wendet Hollmann gegen die Liebenden.) Herr! da schau N Sie s an! — das ist Ihr Werk! Tyrann! — Barbar! — Kosak! Hollm. (sich mit beiden Händen nach der Stirne fahrend). Macht s mir den Kopf nicht voll! ich weiß ohnehin nicht, wo er mir steht! (Auf die Liebenden sehend, selbst ergriffen.) Das Paarl! — 's ist wirklich, als ob es unser Herrgott für einander geschaffen hätte — und ich — (sich wieder ermannend) aber 's geht nicht! — die Adele! — (Tritt zwischen Marien und Riedberg.) Kinder! G scheit sein! — Macht ein End'! — (Zu Riedberg.) Bleiben's gesund, vergessen Sie nicht auf mich — wenn ich Ihnen wo immer helfen kann, wenden Sie sich nur an mich! (Schüttelt ihm die Hand, fieht ihn bewegt an, fällt ihm znletzt um den Hals und küßt ihn.) Adieu! adieu! — (Reißt fich rasch von ihm los, dann Mariens Hand fassend.) Aberjetztkomm',komm'! (Sich nochmals zu Riedberg wendend.) B'HÜt' Sie Gott! b'yüt' Sie Gott, und wenn Sie mich sprechen woll'n, ich bin täglich um halb neun Uhr Abends bei'm »Blumen- stöckl«. (Zieht Marien rasch mit fich in die Seitenthür rechts ab.) Riedb. (richtet noch einen schmerzlichen Blick auf die Abgehenden, und drückt dann die Hand an das Herz). Fort! fort! (Eilt durch die Mitte ab.) 23 Fünfte Scene. 3enni (allein). Jenni (Niedberg nachsehend und ihn paro- direndj. »Fort!* »fort!« Ja, damit hat er ihm's gegeben! — Sind das Männer? So ruhig sich fortschaffen lassen! — Herr Gott von Mannheim! Wenn ich an seiner Stell' g'wesen war, ich glaub', das Haus stünd' nicht mehr aus sein' Fleck! Ist das a Verliebter, ist das a Lieb? — Ja was ist denn die Lieb eigentlich? Ich Hab' amal aBauern- mädl d'rüber reden g'hört, die hat sich die Lieb' so vorg'stcllt: Lied. Ich Hab' schon oft nachdenkt, was d' Lieb' denn so is? Ka Mensch kunn't mir's sagen, man weiß halt nir g'wiß. I moan, 's is a Blümerl so hagli und zart, 's wachst d'rinnet im Herzen ans a hoam- liche Art. D'rauf sagt mir wer And'rer, a Giftpflanzen is; I glaub's net, bei'm Busserln da schmeckt's gar so süß. Die Lieb' is a Sterndl, sagt d'Mahm, wenn i's frag'; War d' Lieb' nur a Sterndal, wo wär's denn bei'm Tag? D'rauf sagt mir der Doctor, der grund- g'scheite Mann, Die Lieb' is a Fieber, wo nir helfen kann. Da Hab' i erst g'lacht recht, und denkt: geh, du Narr! Die Lieb' halt' den Ehstand, is evper net wahr? So sagt mir a Jeder was Anders und All's, Was d' Leut davon red'n, is do g'fehlt jedenfalls. Ka Bleamerl, ka Sterndal, ka Fieber is d' Lieb' — Sie hat mir mei Herz g'stohl'n d'rum nenn' ich's an Dieb. (Eilt ab.) Sechste Scene. Verwandlung. (Passagierzimmer im Hotel zum goldenen Löwen; mit Comfort eingerichtet — eine Mittel- und eine Seitenthür links.) Schwarzmaier, dann Strahlbach. Schwarzm. (tritt aus der Seitenthür). Er kommt — Hab' ihn eben vom Fenster aus gesehen — ich dacht's wohl, daß er nicht lange auf sich warten lassen würde! (Geht gegen die Mittelthür und öffnet sie, hinaus- rusend:)Nur hier herein, amioe! —nur herein! Strahlb. (tritt ein). Da bin ich! — Schwarzm. Mein Brief wird Dich wohl überrascht haben? Srrahlb. Mehr noch als dein Brief — Dein Hiersein! — Du wagst Dich wieder in unsere Stadt? — wenn cs bekannt wird —! Schwarzm. Dann, meinst Du, würde wohl die Schaar meiner.Gläubiger hinter mir her sein wie die wilde Jagd? — Aber ich denk' hier ein Geschäft abzuschließen, dessen Erträgniß zu einem endlichen Arrangement genügend sein dürfte! Strahlb. Ha! Dein Eril wurde Dir wohl bereits langweilig! Kann mir's denken — aber wenigstens hattest Du Muße Reu' und Leid über deine tollen Streiche zu erwecken! Schwarzm. Pah! von allen tollen Streichen Hab' ich nur einen zu bereuen, der mich total ruinirte — Du weißt ja —! Strahlb. Jawohl! Deine mysteriöse Flamme, die Schöne, welche Du vor uns Allen so geheim hieltest — 24 Schwarz in. Weil ich so dumm verliebt war, daß ich Keinem ihren Anblick gönnte! Sie war eine Schauspielerin, und eben hier angekommen, um ein Gastspiel zu eröffnen — ich lerne sie kennen — mich erfaßt eine wahre Raserei für sie —. Ich überredete sie, ihrem Berufe zu entsagen — bot ihr jede Entschädigung — Strahlb. Hast ihr eine Villagemiethet, sie fürstlich eingerichtet — Schwarzm. Und damit meine Existenz untergraben! — Alles — ist d'raufgegan- gen, und an demselben Tage, an welchem meine Wohnung versiegelt wurde, fand ich auch ihre Wohnung, die Wohnung, für die ich den theuren Zins bezahlt hatte, verschlossen! — (Mit verbissener Wuth.) Die Elende! Strahlb. Warst Du in der Liebe unglücklich, so hat sich dafür die Freundschaft bewährt! Ich gab Dir ein Empfehlungsschreiben an meinen Vater, der Dich als Bibliothekar und Archivar auf meinem Gute in Ungarn placirte. — Schwarzm. (sieht in zweifelnd an). Auf deinem Gute? Strahlb. Nun,-'s ist doch so viel als mein, denn wie lange kann's noch währen, so wird das Urtheil gefällt. — Schwarzm. Hast Du aber nicht auch auf den Fall gedacht, daß das Urtheil gegen Dich gefällt werden könnte? Strahlb. Unmöglich! Mein Advocat versicherte mich, daß dem Gegner gar kein genügender Beweisgrund zu Gebote stehe! Schwarzm. (besonders betonend). Weil ihm das Archiv des Schlosses nicht so zur Nachforschung offen stand, wie mir! Strahlb. (überrascht). Wie Dir?! — Doch ja — Du schriebst mir von einem Funde — Schwarzmaier! bei unserer Freundschaft beschwöre ich Dich- Schwarzm. Ruhig — ruhig! Laß uns erst vor Ueberraschung sicher sein! (Geht zur Thür, und schließt sie zu, kehrt dann zurück, öffnet eine auf dem Tische liegende Mappe, nimmt aus derselben ein vergilbtes Schriftstück, entfaltet es und hält es Strahlbach vor die ^ Augen.) Was sagst Du zu dieser Urkunde? 1 Strahlb. (wirft einen Blick auf die Schrift und fährt entsetzt zurück). Gott im Himmel! — Dieß Dokument, es ist dasselbe, von welchem mein Gegner eine Abschrift vorbrachte, welcher aber die nöthige Beglau- > bigung fehlte, und die deshalb kein Recht I begründete! Schwarzm. Dieß aber (aus dir Schrift weisend) ist das Original, und macht, in die Hände deines Gegners gelangt, ihn unstreitbar zum rechtmäßigen Besitzer des Gutes! — Strahlb. (sieht Schwarzmaier mit starrem Blicke an). In die Hände meines Gegners — dann (zu Boden starrend) bin ich ein Bettler — und auch meine Braut ist für mich verloren! Schwarzm. Nun — ich lasse Dir das Recht des ersten Anbotes! — Was gibst Du mir für diese Schrift? Strahlb. (wie oben). Diese Schrift kaufen — sie vertilgen?! — Doch — ist dieß nicht so viel als ein gemeiner Diebstahl — ein Verbrechen —?! Schwarzm. (laut auflachend). Hahaha! frag' einmal deinen Advocaten, ob er's so benennen würde? — Sei vernünftig! — Ich geb' Dir's billig — um ein Zehntheil des Werthes deines Gutes! Strahlbach. Um zwanzigtausend Gulden — doch — (Unschlüssig - Nein! es sträubt sich etwas in mir gegen diesen Handel — Schwarzm. Haha! ich kann mir's wohl denken, was sich sträubt! —Deine leere Börse! Doch das schadet nichts. Ehrliche Leute schenken sich gegenseitig Credit! — ich habe da (einen Wechsel hervorziehend) einen Wechsel ausgefüllt — erst in vierzehn Tagen fällig — komm'! (Zieht ihn an der Hand zum Tische, taucht in das dort befindliche Schreibzeug tiue Feder und hält sie ihm hin.) Da — unterschreibe — und nimm dafür diese Schrift zu beliebiger Verwendung — 25 Strahlb. Es gibt keinen andern Ausweg! (Langt nach der Feder und will unterschreiben.) (Es wird an der Mittelthür stark gepocht.) Strahlb. (läßt die Feder aus der Hand finken und sährt erschreckt in die Höhe). Wer ist's —? Schwa rzm. (steckt rasch die Urkunde ein). Teufel! Es wird doch keiner meiner Gläubiger —? (Zu Strahlbach.) Aber faß' Dich doch! Du bist bleich bis in die Lippen! Fab. Stimme (von außen). Ist der Herr von Strahlbach nicht hier? Strahlb. (fich von seinem Schreck erholend). Ha, das ist Fabian — der Diener Holl- mann's! Schwarzm. (rasch und leise). 'S wäre nicht gut, wenn man uns hier beisammeo träfe — fertige Du den Menschen allein ab! (Eilt in das Seitenzimmer.) Strahlb. Welche Nachricht mag er bringen? (Geht zur Mittelthür und schließt auf.) Siebente Scene. Strahlbach. Fabian. Fab. (tritt ein). Untcrthänigster! Strahlb. Du? Sprich'— von wem bist Du hierher geschickt? Fab. Ich bin weniger geschickt, als (fich in die Brust werfend) gesandt! Strahlb. Das ist ja gleichviel! Fab. O nein! — Es ist ein bedeutender Unterschied, ob man ein Gesandter oder ein Geschickter ist! Ich habe die Mission, Ihnen eigenhändig diese Note zu überreichen! (Zieht ein Briefchen hervor.) Strahlb. (nimmt den Brief, die Aufschrift besehend). Ah, von der Gouvernante — Fab. Bald nicht mehr Gouvernante, sondern Gouvcrneurin! Strahlb. Was sagst Du? Fab. (stolz). Der zufriedenstellende Abschluß der schwebenden Frage ist hauptsächlich meiner Intervention zn verdanken — aber lesen Sie gefälligst! Strahlb. (hat den Brief erbrochen und liest). »Wir sind am Ziele — heute Abend meine und Ihre Verlobung, bringen Sie einen Notar mit, welcher den Vertrag nach beistehcnden Instructionen rechtskräftig for- mulirt!« (Für sich, freudig.) Ha! heute noch Verlobung — die reiche Mitgift sicher! — Kommt diese frohe Botschaft nicht, gleichsam um mich von einem Schritte abzuhalten, der- (Preßt die Hand an die Stirne, dann für fich.) Aber erst muß ich sicher sein! (Laut zu Fabian.) Geh' schnell zu meinem Notar, Dr. Malheim, er wohnt in der Bergstraße Nr. — Fab. Ich büt', schreibend mir's auf — ich Hab' so ein schlechtes Zahlengedächtniß, daß ich selbst im Wirthshaus sehr oft auf's Zahlen vergeß'! Strahlb. Ich will Dir die Adresse genau aufschreiben (greift in die Brusttasche) aber — ich habe mein Portefeuille zu Hause vergessen — doch hier (auf den Brief weisend) das weiße Umschlagblatt! (Reißt ein Blatt vom Briese, schreibt auf dasselbe einige Worte und läßt den Brief selbst auf dem Tische liegen, dann das Blatt Fabian reichend.) Hier hast Du die genaue Adresse — geh' hin — ich lasse den Herrn Doctor bitten, mich jedenfalls zu erwarten — ick komme sogleich nach! — (Mehr für fich.) Es muß rasch geschehen, und wenn der Coup gelingt — Fab. Aha, es gibt einen eoux ä'etat! Bin schon dabei! Ha! unsere Gegner sollen staunen, wenn wir unsere »Kuh'* ausführen! (Eilt ab.) Strahlb. (für fich) Ja, es ist mein fester Vorsatz, wenn heute Alles nachWunsch geht, dann will ich den schlechten Streich, auch wenn er noch so geheim geschehen könnte, unterlassen! 26 Achte Scene. Strahlbach. Schwarzmaicr. Schwarzm. (tritt aus dem Scitenzimmer). Hast Du den Burschen abgefertigt? Strahlb. Ja, aber jetzt muß auch ich fort! (Nimmt Hut und Stock.) Schwarzm. Fort? jetzt?— Und unsere Angelegenheit? Strahlb. Will überlegt sein! Ich bin in diesem Augenblicke nicht fähig, einen Entschluß zu fassen — laß' mir Zeit bis morgen! Schwarzm. Hm! Mir kann's gleich- giltig sein! — Also gut! bis morgen! Strahlb. Ich nehme den Wechsel in- deß mit. (Nimmt den Wechsel vom Tische und steckt ihn ein.) Wenn ich mich zu dem Schritte entschließe, so schicke ich ihn Dir von mir unterschrieben und versiegelt durch einen verläßlichen Boten, und diesem gibst Du dagegen, versteht sich ebenfalls wohl versiegelt, die Urkunde! Schwarzm. Gut! gut! — Ich bin überzeugt, daß Du in der Wahl des Boten vorsichtig sein wirst, denn er trägt ja dein Wohl und Wehe! Strahlb. Ja, ja, verlasse Dich darauf! Aber jetzt lebe wohl! (Für sich.) Gebe Gott, daß ich morgen den Wechsel zerrissen zurück- schicken kann! (Eilt ab.) Schwarzm. (allein, fleht ihm verwundert nach). Was soll denn dieß? — Er kömmt mir mit einem Male so verändert, so ganz gleichgiltig vor, seitdem Hollmann's Diener hier war. Was kann ihm der für eine Botschaft — (Erblickt den aus dem Tische liegenden Brief.) Was liegt denn hier? (Nimmt das Papier.) Ein Stück von einem Briefe?! (Will lesen, prallt aber mächtig überrascht zurück.) Ha — diese Schriftzüge! —Woran mahnen sie mich?! (Mit starren Augen aus das Papier sehend.) Ja — ja — es ist ihre Hand! — 's ist nicht möglich, daß zwei Personen eine so ganz gleiche Handschrift haben sollten! — Aber dennoch will ich mich zuerst überzeugen — und wenn meine Vermuthung sich bestätigt — dann (überlegend) Rache? — (Laut auflachend.) Hahaha! nein! Ich will gnädig sein, aber ein brillantes Doppelgeschäft will ich machen! (Eilt rasch durch die Mittelthür ab.) Neunte Scene. Verwandlung. (Großer Saal in Hollmann's Hause, von einem herabhängenden Lustre beleuchtet, mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren, rechts im Vordergründe ein kleiner Schreibtisch, in der Mitte der Bühne eine gedeckte Tafel; an den Fenstern find die Vorhänge geschlossen.) Fabian, Aufwärter einer Restauration, dann Jenni. Die Auswärter (find eben beschäftigt die Tafel mit den Eouverts zu belegen, Kandelabers mit brennenden Kerzen, Tafelaufsätze, Vasen mit Blumenbouquets auszustellen, u. dgl.). Fab. (richtet aus dem Schreibtische die Requisiten zurecht). Es ist etwas Erhabenes, einen Schreibtisch herzurichten, auf welchem die Unterzeichnung wichtiger Verträge statt- findcn soll — 's ist so quasi ein diplomatischer Act — gleichsam wie die Vorarbeit zu einem Friedensschluß, nur mit dem Unterschied, daß ein Friedensvertrag nach — ein Ehevertrag meistens vor dem Krieg unterzeichnet wird! (Eine Feder in die Hand nehmend.) So eine Feder — wie feurig tunkt sie mancher Bräutigam zur Unterschrift ein, und wie traurig erkennt er später, daß er sich selber eingetunkt hat! D'rum ist auch immer nach einer Verlobung oder Hochzeit eine Tafel — 's ist wegen dem Leidvertr'nken! Jenni (tritt aus der Sritenthür links, ganz erstaunt die Vorbereitungen betrachtend). Ja, was geht denn da vor? Der Saal beleuchtet? — Die Tafel gedeckt ? 27 Fab. Aha! Sie stutzen über diese Rüstungen? (Auf die Tafel weisend.) Sie kommen Ihnen bedenklich vor, und darum verlangen Sie Aufschlüsse? Jenni. Ja — ich frag', was hat das zu bedeuten? Fab. Die officielle öffentliche Antwort lautet bei solchen Gelegenheiten gewöhnlich: »Wir rüsten nicht — es ist nur ein Ucbungslager!« — Aber tiefer Eingeweihte erkennen daraus, daß wir am Vorabende großer Ereignisse stehen! Jenni. Am Weihnachtsabend gibt unser Herr immer ein kleines Fest — aber der ist za erst morgen! Fab. Ja, da tractirt er seine Kinder, und die von den Fabriksarbeitern, aber die heutige Tafel gilt der Vorbereitung für kommende Generationen — es ist quasi ein Zukunfts-Souper! Jenni. Aber Niemand im Haus' hat was g'wußt davon! Fab. Ja—wir lieben es, zu überraschen! Darum hat unser Herr die Tafel in aller Eil' bei dem ersten Restaurateur bestellt. Jenni. Warum hat er aber nicht im Haus' kochen lassen? Fab. O, das Wichtigste ist im Haus' ausgekocht worden — und ich — ich Hab' auch mein' Senf dazugegeben! Jenni (ahnend). Sie? — Ha! dann steckt auch die Fräule Adel' und der Herr von Strahlbach dahinter? Fab. Ja, wir haben alle Truppen in's Gefecht geführt, und — unser ist der Sieg! Jenni (erschreckt). Der Sieg?! Fab. Ja, Lady Marlborough! — vernehmen Sie denn die Notifikation, daß heut' noch Fräulein Adel' mit unserm Herrn, Fräulein Marie mit Herrn von Strahlbach verlobt werden! Jenni. (immer mehr bestürzt). Was? — heut'noch?— Verlobung?! — Gott im Himmel! (Sieht bestürzt vor sich hin ) Fab. (sie betrachtend, für sich). Ha! ste ist niedergeschmettert! (Tritt zu ihr, aufgeblasen.) Ha! Erkennen Sie jetzt in mir Ihren Herrn und Meister? Jenni (wieder neuen Muth fassend). Noch lang' nicht! — Wir haben noch nicht unfern letzten Trumpf ausg'spielt! Fab. (indignirt). »Unfern letzten Trumpf ausg'spielt!« — Wie ordinär! — So ein Ausdruck allein verräth schon Mangel an allem diplomatischen Talent! Wenn Sie im Stand' wären, eine Jntrigue fein durchzuführen, müßten Sie auch eine ganz andere Sprach' führen — Jenni. Vielleicht so verrückt reden wie Sie? — Jnzmer Worte im Mund' führen, die's nur in einem Journal aufg'schnappt haben und selbst nicht versteh n! Fab. (beleidigt). Selbst nicht versteh'n? Ha! diese Imputation! Prüfen Sie mich einmal, ob ich nicht für jeden diplomatischfremden Ausdruck die genaue deutsche Ueber- sctzung liefern kann! Jenni. Na, das wollen wir sehen! Duell. Jenni. Man liest oft: »Die Zeitung, üe ist in- spirirt!« Fabian. Heißt: sie schreibt, was man will, wenn's nur zahlt dafür wird! Jenni. Die Red': »Seine Stellung ist sehr al- terirt!« Fabian. Heißt: er steht auf dem Sprung, daß er abgedankt wird! Jenni. Und ein »Ultimatum«, was ist denn das wieder? Fabian. Das heißt: gib jetzt gleich nach, sonst schlag' ich Dich nieder! Ienni, Was heißt, wenn man sagt: »Annec- tirungsgelüst' * ? Fabian. Na, Er möcht' gern was schnipf'n, wenn Er'sanzustell'nwüßt'! Beide (zugleich) Fab. Von der Leber weg reden, das ist zu gemein, Diplomatische Floskeln, die klingen so fein. Ienni. Ich red' von der Leber weg, so wie ich's mein' — Diplomatische Floskeln, die geh'n mir nicht ein! Ienni. Und wenn etwas als »Opportun« wird gepriesen? Fabian. Will man sagen: 's ist für uns eine ab- g'mähte Wiesen! Ienni. Wann'- schreiben: 's beginnen jetzt die Conferenz'n? Fabian. Da werden's a paar Monat halt nutzlos vertrenz'n! Ienni. Was ist das, was Neutralität man benennt? Fabian. So viel als: ich blas das nicht, was mich nicht brennt. Ienni. »'S is a kait nooowxli,« sag', was soll denn das sein? Fabian. Na, »der Apfel ist sauer, aber beiß' nur hinein!« Beide (wie oben). Ienni. Was heißt im Gemeinderath interpelliren? Fabian. So viel als weg'n Schwimmhosen in ein'm fort sekiren. Ienni. Wann's sag'n, dieAolitik ist traditionell? Fabian. 'S bleibt Alles beim Alt'n, 's geht nir von der Stell'. Ienni. Was bedeut': seine Haltung is sehr re- scrvirt? Fabian. Er schaut a Weil' zu, bis er d'reinschlag'n wird. Ienni. Was heißt denn Proteste cinleg'n gegen was?. Fabian. Wasch' mir den Pelz, aber mach' mir'n net naß. Beide (wie oben — dann zu verschiedenen Seiten ab). Zehnte Scene. Mehrere Aufwärter, Schwarzmaier. Die Aufwärt er (welche sich im Verlause der früheren Scene entfernt hatten, kommen nun wieder mit Flaschenkorken und anderem Service, entfernen sich aber sogleich wieder). Schwarzm. (auch so gekleidet wie die Aufwärter, eine Serviette unter dem Arm, kömmt mit den Aufwärtern zugleich herein). Auf bequemere Art hätt' ich gar nicht unbemerkt in dieß Haus kommen können! — ich sah, daß eben mehrere Gar§ons aus der gegenüberliegenden Restauration sich herüber begaben, mengte mich unter diese, und bin nun da! 29 (Horchend.) Ha — man kommt! — Man wird mich nicht beachten — aber ich — ich will mit eig nen Augen sehen! (Stellt sich, mit dem Rücken gegen die Kommenden gewendet. an die Tafel, und thut, als ob er mit dem Arrangement derselben beschäftigt wäre) Eilste Scene. Schwarzmaier, Adele, Hollmann. Hollm. (bereits im schwarzen Anzuge), Adele (im Brautstaate, treten aus der Seitenthür links). Hollm. (besorgt). Was sagen Sie mir? Meine Tochter ist unwohl? Adele. Sie stellt sich unwohl! Schwarzm. (wendet den Kopf nach den Sprechenden, für sich). Sie ist's ! sie ist's wirklich ! (Beschäftigt sich wieder am Tische.) Adele. Sagen Sie ihr jetzt determinirt, daß sie zur Verlobung erscheinen müsse. Hollm. Na ja — ich will's probiren — aber ich fürcht' nur, daß ihr hernach noch mehr übel wird! (Geht mit Adele« nach der Seitenthür rechts.) Zwölfte Scene. Vorige, Jenni. Jenni (tritt gleichzeitig auS der Seitenthür rechts, läßt Hollmaun und Adelen hinausgehen, und tritt dann in den Vordergrund). Schwarzm. (tritt rasch von der Tafel weg, zu Jenni, ungestüm ihre Hand fassend). Jenni (erschreckt zurückweichend). Na! Schwarzm. Gehören Sie hier zum Hause? Jenni. Ich schon! — aber Sie? was suchen Sie hier? Schwarzm. Ich suche nicht mehr — ich habe schon gefunden! — (Dringend.) Mädchen! Jenni (beleidigt). Was »Mädchen!« Zu mir sagt man: »Stubenmädchen,« und wennman höflich sein will: »Jungfer!« Schwarzm. Gleichviel! geben Sic mir nur Bescheid! — Die junge Dame, welche eben dort (aus rechts weisend) hineinging — welche Stellung nimmt sie hier im Hause ein? Jenni. Bisher war sie die Gouvernante — Schwarzm. Gouvernante? — die? — hahaha! Jenni. Da ist gar nichts zum Lachen! Uns wenigstens ist das Lachen vergangen! Schwarzm. Und sie — sie soll nun Herrn von Hollmann heiraten? Jenni (sieht ihn erstaunt an). Sie wissen, was noch vor ein paar Minuten für's ganze Haus ein Geheimniß war? Schmarzm. O, ich weiß noch mehr, weit mehr, was für die ganze Welt ein Geheimniß zu sein scheint! Jenni (aufmerksam werdend). Sie! hören Sie! Sie fangen an mir ganz verdammt interessant zu werden! Ich kenne Sie zwar nicht, aber im Krieg nimmt man's mit der Affentirung nicht so genau! Schwarzm. Im Krieg? Jenni. Ja, wir Alle hassen diese hcrrsch- süchtige Gouvernante! Schwarzm. Ha! dann hab't Ihr an mir einen Verbündeten — ich glühe vor Haß, schnaube Wuth und dürste Rache! Jenni. Eine sehr schöne Beschäftigung! Aber was läßt sich machen? heut' ist schon die Verlobung! Schwarzm. Sie soll nicht sein! soll nicht sein! Ich geb' Ihnen mein Ehrenwort darauf, ja meinen heiligsten Schwur: der Teufel soll mich holen! Jenni Ar sich). Er leistet den Fahnen, eid? — wir nehmen ihn ungescheut in unsere Armee auf! (Laut.) Ja, wenn Sie das zu Stand' bringen — Schwarzm. Ich werd's — lassen Sie mich nur unter irgend einem Vorwände hier 30 im Saale, wenn es zur Unterschrift des Vertrages kommt! Jenni. Das ist ein Leichtes — wollen Sie sich da (auf ein verhangenes Fenster hinter dem Schreibtische weisend) hinter den Vorhang — Schwarzm. Vortrefflich — der ist lang genug, um mich ganz zu decken! Jenni (horchend). Pst — pst! ich hör' schon kommen! Geschwind da hinter — (Drängt Schwarzmaier hinter den Vorhang.) Dreizehnte Scene. Jenni, Holl mann, Adele, dann Strahlbach, Dr. Malheim, Hartberg. Mehrere andere Gäste, Fabian, die Aufwärter. Hollm. (kommt mit Adelen wieder aus der Seitenthür rechts). Ja, 's schaut mir selbst nicht so aus, als wann's mit der Krankheit ernst wär' — aber fehlen thut ihr doch was? Adele. Und das wäre? Hollm. (selbst- mit einigem Bedauern). Der, den sie gern hat! — Aber von dem kann jetzt wohl keine Rede mehr sein! Adele. Im Gegentheile — sobald unsere Angelegenheit beendet ist, muß sie, und wär's auch auf dem Krankenlager, den Contract unterschreiben — Hollm. Nun, wir werden sehen — aber (gegen die Mittelthür sehend) ich seh'—uns re Gäst' haben sich schon eingefunden! Fab. (öffnet beide Flügel der Mittclthür). Strahldach, Dr. Malheim, die Gäste, Hartberg (treten durch die Mitte ein). Hartb. (zuerst auf Hollmann zugehend, und ihm die Hand reichend). Herr von Hollmann — diese Ueberraschung! Auf einmal eine Einladung zu Ihrer Verlobung (leiser zu ihm) und erst vor Kurzem haben Sie ge läugnet — Hollm. (leise zu Hartberg). Mein Gott! der Mensch denkt — Hartb. (leise, lachend). Und die Gouver- nant' lenkt! Hollm. (zu allen Gästen). Sie müssen übrigens mit einem improvisirten Festmal vorlieb nehmen— (Strahlbach erblickend.) Ah, Herr Schwiegersohn — Strahlb. (tritt mit Malheim zu Adelen vor). Ihrem Wunsche gemäß habe ich meinen Notar (Malheim vorstellend) mitgebracht, und ihm bereits die Information ertheilt — Malh. (eine Schrift hervorziehend). Nach welcher ich den Vertrag aufgesetzt habe — Adele (die Schrift nehmend und durchlesend) Ganz zu meiner Zufriedenheit, und (zu Hollmann, ihm ebenfalls die Hand reichend), wie wir besprochen haben — Hollm. Nun, dann unterschreiben zuerst Sie — ich darnach, und (zu den Gästen gewendet) zwei von den Herren werden wohl die Güte haben, sich als Zeugen mitzufertigen! Adele (geht zum Schreibtische und ergreift eine Feder). Schwarzm. (tritt aus dem Vorhänge hervor und Adelen gerade gegenüber, sich aus den Schreibtisch lehnend). Nur besonnen, mein Fräulein! Adele (sieht auf — erblickt Schwarz-l maier — die Feder entfällt ihren Händen,! L« sie selbst ist dem Umfinken nahe; für stch).Ha>°L — er — hier?! lA Strahlb. (für sich). Alle Teufel! ) Hollm. (ganz erstaunt). Wer ist denn der Herr? Schwarzm. (leise zu Adelen). Kein Wort des Widerspruchs — um Ihrer selbst willen! (Tritt von ihr weg, zu Holtmann.) Ich bin ein naher Verwandter dieses Fräuleins! Hollm., Hartb., Jenni. Ein Verwandter? Schwarzm. Ein Rechtsconsulent! — Das Fräulein ließ mich hicher bitten — (Zu Adelen.) Nicht wahr? Adele (nach Athem ringend). Ja — so ist's — Schwarzm. Damit auch ich ein so wichtiges Dokument, wie ein Ehevertrag ist, 3t prüft! — Erlauben Sie daher — (Gcht zum Tische uad nimmt das Papier, nachdem er es durchgesehen.) Das scheint mir nicht entsprechend! Strahlb., Dr. Malh. Nicht entsprechend? Schwarzm. Ich will es, Pnnct für Punct prüfend, durchgehen, und zwar mit dem Fräulein allein. (Zu Adelm.) Nicht wahr, dieß ist Ihr Wunsch? Adele (fast ciuer Ohnmacht nahe, uickt nur mit dem Kopfe). Schwarzm. (leise zu Adelen). Folge mir, Elende! (Sehr höflich ihr den Arm bietend.) Darf ich bitten, mein Fräulein? (Führt sie graziös in die Seitenthür rechts ab.) H o llm. (starr vor Staunen). 3a, wie geschieht mir denn? was soll denn das? (Folgt den Abgehendcn.) Strahlb., Hartb., die übrigen Gäste (drängen sich ebenfalls erstaunt gegen die Seitenthür). Strahlb. (für stch). Was hat er vor? 3 eNN i (zieht Fabian in den Vordergrund) Die Verlobung ist verschoben, das ist mein Werk! Fab. (für sich). Verflucht! (Laut.) Geduld — nur Geduld! (Der Vorhang fällt.) Dritter Act. (Zimmer in Hollmann's Hause wie zum Schluffe des ersten Actes.) Erste Scene. Hollmann, Fabian, dann 3enni. Hollm. (auf» und niedergehend). Das wird heut' ein schöner Christabend werden! — Meine Tochter krank — die Fräule Adel' noch ganz außer sich von dem ausgestandenen Schreck — 's war gestern kein Wort mehr aus ihr herauszubriugen — sie war nach der Besprechung mit dem Fremden beinahe ohnmächtig, hat nur nach Ruhe verlangt, und sich in ihrem Zimmer cinge- schlossen! — Und wer war der unheimliche Mensch? Fab. 3ch weiß's, wer er war! Hollm. Nun? Fab. Ein Unbekannter! Hollm. (zornig). Schafskopf! (Gegen die Seitenthür rechts sehend.) Ah! Da kommt ja 3enni! 3enni (tritt aus der Seitenthür rechts). Hollm. (ihr rasch entgegen). Nun, wie befindet sich die Fräule heut'? 3enni (durchaus mit einem gewissen Siegesbewußtsein und malieeuse). Sie sagt, sie ist nicht mehr so schlecht, als gestern, aber solche Patienten täuschen sich oft selbst! — Mir g'fallt sie noch immer nicht! Hollm. Hat sie sich auch gegen Sie nicht geäußert, wer der Fremde war? 3enni (lächelnd). Na, Euer Gnaden haben's ja schon gestern gehört, ein «naher Verwandter«. Hollm. Sonderbar! — 3ch Hab' doch früher von ihr nie etwas gehört von einem Verwandten! 3enni. O, es ist eine nicht selten vorkommende Naturerscheinung! Es klagt Manche als Mädel, daß sie so ganz allein steht, und hernach, wenn's einmal einen alten Herrn zum Gatten oder Freund bekommen hat, kriegt sie auf einmal einen erwachsenen Cousin! Hollm. (beleidigt). Mamsell 3enni! So eine Red' —! Fab. 3a, diese Person dürft' vierundsechzig Zähn' im Maul haben, so bissig ist sie immer! Hollm. (zu Zenni). Kann man die Fräule schon sprechen? 3enni. Der Herr von Strahlbach hat sich melden lassen, für den war sie gleich zu sprechen — deshalb hat sie mich sortge- schickt! 32 Hollm. Ah, dann muß sie ja auch für mich zu spreche« sein!—Ich will gleich — (Will gegen die Seitenthür.) Zweite Scene. Vorige. — Strahlbach. Strahlb. (tritt aus der Seitenthür rechts). Hollm. Ach — schon da? — Nun werd' ich doch Aufschlüsse erhalten — was hat's für eine Bewandtniß mit dem »Verwandten* ? Srrahlb. Ach, der Bedauernswerthe! Hollm. Der Bedauernswerthe? wie so? Fanni. Vielleicht, weil er so eine Verwandtschaft hat? Strahlb. Er ist nicht verwand!, sondern (aus die Stirne weisend) verbrannt! Hollm. Was? Verrückt? Strahlb. 3a — Wahnsinn aus Liebe! Es hatte Adelen, als diese noch im Hause ihrer Aeltern war, gesehen, sich um sie beworben — wurde aber abgcwiesen — sie kam in das Damenstist, und er wurde in einer Irrenanstalt im Auslande untergebracht. Hohlm. Und von dort ist er ihnen wieder ausgekommen? Strahlb. Weiß Gott, wie ihm dieß gelungen — genug — er hat Adelens Spur verfolgt — erfahren, daß sie auf dem Puncte, sich zu vermälen, und so drang er in einem neuen Wuthanfalle gestern in Ihr Haus — Ienni (ungläubig). Und deswegen ist ihm die Fräule Adele gar so gutwillig gefolgt, ist über eine Viertclstund' mit ihm— dem gefährlichen Narren, alleingeblieben? Strahlb. Sie wußte, daß Irrsinnige am besten besänftigt werden, wenn man scheinbar auf ihre fixe Idee eingeht, darum ließ sie sich gutwillig von ihm auf ihr Zimmer begleiten — Hollm. Das ist ja eine schauerliche Geschichte! 3enni. Ja, man sollt's kaum glauben! Hollm. Aber wie hat sie ihn denn dann fortgebracht? Ienni. Vermuthlich ist sie auch in ihrem Zimmer auf seine fixe Idee eingegan- gen. Strahlb. Das ist sie — sie brachte ihn nur damit fort, daß sie ihm versprach, sich heute noch von ihm entführen zu lassen — Zenni. Gott! wenn sie nur Wort haltet! Strahlb. Ich aber werde sogleich die Behörde in Kenntniß setzen, der Wahnsinnige muß noch heute unter Bewachung über die Grenze geschafft werden! Fab. Nun ja, zu was brauchen wir noch ausländische Narren! Gott sei Dank, den Artikel führen wir zureichend auf un- serm eigenen Lager! Dritte Scene. Vorige. Adele, eine Magd. Adele (in Morgentoilette, bleich im Gesichte, kommt schwankenden Schritte aus den Arm einer Magd gestützt aus der Seitenthür rechts). Hollm. (besorgt ihr entgegeneilend und ihr sogleich seinen Arm bietend). Ah — liebe Adele! Sie haben sich schon aus Ihrem Zimmer getraut? — Mein Gott! wie blaß Sie aussehen — und Sie zittern noch am ganzen Leib! — (Sie zum Divan führend.) Setzen Sie sich doch! — Adele (finkt erschöpft auf den Divan, und gibt der Magd einen Wink, sich zu entfernen). Die Magd (ab). Adele (mit schwacher Stimme). Ach! Wie mich dieser Auftritt angegriffen hat' — noch beben meine Nerven! Hollm. Gönnen Sie sich nur die Ruhe — ich will auch das heutige Christfest nicht wie gewöhnlich begehen — ich werd' wohl die Kinder beschenken, aber alle Einladungen laß ich absagen! 33 Abele (plötzlich wieder lebhaft) Nein, nein! Zm Gegenthcile! Das Fest muß heute glänzender gefeiert werden als je! Die gestern unterbrochene Verlobung muß damit verbunden werden! Hollm. Wie? — Sie meinen heute? Strahlb. Ganz natürlich! Der gestrige Austritt vor so vielen Zeugen könnte falsch ausgelegt werden — es könnten Gerüchte in Umlauf kommen, die — Hollm. Na ja, ja — in so weit haben Sie ganz Recht, aber es ist nur — ick mein' Adele (gereizt) Was? Was? Hollm. Na — meine Tochter — wer weiß, ob ihr Befinden erlaubt — Adele. Eitel Ziererei! weiter nichts! — Sie hofft noch, Sie werden nachgeben — Strahlb. Aber diese Hoffnung muß ihr benommen werden — der Herr Ricdberg muß aus dieser Stadt — aus diesem Lande! Fab. Ja, aus Europa mit solchen für die innere Ruhe gefährlichen Individuen! Cajenne oder die botanische Bai sind auch schöne Gegenden. Strahlb. 3ch war bereits auf einen Ausweg bedacht! — Der Mensch verhungert hier ohncdieß — wenn man ihm irgend eine kleine Anstellung in einem Provinzstädtchen verschaffte — ich ließe mich selbst ein paar hundert Gulden kosten — Hollm. (nachdcukend). Hm! hm! Zch Hab' selbst schon auf etwas Aehnlichcs gedacht! Jcnni (für sich). Ah — so etwas wird vorbereitet? — Da müssen wir Gcgen- schritte thun! — Geschwind zur Fräuln Marie! (Entfernt sich heimlich nach rechts.) Hollm. (wie oben). Es handelt sich nur, wie man ihn bewegt, ein Geld anzunehmen. Von mir nimmt er nichts! Strahlb. Ihr Freund Hartberg, bei dem er wohnt, müßte dieß bewerkstelligen. soll ihm von irgend einem erledigten Posten erzählen, ihm Geld zur Reise Vordecken, kurz Alles aufbieten, um ihn zu bestimmen, heute noch die Stadl zu verlassen. Eii und Christbaum. Hollm. 3a, ja, das ließ sich vielleicht durchsetzen! (Für sich.) Fort soll er vor der Hand — aber meinen eigentlichen Plan verrath' ich denen (auf Adele und Strahl, bach blickend) nicht! — Strahlb. Dann würde ich an 3hrer Stelle aber auch keine Zeit versäumen — begeben Sie sich sogleich zu Herrn Hart- berg — Hollm. 3a — ich Hab' ohnehin noch einige Einkäufe für heut' Abend zu besorgen, und da könnt' ich im Vorbeigehen — aber (zu Adelen) es fällt mir nur schwer, Sie allein zu lassen — Adele. Seien Sie um mich unbesorgt! 3ch fühle mich bereits bedeutend besser! Hollm. Nun, so geh' ich! (Für sich.) 3ch weiß nicht, wie das kommt, aber ich fühl' das Bedürfniß in mir, mich mit ein' g'scheilen und ruhigen Menschen — na, das ist ja der Hartberg — über Alles zn besprechen! — (Zu Adelen und Strahlbach.) Also auf Wiedersehen — Adele, (zärtlich) Ans baldiges Wiedersehen! Adieu, lieber Freund! (Hält ihm die Hand hin.) Hollm. (ihr die Hand drückend). Adieu! Adele (zieht ihn näher zu sich, und hält ihm die Wangen zum Kusse hin). Hollm. Na, wcnn's erlauben, bin ich so frei! (Küßt sie; dann für sich.) 3ä) weiß nicht, warum mir das Bussel lang nicht mehr so gut schmeckt, als das gestrige! (Sich mit der Hand über die Stirn fahrend.) Die curioscn Reden von meiner Tochter und mein' Stubenmädel, und — der Wahnsinnige! — Es dreht sich Alles so gewiß mit mir im Kopf herum! — 3ch muß in's Freie! (Laut.) B'hüt' Gott derweil! B'hüt' Gott! (Eilt schnell durch die Mitte ab.) Strahlb. (sieht Hollmann nach, dann rasch und leise zu Adelen). Gott sei Dank! Daß wir ihn fortgebracht haben es ist nun keine Zeit zu versäume»» — aber — (auf Fabian blickend) Du bringe schnell ein Schreibzeug, Licht und Siegelwachs! L 34 Fab. Aha! Mir scheint, es steht ein rascher Notenwechsel bevor — wenn Sie mich als Courier verwenden wollen, steh' ich zu Diensten! (Ab.) Adele (unschlüssig). Sic meinen also — ich soll wirklich —? Strahlb. Es bleibt nichts Anderes übrig! Sie haben es ja dem Schuft, dem Sckwarzmaier, zugesagt? Adele. Mein Himmel! was hätte ich gestern nicht zugesagt? — Er hatte ja alle Beweise gegen mich bei sich, drohte dieselben vor der ganzen Gesellschaft preiszugeben — Strahlb. Wie er mir droht, dasDocu- ment meinem Gegner zu überliefern. — Es bleibt uns beiden also kein anderer Ausweg, als ihm die verlangten Wechsel zu senden — Adele. Aber dieSumme, welche er von mir begehrt — Strahlb. Ist ja erst nack Ihrer Verheiratung auszubezahlen — als Frau von Hollmann bringen Sie das Geld leicht auf — aber still — Fabian kommt zurück! Vierte Scene. Vorige. Fabian. Fab. (kommt mit einem Schreibzeugr und einem Handleuchter mit brennender Kerze zurück). So — jetzt kommt etwas Lickt in die Situation! (Stellt das Schreibzeug und das Licht aus den Tisch.) Strahlb. (leise zu Adtlen). Nun kein weiteres Besinnen — die Frist, welche er Ihnen gestellt, verstreicht sonst, und dem Menschen traue ich Alles zu! (Zieht zwei Wechsel aus der Brieftasche.) Hier ist mein Wechsel, und (ihr den zweiten vorlegend) hier für Sie! Adele (unterschreibt seufzend). Fab. (hinblickend. für sich) Was sind denn das für Papierftreis? — Gibt sich die Fräul'n Braut jetzt sch onmit demPap ierl'n ad ? Adele. Es ist geschehen! (Gibt Strahlbach den Wechsel.) Senden Sie nur sogleich hin, und sobald Sie die bedungene Rücksendung erhalten, setzen Sie mich in Kenntniß. —Gott! ich habe keinen ruhigen Augenblick, bis ich die unglückseligen Briese wieder in Händen habe! (Ab nach rechts.) Strahlb. (für sich). Und ich nicht, bis ich meines Sieges sicher bin! — (Einen offenen Brief hervorziehend.) Ich schrieb' ihm noch einige Zeilen, damit er ja kein Bedenken hat Alles sogleich dem Uebcrbrin- gcr auszufolgen — (Legt die beiden Wechsel in den Brief und faltet diesen zusammen.) Nun mein Siegel (Zieht den Siegelring vom Finger und siegelt den Brief, dann zu Fabian.) Fabian! Geh' Du nun in das Hotel »zum gold'nen Löwen«, in demselben Zimmer, in welchem Du mich gestern trafst, wohnt ein Herr Schwarzmaier, diesem — aber merke wohl — nur diesem persönlich gibst Du diesen Brief — Fab. Soll ich ihm das Schreiben bloß vorlesen, oder soll er sich eine Abschrift davon behalten — denn das ist ein großer Unterschied bei Ueberbringung von Noten! Strahlb. Nichts — nickts! nur übergeben! — Fab. Ah — diese Note ist zum übergeben! — kommt manchmal vor, wie aus den Blaubüchern zu ersehen! Strahlb. Unterbrich mich nicht immer! Gib wohl Acht? Herr Schwarzmaier wird Dir dafür ein Packet geben, bewahre dieß ja sorgsam, und bring' es — dann mir — sobald ich es in Händen habe, erhältst Du fünf Ducaten als Botenlohn! Fab. Fünf Ducaten? Wenn alle Briese so bezahlt werden, werd' ich heut' nock Briefträger! Strahlb. Also vorsichtig! — Komme mir ja nicht ohne das Packet zurück! hörst Du — nicht ohne das Packet! Mein ganzes Schicksal hängt davon ab! (Ab in die Seiten' thür rechts ) Fab. (allein). O! ich werd' den Auftrag pünktlich erfüllen. — Sein Sieg ist 35 1 s > ja auck mein Sieg über die Cabalerie der Mamsell Jenni! — Sie hat sich vorhin ganz heimlich fortgeschlichen — vermuth- lich, um wieder mit der Fräul'n Marie ein neues Compot zu schmieden! (Horcht gegen rechts.) Ist das nicht ihre Stimme!? — ja, ja! Sic kommt da heraus — vielleicht gelingt es mir, die Fäden der Verschwörung in die Hand' zu bekommen — ich leg' mich etwas auf die Lauer! (Zieht sich rasch in die Seitenthür links zurück.) Künste Scene. Jenni, — dann ein Dienstmann — Fabian. Jenni (tritt, eine Hand unter die Schürze bergend, aus der Seitenthür rechts, und sieht sich vorsichtig um). Fab. (lauschend, für sich). Ha! — sie schleicht wie eine Katz' — und — ha! irr' ich mich nicht? Sie hat was unter der Schürzen — das zieht meine ganze Aufmerksamkeit auf sich! (Zieht sich wieder zurück.) Jenni. Ich selbst kann jetzt nicht ans dem HauS' fort, und doch wär's so wichtig, daß er den Brief (den unter der Schürze gehaltenen Brief hervorziehend) so schnell als möglich krieget! — (Ist gegen das Fenster gekommen und sieht hinab.) Ah — dort steht ja ein Dienstmann! (Oeffnet das Fenster und winkt hinab.) Ah — er kommt herauf? — Jetzt nur schnell abgefertigt — (Geht gegen die Mittelthür, öffnet dieselbe und spricht leise hinaus.) Nur da herein! EinDienstmann (tritt durch die Mittcl- thür ein). Sie schaffen? Jenni. Sagen Sie mir, wissen Sie das Haus vom Kaufmann Hartberg? — Dienstmann. Ja wohl — in der Vorstadt draußen am Hauptplatz — Jenni. Also geben's Acht, dort wohnt rin sicherer Herr Riedberg — merken Sie stch den Namen — denn der Brief, den Sie ihm bringen sollen, hat keine Adreß! — Dienstmann. Macht nichts — ich schreib' mir den Namen auf! (Zieht ein Notizbuch hervor und schreibt.) Fab. (lauschend für sich). Hab' mir's gedacht, es soll eine Depesche in's feindliche Lager spedirt werden, die muß ich zu kapern suchen. (Tritt leise aus der Thür heraus. und schleicht sich hinter Jenni und den Dienstmann.) Jenni (zum Dienstmann). AlsodemHerrn Riedberg geben Sie den Brief — (hält ihm den Brief hin) aber nur ihm selbst. Fab. (nimmt ihr rasch den Brief aus der Hand). Versteht sich — nur ihm selbst? Jenni (aufs heftigste erschreckt). Um Gottes willen! der Fabian! Fab. (scheinbar sehr freundlich). Zu was denn den Herrn Dienstmann strapaziren? Der Herr Riedberg liegt mir ja ohnehin im Weg! — Uebrigens (zum Dienstmann) sollen Sie nicht um den Verdienst kommen— (Gibt ihm Geld.) Da! geh'n Sie nur wieder an Ihren Platz, und stehen Sie Gck! Dienstmann. Dank schön! — (Durch die Mitte ab.) Jenni (wie betäubt vor sich hinstarrend, für sich). Der Brief — in seinen Händen! — Alles ist verrathen, wenn ich ihn nicht wieder krieg'! — Jetzt heißt's schlau sein? Fab. (tritt mit verschränkten Armen aus sie zu und blickt sie mit triumphirendem Lächeln an). Nun, Lady Marlborough? Wie ist Ihnen denn? Auf diesen Flankenangriff waren Sie wohl nicht gefaßt? Aber ich Hab', wie der selige Argus, überall Augen! — mich geht man Nicht hinter! (Den Brief erhebend.) Ich Hab' nun dieses Sie stark compromitti- rende Dokument in meinen Händen! Jenni (sich ganz verzagt stellend). Und was, was werden Sie damit ansangen? Fab. O! dieses Papier hat schon seine Bestimmung! (Steckt den Brief in die Brusttasche.) Ich werd' ihn schon an der reckten Ort bringen! Jenni (scheinbar vernichtet, die Hände ringend). Ich bin vernichtet! (Drückt beide Hände vors Gesicht, als ob sie hestlg schluchzte.) 3 * Fab. (für sich). Sie zahnt! — Ich Hab' erst Mitleid mit ihr! (Laut, tröstend.) Na, na, Mamsell Jenni! — Geben Sie sich nicht der Despcration hin — Sie haben es mit einem edlen Feind zu thun! Jenni (sich rasch zu ihm wendend). Also werden's mir den Brief zurückgeben? Fab. Dieses weniger! Aber Ihre Person soll geschont werden! Jenni (für sich). Das ist's nicht, was ich verlang', aber ich muß vor der Hand d'rauf eingehen! (Laut.) Also Sie werden's dem gnädigen Herrn nickt sagen, daß ich den Brief Hab' bestellen wollen? (Sich an ihn schmirgrnd. zärtlich.) Lieber, guter Fabian! Sie — Sie werden mich doch nicht unglücklich machen wollen? (Blickt schmachtend zu ihm auf.) Fab. (blickt lüstern aus sie herab, für sich). Ha! ein Weib ist dock nie schöner, als wenn es besiegt erscheint! Diese Augen? Diese Blicke, die sie auf mich hinauffeuert! — O Gott! O Gott! Jenni. Mächen s mitdem BriefwasSie wollen — nur mich verschonen Sie! Fab. Gut! Ich will Sie nicht graviren! Ich werde schweigen. Jenni. Ihr Ehrenwort darauf!i Fab. Ja! ich verpfänd' mein Ehrenwort! Aber wissen Sie auch, wie eine Pfändung vorgenommen wird? Jenni. Nein! Fab. (für sich). Sie weiß das nicht! — Unschuldiges Geschöpf! (Laut.) So will ich's Ihnen sagen! (Sie mit einem Arme umfangend und mit dem Finger seiner andern Hand aus seine Lippen deutend) Es wird ein Siegel angelegt! Jenni (verschämt). Sie meinen? Fab. Enge Sperre, damit Ihnen nichts davongetragen wird! (Neigt seinen Mund zu dem ihrigen.) Jenni (ihn von sich drängend). Nein! nein! Ich kann einen Mann nicht küssen, der, so wie Sie, gar kein Herz hat! Fab. Keine anatomische Injurie! Ich — kein Herz!? — Ha! — ist das, was hier (aus's Herz weisend) so schlagt, vielleicht ein steirischer Eisenhammer? Jenni (wieder etwas coquett). So? es schlagt? Fab. Und repetirt! — fühlen Sic selbst! (Mmmt ihre Hand und drückt sie an sein Herz.) Jenni. Na, da — durch den Frack spürt man nicht viel davon! Fab. So ziehen Sie sich mehr nach Westen. (Legt ihre Hand zwischen Frack und Weste.) Fühlen Sie auch d a nicht, daß es fortwährend kocht? Jenni (für sich). Wenn ich nur in die Brusttaschen komm'! Fab. (verzückt). O Gotr! O Gott! — Nicht! Jenni! Nicht kitzeln! Jenni (für sich, erfreut). Hab'ihn schon! (Laut.) Ja. das Herz schlagt wirklich so laut wie eine Nachtigall! Fab. Also den vorenthaltenen Kuß! Jenni. Schauen's Ihnen zuerst um, ob Niemand kommt. Fab. (fleht sich um). Keine Seel'! Jenni (hat indeß rasch aus Fabian s Brust- taschc einen Brief gezogen und steckt ihn in ihre Schürzentasche; für sich) Zurück erobert! — Aber jetzt fort! (Will sich losmachen.) Fabian (sie zurückhaltend). Aber mein Bussel! Jenni (fleht zum Fenster hinaus, laut aufschreiend.) Ah! Fab. Was ist's denn? Jenni. Der gnädige Herr und der Herr von Hartberg — Fab. O verflucht! Jenni (rasch). Geh'n Sie! geh'n Sic! wenn man uns so beisammen träf' —! Fab. Ja, — 's ist wahr! — mein Ruf! — Ich geh', aber über die rückwärtige Stiege — sonst fragt er mich, wohin ick will, und meine Sendung ist eine geheime! — (Jenni's Hand drückend.) Leben Sie wohl, Jenni! Wir sind zwar bei einem interessanten Moment stehen geblieben, aber daS erhält in Spannung! — Fortsetzung folgt! (Eilt durch die Seitenthür links ab.) 37 Jenni. Er ist fort — und ich — ich muß jetzt doch sehen, den Brief selbst zu besorgen — wenn nur erst der gnädige Herr heroben ist — (Zieht sich etwas in den Hintergrund zurück, und bleibt dicht an der Mittelthür stehen.) Sechste Scene. Jenni, Hollmann, Hartbcrg. Hollmann und Hartberg (treten, ohne anfänglich Zenni zu bemerken, rasch durch die Mittelthür ein). Hollm. (zu Hartberg). Ja — so machen wir's — Sie sagen dem Riedberg, Sie hätten für ihn ein Stipendium erwirkt, damit er auf einer auswärtigen Universitär seine Studien vollend't — ich werd' Ihnen gleich das Geld einhändigen — (Will mit Hartberg gegen die Thür rechts.) Jenni (will rasch durch die Mittelthür entschlüpfen). Hollm. (bemerkt sie, stehen bleibend). Halt! wo will Sic hin? Jenni (verlegen). Ich — ich Hab' nur Bandeln holen wollen — Hollm. (leise zu Hartberg). Was hat denn die? — Sic ist so verlegen! (Tritt rasch aus Jenni zu.) Stehen geblieben! — Warum wird Sie denn so feuerroth? Jenni. Ich? — mir — mir ist nur so heiß! (Zieht das Sacktuch aus der Schürzentasche und läßt dadurch den Brief heraussallcn.) Hollm. (hebt schnell den Brief aus). Was ist denn das? Jenni (erschreckt). O mein Gott! Hollm. Aha! Sie geht, wegen »Bandeln« fort? Jchs eh's. (Strenge.) Von wem und an wen ist der Brief? Jenni (ängstlich). Ew. Gnaden! sein's nicht bös! die Fräul'n — Hollm. Ha ha! Hab' ich mir's doch gedacht! — da will ich doch sehen! (Reißt schnell den Brief auf. und erblickt einen Wechsel, der andere Wechsel fällt zu Boden — erstaunt.) Was ist das? Ein Wechsel — acreptirt von Strahlbach? Hartb. (hat den andern Wechsel aufgehoben und besehen). Und da einer acceptirt von — (Stockt.) Hollm. Von wem denn? (Sieht auf den andern Wechsel, überrascht zurückprallend.) Don der Adele?! — Und der Brief (besieht die Unterschrift) von Strahlbach — (Besieht die Adresse ) »An Herrn Schwarzmaier im Hotel zum goldenen Löwen.« Jenni (ganz erstaunt). Ja, wie g'schieht inir denn? (Sieht ebenfalls auf den Brief, sich vergessend.) Mein Gott! da Hab' ich ein' un- rechten Brief erwischt! Hollm. (nicht begreifend). Unrechter Brief? —Wieversteh'ich denn das? (BarschzuJenni.) Jetzt heraus mit der Sprach', oder Sie soll mich kennen lernen! Was ist da vorgegangen? Jenni. Ja, Ew. Gnaden! Ich will Alles gesteh'n. Jchhätt' einen Brief an den Herren Riedberg bestellen sollen — der Fabian hat mir ihn aber wezg'nommen, und in seine Brusttaschen gesteckt — ich Hab' ihn wieder heimlich herausziehen wollen, und da — da ist mir halt der Unrechte in die Händ' kommen. Hollm. So — so ist die Geschieht?! — Na, wart! ich will Euch die Billetdou- rereie vertreiben — und ich — ich erbrech' da einen fremden Brief (ficht wieder in den Brief). Aber da steht ja auch was von dem Riedberg herin! Hartb. Na — offen ist der Brief einmal, jetzt können Sie ihn schon lesen auch — Hollm. (der indeß in den Brief gesehen). Ah — das ist ja eine ganze Rauberg'schicht — hören's nur — hören's! (Liest.) »So überspannt deine Forderung auch ist, so will doch ich und Adele dieselbe, gedrängt von Umständen, erfüllen — (sprechend) die Adele von Umständen gedrängt?! (Liest.) Riedberg darf den Proceß nicht gewinnen, und Adele muß ihre Briefe, welche ihr einstiges Dcrhältniß mit Dir aufdecken, zurückerhalten — (Sprechend, immer mehr enttäuscht.) „einstiges Dcrhältniß?!" Buch- staben rennen vor meinen Augen wie Ameisen herum — (Reicht Hartberg den Brief.) Lesen S i e weiter — mir gehen die Augen völlig über — Hartb. (betonend), 's war besser, wann's Ihnen aufgingen! (Liest.) »Wir senden Dir also die verlangten Wechsel, aber ich erwarte, daß Du, deinem gegebenen Schwure gemäß, mir durch den Ueberbringer, der ein mir sehr ergebener und verläßlicher Mensch ist, sowohl das bewußte Document, als auch sämmtliche Briefe Adelens überschickest, und dann heute noch die Stadt verlassen wirst!* — Hollm. Mirverschlagt's die Red' — meine Gedanken sagen mir den Dienst auf. Hartb. (hastig auf» und niedergehend). Ein Document, wodurch der Riedberg einen Proceß gewinnt! Hollm. (ebenfalls aus-- und niedergehend). Früheres Verhältniß — Briefe —! Ienni (zwischen beide tretend). Aber, meine Herren, mit dem Auf- und Abrennen ist nichts gethan! Hollm. (stehen bleibend). Gethan? Ja, was soll denn gethan werden? Ienni. Aber sehen denn Ew. Gnaden nicht ein, daß es jetzt das Wichtigste ist, sowohl das Document, als auch die ge- wissenBriefe in Ihre Hände zu bekommen? Hollm. (nunerst begreifend). Meiner Treu! Ienni, Sie ist ein gescheites Mädel! Ja — ich — ich muß Alles in die Hände kriegen! — aber wie? Ienni. Offenbar hat der Fabian den Brief zu dem Herrn Schwarzmaier hintragen sollen. Der Fabian ist also der »verläßliche* Mensch, dem Alles übergeben werden soll — wenn also statt dem Fabian ein Anderer — z. B. der Herr von Hartberg hinginge — na, einem verläßlichen Menschen schant er ja auch gleich — Hartb. (auf die Idee eingehend). Ans Ehre! das Mädel hat beinahe Menschenverstand! Ja ich geh' hin — (Wirderbe- denklich.) Wenn aber der Fabian früher hin- kommk — Ienni. Gar keine Rede! Er ist ja gerade jetzt erst fortgegangen — bis zum «Löwen* lst hübsch weit — wenn Sie einen Fiaker nehmen — Hollm. Sie weiß für Alles Rath! (Zu Hartberg.) Ja, ja, das thun's! Aber der Brief muß wieder gesiegelt werden. (Erblickt daS Schreibzeug aus dem Tische.) Ah — da ist ja das Nöthige! Schnell die Wechsel her. (Legt die Wechsel in den Brief und faltet diesen zusammen. Zu Hartberg.) Da haben Sie — ich bitte Sie — nehmen Sie den schnellsten Fiaker — er soll seine Pferd' zu Tod Hetzen — ich zabl's, und ich erwart' — (sich wieder anders besinnend) aber nein — noch besser — ich und die Ienni fahren gleich mit Ihnen! Ienni. Was? anch ich? Hollm. Ja, Sie dürfen jetzt nicht dableiben — Sie — Sie sind ein braves ' Mädel — ein gescheites Mädel — Sie waren jetzt gleichsam einWerkzeug in der Hand Gottes — aber Sie sind ein Frauenzimmer! (Jknni's Hand fassend ) Fort mit uns! (Hängt sich in Hartberg's Arm ) So — Arm in Arm mit Euch — so ford're ich mein Jahrhundert in die Schranken! (Ab durch die Mitte mit Hartberg und Zenni ) Verwandlung. Siebente Scene. Zimmer im Hotel beim .goldenenLöwen» wirAct2 Schwarzmaier (allein). Schwarzm. i tritt, eine brennende Cigarre im Munde, aus der Seitenthür, auf die Uhr sehend). > Die Stunde ist bald abgelaufen! — Nun — sie wird wohl noch überlegen und jammern, aber endlich muß sie doch d'ranglauben! Sir muß? (Setzt sich in einen Kauteuil) Hk? stk- ^ wisse sentimentale Narren werden diese ! Rache eine unendlich gemeine nennen, mag sein; aber die vernünftigste Rache iß fie jedenfalls! Ick geize nicht nach dem 39 Rufe besoudern Edelmuthes; er hat immer einen Beigeschmack von Dummheit oder wenigstens von Eitelkeit! — Ich war auch längere Zeit poetisch, romantisch — idealistisch, und bin dabei auf die dümmste Weise um mein Geld gekommen; fetzt bin ich praktisch geworden,und will wenigstens einen Theil des Hinausgeworfenen wieder zurückerobcrn! (Es wird an der Mittelthür stark gepocht.) Sch warzm. (ruft). Lntrer! Achte Scene. Schwarzmaier, Hartberg. Hartb. (tritt ein). Unterthänigster! Hab' ich das Vergnügen, mit Herrn Schwarzmaier zu sprechen? Schwarzm. So heiß' ich — was steht zu Diensten? Hartb. Mich schickt der Herr von Strahlbach — Schwarzm. Ah! (Sich vom Sitze erhebend.) Sic bringen ohne Zweifel- Hartb. (den Brief hervorziehend). Den Brief, und soll Antwort darauf erhalten — Schwarzm. (nimmt den Brief, erbricht ihn und besteht die darinliegenden Wechsel, für sich). Aha! richtig angebiffen! (Laut, indem er Hartberg dabei fest anfieht.) Also Ihnen soll' ich die Antwort übergeben? Hartb. Ja, mir, der Herr von Strahlbach hat gesagt, es steht schon im Brief! (Für sich.) Er traut mir nicht recht, wie halt alle Leut', denen selbst nicht zu trauen ist, mißtrauisch gegen And're sind! Schwarzm. (hat indcst die Lade des Tisches geöffnet, dabei für sich). Nun, Strahlbach wird wohl wissen, wen er sandte, für ihn ist ja die Sache am wichtigsten! (Nimmt aus der Lade ein mehrfach versiegeltes Packet.) Hier ist schon Alles bereit! tUebngibt es Hartberg.) Perwahren Sie es wohl— es enthält Werthvolles! Hartb. (nimmt hastig das Packet und steckt es rin). Ich weiß — weiß — o! es soll nichts verloren gehen! — Adieu! adieu! (Eilt rasch durch die Mittelthür ab.) Schwarzm. (allein, ihm erstaunt nach» sehend.) Na — der hat's eilig! — Aber es wird wohl sein Auftrag darnach lauten! Ich glaub's, die Schöne wird seit gestern Respect vor mir haben! Doch meines Bleibens ist jetzt auch nicht länger hier. (Nimmt die Wechsel aus Strahlbach's Brief.) Schnell zu dem Wechsler, der mir die Wechsel zu Geld zu machen versprach, und dann auf die Eisenbahn! (Nimmt von einem Stuhle seinen Hut und Rock, und will durch die Mittelthür abgehcn.) Neunte Scene. Schwarzmaier, Fabian. Fab. (tritt durch die Mitte ein). Unterthänigster ! Schwarzm. (steht Fabian verwundert an). Was soll's? Fab. (steht Schwarzmaier in s Gesicht erschreckt bei Seite tretend, für sich.) Alle Wetter! — das ist ja der Wahnsinnige von gestern! — Schwarzm. Nun, was treibt Er denn? Fab. Entschuldigen Sie — (Noch etwa? retirirend ) Ist Ihnen heut' etwas besser? (Auf die Stirn deutend.) Schwarzm. (verwundert). Heute? was soll das heißen? Fab. O, bitte bloße Theilnahme! Ich Hab' nur geglaubt, ob Sie nicht manchmal an einem wehen Hirn leiden? Schwarzm. (ungeduldig). Was geht das ihn an? Sprech' er. was will er? Ich habe keine Zeit, mich aufzuhalten!—Nun, wird's, Dummkopf? Fab. (für sich). Er red't aber hcut^ ganz vernünftig! (Laut.) Verzeihen — Sie sein doch der Herr Schwarzmaier? Schwarzm. Nun ja doch! Fab. Dann Hab' ich Ihnen diesen Brief zu übergeben! (Zieht einen Brief aus der Brusttaschr und übergibt ihm denselben.) 40 Slbwarzm. (nimmt dm Brief, verwundert). Einen Brief? — an mich? (Erbricht das Siegel.) Von wem denn? (Besieht die Unterschrift.) »Ihre Sie ewig licbendeMarie«— (Für sich.) He! vielleicht eine von den vielen flüchtigen Bekanntschaften aus vergangener Zeit, die nun meine Rückkehr erfahren hat! Was schreibt sie denn? (Liest vor sich hin.) »Erfahren, daß Sie «Kreisen sollen— beschwöre Sie. nicht früher, ehe ich Sie noch einmal gesehen. (Sprechend, für sich.) Nun ja — ich Hab' ja nichts Anderes zu thun, als derlei Connaissancen zu erneuern! — nota! (Steckt den Brief ein, zu Fabian.) Meine Empfehlung! es wäre schon gut! Fab. Schon gut? Erlauben Sie — ich soll etwas retour bekommen! Schwarzm. Ich habe jetzt keine Zeit — sage Er nur, ich werde gelegentlich antworten — morgen oder übermorgen! (Für sich.) Oder auch gar nicht! Fab. Morgen — übermorgen? — So lautet meine Ordre nicht! — Ich muß gleich was kriegen! Schwarzm. (ihn verächtlich messmd). Muß?! Wenn ich sage: Ich will nicht, so hat Er sich seiner Wege zu scheren! Fab. (dringender). Verzeihen — es war' mir höchst unangenehm, wenn ich die Schranken der Courtoisie überschreiten müßte, aber es gibt Fälle, wo auch Diplomaten kotzengrob werden können, und wenn Sie mir keine Antwort geben — ich sag' Ihnen — Sie! — mir trauen's nicht! Schwarzm. (entrüstet). Mir scheint, der Bursche ist verrückt! Fab. Dann stünde ich höchstens mit Ihnen auf einem Niveau! Schwarzm. Aus dem Wege da! Ich will fort! (Will Fabian bei Seite drängen.) Fab. (ebenfalls entrüstet). Ah, jetzt müssen energischere Maßregeln ergriffen werden! (Barsch.) Meine Antwort will ich — oder meiner Seel'! ich ergreife die Offensive! — Hören Sie! — Meine Antwort! (Will Schwarzmairr am Arme fassen.) Schwarzm. (sich losmachend). Impertinenter Kerl! Seine Antwort? — Nun denn, da hat er sie! (Gibt ihm »inen Schlag in s Gesicht und eilt durch die Mitte ab.) Zehnte Scene. Fabian (allein). Fab. (taumelt zurück, sich die Wange haltend) Was war das?! — Wenn mich mein Gefühl nicht täuscht, so war das eine- (Entrüstet) Das meine Antwort?! Das ist ja eine sehr niederschlagende Correspondenz! — Mir — als Abgesandten so zu erwidern! — (Wieder etwas mehr begütigt ) Zwar — es kriegt mancher Gesandte eine Antwort, die auch im Grund nichts Anderes ist, als eine Watschen über's ganze G'sicht, — aber es geschieht doch immer unter einer andern Form — aber eine Ohrfeige in nrr- tura verabfolgen (gegen die Mittelthür gewendet, gleichsam noch dem Abgegangenen zornig nachrufend) das thun nur kleine Buben! — Schamen's Ihnen! Was wird denn Herr v. Strahlbach sagen? — Die eine Hälfte meiner Sendung — daß ich seinen Brief abgegeben Hab' so weit Hab', ich's bracht, aber daß ich was zurückbringet — so weit bin ich noch nicht. — Aber geht's denn mir Allein so? Alle Nationen der ganzen Welt haben bei betreffenden Angelegenheiten sagen können: So weit hab'n wir's bracht — auf der andern Seite aber seufzend: So weit sind wir noch nicht. L o u p t e 1. Daßd'Oellampen endlich man abgeschasst hat, Und Gasflammen brennen überall in der Stadt, Und baß, um zu sichern, daß all'weil so bleibt, Man theure Verträge ganz g'schwind unterschreibt, Die auf fünfundzwanzig Jahre voraus man gleich macht, So weit hab'n wir's bracht! 41 Doch daß bei den Gasflammen man auch was ficht, So weit sein wir noch nit. Daß endlich in Deutschland jetzt nach hundert Jahren, Der Schiller, der große, die Freud' hat erfahren, Daß üb'rall sein Bildniß, das Jedem im Herz. Auch sichtbar wird aufg'stellt in Stein oder Erz, Und daß selbst in Frankreich man daran gedacht; So weit hab'n wir's bracht! Doch daß auch in Wien man so etwas er» richt', So weit find wir noch nicht! Daß Jeder den Schutz der Gesetze genießt, Ob er nun ein Jude sei oder ein Christ, Daß Keinen man mehr seiner Rechte beraubt Bloß deßwcg'n, weil er etwas Anderes glaubt, Daß man gegenseitig als Brüder sich acht, — So weit hab'n wir's bracht! — Doch daß über'n Berg d rüben auch dämmert das Licht, So weit find wir noch nicht! Nun hab'n doch Alle gemeinsam erkannt, Was deutsch is, muß bleib'n im deutschen Verband, Da sein wir hinaus denn, und hab'n ihn bekriegt, Den Bedränger der Deutschen, wir hab'n ihn besiegt, Und zwei Hcrzogthümcr sind los seiner Macht — So weit hab'n wir's bracht! Doch daß wir schon wüßten, was jetzt damit g'schieht — So weit sein nur noch nit. Daß wir große .Künstler, wenn's todt sein, verehr'n, Daß d'Gass'n nach ihnen sogar benannt wern, Daß Jedem ein Standbild man gerne erricht', Und wenn eS am nöthigen Gelde gebricht, Für so ein Derstorb'nen Cvllecten gleich macht, So weit hab'n wir's bracht. Doch daß für d'Lebendigen auch etwas g'schieht — So weit find wir noch nit! Daß 's jetzt keine Vorschrift für Kleider mehr gibt, Und Jeder sichtragen kann, wie's ihm beliebt, Daß hier Einer kann in einem Attila geh'n, Oder einer Czamara und 's wird ihm nichts g'scheb'n, Geht er wie er will, wenn's Vergnügen ihm macht, So weit hab'n wir's bracht. Doch daß einem Eylinder in Ungarn nichts g'schieht, So weit sind wir noch nit! (Ab.) Eilfte Scene. Verwandlung. (Vorsaal in Hollmann's Hause, von dem eigentlichen größeren Saale im Hintergründe durch eine, anfänglich mit einem Vorhänge bedeckte, Bogen- wölbung getrennt. Auf den Tischen Armleuchter mit brennenden Kerzen.) Adele, Strahlbach. Adele und Strahlb. (treten au« der Seitenthür links). Adele (einen offenen Brief in der Hand haltend). So eben sandte mir Hollmann durch einen Boten diesen Brief, worin er schreibt, ich möge nur Alles für das Weihnachtsfest auf das Glänzendste richten las- sen — er selbst würde erst etwas später nach Hause kommen, da er noch ganz besondere Festgeschenke einzukanfen habe — Strahlb. Nun — vorbereitet ist ja dort (gegen den Vorhang weisend) schon Alles. Adele. Aber ich muß jetzt Toilette machen, wenn aber Fabian znrückkommt, setzen Sie mich sogleich in Kenntniß! — Hören Sie — sogleich! (Geht wieder in das Seitenzimmer rechts ab.) Strahlb. (allein). 3a, wenn er nur schon zurück wäre! — Der Bursche bleibt ungewöhnlich lange aus — und ich fühle in mir eine Unruhe — eine Beklemmung, die mir fast den Athem schwer macht! — (Sieht gegen die sich eben öffnende Seitcnthür links.) Ah! (Endlich! endlich! — (Hinausrufend.) Nun, so spute Dich doch — hier herein! Zwölfte Scene. Strahlbach, Fabian. Fab. (tritt von links ein). Da bin ich schon! Strahlb. Schon? Sag: »Endlich!« faule Schnecke! Fab. Schneck? — Na, geschleimt Hab' ich mich heut' wenigstens schon g'nug! Strahlb. Keine Albernheiten! Gib her—! Fab. Was? Strahlb. Nun, was Du vom Herrn Schwarzmaier bekommen hast! Fab. Was? — Das, was ich vom Herrn Schwarzmaier kriegt Hab', soll ich Ihnen geben? Strahlb. Nun ja doch! — Jn's Teufels Namen! Her damit! Fab. Herr von Strahlbach! Ich bitt Sie, begehren Sie das nicht von mir! — 's wär' mir leid um Sie! Strahlb. (stutzend, für sich). Element! Soll er am Ende von dem Inhalte wissen, und mich warnen wollen? (Laut.) Fabian! Was weißt Du? — Fab. Ich? — Gar nichts! Die Situation ist mir vollkommen unklar! Strahlb. Bringe mich nicht zur Verzweiflung! Was — was sagte Herr von Schwarzmaier? Fab. Nun — er hat den Brief gelesen, und dann gesagt: 's käme keine Antwort d'rauf! Strahlb. (erschreckt). Keine Antwort?! Ans den Brief? Und Du — Du ließest Dich abfertigeu? Du bestandest nicht darauf, daß er Dir ein Packet geben solle? Fab. Ja — ich bin d'rauf bestanden— und ein Packet —- na ja — man nennt's auch so — Hab' ich auch kri'gt! Strahlb. Nun — und —? (Immer ängstlicher.) Es hat Dir's doch Niemand weggenommen? Fab. Nein, das nimmt mir Niemand weg — es ist der sicherste Besitz! Strahlb. (wüthend). Und Du willst eS mir vorenthalten? (Faßt ihn an der Brust.) Ich rathe Dir's im Guten! — her damit! Fab. Na, wenn Sie durchaus d'rauf bestehe»! lassen's mich nur los! Strahlb. (ihn loslassend). Also schnell! Fab. Pressirt's gar so? (Streift sich den Aermel auf.) Strahlb. Was soll das? Fab. Also! (Erhebt die Hand, dann aber sich besinnend.) Nein, Sie haben mir zwar für die Antwort fünf Ducaten versprochen, aber damit wär' die Ohrfeigen überzahlt! Strahlb. Was? eine Ohrfeige? Fab. Ja, eine gesinnungstüchtige! Das war das einzige Resultat meiner Konversation mit dem Herrn Schwarzmaier! Strahlb. (außer sich). Wie? Mit Ohr- feigen hat er Dich abgesertigt? Ha! dann ist Schwarzmaier ein Betrüger! Fab. Nein! sie war ganz vollwichtigste hätt' cimentirt sein dürfen! Strahlb. (für sich). Und die beiden Wechsel behielt er — und das Dokument und die Briefe auch?! — Da gilt es anders aufzutreten! Ich will selbst zu ihm — ich nehme meine Pistolen mit — mir soll 43 der Schurke die Antwort nickt schuldig bleiben! (Will nach links abeilen.) Dreizehnte Scene. Porige. Hollmann, Hartberg,Jenni, Mahlheim. Hollm., Hartb., Jenni (treten von links ein). Hollm. (zu dem ihm begegnenden Strahl- bach). Oho! oho! wohin denn gar so eilig? Strahlb. Entschuldigen Sie — ein wichtiger Gang — in einigen Sekunden bin ich wieder zurück — (Will fort.) Hollm. (ihn am Arme zurückhaltend). Nein, nein! das geht durchaus nicht! Ich will ja jetzt g'rad die Weihnachtsbescherung vornehmen, da müssen Sie ja auch dabei sein — kriegen ja auch Ihren Theil! (Auf Mal- Heim weisend, leiser.) Sie sehen ja — der Herr Notar ist auch schon da! Strahlb. (für sich). Peinliche Lage! — Ich kann nun nicht fort, und wer weiß, was indeß- Hollm. (zu Zenni). Geh' Sie hinüber, und hol' Sie meine Tochter und die Fräule Adele — Jenni (nach der Seitenthür rechts sehend) Ist nicht nöthig — da kommen schon alle Zwei! Vierzehnte Scene. Vorige. Adele, Marie. Adele, Marie (beide im Kestanzuge, treten aus der Seitenthür rechts). Adele (auf Hollmann zueilend). Ah! find Sie endlich zurück? Sie sind so lange ausgeblieben! Hollm. Ja, bis ich Alles besorgt Hab' — ich will heut' die Ebristbescherung in zwei Abtheilungen vornehmen; zuerst für die Großen, und dann erst sollen die Kleinen an die Reih' kommen! — Ich war schon d'rüben (gegen den Vorhang weisend) und bab' Alles herg'richt — es findet Jedes auf dem Geschenk, was ihm bestimmt ist, seinen Namen. — (Er geht zum Tische und klingelt.) (Der Vorhang öffnet sich, man sieht in den hell- beleuchtcten Hauptsaal, in dessen Mitte ein beinahe bis zur Decke ragender, mit farbigen Lichtern, Bändern, Obstgattungen und mannigfachen SpielgegenständenbehangenerWeihnachtsbaum steht, neben demselben ein Tisch, worauf ein Braut- schmuck liegt, und eine geschmackvoll adjustirte khatouille steht.) Alle. Ah! der prächtige Christbaum! — Hollm. (bietet Adelen seinen Arm). Sehen Sie einmal nach, was Sie erwartet! (Führt sie zu dem Tische neben dem Baume.) Adele (erblickt den Zettel auf der Thatouille). Ah — hier mein Name! Sie sind die Großmuth selbst! (Ocffnet die Lhatouille, zieht einige offene Briese heraus; im höchsten Schreck die Chatouille fallen lassend und zurückwankend.) Gott im Himmel! diese Briefe —! (Dem Sinken nahe.) Hartb. (sie im Falle aufhaltend). Fallen's nicht rückwärts, sondern vorwärts — ans die Knie (gegen Hollmann weisend) und bit- ten's den Betrogenen, daß er Gnade für Recht ergehen laßt! Adele (wankt mit flehend erhobenen Händen zu Hollmaun). Herr von Hollmann! Gnade! Hollm. (strenge). Aus den Briefen an Ihren ehemaligen Souteneur Hab' ich ersehen, daß Sie eine Schauspielerin waren — woher waren die mir vorgewiesenen Zeugnisse aus dem Pensionate? Adele. Sie — sie waren — ich — ich hatte sie — von einer verstorbenen Verwandten — Hollm. Mit Ihnen bin ich fertig; gehen Sie! Wenn Sic wollen, ged' ich Ihnen ein Zeugniß, daß Sie als Komödiantin wirklich das Meisterhafteste geleistet haben! Adele (bittend). Herr von Hollmann! Hollm. Fort! Ruck ich kann eine Rolle! — (Tragisch.) Geh, Griseldis! Deine Zeit ist um! ' 44 Hartb. (zu Adelen). Fräulein! Ihr Reich ist hier zu Ende. Damit aber Ihr Abschied kein Aufsehen erregt, so will ich Sie zum Wagen begleiten. (Nimmt Adklens Arm und führt sie links ab.) Hollm. (zu Strahlbach). Aber Sie — Sie, der Sie mir eine so vortreffliche Gouvernante in's Haus gebracht haben, Sie müssen zu Weihnachten doch auch JhrAgen- ten-Honorar kriegen! (Faßt ihn an der Hand, und zieht ihn mit sich zum Weihnachtsbaume.) Aha — da hängt ja was. wo Ihr Name daraufsteht! (Nimmt vom Baume eine zusam- mengesaltete Schrift und hält sie Strahlbach vor die Augen) Lesen's einmal! Strahlb. (wirft einen Blick aus die Schrift, zurücktaumelnd). Eine Vorladung zum Landesgericht?! Hollm. Wenn Sie den Weg nicht wissen, so steht d'raußen schon ein Herr, der Sie hinbegleiten wird! Strahlb. Wie? — ich —? Ich bin unschuldig! (Die Seitenthür links öffnet sich, ein bommissär erscheint unter derselben, Strahlbach zum Fortgehen winkend; Strahlbach wankt entsetzt nach links ab.) Ienni (ihm nachrufend). Wünsch' glückliche Feiertage! Hollm. (gleichsam ausathmend). Ah — mein Haus ist wieder rein! Ich bin wieder Herr darin!—Marie! — Du siehst, meine Verlobung findet nicht statt — aber verlobt muß heute doch noch werden — Herr von Riedberg! Fünfzehnte Scene. Vorige. Riedberg. Riedb. (M aus einem Seitenzimmer drS Hauptsaales und in Mariens Arme) Marie! meine Marie! Marie (ihren Sinnen kaum trauend). Wilhelm! Sie?! Fab. (ganz erstaunt). Der Herr Riedberg! Hollm. Nicht mehr Riedberg — Baron Halmenan — denn jetzt (zu Rirdberg) können Sie Ihren Titel wieder führen, da das Dokument — (ihm das Domment übergebend) alle Ihre Ansprüche liefert! Riedb. (Marien umschlungen haltend). Zu viel des Glückes! Hollm. Geben s ein klein's Bisserl davon der Ienni, denn durch sie wurde Alles entdeckt. Riedb (zu Zenni). Ja — Sie sollen eine Mitgift haben, wenn sich ein braver Bewerber findet — Fab. (eilt zu Zenni). Hat sich schon gefunden. (Kniet vor ihr nieder.) Hollm. (führt Carl und Hugo vor). Euch Hab' ich das beste Christkind' geschenkt, indem ich Euch keine Stiefmutter geben Hab', und jetzt lassen wir die Kleinen auch an die Reihe kommen! (Aus allen Thürm des Hauptsaales strömen die Kinder der Arbeiter, klettern an dem Weihnachtsbaume hinauf, nehmen ihre Gaben herab; während einer Schlußgruppe fällt der Vorhang.) Ende. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Anton Bittuer. Die beiden Sekretäre. !I ^ Mspirl m tiam Act von Antou Bittuer ' u .'.! -7 ' ..1 1? >--«*1 Mündel verliebt bin? Das wäre mir unlieb! — (Zu Christoph.) Nun was weißt Du? , Christ, (grheimmßvoll). Sie wollen mir veryiuthlich sagen, daß ich statt den dunklen Knöpfen lieber silberne Knopfe auf meine blaue Jacke kaufen soll. Nicht wahr, das wollen Sie mH entdecken? Birkenh. Äch, wer svrickt denn von deiner blauen Jgcke; au die denke ich gar nicht — Christ. Nicht? Das ist mir unbegreiflich! Ich denke wieder an nichts als an meine blaue Jacke. ^ Birkenh. Nun, so vergesse sie,wenigstens so lange, als ich mit Dir spreche. Du weißt, ich setze sehr großes Vertrauen in Dich! rr....-.'. Christ. Vertrauen Sie nur immer zu, Herr Oberforstmeister. Birkenh. Und will Dir nun ein wichtiges Geschäft übertragen. Christ. Uebertragen Sie nur immer zu, Herr Oberforstmeister. Birkenh. Nun, so höre: gehe schnell hinunter zizm-großen Thor — » ^ Christ. Sehr wM HerrOcheßsochmei- strrl («ist fort.) * ^ ^ Birkenh. So bleibe doch hier und höre — Christ. Nun weiß ich nicht, was ich Einmal sagen Sie: »schnell fort,« dann wieder: »bleibe hier!« Ich kann doch nicht beides zugleich thun — ? Birkenh. Das sollst Du auch nicht! Du . mußt, aber: doch meinen Auftrag erst hören, bevor Du ihn vollziehen kannst. Christ. Ah so! Das ist etwas Anderes! Birkenh. Also Du gehst zum großen Ähor, stellst Dich vor dasselbe und bewachst den Eingang, dqß Niemayh die Schwelle überschreitet. . m Christ. Sehr wohl, Herr Oberforstmei ster! Aber wem soll ich denn eigentlich den Weg vertreten? Wer soll deny kommen? Die Russen oder die Dänen? k—Bukenh. Ach Gott, weder die Einen noch die Andern. Das kümmert Dich auch nicht! Thue nur^ wie ich Dir sage ugd lasse keinen Menschen in das HaUs!,,^. V, Christ. Sehr wohl, Heu. Ober^orstmez- ster! (Geht, bleibt aber bei der Thür fiünend stehn» und kommt dann wieder zurück.) Noch eine Frage:. Kann ich vielleicht meine blaut Jacke dazu änziehen ^^ Birkenh. Auch, wenn Du willst; doch das jst Nebensache!. ' - > Christ. O nein, das »st die Hauptsache! Wenn meine bläue" Jüikb um die Schulter hängt, da bin ich ganz ein anderer Mensch! Birkenh. Nun, so ziehe fiem.Gottrs- namen^ aü. ^asse stjir Niemandin daS Haus, "mache ^ deine Sache klug und ich werde Är däim zu deinem Nameüstastt ein hübsches Geschenk machen. Christ. Sin Geschenk? Ach, da- wird «ich freuen, (Zutroulich.)Herr Oberforstjäger- meifter, was werden Sie mir denn eigentlich schenken? Birkenh. Was? -— das wirft Duschon sehen. Du bekommst bekommst silbeme Knöpfe auf deine blaue Jäckel (Ab durch dir Mittr.) Christ, (allein). (Freudig ausrufrnd.) Sil- herne Knöpfe! Knöpfe von' Silber! Sil» berue Knöpfe! — Habe ich recht gehört, ist eS möglich? — Ja, es ist möglich! Meine Mutter sagte immer: Christof! al- du um 12 Uhr Nachts das Tageslicht zum ersten Mal erblicktest, da war eine gute Stunde, indem rin Glücksstern in diesem Angenblicke regirte; — sie hatte Recht die gute Mutter, ihrePrvphezeihungist nun eingetroffen. Ach! wenn sie nur noch lebte, daß sie sich mit mir freuen könnte; ^ doch sie ist tvdt! Ganz todr! Mausetodt! Der Schulmeister sagte aber: jeder Mensch würde nach dem Tode in einen Stern verwandelt. Das ist gut! Recht gut! Da ist meine gute Mutter auch einer! da kann sie mich auch sehen, wenn ich künftigen Sonntag spät in der Nacht nach Hause kommt; da wird Sie heruntrrschauen auf auch, und zu den anderen Sternen sagen: Seht , der junge Bursche da unten, der da eben mit einem kleinen Rausch aus dem WirthShause kommt, ist mein Sohn! Seht, der dort, —(mit stolzer Würde,) der mit den silbernen Knöpfen und mit der blauen Jacke! (Stolzirt durch die Mitte ab ) Dritte Scene. N oft ne. (Später) Gustav Schneller. Rosine. (Kommt ans der Srißenthüre links ) Ach, wie glücklich bin ich, daß mich der alte Herr Vormund, - 7 - der mich fortwährend unt seinen albernen Liebesbewerbungen Mält und plagt, endlich allein ließ, und , mir Gelegenheit gab, an meinen Herzerobrrrr Gustav denken zu können. Ach, Gustav! Wäre ich nur eine mächtige Fee, ich würde dich jetzt hieherzauberu; würde, wie ich jetzt des Vormunds Spazierstock ergreife, den Zauberstab zur Hand nehmen, einen großen Kreis um mich ziehen — (nimmt einen Stock, stellt sich in die Mitte der Bühne, und zieht einen Kreis um sich) und mit hohler Geisterstimme sprechen : O Geister! kommt und einet euch zu meinem Bunde, macht um den Schloßhof, wo mein Gustav wohnt, die Runde und bringet ihn mit sehnsuchtsvollem Blick'! Vierte Scene. Rosine. Gustav. Gust. (wurde während der letzten Rede außer» halb des Fensters sichtbar, stieg iu das Zimmer, steht uua vor Rosine und ruft ihr entgegen). In Rosinens Arme schnell zurück! R ofiue(erschreckend). Gustav,wie kommen Sie hieher? Gust. Den geraden Weg durch das Fenster, wenn man diesen Weg nämlich einen geraden nennen kann. Ich bin Gymnastiker, Akrobat, Lustspringer, Seiltänzer und was noch mehr sagen will, glühender Anbeter Ihrer Schönheit, und so gibt es für mich kein Hinderniß, welches ich nicht beseitigen könnte, um zu meiner Huldin zu gelangen. Ich uzachte eben eine kleine Promenade unter Ihrem Fenster, als ich i m Jnnem des Hauses die Stimme Ihres Vormunds hörte, wie er an den Jägerburschen folgende Ansprüche hielt: »Christoph gib Acht, daß Niemand in das Haus kommt, daß Niemand die Thürschwelle überschreitet!* — Hollah! dachte ich mir, der Eintritt durch die Thüre ist verboten, so will ich meinen Weg durch das Fenster nehmen. Schnell machte ich einen kühnen Sprung über die Gartenmauer, diesem folgte ein zweiter über die Blumenbeete; dann schwang ich mich mit einem leichten Satze empor zum Weinrebengeländer, kletterte aus die Fensterdrüstung, und 1 * 4 vom da -t eilte ich in die Arme meiner Rofine.- ttz^Rvsine. Ach, Gustav, was haben Sir gewagt? ^ " Gust Einige kühne Sprünge, weiter nicht-. ^ Rosine. Wie werden Sie wieder fort- kvmmen? Gnst. Vermnthlich auf demselben Wege, 1>en ich hi eherkam. Rosine. Wenn aber der Vormund nach Haufe käme? Gnst.Thut nichts! Dann werde ich ihm sagen, was ich Ihnen schon so oft wiederholte: daß ich Sie liebet Rosine. Dasselbe Geständniß wollte auch ich meinem Vormunde macken; doch! nicht heute, sondern erst morgen. G u st. Warum morgen? Rosine. Weil sich «ine schickliche Gelegenheit darbietet, ihm mein Geheim,liß auf eine äußerst originelle Weise zu entdecken.^ Sie wissen, mein Vormund wünschte sich schon längst einen Schreibsecretät, mnßte diesem Lieblingswunsche aber immeraus dem Grimde^ entsagen, weil die Residenz zu weit entfernt ist, und unsere Dorftifchler es in der Eultur noch nicht weiter gebracht haben, als'höchstens einen vierbeinigen Stuhl zu verfertigen. Doch der Zufall, welcher überall eine günstige Rolle spielt, war auch mir günstig, indem er die Erfüllung eines Wunsches herbeiführte. Vor vier Wochen mache ich Nstt des Schloßverwalters Tochter, Frie- 'deM, einen kleinen Spaziergangda traf ^ sich, baß wir vor einem Hause vorüberkamen, wo eben erne große Auktion stattfand, uNV' ein schöner neuer Schreibsecretär feil- gebvtett wurde. Ich kaufte denselben sogleich sür 'inM erspartes Nadelgeld, ließ ihti eihstweitttr zu meiner Freundin bringen, ÜUd mörgrn soll er als Angebinde znm Geburtstage meines Vormunds 'Gust. Alles gut! Aber ich begreife nicht, stheure Rosine, wie wollen Sie das Geständ- W^NHrer Liebe mit dem hölzernen Sckreib- sdttetär"in Verbindung bringen?— R o sine. Hören Sie: der Secretät wird meinem Vormund sehr gefallen/ ihm Freu de machen;—dann werde ich sagen: Sehen Sie, lieber Vormund, was Ihnen gefällt, gefällt auch mir; was Sielieben, liebe auch t ich; —^ Sie wünschten einen Secretär zum Schreiben, und ich wünschte einen Svere- ^ tär zum — ff Gust. (eiusallend). Zttm Mann? — O / ich Glücklicher! Dieser Seaetär biu ich, wenn mich die schönste Hoffnung meines Lebens nicht täuscht. Habe ich Sie recht verstanden, thrme Rosine? — : n> j Rosine. So ist es! j Gust. Eine Frage noch, mein theures s Mädchen. Wird der Vormund dies« Wahl! s auch billigen? -»-r ! ? Rosine. Ich fürchte das Gegrntheü! ^ Einen Bortheil aber wird mir mein offenes H Bekenntniß wenigstens gewähren, daß e, i mich für die Zukunft mit seinen albernen ^ Liebeserklärungen verschonen^ wird. Doch, i lieber Gustav, verlassen Sie mich setzt, ick l fürchte, daß der Vormund —> ; Gust, Fürchten Sie nichts ! Er soll nur l kommen, ich werde ihm Rede stehen. Zck H werde sagen . Herr Oberförster, ich liebe Ihre Mündel, und werbe nun um Ihre ' Hand. — Nichts soll unS mehr trennen z und mit diesem Kusse. (zieht Rofiae näher» uo! Z küßt fie aus die Stirue) ernenne ick Dich ,r> j meiner Braut. m ^ j ^ Fünfte Scene. Gustav. Rosine. Birkenhain. Birkenh. ^ist ryHreyd her letzten Rede durch die Mittelthür eingrtrrten und fleht, wie die Bridr» fich küssen), Herr, was ist.dqß ? ... j Gust. (fich schnell fassend). So frage ich ^ Sie auch: Herr, was ist da-, uns so ustver schämt zu stören! uv, Birkenh. Ich glaube ga» Sie wollen nock den Beleidigten spielen. Gnst. Den Beleidigten nicht, aber den Küssenden. 5 Dirkeuh. Und wer gibt Ahnen da- Recht, meine Mündel zu küssen? Guss. Die Liebe und das Bewußtsein, daß sie meine Braut ist. Birkenh. Ähre Braut? — Gust. Und hoffentlich bald meine Frau, wenn Sie, Herr Oberforümeistcr— Rosine. Wenn .Sie, liebster Herr Vormund — Gust. Ihre Einwilligung zu unserer Verbindung nicht versagen möchten — Birk. Wie, mein Herr,Sie wagen es?— Gust. Als Brautwerber zu erscheinen? Ja wohl! Trotz dem Mangel an Glacehandschuhen und dem üblichen schwarzen Frack befinde ich mich auf Freiersfiißen und hoffe — Birkenh. Daß ich meine Einwilligung gebe? — Hoffen Sie nichts, es ist Alles vergebens! Gust. Bester Herr Oberforstmeister — Rosine. Lieber Vormund — Birkenh. Kein Wort weiter! Ich wiederhole: Hoffen Sie nichts! Alles ist vergebens ! Gust. Ist das Ihr unwiderruflicher Entschluß? Birkenh. Mein unwiderruflicher Entschluß! Gust. So muß ich Sie ersuchen, mich für lebenslänglich mit Kost und Wohnung zu versehen; denn ich nahm mir vor, nicht eher dieses Zimmer zu verlassen, alt bis Sie mir Ihre Einwilligung geben. Birkenh. Wie! Sie wollten — Gust. Hier bleiben! das versteht sich! Mein unwiderruflicher Entschluß! Mich brin- gen Sie nicht mehr auS Ihrer Wohnung. Dirkenb. Wie, Sie wollen den ganzen Tag in meinem Zimmer bleiben? Gust. O, es wird leider noch länger dauern, als einen Tag; vielleicht eine ganze Woche, ein ganzes Monat, ein ganzes Jahr, mehrere Jahre—vielleicht so lange ich lebe. Birkenh. Ich glaub«, Sie find wahn- finnig! Gust. Ja wohl, wahnsinnig verliebt m Ihre Mündel! nr Birkenh. Sie exlauben sich einen äußerst kühnen Scherz, und ich hoffe — ' , Gust. Hoffen Sie nichts! Alles istvezs gebens ! Peter und Paul (stoßen mit dem Stere- tär Christoph ans die Seite, so daß er za Bode« 'ällt, dringen in daS Zimmer und stellen den Secretär nahe bei der Thür auf die Erde). Christ, (am Boden liegend, spricht mit fast weinender Stimme). Himmel! Meine neue firmamentblaue Jacke ist schmutzig! (Aufspringend nnd im höchsten. Zorn,) Aber Ihr sollt es büßen! — IhrRäuber! Ihr Morde brenner! Ihr Jacken beschmutz«! Jhr>— Ihr—Ihr—jetzt gehen mir die Schimpfnamen aus. Fort, Ihr KerlS! Fort! Oder ick schlage euch todt! i Peter (mit der Faust drohend). Nicht rühren, oder — Paul (ebenfalls drohend). Nicht mucksen, sonst — Christ, (eingeschüchtert). Ich rühre und muckse mich ja so nicht; -7- ich sage nur, eS ist unverschämt, mich mit meiner neuen blauen Jacke auf den Boden zu werfen und in daS Haus zu dringen, wenn ich sage: eS darf Niemand herein! Peter/ Ei, wer kümmert fick um deine Jacke — Paul. Nnd um detne albernen Reben. Peter. Du bist ja als der dumme Christoph im ganzen Ort bekannt. Paul. Auch kennst Du nns — wir sind ja Schulfreunde. Peter. Und saßen oftmals in beinrr Gesellschaft auf der Eselsbank. 10 Christ. Wohl kenneich Euch; — Du bist der lange Peter und Du der dicke Paul! Das thut aber nichts zur Sache! Ich habe den Befehl, Niemand in das, Haus zu lassen. Paul. Und wir haben den Befehl, den Secretär hieher zu bringen. Christ, (im höchsten Schreck ausrufend). Secretär? Wer ist ein Secretär? — Wo ist rin Secretär? Wer, wo und was ist ein Secretär? Peter. Nun, das ist ein Secretär! (Tchiägt mit der stachen Hand auf den Secretär.) Wenn Du noch keinen kennst, dummer Christoph. Christ. Wie? — Was? — Das ist der bewußte Secretär? — Nicht möglich! Ihr haltet mich zum Besten! Wenn das ein Secretär ist, wo hat er denn die Hirschgeweihe? Paul (lachend). Die sitzen noch an deinem Kopfe. Peter. Zn Gestalt von zwei langen Ohren—wenn Du schon so dumm sprichst. Christ, (mit weinerlicher Stimme). Wehe mir, ich bin verloren! Die blaue Jacke ist schmutzig, und die goldenen Knöpfe werden sich in Prügel verwandeln. Es ist aus! Alles aus! Zch bin verloren! Achte Scene. Vorige. Rosine. Rosine flammt aus der Seitenthüre links, freudig ausrufnid). Was sehe ich? Der Sekretär? Ehrist. (für sich). Sie sagt auch Secretär! Er ist cs richtig! Was soll ich nun thun? Das Beste ist, ich sehe eine Weile zu, was mit diesem Secretär geschieht und dann — dann gehe ich zum Herrn Oberförster, falle reumüthig auf die Kniee und erzähle ihm Alle-! Rosine. Ach! Ich habe ihn schon mit Sehnsucht erwartet. Christ, (für sich). Mit Sehnsucht? Rosine (zu Peter und Panl). Stellt ihn doch weiter vor, daß ich ihn genauer be- ( trachten kann. ^ , (Peter und Paul stellen den Secretär in die Mitte der Bühne.) Rosine. Wie schön er ist; ganz meinem Gesckmacke entsprechend! Doch die Füße sind gänzlich mit Staub bedeckt, ich will — (Nimmt ein Schnupftnch und staubt die Füße des Sekretärs ab.) Christ, (für sich). Das Abstauben wäre nicht nölhig, wenn der Herr Förster kommt, wird er sich schon aus dem Staube machen müssen. Rosine (leise, mehr für sich, und vor die einzelnen unterstrichenen Wörter lauter betonend) Und hier auf der Obe flache des Sekretärs das Porträt meiner seligen Mutter, welches ich hinem machen ließ, um den Vormund recht oft an sie zu erinnern, die mick als kleines Kind ihm anvertrante. Christ. Was sagte sie? Ich verstand nur einige Worte, als: Vormund — kleines Kind — Mutter — Oberfläche — Secretär — das muß ich meinem Herrn sagen, vielleicht kann sich der aus diesen Worten etwas enträthseln. Rosine. Ach, die theuren Züge, ich muß ! sie küssen! (Küßt das Porträt, welches sich auf der Oberfläche des Sekretärs befindet. Kür sich, ! während sie in den Vordergrund tritt.) Ach! wäre sie doch am Leben, meine gute Mutter! Christ, (schleicht, als Rosine vorwärtSgeht, näher zum Secretär). Was hat sie denn eige«t- lich geküßt? (Sieht das Bild.) Aha! Ein ' altes gemaltes Frauenzimmer — da wäre I mir ein lebendiges zum Küssen lieber! Dock es wird Zeit, daß ich zum Herrn ! Oberförster gebe und ihm Alles haarklein erzähle. — Die Prügel werden nicht aus- bleiben — aber was thut's? Wenn er mick schlägt, daß ich ganz blau werde, dann will ich mir denken: Meine Zacke ist auch bla«, wird blau bleiben — während meine blauen Prügel vergehen. (Ab in die Seitenthür rechts.) Rosine (noch in Gedanken versunken). Ack>- meine gute Mutter! II Petet. Gnädiges Fräulein, befehlen Sie noch etwas ? Rosine (aus ihren Tedanken erwachend). Ach! Ihr seid noch da? Gut! Nehmt den Secretär und stellt ihn hier hinter die spanische Wand. (Für sich.) Da soll er verborgen bleiben, bis morgen zum Geburtstage meines Vormundes. Er wird ihn nicht bemerken — die Wand ist breit — und nichts läßt ahnen, daß hier einGeheimniß verborgen ist. (Prtrr und Paul stellen den Secretär hinter die Wand.) Rosine. Hier für eure Mühe! (Gibt Peter und Paul Geld.) Peter. Der lange Peter bedankt sich schönstens! Paul. Der dicke,Paul ebenfalls ! '(Peter und Paul durch die Mitte ab.) Rosine (allein). Ach, wie freue ich mich auf morgen, wenn ich meine Gratulation abstattcn und dem Bormundesagruwerde— Doch ich Höre kommen — seine Stimme — ChristophsStimme, — er scheint in heftigem Gespräche—fort! er soll mich hier nicht erbli- kken. (Ab in die Seitenthür links) Neunte Scene. Birkenhain. Christoph. Birkenh. (zornig). Wo ist er? Wo? Ich sehe ihn nickt! ^h"st. (sich verblüfft umsehevd). Ich auch nicht! Birkenh. Wo ist der Secretär? — Du sagtest, er ist hiet. — Christ. Er war hier; stand auf demselben Fleck, wo ich jetzt stehe. Birkenh. Und wo ist er jetzt? Christ. Das möchte ich sttbst gerne wissen. Birkenh. Und wie kam er in das Haus? — Christ. Das werde ich Ihnen gleich erzählen. Birkenh. Sprich! Christ. Hören Sie: Also ich ging auf Ihren Befehl zum großen Thor, um dort Wache zu halten; — wie ich so einen Augenblick lang stehe, bemerkt ich , daß der lange Peter und der dicke Paul auf unser Haus zukommen und — Birkenh. Und der Secretär ? Christ. Den hatten sie in der Mitte, und so trugen sie ihn. Birkenh. (welcher Christophs Worte nicht begreift). Wen—? Christ. Nun, den Secretär! Birkenh. Konnte er denn nicht gehen? Christ, (welcher Birkenhain'- Worte nicht begreift). Wer — ? Birkenh. Nun, der Secretär! C hrist. Herr Oberforstmcister belieben zu scherzen. Sie glauben, weil er vier Füße hat, so sollte er auch gehen können? Birkenh. (welcher nicht begreifen kann> Vier Füße?—Bursche! Dubist verrückt! — Wer hat vier Füße? Christ. Nun, der Secretär! Birkenh.Höre! dieser Scherz ist zu toll! Christ.Kein Scherz! Ich versichere Sie, er hat vier Füße; zwei vordere und zwei Hintere. Birkenh. Bursche!b»st Du betrunken? Siehst du in deinem Rausch Alles doppelt ? — Christ. Bewahre! Dann hätte ich gar acht Füße sehen müssen. Hören Sie weiter! Birkenh. Sprich! Christ. Also ich ging hinunter zum großen Thor — Birkenh. Das hast du schon einmal gesagt. Christ. Nun, so brauche ich es nicht zum zweiten Male zu wiederholen. Also hören Sie: ich ging hinunter zum großen Tbor, ja so! das habe ich schon erzählt — also der Peter und der Paul hatten den Secrr- tär in ihrer Mitte und kommen auf mich zu; — ich denke, sie wollen mich fragen, warum ich meine neue blaue Jacke heute angezogen habe, und bleibe deshalb ruhig stehen. Es war aber anders! Sic wollen in ir da-HauS! Ich schreie: zurück! Si^ schreien: vorwärts! stoßen mich auf die Seite, werfen mich mit meiner neuen blauen Jacke auf den Boden, und auf ja und nein staub hier der Secretär mitten im Zimmer. Perer und Paul standen neben ihm, bewachten ihn, und so konnte ich ihm nichts thtm! Birkenh. (für sich). Ich verstehe; er drang mit Gewalt in mein Haus, und Peter und Paul mußten ihn, bei diesem verbrecherischen Streich durch'ihre Kräfte unterstützen. (Zu Christoph.) Nun verstehe ich die Sache, nun ist mir Alles klar. - Christ. Es freut mich, daß Sie endlich einsehen, daß er richtig, wie ich sagte —- vier Füße hat — Birkenh. Bursche! Fängst Du schon wieder mit deinem dummen Geplauder and Christ. Sie glauben also meinen Worten noch nicht, Herr Obersorstmeister? Thut mir sehr leid! doch hören Sie weiter: während wir noch stritten und disputirten, kam Fräulein Rosine aus ihrem Zimmer; als sie den Secretär erblickte, lief sie ihm gleich entgegen und riefr »Er ist da! Ach, ich habe ihn schon mit Sehnsucht erwartet! * Birkenh. Schrecklich! Schrecklich! Mit Sehnsucht! Meine Wette! Meine verlorene Wette! Er ist im Hause! Erzähle weiter! Christ. Dann ließ Fräulein Rosine, durch' Peter und Paul, den Secretär sich öorstctten. Birkenh. Porstellen? Wie? von den beiden Bauerntölpeln? — Vorstellen, sagst du? Wozu diese Vorstellung, da sie sich gegenseitig kennen? Christ. Freilich, sie hat ihn gleich erkannt und muß ihn früher schon wo gesehen haben. Birkenh. Und was geschah weiter? Christ. Fräulein Rosine sagte dann, daß der Secrerär sehr schön und ganz nach ihrem Geschmacke sei, daß er ihr sehr gut gefällt. Birkenh. Und das sagte sie ihm frei und offen in'S Gesicht? Christ, (welcher wieder nicht versteht). Wem? Birkenh. Nun, dem Secretär! Christ. Aber, Herr Forstmeister, er hat ja gar kein Gesicht: - . Birkenh.'Wer? Christ. Nun, der Secretär! n Birkenh. Kein Gesicht —? Bursche, Du bist betrunken! Christ. Auf Ehre, nein! Ich bin gänzlich nüchtern und was ich sage, ist auch nüchtern. Unterbrechen Sie mich nicht immer. Dann hat sich Fräulein Rosine vor dem Secretär niedergeknieet. Birkenh. Du willst sagen, er hat sich vor ihr niedergeknieet? Christ. Herr Forstmeister, ich fange an zu glauben, Sie haben ein Gläschen über den Durst getrunken, weil Sic Alles verkehrt verstehen. Wenn ich sage: sie hatPch vor ihm niedergeknieet, so ist daS wirklich so und nicht anders, und Sie können mir glauben. Birkenh. (für sich). O, ich ahne, sie gestand ihm knieend ihre Liebe. (Zu Christoph ) Was geschah weiter? . ' Christ. Fräulein Rosine nahm ihr' Schnupftuch — Birkenh. Und weinte? Christ. Keine Idee! Sie.stäubte ihm damit die Füße ab, weil sie voll Staub und schmutzig waren. Birkenh. Wie? Höre ich recht? Sie erniedrigte sich — > - Christ. Natürlich; wenn man Jemand die Füße abstäubt, muß man sich erniedrigen. ' Birkenh. Es ist nicht möglich! Christ. Es ist doch so! Ich sah eS mit diesen Augen, wie sie ihm die vier Füße abstäu— ^ Birkenh. Bmsche!'Ich erwürge Dich, wie Du nochmals Christ, (einsallend). Die vier Füßei'in den Mund nimmst, wollen Sie- sagen? Gut! Ich spreche kein Wort mehr davon, Sie glauben es doch nichtsi Atzt über kommt was RäthselHaftes: Nachdem die Fußabstäuberei vorüber war, spmch r Fräu» lein Stosine ganz leise, als wollte sie sich selbst ein Gebeimniß anvertrauen, niedrere Worte — Birkenh. Und die lauteten—? Christ. Sehr verdächtig! ..Birkenh. Und wie? Christ. Wie? Das kann ich eigentlich nicht sagsn, da ich nur Folgendes vernahm, als: kleines Kind —Mutter -^ Oberfläche — Secretär — BirikeNh. Still, geschwiegen! Still, geschwiegen! Ich ahne — ahne Schreckliches! Kleines Kind — Mutter — Secretär — sollte sie — ein Fehltritt — es wäre entsetzlich ! Christ. Das ist aber noch nicht Alles, jetzt kommt^ erst der Schluß, der ist komisch! Sie bat nämlich den Secretär geküßt. Birkenh. (packt Christoph bei der Brust). Geküßt! Geküßt —? Du lügst! Du lügst, Schurke! Christ. Das heißt, nicht den Secretär, sondern das Gesicht von einem alten Frauenzimmer — Birkenh. Was für ein altes Frauen- Ummer? Christ. Eigentlich kein ganzes Frauenzimmer, sondern nur den Kopf von einem Frauenzimmer. Birkenh. Kopf von einem Frauenzimmer? Kerl, was sprichst Du für tolle» Z«ug? Christ. Ich spreche ordentlich, aber Sie verstehen mich nicht. Birkenh. Natürlich, weil Du einen Rausch hast! Christ- Herr! Ich bin nüchtern! Birkenh^ Du bist betrunken! Ehrist. (zornig werdend). Jetztwirdcsmrr zu arg! Mein unbetrunkenes Gcmüth dürfen Sie nicht antasten, sonst bin ich. gezwungen zu erklären, daß Sie einen Rausch haben. Birkenh. (zornig). .Wie? Du unterstehst Dich, mir so etwas zu sagen? Ehust»iO-ja^W«il es die Wahrheit ist!. Ich spreche so vernünftig, wie ein dummer Mensch nur vernünftig sprechen kann, und Sie verstehen mich nicht. Sie. sind betrunken, Herr Qbersorstmeister, legen Sie sich nieder. ^ u ur Birkenh. (packt Christoph bei der Brust und rüttelt ihn). Bursche! Bursche,!. Elendes, nichtswürdigeö Lügenmaul- ich erwürge Dich! ^ „ ? .2- Christ. Ganz gut! Zerreißen Sie mir nur meine blaue Jacke nicht! ,-t- Lassen Sic mich los! Ich schreie! Hülfe! Feuer! Meine blaue Jacke! Rettung! Rettung! I Zehnte Scene. ' ln . Vorige. Rosine (von links kotnwknd) Rosine. Was ist geschehen? , Christ. Er zerreißt mir meine blaue Jacke! Rosine. Was gibt es denn? Birkenh. (läßt Christoph los und packr Rosine bei der Hand). Was eS gibt? Du frägst nock? Er ist also hier? Vielleichtuoch hier? Wo hältst Du ihn versteckt? Rosine. Wen? Birkenh. Wen? Wen? Wen anders als den Secretär? O, spiele nur die Un schuldsvolle, ich weiß Alles! Alles! Weiß auch, daß Peter und Paul ihn bieber- brackten —7- Rosine. Sie wissen schon? Birkenh. Alles! Dieser Schurke, dieser betrunkene Schlingel, der Christoph, hat mir Alles erzählt. n- -,iö< , Rosine. O, die Plauderrasche! ^, Birkenh. Er ist also noch dier^Du hältst ihn versteckt? Rosine. So ist es! Warum sollte ich läugyen — Birkenh. Wo ist er? Wo —? Ich will ihn sehen! Rosine. Das sollen Sie auch; — aber nickt heute, erst morgest! Birkenh. ÄÜie? Soll er vielleicht die 14 Nacht ln meinem Hause zubriugen? Nichts > da! Ich will ihn sehen! Äuf der Stelle! Wo ist er versteckt? Wo? Wo? Wo? Rosine. Nun denn, wenn Sie sich selbst um die Ueberraschung bringen wollen, so erfahren Sie: (Deutet aus die spanische Wand.) Dort ist er! Birkenh. Dort? Hervor mit ihm! Hervor! Hervor! (Mt zu der spanischen Wand uud wirst sie bei Seite aus den Boden. Als er dm Schreibtisch erblickt, bleibt er wie erstarrt vor demselben stehen,) Was ist das? Rosine. Ein Schreibsecretär, wie Sie sehen, lieber Vormund. Christ. Mit vier Füße«, wie ich immer sagte. Sehen Sie nur, er hat zwei vordere und zwei Hintere. Rosine. Ein Geschenk, welches ich Ihnen zu Ihrem morgigen Geburtstage — Birkenh. Wie, Rosine, Du wolltest mir damit — ach Gott, mein Kopf! Ich bin ganz verwirrt — verzeihe, mein ungestüme-Betragen, liebeMündel — auch Du, Christoph — Crist. Ich verzeihe Ihnen meine Betrunkenheit. Birkenh. Aber ich dachte — ich glaubte — der lebendige Secretär, Herr Schneller, wäre hier. Ein Irrthum! Ein Miß- verständniß! Gottlob! noch ist die Wette nicht verloren! Gust. Gottlob! DieWette ist gewonnen! (Es öffnm sich die beiden Flügelthüren des Echreibsecretärs und mau erblickt Schneller, ganz zusammeugebückl, in demselbm sitzen; er halt mit beiden Händen ein großes Hirschgeweihe, durch welches er den Kops durchsteckt.) Birkenh. (laut aufschreieud). Ha! Er ist doch da, der lebendige Teufel! Rosine. Darf ich meinen Augen trauen ? Gustav! Gust. Ich bin hier uud habe meine Wette gewonnen! Komme auch zugleich als Gratulant zum Geburtstage Ihres Herrn Vormundes und bringe dieses Hirschgeweihe als Angebinde — Birkenh. Danke, danke für Ihre zarte Aufmerksamkeit! Rosine, Wie kamen Sie aber in diesen Schreibsecretär? Gust. Auf eine ganz natürliche einfache Weise. Ich wußte, Peter und Paul, hatten den Befehl, ihn hieherzubringen; ei» klsj- nes Trinkgeld verschaffte mir den Eintritt in diese Ertraloge und so kam es, daß sie mich , jin dieses Zimmer trugen. Christoph hatte, ohne zu wissen, Recht, als er sagte: der Secretär sei im Hause. Nun, lieber Papa Birkenhain, bitte ich, mtt Rosine, um Ihren Segen — Rosine. Undj Sie werden ihn gewiß nicht verweigern, lieber Vormund? Birkenh. Verweigern —? warum sollte ich — ? Er hat die Wette gewonnen. (Für sich.) Ich muß zum bösen Spiele gute Miene machen. (Zu Schneller uud Rosine.) Kinder, ich segne Euch! Zum Schluffe muß ich Euch aber wirklich bekennen, ich war «in alter Thor, der sich eindildete, Rosine könnte mich lieben und heiraten. Du hast Recht, Rosine, Jugend liebt nur wieder Jugend! Graue Haare sind nicht für die Liebe, sondern für die Achtung geschaffen! Zwei alte Jägersprache kann ich mir nun zurufen: Alter, Du hast als L-berforstmei- ster einen Bock geschossen! Der zweite heißt: Alte Füchse müssen geprellt werden! E n d e. *) /ct- ? il N' *) Dieses Stück ist den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt und durch die Theater- Agentur de- Herrn Franz Kratz in Wim zu beziehen M«ton Bittuer. ^ In der Wallishaufser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Men find ztl haben.: Eine innere Stimme. , 11 ?" Original-Lebensbild mit Gesang in drei Acten vsit Johann Grün. ' 12 Sgr. od. 60 Nkr. Kopf und Herz. '.n: . >iii: Original-Lebensbild mit Gesang und Tanz iu drei Acten " -ÜK . von Theodor Flamm. 12 Sgr. od. 60 Nkr. , Äer Hers Mrgemeiller Mil seillk Mmlie. Charakterbild mst Gesang in drei Acten , von Friedrich Kaiser. 12 Sgr.'od. 60 Nkr. Ein ernster Heimts-Antrag. ' Lustspiel iu einem Act von Sigmund Schlesinger. , 7^ Sgr. od. 35 Nkr. Ein Musikant, oder: Die ersten Gedanken. Komisches Characterdild mit Gesang m drei Acten . t: .i-- --z ' . von Ludwig Gottsleben. 12 Sgr. od. 6V Nkr. Za derWststjShaufsepsche» Buchhandlung (Josef Klemm) ja »ten, Stadt, hohe« Markt Nr. 1, ist erfchisäen: Wirme-T aus Stücken von: Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Elmar, Flamm, Gottsleben, GroiS, Grün, Grüudorf, Haffner, Juin, Kaiser, Langer, Megerle, Nestroy u. A. Drri Hefte. Gr 8. geh. Preis 1 fl. 50 Nkr oder 1 Thlr. Jedes einzelne Heft 50 Nkr. oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg D. F. 1- Da möcht i halt das G'wissrn sein. 2- Requifiten-Couplet- 3. Figuren-Couplet. 4. Nachher wird es schon werd'n. 5- Glöckchen-Couplet. 6. Biblisches Couplet. 7. Falsche Benennungen. 6- Dann ist sie da die besstre Zeit. 9- 'S gibt halt doch gute Leut'. — Kerg u. Grün. 10- Volkslieder. 11. Aber geb'n thut's es nit. — Derlu, Alois.' 12. Jetzt da war - halt Noth, daß wer autauchen thät. 13. Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hält'. 14. Zu was danu die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lacheouplrt. 16l! Aus einer Lhronika. 17- Früchte, die verboten find. 18 Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20. Mythologie-Couplet — Berla u. Bittner. 21- Ohne Umschnriderei. 22- Die papierene Zeit. 23. Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Bittner Anton. 24. Thier« Cyuplet 2ö- .Das ist noch Geheimaiß. 26- Wer hätt es geahnt. 27. Lbromgua seLnäulsusv. — Bittner u. Morliinder. 28. Aehnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29- Und so wird hinterrücks g'redt. —- Böhm, Joses 30. Na da sieht man's doch, daß's an der Eiuthrilung fehlt. 31. Wenn man die Wirkung sieht and d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32 Maschinen-Couplet. 33. Wo man was sucht, dort fSch't «M rs nicht. -j-t Elmar, Carl. 34. O Spiel der Natur. 35. Lied des Teufess. 3S- Ean glaubt «cht was in einem Menschm oft steckt. 3?. So urhmen sich die Dinge' vü» "der Hehhlirite aus. 38. O uugehmre Ironie. 39- Da möcht' ich halt wissen, was nachher gfchicht. Inhalt des zweiten Heftes. Elmar, Carl. 40-Was lieget da dran. 41. Za so grht's, wenn man heut zu Lag Geister citirt. — Frldmann u. Flamm. 42- Mit Kleinem sängt man au, mit Großem hört man auf 43- So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. —Flamm, Tlstod. 44. Keine Rose ohne Dornen. 45. Ge- ^ sundhrit und ein recht langes Leben. 46- Jedes Häserl hat sein Decker!. 47. Repertoire-Couplet. — Flamm u. Wimmer. 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenkcn thät- 49. So behilft sich halt Jeder, fv gut als er kam» - Gottsleben, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 51. Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52- Na, daS kennen, wir schon 53 Pfni Teufel, das Ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54 Wir bedanken »nS sehr. —- Hrün, Johann. 55- Was ein Narr ist. 56. Ein Chineser. — Gründorf. 57 's ist just net nöthl, aber uothweudi war's. — Haffner, Carl- 58. Da find's mäuserlstill. 59 Es steckt was dahinter, ich wett. — Hopp, FriÄrich. 60- Wann der mein Kapperl hält'. 61- Ja, ich kann's nit ändern, es is Halts so. — Juin 62- Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht. 63 Wozu Mancher eigentlich geboren. 64. Fiakerlied. 65 Zu was von den Göttern eine Auskunft begehren. — Juin u. Flrrx. 66 Da wird einem heiß, kalt warm! 67. Ungeheuer genannt! — Kaiser, Friedrich. 68. Ich bitt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. Inhalt des dritten Heftes. Kaiser, Friedrich. 69. Es muß ja nicht gleich sein. 70. Da braucht mau Heim helllichten Lag a Lateru. 71- Jetzt das gchört aus rin anderes Blatt. 72. Die find halt g'ßcheidt. 73. Das ist so nobel und so billig dabei. — Langer, Anton. 74- Was ist der Unterschied 75. Aber da mag Keiner net. 76-Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 77. Es schaut nur gemeiner aus. 78- Ju früh und zu spät. 79. Man kann sij^ü wohl denken» aber saHen darf'man's nicht. 80. Wann mich der fragen thät. — Megerle, Cher. 81. Marsch mit dem in d'Buttm. 82. Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. -Nestrvy. 63. Und-'s ist Alles «et wahr. 84. Kometen-Lied aus »Lnmpaei*. 85- Aus was sich Mancher hinauswachsrn kann. 86 Das wär ganz etwas Neu's- 87. Und man kommt aus kein Grund. 88. Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 89- Ja, Hot h«m die Sprach' da kein anderes Wart, -e- varry, A. M. L>- der wohl dir Wahrheit wird sagen. Druck und Papier von Leopold Sommer in Wien. -X, l. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Das Soldatenkind. MKMck mit Gesang an- Tay in zwei Abtheilungen und sechs Bildern nebst einem Vorspiele von Theodor Flamm. Musik vom Kapellmeister A. M. Storch. (3m k. k. priv. .Theater in der Josefstadt in Wien zuerst mit glänzendem Erfolge gegeben.) Personen des Vorspieles: Schnorr, Privatier. Eulalia, seine Frau - Hartmann, Gutsbesitzer, i » ^ Tochter, j Nordheim, Hauptmann. S Nosa seine Tochter s3 Jahre alt). ? rin alter Diener de- HauseS Nordheim. ^ Dr- Sommer, Arzt. Nagl, ^ Serichtkbramte. Navi, Köchin V Mali, Stubenmädchen I Martin, Gärtner > bei Schnorr. Johann, Bedienter l Christof, Kutscher / Ein GerichtSdimer. Soldaten. Dienstboten. Ort der Handlung: Ein Dorf in der Nähe der italienischen Grenze Zeit: 1848. Hmtn-Repatoire Nr. Idü. t Personen: , I. Abtheilung. (In drei Bildern.) Erstes Bild: Der Muß. Gustav Wollner. Quirin Stachelbrand, sein Freund Clara. Modistin. Schnorr. Eulalia. Rosa. Jakob. Stelzinger, Hausbesitzer. Gebhart, Fabriksarbeiter. Margaretha, sein Weib. Breitling, Gsundwächter. Äol». t ^ Psopler, > Hausmeister.- . Knoll, t Parteien, Kinder, Hausmeister. (Spielt 17 Jahre später als das Vorspiel.) Fabian Wallner, ein reicher Privatier. Gustav, sein Neffe. Quirin. Schnorr. Eulalia. Rosa. Gustav. Quirin. Zweites Bild: Ein Opfer des Haffes. Clara. « ^ Ein Dievstmann-^MU'/ Drittes Bild: Die Prüfung. Wallner. Jacob. Ein Sollicitator. Ein Diener de« Wechselgerichtes.. '1' ! .1- 1 Wallner. Gustav. Stachelbrand. Clara. Schnorr. Eulalia. Wallner. Gustav Wallner. Rosa. Schnorr. Eulalia. Quirin Stachelbrand. II. Abtheilung. (In zwei Bildern.) Erstes Bild : Ein häuslicher Krieg. Frau von Muckler. Frau von Felbermayer. Krau von Zangelspitz Frau von Giglbauer. Christof, Bedienter. Fanni, Stubenmädchen. r.-'.'j l i i, ^ Zweites Bild. Redliche Gauner. Fink, Bronner, Dorseld, Clara Jacob. deffen Freunde. --lüH Gäste, Tänzerinnen, Bediente. (Eleganter Salon. Hintergrund eine von Säulen getragene Bogenwölbung, durch welche man in eine reizende Landschaft hiuausfieht. Im Vordergrund rechts ein gedeckter Tisch. Rechts und links Sritcnthüren) Erste Scene. Schnorr, Eulalia (am Tisch fitzend). Martin, Christof, Johann, Mali, Nani und mehrere Dienstboten (nahe bei ihnen stehend und heftig gesticulirend). Chor. Nein, wir warten länger nicht! 's wird zu arg uns schon die G'schicht', Wir woll'n endlich unfern Lohn, Hab'n zu lang gewartet schon. Zahlt muß werd'n und zwar noch heut', 's ist fürwahr auch d'höchste Zeit. Und krieg'n wir nicht heut' noch 's Geld, Dann geht's schief, ja, dann geht's g'sehlt! Eul. Was ist denn das für eine Manier? Schnorr. G'hört sich das, so aufzutre ten gegen die Herrenleut'? Die Dienstb. (zugleich). Wir haben lang' genug gewartet! Jetzt reißt uns die Geduld! Eul. Undankbares Volk! Ist das der Dank, daß wir Euch einen so großen Lohn Monate und Jahre lang — schuldig 'blieben sind. Schnorr. Und daß wir Euch alle Jahr zu Weihnachten, zu Ostern, zu Pfingsten, zum neuen Jahr und am Namenstag jedesmal was versprochen haben?! Nani. Versprochen haben Sie uns freilich allerhand, aber g'halten haben's nie was. Schnorr. Was?! Du unterstehst Dich-?; Dienstb. Unfern Lohn wollen wir hab'n! Eul. Ha, Ihr wagt in solchem Ton mit uns zu reden? Dienstb. Unfern Lohn wollen wir hab'n! Eul. Habt's doch nur ein wenig noch Geduld. In ein paar Tag'n werdet Ihr ganz gewiß baar ausbezahlt werden. Dienstb. Das glauben wir nicht! Schnorr. 'S ist gräßlich, die Leut' glaub'n an keine Baarzahlung mehr. Mali. Sie hab'n uns schon oft genug zum Besten gehabt, nnd jetzt trau'n wir Ihnen schon gar net mehr, wo's bereits vom G'richt im Haus sein und Alles pfänden. Eul. Seid's deshalb ganz unbesorgt. Schnorr. Der Licdlohn geht den andern Schulden voraus. Mali. Ja, wie lang aber oft so a gerichtliche Verhandlung dauert! O, wir wissen schon, wie viel Papier gewöhnlich verschrieben und wie viele Pfund Stempeln da gewöhnlich verpickt werden. Aber so lang' warten wir nicht! Dienstb. Nein, so lang' warten wir nicht! Mali. Wir müssen augenblicklich unfern Lohn hab'n oder wir bleib'n keine Stund' mehr im Haus! Dienstb. Ja, augenblicklich müssen wir unfern Lohn haben! Eul. So habt doch Rücksicht! Mali. Was? Mit Ihnen soll'n wir a Rücksicht hab'n? Na wär' der Müh' werth. Wer ist denn Schuld, daß Sie jetzt in dem G'srett sein? Niemand Anderer als Sie selber. Hätten's net so fein paperlt und pi- perlt. Sie lassen Jhnen's ja jetzt net amal noch schlecht geh n! Schnorr. Ah, das ist ein böses Volk, die möchten, daß es uns schlecht gehen sollt! Nani. Leb'n ja jetzt noch ganz nobel, und essen Brathendl, während Sie uns den Lohn net zahl'nl Schnorr. Meine lieben Kinder, die 4 dringenden Schulden muß man zuerst tilgen: den Lohn sind wir Euch schuldig, aber Brathendcl zu essen, das sind wir uns schuldig. Nani. Was, heanzcn auch noch?! Na warten's, das Heanzen wird Ihnen ein- 'bracht. Schaut's, thäten die noch heanzen! — Jetzt bleib'n wir ka Minuten mehr im Haus, und weg'n rückständigem Lohn werden wir beim Bezirksgericht klagen! Alle Dienstb. Ja, das thun wir. (Ab in die zweite Thür links.) Eul. Ist das ein unverschämtes Volk! Schnorr. Woll'n die ein'n Lohn! Eul. 'S ist wahr, sie hab'n bereits verdient, aber krieg'n denn Andere immer das, was sie verdienen? Schnorr. Nein, gewiß nicht! — Denn wenn wir z. B. immer das kriegeten, was wir verdienen; könnten nicht genug Haslinger wachsen. Zweite Sceue. Hartmann, Keil, Nagl, Gerichtsdiener (kommen aus der zweiten Thür rechts). Vorige. Hartm. (zu Schnorr). Sie lassen also wirklich die Pfändung vor sich gehen, und geben sich keine Mühe, das Geld herbeizuschaffen, das Sie benöthigen, um meine Forderung wenigstens theilweise zu tilgen, und diesen gerichtlichen Act zu systiren? Schnorr. Nein, Herr von Hartmann, ich gebe mir keine Müh', weil ich weiß, daß alle Müh' umsonst wär; denn aus mein G'sicht leiht uns Niemand mehr ein Geld. Eul. Ja, nicht einmal auf mein G'sicht! Schnorr. Na und das ist doch ein G sicht zum z'leihev nehmen. Keil. Nun denn, so fahren wir fort mit der pfandweisen Beschreibung und gerichtlichen Schätzung. (Ab mit Nagl, Hartmann. Verichtsdiemr durch die erste Thür rechts ) Schnorr. Da kann man sehen, wie die Herrn sein, so lang man zahlt, ist von ein' . Achten und Schätzen gar ka Red; wie man aber nicht zahlt, gleich kommt die Schätzung! Eul. Schätzung! Pfändung! Schnorr. Und Feilbietung! Eul. Schauerlich! Wenn ich bedenk, in was für glänzenden Umständen ich einmal war und jetzt — jetzt wird unser ganzes Eigenthum mit'n Amtsstegel belegt und wir sein dann — Schnorr. Petschirt! Eul. Auch meine Aussteuer wird mit- gepfändet. Schnorr. Die ist so schon wurmstichig! Eul. Ach, hätt' ich damals, wie mich meine Aeltern zu unserer Vermälung aus- stafflrt haben, wohl geahnt, daß ich auf solche Art um die schöne Anssteuer einst kommen werd'?! Schnorr. Tröst' Dich! Wir brauchen keine Aussteuer, wir haben andere Steuer genug! Eul. Wann unser gepfändetes Eigenthum zur Tilgung nicht hinreicht, werd'il wir am End' gar noch g'setzt! Schnorr. Das wird unS sehr gut thun; wir haben bei dem Schuldenmachen g'nug herumlaufen müssen, bis wir die Gelder auftrieben haben! Aus so a Herumlauferei ist'S dann sehr ersprießlich, daß man a bißl sitzt und ausrast! Eul. O, warum hab'n wir Schulden gemacht!? Schnorr. Warum? Weil wir kein Geld g habt hab'n. Eul. Wir hätten uns einschränken ^ sollen. I Schnorr. Geh', geh', mach' keine solche G'schichtcn! Hab'n denn wir allein Schulden? Da gibt's noch ganz andere Leut', sogar ganze Länder, die Schulden haben. Eul. Ja, aber die Länder können nicht eing'sperrt werd'n. Schnorr. Schad'! Da könnten's doch nicht gleich wieder neue Schulden machen. 5 Eul. Wenn wir uns nur ein wenig selbstverläugnet hätten, wär's nicht so weit mit uns kommen. Schnorr. Ja, Selbstverläugnung ist eine schöne Tugend, und von nun an werden wir sie auch üben. Eul. Jetzt ist's schon zu spät. Schnorr. Im Gegentheil, g'rad' jetzt ist der paffende Zeitpunkt, wo wir Selbstverläugnung an den Tag legen müssen, denn jetzt werden uns unsere Gläubiger oft aufsuchen — wir aber werden für sie nie zu Hause sein, denn wir sind tugendhaft geworden, und werden uns selbstverläugnen. Eul. Grad' jetzt, wo Krieg ist, wo in einemfort Truppen durchmarschiren und wir alle Augenblick Einquartierung krieg'n, muß das noch sein. Schnorr. Ja es ist eine schauerliche Malice des Schicksals, wir soll'n Andere einquartiren, uud werden selber bald ausquartiert sein. Eul. Wann's nur mit der Pfändung bald fertig wären, bevor noch der Hauptmann, den wir im Quartier haben, nach Haus kommt, sonst sind wir vor dem auch noch blamirt. Schnorr. Da kommt er g'rad'! Eul. Sv schön! Dritte Scene. Nordheim. Vorige. Schnorr. Schon wieder zurück, Herr Hauptmann? Nvrdh. Ja wohl, und zwar unverrichteter Sache. Ich wollte einem benachbarten Gutsbesitzer, Herrn von Hartmann, einen Besuch machen, traf ihn aber leider nicht zu Hause. Schnorr. Den haben Sie freilich nicht zu Haus treffen können, denn er ist so eben mit mehreren Herren von Gericht bei uns. Eul. (schnell). Auf Besuch nämlich. Nordh. Wie, Herr von Hartmann ist hier im Hause? Schnorr. Ja wohl, der Herr von Hartmann und die Herren vom Gericht. Nordh. Sie stehen also in intimer Beziehung —? Schnorr. Ja, wir stehen in sehr intimer Beziehung — Eul. O die Herren achten und schätzen uns sehr. Schnorr. Sie schätzen unser ganzes Haus, Alles, wie's — Nordh. Dieser Umstand könnte mir sehr zu Statten kommen. Schnorr. Was? Daß unser Haus und Alles, wie's liegt und steht — Eul. (Schnorr stoßend). Aber unterbrich doch nicht immer den Herrn Hauptmann. (Zu Nordheim.) Bitte, nehmen Sie Platz. Nordh. (setzt sich). Hören Sie denn, auf welche Art mir der Umstand, daß Sie in freundschaftlicher Beziehung zu Herrn von Hartmann stehen, von Nutzen sein könnte. Hartmann hat eine Tochter — Eul. Von der haben wir gar nie was g'hört. Nordh. Ich lernte sie vor vier Jahren in Wien kennen, wo damals ihr Vater domicilirte. Gar bald entbrannte mein Herz für dieses himmlische Wesen in Liebe. Eul. Na ja, bei die Herren vom Militär geht das g'schwind. Schnorr. Woher weißt Du denn das? Eul. Ich — ich Hab' mir's sagen lassen. Nordh. Ich war so glücklich, gleiches Gefühl für mich in Louisens Brust anzu- fachcn. Leider wurde unsere Liebe von dem Vater des Mädchens nicht gebilligt, und obgleich ich die redlichsten Absichten hatte und im Besitze eines großen Vermögens, trat er dennoch unserem Verhältnisse energisch entgegen. Schnorr. Das macht nichts, die verbotenen Verhältnisse sind die interessantesten. Eul. Woher weißt denn Du das? Schnorr. Ich — ich Hab' mir's sagen 'lassen. 6 Nor dH. Als Hartmann endlich erfuhr, daß der Bund, den wir für's Leben miteinander geschloffen, unauflöslich, und daß Louise bereits Mutter sei, da erreichte seine Wuth das höchste Maß, und er stieß sein einziges Kind, diesen Engel an Sanft- muth und Güte, mißhandelnd zum väterlichen Hause hinaus. Eul. Der Unmensch. Nor dH. Wie oft haben wir uns seitdem an ibn gewendet, seine Verzeihung zu erwirken , eine Versöhnung herbeizuführen, doch leider immer vergeblich. Darüber grämt und härmt sich meine Louise ab und bereits hat dieser Schmerz, dieser Gram ihre Gesundheit, wie ich fürchte, tief untergraben. Als ich bei meinem Ausmarsch aus Wien, wo ich sie mit unserer kleinen Rosa zurückließ, von ihr Abschied nahm, sah sie recht blaß und leidend aus. Eul. Die Arme! Nordh. Vielleicht gelänge es Ihrer freundschaftlichen Vermittlung, jenen Mann versöhnlicher zu stimmen. Schnorr. Na, wir werden's halt versuchen. Eul. Und werden ihm recht zureden. Nordh. O, erweisen Sie mir diesen Liebesdienst, Sie verpflichten mich zn ewigem Dank. Eul. Recht gern. Schnorr. So was ist ja ein Mensch dem Andern schuldig. Eul. Es ist zwar oft schwer mit diesem Hartmann zu reden — Schnorr. Ja, b'sonders über so Sachen, die ein Mensch dem Andern schuldig ist. Eul. Aber wenn wir mit ihm reden — Schnorr. O ja, wenn wir mit ihm reden — Vierte Scene. Jacob. Vorige. Jacob (mit Reisegepäck, erscheint im Hintergründe und ruft zurück). Ja, ja, da ist der gnädige Herr — Nordh. Jacob, Du hier? Jacob. Ja, ich bin da. Nicht wahr. > das überrascht, Euer Gnaden? Wcrd'n ! gleich noch mehr überrascht sein, denn ich bin nicht allein da. Fünfte Scene. Rosa, dann Louise, Vorige. Rosa sauf Nordheim zueilend). Vater, Vater! Nordh. Rosa! (Küßt das Kind.) Aber , wie kommst Du hieher, wo ist die Mutter? Rosa. Dort kommt sie. Nordb. Louise! Auch Du hier? Louise (in Rrisekleidtrn). Vergib, ich konnte dem Drange nickt widerstehen, Dich hier aufznsucken. Nordh. O mein Gott, wie blaß Du bist! l Führt sie zu einem Stuhl.) Louise. Die Reise hat mich erschöpft. (Setzt sich.) Nordh. Du hast eö gewagt, trotz deiner Kränklichkeit eine so weite Reise zu unter- > nehmen? Louise. Meine Krankheit eben be- j stimmte mich dazu. - > Jacob (zu Nordheim). Euer Gnaden, ! ich Hab' alle Vorstellungen dagegen, braucht, ^ aber leider umsonst. Louise. Bald darauf, als Du von uns geschieden warst, verspürte ich ein immer rascheres Abnehmen meiner Kräfte, und immer mehr gewann ich die Ueber- zeugung, daß an eine Heilung meines Leidens nicht mehr zu denken sei. Eines Tages überkam mich plötzlich die Furcht, > der Tod könnte mich ereilen, ehe ich nocb einmal Dich gesehen, ehe ich noch die Der zeihung meine- Vaters erlangt hätte. Mir war, als läge ich bereits auf dem von fremden Menschen umlagerten Sterbebette, und als suchte mit letzter Anstrengung mein matter Blick vergeblich unter den fremden Gesichtem nach deinem, nach meines Paters Antlitz. Verlassen von Dir, unser- 7 söhnt mit meinem Vater, aus dieser Welt zu gehen, der Gedanke durchschauerte mein Innerstes. Da kam mir die Nachricht, daß Du in dem Orte einquartiert bist, wo gegenwärtig mein Vater domicilirt. Ick raffte mich auf, richtete für mich und unser Kind Alles zur Reise und eilte dann, von dem alten treuen Jacob begleitet, hierher. Hier, o Heinrich, will ich nun gern sterben. Schnorr (der theilnahmsvoll zugchört, geht nun, einen Entschluß fassend, rasch ab). Nor dH. Denke doch nicht daran, Du wirst nicht sterben. Rosa Nein, Mutter, Du darfst nicht sterben. Louise. Laßt mich immerhin daran denken. Jetzt ist der Gedanke nicht mehr fürchterlich, an deiner und meines Kindes Seite, versöhnt mit meinem Vater, der der Sterbenden seinen Segen nicht versagen wird, werde ich ruhig und gefaßt hinaus- gehen aus dieser Welt. Nordh. Nicht doch, Louise. Nicht eine Sterbende wird dein Vater segnen, seine Verzeihung wird Dir die Gesundheit, wird deiner Seele den Frieden wieder geben. Sechste Scene. .i Hartmann. Schnorr. Vorige. > Hartm. (zu Schnorr). Nimmermehr! Schnorr. Aber Herr von Hartmann — Louise (für sich). Welche Stimme? Nordh. (bei Seite). Ihr Vater. Louise (hat sich umgewendet). Ja, er ist s. (Rasch aufstehend und aus ihn zueilend.) Vater! (Will seine Hand erfassen.) Hartm. (zurücktretend.) Hinweg! Louise. Vater! Hartm. Diesen Namen nicht! Ich bin nicht dein Vater, denn Du hast ausgehört mein Kind zu sein. Louise. Ach, haben Sie Erbarmen, verstoßen Sie mich nicht auf ewig! Hartm. Hinweg! Nordh. O blicken Sie doch in dieses von Gram und Schmerz gebleichte Antlitz und lassen Sie endlich Ihr Herz erweichen. Louise. Der Schmerz, Sie erzürnt zu haben, hat mich bereits an den Rand des Grabes gebracht. Verzeihen Sie der Sterbenden. Nordh. Verzeihen Sic (auf Rosa zeigend) um dieses unschuldigen Kindes willen. Schnorr. Eul. Gehn's, verzeihrns ihnen. Hartm. Eine gut einstudirte Komödic, doch mich rührt sie nickt. Louise. O nennen Sie nicht Komödie, was aus der Tiefe meiner Seele kommt. ^ Nordh. Halten Sie nicht für kalte Berechnung, was so warm empfunden ist. Louise. Und segnen Sie ein Bündniß, das ja der Tod bald lösen wird. - Hartm. Nimmermehr! ^ Louise (auf die Knie finkend). Vater! Erbarmen! Verzeihung! Stoßen Sie mich nicht hinaus in die Nacht der Verzweiflung. Ich beschwöre Sie, haben Sie Erbarmen, haben Sie Mitleid, lassen Sie endlich Ihr väterliches Herz rühren, und versagen Sie Ihrem Kinde nicht den letzten Trost des Lebens. Hartm. Auch ich habe damals gebeten, ich habe Dich mit aufgehobenen Händen gebeten und bei der Ruhe meines Lebens beschworen, jenem Manne deine Hand zu reichen, in dessen Macht die Erfüllung meines höchsten Wunsches lag, in dessen Macht es war, einen mehrjährigen Prozeß zu beenden, und die Grenzen meines Gutes um das Dreifache zu erweitern. Doch meine Bitten haben Dich nicht gerührt; nun sollen auch die deinigen an meinem Herzen wie Eis am Eise zerschellen. Louise. O, Sie wissen, wie sehr ich jenen Mann haßte, und es gab eine Zeit, in der Sie selbst meinen Haß nährten. Hartm. Die Zeiten ändern sich und so kam eine Zeit, die gebot, den Haß zu vcr- Iläuguen. 8 Louise. DaS konnte ich nicht. j Hartm. Das konntest Du nicht. Aber meinen Willen zu verhöhnen, meineWünsche zu vereiteln, meine Pläne zu zerstören, ohne mein Wissen ein Verhältniß anzuknüpfen, gegen meinen Willen es fortzusetzen, das warst Du im Stande. Nun denn, damals konntest Du deinem Herzen nicht gebieten, jetzt kann ich es nicht. Hoffe nimmer auf meine Verzeihung, und wage es nie mehr mir vor's Angesicht zu treten. Louise. Vater! Hartm. Hinweg, Entartete! (Etößt fir von sich.) Mein Haß folgt Dir bis zum letzten Hauche meines Lebens. (Ab.) Louise (finkt, einen Schrei ausstoßend, zu» sammen). E ul. (zu ihr hineilend). Gottim Himmel! Schnorr. Sic wird ohnmächtig. Nordh. Schnell einen Arzt. (Jacob ab.) Rosa (fich ängstlich an Louise schmiegend). Mutter! Mutter! Eul. Dort in's Cabinet. (Nordheim und Eulalia führen Louise in die zweite Thür recht-. Rosa folgt weinend ) Schnorr (allein). Ist das ein herzloser Mensch, dieser Hartmann! Seine Tochter verstoßt er, und uns pfändt' er. Wär' mir lieber, er thät seine Tochter pfänden und uns verstoßen. Siebente Scene. Keil, Nagl, Gerichtsdiener, Schnorr. Keil. Jene Gemächer noch (zweite Thür links) und unser Geschäft ist beendet. Schnorr. Meine Herren, das sind die Dienstbotenzimmer! Nagl. Das bleibt fich gleich. Schnorr. In dem einen Gemach find die Bedienten. Keil. Wird Alles inventarisch ausgenommen! Schnorr. Indem andern Zimmer ist die Köchin und das Stubenmädl! Nagl. Wird Alle- ausgenommen und zum Schutz wird an ein'Möb'l daS Amts- fiegel angelegt. Schnorr. So? Na da sind's so gut, und legen's der Köchin 's Siegel auf's Maul, denn die hat a Mundstück als wie a Feuerspritzen. Keil, Nagel, Gerichtsdiener (in die zweite Thür links ab). Achte Scene. Dr. Sommer, Jacob, Schnorr. Schnorr. Ah, der Herr Doctor! Som. Wo ist die Kranke? Schnorr. Hier bitte ich. (Ab mit dem Doctor durch die zweite Thür rechts.) Jacob (allein). Ich furcht' allerweil, daß da keine ärztliche Hilf mehr was nutzt! — Mein Gott, mir wär' recht leid, denn sie ist wahrhaftig die Gutheit selber, und für viele Wohlthatcn bin ich ihr Dank schuldig. Neunte Scene. AlleDienstboten (jedes ein Bündel in der Hand, kommen aus der zweiten Thür links) Jacob. Jacob. Was ist denn das, da glaubt man ja rein bei der Lerchenfelderlinie zu sein, lauter Leut' mit Bünkeln! Martin (den Zug beschließend). Na, wir haben d'höchstc Zeit g'habt. Mali. Ja wohl, sonst hätten's am End' unsere Sachen auch noch mitpfänd't. (Die Dienstboten bi- auf Nani durch die Mitte ab 1 Nani. Das wär' net übel, wann meine weite Crinolin in die enge Sperr kommet! (Will ab.) Jacob. He, Sie, mein liebes Kind! Nani. Na, was gibt'S? Jacob. Sag' mir, wer sein denn dir Leut', die da fortgangen sein? Nani. Das ist die sämmtliche Dienerschaft von dem Haus da, daS heißt die gewesene. 4 i Jacob. Die gewesene? Nani. Ja, denn in dem Augenblick sein wir grad' Alle ausg'standen.Jch bin nämlich die gewesene Köchin! Jacob. Und warum sein's denn Alle auf einmal fort? Nani. Wiffen's, eshappert halt in dem Haus a bißl da — das Moos — die Späne fehlen. Jacob. Aha! Finanzg'frett! Nani. Ja, schon 's höhere G'frett. Und wie's immer höher und höher 'worden ist, da haben wir uns nimmer ausgewußt. Jacob. Aha! Finanzg'frett! Domcsti- kenkrisis! Nani. Und da haben wir unS holt denkt: jetzt sollen's Andere da probiren und sein 'gaugen. Jacob. Aha! Finanzg'frett! Domestiken- krists, Dienstbotenwechscl! Nani. So eben sein's vomGericht da und pfänden Alles. Ja, es ist weit kommen in dem Haus da. Und es wär' net nothwen- dig g'wesen, daß 's so weit kommen is; aber unsere Herr'nleut' bab'n net glaubt, daß sie sich a bißl einschränkcn könnten. O, das war a heillose Wirthschaft! Sie hab'n ja alle Jahr mehr ausgeben, als sie eingenommen haben. Und wie's hernach selber eing'sehenhaben, daß cs so net fortge- hen kann, jetzt habn's net g'wußt, wo sie's überall auftreiben sollen; da haben's hernach woll'n immer mehr und mehr einnehmen, aber das ist halt net gangen. Jacob. Da hätten's halt sollen weniger ausgcben, das wär' leichter gangen. Schon ein altes Sprichwort sagt: Man muß sich strecken nach der Decken —! Nani. Da haben Sie Recht! — Sie sein wahrscheinlich einer von den neuen Bedienten, die hier ausgenommen werden? Jacob. Schau' ich wie ein neuer Bedienter aus? O, ich bin schon ein alter Diener, der seit vierzig Jahren in ein und demselben Haus dient; ich war schon bei! dem Herrn Hauptmann sein' Vater im. Dienst, und Hab' mein' jetzigen Herrn, wie er noch so Nein war, auf'n Arm trag'». Nani. Das muß ein guter Platz sein, sonst wär'ns wohl net so lang' blieb'n? Jacob. O, ein' bessern gibt's gar nimmermehr! Nani. Na, ich sag's ja, ich Hab' net das Glück, daß ich so ein Platz krieget. Na, weil ich nur da wieder fortkomm'. Wissen's, ner daß ich etwa meine Herrnleut' ausricht, aber was wahr ist, ist wahr: wie's in dem Haus zugeht, das ist gar net zum Beschreiben. Wiffen'S, net daß ich die Herr'nleut' ausricht, aber das ist g'wiß: der Herr und die Frau, kein's ist ein Schuß Pulver werth; er ist ein alter Sünder, der kein' Dienstmad'l an Fried' gibt, und dabei a Verschwender und a leichtsinniger Schuldenmacher; und sie, sie ist a alte putzsüchtige Gretl, die ganze Stunden vor'm Spiegel steht, und die Schmink' sich pfundweis in d' Falten einiklent; von einer Wirthschaft hat's gar kein' Dunst und was 's anhat, ist's schuldig; sogar dieZähn',mit die'sdcn ganzen Tag keppelt und knauft, hat's noch net zahlt, und d'Haar könnt' ihr alle Tag' der Friseur vom Kopf wcgpfänden. Net daß ich die Herr'nleut' etwan ausricht, aber a ärgere Quart gibt's gar net mehr, und wann ich a so über sie schimpfen wollt', uih! da könnt' i a bißl loslegen! Aber nein, ich bin lieber still und geh' meinen Weg, denn d'Herr'nleut' ausrichten, das ist net mei Sach'! (Ab.) Jacob. Jetzt möcht' ich die erst amal hören, wann die zum Ausrichten anfangt. Die könnt' beim Ausrichten was ausrich- ken. (Zn den Hintergrund.) I Zehnte Scene. Nordheim, Schnorr, Jacob. Nordh. (wehmüthig). Der Arzt gibt wenig Hoffnung! Schnorr. Leider! Jacob (bei sich). Also richtig, was ich befürcht' Hab'. Nord. In jeder Stunde muß ich zum Ausmarsch bereit sein — und, o mein Gott, in welcher Lage muß ich die Meini- gen hier zurücklaffen! Wenn ich einstens zurückkehre, werde ich sie wieder finden? — Wenn ich bleibe auf dem Schlachtfelde, was wird aus meinem Kinde werden? — Hier, unter fremden Menschen, an der Grenze des feindlichen Landes — Schnorr. HerrHauptmann, was wir im Stande sind — Nordh. Ja, mein Herr, Ihrem Schutze muß ich jetzt die Meinen anvertrauen! — Auf Ihre Rechtlichkeit vertrauend, lege ich sie Ihnen an's Herz. Wachen Sie darüber, daß der Kranken die sorgfältigste Pflege werde, und daß es' ihr und dem Kinde an nichts fehle! Uebernehmen Sie diele heilige Pflicht, zu deren Erfüllung Ihnen die reichlichsten Mittel werden sollen. Schnorr. Recht gern — Nordh. Lassen Sie diesem mir lieben, theuren Wesen Ihre wärmste Sorgfalt angedeihen! Schnorr. Seien Sie ganz unbesorgt! Nordh. Sollte es in des Himmels Rathschluß liegen, die Mutter abzurufen, nehmen Sie sich dann des verlassenen Kindes an und seien Sie ihm so lange Vater, bis ich zurückkehre; kehre ich aber nimmer, dann — bleiben Sie es ibm und sorgen Sie mit allen Kräften für Rosa's Erziehung, für ihre Zukunft! Sorgen Sie mit allem Aufgebote der Mittel, die ich Ihnen biete. (<8in Parket Papier hervornrhmend.) Dieß hier ist mein ganzes Vermögen, es ist eine namhafte Summe, die ich bei meinem Scheiden aus Wien Louisen übergab, deren Verwaltung ich aber der so schwer Kranken nicht mehr überlassen kann. Nehmen Sie dieselbe in Empfang und stellen Sie mir dagegen eine Schrift aus, — welche — Schnorr. Bitte mir in mein Schreibzimmer zu folgen, dort können wir die Sache gleich in Ordnung bringen. (Ab mit Nordheim durch die erste Thür rechts.) Jacob (allein). So viel Geld in einer so unsichern Hand! — Aber — wer weiß, ob das, was ich vorher über das Haus da erfahren Hab', auch wirklich wahr ist und > ob — Wer kommt denn da? Gerichtsper- > soncn! Eilfte Scene. Nagl, Keil, Gerichtsdiener, Jacob. Keil. Die Pfändung ist vollzogen. Nagl. Unser Geschäft daher beendet. ^ Jacob (für sich). Also wirklich —?! H Keil. Fürwahr, ich kann mir nicht er- , klären, wie diese einst so wohlhabenden Leute derart in Schulden gerathen konnten. Nagl. Nur die leichtsinnigste Verschwendung konnte Sie dahinbringen. Sie ha- ) ben's aber auch gar zu arg getrieben .'(Mit Keil i und den Gerichtsdienern durch die Mitte ab.) Jacob (allein). Jetzt Hab' ich die ge- ^ richtliche Bestätigung! — Ja, ja, es ist ^ wahr, was das Dienstmädcl g'sagt hat. O, da muß ich ja gleich meinen Herrn war- , ! neu, und (Trommel.) O weh, zu spät! ^ Zwölfte Scene. Nordheim. Jacob. Nordh. («ne Schrift zu sich steckend). Die ^ Trommel ruft zum Ausmarsch! Ach! Mit ! welch' bangem Herzen^nehme ich dießmal von meinen lieben Theuren Abschied! O grausamer Beruf, der mich jetzt von ihrer Seite reißt und meiner Seele Muth, meinem Arm Kraft gebietet! (Ab durch die zweite Thür rechts.) Jacob (allein). Er muß fort und ich kann ihn leider nicht mehr warnen, 's nutzet auch meine-Warnung nichts, denn es ist ja nicht mehr so viel Zeit, um noch andere Anstalten treffen zu können, und so 11 muß das Geld in diesen gefährlichen Hän- ^ den bleiben. (Zur offmm Thür hinrin- i schauend.) Er zählt's grad'. Ha, die vielen Banknoten und Obligationen? Jetzt legt er's in die Cafsa und sperrt zu — den Schlüssel legt er in sein Schreibpult — 1 ba, mir kommt ein Gedanke! Ja — ja — 1 ein Theil soll wenigstens in Sicherheit ge i bracht werd'n. — Er geht in's andere Zim- Z mer — rasch den Augenblick benutzt, und I — wann aber dann auf Jemand Andern l dahier im Haus der Verdacht kam' — t Aber nein — nein — das kann ja nickt j sein — die ganze Dienerschaft ist ja fort 1 und daher Niemand im Haus, den eine Z solche Beschuldigung treffen könnt — d rum ^ rasch an's Wert! (Ab ) I Dreizehnte Scene. Nord heim (schmerzlich). t Sie ist hinübergegangen in das Reich z des Friedens. — Der Stern meines Him- ! mels ist erloschen, meines Lebens Mai H verblüht. — Mit ihrem letzten Hauch sind i alle Blüthen, die meine Welt geschmückt, l bingcwelkt bis auf eine und auch von die- H ser einzigen, die mir noch geblieben, muß ,j ich nun scheiden. — O mein armes, ar- t mcs Kind! — O, wäre dieß eine Band < nicht, das mich noch an's Leben knüpft, l ich wollte, die erste feindliche Kugel träfe s mein blutendes Herz! (Ab in dm Hinter- .1 grund, wo sich aus der Straße eine Truppe Soldaten aufgestellt, vor deren Front er hintritt.) Vierzehnte Scene. Rosa, dann Jacob. . Rosa (weinmd). Vater! Vater! — Er tst fort! Jacob (kommt leist zurück). So — über den Theil (zeigt Papiere) werd' ich Dermaler sein. (Steckt die Papiere zu sich.) Rosa (schluchzend). Die Mutter todt — der Vater fort — ! Jetzt bin ich ganz verlassen ! Jacob (hat Rosa mit Theilnahme betrachtet. jetzt vortntend). Nein, mein Kind, das bist Dn nicht! Ganz verlassen bist Du nicht! (Hebt Rosa empor und drückt sie an seine Brust.) Noch ist der alte Jacob da! Zn ihm nimm' deine Zuflucht und — Nor dH. (commandirend). Zum Gebet! (Trommel.) Jacob. Ja, zum Gebet! (Musik. Die Soldaten im Hintergrund lassen sich aus die Knie.) Jacob (Rosa am Arm, im Vordergrund niederknieend). Den Vater dort oben laß uns bitten, er wird Dich schirmen, er wird Dick schützen! (Bleibt wie die Uebrigen in der Stellung.) (Der Vorhang fällt) Ende des Vorspiels. Erste Mheilung. (In drei Bildern.) Erstes Bild: Der Muß. (Straße. Rechts und links Häuser mit practi- cablen Thoren.) Erste Scene. Breitling (kommt aus dem Hintergründe). Heut' ist wieder ein wichtiger Tag für meinen erhabenen Beruf, heut' ist der Muß, das heißt, die Parteien, die nickt selber gehen woll'n, erpediren. Große Hinauswerferei — wichtiger Tag — erhabener Berus! 12 Zweite Scene. Stelzinger, dann Zolp, Pfostler, Kn oll und mehrere andere Hausmeister (erscheinen unter den Hausthoren), Voriger. Stelz, (hat eine Hauskappt auf und einen Gehrock an; große Uhrkette, Busennadel re-, sieht sehr wohlhabend aus. Er tritt unter das erste Thor rechts.) Wächter! Ich brauch'Assistenz! Zolp. Bei mir gibt's was zu erpediren! Pfostl. Wächter! Helfen's mir hinauswerfen. Kn oll. Wächter! Zu mir kommen's her! Alle Hausm. (durch einander). Wächter! Kommens her! Zu mir kommen's her! Wackter! Breitl. Nur Geduld! Uederall kann ich nicht auf einmal sein in meinem erha- bcnenBcruf. 's kommt jedes d'ran nach der Reih! — Hier Hinauswurf Nr. I.(Ab in das letzte Haus links.) (Die Hausmeister ziehen sich zurück.) Dritte Scene. Gustav (allein). (Ist sehr elegant gekleidet, kommt aus dem Hintergrund.) Ausziehzeit — das ist die Zeit für solche Wanderungen durch die Straßen der Armuth, das ist die Zeit, um das Elend aufzusuchen, und dieser abgelegene Theil der Vorstadt ist der Ort, es zu finden. Ich Hab' den Gemeindediener in jenes Haus hineingehen sehen, sein Besuch gilt gewiß der armen Witwe, die man heute delogiren will; — der Armen soll geholfen, sie soll nicht obdachlos werden. (Ab in das letzte HauS links.) Vierte Scene. Clara (mit Hut und Mantille, eine Schachtel tragend, aus dem Hintergrund). Entree-Lied Modistin zu sein, ach, das ist eine Tour! Da g'hört a Geduld, sehr a starke dazu! Den ganzen Tag fitzen, Mit Mascherln und Spitzen, Mit Quasteln und Bandeln Herum allerweil tändeln! Dazu noch die Kunden, Mitunter die g'sunden, Die mit ihrem Gusto Ei'm machen Verdruß no — Man könnt' da vor Zorn öfter bersten und z'springen, Doch statt mich zu giften, thu' ich lieber singen. (Jodler.) Am meisten sekirt mich das, daß 's alleBot Daher kommen mit einer andern Mod', Bald bringen sie Hüt' auf Mit Bletschen für d'Küh' d'raus', Bald rund und bald ekig Bald einfach, bald g'schekig, Bald kleiner, bald größer, Bald g'formt wie d'Callesser, Bald hängend, bald aufdraht, Bald z'sammdetscht, bald aufblaht — Man könnt da vor Zorn öfter bersten und z'springen Doch statt mich zu giften, thu' ich lieber singen, (Jodler.) Ja, die Marschandmoderei ist mir schon recht z'wider und 's wär' mir jetzt schon lieb, wann ich endlich amal, statt einer Andern die Köpf' aufz'putzen, mein eigenen Kopf mit'n Kranz und Schleier auf- putzen könnt', und statt immerfort Andere unter Hut und Haube z'bringen, selber 13 n amal unter d'Hauben kommet; aber mein Quirin der schaut gar nicht, daß was wei- ' terging, und daß wir endlich amal «Paar wurden! 1 Breitl. (ging von Haus zu Haus und schaffte l Parteien fort, nun im ersten Haus links innen), t Hinaus! 'S is d'höchste Zeit! Z Quir. (innen). 3a, ja, ich geh' schon! z Clara. Hör' ich recht, das ist ja — s Fünfte Scene. Quirin. Breitling. Clara. ! Q Ui r. (hat einen abgeschabten Rock an, einen Z alten Hut aus und ein kleines Bündel unter m N Arm). Wenn ich aber eh' schon geh'! Clara (bei sich). 3a, ja — er ist's! -1 Breitl. (geht in das erste Haus rechts), z Quir. Pfänd't sein wir, jetzt geh'n wir! z Clara. Quirin! Z Quir. (sirht sie jetzt). Clara! Z Clara. Aber sag' mir nur, wie schaust ! denn Du aus? j Quir. Wie ich ausschau'?! Na, ich I j schau' halt grad' so aus, wie Einer aus- j schaut, bei dem nichts mehr 'nausschaut, I ^ und wie's Alle ausschau'n, die fich's Schick- ^ sal ausschaut, damit's so ausschau'n, wie ! ich ausschau! > Clara. Was soll denn das heißen? i Quir. Das soll heißen: Fertig bin ich, ^ fertig, ganz fertig; s' G'schäst is hin, s' j Geld ist hin, Alles ist hin! ^ Clara. Was, wär' nicht übel; wie ist H denn das so g'schwind kommen? ^ Quir. Ganz einfach; ich Hab' z'samm- t g rechnet, Hab' g'funden, daß g'rad' der Zeitpuntt da ist, wo meine Passiva noch' nicht die Activa überschreiten, und Hab' daher g'schwind' an meine Gläubiger Rundschreiben ergehen lassen — Clara. Was ist denn das, Rundschrei- i den? Quir. Das sind solche Schreiben,die oft Manchem zu rund find. 3n meinem Rundschreiben Hab' ich allen meinen Gläubigern bekannt g'macht, baß' jeder Kreuzer, den's mir noch creditirten, verloren wär', und daß sie so g'schwind als möglich ihre Schritte thun, und sich mit meinen Maaren und Effecten zahlhast machen sollen. Das ist natürlich gleich g'scheh'n, und jetzt sein's alle befriedigt bis auf einen einzigen, der übrigens ein gräßlicher Wucherer ist. Aber auch der wird bezahlt, sobald als ich kann. 3ch will nicht, daß wer was verliert und d'rum Hab' ich Alles hingeben, sogar mein schlechtestes G'wand Hab' ich ang'legt, nnd 's bessere z'rucklaffen, und nichts Hab' ich mitg'nommen als den Berliner da. (Zeigt eus sein Bündel.) 3etzt steh' ich da mit'n Berliner unterm Arm; das is a G'frett! Clara. Was hast denn da d'rinn? Quir. Einige Kleinodien, die Großodien haben die Gläubiger. Clara. Und sonst ist Dir gar nichts Werthvolles blieb'n? Quir. O ja, sehr Werthvolles, nämlich: mein ehrlicher Nam', mein gut's G'wiffen und, wie ich hoff', deine Lieb'! Clara. Was deine Ehre anbelangt, da bin ich versichert, und was meine Liebe anbelangt, da kannst D u versichert sein. Quir. Die Versicherung laß' ich mir g'fallen. Bei der Affecuranz liegt mir nichts d'ran, daß ich mit mein G'schäst abbrennt bin. Clara. 3st's denn richtig gar nicht gangen 's G'schäst? Quir. S' ist richtig gar nicht gangen, und d'rum bin endlich ich gangen! Clara. Zum Theil bist doch Du d'ran Schuld. Quir. Was? 3ch? Na sei so gut! Clara. Du hättest Dich halt soü'n nur um dein G'schäst allein Umschau n; aber Du hast Dich noch um allerhand andere Sachen kümmert, sogar um Gemeindeangelegenheiten. Quir. 3ch war nicht nur Geschäftsmann, ich war auch Glied einer Gemeinde. Clara. Hast Dich an allerhand Verei- l4 nen bethetltgt, — bist in Sitzungen g'ses- seil — Quir. Ich bin nicht nur g'seffen, ich Hab' auch g'redt; ich Hab' nicht nur g'redt, ich bin auch g'seffen. Clara. Was wirst denn jetzt anfangen? Quir. Vor Allem werd' ich mich um ein Amt umschau'n! Clara. Ja, sie werd'n Dich gleich an- ftell'n, wann'st Niemand Haft, der sich für Dich verwendet. Quir. Ich weiß ein Amt, da braucht man Niemand, der sich für ei'm verwend't, da braucht man Niemand, der ein' anstellt, da stellt man sich selber an. Clara. Was ist denn das für ein Amt? Quir. Das ist's Versatzamt; dort werd' ick meine Kleinodien versetzen. Clara. Und was wirst denn Hernack tentir'n, wann auch das Geld wieder gar ist? Quir. O, ich werd' mich schon durch- han'n! Clara. Du allein wirst Dich freilich durchhau'n, aber ick — Quir. Soll ich Dich auch durchhau'n? Clara. Ich kann jetzt wieder warten! Mich verzehrt die Ungeduld! Quir. Mach' Dir nichts d'raus,'s geht Dir nicht allein so; Jeden verzehrt was, den Einen das, den Andern das. Den Ein' verzehrt die Ungeduld, den Andern verzehrt die Sorg'; den Ein' verzehrt die Sehnsucht, den Andern verzehrt die Wuth. S' ist nur ein Wunder, daß 's auf alle die Vcrzehrun- gen noch keine Verzehrungssteuer g'setzt haben. Clara. Red' ernstlich! Was wirst denn jetzt unternehmen? was wirst denn werden ? Quir. Ja, halt so was, was 's noch nicht so häufig gibt; z. B. — ein Photograph. Clara. Ja, ja, die gibt's noch nicht viel. Quir. Oder ein Dichter! Clara. Bei der Zeit? Quir. Ja, Du hast Recht, es ist jetzt eine prosaische Zeit. Ja einmal noch, zur Zeit der alten Römer und Griechen, da war Alles viel poetischer, damals hat die Iris, ein wunderschönes Wesen, die Befehle von oben herab auf einem Regenbogen gebracht, heutzutag' bringen die Aufträg' von oben keine wunderschönen Wesen, sondern grantige Amtsdiener, und nicht auf einem Regenbogen, sondern auf ein' Steuerbogen. Bei den alten Römern und Griechen sind die Helden unter die Götter versetzt worden, heutzutag' krieg'ns Tabaktrafiken. — Damals ist auch die Dichtkunst hoch verehrt worden, und dem Apollo zu Ehren ist in Rom ein Tempel erbaut wor'n; heutzutag' wird die Dichtkunst nicht so hoch geehrt, und in unserm Apollotempel, werden Mil- lykerzen g'macht. S' ist a prosaische Zeit! Clara. Gar so dürft' man sich's grad' j auch nicht z'rnckwünschen die alte Zeit; heutzutag' ist man doch civilisirter. Quir. Ah ja, das ist wahr. Wenn man > bedenkt, amal haben's die Leut' auf bleiere ! Dächer g'setzt und haben's dort in der Son- I nenhitz' verschmachten lassen, das macht man heutzutag viel civilisirter. Heutzutag' wer'n wir in Parkanlagen an der Sonn' braten. Amal haben's die Leut' mit Daumschrauben g'foltert. Heutzutage werden wil mit Anlehen sekirt.Amal haben's die Leut' mit glühenden Zangen zwickt, jetzt zwickens uns mit Paragraph. Wir können a bißl froh sein, daß wir civilisirt sind. Clara. S' ist heutzutage so wie jederzeit, 's gibt Uebelständ', aber dafür auch Dorzüg', und so gleicht sich die Sach' wie' der aus. Quir. Ja, 's gleicht sich Alles aus. Kleine Quartier bau'ns z'wenig, dafür bau'ns große Quartier z'viel, so gleicht sich ^ die Sach' wieder aus. Jndustriepalast haben wir noch keinen, dafür haben wir aber ein Tandelmarkt, so gleicht sich die Sach' wieder aus. O, es gleicht sich Alles wunderschön aus. Clara. Wann aber wirst denn Du Dich mit mir ausgleichen? Die andern Gläubiger hast befriedigt. Quir. Bis auf Einen. Clara. Ich bin auch ein Gläubiger, ein Hauptgläubiger, denn mir bist was schuldig, was d' mir schon längst versprochen hast, nämlich 's Heiraten. Quir. Sei ruhig, Du wirst g'heirat! Clara. Aber 's wird immer von einer Zeit auf die andere verschob'«. Quir. Du wirft mit nächstem g'heirat. Clara. Und i wart' immer und wart' — Quir. Du wirst g'heirat', sobald ich ein Brot Hab', denn siehst, zum Heiraten g'hört so wie zu einer fetten Gans a Brot dazu, sonst kann's einem leicht den Magen verderben. Clara. Na so schau' halt, daß d' bald a Brot kriegst. Quir. Ich werd' schon schauen. Clara. 3a, ich bitt' Dich, schau'! Aber schau bald, denn wannst nicht bald schaust, wirst seg'n, wird mich der Gram verzehren, und wann mich der Gram verzehrt hat, dann ist's nichts mehr mit'n fetten Brat'l, dann kannst' Brot allein essen. Quir. Ohne Gans? Clara. D'rum sag' ich noch einmal, schau' dazu. Und jetzt leb' wohl. Quir. Leb' wohl. Clara. 3ch muß jetzt zu einer Kundschaft. ieder einmal schauen wollen, was Du denn treibst. Gust. (darstellend). Mein Herr Onkel — mein Freund Stachelbrand. Walln. Freut mich! Quir. Freut mich ebenfalls. Gust. Mein intimster Freund! 23 Quir. 3a wohl, denn gleiche Gesinnungen, gleiche Ansichten, gleicheGrundsätze, nnd daß ich's nur grad' heraussag', auch diese Leidenschaft, gleicher Weiberhaß hab'n uns so fest aneinandergekettet. Clara (bei Seite). Was?! Wal ln. Also Sie sind auch ein Weiberfeind? Quir. Na, und was für einer! Wal ln. Sic, ich auch! O, was nur den NamenWeib trägt, dem weich' ich schon von Weitem aus! Quir. 3ch nicht, ich laß' nicht 3cder gleich meinen Haß merken, damit ich dann um so effectvoller auftreten, daß ich sie dann ganz vernichten kann. Wal ln. Auch keine schlechte Marim' das, auch nicht schlecht! Clara (bei Seite). 3a, wie g'schieht mir denn? Quir. O wenn Sie wüßten, was ich meinem Weiberhaß bereits für Opfer gebracht Hab'! — Wie zum Beispiel mein G'schäft, das Hab' ich rein durch mein' Weiberhaß verloren, rein dadurchzu Grunde gerichtet. Clara (bei Seite), 's kommt immer schöner! Qnir. 3ch war Kaufmann, nämlich vermischter Waarenhändler. Als solcher hat man natürlich viel mit weiblichen Kundschaften z'thun; hab'n auch bei mir stark zug'sprochen, ich hab's aber alle durch mein' Haß, dem ich in Grobheiten Luft g'macht Hab', bald vertrieben. Clara (bei Sette). Ah, da kann man seh'n — und was er mir Alles vorg'mackt hat. Quir. Dann Hab' ich aus Weiberhaß manche Artikel gar nicht g'führt: von den Hafteln zum Beispiel Hab' ich nur die Mandeln g'halten, von die Häring nur die Milchner — Alles nur aus Weiberhaß. Gust. (bei Seite). Was der zusammenlügt! Wo er nur damit hinauswill! Quir. (wischt Wallner mit der Hand rasch über das Gesicht). Wal ln. Was machen'- denn? Quir. Eine Fliege! (Sie tödtend.) 's war ein Weib'l! Walln. Ein Weib'l?! — Ha! Quir. Wie ich 3hnen sag', ich bin ein fürchterlicher, wüthender Weiberfeind, aber noch weit übertrifft mich 3hr Neffe! Walln. He, he! Meine Erziehung! Meine Grundsätze! — Quir. O, ich sag' 3hnen, der hat einen Haß, einen Haß gegen die Weiber — Sechzehnte Scene. Ein Die nstmann. Vorige. Dien stm. Da Hab' ich einen Brief zu überbringen an Herrn von Wallner. Gust. An mich? Walln. (den Brief nehmend). 3a, an Dich! — Aber — ha — das ist ja eine Frauenzimmcrschrift! ? Quir. Warum nicht gar?! Gust. Geben Sie her, Onkel. (Will ihn ! nehmen.) Walln. Ausgehalten! (Hat ihn geöffnet.) Oben: »lieber Gustav;« unten:»deine Dich innig liebende Rosa.« — Und dabei eine Photographie!« — Hinweg! (Gustav nimmt Brief und Photographie zu sich.) Quir. (bei Seite). So schön! Walln. DaS ist also dein Weiberhaß? Gust. Onkel. — Walln. (zu Quirin). Und da sagen Sie -noch? Quir. Was sag' ich noch? (Bei Seite.) Wann ich nur wüßt', was ich noch sag'. Walln. Da reden Sie mir noch vor, als ob er — Quir. (bei Seite). 3etzt, Keckheit, steh' mir bei. (Laut.) 3a, ich red' so, als ob er — und ich red' noch immer so. red' auch jetzt so, als ob er, denn — denn — wissen Sie, was er mit dieser Rosa vor hat? 24 Wattn. Nun? Quir. Er will sie heiraten. Gust. Ja, Onkel. Wattn/ Heiraten? Quir. Ja, heiraten, — aber nicht aus Liebe. Wattn. Aus was denn? Quir. Aus Haß. Wattn. Was? Quir. Sein Weiberhaß hat sich aus dem weiblichen Geschlechte ein Opfer gesucht und dieses Opfer will er heiraten, um cs zu martern. Wattn. Um es zu martern? Clara (bei Seite). Gräßlich! Gust. (leise zu Quirin). Aber ich bitte Dich. Quir. (leise zu Gustav). Laß mich nur. Wal ln. Ah, nun begreif' ich — Quir. Ja, begreifen Sie? Wie? Was? Ist das eine Idee? Wattn. Ja, eine famose Idee. Quir. (zn Gustav). Er geht d'rauf ein. Wattn. Ein Opfer wählen und martern, martern! Quir. Martern wär' auch meine Passion. Clara (bei sich). So? Quir. Aber mir fehlen leider die Mittel dazu, und so ohne Geld, das wär' ka Freud', wär' eine armselige Marterei. Dazu g'hört Geld. Wattn. Allerdings, dazu g'hört Geld. Quir. Das Hab' ich jetzt nicht, folglich muß ich halt die Marterei noch verschieb'n. Clara, (bei sich). Ah deswegen also muß ich immer warten und warten? Wattn. Mein Neffe aber, der braucht nichts zu verschieben, der hat die Mittel. Ich Hab' wohl bestimmt, daß er mir, wann er Heirat', Alles wieder, was ich ihm gegeben Hab' zurückerstatten muß, aber wann er auf solche Art Heirat' — Gust. Wie? Sie wollten? Wattn. Ja, ich will die Clausel streichen. Gust. Also wirklich? Quir. Na, sieh'st, ich hab's ja g'wußt. Clara (bei sich). Nein, jetzt halt' ich'S da nicht länger mehr aus. (Läuft durch die Mitte ab.) Wattn. Ja, mein lieber Neffe, Dir soll das Geld bleiben, aber auch wieder nur unter einer Bedingung. Gust. Und die wäre? Wattn. Das Mädel, daß Du als Opfer gewählt, muß früher eine Prüfung be- steh'n. Gust. Welche Prüfung? Wattn. Nur Gewinnsucht kann man mit Geld martern; um nun die Gewählte mit Geld zu martern, muß sie eine solche sein, die Dich nur des Geldes halber Heirat'. Wir werd'n sie auf die Prob' stellen. Ist sie eine Solche, dann wird sie deine Frau, wann nicht, dann suchen wir ein anderes Opfer. Gust. (will herausplatzen). Q —! Quir. (ihn stoßend). O, sie ist ganz gewiß eine Solche. Wattn. Ist das Mädel reich? Gust. Nein, es ist ein armes, verwaistes Soldatenkind und von unbemittelten Leuten aufgezogen, aber — Wattn. O da können wir schon beinah' im Voraus überzeugt sein, daß ihr nur um dein Geld zu thun ist. Gust. (will herausplatzrn). Q —! Quir. (ihn stoßend). O ganz gewiß. Wattn, dia, daß wir die Ueberzeugung bald krieg'n, (zu Gustav) werden wir Zwei hernach gleich zu ihr hingeh'n. Ich werd' nur meiner Toilette ein wenig nachhelfen. Nicht' Dich auch inzwischen zusammen. Hehe, das ist eine famose Idee! Ein Opfer, um es zu martern. Famose Idee! Martern, martern! (Ab in die Sritenthür rechts.) Gust. Er will Rosa prüfen. Quir. Jetzt bleibt nichts Anderes übrig, als daß Du schnell einen Brief an sie schreibst — Gust. Ja, das ist noch das einzige Rettungsmittel. (Setzt sich.) Nur so kann sie die Prüfung nach des Onkels Wunsch be- 25 i ! stehen. (Schreibt.) Ich theile ihr in Kürze mit, um was eS sich handelt und — Quir. Und ich werd' den Brief dann hintragen. Aber schreib' doch schneller, noch schneller. So? Das ist ja wohl nicht der erste Brief, den Du an sie schreibst, und dann geht s ja auch schon an s Heiraten los, da braucht man nimmermehr so schön zu schreiben, da kann man schon a bißl schleudern. Gust. So, jetzt die Adresse d rauf. Quir. Aber deutlich, daß ich hinfind'. Gust. Nun zugepickt — Quir. (nimmt den Brief). Und jetzt her damit. Gust. Eile nur recht. Und wenn Du so viel Zeit gewinnst, so setze Rosa mündlich auseinander — Quir. Verlaß' Dich nur ans mich. Die Komödie ist eingeleitet und ich hoff', sie wird auch gut zu Ende geführt werden. Na, wie's halt alle enden. Der Alte ist prellt, die Jungen kriegen sich! Vivat hoch, die Brautpaare soll'n leb'n. Schlußgruppe, Musik, griechisches Feuer, der Vorhang fällt, großer Pulverg'stank. Alles ist befriedigt, — o verlass' Dich nur auf mich. (Läuft ab.) Gust. (allein). Fast reu t es mich, daß ich mich zur Ausführung solcher List hcrbei- ließ, doch — Siebzehnte Scene. Wallner. Gustav. Walln. Da steht er noch. Gust. Lieber Onkel, ich — Walln. So zieh' Dich doch an, daß wir fortkommen, sonst wird's am End' noch ftüh-r Nacht. Gust. Ja, ja, ich werde sogleich —! (Ab links.) Walln. (allein). 'S ist schauerlich, wie sich der Mensch Zeit laßt, und ich bin kein orennd vom Warten, bei mir mnß Alles sehr rasch sein. Aber leider kommt man heutzutag nur zu oft in die Lag', daß man warten und mit dem Gedanken sich trösten muß: »Na wenn das auch wir sollten nicht mehr erleben, vielleicht werd'ns doch noch unsere Ur-Ur-Ur-Urenkel erreichen. Couplet. Die Stadt zu vergrößern, z'vermehr'n die Quartier', Hat man neue Häuser gebaut bei uns hier; Doch war man auf kleine Quartier' nicht bedacht, Und hat nur Palais und Paläste gemacht. (karlanäo.) Das ist allerdings ein sehr großer Uebelstand und man steht es entsprechenden Ortes auch ganz gut ein. und man hat daher auch schon allerhand Pläne, Entwürfe und Zeichnungen g'macht, bereits Ausmessungen vorg'nommen und allerhand Plätz' für Zinshäuser mit kleinen Wohnungen ausgemittelt. Freilich heißt's dann alle Jahr und alle Jahr 's ist erlog'n, aber endlich wird's ja doch g'scheh'n. Na und wann das auch wir sollten nicht mehr erleb'n, Uns re Ur-Ur-Ur-Urenkel werd'ns schon er- streb'n. Am Stephansthurm hab'ns jetzt a G'frett mit der Uhr, Sie hat auch ihre Schuldigkeit than schon lang g'nur; Doch wird's durch das Alter natürlich jetzt schwach, Und kann mit dem Zeiger halt nimmer recht nach. (?arIkmäo.) Ueber diesen Gegenstand sind bereits mehrere Besprechungen gepflogen und allerhand Anträg' g'stellt worden, auch hat man behufs der Sammlung einschlägiger Materialien bereits nach'm Ausland geschrieben; dann werden wieder Besprechungen gepflogen und Antrag' gestellt werd'n; hernach werd'n Concurse ausgeschrieben werden und hernach werden wir eine neue Thurmuhr krieg'n. 26 Na, und wann das auch wir sollten nicht mehr erleb'n, Uns're Ur-Ur-Ur-Urenkel werd'ns schon erstreb'n. Daß auch bei uns. wie in London, Paris, A Industrieausstellung nothwendig is, Da d rüber hat man viel g'sprocben und g'schrieb'n. Doch ist's halt beim Sprechen und Schreiben geblieb'n. (pLrlLliäo.) Uebrigens wann nur einmal die Stadt - Erweiterungsarbeiten beendet sind und wann amal die Bäum' im Stadtpark Schatten geben, und wann amal a Platz für den Industrie-Palast ausg'mittelt sein wird, hernach werd'n wir auch eine Weltausstellung krieg'n. Na und wann das auch wir sollten nicht mehr erleb'n, Unsre Ur-Ur-Ur-Urenkel werden's schon erstreb'n. S hat Einer, der längst eine Lieferung g'macht, Erü jetzt seine Forderung und Rechnung gebracht. Er glaubt, daß das Geld er wird sehr geschwind krieg'n, Weil's ja schon für ihn in Bereitschaft muß lieg'n (?arlLva- Schnorr. Jetzt laß' uns d'rangehen! Eul. Ich hin doch begierig — Schnorr. Da hier aus dem Kasten Hab' ich ihn einige Male, ohne daß er mich bemerkt hat, g'seh'n Geld herausnehmen — Eul. 'S ist gut, daß wir ein' zweiten Schlüssel hab'n. Schnorr. Jetzt rasch, bevor noch wer kommt! (Oeffnet den Kasten.) O, da ist die Briestasch'n! Eul. Mach's g'schwind auf und schau! Schnorr (hat sie hastig geöffnet). Nur einige Banknoten! Eul. Und das keine großen! Schnorr. Vielleicht hat er's wo anders — (Wühlt in der Lade herum.) Eul. (ebenso). 'S ist nichts da, als diese einigen Stücke alter Kleider. Schnorr (die Kleider durchsuchend). Und auch da ist nichts d'rinn'! Eul. Also hat er richtig Alles bis auf das Wenige angebracht! Schnorr. Da kann man seh'n! Eul. Fremd's Geld! Der Rosa ibr Geld! Schnorr. Was 's doch für schlechte Menschen gibt! Eul. G'schwind, mach' zu! 's kommt wer ! (Wersen Alles hastig in die Lade. Schnorr schließ!.) Einundzwanzigste Scene. Rosa. Vorige. Eul. Ah, die Rosa! Schnorr. Du bist schon zurück? Eul. Hast Du Geld kriegt? Rosa. Ja wohl, ich habe auch gleich Einkäufe für die Haushaltung besorgt. Eul. Das war recht. Schnorr. Da wird's wieder schmale Bissen geben. Eul. Ach, wenn ich bedenke, einst — ! Schnorr. Ja, einst — da bab'n wir g'lebt! Eul. Ja, mein Kind, wir waren einst an Wohlstand gewöhnt, und jetzt 28 Schnorr. Jetzt das G'ftett! Eul. Und wem haben wir Alles geopfert? Dir! Schnorr. Ja, Alles Dir! Rosa. O mein Gott! Eul. Nein, wir wollen Dir keine Vorwürfe machen. Schnorr. Nein, wir thun Dir's nur vorsagen — Eul. Daß Du erkennst — Rosa. O gewiß, ich erkenne, zu welchem Dank ich Ihnen verpflichtet bin ! Eul Wir haben alles Mögliche für deine Erziehung gcthan, hab'n oft nicht g'wußt, wo wir s hernehmen — Rosa. Ich bin ja bemüht, Ihnen zu vergelten. Eul. Das bist Du allerdings, bist recht bemüht, das muß man Dir nachsagen; auch reicht der Erfolg deiner Müh' jetzt noch aus, uns kümmerlich fortzubringen. Aber es wird eine Zeit kommen, wo deine Kräfte nicht hinreichen werden. Wir werden mit der Zeit älter werden — Schnorr. Ja, wahrscheinlich — Eul. Auch der gute, ehrliche Jacob ! Schnorr. Wird wahrscheinlich auch mit der Zeit älter wcrd'n — Eul. O, wir gehen einer trostlosen Zeit entgegen! Rosa. Beruhigen Sie sich und quälen Sie sich nicht mit Sorgen für die Zukunft; es kann sich ja Alles noch anders gestalten. Eul. Ja, es könnte sich noch Alles günstig gestalten — es gäb' noch ein Rettungsmittel für uns — Rosa. Und das wäre? O, sagen Sie, wenn es in meiner Macht liegt — Eul. Aber nein, nein ! Darauf dürfen wir nicht hoffen; Du wirst Dich in einen Armen verlieben, wirst ihm deine Hand reichen, und wir werden im Elend verschmachten — Rosa. Nein, das werden Sie nicht! Denn ich werde keinem Armen meine Hand reichen. Eul. Wie, Du wolltest?! ' Schnorr. Hast vielleicht schon ein'Millionär aus'n Zug? Eul. O, Du wirst deine Absicht wieder ändern — Rosa. Nein, das werde ich nie! j Eul. Ach, wenn man das gewiß wüßte, welcher Trost, welche Beruhigung für unsere alten Tag' — Rosa. Wenn es Ihnen Trost, wenn es Ihnen Beruhigung gewährt, so gelobe ich Ihnen hiermit feierlich, daß meine Wahl auf einen reichen, sehr reichen Mann fällt! Eul. Edle Seele, habe Dank für diesen Trost! (Ab links.) ; Schnorr. Braves Kind! Du verdienst, daß wir uns für Dich aufgeopfert haben. — Und wann Du einst in eine glückliche Lage kommen sollst, so sei überzeugt, daß wir tüchtigen Antheil nehmen werden! (Links ab.) Rosa. Ja, nur dem reichen, sehr reichen Manne werde ich meine Hand reichen, oder keinem! — Doch nicht seines Reichthums halber, — o nein! nein! — Es war eine Zeit, in der ich gewünscht, daß er arm, so arm wie ich wäre. Nun freilich preise ich das Geschick, das — Zweiundzwanzigste Scene. Wallner, Rosa, später Gustav. Walln. (noch außen). Du wart'indessen hier, bis ich Dich ruf'! Rosa. Wer kommt da? Walln. (pocht an der Thür). Rosa. Herein! Walln. (tritt rin). Schamster Die- ner! / Rosa. Guten Abend! , ' Walln. (bei Seite). Jetzt, Weiberhaß, verläugne Dich! ' Rosa (bei Seite). Ein Fremder! Walln. Sie sind doch die Rosa Nor^ heim? 29 Rosa. Zu dienen, so ist mein Name. Walln. Dann hab'ich Einiges mit Ihnen zu reden. Rosa. Mit mir? Ich habe nicht das Vergnügen — Walln. Mein Name ist Fabian Wall- ner, ich bin der Onkel des Gustav Wall- ner. Rosa. O, es sreut mich unendlich! Vitte! — (Weist ihm einen Platz au.) Walln. (setzt sich, bei Seite). Hn, Weiberhaß, verläugne Dich! Rosa (will sich nahe zu ihm setzen). Walln. (auffahrend). Ha, nicht so nahe! > Rosa (rückt weg). Entschuldigen, aber —! Walln. Wissen Sie, ich furcht' die Reif' der Crinolinen. Ich bin weg'n so ein' Reif amal sechs Monat' krumm gangen. Nun aber zur Sach'! Gust. (erscheint am Fenster, ohne jedoch von den Beiden bemerkt zu werden; spricht, bei Seite). Ob sie wohl den Brief bereits erhalten hat? Walln. Mein Neffe hat mir gestanden, daß zwischen ihm und Ihnen ein Verhältniß besteht und daß er Sie —Sie— (Bei Seite.) Herr Gott, ich bring' das Wort fast nicht heraus, (laut) daß er Sie — liebt und daß Sie ihn — ihn lieben. (Bei Seite.) Gottlob, jetzt ist's heraust, (laut) und da ich erfahren habe, daß Sie recht ein — (Bei Seite.) Ha, Weiberhaß, verläugne Dich! (Laut.) ein recht gutes braves Mädchen sind, so Hab' ich gar nichts dagegen und komm'eben, um mit Ihren Angehörigen — Rosa (freudig.) Ich werde sie sogleich holen. (Will ab). Walln. Bleiben Sie noch! Mit denen j werd'ich später reden. (Bei Seite.) Wie sie da gleich dabei sein beim Angehörigen holen! (Laut.) Früher Hab' ich Ihnen noch einige Mittheilungen zu machen. Haben Sie schon mit meinem Neffen über seine Vermögens- Verhältnisse gesprochen? Rosa. Bisher noch nicht. ^ Gust. (bei Seite). Wenn sie nur den Brief schon hat! Walln. Aber Sie wissen doch, daß er im Besitz eines großen Vermögens ist? Rosa. Das weiß ich, da es allgemein — bekannt ist. Walln. Aber das ist nicht allgemein bekannt, was für Bedingungen sich an diesen Besitz knüpfen, Bedingungen, die wenn sie aufrecht bleiben und nie erfüllt werden, ihn in Kurzem um das ganze Vermögen bringen werden. Rosa (erschrocken). Was?! Walln. Ja, und diese Bedingung sie ist nicht zu beseitigen. Rosa. Nicht zu beseitigen? Walln. Geben Siemir nun eine offene, ehrliche Erklärung. Wenn der Fall einge- tretcn, daß mein Neffe um sein ganzes Vermögen gebracht sein wird, werden Sie dann noch geneigt sein, ihm Ihre Hand zu reichen Rosa. Dieser Unglücksfall wird vielleicht doch nicht eintreten und — Walln. Wie, wann er aber bereits eingetreten wäre? Rosa. O mein Gott, dann — Walln. Nun?! Rosa. Dann müßte ich allerdings mein Wort zurücknehmen. Gust. (bei Seite). Ha! sie hat den Brief. W alln.(bti Seite), s' Opfer ist g'funden. Rosa (sortsahrend zu Wallner). Doch glauben Sie ja nicht, daß mich der Wechsel seiner Lage bestimmt, zurückzutreten, glauben Sie ja nicht, daß nur Gustavs früherer Reichthum — Walln. Nein, nein, ich glaub'gar nichts — glauben aber auch Sie nicht, was ich g'rad vorhin g'sagt Hab', s' ist Alles erlogen — ich Hab' Ihnen nur ein wenig Angst machen wollen. Es hat allerdings eine Clausel bestanden, die meinen Neffen hätt' ganz zu Grund richten, ganz um sein Vermögen bringen können, aber die Clausel ist beseitigt. Rosa (freudig). Wie?! Walln. Ja, ja,'s ist Alles ausgeglichen, mein Neffe bleibt reich und Ihrer Verbin- 30 düng steht daher von seiner Seite nichts! mehr im Wege. Rosa. Ich darf also wieder hoffen? Wal ln. Ja, das dürfen Sie, das heißt, wenn Ihre Angehörigen nichts dagegen haben. (Ausftehend.) Wo kann ich denn mit ihnen reden? Rosa. Sie sind dort im Nebenzimmer Walln. Na, da werden wir die Sack' gleich abmachen. (Im Abgehen, bei Seite.) Wie sich die jetzt g'freut, he he! Sie ahnt nicht, was ihr bevorsteht, das Opfer. (Ab links.) Rosa (allein). Welche glückliche Wendung! O meine Angehörigen, die haben natürlich nichts dagegen, und — Dreiundzwanzigste Scene. Gustav. Rosa. G ust. (rasch eintretend). Rosa, mein Onkel — Rosa. Er ist im Zimmer dort — Gust. Ich weiß. Rosa. Er spricht mit meinen Angehörigen. Gust. Nun sind wir bald am schönen Ziel. Rosa. Bald, bald vereint fürs ganze Leben! (Die Sonne geht unter und wirst ein rothes Licht aus die Berge.) Vierundzwanzigste Scene. Jacob. Vorige. Jacob (noch hinter der Scene singend). Die Sonne scheint so freundlich hold Und spendet reich ihr Abendgold. Gust. Was für ein Gesang? Rosa. Der alte Jacob. Jacob (erscheint aus einem Hügel in der Nähe des Fensters und fingt fort): Doch scheint die Sonne init Purpurpracht, Da wüthet oft des Sturmes Macht. Rosa (zu Gustav). Hörst Du, wenn roth die Abendsonne scheint. Gust. Das kündet nahen Sturm. Jacob (singend): Und wenn wir glauben, uns lacht die Freud', Da ist oft nah', recht nah' das Leid. Rosa. Ach, Gustav, mir banget, diese Mahnung! Gust. Banne alle bangen Zweifel und laß uns ungetrübt die Freude dieses Augenblicks genießen. Jacob (wiederholend). Und wann wir glauben uns lacht die Freud'. So ist oft nah', recht nah' das Leid. (Gustav hält Rosa umschlungen und während des Schlußgesangrs fällt der Vorhang.) Zweite Abtheilung. ' (In zwei Bildern.) Erstes Bild. Ein häuslicher Krieg. (Gartensalon bei Gustav mit offener Glasthür im Prospekt und zwei Seitenthüren wie im zweiten Bild der ersten Abtheilung. Rechts im Vordergrund ein Sofa, mehrere Stühle und wie zum Kaffee gedeckter Tisch. Links im Vordergründe ein kleines Tischchen und ein Fauteuil mit sehr hoher Lehne.) Erste Scene. Wallner und Gustav (kommen aus der Seitenthür rechts). Walln. (im Auftreten). Ich muß Dir nur ernstlich sagen, ich bin recht unzufrieden mit Dir. 31 Gust. Unzufrieden? Wal ln. Ja, recht unzufrieden und fast reut'smich schon, was ich mir vorg'nommen Hab, ich will nämlich übersiedcln und zu Dir hereinziehen. Gust. (erschrocken). Wie— Sie wollten? Walln. Darüber erschrickst Du? Gust. O, im Gegentheil, ich bin sehr erfreut. Walln. (ohne aus ihn zu hören sortsahrend). Bei deinen Schwiegerältern bist Du nicht erschrocken, wie die den Wunsch geäußert haben zu Dir in s Haus zu kommen, denen hast Du gleich mit der größten Bereitwilligkeit die schönsten Zimmer dort (auf links deutend) eingeräumt. Gust. Auch Sie werden mir gewiß sehr willkommen sein. Walln. Na, ich werd's ja seh n. Aber das sag' ich Dir gleich, wann's in deiner Häuslichkeit so fort bleibt wie bisher, da werde ich mich nicht lang' da aufhalten und was nachher weiter g'schieht, das wirst schon seg'n. Gust. Ich weiß was Sie sagen wollen, lieber Onkel, doch — Walln. Jetzt bist Du zwei Tag' verheirat' und nicht ein einziger Scandal, nicht einen einzigen Auftritt hast Du noch mit deiner Frau g'habt. Gust. Es war bisher noch kein Anlaß dazu. Walln. Ei was, Anlaß! Wenn man ein Anlaß haben will, fmdl' man bald einen. Aber Du hast nicht den redlichen Willen, einen zu suchen, im Gegentheil, Du erweist, ja deiner Frau alle möglichen Zärtlichkeiten und wann das so fortgeht, werdt's Ihr ja mit der Zeit wie die Tauben miteinander leben. — Na, da kann ich hernach a schöne äreud' mit Dir haben und statt ruhig und vergnügt zuschau'n zu können, werd' ich am End' selber martern müssen. (Setzt sich in den Fauteuil.) Zweite Scene. Quirin, Vorige. Quir. (kommt durch die Mittelthür, ohne Wallner. welcher durch die hohe Lehne des Fauteuils gedeckt wird, zu bemerken.) Servus, Gustav! Gust. Na, endlich kommst Du einmal! Quir. Ich komme spät, doch ich komme. Gust. Sag' mir dock, wo hast Du Dich denn immer herum getrieben, daß man Dich so lange nicht zu Gesicht bekam? Quir. Ich Hab' mich gar nirgends hcr- umgetrieben, sondern ich bin wo hineinge- treeben worden, nämlich in den Schuldenarrest. Gust. Was? Quir. Ja, mein einziger Gläubiger, den ich Hab', die andern sein ja alle, wie ich's Geschäft hergeben habe, befriedigt word'n, hat mich einsperren lassen. Gust. Aber warum hast Du mir nichts von der Schuld gesagt? Quir. Freilich hält' ich Dir's sagen sollen, denn Du hast mir ja schon öfters g'holfen undhätt'st es auch dießmal gethan und so wär' das Malheur verhüt't wor'n — es war mir übrigens nicht so bang um mich, denn ich Hab' mirgleich gedacht, daß's mich bald wieder auslaffen werden; aber um Dich war mir, denn mein Vampyx hat mich mittelst Sollicitator und Gerichtsdiener unglücklicher Weis' in dem Augenblick zusammeupacken lassen, wie ich Hab' in's Haus zu deiner Geliebten hineingehen wollen, und so Hab'ich leider den bewußten Brief nicht abgeben können. Gust. Wie? — Du hast nicht? Quir. Nein, leider — Gust. (m höchster Aufregung). Du hast wirklich den Brief nicht abgegeben? Quir. Sie haben mich ja nicht lassen. — Aber Du thust ja grad' so, als ob Du noch gar nichts wüßtest; Du wirst ja wohl von der Rosa schon erfahren haben, daß sie den Brief, mit dem wir den Onkel haben breitschlagen wollen, nicht erhalten hat? Wal ln. (welcher inzwischen hinter der Lehne hervorsah und horchte, bei Seite). Breitschlagen? Ouir. (den Brief hervornehmevd). Da ist er noch, zug'macht wie er war. Gust. (nimmt hastig den Brief und betrachtet ihn; nach einer Pause, beinahe tonlos). Wahrhaftig, sie hat ihn also nicht gelesen. Walln. (Gustav den Brief aus der Hand nehmend). Was hast Du denn da für einen Brief? Ouir. (bei Seite). Uije, der Onkel! Walln. (den Brief öffuend). Muß doch schaun, auf was für eine Art der Alte hält' soll'n breitg'schlagen werden. (Liest für sich.) Ouir. O — 's ist nur ein unschuldiger Spaß, ein Zur, ganz ein harmloser Jur. Walln. (fort für sich lesend). Schau, recht schön! Ouir. Na, wenn's Ihnen nur g'fallt. Walln. Also auf die Art hat man mich wollen anlaufen lassen? Ouir. O, von laufen ist gar ka Red! Im Gegentheil, wir haben Ihnen wollen aufsitzen lassen. Walln. Ist aber nicht g'seffen, der Alte, sein ganz Andere g'sessen, denn trotzdem die Betreffende den Brief nicht erhalten hat, hat sie doch die Prüfung ganz gut bestanden. (Legt den Brief aus den Tisch.) Ouir. Was? Walln. Ist auch bereits die Frau meines Herrn Neffen. Ja, g'hört schon sein, ha ha! Ouir. Nein, nein, das ist nicht möglich. Gustav, red' doch! Gust. (stand inzwischen in Gedanken versunken und starr vor sich hinblickend da) Es ist so, wie der Onkel sagt. Ouir. Sie hat die Prüfung bestanden? Gust. Sie hat sie bestanden. Ouir. Also wirklich nur um dein Geld war ihr zu thun? O schändlich, niederträchtig ! Gust. Betrogen, getäuscht von ihr! Walln. (zu Gustav). Na jetzt, wo Du selber so eine Erfahrung machst, jetzt wirst Du wohl einsehen, daß der Onkel Recht hat, daß er die Weiber haßt, und jetzt wird's Dir wohl nicht mehr schwer fallen, den Vorsatz, den Du mir damals nur vor- g'schwindelt hast, wirklich und ernstlich auszuführen. Gust. (wild auffahrend). Welchen Vorsatz könnte ich jetzt nicht ausführen! Und wäre er noch so grausam und hätte die Hölle ihn ersonnen. Bettogen, getäuscht von ihr!O, der Gedanke macht das Herz zum Zerspringen, pochen, er jagt das siedend heiße Blut mir in's Gehirn und füllt die liebeleere Seele mit Haß und Verachtung! (Eilig rechts ab.) Walln. (Gustav nachblickend). So, der ist jetzt in der rechten Wärme. Jetzt wird die G'schicht' gleich aus einem andern Ton gehen, und während der Neffe der Jungen den Text lest, werd' ich dort d'rin die Alte martern. Na wart's, Weiber, g'freut's euch! (Ab links.) Ouir. O, ich wollt', daß ich jetzt die ganze Welt martern könnt'. Mein' Freund so zu täuschen, so zu betrügen, 's ist schändlich! Dritte Scene. Clara, Quirin. Clara (kommt mit einem Federhut aus der Thür links und spricht im Heraustreteu nach rückwärts gewendet). Ich werd' den Hut gleich ändern und in wenigen Augenblicken wieder zurückbringcn, ich Hab' ja nicht weit, ich wohn' gleich im Haus daneben. Ouir. (für sich). Die Clara! Clara (jetzt erst Quirin gewahrend). Uije, das ist der grausliche Ding. Wann ich nur den nimmer sähe. (Will rasch fort.) 33 Quir. (fie zurückhaltend). Halt, wohin so eilig? Clara. Das kümmert Ihnen garnichts. Lassen's mich meine Wege gehen. Quir. Na ich glaub' gar. Du redtst mit mir per »Sie«. Clara. Am liebsten wird's mir sein, wenn ich mit Ihnen gar nichts mehr z'reden Hab', weder per Sie noch per Du und d rum weichen's mir in Zukunft aus. Quir. Ja was soll denn die G'schnap- pigkeit? Was soll denn die plötzliche Unfreundlichkeit gegen mich? Clara. Immer g'scheiter eine offene, ehrliche Unfreundlichkeit, als so a verstellte Freundlichkeit wie die Ihrige ist, und die Sie gegen mich nur deshalb äußern, damit Sie hernach mit mehr Effect auftreten können. Das gibt's aber bei mir nicht, wird nichts auftreten mit Effect. Quir. Ja was soll denn das Alles heißen? Clara. Das soll heißen, daß ich nicht ein unschuldiges Opfer sein will, und daß es mit uns zwei aus is, für immer aus. (Eilt ab.) Quir. (ihr uachrufend). Clara, Clara, sie hört gar nicht! und laufen thut's als wann's hinter ihr brennet. (Eilt in derselben Richtung ab.) Vierte Scene. Schnorr. Eulalia, Wallner (kommen von linkt). Eul. (jm Auftreten zu Wallner). Hören Sie, Sie thun einem ja nichts als lauter Grobheiten an. Schnorr. Ja und was für Grobheiten. Walln. Wann's Jenen nicht recht is uur sagen. Eul. Man laßt sich schon was g'fallen. Schnorr. Aber was z'viel is, is z'viel. Walln. Wann's nicht recht is, nur saßen. ihtaltl-iXepritoxt, !)»l. lüi. Eul. Haben wir deswegen unsere Tochter heiraten lassen? Schnorr. Damit wir im Alter uns se- kir'n und Grobheiten sollen anthun lassen. Walln. Haben Sie vielleicht glaubt beim reichen Schwiegersohn umsonst logir'n zu dürfen um da schön ruhig und gemüth- lich zu leben? Da wird nichts d'raus. Fünfte Scene. Christoph, Vorige. Christ, (bringt eine Flasche Wein aus einer Tasse). Da ist der Wein. Schnorr. Na endlich. (Greift nach der Flasche) Walln. (Schnorr's Hand wegschienend). He, ausg' halten. (ZuChristoph.) Woher ist der Wein? Christ. Aus'n gnä' Herrn sein' Keller. Walln. (zuChristoph, ihm die Flasche gebend). Marsch wieder z'rück damit und dorthin, wo er ist herg'nommen wor'n. Schnorr. Erlauben Sie mir Walln. Nichts wird erlaubt, imGegen- theil verbothen wird. (Zu Christof.) Daß Du Dich also nicht mehr unterstehst, und den Leuten da ein' Wein bringst. Christ. Sehr wohl. (Ab.) Schnorr, 's ist gräßlich. Eul. Schauerlich! Walln. Ja haben Sie glaubt, sich da hersetzen zum reichen Schwiegersohn und auf Regimentsunkosten fein biberln. Da wird nichts biberlt. Sechste Scene. Vorige. Clara. Clara. Da bring ich den Hut wieder. Walln. Was ist denn das fiir a — Eul. (zu Klara.) ^Haben Sie geändert Clara. Jawohl, ganz so wie ihn d'gnä' Frau g'wünscht hat. 3 34 Eul. Ich werd'n gleich probir'n. (Setzt den Hut aus.) Wattn, (für sich) 3ch hätt' gute Lust ihr'n anzutreib n. Eul. (sich vor einem Spiegel betrachtend). Der Hut steht mir wirklich famos. Siebente Sceue. Fra u von Wuckler, Frau von Felben mayer, Frau von Zangelspitz, Frau von Gigelbauer. Vorige. Wattn, (die Kommenden erblickend), lli je jetzt kanns schön werden. (Gegenseitige lebhafte Begrüßung der Frauen.) Eul. Soeben Hab' ich den neuen Hut bekommen. Fr. v. Wuckl. Ah, ah! Fr. v. Felbm. Wirklich recht schön. Fr. v. Zang. Nach der letzten Mode. Fr. v. Giglb. Süperb. Eul. Er steht mir auch recht gut. wieder vor dem Spiegel.) Fr. v. Wuckl. Ist das a Pint scherl. Fr. v. Felbm. Na! Fr. v. Zang. Den setzet imt^A^ auf. ^ ^ Fr. v. Giglb. Net um a Welt. ^ - ?' Eul. 3 bitt', nehmen's Platz. Der Kaffee wird gleich komme». (Die Frauen setze» sich.) NS (Tritt l K i L. - Z Achte Scene. Fanni (kommt mit Kaffee auf einer Tasse) Vorige. Wallner (auf Fanni zugehrnd). Wer hat ihr das g'schafft. Fanni. Die gnädige Frau dort. Wattn. Marsch damit wieder in die Küchel zurück. (Schiebt Kann hinaus). Die Frauen. Ja was ist den das? Schnorr (freudig bei Seite). Aha jetzt geht's denen so wie's mir vorhin mit'n Wein gangen is. Eul. Die Schmach, ich könnt' in den Erdboden hineinsinken. Wattn. Hier werden nicht fremde Hälse mit Kaffee gewaschen. Fr. v. Wuckl. Ah das ist mir noch nicht vorgekommen. Fr. Felbm. Das war noch nicht da. Fr. v. Zang. Eine solche Impertinenz. Fr. v. Giglb. Eine solche Impertinenz ! Eine solche Infamie. Fr. v. Wuckl. Na, schau'n wir, daß wir fortkommen. Fr. v. Felberm. Adieu, Frau von Schnorr. Fr. v. Zang. Laden's uns bald auf ein' Kaffee ein. Fr. v. Giglb. Aber auf ein solchen, wie der heutige war. (Alle schnatternd ab.) Eul. Die kommen in ihrem Leben nimmer. Wattn. Ah, da wär' schad'. Eul. Nein, wie man sich so benehmen ^ kann. Schnorr. Das muß ja rein absichtlich, das muß ja rein d'rauf ang'legt sein. Elara (vortretend). Ja das ist's auch- O, wann Sie wüßten, was der Herr und sein sauberer Neffe für ein schönen Plan mit einander ausg'sührt haben. Ich Hab s damals belauscht, wie sie ihn grad' mit ein ander besprochen haben; Sie müssen wissen gnä' Frau, daß alle zwei ein Paar wü^ thende Weiberfeind' sein. Wattn. Ja, das sein wir auch, ich schon hübsch lang, mein Neffe erst seil Kurzem. Clara (sortfahrmd). Für ihr'n Haß haben sie sich vorgenommcn, ein Opfer aus'n weiblichen G'schlecht herausz'suebene um es dann recht zu martern. Eul. Ah, das ist ja gräßlich. 35 Schnorr. Das sein ja reine Blaubärte. Clara. Unglücklicherweis ist die Wahl g'rad auf Ihre Fräul'n Tochter g'fallen, i die ich damals leider nicht gekannt Hab', s und daher nicht warnen Hab' können. ! Schnorr. Können Sie das, was sie uns jetzt mittheilt haben, auch vor Gericht bezeug'n. Clara. O ja, bitt' sich nur auf mich zu berufen. Schnorr. Das wird sehr bald geschehen, denn wir klagen auf Scheidung. Und auf Alimentation. Auf viel Alimentation. Eul. Wir gehen dann mit unserer Tochter von Ihrem säubern Herrn Neffen weg und er muß sie erhalten. Schnorr. Da leben wir hernach wieder fein. Wal ln. Wär' a schön's Stuck, aber spielen werd'n sie's nicht. Schnorr. O ja, sie werden's spielen und zwar bald spielen, denn jetzt gleich laß' ich die Klagschrift machen. (Rasch ab. Links.) Eul. Uud heut' noch nmß sie eing'reicht werden und ich selber renn' zu alle Aem- ter, zu alle Behörden, zu alle Stell'n und laß' nicht nach, bis wir g'schieÜen sein. (Rasch ab). i Walln. (ihr folgend.) Ganz gut, bis ! dahin aber wird g'martert, denn ich laß' auch nicht nach. (Ab.) ! Clara (allein). Wer hätt' das 'glaubt, ? daß der Quirin so ein bösartiger Weiber- j stind ist?! Ich Hab' glaubt, weiß Gott, - wie gern er mich hat. nnd derweil haßt er ! mich und mein ganzes Geschlecht. — Jetzt ! steh' ich wieder da ohne Geliebten, ohne 1 künftigen Gatten! — Mein Gott, 's geht , nicht mir allein so, 's sind heutzutag' gar ^ schlechte Zeiten, cs müssen sich gar Diele i letzt einschränken und so muß ich mich halt i auch ohne Liebhaber behelfen. ^ Louxte 1. ü Tin lediger Herr, der zu Haus menagirt, 8 ^em hab'n schon seit Jah'rn seine Haus- ü Haltung g'führt, Zwei Schwestern, a Tant' und a Köchin die z'samm', A Alter von dreihundert Jahr'n jetzt grad' hab'n. So viel zur Bedienung, das thut's jetzt nicht mehr; »Die Zeiten sein schlecht,« ruft da plötzlich der Herr, Und halt sich a Stub'nmadl jetzt ganz allein; Ja, es schränkt sich halt Jeder bei derer Zeit ein. Wann einstens ich eine Verbindung geh' ein, »So muß cs ein Feldmarschall mindestens sein.« So sprach eine Fräul'n, als noch jung sie einst war; Das sind jetzt wohl freilich schon etliche Jahr. Das Fräul'n hat noch heutzutag keinen Gemal, Doch hat sic getroffen bereits eine Wahl; Ihr Geliebter thnt G'freiter beim Fuhrwesen sein. So schränkt sich halt Jede bei derer Zeit ein. Der Hugo und d'Bertha, die sitzen bei- samm' Des Abends und sag'n sich, wie gern sie sich hab'n; Doch brennt nie a Kerzen, 's zünd't d'Bertha nicht an, Weil d'Kerz'n, wie's sagt, man erschwingen nicht kann. Da denkt sich der Hugo, und sagt es auch laut, Indem er beim Mondschein die Bertha anschaut: »Ha, wird das a sparsame Hausfrau einst sein, Die schränkt sich schon j«!tzt als a Ledige ein. A Witwe, die nimmer ganz jung schon mehr is 3 * Doch Werthpapier lieg'n hat im Kast'n / ein Riß, Die halt sich a Wohnung, die durchaus nicht groß; Doch will sie begnügen mit der Hälfte sich bloß. »Ach,* meint sie, die Zeiten sind einmal zu schwer, Für mich so a Wohnung das thut's nim- '' mermehr. Ich nehm' einen Zimmerherrn mir jetzt gleich n'ein,* Ja, es schrankt sich halt Jede bei derer Zeit ein. (Ab. Nach dem Liede fällt der Zwischenvorhang.) Zweites Bild. Redliche Gauner. (Eleganter Saal bei Gustav Wallnrr. Rechts! und links Säulrngäoge. Im Hintergründe ein von Säulen getragener großer Bogm, welches ein reich vergoldeter rother Vorhang schließt. An den Eoulissen hohe vergoldete Kandelaber mit brennenden Kerzen.) Neunte Scene. Quir. (nach dem Tanze). Jetzt, meine Herrschaften, bitte ich, sich in die Nebensäle zu begeben, wo Sie neue Ueberraschnngen erwarten. (Die meisten Gäste links ab.) Gust. (Quirin aus die Achsel klopfend). Brav, Freund, Dir ist das Arangement meiner Feste überlasten, sorge nur immer lustig für Ueberraschnngen. Schnorr. So laß' ich mirs gefallen, da sein wrr dabei. (Ab.) Eul. Auf die Art ist von einer Scheidung gar keine Spur. (Ab) Walln. (für sich) So war's ihnen recht. O, Mordbagasch. Na wart's nur, 's wirk nicht lang so fortgehen. (Folgt Beiden.) Gust. (immer mit erzwungener Fröhlichkeit). Lustig Freunde, luftig. Und wenn im Innern Gram und Schmerz sich regt, haha, nicht aufkommen lassen, Niederdrücken unk lustig sein, haha, lustig sein ! Rosa (bei Seite). Ach, diese Lustbarkeit mackt mich zittern und beben. Quir. Wenn ein Kartenspiel gefällig ist, dort d'rin (deutet nach rechts) sind die Spieltische bereits gedeckt. (Ab links.) Gustav, Rosa, Wallner, Schnorr. Eulalia, Quirin, Fink, Brenner, Dornfeld. Mehrere andere Gäste, Bediente (mit Tassen, woraus Weingläser). Chor der Gäste. Es schwenke jeder froh das Glas Gefüllt mit edlem lichtem Naß Und bringe aus ein Hoch dem Saft Der Frohsinn gibt und Muth und Kraft. Schenk't ein, schenk t ein Den gold'nen Wein Und stoßet an Und trinket dann So lange bis das Rebengold Uns glühend durch die Adern rollt. Gust. (sein Glas erhebend). Hoch der Rebensaft. Alle. Hoch! Quir. Jetzt em' Tanz. (Mehrere Paare im idealen Lostüm führen einen grotesken Tanz aus.) (Die Gäste gehen rechts ab.) Fink (zu Gustav). Wollen Sie ein Spielchen mit uns machen? Gust. O, mit größtem Vergnügen Sie wissen ja, Freund, das Spiel ist in neuester Zeit meine Leidenschaft. Brenner. Wir sind Ihnen mehrfache Revanche schuldig. Gust. Nichts von Revanche. Dörnfeld. Vielleicht haben Sie heute mehr Glück als bisher. Gust. Wenn auch nicht. Das soll meine frohe Laune nicht trüben, ich habe ja bereits auf alles Glück verzichten gelernt. Und wenn ich Alles, was ich einzusetzen vermag, wenn ich den ganzen Rest meines Vermögens verliere, wenn ich als Bettler vom Spieltisch hinweggehe, dann will i«t> erst recht lustig sein, ja ja, recht luftig. Fink. Das nenne ich Gleichmuth einet Spielers. Nun, dann kommen Sie, meiie Herren. (Ab mit Brenner und Dornseld.) i 37 Gust. (will ihnen folgen). Rosa (ihn zurückhaltend). Gustav, Du willst wieder an den Spieltisch. Gust. Ja, ich will dort das Vergnügen suchen, will mich zerstreuen. O, ich bedarf der Zerstreuung. Rosa. Ueberrcde mich nicht, daß Du am Spiel Vergnügen findest, es ergötzt Dich so wenig, als mich der Jubel, der jetzt in deinem Hause erschallt. Gust. Ist es Dir zu still? Es soll lauter werden. Rosa. Möchten lieber die Ruhe, der Friede wieder einziehen. Gust. Nein, nein. Ich will nicht Ruhe, will Lärmen, Jubel, Spectakel. Ich will lustig sein, will Tanz, Gesang, Wein, Spiel. Rosa. Einst hast Du an derlei lärmenden Belustigungen kein Vergnügen gefunden. Gust. Ja, einst — und jetzt! Rosa. Das Spiel war Dir immer verhaßt. Gust. Manches, was ich einst haßte, liebe ich jetzt und was ich liebte, hasse ich. Rosa. Du hast bereits namhafte Summen dem Spiel geopfert und verlierst fort, und fort. Gust. So wird der alte Spruch zum Lügner, der da behauptet, wer in der Liebe unglücklich ist, habe Glück im Spiel. Rosa. Ach, daß ich Dir beweisen könnte, wie wahr, wie innig ich Dich liebe. Doch leider, der Schein spricht zu kräftig gegen mich und alle Worte der Vertheidigung find zu schwach. O, könnte ich dadurch meine Liebe Dir beweisen, ich wollte ja gerne entbehren, darben und Noth und Kummer tragen. Gust. Nein, nein, das sollst Du nicht. Entbehren, darben — nein, nein. Es war das Gold, das Dich an mich zog und Du sollst im Hause des Reichen Alles haben, was Gold zu bieten vermag. Ja, ja, cs soll Dir hier an nichts fehlen und cs soll hier recht lustig, recht lustig hergehen und Jubel und Freude so lange sein, als das Gold währt; ist es aber einmal geschmolzen, »st der Reiche zum Bettler gemacht, dann — verlasse ihn, Verläße den tollen Bettler nnd lache über seine Narrheit, die einst an wahre Liebe glaubte. (Ab.) Rosa (allein). Woher nehme ich die Kraft, das zu ertragen? Nun ist erfüllt, woran das Lied des alten Bettelsängers damals mahnte : wir wähnten noch das Glück, doch winkte Gram und Schmerz. (Ab.) Zehnte Scene. Quirin. Clara. Clara (im Auftreten). Ich kenne mich schon wieder nicht recht aus mit Dir. Quir. Das »nacht nichts, wenn ich mich nur auskcnne. Damals hast Dich wegen der weiberfeindlichen G'schicht' auch nickt anskennt, bis ich Dir hernach Alles erklärt Hab' und so wird Dir auch dießmal später Alles klar werden. Clara. Du arrangirst da lauter Fest — Quir. Ja und was für Fest, mit Bällen »»nd Concerten und mit was für Bällen und mit was für Concerten, heut' hast sogar Du durch ein Concert aufm Clavier mitgewirkt nnd hernach haben nock »nitgewirkt ein Geiger von der Stadt Belgrad und e»n Schauspieler von Hüttel- dorf. Lauter Kunstgrößen, hab'n auch, wie sich's heut' zu Tag' g'hört', gegen erhöhte Preise g'spielt. Für Dick setz' ich zweihundert Stück Ducaten, mein' Freund, in die Rechnung. Clara. Ich Hab' ja gar nichts kriegt. Quir. Das macht nichts, cs hab'n d'Au- dern auch nichts kriegt. Clara. Wird die Rechnung nicht beanständet werden? Quir. O nein, denn, mein Freund hat in neuerer Zeit sehr verschwenderische Neigungen. Clara. In denen Du ihn noch bestärkst. 38 Quir. Das thu' ich allerdings, dazu Hab' ich aber auch mein' Grund. Clara. Daß du in die Rechnung mehr hineinsetzt. dazu hast wohl auch dein' Grund. Quir. Natürlich. Clara. Eigentlich haßt man halt so was ein' Betrug. Quir. Ja freilich. Deswegen bleib' ich aber doch ein ehrlicher Mensch. Clara. Das ist aber das, was ich nicht versteh'. Quir. Wird Dir Alles klar werden und zwar sehr bald, das heißt, wann Alles so cintrifft, wie ich erwart', daß's g'schehen wird. Etlfte Scene. Schnorr. Eulalia. Wallner. Vorige. E ul. (im Auftreten). Ah, da ist ja der Arrangeur. Schnorr. Sie hören's, wir müssen Ihnen sagen, wir sind mit ihrem Arange- ment nicht ganz zufrieden. Quir. Wie so, hat Ihnen etwa die türkische Musik nicht g'fallen? Schnorr. Was für a türkische Musik? Quir. Na, der Geiger von der Stadt Belgrad. Eul. Na, der war g'rad' nit so übel. Walln. Für Ihnen jedenfalls gut g'nug. Clara. Oder hat Ihnen mein Clavier- g'spicl nicht g'fallen? Eul. O, das schon, aber die Credenz g'fallt uns nicht. Schnorr. Da ist ja der Schmalhans Kuchelmeister. Walln. Für Ihnen noch immer z'viel. Zwölfte Scene. Gustav. Vorige. Gust. Ha ha, nun ist Alles verspielt. Schnorr und Eul. Was? Quir. Alles? Gust. Alles, bis auf das Letzte. Walln. Ha ha, jetzt können's d'Klag' auf Scheidung einreichen, aber mit der Alimentation, mit Sapplati wird's schlecht ausschau'n. Quir. (ist inzwischen in das Spielzimmer abgegangen und wieder zurückgekommen.) Dreizehnte Scene. Rosa, später Jacob (welcher im Hintergrund horchend stehen bleibt). Schnorr. Also wirklich Alles ist hin? Eul. Gar Alles? Clara. Die können's gar nicht glauben. Gust. Ja, das Metall, das Euch an mich geschmiedet, ist nun geschmolzen, der Reiche steht nun verarmt und hoffentlich auch bald verlassen da. Rosa. Wenn Alles Dich verlaßt, ich bleib' bei Dir bis der Tod mich von deiner Seite reißt und wenn es mir auch schwer fallen wird, Dich manches Gewohnte entbehren zu sehen, werde ich doch anderseits das Geschick preisen, das es mir ermöglichte, Dir meine wahre Liebe zu beweisen. Gust. Wie, Du wolltest — Rosa. Ja, ich will bei Dir bleiben und gerne mit meinen Händen Tag und Nacht arbeiten, Dir und uns den Unterhalt zu erwerben. Jacob (jetzt vortretend). Nein, das wird nicht g'schehen, denn dahier ist so viel Geld, daß das gar nie wird nothwendig sein. Eul. Woher hat der das Geld? Schnorr. Das hat er g'stohlen. Jacob. Ja, das Hab' ich g'stohlen. Alle (bis aus Schnorr und Eulalia) Was ?! Jacob (zu Schnorr und Eulalia). Ihnen Hab' ich's g'stohlen! Eul. Na also — Schnorr. Her damit — Jacob. Nein, nicht her damit, denn 39 hier Hab' ich ein Dokument. (Nimmt eines Schrift hervor.) Eul. Ha! Schnorr. Die Schrift! Jacob. Ein Document, welches beweist, daß das Geld nicht in die (zeigt aus Schnorr), sondern (zeigt auf Rosa) in die Hand dahier g'hört, (zu Rosa) Die Schrift ist in der Uniform ihres Herrn Vaters g'funden, und mir von dem Mann, der ihn todt vom Schlachtplatz wegtragcn hat, nebst mehreren Kleinodien übergeben worden. Nehmen s jetzt, was Ihnen mit vollem Reckt gebührt. Rosa. Wie? das viele Geld? Jacob. Ja, ja nehmen Sie's, es ist der halbe Erbtheil Ihres Herrn Vaters, er hat's mitsammt der andern Hälfte vor seinen Ausmarsch den säuber n deuteln da übergeben. Ich Hab' geahnt, daß sie's nicht so verwalten werden, wie sie sich in der Schrift da verpflicht't haben, und darum Hab' ich den halben Theil davon in meine Verwahrung genommen. Dahier ist das ganze Geld was i ch verwaltet Hab', sammt Zinsen und Zinseszinsen. Was die da verwaltet haben ist bereits verputzt. Wal ln. O Du Mordbagasch. Eul. Jetzt stehen wir schön da. Schnorr. Ist das a G'frett! Jacob (zu Rosa). Ich hätt' Ihnen längst Ihr Eigenthum übergeben, aber früher Hab' ich nicht können, weil ich Ihren Aufenthaltsort, wohin man sich mit Ihnen geflüchtet hat, nicht gekannt Hab' und später Hab' ich nicht wollen, weil ich mir denkt Hab', daß, so lang' Sie bei den Leuten da sind, auch in Ihren Händen das Geld nicht sicher wär', und darum Hab' ich mir vorg'nommen z'warten, bis Sie einmal verheirat' sind. Rosa. Guter Jacob, (ch werde Ihn gewiß nach meinen Kräften lohnen. Jacob. Nichts davon, mich lohnt mein Bewußtsein. Rosa. Gustav! Nun werde ich Dich nicht entbehren sehen, denn dieß hier ersetzt, was Du verloren hasi. Gust. (zu Rosa). Beschämt, vernichtet steh' ich jetzt vor Dir. Der Gedanke, Dich so tief gekränkt zu haben — Rosa. Die Umstände trafen so zusammen und zeugten derart gegen mich, daß Du an meiner wahren Liebe zweifeln mußtest. Gust. Ich hätte dennoch nie zweifeln sollen. Rosa, verzeihe mir und vergiß, was ich Dir angethan. Rosa. Es ist bereits vergessen. Gust. Gute Seele! (Drückt sie an die Brust.) Nun beugt mich nur ein Gedanke, das ist der: was ich einst so nützlich zu verwenden wußte, nun so schmählich vergeudet zu haben. Quir. (vortretend). Das ist nicht vergeudet, sondern größten Theils gerettet. Gust. Wie? Quir. Ja ja, gerettet! Denn meine Rechnungen haben größtentheils fingirte Posten enthalten, die Karten, mit denen Du g'spielt hast, waren markirt und die Spieler wackere, ehrliche Leute, meine Freunde. Gust. Wirklich! Quir. Das ist die Schlußüberraschung, die ich für das heutige Fest vorbereitet Hab'. (Klatscht in die Hände.) (Musik.) (Der Vorhang geht rasch auseinander im Hintergründe zeigt sich ein magisch beleuchteter Feen- tempel, von Genien und Feen in Gruppen umgeben. Aus einem Postament in der Mitte des Tempels steht eine vergoldete Lhatouille.) Quir. (nimmt die khatouille vom Postament und überreicht sie Gustav). Nimm s hin und verwende es wie früher zum Schönen und Guten. Gust. Edler Freund, Du machst daS Maß meines Glückes voll. Auch dein Glück zu gründen, sei nun meine Sorge. Quir. Eine bescheidene Anstellung bei Dir, und es ist gegründet. Gust. Nicht eine bescheidene, eine glänzende soll Dir werden. 40 Quirin. Clara, jetzt wird g'heirat. Clara. Na, endlich. Schnorr. Und wir werden doch auch — Eul. Da im Haus bleiben dürfen — Rosa. Wann Sie auch nicht so ehrlich an mir handelten, als sie hätten sollen, werde ich dennoch immer daran denken, daß Sie meine Ziehältern sind. Wal ln. Und ich bleib' auch bei Euch. O, na, fürcht's Euch nicht, mein Weiberhaß hat sieb jetzt bedeutend geändert, und Niemand wird mehr im Haus von mir gemartert werd'n, als die Zwei da. (Deutet aus Schnorr und Eulalia.) Aber dafür die um desto stärker. Aus die fallt jetzt mein ganzer Weiberhaß. Eul. Was? Schnorr. Auch auf mich? Ich bin ja kein Weib. Wal ln. O ja, Sie sein ein alt's Weib in einer Hosen. Das sind die grauslichsten alten Weiber. Quir. So jetzt hat ein Jcd's sein Theil. Der Eine hat dös, der Andere das, a Jeder was Anders, a Jeder hat was. (Schlußgruppe. Musik- Der Vorhang fällt.) Ende. Dnut und Papi« von ir. Sommer in Wien- Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Der Blaubart. Lustspiel in einem Act. Nach Bayard von M. A. Grandjean. (Mit glänzendem Erfolge aufgeführt im k. k. Hofburgtheater in Wien.) Personen: Mannrvill e. Marguerite, dessen Gattin. Lsouide, deren Freundin. Brrlagot. Charles. Lson, Manneville's Neffe. Ein Bedienter (Julien). Ort der Handlung: Ein Schloß Manneville's in der Normandie. (Ein Salon, im Hintergründe mit dem Ausgange in einen Park, rechts und links Thüren zu anstoßenden Gemächern; an der zweiten Eoulisse links ein Fenster, an der ersten Eoulisse rechts eine kleine Tapetenthür. von der andern Thür durch einen Kamin getrennt. Eine Eauseuse, Armsessel, Stühle rc.) Erste Scene. Lson, darauf Charles. Leon. Das Pferd ist gesattelt! Gut, nun imraschen Galopp zur Stadt und wie der Blitz bin ich zurück. (Nach dem Hintergründe gehend.) O — was seh' ich! Da rh-Ua.»tp«rt»ir« Sir. U7, klettert Jemand über die Parkmauer — ein junger Mann! Jetzt erkenn' ich ihn — es ist Monsieur Charles — was soll das heißen? Warum wählt der den Weg über die Mauer? Charles (durch die Mittelthür im Hintergründe eintretend). Da war' ich — das Glück der Liebe war mir günstig. — Niemand hat mich gesehen. (Erblickt Lson.) O verd — Lson (mit einer Verbeugung). Mein Herr— Charles (ebenso). Mein Herr, ich habe die Ehre — Lson. Ihr ganz ergebener Diener, 1 Wiederholte Begrüßung.) Erlauben Sie mir, Ihren Besuch meinem Onkel zu melden. Charles. Leon — mein werthester junger Herr, erlauben Sie mir, unangemeldet zu bleiben. Leon (bei Seite). Er wollte heimlich— o — er ist verliebt — in sie verliebt! (Zu Charles, sich in die Brust werfend.) Wollen Sie wohl die Güte haben, mein Herr, mir zu erklären, was Ihr ungewöhnliches Erscheinen auf eine so — ungewöhnliche Weise zu einer so — ungewöhnlichen Stunde zu bedeuten hat? Charles. Pst! — Ick beschwöre Sie — nicht so laut! Lson. Warum nickt? Man soll es nur hören — man soll, man muß es sogar er fahren, daß Sie über die Mauer gestiegen sind — weßhalb also? Charles (halblaut!. Sie sollen es wissen — ich will mick Ihrer Ehre, Ihrer Verschwiegenheit anvertrauen — ich komme aus Liebe — zn einem Wesen, welches ich anbete. Leon. So? Thut mir leid — da werde ick genöthigt sein, Sie todtzuschießen. Charles. Sie mich? Und warum? Leon. Weil dieses Wesen — weil jene Dame — Charles tschnell). Auch von Ihnen geliebt wird? Leon. Das Hab' ich nicht gesagt. Charles. Welch' eine Thorheit — ein Knabe wie Sie! Leon. Mein Herr — Sie beleidigen mich! Charles. Nun, zum Heiraten sind Sie doch etwas zu jung! Leon. Ei, und wollen denn Lrie jenes — Wesen beiraten? Charles. Ohne Zweifel. Leon. Die Frau meines Onkels? Charles. Wie? —Die Frau Ihres — (Lacht.) Hahaha! Leon. Er lacht! — Sie lacken? —Ich Muß Ihnen versickern—? Charles. Ick mnß Ihnen versichern, daß Sie, so viel es mich angeht, Ihre schöne Tante ganz nach Belieben lieben können. L6on. Wer sagt Ihnen, daß ich meine Tante lieben will —? Aber Sie — Sie dürfen sich nicht unterstehen — Charles. Aber gibt's denn weiter gar Niemand, als Ihre Tante? Lsvn. Ach, mein Gott, ja —ich vergaß wahrhaftig die junge Dame, eine Freundin von ihr — die gestern angckvm- men ist! Charles. Richtig. Lson (freudig). Also diese? Charles. Dieselbe. Und Sie haben gegen diese Liebe nichts einzuwenden? — Armer Junge! — sckon gut — ich verstehe und schweige. — Wenn nur der Herr Onkel nichts merkt! Lson. O nein, gewiß nicht — ich liebe ja nur so — für mich allein, das kam so von selbst — ich kann nichts dafür! Charles. Eine zarte — erste Liebe. Lson. Ja — die erste Liebe — ich weiß nicht, ob die zweite, dritte und vierte Liebe auch so zarr ist .. . und so unglücklich .. . Charles. Selten. Man seufzt wenigstens nicht so viel als beim ersten Male. Lson. Ach ja— beimersten Male seufzt man viel — davon weiß ich zu erzählen. Charles. Und der Gegenstand dieser Seufzer ahnt wohl nicht — Lson. Gottbewahre! Wenn sie in der Nähe ist, da unterdrücke ich meine Seufzer, da gebiete ich meinen Worten, daß sie mich nicht verrathen, und wenn nicht vielleicht meine Augen sprechen — Doch jetzt — adieu, Herr Charles — ich fliege nach der Stadt, um dorr ein Buck zu holen, von dem sie gestern sprach — heute will ich sie damit überraschen! (Ninmit stine Mütze, »selche auf einem Stuhle im Hintergrund« rechts lag ) Leben Sie wohl! . . . Wenn ick nur nicht den fatalen Herrn Bernerin begegne! 3 Charles. Bernerin? das ist ja der junge angehende Notar? Leon. Sie kennen ihn also? Ein unerträglicher Geck, dabei häßlich und albern. Charles Ab — Sie malen ja grimmig. So arg ist er nickt! Nur ein bischen von sich eingenommen — Leon. Widerwärtig ist er und zudringlich. Ueberall spielt er den Galanten. Charles. Ah, auch bei der Tante, und Sie sind eifersüchtig? Leon. Wie ein Tieger. Charles (lachend). Ein kleiner Tieger! Leon. Ich sage Ihnen, der kleine Tieger ist auf dem Sprunge — der süße Herr Bernerin mag sich in Acht nehmen. Pst — ich höre Schritte. (Schleicht zur Sei- tknthür links und öffnet dieselbe ein wenig.) Es ist Leonide — Glück auf, Herr Charles! (Ab durch die Mittelthür.) Zweite Scene. Charles. Leonide. Leonide (Charles erblickend). Sie hier, mein Herr — welche unverzeihliche Kühnheit! Charles. Haben Sie mein Billet nicht erhalten, gnädige Frau! Ich erbat mir dieses Rendezvous — Leonide. Und ich ließ die Bitte ohne Antwort, das heißt, ich schlug sie ab. Charles. Sie sind grausam, Leonide — weßhalb dieser herbe Ton gegen Ihren zärtlichsten — treuesten, ergebensten — Leonide. Und so weiter —Ihre Liebe scheint mir zweifelhaft — Ihre Treue noch mehr — Ihre Ergebenheit am allermeisten, da Sie eben gegen meinen Willen mich hier aufsuchen. Charles. Habe ich denn nicht all' Ihren Winken mich gefügt? Sie verbannten mich, forderten meine Abreise — ich kehrte Paris den Rücken und zog mich in ein altes Schloß der Normandie zurück. Gestern nun erfahre ich Ihre Ankunft bei Herrn v. Man- neville, der mein Gutsnachbar ist — Lsonide. Hätte ich das gewußt — Charles. O, lassen Sie mich glauben, daß eben, weil Sie gewußt haben — Lvonide. Nein, mein Herr, glauben Sie das durchaus nicht! Sie wissen, daß ick mich nicht wieder vermälen will, und Ihre Bewerbung setzt mich in die unangenehmste Verlegenheit, besonders hier, in einem fremden Hause, welches Sie bis heute noch nicht betreten haben. Charles. O, wenn es nur das ist, seien Sie unbesorgt! Mich hat Niemand gesehen. Um neugierigen Blicken nnd Ihren Vorwürfen auszuweichen, habe ich den Weg — über jene Mauer genommen. Leonide. Wirklick, mein Herr —? Nun, weil Sie denn so gewandt klettern, und so unbemerkt hiehergekommen sind, — so bitte ick Sie, mit gleicker Gewandtheit und eben so unbemerkt auf demselben Wege wieder fortzugehen. Charles. Wie, Madame, Sie könnten im Ernste begehren — Leonide. Ja, ja — Charles. Ich weiche nicht, bis Sie mich angehört — Leonide. Ich will nichts hören — Charles. Sie sollen erfahren — Leonide. Ich brauche nichts zu wissen. Charles. Aber — Leonide. Zum letztenMale, mein Herr — entfernen Sie sich — bei meinem Zorn! Marg. (von außen, ruft). Julien! Julien! Löonide. Fort, fort — ich höre Frau von Mannevillc — (Die Thür links wird geöffnet.) Charles. Sie hat mich schon erblickt! Löonide. Nein, nein, nur fort! Charles (bei Seite, während er nach dem Hintergründe abgrht). D, ich werde warten! Dritte Scene. Löonide, Marguerite, dann ein Bedienter. Marg. Das war ja Herr Charles —- und den weisest Du so ah? 4 Leoni de. Stille! ich hoffe, er soll nicht wieder kommen! Marg. (indem sie nach dem Kamin rechts zugrht). Und warum soll er nicht? der arme junge Mann! Sein Brief war doch so glühend, so aufrichtig zärtlich — Leoni de. Glaubst Du? Ich sage Dir aber) er ist ein Heuchler! Während er mir ewige Liebe schwur, hat er einer Andern das Nämliche betheuert. Marg. (zurückkommend). Mein Gott, man darf es heut' zu Tage bei den Männern nicht zu strenge nehmen. Weißt Du es denn auch gewiß? Leoni de. Freilich — einer verheirateten Frau hat er den Hof gemacht. Marg. Ach! wenn das ihr Mann bemerkt hätte! Lsonide. Ach, die Ehemänner bemerken das nie. Marg. Doch, doch! (Zum Bedienten, welcher eben erntritt.) Ach. Julien — hast Du Herrn von Manneville heute noch nicht gesehen? Julien. Der gnädige Herr ist sehr früh diesen Morgen ausgegangen. Marg. Ausgegangen? Allein? Julien. Ja, allein. Marg. Und — er — trug nichts bei sich? Julien. Ich habeNichts bemerkt, gnädige Frau. Marg. Gut — schon gut. (Julien ab.) Leoni de. WaS ist Dir? Du bist so aufgeregt. Marg. Ich — nein, durchaus nicht — doch um auf Charles zurückzukommen. — — Siehst Du, Lsonide, ich glaube, Du spielst die spröde Cokette gegen ihn. Das ist nicht gut — die Coketterie ist gefährlich. Lsonide. Das sagst Du — und hast doch diese — gefährliche Kunst selbst ausgeübt. Marg. (erschreckt). Niemals! Leoni de. Noch gestern Abends auf der Promenade — weißt Du wohl, dieser Herr Ernenn, der liebenswürdige Schwätzer — Marg. Ach, der lächerliche Mensch! Leoni de. Gut — Du hast aber auS cokettem Muthwillen diesen Herrn in Dich vernarrt gemacht! Er küßte Dir ja beim Abschiede die Hand mit einem Blicke — Marg. Wie, Du meinst? Hast Du bemerkt — (Bei sich, wieder plötzlich erschreckt.) Und mein Mann ist am frühesten Morgen ausgegangen, vielleicht wieder mit — Pistolen? Lsonide. Du irrst Dich, wenn Du wähnst, ich wolle gegen Monsieur Charles die Cokette spielen — ich will nicht zum zweiten Male heiraten, das ist der alleinige Grund. Marg. Nicht mehr heiraten — geh' doch, Du scherzest! Lsonide. Durchaus nicht. Marg. Aber ich begreife nicht. Lsonide (seufzend). Weil Du glücklich bist — dein Mann ist zwar nicht jung und nicht schön — Marg. Das kann man ihm nicht nachsagen. Lsonide. Das thnt man auch nicht, aber dein Mann ist gut und brav und gegen Dich äußerst liebenswürdig. Das kann man ihm Nachsätzen und das sagt man ihm nach. Marg. (ihr seufzend die Hand drückend). Sprechen wir von Charles. Lsonide. Der gute Manneville ist ein Phönix unter den Ehemännern; einen solchen finde ich nicht, und will darum Wittwe bleiben. — Was seh' ich, Du weinst? Marg. Nein, nein. Lsonide. Ja doch — Marguerite, Du hast geheimen Kummer. Wie? ist dein Mann nicht die Güte selbst? Marg. Er? LvBnid«. Nun? Marg, Er ist ein Unmensch! Lsonide. Ach, meinGott! (Man hört eint« Pistolenschuß.) (Leonide und Marguieritr schreien laut aus ) Marg. Er hat ihn getödtet! Lsonide. Wer? Dein Mann? Wen 5 hat er getödtet ? (Wendet sich um und sieht Ma- nrville, der in einer Hand einen Pistolenkasten und eine Pistole, in der andern eine getödtete Drossel trägt.) Vierte Scene. Läonide. Manneville. Marguerite. Mannes, (durch die Mittelthür). Die arme Drossel! Marg. Wie? Löonide. (lachend). Eine Drossel, ha, ha! Mannes. Was fehlt Dir denn, Marguerite ? Marg. Mein Gott, lieber Mann — ich hatte Angst. Mannes, (ihr die Hand küssend). Armes Weibchen — wir Du zitterst ! Löonide.Wie kann man aber auch zehn Schritte vom Hause sich im Pistolenschießen üben? Mannes. Ich dachte, die Damen schliefen noch. (Legt die Pistole und den Dogel aus den Lamm.) Läonide.AH, und deßhalb schossen Sie? (Lacht, bei Seite.) Unmensch? Er sieht nicht so grimmig aus! Mannes, (zwischen die beiden Frauen tretend.) Es war so — Ich war zeitig auSgegangen, um frische Luft zu schöpfen — die Umgegend zu durchstreifen — Lsonide (nach dem Pistolenkasten zeigend). Mit dem Ding dort? Mannes, (immer in ernstem, fast düsterem Tone, langsam und scharf betonend). Ja— es ist meine Gewohnheit. Heute geschah es mit Absicht. Ein verdammter Sperber war mir lästig — der pickte und naschte so keck auf meinem Gebiete. ich kann das nun ein-1 mal nicht leiden. (Mit Affectation lachend.) Ich will diese lüsternen Vögel schon nach und nach unschädlich machen. Läonide. (bei Seite). Dieses Lachen klingt allerdings sonderbar! Mannes, (neben seiner Frau aus dem La» napö link- Platz nehmend, zärtlich). Du hast heute eine wunderschöne Morgentoilette gemacht, liebe Marguerite — dieses Kleid — Marg. Ein Geschenk von Lsoniden. Mannes. So? (In seiner Erzählung fort- fahrend in dem Tone wie oben.) Ich war also auf dem Rückwege von der Sradtbegriffen— Marg. (unruhig). Von der Stadt? — Du warst in der Stadt? Mannes. Ja — ich war — das heißt — bei meinem Notar, eines Geschäftes wegen! (Aufstehend zu L6onide.)AberschöneFrau, nehmen Sie doch Platz! Lävnide (indem sie rechts Platz nimmt). Ist schon geschehen — bemühen Sie sich nicht. Mannes, (wieder sorterzählend.) Auf dem Rückwege, wie gesagt, sah ich, an den Weingärten, einen solch' kecken Gesellen — einen Sperber nämlich. Ich hielt eben eine meiner Pistolen noch geladen in der Hand — die zweite war schon abgeschoffen — Marg. (zusammenschreckend). Alb! schon — Mannes. Ja, — ich ziele — drücke los und der Vogel fällt — nur war es statt eines Sperbers — eine Drossel. (Aufstehend.) Uebrigens ein sehr schmackhaftes Essen. Lsonide (gleichfalls aufstehend). Und der Sperber ist Ihnen entkommen? Mannes. O nein!! Marg. (erschrocken ausstehend). Nein ! Mannes. Das heißt — ich habe ihn nicht gesehen. Leoni de (bei Seite). Da gibt's ein Ehe- geheimniß. Mannes, (das Kleid seiner Frau berührend). Wirklich sehr hübsch! (Zu Löonide.) Die Wahl macht Ihrem Geschmack Ehre, gnädige Frau! Fünfte Scene. Lsonide. Manneville. Leon. Marguerite. L6vN. (im Eintreten nach den kouliffen zu sprechend). Das arme Pferd trieft von Schweiß, i nu, dem Reiter geht's nicht besser. (Die Anwesende» bemerkend ) Ah ! 6 Manne». Sieh da, mein kleiner Seeheld in 8p6 — Du bist ja ganz erhitzt! Leon. Um Verzeihung, lieber Onkel — ich sprang eben vom Pferde. Ich komme aus der Stadt! (Dik Frauen begrüßend ) Outen Morgen, meine Damen! Leo nide. Guten Tag, Monsieur Leon. M arg. Guten Tag, lieber Freund. (Reicht ihnen die Hand.) Leon. Liebe Tante! (Bei Seite.) Wie ihre Hand zittert. Manne». Was hattest Du denn so früh am Morgen in der Stadt zu schaffen? Leon. Ich hatte dort ein Buch, von dem die Tante gestern mit so vielem Interesse sprach — hier bring' ich es. Marg. Herzlichen Dank, mein guter Leon; das heiße ich doch galant sein ! Mannev . Fast zu galant für einen angehenden Seemann! Seemänner sind grob. Lsonide. Wie versteh' ich das? Sie wollen zur Marine, Leon? Manne». Freilich, der junge Mensch hat eine Leidenschaft für das Salzwasscr — ich bin aber dagegen, sehr dagegen — und werde es auch wohl verhindern — hm ich habe schon ganz andere Leidenschaften bei derlei jungen Leuten zum Schweigen gebracht. (Streicht sich den Schnurbart.) Lsonide (bei Seite). Wie er seine Frau dabei ansieht! Mannev. Zum Kuckuck! ich habe nur diesen einzigen Herrn Neffen, und will ihn nicht für die Haifische erzogen haben. Was meinst Du, meine Liebe? (Nähertsich seiner Frau.) Marg. Ich glaube, Du hast Recht, lieber Mann; wozu das Leben zur See auf's Spiel setzen, damit die Angehörigen auf dem Lande in ewiger Angst leben müssen ! Lson. Meine gütige Tante! Marg. Geben Sie den Gedanken auf, Leon. Mannev. Ich habe ganz andere Absicht ten mitihm.—Er soll hübsch im Trockenen bleiben — ich verschaffe ihm eine schöne Anstellung — im Finanzdepartement. L6on. Ach. das ist wirklich eine sehr trockene Beschäftigung. Lsonide. Sie schlagen es dock nicht aus, Leon? Lson. Mein Gott, gnädige Frau, ich will mich fügen, wenn ich dem Onkel damit eine Freude mache, und um meiner lieben Tante keine Angst zu verursachen. Marg. Sie entsagen also Ihrer Leidenschaft — Lson. Für das Meer — ja — Lsonide. Das lass' ich mir gefallen. Mannev. (gegen den Lamm zergehend). Bravo, mein Junge! So komm' in mein Cabinet, dort wollen wir deine Aufnahmskarte für die Marineschule ganz wohlgemuth den Flammen übergeben. Ich Hab' sie heute Früh in der Stadt erhalten. Lson. Sie waren in der Stadt, Onkel? Mannev. Ja, beimeinem Notar. (Da er eben mit Leon nach der Seitenthür rechts zugchen will.) Einen Augenblick — ich muß zuvor noch meine Pistolen dort verwahren. (Zieht einen Schlüssel aus der Tasche.) Lson. Haben Sie nicht erfahren, Onkel, wie sich die Sache mit seinem ersten Secre- tär verhält — man erzählte mir, er sei plötzlich verschwunden — Marg. Herr Bernerin? Lsonide. Plötzlich verschwunden? Mannev. (öffnet die Tapetenthür im Vordergründe an der ersten Loulisse rechts). Kein Schade um den albernen Zieraffen! (Verschwindet durch die Tapetenthür.) Lson. (bei Seite). Ganz meine Ansicht! Lsonide (zu Marg.). Was ist Dir, Mar- guerite? Marg. (leise). Ahnst Du nichts? Lsonide. Was soll ich ahnen? Mannev. (zurückkommcnd). Nun komm' mit mir, Lson. (Schließt die Thür und steckt den Schlüssel wieder zu sich.) Die Damen erlauben wohl. L^on (küßt Marguerite zärtlich die Hand und wendet sich zum Abgehen). Marg. (leise). Mein Gott — auch Er! Lsonide (ebenso). Marguerite, ick bitte Dich, erkläre mir doch — 7 Marg. (ebenso). Du hast also wirklich nicht die geringste Ahnung von dem schrecklichen — Mannev. (znrückkommend). O — ich vergaß — Marg. (fast aufschreicnd). Oh! Loonidc (fährt gleichfalls — verwundert und erschreckt zurück und fixirt Manneville). Mannev. Pardon — ich vergaß meine Drossel — (Den Dogel vom Lamme nehmend.) Das ist ein sehr schmackhaftes Essen! (Ab mit L^on in das Seitenzimmer rechts.) Sechste Scene. Marguerite. Lsonide. Lsonide. Aber erkläre mir doch — Marg. Der arme Bernerin — der Unglückliche — er ist verschwunden! Leoni de. Er wird schon wieder erscheinen. Marg. Niemals wieder! Läonide. Du erschreckst mich! Meinst Du denn, daß er todt sei? Marg. Todt! Im Duell geblieben — wie die Andern! Leonide. Duell? Mit deinem Manne? Marg. Ja, das ist der Sechste. Leonide. Ah, Du bist nicht klug! 'S ist unmöglich — ich Hab' ihn genau beobachtet, er sieht gar keinem solchen Ungeheuer ähnlich! Marg. Das ist ja eben das Schreckliche, Marternde an ihm! Ich wollte lieber, er sähe dem ähnlich, was er ist — so aber — ich habe nicht einmal den traurigen Zrost, daß man mich bedauert, natürlich, mein Mann ist ja so freundlich, so lustig und artig! — Dieses Lächeln eben vorhin, dieses satanische Lächeln, hast Du's nicht ge- seh'n? als er uns die getvdtete Drossel zeigte, wie wenn er sich sonst gar nichts vorzuwerfen hätte! Leonide. Du furchtest also, die Erzählung von dem Pistolenschuß sei nur so eine Art von — Allegorie gewesen! Marg. Freilich, freilich! O, er hat ein Raffinement in seiner Grausamkeit — tropfenweise mißt er das Gift seiner eifersüchtigen Rache — Er macht es immer so. Leonide. Das wäre also heute zum — Marg. Zum sechsten Male. Der Erste fiel vierzehn Tage nach unserer Hochzeit. Leonide. Schrecklich, es überläuft mich eiskalt! ... Du mußt mir das aber ausführlich erzählen. (Nimmt auf der Causcuse Platz und zieht Marguerite zu sich.) Hn — mich schaudert! Also — bald nach der Hochzeit fing er an? — Marg. Ja. Vorher war er so sanft, so zart, so gelassen. Leonide. So sind sie Alle. Marg. Und auch nachher — in der ersten Zeit, da war er so artig — aber so artig— Läonide. Natürlich — der poetische Honigmond — Marg. Ach, mein Honigmond dauerte nur vierzehn Tage. L^onid. Neumond und erstes Viertel. Marg. Wir eilten von Vergnügen zu Vergnügen —Besuche, Feste, Soirsen, Bälle ließen mich nicht zu Athem kommen. Man fand mich leidlich hübsch, man machte mir hier und da den Hof — die Herren überhäuften mich mit Artigkeiten und Aufmerksamkeiten — besonders ein intimer Freund meines Mannes — der war der Liebenswürdigste von Allen! Er war nicht eben hübsch, aber sehr heiter, sehr gewinnend. Eines Abends nun war er vielleicht ein wenig zu galant — ich vielleicht ein wenig zu artig — während des Tages wagte er es, mir eine Art von Liebeserklärung zu machen — ich versichere Dir, eine ganz harmlose, unschuldige Liebeserklärung. — Mein Mann, der mich nicht einen Moment aus den Augen ließ, mußte das bemerkt haben — denn nach dem Contretanz nahm er den guten Berlagot bei Seite — Berlagot—so hieß der junge Mensch —zog ihn in eine Ecke des Salons, sprach dort sehr lebhaft mit ihm — und eine Viertelstunde später fuhren wir nach Hause — es war um Mitternacht, mein Mann war 8 sehr freundlich und zuvorkommend — ich ahnte also nicht das Mindeste; des Morgens beim Erwachen erfahre ich wie heute, er sei sehr zeitig ausgegangen, mit einem Kästchen in der Hand — dasselbe fürchterliche Kästchen, welches er heute wieder bei sich trug — immer das nämliche! Gegen Mittag kam er zurück, auffallend blaß und verwirrt. — »Mein Gott, was ist Dir?« rief ich — »wo kommst Du her?« —»Von einer Erörterung unter vier Augen mit Berlagot — er wird wohl nicht mehr mit Dir tanzen können,« entgegnete er mir mit unheimlich hohler Stimme. — Doll ängstlicher Neugier öffne ich das Kästchen — erblicke ein paar Pistolen und schreie laut auf vor Schreck — da faßt er meine Hand, zieht mich zu sich auf's Sofa und spricht: »Marguerite, Du bist sehr hübsch, sehr gut und brav, aber auch sehr cokett! Nimm Dich in Acht! Ich will und werde Dir jetzt und nie darüber einen Vorwurf machen — aber wehe den leichtsinnigen Frevlern, die mir verdächtig werden — diese werde ich zu strafen wissen, wie den Unglücklichen, den ich heute Morgens getödtet habe!« — Ich war außer mir, er aber küßte mir artig die Hand und führte mich Abends so freundlich und artig wie sonst wieder auf einen Ball, obwohl ich wahrhaftig keine Lust zu tanzen hatte. Läonide. Der arme Berlagot! Marg. Seit jenem Tage hütete ich mich ängstlich vor aller Cokettcrie, gewiß, ich nahm mich sehr in Acht — und dennoch, sechs Monate später verfolgte mich ein junger Officier, Arthur von Chambalon, mit Zuvorkommenheiten und benützte jede Gelegenheit, in meiner Nähe zu sein. — Eines Abends nahm er sich endlich die Freiheit, mir einen Besuch in meiner Opernloge zu machen. Mein Mann war eben im Foyer — plötzlich kommt er zurück, sieht den Officier, grüßt ihn mit frostiger Höflichkeit, und nach einer kurzen Weile flüstert er ihm etwas in's Ohr. Der junge Mensch verabschiedet sich und reicht Manneville beim Fortgehen die Hand, ich hörte aber deutlich die Worte: »Auf morgen!« —Dieses Mal war es ein Duell auf Degen — Manneville kam mit zweien unter dem Arme am nächsten Tage sehr aufgeregt nach Hanse, und rief mir zu: »Marguerite! wir reisen sogleich ab; ich muß Paris verlassen.« Augenblicklich dachte ich an die Scene vom Abende vorher — und meine düstere Ahnung war ganz gegründet — ein paar Tage spater las ich in einem Journal: »Ein junger Officier sei in einem geheim- nißvollen Zweikampfe gefallen, und sein unbekannter Gegner sei verschwunden.« (Steht aus.) Leoni de. Das ist ja schrecklich! Marg. Nicht wahr? Und so hat er noch drei Andere aus der Well geschafft — mit dem Säbel, mit dem Degen, mit einer Kugel. (Leonide steht auf) und immer nur eines Wortes, ja eines Blickes wegen, den die armen jungen Leute mir zuwandten und der ihm mißfiel. Ich thue wahrhaftig Alles, um ja nur durch keine Coketterie ihm neue Opfer zu liefern — aber Gott weiß es, habe ich vielleicht bei dem unglücklichen Dernerin doch einen Augenblick meine Vorsätze und meine Angst vergessen — wäre es so — dann — Du verstehst wohl, liebe Leonide! Leoni de. Ja wohl, ich verstehe — o, dein Gemal ist ein Ungeheuer, ein Blaubart! Und Du kannst leben mit einem solchen Manne? Marg. Ich muß wohl — dafür müssen Andere ihr Leben lassen — übrigens habe ich kein Recht über ihn zu klagen , er ist stets sanft und artig mit mir — Läonide. Sanft — artig — ja — und das Alles nur Maske! O — und da soll man Lust bekommen, wieder zu heiratendem, nimmermehr! Nun sage mir noch — was hat es für ein Bewandtniß mit dem kleinen Zimmer, in welches Du gar nickt hineinzublicken wagst? Marg. Dort verwahrt er seine Waffen, Degen, Pistolen, Pulver und Blei — so 9 denke ich mir wenigstens — denn nie war ich in jenem Cabinet — er allein trägt den Schlüssel stets bei sich. Siebente Scene. Charles, Manneville, Lvonide, Marguerite. Mannev. (im Hintergründe noch außer der Scene). So kommen Sie doch, mein Herr? Marg. Er ist's! Löouidc. Ich kann ihm gar nicht mehr in's Gesicht sehen. Charles (noch nicht sichtbar). Sie sind zu ^ gütig, mein Herr! Lvonide (zu Marguerite). Himmel — das ist Charles! Mannev. (mit Charles eintretend). Ohne Umstände, ich bitte — ah, da sind die Damen. Charles. Um Vergebung — ich ging zufällig — Mannev. Das heißt, mein lieber Herr Nachbar, Sie stiegen zufällig über die Gartenmauer. Charles. Um auf demselben Wege hin- auszukommen, auf welchem ich hereinkam. Mannev. (lachend). Ah, Sie waren auch so hereingekommen? Wunderlich^ Manier, uns zu besuchen. (Zu Marguerite.) Nicht wahr, meine Liebe? Marg. Ich begreife nicht — Lvonide (leise zu Marg). Er wird doch nicht glauben, Charles sei deinetwegenhier? Marg. (ebenso). Dann ist Charles so gut wie todt. Charles. Hören Sie nur. Heute Morgens spaziere ich längs Ihres Parks — da überkam mich plötzlich die Neugierde, einmal die Lage Ihres Schlosses in Augenschein zu nehmen — da ich aber noch nicht so glücklich gewesen war, mich Ihnen vorzustellen, so konnte ich nicht eintreten — Mannev. Durch die Thür nämlich — Charles. Richtig — und daher — Mannev. Kommen Sie über die Mauer — ha — ha — sehr drollig! Lvonide (bei Seite). Erlacht wirklich gräßlich — wie ein Schakal! Mannev. Ei, ei — wenn ich nun eifersüchtig wäre, könnte ich auf allerlei Gedanken kommen! Charles. Eifersüchtig — Sie werden doch nicht? Mannev. Gott bewahre! Marg. (leise zu Löonide). Dieser Blick jetzt — hast Du bemerkt? Mannev. Da aber der Zufall — uns die Ehre Ihres ersten Besuchs auf so bizarre Art verschafft hat, so erlauben Sic mir, mein Herr, Sie diesen Damen vorzu- stellcn, welche Ihnen noch ganz unbekannt sind. Charles. O — nicht doch — Mannev. Wie? Charles. Ich sah (Madame Manneville anblickend) die gnädige Frau auf einem Familienballe in der Nachbarschaft und schmeichle mir, nicht ganz vergessen worden zu sein. Ich meinerseits gedenke jenes Abends mit dem lebhaftesten Vergnügen. Marg. Ach ja — ich glaube mich zu erinnern — Mannev. Ah — schön — also schon bekannt? Hm, hm? Lsonide (beiSeite). Er hätte auch davon schweigen können! Mannev. (auf Löonide zeigend). Diese Dame — Charles. Habe ich nicht die Ehre zu kennen. Lvonide (lebhaft näher tretend). Doch, doch — ich kenne Herrn Charles. Charles. Gnädige Frau — Mannev. (lachend). Galt vielleicht der Besuch über die Mauer Ihnen? Charles. Nein, nein! Lvonide. Und warum nicht? Charles. Wie? Madame — ich begreife nicht — Lvonide (leise). Schweigen Sie, ich bitte Sie! Mannev. Was bedeutet das? 10 Lsonide (gezwungen heiter). Ein Ge- heimniß wie in der Komödie. Man ne v. (scharf, knöpft den Rock zu). Und bisweilen auch in der Tragödie — L 6 onide (bei Seite). Ha — diese Stimme! Mannev. (zu Charles). Nun, da Sie also meine Frau und auch diese Dame kennen — Charles Ich nehme Ihre freundliche Einladung an. Mannev. Hm? (Bei Seite.) Ich lade ihn ja nicht ein! Charles Ich wartete, um mich Ihnen vvrzustellen, bisher noch auf die Anempfehlung eines meiner Freunde, der auch zugleich der Ihrige ist — ich schrieb ihm nach Paris — Mannev. Wie heißt dieser Freund? Charles. Berlagot. Mannev. Berlagot! Marg. (mit einer Geberde des Schreckens). Ah — Berlagot! Leonide. Er ist todt! Charles. Todt! ? bsonide. Im Duell geblieben. Mannev. (eine imposante Stellung anneh- mend). Ah — Sie wissen — man hat Ihnen gesagt? — Ja — Berlagot war auch einer von denen, die über die Mauer klettern, beim Spazierengehen — da traf er vielleicht einmal auf einen etwas hitzigen Patron, der den Spaß übelnahm und (macht die Geberde des Schießens) pass! Da lag er, der vorwitzige Berlagot! Marg. Ibri Seite). Armer Berlagot! Leoni de. Unglücklicher Berlagot! Charles. Ach, der gute Berlagot! Achte Scene. Vorige. Leon. Leon (schnell aus der Seitcnthür rechts). Onkel! Onkel! Mannev. Nun, was gibt's? Leon. Ein fremder Herr wartet in Ihrem Cabinet. Er wünscht Sie zu sprechen — hier ist seine Karte. Mannev. Ein Herr? (Nimmt die Karte.) O! (Bei Seite.) Berlagot! Marg. und Leonide. Was ist's? Leon. Soll ich ihn hieherführen? Mannev. Nein, nein — es ist ein Künstler, ein Maler, der mir empfohlen wurde — ich gehe zu ihm. (Bei Seite.» Teufel! der kommt mir just gelegen! (Geht im Hintergründe aus und nieder.) Lbonide (leise zu Charles). Ich verbiete Ihnen, wieder zu kommen! Charles (zu Marguerite). O, gnädige Frau, nehmen Sie sich meiner an! Leonide (hält ihn zurück). Marg. Mein Herr! Mannev. (sich räuspernd). Hm, hm! Marg. Dieser Herr nimmt Abschied von mir und Leoniden. Mannev. Gut, gut. Leon, geleite den Herrn bis zur Thür des Parks; er findet sonst den Ansgang wieder nicht. L6on. Sehr wohl. Onkel! Charles (zu Manneville). Auf baldiges Wiedersehen, Herr Nachbar! Mannev. Aus — Wiedersehen, mein Herr! Marg. Er streicht sich den Schnurbart; das bedeutet nichts Gutes! (Mit Leoniden links ab. Leon und Charles ab durch die Mittelthür.) Neunte Scene. Manneville, dann Berlagot, später ein Bedienter (Julien). Mannev. Jetzt vor Asten zn dem da drinnen — der verdammte Berlagot — er muß gleich wieder fort — Wenn meine Frau ahnte — (Will abgehen.) Verlag, (aus dem Seitenzimmer rechts) Nun, soll ich bis morgen warten? Ah, da bist Tu ja! Mannev. Pst — schreie nicht so! Verlag. Hm? Mannev. (winkt ihm nochmals zn schweigen, geht nach der Thür links und horcht). II Berlag. Aber höre, Manneville — Mannev. Sag' mir nur, was willst Dn eigentlich hier? Berlage (heiter und jovial). Was ich will?Mit einer solchen impertinenten Frage empfängt ein Freund den Freund, der aus dem Lande der Cabylen, direct aus Afrika kommt! Mannev. Ach, ich habe Ursachen. (Reicht ihm freundlicher die Hand.) Nun, wie geht's Dir? Berlag. Nicht übel, und Dir? Mannev. Recht gut. Mein lieber Ber- lagot. — Wie vortrefflich er aussieht! (Bei sich.) Und ist doch seit dem vorigen Jahre todt. Berlag. Nicht wahr — ich werde zusehends dicker — der Ehestand bekömmt mir ausgezeichnet gut. Nun, und was macht deine Frau? Mannev. Pst nur nicht so laut! Berlag. Ist sie krank? Mannev. Nein — sie ist eben ausgegangen! Berlag. Aber — was machst Du denn für ein sonderbares Gesicht? Mannev. Ich? Ja — das ist — die Freude, die Ueberraschung — über das un- vermuthete Wiedersehen. Berlag. Ich Hab' mich auch recht darauf gefreut — wollte durchaus wieder einmal nach Frankreich — endlich habe ich mir einen Urlaub erbettelt! Weißt Du, daß ich schon achtzehn Monate weg war? Mannev. Achtzehn Monate — das ist ja gar nicht lang'. Berlag. So? Mir kam's lange genug — Ich hatte eine solche Sehnsucht, Dich wieder zu sehen, mein guter Manneville! Mannev. Mein lieber Berlagot! derlag. Ich habe noch nicht einmal meine Verwandten besucht — ich machte zuerst einen Umweg, um vor Allen Dich zu umarmen. Mannev. Ack! Das hättest Du doch Nicht thun sollen! Berlag. Bah! Einen Umweg von zehn Meilen — einem solchen Freund zu Liebe! Danke ich Dir denn nicht Alles — meine Anstellung, meine Frau, Du prächtiger Mensch Du — das Alles verschafft er mir, obwohl ich — ha, ha, obwohl ich fast so keck war, mich in seine Frau zu verlieben! Mannev. (gezwungen lachend). Ha, ha, Dn Taugenichts! Berlag. In deine Frau, die nie etwas von meinen — Gefühlen wußte! War ich nicht dumm, wie? Mannev. (der unruhig und zerstreut zuhört). Ja wohl. Berlag. Und Du auch! Mannev. Ja wohl! — (Sich verbessernd.) Das heißt — nein — Berlag. Ja, ja, Du.warst ein wenig eifersüchtig — schadet nichts — das hat mich gerettet! Aber Du hast die Sachen auch vortrefflich eingeleitet! Ich höre noch deine Worte: »Berlagot — das kann so nicht bleiben, mein Junge, Marguerite ist zu hübsch, zu cokett für Dich!« Sie war wirklich ungemein cokett, deine Frau! Mannev. Ich weis; — ich weiß! (Während Berlagot spricht, geht er nach der andern Seite, um sich zu versichern, daß Niemand in der Nähe ist) Berlag. (fortfahrend). »Bleibst Du länger hier, so könnte diese Liebschaft eine Macht über Dich erhalten, welcher unsere Freundschaft zum Opfer fallen müßte, und wir wären dann Beide unglücklich! Du mußt fort!« (Manneville nachgehend.) »Siehst Du, ich habe für Dick eine Stelle erlangt, um welche Du seit einem Jahre ohne Erfolg pctitionirst — Du mußt nach Algier — glückliche Reise!« (Manneville geht, fortwährend lauschend, nach der rechten Seite.) So hast Du für mein Fortkommen gesorgt — es war wohl ein wenig weit nach Algier — ich trennte mich ein wenig schwer von Frankreich, von meinen Freunden, doch — ick ging — (Sucht Manneville, der immer lauernd umherstreicht.) Wo bist Du denn? (Wie- 12 der sorterzählend.) Und es war wohlgethan. Einen Monat nachher schon hatte ich die alberne Liebelei vergessen, und ein Vierteljahr später war ich der Schwiegersohn eines reichen Kolonisten, in dessen Haus ich durch deine Anempfehlung Zutritt erhalten hatte. Mannev. Du bist also glücklich? Verlag. Vollkommen — ich lebe wie Gott in Frankreich, habe eine hübsche Anstellung, ein hübsches Vermögen, eine hübsche Frau — aber — apropos — willst Du mich nicht deiner Gemalin vorstellen? Mannev. Nein, nein! (Für sich.) Mar- guerite glaubt, er sei (macht die Geberde des Schießens) — Verlag. Bist Du eifersüchtig? Mannev. Warum nicht gar! Verlag. Ich bin, auf Ehre, nicht mehr in deine Frau verliebt, Du kannst ruhig sein — Mannev. Davon ist ja gar nicht die Rede. Verlag. Nun also — Mannev. Siehst Du — sie hat keine Ahnung — sie glaubt Dich — Verlag. In Afrika — Mannev. Noch viel weiter. Verlag. Wie? Mannev. Man muß sie vorbereiten. Verlag. Nun, so bereite sie vor! Mannev. 2a, sogleich — später, denn jetzt — im Augenblick — Verlag. Aber doch noch vor dem Mittagessen, hoff' ich? denn ich bleibe jedenfalls zu Mittag hier. Mannev. Wie? Unmöglich, das kann nicht sein! Verlag. Was! ich muß essen, ich will essen! Mannev. Nein. Verlag. Das ist aber doch — Mannev. Pst — nicht so laut — wir speisen gar nicht. Verlag. Wie? Mannev. Das heißt nicht zu Hause — Ah — sieh nnr, das trifft sich gerade recht — wir fahren nach der Stadt — Du eilst voran — und wir treffen dort wieder zusammen. Verlag. Dort wirst Du mir vielleicht auch nähere Erläuterungen über diese sonderbare Aufnahme geben! Mannev. Ja, ja, das versteht sich! — Also adieu, mein lieber Berlagot! Verlag. Was— adieu? Ich soll auf der Stelle fort, ohne mich auszuruhcn, ohne Trunk und Imbiß? Ah, daraus wird nichts! Mannev. (in der peinlichsten Verlegenheit) In des Himmels Namen — bleibe! Du gehst aber in dieses Cabinet — ich bringe Dir ein prachtvolles Frühstück — eine gebratene Drossel — ein sehr schmackhaftes Essen. (Oeffnet dieTapeteuthür im Vordergründe.) Verlag, (lacht). Meinetwegen — aber ich bin doch neugierig zu erfahren, was daS Alles zu bedeuten hat — (Steht auf.) Mannev. (schiebt ihn in das Labinet). Du sollst es schon erfahren. (Schließt die Thür ) Gott sei Dank! Verlag, (steckt den Kops aus der Thür) Herr Manneville — morgen wahrscheinlich erhältst Du noch einen Besuch. Mannev. Don wem? Verlag. Von einem charmanten jungen Officier, Arthur de Chambcrlan. Mannev. Arthur! Verlag, (der mittlerweile ganz aus dem Cabinet und auf Manneville zugetreten ist). 3 8°u/s^'! ^ Töchter. Albert Florberg. Volontär bei Sempronius Rohrmann. v- Vlauenstein, Rittmeister. Tonrad Blitz, sein Privatdiener. Rath Rullinger. / im Hause des Gajus. Bromer, Buchhalter Wenzel, Hausmeister To ui, Stubenmädchen Mandel heim, Börsensensal. Steckheim, Wirthschastsrath. Rad mann, Fabriksdirector. Steingruber, Bauuntemehmer. Joses. Kammerdiener j ^ Sempronius. Johann, Bedienter Gäste, Dienerschaft. Musiker. ---.u^-. Das Recht zur Ausführung und die Partitur sind vom Theateragenten AldalbeiktPrix in Wien zu erwerben. < ^aUk-Sirpmour Nr. »»3. 1 Erster Act. (Zimmer ln» Hanse de- Cujus Rohrmaa» mit einer Mittel» und zwei Seitenthürea, links rin Fenster mit herabgelassenen Borhäugeu. Im Vordergründe rechts ein Tisch, auf welchem ein Armleuchter mit tiesherabgebranatru Kerzen steht, neben denselben eia Divan ; link- ein kleine- ArbeitstischcheU^ da» neben rin Fauteuil; im Hintergründe auf der einen Seite der Thür ein Fauteuil, aus der andern eia Glasschraak, in welchem sich Silber» und Por- zellangeschirre, Nippes und Schmuck-Etuis befinden. Sowohl aus de» Tischen, aks auf den unbesetzten Stühlen liegen Damenmäntel, Shawls, Hüte u. dgl. — Die Ouvertüre geht au ihrem Schlüsse in eine leisere Weise über, welche, den Zustand angenehmen Träumen- charakterifirend, noch nach aufgezogenem Vorhänge eine Weile fortdauert.) Erste Scene. Pauline, Lvuise, Toni, Eajus. Pauline und Louise (Beide in Ballkleidern, in halbliegeuder Stellung; Hrsterr im Divan, Letztere im Fauteuil schlafend). Toni (m ihrem Sonntagsstaate fitzt, gleichfalls schlummernd, in dem Fauteuil aeven dkr Thür). Eajus (im HauSrocke, ein Käppchen auf dem Kopfe, öffnet sachte die Mittelthür und fieht zuerst nur hinein, sehr leise sprechend). Dahier rührt sich noch immer nichts! (Tritt vollends ein.) Sie haben die Lichter brennen lassen, und 's ist doch schon Heller Tag! (Borwärtse kommend und die Schlafenden erblickend.) Was seh' ich? Noch gar nicht in's Bett kommen? (Tritt zu Louisen, ihr leise zurufend.) Louiserl! (Zu Paulinen gewendet.) Paulinerl! — (Gut- müthig.) Nein! nein! <Äe schlummern so sanft, ich will sie nicht aufwecken — das überlaß ich dem,Tageslicht! (Löscht die Lichter lNlS, fieht auf des Zehen zu dem Fenster und zieht den Vorhang auf, dann wieder seine Töchter betrachtet.) Nicht einmal ausgezoqen haben sie sich, und ich Hab' doch dem Stubenmädel befohlen — wo ist sie denn? (Sieht sich um und erblickt Toni.) Ah! — dort schlast'sauch' Die muß ich doch aufwecken. (Geht zu Tom. anfangs leise rufend.) Toni!— hörst nicht?— Die schlaft wie ein Murmelthier! "(Faßt fic an der Schulter und rüttelt sie ein wenig.) Toni (fich sträubend und noch im Schlasr redend). Aber Conrad! Eajus (ärgerlich). Was red't sie denn von ein'm Conrad? — Hör' doch! (Rüttelt fi- nochmals.) Toni (wie obru). 3ch sag' Dir, wenn Du mir nicht Ruhe läsest — (fich heftiger bewegend.) Aber nicht! (Wird darüber wach, reibt fich die Augen, blickt schlaftrunken um fich, bis fir Eajus gewahrt, erschreckt.) 3e!— der gnädige Herr! (Springt vom Sitze auf.) Eajus (auf seine Töchter weisend). Pst! pst!— nicht so laut!— Aber sag'mir nur, waS ist denn das für eine Ordnung? Da liegen noch meine Töchter herum, in ihrer Balltoilette — warum hast Du sie nickt ausgezogen? Toni (noch immer nicht recht bei sich). 3ck? — die Fräulein?— ja, sind sie denn sckon zu Hause? Eajus. Mach' deine Augen einmal auf! — Du mußt sie doch kommen g'sehen haben! Toni. 3ch? (Sich besinnend und drn Kops schüttelnd.) Nein! — aber — warten Euer Gnaden!—Ich muß erst meine- fünfGinne sammeln —! Wie war's denn? Eajus. Na, ich Hab' meinen Töchtern gestern zum ersten Mal in ihrem Leben erlaubt, auf den Hausball, den die Tante geben hat, zu geh'n! Toni. Richtig! — Und da bat auch ich mich aus, weil mich mein Vetter eing'laden 3 hatte, mit ihm und seiner Frau zu einer Tanzunterhaltung zu geh'n. Casus. Ich Hab' das zugegeben, aber unter der Bedingung, daß Du längstens eine Stund' nach Mitternacht wieder zu Hause sein mußt. Toni. Ja, ja — nach Mitternacht war's auch schon ! — und — als ich nach Hause kam, war noch Niemand zu Hause, ich setzte mich do thin (auf ihren Stuhl weisend) und wollte warten, und da — da muß ich eben eingeschlafen sein! Casus. Und hast die (auf seine Töchter weitend) gar nicht kommen g'hört? Toni (m seliger Erinnerung). Ich hörte nur noch immer den letzten Walzer, den ich mit dem Conrad — Casus. Zuin Guckguck! Du wiederholst den Namen auch munter? — Wer ist denn der Conrad? Toni (sich m die Brust werfend). Mein Bräutigam! Casus (entrüstet). Was hör' ich?! (Faßt sie ungestüm bei der Hand.) Mädel! Hab ich Dir nicht gleich bei Deiner Aufnahme g'sagt, daß ick durchaus keine Bekanntschaft dulde? Toni. Nu ja! — ich hatte damals eben keine — Casus. Wo und wann hast Du also den Burschen kennen gelernt? Toni. Nu — gestern! Wozu wär' ich denn sonst zu einer Tanzunterhaltung gegangen? Casus. Lächerlich! Als ob man sich bei einer Tanzuntcr Haltung verlieben müßt! Toni (mit Bestimmtheit). Das geht nie ohne dem ab! Casus (geriugschätzeud). Na ja — bei euren Tanzunterhaltungen! Toni. Und bei den Vornehmen vielleicht nicht? Hahaha! das weiß ich besser! 3ch war ja schon in andern Häusern auch, wo die Fräuleins nicht so das ganze Jahr hindurch eingesperrt waren, wie Ihre Fräulein Töchter! Casus. Na und was war'- mit solchen Fräuleins? Toni. Nach jedem Balle eine neue Liebschaft! — Das war so sicher wie beim Bäcker eine Semmel! Casus (seufzend). Ja, die frivole Richtung der Neuzeit! — Aber ich Hab' jetzt nicht Lust, länger mit Dir zu plaudern! Sieh' zu, daß wir unser Frühstück kriegen. Toni. Gleich! (Will gehen.) Casus. Noch Eins! Toni. Befehlen? Casus. Das Verliebtsein kann ich Dir leider nicht verbieten, aber das sag' ich Dir, wenn ich dein'n Schatz nur ein einziges Mal Ln meinem Hause seh', bist Du augenblicklich entlassen! Toni. O, wir brauchen das HauS nicht! Gott sei Dank, die für alle Bedürfnisse sorgende Obrigkeit hat öffentliche Anstalten für Dienstboten-Rendezvous errichtet! Casus. Oeffentliche Anstalten? Wo? Toni (schnippisch). Beim Röhrbrunnen! (Geht stolz durch die Mitte ab.) Casus (ihr nachskhend). Freche Person! Die wird bei mir nichtalt werden! JhreAn- sichten wären zu g'fährlich für meine Töchter, denn die sollen nie eine andere Lieb' kennen lernen, als die zu Gott und zu ihrem Vater! (Tritt zu Paulineu.) Nicht wahr, mein Paulinerl? Pauline (im Schlummer sprecheud). Ah, das hübsche Schnurbärtchen! Casus (zuriukfahrend). Schnurbärtchen? (Befühlt seine Oberlippe.) Ich habe kein's und, so viel ich weiß, unser Herrgott auch nicht! (Sich beruhigend.) Das arme Kind hat einen bösen Traum! (Zu Louisen tretend.) Aber die —die lächelt wie ein Kind, daS von einem Engel träumt! Louise (jm Schlummer sprecheud). Wie schön die Uniform! Casus (zurülksahreud). Uniform?! Ein Engel in Uniform?! Von was phantafiren denn die? Mir scheint, dieTru —' druikt's! (Rust laut ) Pauline! — Louise! 1 * 4 (Pauline und Louise erwachen zugleich und fahren von ihren Sitzen auf.) Pauline (um sich blickend). Schon Heller Morgen! Louise. Und wir haben da geschlafen! Cajus (im Tone des Vorwurfes). Und geträumt! — sehr unschicklich geträumt! Pauline. Ach! nur von dem köstlichen Balle! Louise. Von dem Vergnügen, das wir Deiner Güte zu danken hatten, lieber Vater! (Eilt auf ihn zu und küßt ihn.) Pauline (auf seine andere Seite fliegend). Auch von mir den herzlichsten Kuß? (Küßt ihn.) Casus (sich sanft ihrer erwehrend, freudig gerührt). Na, na, Kinder! laßt's mich nur zu Athem kommen! Ihr seid ja ganz weg! Habt's Euch denn gar so gut unterhalten? Pa ul ine. Ah! es gibt gar kein schöneres Fest als so einen Ball! — Die Musik — der Tanz — Louise. Und die schönen jungen Herren ! Cajus (fast unwillig). Die jungen Herren! die jungen Herren! So ein Ausruf schickt sich nicht für ein Kind von deinem Alter! Louise. Aber auf einem Balle sind doch die jungen Herren die Hauptsache! Cajus. Na ja, so lang' man g'rad tanzt, aber am nächsten Tag denkt man— anständiger Weise nicht mehr an sie! Pauline u. Louise (die Augen zu Boden schlagend). Man denkt nicht mehr an sie?! Cajus (fie betrachtend, für sich). Was haben sie denn? (Vor seinen eigenen Gedanken erschreckend). Oder sollte—?! (Faßt rasch Pau- linens Hand.) Pauline! denkst Du noch an die jungen Herren? Pauline. Ach, Vater! nur an einen Einzigen! Louise. Ich auch! gewiß nur an Einen! Cajus (dieHände zusammenschlagend). Himmel und Erde! Jede nur an Einen! Das ist ja weil ärger, als wenn Ihr an Alle pachtet! — Aber jetzt gesteht augenblicklich! Louise. Ja, Vater! ich Hab' eS ihm gleich gesagt, daß Du davon wissen mußt! Cajus. Ihm? — wertst der »ihm*? Louise. O! der schönste Officier der Armee, Rittmeister von Blauenstein! — Er hat mir seine Liebe gestanden! Cajus (entsetzt). Seine Liebe?! — und Du? Louise. Ich— ich Hab' ihn an Dich gewiesen! Cajus (heftig). Und von mir wird er ab gewiesen! — Ging'mir ab so ein militärischer Schwiegersohn! Pauline (zu Eajus. einschmeichelnd). Aber Vater! da Du selbst ein Kaufmann bist, so wird Dir doch, ein Kaufmann anständig sein? Cajus. Ah was! Ich brauch' gar keinen Schwiegersohn! Pauline. Aber wir brauchen doch Männer! Cajus (auffahrend). Zu was?! — Gott sei Dank! Ich kann Euch noch erhalten.— Ich thu'Alles für Euch—mein Blut geb' ich für Euch hin — und Ihr (im Tone des Gekränkten) denkt daran, mich zu verlassen? Ihr habt kein Herz mehr für den alter» Pater! Pauline. AberVater! wie Du so sprechen kannst! Louise. Du, unser Abgott! Cajus (wieder gerührt). Na ja — ja — ich wiü's glauben! Ihr habt mich lieb — und — nicht wahr? — Ihr bleibt's bei mir, bis ich einmal — (Macht eine Handbe- wegung gegen oben.) Pauline und Louise (blicken traurig zur Erde). Cajus (fie tröstend). Na — na! werdet nur nicht gleich traurig! so ein zehn — fünfzehn Jahrln hoff' ich schon noch mit- zumachen! — Aber geht jetzt auf euer Schlafzimmer — legt Euch noch ein wenig nieder! Euer Blut ist noch in Wallung vom Ball' her — trinkt's ein Glas Wasser mit Magnesia — das calmirt! (Küßt Beide und drängt fie sanft gegen die Seitrnthür links.) (Fliegen wieder an seinrnHals.) 5 Pauline (zu Louisen). Nun, so komm' auf unser Zimmer! Louise (im Abgehen, leise). Dort können wir doch weiter von ihnen sprechen! (Ab mit Paulinen.) Eajus (suhl ihnen voll Zärtlichkeit nach). Zweite Scene. Cajus. Brome r. Bremer (ein alter Mann im Kanzleirocke, Schriften unter dem Arme, tritt durch die Mitte ein, mit trüber Miene)- Ergebensten guten Morgen! Eajus (sich umwendend). Ah, lieber Bremer! (Ueber dessen Miene stutzend.) Aber Sie sehen nicht danach aus, als ob Sie mir wirklich einen guten Morgen brächten — Was gibt's denn schon wieder? Bremer. Täglich Zahlungen und dabei eine leere Caffa! Eajus. Ja, wir haben sehr viele Vorauszahlungen an Fabrikanten geleistet wegen der großen Lieferung, die das Aerar mit uns contrahiren will — wenn nur das Geschäft erst abgeschlossen ist, dann sind wir wieder obenauf! Bremer. Nun ja — aber es gilt, sich bis dahin zu behaupten! — aber wie das? Morgen soll ich wieder an zehntausend Gulden auszahlen. Eajus (rasch). Die müssen herbeig'schaft werden? Bremer. Woher? Das Geld ist rar am Platze — überdieß arbeiten wir schon zu viel mit fremdem Gclde — das geht auf die Länge nicht! Wir brauchen eine radikale Hilft! Eajus (bekümmert). Ja — wo ist die zu finden? Bromer. Sehr nahe! — Es kostete Sie nur einen Schritt! Eajus (ahnend) Einen Schritt? — Zu wem? Brom er (eindringlich). Zu JhremBruder! Cajus (zurückfahrend). Zu — zu meinem Bruder? — zum Sempronius? — Den Rath können Sie mir geben, Sie, der Sie genau alle Verhältnisse kennen? Bromer. Eben deshalb!— Ich war schon imHause,als Sie und Ihr Herr Bruder die Handlung noch gemeinsam führten! —Ah! damals war's hier noch ein Leben! Die Magazine überfüllt, der Hofraum zu klein für Kisten und Lastwagen — dreißig Commis im Comptoire vollauf beschäftigt! Ja, der Herr Bruder veiftand's! Cajus. Ja — ich gesteh's — er war die Seele unseres Geschäftes — und il/d e r Beziehung Hab' ich mich ihm auch gerne untergeordnet, aber er hat sich auch in meine Herzensangelegenheiten mischen wollen! Ich war verliebt, Hab' heiraten wollen — er war dagegen — warum? Weil meine Braut kein Vermögen g'habt hat? Bromer. Aber dafür ein großes Talent, Ihr Vermögen zu verschwenden! — Das sah Ihr Herr Bruder voraus, und als Sie, trotz seiner Warnung, sich dennoch vermälten — Cajus. Da hat er die Compagnie gelöst und sich selbstständig etablirt. Bromer. Er hat's nicht zu bereuen! Wie steht sein Haus jetzt?! Eines der ersten in der Residenz — sein Vermögen wird nach Millionen gezählt! Und hier ist's gekommen, wie er es vorhergesagt hatte! Cajus. Er hat leicht Vorhersagen kön- mn! Er hat g'wußt, daß ich allein dem G'schäste nicht g'wachsen war, und doch hat er sich weiter gar nicht um mich gekümmert — während zwanzig Jahren auch nicht einmal nachg'sehen! — Ich und meine Kinder eristircn für ihn gar nicht, und doch ist er selber kinderlos! Bromer (bedeutungsvoll). Verhindern Sie es bei Zeiten, daß er nicht aufhört kinderlos zu sein! Cajus. Wie so? — Er ist älter als i ich zu diesem Schritt' gezwungen war — die armen Kinder sollen sich nicht wegen mir kümmern! (Sich wieder kostend.) Es wird ja wieder anders werden — wenn nur der Lieferungsvertrag unterzeichnet ist— das bringt Alles wieder ein! Ich habe mir dann selbst geholfen, und mich nicht ge- demüthigt vor meinem Bruder! — Kommen Sie! (Geht mit Bromer in die Seitenthm rechts ab.) Dritte Scene. Conrad Blitz (in der Montur eines militärischen Privatdieners, Kitt durch die Mittelthür ein). Lied. Ich bin zwar Soldat — doch bei ein'm Officier Privatdiener, Hab' auch bei ihm mein Quartier. Ich brauch' gar nie Wach' zu steh'n, nic z'erercir'n; Es darf kein Corporal mich mit'm Dienst chicanir'n, Und ich krieg' von mein'm Herrn noch 'ne Zulag zum Lohn— Auf die Art Soldar sein, das ist 'ne Passion! Dafür aber muß ich ertrag'n Seine Launen, dazu g'hürt einMag'n! Muß bei seinen Liebesgeschicht'n Amour-Postillondienst verricht'n — Soll oft einer bildsaubern Frau Ein Lieb'sbriefel zustell'n recht schlau, Davon kriegt der Eh'mann ein'n Wind, Der packt mich beim Krag'n von hint' Und wirft mich so über die Stiegen bequem — Jetzt, da wird der Dienst etwas unangenehm ! 7 Ich Hab' auch ganz rühmlich ein'n Feldzug mitg'macht, D'Cam'radcn, die hab'n sich'rumg'rauft in der Schlacht, Und ich — wie ich bin!— na, ich war in der Rage! Stund weiter z'ruck, hinten bei der Bagage, So weit reicht nicht 'mal 'ne gczog'ne Kanon — Ja, auf die Art Soldat sein, das nt 'ne Passion! Geg'n Hieb' doch bin ich nicht gefeit, Es macht oft mein'm Herrn eineFreud', Daß d'Reitpcitsch'n Tanzlection nimmt, MrinBuck'l ist zum Tanzboden b'stimmt; Und will ich dageg'n raisonnir'n, Laßt er in d' Casern' mich gar führ'n, Dort sind sie gar höflich — ich dank'! Sie bringen herein gleich die Bank, Daß ich — mit dem Bauch aber—Platz darauf nehm', Jetzt, da wird der Dienst etwas unangenehm! Ah was! Jeder Stand' hat auch seine Schattenseiten — warum sollt' also ein Privatdiener, b'sonders wenn er manchmal rin bißl z'stark illuminirt war, nicht auch etwas schattirt und straffirt werden? — Mein Herr Rittmeister hat mich halt lieb, und was fich liebt, das neckt sich! — Na, ich Hab' ihn auch lieb, und wenn ich auch nicht mit ihm in's Feuer gegangen bin. so geh' ich doch für ihn durch'S Feuer, b'sonders, wenn es sich um irgend eine Flamme handelt! — Na, aus der Uebung bin ich in Bezug auf Liebesabenteuer bei ihm nie gekommen, aber jetzt hat er eine g'funden, die ihm nicht nur für einen Abend, sondern fürs ganze Leben theuer sein soll — er will heiraten, und zwar in Compagnie, d. h. sein Freund will auch heiraten — na ja, ein Unglück kommt selten allein! — Sie wollen heut' noch den Feldzug beginnen, und mich haben's, ganz gegen meinen sonstigen Beruf, als Avantgarde und Tirailleur vorausg'schickt! — (Sich im Zimmer umsehend.) Ich bin bereit- auf feindlichem Gebiet, und mich hat noch kein Vorposten ang'rufen —also marfchiren wir weiter — aber nach welcher Richtung? — Soll ich zuerst den rechten oder linken Flügel attaquiren? (Horcht gegen links.) Ha! — da links hör' ich Stimmen! Horchen wir ein bißl, denn aus den Reden der Linken laßt sich am besten erkennen, welche Stimmung im Haus herrscht! (GM zur Seitrnthür links und sieht durch das Schlüsselloch.) Vierte Scene. Conrad. Toni. Toni (tritt durch die Mitte ein — den Horchenden erblickend, erschreckt, für fich). Was ist denn das? — (Rust.) Halt! — Wer da? Conrad (fich rasch annoeudeud). Gut Freund! Toni (ihn erkennend, freudig aufschreirnd). Was seh' ich?! Conrad (fik ebenfalls erkennend). Million! — meine Tänzerin von heut' Nacht! Toni. Conrad! Conrad. Mamsell Toni! — Sie liegen hier?! Toni. Nein — ich stehe hier — im Dienste! Conrad. Also Sie gehören zu der Besatzung der Festung, die meine Armee erstürmen will? — Ah! da muß ich ja gleich Feuer geben! (Eilt auf fie za und küßt sie.) Toni (fich wehrend). Aber was ist denn das? Conrad. Wenn zwei Vorposten auf- einanderstoßcn, geht's nie ohne Plänkelei ab! Also erwiedern Sie das Feuer! Toni (fich losmachend). Na wäre nicht übel! wenn der gnädige Herr käme Conrad. Dann hätt' er den Anblick zweier Liebenden — das ist ein Scha,ispiel für Götter! Tvni. Aber er würde darüber des Teufels! Eben sagte er mir, daß er gar keine Liebhaber im Hause dulde! Conrad. Hahaha! Zwei schöne Töchter und ein bildsauber's Stubenmadel im Haus und kein' Liebhaber? Das ist grad' so, als wenn einer die Honigtöpf' an's Fenster stellte, und sagte, er will keine Fliegen! Toni. O, er weiß sich die Fliegen schon abzuwehren — im Hause duldet er gar keinen jungen Mann — und aus dem Hause dürfen seine Töchter fast gar nicht! Conrad. Aber heut' Nacht hat er's ja doch auf den Ball' geh'n lassen — Toni. Nun ja — zur alten Tante — aber er sagte gleich, daß dieß nur einmal geschehe und niemals wieder! Conrad. Wenns aber einmal g'sche- hen ist, so ist's g'schehen! (Zärtlich.) Ich Hab' Sie ja auch erst einmal g'sehen! Toni (coquettdie Augen zu Boden schlagend). Und das einemal —? Conrad. Ich Hab' g'nug d'ran! Toni (rasch aufstehend). Was?! Conrad. Ich mein' von dem einenmal hat mein Herz einen Dätsch kriegt fürs ganze Leben! — Aber auch verwundet räch' ich mich! (Indem er sie neuerdings stürmisch umschlingt.) Ich mach' Dich zu meiner Kriegsgefangenen, und nur mit einer erklecklichen Anzahl von Busseln kannst Du Dich ranzionireu! (Küßt sie wiederholt.) Fünfte Scene. Vorige. Cajus. Cajus (tritt von rechts ein, bei dem Anblick der Gruppe entsetzt). Herr im Himmel! Toni (erschreckt fich losmachend). Der gnädige Herr! Conrad (sich vor Cajus verbeugend). Freut mich das Vergnügen zu haben! Cajus (zu Conrad wüthend). Er untersteht sich da — da in meinem Hause zu umarmen — zu küssen?! — Wenn meine Töchter zufällig einen Blick herausmachten — das böse Beispiel! Conrad. Böses Beispiel?! — Alter Herr! Die Lieb' ist eine Kunst, die sich ohne Regel und ohne Beispiel von selber lernt! — Und Ihre Fräul'n Töchter—Hahaha! — Glauben Sie, die lernen das Lieben, wie das Kleidermachen, von ihrem Stubenmädel? O! die haben schon ganz andere Lehrmeister gefunden! Cajus. Was? — andere Lehrmeister?! — Die Keckheit! — Bursche! —Wo Hab' ich denn meinen Stock — (Sieht fich suchend im Zimmer um.) Toni (ängstlich). Conrad! Ich bitte Dich —! Conrad (zu Toni). Sei ruhig! — Mir darf nichts g'schehen — ich bin Abgeordneter ! Cajus. Abgeordneter? — Don wem? Conrad. Werde gleich die Ehre haben meine Mandate vorzulcgen! (Zieht zwei Ni- sitkarten heraus und reicht sie hin.) Cajus (unwirsch). Was sind das für Karten? Conrad. Es sind Mariagekarten, nämlich Karten, mit welchen zwei heiratslustige Freier ihren Besuch anmelden. Cajus. Freier — in meinem Hause? Conrad. Ja, das Haus soll das Freihaus werden! Cajus. Niemals! niemals! Sag' er den beiden Heiratslustigen, daß mich eine Heirat traurig machen würde — und daß ich daher ihre Anträge unbedingt ablehne! Conrad. Aber Sie müssen doch- Cajus. Ich muß gar nichts — ich bin Herr im Hause! Conrad. Hm! im Herrenhaus geht's freilich den Anträgen der Abgeordneten öfters so! — Aber sehen Sie doch erst, wer mein Herr ist — (Hält ihm wieder die Karte hin.) Cajus (ohne die Karte zu beachten). D— ich weiß schon! (Wirft einen Blick auf's Lon- 9 rads Kleid.) Da heißt's: Wie der Diener, so der Herr! — Beide Soldaten — beide schleichen sich unberufen in mein Haus! Conrad. Entschuldigen, mein Herr ist ein Reiter und kein Schleicher! Casus. Doch! Doch! Er hat sich unterstanden, meiner Tochter sogar im Traum' zu erscheinen! Conrad (erfreut). Was? sie hat von ihm geträumt? — Ah! das muß ich ihm gleich melden! ) Casus. Sag' Er ihm aber auch, daß > er sich von meiner Tochter nichts träumen lassen darf! i Conrad. Oho! — Sie wollen ihm das Träumen verbieten? — Das gibt's nicht! 3m Schlaf allein hat der Mensch unumschränkte Freiheit, die Schlafhaube ist daher die wahre Freiheitsmütze! Casus (erschreckt für sich). Er hat Recht! Und wenn ich mir denke, was sich so ein Rittmeister für Träume erlauben kann, — das empört mein Inwendigstes! (Laut und unwillig.) Darum — ein End' mit der ganzen G'schicht'! Conrad. Wir sind erst in der Hälfte! — Sie haben die zweite Karte noch nicht ang'schaut! Casus. Brauch's auch nicht! — Weiß ohnehin — ein Kaufmann! Conrad (»staunt). Sie wissen, ohne zu lesen?—Das geht schon über den viehischen Magnetismus! Ja — 's ist wirklich ein junger Kaufmann, der seine Firma bereits im Herzen Ihrer andern Fräulein Tochter protokollirt hat — da wird also doch schnell ein Ausgleichsverfahren folgen? j Casus Ausgleich? Nein! Aber gleich uns soll's sein! — Was Er dem Rittmei- " ster zu sagen hat, sag' Er dem Kaufmann auch! — Und jetzt rechts um — marsch! Eon rad. Ich soll so fort? Das wär' ein schmählicher Rückzug, und g'schlagen wurd' ich erst, wenn ich zu meinem Herrn käme! — Bin ich denn ganz verlorener Posten? Kommt kein Succurs? Sechste Scene. Vorige. Pauline, Louise. Pauline und Louise (tilen aus der Seitenthür links, freudig). Vater! Vater! Conrad (für sich). Ah — da kommen Hilsstruppen — leichte Cavallerie! Casus (zu seinen Töchtern). Was soll's? was wollt Ihr hier? — Warum seid Ihr nicht schlafen gegangen? Pauline. Wir konnten nicht — Louise. Die Augen brannten uns so sehr! Conrad. Weil ihnen Jemand in die Augen gestochen hat! Pauline. Da öffneten wir das Fenster — Louise. Und da — (Stockt.) Pauline. Da — Vater! — (Stockt ebenfalls und sieht nach dem Fenster.) Casus. Na — da? — Was starrt Ihr denn zum Fenster, als ob Ihr Gespenster gesehen hättet? Conrad (für sich). Ah — ich errathe. (Laut.) Gespenster werden die Fräul'n nicht g'sehen haben, aber vielleicht ein Paar fesche Geister! — Mein Herr und sein Freund warten unten auf mich! Casus (entrüstet). Wo? — wo? Mt an's Fenster, reißt es aus und sieht hinab.) Pauline (zu Louise). Gott! wenn er sie nur heraufkommen ließe! Conrad (leise zu Paulinen und Louisen). Das werden wir gleich machen! (Zu Casus tretend.) Sehen Sie sie denn nichts? — Dort! (Faßt Casus' Hand und macht mit derselben eine herauswinkende Bewegung.) Casus (zornig, seinen Arm losreißend). Sapperment! Was macht Er denn? — (Wieder hinabsehend.) Da haben wir's, sie grüßen — sie treten in's Haus! Paul ine und Louise (zu Casus eilend, freudig). Vater! Casus (abwehrend). Laßt mich! Laßt mich! — Ich nehme den Besuch nicht an! 10 Conrad. Nutzt nichts, alter Däne. Tie Eroberer rucken im Sturmschritt an. Ick hör' schon die Sporen von meinem Herrn. Casus (zu Toni). Toni, sperr' die Thür zu. Toni. Gleich, gleich! (Mt zur Thür und reißt beide Flügel weit auf.) Casus (schreiend). Was thut sie denn? Ist denn Alles gegen mick im Bunde? Conrad. Ja, der Bund ist gegen Sie, die beiden Großmächte rücken an, und diese Provinzen (aus die Mädchen weisend) lassen sich freudig occupiren. Empfangen wir die Befreier mit Jubel. (Rust den Kommenden entgegen.) Vivat! Vivar! Laudon ist da! Siebente Scene. Vorige. Blaueustein. Albert Florberg. Dlauenst. und Albert (erscheinen unter der Mittelthür). Casus (wüthend zu Conrad) Ob Er's Maul hält! (Geht bebend vor Zorn den Ein- tretenden entgegen.) Meine Herren! Blauen st. (Louisen erblickend, feurig) Ah, mein angebetetcs Fräulein! (Will zu ihr.) Casus (ihm rasch den Weg vertretend). Ich muß sehr bitten — Blauen st. O, Herr von Rohrinann! Nicht an Ihnen ist's zu bitten, sondern an mir. Ich bin hier, um Sie um die Hand Ihrer Tochter zu bitten — Casus (beleidigt). Hören Sie, — das ist eine curivse Art zu werben. Sie treten ein und begehren meine Tochter, g'rade als ob Sie in einer Tabaktrafik eine Cigarre verlangten. Alb. (vortretend zu Llaumstein). Ja, Freund, Du bist zu ungestüm. (Zu Casus, sich verneigend.) Wir müssen zuerst um Entschuldigung bitten, daß wir in so früher Morgenstunde — aber Ihr freundlicher Wink Casus. Mein Wink? Meine Herren, ich winke nie. (Winkt dabei heimlich seinen Töchtern, sich zu entfernen.) Blauen st. Aber wir glaubten doch gesehen zu haben — Casus. Bah, eine Handbewegung, aber man darf so etwas nicht gleich auS- legen. (Winkt seinen Töchtern wieder.) Louise (traurig). Wir sollen fort? Conrad (parodirend). Bah. eine Handbewegung. Aber man darf so etwas nicht gleich so anslegen. Blauen st. (ungeduldiger zu Casus). Aber nun sind wir einmal hier, Sie kennen den Zweck unseres Besuches, wir bitten also um Entschuldigung. Casus. Sie gehen sehr g'schwind vor, und wenn ich nun eben so g'schwind' »nein* sage? Blauenst. Dann sag' ich mir eine Kugel durch den Kopf. Louise (erschreckt aufschreiend). Ah! (Sinkt halb ohnmächtig in PaulinenS Arme.) Casus (erschreckt). Mein Gott, Louise! (Eilt zu ihr. sie aufrichtend, dabei unwillig j» Blauenstein.) Herr, erschrecken Sie mir die Kinder nicht. (Zu Pauline.) Geh', Pauline, führ' deine Schwester hinein. Blauenst. (immer ungestümer). Nein, nein, Louise wird ihre Bitten mit den meinigen vereinen. Herr von Rohrmann! Wie ein Sohn vor seinem Vater will ich knieend — (Kniet nieder ) Conrad (leise zu Louisen). G'schwind niederknien, sonst erschießt sich mein Herr, er macht's immer so. Louise (aufs Neue erschreckt in die Knic finkend). Vater, um des Himmels willen! Casus. Aber Louise! Albert (für sich). Jetzt bleibt mir auch nichts Anderes übrig. (Laut zu Casus.) Herr, knieend bitte auch ich um Ihren Segen! (Kniet) Paul ine. Ja, Ihren Segen, Vater! (Kniet.) Casus. Ob Ihr aufstehen werdet! Conrad. Jetzt fährt's auch mir in dir .Knie. (Zu Toni hinüberrufend.) Toni, s 1l geht in ein Aufwaschen, schließen wir uns der Petition an. (Kniet ) Toni (ebenfalls nikdcrknikknd). Euer Gnaden! Casus (außer sich). Himmeltausend! die Komödie dauert mir zu lang! Conrad. So geben Sie Ihre Einwilligung, damit rst immer die Komödie aus. Casus (zu Dlauenstrin und Albert). Schämen Sie sich, meine Herren! Conrad. Ick dank' — ich Hab' mick eh' schon g'schamt. Casus (immer ärgerlicher). Wenn nicht ein Ende gemacht wird, lauf' ich auf und davon. Conrad. Geniren Sie sich nicht, dann bleiben wir unter uns. Casus (für sich). Nein, nein, fort darf ich nicht, die muffen fort. (Sich gewaltsam beherrschend, laut.) Meine Herren, wenn Sie von mir einen Bescheid erhalten wollen, so stell' ich als erste Bedingung, daß Sie alles Extreme vermeiden. (Ernster.) Ich ersuche Sie aufzustehen. Blauenst. Albert Louise Pauline (sichen ebenfalls aus). Toni ! Conrad. Gut, heben wir unsere Extremitäten auf. (Steht auf.) ^"!Us (zu Paulinen und Louisen). Ihr geht auf Euer Zimmer. (Da diese zögern, eindringlicher.) Geht, ick bitte Euch, laßt mich ungestört für euer Glück sorgen. Paulinc und Louise (eilen zu ihm, jede eine seiner Hände fassend). Ja, Vater,' wir! vertrauen deinem Herzen (Küssen seine Hände, bann ab in s Nebenzimmer links ) Conrad (für sich). Die sind derweil zum Handkuß gekommen. Casus (geht, die Hände über dem Rücken gekreuzt, nachdenkcnd auf und nieder, für sich). Anhören will ich sic, aber nur um einen Grund zu finden, ihnen für immer den Ab-, ^!*d zu geben. (Zu Mauenstem, laut.) Also, j Sie, Herr Rittmeister, lieben meine Louise? (aufstehend). Wir gehorchen. Blauenst. Ich bete sie an und hoffe sie glücklich zu machen. Casus. Glücklich? Die Frau von einem Officier, die fortwährend für sein Leben zittern muß? Blauenst. Wir haben Frieden, deshalb will ich meine militärische Laufbahn verlassen — Casus. So? Also quittiren? Und von was dann leben? Blauenst. Ich bin bereits vermöglick, und habe überdieß ein großes Landgut geerbt, das ich nun selbst verwalten will. Casus (kurz). Meine Tochter ist nicht für's Land erzogen. Blauenst. So verpachte ick das Gut, und lebe in der Stadt von meinen Renten. Casus. Aber meine Tochter hat kein Vermögen — kein liegendes Gut — Blauenst. (feurig). Sie bringt mir ihre Liebe, ihre Treue zu. Conrad. Das sind wenigstens bewegliche Güter. Casus (ärgerlich für sich). Der Mensck ist mit Allem zufrieden, gibt mir gar keinen Anhaltspunkt zUr Weigerung, 's ist zum Teufelholen. (Plötzlich einen Gedanken fassend, für sich.) Aber jetzt Hab' ich's. So bring' ich vor der Hand den Einen fort. Aber nur Mäßigung. (Laut, bemüht ganz ruhig zu scheinen, sehr höflich zu Blauenstein.) Herr Rittmeister, Sie haben allerdings alle Eigenschaften — und — ich würde mir's zur Ehre rechnen — aber — Blauenst. (gespannt). Aber — ? Casus. Louise ist meine jüngere Tochter, und ich halte noch an der alten patriarchalischen Sitte, nach der eine jüngere Tochter nicht vor der älteren Braut werden darf. Albert (rasch). Aber ich — ich bitte Sie ja eben um die Hand Ihrer älteren Tochter. Blauenst. Und somit könnte diese Angelegenheit sogleich entschieden werden. Casus. Möglich, wenn ick mich zuerst mit diesem Herrn (aus Albert weisend). 12 allein besprochen haben werde. Sie begreifen also — Blauen st. Daß ich mich jetzt entfernen muß. Nun wohl, ich gehe, aber (dringend) wann, wann darf ich wicderkommen? Cajus (mit einem ironischen Lächeln). Sobald der Herr (aus Albert) Ihnen gesagt haben wird, daß ich ihm die Hand meiner Pauline zugesagt Hab'. Blauen st. Nun, so empfehle ich mich jetzt — Ca jus (sich verneigend). Ergebenster; kommen Sie gut nach Haus. Blauen st. Nein, nach Hause gehe ich nicht. (Zu Albert.) Ich erwarte Dich im Caf« vis-u-vis, und wenn Du nicht als fertiger Bräutigam zurückkommst, so kündige ich Dir die Freundschaft, und Du mußt Dich mit mir schlagen auf Leben und Tod. (Eilt durch die Mitte ab.) Ca jus (zu Conrad). Folg' Er seinem Herrn. (Zu Toni.) Und Du — Du kannst gleich mit ihm gehen. Toni. Was? — ich — mit dem Conrad? Casus. Ja, Du wirst heut' — ja in dieser Stund' noch mein Haus verlassen. Toni (erschreckt). Aber Euer Gnaden — Ca jus. Es muß sein, — so lang die Unterhandlungen schweben, duld' ich keine Person in meinem Haus, die mit der Gegenpartei conspirirt. Toni (weinend). O mein Gott, — fort aus dem Hause! Conrad (zu Toni tretend). Zahn'nicht, Geliebte! (Nimmt Toni's Arm unter den (einigen, dann zu Cajus.) Sie stoßen das unschuldige Stnbenmädel hinaus? — Wissen Sie, auf welche Wege so ein herrenloses Geschöpf gerathen kann? — Sie geht jetzt mit mir. — Auf Sic falle die Verantwortung. (Geht mit Toni durch die Mit- telthür ab.) Cajus (für sich). Jetzt bin ich mit dem (aus Albert blickend) allein, mit dem wert)' ich wohl fertig, —ist ja meinesgleichen. (Zu Albert tretend, laut ) Also Sie sind Kaufmann, — ein junger Kaufmann? O, habe solche kennen g'lernt — zu meinem Schaden kennen g'lernt. Das etablirt sich, — das Heirat'! Alles auf Credit — Alles blauer Dunst! Albert (etwas beleidigt). Herr Rohrmann! für meine gesicherte Eriftenz kann ich Ihnen einen Bürgen stellen. Cajus. Einen Bürgen? — Und der war' —? Albert. Herr Sempronius Rohrmann! Cajus(zurückprallend). Sempr-Mein Bruder?! (Ahnend.) Herr! Sie sind — Sie heißen — ? Albert. Albert Florbcrg! Cajus. Flor— Florberg?!— (Für sich) Der Nämliche, vor dem mich der Brommer g'warnt hat? (Laut und heftig.) Und Sie — Sie kommen in mein Haus — wollen mir auch noch das Herz meines Kindes stehlen, nachdem Sie mir das meines Bruders ohnehin entfremd't haben? Albert (aufwallend) Mein Herr - ! (Sich rasch beherrschend.) Doch— Sie sind der Vater des Mädchens, dessen Besitz mein höchstes Glück begründen würde!—Ihnen gegenüber darf ich selbst den Ausdruck eines beleidigenden Verdachtes nur mit meiner Rechtfertigung erwiedern! Ich rufe Gotl zum Zeugen, daß ich mir die Gunst Ihres Bruders nicht durch niedrige Künste erschlichen habe. Ich bin der Sohn eines wohlhabendenKanfmannes, habe michselbst mit Liebe und Beruf den Handelswissen- schasten gewidmet, und trat, um mich auä> praktisch zu üben, als Volontär in das Comptoir Ihres Bruders ein. Ich war ihm im Geschäfte von wesentlichem Nutzen, während zugleich meine glückliche Laune ihn st erheiterte, daß er mich immer mehr in seine Nähe zog, und nun, nach dem Tode meines Vaters, mir selbst ein zweiter Vater sein will! Cajus (mit mühsam verhehlter Bitterkeit) Das ist ja sehr großmüthig von meinem Bruder? — Dafür sind Sie ihm aber aucb die größte Rücksicht schuldig und deshalb 13 frag ich Sie — (dicht z Albert tretend, und ihn scharf in's Auge fassend) weiß Ihr Wohl- thäter von dem Schritt', den Sie heut' in mein Haus gethan haben? Albert. Ja! Casus (überrascht). Ja? — ja?! — (Für sich.) Das bringt mich aus dem Concept! (Laut.) Und er hat Ihnen nicht abgerathen, ein Mädel zur Frau zu begehren, welches Ihnen eine sehr kleine—vielleicht gar keine Mitgift zubringt? Albert. Im Gegentheile — er freut sich, seine Nichte, wenn sie meine Braut wird, selbst auszusteuern! Eaju s (tief gekränkt). So? so? — Ich soll also meiner Tochter sagen: »Schau — ich bin ein armer Teufel — ich kann Dir nichts mitgeben — was Du haben wirst, kommt von meinem Bruder! Geh' hin! Dank' ihm — übertrag' deine Lieb' auf ihn!« (Wieder heftig.) Herr! können Sie mir eine solche Demüthigung zumuthen?! Albert. Ihre Tochter brauchte davon nichts zu erfahren, wenn Sie früher zu Ihrem Bruder gingen, sich mit ihm verständigten — Casus (bebend vor Zorn). Was? — Mein Bruder wartet darauf, daß ich zu ihm bettelnkomm'?! — Da kann er noch lang' warten!— Jetzt erst will ich meinen Stolz zeigen, denn ich habe noch etwas, um was er mich bitten muß! Albert (erstaunt). Er — Sie? Casus. Ja! ja! Nicht wahr?— Er will, daß Sie meine Tochter heiraten? Albert. Ja— es ist sein Lieblingsgedanke — Casus. Sehen Sie, er wünscht also etwas, was nur ich ihm gewähren kann! ^o isi also Er es, der mich bitten muß! Albert. Wie? — Sie verlangen — ? Casus (drterminirt)- Daß mein Bruder daher — zu mir — in mein Haus kommt, und für Sie förmlich um die Hand Weiner Tochter bitte! Albert (sich vergessend, rasch). Das wird er nie! Casus (empört). DaS wird er nie?! Und ich sollt' ihm zu Lieb' mich von meinen Töchtern trennen? — Ah! ich ahn' es wohl, warum er das will!— Er weiß, daß meine Kinder mein Alles— mein um und auf sind, und will mich jetzt auch um dieses gebracht, will mich ganz verarmt sehen! Aber wenn ich auch mit all' meinem Eigenthum leichtsinnig verfahren bin, meine Kinder werde ich zu wahren, ja zu vertheidigen wissen, wie ein Adler seine Jungen! — Ich werd' sie allen lüsternen Blicken entziehen, und mein Haus vor jedem frechen Eindringling verrammeln! So— jetzt wissen Sie meinen Entschluß, und jetzt gehen Sie, mein Herr! gehen Sie — wir haben ausgesprochen! (Eilt in das Seitrnzimmer links ad.) Albert (allein). »Wir haben ausgesprochen?« (Gleichsam Casus nachrufend.) O noch nicht! — noch nicht! — Sie haben mir eine Bedingung gestellt, und wenn ich diese -(nachdenkend) seinen Bruder bewegen, den ersten Schritt zu thun? Kann ich, der ich den Mann so genau kenne, darauf hoffen? — Nein! Nein! - - Es ist unmöglich! (Sinkt verzweifelnd aus den Divan und stützt nachdenkend den Kopf in die Hand, bald wieder aufspringend.) Unmöglich? Dieß Wort steht nicht im Lcricon der Liebe! — Ich will — ick muß mein Ziel erreichen! (Will rasch fort.) Achte Scene. Albert. B r o m e r. Bromer (noch außerhalb der Mittelthür). Wo ist Herr Rohrmann? (Er tritt ganz verstört ein, und bleibt. Albert erblickend, überrascht stehen.) Herr Florberg!—Sie — hier? Albert. Dieß befremdet Sie wohl? Hm! ich weiß, Sie betrachteten mich immer mit scheelen Augen, weil Sie mich für denjenigen hielten, der sich zwischen zwei ohnehin einander entfremdete Bruderherzen drängt! 14 Bremer. Nun— ist's nicht so? Wollen Sie fick nicht von Herrn Sempronius an Sohnesstatt annehmen lassen? Albert. Ich wollt' es bisher nicht, aber ich werd's doch gescheben lassen müssen, weil es für Ihren Chef doch nock immer besser ist, wenn das Vermögen seines Bruders einst in die Hände seines Schwiegersohnes, als in ganz fremde, geräth. Bromer (ihn erstaunt ansrhend). Was sagen Sie?— seines — seines Schwiegersohnes? Sie wollten also eine unserer Töchter zu Ihrer Frau wählen? Albert. Ja — Paulinen! weil ick sie liebe, und weil ich durch diese Verbindung auch eine Versöhnung der beiden Brüder anzubahnen hoffte. Bromer (Alberts beide Hände fassend). Herr! Herr! das wollten Sie?! O, wie beschämt bin ich, Sie falsch benrtheilt zu haben! — Können Sie mir vergeben? Albert. Es ist Alles gut gemacht, wenn Sie ein Mittel finden, Ihren Chef zu bestimmen, daß er zuerst sich seinem Bruder nähert! Bromer (finster zu Boden sehend). Das stärkste Mittel ist wohl die Nachricht, die ick ihm eben zu bringen habe — Albert (rasch). Dann lassen Sie mich in der Nähe bleiben, ich will den geeigneten Moment erseben — und dann selbst- Bromer. Gur! — gut! gehen Sie hier (auf die Seitenthür rechts weisend) hinein, und hören Sie — (Aushorchend.) Schnell! schnell! Ick höre ihn schon kommen! (Drängt Albert in die Seitenthür ) Neunte Scene. Bromer. Casus. Casus (tritt aus der Seitenthür links, ohne anfänglich Bromer zu bemerken, für sich). Jetzt weinen sie! — Pah! 's find Kinder! Morgen denken sie nicht mehr an die Spielerei, um die sie weinen! (Sieht aus ) Ab Bromer! Na — haben Sie das Geld? Bromer. Ja— ist bereits in derCaffa. Casus. Nun also! dann find wir ja so weit geborgen, bis die Lieferung— Bromer. Ack, Herr Rohrmann! —diese Lieferung- Casus (erschreckt). Was soll das Con- ductansagergesicht? Haben Sie was erfahren? Reden Sie! Bromer. Fassen Sie sich, das Traurigste zu hören! Ich war soeben beim Ministerium — mich zu erkundigen, da hört' ich denn- ! Casus (gespannt). Na — na? Bromer. Daß sich die Situation gean- ? dert habe, und man daher die Lieferung ! — gar nicht contrahiren wolle! ^ Casus (entsetzt zurückwankend). Gar nicht — contrahiren — ?! — Das ist nicht möglich! — Das kann nicht sein! — ! Ich Hab' auf diese Speculation mein letz- ! tes Geld gewend't — bin Verpflichtungen > eingegangen — Bromer. Sie hätten dieß, auf bloße ! mündliche Versprechungen hin, nicht thun sollen — Casus. Und jetzt soll ich die Masse Stoff' übernehmen, für die ich keinen Ab satz weiß, und dennoch sofort bezahlen?! Bromer! Das geht in die Hunderttau sende — das kann — das kann ich nicht! Bromer. Ich weiß dieß am besten! Casus. Und was — was läßt sich da thun? > Bromer. So schnell als möglich, den ! Concurs- Casus (zurücktaumrlnd). Con — curs?! Con — curs! Bromer. Ein schreckliches Wort — doch es bleibt kein anderer Ausweg! Casus. Kein anderer Ausweg, als die öffentliche Entehrung?! — Das — das überleb' ich nicht! (Sinkt in den Fantrml beide Hände an die Stirn pressend.) Bromer (rilt zu ihm). Um Gottes willen! 15 Zehnte Scene. Vorige. Albert. Albert (tritt wieder aus der Seitenthür rechts, mit Theiluahme). Herr Rohrmann ! Cajus. Wer ist—? (Sieht aus. Albert erblickend.) Sie noch da? Albert (zu ihm eilend) Ja, um Sie auf den Weg zu leiten, der allein zur Rettung führt! Cajus (auslebend und sich vom Sitze erhebend). Zur Rettung? — Ist die noch möglich? Albert. Begleiten Sie mich sogleich zu Ihrem Bruder! Cajus (bebt, keines Wortes mächtig, zusammen). Albert (dringender). Ich kenne ihn — bieten Sie ihm Ihre Hand, und seine Arme werden sich öffnen! Brom er (ebenfalls bittend). Ja — ja — gehen Sie doch hin! Don wem läßt sich leichter Hilfe erbitten, als von einem Bruder? Cajus. »Leichter«, sagen Sie? (Mit vor Aufregung bebender Stimme). Seit zwanzig Jahren — haben wir — uns nicht — gesehen, und jetzt — soll ich — zum ersten Mal' wieder vor ihn treten — banquerott! (Zusammenschauernd.)Das nennen Sieleich t?! und der Gedanke schon erdrückt mich! Ich kann — ich kann nicht ! (Sinkt, innerlich gebrochen, wieder aus den Sitz zurück.) Albert (wieder nähertretend). Herr Rohr- Mann! Bedenken Sie — Sie stehen nicht allein — Ihre Töchter — wollen Sie auch diese der Noth — dem Elend preisgeben ? Cajus (auf's Neue schmerzlich durchzuckt, erhebt fich wankend von dem Fauteuil, an dessen Ahne er fich halten muß. Albert starr ansehend). Meine Töchter! Und Sie — Sie mahnen mich an die? (Dumps.) Sie haben Recht — meine Töckter darf ich nicht mit mir in's Unglück reißen — i Albert (rasch). So folgen Sie also mei« I nem Rathe — ? Cajus. Nein — nein! — Die Töchter lassen fich ja versorgen! (Bitter lachend.) Ha! ha! sind ja Freier da, die den rechten Augenblick benützen werden! — oder — nehmen Sie jetzt Ihr Wort zurück? Albert. Gott sei vor! — In meinem und meines Freundes Namen schwöre ich, daß der Wechsel Ihres Schicksals keinen Einfluß auf unsere Absichten hat! Eajus (nach einem inneren Kampfe). Gut! — gut! — Ihr Freund — er ist ja nicht weit weg — holen Sie ihn herauf! Albert (gegen das Fenster eilend). Ersteht dort — dem Hause gegenüber — (Winkt.) Er eilt herauf! (Zu Cajus.) Was wollen Sie thun? Eajus. Meinen Töchtern meine Lage offen mittheilen — und ihnen — freie Wahl lassen! Albert (freudig). O, sei n Sie überzeugt, daß wir unfern Dank — Cajus. Warten Sie, bis ich einen Dank begehre! Eilfte Scene. Vorige. Blauenstein. Blauenst. (eilt durch die Mittelthür herein. freudig zu Albert). Hab' ich deinen Wink recht gedeutet? (Zu Cajus.) Jffs entschieden ? Cajus (bemüht, ruhig zu scheinen). Die Entscheidung hängt nur von dem freien Entschluß meiner Töchter ab! — (Geht zur Seitmthür links, öffnet fie und ruft :) Paus line! Louise! kommt heraus! Zwölfte Scene. Vorige. Pauline. Louise. Pauline und Louise (treten aus dem Seiteozimmer links). 16 Pauli ne. Du befiehlst, Vater? Casus. Kommet her, meine Kinder! (Tritt zwischen Bride, wehmüthig.) Geb t mir eure Händ'! (Faßt Beider Hände.) Pauline (ihm in s Gesicht sehend, erschreckt). Um des Himmels willen. Vater! was ist Dir? Louise (ebenfalls erschreckt). Deine Hand zittert und dein Aug' ist feucht — Casus (ihre Hände wieder loslassend und sich rasch mit dem Sacktuche über die Augen fahrend). Erschreckt's nickt! Was auch geschehen ist, und gesckehen mag — ich — ich werd' cs ertragen! Pauline unv Louise. Sprich! — was — was ist geschehen? Casus. Es läßt sich mit einem Worte sagen: Ich bin ruinirt! Pauline. Gott im Himmel! Louise (in Thränen ausbrechend). Vater! Casus. Weint nicht— jammert nicht! Ihr könnt' dem Unglück entgehen! Schaut' her — (auf Blauenstein und Albert weisend) zwei brave junge Männer, die Ihr liebt, die Euch eine sorgenfreie, glückliche Eristenz bereiten wollen — sie werben um Euch — und ich — ich hind're Euch nicht, ihnen zu folgen! Geht mit euren Geliebten zum Altar — und laßt mich — allein! Pauline und Louise. Dich — allein?! Albert (vorwärtseilend). Nein, nein! Sie sollen bei uns bleiben, mit uns thei- len, was wir haben — Blauen st. Wir wollen Sie auf den Händen tragen! Casus (mit Stolz). Meine Herren! — Zch kann Ihnen meine Töchter geben — aber ich verkaufe sie nicht für eine Leibrente ! — Ich nehme nichts, auch nicht ein Stückchen Brot von Ihnen — das schwöre ich! (Wieder zu Pauline und Louise) Ährhabt zu entscheiden ! — Wenn Ihr Euch ver- mält, versag' ich Euch meinen Segen nicht! — Ihr thut ja recht — Ihr seid jung — Ihr hab't noch eine Forderung an das Lehen! — ich — ich bin alt — was liegt viel d'ran, wie ich die paar letzten Jahre zubringe? (Dringender.) Nun — so geht doch! — werft Euch in die Arme eurer Geliebten — ich — ich hindere Euch nicht! Pauline. Vater! wie kannst Du glauben, daß wir Dich im Unglücke verlassen werden? (Stürzt weinend an seine Brust.) Louise. Nein! nein! Wir wollen lieber mit Dir Kummer und Sorge theilen! (Stürzt ebenfalls an seine Brust.) Casus (sie innig an sich drückend, mit dem Ausdruck höchster Freude). Ja — Kinder! ja! — Ihr wollt das? O, dann mag kommen, was da will! (Zu Albert.) Gehen Sie hin zu meinem Bruder, und sagen Sie ihm, ich bin reicher als er! (Der Dorhang fällt.)' Zweiter Äet. (Bureau des Sempronius Rohrmann, mit aller Eleganz eingerichtet. Zm Vordergründe rechts ein Schreibtisch, an demselben ein Fauteuil, links ein Tisch, aus welchem Albums, Zeitungsblätter u. s. w- liegen, bei demselben ein Divan und Fauteuils- Eine Mittel- und eine Seitenthür rechts.) Erste Scene. Sempronius, Albert, Blauenstein, Bromer. Semp. (sitzt an dem Schreibtische, eine Cigarre im Munde und ein Journal in der Hand haltend). Albert und Blauenst. (gehen, sichtbar heftig aufgeregt, etwas mehr rückwärts aus und nieder). Bromer (steht gesenkten Hauptes an der Mittrlthür). 17 Semp. (von seiner Lkctmc aufsehend, ganz ruhig zu Albert und Blauenstein). Wenn die Herren das Bedürfniß fühlen, eine längere Promenade zu machen, so empfehl' ich Ihnen den Garten — er ist geräumiger und die Luft kühlender, als hier in meinem ' Bureau! Albert (zu Sempronius vortretend). Vergeben Sie, aber mir ist, als könnte icb Sie ^ nicht verlassen, ehe ich aus Ihrem Munde einen andern Bescheid vernommen, als den zuletzt gegebenen!! Semp. (beinahe beleidigt, sich von seinem Sitze erhebend). Einen andern Bescheid?! — Albert! Wie lange kennen Sie mich? Albert. Ich genieße dieß Glück seit ' fünfzehn Jahren — Semp. Und Sie, Herr Bromer! (Ihn mit einer Handbewegung näher zu sich winkend.) Wie lange kennen Sie mich? Bromer (näher tretend). Seit vierzig 3ahren! ^ Semp.Nun also! Haben Sie (zu Alberti ! seit fünfzehn — Sie (zu Bromer) seit vierzig Jahren auch nur ein einziges Mal erlebt, daß Sempronius Rohrmann, wenn er einmal »nein« gesagt, in der nächsten Viertelstunde »ja* gesagt hätte? Bromer (seufzend). Nein! Das ist noch nicht vorgekommen! Semp. Das nennt man Consequenz, : und diese allein macht den Mann! — Ich ! besinne mich lange, ehe ich »ja* oder »nein» sage, Hab' ich's aber einmal gesagt, dann bleibt's dabei, und wenn ich darüber zu Grunde gehen müßte! * Albert. Sie haben aber, als wir Sie baten, jetzt Ihren Bruder aufzusuchen, das »nein« sehr rasch ausgesprochen! ^ S e m p. Daraus mögen Sie entnehmen, daß ich über die Zulässigkeit dieses Schrittes Ichon lange vorhy reiflich nachgedacht hatte. Albert. Siehaben also doch schondaran gedacht, Ihrem Bruder zu helfen —? l Semp. Ja! ^airr-Rkpettoirc Nr. 1»S. Albert. Warum wollen Sie also nicht zu ihm gehen, ihm dieß selbst zu verkünden? Semp. Weil ich mir schmeichle, ein Charakter zu sein! Bla neust. Wie sollen wir dieß verstehen? Semp. Ein Charakter, meine jungen Freunde, ist ein Fels im Meere, wer dagegen anstürmen will, dessen Fahrzeug zerschellt, der Schiffbrüchige aber, der sich zu ihm flüchtet, findet seine Rettung! — Nun, mein Bruder hat's versucht, gegen mich anzustürmen, sein Schiff ist so leck geworden , daß alles Pumpen nicht mehr half, und er nun mit den Wellen ringt! — nun, der rettende Fels (dir Hand stolz auf die Brust legend) stebr da! — Aber er, er mnß sich zu ihm flüchten! Bromer (halb traurig, halb mürrisch). Nun ja — dabei bleiben Sie immer ste- jhcn! — Schon als es zum ersten Mal in unserm Hause stockte, entdeckte ich Ihnen — ohne daß Ihr Bruder etwas davon wußte — unsere Lage — Semp. Und was antwortete ich Ihnen? Bromer. Er soll kommen! Semp.Und er kam nicht! Durch zwanzig Jahre hoffte ich, ja ich sah es bestimmt vorher, daß er komme» müsse (seinen Berger kaum unterdrückend) und er kam nicht! Er will selbst jetzt, da ihm das Aeußerste droht, nicht kommen, er trotzt wie ein eigensinniges Kind! Und ich soll nun diesem alten Kinde seinen Willen thun? Da müßt' ich nicht Sempronius Rohrmann sein! Albert (verzweifelnd). Ich seh', all' mein Bitten ist umsonst, und jede Hoffnung schwindet! (Wirst sich in den Divan.) B lauenst. (eben so). Und ich muß mir doch eine Kugel durch den Kopf schießen! (Sinkt in ein Fauteuil.) Semp. (beide betrachtend). Da sehe man! Hier ein Held, der dem Feinde ganze Batterien wegnahm — da (auf Albert weisend) ein junges kaufmännisches Genie, das sonst überall Rath zu schaffen weiß, nun r 18 will aber das Malheur, daß sich beide verlieben, und nun sinken sie muthlos hin, und jammern! — Man sage mir noch einmal, daß die Liebe erfinderisch mache! Blauenst. Aber was — was läßt sich denn hier erfinden? Semp. (etwas gutmüthiger zu Albert). Komm' einmal her, Albert, und hör' mich an! Albert (steht auf und tritt näher). Semp. Sieh — es ist nun einmal so! — Ich habe vor zwanzig Jahren schon gesagt: »DerCajus wird noch einmal bittend zu mir kommen!« — Alles, was ich sonst in meinerl Kreisen vorhergesagt, ist noch immer eingctroffen, nur das Eine nicht! — Nun wurdest Du mit seiner Tochter bekannt, und mir war's recht — aus vielen Gründen reckt, denn daran dacht' ich nicht, daß er mir Bedingungen stellen werde! Dafür muß ich eine Genugtuung haben, die darin besteht, daß sich meine Prophezeiung erfüllt! — Suche das zu bewerkstelligen, auf welche Art immer — ich gebe Dir freie Zeit — ich erlaube Dir, über meine Cassa zu verfügen — (wieder fast ärgerlich) ich will ihm ja helfen, aber sein Starrsinn muß zuerst gebrochen, und er zu der Erkenntniß gelangt sein, daß er durch nichts zu irgend einem Stolze berechtigt ist, als (selbst mit Stolz) durch das Bewußtsein, daß Sempronius Rohrmann sein Bruder sei! (Geht nach rechts ab.) Blauenst. (entrüstet vom Sitze aufspringend). Er geht — er geht! Und wir sind um keinen Schritt weiter! Albert. Laß' mich nur Nachdenken! (Geht, die Hand an der Stirn, auf und nieder, dann zu Bromer.) Wie stehen jetzt die Angelegenheiten Ihres Herrn? Bromer (die Achseln zuckend) Noch immer in peinlicher Schwebe — er hofft sich durch Einschränkungen aller Art noch helfen zu können, will seine bisherige Wohnung vermiethen, und hat sich deshalb in's ebenerdige Geschoß gezogen —. Wenn er lieber das ganze Haus verkaufte — aber das will er auch nicht — ach! ich habe meine liebe Noth mit ihm, — doch nun muß ich fort! Ich Hab' noch eine Menge odioser Gänge zu seinen Gläubigern zu verrichten! —Auf Wiedersehen, meine Herren! (Ab durch dir Mitte.) Albert. Die Hoffnung schwindet immer mehr! — Das Elend beugt ihn nicht, und hält er sich aufrecht, dann ist für uns erst jede Aussicht verschwunden! Blauenst. Wenn man nur mit den Mädchen zusammenkommeu, sich mit diesen besprechen könnte— aber auch hiezu find' ich nirgend Rath! Zweite Scene. Vorige. Conrad. Conrad (tritt bei drr lrtztru Rkde in heiterster Laune durch die Mitte ein). Außer einen l U- stigen Rath, einen Conrad! Und wenn's ein'guten Rath brauchen, kann ich auch damit aufwarten! Blauenst. Du — einen guten Rath? — heraus damit! Conrad. Hoho! Das geht nicht so g'schwind! — Guter Rath ist theuer! und ich kann meinen guten Rath nicht unter tausend Gulden hergeben! Blauenst. Tausend Gulden? — Bur sche! bist Du verrückt? Conrad. A bißl verrückt sein, g'hört zum Derliebtsein; das werden Euer Gnaden Herr Rittmeister aus eigener Ersah' rung wissen! Blauenst. (entrüstet). Kerl, mir scheint, Du hast getrunken! Eonrad. Ja, aus lauter Freud' über mich selbst, weil ich gar ein so ein g'scheiter Kerl bin! (Tritt näher zu Blauenstein.) den Herr Rittmeister! Unter uns! Wollen Sie heut' noch mit der Fräuln Louis z'sammkommen? Blauenst. (plötzlich verändert). Was sagst Du? IS Conrad (zu Albrrt). Und Sie, Herr von Florberg! Wollen Sie mit der Fräuln Paulin z'sammkommen? Albert. Kannst Du noch fragen? Conrad. Wann's alle Zwei z'sarnm- kommcn wollen, müffen's auch z'samm- schießen! Zeder fünfhundert Gulden — gleiche Steuervertheilung! — Außerordentliche Operationen machen diese Ueber- scbreitung des Budgets nothwendig! — Also keine langen Debatten! Zahlen's! Sie sollen wenigstens was dafür haben! Blauenst. Und wo — wo sollte diese Zusammenkunft stattfinden? Conrad. Im Haus' vom Herrn Casus Rohrmann — ja, unter seinen eigenen Augen! Blauenst. und Albert. Nicht möglich! Conrad. Ob's möglich ist, geht mich nichts an; aber wahr ist's! Ich will's beweisen, aber unter tausend Gulden kann ich's nicht thun — 's kost' mich selber so viel! Blauenst. Nun wohl — aber wenn wir Dir das Geld behändigen, und dein Plan doch nicht ausführbar wäre — was dann? Conrad. Dann ziehen Sie mir's von meiner Löhnung ab, und ich laß' mir noch ein' Kriegszuschlag von fünfundzwanzig g fallen, den Sie indeß auf mich betreffenden Orts intabulircu lassen können. Albert (tritt zu Blauevstein, leise zu diesem). Der Bursche verspricht mit ungemeiner Sicherheit; sag' mir, traust Du ihm die Erfindung eines schlauen und doch ausführbaren Planes zu? Blauenst. (leise zu Albert). Hm! Durchtrieben ist er genug — und hat mir schon bei ähnlichen Affaircn wesentliche Dienste geleistet! Albert. Und was läge am Ende viel daran, wenn jeder von unS fünfhundert Gulden auf's Spiel setzte? Blauenst. (feurig, doch leise). Ha! der Gedanke, wieder meine Louise sehen, mich mit ihr besprechen zu können, ist so anlockend, daß mir kein Einsatz zu hoch wäre — freilich sagt er (auf Conrad), daß auch der Alte dabei sein würde! Albert (leise). Um so besser, denn gerade den möcht' ich mir noch genauer studieren — willst Du also, so leg' ich indeß das Geld für Dich aus — Blauenst. Ja, thu' das! Conrad (beide bettachtend, für sich) Der Finanzausschuß braucht lang' zu seiner Berathung! Albert (langt nach seiner Brieftasche). Conrad (für sich). Ha! der legt die Hand an sein Herz, und das Nächste am Herzen eines Kaufmannes ist die Brieftasche ! Albert (zieht sein Portefeuille heraus und zählt in demselben Banknoten) Conrad (für sich). Errathen! (Rasch zu Albert eilend.) Zählen's nicht lang', es macht mchts, wann's auch a bissel mehr ist! Albert (zu Conrad). Ja, Du sollst mehr erhalten — wenn sich dein Plan als ausführbar zeigt — Blauenst. (zu Conrad). Aberauch mehr, — (mit der Pantomime von Schlägen) wenn er mißlingt! Conrad. Ich bitt', es muß nicht gleich sein — Albert (reicht ihm die Banknoten). Nun, hier indeß die tausend Gulden! Conrad (schnell die Banknoten nehmend). Victoria! — Geld haben wir, jetzt können wir Krieg führen! Blauenst. Nun sprich! sprich! Conrad. Nicht hier! Die Wände haben oft ungeheure Ohren, und für den Ausgang eines Feldzugs ist's von ungeheurer Wichtigkeit, daß die vorausgehenden Rüstungen geheim bleiben! Kommen die Herren zu mir, ich werd' Sie an den Ort führen, wo ich bereits die Waffenvorräthe angesammelt Hab' — (Bietet Blauevstein galant seinen Arm.) Ist s gefällig? Blauenst. (unwillig), stiarr! Marsch! vorwärts! (Stößt ihn vor sich hin.) r* 26 Conrad (sich die Seite reibend). Au weh! (Zu Blauenstein.) Euer Gnaden Herr Rittmeister ! Ich bitt' jetzt um eine zartere Behandlung — denn, ich fühl's, ich bin jetzt Jungfrau — nämlich Jungfrau von Orleans! — Alles ist verloren, wenn nicht ich die Fahn' ergreif' und ausruf': (decla- mirt) »Den Feldruf hör' ich mächtig zu mir dringen — »Das Schlachtroß steigt!« — (Geht mit großen Schritten voraus ab.) Albert und Bla neu st. (folgen ihm). Verwandlung. Dritte Scene. (Einfach meublirtes Zimmer im Hause des La jus Rohrmann mit einer Mittel- und zwei Seiten- thüren — rechts ein Tisch mit Schreibgeräthe, großen Büchern und Schriften — links ein Ar- beitstischchen.) CajuS. Louise. Casus (tritt mit Louisen aus der Seiteu- thür rechts). Nun siehst, die Wohnung ist zwar klein, aber einstweilen behelfen wir uns schon! Nicht wahr, mein Kind? Louise (im einfachen Hauskleide, etwas bleich im Gesicht) Ach ja, Vater! Wir sind mit Allem zufrieden, wir bedauern nur, daß Du deine gewohnte Bequemlichkeit entbehrst! Cajus. Ah was, Bequemlichkeit! Fehlt's mir d'ran? Ich Hab' da (nach rechts weisend) mein Schlafkammerl — Ihr dort (nach links weisend) das eurige und dahier ist der gemeinschaftliche Salon -— da sein wir den ganzen Tag beisamm' und, glaub' mir, man ist im kleinsten Raum glücklich, wenn man Alles bei sich hak, was man lieb hat. Louise (traurig). Ja wohl — ja wohl! (Für sich.) Wenn man Alles bei sich hat, was man liebt! (Ist bei diesen Worten zum Arbeitstischchen getreten, an welches sie sich setzt, und eine Nähterei vornimmt.) Cajus (sich umsehend). Aber wo ist denn Pauline? Louise. In der Küche, sie bereitet dein Frühstück — Cajus (schmerzlich). In der Küche! meine Tochter! — Das ist ihr auch nicht an der Wiege g'sungen worden! Und — (Louisen bedauernd betrachtend.) Du warst auch nicht gewohnt, den ganzen Tag die Nadel in der Hand zu haben — Aber es wird schon wieder anders werden — 's heißt nur jetzt arbeiten — und daS will t ch vor Allem — Also an die Arbeit (Setzt sich an den Asch rechts, schlägt die Han- drlsbücher aus und beginnt zu rechnen, dabfi oft traurig den Kops schüttelnd.) Louise (während sie sortarbeitet, für sich). Ob Blauenstein wohl jeden Gedanken alt mich aufgegeben hat? Der Vater sagt, bei jungen Männern hieße es: »Aus den Augen, aus dem Sinn'« — wenn das wahr wäre, dann gibt's kein Glück mehr für mich! (Hört zu arbeiten auf und stützt das Haupt in die ausgestemmte Hand.) Vierte Scene. Vorige. Pauline. Paul ine im einfachen Hauskleide, eine Schürze vorgrbsnden, tritt, rm Kaffee-Service aus einer Taffe tragend, durch die Mitte ein ; ihre Augen sind verweint, zu EajnS vortretend). Hier, lieber Varer, dein Frühstück — (Stellt die Taffe auf den Tisch.) Cajus (liebevoll zu ihr anstehend). Ah! von Dir selbst 'kocht, das wird schmecken! — gieß' nur ein! Pauline (während sie dir Tasse vollgießt) Du mußt schon Nachsicht haben ^ ich weiß mit der Bereitung noch nichtt recht umzugehen! . 21 Cajus. Macht nichts —. mein Kind! » macht nichts! (Trmtt. dann etwa- den Mund ; verziehend, für sich.) Es schmeckt wohl ein j bißl nach Spülwasser, aber (gutmüthig) sic kann's halt nicht besser ! (Laut) Sehr ' gut ! — Gib mir ein Busserl! Pauline (neigt sich zu ihm). Casus (ihr in die Augen sehend, wieder erschreckt). Himmel! was hast denn Du für verweinte Augen ?! ^ Pauline (sich rasch mit der Schürze die Augen trocknend). Bewahre! Es hat nur in der Küche etwas geraucht! Eajus (besorgt vom Sitze aufftehend). Nein — nern! — Du bist auch so blaß — und — (aus Lonise sehend, — welche, noch immer ihren Gedanken nachhängend, traurig vor sich Hinsicht) auch die Louise l — sie hört nicht! —? (Lauter.) Louis ! Louise (aus ihren Gedanken aufwachend und sich mit der Hand über di^ Augen fahrend)- Was, Vater? Cajus. Dir ist nicht ganz gut? — deiner Schwester auch nicht! Pauline und Louise (rasch). Nein, nein, lieber Vater! CajuS (immer ängstlich). Nein — verbergt mir's nicht. Ihr seid krank — ich schick' um einen Arzt. Pauline und Louise. Nein — nein, — wir find nicht krank. Louise (beginnt wieder zu arbeiten). Pauline (wendet sich rasch ab, und setzt sich in einen beim Schreibtische stehenden Stuhl). (Es wird an der Mittelthür gepocht.) Cajus (aufhorchend). Ein Besuch? — kommt mir jetzt sehr ungelegen. (Ruft.) Herein! Künste Scene. Vorige. Hausmeister Wenzel. Wenzel (tritt durch dir Mitte ein). Küß die Haud, Euer Gnaden. Cajus. Ah — der Hausmeister! Wenzel. Der sich erst jetzt wieder seines Hausmeisterthums bewußt werden wird. Cajus. Warum erst jetzt? Wenzel. Weil dieses Haus erst jetzt wieder ein parteiisches werden wird. Cajus. Ihr meint's, weil ich jetzt Wohnungen verlassen will? — Ich wollt', ich brauchte das nicht z'thun. Wenzel. Aber, Euer Gnaden, auch Ihr Ansehen wird ja nur dadurch ein ganz anderes. Was ist ein Hausherr, der sein Haus ganz allein bewohnt? Casus. Eben so recht der Herr von sein' Haus, aber — zur Sach'.— Hat sich schon jemand ang'fragt? Wenzel. Grad' jetzt — ich steh' vor dem Thor — da fahrt ein Reiswagen vor — ein alter Herr biegt sich aus'n Scklag — laßt halten, steigt ab, und schaut das Zettel an, was am Thor hängt — ich frag' ihn, was er will? Cajus. Na, hat er Dir's g'sagt? Wenzel. Ja — aber verstanden Hab' ich's nicht, bis noch ein anderer Herr aus- g'stiegen ist, der mir's dolgemetscht hat, daß der Herr das Quartier nehmen will — das heißt, wann's ihm anständig ist. Cajus. Es fragt sich aber auch, ob diese Partei mir anständig ist. (Leiser ) Wenn s eine Partei ist, die erwachsene Söhn' hat, wird sie nicht ang'nommen, und wenn sie das Dreifache bezahlen wollt' — (mit einem Blicke auf seine Töchter) Ihr versteht's mich. Wenzel. Das ist hier nicht der Fall — der alte Herr soll ein reicher Bojar sein, der wegen sein' Augenleiden eigens aus der Walachei daher g'reist ist, um sich hier von ein' berühmten Doctor behandeln z'lassen — er will in kein' Hotel einkehren. CajuS (wieder nach seinen Töchtern sehend). Na, da wär' wohl keine G'fahr. Wenzel. Natürlich, — alt, halbblind, und ein Walach noch dazu. Ueberdieß hat er mir gleich fünf Gulden in die Hand druckt. Euer Gnaden, fünf Gulden in der jetzigen verdorbenen Zeit, in der durch die 22 radikalen Tendenzen jede Autorität untergraben ist, — wo eine zügellose Presse sogar das Gebaren der Hausmeister zu verdächtigen sucht, — fünf Gulden für eine Quartierzubringung, da hört jedes Bedenken ans. Ich war bis zur Höflichkeit gerührt, und Hab', mit der Mützen in der Hand, den Blinden hinaufg'führt, damit er's Quartier anschaut, und (horchend) ha, — ich hör' ihn schon wieder auf der Stiegen — er wird mit Euer Gnaden abschließen wollen — Cajus. Na — ich will sehen — Wenzel (eilt zur Mittelthür, öffnet sie. sich tief verneigend). Belieben Eure Bojarität nur hereinzuspazieren. Sechste Scene. Vorige. Conrad. Blauenstein. Conrad (im Kostüme eines Bojaren, einem reich mit Goldschnüren verzierten Pelze, lange weiße Haare hängen von seinem Haupte bis aus die Schulter herab, ein weißer Schnurbart und ein grüner Schirm vor dm Augen machen ihn vollends unkenntlich; er tritt, unter einem Arme von Blauenstein geführt, mit der andern Hand sich auf einen Stab stützend, durch die Mitte ein). Blauen st. (hat ein gebräuntes Gesicht, graue Haare und grauen Dollbart, und trägt einen schwarzen Attila, welcher ihn mehr korpulent erscheinen läßt). Conrad (mit verstellter Stimme). Wo sein Gospodin? Cajus. Meinen Sie den Hausherrn? — Der bin ich — und Sie wollen also die Wohnung mielhen? Hat sic Ihnen g'fallen? Conrad. Ja, — da (zieht einen Geldbeutel heraus und hält ihn Cajus hin) nehmen. Cajus. Was ist das? Wenzel (zu Cajus). Wie Euer Gnaden noch fragen können? Den Zins erlegt der Herr Bojar. Da werden wir uns doch nicht b'sinnen? (Nimmt den Beutel von Conrad und gibt ihn dem CajuS.) Cajus (dm Beutel etwas öffnend). Er zahlt in Gold?! Wenzel (etwas leiser zu Cajus). Na ja, — wissen Euer Gnaden, in der Walachei sein's halt in der Civilisation noch so z'ruck, daß's von Banknoten noch nichts wissen! Cajus (zu Conrad, noch immer bedenklich). Es wär' aber vorher doch noch Einiges zu bereden — Sie müssen wissen — Wenzel (zu CajuS> Er weiß schon Alles, ich Hab' ihm g'sagt, der Zins für den ganzen ersten Stock, meublirt, ist viertausend Gulden. Conrad (dm Kops wiegend). Diel Geld, viel Geld! Wenzel (zu Conrad). Ah, im nächsten Quartal wird der Hausherr schon mit'n Zins heruntergeh'n. Cajus (zu Wenzel). Wie könnt Jhr daS sagen? Wenzel (zu Cajus). Na, Sie wohnen jetzt z'cbner Erd' — e r (auf Conrad weisend) im ersten Stock; wenn Sie also bei ihm oben eincaffirt haben, so müssen's doch mit dem ZinS heruntergeh'n. Cajus. Macht's jetzt keine Späße, — ich denk' an was Ernsteres. (Zu Conrad) Ich wollt' Sie fragen, ob Sie vielleicht noch anderweitiges Gefolg' haben? Conrad. Nir, nir, nur der (aus Blauenstein weisend) ist Arzt. Muß ich haben immer Arzt — Hab' ich auf Gut sehr viel Rindvieh — Pferd — Schaf — Schwein — fehlt einmal da — einmal da — Cajus. Ah so, der Herr ist also eigentlich Thierarzt? Conrad. Ja — behandelt mich auch — aber (aus seine Augen weismd) wird nicht besser — darum bin ich nach Wien, und Hab' schon geschickt nach alte Professor — der wird kommen — sonst Niemand. Cajus. Nun, so ein Besuch ist mir selbst sehr angenehm, denn ich (wieder aui seine Töchter weisend) Hab' da auch ein paar Patientinnen — 23 Louise (sich vom Sitze erhebend). Ah, Vater, uns Hilst kein Arzt — Pauline. Erlaube daher, daß wir uns entfernen. (Zu Louisen.) Komm', Schwester. Louise (will an Blaueustein vorüber zur Seite links gehen). Blauen st. (leise zur ihr). 3ch beschwöre Sie, — bleiben Sie. Louise (ihn erkennend, freudig überrascht aujschreiend). Ha! Eajus (eilt sogleich besorgt zu ihr). Ums Himmels willen, was ist Dir denn? Louise (sich kaum beherrschend). Nichts, nichts, — es war nur — ein' Anwandlung — (Wankt zu dem Fauteuil zurück, in welchem sie sich niederläßt.) Pauline (ängstlich, will zu Louisen). Was ist dir, Schwester? Blauen st. (rasch zwischen Paulinen und Kajus tretend, leise zur elfteren). Beruhigen Sie sich — ich bin's — und mein Freund Albert wird sogleich hier sein. Pa ul ine (freudig, sich vergessend) Ha, er! (Wankt zu ihrem früheren Sitze am Schreibtische zurück.) Eajus (erschreckt). Gott, — jetzt schreit auch die. (Eilt von Louisen weg. und zu Paulinen.) Was thut denn Dir weh? Pa ul ine (die Hand an s Herz drückend). Ah, — ein Stich — hier. Eajus (vorwurfsvoll zu Paulinen) Und da wollt' Ihr kein' Doctor? Was soll ich allein? — Ich weiß nicht, welcher ich zuerst brispringen soll — (Sieht wieder nach Louisen.) Blauen st. (ist iadeß wieder zu Louisen getreten, und hat leise mit ihr gesprochen). Louise (zu Lajus). Ah, Vater, bleib' nur bei Pauline. — Mir ist schon viel — viel besser. Eajus. Ihr wollt' mich nur beruhigen — aber ich glaub' Euch allen Zweien nicht. (Saßt Paulinens Hand.) Du zitterst ja fieberhaft — (Sich etwas zu Conrad wendend, ärgerlich.) Wo bleibt denn Ihr Teufelsprofessor? — Soll ich noch einmal um ihn schicken? Siebente Scene. Vorige. Albert. Albert (hat das Schnurbärtchen, welches er früher getragen, entfernt, trägt nun eine weiße Perrücke und goldene Augengläser, weiße Cravatte mit hohem Halskragen, seine Haltung ist etwas gebeugt; durch die Mittelthür eintretend, und an derselben stehen bleibend, mit näselnder Stimme). Ich weiß nicht, ob ich hier recht gehe — Eonrad (sich nach ihm umsehend). 3a — ja — Gospodin Professor. Eajus. Professor?! (EiltAlbert entgegen.) 3a — ja — Sie sein schon recht — kom- men's nur — kommen's — dahier — meine Töchter — (Will ihn in den Vordergrund ziehen.) Albert. Töchter? Man sagte mir doch, ein alter Bojar — (Conrad erblickend) Ah, — hier! (Tritt zu Conrad.) Eajus. Aber um der Barmherzigkeit willen zuerst dorthin. (Weist auf Paulinen.) Der Herr Bojar wird schon erlauben — (Will ihn wieder sortziehen ) Albert. Ein Patient hat gar nichts zu erlauben, bevor nicht ich es erlaubt habe. (Zu Conrad) Setzen Sie sich, wir wollen sehen, wo's eigentlich fehlt. Eonrad (tastet nach einem Stuhl umher). Wenzel (trägt schnell einen Stuhl in die Mitte des Zimmers.) Der Stuhl ist da. (Ist Conrad beim Niedersetzen behilflich.) Albert (besieht Conrad's Augen, bedenklich den Kopf schüttelnd). Hm, hm, lassen Sie mich einmal den Puls fühlen — (Faßt Conrads Hand.) Eajus (für sich). 3ch vergeh' vor Ungeduld. (Eilt zu Albert und zieht ihn mit sich in den Vordergrund). 3ch bitt Sie — greifen Sie doch auch da — Albert (sich verdrießlich stellend). Nun, was ist's denn eigentlich? Eajus. O, Sie werden's gleich heraus haben, — nur da — da — die Hand! 24 (Reicht ihm Paulinens Hand ) Und dann bemühen Sic sich auch zu der — (Sieht nach Louisen.) Albert (rasch Paulinens Hand an seine Lippen drückend, leise). Thenerste Paulinc! Pa ul ine (zusammrnbrbrnd, mit flkpreßter Stimme). Sie?! — Welches Wagniß! Albert (leist). Fassen Sie sich. Pauline (leise). 3ch vermag's nicht — ich würde Alles verrathen, lassen Sie mich fort — nur jetzt fort. (Reißt sich von ihm los, eilt an Louisen vorüber, die Hand derselben fassend, rasch.) Louise, komm' mit mir! Ich beschwöre Dich — (Zieht Louisen mit sich fort in's Nebenzimmer links.) Ca jus (es gewahrend). Um Alles in der Welt, jetzt laufen's alle Zwei fort — Albert (mit verstellter Stimme, bedenklich). Ja, die Patienten, welche die Aerzte siiehen, sind oft die gefährlichsten. Cajus (ängstlich). Gefährlich? — Um Gottes willen! Herr Professor, lassen Sie's nicht aus — und Sie (zu Blauenst«») affi- stircn Sic dem Herrn Professor, wenn er's allein nicht richten kann — (mit aufgehobenen Händen) O ich bitt' — ich beschwöre Sie — (auf Conrad weisend) den Herrn will ich indeß in seine Wohnung hinaufbegleiten — aber Sie (öffnet die Seitenthür links) spazieren dahinein, nur gleich. Albert. Nun, wenn Sic durchaus darauf bestehen — (zu Blauenstein) So kommen Sie denn! (Tritt mit Blauenstein in die Seitenthür links.) Casus (macht hinter ihnen sogleich die Thür zu). So — jetzt bin ich etwas beruhigt, und stehe Ihnen (zu Conrad gewendet) ZU Diensten. (Nimmt Conrad unter einem Arm.) Wenzel (faßtConrad am andern Arm, und geht mit ihm und Cajus ab). Verwandlung. (Dasselbe Zimmer wie im ersten Acte.) Achte Scene. Toni (allein). Da bin ich wieder —! Der Conrad, der elende Mensch, scheint ganz auf mich vergessen zu haben!— Er weiß doch, daß ich seinetwegen aus diesem Hause gekommen bin — er hat mi ja selbst das Geleite gegeben! Nun — wir sind von hier in eine süße Weinhandlung, dort schwur er mir, daß er Alles thun würde, um mein Loos zu erleichtern; — als es zum Zahlen kam, hatte er sein Portmonnaie vergessen — ich hatte noch ein paar ersparte Gulden — die gingen flöten — das war die ganze Erleichterung, die ich ihm verdanke — und seitdem hat er sich gar nicht mehr nach mir umgesehen! Was bleibt mir nun Anders übrig, als meine frühere Herrschaft zu bitten, daß sic mir verzeiht, und mich wieder aufnimmt — denn in die Bildungsanstalt für gute Dienstmädchen mag ich nicht — ich nicht — ich bin mir gebildet genug! — Ich will lieber dem Herrn Rohrmann heilig versprechen, daß ich seinen Willen pünktlich erfüllen und Alles thun werde, was ich kann! — Na— und mehr wird er auch nicht verlangen; ist doch selbst unser Herrgott so billig, daß er zufrieden ist, wenn nur jedes seiner Geschöpfe so viel thut, als es kann! Lied. Wenn Morgens die Sonne am Himmel erwacht, Da zeigt sie, zu grüßen, der Welt ihre Pracht; Die Blumen vor Allen! — die Rose entzückt Durch Farbe und Duft Jeden, der sie erblickt; Noch stolzer die Tulpe im sammtenen Kleid, Die Lilien, die Nelken — den Augen zur Weid' — 25 Nur 's Veilchen im Röckchen, so einfach, tiefblau-— Zum Schmuck hat es nichts als ein Tröpfchen vom Thau — Und doch sieht die Sonne auch dieß freundlich an — Warum? — Nun — es thut ja so viel, als es kann! Nun stimmen die Vögel den Lobgesang an, Es wirbelt, laut trillernd, die Lerche hinan, Die Finken und Amseln im grünenden Wald Sie singen so kräftig, daß weithin es schallt, Die Nachtigall selber ist wieder erwacht, Und flötet den lieblichen Traum ihrer Nacht — Der Haushahn — wie gerne er auch singen thät! Doch 's geht nicht! — was thut nun der Arme! er — kräht! Und doch hört die Sonne auch ihn freundlich an — Warum? — Nun—er thut ja so viel, als er kann! (Nach dem Liede nach links ab.) Neunte Scene. Eajus, Conrad, Wenzel, dann Toni. Conrad (in einem buntgestickten Schlafrockt, ei» rothes Fez auf dem Kopse, jedoch den Schirm "och vor den Augen, und aus einem Tschibuck rauchend, tritt, von Wenzel geführt, aus der Sei- tmthür rechts). Casus (folgt ihnen). Wenzel (Conrad zum Divan führend). So ^ wollen Eure Bojarität dahier eine Niederlassung versuchen — Conrad (setzt sich). Casus (zn Conrad). Ich glaub' vor der Hand Alles zu Ihrer Bequemlichkeit gerichtet haben. Conrad. Ja — Alles gut —- aber noch licht — viel zu licht! — thut weh! (Auf seine Augen weisend.) Bin nicht gewohnt! Wenzel. Na ja — in der Walachei soll's sehr dunkel sein, aber 's gibt schon auch hier Anstalten, um das Eindringen des Lichtes zu verhindern! (Geht zum Fenster und schließt die Vorhänge, wodurch das Zimmer in ein Halbdunkel versetzt wird ) Conrad (zu Wenzel). So — und jetzt hol' Frühstück! Casus. Hat Ihnen Ihr Arzt Thce oder Kaffee erlaubt? Conrad (traurig den Kopf schüttelnd). O nein! darf ich nicht! Aber a bißl Schweins- bratel und Krautsalat — Ca jus. Hören Sie! Das ist eine sonderbare Diät! Wenzel. Warum? Wenn man ein wal- lachischrs Uebcl mit Schweinernem curirt, ist daseine homöopathische Cur! »Gleiches mit Gleichen,« hat mir einmal so ein hämischer Path g'sagt! Conrad (zu Wenzel). Na, hol'! Und a Seidel Slibowitz auch! Da! (Zieht eine Geldbörse heraus und gibt ihm ein Silberstück.) Cajus. Wenn s nur nicht schadet! Wenzel (das Geld betrachtend). Ein Sil- berthaler? (Zu Cajus ) Schad't gar nichts — ich nehm' Alles auf mich, was herauskommt! (Geht durch die Mitte ab. 1 Toni (ist schon bei den-ersten Reden Conrads aus der Seitenthür links getreten, nun etwa- vorwärtskommend , für sich). Ich weiß nicht — ich habe da eine Stimme gehört, die mir so bekannt vorkommt. Cajus (fir erblickend, erstaunt). Du bist wieder da, Toni? Conrad (überrascht etwas vom Sitze auffahrend, für sich). Toni?! — Auf Dich Hab' ich ganz vergessen! Aber Fassung! (Setzt sich wieder und wendet das Gesicht ab.) Toni (hat Conrad im Auge behalten, für sich). Ha! — die Bewegung! — er ist'S! — wie erkläre ich mir nur —? Cajus (zu Tom). Nun, bist Du dahergekommen, um mit Dir selber z'reden? 26 Toni (laut, demüthig). 3a — ich rede mit mir selbst, weil ich seit gestern auch wieder zu mir selbst gekommen bin! Ca jus. Aha! Du hast also wahrscheinlich den säubern Monsieur Conrad von seiner schlechten Seite kennen gelernt? Toni. O, dieses Ungeheuer hat gar keine gute Seite! — Mich so zu vernachlässigen — Cajus. Na— na! Wer weiß, was er von Dir erfahren hat? Toni. Was? von mir? Ich bin die Treue selbst! — Ich kann alle meine früheren Liebhaber zu Zeugen anfrnfen, daß ich noch einem jeden ewig treu war! Cajus. Das Alles geht mich aber nichts an! 3ch will nur wissen, was Du wieder dahier willst? Toni. Ach, Euer Gnaden, ich möchte Sie unterthanigst bitten, daß Sie mich wieder in Ihre Dienste aufnehmen! Cajus. In mein'n Dienst? (Düster) Hm! bei mir hat sich so Manches geändert — aber — (zu Lonrad) Sie haben ja vorhin den Wunsch geäußert, eine weibliche Bedienung zu erhalten — Toni (für sich). O Du Hauptspitzbube! Conrad (steht auf, besieht Toni, dann zu tzajus). Ja, die ist mir angenehm zum Bedienen! Toni (für sich). Nu warte, wie ich Dich bedienen werde! Cajus (wieder zu Toni). Und wenn Du mir versprichst, baß es mit dem Conrad aus ist — verstehst — rein aus — Toni. Rein aus kann's mit ihm nicht sein, denn er ist ein schmutziger Mensch!— hat sich von mir — einer Dame — die Zeche zahlen lassen. Conrad (für sich). Wie gemein! wegen die zwei Gulden vierzig Kreuzer! Cajus. Na — verständig' Dich über die Bedingungen — ich muß jetzt wieder hinab zu meinen Kindern! Weiß Gott, was jetzt auf einmal über die kommen ist! — (Geht durch dir Mitte ab.) Zehnte Scene. Toni. Conrad. Conrad (für sich). Jetzt bin ich mit ihr allein! — Sie kennt mich nicht — jetzt soll ihre Tugend das Rigorosum bestehen! Toni (fürsich). Er hat sich einen weiblichen Domestiken bestellt — dafür will ich ihn jetzt bis auf's Geblüt martern! Conrad (setzt sich wieder auf den Divan. Toni näher zu sich winkend, mit verstellter Stimme). Na, Klane, kumm bissel näher! Toni (zu ihm tretend, sehr freundlich, mit einem Kmx). Euer Gnaden, befehlen? Conrad. Hab' ich g'hört, Du hast Liebhaber — Toni. Gehabt! Aber 's ist aus—auS, — für alle Zeiten aus! Conrad. Ah, wer weiß, wann wieder kommt and're junge Bursch? Toni. Einen jungen nähm' ich schon gar nicht mehr!— das sind lauter so leichtfertige Patrone — Schnittlauch auf alle Suppen! Conrad. Na — wirst doch nicht nehmen alten Mann? Toni (absichtlich cokett). Hm, es gibt gewisse alte Henen, die sich eine gewisse innere Jugend bewahrt haben — Conrad. Ah! wann einmal Schnee auf Kopf liegt — Toni (wie oben). Hm! es gibt Landschaften, die selbst, von Schnee und Eis bedeckt, noch viel interessanter find, als eine flache Gegend mitten im Frühjahr — Conrad (fürsich). Teure!! Sie gibt mir ja ein förmliches Acquit! Wie sie nach mir blinzelt! — Es wär' schändlich, wenn sie mir mit mir selber untreu wurd'! — Ab« ich will Beweise — ich muß sie auf frischer That ertappen! (Laut.) Na, Madel, schau mich bißl an!— was bin ich für Landschaft? Toni. Euer Gnaden? (Schelmisch mit drn> Finger drohend.) Mir scheint immer, Euer 27 Gnaden sind ein Berg, der wohl öden (auf dm Scheitel weisend) ein bißchen angeschneit ist, aber der im Innern noch Feuer kocht! Conrad (fürsich). Ja ja — kochen thut's schon — 's Hefcrl wird gleich über- geh'n — aber nur Fassung! — 's handelt sich um die frische Thal! (Laut.) Na, so komm' her, Schatze!! setz' Dich da zu mir— (Rückt aus dem Divan mehr seitwärts und deutet aus dm Platz neben sich.) Toni. O, wer wird sich denn bei einem feuerspeienden Berge niederlaffen? Der Vulkan könnte ja losbrechen! Conrad. Nein, nein — will ich ruhig mit Dir reden! komm' nur! Toni. Nun, wenn Sie befehlen — aber Euer Gnaden! (Wieder mit dem Finger drohend.) Nicht schlimm sein! (Setzt sich neben ihn.) Ich schrei' sonst! Conrad. Na, wert)' ich Dir schon Mäu- lerl stopfen — Du klanes Tauberl! (Legt seine Hand um ihre Taille.) Toni (sich nur ein wenig zierend). Aber Euer Gnaden! waS thun Sie denn? Conrad (für sich). Sie halt sich! —'S ist niederträchtig! — Aber nur weiter! (Küßt ste rasch.) Toni (ganz leise). Ah — gnädiger Herr! Conrad (für sich). Das soll g'schrie'n sein! — Schlange! — Aber ich wert)' jetzt gleich bei der frischen That sein! (Zieht sie wieder an sich.) Toni (sich nur leicht sträubend). Ach,lassen Sie mich doch! — ich weiß gar nicht, wie mir wird — so gewiß schwummerig — so gewiß — (Will ausstehm.) Conrad (feuriger). Nein — bleib! Scha u 7- will ich nicht sein dein Herr — will ich sein dein Freund! Toni (coquett zu ihm aufblickend). Mein väterlicher Freund? Eonrad. Ja, will ich Dir sein Vater, aber mußt Du mir dafür sein Mutter — will ich sagen: Kind! — Und wenn Vater sagt: Kind! gib schön Bussel — !* Toni (sich «jeder zierend). Ich müßte wich erst von Ihrer väterlichen Gesinnung überzeugt haben! Conrad (für sich). Aha! Gesinnung; (Zieht seine Geldbörse hervor. — Für sich.) Für den Jungen hat sie zahlt — aber der Alte soll blechen! O Krokodill! (Laut, indem er die Münzen in der Börse klirren läßt.) Na — ist das Gesinnung? Toni (für sich). Ha! das ist Gold! — Das kann er nicht auf redliche Weise erworben haben — ich muß suchen es in meine Hände zu bekommen! Conrad.Wann ich sag': für jedesBuffel ein Ducaten! Toni. Nun, von einem väterlichen Freunde kann man Alles annehmen; und um sein Leben zu versüßen — Conrad (für fich).Jetzt kommt die frische Thal! (Laut.) Ja, ja. — Da hast ganze Beutel — (Wirst ihr die Börse indeuSchooß.) Wechseln mir mit Busseln! Toni. Na — einen Kuß der Dankbarkeit. (Küßt ihu.) Conrad (für sich). Sie küßt mich für den schnöden Mammon! — Es' empört sich Alles in mir! (Laut.) Aber noch ein'— Toni. Nun — einen Kuß der Freundschaft — (Küßt ihn.) Aber die Blende (auf LonradS Augenschirm weisend) genirt — Conrad (mit einer Wuth, mehr für sich). Ja — ich spür's — ich war zu lang geblendet — (Wirst die Blende fort ) Toni. O, jetzt seh' ich erst das ganze liebe Gesichtchen! (Küßt ihn.) Conrad (während er sie ebenfalls wiederholt küßt, immer wieder entrüstet für sich sprechend). Wie sie küßt! — Judasküsse!—Jchkönnt' aus der Haut fahren! —Wenn's nur nicht so gut wäre! — O Weibergezücht! — umbringen möcht' ich sie! Toni (hat während der Umarmung, ohne daß er eS bemerkt, ihm den falschen Schnurbart abgenommen, und zieht ihm zuletzt auch von rückwärts sachte die Perrücke herab, so daß er ganz sein natürliches AeußereS erhält). Conrad (zuletzt entrüstet aufspringend). Mehr brauch' ich nicht! (Mit natürlicher Stimme ) Elende! Falsche! BafiliSkenweibl! 28 ' Toni (ebenfalls aufspringend, die Erschreckte spulend). Aber Euer Gnaden! Was haben Sie denn? Conrad. Eine Viper Hab' ich an meiner Brust gehabt! Kennst Du mich nicht? Toni (sich immer noch verwundert stellend). Euer Gnaden sprechen wohl jetzt mit einer anderm Stimme — aber — Conrad. O, ich will auch aus ein' andern Ton reden! — Jetzt soll die Maske fallen! (Faßt sich, Willens, die Perrücke abzu- nehmen, heftig bei seinen eigenen Haaren, vor Schmerz ausschreiend.) Att weh! — Was ist das?! Toni(laut auflachead). Hahaha!Hahaha! Conrad. (wüthend).Dnlachft? Du lachst? das soll Dir vergehen, wenn nur die Teufelsperrücken herunterging! (Zieht wieder an seinen Haaren.) Verflachtes Pickwachs! Toni. Hahaha! Nur zu! schadet Dir nichts, wenn Du Dir selbst den Schopf beutelst! Du erbärmlicher — elender Mensch! Conrad (sich verwundert allsehend). Mir scheint, sie kennt mich, und ich — ich kenne mich selber nicht! Toni (ihm Schnurbart uad Perrücke entge- genhaltend). Da — da sich her! Conrad. Meine Perrückcn — mein Schnurbart —! Toni. Ja, deine ganze Falschheit ist in meinen Händen! Conrad. Ha! sie hat mich g'rupft! — So geht'S einem Alten, der sich noch eine Freundin halten will — er muß Haar lassen! Toni. Aber mit dieser Siegestrophäe gehe ich jetzt zum gnädigen Herrn hinab, und verrathe ihm, wer hinter dieser Maske steckt! (Will fort). Conrad (ängstlich, fie zurückhaltrud). Aber um Alles in Welt! Verrath' nicht den ganzen Plan — wir spielen hier Alle nur Komödie — Toni (aufh-rchnd). Eint Komödie? Conrad. Ja — und Du — weü Du ^ jetzt schon dahinterkommen bist, mußt auch mitthun — 1 Toni (geschmeichelt). 3ch? — Nun — das hätte allerdings fiir mich einen gewissen Reiz — aber was für eine Rolle —? Conrad. DaS kann ich Dir im Augen- i blick'noch nicht sagen — aber wenn's Zeit ^ ist, werd' ich Dir's schon einstudiren — Toni (verletzt). Einstudieren? Du— ^ mir? — Lächerlich! — Ich bin ein gebor'- ' nes Genie — und wenn ich wollte, könnte ich auf den ersten Bühnen der Welt mein Gluck machen — Conrad. Ah — da möcht' ich doch a ^ Prob' sehen. Toni. Nun — so gib Acht? Duell. I. Conrad und Toni. Toni. Ich gehe zur Oper, danach strebt mein Sinn, Nur dort blüht der Lorbeer und reicher Gewinn. Ich sage dem Deutschland, dem kalte«, Adieu, In Welschland allein steht die Kunst auf der Höh'. Conrad. WaS? Du eine Wällische? Schwer ist dir Sach. Toni. Glaubst Du in Verlegenheit setzt mich die Sprach'? (Nein, nein, mein Freund, das ist sehr leicht.) Gar viele Wort« kann ich aus Opern recht gut, Die Hauptsache doch bleibt die südliche Glut. 29 Wart', ich werde jetzt eine Arie pro- ,n- bi»'u. " Eonrad. Dabei will als. Publicum ich dann ga- -ir'n., Toni. Hön zu. ./ Conrad. Ich bin ganz Ohr. Toni (fingt das Folgende mit aller Leidenschaft und Gestikulation). - "ulk ^b! obs viäs! — R-iAvIstto, ^atriwovio -sekret», XorniL — Llisir ä'urvorv,' , Oasun laäru — T'rovalors, Ob! ^leosnuäro Ltraäella. Draviata — LalüneUa — Ob! Dunorocki — Don Oiovanni, ^ Lurbiers — kuritum — Ob! Otello — b'ebvitä.! k'elioitü! Conrad (enthnfiaSmirt, applauhireud). 0 obv bravura! Ganz Medorik öruvi, bruvs.! Auffas Fuori! . Toni. Nicht wahr, 's wird geh'»? " ' Conrad. Meiner Seel', 's thut's. n.n,^ Beide. Auf nach Italien, Hin frohen Muth'S! - > . Toni. ^ . E Wo die.Citrone glüht, Wo die Orange blüht. (O Paradies.) Dort harrt der Lorbeer mein, Gold'ner Loose Edelstein, ^ Sind mir gewiß. Conrad. Wo die Limonie blüht, " k .. Und die Pomdranze glüht, ", - (Feigen auch gnna!) Dein soll der Lorbeer seist, Ich aber werd' dort ein - Gotschever-Bua. - - 7 ' ll. Toni. ' Und geht mir die Stimme aus, kehr' ich zurück, Und mache als tragische Heldin mein Glück. 3m Trauerspiel man sich leicht Beifall erwirbt. Wenn schrecklich man rast und zu Tode sich stirbt. '' Conrad. ' Was? Du a Tragödin, das thut's nicht, geh. gehn Toni. Meinst Du, weil ich immer so lustig ausseh'? (Nein, nein, mein Freund, das geht sehr . ' tt leicht.) O glaube mir, Freund, ich Hab' mich nur verstellt. Den« tief d'rin im Innern schmerzle ich - Welt, Ich kann, wenn ich will, bis, zu Thväüen - - Dich rühr'n. Conrad. Da muß ich auf b'vierte Gallen« mich postir'n. Toni. Nun paß' auf. Conrad. Ich bin gefaßt. Toni (ün Lothurnschritt gehend, hochtragisch). Wenn ich, wie heut', so jeden Tag, Mein baldig Ende spür', ES schwebt mit schwarzem Flügelschlag DaS Schicksal über mir. Wenn ich einmal als Adrienne, Das Niedrige veracht', 30 Und nur für einen Herzog brenn', Würd' Gift mir beigebracht. Ich riech' daS Gift in dem Bouquet, Ohnmächtig gleich ich steh', Die Wange bleich, das Aug' verdreht, Im Magen tiefes Weh. (Die findende Adrienne Lecouvreur darstellend.) . Toni. ES schwimmet in Thräncn jeder Blick, Geht hustend so zu End' das Stück. Conrad. Es schwimmt — Und Alles hustet auf das Stück. Toni. WaS glaubst Du, wird's geh'n? Conrad. Dazu hast Du Geschick! Beide. Auf jetzt nach Oesterreich, dort lacht das Glück. Conrad. Nein, nein, mit dem Traurigen geht es Dir schlecht. Toni. Du meinst, mit dem Traurigen ging es mir schlecht? Beide. Nun, wer die Leut' lachen macht, der nur hat Recht. III. Toni. Na, wenn man nur lachen will — mir einerlei, Ich bin ja beim Spaßmachen überall dabei — Ich geh' zum Theater als Localsängerin, Sollst sehe», wie dann pudelnarrisch ich . . bin! Conrad. Localsängerin — Du? —Nein, das wird doch nicht geh'n — Toni. Man muß nur das Land und das Volk recht versteh n. Weit oben im Norden ist's freilich fatal, Denn dort reden d'Leut' ein ganz ander s Local, Und anders in Sachsen, und anders in Wean, Und anders kannst's wieder im Bairischen hör'n —, Conrad. Da möcht' ich von Dir a paar Proben doch gem! Toni.. Na, paß auf! Conrad. Ich hör'zu! ; Toni. So singt in Berlin Die Localsängerin: (Gespreizt.) Wenn ick an der Spree Mit dem Liebsten so geh', . Da wird mich um'S Herze ' So wohl und so weh', Denk' ich an die Freuden Der glücklichen Eh' — (Jodelt affectirt.) Conrad. Nein, bei so ein' G'sang, Da wird ei'm angst und bang', Ich bitt' Dich, laß 's bleib'n, Du könnt'st d'Leut' davontreib'n! Toni (echt österreichisch). Ganz anders klingt freili' Und nit so verdrart. Wann ich so kann singen, Wie der Schnabel mir wachst! Mir ist's wie den Vögerln Im schattigen Wald, Wann's pfeifen und singen, Daß's um und um schallt! 3L Auf d'Berg' möcht' ich steigen In recht weite Fern', Daß ich von der Sennerin 's Jodeln recht lern'. Ist bei einer solchen Von Kunst auch ka Spur, So ist doch All's Wahrheit Und Alles Natur, Und kriegt so a Dirn auch Ka Gage und kein' G'halt, So wird's von ihr'n Schatz doch Mit Busserln auszahlt! Wenn mit so ein' Lohn ich Zufrieden auch bin — Wo kriegst dann so wohlfeil A LocalsLngerin? Jodler. (Beide ab.) Eilste Scene. Blauenstein. Albert. Albert (kommt sichtbar aufgeregt mit Blaueusteiu durch die Mittelthür). Ah! das heißt gejagt! aber nun sind alle Vorbereitungen getroffen — und es fehlt nichts mehr — Blauenst. Als daß unser Schwiegervater in 8pv wirklich der Charakter ist, für welchen Du ihn nun hältst — Albert. Nach den Mitteilungen, welche mir Pauline über das eigentliche Wesen ihres Vaters machte, fürchte ich auf keinen Fall einen Fehlschuß zu thun. Blauenst. Nun so drücke denn in s Himmelsnamen los! — Bedenke aber, daß, wenn Du das Ziel fehlst- Albert. Wir Beide mit all' unfern Hoffnungen erschossen find! Das Hab' ich bereits bedacht — doch ich fühle einen Wilhelm Tell in mir — der Pfeil ist auf- ßklegt, der Dogen gespannt, und- Zwölfte Scene. Vorige. Casus, Pauline, Louise. Ca jus (tritt mit Paulinen und Louise« durch die Mitte ein). Albert (rasch Haltung und Ton ändernd, leise zu Blaueusteiu). Er kömmt mir in die Schußlinie! (Laut zu Kasus.) Willkommen, lieber Hausherr! — und auch die Fräulein ! WaS führt Sie zu mir? Casus (aus Albert zueilend und drffeu Haud mit seinen beiden Händen fassend). Meine Dankbarkeit! Hören Sie, Herr Professor! Sie sind ein wahrer Wundermann! Da — da schauen Sie meine Mädeln an — sie sein ja wieder frisch und gesund — nach einer einzigen Visite und nicht einmal in die Apotheke haben Sie g'schickt — Albert. Nun — ich trage für gewisse Fälle immer eine Taschen-Apotheke bei mir! CajuS. Aber wenn Sie alle Ihre Patienten so schnell heilen, dann werd' ich diese Wohnung wohl bald wieder leer stehen haben — Albert. Im Gegentheil, der Fremde ist gesonnen, seinen Aufenthalt bleibend in dieser Stadt und in diesem Hause zu nehmen — ich habe Ihnen in seinem Namen ein Geschäft anzubieten — doch — Nehmen Sie gefälligst Platz.— (Ladet dir Mädchen ein aus dem Divan Platz zu nehmen, und stellt für Kajus einen Fauteuil, daun zu Blauensteiu) Sie wollen indeß nach dem Kranken sehen! (Spricht einige Worte leise mit ihm.) Blauenst. (verneigt sich und geht nach rechts ab). Ca jus. Also was wäre denn daS für ein Geschäft? Albert (sich ebenfalls setzend). Der Bojar möchte geme dieß HauS ganz, wie es ist, käuflich an sich bringen. Cajus. DaS — mein Haus?! .. Albert. Ja — er gefällt sich hier, möchte die Wohnung ganz nach seinem Geschmacke einrichtcn, und- Casus. Ich bitt' sich jede weitere Erörterung zu ersparen! den Wunsch kann ich nicht erfüllen! Albert. Aber er würde gerne mehr als den eigentlichen Werth bezahle,«. Casus. Den eigentlichen Werth ? ! — Mein Herr! Der Werth, den ein Haus für denjenigen hat, der darin geboren ist, darin seine selige Kindheit, sein Jugendglück genossen, und darin als Mann Freud' und Leid erlebt hat, der Werth läßt sich nickt mit Ziffern ansdrücken! — Und darum — ein für alle Mal — mit meinem freien Willen wird das Haus nicht verkauft, und — (finster vor sich Hinblicken-) wenn es verkauft werden müßt' — Albert. Nun — dann —? Casus. Dann werd' ich nicht aus dem Hause gehen (sich über die Augen fahrend) man würd' mich hinaus tragen! Aber (zum Himmel blickend) der liebe Gott wird es doch verhindern, daß's nicht dahin kommt! Dreizehnte Scene. Vorige. Bromer. Brom er (tritt durch die Mitte ein, sehr eilig). Herr Rohrmann! darf ich Sie bitten — Casus (sich nach ihm umsehend). Ah — Bromer! schon zurück? Nun — was haben Sie ausgerichtet? (Ist ansgeftanden.) Bromer. Mehr als ich selbst zu hoffen wagte — die Fabrikanten sind bereit, die Verträge zu annulliren — Casus. Nun, Gott sei Dank! Gott sei Dank! — Aber die Wcchselgläubi- ger — ? Bromer. Sind zu einem außergerichtlichen Ausgleich bereit — mit vierzigtau- send Gulden Baargeld tilge ich heute noch alle Ihre Passiva!. Casus (wieder niedergeschlagen). Mit vierzigtausend Gulden! — Aber woher die nehmen? Albert (nachdem er Bromer eineck Wink deS Einverständnisses gegeben). Woher nehmen? Hier — (auf die Seitenthür rechts weisend) aus diesem Zimmer können Sie daS Fünffache holen! , Bromer (sich unwissend stellend). Wie soll ich dieß verstehen? Albert. Der Bojar hat mich ermächtigt, Herrn Rohrmann für dieses Haus zweimalbunderttausend Gulden zu bieten! Brvmcr (überrascht freudig). Zweimal- hundert?! (Zu Kajus.) Und Sie könne» sich noch einen Augenblick besinnen? — So ein' Käufer findet sich nie wieder! Wissen Sie doch, daß nach dem Tode Ihres Vaters das alte Haus nur auf sechzigtausend geschätzt wurde — Casus (fast kindlich bittend). Bromer! Sie haben zwar Recht, wenn's mich jetzt ein Verschwender — ein' Narren heißen ^— aber, weiß Gott! — ich kann nicht! — Denken's nur — unser Stammhaus bloß wegen dem G'winn verkaufen --- was möcht' da mein Bruder dazu sagen? Bromer. Ihr Bruder? — Glauben Sie, der würde, wenn er Eigenthümer des Hauses wäre, sich in seiner jetzigen Lage besinnen — ? Casus (stutzend). In seiner jetzigen Lage? Bromer. Ja, haben Sie denn nicht erfahren — ? Casus (rasch). Was? — was? Bromer. Die ganze Stadt ist voll — auf der Börse spricht man von nichts Anderem — Casus. Als von? — als — von? Bromer. Von dem Sturze des Hauses Sempronius Rohrmann! Casus (taumelt zurück und hält sich am Stuhle fest). Sturz? — Mein Bruder? - Das ist ja nicht möglich! Er — der Millionär? Bromer. Ja, sein fortwährendes Glück 33 hat ihn allzu kühn gemacht! — Er wagte beinahe sein ganzes Vermögen an eine großartige Spekulation mit einem amerikanischen Hause — der dortige Krieg richtete dieses zu Grunde, und Ihr Bruder fiel mit demselben! Eajus (starr vor sich hinblickend, doch mit tiefem Bedauern). Armer — armer Sempro- nius! Brom er (absichtlich schadenfroh). Ei was arm! Hochmuth kommt immer vor dem Falle! Er trug die Nase gewaltig hoch, seit man ihn zum Consul erhoben, ja sogar ein paar Kreuzlein in's Knopfloch gcbun den hatte! O, es geschieht ihm ganz recht — ich Hab' schon lange keine Freude empfunden, aber heute — ja — heut' freu' ich mich! Eajus. Ich bedauere Sie, denn der Aermste unter allen Armen ist der, der keine and're Freud' mehr hat, als die Schadenfreud'! — Aber sagen's nur — was — was wird denn jetzt weiter ge-, schehen? Brom er. Wenn er vernünftig ist, sucht rr heute noch das Weite, denn wie ich gehört habe, will man sich morgen in aller Früh seiner Person versichern — Casus (auf's Neue erschreckt). Seiner — Person? ! — Man will ihn festnehmen?! Brom er. Wenn er nicht heute noch hunderttausend Gulden erlegt — das kann er nicht— und so— (zuckt die Achseln) und so — so bleibt ihm nichts Anderes ^brig, als schmähliche Flucht — oder Gefangenschaft — (sehr bedenklich) oder — r. 'ch ein Drittes — Casus (starr stehen bleibend), Um Gotteswillen! — Sie— Sie meinen —? Bromer. Wie ich Ihren Bruder kenne, öirbi er den Tod der Schande vor. Casus (beide Hände vor's Gesicht schlagend). Herr im Himmel! Mein Bruder, — aber ' östlich und rasch) hat er denn nicht ' reunde!? Brom er. Die wußte er sich nicht zu erwerben. — Niemand hat Mitleid mit ihm! ^'»««r-Atpatovt Nr. ISS. Eajus. Niemand — Niemand?! Keine Hilfe, wo ein Menschenleben auf'm Spiel steht?! — Und ich — (Plötzlich von einem Gedanken durchzuckt, freudig aufwallend.) Ich—? Ha, was quäl' ich mich — was sorg' ich? (Rasch aus Albert zueilend, und ihn an beiden Schultern fassend.) Herr. kann der Mann — (mit zitternder Hand auf die rechte Seitenthür weisend) den Kaufschilling sogleich baar erlegen? Albert. Ja — er ist bereit. Cajus. Holen Sie ihn — um Gotteswillen, holen's ihn schnell — er soll kommen — oder nein, — ich geh' selber zu ihm. (Will nach rechts ab.) Albert. Im Augenblicke. Vierzehnte Scene. Vorige. Blauenstein. Conrad. Toni. Conrad (tritt, eine große Brieftasche in der Hand tragend, aus der Seitenthür rechts). Na — was ist's? Blauen st. und Toni (folgen ihm). Cajus (erblickt Conrad, reißt sich schnell von seinen Töchtern los und stürzt auf ihn zu). Herr, der Handel ist geschloffen — aber das Geld — das Geld -? Conrad. Ist da! (Oeffnet die Brieftasche, welche mit Banknoten gefüllt ist.) Voll gezählt - Casus (entreißt ihm die Brieftasche). Her — her damit — das Haus g'hört Ihnen — und jetzt fort — fort! (Die Brieftasche gen Hiiumel erhebend.) Vater! dem Ver kauf wirst Du von oben deinen Segen geben, ich rett' ja mit dem Geld deinen Sohn. Hin — hin zu mein' Bruder! (Stürzt durch die Mitte ab.) Albert (freudig). Er geht — ergeht! Und jeder seiner Schritte führt auch uns dem Ziele näher. (Eilt zu Paulineu und um. armt sie.) Blauen st. (Louisen umarmend). Jetzt erst können wir hoffen. 3 34 Eonrad (die beiden Paare betrachtend). Wo Alles liebt, kann Carl allein nicht Haffen! (Umarmt Toni.) Komm' her! (Der Vorhang fällt.) Dritter Act. (Salon im Hause des Sempronius Rohrmann elegant eingerichtet, mit einer Mittel- und zwei Seitcnthüren, über der Seitenthür rechts die Aufschrift: »Comptoir.* Zm Vordergründe zu beiden Seiten Tische und Fauteuils.) Erste Scene. Josef (in schwarzem Anzüge). Johann (in Livree, an der Mittelthür stehend). Sensal Mandelheim, Bauunternehmer Stein grub er,WirthschaftsrathStcckein, Fabriksdirector Rad mann. Mehre andere Herren (welche theils aus den Stühlen mehr im Hintergründe fitzen, theils in Gruppen bei- sammenstehen.) Mandel h. ) (umdrängen den in der Mitte Steingr. ! des Vordergrundes stehenden St eck ein. i Joses, beinahe alle zugleich Ra dm. 1 sprechend). Maudelh. Aber ich muß doch bekommen meine Ordres, — ich weiß sonst nicht, wie ich mich zu halten Hab' an der Abend- börs' — Steingr. (zu Joses). Sagen Sie doch Herrn von Rohrmann — es handelt sich um die neue Eisenbahn — Steck ein. Und ich bin hier wegen dem Arrangement des Grafen Leersack — Ra dm. Ich muß noch heute hinaus in unsere Fabriken, und erwarte Befehle — Josef (flr mühsam von sich abwehrend). Aber, meine Herren, das hilft Alles nichts — der gnädige Herr hat sich etwas zur Ruhe begeben, und ich darf ihn nicht stören — wenn sich die Herren gedulden ^ wollen — vielleicht- Mandelh. Nun — wcrd' ich doch warten. (Setzt sich in ein Fauteuil rechts, wiederholt nach der Uhr sehend.) Die Uebrigen (zurücktretend). Ja, — ja, wir warten. Zweite Scene. Vorige. Rath Nullinger. Null, (im Oberrocke, tritt hastig von links ein). Josef (ihn erblickend, und ihm sogleich ent- gegengehend). Herr Rath — Null. Guten Tag, Josef! — Herr von Rohrmann zu sprechen? Josef. Bcdaure unendlich — aber im Augenblicke nicht — Null, (etwas leiser zu Josef.) Aber ich komme im Aufträge Seiner Ercellenz des Herrn Ministers — es betrifft keine Privatangelegenheit — Josef (sich verneigend). Ich weiß — und die Geschäfte, mit welchen Herr von Rohrmanu dem Staate nützen kann, sind für ihn die wichtigsten — Nullinger. Man anerkennt auch höheren Ortes seine Bereitwilligkeit, und Seine Ercellenz werden ihm in dieser Beziehung vielleicht heute noch eine sehr erfreuliche Mittheilung machen — Josef (erfreut, leiser). Wirklich, Herr Rath —? Null, (spricht leise mit Joses fort). Dritte Scene. Vorige. Casus. Casus (kommt so, wie er am Schlüsse deä zweiten Actes abgegangen, im Hausrockt, ohn' Hut, hastig durch die Seitenthür links herein - für sich, ausathmend). Ah, da bin ich endlich, (Die Menge der Anwesenden überblickend) 35 Gott, die Menge Leut', — die wollen wahrscheinlich alle Geld, — ich muß nur sehen — (Zu dem ihm zunächststehenden Radmann) Wo treff' ich den Chef des Hauses? Ra dm. (verdrießlich). Ah, leider nicht sichtbar. Casus (für sich). Nicht sichtbar, — hm, er will sich vor den lästigen Mahnern verbergen, doch ich — ich muß — (Erblickt Josef.) Wenn ich nur mit dem Kammerdiener allein — (Tritt etwas näher gegen Josef.) Josef (mit Nullivger im Gespräche begriffen). Also 's ist wirklich so etwas im Josef. Nun — um eine Finanzoperation — Casus. Finanzoperation — das heißt: Maßregeln wegen Schulden. Josef. Nun ja — und was weiter? Casus. Was weiter? Sie fragen noch? Wenn ihn der (aus Nullinger weisend) einmal hat, dann kommt er gar nicht mehr aus — jede Vermittlung kommt dann zu spät. — Lassen Sie mich — mich zuerst hinein. Josef (ihn aufs Neue vom Kopfe bis zum Fuße messend). Sie, — wer sind Sie? — Casus. Sie kennen mich nicht? — Ich — ich bin ja — Zuge — Casus (horchend für ffch). O, ich weiß, was im Zuge ist — (Tritt noch etwas näher.) Null, (leise zu Zosef). Es wäre nur gut, wenn Herr Rohrmann jetzt sogleich mit mir — Casus (für sich). Gott, das ist wohl schon Einer vom Handelsgericht. Josef (zu Nullinger leise, aus die Anwesenden weisend). Aber Sie sehen — die Menge Besuche — Null, (leise). Wenn man die auf gute Art entfernen könnte — Casus (für sich). Aha — er will das Aufsehen vermeiden! (Horcht immer gespannter.) Joses (leise zu Nullinger.) Das geht wohl nicht gut — aber sobald der Herr erwacht — wollen Sie nur sogleich eintre- ten — und wenn er den übrigen Besuchen ausweichen will, kann er mit Ihnen über die Nebenstiege — Casus (für sich). Nein, — nein, das darf nicht geschehen. (Rasch zu Josef, ihn an der Hand fassend) Herr Kammerdiener! Josef (ficht ihn erstaunt au). Was wollen Sie? Casus. Ein Wort, — ich bitte. (Zieht Zosef mit sich bei Seilt, links.) Lassen Sie um des Himmels willen den (auf Nullinger weisend) nicht zuerst hinein. Ich weiß, um was es sich handelt — (Man hört von der Mittelthür her klingeln) Josef (ohne Casus weiter zu beachten, laut). Ah, der Herr ist auf! Mandelh. (rasch vom Sitzt aufspringend). Nun, so kann ich — Steckein (zu Josef). Melden Sie vom Grafen Leersack — Steingr. Die Eisenbahn-Gesellschaft — Ra dm. Ich muß abgcfcrtigt werden — Casus (während dessen für sich). Jetzt ist die Meute los. Alle wollen's über ihn herfallen — aber ich — ich will — (Eilt gegen die Mittelthür und will hinein.) Johann (ihn abwehrend). Geduld, mein Herr — Casus (zu Johann). Sagen Sie den Andern, daß sie Geduld haben sollen — mich aber halten Sie nicht auf, oder bei Gott — (Will Johann gewaltsam zurückdrängen.) Mehrere der Anwesenden (verwundert). Was gibt's dort? — Ist der Mann wahnsinnig?! (Einige keim zwischen Casus und Johann.) Josef (sich umsehend). Meine Herren, — meine Herren! Welch' ein Auftritt hier im Vorsaal'? Ich bitte Sie — lassen Sie den Weg zur Thür frei — Casus (wird trotz seines Widerstreben-von den Anwesenden von der Thür weggedrängt). 3 * 2. rr s s * 36 Josef (za Nullinger). Bei Ihnen bedarf's der Meldung nicht — ich bitte einzutreten. Null, (will gegm die Mittelthür). Cajus (macht sich wieder von seiner Umgebung los und eilt Nullinger gerade in den Weg, ihn zurückhaltend.) Nein — nein, — der nicht! Null, (entrüstet). Mein Herr — Cajus (leise mit ängstlicher Hast zu Nul- linoer). Haben Sie Erbarmen! Ich weiß, welchen Act Sie vornehmen wollen — aber es wird gar nicht nöthig sein — Null. Wie? Das neue Anlehen — Cajus (wie oben). Zch — ich zahl' — zahl' Alles! Null. (laut). Mein Himmel! Wer hat denn diesen Verrückten hereingelassen? Mehrere der Anwesenden. Hinaus mit ihm — hinaus! (Wollen au Cajus.) 3osef (beschwichtigend). Aber, meine Herren! keinen Scandal! (Während -er Auftritt tumultuarisch zu werden beginnt, öffnet sich die Mittrlthür.) Vierte Scene. Vorige. Sempronius. Sempr. (erscheint unter der geöffneten Mittelthür). Was gibt es hier? 3°ha»n. ! D« SN-dig- Hm! Alle (treten mehr gegen die beiden Seiten). Cajus (welcher zurückgtschobm werden soll, drängt sich vor, schmerzlich ausrufend). Sempronius ! Sempr. Welche Stimme?! (Erblickt Cajus, wie eiagewurzelt stehen bleibend.) Cajus ! — (Für sich, halb gerührt, halb triumphirmd.) Er kam doch ! — Alle Anwesenden (unter sich, erstaunt). Was ist dieß? ! Sempr. (geht, iu aufrechter Haltung, seine Rührung bemeisternd, aus CcchrS zu und reicht ihm schweigend die Hand). Cajus (mit hervorbrechenden Thränen). Bruder! Bruder! (Haßt mit seinen beiden Händen die des Sempronius und hält sie zitternd.) Alle (erstaunt). Sein Bruder?! Sempr. (sich zu dm Anwesenden wendend). Meine Herren! ich ersuche Sie, uns allein zu lassen — Null, (bescheiden vortretend). Aber Seine Ercellenz wünschen — Sempr. Seine Ercellenz — werden mich heute entschuldigen — (Nochmals eindringlicher zu dm Anwesenden) Ich wünsche allein zu bleiben — ich bitte Sie — Alle (verneigen sich und entfernen sich durch die beiden Seitrnthüren). Josef (leise zu Nullingm, indem er mit ihm gegen das Comptoir abgeht). Merkwürdig ! Seine Ercellenz kann warten ! (Ab in die Seitenthür rechts.) Sempr. (fortwährend bemüht, seine innere Bewegung zu verbergen, und noch etwas förmlich, zu Cajus. indem er ihn mit sich zu dem Tische rechts führt, einen Fautmil zurechtstellt. und ihn zum Sitzen eioladet). Setz'Dich doch! Cajus. Ja — weiß Gott! mir ist's jetzt so gewiß in die Glieder g'fahren — ich — ich muß mich setzen. (Setzt sich.) Sempr. (setzt sich ebenfalls — nach einer kleinen Pause). Es ist lange her, daß wir uns nicht gesehen! Cajus (bedauernd). Ach! — Ich hatt' nur gewünscht, daß — daß eine andere Veranlassung uns einander wieder näher gebracht hätt'! Sempr. (im Tone sanft« Borwarses). 3" — cs gibt Metalle, auf welche das Schicksal lange loshämmern muß, bis sie endlich ihre Sprödigkeit verlieren! Cajus. Na — weißt — wenn so nach und nach einzelne Schläg' folgen — da wird man wohl etwas MÜrb' — aber wenn so mit ei»' mal' eiu Eisenham» mer niederfallt — der — der zerschmettert! 37 Sempr. Nun — nun! Noch ist er nicht vollends gesunken — noch läßt sich in sein Räderwerk eingreifen —> Casus (hoffnungsvoll). Glaubst Du? — ist's also noch nicht zu spät? Sempr. Noch nicht! — Man muß sich nur nicht schämen, zu bitten! Casus (rasch). Nein, nein, unter zwei Brüdern bedarf's keiner Bitt', wenn der eine weiß, daß der and're im Unglücke ist, so ist's ja seine Pflicht — Sempr. (etwas verletzt). Pflicht? Höre, Du drückst Dich sehr determinirt auS! Casus. Za, ja — Pflicht ist's — verdammte Schuldigkeit! — und darum mach' nicht viel Aufhebens — Sempr. (steht auf). Es ist denn doch die Frage- Casus. Ob wirklich mit hundert — oder hundertfünfzigtausend Gulden g'hol- fen ist? — Weiter frägt sich's um gar nichts! Sempr. Doch darum, ob ich auch will?! (Geht beleidigt auf und nieder.) Casus (erstaunt, steht ebenfalls auf und folgt SemproniuS Schritt für Schritt). Ob Du willst? — Du mußt wollen! — Die Ehr' deines Namens — ^ Sempr. (mit Stolz, aufwallend). Ich heiße Sempronius Rohrmann, und wenn dieser Name erst eines ActeS der Wohl- Tätigkeit bedürfte, um seinen ehrenvollen Klang zu erhalten, so wäre mein ganzes beben ein verlornes! Casus (erschreckt). Um Gotteswillcn! woran denkst Du? — Bruder! ich bitt' — ich beschwör' Dich bei dem Andenken Uttsers Vaters — ! (Wirft sich geängstigt an seine Brust.) Sempr. lwiedcr milder). Nun — NUN, es bedarf solcher Beschwörungen nicht! — 3ch wollte Dir nur bedeuten, daß ich mich zu nichts zwingen lasse, aber da Du nun bittest — Casus. So reiß't Du Dich los von allen Ideen der Verzweiflung und ergreifst die Bruderhand, die sich Dir freudig zur Hilfe darbietet. (Hält ihm seine Hand hin.) Sempr. (sieht ihn erstaunt an). Deine Hand — mir zur Hilfe?! Casus (immer lebhafter, beinahe in kindischer Freudigkeit). O, sie ist nicht so leer, als Du vielleicht glaubst — (zieht die Brieftasche hervor) schau nur — schau (sich vor- sichtig umschend, mit gedämpfter Stimme). Da sein' zweimalhunderttausend Gulden — na — vierzigtausend brauchet wohl ich zu meinem Arrangement — aber 's bleiben noch immer hundertsechzigtausend —und man hat mir g'sagt, daß Dir mit hunderttausend g'holfen wär' — Sempr. (immer mehr erstaunt). Mir — mit hunderttausend Gulden — geholfen?! Casus (rasch). Langt's nicht? — Na — so nimm die hundertsechzig — nimm Alles! —ich erbett'l mir schon von meinen Gläubigern eine weitere Frist — Sempr. Aber wer hat Dir denn gesagt — ? Casus. Mein Himmel! wenn ein Haus wie das deine stürzt, so erbebt davon die ganze Stadt — ich Hab' vor einer Viertelstunde von deinem Unglücke gehört — Sempr. Und deshalb—deshalb eiltest Du hieher— ? Casus. Nun ja — da kann man ja nicht g'schwind genug zur Hand sein — Sempr. Aber wie schafftest Du Dir so schnell das Geld? Casus. Der liebe Gott hat's gefügt, daß sich g'rad' ein enragirter Liebhaber für mein HauS g'funden hat — Sempr. (im Juuerstru überwältigt und gleichsam ruckweise in sich selbst zusammenbre« chend) Und da — da hast Du — dein Haus — dein Letztes — verkauft — um mir — zu helfen?! — Casus — ! (Breitet seine Arme nach ihm aus, sinkt aber, von seinen Empfindungen erdrückt, rückwärts ii inen Stuhl.) Casus (eilt zu ihm). Bruder! lieber Bruder! — Faß' Dich doch — 38 Sempr. (ihn sanft von sich abwehrend, mit gepreßter Stimme). Verlasse mich jetzt — ich bitte Dich — verlasse mich! — Du ahnst nicht, was d a (krampfhaft nach seinem Herzen greifend) für ein Sturm- Ca jus. Na ja — ich begreif' wohl, was Alles heut' auf Dich eing'stürmt haben mag — zuerst das Unglück selber, dann sein Gefolg', die bitteren Enttäuschungen, wenn die Noth die früheren Freund' sucht, und keinen z'Haus trifft — o ich Hab' das auch durchgemacht — das »sich so ganz verlassen sehen!* Sempr. (schmerzlich berührt). Bruder! Du weißt nickt, wie Du mir das Herz zerreißest! — Laß' mich allein — laß' mich denken — das Erlebte in seiner ganzen Größe fassen — ! Ca jus. Nun ja — ich gehe — die da drinn' — (aus das Comptoir weisend) könnten ungeduldig werden! Da — da — nimm das Geld! (Dringt ihm die Brieftasche auf.) Such' nur den ersten Anprall abzuwehren, und dann — o — um Dich ist mir nicht bange! Ein kaufmännisches Genie wie Du rafft sich bald wieder auf, und ehe ein paar Wochen vergehen, stehst Du wieder da als der mächtige Sempronius Rohrmann ! (Ihm die Hand drückend, gntmüthig ) Du erlaubst wohl, daß ich Dich dann wieder heimsuche? — Nun leb' wohl — leb' wohl! (Eilt rasch nach links ab.) Sempr. Er eilt fort und —(die Brieftasche, die er sich fast unbewußt aufdringen ließ, in seiner Hand gewahrend) das Geld!! (Erhebt sich und will Casus nach, rufend.) Casus! (Bleibt sich besinnend wieder stehen.) Nein, nein ! ich will ihm das wonnige Gefühl, mich gerettet zu haben, noch belassen! (Zm Gedanken, das Haupt aus die Brust sinken lassend.) Mich gerettet — er! — Er kam unaufgefordert im ersten Augenblicke, während ich durch Jahre wartete, bis er — bittend zu mir käme! Fünfte Scene. Sempronius. Albert. Albert (in seiner natürlichen Gestalt ist während des vorhergehenden Selbstgespräches leise aus der Seitenthür rechts getreten — nun vorwärtskommend). Er ist aber doch gekommen ! Ihre Prophezeiung ist erfüllt, und die Aufgabe, welche Sie mir gestellt haben, gelöst! Sempr. (überrascht). Sie — Sie, Albert! täuschten ihn durch die Nachricht von meinem Ruin? und er hat unser Vaterhaus verkauft, an wen? Albert. Wenn Sie wollen, an — Sie! Sempr. (erstaunt). An mich? — wie soll ich dieß verstehen? Albert. Nun — es ist für Ihr Geld gekauft! Sempr. Für mein Geld? Albert. Ja — Sie hatten mich ja schon vor einiger Zeit beauftragt, mich nach einem Stadtgebäude umzusehen, welches geräumige Magazine enthielte, in welchen sich die kostbarsten Maaren sicher unterbringen ließen, und hatten zu diesem Zwecke eine Summe von zweimalhunderttausend Gulden angewiesen — nun, da ließ ich denn das Haus Ihres Bruders durch die dritte Hand kaufen. (Sempronius' Hand fassend.) Ich glaube, dorthin werden Sie Ihr Kostbarstes übertragen können! Sempr. (rasch). Also das Haus—das Haus ist mein? Albert. Und den Kanfschilliug (aus die Brieftasche in Sempronius Hand weisend! haben Sie obendrein zurückerhalten. (Sich schlau lächelnd verneigend.) Sind Sie mit meiner Spekulation zufrieden? Sempr. (seine Hand aus AlbertS Schulter legend). Junge, Du verstehst es, deinen Meister zu beschämen, — ja — ja, in der That, — zu beschämen. Doch dein Agen- tcn-Honorar soll Dir werden! 39 Albert (vergnügt). Sie ratificiren also das Geschäft?. Sempr. Ja, ja! (Auf die Brieftasche weisend.) Ich behalte dieß Geld und behalte das Haus! Von diesem wollen wir beute noch feierlich Besitz ergreifen! — Komm' — komm' mit mir, die Voranstalten zu treffen! (Faßt Alberts Hand und geht mit ihm durch die Mittelthür ab.) Verwandlung. (Das Innere eine- Pavillons im Garten beim Hause des Kajus Rohrmann. Den Hintergrund nimmt eine Glaswand ein, über welche Vorhänge gespannt sind; rechts und links Seitenthürcn. Iw Vordergründe links ein Tisch, an demselben mehrere Stühle.) Sechste Scene. Conrad. Toni. Conrad (noch in seiner Verkleidung, aber den Augenschirm anfangs in der Hand tragend, tritt mit Toni aus der Seltenthür links). Du hast jetzt die Instruction g'hört, die mir mein Herr geben hat, und wirst mir beistehen, sie durchzuführen, sobald der Herr von Rohrmann wieder nach Hausi kommt? Toni. Ich bin bei Allem dabei, was deinen Herrn zum Ziele führt, vorausgesetzt, daß Du dann dein Versprechen erfüllst! Conrad. Hab' ich was versprochen? Toni. Ja, daß an demselben Tage, an welchem dein Herr heiratet, auch unsre Hochzeit stattfinde! Conrad. Hochzeit! lSich bedenklich hinter den Ohren kratzend.) Muß's sein? Toni (beleidigt). Ich glaub' gar, Du besinnst Dich? Conrad. Nein, nein — ich will ganz unbesonnen heiraten, aber es handelt sich nur um die Eristenzfrag'. — Wenn mein Herr Rittmeister aus der Armee austritt, will ich auch etwas zur Verminderung des Militärbudgets beitragen, indem ich auch quittire — Toni. Nun — und hast Du dann doch einigen Besitz? Conrad. O, so ganz ohne bin ichzwar nicht — ich Hab' eine silberne Uhr — schuldenfrei — Toni. Hahaha!— Nun, auf die könnten wir ja heiraten! Aber wenn Du ein Mädchen wie mich zur Frau nimmst, wird sch.n dein Herr etwas für Dich thun! Conrad. So? — meinst? Aber nur nicht zu viel! Toni. Du hast Dir um ihn Verdienste erworben, und ich war Alliirte bei dem Feldzüge, da wird man uns enn doch nicht so ganz leer ausgeh'n lassen? Conrad. Na. so spiel' Dich halt derweil auf meine Braut hinaus, das ist ja ohnehin deine Aufgabe — cs sollen ja heut', um den Herrn Rohrmann zu täuschen, pro kornm dieDorbereitungen zu meiner Hochzeit getroffen werden! — Begib Dich also da (auf die Seitenthür rechts weisend) hinein, Du findest dort Alles, um Dich auch deinen Aeußern nach als einen zur Uebersetzung ins Wallachische geeigneten Stoff erscheinen zu lassen! Toni. Gut! ruf' mich nur sobald Du mich brauchst — ich werde mich so zu benehmen wissen, daß dem Sultan selbst, wenn er mich sähe, leid sein müßte, eine solche Bewohnerin der Donaufürstenthümer nicht mehr als seine Unterthanin betrachten zu dürfen! (Ab in die Seitenthür rechts.) Conrad. Na ja, wenn ich ein Sultan wär', machet ich mir auch wegen dem Heiraten weniger Scrupel, der kann ein paar Hundertmal heiraten—da g'wöbnt man's; aber unsereins soll nur einmal heiraten, und da soll man's gleich recht treffen — das ist zu viel verlangt! — (Aufhorchend.) Aber still! — Da hör' ich ja schon den ehemaligen Hausherrn raisoniren — g'schwind wieder den Lampenschirm aufg'steckt! (Nimmt seinen Schirm wieder vor die Augen.) 40 Siebente Scene. Conrad. Cajus. Wenzel. Cajus (tritt mit Wenzel durch die Seiten- thür links ein — etwas unwillig zu Conrad). Ah, da treff' ich Ihnen ja! Sagen's mir nur, was das bedeuten soll? Die Menge Handwerksleut' im Hof und Garten? — 's ist ja, als wenn während der kurzen Zeit, als ich fort war, in mein'm Haus das Oberste zum Untersten gekehrt worden wär'? Conrad (sich verwundert nach ihm wendend). In Ihre Haus? — Js mein Haus! Hab' ich zahlt!— Gehört ganze Haus mein — oben und unten — Cajus. Na ja — Sie haben wohl Recht — aber Sie werden doch mit sich reden lassen? Conrad. Morgen! — heut' nicht Hab' Zeit! — Muß ick nothwendig heiraten! Cajus (erstaunt) Was? Sie — Sie wollen heiraten? Conrad. Ja! — Ist heut' noch Hochzeit und großes Fest — Cajus. Und damit ist Ihr Doctor einverstanden? — bei Ihrem Leiden? (Auf die Augen weisend ) Conrad. Ja, ist letztes Mittel! Meine Augen wollen ganz blind werden, hat Doctor ' gerathen: soll ich heiraten, wann mir dann nicht Augen a ufgeh'n, weiß er nichts mehr! CajuS. Aber daß sich das so schnell g'macht hat, Sie werden doch nickt gleich die nächste Beste g'nommen haben? Conrad. Ja — Hab' ich g'nommen Nächste — ob Beste ist, weiß ich noch nicht! — Aber werd' ich Ihnen aufführen — warten's! (Gebt zur Seitentlmr rechts, öffnet dieselbe und ruft:) Du, Braut! — komm' bißl 'raus! Achte Scene. Vorige. Toni. Toni (mit einem turbanähnlichk», reich mit Edelsteinen und Marabutfedern geschmückten Kopf- puhe und in einen buntgestickten, beinahe bis an die Fersen reichenden Shawl gehüllt, mit welchem sie sich fortwährend zu drapiren bemüht ist, tritt stolz aus der Seitenthür rechts. Noblesse affectirend). Sie wünschen, lieber Fürst? Cajus (ganz erstaunt). Was sey' ich? — die Toni— das ehemalige Stubenmädel meiner Tochter—! Toni. Ich bitte Sie, meiner Vergangenheit nicht mehr zu erwähnen! — ich bin Zukunfts-Bojarin! (Geht stolz aus und nieder.) Cajus (zu Eonrad). Die — die heiraten Sie? Conrad. Muß ich wohl — ist bei mir so, wie immer steht bei Heiratsantrag in Zeitung: »Wegen Mangel an Bekanntschaft zwingt mich, diesen nicht ungewohnten Weg zu betreten.« — Cajus. Na, ich gratulir! (Zu Toni.) Na also — wenn Du — Toni (ihn stolz anseheud). Oowevt: »toi«?! Wenzel (ermahnend zu Eajus). »Du« zu einer Dojarischen! Cajus. Nun meinetwegen — (ZuTooi) Wenn Sie jetzt über das Haus und die Wohnungen auch etwas zu reden haben — Toni. Na ob? Dieses Haus wird mir verschrieben! — Ueberhaupt wird mein lieber Fürst (Conrad zärtlich in die Wange kneipend) für meine glänzende Eristenz sorgen! N'skt-os s)L8? Conrad. Ja. kriegt sie HauS und Gut in Walachei — Wagen mit vier Pferd — und alle Jahr fünfhundert Schwein' — Toni. Als Nadelgeld! Cajus. Ich hoff' also, Sie werden, als künftige Hausfrau, aus alter Bekanntschaft Rücksicht gegen mich nehmen — 41 Toni (herablassend, mit schlechter Aussprache). Oui! oni! o'sst. pvur mvi nn Aranä plaisir! Wenzelfleise zu Lajus). Wie gut sie schon das Walachische red't! Toni (setzt sich, eine graziöse Haltung an- nehmend, auf einen Stuhl). Ich werde mich nie meiner früheren Freunde schämen; um dieses zu beweisen, habe ick dafür gesorgt, daß Sie und Ihre Töchter heute Nacht wenigstens nicht obdachlos sein sollen; Ihre bisherige Wohnung im Hause selbst kann ich Ihnen zwar nicht belassen, aber dieser Gartenpavillon wird heute nicht benützt — Casus. Der Gartenpavillon? — Da sollen wir herziehen? Aber der liegt ja grad' vis-ü-vig vom Haus — da werden wir die ganze Nacht keine Ruh' haben. Toni. Es sind von außen Balken — diese soll der Hausmeister fest vermachen — im Innern sind Vorhänge — Casus. Nu ja — dann that es wohl für den Nothfall — da rechts und links sein Cabinette — dahin kann der Hausmeister die Betten meiner Töchter stellen — für mich thut's dann ein Ruhbett oder ein Schlafseffel — ich behelf' mich schon— 's ist ja nur für die eine Nacht — morgen muß doch ein anderes Arrangement getroffen werden! — (Zu Conrad.) Ich dank' Ihnen für die Gefälligkeit — (Zu Toni.) Dergelt's Gott an — (mit riuem Blick auf Conrad, leise) nein? man muß auch von unserm Herrgott nichts Unmögliches verlangen! (Laut.) Also viel G'sundheit und Glück in Ihrem Eh'- stand! — Ich bol' gleich meine Töchter herüber — Toni. Warten Sie — ich gehe mit Ihnen— (herablassend) es wird mich freuen die lieben Mädchen wieder zu sehen, und ich will schon dafür sorgen, daß die armen Kinder auch etwas davon genießen, da im Hause reiche Leute ein Festmahl geben! Ihren Arm, Herr Rohrmann. (Legt, eine vornehme Haltung affectirend, ihre Hand auf Casus' Arm.) Ca jus (im Abgehen für sich). Gott, zum ersten Mal in meinem Leben muß ich lernen, die dummstolze Aufgeblasenheit eines zur Hausfrau gewordenen Dienstboten mit mitleidigem Lachen zu ertragen. (Geht mit Toni nach links ab.) Conrad (zu Wenzel). Geh' gleich an Arbeit, — mach' Balken zu. Wenzel. Gleich (Für sich.) Der macht's grad so wie die meisten Hausherrn — kaum Habens 's Haus kauft, muß schon a Theildavonvcrnagelt werden. (Ab nach links.) Neunte Scene. Conrad (allein). Conrad. Auch diese Kriegsoperation wäre gelungen — der Feind ist auf das Terrain gebracht, wo wir ihm mit sicherer Aussicht auf Erfolg eine entscheidende Schlacht liefern können. — Jetzt kommt er so bald nicht z'ruck, da kann ich mich a bißl commod machen! (Nimmt die Prrrücke, en falschen Bart und den Angenschirm weg.) Weg mit dem falschen Haar — und vor . Allem weg mit der Blende, so lang ich die vor den Augen bab', weiß ich, daß ich nicht reden darf, wie mir der Schnabel g'wach- sen, denn man blendet nur die Finken, damit sie singen, die Menschen blend't man meistens, damit sic schweige». — Diese absichtliche Augenverfinsterung gibt's zwar jetzt bei uns nicht mehr, ah — Gott bewahr! Das ist höchstens noch in dem Land der Fall, als dessen Sprößling ich mich hier im Haus eingeschmuggelt Hab', nämlich dort unten — in der wilden Walachei. Ich war zwar nie dort, aber was ich g'hört Hab', wie's dort noch zugeh'n, und was dort noch Alles möglich sein soll, das glaubet man gar nickt, wenn man nicht bei jedem solchen Vorfall gleich dazusetzet: »Naja — in der wilden Walachei!« Couplet. Wenn sie so beisammensitzen Die Erwählten der Gemein', Da möcht' einer Baumöl schwitzen, Wenn er Präsident muß sein, 42 Statt z'berathen, thun sie streiten, Schimpfen öfters gar cinand' — 's hilft ka Glocken — 'S hilft ka Läuten, Wenn sie einmal sein im Brand; Der will immer opponiren. Glaubt, 'S gibt aus nur, wenn er schreit, And're gibt's, wenn die plaidiren — Ungemeine Heiterkeit! Ein Hanswurst ist stets dabei — In der wilden Walachei. Eine Brucken wollen's bauen, ES wird vorgelegt der Plan, Und die Sachverständigen schauen Prüfend sich die Zeichnung an. »'s wird zu hoch« heißt's — »nur mehr nieder!« Also lautet der Beschluß. So wird's baut, und darauf wieder Man da- Werk beschauen muß —' Doch da steht man schon vom Weiten, 'S ist zu nieder, — man muß's heb'n, Doppelt kost's jetzt, und bestreiten Muß es die Gemeinde eb'n. Baut man hier so? — Ah — belei! 2n der wilden Walachei! »Einig, einig, einig,« heißt eS, »Nur die Einigkeit macht stark!« Doch der Spruch — die That beweist es — Geht noch nicht in Blut und Mark! Wollen si« ein Fest begehen, Bilden gleich sich zwei Partei'n; Die will, eS soll so geschehen, D'and're, eS soll anders sein, Statt sich ruhig zu verständ'gen, Schreien'S durcheinander wirr', Dann, den Thatendurst zu bänd'gen, In die Kneipe hin zum Bier. Das gibt dann dem Fest die Weih' — In der wilden Walachei. Für die Künstler und Gelehrten Ist man sparsam mit dem Geld, Denn es sind die Aufgeklärten , Zu gefährlich für die Welt; ^ Auch blutwenig sich erwerben Kann poetisches Talent, Thut' ein Dichter Hungers sterben, So heißt man's ein Monument! Aber schwingt die Ballerine Nur recht kühn ihr mageres Bein — Da zahlt man mit froher Miene — Denn man will nicht schmutzig sein — Achtzehntausend Gulden glei' — 3n der wilden Walachei. Am Papier steht's wohl geschrieben: »Jedem Glauben gleiches Recht,« Am Papier — da ist's geblieben, Doch in Wirklichkeit geht's schlecht. Ganze G'meinden gibt's, die schreien, Kauft ein Jud' sich dort ein Haus Um die Menschen zu entzweien. Geben's eig'ne Blätter 'raus, Da kriegt jeder gleich sein' Titel, Der was anders glaubt nnd denkt, - Angepriesen wird das Mittel: Daß man d' Ketzer alle hängt — 's hört nicht auf die Hetzerei — In der wilden Walachei. (Ab nach rechts.) Zehnte Scene. (Während dieser Scene beginnt es nach und nach dunkel zu werden.) Cajus. Pauline. Louise. Zwei Diener. Cajus (am rechten Arme Paulinea, am linken Louisen führend, kommt mit ihnen durch den Eingang links). Ja seht's, Kinder, wenn man schon ein Opfer selbst freudig gebracht hat, so muß man auch das Unangenehme, was eS zur Folge hat, auf die leichte Schulter nehmen. — Sein Haus verkaufen und das Geld verschenken, das treffet bald Einer; aber hernach kein Haus haben, aus seinen gewohnten vier Wänden 43 vertrieben werden, und doch dabei den Humor nicht verlieren — Pauline (ihren Arm um Casus' Hals schlingend). Das ist eben die Goldprobe eines Herzens wie das deinige, lieber Vater. Louise. Und glaubst Du denn, uns stimme diese Umwandlung traurig? O sieh' nur, wir sind ganz guter Dinge. Pauline. Za, das Nomadenleben hat auch seinen Reiz, und lustig wollen wir unser Zelt für heute Nacht hier aufschlagen. Zwei Diener (treten von links ein, einen großen Lehnstuhl tragend). Casus (zu den Dienern). So, stellt's mir den Schlafseffel nur daher! (An das obere Ende des Tisches weisend.) Die Diener (gehorchen). Casus (zu den Dienern). Und bringt dann auch die Lampen herüber — es fangt schon an dunkel zu werden. Die Diener (ab nach links). C ajus. Da setzen wir uns dann dahier zusammen, und — (Sich besinnend.) Saper- ment, jetzt fallt mir erst ein — wir haben noch nichts zum Nacktesten g'kriegt. Louise. Und hier im Pavillon ist nicht einmal eine Küche — Casus. Da muß ich doch, wenn einer von den Bedienten kommt — (Sieht gegen links — überrascht). Aber da — da schaut's. — Mir scheint gar, wir krieg'n noch Besuch — Eilste Scene. Vorige. Albert. Blauenst. Die zwei Diener. Eiu Diener (trägt eine bereits ange- chndete Lampe voraus). Albert und Blauenst. (in ihrer Der. kleidung folgen). Der zweite Diener (mit einem großen Korbe, worin sich Tischservice, Speisen. Bou- teillen und Gläser befinden, folgt zuletzt). Casus (erstaunt). Der Herr Professor! Albert. Werden wohl entschuldigen, bester Herr Rohrmann, daß auch wir — wenigstens auf ein halbes Stündchen — hier ein Asyl suchen. Casus. Zhr Besuch ist mir immer sehr angenehm — aber ich begreif' nicht — Albert. Nun — ich bin auch zur Hochzeit da d roben (gegen den Hinterzrund (weisend) eingeladen worden — ua, gezeigt Hab' ich mich im Salon — aber ich fühle mich nicht behaglich in so großen Gesellschaften — Casus. Da geht's Ihnen grad' wie mir, — ich Hab' mich deswegen dahergezogen — Albert. Dieß vernahm ich. und weil ich mir denken konnte, daß Sie hier nicht ganz eingerichtet sein würden, ließ ich unfern Antheil am Souper in einen Korb packen, nnd erlaube mir jetzt, Sic in Ihrer eigenen Behausung zu Tische zu laden. Der Dienet (hat den Tisch bereits ge, deckt und die Lampe daraufgestellt). Casus (lachend). Hören Sie, Herr Professor. den Gedanken hat Ihnen ein wohlthätiger Geist eingegeben, und gegen diese Profefforen-Eingabe wird kein Protest erhoben! Hahaha, ich und meine Töchter haben unS grad' auf das wichtige Studium verlegt, was wir denn heut' zum Nachtmal haben werden — (zu seinen Töchtern, aus den gedeckten Tisch weisend) und da — da schaut's nur. — Es ist das leibhaftige »Tischerl deck' dich!« Albert. Nun — wenn's gefällig ist, so nehmen wir sogleich Platz. (Zu Paulinen, ihr seinen Arm bietend.) Meine liebenswürdige Patientin — (Führt sie zum Tische.) Blauenst. (Louisen seinen Arm bietend, leise zu dieser). Meine Louise, an Ihrer Seite — (Führt sie zum Tische.) Casus (auf den Schlafseffel weisend). Ick nehm' gleich den Alters-Präsidentenstuhl ein! (Setzt sich.) Ditt' nur Platz zu nehmen! Alle (setzen sich). 44 Cajus (zu seinen Töchtern). Na, Kinder! langt'S zu — heut' kann euch nichts was schaden — babt's ja jede euren Leibarzt in der Näh' — Albert (zu Kajus). Darf ich Ihnen verlegen? Casus. Ich dank'— zum Esse n werd' ich mich heut' wenig halten, aber ein Glas Wein verschmäh' ich nicht — wiffen's, ich fühl' mich durch Alles, was ich heut' erlebt Hab', doch so ein bißl abgesetzt. Die Diener (haben indeß die Gläser gefüllt). Albert (sein GlaS erhebend). Nun — auf Ihr Wohl! Casus (stoßt an). Danke! (Trinkt.) Aber mir — mir ist heut' ohnehin so ganz ei- genthümlich wohl — trotz Allem und Allem! — Aber ich weiß Jemanden, dem vielleicht noch nicht ganz so wohl ist — (Läßt sein Glas aufs Neue Men.) Meine Herren, thun's mir die Freundschaft und trinkcn's mit mir, (sich vom Sitze erhebend) auf das Wohl meines Bruders! Albert (ebenfalls ausstehend und sein Glas erhebend). Ja! — auf daß das Haus Rohrmann wie ein Phönix auferstehe ans seiner Asche, und seine glänzenden Fittige wieder ausbrcite im Sonnenstrahl' des Glückes und Ruhmes! Alle (haben sich erhoben und stoßen ebenfalls an). Cajus (zu Albert?. Dank' Ihnen — so schöne Wort' hätt ich für meinen Toast nicht g'funden — aber da — da — (aufs Herz weisend) Hab' ich's empfunden! — Na — der liebe Gott wird ja Alles noch zum Besten leiten! Ein Diener (willkajus wieder einschenken). Casus (rasch mit der Hand sei« Glas bedeckend). Nein — nein — genug! Bin sonst kein Weintrinker — und die paar Gläser — ich hab's so rasch — so in einer eigenen Stimmung hinabgestürzt — und der Wein ist stark — auf Ehr'! — mir fallen schon jetzt beinahe die Augen zu! — Aber ich bitt' — geniren Sie sich wegen mir mcht — langen Sie zu — ich — ich bleib' schon noch auf! (Lehnt sich in den Schlassessel zurück.) (Man hört vom Hintergründe her eine sanfte Musik.) Casus (aufhorchend, aber bereit- etwas schlaftrunken). Ah — das Fest — man hört die Musik doch herüber! aber — (sich im Schlafsessel noch mehr auSstreckend) angenehm — sehr angenehm! — wenn man so — behaglich ntzt — und sanfte Tön' — sehr — sehr angencbm! (Sein Haupt finkt etwas aus die Brust — er entschlummert.) Albert (sich sachte vom Sitze erhebend, zu Kajus tretend, mit leiser Stimme). Er schläft! Pa u l ine und Louise (treten ebenfalls zu Kajus). Pauline. Der gute—liebe Vater—! (Will ihn aus die Stirne küssen.) Albcrr (leise). O, wecken Sie ihn jetzt nicht — bereiten Sie sich vielmehr vor, sein Erwachen noch freudiger zu gestalten! Pauline (leise). Ja — ja! Komm, liebe Schwester — dorthin! (Geht mit Louisen durch die Seitenthür rechts ab.) Albert (gibt den Dienern einen Wink — auf den Tisch weisend). Fort! doch sachte! nur Alles in geräuschloser Thätigkeit! Die Diener (tragen behutsam den Tisch sammt der Lampe und die Stühle in die Seiten- thür links ab). Albert (zu Blauenftein leise). Und nun laß auch uns unsere Posten beziehen! Blauen st. (leise). Ja — bis die Fanfare UNS zum Sturme ruft! (Ab mit Albert nach link-.) Die Bühne ist nun ganz dunkel, während deS Folgenden beginnt eine Helle Lichte von außen durch die rothcn Seidenvorhänge deS Hintergrundes zu schimmern. Die Töne der Musik schwellen immer mächtiger und lauter an.) Cajus (noch im Schlummer sprechend) Lieb — sehr lieb! — Wie sich das schwingt! — Wellen — lauter Wellen! — Ah — die Sonn' geht auf! Und da — auf der Insel—voll Blumen — ja —ja, er ist's! Bruder! — Sempronius! (Strnkt im Traume beide Arme a«S.) 46 (Ja de« Altgenblicke ertönt ganz nahe ein Tusch von Trompeten und Pauken.) Cajus (fährt gleichsam erschreckt aus dem Traume empor). Wo war ich? — und (sich verwundert umsehend) wo bin ich denn jetzt?— Die Morgenlichte! —wie im Traum — nur die Blumeninsel — Zwölfte Scene. (Die ganze Rückwand theikt sich zu beiden Seiten, man sieht in den zauberhaft beleuchteten Garten und auf das gegenüberstehende Haus, zu dessen offenem Balcon eine breite, mit Teppichen belegte und zu beiden Seiten reich mit Blumen bestellte Freitreppe hinansührt, sämmtlichc Fenster des Hauses find glänzend beleuchtet, durch die offene Balconthür sieht man in dm ebenfalls von Lichtem strahlenden Saal.) Cajus. Sempronius. Viele Herren und Damen (im Festfchmuck) Dienerschaft (in glänzender Livree zu beiden Seitm der Treppe). Semp. (in der reichgrstickten Uniform eines Konsuls, den Degen an der Seite, den Federhut unter dem Arm, die Brust mit mehreren Orden geschmückt, erscheint an der Balconthür und kommt dir Treppe herab). Die Herren und Damen (folgen ihm). Cajus (durch den Anblick des sich ihm zeigenden Bildes ganz verwirrt). Ha! — Die Pracht! — die Menge Leut' — und da — (nun erst Sempronius erkennend) seh' ich denn recht? — Ist er's wirklich? — Mein Bruder? — Träum' ick denn noch?! — Semp. (ist vollends herabgckommen).9tein! nein! — glaub' nur d'ran! — ich bin's. Cajus. Aber in dem Anzug?! Semp. Ja, ich habe mich in den ganzen Staat meiner Consulswürde geworfen, damit meine Demüthigung vor Dir an Bedeutsamkeit gewinne! Cajus. Demüthigung—vor mir—?! Semp. Ja, ja, theurer Bruder! Ich bin hier, um Dich angesichts all' dieser Zeugen reu- und demüthigst um " Vergebung zu bitten! Cajus. Um Vergebung! — Was fallt Dir denn ein? — Wegen was denn? Hast mir ja nie etwas gethan! Semp. Daß ich Dir, und für Dich, dessen Lage mir bekannt war, nie etwas gethan, das ist eben meine Sünde, die Du nur damit bestraftest, daß Du auf die erste Nachricht meines Unglücks freudigst hineiltest, um den wieder aufzurichten, den Du für gesunken hieltest! (Faßt Kajus' beide Hände.) OBruder! Bruder! wie klein fühl' ich mich seit dem Augenblicke vor Dir, und freudig würde ich all' diese Auszeichnungen (auf seine Orden weisend) an deine Brust hängen, wenn es nicht Schade wäre, ein solches Herz mit diesem Flitter zu decken! (Fällt Kajus an die Brust.) Cajus (immer mehr verwirrt und gleichsam beschämt). Aber geh' — geh'! hör' aus! — vor all' den Leuten —! (Etwas leiser zu Sempronius.) Es war ja im Grund nur ein kleiner Meinungsunterschied zwischen uns — (Sehr gutinüthig.) Du hast halt glaubt, der, der was braucht, soll zuerst bitten kommen, und ich — na, ich Hab' mir denkt, wer helfen kann, soll nicht erst warten, bis er gebeten wird! —Na — im Grund' haben wir alleZwri Recht gihabt! — Aber sag' mir nur — was hast Du g'sagt: den, den ich für gesunken gehalten Hab'? — Ja — war denn das Gerücht von deinem Sturz — Semp. Es war nur die Erfindung eines seelenkundigru Arztes, welcher dadurch die starren Erze zum Flusse, zum Jn- einanderschmelzen bringen wollte! Ich bin noch reich — ja reicher als früher, wenn Du mir wirklich vergeben Haft! Hast Du dieß? Cajus. Ja — ja — aber wie Du nur fragen kannst! Semp. Nun, dann darf ich mir wohl auch eine Bitte erlauben! Cajus. Eine Bitte? — So red' doch! 46 Dreizehnte Scene. Vorige, Albert, Blauenstein, Pauline, Louise, später Conrad, Toni. Albert und Blauenst. (treten beide in ihrer natürlichen Gestalt von links ein, halten sich aber anfangs mehr im Hintergründe). Pauline und Louise (beide in weißen Kleidern und Kränze in den Haaren, treten von rechts ein, begeben sich aber auch mehr nach rückwärts). Semp. lnimmt wieder eine ceremonielle Haltung an). Du weißt, mein liebster Zögling, mir werth wie ein Sohn, liebt deine Tochter — Du hast verlangt, daß ich zu Dir komme, und selbst für ihn werbe. — Ich anerkenne deine Berechtigung, dieß zu fordern, und stehe nun vor Dir — als Brautwerber! Casus (etwas verlegen und zögernd). Du verlangst — meine Paulin' — ja stehst— Semp. (hat Albert an seine rechte Seite gewinkt, stellt ibn nun Casus vor, leise zu diesem). Er war der Arzt, der das rechte Mittel gefunden! Casus (auf's Neue überrascht). Was? Sie? — der Arzt?! — ja — meiner Seel'! so muß der Professor als Student ausg'sehen haben! Aber Sie sein ja ein Hauptspitzbub! Albert (zu Cujus). Herr Rohrmann! welchen Bescheid —? Semp. (zu Casus). Ich glaube, wir sind ihm beide zu Dank verpflichtet! Cajus. Na ja — ich seh's ein — aber schau — ich kann mich von meinen Kindern schwer trennen, und er wird halt (Der Vorh, meine Tochter zu Dir, in dein Haus mitnehmen — Semp. In mein Haus? — Nein! dieß — dein Haus wurde wohl für mich gekauft, und doch kann ich es nicht mehr mein Haus nennen, denn sieh' welche Aufschrift dieß HandlungsHaus künftig führen soll! (Er winkt.) (Ober dem Thore des Hauses erscheint in großer Flammenschrift die Firma: .Casus und Sempronius Rohrmann.- Tusch von Trompeten und Pauken.) Casus (blickt aus die Aufschrift, vor Freude überwältigt). Was seh' ich: »Cajus und Sempronius?!" — Wir — wir wieder vereint? (Stürzt aus Sempronius zu und schließt ihn in seine Arme.) Dann müßt' ich ja gegen den Himmel undankbar sein, wenn ich noch gegen irgend eine Vereinigung wär'! Albert (eilt zu Pauline). Blauenstein (eilt zu Louisen, und eilen rechts und links zu Casus, sich vor ihm niederknieend). Danngeben Sie uns Beiden Ihren Segen! Cajus. 3a — ja — hat mir doch Gott heut' so viel Segen geschenkt — wir sollt' ich ihn meinen Kindern vorenthal- tcn! (Zu Sempronius.) Bruder! gib auch Du deinen Segen dazu! Conrad(wieder in eigener Gestalt mit Toni vortretend). Alle guten Ding' sein drei — eine Hochzeit ist aber ein sehr gutes Ding — Cajus. Nun — so sollen drei Hochzeiten an einem Tage sein! Semp. Und in Bezug auf die Aussteuer wird sich unser Haus nicht spotten lassen. Was meinst Du — Cajus! Cajus (ihn umschlingend). Und Sempronius! (Schlußgruppe.) >ng fällt) Ende. Das war l Eine ländliche Scene. Non Johann Hutt. Neue Auflage. Personen: Der Pächter. Der Knecht. Die PLchterin. Die Nachbarin. Die Base. (Ein Bauernhof. — Rechts das Wohnhaus des Pächters mit einer Holztreppe, unter welcher sich eine kleine Thür und eine Bank befinden. Vom Hause gegen den Hintergrund befinden sich einige Blumenbeete bis zu einem Zaunthürchen, welches in den Küchengarten führt. An den Blumenbeeten stehen zwei Gießkannen und ein Kirschbaum, an welchen eine Leiter gelehnt ist. Die linke Seite und das Hinterlheil des Hofes find mit einer Mauer eingeschlossen, über welche benachbarte Häuser des Dorfes und Bäume ragen An dieser Seite befindet sich ein Ziehbrunnen, an welchem eine Bank und ein Karren mit zwei Rädern stehen. Das Hauptthor im Hintergründe gewährt die Aussicht in eine reizende Landschaft.) Erste Sceue. Base (einen Kord am Arme, kommt aus der untern Thür des Wohnhauses). 3ch freue mich über gar nichts mehr! Was soll mir der schöne Morgen, wenn ich! am Hügel die Sonne nicht mit ihm aufgehen sehe? Was soll mir der dampfende j Sir. I»»- Herd, wenn ich Mittags nicht theilen darf mit ihm, was gut und genießbar ist? — Abends, wenn der Mond heraufkommt, sitzen der Vetter und die Muhme am Thore und lachen und scherzen. Ich sitze dabei und möchte schlafen aus Langweile, weil ich nicht mit ihm lachen und scherzen kann. — Es geht nicht, sagt der böse Vetter. Warum nicht? — Sind wir nicht Beide jung, ge< L sund und fleißig, was fehlt uns wohl zu Weib und Mann? Ja! wenn Peter so alt und so zänkisch wäre, und so blöde Augen hätte, wie die Nachbarin da drüben, dann sagt' ich wohl selbst: es geht nicht. Aber er ist so jung wie ich, und viel hübscher ist er als ich, und Augen hat er, Augen! — Ach! wenn ich an seine Augen denke, so stehen die meinen gleich voll Wasser. (Trocknet sich die Augen und besteigt den Kirschbaum.) Zweite Scene. Die Base. Der Pächter (kommtdie Treppe herab, nachdem er vorsichtig in die Thür gesehen und leise zugemacht hat). Pächter. Sie schläft noch!—Ein prächtiger Morgen! — herrlich wird das Pfeifchen schmecken. (Während er sich auf der kleinen Bank zum Rauchen anschickt, öffnet im Hinter-! gründe die Nachbarin ihr Fenster, fiesährt, sobald sie ihn erblickt, etwas zurück, lauscht aber die ganze folgende Seene durch mit großer Aufmerksamkeit.) (Dieses Fenster muß so gestellt und beleuchtet werden, daß es den Zuschauern aufsällt.) Pächter. So! Nun verdampft euch, ihr kleinen Sorgen, geht dahin in Rauch. (Dreht sich fitzend gegen das Thor und erblickt die Base.) Jh, Väschen, guten Morgen! Base. Guten Morgen, Vetter! Er. Du tummelst Dich schon gewaltig herum. Sie. Muß wohl, sonst schilt mich die Muhme faul. Er. Sie sind ja noch nicht reif. Komm' herab, und laß uns ein Diertelstündchen plaudern. Sie. Ich komme nicht. Die Kirschen müssen morgen auf den Markt. Er. Ei! Thu' Du mir nicht so dicke. Bist wohl gar böse auf deinen Vetter? Sie. Von Herzen böse. Er. Schickt sich das, und warum? Sie. Ei! Er brummt immer, wenn — Er. Wenn Du mit dem Knechte schnatterst und plapperst, Väschen, da brumme ich, wenn Du mit dem Knechte über Stock und Staude davonläufst, und in der Wirtschaft Alles bunt durcheinandergeht, da brumme ich. Muß wohl brummen, darf Dich nicht plaudern lassen mit ihm; dann gleich bist Du stumm für uns Alle, und das kann ich nicht leiden, weil ich auch gern plaudere mit Dir, so gern wie der Knecht; darum steig' herab, und komm' her. Sie. Ich lhu's nicht. Er. Soll ich Dick holen? Sie. Untersteh' Er sich. Er. Ich hole Dich. (Geht hin.) Sie. Er kriegt den Korb zum Kopfe. Er. Das will ich sehen. (Zerrt sie bei der Schürze ) Wirst Du herabsteigen, wirst Du? Sie (im Herabsteigen). Ich falle, ich falle ja! Er (fängt sie aus). Siehst Du, was man für ein Unglück haben kann, wenn man ungehorsam ist? Ein Bein hättest Du brechen können. (Ergreift ihre Hand und will sic zur Bank führen.) Sie (macht sich los). Ich mag nicht sitzen. Er. Schon wieder eigensinnig! Väschen! wer bin ich? Sie. Er ist mir ein hübscher Vetter; allerlei Kurzweil treibt Er mit mir, bald neckt er mich, bald kneipt Er mich in die Wangen, bald drückt Er mir die Hand. — Am Ende fürcht' ich noch, die Nachbarin hat Recht. Er (etwas überrascht). Die Nachbarin? Sie. Sie kann Ihn zwar nicht leiden, weil Er sic nicht heiraten wollte, wie sie Witwe wurde, aber sie kann doch Recht haben. Er. Was sagt sie denn? Sie. Sie sagt: Aus dem Wege gehen soll ich Ihm, Er hätte böse Absichten mit mir, so lieb wie die Muhme hätte er mich, dem Knechte wäre er meinetwegen gram, und verführen woll' Er mich. Ach! Thu' Er das nicht! Ich bitte, verspreck' er mir's. Es wäre eine rechte Sckande, wenn Er mich so mir nichts dir nichts verführte, ohne daß ich ein Wort davon wüßte. Er (für sich). Die Schlange! (Laut.) Sieh', Kind, die Nachbarin ist böse. Sie. Aber klug. Er. Lie haßt mich. Sie. Das ist wahr — aber — Er. Und da will sie Zwist unter uns stiften. Ich kann Dich wohl recht lieb haben, aber hast Du wohl jemals gehört, daß ein Vetter in sein Väschen verliebt war? Sie. In unserm ganzen Dorfe ist kein Vetter in sein Väschen verliebt. Er. Siebst Du, daß es nur ihr Grimm auf mich ist, der Dir solche Dinge in den Kopf setzt. Sie hätte aber denken sollen, daß Du klüger bist und das einsiehst. Sie. Es war recht grob von ihr, daß sic mich für so dumm hielt. Er. Darum setz' Dich her zu mir, und immer mußt Du bei mir sitzen, damit sie sieht, wie klug Du bist. ' Sie. Da sitz' ich auch gut. (Setzt sich aus den Karren.) Er. Wie eigensinnig bist Du doch! (Steht auf) Sie. Ich darf aber nicht bei Ihm sitzen. Er (kommt näher). Hat s die Muhme verboten? Sie. Die Muhme nicht. — ^ Er (immer näher) Der Knecht untersteht sich zu verbieten? Und Dir? und noch dazu bei mir zu sitzen? Ei, Du Spitzbube, das sollst du mir büßen, warte, Dich will ich! (Plötzlich ergreift er den Karren und führt sie daraus zur Bank.) Sie. Aber Vetter! Detter! Er. Da bleibst Du. Sie. Wenn ich aber Verdruß habe. Er. Verdruß sollst Du haben, wenn Du Dir von dem Knechte nur einmal noch etwas verbieten läßt. Sie. Das Andere erlaubt er mir Alles. Er. Ich erlaube Dir auch alles Andere, nur das Reden mit ihm verbiet' ich Dir. S i e. Geh' Er, es ist nicht wahr, daß er mich lieb hat. Er. O, ich Hab' Dich lieb, recht lieb, so lieb — (Sieht herum und rückt näher.) Sie. So lieb, daß Er mir alle meine Freuden verdirbt. (Geht von ihm.) Er (steht auf). Sieh' nur, wie Du mir unrecht thust. Freut Dich's denn nicht, wenn ich mit Dir wie mit einer Tochter rede, wenn ich's so mache. (Kneipt sie in die Wangen.) Sic. Es freut mick schon — Er (führt sie an der Hand zur Bank zurück). Und wenn ich Dich zum Bänkchen führ', und Dir erlaube, mit mir zu sitzen und zu plaudern. Freut Dich das nickt? Sie. Es freut mich schon, aber- Er (springt zornig aus). Aber wenn Dich der Knecht in die Wangeu kneipt, wenn Du mit dem sitzen und plaudern kannst? das freute Dich mehr? Sie. Ja, Vetter! Er. Wenn ich dann an Euch vorüber- giug, als merkt' ich's nicht, das freute Dich auch? Sie. Ja, Vetter! Er. Der Bursche muß mir auf der Stelle fort. (Will gehen.) Sie. Vetter! Vetter! (Hält ihn zurück.) Er. Er taugt nichts. Sie. Vetter, das sag' Er nicht. Er. Wenn man den Burschen braucht, ist er nirgends zu finden, schick' ich ihn auf den Heuboden, so geht er in die Milchkammer. Sie. Weil er mir hilft. Er. Brauch' ich ihn ans dem Acker, so ist er im Kuhstall. Sie. Weil die schwarze Kuh schlägr, und ich mich nicht hintraue. Er. Niemals ist er, wo ich ihn brauche, also fort mit ihm. Sie (läßt ihn los). Vetter, jagt Er Pe- tern fort, so sterb' ich. Im Ernste leg' ich mick hin, und bleibe todt. Ich will ja nicht mehr mit ihm reden, ich will mir ja nicht 4 mehr von ihm helfen lassen, nicht mehr mischen will ich ihn, nur nicht fortschicken. Er. Versprichst Du das? Sie. Das verspreche ich. Er. Hältst Du auch Wort? Sie. Will Wort halten. Er. Nicht reden? Sie. Nicht reden. Er. Und nicht ansehen? Sie. Nicht ansehen. Er. Wie siehst Du ihn denn an, Väschen? Sie. Wie ich ihn ansche? Er. Ja! Mach' mir das Gesicht. Sie. Ich! — ich. — Ach Vetter! Euch kann ich nicht so ansehen. Er. Nicht kannstDu?— Gut! (Will fort.) Sie. Aber Vetter! Nu! ich — ich — ich lache, und (drückt ihm freundlich lächelnd die Hand) mach' es so. — Er (feurig). Und nachher, was geschieht hernach? Sie (macht sich los). Hernach laß ich ihn stehen, und laus' an meine Arbeit. (Nimmt die Kanne und läuft zum Brunnen.) Er. Er läuft Dir nach! (Thut es.) Sie. Nein, das thut er nicht. Er. Wohl sah ich's, wie er Dich am Brunnen hielt, damit Du nicht hineinfielst, so — gerade so hielt er Dich. (Faßt sie um den Leib.) Sie (schlägt ihn hinauf und läuft an die Blumenbeete). Und ich hab's immer so gemacht. Er. Daraus macht er sich nichts, er läuft Dir nach und Hilst Dir gießen. (Ergreift die Kanne.) Sie. Das thut er. (Sie gießen.) Er. Dann setzt er sich an's Blumenbeet, und pflückt die vollen Blüthen zu Sträußchen für die schönen Herren und Frauen in der Stadt. (Setzt sich, pflückt und bindet Blumen.) Sie. Das thut er. Er. Du setzest Dich zu ihm? Sie. Ja, das thue ich. Er. So thue es nur, und setz' Dich. S l e (setzt sich etwas ferne). Er. So ferne sitzest Du? Sie. Nein, ich sitze so — (Rückt näher.) Er. Das denk' ich auch. Was thut dann Peter, wenn Du ihm so nahe kömmst? Sie. Was er thut? Er. Sag's nur, ich werde nicht brummen. Sie. Er reicht mir die schönsten Blumen, und ich binde auch Sträußchen. Er. Da hast Du, Schätzchen, da! (Wirst ihr Blumen zu.) Während Du dein Sträußchen bindest, hat Peter ein erstes fertig, und steckt Dir's an die Brust. (Er thut es.) Sie. Ja, Vetter, das thut er. Er. Und hernach? Sie. Hernach? Er. Er thut sicher noch etwas? Sie. Das ich nicht wüßte. Er. Er rückt näher, immer näher, und stiehlt — (Will sie küssen.) Sie (springt auf). Und stiehlt mir nichts, denn ich springe davon und werfe den ganzen Wust von Blumen nach ihm. Er. Das leidet Peter nicht, er springt Dir nach. (Will sie Haschen.) Sie. Vetter! Peter thut das nicht. Er (ihr nach). Er thut's! Du versteckst Dich, er sieht seinen Dortheil und an der Schürze hascht er Dich. Sie. Ahi! Ach! Er. Er läßt Dich nicht mehr los, setzt sich auf die Bank, zieht das scheue Väschen so zu sich hin, hebt ihr gesenktes Köpfchen zu sich auf und weg hat er einen Kuß. (Küßt sie.) Sic. Ach! (Macht sich los.) Nachbarin (schreit). Nein, das ist zu viel! (Schlägt das Fenster zu ) Beide (sehen erschrocken in die Höhe). Die Nachbarin! Sie. Sie hat uns belauscht, Vetter! Alles gesehen! Daß Er mied neckte, daß Er -mich küßte! Sie wird der Muhme, sie wird's den Nachbarinnen plaudern, ancb ! Peter wird es wissen. Eine unverschämte > Dirne werde ich heißen, fortgejagt kann ich 5 werden! Das Alles ist seine Schuld, er böser, böser Vetter! (Läuft weinend ab.) Pachten» (inwendig) Väschen! Väschen! Pächter. Mein Weib! Pächterin. Väschen, wo steckst Du? Pächter. Die Alte da drüben plaudert; was thu' ich? Pächterin. Väschen, den Korb bring' herein. Pächter. Ich habe grimmigen Verdruß, weun's herauskommt. (Die obere Thür geht auf) Da ist sie! (Er versteckt sich hinter dem Rosenstrauch ) Dritte Scene. Pächterin (kommt aus der obern Thür und sieht umher). Pächtcrin. Nirgend ist sie zu sehen. (Kommt herab.) Das ist doch ärgerlich mit dem Mädchen. Wo man sic hinschickt, da bleibt sie, und wo man sie sucht, da ist sie nicht zu finden. Ei, da steht der Korb auch noch leer! — Nein, aus dem Mädchen muß bald eine Pächterin werden, sonst geht es ihr, wie mir's gegangen, als mein Mann noch um mich sreite. Muß schon wieder selbst daran. (Nimmt den Korb und besteigt den Baum.) Pächter (schleicht hervor). So zieh' ich mich heraus. (Laut.) 3H liebes Weibchen! schon aus den Federn, schon auf den Zweigen? Pächterin. Hast Du die Base nicht gesehen? Er. Mit keinem Auge. Die steckt gewiß wieder bei dem Knechte. Du mußt strenger mit ihr sein. Sie. Warum? Der Bursche ist so jung, so hübsch und so verliebt wie Du. Er. Aber Knecht. Sie. Mußt nicht stolz sein, Herzensmann! warst auch einmal Knecht, der keinem Pächter nachstand. Kann auch aus ihm ein Pächter werden. Er. Du wärst also geneigt? — Sie. Eh' ich zugebe, daß sie sich ab- bärmt. Er. Man härmt sich nicht so schnell ab. (Zerrt fit an der Schürze.) Komm' herab, Schätzchen, und laß' uns gießen. (Ergreift eine Kanne.) S i e (steigt herab und ergreift die andere). Da bin ich schon. (Langt in den Brunnen, um zu schöpfen.) Er (thut erschrocken und hält sie). 3h! lehn Dich nicht so weit hinüber, wie leicht könntest Du — Sie (lacht) Sei nur kein Kind, ich werde in den Brunnen fallen! (Beide gehen an die Beete und wollen gießen.) Sie. Da ist ja schon gegossen worden. Er. Väschen wird hier gewesen sein. Sie. So ist sie nun, was man sic nicht heißt, das thut sie. Er. Das kommt von den ewigen Tändeleien mit dem Knechte. Sie. Und der Wust von Blumen, der da herumliegt, Alles d'runter und d'rüber. Die schönsten Veilchen in den Staub getreten, das ist mir eine feine Wirtschaft. (Knirt hin und ordnet die Blumen.) Er (legt auch Hand an). Wir dürfen nur immer aufräumcn, was sie und der Spitzbube zerstören. (Setzt sich.) Mach' Dir's bequemer, Kind, setz' Dich her zu mir. Sie (setzt sich zu ihm). Er (wirft ihr Blumen in den Schooß). Da hast Du Vorrath. Nun laß sehen, wer schönere Sträußchen bindet. Sie. 3ch weiß schon, daß Du's aus der Kunst verstehst. Er. Muß wohl, habe ja die Gärtnerei gelernt. O, die Fräulein auf dem Schlosse, wo ich diente, kamen alle Morgen zu mir herab in den Garten. Sie. Kamen sie? Er. Da mußte ich ihnen auch Sträußchen binden; aber bald versteckten sie mir eine Tulpe, bald eine Rose, bald schnitten sie mir die Bindfaden ab, bald steckten sie mir Disteln unter die Blumen, und wenn 6 ich dann recht verlegen und ärgerlich wurde, so zischten sic mich aus und lachten Dir — lachten Dir, daß sie so roth wurden wie die Knöspchen da. Sie. Da lachten sie Dich aus? Er. Das war eben mein Glück; denn so lange die gnädige Herrschaft den Diener zum Narren hat, steht er in Gnaden. Ick erwischte sie doch. Sie. Das war recht klug von Dir. Er. Der Jüngste stand immer von ferne, sie lachte nicht, sie neckte mich nicht. Wenn ich nun fertig war, so stellt' ich's immer so an, daß die Jüngste den schönsten Strauß bekam. Darüber ärgerten sich die Andern. Sie. War die Jüngste die Schönste? (Steht auf, nm nach einer fernen Blume zu langen ) Er. Sie war die Beste. — Einmal aber wär' ich bald zu weit gegangen. (Steht auf.) Einmal ging ich hin zu ibr mit einem wunderschönen Strauß, nabm mein Käppchen unter den Arm, einen Kratzfuß um den andern macht' ich, und auf einmal— auf einmal steck' ich ihr das Sträußchen an die Brust, so wie ich Dir's setzt hinstecke. (Sie hat's.) Sie. Das war keck von Dir. Er. Sie war nicht böse darüber; aber dicht hinter uns hatte die gnädige Fran Alles gesehen. Nein, das ist zu viel! schrie sie hinter uns hervor, und zankte mich jäm merlich aus. Ich wäre bald um den Dienst gekommen wegen der Kinderei, und die Fräulein dursten lange nicht mehr in den Garten. Sie. Das war auch recht von der gnädigen Frau. Wenn ich Dich dazumal gekannt, und erfahren hätte, daß Du andern Mädchen Sträußchen bindest, und in's Mieder steckst, ich weiß nicht, ob wir gute Freunde geblieben wären. Er. Jetzt ist keine Rede mehr von so was. jetzt bin ick Mann und Hausvater, aber damals war ich ein munterer, freier Bursche, der der ganzen Welt gehörte, jetzt gehör' ich Dir, und Du bist ja mehr als die ganze Welt. Sie. Was Du artig sein kannst. Man merkt Dir's doch immer an, daß Du in der Stadt gedient hast. Du bist nie um eine Antwort verlegen. Er. Nie! Und weißt Du, wie man das nennt? Sie. Wie nennt man denn das? Er. Gegenwart des Geistes, und das ist etwas, was nicht einmal alle Generale haben. Ich will Dir nur gleich ein Pröbchen meiner Geistesgegenwart erzählen. Der junge Herr auf dem Schlosse war in ein Mädchen verliebt, in ein schmuckes, feines Mädchen, sie war aber nur eine Bauerndirne. Natürlicherweise durften die Aeltern von Beiden nichts wissen, sonst wäre Feuer im Dache gewesen. Da faßte der junge Herr ein Herz und vertraute mir sein Leid, weil er wußte, daß ich ein empfindsamer Mensch bin, der niemand ohne Hilfe lassen kann. Sie. Der junge Herr war gewiß ein Spitzbube, der das arme Ding verführen wollte. Er. Gib Du uur Acht. Ich führte gewöhnlich alle Abend die Milch vom Meier- Hofe auf einem Schubkarren in das Schloß. Große Kannen mit einer Strohdecke überlegt, damit kein Ungeziefer hineinkäme. Was tbu' ich? Ich schleiche mich hin nach dem Meierhofe, packe in aller Geschwindigkeit statt der Milchkannen das Mädchen auf, die Strohdecke darüber, und fahre so mir nichts dir nichts zum Schloßthore in den Garten hinein. Jneinem.Gartenhäuschen wartete verabredctermaßen der junge Herr. Sie. Aber ich bitte Dich, wenn's her- ausgekommcn wäre. Er. Warte nur. (Ergreift den Karren.) Wie ich so am Bache, der durch den Garten läuft, mit meinen Karren vorüberfahre, und fahre, so höre ick etwas rauschen. Ich stebe still, und horche — es rauscht näher, und ich erblicke durch die Hecken die gnädige Frau, die gerade auf mich zukommt. Sie. Gerade auf Dich zu? 7 Er. Ich nicht verlegen, rufe dem Mädchen zu: Rühre Dich nicht; wende den Schubkarren um, und pums liegt sie Dir im Bache. Sie. Ach Gott! Er. Das nenne ich mir doch Gegenwart des Geistes? Sie. Das nenn' ich schlecht. Das arme Mädchen, die Todesangst! Er. Der Bach war ja nicht tief. Sie. Aber ganz durchnäßt ist sie geworden? Er. Besser, als daß sie ganz durchgeprügelt worden wäre, wenn es ihre Aeltcrn erfahren hätten. Sie. Der ganze Handel gefällt mir nicht. Die Dirne ist gewiß unglücklich geworden. — Lieber Mann, Du mußt Dir deine Geistesgegenwart abgewöhnen. Ich habe Dich viel lieber, wenn Du unbeholfen bist, wie wir, als wenn Du Dich so aus einer Verlegenheit ziehst. Er. Du denkst wohl, ich hätte mich nachher mit dem Mädchen hemmgetrieben? Sie. So schlecht denk' ich nicht vonDir. Er. Sie hat hernach geheiratet, und lebte recht glücklich. Sie. Ist das gewiß? Er. So gewiß, als wir glücklich leben, und Du mir wieder gut bist. Bist Du wieder gut? (tzr trägt an, daß er zur Bank am Rosenstrauche kommt und führt sie hin.) Sie. Nun ja Er. Ganz gut? Sie. So halb und halb. Er. Pfui! Halb gut sein ist schlimmer, als auf's Neue böse werden. Ganz gut mußt Du sein. Nicht das Köpfchen trotzig herabsenken, mir freundlich in s Auge blicken und mit einem Kusse die Aussöhnung versiegeln. (Sie küssen sich.) Sie. Nun ja, ich bin ganz gut. Er. Du kommst mir immer noch so zweifelhaft vor, und damit ich mich vollkommen Überzeuge, so setz' Dich auf den Karren da. Es ist der nämliche. Sie. Der nämliche? Er. Ich habe ihn zum ewigen Gedächtnis mitgebracht. Du setzest Dich darauf, und ich fahre Dich in unfern Küchengarten, wie die Dirne in das Schloß. Sie. Was Du kindisch bist! Wer uns solche Narrheiten treiben sähe, mußte glauben, wir hätten erst gestern unsere Hochzeit gehalten. Er. Ich Hab' Dich auch so lieb, als wenn erst gestern unsere Hochzeit gewesen wäre, und hast Du mich auch so lieb, so führest Du. Sie. Da sitz' ich, fahr' zu; aber das Umwerfen verbiet' ich mir. Er. Sorge nicht, cs ist ja keiu Bach in der Nähe. (Er fährt sie in den Küchengarten.) Vierte Scene. Die Nachbarin (schleicht herein). Ja, dem Unfuge muß ich ein Ende machen. Zuletzt könnte man nicht mehr herübersehen ohne Aergcr. Ei, mein lieber Pächter! zu alt bin ich ihm? und schlechte Augen Hab' ich, und taub' bin ich? O! ich will ihm beweisen, daß ich nicht zu alt bin, ihm sein Pfuscherhandwerk einzustellen, er wird mir noch zu seiner Schande gestehen müssen, daß ich nur zu gute Augen habe, und weil ich denn gar so hart höre, so ruht die Taube nicht eher, sie ruht nicht eher, bis sie einen recht argen Tumult im Hause angezettelt hat, damit der Tauben doch auch etwas zu Ohren kommt. Wart'Er nur, wart' Er nur, es ist noch nicht aller Tage Abend. (Schleicht spähend herum und versteckt sich hinter den Rosenstrauch, wie sie den Pächter erblickt.) Fünfte Scene. Die Nachbarin und der Pächter (mit dem Karren). Pächter (stellt den Karren hin). Das hat geglückt! (Gegen das Fenster der Nachbarin.) So, meine liebe Nachbarin, sie alte Here, 8 sie widerwärtiger Zankteufel, treib' sie nur ihr Wesen immer fort, der Pächter hat sich herausgewickelt, und fragt nicht so viel nach ihrem Geklatscht. (Ab durch das Hinter- thor.) Nachbarin (kommt hervor). Da bückt und krümmt sich das arme Weib, daß ihr die Tropfen an der Stirne stehen, und für wen? für einen Taugenichts, der mit ihrer Base buhlt. (Rust in den Küchengarten.) Schönen guten Morgen,Nachbarin! Schönen guten Morgen! Pächterin (von innen). Guten Morgen! Nachbarin. Was Sie doch immer geschäftig ist, immer thätig. Sechste Scene. Die Pächterin. Die Nachbarin. Pächter in. Muß wohl, liebe Nachbarin. Sie hat ja selbst eine Wirtschaft, und da weiß Sie wohl muß man sich Herumtreiben, sonst gcräth Alles in's Stocken. (Spricht etwas lauter.) Nachbarin. Das kenn' ich aus dem Grunde. Pächterin. Ich müßte aber lügen, wenn ich sagen sollte, daß mir das Mühe macht. Nachbarin. Mühe? Pächterin. Die Arbeit wird mir leicht, weil mir mein Mann hilft. Wir behalten doch jeden Abend und jeden Morgen ein Stündchen zum Plandern für uns übrig. Nachbarin. Ja! übrig bleibt bei den Zeiten freilich nicht viel. Aber Väschen, wie schickt sich denn die zur Arbeit an? Pächtenn. So ziemlich anfangs, aber jetzt stecken ihr andere Dinge im Kopfe. Nachbarin. Stecken ihr? Ja wohl, ja wohl. Pächterin. HatSie's auch gemerkt? Nachbarin. Muß ihr das nicht angehen lassen, liebe Nachbarin! muß nicht die Hände in den Schooß legen, muß dareinschlagen, sonst wird die Dirne liederlich. Pächterin. Nein, dazu ist sie nicht geneigt, auch ist er ein braver, fleißiger Junge, der Knecht. Nachbarin. Was spricht Sie denn vom Knechte? Pächterin Väschen ist ja in den Knecht verliebt. Nachbarin. Wer ist verliebt? Pächterin. Väschen und der Knecht lieben sich. Nachbarin. Das weiß ich,das weiß ich. Pächterin. Davon red' ich ja. Nachbarin. Davon? Pächterin. Mein Mann will's aber nicht zugeben! Nachbarin (hasttgV Was will Ihr Mann? Pachterin. Er will nicht, daß sie sich lieben. Nachbarin. Das glaub' ich wohl. Pächterin. Er sagt, Väschen könne eine bessere Heirat thun. Nachbarin. Eine bessere? Ich sage, Ihr Mann läßt sie gar nicht heiraten. Pächter in. Nein, dazu hat sie mein Mann zu lieb. Nachbarin. Lieb? Ja lieb hat erste, oh ja! Lieb! (Lacht.) Pächterin. Ich weiß nicht, Sie führt st sonderbare Reden,gerade als wenn Sie etwas auf dem Herzen hätte. Nachbarin. Habe was, Kind, drückt mich gewaltig, thut mir recht weh, daß i<1) weiß, was ich mir nie hätte träumen lassen. Pächterin. Es ist Ihr doch * kein Unglück — Nachbarin. Unglück? O ja! Ein recht großes, unverzeihliches Unglück für so ein braves Weib. Pächter in. So rede Sie nur deutlich. Nachbarin. Ein- für allemal gebe ich Ihr einen Rath, einen recht freundschaft- lichen und nachbarlichen Rath. Pächterin. Wozu? Nachbarin. WaS sagt Sie? > 9 / ^ Pächtcrin. Was mir Ihr Rath soll. Nachbarin. Helfen, liebes Kind, helfen. Pächterin. Brauch' ich dennHilfe? Nachbarin. Wer braucht nothwendiger Hilfe, als so ein braves Weib wie Sie. Ja! Ihr muß geholfen werden, oder ich will nicht ruhig sterben. Pächterin. Sie scheint mir ein bischen verrückt. Ich wüßte kein Unglück. Nachbarin. Eben der Blick, der einzige Blick vom Fenster zu Euch herüber hat mir Vieles aufgeklärt, darum folge Sie meinem Rathe, und jage Sie die Dirne fort. Pächterin. Welche Dirne? Nachbarin. Und das je eher, je lieber. Pächterin. Versteh' ich Sic, so will ich — Nachbarin. Sonst erleben wir Spott und Schand'. Pächterin. Uin'S Himmels willen, von wem spricht Sie? Nachbarin. Von Ihrer Base. Pächter in. Lieber Gott! sie wird sich doch nicht vergangen haben? Nachbarin. Vergangen? Ja, hier im Hofe, vor meinen Augen. Pächterin. Nicht möglich! Nachbarin. Von ungefährmach' ich die Balken auf, und sehe mich herum auf den Bergen nach der Witterung, eben will ich wieder zuschließen, und werfe nur einen Blick, einen einzigen kleinen Blick in euren Hof herüber, da sah ich das ärgerliche Zeug mit an. Pächterin. Der Knecht? Nachbarin. Da oben auf der Leiter Nht Ihre Base und pflückt Kirschen, unten steht — Ihr Mann. Pächter in. Mein Mann? Nachbarin. Und zerrt und zerrt das hübsche Väschen an der Schürze. Pächterin. Da ist eben kein so großes Unglück. Nachbarin. Wenn's dabei geblicbew wäre, ließ sich noch ein Auge zudrücken; aber nein, sie steigt von der Leiter herab. — Da haben sie sich eine Weile recht auferbaulich I herumgetummelt; dann nahm Büschen j die Gießkanne und schöpfte, damit sich das schuldlose Täubchen aber keiner Gefahr aus- setze, wußte sie der Herr Pächter so reckt zierlich und geschmeidig am Leibchen zu fassen. Pächterin (lacht). Ei liebe Nachbarin, das war ich! Ich und mein Mann schöpften, die Blumen zu gießen. Nachbarin. Sie und Ihr Mann? Wozu die Verstellung, liebe Freundin? Pächterin. Gewiß, ich verstelle mich nicht. Nachbarin. Also wäre sie's auch gewesen, die dort mit ihm an den Blumenbeeten saß und Sträußchen band? Pächterin. Das war ich und mein Mann. Nachbarin. Aber lieber Himmel! Ick sah ja so deutlichste ich Sie jetzt sehe, daß Ihr Mann dem Väschen einen Strauß in's Mieder steckte. Pächterin. Das war ich! da steckt er noch der Strauß. Nachbarin. Ei, das ist doch ärgerlich! Will Sie mich zum Besten haben, oder glaubt Sie auch wie Ihr bösei Mann, daß ich blöde Augen habe? Pächterin. Das fällt mir gar nicht ein. Nachbarin Was sagt Sie also, wenn ich gesehen habe, wie sie sich mit Blumen warfen? Pächterin. Mein Mann warf mir die Blumen in den Schooß, weil ich nicht darnach langen konnte. Nachbarin (boshaft). Ist Sie also auch auf der Karre da gefahren worden, wie Väschen? Pächterin. Ei, liebe Nachbarin, bald werd' ich glauben, was mein Mann sagt. Er erzählte mir eine Geschichte von der Karre da. und da probierten wir's, wie wir nur kindisch sind, und er fuhr mich. Nachbarin (stampft mit dem Fuße). Da sollte Einen ja gleich die Galle würgen! Sic hat er gefahren? Pächterin. Ich werd's doch wissen. 10 Nachbarin (rrgreift fir bei der Hand und führt sie zur Bank am Roseostrauche.) Da seid Ihr auch gesessen? Pächterin. O ja. Er auf der Bank. — Nachbarin (freudig) AufderBank, ganz recht. Er — und die er zu sich hinzog? Pächterin. War ich. Nachbarin. Wer? Pächterin. Ich. Nachbarin. Und die er küßte? Pächter in. War ich. Wir küssen ja den ganzen Tag. Nachbarin (steht versteinert und bricht dann in ein boshaft schallendes Gelächter aus). Pächterin. Lache Sie wie Sie will; entweder Sie hat falsch gesehen — Nachbarin. Falsch, kenn ich ihn dcnnnicht? Pächtern». Oder Sie hat gut gesehen— Nachbarin. Ja, gut gesehen — Pächterin. Daß ich es »var. Nachbarin. Die Base war's. (Schreit.) Pächter in. Daß Sie meinen Mann haßt, weiß ick, weil er Sie nicht heiraten wollte. Nun ärgert Sie die Ruhe und Eintracht, in der wir leben. Nachbarin. Aergern? Des Friedens wegen sag' ich Ihr ja — Pächterin. Nun, will Sie uns mißtrauisch und falsch machen, daß wir uns das Leben verbittern sollen? Nachbarin. Gewiß nicht; meine Absicht — ^ Pächterin. Soll Sic nicht erreichen, und wenn Jemand von uns Aerger hat, so ist Sie's, weil Ihr böser Anschlag nicht gelingt. (Will fort.) Nachbarin. Hör' Sie mich nur an. Pächterin. Ich bin taub auf beiden Ohren. Nachbarin. Und sei Sie aufmerksam, so wird Sie selbst sehen — Pächter in. Ja, sehen will ich — nach meinem Küchengarten. (Ab.) Nachbarin. Aber, liebe Pächterin— So hör' Sie doch, Freundin! Nachbarin! — — Wie? Was? Ist das »nein Dank? werd' ich so belohnt? — Ist denn da oben nicht mein Fenster? Ist denn dieß nicht der Hof, der Baum, die Leiter? Kenn' ich denn Büschen und den Pächter nicht? Sie wär's gewesen? Sie entschuldigt den liederlichen Mann, nimmt Alles auf sich. — Dahinter steckt etwas. Ohne Absicht entschuldigen wir Weiber unsere Männer niemals, das muß ich wissen. Ich begreife nicht; dock wenn sie etwa? — Es könnte sein.— Ja! — Gewiß! — Richtig! — ich hab's! — Es ist kein Zweifel. (Schreit und schlägt in die Hände.) Sie ist in den Knecht verliebt! Ja, ja! Verliebt ist sie in den Knecht! Das ist mir eirie schöne Geschichte. Geht's so in dem Hause zu? Schon gut, schon gut! (Will gehen.) Siebente Scene. Die Nachbarin. Die Base (mit einem Spinnrocken). Nachbarin. Iüngferchen! Iüngferchen! Nicht so schnell! nicht so lüftig. Komin' Sie ein bischen her zu mir. Base (furchtsam). Da bin ich, was will Sie? Nachbarin. Weiß Sie, wer Sie ist? Base. Ach, ich bin ein unglückliches Menschenkind. Nachbarin. Eine liederliche, freche Dirne ist Sie. Base. Kann ich dafür?— Der Detter — Nachbarin. Und weiß Sie, was ich thun werde? Base. Sie mag thun, was Sie will, Sie kann mir nicht heraus helfen. Nachbarin. Ihren Herzeusknecht such' ich auf, der muß die schöne Geschichte wist sen, der soll mir nicht angeführt werden, der brave Mensch! Base. Herzensnachbarin! Liebe goldene Nachbarin! Nur das thu'Sie nicht. Ich bitte Sie, bitte Sie, nur das nicht. (Wrint.) II Achte Scene. Tie Vorigen. Die Pächtcrin (am Küchengarten). Pächterin. Wer lärmt denn so? Ei, Nackbarin, seid Ihr denn noch nicht ru- big? Was habt Ihr mit dem Mädchen? Laßt mick und die Meinen in Ruhe, ich sag's Euch ernstlich, geht, oder ich rufe meinen Manu. — Weine nicht, Väschen, setz' Dich zum Spinnen und antworte nickt. (Geht.) V a se (sktzt sich unter s Haus und spinnt). Nachbarin. Ich gehe, Frau Pächterin! Ja, ick gehe, reckt gerne gehe ich. Froh bin ich, wenn ich aus dem verdächtigen Hause hinwegkomme. Mein Fenster da oben laß' ick vermauern, lieber kein Tageslicht, als das Licht mit solchen Leuten theilen. (Zur Base.) Treib' Sie Ihr Wesen nur so fort. Jüngfercheu. Gefällt Ihr das Necken, Kneipen und Küssen? O küsse Sie, daß Sie blau werden möchte, aber ich ruhe nickt eher, bis ich Sie schwarz gemacht! bade bei allen Leuten, schwarz wie Sie ist.! (Ab.) Base (springt auf). Die Muhme schilt mich nicht, sie nimmt sich meiner an, sie sckmäht die Nachbarin? Sie weiß es — und — ich bin in Todesangst. Neunte Scene. Die Vase. Der Pächter. Vase. Vetter! Vetter! Pächter. Was gibt's? Base. Die Nachbarin — Pächter. Ist sie wieder fort? Base. Sie hat der Muhme Alles er- zählt, aber die Muhme — Pächter. Ist gut mit Dir? Base. Sie hat mich nicht ausgezankt. Pächter. Nicht gezankt? Base. Sie hat der Nachbarin mit Euch gedroht, Vetter. Pächter. Väschen! Für die Nachricht muß ich Dich küssen. Base. Geh' Er doch, es kann gleich wieder ein Unglück geschehen. Pächter. Sei nicht spröde, denn nur mir verdankst Du, daß die Muhme nickt zankte. Base. Ihm? Wie hat Er denn das angestellt? Pächter. Jchhab's recht schlau gemacht. Ich habe die Muhme auch an der Schürze gezerrt, ihr auch ein Sträußchen in das Mieder gesteckt, sie auch gefahren und geküßt. Das hat die Nachbarin nicht gesehen, und wie sie's der Muhme erzählte — Base. Ist's die Muhme selbst gewesen? — Detter, nehm er mir's nicht übel, aber er ist ein ganzer Spitzbube. Pächter. Wirst Du schweigen! Das ist keine Spitzbüberei, das ist Geistesgegenwart. Base. Da Hab' ich einen Gedanken, Vetter. Pächter. Hast Du auch Gedanken? Base. Einen prächtigen Gedanken! Die Nachbarin hat mir gedroht, sie wolle Pc- tern Alles erzählen. Wcnn's nun der erfährt, so schlägt er Lärm. Pächter. Das wollt' ich ihm rathen. Base. Ja, da läßt sich Peter nickt ein- reden, er schlägt Lärm und die Muhme kann leicht argwöhnisch werden. Pächter. Da hast Du Recht, darum muß ich — Base. Darum muß ich thun, was Er that. Ich darf mich da oben auf dem Baume nur so stellen, als hört' ich ihn nicht, und gilt's eine Wette, er zerrt mich an der Schürze. Ein Sträußchen will ich auch bald im Mieder haben, und da er mich alle Tage auf uns'rer großen Schaukel schnellt, so fährt er mich auch auf den Karren. wenn ich's haben will, und daß ich ihn zum Küssen bringe, darf Ihm gar nicht bange sein; das ist für mich nur Kinderspiel, 12 Pächter. Du wolltest also? Base. Ich muß das thun, anders ist meine Ehre nickt zu retten, und dabei darf ich mich gar nicht lange bedenken. Ich muß gleich gehen, und ihn herzulocken suchen, sonst trifft ihn die Nachbarin früher und Alles ist verloren — Ich laufe schon. (Will fort.) Pächter. Wenn ich's überdenke, so ist der Plan so übel nicht. Base. O! Ich habe auch Geistesgegenwart. Pächter. Nur glaube ich, daß Dir weniger an deiner Ehre als an dem Küssen liegt. Base. Pfui, Detter, da kennt Er mich scklecht. Pächter. Da wir also in so großer Ncth sind, so erlaube ich Dir die List. Base. Das ist klug von Ihm. Pächter. Aber nur unter der Bcding- uiß, daß Du ihm nicht mehr als einen Kuß gibst. Base. Natürlich. Er hat mir ja auch nur einen gestoblen. (Sicht in die Scene.) Pächter, sobald ich das überstanden habe, muß mir der Bursche fort. (Ab in den Küchengarten.) Base. Ja — dort kommt er — er ist's — wenn ihn nur nicht die Nachbarin getroffen hat. — Ich glaube nicht — nein — er macht ein heiteres Gesicht. — Geschwind, geschwind auf den Baum (steigt mit dem Korbe auf die Leiter.) Zehnte Scene. Die Base. Der Knecht (mit gemähtem Grase auf dem Rücken und einer Sichel in der Hand). Knecht. Da plag' ich mich. Trage und laufe mich heiß in der Mittagssonne, und für wen? Für einen unbarmherzigen Mann, der zu allem meinen Treiben und Thun scheele Gesichter macht, weil ich fein Väschen liebe. Ist's denn ein so großes Verbrechen? Hat er's denn nicht auch gcthan, wie er noch ein freier Bursche war, und machen sic's nicht Alle so? — Ich müßte mich wahrlich schämen, wenn ich nicht ein Band oder ein Wams trüge, von dem ich sagen könnte, es ist von meinem Mädchen. (Legt das Gras ab und nimmt den Hut herab ) Und das kann ich sagen; also hat's mit dem Andern seine Richtigkeit? Base (trillert ein Liedchen aus dem Baume) Peter (erblickt sie). Ih, da ist sie ja leibhaftig! Väschen! Base (thut, als hörte sie ihn nicht). Peter. Pst! Pst! Base (singt fort). Peter (sieht umher und schleicht näher) Väschen, hörst Du? Ich bin da! Hörst Du denn nicht? — So antworte doch. Base (fingt lauter). Peter. Ei. mach' mich nicht toll. Was treibst Du denn für dummes Zeug? (Zerrt sie an der Schürze.) Schau'mich doch nur an. Base. Was soll's? Peter. Wie Du fragen kannst? Wenn ich rufe, weißt Du sonst immer, was Du sollst. Base. Jetzt nicht mehr. Peter. Du willst nicht mehr hören, wenn ich rufe? Base (trillert). Peter. Nicht mehr nach mir sehen, nicht mehr zu mir Herabkommen? Base. Ja, Herabkommen will ich. (Steigt herab.) Aber nur um Dir zu sagen, daß es aus ist mit uns. Peter. Aus? Mit uns aus? Hab' mich nicht zum Narren. Base. Es könnte mir einfallen, daß ich mit Dir scherzen sollte. (Geht nach den Gießkannen ) Peter (hält sie an). Da bleiben sollst Du, Rede sollst Du mir stehen an der Stelle. Base (fährt aus). Zehn Schritte vom Leibe! (Nimmt die Kanne und geht zum Bru"° nen.) Peter (prallt zurück). 13 Base (langt mit der Kanne tn den Brunnen). Ei, schon wieder kein Wasser in dem Brunnen, es thäte Notb, man hätte Arme wie die Rebenstöcke. (Thut, als wenn sie ausglitschte, und in Gefahr wäre hinabzustürzkn) Ahi! Ach! Peter «springt hin und hält siel Ach Gott! Du fällst hinein. Base. Bin ich doch recht erschrocken. Peter (führt sie zur Bank). Warum bist Du so? Ich hätte besser langen können. Setz' Dick, Liebchen, setz' Dich. Hast Herzklopfen. Ick will gießen. Base (macht sich los). Ist schon vorüber. Laß' mich nur machen. Peter. Helfen darf ich Dir dock? (Folgt ihr.) Base. Nun mag ich nicht gießen. (Setzt sich an s Blumenbeet und bindet Blumen.) Peter (setzt sich zu ihr). So habe ich Dich meine Tage nicht gesehen. Base. Bist Du mir denn immer im Genicke? (Wirst ihm die Blumen in's Gesicht und steht auf.) Peter (folgt ihr). Dick hat der Herr Vetter wieder einmal in die Lehre genommen. Base. Und wenn's so wäre? Peter. Wenn's wäre, so solltest Du mich lieber haben, als daß Du Dir von ihm den Kopf verrücken läßt. Base. O! Ich bin nicht verrückt. Peter. Aber ich kann's werden, wenn Du so fortfährft. Ja, in's Tollhaus könntest Du mich bringen mit deinem Spröde- thun. Stell' Dir nur vor,wenn ick nun das bischen Verstand auch verlöre, was Du mir noch übriggelassen hast? Base. Es ist nicht wahr, daß Du noch Verstand hast. Nicht ein bischen, nicht so viel hast Du, sonst wär Dir's eingefallen, baß mein Strauß von gestern schon lange melk ist, und Du hättest mir einen frischen gebracht. (Wirst den Strauß vom Pächter weg.) Peter. Nicht Hab' ich daran gedockt? (Sammelt Blumen.) Aber wie sollt' ich zuBlm Uten kommen? Mußt ich nicht mit der Milch nach derStadt?Mußt ich nicht nachdenBie- nenkörben sehen und GraS mähen? Aber warte nur, warte nur! Das soll ein Strauß werden, ein Strauß, wie ihn kein Hofgärmer der Königin bindet. Sieh' einmal her — diese Rose, diese Nelken, siehst Du? — Und noch etwas — (Langt einige Blümchen vom Hute.) Tein Lieblingsblümchen, Reseda, das Hab' ich schon im Hergehen für Dich gepflückt. Base. Ei, wenn Du schon im Hergehen an mein Sträußchen dachtest, und wenn der Strauß schöner wird, als ihn der Hofgärtner der Königin bindet, so sollst Du auch eine Freude haben, die der Hofgärtuer der Königin gewiß nicht hat. Peter. Weiß schon, Du bezahlst mich. Base. So habsüchtig bist Du, Peter? Peter. O, ich bin grimmig habsüchtig, wenn's deine Küsse betrifft. Base. Und ich bin grimmig geizig, waS meine Küsse betrifft. Um Alles in der Welt gäb' ich keinen aus. Peter. Womit willst Du mir denn sonst Freude macken? Base. Wenn ick Dir erlaube, das Sträußchen mit eigener Hand in's Mieder zu stecken, würde Dir das keine Freude »nicken? Peter (naht sich ihr). Eine Himmels - freude! Eine Himmelsfreude! —Da steckl's! Aber Mädchen, ist das ein Strauß! Base. Du guter Junge, wenn ich Dir nur den ganzen Tag solche Freuden machen dürste. Peter. Macht Dich das traurig, Schätzchen? Base. Wen sollte so was nicht traurig machen? Peter. Dem wäre abzuhelfen. Base. Sag' an, lieber Peter. Peter. Wenn Du weniger geizig sein wolltest. — Einen — nur einen einzigen Kuß dürftest Du mir alle Morgen gebe») und gewiß, uns Beiden würde leichter für den ganzen Tag. Base. Glaubst Du das wirklich? 14 Peter. Versuch nur einmal, eS hilft besser als ein Toctor. Base. Nu, so will ich uns helfen. Aber Peter, nur einen Kuß, nur einen — einer mehr, könnte Alles verderben. Peter. So komm'her. (Sie küssen sich.) Juhe! Nun ist mir kein Hofgärtner gleich. Base. Wenn mir nur auch Niemand gleich wäre. Peter. Es kommt Dir auch Niemand gleich, Röscken! Das kannst Du auf mein Wort mir glauben. Base. O gewiß. Stell' Dir nur vor, wenn ich nun die Königin wäre, und Du wärest ein angesehener Graf oder Fürst. Peter. Das wäre schön; dann wäre ich ja auch nur dein Knecht, und dürfte Dich nicht lieben. Base. Wenn Du aber ein Prinz wärest? Peter. Ein Prinz möchte ich schon sein. Base. Dann würdest Du mir schöne Briefe schreiben. Peter. Und seid'ne Kleiderund gold'ne Sträußchen — Base. Und brillantene Schleifen würden wir uns schenken. Peter. In einem großen Hause würden wir wohnen. Base. Und Du würdest mich in einem prächtigen Wagen durch die Straßen führen. Peter. Oder neben deinem Wagen reiten, wie die Herren in der Stadt. Base. Und im Winter? Ja, daß Du mich dann auf unserm alten hölzernen Schlitten durch den Schnee zögest, einen Schlitten hätten wir aus purem Gold gegossen, und Pferde daran, Pferde, als wenn sie Flügel hätten. Peter. Schweig' still. Solche Träume machen nicht glücklich. Wir könnten uns doch nicht mehr lieben. Base. Du hast Recht. Du selbst bist mir doch immer lieber als die schönsten Briefe. Peter. Und gold'ne Sträußchen riechen doch nickt so — Base. So gut wie deine Reseda. Peter. Und die Hutschleife da, glaubst Du wohl, daß sie mir um eine brillantene feil wäre? Base. Im goldenen Schlitten würden wir auch frieren, und im Grunde ist's dock immer nur eine eingebildete Freude um die gvld'nen Sachen. Mag ich fahren, wie ick will. Wann Du mich fährst, so ist das Fuhrwerk immer von Gold, und wenn ich auf dem Karren da säße. (Setzt sich darauf.) Peter. O! auf dem Karren führt' ick Dich so gern zum Thor hinaus, wenn Tu dann mein wärst. (Fährt sie gegen das Thor.) Base (springt von dem Karren in seine Arme. O Herzenspeter! da dürftest Du mick nicht fahren, da wollt' ich schon laufen mi> Dir. (Beide ab durch das Thor.) Eilfte Scene. Der Pächter und die Pächterin (kommen aus dem Küchengarten und tragen einm Korb mit grüner Waare zum Wohnhausc). Pächter. Und Du glaubst ihr solche Dinge? Pächterin. Bewahre der Himmel, wie könnten mir solche Dinge in den Kopf kommen. Pächter. Es macht Dich aber doch ein bischen unruhig das Geschwätze. Pächterin. Was Du besorgt bist! Was soll mich denn unruhig machen? Daß mir die Nachbarin erzählt, was ich mit Dir vorgehabt habe, kann mich nicht unruhig machen, denn das ganze Dorf darf wissen, daß wir uns lieb haben, und wer unsere Neckereien nicht sieht, der wird sich's wohl denken, daß wir nicht wie ein Ehepaar leben, welches bald seine goldene Hochzeit feiert. Pächter. Aberdaß die Nachbarin nicht Dich, sondern gerade das Mädchen will gesehen haben. Pächterin. Daraus mach' ich mir wieder nichts, denn für's Erste ist uns die Nachbarin gram, weil ich Dich ihr weggehascht 15 4 habe, fiir's Zweite steht sie wirklich schlecht. Was für ein Unterschied ist denn auch wohl in unfern Kleidern? Du mußt Dir das nicht zu Herzen nehmen. Pächter. Es ist mir nur um das Gerede im Dorfe. Pächter in. Ei, wenn sie mich munter, und uns Beide einig sehen, werden sie schon wieder schweigen. Pächter. Du wirft sehe«, sie ruht nicht, bis sie etwas Neues angezettelt hat. Pächterin. Ei, so ängstlich sah ich Dich noch nie. Wenn Du denn dieser Geschichte auf einmal ein Ende machen willst, so weiß ich ein treffliches Mittel. Pächter. Weißt Du? O, laß uns das Mittel brauche». Pächterin. Daß Du die Base lieb hast, weiß das ganze Dorf, wer sollte auch das gute Ding nicht lieb haben? Pächter. Man muß ihr gut sein. Pächter in. Nun kann es leicht geschehen, daß Du lbr den lieben langen Tag hindurch bald hier etwas reichst, bald dort etwas tragen hilfst, daß Du ihr Mittags ein Favoritstückchen auf den Teller legst, ja es könnte sich fugen, daß Du ihr Morgens oder Abends zufälliger Weise ein Küßten gäbest. Ist aber darin etwas Arges? Sag's selbst. Pächter. Du hast Recht. Arges seh' ich gar nichts darin. Sie ist unsere Verwandte und im Grunde nur ein Kind. Pächter in. Nun, ein Kind möchte sie wohl nicht mehr sein. Sie läßt uns merken, daß sie achtzehn Jahre alt ist. Pächter (besorgt). Wie meinst Du das? Pächterin. Nu, die Geschichte mit dem Knechte ist doch ein biscken mehr als Kinderspiel. Pachter. Da hast Du Recht. Sie macht vollkommen Ernst mit dem Knechte. Pächtcrin. Wenn wir Beide recht klug wären, sollten wir auch Ernst machen. Pächter. Jh, Schätzchen, das habeich jchon lange geglaubt, daß Du in dem Punkte strenger mit Bäschen sein solltest. Pächterin. Strenger? Du verstehst mich nicht. Pächter. Meinst Du denn nicht so wie ich? Pächterin. Ich meine, Bäschen gibt den Knecht nicht auf. Pächter. Das wollt' ick sehen Pächterin. Und der Knecht läßt Bäschen nicht. Pächter. D'rum soll er fort. Pächterin Das darf er nicht, denn wenn die Nachbarin ihre Neuigkeit im Dorfe herumträgt, und wir jagten den Knecht fort, so würden ihr die bösen Leute Alles glauben, was sie von Dir und Bäschen erzählt. Pächter. Bleibt er aber, so wird dem Unfuge kein Ende. Pächterin. Da komm' ich eben mit ei nem Mittel. Pächter. Ich wüßte nicht. Pächterin. Was Tu doch mit aller deiner Geistesgegenwart zuweilen kurzsichtig bist! Pächter. Ja, liebes Kind, in gewissen Fällen — Pächterin. Verläßt sie Dich. — Und in gewissen Fällen weiß ick mir zu Helten -Heiraten müssen wir die jungen Leute lassen. Pächter. Heiraten? Pächterin. Siehst Du das nickt ein? Pächter. Aber denk' nur, Bäschen ist— Pächtcrin. Recht hübsch, aber der Knecht ist auch recht hübsch. Pächter. Aber sie könnte — Pächterin. Glücklicher kann sie nicht werden, und ich würd' es übelnehmen, wenn sie glücklicher werden wollte als ich, und weißt Du, was mich so glücklich macht? Pächter. Was macht Dich denn so glücklich? Pächterin. Daß ich Dich zum Manne bekommen habe; gerade so geht es der Base mit dem Knechte. 16 Pächter. Mir schetnr doch, Du übereiltst Dich, Liebchen. Pächterin. Gar nicht. Ich mussDir sagen, daß ich mich schon lange herumtrage mit dem Plane. Pächter. Mit dem Heiratsplane? Pächterin. Und ich sage Dir, mit jedem Tage, mit jeder Stunde, mit jeder Minute wird mir der Plan lieber. Pächter. So seid ihr Weiber, wenn ihr nur Heiraten stiften könnt'. Pächterin. Ei. Männchen, da kennst Du uns schlecht, denn in der Regel zerstören wir lieber Heiraten, als daß wir sie stiften, wie Dir die Nachbarin beweiset. Pächter. Aber wovon werden sieleben? Pächterin. Don ihrer Hände Arbeit und von dem, was wir mit ihnen theilcn. Pächter. Willst Du sie denn im Hause beharten? Pächterin. Bewahre! Da könnte die Nachbarin noch allerlei verkehrtes Zeug zu sehen bekommen. Wir kaufen ihnen ein kleines Häuschen, einige Grundstücke, ein Gärtchen dazu ; sie pflegen cs, sie verkehren, was ihre Wirtschaft trägt, sie sparen, sie sammeln, sie legen zurück, sie zahlen uns nach und nachdas Geliehene, siesind glücklich, wir auch, die böseNachbarin ist bestraft, und das Gerede hat ein Ende. Sag' selbst, kann man etwas Glücklicheres erfinden? Pächter. Das muß ich gestehen, gewaltig klug hast Du das ausgesonnen. Pächterin. Und gewaltig schnell mußt Du mir das aussühren helfen. Sonst, ja sonst spiel' ich Dir den Streich und glaube, daß die Nachbarin gute Augen hat. Pächter. Was Dir nicht Alles einfällt. Pächterin. Kurz und gut, Väschen ist mein Väschen. Ich laufe gleich fort und suche sie auf. (Will fort.) Pächter. So warte doch, es ist erst die Frage, ob der Bursche ehrliche Absichten hat. Pächterin. Pfui! Undwennerliederlich wäre, so würde ihu Väschen brav machen. Ich hole sie, oder noch besser, ich suche Peter aus, und Du Väschen. ES wird sie nochmal so sehr freuen, wenn Du ihr die Nachricht bringst, weil sie weiß, daß Du es immer nicht haben wolltest. Pächter. Du wirst sehen, sie sind wieder beisammen. Pächterin. Desto besser, so hören sie's gleich alleBcide von Dir. (Läuft ab.) Pächter. Ja, ja! Fort muß sie, das seh' ich ein, aber daß sie so fort soll, kommt ! mir vor wie eine Buße für schwere Sünden, s und für meine Sünden ist die Buße doch ! ein bischen zu streng. (Geht langsam ab.) ! Zwölfte Scene. Base. Der Knecht, die Nachbarin (an der Hand). Knecht. Daher soll sie komme», daher ohne Umstände. Nachbarin (sträubt sich). Ich will aber - nicht wieder in das verrufene Haus. - Base. Wenn s verrufen ist, so geschah ! es durch Ihre Lästerzunge. Knecht. Gewiß, und Sie soll die Freude nicht haben, so ungestraft Böses von uns j zu reden. - Nachbarin. Reden! Böses reoen! Red' i ich denn nicht, was wahr ist? - Knecht. Beweisen muß Sie Ihre Wahr- ) Heiken. Wanun schimpfte Sie mein Mädchen, j warum höhnte Sie mich, als ich an Ihr vor« 's über ging? ^ Nachbarin. Warum? weil sie eine freche Dirne ist, die Dich zum Narren hat, ehrlicher Peter, die Dich betrügt, Du lieblicher Junge! Base (weint). Aber Peter, duldest Du das? Knecht. Weine nicht, ich will sie aus- reden lassen, und wenn sie fertig ist, will ich ihr antworten, und meine Antwort soll ihr beweisen, daß ich Dich lieb' habe, beweisen, daß sie daran denken soll. (Erwacht die Miene des Zuschlägen?.) Warum ist Sie frech? Nach darin. Was sagt Er? Knecht. Stell' Sic sich nicht tauber, als Sie ist. (Ergreift Väschen s Hand.) Warum ist das ehrliche Mädchen da mit dem treuherzigen Auge, mit der weißen Stirne, mit den rothen Bäckchen, wie kann sie frech sein? Nachbarin. Weil sie mit dem Herrn Detter im Garten verliebte Neckereien treibt. Base. Das ist nicht wahr. Nachbarin. Hört Er, wie sie lügen kann? Knecht. Sei still. Kind. Wer sagt das? Nachbarin. Da oben von meinem Fenster Hab' ich's gesehen, wie sie auf dem Baume stand, und er sie an der Schürze zerrte, damit sie herab sollte zu ihm Base. Das war ja Peter. Ich that, als hörte ich ihn nicht, weil ich böse war. Knecht (treuherzig). Ja, das war ich. Nachbarin. Der Vetter war's ! sie ist auch herabgekommen zu ihm, das liebe, unschuldige, weißstirnigteRothbäckchen, und hat sich dort am Brunnen recht gemächlich und zierlich am Mieder halten lassen, damit sie nicht hinein falle. Base. Das war ja der! ) , ... ^ Kn-ch«. Das war ich! j ^uglach-i Nachbarin. O! seine Besorgniß hat ihr die Röthe erst recht in die Wangen getrieben. Aha! Sie wird jetzt noch roth. Sieht Er das Gewissen? Base. Weil ich mich ärgere! Knecht. Weil sie sich ärgert, sie alter blinder Teufel. Hätt' ich sie sollen hineinfallen lassen? Nachbarin. Sei Er nicht grob; der Vetter war's. Base. Er war's! Knecht. Ich! Ich! Ich! Nachbarin (stampft). Daß Dich! Wartet, ich will euer ewiges : Das war ich ! geben (Nimmt ihn an der Hand und führt ihn hin.) Da komm' Er her zu mir, und schau Er an Sieht Er den Strauß da im Mieder? Der ist auch vom Vetter, mit eigener Hand. Knecht. Wird Sie schweigen? Das ist mein Strauß, den ich für Väschen band. Base. Da siehst Du. lh«Utk.Rq>«rl»ut Nr. 1b-. (Zugleich.) Nachbarin. Da schweigst Du. Er hat Dir den Strauß — Knecht. Ich! Da ist ja noch die Reseda von meinem Hute. Nein, das ist zu arg, da muß ich ja gleich! (Greift nach einer Schaufel ) Base (hält ihn). Nicht schlagen, ich bitte Dich. Nachbarin (boshaft). Wenn Ihr mich todtschlagt, so schrei ich, daß der Strauß vom Vetter ist, daß sie der Vetter küßte, daß — Knecht. Küßte! Wer küßte? Nachbarin. Der Vetter — sie. Knecht (lacht auS vollem Halse). Das war ja ich! Und damit Sie sieht, daß ich's kann, so schau Sie her. (Er küßt sie.) Beide. War das auch der Vetter? (Lachen aus vollem Halse.) Nachbarin (schreit). Der Detter, der Vetter, sag'ich! (Au ihr.) Nein, nein, deine Zauberkünste sollen Dir nicht gelingen, und wenn Alle zusammen schreien, daß sie Dich neckten und küßten, und aus den Karren führten. Das ganze Dorf mag schreien: Das war ich! so schrei ich : Der Detter! der Vetter! und wenn mir's die Lunge kosten sollte! Dreizehnte Scene. Die Vorigen. Der Pächter. Die Pächterin. (Von verschiedenen Seiten.) Pächterin. Ei, das ist mir ein Lärm! Nachbarin. Es soll erst recht angeh'n. (Zum Pächter.) Ist Er auch da ? Seid Ihr Alle beisammen? Recht gut, recht gut! (Zur Pächterin.) Liebe Freundin, Sie war böse auf mich, aber ich mache wir nichts daraus. Ich bin die Alte, und sag' Ihr: Sw ist betrogen. Pächter, i ^ betrogen von der Base- Alten da. Knecht, s Nachbarin. Sie wollen mich nicht reden lassen, aber Sie ist ein vernünftiges 18 Weib, und wenn man Ihr beweist, was man sagt, so glaubt ste's. Pächter. 1 Base. ! Sie lügt! Sie lügt! Knecht, s Pächter in. So laßt sie doch nur aus- reden. Nachbarin (hält die Dächten« fest). Ja! reden und immer reden, und ausreden. Der Bursche dort will auch das Mädchen an der Schürze gezerrt habend Pächterin. Das sieht dem Burschen ähnlich. Nachbarin. Ihrem Manne auch, denn er hat's gethan. Pächterin. Das waraber meine Schürze. Nachbarin. Ich gebe das zu, aber der Bursche da will auch dort am Brunnen das Mädchen gehalten haben. Knecht. Es wäre nicht das erste Mal. Pächter. Sie wird doch nicht wollen, daß ich mein Weib soll in den Brunnen fallen lassen? Nachbarin. Da oben von meinem Fenster sah ich, wie sie Blumen banden, und er ihr das Sträußchen in s Mieder steckte. Pächterin. t . Base. jHlerist's! Nachbarin. Euer Mann dem artigen Väschen da? Pächterin. Nein, mir! Knecht. Ich! Ich! Base. Mir! die Muhme hat keine Reseda. Nachbarin. Daß Euch der Guckguck hole! (ZurPächterin.) Geküßt haben sie sich. Pächterin. Warum soll ich meinen Mann nicht küssen? Nachbarin. Habe ja nichts wider euer Küssen. Aber daß der feine Herr ihr hinter dem Rücken da die Dirne küßt, sie auf dem Karren fährt — Pächterin. Wer wurde geküßt? Nachbarin (auf die Base zeigend). Die da! Knecht. Don mir. Nachbarin (auf den Pächter zeigend). Nein, von dem da. Pächterin. Das war ich! Mein Mann. Nachbarin (führt die Bast vor die Pächterin hin). Die da fuhr Ihr Mann. Pächter (rüttelt sie). Mein Weib Hab' ich gefahren, Du Blinde! Knecht (stößt sie). Ja, blind ist sie, blind! Base (ihr unter das Gesicht). Vor Aerger blind! Pächter (dreht sie zu sich). Und alt. Knecht (dreht sie zu sich). Und taub. Pächterin (dreht sie auf ihre Seite). Und zänkisch! Nachbarin (die immer reden wollte) Ist denn da oben nicht mein Fenster? Pächter. Fort soll sie. Nachbarin (zum Pächter). Ist er denn nicht — K»-ch7j F°>" M» fort! Nachbarin (zur Base). Bill Du denn nicht — Alle. Hinaus! Hinaus mit der Lästerzunge. Nachbarin. Seh' ich denn wirklich nicht? Pächter (führt dm Karren vor). Hinaus mit ihr! Alle. Hinauf! (Wollen sie packen.) Nachbarin. Wie? Was? Gewalt! Alle. Ja, Gewalt! Nachbarin (sucht zu entkommen). Hinausstoßen ! Hinauswersen, mich? Pächter. Nicht werfen. Fahren? Alle. Nicht stoßen, nicht werfen Fahren! (Ergreifen sie und setzen sie auf dm Karren.) Nachbarin (schreit). Ich klage dem Richter! Alle Drei (bis auf die Pächterin fahren fit ab und rufen): Fahren! Fahren! Pächterin (setzt sich). Ach! Ist um doch wirklich leicht, daß ich das böse Weib vom Halse habe. Es geht nichts über solche Nachbarinnen. Mir fing manchmal der Kopf zu sausen und das Herz zu pochen an. That sie nicht gerade so, als wenn mein 19 Mann wirklich? — Ei, diese Zweifel muß ich mir vom Halse schaffen, cs koste, was eS wolle. Vierzehnte Scene. Die Pächterin. Der Pächter. Die Base. Der Knecht. Pächter. Had' ich's nicht gesagt, sie ruht nicht, bis sie etwas Neues angezcttelt hat? Pächter in. Laß sic doch, jetzt sind wir sie los. Knecht. Sie wagt sich gewiß nicht wieder herüber. Ich habe ihr unterm Thore noch so ein kleines Andenken beigebracht. Pächter. Du wirst sehen, sie ruht nicht. Pächterin. Und ich sage, sie ruht, und wir Alle werden wieder ruhig, wenn Du das thust, liebes Männchen, was ich Dir vorgeschlagen habe. Pächter. Aber ich bitte Dich, wenn das geschieht, so wird sie sagen, Du hättest das Mädchen nicht mehr im Hause gelitten, weil — Knecht ) ^ Base I Irrten veugrerrg naher). Pächter in. Aber ich bitte Dich, wenn das geschieht, wird sie sagen: Ich sähe Dir durch die Finger, und hätte meine Nebenabsichten. Also fort! Knecht. Fort? Base (zitternd). Sie will mich fortjagen, Muhme? Pächterin Ja, Du lebendiger Zankapfel. Base (kniet). Ach Muhme, liebe Muhme! Knecht (kniet). Mich auch! Pächter. Auch Dich, Du! — Pächterin. Verliebter Bursche!- Männchen!-Wenn Du noch eine Minute zögerst, bin ich so boshaft, und glaube, daß die Nachbarin gute Augen har. Pächter (hastig). So gebt Euch denn in's — Pächterin. Himmelsnamen eure Hände. Beide (springen auf). Ich? Pächterin. Wer sonst? Beide. Ach! (Lausen auf einander zu und umfassen sich.) Pächter in. Und weil die da oben so viel närrisches Zeug hat sehen wollen, so treibt auch so närrisches Zeug, damit sie einmal Recht hat. Base. Vetter! Muhme! Knecht. Herr! Pächterin. Das sag' ich Euch aber, wenn Ihr Euch nicht so lieb' habt wie die Pächterin und der Pächter da (ergreift seine Hand), so kann die nächste beste Nachbarin viel Unheil in Euerer Wirtschaft stiften. Base. Ich! Ich möchte — Knecht. Ich kann nicht — Pächterin. Ihr sollt auch nun glücklich sein. Beide (umarmen und küssen sich). Glücklich! Pächterin (küßt ihren Mann). Pächter (gibt ihre Hände gerührt zusammen) Glücklich wie wir. Alle Vier (reichen sich die Hände). Nachbarin (aus ihrem Fenster). Der Pächter war's, und nicht^der Knecht! Alle Vier (rufen gegen das Fenster) : Braut und Bräutigam! Braut und Bräutigam! Nachbarin (schlägt erzürnt das Fenster zu). (Der Vorhang fällt.) Ende. In unserem Wiener Theater-Repertoir erscheinen demnächst: Vergnügungs - Zügler. Posse mit Gesang in zwei Acten und vier Bildem von C. F. Stix. Die fesche Godl. Skizzen aus dem Wiener Volksleben, mit Gesang in drei Abtheilungen und sechs Bildern von Ferdinand Heim. ir Schuld einer Iran. Drama in 3 Acten von Emil Girardin. Deutsch von Max Stein. Die Zerstreute». Lustspiel in einem Act von A. v. Kotzebue. Neue Auflage. Druck und Papi» von Leopold Sommer in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Vergnügnngs-Zügler. polst mit Gesang ia zwei Acte« and vier Widern. Nach dem Französischen „L» Daxootte" von C. F. S t ix. Musik vom Kapcllmeistcr C. F. Stenz!. Im k. k. priv. Carltheater in Wien zuerst mit glänzendem Erfolge gegeben. Personen Erster Act. Erstes Bild: Der Jahrestag. Polykarp Mäusler, Oeconom. Emerentia, seine Schwester. Helene, seine Tochter. Degelmeyer. Apotheker. Gerstl, Rentmeister. Isidor Rechtlich, Actuar. Die Handlung spielt in Horn bei Stockerau. Zweiter Act. Zweites Bild: Eine Restauration. Polykarp Mäusler. Emerentia. Helene. Degelmeyer. Gerstl. Die Handlung ldeatte-Repatot« Re. tX>. > Eduard, Kellner, i Ein Dandy, j Ein Dame. I Jean, Kellner. I Ein Gerichtsdiener. spielt in einer Restauration. 1 Drittes Bild: Auf Polykarp MäuSler. Degelmeyer. Gerstl. Eduard. Scharfmann. Actuar. dem Gerichtsbureau. Zw-it-r j Erster j Zweiter ! H„r. Dritter ! Viertes Bild: Ein Felix Sportel. Inhaber eine- Geschästs- bureaus. Adam, sein Schreiber. Polykarp Mäusler. Gerstl Geschäftsagent. Emerentia. Helene. Degelmeyer. Zfidor Rechtlieb. Scharfmann. » 7 , Erster Ärt- Erstes Bild. (Zimmer bei Mäusler. Mittel- und Seitenthür mit einer brennenden Lampe darauf, rechts ein kleiner Tisch mit Nähzeug, in der Mitte ein müder Tisch.) . Erste Scene. Degelmeyer, Gerstel, Emerentia (fitzen an dem Spieltisch), Helene (fitzt an dem ArbeitStischchen), Isidor (steht neben ihr). Degclm. (gibt die Karten). Schon der dritte Robber und Freund Mäusler noch immer nicht da. Wo bleibt er denn nur so lang? t Emer. Mein Herr Bruder steckt gewiß noch in den Zeitungen, da kommt er so schnell nicht los. Gerstel (ungeduldig). Wird schon kommen, nur ausspielen! (Spielen. Zu Emerentia) Fräulein Emerentia, vergeffen's nicht wieder, wie gewöhnlich, was Atont is. Emer. (irritirt). Schon gut, räsonircn's doch 1 nicht immer beim Kartenspielen, d'rnm heißt's ja Whist, daß man dabei nir reden soll. Degelm. Keine Streitigkeiten^ sonst hören wir lieber auf. Zch bin am Aus- spielcn. Isidor (zu Helene). Theure Helene, noch immer keine Antwort; grollen Sie mir bloß nur zum Scherz, oder haben Sic für mich wirklich kein — Gerstl. (spielt aus) Herz! Helene (etwas schmollend). Ja, ja, Sie sind auch ein — Emer. (spielt aus). Atout! Isidor. Ich? Weil ich gestern Postmeisters Röschen nach Hause begleitet? Sie wollen mir also nicht — Gerstl. Vergeben! (Wirst die Karten aus den Tisch.) Helene. Prüfen Sie nochmals Ihre Gefühle, und wenn Sie dieselben — Gerstl (schreit) Nochmals mischen. (Zu Emerentia ) Sie patzen heut' schrecklich. Emer. Was räsonircn's denn schon wie- der mit mir? Ich kann spielen, wie ich will. Degelm. Aber nur ruhig, es ist ja gar nicht vergeben. Ihr behandelt's ja das edle Whist wie eine hitzige Wasserfrage. Zu was denn diese ercessiven Debatten? Gerstl. So spielen's weiter! DerRobber dauert ohnedem schon eine halbe Stunde. Isidor. Helene, Ihre Worte schmerzen mich wie ein- Degelm. < spielend). Aß! Helene. Gehen Sie nur, Sie Schelm, ja, ja, lieber Isidor, Sie sind ein loser — Einer, (spielend). Treff bub! Isidor (küßt ihr schnell die Hand) Sie lächeln? Also Versöhnung? So sind wir wieder --- Die drei Spielenden. GroßSlem! Emer. Helene, hol' die Sparbüchse. Helene (steht aus und holt rechts vom Lamm eine Sparbüchse von Thon, die sie Gerstl hinhält). Bitt' um ein Silbersechserl. Gerstl (steckt den Sechser in die Sparbüchse). Wann ich mit diesem anhaltenden Pech noch eine Weil fortspiel' und jedesmal ein Silbersechserl zahlen muß, bring' ich die Nationalbank mit die Silberbaarzahlungen in die schönste Verlegenheit. Helene (wiegt die Büchse in der Hand). Sie ist schon hübsch schwer. Degelm. (vergnügt). Außer der sind drei andere auch schon hübsch schwer; wareine gute Idee von mir mit der Sparbüchse. Gerstl. Oho, von mir war die Idee, daß nach jedem Robber der Verlierende noch ein Silbersechscrl ertra in die Sparbüchsen zu geben hat. Emer. Sie wollten aber gleich jeden Sonntag die Sparbüchse ausleeren und Punsch dafür machen. Mein Herr Bruder hat aber ihre Sparsechserlidee erweitert und vorgeschlagen, die Sechserln ein ganzes Jahr lang zu sammeln, um dann über ein kleines Gesellschaftscapital disponiren zu können. Degelm. Wir müssen schon hübsch viel Sechserln beisammen haben. Emer. Heut um halb Neune is 's Jahr um, und dann werden die Sparbüchsen zertrümmert, und die Caffa revidirt. Gerstl. Richtig, heut' is der Jahrestag. Na, so machen wir g'schwind noch ein Robber, daß der Degelmcyer auch einmal ein Sechser! zahlt. Emer. Gut, aber dießmal geb' ich. (Gibt die Karten auS.) Helene. Da kommt schon der Herr Vater! Alle. Na, endlich! Zweite Scene. Vorige. Mäusler (Mine) Mäusl. (jm Schlafrock, eine Zeitung in der Hand, mehrere Journale unter dem Arme, während seines Entree-Liedes spielt die Gesellschaft emsig weiter. Isidor unterhält sich mit Helene). Enlrve-Lied. 1. Ein Zeitungsblatt ist in der Thal Das Höchste, was die Welt nur hat. Weil's so was Wichtig's, das is rein, D'rum muß es auch gestempelt sein. Man wüß't rein gar nir von der Welt, Ob gut sie oder schlimm bestellt, Und was es in Paris gibt Neu's, Stünd's nicht gedruckt da schwarz auf weiß. Es fühlt der Geist sich gleich erquickt, Wenn man in eine Zeitung blickt, D'rum sag' ich, cs ist wahr, und bleib' dabei. Die schönste Erfindung die Buchdruckern. 2 . Donato, Circus und Blondin, Wovon am Land wir gar nir seh'n, Proceß und Schwindel jeder Art Man aus der Zeitung dpch erfahrt. 4 So wird es jedem Menschen klar, Was Frankreich wünscht zum neuen Jahr, Und wie's in Merico jetzt geht, Wie mancher Herr den Mantel dreht, Woher der Wind, wohin er geht, DaS Alles in der Zeitung steht. Drum sag' ich, es ist wahr un d bleib' dabei, Die schönste Erfindung die Buchdruckerei. Für mich gibt's einmal kein größeres Laut Soüt als eine Zeitung, und keine größere Spannung als die Erwartung der Abendblätter, weil's gewöhnlich alles das widerrufen, was in den Morgenblättern gestanden is. So was spannt ungeheuer (Rangirt die Zeitungen.) Wie's aber auf der Post Alles durcheinanderbringen, in der »Neuen freien Presse« liegt das »Vaterland«, in der »Wiener Eleganten« der »Pferdefreund«, im »Kikeriki* steckt der »Dolksfreund«, im »Wanderer« der »Botschafter« und im »Graden Michel* der »Moniteur«. — Alles durcheinander wie Kraut und Rüben. Einer, (beim Spikl). Aber Polykarp, wo bleibst denn so lang? Ger st l. Das is schon der dritte Robber, drei Sechserln sind bei mir schon p'futsch. Degelm. Aber nur net die ewige Raunzerei! Ich hör' gleich auf. Mäusl. Ihr wiß't, wenn die Zeitungen aus Wien kommen, bin ich für alles Uedrige todt. Die in-und auswärtige Politik, die Gemeinderathssitzungen, unsere Schulden, das neue Papiergeld gehen Allem vor. Gerstl. Steht was Neues d'rin? Mäusl. Na ob! Die Franzosen verlassen Rom, sobald's Zeit haben, die Damen tragen jetzt Spazierstöckeln statt Sonnenschirm', und der Stefansthurm hat wieder sein' gehörigen Spitz, und weil er jetzt nicht mehr kopflos ist, so wird ihm nach und nach jede fernere Unterstützung entzogen. Ueberhaupt das Neueste von Allem ist, daß der Stefansthurm wieder sein gehörigen Spitz hat. (Sicht in die Zeitungen.) Schwester Emerentia, hier steht was für Dich. (Liest ) »Eine robuste Köchin sucht einen Dienst unter annehmbaren Be- dingniffen.« Hast ja schon längst einen Kucheldragoner für dein Hausregiment engagiren wollen. — 'S is gräßlich! — Seit drei Vierteljahren alle Tag dieselbe Heirats-Ankündigung. (Liest.) »Ein junges Fräulein in den besten Jahren, mit einem Vermögen von 20,000 Gulden, wünscht sich mit einem honetten Lebensgefährten ehelich zu verbinden. Witwer oder ledigen Standes, Vermögen oder keines kommt nicht in Betracht; die Hauptbeding- nisse sind bloß: Bildung, Herz und gute Behaudlung. Näheres unter H. — Wien, Krebsgasse Nr. 7.« Gerstl. O, diese zudringliche Annonce kenn' ich auch, — muß aber nir d'ran sein, weil's noch kein Liebhaber g'funden hat. Degelm. Sind mit der Post keine Briefe gekommen? Mäusl. Richtig! Auf die hätt' ich bald vergessen. (Sucht in dcn Taschen.) Da is einer für Dich, Schwester. (Gibt Emerentia einen Brief.) Eurer, (erstaunt). An mich? Mäusl. (liest die Adresse). Und der andere au Herrn Degelmeyer. (Gibt ihm einen Brief.) Hab' wieder dreißig Kreuzer Porto ausgelegt, und dazu bei jedem Brief fünf Kreuzer Straf unschuldiger Weis', in Summe vierzig Neukreuzer. Degelm. Ah, von mein Philipp! (Liest.) Der Hallodri braucht g'wiß wieder Geld. Ein verflirter Kamp'l mein Sohn, bei fünf G'sangsvereine singt er den ersten Tenor, und Turner is er ertra auch noch. Mäusl.Turner ist Ihr Sohn? Warum frankirt er seine Briefe nicht; der Turner- wahlsprnch lautet ja: frisch, fromm, fröhlich, frei, also auch portofrei! (Liest in seiner Zeitung weiter.) Emer. (ihren Brief durchfliegend). Himmel, diese Züge! (Steckt schnell den Brief ein.) Gerstl (steht auf). Ich paß nicht länger, aus dem vierten Robber wird heute ohnedem nir mehr- 5 Helene (geht mit drr Sparbüchse zu Degel- meyer). Herr von Degelmeycr, muß auch noch um ein Sparsechserl bitten. Degelm. (suchend). Versteht sich! Freilich. (Gibt Helene etwas in die Hand.) Helene (besiehtes). Das ist ja ein Knopf, Herr von Degelmeyer? Degelm. (verlegen) Ein Knopf?—Da muß ich mich rein vergriffen haben; so, da ist ein nagelneues Silbersechserl. Einer, (packt die Karten zusammen). G'spielt wird ohnehin nichts mehr, so trag' ich also die Karten fort. (Bei Seite.) 3ch muß jetzt ungestört meinen Brief lesen, sonst krieg ich den Herzwurm. (Geht ab.) Dritte Scene. Vorige, ohne Emerentia. Gerstl (setzt sich zum runden Tisch zu Mäusler). Jetzt lesen's noch alleweil das fade Zeugs in der Zeitung, und vergessen ganz, daß wir heut' den Jahrestag unserer Whistpartie hab'n. Mäusl. (springt auf). Richtig, der Jahrestag is heut', o, das ist gut, — Leni, g'schwind den Hammer her. Helene (holt den Hammer vom Camin). Hier, Herr Vater! Mäusl. (die Sparbüchse und den Hammer ergreifend). Hol' auch die andern drei Sparbüchsen. Isidor (zu Helene). Darf ich Ihnen tragen helfen? (Geht mit ihr ab.) Mäusl. (ebenfalls am runden Tisch, schwingt den Hammer). Meine Herren, mit derselben Spannung, als die Welt dem Resultate der Londoner Eonfcrenzcn, — den Thaten des deutschen Bundes — der Einmischnng Englands — den Rathschlägen Frankreichs — und dem Ariedensabschluß in Wien entgegengesehcn, mit derselben Spannung, meine Herren, sehen wrr in diesem spannungsvollen Momente dem Augenblicke entgegen, um nach Zertrümmerung der einbruchsicheren Sparbüchsen dem Finanzresultate unserer gesammelten Whistspielsechser mit spannungsvollster Spannung entgegenzusehen. Degelm. Sehr schön, kurz und bündig. Gerstl. Ich spann' aber noch alleweil nir. — Wird's nicht bald entzwei g'schla- gen? Mäusl. Gleich geht's los! 1—2—3. (Zerschlägt die Sparbüchse.) So,jetzt setzen wir uns, meine Herren, — immer guldenweis 10 zu !0 Silberscchserln gruppirt. (Zählen auf.) Gerstl (zählt). 4 — 5 — Degelm. 6 — 7 — 8 —- Mäusl. 9 — 10 — nein, doch 3 — 4 — Degelmeyer, Sie machen mich in meiner Finanzoperation confus. Degelm. Aber ich red' ja gar nichts auf Ihnen. Mäusl. Aber Ihr lautes Zählen genirt mich. — Unwillkürlich zähle ich mit, und jetzt weiß ich gar nicht, wo ich aufg'hört Hab'. Gerstl. Ich auch nicht! Degelm. Noch einmal von vorn. (Zählt.) 4 — 5 — Gerstl 6 — 7 — 8 — Mäusl. 9 — 10 — jetzt kommt wieder der Gerstl dazwischen. Jeder, meine Herren, zählt im Gedanken für sich. Helene und Isidor (treten von recht- mit drei anderen Sparbüchsen ein). Mäusl. Da, Freund Degelmeyer, nehmen Sie eine Sparbüchse, und geheu's damit in mein Zimmer. Gerstl (nimmt eine Büchse). Ich geh' in's kleine Cabinet. Mäusl. (zu Helene). Und Du, mein Kind, zähl' die dritte in deinem Zimmer, nachher zählen wir alle zusammen. Degelm. (mit der Büchse links ab). Gerstl (ebenso durch die Mitte ab). Mäusl. (zählt an dem Tisch). 2 — 4 — 6 — Helene (zu Isidor). Jetzt ist der Herr Vater allein, jetzt könnten Sie also ihr 6 Glück versuchen. Er ist heut g'rad sehr gut gelaunt. Mäusl. (freudig). Schon zwei Gulden. Helene. Sehn's — er lacht. Nur Courage, lieber Isidor. Ich geh' indessen, und zähl' die Sparscchser. (Rechts ab.) Isidor (ruft ihr nach). Und zählen Sie auch auf mich, reizendes Lenchen! Vierte Scene. Mäusler, Isidor. Mäusl. (Mt). 12 — 14 — Isidor (bei Seite) Ich zittere wie vor einem Prcßgericht. — s' ist doch zu albern. (Laut.) Herr von Mäusler! Mäusl. (fortzählend). 16 — 18. Nur nicht dreinreden, wo war ich denn nur? Isidor. 16 — 18 — MäuSl. Richtig. 20 — Isidor. Und dennoch drängt es mich, Ihnen, Herr von Mäusler, zu bekennen und rund heraus zu sagen- Mäusl. Zählen Sie mit, dann geht's schneller. Isidor. Mit Vergnügen. (Setzt sich ihm gegenüber.) Mäusl. Immer guldenweis — zu 10 Sechserln gruppirt, und zwei zusammen. (Zählt.) 17 — 18. Isidor (sich ermuthigend). Herr von Mäusler, bereits seit siebzehn Monaten bin ich so glücklich, Fräulein Helene zu kennen. Mäusl. Zählen's doch! Isidor (zählt). 3 — 4 - - 5 und cs war mir unmöglich, ihr gegenüber meine Gefühle zu bemeisteru. Mäusl. Sie haben ja noch nicht einmal ein' Gulden beisammen. 1 — 2 — Isidor. 6 — 7 — und so viel Liebreiz kalt zu widerstehen. MäuSl. 3 — 4. Isidor. Und so Hab' ich denn — 8 — 9 — an diesem feierlich schönen Abend -- 10 — 11 — Mäusl. Noch so spät? Um 10 — 11 ? Herr Isidor, das verbiet' ich mir. (Zählt.) 7 — 8 — Isidor. Die Ehre und das besondere Vergnügen— 12—13— 14— Sie um Fräulein Helenens Hand zu bitten. Mäusl. Da ist schon wieder ein Knopf — schon der zweite. Isidor (bti Seite). Er hört mich gar nicht an. (Laut.) Ich habe die Ehre, Herr von Mäusler, Sie um die Hand Ihrer Fräulein Tochter zu bitten. Mäusl. Langsam — 18 — 19 — 21 — wieder zwei Gulden. Macht schon vier Rösseln. (Zählt ) Mein lieber Herr Isidor, 3 — 4—7 — Es freut mich recht sehr — 9 — 10 — und fühle mich auch sehr geehrt. Isidor (mtzüikt). O Herr von Mäusler! Mäusl. Wo Hab' ich denn aufg'hört? Isidor. G'rad' bei einem Gulden. Mäusl. Richtig! (Zählt) 5—6 — werde mir Ihren geschätzten Antrag reif- lichst überlegen. — 7 — 8 — schon wieder ein Knopf. Wer denn nur die Masse Knöpfe hineing'worfcn hat? Isidor (schwärmerisch). Ack, ich liebe sic ja so sehr! Mäusl. Die Knöpfe? Ich nicht! Isidor. Nein, Fräulein Helene! Mäusl. Der Ehestand, lieberFreund,— das ist einKaputknopf, — wenn er auch anfangs seine süßen Honigwochen bietet, — die bittern Mandeln bleiben als Nachgeschmack doch nickt aus. Ein Ehemann, scheu Sie— das ist ein Hornkuopf, — braucht mehr Geduld und Nachgiebigkeit, als der friedfertigste Deutsche- Isidor leinfallknd). Ich weiß es, Herr von Mäusler, und glauben Sie mir, daß mein ganzes Leben — Mäusl. Wie viel haben's denn jetzt? Isidor. Beiläufig achthundert Gulden. Mäusl. (ficht auf Zfidors Geld). Was, achthundert Gulden? Isidor. O ja, die verdieneich jährlich! 7 Mäusl. Sie machen mich und sich confus. Zch mein, wie viel Silbersechserln Sie haben, und Sie antworten in Gulden österreichischer Wahrung (Sammelt das Geld in ein Zeitungsblatt.) So geht's nicht. Ich werd' im andern Zimmer auszählen (Steht auf.) Isidor. Herr von Mäusler, darf ich wenigstens hoffen? Mäusl. (mit dem Gelbe nach rechts). Natürlich, wenn Sie meine Leni liebt, m's Himmelsnamen. — Aber wissen möcht' ich nur, wer die Maffa Knöpf so pfiffig hinein- practicirt hat; — daß mir diese schlaue Manipulation nicht ebenfalls eing'fallen ist. Zch hätt's ja auch machen können! (Ab.) Fünfte Scene. Isidor allein, dann Emerentia. Zsidor (freudig). Er willigt ein ! Victoria! Jetzt könnt' ich die ganze Welt umarmen, und mit'm Finanzminister fingen: Seid umschlungen, Millionen!- Einer, (tritt durch die Mitte). Isidor. Ah. die Tante! Mt auf sie zu.) Mein Fräulein, Sie sehen nun in mir den glücklichsten aller Sterblichen; Herr von Mäusler hat eingewilligt, Helene ist mein —ist mein — (Im Abgehen) mein für das Leben. Mchts ab.) Einer, (enttäuscht). Was kümmert das mich? Ich hatte mich nicht getäuscht, der Brief war von ihm — dieser Mann wird leidenschaftlich, er fordert mich auf, nach Wien zu kommen, morgen Vormittag; soll ich's riskiren? Vielleicht hängt mein bebensglück davon ab, auf der andern Seite aber em solcher Schritt für eine unerfahrene Jungfrau in meinen Jahren, o Geist meiner Mutter, transpirire mich. (Zählt an den Knöpfen ihrer Jacke.) Geh' ich, geh' ich nicht, geh' ich, geh' ich nicht? — — Dieser wackelt, ich geh'! — Aber wie? Mein Bru- ber Polykarp müßte mich jedenfalls begleiten, ich müßt'ihm ganz offen Alles gestehen? Nein, niemals!- (Sieht Helene und Jfidor, die von rechts eintreten.) Ruhig, stürmisch bewegtes, sehnsuchtsvoll erregtes jungfräuliches Herz! Sechste Scene. Vorige, Isidor, Helene, später Mäusler. Isidor. Meine Mutter muß es heute noch erfahren, wie glücklich ich bin; bald sehe ick Sie wieder. (Mitte ab.) Helene (mit drei Fleckchen Papier, legt den Inhalt ihrer Sparbüchse auf den Tisch). Doch, liebes Tantchen — der Vater hat eingcwilligt. Ich werd' nun nächstens Frau Actuarin. Emer. Ich weiß — Helene. Und denke Dir, Tantchen, für den Inhalt der Sparbüchse will der Vater schon morgen ein geselliges Kränzchen geben mit Spiel und Tanz, — gesungen soll auch dabei werden. Emer. (bri Seite). Morgen? Wo ich — Das ging mir just ab! Helene. Was sagst Du, liebes Tantchen? Emer. Da ist mir eben eine viel hübschere Idee eingefallen, — eine kleine Vergnügungsreise nach Wien. Bevor man heiratet, ist so was immer angezeigt. Man besucht mit seinem Bräutigam Arm in Arm die prächtigen Etablissements, wählt aus, kauft oder kauft uicht; — man ficht und wird gesehen, — man bewundert und wird bewundert. Helene. Ach, das war' schön, — wenn nur der Herr Vater auch wollte. Emer. (halb feierlich). In unserer politisch bewegten Zeit entscheidet Stimmenmehrheit über Alles, und ick werde Dir zu Lieb' für einen Vergnügungszug nach Wien meine Stimme abgeben. Helene. Tausend Dank, liebes Tant- 8 chen, — wie gut Sie sind! Da kommt eben der Vater. Mäusl. (mit einem Fleckchen Papier und Bleistift). Endlich bin ich fertig. Ist mir bei dieser Finanzoperation warm geworden! — Nein, ich möcht' in Wien nicht in der Himmelpfortgasse amtiren. Helene. Wie erhitzt Du aussiehst, — so roth, lieber Vater! — Mäusl. (ängstlich). Das ist der fatale Blutandrang, lauter schlagartige Conjuga- tionen, — nach dem Kopfe — und manchmal Hab ich s auch da. (Zeigt nach dem Herzen.) Helene. An deiner Stell', lieber Vater, müßt' ich schon was ich thät', ich ging nach Wien, die Eisenbahn fährt ohnedieß bei uns vorbei, und hält fünf Minuten an, diese rasche Gelegenheit würd' ich also be< nützen, und in Wien einen renommirten Arzt um Rath fragen. Einer. Ja, und zwar gleich morgen mit dem Frühtrain. (Bei Seite.) Die Kleine ist sehr ideenreich. Mäusl. Sehr gut, — aber ich bin Oeconom, was das gleich wieder kostet. Helene (schnell einsallend). Nichts! lZeigt nach dem Körbchen.) Diese Reise ist gedeckt! Mäusl. (plötzlich). Kinder, eine kolossale Idee! — Wenn wir unsere Sparbüchsen in Wien verzehrten. (Simulirend.) Aber 's geht doch nicht! Emer. und Helene. Warum denn nicht? Mäusl. (komisch desperat). Wir können doch nicht mit dieser Masse Sechserln nach Wien gehen, als ob wir lauter Abbrändler wären, die kein anderes Almosengeld erhalten haben, — diese Barschaft wäre doch zu auffallend, — in ganz Wien hat ja gar Niemand so viel Silbergeld beisammen, wir könnten sogar noch Verdacht erregen. Emer. und Helene (schnell). Wir lassen's beim Steuereinnehmer auswechseln. Mäusl. Auch gut, nur wechseln — da habt ihr Recht — werden aber die Andern wollen? Helene. (Emerentia imitirend). In unserer politisch bewegten Zeit entscheidet Stimmenmehrheit, — und ich werde Dir zu Lieb, Väterchen, für die Wiener Reise stimmen. Emer. (schnell). Ich auch! Mäusl. (vergnügt). Bravo! Drei Stimmen hätt' ich also! Helene. Herr Isidor Rechtlieb, mein Znkilnftsmann, muß auch mit uns stimmen. Mäusl. Also schon vier Stimmen, — charmant. Nun setzen wir's durch, wir geh'n nach Wien, und ich insultire den erst besten Arzt. Siebente Scene. Vorige. Degelmeyer, Gerstl, dann Isidor. Gerstl (mit feierlicher Stimme, legt das Geld auf den Tisch). Meine Herrschaften! Ich habe Ihnen allerseits anzuzeigen, daß das pecuniäre Erträgniß der mir anvertraut gewesenen Sparbüchse dreinndzwanzig Gulden siebzig Kreuzer beträgt. Außerdem habe ich auch noch einige Knöpfe gefunden, die aber die Bank allen Anschein nach nicht cinwechseln dürfte, obgleich sie echte Knöpfe sind, — keine falschen. Helene. Sie haben Knöpfe gefunden, ich auch! Mäusl. Ich detto — Helene Ich habe einundzwanzig Gulden und vier Knöpfe. Mäusl. Ich Hab' fünfundvierzig Gulden und viernndzwanzig Knöpfe. Degelm. Und ich siebenundzwanzig Gulden und sechzig Kreuzer und keine Knöpft. Mäusl. — Ach, das ist curios! De- gelmayer hat keine Knöpf'. (DiePapieredurch- flirgknd.) Macht also in Summa Summarum: (ZusammenMrnd.) Gerstl dreiund- 9 zwanzig Gulden und siebzig Kreuzer; He- lenecinundzwanzig Gulden und vier Knöpf', halt, die Knöpf gelten nicht, also bloß einundzwanzig Gulden, ich Hab' fünfundvier- zig Gulden und neunzig Kreuzer und der knopflose Degclmcyer hat siebenundzwanzig Gulden und sechzig Kreuzer, macht also — st! — nur nir d'reinreden — hundert zweiundzwanzig Gulden zwanzig Neu- krenzcr. ^ Gerstl. Und achtundzwanzig Knöpf'! (Btt Seite.) Mir scheint — die sein alle vom Degelmeyer— der muß an seiner ganzen Garderobe kein einzigen Knopf mehr haben. Mäusl. Meine Herren, jetzt ist der Augenblick gekommen, wo wir reiflich überlegen, wie wir eigentlich das Geld am zweckmäßigsten anwenden. Degelm. (zu GE). Bei unserer Ver- ! abredung bleibt's — ich wollt' schon lang gern einmal nach Wien, wann's mich allein nicht so viel Geld kostet. Gerstl (ebenso). Ick auch! Also wir Zwei stimmen für einen Dcrgnüqungszuq nach Wien? - Nicht wahr? Degelm. (wie oben). Natürlich! Isidor, (durch die Mitte). Ich störe doch nicht? Mäusl. Nur naher, junger Freund und L-chwiegcrsohn in sps. Sie haben auch eine Stimme. Isidor. Ich schmeichle mir kein schlechter Bassist zu sein. (Geht zu Helene.) Mäusl.Wie glauben Sie also, meine Herren, daß wir die erzielte Summe von hundert zweiundzwanzig Gulden zwanzig Kreuzer verwenden sollen. Alle (zugleich). Ich glaub' halt — Mäusl. (fie unterbrechend). Still, meine Herren, wenn Sic reden wollen, wenn Sie alle zugleich glauben, dann glaub' ich, daß an gar nichts zu glauben. Ich als Präsident dieses ehrcnwerthen Whistspielclubbs schlage vor, daß jeder geehrte Theilnehmer seine Stimmung zu Papier bringe. Jeder hat seine freie Stimme wie bei den Pariser Wahlen, und die Stimmenmehrheit soll entscheiden. Alle. Bravo! Angenommen! (Jeder schreibt auf ein Zettelchen.) Helene (leise zu Isidor). Schreiben Sie »Wien«. Alle. So! (Uebergeben Mäusler den Zettel.) Mäusl. Jetzt werd' ich die Ehre haben, das Resultat bekannt zu geben. Bitte um Ruhe auf der Rechten und Linken! (Liest den Zettel Nro. 1.) Wien! (Zweiten Zettel.) Wien! wieder Wien! Nochmal Wien! Welche Einstimmigkeit! Wipplinger- straße, nimm' Dir ein Erempel d'rau. Also eine Wienerreise mit Majorität angenommen. Dege 1 m. (bei Seite). Merkwürdig! Sechs Deutsche und eine Stimm', das is noch nicht dagewesen! Mänsl. Da es nun alle Wahrscheinlichkeit hat, daß wir hundertzweiundzwanzig Gulden und zwanzig Kreuzer in einem Tag nicht ausgeben können, so soll Jeder das Recht haben, sich eine Kleinigkeit von dem Sparbüchsengeld als Souvenir an diesen Vergnügungszug zu kaufen. Gerstl (bei Seite). Ich weiß schon, was ich in Wien mach', ich such' in der Krebsgassen Nr. 7 die zwanzigtausend Gulden schwere Heiratscandidatin auf. Emer. Ich kann mein Rendezvous kaum erwarten. Degelm. Ich geh' gleich in den Thiergarten, und such' mein Sohn auf! Mäusler. Also morgen mit dem ersten Zug. (Faßt sich schmerzhaft an der Seite.) Auweh! Gerstl. Was habeu's denn? Mäusl. Ich Hab' Zug g'sagt und da reißts mi! Degelmeyer, vcrgeffcn's nur nicht Ihre homöopathische Hausapotheke mitzu- nehmen. In Wien sollen das Reißen besonders Reisende sehr stark empfinden. Wir treffen uns also morgen fünf Uhr ans dem Bahnhof. Herr Isidor und Schwiegersohn, daß Sie sich ja nicht verschlafen. 10 Helene (lachend zu Isidor). Wer wird Sie denn wecken? Isidor. Die Li.'bc! Mäusl. Der Nachtwächter ist sicherer. — Jetzt zu Bett, daß jedes zeitlich wieder auf ist. Auf Wiedersehen am Bahnhof, meine Herren, — die Parole: Gute Unter- baltung! Alle. Gute Unterhaltung! Jsid or (küßt Helene schnell die Hand). Mein reizendes Helenchen! Auf frohes Wiedersehen! Alle (geben sich die Hände). Gute Nacht! Morgen fünf Uhr auf dem Bahnhofe, die Parole: Gute Unterhaltung! (Indem sich Alle nach verschiedenen Richtungen zum Abgehen wenden, wobei sich Helene und Isidor zärtliche Blicke zuwerfen.) (Ende des ersten Actes ) Zweiter Art. (Tie Handlung spielt einen Tag später in einer Restauration in Wien. Elegant möblirter Speisesaal. Zm Hintergründe zu beiden Seiten Thüren. Tische, Stühle, ein Büffet ) Erste Scene. Eduard, dann eine eleggnte Dame. Eduard (an demTUch ordnend). Erst zehn Uhr. Es wird schon noch eine Weile dauern, bis Jemand kommt, obwohl wir grad' jetzt sehr viele Fremde wegen dem Volksfeste haben in Wien. Dame (eintretend). Pst! Eduard! Der Herr Baron schon hier? Eduard (sich wendend). Ah, Fräulein Bertha. (Bei Seite.) Unsere erste Engländerin. (Laut.) Befehlen? Dame. Ich werde hier frühstücken! Ist der Herr Baron vielleicht schon da? Eduard. Nein! Ich Hab' heut' noch gar nichts von einem Herrn Baron gesehen, dazu ist's auch noch viel zu früh. Aber belieben Fräulein Bertha nur in den kleinen Saal einzutreten. Vielleicht etwas gefällig? Dame. Ja, was denn schnell? Eduard. Na, so eine Kleinigkeit zum Zeitvertreib, bis der Herr Baron kommt. Ein Beaffteak, —Omelette, Bratwürstel mit Senf. Dame. Nein, lieber was Süßes. Eine Bröseltorte und ein Glas Malaga. Wenn der Baron kommt, so sagen Sie ihm, daß ich da bin. (Ab in den Saal.) Eduard. Versteht sich! Küßt die Hand, Fräulein Bertha, werd' gleich 'n Jean mit dem Frühstück schicken! Is das a Kundschaft! (Rust.) Jean! Eine kleine Bröseltorte und ein Glas Malaga in den kleinen Salon! — Na, auf den Baron bin ich neugierig. Schaut wieder was heraus. (Geräusch von außen und Rufe: »Halt's den Dieb «) Was ist denn das? Zweite Scene. Eduard. Jean. Jean (mit einer Tasse, auf welcher eine Portion Torte und eine Flasche Malaga; tritt ein) Sie hab'n ihn richtig nit erwischt! Eduard. Was denn? Was ist denn los? Jean. Na, ein' eleganten Herrn, der just vor der Kunsthandlung gegen den Graben zu mit großer Andacht die Photographien bewundert hat, ist sein' goldene Sacknhr gestohlen worden, aber der Dieb is ihnen auskommen; no ja, der is grad so dumm und laßt sich fangen. (Mit der Tasse ab.) Eduard. Nein, was in Wien alleweil g'stohlen wird, das is schrecklich, — was uns aber wirklich g'stohl'n wcr'n könnt', laffen's steh'n; da kommen Gäste, vermutblich Fremde, gleich a ganze Gesellschaft, — schaut wieder was heraus. (Geht den Ein- tretenden entgegen.) Dritte Scene. Eduard, Mäusler, Degelmeyer, Gerstl und Helene (alle im Reisecostum mit Reisetaschen und Schachteln), später Dandy. Mäusl. (vergnügt). Wirklich wahr, kaum ist man in Wien, kommt man schon zu einer Volksbelustigung. Nur schao', daß ihnen der Dieb ausgekommen ist. Degelm. Seit den Lausern von Anno dazumal im Prater Hab' ich kein' mehr so lausen g'seh'n.Wenn er sich nur nit so stark! erhitzt, und dann gach hinuntertrinkt, der Spitzbub'. Gerstl. Ich hätt'n commod fangen können, so ang'rennt is er an mir, aber mir hat er ja nir g'stohl'n, und wir sein ja net nach Wien kommen, um die Dieb' ausz'hal- ten, zu was steh n denn vor jeden Eck zehn Dirnstmänner und rcißen's Maul aus. Helene. Ich hätt' bald vor Schreck Alles fallen lassen. Gerstl. Aber vor lauter Schauen wird man damisch hungrig! G'schwind was zum Schnabuliren. Mausl. Wir wollen uns gleich recht bequem machen. (Rust) Kellner! Eduard (geschäftig). Die Herrschaften befehlen? Mäusl. Wir möchten uns gern ein wenig restauriren. Degelm. Sonst wären wir ja nicht in der Restauration. Gerstl. Was z'essen! Garyon! Eduard. Werd' gleich die Speiskartcn holen! (Bei Seite.) Scheinen deutsche Kleinstädter zu sein, da schaut hübsch was her "Ns. (Will ab.) Dandy (trittein). Pst! Kellner? Ist nicht eine Dame hier? Eduard. Ach! Der Hexr Baron! Dandy. Sie kennen mich, Kellner? Eduard. O! Herr Baron werden bereits im kleinen Salon erwartet. Dandy. Dres lrien! (Leise.) Der halt mich richtig für einen Baron! Nun zu meiner Eroberung. (Ab.) Eduard (lachend). Ein schöner Baron! Ein vazirender Commis! Hm! Wann nur was hcrausschaut! (Ab.) Mättsl. (legt seinen Regenschirm auf einen Tisch links, während die andern ihre Packete aus ländere Tische legen). Wo denn nur meine Schwester bleibt! Degelm. Sie war doch alleweil knapp hinter uns. Gerstl. Vielleicht hat's der Dieb auch mitgeh'n lassen, — so einem Dieb ist kein Alterthum heilig. Helene. Was soll ich nur von Zsidor denken? Er hat sich richtig verschlafen und den Zug versäumt. (Sinnend.) Wirkt so die Liebe? Mäusl. Zch Hab' mir gleich denkt, er wird sich verschlafen. (Setzt sich mit den Andern vorne an einen Tisch.) Er mußt' ja keilt Deutscher sein! Degelm. Setzen wir uns! Mäusl. Das viele Schauen und Her- umg'stoßenwerd'n, dieser Lärm in den Straßen betäubt Einen ganz. Degelm. Mich wnndcrt's überhaupt, daß keinem von uns eine Rippe fehlt. Gerstl. Mich hungert wie ein' Wolf'n. Mäusl. Wenn's hier gut ist, und auch nicht zu thener, bleiben wir gleich über Mittag hier. Degelm. Nein, wir müssen in einem Hotel speisen, hier thun wir bloß frühstücken. Gerstl. Da hat der Herr Degelmeyer Recht —ich stimme für'n »wilden Mann*. Mäusl. Warten wir nur erst auf meine Schwester — die »Anten« soll auch nicht schlecht, und billiger sein. Eduard (tritt mit einer eingerahmtcn Speise- karte rin). Hier ist die Speisekarte! Mättsl. Geben Sie hieher, das geht mich an. Degelm. und Gerstl. Erlauben Sie, das geht uns auck an. 12 Mausl. Ruhig, ich schaff' an! Gezahlt wird gemeinschaftlich. Degclm. Aber früher schauen wir die Preise an. Gerstl. Nur vorsichtig! Degelm. Teufel, ich Hab' meine Augengläser vergessen. Gcrstl. So werd' ich- Mäusl. Ich Hab' schon einmal g'sagt, das geht mich an. Degelm. Das heißt, insofernc wir miteinander. Gerstl. Freilich, wir sind — Mäusl. (laut). Schöpsen — Degelm. und Gerstl. Was? Mäusl. Schlögel! — Sapperment, der is g'schmalzen. Gerstl. Sie haben ihn gewöhnlich in einer Sauß'? Mäusl. Ich mein' ja den Tarif, sechzig .Kreuzer die Portion. Degelm. Da is er freilich g'schmalzen. Eduard. Befehlen vielleicht einen saftigen Lungenbraten? Gerstl. Nein, nir von Ochsenfieisch, Ochsen haben wir g'nug, ich möcht was Pikantes. Mäusl. Bringen Sie uns — (Hält sich plötzlich schmerzhaft die Seite.) Eduard. Sie haben — Mäusl. Manchmal Hab' ich's auch da! (Deutet auf die Brust)- Was rathen Sic mir? Eduard. Spermazet — Mäusl. (in den Tarif blickend). Das steht aber nicht darauf? Eduard (lächelnd). Nein das gehört auf die Brust und nicht in' Magen. Vielleicht wünschen die Herren ein Stück Melone ? Helene. Ach ja, bitte Melone! Eduard (schnell.) Also 1, 2. 3, 4 Stück. (Will ab.) Mäusl. Nein, fünf Stück! Eine Dame, meine Schwester, die Sie nicht sehen, die kommt noch. (Leise zu den Andern.) Aber erst wollen wir den Tarif Nachsehen. (Die Karte betrachtend.) Ein Schnitt Melone acht Kreuzer, das ist wirklich für eine Restauration ^ in Wien gar nicht theuer! Alle. Nein, sehr billig! Mäusl. Also fünf Mal Melone. (Eduard geht ab.) Was gibt's denn noch ! weiter? (Liest.) Lachs-Assietten? — Nir i Lares. (Liest.) Da Hab' ich schon was: j Chester, acht Krenzer. Gar nicht theuer! ^ Alle. Sehr billig! ; Mäusl. (liest). Butter, vier Kreuzer. Degelm. Fast so wie bei uns in Horn. Mäusl. (liest) Portion kleinen Rettig 6 kr.! Fabelhaft und jetzt wollen wir was für die Damen suchen. (Liest.) Da ist schon ^ was! Gemischtes Obst acht Kreuzer. ^ Schlagobers mit Zucker. i Alle. Ah, rein geschenkt! ' Degelm. Hab' ich eine Nase gehabt, daß ich Mts daher g'führt Hab — t Eduard. (bringt fünf Stück Melonen). Bitte, I hier sind die Melonen. — Haben die Herr- ! schasten vielleicht weiter ausgesucht? ^ Mäusl. Ja, bringen Sie uns drei Portionen Chester. Degelm. Fünfmal Butter! Gerstl. Drei Portionen kleinen Ret- z tig — Mäusl. Zweimal gemischtes Obst — Helene. Und dreimal Schlagobers ' mit Zucker. ! Eduard. Sehr wohl. (Ab.) Gerstl. Ich hab's schon im Stillen ausg'rechnet, was beiläufig die ganze Zech ausmacht. Einen Gulden neununddreißig 'j Kreuzer. ! Degelm. Merkwürdig! Fünf Perso- ! nen frühstücken in Wien sehr fein um einen 1 Gulden neunnnddreißig Kreuzer. ! Mäusl. Ist völlig a Schand! Ta müssen mir schon noch was aussnchen, daß es wenigstens zwei Gulden ausmacht. Gerstl. Versteht sich! Sonst blamiren wir uns ja vor dem Kellner. Eduard (bringt das Angrschaffte). Bitte, sehr feinen Chester! Ausgezeichnete Butter und Rettige, — ganz frisches Obst und 13 ganz galactometer-freies Obers. — Auch etwas zu trinken gefällig? Bordeaux? Degelm. Freilich, bringen Sie uns > em' Bisamberger. Mäusl. Warten Sie, junger Ganymed, vielleicht finden wir noch was zum Beißen. (Liest.) Conferenzstrudel, — bringen's so ein' z Conferenzstrudel und für die Herren da eine andere Leckerei! Was denn? Vanille a la erinoline? Das muß gut sein! Also brin- gens auch eine Vanille-Crinolin für fünf i Personen. i Eduard. Sehr wohl. (Bei Seite.) Was j nur das für Leute sein müssen? Curiose Passagiere! (Will ab.) Gerstl (rufend). Sie, Kellner, nur gut und ordentlich, liegt nir d'ran, was 's kost, wir haben vier Sparbüchsen zu verzehren. Mäusl. Lauter g'fundenes Geld! Eduard. Gefundenes Geld? Ja, was sind denn das für Vögel? Degelm. Sie, Herr Kellner, werd'n wir auf den Conferenzstrudel und dieVanille- Crinolin lang warten müssen? Eduard. Höchstens eine kleine halbe Ätund! (Kopfschüttelnd ab.) Mäusl. Eine halbe Stund'? Da könn- j ten wir ja indessen auf'n Stefansthurm j hinaussteigen? ^ Helene (schnell). Ach ja, auf'n Stefans- i thnrm! Gerstl. Das werden's uns net erlaub'n! Degelm. Warum denn nit? Er ist ja ichon ganz fertig, nur entrüstet ist er noch nicht! Gerstl. Ja, aber der junge Adler da j droben is noch zu leutscheu. Er is halt bös, weil's ihn öffentlich aufzogen hab'n! Helene. Da kommt die Tante! Alle. Endlich'. Vierte Scene. Vorige. Emerentia (ebenfalls in Reisekleidern, sehr echauffirt, sich ängstlich umschend, durch die Mitte). Helene (eilt aus sie zu). Aber Tantchen, wo warst Du denn so lange? Mein Gott, wie Du anssiehst! Einer, (sinkt aus einen Stuhl). Ach, wo Hab'ich denn meine Hoffmann'schen Tropfen! So, jetzt wird mir schon wieder besser. Mäusl. Aber Schwester, was hast Du denn? Warum denn so anfgerogen? Emer. Kinder, denkt euch, ein Mann hat mich verfolgt! Alle. Nicht möglich! Emer. Aus lauter Schüchternheit, wie ich schon bin, Hab' ich mich fortwährend nach ihm umgesehen, aber trotzdem hat er nicht nachg'lassen mir zu folgen, er hat mich da hereingeh'n seh n; o Himmel, wann er mir gar nachkommt, ich wär' des Todes! (Sinkt zurück.) Mäusl. Unsinn! Bis der Kellner das Uebrige bringt, wollen wir unsere Einkäufe Revue paffiren lassen. (Nimmt die Reisetasche.) Alle. Ja, ja, das ist sehr amüsant. (Stehen auf und kramen aus ihren Taschen Ringe, Armbänder rc. aus.) Eduard (in der Thür links erscheinend). Was machen's denn da? Mäusl. Kinder, da haben wir prächtige Geschäfte gemacht. Meine Schwester hat gleich zwei Zehncrlgewölber ausgeräumt. Gerstl. Ich Hab' auch hübsch z'samm- packt. Eduard (bei Seite). Was? ausgeräumt? z'sammpackt? Teure!! Degelm. Und jetzt wollen wir ehrlich theilcn! Eduard (bei Seite). Jetzt theilen's? Das sein' ja — — (Es klingelt.) Gleich. (Ab.) 14 Helene. UebrigenS wär's besser, Alles hübsch beisammen zu lassen, und das lieber zu Hause in aller Bequemlichkeit abzumachen. Mäusl. Za, ja, das Kind hat Recht, packt's ein, da kommt ohnehin der Wein! und Strudel und die Crinolin-Vanille! (Während sie Alles wieder einpacken, sind Eduard und Jean mit den bestellten Speisen eingctreten, dieselben servirend.) Einer, (zieht Mäusler nach vorne, die Andern zum Tisch) Bruder Polykarp, ich habe Dir was zu eröffnen. Mäusl. Aha, Du hast gewiß was im Waggon liegen gelassen? Emer. (verlegen). Nein, Bruder, ich weiß nicht, wie ich Dir's Vorbringen soll (mit Wärme) aber es muß einmal heraus, Du bist ja mein Bruder! Mäusl. Das ist ja schon was Uralts, daß Du meine Schwester bist! (Holt sich einen Strudel vom Tisch.) Emer. (mit Anstrengung). Polykarp, ich Hab' einen Fehltritt begangen. M äu s l. (behält vor Schreck das Stück Strudl im Mund). Du? Emer. Ich fühle es, daß ich Dich als Bruder hätte vorher um Erlaubniß fragen sollen. Mäusl. (ironisch). Freilich! Emer. Jenes junge Mädchen, von dem Du seit drei Vierteljahren täglich im »Fremdenblatt« die Heiratsannonce gelesen — Mäusl. Nun? Emer. Jenes junge Mädchen — — bin — ich- (Umarmt ihn verschämt.) Mäusl. Aber wie kannst Du nur so eine Reclame machen? Darauf beißt doch Keiner an! Emer. Lies den Brief, Polykarp, den ich gestern erhalten. (Gibt ihm einen Brief.) Mäusl. (lesend). »Mein Fräulein, ich habe was Sie wünschen. Ein Mann von Distinction. Morgen Vormittag am Graben das erste Begegnen.« Emer. Das ist heut'. Mäusl. (liest). »Seien Sie pünktlich und lassen Sie sich von Jemand aus ihrer Familie begleiten.« Da müssen wir ihm S doch anzeigen, daß wir schon in Wien z sind. ! Emer. Ich Hab' ihm noch gestern Nachts ^ unser heutiges Eintreffen telegrafirt, Polykarp, wirst Du mich bei diesem Schritt als Bruder nicht im Stich lassen und mich zu Hymens Rosenpfaden begleiten? Mäusl. Versteht sich! Wie leicht könnt' Dir allein was passiren? DegelM. (mit den Andern am Tisch fitzend). ! Na, was ist's denn? Denken die Zwei gar nicht mehr an's Essen? Die Melone ist famos! 1 Helene. Ja, Tantchen, sehr schmack- l Haft! s Emer. (seufzt). ! Helene. Sie seufzen, Tantchen? i Emer. Ah, Polykarp versteht mich i schon! Zwei Seelen und- Mäusl. Kein Gedanken! (Sieht nach der Uhr.) Schon eilf Uhr! Wie schnell in Wien die Zeit vergeht! Degelm. (mit vollen Backen). B sonders beim Essen! Wirklich delicat! Gerstl (mit vollen Backen). Die Vanille- Erinolin maliciös, meiner Sir! Mäusl. Jetzt wer'n wir zahl», daß wir weiter kommen. (Rust.) Kellner! Die Rechnung! Diel kaun's auf keinen Fall sein, denn 's ist Alles hier mythologisch billig! 4 Degelm. (schnalzend). Und delicat! Die- ^ ser Bisamberger, diese Blume! Ich versteh' k! mich auf die Blume als gelernter Vota I niker ! 1 Eduard (bringt die Rechnung) Bitte, hier ! ist die Rechnung! Mäusl. (die Rechnung nehmend), ^siebzehn Gulden neunzig Kreuzer. (Erschrocken aufspringend.) Was? Alle (m die Höhe fahrend). Siebzeh» Gulden neunzig Kreuzer? Mäusl. (vernichtet auf den Stuhl finkend) ! Das ist zu arg! Sie, Gerstl, Sie haben ja jblos Einen Gulden neununddreißig Kreuz" 15 herausgebracht? Sollen denn die Confe- renzstrudel so hoch kommen? Degelm. Ein einziges Frühstück Siebzehn Gulden neunzig Kreuzer'. Gerstl. I lasset mir noch die Kreuzer gefallen, wegen meiner, aber die Gulden — die siebzehn Gulden, die sind das Unverschämteste an der Rechnung. Degelm. (zu Eduard, der den Aussatz mit Essig und Oel auf den Tisch stellt). Was brin- gen's denn noch für Sachen? Das haben wir ja gar nicht ang'schafft! Eduard. Das sind die Essig- und Oel- flaschen, Salz und Paprika. Alle (energisch). Was Paprika! Wir wollen das aber nicht! Mäusl. Tragen Sie das nur wieder fort. Eduard. Aber die Gewürze kosten ja nir, die stehen ja umsonst zu Diensten. Alle (energisch). Nein, tragen Sie das wieder fort! Mäusl. Siebzehn Gulden neunzig Kreuzer! Er hat sich wohl gedacht, das sind Landtrotteln, die viel Geld haben, Ver- gnügungszug mitmachen, also wie die Eipeldauer Gäns gut zum Rupfen sind; er Schlingel von einem Kellner! Eduard. Mein Herr, erlauben Sie — Gerstl. So g'scheit wie Ihr in der Stadt sind wir in Horn auch, übrigens hat er keine dummen Bauern vor sich, verstanden! Degelm. Pst! Pst! Zu was denn die Streitigkeiten; die Speiskarten her! Eduard (überreicht sie). Hier, meine Herren! Degelm. (liest). Na also, da steht's ja ganz deutlich, eine Sckeibe Melone acht Kreuzer. Was schreibcn's denn hernach fünf Ltück gleich vier Gulden auf, Sie Grasel! Eduard. Bitte sehr, es stehen per Stück achtzig Kreuzer hier, die Einfassung des ^arifs hat sich über die Nullen geschoben, darum sieht's wie acht aus, belieben nur genauer zu sehen. Also fünf Stück zu acht- jlg Kreuzer macht vier Gulden. Alle. Ah, richtig, achtzig Kreuzer! Gerstl. Die verdammten Nullen! Mäusl. Was Null? Selber Null! Gerstl. Aber die fünf Portionen Butter machen bloß zwanzig Kreuzer und Sie rechnen zwei Gulden. Eduard. Bitte sehr, vierzig Kreuzer die ! Portion, macht bei fünf Portionen zwei Gulden. Ich sagte Ihnen ja, daß sich die Rahmen der Speisekarte über die Nullen geschoben hat. Alle (hinblickend). Wir sind geprellt. Degelm. Alle Nullen spielen Verste- ckerln mit uns. Mäusl. Die Banditenrcchnung zahlen wir nicht. Emer. Ich muß hinaus, frische Lust schöpfen. (Nimmt Hut und Mantille.) Helene (ebenso). Tantchen, ich begleite Dich! Mäusl. Geh' nur immer g'rad aus, Emerentia, Du weißt schon — ich komme gleich nach! (Die beiden Damen ab.) Eduard. Wenn Sie nicht zahlen, so werd' ich um die Polizei schicken. Mäusl. Thun Sie das! Eduard (zu Jean). Jean! Holen Sie einen Polizeidicner. Jean. Gur! (Ab.) Mäusl. (müthend). Polizeidiener! Wegen meiner die Artillerie auch noch! Wir bezahlen einmal von diesen siebzehn Gulden neunzig Kreuzer keinen Neukreuzer! Das wär' noch schöner! Mir liegt zwar nichts am Geld, o nein; aber die siebzehn Gulden neunzig Kreuzer geniren mich. Gerstl. So was is schon mehr Fopperei als Prellerei. Eduard. Meine Herren, Sie werden sich- Mäusl. (immer heftiger). Halten Sie's Maul, oder ich hau' Ihnen Eins in Ihre Danewerkphysiognomie, Sie Hader — Eduard (schnell). Was!! Mäusl. Sie Hadersfelder, Sie. (Plötzlich den Ton wendend.) WollenSie fünf Gulden nehmen, um diesem gastronomischen Con- flict ein Ende zu machen? Degelm. Fünf Gulden ist hinlänglich genug, is sogar nobel bezahlt! Der Confe- renzstrudel war ohnehin mehr Dalk als Strudel. Eduard. Das geht mich nichts an! Mäusl. (leise zu den Andern). Wir wollen jetzt thun, als ob wir geb'n, das wird ihn erweichen! (Nehmen ihre Hüte, Taschen und Packete, Mäus- ler seinen Regenschirm.) Jean (mit einem Polizeidiener). Da sind sie, sie wollen ihre Rechnung nicht bezahlen. Mäusl. Das heißt, wir wollen uns nicht wie Sckafe die Haut über die Ohren ziehen lassen. Degelm. (zum Kellner, drohend). Sie, Kellner, kommen Sie nur einmal nach Horn! Gerstl. Pier Gulden für so eine dalkete Melone! O Sie Kürbis! Polizeid. Zeigen Sie einmal die Speisekarte! Eduard (gibt sie ihm) Mäusl. Ja, ja, schauen Sie nur, Herr Stadtbeschirmer, die Nullen sind alle darauf versteckt, reine Graßlerei. (Grstikulirt mit dem Regenschirm, eine Taschenuhr fällt heraus — verdutzt.) Alle (verblüfft). Eine Sackuhr! Polizeid. (hebt sie auf). Wem gehört die Uhr? Mausl. Mir nicht! Degelm. und Gerstl. Mir auch nicht! Polizeid. (besieht die Uhr, bei Seite). Die Kette ist abgerissen, die Uhr ist sicher gestohlen. (Laut.) Wie kommt die Uhr in Ihren Regenschirm? Mäusl. Fragen Sie's! Wann's die Uhr nicht weiß, ich weiß kein Wort davon. Eduard (leise zum Polizeidiener). O, die haben noch mehr in ihren Taschen, untersuchen Sie's nur, ich hab's mit eigenen Augen g'sehen. Polizeid. (bei Seite). Schon möglich! Diese Uhr und dann ihre hartnäckige Zahlungsverweigerung der Rechnung — Alles sehr verdächtig! (Laut.) Vorwärts! — Alle Drei auf's Bureau! Gerstl. Auf welches Bureau? Polizeid. Auf's Polizeibureau! Alle Drei (erschrocken). Auf's Polizeibureau? Oho!! — Wieso? Polizeid. (zu Eduard). Und Sie mit ihrer Speisekarte kommen auch mit! Alle Drei (während der Polizeidiener zwischen Mäusler und Degelmeyer tritt, sehr kläglich) Also wirklich arretirt? (Sich gegenseitig anse- hend.) Ein schöner Vergnügungszug! Degelm. Die Unterhaltung in Wien fangt gut an! Mänsl. Hören Sie, edler Stadtbe- jchirmer, das wäre keine Gerechtigkeit. Degelm. Ganz Horn steht auf. wenn wir sitzen. Gerstl. Wir sind ja ganz unschuldige, harmlose Horner. Polizeid. Das wird sich schon auf dem Bureau zeigen! Vorwärts! Alle Drei (fingen parodirend die bekannte Melodie aus dem -»Lumpaci*: »Wir wollen lustig in die Stadt mar- schiren!) Schluss-Terzett. Und so thun sie uns jetzt arretiren, Statt daß wir in Wien uns amüsiren. Statt beim Volksfest z'sein, Sperr'ns uns gar jetzt ein, Is a schöne G'schicht' Daß am 's Herz fast bricht, Statt daß wir in Wien uns amüsiren Thun's — o Joseph —! uns jetzt arre- tiren. (Alle Drei komisch betrübt mit den Andern ab ) (Der Zwischenvorhang fällt.) 17 Drittes Bild. (Drei Herren, der erste Herr eine Sprechrolle. Eine Kanzlei mit Schreibtisch, Stühle, eine Bank. Seiten- und Mittelthüren.) Erste Scene. Scharfmann und der zweite Polizeidiener, drei Herren. Scharfm. (vortretend, die Acten in der Hand). Also, wie gesagt die Anmeldungen und diese Acten kommen in's Präsidialbureau. Aber geben Sie Acht, daß keine Verwechslung vorkommt, wie Sie uns gestern eine derartige Confusion machten. Zweiter Polizeid. Sehr wohl, Herr Commiffär! Scharfm. Nehmen Sie sich überhaupt ein bischen zusammen; Sie sind wohl erst seit vier Tagen hier zugetheilt, aber 's wird' schon geh'n, wenn sie gehörig aufpaffen. Zweiter Polizeid. Sehr wohl, Herr Commiffär. Scharfm. Bringen Sie mir vorerst frisches Wasser! (Polizeidieuer durch die Mitte ab.) Ein Kreuz mit den Leuten, — haben alle den besten Willen, aber begreifen so schwer, unbegreisiich! (Drei Herren treten ein.) Erster Herr. Guten Morgen! Kann ich den Herrn Obercommiffär sprechen? Scharfm. Er wird den Augenblick hier sein! Erster Herr. So werden Sie wohl erlauben, daß wir ihn hier erwarten? Scharfm. Bitte! Wünschen ihn die Herren in einer Commissionsangclegenheit zu sprechen, so könnte ich vielleicht — Erster Herr. Nein, nein, wir kommen von Preßburg, um ihn zu besuchen, ich bin sein Bruder! Scharfm. Sehr erfreut! Bitte, wollen die Herren indessen gefälligst in das Zim- Htattr-Strpiaoitt, Nr. mer treten; sobald Ihr Herr Bruder zurückkommt, werde ich Sie augenblicklich davon in Kenntniß setzen. (Hat die Seitenthür geöff- net, die drei Herren gehen, sich verneigend, ab. — Zum zweiten Polizeidiener, der mit einem Glas Wasser kommt.) Nun gehen Sie und melden Sie dem Herrn Obercommiffär, wenn Sie ihn noch im Präsidium finden, — daß soeben sein Herr Bruder mit zwei andern Herren aus Preßburg angekommen ist, und daß sie auf ihn hier warten. Zweiter Polizeid. Sehr wohl, Herr Commiffär! (Mitte ab.) Scharfm. (setzt sich). Für heute wäre Alles besorgt! Halt, Eines hätt' ich bald vergessen, ein Agent muß sogleich nach dem Bahnhof. (Ab.) Zweite Scene. Erster Polizeidiener, Mäusler, De- gelmayer, Gerstl, dann Scharfmann. Erster Polizeid. Nur herein, ohne Widerred', alle herein da! So und jetzt warten's, ich werd' gleich den Herrn Commiffär zur Verhandlung holen. (Links ab.) (Während dem find Mäusler, Degelmayer und Gerstl durch die Mitte eingetreten; sie legen ihre Sachen aus den Tisch.) Mäusl. (fich umsehend). Aber recht nobel hier, und so einfach, — wird eine hübsche Unterhaltung werd'n. Degelm. (kläglich). Warum sind wir in diese Restauration gangen, wo wir in eine solche Soß g'kommen sind. Gerstl. Statt daß wir heut' 's Volksfest mit abhalten, halten's uns jetzt selber fest. (Hitzig zu Mäusler.) Aber an dem ganzen Dergnügungszug sind nur Sie Schuld. Mäusl. Was kann denn ich dafür, daß in Wien Uhren in einem Regenschirm wachsen? Uebrigens werd' ich mit dem Commiffär schon reden, laßt's nur gut sein! Degelm. Ich will ihm die Geschichte 2 mit den vier Sparbüchsen auseinandersetzen. Gerstl. Und ich will ihm — Mäusl. Kinder, das geht nicht! Wir können nicht alle drei zu gleicher Zeit reden. Nur Einer kann der Wortführer sein, ich, meine Herren, werde uns schwunghaft vertreten. Still, der Eommiffär. Scharfm. stritt mit Papieren in der Hand ein und sieht sich die Anwesenden prüfend an). Drei Individuen also. Mäusl. (sich verneigend). 3a, drei Stück. Gehorsamer Diener, Herr Eommiffär. Scharfm. Setzen Sie sich! (Nimmt an dem Schreibtisch Platz und blickt in die Papiere.) Mäusl. Der Herr Eommiffär sind zu gütig. (Alle drei setzen sich auf die Bank.) Daß wir durch unsere Sechserln in Wien ein solches Bankgeschäft machen wer'n, hätr' ich nicht glaubt. Kinder, schaut's nur recht unbefangen drein, nur immer lächeln wie harmlose Leut', die sich gar nichts vorz'wer- fen haben. (Alle Drei lächeln.) Das ist bei einem Verhör die Hauptfach'. Scharfm. (aufblickend). Es handelt sich um eine Uhr, die bei Ihnen in einem Regenschirm gefunden wurde. (Sieht sie lächeln.) Warum lächeln Sie? Mäusl. (unbefangen). Weil wir ein gutes Gewissen haben. Rein und schuldlos, wie wir schon sind. Scharfm. Das wird sich finden. (Zu Mäusler.) Stehen Sie auf. (Alle Drei stehen auf; auf Mäusler deutend.) Sie, meine ich, die andern Zwei können sitzen bleiben! Wer sind Sie? Mäusl. (für sich). Soll ich ihm sagen, daß ich ein Eonservativer bin? Scharfm. Antworten Sie! Ich frage Sie, wo Sie Herkommen? Mäusl. Wir waren bei der Wachtpa- rade! So was ist unser Unterhaltung. Scharfm. Sind Sie vielleicht Beurlaubte? Mäusl. Ja, aber keine militärischen, wir haben uns selbst beurlaubt, um uns einige Tage in Wien zu unterhalten. Scharfm. Aber Sie sagten ja, Sir waren bei der Wachtparade! Mäusl. Nun ja, wir ließen sie ganz ungenirt aufzieh'n die Wachtparade, — wir haben nir dagegen g'habt. Ach! Scharfm. (bei Seite). Confuser Mensch! (Laut.) Sind Sie krank? Mäusl. Ja, manchmal Hab' ich's' die vier Sparbüchsen hier gewesen wären, hätten wir auf keinen Fall den Stockerauer- Hug um fünf Uhr fünfundzwanzig Minuten rn aller Früh gewählt! Gersil (geht zu Scharfmann, vertraulich) Das is auch der Grund, warum der Herr l! Isidor nicht mitkommen is. (Setzt sich.) Scharfm. Das gehört Alles nicht hie- her, — die Uhr? ^ Mäusl. (aufstehend). Wenn Sie mir erlauben wollen, Herr Secrelär — j Scharfm. (z» Mäusler). Setzen Sie sich. ? (Mäusler und Degelmayer setzen sich; zu Degel' Z mayer.) Aber steh'n Sie doch auf! Degelm. (steht aus). Scharfm. (zu Degelmayer). Fahren Sie z fort. s Degelm. (will ab). Ich werde mir gleich ^ einen Comfortable holen. i Scharfm. Was fällt Ihnen denn nicht j ein? ! Degelm. (umkehrend). Sie sagten ja: j »Fahren Sie fort.« Wissen Sie, Herr i Präsident, ich Hab z'erst gar nicht wollen, ' aber die Majorität, die heutzutag Alles . entscheidet, hat dafür g'stimmt, und so bin ^ ich jetzt in Gottes Namen hier ! Scharfm. (bei Seite). Der ist blödsinnig! (Laut.) Aus dem Allen geht hervor, ^ daß Sie keine Wiener sind? Mäusl. (steht aus). Nein, aber weit her s sind wir auch nicht, da bei Stockerau ! herum. Gersil. Aus Horn, schöne Gegend. Scharfm. (zu Mäusler). Setzen Sie sich! (Degelmayer setzt sich.) Sie sind also zum Besuch nach Wien gekommen? Degelm (aufstehend). Nein, Herr Präsident, wegen die vier Sparbüchsen. Mäusl. Um uns in Wien zu unter- ^ hatten. Gersil. Heut' beim Volksfest! Kommen wohl auch in' Prater, Herr Präsident? Degelm. Wird uns eine Ehre sein! MäuSl. D'rum sein wir in Wien! Scharfm. (zu Mäusler). Na, da Sie durchaus sprechen wollen, so versuchen sie's nochmals! (Zu Degelmayer.) Setzen Sie sich! s Mäusler und Degelmayer erheben sich; zu Mäusler.) Sie nicht, setzen Sie sich! (Zu Mäusler.) Stehen Sie auf! Mäusl. Ich, Herr Präsident? Ich bin ja schon — Scharfm. Ja, Sie. (Mäusler bleibt ste. hen, Degelmayer setzt sich). Wie ist die Uhr in Ihren Schirm gekommen? Mäusl. Genehmigen, Herr Secretär, vorerst mich Ihnen vorzustellen. Polykarp Mäusler, Oeconom und Feuerlösch-Com- missär in Horn. Degelm. (unterbrechend). Er hat unserm Marktflecken am Florianitag eine Spritzen g'schenkt. Mäusl. (stalz». Ja, Herr Präsident, ich Hab' etwas für mein Vaterland gethan. (Setzt sich.) Degelm. (unterbrechend). Erlauben, Herr Präsident, auch mir, mich Ihnen ergebenst vorstellen zu dürfen. (Verneigt sich.) Simon Degelmayer, Apotheker und Hausbesitzer mit Herrn Mäusler ebenfalls aus Horn, über die bewußte Uhr in vollständiger Un- kenntniß, noch unschuldiger fast wie ein neu- geborner Zwilling. Gerstl. (sieht aus). Ich bin Gerstl, auch ein Horner und Rent — Mäusl. (drückt ihn nieder, leise). Sein's doch still, Sie werd'n durch Ihr ewiges Dreinreden noch Alles verderben. Scharfm. (steht auf). Gut, setzen Sie sich wieder — (Alle setzen sich; bei Seite.) Die Menschen scheinen zu dumm, um gefährlich zu sein. (Laut.) Ich will Ihnen glauben, in einer Stunde sind Sie hoffentlich frei. Alle Drei (freudig). Frei! (Mäusler und Degelmayer stehen schnell aus. Gerstl, aus dem 8 * 20 äußersten. Ende der Bank fitzend, fällt mit de Bank zur Erde.) Scharfm. Geben Sie doch Acht! Setzen Sie sich! (Mäusler und Degelmayer wollen sich setzen und kommen dadurch, da die Bank umgestürzt ist, ebenfalls auf die Erde zu fitzen.) Mäusl. (zu den Andern). NllN, was Hab' ich g'sagt, ich reiß' uns Alle heraus! Nur den Gerstl sein vieles Reden, das hält' uns bald g'schad't. Scharfm. (klingelt, Polizeidienrr kommt). Ist der Kellner auch da? Erster Polizeid. Ja, Herr Commis- sär, er wartet d'raußen. Scharfm. Den hätt' ich beinah' vergessen — er muß doch als Zeuge vernommen werden. Er soll hereinkommen! Erster Polizeid. (durch die Mitte rufend). Sie, zur Commission! Dritte Scene. Vorige, Eduard. Scharfm. Treten Sie näher! Was haben Sie auszusagen? Eduard. Ich durchaus nichts, Herr Eommissär, ich bitt' bloß um Bezahlung meiner Rechnung. Scharfm. Was für eine Rechnung? Eduard. Nun. für das Gabelfrühstück, welches diese Herren sich zu bezahlen weigerten. Hier ist sie! (Gibt Scharfmann die Rechnung.) Mäusl. Siebzehn Gulden neunzig Kreuzer! Niemals! Scharfm. (lesend, bei Seite). Chester, Melonen, gemischtes Obst, so frühstücken doch keine einfachen Landleute. (Zu Mäusl.) Weshalb verweigern Sie die Bezahlung? Mäusl. Weil- Degelm. (einfallend). Das reiner Diebstahl ist, Herr Präsident. Eduard. Na. Sie, wann hier vom Diebstahl die Rede ist, geht das wenigstens nicht mich an, denn wann ich reden wollt', g'horsamer Diener! Alle. Was? Scharfm. (zu Eduard). WaswollenSie mit dieser Verdächtigung sagen; jetzt befehl' ich Ihnen zu reden! Eduard. Mein Gott, die Sache liegt ja auf der Hand — untersuchen der Herr Eommissär nur dort die Paquets, und Sir werden wissen, mit was für Leuten Sie zu thnn haben. Scharfm. (zum Polizeidiener). Geben Sie her! Mäusl. (staunend). Unsere Reisetaschen ? Gerstl. (ebenso). Unsere Effecten? Degelm. (ebenso). Was soll denn das heißen? Scharfm. (öffnet dieselbe). Eine Lorgnette, Armbänder — ein Fächer — Degelm. Nun ja, theils Einkäufe für Präsente, theils Aufträge, die wir gewissenhaft besorgten. Eduard (höhnisch). Freilich, daß i nel lach'! Einkäuf' so unter der Hand, nit wahr? (Macht Pantomime des Stehlens.) Mäusl. (wüthend). Ah, so was is z'arg! Gerstl. Zu was denn da noch viel Wort ? (Geht aus Eduard los und will ihm Eins versetzen, wobei ihm aus dem Rock eine kleine Handsäge fällt.) Erster Polizeid. (hebt sie auf und gibt sie Scharsmaun). Eine Säge? Gerstl. Die g'hört mir! Scharfm. Haben also gar Einbruchswerkzeuge bei sich? Mäusl. (zu Gerstl). Was aber Sie treiben! Zu was haben's denn die Sag g'kauft? Gerstl. Sie wissen ja, daß ich in freien Stunden Mechaniker bin! Degelm. Der Teure! hol' Ihre Mechanik! Jetzt steh'n wir frisch! Scharfm. (der leise mit dem Polizeidiener gesprochen, laut). Ich rathe Ihnen in Ihrem 21 ! eigenen Interesse, Alles offenherzig zu Z gesteh'«! 1 Mäusl. Niemals! Wir find ehrlich f und unbescholten, so wahr ich meinem Va- ^ terland eine Spritzen geschenkt Hab'. Ein ^ herzloser Dieb verschenkt keine Spritze. ^ Degelm. Wann der türkische Finanz- z minister so schuldlos wär', wie wir's find! Gerstl. Und mancher Genossenschaftsbruder so unbescholten, wie wir's sind! Alle drei (in einem Ton). Wär's ja eh' recht! Scharfm. Ruhe! Folgen Sie dem Sicherheitsorgane in's Nebenzimmer, ich werde Sie gleich wieder rufen lassen. Erster Polizeid. Vorwärts! (Alle Drei räsonnirend ab.) Vierte Scene. Scharfmann. Eduard. Scharfm. (fitzend). Sagen Sie nun, was Sie von diesen Leuten wissen. Um welche Zeit find sie zu Ihnen gekommen? Eduard. Bald nach 10 Uhr- ich Hab' just den Speiscsaal aufgeräumt, als ^ ich draußen auf der Straßen »halt's den Dieb,* »festhalten,« »net auslassen« rufen gehört Hab'. Scharfm. Aha! (Notirend.) Was weiter? Eduard. Gleich darauf sind diese Leute da wie b'sessen in den Speisesaal g'stürzt, i verlangten ein Gabelfrühstück und ließen dabei so was von g'fundenem Geld unter sich fallen. Scharfm. Die Sache klingt doch bedenklich! (Notirt.) Weiter! Eduard. Ein älteres Frauenzinnner war auch noch in ihrer Gesellschaft, die zu dem Einen geheimnißvoll etwas von einem ! begangenen Fehltritt fallen g'lasscn hat, ! darauf legten sie die Pretiosen auf den Tisch und der Chef der Bande sagte: »Sie hätten prächtige G'schäfte g'macht — seine Schwester hätt' zwei Zchnergewölber ausgeräumt und einer von ihnen hat gleich cing'standen, daß er auch g'nug z'samm- packt hat. Scharfm. Die Sache hat ihre Richtigkeit. Weiter! , Eduard. Na, und dann haben's flott d'rauf los gefrühstückt und z'gntcrletzt wollt' Keiner bezahlen; das ist Alles, Herr Com- missär. Scharfm. Sie können wieder gehn. Eduard. Hab' die Ehre, Herr Com- missär. (Geht verbeugend durch die Mitte ab.) Scharfm. (klingelt und ruft nach links). Amtsdiener! Lassen Sie die Leute wieder eintreten. Fünfte Scene. Scharfmann, Polizeidiener mit Mäusler, Degelmayer und Gerstl. (Don Seite links.) Alle Drei (sehr alterirt). Ah! Ah! So was ist unerhört! Das war noch nickt da! Scharfm. Was haben Sie denn? Mäusl. (sehr aufgeregt). Uns're Taschen ausleeren, — uns're Säcke umkehren, — in mir kehrt sich Alles um! Degelm.' Und Alles haben's uns con- fiscirt, unser Geld, uns're Uhren, unsere Brieftaschen, — als ob wir lauter aufwteg- lerische Zeitungen wären! Diese Schmach! Gerl. Wissen Sie, daß so etwas Verletzung des Eigerithumsrechtes ist— Scharfm. (seinen Ton ändernd). Ruhig! Keine Redensarten, ich kenne Euch schon. Ihr seid eine Spitzbubenbande, Gesellschaftsdiebe vom Land herein! Alle Drei. Wir?! Scharfm. Ruhe! Man wird Euch sogleich nach der Alservorstadt abführen — dort werdet Ihr schon gestehen, Ihr abgefeimten Spitzbuben! (Mit dem PoliMmrr links ab ) 22 Alle Drei (aufschreiend). Alservorstadt! MäuSl. (kläglich). Freies Logis! Gerstl (ebenso). Freie Kost! Degelm. (ebenso). Nur keine freie Luft! Sechste Scene. Mäusler, Degelmayer und Gerstl. MäuSl. Schwester Emerentia und mein armes Kind irren derweil am Graben als vater- und geschwisterlose Waisen herum, etwan werden's auch arretirt. Gerstl. Ich Hab' so ein' schön' Plan g'habt, der ist jetzt auch pfutsch. Degelm. Was für ein Plan? Gerstl. So was sagt man nicht eher, als bis man's ausg'führt hat. Mäusl. und Degelm. (halten ihm den Mund zu). Um's Himmels willen! Nur hier nir von Ausführ'n red'n. Degelm. Wann's gut geht, sitzen wir vielleicht schon in vierzehn Tagen in Stein. Mäusl. Etwan gar in Eisen! Gerstl. Und müssen Zündhülzelschach- terl machen! Schauerlich! Alle Drei. O Vergnügungszug! An Dich werden wir denken. Siebente Scene. Vorige, zweiter Polizeidiener, dann erster Herr. Zweiter Polizeid. (mit Schriften durch die Mitte eintretend). Aha, da sind's noch! sLaut, während die Drei bei seinem Anblick ängstlich aussprivgen.) Sie sind wohl die drei fremden Herren, die mit dem Herrn Com- miffär gesprochen haben? Mäusl. Ja leider! Zweiter Polizeid. (zn Mäusler) Alsdann, Ihr Herr Bruder, der Herr Ober- commissär, läßt Ihnen sagen — Mäusl. (staunend). Mein Bruder, der Herr Obercommiffär? Zweiter Polizeid. Nun ja, Sie find doch alle Drei heut' früh von Preßburg kommen? Degelm. und Gerstl (sich avsehend). Wie, von Preßburg? Mäusl. (schnell von einem Gedanken erfaßt, bei Seite). Ha, eine Idee! (Laut.) Ach ja, freilich mit'n Sechscrlzug; alsowaswünschen Sie mir denn eigentlich von meinem Bruder zu sagen, lieber Herr Stadtbc- schirm er? Zweiter Polizeid. Der Herr Obercommiffär läßt die Herren grüßen, er kann noch nicht abkommen und Sie möchten einstweilen in's »Winterbierhaus* gehen. Das ist gleich in der Nähe, da wird er Sie in einer Stunde abholen, der Herr Obercommiffär. Degelm (freudig). Geh'n! frei! Gehn! Gerstl (ebenso). Also sind wir unschuldig ? Mäusl. (hält ihm schnell den Mund zu). Pst! Reden Sie schon wieder d'rein? (Laut.) Schön! Da wollen wir gleich geh'n, oder wissen Sie was, sind Sie so gefällig, und lassen Sie uns einen komfortable kommen, wir sind hier fremd! Zweiter Polizeid. Könnten sich leicht vergeh'n, weiß schon! (Bei Seite.) Dem Herrn Obercommiffär sein Bruder! — — (Laut.) Da werd' ich den Wagen selber besorgen. (Schnell durch die Mitte ab.) Mäusl. (freudig). Kinder, merkt Ihr was? Degelm. und Gerstl. Nein, was denn? Mäusl. Herrgott, seid's ihr Horner verhornt. Erster Herr (schnell von rechts). Ist meinBruder, der Herr Obercommiffär, noch nicht da? (Die Drei bemerkend.) Ach, entschuldigen Sie, meine Herren, ich glaubte der Herr Commiffär- Mäusl. (schnell). Ihr Herr Bmder, der Herr Obercommiffär hat soeben sagen lassen, daß er in spätestens zehn Minuten hier sein 23 wird! — So lang' möchten Sie sich noch da berin gedulden! Erster Herr. Schön! Ich dankeIhnen! (Zur Seite rechts ab.) Mäusl. Na, Kinder, merkt Ihr noch nir?Hi! Das war Hilf' in der Noth! Wir gehn als Verkannte frei heraus, und die Drei da d'rin bleiben für uns d'rin sitzen. Jetzt aber schauen wir, daß wir noch bei gutem Wind in's Weite kommen. (Wersen jubelnd ihre Hüte in die Höh' und tanzen schnell in einander verschlungen durch die Mitte ab.) (Der Zwischenvorhaug fällt) Viertes Bild. (Elegantes Zimmer bei Sportel, mit Mittel- und rechts und links mehreren Sritenthüren. Vorne links ein Schreibtisch, daraus ein großes Ein- ichrribbuch, nebm dem Tische ein Fauteuil, rechts ein Fenster, vor demselben ein kleiner Divan.) Erste Scene. Adam, dann Felir Sportel. Adam (ordnet die Zeitungen und Briefe auf dem Tische und liest dabei in den Zeitungen, dann die Briefe zurechtlegend). Die Masse Brief! meistens lauter EH'standScandida- ten, sogar aus der Provinz! — Ja, mein Herr is ein Mordkampel! Nobel und schmutzig, wie er's g'rad' braucht! Was hat der schon für Unheil, will ich sagen für Ehen g'stift — und von jeder Mitgift fünf Procent, das is a G'schäft! Sport, (äußerst geschäftig, in sehr elegantem Schlafrock, aus der ersten Thür rechts). Was Neues, Adam? Adam (die Briefe übergebend). Hier, diese Briefe! Sport, (mehrere Briefe öffnend). Niemand hier gewesen? Adam. Nein, Herr von Sportel! — Aber halt, daß ich nit vergiß, der Herr von Purzbichler laßt Ihnen sagen, daß er um den Preis in Ihren Salon nicht mehr sta- tiren kann. Sport. Warum denn nicht? Adam. Er verlangt Zulag' — unter zwei Gulden will er nicht mehr mitthun. Sport. Ein unverschämter Kerl! Ein Gulden siebzig Kreuzer und ein paar Glacehandschuh wären doch genug. Adam. Er sagt, es kost' ihm selber mehr. Sport. Lächerlich! Um diesen Preis kann ich den schönsten Dandy kriegen. Adam. Das Hab' ich auch g'sagt. Sport. Ich verlier' ihn wirklich ungern, diesen Purzbichler, er ist zwar nur ein Schneiderg'sell, aber man hat ihn oft für einen Attache g'halten. In seinem Gesicht liegt so ein gewisses Etwas, seine Tonrnüre hat so was Elegantes, jede seiner Bewegungen war so geschmeidig, rein Gutta Percha. Kurzum, Purzbichler war der Stolz meiner Kränzchen, und jetzt will der Kerl ausblcibcn. Adam. Kränken's Ihnen nit, Herr von Sportel, er hat mir versprochen einen Stellvertreter zn schicken, zwar ein bisserl älter als er, aber es soll auch ein comfortäbler Mensch sein. (Es klingelt ) Sport. Adam, mach' auf, vielleicht is das schon der purzbichlerische Stellvertreter. Adam (im Abgehen). Kann schon sein, Herr von Sportel! (Durch dir Mitte ab.) Sport, (liest einen Brief). »Geehrter Herr! Es war mir gestern unmöglich, zur festgesetzten Stunde einzutreffen. Heut' bin ich pünktlich um eilf Uhr mit Familie bei Ihnen. Ihre Dienerin Renzi Mäusler.« (Laut.) Na, endlich kommt sie doch! Jung, blühend, zwanzigtansend Gulden Aussteuer, gibt wieder nette Procent! Wie war doch gleich ihre eigenhändige Selbstbeschreibung? (Kramt unter drn Papieren.) Ah hier! (Liest.) Sanfte Melancholie, gepaart mit kindlichem Frohsinn, glänzt in meinen Augen, habe ein ungeziertes, nobles Aire und einen 24 überaus sanften, außerordentlich hingehenden Charakter. Adam (durch die Mitte). Herr von Sportel, ein fremder Herr wünscht Sie zu sprechen. Sport. Laß ihn eintreten, ich mache indessen Toilette. (Links, erste Thür ab.) Adam (durch die Mitte rufend). Bitte einzutreten. (Links ab.) Zweite Scene. Mäusler, dann Sportel und Adam. Mäusl. (durch die Mitte). Herrgott, kracht mir der Magen z aufdem Polizeibureau liegt unser ganzes Geld, und was meine Schwester noch bei sich g'habt hat, ist schon d'rauf gangen! Wann nur der Herr Isidor, mein zukünftiger Schwiegersohn, bald antwortet, ich Hab' ihm telegraphirt, daß wir ohne ihn gar nicht wieder z'ruckreisen können. Wir wohnen freilich in einem honetten Gasthof — beim »goldenen Brunnen* — aber wir tränten uns nir geben zu lassen, weil wir alle Fünfe keinen Knopf Geld haben. Adam (von links). Der Herr von Sportel wird sogleich die Ehre haben. (Auf einen Stuhl deutend.) Bitte, Sie können ja sitzen. (Durch die Mitte ab.) Mäusl. (erschrocken). Sitzen? Was soll diese Anspielung? Sollte er eine Ahnung haben? O Gott! Wenn wir nur schon über Stockerau draußen wären! In meinem ganzen Leben keinen Vergnügungszug mehr! (Simulirrnd.) Aber was sag' ich denn jetzt diesem Heiratsagenten eigentlich? Die Emerentia hat mich gebeten, erst ein bisserl zu recognosciren, denn so was ist doch immer eine heikliche Sache, — na ja! Sport, (von links). Gehorsamer Diener, mein Herr; Sie wünschen? Mäusl. (verlegen). Ich wollt'eigentlich gar nir! Ich nicht! Eigentlich komm' ich für jemand Andern. Sport. Aha, ich weiß schon! (Leise.) Purzbichler's Stellvertreter. (Laut.) Kommen Sie her, ich muß Sie erst näher untersuchen. Mäusl. (verdutzt). Was? Sport, (dreht Mäusler wiederholt um). Lassen Sie sich einmal ordentlich ansehen! So drehen! So! Hm! Freilich schon etwas alt! Mäusl. (wie oben). 3a, aber- Sport. Sie wollen sagen, daß mir eigentlich ein gesetzter Mann noch viel lieber sein kann, ganz recht, ich brauche einen Onkel! Aber, bester Freund, da fehlt ja ein Knopf an Ihrem Frack, das darf doch nicht Vorkommen, Sie müssen nicht so schlampen sein! Mäusl. (wie oben). Wenn ich nur wüßte — Sport. Lassen Sie sich gleich draußen einen annähen. Uebrigens Hab' ich wohl nicht erst nöthig, Zhnen ein anständiges Benehmen zn empfehlen, wäre mir sehr unangenehm, wenn ich Sie über etwas repre- mantiren müßte. (Gibt ihm ein Paar Handschuhe.) Da haben Sie gleich Ihre Hand- schuhe! Mäusl. (verwundert). Handschuhe? Sport. Geben Sie aber Acht, Sie müssen für zweimal aus halten, ziehen Sie immer nur einen an, und behalten Sie den andern in der Hand, damit schlenkern Sie so! (Gibt ihm Geld.) Und da haben Sie einen Gulden siebzig Kreuzer. Mäusl. (erfreut). Ein' Gulden siebzig Kreuzer! Sport. Die Herren ein' Gulden siebzig Kreuzer, die Damen ein' Gulden! Mehr gebe ich nie! Das ist mein Satz! Mäusl. (steckt das Geld ein). Na, wenn's Ihr Satz ist, dann schlenkre ich für ein' Gulden und so viel Kreuzer was Zeug halt. (Schlenkert mit dem Handschuh.) Sport. Dem Purzbichler können Sie sagen, daß ich mit ihm zufrieden bin. Mäusl. (mit dem Handschuh schlenkernd) Wer ist denn der Purzbichler? Vierte Scene. Sport. Nun, Ihr Freund! Mäusl. (wie oben). Ich kenne ja gar keinen Purzbichler! Sport. Nicht! Aber wer hat Sie denn hergeschickt? Mäusl Ich komme ja wegen einem Zeitungsinserat, wegen einem Heiratsantrag! Sport. O, da bitt' ich tausendmal um Entschuldigung! Ich hielt Sie für einen meiner Salonausfüller! (Ihm schnell die Handschuhe nehmend.) Geben Sie mir auch meinen Gulden siebzig Kreuzer zurück. Mäusl. (bestimmt). Nein, diese Summe kann ich momentan nicht entbehren, (ßs klingelt.) Sport. Wieder Jemand! Bitte, wenn's gefällig ist, gehen wir da in's Nebenzimmer. Mäusl. (ihm den Arm gebend). Mit Vergnügen. (Bei Seite.) Ich darf mich so nicht viel sehen lassen. (Beide links ab.) Dritte Scene. Gerstl und Adam (durch die Mitte). Gerstl. Wissen s, das Ganze soll vorderhand noch ein Geheimniß bleiben! Ich Hab' nämlich schon seit drei Jahren in der Zeitung Ihre Annonce g'lesen, in der es heißt: »daß ein junges Mädchen mit zwanzigtausend Gulden« und weil ich jetzt in Wien bin- Adam. Ah, Verstehen s, treten's derweil gefälligst in dieses Zimmer da! (Oeffnet ihm die Seitenthür rechts.) Ich werd' Sie gleich dem Herrn von Sportel melden. (Links ab, kommt dann gleich wieder zurück und geht durch die Mitte ab.) Gerstl. Herrn von Sportel melden? Also war das bloß sein Bedienter? Und der Kerl laßt mich da meine ganze G'schicht' erzähl'n, ohne was zu sagen! Wirklich unverschämt. (Rechts ab.) Sportel, dann Scharfmann. Sport, (von links kommend!, spricht zurück). Sie entschuldigen mich wohl einen Augenblick, ich komme sogleich zurück! (Will nach links über die Bühne, a tempo kommt Scharsmann durch die Mitte.) Ah, Herr vonScharf- mann! Scharf. Servus, lieber Sportel. Sport. Was verschafft mir die Ehre? Scharfm. Haben Sie keinen verläßlichen Burschen für mich? Sport. Ein ganzes Dutzend! Bitte nur eine geeignete Auswahl zu treffen! Scharfm. Ihre Geschäfte gehen noch immer gut? Sport. Gott sei Dank! brillant! Der Herr von Scharfmann befindet sich? Na. wie sonst als gut! Werden alleweil jünger! (Während beide im Vordergrund sprechen, kommt Mäusler von links und Gerstl von rechts herein, als sie Scharfmann erblicken, eilen sie höchst erschrocken wieder ab.) Scharfm. Ah was, gut ausseh'n! Ich habe Aergcr genug! Sind mir durch einen unglücklichen Zufall drei gefährliche Spitzbuben entmischt, und der Bruder meines Obercommiffärs sitzt dafür mit zwei Freunden drei Stunden, ehe der Jrrthum bekannt wird. Unsereiner hat auch seinen Kopf voll, glauben Sie mir! Sport. Sie müssen heiraten, Herr von Tcharfmann! Scharfm. Ich heiraten? Sport. Ja wohl! ich werde Ihnen etwas Paffendes aussucken, und finde ich Eine so mit fünf-, sechstausend Gulden, die heiraten Sie dann stracks vom Fleck weg, was? Scharfm. (schmunzelnd). Hm, hm, ja fünf-, sechstausend Gulden, wenn sie sonst gut ist, es ist ja Unsinn! Besorgen Sie mir vorerst den Burschen, er kann sogleich 26 seinen Dienst antreten. Na und die Braut mit den fünf-, sechstausend Gulden, die lassen wir dem Zufall über. Adieu, lieber Sportel! (Ab.) Fünfte Scene. Sportel, Helene (durch die Mitte). Helene. Ihre Dienerin, mein Herr, entschuldigen Sie, aber mein Herr Vater sagte mir — Sportel (unterbrechend). Ich weiß, was Sie sagen wollen, bitte einen Augenblick. (Schreibt ins große Buch). So — — Sie sind Nr. 7777! Helene (erstaunt). Wie? Sport. Apropos, haben Sie Geld? Helene. Ob ich Geld habe? Sport. Na ja, Geld! Nur ein Frauenzimmer mit Geld hat Geltung! Also wie viel Mitgift haben Sie? Das ist die Hauptsache, obwohl eine Frau selten ohne Gift ist! Also Ihre Mitgift? Helene (bei Seite). Ein impertinenter Mensch! Na wart, Dich werd' ich- (Laut.) Einhundertzwanzigtausend Gulden! Sport, (erstaunt). Wa — was? Helene (ironisch). Ist Ihnen das noch nicht genug? Dann habe ich hundertscch- zigtauscnd Gulden. Sport. Hundertsechzigtausend Gulden. (Zhre Hand fassend.) Sie sind verheiratet? Helene. Wie? Sport. Ich sage Ihnen hiermit, daß Sie verheiratet sind! Wollen Sie einen Brünetten, einen Blonden oder einen ganz S chwarzen ? Für hundertsechzigtausend Gulden können Sie frei die Farbe wählen. Ganz nach Geschmack; Himmel, da vergeß' ich ganz den fremden Herrn, der mich zu sprechen wünscht! Bitte, mein Fräulein, treten Sie gefälligst in diesen Salon, ich stebe sogleich wieder zu Ihrer Verfügung! (Schiebt sie zur Thür rechts und eilt dann schnell ab.) Mäusl. (von links, ficht sich überall ängstlich um). Mir war zuvor, als ob ich von rückwärts den Herrn Secretär sein G'sicht hält' erkannt, der ging mir jetzt g'rad' noch ab. Jetzt will ich nur schnell meine Schwester hol'n, so dauert die G'schicht noch eine Ewigkeit, bis die fertig wird. Aber das muß man sagen, in Wien ist's doch sehr angenehm, und was es da Alles gibt (spricht mehr gegen das Publicum gewendet) z. P. Ge- meinderathsitzungen und Stunden der Täuschung! — Festbanketts und Sodawasser, ConcerteundAssecuranzen, Comfortäble und Vergleichsverfahren, das öfters auch sehr comfortäble is,—Nationalbank und Armenhaus, Bors' und Tandelmarkt, Maulkörbl und Preßproceß, Maskenball und Narrenthurm, Volkstheater und Waselhaus, Kreditanstalt und Schuldenarrest, Wällischc Oper und Singspielhallen rc. rc., kurzum. Wien hat Alles das, was wir bei uns in Horn nicht haben! Jetzt wann erst die Wiener Alles das hätten, was sie net hab'n, g'horsamer Diener. Das wäre eine Vivate- rei! Uebrigens is's so auch recht gemüthlich und angenehm in Wien. Ich weiß das, wie ich mich voriges Jahr in G'schäftsangele- genheiten ein paar Tage in Wien Hab' aufhalten müssen, was ich da Hab' alles Angenehmes erlebt und beobachtet. Couplet. I. In Wien is das Wetter gewiß eine Pracht, Besonders im Mai, wann der Frühling erwacht; Da is ja der Himmel so blau und so mild, Daß d'Leut fahren im Prater in Pelz fest cing'hüllt. Im Juni und Juli heizt man bloß dann und wann ein. (Mit dummpfiffiger Mieoe.) Na, kann außer Wien wo eine mildere Luft sein? a mild're Lust sein? 27 2. 5. Die Häuser am Ring stehn gedrängt aneinand', Hab'n bloß lauter Fenster und gar keine Wand. Fünf Stock hoch rag'ns alle zum Himmel hinan, Statt Ranchfäng' gar bringen's Photographen ob'nan, Und kaum fitzt der Dachstuhl, geht 's neue Haus ein, Na, kann außer Wien so a Bauerei sein? so a Bauerci sein? Kommt Eins um was ein, muß's ein Zeugniß beigebn, Daß er thut von nir als von Erdäpfeln leb'n. Der Hausmeister muß auch sogar unter- schreib'n, Daß der, wann er stirbt, muß die Leich' schuldig bleib'n. Dann kriegt er zur Aushilf zwei Gulden, o mein — Na, kann's außer Wien wo zum Fetter werd'n sein? zum Fetter werd'n sein? 3. Und 's Leben is weit billiger als in Paris, Der Adam hat g'lebt nicht so im Paradies, Im Thiergarten is bloß fünfzig Kreuzer Entree, Siebzig Kreuzer ein Schnitzel und vierz'g der Kaffee. Die armen Bar'n futtern's mit Aktien allein, Na, kann's außer Wien noch wo billiger sein? wo billiger sein? 6. Sehr freundliche Damen in Wien pro- meniren, Die wie d'Frau von Putiphar gern ko- kettiren, Weil's aber die Damen sehr streng cou- troliren, -Könnt's selbst der Lucretia am Graben pafsiren, Daß man als Sirene sie hetscherlt mit ein! Na, kann's außer Wien no solider wo sein? no solider wo sein? 4. Die Damenhüt' schau'n jetzt in Wien g'rad so aus, Als wär' jeder Hut ein botanisches Haus. Und zwischen dem Pflanzcnwerk in so ein Bibi Springt um noch ein Aff' aus der Menagerie! Mit Schleppkleider kehren 's Trottoir sauber rein. Na, kann außer Wien wo a schön're Mod' sein? a schön're Mod' sein? 7. Führn's Einen hinaus zu der Spinnerin am Kreuz, Hat für g'wiffe Leut das ein' eigenen Reiz, Ein Ied's möcht' vom Strick ein klein's Stück ! hamtrag'n, Weil das halt ein Talisman, wie die Leut' sag'n, D'rauf wird in d'Lott'rie gleich der G'hängte g'setzt h'nein. Na, kann's außer Wien no wo auf'klärter sein? wo auf'klärter sein? 28 8 . Bald hängen's a Brucken wo z'hoch und bald z'tief, Daß d'runter kaum durchkann mit Kal- beln a Schiff. Und steht unterm Wasser d'Lcpoldstadt beinah, Sein's gleich mit die Schragn schön langsam auch da, Und bis dieSchrag'n aufstell'n, rinnt die Donau schon h'rein — Na, kann außer Wien so a Vorsicht wo sein? so a Vorsicht wo sein? 9. In Wien muß man sagen, is die G'fäl- ligkeit z'haus, Geht einem z. B. s'Zigarrl g'rad aus Und red't man am Graben um Feuer Ein' an, So sagt gleich sehr höflich der biedere Mann (Grob.) »A Feuer wolln's haben, stecken's Zünd- hölzeln ein!« Na, kann außer Wien wo mehr G'fallig» keit sein? mehr G'fälligkeit sein? 10 . D'Vergnügungszüg' sein jetzt nach Wien sehr modern, Alls Nürnberg, Berlin — gar aus Pest kommeu's gern, Am Bahnhof wird herzlich gleich frater- nisirt Und beim »Sperl*, wo Alles fest illu- minirt, Halt Einer a Red', aber s'fallt ihm nir ein. Na, kann außer Wien so a Festredner sein? so a Festredner sein? II. Ein Schuster beim Heurigen stellt seinen Mann, Und zecht sammt sein' Weib sich cm Haarbeutel an; Ein Schneider neben ihm, seine Köchin am Arm, Dem macht nebst der Lieb' noch der Heurige warm! Bums, raufen's und schlagen's dieCylin- der sich ein, Na, kann's außerWien wo gemüthlicher sein? wo gemüthlicher sein? (Ab.) Siebente Scene. Sportel und Gerstl (aus der ersten Thür rechts), dann Adam (durch die Mitte). Sport. Ich bin jetzt geradem der glücklichen Lage, sehr gute Partien auf dem Lager zu haben. Ich lasse Ihnen freie Wahl. Gerstl. Mich int'reffirt nur Eine! Seit drei Vierteljahren les ich täglich im Frem- denblatt eineZwanzigtausendpfündige, nein, Zwanzigtausendguldige. Sport. Aha! Die kann ich aber nur mit zehn Procent von der Mitgift an den Mann geben, 's ist eine blühende Schönheit. Gerstl. Also war's schon bei Ihnen? Sport. Das noch nicht, aber ich habe ihren Steckbrief, will sagen, ihre Selbstbeschreibung, und übrigens muß sie jeden Augenblick kommen. Adam (durch die Mitte, meldend). Ein Herr und eine Dame! Sport. Schön! (Adam ab.) Bitte, treten Sie einen Augenblick in jenes Zimmer zurück. Wahrscheinlich brirrgen wir heute Vormittag noch Alles in Ordnung. 29 Gerstl. Gut! Aber laffen's mich nicht zu lang warten. (Geht in die erste Seitenthür rechts ab.) Achte Scene. Sportel, Mäusler und Emerentia. Sport, (die Mittelthür öffnend). 3sts gefällig? Bitte! Mäusl. (mit Emerentia eintretend). Na , da wären wir also! Emer. (verschämt). Ganz ergebenste Dienerin. Sport. Sehr erfreut! (Emerentia betrachtend, bei Seite.) Vermuthlich die Mama. (Laut.) Wo ist denn das junge Fräulein? Mäusl. Welches junge Fräulein? Sport. Nun, die schöne Renzi. wie sich das Fräulein in ihren Briefen nannte. Emer. (die Augen niederschlagend). Diebin ich! Sport, (enttäuscht, bei Seite). Pfui Teufel! Die is schon mehr ranzi als Renzi! Emer. Wie meinen Sie? Sport. Ah nir, gar nir. Mäusl. (der Sportel von der Seile betrachtet hat). Mir scheint, wir werd'n gleich wieder geh'n können. (Zu Sportel tretend.) Sagen Sie offen und ehrlich, Herr von Sportel, Sie hoffet» da wohl auf keine Sporteln, Han? Sport, (graziös). O, o, ich bitte Sie! (Leise.) Zwanzigtausend Gulden! (Laut.) Das Fräulein ist ja reizend, es muß ja nicht immer gelenzr sein, ein schöner Herbst ist ja auch sehr angenehm. Mäusl. Da herbstelt's aber halt schon stark. Sport, (leise). Sprechen Sie nicht so laut. Mäusl. (naiv). Würden Sie's heiraten? Sagen Sie's aufrichtig! Emer. (welche ihre etwas übertriebene elegante Toilette vor einem Spiegel cokttt raugirte. ist nun näher getreten). Wovon sprichst Du, lieber Bruder? Sport, (zu Emerentia). Von Ihrer bevorstehenden Verbindung mit dem Manne Ihrer Wahl. Mäusl. (zu Sportel). Ist vielleicht der Unglückliche hier in der Nähe? Sport, (zu Emerentia). Wenn Fräulein es wünschen, stelle ich Ihnen den projcctir- ten Ehegesponsen sogleich vor. Wenn es Ihnen recht ist, lassen wir die beiden jungen Leute einen Augenblick allein. Mäusl. Freilich, gehen wir!. Der Anblick zweier Liebenden ist zwar ein Anblick für Götter, — wie Goethe in Jffland sagt — wir Zwei sind aber Gott sei Dank keine Götter. Sport. Bitte nur einstweilen in's Vorzimmer zu geh'n. (Mäusler durch dir Mitte, Spottet durch die erste Seitmthür rechts ab.) Neunte Scene. Emerentia, dann Gerstl, später Sportel und Mäusler. Emer. (setzt sich auf's Sopha links). Der Augenblick naht, wo ich ihn von Angesicht zu Angesicht sehen soll. Wie er wohl aus- sehen mag? Eine große blühend ritterliche Gestalt mit schwarzem Bart und feurigen Augen! Ach, wenn er gar eine Uniform traget! Es geht nir über eine Uniform. D'rum eff' ich die Erdäpfel so gern', weil die auch eine Montur haben. Ein Mann in Uniform, das wäre himmlisch! (Spielt mit dem Fächer.) Gerstl. (aus der ersten Thür rechts, mit Spotte!, der auf Emerentia zeigt ^ und durch die Mitte ab geht). Mir wird auf einmal so gewiß, so curios, so hasenherzig, wenn ich ihr nur g'fall'. Emer. Mir ist, als höret ich schon seine süße, lohengrinartige Stimme! — Nur Courage! (Drehen sich um, erblicken sich und rufen zugleich^ 30 Gerstl. l Emerentia! Emer. j Gerstl! Emer. Sic hier? Sie kennen also Herrn von Sportel! Gerstl (verlegen). Ja, 's ist ein alter Freund von mir, schon mehr Spezi als Freund. Sport, (durch die Mitte, gefolgt von Münster, der im Hintergründe stehen bleibt, tritt vor ihn und stellt sich lächelnd zwischen beide). Na, was sagen's denn da dazu? (Zu Emerentia.) Da ist er! (Zu Gerstl.) Da ist sie. Emer. ) . ,.. ,. . . Der! G-rtzl j c.u->nch..-!ch-°ckn» Di«, Mäusl. Das geht gut! (Vortretend, während Emerentia links und Gerstl rechts auf einen Stuhl finken.) Die Zwei haben sic miteinander verheiraten wollen? Hahaha! Dazu haben wir g'rad' Ihnen braucht. Wir Drei sviel'n ja schon seit fünfzehn Jahren alle Tag Whist mit einander. Nein, nein! Hahaha! Das ist zu dumm! Reisen die Zwei ertra nach Wien, um sich kennen zu lernen! Gerstl (sich langsam erholend). Also darum Vergnügungszügler, um als Souvenir de Vienne ein' alte Schachtel heimzubringen? Emer. (ebenso). Komm', Bruder. Sport. Aber so warten Sie doch! — nur nicht gleich so eilig! Ich Hab' ja noch etwas Besseres, der Herr, wegen dem ich Zhnen geschrieben, — schöner Mann — hohe Stellung — er ist hier in Wien! Emer. (schnell sich aufrichtrnd). Wo?! Sport. Er war eben erst hier, ich werde gleich meinen Adam um ihn schicken und ihn von Ihrem Dasein in Kenntniß setzen lassen. In fünf Minuten wird er hier sein, auf den Flügeln der Liebe und Ihnen Herz und Hand zu Füßen legen. Gleich sollen Sie ihn haben. (Eilt durch die Mitte ab.) Emer. Hören Sie, Herr von Sportel! Noch ein Wort! (Hill ihm nach.) Zehnte Scene. Mäusler, Gerstl, Helene, dann De- gelmayer. Helene (von rechts). Ah, da bist Du ja, Vater! Sag' mir nur um's Himmels willen, wo sind wir denn da hingerathen? Mäusl. Mir scheint, mein Kind, in eine Privat-Jrrenanstalt. Gerstl. Ich Hab' schon die Unterhaltungen in Wien bis daher. (Aus den Hals zri- gend.) Degelm. (durch die Mitte). Na, da seid Ihr ja. Hat's Stubenmadl »zum golde- nenBrunnen« doch Recht g'habt, daßich euch hier treffen werde, weil Sie im Hotel die Post Hintersassen haben, wenn der Herr von Isidor noch ankommen sollt, ihn gleich daher zum Herrn von Sportel zu schicken. Mäusl. Wenn Sie früher kommen, wären — Gerstl. Beim Z hausfahren werd' ich Ihnen die G schickt' erzählen, jetzt schau'n wir, daß wir um ein Haus weiter kommen. Helene. Aber Isidor sollten wir doch abwarten. Mäusl. Versteht sich, sonst geh'n wir für einand', und ich Hab' kein Knopf Geld! Helene. Ick hole nur mein Tuck. (Zweite Thür rechts ab.) Eilfte Scene. Vorige. Emerentia, dann Sportel mit Scharfmann. Emer. (sehr bewegt). Ach, Polykarp! Bruder! Ich bin so aufgeregt, bald werd' ich ihn seh'n, ihn, den Mann meiner freien Wahl! Mäusl. Din sehr neugierig, das arme Opferlamm kennen zu lernen. (Blickt nach der Mitte, steht Sportel mit Scharsmauu eiutreteu; 31 erschrocken.) Himmel! Der Gerichtsactuar! Jetzt ist's aus mit uns. (Sinkt auf's Sopha mit dem Rücken gegen die Eintrrtmden gewendet.) Gerstl und Degelm. (sehen sich um). O Himmel! Die Alservorstadt winkt uns schon. (Gruppiren sich seitwärts mit dem Rücken gegen Scharsmann.) Sport, (zu Scharsmann). Nur Eourage, da ist sie! Scharfm. (der Emerentia nur von rückwärts sieht). Ueppige Formen, ich liebe das! Sport, (vortretend). Mein Fräulein, Herr von Scharfmann brennt vor Sehnsucht, sie näher kennen zu lernen. Ich lasse Sie allein. (Ab) .! Einer, (einen Schrei ausstoßend). Ihr Götter — eine Uniform. Scharfm. (galant). Mein Fräulein! Einer. O Gott! Sie sind so stürmisch! Scharfm. (sich ihr nähernd und ihr dabei aufs Kleid tretend, wobei er etwas stolpert). O Pardon! Entschuldigen Sie, Fräulein. k Einer, (verschämt). Sprechen Sie mit ! meinem Bruder, dort sitzt er! Scharfm. (nähert sich Mäuslrr). Mein Herr, ich nehme mir die Freiheit. Mäusl. (hat schnell sein Sacktuch vor's Gesicht genommen und verneigt sich bloß in einemsart stumm bei Scharfmann's Rede). Scharfm. Sie haben vermuthlichZahnschmerz, bedaure sehr — Einer. Ja, mein Bruder ist sehr reno- matisch. Mäusl. (bei Seite). G rad' jetzt reißt's Mich ungeheuer. (Wendet sich, wobei ihm das Sacktuch entfällt.) Scharfm. (ihn erkennend). Donnerwetter! Dieses Gesicht,—ist das Ihr Bruder? (Faßt ihn derb an der Achsel.) Sie sind arretirt! Gerstl und Degelm. (fallen erschrocken gegen einander, so daß einer dm andern stützt, lamentirend). Hat uns schon! Eurer. Wie, was soll denn das heißen, Bruder? I Helene (aus der zweiten Thür rechts). Was 'geht hier vor? > Alle Drei (fallen aus dir Knie). Wir sind unschuldig! Fragen Sie diese da. Scharfm. (erstaunt). Welch' ein glücklicher Zufall! Die ganze Bande! (Rust.) Sportel, lassen Sie vier Mann und einen Corporal kommen. Sport, (hastig freudig). Also Alles in der schönsten Ordnung? Alle Drei. Wird sind unschuldig! Sport, (verdutzt). Was ist denn das? Zwölfte Scene. Vorige. Isidor. Isidor (erfreut eintretend). Ah, da seid Ihr ja! Alle (aus ihn stürmend). Der Isidor! Gottlob! Mäusl. (drängend). Mein Telegramm kriegt? Isidor. Ja, am Bahnhof! Grad' wie ich euch nachg'fahren bin. Ich suche Sie schon seit einer Stunde. Eben komme ich vom Gericht. Alle Drei. Sie auch? Scharfm. (tritt näher). Isidor. Ich war dort wegen meiner Uhr, die mir auf dem Stephansplatz gestohlen worden ist. Am Schaufenster einer Kunsthandlung fühle ich, daß mir die Uhr aus der Tasche gezogen wurde, — setzte dem Spitzbuben nach, — erwischte ihn glücklich am Kohlmarkt, halte ihn fest, aber er konnte sie mir nicht zurückgeben, weil er sie auf meinen Lärm während seiner Flucht in den Regenschirm eines Schafskopfs geworfen, der ihm gerade in den Wurf gekommen. Mäusl. (fällt Isidor um den Hals). Isidor, dieser Schafskopf war ich. Alle. Das war er! Scharfm. Wenn sich die Sache wirklich so verhält, — so — 32 Einer, (verliebt). Ich bürge für meinen Bruder. Mäusl. Gott sei Dank, wir sind also frei? Helene (Zfidor die Hand reichend). Und ick gebe mich gefangen! Sport. Ich — (zu Scharfmann). Na, und wie ist's denn mitunserm Geschäftchen? (Deutet aus Emerentia.) Scharfm. (leise zu Sportel). Hat sie wirklich zwanzigtansend Gulden? Sport, (schnell). Das will ich meinen! Mehr auch noch. Emer. (sich an Scharsmann's Arm hängend). Sie sind lebenslänglich mein Gefangener! Gerstl. Ja, rächen Sie uns Alle an dem Tyrannen für die Angst, die er uns mit der Alservorstadt g'macht hat. Mäusl. Na, Gott sei Dank! So ist unser Vergnügungszug doch nicht obne Erfolg geblieben. Degelm. (kläglich). Nur schad', g'seh'n haben wir gar nir in Wien, net einmal den Wurstel im Prater. Schtußtied. Mäusler. Wir haben in Wien zwar, Sie werden's gesteh'n. Von viel Unterhaltungen gar keim g'seh'n, Denn wenn man zum Anfang wird gleich arretirt, Das is kein Vergnügen, das sehr amü- sirt; Doch jetzt können wir ung'stört nach Haus wieder ziebn, Es gibt nur a Kaiserstadt, 's gibt nur a Wien. (Alle repetireu.) (Der Vorhang fällt) Ende. m>d Papi«, v»n Ccvxotd «ommcl »a rät«». (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Die Schuld einer Frau Drama m drei Acten von Emil Girardin. Deutsch von Max Stein. Personen. Henri Dumout, Banquier. Mathilde, seine Frau. Iranne» deren Kind. Zean Alvarez, Dumont'S Madame Larcey. Ein Diener. Ort der Handlung: Paris. Zeit: 1855- Erster Act. (Ein Salon.) Erste Scene. Dumont. Ein Diener. Dumont (im Eintreten zu dem Diener). Sagen Sie Madame, daß ich zurückgekehrt bin. Wo ist meine Tochter? Diener. Fräulein Ieanne spielt in der Gallerte. Dumont. Senden Sie sie zu mir. Diener. Da kömmt das Fräulein. (Ab.) r-eaUl-Atpatoirt Slr. 1S1. Zweite Scene. Dumont. Ieanne. Ieanne. Was trägst Du da, Pa- pachen? Dumont. Nun, was ist heute für ein Tag? Ieanne. Sonnabend. Dumont. Und morgen? Ieanne. Ei, Sonntag. Dumont. Und wessen Namenstag ist morgen? Ieanne. Der meinige. Dumont. Der aller kleinen Mädchen, 1 die Jeanne heißen, und aller Jener, die sich Jean nennen. Jeanne. Wie mein Pathe. Dumont. Nun, Dein Vater ist Ban- quier und muß als solcher auf das Datum Acht haben. Da nun der zwanzigste Decem- ber ist, so hat er Spielzeug für sein Töch- terchen gekauft und bringt ihr ehrerbietig und feierlichst feine Glückwünsche dar. Jeanne. Heute schon? Dumont. Heute. Jeanne. Also am Vorabende. Warum das? Warum nicht am Tage selbst? Dumont. Es ist so Sitte, mein Kind. Jeanne. Warum, Papa? Dumont. O, Du frägst mich zu viel. Wohin würden die Menschen kommen, wenn sie halb so viel Logik hätten wie die Kinder. Jeanne. Ei, Du weißt es nicht? Dumont. Mein kleines Mädchen, Du wirst in der Welt gar manche Sitten und Gebräuche kennen lernen, nach deren Ursache zu fragen, Du besser thun wirst zu unterlassen, denn Niemand würde Dir genügend Rede stehen können. Diese Sitte aber — ich meine die am Vorabende zu gratuliren — dürste von einem Papa erfunden worden sein, der es nicht erwarten konnte seinem kleinen Töchterchen Freude zu machen, und die anderen Väter haben sein Beispiel dann nachgeahmt. Jeanne. Und was bringst Du mir? Eine Puppe? Dumont (gibt sie ihr). Ja. Jeanne. O, wie schön ist sie, Papa, wie schön! Sie sieht der Madame Larcey ähnlich, aber sie gefällt mir noch besser. Dumont. Das glaube ich wohl, —sie kann ja nicht sprechen. Jeanne. Komm', laß Dir einen Knß geben. Dumont. Bist Du zufrieden? Jeanne. Ach ja, Papachen. Dumont. Ich bin der Erste, nicht wahr? '' Jeanne. Wie meinst Du das: »der Erste«? Dumont. Der Dir heute Glück wünscht. Jeanne. Gewiß. Dumont. Alvarez, Dein Pathe, war noch nicht hier? Jeanne. Nein. — Was bringst Du mir für meine armen Kinder? Dumont. Dieß, — Du kannst es ihnen selbst geben. Jeanne. Eins, zwei, drei, fünf Goldstücke! O, jetzt werden sie nicht mehr hungern, aber jetzt will ich auch meiner Puppe zu essen geben. ' Dritte Scene. Vorige. Mathilde. Dumont (zu Mathilde). Komm', freue Dich mit ihr! Jeanne (zeigt ihre Puppe). Sieh', Mama, wie schön sie ist! Mathilde (ein wenig kalt und zerstreut) Ja, sehr schön. Deine Gouvernante erwartet Dich. Jeanne. Ich möchte hier bleiben, Mama. Mathilde. Du darfst Miß Brown nicht erzürnen. Jeanne. Aber, Mama, morgen ist mein Namenstag, das heißt: heute. Dumont. Die Kleine hat Recht. Heute gehört das ganze Haus ihr. Gehe spiele». (Jeanne ab.) Dumont (zu Mathilde), Was ist Dir? Weshalb immer so trübe? Mathilde. Mir ist nichts, mein Freund. Dumont. So mache es wie Jeanne, gib mir einen Kuß. Die Tochter hat ihr Spielzeug schon, hier ist auch eines für die Mutter. (Gibt ihr ein Etui.) Mathilde. Schon wieder! Jeder Tag bringt mir ein Geschenk,—die schönen Perlen, die schönen Diamanten! Willst Du denn alle Juweliere von Paris für mich plündern? Weißt Du auch was man sagt? Man nennt Dich nicht freigebig, sondern verschwenderisch. Dumont. Wer nennt mich so? Mathilde. Meine besten Freundinnen. Dum out. baff' die Neidischen schwa- ! tzen. Können alle Perlen des Meeres, können alle Diamanten der Erde das Glück aufwiegen, das ich bei Dir finde? Dieses Glück wird nur von einer Wolke getrübt, von Deiner Traurigkeit, die mit jedem Tage zunimmt. Ich thue, was in meinen Kräften steht, um sie zu zerstreuen, doch will es mir leider nicht gelingen. Komm', Mathilde, sage mir, was Dich bewegt. Was fehlt Dir? Mathilde. Nichts, mein Freund, nichts! Dumont. Kannst Du mir denn einen Vorwurf machen? Mathilde. Keinen. Du thust Alles, um mich glücklich zu machen, und wenn ich — Dumont. Nun? Und wenn Du — Mathilde. Wenn ich nur meinem Herzen folgen würde, — Dumont. Was dann? Mathilde. Dann, — dann würde ich keine Minute der Trauer haben. Dumont. Warum also bist Du trau- i rig? Mathilde. Ich bin nickt traurig, ich bin krank, nervöse; ich muß weinen, ohne zu wissen weshalb. Dumont. Vielleicht würde eine Reise Dir wchl thun; lass' uns reffen! Mathilde. Reisen? Dumont. Willst Lu, daß wir den Winter in Italien zubringen? Mathilde. Und deine Geschäfte? Dumont. Sie erfordern meine Anwesenheit nicht unumgänglich, ich werde sehen es so einzurichten, daß sie unterdessen nicht zu sehr leiden, und könnten denn meine Geschäfte gegen deine Gesundheit in die Wagschale fallen? — Sithst Du, nunlächelst Du, nun habe auch ich mein Geschenk. Mathilde. Wer sollte über so viel Güte nicht lächeln? .Dumont. Sage über so viel Liebe, denn nie habe ich Dich so geliebt wie jetzt, Jeanne und Du, ihr seid die Heiden guten Geister meines Lebens. Mathilde. Za, lass' uns reisen, — ich will es gerne. Dumont. Sobald Du willst. Mathilde. Mit Dir allein. Dumont. Mit mir und Jeanne. Mathilde. Warum sollen wir das Kind mitnehmen? Dumont. Warum sie zu Hause lassen? Sie macht uns vollzählig. Mathilde. Sie ist noch so klein. Dumont. Und fällt Dir wohl oft zur Last! Mathilde. Mir?—habeichjemals — ? Dumont. Du bist manchmal ein wenig streng gegen die Kleine. Mathilde. Nun, man verwöhnt sie so, es muß doch eine Person geben, die das nicht thut. Dumont. Du magst Recht haben, — ich, ich sehe sie nur in meinen wenigen freien Stunden und da finde ich Alles reizend, was sie thut. Wenn man sich den ganzen Tag nur mit Geschäften geplagt hat, so erscheint Einem das Lächeln eines Kindes ein erheiternder Sonnenstrahl. Du aber, Du hast sie immerwährend um Dich und da begreife ich, daß sie deine Geduld zeitweilig ermüdet, aber Du bist eine zu gute Gattin, als daß Du nicht auch eine gute Mutter wärest. Oder solltest Du ihr unwillkürlich zürnen, weil sie Dir so viel Leiden verursachte? Ihre Geburt hätte Dich ja bald das Leben gekostet. Uns Männern ist es leicht unsere Kinder zu lieben, denn wir haben nur Freuden von ihnen und Euch kosten sie so viele Thränen. Vergib ihr, eS ist ja nicht ihre Schuld — (mit leiser Stimme) und man soll ja immer vergeben, (lächelnd) besonders den Schuldlosen. Warum weinst Du? Mathilde. Weil Du besser bist als ich, weil Du Recht hast. Ich bin manchmal ungerecht gegen Jeanne, aber ich werde cs 1 * 4 nicht mehr sein, daS verspreche ich Dir. Wir werden sie mit uns nehmen und wir wollen reisen, ohne es Jemanden zu sagen. Dumont. Wie Du willst. Warum aber dieses Geheimniß? Mathilde. Um dieser Reise noch mehr Reiz zu verleihen und zu vermeiden, daß sich ihr ein Hinderniß in den Weg stellt. Wir werden zwei oder drei Monate in einem Winkel der Erde verleben, wo uns Niemand kennt, und dann wirst Du sehen wie heiter ich und wie ich wieder deine Mathilde von ehemals sein werde. Dumont. Es ist abgemacht, aber ich will meinen Lohn im Vorhinein. Lächle noch einmal, sage, daß Du mich liebst. Mathilde (hingerissen). Wie könnte ich anders! (Im selben Augenblicke, wo Mathilde Dumont umarmen will, tritt Alvarez ein. Er hält eine Lhatulle in der Hand, die er nieder- stellt.) Vierte Scene. Vorige. Alvarez. Dumont. Ei, Du bist eS, Alvarez? — Du warst hier? Alvarez. Ich komme eben,—ich suche Jeanne. (Zu Mathilde, die sich entfernen will.) Jage ich Sie in die Flucht, Madame? Mathilde. Nein, mein Herr, nein! — Aber ich habe einen dringenden Befehl zu ertheilen. Dumont. Betreff des Kinderballes? Mathilde. Ja. Er beginnt um zwei Uhr und es hat soeben bereits Zwölf geschlagen. (Ab.) Fünfte Scene. Vorige ohne Mathilde. Alvarez. Miß Brown sagte mir, Jeanne sei hier, — wo ist sie denn? Dumont. Sie ist im Wintergarten und wahrscheinlich so mit ihrer neuen Puppe beschäftigt, daß sie Dich nicht kommen sah. Wie geht es Dir? — Alvarez. Gut, — und Dir? Dumont. Besser als je! Alvarez. Und deine Frau? Wie steht es mit ihrer Gesundheit? Dumont. Vortrefflich. — Ich brauche Dich wohl nicht zu fragen, was diese große Chatulle enthält, ich will wetten, es ist auch eine Puppe. Alvarez. Ich wette nicht, denn Du wirst gewinnen. Spricht die Deine? Dumont. Nein. Alvarez. Nun, meine spricht. Dumont. Du verstehst es für Dick einzunehmen. Wirst Du bei der Kindergesellschaft zugegen sein? Alvarez. Ja. Dumont. Speisest Du bei uns! Alvarez. Gewiß. Dumont. Nun, ich lasse Dich bei Jeanne, denn ich will sehen, was es auf der Börse Neues gibt. Weißt Du es vielleicht? Alvarez. Nein.Habe ich mich je darum gekümmert? Du hast ja stets Alles gcthan und zur Zufriedenheit. Warum sollte ich mich jetzt dareinmengen? Dumont. Du wirst es vielleicht müssen. Alvarez. Warum? Dumont. Ich werde es Dir später sagen. (Ab.) Sechste Scene. Alvarez. Jeanne.' Alvarez (ruft). Jeanne! Jeanne! Jeanne. Ah, Du bist's, Pathe? Alvarez. Errathe, was da drinnen ist. Jeanne. Noch eine Puppe. (Dumont geht ohne zu sprechen in bah. Zimmer seiner Frau ) Alvarez (ganz mit Jeanne beschäftigt). 3^, und mit großer Ausstattung. Jeanne. Ach, mein lieber Pathe, wie bist Du lieb! Sie ist größer als die vom Papa. Alvarez. Dann ist ste Dir auch lieber als die feinige? Jeanne. Oh nein! Ich habe die vom Papa eben so lieb. Alvarez. Weshalb? Jeanne. Ei, weil sie vom Papa ist. Alvarez. Du liebst ihn also sehr, Dei- nen Papa? Jeanne. Oh gewiß, sehr! Alvarez. Mehr als mich? Jeanne. Natürlich. Alvarez. Aus welchem Grunde? Jeanne. Nun, weil es mein Papa ist. Alvarez. Aber »Papa* — was heißt das? Jeanne. Ich weiß es nicht, aber wenn ich Papa sage, so ist es mir, als könnte ich nicht mehr sagen und ich muß ihn gleich küssen. Alvarez. Und mich? Mich küssest Du nicht? Jeanne. Ja, ich Hab' Dich auch recht lieb, — wahrhaftig, aber erst nach Papa und auch nach Mama. (Wendet sich an ihre Puppe.) Sind auch brav, mein Fräulein? — so sollen Sie einen hübschen Namen be> kommen. Alvarez. Was hat Deine Mama gestern Abend gethan? Jeanne. Sie blieb mit Papa zu Hause. Alvarez. Ist nicht Besuch gekommen? Jeanne. Ja wohl, Frau von Talweyra. Alvarez. Um wie viel Uhr ging sie fort? Jeanne. Ich weiß es nicht. Man brachte mich um neun Uhr zu Bette. Alvarez. Nimm, das gehört auch Dir. Jeanne. Was ist es? Alvarez. Ein Fächer für den Ball. Jeanne. Ein Ball? Alvarez. Ja. Ich bat Deine Mutter, Deinen kleinen Freundinnen zur Feier Deines Namensfestes einen Ball zu geben. Wir wollten Dich damit überraschen. Jeanne. Einen Ball? So wie bei den kleinen Talweyra's? Ach, welches Glück! Aber dann muß man mich auch gleich schön machen. Alvarez. Gewiß! Jeanne. Ich gehe zu Miß Brown. Alvarez. Ja, gehe, theueres Kind! (Rustfiezurück) Jeanne! Jeanne. Was willst Du? Alvarez. Gib' mir noch einen Kuß — und Du wirst auch Bonbons im Salon finden. Jeanne. Und was hast Du den Armen gegeben? Alvarez. Den Armen? Nichts! Jeanne. Oh, Papa hat ihnen gegeben. Alvarez. Ich werde es auch thun. (Er hält Jeanne noch in den Armen, da tritt Madame Larccy ein.) Siebente Scene« Vorige. Mad. Larcey. Mad. Larcey. Guten Morgen, mein lieber Herr Dumont. Oh, Sie sind es, Herr Alvarez! Ach, ich hielt Sie für den Herrn des Hauses. Alvarez. Bevor Sie mich noch angesehen halten? Mad. Larcey. Nun — wenn man lange Zeit mit einander lebt, so wird man sich endlich auch ähnlich. — So ist eS auch mit der kleinen Jeanne, die Ihnen eben so ähnlich sieht wie ihrem Vater. Wahrscheinlich thut sie das nur ans Höflichkeit gegen ihren Pathcn. — Guten Morgen, Kleine! (Küßt sie.) Wo ift Deine Mama? Jeanne. BeiPapa — ich will sie holen. Mad. Larcey. Störe Deine Eltern nicht. Ich bin hier so viel wie zu Hanse, Deine Mutter ist eine alte Freundin von mir.— Alt in Bezug ans die Freundschaft, (zu Alvarez) denn den Jahren nach ist Mathilde noch ein Kind und auch dem Charac- ter nach. Ich werde hier bei Ihnen warten, Herr Alvarez, bis diese jungen Gatten uns aufsuchen. ES sind zwei Turteltauben, nicht wahr? Ach, welch ein schönes Beispiel — 6 und wie wenig wird es doch nachgeahmt! Es wäre überdieß nicht znm ersten Male, daß Sie die Honneurs dieses Hauses machen. Aber was treiben Sie denn? Man sieht Sie ja gar nicht mehr! Alvarez. Sie lebten so zurückgezogen! Mad. Larcey. Ich war in Trauer — das hätte zwar nichts zu sagen gehabt, aber — heute ist meine Trauerzeit erloschen, Gott sei Dank! — Sonst wäre mir nicht das Vergnügen geworden, mein erstes hellfarbiges Kleid einweihen zu können. Sie bleiben doch auch bei dem Kinderballe, nicht wahr? Alvarez. Als Zuseher. Mad. Larcey. Natürlich. — Aber ist der Ball auch wirklich heute schon? Die Einladung für meine kleine Adrienne kam so spät, daß ich Mathilde noch früher fragen wollte — Alvarez. Der Ball wird heute abgehalten und beginnt schon um zwei Uhr. Mad. Larcey. Wie man die kleinen Mädchen heutzutage verwöhnt! Siebenjährige Kinder geben schon Bälle! — Finden Sie das nicht lächerlich? Alvarez. Zch allein bin der Schuldige! Mad. Larcey. Dann ist meine Frage nicht am Platze! Uebrigeus haben Sie nicht so Unrecht! Kinder müssen Unterhaltung haben — der Kummer kommt noch immer früh genug! — Meine kleine Adrienne ist ganz außer sich vor Freude, seit sie von diesem Ball gehört hat — sie konnte heute Nacht gar nicht schlafen. Sie liebt die Zerstreuungen so sehr! Ganz wie ihr Vater. Von mir hat sie nichts. Die Mädchen arten immer nach dem Vater. Unter Anderm — gleicht Jeanne dem ihrigen? Ich kenne das Kind zu wenig, um ein Urtheil zu haben. Alvarez. Jeanne ist wie alle Kinder ihres Alters. — Sie hat noch keinen ausgesprochenen Charakter, aber sie ist gut, sanft und liebevoll. Mad. Larcey. Wie ihre Mutter! Lieben Sie sie sehr? — Verstehen Sie mich wohl: Ich meine Zeanne! Alvarez. Ich bete Kinder au! Mad. Larcey. Und liebt Jeanne Sie? Alvarez. Alle Kinder lieben die Menschen, von denen sie verwöhnt werden. — Mad. Larcey. Sie wäre auch sehr undankbar, würde sie Sie nicht lieben. — Alvarez. Weshalb? Mad. Larcey. Nun erstens, weil Sie sie verwöhnen und daun — Alvarez. Dann? Mad. Larcey. Weil Sie dem ganzen Hause Glück bringen. Sie wird nie wissen, was sie Ihnen Alles zu verdanken hat! Alvarez. Ich verstehe Sie nicht! Mad. Larcey. Das ist doch so einfach. Vor acht Jahren befand Dumont sich in großer Verlegenheit, die Geschäfte gingen schlecht — nicht wahr? Da liehen Sie ihm eilfmalhunderttausend Francs. — Oh, versuchen Sie nicht zu läugnen! Er selbst hat es mir mit dem Ausdruck größter Bewunderung erzählt, mit überwallender Dankbarkeit, die ebenso zu seinem wie zu Ihrem Lobe spricht. Sie retteten ihn, die Geschäfte nahmen wieder einen Aufschwung und nichts fehlte mehr zu seinem Glücke als — ein Kind, welches er in den drei Jahren seiner Ehe vergebens von Gott erfleht hatte. Da mit einemmale kömmt eines schönen Tages Jeanne zur Welt, denn — ein Glück kommt nie allein! — Uebrigens verdient Dumont dieses Glück in hohem Maße! — Er ist ein vortrefflicher Gatte! Nicht wahr? — Er ist vertrauensvoll und — seiner Frau treu! — Seiner Frau treu! — Seiner Frau treu! — So etwas muß man dreimal sagen, wenn man es glauben soll. — Er ist thätig, in seinem Fache geschickt, — sanft wie ein Kind — und auch muthig — das hat er in den Tagen der Revolution an der Spitze seiner Compagnie bewiesen! — Ach, wenn ich einen solchen Mann gehabt hätte —! Alvarez (zu dem eintretenden Dumont). Komm, lieber Dumont, wir lästern Dich eben! 7 Achte Scene. Vorige. Dumont. Dumont. Mich? Mad. Larcey. Ja, wir nannten Sie die Perle der Ehemänner. Doch — ich eile nach Hause! Dumont. Im Augenblick, in dem ich komme? Mad. Larcey. Ich konnte Ihrem Hause nur zehn Minuten schenken, die hat Herr Alvarez eincassirt, er kann sie Ihnen zurück- geden. Die Sache ist nämlich die: Ich habe eine Loge für heute Abend — wollen Sie dieselbe mit mir benützen? Mathilde wird es mir sagen, sobald ich mit Adrienne wieder komme. Auch Herr Alvarez ist geladen — Oh, es ist spät — ich eile — auf Wiedersehen in einer Stunde! — Oh (zu Dumont, der sie begleiten will) bemühen Sie sich nicht! (Ab.) Neunte Scene. Alvarez. Dumont. Dumont. Diese Frau ist halb verrückt! Alvarez. Wenn sie sonst nichts wäre! — Aber sie ist auch böswillig! Dumont. Du irrst Dich, sie ist höchstens ein wenig boshaft! Alvarez. Böses thun oder Böses sprechen kommt beinahe auf Eins heraus! — Glaube mir, Deine Frau thut sehr unrecht, eine solche Freundin zu wählen! Dumont. Im Gegentheil! Für eine junge Frau ist eine so medisante Freundin, wie Madame Larcey ist, mehr werth als zehn andere — es ist so viel als ein Tugend-Patent. Alvarez. Dessen bedarf Deine Frau nicht. Dumont. Gewiß nicht. Ich sagte vorhin, daß ich mit Dir zu sprechen habe. Höre, was ich Dir mittheilen wollte. Ich verreise. Alvarez (mit einer Bewegung der Frmde, die er sogleich unterdrückt). Du verreisest? Dumont. Wie es scheint, macht Dir das Freude? Alvarez. Ja, allerdings — denn ich vermuthe, daß ein großes Geschäft in Aussicht steht? Dumont. Nein. Alvarez. Wie? Es handelt sich nicht um Geschäfte? Dumont. Wunderst Du Dich darüber? Alvarez. Gewiß, denn Du lebst ja nur für Deine Geschäfte! — Reisest Du allein? Dumont. Nein — mit Mathilde. Alvarez. Und auch — Jeanne? Dumont. Natürlich! Und da niein Interesse während meiner Abwesenheit nicht vernachlässigt werden darf, so wirst Du so gut sein, es inzwischen zu überwachen. Alvarez. Gewiß! — Gewiß! — Wird diese Reise lange währen? Dumont. Das hängt von Mathilde ab. Alvarez. Und die Veranlassung zu dieser Reise? Dumont. Mathilde ist leidend! Alvarez. Seit wann? Dumont. Schon seit langer Zeit. Alvarez. Und hat der Arzt diese Reise verordnet? Dumont. Nein, ich habe den Vorschlag gemacht. Alvarez. Und — Mathilde hat ihn angenommen? Dumont. Oh, mit Freuden! Alvarez. Wann reiset Ihr? Dumont. In zwei bis drei Tagen. Alvarez. Und wohin wendet Ihr Euch? Dumont. Ich weiß es selbst noch nicht! Jedenfalls ziehen wir der Somre entgegen, gleich den Schwalben! Alvarez. Und den Liebenden! Dumont (drückt ihm mit überwallender Empfindung die Hände). Wie die Liebenden! — Ja, Du konntest Dich nicht besser aus- drücken! — Lockt unser Beispiel Dich nicht? Bei Deinem Reichthum — mehr als vier Millionen! Bei Deiner Jugend — denn V fünfunddreißig Jahre ist daS rechte Alter sich zu verheiraten! — Also verheirate Dich! (Mathilde tritt ein.) Zehnte Scene. Vorige. Mathilde. Dumont (fährt fort). Komm, Mathilde — ich sagte Jean eben er möge heiraten, um so glücklich zu werden, wie wir es sind. — Wir wollen uns bemühen, ein Weib wie Du für ihn zu finden — aber das ist nicht so leicht, ich weiß es wohl! Sprich ihm zu — ich habe keine Minute mehr zu verlieren, wenn ich vor meiner Abreise Alles ordnen will. — Er weiß nämlich von unserer Reise — vor ihm — der ja zur Familie gehört! — konnte ich doch kein Geheimniß daraus machen? — Auf Wiedersehen! (Ab.) Etlfte Scene. Mathilde. Alvarez. Alvarez. Sie reisen also? Mathilde. Ja. Alvarez. Haben Sie die Idee zu dieser Reise gefaßt? Mathilde. Nein — Henri. Alvarez. Habeich Sie nicht gebeten, diesen Namen nicht vor mir auszusprechen? Mathilde. Mein—Mann wünscht es. Alvarez. Ihr Mann? Mathilde. Wahrlich, ich weiß nicht mehr, wie ich ihn nennen soll, wenn ich von ihm mit Ihnen spreche! Alvarez. Nennen Sie ihn, in Gottes Namen, wie Sie wollen. Aber ihm zu folgen verbiete ich Ihnen. Mathilde. Sie verbieten es mir? Mit welchem Rechte? Alvarez. DaS wissen Sie wohl. Mathilde. Ich bin krank, Jean; ich versichere Ihnen, daß ich eS bin und einer Luftveränderung bedarf. — Haben Sie Mitleid mit mir! Alvarez. Sie haben heute wie immer nur den einen Gedanken: mir zu entkommen, mich los zu werden, mir Ihre Thür zu verschließen, mir das Herz zu brechen. (Setzt sich.) Mathilde. Schweigen Sie — wenn mein Mann — wenn Dumont Sie hört! — Alvarez. Nun—so soll er mich hören! Es wäre das Beste! ES wäre die Lösung einer Situation, die sich so doch nicht länger halten kann, wie sie jetzt steht! — Und — worüber hätte er sich am Ende zu beklagen? WaS würde er erfahren? Daß Sie mich dulden — aus Furcht und um einen Eclat zu vermeiden, der seine Ruhe zerstören müßte, — daß Sie reisen wollen, weil Sie mich nicht mehr lieben — weil Sie mich nie geliebt haben! Mathilde. Wer ist Schuld, wenn ich Sie nicht liebe? Alvarez. Henri! Denn Sie lieben ihn! Mathilde. Und wenn dem so wäre? Alvarez (zornig). Madame! Mathilde. Mein Herr! Ist es meine Schuld, daß er eben so gütig ist — wie Sie grausam; eben so edel, wie Sie ungerecht, eben so ergeben wie Sie undankbar? Kann ich vermeiden Sie mit einander zu vergleichen, — mich mit Reue zu foltern — und zu sehen, daß er in Allem hoch erhaben ist über Sic und besonders — über mich- Alvarez. DaS kömmt zu spät. Siehät? ten diese Vergleiche vor sieben Jahren an- stellcn sollen! Mathilde. Ach — warum konnte ich eS nicht! — Alvarez. Heute liebe ich Sie; Sir sind mein; Sie haben mir gesagt, daß Sie mich lieben: sei das nun Wahrheit oder Lüge: ich halte mich daran! Ich kann nicht mehr ohne Sie leben, ich will Sie nicht verlieren, und werde Sie nicht verlieren! Mathilde. Was wollen Sie thun? Alvarez. O, glauben Sie, daß ich mein ganzes Leben in diese Liebe gesetzt habe, daß ich während sieben langen Jahren alle Qualen, alle Demüthigungen der Eifersucht erduldet habe, daß ich gehört habe wie mein Kind — ja, mein Kind! — einen Andern Vater nannte, glauben Sie wirklich, daß ich all' dieß aus Liebe für Sie und Jeanne ertrug — um mir eines Tages sagen zu lassen: Ich reise! — Glauben Sie, daß ich Sie reisen lasse? — Sie irren! — Wenn Sie nicht selbst ^ ein Mittel finden hier zu bleiben, so werde ! ich eines finden! Mathilde. Welches? Alvarez. Ich nehme Jeanne aus die- ^ sem Hause! ^ Mathilde. Sie sind wahnsinnig! Alvarez. O nein. Das Gesetz wird nicht auf meiner Seite sein — aber der Skandal, Ihre Entehrung. — Ihr Mann wird Ihnen die Thüre weisen — Ihnen ! und Ihrem Kinde, uud dann müssen Sie wohl Beide mir angehören, mir allein, denn es bleibt Ihnen Niemand sonst als ich! Mathilde. O, welcher Haß wäre dieser Ihrer Liebe nicht vorzuziehen? — Alvarez. O, ich bin kein sanfter Schweizer — wie Henri; ich habe das Leben nicht aus dem »Emil* und der »bezauberten Rose* studirt, ich habe meine Seele nicht an dem Eise der Gletscher erstarrt! — Ich — ich bin in Spanien geboren, unter einem glühenden Himmel, und die Sonne mit ihren sengendsten Strahlen hat das Blut in meinen Adern erwärmt! Ich — ich liebe, mit meiner ganzen Seele, mit meinem ganzen Sein — ich gebe mich ganz, j aber dafür will ich auch, daß man ganz mir angehöre! Was kümmert mich Ihr Genial? Ich hasse ihn! ^ Mathilde. Den Menschen, der Sie seinen Freund nennt? Alvarez. Warum ist er blind! Mathilde. Sie drücken ihm die Hand — Sie kamen ihm zu Hilfe — Sie haben ihm sein Vermögen und sein Leben gerettet ! Alvarez. Ihretwegen, die ich liebte und deren Liebe ich erringen wollte! Mathilde. Wollen Sie mir sagen, daß ich mich verkauft habe?! — Alvarez. Ich liebte Sie — ich betete Sie an! Ich weiß nicht mehr, wie eS mir gelang, Sie zu überreden. Der Liebende greift zu jedem Mittel. Wenn ich bis jetzt diese Doppel« Eristenz ertragen habe, so geschah eS, weil ich glaubte, Sic liebten mich und tragen gleich mir die Sklaverei, die die Welt uns anferlegt. Aber von dem Angenblicke an, wo Sie diesen Menschen lieben, ist er mein Feind, mein Nebenbuhler, und wenn es sein muß, werde ich ihn tödten! — Mathilde (aufschreirnd). Alvarez! Nach der Schande noch das Verbrechen! Hören Sie nun auch mich: Wenn Sie wirklich eine solche Infamie begingen, so würde ich mich trotz meiner Entehrung für wett erhaben über Sie ansehen und nicht nur Ihnen fernerhin nicht mehr angehören, sondern Sie auch nie mehr sehen! Ich sage Ihnen, respec- tiren, ja schützen Sie die Tage seines Lebens, denn bin ich einmal Witwe — mit oder ohne Ihr Zuthun — so berge ich mich hinter Klostermauern, mich und meine Tochter, die Sie mir nicht rauben können, mir, ihrer Mutter! Dann wird sie mir allein angehören und ich werde sie vor Ihnen zu schützen wissen! Sie haben dieses unschuldige Kind zu Ihrem Spion gemacht, sie forschen es aus, und die arme Kleine liefert Ihnen, ohne eS zu wissen, oft Vorwände, mich zu martern, mich, ihre Mutter! — Und ich — ich sehe mich gezwungen, vor meinem Kinde zu erröthen, mein eigenes Kind zu fürchten, seine Gegenwart zu hassen, eS aus meiner Nähe zu bannen, denn Jeanne'S Anblick mahnt mich stets an meine Schuld! — Sie sprechen von Ihren Leiden? — Können sie sich mit den meinigen messen? — Welches Leben haben Sie mir bereitet! Und «te -ft 10 habe ich daran gedacht im Tode Erlösung von solcher Qual zu suchen! Seit sieben Jahren ist kein Tag vergangen, der mir nicht einen ähnlichen Austritt gebracht hätte! Sie haben mich entehrt in meinem Gatten, in meinem Kinde, in meinen Erinnerungen, in meinen Träumen! — Ihm gehöre ich an durch die Pflicht — Ihnen durch die Furcht — so Hab' ich jeden Halt verloren! — Die Liebe der Gattin, die Liebe der Geliebten, selbst die Liebe der Mutter sind für mich nichts als Lüge, Schmach und Entweihung! — Und Sie — Sie erwarten noch, daß ich Sie liebe?! — Alvarez. Mathilde! Mathilde. Thun Sie, was Ihnen gut dünkt: drohen, entehren, morden Sie — Eins ist mir geblieben, was Sie mir nicht auch noch rauben können: Der Tod ! Alvarez (in Thränen ausbrcchmd und mit flehender Stimme). Mathilde, Mathilde, — o vergib mir! — Ich lieb e Dich, das ist mein Verbrechen — ich liebe Dich über Alles! Aber ich verstehe es nicht, Dich zu lieben, — ich quäle Dich — Du hast Recht. Aber ich leide so furchtbar! — Vergib mir — ich werde mich nickt beklagen, nie— ich will mit Allem zufrieden sein! Ja, Dumont ist besser als ich, und das ist es eben, was mich zur Verzweiflung treibt! Aber — ich beschwöre Dich, Mathilde — liebe ihn nicht! Du weißt nicht wohin eine Liebe führen kann, die zerfleischt wird, von der Demüth igun, keine Gegenliebe zu finden! — Sage mir nur einmal, daß Du mich liebst, daß Du mich geliebt hast—daß Du mich noch lieben willst! — Gib mir einen Beweis Deiner Zärtlichkeit — reise nicht, und ich will vertrauungsvoll werden wie Henri, sanft wie Henri, gut wie Henri! Du wirst nichts mehr von mir zu befürchten haben — ich werde mich zurückziehcn — ich werde keinen Eclat herbeiführen. Sieh, Mathilde — ich weine hier vor Dir — ich weine! Reife nicht morgen — .^ise später —^iu einem Monat — in acht Tagen—nur nicht morgen! — Das kannst Du mir doch nicht versagen? Mathilde. Stehen Sie auf! Alvarez. Versprich mir nicht zu reisen! Mathilde. Nun: ich reise nicht! Alvarez. Was wirst Du ihm sagen? Mathilde. Ich weiß es nicht — ich werde es überlegen — ich werde etwas finden. Aber um des Himmels willen stehen Sie auf — gehen Sie! Al var ez. Sag' mir erst, daß Du mich liebst Mathilde. Nun ja, ich liebe Sie! Alvarez. O, Mathilde — Du machst mich überglücklich! (Ab.) Zehnte Scene. Mathilde (allein). O Gott! Sieh' meine Qual — sieh' meine Leiden! (Der Vorhang fällt.) Zweiter Ä ct. (Dekoration wie im ersten Acte.) Erste Scene. Mad. Larcey. Mathilde. "Mad. Larcey. GutenTag, meineLiebe, wie geht es Ihnen? Ich komme heute schon zum zweiten Male — des Kinderballs wegen — unter Anderm, Sie haben dieses Fest ja förmlich improvisirt? Mathilde. Ach ja — die Sache wurde erst gestern beschlossen — die Idee — Mad. Larcey. Die Idee ging von Herrn Alvarez aus — er hat es mir gesagt — war dies vielleicht eine Indiskretion? Mathilde. Durchaus nicht — wo ist Ihre kleine Adrienne? 11 Mad. Larcey. Jeanne hat sie gleich in Beschlag genommen. Mathilde. Sind schon viele von den kleinen Tänzerinnen gekommen? Mad. Larcey. Es sind bereits alle erschienen — muß ich Ihnen sagen, was in Ihrem Hause vorgeht? Mathilde. Ich war bei meiner Toi' leite — jetzt aber bin ich bereit, meinen Pflichten als Hausfrau nachzukommen. Mad. Larcey. Schenken Sie mir noch einen Augenblick — Herr Dumont vertritt ja einstweilen Ihre Stelle im Salon Lassen Sie mir Zeit, Ihnen zu sagen, daß Sie reizend anssehen! — Ach, ich beneide Sie um Ihre Schönheit — um Ihre Liebenswürdigkeit — um Ihr Glück — denn Sie sind sehr glücklich, meine Liebe! Erstens weil Sie Ihren Mann noch haben! Man lacht oft über derlei Dinge, aber man weiß nicht, wie Einem ein Mann abgeht, wenn man keinen mehr hat! — So lange er noch am Leben ist, bildet man sich ein, ihn leicht entbehren zu können — hat man ihn aber verloren, so weiß man nicht, was beginnen. Und dann — Außerdem ist Ihre Perle in Millionen gefaßt — Ihr Gemahl gibt Ihnen Alles, was Sie sich wünschen, er liebt Sie Ihrer selbst willen, und läßt Sie freie Herrin Ihrer Handlungen sein, ja, er scheint sich sogar so wenig um die Meinung der Welt zu kümmern, als eristire sie gar nicht. Mathilde. Warum sollte er sich auch um sie kümmern? Er hat sie nicht zu fürchten. Mad. Larcey. Er persönlich nicht. Mathilde. Was wollen Sie damit sagen? Mad. Larcey. Ach Gott, meine Beste, spricht nicht alle Welt von allen Frauen? Von denen, die elegant, und von jenen, die es nicht sind, von denen, die jung sind, und von jenen, die es nicht mehr sind? Niemand bleibt verschont, als die Häßlichen, die gerne etwas d'rum gaben, wenn man von ihnen sprechen würde, aber es will ihnen kein Mensch den Gefallen erweisen. Mathilde. Sie wollen andeuten, daß die Welt von mir spricht. Nun — was sagt man? Mad. Larcey. Gibt es nicht Jemand. Mathilde, der stets an Ihrer Seite ist, wie Ihr Schatten? Sie besuchen kein Theater, keine Gesellschaft ohne Herrn Alvarez. Mathilde. Herr Alvarez — Mad. Larcey. Wenn Sie das in Verlegenheit bringt, liebe Freundin, so bin ich stumm. Mathilde. Sie bringen mich nicht in Verlegenheit. Mad. Larcey. Nein — aber hüten Sie sich vor solchen Regungen, die von boshaften Menschen für Aufgeregtheit ausgc- legt werden könnte. Mathilde. Ich bin auch nicht aufgeregt, sondern neugierig. Mad. Larcey. Nun denn — da wir schon von dieser Sache sprechen — Herr Alvarez ist zu oft in Ihrer Gesellschaft. Mathilde. Er ist der Compagnon meines Mannes. Mad. Larcey. So ist es! Mathilde. Lsonie! Mad. Larcey. Nicht ich spreche —ich wiederhole nur, was man sagt. Nun, dieser Spanier ist zu schwarz — er ist ein dunkler Punkt in Ihrem Hause, der in's Auge fällt. Nennen wir das Ding beim rechten Namen: er ist compromittirend. Man steht ihn viel, viel zu oft in Ihrer Gesellschaft. Glauben Sie mir, liebe Mathilde, entfernen Sie ihn — Sie erkennen an dem Ton, in dem ich von ihm spreche, daß ich dem Geschwätz der Welt keinen Glauben schenke. Mathilde. Daran thun Sie wohl. Mad. Larcey. Folgen Sie mir: Verheiraten Sie ihn! Es gibt ja so viele junge Mädchen, die immer bereit sind, sich in ein paar feurige Augen und in schönes Haar zu verlieben. Mathilde. Ich habe kein Recht auf Herrn Alvarez — ich kann jhn„wed«. he- stimmen, zu heiraten, noch ledig zu bleiben — Mad. Larcey. Das ist schlimm! Denn feine Verheiratung würde dem Gerede ein Ende machen, und — es ist Zeit — Mathilde. Erklären Sie sich doch deutlicher! Mad. Larcey. Nun denn: Sie hatten ein Kammermädchen — eine gewisse Zoö — und sahen sich genöthigt sie fortzusenden. Mathilde. Sie benahm sich impertinent. Mad. Larcey. Ich will es nicht bestreiten, aber Sie haben dennoch unrecht gethan — Sie würden klüger gehandelt haben, so zu thun, als hätten Sie nichts gehört. Mathilde. Warum? Mad. Larcey. Weil sie geplaudert hat. Mathilde. Geplaudert? — 3ch verstehe Sie nicht! Mad. Larcey. Hören Sie, was vorgc- fallen ist. Sie kam zu Madame Berteur, Ihrer Feindin, in den Dienst, deren Gemal eben so medisant und schwatzhaft ist, wie sie selbst. Frau Berteur hat Zos natürlich schon am ersten Tage nach Ihren Verhältnissen ausgefragt und sie zum Plaudern gebracht. Mathilde. Zoö konnte nichts sagen. Mad. Larcey. Hm — sic hat gewiß ihre Geschichte erfunden, aber zum Unglück hat sie so genaue Details erlogen, daß der Scandalsüchtige sie leicht für Wahrheit nehmen kann. Mathilde. Und Madame Berteur kann einem solchen Mädchen Glauben schenken? Mad. Larcey. Davor hütete sie sich wohl. Sie entließ Zos augenblicklich, indem sie ihr sagte, sie sei ein abscheuliches Geschöpf, das ihre frühere Herrin so verlästere und verläumde, und sie wolle eine solche Schlange nicht im Hause behalten. Da brach Zoe in Thränen aus, und schwur, nichts gesagt zu haben, wofür sie nicht Beweise ltefem könne! Mathilde. Beweise! Mad. Larcey. Sie hat keine — na. türlich nicht — das sagte ich gleich! Frau Berteur sagte mit der tragischen Miene, die Sie riecht wohl an ihr kennen: »Verlassen Sie dieses Haus!* und mit derselben tragischen Miene spielt sic überall, wohin sie kommt, die Entrüstete. Herr Berteur seinerseits colportirt die Geschichte von einem Klubb in den andern. — Arme Freundin, Sie sind ja ganz blaß! Ich will ja keine Mittheilungen von Ihnen, ich will Ihnen nur einen Rath geben. Gehen Sie dem Scandal entgegen, entweder indem Sie Ihren Mann so umgarnen, daß er den Stoß nicht so heftig empfindet, oder indem Sie Herrn Alvarez entfernen. Jedenfalls aber versöhnen Sie sich mit der Welt — das ist Alles, was ich von Ihnen fordere — Alles, was Sie Ihrer Freundin schuldig sind. Ucbrigens gibt es auf der ganzen Welt keinen Mann, der werth wäre, daß wir uns seinetwegen compromittiren! Mathilde. Ich nehme den Fehdehandschuh auf, den die Welt mir zuwirft — ich werde beweisen — Mad. Larcey. Thun Sie das nicht, meine Liebe! — Geben Sie nach! Leben Sie in Frieden mit der Medisance, das ist viel weniger gefährlich, als mit der Der- läumdung in Krieg zu leben. — Wir hatten unfern Ball ganz vergessen und nun kommt er zu uns. Zweite Scene. Vorige, ein Trupp Kinder, Jeanne (ander Spitze kommen galoppirend herein und gehen durch eine andere Thür ab). Jeanne (ist auf ihre Mutter zugkgangrn und hat sie geküßt. Leise zu ihr). Mama, hier ist ein Brief für Dich! Mathilde. Wer hat ihn Dir gegeben? Jeanne. Mein Pathe. Er rief mich zu sich und sagte: Gib das gleich Deiner Mutter, es ist eine Ueberraschung. Mathilde. Dank, liebes Kind — geh' tanzen! (Jeanne zu ihren Gespielinnen ab.) Dritte Scene. Mathilde, Madame Larcey. Mad. Larcey (zu Mathilde, dir den Brief, den sie nicht gesehen glaubt, verbergen will). Lesen Sie Ihren Brief nur, liebe Freundin! Mathilde. Sie erlauben? Mad. Larcey. Gewiß. (Mathilde öffnet den Brief und scheint verwirrt.) Was haben Sie? Mathilde. Nichts. Mad. Larcey. Sie scheinen bewegt — Mathilde. Zn der That — eine Unannehmlichkeit — Mad. Larcey. Kann ich Ihnen in etwas dienlich sein? Verfügen Sie über mich. Mathilde. Nein, ich danke. Zch muß nur einige Worte schreiben. Mad. Larcey. Thun Sie das! Ich — ich will den Kindern tanzen zusehen.(Ab.) Vierte Scene. Mathilde (allein, finkt halb bewußtlos auf ein Fauteuil). Was soll aus mir werden? (Liest.) »Die elende Zoe hat Wort gehalten. In dem Augenblicke, wo ich Ihnen schreibe, läuft unser Gehcimniß von Mund zu Mund; heute noch wird es für Zhren Mann kein Geheimniß mehr sein. Mathilde , es ist keine Minute mehr zu verlieren, wir müssen fliehen! Das Verhängniß — welches ich preise! — zwingt Sie, mir noch mehr anzugehören, als ich hoffen durste. Finden Sie sich um acht Uhr mit Jeanne auf dem Nordbahnhof ein. Sorgen Sie sich um keinerlei Details, ich habe Alles vorbereitet. O Mathilde — wir werden mit einander vereint leben — alle drei — welch' beseligende Aussicht!« — (Nach einer Pause.) Welche Schmach! — Jetzt wie immer denkt er nur an sich! —O Liebe, Du Egoismus des Herzens — sei verflucht! Was soll ich beginnen? Wenn er mir nur eine Falle gelegt hätte, um mich zur Flucht mit ihm zu bestimmen? Doch nein! Diese Frau läßt mir keinen Zweifel mehr — ich bin verloren! Mit welcher Kunst sie mich marterte! Ist denn die Freundschaft ein eben so hohles Wort, als die Liebe? — Wo soll ich mir Rath holen? Bei meiner Mutter, bei dieser Heiligen, deren ganzes Leben eine ganze Reihe von erfüllten Pflichten und von erprobten Tugenden ist? — Bei meinem Vater? Mein schmachvolles Geständniß würde ihn tödten! Ich muß also lügen, wieder lügen, immer lügen! O, sterben wäre viel einfacher, viel ehrlicher! — sterben? Aber wie? Ich müßte meinem Tod den Schein eines unglücklichen Zufalls geben, um von denen, die mich lieben, beweint zu werden! — 3ch könnte ausreiten und mir den Kopf an einem Pflasterstein zerschmettern lassen — o, welcher Tod! (Verhüllt sich da- Gesicht mit den Händen.) O, ich bin feige, ich wage es nicht! Ach Gott, ach Gott! was soll mit mir geschehen? (Weint.) Bin ich eS wirklich? Bin ich das Weib, das so weit gekommen ist? Wenn ich an meine so ruhige, so fröhliche Kindheit denke — o meine Träume! wo seid Ihr? — Wohin habe ich mich verirrt? Sieh, Unselige, waS aus dir geworden ist! Sieh den Schlamm, der Dich umgibt! Nun — was suchst Du? Leere den Becher Deines Unglückes bis zur Hefe: dieser Mensch, Dein Geliebter, er hat Recht! Die Flucht ist der einzige Ausweg, der Dir offen steht, sie ist sogar Deine einzige Entschuldigung. Man wird sagen, daß Du Deiner Liebe nicht widerstehen konntest, andere Frauen werden Dich noch beneiden und Dichter Dich besingen! Die ganze Stadt wird von Dir sprechen, Du wirst berühmt werden! Die Dienerschaft wird sich lachend Deine Geschichte erzählen nnd sagen, daß sie schon lange davon wußten — sie wissen vielleicht auch davon! — Und Du — Du wirst eine Romanheldin, in Italien am Ufer irgend eines See's alt werden — für ewig an Deine Sünde ge- kettet sein! — Wohlan, fort! — O, ich vermag es nicht! Nie! Fünfte Scene. Dumont, Mathilde. (Man hört die Tanzmusik des Kinderballes.) Dumont (tritt ein). O, machst Du so die Honneurs bei der Tafel unserer kleinen Gäste? Glücklicherweise entlediget Jeanne sich dieser Pflicht auf reizende Weise. Sie thut das mit einem Ernst, mit cinerWürde, daß man sich zu Tode lachen möchte. Adri- enne ist auch nett, aber doch kein Vergleich mit unserer Jeanne! Uebrigens, unter uns gesagt, gibt es kein Kind, das ihr gleich kommt! Was hast Du? Ach ja — Madame Larcey sagte mir, Du habest eine» Brief erhalten, der Dich bekümmert — was ist Dir widerfahren? Mathilde (sieht Dumont mit verstörten Augen an, als könne sie einen Gedanken, den sie plötzlich gefaßt hat, nicht aufgeben). Henri! Dumont. Du erschreckst mich! Warum siehst Du mich so an? Ist Deine Mutter — ist sie gestorben? Wo ist dieser Brief? (Mathilde gibt ihm den Brief. Nachdem er gelesen hat.) Das ist Alvarez' Schrift! Was soll das bedeuten? (Liest.) Und dieser Brief ist an Dich gerichtet — an Dich? Mathilde. Ja. Dumont. Nein! Ich höre nicht — ich verstehe nicht! — Alvarez — dieser Brief sagt die Wahrheit? Mathilde (erschöpft, schwankend). Ja! Dumont (losbrcchend und den Arm hebend, als wolle er sie tödten). Elende! (Er hält inne, tritt von ihr zurück und fährt mit der Hand über die Stirne, als wolle er seine Gedanken fest- halten.) Ich werde wahnsinnig, ich fühle es. Fassung, Fassung! Mein Gott!Lebewohl! Mathilde (flehend). Henri! Dumont. Du hast recht gethan, es zu gestehen — in solchen Fällen ist's am besten, die Wahrheit zu sagen; aber Du hättest aus Mitleid für mich noch ein wenig warten sollen. Ich habe Dir ja nie etwas zu Leide gethan — und man läßt den Menschen, die sonst nichts haben, doch wenigstens ihre Illusionen! Aber freilich, Du hattest keine Zeit zu verlieren, Du hattest Eile — er erwartete Dich — er erwartet Dich noch! — Nun,was willst Du noch von mir? Warum bist Du hier? Du bist frei — reise! Du hättest abreisen sollen, ohne mir etwas zu sagen, das wäre einfacher gewesen. Und ich, ich habe nichts gesehen, nichts geahnt! Ich habe nichts Besseres verdient, denn ich war zu blind. Aber was will ich auch? Er hatte mir einen Dienst erwiesen, er hatte mir Geld geliehen und — nahm mir dafür meine Frau, das ist ja nur natürlich! Und er will, daß Du auch Jeanne mitnimmst? Er will mir mein Kind nehmen? Das ist zu viel. Sprich — warum hast Du mir gestanden? Mathilde Ich hoffte, Du würdest mich tödten—und ich habe nichtdenMuth, es selbst zu thun. Dumont. Warum willst Du sterben? Mathilde. Weil ich die unglücklichste aller Frauen bin! Dumont. Unglücklich? Wie so? Man liebt Dich — Du liebst wieder — Du mußt leben! Mathilde. Ich liebe ihn nicht! Dumont. Du liebst ihn nicht?! Was bist Du denn für ein Weib? Mathilde. Wenn ich Dir sage, daß ich im Grunde meines Herzens nie Jemand geliebt habe als Dich, so wirst Du mir nicht glauben und doch ist es die reinste Wahrheit! Und darum habe ich Dir mein Geständniß abgelegt. Befiehl, was Du willst, ich ergebe mich in vorhinein in Alles, wenn ich nur diese Marter nicht mehr dulden muß, diese Qual, die entsetzlicher ist, als Alles was Du iu deiner gerechten Wuth ersinnen kannst. Willst Du, daß ich sterbe, damit Du frei wirst, damit Du eine Andere wählen kannst, um ihr deinen Namen zu geben, den zu tragen ich so unwürdig bin? Verdamme mich — tödte mich thu' mit mir, was Du willst — ich werde Dich lieben und segnen, was. auch immer mit mir geschehen möge. Dumont. Und — seit wann bist Du so tief gesunken? Mathilde. Seit dem Tag, wo er Dich gerettet hat. Dumont. Seit sieben Jahren? — So ist Jeanne — (Mathilde senkt den Kops und verbirgt ihn in den Händen, ohne zu antworten.) Richten Sie sich auf, Madame! Ist das Alles? Haben Sie mir noch etwas zu sagen? Mathilde. Was beschließest Du? Dumont. Thun Sie, was Ihnen gut dünkt, Madame; nehmen Sie Ihr Kind — ich kenne Sie nicht mehr! Mathilde. Lebe wohl. (Steht auf, macht einen Schritt gegen die Thür.) Dumont. Wohin gehen Sie? — Ich verbiete Ihnen zu sterben. Mathilde. Warum? Dumont. WeildieVergangenheit genug Verbrechen birgt und Sie für Ihre Tochter leben müssen. Ich werde sie doch nicht erziehen? Und ihr Vater ist jeden Augenblick dem Tode ausgesetzt. Mathilde. Henri — Du willst Dich schlagen? Dumont. Was kümmert das Sie? Mathilde. In des Himmels Namen, setze Dein Leben meinetwegen nicht auf's Spiel. Dumont. Sieben Jahre lang hast Du mich täglich, stündlich belogen, hast noch die Zärtliche gegen mich gespielt. O, warum habe ich Dich nicht erstickt in diesen Umarmungen, die ich für Liebe hielt? O Elende! wenn ich denke, wie ich Dich er, röthen sah, wenn Du aus öffentlichen Promenaden mit verlornen Geschöpfen in Berührung kamst — aber die Schamröthe galt wohl nicht ihnen, sondern — Dir! 3hre Entschuldigung sind Hunger und Elend, aber wo ist die Deiuige? Mathilde. Ich habe keine. Ich will keine haben. Ich habe Dich nicht belogen, ich liebte Dich —'Ich liebe Dich noch immer. Dumont. Genug, Madame! Diese Komödie ist überflüssig. Gehen Sie in Ihr Zimmer und erwarten Sie meine Befehle. Jeanne (tritt rin). Ach, Mama,Mama, ich unterhalte mich köstlich. Mathilde. Geh', Jeanne, geh'. Jeanne. Du schickst mich immer fort! Und ich bin doch artig, nicht wahr, Papa? Dumont. Führen Sie dieses Kind hinweg. Jeanne. Was hat Papa? Warum küßt er mich nicht? Dumont. Führen Sie das Kind hinweg! Jeanne. Papa! Papa! — Mein Papachen! Dumont (nimmt Zeanne am Arm und stößt sie unsanst zu ihrer Mutter). Führen Sie das Kind hinweg, sag' ich Ihnen! Jeanne. Papa hat mir weh gethan — heute, an meinem Namenstag — und ich wollt' ihm doch einen Kuß geben. Dumont. Bleib, Jeanne! (Gibt Mathilde einen Wink, sie geht wankend ab.) Sechste Scene. Dumont. Jeanne. Dumont (mit steigender Bewegung).Komm', Jeanne! Ich — ich bitte Dich um Der- gebung. Jeanne (will ihn küssen). Ick verzeihe Dir! Dumont (kniet vor ihr nieder, sie sitzt auf dem Sopha). Und wenn ich Dir jemals — etwas zu Leid gethan habe, so verzeih es mir auch, ich hatte kein Recht dazu! Jeanne. Du hast mir nie was zu Leid gethan, Väterchen! Dumont. Du darfst mich nicht mehr Vater nennen. 16 , Zeanne. Wie sonst? Dumont (kann sich nicht mehr zurückhalten, legt seinen Kopf in Jeanne'S Schooß und bricht in Thränen aus). O mein Kind, mein Kind, ich -in sehr unglücklich! Zeanne (gewissermaßen erschrocken). Was hast Du? (Nimmt ihr Taschentuch und trocknet Dumonts Augen.) Du darfst nicht weinen, Papachen. Ein Mann weint nicht, so was paßt nur für ein kleines Mädchen. Dumont. Du hast Reckt, ein Mann weint nicht. (Klingelt.) Geh' spielen! (Zu dem eintretenden Diener.) Sagen Sie Herrn Alvarez, daß ich ihn erwarte. (Zeanne und Diener ab. Für sich.) »Ein Mann weint nicht!* (Fällt auf das Sofa und verbirgt das Gesicht in beiden Händen.) (Ende des zweiten Actes.) Dritter Lct. (Dekoration wie in den beiden ersten Acten.) Erste Scene. Mad. Larcey, ein Diener. Mad. Larcey (allein). Niemand hier! Er nicht — fie nicht. Bei wem empfiehlt man sich denn in diesem Hause, wenn man fortgeht? Was geht vor? (Klingelt.) Wahrscheinlich dieser Brief — ich muß doch erfahren, was er enthält — ich wittere ein Geheimniß! (Zu dem eintretenden Diener.) Wo ist Frau Dumont? Diener. Madame ist plötzlich unwohl geworden und auf ihr Zimmer gegangen. Sie kann Niemand empfangen. Mad. Larcey. Und Herr Dumont? Diener. Er war erst vor einem Augenblick mit Fräulein Zeanne hier. Er ist auch nicht ausgegangen, da ich Herrn Alvarez sagen mußte, er wünsche ihn gleich zu sprechen. Hier ist Herr Dumont. Zweite Scene. Mad. Larcey. Dumont. Mad. Larcey. Ick suchte Sie — Sie und Mathilde, um Ihnen Lebewohl zu sagen. Dumont. Sie müssen Madame Dumont entschuldigen, ein unvorhergesehenes Geschäft erfordert im Moment ihre Anwesenheit — Mad. Larcey. Wahrscheinlich dieser Brief? Dumont. Za, dieser Brief. Mad. Larcey. Eine schlimme Nachricht? Dumont. Ja wohl — eine schlimme Nachricht. Mad. Larcey. Welche nur Mathilde betrifft? Dumont. Auch mich und auch Sie, Madame Larcey. Mad. Larcey. Mich? Dumont. Sie! Dieß ist auch die Ursache, weshalb ich mich in mein Cabinet zurückzog. Ich wollte Ihnen noch einige Papiere zurückgeben, und mußte sie erst ordnen. Mad. Larcey. WaS für Papiere? Dumont. Sie sind doch unsere Freundin, nicht wahr? Mad. Larcey. Davon sind Sie doch überzeugt, denke ich? Dumont. Nun, wir sind auch Ihre Freunde und wollen Sie nicht in das Unglück verwickeln, das uns heimsucht. Mad. Larcey. Erklären Sie sich. Dumont. Ich schulde Ihnen wirklich eine Erklärung. Der Banquier gibt sie Ihnen und erbittet sich Ihre Discretion wenigstens für einige Tage. Mad. Larcey. O, für ewig! Dumont. So viel verlange ich nicht. Sie wissen doch, Madame, welchen Dienst mein Freund — Alvarez mir einst erwiesen hat? Mad. Larcey. Za. 17 Dumont. Ihm hatte ich es zu danken, daß ich mein Geschäft fortführen konnte. Mad. Larcey. Ich weiß es. Dumont. Seit jener Zeit stehe ich an der Spitze eines der ersten Bauquierhäuser von Paris, bin Verwahrer und Verwalter von manchem großen Vermögen — wozu ich z. B. auch das Ihrige zähle. Mad. Larcey (besorgt). Öder doch ein Theil des meinigen. — Nun! Dumont. Nun, unsere Kompagnie ist aufgelöst und wird sich liquidiren. Mad. Larcey. Liquidiren! — O mein Gott! Dumont. Die Geschäfte gingen ganz gut, aber HerrAlvarez bedarf plötzlich seines ganzen Einlagscapitals! Mad. Larcey. Und dieß beträgt? Dumont. Vier bis fünf Millionen. Ich gebe sie ihm zurück, kann dieß jedoch nur mit großen Opfern ermöglichen. Ich werde meine Güter iu Berry verkaufen, meine Gemäldesammlung, mein Hotel — mit einem Wort: ich bin ruinirt, denn ich war auf diese Reklamation nicht vorbereitet! Mad. Larcey (mehr und mehr besorgt). Und Ihre Clienten? Dumont. Beruhigen Sie sich, diese werden nichts verlieren. Mit Ihnen wollte ich zuerst Ordnung machen. Hier ist eine Anweisung auf die Bank für die Summe, die Sie bei uns gut haben. Mad. Larcey (aufathmend). Für die ganze Summe? — Ach, Sie sind ein Ehrenmann, Aber welcher Ursache schreiben Sie zu, daß Herr Alvarez plötzlich dieses Geld braucht? Dumont. Er braucht es eben. Mad. Larcey. Er hätte aber doch gewisse Rücksichten bedenken sollen — DjUmont. Das that er auch nicht, als er mich rettete. Er ist ein Mensch, der seiner momentanen Eingebung folgt. Man muß ihn nehmen, wie er ist. Mad. Larcey. Und — weiß er, daß er Sie zu Grunde richtet? Dumont. Er kann es wohl vermuthen. Ri. 1S1. Mad. Larcey. Und Mathilde — was sagt sie dazu? Dumont. Sie ist ergeben. — Sie war es, die er mit dieser unerwarteten Mittheilung betraute. Und dieß war der Inhalt jenes Briefes, der sie so sehr angegriffen hat. Mad. Larcey. Herr Dumont! , Dumont. Madame? Mad. Larcey. Ihre Frau iit ein Engel! — Sie müssen mir vergeben und auch Mathilde! Dumont. Wasdenn? Mad. Larcey. Ich habe sie beinahe verleumdet. Dumont. Sie? Mad. Larcey. O, nur in meinem Innern. Dumont. Wie das? Mad. Larcey. Sie wissen ja, man erwehrt sich nicht immer seiner bösen Gedanken, und man thut unrecht daran. Aber meine Aufrichtigkeit sei Ihnen ein Beweis meiner Reue. Dumont. Erklären Sie sich, ich bitte! Mad. Larcey. Mathilde hätte diesen Ruin verhindern können. Allerdings auf Unkosten ihrer Ehre: Alvarez liebt sie. Dumont. Glauben Sie? Mad. Larcey. Ich glaube es nicht — ich weiß es, und seine Handlungsweise Ihnen gegenüber ist nichts als Rache für Mathildens Widerstand. Dumont. O, das wäre eines Mannes unwürdig! Mad. Larcey. Diese Liebe war ja klar. Man sprach allgemein davon, man fing sogar schon an Mathilde anzuklagen. Ich war eben heute gekommen, es ihr mitzu- theilen. Jetzt aber, jetzt wird man wohl schweigen müssen. O, ich kenne Leute, ohne dre Berteur nennen zu wollen, die in Verzweiflung sein werden! Ich aber, ich freue mich Mathildens wegen! Dumont. Ich danke Ihnen für Ihre Theilnahme, Madame. Mathilde ist in der That ein Trost für mich in diesem Unglück, r 13 das sie ebenso schwer trifft wie mich, und welches sie bis zu Ende mit mir tragen will. Es wird sehr hart für sie sein — für sie, die seit ihrer Kindheit an den Luxus und an alle Freuden der Welt gewöhnt ist. —Aber auch falls sie meinen Antrag: zu ihrer Familie zurückzukchren, annimmt, werde ich es ihr nicht verargen! Die Erinnerung an das Glück, das sie mir in der Vergangenheit gewährt hat, wird mich in der Zukunft trösten. Mad. Larcey. Darf ich Mathilden umarmen, bevor ich gehe? Dumont (lächelnd). Gewiß! (Zu dem Diener.) Bitten Sie Madame einen Augenblick zu kommen. Mad. Larcey. Dieser Alvarez ist ein Elender! Dumont. Hm — er ist in seinem Rechte. Mad. Larcey (blickt auf das Papier, das Dumont ihr gegeben hat). Diese Anweisung ist also zahlbar nach Sicht? Dumont. Nach Sicht. (Mathilde tritt ein.) Mad. Larcey (geht ihr entgegen). Sie Arme! (Umarmt ste.) Ich wollte'Sie noch einmal umarmen. Vergeben Sie, was ich vorhin sprach, Sie haben dennoch keine bessere Freundin als mich — Diener (meldet). Herr Alvarez! Mad. Larcey. Leben Sie wohl! Ich mag ihn nicht sehen. (Für sich.) Ich will nur schnell die Anweisung einlösen! (Ab.) Dumont. Lassen Sie Herrn Alvarez eintreten! Dritte Scene. Dnmont. Mathilde. Alvarez. Mathilde (zu Dumont). Was soll ich thun? Dumont. Bleiben Sie. Alvarez. Hier bin ich, Henri, was willst Du von mir? Dumont. Zwei Männer, die einander in einer solchen Situation gegenüberstehen, wie wir, können nur hindern, daß diese Situation zur Lächerlichkeit oder in den Scklamm hinabstnkt, wenn sie sich nichts mehr verhehlen. Alvarez. Was für eine Situation? Dumont. Habe ich die Pflichten der Freundschaft je verletzt? Alvarez. Nie. Dumont. Und doch hast Du diese Freundschaft verrathcn, und zwar durch das abscheulichste, erbärmlichste Verbrechen. Alvarez. Henri! Dumont. Du bist der Geliebte meiner Frau! Seit sieben langen Jahren! Alvarez. Ich — Dumont. Hier ist Ihr Brief.— Alvarez. Sie haben ihn Ieanne abgenommen? Dumont. Nein — meine Frau hat ihn mir gegeben. Alvarez» Sie? Dumont. Sie — aus eigenem Antriebe. Alvarez. Wie — sie besaß solche Kühnheit? Dumont. Solches Vertrauen. Alvarez. Und — weshalb dieß plötzliche Vertrauen? Dumont. Weil sie Sie nicht liebt — nie geliebt hat — und meinen Gerechtigkeitssinn, meinen Zorn sogar Ihrer Liebe vorzieht! — Ist das wahr, Madame? Mathilde. Es ist wahr! Alvarez. Und ist das Alles, was Sie mir zu sagen haben? Dumont. Nein! Sieben Jahre lang biete ich der Welt unwissentlich das unwürdige Schauspiel eines durch sein übermäßiges Vertrauen lächerlichen Ehemannes — vielleicht sogar eines durch den Schein der Mitwiffenschast infamen Ehemannes — besonders da Sie mir Dienste erwiesen haben — da ich — Ihr Schuldner bin —. Alvarez. Aber — Dumont. Ich will Sie um etnen-Rath bitten. 19 Alvarez. Mich? — Sie sprechen im Ernst? Dumont. Wie könnte ich anders in einer so ernsten Angelegenheit? Glauben Sie, ich fand in diesen zwei Stunden nicht Zeit zur Uebcrlegung, zum Nachdenken? Und in gewissen Momenten jagen die Gedanken sich schnell.— Ich weiß also, was ich thue, denn Gott sei Dank, trotz Allem, was ich erlebt, ist mein Geist gesund, ist meine Seele stark geblieben! — Es ist ein Segen Gottes, wenn man die Schule einer Mutter durchgemacht hat, die ein rechtschaffenes Weib war, und die eines Vaters, der ein Ehrenmann ist!— Ich frage also Sie: wenn ich Ihnen einst einen großen Dienst erwiesen hätte— nachher Ihr Compagnon geworden wäre—Ihr vertrautester Freund; wenn ich, Ihr Freund, Ihnen Ihre Frau geraubt haben würde; wenn diese mir ein Kind geschenkt hätte, das für das Ihrige gilt — ich frage Sie: was würden Sie thun? — Antworten Sie! Mathilde (aus dm Knien). O mein Gott — mein Gott! Alvarez. Es gibt Situationen, in denen man nur bei sich und seiner Würde Rath holt. Dumont. Nun: Sie an meiner Stelle würden mich schon als »Elender« — »Infamer« behandelt — Sie würden mich vielleicht schon geohrfeigt haben, um das Duell unvermeidlich zu machen, welches gewöhnlich die Folge einer solchen Situation ist. Alvarez. Vielleicht. (Mathilde horcht mit Entsetzen und Angst.) Dumont. Ich aber, ich weihe nicht vier Zeugen in eine Thatsacke ein, die nur den Schuldigen und dem Richter bekannt lein soll.—Und: nehmen wir an, ich tödtcte Sie nicht, wo wäre die Satisfaction? — Und wenn Sie mich tödten, wo wäre die Gerechtigkeit? Alvarez. Nun also? Dumont. Nun — da befrug ich das Gesetz, was für Mittel cs mir an die Hand gibt, Sie zu bestrafen. — Ich kann Sie tödten — Beide! — Ich kann meine Frau in's Gefängniß werfen lassen und vor der Welt brandmarken. Ich kann mich von ihr scheiden lassen — im »Wege deö Guten « wie man sich ausdrückt. — Was immer ich auch wähle, es bringt Entehrung für sie. Lächerlichkeit für mich, Schande für das Kind, das nicht für Ihre Verbrechen leiden darf. — Das Gesetz ist grausam, es hätte besser fürsorgen sollen. Noch bleibt mir das Recht: zu vergeben! — aber ich bin nur ein Mensch und habe nicht die Kraft dazu. — So blind Ihre Leidenschaft auch war, so mußten Sie doch endlich bei dem Gedanken erröthen und unter dem Bewußtsein leiden: welches Leid Sie mir zugefügt haben — ein unberechenbares, nie wieder gut zu machendes Leid, denn es stiehlt mir meine Vergangenheit — meine Gegenwart— meineZukunft! —es stiehlt mir die Liebe zu meiner Frau — die Hoffnungen, die ich in mein Kind gesetzt — ja sogar meine Freundschaft für Sie, denn Ihr Drei wäret meinem Herzen Alles! Alvarez (gerührt). Mein Herr! (Machilde immer knieead, weint still ) Dumont. Dann ist die Welt da, der ich ebenfalls eine Erklärung schulde, Madame Larcey, die sie in meinen Augen mit all' ihren Frivolitäten, all' ihren Ungerechtigkeiten, all' ihren Spötteleien und all' ihren Rechten repräsentirt, weiß bereits, was sie sageil und was die Welt ihr nachsagen soll. Nun hört, was ich von Euch Beiden fordere. Herr Alvarez wird noch heute auf gerichtlichem Wege die bei mir angelegten Kapitalien zurückfordern — und zwar auf eine Weise, die mich zu Grunde richten mußr Alvarez. WaS Sie da von mir fordern, ist eine Infamie! Dumont. Was ist Ihnen an einer Infamie mehr oder weniger gelegen? Und glauben Sie denn, ich könnte jetzt noch einen Sous von diesem Gelde behalten, das Sie mir geliehen haben? Ich fordere, daß Sie r * 20 sich dieser Bedingung unterwerfen — ich will ruinirt werden — und von Ihnen. Alvarez. Und wenn ich mich weigere? Dumont. Sie wissen, ich bin ein Mann von Wort. Wenn Eines von Euch Beiden sich weigert, das zu thun, was von Euch zu fordern ich berechtigt bin, so — mein Ehrenwort darauf— so jage ich mir eine Kugel durch den Kopf und lasse einen Brief zurück, der die wahre Ursache meines Todes enthalt. Alvarez. Das heißt, Sie entehren mich auf andere Art — Dumont (schickt sich an zu gehen). Wählen Sie! Alvarez. Ich gehorche Ihnen. Dumont. Gut. Ihre Rechnungen sind geordnet, mein Herr. — Mein kassier wird in einer Stunde mit Ihnen abrechnen. — Was Sie betrifft, Madame — (Hält einen Moment inne.) Mathilde. Mein Gott, was wird er beschließen? ! Dumont. Was Sie betrifft, Madame, so werden Sie zu Ihren Eltern zurückkeh- rcn, nachdem Sie Ihre Mitgift von mir zurückgefordert und mir geschrieben haben, daß es Ihnen an Muth gebricht, dieses voraussichtliche Elend zu ertragen — Mathilde. Das ist ja unmöglich — das wäre ja Verzeihung — Dumont. Ich will nicht verzeihen — und habe unter allen Strafen, die ich Ihnen aufcrlegen konnte, die infamirendstc gewählt: Ich verurtheile Sie Beide zur Undankbarkeit! Mathilde (schüchtern). Und — meine Tochter? Dumont (lächelt). Ihre Tochter? (Zu einem Diener, der eben durch daS Zimmer geht.) Senden Sie Fräulein Ieanne hiehcr! (Diener ab.) Da ich der Einzige von uns Dreien bin, von dem man gewiß sein kann, daß er sie zu einem rechtschaffenen Weibe erzieht, so behalte ich sie; und da ich arm bin, werde ich für sie arbeiten. Im Glücke ist Arbeit Pllicht — im Unglück ist sie uns ein Trost! Ieanne (tritt rin). Hier bin ich! Dumont. Komm', Ieanne!— Ieanne, Deine Mutter ist reich — Dein Pathe ist reich — ich, ich bin arm geworden. Weißt Du aber auch, was das heißt, arm sein? Ieanne. Ach ja, Papa! Dumont. Bei welchem von uns Dreien willst Du bleiben? Ieanne. Bei Dir! Dumont. Deine Mutter muß verreisen — willst Du mit ihr gehen, oder bei mir bleiben? Ieanne. O, Papachen, ich bleibe bei Dir! Dumont. Geh' — umarme Deine Mutter ! (Ieanne geht zu ihrer Mutter, nachdem sie diese geküßt hat, macht fie eine Bewegung, um aus Alvarez zuzugehen. Mathilde hält fie zurück und schickt fiezu Dumont. Alvarez geht vrrzweiflungs- voll ab.) Und jetzt, Madame, können Sie zu Ihrer Mutter gehen! (Mathilde geht ganz niedergeschmettert ab. Dumont zu Zeanne, sie in seine Arme nehmend.) Du liebst mich doch — Du? Ieanne. Ach ja, Papachen, gewiß! — Aber ich werde meine Mutter doch wieder- seh'n? Dumont (blickt aus die Thür, durch die Mathilde abgegangm ist). Vielleicht! (Der Vorhang fällt.) Ende Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Die fesche Godl. Aktzit» an» dm Wiener Volksleben mtt Gesang in drei Mheilnngt« und sechs Dildcrn von Ferdinand Heim. Musik vom Kapellmeister Julius Hopp. 3m k. k. priv. Theater an der Wien zuerst mit Erfolg gegeben. Erste Lbtheitung. Erstes Bild: Eine alte Tautippe und ihr hoffnungsvolles Söhlllein. Zweites Bild: Drei verschiedene Narren uud ein geknicktes Herz. Drittes Bild: Die Prophezeiung um Maskenball. Zweite Lbtheitung. Viertes Bild: Ein neuartiges Bankgeschäft. Fünftes Bild: Eine mißlungene Fluchl. Dritte Äbtheitung. Sechstes Bild: Entsagung aus Liebe und unverhofftes Glück. Personen: Purtzel, Privatirr. Babette, seine Wirthschafterin. Friedrich Ressel, Handelsagent. Lorenz Saxinger. Sali, seine Frau. Hanfi, sein Sohn. Natzi, der Lehrbub. Ernestine, Modistin, seine Nichte. Rost, ihre Freundin. Rumpler, Schneidermeister. Leo de C-ar. von der Traun, » . ^ E,lmb°ch. j Psutschmeyer, gewesener Fabrikant. Lüstrrl, Geldzubringer, knni-nk Müller', ^olrbändler. Erste Abheilung. Erstes Bild. Erste Scene. (Elegantes Zimmer bei Purtzel, rechts und links Seitenthüren, Tisch und Sessel, am Tisch ein Hauskäppcheu, am Sessel ein Männerhut.) Purtzel (allein). En 1 röe - Lied. Das Leben allein is halt gar so fatal, Man find't in an Weiberl nur sein Ideal, Man geizt mit der Zeit, führt die Braut nur schnell heim, Und richt sich sein Häuscrl zum Paradies ein; Doch hat aner d'Holde vierzehn Tag z'Haus, So is mit'n Himmel der Seligkeit aus, Statt Buffcrl'n und Blicke, so süß einst von ihr, Ergreift man den Hut und schleicht 'naus hei der Thür. "' Doch find't man sich endlich in d'ehliche Pein, Und sagt in Gott's Nam', ich muß z'frie- den jetzt sein, D'rauf kommt glei was Anders, 's gibt gar kan End', Der Liebe Pfand legt uns die Gattin in d'Händ'; Man drückt unter Küssen den Sprößling ans Herz, Vergeht fast vor Freude und wonnigem Schmerz, Doch nach kommen später oft zwa, auch drei, vier, Da wird nir mehr busselt, man schleicht nach der Thür.1 Doch das genirt mich Alles nicht, besser von an jungen angctrauten Weibcrl sckirt, als von einer alten Wirthschafterin tyranni- sirt. Und wann man noch das Unglück hat reich z'sein; ja, es ist wahr, ich Hab' Geld, viel Geld, aber was nutzt mich mein Geld, ich Hab' ka Freud' damit. Andere Leut' leben, genießen 's Leben, reisen mit a paar Groschen weit und breit in der Welt herum, und ich fürcht' mich schon wegen au Eisenbahnunglück bis nach Böslau z'fah* ren. In allen Clubs ernennen sie mich zum Präsidenten, überhäufen mich mit Patri- j zierwürden, schreien mich für den g'scheide« sten Menschen der Welt auS, und ich weiß, daß das Alles erlogen ist; o, eS ist schrecklich ein Mensch zu sein, wie ich bin! Zweite Scene. Purtzel, Lorenz Saringer (tritt rin mit einem Zeitungsblatt in der Hand). Purtzel. Der Lorenz, mein neuer Kam« merdiener, ein Wahrheitsfreund bis zur Kotzengrobheit. Lor. (gibt Purtzel die Zeitung). Sanschon einidruckt in's Blatt, da lesen's amal. (Zieht ein Papier, in dem eine blaue Masche eingewickelt ist, aus der Brusttasche.) Da ist die gewisse blaue Schleife. (Legt fic aus den Tisch hin.) Purtzel (nachdem er gelesen). Lorenz, Hab' ich Recht oder nicht? Lorenz. Wie Sie ein Hasenfuß sein, der schon vor der alten Wirthschafterin, wann's ihn anbellt, die Cholera kriegt vor lauter Aengsten, so gibt's nur das anzige Mittel, um von der alten Bisgum los- z'kommen; das haßt, wann Sie die Kou- rasch hab'n die G'schicht durchzuführen. 3 glaub's no alleweil nit, kehr' um die Hand, hat Ihnen wieder die Alte beim Kragen. Purtzel. Das wär' nicht übel, —kor- schamcrdiener, mich die Alte beim Kragen, glaubst Du, ich bin so unconscqucnt glaubst, ich Hab' ka Kourasch? Lor. Nur dasmal Haltens Ihnen,Herr von Purtzel, sonst hilft Ihnen nir mehr, 's Geld für das heutige Inserat außig'wor- fen — und Alles beim Teufel. So wie wir besprochen, Sie treiben Ihnen a Rud'l Mad'ln z'samm, suchen sich die Schönste davon aus, und dann wird nicht eher mit ihr hamgrast, bis sie nicht Ihre angetraute Ge- spunsin geworden ist. nachher die Alte fortjagen is Nummer zwei, das wird schon die junge Frau machen, da haben's Ihnen gar nit z'kümmern. Purtzel. Ich wäre sehr geneigt mich einem aufrichtigen Menschen ganz anzuvertrauen, das heißt — Lor. Versteh' Ihnen schon; wann's was spendiren wollen, ich übernimm die ganze G'schicht — ich verheirat' Ihnen ganz allein. Purtzel. Was glaubst Du, wird sich noch so a junges Maderl mit mir glücklich fühlen können — ich denk', mein AcußereS zwar — Lor. Haßt gar nir, da wird auch gar nit d'rauf g'schaut — Sie san der Mann von Geld, und da können's ausschauen wie an Orang-Outang. Purtzel. Das is a grober Kerl! Lor. Ob sich das Mad'lglücklich fühlt, oder nicht, geht Ihnen nir an, Sie hei- rat'n das Mad'l wegen ihrer Reize, und sie Ihnen wegen dem Geld und der Versorgung, und so a Versorgung, Sie, die is oft nicht a bisserl grauslich; übrigens wissen Sie sich schon zu revangiren. Kleider, Shawl, Schmuck, Pratiosen und sonst noch was halt den ehelichen Frieden aufrecht, und Vaterfreuden können's a noch dabei erleben. Purtzel. Sei's, wie's sei, das ist mir jetzt schon alleseins —nichts Acrgeres kann mir nimmer paffiren, ich thu's nur, um von der Alten amal los zu kommen; wann ich schon a Medicin einnehmen muß, so ist mir doch lieber a süße, a bissel genußbare, als wie so a gallhantig-bitt're. Also, Lorenz, wann Du mir das Geschäft ordentlich besorgst, Du maßt schon, Du kennst mich schon, ich laß' mich's was kosten. Lor. Nur nir versprechen, glei hergeben, das Versprechen von die reichen Leut' haßt bei mir nir, meistens reu't sie's wieder; rucken'S nur aus mit'n Geld. Purtzel (zieht die Brieftasche). Ja, ich t* 4 Hab' nur an anzigen Fünfer, und sunst lauter Tausender in der Brieftaschen. (Gibt ihm einen Tausender.) Lor. A Tausender, das wär' mei mcist's Geld; was das für ein prachtvolles Papier ist! (Steckt es ein.) Purtzel. Halt, halt, das ist z'viel. L or. Was überbleibt und was i nit brauch', das kriegen Sie wieder z'ruck; mir kommt da g'rad ein Gedanken! Wie wär's, Herr von Purtzel, wenn wir die Alte auf acht Tag' wo einsperren thäten? Purtzel. Um Gottes willen, die machet an Lärm, daß 's ganze Haus z'samm- fallet. Dritte Scene. Vorige. Babette (kommt aus der Seitrn- thür mit einem gestrickten Shawl). Bab. Aber, Herr von Purtzel, schon wieder ka Hauskapperl auf und wenn die Thür aufgeht, der Zug, wie leicht können's Ihnen da nit verkühlen. (Nimmt das HauS- kapperl vom Tisch und setzt es Purtzel auf.) Purtzel. O! es is nit so gefährlich mit mir, der Zug der schad'l mir viel weniger, als wie so andere abscheuliche Züge. Bab. (die am Tisch dir blaue Schleifen erblickt). Ja was ist denn das für a schöne blaue Schleife? Purtzel (für sich). Was sag' ich denn g'schwind? (Laut.) Aha, ja, ja, gestern ha- ben's mich zum Präsidenten vom Katzenkopfverein gemacht, und da is heute Generalversammlung, da muß ich als Präses mit der Maschen fungiren. Bab. Schon wieder aPräsident worden aus'n Herrn von Purtzel. Ja, ich sag's ja, mit nächsten werden's ihn zum Minister ruschen. , Lor. (im Hintergrund). No wart, was Du nit Alles erleben wirst. Bab. Sehen's, Herr von Purtzel, da, da Hab' ich Ihnen wieder an neuen Shawl bracht, daß Sie Ihnen ja nit verkühlen. (Bindet ihm den Shawl um ) Lor. Sehr warm angelegt. Purtzel. (abwehrend). Laßt mich, Babette, mit den Sachen in Ruah. (Reißt den Shawl herunter.) Bab. Was ist denn das? jetzt wird der Herr von Purtzel auf amal hopataschig, sonst war ich immer seine liebe Babette hin und her, und jetzt auf amal diese Umänderung in sein' ganzen Benehmen. Is vielleicht die Babette nicht mehr gut genug (weinerlich), vergessen's alle die Opfer, die ich Ihnen gebracht Hab'? Purtzel. Gehst denn nit weiter? Bab. Er hat mich um meine Jugend, um meine Reize gebracht? Purtzel. No freilich, das bisserl, was no da war, jung war sie in ihrem Leben nie. (Zu Babette.) Hört mir d'Babette mit solchen Reden auf, es wird am ordentlich nicht gut dabei. Bab. Mir scheint, der Herr von Purtzel will sich jetzt, nachdem ich eine so geraume Anzahl Jahre mit ihm zugebracht, ich ihm vielleicht gar zu alt geworden bin, langsam von mir losschrauben , aber da wird nichts d'raus, er hat mir das Eheversprechen gegeben. Purtzel. Is ka Wort wahr, kunnt mir nöt einfallcn. Bab. Erinnern Sie sich noch jener schwachen Stunde, wo es hieß: meine gute liebe Babette, meine einzige Babette, (wrinevd) ich Hab' Ihnen g'rad damals das baumwollene Nachtjankerl angezogen; o, unser eines kann das nie vergessen. — Aber ich werde Sie gerichtlich belangen, zur Einhaltung dieses Versprechens zwingen, ich ver- 5 lange zwanzigtausend Gulden Schaden« satz. Lor. Zwanzigtausend Gulden für diese genossene Schiechheit. Purtzel (seinen Hut nehmend, daS Haus kapperl weglegend). Jetzt, Purtzel, nimm Dich z'samm'. (Zu Babette.) Mach die Babette, was Sie will, heiraten kann ich's auf kei nen Fall, ich bin schon zu alt dazu, will aber die Babette wen andern heiraten, so Hab' ich nichts dagegen — ich schau, daß ich fortkomm', denn in mein' Haus Hab' ich kan Ruah mehr; das sieh ich schon. (Will zur Thür.) Bab. Dableiben, Herr von Purtzel, nicht untersteh'» und fortgeh'n. Purtzel (zurückcilend, in Verlegenheit). Wer? ich soll da bleiben, (stotternd) ich — ich — Bab. Nicht untersteh'n und fortgeh'n. Lor. (ohne von Babette bemerkt, ihm zuwinkend sich wacker zu halten). Purtzel (bestärkt). Und justament, g'rad' geh' ich jetzt, der werd'ich's zeigen. (Läuft bei der Thüre hinaus.) Bab. (ihm nachrusend).Vergessen's nit auf das gewisse Testament und das vier Stock hohe Haus in Triest. Na, daS is unerhört, das hat er mir noch nie gethan; wo der Mann die Kourasch her hat, da steckt was dahinter. Was sagt der Lorenz dazu? Lor. Bei a paar Liebsleut' is schwer a Wort d'reinz'reden. Bab. Sieht der Lorenz, so geht's, ich, die ich ihm seine Pflege, sein Alles, sein Liebstes gethan Hab', und jetzt, jetzt wird er meiner überdrüssig; aber ich kann mir's nit anders denken, er muß ang'lernt word'n sein; er muß was auf der Seiten haben und da muß ich d'rauf kommen. Waß der Lorenz, eben deßwegen Hab' ich den Lorenz als einen verläßlichen treuen Menschen in s Haus genommen, ihm das Diensterl verschafft, damit, wenn er was inne wird, er mir Alles haarklein erzählt. Lor. Ah so, ja das kannich schon thun, aber jetzt derweil waß ich noch nichts. Bab. Dann mach' ich den Lorenz aufmerksam, daß er nicht so unterwürfig, und servil gegen den Herrn Purtzel wird, wie's die Andern than haben, sonst wird mir der Alte zu hochmüthig; von mir hängt eigentlich sein Dienst ab, und im Gegen- theil, ich will, daß er mit'n Herrn Purtzel recht grob sein soll, das versteht der Lorenz doch! Lor. No und ob, grob sein kann ich ganz grammatikalisch, ich wollt' nur, daß ich's Ihnen amal so sagen kunnt. Bab. Also ich kann mich auf'n Lorenz verlassen? Lor. Da können'S Gift d'rauf nehmen. B a!b. Da hat der Lorenz (greift m die Taschen) «Sechser! aufa Halbe Bier. (Gibt eS ihm.) Ich rechne auf seine Anhänglichkeit und Verschwiegenheit, meine Generosität kennt er schon. (Geht ins Seitenzimmer ab.) Lor. (die Zeitung vom Tisch ergreifend). DaS Blatt heb' ich mir zum Andenken meiner Mitwirkung auf. (Hält daS Sechser! noch in der Haud.) Alte, daß dich not irrst; da a Sechser! und dort an Tausender, da thut am die Wahl nit weh'. Das Sechscrl, pfui Teufel (wirst rS weg), das thät mir noch den ganzen Tausender in der Taschen verschandeln. Vierte Scene. Ressel (tritt durch die Mittelthür ein). Ressel (allein). Heut'muß die alteTant' amal wieder schwitzen, ob's will oder nit, ich brauch' fünfzig Gulden, der großartige Ball heut' Abend rc. Die Alte kommt mir nicht aus. Fünfzig Gulden ist das Losungswort, was ich ihr begreiflich machen MUß. (Klopft an der Seitenthür, wo Babette abgegangeu.) Frau Tant! Mama! 6 Fünfte Seene. Ressel und Babette (dir aus drr Seitm- thür kommt). Ressel. Guten Tag, liebe Mama, ah, Tante, will ich sagen. Bab. Hab' Dir's schon einmal g'sagt, wenn ich auch an Dir Mutterstelle vertreten habe, so bin ich doch nur eigentlich deine Tante. Ressel. Aber die böse Welt, Frau Tant'. raunt sich halt in s Ohr, daß Sie eigentlich meine Mama sind. Bab. Das ist a Lug', da müßt' ich doch auch was wissen davon. Ressel. Zwischen Wissen und Wissen wollen ist ein großer Unterschied, ebenso glaub' ich, wird der Herr von Purtzel auch nichts wissen wollen, daß ich sein leiblicher Sohn bin. Bab. Du mein und Herrn Purtzel sein Sohn! Ressel. So spricht die böse Welt, ich kann nichts davor, daß Sie meine Eltern sein sollen; aber das sag' ich, schon lang frött ich mich als arme Waise immer herum, an Papa mit eilf Häuser, a Mama, der's Geld über Nacht in der Taschen wachst; ich häng'Ihnen an dreifachen Pro- ceß an Hals, eine Vaterschafts- und Mutterschaftsanerkennungsklage und Entschädigungsansprüche für meine vernachlässigte Erziehung. B a b. Ich bitt' Dich um Alles in der Welt, sei nur still, wenn das der Herr von Purtzel inne wird, so habe ich das Aergste zu besorgen, hast vielleicht gar in deiner Unbesonnenheit dem Herrn von Purtzel was g'sagt? Ressel. Bis dato noch nicht, aber lang halt' ich auf kan Fall mehr 's Maul, ich Hab' mir vorgenommen meiner traurigen Lag' ein End' zu machen. Bab. Ja, in was besteht denn eigentlich deine traurige Lag'? Ressel (für sich). Aha, die Alte wird wach. (Laut.) Js das vielleicht ka traurige Lag', «Handelsagent ohne Vermögen, ohne Aussicht auf die Zukunft, mit vierzig Gulden monatlichem Salär, jung und lebenslustig, ka Geld in der Taschen, mein Schneider will mich einsperren lassen, mein Schuster hat mich pfänd't, den Zins bin ich schuldig, in kan WirthShaus Credit mehr. Bab. Du bist halt a leichtsinniger Mensch. Ressel. So, das nennen Sie leichtsinnig, liebe Tant', wenn ich meine Geschäftszeit opftre, Jahr und Tag herumsuch', um meine rechtmäßigen Eltem, das höchste Gut des Menschen, zu finden. Bab. Aus dem Ganzen leuchtet nur heraus, daß Du wieder in einer Geldverlegenheit bist. Ressel. Das ist auch wirklich nit schwer zu errathen, und wollen Sie im Ernst an mir mütterlich handeln, so öffnen Sie Ihr mildthätiges Portemonnaie laffen's a fünf, sechs grasgrüne Zehner springen und drr Friede und die Eintracht zwischen uns sei wieder hergestellt. Ich bin ja höchst versöhnlicher Natur. Bab. Und das Alles nur um fünfzig Gulden? Ressel. Js auch gar ka Preis für so ein anständiges Elternpaar. Bab. Die G'fchicht wiederholt sich schon zu oft, wär' «mal Zeit, daß Du Vernunft annähmest. Ressel. Ja, Sie haben Recht, Frau Tant', das is wahr; aber bei Ihnen ist das nur das einzige wirksame Mittel, um was außerz'kriegen. Bab. Nach meinem Tod kriegst Du Alles, Du bist mein einziger Erbe. Ressel. Ja, weiß Gott, wie lang das noch dauern kann, benützen Sie lieber jetzt bei Lebzeiten die Gelegenheit sich recht wohlthätig zu zeigen, ich werde schon trachten, daß sich die Lage dazu darbietet; das ist Ihrem Seelenheil nützlicher als wie die ellenlangen sich in's Blitzblaue hinausdehnenden testamentarischen Klauseln. Bab. Das ist ein Blutegel feinster Race. (Zieht die Geldbörse.) Da, dasan fünfzig Gulden. (Gibt sie ihm.) Jetzt darfst Dich aber a Vierteljahr bei uns nöt anschauen lassen. (Geht ab.) Ressel. Küß die Hand, Frau Tant', küß die Hand, aber g'wiß versprechen kann ich's nir, es treten oft Fälle ein unvorhergesehener Art, daß man gezwungen wird ein neues Anlehen contrahiren zu müssen, und das ist bei mein' Finanzminister gar leicht der Fall, der kümmert sich nicht um das gewisse Budget von fünfzig Gulden. Jetzt weiß ich nicht, welche von meine zwa Madeln ich heut' am Ball führen soll — so werd' ich machen, ich nchm' mir an Wagen, fahr' zu aner jeden hin, und die die geschmackvollste Toilette besitzt, sei meine Auserkorene. (Geht ab.) Zweites Bild. Verwandlung. (Zimmer bei Lorenz Saxinger, ärmliche Schuster- werkstätte mit Werktisch.) Sechste Scene. Hansi, Natzi (fitzt beim Werktisch und arbeitet). Lntrve-Lied. Hansi (fingt). Die Schusterei, verachtet heut', 3s gar ka G'schäft bei derer Zeit, 3a Alles fabricirt nur jetzt, Der Mensch wird ganzMaschin auf d'letzt; Adje — Adje, Du liebe Welt, Ich pfeif auf Aktien, Gut und Geld, (Ich weihe mich der Poesie, Denn ich bin ein Dichtergenie.) Rep. Hanns Sachs, der g'wiß als Dichter groß,- Die Schusterei ibn auch verdroß, Er liebte nur den Vers und Reim, Und ließ das Schustern, Schustern sein; Und doch ist ohne Gut nnd Geld Sein Nam' berühmt noch in der Welt; (Er lebte nur der Poesie. Er war halt ein Dichtergenie.) Rep. In hundert Jahren wird's heißen: Hanns Saringer der Zweite. Es steht halt nir auf über's Dichten, man kann da seine Gedanken auslaffen und s'Herz ausbeuteln, daß's a Freud' is; ich Hab' schon wieder einen neuen Apostrophicon auf die Diner! fertig. Ich dachte mir im grünen Wald, ich ginge An der Seite meiner holden Josephine. No. da liegt doch g'wiß a dramatischer Schwung d'rin'. Das wir ich ihr heute, wie sie kommt, vordeclamiren, das Mad'l muß gerührt werd'n wie a eingekochte Stärk', das macht nir, wenn sie auch die Geliebte von an Andern is, deßwegen kann ich noch alleweil auf sie dichten, sie besingen. (Liest in einem schmutzigen Büchel, und setzt sich dann zu Natzi an die Arbeit.) Siebente Scene. Vorige. Frau Sali (kommt aus der Sei. tenthür links als wie aus der Küche, hört den Beiden sprechen zu). Natzi. Ich dachte mir im grünen Wald ich ginge, An der Seite meiner holden Erne- stlne. A wunderschöner Apostrophicon. 8 Fr. Sali (die Hände in die Seite gestützt). Ist das gcarbeit? schon wieder dichten und nir als dichten. San dem Herrn von Warel seine Sticfletten schon doppelt, ha? Hansi (Sali gar nicht beachtend). Indem Buben steckt eine tiefe poetische Ader, a Schuster is a gebor'ner Dichter. Fr. Sali. Da sitzt er und fahrt mit sein' Hirn in der Luft herum, statt daß er den Buben anhalt zur Arbeit, thun's alle Zwa mit einander nix. Wird jetzt amal gearbeit', Himmel-Sacrament, sonst gibt's a Donnerwetter, und einschlagen kann's auch leicht. (Zu Natzi.) San dem Herrn von Moppler seine Absatzfleck fertig, glei hintragen, kriegst drei Sechserln, mir hat der Alte schon wieder ka Geld da lassen, und ich soll d'Erdäpfeln zum Nachtmahl zusetzen. Natzi. Glei san's fertig, Frau Masterin. (Arbeitet d rauf los.) Fr. Sali. (Sicht auf die Thür.) Jesus, mir scheint gar, mir is's Feuer ausgangen. (Geht hinein.) Natzi (ganz in Extase). In so an Gedicht liegtschon die reineUnsterblichkeit; nit wahr, Natzl? Natzi. Ausgezeichnet, könnt' not schöner sein, nur wäre ich der Meinung, daß zu dem grünen Wald mit der Ernestin a bisserl mehr Bam g'höreten, auf'n Schatten müssen's a nit vergessen, denn der spielt bei a paar Verliebte immer die Hauptroll'. Hansi. Diesen lyrischen Schwung von dem Buben; hast vollkommen Recht, Natzi, ganz gut — also setzen wir dazu: »Es wispelten so leise die Bäume.* Natzi. Sehens, wie das Ding glei mehr Fa§on kriegt. (Spricht ihm nach.) »Es wispelten so leise die Bäume.« Achte Scene. Vorige. Frau Sali (die aus der Thür zurückkehrt, fängt Natzi bei den Haaren ab). Fr. Sali. Wart', ich wir Dir schon mit die Bam wispcln, Du verfluchter Bub. (Schüppelt ihn fest.) San die Absätzfleck von Herrn Moppler no nit fertig? Ich brauch- Geld, beim Greißler san wir eh' noch schuldig. Natzi (wichst den Draht). Statt'm Lorbeer kommt schon wieder 's Pech. Hansi. Laßt d'Frau Mutter den Buben geh'n; Lehrbuben beuteln, zu dem hat nach unser'm bürgerlichen G'setzbuch nur der Master und der G'sell das Recht. Natzi. Und wann d'Frau Masterin eigenmächtig an Lehrbuben beutelt, so ist das ein Act der Lynchjustiz, höchst strafbar; hat d'Frau Masterin verstanden? Fr. Sali (ihn fest schüppelnd). No wart, ich wir Dir helfen. Natzi (schreit). Ah — Neunte Scene. Vorige. Ernestine (tritt durch die andere Seitrnthür ein). Natzi. Haarbrennen und friflren fünf Neukreuzer, unglaublich, aber doch wahr, wenigstens kann unseraner doch an einen Sonntag amal mit sein Schopf in Ordnung kommen. Dinerl. Ja was seh' ich denn, a Ere- cution; hat der Dichter Lehrbua wieder was ang'stcllt? Fr. Sali. Dinerl, ich halt Dir'S nimmer mehr aus, d'Leut warten auf d'Arbeit und die Zwa — Dinerl. Than allaweil dichten mitsamm', ja sehen's, Frau Mahm, daS Dichten iS halt a Leidenschaft. Natzi. Die Dinerl hat Recht, so iS a. Fr. Ich dank' für so a Leidenschaft. Hansi. Was die Dinerl erst für a Freud' haben wird, wann's den neuen Apostrophicon auf sich hört. Natzi. Mit die wispclnden Bam. Dinerl. Also ihr Zwa wollt'S ka gut thun, ka Besserung z'hoffen? 9 Hanfi. Ich kann mir nöd helfen, Di- nerl, seit ich Dich g'sehen, is in mir die Dichtkunst einig'fahren. Natzi. Und die bringt man nimmer außer. Fr. Sali. Wirst 's Maul halten, Du verfluchter Bua! Zehnte Scene. Vorige. Lorenz (stürzt herein). Lorenz. Alte, das sag' ich Dir, das Blatt'l wird gut aufg'hoben. (Legt es am Tisch.) Mei Sonntagsg'wand', d' weißen Handschuh, Cylinderhut her. Fr. Sali. Ja, was ist denn los? Lor. Ka Wort reden, und 's G'wand her. Fr. Sali. Ja, sag' mir nur amal, Alter, was ist denn g'scheh'n? Lor. 's G'wand her und ka Wort reden, Hab' Dir's schon amal g'sagt. Dinerl. San's vielleicht zu ancr Kindstauf, zu aner Leich', Hochzeit oder gar auf die Direktion geladen? Lor. Werd' Euch's glei auf d'Nasen binden. Fr. Sali. Sag' mir amal, mei liebe Dinerl, bin ich nit a g'schlagene Frau, dort Hab' ich zwa Narren und der größte is erst hamkommen. Dinerl. Ja was ist denn das, Herr Vetter? Kriegt d'FrauMahm ka Antwort? Lor. Ka Mensch wird was inne, i hab'S schon amal g'sagt, das ist mein Geheim- niß. Natzi (geht um die verlangtm Kleidungs» stücke). Lor. A neugierig'- Volk das Weibervolk. Dinerl. Und justament, ich muß s wissen. Natzi (kommt mit Hut, Frack und Hand» schuhen zurück). Da iS der Frack und die Handschuh', in dem Hut hat unser' alte HauSkatz ihr Kindelbett aufg'schlagen; die Hosen Hab' ich gar nit g'snnden. Lor. Ah ja, richtig, die Hab' ich ja an. (Zieht den Frack, die Handschuhe an, nimmt den Lylinder in die Hand; der Hut ist sehr hoch. Frack altmodisch mit langen Schößen, die Handschuhe weißbaumwollen; betrachtet sich von obeu bis unten.) Fr. Sali. Jetzt will er schon wieder sortgeh'n, ohne daß er mir a Geld da laßt. Dinerl. Hört der Vetter, a klan'S Geld braucht d'Mahm, verstanden? Lor. Da. (Greift in die Brieftasche vom an» dern Rock.) Da is a Hunderter für den geldgierigen Drachen. (Sie sehen Alle das viele Geld.) Fr. Sali. Mein Gott, hundert Gulden, is das menschenmöglich? Lor. (sich beschauend). Na, das gibt's nit, die Kluft, der pythagoräische Frack mit die zwa Windmühlflügel; die unverwüstlichen Baumwvll'nen und der Cylinder, wenn er von Glas war', wär's a prächtiger Sturz über'n Stephansthum. Na, Lorenz, das geht nit. Natzel, geh' umi in d'Klcider- handlung zum Herrn Rumpler, sagst ihm, er soll Herkommen, a zwa drei Ballfrack mitnehmen, Gilet, Weste, Leibel, Halsbinde! rc.; das ganze Glump, gehst glei zum Hut'rer, holst a paar neue Glanzbutten und nit vergessen einige Dutzend Glazeerne (Glacehandschuhe), zahlen wir ich Alles. Fr. Sali. Na. das is unerhört! Hansi. Der Papa wird fashinabl. Natzi (abgehrvd). Juhe, der Master laßt sich restauriren! (Geht ab.) Fr. Sali. Bin ganz desperat, wo nur der Alte das viele Geld herg'nommen hat. Dinerl. Treten's ihn nur fest aufi, er muß beichten; die Menge Hunderter find't man nit auf der Gassen. Fr. Sali. Sag' mir nur, Lorenz, wie bist zu dem vielen Geld kummen? Lor. Ka Wort wird g'redt, Hab' Dir'- schon g'sagt. 10 Dinerl. Herr Vetter, da hat's an Haken, das geht nicht mit rechten Dingen zu. Lor. Was geht nit mit rechten Dingen zu, daß an armer Teufel a amal zu was kommt? War nöt übel, i Hab' schon lang gnua nir g'habt, is amal d'höchste Zeit g'wesen, sunst war i schiech word'n Dinerl. Ja warum will uns denn der Detter nir sagen, wie er zu dem vielen Geld kommen is. damit wir uns do a mit ihm freuen kunntcn? Fr. Sali. Wahr is, die Dinerl hat Recht. Lor. Ich Hab' Dir an Hunderter geben, da stopf' Dir's Maul, und g'freu' Dich, wie d'willst; jetzt aber bitt' ich mir Ruah aus. Etlfte Scene. Vorige. Natzi mit Rumpler (tritt rin. bringen die verlangten Kleidungsstücke). Natzi. So, da san mir schon mit der ganzen Wichs. Rumpler. Das freut mich, daß der Herr Lorenz auch amal von mir was braucht, die feinste Waar', das beste Tuch, der modernste Schnitt. (Präsentirt die Fracks.) Hansi. Herr Vetter, soll ich mir vielleicht auch an aussuchen,? Lor. Möcht' wissen, zu was so a Bua so was brauchet. (Besinnt sich.) Zwar 's geht schon in an Aufwaschen, man kann's nit wissen, man muß fürs Versatzamt a no denken, Zeit und Weil is ungleich; nimm Dir an. Lorenz und Hansi (Prokuren die Fracks, Gilet rc.). Hansi (zieht dm Frack verkehrt an, die Schöße rückwärts nach oben, setzt den Hut auf). Lor. Verfluchte Mod' das! (Dreht ihn herum.) Wo schlieft man da 'nein? Rumpler. Bitte, hier bei die Aermel. Lorenz und Hansi (schliefen hinein). Rumpler. Ausgezeichnet steht er. I Hansi. Prachtvoll, und paffen thut er, ! g'rad' so, als ob er ang'goffen war'. ! Lor. Was kost' der Schmarn? Rumpl. Alles z'samm' macht circa acht- i undneunzig Gulden und fünfundvierzig Kreuzer, auf's Billigste berechnet, der nächste Preis. Natzi. A Spottgeld das. Lor. (zjkht aus der Brieftasche das viele ! Geld; zu Hansi). Nimm Dir noch, was Du brauchst, Hut und die Glaziernen, die Zeiten kommen nöt alle Tag, das ist dein Hochzeitsg'wand; muß do den Buben auch a bisserl außerstaffiren. (Zu Rumpler.)So, da Habens Jhner Geld! Rumpler (fürsich). Wo hat denn der > Schuster das viele Geld her? Die Sache > scheint mir verdächtig; doch zuerst will ich mein' Theil, dann, Gerechtigkeit kriegst Du auch den deinen. Das Geld hat er wahrscheinlich (zeigt einen böhmischen Zirkel) wo annerirt; der Direction mach' ich die Anzeig', o die wird's schon ausserbringcn. (Zu Lorenz.) Habe die Ehre mich bestens zu empfehlen, schaffen's bald wieder, gehorsamster Diener. (Geht ab.) Lor. Wied'Leut'glei höflich sein, wann's ? a Geld sehen; erst vor a paar Tagen hat er mich an Lumpen hin und her g'haßen, weil ich beim Hamgeh'n a bisserl schwer aufg'Iaden, mit seiner Auslag' caramdolirt Hab'; o Bagasch über einander! Fr. Sali (ganz entzückt). Wie der Hansi gut ausschaut in dem G'wand! ! Dinerl. A ganz a lieber Kerl, wann er nur nit so dumm wär'. Hansi. Die Dinerl betrachtet mich mit wohlgefälligen Blicken, das will was heißen. Lor. (ganz angezogen, setzt den Lylinder fesch aus die Seite; knöpft den Frack zu). Ganz ministeriell, der schwarze Gehstnitwecker, ja richtig die Glazeernen. (Nimmt sie vom Lisch und will sie anziehen.) Natzel, a Federweißz Haust,nimmDirnochwasD'brauchst. (Hansi zieht an jeder Hand rin paar Glacehandschuhe an, eS hängt ein angeheftetrr Handschuh an jeder Hand herunter ) Natzi (bringt ihm vom Schusterbankel da- Frderweiß). Schon da, Master, nur festeini damit. (Beutelt ihm riu großes Scanitzelvoll hinein.) Lor. (in die Handschuhe streuend und hinein- schliefend). So, jetzt bin ich g'stellt. Hiezt können's mich augenblicklich als G'sandten nach Brasilien schicken; na, wie man so a G'wand an hat, is man glei an and rer Mensch, es wird Alles viel feiner, viel manierlicher in Einem. (Ganz salonmäßig, den Frack zugeknöpft, Gylinder in der Hand, hochdeutsch ! redend.) Ignaz (gibt ihm Geld) , gehe und ^ berichtige noch meine kleinen Verpflichtungen für Cylinder und Handschuhe; dann bestellst Du in der Maskenleihanstalt zwei schwarze Dominos, sie sollen zum weißen Kreuz Punkt acht Uhr gebracht werden. (Ordinär einfallend.) Doch halt, i geh' als Groß-Augur, als hoher Priester von der Venus, mir bringst 's Augureng'wand. Hat der Schlüpfer ja dem Paris zu dem g'wiffen Tram g'holfen, no so sehen's, pro- biren wir's halt auch. (Zu Natzi.) Also nur ! einen Domino, mein Kind, und den Au- gurenftack. (Zu Dinerl und Sali.) Meine Damen werden verzeihen, es war mir nicht ! vergönnt, allen Ihren Wünschen zu entsprechen, ich hoffe aber bald, sehr bald in der Lage zu sein, diese kleinen Geheunnisse 3hnen enthüllen zu dürfen. (Geht aus Sali M, küßt sie aus die Stirne.) Lebe wohl, mein Engel. Fr. Sali. Das war no nöt da. Lor. Das macht der schwarze Frack. (3u Diuerl, ihr die Haud küssend.) Behalten Sie mich im freundlichen Andenken, Fräulein Nichte. Dinerl (ihm die andere Hand auch hinhaltend). 3s vielleicht die auch gefällig? Lor. Sparen wir's auf, die hebcn's mir auf, auf an andersmal. (Zu Haust, ihn umarmend.) Mein theurer Sohn! Ha nsi. Das war a Anspielung, weil er zum ersten Mal in sein Leben für mich so viel Geld ausgeben hat. (Declamirt.) »So die Eintracht, so die Liebe enger Bande Heiligthum. O, daß sie ewig grünen bliebe.* Natzi. Da da ra, bum, bum. Lor. (sich verneigend). ^ rsvoir — ü rs- voir. (Geht ab.) Hansi. Die Dinerl hat mich in dem Frack wohlgefällig betrachtet, den zieh ich auch gar nimmer aus. (Setzt sich aufs Schu- sterbankel zur Arbeit.) Fr. Sali (zu Dinerl). Mir ist so bang', ich bin so besorgt, wegen mein' Mann seine Hamlichkeiten. Dinerl. Laffen's 3hnen nur ka graues Haar nit wachsen, Frau Mahm, Punkt acht Uhr werd'n wir Alles erfahren; Natzi, gut aufgepaßt und über Alles getreuen Rapport, für die Dinerl hat noch Niemand was umsonst than, Du kennst mich. Natzi. No, bei mir da können's 3hnen schon verlassen. Fr. Sali. Zu so was ist der Bub prächtig z'brauchen; ja, jetzt, mei liebe Dinerl, werd' ich Dir die elf Gulden gleich wieder zurückgeben, damit's Dir dein violetfarb's Seidenkladl einlösen kannst, was d'wegen mein Zins versetzt hast; Du hast mir damals aus aner großen Noth g'holfen; Du bist halt a gute Seel'. (Geht bei der Seiten, thür ab.) Dinerl. Laffen's geh'n, Frau Mahm^ reden's ka Wort mehr davon. Hansi. Der Vater hat schon Recht, in so an G'wand kummen am ganz and're Gedanken; denn mir ist jetzt, derweil ich da sitz, gar nir eing'fallcn; und sunst Hab' ich alleweil a Menge Remasuri in mein' Kopf g'spürt. 12 Zwölfte Scene. Dinerl, Hansi, Natzi, Rosiflommt mit Kämmen und Frifirzeug). Rosi. Gelt, mein lieb's Dinerl, Haft schon glaubt, ich Hab' vergessen und komm nimmermehr, aber ich werd' mich schon tummeln jetzt. Dinerl. No, mit meiner Frisur werden wir doch nit viel G'schichten machen, auf Eroberungen Hab' ich nit nothwendig aus- Z'geh'n. (Setzt sich.) Rosi (frifirend). Unterwegs, g'rad' wie ich die Berggassen hinauf geh', begegnet mir der Herr Zwickenbacher, der alte Amtsdiener vom Camerale, stell' Dir vor, macht der mir einen fermen Heiratsantrag. Morgen hat er sein vierzigstes Dienstjahr erreicht, dann geht er mit vollem Gebalt in Pension, und da möcht' er gern, um dem guten Staat noch ein Andenken an seine Verdienste zurückzulassen, seine alten Tage mit mir beschließen, mich heiraten, nach seinem Tod krieget ich a schöne Pension. Dinerl. Vier dreiviertel Gulden österreichische Wähnmg und das ist wahrscheinlich das Andenken, was er dem lieben Staat für deine getreuen Liebesdienste zurücklaffen will. Ratzi. Vier dreiviertel Gulden, das war so a Tusch für solche Liebesdienste. Rosi. No, Du.kannst Dir denken, daß ich den Alten glei ordentlich abkanzelt Hab', ich als gute Patriotin dem Staate solche Opfer aufbürden, das Finanzbudget zu erhöhen und bei derer Zuspeis den alten noch als Auflag dazu z'kriegen, das geht über mein' Appetit. Dinerl. Glaub' Dir's gern, mei liebe Rosi, auf so was san unsre Mägen nit eing'richt; geh', gib mir amal das Zei- tungsblattl vom Tisch a bisserl her. Rosi (gibt ihr daS Fremvenblatt). Dinerl. 's Fremdenblatt, das ist mei liebste Lectür, besonders wegen die Inserate und die Verstorbenen. Natzi. Da hab'n wir's, so san alle Weiber: die höchste Passion ist ihnen a gut aufgegangener Gugelhupf, bei einer solchen Lectür da vergessen's auf Gatten, Vaterland — auf Alles. Dinerl. Nichts als Ballankündigungen, Schwender, Dianasaal. Monstre- Maskenball, Krapfenberg beim Sperl, — halt — da kommt ganz aufd'letzt ein ernstgemeinter Heiratsantrag — Rosi. Den les amal vor. Dinerl. Geh', wer wird denn so Dummheiten lesen; wenn sich Aner schon seine Braut aus der Zeitung holen muß, derer is zu gratuliren. Rosi. Geh', les' ihn amal, das wird an Jur geben. Dinerl (liest). »Ein Mann im vorgerückten Alter, reich, unabhängig, wünscht sich mit einem Mädchen zu vermälen, welches folgende Eigenschaften besitzen soll: Vermögen — keines, Eltern, oder auf sie einflußreiche Verwandte — keine, Alter, vierundzwanzig bis sechsundzwanzig Jahre, sehr heiterer Humor, hübsch, naiv und herzensgut, etwas jugendlicher Leichtsinn wäre erwünscht. — Darauf reflektirende Damen wollen beim heutigen Maskenball im Dianasaale als schwarzer Domino an einer blauen Schleife erkennbar erscheinen, allwo auch der Bewerber in gleicher Maske und Schleife ihnen bereitwilligst entgegenkom- men wird. Rosi. Ganz ein ordinärer Balljur, den sich a paar lustige Dandys machen. Dinerl. Entweder oder, a großer Jur oder a große Dummheit, Eins von die Zwei. Dreizehnte Scene. Vorige. Ressel (tritt ein). Ressel. Servus; bist bereit, Dinerl, ich Hab' anWagenbei mir, weil ich noch früher den Mar mit seiner Filomena abholen muß, wir fahren dann alle mitsammen. Dincrl. Gleich, gleich werd'ich's sein, mei lieb's Fritzerl, nur g'schwind d'Hand- schuh' noch anziehcn. Hansi. Mein Todfeind; wann ich nur amal Gelegenheit finden thät, daß ich so meinen — Zo — Horn — Zorn an ihm auslassen könnt'. Ressel. Mit den abg'färbten, außer, modschnittlichen Kladl wirst doch auf kan Ball geh'n wollen? Din erl. Ich Hab' kan anders. Ressel. Dein violettseidenes. Dinerl. Studirt fleißig in der Dorotheagassen, mein lieber Fritzel. Ressel. 3s um die Zeit, no da wir ich mich freundlichst empfehlen, das is a glatte Unmöglichkeit, die Plamasch thu' ich mir nit an, daß die ganze Welt mit Fingern auf mich zaget; na, na, mit dem Costum kann ich mit Dir auf kan Ball geh'n. Dinerl. Also ich bin Dir zu schlecht angrzogen, deine Absicht war nicht mir a Vergnügen zu verschaffen — Du hast nur woll'n mit mir, mit mein G'wandl, als Putzdocken unter dein' Brüdern paradiren. Hast so wenig Achtung vor mir, daß Du Dich nit scheust mich vor meinen Verwandten und Freund' auf so infame Weise herunterzusetzen. Geh' mir aus den Augen. Hansi. Es fangt an Ernst zu werd'n. Natzi. Warten's nur, 's kommt noch viel besser. Ressel. Dir aus den Augen zu g'hen, das kann leicht g'scheh'n, denn an einen so fiotten Maderl hat unser aner do nichts verloren, zum Glück, daß ich für'n heutigen Ball mit aner andern feschen Tänzerin versorgt bin. Dinerl. Du schlechter, erbärmlicher Mensch! (Zm weinerlichen Tone.) Ressel (zu Dinerl). Pfit di Gott, mei Herzcrl, und wannst wieder amal an Ball besuchen willst, so rath ich Dir, künftighin bei der Wahl deiner Toilette a bisserl vorsichtiger zu Werk' zu geh'n; sonst könnt's Dir wieder a so g'scheh'n wie heut. (Seht mit allen Mädchen ab.) Hansi. Das soll gerochen werden. Natzi (mit den Fäusten hoch in die Höhe fahrend). Ueber's Petroleum. Dinerl. Schändlich — schändlich — also das ist der Lohn für meine Aufrichtigkeit, für meine innige, treue Lieb' — die schönsten Partien Hab' ich ausg'schlagen — ich wär' vielleicht schon längst glücklich verheiratet. — Aber nein — nein, ich wollt' ja ehrlich handeln, ehrlich handeln an an Menschen, vor dem mich schon die ganze Welt g'warnt hat, ich hab's nit g'laubt, denn — denn ich war ja nie schlecht in mein' Leb'n; und jetzt — jetzt — diese abscheuliche Enttäuschung. Aus is — aus is. Ein neuer Lebensabschnitt fangt bei mir an, das Wort Lieb' wird gänzlich aus mein' Herzen verbannt. Zu an edl'n Zweck war's z'schlecht — zum Speculircn wird's gut g'nug sein; und justament hent' noch, geh' ich auf eigene Faust am Ball. Ich — ich werd' mir schon an Begleiter finden, — o — daran is ka Noth; (sich besinnend) an Begleiter, ja — ja. Hansel, zieh Dich an, Du gehst mit mir am Ball. Rosi. Recht hast, Dinerl, vollkommen Recht, ich geh' jetzt; pfit Di Gott. Hansi (ganz erstaunt). Dinerl, HerzenS- dinerl, is das möglich, is das dein Ernst, Du gehst mit mir, ich geh' mit Dir, wir zwa geh'n mitz'sam? Dinerl. So steht es im Buch dcS Schicksals geschrieben — und die Welt soll seh'n, daß a fesche Godl gar nir genirt. Hansel, zieh Dich an. Natzi. Juche, am Ball wird g'gangen, ich geh' auch! (Geht 'ab.) Dinerl. Da fallt mir g'rad' der sonderbare Heiratslustige aus der Zeitung ein — den seine Bedingungen sind leicht erfüllbar. Vermögen, ka Spur — Aeltern, einflußreiche Verwandte, nichts, leider gar nichts, Alter, vierundzwanzig bis sechsundzwanzig Jahre, trifft g'rad' zu, eh' conträr, 14 da krieg ich no was außer, hübsch, so wie mir der Spiegel sagt g'rad' nicht übel, naiv und herzensgut, das sagt die Mahm und alle meine Freundinnen. Etwas jugendlicher Leichtsinn wäre erwünscht. — Wann er jetzt da war', könnt' er sich davon überzeugen, die Auspicien steh'n gut, ich geh's amal an. Vielleicht gelingt's mir a reiche Frau z'werd'n. Hansi. Js das also wirklich wahr, darf ich's im Ernst glauben? Dinerl. Ja, Hab' ich g'sagt, es bleibt dabei, Du ziehst mit mir in Kampf, die Jugend und der Schönheit Reize, das sind die Waffen, mit denen wir in's Feld rücken und den Verstand an der Spitze, liegt jeder männliche Gegner besiegt zu unfern Füßen. Duell. Dinerl. Jung, mudelsauber a Maderl zu sein, Im sechzehnten Jahr obend'rein, Es gibt ja nir Fesch ers auf Erden da mehr, Ganz närrisch läuft d'Männerwelt Hinterem' her; Und sehen's von uns dann a bisserl das G'ficht, Verliert den Trabanten man ewig auch nicht. Ka Reg'n und Staub genirt ihn nit, Er folgt uns nach, ja Schritt vor Schritt. Hansi. Nach links und nach rechts thun's beim Geh'n cokettiren, Mit Blicke und Haltung uns Männer sekiren, Ja manche die kommt sogar schwebend daher. Die Haar' L 1a Biberschweif, 'S G'sicht voll Coleur. Dinerl. Doch bei einem Jüngling in unsere Jahr, Der kommt durch Bewunderung nit leicht in a G'fahr, Ja stolz wie a Hahn steigt er um mit sein' Kamm, Glaubt d'ganze Welt schaut nur g'rad' ihn allein an. Hansi. Schaut man in der Jugend, uns eben nicht an, So trifft's uns dann später als bildsaub'rn Mann. Dinerl. D'rum möcht' da das Büberl schon gern älter sein. (Zeigt das Schnurbartwichsen und Lravatko« richten.) Hansi. Ihr fürchtet das Alter, mir leuchtet dann. Dinerl mit Hansi (zusammen). Dinerl. Na na, na na, na na, das fallt ja uns Maderln nit ein. Hansi. Nein, nein, o nein, o nein, der Mann hat den Vorzug allein. Diro dihio doi doi rc. Dinerl. Heg' ich an Wunsch, den erfüllt gern ich sieh, So macht mir das wahrlich ka Müh'; Denn bild' ich mir ein eine Gräfin zu So richt' ich mein Netzerl zum Fischen d'rauf ein; War traurig, ich fisch mir ein Gräfin» doch auf, Und dissputir' ihm dann mei Herzerl hinauf. Der Köder fein, sei voll Genuß, Das Fischer! in s Netz schliefen muß. IS Hansi. Doch geht's manchmal auch bei den Fischen conträr, Statt'n Edelfisch kommt oft a Krebserl daher; A klug's Fischlcin zupft nur am Köder sehr leis', Ja weil es die Abficht der Fischerin weiß. Dinerl. Das spricht ja der Neid nur von eurem G'schlecht, Ihr find't mit den Wünschen euch lange nit z'recht; Ihr jagt's ohne Ende nach Würden und Rang, Kriegt's schneeweiße Haar dabei, d'Zeit wird euch lang. Hansi. Wir jagen nach Ehren, nach Würden und Rang, Doch können wir warten, uns is gar nit bang. Dinerl. Ihr hofft ja noch spät in's hoh' Alter hinein. Hansi. Ihr laßt's das im Alter gemüthlich schon sein. Dinerl und Hansi (zusammen). Dinerl. Na na, na na, na na, das fallt uns Ma- derln nit ein. Hansi. Nein, o nein, o nein, der Mann hat den Vorzug allein. Diro dohio doi doi rc. Dinerl. Das Weib war auch Schuld, wie die Bibel verkünd't, Einstiger Zeit an der Erbsünd'; Doch hätte nur Adam die Frucht eh' ge- 'kannt, Sv wär' vielleicht er als Verführer ge- 'nannt; Doch z'langfam dabei, war nach Männergebrauch, Ja wie's halt schon geht, mein lieb' Adamchen auch. Und dieser eine Apfelbiß Für Eschen heut' noch Sünde is. Hansi. Bei euch geht ja Alles im Fluge per 86, Zu patschet, zu langsam war'n wir euch von je; Ihr habt's aus Versehen g'wiß uns nur verführt, Denn ihr wart'ö schon damals wahrscheinlich prcffirt. Dinerl. Jetzt aber thun nur die Männer allein Bei so Naschereien Verführer uns sein; Ja kriegen's und finden's eine Eva dazu, Da wird so lang pentzt, ja sie kriegt gar kan Ruah. Hansi. Das schiebens ganz keck wieder uns in die Schuah, Sie necken, sekirn, geb'n uns gar kan Ruah. Dinerl. Bis endlich a bisserl gekostet muß sein — Hansi. Ja wann nur a bisserl genügend möcht' sein. Dinerl und Hansi (zusammen). Dinerl. Na na, na na, na na, wir Maderln wir geh n d rauf nit ein. Hansi. Nein, o nein, o nein, Ihr laßt das Verführen nie sein Diro dohio doi doi rc. 16 Drittes Bild. Verwandlung. Ballsaal im Dianeubade. Da- Orchester spielt, ohne die Scene zu stören, gut hörbar ununterbrochen fort, die Intervallen find nur so kurz, als es eben nothwendig ist die Tanzpiecen zu wechseln; der Vordergrund der Bühne stellt die Speiselocalitätru mit Speisetischen vor. Im Hintergründe fleht man den Tanzsal mit brennenden LustreS. Vierzehnte Scene. Marqueur und buntes Maskengewühl (aus der Scene). Purtzel und Lorenz (treten aus dem Saale im Vordergrund, elfterer im schwarzen Domino mit blauer Schleife, letzterer als Groß-Augur in der »Helena- gekleidet, beide tragen die Larven in der Hand). Purtzel (erhitzt,fichmit dem Sacktuch fächelnd). Ich bin Dir ganz entzückt über die heutige Hetz, obwohl ich fast nimmer recht schnaufen kann. Lor. G'spüren Sie kan Durst — der Durst ist bei mir immer so a stille Leidenschaft, das is ein Familienübel bei uns, mein Vater hat auch daran gelitten. Purtzel. Trocken auf der Zung' bin ich auch schon a bisserl. Lor. No, da schauen's glei dazu, sonst krieg'ns mir auf d'letzt gar die häutige Bräun. He, Kellner, was zum Anfeuchten, Wem, Bier, Slibowitz. Marqueur. Rüster gefällig, zwei große Bouteillen. Lor. Hübsch große, kane Fingerhüte. Marqueur (will gehen). Lor. He, Rüster, Marqueur will ich sagen, a Paar bachene Wildanten mit Le- moni- und Bamrantschensalat, a bisserl «aS Feines, gutauSbluten lassen beim Ab- sseHerr, Purtzel. Na was der Lorenz für Gusto hat! (Zum Marqueur.) A Polar bringen's derweil für uns zwa, 'wir hab'n g'nug. Marqueur (geht ab). Lor. Nur nit knauserisch sein da, das kann ich amal nit leiden, kost's was kost, heut' zahl' ich. — Fünfzehn Faßzieher- Pferd' bringen mich jetzt nit weiter, bis nit die gehörige erquickende Labung angekommen ist. Purtzel. Du Lorenz, a Menge von die schwarzen Dominos mit der blauen Schleifen Hab' ich schon g'seh'n. Aner davon war Dir gar so a neckisches marzipanernes Fi- gürl; maßt so a ganz feiner Kerl, verstehst mich schon. Haha — Lor. Haha (lachend), a ja — versteh' Ihnen schon, w a Sakerlotspiperl, Sie — Sie Vokativus, Sie — haha — (lachend). Purtzel (lachend) Haha! Lor. Bei die Madeln, seh'ns, da Hab' ich auch immer a großes Glück g'habt. Aber meine Alte und ihr Eifersucht hat mir die schönsten Partien vertrieben. Wissens, na ja, gern Hab' ich's ja a damals g'habt — fressen hätt' ich's oft mögen vor lauter Lieb', und jetzt — jetzt is mir lad, daß ich's nit g'freffen Hab'. Marqueur (kommt mit dm Speisen rc. und trägt aus). Lor. Sehen's, Herr von Purtzel, ich kann mir amal nit helfen. (Fängt zu speisen an.) Das Essen und Trinken war mir auf jedem Ball immer das Liebste; greifen'- zu, Herr von Purtzel, greifen's zu. (Schrakt ein.) Purtzel. O,ich leg' a kan Spott d'rauf. (Ißt.) Fünfzehnte Scene. Vorige. Babette (in Zigrunermaske die Larve vor dem Antlitz, tritt ein). Bab. Da san's. (Geht auf Purtzel undLs- rmz zu, mit verstellter Sprache.) Laßt euch das jMahl gut schmecken, Ihr schönen Herrn— 17 Wob! bekomm's —ich könnte es Euchnoch besser würzen durch Wahrsagern nnd Prophezeiung über Zukunst und Vergangenheit. Ei, gebt doch eure Hände her. Lor. Nir hergeben, Sie, das is a Her, da können's wetten um was wollen mit mir. Purtzel. Laß Dich nit auslachen, das ist ein als Zigeunerin maskirtes fesches Madl, denn die saubersten Weiber wählen alleweil die garstigsten Masken. Lassen wir uns wahrsagen. Lor. Nicht um die Welt; meine Vergangenheit waß ich, die soll der Teufel holen, und vor der Zukunft, Sie, da graust mir, wann ich d'raufdenk'. Bab. Ei, schenkt mir doch Vertrauen, Ihr schönen Herren, ich prophezei' Euch ja nur Gutes. Purtzel. Hörst es — nv also, was willst denn mehr hab'n; neugierig kann man doch a bisserl sein — also (zu Babette). Du kennst Zukunft und Vergangenheit? Bab. Gewiß; reich' deine Hand nur her. Purtzel (ihr die Hand reichend) Da bin ich neugierig! Lor. Na, da werd'ns was Schön's er- leb'n. Bab. Ein weiblich Wesen steht in direkter Linie (Purzeks Hand gut besehend), hier sehe ich dein Glück, dort jenes Wesen. Beide sind von einander untrennbar. Purzel. Aha, sie meint meine zukünftige Frau. Bab. Dieses Wesen aber steht Dir schon srit lange mit großer Anhänglichkeit zur Seite, und will sich nicht mehr von Dir trennen. Lor. Schen's, da irrt sie sich wieder. Bab. Du hast ihm ewige Lieb' und Treue geschworen. Purzel (aufspringend). Das ist nit wahr, das ist erlogen! Bab. Laß sehen nochmals deine Hand, vielleicht Hab' ich mich geirrt. Th Hansi. Was is denn da paffirt? Ja was Hat denn der Vater angestellt? Dinerl. Angestellt? Hansi. Daß man ihn arretirt? Chor. Arretirt? Dinerl, Hansi, Purtzel Lorenz. Ha, was ist das für ein Betragen, Ha, wie können Sie so etwas wagen? Chor. Ha! Die Vorigen. Hier auf öffentlichen Maskenball. Chor. Ha! Die Vorigen. 's ist wahrhaftig ein Scandal. Chor. Hahaha! Die Vorigen. So die Unschuld zu malträtircn. Chor. Ha! Die Vorigen. Ihn vor allen Leuten arretiren. Chor. Arretiren. Die Vorigen. Ha, didel dum, didel, didel! Lorenz und Purtzel. Woll'ns g'fälligst weiterzich'n, Arrestanten hier nicht blüh'n. Purtzel (allein). Ich bin Hausherr hier am Grund, Und steh' gut mit Hand und Mund. Beide. Dieses Geld, was Sie so kränkt, Hat er selber ihm geschenkt. Chor. Hab' die Ehre Sie zu grüßen, Kommen Sie, kommen Sie recht gut nach Haus'. Babette. Ha, nur Rache! Dinerl. Rache is a wilde Sach'. Chor. Dadara! Die Vorige. Daß ich nicht lach', Darum geb'n Bub'n nach, Sonst Weh' und Ach. Lorenz. Erfahren, Frau Babette, Sie vor Allem, Ein solch' Benehmen kann uns nicht g'fallen, Das Schrei'n und das Raisonniren Macht uns Pein. Wir wollen hier, Uns Alle nur der Freude weih'n, Und wer der Göttin dient, Vernehme den Befehl. Chor. Ja, wer der Göttin dient, Vernehme den Befehl. Dinerl, Hansi, Purtzel. Alleweil fidel, fidel! Chor. Dulie — Die Vorigen. Alleweil fidel, fidel! Chor. Dulie — 24 Die Vorigen. > Ulleweil fidel, fidel! Ehor. Dulie — Alle. Dulie, dulie rc. Dinerl. Ein leichter Schatten verdirbt die Freude, Es ist dahin, ja, ja, ja, D'rum laßt uns tanzen, Ihr lieben Leute, Mit frohem Sinn, ja, ja, ja, Ein sehnend Bangen, Ein heiß' Verlangen Nach einer Polka-Mazur, Ach, ach, ach, fühl' heut' ich nur. La, la, la, la, rc. (Rep.) (Der Vorhang fällt.) Zweite Abtheilung. Viertes Bild. (Zimmer bei Lorenz, zwei Seitenthüren wie im ersten Acte, rechts vom Zuschauerraume gesehen ein Schreibtisch mit Büchern, Schreibrequisiten und vielen Dersatzzettelu.) Erste Scene. Hansi (fitzt beim Schreibtisch mit der Feder io der Hand). Hansi. Statt aller Poesie in mein' Herrn Papa seiner Dersatzzettelbank erster Comptoirist, das meinem dichterischen Streb'n? O Du schreckliche Ironie; fünfzehn Kreuzer per Zettel auf's Monat für einen Gulden Interessen, is das a Stoff zu an Gedicht! Es ist zum Verzweifeln, die Sehnsucht verzehrt mich noch, aber ich weiß schon, ich schreib' jetzt ein ganz neues Werk — in Prosa, sehr trockener Prosa. (Es läutet; Hansi aufmachen gehend.) Immei wird man unterbrochen. Zweite Scene. Hansi, ein kleines Mädchen (von sechs bi» sieben Jahren tritt ein, gibt Hansi ein Der- satzzettel hin). Mädchen. Die Mutter laßt Ihnen sagen, Sie möchten mir ans das Zettel da an Guld'n geb'n, sie braucht ihn nothwen- dig. Hansi (liest). 927, 864. Bettüberzug und Polsterziech'n, Einen Gulden fünfzig Kreuzer österr. Währ, d'rauf— da san wenigstens ein und ein halber Centner Baum- woll' im Gewicht d'rinnen. (Zum Mädchen.) Da gibt's kan Gulden, sag's deiner Mutter, nur dreißig Kreuzer. Mädchen. Wir brauchen ihn abernoth- wendig, weil mci klan's Brüderl, der Hermandl, g'storb'n is und d'Mutter a Trügerl kaufen muß, — d'Mutter hat's eh g'sagt, daß von aner solchen Bagasch nir außer- z'krieg'n is; jetzt war ich schon in der dritten Anstalt. Hansi. Was Bagasch — wer Bagasch — Kinder und Narren reden d'Wahrheit. Wer ist dein Vater? Mädchen. A Dienstmann. Hansi. Is der Hermandl richtig g'stor- ben, und es brauchet's den Gulden auf's Trügerl nothwendig? Mädchen. Meiner Seel', 's is wahr! Hansi. Der Herr Vater hat g'sagt, gegen unglückliche arme Leut' soll ich sehr rücksichtsvoll sein, leichtsinnige Menschen hingeg'n aber darf ich rupfen, wie ick will. (Schreibt ihr einen Zettel, gibt es dem Mädchen sammt Gelde.) So, da hast zwa Gulden; da verlier' den Schein d'rüber nit — san wir no a Bagasch? Mädchen. Jetzt, weil ich zwa Gulden 25 kicgt Hab', nimmermehr. (Geht zur Mittelthür ab.) Hansi. Nun wieder an mein Werk, das soll das größte werd'n, was noch da war. (Setzt kch) Das Leben Cäsars ist herausgekommen und hat ungeheure Sensation gemacht; is aber viel zu kurz, ich schreib' die Fortsetzung von dem Leben und Thaten Cäsars nach seinem Tode, das muß erst interessant werden; es ist schrecklich bei mir dieser wissenschaftliche Durst. Der Natzi ist auch, wie der Papa 's G'schäft aufgeben hat, unter die Journalisten gegangen, er tragt Zeitungen aus; was haben wir nicht oft mit einander für vergnügte Stunden erlebt. Dritte Scene. Hansi, Natzi (mit einem großen ZeituugSpack und Taschen tritt ein, legt eine Zeitung auf den Tisch). Natzi. Guten Morgen, heut' is nit viel Neues — Elbe, Herzogthümerfrage, a ü'spaßige Frag', eigentlich schon gar ka Frag' mehr: eh schon wissen. Hansi. Grüß Dich der Himmel, Naher!; bringst Du uns jetzt immer das dlattcl? (Umarmt den Natzi.) Natzi. Ausnahmsweise nur heut'; ich tritt von der Journalistik zurück — so a Fach, wo man alle Tag' in G'fahr is, wessen an Artikel in an Preßproceß verwickelt und coufiscirt zu werd'n. Hansi. Ja, geht das Dich auch an? Natzi. Natürlich, Mitarbeiter, Verbreiter des Blatts; daS kannst Dir leicht denken, unseraner kann wegen Außerachtlassung Pflichtgemäßer Obsorge belangt und gestraft werden. Morgen tritt ich aus, das ist heute meine letzte journalistische Arbeit; ich Hab' einen ganz andern Plan, den ich Dir wittheilen wir; aus uns Zwa muß noch was Großes werd'n, ich gib die Poesie uicht auf — noch hundertzwanzig Blatteln zum Austragen. Pfürt Ihnen Gott! Morgen sehen wir uns. (Geht ab.) Hansi. Ich und der Bua san ganz ein Herz und ein Sinn, die Trennung von ihm war mir ein Seelenschmerz, wie ihn nur große Geister empfinden können. So, jetzt haßt's wieder Versatzzetteln registriren, schon a ganzer Haufen da. (Setzt sich.) 426, 318. (Schreibt.) Vierte Scene. Hansi, Lorenz (im Schlafrock und Haus- kapperl tritt aus der Seitcnthür, eine lange Pfeife rauchend). Lor. O Du schamloses Jahrhundert, ich fordere Dich in die Schranken, damit ich Dir die Leviten aberlesen kann; wo man hinschaut, nichts als Eigennutz und Egoismus, und das soll das Jahrhundert der Civilisation sein — jetzt gehst denn nit weiter?— Es ist mein fester Entschluß, ich licht' die Welt zu Grund'. Alles kriecht und lechzt nach Geld. Geld ist das Mittel, um diese miserable Welt zu vernichten; und ich bin der Mann dazu. Vom Herrn von Purtzel sein Geld sind mir noch fünfhundert Gulden geblieben; seit der Zeit hab'n wir uns nicht gesehen, er hat auch nichts mehr zurück verlangt der edle Mann — Mit diesem Gelde arbeit' ich, bei der Ar- muth ist der fruchtbarste Boden, denn durch die Noth Anderer wird man am ersten reich. In an Jahr ist das Capital verdoppelt, in zwei Jahren vervierfacht, in drei Jahren versechsfacht oder noch mehr in zwanzig Jahren, denn das erleb' ich schon, ich bin assecurirt, Hab' ich über a paarmal hunderttausend Millionen zu verfügen; und dann kommt meine Rache an diesem entarteten Jahrhundert. Ich wuchere, ich wuchere aber nur aus einem edlen Zweck, aus purer Humanität, um der Menschheit zu nützen. Ich kauf'alle Staatsobligationen, Anleh'nschei- ne, Creditpapiere z'samm', die werd'n dann 26 alle verbrennt. (Reibt sich die Hände ) O Gott! o Gott! ich freu' mich schon, wie sich die Alle giften werd'n, wie's schreien werd'n, wann's kane Papiere mehr kriegen, dann sollen's auf die Bors' rennen, aus is mit'n Gold- und Silberkurs ,reibt sich die Hände), große börsianische Völkerwanderung tritt ein; die Menschheit ist gerettet, dankbar, und haut mich aus in ein' steinernen Monument. (Zu Hanfi.) Wie schant's mit'm heutigen G'schäft aus? san schon viele Parteien da g'wesen? Hansi. Elf Versatzzetteln, zweiundzwanzig Gulden d'rauf geben, drei Versatzzetteln mit fünf Gulden einqelöst, an Jn- t'reffen eingegangen neunzig Kreuzer. Die Zetteln werd' ich gleich hinein in die Cassa tragen. (Geht in die Seitenthür ab.) Fünfte Scene. Lor'enz. Pfutschmeyer (tritt ein). Pfutschm. (den Hut fesch auf). San Sie der Geldgeber oder bloß so an Agent? Lor. Anfzuwarten. ich bin der Geldgeber, Herr von Pfutschmeyer. Pfutschm. Kennen Sie mich? vermuth- lich per Renommee. Lor. Freilich per Renommee, san noch kane zwa Monat' vorbei, Hab' ich die Möbeln von Ihnen fortg'führt, wie's Ihnen ans'pfänd't und transferirt haben. Pfutschm. (verlegen). So, das is schön, seh schön — das war damals nur so a Eaprice, a Laune von mir, ich Hab' meinem eigensinnigen Gläubiger zeigen wollen, daß ich ihn absolut nicht zahlen will, Sie, der hat dann andere Saiten auf'zogcn. Lor. No ich hab's g'sehen. Pfutschm. Sie haben in der Zeitung ankündigen lassen: Geld auf Pretiosen, Werthpapiere, gute Wechsel rc. rc. und Sie san selber der Geldgeber, vermutlich an Anfänger noch, denn sonst findet man meistens unter der annoncirten Adresse nur an hung'rigen Agenten, der selber nichts hat, und vom Abfamcn lebt. (Für sich.) Der Kerl kennt sich noch nicht recht aus, da is a G'schäft zu machen. Lor. Bei mein' G'schäft, besonders im Anfang, thut's es auch ohne Agenten. (Für sich.) Das war mir a so a rare Kundschaft. Pfutschm. Also richtig, an Anfänger erst im Geschäfte, an Anfänger muß man unterstützen. Lor. (für sich). So an Unterstützung ginget mir noch ab. Pfutschm. Sie kennen mich also — ich bin der Fabrikant Pfutschmeyer. Lor. Gewesen. Pfutschm. Die hohen Baumwollpreise, die freie Zolleinfuhr— Lor. Ja die Baumwoll', ich kann mir's denken. P futsch. Ich Hab' mein' G'schäft aufgeben, ich privatisir' und leb' — Lor. Von die verschiedenen Wechseln. Pfutschm. Ja, ich Hab' mein ganzes Capital in Wechseln; und eben aus dem Grund' bin ich g'rad wieder genöthigt, a Geld aufzunehmen, ich brauchet a zweitausend Gulden. Lor. Is ja ohnehin nur a Bagatell. Pfutschm. (für sich). Der Kerl wird charmant. (Laut.) Und da Hab' ich mir gedacht, an Anfänger wie Sie, den muß man unterstützen, ich will's Ihnen zukommen lassen. Lor. Bitte, bitte, Sie meinen's zu gut mit mir. (Für sich.) Du kummest mir a so g'schlichen. Pfutschm. Wollen's das G'schäft machen, was verlangen's Procent' ? Lor. (für sich). Wart', den werd' ich'saufi- teufeln; fünfzig Procent auf zwei Monat'. Pfutschm. Is freilich a bisserl viel, aber bei an Anfänger muß man an Aug zudrucken, ich gib Ihnen das Accept. Lor. Wie schant's denn mit die Giranten aus? 's is wegen der nöthigen Sicherheit. 27 Pfutschm. (aufbrausend). Bin ich Ihnen vielleicht nit gut genug, zu was brauchen denn Sie Giranten auch noch? kor. ffür sich) Du Haupt-HallmU'! Pfutschm. Sie werden doch kan Zweifel in mich setzen, wann ich amal unterschreib, bei mir ist's g'wiß. Lor. Nickt im mindesten, warum nicht gar, davon bin ich schon überzeugt; aber es ist ja nur wegen derWeitergabe.wegen dem Verkauf des Wechsels, und da werd'n halt a paar ordentliche Giranten nothwendig, sonst is das G'sckäft! nit zu machen. Pfutschm. Ah so, also deßwegen; no, kennen Sie den Herrn von Gängelt und mein' Freund Lustig? Lor. Versteht sich. Die alte Wäscherin daneben, hat wie oft nit dem Herrn von Gfingelt die Wäsch' in d'n Schulden-Arrcst hineintragen, derweil er d'rin g'seffen is; na Sie, mit so zwa Giranten is' nir, wann's nit a paar ordentliche respectable Männer vom Grund sein, die a Hypothek ausweisen können, so ist's nichts. Pfutschm. Also Sie geben das Geld nicht? Lor. Unter den Umständen auf kan Fall. Pfutschm. Ich bin mit meinen Freunden blamirt. Sechste Scene. Vorige. Frau Sali (Kitt ein. bleibt unbemerkt stehen und hört Alles mit an). Pfutschm. Es Lumpenvolk überanan- der! Fünfzig Procent auf zwa Monat! Raubersvolk, Diebsg'sindel, und das will noch a Sicherheit! Anzeigen soll man solche Hallunken; ich geh' zum G'richt und mach die Anzeig', Sie Lump, Sie. (Beim Abgehen unter der Thürr.) 3s daS a Schwindelg'schäft überanander. (Geht ab.) Lor. Früher, wie ich kan Geld g'habt dab', bin ich wie oft a Lump g'nennt word'n, jetzt, wo ich so viel Hab', daß ich Andern noch was leihen kann, bin ich wieder der alte Lump, cs schaut g'rad a so aus, als wie wenn daS Wort Lump bei mir a Geburtstitel wär'. Fr. Sali (vortretend). Mann, ich bitt' Dich um Gottes willen, gib das G'sckäft auf. Auf der an' Seiten winkt Dir das Cri- minal, auf der andern der Verlust, wir san nit die Leut' dazu, mit so an Geld'l laßt sich a klan'sG'schäft,an ordentlich's G'werb anfaugen. Lor. Kleingeschäst, Kleingewerbe das is ja a Bettlerei, das hast schon g'seh'n wie weit wir mit unserm G'sckäft kommen sein, ich Hab' g'wiß d'Lehrbuben und G'sel- len zur Arbeit angehalten. Fr. Sali. Aber selber g'arbeit' hast nir. Lor. Wer wird denn jetzt arbeiten, pfui Teufel! Mein Vorsatz is reich z'werd'n und das g'schwind, im Galopp. So Mancher ist mit an Dünkel nnd zwa harte Thaler in der Taschen aus der Fremd' auf Wien zu- g'rast kommen. Jetzt jetzt is er a Millionär! Glaubst, daß der durch's Arbeiten a Millionär word'n is, für den haben ganz Andere bei der Arbeit g'schwitzt, oder glaubst vielleicht, daß an anziger Slovak beim Bastei- abgraben sich a Vermögen g'macht hat? Ich bleib' bei mein' Vorsatz, ich betreib' mein solides Bankg'schäft, denn ob ich auf Werthpapier' oder Dersatzzetteln Bargeld und Credit gib, das is allescins. Fr. Sali. Auf ja und na werd'nS dein Bank amal g'sprengt hab'n; denn fünfzehn Kreuzer Interessen vom Gulden auf a Monat, daS is a abscheuliche Wucherei. Lor. DaS gibt's nit, bei mir haßt's nicht Interessen, sondern Präsent; siehst, das ist der juridische Umgang, und so muß man sich halt zu helfen wissen in unserer Zeit. 28 Siebente Scene. Vorige. Ein Arbeiter (tritt ein mit einem Zettel in der Hand). Arbeiter. Geh ich da recht zum Herrn Saringer? Lor. Ganz in der Ordnung, der bin ich. Arbeiter. Ich Hab' im Herrn von Pur- tzrl sein'Gart'n hint'g'arbei't, und da hat er mir beim Fenster herab das Zettel und au Guld'n aberg'worfen, ich soll nur g'schwind zu Ihnen gehn, es wär sehr wichtig, sehr dringend. (GibtLorenz das Zettel.) So meine Post Hab' ich ausg'richt', jetzt geh ich, pfit Jhna Gott. Lor. Wo ist denn der Gulden? Arbeiter. Der hat für mich g'hört, den Hab' ich -'halten. (Geht ab.) Lor. Also — der wird doch nicht aufd'- letzt sein Geld z'ruck haben wollen?(Liest.) Fr. Sali. Wundern thät's mich nit — so viel Geld ohne allen Grund, ohne aller Ursach Jemanden z'laffen. Lor. Das geht Dich nichts an, wir Zwa wissen schon warum. Achte Scene. Lorenz, Frau Sali. Geldnegociant Lüfterl mit Frau Werbach (treten ein). Dinerl (mit einem Packet in der Hand, bleibt bei der Thür stehen, hört Alles mit an). büftcrl. Ihre Lag', Madam' Werbach, hat mich erbarmt. Vier Kinder am Scharlach krank, zwei zum Sterben, 17 Gulden monatliche Pension, iS ka Klanigkeit, Sic seh'n, daß ich a Mensch bin. Ich führ' Ihnen glei direct zum wahren Geldgeber, was unser aner gar nie thut, — und da Alles nur aus reinem Mitleid, vergessen's nur nit auf das versprochene Douceur, auf die 10 Gulden. Also der Pensionsbogcn wild auf ein Vierteljahr versetzt. Werbach. Nur nicht viel der Worte, Herr, die Zeit drängt mich, jede Minute, die vorüberstreicht, istfürmich verzweiflungsvoll, ich muß den berühmten Professor meinen armen Kindern zu Hilfe rufen. Lor. (für sich). Der Spitzbuben-Agent, und die ganz bleiche Frau, die will er um an Dam drahn; wart, Haderlump! Lüfterl. Herr von Saringer,« G'schäft, die Dam da — braucht a Geld sehr noth- wendig — Hypothek in Ueberfluß, Pensionsbogen — Lebensversicherungs-Polizze, — wie viel geben's denn auf 17 monat- liche Gulden per Vierteljahr, ich selber recommandir's Ihnen an,'sis a rechtliche, unverschuldete Frau, nehmen's Rücksicht. (Zu Lorenzstillkr). Geben's ihr 30 Gulden, III Gulden für meine Bemühung, 10 Gulden für Ihnen — zeigen's Ihnen großmüthig dabei, da haben's den Pensionsbogen. (Gibt ihm selben.) Lor. (zu Werbach) Was hat d' Frau für an Anliegen? d' Frau scheint recht leidend z'sein; reden's ungcnirt zu mir, es san nit alle Geldmenschen gleich, es gibt manchmal doch noch an, red' die Frau nur. L ü fterl. Das seh'ns, ich Hab' Ihnen schon a gut's Wort g'redt'. Werbach. Herr, habenSieMitleid mit meiner höchst traurigen Lage. — Vier todkranke Kinder zu Hanse; ich muß Hilfe suchen, und Hilfe kostet Geld, oft viel Geld, meine Pension reicht nicht hin, um alle diese Kosten zu decken, und arbeiten kann ich jetzt nicht. Die Pflege der Kinder nimmt meine ganze Zeit in Anspruch, auch bin ich von den durchwachten Nächten kraftlos geworden. O! sind Sie barmherzig, leihen Sie mir gegen mäßige Zinsen. Lor. Vier todtkranke Kinder; da is a schleunige Hilf' norhwendig.dakunnt d'Frau auf ka Unterstützung, oder Pensions-Vorschuß warten, denn bis das G'such erledigt wär, san die Kinder g'sund oder g'storben. (Greift in die Brieftasche, nimmt Geld). Da hat die Frau 30 Gulden, nehmen's Ihren Pen- sionsbogen. (Gibt ihr beides.) Zahl' mir die Frau, das z'ruck, wie'S kann, gnldenweis, die Interessen, die wird der Obere zahlen, und schau d'Frau nur, daß ihre Kinderln (fast weinend) bald g'sund werd'n. Dinerl (die während dem Geld auS dem Portemonnaie genommen, zu Werbach hintretend). Und das, liebe Frau, dürfen's auch nit aus- schlagen. Der Zehuer g'hört den Kinderln auf Spielereien; sie vergessen da leichter das Kranksein; werd'n eher g'sund. Werbach. Fräulein'.Wie soll ich —mein Gott— meinen wärmsten Dank! (Zu Lorenz.) Ich finde nicht Worte genug, meine Gefühle ;u schildern. Lor. Js auch gar nit nothwendig, liebe Frau. büfterl (zu Lorenz). Sein'sso gut, mein Douceur, meine 10 Gulden. kor. Elender Hallunk! Lüfterl. Haben Sie mich g'meint — is umdieZeit?(ZuWerbach.) Madam' Werbach, meine 10 Gulden, das Geld had'ns schon kriegt. Lor. (packt Lästert beim Genick). Da—da bast dein Douceur, Du niederträchtiger Kerl. (Wirst ihn zur Thüre hinaus.) A Mensch, der bei so an Fall gefühlos is, verdient nichts Besseres. Lüfterl (noch einmal die Thüre öffnend). Sie werd'n wegen Ehrcnbeleidigung und Mißhandlung geklagt. (Schlägt die Thür zu. geht ab. ) Fr. Werbach. Gott vergelte es Ihnen, was Sie mir und meinen armen Kindern gethan. Leben Sie wohl! (Geht ab.) Lor. Unser Herrgott schütz' d'Frau und die klan' Kinderln. Dinerl. Bravo, Herr Vetter, so an Teldnegocianten lass' ich mir g'fallen, der nicht immer die Hand auf der Brieftaschen, sondern auch auf'm Herzen halt. Fr. Sali. O mein lieb's gut's Dinerl, du kennst den Mann noch viel z'wenig, er hat ka Maß und ka Ziel, auf der an Seiten wuchert er herum, daß 'sa Schand is, auf der andernwirft er's wieder mit vollen Händen 'naus. Lor. Der Geist deS ewigen Widerspruchs hat sich in Gestalt dieses Weibes auf die Welt begeben. Dinerl. No wissen's Herr Vetter, d'Mahm hat manchmal nit so Unrecht. Lor. Jetzt sans fünf Minuten beisammen, helfen's schon wieder z'samm' auch. Fr. Sali. Wirst sehen, Beberl, wir werd'n noch um daS ganze Geld'l kommen, bei derer Wirtschaft. Lor. Jetzt bitt' ich mir a Ruah aus. Fr. Sali. Wann ick nur so an klan's G'schäfterlanfangen kunnt', was am ehrlich nährt. Lor. Unverbesserliches Weib! (Setzt sich.) Dinerl. Die Männer wollen alleweil am g'scheidsten sein; viel wissen, Alles versteh'», und wann man's recht beim Licht betracht', so is das Ganze nix als Groß- thuerei und aufgeblasenes Zeugs. Kom- men's FrauMahm, ich Hab mir a Klad kauft. Ihnen auch, wir werd'n. uns die Sach' näher besprechen, wir werd'ns schon machen, und Sie, Herr Vetter, vergessen Sie nicht, daß das Weib den Mann an Klugheit und Ausdauer weit übcrtrifft. Fr. Sali und Dinerl (gehn zur Seitenthüre ab). Lor. No sosehen's; jetzt hat wiederAne g'redt; lassen wir's reden, sollen auch a Freud haben. Es gibt gar ka Maschin' aus der Welt, die ohne Schmier so gut geht als wie a Weibermaul. Zu all' dem großen Weltschmerz is mir noch eine Gattin nvthwen- dig — g'wesen,denn allan hätt' ich den Kerl nit verschucken können. Sie hat nichts g'habt, ick nichts, war die Lumperei schon fertig— von an Emporschwingen gar ka Spur mehr, immerinmißlichenVerhältnissen; und daher von der Welt mit dem Universalnamen Lump beehrt. Es gibt halt verschiedene Lumpen, das Hab ich jetzt erst wieder kennen g'lernt — wie mir der Herr von Pfutsch- ineyer den Ehrentitel beig'legt hat. Da a Lump und dort an Geltsgott (mit beiden Händen und Armen agirend), dawiederaLump, und so geht's fort. 30 Couplet. Zur Wacke zieht die Compagnie, Mit Fahne an der Töte, So manches Aug' betrachtet sie, Solch' Schmuck gefallen hält'; Und doch ist's nur ein blanker Stiel. Es flattert nichts daran, Als kleine Lumpchen viel und viel, Die einz'ge Zier der Fahn'. Mit Stolz auf solche Lumpen blickt der Kriegsmann stets heran, Denn dieß Panier umringte blutend mancher wack're Mann. Ein Lumpen ist es jetzo mehr, Die Pracht ist längst vorbei, Doch solche Lumpen machen Ehr', Hoch solche Lumperei! Geachtet und in großer Ehr' Steht öfters Einer da, Verdienste, glaubt man, hat der Herr, Doch da is manchmal na; Durch Heucheln und durch Schmeichelei Kam meist er weit voran, Das Glück war ihm auch hold dabei, Man traute ihm viel an. Doch hat erreicht die Stuf' er, sorgt er für sich allein. Und leider kommt man dann erst d'rauf, wann's meist zu spät thut sein. D'rum Lumpen gibt's verschiedener Art, Nicht alle sind gemein, Die feinen find't man gar so hat, Weil's gut verborgen sein. Mit Leierkasten zieht herum Ein krüppelhafter Mann, Sein Auge sprüht', der Mund ist stumm, Er kaum noch werkeln kann; Sein Rock zeigt nackt die Fäden her, Hat manche Blöße schon, Doch hast' daran das Kreuz der Ehr', Fürwahr, sein größter Lohn. DaS Bein am Stelzfuß ruht schon lang, im Feldzug er's verlor, Doch werkeln muß er leider jetzt bei Straße, Haus und Thor. Respect vor solchem Lumpenkleid Und dem verlor'nen Bein, Erbarmt Euch seiner Dürftigkeit, Sein Loos sollt' besser sein. Ein Reicher brüst' sich ungemein, Was er dem Staat gethan, Er ist im ganzen Land allein Ja nur der bravste Mann; Schimpft stets nur auf die neue Zeit, Aus Volk und Parlament, Wünscht sich zurück d'Vergangenheit, Und preist sie ohne End'. Doch plötzlich kommt ein Anleh'n aus, der Staat nun braucht a Geld, Da ist verschwunden aus amal der bravste Mann der Welt. Ha, solcher Gattung feiner Lump, Der kennt sich prächtig aus, Er krieckt bei jedem Staatenpump, Ganz ü In Schneck in s Haus. In kostbar schwerem Aliaskleid Rauscht eine Dame her, Das Trottoir umsäumt sie breit, Läßt keinen Raum mehr leer; An arme Frau bescheiden weicht Der reichen Dam' zurück. Doch weil sie an der Seide streift, Trifft strafend sie ihr Blick. Sie trägt rin ärmlich schleißig Kleid vom allergeringsten Werth, Weil sie mit ihrer Handarbeit sechs Kinderchen ernährt. Respect vor solchem Weibe hier, O Pracht zieh' schnell vorbei, Denn Du bist werthlos gegen ihr, Hoch solche Lumperei! Ein Fräulein in der Kirche kniet, 's Gebetbuch in der Hand, Ihr Antlitz schön und rosig blüht, Ihr Blick ruht unverwandt; Doch wer die Richtung g'nau beacht', Nach der ihr Auge schweift. Der sieht, daß es die Pfort' bewacht', Und ihr entgegenleucht'. Bis endlich ein jung' feiner Mann zur Thüre schnell eintritt, Und dann mit Blicken bombardirt, sein Liebchen Schritt für Schritt. O Lumpin, weißt kan andern Ort, Als d'Kirch' zum Rendezvous, Geh', schau amal, im Stadtpark dort, Da gibt's ja Platz'ln gnua. Fünftes Dild. Verwandlung. (Ein anderes elegantes Zimmer bei Purtzel, rechts und links Fenster, zwei Seiten- und eine Mitteltbür; bei der Mittelthür steht ein Garderobekasten; ganz in der Nähe des Fensters, links vom Zu- schanerraume gesehen, Purtzel's Krankenlager, nebenbei ein Tisch mit Medicinslaschen und Schreibzeug. Mehrere Stühle, ein großer Toilettespiegel.) Neunte Scene. Purtzel (in Schlashaube, Schlasrock, Schlas- hosen, liegt im Bette). Purtzel. Die Knochen thun mir schon alle weh' von dem Liegen; kommt so ein Unglück auch noch über mich. O Gott, o Gott, es ist schrecklich krank z'sein, den Tod alleweil vor Augen z'haben, und statt'n Sterben heirat'n z'müffen, ich waß eigentlich gar nit, mir thut fast nichts mehr weh'; tch Hab' nur gestern a bissel über an Schwindel klagt, weil ich um a Glasel von mein' echten Vöslauer z'viel derwtscht Hab'; die Augen san mir auf amal so trüb' word'n, ich Hab' Alles so krum und bucklet g'seh'n. Bums, haben's mi in's Bett erpe- dirt, den Doctor g'holt, und der sagt, die Sach' wär' sehr bedenklich, ein höchst gefährlicher Schwindel, und der Schwindel grassirt jetzt in Wien epidemisch, 's is zum Verzweifeln, um eilf Uhr die Trauung; die Alte droht mir mit Einsperren, schwerer Kerker oder die Alte, 's is Ein's so grauslich wie's Andere, aber heirat'n thu' ich auf kan Fall, ich geh' durch, in die Schweiz, dort gibt's kaue Verbrecher, von dort aus führ' ich Proceß mit der Alten. (Probirt die Thürrn.) Eing'sperrt bin ich — wann nur der Lorenz mein' Zettel richtig kriegt hat, das ist noch mein' anzige Hoffnung; o Lorenz — Lorenz, hätt' ich Dir nur g'folgt, hätten wir die Alte damals eing'sperrt, so wär' ich jetzt frei. (Schreit.) Oi — Oi, schon wieder so a Stich im Kopf. Zehnte Scene. Purtzel, Lorenz (öffnet langsam das Fenster und sieht Herrin, es zeigt sich die Leiter am Fenster). Lor. (mit dem Kopf beim Fenster). KUMM i noz'rechtoder isdasUnglückschon g'scheh'n? Purtzel iaus dem Bette springend). Lorenz! Lorenz! O Du Goldmensch, g'rad' z'recht, wann Dich nur Niemand g'seh'n hat. Lor. (am Fenster). So wie ich das Briefe! kriegt Hab', bin ich gleich fort vom Haus, daher, Hab' die Gartenthür eindruckt; durch'n Garten durch, da Hab' ich glücklich a Leiter g'funden, und so san wir aufer- g'stiegen, das is a wieder der beste Weg zum Abistcigen. Purtzel. San denn die Sprißl a fest gnua auf derer Later; schau amal, Lorenz — wann da so a Sprissel brechet. Lor. Haben's schon wieder Aengsten, na, das is unerhört; so a Mann wie Sie, 32 und sich von an Weib das anrhun z'lassen; schamen's Ihnen. Purtzel. Lorenz, das maßt Du nit, ich selber weiß's auch nit recht, aber Dir im Vertrauen g'sagt, die Alte droht mir, sie droht mir, sie will mich anzeigen, sie hat mick in der Hand mit einem gewissen Te stament. Verstehst Du mich jetzt? Lor. Tummeln's Ihnen nur, zieh'ns Ihnen geschwind an, schauen's daß weiter kommen. Purtzel. Ja, ja, ich such' nur mein G'wand, ich kann doch nit so wie ich bin— (Sucht herum.) Nirgends z'finden; wann nur nicht die Alte jetzt daherkommt, — o Du mein Gott und Herr, ich find' mein G'wand nit, sie wird's doch nit, die Alte, wird's doch nit eing'sperrt haben. Lor. Helsen s Ihnen, wie's können, tre- ten's an Kasten ein, dort wird sie's eini- g'steckt hab'n. Purtzel. In Gott's Nam'. (Tritt dm Kasten ein, sucht herum.) Lauter G'wand von ihr, es ist entsetzlich! Nichts als Reifröck', Crinolinen, Klader und Fetzenwerk. (Wirft Alles heraus.) Lor. Tummeln's Ihnen, 's is d'höchste Zeit, ziehen's der Alten ihr G'wand an, 's is all'sans, schau'ns nur, daß weiter kommen. Purtzel. Er hat Recht, 's is all'sans. (Zu Lorenz.) Gleich bin ich's — gleich bin ich's. (Zieht sich höchst komisch in Weiberklcider an, setzt den Hut auf, wirst seinen Schlafrock auss Bett hin, er hält einen Sonnenschirm in dir Hand.) Was der Mensch im Leben nit Alles durchmachen muß, 's is' niederträchtig; sag' mir nur, Lorenz, kann ich denn wirklich a so geh'n,ich muß ja furchtbar ausschau'n? (Geht zum Spiegel ) Na, ua — Lor. Reden's nit lang, schauen's, daß weiter kommen, Sie sehen prächtig aus, so wie die erste Gumpendorfer Fabrikantin. (Lorenz steigt die Leiter hinunter, man sieht nur mehr den Kopf von ihm.) Purz. Na, na, so kann ich nit geh'n. dor. Schauen's, daß weiterkommea. Purz. Ick komm' schon. (Steigt aus den Sessel dann auf's Fenster hinauf.) Das is a verfluchte Steigerei mit dem Kittelwerk und gar mit so aner Crinolin'. Eilfte Scene. Purtzel (am Fenster). Babette (die Mittel thür geöffnet, in schwerem Seidenkleid, mit altmodischen hohen, weißen Handschuhen). Baberte. Mein Gott, was is da g'scheh'n? A fremde Person im Haus am Fenster, der Kasten erbrochen, der Herr von Purtzel ermordet! Purtzel. O du scheußliches Pech über- anander — die Alte! Lor. (von unten). Steigen's nur auf d' Leiter. Purtzel. Ich kann nicht mehr weiter, ich kann mit der Crinolin' nit aus'n Fenster, das Loch is z'klan. (Setzt sich aufs Fenster. spannt den Sonnenschirm aus, hält sich ihn vor das Gesicht gegen Babette.) Babette. Dort liegt der arme Purtzel ermordet im Bett'; da die Mörderin. (Geht auf Purzel zu, schreit:) Zu Hilfe, zu Hilfe! Mord und Raub! (Will Purzel ergreifen.) Purtzel (einen Ausfall mit dem Sonnenschirm machend, gegen Babette). Nit untersteh N, ich druck los. Babette (Purzel erfassend). Zu Hilfe, zu Hilfe! der Herr von Purtzel ist ermordet! Zwölfte Scene. Vorige. Mehrere Personen (treten eia, nehmen agirend Autheil). Dab. (Purtzel fest ergreifend). Nur daher Alle, ich Hab' sie schon;das ist dieMörderin. (Alle gehen auf Purtzel zu, ergreifen ihn ) Purtzel (mit dem Sonnenschirm fechtend). (Alle ziehen ihn vom Fenster weg.) Purtzel. In Gott's Nam', jetzt muß ich mich halt wieder gefangen geben. Alle (zu Hilfe Gerufenen). Der Herr von Purtzel! (Sie lachen.) Purtzel (spottend). Ja, der Herr von Purtzel, der Herr von Purtzel, Hab' ich Euch g'rufen ? Bab. Er hat mir entfliehen wollen, (geht an's Fenster) da steht noch die Leiter, (sieht hinaus) dort lauft a Mann über'n Garten — also Helfershelfer auch noch, «zu die Leut) fort von hier, schant's alle 'naus, Thüren, Fenster, Kanalgitter, Rauch- fäng' — alles wird versperrt. (Alle zu Hilfe Gerufenen gehen ab.) Bab. (aus Purtzel losstürzend). Jetzt Hab' ich Sie nochmals. Erinnern Sie sich noch der Prophezeiung, Sie ungetreuer, abscheulicher Purtzel? In einer Stund' is die Trauung; nein, daß ich recht sag', in einer halben Stund', noch sicherer in einer Vier- telstund' ; am besten, ich schick' gleich in die Pfarr'. Purtzel. Die Babett' hat zwanzigtausend Gulden Schadenersatz verlangt, ich zahl' Alles, Alles will ich gern thun, aber heiraten kann ich nit. Bab. Früher amal, da wär' ich mit zwanzigtausend Gulden Schadenersatz zu- friedeng'stellt gewesen, aber jetzt, jetzt erfordert meine beleidigte Ebre eine viel größere Genugthuung, zweiundzwauzig Jahre mit Ihnen gelebt, und diese Infamie; vor der ganzen Welt blamirt, nur die Heirat kann solche Schmach tilgen. Purtzel. Ich Heirat' auf kan Fall. Bab. Entweder heiraten oder vierund- Zwanzig Jahr' Festung bei Wasser und Brot; haben Sie schon wieder vergessen die vierstockhohen Häuser und das bewußte Teitament? Purtzel. Das war gar nicht mein Wil- ktn, das war nur Ihr Werk, Sie haben d rauf gedrungen, ich Hab' von dieser niederträchtigen Handlung gar nir wissen wollen. Bab. Das ist jetzt aüeseius, heiraten 2htar«r-A«Patoirt Nr. 1S2, oder viemndzwanzig Jahr' Festung bei Wasser und Brot. Purtzel. Ich, der gutgesinnteste Patriot von der Welt, Ausschuß nach allen Ecken und Enden und auf a Festung, na, das halt ich nit aus, das is' mein Tod. Bab. Also ja oder nein? Purtzel. Wann's schon nit anders is, in Gott's Nam' ja. Herr, Du hast's 'geben, kannst es auch wieder nehmen, (für sich) die Alte nämlich, er wird mich doch versteh'». Dreizehnte Scene. Purtzel. Babette. Erstes Dienstmädchen (tritt mit einer Schachtel ein). Erstes Dienstmädchen. Jchbitt', aus der Blumenfabrik, Fräul'n Babett', ist diese Schachtel gekommen. (Uebergibt sie; geht ab.) Bab. O. ich kenn' den Inhalt schon, (öffnet den Deckel) es ist mein Brautkranz, (zeigt einen großen Mnrthenkranz.) Und das zwar mit Fug und Recht, den kann ich mit gutem Gewissen aufsetzen, denn ich habe mich immer sittlich und jungfräulich betragen, (sitzt ihn auf und tritt vor den Spiegel) und wie gut er mir steht. Purtzel. O du schreckliche Ironie! — Schaut aus wie a auf'putzte Gas, die auf der Kegelbudel ausg'schoben wird. Vierzehnte Scene. Purtzel. Babette. Zweites Dienstmädchen (tritt ein). Der Herr Notar (geht wieder ab). Bab. Um Gottes willen, g'schwind ins Bett, so wic's sein — (reißt ihm den Hut herunter) und zudecken. Purtzel. Ich mag nit. Bab. G'schwind in's Bett oder vierundzwanzig Jahr aus d' Festung. 3 34 Purtzel (steigt in's Bett und deckt sich zu). 'S is' niederträchtig! Fünfzehnte Scene. Vorige. Notar (tritt eia mit Schriften). Notar. Guten Tag, mein Fräulein, hier ist der Ehepact, ganz nach Ihrem Wunsch geordnet. Bab. Also, so wie ich g'sagt Hab'! das ganze Vermögen g'hört uns mitsammen, und nach Eines oder des Andern Tod beerben wir uns gegenseitig. Notar. Ganz richtig. (Legt die Schriften aus den Tisch Hill.) Bitte nur um die nöthige Zeugenschaft und Unterfertigung. Bab. Herr von Purtzel, unterschreibcn's derweil. (Hält ihm Feder und Papier hin.) Purtzel. Ich kann nicht mehr schreiben, ich bin zu schwach. Bab. Unterschreiben (zu Purtzel stiller) oder vierundzwanzig Jahr Festung. Purtzel. Ist denn gar ka Rettung möglich, ka Erdbeben, daß das Haus z'samm - fallet, ka Donnerwetter mit an wohltätigen Blitz, ka Schlaganfall, der die Alte treffet? Müller (außer der Scme). Ich muß hinein, ich muß hinein, ich muß mik'n Herrn Purtzel reden. Sechzehnte Scene. Vorige. Konrad Müller (tritt ein). Purtzel. Marsch damit! (Nimmt, während Babrtte und der Notar den Fremden bettachten, deu Ehcverttag, das Schreibzeug und wirst es zum Fenster hinaus.) Müller. Wo ist der Herr von Purtzel? Bab. (für sich). Infamer Mensch! (Laut.) Heute ist cs nicht möglich, heut' hat er keine Zeit, heut' können sie Herrn von Purtzel nicht sprechen. (Für sich.) G'rad wann man im besten Zug iS, kommt so was inzwischen. Purtzel (aus dem Bette aufspringend). Zeit in Ueberfluß. (Eilt aus Müller zu.) Grüß' Ihnen der Himmel, (ihn umarmend) freut mich unendlich. (Für sich.) Ich kenn' den Kerl gar nit. Nehmen's Platz, nehmen's Platz. (Drückt ihn gewaltsam aus den Sessel.) Müller. Erlauben Sie, ich such' deu Herrn von Purtzel. Die Gredl muß verrück sein. Bab. Zudringlicher Mensch! Purtzel. Der Purtzel, der bin ich — ganz recht, mein lieber Freund, der bin ich. Müller. San's so gut — na, is das a wilde Astel überanander! (Deutet mit der Hand auf den Kops.) Mir scheint alleweil, 's is da nit recht richtig. (Beutelt deu Kops.) Purtzel. Es kommt ihm etwas nit recht richtig vor, ja, meiner Seel', mein G'wand—Sehen's,g'rad hab'n mir Haus theater-Prob' abg'halten, ich und die alte Fräul'n da spiel'n gar so gern Komödie. (Reißt die Weiberkleider herunter, zieht seinen Schlafrock an.) So, jetzt können wir ungehindert mit einander reden. Müller. Kennen's mich noch? Purtzel. Wir Ihnen nit kennen, glau- ben's ich Hab' so a schwaches Gedächtniß — kann mich noch sehr gut erinnern aus unsere letzte Partie in Dingsda, wo war's denn nur g'schwind, in Dornbach, richtig, in Dornbach und der prachtvolle Heurige dort, die klan Schwibseln, die wir Alle hamtragen haben. (Ihn umarmend.) Sie, das war a goldene Zeit! Müller. Oha, aufg'seffen, gar kaSpur. Purtzel. Ja richtig, ja richtig, jetzt sallt's mir schon ein. in Grinzing war's, und die g'wiffe blonde Fräul'n war a mit. Sie, das war a Hetz, o Sie Schlanke! Sie. (Ihn umarmend.) Sie liebes, sidel's Manderl, und so lang hab'n wir uns nit g'sehcn. Müller. Er laßt mich gar nimmer aus, er halt mich für was Gott wem; ich bin 'der Holzhändler Konrad Müller. 36 Dab. (Zum Notar.) Sehen's, so macht er mir's immer in sein' Fieber-FanoriSmus, das sind fast Wahnsinnsanfälle. Purtzcl. Der Konrad Müller, o das is prächtig; an mein Herz !(UmarmtihnvonNemm.) Müller. Das is ja ein wüthender Kerl. lSich losmachend.) Ich komm', um Rechenschaft über meine God'l zu verlangen; erinnern Sie sich noch auf das veränderte Testament und das vierstockhohe Haus in Triest? Purtzel (zu Babett). DaS ist der Herr wegen dem g'wiffen Testament und dem vierstockhohen Haus. (Zum Notar.) Sie sehen, Herr Doctor, an alter Bekannter, Sie werd'n schon verzeihen, ich Hab', jetzt ka Zeit, ich Heirat an anders mal, ich zahl' Alles, kost'swas kost't, wann'sgarnimmer kommen, bitt' ich mir nur die Rechnung z'schicken, iS mir desto lieber. Notar.Unter so bewandten Umständen (zu Purzel) werd' ich es ohne weiters thun. Empfchl' mich. (Geht ab.) Purtzel. PfitIhnen Gott, leben's wohl. Weil er nur draußen is! Bab.Vergiften könnt' ich den Menschen. Müller (zu Purtzel). Das is g'wiß, no die nämliche Alte. Purtzel. Richtig, ganz richtig, das nämliche alte Fräulein wie vor 19 Jahren. (Für sich.) Das is a goldener Kerl! Bab. A niederträchtiger Flegel das! Müller. Ich frage jetzt, was is mit meiner God'l g'schehn? Purtzel. Sie wollen sich wahrscheinlich erkundigen, ja, ja. Müller. Neunzehn Jahr' san jetzt vorbei, wie Ihre Schwägerin gestorben is, und noch in letzten Augenblicken das Testament, welches früher zu ihrem Gunsten lautete, für meine God'l, ihre rechtmäßige Nichte, die sie zur Universal-Erbin einsetzte, abgeändert wissen wollte, doch eine gähe Lähmung und der dadurch eingetrerene Tod haben ihre Unterschrift unmöglich g'macht; cs war also nichts mehr vorhanden, als das frühere Testament, wo Sie d'rinnen bedacht waren. Purtzel. Ja richtig, ja richtig, Sie können schon Recht hab'n,Sie manen die Erbschaft, Sie reden von dem Kind und von dem Haus in Triest. Müller. Ganz recht. Ich will wissen was g'schehen is. Hat meine God'l ihr rechtmäßiges Erbtheil, wie sie mir damals versprochen, richtig erhalten, oder nit? Purtzcl. Richtig erhalten, ja was fallt Ihnen denn ein? Bab. Das Kind is g'rad unter der Zeit g'ftorben, wie's erben hätl' sollen. Müller. Aschauen's, was Sienit sagen; sonderbar das — sehr sonderbar! Purtzel (für sich). Er fangt schon zum Fragen an, er zweifelt. Soll ich's ihm eing'- steh'n oder nit? ein offenes Bekenntniß Hab'ich g'hört, mildert die Straf', aufkom- men thut's jedenfalls. Ich g'steh's ein. (Zu Müller.) Ob das Alles wahr ist oder nicht, weiß ich zwar nicht bestimmt, das Kind kann vielleicht noch leben, ohne daß g'ftorben is. Müller. San Sie närrisch oder g'scheid, wer Teufel kennt sich da aus? Sie haben mir doch damals in Gegenwart des Doctors (besinnt fich), wie hat er denn nur g'heißcn? Purtzel (ihm gäh ins Wort fallend). Das war der Doctor Ritter, versteht sich. Müller (sich notircnd). Doctor Ritter, gut so. (ZuBabette)Also das Kind is todt, sagen Sie? Bab. ES ist so, wie ich g'sagt Hab, das Kind is g'ftorben, und der Herr von Purtzel ist der alleinige rechtmäßige Erbe. Purtzcl. Glauben's der Alten ka Wort, ich Hab' mich gar nie um das arme Kind kümmern derf'n, so gern als ich's than hät'. Müller. Da hat eine ganz gemächliche Annexion stattgefunden; schön, sehr schön! Purtzel. Die Alte hat's so haben wollen, ich hätt's in mein' Leben nit than. Babett. O du Hornvieh von an Menschen! Müller. Also Sie (zuBabette), Sie wollen mir an blauen Dunst vormachen, möchten meine God'l um ihr Erbtheil hartnäckigfortbetrügen? Derer Hacken werd'n wir S* 86 schon an Stil finden, ich weiß Alles, ich weiß, daß und wo Sie lebt. Bab. Das is a Lug, an Unterschleif, der Herr möcht' gern' dabei was profitiren. Müller Is das a gottverlassene, schlechte Person! Wir haben da nir mehr mit einander z'reden; das Gericht wird jetzt entscheiden. Bab. Das istan unerhörte Frechheit! Ich ruf' alle Hausleut' z'samm'. Müller (will abgkhen). Und ich ruf' das ganze Gericht z'samm'. (Will zur Thüre.) Purtzel (auf Müller zustürzend, vor ihm auf die Kniesallend). Sie, ich bitt' Ihnen um Gottes willen, haben's Barmherzigkeit mit mir, machen's mich nit unglücklich! Bab. (ihn hindernd, zornig aufrrißend). Aber, Herr von Purtzel, was fallt Ihnen denn ein? Purtzel (Babett wegschupsend). Zehn Schritt' von mein' Leib'. (Zu Müller.) Ich gib Alles gern' her, Alles, Alles, aber nur auf ka Festung nit, — das g'hört sich gar nit für an ordentlichen Menschen. Das ist ein Unglück für die ganze Lebenszeit—Alles gib ich zurück, ich werd' das Mad'l gar heiraten, ung'schauter werd'ich's heiraten, aber nur aus ka Festung nit, das halt ich nit aus! Bab. (geht zorvig auf Purtzel zu). Erman- nen Sie sich, Herr von Pmtzel. Purtzel. Zehn Schritt von mein' Leib', Du höllischer Drach'l Müller. Also das abscheuliche Weib war an Allem Schuld? Sie — Sie haben das arme Mädl nit verkürzen, im Gegen- theil rechtlich an ihr handeln wollen, wie's für an ordentlichen Menschen g'hört? Purtzel. Meiner Seel' und Gott, wahr is; so a Schlechtigkeit war' uur im Tod' nit eing'fallen. Müller (zu Purtzel). Wann Sie mir eine schriftliche,rechts kräftige Abti etungSmkunde, so wie ich's Ihnen dictiren werd', einhändigen wollen, so werd'ich nachMöglrchkeit Sie zu verschonen trachten. Purtzel. Zehne für Eine — so viel's hab^n wollen, rch lass' 2 mn ein ganzes Archrv abschreiben. (Auf »hu zustürzeud.) Bab. (zerknirscht zu Purtzel). Herr von Purtzel! Pu rtzel! (Don ihr wegspringend ) Hundert Schritt' von mein' Leib', Satanas! —Jetzt werd'n mir Zwa anders reden mit anander; d'Babett' packt ihren Bünkel und schaut, daß weiter kommt. Bab. Meine Nerven — diese Schwäche! Jesus und Gott, was thu' ich denn nur g'schwind?Ja richtig, schreien, schreien, daß ganze Haus zusammfallt. (Schreit.) Frau Nachbarin! Herr von Meyer! Fräul'n Zynkerl IZu Hilfe! Dieb'! Räuber! Feuer! Zu Hilfe!Zu Hilfe! Ausist's! Purtzel. Jetzt soll sie nur schreien, so viel sie will. Siebzehnte Scene. Vorige. Viele Leute, Nachbarsleutr (treten rin). Alle Eingetretenen. Was ist denn g'schehen? Bab. Zu Hilfe!—Zu Hilfe! Ich sink' in Ohnmacht. (Wird ohnmächtig und fällt zweien von den Eingetretenen in die Arme.) Purtzel (gravitätisch). Packt's es z'samm', tragt'S es fort, und lasst' eö ruhig sterben. (Musik. Actschluß.) Drille Abtheilung. Sechstes Bild: Verwandlung. Dinerl's Sommeraufenthalt in der Nähe Wien!- Dorgemach, Art offene Veranda, ländliche Aus» sicht, rechts und links Thüren. Tisch, Sessel, Di» van, Fauteuils; find sogenannte Eisen-Schwing- oder HutschfauteuilS. Erste Scene. ' Dinerl mit Rosi (aus der Seitenthür> Dinerl. 2a, mei liebe Rosi, seit dem letzten Besuch hat sich bet m»r viel geän» dert; der Verstand ist mir wieder mit sammt dem Herz davong'loffen; ich bin Dir bis über die Ohr'n verliebt, in mein' Leo. R o si. Und er? Dinerl. Das kannst Dir leicht denken, nicht minder. Mein m jeder Beziehung zurückhaltendes Benehmen hat seine Neigung nur verstärkt, aber jetzt, jetzt is aus bei mir mit der Beherrschung, ich bin ainal verliebt und in der Lieb' kenn' ich keine Grenzen. A General hätt' leichter a Schlackt g'wonnen, als der Leo in Anfang von mir an Kuß erobert hat, und jetzt, jetzt fliegen die Busseln nur ordentlich. Rosi. Ich bitt' Dich um Gottes willen, Dinerl, sei nur nit leidenschaftlich — halt Dich jetzt, sei g'scheid. Dein Lcbensglück steht am Spiel. Dinerl. Ich bring' Dir jetzt das Wort heiraten nicht mehr aus'n Mund, und früher Hab' ick's können zehnmal repetiren hinter einander. Rosi. Aber mein Gott, das ist ja das Wichtigste; Tn hast zwar Alles was dein Herz verlangt: schöne Kleider, Schmuck, Equipage, aber der Mann, Dinerl, das ist die Hauptfach'. Zweite Scene. Vorige. Hansi und Natzi (treten ein. in schwarzem Frack, bylinverhüte mit grünen Blättern bekränzt). Dinerl. Was sehen meine Augen, die zwa unverwüstlichen Poeten und der Lorbeer der Unsterblichkeit prangt schon an ihrem Hute (Havfi und Natzi aus Dinerl zustürzend, ihr die Hand küssend.) Hansi. Dinerl, Perle unserer Augen, mehr kann ich nit sagen, mir fallt g'rad' nit mehr ein. Dinerl. Was bringt denn Euch daher? Hansi. Weil unser G'sangverein daher an Ausflug g'macht hat. Natzi (halb singend). So hab'n wir uns die Freiheit g'nummen und unsere Aufwartung g'macht. Dinerl. Was macht die Mutter, wie geht's dem Vater? Hansi (singend). Ausgezeichnet, sag' ich Dir, sie laßt Dich vielmals grüßen; sie betreibt fleißig ihre Greißlerei, die sie Dir verdankt. Dinerl. Sei stad — sei stad — Hansi. Dann soll ich Dir no was berichten — was ich Dir aber nicht sagen kann, weilich's nit recht maß— cs soll eine Ucberraschung für Dich werd'n — ein Herr hat sich um Dich so angelegentlich bei der Frau Mutter erkundigt, als wie wennst ihm was schuldig warst. — D'Frau Mutter hat die Händ' übern Kopf zsamm'g'schla- gen bei dem Diskurs — hat sich ganz sauber angezogen— da muß was los sein! Dinerl. Geh, hast wieder wo läuten und nit recht schlagen g'hört. Sag' mir amal, Hansel, was treibt'S denn es Zwa so miteinander? Hansi. Sie is neugierig, sie muß schon wo was g'hört haben — Natzi. Das wird ja glei bekannt; in a paar Tagen steht's in allen Zeitungen, tdun's nur damit überraschen — sagen'S ihr's. Hansi. Mir. mir san Theaterdichter word'n, san mitanander in Compagnie, lick hab's Dramatische und er , auf Natzi deutend) bat die Hetz' und den Jur. Natzi. Ein Stück haben wir schon fertig g'sckriebeu, bereits eingereicht. Dinerl. Jetzt halt ich's nimmermehr aus- (Lachend) Haha,IhrZwauudTheaterstück' schreiben, daS war noch nit da! Hansi. DaS Volksstück haben wir uns zum Fach' gewählt, denn es ist das Dankbarste, was es gibt. Natzi. No und ob! Dienert. Is vielleicht gar schon angenommen — Hansi. Versteht sich. Natzi. Ich bin Zeuge gewesen. 38 Hansi. Gleich wie mir ihm'S geben haben hat er's, ang'nommen auch, und an- g'sckant hat er uns — mit an Blick — Natzi. Der hat was sagen wollen — Diners. Also Volksstück' wollt's Zhr schreiben, jetzt, bei der Zeit, wo nichts als Sckafharliaden, tändelnde Operettenmusik, weibliche Tricots das gute alte Volksstück von der Bühne verdrängt haben; gratulir' Euch! Hansi. Das macht nir, wir find die Leut' dazu. Natzi. Wir fühlen uns dazu berufen. Hansi. Ich hör' schon im Geist den stürmischen Applaus — Natzi. Sie rufen uns. und wann wir a so beraustreten werden, die Hand an's Herz, mit tiefer Verbeugung — (Hanfi und Natzi treten vor und verbeugen sich.) Natzi. Ich sieh schon den Schübel Danknoten, wie ihn der Caffier für uns Zwa herricht. Hansi. Wann das Stück dann zum zwanzigsten Mal' geben wird, unsere Bene- fice, da nehmen wir zwanzigtausend auf amal ein — Natzi. Ich halt' mir Wagen und Pferd'. Hansi. Ich kauf' mir a Landhaus in Hietzing. Natzi. Ich halt' mir a paar Mad'ln aus. Hansi. Ich lass' mir zu Leb'szeiten schon a Monument setzen, wo unt'S Wasser herauslaust. Dinerl. Na, na, ich kann nit begreifen, wie man die Zwa noch a so hcrumgeh'n lassen kann — Hansi. So a Stuck wie das uns'rige war noch nit da — zwanzig Abtheilungen. Natzi. Hundertvierundvierzig Bilder. Hansi. Vierhundert Couplets und zum Schluß eine prachtvolle Hinrichtung bei bengalischem Feuer, das muß ziehen, denn bei so was sind vom schaulustigen Publicum meistens alle Plätze vergriffe«. Natzi. Dann folgt großer Musischer und verschiedenartige Hymnen. Hansi. Wir haben Dich eigens bitten wollen, unserer ersten Aufführung mit an oder zwa Logen beizuwohnen. Dritte Scene. Vorige. Dienstmädchen (tritt ein) Dienstm. Es stehr ein Mann beim Gartenthor, welcher sehr herabgekommen aussieht, er nennt sich Friedrich Ressel uud wünscht dringend das Fräulein zu sprechen. Dinerl. Laß'n herein. Dienstm. (geht ab). Dinerl. Hansel, gut daß D'da bist. Du kannst mir an G'fallen thun. Ich will den Menschen nimmermehr seh'n. Schon vor langer Zeit Hab' ich von ihm mein Porträt zurückfordern lassen, was ich ihm einstens (zu Rofi), waßtdazumal, gegeben. ES hat sich aber nichts g'rührt, kein Porträt ist gekommen. so Hab' ich ihm fünfzig Gulden anbict'n lassen, ich will nicht, daß a Mißbrauch mit mein' Porträt g'schieht; und so wie mir scheint, werd'n die fünfzig Gulden jetzt ihre Wirkung g'macht haben. (Oeffnct ihre Brieftasche, gibt Hanfi Geld.) Da hast fünfzig Gulden. Hansi, gib'ihm's und laß' Dir mein Porträt geben. (Zu Rofi.) Komm, Roserl, wir geh'n. (Dinerl und Rofi gehen in die Seiteathür ab) Vierte Scene. Vorige. Ressel (sehr herabgrkommen gekleidet. mit einem Album in der Hand, tritt ein). Natzi und Hansi (fitzen, jeder den kylin- der mit grünem Kranz aus. einen Zwicker iw Auge, in den eisernen Hutschsauteuils. hutschen hin und her und mustern den eintretenden Ressel; bald fallt Hanfi, bald Natzi mit dem Sessel um)- 3S Ressel. WaS san denn baS für a paar ang'legte Affen? Die Dinerl nit g'sehen — also wahrscheinlich die zwa ihre Bevollmächtigten. Und je näher ich's anschau (betrachtet sich jeden fest), desto bekannter kom- men's mir vor. (Laut aufschreiend.) Das san ja die zwa wahnsinnigen Schuster, der Haust und der Natzi. Hansi. Mein Todfeind! Ressel. Na — wann die Dinerl mit mir selber g'redt hätt', wann sie nicht so stolz g'wesen war, weiß Gott, ich hätl' mich g'schamt ihren Anbot anz'nehmen, hätt' ihr das Porträt a so z'ruckgeben; aber a so — wcil's die zwa Narren über mich schickt — soll sie nur zahlen, der Hochmuth muß bestraft werd'n. Hansi (zu Ressel). Nit lang schauen, und's Porträt her. (Zu Natzi.) Gib ihm die fünfzig Gulden, da. (Natzi, ganz gravitätisch, nimmt das Geld von Hanfi und gibt es, gegen da- Porträt, Ressel) Ressel. Ka schöner's G'schäft hätt' ich nit machen können, was meinen's, (zu Hansi) fünfzig Gulden ist das ganze Madel nit Werth. (Ihm das Album zeigend, rollt es auseinander.) Nichts mehr g'fällig, möchten Sie's nit derFräul'n seh n lassen, ich könnt' noch mit einige solche Porträt'ln dienen, san lauter gute Freundinnen von ihr, bildsaubere Trutscherln, die lasset ich ihr billiger. Hansi (dir Faust ballend). Mein Todfeind! ich weiß zwar nicht warum, er hat mir noch in seinem Leben nir tban, denn daß das Peperl g'rad ihn gern g'habt hat, ist nicht seine Schuld allein, aber aufgeben kann ich ihn nicht — gib ich ihn auf, Hab' ich kan Todfeind mehr. Natzi. Und in unserer jetzigen Stellung als Theaterdichter, wo man alleweil an oder zwa so schlechte Kerl'n bei der Hand hab'n muß — gar nit möglich. Ressel. Wann ich nit müßt', daß ich mich hier im De Car'schen Landhaus beende, so müßt' ich rein meinen, daß ich in eine Privat-Jrrcnanstalt g'rathen bin, denn die Zwei seh'n ganz darnach aus. Hansi (zu Natzi). Wie baßt der große dramatische Prolog ans unfern Stuck im zweiundsiebzigsten Bild? Natzi. A ja richtig — da wo er enthauptet wird. — Der Prolog — ja — Hansi. Mir fallt er schon ein. Natzi. Es ist im fünülndsiebzigsten Bild. Hansi (auf Ressel deutend, sehr kttiftraqend). Ha! geruchloses Ungeheuer, schlauchlistiger Bösewicht, Du wagtest es, in diese Hallen zu trinken, wo cs so schnopprig, schaurig und schnoflig ist, Du wagst es unser Heilig- thum zu verunglümpsen, um uns dem Derrath und Hohn preiszugeben. Ha! Elender, keine Macht soll Dich jetzt aus unfern Armen retten. Du tust ein Kindlein des TodeS. Natzi. Hundertsechsundvierzigste Scene spricht Flambo: Hier. Rache — Hansi. Richtig: Hier, Rache, hast du dein Opfer. (Packt Ressel.) Natzi. Jetzt is der Prolog aus und er wird hingerichtet. (Packt Ressel.) Ressel. Muß's glci sein? (Schleudert sie beide zur Seite, so daß Hansi nach aller Länge zu Boden fällt.) Bitte, meine Herrn, an an- der's Mal hätt' ich mehr Zeit; empfehl' mich bestens. (Geht ab.) Natzi. Henaline spricht im zweiundvierzigsten Bilde (reicht Hansi die Hand zum Auf- stehen): Stehe auf, o stehe auf, ich kann Dich nicht länger zu meinen Fußen seh'n. Hansi. Mein einziger Todfeind, (auf- stehend) und der is mir durch'gangeu — Natzl, laufen wir ihm nach, halt'n wir ihn auf. (Hanfi, Natzi lausen ab.) Fünfte Scene. Leo de Car (tritt ein, wirst den Hut ins Fauteuil). De Car. Mit Enterbung hat sie mir gedroht — wenn ich das Verhältniß noch länger fortsetze. Ich soll das Mädchen, mein Leben, mein Alles, ihrem starren Eigensinne opfern, ein Wesen, dem nichts zur Last gelegt werden kann, als daß es vermögenslos ist — hingegen was Anmuth, Frohsinn und edles Herz anbelangt, seinesgleichen sucht. Nein — nein — auch 'ch habe meinen eigenen Willen, das thu' ich nimmermkhr; (sich besinnend) doch unsere zukünftige Eristenz, sie wird mir alle Mittel entziehen; ich bin dann auf den Erwerb angewiesen — ein mir gänzlich fremdes Feld. Schwere, — schwere Wahl! — Doch ich kann nicht — kann unmöglich das Mädchen lassen. — In allen Fächern gebildet, im Commerziellen, im Groß-Industriellen wird es doch nicht schwer halten, eine Stellung zu erringen, die mich sammt Frau nährt. (Wirft sich in den Fauteuil.) Sechste Scene. Leo. Diner! (aus der Thüre). Dinerl. Du bist's, lieber Leo? und was seh' ich, deine Stirne voller Falten, (streicht ihm die Haare aus der Stirne) Du bist ganz verstimmt, was ist geschehen — sprich, Leo, sprich — De Car. Es ist nichts — nichts. — Laß' das, liebe Ernestine. Dinerl. Das ist abscheulich von Dir, ich kann Dich nit so sehen, ich muß wissen, was g'schehen is. De Car. Nichts, sag' ich Dir — nichts, liebes Kind. Dinerl. Leo, Dich drückt ein tiefer Kummer. De Car. Ueberlaffe das mir, liebe Ernestine, wenn nur von Dir jede Sorge entfernt bliebe. Dinerl. Leo, lieber, guter Leo, ich muß jetzt Alles wissen, ick Hab' ka Ruh' mehr, ich befürcht' daS Aergste. De Car (stbr weich, ihre Hände erfassend, sie ans Herz drückend). Ernestine, mein Leben, mein Alles! Dinerl. Leo — Leo — Dir fehlen die Worte, Du kannst nicht mehr sprechen. O, meine Ahnungen haben mich nicht getäuscht — mir steht jetzt das Aergste bevor. — Jetzt weiß ich Alles — Deine reiche Ziehmutter hat mich verstoßen und verachtet; ich les' es an deiner Stirn — unsere Heirat ist zurückgewiesen (weinend) und ich bin das unglücklichste G'schöpf auf der Welt. (Ihm in die Arme fallend.) De Car (sich aufraffrnd, hebt Dinerl in die Höhe). Ernestine, heute noch ist unsere Trauung, und wenn sich Berg und Fels dazwischendrängen sollten, es ist mein fester Entschluß. Dinerl. Also richtig, so wie ich mir's gedacht Hab'; die Armuth ist halt bei Allem im Leben das unübersteigbarste Hinderniß. De Car. Leider, leider! aber sei dem wie es wolle — nach vollzogener Trauung verwechseln wir unfern Aufenthalt mit dem Stadtleben; ich will von nun an thärig sein, fleißig sein, Dich und mich ernähren; ich will nicht länger von der Gnade meiner Mutter leben. Dinerl. Ja — ja — es ist so — O mein Gott, und ich bin an Allem Schuld, meinetwegen sind Dir alle Mittel entzogen; Du wirst von nun an Alles entbehr'n und darben müssen. Wegen meiner, Leo — nein — das darf nicht sein — das darf nicht g'schehn, so ein Opfer is an armes Madl, wie ich bin, nit werth; ich könnt' Dir ja gar nichts dafür bieten, als meine armselige Lieb'; und der Tausch, Leo, war' nur's größte Unglück für uns beide. De Car. Beschwichtige Dein tobendes Herz, liebe Ernestine. Sieh', anfangs um- ' schlang unser Verhältniß ein leiser Knoten, ' es war ein gegenseitiges leichtes Wohlwollen, jetzt aber, da wir uns näher kennen ge- i lernt, und ick vollkommen Dein edles, gutes Gemüth entfaltet gesehen habe — jetzt hat sied um unsere beiden Herzen ein Band geknüpft, welches keine Trennung mehr zuläßt. (Seinen Hut ergreifend, sie umarmend.) Mache Dich bereit, mein Engel, Punkt sechs Uhr ist unsere Trauung. (In die Seilen, thüre ab.) Dinerl (allein). Die Armuth — is a großes Nebel. Leo hat sie noch nie empfunden. Wann Sorge und Kummer die Gefährten im Eh'stand sein, da kehrt der Zank und Hader auch bald ein. Es ist zu schmerzlich, jetzt, an der Grenz' von mein' Lebensglück angelangt und schon wieder von ihm scheiden zu muffen — doch ich und die Noth sau ja zwa alte Bekannte; schon von Jugend auf mit anander (sich besinnend) — oder soll — soll ich (mit sich kämpfend) vielleicht die Gelegenheit benützen, den jungen ehrlichen Mann mit in's Verderben ziehen, nein — nein, das kann ich nicht, ich kann ihn ja an meiner Seite nicht darben und entbehren sehen. (Weinend.) Geh', Dinerl, geh' wieder allan deinen Weg (aus das Herz deutend) und du, du unfolgsames Ding da, dir is recht g'schehen. Leo — Leo — leb' wohl für immer. (Ganz in Thronen.) Lebt's wohl, ihr schönen, frohen Stunden, ihr freudigen Hoffnungen auf die Zukunft'; um halb fünf Uhr geht der Zug und ich mit ihm — in a fremde Stadt, wo mich Niemand kennt, wo mich Niemand mehr erfragt — jetzt, Dinerl, jetzt zeig's amal (laut weinend) was a fesche Godl nit Alles im Stand is. (Geht in die andere Seitenthür ab.) Siebente Scene. Dienstmädchen mit Conrad Müller und Purtzel (treten ein). Dienftm. Belieben nur ein wenig zu warten, ich werde Sic sogleich beimFräulein anmelden. Müller. Is schon recht. Jungfer. So, jetzt werd'n wir gleich in Ordnung sein — ich prophezei' Jbnen den besten Ausgang. Das is amal ein altes Sprichwort: Ehrlich währt am längsten. Achte Scene. Vorige. Dienstmädchen (aus der Seiten- ^ thür). Dienstm. (zu Müller, ihm die Thür öffnend). Belieben nur hereinzuspazieren. Müller (Purtzel mitziehend). Kommen's, Herr von Purtzl. Purtzel (sich sträubend) Na. na! Ich geh' kan Schritt mehr weiter, gcb'ns ihr glei die Schrift und sagn's ihr glei, ich heirat's ung'schauter. (Müller geht zur Sei- tenthür ab. Dienstmädchen geht beim Veranda-Eingange ab.) Purtzel (allein). O Gott, o Gott! wann's mir nur dasmal nit wieder conträr geht — ich Hab' schon ein eigenes Pech — immer 's Verkehrte und wo sich die Wirkung amal bei Einem geltend macht — wünsch' gute Nacht, der hat nir z'lachen. L o u p t e 1. Ein Amts-Chef spricht gnädig zu sein' Secretär: Ihr Fleiß und Ihr Eifer der macht Ihnen Ekr', Verfassen Sic mir jetzt an sichern Bericht Und stellen Sie Alles nur in's klarste Licht. Sonst thut der Chefnichts, nurdenNam' setzt er hin Und nickt dem Verfasser mit freundlicher Mien'; Ter Arme hofft jetzt, daß sein Glück ist gemacht, Daß man seine Leistung doch endlich bedacht. (Spricht.) No natürlich, wird der Mann 42 avanciren. das kann ja nicht anders sein, vielleicht bekommt er gar eine Auszeichnung. (Singt ) Ja mit der Charge steigt nur sein Chefin die Höh', Dem Armen sei' Stellung bleibt jetzo wie eh'. Ein klares Gesetz und ein einfaches Recht Wär' Manchem zuwider, für Alle nit schlecht. Im Trüben zu fischen die Monopolie Uebt jetzt noch zuweilen die Advocatie; A Jahr Advocat und ein prachtvolles Haus, So stellt sich die Frucht dieser Praxis heraus, Denn krieg'ns an Rechtsstreit amal in die Händ', Da find't der Prozeß auch doch ewig kan End'. (Spricht.) Wieder so an abscheuliche Verleumdung, besonders auf den Advocaten- stand Habens Viele so scharf und ich frage, was thäteu wir, wenn wir keine Advocaten hätten, wie führeten denn wir Proceß? (Singt.) Parteien mit Geld können ganz ruhig sterb'n ES bleibt ihr Proceß für die rechtlichen Erb'n! Zur Beachtung der Sicherheit für unser Leb'n, Da muß es nothwendig auch ein Gesetz geb'n. Hat einer das Unglück, daß ihm der Fall g'schieht, Man sicher ihn dann zur Verantwortung zieht. Da Hab' ich per Bahn so an Zug mir betracht', Zur Winterszeit fuhr ich in stockfinst'rer Nacht. Nun seh' ich mit Grauen, wie der Con- ducteur Am äußern Waggon balancirt hin und her. (Spricht.) Könnte da nicht leicht an Unglück g'scheh'n? O, gar ka Spnr. Erstens wird so a dalketer Mensch gar nit ang'stellt, und zweitens muß jeder Conducteur seine vollgewichtigen Zeugnisse besitzen, daß er den höhern gymnastischen Cours volle acht Jahre gehört hat. Drittens endlich wird der Urheber der Außerachtlassung der Vorsichtsmaßregeln für die Sicherheit des Lebens nach §. so und so viel, litsra a, d, 6, »i> s« MM. Charakterbild mit Gesang in drei Acten von Friedrich Kaiser. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Lustspiel in einem Act m als-Antrag ÄLI von Sigmund Schlesinger. 7'/. Sgr. od. 35 Nkr. Ein Musikant, oder: Die ersten gedanken. Komisches Characterbild mit Gesang in drei Acten von Ludwig Gottsleben. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Die Schmäl'in. Lustspiel in einem Aufzuge von I. F. Castelli. Zweite Auflage. Baron Hobern, Obrist. Karl, sein Neffe. Julie, dessen Frau. Personen: Robert, ein alter Wachtmeister des Obrist. Steidele, ein Schwabe, Schloßvogt. Die Handlung spielt auf einem alten Schlöffe, dem Baron gehörig. Erste Scene. (2>e Bühne stellt einen Saal in einem alten schlosse vor. Zur Rechten ein runder Ti^ch und "" großer Lehnstuhl. Zur Linken, mehrere Stühle. Eine Mittel- und zwei Seitenthnren.) ^ilrl (im einfachen Morgcnkleide, sitzt am Tische und liest). Robert (spricht zur Mittelthür hinaus, durch welche er dann eiutritt). Robert. Wie ich Euch sage, er kommt, " folgt mir auf dem Fuße! ein gutes Mit 'Wmahl bereitet, eingcfeuert in den Ofen, ^arl (si^i auf). Was seh' ich, Robert! t^»Ur.R«serii,itt Nr. ISS. Robert, Bin's, Zunker Earl'chen. (Stellt sich in militärische Positur.) Ei. bitte tausendmal um Ercusativn, aus dem kleinen Carlchen ist ein Oarolus IUkSllU8 geworden. Earl. Laß das, alter Freund; durch welchen Zufall kommst Du hieher? Robert. Kein Zufall! Auf Befehl meines Herrn Obristen bin ich vorausgeritteu, er folgt mir auf dem Fuße. Carl. Wie, mein Onkel kommt hieher? Robert. Wird keine Stunde mehr aus- bleibeu. , Earl. Da bin ich in schöner Verlegenheit. Robert. Nickt doch! er weiß wohl, daß Sie die Hauptstadt vcrlaffen haben, und hofft Sic hier zu finden. Carl. Ack, Robert! Du glaubst gar nicht, wie mich die Haupstadt angewidert hat. (Zieht ihn bei Seite.) ueberall begegneten mir Gesichter, denen ich etwas schuldig war, und ick hätte wirklich am Ende noch mit der löblichen Justiz in Fatalitäten kommen können. Robert (lächelnd). Nun, weiß schon wie das geht, Hab s auch nicht immer vollauf gehabt das runde Metall — aber das thnt nichts, seien Sie getrost, eine vor- theilhafte Heirat macht das Alles wieder gut. Carl. Glaubst Du? Robert. Der Herr Obrist hat für Sie eine herrliche Partie ausgesucht, ein Mädel, das in Gold steckt bis über die schönen Goldlocken, und wenn Sie sich in seinen Willen fügen, so zahlt er dießmal noch Ihre Schulden. Carl (lächelnd). Ja, er wird sie wohl auch ohnedem zahlen müssen, denn ich weide von seiner herrlichen Partie nicht profitiren können. Robert. Ho, ho! junger Herr, nicht so geschwinde abgesprochen'.Denken Sie fein an die Zukunft! Nehmen Sie sich in Acht, der Herr Onkel sind etwas heftig, und auch in den Jahren, wo er selbst noch darauf denken könnte sich zu verehelichen. —Wenn ihm der Kopf einmal wirblig wird, so ist er im Stande und begeht einen solchen Streich, und dann Adieu Erbschaft. — Seien Sie klug, und heiraten Sie die, welche er für Sie bestimmt hat. Carl. Heiraten Sie! heiraten Sie! — das ist leicht gesagt. Robert. Hm! ist auch nickt schwer gethan. Carl (halbleise zu ihm). Aber ich bin ja schon verheiratet. Robert. Wie — diese Thorheit! — Carl. Ist einmal geschehen. Robert. Nein, das ist zu arg! — Also wirklich verheiratet? Und vielleicht gar mit dem Mädchen, dessen Familie mit dem Onkel in Prozeß verwickelt war? Carl. Die nämliche. Robert. Die kein Vermögen hat? Carl. Keinen Kreuzer. Robert. Nein, Carlchen, verzeihen Sie, aber das war kein kluger Streich. Carl. Ei was! warum fordert man von mir Unmöglichkeiten? Glaubte mein Onkel vielleicht, ich würde es hier auf seinem alten Schlosse auch nur eine Woche aushalten können, wenn ich allein hier sein müßte ? Robert. Wie? Ihre Frau ist also mit Ihnen hier auf dem Schlosse? Carl. Allerdings. Robert. Nein, das verzeiht Ihnen Ihr Onkel in seinem Leben nicht, und wenn ihm Ihre Frau vor die Augen kömmt, so gibt's ein Mordspectakel. Carl. Glaubst Du? Nun, so laß uns Nachdenken, wie wir das verhindern können. — Was könnt' ich denn mit meiner Frau anfangen? Robert. Sie in ein abgelegenes Gemach versperren, und Fensterladen und Thüren zuschl'eßen. Das Schloß ist so groß. Carl. Dazu würde sie sich nimmermehr verstehen; denndiekleine Frau hat ihr Köpfchen. Stelle Dir vor, sie wollte geradezu nach der Stadt fahren und mir nichts Dir nichts bei meinem Onkel absteigen. Ucber feinen Zorn lacht sie und behauptet, es würde ihr nicht schwer werden, ihn zu besänftigen. Robert. Ein Beweis, daß sie ihn nicht kennt. — Wir müssen in jedem Falle ein Mittel finden, ihm zu verbergen, wer sie ist. Warten Sie. ((?r denkt nach.) Wenn mir mein Gedächtniß treu ist, so muß ja der Schloßvogt eine Tochter von beiläufig 18 bis 19 Jahren baden. Carl. Ich habe noch keine gesehen. Robert. Ja, das glaub' ich, er hat sie nach Schwaben zu ihrerTante geschickt. Könnten wir nicht sagen, diese sei zurückgekommen? Carl. Vortrefflicher Einfall! Auf diese Art lernt der Onkel sie kennen, ohne zu wissen, daß sie meine Frau ist, und dann wird er gewiß von ihr bezaubert! Denn solche Anmuth, solcher Geist, solche Liebenswürdigkeit gibt es nicht mehr auf der Welt. Robert. Wie lange sind Sie verheiratet? Earl. Vierzehn Tage. Robert. Das merkt mau aus dieser Beschreibung. — Aber was geben wir für eine Ursache au, daß das Mädchen znrück- gekommen? Earl. Ursache? Ihre Tante muß gestorben sein. Robert. Recht! die Tante bringen wir um. Zweite Scene. Carl. Robert. Julie. Julie. Carl! Was hör' ich? Dein Onkel kommt? Carl. Leider, er will mich zur Verzweiflung bringen — aber wir haben uns gegen ihn verschworen. Julie. Recht! (Pathetisch) Ich bin in eurem Bunde die Dritte. Robert Me zu Larl). Tausend! Sie baden nichtzu viel gesagt. Das ist ein liebes ^esichtchen, das müssen wir dem Herrn Tbristen zeigen, denn er ist ein Kenner. Carl. Ich stelle hier Dir meinen alten Meund Robert vor, von dem ich Dir schon I» viel erzählte, der mich, als ich noch klein war, immer mit Märcken einschläferte, er will uns beiitehen, uns Helsen. Für's Erste barst Du, um den Zorn meines Onkels sucht zu erregeir, nicht als meine Frau vor ihm erscheinen. Julie. Ich verstehe. Robert. Steidele, der Schloßvogt, hat sine Tochter, die beiläufig in Ihrem Alter muß, — sie ist bei ihrer Tante in Schwaben. Carl. Und Niemand kennt sie. Julie. Aha! ich merke, wo das hinaus soll, Ihr wollt mich für diese Schwäbin ausgeben. Nun, ich will's versucheu, ich Hab' immer gern Koniödie gespielt, und nicht mit Unglück, wie mich »leine Gönner versicherten. Ich will das linkische Benehmen und die naive Sprache eines schwäbischen Landmädchens nachzuahmen suchen, so gut ich's vermag. Aber wenn uns nur mein verehrungswürdiger Herr Vater keinen Strich durch die Rechnung macht. Der Herr Schloßvogt sind etwas schwachköpfiger Natur. Robert. Sorgen Sie nicht, auch er soll seine Rolle gut spielen, ich will sein Souffleur sein. Carl. Aber der schwäbische Dialekt, Julie? Julie (im schwäbischenDialect). Darüber lasse Sie sich kein graues Häärle wachse, liebes Jünkerle, ich habe ja in meine Jugend eine Erzieherin g'hat, die eine Schwäbin gewese ischt, ich kann das Ding im Maul schon untereinauderarbeite, daß es ä Luscht ischt. Carl. O! vortrefflich, wie eine geborne Schwäbin! Julie. Ich bin doch recht neugierig, den fürchterlichen Onkel kennen zu lernen, der nichts von mir sehen und wissen will. — Verstößt mich der alte Herr, und ich war doch so diSponirt, ihn recht lieb zu haben. Robert. Sic fürchten sich also gar nicht vor ihm, gnädige Frau? Julie. Warum sollt' ich auch? Zahm muß er mir werden, zahm, das; ich ihn um den Finger wickeln kann. Er war einft, wie man mir sagte, sehr galant und liebenswürdig gegen Frauen, es wird beim Untergänge seiner Lebenssonne sein Herz doch auch noch zum Schlagen zu bewegen sein. — Wollen sehen, wollen sehen! Carl. Du scheinst deines Sieges ganz gewiß zu sein. Julie. Mein Vater hieß mich immer den Eisenkopf und sagte hundertmal, das 1 * 4 Mädchen ist entschlossener und konsequenter als alle meine Buben, die wird einmal Alles durchsetzen, was sie will. Carl (zu Robert). Siehst Du, sieist ein verzogenes Kind! die Eitelkeit ist mit der Vernunft davongelaufen. Julie. Sie irren, mein Herr! Wer von uns Beiden ist wohl vernünftiger, wer hat ein armes Mädchen geheiratet, an das er, nach dem Befehle seines Onkels, nicht einmal denken sollte? Sie haben's gethan — und doch will ich alle meine Vernunft aufbieten, um Ihnen für Ihre Thorheit Verzeihung zu erwirken. — Doch ich will eilen, mein Cvstume zu bereiten. Carl. Und ich gehe, um mit Steidele zu sprechen. Ich mache ihn, Kraft meiner Machtvollkommenheit, zu deinem Vater, und verspreche ihm eine gute Belohnung, die der Onkel dann ausbezahlen mag. (Man hört einen Wagen in den Schloßhof einsahren.) Robert. Lieber Himmel, da hör' ich schon einen Wagen. Carl. Da ist der Onkel. Julie. Fort auf meinen Posten! Du seinem Onkel entgegen! (Julie geht Rechten, Carl durch die Mittelthüre ab.) Robert (sich in Positur stellend). Die Schlacht beginnt! — Vorgeseh'n — ich werd' wohl mit den Hilfstruppen die Avantgarde commandiren müssen. Dritte Scene. Robert. Der Obrist. Carl. Obrist (etwas schwer anftretend und von Varl unterstützt). So, jetzt komm' ich schon wieder in den Gang; wenn ich eine Stunde im Wagen sitze, so sind meine Unrerthanen wie gelähmt. Ah! bist Du da. Robert! Robert (militärisch salutirend). Auf Ihre Ordre, mein Herr Obrist. Obrist (zu Carl). Du vermnthetest wohl nicht, mich hier zu sehen? Carl. Nein, mein gnädiger Onkel die Jahreszeit und der Weg — Obrist. Ja, es hat mich tüchtig untereinandergerüttelt, aber das ist gesund, wenn nur mein verdammtes Zipperlein nicht wäre. (Setzt sich und sieht sich dann im Gemache um.) Nu? das Schloß ist doch so übel nicht. Carl. Im Gegentheil, herrlich— alte Thürme, Klippen, Gräben, Precipisse. Obrist (ironisch). Nun, ist mir lieb, wenn's Dir hier gefällt, kannst hier bleiben und in der Einsamkeit über deine begangenen Thorheiten Nachdenken. Carl. Wie, lieber Onkel, schon wieder Moral predigen? Sehen Sie, ich bin so erfreut, Sie wieder zu sehen, ich vergesse alle Ihre frühem,manchmal wohl etwas zu strengen Abhandlungen; machen Sie es eben so, vergeben wir uns wechselweise nns're kleinen Fehler, und leben wir ruhig' nab freundschaftlich mit einander. Obrist. Ah! Du machst den Scherzhaften, ich aber bin gar nicht aufgelegt zum Spaße, Herr Neffe. Vor Allem ford're ich von Dir, wenn wir anders ruhig und freundschaftlich mit einander leben sollen, zur daß Du Dir deine thörichtc Neigung aus dem Sinne schlägst, und auf jene lächerliche Verbindung Verzicht leistest. Carl. Sie scheinen sehr eilig in Ihre» Forderungen zu sein, Onkel! Obrist. Allerdings. Ich kann nicht Eile genug anwenden, deinen Thorheiten einmal ein Ende zu machen. Carl. Thorheiten? Obrist. Frage noch? Wnnd'rc Dich noch? — Ich sage Dir, wenn Du Dich nicht bald änderst, so werde ich der ganze» Geschichte dadurch ein Ende machen, daß ich mir selbst ein Weib nehme. Carl. Sie, Onkel? O brr st. Ja, ja, hat man etwas dagegen einzuwenden? Carl. Ich? — Nicht das Geringste, aber Sic selbst werden etwas dagegen einzuwenden haben. Sie lieben doch so st^ — >Jhre Ruhe? I Obrist. Glaubst Du, ich werde als Ehemann unruhig werden? Nicht im Geringsten. — Ich brauche eine Gesellschafterin, denn Du vernachlässigst mich ja ganz und gar. Carl. Ich? Wo denken Sie hin, wie oft waren Ihnen meine Besuche schon zu lästig. Obrist. Ja, weil Du immer kommst, wenn Du kein Geld mehr hast. Karl. Nun, und da komm' ich oft genug. Obrist. Wenn ich aber einmal verhci ratet bin, dann wollen wir sehen, wie Tu Dich ans der Affaire ziehen wirst. Ich wette darauf, Tu steckst noch immer in Schulden bis über den Kops? Carl. Wetten Sie, Onkel! wetten Sie um eine große Summe, und geben Sie mir dann das Geld, denn Sie gewinnen gewiß. Aber wie wär's auch anders möglich? Sie bezahlen ja nie für mich. Obrist. Ich habe wohl Unrecht, und soll mich wohl beeilen, deine Thorheitrn wieder gut zu machen? Carl. Wenn Sie mein liebes, gutes On- kelchen sein wollten, allerdings. — Ach, Ihre Ankunft in diesem Schlosse ist eine Schickung des Himmels. Obrist. Genug, ich will nichts mehr bören. — Geh' und sage meinem Verwalter, er soll kommen, ich habe mit ihm zu sprechen. Carl (küßt ihm dir Hand). O mein gütigster Onkel! Ich sehe, Sie sind gerührt, >a, da stiehlt sich eine Thräne aus dem großen, feurigen Auge. Sie haben Mitleid mit Ihrem armen, ganz ohne seine Schuld ins Unglück gekommenen Neffen. Sic lassen den Verwalter kommen, um ihm zu befehlen, daß er die Cassa öffne und mir eine nam haste Summe ausbezahle. ^brist (halb lachend, halb ärgerlich) Geh' jum Teufel! Carl. Nicht zum Teufel, aber zum Verwalter, und ich dank Ihnen im Voraus für >thrc Güte und Großmuth. (Leise zu Robert, dkr abseits im Hintergründe steht ) Robert, jetzt, ist er in guter Laune, jetzt rede mit ihm von meiner Frau, man muß das Eisen schmieden, weil es warm ist. (Durch die Mittelthür ab.) Vierte Scene. Der Obrist. Robert. Obrist (lächelnd). Das ist ein Hauptspitzbube, man kann ihm nicht gram sein; gerade wie ich in seinem Alter war. (Laut.) Robert! Robert (mit militärischer Haltung). Euer Gnaden, Herr Obrist! Obrist. Stell' mir den Lehnstuhl ein bischen weiter vor. (Es geschieht und er seht sich.) Das Gemach gefällt mir, hier will ich wohnen. Die Reise steckt mir noch in allen Gliedern. Robert. Sie sind auch so schnell gefahren. Obrist Ich hoffe, die frische Luft hier wird mir gut bekommen, auch muß ich ja der Wirtschaft hier einmal selbst Nachsehen ; man sagt mir, mein Verwalter läßt manchen Gulden in seinen Sack fallen. Robert. Das ist schon der Brauch dieser Leute. Obrist. Der Kerl erwartete mich nicht so schnell. Robert. Aber — bei allen Bomben, Sie werden doch Ihre Zeit nickt in dieser Einöde zubringen wollen — keine Gesellschaft — keine Zerstreuung — ick wette, nickt einmal ein guter Keller ist hier. Obrist (sich zu ihm hin beugend und halb leise). Keine Gesellschaft, meinst Tn, alter Mensch? Du irrst. — Ich habe eine Entdeckung gemacht (schnalzt in die Finger) eine Entdeckung — Robert. Doch nicht etwa gar ein sanb'reö Weibsstück? Obrist. Ein herrliches Mädchen, mit einem schwarzen Kohlenauge, das Feuer sprüht. Robert. Halten zu Gnaden, Herr 6 Obrist! solche Augen sind aber für uns^alle neunundneunzig Donnerwetter sollen nicht mehr gemacht, wir Invaliden dürfen'mich erschlagen, wenn ich — uns nicht mehr in s Feuer wagen Obrist Machend). Das magst Du für Dich sagen, invalider Mensch, aber nicht für mich. Als ich aus dem Wagen stieg, gewahrte ich hinter einer Jalousie ein junges Mädchen, nein, so was Hab' ich in meinem Leben nicht gesehen. (Greift schmerzhaft an sein Bein) Uff! Robert. Was haben Sie denn? Obrist. Nichts, nichts, nur ein Stich im Waden. Robert. Ja, ja, Invaliden! Obrist. Und weißt Du, wer die Schöne ist? Robert. Nein, wenn's nicht die Tochter Robert. Fluchen Sie nicht, schwören Sie nicht, Sie werden dem jungen Manne doch am Ende vergeben. Obrist (zornig). Nun und nimmermehr, außer er heiratet das Mädchen, das ich für ihn bestimmt habe. — Der Bursche aber setzt seinen Kopf auf, hat große Passionen, und für wen, für eine Dirne, deren Namen nicht einmal bekannt ist. — Wenn er es so weit triebe und heiratete sie gar — Robert. Nun, und wenn er sie heiratete, so würde er zwar eine Unklugheik begehen, das geb' ich zu, aber er würde doch auch wieder redlich bandeln, denn des Verwalters ist, die kleine Käthe! die ! l>rave Bursche heiratet das Mädchen, lange bei ihrer Tante zu Reitlingen in Schwaben war und die er jetzt hat zurückkommen lassen. Obrist. Ah! Stcidele hat eine hübsche Tochter? (Er steht auf.) Ist ein braver, treuer Kerl, der Steidele! Ich will ihn sehen — vielleicht kann ich für das kleine Wesen etwas thun. — Du kannst ihm sagen, er soll mir das Mädel vorstellen. Robert (den Kopf schüttelnd). Ei, mein Herr Obrist, das wird sich nicht schicken. Obrist. Nun, soll ich ihr etwa Nachläufen? Das kann ich nicht mehr, — einmal, ja — Robert. Für das was einmal war, geben die Juden und die Mädels keinen Kreuzer. Obrist. Wenn ich noch denke, was ich für ein Kerl war im Jahre 1785, wie ich zu Mannheim in Garnison lag. Robert. Süße Erinnerungen, nicht wahr? — Aber mit Gunst, Herr Obrist! wenn Sie sich daran mit so vielem Vergnügen erinnern, warum sind Sie so schonungslos gegen Ihren Neffen, der jetzt thut, was Sie damals gethan haben? Obrist. Davon schweige mir. Es gibt dumme Streiche, die unverzeihlich sind. — Earl mit seiner lächerlichen Liebe — und das er liebt, und nur ein Taugenichts läßt ein Mädel sitzen, dem er gesagt hat: ick liebe dich. — Nichts für ungut, aber es i» schon Heraußen. Obrist. Und ich sage Dir, wenn er sic heiratet, so enterb' ick ihn. Robert. Ihren Neffen, Ihren einzige» Verwandten? Obrist. Ja. Robert. Ah bah! Obrist. Ich will nicht disputiren! — Aber ich ärgere mich so, daß ich das Zipperlein bekommen könnte, wenn ich's nickt schon hatte. (Er setzt sich.) Robert. Ich kann nicht dafür, aber ich kann nun einmal keine Ungerechtigkeit leiden, auch würden Sie sich dadurch nur selbst unglücklich machen durch Ihre eig ne Schuld, und das gibt Ihr alter Robert nickt zu. Obrist. Durch meine eigene Schuld? Robert. Ja, ja, ja! — Wenn Jlu Neffe sich von einem Jrrthum hat befangen lassen, soll er dafür Zeitlebens bestraft wer den? Wenn Sie Ihre Hand von ihm ab- i ziehen, was wird sein Los sein? Armut») und Elend. Obrlst. Ich brauche kein Gemälde da» von, hör' auf! Robert. Und er, wenn er Kinder be- kommt, und die wird er bekommen, Ihnen zum Trotz bekommen, was soll aus den armen Würmern werden? Obrist. Wirst Du aufhören? Robert. Herr Obrist, folgen Sie meinem Rath und schützen Sie sich, weil cs noch Zeit ist, vor Gewissensbissen, die Ihnen in Ihrem Alter keine ruhige Stunde lassen würden. Obrist (laut schreiend). Still, sag' ich — es schickt sich nicht für einen Diener seinem Herrn Lehren zu geben. Robert (anfangs wie vom Donner gerührt, dann immer bewegter, endlich mit Thränen, die er aber zu verbergen sucht). Diener? — Nh ja so! ist's um diese Zeit? Diener? das Wort Hab' ich aus Ihrem Munde noch nie gehört, glaubt' es auch niemals zu hören. — Ist das der Titel für alle Sorgfalt, die ich Ihnen gewidmet habe, für mein Blut, das ich für Sie gegeben habe?—Verzeihen Sie, ich hab's gethan und nie davon gesprochen, aber jetzt muß ich sprechen, der Bediente darf so etwas schon in Anregung bringen. Als ich bei Hohenlinden Sie aus den Feinden hcraushieb, und da die Wunde an der Stirne bekam, die, wenn sie ein bischen tiefer gedrungen wäre, mir den Schädel gespalten hätte, da thaten mir der Herr Obrist, damals noch Hauptmann, die Chre an, mich Camerad zu tituliren, und jetzt — nein, das überleb' ich nicht. Obrist. Verfluchte Heftigkeit! (Mild.) Robert! Robert (sich die Augen trocknend). Ich kann Ihren üblen Humor, Ihren Zorn ertragen, aber keine Erniedrigung. Obrist. Was seh' ich, gar Thränen? Robert. Aus Wuth wein' ich, und wären Sie nicht mein Obrist, bei meiner armen Seele — Obrist (hält ihm die Hand hin) Gib mir die Hand! Robert (wendet sich weg). Hm! Obrist (aufstehend). Du willst nicht? Ja da werden wir uns also wohl schlagen müssen? Robert. Schlagen? Obrist. Freilich! wenn mein braver, alter Camerad daran nicht genug hat. Robert (stürzt in seine Arme). Ach, wenn Sie so sprechen — so sei Alles vergeben und vergessen. Obrist. Ich sehe ein, ich hatte Unrecht. Robert. Nun, ich habe auch just nicht ganz Recht gehabt, ich habe Sie gereizt. Obrist. Nein, nein, ich kenn' mich schon. Robert. Alle Bomben, ich Hab' den Zankapfel geworfen. Obrist. Willst Du schon wieder anfangen, unbändiger Mensch? Rede mir nicht mehr von meinem Neffen, Du siehst, wozu das führt. — Nickt wahr. Du sprichst nicht mehr von der ganzen dummen Geschichte, Du versprichst mir's? Robert. Alles, was Sie wollen, mein verehrter Herr Camerad. Obrist. So ist's recht. Nun thut's mir aber Noth ein wenig frische Luft zu schöpfen. (Robert bietet ihm den Arm, um ihn zu führen.) Nein, laß' mich, ich kann schon allein gehen, ich weiß nicht, ich fühle mich völlig verjüngt, seitdem ich das wunderschöne junge Blut gesehen habe. (Durch die Thür zur Linken ab.) Fünfte Scene. Robert (allein). Robert. Hm! — da bin ich nun ans der ganzen Schlachtlinie hinausqeworfen. — Hab' aber auch plärren müssen, und wenn mir das dumme Wasser in die Augen steigt, so bin ich linkischer als ein Hußar zu Fuß. Sechste Scene. Robert. Julie (als schwäbisches Landmädchen gekleidet) und Steidele. Julie (im Hintergründe, leise, und bei der Thür stehen bleibend). Bst, Bst, Robert! Sind Sie allein? 8 Robert. Ja, kommen Sie nur, er ist nicht da. (Schaut Julien mit Vergnügen rundum an.) Welche Haltung! Vortrefflich! Steidele. Nicht wahr, eS isckt eine Freude, solch ein Töchterlein zu ha'n? Julie (zu Robert). Sie haben mit dem Herrn Obrist gesprochen, ist er gut gestimmt? Robert. Unbeugsam wie immer. Julie. Wie, Sie konnten Ihn nicht besänftigen und milder machen? Robert. Milder? Er war so mild, daß es nicht viel gebraucht hätte, daß wir uns geschlagen hätten. Steidele (erschrocken). Liebes Herr Göttle! kommt er oft in solche Stimmung? Robert. Ich mußte ihm versprechen, mich künftig in nichts mehr zu mischen. Sie sind sich also jetzt ganz allein überlaffen. Julie. Desto besser, die Hindernisse vermehren nur meinen Muth. — Wohlan, wertster Herr Onkel, ich allein soll also den Sieg über Ihr Eisenherz erfechten? Robert. O, daß es Ihnen gelänge! Und Du, Steidele, hast Tu Dich gut in deine Rolle einstudirt? Steidele. So gnt als möglich, ich weiß aber doch nicht wie's ausfalle wird; denn mit dem Komödiespiele hat's nie recht bei mir gehe wolle. Robert. Nun, Du brauchst ja nur zu lügen, und das wird schon von selbst gehen. Steidele. Nichts als lüge, ah, daS werd' ich schon treffe. Robert (zur Linken blickend). Still, ich glaube die Garteuthür wird geöffnet. Das ist der Onkel, ich lasse Sie mit ihm allein, geben Sie Acht, daß das erste Debüt gut ausfällt. Julie. Sagen Sie Carln, er soll mich nicht ganz verlassen! Robert. Aha, kommt das Bataillenfieber schon? Sorgen Sie nicht, ich sende ihn schon, wenn es Zeit sein wird. (Er gch in den Hintergrund ab.) Siebente Scene. Steidele. Julie. Steidele. Ja, da kommt er schon der Herr Baron, fröstelet mich doch ein bizlc durch die Gebeine. Julie. Muth, Steidele, Muth, sonst könntest Du Alles verderben. Steidele. Ja, sehe Sie, er ischt doch immer ein Soldat, und ein rabiater Soldat, wie der Herr Robert erzählt, und einen Stock trägt er auch, und das verwirrt meine Gedanke. Julie. Sei nur auf deiner Hut Laß mich ein bischen scharf an, und denke, Tu machst unser Aller Glück. Achte Scene. Die Vorigen. Der Obrist. Obrist (tritt zur Linken ein, und spricht zu sich selbst). Hm! Hm! geht mir nicht reckt zusammen. — Ob Earl den Robert nicht etwa gar in sein Interesse gezogen bat? Aber ich will ihnen einen Strich durch dir Rechnung machen. Julie (leise zu Steidele). Stelle mich ibm vor! Steidele. Hat sich vorstclle, er schaut so grimmig d'rein. Julie. So sei nur klug. Steidele (sich mit Kratzfüßen nähernd) Herr Baron! — Herr Obrist! — Euer Gnaden! Obrist. Was gibt's? Steidele. Ein Wcibsstückle gibt's, was ich Ihnen gerne vorstelle möchte, mein che- leibliches Töchterle, Käthele. Obrist (erblickt Julien). Ah ja so! Das ist also deine Tochter? Steidele. Mit ihr auszuwarten, Herr ,'aron! Obrist. Du hast sie ans Schwaben wieder zurückberufen. Steidele. Berufe? Nein! sie ischt scl- der gckomw.e, weil ihr Basic gcstorbe ischt, und darum sie nicht länger hat behalte — Aber der Herr Baron habe jetzt wohl keine Zeit, sich mit dem Mädle abzugebe. Wir wolle ein andersmal komme. Obrist. Nein, nein, bleibt nur. — (Zu Julien.) Tritt näher, mein Kind t Julie (zupft verlegen an ihrer Schürze und bleibt stehen). Steidele. Hast Du nicht gehöret, näher sollst Du komme. (Schiebt fie vor.) Muffe sckon verzeihe, Herr Baron, das Mädle isckt, was man sagt, ganz scheu. Obriff (Julien betrachtend.) Welche natürliche Nnmuth, Wangen wie Roscn und Lippen wie Erdbeeren. (Für sich, mit dem Munde schmatzend.! Wer da naschen dürfte! te soll bei uns wohne, soll meine Freun- diu, mein liebes Schwefterle sein, wir wolle Nus um die Wette bemühe, Sie zu pflege und Ihne das Lebe angenehm zu mache — und ich bin überzeuget, Sie werde sie bald so lieb habe wie mich. Obrist. Das glaub' ich schwerlich. Zum Henker! da kommt Carl. — Sage ihm nichts. Zehnte Scene. Die Vorigen. Carl. Carl (tritt durch die Thür zur Linkenein). Ich kann nicht länger in Ungewißheit bleiben — ich muß sehen —(Julie gibt ihm ein Zeichen.) Ah! (Laut.) Ich bin wohl unbescheiden, lieber Onkel, hier ein tete-ü-leste zu stören. Obrist. Was fällt Dir ein? Carl. In diesem Falle will ich mich wieder entfernen. Obrist. Nicht doch, bleibe! — Vor Allem begrüße dieses Mädchen und behandle es mit aller Achtung. Carl. Achtung — diese Dirne — Sie scherzen, lieber Onkel. Obrist. Nein, ich wiederhole es Dir, Du mußt diesem Mädchen alle mögliche Achtung und Chrsurcht bezeigen, denn — ich, ich will — hm! ich werde sie heiraten. Carl (laut auflachcnd). Heiraten? — Sie — Sie? — die Schwäbin? ah, geh'n Sie! Obrist. Was gibt's da zu lachen? — Sie ist ein Weib und ich bin ein Mann, nnd wir sind Beide ledig — und — und Tausendsapperment, solch ein dummes Gelächter ist eine reine Impertinenz. Carl. Verzeihen Sic, lieber Onkel. — (Für sich ) Meine Frau will er heiraten, der Spaß geht etwas zu weit. Julie (zum Obrist >. Gucke Sie einmal, Männle — Han irb's nit gefeit, daß er das Näsle rümpfe wirk. Obrist. Und was macht das? — Ihn * Hab' ich nicht um Erlaubniß zu bitten. Carl. Nein, Onkel, ich bitte Sie, sagen Sie mir, ist das wirklich Ihr Crnst? 14 (Er blickt Beide an, welche sich zuwinken.) Za, meiner armen Seele, ich erblicke Zeichen des Einverständnisses. (Tritt zum Obristen.) Aber bedenken Sie doch, lieber Onkel, es ist ja kaum eine Stunde her, daß Sie die Person kennen. Obrist. Und wenn ich sie eine halbe Stunde kennte oder eine Viertelstunde, und wenn ich sie noch gar nicht kennte, und ich wollte sie heiraten, hat Jemand etwas dagegen einzuwenden! Bin ich nicht Herr meines Willens? Und dann, welch' ein Ausdruck: diese Person! — Ich werde Dich Ehrerbietung lehren, Bursche! Carl. Nun wohl, lieber Onkel, wenn's denn durchaus nicht anders ist, so will ich mich fügen. Obrist. Das wird auch das Klügste sein. Carl (sich Julien nähernd). Meine liebe — liebe Tante, ich bitte um Ihre — Freundschaft, ich werde mich derselben würdig zu machen bestreben. Obrist. So ist's recht. Carl (faßt Juliens Hand». Ach, meine theure, schöne Tante, erlauben Sie mir, Ihre Hand zu küssen. (Er küßt Juliens Hand mehrere Male.) Obrist (zwischen Beide tretend). Halt! das ist wieder zu viel. Carl. Ich will Alles anwenden, daß Sie mit mir zufrieden sind, und daß meine schöne Tante mich lieb gewinnt. Julie. Herr Baron! mein Vater wird ans mich warte, wenn Sie erlaube, so will ich zu ihm gehe. Obri st. Ja, geh', mein liebes Kind! geh'. (Für sich.) Der Bursche macht das Mädchen schamrothund furchtsam.—(Laut.) Aber höre, Käthchen. Julie (welche indessen heimlich mit Earl gesprochen, schrickt zusammen, und laust schnell zum » Obrist). Was wollet Sie, Herr von Obcrscht? Obrist. Nun, fürchte Dich doch nicht vor dem Jungen. (Er droht Earl mit dem Finger.) Geh' jetzt zu deinem Vater, mein Käthchen! aber komm' ja bald wieder, recht bald, hörst Du? Julie. Ja, ja, ich komme bald wieder zu meinem liebe, gnädige Herr von Baron, der mir so schön zu thue weiß, und der das arme Käthele, das nichts hat, als zwei Hände zum Arbeite und ein dankbares Herzle, sogar heirate will. (Sie wirft ihm eine Kußhand zu.) Auf Wiedersehe, Sie gutes, liebes Herrle! (Läuft ab.) Eilfte Scene. Der Obrist. Carl. x Obrist (geht im Zimmer herum, eine Melodie trillernd und sich brüstend). Tralalalala! Carl (für sich). Welche Siegermiene. (Laut.) Also Onkel! — Ist es möglich? Sie wollen die kleine Schwäbin wirklich zur Frau nehmen? Obri st. Frage nicht mehr, verwund'« Dich nicht mehr. Ich werde Dir beweisen, daß es möglich ist. Carl (sich vor den Obrist hinstcllend und mit gewichtigem Tone perorirend). Herr Onkel, ich sehe wohl, Sie handeln hier wie ein junger, unbesonnener Mensch. Ich bin es Ihnen, ich bin es mir schuldig, Ihnen den Abgrund zu zeigen, der sich vor Ihnen öffnet. Mir, Ihrem zwar noch jungen, aber von seinen Irrthümern zurückgekommenen Neffen, bestehlt die Pflicht, die Liebe und die Dankbarkeit für Sie, Sie auf die Gefahren einer ungleichen Ehe aufmerksam zu machen. Obrist. Hm? was untersteht Er sich da? Carl. Ich wiederhole Ihnen nur was Sie mir selbst so oft gesagt haben. (In seinem natürlichen Tone.) Aufrichtig, lieber Onkel, wie kann ein Mann von Ihrem Geschmack die Bauerndirne liebenswürdig finden? Obrist. Glaubst Du? Carl. Ihre unedle Haltung, ihre gemeiner! Manieren. Obrist. Du bist ein Kenner. l5 Earl. Und ohngeachtet ihrer unschuldig Carl. Ganz recht, gm Miene bin ich doch versichert, sie hat! Obrist. Und auch Du nur so lange dar- die ihr eigenen Künste angewendet, um in bleiben wirst, als es ihr Wille ist. meinen Onkel zu fangen. Carl. Vortrefflicher Onkel. — Ach, Obrist. Nichts hat sie angewendet, der wie freu' ich mich! — Gewiß, Sie können Onkel hat sich selbst gefangen, hat sich'nicht froher sein als ich. gerne gefangen. — Sie ist ein Engel.! Obrist. Ich bin stolz auf meine Er- Wenn Du erst wüßtest, waS sie für Dich oberung. Carl. Da haben Sie auch vollkommen gethan hat, für Dich, der Du so lieblos über sie urtheilst. Carl (lebhaft). Nun, Onkel, was hat sie denn gethan? Obrist. Wenn ich Dir's sage, so wirst Du die Spuren ihres kleinen Fußes küssen, wenn Du anders ein Herz hast. Carl. Reden Sie, Onkel, ich beschwöre Sie. Obrist. Wohlan! Sie hat mir deine> Obrist (reibt sich vergnügt die Hände). Nun, Heirat entdeckt. >das wär' auch in Richtigkeit. Jetzt muß ich Carl (verlegen). Hat sic? nur noch die Einwilligung des Alten haben, Obrist. Hätte mir das ein anderer an der nichtzu zweifeln ist. — Carl hat die Mund und bei einer andern Gelegenheit'ganze Sache besser ausgenommen, als ich gesagt, ich hätte mit allen Donnerwettern dachte; denn meine Verehelichung fügt ihm d'reingeschlagen. Aber das gute Kind hat wirklich einiges Unrecht zu. Er konnte auf Recht, Onkel! — Aber der Glücklichste von uns Beiden bin doch ich. (kr küßt dem Obristra die Hand und geht ab.) Zwölfte Scene. Obrist (allein). alle Mittel angewendet, mich zu beugen, selbst Drohungen. Carl. Drohungen? Obrist. Ja, ja. Sie hat nur unter der Bedingung eingewilliget, meine Frau zu werden, daß ich deine Schulden bezahle. Carl. O, das liebe Mädchen! Obrist. Und daß ich Dich und deine Frau in meinem Hause aufnehme. Carl (den Obrist umarmend). Ach, lieber Onkel! ist das möglich? Was wird meine Mau darüber für eine Freude haben. Ich will ihr sogleich schreiben; denn sie ist nicht weit von hier entfernt, bei einer Verwandten. Obrist. Mir recht, schreib' ihr! — Aber Du siehst jetzt doch ein, will ich hoffen, was Du dem Mädchen mit der unedlen Haltung und den gemeinen Manieren dankst? Carl. Ach, ich erkenne mein Unrecht. Obrist. Wohlan! so erklär' ich Dir auch, daß sic in Zukunft die einzige Ge- ^ttterin in meinem Hause sein wird. mein Vermögen rechnen und jetzt sällt's auf meine Kinder. (Macht rin saurrs, lndrn- drs Gesicht und hält dir Hand an sein Bein.) Hu! was ist denn das? — Mmmm! — stich Du und der Saran! — (Kr seht sich nieder) Dreizehnte Scene. Der Obrist. Steidele. Obrist. Ah, bist Du da, Steidele? Du kommst wie gerufen. Steidele. Ich habe die Käthele rufe wolle, damit Ihnen das Mädle nicht gar zu viel vorkauschet. Aber Sie habe sie weg- geschickt, daran habe Sie wohl gethan. Obrist. Komm her, Alter, setze Dich da neben mir. Steidele. Neben meine gnädigste Herrschaft? Das wird sich wohl nicht zieme. Obrist (heftig). Tausendmordbrand! Setzen sollst Du Dich, sag' ich. L6 Steidele. Sie sind gar zu gnädig. (Nimmt schnell einen Stuhl und setzt sich.) Da sitz' ich schon. Obrist. Höre, deine Tochter ist ein scharmantes Mädchen. Steidele. Darauf müsse Sie sich besser verstehe als ich. Obrist. Und dabei so klug, so verständig. Steidele. Ja, sie hat so ihre eigene Gedanke und Meinige — Obrist. Mit einem Worte, sie gefällt mir und ich heirate sie. Steidele (starr). Sie — heirate meine Tochter? Obrist. Ja, deine Tochter, mache nur keine so großen Augen. Steidele (für sich). Das ischt schön, daräuf habe Sie mich nicht vorbereitet. Obrist. Alles ist schon vorbereitet, heute Abends die Verlobung und in acht Tagen die Hochzeit. Steidele. Eile Sic nur nicht gar so. Obrist. Du gibst doch deine Cinwilli- gung? Steidele (sich vergesst»)»). Ja, was geht das mich au? Obrist. Wie, Dich, den Vater? Steidele. Ja so — ja freilich — der Vater — aber wenn sie cinverstande ischt? Obrist. Sie ist einverstanden. Steidele (verlegen). So? und Ihr Neffe, der Herr Carl? Obrist. Der hat sich in meine Angelegenheiten nicht zu mischen, wenn Dir aber übrigens daran gelegen ist, so kann ich Dir sagen, daß auch er meine Wahl billiget, und damit sehr zufrieden ist. Steidele. Cr billiget? Cr ischt zu- friede? Obrist. Allerdings. Cr und seine Frau werden bei uns wohnen. Steidele. So? —wie ischt mir denn? Obrist. Nun — bist Du etwa dagegen? Steidele. O nein, wenn der Herr Carl will, und wenn mein Töchterle will, und wenn der Herr Baron auch wolle, so Hab' ich nichts mehr zu sage. Obrist (strhl auf). Ich werde auch für Dick sorgen, Alter; denn da Du mein Schwiegervater wirst, darfst Du nicht mehr in meinen Diensten sein. Ich schenke Dir die große Meierei in Böllberg sammt allen dazugehörigen Aeckern und Wiesen, und somit bist Du nun sebft ein Gutsherr. Steidele. Halte Sie mich, ich fall' um! Obrist (gibt ihm eine Börse). Hier hast Du auch 100 Stück Ducaten zum Anfang. Steidele. Ach! was einem so ein wohlgerathenes Kind für Freud' macht! Aber erlaube Sie, Herr Baron — eine kleine Bemerkung — wenn Sie so aus Zufall Ihre Idee ändern würde — wenn Sie die Frau — will ich sagen mein Töchterle, nicht heirate, wie ist's dann mir den gelbe Dingerchc? Obrist. Wie kannst Du fürchten? Steidele. Ja, man weiß nicht was geschehe kann, und der Mensch ischt oft am Abend ganz anders gesinnt als am Morgc, also wenn es geschähe? — Obrist. So würdest Du behalten, was ich gegeben. Mein Wort nehme' ich nie zurück. Steidele (sehr schnell sprechend). So wolle Sie das liebe Herrgöttle in seine gnädige Schutz nehme und Alles zu Ihrem Beste geschehe lasse. Vierzehnte Scene. Die Porigen. Robert. Robert. Herr Obrist, ich komme zu rapportircn, daß eben Ihre Frau Nickte hier angekommen ist. Obrist. Schon? Steidele. Ach, wenn die Frau Nichte angckommen ischt, so parir' ich d rauf, mein Töchterle ischt nirgend mehr zu finde.' Obrist Fürchte das nicht, sie hat keine Scheu vor ihr. — Nun, Robert, wie sieht sie aus, meine Frau Nichte? Robert. Herr Obrist, soll mich Der und Jener holen! (schmatzt in die Finger) 17 ganz appetitlich — Sie werden sogleich selbst urtheilen können. Obrist. Nun, so nett und pikant wie meine kleine Käthe ist sie gewiß nicht (Sucht in seinen Taschen.) Aber — wo Hab' ich denn meine Lünette? Robert. Da ist sie schon. Fünfzehnte Scene. Die Vorigen. Carl. Julie. (Letztere in einfachem, aber elegantem bostume.) Carl (schüchtern). Herr Onkel, ich habe die Ehre, Ihnen meine Frau vorznstellen. Obrist (immer seine Augengläser suchend, und dabei etwas verlegen). So? — Ja — nun — ist mir eine Ehre. — Treten Sic nur naher, es ist Alles vergessen und vergeben. Robert (leise zu Julien). Courage! Julie. Sie verzeihen uns also, großmü- thiger Mann? Obrist. Washör' ich — diese Stimme! — (Nun hat er seine Lunettes gefunden, setzt sie aus, tritt Julien näher, erkennt sic und bleibt mit dem Ausrufe: »Ah — ah!- — starr vor ihr stehen.) Carl. Nun, Onkel, was ist Ihnen denn? Julie (des Obristen Hand fassend und sie küssen wollend, im schwäbischen Dinierte). Unser Väterle ischt ja so ein seelengutes Herrle, er wird sein Verspreche nicht zurücknehme. Obrist. Ha, ich bin verrathen und verkauft! Alle. Verzeihung! Obrist. Nichts da, alle neuuund neunzig Donnerwetter! Ihr habt mich zum Besten gehabt. Julie. Strafen Sie Ihre Nickte ob einer schuldlosen List. Sie wollte Ihr Herz gewinnen, dieß ist ihr gelungen. Nehmen Sie uns nun Ihre Reickthümer, nach diesen haben wir nie gegeizt, aber lassen Sie mir dieses Herz, theurer Onkel, und das Recht. Sie zu lieben. Obrist. Nichte — Käthchen! — Here! entsetzliche Person! Was soll ich thun? Diese schwarzen Augen, sie haben mich selbst zu einer Thorheit verleitet, wie soll ich's dem Burschen übelnehmen? — Himmel — Erden — tausend Granaten — Sapperment! so mögt Ihr Euch haben und (Julien in seine Arme schließend) mich dazu. Julie. Carl. O mein gütigster Onkel! Obrist. Aber Eines mach' ick zur Bedingung:— Sechs Tage in der Woche magst Du die geliebte Julie des glücklichen Burschen dort sein, aber am siebenten mußt Dil mich als naives Käthchen unterhalten. Julie. O, so oft Sie's nur verlange, will ich Ihne schwäbisch vorplaudere, und Sie unterhalte und pflege und warte, und — Obrist (lächelnd und mit dem Finger drohend). Ja, pflege und unterhalte — und warte — aber nur nicht heirate, nicht wahr? Julie. Ne, lieb's Herrle, da ischt mir der da lieber. (Auf Carl zeigend.) Obrist. Carl! Trau' der meschanten Person nicht zu viel, sie kann Dich glauben machen, was sic will, an ihr ist eine Schauspielerin verdorben. Lte idele (tritt verlegen zum Obrist). Gnädige Herr! Mit dem gewissen Andern bleibt's doch beim Alte? Obrist. Spitzbube! Du hast Dich schon vorgesehen. Stcidele (zu Julien). Wenn Sie wieder einmal einen Vater brauche, gnädige Frau, so steh' ich allemal zu Dienste. Julie (in des Obristen Arme). O nein! jetzt Hab' ich meinen Vater gefunden, den ich nie mehr verlassen will. (Gruppe.) Der Vorhang fällt. iheMn-Atpatoir« Sir. 16 S. Im Verlage der Wallishauffer scher, Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien ist von I. F. Castelli noch zu haben: oder: her Emil aus dein .Kerze prazzo; oder: die Windmühle auf der Westseite; oder: die lang verfolgte und zuletzt doch trinm-hirendc Unschuld. Dramatischer Galimathias in zwei Aufzügen. 40 Nkr. od. 8 Sgr. Zweite Auflage. Demnächst erscheint in neuer Auflage: Gabriele Drama in drei Acten. Nach der »Valerie« der Herren Scribe und Melesvilles. 35 Nkr. od. 7'/, Sgr. Don Friedrich Kaiser find bei uns erschienen: Männerschönheit. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit Titrlkupfer. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr oder 75 Nkr Eine Posse als Medicin. Originalpoffe mit Gesang in 3 Acten- Mit allegorischem Bilde. 8. geh 15 Sgr. oder 75 Nkr Ein Fürst. Cbaracterbild mitGesang in 3Acten.Mit 1 allegorischen Bilde. 8. geh 15 Sgr. oder 75 Nkr Mönch und Soldat. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbild«. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Der Rastelbindrr, oder: >0-000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten- Mit 1 Titelbilde 8 geh 15 Sgr. oder 75 Nkr Junker und Knecht Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. 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Die Wallishanffer'sche Buchhandlung in Wien, hoher Markt, hält das möglichst vollständigste Lager aller im Buchhandel erschienenen ältesten und neueren Theaterstücke, besorgt das nicht Vorräthige schnell und gibt Verzeichnisse gratis aus. ---so-- » Druck und Papier von Leopold Sommer in Wien. Gabriele. Drama in drei Acten. Nach der „Valerie" der Herren Scribe und Melesvilles. Voo I. F. Castelli. Repertoirestück des k. k. Hofburgtheaters in Wien. Zweite Auflage. Personen: Besetzung im Hofburgtheater. Caroline von Salden. Witwe....Kr. v. Grriner. Gabriele ... Frl. Wolter. Baron Ernest von Norde rose.Hr. Fr. Kirschncr. Heinrich Stollner, Rath..,.Hr. Schöne. Ambros, Carolinens Diener.Hr. Franz. Ort der Handlung: Eine kleine Stadt in Deutschland. Erster Act. (Die Bühne stellt durch alle drei Acte einen Gar- ttvsalon vor mit einer Thür und Fenstern im Hintergründe und mit zwei Seitenthüren.) Erste Scene. Caroline. Stollner. Caroline.' Was für ein glücklicher Zu- sall fuhrt isie hieher, lieber Stollner? Ich Theatcr-Rrperloitt Nr. 164. memte, dle AmtSgeschafle nehmen ganzen Vormittag in Anspruch. Stollner. Allerdings, gnädige Frau! Aber Nachmittags machen Sie gewöhnlich Besuche; Abends sehen Sie selbst Leute; wenn man also mit Ihnen sprechen will, so muß man der Göttin Themis wohl ein Stündchen vorenthalteu. Caroline. Gestern Abends waren wir ganz allein; nur meine Cousine war bei 1 mir, und ein Mädchen, das blind ist, darf Sic ja nicht erschrecken. Stölln. Dennoch wagt' ich es nicht. Der Gegenstand, worüber ich mit 2hnen zu sprechen wünsche, ist so -- Carol. Ah! ich errathe, Sie wollen über meine Vermögensumstände mit mir sprechen? O Freund — Stölln. Nicht doch, gnädige Frau, dicß- mal bin ich nicht hier mit der Rathsperrücke auf dem Haupte, und das, was ich Ihnen zu sagen habe, ist kaum mit der Klugheit vereinbar. Carol. Schön! dann sind Sie ja noch viel liebenswürdiger. — Haben Sie mir vielleicht ein Geheimniß anzuvertrauen? Stölln, (mit kincm Seufzer). Allerdings! Carol. So? Nun sehen Sie, ich habe auch ein Geheimniß auf dem Herzen, das ich in die Hände meines einzigen wahren Freundes, in Ihre Hände legen will. (Nach einer Pause, fröhlich.) Wissen Sie schon, lie- berSrollner, daß ich mich verheiraten will? Stölln, (heftig). Wie? mein Gott! (Lich schnell mäßigend.) Seit wann haben Sie diesen Entschluß gefaßt? Carol. Seit diesem Morgen. St oll. Nach diesem Geheimnisse kann das meinige kein Interesse mehr für Sie haben. Davon also ein andermal. (Er wischt sich den Schweiß von der Stirne ab.) Carol. Was ist Ihnen denn, lieber Stollner? Stölln. Nichts — lassen Sie uns immerfort von Ihnen, von Ihrem Glücke sprechen Carol. Sie wissen, mein Gemal hat ein Vermögen hinterlaffen, welches mir jährlich sechstausend Thaler Witwengehalt abwerfen sollte. — Diese Summe würde mich nun allerdings in den Stand setzen, unabhängig und anständig leben zu können — allein nun hat sich leider ein böser Prozeß über die Erbschaft erhoben. Stölln. Ein böser Prozeß, den Sie verlieren müssen, und der Sie zu Grunde richten wird. Carol. Das sagen alleRcchtsgelehrtcn, und dennoch würde es nur von mir abhän- gen, ihn zu gewinnen. Sie kannten doch den alten Rath, der seine Ansprüche auf meines Mannes Erbschaft geltend machte, und gegen den ich prozessirte?—Der Mann wollte mich mit Gewalt zur Frau haben. Stölln. Ich weiß es, glücklicher Weise ist er todt. Carol. Gleichviel, er trieb seine Halsstarrigkeit noch über das Grab hinaus. — Stellen Sie sich vor, der Mann hat einen Neffen, einen jungen Baron von Norderose — Stölln. Ich glaube von ihm gehört zn haben. Carol. Dieser ist nun der Jüngste einer zahlreichen Familie, und hatte daher wenig Vermögen zu hoffen. — Plötzlich — es mögen nun beiläufig drei Jahre sein — verschwand er, und man weiß seit dieser Zeit weder seinen Aufenthalt, noch was aus ihm geworden ist. Stölln. Ich erinnere mich dieser Ge schichte ganz dunkel. Carol. Nun sehen Sie. — Während seiner Abwesenheit sind schnell nach einander zwei Brüder, und ich weiß gar nicht wie viele Vettern des Jungen mit Tode ab- gegangcn, so daß er gegenwärtig sehr reich geworden ist. Er ist es auch, dem mein alter Anbeter und Gegner, der Rath, sein ganzes Vermögen hinterlaffen hat, mit der Testamentsclausel: daß er mir seine Hand reichen, und auf diese Art unfern Prozeß enden soll. Diese Nachricht brachte mir diesen Morgen mein Advocat, und dicß ist auch der Gegenstand, über welchen ich Sie zu Rathe ziehen wollte. Sprechen Sie, lieber Freund, was soll ich thun? Stölln. Gnädige Frau, Ihren frühem Worten nach zu schließen, waren Sie schon bestimmt. Carol. Bis aus einen gewissen Punkt, ja. — Man spricht zwar sehr viel Gutes von dem Baron von Norderose; allein vielleicht gefällt er mir nicht, oder vielleicht findet 3 cr an mir nicht Gefallen. 2ch kenne meine Fehler recht wohl: ich bin lebhaft, ungeduldig. darum bedürfte ich als Gatten eines gesetzten, ruhigen, klugen Mannes, mit einem Worte — Sie werden lachen — eines Mannes von Ihrem Charakter, wenn er mich lieben könnte, versteht sich. Stölln. Wie, gnädige Frau, war es möglich? Carol. Es ist auch möglich, daß der Baron von Nvrderose alle diese Eigenschaften besitzt, — und dann — ja dann würd' ich ihn heiraten, nicht eben meinetwegen, sondern um Diejenigen glücklich zu machen, die mich umgeben. Vor Allem meine liebe Cousine, die arme Gabriele. Wie wir Beide ßnd, müßten wir uns Beide trennen. Aber würde ich reich, so würd' ich sie nie verlassen. Ich würde sie mit all' der Liebe und Sorgfalt pflegen, welche ihr Zustand erheischt. Es ist so traurig des Augenlichts beraubt zu sein. Allein in der Mitte der Welt— lieber sterben — ich könnte so nicht leben. Stölln. Sic, gnädige Frau, das glaub' ich gerne. Aber die arme Gabriele, die schon seit ihrem vierten Jahre des Lichtes beraubt ist, sie kann sich nach den Vergnügungen nicht sehnen, von denen sie keinen begriff hat. Zweite Scene. Vorige. Ambros. Ambros. Gnädige Frau, ein prächtig gekleiderer Jäger hat diesen Brief gebracht. (Uebergibt den Brief.) Earol. Gut! (Nachdem ste den Brief geöffnet.) Er ist vom Baron Norderose. (Den Brief durchlesend.) Er befindet sich eine Meile wen von hier und bittet um Erlaubniß seine Aufwartung machen zu dürfen. Wahrlich ein sehr artiger, ehrfurchtsvoller Brief. (Zu Stollner.) Was soll ich thun? Stölln. Ich kann hier nicht rathen. Mein Rath dürfte vielleicht mit jenem Ihres Herzens nicht übereinstimmen. Was würden Sie zum Beispiel sagen, wenn ich riethe, ihn nicht zu empfangen? Carol. Ich würde sagen, daß dies in meiner Lage unmöglich ist — auch wär' es unhöflich. Stölln. Suchen Sie keinen Vorwand, gnädige Frau! Sagen Sie vielmehr, es sei Ihr Wunsch, ihn zu sehen. Carol. Ja, aus Neugierde, das ist aber auch Alles und verbindet zu nichts. — Ambros! sage Gabrielen, daß Herr von Stollner hier im Saale sich befindet und allein sei. Ambr. Sehr wohl. (Geht ab.) Carol. Sie wird Ihnen während meiner Abwesenheit Gesellschaft leisten. Ick gehe den Brief zu beantworten. Auf Wiedersehen, lieber Stollner! (Geht ab.) Dritte Scene. Stollner (allein). Nein— welcher Leichtsinn! Welche Unbeständigkeit! O, warum besitzt sie nicht Gabrielens Gefühle, Gabrielens Herz! Vierte Scene. Stollner. Gabriele. Ambros. Gabr. (von Ambros hereingesührt). Sind Sie es, Herr von Stollner? Stölln. Ja, ich bin's, ich erwartete Sie mit Sehnsucht. Gabr. Geschwind, Ambros, führe mich näher. Ambr. (thut es). Gabr. (reicht Stollner ihre Hand). Guten Morgen, lieber Freund! Ich habe Sie warten lassen, aber es ist nicht meine Schuld; ich kann nicht so schnell gehen, als ich gerne möchte. Ambr. Ah, Fräulein, Sie gehen immer einen recht ordentlichen Schritt; wenigstens für mich! Wer mir's gesagt hatte, daß ich 1 * 4 in meinem sechsundsechzigsten Jahre der Führer eines jungen, liebenswürdigen Mädchens sein sollte.— Gabr. (fröhlich). Caroline hat mir neu« lich die schöne rührende Geschichte vom König Richard vorgclesen, und wie ihn der blinde Blonde! befreite. Blondel wurde auch von Antonio geführt. — Ambros! Du bist mein Antonio. Ambr. Ja, ja! aber ein alter, schwacher Antonio. Gabr. Desto besser — deine Schwäche bewirkt, daß ich Dir meine Schuld abtragen kann — Du leitest mich und ich unterstütze Dich. Ambr. Wenn Sie nur wollten, ich glaube immer, Sie könnten einst noch ganz allein gehen und sich selbst leiten. Sre sprechen zwar immer dagegen, aber ich lasse mir meine Hoffnungen nicht nehmen. Gabr. Mein guter Ambros, laß uns davon abbrechen, ich bitte Dich. Du weißt, daß die geschicktesten Männer dieses Landes erklärt haben, es sei unmöglich, mich zu heilen. « Ambr. Einverstanden für hier. Aber in einem andern Lande. — O, wenn ich Ihnen erzählte, was mir in Frankreich begegnet »st! Stölln, (leise zu Gabrielen). Gabriele! ich habe nothwendig mit Ihnen zu sprechen. Schicken Sie den alten Schwätzer fort. Gabr. (gutmüthig). Lassen Sie ihn seine Geschichte enden, der alte Mann freut sich, wenn er erzählen kann. Ich bin arm, ich habe nichts — ich bezahl' ihn durch Zuhörer». (Zu Ambros.) Nun, Alter, nun heraus, was wolltest Tu sagen? Ambr Lauge Jahre war auch ich meines Augenlichtes fast gänzlich beraubt; auf einem Auge halt' ich den Staar schon vollkommen, und auch aus dem andern sah ich nur sehr wenig. — Im verflossenen Jahre nun reiste »nein Herr, der Genial der gnädigen Frau, nach Paris, und nahm mich mit sich dahin. Stoll. Ja, ich weiß, daß Du ihn aus dieser Reise begleitet hast. Ambr. Mein Gott! ein blinder Bedienter war ihm zwar nicht viel nütze, aber der gute Herr war nun schon einmal an mich gewohnt. In ganz Paris sprach man damals mit Bewunderung von einem großen Arzte, dein berühmtesten in ganz Europa, der ungeheu're Euren geinacht hatte, wie man versicherte. Ich dachte, hingehen kannst Du ja wohl, vielleicht hilft Dir Gotr durch diesen Mann. — Ich komme hin — ein großer Palast — eine Menge Wagen im Hofe — ein prächtiger Vorsaal — da stand ich und wartete zwei, drei Stunden— Stölln. Nun, und dieser Arzt beille Dick? Ambr. Nein, denn ich war arm — Er hörte »nick nicht einmal an, und ich wollte eben zur Thür wieder hinausgehen, als ein jllnger Mann — ich hielt' ihn für einen Schüler des Arztes — mich zurückhielt — und mich frug, ob ich ein Deutscher sei? Ich antwortete ihm, daß ich das Glück hätte, in diesem Lande geboren zu sein. — Und wo? frug er weiter. In Würtcmberg, crwiederte ich — Kennst Du das Stäbchen Heidenheim? rief er lebhaft. Freilich, sagte ich, ist ja eben meine Vaterstadt — Wie? aus Heidenbeim bist Du? fuhr er fort. L wie glücklich bin ich! — nun, Sie können »vohl denken, ich fühlte mich auch reckr glücklich, in Paris Jemanden zu finden, der meine Vaterstadt kannte. Stölln. Hat dieser junge Mann Dir das Augenlicht »vieder gegeben? Ambr. Ja, Herr Rath! O, was für ein schöner, edler, junger Mann. — Nock immer seh' ich ihn vor mir, sein sanftes Gesicht — sein nobles Betragen, und hören konnte er mir ganze Stunden lang, wenn ich ihm von der Heimat erzählte. Stölln. (lächelnd). Ja,dann glaub'ich s, daß Du ihn lieb gewonuen hast. — Aber »vie viel hat Dich denn deine Heilung gekostet? 2 Ambr. Keinen Heller. — Ja. noch mehr, der gute Mann, Gott lobn's ihm! beschenkte mich noch obendrein und wünschte mir eine glückliche Reise. Gabr. Wie? Ist's möglich? — Ich danke Dir, Ambros! Deine Geschichte ist seltsam und rührend. Unglücklicher Weise sind wir nicht in Paris und ich werde den Wundermann wohl nie antreffen. Ambr. Doch! — reisen Sie einmal nach Paris. Gabr. Verlaß' uns letzt, lieber Ambros! Ick bedarf deiner nicht mehr. Ich bleibe bier bei dem Herrn Rathe. Du wirst auch Geschäfte haben? Ambr. Alle Hände voll. Man erwartet den Herrn Baron von Norderose, der die gnädige Frau heiraten soll, wie man sagt! Da müssen die Zimmer bereitet werden. Ich gehe also, Fräulein — aber wir kommen schon ein andermal auf das Capitel zu- rückt. Sie müssen nach Paris und wenn ich selbst dazu den letzten Heller meines Lohnes beitragen sollte. (Geht ab.) Fünfte Scene. Gabriele. Stollner. Stollner. Endlich ist er fort. Gabr. Der gute alte Mann! — Nun, lieber Stollner, was haben Sie mir zu sagen? Stölln. Sie haben es gehört, man erwartet den Baron von Norderose, einen der reichsten Cavaliere dieses Landes, und ich, dessen ganze Glücksgüter in einer mäßigen Besoldung bestehen — Gabr. Nun, und was thut das? Stölln. Er wird kommen, wird Earo- linen gefallen, wird sie heiraten und ich — o Gabriele! Sie wissen noch nicht — daß 'ch selbst Carolinen liebe, anbete. Immer Hab' ich meine Empfindungen sorgfältig ver. borgen. Niemand könnt' es bemerken. Gabr. (lächelnd). Ich Hab' eS doch bemerkt. Stölln. Wie? wär' es möglich? Gabr. Allerdings. Sic sind seit einigen Tagen so traurig — so stumm — kein Der, gnügen machte auf Sie Eindruck. Da dacht' ich denn nach — und erinnerte mich. — (Sie versinnt in tiefe Träumereien.) Stölln. Urtkeilen Sie nun, wie höchst unglücklich ich bin. — Nein, ich will mich entfernen, auf der Stelle will ich fort und Carolinen nie Wiedersehen. Gabr. Entfernen? Glauben Sie mir, mein Freund, das ist ein schlimmes Mittel. Entfernung flammt wahre Liebe nur noch mehr an. — Sie werden Carolinen nie vergessen und nur um so unglücklicher sein. Stölln. Was hör' ich, Gabriele? Wären auch Sie von Jemand getrennt, dem Sie Ihr Herz schenken? Gabr. (sehr bewegt). Davon ist nicht die Rede. Um Ihr Glück handelt es sich nun. Stölln. Sie sind bewegt. Gabriele, Sie haben Kummer, und wollen ihn mir nicht anvertrauen? — Hat Caroline allein Rechte der Freundschaft an Sie? Gabr. Caroline weiß nichts. — Sie, die Ihren Gram nicht zu ahnen vermochte, könnte Sie den meinigen begreifen? Stölln. Aber ich — Gabriele! ich bin würdig, ihn zu theilen. Diese Hoffnung allein kann mich auch hier zurückhalten. — Versagen Sie mir Ihr freundschaftliches Vertrauen; so verlass' ich diese Stadt noch heute. Gabr. Ach, soll ich auch Sie verlieren? Sie, meinen einzigen Freund?— Sie wollen mich verlassen, wenn ich Ihnen nicht mein Herz eröffne? Stollner, was verlangen Sie? Mein Lebenslauf hat so wenig Bedeutendes und Interessantes. Da ich nicht weiß, was um mich vorgeht, so kann ich auch nur sagen, was ich fühle, und die Geschichte meines Lebens ist nur die Geschichte meiner Empfindungen, — wollen Sie diese kennen lernen? Stölln. Mit der wärmsten Theil- nahme, ja! 6 Gabr. Wohlan, so Horm Sie! (Nach einer Paust.) Ich wurde sehr früh eine Waise und habe von meinen Kinverjah- ren nur eine dunkle und verworrene Erinnerung behalten. Es ist mir, als ob ich vor langer Zeit eine ganz andere Welt bewohnt hätte, von welcher mein Geist keine festen Begriffe zurückbehielt, nur das weiß ich, daß ich damals mit Mehreren zusammen lebte, und mich plötzlich ganz allein befand. Ich wurde zu Heidenheim erzogen, auf dem Schlöffe der Gräfin Romberg, mit ihrer Tochter Emilie, die mit mir im gleichen Alter war. Die ersten Worte, welche meine Aufmerksamkeit erregten, waren: »Armes Kind! — es ist Jammerschade um die Kleine!« — woraus ich schloß, daß ich nicht glücklich sein müsse, obschon ich damals nichts verlangte, nichts wünschte. — Ich und Emilie zählten fünfzehn oder sechzehn Jahre, als ein öffentliches Fest in Heidenheim gefeiert wurde. — Wir waren im Gedränge von unserer Gesellschaft getrennt worden und befanden uns plötzlich in dem Kreise vieler junger Männer, die sich nicht scheuten, uns zu — beschimpfen. Emilie fiel in Ohnmacht und ich war vor Schrecken fast in demselben Fall, als ein Jüngling vor uns hintrat, und unsere Dertheidigung übernahm. O, wie süß war seine Stimme meinem Ohr, als er uns Muth zusprach! Wie edel und drohend waren seine Worte, als er den jungen Leuten befahl, auseinander zu treten und uns Platz zu machen. — Ich hörte lärmen,—Schimpfworte —eineHer- ausforderung — plötzlich war Alles stille.— Nun aber unterbrach die Stille ein dum« pfcs, mir unbekanntes Getöse, das mir wie Dcgenklirrcn vorkam und mir den größten Schrecken verursachte. In diesem Augenblicke schien mir eine geheime Stimme in's Herz zu flüstern, daß unserm Ver- theidiger Gefahr droht, ich stürzte in die Mitte, faßte einen Arm, und hielt ihn fest! — Zugleich fühlte ich aber auch an der Schulter einen heftigen durchdringenden Schmerz, Kälte durchrieselte mein Innerstes, meine Sinne schwanden. Stölln. Sie wurden verwundet? Gabr. Gefährlich. — Später erfuhr ich, daß er selbst, der Edle es war, der, ohne es zu wollen, mich verwundete. — Aber meine Wunde schmerzte mich nickt. Durch sie ward ja der Zweikampf geendet, und vielleicht sein Leben erhalten. — Einige Wochen nachher — als mich das böse Wundfieber verließ und man wieder Hoffnung für mein Leben hatte — wurde Ernest — so hieß der Fremde — bei uns im Schlosse eingeführt. Er gab der Gräfin Emilie im Französischen und Italienischen Unterricht, den auch ich mitgenoß und benützte. — O, mit welcher Wärme und mit welchem Enthusiasmus sprach er von den schönen Künsten und von der Liebr zu den Wissenschaften! — Das Feuer sei ner Rede, die Lebhaftigkeit seiner Einbildungskraft eröffneten mir eine neue Welt. — Ja, damals fing ich an zu leben - Alle bisher mir unbekannten Gegenstände — deren Bilder er malte — waren beseelt, und lebten vor mir. — Ja, der schöne Himmel, der spiegelnde Fluß, der grüne Teppich der Wiesen, sie standen vor mir, wenn er davon sprach, ich sah sie damals, als er sie mir beschrieb. Stölln. Gabriele! Ihre Worte rühren mich tief. Gabr. Drei Jahre hindurch war er mein Führer, mein Freund. — Während seine lehrreichen und angenehmen Gespräche meinen Geist entwickelten und mein Herz erhoben, wachte seine sorgsame Freundschaft stets um mich. Ich kannte ihn am Tritte, ich ahnte seine Gegenwart auch ohne ihn zu sehen. Diese zärtliche Theil- nahme von seiner, diese seelenvolle Anhänglichkeit von meiner Seite mochten wohl Besorgnisse erregen; denn die Gräfin, und ihre Tochter verließen mich von nun an keinen Augenblick mehr. Wir konnten uns nicht mehr allein sprechen — doch zum Zeichen seiner fortwährenden Freundschaft 7 gab er mir jeden Morgen einen Blumenstrauß, welchen ich den ganzen Tag hindurch an meinem Busen trug, und ihm des Abends wieder zurückgab. — Das war unser einziges Einverständniß. — Endlich eines Tages sprach er zu mir: »Gabriele! Ich verlasse dieses Schloß, die Ehre fordert es; aber ich kehre wieder, mein Leben bleibt bei Dir!* Ich glaubte vergehen zu müssen. Die ewige Nacht bedeckte wieder mein Auge, er zog fort — er ließ mir nichts zurück — nicht einmal sein Bild. Stölln. Arme Gabriele! Gabr. Zu dieser Zeit war es, als meine liebenswürdige Cousine, die Frau von Salden, zu uns auf das Schloß kam. — Ich schloß mich fest an die gute Seele, sie ward von meiner Freundschaft gerührt, schenkte mir die ihrige und nahm mich mit sich hie« der. — Hier glaubte ich die Ruhe meines Herzens wieder zu finden, aber vergebens.— Erinnerungen — Sehnsucht bestürmen mein Herz unaufhörlich. O, mein Freund, glauben Sie mir, die Erinnerung ist des Menschen höchstes Glück und sein namenloses Unglück. Stölln. Und hat er Ihnen seit seiner Abreise nicht einmal geschrieben? Gabr. (wehmüthig). Mein Gott! Ich hätt' ihn ja nicht lesen können. (Sich zur Linken wendend.) Aber horch! man kommt. Stölln. Gott! wenn es Caroline wäre? Gabr. Nun, was zittern Sie denn vor ihr? Jetzt ist der Zeitpunkt, erklären Sie sich. Stölln. Nein, nein, ich wag' es nicht. Gabr. Nun wohl, so werde ich es für Sie thun. — Der Baron von Norderose soll uns keinen Strich in unsere Rechnung machen, ich werde gewiß Mittel finden, ihn zu entfernen. — Ich mag ihn schon nicht leiden, bevor ich ihn noch kenne. Stölln. O wie gut Sie sind! Gabr. (ihm die Hand reichend). Sie verlassen uns also nicht? Stölln, (ihr die Hand küssend). Nein, ich bleibe. Gabr. Aber spaßhaft ist cS doch, daß hier eine Intrigue im Werke ist, die eine Blinde leiten soll. — Nun, nun, wollen schon sehen. Gehen Sie jetzt, ich höre meine Cousine. Stölln, (geht ab.) Sechste Scene. Gabriele. Caroline. Caroline (beim Eingänge hinaussprechend). Der Gärtner soll Blumen in den Saal stellen; das Holz muß aus dem Hofe geräumt werden, sonst kann nicht einmal ein Wagen hereinfahren. Gabr. Ach, liebe Cousine, Du erwartest, wie es scheint, hohe Besuche? Carol. Ja, die Person, mit welcher ich Prozeß führe. Gabr. Und weswegen kommt diese Person zu Dir? Carol. Um einen Vergleich zu schließen — und wer weiß — er hat zwar das Recht auf seiner Seite, aber ich bin noch jung,—so wird er vielleicht dieTestaments- clausel erfüllen und mir seine Hand anbieten. Gabr. Anbicten? Gut — und Du? Wirst Du sie annehmen? Carol. Ich — je nun, ich muß gestehen, ich habe eine Schwachheit für den Reichthum. Ich liebe ihn zwar nicht seiner selbst willen, aber darum, weil er so viele Neider verursacht. — Ich kann's nun einmal nicht ertragen, daß man mich bemitleide, und wenn ich so diese oder jene sagen höre: »Die arme Salden, sie hat kein Vermögen, keinen Beschützer!* — da fühl' ich mich aufgelegt, eine reiche Frau zu werden, und wär's auch nur den spöttischen Mit- leidem zum Trotze. Gabr. Also für Geld willst Du dein Glück verkaufen, Caroline? Carol. Nein, aber mein Glück und deines sichern und befestigen. Gabriele! wenn der Baron Norderose mein Gemal wird, so 8 kann uns nichts mehr Kennen- wir können Hand in Hand bis zum Grabe gehen; mag auch kommen, was da wolle, ich werde glücklich sein. Gabr. Liebe Caroline! — Du irrst, und eben, wenn Du dem Baron Norderose deine Hand reichtest, so müßten wir uns trennen. Carol. Wieso? Gabr. Gesetzt, Caroline, ich hätte versprochen, einem Freunde bei Dir das Wort zu reden — einem Freunde, der Dich wahrhaft und innig liebt — dürft' ich dann zugeben, daß ich selbst die erste Ursache seines Unglücks würde? Carol. Was sagst Du da? wer kann es sein? — Etwa der Oberst Bell? Gabr. Nein. Carol. Oder der Banquier Kollmar? Gabr. Auch nicht. — Muß ich Dich deinen Liebhaber kennen lernen? Carol. Ich sehe so viele Männer, die mir den Hof macken. Gabr. Dann bin ich froh, daß ich nicht sehe, denn ich habe auf der Stelle den Einzigen aus Allen entdeckt, der Dich aufrichtig liebt. — Wer kann es anders sein, als der gute, edle Stollner? Carol. Ach, der arme Mann! Und er war es gerade, den ich mir zum Vertrauten wählte. Gabr. Dießmal hätt' er Dir dein Vertrauen gerne erlassen. Carol. Ja, wie könnt' ich vermuthen, daß er mich liebe? Er erklärte sich nie, schmeichelte mir nie, im Gegentheile zankte er mich oft aus, und war so mehr ein strenger Mentor als ein Liebhaber. Gabr. Ein Mentor — ein Leiter — ein Freund, ja, ja — ich hätt' seine Liebe wohl erkannt. — Der ist's, Caroline, der deiner Liebe und deiner Hand würdig ist. Bei Euch will ich mit Freuden bleiben und meine Lage an eurer Seite glücklich verleben. — Wozu sollte mir Reichthum nützen? Schmuck — prächtige Kleider! — mir sind sie unnütz. — Glückliche Menschen muß ich um mich haben, die mich mit hineinziehen in ibr Glück. — O, wcnn Du wüßtest, wie Stollner Dich liebt, wenn Du Zeuge seiner Traurigkeit, seiner Verzweiflung gewesen wärest. Carol. Also wirklich in einem so hohen Grade? Gabr. Arme Caroline! Du bist blind mit offenen Augen, und ich, die Blinde, sehe. (Faßt sie bei der Hand.) Ich verstand ihn, ohne daß er sprach, ich fühlte seine Hand in der meinigen zittern. — O Himmel! — so wie die deinige in diesem Augenblicke zittert. — Ja, Du bist bewegt — seine Liebe hat dein Herz getroffen. — Nickt wahr, Caroline, Stollen ist ein liebenswürdiger Mann? Du bist ihm gut? — mehr als gut? — Du liebst ihn? — Du wirft ihn glücklich machen, und mir mackst Du die Freude, ihm sein Glück verkünden zu dürfen. Carol. Nur nicht so schnell. Ich gestehe, Stollner's Zuneigung ehrt und rührt mich, und — warum soll ich es nicht sagen? Sie gewährt mir einen Blick in mein Herz, das nicht zu seinem Nachtheile spricht. — Ja, es kann noch eine Zeit kommen — Gabr. Das ist mir nicht genug! Du mußt ihn gleich auf der Stelle lieben. Carol. Bedenke doch nur, Gabriele — wenn es auch wäre — man muß es dock nicht so schnell gestehen—aber was ist daS? welch' Gerassel? Gabr. (horchend). Es ist ein Wagen, er fährt in den Hof herein. Carol. (sieht zum Fenster hinaus). welch' eine herrliche Equipage — was für schöne Pferde — welche geschmackvolle Livrse! — O arme Gabriele, daß Du daS Alles nicht sehen kannst! Siebente Scene. Vorige. Ambos. Ambros. Der Herr Baron von Norde- rose ist angekommen. v Gabr. Der fatale Mensch, da ist er schon. Carol. Mein Gott! ich erwartete ihn nicht so bald! — Du, Gabriele, empfängst den Baron indessen, nicht wahr? Gabr. Ich? — Gott bewahre! Ich gehe auf mein Zimmer, und lasse mich nicht eher wieder sehen, bis er sort ist. Carol. Pfui, Gabriele! (Zu Ambros ) Ich komme gleich. (Ab.) Gabr. Ambros, bist Du da? Ambr. Ja. Gabr. Führe mich auf men Zimmer. (Für sich.) Die abscheuliche schöne Equipage, sie wird alle meine lieben Hoffnungen zerstören. Ambr. (g,leitet Gabrielen bis zur Thür ihres Zimmers, kehrt dann zurück und geht durch die Mittelthur ab). (Der Vorhang fällt.) Zweiter Act. Erste Scene. Der Baron. Caroline (im Putze). Caroline. Ich muß mich entschuldigen, Herr Baron, daß ich Sie warten ließ. Baron. Im Gegentheile, ich muß aus Ihre Verzeihung rechnen, gnädige Frau.— 3ch wage es in diesen Kleidern vor Ihnen zu erscheinen — Aber ich fuhr die ganze Nacht durch, da ich Eile habe. Caroline. O, da müssen Sie ja ent- letzlich ermüdet sein? Baron. Etwas. — Die letzten zehn oder zwölf Meilen fühlt' ich wenig mehr; k>n herrliches Land — vortreffliche Wege. Caroline. Sie scherzen. — Abscheuliche Straßen, — überall Abgründe. — ereignen sich hier viele Unglücksfällt. Baron. Sie erschrecken mich, gnädige Frau, denn ich muß meine Reise noch heute fortsetzen. Caroline. Wie? noch heute wollten Sie wieder fort? Baron. Ja, gnädige Frau! Ich muß noch diesen Abend in Heidenheim sein. Vorher hegt' ich jedoch den Wunsch, mich mir Ihnen noch über jenen sonderbaren Testa- mentsartikel zu verständigen. Caroline. Daraufwerd' ichJhnenaber jetzt gar nicht antworten. Ick will sogleich Befehl geben, daß man ein Gemach für Sic bereite. Baron (sie zurückhaltend). Verzeihen Sie, gnädige Frau, aber ich hatte schon die Ebre, Sie zu erinnern — Caroline. Ich habe Sie recht gut verstanden — das ist ja eine entsetzliche Idee. Nein, Herr Baron, Sie reisen morgen nach Heidenheim, heute bleiben Sie bei uns. Wollen Sie das nicht, so red' ich auch kein Wort von Geschäften mit Ihnen; Sie mögen sich dann mit meinem Advo- eaten einverstehen, und das rath' ich Ihnen nicht; besonders wenn Sie eilig sind, denn der Mann bringt keinen Prozeß zu Ende. Baron. Mit Ihnen allein, gnädige Frau, wünschte ich die Sache abzuthun! — Gewähren Sie mir daher nur zehn Minuten Gehör. Es handelt sich darum — Caroline (ihm Anfallend). Entweder den Prozeß fortzusetzen oder mich zu heira- then? Das ist die Frage! worüber ich aber, wie schon gesagt, heute auch kein Sterbenswörtchen mit Ihnen spreche. — Uebrigens will ick es Ihnen recht bequem machen. — Willigen Sie darein hier zu verweilen, so will ich dieß als die Präliminarien zum Friedensschluß anseheu, reisen Sie aber heule nach Hcidenheim ab, so werd' ich glauben, daß Sie ein Liebhaber von Prozesse,» sind, und Ihre Abreise für eine Kriegserklärung annehmen. — Ihre Dienerin! (Ab) 10 Zweite Scene. Der Baron (allein). Wahrlich, ein sehr schmeichelhaftes, aber beschwerliches Ultimatum! — Frau von Salden scheint eine recht liebenswürdige Frau zu sein, ich wünschte wahrhaftig die Feindseligkeiten je eher, je lieber abzuthun. Indessen nichts ans der Welt soll mich bewegen, meine Reise nach Heidenheim auch nur um eine Stunde zu verzögern. Holla! ist Niemand hier? — Mag sie es für eine Kriegserklärung nehmen, in einigen Tagen komme ich wieder und schließe den Frieden ab. (Wieder rufend.) He da! Dritte Scene. Der Baron. Ambros. Ambr. Da bin ich schon, — auch ist das Zimmer schon in Bereitschaft. Baron. Ich danke. Sag' er meinen Leuten, lieber Freund, daß ich auf der Stelle wieder abreise. Ambr. (bei Seite). Nun, das war auch der Mühe werth, daß er gekommen ist. (Laut) Werde sogleich alle Anstalten treffen. Baron. Recht. — Sollen schnell machen. — He da! guter Freund, was wollen denn die Leute, die da im Hofe sich um meinen Wagen versammeln? Ambr. Es sind Arme des Srädtchens, wenn sie einen schönen Wagen sehen, so glauben sie ein Almosen zu erhaschen. Baron. Seh' er zu, daß sie sich nicht etwasvomWagen zueignen, was man ihnen nicht gegeben hat. Ambr. Ack, sind ehrliche Leute, besonders einer — ein alter blinder Mann. Baron (heftig). Ein Blinder — sagst Du? Gib ihm diese Börse. Ambros (erstaunt; die Börse anblickend). Was ist das? diese volle Börse? (den Baron anblickmd) gnädiger Herr Baron! (Steht ganz starr.) Mein Gott! — was seh' ich?— Welche Ähnlichkeit?—Wenn Sie nicht ein so großer Herr wären — bei meiner Seele, ich müßte glauben, Sie wären der brave junge Mann, der voriges Jahr in Paris — bei dem Doctor Riverieur — Baron. Was? was? Ambr. Verzeihen, Euer Gnaden, icb irre mich wohl —aber es schien mir auf den ersten Anblick — doch ich sehe schon, es kann nicht sein — der prächtige Wagen — die Dienerschaft — nein, nein! Baron. Was hast? was willst Du? Ambr. Nichts, Euer Gnaden. Icb glaubte nur in Ihren Zügen. (Ihn betrach tend.) Es ist wahrhaftig eine erstaunliche Ähnlichkeit, die Sie mit einem jungen Manne haben, dem ich in Paris viel von Heidenheim, meiner Vaterstadt, erzählen mußte. Baron. Ach! ach! Du bist aus Heidenheim? Ist Dir die Familie Romberg bekannt? Das Schloß? Ambros. Nun freilich! Die vier Thür- me — Baron. Ich meine seine Bewohner. Kannst Du mir Nachricht geben von der Gräfin, von ihrer Tochter Emilie und von einem jungen Mädchen, das sie bei sich hatten, sie hieß Gabriele. Ambr. Fräulein Gabriele, die ist ja hier bei Frau von Salden, ihrer Freundin. Baron. Hier ist sie? hier? Wohl, mein Freund! ich bleibe! Sage Frau von Salden, daß ich von ihrer Güte Gebrauch mache.- Ich muß mit ihr sprechen—aber vorher — ja, so geht's. Sage mir, ist ein Geschäftsmann, ein öffentlicher Notar hier in der Nähe? Ambr. Ja, nicht gar weit entfernt. Baron. Laß' ihn aufsuchen und hieher bestellen, ich will mit ihm sprechen. Aber hörst Du, lieber Freund, heimlich, heimlich! Sage Niemanden etwas davon. Skmbr. (lächelnd). Schon recht, sch»» recht! (Bei Seite.) Weiß schon, wo's hinaus will. Er will die Frau überraschen. (Laut) II Ich gehe jetzt dem Blinden das Geld zr»l übergeben, und auch den andern armen' Leuten, nicht wahr, Euer Gnaden? Und dann hol' ich selbst den Notar. (Ab.) Vierte Scene. Der Baron (allein). Gabriele hier? Herz! wirst Du der Freude nicht unterliegen? Man kommt! — Sie ist's — es ist Gabriele! Fünfte Scene. Der Baron. Gabriele. Gabr. (aus ihrem Zimmer tretend). Am- broS! Ambros! (Sie horcht, und da sie nichts hört, fährt sie fort.) Ich möchte gerne wissen, ob der Baron schon abgereist ist; Ambros versprach mir gleich Nachricht zu bringen, aber er muß wohl auf mich vergessen haben. Ach! da bist Du ja! Gib mir deine Hand! (Der Baron faßt sie bei der Hand). Aber — nein, daS ist nicht Ambros' Hand. (Lebhaft bewegt.) Gott! war' es möglich? (Die andere Hand auf ihr Herz legend.) Ja, so schlug mein Herz auch damals. (Zum Baron.) Wer Sie auch immer sind, wenn Sie nicht Ernest sind, so antworten Sie mir nicht und lassen Sie mir meinen süßen Jrrthum. — Ernest! bist Du es? Baron. Gabriele! Gabr. O Himmel! er ist's, er hat mich nicht vergessen! Baron. Ja, es ist Ernest, der, treu seinem Versprechen, wiederkehrt, Dich zu verthcidigen, zu beschützen. Willst Du mir meine alten Rechte wieder einräumen? Mir erlauben, wieder dein Führer, dein Freund zu sein, — Gabriele! willst Du das? Gabr. (immer horchend). Rede! — Rede lvrt! ich will Dich hören; o, es ist schon so lange, daß deine sanfte Stimme mein Ohr nicht berührte. Baron. In Heidrnheim wollt' ick Dick aufsuchen, im Schlosse wollt' ich Dich wiederfinden, an dem Orte, an den sich so viele süße Erinnerungen knüpfen. Gabr. Wie ist es Dir ergangen? Wie hast Du gelebt? — O, Du hast mir viel zu erzählen. Deine Gefahren, deine Freuden. deinen Kummer. — Bedenke, mein Freund! ich will Alles, Alles wissen. Baron. Und Du, liebe Gabriele — wie vergingen Dir diese ewigen drei Jahre? Gabr. Ich wartete. — O, wenn Du wüßtest, Ernest, wie träge mir die Augenblicke hinschleichen. — Du, o Du konntest sie doch zählen, aber ich?— Ick kenne nicht, was ihr Tag nennt. — Stunden, Wochen. Monate, ich kenne ne nicht. — Seit deiner Abwesenheit war Alles nur eine Nacht, und ach, wie lange war diese Nacht! — Dock nichts mehr davon — Du bist wieder da-- ich erwache. Baron. Ja, Du hast Recht, der Tag kommt, ich hoffe es wenigstens. Gabr. Und meinetwegen kehrtest Du hieher zurück? Baron. Ja, Gabriele, um Dir mein Herz und meine Hand anzubieten. Gabr. Was redest Du da? Ich. Ernest, ich deine Frau? Baron. Ich bin frei und Herr meines Schicksals — willst Du es mit mir theilen? Gabr. O! wenn ich nur mein Herz hörte, nur mein Glück machen wollte, so würde ich dein Anerbieten annehmen — aber ich muß auch dein Glück bedenken. (Sie sucht ihn mit der Hand.) Nein, Ernest, in dem Zustande, in welchem ick mich befinde, werd' ich nie einwilligen, dein Weib zu werden. Baron. Gabriele! Gabr. Nicht über meine Armuth er- röth' ich. — Ich weiß es, Du bist so groß- müthig, sie mir zu verzeihen. Aber ich will Dir auch mein Unglück nicht als Mitgift zubringen, ick will dein ganzes Leben nicht zu steten Rücksichten und Sorgen verdammen, welche Dich, ich weiß es, wenig ko- 12 sten würden, aber desto mehr jene, welche sie empfangen müßte. Ja, Ernest, sei wieder mein Führer, mein Freund, verlaß mich nicht; denn ich würde eine neue Trennung nicht überleben; aber wähle Dir eine Andere zur Frau. Ich werde den Muth haben, es zu ertragen, daß Du dein Glück in den Armen einer Andern findest, wenigstens werd' ich's nicht sehen. Baron. O Gabriele! Wenn Du mich wirklich liebtest, Du würdest anders sprechen Gabr. Mein Freund, ich will Dich nicht betrüben, aber glaube mir, wir würden nicht glücklich sein. Nichts wäre gemeinschaftlich zwischen uns, Du genössest Freuden, die ich nicht mit Dir theilen könnte — und — v Gott! Ernest, bedenke — wenn ich eifersüchtig würde — und das könnte geschehen, ich fühl' es — dann wurde ich sterben vor Gram. — Nein — für unser beiderseitiges Glück ist es uothwendig, daß ich deine Freundin, deine Schwester bleibe. Baron. Ist das dein fester Entschluß? Gabr. Ja, unerschütterlich wie meine Liebe zu Dir. Baron. Und wie? — wenn Dir der Himmel das Augenlicht wieder schenkte? Gabr. (lächelnd). Mein Freund, Du träumst von Unmöglichkeiten. Baron. Wenn man Dir aber einen Versuch vorschlüge? Gabr. Ich glaube, ich würde ihn zurückweisen. d Baron. Und weswegen? Gabr. Weil dadurch Hoffnungen in meiner Seele erregt würden, die, wenn sie unerfüllt blieben, mir das Leben unerträglich machen, indessen ich so, wie ich bin, nichts hoffe und nichts wünsche, wenigstens seit einigen Augenblicken nicht. Baron. O, wie glücklich würdest Du erst sein, wenn Du, wie ich, den geliebten Gegenstand sehen könntest. Gabr. Lieber Ernest! ich bin weniger zu bedauern, als Du glaubst; ich sehe Dich wirklich, deine Züge sind hier, die Phantasie malt sie mir vor, und ich bin überzeugt, ganz getreu. Baron. Du glaubst also, Du würdest mich erkennen, wenn Du sehen könntest,? Gabr. Auf den ersten Blick. Und nun bedenke, welchen großen Vortheil ich noch vor Dir habe. Ich hörte Dich oft vom Alter, von den Veränderungen reden, welche die Zeit bewirkt. — Ich werde sie nie empfinden, Du wirst für mich immer derselbe bleiben, und nie werd' ich deine Züge altern sehen. — Sie werden sein, wie meine Liebe, ewig jung, ewig neu. Baron. Und diese Wunder der Schöpfung, welche Dich umgeben und wovon Du Dir gar keinen Begriff machen kannst; der herrliche azurblaue Himmel, dessen Anblick Trost in jedes Menschen Seele gießt, und das so süße Glück, sich durch einen Blick zu verstehen, zu lesen in dem Auge des Freundes? Gabr. O, mein Freund! warum bemühest Du Dich, mir all' das Glück so gewissenhaft herzuzählen, dessen ich mick nie werde erfreuen können? Baron. Wenn aber deine Heilung doch möglich, — ja sogar leicht möglich wäre? — Wenn dieses Wunder nur von Dir, von deinem Muthe abhinge? Gabr. Von mir? — Erkläre Dich deutlicher. Ich setze gerne mein Leben daran, um das deinige mit Dir theilen zu können. Baron. Wohlan, so höre: Ich habe einen Freund, einen sehr geschickten, berühmten Augenarzt, er hat Dich gesehen und hofft, — wenn Du Dich ihm anvertrauen wolltest, so führ' ich Dich noch diesen Abend zu ihm. (Nach einer Pause des Stillschweigens.) Du zauderst mir zu antworten? Gabr. Nein, aber schon der bloße Gedanke macht mich zittern. Bedenke wohl, Ernest, was ich Dir gesagt habe: Wenn die Bemühung und Geschicklichkeit deo Arztes mißlängen, dann müßt' ich aus ewig der Hoffnung, dein zu sein, entsa- gen; denn nichts ändert meinen Entschluß. Baron. Nicht weiter — sprich nicht davon. — Sage mir nur, daß Du einwilligst. Gabr. Mein Freund, habe Mitleid mit mir! Laß mir wenigstens Zeit — bis diesen Abend nur. Baron. Wohlan, diesen Abend! — Gabriele, erinnerst Du Dich noch daran, wie wir uns dort im Schlösse Romberg verständigten? — Erbalt' ich heute Abends einen Blumenstrauß von Dir, so sehe ich es als ein Pfand deiner Liebe und unserer Wiedervereinigung an. — Doch horch! man kommt, lebe wohl, Seele meiner Seele! lebe wohl, Gabriele! Gabr. Du verlassest mich? Baron. Nur auf kurze Zeit. Ich will Alles für diesen Abend zubereiten. — Du willigst ein, nickt wahr? (Ab.) Sechste Scene. Gabriele. Stollner. Stölln. O Gabriele! ich suchte Sie schon überall, das Mißgeschick verfolgt mich allenthalben. Gabr. Und ich bin so glücklich und wünschte so sehr, daß es auch Alle um mich sein möchten. — Sagen Sie mir geschwind, was bekümmert Sie wieder auf's Neue? Stölln. Ich habe Carolinen gesprochen und ihr meine Liebe erklärt. Gabr. (lächelnd). Ah, davon war sie schon durch mich unterrichtet. Stölln. Ick wußte dieß, aber ich hatte den Muth, es ihr selbst zu gestehen. Gabr. Nun und ste? Stölln. Sie schien bewegt. — Ich bat um eine Gegenerklärung; denn ich wollte mein Schicksal auf der Stelle entschieden sehen, und sie — ste antwortete wir: Sie wolle mir nack der Abreise des Barons Bescheid ertheilen. Gabr. Nun, mir scheint, das sei doch schon etwas? Stölln. Aber der Baron reiset nicht, wird nie reisen, denn er liebt Carolinen, er will ste heiraten. Und das Entsetzlichste ist, daß der Baron wirklich sehr artig und liebenswürdig ist! Caroline versichert es wenigstens. Gabr. Wirklich? Stölln. Nun, Sie müssen das ja auch wissen. Gabr. Ick habe noch nicht mit ihm gesprochen. Stölln. Er verließ Sie doch eben in diesem Augenblicke. Gabr.Ah,Sie wissen nicht, — das war ja Ernest. Stölln. Das war der Baron von Norderose. G a-br. Was sagen Sie? Stölln. Der Baron war es. Es bleibt hier kein Zweifel, ich sah ihn ja schon, als er ankam. Gabr. Nein, Sie irren sich, der von mir ging, hat keinen Titel, keinen Rang, keine Reichthümer; er würde mir's gewiß gesagt haben. Stölln. Wie? Der Baron von Norderose wäre derselbe, den Sie lieben? Gabr. Wer er auch sei, er ist meiner Liebe würdig. Er ist oer edelste, der groß- müthigste der Menschen. — O, wenn Sie wüßten, welch' ein Beweggrund ihn hieher- führte.—Meinetwegen, meinetwegen allein kehrt' er zurück. Stölln. Leider weiß ich gewiß, daß seine Ankunft Carolinen gilt, denn daß Sie, Gabriele, hier wohnen, wußte er ja gar nicht. Er mußte Sie noch immer zu Heidenheim vermuthen. Gabr. Er hätte also Carolinen gekannt und mir es verschwiegen? — Das Testament, die bedungene Heirat — nein, es ist nicht möglich!— Erbot mir soeben erst Hand und Herz an. Stölln. O, Sic wissen nicht, Gabriele, wie weit ein solcher Mensch seine List und 14 seine Wünsche treiben kann. O, ich sehe es nur zu deutlich, Sie Beide will der Elende hintergehen. Gabr. Um aller Barmherzigkeit willen, geben Sie mir davon keine Gewißheit. Stölln. Verzeihen Sie, aber Sie können hier nicht so genau bemerken, als ich. Man sagt, er sei schön und angenehm. Auf mich machte er den entgegengesetzten Eindruck, ich fand in seinem Gesichte etwas Geheimnißvolles, Falsches. Gabr. Za, als er mich verließ, zögerte er — ich erinnere mich, daß er zitterte. — Ganz gewiß, er war verwirrt. — Aber seine Stimme war dieselbe wie ehemals, ich fühlte dasselbe Vergnügen, sie zu hören.— Nein, nein, mein Freund, er kann mich nicht hintergehen. Siebente Scene. Vorige. Ambros. Stölln. Was willst Du, Ambros? Ambr. Ich glaubte den Herrn Baron von Norderose hier zu finden. Stölln. Was willst Du von ihm? Ambr. Der Notar ist da, den er durch mich eiligst bestellen ließ. Gabr. Einen Notar? wozu? Ambr. Errathen Sie es denn nicht, Fräulein? Es ist ja in der ganzen Stadt kein Geheimniß mehr, — ist auch ganz natürlich, eine so gute Partie. Stölln. Natürlich — er will nicht zaudern, und den glücklichen Augenblick beschleunigen. Gabr. Wie, Ambros, und darum mußtest Du den Notar holen? Ambr. Ach, mein Gott! er hat mir zwar verboten, davon zu sprechen, aber Ihnen Beiden kann man Alles sagen, Sic sind ja die besten Freunde des Hauses. — Aber jetzt muß ich den Herrn Baron aufsuchen. denn der Notar wartet. (Geht ab.) Stölln. Sehen Sie, Gabriele, Alles ist klar. Sie verständigten sich mit einander, um mich zu hintergehen. Aber bei Gott! das duld' ich nicht. Auf der Stelle such' ich den Baron auf. Gabr. Was wollen Sie thun, Stoll- ner? — Wollen Sie Carolinens Ruf und Ehre auf's Spiel setzen? Haben Sie das Recht dazu? Stölln. Nein— auch thu' ich diesen Schritt nicht für Carolinen, sondern für Sir, Gabriele, deren Beschützer, deren Verthei- diger ich sein will. Nie würd' ich es mir verzeihen, könnt' ich zugeben, daß Sie der Elende betrügt. Nein, Gabriele, mein Le den für Sie. Gabr. Von mir kann unter diesen Umständen gar nicht mehr die Rede sein. Mögen Sie mich Beide verlassen! Zch liebe nichts mehr auf dieser Welt!—nichts mehr, als die Nacht, die mich umgibt, und die mich von Ihnen trennt. — Zch — dos Licht meiner Augen wieder erhalten? O nein, nein! — Kommen Sie, Stollner! kommen Sie. — Verlassen Sie nur die arme Gabriele nicht. (Beide ab.) (Der Vorhang fällt.) Dritter Lct. Erste Scene. Caroline. Gabriele. C a r 0 l. (Gabrielen hereinführend). Sage mir, wo warst Du denn? Was ist mit Dir vorgegangen? — Ich suchte Dich überall, ich habe Dir so viel zu sagen. Gabr. Caroline! ist er noch hier? Carol. Wer denn? Gabr. Dein Besuch — der Baron von Norderose? Carol. Freilich! — und meine Liebe, ich befinde mich wirklich in einer großen Verlegenheit. 15 Gabr. Er liebt Dich also recht sehr? Carol. Bis jetzt habe ich viele Beweise davon. — Aber, Gabriele, mein Gott! Was fehlt Dir denn? — Dn wirst ja ganz blaß? Gabr. Nichts, nichts! — ein bischen Schwindel! (Für sich) Q Gott, diese Qualen kannt' rch bis jetzt noch nicht. (Laut.) Er liebt Dich also — er bat es Dir wohl gesagt? Carol. Nicht eben gesagt, aber — Gabr. Was beunruhigt Dich also? Carol. Stollner beunruhigt mich, der hat mir seine Liebe erklärt. Gabr. Ich weiß es. Carol. Ich ließ mein Herz sprechen, und wirklich, ich fand, daß Stollner es bewegt habe, daß es ihm zuschlug, als ich einige Augenblicke nachher dem Baron im Garten begegnete. Er sprach mit dem Notar, erblickte mich aber kaum, als er sich mir näherte, und mit einem Blicke, mit einem Ausdrucke, die ich Dir nicht beschreiben kann, mich bat, ihm eine geheime Unterredung hier im Saale zu gewähren. Zweite Scene. Vorige. Stollner. Stölln, (welcher schon während der letzten Rebe durch die Mittelthür eingetreten war und ße mit angehört hatte, tritt jetzt vor). Also ein förmliches tßts-ü-tste? Carol. (lächelnd). Ah! Sie haben uns belauscht? Stölln. Nein, gnädige Frau, ich trat zufällig ein und wollte Sie nicht unterbrechen; da hört' ich denn die schöne Geschichte. Carol. (lächelnd). Nun, häßlich ist sie doch nicht? Stölln. Sie haben also eingewilligt, sind vermuthlick schon bin, um ihn zu erwarten? Carol. Allerdings. Wenn ich wissen will, was er mir zu sagen hat, so muß ich ihn doch anhören. Stölln.(heftig). Q,das wissenSie wohl schon, bevor er spricht. — Aber ich, ich will früher mit ihm sprechen, und bei Gott, er soll mir Rede stehen. Carol. Mein Herr! was wollen Sie thun? Ich verbitte mir jede Unbesonnenheit in meinem Hause. Stölln. Aber mein Gott, es ist doch ein förmliches Rendezvous. Carol. Das ich ihm versprochen habe und auch gewähren will, um ihm seinen Abschied zu geben. (Lachend.) Aber hör' ich recht — Tritte! Das ist er! Stölln, (leise zu Gabrielen). Nun, Gabriele, hatt' ich Recht? Gabr. (eben so zu ihm). Ich kann es nicht glauben, bis ich es von ihm selbst höre. Nicht wahr, lieber Stollner, das Horchen ist eine häßliche Sache? Stölln. In Ihrer Lage ist es nothwen- dig und verzeihlich. Carol. Er kommt, verlaßt mich, meine Lieben. - Gabr. (leise zu Stollner). Führen Sie mich in das Cabinet, welches da zur Rechten sein muß. Stölln, (thut es). Gabr (sagt zu ihm, nachdem sie unter der Thür ist). Nun gehen Sie. Stölln. O, liebe Gabriele, verlieren Sie ja kein Wort. Horchen Sie für uns Beide. (Geht durch die Mittelthür ab.) Dritte Scene. Caroline (allein). Carol. Ich bin zwar fest entschlossen, ihm den Abschied zu geben, aber cs isi doch etwas Unangenehmes. Der Baron ist so artig, so liebenswürdig. — Ich will mindestens die süßesten Worte wählen, und die Pille, so viel möglich, zu vergolden suchen. —Verlassen muß er unS/>doch nicht ohne eine 16 gute Meinung von mir und eine angenehme Rückerinnerung mitzunehmen. Vierte Scene. Caroline. Baron. Carol. (ihm tntgkgentretrnd). Herr Baron, Sie werden mich des Leichtsinnes und der Unbeständigkeit beschuldigen; denn ich versicherte Sie bei Ihrer Ankunft, daß heute zwischen uns von Geschäften keine Rede sein soll und dennoch — Wohlan, Herr Baron, was wollen Sie von mir, was haben Sie entschieden? Baron. Erst bitt ich Sic mich zu hören, dann, hoff' ick, werden Sie selbst entscheiden. Carol. (für sich). Das klingt ja fast feierlich! (Zum Baron.) Ich bitte. — (Bietet ihm einen Stuhl an.) Baronr(setzt fick). Sie wissen, gnädige Frau, daß ich, als der letzte Zweig einer zahlreichen Familie, nie hoffen durfte, jenen Rang und jene Reichthümer zu besitzen, welche mich gegenwärtig beglücken. Die Verschiedenheit der Ansichten über den Stand, den ich wählen sollte, entzweite mich mit meinen Verwandten. Ich reiste ab, ohne Jemanden davon ein Wort zu sagen. Ganz Europa wollt' ich durchziehen, allein noch halt' ich nicht zwanzig Meilen zurückgelegt, so ward' ich schon verliebt. Carol. Ihre Philosophie schmolz vor dem Feuer aus zwei schönen Augen? Baron. Sie irren sich, gnädige Frau, meine Geliebte war blind. Carol. (für sich). Was hör' ich, welches Zusammentreffen! Baron. Mit Gefahr ihres Lebens hatte die stimmliche Seele das meinige gerettet. — Damm weibt' ich eS ihr auch von diesem Augenblicke ganz. Ich lebte nur, um sie zu lieben. — Die einzige Idee, welche mich beschäftigte, war, ihr das Licht wieder zu geben, ihr den Genuß der Schönheiten der Welt zu verschaffen. Allein ick zweifelte sogar, daß ein solches Wunder der Wissenschaft möglich sei. Ich besaß nichts, und an wen sollt' ich mich wenden? — Ich rechnete also nur auf mich selbst, am meine Liebe und reiste ab. Ich durchzog zu Fuße ganz Deutschland und Frankreich, und kam endlich nach Paris. Dort suchte ich den erfahrensten, geschicktesten und be wundertsten Augenarzt auf. Diesem bot ich meine Zeit, meine Pflege, mich selbst an — und erbat mir von ihm nichts dafür, als daß er mich in seine Kunst einweihe. — So wurde ich — nicht sein Schüler, nein, — sein Handlanger, sein Diener, sein Sclave. Carol. (voll Bewunderung). Das thatcn Sie, Herr Baron? Baron. Allerdings, und hätte mich überglücklich gefühlt, wenn mir der Mann meine Dienste auch wirklich so bezahlt I hätte, wie ich es verlangte. Allein gan; 'verschieden von jenen großmüthigen Gelehrten, welche die Menschheit zu betrügen glaubten, wenn sie ihr eine nützliche Entdeckung verborgen hielten, wucherte mein Herr so recht eigentlich mit seinen Talenten. Der Geizhals suchte nur Schätze zu häufen, und eifersüchtig auf eine Wissenschaft, die sie ihm verschaffte, hätte er sich selbst zu bestehlen geglaubt, wenn er seine Kenntnisse mit mir getheilt hätte. —Wohlan, so galt es denn, ihm diese zu entwenden. — Bei Nacht studierte ich in seinen Büchern und Handschriften, bei Tag war ich Zeuge der Wunder seiner Kunst -- nichts ermüdete mich, durch nichts ließ ich mich abschrecken. Endlich, nach zwei Jahren der Arbeit und List, glaubt' ich meiner sicher zu sein. Ein alter blinder Mann kam damals zu uns, Ihr Diener, gnädige Frau, ein Deutscher, ein Landsmann, er war arm, und daher hörte ihn mein grausamer Herr nicht einmal an. Carol. Wie, Herr Baron, Sie waren es also? Baron.Ich war tiefbewegt bei derOpc ration, mein Herz schlug heftig, dennoch war 17 der Erfolg gut. Seitdem haben hundert Versuche, wovon auch nicht einer mißlang, mir ein festes Vertrauen auf mich selbst gegeben. Mit diesem Vertrauen, mit Lieb' und mit Hoffnung im Herzen, reis'te ich von Paris ab und kam nach Deutschland zurück, wo ich nicht wenig erstaunte, mich im Besitze so großer Glücksgüter zu sehen. Nun könnt' ich wohl meinen Lehrer hieher kommen lassen und ihn würdig lohnen. Aber ich habe den Stolz, an meine eigene Kunst zu glauben, und — darf ich es Ihnen gestehen, gnädige Frau? — ich würde eifersüchtig werden, wenn eine andere Hand als die meinige der Geliebten die Wohl- that erzeugte. Ich glaube, daß ich diesen Lohn für meine Opfer verdient habe. Carol. Ja, edler Mann! Sie verdienen diesen Lohn. Baron. Gnädige Frau! — Der Gegenstand so unaussprechlicher Liebe — jenes Mädchen, dem mein ganzes Leben geweiht ist — sie ist hier — es ist Gabriele! — Carol. Gabriele? Ist es möglich? Baron. Und nun entscheiden Sie selbst, kann ich Ihnen meine Hand reichen? Carol. (ihm die Hand reichend). Bedarf rs hier noch meiner Entscheidung? Baron. Nein, ich lese sie in Ihren Augen. Was den bösen Prozeß betrifft, so wird mir meinOnkel verzeihen, daß ich ihn auch ohne seine Bewilligung zu Ende führe. Ich habe einen Notar hieherrufen lassen, und ihm amgetragen, meine Derzichtleistung auf das Vermögen zu Ihren Gunsten auszusetzen und in Ihre Hände zu legen. Carol. Herr Baron! Baron. Gnädige Frau, nehmen Sie mein Anerbieten an und schenken Sie mir Ihre Freundschaft. Carol. Wer könnte Ihnen diese versagen? Baron. Wohlan, so nehm' ich Sie auch m diesem Augenblicke in Anspruch. Sie müssen mir bcistehen, Gabrielen zur Heilung zu überreden. — Noch wankt sie — ich TH»l«i>Rep. nicht flüssig >°--d-n w»0kn, erfand obschon wir ewlg daran herumreguliren; Und thu'n amal frag'n, ob die kranke Zeit wohl Man mit seinem Pulver in d'Cur nehmen soll? Auf d'letzt sagt der gar, was ich mir schon laug denk': Mein Lieber, das Pulver, das wirkt etwas ^eng, Glaub' nicht, daß die Zeit man mit'n Schießen eurirt, Es dürft' besser sein, wann ihr was vvr- g'sckoffen wird. Ja, ich muß lernen das Geister citireu, aus n ff, wie's der erleuchtete Swedenborg können hat, von dem das Buch is, so mir urein Nachbar, der Schlosser, behufs höherer Erleuchtung geliehen hat. Wär' es z. B. uicht ein Hautgout, so mal mit'n alten Napoleon z'reden und ihn zu fragen, was denn eigentlich mit der Rheingrcnze g'scheh'n 'vird? Am End' thät' er mir antworten: hin und frag' die Deutschen! Oder wenn ich zum Geiste des egyptischen Moses husten, das Hilst endlich frag' ich, ist das kein Wunder, daß die Jungen so viel trinken und doch immer mehr nüchtern werden, während der Stephansthurm, der doch gewiß a steinalter Herr ist, sagt: Ich muß ein' Spitz kriegen, kost's was kost's. Aber Jene, so in der Irre gehen, sind nicht zu überzeugen und es wäre besser, man hinge ihnen einen Stein um den Hals — damit sie ihn versetzen können. (Schreit aus.) O ihr Baalsdiener! Resi. Aber Mann, plärre doch net so. Man versteht ja sein eigenes Wort net. ottl. Ich plärre nicht, Schwester Resi, aber der da im Häuserl, unser lieber Bruder Canari, macht den Spectakel der Heiden — Pscht! Junge. Guten Morgen, Frau Blatl. Resi. Was willst denn? Junge. Frau Masterin, mein' Mutter, die hat so ein' schweren Athen» und kann oft gar ka Luft kriegen. Resi. Gib deiner Mutter die Salben, sie soll's auf die Brust legen. Nachher soll's auf ein Kreuzweg gehen und dreimal 1 * 4 Junge. Was ist denn a Kreuzweg? Gottl. Der Weg zum Steueramt is einer, oder der Michelerplatz Abends zwischen 6 und 7; aber die Schwester-Mutter soll sich tummeln, denn bis sie dort dreimal hust, ist sie elsmal niedcrg'führt.Don denen, so da einherfahren in den lackirten Truhen der Hoffart und Eitelkeit, sagt mein Nachbar, der Schlosser. Resi (ärgerlich). Halt's Maul, Du narrischer Mensch! Junge (ablaufend). I dank' schön für d'Salben. (Mitte ab.) Resi (erschrocken). Er hat dankt, jetztnutzt mein Salben nir. Daran bist Du Schuld. Mann, wann's Pflaster net hilft, hastDu's auf dein G'wissen. Gottl. Mein Gewissen is rein wie das des Bruders Adam vor seiner verhängniß- vollen Rippenfellentzündung. Merk' Dir das, Schwester Resi. Resi (ausgebracht). Ich bin nit deine Schwester, bin dein Weib, aber wie mir's scheint, weißt Du heut' wieder einmal selber nit, wer Du bist. Gottl. Ich bin ein Erleuchteter. Resi. Gottlieb, ich will nit untersuchen, ob unser Nachbar recht thut, sich mit solche Bücher zu befassen, wie das is, was er Dir geliehen hat, er versteht's vielleicht a, denn er is sonst a g'scheiter Mensch; Du aber bist nir als a Narr und er hat Unrecht, Dich so weit z'bringen, daß Du wegen deine verrückten G'schichten bald mehr beim G'richt als in der Werkstatt z'thun haben wirst. Gottl. Resi, Du schimpfst auf den Splitter und merkst den Balken im eigenen Auge nicht. Fabricirst Du nicht Mixturen und Pflaster für alle Welt und kannst Du also nicht vor's G'richt citirt werden von denen Graduirtcn, so für des Leibes Wohlfahrt zu sorgen vorgeben? Resi. Mir kann nir g'schehn, meine Mittel helfen. Gottl. Ebenst darum justament. Resi. Dein Unsinn aber schad't nur, und d'rum g'schiehtDir Recht,wenn sie Dich einkasteln. Gottl. Wann mich der liebe Bruder Wächter einführet, so dulde ich still und sage höchstens: Hüt' Dich, Bruder Wächter, vor den Höllenflammen, so bereits sichtbar an deiner Nase lecken. Resi. Du bist ein Narr und es isSchad' um jed's Wort, was man an Dich verliert. Gottl. Die wird nie eine Erleuchtete. (Liest in einer Zeitung.) Dritte Scene. Vorige. Wenzel (im Schusterschurz und Schlappschuhen und Schirmkappe, den Speiseschrank auf dem Kopse). Lntröetied. Ich bin ich arme Schusterbub, Von Prog ich bin ich kommen, Da hate Pane Maste mich In Lehre auf mich g'nommen. Und sagte: Wenzel, biste brav, Verdienste Du 3a plati, a potow biste schlechte Lump, Da kricgste nir als prati. ?iati aber thute weh, Wenzlicek dikkupete, Sagte darum: Maste, ne, Ich möcht' ich lieber penies. Und kumm ich wo zu Kundschaft hin, Ich thu' ich höflich grüßen, Sagt äodre jstro! I3t6 rckrav? Ich thu' ich Hand auch küssen, Da lachte gleich die Kundschaft und Sie sagte voller Freuden: ^ potom, das is brave Bursch, Da siechte man von weiten. Kummte langsam so in d'Höh' Wenzlicek, dikkupete Wirde noch, na, wer me hör'n, ^ potom, Schustermaste wer'n. Resi. Na, bist amal da, seit einer Stund wart' ich aus Dich, hast g'wiß wieder mit andern Bub'n g'spielt, die g'rad so nirnutzig sein, wie Du. Gottl. Gesteh', oder die unerbittliche Logik des Knieriems entreißt Dir das Ge- ständniß. Wenzel. Ne, pani Masterin, pane Master, ich Hab' ich nicht spielte, ah, ich Hab' ich kaneZeit nit — aleNatzel stehte drauß't und thute mäuerln an. Resi. Der Natzl, der Hauptspitzbub'! Na wart ! (Nimmt einen Knieriem vom Tische und eilt durch die Mitte ab.) Wenzel (lacht). Jetzt kriegte Natzl k'ariko, da ist recht. (Wichst Draht.) Natzl (springt herein). Unser Master, der is fein, Trinkt viel Bier und trinkt viel Wein, Und versaust in seiner Gall 's ganze Geldel allzumal! Gottl. Verflixter Bua! Vierte Scene. Vorige. Rest verfolgt Natzl mit dem> Knieriem, dieser springt hinter Wenzel, so daß dieser die Schlägt bekommt. Wenzel. Au, au. pani Mast'rin! Resi. Kerls! ich hau' Euch alle zwa mitten auseinander. Gottl. Aber, Resi, was fangen wir denn mit vier halbete Lehrbuben an? Natzl. Frau Masterin, i gib der Masterin ein' Rath. — Net alleweil Zuschlägen, das kann jeder Fex, lieber reden, schön reden, das paßt für soa nobilitätische Frau, mie d'Masterin is. Wenzel. Ja reden — da ist schön, da ist gut, da gehte an Herz. Resi. Na,für dös mal will ich Euch die Straf' schenken, es nutzt ja eh nix, mit Euch ^ plagt man sich umsonst. Gottl. (lesend in der Zeitung) Da Hab N wir's! Is schon wieder a Wunder g'scheh'n. Natzl. Vivat, die Mast'rin! Wenzel (geht zu Rest), kaue Mast'rin, "" Prolin, ich muß ich geben studieku dankbare aufHand zarte klanwunzige. (Küßt ihre Hand.) Resi (geschmeichelt). Geh' weiter, Du Nirnutz. Natzl. Da schaut's, wie sich der Wenzel wieder eintögelt. Glaub st, jetzt kriegst keine Prügel mehr? Wenzel, ^no—muß me krieg'n. Lehrzeit ist wie Wald grüße voller Prügel — nutzte nir — muß me durch — a potom wird me sprechen frei. Resi. Jetzt rcdt's, wo wart's? Natzl. Ich war bei der Fräule Milder, die Rechnung soll zum Geldnegozianten, Herrn Natter, der ihr Curator is, g'schickt wer'n, hat ihr Stubenmadl g'sagt. Resi. Und Du? Wenzel. Ich Hab' ich klaneSchani und Fritze führte in Schul'. Resi. Und nachher? Wenzel. Na, nachher nir. Natzl. Er lugt. Auf'nWeg hat er mit'n Herrn Franz g'redt. Gottl. (aufmerksam). Mit'n Franz? Resi (ebenso). Mit mein Stiefsohn? Was hat er g'redt? Wenzel. Pane Franzisku? Ich sag' ich net. Resi. Warum net? Wenzel. Weg'n Buckl meinige. Resi. Wirst reden, oder — Natzl. Laffen's den dickschädlctenBuam, Frau Mast'rin. Ich sag' Ihnen, was der Stiefsohn g'redt hat. Er hat g'sagt, die Frau Masterin is a herzloses Weib, a Bißgurn. Resi (außer sich).Was? UndDu,Wenzel, hast das ang'hört? Wenzel. To g68tdraväa. Ist ja wahr. Resi. Ah! ah! Das is ja — (zuGottlieb) Mann, hast g'hört, was sich dein Sohn gegen mich erlaubt hat? Gottl. Resi, bedenke, der Franz ist mein Erstgeborner, Du hast ihm die Thür gewiesen — weil — Resi. Weil er ein gewissenloser Mensch ist. Gelt, das Schusterhandwerk war ihm 6 z'ordinär, er hat müssen Technik studir'n, uns 's Geld aus'n Sack locken und jetzt is er net amal im Stand, sich a Stück'l Brod zu verdienen. Dabei hat der Mensch sich gegen unfern Willen mit einer Handarbeiterin verheirat', jetzthaben's nir z'leben und dazu a klan's Kind, 's is schrecklich. Gottl. Ich laß' mir viel anthnn, es geh'n in derNachbarschaft sogar dunkle Ohrfeigengerüchte, aber der Franz is amal mein Bua — und — Resi. Und wer is denn der Schani, der Pepi, der Fritzi? Sind das deine Kinder nicht? Gottl. Na ja, aber — Resi (barsch) Sei stad! Ich will nirmehr hören. Gottl. Aber — Resi. Still sein. Gottl. Kruci — nein, nicht Kruci — aber eigentlich doch Kruci. Resi. Natzl, Du gehst zum Geldnegozianten Natter d'Rechnung eincaffir'n und bei dieser Gelegenheit fragst auch gleich die Fräule Pepi, seine Köchin, ob's keine Schuh braucht. Vorwärts! Natzl. Bin schon aus'n Weg. (Nimmt srine Kappe und setzt im Abgehen über Wenzel weg, der sich gerade bückt.) Eins — zwei — drei — Juchhe! (Mitte ab.) Wenzel. Au! Na wart, Kedl infame, niedeträchtige, wann Du kumste auf zu Haus, da haste nir lachen, da gib ich Dir — Resi. Und Du, Wenzel, weitst Sohlenleder ein, thust fünf Körb Holz aus'n Keller, zwei Butten Wasser vom Brunn, aus der Schul 'n Schani und Fritzi, vomGradl- trager Nägel holen und nachher gehst geschwind — Gottl. (wirst dir Schere auf den Zuschneide- t'schl ^ Resi. Na, was hast denn? Warum wirfst denn so herum? Gottl. (zornig) Weil's wahr is. Du knechtest alle Menschen, mich, meinen Erstgebornen und die Lehrbuben. Wirst Du uns noch lange als Leute betrachten, so deine Sklaven sind? Schau hin in die neue Welt, nicht in die Schwenderische, in die über'n Ocean, und siehe, wie sogar dort zur Stunde ein mächtiger Streit entbrennt, auf daß er hinführo frei wandeln möge auf seiner Da ter Boden, der arme schwarze Bruder. Wenzel. Haha! Das isc spasig, Pane Master. Resi. Ja ja, ich weiß schon, Dich gift die G'schicht mit dein Herrn Sohn und da suchst G'legenheit zum Disput. Aber s'nutzt Dich nir, das einzige, was Du erreichst, is — daß der Bua Dich auslacht. Gottl. Wohl ihm, daß er lachen und sich so vom Thiere unterscheiden kann, zu dem Jbr Despoten ihn machen wollt, sagt mein Nachbar, der Schlosser. Wenzel. Da kumte Pane Franzicek. Resi. Mein Stiefsohn? Al) die Keckheit! Gottl. Der Franz — hat der eine Courage. Fünfte Scene. Vorige. Franz. Franz. Guten Tag, allerseits. — Grüß' Dich Gott, Vater! Gottl. Ghorschamstcr — Franz. Frau Stiefmutter, ich komme Abschied zu nehmen. Gottl. Du reist fort? Resi (kurz). Glückliche Reis'! Franz. Ja, Vater. Ich habe eine gute Anstellung in einer Fabrik bei Krakau erhalten; heute Nacht reise ich ab. Nun aber hätte ich eine Bitte. Frau Stiefmutter, drei Monate halten mich Geschäfte von Wien fern, nach dieser Zeit treffe ich hier ein, um Weib und Kind abznholen. Frau Stiefmutter, ich flehe Sie an, lassen Sie Ihren Grell gegen mich fahren und nehmen Sie meine Gattin mit dem Kinde in Ihr Haus, ich will gerne bezahlen, was Sie fordern. Resi (kntrüstkt). Was? Ah, die Zumn- thung! 7 Franz. Sehen Sie, mir ist so weh um's Herz, ick fürchte für dieMeinigen. Ich kann meiner Frau nur dasNöthigste znrücklasstn, das Kind bedarf der Pflege, der Aufsicht, wenn Marianne ihre Arbeitsgängc besorgt. Wie leicht kann ein Unglück geschehen. Ach, Frau Stiefmutter! Gott wird Ihnen an Ihren eigenen Kindern vergelten, was Sie an meinem Kinde thun. Rest. Ich weiß gar nicht, hör' ich reckt, oder — Franz (bittend). Frau Stiefmutter! Gottl. (sehr bewegt). Und wanndieOhr- feigengerüchte offenkundige Wahrheit werden, ich muß ihr in's Gewissen reden. — Resi — Weib — schwaches Geschlecht — so da ist, um Milde und Sanftmuth zu üben. Wie sagt Bruder Schiller? Ehret die Frauen, sie flechten und weben, himmlische Reben ins irdische Streben. Rcsi — der Franz — mein Erstgeborner — verstehst — er bittet Dich — Du sollst die Mutter mit'n Kind in Kost und Quartier — er zahlt Alles — Du liebcrHimmel, der arme Wurm g'hört ja doch zu unsererFamilie — Resi (will losbrechen. bezwingt sich aber). Na! s' is gar nit derMüh' werth.Ich mag nicht reden, sonst thät ich dem Herrn Stiefsohn entgegnen: Mein Mann is zwar das Haupt, ich aber bin der Kopf unserer Familie und darum sag' ich jetzt ein für allemal, zu unserer Familie darf die Person mit ihrem Kind niemals g'hör'n. Ich kenn's nit, will's nit kennen lernen und kommt's mir in's Haus, wird's hinaus erpedirt. Das is mein letztes Wort. Adieus. — G'sell'n, geht's zum Essen! (Links ab. Gesellen gehen ab.) Sechste Scene. Gottlieb. Franz. Wenzel. Gottl. (ruft ihr nach.) Resi — Schwester — lieb's Weib — Engel — (wüthend) Satanas! — Franzl, Du weißt, ich möcht' kern Astes für Dich thun, aber die^antippe regiert im Haus und kredenzt mir, wie dem weisen Sokrates, den Giftbecher aller Grobheit. Ich kann daher gar nichts thun, als, wie mein Nachbar der Schlosser sagt, die Ohren steif halten, über das Ende aller Dinge Betrachtungen anstellen und aufath- men im Paradeisgärtlein der Resignation. Leb' wohl, mein Sohn, — pfirt Dich Gott, glückliche Reis', und sag' den Krakauern, ich laß's grüßen. (S. K. ab ) Siebente Scene. Franz. Wenzel. Wenzel. Pane Franzisku! Franz (sieht trostlos). Wenzel, was willst Du? Wenzel. O Pane Franzisku, ich bin ich zwar dumme dalkete Kedl dikkupete, aber ich Hab' ich Herz gute. Franz. Nun, und — Wenzel. Und da, wie ich Hab' hörte, daß Pane Franzisku hatte su bettelt, su la- meutirte wegen Kindel klane, da wäre mir in Herz meinige su schlecht, su weh, wie af Nacht in Magen meinige, wann kriegte nir als Zuspeis alte standene. Franz. Armer Wenzel! Wenzel. Ah ich bin ich nit arm, ich bin ich reich, weil ich kann bitten Pane Franzisku, daß darf ich geh'n zu Mutter mit Kindel klane und derf ich geben Obacht, wann gchte Mutter seinige aufArbeit ihrige. Franz (erfreut). Wie, Du willst bei meinem Kinde bleiben, es betreuen, wenn Marianne das Haus verläßt. Wenzel. Tak, ich will ich tragenKindel herum und schläfern ein und Fliegen grausliche sekante fortjagen und wenn schreite, da gib ich ihm Gollatschen mit Powidl von Trinkgeld, a potom trag' ich auch Briefe! zärtliche von Mutter seinige Franzisku klane af Post und hol' ich essen und Schaffel Wasser, alles für Franzisku klane arme pagschirliche! prosim —pane prosiwl (Bittet.) 8 Franz (ergriffen). Die Freien schlagen sich in Sclavenketten ihrer Leidenschaften und der Sclave handelt frei aus eigenem Antriebe. Wenzel, ich danke Dir, aber ich kann dein Anerbieten, so gelegen cs mir käme, nicht annehmen. Wenzel. Nit? O Jekus! lonm rorvmite? Franz. Weil Du viel außer Hause sein und also viel Prügel bekommen würdest. Wenzel. ^t)6lom tak, sullns prügeln' wie's wullnS, sullns mi hau'n auf Kupp meinige, da schabte nir — da ise dobre — (bittend) xro8im, pans Franzisku — pro- sim! Franz. Komm' her, Wenzel, gib mir einen Kuß! Wenzel. An luidieku, mit Maul meinige? llemLw, paus Franzisku. Franz. Schnell, Wenzel! (Wenzel wischt sich dm Mund ab.) Mach' keine Umstände, Du wirst ja auch mein Kind küssen und wirft es betreuen und wirst der einzige Freund der Meinigen sein. Ja, wirst Du? Wenzel (andächtig), Lolui 86 lidi! Franz. Deine Hand! (Reichen sich die Hände.) Ich danke Dir, Wenzel! Komm' heut' Abends zu Marianne. Und jetzt leb' wohl, aufWiedersehcn. (Ab.) Achte Scene. Wenzel (allein). Wenzel. Ich — ich bin (gerührt) ich bm ich so glücklich! — (Schreit.) 8akra- meoolci! — Ich bin ich su glücklich! (SlavischeL Liedchen, siehe Partitur, dann durch die Mitte ab ) Verwandlung. (Natter? Schreibstube. Recht? Schreibtisch und ein Fauteuil. Im Hintergrund Stühle. Link? ein Fauteuil. Neunte Scene. Pepi (sehr geputzt, in Hut und Schleier mit einem Einkauskorb durch die Mitte). En1r6e-Lied: Die Pepi is a fescher Geist, So heißt's bei allen Standeln; Und alle Männer, die mich seh'n, ^ Die woll'n mit mir anbandcln. G'rad jetzt Hab' ich drei Brieferln kriegt Von Liebesaspiranten. G'wiß tragt a Zeder sich d'rin an Zum zärtlichen Amanten. Muß nur g'schwind lesen. (Erbricht ein Briefchen.) Aha, vom Klavierlehrer, der im 4. Stock logirt. (Liest.) »Theuerste Josefine! Wenn ich Ihre holde Stimme höre, glaube ich die Ouvertüre der Zukunftsmusik meines Glückes zu vernehmen. O Sie, die mir das Herz mehr erwärmen kann — als Bethoven* — da hat er g'fehlt, Bett und Ofen meint er — »treten Sie mich wie ein Pedal, aber lieben Sie mich und lassen Sie uns vierhändig durch's Leben gehen. Adam Pfeiferl, Claviervirtuos.« (Singt:) Soll ich erhör'n den Musikus, Mit Lieb' durch's Leben leiten; Nein, nein, z' erst muß ich lesen noch Den Liebesbrief, den zweiten. (Erbricht drn zweiten.) Aha, der riecht nach Sodaseife, der is vom Balbirer vi8-L-vis. (Liest:) »Edes Pepi! Sondern — weil ich bin aus Ungarn, so belieben Sie aufmerksam zu lesen. Ich bin von Tokai an der Theiß, wo der Gott der Magyaren die Sonne laßt aufgeh'n und den Mond in seiner Güte über den Bergen von Tokai, daß der Ungarwein die ganze Menschheit soll erquicken. Zwanzig Jahr' bin ich gesessen* — Was? g'festen is er? — »im Schoß der schönen Heimat« — Ah so? — »Zwei Jahre bin ich gestanden bei Honved und jetzt Hab' ich verlegt mich auf Chirurgie, 9 seit zehn Jahre macht 32 Jahre. Wollen Sie mich näher kennen lernen, no teschek — belieben — fassen Sie Beschluß und adres- siren Sie gefälligst an Jmre Lajos, Chi- rurgus.« (Singt.) Soll ich erhören den Chirurg Mich lassen schon erbitten, Nein, nein, z'erst muß ich lesen noch Den Liebesbrief, den dritten. (Erbricht den dritten.) Ach, was seh' ich? Das Brieferl is ja von mein' bisherigen Courmacher, dem weißen Elephanten-Com- mis. (Liest.) »Theure Pepi! Ich bin bankrot.« Was? Jetzt schon? — »wenn Sie Sich nicht in Güte mit mir ausgleichen. Ein Wechsel meiner Gefühle, den eine kleine blonde Marchandes-Modcs acceptirt, zwingt "uä>, Ihren Namen im Firma-Protokoll meines Herzens zu löschen. Rochus Rum- ler, Handlungs- und Speccreiwaaren-Be- stiffener.« — O schändlicher Zibebenkram- pus, na wart', mit dir werd' ich mich auf eine curiose Art ausgleichen — doch nein, was soll ich mich mit dem Commis herum- budeln. (Singt.) Cs gibt der Männer doch genug, Was soll ich mich da härmen, Und wenn ich will, kann jederzeit Ich lieben, küssen, schwärmen. Die Pepi is rc. Morgen in der Früh, wenn 'sMiliweib kommt, halt ich ihr die zwei ersten Brieferl hin, sie muß auf gut Glück zieh'n, und der, welcher gezogen wird, kriegt mich als Haupttreffer. (Hs «opst Mitte.) Herein! Zehnte Scene. Vorige. Gift bolz. (Mitte, wüst aussehend, schlecht gekleidet.) Giftbolz. Wohl gespeist zu haben. Herr von Natter nicht zugegen? Pepi (betrachtet ihn). Is das a grauslicher Mensch! (Laut.) Nein, der gnä' Herr macht sein Nachmittagsschlaferl, kommen's später. Giftb. Hab' keine Zeit, wecken Sie ihn. Pepi. Das geht nicht. Giftb. (schroff)- Wecken Sie ihn, sag' ich. Pepi. No ja, ja — Da kommt der gnä' Herr. Etlste Scene. Vorige. Natter. (Aeltlicher Mann, schwarzr Perrücke, rlegant gekleidet.) Natter. Was ist — (sieht Gistbolz, erschrickt, gezwungen höflich). Ach, guten Tag, Herr — Herr — Pepi, lasse sie uns allein. Pepi. Ja, gnä' Herr. (Abgehend für sich.) Na, hat der a G'stcht! (Seitencoulisse ab ) Zwölfte Scene. Natter. Giftbolz. Natter (bei Seite). Ich darf nicht merken lassen, wie sein Kommen mich erschreckt. (Summt ein Liedchen.) Nun, Herr — Gistbolz — wenn ich nicht irre — wo kommen Sie her? Giftb. (kurz und mürrisch). Direct aus Amerika. Wollte mich mit den Kerls nicht herumschlagen. Natter. Schon lang hier? Da fällt mir eben die famose Einbruchsgeschichte, welche vor zehn Jahren Sensation machte, ein. Die, welche damals das Weite suchten, handeln sehr unvorsichtig, wenn sie sich jetzt hier blicken lassen. Giftb. Die Sache ist verjährt. Wer kennt mich? — Ucbrigcns will ich ja auch nicht hier bleiben. Gib mir ein paar tausend Gulden und ich verschwinde. Natter (springt aus). Tausend? Ich habe eines Tages mit einem Manne, der Giftbolz heißt, gerechnet; er hat sein'Theil erhalten und sich verpflichtet, mich nie mehr zu belästigen. Giftb. Während Du mit den Leuten 10 unseres damaligen Chefs, des Großhändlers tafeltest, mußt' ich einbrechen, Dn ris- kirtest nichts und doch erhieltst Du die Hälfte des Entwendeten; das war ungerecht, jetzt seh' ich's ein, Du mußt noch was 'rausgeben, um so mehr, da Du jetzt ein gemachter Mann zu sein scheinst, während ich ein Bettler bin. Natter. Der Schein ist gegen mich. Ich habe viele Verluste erlitten und mani- pulire meist mit fremden Geldern. Ist Ihnen — ist Dir eine Cigarre gefällig? Giftb. (kurz). Danke, gib mir lieber gleich Geld — ich bin in Noth — ich hungere — Donnerwetter! Natter (schnell). WillstDu heut' Abends in's Operntheater? — Das neue Ballet — ah, reizend, sag' ich Dir! Giftb. Verdammter Kerl — willst mich mürbe machen, aber (drohend) es nützt Dir nichts, ich bin zum Aeußersten entschlossen, denn — (Es wird in der Mitte geklopft ) Natter. Still! es kommt Jemand! Schnell, tritt hier nebenan in mein Archiv. (Schiebt ihn zur Seite links.) Die Thür mei- Schlafzimmers ist verriegelt, die Schränke da drinnen enthalten nichts, was ihn reizen kann, ich habe also nichts zu besorgen. (Es klopft Mitte.) Herein! Dreizehnte Scene. Porige. Leontine (eine hübsche, junge, elegante Dame). Leo nt. Guten Tag, Herr Natter! Natter (ihr entgegen, galant). Ah, Fräulein, Sie beehren mich? — Leo nt. Ich muß wohl, da es Ihnen wieder einmal nicht beliebt, mich aufzu- sucken. Natter. Mein Himmel, Geschäfte — Sie wissen ja, wie glücklich ich stets in Ihrer Nähe bin. Leont. (lachend). Ja, wenn Sie kommen, mich mit Ihren Galanterien zu beglücken; aber an den Tagen, wo Sie in der Eigenschaft eines Curators mir mir zu verhandeln haben, da spielen Sie Neumond. Natter. Ach Fräulein, ich dächte, Sic hätten auch in dieser Hinsicht keinen Grund, sich über mich zu beklagen. Leont. (setzt sich in's Fauteuil). Ja. ich beklage mich! Heute ist der erste Mai, wo die Flur sich kleidet neu, wo die Lüfte sanfter weh'n — Natter (ironisch). Und die Gläubiger aufersteh'n. Leont. (lachend). Sie haben es getroffen Ich brauche wieder Geld, viel Geld, meine Cassette ist leer. Natter. Wie der neapolitanische Staatsschatz. Leont. Nun, die Situation, in der ich mich befinde, scheint Ihnen vollkommen klar zu sein. Natter, (tragisch). Geehrtes Fräulein, erlauben Sie mir — Leont. Zu zanken? Bemühen Sie sich nicht. In bin unverbesserlich. Natter. Ich will nur bemerken, daß ich, falls Sie sich nicht einschränken, bald aufhörcn werde, Ihr Vermögen zu verwalten. Leont. Weil es Ihnen zu viel Aerger verursacht? Natter. Weil es mir Kummer verursachen würde, Ihnen Ihren Ruin anzuzeigen. Leont. Bah, so weit — Natter. Sind wir bald. Ihr Onkel, der Herr von Milder, welcher ein vornehm mer Herr, aber kein Geschäftsmann war, sonst hätte er mit seinem Vermögen specu- lirt, hinterließ Ihnen vor drei Jahren 60,000 Gulden. Sie beschränkten sich nicht darauf, Ihre Interessen zu verzehren. Leont. (ungeduldig). Nur keine Berechnungen, Herr Natter; Sie wissen, ich bm leichtsinnig, als hätte ich nichts zu verli^ ren und verschwenderisch, als gewänne tch an jedem Tage eine Million. Natter. Ja, wenn Sie es nur für sich wären. Allein Sie leben einfach und ver- 11 schwenden Ihr Geld cm allerlei Leute, die wohl arm, aber auch oft unwürdig sind, durch Ihre Wohlthaten beglückt zu werden. Leont. Bah! Unwürdig! Die Leute haben kein Geld und wer arm ist, dem verzeihe ich wie einem Kinde, der ist in meinen Augen unzurechnungsfähig. Was soll man machen, wenn die Armen jammern? Man macht sie zufrieden, so lange man Geld zur Hand hat. Natter. Wenn man aber kein Geld zur Hand hat, was macht man dann? Leont. (leicht). Man macht Schulden, wenigstens ich. Natter (lauernd). Nun ja, ja — das Beste wird sein, Sie vermalen sich. Leont. (schnell). Mit Louis? Natter (überrascht). Leontine — Sie nannten eitlen Namen — Leont. Nun ja, Louis von Auhof, ein junger Beamter im Ministerium, bot mir seine Hand. Natter. Und Sie? — Leont. Ich habe mick noch nicht entschieden. Natter. Sie — Sie lieben ihn? Leont. Ach — lassen Sie uns von Geschäften reden. Natter (besorgt) Mein Fräulein — ich bitte — lieben Sie diesen? Leont. (fast ärgerlich). Wollen Sie mich langweilen? Natter. Nein — amüsiren werde ich — indem ich Ihnen die eingelauftnen und >aldirten Rechnungen vorlege. Hier die Rechnung des Goldarbeiters 490 fl., der Modistin 320 fl., für Stickereien l20 fl. Leont. Nun sagen Sie nock, ich lebe einfach? ' Natter. Hier eine Rechnung vomKauf- wanne 150 fl., eineGreißlerrecknung 50 fl. l"r ein Kunterbunt von Gries, Mehl, Kar- ^sfeln, Schmalz, Primsenkäs. Leont. (lacht). Primsenkäs, hahaha! ^ Natter. Hier sogar eine Rechnung vom ^leischsrlcher, lautet auf 100 Blunzen. Leont. (lacht). Ich, eine Modedame und 100 Blunzen! — Na, wenn sie meinen Schützlingen nur gemundet haben. Hunger thut weh. Natter. Mein Fräulein, noch einmal, das kann nicht so bleiben, Sie müssen sich einschränken, denn — (Es klopft, Mitte.) Herein! Vierzehnte Scene. Vorige. Marianne (bleich und traurig). Mar. Kann ich die Ehre haben, Herrn von Natter zu sprechen? Leont. Was seh' ich, meine Näherin? Mar. Ach gnädiges Fräulein! Leont. Ei, wie sehen Sie aus! Bleich, verweinte Augen — was ist Ihnen begegnet? Mar. Ach, mein Fräulein, so eigentlich kein Unglück und doch — mein Mann reist heute Nacht fort und muß mich mit meinem Kinde allein lassen. Leont. Aber er kommt doch wieder? Mar. In drei Monaten erst. Leont. Nun, das ist ja keine Ewigkeit; trösten Sie sich und besuchen Sie mich recht oft — hören Sie, recht oft — alle Tage, vor Allem bringen Sie Ihr Kind mit. Was ist es denn? Ein — Mar. Ein Knabe. Franz heißt er, wie sein Vater. Leont. (freudig). Ein Knabe — Natter, hören Sie, ein Knabe — Franz heißt er. Natter (ungeduldig). Ja, ja, ich möchte nur wissen, was die Frau — Leont. Ach, schweigen Sie. Jetzt habe ich zu reden. Liebe Marianne, wo wohnen Sic? Mar. Ich wohne in Matzleinsdorf in einer öden Gasse und habe Niemand, wenn Franz fort ist. Leont. Das heißt, wenn der große Franz fortgeht, haben wir noch immer den kleinen. — Müssen uns halt einschränken, nicht wahr, Herr Natter, einschränken, das gefällt Ihnen? — Nun, beste Ma- 12 rianne, vergessen Sie nicht, alle Tage zu kommen, und — wahrscheinlich haben Sie auch kein Geld, warten Sie — Herr Natter, wollen Sie endlich einmal mit Ihrem Mammon Herausrücken, Sie — Sie Harpar! Mar. Gnädiges Fräulein, ich danke für Ihre Güte, ich bedarf keiner Unterstützung. Hier ist eine Anweisung des Fabriksbesitzers, bei welchem mein Franz an- gcstellt wurde, man trug mir auf, dieselbe bei Herrn von Natter zu präscntiren. (Gibt Natter eine Schrift.) Natter. Ehrmann und Comp., ja, ja, ich bin bereit, Sie erhalten hundert Gulden. (Zieht seine Brieftasche.) Leont. Hundert Gulden? Doch nicht für die ganzen drei Monate? Mar. Natürlich. Es ist sehr viel und mehr hätte Franz auch nicht für uns thun können. Leont. Hundert Gulden für drei Monate! Marianne, kommen Sie nur recht oft zu mir. Sie müssen mich sparen lehren. Natter. Hier hundert Gulden; bitte den Empfang zubestätigen. (Marianne schreibt.) Giftb. (in der Seitenthür, sieht lauernd aus Marianne). Mar. Nun will ich nicht länger stören, gnädiges Fräulein. Leont. Adieu, meine Beste, und halten Sie Wort, sonst entziehe ich Ihnen meine Kundschaft. Adieu, trösten Sie sich und grüßen Sie mir den kleinen Franz, den großen meinetwegen auch. Adieu! Mar. Ach gnädiges Fräulein, Ihre Theilnahme thut meinem Herzen wohl. Leont. Na, na, gehen Sie nur und lassen Sie mich nicht länger als bis morgen warten. Adieu! (Marianne durch die Mitte ab.) Fünfzehnte Scene. Natter. Giftbolz. Leontine. Leont. Arme Frau! Ach, es gibt doch viel Elend in der Welt. Und da verargen Sie mir cs noch, wenn ich, wo ich kann, meinen Mitmenschen zu helfen suche. Natter. Ja, weil ich nicht will, daß Sie eines Tages selbst der Hilfe bedürfen. Leont. Aha, das soll wohl heißen: Rechne nicht auf meine Hilfe, ich kenne Dich dann nicht mehr. Natter. O mein Fräulein, wie können Sie mich so verletzen! (Faßt ihre Hand.) Giftb. (schleicht aus Seite links durch die Mitte ab). Leont. Ja, die Hand geben Sie mir jede Minute, aber die leere. Natter (läßt ihre Hand los). Nun denn, mein Fräulein. — Erlauben Sie. (Sieht zur Thür links hinein.) Er ist fort — um so besser. (Laut ) Mein Fräulein, welche Summe wünschen Sie? Sechzehnte Scene. Natter. Natzl. Leontine. (Hundegebell von außen.) Eine Weiberstimme. Ach mein Azor! Du Spitzbub'! Wart',ich werd' Dir lernen! Natter (ausgebracht). Was soll denn das heißen? Natzl (springt durch die Mitte herein und hält die Thür zu). Pftht! Natter. Schlingel, was treibst Du denn? Natzl (kommt vor.) Nir! i Hab' nur da dräust af der Stieg'n a Spitzl g'ratzt, und da is 's Fraul dazukommen. Schamster Diener allerseits! Ah, die gnädige Fräul'n! Fräul'n Milder. Natter (fährt ihn an). Was will Er? Natzl. Deißens nur net! I thu' Ihnen ja nir! Fräul'n Milder, erlauben schon. Natter. Tölpl, ich beut'l ihm den -- Natzl. Sie wollen mich beuteln? Thun's das nit! Da ist der Mastrin ihr Grund und Boden, sic ist Herrschaft von der Flachsplantage. (Zu Leontine.) Erlauben, Hand büßen. (Küßt ihr die Hand.) Natter. Wird er endlich sagen, was er will? Natzl. Die Mastrin schickt mich mit der Rechnung — (Gibt fit Natter.) Euer Gnaden verzeihen schon, die Rechnung is die Ihre, ich bin galant — war' ich Meister, ich machet die Schuh umsonst, Euer Gnaden haben ja eh so winzige Fußerln als wie die klein' Kinder, die, weil's no nit steh'n können, ihre Füß' derweil in's Maul stecken. Leo nt. Hahaha! Der Zunge hat eine originelle Art, einem Elogen zu machen. — Nun, wie geht's deinem Meister? Natzl. Dank der Nachfrag', Kopfweh hat er heut' wieder und da bildt' er sich allerhand ein. So glaubt er z. B. manchmal, er ist kein Schuster, sondern er g'hört zu ein' Verein, der d rauf ausgeht, die Menschen alle umz'ändern. Leont. Umzuändern? Ja wie? Natzl. Na, er möchl' halt alle Leut' zu Brüdern und Schwestern machen. Na, z'wi- der wär's freilich nit, wann Sie mein' Schwester wär'n. — Da war' ich ganz Bruder. Leont. Hahaha! Natter. Da hat Er sein Geld und nun mach' Er, daß er fortkommt. Natzl. O, um mein Fortkommen bin ich schon selber besorgt. Wann Ihnen sonst keine grauen Haar wachsen thäten — ah ja so — Sie tragen a Perrücken. Natter (sucht umher). Bursche! — Natzl (zu Leontine). Euer Gnaden, der Herr sucht ein Stock, er könnt' doch ein' sinden — ich geh' lieber. (Küßt ihr die Hand.) Erlauben's no amal Hand büßen — es is a wahres Hautgout und darum sagen ^ie's gefälligst dem alten Geldsack, will H ihm ja verzeih'n, daß er mir kan lucker« tni Pfennig Trinkgeld geben hat, der ^chmutzian! (Springt ab.) Siebzehnte Scene. Vorige ohne Natzl. Natter. Endlich ist der Schlingel fort. Entschuldigen, Fräulein, aber Sie selbst sind Ursache. Leont. (lachend). Ich weiß, ich weiß. Natter. Hier, mein Fräulein, sind fünfhundert Gulden. (Gibt ihr ein Päckchen.) Leont. Danke, Herr Curator. Natter. Jetzt aber gestatten Sie mir, meine Holde, Ihnen zu versichern, daß — Leont. Ein andermal, Bester, für jetzt Adieu! (Durch die Mitte ab.) Achtzehnte Scene. Natter (allein). Wie sie mich mißhandelt! Ich bin in ihren Augen nichts als ein Cassier, der Geld schaffen muß; und ich möchte so gern etwas Anderes — so ganz etwas Anderes sein! (Seufzend links ab.) Verwandlung. (Oede Gasse. Im Hintergründe ein HauS ohne Stockwerk. Zwei beleuchtete Fenster in der Fronte des Erdgeschosses. Neben den Fenstern eine einfache Thür als Eingang. An der Seite eine düstere Straßenlaterne. — Musik.) Neunzehnte Scene. Franz. Marianne. Wenzel (ein Kind aus dem Arme, treten aus dem Häuschen). Franz (mit Reisetasche, in Reisekleidero). Weine nicht, geliebte Marianne, wir sehen uns ja wieder, so Gott will. Mar. Ach, Franz, mir isi das. Herz so schwer, fast meine ich, mein Leben geht zu Ende. Franz. Du mußt dem Schmerz zu gebieten suchen, Marianne, um unser's Kindes willen, fasse Dich. Mar. Ja, Du hast Recht, bin ich doch weniger zu beklagen als Du, da mir unser süßes Kind bleibt. Wenzel, der Vater will sein Kind zum Abschied noch einmal küssen — gib — Wenzel. Ja, pan6. da ise! (HältFranz das Kind hin.) Franz (küßt es). Gib den Kleinen der Mutter, Tu gehst mit mir. Wenzel. Ja, MU6. (Gibt Marianne das Kind) Franz. Da nimm'! (Gibt ihm die Reisetasche.) Marianne, mein theures Weib! Gott erhalte Euch! Lebt wohl! (Küßt sie und eilt S. K. ab.) Mar. (schmerzlich). Franz! Leb' wohl! (In s Häuschen ab, man hört zusperren. Musik. In der Ferne schlägt es eils Uhr ) Zwanzigste Scene. Gistbolz (den Hut in die Augen gedrückt, einen Knüttel in der Hand). Giftb. Endlich ist der Mann fort. Lange genug haben sie gekost, viel zu lange für mick. Bald Mitternacht! Soll ick es wagen? Mir bleibt keine Wahl! Der Natter wird, meine augenblickliche Noth- lage benützend, mick mit einer geringen Summe abspeisen, bin ich aber mit dem Nothwendigsteu gedeckt, dann kann ich ihm dictircn? Vorwärts! Die Gasse ist abgelegen, die Thür mit d esem Allerweltsdiener (zeigt einen Schlüsselbund) leicht geöffnet, ich überfalle das Weib und zwinge es, mir die hundert Gulden zu geben, sodann mache ich morgen dem Natter meinen Besuch, den ich so oft wiederhole, bis er mir die Summe auszahlt, die ich begehre. — (Späht durch das Frnstrr.) Sie legt das Kind in die Wiege — jetzt geht sie zum Tische Einundzwanzigste Scene. Wenzel (von rechts) Wenzel. Sitzte schon im Wagen, was fahrte auf Eisenbahn, a potom sckau ick noch bissele, was machte Franzisku kleine. (Geht zum Fenster. Zn diesem Augenblick sieht man eiuen Schatten am Fenster und hört einen erstickten Schrei Das Licht im Hause erlischt. Entsetzt:) Jesus! Was Hab' ich siechte! Hilf! Hilf! Zweiundzwanzigste Scene. Voriger. Giftbolz (aus dem Hause, will fort). Wenzel (wüthend). Ah satra^ene! da ise Bestie vermaledeite! (Umklammert ihn und ruft:) Hilf'! Patrouill! da kumste nit weg! Giftb. (ringt mit ihm, schleudert ihn zurück, will entflieh'n). Wenzel. Hilf! (Packt ihn neuerdings, Giftbolz versetzt ihm mit dem Knüttel einen Schlag, Wenzel stürzt zusammen, Gistbolz entflieht.) 0 k026 8w0ll1^ — 86 NLtl ULNU! (Furioso.) (Der Vorhang fällt.) Zweiter Äct. (Aermliches Zimmer. Mittel und Seitentyür- Ein Fenster, dessen eine Scheibe halb zertrümmert Tisch. Stuhl. Eine Wiege, darin ein Wickelkind.) Erste Scene. Leni (bei vierzehn Zahrc alt, verkümmert, sitzt an der Wiege und schlummert). Sali. Sali (altes Weib, tritt mit einem Bündel — sie öffnet die Lade — Ha! da lst das Neld! (Sperrt die Hansthür aus und schlüpft hinein. Musik.) ein, M. l., wirst selben ab und rüttelt Lev» ! unsanft). He, Leni! 15 Leni (fährt empor). Wer is? Ah, die Mahm? Sali. Ja, die Mahm, die sich beim Lumpensammeln schindt und plagt, wahrend Du, Faulenzerin, die Zeit verschnarchst. Leni. Ich bin vor Hunger eing'schlafen. Sali. Hunger! O Du Freßmaul, hast nit, wie ich fortgangen bin, ein hal beten Weken kriegt; glaubst, meinG'schast tragt's, daß i Dir a brat'ne Gans und ein' Andivi hinstell'n kann. Die Zeiten werden alle Tag schlechter, die Leut' werfen die Lumpen net so leicht mehr weg wie früher, weil d'Papierfabrikation z'stark überhand- g'nommen hat. Leni. Mahm, nit so laut, 's Kinderl schlaft. Es scheint recht krank z'sein. Sali. A weg'n meiner. Das war a a dummer Stroach, daß i das Kind in d'Kost g'nommen Hab'. Da zahln's von der G'meinde a paar Gulden, aber mein, wia ma anige Tag nur a paar Hefen Kaffee mehr trinkt als sonst, is der Verdienst a beim Teufel. Und jetzt sollt' i auf d'letzt noch 'n Bezirksarzt holen lassen, der glei um ein Haufen Geld Medicinen verschreibt — Nir da, 's wird schon so besser ^er'n. — Unter Andern, war der böbmiscke «chusterbub' heut' schon da? Leni. Na, Mahm. Sali. Lug nit! Er hat g'wiß was mit- dracht und Du hast's hamli gessen? Leni. Na, meiner Seel', er war net — segn's — da kommt er. Zweite Scene. Vorige. Wenzel. (Mitte.) Sali (will auf ihn zu). Ja was is's venn? Du laßt di ja gar nit mehr blicken? Glaubst, wir Zwa bab'n sonst gar nichts !Hun, als auf das Kind Obacht z'geben? Wenzel. Ich Hab' ich kan penice nit Zhabt und — Was machte Franzisku klaue? (Will zur Wiege.) Sali (hält ihn aus, Leni guckt ihm in die Taschen). Halt! z'erst reden. Warum hast kan penice g'habt? Wenzel. Na. weil ich Hab von Kundschaft kriegte kane Trinkgeld. Sali. Da wärst halt a so komcn. Wenzel. Ah waß ich schun, daß ich muß Frau Sali alleweil Maul stuppen, sonst laßte Frau Sali Gift aus an Kindl arme. Sali (betroffen). Na freili, als wenn man so interessirt war'. Wenzel. Nit so schreite! da! (Zieht Würste hervor.) Da is a Bändel Savelati, da jzlaschel vino (gibt ihr ein Fläschchen Wein) ise dobre — kratzte — und da (gibt Leni Backwerk) ise Pofesen mit Bowidl! Su! — (Eilig ) Was machte klane Franzisku? Sali (nahm einen Schluck). Na, heut hat sich der Wenzel brav aufg'führt, dafür kann er sich mit'n Kind unterhalten, so viel er will, kum, Leni, nim u Binkel mit. (Seitencouliffen ab. Leni folgt mit dem Bündel ) Dritte Scene. Wenzel (allein, eilt zur Wiege). Wenzel. Da liegte Paurel klane liebe, da liegte und schlafte. vodw Mro mag Franzisku 86 wate? — Was siech ich? Franzisku schaute su schlecht aus, ise su bleich! ise krank, Ale liegte su miserabel. Na wart!— (Richtet das Bettzeug.) Da ziegte! — (Blickt zum Fenster.) Fenster ise brücken. (Stellt sich vor's Fenster.) Su, jetzt ziegte auf Bugl meinige, da schabte nit — ale wann geh ich furt, a polvm ziegte ja do wiede? Ah! waß ich, was mach' ich, ich Hab' ich kafte Schusterpapp für Maste, da nimm ich Papierl — und — ale wo Hab' ich Papierl — (zieht ein Zeitungsblatt hervor) das ise Zeitungsblattl für Masterin — suü ich? — (Entschlossen.) Zeitungsblattl hilfte ja Vulk große, da muße a helfen Kindel klane. Wer me glei — (Klebt die Zeitung über das Fenster.) Su! (Hält die Hand hin.) aha! jetzt, ziegte nit! (Geht zur Wiege.) Su, Kedl klan?, 16 ich war ich amal af zu Haus bei Prag, was liegt in Behmen — a pan tato ich Hab nit siechte, war schon todt, a potom bin ich kommen af Welt! (warm) als ma- minko gute wäre da und hate herzte und hate küßte Wenzel schreimaulete und hate oft singte (fingt ein kurzes Nationalliedchen). (Man hört das Summen einer großen Fliege.) Was ise? Jse Viech grußmächtige, was itichte — (Hascht mit der Hand darnach.) Ich Hab ich schon. (Macht langsam die Hand auf — man hört wieder das Summen.) Hab ich denn uit? llemaiu — ak satraroni — da muß ich — (schlägt sich aus die Stirn) Hab ich schon! Ich Hab ich Fliegen tudt schlagen aus Kupp — a ise Kupp meinige pfiffige! (Das Kind weint, er geht zur W^Ar) Na, na — nit wanen — ich will ich gleich. — Ah — waß ich — Klane will trinken biffele. Ja, ja, liebe batschliku, kriegste was. (Nimmt ein Saugglas vom Schrank.) Da ise schon Gudl gudl! — (Kostet die Milch.) Ist Mili grausliche — na, Kindel, hate ja kaue Verstand — was waßte, daß Miliweib machte Schmiermichan infame. ko)ä 8om — pojä 86M. (Nimmt das Kind heraus und hält ihm das Saugglas an den Mund.) ^0,60 eli668? Er trinkte nit — verdrahte Augen — O jekus, jekus, was fangte ich an! (Schaukelt das Kind.) Vierte Scene. Vorige. Natzl. Gottlicb. (Mitte.) Natzl (auf der Schwellt). Wenzel! Wenzel (perplex). Natzl ise da. Natzl (nachspottend). Ja, Natzl ise da. (Zeigt aus Gottlieb). Wenzel (entsetzt.) kaue Maste? (Legt schnell das Kind in die Wiege.) Jetzt süN me pritsch. Natzl. Du kannst Dich g'fteu'n! Gottl. (zieht dm Knieriem hervor). Wenzel. O Jekus! pane Maste! (Duckt fich.) Gottl. (geht zu Wenzel, holt zum Zuschlägen aus. zaudert aber). Der Mensch soll nicht dreinschlagen, wohl aber dem verirrten Bruder mit Milde und Sanftmuth ent- gegenkommen. — Bruder Wenzel, verstockter Bösewicht, hartköpfiger Schusterbub, vulgo Dickschadl. von winnen und von wannen kommst du hier in dieses Gehäuse? Natzl. Aber, Master, glauben's, der macht Ihnen keinen blauen Dunst vor? Gottl. Die leuchtende Sonne der Wahrheit zertheilt alle Dünste, wenn sie noch so blau sind, und vor dem, was wirklich ist, verschließt man Augen und Ohren umsonst. Sprich, Wenzel, auf daß wir klar sehen in dem Wirrsal deiner Spitzbübereien. Wie kommt's, daß Du seit vierzehn Tagen trotz aller Fisch halbe Tage lang unsichtbar bist? Natzl. Red', Wenzel, tum'l dich, Erecu- tion kommt doch, also mach' lieber kurzen Prozeß. Gottl. Ruhig, Natzl! Natzl. Na ja, ich waß schon, beim Master gilt der Wenzel alleweil mehr als ich. Gottl. Vorm Schekel seid Ihr Beide gleich, und jetzt schweige undDu, Wenzel, red'. Wenzel. Maste, heut ise vierzehn Tag, daß ise pano Franz furt auf Krakau und hate mußen lassen z'ruck Mutter mit Kindel seinige. Da Hab ich paus Franz beten, daß derf ich Franzisku klane leisten Dienst, wann Hab ich bißele Zeit, a potom ise pauk Franz furt, ich aber, ich bin ich noch amal hin zu Haus, wo Franzisku logirte -- da — o Jekus! da hör ich in finstere Nackt Schrei schreckliche und siech ich, wie Mann grüße entsetzliche schlagte im Zimmer auf Mutter von Franzisku, machte kralewat ganze Geld und rennte furt. Gottl. Er hat sie umbracht? Natzl. Schrcckli! Wenzel (schmerzlich). Ja,Bestie verfluch» tige hate ihr schlagte Luch in Kupp gruß- mächtige. Da ise kummen raus, da Hab ick ihn packte und Hab ich schreck: Patroll! 17 Na, Patroll is e wul kummen, ale war's Lump niederträchtige furt — lang furt. Natzl. Na und Du? Wenzel. Ich — ich bin ich mit Luch in Kupp meinige g'legen auf Gassen, wie ise aber Patroll kummen, a potom da Hab ich kriegt Angst schreckliche, daß mich führte ein, a potom bin ich g'loffen af zu Haus. — In andere Tag, wie bin ich kommen wieder, da Hab ich hörte, daß Franzisku klaue arme habn's geb'n daher in Kost, und Mutter seinige, was ise nit todt — iu Spital. — Da iseUrsach' warum ich komm' ick selten af zu Haus. Anemal geh ich zu Franzisku, was is e ganz verlassen und thu ich pflegen, a potoiu geh ich wieder in Spi- tol und bring' ich Mutter seinige Pust, wie gehte klane Franziska. — Na, ich Hab' ich sagte, was ise wahr — paus Maste — da ise Bugl meinige — (schluchzend) da schlagte. Natzl (geruht). Wenzel, lieber guter Wenzel, sei nit bös, daß i Di mannigsmal g'schippelt Hab'—Wenzel, gib mir a Bußl! (Küßt jhu stürmisch ab.) Wenzel. Ale Natzl, reiß mir Kupp meinige nit so stark. Natzl (läßt ihn los). Na, und Sö, Herr Master? Was manen denn Sö zu der G'schicht? Gottl. (zieht den Knieriem hervor). Natzl. Na, Sie wer'n 'n Wenzel do net hau'n woll'n? Allen Respekt vorn Herrn Master, aber — Gottl. Sei ruhig! Den Wenzel Han' ich mcht. aber (grimmig) mein' Alte. Natzl (ironisch). Laß sich der Master net auslachen, dös Stuck spieln's gar nit. Gottl. Oho! mich kennst Du nicht. Ich mn zwar ein Erleuchteter, aber wann ich ansang', so bin ich ein Viech. Natzl. Aber Sie fangen net an. Und Eigens ist das a jetzt net die Hauptfach', ^a schaun's her, in der Kaluppen logirt a verwandter von Ihnen. Gottl. So? Wer denn? H«»ttr-Rep«rtoirr Nr. 1Kb. Natzl. Na, wer denn, als Ihren Herrn Sohn sein Kind. Da hier muß das Kind schmachten. Wenzel. Ja, Franzisku klane ise ganz krank. Natzl. Was?kranka no? Master,hab'ns g'hört, das Kind is krank. Ich frag', was woll'n Sie in der Sach' thun? Gottl. Die Alte wird g'haut. Natzl. Ah, davon wird 's Kind nit g'sund. Das Kind is von Vater und Mutter verlassen, also müssen wir helfen. Halt! ich Hab' a Idee! Gottl. Merkwürdiger Schusterbub'! Wenzel. Red, Natzl, liebe. Natzl. Vor allen andern holt der Wenzel jetzt ein Doctor, ich bleib' derweil da; Sie, Herr Master, aber, Sie geh'n zu der Fräul'n von Milder, das is a große Wohl- thäterin der Armen, der erzähl'n Sie die ganze G'schicht und bitten Sie's, weil wir alle Drei ka Geld haben, sie soll Ihnen eins vorstrecken, daß wir anschaffen, was der Kleine braucht und a beffers Quartier aufnehmen können. In das Quartier aber bringen wir nachher die Masterin, machen ihr was vor, wir sagen, das Kind is von ein russischen Fürsten, oder so was — die Lug' werd schon i recht pfiffig ausstudirn — es is krank — der Doctor is ein Esel und sie soll's hamli mit ihre Sympathiemittel curir'n. Auf die Art fädeln wir sie ein. Wenn sie nachher erfahrt, das Kind is vom Stiefsohn — da — muß man nnr die Weiber kennen — da is's nachher in das Kind so vernarrt, um so mehr, weil's glauben wird, sie hat's curirt, daß sie's ins Haus nimmt, na, und wo 's Kind is, da hat die Mutter a a offne Thür. Man muß nur die Weiber kennen! — No, is mein Idee nit gut? Wenzel. Ise sehr gut! da ise grußartig! Gottl. Natzl, Du bist mehr erleuchtet wie ich, Du mußt ein Johannesbruder werden. Natzl. Ja später. Jetzt, Herr Master, geh'ns g'schwind' zu der Fräul'n Milder. Wenzel, laus zum Doctor. r Gottl. (geht zur Wiegt gerührt) Mein Enkel! ob er wohl dereinst so groß werden j wird wie der Erzeuger seines Erzeugers? Wenzel (bittend). Gebn's ihm ttudieku, prms Maste. Gottl. 3a den ttndieku des Friedens. (Dill das Kind küssen, es schreit.) Er scheint darb auf mich und er dürft' nicht so Unrecht haben, denn obschon ich ein Erleuchteter bin, so ist mir doch so gewiß dunkel, ob mit Bezug auf das Kind meine Lehrbuben nicht ausnahmsweise mir den Schopf beuteln sollten. Za, der Mensch ist nichts als ein Gesäß voll Sünden und selbst bei uns Erleuchteten ist manchmal obenauf noch ein Gupf, fasst mein Nachbar, der Schlosser. (Mitte ab.) Wenzel. Ich trag ich Franzisku klanr auf Frau Sali, a. potom hol' ich Doctor. (Mit dem Kinde S. b. ab.) Fünfte Scene. Natzl (allein). Natzl. Mir scheint, der Master sieht ein, daß er ein Papplöffel is; i weiß net, er muß doch a amal a Lehrbub' g'wesen sein, 's is unglaublich, daß sich d' Natur mit der Zeit so verlaugnen kann. Mir kommetens z'recht. Ich gib ein Jeden was aufz'rathen. D' Wiener Schusterbub'n sein weit und breir berühmt und i wir mein Stand ka Schand' machen. Lied. Vor allen Professionen Mi 's Schnsterhandwerk g'freut, ES gibt unS einen Vortheil Vor alle andern Leut'. Denn das, was oft ein z'Grund richt't Aus seinem Lebensweg, Das is'S, was wir g'rad' brauchen, Es is das g'wisse Pech. Wer sein Pech nutzen kann Der hat 's Zeug zu ein' Mann, Der wird a g'wiß mit Ehren ' Freig'sprochen wern! (Jodler.) A G'schwnserl, g'schnürt mit'n Zwicker, Glace-Handschua, Cigarrl, Eylinder und Lackirte, Sckön g'schneckerlt a jed's Haarl; So hupft als wie a Heuschreck, Im Leib kan Tropfen Blut, Das G'schmuferl auf der Straßen, Es wird Ein'in rein nit gut. Siech i das G'schwnferl, g'schwind Ruf i: »Leut, 's geht der Wind! Hängt s ihm zwa G'wichter an S'waht ihn davon.« (Jodler.) A Doctor, Mediciner, Kriegt ein' unbändigen Zorn, Wann auf der Gaffen d'Lehrbuben Mit Kügerl scheiben thun. Er sagt, da machen's Grüberln Am Weg tritt man hinein, So kann eS leicht ihm g'schehen, Daß er bricht Arm und Bein. Doctor, laß uns die Freud', > Thust ja do' selber d'Leut Mit'n Recept verschreib'« Jn's Grüberl schcib'n. (Jodler.) Am Land dräust war a Dicker Mit einem Kopf — so groß! Und nachher mit ein' Stimmstock, Der wirklich war famos. Den Dicken hat die G'meinde Zum Vorstand auserkor'n, Doch wie er hätt' soll'n reden, Da is er — ausg'lacht wor'n. Mir das nit g'schehen thät; Kann i net, red i net, Aber hätt' i schon Schneid', Redet i g scheidt. (Jodler.) Ich geh' g'rad auf der Straßen, Da kommt a Reiter her, Das Pferd macht glei a Hupferl, > AlL wär der Reiter z'sckwer. Der aber fallt vor Schrecken § G'schwind um 'n Hals dem Roß, ! D'rauf brickt von allen Seiten Glei der Spectakl los. L9 Daß mir dos nct passirt, Bin i affecurirt, Weil i net reiten muaß, I. hatsch schon z'Fuaß. (Jodler.) (Ab.) Verwandlung. (Kleiner geschmackvoller Hausgarten. Im Hintergründe links ein Pavillon.) Sechste Scene. Betti. Natter. (Hintergrund rechts.) Betti. Ich bitte zu warten, das gnädige Fräulein befindet sich dort im Pavillon. Natter. Lassen Sie nur, Sie brauchen mich nicht zu melden. (Will dahin ab.) Betti. Entschuldigen Herr von Natter, das Fräulein ist nicht allein. Natter. Nicht allein? Wer ist in des Fräuleins Gesellschaft? Betti. Herr von Auhof. Natter (betroffen). Auhof, Hm! Dann will ich lieber später komme«. (Für sich.) Wozu noch länger zögern? Der heutige Tag — ja die nächste Stunde soll über die Zukunft entscheiden. Adieu! (Hintergrund rechts ab.) Siebente Scene. Betti (allein). Betti. Wenn mich mein Stubenmädchenblick nicht gänzlich täuscht, so ist der Alte in mein Fräulein verliebt. (Lacht.) Na, der Nebenbuhler wird dem jungen hübschen Auhof nicht gefährlich. (Hintergrund rechts ab.) Achte Scene. Leontine. Auhof. (Hiutergrund links kommend.) Leo nt. Ja, mein lieber Herr von Auhof, es ist leider nicht anders. Meine Revenuen ! erlauben mir für diesmal nicht, die Sommermonate auf dem Lande zuzubringen. Es ist jedenfalls bedauerlich. Auhof. Mein Fräulein, gestatten Sie mir Ihnen im eigenen Interesse zu widersprechen; da ich sonst nicht so glücklich wäre, täglich ein Stündchen in Ihrer Nähe ath- men zu dürfen. Leo nt. O mein Herr, ich traue Ihrem für mich so schmeichelhaften Egoismus nicht. Gestehen Sie es nur, daß Sie gar nicht in meiner Nähe athmen würden, hielten Sie Pflichten Ihres Berufes nicht in der Stadt zurück. Auhof, Leontine! Ach, wie oft soll ich Ihnen meine Ergebenheit betheuern, wie lange soll die Bewerbung um Ihre Hand für mich eine brennende Frage sein, deren Beantwortung sie hartnäckig verweigern. Leo nt. Gehen Sie, diese brennende Frage macht Ihnen gewiß nickt Kummer. Auhof. Sie spotten? Leontine! Heute, jetzt noch muß ich um Entscheidung bitten, es ist mir unmöglich, länger meinen Gefühlen Zwang aufzuerlegen. Sprechen Sie, angebetete Leontine — ich flehe Sie an. Leont. Louis — ich — nun gut, Sie sollen Antwort haben, zuvor jedoch gönnen Sie mir Zeit mich zu fassen, vorzubereiten. Anhof. Ack, Leontine, weshalb wollen Sie — Neunte Scene» Vorige. Betti (treten aus dem Hintergründe rechts). Betti. Gnädiges Fräulein, der Mann, der Sie bittet, dieses Schreiben sogleich zu lesen, wartet auf Antwort. (Gibt ihr einen Brief.) Leo nt. Sie entschuldigen, lieber Auhof — wer ist der Mann? Betti. Es ist der Schuhmacher Blatts. Er sieht sehr ängstlich aus. Leo nt. Aengstlich? Nun, wenn ich ihm vielleicht nützen kann, so - (liest den Brief). 2 * 20 Mein Gott—entsetzlich! — Ach! (Liest weiter.) Welches Unglück! — Schnell, Betti, er möge kommen. Betti (Hintergrund links ab). Auhof. Leontine, Sie erschrecken mich. Leo nt. Sie haben nichts zu befürchten, doch jetzt bitte ich Sie, lassen Sie mich mit dem Manne allein. Aber kommen Sie in einer Stunde wieder. Ja? Auhof. Wie Sie befehlen. (Küßt ihre Hand und geht rechts, mehr vorne ab.) Leont. Welches Unglück! Ach, die Armen ! Zehnte Scene. Vorige. Betti. Gottlieb (aus dem Hintergründe tretend). Betti. Hier ist das gnädige Fräulein. (Hintergrund rechts ab.) Gottl. Danke, Schwester Stubenmädl. — (Kommt vor.) Euer Gnaden, unterthä- nigster — Leont. Ach, lassen Sie doch die bere- monie und sprechen Sie. Ist es Wahrheit, was in dem Briefe steht? Gottl. Ja, ich Hab' den Brief g'schrie- ben, weil ich glaubt Hab', ein schöner Stylus macht mehr Eindruck und nachher Hab' ich mich auch genirt. Leont. Marianne, die arme Mutter — darum erwartete ich sie vergeblich. Ich war schon recht böse. Gottl. Bös? Da empfehl' ich mich wieder. (Will ab.) Leont. So bleiben Sie doch. Gottl. Das Döse muß man meiden. Leont. Aber Meister, Sie mißverstehen mich. Jetzt bin ich ja nicht böse, nur bekümmert — die arme Marianne! Sprechen Sie, was gedenken Sie zu thun? Gottl. Ich, eigentlich nichts. Leont. Wie? Ist denn daö Kind nicht Ihr Enkel? Gottl. Ja, darum möcht' ich — sagt der Natzel—inständigst bitten, daß Sie gnädiges Fräulein, was für das Kind thun — sagt der Natzl. Leont. Mit tausend Freuden. Sagen Sie nur in welcher Weise? Gottl. Der Natzl meint, Euer Gnaden soll'n mit mir hinter'm Rucken meiner Frau — das heißt, ich bin ein aufrechter, solider Schuster — zu so was Hab' ick mich in meinem Leben noch nicht verleiten lassen, — Euer Gnaden soll'n mit mir ein kleines Geldnegozi abschließen. Leont. Ich soll — Gottl. Ich weiß zwar nicht, auf was mir Euer Gnaden a Geld leihen sollen, höchstens auf's G'sicht, aber bei der Zeit, wo man alle Augenblick ein ander's G'sicht zu machen gezwungen ist — Leont. Quälen Sie sich darum nicht. Sagen Sie, welche Summe Sie benö- thigcn. Gottl. Da Hab' ich den Natzl gar nicht g'fragt, wie viel wir brauchen. Leont. Nun, da geben Sie an, was Sie im Interesse Ihres Enkels unternehmen wollen, was er benöthigt — Gottl. In dem Alter hat man keine so kostspieligen Bedürfnisse — Leont. Er hat vielleicht nicht das nöthige Wäschzeug — Gottl. Das hat er, glaub'ich, gar nicht, aber sonst — Leont. Schlechtes Bett — Gottl. Sehr schlecht — aber sonst — Leont. Es fehlt ihm an Psiege — Gottl. Richtig, Pflege hat er anch nicht, aber sonst — Leont. Die Wohnung, wo sich dasKind befindet? Gottl. Die is schauderhaft, aber sonst — Leont. Ja,lieber Meister, was hat denn das Kind sonst — wenn cs gar nichts hat? Gottl. Sonst hat's halt auch nichts. Leont. Und so sorgen Sie für Ihren Enkel? Gottl. Der Herr, der die Lilien des Feldes kleidet — 21 Leo nt. Schämen Sie sich, haben Sie denn kein Herz? Gottl. (singt), 's Herz is a g'spaßig's Ding - Leont. Das hätte ich von Ihnen, von dem es heißt, daß er im Punkte der Religion rigoroser ist, als viele seiner Mitmenschen, von einem solchen Manne hätte ich das nicht erwartet. Gottl. Das is wahr — Leo nt. Nun, machen Sie Ihren Fehler schleunig wieder gut. Sie sotten Geld haben, so viel Sie benöthigen; doch nein, Ihnen traue ich nicht mehr. Bringen Sie mir das Kind. Gottl. Was? Fräulein, Sie wollen ein kleines Kind in s Haus nehmen? Leo nt. (eifrig). Ja, ich will ihm Mutter sein. Hier soll cs sein Heim finden — ich räume ihm mein schönstes Zimmer ein, kaufe eine Wiege, wo habe ich denn nur die Wiege mit Seide und Gold verziert gesehen? Dann muß es eine ganze Ausstattung von Battistleinwand bekommen — eine Amme, eine Wärterin — spater halte ich ihm alle möglichen Lehrer. (Schnell.) Schreib-, Zeichnen-, Sprach-, Reit-, Fecht- und Turnlehrer, ah, es muß ein reizender Knabe werden, voll Geist und Intelligenz, später ein genialer Künstler, oder ein tapferer Soldat, oder ein erleuchteter Staats- mann, und allen Weibern soll er das Herz warm machen — ha! lassen Sie nur mich machen, es soll die schönste Aufgabe meines Lebens werden, einen Me„schxir nach meinem Sinn zu bilden. Schnell, schnell, lieber Meister, wo ist das Kind? bringen Sie es. Gottl. Euer Gnaden, ich muß sagen, Euer Gnaden haben eine Einbildungskraft wie wir Erleuchteten, wenn wir Geister sthen. Leont. (lachend). Haben Sie schon welche gesehen? Gottl. Bis dato noch nicht. Einmal "uf d'Nacht unter'm Hausthor, da war mir, als sehet ich ein' Geist, aber wie dann e»l G'freitcr vom Regiment Heß den Geist beschworen hat, nachher Hab' ich g'sehn, daß cs ein etwas vollblütiges Kuchlmadl vom zweiten Stock war. Uebrigens, ich erleb'S schon noch, die Geister. Leont. Sprechen wir jetzt nicht von Geistern, sondern von — Eklfte Scene. Porige. Betti (aus dem Hintergründe rechts). Betti. Gnädiges Fräulein, der Herr von Natter. Leont. Natter? Der kommt eben recht, ich lasse bitten. (Betti im Hintergründe rechts ab.) Bleiben Sie, lieber Meister, wir wollen gleich die umfassendsten Einleitungen treffen. Gottl. O ich bitt', sich nicht zu geniren, thun Sie, als wären Sic zu Haus. (Blät. tert in seinem Buch.) Zwölfte Scene. Vorige. Natter (aus dem Hintergründe rechts tretend). Natter. Mein Fräulein, ich komme — Leont Lieber Natter, es freut mich, Sie zu sehen. Ich habe Wichtiges mit Ihnen zu besprechen. Natter, (boshaft). Mit Bezug auf Herrn von Auhof? Leont. Auhof? Nein, das ist es nicht, wovon ich sprechen wollte, indeß sei es gleich erwähnt, daß ich im Begriffe bin, seinen dringenden Bitten nachzugeben, und ihm meine Hand zu reichen. Natter. Fräulein — Leont. Später davon ein Mehreres. Für jetzt zeige ich Ihnen an, daß ich Geld brauche und diescsmal sehr viel. Schütteln Sie Ihr ehrwürdiges Haupt nicht so energisch; Sic gleichen ohnehin dem Geiste, der stets verneint. Ich sag' Ihnen nur, ich brauche viel Geld und Sie werden nicht so unartig sein, mir mein Ansuchen zu refü- streu, sonst (lachend) dringe ich auf einen andern Curator. Gottl. Na, na — wann er kein Geld Vergibt. Natter (mit leisem Hohn). Das haben Sie nun nicht mehr nörhig. Le out. (befremdet) Wie soll ich Ihre Worte deuten? Natter. Meine Worte lassen nur eine Deutung zu, mein Fräulein — doch Sie sind nicht allein — Leont. (hastig). Das thut nichts, erklären Sie sich. Gottl. O bitt' — ich bin eben geistesabwesend. (Liest im Buch.) Natter, (zieht Papiere hervor). Hiermit lege ich die Rechnungsausweise über Ihr Vermögen — über das Vermögen, welches Sic einst besaßen, in Ihre Hände. Es ist mir höchst schmerzlick, Ihnen sagen zu müssen: Sie sind ruinirt. Leont. Ruinirt? Mein Gott! Gottl. (bei Seite). Sie hat kein Geld, Was wird der Nah! dazu sagen!? (Schließt das Buch.) Leont. (hat sich gesetzt). Nein, nein, es kann nicht sein — ich kann's nicht glauben. Natter. Bitte, mein Fräulein, die Rechnungen durchzngeh'n und sich zu überzeugen. Leont. Nun, isr's einmal so, dann wollen wir sehen. waS es heißt: ringen mit Noth und Entbehrung. Natter. Hm! dergleichen haben Sie nicht zu fürchten, da Sie sich ja vermälen. Leont. Mein Herr, meinen Sie, ich würde dem Manne meines Herzens jetzt die Hand reichen? (Zu Betti.) Betti! wenn Herr von Auhof kommt, sage ihm, ich ließe mich entschuldigen. (Betti im Hintergründe .recht-z ab.) Meister, Sie hörten Alles. Die schöne Vision, die wir Beide hatten, ist in ein Nichts zerronnen. Indessen, kommen Sic morgen wieder, was ich für das arme Kind thttn kann, soll dennoch geschehen. Küssen Sie es für mich. (Geht gegen links.) Natter, Mein Fräulein — Leont. Lassen Sie mich, ich will allein bleiben. (Vordergrund links ab.) Dreizehnte Scene. Vorige (ohne Leoutine). Natter. Ich folge, und wenn sie sich beruhigt hat, nähere ich mich ihr und wage es, ihr die Hand des Retters, des Gatten anzubieten. (Folgt ihr.) Vierzehnte Scene. Gott lieb (allein). Gottl. Ein charmanter Mann, dieser Herr von Natter, aber ein Blutsauger erster Größe. Letzthin, Hab' ich g'hört, hat er amal ein' 500 Gulden glichen, wovon der die eine Halbscheid in rothe Paraplui und die andere Halbscheid in ausgcmustcrtrn Pickelhauben hat nehmen müssen — und nach fünf Monaten war er ihm mit sammt die Interessen und Gebühren gegen 300,000 Gulden schuldig. — O, diese Wucherer! das is eine Bagage — die sollt man — (cs klingelt) bin ich jetzt erschrocken — die Fräul'n da im Gartenhaus hat ihren Stubenmadl g'läut und mir war, als ob man mich wie einen unliebsamen Redner zurOrdnung rufet. Ja, diese Ordnungs- glocken, das is eine Wohlthat, denn wann nit alleweil zur rechten Zeit g'läut' wird, so kommeten G'schichten auf's tapet, über die man eigentlich ganz stat sein soll. Lied. So war' es gelungen. Wir hab'n sie errungen Die Freiheit, die schöni Und Sachen dameni, Jetzt heißt's aber schleunig, Werd's nur amal einig, Sonst könnt'S unS paffir'n, Das; wir's wieder verlieren! 23 Das ewige Streiten Js nimmer zum Leiden, Der Separatismus, der wird Ein' schon fad — Ich bin ja schon stat! Bei die Comfortable Had'ns Roß so passable, ^ Für d'Stellwagen-Rößer j Js d'Rackerei größer, i Im Stadtgraben aber ! Da gibt's langen Haber ! Wie's d'Pferd' malträtir'n i Beim Schotter hinführ'n. Wo liegt da der Fehler, An Verein gegen Thierquäler, Ja, wird denn der Vorstand da nit rabiat? I bin ja schon stat. Im Elifium thun's kehren, 's Serail rcpariren. Der Pascha kann lachen, Kriegt Alles neubachen. Amerika, Asien Tritt in ganz andere Fasten, Afrika und Australien Wird auch neu gemalicn, Nur Europa, Werden s seh'n, Da wird wieder nir g'scheh'n. Zeit wär's, daß der Daum für d'Rc- staurirung was that, I bin ja schon stat. Daß d'Schulen nir haßen Mit vier und sechs Elasten Wird alleweil gepredigt, Aber 's wird nir erledigt. Die Kinder in Böhmen Die müssen sich schämen A deutsches Wort z' reden. Das gift schon ein Jeden, ------ Auf d'Letzt wer'n wir Alli Roch böhmisch pomali. Ja, iS denn der Deutsche schon gänz- lich in Scat? I bin ja schon stat. Ich Hab s schon vernommen, Nächstens wird's herauskommen, Daß die wechselnden Moden Wer'n gänzlich verboten! Nach'n Alter wird man fragen. Nach dem darf sich a Jed's tragen, Nur Mädchen mit Zwanzig Zeig'n emancipirt im G'wand sich, Crinolinen die großen Wer'n gänzlich verstoßen, Jede Fran kriegt nur alle Jahre ein neues Klad! I bin ja schon stat. S'is wohl zum Erbarmen, Wie s Noth leiden d' Armen Mehl, Rindfleisch und Eier Js Alles sündtheuer, D'rüm hat man beschlossen Zu streben unverdrossen, Daß die Lebensmittclfrage Komm' endli zu Tage! Wir warten schon lange, Aber 's kommt nir zum Gange, Zeit war's, daß's inWien einmal billiger wer'n that — I bin ja schon stat. (Hintergrund rechtö ad.) Verwandlung. (Prunkzimmer in Rätters Wohnung. Alte Möbel mit grauen Ueberzügen Alte FamilienporNätb an den Wänden in schweren Rahmen Silberschrank, Wanduhr. Vergoldeten Luster Eine Mittelund jwei Seitcnthüren, zwei Fenster init dunklen Gardinen.) Fünfzehnte Scene. Pepi. Pfeiferl. (Mitte.) Pepi(mit einenl Armleuchter mit br-nn^-ndln Kerzen und einem Korb). Kommen ö nur, lieber Pfeiserl, genirn's Ihnen net. Der gna Herr is um die Abendzeit nie z'Hans. Wir sein dahier in sein Paradezimmer ganz 24 ungestört und Sie können mir nach Gusto die Cur machen. Pfeif, (sehr magerer, hungrig aussehender Mensch). Das also ist dasParadezimmcr vom Herrn von Natter? Ich muß sagen, die Zimmer von so ein' alten Geldgeber haben so etwas Eigenes, Stilles, Verschlossenes. Pepi. Ja, sie mnffeln so g'wiß. Pfeif. Diese herabgelassencn Gardinen, diese überzogenen Möbel, diese Familien- Porträts an den Wänden, es ist alles so — wie soll ich mich ausdrücken — so — Pepi. So vormärzlich. Ucbrigens, von Familienporträts kann bei mein'Herrn keine Red' sein, ich glaub', der hat gar nie a Familie g'habt. Pfeif. Ja, aber diese Porträts? Pepi. Sein alle im Erecutionsweg am g'schafft wor'n. Den Herrn Vater mit der Frau Mutter hat er bei einer öffentlichen Feilbietung erstanden und der Großvater dort kostet ihm ohne Goldrahmen ein Gulden dreißig Neukreuzer. — Jetzt aber, lieber Pfeiffcrl, ich glaub', Sie sein kommen, mir denHof zu machen, fangen'sdoch amal an — und sein's nur recht galant, so recht fad für jeden Anderen, der zuhöret. Pfeif. Theure Pepi, wenn ich sagen sollte, was ich noch mehr liebe als Sie — lPrpi nimmt Eßwaaren aus dkm Korb und stellt sie auf den Tisch, Pfeifer! mustert sie) a fette Schunken — (laut) so wär' ich der äußersten Verlegenheit, denn Sie sind in meinen Augen (bei Seite) a Gansl — (laut) das Edelste — das Erhabenste — Pepi. So ist'srecht, nur a bißl feuriger. Pfeif. Darum, holdeste Pepi, seien Sie nicht hart wie (bei Seite) dieLinzertortcn — (laut) Donna Diana, und, ach, ich flehe Sic an — geben Sie mir (Pepi bringt eine Flasche Wein zum Vorschein) a Flaschen W — Pepi (erstaunt). Was? Ah, ich soll — imerkt den Zusammenhang) Aha, mir scheint, Sie kommen mehrzu mir, umsichanzneffen, als um mich anznschwärmen. Pfeif, (verlegen). O theure Pepi, Sic können glauben, daß — Pepi Na. ich merk' — (Es klopft Mitte.) Na, wer kommt denn? Pfeif, (ängstlich). Der Herr von Natter. Pepi. Ach, wenn er's auch is. Wenn man liebt, muß man sich immer auf Fatalitäten gefaßt machen. Uebrigcns klopft der nit an. — lNeueS Klopfen.) Herein! Sechzehnte Scene. Vorige. Natzl. Wenzel (durch die Mitte). Pepi. Die Lehrbuben vom Schuster Blattl. Was wollt denn Ihr da? Natzl. Fräule Pepi, schön guten Abend. Wenzel. Und Verrichtung gute. Natzl. Sei still, Wenzel — Fräule Pepi, Sie hab'n g'wiß a Herz, Sie empfinden g'wiß warm. Wenzel. Das sieht me an Liebhabe Ihrige. Natzl. (ärgerlich). Bist denn nit star? Fräule Pepi, wir sein in großer Verlegenheit, Fräule Pepi — leihens uns zehn Gulden. Wenzel. fünfzehn. Pepi. Was, ich soll Euch Geld leihen? Ah, Ihr Schlingeln, is das a Keckheit! Pfeif. Mir noch gar nicht Vorkommen. Natzl. Ah gch'ns, Sie schau'n mir grad nit darnach aus, als wenn Sie von eigenen Mitteln leben thäten. Wenzel (spöttisch). Sic schcene Herr! (Beide Buben lachen.) Pepi. Na, seids so gut, beleidigt's mir den Herrn Pfeiferl. Das is gar ein nobler Herr. Wenzel. Ah, ich kenn' ich schon, da ist Herr, was schlagte Clavier, da lamentirte. Natzl. Jetzt hältst dein Drotladen, laß' mich reden. Fräul'n Pepi. leihen Sie uns das Geld a nit, wann unser Meister für die Zahlung bürgt? Pepi. Der Meister Blattl? Natzl. Ja. es handelt sich um a arms krank's Kind, was im Augenblick kein ander» Vormund hat, als mich. 25 Wenzel. Zch bin ich Ammel seinigc. Pepi. Ja, ich versteh' rein nit, was — Natzl. Es is das Kind von unserer Masterin ihr'n Stiefsohn — der is fort, die Mutter liegtim Spital, die Masterin nimmts net auf, der Master hat ka Geld — wir a nit — d'rum bitten wir Ihnen um 10 fl., es ist das Wenigste, weil wir 8 fl. an dem Ort zahlen müssen, wo 's Kind in Pfleg' kummt und 2 fl. brauchen wir auf Medici- nen und Pulver, was der Doctor verschrieben hat. Pepi (ergriffen). Mein Gott, die G'schicht — ja — ich Hab' nit mehr als höchstens 5 fl. im Augenblick — Wenzel. Mir brauch me zehne — mir muß me haben. Pepi. AberDalk! Hörst net, daß ich nur fünfe Hab'. Haben Sie, Herr Pfeiferl, vielleicht einstweilen — Pfeif. Hier nicht, zu Hause aber — Wenzel. Mir gehn me af zu Haus Pfeif, (schnell). Nein,nichtnöthig,z'Haus sind meine Gelder noch nicht flüssig geworden. Natzl. So krieg'n wir's nit zusamm', das siech ich schon. Wir müssen eine Nationalsammlung veranstalten. Vor'm Haus beim Röhrbrunn sein a Menge Lehrbuben und Dienstmadeln' die ruf' ich herauf, ich werd' ihnen die G'schicht vortragen und wann a Jedes nur a paar Kreuzer gibt, so is Alles gut. Pepi. Aber das geht ja nit. Was saget denn mein Herr, wenn er erfahret — Natzl. Na, da brummt er halt und weiter is's gut. Gleich komm' ich wieder und bring' die ganze Bagage mit. Juhe! (Mitte ab.) Siebzehnte Scene. Vorige. Ohne Natzl. . Wenzel. Fräule Köchin, junge scheene Endliche, sans net bös, ich wünsch' ich, aß Fräule K öchin ans Dankbarkeit für Herz gute füll sie kriegen amal Mann gute a potom Kindel klane brave. Pepi (schnell). Ist schon recht, Wenzel, ich dank' Dir. Magst Du Glasl Wein? (Schenkt ein.) Da trink'! Wenzel. O ich küß' ich vielmal Hand Ihrige, und wanns crlaubens, so wer ich knstenbiffeleWein. (Trinkt aus.) Ahiseäodrs die vino. Pfeif. Donnerwetter, der Bub kann's! Muß auch versuchen. (Trinkt ) Wenzel.Sullns leben! (Trinktwiederan?.) (Gepolter der Kommenden von außen.) Pepi. Ah, der Spektakel! Achtzehnte Scene. Vorige. Lcnzl. Franzi. Pepi. Jstvan. An drei. Wastl. Fritzlund eine Menge Lehrbuben. Lisi. Sali. Wabi. Kathi. Mali (durch die Mitte). Chor. Na, was gibt's denn, nur g'schwind sagen, Denn wir haben nit viel Zeit, Müssen laufen, Wasser tragen, Und der Weg der is gar weir. Natzl (durch die Mitte, tritt vor). Bitt', mich reden zu lassen, meine Herren und Damen. Alle. Herrn und Damen! Hahaha! Natzl. Bitt' nochmals um Redefreiheit. Es handelt sich um eine Sache der Wohl- thätigkeit, zu welcher Sie Ihre Mitwirkung versprechen sollen und zu welcherdieFräul'n Pepi allhier, in Berücksichtigung des edeln Zweckes, dieses Lokal unentgeltlich überlassen hat. Alle. Die Pepi soll leben! Hoch! Pepi. O, ich dank! * Natzl. Wenzel, ich brauch' eine Tribun. Wenzel. Da ise Tisch lange. (Tragt den Tisch in die Mitte.) Natzl (singt auf den Tisch). Wenzlicek, Du g'hörst auf die Rechte. Wenzel. Bin ich schon da. (Stellt sich rechts.) 26 Natzl. Jetzt, Wenzel, jetzt heißt'S zeigen, daß wir die Reichsrathssttzungen in der Zeitung nit umsonst g'lcsen haben. — Meine Herrschaften! Wie ich Ihnen unten schon beilänfig mitgetheilt Hab', so handelt es sich um a Kind, was no in Windeln liegt, net geh'n, net steh'n kann, aber doch das Beste verspricht. Wenn wir Aste das Kinderl unterstützen, wird's g'snnd und kräftig wer'n, wann wir aber nir dafür thun, so wird's dort hingehcn, wo's Herkommen is — in'n Himmel! Wenzel. Kindel berste aber nit in Himmel glei — muß e da bleiben bei uns. Muß me ja Freud' baben an Kindel, wann wird grüß uud stark und fürchte Deibel nit. Natzl. Recht hat mein geehrter Vo»red- ner — d'rum — (räuspert sich). Wenzel. Wart, bring' ich Glas Mandelmilli — (bittet sich von Pepi ein Glas aus). Natzl (spricht weiter). Weil aber das Kind im Augenblick fast ganz verlassen ist, so müssen wir dafür thun, was in unseren Kräften steht. — Und darum — Wenzel (bringt ihm ein Glas). Natzl, da ise. Natzl. Ruhig auf der Rechten, oder ich laß' dieGallerien räumen — ja so! (Trinkt.) Wenzel. Da is e Stängel. (Gibtihmein Salzstange!) Natzl. Weil wir also thun wollen, was in unfern Kräften steht — Wenzel, halt' mir das Stängel — so kommt es mir vor, daß wir vor allen andern Geld hergeben müssen. Alle. Geld? ^ Natzl. Ja, Geld, um die nothwendigen Auslagen für Erhaltung des Kindes zu bestreiten. ^lnd das is nit so viel, wenn Alle, ohne Ausnahme beisteuern. — Ich sehe hier, außer der numerischen Minorität des schwachen Geschlechts, welches uns nichtsdestoweniger bei jeder Gelegenheit majori- firt — Gelt, Wenzl, da spannst a bißt — ich sehe hier vertreten Schmiede, Schlosser, Drechsler, Färber und eine solche Ueberzahl vonSchueiderbubeu, daß ich mich mitFrcu- dcn überzeugt halte, wir brauchen nur Jeder a bisl was für den Hauptzweck zu opfern, und unser Vorhaben wird gelingen. Wenzel. Klingre? na klingle nit, weil hab'n me Papierzcttel. Natzl. Nur keine Inkompetenzen, keine Mißverständnisse, Wenzel, bring' uns in keine verzweifelte Stimmung. Also, meine Herrschaften, votiren wir eine Geldsumme, mit der wir die Pflege für das Kind bestreiten können. Wenn Sie heute jedes für sich ein Zehnerzettel von Ihren Löhnungen und Trinkgeldern und so viel alle Wochen geben, so sein wir. wie die Preußen sagen, »dicke durch« und unser Kind is versorgt. Stimmen wir ab. Woll'n Sie mein' Antrag an- nehmcu? Alle. Ja, ja! Natzl Wenzel, nimm' dein Kappel und samml' ab — aber g'schwind. Wenzel (sammelt ab). Suust reute wieder. Natzl. Und weiter trag' ich d'rauf an, daß wir uns auf a Wochen vertagen, aber ich bitt', nachher vollzählig zu erscheinen. Wenzel. Urlaub kriegte Kaner nit. (Kommt zu Jstvan.) Jstvau. (trotzig). Ldatta, ich gib nir. Wenzel. Was? Du gibstenir? Na wart, wer'n me glei — (will ihn puffen, besinnt sich aber). Na ise äobre. Aber wann Kindel wirde wieder g'sund, apotom bist a Anzige, der nit kann sagen, ah, da Hab' ich auch Theil, da bin ich stutz. Jstvan. kn^v, bin ich immer stolz. Da hast Du doppelt. (Gibt zwei Zetteln.) Wenzel. Juchhe! Mir sau me g'stellte! Wir hab'n me, was brauch me af Pulve, was hate Doctor verschrieb'» auf klaue Re cept. (Geht zu Natzl.) Natzl. So weit sein wiralso. Ich dank'der ehrenwerthenVersammlung für ihre Opfer' Willigkeit, vor Allem aber bitt' ich, bringen wir der Fräule Pepi ein Hoch aus, daß l>c uns so freundlich ausgenommen hat. (Singt vom Tisch.) 27 Alle. Hoch die Pepi! Pepi. Ich dank', meine Freund', und ich leere das Glas auf das Wohl der Wohltätigen! (Singt.) Ich leer' das Glas auf Aller Wohl, Ich lecr's und denke mir. Hilfst heut' Du deinem Mitbrnder, So hilft er morgen Dir. Dritter Act. Vorzimmer des StadtgerichtsamteS. Der Haupteingang durch die Mitte. Rechts eine Seiteuthür mit der Ueberschrift »Derhörszimmer*. Ein Schreibtisch rechts hinter der Thür. An beiden Seiten- wäuden eine Bank- Und denk ich so und trink ich so, Wird Kopf und Herz mir hell, Ich lach', ich sing', ich tanz' sogar, Ich bin ganz kreuzfidel. Erste Scene. Amtsbote Specht (ein gemüthlicher, wohlgenährter Mann mit sehr freundlichem Gesicht, in Eivilklcidung, kommt mit drei Strolchen durch Wenzel. Ta muß icb auch bringen G'sundheit. prosim! 8 potom trink ich Glasl vull, Sn waß ich auch warum, 3cb trink ich, weil schmeckt Glasl Wein Und weil ich bin nit dumm. (Trinkt, schenkt sich wieder ein.) Und trink ich nomal Glasl vull, 3ch ruf ich dabei Huch! Soll leben ganze Menschheit denn, Das is e schönste Spruch! Alle. Und trinkt er no a GlaSl voll, So ruft er dabei Huch! Es leb' die ganze Menschheit denn, Das is der schönste Spruch! (Tanzen durcheinander — Pepi mit Pfeifer! vorne.) die Mitte). Specht. So, meine Kinder, dort ist die Bank, setzt's Euch, wird Euch wohl thun — seid's eh schon lang nit g'seffen — na ja, wie lang is's, daß wir uns net g'seh'n hab'n, doch schon a sechs Wochen? Erster Strolch. Der Herr Amtsbot' braucht uns nicht z'frozzeln, wir sein verlorne Menschen, die von der Noth trieb'n wer'n, allerhond anz'stell'n. Specht (gemächlich). Ja, thut's halt nit gern arbeiten — mein', s 'is halt nit jeder Mensch aufg'legt dazu — na, und wegen verloren sein is nit so arg, wir finden enk ja doch immer. (Gegen die Mittelthür.) Ah, schön guten Morgen! Zweite Scene. Vorige. Natzl. Wenzel (von einem Eivil- wachmann hrreingesührt). Natter (erscheint am Eingänge, schlägt die Hände über den Kopf zusammen). Tanz. — Passende Gruppe. (Der Vorhang fällt.) Natzl. Guten Morgen, Herr Specht. Na, wird ö'Dcrhör bald losgeh'n, wir hab'n ka Zeit. Specht. Ja, das sein ja in'n Meister Blattl seine Lehrbuben ? Hab' schon die Ehr' vom Sehen aus. Natzl. Ja freilich vom Sehen aus, denn da sein wir no net g'west. Wenzel. Mir san me no nit g'west zug'spirte. 28 Specht. Mein! der Mensch probirt allerhand. Na, setzt's Euch dort auf die Bank. Natzl. Herr Specht, wir hab'n ka Zeit. Specht. Waß's net, bei uns bab'ns Alle so gnädig, keiner will sich aufhalten. Seht's, meine Kinder (schnupft), 3hr hätt's halt nir anstell'n soll'n. Natzl. Wir hab'n a gar nir ang'stellt. Gestern auf d'Nacht war'n wir in ein' Hans bei ein' Herrn, der uns zwar nit eing'laden hat — wir waren eigentlich bei seiner Köchin, hab'n dort a klanc Sammlung zu ein' wohlthätigen Zweck unter unsersgleichen veranstalt' — da kommt der Herr z'Haus, nimmt das übel — äußert den Verdacht, daß wir Gauner sein, die die Andern um ihr Bißl Geld unter allerhand Ausreden prell'n woll'n, d rauf wer'n wir grob, a Wort gibt's andere und auf Ja und Na laßt uns der Herr einführ'n. Js das nit merkwürdig? Wenzel. Mir san me ganz unschuldig. Specht. Ja, ich glaub'S! 'S iS allemal so. Dritte Scene. Vorige. (Ein skhr geputztes Frauenzimmer tritt aus dem Nerhörszimmer. Hin kivilmann folgt. Bride durch die Mitte ab.) Specht (höflich). Empfchlmich!Fräul'n! recommandir' mich für ein andersmal! — Na, Du Natzl, geh' g'schwind h'nein zum Verhör und schau, daß Du auch g'schwind wieder 'raus kommst. Natzl. Mit Verlaub. (Ins Verhör,immer ab.) Specht. Ihr Drei könnt's auch gleich hineingeh'n — durch's erste Zimmer in's zweite — und dann — Erster Strolch. Wir wiffen's eh! (Alle drei Seite rechts ab.) Vierte Scene. Vorige ohne Natzl. Wenzel. Das is e Schicht schenc. Masterin wirde glauben, mir sein me nit zu Hans und Maste wird mit Kind klanc paffen, wann kummen wir. Geld ganze is e beim Deibel. Da hate uns gnuinmen weg, was hate uns glaßt einspirn. — Ach! Lehrbub is'e dran so schlecht — da muß me Wasser tragn — Hulz — Kinde — kriegte Schläg — und rührte biffele sich, a polom wirde kastelt ein. (Auffahrend.) Da — ich frag ich — wann soll me denn machen Stiebe! lerne? O merk ich mich Lehrzeit jammervolle, wann wir ich amal pane Master da, ick wir ich Lehrbub arme bch- inische behandeln besser, da wirde nit sein Dienstbut — da wirde sein Lehrbub. Specht (geht mit offener Dose aus Wenzel zu) Wenzel (lächelnd). Ich schnupf nickt sunst — nie wann pnns Specht erlaubeu's — prosiw (will sich eine Prise nehmen). Specht (schlägt ihn aus die Hand). Frechheit! — Marsch auf die Bank! Wenzel. Muh! da geh ich schun, da brauchen's nit sein grub! Specht (bei Seite). Muh sagt der zu mir! Dem Burschen muß ich den schuldigen Respekt beibringen. Na ja, ich bin immer gemüthlich, immer artig, wie's die neuere Vorschrift fordert, aber man muß doch auch zeigen, daß man nock immer ein Mann bei der Spritzen ist. (Setzt sich zum Schreibtisch, legt sich Papier zurecht.) Lehrbub Wenzel! her da! (Wenzel geht zu Specht.) Wie heißt man? Wenzel. Na, Wenzel! Das is e Frag dalepatschete. Specht. Mehr Anstand bitt' ich mir aus; daß man Wenzel heißt, versteht sich- Wenzel. Na, verstehte sich gar nit. Ich könnt ich auch Hansizek haßen. Specht. Das ist richtig. — Aber ick frag auch nicht um den Tauf-, sondern um den Familiennamen. 29 Wenzel. Familiennam? Zo? da haß ich Prz! Specht. HelfGott! Also wie heißt man? Wenzel. Prz! Specht. Helf Gott! Also noch amal, wie heißt man? Wenzel. Prz! Specht. DerWenzel hat eineStrauken? Wenzel. Strauken? Ne. Specht. Aber er niest ja in ein fort. Wenzel. Da nieste ich nit, da haß ich in, Prz! Specht. Ah, das is der Familiennam? Merkwürdig! Wenzel. Da ise gar nit merkwürdig! hat Vater meinige su g'haßt und Grußvater und Urgrußvater. Specht. Schön; wer ist man? Wenzel. Esel. Specht (springt auf). Da bin ich damit g'meint. Kerl! Wenzel (höhnisch). Ah, ich wir ich doch nit pane Specht beleidigen. ?nn6 Specht is e kan Esel, ise was Andere — ich bin ich Esel — warum? Weil ich alleweil ant- wort und waß ich, daß pave Specht hate gar kane Recht, daß er mich fragte. Specht. Was? ich hätt' kein Recht? Wenzel. Ne — da d'rin (auf die Thür rechts zeigend) wird g'fragte, wie me haßt, was me ist, wie alt me is, ale da fitzte man und halt Maul seinige. Specht. Ah, das is mir noch nicht Vorkommen, der Bub sagt mir, was ich chun darf und was nicht. Aber das kommt Alles von der neuen Vorschrift. O, ich wollt, ich hätt' nur ein Recht noch, das nne, mich pensioniren zu lassen. Fünfte Scene. vorige. Giftbolz (von zwei Soldaten es- cortirt, durch die Mitte. Soldaten ab). (sthx enragirt). Na also, was »lchleht weiter mit mir? Soll ich da mü- dh steh'n? Specht (tritt ihm näher). Ah, der schaut extrafein aus, das Muster laß ich mir g'falln. — Liebster, setzen's Ihnen nur hier auf die Bank! — Muß sagen, ich Hab' immer eine herzliche Freud', wenn ich so ein' echten Pritschencandidaten sehe. Giftb. (lauernd für sich). An kein Entspringen zu denken — daß ich auch so saumselig sein mußte. Seit vierzehn Tagen könnte ich über alle Berge sein. Aber daran ist der schuftige Natter Schuld, der mit dem Gelde noch immer nicht Herausrücken wollte. Wenn ich nur Einen hier fände, der, falls er nicht allzulange eingesteckt wird, dem Natter eine Nachricht von mir — (Beobachtet Wenzel.) Der 'Zunge sieht ganz ungefährlich aus. (Geht zu ihm und setzt sich neben ihn.) Specht (zu Gistbolz). 3ch Hab' g'sagt, man soll sich auf die Bank setzen. Giftb. (unterthänig). Za, hochverehrter Herr, ich seh' mein Unrecht ein, aber es ist dort bei der Thür ein starker Zug, dämm erlauben Sie mir, hier zu sitzen. Specht. Der ist doch einmal höflich — no wegen meiner, bei der Thür is wirklich a starker Zug. Hahaha! Giftb. Sehr scharfsinnig bemerkt. (Zu Wcnzel halblaut) Mein Zunge, wirst Du vielleicht heut' noch entlassen? Wenzel. Ich muß ich entlassen werd'n, ich Hab' ich ja nix stellte an. (Fixirt Giftbolz.) Giftb. Nun, das wäre für uns Beide gut. Mir könntest Du einen Gefallen erweisen und Dir ein Trinkgeld verdienen. Willst Du? Wenzel (immer mehr bewegt). Ah ja, will ich schon. Giftb. Dann geh' in die Steingaffe Nr. 24 zu dem Geldspeculanten Natter, merke Dir Namen und Adresse, Herr von Natter, Nr. 24, und sagst ihm, sein Freund Giftbolz ist cingezogen worden, er möge Alles anwendcn, damit der Freund frei wird, oder es geht ihm an den Hals. Hast Du mich verstanden? Und wirst Du nicht vergessen auf mich? 30 Wenzel (bkbknd vor Zorn). Ne, vergiß ich Dich mt! (Faßt ihn an der Kehle ) Bestie, vermaledeite! Specht. Ja, was is denn das? Natzl (kommt von der Seite). Wenzel (hält Giftbolz fest). Da ise Mörder. hate arme Marianne wullen schlagen tudt und hate ihr gnummen Geld ganze. Da laß ich nit los und wann kummte Regiment — da laß ich nit los! Gottl. Ja, wo sein's denn eigentlich? Specht. Hier beim Verhör. Gottl. (will ab). Da muß ich hinein. Specht. Halt! Das geht nicht. Die Lehrbuben sind vielleicht vor einer Stunde nicht zu sprechen. Es sind Dinge von höchst gravirendcr Wichtigkeit vorg'fallen, stören Sie uns nicht, geh'ns z'Haus, warten's ab. wir untersuchen! Ades! Is das ein Angeh'n weg'« die Lehrbuben! (Zn'SVrrhör zimmrr ab ) Sechste Scene. Achte Scene. Vorige. Natzl. Gott lieb (allkin). Natzl. Was? Der wär' der Schändliche? Wenzel, irrest Du di net? Wenzel. Na, er ise. Kupp meinige mit Luch, was er mir hate schlagen, ich will ich verlieren, wann nit ise wahr. Natzl. Herr Specht, ich soll'n Wenzel zum Verhör holen — er laßt aber den Gauner nit los, was ist da zu machen? Specht. Da geht's glei alle Drei hinein! Natzl. Richtig! Vorwärts, Wenzel! (Schieben Giftbolz fort, in s Verhörzimmer ab.) Specht. Bei uns ist's halt alleweil recht lebendig. (Will ab) Siebente Scene. Vorige. Gottlieb (athemlos durch die Mitte). Gottl. Herr Amtsbot! Herr Amtsbot! Specht. Ah, der Meister Blatl! Gottl. Ich bitt' Sie, 's is wahr, was mir dem Herrn von Natter sein' Köchin g'sagt hat? Specht. Ja, das weiß ich nicht, weil ich nicht weiß, was Ihnen die Köchin g'sagt hat. Gottl. Daß meine Lehrbub'« eing'sperrt sein. Specht. Eing'sperrt? Ja und nein — sie schweben so hin und her. Gottl. Schöne G'schicht, die Bub'n lasten mich gestern beim Kind und sagen, ich soll warten, bis s'z'ruckkommen, kommen aber die ganze Nacht nicht. Jetzt war ich nicht schlafen z'Haus. Mein Weib muß schon ganz wild sein, schön war's ohnehin nie. Was thu' i denn mit'n Kind? Dir alte Lumpenhändlerin, der mir g'sagt hoben, wir reclamiren das Kind, die b'halt's nicht mehr länger als eine Stund'. — Halt, ich hab's! Mein Nachbar, der Schlosser, der erleuchtete Bruder, der muß mir beispringen, seine Opferwilligkeit will ich in Anspruch nehmen. — Wird er mir aber auch helfen? Na freili was denn? Wann er aber das sagt, weiß ich erst nicht recht, wie ich d'ran bin, denn wenn Einer so mit einem gewissen G'sicht: Na freist was denn, sagt, so weiß man nicht, meint er's im Ernst, oder ist es höhere Frozlerei. Couplet. A Kaufmann hat's Geld draußen steh" auf sein' Waar, Bankrott bald zu machen is er in der G'fahr, Und nirgends a Hilf, wann Procent er auch zahlt. Was fangt er denn an, daß er sich "vH erhalt? » Er darf ja nur in die Kreditanstalt geh'n — Dort reißen's ihn außer — na frei li was denn. So ein' Hausmeisterstochter, da kommt Einer z'recht, Wenn Einer da anläut und heiraten möcht, Ein' Bürgersmann schaut's über d'Achsel nur an, Besonders wenn er nit recht fürafahrn kann. Ich bitte — den Sperrgroschen — laffen's nur geh'n. Der Vater, der nimmt nichts — na freili was denn! Wie's drunter und drüber geht, 's is enorm, Sogar bei die Türken graffirt die Reform, Die Divans hab'n schier schon die meiste Zeit g lacht, Bei zweitausend Weiber sein brotlos gemacht. Der Türk hat's entlassen, wohin sollen's geh'n — Zum Engländer höchstens — na freili was denn! A Madel wird eing'sperrt von ihrer Mama, Damit's nur kein Mann sieht, sonst kom-- met's ins G'schroa, Derweil bricht dem Töchterl das Herz völlig z'samm, Sie möcht' halt mit G'walt einen Liebhaber hab'n. Was wird aus dem Madel, wann's den Kopf ihr umdreh'n? A schwebete Jungfrau — na freili was denn. Und Oesterreich soll endlich in Stückeln aufgeh'n, Das macht nir — es muß sein — na freili was denn! (Ab.) Fantastisch schreit Es birgt viel ist rm Einer: Oesterreich groß, Nationen und Länder Schooß. Doch mächtig wird's nur, wenn für sich a jed's Land drin' Autonomie hat, d rum nur kein' Verband! Verwandlung. (Natttr's Zimmer.) Neunte Scene. Natter. Pepi (bei Seite). Natter. Ihr Bitten ist gänzlich umsonst, wie ich gesagt, so bleibt es. Sie ist mit vierzehn Tagen gekündigt. Pepi. Aber Euer Gnaden, es wird ja nimmer Vorkommen. Natter. Das wäre mir eine schöne Wirtschaft, Sie empfängt lauter Lumpenpack in meiner Abwesenheit. Wie leicht könnte mau bestohlen werden. Pepi. Aber die armen Buben haben so gebeten und übrigens sein's alle ehrliche Burschen. Natter. EhrlicheBurschen? Man sieht's, wenn sie eingesperrt werden. Pepi. Ja, wann's Euer Gnaden arre- tiren lassen, da freilich — Natter. Schon gut — es bleibt, was Sie betrifft, bei meinem Entschlüsse, um so mehr, da ich mich wahrscheinlich verheiraten werde, und zwar mit Fräulein von Milder. Nicht wahr, da staunt Sie? Na, wenigstens sieht Sie, daß ich Ihrer ohnehin nicht mehr länger bedarf. Pepi (beleidigt). Na jetzt, ich bedarf Ihrer schon gar nicht. So ein' Platz treibt mir jed's Miliweib auf, und wann Sie verheirat' sein, möcht' ich auch gar nicht im Hause bleiben. Ich liebe den Dienst bei unglücklichen Frauen nicht — Scham- ster Diener! (Mitte ab.) Natter (allein). Geh' zum Henker, kecke Person! Sie nennt meine Zukünftige eine Unglückliche; hm! wenn nur ich glücklich bin! Leontine — wenn sic wüßte, was sie noch besitzt — was gäbe sie darum, diese 32 Papiere in Händen zu haben. (Klingeln von außrn.) Wer kommt? und so früh? Wahrscheinlich wieder der Giftbolz. Ich sehe schon, daß ich mich nicht ohne ein bedeutendes Geldopfer von ihm befreien kann, hierbleiben darf er aber auch nicht länger, ich könnte doch noch Unannehmlichkeiten durch ihn erfahren. So wollen wir denn in s T — (Es klopft.) Herein! Zehnte Scene. Vorige, Leontine (durch dir Mitte). Leont. Guten Tag, Hr. Natter. Natter. Fräulein Leontine— Leont. Nachdem Sie mir gestern den Verlust meines Erbes angezeigt, ließen Sie sich beikommen, mir einen Heiratsantrag zu machen. Natter. Beikommen? Mein Fräulein, ick — Leont. Sehen Sie, Herr Natter, offen gesagt, Ihr unzartes Benehmen hat mein Mißtrauen erregt. Ich bin daher gewillt, eine gerichtliche Revision — Natter (betroffen). Wie, mein Fräulein? Eilfte Scene. Vorige. Specht (durch die Mitte). Specht. Schön guten Morgen. (Sieht Leontine.) Eine Dam', wahrscheinlich die Gnädige. — Natter (barsch) Wer sind Sie? Was wollen Sie? Specht. Jetzt frag' ich, da soll man höflich sein nach der Vorschrift, wenn einen die Leut' so entfahren. — Ich bin der Herr von Specht, Amtsbote eines löblichen Gerichtes. Sie haben gestern zwei unserer Schusterbuben arretiren lassen. Ihre Annahme, daß die Zwei eine Art Geldherans- siloutirer seien, hat sich bei deren Vernehmung als grundlos herausgesetzt — sie sein auf freien Fuß g'setzt wor'n und man bat sie mir unter Einem übergeben, um sie mit Ihnen zu confrontiren und Sie anzuhalten, daß Sie das Geld, welches sie besagten Schusterbuben abgcnommen, also- glcich erlegen. Des Weitern bin ich beauftragt — doch davon später (ruft zur Mittel- thür) Natzl — Wenzel — kommt's herein! Zwölfte Scene. Vorige. Natzl. Wenzel (durch die Mitte) Natzl. Servus! (Sicht Leontine.) Ab. was sieh' i? Du Wenzel, die Fräul'n is da. Wenzel. Oodrs jk1.ro pana (küht ihre Hand). Specht. Also nicht die Gnädige? Natzl. Gnä' Fräul'n, wir haben schon g'hört, daß Sie uns gern g'holfen hätten, wenn Sie nit z'Grund g'angen wär'n und wie unser Master g'sagt hat, hat Ihnen der (aus Natter zeigend) j Grund g'richt, erlaubcn's, daß wir ihn in d' Arbeit nehmen. Nicht Di, Wenzel. Wenzel (schleicht hinter Natter auf dessen andere Seite). Natzl (zu Natter, auf Specht weisend). Seh'ns den dort? Wenzel. Da ise Amtsbut. Natzl. Wiffen's, was er für Ihnen bedeut? Das Sprichwort: »Wer Andern a Gruben grabt, fallt auf d'letzt selber h'nein.« Sie haben uns die Gruben graben. — Na, ich will die Sach' kurz machen. Vor 14 Tagen hat ein schlechter Mensck eine arme Mutter von ein' klein' Kind überfallen, hat sie auSg'raubt und halb erschlagen. Für das Kind haben wir gestern in Ihr'» Haus die Sammlung g'macht und sein dafür durch Ihnen eing'spcrrt wor'n. Bei G'richt is zu der nämlichen Zeit Einer einbracht wor'n, derselbigc heißt Giftbolz — gclten'S, Hr. Specht? Specht. So is's! Natter (erschreckt). Giftbolz! Natzl. Der Wenzel hat diesen Giftbolz als den Mann derkennt, der vor vierzehn 83 Tagen die Mutter, von der i g'rad g'redt Hab', ausg'raubt und halb erschlagen hat. Gelten's, Hr. Specht? Specht. So is's! Natter. Entsetzlich! Natzl. Ja, das ist noch nickt Alles. Dieser Mensch hat ausg'sagt, daß Sie ein guter Bekannter von ihm sein, und wer von so ein' schlechten Kerl ein guter Be kannter ist, der rs a nit weit her. Specht. So is's! Natzl (zu Specht). Jetzt thnn's Ihre Schuldigkeit! Natter (für sich). Ich bin verloren. Specht (ftcht zur Mittelthür). Assistenz herein! (Zwei Gerichtsdiener treten ein.) Natter (hastig zu Leontive). Mein Fräulein, Sie können mir helfen. (Rafft schnell die Papiere vom Schreibtisch.) Hier der Ausweis Ihres Vermögens, ick habe mich geint. (Gibt ihr die Schriften.) Sie besitzen noch 80,000 fl. — Geben Sie mir vor Gericht ein günstiges Zeugniß und ich bin gerettet. Specht (tritt vor). Wenn es gefällig ist — Natter. Ich weiche der Gewalt, doch es wird sich zeigen. (Mitte ab.) Natzl. Ja, sie werden es Ihnen schon ;eigen. Specht (zuLeontine). Meine Gnädige, verzeih'ns, daß ich incommodirte — aber Meine Amtspflicht — (sieht, daß Natter ab ist, ohne von den Wächtern in Empfang genommen worden zu sein, zu den Wächtern). L) Ihr Esel! das ist mir noch nicht geschehen, daß mir Einer entkommen ist. Mir nach! (Schnell Milte ab, die Wächter folgen.) Natzl. Ich hol'n schon ein. Wenzel. Ja, lauf me! (Wollen ab.) Leo nt. Bleibt, Jungen, wir haben jetzt Wichtigeres zu thun — ich bin wieder reich — Euch — dem Kinde — Allen soll geholfen werden — ich eile schnell Zu Marianne in's Hospital — wo ist der kleine Franz? Natzl. Ja, da müssen wir erst z'Haus Tht»1rr-Repertoire Nr. ISS. und 'n Master fragen, wir hab'n ihn ihm übergeben, ihn aber seit gestern nit g'seh'n. Leont. So kommt, ich nehme einen Wagen. Natzl. Na, Fräul'n, das geht nit, zwa Scbusterbub'n in ein' Wagen mit einer noblen Dam' — Leont. Dann geh' ich mir Euch zu Fuß. Natzl. Das geht wieder nit. Wenzel. Ich waß ich Ausweg. Fräule gnädige fitzte im Wagen und wir laufen's hintend'rein, oder mir sitzen's hint' auf Bretel. Leont. So kommt bald nach, Ihr tollen Jungen. (Mitte ab.) Wenzel. Siechste, gut gehte, san's me Bub'n, was haben sich g'waschen. Natzl. Na, das bemerk' i g'rad' net. Wenzel. Aber ftulz könncn's mir sein — ich geh' ich jetzt auf Gaffen wie Schwns! — Wo Hab ich denn — (sucht in den Taschen) Du, haste kane Cigarl? hält' ick gr'ad Gusto — Natzl (gibt ihm Cigarren). Na ob! Da hast a Ragalie! Wenzel. Lagalie? Zünd me an, wer me zeigen Welt, wer sein me (zündet sie an). Natzl. Dalketer Kerl, das seh'n ja d'Leut, daß wir Schusterbub'n sein. Wenzel. Aber was für Schusterbub'n. Natzl. Das is es! Was für Schusterbub'n! Duett. Natzl. Schusterbub'n, Schusterbub'n San lustig allemal, Wenzel. Schusterbub'n, Schusterbub'n San se fidel. Natzl. Schusterbub'n, Schusterbub'n San sie a schwarz im G'sicht, S 34 Wenzel. Schusterbub'n, Schusterbub'n Kupp is e hell. (Jodler.) Natzl. Schusterbub'n, Schusterbub'n San auf der Gassen gern, Wenzel. Schusterbub'n, Schusterbub'n, Mach me gern Spaß, Natzl. Schusterbub'n, Schusterbub'n, Die muß ma jodeln hör'n, Wenzel. Schusterbub'n, Schusterbub'n, Da ise Race! (Jodler.) (Beide durch die Mitte ab.) Verwandlung. Wohnzimmer bei Blattl. Saubere Möbel. An dem MitNl-Prospeet ein Bett mit Gardinen. Auf dem Tisch ein Leuchter mit ausgelöschter Kerze.) Dreizehnte Scene. Resi (allein). Resi (von der Seiten-Coulissr). Na, der Verstand steht mir still vor lauter Aengsten. Gestern Nachmittag vcrschwind't der Wenzel, drauf der Natzl, endlich mein Mann, und heut ist's achte vorbei, kommt no immer ka Anziger z'Haus. 3 bin zwanzig Jahr' verheirat, Hab' viel erlebt, aber daß mein Mann über Nacht ausbleibt, das is no net dag'wesen. Auf d'letzt is er mir gar untreu? Da soll ihn ja doch — Kinderstimm«. Mutter! Mutter! Resi. Na — die Kinder! Za, ja, sei nur stad, Fritzl, i komm schon. (Seiten. Coulisse ab.) Vierzehnte Scene. Gottlieb (allein). Gottl. (steckt den Kopf vorsichtig spähend durch die Mittelthür, tritt ein, das Kind auf dem ^lrm, legt eS in's Bett, läßi die Gardinen herim- ter, tritt vor.) Mein Nachbar, der Schlosser, ist ein Schmutzian! (Kr hat g'sagt: Lieber Bruder Gottlieb, ich bin ein stiller, ernster Manu, so sich nicht gerne mit Kindereien befaßt, und wie ich ihm vvrg'halten Hab', daß er als Zohauneskäfer doch die armen Verirrten in Schutz nehmen muß, hat er g'sagt: Lieber Bruder, ich will mit mir zu Rathe geh n, und Dir im Verlaufe kund thun, was der Geist mir geboten hat. Voll Zorn bin ich ins Wirthshaus und Hab' mich dem Laster des Trunkes — Schmutzian! meiner Seel', ich hätte gute Lust und gebet ihm den Swedenborg auf eine Art z'ruck — doch still, der Enkel könnt' auswachen und schreien, und Alles war' verloren. (Resi spricht innen ) Himmel, mein Weib! Mir wird damisch! Fünfzehnte Scene. Voriger. Resi (von der Eoulisstns.ite). Resi. Za, ja, sei stad, Schani — ich muß Noch — (Sieht Gottlieb.) Da steht er! (Kommt näher.) Mir scheint gar, er hat ein' Rausch. Gottl. (iutonirt)- Wer niemals einen Rausch gehabt, der is kein braver Mann — Resi. Du leichtsinniger Mensch! Also darum bleibst Du die ganze Nacht aus, darum muß ich in einer wahrenTodesangst auf Dich paffen? Zch Hab' glaubt, die Erleuchteten trinken net? Gottl. Wir Haffen eben so Fraß als Völlerei. 35 R e si. Wo hast denn nachher den Rausch her? Gottl. Der Erleuchtete erfreut sich eines äußern und eines inner» Menschen, der äußere Mensch sündigt freilich manchmal, dieweil ihn seine Sinne dazu verleiten, das aber touchirt den innern Menschen niemals nicht. Warum? Weil er die Tugend liebt. Rest (ärgerlich). Und doch kommt der innere mit sammt'n äußern Menschen erst in der Früh z'Hans. Gottl. Freilich, weil der äußere sonst gar nie z'Haus ginge. Resi. Du willst deine Lumperei auf d'letzt gar noch — war mir doch, als ob ich a klan's Kind höret. Gottl. Wer niemals einen Rausch — Resi. Wer hat denn die Vorhäng h'runter? Gottl. (für sich). Es kommt auf. Resi. Was hat er denn? Er ist so verlegen — (Fährt ihn an.) Red, wo warst? Und wo sein denn unsere Lehrbuben, die sein auch noch nicht z'Haus! Gottl. Was? Noch nicht z'Haus? Das is ja gar nicht möglich. Resi. Möglich oder net, Du wirst jetzt beichten. Gottl. Schau, Resi, ich und dieDuben, wir waren bei einander — d rauf sein wir mit einander gangen und später sein wir auseinandergangen. Resi. Na, und wegen was seid's denn bei einander g'west? Gottl. Wegen einer Kleinigkeit. Resi (spöttisch). Und mit einander seid's gangen? Gottl.' Wegen einer Kleinigkeit. Resi. Wegen was für einer Kleinigkeit? Gottl. (verlkgrn). Wer wird denn von einer Kleinigkeit so viel reden, in einerZeit, wo es große Interessen gibt. Schau, ein neuer Morgen bricht an, jauchzen wir — (Das Kind schreit.) So ist's recht, jetzt fangt der Enkel zu jauchzen an. Resi (ist bei dem Schrei zum Bett gelaufen). Was is denn das? (Schlägt die Vorhänge auseinander.) A Kind! Wo ist das Kind her? Gottl. A Kind? Ich weiß nicht — sollte es vielleicht der Storch — Resi (geht auf ihn zu). Wo ist das Kind ber? Wem g'hört das Kind, red' oder, so wahr ich dein Weib bin — Gottl. Das Kind ist — Gott, wann wir nur jetzt g'stört wurden! Resi. Red'! Gottl. Bin schon dabei. (Klopsen ander Mittelthür.) Resi. Was is 's denn? Herein! Gottl. Gott sei Dank, man störet uns. Sechzehnte Scene. Vorige. Natzl. Wenzel (von der Mitte). Resi. Tie Buben! Na endlich sein die Nachtschwärmer alle beieinander. — Wo watt's? Ihr werdt's mir sagen, was i aus mein Mann net herausbringen kann. Wo ist das Kind her, was dort im Bett liegt? Natzl. Ah, is 's schon da? Wenzel, jetzt heißt's sich ansetzen. Wenzel. U mein! Resi. Gesteht's, oder cs geht Euch schlecht. Wo wart's? Natzl (ruhig) Na, wanns d'Frau Masterin durchaus wissen will: Wir waren ein- g'naht. Resi (entsetzt). Was? Na, die Schand! Wenzel (kommt vor). Ah, das ise kane Schand, das iseEhr' grüße, wegen was wir warn's zugspirte. Resi. Kecker Bub', keine langen G'schich- ten — kurz heraus, wegen was wart's eiu- g'sperrt? 3 * 36 Natzl (kurz). Wegen Ihnen. Rest. Wegen meiner? Wenzel. Wegen Ihrer Bushcit. Natzl. Wegen Ihrer Herzlosigkeit. Gottl. (freut sich). Sehr gut. Rcsi. Halt's Maul! — Burschen, ich werd' Euch lernen — Gottl. Die zwei Buben reden wie die sieben Weisen des Morgenlandes. Resi (erbost). Mann — Resi (rafft fich auf, eilt zum Kind, küßt es). Armer Wurm! Mt mit dem Kinde Seite rechts ab.) Gottl. (entzückt). Sie tragt's zu ihre Kinder. Natzl und Wenzel. Vivat! Gottl. (springt auch taumelnd umher). Wenzel (ernst). Das wäre Rußarbeit! Siebzehnte Scene. Natzl. Frau Masterin, wann Sie's durchaus wissen woll'n, so sag' ich Ihnen, wir war'n eigentlich wegen dem Kind dort, — das is das Kind von Ihrem Stiefsohn, das kommt heute als Gast zu Ihnen, weil sciu Mutter krank is — also zeigen's ihm halt, wo die Thür is. Wenzel. 3a. da ise Franzisku klaue — no, wersen's 'naus! Natzl. 3a, nur 'nauswerfen. Resi (hingerissen). Das wär' — Gottl. So geh', mach' kurzen Prozeß, wirf's auf d'Straßen—der Wenzel und der Natzl, die das Kind vor'm z'Grundgehen bewahrt haben, die das Haus Blatl vor der Schand gerettet haben, daß die ganze Nachbarschaft wegen unserer Herzlosigkeit noch nicht mit Fingern auf uns zeigt — unsere Lehrbuben, selber Kinder, wer'n das Kind ja nicht verlassen. So geh', wirf's h'naus! Vorige. Leontinc (durch dir Mitte). Leont. Meine Lieben, ich bringe Euch eine freudige Nachricht. Alle. Fräulein Milder! Leont. 3ch bringe Marianne genesen aus dem Hospital. Sie wartet im Wagen. Wo ist ihr Kind? Wir nehmen es mit. (Natzel und Wenzel Mitte ab.) Gottl. Oho! das Kind geb'n wir nicht mehr heraus —Resi—Weiberl — Zucker- resi — komm' 'raus! Achtzehnte Scene. Vorige. Resi (Seite rechts). Resi. Na, das liebe Kinderl — was willst denn, Gvttlieb? (Leise Musik.) Natzl. 3a thun's, was's glauben, man wird 3hnen nir Nachreden, denn obwohl wir anf'n G'richt die Wahrheit g'sagt haben, so hab'n wir doch in einem Punkt g'logen. Gelt, Wenzel? Neunzehnte Scene. Vorige. Marianne (blaß und schwankend, von Natzl und Wenzel gestützt, durch die Mitte Gesellen und Lehrjungen folgen). Wenzel. 3a, wir hab'n me geb'n zu Pritocoll, daß pani Mastrin und pane Master nir Habs g'wnßt von Kind bis gestern, und daß paui Mastrin nimmte Kind glei af zu Hans, weil pavi Mastrin iS Frau von G'sühl wache, Herz gute. Natzl Mutter. Wenzel (Seite rechts ab.) Resi. Verzeihung, Fran Tochter, ick will Alles gut machen. Frau Masterin, wir bringen die Uaminko von Franzisku! 37 Mar. (bittend). Mein Kind! I Wenzel (aus Seite rechts mit dem Kinde). Da ist! (Reicht es Marianne, die es küßt.) Gottl. Mein Nachbar, der Schlosser, hat mich sitzen lassen, jetzt kann ein An-! derer mit die Geister reden, ich red' mit meiner Familie. Natzl. Gelt, Wenzel, cs g'freut uns, Was wir hab'n erreicht. Wenzel. D'rnm ise Herz uns'rige Auch jetzt su leicht. Natzl. Hab'n tapfer uns g'halten, 's kann Niemand was sag'n Und zeigt, daß der ärmste Mensch Nie sott verzag'n! (Jodler.) (Der Vorhang fällt) Ende. I ! ' k'V; ..., In der Wallishauffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien find von Alois Berla bisher erschienen: GermnUg - der Narr vom Nntersberg. Posse mit Gesang in drei Acten. 8 Sgr. od. 40 Nkr. ' >e m der Wl Lustspiel in einem Acte. 6 Sgr. od. 30 Nkr. Der Zigeuner. Genrebild mit Gesang in einem Acte. 7*/, Sgr. od. 35 Nkr. Ms tägliche Brot. Gharactergemälde mit Gesang in drei Acten. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Die Jungfer Taut. Dolkskomödie mit Gesang in drei Acten. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Nie «M „ ,, . Posse mit Gesang in einem Acte. 7 V, Sgr. od. 35 Nkr. . Posse in einem Aufzuge. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Die von der Radel. Bild aus dem Volksleben in drei Abtheilungen mit Gesang. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Verdächtig! oder: Der Herr Vetter. Posse mit Gesang in zwei Acten. 10 Sgr. od. 50 Nkr. Den Bühnen gegenüber als ManuscripL gedruckt. Zn Vorbereitung am k. k. priv. Theater an der Wien. Lmbo 8 » I o! Briginal-Pojse in 3 Acten, von Julius Rosen, Verfasser der »Eompromittirten,* »Schlechter Mensch,« »Böse Welt, „II öaeeio," rc. Musik von Kapellmeister Max Felsthal. »Held der Reklame.« Banquier Reich. Eduard, sein Sohn. Fabrikant Müller. Adelheid, seine Frau. Gabriele, seine Tochter. Frau Arnau, Privatbeamtenswitwe. JuliuS, 24 Jahre, Anna, 12 Marie, 8 » Theodor, 6 » Trefflich, Tabakkrämer und Lottocollectant. Refi!°' ^ l-ine Töchter. Mager, Lotterieschreiber. Personen: Herr von Schwarz. Herr von Lustig. Herr von Dampf. Asch,"' j Frau Sali, die Kräutlerin. Frau Babette, die Auskocherin. Frau Leni, die Wäscherin. Rummel, der Maurer. Aron, der Jude. Ein Lomptoirdiener. Ein Amtsdiener. Ein Ausrufer. Bediente, Gäste, Volk. ihre Kinder. Zeit: Die Gegenwart — Ort der Handlung: Wien. Erster Act. (Ein Derkaufsgewölbc mit Glasthüren. Die Aussicht auf die Straße. Rechts und links vom Hintergründe gegen das Publicum Verkausstische, und zwar rechts die Lottocollectur, links die Tabaktrafik. Vor einem Stehpulte rechts ein hoher Reitschemmel. Zu beiden Seiten Thüren. Im Hintergründe links ein Sopha, daneben ein Tisch mit Zeitungen.) Tbeatee-Revrrloire Nr. ISS. Erste Scene. Mager (öffnet die Gewölbthür und stäubt sodann mit einem Tuche Tisch, Sessel und Sopha ab). Heute wird ein heißer Tag werden! Es ist Ziehung, und unsere Stammgäste waren noch nicht da. Mein Principal und seine Töchter sammeln neue Kräfte beim dampfenden Cichorien-Mocca, und ich, Prin- cipals-Stellvertreter, Tabakschneider und 1 2 Hausknecht in einer Person, muß meine edle Kraft verschwenden beim Tischabstau- ben und Seffelausklopfen. — Doch gib dich zur Ruh', bewegt' Gemüth! — Auch diese Seite deiner Eristenz hat ihre Schönheiten. Wenn ich zum Beispiel diesen Sessel, von dem mein Principal so viele Terno's unter den Tisch fallen läßt, ausklopfe, sammelt sich all' mein Grimm in meiner Faust und ich haue zu, als ob er darauf säße. So muß dem ministeriellen Reichsrathsdiener zu Muthe sein, wenn er die gewissen Sessel klopft und die Amendements zusammenkehrt, welche unter die Bänke fallen. — Aber wie dieser mit den gewissen Andern liebäugelt, so thue ich cs auch. Hier dieser Sessel wird von ihr gesessen! O, edler Sessel, der du in deine Arme schließest die Theure, für die ich schwärme! Lass' dich umarmen! (Umarmt einen hinter dem Verkaufstisch links stehenden Sessel.) Zweite Scene. Voriger. Trefflich (von rechts). Enlrve-Lied. Es gibt kein Glück mehr auf der Welt, Ich mnß's am besten wissen. Es werden keine Treffer g'macht Und Nieten nur gerissen. Ein Vater setzt ein gutes Kind In ein Erziehungshaus, Und bei der großen Ziehung d'rin Kommt nur ein Dalk heraus. Die Freiheit und die Gleichheit hat Ein großes Los genommen Und bei der Ziehung haben wir Nur lauter Zank bekommen. So mancher Fürst setzt seine Lieb' Als Preis für d'Völker aus, Und bei der großen Ziehung kommt Der Dölkerhaß heraus. Erleuchtung bittet eine Stadt, Dom Rathe, o wie gerne Gewährt er ihren Wunsch und tagt Bei einer Gaslaterne. Kurz Alles, was man immer setzt, Gewonnen hat man nie, Nicht in der kleinen und nicht in Der Welten-Lotterie! Es gibt keinen Gewinn mehr auf der Welt. Ein Terno gehört unter die Raritäten; denn so wie bei den Menschen ist's gerade bei den Nummern auch; man findet selten drei, welche Zusammenhalten! — Ich schätze mich glücklich, daß ich Kleincollec- tant in der Leopoldstadt und nicht Groß- collectant vor dem Schottenthor bin, denn dort gehören die Treffer auch zu den Seltenheiten. Mager (hat abgestaubt und umarmt den Sessel). Trefflich. Was treiben Sie denn mit dem Sessel? Mager. Ich bin derno- vu8, der Leben in dieses todte Gebilde haucht. Trefflich. Dummheiten! In diesem Gebilde finden Sie höchstens jenes Leben, dessen Todfeind der Zacherl ist Alle Wetter, das ist ja der Sessel meiner Resi! Unterstehen Sie sich, und magnetisiren Sie mir das Madel! Ich verbiete mir alle derartigen Attentate. — Wo bleiben denn die Madeln so lang? Mager. Sie sind wahrscheinlich noch bei der Toilette. Ach, wie Schade ist es doch, daß diese Mädchen Italienerinen sind! Trefflich. Mir scheint, Sie rappeln. Meine Mädchen sind Vollblut-Wienerinnen. Mager. Wienerinnen ? (Nimmt den in Weingeist stehenden Fidibus in die Hand.) Woher dann dieses Feuer? Trefflich. Sie sind ein dummer Kerl! Mager. Danke für die Aussicht auf's Avancement! Trefflich. Haben Sie die Risconto zu den Reißzetteln geordnet? Mager. Alles in Ordnung, 's kann an- gehen. Trefflich. Haben Sie die Eigarren für die Protectionskunden ausgeklaubt? 3 Mager. Auch das ist geschehen. Die schlechtesten Cigarren Hab' ich in die Ertra- schachtcln hineingegeben. Trefflich. Die schlechtesten? Mager. Freilich! So bringt man sie am leichtesten an. Für die guten braucht man keine Protection. Dritte Scene. Vorige. Resi und Clara von links. — (Gehen auf Trefflich zu ) Resi. Guten Morgen, lieber Vater! Trefflich. Guten Morgen, Kinde.! Mager. Guten Morgen, Fräulein Resi. Resi. Ich danke, lieber Mager. Mager. Nennen Sie mich doch Sebastian. Der Name Mager war einmal sehr gut beim Absammeln, beim Brautwerben wirft er ein schiefes Licht auf mich. Trefflich. Lassen Sie die Dummheiten, Mager, und besteigen Sie Ihr Schlachtroß. Cs werden sogleich Kundschaften kommen. Mager (setzt sich auf den Reitschemmel beim Stehpult, beißt an der Feder und cokettirt mit Resi). Resi. Wie hast Du geschlafen, lieber Vater? Trefflich. Wie eine Gesetzvorlage. (Zu Clara, die sich beim Verkaufstische beschäftigt) Komm' einmal zu mir, Clara. (Clara kommt.) Schau' mir in's Gesicht. — Was ist denn das mit Dir? Seit einiger Zeit bist Du einsylbig, läßt das Köpferl hängen, lachst gar nicht mehr. Bist Du denn krank? Clara. Es fehlt mir nichts, lieber Vater. Trefflich. Sei aufrichtig mit mir, mein Kind. Ich will Dir helfen, wenn ich kann. Wird ein Mädchen schwermüthig, starrt in den Mond, als ob's dort was such'n möcht', und seufzt dabei, ist das immer ein Zeichen, daß sie überdrüssig ist — Mager (einsallend). Ertrato zu sein. Trefflich. So ift's und — Mager (wie oben), Solo werden möchte. Clara. Du irrst Dich, Vater, mir ist nur heute nicht wohl. Resi. Laß doch die Schwester in Ruh'! sie hat sich heut' Morgen unserer verstorbenen Mutter erinnert und da — Trefflich. Da ist's traurig worden? Ja wohl, es war ein gutes Weib! Gott Hab' sie selig! Sie ist leider viel zu früh gestorben. Mager. Wie lang waren Sie denn verheiratet, Herr Principal? Trefflich. Fünfzehn Jahre. Mager. Und die Frau ist Ihnen zu früh g'storben? So was erlebt man nur in Altwien. Resi. Sie sind ein schlechter Mensch, Mager, der über Alles spöttelt, dem nichts ehrwürdig ist. Mager. O doch! Mein Frack zum Beispiel ist mir sehr ehrwürdig, denn ich bin schon die dritte Generation, welche darin wohnt. Vierte Scene. Vorige. Herr v. Damvf. Frau Sali. Dampf (zum Verkaufstisch links). Guten Morgen, englische Clara. Trefflich. Guten Morgen, Frau Sali. Sie machen sich selten. Sali (beim Tisch rechts). Ach nein, ich lasse keine Ziehung ans. Du lieber Gott, der Mensch hat ja so nichts, als das bisserl »Sich selber für'n Narr'n halten!« Aber heut komm' ich Nummero sicher. Musje Mager, schlagen Sie's Traumbuch auf. Mager (bringt einen Folianten). Da bin ich schon damit. Clara. Wünschen Sie von der gewöhnlichen Sorte. Herr v. Dampf? Dampf. Geben Sie mir Cigarren, welche Ihnen ähnlich sind, extrafeine. (Wird bedient.) 1 * 4 Trefflich. Was hat Ihnen denn geträumt, Frau Sali? Sali. Denken Sie sich nur, ich war ungarischer Deputirter. Mager. Ungarischer Deputirter kommt in diesem alten Traumbuch nicht vor, das ist eine Erfindung der neuen Träume. Sali. Was werden wir da thun? Mager. Nehmen wir »schöne Gegend«, die hat 18. Sali. Ist denn das alleseins? Mager. Freilich! Es wird auf alle Fälle eine schöne Gegend, wenn der ungarische Deputirte kommt. Sali. Dann Hab' ich eine Rede gehalten. Mager. »Dummes Zeug,« hat 25. Sali. Es war Alles so still und ruhig im ganzen Saale. Wir liebten und achteten uns ungeheuer. Mager. Ach, gehen Sie doch, das ist nicht wahr! Sali. Ich muß es doch wissen. Mager. Sagen Sie das wem Andern. Ich lese alle Tage die Zeitungen und weiß es besser. Sali. Was hat solche Liebe für ein' Nummer? Mager. Solche Liebe ist Null, frommer Wunsch hat Eins, also 10. (Sali läßt bci Trefflich die Nummern ausschreiben und entfernt sich dann.) Dampf, (der sich mit Resi und Clara unterhaltet). Sie erlauben wohl, daß ich meine Eigarre hier rauche, und dabei abwechselnd die Zeitung lese und Sie betrachte. Resi. Das können Sie thnn. Nur reden dürfen Sie nicht. Dampf. Ich darf nicht reden! Warum? Resi. Es könnt' nns der Schnupftabak trocken werden. Dampf (setzt sich aus das Canape lwd liest). (Es kommen Leute in die Lotterie und sitzen.) Resi (zu Clara). Siehst Du's, Clara, daß es der Vater merkt? Du bist traurig, weil Du verliebt bist; dein Julius hat sich nun schon acht Tage nicht sehen lassen. Am Ende hat er Dich vergessen? Clara. Mein Julius ist treu. Er war gewiß verhindert. Resi. Treu ist er? Wird er Dich heiraten? Clara. Er versprach es. Sobald er die Erbschaft, welche ihm nach seiner Tante zugefallen ist, behoben hat, etablirt er sich und will um meine Hand anhalten. Resi. Wenn dem so ist, warum bist Du denn so traurig? Clara. Ach, ich habe ihn schon gar so lange nicht gesehen! Fünfte Scene. Rummel, der Maurer. Vorige. Rummel (etwas angesiochen). Hören's, Fräul'n, wägen Sie mir vier Loth echten Ordinären ab, derweil will ich mein Glück probiren. (Geht zu Trefflich.) Trefflich. Was hat der Herr? Rummel. EinWeib und sieben Kinder. Trefflich. Die will der Herr setzen? Rummel. Nur dieKinder. Mein Weib sitzt schon! Trefflich. Wo? Rummel. Im Arrest, weil sie g'stohlen hat. Na ja, was soll denn unsereins thun? Ich Hab' wenig verdient, das Bissel, was ich g'habt Hab' Hab', ich für mich braucht, die Kinder wollen essen, und da hat sie hall ein Laib Brod mitgehen lassen. Trefflich. Und der Herr setzt in die Lotterie? Haben seine Kinder heut' schon gegessen? Rummel. Die sollen warten, bis der Terno kommt, dann kriegen sie Alles, was sie brauchen. Trefflich. Da such' sich der Herr nur eine andere Collectur ans. — Bei mir wird nichts aufg'schrieben. Rummel. G'rad' wie in ein' Wirths- haus, da wollen's auch nichts mehr für mich aufschreiben. 5 Trefflich. Trage der Herr das Geld, was er versetzen will, z'Haus, und kauf' er seinen Kindern Biod, das ist ein besserer Einsatz, auf den in jedem Fall die Kindeslieb' herauskommr. Rummel. B'halt' sich der Herr seine Predigt, ich brauch's nicht. Trefflich. Ein Scheckel war' freilich besser, denn der Herr ist ein Lump. Rummel. Wir sind alle Lumpen, mein Freund! —Das ganze Leben ist eine Lumperei! — Wir schauen nur nicht alle gleich aus. Der da (auf Dampf) ist ganz gewiß auch ein Lump, nur nobler. (Zu Dampf ) Erlauben Sie, mein Herr! Nicht wahr, Sie sind ein Lump? Dampf. Unverschämter Mensch! Rummel. Sehen Sie, der gift sich, daß ich ihn erkannt Hab'. O, es gibt untrügliche Zeichen, um die Lumpen zu erkennen. Bei meiner Class' ist's die rothe Branntweinnase, und bei der Class' der frisirte Schädel auf dem Filigrang'stell! (Nimmt von Clara den Tabak, will zahlen, sie gibt ihm das Geld zurück.) Clara. Lassen Sie, es ist schon gut. Rummel. Ich dank' schön! Sehen Sie, Collega! (Zu Dampf.) Ich Hab' von dem Fräulein was kriegt, Sie kriegen ihr Lebtags nichts von ihr. Adieu! (Ab.) Dampf (beleidigt). Sieleiden es, Herr Trefflich, daß Ihre Kunden insultirt werden? Trefflich. Ich bin ja nicht der Vertreter meiner Kunden. Mager. Wir hätten Sie sonst gewiß schon vertreten. Dampf. Ich werde meine Cigarre anderswo rauchen. Mager. Unser Canap6 bedankt sich dafür. Dampf. Adieu! (Ab.) Mager (ihn begleitend). Beehren Sie uns nie wieder. Sechste Scene. Vorige. Aron. Aron. Ich wünsche allerseits den schönsten guten Morgen! Trefflich. Guten Morgen, Aron. Alle tausend, was bringt Sie denn zu uns? Sie wollen doch nicht in die Lotterie setzen? Aron. Warum soll ich nicht setzen in die Lotterie, wenn ich kann machen ein gutes Geschäft? Ich werde setzen in die Lotterie. Trefflich. Glück auf! Ihre Nummern müssen kommen, der Novität wegen. Aron. Ich setze ohnedem nur dann, wann ich weiß gewiß, daß sie kommen heraus. Ich Hab' gehabt einen wunderbaren Traum. Trefflich. Erzählen Sie. Aron. Ich Hab' gelebt in Tirol, und bin gegängelt meine Freunde zu besuchen und einzuladen auf eine koschere Gans, da Hab' ich gesehen — Mager. Maulaffen feilhaltcn hat 40. Aron. Da Hab' ich gesehen, wie man hat einen Juden geprügelt und cingcwor- feu ihm die Fenster. Mager. Eingeworfen Fenster? So ein hohes Nummero haben wir nicht in der kleinen Lotterie. Trefflich. Der Traum geht nicht aus, mein lieber Aron. Aron. Warum soll der Traum nicht ausgeh'n? Mager. Die Nummern kommen nicht. Aron. Wann sind gekommen dieSchläg' und die zerschlagenen Fenster, warum sollen nicht kommen die Nummern? Schreiben Sic mir nur auf die Schläg' und die zerschlagenen Fenster Ertrato. Mager. Da kriegen Sie vierzehnmal so viel. (Schreibt und expedirt Aron.) Aron. Wenn sie kommen, bekommen Sie auch ekvas davon. 6 Mager. Ich bin nicht eigennützig, behalten Sie cs nur selbst. (Aron ab.) Siebente Scene. Julius (tritt stürmisch aus). Vorige. Julius. Clara! Clara. Julius! Trefflich. Die beiden Nummern sind nicht mehr da. Julius (zurückhaltend). Wie lange habe ich Sic nicht gesehen, theure Clara! Trefflich laufstehend). Hoho! das ist eine besondere Kundschaft, die aber weder Risconto noch Cigarren will. (Aus Julius.) Mein Herr! Julius. Sie befehlen? Trefflich. Seit wann grüßen Sie denn, wenn Sie irgendwo eintreten, die Leute mit »Clara?* Julius. Entschuldigen Sie, mein Herr, ich habe das Fräulein schon seit acht Tagen nicht gesehen. Trefflich. Wenn alle Leute, welche mein Madel acht Tage nicht gesehen haben, so hereinrumpeln wollten — Resi. Aber Vater! der Herr ist ja nicht: »Alle Leute.« Trefflich, Alleseins! Ich will diese Clara klar haben. Julius. Sie sollen Alles wissen, würdiger Mann! Mager. Hören Sie es, Herr Principal? Sie sollen Alles wissen und wissen doch nicht Alles. Julius. Sie werden vielleicht bemerkt haben, daß ich ungewöhnlich oft Ihr Gewölbe besuchte. Trefflich. Das Hab' ich nicht bemerkt. Mager. Ungeheurer Scharfsinn! Julius. Ich lernte Fräulein Clara kennen und lieben. Trefflich. Was heut' zu Tage die jungen Leute nicht Alles lernen! Julius. Wir sahen uns täglich mehrere Male. Endlich fiel dem Fräulein mein Benehmen auf und ich mußte, wollte ich nicht für einen Courmacher gewöhnlichen Schlages gelten, ihr meine Liebe bekennen. Trefflich. Da sehe ich nichts Außerordentliches dabei, das thun alle Courmacher. Julius. Aber nicht alle haben so redliche Absichten wie ich. Ich gestand dem Fräulein meine Liebe, erklärte ihr, daß ich mich, sobald ich die Erbschaft meiner Tante behebe, etabliren würde und bat Sie um Gegenliebe. Trefflich. So? das Alles geschah hinter meinen Rücken? Resi. O nein! Das geschah vor deinen Augen, lieber Vater! Mager. Merkwürdige Kurzsichtigkeit! Trefflich. Und Clara? Und was hat die dazu gesagt? Tritt näher, mein Kind! Clara. Was soll ich, Vater? Trefflich. Aufrichtig sollst Du sein. Hast Du dem Herrn da deine Liebe gestanden? Clara. Aber Vater! Trefflich. Heraus damit! Hast Du's gethan? Clara. Mein Vater! Ich habe es nicht gethan. Trefflich. Liebst Du ihn? Clara (verlegen). Vater! Trefflich. Heraus mit der Sprache. Liebst Du ihn? Clara. Zwinge mich doch nicht, Vater — Trefflich. Ich muß es wissen! — Kreuzbatallion, Donnerwetter! — Liebst Du ihn? Clara. Ja, Vater! Ich liebe ihn über Alles! Julius. Meine süße Clara! Ich danke Ihnen recht sehr, Herr Trefflich, daß Sic mir geholfen haben, Clara's Geständuiß zu erlangen. Trefflich. Wa — was ist das?! Julius. Bis nun wußte ich nicht, daß mich Clara liebt, mit Ihrer Hilfe habe ich 7 es erfahren. (Ihm die Hand schüttelnd.) 3ch danke Ihnen. Trefflich. O ich bitte — Mager. Herr Principal, Sie haben sich unsterblich blamirt. Julius. Sie haben ein gutes Werk ge- than und das Glück zweier Menschen begründet, die Erbschaft meiner Tante ist behoben, das Geld befindet sich in meinen Händen. Ich gründe ein Geschäft und heirate Clara. Sind Sie nun mit meinem Hereinrumpeln zufrieden? Trefflich. Sie haben recht gerumpelt. Nun, Kinder, ich habe nichts dagegen, und es freut mich, einen so braven Schwiegersohn zu bekommen. Meine Clara ist aber auch keine schlechte Partie, und Sie werden schon mit der Aussteuer zufrieden sein. Kommen Sie mit mir und Clara in mein Zimmer, damit ich Ihnen zeige, daß mein Madel keine Bettlerin ist. (Llara, Julius und Trefflich ab.) Achte Scene. Mager, Resi. Mager (fitzt auf seinem Sessel, beißt ander Feder und schaukelt mit den Füßen). Resi. Mager! Mager. Sehr mager! Resi. Was ist's? Mager. Traurig ist's! Resi. Worüber studieren Sie? Mager. Darüber, daß mir keine Tante gestorben ist. (Springt auf.) O Schicksal! Warum ist mir keine Tante gestorben? Resi. Sind Sie verrückt? Mager. Ich bin verliebt! — Zwei Seelen und ein Gedanke, zwei Herzen und ein Schlag! Wissen Sie, wie es einem Lot- lerieschrciber zu Muthe ist, der die Tochter seines Principals liebt? Resi. Das weiß ich nicht. — Aber wissen Sie, wie es einer Principalstochter zu Muthe ist, welche den Schreiber ihres Vaters — Mager. Liebt? Resi. Das Hab' ick nicht gesagt, von so etwas darf man nicht reden. Mager. Nicht reden? — Oho, singen Sie mir's. Ich bitte gar schön! Duell. Resi. Ob ich Dich liebe, frage die Sterne, Denen ich so oft meine Klagen vertraut. Mager. Könnt' ich das ahnen, ich hätt' auf Ehre, Mir eine Sternwarte gebaut. Resi. Ob ich Dich liebe, frage die Rose, Die ich Dir sende, mit Thränen bethaut. Mager. Unter den Blumen, theueres Mädchen, Ist mir die liebste — saueres Kraut. Resi. Ob ich Dich liebe, frage die Wolken, Denen ich oft meine Botschaft vertraut. Mager. Wolken und Nebel darf ich nicht fragen, Bin sonst benebelt, Du himmlische Braut. Resi. Ob ich Dich liebe, frage die Quellen, In der ich oft deine Züge geschaut. Mager. War' in der Quelle Hopfen und Gerste, Tüchtige Züge hätt' ich gebraut. Nein, nein, dieß Geständniß Ist sentimental, Auf andere Weise Probiren wir's 'mal. Mager. I lieb' Di, mein Dernd'l, ich lieb' Di schon wie r, Und liebst Du mi wieder, so gehst Tu mit mir, Beim Tanzen, da schwing' i Dich hoch in die Höh', Dann Heirat' mer, Heirat' mer, heisa juche! 8 Resi. 3 kumm schon mit Dir, denn i tanz' gar so gern, Nur mußt Du beim Vater mei Handerl begeh'rn, Mein Handrrl ist dein, und mei Fußerl dazu, Nur heiraten, heiraten mußt mi, mei Bua! Beide. Die Madeln, die tanzen gar gern überall, Im Dorf eben wie im erleuchteten Saal; Denn lieben und tanzen, das thut man so gern, Aber g'heirat, aber g'heirat, aber g'heirat muß wer'n. lTanzend ab.) Neunte Scene. Trefflich. Julius, Clara (kommen von rechts). Trefflich. Wir sind in Ordnung, mein lieber Schwiegersohn, und sobald Ihre Mutter »3a« sagt, kann die Verlobung gefeiert werden. 3ulius. 3ch bin der glücklichste Mensch auf der Welt. Trefflich. Apropos! Wir müssen zum Andenken an den heutigen Tag etwas Besonderes thun. Der Gärtner pflanzt bei der Hochzeit ein Bäumchen, der Bildhauer haut sich ein Monument, der Schneider schneidet sich — einen neuen Rock zu, der ihn nachträglich oft überall genirt, ich. der Lotto- collcctant, muß in d'Lotterie setzen. 3ulius. Gut. Versuchen wir unser Glück. Aber nur wenig wollen wir setzen, denn ich will nichts mehr gewinnen, da ich bereits hier (aus Clara zeigend) den Haupttreffer gemacht habe. Trefflich. Wir sehen ein' Ambo, und da es zum Andenken an eure Verlobung geschieht, diese aber das Allerletzte ist, was der Mensch als einfache Zahl unternimmt, nehmen wir die zwei allerletzten Nummern 89 und 90. (Setzt sich und schreibt.) 89 und 90, amdo solo, einen Gulden. Da, Herr Schwiegersohn, heben Sie sich den Risconto auf. (Gibt ihm den Risconto.) 3ulius (gibt ihn in eine große Brieftasche, welche er neben den Sack steckt, so daß sie zum Boden gleitet). Nun muß ich gehen. 3ch habe meine Mutter noch nicht gesehen, denn da mich der Weg vom Bahnhofe hier vorbeiführte, war meine süße Clara die Erste, welche ich begrüßte. Clara. Mein theurer Julius! (Begleitet ihn zur Thür.) Trefflich. Das ist ein ausgezeichneter junger Mann, er hat die beste aller guten Eigenschaften, er will heiraten. Man kann gar nicht glauben, wie selten unsere jungen Herren diese Eigenschaft besitzen, und doch sollte zur Sicherheit des weiblichen Geschlechtes ein Gesetz herauskommen, daß jeder junge Mann verpflichtet wird, eine Tafel um den Hals zu tragen, auf der geschrieben steht: Es wird g'heirat, oder cs wird nicht g'heirat. (Setzt sich zu seiner Arbeit.) Zehnte Scene. Clara (ist zurückgekommen und steht hinter dem Derkausstisch). Herr v- Schwarz (tritt ein). Schwarz. Mein schönes Kind, ich bitte um Regalia Nr. 4. Clara (gibt ihm Päckchen). Bitte, sich zu bedienen. Schwarz (sucht sich aus, zündet an) Noch immer so grausam, schönes Clärchen? Bekommt man noch immer kernen Kuß? Trefflich. Auf den Mund können Sic schon was kriegen, aber ob es g'rade ein Kuß ist, darüber schweigt die Geschichte. Schwarz. Nun, ich gehe. (Gibt Clara da? Päckchen zurück, stößt mit dem Fuße an die Brieftasche ) Sapperment, da hätt'ich bald meine Brieftasche verloren. (Hebt sie auf und steckt sie ein.) Clara O, sie wäre 3hnen nicht verloren gegangen! Schwarz (hat bezahlt, geht ab). Adieu! 9 Eilfte Scene. Mager (ans drr Mitte). Rest (von links ein- getreten, und beide sind an ihre Arbeit gegangen), (es kommt hastig) Gabriele, (bald hinter ihr) Lustig. Trefflich. Was wünschen Sie, schönes Fräulein? Gabriele. Ich komme Sie um Schutz zu bitten. Ein Ueberlästiger verfolgt mich seit einer Stunde Straße auf, Straße ab und versuchte es wiederholt mich anzureden. Ich fürchtete einen Straßenscandal, wenn ich ihn ernstlich zur Rede stellte, und trat hier ein, um da zu bleiben, bis er fortgegangen ist. Lustig (tritt ein). Gabr. Da ist er schon. Trefflich. Bitte mit meiner Wohnung vorlieb zu nehmen. Da sind Sie sicher, denn wenn es Jemand einfallen sollte, Sie hier zu insultiren, so fliegt er mit allem Anstand auf den ersten Ruf zur Thür hinaus. Clara, führe das Fräulein in dein Zimmer, denn es könnte geschehen, daß so ein parfumirter Bengel unter dem Vorwände, Cigarren zu kaufen, bis hieher dringen würde. Gabr. Ich danke Ihnen. (Mit Clara links ab.) Lustig. Cigarren! Resi. Was für Cigarren wünschen Sic? Lustig. Die besten, die Sie haben. Sie werden ohnedem schlecht genug sein. Oder geben Sie mir eine Gattung, die meiner würdig ist. Resi (gibt ihm ein Päckchen). Hier sind lange Kreuzer-Cigarren. Lustig (für sich). Impertinent! aber das Mädchen ist sauber. (Barsch.) Regatta Nr. 4. Resi (gibt ihm). Nächstens müssen Sie mir das gleich sagen, denn ansehen thut man's Ihnen nicht. Lustig. Ihre Grobheit ist pikant! Resi. Mit dieser Pikanterie kann ich aufwarten. ^"stig (streckt sich aufs banaps aus und raucht). Ist man gegen Jedermann so aufmerksam? Resi. Man besitzt Physiognomie-Kennt- niß, man kennt seine Leute, und man richtet sein Benehmen darnach ein. Mager, Sie haben heute das Canape sehr schlecht ausgeklopft, helfen Sie nach. Mager (für sich). Verstehe! (Nimmt ein Rohr und sängt an das Canape zu klopfen.) Gleich, gleich! Lustig (springt aus). Aber so geben Sie doch Acht, Sie treffen ja mich. Mager. Das thut nichts, ich bin nicht Ihr Schneider. Ja, wenn der Sie treffen würde, das wäre ein Malheur für Sie! — Aber Sapperlot, Sie sind ja voll Staub, da muß ich nachhelsen. (Klopft ihn aus den Rücken) Lustig. Aber so lassen Sie doch! Mager. O, ich bitte, ich weiß, was ich solchen Kundschaften schuldig bin. Gleich sind wir fertig. (Klopft weiter.) Lustig. Das ist impertinent! Mir scheint, Sie wollen mich hinausprügeln? Mager. Nicht dock, ich will nur das Hinausklopfen, was nicht hereingehört. Lustig. Gehen Sie zum Teufel! (Ab.) Mager. Ich habe keine Zeit, richten Sie ihm meine Empfehlung aus. Trefflich. Das haben Sie gut gemacht, Mager! Mager. O, ich bitte! Bescheidenheit ist der höchste Schmuck der Lorbeerkronc. Trefflich. Benachrichtigen Sie das Fräulein, daß die Luft rein ist; aber führen Sie dieselbe durch die Wohnung auf die Straße. Der Lasse könnte vor der Gewölb- thür warten. Mager. Ich fliege. (Ab nach links.) (Resi hat sich nicdergesetzt und strickt.) Trefflich. Ein ganz guter Junge, dieser Mager. Wie mir scheint, sieht ihn meine Resi gerne, und obwohl er ein armer Teufel ist, so kann doch noch ihr Mann aus ihm 10 werden, denn er ist brav und treu. 31 und Ptifin von Vcopold Somme, in AZien In der WaMshauffer schm Buchhandlung (Josef Klemm) in Wim, Stadt, hoher Markt Nr. 1, ist erschienen: aus Stücken von: Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Elmar, Flamm, Gottsleben, Grois, Grün, Gründorf, Haffner, Juin, Kaiser, Langer, Megerle, Nestroy u. A. Drei Hefte. Gr. 8. geh. Preis 1 fl. 50 Nkr. oder 1 Thlr. Jedes einzelne Heft 50 Nkr. oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg F. 1- Da möcht i halt das G'wissen sein. 2. Requisiten-Couplet. 3. Figuren-Couplet. 4. Nachher wird es schon werd'n. 5- Glöckchen-Couplet. 6. Biblisches Couplet. 7. Falsche Benennungen. 8- Dann ist sie da die bessere Zeit. 9- 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün. 10- Volkslieder. 11- Aber geb'n thut's es nit. — Berla, Alois. 12. Jetzt da war's halt Noth, daß wer autauchen thät. 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. 14. Zu was dann die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lachcouplet. 16- Aus einer Chronika. 17- Früchte, die verbotm sind. 18- Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20. Mythologie-Couplet — Berla n. Bittner 21. Ohne Umschneiderci. 22- Die papierene Zeit. 23. Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Bittner Anton. 24. Thier-Couplet 25- Das ist noch Geheimniß. 26. Wer hält' es geahnt. 27. Okromguv seauäLlsuss. — Bittner u. Morländer. 28. Aehnlichkeiten zwischen Menschen und Lhieren. — Blank, Alois. 29. Und so wird hinterrücks g'redt. — Böhm, Josef. 30. Na da sieht man's doch, daß's an der Eintheilung fehlt. 31. Wenn mau die Wirkung sieht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32 Maschinen-Louplet. 33. Wo man was sucht, dort find't man es nicht. — Elmar, Carl. 34. O Spiel der Natur. 35. Lied des Teufels. 36- Man glaubt nicht was in einem Menschen oft steckt. 37- So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. 38- O ungeheure Ironie. 39- Da möcht' ich halt wissen, was nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes. Elmar, Carl. 40-Was lieget da dran. 41. Ja so geht's, wenn man heut' zu Tag Geister citirt. — Feldmann u. Flamm. 42- Mit Kleinem sängt man an, mit Großem hört man auf 43- So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Lheod. 44. Keine Rose ohne Dornen. 45 Gesundheit und ein recht langes Leben. 46. Jedes Häferl hat sein Deckerl. 47. Repertoire-Couplet — Flamm u. Ivimmrr 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät. 49. So behilft sich halt Jeder, so gut als er kann — Gottsleben, P. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 51. Verschiedene Ursachen. — Grois, Poms. 52. Na, das kennen wir schon. 53- Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54. Wir bedanken uns sehr. — Grün, Johann. 55- Was ein Narr ist. 56- Ein Chiueser. — Gründorf. 57- 's ist just net nöthi, aber nothwendi war's. — Haffner, Carl. 58. Da sind's mäuserlstill. 59 Es steckt was dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60- Wann der mein Kapperl hätt'. 61. Ja, ich kann's nit ändern, es is halt a so. — Juin 62- Aber a solche gibt s leider in dieser Welt nicht. 63- Wozu Mancher eigentlich geboren. 64. Fiakerlied. 65 Zu was von den Göttern eine Auskunft begehren. — Juin u. Flerp. 66- Da wird einem heiß, kalt — warm! 67. Ungeheuer genannt! — Kaiser, Friedrich. 68. Ich bitt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. Inhalt des dritten Heftes. Kaiser, Friedrich. 69. Es muß ja nicht gleich sein. 70 Ta braucht man beim helllichten Tag a Latern. 71- Jetzt das g'hört aus ein anderes Blatt. 72- Die find halt g'scheidt. 73. Das ist so nobel und so billig dabei. — Panzer, Anton. 74- Was ist der Unterschied 75 Aber da mag Keiner net. 76. Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 77. Es schaut nur gemeiner aus. 78- Zu früh und zu spät. 79. Man kann sich's wohl denken, aber sagen darf man s nicht. 80- Wann mich der fragen thät. - Megerle, Lhcr. 81. Marsch mit dem in d'Butteu. 82. Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. — Nestroy. 83- Und 's ist Alles net wahr. 84. Kometen-Lied aus .Lumpaci*. 85- Auf was sich Mancher hinauswachsen kann. 86 Das wär ganz etwas Neu s. 87. Und man kommt aus kein Grund. 88- Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 89- Ja, Hai denn dir Sprach' da kein anderes Wort. — Barry, A. 90. Ob der wohl die Wahrheit wird sagen. Droit und Papier von Leopold Sommer in Wien. 7^/ Den Bühnen?gegenüber als Manuskript gedruckt. Der dämonische Stiesel. ——x»-- Posse in einem Aufzuge von Carl Juin (Giugno). (Im k. k. priv. Earltheater in Wien zuerst mit großem Beifalle aufgeführt.) Personen: Sprudler, Rentier .... Spadilla, Uhrmacher. Louise, dessen Tochter. Bremse, MusikuS. Elias, Sprudlers Diener . . . . Besetzung in Wien: Herr Earl Lreumann Herr GrolS. Fräulein Zöllner. Herr Franz Treumanu. Herr Nestroy. Erste Scene. (Freundliches Zimmer mit Mittel» und Scitcnthür rechts. Links ein Fenster mit einem hölzernen bal- conartigen Geländer. Rechts im Hintergründe ein kleine- Tischchen mit einer Stockuhr. Zm Vordergründe auf derselben Seite ein größerer Tisch, aus welchem eine Zuckerdose und ein Glas Wasser stehen. Zwischen dem Fenster und der Thür rin Koffer, auf welchem ein Strick liegt. Die herrschende Unordnung im Zimmer deutet an, daß die Wohnung soeben erst bezogen wurde.) Elias (allein, steht vor der Uhr und richtet sein« Augen unverwandt auf die Ziffer derselben). Das ist eins der merkwürdigsten Ereignisse unseres Jahrhunderts! Ich steh' schon seit zehn Minuten da und betrachte die Uhr — und sie steht immer auf halb Zehn. (Horcht an der Uhr) Aber ich höre kein Ticktack — aha — jetzt merk' ich, warum's immer auf halb Zehn zeigt — sie ist während dem Auszieh'n aus unserer alten Wohnung, wie s vom Leiterwagen auf's Trottoir g'fal- len ist, wahrscheinlich steh'n geblieben — auf halb Zehn. — Ah, darum Hab' ich den Uhrmacher bestellen müssen. Wenn ich nur wüßt', ob's schon Zeit ist. meinen Herrn aufzuwecken? Ich möcht' ihn gern noch ein 2 Stünderl schlafen lassen — denn in der Nacht kann er so nicht schlafen. Er muß entsetzliche Träume haben in der Nacht. — Er schreit oft auf in der Nacht — ballt die Fäust in der Nackt — knirscht mit den Zähnen und im festesten Schlaf rollt er die Augen, daß mir an meiner Perrücke die Haare zu Berg steb'n vor Grausen. Auch am Tag treibt's ihn alleweil hin und her — vielleicht hat er in der Stadt was an- g'stellt, denn umsonst ist er nicht daher nach Nußdorf gezogen. (Horcht.) Ich glaub', er rührt sich. (Die Thür rechts öffnet sich.) Richtig — da ist er — hu — wie der arme junge Mann dahersteigt — ganz wie ein alter Burggeist. Zweite Scene. Sprudler. Elias. Sprud. (tritt, gedankenvoll und düster vor sich hinstarrend, ans dem Seitenzimmer rechts). Keine Ruh' bei Tag und Nacht — nichts, was mir Vergnügen macht. Dieser Zustand muß aufhören. Wo ich geh' und wo ich steh', überall verfolgt er mich. Elias (sich ihm mit Theilnahme nähernd). Wer verfolgt Sie, gnädiger Herr? Sprud. (ohne auf ihn zu hören). Wenn ich trinke, seh' ich ihn in meinem Glase — wenn ich esse, schwimmt er in der Suppe — wenn ich spazieren gehe, springt er um mich herum — und wenn ich schlafe, tanzt er vor meinem Geiste. Elias. Wer tanzt? Sprud. (mit schwerem Seufzer). Der Stiefel! Elias (mit dummem Gesicht). Der Stiefel? Aha! (Für sich ) Jetzt weiß ich, warum er alleweil so einen Stiefel zusammenredet. Sprud. Ja, mein schwarzes Verhäng- niß hängt sich in der Gestalt eines Stiesels an meine Fersen. Elias (mit wkhmüthigem Blick aus ihn). O Jemine! So ein gestiefeltes Verhängniß muß weh thun. Besonders wenn Sporen daran sind. Sprud. (laut). Elias! Elias. Gnädiger Herr! Sprud. Ich habe Dir einen Auftrag gegeben. Elias. Den Uhrmacher zu bestellen. Das Hab' ich schon gethan. Sprud. Nein, ich habe Dir befohlen, eine gewisse Substanz zu kaufen. Elias. Aha — das Rattengift meinen Sie. Sprud. Hast Du es? Elias. Aber, gnädiger Herr, es gibt ja keine Ratten dahier. Sprud. (zornig auffahrend). Hast Du das Gift? Elias. Ich Hab s von einem Apotheker verlangt — der hat's mir aber nicht gegeben. Sprud. Also hast Du's nicht? Elias (indem er ein kleines Päckchen hervorzieht). Ja, ein Barbier hat's mir verkauft. (Für sich.) S'ist ein gewöhnliches Haarpuder. Sprud. (aus- und abgehend). Mische das Rattengift mit dem Zucker in der Zuckerdose. Elias. Das Rattengift in die Zuckerdose? Sprud. (auffahrend). Gehorche! (Für sich, indem Elias zum Tische geht und das Pulver in die Zuckerdose schüttet.) Vielleicht bekomme ich Appetit auf ein Glas Zuckerwasser — das wäre das beste Mittel, mich aus der Verlegenheit zu ziehen. Elias (wieder zu ihm tretend). Gnädiger Herr! Was liegt Ihnen denn im Kopf? Sprud. (schwer seufzend). Ein Stiefel. Elias. Ein Stiefel im Kopf, der muß freilich das Hirn zusammendrücken. Jetzt begreif' ich Alles. Sprud. Was würdest Du thun, wenn Du einen reichen Onkel hättest? Elias. Ihn beerben; so schnell als möglich. Sprud. Einen Onkel, der in einem 3 Lande geboren ist, wo die Blutrache sich von Vater auf Lohn, von Onkel auf Neffe, von Generation auf Generation vererbt? Einen Onkel, der in der Stunde seiner Abfahrt nach jenseits Dich bei seiner Asche schwören läßt? Elias. Bei seiner Asche? Hat er sich denn verbrannt, der Herr Onkel? Sprud. (ärgerlich). Geh zum Teufel, Du bist zu dumm. (Sctzt sich aus einen Stuhl tinkö.) Elias. So ist's recht, gnädiger Herr! Aergern Sie sich — das zerstreut und ist das beste Mittel gegen Melancholie. Sie sollten schauen, daß Sie alleweil ein bisl Aerger und Verdruß hätten, und da gibt's nur ein sicheres Mittel — Sprud. Und das ist? Elias. Heiraten, gnädiger Herr! Wer da nicht Galt' und Verdruß genug hat, der ist schon ein Nimmersatt. Sprud. (zornig aufspringend). In meinem Zustande heiraten? Welcher Satan gabDir diesen Gedanken ein? Elias. Trotz aller Gift und Galt' ist ein sauberes Weiberl doch so was Appetitliches. Sprud. (dumpf). Für mich darf kein Weib mehr appetitlich sein. Elias. Zum Beispiel Fräulein Louise, mit der Sie im Theater Bekanntschaft machten — Sprud. Kein Wort mehr von ihr, Elias. Ich liebe sie zwar — ich bete sie an — Elias. Na, also — Sprud. Eben weil sie mich zu sehr angezogen har, bin ich ausgezbgcn aus der Stadt und in Nußdorf eingezogen, damit ihr Gedanke von mir abgezogen werde. Elias. Aber bei der Ziehung wird nichts herauskommen; denn sie ist Ihnen schon auf der Spur. Sprud. Ist sie schon? Ha — dann eile zuM Hausmeister — liefere ihm einen Steckbrief ihrer Person — wenn sie kommt und nach mir fragt, soll er sagen, ich bin nie zu Hause. (Man klopft an die Mittelthür.) Elias (ruft). Herein! Sprud. (eben so). Min, nicht herein! Elias. Es wird der Uhrmacher sein. Sprud. Wenn's der Uhrmacher ist, laß ihn herein, wenn er's aber nicht ist, wirf ihn hinaus, (kr wendet sich gegen die rechte Seite) Elias (rufend, indem er zur Mittelthür geht). Der Uhrmacher darf herein — Alles, was nicht Uhrmacher ist, wird hinausgeworfen. (Er öffnet die Mittelthür und macht sie geschwind wieder zu, nachdem Louise sichtbar geworden.) Marsch hinaus, verfluchter Kerl! . Dritte Scene. Vorige. Louise. Louise (eindringend). Was soll das heißen? Warum willst Dn mir den Eintritt wehren, Elias? Sprud. Louise! Elias (sin sich). Die kann ich nicht hinauswerfen. (Mit Noblesse.) Dazu bin ich viel zu viel Gentleman-Cavalier. Louise (zu Sprudler). Also hier verbergen Sie sich vor mir? Ach — Sie lieben mich nicht mehr, Ludwig — erinnern Sic sich nicht mehr an jenen Abend, als Sie mir mit zitternder Hand Ihr Taschentuch reichten? Elias. Haler Ihnen schon das Schnupf- tüchl (Taschentuch) zugeworfen? (Zu Sprudler.) O, o, Sie Pascha, Sie! Louise. Ach, es war ein schönerAbend! Wir saßen in Fauteuils neben einander im Carltheater. Sprud. Erste Gallerie, zweite Bank Nr. 8 und 9. Die neue Posse, die man spielte, war so rührend, daß ganze Thrä- nenbäche Ihren Augen entströmten. — Ihr Schnupftuch war triefend naß undunbrauchbar geweint — und die Posse wurde immer rührender — da warf ich Ihnen mein Taschentuch zu, um eine Neberschwcmmung 1 * 4 von mir abzuwehren — bald war auch mein Taschentuch waschelnaß, denn die Posse wurde noch immer rührender — das war die historisch-dramatische Einleitung unserer Bekanntschaft. Elias. Und nach der Einleitung begann das Werk. Louise. Sie fragten mich nicht um meinen Zunamen — Elias. Beweis, daß er Sie gleich namenlos liebte. Louise. Noch um meine Wohnung. Elias. Er hat sich gedacht, Sie könnten ihn vielleicht um den Zins anreden. Sprud. Wer fragt im heiligen Gefühl der Liebe um Name und Wohnung. Louise. Ich, welche Sie schon länger kannte, brachte Ihnen Ihr Tuch in Ihre Wohnung zurück. Sprud. Ich küßte erst Louisens Thrä- nen aus dem Taschentuch — Elias. Und dann die Louisel selber. Louise. Sie machten mir eine Erklärung — trugen mir Ihr Herz und Ihre Hand an — ich bat mir 24 Stunden Bedenkzeit aus — Elias. Das war zu lang; so lang muß man einen Mann nicht warten lassen; weil schon hundert Andere wieder aufeinenMann warten. Louise. Am andern Tage eile ich zu Ihnen, um Ihnen persönlich die Antwort zu überbringen, da finde ich IhreWohnung leer und Sie spurlos verschwunden. Sprud. Ich wollte spurlos verschwinden. Wie war es Ihnen nur möglich, meine Adresse zu erfahren? Louise. Ich sann hin und her — ich fragte überall, ober Niemand wußte etwas von Ihnen. Da fiel es mir ein, daß Sie auf den Hans Jörgel pränumerirt sind und daß man Ihnen dieses Blatt in's HauS zusendet. — Ich eilte in die Expedition, und habe dort richtig Ihre Wohnung erfahren. EliaS. Entsetzlich! Derrätherei durch den Hanö Jörgel! Wer hätte da- gedacht? ! Louise. Wie konnten Sie mich so grausam täuschen, Ludwig? Was konnte soplötz- I lich Ihre Gesinnungen ändern? ^ Sprud. Du fragst, was, Louise? — ! Wohlan denn — ein Stiefel trennt uns auf ewig. Louise (erstaunt). Ein Stiefel? Elias (kläglich). Ja — ein Stiefel. Sprud. Während deiner 24 Stunden Bedenkzeit öffnete ich eine versiegelte alle Schachtel, Louise — Louise. Was für eine Schachtel? Sprud. Du sollst es nie erfahren, was das für eine alte Schachtel war. Elias. Das haben schon die alten Schachteln so im Brauch, daß sie nur Unfrieden zwischen jungen Verliebten stiften. Louise. Jetzt willst Du mich verlassen, Ludwig — jetzt, da ich deines Schutzes so sehr bedarf. Man will mich zwingen, einen Andern zu heiraten einen Herrn Bremse, Piccolo der Oper — Sprud. Wenn das Piccolo nicht falsch bläst, heirate es, Louise. Der Schmerz wird mich zwar augenblicklich tödten, aber ich werde mich männlich an deinen Verlust gewöhnen. Louise. Ach, wie unglücklich bin ich! Sprud. Ich kann nicht helfen, Louise! Ein dämonischer Stiefel hat den Bund uir- serer Herzen zerrissen. Vierte Scene. Vorige. Bremse. Bremse. Aha! Hab' ich Sie ertappt, mein sauberes Fräulein! Louise (erschrocken). Himmel, Bremse! Sprud. Das ist der Piccolo! Elias. Das ist etwas sehr groß, das Piccolo! Bremse (zu Louisen). Sie glauben wohl, man beobachtet Sie nicht, Fräulein Braut! — O, ich bin Ihren geheimen Schlichen schon längst auf der Spur, denn ich habe eine gute Nüst. 5 EliaS. Und dabei so schön roth! Bremse (wie früher). Sie glaubten sich heute ganz sicher, als Sie in den Fiaker stiegen. — Aber hinter Ihnen war ich in einem Komfortable. Und jetzt befehle ich Ihnen, mir augenblicklich zu folgen — Mamsell! Sprud. Sei vernünftig, Louise! — Ich bin nicht zu haben, also sei mit einem Piccolo zufrieden. (Sie umarmend.) Ein Bussi (Küßchen) Und noch ein Bussi — und jetzt noch — noch ein paar Bussi — Elias. Ich kann so was nicht ansehen. Wenn Sie dann fertig sind, lassen Sic mir's sagen. (Will gehen.) Sprud. (indem er sie heftig Bremsen zu- schleudert) und jetzt nimm sie hin, Piccolo! Bremse. Bitte um Ihren Arm, Fräulein Braut! Louise (indem fit ihn von sich stößt). Hinweg! (tzilt schnell zumBalcon.) Berühren Sie mich nicht — oder ich stürze mich zum Fenster hinaus! L>prud. (zu ihr eilend und fie zurückhaltend). Sapperlot, wir sind ja im zweiten Stock! — Eh' Du mir solche Sprünge machst, will ich lieber gar keine Sprünge machen! — Ich heirate Dich selber (zu Bremse) und Sie brauchen sich nicht weiter zu bemühen, kleines Instrument! Louise (freudig). Ist es wahr? Bremse (zornig zu Sprudler). Alle Teufel, Herr, was erlauben Sie sich! Sprud. (dumpf, indem er ihn verhindert, sich Louise zu nähern). Was würden Siethun, wenn Sie einen Onkel hätten, der in einem Lande geboren war, wo die Blutrache sich vom Vater auf Sohn, von Onkel auf Neffe, von Generation auf Generation vererbt? Bremse. Dummes Zeug! Ich verstehe kein Wort. Sprud. (wie vorher). So wisse» Sic denn, über diesem Hause hält ein Dämon seine höllische Pfote — wollen Sie wissen, wie er heißt, dieser schwarze glänzende Dämon der Nacht? Bremse (ihn austarrend). Na! . Sprud. Stiefel heißt der Dämon! Bremse. Wenn's so ist, Hab' ich hier nichts zu befürchten, denn ein Verrückter darf nicht heiraten, das verbieten die Gesetze. Auf der Stell' werd' ich Ihrem Vater von dieser säubern Liebschaft erzählen. — Einsperren — einsperren muß man sein Töckterl so lang, bis man den Geliebten in den Narrenthurm führt. (Läuft ab durch dir Mitte.) Louise. Also ist cs Ernst, Ludwig? Sprud. Daß ich Dich heirate? — Ich schwöre Dir, Du wirst meine Frau werden, sobald ich meinen Mann gefunden habe. Louise. Welchen Mann? Sprud. O, suche nicht mein Geheim- niß zu ergründen; jetzt laßt mich einen Augenblick allein — ich muß mich sammeln und mit mir zu Rathe gehen. (Zudem er Louise zur Sriteuthür recht- führt.) Harre meiner in meiner Bibliothek. Du wirst Dich recht gut unterhalten, denn eS sind keine Bücher d'rinnen. Elias. Und ich werd' Ihre Gesund- heitS-Chocolade machen, wiffen's die homöopathische, die so fad schmeckt, damit Ihre Hitzen vergehen. (Eilt durch dir Mitte ab.) Fünfte Scene. Sprudler (allein). (Kommt langsam mit verschränkten Armen vor, setzt sich dann auf den Stuhl link-, stützt den Kopf auf beide Ellbogen, seufzt schwer und starrt einen Augenblick gedankenvoll vor sich hin — dann springt er plötzlich auf und stürzt verzweislungs- ganz in den Vordergrund ) O! Daß mein Onkel Trocadero in einem Lande geboren sein muß, wo sich die Blutrache von Vater auf Sohn, von Onkel auf Neffe, von Generation auf Generation vererbt! Aber außer meinem Bagatell von Geburt verdank' ich meinem Onkel Alles — Amme — Zuzerl — Wiege — Kuhpockenimpfung — spanische Cigarren — 6 Billardspielen — vernachlässigte Erziehung und 2132 Gulden Bankvaluta jährlicher Renten. Das Vermächtnis eines solchen Onkels muß einem Neffen heilig sein! Er war Kaffeesieder nächst der Favoritenlinie bei Madrid. Da er immer die gelben spanischen Dncaten zählte, zog ihm die Gclb- heit der Dncaten eine spanische Gelbsucht zu. — Da ließ er mich über Hals und Kopf durch den Draht auf dem Telegraf oben nach Madrid befördern. — Ha — es war ein entsetzliches Wiedersehen! Als ich an sein gelbes Sterbebette in seinem gelben Zimmer trat, hob sich eine gelbe Figur aus dem gelbe« Bett im gelben Zimmer, rollte die gelben Augen, reichte mir eine gelb versiegelte Schachtel und sagte mir mit einer gelben Stimme: »HerrNeffe, in dieser Schachtel steckt mein letzter Wille! Schwöre mir, nicht eher zu heiraten, bis Du nicht pünktlich ausgeführt hast, was ich Dir in dieser Schachtel befehle." Ich schwur und ein paar Minuten darauf verhauchte mein gelber Onkel sein gelbes Leben! Ganz wohlgemuth zog ich mit seinen gelben Dncaten und seiner gelbgefiegelten gelben Schachtel nach Deutschland, liebelte und spärnzelre nach Gelegenheit und Umständen — ein bischen hier, ein bischen da — bis ich endlich meiner Louise das Heiraten versprach. Da fiel mir natürlich der letzte Wille meines Onkels und seine Schachtel ein. Ich öffne sie und finde darin drei Tinge: einen Dolch (indem er einen Stiesel aus der Lade des Tisches zieht), diesen alten, verhatschten (vertretenen)Stiefel und auf einem gelben Papier mit gelben Buchstaben folgenden verhängnißvollen Brief meines gelben Onkels: »Mein Weib hat mich betrogen, Neffe. Mein Hausfreund Spadilla war ihr Liebhaber, denn diesen seinen Stiefel fand ich eines Morgens auf dem Balcon vor dem Fenster meiner Frau. Er ist in's Ausland entflohen — soll in Wien leben — suche ihn auf uud räche mich. Morde ihn — streiche ihn auS der Liste der Lebendigen, Du hast eS mir geschworen, und brichst Du diesen Schwur, so soll auf deinem Kopfe das größte Hirschgeweih wachsen, das je einen Ehemann geziert. Tod dem Spadilla! — Dein gelber Onkel Trocadero.« — Einem Menschen das Lebenslicht ausblasen, das ist eine saubere Commission für einen so gntmüthigen Burschen wie ich. Aber ich Hab' es meinem gelben Onkel sindem er dm Stiefel küßt) bei diesem geliebten Stiefel geschworen uud Spadilla muß fallen durch List oder Gewalt. (Nimmt ein Buch aus der Lade, indem er den Stiefel wieder hineinstcckt.) Damit ich ihn finde, diesen Spadilla, Hab' ich mir das Adreffenbuch mit 25,000 Adressen gekauft. Da muß die seinige auch d'rinstecken. (Er setzt sich und durchläuft die Namen im Buche) Spada — Spadoji — Spazatil — Spa- deberger — Spanferkelino — Spadipet- schi — das ist Alles noch nichts. (Sucht leise weiter.) Sechste Scene. Sprudler. Spadilla. Spad. (durch die Mitte eintretend). Ganz gehorsamster Diener! Sprud. (ohne sich stören zu lassen). Servus! Was beliebt? Spad. Habe ich die Ebre, Herrn von Sprudler — Sprud. Zu dienen. (Liest.) Spading — Spadalln — Spanettel. Spad. (indem er sich der Uhr nähert). Ich bin zu Ihnen bestellt wegen einer Stocknhr. Sprud. Ja, die steht auf schlechten Füßen. Spad. (die Uhr untersuchend). Ja — sic geht schlecht — oder besser gesagt, gar nicht mehr. Sprud. Fühlen Sie ihr den Puls, vielleicht hat sie ein chronisches Leiden! (Lesend.) Spazi — Spademuzi — merkwürdig — in dem ganzen Register nicht ein einziger Spadilla. Spad. (sich umsehend). Was beliebt! 7 Sprud. Das geht Sie nichts an. Spad. Aber es war so, als ob — Sprud. Dringen Sie nicht in mein Geheimniß! Spad. (Nimmt die Uhr.) HerrvonSprudler, Ihre Uhr ist sehr gefährlich krank. Ich muß sie mitnehmen, wenn ich sie curi- rcn soll. Sprud. Meinetwegen — thun Sie, was Sie wollen. Spad. Aber da ich nicht die Ehre Ihrer persönlichen Bekanntschaft genieße (indem er eine Karte aus der Brieftasche zieht) erlaube ich mir, Ihnen hiermit meine Karte zu prä- sentiren. Sprud. Sehr gut — legen Sie sie dort hin auf den Tisch. (Lesend.) Spadrigo — Spadrilano — Spad. (indem er die Karte auf den zweiten Lisch legt). Empfehle mich unterdessen. (Geht mit der Uhr durch die Mitte ab.) Siebente Scene. Sprudler (allein) (Schließt ärgerlich das Buch.) Es gibt keinen Spadilla mehr — Die Rare ist aus- gestorben. (Springt auf, geht zum zweiten Tisch, sieht die Karte und nimmt sie ) Was ist denn das? — Ah richtig — die Karte des Uhrmachers — (Wirst einen Blick auf die Karte und schreit mit entsetzlich gellender Stimme auf:) Spadilla! — Halloh — der Uhrmacher war der Spadilla! — der läuft dem blutgierigen Löwen von selber in die Krallen! i Läuft zur Mittelthür, reißt sie auf und schreit hinaus.) He — lieber Herr — mein guter, charmanter, liebenswürdiger Herr Uhrmacher — kommen Sie doch noch ein kleines Bischen herauf zu mir — ich habe sehr was Nothwendiges mit Ihnen zu verhandeln! (Tritt aufgeregt, furchtbar mit den Augen rollend vor.) Ich habe ihn! Jetzt, Ludwig Sprudler, Muth, Größe, Charakterstärke und Blutwurst — ah, Blutdurst. Achte Scene. Sprudler. Spadilla. Spad. (tritt mit der Uhr in die Mittelthür). Herr von Sprudler befehlen? Sprud. (ungeheuer freundlich mit ihm). Sic sind Spadilla? Spad. (heiter). So ist mein Name. Sprud. Aber warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt? O — treten Sie doch näher und belieben Sic Platz zu nehmen, mein vortrefflichster Herr Spadilla. (Spadilla kommt vor — Sprudler nimmt den Stuhl vom Tische und setzt ihn in den Vordergrund. — In dem Augenblick, als sich Spadilla setzen will, spricht Sprudler für sich.) Wenn ich jetzt den Stuhl wegzöge, so setzte er sich in die Luft und bräche das Genick! — Aber nein — das ist nichts — es muß Blutrache sein! Spad. (setzt sich mit der Uhr, die ihn verhindert den Hut abzunehmen). Sie haben gewiß noch eine andere Arbeit für mich? Sprud. (nimmt einen andern Stuhl und setzt sich an Spadilla's Seite). 2 — Und das eine curiose Arbeit! (Pause — in welcher sie sich Beide gegenseitig ansehen — dann schlägt Sprudler Spadilla vertraulich aufs Kniee.) Sagen Sie mir dock — erfreuen Sie sich einer soliden Gesundheit, mein lieber Herr Spadilla? Spad. Ich? I ja, Gott sei Dank, es geht noch passabel! Sprud. Leiden Sie nicht etwa auf der Brust? — Kein Asthma — Husten? Spad. (lachend). Ick huste nie — außer wenn mir etwas in den Unrechten Schlund kommt. Sprud. Also haben Sie mehrere Schlünde? Sie wären so recht gut zum Speisen einzuladen! (Wieder sehr freundlich.) Ihr Magen ist wohl auch so ziemlich in der Ordnung? Spad. O ja! 8 Sprild. (indem er ihm mit dem Finger auf die Brust tupst).Und wie steht's denn mit dem Kasten? Spad. Mit dem Brustkasten? — Vortrefflich! (Will mit der Hand auf die Brust schlagen und schlägt auf den Uhrkasten. Schmerzlich die Hand schüttelnd.) Au Weh! Sprud. (für sich). Es wird bald ein ganz anderes Auweh kommen! (Laut — indem er ihn wieder aufmerksam betrachtet.) Aber wie steht's denn mit den Gliedern? Spüren Sie nie eine Schwere in den Füßen? Spad. O ja! Wenn ich zu viel über den Durst getrunken habe, hehehehe! Sprud. Sie haben also gar kein Leiden? Spad. O ja! Sprud. Gott sei Dank. Was thut Ihnen denn weh? Spad. Die Hühneraugen (Leichdornen). Sprud. (ärgerlich aufstehend). Ach, was kümmern mich Ihre Hühneraugen! (Fürfich.) Verflucht — er ist gesund nnd stark wie ein Bär! das wird Arbeit kosten, bis der umgebracht ist. Spad. Wenn Sie noch eine Uhr zum Repariren haben. — Sprud. (für sich, ohne auf ihn zu hören). Wenn ich nur wüßte, wie ich ihn am besten maffakrire! — Ich habe zu wenig Uebung in dem Geschäfte. Spad. (aufstehend). Wollten Sie wohl die Güte haben — Sprud. (drückt ihn wieder aus dm Stuhl nieder). Bleiben Sie sitzen und lassen Sie sich nicht stören. (Sieht sich um und bemerkt einen großen Besen, der rechts in der Ecke steht.) Ha! (Nimmt den Besen und spricht für sich, indem er ihn hinter Spadilla schwingt.) Ein tüchtiger Hieb und er hat genug! (Er will Zuschlägen und bemerkt, daß Spadilla den Hut auf dem Kopfe hat Laut.) Aber so nehmen Sie doch den Hut vom Kopfe! (Er reißt ihm den Hut vom Kopfe und stellt ihn auf dm Tisch.) Spad. (der sich indeß mit der Uhr beschäftigt). Verzeihen Sie — die Uhr hat mich verhindert, den Hut abzunehmen. Sprud. (indem er wie früher dm Stock schwingt für sich). ES wird mir doch ein wenig schwer, ihn so mir nichts dir nichts niederzuschlagen — aber es muß fein, der gelbe Onkel und der Stiefel gebieten es mir. Spad. (die Uhr untersuchend). Der ganze Organismus ist zerstört. Sprud. (wollte schon zuschlagen — wird von einem Gedanken ergriffen und spricht für sich, indem er den Stock finken läßt). Aber — halt einmal! Ist es auch der rechte Spadilla? Sapperlot, am Ende bringe ich einen un- rechten UM. (Nimmt schnell wieder einen Stuhl und setzt sich zu Spadilla, jedoch ohne dm Stock wegzulegen.) Ich bitte um eine Auskunft, verehrter Herr Spadilla. Svad. Recht gern — aber ich habe Geschäfte — man erwartet mich — und ein Uhrmacher soll ein Mann nach der Uhr sein, hehchehehe! Sprud. Hehehehehe — es freut mich, daß Sie so enorm witzig sind. — Sagen Sie mir einmal — Wie fädle ich denn die Geschichte recht fein ein. Hab s schon? (Laut.) Sagen Sie mir, waren Sie nicht einmal recht jung? Spad. Hehehehe! Ja — ich war einmal recht jung und lustig — hehehehe! Sprud. Hehehehe! Und ein rechter Don Juan, nicht wahr? Spad. Hehehehe! na curios! — Sprud. So ein spanischer Don Juan! Apropos, waren Sie nie in Spanien oder in Madrid? Spad. O ja! — In meiner Jugend. Sprud. (bedeutend). Haben Sie vielleicht auch einen verhatschten Stiefel getragen? — Spad. (sieht ihn erstaunt an). Stiefel?— O ja, aber — Sprud. Und haben Sie nicht auch von einem gewiffen gelben Trocadero gehört? Spad. (erstaunt aufspringend). Trocadero? Sprud. (drückt ihn unsanft auf den Stuhl zurück). Bleiben Sie sitzen! (Für sich, indem er seinen Stuhl bei Seite stellt.) Er ist schon der Rechte! — (Indem er sich die Aermel zu- rückschlägt.) Wir können darauf loSarbei, ten. — Spad. (für sich). Wie zum Teufel hat er Trocadero kennen gelernt? Sprud. (für sich, indem er im Hintergründe einen Anlauf nimmt und den Besen schwingt). Stiefel und Blutrache, gelber Onkel! (Er stürzt auf Spadilla und holt zu einem tüchtigen Schlage aus.) Neunte Scene. Vorige. Ellas. Elias (kommt durch die Mitte, mit einem Schrei des Entsetzens). Ach Herr Jemine! Spad. (erschrocken aufspringend zu Sprudler). Ist Ihnen was geschehen? Sprud. (sehr liebenswürdig, indem er den Besen in die Ecke stellt). O durchaus nichts, Verehrtester Herr von Spadilla. (Leise zu EliaS, indem er ihm heimlich mit der Faust in die Rippen bohrt.) Verdammter Dummkopf! Elias (schreiend). Au weh! Sprud. (sehr sanft). Was willst Du, mein guter Elias? Elias (zitternd). Ich? — O nichts! — Ich habe nur sagen wollen, daß Ihre Cho- eolade fertig ist, gnädiger Herr. Sprud. Schade, daß mein guter Elias, der Esel, gerade gekommen ist, Herr von Spadilla, jetzt wäre Alles vorbei. Spad. (indem er seinen Stuhl bei Seite stellt). O bitte — ein anders Mal, Herr von Sprudler — und da Sie frühstücken wollen (indem er seinen Hut nimmt und sich entfernen will) will ich nicht länger incom- modiren. Sprud. (ihn zurückhaltend). O bitte, bleiben Sie doch noch ein klein wenig. So dürfen wir nicht von einander scheiden. Spad. Ihre Unterhaltung ist mir sehr angenehm, aber — Sprud. (von einem Gedanken ergriffen, für sich aufschreiend, indem er einen Strick aus einem Koffer brnerkt). Ha! (Holt den Strick.) Spad. (durch den Schrei erschreckt). Himmel — was gibt's denn? Sprud. O nichts — entschuldigen Sie gütigst — nur ein paar Worte mit meinem Bedienten. Elias! Elias. Gnädiger Herr! Sprud (zieht ihn ganz in den Vordergrund links). Spad. (für sich, indem er die Uhr auf den Tisch stellt). Das ist ein sonderbarer Herr: mit solchen Kundschaften mag ich nicht viel zu thun haben. Sprud. (leise zu EliaS, indem er ihm den Strick gibt). Nimm diesen Strick und binde ihn ganz geschwind einen Fuß hoch, fest und sicher quer über die Treppe. Elias (sieht ihn an). Den Strick? Sprud. (leise und dringend). Thu, waS ich Dir befehle! Elias (für sich, indem er durch die Mitt. ab- geht). Jetzt glaub' ich's schon selber, daß er verrückt geworden ist. Sprud. (für sich). Auf der Treppe ist'S dunkel, er sieht den Strick nicht — stolpert darüber — kollert zwei Stock hinunter — bricht sich unterwegs den Hals, und das Werk der Rache ist vollbracht. — Spad. Ich werde die Uhr später durch meinen Burschen abholen lassen, und wünsche guten Appetit zum Frühstück. (Will fort.) Sprud. (nimmt ihn bei der Hand und führt ihn wieder vor). Bitte um Entschuldigung — aber Sie sind mir so lieb und werth geworden, daß ich Sie noch nicht entlassen kann, theurer Freund! Spad. (ungeduldig). Aber ich habe Geschäfte — Sprud. O, nur einen Augenblick! Sie scheinen mir ein so vernünftiger Mann zu sein, daß ich Sie gern über einen gewissen Scrupel zu Rathe ziehen möchte, der micb sehr beängstigt. Spad. Wenn es schnell geschehen kann, will ich mit Vergnügen dienen, aber — Sprud. (düster mit rollenden Augen). Was würden Sie thun, wenn Sie einen Onkel hätten, der in einem Lande geboren ist, wo IO sich die Blutrache von Vater auf Sohn, von Onkel auf Neffen, und von Generation auf Generation vererbt? Lpad. (sieht ihn befremdet an). Was ick ihnn würde? — (Für sich.) Wie er die Augen verdreht! Jetzt wird mir schon angst und bange bei dem Menschen! — Elias (eintretend). Es ist gescheh'n! Spad. (zu Sprudler). Was ick thun würde, wenn ich solch einen Onkel hätte? Sprud. Jetzt brauchen Sie nichts mehr zu thun, und ich halte Sie nicht länger zurück. — (Bewegt.) Leben Sie wohl, oder vielmehr, sterben Sie wohl, Spadilla — einen Händedruck (drückt ihm die Hand), einen stärkern Händedruck, wie unter Freunden, dieslch crstjenseits Wiedersehen! (Umarmt ihn.) Wenn Ihnen zufällig was Unangenehmes begegnen sollte — ich bin unschuldig — der Stiefel hat's auf seinem Gewissen. Spad. (für sich). Der Mensch ist ein Narr! (Saut.) Die Uhr wird bis Samstag reparirl sein — gehorsamster Diener, Herr von Sprudler! (Geht ab, läßt seine Handschuhe ausdem Tische neben der Uhr liegen. — Sprudler verfolgt ihn mit den Augen — eilt dann zur Thür, die offen bleibt, und horcht.) Zehnte Scene. Sprudler. Elias. Elias. Aber gnädiger Herr — er wird einen Purzelbaum über den Strick machen — Sprud. (hinausblickend). Alle Donnerwetter — er geht nicht hinunter, sondern hinauf — er muß im dritten Stock auch eine Kundschaft haben, und während er die bedient, kann Jemand den Strick beseitigen und er entgeht meiner Rache! Elias (die Handschuhe bemerkend). Er hat seine Handschuhe vergessen — ich werd's ihm nachtragen! Sprud. (schnell). Nein, laß sie liegen — da wird er wieder kommen, um sie zu holen. Elias (für sich). Was er nur für eine Passion auf den Uhrmacher hat! Sprud. (aufs Fenster hinstarrend). Ha — eine erhabene Idee! — Elias, lauf' geschwind zum Hausmeister hinunter und hole mir eine Säge herauf. Elias. Wozu denn eine Säge? — Sprud. (stößt ihn hinaus). Marsch, sag ich Dir! Elias (indem er davonläust). Heute ist er rein vom Teufel besessen. Sprud. (allein). Das Mittel ist jedenfalls genialer und sicherer — mein gelber Onkel muß mir von jenseits Beifall lächeln. (Man hört draußen ein starkes Gepolter aus der Treppe.) Eilfte Scene. Sprudler, Louise (aus dem Seitenzimmer). Später Elias. Elias (von außen schreiend). Ah! Ah! Ah! Auweh! Louise (ans dem Seitenzimmer eilend). Ach mein Gott — es ist Jemand über dieTreppc gefallen. — Sprud. (zur Mittelthüre eilend und hin« ausblickend). Mein dummer Elias ist selbst über den Strick gestolpert! — Aber er steht auf — hinkt nur ein wenig — zum Glück ist ihm nicht viel geschehen. — Louise. Der arme Elias! — Sprud. (indem er zum Fenster geht). Ein Unschuldiger hat wieder einmal für den Schuldigen gelitten. Aber auch an den Schuldigen wird bald die Reihe kommen. (Oeffnet das Fenstre nnd blickt hinaus.) Gut sehr gut — zwei Stock hoch — und unten ein recht scharfes Granitpflaster—prächtig! Lont — Was meinen Sie? — Sprud. Nichts, gar nichts! Elias (hinkt mit einer Säge und einer großen Beule aus der Stirne in s Zimmer.) Da ha- ben's ein saubers Kunststücke! gemacht, gnädi- II gerHerr! Einen ganzen Ballon Hab' ich mir ans die Stirn g'schlagen. S P rud. (nimmt die Säge). Nur eine elende Benle. (Zu Elias.) Wart', ich lege Dir ein Flußpapier auf den Kopf. Elias. Eine Banknote thut's auch. Sprud. Nein, nein! — Flußpapier heilt besser. Louise. Und kalte Umschläge, lieber Elias. Elias. Der verfluchte Strick! — Nu weh — mein armer Kopf! Aber wer Andern eine Grube gräbt, fällt meistens selber hinein. (Hinkt ab.) Sprud. Jetzt schnell an die Arbeit — mein Mann wird bald wieder da sein! (Er eilt zum Fenster und sängt an das Geländer zu durchsägen.) Louise (erstaunt). Was machen Sie denn da? Sprud. (sägend). Zch arbeite an unserer Hochzeit. Louise. Mit der Säge? Lvprud. (hört auf, nachdem er zwei Einschnitte machte, und stellt die Säge zum Koffer). So — jetzt hängt das ganze Gebäude nur noch an einem Faden. Louise (ängstlich). Aberwenn sich Jemand daraufstützt? Sprud. So purzelt er zum Fenster binaus. (Eilt zur Mittelthür.) Still — mau kommt die Treppe berab — verschwinde, Louise. Louise. Wie? — Sie schicken mich fort? Sprud. (mit erhobener Stimme). Wenn Du meine Frau werden willst, verschwinde, Louise. Louise. Ich geh' ja schon! (Eilt ms Seitenzimmrr.) Zwölfte Scene. Sprudler. Spadilla. Elias. Elias. Ja, ja, Ihre Handschuh haben's vergessen, Herr Meister. Spad. (auf jedem Arm eine Stockuhr tragend). Ich muß schon noch einmal belästi-- gcn, Herr von Sprudler — Sprud. (indem er schnell die Handschuhe nimmt und zu ihm eilt). D bitte recht sehr. Belieben Sie zu sagen, wo ich die Handschuhe hinstecken soll. Spad. Gewöhnlich stecke ich sie in die Rocktasche. Sprud. (indem er ihm die Handschuhe in die Rocktasche steckt). So, mein thcurer, geliebter Freund. Spad. Ich danke Ihnen recht sehr. Sprud. (indem er ihm schnell beide Uhren abnimmt und auf den Tisch stellt). Und da uns das Schicksal noch einmal zusammenführt— (nimmt ihn unter dem Arm und führt ihn zum Fenster) bitte ich Sie, mir zu sagen, wie viel Uhr es gegenwärtig in Wien ist? Sie kön nen durch dieses Fenster ganz deutlich die Uhr auf dem Stefansthum sehen — besser wie ick, denn ick bin etwas kurzsichtig. Spad. (hinaiirsehend). Hm — das ist mir dock ein wenig zu weit. Sprud. Es wird schon gehen — biegen Sie sich nur besser nber's Geländer hinaus. Spad (verläßt schnell das Fenster und tritt zu ihm). Aber das ist ja gar nickt nothwen dig — (indem er die Uhr aus der Tasche zieht) meineUhr ist ganz genau nach der Stefansuhr gerichtet. Es ist zehn Minuten über eilf Uhr. Sprud. (ihn angrinsend). Zehn Minuten über eilf Uhr? Was Sie sagen! (Für sich.) Es geht verflucht schwer — aber es nützt nichts — hinunter muß er. Spad. Sie tonnen sich darauf verlassen — (wendet sich) und jetzt will ich — Sprud. (nimmt ihn schnell unter dem Arm und spaziert mit ihm langsam zum Fenster). Sagen Sie mir einmal, lieber Freund ^spa- dilla, finden Sie nicht, daß ich hier recht angenehm logire? Spad. O, o, sehr. 12 E prud. (läßt ihn an -Fenster treten). Durch dieses Fenster können Sie den balsamischen Geruch der Donau einathmen, ich bitte riechen Sie — riechen Sie zum Fenster hinaus — Spad. (schlürft mit der Nase). Ich rieche die Donau nicht, ich sehe sie nur. Sprud. (ärgerlich). So stützen Sie sich loch auf's Geländer und riechen Sie weiter zum Fenster hinaus. «Lpad. (sich vom Fenster entfernend). Jetzt rieche ich nichts, als Rostbraten mit Zwiebel — und den Zwiebelgeruch kann ich nicht leiden. Sprud. (wütheud für sich). Verfluchter Hausmeister — muß der just jetzt einen Rostbraten mit Zwiebel braten. Elias. Ich Hab' den Zwiebel gern — nur müssen recht viel Rostbrateln dabei sein. (Militärmusik aus der Straße.) Sprud. (nimmt Spadilla wieder unter dem Arm). He — ein Regiment marschirt vorüber — das müssen wir ansehcn. Spad. Ah — da bin ich dabei! Soldaten seh' ich immer gerne. (Sit gehen zum Fenster.) Elias (freudig). Das sein d'Jäger! Da Hab' ich einen Herrn Vetter dabei. (Drängt sich vor und eilt zum Fenster.) Sprud. (schreiend). Halt! Elias — halt! Elias (biegt sich über das Geländer und schreit beim Fenster hinaus). Servus, Herr Detter, Ser — (Das Geländer bricht und er fällt zum Fenster hinaus.) Spad. (springt erschrocken dazu und erwischt Elia- noch bei den Füßen, während der ganze Obertheil des Körpers zum Fenster hinaushängt). 'Allmächtiger Gott! Sprud. (wüthend für sich). Der Dumm- kopf muß überall seine Nase dabei haben. Spad. (Elias an den Füßen zerrend, zu Sprudler). Helfen Sic doch — er ist mir zu schwer. Sprud. (indem er Elias hereiuziehrn Hilst). Ja, es ist ein schwerer Stockfisch, mein Elias. Elias (der wieder zum Vorschein kommt, schwach und zitternd). Aderlaß — Blutegel, wenn mich nicht der Schlag treffen soll. Sprud. Hast Du Schaden gelitten? Elias (wild). Ich Hab' mir einen zweiten Ball auf der Stirn g'schlagen. — Ich Hab' mich mit dem Kopf an s Haus angeschlagen. Das wird ein Hausball. Spad. Geschwind etwas Abkühlendes! (Leert die Zuckerdose in das Glas Wasser und rührt mit dem Löffel um.) Ein Glas Zuckerwasser kann nicht schaden. Elias (schreiend). Nein — nein — nein, ich mag das Zuckerwaffer nicht. (Schwach.) Nur ein paar Flaschen Wein will ich, damit ich mir die zerquetschten Glieder waschen kann, auswendig und inwendig! Sprud. (sanft und mit Theflnahme). Ja! ja! Du sollst Alles haben, mein armer Elias! (Leise und ingrimmig ihn in die Seite bohrend.) Du Heuochs, Du! — (Beide ab durch die Mitte.) Dreizehnte Scene. Spadilla, darauf Sprudler, dann Louise, zuletzt Elias. Spad. (allein). Da habe ich einem armen Teufel das Leben gerettet — ich kann selber kaum zu Athem kommen vor Schrecken. (Rührt das Wasser um.) Ein wenig Zuckerwaffer ist gut gegen die Aufregung. (Leert das Glas zur Hälfte). Hm! hm! das ist ein sonderbares Zuckerwaffer — gar nicht süß und doch schäumt und mouffirt es wie Champagner. (Er leert das Glas bis zur Neige.) Sprud. (tritt ein, bleibt erstarrt stehen und ruft mit Entsetzen aus). Er hat die Rattenlimonade getrunken! Spad. (erschrickt, verschluckt sich und hustet) Hum — hm — was erschrecken Sic mich denn so? Sprud. (für sich). Das ist nicht mein Werk, gelber Onkel — das hat der dämonische Stiefel gethan! Spad. Verzeihen Sie, daß ich so un- genirt bin. — Sprud. Bitte — bitte — machen Sie sick's commod, und putzen Sie die ganze Zuckerdose aus — aber merken Sie sich wohl — (bedeutend) ich habe Ihnen dieses edle Getränk nicht credenzt. Spad. (das Gesicht verziehend). Sagen Sic mir nur, was Sie für einen curioscn Zucker haben! Er hat so einen pappigen Geschmack. Louise (tritt aus dem Scitcnzimmer). Nun darf ich endlich meine» Arrest verlassen, lieber— (Spadilla bemerkend, erschrocken) Himmel, mein Vater! Spad. (erstaunt). Meine Tochter! Sprud. (mit Entsetzen zu Spadilla stürzend). Was, Sie sind Ihre Tochter! Nein! Ihr Vater! (Entreißt ihm das Glas und die Zuckerdose, die er noch in den Händen hält.) Hinweg damit — hinweg! O zu spät! — er hat Alles ausgetrunken bis auf die Nagelprobe — die ganze Zuckerdose ist ausgeschleckt! — (Aus vollem Halse rufend.) Elias — die Oel- flaschc! —Geschwinde, Elias — Oel! Oel! Elias (von außen). Gleich, gnädiger Herr! Spad. und Louise (ängstlich). Mein Gott, was bedeutet das? Sprud. (verzweiflungsvoll auf- und abgehend). O Stiefel, dämonischer Stiefel, was hast du mir da gethan? Elias (mit einer großen dunklen Oelflasche eiutretend). Da ist das Oel, gnädiger Herr! Sprud. (entreißt ihm die Flasche) Her damit, her! (Füllt schnell das Glas mit Oel und hält es Spadilla hin.) Geschwinde trinken Sie das aus, Herr Spadilla! Spad. (abwehrend). Ich danke recht sehr! Sprud. (heftig). Trinken Sic oder ich schütte es Ihnen mit Gewalt in den Hals, machen Sie das Maul auf! Spad. Na — in's Himmel Namen! (Macht den Mund aus und schneidet Grimassen, nachdem ihm Sprudler Del in den Mund geschüttet.) O — brr — Puh! Elias. Pfui Teirl! Sprud. (reicht Spadilla das GlaS). Trinken Sie aus — Ihr Leben hängt davon ab. Spad. und Louise (erschrocken). Gerechter Himmel! Spad. (leert schnell das Glas aus einen Zug). Elias. Gnädiger Herr — die Dosis wird zu groß sein — es ist ja stinkendes Brenn öl! Sprud. (schreiend, indem er Spadilla daS Glas entreißt). Halt— trinken Sie nicht! Zu spät — er hat das Brcnnöl auch schon im Magen! Elias. Jetzt braucht er nur mehr einen Docht zu schlicken, und die Nachtlampe ist fertig. Louise. Wollen Sie denn meinen Vater tödten? Sprud. Nein — retten will ich ihn— denn er hat Rattengift getrunken! Spad. und Louise (mit Entsetzen). Gift! Elias. 'S ist ja nicht wahr— war kein Gift! Alle (freudig). Nicht? Elias. Na — nur H.rarpuder. Sprud. Jetzt begreif' ick, warum cs so moussirt hat. Spad. (kläglich). Haarpud.r und Brennöl! — Nein, nein, es muß Gift sein, es brennt mich so entsetzlich. Elias (welcher die Flasche ergriff). Ha — ich glaub's. Alle. Was denn? Elias. Ich habe statt der Oelflasche die Spiritusflasche erwischt. Louise. Himmel! schnell einen Camil- lenthec. Elias. Ich hätte geglaubt, er hat schon seinen Thee! (Geht ab.) Vierzehnte Scene. Spadilla. Sprudler. Louise. Louise. Wie geht es Ihnen denn, lieber Vater! 14 Spad. Es brennt mich nicht mehr. Gott sei Dank, daß ich an geistige Getränke gewohnt bin. Aber vor Allem eine Frage: Wie kommt meine Tochter in Ihre Wohnung? Louise (schnell). Wir lieben uns, Vater! Sprud. Za, wir stehen in einem zarten Verhältniß, ich und Fräulein Spadilla. Spad. (aufstehend). Fräulein Spadilla! Louise ist keine Spadilla, Sie ist nur meine Parhe und ein angenommenes Kind. Sprud. Wie! Was! Louise ist nicht Ihre Tochter!?— Nicht? Jetzt fangen wir wieder von vorne an. Spad. Was? Louise. Wo sind denn meine Pistolen? Spad. Zu was? Sprud. Um Sie zu erschießen. Entschulden Sie, aber ich habe meinem Onkel geschworen, Sie zu morden. Louise. Himmel! Sprud. Und Blutrache muß gehalten werden! Spad. Ihrem Onkel Trocadero haben ^S p^d.J^M Ihrer A-bschaft mil i^S'br-cht HStttst^Du «ersteh» nichts oon Sprud. Sie sind der Nicolo! Und Ihr Bruder ist todt? Spad. Schon seit sechs Jahren! Sprud. Ist das ein edler Mann, er starb mir zu Liebe, damit ich keinen Mord begehen durste! — Spad. Ich bin Spanier, begreife Alles; hier haben Sie die Hand meiner Tochter. (Will ihre Hand in die seine legen.) Fünfzehnte Scene. Vorige. Bremse. Bremse. Halten Sie ein, Herr Spadilla, soeben hat mir der Diener dieses Men» schen vertraut, daß er Ihnen nach dem Leben trachtet. Spad. Ich weiß es; er mußte es aus Blutrache thun. (Zn Bremse.) Hättest Du mir nach dem Leben getrachtet, wenn Du einen Eid darauf geschworen hättest? Bremse. Und wenn ich 10.000 Eide geschworen; nie — gar keine Idee! Spad. (stößt ihn zurück). Geh, Du bist eine ordinäre Seele, weil Du mich nicht »Ehre und Blutrache! (Sprudler umarmend.) "°m7Ls ^KommanmeinHerz, D«n°bl-s spanisches Spad^Ha! J.tzi wird mi. Alles ->a-,! G-m°.h °°m Ais-rbach! - llouste ist dein! Sie rede» v°n meinem »erstorbenen Bruder! Sprud. cr°ms-» umarmend,. Der d°m°- Pool» Spadilla» jnuche Sll-f-l hat s-m- Roll- ausg-splcit, Sprud. Was, Sie sind nicht Paolo. Louise. Nein, der Vater heißt Nicolo! »ich schwöre jetzt für immer zum Pantoffel. (Der Vorhang fällt.) Ende. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Ein jüdischer Dienstbote. Charakterbild mit gelang in drei Arten von Carl Elmar. Musik von Z. B. Klerr. Personen. Ferdinand Grünberg, Gewerksbesitzer. Gabriele, seine Gattin. Ursula, seine Mutter. Stollmann, deren Schwager. -Herr von Glimmer st ein, Gabrirlens Stiefbruder. Salomou Kraus, jüdischer Tandler- Moriz. sein Sohn. Sarah, Wirthschasterint Betti, Kammermädchen? bei Grünberg Florian, Bedienter s Fräulein Well heim, eine Sängerin. Michel, i Gewerksarbeiter. Hanns, j Gäste. Arbeiter. Bediente. Erster Art. (Bürgerliches Zimmer, wohlhabend eingerichtet. Canap« rechts. Tische und Stühle links. Mittelund Seitenthür.) Erste Scene. Florian. Betti (von links). Florian (zu Betti). Pein, ich mag amal amal zu so etwas nit zwingen! Ueberhaupt begreif' ich nit,Betti, was denn Du eigent lich mit mir zu schaffen hast: Ich bin ja dem Herrn Grünberg sein Bedienter, nit der deinige ! (Ist als Diener aber ohne Livree) Betti (ist cokettgekleidet, sagt heroisch). Als Bedienter beim Herrn bist Du's auch bei der gnädigen Frau; die gnädige Frau regiert aber im Haus, und ich bin ihre rechteHand. Florian. Ja, d'rum geht so viel links. Betti. Die gnädige Frau will das bm- nit — ich thu's amal nit — ich laß mich Österliche Haus, in welches sie hineingehei- Theal«r->eperwire»Nr. 163. t 2 ratet hat, auf einen nobleren Standpunkt! bringen; d'rum hat sie eine Livrve machen lassen, die Dn ohne Widerspenstigkeit an- zieh'n wirst. Flor. Nein! Unsere Wirthschafterin, die Mamsell Sarah, hat g'sagt, daß ich nur den Befeblen meines Herrn gehorchen soll. Betti (hrftig). Unsere Wirthschafterin? Die arrogante Jüdin? Was hast denn Du mit der zu verhandeln g'habt? Flor. Verhandelt Hab' ich nir, weil's ka Hansicrcrin is, aber discurirt hab'n wir mitsamm'. Betti. Solche Discurse sind Dir in Zukunft strengstens verboten — Dn weißt, daß die gnädige Frau der Iudenmamsell ihre Feindin ist. Flor. Aber der Herr Grünbcrg hat's gem und gar der Herr Stollmann, der is, was die Wirthschafterin betrifft, mit Leib und Seele Hebräer. Zweite Scene. Vorige. Stollmann (ein alter, kräftiger Mann, rasch eintretend). Stollm. Was gibt's? ich Hab' meinen Namen g'hört! (Nach Betti.) Hat dieses lockere Zünglein wieder über mich losge zogen? Flor. Ueber Ihnen nit, Herr Stollmann, aber über d'Mamsell Sarah. Stollm. Aha, die fleißige, verständige Jüdin ist gewissen Personen, die sich solcher Eigenschaften »licht rühmen dürfen, ein Dorn im Auge. Betti (schnippisch). Unter diesen Personen müßt auch die gnädige Frau verstanden sei,». Stollm. Still! — Worüber ist's Hergängen? Flor. Ueber die neue Livrve, die mir die Frau Grünberg hat machen lassen, und die ich nicht anzieh'n will, weil ich d'rin wie's unehrliche Kind von an Gimpel und von an Kanari ausschau'n müßt. Stollm. Dn sollst sie auch nicht an- zieh'n, so lang es Dir nicht dein Herr befiehlt. Betti. Sein Herr wird's ihm aber befehlen müssen, weil die junge gnädige Frau die alte gnädige Frau zur Unterstützung hat, und weil die alte gnädige Frau dem Herrn Grünberg seine Mutter is. Stollm. Leider! Betti. Sogleich werd' ich der Frau Mama meinen Bericht abstatten, und Sie werden sich überzeugen, Herr Stollmann, daß wir auch einen Gimpel und einen Kanari durchzusetzen wissen, wenn uns die Couleur dieser beiden Viecherln behagt. (Rechts ab.) Dritte Scene. Vorige. Ohne Betti. Stollm. Ganz die Photographie ihrer Gebieterin, ebenso eigenwillig, unvernünftig und toll! — Ich begreife nicht, Florian, wie Du Dich in eine solche Person hast vergaffen können. Flor. Mein Gott, ich bcgreis's selber nit! — Es muß mir so g'schehcn sein wie den Mondscheinigen, die sich schlafender ins Mondscheing'sicht vergaffen und ihm über alle Dächer nachrcnnen, auf die G'fahr, daß beim ersten Fehltritt 's G'nack brechen. — Ich kann mich nur damit trösten, daß die Betti a schöner's G'sicht hat, als der Mondschein. Stollm. Das sind eben die gefährlichsten Gesichter. Flor. Da kommt die gnädige Frau! Stollm. Na, jetzt gilt's! Vierte Scene. Vorige. Ursula und Betti (von recht«). Urs. (eine sehr alte, nettgekleidete Krau, mit zitternder Stimme, aus Betti gestützt). Guten Morgen, Herr Schwager! 3 Stollm. Guten Morgen, Frau Schwägerin. Urs. (setzt sich in» Lanape). Betti, rück' mir 's Schamerl her! Flor, (bei Seite). Das san die Vorbereitungen zum peinlichen G'richt. Urs. Thut mir leid, Herr Schwager, daß ich mild schon wieder mit Ihnen häkeln muß! —Meine Frau Schwiegertochter hat für'n Florian eine noblige Livrve machen lassen, die er aus Obstination nit au- zieh'n will, und Sie geben ihm Recht! Stollm. Weil er's hat. Er ist bei Ihrem Sohn im Dienst, nur dieser hat über seine Kleidung zu befehlen. Urs. O was! — Zwischen Eheleuten is' Alles gemeinschaftlich, also auch die Dienerschaft. Stollm. Ihrer Schwiegertochter würde es nicht gefallen, wenn sich diese Gemeinschaft auch auf's Stubenmädel erstrecken sollte. Betti (keck). Bitt', ich bin Kammermädchen, zwischen Kammer und Stube ist ein delicater Unterschied. Stollm. Still! Urs. Geh' mit dem Florian, Betti, und schau', daß er in die neue Livree hineinkommt. Flor. Wenn ich aber drinn vor Knap- pigkeit ersticken muß? Betti. Besser ersticken, als der Herrschaft ungehorsam sein! Flor, (bei Seite). Vermaledeites WeibS- bildcr-Regiment in dem Haus! (Beide durch die Mitte ab.) Fünfte Scene. Ursula. Stollmann. Urs. Jetzt sind wir allein, Herr Schwager, jetzt können Sie mit Ihren Impertinen- zirn auSpacken. Stollm. Nennen Sie das Jmperti- nenzien, wenn ich als Freund Ihres Sohnes spreche, der auf dem bisherigen Wege zum Pantoffelrittcr geworden ist? Urs. Mein Seliger hat auch zur Pan- toffelbruderschast g'hört und hat sich dabei recht wohl befunden. Stollm. Aber sein G'schaft wär' z'Grund gegangen, wenn ick ihm nicht zur Seite gestanden wär'. Urs. Oho! Stollm. Ja, mit Stolz darf ich behaupten, daß diese Eisenhämmer, die Schmelzöfen, diese Streck- und Walzwerke nur darum einen so reichen Gewinn ab- werfen, weil ich den Betrieb gefördert Hab'; während Ihr schwacher Mann nur beflissen war, den Launen seiner Frau zu dienen. — Leider hat auch Ferdinand diese Schwäche geerbt. — Für ihn ist sie noch gefährlicher, denn er hat eine Adelige geheiratet, welche die Gewährung jedes tollen Wunsches als Dank für die Aufopferung ihres edlen Namens begehrt. Urs. Hat meine Schwiegertochter da nit Recht? Müssen wir uns eine solche herablassende Aufopferung nicht znr Ehre rechnen? Stollm. Nun, es kommt darauf an, wie man's nimmt. Meine Ueberzeugung ist, daß diese unpassende Heirat nicht zu Stande gekommen wäre, wenn nicht der plötzliche Tod von Gabrielens Vater seine Tochter der Armuth überliefert hätte. — Darum hat Gabriele Ihren Sohn geheiratet. Urs. Und zugleich aus Liebe! Stollm. Das beweist sie sehr schlecht. — Ihre alten Augen aber sind von Eitelkeit geblendet; Sie sind mit allen Tho.- heiten Ihrer noblen Schwiegertochter einverstanden, weil Sie dadurch selbst einen Schein von Nobleß gewinnen wollen, dem aber Ihr Stand und ihre geringe Bildung widersprechen. Urs. (zornig aufspringend). Infam!—Ich befehl'Ihnen, auf der Stell' dieses Zimmer zu verlassen. 1 * 4 StolHn. Nicht nur dieses Zimmer verlasse ich, sondern das ganze Haus, welches auf solche Art dem Ruin verfallen muß. (Eilt gegen die Mitte.) Sechste Scene. Vorige. Sarah. Urs. O, die kommt mir just recht! Sarah (einfach gekleidet, Schlüsselbund rc., tritt ein und hält Stollmann zurück, mit angstvollem innigen Ton). Bleiben Sie, Herr Stollmann! ich bitt' Sie um Gottes willen! Urs. Was sind das für Keckheiten? Wie kannst Du Dich untersteh'n hereinzukom- men, wenn ich mit dem Herrn Schwager eine vertrauliche Unterredung Hab ? Stollm. (bei Seite). Das nennt Sie vertraulich. Sarah. Verzeihung, gnädige Frau, ich war' nicht gekommen herein, wenn ich nicht hätt' gehört so schreckliche Worte. (Bewegt.) Herr Stollmann will verlassen das Haus, welches dem Ruin verfallen muß! — Das Haus, wo ich gefunden Hab' eine zweite Heimat', wo ich genossen Hab' zehn Jahr' lang als jüdischer Dienstbot so viel christliche Lieb'?!-Nein, nein, Herr Stollmann, Sie sind hitzig gewesen — und weil von der Hitze kommt der Rauch, so haben Sie im Rauch gesehen schwarz, aber es wird nicht so schlimm sein. Stollm. Es wird so schlimm werden, wenn man der Vernunft nicht bald Gehör gibt. Urs. Du bist auch eine Solche! — Du hast auch den Florian in seiner Obstination bestärkt. Sarah. Ich Hab' nur gesagt, daß er soll gehorchen seinem Herrn, weil der ihn bezahlt. Urs. Bezahlt! bezahlt! Bei Euch Juden gibt immer's Geld den Ausschlag! Sarah (lächelnd). Bei den Christen oft auch! Urs. Du hast Dich in gar nichts zü mischen, sondern nur deine Schuldigkeit zu thun! Sarah. Thu' ich meine Schuldigkeit, Herr Stollmann? Stollm. Mehr als genügend! Du bist in der Wirthschast das, was ich im Geschäft bin, aber hier schätzt man nur Leute, welche Wirthschast und Geschäft zu Grunde richten! Urs. Genug! Wer uns mit Bescheidenheit dienen will, gegen den werden wir uns auch erkenntlich zeigen; wer aber arrogant und vorlaut ist, dem können wir aucb unsre Würde zeigen. (Mit komischer Grandezza.) Merk'Dir das gut: die gnädige alteFrau — und die gnädige junge Frau machen hier mit einand'den Herrn! (Trippelt in steifer Haltung rechts ab.) Siebente Scene. Vorige. Ohne Ursula. Stollm. Hast Du gehört, Sarah? Sie behandelt auch mich wie eiuen Dienstboten, aber dem will ich ein Ende machen. Fort von diesem verrückten alten Weibe. Sarah (bittend). Nein, Herr Stollmann, nein! — Die alte Frau Grünberg ist gewiß eine gute Frau; wenn sie manchmal hat Anfälle von Verrücktheit, so ist das ein Uuglück. — Sie aber haben gezeigt an mir, an dem verlassenen Judenmadel, das Ihnen verdankt seine Erlstenz, daß Sie haben ein mitleidiges Herz für Unglückliche! Stollm. Bei Dir war es anders! — Du bist mir dankbar gewesen, aber diese Alte und ihre Schwiegertochter sind undankbar. Sarah. Es gibt einen orientalischen Spruch, Herr Stollmann, den sich Jeder zu Herzen nehmen soll, ob Jud' oder Ehrist: »Lhue das Gute, wirf es in s Meer, Weiß es der Fisch nicht, so weiß eS der Herr!« 5 — Nun, wenn die alte und die junge Frau Grimberg solche Fische sind, die nicht wissen, wie viel Gutes Sie ins Meer hineinwerfen. so wird's doch der Herr dort oben wissen, wird's Ihnen zu Gute schreiben in seinem ewigen Buche, und wenn der große Rechnungsabschluß kommt, dann werden Sie haben davon Ihren reinen Profit! Stollm. (ihre Hand fassend). Recht hast Du, meine brave Jüdin! — Nun so will ich in Gvttesnamen länger noch mit dem Unsinn kämpsen; ich will cs als meine Pflicht betrachten, und wenn ich dafür Undank ernte, will ich mir deinen Spruch ins Gedächtniß rufen (kräftig): »Thue das Gute, wirf es in's Meer, Beide. Weiß es der Fisch nicht, weiß es der Herr!« (Stollmann schüttelt ihr die Hand und geht durch die Mitte ab.) Achte Scene. Vorige. Betti (ist eingetreten). Betti (boshaft). Schau! schau! schau! Das war ja ein recht bedeutungsvoller Händedruck, den der brave Herr Stoll- mann unserer braven Wirthschafterin applicirt hat. — Glaub's nit, daß es dem Herrn Grünberg angenehm g'wesen war', das zu sehen! Sarah (ruhig). Warum glauben Sie das nicht, Mamsell Betti? Betti. Je nun, der Herr Grünberg ist ein junger Mann, und bei seiner fast un- schicksam en Zuneigung für Mamsell Sarah— Sarah. Sprechen Sie nicht weiter, denn Sie machen sich nur selber Schand! Betti (heftig). Mir! — Mir könnt'nur das eine Schand' machen, wenn ich so dumm wär', die Ursachen nicht zu begreifen.—Ein Iudenmädel wird in einem christlichen Haus Wirthschafterin, wenn sie keine be sondern Verdienste hat? (Mißt Sarah.) Sarah. Noch nie bin ich gewesen un bescheiden, aber gegen Sie muß ich's sein wider Willen. — Meine Verdienste sind der Fleiß, die Sparsamkeit, die Treue, der Gehorsam ohne Sclavensinn, und die Wahrheitsliebe ohne Furcht vor den Menschen. — Wenn Ihnen sagt Ihr Bewußtsein, daß Sie haben größere, dann beneid' ich Sie darum, denn unser größter Reichthum ist der, den wir hier tragen! (Die Hand aufs Herz legend und mit Bewußtsein ab.) Neunte Scene. Betti (allein). Todtärgern möcht' ich mich, daß ich es nie dahin bringen kann, daß sie sich ärgert! — Aber curios! — Obwohl die Jüdin mich noch nie beleidigt hat, kann ich doch keine Sympathie für sie haben, sondern nur Antipathie! — Ja, die Macht der Sympathie und der Antipathie ist in manchen Fällen sehr stark. Couplet. Ein Mann hat ein schöne Frau, Die nennt er seinen Stern, In ihrer Augen Himmelblau Vcrschaut er sich so gern! Sein Herz empfindet nur für sie, Die ganze Macht der Sympathie! Kommt aber ihr Schneider zur Thür herein, Und bringt neue Kleider recht kostspielig. fein, Wie da gleich der Mann sein Entzücken vergißt Die Frau und die Kleider voll' Aengstlich- keit mißt, Denn er hat wohl die zärtlichste Liebe für sie, — Aber gegen den Schneider eine Antipathie! Ein Fräulein ist so nervenkrank, Der Doctor muß in's Haus, Die Mutter sucht ihr, Gott sei Dank. Den allerjüngsten aus; 6 Obwohl der Doctor kein Genie, Wird sie gesund aus Sympathie. — Ein andermal kommt im besudelten Frack Ein alter Herr Doctor, der schnupft viel Tabak, Der alte Herr Doctor ist wirklich gelehrt, Verordnet genau, was die Krankheit begehrt; Gesund aber macht er das Fräulein doch nie, Sic hat gegen's Tabakschnupfen Antipathie! Verwandlung.' (Großer Garten, im Hintergrund von einer Mauer begränzt. Zensrits der Mauer Wald, aus dessen Wipfeln die Schornsteine deS Gewerkes hervorragen. — Rechts rückwärts ein offenes Gitterthor- Links voran das stattliche zweistöckige Wohnhaus.) Zehnte Scene. Grünberg und Gabriele(aus dem Hause). (Grünberg bürgerlich gekleidet, mit Strohhnt; Gabriele iu eleganter Neglig« ) Ein tugendsamer Hagestolz Dem Ehestand entflieht, Sein Herz ist hart wie Eichenholz, Wie Stahl ist sein Gemüth; An eine Gattin denkt er nie, Aus reiner Tugendsympathic. — Wenn gar im Theater er sitzt beim Ballet, Wenn sich eine Tänzerin schwingt recht cokett, Da wird ihm vor Grausen ganz übel und weh', Von Lust und Vergnügen ist keine Idee; Durch die Finger nur schaut er ganz heimlich auf sie, Denn gegen's Ballet hat er Antipathie! Ein Weibchen kann dem Heldenstand Durchaus nicht widersteh'!,. Mit Waffenrock und Säbelband Jst's gleich um sie gescheh'n; Besonders für Cavallerie Fühlt sic dieMachtder Sympathie. — Wenn aber ihr Mann, dessen Scheitel schon kahl, Aus zärtlicher Laune will kosen einmal, Wenn der sie mit knöchernen Armen umschlingt, Und husten muß, weil ihm kein Küßchen gelingt; O, das ist eine schreckliche Marter für sie, Denn gegen's Civil hat sie Antipathie! (Ab.) Grünb. (in einkm Tone, der den Kamps zwischen Aerger und Schüchternheit erkennen läßt) Nein, meine liebe Gabriele, nein! — ick kann Dir nicht immer nachgeben, ich muß endlich einmal den Kopf aufsetzen, den» sonst verliere ich ihn — und ein Mann ohne Kopf würde Dir nicht gefallen. Gabr. (schmollend). Immer noch besser, als ein Mann ohne Herz! — Du willst mich also verurtheilen, lebenslang in dieser Einöde, unter dem Getöse dieser Hammerwerke zu bleiben, welche zwar großen Lärm machen, aber die Langweile doch nicht verscheuchen können. Grünb. Wenn Du mich so lieb hättest, wie ich Dich, würdest Du keine Langweile empfinden. Gabr. Du Haft mich nicht lieb, Du hast mich niemals lieb gehabt, Du hast mich nur auf Andringen deiner Mutter geheiratet! Grünb. (hrstig). Ah, jetzt wird's mir zu arg! —Meine Liebe zu Dir ist so stark wie der schwerste Eisenhammer, aber ich darf mich von ihr nicht breitschlagen lassen! — Die Kritik soll mir nicht verwerfen, daß in meinem Ehestandsroman die Charaktere verzeichnet sind, weil der Mann im Unterrock, die Frau aber in Unaussprechlichen figurirt. G a b r. (für sich). Er kommt wirklich in Zorn. — (Laut.) Bist Du mir böse, lieber Ferdinand? 7 Grünb. Böse? — o nein! — ich betrachte Dich wie ein Kind und Kinder sind unzurechnungsfähig. Gabr. Wenn ich ein Kind bin, so solltest Du zärtlicher sein und mir ungefährliche Wünsche niemals verweigern. Grünb. Das nennt sie ungefährlich! — Von hier, wo ich wenigstens allein der Hahn im Korbe bin, soll ich mich in die Stadt verlocken lassen, wo so viele liebrs- bedürftige Hähne herumstcigen. — O nein! Die Hahnenkämpfe sind nicht meine Passion — und ich kann auch darum nicht fort, weil ich im Geschäft zu thun habe, s Gabr. Das Geschäft leitet Herr Stol- ^ lemann, welcher die nöthigen Eigenschaften s dazu besitzt, nämlich Geiz und Roheit. Grünb. He! bitte! — Keine Beleidigung gegen meinen Detter, denn ich bin ihm Dank schuldig. - Gabr. (gereizt). So! und mir nicht? — - Mir, die sich für Dich geopfert? Grünb. (kleinlaut). Aber meine liebe Gabriele! Gabr. (weinend). Still! still! — Sie sind ein Undankbarer! Ein Gefühlloser, welcher cs mit den Feinden seiner Gattin hält. Eilfte Scene. Vorige. Herr von Glimmerstein (ein junger, verlebter, geckenhafter Mensch, rasch durch das Gitterthor). Glimmerst. Bonjour! meine theure ämable Schwester! Bon sour! Was seh' ich? Du hast geweint? Wahrscheinlich wieder Mangel an Galanterie von Seite deines Gatten! Gabr. (bejaht es). Glimmerst. Mein Herr! vergessen Sie nicht, daß ich der Stiefbruder Ihrer Ge- malin bin, also Ihr geborner Ritter! Grünb. Vergessen Sie nicht, Herr von Glimmerstein, daß mein Haus kein Tour- nierplatz ist, und daß meine Gattin keinen Ritter braucht! Gabr. Ach, mein Bruder! — Ich habe diesen Barbarcn kniefällig gebeten, daß cr meinen Wunsch erfüllen und diesen langweiligen Aufenthalt mit der Residenz ver tauschen soll. Er verweigerte es ans Eifersucht! Glimmst, (ironisch). Die Eifersucht ist eine triviale Leidenschaft, welche Herr Grünberg bekämpfen lernen muß, wenn der elegante Besuch hier eintrifft, den ich zu verkünden habe. Grünb. Ein eleganter Besuch? Glimmerst. Herr Moriz vonRosenseld, mein intimer Freund und begeisterter Verehrer meiner Schwester, deren Anblick er seit ihrer Verheiratung entbehren mußte, hat mich gebeten, ihn dieses Glückes wieder theilhastig zu machen. — Ich habe es ihm natürlich zu gesagt. Grünb. Zugesagt?— Uns das finden Sie natürlich? Glimmerst. Findest Du es nicht auch so, Gabriele? Gabr. (lebhaft). Gewiß! Herr von Ro senfeld ist ein so angenehmer Cavalier. daß — Grünb. Daß ich ihn hinauswerfcn affe, wenn er sich untersteht, einen Fuß hereinzusetzen. Glimmerst Pfui, mein Herr, wie gemein! Gabr. (trotzig) Ich werde deine Mutter zu Hilfe rufen! Deine Mutter ist eine würdige Frau, welche gewiß nichts Unehrenhaftes duldet; sie ist aber auch eine verständige Frau, welche es mit unserem Geschlecht« gegen die Unterdrücker desselben hält; sie wird sich auf meine Seite stellen und Du wirst gehorchen! (Ab in s Haus ) Zwölfte Scene. Vorige. Ohne Gabriele, dann Sarah. Grünb. (heftig). Das habe ich wieder Ihnen zu verdanken, Sie Ritter von der hohen Nase und dem großen Puff! 8 Glimmerst. Herr, was wollen Sie damit sagen? Grünb. Nun, es ist deutlich. — Sie dringen meiner Frau die Courmacher in's Haus, damit sie Ihnen die Gläubiger vom Hals bringen hilft! Glimmerst. Ehrenbeleidigung! Satis« faction! Grünb. (heroisch). Auf Schlüffelbüchsen oder Tranchirmesser, wie's gefällig ist! Sarah (tritt dazwischen, ruhig lächelnd). Aber Herr Grünberg! Grünb. (hustet und saßt sich wieder) Glimmerst. Was will die Jüdin hier? Man entferne sich sogleich! Sarah. Sie sind nicht mein Herr, um mir das befehlen zu dürfen. Glimmerst. Man schweige! Grünb. Nein, sie wird nicht schweigen, sie wird reden, was und wann es ihr beliebt, weil sie immer gut und vernünftig redet! Glimmerst. Nämlich für Ihre Ohren. Also auf ein anders Mal — au rsvaiiAe! (Ab in's Haus.) Dreizehnte Scene. Grünberg. Sarah. Grünb. Schade, Sarah, daß Du nicht ein Bischen früher gekommen bist. Du hättest an mir deine Freude gehabt! Jchi habe meine Frau so zu sagen niederge- schmettert! Sarah (halblaut). Sie wird aber sein wieder bald aufgestanden. Grünb. Denk' Dir die Frechheit: Einen Hausfreund auf den Hals bekommen, einen gewissen Herrn von Rosenfeld! Sarah (rasch und energisch). Das dürfen Sie sich nicht lassen gefallen! Grünb. Jch laß mir's auch nicht gefallen! Ich werde mich in diesem Puncte nicht nur als Mann, sondern als Tyrann zeigen! Vierzehnte Scene. Vorige. Florian (an- dem Hanse). Flor, (in bunter knapper Livree, eilig und mürrisch). Herr Grünberg! Herr Grün- berg! Grün b. Wie schaust denn Du aus, Florian? Wer hat Dich in eine solche Narrenmontur hineingezwängt? Flor. Wer fabricirt denn die Narren in unserem Haus, als Ihre gnädige Frau Gemalin! Grün b. Schon wieder! — Darüber werde ich mit ihr kategorisch reden! Flor.Geben's nur Obackt, daß nit eppa nmg'kkbrter g'schieht! Die gnädige Frau Gemalin hat der FrauMama Alles erzählt und Ihnen a Brandt g'schürt.—Die Frau Mama laßt Ihnen durch mich befehlen, Sic soll'n stauti ptzäi vor ihr erscheinen. Grünb. (zu Sarah). Da hat man's! — Ich soll wieder heruntergekanzelt werden. Sarah. Wenn Sie wollen sein politisch, so weichen Sie der Kanzel aus! Grünb. Du hast Recht. (Zu Florian heftig.) Sag', daß ich im Geschäft zu thun Hab', oder daß Du mich nicht gefunden hast; sag', was Du willst. Aber vergiß nicht, daß nur ich über Dich zu befehlen Hab'. Verstehst Du mich? Wir sind Gott sei Dank noch nicht der Letzte im Haus! (Ab durch das Gitterthor.) Fünfzehnte Scene. Vorige. Ohne Grünberg, dann Bctti. Sarah. Armer gequälter Mann! - Er hat seine Frau zu lieb, als daß er ihr könnte zeigen den Herrn, wie er soll sein nach den Gesetzen des Talmud. Flor, (seufzend). Ja, die Lieb' is halta versiirte Leidenschaft! Was bin ich a mal für a resoluter Kerl g'wesen, und zu was für ein Antrapperl bat mich dieses Stuben- mädl g'macht! — Weil's von ihrer Frau 9 so viel Präsenter kriegt, und durch das a klane Millionärin unter die Dienstboten wor'n is, behandeltes ihren Liebhaber wie an Bettelmann! Sarah. Der Florion sallte sich nicht so behandeln lassen. Flor. Za freilich! Aber das is ja 's Unglück bei der Lieb', daß man sich selber als Trottel anerkennen muß und bleibt's dock! Detti (rasch aus dem Hause) Was gibt's da wikder für eine verbotene Zusammenrottung? Du hättest ja deinen Herrn him schicken soll'n, warum kommt er denn nickt? Flor. Weil— weil ick ihn gar nicht g'sunden Hab'. Betti. Das is keine Entschuldigung! Snck'! Flor. Per »Such!« red't's mit mir? G'rad als wann ich a Pudel wär', der zum Apportiren abg'richt is. Betti. Marsch! marsch! Flor. Das sein die Folgen davon, wann man aus Verliebtheit wahnsinnig g'worden is!(Ab durch's Gitterthor.) Sechzehnte Scene. Vorige. Dann Moriz. Sarah (rasch und ängstlich). Sagen Sie mir, Mamsell Betti, aber ich bitt' — aufrichtig: Kennen Sie diesen Herrn von Rosenfeld, der soll kommen hieher? Betti (stolz). Ob ich ihn kenn'! — Ein höchst liebenswürdiger Herr, der mir, wie die gnädige Frau noch Fräulein war, viele Eomplimenter und Präsenter g'macht hat. Moriz (elegant mit Vollbatt, bleibt im Hintergrund horchend stehen). Sarah. O wenn ich würde kennen diesen Herrn von Rosenfeld, würde ick sagen zu ihm: Bleiben Sie weg, um Gottes willen! Erinnern Sie Frau Grünberg nicht daran, daß sie ist gewesen das Fräulein von Glimmerstein und daß Sie sind gewesen damals — ihr Freund! Betti. Das Verhältniß war so anständig, daß die gnädige Frau mit Vergnügen daran denken darf. Sic denkt auch mit Vergnügen daran, und die erneuerte Bekanntschaft wird ihrem sehnsucktskranken Herzen ein wahrer Balsam sein. Moriz (rasch vortretend, freudig). Meinst Du? Betti. Ah. ah! Herr von Rosenfeld! — So bald hätten wir Sie nicht erwartet; aber ein Mann wie Sie kann für nns nie zu bald kommen! Moriz. Schmeichlerin! (Aus Sarah) Wer ist das? Moriz (blickt sie forschend an und wird betroffen. Sarah heftet ihre Augen auf ihn). Betti. Darf ich Sie jetzt zu meiner Gnädigen begleiten? Moriz (zerstreut). Melde mich einstweilen — melde mich! Betti. Ganz nach Belieben! (Lachend.) Ich rathc Ihnen aber, hier keine Vertraulichkeiten anzuknüpfen, denn die Jüdin ist gar eine moralische Person! Ha, ha, ha! (Ins Haus ab.) Siebzehnte Scene. Moriz. Sarah. Moriz (bei Seite). Zck habe diese mar- kirten Züge, wenn auch in kleinerem Maßstabe, schon gesehen. Komm' mir zu Hilfe, Erinnerung! Sarah (bei Seite). Ein schöner, verführerischer Mann! — Armer Grünberg! Moriz (sich ihr nähernd). Darf ich um Ihren Namen bitten, Mamsell? Sarah (ruhig freundlich). 3ch heiße Sarah Rabilech. Moriz (bebend). Ha! Sarah. Warum sind Sie geworden so bewegt bei meinem Namen? Moriz. Weil er mich an einen verstorbenen Freund erinnert, der einen ähnlichen Namen trug. Sarah (wehmüthig). Mich erinnert er auch an einen verstorbenen Freund — dieser Freund war mein Vater! — Mem Vater ist gewesen Synagogendiencr in einer 10 böhmischen Landstadt — und ist gestorben als Märtyrer! Moriz. Lassen Sie mich etwas Näheres darüber hören! Zch bitte! Sarah Bei einem Cravall, den die bösen Menschen gegen uns angezcttelt, hat mein Vater bekommen einen tödtlichen Schlag. Während ich bin jammernd neben seiner Leiche gekniet, haben Diebe fortgeschleppt meine kleine Erbschaft. — Ich bin geworden Waise und Bettlerin! — Unsere Glaubensgenossen verließen ihre Heimat und zerstreuten sich — da stand ick allein! — Mein Vater hatte oft gesagt, daß wir baben in Wien einen Detter, der zwar ein geringer, aber reicher Mann ist. Moriz. Wie nennt sich dieser geringe aber reiche Mann? Sarah. Salamon Kraus! (Moriz wendet sich ab.) Ich entschloß mich nach Wien zu wandern, und den Vetter zu bitten , daß er mich möge aufnehmen als Magd. — Der hartherzige Mann hat mich nicht ausgenommen. - Er wollte keine Verwandte im Haus, die sich könnte einbilden,daß sie hat ein Recht auf sein Geld. Moriz (lauernd). Und fand sich Niemand, welcher für Sie gesprochen hätte? Sarah (sehr bewegt). Ja. Einer! — Der ist gewesen damals noch ein halber Knabe! Ach, Moriz! — Du bist gefallen vor deinem harten Pater auf die Knie — hast ihn gebeten, weinend für inick um Mitleid. — Umsonst! — Ich Hab' müssen wieder aufnehmen mein kleines Bündel, fortwandern unter fremde Leut' — und kann dem guten Moriz nur in der Erinnerung danken! Moriz (hat bei Seite eine Thräne getrocknet). Auf welchem Wege sind Sie aber in dieses Haus gekommen? Sarah. Auf dem Wege der Verzweiflung! — der bittersten Noth! — Als ich mich hungernd und fieberkrank Hab' vorbeigeschleppt an diesem Thor, da ist gekommen Herr Grünberg und mit ihm Herr — Stollmann. Nachdem sie hatten erfahren! Jüdin? mein ganzes Leid, haben sie mir gegeben Obdach, Pflege und Trost! — Sie haben gesprochen für mich bei der alten Frau, daß ich Hab' dürfen bleiben und verdienen hier mit Arbeit mein Brod. Als niedrigste Magd Hab' ich angefangen und Hab' mir erworben so viel Vertrauen, daß ich führe jetzt die ganze Wirthschaft; daß ich Hab' erspart mir tausend silberne Gulden ohneBe- trug; daß ich nicht mehr werde kommen in Gefahr, bei einem reichen Juden vergeblich zu bitten für eine arme Jüdin. Moriz. Sie müssen sich also in diesem Hanse sehr glücklich fühlen, so, als ob es Ihre zweite Heimat wäre? Sarah. Ja, es war auch meine zweite Heimat! Moriz. Es war? Sarah. Seit der Verheiratung des Herrn ist hier Vieles geworden anders — und schlimmer. — (Sehr innig.) O, wenn Sie haben ein edles Herz — schenken Sie Gehör meiner Bitte! — Machen Sie sich schnell wieder auf den Weg, woher Sic sind gekommen, und vergessen Sie darauf, wohin er führt! Moriz (rasch). Das kann ich nicht! Sarah (heftig). Nicht? — Sie wollen also vermehren den Unfrieden zwischen Mann und Frau? Moriz. Ich werde die Ehre des Mannes nicht beschädigen, aber das Herz der Fra u, welches ich schon früher besaß, kann ich ihm nicht ungetheilt lassen! O Gabriele! Gabriele! Achtzehnte Scene. Vorige. Gabriele (auS dem Hause auf ihn zueilend). Gabr. Mein Freund! (Sarah bebt zusammen. Moriz küßt Hände.) Gabr. (heftig). Doch was seh' ich. von Rosenfeld! Sie haben sich Magd unterhalten, noch dazu Gabrielen? Herr mit einer mit einer n Moriz. Verzeihung, thcure Gabriele — gnädige Frau, wollte ick sagen — diese Jüdin scheint keine gewöhnliche Magd zu sein. Gabr. Sic ist mir verhaßt wie ihre ganze Nation! Moriz (bei Seite, bebend). Wenn Du wüßtest! Sarah. Wodurch habe ich verdient, gnädige Fran, daß ich werde von Ihnen so gehaßt? Gabr. Durch die Falschheit! — Du bist eine verstockte Heuchlerin, welche unter dem Scheine der Dankbarkeit gegen meinen Gatten ihre spekulative Lasterhaftigkeit verbirgt. Sarah sausschreicnd). Meine speculative Lasterhaftigkeit? Gabr. Ja! — Herr von Glimmerstein hat mir nur zu deutlich erklärt, durch welche Gefälligkeiten Du der Schützling meines Gemals und seines rohen Vetters geworden bist. Sarah. Und Sie glauben daran? Gabr. (fest). Ja, ich glaube es! Sarah (dir Hände ans Herz pressend). O weh!-Möge es Ihnen Gott verzeihen, daß Sie mich haben so verwundet! —Ich gehe! — Gerechtfertigt werde ich sein, aber die Wunde hier (aufs Herz) wird brennen fort bis an mein Grab! (Durch das Gitterthor ab.) Neunzehnte Scene. Vorige ohne Sarah. Gabr. Unglückselige Person, die mir die Freude des Wiedersehens verbittert. (Nimmt seine Hand ) Ach, Freund. wie sehr bedarf ich des Trostes in meinem ehelichen Gefängnisse! Moriz. Doch haben Sie dieses Ge- fängniß selbst gewählt. O sagen Sie, werde ich das Glück dieses Wiedersehens nicht mit ewiger Verbannung büßen müssen? Gabr. Nein! nein! — Die Mutter meines Gemals habe ich bereits für uns gewonnen, Sie selbst müssen noch sie zu gewinnen suchen, das kann Ihrer weltmännischen Gewandtheit nicht mißlingen. Zwanzigste Scene. Vorige. Grünberg. Florian. Grünb. (aufgeregt). Also schon da, der Unterhaltende? — Na, jetzt wirst Du seh'n, Florian, was ich für ein — (Erblickt Rosenfeld und bleibt unschlüssig stehen.) Moriz (begrüßt Grünberg). Gabr. (beide vorstellend). Herr von Rv- senfeld — mein Gemal! Moriz (sich ihm nähernd). Ick bin wahrhaftig erfreut, einen Mann kennen zu lernen, welcher die vortrefflichsten Eigenschaften besitzen muß, weil er das Herz einer solchen Dame zu gewinnen wußte. Flor, (zu Grünberg. heimlich). Lassen's Ihnen nit frotzeln! Moriz. Nehmen Sie die Versicherung, daß ich nicht gekommen bin, Ihr eheliches Glück zu stören, sondern nur mit dem Wunsche, mich daran zu weiden. Grünb. Freut mich, Herr von Rosenfeld, freut mich! Aber aufrichtig g'sagt, es würde mich noch mehr freuen, wenn Sie — (Blickt nach dem Thor.) Moriz (lächelnd). Wenn ich nicht gekommen wäre, oder bald wieder gehen wollte? Grünb. (nickt bejahend). Etnundzwanzigste Scene. Vorige. Glimmerstein führt Ursula heraus. Glimmerst, (aus Moriz). Hier ist er! hier ist er! Grünb. (tritt heftig zur Seite). Gabr. Gut, daß Sie kommen. Mama! — Ihr Sohn war eben nahe daran, die« 12 sen Herrn zu beleidigen, welcher sich mit der größten Delikatesse gegen ihn benimmt! Florian (bei Seite). Solche Delikatessen schmecken uns aber nicht! Moriz (zu Ursula) Habe ich das Glück, die gnädige Frau von Grünberg vor mir zu seh'n? Ursula (geschmeichelt lastend) Ja, die gnädige Frau Grünberg — das bin ich! Moriz. Empfangen Sie meinen Handkuß und die Versicherung meines ausgezeichneten Respekts! Urs. (bei Seite). Lieber Mann! (Laut) Ich will hoffen, Ferdinand, daß Du Dich die- sem Herrn gegenüber gebildet benehmen wirst! Grünb. Und ich will hoffen, Mama, daß Sie mir diesen Herrn nicht als Erem- pel aufstellen werden, sonst könnt' es meine Frau zu bereuen haben. Stollm. (von außen). Nein, Du darfst nickt fort! Gabr. (zu Ursula). Das war die Stimme Ihres rohen Schwagers! Wahrscheinlich hat mich die Züdin bei ihm verklagt, da ich ihr gewissermaßen den Abschied gegeben Hab'. Grünb. Den Abschied? Dazu hast Du kein Recht, Gabriele, damit bin ich nicht einverstanden! Urs. Aber ich! Das Wesen ist mir viel zu keck! Moriz (bei Seite). Arme Sarah! Zweiundzwanzigste Scene. Vorige. Stollmann und Sarah (durch das Gitter). Stollm. Wer hat das brave Mädchen so gekränkt, daß es unser Haus so plötzlich verlassen will? (Auf Gabriele.) Wer? — Die Frag' war überflüssig; da steht sie ja, ihre geschworne Feindin! — Madame, Sie werden der Gekränkten Abbitte leisten, obwohl Sarah nicht sagen will, worin die Beleidigung bestanden hat. Gabr. (entrüstet). Abbitten? — Ich? Du hast die Wahl, Ferdinand, ob Du die Entfernung dieser Magd oder die deiner Gattin vorziehst. Sarah (rasch). Genug! — Unwiderruflich ist mein Entschluß, zu gehen, wie die Worte sind unwiderruflich, welche es mir gebieten. Flor, (weinend). Da haben wir's! Jetzt geht die einzige Gescheite fort; was bleibt denn nachher für a vernünftiges Weibsbild im Haus? Stollm. Du gehst also, Sarah — Du gehst bestimmt? Dann mußt Du giltige Gründe haben! (Sehr aufgeregt.) Aber Du gehst nicht allein, Sarah— wo die Unvernunft und Undankbarkeit über das Gute triumphiren, da ist auch meines Bleibens nicht! (Will ab.) Sarah (sich an ihn schmiegend, innig). »Tbue das Gute, wirf es in's Meer, Weiß es der Fisch nicht, weiß es der Herr!« Segne Sie Gott, Herr Stollmann, segne Gott Alle, die mich haben hier geliebt — oder gehaßt! (Auf Moriz blickend, feierlich.) Wer aber befleckt die Ehre von dem Haus, der soll denken an Gottes Fluch, den ihm prophezeit.eine Jüdin! (Bleibt, den Arm drohend nach oben gestreckt, stehen.) (Der Vorhang fällt.) Zweiter Äct. (Elegantes Zimmer. Sopha. Fauteuils.) Erste Scene. Gabriele (geschmackvoll gekleidet, im Sopha). Glimmerstein (neben ihr stehend). Glimmerst. Du mußt gestehen, Gabriele, daß Du meiner Unterstützung deine glänzendsten Erfolge verdankst. Der glänzendste ist von Allen die Erfüllung deines i3 Wunsches, in der Residenz zu wohnen, was mir mit Hilfe deiner schwachköpfigen Schwiegermutter durchzusetzen gelungen ist. Wir konnten zwar nicht umhin, die Alte mitzunehmen, aber zum Glücke wurde sie von der Stadtluft krank und mußte wieder auf das Land hinausgebracht werden, worüber ich mich unendlich freue. Gabr. Zch nicht. — Die alte Frau verdient meine Erkenntlichkeit und ich bedaure, daß sie um meinetwillen ihren Sohn verlassen mußte. Glimmerst. Ha, ha, ha! Du bist sentimental geworden, Gabriele! Auf diesem Wege kannst Du es sogar dahinbringen, deinen Mann zu lieben! Gabr. O, das thu' ich schon jetzt! Ich liebe ihn aus Pflicht, aus Dankbarkeit, aus — Glimmerst. Etwa gar aus Wohlgefallen an seiner eleganten Schönheit? — Ha, ha, ha! Lasse das vor Herrn von Rost nfeld nicht merken, denn der beklagt sich ohnehin über deine Kälte. — Apropos! — Wie steht es mit dem gewissen Brillanten- schmucke, welchen Du in unserer heutigen Abendgesellschaft leuchten lassen wolltest? Gabr. Ich besitze den Schmuck noch nicht und werde ihn vielleicht auch nie besitzen. Glimmerst. Das wäre!— DeinMann untersteht sich also, geizig zu sein? Gabr. Er hatte mir den Ankauf beinahe schon zugesagt, als Herr Stollmanu vom Gewerke hereinkam und meine Hoffnungen zu nichtc machte. Glimmerst. Der impertinente Mensch soll sich hüten! — Wenn ich einmal ernsthaft mit ihm zusammentreffe — dann — (Sieht nach der Uhr) Doch es wird spät.— Ich gehe jetzt, um noch einige Bekannte zur Gesellschaft zu laden. Beherzige indessen meinen Rath, Gabriele, und wenn Du mit deinem Manne wieder auf jenen Schmuck zu sprechen kommst, so bedenke: die Verweigerung eines Wunsches zieht in der Folge die Verweigerung Aller nach sich! (Durch die Mitte ab ) Gabr. (steht auf und blickt nach links). Ob sie hinter jener Thür von mir sprechen? Ob Ferdinand mir oder seinem roben Vetter mehr Gehör schenkt? — Ach, ich Hab' ihn ja lieb — niemals werde ich ihn betrügen — stets werde ick seine treue Gattin sei» (trotzig) doch den Schmuck muß ich der Konsequenz wegen fordern. Zweite Scene. Grünberg (modern). Stoll mann (einfach gekleidet mit Hut und Stock). Grünb. Nein, nein, lieber Vetter, Sie dürfen nicht fort, ohne mit meiner Frau gesprochen zu haben; hier ist sie! — Sage dem Vetter Adieu, Gabriele, denn er steht im Begriff, wieder auf das Gewerk hinauszufahren. Stollm. Was deiner Gemalin nicht sehr unangenehm sein dürste. Gabr. Ei nun, das Angenehme oder Unangenehme eines Besuches hängt von dessen Einwirkungen ab. Ihrem Besuche, Herr Stollmanu, habe ich keine günstige Einwirkung zu danken, denn Sie haben mir den Besitz eines Brillantschmuckes zu Wasser gemacht. Stollm. Besser der Schmuck wird zu Wasser als der Credit eines Geschäftsmannes, welcher durch solche Verschwendung leiden müßte. Gabr. Immer nur Geschäft und Geschäft! Grünb. (sanft). Erinnere Dich, Gabriele, daß ich jetzt alle deine Wünsche erfüllt bade, ich wäre auch so schwach gewesen, diesen zu erfüllen, wenn nicht — Gabr. Herr Stollmann dazwischengetreten wäre. Also triumphiren meine Feinde stets über deine Liebe! Stollm. Pah! — ich bin nicht Ihr Feind! Ihnen aber sind alle Die verhaßt, die sich nicht nnter Zhre Launen fügen wo l- 14 len. — Dieser Haß macht Sie ungerecht, ja sogar bösartig, wie Sie cs gegen die brave Jüdin gewesen sind, von der Sie lernen sollen, statt sie zu Haffen! Gabr. Muß iä) mir das vor Dir sagen lassen, Ferdinand? Findest Du keine Worte um deine Frau gegen Beleidigungen zu schützen? Grünb. Das sind keine Beleidigungen, Gabriele, sondern nur verdiente Wahrheiten. Gabr. (drückt dir Hand an s Herz-. O! wie sich mein Herz zusammenpreßt — wie es durch meine Adern tobt und schwirrt! (Hält sich am Sopha.) Grünb. (zu Stollmann). Um Gottes willen, sie wird ohnmächtig! Stollm. (leise). Warte bis sie es geworden ist, dann hast Du noch immer Zeit zu helfen. Gabr. O meine Nerven! (Weint.) Du liebst mich nicht mehr, Ferdinand! Eine Frau, welche die Liebe ihres Gatten verloren hat, kann nur noch einen Wunsch besitzen, den, mit Entsagung zu sterben! (Wankt nach rechts ab.) Dritte Scene. Vorige. Ohne Gabriele. Grünb. (angstvoll). Sie will mit Entsagung sterben, Vetter! Gott, wenn ich das erleben müßte! Stollm. Du wirst es nicht erleben, weil sie früher Dich umbringt, was dem Herrn von Rosenfeld sehr angenehm sein würde. Grünb. Was dem Herrn von Roscn- feld angenehm wäre, weiß ich nicht; aber das weiß ich, daß Sie meiner Frau im Punkt der Treue Unrecht thun! Stollm. Und woher hast Du diese Ueberzeugung? Grünb. Von meinen Augen — und aus den Berichten des Florian, welchen ich gleichsam als Tugcvdrichter aufgestellt Hab'. Stollm. Traurig genug, wenn ein Ehemann den Bedienten zum Tugendwächter seiner Frau machen muß. Sage mir, Ferdinand: Was würdest Du thun, wenn Du die Beweise — ich will nicht sagen von einer Untreue — aber von einer solche»: Schwäche deiner Frau in die Hand bekommst, daß deine Ehre darunter leiden muß? Grünb. (fest). Ich würde meine Ehre zu reinigen wissen. Stollm. Habe ich darauf dein Wort? Grünb. Und meinen Handschlag! Stollm. (kräftig). An welchen ick Dich erinnern will! Vierte Seene. Vorige. Betti (von rechts rasch). Betli. Zu Hilfe! zu Hilfe! Die gnädige Frau liegt in Ohnmacht! G r ü n b. (höchst erschrocken). Da babeu wir's! Daran find Sie Schuld, Vetter, weil Sie auf die Nerven keine Rücksicht nehmen. (Zu Betti.) Liegt sie stark in Ohnmacht? Betti. Wie'todt! Grünb. Ich muß hinein — ich muß ihre Lebensgeister wachrufen, und wenn es nicht anders möglich ist, so will ich ihr in Gottes Namen- Stollm. (ihn am Arm fassend). Etwa den Brillantschmuck kaufen? (Heftig.) Ferdinand, höre mich an! Wenn Du nicht hältst, was Du mir mit Wort und Handschlag versprochen hast, so mag dein Geschäft zu Grunde geh'n, denn ich lasse es, so wahr Gott lebt, fallen! Grünb. (mit Ueberwindung). Nun gut, ich werde ihr den Schmuck nicht kaufen — ich werde in dem Punkt fortfahren, Tyrann zu sein, — aber jetzt lassen Sie mich zu ihr— eine Ohnmacht ist keine Kleinigkeit, die Nerven meiner Frau sind aristokratisch zart. Stollm. Du willst sie um Verzeihung bitten? Grünb. Nicht sie selbst — nur die Nerven! (Rechts ab.) 15 Fünfte Scene. Stollmann Betti, dann Moriz. Stollm. Hab't Ihr das wieder abgekartet? — Ohnmächten und Nerven- krämpfe, das sind die Waffen der intri- guanten Weiber — und intriguante Stubenkatzen helfen ihnen. Betti (schnippisch). Die Stnbenkatzen sind wenigstens artigere Thiere als die Bären! Moriz (rasch durch die Mitte). Ist meinBe- such angenehm? Betti. Ah, gehorsame Dienerin, Herr von Rosenfeld! Moriz (grüßt Stollmann). Stollm. (bei Seite). Der kommt mir zur bösen Zeit in den Weg! (Laut.) Sie belieben sehr ungenirt cinzutreten, mein Herr. — Man hat Ihnen wahrscheinlich Rechte gegeben? Moriz. Keine andern, als die meiner bewährten Freundschaft. Stollm. Ah! — Unter dem Titel wird viel Contreband in der Welt eingeschmuggelt, warum nicht auch die Geweihe eines Ehemanns! Moriz. Sie beleidigen mich, mein Herr! Betti. Wenn ich diese Impertinenzen meiner Gnädigen berichte — Stollm. Berichte Du's in's Tcufels- namen, Katzengesicht! — Sei deiner Gnädigen behilflich, Ohnmächten zu affectiren, welche ein Brillantschmuck heben soll! Mich macht Ihr nicht stumm! — Ich will euch die Hölle vor Augen halten, so lange das helfen kann, und wenn cs nicht mehr hilft, dann sollt' ihr meinetwegen Alle darin verbrennen, Gesindel! (Ab.) Sechste Scene. Vorige ohne Stollmann. Moriz. Es ist empörend, Betti, daß ich mir solche Worte gefallen lassen muß, obwohl ich, wie Du weißt, wenig Ursache habe, mich über deren Veranlassung zu freuen. — Deine Gebieterin zeigt mir nicht mehr jene Leidenschaft, welche mich oft so schöne Triumphe hoffen ließ. Betti. Im Ehestand ist die Leidenschaft Monopol des Gemals. (Pfiffig lächelnd.) Uebrigens wäre gerade jetzt eine Gelegenheit, wo ein galanter Freund den ungalanten Gemal aus dem Sattel heben könnte. Moriz. Worin besteht diese Gelegenheit? Betti. In dem nnbezwinglichen Verlangen meiner Gnädigen nack einem Bril- lantenschmnck, den der Juwelier um den Spottpreis von 5000 Gulden angeboten hat, den uns aber der Herr Gemal nicht kaufen will, oder besser nicht kaufen darf! — Mit dem Feuer dieser Brillanten müßte ein Herz, das sich im Ehestand verkältet hat, gewiß wieder zu erwärmen sein! Moriz (bei Seite). Ja, das Mädchen hat Recht! —Doch mir mangeln die Waffen, mit welchen ich den Sieg erkämpfen soll. Um den Schein der Noblesse zu bewahren, habe ich mein mütterliches Erbe erschöpft — und der Geiz meines erzürnten Vaters — O Liebe, sende mir einen Führer ans diesen» Labyrinthe! Siebente Scene. Vorige. Florian (mit dem Hut, durch die Mitte). Flor. Da bin ich! Die Fräuler Wellheim laßt sagen, daß's in der Abendgesellschaft singen wird. — Ah g'horschamster Diener, Herr von Rvsenfeld! Betti. Du bist mit der Post lang aus- gcblicben. Flor. (froh). Weil ich eine Entdeckung gemacht Hab', über die ich mich unendlich freu'! Betti. Na, was hast Du denn entdeckt? Flor. Unsere gewesene Wirthschafterin, die Mamsell Sarah — Moriz. Betti. Die Jüdin! Flor. Ich Hab' mir woll'n eine silberne Uhr kaufen, weil ich aber für eine neue zu sparsam bin, so bin ich iu's Rosengassel zu einem Tandler 'gangen, der ein Jud' is; bei dem Tandler Hab' ich die Mamsell Sarah g'funden! Betti. Wie heißt denn der Glückliche, der eine solche Rarität eingehandelt hat? Flor. Salamon Kraus heißt er. Moriz (bebend bei Seite). Mein Bater! Betti. Sie hat aber immer g'sagt, daß ihr die geldsüchtige Maklerei zu wieder ist. — Wie kann sie sich da bei einem jüdischen Tandler Wohlbefinden? Flor. Sie befind't sich auch nit gar wohl! Betti. Nicht? Warum? Flor. Weil der Alte seinen liederlichen Sohn verstoßen hat und weil sich die Mamsell Sarah deswegen kränkt, denn der verlorne Sohn is als klaner Bub' ihr Fürsprecher g'west; aus Dankbarkeit gibt sie sich beim Vater alle Müh', und hofft, daß sie die Versöhnung doch noch durchsetzen wird! Moriz (bei Seite, aufgeregt). Dann muß sie Grund zu hoffen haben, und ich könnte vielleicht mit ihrer Hilfe — doch nein! — (trotzig) und warum nicht? — Das Geld meines Vaters wird künftig das meinige! Wozu ich es verwenden will — darüber habe ich keine Rechenschaft zu geben. Flor, (bei Seite). Der rcd't mit sich selbst! Betti. Sie sind ganz nachdenklich geworden, Herr von Rosenfeld! Ueberlegen Sie sich vielleicht die gewisse Herzeuserwärmung, von der wir gesprochen haben? Moriz (rasch). Ich habe überlegt und bin dazu entschlossen! — AufWiedersehen, Betti, ich bleibe deine Schuldnerin, für einen so unbezahlbaren Rath! (Ab.) Achte Scene. Florian. Betti. Flor. G'spaßiqer Mosje, dieser Herr von Rosenfeld! Von Herzenserwärmung hat er discurirt? — Ich will nit hoffen, Betti, daß er deinem Herzen warm macht, weil's bei der gnädigen Frau nicht mehr recht geh'n will. Betti (schnippisch). Dir würde ich's nit aus d'Nasen binden, wenn ich mir wollte warm machen lassen. Flor. So? brav! Betti. Du bist noch immer nur Aspirant auf meine Zärtlichkeit, die wirkliche Anstellung als mein Liebhaber kriegst Du erst dann, wenn Du mir deine Fähigkeit bewiesen hast, mit der Lieb' umzugeh'n.wenu sie auch in den verschiedensten Gestalten kommt! Flor. Also probieren wir s! Duett. Betti. Die Liebe kommt als Bettlerin, Und bettelt gar so schön. Dem Betteln kann der stälkste Sinn Nur selten widersteh'n. Wenn grob mit ihr auchMancher spricht, Die Bettlerin verjagt er nicht! Florian. Das muß ein keckes Weibsbild sein, D'rum weicht mau ihr halt aus, Man laßt's nickt bei der Thür herein, Wann's kommt, so schafft man's'uaus, Kein g'scheiter Mann laßt sich verführ'n Und von ein Bettelweib i'ekiren! Betti (bittend). Ach, lieber Herr, ich bitt' recht sehr! Florian (barsch). Ich Hab' nir Klein s! Ich spuß > . Flor. !Lle lpleßtj Betti.Nufmeinein! Sl»r. Ausihnm 17 Betti (herausfordernd). Komm' her! Komm' her! Komm' her! Florian (als ob er ein Gewehr hätte). A' Musketen wird mein' Arm zu schwer. Betti (als ob sie mit dem Säbel auf ihn schlüge). Der erste Streich! Florian (den Kops bedeckend). Hat troffen gleich! Betti. Den zweiten Strach! Florian. Mein Kopf ist z'schwach? Betti. Komm' her! Komm' her! Komm' her! (Treibt ihn herum, während sie im musikalischen Rhythmus die Schlachtmnsik mit Trommeln, Trompeten und Kanonenschüssen imitirt und stets auf ihn einhaut.) Florian (während er stiehl). Jetzt Hab' i schon g'nua! jetzt gib mir Ruah, I komm' wirkli in G'fahr — Sie haut zu wie a Narr! Betti (streckt ihn zu Boden). Besiegt im Staube liegt er schon ! Florian. Ich bitt' um gnädigen Pardon! Betti (setzt triumphireud den Fuß aus seine Brust). Betti. Die Liebe kommt als Tänzerin Im blumenreichen Kranz, Sie ladet mit galantem Sinn Die Männerschaar zum Tanz. Wann sie sich schwingt so rasch und leicht, Da hat sie bald ihr Ziel erreicht. Florian. Das wär' für mich der letzte G'spaß So hupfen wie verrückt, Dabei wird Ein'm zum Schwitzen haß, Gar wann der Stiefel druckt. Bei der verliebten Hupferei Da bin ich sicher nicht dabei! Betti (kokett). Mein schöner Herr, ich bitte sehr! Florian. Küß höflich d'Hand! lhiakr-RrptNoire Nr. 168 , Betti. Wie grob das wär'! Der Tanz beginnt, den Arm geschwind, Es gilt ja nur auf eine Tour Auf Schottisch-Polka nur! Im Tanze kommt die Glut, Die Liebe faßt sich Muth, Bevor der Tanz vorbei, Sind Eins geworden Zwei. Florian. Zum Tanze Hab' ich keinen Muth, Mir wird dabei nicht gut, Mein Fußwerk is so frei Und schnappt gleich z'samm' dabei! Betti (ihn aufrüttelnd). .41162, a1l62, nll62, a1l62 ! Florian. . Ich bitt', mir thun die Wadeln weh! Betti. ' Nur mit! nur mit! Florian. Sie gibt kan Fried'! Betti. Auf eine Tour — Florian. Zum Sterben is g'nur! Betti. Mer, g.1162, »1162, allen! (Tauzt gewaltsam mit ihm Polka, dann einen sehr raschen Walzer, bis er athemlos taumelt, dann beide ab.) Verwandlung. (Aermliche Stube, zu Salomons Laden gehörig. Mittel- und Seitenthür. Tische, Stühle.) Neunte Scene. Salomo N (im alten Kleide, graues Haar, Kinnbarl). Sarah (von links). Kraus (in Extase). Du bist ein Glückskind, Sarah! Gott über die Welt, ein Glückskind, wie kein zweit's ist da gewesen seit Jerusalems Fall! — Kaust das dumme gescheite Mäd'l in der Licitation ein altes schmutziges Bild, was ich ge- » 18 schcitcr dummer Iud Hab' wcggeworfeu, um ihr eigenes Geld und find'l einen Narren, ter ihr bezahlt für das alte schmutzige Bild 4000 Gulden! Sarah. Es ist gewesen ein altes Bild, aber kein schlechtes Bild, Vetter Kraus. — DaS Hab' ich erkannt, wie Ihr's habt weggeworfen bei der Licitation, hab'ü angekauft um eine geringe Summe, dann Hab' ieb's vorgelegt den gelehrten Herr'n von der Kunst, die haben befunden das alte Bild als ein wahres Meisterstück, haben geschrieben davon in den Zeitungen, und ein reicher Freund von der Malerei hat mir's abgekauft um 4000 Gulden. Seid Ihr um den Prosit neidig, Vetter Kraus? Kraus. Nein — ja — nein! — Zch will Dir vergönnen den guten Rebach, weil ich Hab' übel gethan an Dir — wie Du bist gewesen noch ein Kind! — (Heftig.) Aber ich möcht'mir doch abreißeu den Kopf, weil ich nicht Hab' gekauft das alte Bild um mein Geld, was mich hätt' gemacht um so viel reicher! Sarah. Ach Vetter! Ihr seid geworden schon zu reich, sonst hätte der Reichthum nicht so versteinert euer Herz, daß selbst die Vaterlieb es kann nicht mehr erweichen! Kraus (heftig). He, Sarah! willst Du mir wieder lesen die Leviten, weil ich bleib' konsequent gegen einen nichtsnutzigen, undankbaren, verlornen Sohn! — Habe ich nicht gethan meine Vaterpflicht? Habe ich den Absalon nicht lassen erziehen, als wär' er gewesen ein junger Freiherr von Rothschild? Hab' ich nicht wollen machen einen Bankier aus ihm, der kann sitzen gespreizt im Eomptoir und für sich herumlaufen lassen die Papiere? — Freilich hätt' er müssen warten bis zu meinem Tod — das ist ihm gewesen zu lang. — Er hat mich gezwungen ihm herauszubezahlen sein mütterliches Erbtheil, und ist gegangen in die weite Welk, um zu vergeuden die kostbare Gottesgab' und zu machen Masamatten wie rin nobler Eavalier! Moriz (erscheint in der Mittelthür). Sarah. Das ist Verleumdung! — Euer Sohn hat geschrieben ein paar de- müthige Briefe an Euch, aber Ihr hab t sie ihm nicht beantwortet. Kraus. Weil er bat nur geschrieben so dcmüthig aus Specnlarion auf mein Geld! — Lieber wollt' ich aber vergeuden lassen mein Geld von einem wildfremden Gojim, als von einem schlechten Sohn, der sich nicht mehr soll wagen über die Schwelle meines Hauses! Zehnte Scene. Vorige. Moriz (vortretend, halb trotzig, halb bittend). Moriz. Und wenn er sich doch gewagt hätte? Sarah. Ha! Moriz (leise). Sarah, ich beschwöre Dich, verrathe mein Geheimniß nicht! Kraus (ist rückwärts an den Tisch getaumelt, mit zornbebcnder Stimme). Absalon! Sarah (bei Seite). Er! (Pause.) Moriz. Ja, ich bin es, Vater — ich bin gekommen, um mit Hilfe dieses braven Mädchens Ihre Vergebung zu erlangen. Kraus. Und mein Geld dazu? — Feiner Herr Sohn! —Schau ihn doch an, Sarah, wie nobel er vercquipirt ist. — Einen Bart hat er sich lassen wachsen über's ganze Gesicht. — Warum hat er sich lassen wachsen den Bart? — Daß Niemand soll erkennen in dem Eavalier den Sohn von einem jüdischen Trödler! — Gib' mir meinen Hut, Sarah. Sarah (zögernd). Wollt Ihr fort? Kraus. Gib mir meinen Hut, bab' ich gesagt, Sarah! ! Sarah (nimmt einen allen Hut von der ^ Wand). Hier ist er. (Reicht ihm den Hut mir j bittender Mime ) 19 Kraus (sich vor Moriz mit spöttischem Respekt verbeugend). Ich habe die Ehre, Herr Cavalier, mein respektvolles Kompliment zu machen. (Geht gegen die Mittelthür.) Moriz (vertritt ihm den Weg» heftig). Gehen Sie nicht so schnell, Vater, wenn Sie es nicht bereuen wollen! Kraus. Bereuen? wie heißt? —Ich bereue nur, daß ich Hab' genommen in meiner Jngend ein Weib, welches mir hat gebracht einen solchen Sohn. (Sehr heftig.) O Verschwender! — Du wirst bekommen, so lange ich lebe, keinen beschnatzelten Sil« bersechscr aus dem Gcldschrank deines Vaters! Moriz (für sich). Nun gilt's! —Nur eine enlehrende Luge kann noch helfen! Kraus. Wollen Sie mich jetzt lassen fort, Herr Kavalier? Moriz (mit Ucbermindung). Der, welchen Sie jetzt zum Spott einen Cavalier nennen, wir morgen ein Verbrecher genannt werden! Kraus (aufschrriend). Moriz! Sarah. Verbrecher! Moriz. Ich habe vor einiger Zeit eine Summe von fünftausend Gulden gebraucht; — weil ich Ihr Herz nicht zu bezwingen hoffen konnte, so wollte ich Sie durch die Macht des Ehrgefühls zwingen. — Retten Sie meine undIhreEhre, Vater, indem Sie mir jene Summe von meinem Erbtheil geben. Kraus. Wozu? Moriz. Zur Einlösung eines Wechsels welcher heute verfallen ist und auf welchem ich (gepreßt) Ihren Namen gefälscht. Kraus. Sarah. Gefälscht! (Pause.) Sarah (weinend). O, was haben Sic gethan, Herr Moriz! — Wie tief ist gesunken der Knabe, der hat gebeten und geweint für mich, da ich bin gestanden hier als Waisenkind! Moriz. Nun, Vater, nun? Kraus (hat da- Gesicht bedeckt» steht zitternd da, rafft sich jetzt zusammen und sagt mit eisiger Ruhe). Wenn Sie haben gefälscht einen 'Wechsel, Herr Cavalier, so lösen Sie ihn ei», mit Ihrer Ehre, mit Ihrer Freiheit, mit Mein was Ihnen steht zur Verfügung. — Von mir bekommen Sie die Valuta nicht! Sarah. Barmherzigkeit, Vater, Barmherzigkeit! Moriz. Vater, Ihr Name! Kraus. Hab' ich geschunden mich und andere Leut' mein Lebelang, um zu kriegen einen Namen? — Nein, nur um Geld! — Wen» mich wird fragen das Gericht, ob ich kenn' diesen Moriz Kraus, was werd' ich sagen? Ich werd' sagen: Ja, Herr Richter! dieser Moriz Kraus war mein Sohn — aber jetzt ist er geworden ein feiner Cavalier, für den der gemeine Trödler keine falschen Wechsel bezahlt! (Durch die Mitte ab.) Etlfte Scene. Vorige ohne Kraus. Sarah (rill zu ihm). Ich will Ihnen keine Vorwürfe machen, Herr Moriz, ich will nicht fragen, warum Sie sich haben ausgegeben für einen Herrn von Rosenfeld, dazu ist jetzt nicht Zeit, — aber ich will Ihnen helfen, Herr Moriz! Moriz. Könntest Du mir Helsen, Sarah? Sarah. Ja, ich kann und will! (Bei Seite.) Soll ich ihm sagen, daß es ist mein Eigenthum, mein ganzes Eigenthum? Daß ich ihm will geben Alles, was ich Hab' durch Glück gewonnen und durch Fleiß erspart? — Nein, ich will's ihm nicht sagen, er würde zurückweisen mein Geld und als Verbrecher kommen in's Cri- minal. Moriz. Wenn Du mir helfen willst und kannst, Sarah, so eile! Aber ich werde deine Hilfe nur annehmen, wenn Du selbst nicht darunter leidest, wenn die Verantwortung. welche Du gegen meinen Vater übernimmst— - S* 20 Sarah (schnell). Seien Sie darüber ru-I hig, ganz ruhig. — Ich habe eine große Gewalt über Ihren Vater, ich bin ihm geworden nothwendig; er vertrant mir seine Eassa an! Sein Sie ganz ruhig! — Sie sollen haben das Geld aus Dankbarkeit von ein Waisenkind, für welches Sie haben hier als Knabe geweint! (Links ab) Moriz. O wäre dieses Mädchen immer bier gewesen, Alles stünde jetzt anders! — Wie schön sie war in ihrer angstvollen Entschlossenheit zu meiner Rettung; beinahe so schön wie Gabriele! — O, was thu' ich für dieses halberkaltete Herz! — Aber mein Vater ist alt — sein Vermögen wird bald mein Eigenthum — dann werde ich Sarah glänzend für die edle Liebe belohnen, welche sie mir heute bewiesen. Sarah (mit einem kleinen Packet) To, Herr Moriz, hier haben Sie das Geld! Hier haben Sie Ihre Ehre, Ihre Freiheit wieder! Moriz (nimmt es. kurz). Wie soll ich Dir danken? Sarah (wehmüthig). Sprechen Sie nicht von Dank— es thut mir weh, weil Sie mir nicht können geben durch Dank, was Sie mir haben durch Ihren Fehltritt genommen! — Sie haben mir genommen die Erinnerung an einen Freund, an einen guten Knaben, welcher geworden ist kein guter Mann! ; Moriz (bei Seite). O zuviel! (Laut.) Ich kann Dir gegenüber eine Lüge nicht fort- sctzen, welche ich gegen meinen Vater benützen mußte! Sarah (erstaunt). Wie? Eine Lüge? Moriz. Ich brauche dieses Geld nicht zur Bezahlung eines gefälschten Wechsels, ^ weil ich eines solchen Betruges unfähig bin! Sarah (freudig). Unfähig! O gelobt sei Gott! (Unruhig.) Doch wozu brauchen Sie denn diese große Summe? Moriz. Frage nicht, Sarah, denn meine I wahre Antwort würde Dich nicht befriedigen! Sarah. Nicht? (Dringend.) Dann geben Sie mir das Geld zurück! Moriz (leidenschaftlich). Nein, Sarah, nein! Seitdem ich es an meiner Brust, in der Nähe meines Herzens trage, hat sich mein Herz mit Zuversicht erfüllt. — Am heutigen Abend noch sollen sich diese Papiere in Brillanten und die Brillanten in Triumphe meiner Liebe verwandeln! (Ab.) Sarah (steht ihm nach, dann mit gesteigertem Affekt). Was hat er gesagt? — Brillanten? — Triumphe seiner Liebe? — Es kann keine edle Liebe sein, welche durch Bestechung triumphiren will! (Plötzlich wie überrascht.) Ha! Hat mir nicht Florian gesagt, daß Frau Grünberg von ihrem Gatten begehrt ein Diamantencollier, welches er ihr verweigert? — Beim Scheine dieses Lichtes sehe ich die Schande Hereinbrechen über ein Haus, in welchem ich Hab' genossen so viel Gutes! — Was soll ich thun? (Pause, dann entschlossen.) Frage nicht, was Du sollst, handle wie Du mußt! Sarah, deine Augen sind geöffnet worden von Gott, daß du sie sollst leuchten lassen in den Abgrund der Lüge! (Links ab.) Verwandlung. ! (Reicher Salon mit Beleuchtung, im Hintergründe !eine Gallerte, durch welche rechts der Eingang, links die Verbindung mit dem Tanzsaal ist. Vorne Seitenthür, reiche Stühle; vorne rechts ein Sopha, links etwas rückwärts ein Klavier, an welchem ein Herr fitzt, der eine Sonate beendigt. Die Damm fitzen mit Gabriele auf dem Divan, hinter ihnen Grünberg. Auf der andern Seite fitzt Fräulein Wellheim, neben ihr Herr von Glimmerstein, rückwärts Diener in Livröe.) (Wenn der Virtuose geendet, steht Alles auf und applaudirt.) 21 Zwölfte Scene. Glimmerstein. Fräulein Wellheim. Gabriele. Herren und Damen. Glimmerst. Unser Virtuose hat ausgezeichnet gespielt, leider war die Sonate zu gediegen, um amüsant sein zu können. Frl. Wellh. Das Amüsante und Gediegene sind Früchte von verschiedenen Bäumen, unter dem einen tummelt sich das Vergnügen herum, während der andere dem ernsten Denker und dem emvfindungs- rcichen Träumer Schatten gibt! Gabr. Fräulein Wellheim ist eine so taktvolle Künstlerin, daß sie gewiß die gold'ne Mittelstraße finden wird. Ich erlaube mir, dem Wunsch der Gesellschaft Ausdruck zu geben, indem ich Sie bitte, nns mit einem künstlerischen Vortrage zu erfreuen. Alle. Ja, ja, wir bi ten darum. Frl. Wellh. Es ist nicht meine Art zu zögern, wenn mir durch einen Wunsch geschmeichelt wird. Alle. Bravo! Bravo! (Gesangs-Einlage.) Alle. Bravo! Bravo! Glimmerst, (afstctirt) Sie haben uns hingerissen, eraltirt! Frl. Wellh. Ich wünsche nur befriedigt zu haben, das ist meinem Stolze befriedigend! (Ferne Tanzmusik.) Glimmerst. Die Musik im Tauzsalon beginnt. Darf ich den Ball mit Ihnen eröffnen, reizende Muse des Gesangs? Gabr. Ich bitte das Fräulein um diese Ehre für meinen Gatten. Grünb. (betroffen). Für mick? — Du weißt, liebe Gabriele, daß ich kein brillanter Tänzer bin. Glimmerst, (laut lachend). Ja, das wissen wir auch. Also werde ich mit Dir bebeginnen, liebe Schwester! Gabr. Ich werde einstweilen gar nicht tanzen, weil ich noch einige Anordnungen zu treffen habe. Grünb. (bei Seite). Sie wartet auf den Herrn von Rosenfeld; zu ihrer Strafe werd' ich mich der Galanterie befleißen. (Zu Fräulein Wellheim.) Mein Fräulein, hier ist mein Arm, Sie haben mich auf den Flügeln des Gesangs emvorgehoben, ich werde mich beim Tanze so elastisch fühlen wie eine schwebende — (Alle außer Gabriele und Glimmerstein durch die Gallerte ab.) Dreizehnte Scene. Gabriele. Glimmerstein. Dann Moriz. Gabr. Du machst mich böse, Bruder, wenn Du meinen Mann vor fremden Personen zu compromittiren suchst! Glimmerst. Und Du machst mich böse, Schwester, wenn Du mich zu überreden suchst, daß deine ärgerliche Stimmung eine andere Ursache hat — als — (Moriz tritt ein.) Ah, da kommt unser verspäteter Lieblingsgast! Moriz (rasch durch die Gallen« rechts) Eine Verspätung, welche ich eclatant zu sühnen hoffe! (Küßt ihre Hand.) Ich finde Sie mit Ihrem Bruder allein, so darf ich Ihnen den Beweis meiner Ergebenheit zu Füßen legen. Gabr. Wovon sprechen Sie, Herr von Rosenfeld? Moriz (ein elegantes Etuis öffnend). Von diesem Brillanten-Collier! Gabr. (entzückt). Himmel! mcinSchmuck! Moriz. Sie haben Recht, diesen Schmuck den Ihrigen zu nennen, weil er das Eigenthum Ihres getreuen Sclaven geworden ist. Gabr. (zurückschauderud). O weg damit! Diese Brillanten, welche mich auS der Hand meines Gemals beglückt hätten, werden mir zu Schrecken und Schande in der Ihrigen! 22 Glimmerst. Schande? Warum solltest Du rigoroser sein, als viele Damen, welche in der Annahme dieser Cadeaus kein Verbrechen entdecken? — Geben Sie mir den Schmuck, Herr von Rosenfeld. (Nimmt ihn.) Hier hast Du den Schmuck aus der zweiten Hand, dein Gewissen kann sich beruhigen! Gabr. (schwankt). O wie das verführerisch glänzt — aber ich darf der Verführung nicht unterliegen! Glimmerst, (rasch) Da kommt dein Mann! (Gabriele verbirgt daS Collier im Busen. Moriz daö EtniS und tritt bei Seite ) Vierzehnte Scene. Vorige. Grünberg, später Betti. Grünb. (aufgeregt). Famos haben wir getanzt! Ausgezeichnet haben wir getanzt! Ah, Sie sind doch gekommen, Herr von Rosenfeld; wir haben fast nicht mehr darauf gehofft: Moriz (artig). Nicht gehofft? — Das Wort läßt mich glauben, daß Ihnen meine Gegenwart nicht unangenehm ist! Grünb. (gezwungen). O durchaus nicht — durchaus nicht! (Nach Gabriele blickend ) In der Residenz habe ich gelernt ein galanter Ehemann zu sein; zur Galanterie gehört eine gewisse Gleichgiltigkeit gegen gewisse Gefahren — und da ich außerdem überzeugt bin, daß ich im Punkte der Ehre keine Gefahren zu fürchten habe — Betti (rasch von rechts). Das ist doch impertinent von dieser infamen Person! — Unsere gewesene Wirtschaften» ist im Vorzimmer und will durchaus den Herrn von Rosenfeld sprechen! Alle. Den Herrn von Rosenfeld! Moriz (bebend). Mich! Betti. Ich Hab' sie natürlich nicht her- eingelassen, aber da hat sich die kecke Person an den dummen Florian gewendet und der- Fünfzehnte Scene. Porige. Sarah und Florian (vonrechts). Flor. Derzeihen's, Herr von Grünberg, daß ich die Mamsell Sarah auf meine Verantwortung hereingeführt Hab', aber sie sagt, es ist eine wichtige Angelegenheit, in der sic mit Ihnen, mit der gnädigen Frau und mit Herrn von Rosenfeld reden muß. Grünb. Also rede, meine liebe Sarah, rede! Gabr. (drohend). Hinaus! Sarah (tritt vor mit ruhigem Ernst). 'Lagen Sie nicht zn mir hinaus, gnädige Frau, bevor Sie nicht wissen, warum ich gekommen herein! — Ich bin gekommen zu holen den Herrn Moriz Kraus, welcher sich hat genannt Herr von Rosenfeld, welcher aber ist der Sohn meines Vetters, des jüdischen Tandlers Salomon Kraus! Moriz (bei Seite). Ich bin verloren! Grünb. Das wäre ja eine Entdeckung, für welche ich Dich küssen müßte. Flor. Da kann man seh'n, was oft unter einem Cavalier versteckt ist! Glimmerst. Unmöglich! so konnte sich mein 'Weltmannsblick nicht täuschen lassen! Betti Und mein Kammerjungferblick noch viel weniger! Reden Sie doch, Herr von Rosenfeld, vertheidigen Sie sich! Gabr. Die Dienstleute haben nichts dabei zu thun. Entfernt Euch! Betti. Aber ich ersticke vor Neugierde, gnädige Frau. Flor, (spöttisch). Besser ersticken als gegen die Herrschaft ungehorsam sein! Wie du einmal zu mir gesagt hast. Gabr. Geht! (Bride ab.) Sechzehnte Scene. Vorige. Ohne Betti und Florian. Gabr. (zu Moriz heftig). Jetzt frage ich, mein Herr, haben Sie mich belogen, als 23 Sie sich einen Eavalier von guter Familie nannten? — Sind Sie wirklich nur der Sodn eines gemeinen Juden? Moriz (halblaut). Verzeihung! — Die Bekanntschaft mit Ihrem Herrn Bruder — 4>ie Ehre, in Ihrer Nahe sein zu dürfen — meine unwiderstehliche Leidenschaft — Gabr. Also betrogen! Odiese Schmach vernichtet mich! (Preßt dir Hand auf die Brust.) Was fühle ich auf der Brust wie Feuer brennen? Die Steine sind es — diese verbuchten Steine! (Schleudert da» Collier von sich.) Fort mit Euch! Grünb. (hinstarrend). Seh' ich recht? — Das ist ja der Schmuck — Gabr. Welchen Du mir verweigert hast, und welchen mir der Betrüger mit Hilfe meines Bruders aufgenöthigt! Grünb. (wild lachend). Aufgenöthigt? Ha! ha! ha! Und ich bin so galant gewesen, keine Gefahr für meine Ehre zu befürchten! Gabr. (nähert sich bittend). Ferdinand! Grünb. (in Extase). Weg! — Du hast mich verachten müssen, weil ich so lange ein unmännlicher Mann gewesen bin; Du sollst mich aber in Zukunft achten! (Sehr kalt.) Madame! Sie sind von heute an unumschränkte Gebieterin in diesem Hause — Sie können Freunde und von diesen Freunden Schmuck empfangen, wie es Ihnen beliebt, Ihr Gatte verzichtet auf das Reckt Sie zu beschränken! Glimmerst. Was heißt das? — Wollen Sie einen Scandal machen und Ihrer Frau den Stuhl vor die Thür setzen? Grünb. O nein! ich setze ihn mir selbst vor die Thür! Morgen werde ich wieder auf meinem Gewerke, in der langweiligen Wildniß wohnen, welche dieser Dame so schrecklich war und welche sie künftig nicht mehr betreten darf! Glimmerst. Also Trennung? — Dazu ist kein hinreichender Grund vorhanden, und vermöge der Clauscl im Ehecontracte — Grünb. Habe ich an meine Frau hunderttausend Gulden zu bezahlen, wenn ich sie ohne hinreichenden Grund verlasse. Die Summe wird übermorgen beim Notar de- ponirt sein! (Die Tanzmusik hat aukgehört. die Gesellschaft kommt zurück.) Grünb/ (mit wilder Hast). Ah, da kommen unsere Gäste zurück! Unterhalten Sie sich, meine Herren und Damen, unterhalten Sie sick! Sie sind jetzt im Salon meiner Frau, welche künftig allein die Honneurs macken wird! (Stürzt recht» ab.) Die Gaste. Was ist gescheb'n? Gabr. (außer sich'. Betrogen! entehrt! verstoßen! (Schreiend.) Ferdinand! (Dill ihm nach.) Glimmerst, (hält sie). Gabriele! Gabr. (stößt ihn fori). O, laßt mich! Die größte Schuld meiner verdienten Schmach liegt auf Dir! (Sinkt in die Arme der Damen.) Moriz (halblaut, bitter zu Sarah). Bist Du mit den Folgen deines Verrathes zufrieden? Macht Dir dein Gewissen keine Vorwürfe? Sarah. Nein, Gott spricht mich in meinem Gewissen frei! — Seinen Fluch Hab' ich Ihnen prophezeit. — Sein schwerster Flnck heißt: Verachtung! (Der Vorhang fällt) Drittel Uct. (Zimmer wie im zweiten Act.) Erste Scene. Moriz (schwarz gekleidet, fitzt recht» ) Sarah (steht etwa» entfernt). Moriz (bewegt). Du willst also fort, Sarah? Du weisest den Dank, welchen ich jetzt als Erbe meines Vaters an Dich entrichten will, zurück? Sarah (ruhig ernst). Ja, Herr Moriz! Ick gehe, weil Ihr Vater ist gestorben nud 24 ich weise zurück Ihren Dank, weil cs mich macht glücklicher im Bewußtsein, wenn Sie bleiben mein Schuldner! Moriz (steht aus). O Sarah! — in der letzten Stunde wollte mir mein Vater ein Geheimniß anvertrauen, welches mich, wie er sagte, auf ewig zu deinem Schuldner macht; doch der Tod verhinderte ihn, es auszusprechen. — Sage mir nun Du selbst, worin meine geheime Schuld gegen Dich besteht? Sarah. Ich werde es nicht sagen; — Ihr Vater hat mir hinterlassen ein Dokument, welches ich trage hier. (Auf eine Le- dcrtaschr am Gürtel ) Ich werde es nicht benützen — darum nicht, weil in dem Dokument ist enthalten ein moralisches Recht, welches ich will geltend machen, wenn sich sollt' wiederholen eine gewisse Brillantengeschichte. Moriz. O, nichts mehr davon! — Ich habe Dir gezürnt, aber bald ist mir klar geworden, daß Du mich zu meinem Heile verrathen hast! — Wärst Du immer hier gewesen, wäre ich in deiner Nähe ein Mann geworden, Alles stünde anders! Ich wäre im Herzen jener gute Knabe geblieben, welcher einst um Dich geweint! Sarah. O still! Erinnern Sie mich nicht an das, was Sie sind gewesen, was ich Hab' in Ihnen geliebt! — Mir ist so leid um Sie, Herr Moriz, so leid, wie jener getäuschten Freundin, deren Kummer ist geschildert in einem Lied. (Spricht leise mit melodramatischer Begleitung:) »Mir ist so leid um Dich, so leid, Als bliebe hier, entschwunden mir, Mein schönster Traum zurück! Als müßt ich weinen bitterlich! Das arme Herz gedenkt voll Schmerz An einen Stern, erloschen fern Vor meinem Thränenblick; Mir ist so leid um Dich, so leid!« Moriz. O. wenn es Dir um mich leid thut, Sarah, so gehe nicht allein in die Welt hinaus! Bleib' bei mir! Sarah. »Ich geh' allein, gedenke mein, Wie stets an Dich Gedenk' auch ich. Mit treuem Schwersinn, An meinen Freund aus Kinderzeit! Wie Luft verweht, Wie Traum vergeht, So schwand in mir, Getäuscht von Dir. Mein schönster Glaube hin! Mir ist so leid um Dich, so leid!« (Geht, das Gesicht verhüllend, nach der Thür rechts.) Moriz (ihre Hand fassend). Ich lasse Dich nicht fort, Sarah, denn ich fühle, daß mein Glück mit Dir von hinnen geht! (Es wird geklopft.) Sarah. Man hat geklopft! Flor, (als Gewerksarbeiter durch die Mitte). Sarah (freudig). Ah sieh, der Florian! Flor. Mach' allerseits mein Compli- ment! Moriz (verdrießlich). Was will der? Zweite Scene. Vorige. Florian. Sarah. Nur näher, guter Florian. — Soll der Besuch mir gelten, oder Herrn Moriz Kraus! Flor. Allen Zweien. — Aber Ihnen zuerst, Mamsell Sarah, weil ich beim Herrn von Rosenfeld — beim Herrn Moriz Kraus, will ich sagen — Ihre freundschaftliche Protection brauch'? Moriz (barsch). Was soll's? — Hat man Dich aus dem Dienste gejagt, weil Du nicht in Livree kommst? Flor. Bei uns livreelt sich nir mehr. — Ich bin jetzt wieder das, was ich vor meiner Bedientenschaft g'wesen bin, ein solider Gewerksarbeiter. Sarah. Wobei sich der Florian gewiß besser befindet. Flor. Ich glaub's! — aber um was 25 ich mich besser befind', um das befinden sich unsere Geschäfte schlechter. Moriz (boshaft). Aha! — der Ausfall von hunderttausend Gulden, welche Herr Grünberg als Verstoßuugsprämie an seine Frau bezahlen mußte — Flor, (mit Eifer). Mußte? — o nein! — Er hat's freiwillig bezahlt, aber sie liegen noch immer beim Notar eingesiegelt, weil's die gnädige Frau durchaus nicht nehmen will. Sarah (freudig). Wie sie will nicht nehmen das viele Geld, obwohl sie hat kein eigenes Vermögen? — Darin erkenne ich einen Beweis von Reue. Flor. Ich auch. — Aber was nutzt uns ihre Reue, wann der Grünberg mr davon wissen will? — So nachgiebig, als er früher g'wesen ist, so starrköpfig is er jetzt. — Die gnädige Frau bat schon a Menge herzbrecherische Briefe!» g'schrieb'n, der Herr Stollmann sogar red't für sie, aber es nutzt nir. Sarah. Zum Glück für die Verstoßene bleibt ihr noch eine Fürsprecherin an der alten Frau. Flor, (heftig). Saubere Fürsprecherin! Die Alte hat den Teurel in Leib'! — Weil's früher die Narrheiten von ihrer Schwiegertochter untarstützt hat, d'rum möcht' sie sich jetzt weißbrennen und schimpft über das Unglücksweib, ohne zu bedenken, daß d'Familie und s'G'schäft dabei z'Grund' gehen muß. (Wichtig.) Aber jetzt nur vom G'schäft! — Der Herr von Rosenfeld hat uns in's Malheur hinein- g'rissen, d'rum ist's dem Herrn Kraus seine Schuldigkeit, daß er uns herausreißt. Moriz. Was soll das heißen? Flor. Das soll heißen: Morgen is bei uns eine Zahlung von sechzigtausend Gulden fällig, die wir ohne einen g'fälligen Freund nit leisten können. Moriz (auffahrend). Und dieser gefällige Freund soll etwa ich sein? Ich, der Sohn des gemeinen Juden, den man gehaßt, verachtet hat? Wer ist unverschämt genug, mir solch' eine edelmüthige Narrheit zuzumuthen? Flor. Niemand als ich. — Durch Zufall bin ich hinter das traurige Geheimniß kommen und Hab' mir denkt, es müßt Ihnen angenehm sein, wcun's durch eine rcspcctable Handlung Jhncr Gewissen erleichtern könnten. Sarah. Sie werden es auch thun, Herr Moriz, nicht wahr? Sic werden es thun? Moriz. Sarah, Du träumst. — Ich soll jenen Leuten helfen, welche mich gehaßt, verachtet, aufs bitterste beleidigt haben? — O nie! kein Gulden aus der reichen Verlassenschaft meines Vaters sott zu diesem Zwecke aus meiner Cassa wandern! Sarah (ihn lange anblickend). Ist das gewesen Ihr letztes Wort? Moriz. Ja. mein letztes! Sarah. Wohlan! — (Mit erhobener Stimme) So muß ich eincassiren, Herr Moriz, was Sie mir sind geworden schuldig. — Doch das ist nicht genug. Sie müssen mir P rocente zahlen, wucherische Prozente so viel, daß die Summe wird vollständig, welche Herr Grünberg braucht. (Ein gefaltetes Papier aus der Ledertasche ziehend, die sie am Gürtel trägt.) Hier ist mein Dokument. — Lesen Sie die Handschrift Ihres Vaters, welche Ihnen sagen wird, daß ich Hab' ein Recht auf hohe Procente. Moriz (liest das Papier mit steigender Aufregung). Flor. Ich hab's ja gewußt, daß sich die Mamsell Sarah um uns annehmen wird, und um wen sie sich annimmt, kann auf der Welt kein bessern Advocaten krieg'n! Moriz (läßt das Matt fallp,. stürzt vor ihr nieder, saßt ihre Hände, fast schluchzend). Sarah, Sarah! vergib' mir! O welch' vernichtenden Inhalt haben die wenigen Zeilen dieses Blattes für mich! — Dein Vermögen war es, welches Du, im Glauben meine Ehre zu retten, geopfert hast! 26 Dein ganzes Vermögen! deine Zukunft! dein Glück! (In Extask.) Du bist ein Engel, Sarah! Einer von den Licbesengeln, die Jehova zur Erde schickt, daß sie dem Men schengeschlechte die Straße nach Zion weisen! Flor, (bei Seite, gerührt). Mir scheint, setzt is uns g'holfen! Moriz (sich erhebend). Deine gerechte Forderung zu erfüllen, schnell und voll ständig, ist mir Pflicht! Begleiten sollst Du mich, daß man mich dort als Hilfebringer nicht zurückweise, von wo ich als UnglückSbringer geschieden bin! sIhre Hände an seine Brust drückend.) O mein treuer Engel, vergib'! und stoße mich nicht zurück, wenn ich den größer» Theil meiner Schuld, durch Hingabe meines Herzens einlösen will! (Recht- ab ) Dritte Scene. Porige. Ohne Moriz. Sarah (hebt das Papier aus, mit glücklichem Lächeln). Hätte ich dock nicht gedacht, daß die Handschrift eines Verstorbenen mir so reich wird ersetzen das, was mir hat verweigert die Hand des Lebendigen! O, wie ist mir jetzt wohl! Flor, (schmunzelnd). Mir kommt vor, Mamsell Sarah, als wenn die letzten Worte vom Herrn von Rosenfeld, ich will sagen von Herrn Moriz Kraus — eine verblümte Liebeserklärung gewesen wären. Oder drucken sich vielleicht die Juden an- eers aus? Sarah. Juden, Christen, Muhame- daner, Heiden — Alle drücken sich ans auf gleiche Art, wenn sie sprechen mit der Seele. Flor. Also auch die Stubcnmadeln? Hm! hm! Da muß meine ehrsame Geliebte niemals mit der Seel' gesprochen hab'n! Sarah (lächelnd). Sie hatte es vielleicht noch nicht gelernt! Flor. So kann sie's jetzt unter die Marchandemoden lernen. Sarah (überrascht). Ist sie nicht mehr im Dienst der Frau Grünberg? Flor. O nein — die gnädige Frau hat's fortgeschickt — die Betti hat ihre Präsenten versilbert und mit dem Ertrag dieser Versilberung ein elegantes Putzwaa- rengeschäft etablirt! (Mit boshafter Freude ) Sie soll aber dabei nir aufg'sicckt haben, Hab' ich g'hört — die weiblichen Kundschaften kommen nit — uud die männlichen wollen höchstens Busserln kaufen, aber keine Hüt' oder Sck.nieftln. — O, wann ich nur den Triumph erlebet, daß ich die Betti als Cridamacherin im Amtsblatt leset! Sarah. Pfui! könnte sich der Florian darüber fren'n? Flor. Unbändig! — Wenn die Betti bei der Marchandemoderei Crida machet, was bleibt ihr dann übrig, als daß wied'- rum ein Dienstbot wird? (Stolz.) Ich bin aber mehr — Ich bin Gewerksarbeiter und kann mich hernach mit Herablassung über sie erbarmen! Sarah (lächelnd). Ah so! — Der Florian wünscht seiner Geliebten ein Unglück, um ihr beweisen zu können, daß er hat ein gutes Herz! 4 Flor. Aber nur, wann sie durch Unglück gebessert wird! Sarah. Nun, so möcht' ich, daß Mamsell Betti soll werden unglücklich zu ihrem Glück — und gebessert. — Aber nehme sich der Florian in Acht! Es sollte mir leid thun, wenn er hätt' gewart' auf die Crida der Putzmacherin, um zu machen selber a schlechtere Crida (auf seinen Kops), die der Vernunft! (Rechts ab) Vierte Scene. Florian (allein). Die Jüdin muß direct vom König Sa- lomon herstammcn, denn sonst könnt's unmöglich so g'scheit sein! Also warten wir 27 halt' in Gottesnamen ans der Betti ihre Besserung. — Wann's mir nicht zu lang dauert! — Man sieht oft Menschen auf der Welt, die sich wunderbar gebessert haben, aber nutzen thut's nir mehr, weil die Besserung gar fatale Ursachen hat. A Mann hat a Weibcrl, das is gar so schön, D'rum kaun's der Versuchung durchaus nit entgeh'n; Sie hat mehr Amanten als bocken am Kopf, ^ . Der Mann nimmt sich oft vor Verzweif- 6 ° u >> l >! I, j ,un >1 t«m Sch°°f! Ein pfiffiger Schwindler hat g'schwindelt! Auf einmal kricgr's Weibcrl die Blattern so fein, ! — o mein! Die Gimpeln sein haufenwcis nur g'flogcn^Das muß für a Schönheit a Wellsun- herein, ! glück sein; Im Netz hat er's g'fangt und wann's na ! Die Courmacher laufen nach links und cket war n gerupft, Da san erst die Gimpeln zum G'richt nachher g'hupft. nach rechts, Sie sein keine Freunde des geblätterten G'schlecht's. DaS G'richt nimmt den Schwindler beim i Jetzt hat ein gebessertes Weiberl der Zwiefache! glei' Herr — Und laßt ihn dann jahrlang zur Straf'nun- Aber mit soviel Blatternarben g'freut's mer frei. ihn nit mehr. Die Erbsen in Erbsien die machen dc»ft Herrn ^D'.e Wienerstadt bat sich nit z'helfen mehr So brav, daß er bald könnt' a Heiliger > g'wußt, wer'n, ! So lang die Bastei ihr is g'legen auf der Er kommt ganz gebessert heraus nach sechs! Brust; Jahren, >Sie hat laborirt an Beklemmungen sehr. Aber d'ang'schmiertcn Gimpeln bleib'n Das steinerne Mieder hat's gedruckt gar doch seine Narr'n! ' so sehr; Das Mieder is weg, und die Wienerstadt Ein Don Juan hat viele Madel ver-! g'spürt, fuhrt, Wie leicht in der Brust ihr der Athem Ihn hat keine jammernde Tugend gerührt, jetzt wird. So oft er a Tugend zum Fall hat ge- Sie hat die Beklemmung vergessen schon bracht, lang, Hat's boshafte Herz ihm vor Seligkeit Nur d'Schwindsuckt im Geldbeutel, die g'lackt. ! macht ihr noch bang. — Jetzt liegt er als Häring halb todter im'Das wird sich wohl bessern, ich glaub's Bett, Da tanzen die Teurelu vor ihm Minnett; Sie zeig'n ihm hinunter in die flammende Höll', Schon packt ihn der Satan, unter Donnergeröll, Jetzt möcht' er sich bessern aus Aengsten recht gern, Aber d' Höll' is schon g'hcizt und verbrennt muß er wer'n! ganz bestimmt, Aber nur, wann der Rothschild die Cur unternimmt! Man hört bei der Zeit von die grantigen bellt' Auf Niemanden mehr schimpfen, als wie auf die Zeit, Die Zeit ist so schlecht, sagt' a Jekr voll Zorn, 28 Sie hat nit nur's Geld, auch die Tugend verlor'n. Es is freilich wahr, das nirnutzigc Weib Hat alle nur möglichen Laster im Leib; Ich glaub' aber sicher, sie wird es be- reu'n, Und wird so brav wer'n, daß Alle sich freu'n, Die Zeit wird sich bessern, mir is gar nit bang', Aber erst mit der Zeit, und das dauert halt lang! Ein pfiffiger Herr, der den Mantel gern dreht, Hat über zwölf Jahr lang den Fortschritt verschmäht; Er hat Alle die nur als Schwärmer verlacht, Die g'hofft hab'n auf's Licht in der stockfinstern Nacht; Jetzt sieht er, daß d'Schwärmer doch war'n bei Verstand, Es wird trotz den Lichtputzen lichter im Land. Da muß er natürlich den Mantel nur g'schwind Herum wieder dreh'n nach dem neuesten Wind. Er geht jetzt gebessert als Lcuchtthurm herum. Aber wann's ihm nir tragt, steckt er gleich wieder um. (Ab.) Verwandlung. (Gartrn wie im ersten Act.) Fünfte Scene. Stollmann. Michel. Hans (Gcwerks- leute durch das Gitterthor). Stollm. (lebhaft). Ihr hab't mich also verstanden, Leut'? Ihr wißt, wozu ich eure Hilfe bedarf und wollt mir als brave Männer euren kräftigen Beistand leihen? Alle. Ja, Herr Stollmann! Stollm. Nun, so haltet mir Wort. — Jetzt will ick euren Herrn aufsuchen, damit wir gemeinschaftlich seine erbitterte Halsstarrigkeit bekämpfen. Sechste Scene. Vorige. Grünberg (aus dem Hause). Grünb. Was soll das, Herr Vetter? Warum bringen Sie mir die Leute in's Haus? Stollm. Diese Leute sind als Deputation von deinen sämmtlichen Arbeitern geschickt und woll'n mit Dir über deine Frau sprechen. Grünb. Das is wahrscheinlich von Ihnen angeregt? Michel (rin sehr alter Mann, gemüthlich, tritt vor). Nehmen Sie's nit übel, Herr Grünberg, daß wir uns in Familiensachen dreinmischen, aber wir sein halt g'wöhnt, daß's uns als Familienmitglieder betrachten. Grünberg. Ich werde um so mehr fortfahren, Euch als meine Familie zu betrachten, je weniger ich auf eine Andere zu hoffen habe. Michel. Sie werden Ihnen mit der Frau Gemalin wiederum versöhnen — und wenn nur amal a klan's Kindel zwischen Ihnen liegt, nachher werden's dem alten Michel Recht geben, der sagt: Wann der Teure! mit hundert Heren a paar Eh'- leut auseinanderbringt, unser Herrgott bringt's mit dem klansten Kind wieder z'samm! Grünb. (wendet sich ab). Hans (ein kräftiger Manu mit lauter Stimme). Wir wissen recht gut, Herr Grünberg, daß Ihnen die gnädige junge Frau viel Gall g'macht hat, aber warum denn verstoßen? — Mir is s mit der Meinigen um ka Haarl besser gangen; was Hab' i than? — So oft's in ihre Bosheit eini- kuma is, Hab' i den Scheckel g'nommen 29 und hab's aus Leibeskräften trischackt. — Wann's aber mit die blauen Fleck nachher um Verzeih'n beten hat, da Hab' i ihr wieder a Bussel geben, weil das zu der etlichen Pflicht g'hört! — Machen Sie's, wie i, Herr Grünberg, und der Hanns will a blitzdummer Kerl haßen, wann's nit bilft! Stollm. Er hat Recht und wir geh'n Dir nicht vom Hals, bevor Du uns versprochen hast — Grünb. (heftig). Vetter, ick begreif' Sie nicht! — Es ist mehr als inkonsequent, daß Sie jetzt für den Frieden schwärmen, während Sie mick früher zum Krieg angefeuert haben. Stollm. Alles hat seine Zeit! Ich habe Dick zum Krieg angeeiftrt, so lange uns der Feind mit Trotz gegenübergestanden ist. jetzt aber, wo er geschlagen ist und reuevoll um Gnade bittet, jetzt muß ick als ehrlicher Mann für den Frieden sprechen. (Gabriele erscheint hinten, weiß gekleidet, trägt einen schwarzen Schleier, der das Gesicht, das Trauer ausdrückt, umrahmt.) Grünb. Genug! — ich werde niemals jener Person verzeihen, welche meine Frau gewesen ist, welche ich aber dieses Namens nicht mehr würdig halte! Gabr. (tritt vor. demüthig). Ferdinand! Stollm. Ah, da ist sie selbst! Gott sei Dank. (Pause.) Siebente Scene. Vorige. Gabriele. Gabr. (bittend). Du sollst mir nicht verzeihen, Ferdinand, aber Du sollst jene große Summe zurücknehmen, welche ich niemals berühren werde, und deren Ausfall deinem Geschäfte Schaden bringt. Grünb. (kalt). Vergessen Sie nicht, daß Sie auch für die Existenz Ihres Herrn Stiefbruders zn sorgen haben. Gabr. Meinem Stiefbruder bleibt nichts mehr zu fordern; ich habe ihm Alles gegeben, was ich von meinem geringen väterlichen Erbtheile besaß; — Alles, was ich von der Güte meines— gewesenen Gatten empfangen — ick habe ihn gebeten, Alles zu nehmen und mich allein zu lassen! Stollm. (mit Wärme). Das ist brav! Grünb. Oder klug. — Madame will die Verlassene spielen, damit ich mit gewohnter Sentimentalität dieser Verlassenheit ein Ende mache! Gabr. (weinend). O mein Gott, er glaubt mir nicht mehr! Michel (bittend). Herr Grünberg! Grünb. (heftig). Was wollt Ihr noch hier? Geht an eure Arbeit! Michel. Wir geh'n schon!— Aber! bitt'Ihnen, vergessen's auf das klaneMittel von unserm Herrgott nit. Hanns. Und auf mein Hausmittel, denn das Hilst am gewissesten! Grünb. Fort! (Die Arbeiter ab.) Achte Scene. Vorige ohne die Arbeiter, dann Ursula. Stollm. (energisch). Ick bin dein Vetter, Ferdinand, dein ältester Freund, dein zweiter Vater! — Die Reu' deiner Frau ist unverkennbar, und ich befehle Dir, daran zu glauben. Grünb. Ha ha ha ha! Befehlen? — Befehlen Sie, was Ihnen beliebt, aber so lange diese Frau lebt, glaube ich nur an ihre Falschheit! Ursula (aus dem Haus, sie bleibt betroffen stehen). Grünb. Ah, Mutter!— Sehen Sie, was für einen überraschenden Besuch wir bekommen haben. Urs. (pikirt). Deine Frau!? Gabr. (rasch zu ihr). Mutter, einen Theil der Schuld haben Sie zu tragen. Befreien Sie sich davon, indem Sie das Herz Ihres Sohnes für die Wahrheit meiner Worte empfänglich machen! 30 Urs. (stolz). Sie sind sehr keck — Ich bin mir keiner Schuld bewußt als der, daß ick meiner adeligen Schwiegertochter, rnehr adelige Gesinnung zngetrant Hab', als sic hat. Stollm. (heftig). Und als die bürgerliche Schwiegermutter selber hat. Urs. Vetter! Stollm. Sie werfen sich jetzt zur Richterin dieser Unglücklichen ans, während Sie früher Alles gcthan haben, um die Veranlassung deö Gerichts herbeizuführen. Urs. Das ist nicht wahr! — Den mas- kirten Juden Hab' ich nicht in's Haus gebracht, sondern Herr von Glimmcrstein. Stollm. Aber geglänzt haben Sie vor Eitelkeit, als er Ihnen die Hand küßte, und Sie per »gnädige Frau« titulirte. — Wenn irgend Jemand kein Recht hat, diese Unglückliche zu verurtheilen, so sind Sie es. Urs. Warum hat sie sich denn Brillanten schenken lassen! — Sie hat unserm Namen Schande gemacht, deshalb können wir sie nicht mehr dulden! Gabr. Ich gehe! — aber nickt früher, Ferdinand, bevor Du mir versprochen hast, den Preis deiner Grausamkeit zurückzu- nehmcn. Grünb. (kalt). Dann mögen Sie bleiben. — Bedienen Sie sich meines Hauses, wenn Sie mit den Steinen allein zufrieden find. Mein Herz hat sich auch in Stein verwandelt und in einen härteren (beißend) als die härtesten Diamanten! (Abm'sHaus- Gabr. (verzweifelnd). Also für immer verstoßen! — Für immer als Lügnerin ge- brandmarkt. — Wohlan! was man mir nicht glauben will, das werde ich beweisen! Dank Ihnen, Herr Stollmann, der Sie im Glücke mein Warner, im Unglück mein Freund gewesen sind. (Nimmt seine Hand.) Bleiben Sie künftig meines Gatten Freund, wenn er sich vielleicht mit Selbstvorwurf einst dieser Stunde erinnert! (Eilt durch das Git- terthor ab.) Stollm. (wüthend). Da geht sie hin und morgen können wir unsere Zahlungen einstellcn!—(Z„ Ursula ) O, wenn ich mich nur an Dir vergreifen könnt'—aber so sind die Weiber. — Erst sündigen sie mit einander, dann sind sie gegen einander unerbittlich!— Pfui! pfui! Ein einzigerMann, der das Herz auf dem rechten Flecke hat, ist mehr werth, als eine Million solcher halsstarrigen Heren! (Ab durch das Gitterlhor.) Neunte Scene. Ursula, dann Betti, später Florian. Urs. (umhertrippelnd. weinerlich). Erst sündigen sic mit einander, sagt der grobe Mensch. Als wenn ich gesündigt hätte! (Hustend.) Vor lauter Zorn muß ich husten — o wenn mir nnr Jemand unterkäm', dem ich diese Beleidigungen zurückgebcn könnt'! — Ha! die Betti! Detti (einfach, aber cokett 2 gekleidet, tritt durch das Gitter ein, mit gezierter Bescheidenheit). Ja- die Betti! Urs. (heftig). Was will denn Sie da? Sic ist ja, wie ich g'hört Hab', Marchan- demod' g'word'n? Betti. Weil man sich auf der Welt Erfahrungen sammeln muß! (Tragikomisch.) Die meinigen sind bitter gewesen, denn ich Hab' mein mcistes Geld dabei zugesetzt! Urs. Also schon pfutsch! — Recht geschieht Ihr, sie intriguantes Stubenmädl, das meine unglückliche Schwiegertochter verführt hat. B e tti(hrstig). Diesen ehrenrührigen Vorwurf muß ich mir verbieten! Urs. Nur still! Sie hat den sogenannten Herrn von Rosenfeld animirt, daß er meiner Schwiegertochter die Brillanten schenken soll! — Schickt sich das für ein anständiges Stubenmädl? Ein anständiges Stubenmädl hätt' sich die Brillanten lieber selbst schenken lassen! Alor. (tritt durch das Gitter eiu, überrascht, bei Seite). O Spcctakel! die Betti! — Jetzt heißt'd'Ohren in d'Hand nehmen, daß '»an die marchandmodischcn Geheimnisse entdeckt. (Schleicht hinter rin Gibüsch und bleibt mit dem Kopf sichtbar.) Urs. Was will inan also? Wcil's mit der Putzinacherei Mathäi am Letzten ist? Etwa bei mir als Stubenmädl einsteh'n? Betti. O nein! Ick bin nur hcrge- kommen, um mich mit meinem Geliebten zu verständigen! Urs. (spöttisch). Soll das derdummeFlo- rian sein? Betti Na, gar so dumm ist der Florian just nit! Flor, (halblaut). Sehr schmeichelhaft! Betti. Er hat sogar ein gewisses Profetentalent gezeigt, weil er mir vorausgesagt hat, daß es mit der Putzmacherei bei meinem Charakter nicht gehen wird! Flor, (bei Seite). Siehst's jetzt eiu? Betti. Mein Charakter ist zu selbstständig, um die Launen der weiblichen Kundschaften zu hätscheln und bei aller Ungezwungenheit doch zu solid, um durch die Spiegelfenstcr den männlichen Kundschaften Avancen zu machen. — Darum Hab' ich die Putzmacherei aufgegeben und kein zu meinem Florian zurück! Urs. WirdZhr nichts nutzen—so dumm der Florian ist, kann er doch unmöglich vergessen, wieSieihn g'foppt hat!—Oder will Sie um Verzeihung bitten, oder wenn es nicht anders ist, in Temuth seine vier eckige Hand küssen? Betti. Es wär' ja die Hand der Liebe! Flor, (ist vorgetreten und reicht mit gnädiger Miene die Hand hin). Da, küß'! Betti (theatralisch). O Himmel! der Florian! Flor. Der Dir seine viereckige Hand reichen will, wenn sie die Beweise deiner Demuth empfangen hat! (Sie zögert.) Na? Betti (mit Ucberwindung). Es wäre keine Schuldigkeit— aber ein Mal ist kein Mal! (Thut eS.) Urs. (lachend). .Glück uud Ende eines hoffärtigen Stubenmädls! Laß Dich vom Teure! nicht verleiten, Florian! Flor. Das ist leicht gesagt! — Wann der Teure! so ein g'schmackiges G'sicht hak. so fahrt malt halt gern mit Strümpf und Stiefeln in d'Höll'! (Umarmt und küßt sie.) Urs. (bei Seite). Sogar die hat Gnade gefunden! — Ich war gegen meine Schwiegertochter etwas zu streng! Zehnte Scene. Vorige. Michel, dann Grünberg. Michel (hereinstürzcud). Wo ist der Herr Grünberg? Um Gottes willen, um Gottes willen! Ä schreckliches Unglück! Grünb. (stürzt heraus). Was ist geschehen? Michel. Die gnädige Frau hat sich über d' Felsbrücken in den Waldback g'stürzt! Urs. (aufschreiend). Heiliger Gott! (Sinkt fast zusammen.) Betti (unterstützt sie). Michel. Glauben Sie's jetzt, daß's ihr mit dem Bereu'n Ernst war? Grünb. (will fort). ! Flor. Ha! die Mamsell Sarah! Eilfte Scene. Vorige. Sarah (in großer Aufregung). Grünb. (ihr entgegen). Was bringst Du mir? Weißt Du, was gescheh'n? Sarah (feierlich). Ihre Frau hat sich wollen tödten, aber sie ist gerettet! Grünb. Gerettet? durch wen? Sarah. Durch einen Schuldbeladenen, der gekommen ist mit mir zur rechten Stunde! Gott hat ihm zugerufen: »Ent- sündige Dich!« — und er hat es mit Lebensgefahr gethan. — Sagt Ihnen keine Stimme, Herr Grünberg, wer Derjenige ist, der Ihre Frau vom Tode gerettet hat? Grünb. Es wäre schrecklich, Sarah, wenn ick dem Einzigen dafür danken müßte, welchem ich nicht danken kann und will! 32 Sarah (mit gesteigertem Affekt). Danken wir Alle dem, der von uns nichts will, als Eines! — Zurückgehalten bat er die Hand des Todes, da sie schon wollte niederfallen lassen ihr Schwert! — Leben und Hoffnung hat er uns wiedergeschenkt—nur für das Eine! — Hören sollen wir auf das eine Wort, das uns entgegenklingt, ans der ganzen Natur — alle Blumen duften cs, alle Wasser rauschen es, alle Stürme brausen es— und wenn derDonner hätte Sprache für uns, das eine Wort müßte er donnern: (Breitet die Arme aus.) Versöhnung! (Pause.) Urs. Komm', Betti, führ'mich zu meiner Schwiegertochter, damit ich ihr die Hand geb'! (Weint.) Grünb. (begeistert). Za, Mutter, sa! Verzeihen wollen wir -- und Du, liebe Sarah, sollst unser Versöhnungsengel sein. (Erblickt Gabriele durch das Gitter, die Arme ausbreitend.) Ah! Gabriele! Zwölfte Scene. Vorige. Gabriele aufMoriz und Stollmann (gestützt, hinter ihnm die Arbeiter durch daS Gitter). G abr. (ohne Schleier und aufgelöstes Haar, ist ringetreteu, dann tritt sie allein zu Grünberg). Du hast mir im Leben nicht mehr glauben wollen, Ferdinand, wirst Du mir jetzt glauben, da ich aus dem Grabe zurückkehre. wohin ich geflohen, um mich vor Verzweiflung zu retten? Grünb. (sie an sich ziehend). Za, Gabriele, ich glaube Dir! In jenen Fluten, welche dein Leben vernichten sollten, sei jede Erinnerung an deinen schwergebüßten Fehler begraben! Urs. Ich Hab' cingesch'n, Frau Schwiegertochter, daß meine Schuld größer war, als die Ihrige — aber die da (auf Betti) ist noch schuldiger! Betti. Ich bitt' um Verzeihung und berufe mich auf diesen Fürsprecher! (Aus Florian.) Flor. (Betti umarmend). Magdalena, komm' her! St ollm.(Moriz vorführend). Zn denKreis der allgemeinen Versöhnung führe ich einen Mann, der sich das Recht, daran Theil zu nehmen, mit Gefahr des Lebens erkauft hat! Grünb. Ein Recht, welches ich ihm nicht vorenthalten will! (Reicht ihm die Hand ) Gabr. (zu Moriz). Seien Sie glücklick und suchen Sie im Besitze eines Herzens, welches dem Ihrigen ganz gehört, Trost für unfern beiderseitigen Jrrthum zu finden! Moriz (leidenschaftlich aus Sarah). Zch hätte ihn schon gefunden, wenn mich dieser Engel für die Bezahlung meiner großen Schuld zu einer noch größer» verpflichten wollt'! (Ihre Hand fassend.) Sarah! werde mein Weib! Sarah (nachdem sie ihn lange angeblickt). Ich will es werden, Herr Moriz, weil ick glaube, daß Sie mich lieb haben! Stollm. Wodurch aber hast Du diese Leibe gewonnen? Sarah. Dadurch, Herr Stollmann, daß ich selber bin gefolgt jenem Spruch, den ich Ihnen Hab' an's Herz gelegt als jüdischer Dienstbot'! Stollm. (kräftig). »Thue das Gute, wirf es in's Meer! Sarah (nach oben blickend). Weiß es der Fisch nicht, weiß es der Herr!« (Der Vorhang fällt.) Ende. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Unter'«» Christi»««»». Lebensbild mit Gesang in einem Acte von Carl Elmar. Am k. k. priv. Theater in der Josephstadt zuerst mit glänzendem Erfolge gegeben. Personen: Hartmaier, Hauseigenthümer und Spekulant- Emilie, seine Gattin. Theodor, Beider Sohn, Arzt. Christian Hackel, Holzhauer. Marie, l Fritz, > sE Kinder. Grimm, ein verarmter Weber. Rosalia, seine Gattin. Lisi, Beider Kind. Schm acht, Privatlehrer. Ein alter Bettler (Große Stube in Hackelberg's Wohnung, ärmlich, nett eingerichtet. Mittel» und Seitenthüren. Recht? ein großer gedeckter Tisch, auf demselben ein Gugelhupf, eine Schüssel mit gedörrtem Obst, irdene Teller und grobe Bestecke, eine Weinflasche und Gläser. Links ein kleines Tischchen, auf demselben ein kleiner Lhristbaum mit einigen brennenden Kerzen, Aepfel, Nüsse u. dgl-, Stühle.) Erste Scene. Christian Hackel, Marie, Zritz, Grimm, Rosalia, Lisi, Schinacht. (Hackel steht in der Mitte, eine große Porzellan» Tabakspfeife mit dicken Quasten in der Hand, welche er mit fast feierlichem Ausdrucke betrachtet. Marie steht neben dem Ehristbaum, wo sich auch eine angezündete Petroleumlampe befindet, neben ihr Fritz, ein Knabe von zwölf Jahren, mit einem Pack Schulbücher unterm Arm. Gegenüber steht Grimm mit einer neuen bemalten Tabaks- do>e, neben ihm Rosalia, ein Päckchen mit Leinwand in den Händen, dann Lisi, rin zehnjähriges Mädchen, mit einem kle-ncn Stickrahmen. Dem Tisch rechts am nächsten Schwächt, eine komisch hagere Figur, sehr ärmlich, mit einem Kaffre- päckchcn und einem halben Zuckerhut.) Ha ck el l gemüthlich vergnügt). Also hat s Christkinde! sogar bei dieser schlechtenZeit auf uns nit vergessen! — Von wem muß's denn nur erfahren haben, daß i mir schon lang' a solche Tabakspfeifen g'wunschen Hab'! Lisi (lächelnd). Vielleicht hat's dem Christkinde! sein klaner Finger g'sagt. Hackel (auf Marie zeigend). Der klaue Finger warst Du. — Aber wie bist denn Du mit deiner Spendaschi z'frieden? — Dir hat's Christkindel die Petroleum- Lampen eing'legt, weil die Beleuchtung gut und wohlfeil is und weil so a fleißige Handarbeiterin wie mein' Tochter ihre g'sunden Augen nit bei einer Funsen krank machen darf. Marie. I Hab' a narrische Freud' mit derer Lampen, und weil i dem Christkinde! selber nit dafür danken kann, so bedank' i mi halt bei Ihnen, lieber Vater. Fritz (sehr vergnügt). I küß' für meine neuen Schulbücher d'Hand. Lisi. Und i für mein' Stickrahm. (Beide Kinder treten zu Hackel, ihm die Hand küssend.) Rosal. (bewegt zu Grimm). Jetzt kummt derDank an uns, mein lieber Alter. Schau, was mir's Christkinde! für a schöne Leinwand g'bracht hat; es muß g'wußt haben, daß deine Hemada schon nimmermehr z'flicken sein, obwohl i nu die ganze Wochen plag' damit. GriM M (dessen Miene ein komisches Gemisch von Bitterkeit und Rührung ausdrückt). Ja, die Leinwand kommt ä propo8. — Weilaber's Christkinde! das Angenehme mit dem Nützlichen z'vereinigcn waß, so hat's mir die Tabaksdosen von Papicrmachee verehrt und hat's glei mit ein famosen Schwarz- datzten ang füllt. (Aus der Tose schnupfend.) Mit derer Prise bedank' r mi dafür, aber deswegen bin i do surteufelswild! Rosal. Das war' a Versündigung, mein lieber Alter! Marie. Und für uns a Kränkung. Grimm (rasch). Na, na! Kränken will r Ihnen nit, Jungfer Marie, denn so a brav's Madl wie Ihnen, und so an braven Mann wie Jhnern Vätern, die gibt's vielleicht in der ganzen Welt nit mehr! (Grimmig.) I Hab' nur a Wuth auf mein Schicksal, weil i früher a g'stellter Mann g'wesen bin und jetzt dafür danken muß, daß a braver Holzhacker mi und mein' Familie zu sein Christbaum einlad't. Hackel (gemüthlich scherzend). Das kummt nur von dem, weil d'Holzhauerei ka ausländische Concurrenz hat, weil's durch den amerikanischen Krieg nit hat leiden müssen, und weil d'reichen Leut'ihnerHolz nit selber hacken woll'n. — Mein' Beschäftigung is allwcil nothwendig; die Engländer und Franzosen reißen sich a nit d'rum, die Aktien auf der Börs' hab'n mit der Hacken und mit dcr Sag' ka Verbindung; was aber unser Material betrifft, so gibt's in die österreichischen Waldungen no Bama guua; deswegen bin i jetzt gegen Ihnen der Glückliche, und cs is mein' Schuldigkeit, daß i auf ein Mann, durch den ich vor Zeiten amal viel Verdienst g'habt Hab', bc« feierlichen Gelegenheiten nit vergiß'! Rosal. (zu Hackel). Unser Herrgott wird Jhnen'S danken. Grimm Wann alle meine Bekannten so denketen, nit nur Solche, die bei mir verdient haben, sondern Alle, denen i Gut- rhaten erwiesen Hab', nachher wär' uns leicht g Holsen. I könnt' mein G'schäst wieder an- fangen und jetzt wurd' is praktischer betreiben als früher. Aber außer Ihnen, Herr Hackel, kümmert sich ka Mensch mehr um den verarmten Weber! Marie. Lassen wir den trübseligen Diskurs an so ein' vergnügten Abend. Es gibt noch andere Leut', Herr Grimm (halb seus zmd),die auch schwere Staner auf m Herzen trag'n, aber am heiligen Abend wollen's auf das nit denken. (Bläst die Lichter an dem Christbaum aus.) Hackel. Aber der Herr Schmacht hat ja no gar nir g'red't. (Freundlich.) Sein's z vielleicht mit Ihrem Zucker und Kaffee nit z'frieden? Schmückt (komisch pathetisch). Ob ick damit zufrieden bin! — Eine gute Schale Kaffee ist ja mein Champagner, mein Nektar! Bei diesem Göttcrgetränk ergebe ich mich den ausschweifendsten Phantasien! Ick speise im Gedanken mit Jupiter, trinke mit Bacckns, wiege mich in Aphroditens Armen und tanze mit Tcrpsichore Cancan! Womit habe ick es denn verdient, daß ich mir vom Christbaum eine so beseligende Gabe pflücken durfte? Hackel (warm). Mit Ihnerer Wissenschaft und mit Jhner'm Fleiß! Sie sein unser Kammerhcrr und zahl n mir fürs Quartier einen reichlichen Zins, wann a nit im Geld, aber mit dem Unterricht, den mei Bua von Ihnen kriegt, und von dem sogar mein Madl prvsitirt. Sch macht (lebhaft). Ihre Kinder haben auch viel Talent zur Wissenschaft. — Der kleine Fritz zur mathematischen — und Mamsell Marie- Hackel (lächelnd). Zur medicinischen, aber die möcht's lieber von ein' jungen Doctor lernen. Marie (rasch einsallend). I muß jetzt in die Küchel. Die Bäuschelsuppe und der schwarze Fisch wer n mi bei der G'sellschaft entschuldigen (Heimlich zu Hackel.) Vater, i bitt', re den s nir mehr vom Medicinischen, denn mir thut's nur weh' dabei und andere Leut' brauchen von meine Hcrzenslcidcn nir z'wis- sen. (Links ab) Zweite Scene. Vorige ohne Marie. Rosal. (neugierig). Was Habens denn damit g'mant, HerrHackcl,daß IhnerToch- ter zum Medicinischen Talent hat? Grimm (barsch). Bi't schon wieder neu- gieri? Arme Leut', wie wir sein, sollen nie mehr wissen als hab'u, und hab'n than mir nir, so brauchen wir a nir z'wiffen. (Setzt sich zum Tische rechts, wo er häufig schnupft.) Fritz. I möcht' gern meine Schulbücher durchblatteln. (Galant.) Willst mir dabei G'sellschaft leisten, Liefert? Lisi (rasch). Recht gern! I bin ja alleweil bei Dir am liebsten. Fritz (ihr den Arm reichend). So kumm! Im Herrn Schmacht seiner Kammer is heut' ausnahmsweis eing'hatzt, da wollen wir uns zum Oeferl setzen (heimlich) und über unfern künftigen Eh'stand plaudern. Lisi (heimlich zärtlich). Ach, Du mein lieber künftiger Mann! (Beide rechts ab.) Rosal. (unruhig). I hab's nit gar gern, wann zwa Kinder schon vom Heiraten reden, d rum thun's mir den G'fall'n, Herr Schmacht, und setzen s Jhner zu die Kinder in die Kammer und leisten's ihnen G'sellschaft; zum Essen wer'n wir Jhner hernach schon rufen. Schmacht. (selig lächelnd). Zum Essen! An eitlem solchen Tage empfindet man, daß der Mensch nickt allein vom geistigen Brote lebt! Hackel. Sondern auch von Bäuschcl- suppen und schwarzem Fisck Schmacht. sem .s«W. , Charakterbild mit Gesang in drei Acten von Friedrich Kaiser. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Lustspiel in einem Act von Sigmund Schlesinger. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Ein Musikant, oder: Die ersten Gedanken. Komisches Charakterbild mit Gesang in drei Acten von Ludwig Gottsleben. 1 2 Sgr. od. 60 Nkr. In der Walltshauffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt, hoher Markt Nr- 1, ist erschienen: aus Stücken von: Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Elmar, Flamm, Gottsleben, Grois, Grün, Gründorf, Haffner, Juin, Kaiser, Langer, Megerle, Nestroy u. A. Drei Hefte. Gr. 8- geh. Preis 1 fl. 50 Nkr. oder 1 Thlr. Jedes einzelne Heft 50 Nkr. oder 10 Sgr. Inhalt des eisten Heftes: Berg B- F. 1- Da möcht i halt das G'wissen sein. 2. Requisiten-Couplet. 3. Figuren-Couplet. 4. Nachher wird es schon werd'n. 5- Glöckchen-Couplet- 6- Biblisches Couplet. 7. Falsche Benennungen. 8- Dann ist sie da die bessere Zeit. 9- 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün. 10- Volkslieder. 11. Aber geb'n thut's es nit. — Berta, Alois. 12. Jetzt da war's halt Noth, daß wer antauchen thät. 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hält'. 14. Zu was dann die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lachcvuplet. 16- Aus einer Chronika. 17- Früchte, die verboten sind. 18. Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20. Mythologie-Couplet — Berla u. Bittner 21. Ohne Umschneidcrei. 22- Die papierene Zeit. 23 Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Bittner Anton. 24- Thier-Couplet 25 Das ist noch Geheimniß. 26 Wer hätt' cs geahnt. 27. Ölrronigus sLanäg-leuse. — Bittner u. Morländer. 28- Aehnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29 Und so wird hinterrücks g'redt. — Böhm, Josef. 30. Na da sieht man's doch, daß's an der Einteilung fehlt. 31- Wenn man die Wirkung sieht, und d'Ursach nit kennt. Doppler, I. 32 Maschinen-Couplet 33 Wo man was sucht, dort find't man es nicht. — Elmar, Carl. 34 O Spiel der Natur. 35 Lied des Teufels. 36 Man glaubt uicht was in einem Menschen oft steckt. 37- So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. 38 O ungeheure Ironie. 39 Da möcht' ich halt wissen, was nachher g'schicht Inhalt des zweite» Heftes. Elmar, Carl. 40-Was lieget da dran. 41- Ja so geht's, wenn man heut' zu Tag Geister citirt. — Feldmann u Flamm. 42 Mit Kleinen: sängt man an, mit Großem hört man auf 43- So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Lheod. 44. Keine Rose ohne Dornen. 45 Gesundheit und ein recht langes Leben. 46. Jedes Häferl hat sein Deckerl 47. Repertoire-Couplet — Flamm n. Wimmer 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenkm thät 49. So behilft sich halt Jeder, so gut als er kann Gottsleben, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 51- Verschiedene Ursachen — Grois, Louis. 52- Na, das kennen wir schon. 53- Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht 54- Wir bedanken uns sehr. — Grün, Johann. 55. Was ein Narr ist. 56. Ein Chineser. — Gründorf. 57 's ist just netnöthi, aber nothwcndi war s. — Haffner, Carl. 58. Da find's mäuserlstill. 59 Es steckt was dahinter, ich wett — Hopp, Friedrich. 60 Wann der mein Kapperl hält'. 61-Ja, ich kann's nit ändern, es is halt a so. — Juin. 62 Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht 63- Wozu Mancher eigentlich geboren. 64. Fiakcriied 65 Zu was von den Göttern eine Auskunft begehren. — Juin u. Flcrp. 66 Da wird einem heiß, kalt — warm! 67-Ungeheuer genannt! — Kaiser, Friedrich. 68- Ich bitt meine Empfehlung, es wäre schon gut Inhalt des dritten Heftes. Kaiser, Friedrich. 69- Es muß ja nicht gleich sein. 70 Da braucht man beim helllichten Tag a Latcrn. 71 Jetzt das g'hört aus ein anderes Blatt. 72- Die find halt g'scheidt 73 Das ist so nobel und so billig dabei. — Langer, Anton. 74. Was ist der Unterschied 75 Aber da mag Keiner net. 76 Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 77 Es schaut nur gemeiner aus. 78 Zu früh und zu spät. 79. Man kann sich's wohl denken, aber sagen darf man s nicht. 80. Wann mich der ftagkn thät. - Megerle, Eher. 81 Marsch mit dem in d Butten. 82- Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. — Restroy. 83 Und 's ist Alles net wahr. 84. Kometen-Lied aus »Lumpaci«. 85- Auf was sich Mancher hinanswachsen kann. 86 Das wär ganz etwas Neu's. 87- Und man kommt aus kein Grund. 66 Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 89- Za, hat denn die Sprach' da kein anderes Wort — varry, A. 90- Ob der wohl die Wahrheit wird sagen. Iruek und Papier von Leopold Sommer in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Verdächtig! oder: Der Herr Netter. Posse mit Gesang in zwei Acten von Alois Berla. Zuerst aufgeführt im k. k. priv. Theater am Franz Josephs-Quai. Personen: Toctor Gravalsky, Advocat. Emeline, seine Gemalin. Joseph Streit, Hörer der Rechte. Spitzhoser, sein Vetter. Isidor Distelmayer, Privatbeamter. Rosamunde, seine Frau. Helene, Emma, Arthur, Edgar, Rosa, Lina, seine Kinder. Gregor Hamster, gewesener Leinwandhändler, Distelmayer's Schwäger. Krau Holzbirn, eine Schreiberswitwe Hermine, ihre Tochter. Madame Winter, Eigenthümerin eines Mode- waaren-Magazins. Klara, l Susi, s Lisette, t Emilie, f Ehr ist ine, Kammerjungfer. Modistinnen, Gäste. Modistinnen. Erster Art. (Ein Zimmer mit höchst einfacher Einrichtung, aus einem Tische ein Hanbenstock mit einem Da- menhute, eine Menge Arbeitsgeräthc. Daneben ein Fenster mit Zitzvorhängen, links und rechts Seitenthüren, die rechte führt in die Küche, die linke nach außen.) Erste Scene. Emma (ein hübschts junges Mädchen, arbeitet an dem Damenhut, im Hintergründe Arthur, ein Zunge von sechs Zähren, mit einem Schaukel« Pferde speelend, daneben zwei kleine Mädckien, Rosa unv Lina, mit Spielzeug an einem Kindertischchen, Edgar an nrum großen Tische schreibend). Rosa u. Lina lschrei,!, auf). Emma (eilt hm). Aber Rvserl! Linerl! was habk's denn? Rosa (w inerlich). Nir! Lina. Und deshalb sein wir hungrig! Emma. Nur still — nur still — die Muiter w.rd Euch was geben. Edgar (lachend). 3a, wenn's was hat! G'rad zuvor, wie ich drin in der Kammer war, hat der Vater g'sagt (mit verzweifelter Stimme-: »Gattin, mit die Finanzenschaut's schlecht aus!* Emma. Jetzt sei still und schreib! oder — (Vorkommen-.) Es ist zum Verzweifeln, wenn ich nur mit dem Hut fertig war', unsere Nachbarin, die Frau Holzbirn, hat mir dafür 2 fl. 50 kr. versprochen. (Setzt sich zur Arbeit und fingt:) »Auf der Alm da is a Pracht, Wann im Wald der Stutzen kracht!« Zweite Scene. Vorige. 3oseph (durch die Mitte links). Joseph (im Eintreten). Bravo, tzräulein Emma! — kora! än ea^o! ! Emma. Der Zimmerherr! — No, Sie brauchen sich nit über mein G'sang'l lustig zu machen. Joseph. A ha! Fräulein Emma, ich Hab' mich auch durchaus nicht lustig gemacht, um so mehr, da ich merk', daß Sie ein bischen verstimmt sind. Emma. Ach, die Arbeit will auch gar nicht vorwärts. Joseph. Na, lassen Sie sich nicht ent- muthigen, in zwei ^agen mache ich mein Eramcn als Jurist und trete als Concipient in die Kanzlei des Dr. Gravalsky, der mir die Stelle bereits zugesagt hat. Dann sind wir obenauf und nickt mehr lang wird es währen, so ist Helene meine Gattin. Emma (erfreut). Also sind Sie endlich so weit? No, da wird meine Schwester jubeln. Joseph. Apropos! war Helene schon hier? Emma. Nein, ihre Principalin, Madame Winter, hat sie gewiß wieder mit Arbeiten überhäuft. Das muß ich schon sagen, trotz unserer Noch möcht' ich doch nicht im Magazin dieser Modistin beschäftigt sein, die ihren Arbeiterinnen fortwährend einschärft, ja kein Verhälrniß einzugehen, wenn sie nickt riSkiren wollen, daß sie augenblicklich entlassen werden. Wenn Sie wüßte, daß meine Schwester mit Ihnen ein Verhält- niß hat! Ui! Joseph. Nun, liebe Emma, ich bin gar nicht bös, 'daß Madame Winter so rigoros ist; es ist für mich das glänzendste Zeugniß von der Duldsamkeit und dem guten Rufe meiner Helene Emma. Na, erlauben Sie mir, Sie werden doch nicht an dem guten Rufe meiner Schwester zweifeln? Ah, das ist stark! Joseph. Aber Emma, so war's ja nicht gemeint. Emma (aufgeregt). Glauben Sie, weil meine Schwester aus Noth in Dienst 'gau- 3 gen is, könnt' inan zweifeln? Ich bitt', wir sind Beamtcnötöchtcr, die arbeiten, und das will viel sagen. Joseph. Aber ick — Emma. Sic wollen zweifeln, daß — Ah — Ioscph Aber Emma, hören Sie doch — Dritte Scene. Porige. Distelmaycr (von links, ein hagerer Mann in dürftiger schwarzer Kleidung, Augengläser und Glatze). Rosa munde. Distelm. (stellt den Hut aus den Tisch). Ei! ei! Emma, was gibt's denn? — Ah, guten Tag, Herr Doctor! Joseph. Guten Tag, Herr von Distel- maver. Emma. Barer, stellen Sie sich vor, Herr von Streik zweifelt an dem guten Ruf unserer Helene! Distelm. (schiebt die Augengläser auf die Stirn). Wa—a—as! Joseph (in Verlegenheit). Nein, gewiß nickt! Distelm. (manchmal aus Verlegenheit stotternd). Herr Doctor — Doctor — meine Tochter — hat mir nur einmal Kummer gemacht, und zwar an dem Tag, wo sie ans die Welt kam. Ich hatte damals kein Geld — das heißt: ick war nicht — nicht bei Cafse — nnn ja, bei uns Beamten kommt das mitunter manchmal vor — es ist höchst merkwürdig! Aber seit dem har mir meine Helene nur Freude gemacht, und ich — und ich werde nicht dulden, daß — Joseph. Aber bester Herr Distelmayer, sein Sie versichert — Distelm. Versichert? — Ich als Beamter — Joseph. Ich wollte sagen — glauben Sie mir, daß Emma mich mißverstanden hat. — Ich will Helenen heiraten, wie könnt' ich das, wenn ick nicht von ihren Tugenden vollkommen überzeugt wäre? Distelm. Die Tugenden, die bringt sie Ihnen als Aussteuer mit. Geld hat sie keines — nun ja, seit einiger Zeit bin ich wieder nicht recht bei Eafse — aber ich habe doch Hoffnungen. Meine Frau hat nämlich eitlen wohlhabenden Bruder, Herr von Gregor Hamster, ein ehemaliger Leiu- wandhändlcr, jetzt Privatier — er lebt unverheiratet, wie ein Maulwurf. — Wir selbst verkehren seit vierzehn Jahren nicht mit ihm; weiß nicht, seit er reich wurde, ist er böse auf uns. Nun, sehen Sie, lieber Doctor, an den habe ich gestern einen eindringlichen Brief geschrieben, wovon ich mir eineaußervrdentlicheWirkuugverspreche. Rosam. (cinsach gekleidet, hat sich mit den Kindern beschäftigt). Lieber Isidor, vergiß nicht, daß Du meinem Bruder schon 241» Briefe geschrieben hast, ohne daß er so freundlich gewesen wäre, einen zu beantworten. Distelm. Den 24l;igsten beantwortet er, kannst Dich darauf verlassen; cs ist gleich vom Anfang ein Passus, der wiecineBombe einschlagen muß.Der Eingang lautet: Hoch- wvhledelgeborner, iugleichcn werth-und vielgeschätzter Herr Schwager! Wenn Sie dieses Schreiben erbrechen, so stehe ick vor dem Allmächtigen und meine arme Familie ist dem größten Elend preis — Rosam. (entsetzt). Aber Manu! Emma (schmiegt sich weinend an ihn). Vater! Edgar e Mittel- thür auf, sieht sorgfältig herum, tritt e'n und schließt wieder zu) En1r4e-Lied. Man hat mir oft den Vorwurf gemacht, Daß ich so furchtsam bin, Ich frag', muß man nicht furchtsam sein In einer Stadt wie Wien? Die Zeitungen berichten täglich Neue Räuberei'n, Das schlechte G'sindel bricht schon am Helllichten Tage ein. D'G'richt haben alleHänd' voll z' thun, Wann's Jeden fragen woll'n, Der Telegraph spielt unausg'setzt, 'S is rein zum Teufclhol'n! Ein Musikus, den haben's in vor'ger Nacht, hart am Glacis, Die Baßgeig'u frech vom Buckel g'schnipft, Er wußte gar nicht wie! Dann haben's von einem Burean-Chef Den Cylinder schlau derglengt, Und ihm dafür,'s is gräßlich, A Schlafhaub'u hing'hängt. Ein Dichter haben's sein neu'steS Stück, Vom Schreibtisch weggestohlen, Und nachher wieder z'ruckgebracht. Ah! 's is zum Tcurelholen! (Nach jeder Strophe sieht er sich scheu und furchtsam um.) 8 Ah, seit ich mich in d'Ruh g'setzt Hab', seitdem Hab' ich keine Ruh' mehr, immer glaub' ich, es kommt Einer und raubt mich aus. No ja! Wozu Hab' ich mich denn Jahre lang geplagt, wegen was Hab' ich mir kein' guten Bissen vergönnt, warum Hab' ich, seitdem ich auf der Welt bin, nicht g'heirat', obwohl ich bereits eine Braut hatte, nur daß ich in mein' alten Tagen mein Geld in Rnhe verzehren kann, und jetzt komm' ich gar nicht dazu! Das Geld wird immer mehr und ich krieg' immer mehr Furcht. Die Furcht is der Baum, auf dem die Feigen wachsen, die Furcht is das Haar, auf dem das Schwert des Damokles hängt. Die Furcht furcht des Menschen Antlitz, wie der Kummer, nur daß derKummer sein Zeichen unauslöschlich eingräbt, während die Furcht ihre Zeichen kritzelt und der nächste Moment sie wieder verwischt. Die Furcht ist instinctiv, manchmal aber auch vernünftig. Wenn die kleinen Kinder schreien, weil man sie im Dunkeln läßt, so ist die Furcht instinctiv, wenn aber die großen Kinder Lärm schlagen, wenn man sie in der Finfternißherumtappenläßt, so ist die Furcht natürlich; wenn man ein hübsches sechzehnjähriges Mädchen heiraten soll und man fürchtet sich, dann ist die Furcht eine instinktive, wenn man aber eine fünfzigjährige Witwe heiraten soll und man fürchtet sich, dann ist die Furcht eine vernünftige, denn man weiß, wegen was man sich fürchtet. (In diesem Augenblicke schnarrt die Uhr.) Ha! (Es schlägt sieben Uhr.) Gott sei Dank! Es war die alte Schwarzwälderin, diese Schläg' fürcht' ich nicht! (Man klopft.) Ha, man klopft! Es will wer herein! Ich Hab' doch gut zug'sperrt? (Ruft.) Wer ist d'raußt? Fr. Holzbirn (von außen). Ich bin's, Herr von Hamster! Ich und die Hermine. Hamster (ansathmend). Die Frau Holzbirn, die Schreiberswitwe, mit ihrer Niece, meine geheime Flamme, die kommt gewiß um den monatlichen Unterstützungsbeitrag. Soll ich die hereinlasscn? Na, 's is eine arme Frau und die Niece ist recht sauber. (Rust.) Herein! Ja so, ich muß erst aufsperren. (Oeffnet.) Zwölfte Scene. Vorige. Frau Holzbirn (eine verschämte Arme in modischer, aber abgenützter Kleidung). HerMiNe (ein junges Mädchen, ein ärmliches Hütchen auf, ausgewaschenes Eattunkleid ohne Reifrock) Fr. Holzb. (schlägt den Schleier zurück, eilt ans ihn zu. drückt ihm leidenschaftlich die Hand, hält dann das Dich vor die Augen und sagt schluchzend). Küß'unserm Wohlthäter dicHand! Hcrm. (thut es). Guten Abend, Herr von Hamster! Hamster (sucht das Handküssen zu verhindern). 's is schon gut — lieb's Kmderl. (Klopft ihr die Wange.) Wie blaß die Arme ausschaut und Sie, Frau Holzbirn, Sic weinen ja! Fr. Holzb. Ach, hochschätzbarster Herr von Hamster, edelster aller Menschen, kann eine arme Frau, die mit einem jungen Mädel allein steht in der Welt, was Anderes thun, als Tag und Nacht weinen? Hamster. No, jetzt, a bißl arbeiten könnt's nebenbei. Fr. Holzb. Arbeiten? Hörst Du ihn, Hermine! Ihn, den einzigenFreund in un- sererNoth. — Hörst? Arbeiten —sollen wir — zeigt diese Aeußerung nicht, wie der edle Mann nur immer darall denkt, uns zu rathen, zu helfen? O, jetzt muß ich erst recht weinen, aber Freudenthränen. (Schluchzt.) Hamster. Liebe Frau Holzbirn, ob Sie Freudenthränen oder Kummerthränen weinen, das kommt auf Eins heraus und ändert durchaus nichts in Ihrer Lage, d'rum Hören s, was haben Sie seit den letzten vier Wochen Ihres letzten Hierseins unternommen, um Ihre Lage zu verbessern? (ZuHer- minr, freundlich.) Nehmen'sPlatz, mein Kind! (Bei Seite.) Das saubre Madl! I laß' sie sitzen, is das schön von mir? Hcrm. (setzt sich). Wann's erlauben! Fr. Holzb. (trocknet die Augen). Die dreißig Tage der letzten vier Wochen waren für 9 mich und Hermine, o Gott! nur die Kette der unendlichsten Demüthigungen. Zuerst waren wir beim Chef des Bureau s, in welchem mein armer verstorbener Mann jahrelang die treuesten Dienste verrichtete. Wir baten den Chef, uns huldreichst einen kleinen Gnadengehalt auszuwirken. Er versprach uns auch seine Protection. Der Gnaden- gchalt war schon so viel wie sicher, da — ach, Herr von Hamster, mußte ich darauf verzichten. Hamster. Verzichten? Ja, warum denn? Fr. Holzb. Denken Sie sich, der entsetzliche Chef verlangt für seine Verwendung einen Kuß von Hermine. Hamster Empört). Was? Schaut's den Chef an! Lohnt alte, treue, verstorbene Diener damit, daß er die lebendigen Töchter abbusselt. Fr. Holzb. Nicht wahr! O, eS ist schändlich! Hamster. Und wie! Der Mann hätte verdient, daß Sie ihn geküßt hätten. Fr. Holzb. O, dieser gnädige Scherz, er gibt uns die freudige Gewißheit, daß unser edler Wohlthäter recht gut gelaunt ist. Hamster. Na, gar so lustig bin ich in dem Augenblick g'rad nicht. Fr. Holzb. So in unsern Hoffnungen betrogen gingen wir endlich zu einem Kaufmann und verlangten Arbeit. Hamster. Bravo! Das freut mich, das war recht! Fr. Holzb. Wir kamen aber von diesem noch zu zwanzig Kaufleuten, die uns alle abwiesen. Das machen die Nähmaschinen. Hamster. Schrecklich! für Alles erfindet man Maschinen — sollen die Menschen denn nicht mehr arbeiten? Fr. Holzb. Der fünfundzwanzigste Kaufmann endlich, der sagte, Arbeit kann lch Ihnen keine geben, aber ich weiß einen Verdienst für Sie. Der Eigenthümer des Elysiums sucht eine frische Venus! (Schluchzt.) Herr von Hamster! Ist das nicht entsetzlich? Hamster. Sie, als Venus? Na, für das Publicum wohl. Fr. Holzb. Wie, Sie glauben, daß ich — Hamster. Daß Sie hätten die Idee mit Freuden aufgreifen wollen? So eine Charge ist selten. Fr. Holzb. Aber, Herr von Hamster, nicht ich, sondern Hermine hätte sollen — Hamster (erschrocken). Was? Die Hermine als Venus? Frau Holzbirn, wenn Sie mit dem Daum unterhandeln, dann zieh' ich meine Hand zurück; wenn die Hermine Venus wird, dann komm' ich als Donnergott in's Elysium — Frau Holzbirn — der Orcus soll Sie verschlingen, wenn — Fr. Holzb. (schlau lächelnd). Beruhigen Sie sich, Herr von Hamster — obwohl unsere Noth weck größer ist — Hamster (hastig). Redeu's nit weiter — (Nimmt aus dem Schrank, den er öffnet, eine Banknote.) Da. Frau Holzbirn, sein hundert Gulden, ich Hab' mir sie mühsam erspart, wenn Sie einmal wieder kein Geld ha- bcn, so kommen's, vielleicht Hab' ich was Nebriges! Fr. Holzb. O Sie edler Mann! Hermine, Hand küssen, er rettet uns vom Hungertod ! Herm. (thut es). Hamster (ängstlich). Lassens das und gehn's g'schwind nach Haus. Es ist sieben Uhr vorüber und wird schon dunkel. Zwei Frauenzimmer fürchten sich, ich kenn' das — gehn's — ich bitt'Sie! (Zündet die Lampe an.) Fr. Holzb. (schluchzt). Komm',Hermine, der Engel will keinen Dank — ihm genügt die Wonne des Gebens! Komm'! (Geht chluchzend ab, Hermine macht an der Thür einen Knix.) lo Dreizehnte Scene. Hamster (macht fichs bequem, schließt dann die Thür zu, er scheint ergriffen). Ein Engel hat's mich g'heißen — das rührt mich — mir scheint ich muß— (Niest.) Sein recht rare Leut'. Mein Gott, was soll so eine Schreiberswitwe ansangen? Ta geb' ich gern. (Grimmig ) Meinem Schwager aber, dem Privatbeamten, der mir schon wieder geschrieben hat, dem geb' ich nir! Was braucht er zu betteln? Weil er Kinder hat? Ich frag': Was braucht der Kinder, wenn er's nicht erhalten kann? Das ist ein Leichtsinn und den unterstütz' ich nickt. — Seine älteste Tochter muß als Modistin arbeiten, unter fremden Leuten sich hcrum- pudeln, da soll er sich ein Beispiel an der alten Holzbirn nehmen, die laßt ihre Verwandte nicht aus den Augen und duldet lieber die bittere No th. (Reibt die Hände ) Ob ich das Mädel Heirat? — Ich Hab' große Lust und mir scheint, mir poch —(Oeffnetden Kasten.) Ich will lieber mein Geld revidircn, ob mir nichts weg'kommen is — nachher schneid' ich die fälligen Coupons von meinen Staatspapieren ab, und dann leg' ich mich schlafen. Zuerst aber muß ich den Fensterladen schließen, das Fenster geht auf den Gang hinaus, 's könnt' doch einmal Einer sich verstecken und bei der Nacht einsteigen. (Will zum Fenster, es wird an der Mitte geklapst, er erschrickt.) Teufel! Es klopft wer! jetzt um halb Acht auf die Nacht — wcr will zu mir, ich rühr' mich nicht, da glaubt der draußen, ich bin nicht zu Hause. Alle. Ein Mann! Ein Fremder! Dr. Grav. (eilt ans Spitzhofer zu, richtet sich die Brille und nimmt eine herausfordernde Stellung an). Mein Herr! Sie haben meine Frau erschreckt! Spitzh. (verwundert). Sv? Ich? Dr. Grav. Za — Sie — Ihr Name, mein Herr! Spitzh. Zch heiße Spitzhofer, ehemaliger Gerichtsdiener. Dr. Grav. Mein Herr, Sic werden mir Satisfaction geben — meine Frau um Verzeihung bitten. Spitzh. Na, ja! warum denn nit — das is mündliches Verfahren, kost' kan Zeitverlust! Dr. Grav. Zch bin Jurist! Doctor Gravalsky, Hof- und Gerichtsadvocat! Spitzh. Gravalsky, Doctor Gravalsky! — Sie sein der Herr Doctor? — Ah, das trifft sich ja famos! Der Herr Doctor kennen doch den Joseph Streit, Hörer des Jus? Dr. Grav. Der sich um eine Con- cipientenstelle bei mir bewirbt — Spitzh. Richtig, derselbige is mein Vetter, und is a Schuld, daß ick Herkommen bin und Ihre Frau Gemalin erschreckt Hab' — daö heißt: dafür kann er g'rad' nir — ich will nur sagen — daß er — Dr. Grav. (verdrießlich). Herr Streit ist Ihr Vetter? Spitzh. Za, und weil ich g'rad' das Glück Hab', Herrn Doctor seine Bekanntschaft zu machen, so bin ich so frei, meinen Detter auf das Beste zu empfehlen. Der Herr Doctor wcr'n recht zufrieden mit ihm sein. Er is a pfiffiger Bursch, mein Detter, Einer von die Abdrahten — der wird die Parteien foppen — daß a Freud is, und Erpensnoten wird er ausarbeiten — Erpensnoten, — daß sich der Herr Doctor alle Jahr ein vier Stock hohes Halls ballen lopnen. Dr. Grav. So — so — und seine Gesinnung? Spitzh. G'sinnttng? G'siunung? — Ah! 's is a Gutgesinnter — für das Alte — für das ganz Alte! Dr. Grav. Wie? — Er sagte mir doch selbst, er sei ein Liberaler? Spitzh. Liberal? So? — No, wiffen's, Herr Doctor, für den Augenblick, bis er halt eine Anstellung hat, nachher sattelt er schon um. Dr. Grav. Das sagen Sic — sein Netter? Spitzh. Za, auf mich können Sie sich verlassen — ich bin als Vetter sein bester Freund — und selber bin ich auch für das Alte, — das ganz Alke — und wenn der Herr Doctor vielleicht einen Kanzleidiener brauchen — so Einen, der alle Augenblick eine Vorladung vorlegt — wichtige Acten- stücke gut aufhebt, um zur nöthigen Jndie- längeziehung einer Causa bestens beizutra- gen, so empfehle ich mich bestens. Dr. Grav. Nein, nein! Sie kann ick ebensowenig placiren als Ihren Detter, denn nach den mir gemachten Schilderungen über den Charakter des jungen Mannes ist dessen Anstellung auf meinem Bureau eine Unmöglichkeit. Spitzh. Was, Herr Doctor! Was hör' ich? Der Herr Doctor wollen meine» Vettern nit anstellen? Da hat ihn g'wiß wer ang'schwärzt. Dr. Grav. (ironisch lächelnd). Das glaub' ich nicht, es ist ja sein bester Freund! Spitzh. (zornig). Ein Lump is er, aber ka Freund, denn mein Vetter — Sechste Scene. Vorige. Fr. v. Gravalsky. Madame Winter. Helene. Dr. Grav. (auf seine Frau zueilend). Meine tbenre Emeline, hast Du Dich vollständig 1 erholt? I Fr. v. Grav. (nimmt seinen Arm) Ach der Schreck steckt mir noch in allen Gliedern. Dr. Grav. Adieu, Madame! Md. Winter. Bitt' noch tausendmal um Verzeihung, gnädige Frau! Fr. v. Grav. (mit dem Doctor und Helene nb). Schon gut! Schon gut! Siebente Scene. Vorige, ohne Herrn und Md- Grav als kn. Helene (kommt gleich zurück). Md. Winter (kommt vor). Und nun zu Ihnen, mein Herr, was steht zu Diensten? Was führt Sie in mein Magazin? Spitzh. (deutet auf Helene). Ick bab' mit der Mamsell dort zu reden. Hel. Mit mir! (Erschrocken.) Himmel! das ist Josephs Vetter! wenn der am Ende unser Verhältniß ausplaudert. Md. Winter. Mit Demoiselle Helene? Darf man nicht wissen, was Sie mit Ihr zu reden haben? Spitzh. Warum net — die Sache ist net ämtlich. Weibsbilder sein überhaupt neugierig. — Mamsell, vor einer Stunde hat sich Ihr Onkel aus seiner Wohnung unter sehr verdächtigen Umständen entfernt. Md. Winter. Wie? Helene hat einen Onkel? Spitzh. Bitt' mich nicht zu unterbre chen! (Zu Helene.) Können Sie mir vielleicht angeben, wo er zu finden ist? Hel. Ich kann Ihnen nichts sagen, der Onkel verkehrt schon seit ein paar Jahren nicht mit unserer Familie. Spitzh. Hm! Das weiß ich — Sie können mir also gar keine Angabe machen? Mamsell, sein Sie aufrichtig, es handelt sich dabei um unsere Zukunft, denn wenn Ihr Onkel, wie ich nach den mir bewußten Datas vermuthe, wirklich was angestellt hat, so dürste ihr Verhältniß mit meinem Vetter einen unliebsamen Abbruch erleiden. Md. Winter. Was hör'.ich? Helene! Sie haben ein Verhältniß? Spitzh. Na, was wundern's Ihnen denn! Ist Ihnen schon einmal eine Mar- cbandemode ohne Verhältniß vorgekommen? Md. Winter. Meine Demoiselles dürfen durchaus keine Liebschaften haben, denn ich, ihre Madame, ihr Chef, so zu sagen ihre Schutzfrau, Haffe die Männer. Spitzh. So? Ah, da kennen Sie ja die Männer gar net. Md. Winter (seufzend). O, ich habe sic kennen gelernt, wenigstens zwei von Ihnen. Der Erste hat mir die Cour gemacht und mich nicht geheiratet, der Zweite hat mick geheiratet und ist gestorben, ohne zu bedenken, daß er mich zur Witwe macht. Darum Haff' ich alle, und hätte sich die Demoiselle Helene bis jetzt nicht so erem plansch glcichgiltig gegen die Männer benommen, ich hätte sie gewiß nicht prote- girt. Darum reden Sie, haben Sie wirklich ein Verhältniß? Hel. (verwirrt). Mein Gott! Ich weiß gar nicht, was ich sagen soll! Spitzh. Sie schweigt! Das ist verdächtig! Aber warum schweigt sie? Das muß eruirt werden. Md. Winter. Richtig! es muß ernirt werden. Ich will sogleich — Spitzh. Was? Sie wollen eruiren? Meine liebe Madame, nicht so hitzig! Ueber- lassen Sie das Eruiren solchen Leuten, denen die hiezu nöthigen Eigenschaften angeboren sind. Terrain, Kenntniß, Schlauheit, angenehme Persönlichkeit, Muth, weltmännische Bildung und Liebe zum Studium der höher« Gaunerei. (Schiebt Md. Winter bei Seite.) Mit Verlaub, ich werde in der Geschwindigkeit ein provisorisches Protokoll aufnehmen. Reden Sie, Helene Distelmaver, sind Sic in den Joseph Streit verbrennt? Md. Winter. Reden Sie! Hel. Ach Gott — die Frage — kommt so unerwartet. 16 Spitzh. Ja, glauben Sie, man schreibt den Jnquisiten die Fragen a paar Tag früher auf, damit Sie sich die Antworten commod überlegen können. Md. Winter. Reden Sie doch! Hel. (gefaßt). Im Grunde ist mein Zögern unrecht. Ja, Madame, Herr Joseph Streit ist mein Bräutigam, ich liebe ihn. Md. Winter (entsetzt). O schändlich! Spitzh. Wollen Sie besagtem Joseph Streit eine treue, anhängliche und wirth- schaftliche Gattin werden? Hel. (innig). Ja, Gott ist mein Zeuge! Spitz. Dieser Zeuge kann nicht beeidet werden, dann ist Einer auch zu wenig. Md. Winter. Mamsell, Sie haben mich hintergangen, betrogen könnte man sagen. Spitzh. Stören's die Verhandlung nicht. (Zu Helme.) Mamsell, wie weit sind Sie — Hel. Mein Herr! ich will und werde Ihre Fragen nicht beantworten. Gehen Sie! Spitzh. Was? (Ruft.) Auf Nummcro — (besinnt sich.) Ja so! Md. Winter. Mamsell, Sie haben hier gar nichts zu befehlen, wenn ich da bin. Hel. (verlegen). So war's nicht gemeint, Madame, Ich wollte nur bemerken, daß das Magazin bald gesperrt wird — Md. Winter. Die Arbeiterinnen gehen nach Hause und Sie auf Ihre Kammer. Dieser Herr jedoch folgt mir auf mein Zimmer, um mir über Ihr Verhältniß Alles haarklein mitzutheilen. Darf ich bitten? Spitzh. (verbeugt sich). 3a, wir wollen uns besprechen und nur im Interesse meines Vetters. Der junge Mensch könnt' auf d'Letzt in Schwulitäten der furchtbarsten Art kommen. Es is ja förmlich aus ihn anfge- richtet, aber ich bleib' dabei, ihn zu retten — ich — der Schutzgeist meiner Familie! (Eeremouiös Md. Winter folgend.) Achte Scene. Helene (und die Mädchen, welche die Lampe auslöschen und während Helenens Rede Eine nach der Andern abgrhen, wobei Jede sagt): Wünsch' gute Nacht! Hel. Acb Gott! hätte ich denken können, daß mich heut' noch ein solches Unglück treffen wird? Die Madame verzeiht mir das Verhältniß mit Joseph gewiß nicht, und ick werde meinen Platz verlieren, ehe noch mein Geliebter in der Lage ist, mich zu seiner Frau zu machen. (Böse.) Daran ist nur dieser HerrDctter schuld, der plötzlich erscheint, um allen meinen Hoffnungen auf eine glückliche Zukunft feindselig in den Weg zu treten — (Neugierig.) Wenn ich nur vernehmen könnt', was sie jetzt mit einander ausmachen? (Horcht an der Thür, der Laden ist finster.) Neunte Scene. Vorige. Hamster (blaß und finster, eilt durch den Laden herein). Ah, da bin ich in dem Laden meiner Nichte, wo sie arbeitet. Seit zwei Stunden lauf' ich in der Stadt herum, und weiß nicht, wo ich heute mein Nachtlager auf- schlagen soll. Ich komm' mir zu dumm und hilflos vor, als wie a klein's Kind, das aus der Stieg'n g'fallen is. Hel. (hat ihn bemerkt, kommt näher und ruft). Himmel! Täusch' ich mich nicht — das ist ja der Herr Onkel Hamster! Hamster (starrt sie an). Onkel, sagt diese junge Person — dann wär' sie meine Nichte — Helenerl! Hel. Er is richtig! Der Onkel! Hamster. Also bistDu's dock, Nickte? Hast mich erkannt? Hel. O freilich! Obschon ich Sie lange, so lange nicht g'seh'n Hab', so waren mir Ihre Züge doch unvergeßlich! (Küßt ihm die Hand.) 17 Hamster (gerührt). Schau, Lenerl, schan, das g'freut mich von Dir. Du hast a gut's G'dächtniß, das is a Seltenheit bei jetziger Zeit. Hel. Sind Sie zu mir kommen? Hamster. Ja, mein Kind; ich bin auf der Flucht, und da — Hel. Also doch! O mein Gott! Hamster. Das Mädel nimmt merkwürdig vielAntheil, hätt'sgar nicht 'glaubt! — Siehst, Lenerl, ich bin mit mein ganzen Geld so zu sagen durchgangen. Jetzt laus' ich seit zwei Stunden herum, und vor lauter Angst Hab' ich mich gar nit orientiren können. Bei der Bors Hab' ich glaubt, es is die Staatsschuldencasse, der Musikverein is mir wie der Cyrcns Renz Vorkommen, im Sterngassel vermuthete ich den Platz für einen neuen Park, wo man schon im Schatten sitzen kann; 's Steueramt Hab' ich ins Blutgafsel verlegt, 's Parlamentshaus am Stoß im Himmel und 's Handelsgericht Hab' ich mitten im Herzen der Stadt g'sucht. Ich Hab' mich in ein' fort g'irrt, nur nicht mit der Creditanstalt, die ich richtig im tiefen Graben g'sunden hach'. Hel. Armer Onkel! aber warum ängstigen Sie sich denn? Hamster. Weißt, liebe Lenerl! ich Hab' heut' ka Schlafstell' und da fürcht'ich mich, Wien bei der Nacht seh'n zu müssen. Hel. Wien bei Nacht? Hamster (schaudernd). 3a! Wien bei Nacht! 's muß ein fürchterlicher Anblick sein für einen Menschen, der sonst täglich vor neun Uhr schlafen geht. Bis Mitternacht kann's noch auszuhaltcn sein, aber nach Mitternacht, weißt, Lenerl, da schließt man die Orte, wo das dürre Feld der Politik mit Bier und Wein begossen wird, der g'spenstige Gas-Mann steigt die Leiter empor, und draht den halbnächtlichen Flammen das G'nack um, der Riese Wien sangt an seine Steinglieder zu dehnen und zu strecken und schiebt den Stephansthurm wie eiuen Tubus auseinander, die Hausmeister krieg'n Ähnlichkeit mit der Valuta, sie sein Thrala-Rtpertou« Nr. »70. durchaus nit in dHöh' zu bringen, die Comfortablekutschcr probiren, ob sie noch langsamer als bei Tag jahren können, — es wird immer einsamer; wenn man niest, muß man sich selber Helf Gott! sagen, man hört sich selber geh'n, jeder Barrierestock wird zu einem Banditen, der sich meuchlings niederhockerlt, und endlich begegnet man gar Niemand als lauter Schloßinspectoren, a G'wölbwachter wollt'ich sagen! — Ja, Lenerl, Du glaubst nicht, Wien bei Nacht ist g'wiß schauerlicher als London an ein Feiertag! Hel. Armer, armer Onkel! Aber sagen Sie mir nur, was haben Sie denn eigentlich angestellt? Hamster. Ang'stellt — Ich? — Gar nichts. Hel. Verschweigen Sie es nickt, lieber Onkel! Ich bin schon unterrichtet, er hat es ja erzählt. Hamster. Er? Wer? Hel. No, der Herr Vetter! Hamster. Ein Herr Vetter? Hel. Er hat g'sagt, Sie hätten sich vor Kurzem unter sehr verdächtigen Umständen aus Ihrer Wohnung entfernt. Hamster. Ich soll? (Don einem Gedanken ergriffen.) Himmel! Am End' ist der unheimliche Mensch in meiner Wohnung aufgegriffen word'n und hat aus Bosheit angegeben, ick wär' mit ihm im Einverständ- niß — jetzt suchen's mich vom Gericht aus, (zitternd.) Lenerl! Um Alles in der Welt — Hel. Ach, ängstigen Sie sich nicht so — Derjenige, der Sie sucht, iS ja der Herr Vetter. Hamster. Ach, die Herrn Vetter kenn' ich schon! Hel. Er ist dort d'rinnen bei der Madam'! Hamster (mtsrtzt). Was? Da d'rinn'? Lenerl! Um Alles in der Welt, versteck' mich! Hel. (ängstlich). Mein Himmel, wo soll ich Sie denn verstecken? S 18 Hamster (läuft umhkr). Wenn er herauskommt — wenn er mich sieht, Lenerl, versteck' mich! Hel. Mir scheint wirklich, er kommt! Hamster. Er kommt? — Lenerl -- g schwind — daher — (Eilt zun» Kleiderstock, nimmt die Mantillen herab.) Hel. Waö thun's denn? Hamster (schiebt den Kleiderstock in die Ecke). Komm', Lenerl, häng' mir die Mantillen um, setz' mir den Hut auf — g'schwind — ich bitt' Dich! (Stellt sich mit ausgestreckten Armen hin.) Hel. (behängt ihn, setzt ihm den Hut auf und thut den Schleier herab). 3a! ja! ja! Hamster. So, ich dank' Dir, Lenerl, und thu' mich nit verrathen! Hel. Nein! nein! Pst! Sie kommen, er und die Madame. Hamster (stellt sich in Positur). Zehnte Scene. Vorige. Mad. Winter. Spitzhofer. Spitzh. (leise). Ohne Sorge, liebe Madame; ich werde Alles einrichten. Gleich komm' ich wieder mit meinem Vetter. Reden Sie ihm die Heirat aus. Es is nir für ihn. Für jetzt Adieu! (Geht gegen die Mittelthür.) Mad. Winter (begleitet ihn zur Thür). Gut, ich erwarte Sie — das Magazin wird offen sein. Eilfte Scene. Vorige (ohne Spitzhofer). Mad. Winter. Mamsell, geh'nSie auf Ihre Kammer, das Sperren des Magazins werd' ich selbst besorgen. Hel. Madam', verzeihen Sie! Mad. Winter. Gehen Sie! Hel. Ja, gleich! Mad. Winter. Nun, worauf warten Sie noch? Gehen Sie! Hel. (bri Srite). Was sang' ich denn mit dem Onkel an? Ich werde später wieder herauskvmmen. — Gute Nacht, Madam'! (Links ab.) Mad. Winter. Soll ich ihr verzeihen, oder — der Mann meint, ich soll seinen Detter überreden, von der Heirat abzustehen; vielleicht thu' ich es, um Helene vor Unglück zu bewahren. Uebrigens, wir werden ja seh'n! (Setzt sich vorn auf einen Sessel.) Hamster (bei Seite). Mir ist, als wenn ich statt der Füß' zwei Taschenfeidln hält', die immer einschnappcn. Wär' nur der Schleier nicht — ich kann nicht sehen. Mad. Winter (seufzt). Ach! Hamster. Ich hör' was. — Es ist mir auch als sähe ich dort ein weibliches Wesen — das wird die Lenerl sein. — Pst! Mad. Winter (wendet sich erstaunt um). Hamster. Lenerl, liebes Lenerl! Mad. Winter. Himmel, was ist das? Es ruft Jemand den Namen der Mamsell? Hamster. Lenerl! — ich bitt' Dich, Herzenskind — erlös mich! Mad. Winter (geht gegen Hamster). Hamster. Da kommt's! Gott sei Dank! (Geht ihr entgegen.) Mad. Winter (willschrei'n, kann nicht und weicht mit vorgestreckten Händen zurück). Hamster (ihr nach). Lenerl, was treibst denn? (Wirft die Mantills weg.) Mad. Winter (schreit). Ein Mann versteckt! — Ein Liebhaber! Hamster (ruft). Was ist das? (Wirst den Hut ab und schreit.) Ah — die Nettl — meine einstige Geliebte! Mad. Winter. Der Hamster, der mich treulos verlassen hat! Hamster (verzweifelt). Wien bei Nacht! Die Schrecken fangen schon an! (Will ab ) Mad. Winter (sängt ihn beim Rockschoß) Halt, schändlicher Mensch! Heut' kommst Du so nicht fort. Jetzt sind es zehn Jahre, daß Du mich verließest, heut' kommst Du wieder — Hamster. Bitt' um Entschuldigung, ich Hab' nicht g'wußt, daß meine ehemalige Geliebte, Nettl Sommer, die jetzige Madame 19 - Anna Winter is, es war eine Irrung. (PeiSeitr.) Bei allem dem ist sie so Übel nicht! Mad. Winter (hält ihn, mit schmerzlicher Ironie). O, ich weiß, daß Sie, Herr Hamster, meinetwegen nicht gekommen sind, daß nur meine Mamsell der Magnet ist, der Sie angezogen hat. Hamster. Ja, zuvor hat sie mich — Mad. Winter. Diese zuchtlose Person, die den einen Liebhaber bei ihren Aeltcrn und den andern hier versteckt. Hamster. Was? Liebhaber? Mad. Winter. Läugncn Sic nicht; Ihr leises Rufen zuvor hat Sie verrathen, weshalb hätten Sie sich auch versteckt? Hamster. Weshalb? (Bei Scite.) Ich kann's ihr nicht sagen, sie wär' im Stande und thät' mich arretiren lassen, benützen wir einstweilen das Mißverständniß — meiner Nichte kann's nicht schaden, bin ja ihr Onkel! (Laut ) Gut, Madam', Sie wissen Alles — ja, ich bin ihr Liebhaber! — Gehorsamer Diener! (Will ab) Mad. Winter. Halt! Siebleibenbis — Zwölfte Scene. Vorige. Helene. Mad. Winter. Ah! Da sind Sie ja, Mamsell! Hel. O mein Gott! Mad. Winter. Sie heuchlerisches, falsches, heimtückisches Geschöpf; — Sie und dieser treulose, leichtfertige, pflichtvergessene Mann — H el. Madame, ich — Mad. Winter (gemäßigter). Mamsell! Sie sind nicht werth, daß ich mich ferner ärgere. Sie sind entlassen und werden noch heute zu Ihrer Familie zurückkehren. Warten Sie, den rückständigen Lohn will ich Ihnen sogleich ausbezahlen. (Zu Hamster.) Geh'n Sie mir aus den Augen. Hamster. Mit Vergnügen! Mad. Winter (weint). Sie! Sie! (Zu Helene.) Sirene! Dreizehnte Scene. Vorige (ohne Winter). Hel. (entsetzt). Onkel, was hat es denn gegeben? Warum ist die Madame gar so wüthcnd? Daß ich Sie versteckt habe, ist doch nichts so Entsetzliches? Hamster. Ja, wenn ich dein Onkel wäre — so aber bin ich dein Liebhaber — in ihren Augen wenigstens. Hel. Madame hält Sie für meinen Liebhaber? Warum sagten Sie ihr nicht, daß Sie mein Onkel sind? Hamster. Lenerl, vergißtDu denn ganz, daß ich auf der Flucht bin? Hel. Aber, Onkel! Wenn Sie nichts angestellt haben, kann Ihnen ja auch nichts gescheh'n. Ihre Schuldlosigkeit muß sich doch Herausstellen. Hamster. Das wohl! Aber wann? Glaubst Du, die Untersuchungshaft ist für einen Unschuldigen eine Kleinigkeit? Hel. Onkel, Sie werden einsehen, daß ich Madame nicht im Glauben lassen kann, Sic seien mein Geliebter. Hamster. Das mußt Du, Lenerl, wenigstens für heut'; morgen führ' ich vielleicht einen Gedanken aus, der mir im Kopf herumgeht. Hel. Ich verlier' ja, wie Sie hören, meinen Platz. Hamster. Macht nir! — Ich Hab'Geld, ich werd' Dir geben, was Du brauchst. Hel. Aber ich verlier' auch meinen guten Ruf! Hamster. Na, warumdenn? Deine Madame kann nur veröffentlichen, daß Du einen Liebhaber hast und das ist nichts Schlecht's. Hel. Sie wird aber sagen, daß ich zwei Liebhaber habe. Hamster. Zwei? — Ja so! Du hast Dick schon vorgesehen. Hel. Wenn ich also die Madame nicht aufklären soll, so gibt es nur einen Ausweg — Sie müssen sich mir meiner Familie aussöhnen. r * 20 Hamster. Das will ich ja ohnedem. Sie müssen mich verstecken, bis ich nichts mehr zn fürchten Hab', darüber will ich mich mit Dir berathen nnd deshalb bin ich her- gekommen. Hel. Nnn gnt. — Sie begleiten mich zu meinen Eltern, dort finden Sie auch meinen Bräutigam, dem Sie mittheilen müssen, daß Sic der vermeinte Liebhaber sind. Hamster. Richtig. (Eswirdimmngeläutet.) Hel. Die Madame lautet — ich muß hinein — Onkel, erwarten Sie mich. (Ab.) Vierzehnte Scene. Hamster (allein). Es is ein Prachtmädl, so gescheit, so überlegt rcd't sie, sie verliert den Kopf nicht so leicht wie ich. Deshalb soll sie auch belohnt werden. Ich werfe mich jetzt gänzlich in die Arme meinerFamilie, meinem Schwager helfe ich die Kinder versorgen. Ich — die Lenerl kriegt a Aussteuer — ich Hab' ja Geld — viel Geld — a paar Tausender in Banknoten — und wieder a paar Tausender in Staatspapieren Hab' ich da in der Brieftaschen. Das wird nachher a Jubel wer'n, als wann die olympischen Götter wiedergekehrt wären, um ihre olympischen Gelage zu Nutz und Frommen der heutzutage so viel und mannigfach geplagten Menschheit abzuhalten. Ja, diese Götter könnten wir bei allerhand Gelegenheiten brauchen, vbschon Manche behaupten: Die alten Götter wären aus der Zeit. L o u p t e 1. Es wird behauptet, daß die Zeit für d'Göt- ter is vorbei, Zum Beispiel der Apoll mit seiner ew'gen Leierei, »Den brauchen wir schon gar nicht!« sag'n die Praktischen ganz laut, »Die alte Leier, fort damit! — Es schaudert uns die Haut!« Und doch gibt'smanchenDichter, der, wann er zu Haus allein Sich martert ein' Gedanken z' finden, nämlich einen ncu'n, Nicht selten ausrnft: »Gott Apoll, komm' doch einmal nach Wien, Und lehr' uns auf der alten Leier neue Melodien!« Ein Börsenkönig hört wie seines Sohnes Lehrer spricht Don Herkules dem Starken, was der Alles hat verricht', Wie d'Löwen und Hyänen und die Schlangen er zertrat, Den Stall des Königs Augias sogar gereinigt hat. Da seufzt der Börsenkönig uno sagt: (Im Dialect) »Ach, mein liebes Kind, Wie traurig, daß die Götter nimmermehr auf Erden sind; Denn gäb's jetzt einen Herkules für d'Arbei- ten, die schwer'»; So wahr ich leb', der müßt bei uns Finanz- minister werd'n!« Zwei alte Fräuleins trinken mit einand' ihr'n Milchkaffee, Und discurircn ganz vertraut von Lieb' und von der Eh' ; Die eine, die sehr dick ist, pfnaust: »Hm, z'practisch ist die Welt, Die Männer wollen gar ka Lieb', hum, nur ein' Haufen Geld?« »Ach,« seufzt die And're, die so dünn wie ein Gedankenstrich, »Wie Schade, daß der lose Schalk, der Amor, uns entwich, Wahrhaftig, müßt' ich, daß mir sein Besuch noch wird zu Theil, Ich zahlet gern' den Waffcnpaß für seinen Pfitschipfeil!« Merkur war Gott des Handels bei den Griechen, wie bekannt, Am Kopf da hatte Flügel er, so auch an Fuß und Hand, DaS liest im Specereig'wölb ein Eommis auf c'nem Blatt, 21 In das er g'rad ein' Häring ohne Kopf eing'wickelt hat. Da sagt zum Principal er: »Das war doch a blöde Zeit, Wo d'Griechen einen Gott hab'n als Ge- ! flügel conterfei't. ' »Sie Esel,« knurrt der Principal, »was : reden's denn in d'Welt, ! Einst ist der Gott des Handels g'fiog'n, und jetzt stiegt unser Geld.« Der Gott des Masters — Morawetz — ach, Neptun heißt man ihn, Mit allen den Tritonen und Najaden ist ! er hin, l Wohl find't man noch die Perlen von den ; Meerjungfern ihr'n Schmuck, ! Dabei glaubt selbst ein Stockfisch nicht mehr an den Göttcrspuk. Und doch wüßt' ich noch Einen, der den Neptun wünscht' zurück, Der, wann er mit ihm reden könnt', es ^ wohl hielt für ein Glück, — Das ist der Türk' — der fraget g'wiß den Neptun: »Lieber Herr! Ich bitt', ich möcht' gern wissen, wem ge» hört jetzt 's schwarze Meer?« Ein Mann, der eine Frau hat, die in ein'm- fort eifern thut, Auf Schritt und Tritt ihm nachlauft und ihn qnält oft bis auf's Blut, Der klagt sein' Noch einmal ein' Freund, , wie er mit ihm allein, So daß die Frau nir weiß, wo trinkt a Glasel alten Wein. Der Freund, der will ihn trösten, doch der ganze Trost der is: »Warum hast sie genommen?! Sichst, das ist die Nemesis!« »Die Rache-Göttin,« ruft der Mann, »ach, wär's die Göttin nur, Da laufet sie auch anderen nach, dawcil hätt' ich doch Ruh !« Der liebste von den Göttern ist mir doch der Gott Vulkan, Gar manche Dame könnt' sich gratulir'n zu so ein' Mann, Trotzdem daß er Schmied war, war als Gatte er galant, Wo fand' heut' noch die Venus einen Mann so tolerant? Doch das ist's nicht, warum ich fleh', o Heidengott Vulkan, Noch einmal komm' auf Erden und nimm' Dich der Menschheit an, Ich mein' halt' nur: Als Staatsmann wäre göttlich solch' ein Schmied, Weil der das Eisen schmieden thät, so lange es noch glüht! Es hat einst auch Syrenen geben, lehrt die Mythologie, Auf einem steilen Vorgebirge, da logir- ten sie, Sic soll'n so schön gesungen haben, daß Jeder, der's hat g'hört, Von ihrem G'sang, oem herrlichen, wurd' wirklich ganz bethört. »Ach,« seufzteinTheaterintendam, »wann's jetzt Syrenen gäb', Vor Freuden thät ich selber singen gleich, so wahr ich leb', Die Primadonnen bringen Ein'm zu viel schon in die Rage, Der Rothschild selbst müßt' betteln geh'n, so viel verlangen's Gage.« Verwandlung. (Distelmayer's Wohnung, einige Möbel find weg, dafür Stühle und Sopha mit hochrothem Sammt überzogen und Alles in einen Salon umgrwandelt.) Fünfzehnte Scene. Emma. Rosamunde. Zwei Mädchen. Rosam. Helft's Alle z'samm', — das Sopha stellen wir daher — dort ein Tisch — da auch — die Sesseln vertheilen wir daher — dort auch — die eigentliche Cre- denz ist da d'rinn'. So — jetzt hat Alles ein ganz anderes Ansehen. Der Frau Nach- 22 barin ihre Möbeln nehmrten sich auch bei nns nicht schlecht aus. (Ein Mädchen hat aus der Küche, Mitte rechts, Ausgeschnittenes und Gugelhupf gebracht.) Sv, das Ausgeschnittene und den Gugelhupf stell'daher, und jetzt kommt's — schan'n wir zum Kaffee. (Mitte rechts ab.) Sechzehnte Scene. Distelmayer. Edgar. Arthur. Rosa. Lina. (Die Buben find in Mädchenkleidern und vice versa. Die Kinder voraus durch die Mitte. Distelmayer im engen schwarzen Frack mit enganliegendem Beinkleid.) Distclm. Kinder, lanst's nit so, i kann das nit riskircn von wegen diesen ausge- dorgten Beinkleidern. Ein ehemaliger College hat mir das schwarze G'wand borgt, hat mir die Beinkleider auf die Seele gebunden, das heißt die Schonung derselben, sie sind zweimal g'färbt und dreimal g'wendt, es lassen sich also keine Sprung' d'rinn' machen, eben so verhalt es sich mit der frack- artigen Zwangsjacke des Lonlons. Jetzt muß ich aber gleich mit meinem Schwiegersohn iu 8pe reden, der wird wahrhaftig entsetzt sein, wenn er erfährt, daß ihn der Doctor Gravalsky nicht anstellt, weil, wie mir mein ehemaliger College erzählt hat, Josephs eigener Vetter ihn bei dem Doctor verschwärzt hat. — Schändlicher Kerl — dieser Herr Detter! (Geht zu Josephs Thür.) Ah, verschlossen — der junge Mann ist nicht zu Hause. — Na, wenn er kommt — sein Unglück wird er noch früh genug erfahren. (Sieht herum.) Ah, da gibt's schon allerhand zum Schnabuliren— (reibt sich die Hände) die Scene belebt sich! Wie freu' ich mich auf heute, ich werde alle Sorgen vergessen und mir einbilden: Lucullus speist bei Lucullus! Edgar. Vater, warum find denn wir Zwei als Madeln ungezogen und die Rosa und die Leni als Buben? Distclm. DerTandler hat keine andern Kleider g'habt, die Euch paßt hätten. — Gebt gut Obacht d'rauf, morgen müssen wir sie unbeschädigt zurückstellen. Siebzehnte Scene. Vorige. Emma. Emma. Vater, wissen's, wer jetzt auf einmal kommt? Distclm. Gäste. Emma. Nein, denken Sie sich, der Herr Onkel Hamster, dem Sie gestern geschrieben haben. Distclm. Mein Schwager — und grad' in dem Augenblick, wo uns dieses Ausgeschnittene, dieser Gugelhupf compromittiren, da hält er meinen Jammerbrief auch für etwas Ausgeschnittenes! Emma. Mir scheint, das is er schon. Distelm. Verdammte Situation! Achtzehnte Scene. Helene. Hamster (eilt aus Distelmayer zu). Distelmayer! alter Speci! Schwager! — Grüß' Dich Gott! Die Hand — a Bußl auch. (Umarmt ihn. Distelmayer läßt AlleS mit sich gescheh'n.) Alles sei vergeben und vergessen, wir wollen Freunde sein! Da hast Du Geld! (Nimmt dir Brieftasche, befremdet.) Aber Du stch'st da wie ein Meilenzeiger ohne Arm — bist Du also noch nit versöhnt? (Steckt die Briestasche ein ) Distelm. (erregt). Halt! halt! lieber Schwager! (Mit ungeheuerem Gefühl.) Mein guter, lieber Schwager! ach, daß Du mit einem Mal kommst, das macht mich ganz — aber ganz — setz' Dich, lieber Schwager. (Drückt ihn auf einen Sessel.) Kinder, kommt's, küßt's dem Onkel die Hand. (Treibt die Kinder hin.) Hamster. Ach, was sein das für liebe Paurcrln! — Wie hübsch — wie reinlich und nobel! (Bei Seite.) Ich muß die Kin- 23 der loben, daß mir der Vater recht zugethan wird. (Beschäftigt sich mit den Kindern.) Distelm. (leise). Helene, Emma! ich bitt' Euch, helft's mir die Speisen verbergen. (Sie verstecken die Schüsseln da und dort) Hamster (nimmt Rosa aus's Knie). Was das für a sauberer Bnb ist — wie heißt' denn? Rosa. Rosa! Hamster. Rosa? Du Schwager, der Bub' sagt, er heißt Rosa. Distelm. (hat ein Stück Gugelhupf in der Hand, steckt es schnell in die Brusttasche). 3a, Rosza Sandor. Hamster. Ein sonderbarer Name! (Schnuppert.) Weiß nit, seitdem ich da bin, Hab' ich immer Kälbernes in der Nasen. Schwager, hast Du wohl wo — Distelm. A Kälbernes? 3ch als Privatbeamter? — Aber Schwager — in meinen Verhältnissen Braten — ah Hamster. Na, 's war ja kein Unglück! (Acngstlich.) Doch nein — wenn's ihm gutginge — wenn er meine Unterstützung nicht mehr braucht, dann laßt er mich am End' sitzen! (Fast flehend.) Schwager, gelt, Dir geht's noch immer schlecht! Distelm. O, unendlich! Hamster. Gott sei Dank! ich Hab' mich schon g'fürcht, daß — Neunzehnte Scene. Rosamunde kommt mit Braten. Distelmayer nimmt die Schüssel weg. Sie stößt einen Schrei aus, Hamster (erschrickt und fleht verstört nach Rosamundr). Hamster. Was ist denn? Rosam. (bestürzt). Himmel! wen seh' ich? Gregor — Du bist da? Hamster (saßt sich, geht in die Mitte). Lenerl! mir scheint, wir haben uns verrechnet. Das Benehmen deines Vaters ist nicht minder eigen als das deiner Mutter, die, statt ihren Bruder zu umarmen, bei seinem Anblick aufschreit und dasteht, als könnt' ihr auf der Welt nichts Fataleres mehr gescheh'n, als mein Kommen. Rosam. n. Distelm. Aber Bruder — Schwager! Hel. Vater, Mutter! ich bitt', lassen's mich reden! Herr Onkel, ich will Sie auf- klären, Vater und Mutter sind nur in größter Verlegenheit, — weil — wie mir der Vater vor—zugcwispelt hat, wir gerade in dem Augenblick kommen, wo hier eine Festivität abgehalten wird. Hamster (außer sich). Eine Festivität! Schwager, gestern Hab' ich von Dir einen Brief erhalten, der so abgefaßt war, als hättest Du schon 's Drangeld auf eine Jahrcswohnung im Jenseits 'geben und heut' feierst Du Feste? Ihr seid also nicht in Noth? Ihr habt's Geld? Distelm. Nicht einen Kreuzer — wir sind noch immer blutarm. Hamster. Dann ist also nur Eins möglich — der Schwager Distelmayer ist ein Schwindler wor'n. Distelm. (verletzt). Der Distclmayer ist kein Schwindler — er feiert auch kein Fest, sondern der Distelmayer thut nur seiner Nachbarin, einer würdigen Witwe, den Gefallen und leiht ihr, weil ihre Wohnung zu beschränkt ist, seine Wohnung, seine Familie, seine gesellschaftlichen Talente, damit die Frau Nachbarin ihre Gäste auf eine solenne Art bewirthen kann. Hamster. Also war das gerochene Kälberne halt doch ein nicht hinweg zu läng- nendcs Factum? Schwager, die Festivität nehm ich Dir jetzt nicht mehr übel, aber wenn Du heut' eine Menge Menschen empfängst, dann muß ich augenblicklich fort! Distelm. u. Frau. Warum denn? Hel. Herr Onkel! thun's keinen unüberlegten Schritt — wollen Sie heut' Nacht auf der Gaffen herumirren? Hamster (leise). Wenn mich aber Jemand sieht, der Kunde davon hat, daß man mich sucht? Hel. Vater, was kommen denn für Leut' hieher? 24 Distelm. Commis, Marschandmodin- nen. Hel. Die kennen Sie, der immer so cingezogen lebt, gewiß nicht Hamster (furchtsam). Schwager, kommt zu der Unterhaltung auch eine behördliche Person? Distrlm. Die Unterhaltung ist keine öffentliche, ich Hab' daher auch keine Anzeige gemacht. Hamster (dem leichter wird). Das war recht! Nur keine Anzeige, ich bin gern inkognito! und wenn Ihr mir versprecht, meinen Namen nickt zu nennen, auch nicht Schwager und Onkel zu mir zu sagen, so riskir ich's, ich sestivitir mit, ich lach' mit, ich iß mit und trink mit! Distelm. Ganz nach Wunsch, bester Schwager, wir wollen deine Anordnungen befolgen, aber tanzen mußt Du auch -- ich bin Arrangeur. (Macht eine Figur und sieht besorgt auf die Beinkleider ) Schreit's Vivat, Kinder, das wird ein Prachtabend! Kinder. Vivat! (Diftelmayer stellt die Speisen wieder aus.) Zwanzigste Scene. Vorige. Emma. Emma. Vater! Mutter! Die Gäste kommen und die Musikanten. Einundzwanzigste Scene. Ballgäste. Vier Musikanten. Vorige. Distelm. (empfängt sie). Guten Abend, meine Verehrtesten! (Weist die Musikanten in die Ecke rechts.) Fr. Holzbirn u. Herminc (sehr geputzt treten jetzt ein). Distrlm. Ah, meine Sonne geht auf! Die Frau Nachbarin. Holzb. (herablassend). Guten Abend, Distelmayer! Nun, haben Sie Ihre Arrangements getroffen? Können meine Gäste zufrieden sein? Distelm. Alles ist besorgt — sogar ein Tänzer für Sie! Holzb. (entzückt). Ach, wie aufmerksam, wie galant! Distelm. Werd' ihn gleich vorstellen! (Führt Hamster, der indessen mit Emma und Rosa gesprochen, zu ihr.) Hier, geehrteste Frau Festgeberin, ist ihr Tänzer. Holzb. (ficht Hamster, stößt einen Schrei aus und fällt in seine Arme). Alle. Was ist's denn? Hamster (auch erschrocken). Nichts — gar nichts! (Leise zu Holzbirn.) O Sie Lügnerin! So bringen Sie mein Geld an? (Laut.) Erholen Sie sich, meine Gnädige! Holzb. (leise). Ah! nur nit bös sein, Wohlthäter! Hamster (leise und wüthend). Lassen Sie sich nie mehr bei mir seh n und wenn Sie nicht Scandal haben wollen, so schau'u Sie, daß s mit ihrer Nichte weiterkommen. Sie Schlange! (Bei Seite.) Jetzt geb' ick meinen Plan auf und Heirat' die Modistin. Holzb. (erhebt sich). Meine Freunde, ich empfehle Ihnen diesen edlen Mann — (auf Hamster) er soll und wird heute der Mittelpunkt des Festes sein. Alle (umringen Hamster, der sich entziehen will). Ah, freut uns, das ist charmant — ausgezeichnet! Hamster (bei Seite). Verdammte Heuchlerin! Na wart', eS nutzt Dir nichts mehr. Holzb. Herr Distelmayer! ich erkläre den heutigen Abend für eröffnet! Da ich aber nicht wohl bin, so erlauben Sir mir, mich mit meiner Nichte zu entfernen. (Wirst einen fragenden Blick auf Hamster.) Herr von Hamster! amüsircn Sie sich recht gut. (Leis, ) Und wenn Sie mir nicht mehr zürnen, ick wohne gleich nebenan! — Adieu allerseits! (Mit Hermine links ab) 25 Hamster (wüthend für sich). Hol' Dich der Teufel! Distelm. (tritt in die Mitte). Verehrte Anwesende! Wo Sie Hinblicken, sehen Sie Eßbares, im Nebenzimmer finden Sic Bier und Wein — bedienen Sie sich, und wenn getanzt werden soll, so bitt' ich nur zu befehlen. (Einige greisen zu, die Mehrzahl ruft:) Tanzen! Tanzen! Disteln». Was befehlen Sie? Was tanzen wir? Alle. Polka fralixais! Polka franxais! Disteln». ,rust). Polka franxais! (Die Paare ordnen sich.) Schwager, die Helene tanzt mit Dir! Hanrster (zornig). Wegenmeiner. (Es wird ausgespielt, man beginnt zu tanzen. Die Kinder auf der Seite.) . Zweiundzwanzigste Scene. Vorige. Joseph (unterbricht den Tanz, drängt sich durch nach vorne und ruft verzweislungsvoll). Helene! Spitzhofer. Madame Winter. (Hamster und Spitzhofer erblicken sich. Hamsters Gesicht drückt den größten Schrecken aus, Spitz- hofcr's Antlitz die höchste Befriedigung; er verfolgt Hamster, dieser flüchtet rechts und links und sucht sich durch Möbel zu schütze» und die Thür zu gewinnen; während diesem hat sich Alles nach links gedrängt und um Joseph und Helene einen Kreis geschlossen.) Alle. Was is? Was gibt's? Hel. Joseph! Joseph (ohne Athen,). Helene, ich weiß Alles! Hier istMadame Winter, die Dir gekündigt, »veil sie einen Mann in ihrem Magazin fand, den Du versteckt hattest. Alle. Einen Mann versteckt! — Ah, da schaut's der! Rosam. Is das wahr, Helene? Thrata-Rqxrloi» Rr. 170. Distclm. Tochter! soll ich Dich enterben ? Hkl. (weinend) Onkel! Spitzh. (hat Hamster erwischt und führt ihn beim Rockkragen vor). Ich Hab' ihn endlich! Jetzt kommt er mir in diesem Leben nicht mehr anS! Alles (überrascht). Distel »n. Schwager! > Frau. Bruder! f Hel. u. Emma. Onkel! r Mad. Winter. Derräther! s Hamster (ist mit zitternden Knien dagestan- den, reißt sich endlich los und ruft in höchster Aufregung). Himmeltausend Donnerwetter! Bin ich toll, oder seid ihr Andern toll? Wer ist dieser ungenirte Herr, der sich ge gen mich Alles erlauben darf? Spitzh. (mit Gravität). Ich bin der Herr Vetter dieses jungen Rechtsgelehrten. Sie aber sind Einer, der waS ang'stcllt hat, denn sonst hätten Sie sich nicht heut'Abend geflüchtet, als ich Sie besuchen wollt'. — Gestehn's jetzt! Was haben Sie verbrochen? Hamster. (g,nz außer sich). Ah! Ah! Ah! (Sammelt sich.) Meine Herrschaften, ich ap pellirc an den gesunden Menschenverstand und frag': Wenn Einer bei dem Andern auf d'Nacht beim Fenster einsteigt, kann man da glauben, daß er einem bloß eine Visit machen will? Alle. Nein! Hamster. Wenn sich der Einsteigende mit den Worten vorstellt: »Jck> »var fünfzehn Jahr' im Criminal/< kann man da glauben, daß einem ein anständiger Mensch die Ehr' geben bar? Alle. Nein! Ha »n ster. Und wenn endlich dieser Mensch verlangt: »Man soll ihm das aus folgen, was »nan »in Kasten hat/ ich bitt' Sie, kann man bei dieser Aufforderung ruhig bleiben? S 26 Alle. Neu«! Hamster. Und jetzt frag' ich diesen Mann, hat er nicht Alles das gethan, gesagt? Spitzh. (bei Seite). Wie red't denn der Delinquent? (Laut.) No ja, freilich Hab' ich das g'than; ich Hab' woll'n in die Fami- lienverhältnisse der Braut meines Vetters eiudringen, d'rnm Hab' ich a bißl zum For> scheu, zum Eruiren ang'fangt. Ha Ulster. Also darum haben Sic mein Hausrecht oerletzt — mich aus meiner Wohnung vertrieben? Hel. In Folge dessen hat sich der arme Onkel zu uns in s Magazin gefluchtet, ich Hab' ihn versteckt und — Joseph. Bist dadurch in schlechten Ruf gekommen. Alle. Schändlich! Joseph (zornig). Aber, Herr Vetter! Distelm. Ah, das ist noch nicht Alles; Herr Streit, ich weiß aus kompetentem Munde, daß der Herr Dr. Gravalsky Sie in seiner Kanzlei nicht placirt, weil Ihr Herr Vetter Sie verschwarzt hat. Joseph (verzweifelnd). Das auch noch?! Alle (zornig). Pfui! Spitzh. (immer mehr perplex, sagt ganz zerknirscht). Es hätt' also gar Niemand was ang'stcllt außer mir? O verflucht! Die Causa nimmt eine schauerliche Wendung! (Flehend.) Meine Herrschaften, ich bitt', ver- luschen wir die Sache! Hamster (energisch). Nir da — die Zeit des Vertuschens ist vorbei; Alles wird öffentlich verhandelt. Spitzh. (verzweifelnd). Verdammte Oef- scntlichkcit! Vor der Behörde wird Dumm- beit zum Verbrechen. Hamster. Ja, Recht haben's! Wer die Dummheit begeht, seine Nasen in Angelegenheiten zu stecken, die ihn nir kümmern, wer durch sein unnothiges Herumschnüffeln auf jedes ^ebensverhältniß den Schatten des Verdachts wirst, wer die ganze Welt für a Mausfallen und sich selbst für'n Speck halt, mit dem man die Maus' fängt, der begeht ein Verbrechen und wird von dem Gericht der Oeffentlichkeit als gefährliches Subject mit dem Banne der allgemeinen Verachtung belegt. Spitzh. Das is nur jetzt, früher wüßt' ich mich nicht zu erinnern. Distelm. Ja, früher Hab'auch ich'sMaul halten müssen; aber jetzt kann ich reden, und darum sag' ich: Ein Mensch, der darauf ausgeht, einem Vater mit Töchtern die Bräutigame zu verjagen, Einem die Verwandten, die Geld haben, abfangt — ein solcher Mensch verdient, daß ganz allein für ihn eine Novelle zum Strafgesetzbuch ausgearbeitet würde. Joseph. Herr Distelmayer, ich bin Schuld, daß mein Detter dieses Haus betrat; ich muß die Folgen seiner Indiskretion tragen; an mir ist'S, auch Allen Denen, welche er beleidigt hat, Satisfaktion zu geben; Herr Vetter, mit unserer Freundschaft ist es aus, geh'n Sie uud kommen Sic mir nie mehr vor die Augen. Spitzh. Was? Joseph? Du schickst mich fort? Jetzt bin ich pfutsch! Alle. Fort! Hinaus! Hinaus! Spitzh. (finkt in einen Sessel und weint). Gnade! Gnade! Distelm. (fingt). Fort! StürztdasScheusal in die Wolfsschlucht! Hel. Seht, er weint! Und wenn er uns auch Unannehmlichkeiten bereitet hat, will ich doch für ihn bitten, daß ihm verziehen wird. Spitzh. O, mein Gott! Hel. Joseph, sei gut mit ihm. —Herr Onkel, verzeih'n Sic! Hamster. Leuerl! Du bist a Pracht- madl, d'rum kriegst Du auch 10,000 fi. Aussteuer von mir, und wenn die verehrte Madame Winter mir Ihre Hand reicht, um die ich hiemit feierlich anhalte, so will ich's schon vermitteln, daß sie Dir ihr 27 Modemagazin mit all' ihren Kunden übergibt. Mad. Winter (hingerissen). O Hamster! (Reicht ihm die Hand.) Hamster (fingt in Recitativ). Herr Vetter! Wollt Ihr versprechen, nicht mehr zu eruiren? . Spitzh. Ja! Hamster. Nicht mehr zu forschen und zu spioniren? Spitzh. (fällt auf die Knie). 3a! Hamster. Nun denn, ich stch're sogleich Gänzliche Verzeihung Euch! Bringt Wein, laßt das Versöhnungsfest uns feiern! Die alte Freundschaft wollen wir erneuern! Alle. Wein! Wein! (Man bringt Gläser.) Trinkgesang. (Partitur.) (Der Vorhang fällt) Ende. i In der Wallishauffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien sind von Alois Berla bisher erschienen: Grrvinus, der Narr vom Untersberg. Posse mit Gesang in drei Acten. 8 Sgr. od. 40 Nkr. Em « »n Ws. Lustspiel in einem Acte. 6 Sgr. od. 30 Nkr. Der Zigeuner. Genrebild mit Gesang in einem Acte. 7*/, Sgr. od. 35 Nkr. Das t«>icht Brot. Charactergemälde nut Gesang in drei Acten. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Dir Jungfer Taut . Volkskomödie mit Gesang in drei Acten. 12 Sgr. od. 60 Nkr. M me MWilstM. Posse mit Gesang in einem Acte. 7 V, Sgr. od. 35 Nkr. Posse in einem Aufzuge. 7/, Sgr. od. 35 Nkr. Die von der Radel. Bild aus dem Volksleben in drei Abteilungen mit Gesang. 12 Sgr. od. 60 Nkr Druck und Papier von Leopold Sommer in Men. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Die Mozart-Geige, oder Der Dorsumsikant und sein Kind. CharaklergeinZlde in drei Arten nebst einem Vorspiel von Carl Elmar. Musik vom Kapellmeister Franz v. Suppe. (Im k. k. p'riv. Theater an der Wien zuerst mit glänzendem Erfolge gegeben.) Personen: Hieronymus Weidner,'der Dorfmufikant. Katharina, seine Tochter. Baron Waltenau. Marchese Lunario. ZnliuS Treuberg, Tonsetzer. Rosel, Magd bei Weidner. Graf v. Halden. Herr Liebesam, ein reicher Bürger. Frau Rosendorn, Hausbesitzerin, Witwe. Musenstolz, Dirigent eines Gesangvereins. Bär, Maler. Stechpalme, Poet. L.° j s-"-- Knochenspitz, Fleischer. Hammelmann, i s.-«. Aspel, j stwk Freunde. Gift, Straßengeiger. Ein Eommiffär. Wilhelm, Bedienter. Die Liebe, » Das Mück^' allegorische Gestalten. Die Erinnerung, s Künstler, Gäste, Zuseher, Kinder. Die Rolle des »alten Musikanten« dürste an den meisten Bühnen den Händen der Väter- oder Eharakterspieler anvertraut werden, da daS Lied, ohne an Wirkung zu verlieren, füglich als Melodrama behandelt werden kann. — Die beiden Rollen localer Färbung: »Liebesam« und »Frau Rosendorn« find für die nordischen Bühnen mit leichter Mühe anpassend zu gestalten. — DaS vortreffliche Arrangement der Musik von Herrn Kapellmeister Franz v- Suppv verdient wohl mit Recht die vollste Aufmerksamkeit. rheatn-Uepert-irt'Nr. 171. 1 Vorspiel. (Gärtchen, ,u Weidner'- Hütte gehörig, deren Vorderseite mit der Eingangsthür und einem von Aftben umrankten Fenster link- sichtbar ist. Rechts eine Fliederlaube, in derselben auf einem mit Blumen geschmückten Postamente die bekränzte Büste Mozart s. — Unfern der Laube eine Steinbank. Ter Hintergrund ist durch eine lebendige Hecke begränzt, in deren Mitte sich der Ausgang in s Freie befindet — Den Prospekt bildet eine liebliche Landschaft mit Dörfchen und sanften Hügeln im Lichte der finkenden Sonne.) Erste Scene. Weidner. Dann Trcuberg und Rosel. Weidner (ein sehr alter Mann mit silberweißem, gelocktem Haare, fitzt aus der Steinbank und spielt aus einer alten Geige die Melodie: »Bei Männern, welche Liebe fühlen,- aus der »Zauberflöte,- mit großem Ausdruck und sichtlichem Vergnügen. — er ist ärmlich, doch nicht bäuerlich gelle,det). Treub. und Rosel (kommen nach einer Pause von rechts durch die H.cken, treten etwas vor, blicken sich lächelnd an und bleiben, horchend flehen). Rosel (die ländlich gekleidet ist. nach einer Pause zu Lrrubcrg weich-und gemüHlich). 3 Hab'S ja g'wußr, daß wir'n der-seiner Lieblingsbeschäftigung antrcffcn werd'n; — die Stunden, wo er sich m:t sein himmlischen Mozart, wie er'n nennt, unterhalt', sein se»ne glücklichsten. Lreub. Traurig genug, daß ihn ein Tvdler glücklich macht — indessen, die Lebenden lfich unterbrechend) aber er hat sein Spiel beendet — wir wollen uns.ihm jetzt nähern. Rosel (nähert sich ihm). Herr Weidner! Weidner (wendet sich und blickt sie noch wie träumend an). -Rosei. Schaun's, wer daikummen is: Ihncr liebster Freund! Weidner (rasch ausstrhend und die Geige aus die Bank legend). Ah, Herr Treuderg! (Reicht ihm herzlich die Hand.) Grüß Ihnen Gott tausendmal! — Ja, mein' brave Rosel waß, mit was's mir a Freud' machen kann; sie kennt die Leut', die in mein Palastgarten unangemeldet vorgelassen werden. Treub. (lächelnd). Sie gebrauchen das Wort -»Palastgarten« mit vollem Rechte, denn es wohnt ein Fürst bei Ihnen. (Zeigt nach der Büste.) Weidner (mit dem Ausdrucke liebevoller tzh> furcht). Ja, das war a großer Fürst und er blelbt's. — O, mein lieber Mozart, wann i di nit im Herzen hält' und dein Geigen in der Hand, so wär' i a armer Mann, wann i a vielleicht mehr Geld hält'. (Zu Treuberg mit humoristischer Bitterkeit.) Ra also, wie geht's denn in der Stadt? — Fideln's no fleißi das moderne Dideldei runter? Geht die wahre Kunst uo alleweil mtt'n Dettelsack um? (Ihn betrachtend.) Za, man merkr's. — Sie fern Aner von die Wenigen, denen's um die Reinheit der himmlischen Jungfer Musica z'lhnn iS; — d rum logircn's in an' Dachkammer! und machen Ibncre Vlsiten inan' ab- g'schabenem Rock. Treub. Es ist vielleicht Anmaßung,daß ich, als junger Künstler, meine eigenen Bahnen gehe, denn die Kunst bleibt doch auch eine Dienerin ihrer Zeit. Weidner (rasch und heftig). Ist nit wahr! Die Kunst darf niemals diene», sondern immer nur befehlen! — Ihr Reich is die Ewigkeit — und wann so a aufblasene 3 Zeit, wie zum Beispiel die unsrige, ihre Befehle nit annehmen will, so legt halt die Kunst ihre Charge zuruck, und quittirt, aber mit Charakter, verstanden? Trend. Sie haben das gcthan, Herr Weidner, darum müssen Sie jetzt, mit weißen Haaren, als armer Dorfmusikant Ihr Dasein fristen. Weidner (lächelnd). Was thut's? — Mir bleibt die Erinnerung, und a kostbares Kleinod (deutet auf die Violine), die Geig'n! Ich Hab' Ihnen schon oft erzählt, wie i zu dem Schatz da kummen bin, aber i kann gar nit oft gnua von meiner Seligkeit reden. — I war a zwölfjähriger Wa- selbua, Hab' mir mein Brod mit Notenschreiben verdient und hab'ostHunger g'lit- ten, damit i mi nur in der Kunst Hab' ausbilden können. Da wiü's amal mei Glück, daß i bei der Aufführung der Mozartischen 6-rnoII-Symphonie Mitwirken darf, die der Unsterbliche selber dirigirt hat.— Ach, die Musik! — I krieg'ein ordentlich's Fieber — mir kummt's von die Händ' in's Herz — i kann mir nit helfen und fang' mitten unterm Geignen zum waanen an; der große Meister schaut sich um — i daschrick — aber er sagt nir, lacht mt nur freundli an und dirigirt wieder weiter. — Wie die Symphonie ans is, kummt er auf mi zu — nimmt mi beim G'ficht — und sagt die unvergeßlichen fünf Worte zu mir: »Büberl, du hast mi verstanden!* D'rauf nimmt er die Geig'n vom Pult, gibt mir's in d'Hand und sagt: »Das soll an Angedenken von mir sein.« — weiter nir. (Mit Rührung und erstickter Stimme.) Nachher is er gangen und i hab'n nimmermehr g'seh'n, denn er is in kurzen d'rauf g'storben. (Begeistert) Aber sein Geist is bei mir blieben, sein großer herrlicher Geist! der hat mi durch s ganze Leben über Sorg' und Kümmerniß wegtrag'n, der macht an, als Dorfmusikant, no glückli und stolz, der ruft mir no alleweil zu: »Büb'erl, Du hast mi verstanden.* Treub. Sie haben Recht, Herr Weidner, solche Worte aus einem solchen Munde sein Schätze. Weidner (kleinlaut). Aber i bin dadurch hochmüthi word'n und das hat sich an mir g'straft. Treub. (lächelnd). Hochmüthig? — Sie? Weidner. Ja, i war hochmüthi, — wann's mir's auch nimmer anseh'n, i war's. (Nach der Büge zeigend.) Mein Stolz, auf den hat mi mit der Welt in Feindschaft bracht, und 's Finale war: a Gnadenanstellung als erster Prim-Spieler bei an Bauern- Orchester. — Aber i biu z'frieden damit; man kann auch als Dorfmusikant mitunter a Freud hab'n, — man spielt zwar vor kan g'wählten Publicum, aber vor an' g'müthlichen. (Deutet auf Rosel.) Da is glei so an Erempel — nur a arme Landdirn — und schaun's, sie kriegt nasse Aug'n, so oft i von mein' lieb'n Mozart diskrir. Rosel (bewegt). I Hab' desweg'n jetzt nasse Augen, weil i d'ran denkt Hab', baß i ebenfalls a verlaffen's Waselkind bin und daß Sie mi behandeln, als wär' i Jhner eigene Tochter. Weidner (ihrschmeichelnd). I muß ja! Du betreust mi ja als wie an Vätern; (verdüstert) Du bist mehr mein' Tochter als a g'wiffe Andere, die für ihr'n Vätern ka Herz hat. Rosel (mit Eifer).Na, na! Dathun'Sder Jungfer Kathi Unrecht; ihr Herz is gut — wann vielleicht a ibr Kopf a bissel anders sein könnt'. Treub. (seufzt). Weidner (betrachtet ihn). ic seufzen, Herr Treubcrg, — o, ich kann mir recht gut denken, warum! — Sie haben meine Kathi gern — und a Zeitlang hat's aus- g'schaut, als wann ihr Jhner bescheidene Werbung recht lieb wär'; i Hab' mein' Freud' d'ran g'habt; (heftig) aber seit der unglückselige Baron in unser Dorf kummen is, der widerwärtige unmusikalische Mensch, der ihr alleweil von seiner Herrlichkeit vorerzählt und ihr 'S Heiraten versprochen 4 hat, seitdem is s Madel narrisch word'n und i Hab' von Tag zu Tag mehr Kummer mit ih.. schen, denn i kann mir die Ueberzeugung ^ nit ausreden, daß der Baron ka guter , Mensch is. Treub. Sie ist zu entschuldigen. Ihre Schönheit und ihre Erziehung geben ihr ein Recht zu Ansprüchen, welche ein armer Künstler nie befriedigen kann. Weidner. Schönheit ohne G'fühl is wie a Spectakel-Oper ohne Melodie; — und Erziehung?— o, i bereu's tausendmal, daß i gegen a solche Erziehung nit Protest eing'legt Hab'. — Was Hab' i jetzt davon, daß die reiche Pathin, die meine Tochter als Kind zu sich in d'Stadt g'nummen hat, ihr Alles hat lernen lassen,,was zu unserm bescheidenen Stand gar nit paßt! — Die Pathin is g'storb'n, 's Geld hab'n die Erben g'nommen — und mei' Tochter hat, trotz aller Bildung, wieder z'ruck müssen zu ihrem Vätern, bei dem sie sich unglücklich fühlt, weil er ihr die goldenen Schlösser mit der Geig'n nit Herzaubern kann. Rosel. Sie wurd' sich leichter in ihr Schicksal finden, wenn's nie wen kennen g'lernt hält', der ihr die gold'nen Schlösser vormalt. Weidner (heftig). 3a, ja! der Baron ist d'ran schuld; aber ich wcrd' ihm's vertreib'n — es muß aufhör'n! wie er wieder aus der Stadt kummt und in mein Haus treten will, sperr' ich vor ihm die Thür' zu. Treub. Doch wie, wenn Ihre Tochter ihn wirklich liebt? wenn sie mit ihm glücklich zu werden hofft? — Weidner. Glücklich? — mit dem? — mit an'Menschen, derka musikalisch'sG'fühl hat; der bei einer Mozart'schen Composition die Arm ausstreckt und gähnt? — Das wär' mir a sauberer Schwiegersohn! — Sie soll'n heiraten, wenn's in ihn verliebt is, wegen meiner; aber da muß's ihr'n Vätern aufgeb'n, denn mit meiner Einwilligung kriegt's ihn nit. Rosel (laut und bestimmt). Seins nur ruhig — das wird Ihner Tochter nit thun — und i könnt' ihr a dazu nit Glück wünZweite Scene. Vorige. Katharina. Kath. (einfach gekleidet, ist indessen durch die Hecke eingetreten, hat die letzten Worte gehört und sagt in gereiztem Tone). Ei, ei, wie kommt die Dicnstmagd meines Vaters dazu, über Personen zu urtheilen, welche sie von ihrem Standpunkte gar nicht beurtheilrn kann? Weidner (bitter). Hast es g'hört? Na, um/o besser, so kann i glei dort anfangen, wo die Rosel aufg'hört hat! — Kathr. (rasch). 3ch bitt' Sie inständig, Vater, in Gegenwart des Herrn Treuberg und Ihrer Magd nicht von Dingen zu sprechen, welche nur uns allein betreffen. Treub. Diese Bitte ist sehr begründet und ich will mich daher sogleich entfernen. (Will gehen.) Weidner. Na, na! — D'Rosel soll wegen meiner geh'n; — sie waß do, daß's in mein' Augen mehr als a g'wohnlicher Dienstbot' is — (Rosel geht in's Haus ab) aber Sie müssen da bleiben;— Sie müssen der Verhandlung beiwohnen, damit's mir's Zeugniß geben können, daß i mein' Pflicht als ehrlicher Vater than Hab'! — Dritte Scene. Vorige ohne Rosel. Kath. (nach einer Pause mit gepreßter Stim« me und Trcuberg's Blicke ängstlich vermeidend). Sie find vielleicht grausam, Vater, weil Sie Herrn Treuberg bei dieser Verhandlung zurückhalten. Weidner (sie fixirend). Grausam? warum? Kath. Weil ich über eine Angelegenheit zur Rede gestellt wurde, deren Berührung — wenn ich mich in den Gefühlen des j 5 Herrn Treuberg nicht täusche — ihn unmöglich erfreuen kann. Weidner, (hrftig). Du waßt es also, daß er Di gern hat, Du waßt es!? — Du waßt a, wie i glückli war', wann mein bester Freund mein lieber Schwiegersohn wurd'! — Aber Du willst mi nit so glückli machen; Du willst mir an Menschen aufdringen, den i nit leiden kann, den i für falsch erklär', weil er a über die Kunst nur falsche Ansichten hat! — Kath. Sie hegen Dorurtheile gegen den Baron und übertragen dieselben auf meine Liebe. Weidner. Was, Liebe? — Du redt'st Dir nur ein, daß D' in' Baron verliebt bist; — das kummt von der Eitelkeit; aber im Grund des Herzens hast 'n Treuberg g'wiß viel lieber! — Treub. (rasch und bewegt). Ich bitte, sprechen Sie nicht von mir, Herr Weidner, ich habe meine Hoffnungen aufgegeben — und wünsche nur auf's Innigste, daß die Ihrer Tochter in Erfüllung gehen mögen. Weidner. Nie! Nie! Kath. (zu Trruberg). Ich halte Sie für edel genug, Herr Treuberg, daß Sie, trotz Ihrer früheren Ansprüche — denn ich läugne dieselben nicht — meinen Vater zur Beseitigung seiner Vorurtheile bestimmen werden. (Mit gedämpfter Stimme.) Ich glaube den Baron zu lieben, und habe soeben einen Brief erhalten, worin er mir ankündigt, daß er heute wieder hier eintreffen und von meinem Vater die entscheidende Antwort vernehmen wolle. Weidner (fest). Meine Antwort haßt »na!« für alle Ewigkeit! — Kath. (flehend). Vater! — Treub. Ueberlegen Sie es auch, Herr Weidner; ich habe in meiner eigenen Sorge um Katharinens Glück Erkundigungen eingezogen; der Baron ist wirklich reich und wird von der Welt geachtet. Weidner (bitter). Von der Welt — ja, die kennt's! — Treub. Auch die Liebe ist eine höhere Macht wie die Kunst; auch sieffordert ihre Opfer — und wer durch sie unglücklich wird, der hat eben ein Schicksal erfüllt, welches ihm bestimmt war. Weidner. Nur zu! Reden Sie meiner Tochter z'g'fallen, gegen Ihre eigene Ucber- zeugung, wie S' woll'n; i bleib' bei der meinigen — und da Hab' i Recht! — (Sich gegen die Büste wendend, aufgeregt.) Gelt, Du Alter? — Der Mensch muß an' Ueber- zeugung haben, wie in der Kunst, so im Leben! — Wann Du kan' Ueberzeugung g'habt hätt'st, so wär'st nit im deutschen Vaterland blieb'n, wo's Di hab'n hungern lassen und, nach so kurzer Zeit, zu ihrer eig'nen Schand', dein Grab nimmer wissen! — Aber zu deiner Entschädigung hast dafür die Unsterblichkeit kriegt, und jeder Deutsche sagt jetzt mit freudigem Stolz: »Unser Mozart.« (Nimmt die Geige, nähert sich Katharinen und sagt in halb trotziger, halb schmerzlicher Bewegung.) 3 will dein' vielgeliebten Baron nit seh'n; thu', was Dir am besten scheint — mit meiner Einwilligung kriegst'n nit, das steht fest — aber i werd' Dir an Ausweg zag'n: — geh' mit ihm durch! — geh' — sei glücklich! — i werd' Dir nit fluchen, weil's d'dein' armen Vater verlaßt, (deutet auf die Hütte) i Hab' da d'rinn no a Kind, was mein Herz viel besser versteht; — (nach der Büste zeigend) mein Engel fliegt nit fort — und mein' liebe Geig'n (drückt die Geige an die Brust) die bleibt mir treu bis an's Grab. (In die Hütte ab.) Vierte Scene. Treuberg, Katharina. Baron. (Pause.) Baron (tritt von rechts durch die Hecke ein und bleibt in sichtlicher Aufregung stehen; — er trägt elegante Reiseklrider; sein Gesicht ist blaß und erhält durch einen dunklenBollbart einen düstern Ausdruck). 6 Kath. (steht mit gesenktem Haupte trostlos da). Treub. (sanft). Katharina! ich habe mein eigenes banges Gefühl unterdrückt und, in Gegenwart Ihres Vaters, zu Gunsten Ihrer Liebe gesprochen. — Aber jetzt sind wir allein; betrachten Sie mich als einen uneigennützigen Freund — und fragen Sie, zu meiner Beruhigung, Ihr Herz reckt deutlich, ob es den Baron auch wirklich liebt. Kath. (bestimmt). Ja, Herr Treuberg! Sie selbst haben die Liebe unser Schicksal genannt, dem wir gehorchen müssen, wenn eS uns auch unglücklich machte; ich befinde mich in dieser Lage — und muß meinem Schicksal folgen. Baron (rasch vortretend). Zum Glück! Kath. U. Trend, (treten betroffen bei Seite). Baron (nach kiner Pause zu Katharina). Ich bin von Allein in Kcnntniß. — So eben aus der Residenz gekommen, trieb mich die Ungeduld hieher, ich hörte deinen Vater von unserer Liebe sprechen, und konnte mir nicht versagen, hinter jener Hecke zu lauschen. — Wir haben keine Hoffnung, Katharina, wenn Du Dich nicht entschließen kannst, den einzigen Ausweg, welchen Dir dein Vater selbst angegeben bat, zu betreten — und, auch ohne seine Einwilligung mir zu folgen! Treub. (rasch). Nein, nein! — Das können Sie nicht fordern, Herr Baron! — DaS können Sie sogar nicht wünschen, denn eine Tochter, die Ihren hilflosen Vater verläßt, würde auch den Gatten nicht glücklich machen. Baron (zu Treuberg). Ich bin von meinem Glücke durch den Besitz dieser Hand überzeugt; und auck Katharina wird glücklich sein! Kath. (schmerzlich und zitternd zum Baron). Weißt Du anck, Heinrich, was Du von mir begehrst? Ick soll meinen Vater verlassen, einen armen Greis? — Baron. Ich bin reich — ich kann ihm den Verlust mit Gold aufwiegcn! — Treub. Den Verlust seines einzigen Kindes — mit Gold? — Wenn Herr Weidner nach diesem strebte, so wäre die Mozart-Geige nicht sein köstlichster Schatz; er hätte nicht nöthig, als Dorfmusikant sich sein Stückchen Brod zu verdienen! Baron (heftig). Das war seine eigene Wahl, — er konnte sich selbst zu Noth und Sorgen verdammen, aber sein Eigensinn bat kein Recht an unser Glück! (Energisch.) Katharina! ich bin mit dem festen Entschlüsse hier, Dich von heute an entweder mein zu wissen, oder für heute und immerdar Dich zu verlassen! Kath. (in Thränen). O Himmel! Baron. Wenn Du nach dem, was dein Vater gesprochen hat, noch lange zögern kannst, wenn Du noch schwanken kannst, so hast Du mich niemals geliebt, und, um vergessen zu können, muß ich mich von Dir entfernen. Kath. Zu viel! Treub. (entschlossen). Gedulden Sie sich noch eine kurze Frist, Herr Baron; ich will noch einen letzten Versuch wagen, Herrn Weidner umzustimmen; — wenn er vergeblich ist, dann möge Katharina thun, was sie vor ihrem Gewissen verantworten kann; — ich thue mehr als das, denn ich spreche gegen meine Ueberzengung und gegen mein eigenes Glück. (In die Hütte ab.) Fünfte Scene. Baron. Katharina. Baron (dringend). Es wird vergeblich sein! — O Katharina, mache unser» beiderseitigen Qualen ein Ende, folge mir gleich jetzt, bevor Treuberg zurückkehrt, und Dir den Entschluß unmöglich macht. Kath. (nach schmerzlichem Kampfe mit fick selbst). Nein, ich werde Dir folgen, Heinrich, doch erst wenn mein Vater sein letztes 7 Wort gesprochen hat, und dieses, wie ick befürchte, keine Hoffnung enthält. (Mit Nachdruck.) Aber auch dann nur, wenn Du mir geschworen hast, meine Ehre zu achten und meine Hingebung als Gattin nicht zu fordern, ehe der Vater mit uns versöhnt ist. Baron. Ich schwöre es! — Ich werde Alles anwenden, um diese Versühnung zu beschleunigen, und eben der Schmerz um Dich wird bei deinem Vater unser mächtigster Fürsprecher sein! — Fasse Muth, Katharina! iMit unsicherer Stimme, ohne sie an- zublicken.) Ich werde Dich in die Residenz, in das Haus eines würdigen Freundes, deS Marchese Lunario, bringen; — dort wirst Du, unter weiblichem Schutze, wohnen, und gegen jede Gefahr, welche Du von meiner Leidenschaft befürchtest, gesichert sein. Kath. Ach! Ich werde mir doch sagen müssen: Du hast deinen Vater verlassen! (Kleine Pause.) Sechste Scene. Vorige. Rosel. Dann Treuberg. Roskl (rasch). Was Hab' i gebürt, Jungfer Kathi? Sie woll'n mit'n Herrn Baron fortgeh'n, wenn auch Ihner Herr Vater »na* sagt? Kath. (schmerzlich). Ick muß! Bleibe Du seine Tochter — er hat Dich ja ohnehin viel lieber als mich; — Du verstehst bin besser, deine Einfachheit spricht harmonischer zu seinem Herzen. Rosel. Na, na! — A fremde Person, und wenn'S die treueste Person wär', kann an Vätern do sein Kind nit ersetzen! O Jungfer Kathi, i bitt' Ihnen mit aufg'ho- benen Händen, bleiben's da! Kath. Ich Hab' mein Wort gegeben — und das will ich halten. Rosel (schluchzend). Mein Gott! Kath. Herr Trenberg wollte für uns mit meinem Vater sprechen; hast Du von dieser Unterredung nichts gehört? Rosel. Nur in' Anfang; — der bat mir aber ka gut's End' versprochen: wie der Herr Treuberg nur auf das Capitcl kommen is, hat der Herr Vater g'schwind sein' Geig'n g'nommen, hat sich in a Winkel g'setzt, und hat zuin Stimmen ang'fangt, als wann er von dem Diseurs nir wissen wollt', s Kleine Pause Mm ver- nimmt aus der Hütte die Melodie deS DuettS: .Reich' mir die Hand, mein Leben- aus »Don Juan-.) Hören's! Baron (bitter). Er macht sich mit Mozart zu schaffen, damit er auch sein Kind vergessen kann. Kath. Ach! ich kann ihn nicht so glücklich machen wie dieser geliebte Tobte! (Indem Treuberg heraustritt.) Nun, Herr Treuberg!? Treub. (schüttelt traurig den Kopf). Kath. Nein!? Treub. Nein! Kath. (verhüllt sich schluchzend daS Gesicht). Baron (ihre Hand fassend, kräftig). So komm', Katharina! Kath. (sich im AuSbruche des größten Schmerzes nach der Hütte wendend, während der Baron ihre Hand fest hält). Du bist unerbittlich. Vater — Du zwingst mich! — leb' wohl! — Gott wird mir gnädig sein und die That meiner Liebe mit deinem gekränkten Herzen versöhnen! — Ick verlasse Dich, aber ich werde deiner doch nicht unwürdig sein! — Ick werde rein bleiben wie deine heilige Kunst — ick werde dein gedenken wie Du deines unsterblichen Meisters! (Zu Treuberg und Rosel.) Tröstet meinen Vater! bittet für mich! — und lebt wobl!-Leb' wobl, mein Vater — Segen auf deine weißen Haare — Vergebung! — (Wird von dem Baron wankend nach dem Hintergründe geführt.) Treub. (blickt ihr traurig nach). Rosel (sinkt betend auf die Knie). (Zn der vori-ren Scene ist es dunkler Abend geworden, der Schern deS unsichtbaren Mondes er- 8 hellt dergestalt die Bühne, daß diese von der letzten Loulisse links bis zur ersten recht- erleuchtet ist, das vollste Licht fällt auf die Büste Mozarts, welche magisch erglänzt; die Melodie in der Hütte dauert fort und wird jetzt von dem Orchester ausgenommen. Während Katharina aus dem Hintergründe noch einmal die Hand nach der Hütte ausstreckt, fällt langsam der Vorhang.) Ende des Vorspiels. Erster Lei. (Kurzes elegantes Zimmer; Mittelthür; Seitenthür rechts, Fenster links; rechts Sopha und Stühle.) Erste Scene. Baron. Marchese Lunario. LttN. (ein alter Mann mit einer halb würdigen, halb verschmitzten Miene, fitzt im Sopha und betrachtet den Baron mit dem Ausdrucke unruhiger Besorgniß). Baron (auf- und abgehend). Machen Sie mir keine Vorwürfe, welche zu nichts mehr helfen! — Ich kann mich von Katharina nicht mehr losreißcn, denn ich liebe sie zu leidenschaftlich — und diese Liebe ist ja das einzige Glück meines verfehlten Lebens. Lun. (ironisch lächelnd). So? — ei! und was ist Ihnen dann meine Freundschaft? Baron (schaudernd). Ihre Freundschaft? — ein Fluch, dessen ganzes Gewicht ich erst fühlen gelernt habe, seit mich der Anblick eines Engels täglich daran erinnert, daß ich ein Verworfener bin, ein Verworfener durch Sie! Lun. (aufstehtnd). Herr Baron! Baron. O, geben Sie mir keinen Titel, welcher mir ebensowenig gebührt, wie Ihnen der Ihrige, mein Herr Marchese. Lun. (achselzuckend). Gebührt? — dem Menschen gebührt Alles, was er sich durch Kraft oder Klugheit zu gewinnen versieht. — Seien Sic nicht undankbar und preisen Sie lieber Ihr gutes Glück, welches Ihre sonst verkümmernden Talente mir meinen Erfahrungen, meiner Weltteil ntn iß und meinem Untcrneh- mungsgeiste zusammengeführt hat. — Bleiben Sie vorsichtig wie bisher, und Ihre Eristenz wird immer glänzend sein. Baron. Verfluchter Glanz, der mich geblendet hat und den ich jetzt zu spät durchschaue! Lun. (nach rechts blickend). Pst! Pst! Sprechen Sie leiser, damit uns Ihre- süße Liebe nicht hört; sie leidet ohnehin so häufig an melancholischen Ahnungen, und wenn Sie sich verrathen, so zerstören Sie den Nimbus, welcher vielleicht hauptsächlich Ursach' ist, daß jenes naive Musikantenkind, das jetzt die Ehre hat für meine Nichte zu gelten, Sie liebt! Baron. O, die Betrogene, die Unglückselige! Sie muß um ihrer eigenen Ehre willen für die Verwandte eines Mannes gelten, vor dem sie zurückschaudern würde, wenn sie ihn besser kennte! — Lun. Mag sein; aber die Fiction einer solchen Verwandtschaft ist eben nothwen- dig, wenn unser Charakter vor der Welt nicht in Verdacht kommen soll — und Sie wissen, Baron, jeder Verdacht ist für uns gefährlich! Baron (seufzend). Ich weiß! Lun. Darum sagen Sie Ihrer Geliebten, daß sie sich in der Derstellungs- kunst besser einüben möge; sie verräth sich zu häufig und wir haben Freunde, welche mitunter neugierig sind. — Ich nenne hier zum Beispiel den lebenslustigen, gutmü- thigcn, aber zugleich auch vorwitzigen Grafen von Halden; — er ist der Neffe des Herrn Iustizministcrs — vergessen Sie das nicht; er ist Kunstfreund, und wird also jedenfalls auch bei dem Künst- s lerfest zugegen sein, welches heute auf den nahen Gebirgshöhen abgehalten wird. — Sie wollen mit Katharina dieses Fest besuchen — ein gefährlicher Vorsatz! — Wie leicht kann Jemand dort zugegen sein, der Katharina und ihren Vater kennt. Baron. Immerhin! ich muß ihr Zerstreuung schaffen, ich kann sie nicht, Monate lang, wie eine Gefangene halten. Ach, sie ist immer so betrübt — und mit Recht, denn sie hat ihren Vater verlassen, um einem Mann zu folgen, der — Lun. Still! — ich höre kommen — sie ist's! Zweite Scene. Vorige. Katharina. Kath. (mit eleganter Einfachheit gekleidet, tritt von rechts aus und sagt mit erzwungenem Lächeln). 3ch bin bereit, Heinrich! Baron (ihr entgegen). Was seh' ich, Katharina! Du sollst mit mir zu einem Feste gehen — und hast geweint?! Kath. (herzlich). Ich habe heute abermals einen Brief, welchen ich mit der Bitte um Versöhnung an meinen Vater schrieb, unter der Adresse des Herrn Marchese uneröffnet zurückerhalten. Baron. Dein Vater ist grausam. Lun. Ein wahrer Komödientyrann und zugleich ein Narr! Kath. Herr Marchese! Lun. Ist es nicht närrisch, wenn ein armer Dorfmusikant, der seiner Tochter nur den Mangel als Erbschaft hinterlaffen kann, sie verhindern will, ihr Glück zu machen? wenn er aus Eigensinn die Groß- muth ihres Geliebten von sich stößt und nicht nur die Briefe, sondern auch das Geld zurücksendet, das man ihm mit größter Artigkeit zur Verfügung stellt? Kath. Nein, das ist nicht närrisch, Herr Marchese, sondern charaktervoll, — es ist mein Unglück, daß ich eine solche Eharakterstärke nicht besitze! Baron (bitter). Dein Unglück?! — o, ich sehe, Katharina, Du erinnerst Dich noch allzusehr deiner ersten Liebe! Lun. (boshaft). So scheint's! — Wir werden gezwungen sein, dieses Fenster hier vermauern zu lassen, damit der gewisse junge Musikmacher, welcher sich uns gegenüber bei der Witwe Rosendorn einguar- tirt hat, nicht mehr im Stande sei, Katharina durch gewisse Mozart-Melodien an sich zu erinnern. Kath. Er will mich nicht an sich erinnern, sondern an meinen Vater! Lun. Da! horch! (Man vernimmt aus der Ferne die Melodie auf der Geige spielen, welche am Schluffe des Vorspiels gehört wurde.) Kath. (für sich bewegt). 3ch weiß, was Du sagen willst, Du warnender Freund, aber befürchte nichts, ich bin stark, ich gedenke. Baron (dringend). Wollen wir jetzt nicht gehen, Katharina? Lun. Ja, gehen wir, sonst kommen wir in derThat p08t kestum. (Will Katharina den Arm reichen.) Kath. (zurückbebend). Nein, nein! Reiche Du mir den Arm, Heinrich, denn ich fürchte mich vor diesem Herrn. Lun. (ironisch). O bedaure! —wenn ich Ihnen Furcht einflöße, dann will ich mich auch nicht aufdringen. — Ich werde allein hinausfahren und auf dem Festplatze in aller Schüchternheit warten, bis ich mich nähern darf. Ha, ha, ha! — es ist köstlich! — in meinen alten Tagen werd' ich von den Damen noch gefürchtet; bei Gott, das könnte mich eitel machen, wenn ich nicht wüßte, daß auch Dorfschönheiten mitunter nervös sind? — Adieu! (Durch die Mitte ab. Die Melodie verstummt.) Dritte Scene. Baron. Katharina. Baron. Du hast den Marchese beleidigt. 10 Kath. Ich weiß meine Empfindungen eben nickt zu verbergen. (Aufgeregt.) O Heinrich! Du hast mich, deine Geliebte, unter den Schutz eines Mannes gestellt, den ich für einen Bösewicht halte! Baron (betroffen). Für einen Bösewickt?! Kath. Ja, und ick habe dazu eine triftige Ursacke. Baron. Welche? Kath. Wer einer schuldbewußten Lock- ter gegenüber ihren mit Reckt zürnenden, unglücklichen Vater zu schmähen vermag, wer über ihre Reue, über ihre Furcht vor dem Verluste ihrer Ehre zu spotten vermag, wie der Marchese das täglich thnt, wem keine Gefühle heilig sind, die gewiß von Gott stammen, der muß mit dem Schlechten im Bunde sein, — und ich zittere für Dick, Heinrich, denn Du bist sein Freund. Baron. Sei kein Närrchen, der Marchese ist ein Weltmann und in Folge dessen kein Gefühlsmensch. Doch frem's mich, daß Du um meinetwillen zitterst, denn ich erkenne daraus, daß Du mich wirklich liebst, nicht wahr, Katharina, Du liebst mich? Kath. (nach einer Pause, gepreßt). Ich glaub' es! Baron (verdüstert). Es gab eine Zeit, wo Du es nicht nur geglaubt, sondern auch gefühlt haben mußt; sonst wärest Du mir nicht gefolgt. (Stürmisch.) Katharina! würdest Du mir auch jetzt noch folgen, wenn jene Stunde wiederkehren könnte? Kath. (schmerzlich). O Heinrich! — stelle keine Fragen, welche ich nicht beantworten kann; denn ich kenne mein Herz nicht mehr, seit es an seiner Pflicht gefre- velt hat! Baron (nachdem er sie lange angesehen, plötzlich ihre Hand fassend). Komm! (Ab mit ihr durch die Mitte.) Verwandlung. (Malerisches Wiesenthal zwischen bewaldeten, mäßig hohen Bergen mit der Fernficht auf Fluß und Stadt; auf dem Berge recht- ein Kirchlein. Rechts vorn ein Gebüsch. LinkS Hügel.) Vierte Scene. Künstler. Sänger. Zuseher. Kinder. (Die Zuseher, darunter Knochenspitz. Hanselmann, Aspel, links, find in Erwartung deS Zuges aus der Bühne gruppirt: Musiker eröffnen den Zug, fantastisch gekleidet; dann Stechapfel, als Pikel- häring gekleidet, Kapriolen machend; hierauf die Sänger, in Blousen und runden Hütm, mit Schärpen und Fahnen geschmückt; dann die Künstler, in identischen und mittelalterlichen Trachten, die Emblemen ihrer Künste tragend, am Schluffe Zuseher, Frauen, Kinder. Der Zug kommt im Zickzack den Berg herab. Bär, ein sehr dicker Mann, mittelalterlich gekleidet, trägt vor den Künstlern ein riesiges Banner. Musenstolz, der allein modern schwarz gekleidet ist, und eine enge weiße Kravate trägt, geht vor den Sängern, niit großer Würde und Präcifion tactirend) Ehör (im Herabgehen). Im Freien hier, auf Bergeshöhen, Da wollen wir beisammensteh n, Der Freund soll mit dem Freunde geh'n, Und singen — und singen! — Die Kunst, sie hat ein weites Reich, Kein And'rer ist dem Sänger gleich, Der Kopf wird hell, das Herz wird weich Beim Singen — beim Singen! D'rum hebt nur frei den Blick empor, Die Fahnen schwingt zum Jubrlchor, So wird unS heut', wie stets zuvor, Das deutsche Lied gelingen! (Während des Gesanges haben sich Alle theils auf der Bühne, thrilS auf den niedern Anhöhen gruppirt. Die Zuseher rufen klatschend »Bravo!-, nur Knochenspitz, fleht mürrisch drein und schweigt.) Musenst. Danke allerseits für den gerechten Beifall, war meine eigene Com- position. Zuseher. Bravo! Bravo! Erster Sänger. I glaub's, daß's II g'fall'n muß, mit so an' ersten Tenor wie i! — Zweiter Sänger. Und mit so an' zweiten Baß wie i! Musen st. (steif und pathetisch). Danke, danke! Sie haden vortrefflich gesungen, meine Herren, Sie haben unserm Verein wieder Ehre gemacht! Hoch die Kunst! Alle. Hoch! Bär (mit lauter Baßstimme). Du bist ein Mordkerl, Freund Mnsenstvlz, wenn Du nur nicht gar so steif wärst! — Kommt der in einem schwarztuchenen Leibfutteral und weißen Genickzwang zu einem Künst- lerfest in die freie Natur! Wann ich das aushalten müßte, ich wäre schon im Schweiß verdunstet! Alle. Bravo! Bravo! Stechp. (tritt dazwischen). Bei meinem Humor! — Ihr bildet den sichtbaren Unterschied zwischen dem Mittelalter und der neuesten Zeit. Das Mittelalter hat die Menschen in die Weite getrieben und das unsrige (nach Musenstolz's Cravate zeigend) treibt es in die Enge! Alle. Bravo! Bravo! Kn och. (bei Seite). Wann i nur mußt', warum das dalketeVolk in anfort »Bravo« schreit; — solche G'spaß mach' ich im Wirthshaus alle Tag a paar hundert, — aber weil's halt a Künstler sagt, so glanb'n die andern Narr'n, es ist schön. Stechp. (zu den Künstlern). Sie wissen, meine Herren, ich bin humoristischer moderner Pickelhäring; ich schreibe Prologe, Epiloge, Monologe, Nekrologe; — ich werde auch Ihnen heute einen Nekrolog widmen. Bär. Was? — willst Du uns sterben lassen, verdammter Reimschmied? Stechp. Ich nicht; aberGottBacchus dürste nach der Tafel dem größten Theile der verehrten Gesellschaft hingeholfen haben. Bär. Hohoho! das ist möglich; — ich wenigstens werde mich in den Humpen d'reinlegen wie ein echter Ritter. Erster Sänger. Und wir erst! nach so aner Notenhetz, da kriegt man a Bissel an Durst. Musen st. (heimlich). Meine Herren — nur etwas Mäßigung, — bedenken Sie, daß wir uns Ooram populo produciren. Bär (schreiend). Ah was! der Teufel hole die Philister! Dem Künstler gebörr die Welt! — ich schlage vor, in'S Wirth- haus! Alle. Jn's Wirthshaus! (Wollen rechts fort.) Fünfte Scene. Vorige. Graf v. Halden. Graf (in eleganter Sommerkleidnng, ein Strohhütchen auf dem Kopse, tritt rasch von rechts auf und ruft mit cordialer Heiterkeit). Einen Augenblick noch, wenn ich bitten darf, ich mache Ihnen allerseits mein Compliment! Bär (vergnügt). Beim Apelles! das ist ja unser liebenswürdiger Mäcenas, der Herr Graf von Halden; der großmüthige Kunstgönner, welcher die Bilder kauft, ohne sie anzusehen! Stechp. Und die Gedichte, ohne sie zu lesen. Mache meine Referenz, Herr Graf. Alle. Vivat! Vivat! Graf. Sie sein zu freundlich, meine Herrn; wer, wie ich, die Keckheit hat, in jede Kunst hineinzupfuschen, der muß auch offene Caffa für sie haben, — doch das ist Nebensache; die Hauptsache ist heute eine Gefälligkeit, welche ich von diesen sämmt- lichen Herren erbitten will: Sie sollen alle meine Gäste sein. Bär. Das ist ein Begehr, welches ein echter Ritter nie verweigert. Cnmpane, seit Ihr damit einverstanden? Alle. Ja, ja! Stechp. Wir gehen für unseren edlen Gönner in'S Feuer, warum nicht auch — Graf. Jn's Wasser, wollen Sie sa- >gen, welches uns der Wirth kredenzen 12 wird? — Nein, beruhigen Sie sich; ich habe den Champagner aus meinem eigenen Keller herausschaffen lassen; — wenn es also gefällig ist — Musen st. (vertritt dem Grafen den Weg). Verzeihung, Herr Graf, jetzt muß ich noch um einen Augenblick bitten. Graf (artig). Der treffliche Dirigent nnsers Gesangvereins hat über meine Stunden zu disponiren. Musen st. (verneigt sich). Erster Sänger (leise zu den Andern). Gcbt's Obacht; der disputirt uns no an Chor auf, bevor wir was z'trinken kriegen, — i g'spür's im Hals. Musenst. Ich habe einen Chor geschrieben. Erster Sänger. Na, was Hab' i g'sagt? Musenst. Der unmittelbar vor der Tafel gesungen werden muß. weil er später keinen Sinn mehr hätte; ich würde aber untröstlich sein, wenn dieses Werk meiner Begeisterung nicht in Ihrer Gegenwart, Herr Graf, zum Vortrage gelangen sollte. Bär. Ha! Entsetzlicher! — Willst Du uns den Magen mit Noten vollstopfen, ehe wir was Besseres bekommen? Musenst. (gereizt). Der Herr Graf wird entscheiden, ob meine Noten den Appetit verderben können. Graf. Gewiß nicht; ich glaube sogar, daß er dadurch gereizt wird. — Darum ersuche ich diese Herren, mir noch vor der Tafel diesen poetischen Genuß zu verschaffen. Musenst. Also aufgcpaßt. — Sie kennen die Composition: »Sängergruß anBac- chus.« mit Wärme zu singen, aber gemäßigt, wenn ich bitten darf, nur nicht überstürzen. Stechp. (ironisch). Dauert's lange? Musenst. (wirst Stechpalme einen stolzen Blick zu, tritt zurück in die Mitte und beginnt feierlich zu tactiren). ä, 6s, a, ä, Ü8, a, a, ä, üs, a! (Siehe Partitur nach dem Gesang. Alle dann mit einen tollen Ruf»Hurrah !* ms Wirthshaus ab, bis auf Knochenspitz, Hammelmann, Aspel ) Ham. Ob das uit zum Giften is. Die ausblasenen Künstlerleut' werd'n no völli beten, daß's auf Regimentsunkosten saufen — und wir könnten Durst leiden, wenn wir nit zum Glück a Geld hätten. Knoch. (ein sehr robuster Mann mit wein- rother Nase). Aber wir haben haltznmGlück a Geld — d'rum setzen wir uns ihnen jetzt vor d'Nasen und fangen auf unsere Kosten zum Champagnisiren an. Aspel (schüchtern). Wegen meiner. Aber nur kein Streit, Herr Knochenspitz, denn die Künstler sein oft a bissel hitzi. Knoch. (bramarbasirend). Wann's mir trauen, nachher geht's wild runter, nachher werd' i ihnen amal an Fleischhacker zagen! Z bin bloß wegen dem herauskommen, damit i vielleicht mit an anbandeln kann, denn i Hab'an Zorn auf das Volk, b'sonders auf die Maler. — Kennen's das Bild, wo der Ochs neben dem Fleischhacker steht — mit der Unterschrift »Familien-Porträt«, das geht auf mi — aber wart's! (Ballt die Fäuste und entfernt sich mit den Andern in die Hintere Coulisse rechts.) Sechste Scene. Frau Rosendorn. Liebesam (treten aus der ersten Goulissr rechts auf). Rosend. (auffallend geputzt, mit Heftigkeit). . I bitt Ihnen, Herr Liebesam, laffen's mir nur heut' mit Ihren Zärtlichkeiten an Fried' — Sie sehen, daß ich schiech bin. Lieb, (schmunzelnd). Das is a Verleumdung, Madam Rosendorn, für die's Ihnen selber auf Ehrenbeleidigung verklag'n müssen; denn Sie können bös werd'n wie der Satanas — und bleiben allweil a saubers Weiberl. Roscnd. (cokett). Hörn's auf. Lieb. Uebrigens nimm ich die Gerechtigkeit für mich in Anspruch. — Was kann denn ich dafür, daß der Herr Treuberg, Jbner Afterpartei und Humorvertreiber, nit auf'n Künstlerfest is? — Habn's mi vielleicht bloß desweg'n zumMitfahr'n eingeladen, damit i als Prioritäts-Liebhaber der Elefant sein soll? — Da küß i d'Hand dafür. Rosend. Wann's in mi verliebt sein, so müffen's no a ganz anders Vieh sein können, als a Elefant. Lieb. Nur ka Hirsch! Sein's g'scheit, Madam Rosendorn, durchsetzen werd'ns beim Herrn Treuberg a so nir. Rosend. Wer hat denn g'sagt, daß i bei ihm was durchsetzen will? — I wüßt'! nit was? Lieb. Vielleicht a Komposition für Sopran und Tenor, die hernach durch'nContra- punct in a Kinderfalsett übergeht, oder, unmusikalisch g'redt: die Vertauschung des Witwenschleiers gegen au renovirten Myr- thenkranz. Rosend. (mit affectirtem Zorne). Sie! — Sie können mi bös machen, wenn's von so was reden. — 3 geh freilich ins fünfundzwanzigste Jahr — bin, was man sagt, a Kernweib — und vierstöckige Stadt-Hausfrau ; könnt' mir also 's Myrthenkranzl schon no amal aufsetzen lassen. (Mit eoketter Schwermuth.) Aber da müßt i ja mein Seligen untreu werd'u — und dem Hab' i versprochen, daß i ihm nach seinTod treu bleiben werd'. Lieb, (bei Seite). Früher wär's ihm lieber g'wesen. Rosend. Was hab'ns g'sagt? Lieb. Ach, ich Hab mir nur auf der Seiten was denkt. Roscnd. Ach, so a Wittib is doch a recht verlassenes G'schöpf. Lieb. B'sonders wann's Zimmer verlaßt, für die s von an Monat auf's and're kein Zins kriegt. Rosend. Was Zins! Das is für mi 's Wenigste. Lieb. Da sein Sie a Rarität von einer Hausfrau. Rosend. Ja wohl — und weil i a Rarität bin, so sollt' mi der Herr Treuberg z'schätzen wissen, i Hab' ihm nur deswegen ausnahmsweise a Zimmer von mein' eigenen Logis überlassen, weil er mi inständi bitt hat — es war ihm um die Aussicht zthun. Lieb. Na, was er an derer Aussicht find't, das was i net. Rosend. (heftig). Aber i waß's — in dem großen Haus vi8-ä.-vi8 is seit drei Monaten ein Frauenzimmer einlogirt, a sauberes Frauenzimmer — was wahr is, muß man sagen. — Das is d'Aussicht.— So oft sie zum Fenster kommt, nimmt er sei Geig'n und spielt ihr a Stückl vor. Lieb. Sehr verdächtig. Rosend. I lcid's a nimmer, so was schickt sich nit in mein'soliden Haus; er soll geignen, aber nur i>iam88imo, damit ka Mensch was hört. Lieb, (ironisch mitleidig). Arme Frau, das muß a Schmerz sein, wann man hört, wie aner Andern Musi g'macht wird, — und wann man als lebendiges Weiberl wegen ein' tobten Seligen nimmer heiraten soll! (Verliebt.) Aber vielleichterlaubt's der Selige, wann a guter Freund sein G'schäst übernimmt; — i war sein guter Freund — i führet recht gern sein Firma fort und könnt' a seine Schulden zahlen, denn i bin ja noch ein junger Vierziger. Rosend. (geziert). Sein's stad — das is nit der Ort, wo man von so was red't. Lieb. Also suchen wir uns halt a anders Oertel. Rosend. Na, na, bleiben wir nur da; es wär' ja doch möglich, daß der Herr Treu- bcrg vielleicht no kummt. (Hinaussehend.) Da ist er. (Beide ziehen sich zurück.) Siebente Scene. Vorige. Treuberg. Treub. (schwermüthig). Ich bin ihr noch nicht begegnet. Ich sah sie mit dem Baron in den Wagen steigen und hörte, wie dieser dem Kutscher befahl, hierher zu fahren. — Ach, ich hätte sie so gern wieder einmal recht nahe gesehen und in ihren Augen gelesen, ob sich ihr Herz der Heimat Noch erinnert. O sieh, meine charmante Hausfrau! Ich grüße Sie, Madame, — Herr Liebe- sam, ick bin erfreut. Lieb. Schamfter Diener! Roscnd. (spitzig). Sie kummen a bissel spät, Herr Treuberg; — wo hab'us Ihnen denn so lang aufg'halten? — Hab'ns vielleicht was geigen müssen, daß die G'wisse hört? Lieb, (bei Seite). Ui, der Stich! Treub. Ich glaube nicht, Madame, daß ich Ihnen Reckenschaft schuldig bin und verstehe auch Ihre pikante Anspielung nicht; die Geige ist eben ein Werkzeug meiner Kunst, denn ich bin Tonsetzer. Rosend. A Tonsetzer, oder auf gut deutsch »Compositeur« soll nur neue Sacken setzen; sie geignen aber immer alte herunter, und no dazu Mozartische, die ohnehin schon a jeder Schusterbua kennt. Treub. Sie machen da der Popularität des großen Meisters ein Compliment, wel- ckes gewiß nicht in Ihrer Absicht lag. Rosend. Na, zu Complimenten machen bin i heut' nit aufg'legt. Treub. So scheint es. Rosend. (in Zorn gerathend). Ich muß Ihnen sagen, Herr Treuberg, daß Ihner Benehmen gegen mich undankbar is. — Sie müßten noch alleweil in ein Dachkammer! logiren, als wie früher, wann i nit a Frau wär', die vor der Kunst Respect hat und Ihner a Zimmer geb'n hätt', für was's mir kan Zins zahlen können; mir is zwar an dem Bissel Zins gar nir g'legen, aber Erkenntlichkeit verlang i, und wann's für eine Andere Musi machen, so können Sie's für mi a thun. Lieb. Sie compromittiren Ihnen, Madam Rosendom. Rosend. Still! Treub. Seien Sie versichert, Madame, daß ich Ihnen die Erkenntlichkeit eben so wenig schuldig bleiben werde, wie das Geld, welches Sie von mir zu fordern haben. Rosend. I verlang' kaGeld, i verlang' nur bloß Erkenntlichkeit. (Sanft.) Schau'ns, was Haben s denn davon, wann's derer fremden Person vis-ä-vis zugeigncn? Sie denkt nit an Ihnen, sonst hätt's schon lang a G'legenheit zu ein Rendezvous g'fundcn; wann uns Frauenzimmer wer intereffirt, so finden wir alleweil a G'legenheit. Lieb. Man soll nit glauben, wie gut das d'Madam Rosendorn waß. Treub. (gezwungen lächelnd). Ich gebe Ihnen mein Wort, Madame, daß, seit ick bei Ihnen wohne, mir kein Gedanke gekommen ist, der sich aufdenBesitz jenes gewissen Mädchens bezieht. Rosend. (freudig). Is das wahr, Herr Treuberg? Ich darf also nimmer eifersüchti (sich verbessernd) nimmer besorgt, will i sagen, wegen Zhnerer Solidität sein? Treub Gewiß nickt; ich denke au keine Liebe und noch viel weniger an eine Heirat. Rosend. (betroffen). Hören's auf! Sie wollen do nit ledi bleib'n? Treub. Brechen wir von diesem Capi- tel ab. Lieb, (rasch). Ja, 'S ist g'scheiter! A Künstler braucht nit z'heiraten, der lebt ja ohnehin wie a Pascha; in seinem Harem sitzen die neun Musen und warten, bis er ancr 's Schnupftüchel zuwirft. Bei unser- cinem wäre das Polygamie — wir dürfen nur ein Weib hab'n und zwar ein irdisches, aber die sein a mitunter recht bagschirlick und fesch. Rosend. Kommens, Herr Liebesam, wir fahren jetzt wieder in die Stadt. Lieb. Was? So g'schwind? Jetzt wär'S erst lusti word'n. Rosend. (heftig). Woll'ns? Oder i fahr' allein! Lieb, (rasch). Na, i geh schon. (BeiSeite.) 15 O Seliger, Du mußt was ausg'stand'n hab'n! Rosend. (betrachtetTreuberg) . Man sollt's nit glauben — aber mi geht's nir an; (rasch Liebesam's Arm fassend) also marsch! — (Bride links ab.) Treub. (allein). Wie leicht war' es mir möglich, durch die Hand dieser Frau ein sogenannter Glücklicher zu werden; doch nein, lieber unglücklich, arm bis an's Grab, als unwürdig der Erinnerung (Rechts hinein- blickevd.) Ha — seh' ich reckt? Jst's kein Traum? — Jener Greis dort und jenes Mädchen! — Sie sind es! — Es ist Katharinens Vater! — Wie kommt er hieher und warum? — Hat sich sein Herz gewendet? Wiü er sich mit ibr versöhnen? — O Gott, wenn das zu hoffen wäre! — Er scheint es geheim halten zu wollen, sonst hätte er mir geschrieben; hinweg, vielleicht erlausche ich, was er sich kaum nock selber gesteht. (Verbirgt sich.) Achte Scene. Weidner und Mosel. Voriger (versteckt, treten nach einer Pause von rechts auf, Weidner stützt sich auf Mosel; diese trägt die Geige und ein kleines Bündel). Weidner (sanft). Da woll'n wir bleib'n, derweil die glückliche Kunst bei der Tafel sitzt, muß halt die unglückliche a bißl warten. — I glaub', liebe Rosel, wir werd'n a G'schäft machen; so viel werden wir zu- samm'bringen, daß wir für die Nacht a Loch zu unserm Unterstand kriegen — und 's Essen werden wir uns a verdienen, wir sein ja an d'Waffersuppen schon seit langer Zeit g'wöhnt. Rosel (schmerzlich). O, hätten's Jhner Dörsel lieber mt verlassen, Herr Weidner. — Mit siebzig Jahren, als armer Geiger, no auf d'Wanderschaft geh'n — in die unbarmherzige, fremde Welt hinein — das kann i halt nit gut finden, i verlaß Ihnen nit, aber i kann mir mt vorstellen, daß's in der Fremd' glücklicher sein werden, als da- ham in der Hütten. Weidner (vertraulich). O ja! Du maßt, Rosel, daß ich nur glücklich bin, wenn ich'n großen Mozart seine Gedanken auf sein' eigenen Instrument nachfideln kann (gepreßt) und das Hab' i daham nimmerz'sammbracht, seitdem die schlechte Person fort is. Rosel (beweglich). Herr Weidner — i will Jhner Tochter nit vertheidigen, aber Sie können a nit sagen, daß ihr an Jhne- rer Verzeihung nir g'legenwär'; sie is jammernder fortgangen, und die vielen Brief', die's ihr immer wieder z'ruckg'schickt haben, zagen wohl am deutlichsten, daß's auf ihren Vater nit vergessen hat. Weidner (bitter). Ha! — I bin ihr nit dankbar für die Erinnerung, denn sie erinnert mi z'gleick an den, wegen dem'S mi verlassen hat und der sein' Raub an mir durch seine Banknotensendungen hat gut machen wollen Wannst mi gern hast, Rosel, so reden wir gar nir mehr von dem Kapitel. — Wir sein jetzt amal auf der Wanderschaft — wir müssen uns heut' a Geld verdienen, damit wir morgen wieder weiter können, und übermorgen wieder weiter — und so alleweil weiter, bis s mit der ganzen Wanderschaft aus is. Rosel (mit Eifer). Na, na! — I laß Ihnen nit früher aus derer Gegend fort, bis wir nit in der Stadt g'wesen sein und mit'n HerrnTreuberg g'redt haben; — der wird am besten wissen, ob Jhner Tochter gar kan Nachsicht verdient; — er hat mir versprochen, daß er so viel als möglich in ihrer Näh' bleib'n will, daß er ihr Tugend beschützen will, indem cr's an ihren Vätern erinnert; — i waß's, er hat Wort g'halten. Treub. (vortretend) So weit es ihm möglich war. Rosel (freudig überrascht). D, dem Himmel sei Dank, da is er! Grüß' Gott, lieber Herr Treuberg, grüß' Gott! 16 Neunte Scene. Vorige. Treuberg. Weidner (steht Treubrrg wehmüthig an und streckt ihm die Hand entgegen). Treub. (Weidners Hand drückend, mit sanftem Vorwurf). Verdiene ich denn ebenfalls Ihren Zorn, Herr Weidner? Weidner (unruhig). Mein' Zorn? Warum sollen's denn mein' Zorn verdienen? Treub. Weil Sie Ihre Heimat verlassen haben, ohne mich, Ihren Freund, davon in Kenntniß zu setzen; weil ich durch einen Zufall Mitwisser Ihrer Absicht werden mußte, sich vor dem Freunde unsichtbar zu machen. Weidner (rasch). Na, na! Ihnen hätt' ich's schon g'schrieben, wann i amal recht weit weg g'wesen wär'; — aber wo i bin, das Haltens nur unter der Bedingung erfahren, daß Sic's kan Menschen sagen — am allerwenigsten meiner Tochter. Treub. (bewegt). Herr Weidner, Ihre Tochter ist unglücklich! Weidner (bitter). Wie kann's denn unglücklich sein — als Frau Baronin? Treub. Sie ist noch keine Baronin, denn sie ist noch nicht verheiratet. Weidner (zornig). Was? — Sie lebt seit drei Monaten bei an fremden Mann im Haus, ohne mit ihm verheirat't zu sein?! Da is 's gar nit mein' Tochter mehr, sondern nur a verworf'ne Crcatur! Treub. (mit Eifer). Nein, Herr Weidner! Ich will cs vor Gott beschwören, daß die Ehre Katharinens ohne Makel geblieben ist. Sie lebt auch nicht im Hause des Barons, sondern in dem seines Freundes, des Marchese Lunario, eines alten Mannes, welcher sich in den Augen der Welt eines guten Leumunds erfreut. — Ich bewohne ein Zimmer, welches dem Ihrer Tochter gerade gegenüberlicgt; ich betrachte, von ihr unbemerkt, oft und aufmerksam ihre bleichen Züge — ich finde darin den Ausdruck des Gram's, vielleicht der Reue, aber nicht der Schuld! Weidner (schwer seufzend). Za, wer's wußt'! Rosel (zu Weidner). Seh'ns, daß Ihnen d'Jungfer Kathi do nit gleichgiltig is. — A Vater, der um die Ehre seiner Tochter no so besorgt sein kann, der hat's a nit vergessen und der wird's a nit vergessen. Weidner. Vergessen? — 's Vergessen is ja nit in unserer Macht. Treub. Aber das Verzeih'» ist es — und nur Ihre Verzeihung macht Katharina zur Frau. — Ich besitze einen Brief von ihr, worin sie ihren festen Entschluß kund gibt, den Baron nicht früher zu heiraten, als bis Sie mit ihr versöhnt sind. Weidner. Das is kan' Konsequenz; wenn man's Herz hat, um seinem Vätern durchz'geh'n, so muß man a Eourage g'nua hab'n, um ohne sein' Einwilligung das Weitere zu thun. Treub. Katharina würde Sie nie verlassen haben, wenn sie nicht gehofft hätte church diese Entfernung den väterlichen Widerstand zu besiegen. Weidner (heftig). Aha! hat's glaubt, daß ich a alter Narr bin, der zu Allem »ja« sagen wird, wann man ihm an rechten Ernst zagt? — O na! G'rad weil's das glaubt hat, laß i mi auf kane Unterhandlungen ein; sie soll'n heiraten oder nit, mir is 's gleich ! — I Hab' mi d'ran g'wöhnt, daß i a verlassener Vater bin, i will mi no mehr d'ran g'wöhnen, — i will an das pflichtvergessene Kind gar nimmer denken! — (Hat Einige Schritte nach links gethan und ruft, plötzlich in die Eou- lisse blickend, wre von schneidendem Schmerz durchzuckt.) Ah, Ah! (Pause.) Rosel. Was is 's denn, Herr Weidner? — warum schaun's denn so betroffen hin? Weidner (mit zitternder Hand in die Ferne weisend). Siehst es? siehst es? — Die 17 noble Dame dort mit dem nobl'n Herrn is mein Kind! Treub. (hinblickend). O, das Vaterauge blickt immer scharf! Ja, ja! sie ist es. Rosel (sehr bewegt). Das is a Fingerzeig' vom lieben Gott! er führt Ihnen z'samm' mit ihr in seiner frischen Natur, daß Jhner Vaterlieb' a wieder frisch werd'n soll! Kummen's, wir woll'n ihr entgegengeh'n. Weidner (heftig). Was fallt Dir ein? — Na, na, na! wir geh'n an andern Weg! Treub. (mit Dorwurs). Sie wollen Ihrem Kinde nickt einmal die Freud' gönnen, seinen Vätern zu sehen? Weidner. Mein Anblick kann ihr nur a Vorwurf sein und den will ich ihr ersparen! Rosel, kumm'! Treub. (ihn zurückhaltend). Wenn Sie noch mein Freund sind, Herr Weidner, so werden Sic mir erlauben, Katharina von der Nähe ihres Vaters in Kenntniß zu setzen, und ihr wenigstens einen Blick schenken, wenn sie auch nicht zn Ihnen sprechen darf! Weidner (nach einigem Zögern). Gut! — Aber nur wegen Ihnen, Herr Treuberg, nur wegen unserer Freundschaft! — verstanden? — sie soll nir reden auf mi, denn sie kriegt kan Antwort; sie soll mein Nam' nit aussprechen, denn von aner ledigen Frau Baronin will i mein' ehrlichen Nam' gar nit hör'n! Treub. (grüßt ihn seufzend und geht links ab). Weidner. Und jetzt, Rosel, gib mir meine Geig'n,mir scheint, die Herr'n Künstler sein mit'm Trink'n ferti — und nach'm Trinfn werden's a g'wiß gut aufg'lcgt sein. (Lauter Hurrahrus rechts.) Weidner (tritt rechts vor daS Gebüsch, die Geige, stimmend). Rosel (bei Seite). Da steht a Vater, der für Andere aufspielen soll, und der Theater-Repertoire Nr. 171. selber an Musikanten brauchet, daß er ihm das kranke Instrument (aufs Herz deutend) wieder stimm^. Zehnte Scene. Vorige. Graf. Künstler. Sänger. Zuseher. Gift. Alle. Unser Gönner soll leben, hoch! Graf (sehr vergnügt). Freut mich, freut mich, mein Herr, wenn Sie mit dem flüssigen Ausdrucke meiner Kunstverehrung zufrieden gewesen sind! — Aber waS machen wir jetzt? Bär (ohne Banner). Strecken wir uns in's Grüne, wie es meine ritterlichen Vorfahren nach einem guten Imbiß gewohnt waren. Stechp. Oder lassen wir Witzraketen steigen, ich Hab' ein ganzes Arsenal in meinem Kopfe! Musenst. (etwas wankend und mit verschobener Lravate). Oder wie wär' es, wenn wir einen Chor — Alle. Nein! Nichts mehr singen! Musenst. (bei Seite). O Volk! — (Geht zurück und setzt sich aus einen Hügel.) Graf (Weidner erblickend). Ich glaube etwas gefunden zu haben; hier sehe ich eine Art von Kunstsurrogat. — (Zu Weidner) Wollt Ihr so gefällig sein, lieber Alter, und uns etwas spielen? Weidner (demüthig). Recht gern! (Setzt die Geige an.) Gift (tritt vor; ein Mann von gemeinem Aussehen, tritt rasch von rechts auf und ruft keck, eine Geige schwingend). Halt a bißl! — Da wird kan Mensch an Ton loslassen, als wie i, denn i Hab' mein' Erlaubniß- schein! Graf. Was kümmert uns euer Er- laubnißschein! Spielt nur, Alter. Gift. I z'brich ihm die Geigen, wenn sich der Alte rührt! — Das is a zug'rast- ter Bettelmusikant, der uns privilegirteri r 13 Künstlern's Brot wegschnipft! i laß'n amal nit spiel'n. Kn och. (der angetrunken ist). Und i a nit! Das ist der Gift, unser g'wöhnlicher G'stanzelgeiger, den nehmen wir in Schutz! Bär (drohend). Verdammte Philisterseele! Da wollen wir doch sehen, wer hier zu befehlen hat. Weidner (sanft). 3 bitt', meine Herren, nur kan Zank! 3ch will mein' Herrn Stadtcollegen an Vorschlag machen, er soll jetzt was spiel'n und i kumm halt nach. Gift. Was? nach mir? Ah, is das a arroganter Kerl! i Hab' die ganze moderne Kunst im klein' Finger und der will nach mir spiel'n: — das pikirt mein' Stolz; — also gut — er soll nur anfangen, i wcrd'n nachher schon z'sammpracken. Weidner (bei Seite). Mozart, jetzt hilf! (Alle gruppircn sich um ihn.) Weidner (beginnt mit großem Ausdruck die Melodie: »Bald wirst Du lieber, kühner Knabe vergessen* aus »Figaro's Hochzeit* zu spielen). Graf. Mozart! — das ist eine gute Wahl! Alle. Mozart! Mozart! Gift (bei Seite verblüfft). Million hinein! mir scheint, der kann's besser wie i! — Da muß i mit an Schnal- --' 2 . zer kommen, sonst mach' ich kann Effect! Alle. Bravo! Mozart! Gift (beginnt noch, während Weidner auf hört, eine banale Melodie mit großen Gesten hrrabzufideln). Bär. Still, Bratelgeiger, mit deinem -trivialen Salat! Stechp. (ironisch zu Gift). Wir glauben Ihnen Alles, aber behalten Sie's bei sich. Alle. Vivat! Mozart! Weidner (der ansgehört zu spielen). 3s vielleicht was Anderes gefällig?— vielleicht a Tanzel? —O, i Hab' mein' ganzen Wolfgang Amadeus im Kopf. (Spielt den ersten Theil der Menuette aus »Don Jüan*.) Alle (tanzen). Weidner (plötzlich abbrechend). Aber die Herren haben Champagner trunken; da müssen wir ja a passendes Lied dazu spielen! — (Spielt mit großem Feuer das Cham« pagnrr-Lied aus »Don Zuan*.) Alle (in Extase). Musenst. Das muß im Chor gesungen werden! Alle (fingen die Melodie unter übermüthigen Geberden trillernd mit, wobei auch das Orchester einsällt). Alle (rufend). Vivat! Hurrah! Gift. Ich empfehle mich! (Ab.) Alle (lachen). Graf. Greis! Mozartsänger! Du bist kein Surrogat, Du bist ein Künstler und zwar ein echter! Weidner. Na, na! i bin nur a Dorfmusikant — und wann i was gut mach', so g'hört nit mir's Verdienst, sondern dem großen Genius, der mir die Geigen in meiner Jugend geschenkt hat. Knoch. (zu den Andern). Habt's g'hört? — sogar die Geig'n hat er sich müssen schenken lassen! — a reiner Bettelmusi- kant — und wegen dem sein wir beleidigt word'n! Alle. Still! Kn och. (in Wuth). Wer schafft mir's Maul halten? — 3ch bin der reiche Fleischhacker Knochenspitz! — 3 kann mein Will'n durchsetzen und drum wird die Fidel z'bro- chen! (Entreißt Weidner die Geige.) Weidner (ausschreiend). Um Gottes willen, mein' Geig'n! — Rosel. Zu Hilf! Etlste Scene. Vorige. Baron. Katharina. Lunario. Treuberg. Treub. (stürzt herein, entreißt Knochenspitz die Geige und gibt fie Weidner zurück). Bär (packt Knochenspitz am Kragen und schleudert ihn nach rückwärts). 19 Treub. Hier haben Sie Ihre liebe Geige wieder! Alle. Bravo! Bravo! Weidner. O, Sie sein halt alleweil mein bester Freund! (Leise zu ihm.) No, is's da? Treub. (deutet auf Katharina). Weidner (wirft einen halben Blick ihr zu und bebt zusammen). ^ Kath. (ist, vom Baron gefolgt, langsam vorgetreten und blickt schmerzlich nach Weidner). Graf (zu Knochenspitz). Wir werden uns wo anders sprechen. Ach! was seh' ich! der Herr Baron und das Fräulein! Stellen Sie sich vor, mein Fräulein. Aber Sie zittern ja, Sie sehen ganz verstört aus, hat Ihnen vielleicht dieser alte Geiger eine solcheTheilnahme eingeflößt? — O, er verdient es wohl und ich will ihn sogleich für seine Kunst belohnen! (Will Weidner Geld geben.) Weidner (rasch und laut). Na, na! I dank' Ihnen, lieberHerr, i verdien' mir mit der Geig'n zwar mein Brod, — aber heut' Hab' i was Besseres kriegt (nach Katharina blickend, stolz), an Triumph, den mir Niemand verderben kann! — Kath. (aus Weidner zueilend und mit Schmerz ausrusend). O'mein — dun. (tritt zwischen beide rasch vor, faßt Katharinens Hand und sagt bedeutend). Meine Nichte! — Treub. (faßt Weidner bei der Hand und zieht ihn mit sich). Weidner (ihm folgend, im Abgehen starr nach Katharina sehend). Kath. (verhüllt weinend das Erficht). Graf (fleht den Baron fragend an). Baron (blickt zu Boden). (Das Orchester spielt die Melodie: »Dann wandelt er an Freundeshand* aus der »Zauberflöte*.) (Der Vorhang fällt.) Zweiter Lei. (Bürgerliches, mit behaglichem Cvmsort eingerichtetes Zimmer; Mittel- und Seitenthüren. Rechts ein Armstuhl.) Erste Scene. Liebesam. Rosendorn. Lieb, (fitzt behaglich im Armstuhl, auf seinem Hute trommelnd). Rosend. (in zierlicher Hauskleidung, steht vor ihm und sagt giftig). Ja, sagen s mir nur, was denn mit Ihnen Vorgängen is? Früher haben's mi alle Tag mit Jhnerer Zärtlichkeit malträtirt, es war a Gethue, als wann i's anzige saubere Weib ans der Welt wär'! und heut' sitzen's da vor mir als wie ein ang'malter Türk'. Lieb, (mit kalter Ruhe). Besser an ang'malter Türk' als einang'schmierter.Wissen's, Madam Rosendorn, ich bin Sepoy geworden, ich mag nimmer unter Jhnerer Regierung steh'n, und Patronen abbeißen, die zwar nit mit Ochsenschmalz, aber mit Launen und Z'widrigkeiten eintränkt sein. Rosend. So? — der meuterische Gedanken muß Ihnen erst seit vorgestern ein- g'fall'n sein. Lieb. No — i hab'n schon lang in mir, aber bevor man sich zum Meutern entschließt, laßt man sich a Weil' waS g'fall'n. Jetzt is's gar word'n,.— i werd' Ihnen zwar nit abkrageln, wie's meine ostindischen Vorbilder mit die Frauenzimmer machen, aber i werd' auch kein Elefant mehr sein, der Ihnen ein Palankin spazier'ntragt — ich werd' nir mehr thun, was sich für an Brahminen von hohen Kasten nit schickt. Rosend. (ironisch). Ich bin starr vor Verwunderung; da muß ja was Außerordentliches Vorgängen sein! (Lauernd.) Etwr gar vielleicht an andere Lieb'!? Lieb. Hm! — wär' möglich! S* 20 Rosend. (heftig). Vielleicht die zuckersüße Kaffeesiederin mit ihren sammtenen Pfoteln? Lieb. O nein! Rosend. Oder die verliebte Rosen- wirthin, die auf jeden täglichen Gast ein Aug' hat? Lieb. Noch neiner! Rosend. Oder gar vielleicht die bam- stige Kaufmannin, die für das Geld, was ihr Mann schuldi blieben is, in der Equipage fahrt. Lieb. Am Allerneinesten! Rosend. Also wer is's denn nachher? Tausend sapperlot, i will's hör'n; — es is mir zwar ganz gleichgiltig, weil i Ihnen niemals mögen Hab'; — aber wissen will i's, oder i schlag' in'n Tisch d'rein! — (Thut einen heftigen Schlag in dm Tisch.) Lieb, (spöttisch). Huhu! — (Trommelt aul dem Hute.) Rosend. (geht heftig und die Hände ballend aus und ab). Zweite Scene. Vorige. Rosel (tritt leise von links ein und faltet bittend die Hände). Lieb, (sehr freundlich aus Rosel). Was willst denn, Herzerl? Rosend. (sich rasch wendend). Wo is a Herzerl? (Kurz.) Ah, die! — (Zu Rosel.) Warum bleibst denn nit bei dem Alten drinn? warum halt'st denn d'Händ' z'samm' als wie a Bettclweib vor der Hausthür'? Rosel (nach links deutend, bittend). Er schlaft! Rosend. Und wegen dem soll i mivielleicht in mein' eigenen Zimmer nit rühr'n? Na, was von aner gutherzigen Person jetzt Alles verlangt wird, das is schon grandios! I gib'n Herrn Treuberg, statt daß i ihm selber aufsag', aus Menschenfreundlichkeit die Erlaubniß, daß er an alten Dorf- musikanten avse Begleitung in sein Quartier nehmen darf — und jetzt müßt' i mir am End' 's Maul verpappen, daß i nur die Einquartierung nit aus ihrer Behaglichkeit bring'. Lieb. Man muß nir halbet thun, Madame Rosendorn; wann man schon amal die Gutherzigkeit spielt, so muß man's auch wirklich sein. ,Rosend. Sein nur Sie stad! Wann's so gute Lehren geben können, warum thun's denn Jhner breite Hand nit auf? — Sie haben ja selber a Haus — treten's halt den ersten Stock an die zug'rasten Musikantenleut' ab! Lieb, (auf Rosel blickend). I tretet nit nur bloß'n ersten Stock ab, sondern auch'n zweiten und'n dritten dazu — wann i dem lieben Schatzerl da a klane Freud' machen könnt! Rosend. (bei Seite). Mir scheint gar! Lieb, (zuRosel). Auf Ehr', mein lieb's Schatzerl, seit dem Augenblick, wo Du mit dem Alten bei der Thür' r'einkummen bist, und wo i dein gut's Herz in dein' aufrichtigen säubern G'sichtel g'seh'n Hab', Hab' i a völliges Vaterg'fühl für Dich in mir, darfst mir glauben! Rosel. I dank' Ihnen recht aufrichtig, lieber Herr; — aber mein' Person is's Wenigste; — i Hab' nur' den anzigen Wunsch, daß der arme Herr Weidner, der recht unglückli is, wieder Trost find't — den kann er aber nur beim Herrn Treuberg finden, weil der sein bester Freund is! Rosend. Gleich und gleich g'sellt sich gern. Aner hat nir und der Andere hat 's Doppelte. Rosel. Leider! Rosend. I muß da G'wißheit hab'n, ob er wegen derer so hoppadatschi word'n is; — d rum geh' i — stell' mi hinter die Eabinetsthür und los'. — (Zu Rosel ironisch.) Maßt, Herzerl, damit i mi ja net mehr in lauten Reden vergiß, oder gar in'n Tisch d'reinschlag', so laß i di mit dem guten Herrn jetzt allan. — ES kann vielleicht dein 2l Glück sein, denn er is wirklich a guter Herr — er muß nur wissen, daß er a wieder was gut's dafür kriegt. (Rechts ab.) Dritte Scene. Liebesam. Rosel. Rvsel (will sich entfernen). Lieb, (sie zurückhaltend). Mir scheint gar, Du willst abfahr'n? Rosel. Der Herr Weidner könnt' vielleicht was brauchen. Lieb. Na, na! Du weckst'n nur auf, wannst in anfurt aus-jUnd eingeh'st. (Ihre Hand fassend.) Bleib' da und gib mir auf a G'wissenssrag' an Antwort; sag' mir, Engerl — aber aufrichti — hast schon amol an Liebhaber g'habt? Rosel. Wie kommet i zu an Liebhaber? 2 bin ja an arm's Waselkind. Lieb. No, wegen dem! — es gibt mitunter Herren, die sich um saubere Wasel- kinder sehr gern annehmen. (Zärtlich.) 2ch möcht' per Erempel glei dein Vormund sein — i hätt' noch Zeit dazu, denn i bin in meine schönsten Jahr' — schwacher Vierziger — ich hätt' auch a Geld und könnt' für dein Glück Verschiedenes thun! Rosel (lächelnd). Na, i dank' schön. 2 Hab' ja selber a Vormundschaft auf mir. Lieb. Das is aber eine alte Pupille! Rosel. G'rad weil's alt is, muß man's um so zärtlicher betreuen. Lieb. Schön gedacht! (Nach einer Pause.) Oder machen wir's umkehrt, statt daß Du mein Mündel wirst, werd' ich der deinige; wannst schon an Siebzigjährigen hast, kannst ja an Vierzigjährigen dazunehmen. Rosel. Na — so lang der Herr Weidner lebt, g'hört mein' ganze Vormund- schastspflicht ihm — und so lang' er nit glückli is, darf i an a Glück für mi gar nit denken. Lieb, (ungeduldig). Also machen wir'n glückli, geben wir ihm halt a Stücke! Geld! Rosel. Lieber Herr — wann Alles auf's Geld ankommt, gebet's nit so manchen Schmerz in der Welt, der alleweil frisch bleibt, bis'n amal die kalte Erden bedeckt. Vierte Scene. Vorige. Treuberg. Treub. (Mit einem Päckchen und einer Bou« teilte durch die Mitte). Da bin ich wieder. Lieb, (bei Seite). Hätt' a no ausbleib'n können! Treub. (zu Rosel). Nimm diese Bou- teille und dieses Päckchen Zwieback — eine kleine Herzstärkung für unseren lieben Alten. (Gibt ihr Beides.) Rosel. Das hat Ihnen wieder an Opfer kost't, Herr Treuberg? Treub. Oho! — wäre nicht übel, wenn es mit mir so schlecht stünde; — geh' und kredenze cs ihm, sobald er aufwacht! Rosel. Dank! Dank! (Links ab.) Fünfte Scene. Treuberg. Liebesam. Lieb. (Trruberg rasch nähernd). HerrTreu- berg — i Hab' für Ihnen einen acccptablen Vorschlag. Treub. Der wäre? Lieb. Ziehn's Ihnen zu mir in'sHaus. — Bei mir is a ganzer Stock leer, aus dem die neue Partei die alte 'nausg'steigert hat; wie aber d'neue hätt' einzieh'n soll'n, haben sie's im Schuldeuarrest bequartirt — den ganzen Stock können's krieg'n; — i verlang' kan Zins dafür, i thu's nur aus Kunstbegeisterung und wegen der Madam' Rosendorn, damit sie sich mit ihrer interes- sirten Gutherzigkeit nit mehr so brat machen kann. Treub. Ich danke Ihnen, Herr Liebesam. — Es drückt mich schon schwer ge- ,ug. daß ich bei Madam' Rosendorn noch imRückstand bin; — ich hoffe jedoch durch 22 den Verkauf einer größeren Composition diese Schuld bald tilgen zu können und werde dann wieder eine Wohnung nehmen, welche meiner Börse angemessen ist, nämlich eine Dachstube. Lieb, (ärgerlich). Die Künstler sein und bleiben amal hochsahrende Leut', alleweil müssens aus'n Dach logir'n. Treub. (bitter). Sie sind dort eben ihrer Hoffnung, dem blauen Himmel, am nächsten. Lieb, (mit Eifer). Aber nehmen's nur Raison an! — Sie können doch Jh- nere zwa Schutzbefohlenen nit inaDach- quartierl mitschleppen — das arme klan- banlete junge Madel schon gar — die müßt' ja vor Stiegenkrareln die galoppirendeLun- gensucht krieg'n. Treub. Ich hoffe, daß der alte Mann sich entschließen wird, in seine Heimat zurückzukehren. Lieb. Und da nehmet er's Madel a mit!? Treub. Natürlich! Lieb. Das kann i nit angeh'n lassen— das leid't mein G'wiffen nit! — I will recht gern für den alten Musikanten was thun — i will ihm an Ammcl halten — oder a Krankenwärterin — aber 's Madel muß da bleib'n! Sie is an arm's Wasel- kind, wann heut' der Alte stirbt, so stcht's allan in der Welt, hat kan' moralischen Schutz — fallt vielleicht der Verführung in d'Händ — (schaudernd) großer Gott! der Verführung! — so ein reines Wesen und so mudelsauber dazu! — I Hab' früher d'Madam Roscndorn für's g'schmackigste Weib ang'schaut, aber das is ja an Unterschied wie zwischen an' Grazer Maschanzker und einem wällischen Kürbis. Rosend. (herausstürzend). Ach, jetztwird's mir z'viel! Lieb, (springt hinter Treuberg). Sechste Scene. Madame Rosendorn. Vorige. Rosend. Verstecken's Ihnen nit; i werd' mir d'Händ' an Ihrem G'sicht nit schmutzig machen, aber schaun's, daß's n'aus kummen, sic heuchlerischer Mensch! Wie er frumm thut! wegen der Verführung is ihm bang — ja i glaub's! was man selber am liebsten thät', vergunnt man halt nit gern Andern! marsch fort! — Lieb, (wieder vortretend). Wissen s, Madam Roscndorn, was der Wilhelm Teil zu dem menschenschinderischen Geßler sagt? Rosend. Na! — Lieb. Er sagt: »Weil du mich meines Lebens hast versichert« — das heißt, auf mich ang'wendt, weil i ka Watschen dabei riskir' — »so will ich dir die Wahrheit sag'n: Sie sein a Weiberl, was am die Zähn' sehr lang machen kann; Sie haben mitunter sehr liebenswürdige Augenblicke — aber wann Jhner Eitelkeit in s Spiel kummt, nachher werden's a Bisgurn!« Rosend. (wüthend). Hinaus! — wann's nit glei draußen sein, so mach' i Jhnen's wie die Engländer den ostindischen Räubern: i verwände! mi in a Kanon und blas' Ihnen in d'Luft weg — so! (Bläst ihn heftig an.) Lieb, (sieht sie lange boshaft und lächelnd an, dann sagt er mit ironischer Ruhe). Steh' noch da! Weil's aber selber auf das Eapitel kummen sein, so sag' i nur, was i zuvor g'sagt Hab' — (sich selbst zeigend) Sepoy! (Macht die Pantomine des Halsumdrehcns; ab.) Rosend. Hinaus! (Verfolgt ihn bis zur Thüre, schnappt nach Lust und finkt in daS Ea« nape.) Siebente Scene. Madame Rosendorn, Treuberg. Treub. Es soll mir leid thun, Madame, wenn die Gefälligkeit, welche Sie mir durch Aufnahme meiner beiden Schützlinge erwiesen haben, .die Veranlassung zu einem Bruche zwischen Ihnen und Herrn Liebesam würde. Rosend. I bitt' Ihnen gar schön, ver- ftelln's Ihnen nit! Sie wissen recht gut, daß mir'n Herrn Liebesam sein' Zärtlichkeit alleweil mehr lästig als angenehm war; — aber Sie sein halt auch so a g'fühlloser Mensch, der nur mit'n Worten dankbar is, wann's a Gefühl hätten, so wär'Ihnen nit so d'rum z'thun, daß's aus meiner Schuld kummen, sondern Sie wurden mir lieber no mehr schuldi — Sie wurden mir lieber Alles schuldi — nämlich Ihner Glück! Treub. (bei Seite). Das war deutlich! (Laut.) Es thut mir weh', Madame, daß ich meinen Dank für so große Güte nicht durch die Annahme einer noch größeren beweisen kann; aber ich werde niemals mein Glück aus den Händen einer Frau annehmen, wenn ich ihr nicht mein Herz als Gegengabe bieten kann. Rosend. (sehr gereizt). So!! —No, wann Ihner Herz so urassi is, nachher is freili schad, daß man red't! Nachher muß i aber auch bitten, daß's Ihner so g'schwind als möglich um an andere Wohnung um- schau'n — verstanden? — I will mit meiner Gutherzigkeit nit umsonst in s G'schra kummen; i geh' jetzt inDisit, damit i Ihnen a paar Stund' lang nit sieh — und Sie können derweil Nachdenken, ob's nit vielleicht a Narr sein!—Addddje! — (Ab durch die Mitte.) Achte Scene. Treuberg, Weidner. Treub. (steht sinnend). Weidner (tritt leise von links ein, nähert sich Treuberg langsam und legt die Hand auf seine Schulter). Treub. (sich rasch wendend). Ach, Vater Weidner! nun, wie steht's? — Hat die kleine Herzstärkung gut angeschlagen? Weidner. Mrr schlagt Alles gut an, was mir so gut vermeint is. Treub. Na, schön! Weidner. Aber Sie, Herr Treuberg — mir scheint, Sie braucheten selber a klane Stärkung (Geld andeutend) mit dem? (Bei Seite). I mag' ihm's nit sagen, daß i den lauten Diseurs von seiner Hausfrau g'hört Hab'. Treub. (ausweichend). O nicht doch! — Sie wissen ja, wie es in unserm Stande geht : heute mehr, morgen weniger, wie es der Zufall bringt. Weidner. Ja, i waß's, — aber 's Mehr iS haltAusnahm' — und 's Weniger ist in der Regel. Treub. Natürlich: wir erzeugen aber nichtSNothwendiges. (Aufhorchend.) Aber ich höre Schritte — das Rauschen eines seidenen Kleides — (da geklopft wird) man klopft. (Sehr bewegt.) O Vater Weidner, ich habe eine Ahnung, wer es ist! — Herein! — Kath. (tritt durch die Mittelthür). Weidner (sich zwischen Unwillen und Schmerz abwendend). Ach! — Treub. (bittend). Ihr Kind! — (Pause.) Neunte Scene. Vorige, Katharina. Kath. (tritt langsam und mit gesenktem Haupte ein, sie trägt ein weißes Atlaskleid, über demselben eine leichte elegante Mantille und Blumen im Haare — bei Weidner angelangt, sinkt sie aus die Knie und faltet stumm die Hände). Treub. (betrachtet sie wehmüthig).' Weidner (sich nach langer Pause zu Katharina wendend, mit gepreßter Stimme und im Tone der Bitterkeit). Was will denn die schöne Dam' von mir? Kummt's vielleicht deßwegen in an Atlaskleid und mit fristete Haare, damit i Respect krieg' und ihr kaue verdienten Wahrheiten sag' ? — 24 Kath. (halblaut und mit schmerzlich bewegter Stimme). 3ch komme als Braut, mein Vater! — Treub. (zuckt schmerzlich zusammen). Weidner. Das is a langer Brautstand ! Kath. Und er wird noch länger dauern, wenn der Geist meiner Mutter nicht zu Ihrem Herzen spricht und für mich um Gnade bittet! (Mit festem Ton.) Ich bin entschlossen, Vater, nicht früher an den Traualtar zu treten, als bis Ihr Segen mich dahin begleitet. Weidner. Der Segen von an armen Musikanten kann für die Nichte von an Herrn Marchesen gleichgiltig sein. I bitt', stehn's auf, Fräulein — Sie bringen mich nur in Verlegenheit, wann's noch länger knien bleib'n — (ungeduldig) stehn's auf! Kath. (sich erhebend). Ihr Spott ist grausam, Vater! — Ich gelte nur darum für die Nichte des Marchese, weil ich nicht für Ihre Tochter gelten darf. — So lange ich nicht Gattin geworden bin, ist meine Ehre vor der Welt durch den erborgten Namen sicherer geschützt, als durch denjenigen, welcher mir gebührt. Weidner (bitter). Ich versteh'! — Man will wenigstens 'n Schein vor andern Menschen bewahr'», wenn man sich auch selber eing'fteh'n muß — Kath. (rasch). Ich habe mir nichts ein- zngestehen, Vater, was mich vor mir selbst erröthen macht! Weidner, (sie scharf ansehend). Nichts? Kath. Nichts! — Ich habe an Ihnen gesündigt, Vater, aber nicht an meiner Ehre! Ich komme, um Ihnen zu sagen, daß noch diesen Abend, in Anwesenheit einer größeren Gesellschaft, meine Vorstellung als Verlobte des Barons erfolgen soll; — es hängt nur von Ihrem Segen ab, daß die Verlobte bald zur Frau werde. Weidner (nach einer Pause kalt). Gut! — I gib Dir mein' Seg'n, damit's d'mir kan Vorwurf machen kannst; aber mein' Verzeihung gib i Dir nit! —Geh' — geh' hin — halt' deine Hochzeit — und vergiß auf mi!— Kath. (schmerzlich). Vater! Trend, (mit Wärme). Der Segen eines Vaters ohne Verzeihung ist eine Blume ohne Duft, eine Sonne ohne Wärme; nein, nein, Sie dürfen Ihre Tochter nicht so von sich gehen lassen — Sie dürfen ihr eine glückliche Hochzeit nicht bloß wünschen, sondern müssen auch machen, daß sie es wahrhaft wird. Kath. (mit schmerzlicher Bestimmtheit). Sie wird's nie! — Treub. Nie, sagen Sie, Katharina? — auch dann nicht, wenn die Verzeihung Ihres Vaters Sie zum Altäre begleitet? Kath. Auch dann nicht! Treub. (wendet sich schmerzlich ab). Weidner. Hat Di' dein Herz in Stich g'laffen? — Hat Di' nur d'Eitelkeit in an solchen Irrgarten g'lockt! — Kath. Ich kann nicht schwerer für meinen Irrthum büßen, als durch die Rene, welche nichts mehr fruchtet; — durch die zu späte Erkenntniß, daß ich mich getäuscht habe — als ich einem Manne aus Liebe zu folgen glaubte, welcher gegen den, der mich geliebt, so weit zurücksteht! (Blickt nach Treuberg.) Treub. (sich rasch zu ihr wendend). Genug! — Um Gottes willen, Katharina, geben Sie keinen Selbstvorwürfen Gehör, welche nichts mehr ändern, sondern Sie nur unglücklich machen! — Sie haben den Schritt gcthan — und können, dürfen ihn nicht mehr zurückthun. Kath. (refignirt). Ich weiß! — Ich muß die Gattin des Barons werden, wenn ich mich nicht selbst verachten soll; — aber je näher das Unvermeidliche kommt, je mehr erschreckt es mich, anstatt mich zu erfreuen ! — Weidner (feierlich). Vergeltung! Treub. (in höchster Aufregung). Leben Sie wohl, Katharina! — Kath. Wollen Sie mich verlassen, che der Vater mir noch vergeben hat. 25 Treub. Er wird Ihnen vergeben, denn Sic sind ja unglücklich. — Aber ich muß fort, ich muß fort! Mit dem Gefühle, welches jetzt mein Herz zerreißt, kann ich diese Nacht in dieser Nähe nicht weilen! — Ich muß in's Freie hinaus, unter die grünen Bäume;—dort, dort, unter dem Dache des Himmels will ich Beruhigung suchen — vielleicht tritt liebevoll die Muse zu mir und schenkt mir ein Lied, in welchem der Kummer meiner Seele verklingt! (Mit weh- müthigkm Gniß gegen Katharina durch die Mitte ab.) Zehnte Scene. Weidner. Katharina. Weidner (bewegt). Die Straf' is da — Du hast es selber über Dich verhängt, — so will i nachsichtiger sein — und will Dir verzeih'«! (Breitet die Arme aus.) Kath. (eilt an seine Brust). O mein Vater! (Pause.) Weidner. (Pause.) Aber jetzt geh'; dein Bräutigam wird warten; — sag' vor der noblen Gesellschaft nir, daß D'bei dein'n Vater warst, sag' überhaupt nir von mir, bis i nit wieder fort bin. Kath. (schüchtern). Nur Eins noch — Sie haben mir Ihren Segen und Ihre Verzeihung geschenkt — also werden Sie auch eine Gabe von mir nicht mehr zurückweisen. (Zieht ein kleines Päckchen aus dem Busen.) Weidn. (zurücktretend). Geld?! Kath. (faltet bittend die Hände). Weidner. Na, Kathi! Geld nimm i nit von Dir, denn es kommt vom Baron, und von dem will i nir, wann er mir's auch durch deine Hand gibt! — Kath. Vater! — soll ich im Genüsse des Wohllebens beständig Ihrer Armuth gedenken müssen? — Weidner. Der Mensch is niemals arm, wann er sich an kan Reichthum g'wöhnt hat; — na, na! — i geh morgen wieder auf mein Dörfel z'ruck— und mein' liebe Mozart-Geig'n wird, so wie früher, mein' Ernährerin sein. — Kath. (dringend). Aber Sie haben nicht für sich allein zu sorgen! Das arme treue Mädchen, welches Sie begleitet und welches Ihnen die Pflege meiner Hände so reichlich ersetzt, verdient es denn nicht, daß Sie um seinetwillen meine Bitte erhören? Weidner (rasch). Hast Recht! Auf d' Rosel muß i denken, auf mein brave Rose!!— Ja, ja!— es wär undankbar, wenn i aus Eigensinn und Bettelstolz die G'legenheit Vorbeigehen ließ't, um für sie an Nothpfennig zu sammeln! Kath. (bei Seite). O Gott, ich danke dir, daß Du mir diese Worte cingabst, sie wird es für ihn verwenden und meine Absicht ist erreicht. (Ihm das Päckchen gebend.) Hier! — Weidner. Gib her! (Steckt das Päckchen zu sich.) Kath. (sehr bewegt). Daraus erkenne ich, daß Ihre Vergebung vollständig ist! O, legen Sie noch einmal diese liebe Hand auf mein Haupt! — Ich gehe meinem Schicksal entgegen, das ich mir selbst bereitet habe, das vielleicht schwer sein wird — und nur Ihr Segen kann mich dabei unterstützen. (Sinkt aus die Knie.) Weidner (zärtlich, indem er die Hände aus ihr Haupt legt; kleine Pause). Mein Kind! — Eilfte Scene. Vorige. Rosel. Rosel (tritt langsam aus). Das ist die rechte Stellung, wie's für Vater und Tochter g'hört! — Kath. (zu Rosel). Schwester! ich gebe Dir diesen Namen, weil Du ihn verdienst, weil Du's bist! Bleibe auch ferner meines Vaters Stütze und Stab! —Ich will Dich dafür in mein Gebet einschließen. — Leben Sie wohl, mein Vater! — sagen Sie Treuberg, er möge die Kunst zu seiner Trösterin machen — er möge Ihr Freund bleiben, 26 dann bleibt er auch der meinige! Leben Sie wohl! Lebe wohl! (Mt schnell ab.) Zwölfte Scene. Weidner. R o s e l. Weidner (wehmüthig). Hast es g'seh'n? — so schaut a Braut aus — a vornehme Braut!— o, sie merkt's schon — siemerkt's schon — sie merkt's, daß's unglückli wird — und es is ihr nimmer z'helfen! Roscl. Gott Hilst! Weidner(fich gewaltsam aufraffend). Reden wir jetzt von was Andern. (Zieht das Päckchen hervor.) Da is a Geld, Rosel—mir scheint, es is hübsch viel — das g'hört dein; mein'! Tochter hat mir's bracht, aber i Habs nur für Di' b'halten, damit i dein treue Lieb' belohnen kann, — nimm! Rosel (gekränkt). Das Hab' i nit verdient, Herr Weidner, daß Sie mir so viel Eigennutz Zutrauen, um mi für an erfüllte Hcrzenspflicht durch das bezahlt z'machen, was Sie selber brauchen! Weidner (heftig). I will's nit! das Geld kommt vom Baron und von dem will i nir! Rosel. Was Sic vom Baron nit nehmen, das nimm i no viel weniger von Ihnen. Weidner. Du, Rosel! — das wär' an Eigensinn; Du bist an arme junge Dirn'! — Rosel. Und Sie sein an armer alter Mann — wer braucht's mehr? Weidner (trotzig). Na, gut, so sei bock- bani! — aber in meiner Hand bleibt's nit — i verschenk's — i Hab' schon an Ort dafür, i bitt' n Herrn Treuberg, daß er's von mir nimmt! Rosel. 'nHerrnTreuberg?—Der dürft' sich am wenigsten a Geld schenken lassen, was aus aner solchen Hand kummt! Weidner (sehr unruhig). Kannst Recht hab'n; aber er braucher's nothwendig! — was fang' i denn nur an?—Ha! i hab's! ! Er hat auf sein' Spinettcl a paar fertige Compositionen lieg'n; i sag', es war a Kunstfreund da, dem's so gut g'fall'n hab'n, daß er's um kan Preis mehr auslassen hat! — Aber wie viel haben wir denn? (Das Päckchen öffnend, sehr betroffen.) Zwei Tausender-Banknoten! O sapperlot, das is z'viel! an ganzen Tausender gibt bei derer Zeit der größte Kunstfreund nit her. — Aber i waß mir z'helfen, da daneben is a großer Kaufmann, bei dem laß i ans von den zwa Papierln wechseln— gib'n Herrn Treuberg a paar Hunderter und 's Andere schick' i ihm nachher unter an' falschen Nam'! — Aber Rosel, Du mußt mir schwör'n, daß Du's weder ihm noch irgend an andern Menschen verrathen willst, woher das Geld eigentli kummt. Rosel. Gut — i schwör'! — Weidner. Also, in der Ordnung is's! Jetzt aber geh', Rosel, richt' mir mein' Hut und mein' Geigen her; (wehmüthig lächelnd) i muß heut' no ausspiel'n —zu meiner Tochter ihr'n Derlobungsfcst. Rosel (betroffen). Wo? Weidner. Wo halt a Künstler von meiner Kategorie Concert gibt, im Host — Sie wird schon wissen, wer ihr auf so an' Art gratulirt. Rosel (tief ergriffen). Armer Vater! — Sie werd'n dort ausspiel'n, wo Ihnen vielleicht Jhner Kind gar nit hört! —Wann's aber recht lustig wird — wann's Compli- mentenmachcn und 's falsche Glückwünschen losgeht, da wird unten in der Dunkelheit der Anzige steh'n, dem's Wünschen vom Herzen geht und der austichti sagt: »Gott geb'ihr Glück! (Links ab.) Dreizehnte Scene. Weidner (allein). Weidner.» Gott geb ihr Glück,« ja, das will i ihr auf meiner Geigen zusingen! A Geigen kann Alles sag'n, wenn man 's nur 27 mit der rechten Empfindung tractirt!—Sie ist wie a Menschenherz — das hat auch seine Applicatur, sein' Resonanzboden, seine verschiedenen Saiten — und ob der Ton, den 's gibt, sanft oder schreiend sein soll, das kommt nur auf den an, der's mit'n großen Himmelsbogcn streicht. Lied. Wenn's Kindel gebor'n wird, da gibt ihm . für's Leb'n Der Himmel a Geig'n mit und d'Noten daneben; Geh hin, sagt er, spiel' mir zur Z'friedenheit auf, So kommst amal wieder zu mir da herauf: Vergiß nit auf d'Stimmung, lern'gut Harmonie, Und wann dir a Säten reißt, schimpf' nit auf mi! Doch 's Büberl vergißt auf die Weisung gar bald, Der Jüngling will g'schwind Virtuos werd'n mit G'walt, Die himmlischen Noten, die sein ihm bald z'schlccht, D'rum macht er sich selbst a Bravourstück! z'recht; — Wenn man heut' zu ihm sagt: »Spiel dein Kinderlied her« — So kann man drauf wett'n, er trifft's gar nit mehr! Und bald is's vorbei mit dem falschen Effect, Der Mann wird a Greis und hat gar nir bezweckt; Er schiebt's auf die Geig'n, haut's voll Zorn an die Thür, Da fallt ihm erst ein, daß er leb'n muß von ihr; Er flickt's wieder z'samm, spannt die Säten frisch d'rauf, Und geigt an ein' Eck wo nm's Bettelbrod auf! — Die Leut geh'n vorüber, und schau'n ihn kaum an, Sag'n höchstens: »Das is rechtag'spaßiger Mann!« — A Kind nur, das wirft ihm an' Kreuzer in'n Hut Und sagt: »Spiel' für mi was,.Du g'fallst mir so gut!« — Und wie er das Wort hört, so sanft und so fein, Da fallt ihm auf amal sein Kinderlieb ein! — Er schaut nach'n Himmel, der Blick wird ihm feucht, Er g spürt nit, daß d'Sat'n schon bricht, wie er's streicht; Und kaum is er ferti, fall'n d'Aug'n ihm schon zur, Das Kinderlieb war noch seine letzte Bravour. — Für das, daß er's nochmal hat 'troffen im Leb'n, Wird dort ihm der Master sein Jrrthum vergeb'n! (Dann links ab.) Wenn der Darsteller der Rolle nicht fingt, kann das Lied ebenso gut mit melodramatischer Begleitung gesprochen werden. Verwandlung. (Prächtiger Saal, die ganze Tiefe des Theaters einnehmend.) Vierzehnte Scene. Graf Halden. Marchese Lunario. Herren und Damen als Gaste. Graf (eiltAllen voran). Nur mir nach, meine Verehrten!—Ich bin heute der offi- ciell bestellte Cicerone, welcher Sie in dem Tempel des Hymenaus führt. (Zu Lunario.) Nun, Marchese, Sie müffen ein wahres Vergnügen empfinden, daß Ihre Nichte ein so großes Glück macht; der Baron ist nicht 28 nur ein reicher, sondern auch ein liebenswürdiger Mann. Lun. Er bekommtauch eine liebenswür' dige Frau. Graf. Das ist wahr! Wie erschüttert war sie neulich über die Kränkung, welche dem armen Dorfgeiger widerfuhr — sie zitterte — Thränen standen in ihren Augen; man hätte den armen Mann für ihren leiblichen Vater halten können, so groß war ihre Theilnahme an seinem Geschick! Lun. (gezwungen lächelnd). Weiches Herz! Graf. Uebrigens muß ich den Alten noch wiederfinden; ich habe ausgekundschäftet, daß der junge Mann, welcher ihn ausgenommen hat, selbst ein mittelloser Künstler ist, welcher diesem Hause gerade gegenüber wohnt; — ich werde hingehen und eine Gelegenheit suchen, um sowohl den Alten, wie den Jungen zu unterstützen. Lun. Sehr edel! (Bei Seite. )Verdammter Zufall! aber der Alte wird morgen fort sein und so wird auch diese Gefahr beseitigt. Graf (erblickt diebintretenden). Ah sieh'! Fünfzehnte Scene. Vorige. Baron (führt Katharina, welche einrn Brautkranz und Schleier auf hat, herein). Baron (Katharina vorstellend). Meine Verlobte! (Katharina verneigt sich zitternd.) Alle. Wir wünschen Glück! Lun. (bei Seite). Es thut Noth! Graf, (zu Katharina). Seien Sie überzeugt, mein Fräulein, daß ich Ihnen nicht nur mit kalten Worten, sondern aus warmem Herzen Glück wünsche! Sie verdienen es und es wird Ihnen gewiß auch werden. — Doch jetzt erlauben Sie, daß ich das »Theatralische« des Festes, wie es der Herr Marchese zu nennen beliebt, in Ausführung bringe. (Zu den Gästen.) Treten Sie gefälligst an diese Seite, das ist die irdische (Alles setzt sich rechts), diese muß für überirdische Gestal ten reservirt bleiben, welche ich herbeirufen werde, damit sie in meinem Namen die holde Braut begrüßen! — Allons! — Sechzehnte Scene. Vorige. Allegorische Gestalten. (Musik.) Die Liebe (ein sehr junges Mädchen in Rosa gekleidet und von Liebesgöttern (Kindern) umgeben, tritt vor, begrüßt Katharina und spricht): Die glückliche Liebe im Rosengewand', Sie grüßt Dich, Du Holde, sie reicht Dir die Hand! — ^ Wo glückliche Liebe den Tempel erschließt, Da lächeln die Engel und Segen entsprießt! — Die Rose im Grübchen der Wangen erblüht, Sie kündet im Herzen ein reines Gemüth; Ein Herz, wo die Tugend, die himmlische, wohnt, Das wird auch mit himmlischen Rosen belohnt! — O, mögen sie blühen, stets duftig und neu, Auf all' deinen Wegen, unwandelbar, treu! So wünscht Dir die Liebe, das schuldlose Kind, Zur Stunde, wo auch deine Prüfung beginnt! (Tritt mit den Amoretten links.) Graf. Bravo! meine kleine Liebe! — sollst eine Bonbonsdüte für deine guten Wünsche erhalten! — (Zu Katharina.) Aber für die Verse muß ich um Nachsicht bitten, sie sind von mir und ich bin kein privilegir- ter Poet! (Musik.) Die Hoffnung (ein erwachsenes Mädchen, weiß und grün gekleidet, von Najaden gefolgt, welche kleine silberne Anker tragen, tritt vor und spricht): 29 Wo Lieb' mit Liebe sich vereint, Muß auch die Hoffnung weilen, Sie muß dem Glück, noch eh's erscheint, Voraus als Bote eilen. — Geht Lieb' und Hoffnung Hand in Hand, Dann fehlt auch nicht der Glaube, Daß nie des bösen Schicksals Hand Des Herzens Frieden raube! — »Fest wie das Schiff den Anker halt, Sei Dir das Glück verbunden! Die Hoffnung sei Dir anvermält, Wer hofft, hat auch gefunden!« (Tritt zu den Vorigen.) Graf. Die Hoffnung verspricht; wir wollen sehen ob das Glück ihre Versprechungen wahr macht! (Musik.) D-s Glück (eine stattliche Frau, in Gold und Silber gekleidet und mit einer Demantkrone geschmückt, gefolgt von idealischen Jägern, Hirten, Bergleuten und Genien, welche die Symbole des Reichthums, Füllhörner und Naturprodukte tragen, tritt rasch aus und spricht in zuversichtlich heiterem Tone): 3ch komme, bevor noch mein Name verklungen, Das Glück ist nicht säumig, wo gern es erscheint. Ich werde gar leicht von den Bitten bezwungen, Wenn Jeder im Wunsche dem Andern sich eint! — Was stolz die Natur vor so Vielen verschließt, In goldenen Strömen die Berge durchfließt, In Saaten entkeimt, was der Traum uns erdacht, Es werde durch mich Dir zur Wahrh it gemacht! — Was göttliche Huld für den Menschen gebaut, »Es soll Dich umglänzen, Du liebliche Braut! Ich Hab' es verwahrt, ich vertheil' es allein, Das Glück sagt: »ich will« und so bleibt es auch dein!« (Tritt zu den Andern.) Graf. Das Glück spricht etwas arrogant, aber es hat ein Recht dazu, wie seine glänzende Umgebung beweist! — (Musik.) Die Erinnerung (ein uraltes Mütterchen humpelt herein, sie trägt ein Sträußchen Vergißmeinnicht und spricht zu Katharina, im Localdialekt, mit zitternder Stimme): I kumm' ganz allani — i bin a alt's Wei — Mit meine Flatnsen is 's lang schon vorbei! — I war arnal sauber — ma kennt's freili schwer, Und jetzt — bin i bloß die »Erinnerung« mehr! — I will Dich nur grüaßen, damit i Dir sag': D' Erinnerung bat a ihre glücklichen Tag': Wer immer recht brav war, wcn's G'wiffcn nit druckt, Der kann sie no g'sreuen, wann a die Sensen schon zuckt! Wer nir zu bereuen hat, der schaut no recht gern Vom Grabhügel z'ruck in die freundliche Fern; — (Reicht ihr das Büschel.) D'rum nimm' die Vergißmeinnicht — denk' fein all mi, Nachher wirst in dein' Alter so froh sein wie i! — Kath. (läßt ihr Bouquet fallen, drückt das Büschel an ihre Lippen und ruft, in Thränen aus- brechend, bei Seite). O mein Vater! (Die Erinnerung humpelt zurück.) (Pause. Man hört plötzlich, wie aus der Tiefe kommend, die erste Melodie des Vorspiels mit Ausdruck spielen.) Graf. Mozart! — Das ist derselbe Ausdruck, welchen ich an dem alten Dorf- musikanten bewundert habe! (Eilt zum Fenster ) Er ist es wirklich — er steht im Hofe — ich erkenne ihn bei'm Mondenschein! Kath. (bei Seite). O, ich verstehe Dich, mein Vater, es ist dein Segenswort! Dank! — (Die Melodie verstummt.) Graf. Was ist das? Der Hof füllt sich mit Menschen — Wachen treten vor — man umringt den Alten, — man arre- tirt ihn! Kath. Heiliger Gott! Baron (leise zu Katharina). Ruhe! ich beschwöre Dich, es kann ja nichts von Bedeutung sein. (Wilhelm tritt ein.) Ach, Wilhelm, was gibt's? Wilh. Ein alter Musikant, der im Hofe spielte, wurde verhaftet, weil er eine falsche Tausender-Banknote wechseln ließ. Kath. (aufschreiend). Eine falsche? Baron (ihre Hand fassend, leise). Um Gottes willen, Katharina schweig', sonst bin ich der Verlorne! — Kath. (sinkt mit einem entsetzlichen Schrei zu Boden). Lun. (bei Seite). Sie ist ohnmächtig ge> worden, bevor sie sprechen konnte — das kann vielleicht unsere Rettung sein! — Graf(nach Katharina blickend, ernst). Seltsam! — Im Hofe hat man einen Geiger arretirt — und hier — ist in Folge dessen eine Saite gesprungen! (Unter allgemeiner Bewegung fällt der Vorhang, das Orchester spielt die früher gehörte Melodie.) Dritter Lei. (Gehölz mit Durchbruch; im Hintergründe ist ein Theil der Stadt im Morgenlichte sichtbar, — rechts eine alte Eiche an einem Mooshügel, auf welchem ein Notenblatt liegt.) Erste Scene. Graf von Halden. Graf. Ich bin verdrießlich — deconte- nancirt — der geheimnisvolle und erschütterte Zwischenfall vom gestrigen Abend hat mich dergestalt ergriffen, daß ich die ganze Nacht nicht schlafen konnte und mit dem Frühesten das Haus verließ, um hier im Grünen mich der Melancholie zu entschla- gen. — Ah, was ist denn das — ei» mit Bleistift beschriebenes Notenpapier! Welcher romantische Musensohn hat mich in seiner Zerstreutheit zum Kritiker seiner ertemporir- ten Schöpfung gemacht. (Nimmt das Notenblatt, durchfieht es.) Lied für Tenor, überschrieben: »An ein verlorenes Herz!« guter Stoff! charmante Gedanken das — einfach und doch nicht banal — originell und doch recht natürlich — das hat ein Künstler geschrieben, ein musikalischer Poet! Zweite Scene. Graf. Liebesam. Lieb, (rennt mit gesenktem Kopse, den Hut in die Stirne gedrückt, auf und ab, und stößt endlich heftig mit dem Grafen zusammen). Graf. Sind Sie blind, mein Herr? Lieb. Geht's Ihnen was an? Graf. Ja wohl geht's mich an, wenn Sie mir die Rippen aus dem Leibe stoßen. Lieb. Ach wegen a paar Rippen; — Sie haben halt no nir ausg'standen, d'rum thut Ihnen a jeder Bremslcr glei weh — mit mir müffen's reden! — Mir thun nit 31 nur d'Rippen weh, — sondern der ganze Leib! — Wie's mi anschauen, bin i von oben bis unt' der armi Lazarus und i werd' nimmer aufg'weckt, wann mi amal der g'wiss e Teichgraber hat. Graf (bei Seite). Der Mann scheint ein Narr zu sein, vielleicht gelingt es mir, mich an ihm zu erheitern. (Laut.) Sie sind also sehr unglücklich? Lieb. Es wird Ihnen zwar nir d'ran lieg'n, aber mir liegt a nir dran, wann Sie's vielleicht nit glaub'n. Graf (ernst). O, ich glaub' es! man darf Sie nur ansehen. um sich zu überzeugen, daß Sie eine Natter im'Herzen tragen. Lieb. Das is schon ka Natter mehr, das is schon a Riesenschlange, und so a Vieh kann beißen. — Au weh! — Graf (steckt das Notenblatt ein). Ich will Ihnen mit Vertrauen eutgegenkommen, indem ich Ihnen meinen Namen sage, ich bin Graf Halden, Neffe des Justizministers. Lieb, (ausschreiend). Des Justiz—?! Graf. Ministers! — Lieb, (aus den Grasen zueileud und sich zu Küßen werfend). Himmlischer Göttermann, Du kannst mein Nothhelfer sein. Graf, (lächelnd). Jncommodiren Sie sich nicht, Herr Lazarus, stehen Sie auf und sagen Sie mir mit Ruhe, um was es sich eigentlich handelt? — Lieb, (aufstehend, rasch). Um was? Um mein' Geliebte handelt sich's! — um a Madel, was i Hab' heiraten woll'n, da- mit's nit sitzen bleibt und was jetzt auf Gerechtigkeitskosten sitzen muß, obwohl's so un- schuldi is wie an officielle Zeitung! Graf. Bedaure, aber wessen ist sie angeklagt? Lieb. Gar nir is's angeklagt; — sie hab'ns nur mitg'nommen, weil's mit an alten Dorsmusikanten auf Kunstreisen is — und weil der im Verdacht steht, daß er falsche Danknoten unter d'Leut bringt! — Graf. Was hör' ich?! Sie sprechen von der Begleiterin jenes armen Geigers, wel- Her unter dem Schutze eines jungen Künstlers — ich glaube Treuberg ist sein Name — im Hause der Witwe Rosendorn untergebracht wurde? — Lieb, (rasch). Der Herr Graf wissen also von derer G'schicht? — Graf. Ja, ich weiß, — der arme Alte hat auf dem Künstlerfeste so trefflich »Mozart« gespielt, daß ich au seinem Schicksale theilnehme; wäre es gestern nicht zu spät gewesen, wie heute noch zu früh, so würde ich bereits das Nähere erfahren haben. — Lieb. Ich kann Ihnen Auskunft geben, Herr Graf; ich kumm ja grad aus'n Polizeihaus — dort Hab' i an Amtsdiener 10 fl. g'schenkt, und der hat mir Alles rap- portirt. Graf. Nun, wie steht's? Lieb. D'halbste Nacht hindurch is der arme Musikant verhört word'n, aber es war nir r'ausbringen — 's Madel hat ebenfalls die verfänglichsten Fragen übersteh'n müssen, aber sie hat nur g'want, hat'n Alten sein' Unschuld betheuert und zu ihrer eigenen Vertheidigung hat's gar nir g'redt; — na, natürlich! — was soü's denn reden, wann's von der ganzen G'schicht nir was! 's Madel is an Unschuld, gegen die wir Zwa,der Herr Graf verzeih'« schon, daß ich mich mit Ihnen auf gleichen Fuß stell' — a paar reine Grasel sein! — Wann die Gerechtigkeit nur a Quintel Menschenkemtt- niß hat, so schaut's derer Person in's G'sicht, macht ihr an Compliment, küßt ihr d'Hand und sagt: »Servus!« Graf. Die Gerechtigkeit ist eben nicht verliebt. Lieb. Aber i! Schaun's, Herr Graf, i bin bis zu mein'36. Jahr frauenzimmerfeind g'wesen — a Beweis, daß i ka dummer Kerl bin; — nah'n 36. bin i a Zeitlang dümmer word'n, i Hab' mi nämlich von a paar g'fallsüchtige Greteln für an Narr'n halten lassen;— da kummt mir das Madel unter und jetzt war i mit an anzigen Schlag wieder g'scheit! Beim ersten Blick von ihr is mir a Licht aufg'angen, beim ersten Wort von ihr hat sich a ganze Beleuch- 32 tungsg'sellschaft in mein Kopf etablirt — und jetzt, seitdem's eing'sperrt is, bin i zur Ueberzeugung kummen, daß alle Unein- g'sperrten miteinander nit so viel werth sein! — Graf (lachend). Oho! — Aber wissen Sie denn auch bereits, ob das Mädchen Ihre Leidenschaft erwiedert? Lieb. Das haßt, — bis gestern war i stark im Dunkel drüber; — obwohl i ihr g'sagt Hab', daß i Hausherr und Actienbe- sitzer bin, daß i a gut's Herz Hab' und nit amal Tabak schnupf, so hat's mir do ka G'hör geb'n woll'n, weil's halt an dem alten Geiger so hängt. — Aber gestern, wie sie's mit'n Alten fortg'führt haben, wie i in meiner Verzweiflung dem Commissär z'Füßen g'fallen bin und nit nur mit mein' Geld, sondern sogar mit meiner Person Hab' Bürgschaft leisten wollen, da muß ihr's Herz aufgangen sein, denn ste hat mir ein Blick zug'worfen, der mir die allersüßeste Hoffnung gibt! — Graf. So? (Lacht.) Lieb. Lachen s wie's woll'n, Herr Graf — aber um Gotteswillen helfen's uns! I will recht gern erkenntlich sein, ich laß' mir's für d'verfolgtc Unschuld was kosten! — Der Herr Graf sein a junger lebenslustiger Ca- valier — solche Herren brauchen oft mehr, als sich nlit der Apanasch vertragt —b'son- ders wann's Kunstgönner sein: Opernfreunde oder Balletunterstützer. — Sollten der Herr Graf in a Verlegenheit kummen, so trag i mi als »Juden* an, ganz ohne Rc- bach,bloß aus Erkenntlichkeit und Devotion! — Graf (lachend). Danke, danke! — Ihr -Anerbieten könnte mich beleidigen, wenn es auf minder komische Weise gestellt würde; — behalten Sie Ihr Geld; — ich will zu meiner eigenen Befriedigung handeln. Der Tag ist bereits vorgeschritten — ich werde gehen und mich bei meinem Onkel anmelden lassen. — Wenn die Sache, für die ich mich verwenden will, ein Trauerspiel ist, so sind doch Sie eine so ergötzliche Episode darin, daß ich mit Zuversicht hoffe, der himmlische Verfasser werde es zu einem Schauspiele mit recht befriedigendem Schlusse gestalten. — Adieu! (Will fort.) Lieb. Bitt' no an Augenblick. (Wichtig.) Meine höflichste Empfehlung an den Herrn Onkel. Graf (lacht). Danke! (Links ab.) Dritte Scene. Lie besam (allein). Lieb. Also war's erst a Glück, daß i in meiner Verzweiflung den Weg verfehlt Hab', statt in mein Quartier daher g'loffen bin, und'n Herrn Grafen beinah a Ripp'n ein- g'stoßen hätt'. — Er hat an mir anNarr'n g'fressen und es hat ihm g'schmeichelt, daß i gar so demüthig war. Ja, der Mensch hat Augenblicke, wo er sogar als Hausherr de- mütbig wird; wo er sich rein als Null erkennt, wo er's G'nack einzieht und wie a Schildkrot froh is, wann er nur sein Leben 'erhalt' und ganz bescheiden fortkriechen darf. Couplet. In Indien, da steht, a paar hundert an Zahl, A Häuferl Soldaten aus englischem Stahl, Die Feind — teurelswild — thäten's auf- freffen gern. Aber 's Häuferl bleibt steh n und vertraut auf'n Herrn. Wann man so was bedenkt und dabei noch betracht', Wie man selber sich g'schwind auf die Fer- schen hätt' g'macht, Wann man g'seh'n hätt' die Messer, so lang und so brat — (sehr demüthig) Da zieht man'n Kopf ein und schämt sich ganz stad! A großes Genie is schon hundert Jahr todt. Und doch bleibt noch immer sein Nam' in der Mod', Er lebt in sein' Werken, sein Ruhm hat ka End', Sein G'stalt wird verewigt im Prachtmo- nument, Wann man so bei dem Großen vorbcigeht zum Bier, lind denkt sich: Wann Du stirbst, ka Hahn kräht nach Dir, - Tu wirst höchsteus im Bild zu ein Tandler hing'stellt: (mit leiser Stimme) Da suhlt mau sich rein nur als Null auf der Welt. Man lest in der Zeitung: A Festung am Rhein, Die könnt' bei an Haar jetzt a Schutthau fen sein, A Pulverthurm hat sich die Keckheit er laubt, Is aufg'flog'n in d'Lust, man hätt's nie von ihm glaubt. Wenn man hört so an Unglück und denkt sich: »Wie g'schwind' Kann a Haus wo in d'Lust geh n, daß's Niemand mehr find't, Und der Hausherr kriegt selbst jetzt an Unterkunft schwer!« (zitternd) Da fangt man an z'zittern und steigert nit mehr. Man sitzt bei der Tafel, wo's Essen gut schmeckt, Da kriegt man an Sammelbogen für a Collect', A Gelehrter, der g'schätzt wird von nah und von fern, Jsg'storb'nundsein' Leich' muß erst z'samm- bettelt werd'n. Th«a1n-Rtp«r1oirk Nr. 171. Wann man so was erfahrt und sich denkt ! in der Still': l»Du bist ka Gelehrter, d'rum frißt halt so viel, Wer an Kopf hat, muß hungern; wer's Geld hat, lebt fein« — (den Magen reibend) Da druckt's an im Magert und man bringt nir mehr 'nein. Daß d'Weanerstadt z'klan is, das weiß ma schon lang', Aber wie's halt soll größer werd'n, das macht am bang; Auf arnal, da steht's in der Zeitung ganz klar: .Die Stadt wird um's Drittel jetzt größer als's war!« Wann man so was voll Staunen erfahrt in der Fruah Und denkt sich: »Das kummt von an Einzigen nur, Von an mächtigen Geist, der nur 's Große bezweckt!« (sich klein machend) Da wird ma a Zwerge! vor lauter Respekt! An Marschall, an Helden, im herrlichsten Sinn, Den führ'ns zum Begräbniß von Mailand durch Wien, Und wie man so steht den Conduct voller Pracht, Da wird man als Wiener ganz hoffärtig g'macht, Aber wenn man sich denkt : »Was war' das für a Freud', Wann Du einmal liegen könnt'st von dem gar nit weit, Wann sein Geist bei derNacht in dein Grab schauet 'nein, Da möcht'ich fast lieber ein Wetzdorser sein! (Ab.) Ä 34 Verwandlung. (Zimmer wie im Anfang des ersten Actes.) Vierte Scene. Baron. Katharina. Kath. (sitzt links auf einem Stuhle, einfach weiß gekleidet, und starrt, die Hände im Schooße gefaltet, wie träumend vor sich hin; — ihr Gesicht ist bleich, ihre Haare fallen halb aufgelöst über die Sckultcrn). Baron (bleich und verstört, steht vor Katharina und sagt - im Tone tiefer Zerknirschung). Tu weißt nun Alles, Katharina. — Verdamme mich, aber starre nicht in dieser trostlosen Unbeweglichkeit vor Dich hin! — Mein Verbrechen ist ja nicht das deine — Du kannst, Tu wirst noch glücklich werden; Du wirst vergessen lernen — wirst zu deinem Pater zurückkehren. Kath. (ausstehend, wild umhersehend). Zu meinem Vater? Er ist im Gefängniß und ich bin noch hier. (Will fort.) Baron (sie zurückhaltend). Katharina! Willst Du den, welchen Du einst zu lieben glaubtest, dem Verderben preisgebcn? — Die Ohnmacht, welche deine Sinne seit gestern umfangen hielt, war bis jetzt meine Schützerin — gönne mir nur noch einige Stunden Zeit, um zu fliehen. Ich werde ein schriftliches Bekcnntniß zurücklaffen, welches die Unschuld deines Vaters an's Licht stellen muß; — dein Vater wird gerechtfertigt sein und ich gerettet! Kath. O Gott! — Du strafst mich für- terlich, aber ich habe es verdient. (Eilt aus Treuberg zu und finkt an seine Brust.) O mein Freund! Fünfte Arbeiter in Gütlich's Institut. < Hr. Gämerler. Peter, ! lHr Mdaner. Conrad, Arbeiter in einer Maschinenfabrik_ Hr. Goldschmidt. Ein Marqumr. Ein Kellner. Erster Gast. Zweiter Gast. Spaziergänger. - 1 «-- Kaiser, Blumen-Netttl. 1 Erster Äct. (Hofraum in Gütlich's Institut, gartenähnlich angelegt. Den Hintergrund bildet das einen Stock tiohe, geschmackvoll gebaute Wohnhaus, zu dessen Eingang einige Stufen hinanführen, neben welchen blühende Olcanderbäumchcn in Kübeln stehen; ober der Thür eine, die achte Stunde weisende Uhr. Seitwärts rechts ein ebenerdige- Gebäude, in welchem sich die Ateliers befinden, mit einer breiten, anfänglich offen stehenden Thür; links zieht sich vom Wohnhaus» biS zum Vordergründe ein hohes Eisengitter, in dessen Mitte die Hinfahrt. Im Vordergründe rechts ein Gartentisch mit daranstehender Bank und Stühlen, links eine Gartenbank.) Erste Scene. Mathis. Franz. Peter. Mehrere andere Arbeiter. Mathis (fitzt an dem Tische rechts im Vordergründe, ein Stück Wurst, Brod und ein Sten- gelglas vor sich habend). Peter (sitzt trübselig aus der einzeln stehenden Bank links, ein Stück Brod in der Hand haltend, von welchem er manchmal ein Stück ißt). Die andern Arbeiter (stehen ebenfalls, ihr Frühstück verzehrend, in Gruppen beisammen). (Dir Uhr ober der Thür des Wohnhauses schlägt eben acht.) Franz. Die Raststund', die wir znm Frühstück haben, auch wieder vorbei! Habt's die Uhr schlagen g'hört? Mathis. Ja! diese Uhr ist der laute Zeuge unseres Unglücks! Franz (zu ihm tretend). Warum denn? Mathis. Weil sic schlagt! — und es beißt: »dem Glücklichen schlagt keine Stund'!" — Franz. Na, so unglücklich sind wir doch nicht! Wir haben unser Brod da hier — Mathis. In einer ganz überflüssigen Druckerei! Franz. Ueberflüffig? Wie meinst das? Mathis. Ist nickt das ganze Leben ohnehin eine Druckerei? — Zu was also i n der Druckerei noch eine Druckerei! Franz. Na — na! Unser Principal, der Herr von Gütlich, ist wohl ein Druckereibesitzer, aber das, was man so ein' »Drucker« nennt, ist er nicht! — Bei ihm heißt's: »Leben und leben lassen!« Mathis. Na, soll er uns vielleicht nm- bringen? Peter (ausstehend und zu dem Sprechenden tretend). Nein! — nein! — Wer gegen den Herrn von Gütlich 'was sagen wollt!, der hätt's mit mir z'thun! — Er ist a braver, a guter Mann! — So lang er sich noch selber um'S G'schäft ang'nommen hat, war's für uns Arbeiter auch besser, aber seitdem er ein' eigenen Direktor ang'stellt hat — Mehrere Arbeiter (welche sich ebenfalls den Sprechenden genähert haben). 3a — der Herr Direktor! Mathis. Was wollt's? — Zeder Direktor ist ein Tyrann! Peter, 's ist wahr, unser Direktor, der Herr Grismann, ist ein tüchtiger Mann — s'Gschäft hat er im klein' Finger! Mathis. Wann er's im klein' Finger hat, was strengt er denn hernach unsere Händ' so an? Peter. Daß er von uns verlangt, daß wir für unfern Lohn auch was arbeiten, darüber wird sich keiner aufhalten! Mathis. Ich schon! Peter. Aber daß er uns g'rad nur so als Arbeitskräfte behandelt, auf alle andern Verhältniß ka Rücksicht nimmt — kein Erbarmen kennt — Mathis. Das ist halt jetzt so, scitdem's in allen Fabriken so viel' Maschinen haben! Die Maschinen arbeiten wie die Menschen, und die Menschen werden wie die Maschi- 3 ncn behandelt! Ich komm' mir schon selber so vor, als wenn ich nicht viel mehr war' als so a klan's Locomotiverl! Franz (lachend). Aha! d'rum hast wohl auch öfter ein' klein' Dampf! Ha, ha, ha! Die übrigen Arbeiter (lachen mit). Peter (gegen die sich eben öffnende Thür des Wohnhauses sehend). Lvtill! — Still! — der Herr Direktor! Zweite Scene. Vorige. Grismann. Grismann (ein ältlicher Mann mit etwas gebeugter Haltung, auf dem Kopfe eine etwas vernachlässigte röthliche Perrücke, unter welcher seine grauen Haare hervorstchen, eine Feder hinter dem Ohre, mehrere Papierrollen unter dem Arme, tritt ans der Thür des Wohnhauses). Die Arbeiter (ziehen ihre Mützen ab). Grism. (erwiedert die Grüße nur mit einem leichten Kopfnicken, blickt dann zurück nach der Uhr und sieht hieraus die Arbeiter strenge und vorwurfsvoll an.) Franz. Ja, ja, Herr Direktor! Wir geh'n schon wieder an die Arbeit! (Geht mit den übrigen Arbeitern, außer Mathis und Peter, in das Gebäude rechts ab.) Peter und Mathis (gehen auch mehr nach dem Hintergründe, verweilen aber dort, leise mit einander sprechend). Grism. (ist ganz in den Vordergrund gekommen, für sich)- Ha! Respekt haben Sie vor mir! Nur eines Blickes bedars's und sie thun, was ich will! So weit Hab' ich's gebracht — (mit Stolz) ich! — Ja, Diri- giren! das ist eine Kunst, die nicht Jeder Weg hat! (Will sich an den Gartentisch setzen, erblickt aber Peter und Mathis, laut zu diesen:) Nun? — was steht Ihr noch da? — Warum noch nicht an der Arbeit? Peter (zu ihm vorwärtskommend, und verlegen seine Mütze in der Hand drehend). Herr Direktor: Ich hätt' beut' a große Bitt'. Grism. Nun — was soll's? (Breitet eine der Papierrollen auf dem Tische aus, und betrachtet, ohne Peter anzusehen, die Zeichnung.) Peter. Mein Weib ist schon seit drei Wochen krank! Grism. (ohne aufzusehen, verdrießlich). Da kann der Doctor helfen, nicht ich! Peter. Ich Hab ein' Doctor g'holt, Hab' auch Alles machen lassen, was er verschrieben hat, aber der Herr Direktor werden wissen, wie hoch das kommt, wenn man in der lateinischen Küchel kochen laßt — und d'rum Hab' ich unterthänigst bitten wollen — nur a paar Gulden. Grism. (wie oben) Samstag ist Zahltag ! Peter. Aber wir sein erst im Anfang der Wochen — von der vorigen Wochen ist nichts überblieben! — Herr! a krankes Weib und drei Kinder! Grism. Hab' ich Euch befohlen, daß Ihr heiraten sollt'? — Oder sind euer Weib und eure Kinder hier im Dienste? — Nein! Ihr allein!— Ihr bekömmt euren Lohn pünktlich — aber Vorschüsse geb' ich an Arbeiter nicht! — ist gegen mein Princip — Punctum! (Sieht wieder auf die Zeichnung.) Peter (dringender). Herr Direct - Grism. «auffahrend). Ich spreche nur einmal! — ich! — An die Arbeit! oder ich ziehe Euch die Zeit, die Ihr hier nutz los verplaudert, vom Lohne ab! (Wendet sich ab, vor sich hinmurrend.) Ewige Bettelei! Peter (tritt zurück, leise zu Mathis). Ich muß heut' noch Geld haben! (Sich einen Rand nehmend.) Ich probir's beim Herrn von Gütlich! (Geht rasch in das Wohnhaus ab.) Mathis (für sich). Ich brauchet heut' auch a paar Gulden — 'S ist a Gartenfest »beimSchwan'«, wo'sfidel hergeht! Aber ich werd's anders anpacken! ich kenn' mein' Mann! (Wie vor sich hinsprechend, aber absichtlich laut.) Ja, ja! — so geht's! Grism. (sich umsehend). Wer spricht da noch? Mathis (sehr unterwürfig). O — bilt' tausendmal um Verzeihung, daß ich g'redt 4 Hab'! — ich weiß, hier im Haus hat eigentlich Niemand was z'reden, als Sie, Herr Direktor! — Aber nach der Bettlerei von mein' Kameraden hat's mir halt das: »Ja, ja, so geht's!« so heransg'rissen! — Ich Hab'nämlich sagen wollen: »So geht's, wenn d'Leut' so unvorsichtig sein, z'heiraten.« Grism. Da habt Ihr Recht. Mathis. Heiraten! bei der Theueruug, die eigentlich jede christliche Handlung unmöglich macht. Grism. Was soll das heißen? Mathis. Na ja, wie kann man denn christlich handeln, wenn Alles a Heidengeld kost'! — Ich weiß,was ich ausgeb', und ich steh' doch allein. Grism. Na — Ihr könnt' auch manchmal nickt allein sichen! — Ihr trinkt! Mathis. Das thu' ich aus purer Frömmigkeit! — Mir ist schon in der Schul' g'sagt worden: »Der Mensch soll öfter bei sich selbst einkehreu!« — Man kann aber doch nirgends einkehren, wo nicht a Bier oder a Wein z'finden ist, also muß ich, um bei mir selbst einkehren z'können, mich frü- her mit dem versehen, was mich in mich selbst bineinlockt. Grism. Nun, manchmal ein Gläschen, dagegen sag' ich nichts — aber Ihr kennt kein Maß — dann stänkert Ihr — Ihr beleidigt die anständigsten Leute — Mathis. Bloß fehlerhafte Orthographie! — So lang' ich durstig bin, kenn' ich kein Punctum, und wenn ich a bißl auf Hab', kein Unterscheidungszeichen. Grism. Ernsthaft. —Ihr müßt Euch ändern. Mathis. Aber deswegen trink' ick ja! Denn wie ich a paar Glas unten Hab', bin ich gleich ein andrcrMensch! — Schaun's, Herr Direktor! was liegt an so ein bißl Weinrausch? — Der vergeht über Nacht! Aber wenn ich in ein' Liebesrausch verfallet — an's Heiraten denket — Grism. (auffahrend). Warum nicht gar! Mathis. Nit wahr? So ein Liebcs- rausch für irgend ein'Backfisch zieht ein' hernach ein' Katzenjammer zu, gegen den kein Häring hilft! - Aber im Weinrausch denk' ich nur dran, wie gut als 's ist, daß ich ka Weib Hab', die mich auszanken, keine Kinder, denen ich ein böses Beispiel geben könnt' — das ist etwas ungemein Beruhigendes! — Und dann seh' ich erst ein, wie reckt Sie haben, daß's ein' Jeden vom Heiraten abrathen, und da trink' ich halt hernach noch auf Ihr' G'sundheit ein Glasl nm's andre. Grism. (etwas geschmeichelt). So? so? thut Ihr das? Mathis. Na versteht sich! — alle Tag! Aber (Grismann bedauernd ansehend) mir ist recht leid um Ihnen. Grism. Leid? — wie so? Mathis. Ich fürcht'. Sie werden sich morgen nicht recht wohl fühlen. Grism. Warum? Mathis. Na, weil ich heut' ganz außer Stand' bin, für Ihre Gesundheit etwas zu thun. Grism. (ärgerlich, aber doch zum Lächeln gezwungen). Aha! schon wieder Ebbe in eurem Geldbeutel. Mathis. Eine solche Ebbe wie im ro- then Meer zur Zeit des großen Judendurchmarsches. Grism. (für sich). Der Kerl macht mir Spaß! (Zieht aus seinem Westentäschchen Geld und reicht es ihm abgewandt.) Na! da ist etwas Flut! — Trinkt auf meine Gesundheit! Mathis (hastig nach dem Gelde langend) Ich küß' die - Grism. (rasch und wieder mürrisch). Aber das geb' ich Euch aus meinem Eigenen, nicht aus der Casse. Mathis. Also nicht zurückzuzahlen ! (Sich verneigend.) Ich werde Ihren Befehlechpünct- lich Nachkommen. Grism. Aber jetzt an die Arbeit. Mathis. Im Augenblick'! —Wer würd' denn für so ein' Director nicht Alles thun! (Abgehend, für sich.) Hab' ihm doch was raus- bratelt! — Ja, behandeln muß man seine Leut' können! (Ab in s Atelier.) 5 Grisin. »ihm nachsehend). Ist im Grund' ein Schlingel, aber sein Hnmor ist mir doch lieber als der ewige Familienjammer der Andern. Dritte Scene. Grismann. Gütlich. Peter. Gütlich (im Morgenanzuge, ein gesticktes Käppchen aus dem Kopse, eine Mcerschaumpseife im Munde tritt mit Peter aus dem Wohnhausc, zu diesem). Na, bringt's jetzt das Geld nur eurem Weib z'haus — ich lass' ihr baldige Besserung wünschen. Peter (Gütlich's Hand küssend). Vergelt's Gott tausendmal! Ich werde gleich wieder da sein, und 's Versäumte g'wiß ein- bringen! (Eilt nach links ab.) Grism. (erstaunt). Wie, Herr von Gütlich, der Arbeiter war bei Jbnen? Gütlich (vorwärtskommend). 3a, ich Hab' ihm ein' Vorschuß von zwanzig Gulden geben. —Schreiben Sie's ein, und ziehen's ihm's halt in kleinen Raten von sein' Wochenlohn ab. Grism. (mühsam seinen Unwillen verbergend). So? so? Sie haben ihm den Vorschuß gegeben, und ich — ich soll die Abzüge machen? — Ich bitte, mit dem Geschäfte meinen Nachfolger zu betrauen. Gütlich (ihn erstaunend ansehend). Ihren Nachfolger? — Ja, wie soll ich denn das verstehen? Grism. Daß ich von heute an auf die Ehre verzichte, Ihrem Institute vorzustehen. Gütlich. Was fallt Ihnen ein? — warum denn? Grism. Weil ich nicht Direktor bleiben kann, wenn der Eigentümer selbst mich vor den Arbeitern blamirt. Gütlich. Blamirt?— Ja, wann hätt' ick denn das getan? Grism. Eben jetzt! Ich hatte den Mann mit seinem Gesuche abgewiesen — aus Grundsatz, weil Dorschubgeben nur liederliche Arbeiter zieht! Sie aber, Sie geben ihm das Geld! — Bin ich dann noch Direktor? — Nein, ich bin dann nichts, als der Wauwau, den die Leute hinter seinem Rücken auslachen! Und eine solche Rolle spiel' ich nicht — ich nicht! — Ich kann ja gehen! — was liegt an mir? Gütlich (ernst). Herr Grismann! Sie wissen recht gut, wie viel mir an Ihnen liegt! Sie sein ein Geschäftsleiter, wie's wenige gibt — versteh'» Alles, sein immer thätig — von unerschütterlicher Ehrlichkeit, wegen dieser Eigenschaften lass' ich mir auch manche Eigenheiten g'fallen, und Hab' Ihnen in Allem und Jedem unbeschränkte Vollmacht 'geben.—Sie können Alles nach Ihrem Kopf thun, erlaubens dafür aber auch mir, manchmal nach mein'Herz z'han- deln. Grism. Alle Achtung vor Ihrem Herr- zcn, aber dieß soll sich nicht ins Geschäft mengen. Gütlich. Aber bedenkeu's nur, der Mann hat a krank's Weib und drei Kinder! Vierte Scene. Vorige. Rudolf Berwald. Rudolf (ein junger Mann mit etwas abgehärmtem Gesichte, in einem netten, aber bereits stark abgetragenen Anzuge, tritt, eine Mappe uuter dem Arme tragend, durch das Gitterthor links ein, bleibt aber anfänglich, erwartend, mehr im Hintergründe stehen). Grism. (ohne Rudolf zu bemerken, zu Gütlich). Das ist's ja eben! Dieß beweist wieder, daß ich Recht habe, wenn ich sage: Nur keine verheirateten Leute aufnchmen, uud jeden, der heiraten will, sogleich entlassen. Gütlich. Aber schau'ns, das kommt mir doch zu hart vor. Grism. Ei was! Ein Vorstand muß deu Vortheil des Ganzen im Auge habe», und nicht die Passionen jedes Einzelnen! — Rechnen Sie einmal nach, welchen Schaden Ihre Casse schon durch die verheirateten Arbeiter gelitten! Dem einen ist ein Kind krank, er ist träge bei der Arbeit, aber kann man ihm etwas sagen? Er hat ja die ganze Nacht bei dem armen Kleinen wachen müssen! Einem andern wird ein Kind geboren, wer wird zum Pathen gebeten? — Natürlich! der Herr Principal! der muß sich einstellen! — Ein dritter von den Ehekrüppeln stirbt — jetzt kömmt die Witwe mit einem halben Dutzend Kinder, und heult, daß sie den Ernährer verloren! — Was bleibt übrig? Man muß sie unterstützen. Gütlich. Na ja, Sie haben in mancher Beziehung Recht- Grism. Ich habe immer Recht — ich! — (murrend) wenn's auch gerade die Leute, für deren Vortheil ich denke und sorge, nicht einschen wollen! Gütlich (ihm seine Hand hinhaltend). Na! lassen's uns Frieden schließen. Ich werd' kein' Vorschuß mehr geben, wenn Sie nicht d'rauf antragen. Grism. Und keinen Verheirateten mehr ausnehmen? Gütlich. Das Recht, die Leut' aufz'neh- men oder zu entlassen, Hab' ich ja ohnehin Ihnen allein übertragen. Grism. Und das muß mir auch bleiben! (Erblickt den am Eingänge stehenden Rudolf.) Wer steht denn dort? Rud. (tritt, den Hut abziehend, vor). Grism. (zu Rudolf). Was steht zu Diensten? Rud. (sich verneigend). Ich selbst! Grism. (ihn vom Kopfe bis zu den Fußen messend). So? — wollen bei uns Beschäftigung? — Zn welcher Eigenschaft? Rud. Ich bin Lithograph, und schmeichle mir in jeder Art Steinzeichnung allen Anforderungen entsprechen zu können. Gütlich (leise zu Grismann). Der kommt ja g'rad wie g'rufen! — Sie haben gestern unfern ersten Zeichner entlassen — Grism. (leise zu Gütlich). Ja! — 's ist mir leid um ihn, aber der Mensch fing an sich zu übernehmen! Gütlich (leise, aus Rudolf blickend). Und der junge Mensch g'fallet mir. Grism. (leise, etwas ärgerlich). Ah pah! der Mensch geht mich nichts an! — Seine Arbeit muß mir gefallen! — Ueberhaupt muß man ihm nicht merken lassen, daß wir ihn brauchen! (Laut zu Rudolf.) Haben Sie Proben bei sich? Rud. Wenn Sie davon Einsicht nehmen wollen — hier! (Ncbergibtihm seine Mappe.) Grism. Lassen Sie sehen! (Nimmt die Mappe, geht damit zu dein Tische, öffnet sie und setzt dann seine Brille auf). Gütlich, (ist ihm gefolgt, nimmt das erste Blatt aus der Mappe, es besehend, laut). Ah! das ist ja prächtig! Grism. (leise zu Gütlich). Sprechen Sic doch nicht so laut! — Je mehr Sie die Arbeit loben, um so mehr Lohn fordert er! (Besieht das Blatt, leise.) Hm! 's wirklich gar nicht übel. Gütlich (leise). Jedenfalls ersetzt er uns den bisherigen Zeichner. Grism. (leise). Davon muß ich mich erst überzeugen! — ich! (Nimmt ein anderes Blatt und besieht es.) Gütlich (sieht ihm über die Schulter, bewundernd und unwillkürlich laut ausrusend). Ach! die Blumen! wie zart! Grism (wieder ärgerlich leise). Wenn Sie nicht ruhig sind, so weise ich den Menschen ohne Weiters ab. — Sie verderben mir ihn ja gleich im ersten Augenblicke! — So junges Künstlervolk muß ganz anders behandelt werden! l Noch andere Blätter ans der Mappe ziehend, für sich.) Aber, hol' mich der Teufel! Der kann wirklich etwas! Aber jetzt nur schlau! (Absichtlich sich so stellend, als ob er nicht vollkommen zufrieden wäre, den Kopf schüttelnd und vor sich hinmurrend.) Hm! hm! hm! Rud. (welcherfortwährend ängstlich auf Grismann und Gütlich gesehen, für sich). Dem Herren scheinen meine Arbeiten zu gefallen, doch dieser — (aus Grismann sehend) was bedeutet dieses Kopfschütteln? — Mein Gott! lass' mich nicht auch den heutigen Schritt umsonst gethan haben! 7 Grism. (tritt zu Rudolf, laut). Na! Sie haben etwas gelernt. — Haben Sic bisher für sich allein gearbeitet, oder waren Sic schon in einem artistischen Institute angc- stellt? R u d. Ja, in der Kunstanstalt des Herrn Felsheim. Grism. (spöttisch lachend). Ha ha ha! bei Felsheim! der vor einigen Monaten fallirte. Rud. (warm werdend). Ja — er ging zu Grunde, weil sein redliches Streben zn wenig Unterstützung fand. Grism. Redliches Streben! ja, mit diesem Worte wollen gewisse Leute ihr planloses Erperimentiren entschuldigen. Der Herr Fclsheim wollte immer nur erfinden, molestirte sogar den Staat mit seinen Projekten! ha ha ha! wollte, glaub' ich, die Mondbewohner photographiren, und einen Telegraphen ansstellen, welcher die Antwort noch früher bringen sollte, ehe noch die Frage gestellt wäre. — Jetzt hat er's. Mit einigen hunderttausend Gulden fing er an, und jetzt — (bläst über die flache Hand) htti! Rud. Er hat sein Vermögen geopfert, um die Kunst zu fördern. Ich dächte, dafür verdiente er wenigstens, daß seinName nicht mit Spott genannt werde. Grism. (ihn beleidigt ansehend). Ich glaube gar, Sie wollen mich Hofmeistern? Rud. Ich nehme mich nur um meinen Lehrer an. — Ihm allein verdanke ich, was ich kann. Grism. Vergessen Sie aber nicht, daß Sie jetzt vor einem Mann stehen, von dem Sie noch viel — sehr viel lernen können und müssen, wenn Sie überhaupt bet^uns placirt werden wollen. Rud. (hoffnungsvoll rasch). Sie wollen mich also aufnehmen? Gütlich (freundlich). Na, versteht sich. Grism. (rasch einfallend) Das heißt: ich werde sehen! (Mürrisch.) Wie viel hatten Sie denn bei Felsheim? Rud. Einen Monatsgehalt von hundert Gulden. Grism. (laut auslachcnd). Hundert Gulden! ha ha ha! Gütlich (leise zu Grismann). Aber, schaun's — ich denket doch- Grism. (zu Gütlich). Aber so lassen Sic mich doch! (Laut zu Rudolf.) Hundert Gulden einem Zeichner! Ja, so kann einer zahlen, der aufs zu Grunde gehen losarbcitet. Wir zahlen weniger, aber sicher. Rud. Herr Direktor! Ich bin nicht bloß Zeichner, ick verstehe auch das Maschinenwesen — die chemische Farbenbereitung — Grism. Aha! so ein Tausendkünstler! Damit empfehlen Sie sich bei mir wenig! Wer Alles angreift, umfaßt nichts ganz. Ich engagire Sie als Zeichner, fürs Andere sind Andere da. — Wenn Sie mit sechzig Gulden zufrieden sind- Rud. (bittend). Herr Direktor —! Gütlich (leise zu Grismann). So gehn's, legen wir ihm ein bissel zu! Grism. (leise zu Gütlich). Ick nicht! (Eindringlicher, leise.) Sehen Sie denn nicht, daß ich ihn um den Preis auch bekomme! (Laut zu Rudolf.) Ich lasse nie mit mir handeln! — Ich rede nur einmal! ich — Wollen Sie? gut! Wollen Sie nicht, auch gut! Ich bin nicht in Verlegenheit! Habe schon Andere in Vormerkung! ha ha! geht doch eine Kunstanstalt nach der andern zn Grunde! die Straßen wimmeln von erwerblosen Künstlern! — Also — wie ist's? Nehmen Sie an? Rud. (seufzend). Ich muß wohl! Grism. (triumphirend leise zu Gütlich). Na, sehn Sie! (Laut zu Rudolf.) Noch Eins! Sie sind doch nicht verheiratet? — Doch dazu sind Sie noch zu jung. — Aber haben Sie vielleicht die Absicht —? Rud. (ausweichend). Nein, diese Absicht habe ich nicht. Grism. Nun, dieß beweist, daß Sie ein vernünftiger Mensch sind. Sich verlieben ist mitunter für junge Leute ein Bedürf- niß, aber heiraten ist jedenfalls ein Luxus! Nun kommen Sie in's Atelier. Sie 8 müssen unter meinen Augen etwas auf Stein zeichnen! Rud. Ich bin bereit! Gri sM. (auf die Thür des Ateliers weisend) Nur voran! Ich komme gleich nach. Rud. (ab in's Atelier). Grism. (zu Gütlich). Nun — was habe ich gesagt? Wieder ein Ersparniß von monatlichen vierzig Gulden! Ja, ich versteh's mir meine Leute zu kaufen! ich! (Ab in s Atelier.) Gütlich (allein). Der Mann spart immer für mich — selbst gegen mein' Willen! 's thut mir ordentlich 's Herz weh, wenn ich das Abzwacken mit anseh'n muß! Aber ich werd' schon schauen, daß ich's dem jungen Menschen noch aufbesser'! — Na ja — sechzig Gulden! So viel braucht in jetziger Zeit beinah' der Paperl von meiner Tochter, wenn er standesmäßig leben will! (Geht auch ins Atelier ab.) Fünfte Scene. Felir Stoppler (in einem coketten Reiseanzuge tritt durch das Gitterthor ein). Lied. Fclir Stoppler — also heiß' ich Und in Weingeschäften reis' ich, Und wer das thut, der beweist, Daß er handelt stets mit Geist! Muß auch seh n auf Etiquette, Immer propre, immer nett! Denn man ist auch dann und wann ' So ein bischen Don Juan! Mein Beruf ist's ja einmal. Daß ich koste überall, Wenn ich komm' an einen Ort, Jede Gattung — jede Sort' Und nur das Beste— das such'ich mir aus. Ne hm' es aufs eigene Lager nach Haus! Will noch schäumen — überfluten! Oft zu viel auch thun des Guten, Bin ja noch ein led'ger Mann, Der, gleich Most, noch gähren kann! Sprudeln noch voll Witz und Spaß, Offen steht ja noch das Faß! Hab' ich einmal ausgctobt, Mich als fert'ger Wein erprobt, Dann kommt auch für mich die Stund', Wo geschloffen wird der Spund, Daß ich mich für lange Jahr' Halte als solide Waar'. D' Eh' heißt das Faß — ja, wer da will hinein, Der darf vor Allem kein Heuriger sein! Wenn man so wie ich viel mit Menschen und viel mit Wein zu thun hat, so muß einem die ungeheure Aehnlichkeit zwischen beiden in die Augen fallen! In seiner Kindheit gleicht der Mensch dem fnschge- preßten Traubensaft, er ist recht lieblich, aber noch unklar — man weiß noch nicht, wie er sich später machen wird, d'rum wird der Most in das Faß und der junge Mensch in die Schul' gethan, damit sich die unreinen Stoffe ausscheiden; darauf müssen beide recht arbeiten, wenn aus ihnen was werden soll, und erst mit den Jahren entwickelt sich bei beiden der eigentliche Geist, nach welchem sie geschätzt werden! — Bei verheirateten Frauen stellt sich die Aehnlich- keit wieder in anderer Beziehung heraus; diese sein wie der Wein im Faß, der sich zu derselben Zeit trübt, wenn die jungen Reben im Weingarten zum Blühen anfangen, denn die Frauen werden auch meistens zu der Zeit trüb gestimmt, wenn ihr jüngerer Nachwuchs die Blüthezeit erreicht hat! — Aber das Gleichniß fangt etwas zu hinken an, wenn man es auch auf die Mädeln ausdehnen wollt', denn der Wein wird immer mehr gesucht, je älter als er ist; wie froh wären die Madeln, wenn das bei ihnen auch der Fall wär'! — Aber diese gleichen dem italienischen Wein: unendlich süß, unendlich feurig, aber man muß sie noch jung an Mann zu bringen suchen, denn sie halten sich nicht! — Darum kann nur ein 9 tüchtiger Wejnkemler eine rechte Mischung der Weine, und nur ein großer Menschenkenner eine glückliche Eheverbindung zu Stande bringen! Aber die meisten Aeltern sein wie gewisse Wirth', sie pantschen oft zweierlei Weine zusammen, die sich gar nicht mit einander vertragen können; und wenn dann ein recht krampensaurer Darmreißer d'raus worden ist dann bringt der Einschlag, den sie später geben wollen, nur die Wirkung hervor, daß das Ganze einen unerträglichen Schwefel-Bei- und Höllen« Vorgeschmack kriegt! — Aus dem Grund will ich nichts wissen von sogenannten Vernunftheiraten! Es gibt nur eine Vernunftheirat, und die ist: wenn man aus Lieb' Heirat! — Und das will ich thun! — Meine kleine Cousin', die Flora, war schon vor vier Jahren wahnsinnig in mich verliebt — ich nicht minder wahnsinnig in sie, und wie eine doppelte Verneinung eine Bejahung ist, so ist dieser doppelte Wahnsinn die höchste Vernunft! — Mein erster Weg nach meiner Ankunft war hieher! — Sollte sie nicht in Folge eines gewissen magnetischen Rapports eine Ahnung — (Sieht gegen das Wohnhaus, dessen Thür sich eben öffnet.) Sechste Scene. Felix. Flora. Flora (in eleganter Morgentoilette, tritt eben aus dem Wohnhause). Felix (Flora erblickend). Ha! sie ist's,sie hat meine Nähe gewittert! — Es gibt einen thierischen Magnetismus! (Ihr mit ausgebreiteten Armen entgegeneilend ) Counnerl! — Flora! Florirende Cousine! Flora (säst erschreckt zurückweichcnd). Welche Keckheit! — Wer ist — ? — (ihn erkennend, höchst erfreut) Ah! Vetter! —Felir! (Will ihm um den Hals fallen, beherrscht sich aber, tritt etwas zurück und reicht ihm die Hand.) Herzlich willkommen! Felix. WaS?— Nur die Hand? — Ah! damit komm' ich nicht aus! — Ein herzlich's Busserl! (Will sie wieder umschlingen.) Flora (wieder zurücktreteud und sanft verweisend). Felix —! Felix. Aber was hast denn? — Verlangt man jetzt nicht überall Mündlichkeit? Flora. Und — Öffentlichkeit! — Wir sind aber hier allein! Felir. Das ist ja eben das Höhere! Schau, ein Kuß, den man sich vor allen Leuten gibt, kommt mir vor wie ein ofsi- ciöser Zeitungsartikel; man weiß, daß er im Auftrag verfaßt ist und glaubt nicht recht d'ran! — Aber ein im Geheimen gegebenes Bussel, das tragt, wie ein wahrhaft freisinniges Blatt, den Stempel der inneren Ueberzeugung au sich! — Wir aber haben die innere Ueberzeugung der gegenseitigsten Liebe — also rasch mit diesem Leitartikel unter die Presse! Laß Dich drucken an s Herz! (Mll sie wieder umarmen.) Flora (neckend) Ei! bist Du denn gar so fest überzeugt, daß ich in Dich verliebt sein muß? Felix. Na, das ist doch keine Frag' mehr! Ich Hab' Dich ja schon als Kind gekannt. Flora. Nun ja — damals svielte ich noch mit Puppen und ha ha ha! vielleicht auch mit einem Hannswurst! — Ich war erst vierzehn Jahre alt, als Du fortreis'test. Felix. Weil mein Vater wollen hat, daß ich mich zu mein' Beruf, nämlich zur Uebernahme seiner großen Weinhandlung, dadurch vorbereit', daß ich die verschiedenen deutschen Ausländer bereise. — Flora. Seit dem sind aber (bedeutungsvoll) beinahe vier Jahre vergangen! Felix. Macht nichts! Wir sind einmal >mit beiderseitiger väterlicher Zustimmung Brautlent' — Flora. Ja, das ist so ein Projcct, wel- ches aber unsere Väter nur in der Voraussetzung machten, daß wir, mehr hcrangereift, 10 noch gegenseitig Gefallen an einander finden würden. Felir. Aber das ist ja der Fall! Tu g fällst mir jetzt noch zehnmal mehr denn Du bist auch zehnmal schöner worden! Flora (bescheiden einen Knix machend). O, das Compliment kann ich nicht annehmen! Felir. Warum nicht? Flora (muthwillig). Weil ich überhaupt nichts annehme, was ich nicht crwie- dcrn kann! Felir. Ha ha ha! Spitzbübin! — Du willst mich sekiren, willst mich glauben machen, daß Du find'st, ich hätt' mich zu mein' Nachtheil verändert! (Mit Eitelkeit.) Das kann gar nicht deine wahre Ansicht sein! Flora. Es kann nicht? — Du thust ungeheuer sicher! Felir. Diese Sicherheit geben mir mein Selbstgefühl — mein' Spiegel — und hä hä hä! meine Erfahrungen! Flora (gereizt). Deine Erfahrungen? (Gedehnt.) So?! Felir. Was kann ich dafür, daß in allen Städten, Stadtln, Marktflecken und Ortschaften die Frauen und Mädeln alle, wenn's mich nur g'sehen haben, gleich ganz weg waren? »Ah, der schöne Weinrcisende!« — heißt's da—»O, der fesche Wiener!« hat's dort g'heißen, wenn ich ankommen bin, und rothgeweinte Augen und waschelnassc Sacktücheln hat's geben, wenn ich wieder sortg'reist bin. — Ich komm' mir vor wie eine männliche Medea, wie die ihren Weg mit zerrissenen Kindern, so Hab' ich meinen Weg mit zerrissenen Herzen bezeichnet! Flora (wie oben). Nun, so kehr' zurück auf dein Schlachtfeld und heile die Wunden, die Tu geschlagen — mein Herz ist Gott sei Dank! noch ganz! (Wendet sich schmollend ab.) Felir. Du behandelst mich sehr kalt. — Aber das ist ein gutes Zeichen. Flora. So? — meinst Du? Felir. Ja; denn wenn man den Champagner einmal in's Eis stellt, ist's ein Zeichen, daß man Lust hat, ihn bald zu trinken! Flora. Du — ein Champagner? — Nun ja, der ist ja vom Hause aus eine etwas leichte Sorte! Felir. Aber so cultivirt und präparirt, daß er, gleich den Weinen edelster Herkunft, selbst zu den vornehmsten Tafeln Zutritt hat — ein Liebling der Damen wird, und ihnen die Köpferln wirklich macht! — Und so — ha ha ha! so wird's Dir auch geh'n. Für deine jetzige Kälte werd' ich mich edel rächen — ich werd' Dir noch curios warm machen! Flora (für sich). Nun warte! — Dafür, daß Du Dich für gar so unwiderstehlich hältst, sollst Du von mir etwas gepeinigt werden. Siebente Scene. Vorige. Gütlich. Grisman. Rudolf (kommen aus dem Atelier). Gütlich (ein Blatt Papier in der Hand tragend, vergnügt zu Rudolf). Jch hab'g'nng g'sehen. Sie sein der Mann, den wir brauchen! Ich gratulir' mir selber zu der Akquisition. Grism. (leise zu Gütlich). Loben Sie ihn doch nicht gar so über den grünen Klee. Gütlich (ganz begeistert). Ja — Über'n grün' Klee! Denn so ein Künstler ist, wie ein vier blättriger Klee, selten z'finden und (Rudolfs Hand drückend) bringt Glück in's Haus! — Na — schaun's jetzt nur nicht mehr so traurig d'rein. — Ang'stellt sein's und was die Bezahlung betrifft — Grism. So werde ich sehen, was sich in Zukunft noch thun läßt! — ich! denn darüber habe ich allein zu entscheiden. Gütlich. Na ja — schon recht! (Für sich ) Gar nichts laßt er mir zukommen. (Zu Rudolf heimlich.) Aber wir werd'ns schon machen! (Spricht leise mit Rudolf fort.) II Flora (Rudolf in s Auge fassend und sich absichtlich entzückt stellend, leise zu Felix). Welch' interessante Erscheinung! Felir (Rudolf durch die Lorgnette betrachtend). Int'reffant?! — Sieht aus wie der unsterbliche Theil eines Härings. Flora (leise zu Felix). Ein Künstler, bat der Vater gesagt. — Ach, — ich sckwärme für Künstler!— (Tritt vor, laut zu Gütlich:) Papa! Gütlich (wendet sich um, nun erst Flora bemerkend). Ab, Du bist da? und — (auch Felix sehend, erfreut) mein Gott! was fth' ick! — Der Detter Felir! (Eilt auf ihn zu.) Du, wieder z'ruck! — Grüß' Dich Gott tausendmal! (Umarmt und küßt ihn, dann zu Flora.) Aber warum hast Du mich nicht gleich g'rnfeu? Flora (zu Gütlich). Ich werdeDich doch nicht so eines Detters wegen von wichtigeren Geschäften abzichen! (Etwas leiser, doch absichtlich so, daß es Felix hören muß.) Du hast, wie ick sehe, einen neuen Zeichner ausgenommen? Gütlich. Ja, eine wahre Perl'für mein Institut! (Rudolf vorstellend.). Herr Rudolf Berwald — ein ausgezeichneter Zeichner! (Ihr das Blatt hinhaltend.) Da schau' mir, in ein paar Minuten hat er das nur so hing'worfen. Flora (besieht das Blatt). Ah, das ist ja wunderschön! (Zu Felix.) Da sieh' nur, wenn Du auch so etwas könntest? Gütlich (auf Rudolf weisend). O! er kann noch viel mehr — er ist zugleich Mechaniker, hat's gleich herausg'habt, wo's bei der großen Press' fehlt, dann hat er eine ganz neue Bereitung der Druckerfarben angegeben. Grism. (verstimmt). Hm! — will ein Uuiversal-Genie sein! Flora (leise zu Gütlich und Felix). Inder That, in seinem ganzen Neußern spricht sich etwas Geniales aus! Felir (leist, verächtlich). Hm! ein aus- g'hungert's G'sicht und ein fadenscheiniger Flaus. — Das nennt man gleich geniales Aussehen! Gütlich (leise, aber ernst zu Felix). Wenn ein junger Mensch wie er trotz Talenr und Fleiß froh sein muß, täglich zwei Gulden z' verdienen, kann er sich freilich nicht nach'm Mode-Journal anziehen! Flora (leise zu Gütlich). Was sagst Du, täglich nur zwei Gulden? Gütlich (achselzuckend, leist). Der Herr Grismann hat so init ihm abgeschlossen. I ch gebet ihm mit Freuden das Doppelte. Flora (leise). Und das sollst Dn auch. Gütlich (leise). Aber der Herr Grismann — Flora (leise). Hat nur im Gesch ä s te zu bestimmen, in unserm Hause nicht und Herr Berwald soll auch da Beschäftigung finden. Felir (unangenehm überrascht). Was? Flora. Ja, ich habe Lust, meinen Zeichen-Unterricht wieder aufzunehmen! Felir. Was fallt Dir ein? — Jetzt, wo ich wieder da bin, Dir meine ganze Zeit widmen will! Flora. Eben deshalb muß ich mich doch wenigstens eine Stunde des Tages mit etwas Vernünftigem beschäftigen! (Zu Gütlich.) Und wenn Herr Berwald mein Zei- chcnmeister sein will — Gütlich (freudig auf die Idee eingehend, leise zu Flora). Meiner Seel', das ist ein g'scheiter Einfall. Ha ha! Da kann ich dem bockbeinigen Herrn Grismann doch ein' klein' Streich spielen. (Laut zu Rudolf.) Sie, Herr Berwald, — kommen's her! Rud. (zu Gütlich tretend), ^vie befehlen? Gütlich. Meine Tochter, wie Sie's da sehen, ist auch eine angehende Künstlerin. Flora (lächelnd). Die aber noch gar nicht angeht. Gütlich. Sie möcht' gern noch mehr lernen und wenn Sic also, außer den Arbeitsstunden in der Anstalt, noch täglich eine Stund' für ihren Unterricht verwenden wollten — Rud. O, mit Freuden! Gütlich. Versteht sich, nicht umsonst / 12 — ich geb' Ihnen dafür außer Ihrem Gehalt noch ertra monatlich sechzig Gulden. R n d. (hoch erfreut). Wie? — Herr von Gütlich! Grism. (zu Gütlich). Was fällt Ihnen ein? Sechzig Gulden für einen Zeichenlehrer! Gütlich (aufbegehrend). Herr Grismann, das geht meinePrivat-Chatonlle an — und da haben Sie sich nicht d'reinz'mengen. Grism. (mit mühsam verhaltenem Zorn). Aber es ist doch — Gütlich. Z'wenig, wollen's sagen?— (Zu Rudolf.) So geh' ich Ihnen achtzig. Grism. (zu Gütlich, leise). Sie werfen das Geld zum Fenster hinaus. Gütlich. Es ist mein Geld und mein Fenster, verstanden! Grism. (leise). Aber — Siesindzugut! Gütlich (überdrüssig leise zu Grismann). Sie! wann's mich bös machen, werd' ich erst recht gut — (laut zu Rudolf) und geb' Ihnen hundert Gulden. Rnd. O, das ist zu viel, zu viel! Gütlich (leise zu Rudolf). Sems still! Ich ersetz' nur das, was Ihnen der alte Pfenningfuchser abdruckt hat. (Lachend für sich.) Ha ha ha! Wie er sich gift'! Aber recht so, nur zu so! (Laut zu Rudolf.) Und weil's für'n Anfang was brauchen werden, um sich a bißl z'arrangiren, so geb'ich Ihnen gleich ein' Monatsgehalt als Vorschuß. (Zieht seine Brieftasche heraus.) Grism. (mit losbrechendrm Grimme). Vorschuß? Das darf nicht auskommen! Gütlich. Im Institut!— recht! — Aber in mein' Haus schieß' ich, was ich will! Punctum. (Zu Rudolf, ihm eine Banknote in die Hand drückend.) Nehmen's nur! nchmen's nur! Rud. (in höchster Freude Gütlich'« Hand an seine Brust drückend). Diese Summe! D, Sie ahnen nicht, welche Wohlthat Sie mir gerade in diesem Augenblick gewähren. Doch, Gott ist mein Zeuge, ich wiü's redlich zu vergelten suchen! Jede Stunde des Tages soll diesem Hause und dessen Aufschwung gewidmet sein! Vor der Hand nehmen Sie meinen innigsten Dank! — sZu Flora.) Fräulein! Ich küsse die Hände! (Thut rs, dann für sich.) Doch nun nach Hause- — nach Hause! (Eilt durch das Gitterthor ab.) Gütlich (vergnügt). Na, wieder einmal ein' Menschen glücklich g'macht! Grism. (ärgerlich). Sagen Sie: »Wieder einen Menschen übermüthig gemacht!« Was soll das Loben und Hätscheln gleich lim Anfänge? Gegen solche Leute muß man mehr das Rauhe nach außen kehren, sonst geht der Respect zum Teufel! Aber bei Ihnen ist wieder einmal der Kopf mit dem Herzen davongerannt. Na! — nur zu so! nur zu! Endlich werden Sie's doch dahin- bringen, daß ich Alles liegen und stehen lasse und gehe! — Heute sag' ich Ihnen das noch — das nächste Mal thu' ich's. Habe die Ehre! (Ab ins Atelier.) Gütlich (beleidigt). Wenn er mir nur nicht immer gleich den Stuhl vor die Thür setzet! — Er laßt mich's recht fühlen, daß er mir unentbehrlich ist! (Wieder heiter.) Aber jetzt nichts mehr vom Geschäft! — Wir haben einen lieben Gast — (Aus Felix weisend.) Flora (sich gleichgilrig stellend). Ja so! — der Vetter Felir ist auch noch da! Felir (verletzt zu Flora). Jawohl! Du verzeihst schon, daß ich auch noch auf der Welt bin! Gütlich (zu Felix). Na, na! wirst doch nicht den Beleidigten spielen! — Verstehst kein' Spaß? Gib lieber meiner Tochter dein' Arm, und führ 's hinauf — wir wollen oben ein kleines Gabelfrühstück einnehmen! Flora (lachend ihren Arm in den Felix' - legend). Ja, ja, komm' zum Frühstück, dabei kannst Du Dich doch auch einnehmend zeigen! (Geht mit Felix in s Wohnhaus ab.) Gütlich (ihnen nachskhend). Ha ha ha! sie ratzt ihn! — Recht so! nur zu so! — Was sich liebt, das — na, wir kennen das ja! Ha ha ha! (Folgt 'ihnen ins Wohnhaus.) 13 Verwandlung. (Eia kleines Zimmer, bescheiden eingerichtet, mit einer Mittel- und einer Seitenthür rechts.) Achte Scene. Netti (allein). Netti (in einem einfachen Rosakleide, ein Flortuch über das gelockte Haupt geschlungen, einen großen Strauß von Kunstblumen in der Hand tragend, tritt durch die Mitte ein). Nichts g'redt — ihn ang'schaut nur, und — g'lacht — Und doch hat's ihn so glücklich g'macht! (Jodlerwie früher.) Ich kann die Welt einmal nur lackend betrachten, und vielleicht g'rathen die Blumen und Kränz', die ich in unserer Blumen- sabrik mach', so gut, weil ich sie lachend der lachenden Natur ablausch'! — Ha ha ha — sie heißen mich deswegen par ex- esllevee die Blumen-Netti — ha ha ha! — Mir auch recht! — aber mir ist's nicht g'nug, wenn ich allein lach', ich möcht', daß d' ganze Welt mit mir lacht! denn die Menschen kommen mir nicht nur besser, sondern auch schöner vor, wann's lachen; am allerschönsten ist's aber, wann Eins nack langen traurigen Tagen zum ersten Mal Wieder lacht, sowie auch d' Sonn' ein'm ! niemals schöner vorkommt, als wenn's d' i Regenwolken z'reißt, und wie a Kind, was >sich versteckt hat, hervorguckt und ruft: »Da j— da!« — So ein' Sonnenschein wollen wir heut' auch in ein lang umwölktes ,G'müth fallen lassen! (Will gegen die 3m Winter, wann der Sturm den Schnee Seitenthür.) Thurmhoch zusamm' thut blasen, Lied. Den Menschen unterscheid't vom Thier Das Eine: »Er kann lachen!« Das Hab' ich aus der Schul' noch mir G'merkt von den vielen Sachen! D'rum weil ich auch zur Menschheit g'hör', Laß ich nie Trauer spüren! Mir kommt All's spaßig vor, und schwer Bin ich durch was zu rühren! Denn Gott hat All's so schön gemacht, Damit der Mensch vom Herzen lacht! (Jodler mit Lachen.) Da muß ich lachen, wenn ich seh' Die vielen rothen Nasen! Und wenn im Frühjahr 's frische Grün Die Bäum' und d' Wiesen treiben, Und selbst die Dornensträucher blühn', Wer könnt'da traurig bleiben? Ich glaub', daß's Freud dem Herrgot macht, Wenn ein'm das Herz im Leib selbst lacht! (Jodler) Wenn oft ein Alter zu mir spricht: »Schatz! darf ich mit Dir gehen?« Ich werd' nicht grob — lach' ihm in's G'sicht, Und laß den Affen stehen! Doch wie mein Conrad mir hat g'sagt: »Ich Hab Dich gern zum Fressen! Sag mir, ob dein Herz für mich schlagt?« Da bin ich still da g'sessen, Neunte Scene. Netti. Bertha. Bertha (in einem einfachen aber reinlichen Hauskleide, tritt eben aus der Seitenthür. Netti erblickend). Ah! Du hier, Blumen-Netti! sei mir herzlich gegrüßt! (Küßt sie.) Mich freut's. Dich wieder einmal zu sehen! Netti. Na, wann's Dich schon so freut, mich zu sehen, so soll's Dich noch mehr fteu'n mich z'hören! Bertha. Bringst Du eine gute Botschaft, (seufzend) dann bist Du ein seltener Gast! Netti (lachend). Bei der Hiobspost hätt'ich mich nicht als Briefträgerin anstcllen lassen! Wenn ich nicht Jemandem eine angenehme Nachricht bringen kann, so bleib' ich lieber 14 z'HauSIAber jetzt (mit komischem Ernste) bitt' ich um eine etwasfeierliche Stimmung! Ich (sich in die Brust werfend) bin Deputation der ganzen Körperschaft der Blumenmacherinnen! Also hört! hört! (Räuspert sich und nimmt eine würdevolle Haltung an.) In Erwägung, daß Du durch eine Reihe von Jahren uns immer eine liebe und gute Camcradin warst, — in Erwägung, daß Tu uns Allen dadurch Ehre gemacht hast, daß Dich ein achtbarer Künstler zu seiner ehcligen Gesponsin erhoben hat, - in Erwägung, daß Du trotz dieser Veränderung deiner Stellung dennoch gegen uns übrige annoch sitzen gebliebene Mädeln keinen Stolz gekannt, sondern unter allen Umständen unsere Freundin geblieben bist; — in der ferneren Erwägung, daß morgen dein glorreicher Namenstag ist, haben wir be- Bertha. Es haben uns schon so viele Hoffnungen fehlgeschlagen! — Das Unglück will nicht weichen! Netti. Was denn »Unglück?!« — Sag'! merkst Du, daß Dich dein Mann nicht mehr so lieb hat, wie früher? Bertha (rasch). Nein! Dem Himmel sei Dank! — Seine Liebe bewährt sich gerade jetzt mit jedem Tage mehr! Netti. Na also! Die Abnahm' der Lieb' — das wär' das einzige Deficit, was fick nicht mehr decken ließ! — Und deine Kinder, die sein doch auch g'sund? Bertha. Gott sei Dank! Netti. Siehst es! schon wieder was, für was Du: »Gott sei Dank!« sagen mußt! — Ich sag's ja, wenn der Mensch nur immer für alles Gute dem Himmel Dank sagen wollt', so bleibet ihm gar keine schloffen, heute Dich und deinen Genial! Zeit mehr, Lber das Neble z'klagen! einzuladen, in unserer Mitte das Gartenfest zu verherrlichen, und in aller und jeder Beziehung unsere Gäste zu sein! So! '— meines Auftrages habe ich mich entledigt, Da — (indem sie ihr den bisher rückwärts gehaltenen Strauß überreicht) hast noch ein von mir eigenhändig fabricirtes Bindband, und — (wieder in ihren früheren heiteren Ton einsallend) jetzt ist's an Dir, mit einem einfachen »Ja« zu antworten! — Nicht wahr? Du machst mir und uns Allen die Freud? (Hält ihr herzlich die Hand hin.) Bertha tgerührt). Nettchen! Du — und Ihr Alle — seid so gut — (Trocknet eine Thräne.) Netti. Um Gotteswillen! Nur nicht weinen! dasag' ich: »Nur ka Wasser uit!« — Sag mir lachend: »Ja — ich bin dabei!« Bertha. Das — sei nicht böse — das kann ich nicht! — Du weißt um unsere gegenwärtigen Verhältnisse — Netti. Was denn? Eine momentane Krisis! in der sein jetzt noch ganz andere Leut'! Das wird sich Alles geben! — Nur d'Hoffnung nicht aufgeben! Bertha. Aber denke nur! — Nun schon seit Monaten kein Verdienst —! Netti. Kein'Verdienst? Arm sein und doch ehrlich bleiben, und doch treu an einander hängen — das ist schon ein Verdienst! Bertha. Ein Verdienst meines Mannes, daß er m i ch's nie fühlen läßt, daß doch ich die Ursache seiner traurigen Lage bin! Netti (erstaunt). Du?! Bertha. Ja! — wäre er ledig, er könnte sich leichter durchbringen! fände er hier keinen Erwerb, so stände ihm die ganze Welt offen! Ach! ich hätte bedenken sollen, daß ein Künstler frei von allen Banden bleiben müsse, hätte um seines Glückes willen seinen Antrag ablehnen müssen! —Aber es machte mich so stolz, daß ein Künstler mir, der armen Handarbeiterin, seine Hand bot — Netti (etwas gekränkt). Und der S t o l z ist's vielleicht auck, der's nickt leid't, daß Du heut' in unserer G'sellsckast — Bertha (rasch, Netti s beide Hände fassend). Nein, nein — muthe mir dieß nicht zu! — Zum Beweise, daß ich gerne, recht gerne in euerer Mitte wäre, will ich Dir Eines ver-^ sprechen! j Netti. Und das ist —? Bertha. Mein Mann ist, wie leider! schon so oft — auch heute ausgegangen, um einen dauernden Erwerb zu suchen! war seinWeg heute nicht vergeblich —dann kann ich der Zukunft wieder ruhiger entgegen sehen, und dann, das verspreche ich Dir, nehm' ich auch eure Einladung an! Netti. Gut, so wart' ich dahier, bis dein Mann- Bertha (horcht gegen die Mit/clthür). Hm! ich höre Schritte auf der Treppe! — er kömmt! (Eilt zur Seitenthür, öffnet sie und ruft hinein.) Mar, Tinchen! — Der Vater kömmt! Zehnte Scene. Vorige. Rudolf. Mar. Tinchen. Rudolf (tritt hastig durch die Mittelthür ein). Mar und Tinchen (Kinder zwischen 4—5 Jahren, eilen gleichzeitig aus der Seitmthür heraus). Vater! Vater! (Eilen zu Rudolf und klammern sich an seine Hände.) Bertha (fliegt an Rudolfs Hals). Gott zum Gruß, Rudolf! Rud. (in sichtbarer freudiger Aufregung, küßt zuerst Bertha). Mein liebes Weibchen! (Hebt dann die Kinder eines nach dem andern empor und küßt sie ebenfalls ) Grüß Euch Gott! Kinder! — Mein Mar! — mein Tinchen! Bertha (fleht Rudolf mit ängstlicher Spannung an, dann Gutes ahnend). Rudolf! — welchen Erfolg —? Doch Du blickst so heiter! — Sprich! — ist es Dir gelungen — ? Rud. (faßt Bertha's Hand und tritt froh bewegt mit ihr vor). 3a! danke mit mir dem Himmel! — er hat aller Noth ein Ende gemacht! Bertha (ebenfalls freudig). Du hast also wieder eine Anstellung — einen Erwerb—? Rud. Einen besseren als jemals! (Zieht seine Brieftasche heraus und gibt sie Bertha.) Da!—nimm! — begleiche unsere kleinen Rückstände — kaufe, was Du und die Kinder nöthig haben — Bertha (hat die Brieftasche geöffnet). So viel Geld —! Netti(klatscht freudig in die Hände).Bravo! bravo! (Lacht laut aus) Ha ha ha! ha ha ha! Rud. (nun erst Netti gewahrend). Ah! Sie hier, liebes Nettchen! — Was reizt Sie so zum Lachen? Netti. Ha ha ha! Verzeihen's! ich — ich muß lachen, weil ich sonst weinen könnt vor Freud' — (zu Bertha voreilend und sie küssend) über Dein Glück! ha ha ha! Was Hab' ich Dir g'sagt? »Nur d' Hoffnung nicht aufgeben!« Der alte Herrgott lebt noch, und laßt sich trotz allen Moleschotte- rern nicht mediatisiren! Ha ha ha! Bertha (zu Netti.) Ich danke Dir herzlich für deine Theilnahme! Netti. Aber jetzt wirst und mußt auch Du theilnehmen — an dem Fest! Ich Hab' dein Wort! Bertha (zu Rudolf). 3a, lieber Rudolf! Nettchen und meine andern Freundinnen haben uns eingcladen, mit ihnen das Gartenfest zu besuchen, welches heute — Rud. (unangenehm berührt). Ein öffentliches Fest? — wir —? Netti. Und 3hre liebe Frau hat für den Fall, daß Sie gute Nachricht bringen, zug'sagt! Das ist so viel als ein Gelübde! Rud. Aber die Kinder —! Netti. Die finden dort Hutschen und Ringelspiel — Mar und Tinchen (freudig in die Hände klatschend). Hutschen! Ringelspiel! (Eilen zu Rudolf und fassen seine Hände.) Vater, bitt'!— bitt'! Netti (zu Rudolf). Können Sie dieser Sturmpetition widersteh'»? Und— (in lau- Niger Weise einen herben Ton anschlagend) Überhaupt! was wollen Sie denn noch reden? — Da bin ich — 3hre Frau — zwei Stück Nachkommenschaft — wir stimmen Alle gegen Sie und der Majorität haben sckon ganz Andere weichen müssen! Rud. (zu Bertha). Jst's denn wirklich dein Wunsch? Bertha (zu Rudolf, leise). Sieh, die Leute sind so gut — haben uns in unserem Unglücke einen heitern Abend bereiten wollen — sollen wir sic jetzt dafür kränken? Rud. (für sich). Mein Gott!—Sie weiß nickt —! — dock dieß Eine'Mal —! (Lautzu Netti.) Nun denn — ich capitulire! Netti (freudig). Victoria! Belgrad ist unser! MarundTincken (hrrumspringend und freudig in die Hände schlagend). Wir gehen! wir gehen! Netti. Aber jetzt kommt nur Alle gleich mit —! Bertha. Gleich mit? — Aber ich muß dock- Netti. Was? vielleicht große Toilett' machen? — Bist ja ohnehin sauber g'nug angezogcn! Ich geh' auch, wie ich da bin! — 's ist ausg'macht, daß wir Alle nur LZa eampaAne erscheinen, sonst gibt's keine Gemüthlichkeit! — Also keine Umständ'! (Eilt in die offen gebliebene Seitenthür, kömmt aber sogleich wieder mit einem Frauenhute und zwei Kinderhütchen, ferner einem leichten Shawl zurück. Zu Bertha) Da — nimm den Hut und 's Umhängtüchel! ich mach' derweil 's Kindsmädel! (Setzt den Kindern die Hütchen auf, zugleich zu Rudolf:) Sie setzen Ihren Hut auf, wcil's Ihren Kopf nimmer aufsetzen dürfen! Rud. Aber diese Hast. Netti. Ah was! 's ist lang g'nug stad gangen, 's ist d'höchste Zeit, daß's einmal lustig vorwärts geht! Komm, Tinnerl! (hebt sie auf den Arm, zu Max) und Du, Kleiner! gib mir d' Hand! — Und jetzt — (commandirend) Habt Acht! — Eolonne! Marsch! (Während sie sich mit den Kindern zum Abgrhen wendet) Ha ha ha! Die Zugend voraus! dann müssen die Alten nach! ha ha ha! (Eilt durch die Mitte ab.) Rud. Mein Gott! sie entführt uns die Kinder! Komm, Bertha! (Folgt Arm in Arm mit Bertha.) Verwandlung. (Theil eines Gartens an einem öffentlichen Be- - lustigungsorte, — der Vordergrund ist vom eigent- i lichen Gartenraume durch eine sich quer über die Bühne ziehende Laubrnwand getrennt, welche nur in der Mitte eine offene Bogenwölbung hat; sowohl durch diese, als durch die Zweige der Schlinggewächse an der Laubwand sieht man in den Garten, welcher bereits beleuchtet ist, während in der Laube eine immer zunehmende Dämmerung , herrscht. Zu beiden Seiten des Vordergrundes steht je ein gedeckter Tisch, und Stühle an demselben. Man hört vom Hintergründe her Musik, eine bunte Menge bewegt sich im Garten.) Eilfte Sceue. Grismann. Felir. Gäste (im Hintergründe). Felix (zieht Grismann am Arme vom Hintergründe in die Laube herein). Grism. Aber was zerren Sie mich denn da herein — in einen Gasthausgarten — Felir. Weil ich mich dahier amüsiren will — allein geht das aber nicht! — ich brauch' ein' Compagnon zu dem G'schäft — Grism Da haben Sie sich an den Unrechten gewendet! Ich — amüsiren! — heute! Ich wünschte lieber Jemanden, der mir Hilst über das ganze Menschengeschlecht losznziehen. Felix. Ueber's ganze Menschen- g'schlecht? Das ist mir zu viel Arbeit, aber über dre Hälfte — noch dazu über die schöne Hälfte war' ich aufgelegt, zu schimpfen wie ein Rohrspatz! Grism. Was? — Sie (spöttisch) der glückliche Bräutigam?! Felir. Ja, so schauen's aus— die glücklichen Bräutigäme! Wenn ich glück- ! lich wär', so wär' ich jetzt nicht an ein' 17 öffentlichen Belustigungsort, sondern suchet mit meiner Braut ein geheimes Platzerl auf! Grism. Nun— warum thun Sie dieß nicht? Felix (höhnend). O, sie hat ja heut' keine Zeit, sich mit mir abzugeben! Sie muß sich wieder im Zeichnen üben, damit sie morgen vor dem neuen Herrn Lehrer keine Sckand aufhebt! Grism. < bitter auflachend). Ha ha! der Zeichner! das Wunderthier! Zwölfte Scene. Vorige. Mathis. Mathis (im Oberrocke, einen etwas zerdrückten Hut schräg auf dem Haupte, ist während der letzten Reden auch vom Hintergründe herein- getreten. auflachend). Ha ha ha! Mir scheint/ denen Herren ist allen zweien die nämliche Fliegen in' Kaffee g'sallen! Grism. Ah — der Mathis! — Ihr auch hier? Mathis. Za— Hab' mir die G'schicht' anschauen wollen—aber ich find', dicG'sell- schaft ist sehr gemischt! Grism. (ihn scheel ansehend). Ja, das finde ich auch! — Aber Ihr mischt Euch nicht nur in die Gesellschaft, sondern auch in ein Gespräch', das Euch nichts angebt! Mathis. Nichts angeht? Der neue Lithograph! — mich nichts angeht?! — Er ist vom ersten Augenblick an mein Chignon! Grism. So? so? — was hat er denn Euch gethan? Mathis. Er hat mir zeigen wollen, wie ich den Stein schleifen soll — und da bat er sich aufg'halten, daß ich a bißl vom Branntwein riech'! — Der Mensch paßt nicht in meine Atmosphäre! Grism. Ja, er mengt sich überhaupt in Alles! Felix. Ein Lithograph, der nur für den Abdruck arbeiten soll, untersteht sich, Eindruck zu machen! Kaiser, Blumen-Nettel. Grism. Ja — er ist jetzt der Hahn im Korbe! — Ueber ihn vergißt der Herr von Gütlich seine alten treuen Diener! Felix. Und das Fräulein Gütlich ihren jungen, möglichst treuen Bräutigam! Grism. Dieses Loben! Dieses Bevorzugen ! — Ich könnte aus der Haut fahren! Mathis. Warten's! Ich fahr' mit! Grism. So ein junger Laffe! Felix. So ein Hungerleider! Mathis. So ein Wassersäufer! Grism. So ein Alles besser verstehen wollender Gelbschnabel! Felix. So ein Habenichts! ! Mathis. Und Binnichts! Grism. So ein Projectenmacher! Felix (firht Grismann an, dann lachend) Na, ich seh' aber, wir fangen schon an uns mit einand' recht gut zu unterhalten! Mathis. Ja, 's ist auch ein bei Weitem hautcrer staut AOÜt, wann man sein' Gift recht Luft machen kann, als wann man Liebesseufzer loslaßt! — Und mir steht heut' just einmal der Hut auf Kra- kehl! Grism. Na, na, seid nur ruhig! Der soll in unserm Haus nicht alt werden! Felix. Hm! wenn er alt wurd', war' er mir weniger g'fährlich! Grism. Aber mir! Und darum warte ich nur auf einen Anlaß, um ibn wieder an die Lust setzen zu können! Felix (aufgeregt). Wollen Sie das? Dann haben's an mir einen Alliirten! Mathis. Ich tauch' auch an! Felix (zu Grismann). Jetzt ist's mir erst nicht leid, daß ich dahergangen bin! (Hängt sich in Grismann's Arm ) Kommen's, prome- niren wir noch eine Viertelstund' im Garten, und dann sein's mein Gast beim Souper! Mathis (den Hut abziehend). Wann's erlauben, werd' ich so frei sein! Grism. Hm! ich bin nicht recht bei Appetit! Felix. Der wirb fick schon einstellen, und bei einem guten Tisch kommen einem 2 18 auch gute Gedanken! (Acht Grismann mit sich durch die Bogenwölbung fort.) Mathis (ihnen folgend). Versteht sich! woher nahm' denn sonst unser Gemeinderath seine famosen Ideen, wann er nicht so viel Banketts gebet! (Ab.) Dreizehnte Scene. Rudolf. Bertha. Ein Kellner. Rudolf (tritt mit Bertha vom Vordergründe links auf). Nettchen ist mit unfern Kleinen in den Kindergarten gegangen, und wir wollen sie hier erwarten! (Spricht mit dem Kellner, welcher ihm gefolgt ) Der Kellner (geht ab, bringt aber bald daraus eine Flasche, Gläser und Speisen, welche er aus den Tisch links stellt, woraus er sich wieder entfernt). Bertha (zu Rudolf). Aber daß Du nun, da wir doch einmal hier sind, Dich so schnell vom eigentlichen Festplatze entfernst. Rud. Hm! ich fühle mich in dem Gedränge nicht behaglich! — Laß uns hier Platz nehmen. Bertha (mit ihm zu dem Tische links gehend und sich setzend). Wie Du willst! — Aber Du scheinst mir überhaupt mit einem Male so ernst. Rud. Ich? — hm! — ich wüßte nicht! — (Für sich.)Erfahren muß sie's — wenn sie nur auf meinen Plan eingeht! Bertha. Gesteh's, es drückt Dich noch eine Sorge, oder es macht Dir etwas deine neue Stellung unangenehm? Rud. Meine neue Stellung? hm! Man muß sich an jedem Orte in irgend etwas Lästiges fügen! Jeder Herr hat seine eigenen, mitunter höchst sonderbaren Ansichten! — Unter andern! — Ich habe Dir doch schon von meinem ehemaligen College» Stromer erzählt? Bertha. Der mit Dir in der Felsheim- schen Anstalt bedienstet war. Rud. Und zugleich mit mir brodlos wurde — auch er hat Weib und Kind — er könnte jetzt in einer Fabrik Unterkommen, hat aber erfahren, daß der Eigenthümer durchaus keinen verheirateten Mann aufnehme! Bertha. Dann ist ihm also diese Aussicht benommen? Rud. Hm! noch nicht so ganz — er will sich eben erst mit seiner Frau besprechen, wenn diese vernünftig ist, so könnte sich noch Alles machen! Bertha (nicht begreifend). Wenn sie vernünftig ist? — Was kann in dem Falle ihre Vernunft? Rud. Nun, sie müßte damit einverstanden sein, daß ihr Mann sich vor dem Fabriksherrn für ledig ausgäbe und selbstverständlich auch späterhin Alles vermeiden, wodurch sein eheliches Dcrhältniß bekannt werden könnte! Bertha (empört). Wie? sie soll damit einverstanden sein, daß ihr Mann sie und ihre Kinder vor der Welt verläugnet? — Und das — das würdest Du vernünftig nennen? Rud. Bedenke nur die gegenwärtige Noth dieser Leute! Bertha (heftiger). Keine Noth kann so groß sein, daß sie einen Frevel rechtfertigt ! Rud. Einen Frevel? Bertha. Ja! seine Liebe verläugnen, ist fast so viel als seinen Glauben ver- läugncn! Ich halt' es für eine Versündigung ! Rud. Aber es wäre ja nur für einige Zeit—bis er einen andern Platz gefunden. Bertha. Darüber können Monate vergehen, und während dieser Zeit soll das Weib den quälenden Gedanken ertragen, daß ihr Mann sich vor aller Welt als frei von allen Banden erklärt, daß vielleicht heiratssüchtige oder leichtsinnige Mädchen nach ihm angeln? Sie, sein vor Gott angetrautes Weib, soll sich nicht an seiner Seite zeigen dürfen, soll ihren Kindern verbieten, ihm, wenn sie ihn zufällig auf der Straße sehen, zuzueilen und ihn »Vater* 19 zu nennen? Ja, sie soll diesen selbst Unterricht in der Liebe geben, und ihnen ein Vorbild in der Kunst der Verstellung sein? — Und dazu will Herr Stromer seine Frau bewegen?! — Nun ist's mir erst lieb, daß ich ihn nicht persönlich kenne, denn er muß ein gesinnungsloser — ein gemeiner Mensch sein. Rud. (im Innersten getroffen, erhebt sich von seinem Sitze). Du bist in deinem Urtheile hart und lieblos! Bertha (ebenfalls aufstehend). Gegen einen Lieblosen! Oder willst Du ihn verteidigen? Rud. (sehr ernst). Ich würde selbst den vertheidigen, der für seine hungernden Kinder das Brod stehlen würde! Der Mann aber, von dem ick spreche, will es redlich verdienen! Bertha timmer heftiger). Es gibt keinen redlichen Verdienst, der mit einem Betrüge anfängt! und es könnte auch kein Glück und kein Segen dabei sein! Rnd. Du sprichst jetzt so, weil wir gesichert sind! Aber denke nur, wenn ich heute nach Hause gekommen wäre, und Dir hätte sagen müssen: »Auch dieser Gang war vergeblich — ich weiß keine Hilfe mehr!« Bertha (feurig). Und wenn Du um deine rechte Hand gekommen und zu jedem Erwerb für immer unfähig geworden wärst, so hätte ich gesagt: »Ich will arbeiten, Tag und Nacht — für fremde Leute — ich will, geht's nicht anders. Holz und Wasser tragen, ja die Straße kehren und nicht jammern, aber (innig flehend) verläugne mich nie — niemals! * Rud. (überwältigt). Mein liebes, gutes Weib! (Zieht sie an seine Brust, dann, sich bekämpfend.) Laß' uns heute nicht mehr von dieser Angelegenheit sprechen! (Sieht gegen den Hintergmnd, erschreckend für sich.) Gott! Herr Grismann! — er kömmt hieher! («aut rasch zu Bertha.) Komm'! komm'! setzen wir Uns wieder! (Führt sie zum Tische und setzt sich mit dem Rücken gegen den Tisch rechts.) Vierzehnte Scene. Vorige. Grismann. Felir. Mathis (kommen vom Hintergründe wieder in die Laube). (Es ist in der Laube bereits vollkommen dunkel geworden.) Felir (an der Bogenwölbung gegen den Garten zurückrusend). Serviren's uns nur dahier ! Mathis (auch zurückrusend). Für fünf Personen! Felir. Wir sein ja nur drei! Mathis. Aber ich eß' für drei! Grism. (auf den Tisch rechts weisend). Hier ist noch ein freier Tisch! (Sieht nach dem Tische links ) lind dort — (mit Verdruß) Ah! wohl ein verliebtes Paar! Mathis. Was nichts verlangt, als eine große Portion Einsamkeit! — Na! die geniren uns nicht! Alle Drei (setzen sich an den Tisch rechts). Zwei Kellner (von welchen der eine Couverts und Flaschen, der andere in jeder Hand einen Leuchter mit einem unter einer Glaskugel brennenden Lichte trägt). Erster Kellner. Da ist's schon ganz dunkel! (Zum zweiten.) Stell' die Lichter auf die Tisch'! Zweiter Kellner (stellt einen Leuchter auf den Tisch rechts, und geht mit dem zweiten zu dem Tisch links). Rud. (abwehrend, zu dem Kellner mit leiser Stimme). Lassen Sie! wir brauchen kein Licht! Die Kellner (entfernen sich). Mathis (leise zu Grismann und Felix). Die wollen keine Beleuchtung! hm! Verliebte sein wie d' Katzen, sie finden sich im Dunkeln am besten z'recht! (Man hört vom Garten rechts her einen Pöller- schuß.) Die Gäste im Garten (eilen von links nach rechts). Bertha (aufgeschreckt, sich erhebend). Was ist -? 2 * 20 Fünfzehnte Scene. Vorige. Netti. Mar. Tincken. Netti (kommt, Max und Tinchcn an den Händen führend, vom Hintergründe rechts in die Laube, zu Bertha). Ah— da ist die Mutter! Mathis (leise zu Grismann). Sie ist bereits Mutter — und noch im Dunkeln? Eurios! Netti (zu Bertha). Es war das Signal zum Feuerwerk. Mar undTinchen (bittend). Zum Feuerwerk! auch sehen! Rud. (für sich). Gute Gelegenheit, von hier sortzukommen! In der Dunkelheit erkennen sie mich Nicht! (Steht aus, mit gedämpfter Stimme zu Bertha und den Kindern.) Nun so kommt! rasch! Bertha (steht ebenfalls auf und hängt sich in Rudolfs Arm). (Während sie in der Mitte der Laube, und noch mit den Gesichtern gegen Grismann's Tisch gewendet sind, ertönt ein zweiter Schuß, die ganze Bühne ist von dem von der rechten Seite einsal- lenden Lichte aus das Grellste beleuchtet ) Grism., Felir und Mathis (erkennen Rudolf und erheben sich gleichzeitig mit dem Ausrufe). Herr Berwald!! Rud. (in peinlichster Verlegenheit). Herr— Dtrector ! (Leise, rasch zu Bertha.) Geh' mit deu Kindern voran! Bertha (nicht begreifend). Aber warum denn? Rud. (drängend, leise). Geht! Geht! Bertha (verwundert). Was ist denn —? lGeht zögernd mit Netti und den Kmdern dem ÄuSgange zu, bleibt aber außerhalb erwartend stehen). Grism. (zu Rudolf vortretend). El, Herr Berwald! In so angenehmer Gesellschaft? Darf ich wohl fragen, wer das hübsche Weibchen —? Rud. (in tödtlicher Verlegenheit). Es — es ist — die Witwe meines Bruders! Bertha (hat dicß gehört, stößt einen lauten Schrei aus, und finkt, halb ohnmächtig in Netti's Arm). Rud. (sich rasch umsehend, erschreckt). Bertha! — Um Gottes willen! (Eilt zu ihr.) Mehrere Gäste (eilen ebenfalls zu Bertha). Grism., Mathis und Felir (bleibend, die Gruppe anstarrend, mit weit aufgerissenem Munde stehen). (Der Vorhang fällt.) Zweiter Lct (spielt um acht Tage später als der erste). »Platz vor dem Kaffeehause im Stadtparke, das Gebäude links, vor demselben mehrere Tische und Stühle; rechts eine Gartenbank.) Erste Scene. Gütlich. Kaffeehausgäste. EinMar- qucur. Spaziergänger. Die Spaziergänger (gehen anfänglich mehr im Hintergründe auf und nieder). Gäste (fitzen vor dem Kaffeehause, Kaffee trinkend, rauchend rc). Gütlich (fitzt ebenfalls vor dem Kaffeehause. ein Zeitungsblatt in den Händen, eine Cigarre im Munde). Ein Spaziergänger (zu einem andern, nach rechts weisend). Dort! schauen's, der Bub—! Zweiter Spaziergänger. Richtig! — das muß ich sehen! — (Beide eilen nach rechts ab ) Alle übrigen Spaziergänger (eben- falls nach rechts ab). Die Gäste (sich von ihren Sitzen erhebend). Was ists denn? (Rasch.) Marqueur! zahlen (Legen ihr Geld aus die Tische, und eilen ebenfalls nach rechts ab.) Gütlich (aufmerksam werdend, legt das Zei« tungsblatt weg. zum Marqueur). Was rennen 21 denn die Leut' alle dorthin? — Ist was g'sckehn? Marqueur. Ah nichts! ein kleiner Bub' hat ein' Frosch g'fangen! Gütlich. Und deswegen rennen d' Leut' z'samm? — Ha ha ha! wär's doch kaum mehr was Merkwürdiges, wenn dahier im Stadtpark einmal die Frösch' ein' klein' Buben fanget'n! (Liest wieder in der Zeitung.) Zweite Scene. Gütlich. Felix. Marqueur. Felix (kommt aufgeregt von rechts, Gütlich erblickend». Herr Vetter! Sie sitzen da? (Zm Tone des Vorwurfes.) fen hinanführen; rechts und links Seitenthüren. Elegantes Meublement, rechts im Vordergründe ein rundes Tischchen, an demselben rin Divan und Fauteuils.) Siebente Scene. Gütlich. Felix (bereits im Salonanzuse). Im Herbst die Natur wie a Mutter man liebt, Die Alles, was' schafft, ihren Kindern gern gibt, — Es zieh'n Silberfäden schon leicht durch ihr Haar, Und doch sieht man noch, daß sie schön einmal war! D'rum geizt man jetzt noch mit jed'n heiteren Tag, Daß in derNatur man ihn zubringen mag. G rad wie man a Mutter recht oft zu seh'n strebt — Denn, mein Gott! wer weiß's denn, wie lang sie noch lebt! Wird's Winter, so liebt die Natur man halt doch, Wie a theure Verstorb'ne man lieben thut noch! Gütlich und Felix (treten durch die Skiten- thür links ein) Gütlich (lachend). Ha ha ha! Dein Plan ist nicht übel, und ich will Dich schon in der Ausführung unterstützen, denn mir selber liegt daran, daß 's einmal zwischen Dir und meiner Tochter zu einer Entscheidung kommt! Fclir. Ha! Sie werden schon sehen, daß sie ganz andere Saiten aufzieht, wenn sie einmal fürchten muß, mich zu verlieren! O! sie wird schon klein werden — (mit der Hand die Höhe andeuteud) so klein! Gütli ch. Neugierig bin ich! — Aber Du — ich hoff' doch, daß die Frau, die Du in mein Haus einsühren willst, eine anständige Person ist? Felix. O! sehr anständig! Hat me einen Anstand gehabt! 33 Gütlich. Na, so probir's — aber fall'ilaubniß zu bitten, heute, da Ihr eure^our nicht aus der Roll'! — (Sicht gegen den üx habt, und eure Verwandten und Be- Garten.) Ah! da kommt meine Tochter g'rad! Nimm' Dich z'samm' — ich werd' auch mein G'sicht in finstere Falten legen! l Nimmt eine finstere Mene an, kreuzt die Hände über den Rücken, und geht, scheinbar mißgestimmt, ans und nieder.) Achte Scene. Vorige. Flora. t ,)lora (in der geschmackvollsten Soiree, s Toilette, ein Blumenbouquet in der Hand, tritt ! durch die Mittelthür ein, zu Gütlich heiter:) Gilten Abend, lieber Vater! (Zu Felix ) Guten Abend, Fklir! (ZuGütlich.) Da — da sieh einmal dieß Bouquet au! Gütlich (verdrießlich auf das Bouqet sehend). Na, waS ist's damit? Flor a. Das Hab' ich mir selbst gebunden — die Blumen selbst gewählt, selbst nach ihren Farben so arrangirt, daß es ein schönes Bild gibt! Siebst Du, dieß habe ich von meinem Unterricht im Zeichnen und ! Malen profitirt! ' Gütlich (wie oben). Das ist aber auch das Einzige, was Du profitirt hast! ! Flora. Wie meinst Du—? t Gütlich. Ich mein', wenn Du einmal zwischen dem, was Du bei den Lectionen s profitirt, und dem, was Du verloren j hast, eine Bilanz zieh'st, so wirst Du seufzend ausrnfen: -»Ein schlecht's G'schäft!« Flora (ihn erstaunt auseheud). Was ich durch den Zeichenunterricht verloren? — Ich wüßte wirklich nicht —! Gütlich (wie oben). Na hör' um den ! Vetter (aus Felix weisend) an, was der Dir z'sagen hat! Flora (lachend). Cousin Felir? — Hat dieser wieder seine Bemerkungen zu machen? — Nun immerhin! (Zu Felix.) 3ch gebe Ihnen das Wort! > Felir (bemüht eine etwas ceremonirlle ! Haltung anzunehmen). Ja — ich bin eigentlich hier, um Dich, da Du doch hier die Frau vom Hause repräsenlirst, um die Er- Kaiser, Blumen-Nerrel. kannten empfangt, auch eine mir sehr nahestehende Dame einführen zu dürfen! Flora (erstaunt). Eine Dame? — Dn? Felir (leise zu Gütlich). Aha! es packt's schon! (Laut ) Ja — eine sehr junge— sehr schöne — sehr interessante Dame, die ich während meines Aufenthaltes in den Rheingegenden kennen gelernt, und — deren Bekanntschaft ich hier wieder erneuert habe! Flora (für sich). Will er mich eifersüchtig machen? Ha ha ha! Das soll ihm nicht gelingen! (Laut zu Felix.) Also am Rhein —? Felir. Ja, dort am Rhein, wo die Reben blüh'n! — Da Hab' ich sie zuerst kennen gelernt — auf einer Donaufahrt — Flora (lächelnd). Am Rhein? Felir. Rheinfahrt, wollte ich sagen! — auf einem Dampfschiff — wir haben miteinander die Nfergegendcn bewundert! — sie schwärmt ausgezeichnet! — bald aber bemerkte ich, daß ihr Blick mehr auf mir ruhte, als auf den mondbeschiencneu Burgruinen und Weingebirgen, die vor uns im Sonnenstrahle prangten! Ich wollte es nicht bemerken — sie drückte mir die Hand und seufzte — ich that nichts dergleichen! Flora. Ah, Grausamer! Felir. Ja, ich bin schon einmal so! — Auch wußt' ich damals noch gar nicht, wer sie war! — Da aber hält das Dampfschiff an — wir steigen aus — reichbetreßte Dienerschaft erwartet die Dame, um sie auf ihr Schloß zu geleiten — o, dieses Schloß! —ein wahres Feenschloß! ihr Eigenthum! — denn sie — sie ist eine verwitwete Baronin — o! ich hätt's gleich merken sollen, denn ihre ganze Erscheinung verbreitete so ein gewisses heraldisches Parfüm! — Sie ladet mich ein, auf ihrem Schloß ein Gabelfrühstück zu nehmen — Flora. Ein Gabelfrühstück — bei Mondbeleuchtung? Felir. Oder war's ein Gabel-Souper! 3 34 alleseinS — genug — ich habe mit ihr gegabelt! — Ich mußte wieder kommen. Flora (ganz ruhig). Versteht sich — eine vi8its äe rkeonnaissanes! Felix. Sie hat mich immer schon auf dem Söller erwartet — wenn ich nur um fünf Minuten später gekommen bin, könnt' ich's in ihren Augen sehen, daß sie die Nacht durchweint hatte! — Genug, ich kann wie Hugo in der »Schuld« sagen: »Einen Finger dürft' ich rühren, Um Elviren heimzuführen!* Flora. Und warum hast Du denn den Finger nicht gerührt? Felix. Weil — weil ich noch an Dich gedacht Hab'! Flora (sich lächelnd verneigend) Danke für die freundliche Erinnerung! Felix. Ja — Dir zu Lieb' wollt' ich eine Liaison mit einer Baronin nicht weiter cultiviren — ich bin vom Rhein fort — es war rein aus — und wär' aus geblieben! — Aber wenn man sieht, daß man nur zum Ballon der Launenhaftigkeit dienen soll, wenn man sieht, daß die zärtlichsten Sentiments mit Füßen getreten werden, wenn man sieht, daß man L daxu- telltz behandelt und ein Anderer mit Ostentation bevorzugt wird, wenn man das Alles so deutlich sieht, dann müssen ein'm die Augen aufgehen und — Flora (lachend). Man muß sich erschießen! Felix. Nein! — Ich Hab' mir's anders überlegt! — Das Leben ist mir ein zu werthvolles Andenken von Vater und Mutter, als daß ich's so leichtsinnig wegwerfen dürft'! Ich will leben — Flora. Und — lieben —Recht hast Tu! Felix. Spott' nicht! Ich will Dir mehr sagen! — Die Baronin ist mir nachgereist — ich habe sie wiedergesehen — sie bat mir noch besser gefallen als ftüher — ich — ich bin entschlossen, ihr mein Herz — meine Hand zu bieten —! Flora. Wirklich? — Ah, das trifft sich ja herrlich, daß wir uns so auf halbem Wege entgegenkommen! Auch ich habe eingesehen, daß wir Zwei nicht so recht zu einander paffen! Gütlich und Felix (gedehnt). Wa—as? Gütlich (leise zu Flora). Mir scheint. Du glaubst ihm nicht! Flora (lächelnd zu Gütlich, den Kopf schüttelnd. leise). Nein! Vater! — bange machen gilt nicht! (Laut zu Felix ) Ja, lieber Felix, deshalb bleiben wirdochguteFreunde als Cousin und als Cousine, und ich werde auch deine liebe Braut als zukünftige Verwandte bei uns herzlich willkommen heißen! Felix (fast dem Umfinken nahe, leise zu Gütlich). Mir wird — nicht gut! Gütlich (leise zu Felix). Sie glaubt's noch nicht, aber bleib nur dabei! Felix (sich wieder fassend, leise). Ja — ich treib's bis auf Aeußerste! Flora. Wann darf ich denn auf das Vergnügen rechnen, die reizende rheinische Lorelei empfangen zu können? Felix (vollkommen gefaßt). Sie hat gesagt: um halb sieben Uhr — (fiehtnach seiner Uhr) da muß sie gleich da sein, denn sie geht sehr pünktlich! Flora. Nun, so erwarte sie doch am Eingänge, sie könnte sich sonst im Hause nicht zurechtfinden! Felix. Ja — ich geh'! Flora (recht herzlich). Adieu indcß! Felix (fast drohend). Aber das sag'ich Dir, wenn ich sie einmal vorgestellt — als meine Braut hier vorgestellt Hab' —dann — dann blei bt's auch dabei! Flora. Das ist selbstverständlich! Nur ein Ehrloser könnte dann noch an einen Rücktritt denken! (Horchend.) Aber mir scheint, ich höre bereits Wagen Vorfahren — am Ende ist sie's schon — (Felix gleichsam fortdrängend) und Du bist noch hier! Felix (bleibt stehen, nach einer Pause) Ich wart' nur noch, ob — ob Du mir gar nichts mehr zu sagen hast — Flora (sich besinnend, dann den Kopf schüttelnd). Ich wüßte nicht —! 35 Gütlich (leise zu Mora). Geh! gib ihma gut's Wort — Flora (lächelnd leise). Fällt mir nicht im Traume ein. Felir (betoaeno). Wohlan denn! (Bleibt immer stehen ) Flora! Du siehst — ich flieg'! Flora. Ja, wie Delamarne! Felir (leise ängstlich zu Gütlich). Vetter! Lie halt' mich nicht z'ruck! Gütlich (leise zu Felix). So geh' nur einmal! Sonst verrath'st selber Alles! Wir müssen sehen, wie weit fle's kommen laßt! (Saut zu Felix.) Komm' — ich geh'mit Dir! Ich geb' Dir vollkommen Recht! (Zu Flora gewendet, sch inbar zornig.) Wenn so ein wetterwendisches Ding glaubt, daß's mit Herzen spielen kann, so muß sie sich's g'fallen lassen, ein treues Herz zu verlieren und ans d'letzt ohne Partie daz'sitzen — Schau Dir den Stephansthurm gut an! — zum Glück isi er neu anf'baut, und Du wirst nickt gar z'viel z'reiben haben! (Zu Felix.) Komm ! komm'! (Ab mit Felix durch die Seitenthür links.) FlDra (allein, doch etwas stutzig). Der Vater nimmt auch so eine ernste Miene an? — Wenn's am Ende — doch wahr wäre?! (MitSicherheit.) Nein! nein! es ist nicht so! Es kann nicht sein! (Meder zwei' felnd.) Aber — ich selbst Hab' ihn etwas wirklich gemacht, wenn er dennoch — vielleicht 6N ääpit einen ernsten Schritt ge- than — welin er wirklich die Fremde vor unserer Gesellschaft als seine Braut- Alle wissen um unser Verhaltniß — es wäre eine Beschämung für mich —! — (Entschlossen.) Nein— er soll mich nicht beschämen! Und ist's nur auf einen Schreckschuß abgesehen — gut! dann will auch ich geladen haben, und den ersten Schuß thun! (Wendet sich gegen den Hintergrund und erblickt den durch den Garten kommenden Rudolf.) Herr Berwald?! Eben reckt! Neunte Scene. Flora. Rud. R u d.(in einem besseren Anzüge als im ersten Acte tritt durch die Mitte ein). Flora. Guten Abend, lieber Berwald! Sie kommen, mir Unterricht zu ertheilen? Rud. Ja, Fräulein, doch vernehin' ich soeben, daß Sie heute Gesellschaft erwarten — Flora. So ist's, und ich erlaube mir, auch Sie einzuladen. — Rud. (ablehnend) Mich?—MeinFräu- lein — ! Flora. Ja, ja, Sie dürfen mir keine Refus geben! Diese Stunde gehört einmal mir; hätten Sie Zeit, wenn ich eine Lec- tion nehmen wollte, so werden Sie auch Zeit haben, wenn ich einmal eine bection geben will! Rud. (nicht begreifend). Sie. Fräulein! eine Lection geben? Flora. Ja,aber natürlich muß ich dabei meinen Meister zur Seite haben! — Im Ernste, Herr Berwald, es handelt sich um einen Scherz, zu dessen Ausführung behilflich zu sein ich Sie bitte! Rud. Sie wissen, Fräulein, daß mir jeder Ihrer Wünsche ein Befehl ist! — Ich erbitte mir nur die nöthigen Andeutungen! Flora. Nun sehen Sie — es ist — (gegen links horchend) mein Himmel! ich höre bereits Stimmen im Nebenzimmer! — 's ist nicht mehr Zeit Ihnen ausführlick zu erklären — doch — es bedarf auck keiner Anleitung als dieser: Ich bitte Sie, hier (auf dir Seitmthür rechts weisend) in dieß Zimmer zu treten und dort zu verweilen, bis ich selbst Sie herausführe — Rud. Ganz wohl, und dann — Flora.Dann haben Sie nichts zu thun, als dem, was ich sagen werde, so überraschend, so unglaublich, ja so unmöglich es Ihnen auch scheinen mag, nickt zu widersprechen, sondern auf meine Ideen rasch S * 36 einzugehen, und auch selbst in meinem Sinne zu sprechen! Wollen Sie dieß? Rud. (noch unentschlossen). Icb fürchte nur- Flora (dringender). Nur keine Bedenklichkeiten! — Ich sagte Ihnen ja, es gilt rinen Scherz, für welchen ich jede Verantwortung übernehme! Also thun Sie mir die Liebe? — ja? (Hält ihm die Hand hin.) Ru d. Wenn cs Ihnen ein Vergnügen bereitet — (saßt ihre Hand und küßt dieselbe.) Flora (gegen die sich öffnende Seitenthür links sehend, rasch und leise). Man kömmt! — Nur schnell hinein! Rud. (ab in die Seitenthür rechts). Zehnte Scene. Flora. Bertha. Felir. Netti. Gütlich. Bertha (in einem eleganten Kleide von schwarzer Seide, einen Hut mit schwarzem Schleier auf dem Kopse, tritt, von Felix geführt, durch die Seitenthür links ein — beim Eintritte den Schleier zurückschlagend). Netti (ebenfalls sehr elegant, jedoch in helleren Farben gekleidet, folgt mit Gütlich). Felir (im Eintreten, leise zu Bertha). Ha- ben's den Berwald g'sehen? Bertha (mit gepreßter Stimme leise). Ja — ja! Felir (leise zu Bertha). Wir haben ein zärtliches iLte-L-tets gestört! Gütlich (ist indeß aus die rechte Seite HIn- übergegangen, leise zu Flora). Du hast's nicht glauben wollen — jetzt siehst es — da hast cs! Flora (für sich). Und ich glaub' es noch nicht! (Tritt an Gütlich vorüber, den Eingetre- tenen entgegen ) Felir (mit triumphirendem Stolze zu Flora). Liebe Cousine! Mit deiner Erlaubniß bin ich so frei, Dir die Krau Baronin von (sich erst besinnend) vonNebelhausen vorzustellen — Flora, Bertha (begrüßen sich durch gr- genskitige Verneigungen, beide fixiren sich mit scharfen Blicken, beide, sich etwas abwendend, für sich). Sie ist schön! Bertha (verlegen die Augen zu Boden schlagend, mit unsicherer Stimme). Entschuldigen Sie, Fräulein — Flora (sich vollkommen beherrschend, ganz heiter). Bedarf's noch einer Entschuldigung, nachdem Cousin Felir mich bereits in sein Herzensgeheimniß eingeweiht, und mir mit- getheilt hat, daß Sie sich entschlossen haben, die schwere Arbeit zu übernehmen, den Obenans und Nirgendan in einen soliden und vernünftigen Mann zu verwandeln? Nun, ich wünsche Ihnen des Himmels Segen, und bitte Sie um die Erlaubniß, die Zukunft anticipirend, Sie jetzt schon als meine liebe Cousine begrüßen, und als solche vertraulich mit Ihnen verkehren zu dürfen! (Reicht Bertha ihre Hand.) Bertha (legt zögernd ihre Hand in die Flora'sj. Felir (leise zu Gütlich, auf Flora weisend). Keine Spur von einer Gall' oder Eifersucht! — nicht einmal von einem Gespitzelt- sein eine Spur! — Ich Hab' g'laubt, sie würd' wenigstens etwas bersten — aber das Mädel hat Nerven von Gußeisen! Flora (zu Felix, auf Netti weisend), lind dieses Fräulein? Felir. Das — das ist das freifräuliche Gesellschaftsfräule! Netti feinen Knix machend, im ihrem natürlichen Tone). Ja, ich leist' ihr (auf Bertha weisend) immer G'sellschast, und darum war ich auch jetzt so frei — Flora (für sich). Ein sonderbares Gesell- schaftssräulein! Felir (leist zu Netti). Um Gottes willen! Wann's schon reden wollen, sein's still! Ihr Jargon erinnert eher an den Alserbach, als an den Rhein! Flora (zu Netti). Nun, für heute löse ich Sie ab, und biete mich selbst Ihrer Dame (aus Bertha weisend) als Gesellschafterin an, 37 (zu Bertha) wenn Sie mich als Supplentin acceptiren! Bertha (neigt verbindlich das Haupt). Flora (zu Gütlich). Lieber Vater! Du wirst wohl uns're übrigen Gäste empfangen wollen, und das Fräulein (auf Netti weisend) wird es interessiren, unsere GlashauS- gewächse zu sehen — (zu Felix) sei Du ihr botanischer Cicerone! ich wünsche mit meiner neuen Cousine (wieder Bertha s Hand fas- lcnd) allein zu bleiben, um Dich (neckend zu Felix) bei ihr recht schwarz zu machen! Felix. Ha! »es liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen."- Also zeige Dich als Weltkind! (Zu Bertha, ihre Hand fassend, und diese absichtlich recht zärtlich küssend.) Meine angebetete Braut! Jede Secnnde, außer Ihrer Nähe zugebracht, wird mir zur Aeone! (Leise zu Bertha.) Suchen Sie sie nur über ihre Gesinnung für Ihren Schwager auszuforschen, und sagcu's mir dann Alles wieder! (Sich zu Netti wendend.) Darf ich um Ihren Arm bitten, Fräulein? Netti (bejahend). Mhm! (Legt ihren Arm in den Felix' und geht mit ihm in den Garten ab.) Gütlich (für sich). Neugierig bin ich, wie lang sich mei' Tochter so halt? — Wann's aber aus der Roll' fallt — das Auslachen! (Mit mühsam unterdrücktem Lachen.) Cin' Hauptspaß gibt's jedenfalls! (Geht ebenfalls gegen den Garten ab.) Flora (zu Bertha, sie zum Divan führend). Kommen Sie, liebe Freundin! Setzen Sie ßch da zu mir, und lassen Sie uns ein trauliches Wörtchen sprechen! Ich kenne meinen Cousin Felir seit seinen ersten Ju- gendjahren, und kann Ihnen also in Bezug auf ihn manchen guten Rath geben! Bertha (ernst). Liebes Fräulein! Sind Sie, als das noch unerfahrene junge Mädchen, nicht eher in der Lage, den wohlmeinenden Rath einer älteren Frau annehmen zu dürfen? Flora (sie erstaunt ansehcnd). Sie wollen mir rathen?— In welcher Hinsicht—? Bertha (zögernd und schwer nach Athen» ringend). Ihr Cousin erzählte mir, daß Sie eine Neigung zu einem hier im Hause beschäftigten Künstler — einem gewissen Herrn Berwald gefaßt haben — Flora (sieht Bertha überrascht an, dann, von einem Gedanken durchzuckt, sich abwendend, für sich). Ah! da will's hinaus! — Felir hat diese Frau gedungen, mein Herz aus- zuspioniren! Nun warte! dem will ich den Ofen Heizen! Bertha (erwartungsvoll). Nun — L>ie sprechen nicht? Flora (mit erkünstelter Schwärmerei). Ach! »veil meine Liebe unaussprechlich ist! Bertha (von ihrem Sitze auffahrend, sich vergessend) Ihre Liebe — zu — Berwald?! Flora (ebenfalls ausstehend und Bertha verwundert ansehend). Was überrascht es Sie — da Sie es doch wußten — ? Bertha (nach Fassung ringend). Icb — ich könnt' es nicht glauben! — Sie — die einzige Tochter des reichen Herrn Gütlich — und — eiu armer Künstler —! Flora. O! er wird nicht mehr arm sein, wenn er, durch mich frei von Lebenssorgen, sein Genie erst völlig entfalten kann! Bertha. Aber Sie — Sie wissen um seine Vergangenheit nicht —! Flora (heiter). Don der will ich nichts wissen! — Glauben Sie mir, der Brautschleier wird am zweckmäßigsten verwendet, wenn man mit ihm die Vergangenheit bedeckt! Bertha. Cr — er war bereits ver- mält — Flora (gleichgiltig). So? Nun, ein so junger Witwer-! Bertha. Aber es sind aus jener Ehe noch zwei Kinder am Leben! Flora (für sich). Was die Alles erfindet! (Laut, sich entzückt stellend.) Wie? Kinder?! — Ach, Sie wissen nicht, wie ich die Kinder liebe! Bertha (tritt zu Flora, faßt rasch ihre beiden Hände, sieht ihr fest in's Auge. dann). Ja — würden Sie diese Kinder — obgleich nicht die Ihrigen — dennoch recht herzlich lieben können? 38 Flora. O! ick werde ihnen die zärtlichste Mutter sein, und in Liebe mit Ber- wald wetteifernd, sie zu tüchtigen Menschen heranbilden! O! nun freu't es mich doppelt, daß ich reich bin, ich werde Glückliche machen und selbst glücklich sein! Bertha (sich abwendend, für sich). 3a — Ihr sollt glücklich sein — Alle! Flora (sieht gegen den Garten, bedauernd). Ah — da kommt schon die ganze Gesellschaft! Schade! ich hätte gern noch recht lange mit Ihnen von Derwald gesprochen! (Geht den Kommenden entgegen.) Etlfte Scene. Vorige. Gütlich. Felir. Netti. Gris- mann. Mehrere Herren und Damen (treten durch die Mittelthür ein). Flora (begrüßt die Eintretenden, und verweilt anfangs mit denselben mehr im Hintergründe). Felir, Netti, Grismann (treten so- gleich zu Bertha vor). Felir (leise zu Bertha). Nun? was haben Sie aus ihr herausgebracht? Bertha (saßt Netti's Hand, gleichsam nur an dieser Stütze sich noch au stecht erhaltend, mit gebrochener Stimme). Sie liebt Berwald innig — glühend! Netti (erschreckt, leise). Was sagst — ?! Felir (außer sich). Wo sei'n meine Revolvers? (Wendet sich und eilt zu Gütlich.) Herr Vetter! Herr Detter! (Stürzt säst weinend an dessen Brust.) Gütlich (abwehrend, leise). Kein' Auf- Iritt,. — denk' —die Leut' —! (Spricht leise mit Felix fort.) Netti (zu Bertha leise). Aber hör' nur—! Bertha. Ich habe von ihr (auf Flora deutend) genug gehört, wen soll ich noch hären? Netti (leise). Wen? Du fragst noch? — Dein' Mann? Bertha (leist) Rudolf — ?! Netti (leist). So macht's die Eifersucht! Sie riecht den Braten, bevor noch 'S Kalb gschlacht' ist, sieht aber nicht, was vor ihr auf'm Teller liegt! Was liegt denn d'ran, ob sie in ihn verliebt ist? — Ob er in sie verliebt ist, davon müßt' doch erst ein' Beweis haben! Bertha (aufs Neue auflebend). Ja — davon — davon! Er ist hier! ich bleibe, und will ihn selbst beobachten! (Zieht sich mit Netti unbemerkt hinter die Gesellschaft zurück, läßt den Schleier wieder über ihr Antlitz herab, und geht die Stufen, welche zum Garten hinan- führen, hinauf, aus der obersten stehen bleibend, um daS Ganze zu übersehen.) Gütlich (der indeß bemüht war, Felix zu beruhigen, leise zu diesem) Und ich sag Dir, ich glanb's doch nicht! Aber ich werd' der G'schicht gleich ein End' machen! (Tritt zu Flora, faßt sie an der Hand, tritt mit ihr mehr in den Vordergrund rechts, leise.) Du! der Felir dringt in mich, daß ich ihn und die Witwe förmlich als Brautpaar vorstell' — Flora (gleichgiltig). Immerhin! Gütlich (drohmd. leise). Du! — ich sag' Dir — ich thu's —! Flora. Nun ja — ja! Gütlich (scheinbar zürnend). Gut! Du willst es so — so sollst es haben! (Tritt von ihr weg in die Mitte der Bühne — nochmals nach ihr sehend, für sich.) Sie rührt sich Nicht — gut! legen wir los! (Laut zur ganzen Gesellschaft.) Meine verehrten Freunde und Gäste! Ich Hab' Sie von einem erfreulichen Ereigniß in Kenntniß zu setzen! Alle Gäste (treten erwartungsvoll näher) Gütlich (fortwährend Flora im Auge behaltend). Sie sollen nämlich heute Zeugen einer in meinem Familienkreise stattfindenden Verlobung sein! Die Gäste (überrascht). Verlobung? Flora (für sich, irre werdend). Will ers so weit treiben?! — Jetzt gilk's: »Schach und Matt* zu bieten! (Zu Gütlich tretend, laut.) Vater! erlaube mir, unseren lieben Freunden das Nähere bekanntzugeben! 39 Gütlich (für sich). Aha! Sie b'sinnt sich — (Saut.) Na, wenn Du selber willst — Felix (für sich). Ha! Sie will doch die Braut sein! (Tritt etwa- mehr vor und winkt Flora ausmunternd zu, dabei auf sich selbst deutend) Flora (wirft einen raschen Blick auf Felix, triumphirend für sich). Aha! (Stellt sich aber sogleich, als ob sie ihn weiter gar nicht beachtete, laut zur Gesellschaft.) Es ist der Wunsch meines lieben Vaters, mich bald vermalt zu sehen — Gütlich (erfreut). Ja — ja — so ist's! Flora. Doch wird er nie der Wahl meines Herzens entgegen sein! (Zu Gütlich.) Nicht wahr? Gütlich. G'wiß nicht! Flora. Nun denn—ich habe gewählt— Felix (wiederholt seine früheren Manöver). Mehrere Gäste. Und der glückliche Bräutigam —? Flora (eilt zur Seitenthür rechts und öffnet sie). Meinen Erwählten — Felix (erstaunt). Dort? » 5 ^ Gütlich (erstaunt). Was soll daS?j2L Zwölfte Scene. Vorige. Rudolf. Flora (führt Rudolf an ihrer Hand aus der Seitenthür). Stelle ich Ihnen hier — in Herrn Derwald vor! Felix (außer sich). Mich trifft was! (Fällt ohnmächtig zurück in die Arme der Nächststehenden.) Bertha (welche dem Vorgänge in höchster Spannung zugesehen, fährt beim Anblicke Rudolfs mit beiden Händen verzweiflungsvoll nach ihrem Haupte, so daß der Hut demselben entsinkt, ihre Haare aufgelöst herabfallen, stößt einen durchdringenden Schrei aus, und eilt, dem Wahnsinn nahe, dem Hintergründe zu). Alle (sehen sich überrascht nach Bertha um). Netti (aufschreiend). Bertha! Bertha! (Eilt ihr nach.) Rud. (entsetzt). Allmächtiger! Mein Weib —! (Will ihr nach — seine Füße versagen ihm aber beinahe den Dienst.) Alle. Sein — Weib?! Schlußgru--e. (Der Vorhang fällt) Dritter Lct. (Spielt um einen Tag später als der zweite Act.) (Hofraum im artistischen Institute Gütlich's, wie zu Anfang des ersten Actes — die Uhr ober der Thür de- Wohnhauses zeigt auf Neun ) Erste Scene. Flora. Gütlich. GrtSmann. Flora (steht in der Mitte der Bühne, in ängstlicher Erwartung nach der Thür de- Seitengebäude- blickend). Gütlich, Grismann (treten aus dem Seitengebäude). Gütlich (bekümmert). Der Herr Bcrwald ist noch nicht da! Flora (besorgt). Noch nicht? Grism. (zu Gütlich). Sie sind ja gar besorgt! Zum dritten Male fragen Sie heute schon nach ihm! Gütlich. Weil's mir unbegreiflich ist! Sonst war er immer schon um sieben Uhr im Atelier, und heut' (fleht nach der Uhr) schon Neun vorüber! Grism. (boshaft). Ha ha! Er wagt es wohl heute nicht Ihnen und mir unter die Augen zu treten! Gütlich. Da müßt' ich doch nicht warum? 40 Grism. Sie fragen noch? — Nach> dem, was wir gestern Abends erfahren —! Gütlich. Daß er eine Frau hat? — Das ist seine Sach' — Grism. Aber daß er sich lügnerischer Weise bei nns als ledig in's Haus schlich, um Gott weiß was für Absichten zu errei- chen —! Gütlich. Um Arbeit zu finden! Das war seine ganze Absicht! Grism. So? so? — Nun, nach dem, was wir gestern erlebt haben, dürste man wohl noch auf andere Absichten schließen! Gütlich (skhr ernst). Was meinen Sie? Grism. Hm! so ein junger Mann vom jetzigen Schlage! — heiratet — nach einem Jahre ist er seiner Frau überdrüssig, und gebt andern Abenteuern nach! — Wer weiß, ob nicht Ihr liebenswürdiges Fräulein Tochter ihn bestimmte, gerade hier Beschäftigung zu suchen! Flora (kntrüstrt). Kein Wort weiter, Herr Grismann! Gütlich (ebenfalls beleidigt). Za — kein Wort weiter in dem Ton! — Das bitt' ich mir aus! Grism. O — bitte tausendmal um Vergebung! Werde nicht mehr sprechen, aber zu denken, was mir beliebt, werden Sie mir wohl gütigst erlauben! Flora (heftig). Nein! Sie sollen auch nichts Ucbles denken! Was ich meinem Vater bereits gesagt, wiederhole ich jetzt auch Zhnen! Das Benehmen des Herrn Bcrwald gegen mich war immer das eines würdigen Meisters, mit keinem Worte, keinem Blicke hat er gezeigt, daß er in mir etwas Anderes, als seine Schülerin sähe. Sonst (mit einigem Stolze) dürfen Sie überzeugt sein, daß ich die Lektionen nicht fort- geseßt hätte! (Wendet sich beleidigt ab.) Gütlich (zu Grismann). Za, meine Tochter hat mir bekannt, daß der Berwald gar kein' Ahnung davon g'habt hat, zu was für ein' Spaß sie seine Mithilf' hat brauchen wollen! Grism. (bedenklich). Hm! sonnSpaß—! Gütlich. War unzeitig — leichtsinnig — dumm sogar, können's sagen, denn das (mit einem finsteren Blick auf Flora) das Hab' ich ihr auch g'sagt! Flora. Aber, mein Himmel! ich wäre ja gar nicht darauf verfallen, wenn nicht Cousin Felir- Gütlich (ärgerlich). Ah! was der Hanns Dampf Alles ersinnt —! (Sich abwendend, für sich ) Das heißt: ich war wohl selber dabei im Bandl — aber ich Hab' ja nicht g'wußt, (laut) wie er nur auf die — g'rad' auf die kommen ist! Flora. Darüber muß er uns noch Rede stehen — gestern entfernte er sich so eilig, aber heute will ich ihn in's Gramen nehmen! Und (sieht gegen das Gitterthor) da kömmt er eben! Gütlich (rasch). Der Berwald —? Flora. Nein! — Felir! — Cr soll ein umfassendes Geständniß seiner That able- gen! Wir wollen ein strenges Richter-Collegium bilden, aber ich werde präsidiren und iuquiriren! (Setzt sich, eine strenge Richtermine annehmend, auf einen Stuhl und kreuzt die Arme.) Zweite Scene. Vorige. Felir. Helir (kömmt durch das Gitterthor links, zu Allen) Hab'die Ehre allerseits guten Morgen zu wünschen! (Zu Flora.) Guten Morgen, Cousine! — Du entschuldigst wohl meinen frühen Besuch, (mit Spott) aber ich Hab' gedacht, nach einem unglücklichen Ereigniß kann man sein Beileid nicht zeitlich genug bezeigen. Flora. Beileid?— Unglückliches Ereigniß ? — Felir (wie oben)- Nun, ein so eklatantes Fiasco, wie Du gestern mit der Vorführung deines verheirateten Bräutigams gemacht hast — ha ha! ha ha ha! Flora (beleidigt von ihrem Sitze aufspringend). Du lachst? Du unterstehst Dich, mich 41 zu verspotten? Du, der Du mich kniefällig um Vergebung bitten solltest — Felir. Um Vergebung? — ich? Flora. Ja! — Kann man die Gastfreundschaft ärger mißbrauchen, als indem man in ein anständiges Haus — in einen achtbaren Familienkreis unter falschen Vorspiegelungen Frauenzimmer einführt, die man vielleicht von der Straße hergeholr hat?! Felir. Von der Straße? — Ich bitte, sie waren vom Stadtpark! Flora. Eine Peison, von der man selbst nicht weiß, wer sie eigentlich ist! Felir. Aber eben, um das hcrauszu- kriegen, Hab' ja ich und der Herr Gris- mann- Gütlich (überrascht) Was? — der Herr Grismann? (Zu Grismann, ausgebracht.) Sie, Sie haben die Hand im Spiel g'habt? Grism. (etwas verlegen). Nun ja — ich — es war — ich wollte — ich Hab' eigentlich nur — Felir. Der Herr Grismann hat schon seit acht Tagen dem Berwald nachspioniren lasten — Gütlich (mit immer gesteigertem Unwillen zu Grismann). Was hör' ich? Ein bei mir Ang'stellter ist dem ausg'setzt, daß man ihn heimlich mit Spionen umgeben laßt? — In so ein' Ruf bringen Sie mein Haus?! Grism. (trotzig). Ei was! ich wollte einmal wissen — Felir. Und ich — ich Hab' auch wissen wollen — Gütlich (zu Grismann). Alte Weiber wollen Alles wissen, aber ein alter Mann — (Spricht aufgeregt mit Grismann fort) Flora. O, es gibt auch junge Männer. die alte Weiber sind! (Zu Felix.) Was hattest Du Dich um fremde Verhältnisse zu kümmern? Felir. Weil ich mich um mein eigenes Verhältnis kümmert Hab'. — Und d'rum,! wie wir zufällig die zwei Frauenzimmer im Stadtpark troffen haben — — > Flora. Da mußtest Du Dich gleich mit ihnen bekannt machen, Dich mit ihnen aus so vertraulichen Fuß setzen, daß sie mit Dir liefen? Ah — Du wolltest mir wohl eine Probe geben von deiner Kunst, Eroberungen zu machen? — Nun, ich gratulire Dir zu solchen Eroberungen! (Wendet sich von ihm ab) Felir Aber so hör' mich nur an! Sie wär' ja gar nicht mit mir gangen, wenn nicht der Herr Grismann ihr erzählt hätt', daß Du und der Berwald — Flora (,m Innersten empört). Wie? — Herr Grismann erzählte?! (ZnGrismann eilend, heftig.) Herr! Wie konnten Sie sich unterfangen, mich ins Gerede zu bringen? Gütlich (ebenfalls empört zu Grismann». Was? Der gute Nus meiner Tochter war Ihnen nicht heilig? Flora (zu Grismann). In der That, ich müßte Sie einen unverschämten Verleumder nennen, wenn ich nicht Mitleid mit der Klatschsucht eines bereits kindisch gewordenen Greises hätte! (Wendet sich verächtlich von ihm ab.) Grism. (tief verletzt und aufbegehrend). Kindisch? — ich?! — Greis — ich?! — Erlauben Sie, Fräulein! Gütlich (zu Grismann). Sie hat Recht! Nur auf die Art ist's zu entschuldigen, daß Sie, nachdem Sie wissen, daß meine Tochter Braut ist- Flora (zu Gütlich). Sage: Braut war! denn nun ist's aus! Gütlich (überrascht). Felir (erschreckt). Flora. Ja — aus für immer! — Ich habe nicht Lust mit Damen vom Stadtpark zu rivalisiren! (Geht heftig aufgeregt auf und nieder.) Felir (ihr ängstlich Schritt für Schritt folgend). Aber Cousine! Ich bitt' Dich um Gottes willen! ich bin ja unschuldig wie ein bethlehemitisches Kind — ich war nur eifersüchtig! Flora. Ich nie! (Spöttisch.) Reisen Sie wieder, Herr Felir! Reisen Sie an den Was?! 42 Rhein, wo die Baroninnen nach Ihnen schmachten! Felix (wie oben). Aber es gibt ja keine Baronin am ganzen Rhein! Flora (kurz). Genug, genug! — ^äieu ä juMLis! (Will rasch nach dem Wohnhause ab- gchen.) Felix (fast schreiend zu Gütlich). Detter! Halten Sic's auf, oder ich häng' mich auf! Gütlich (Flora an der Hand zurückhaltend). Bleib' da! (Zornig zu Grismann.) Solche Zerwürfnisse! — Und an Allem sein Sie Schuld! Felix (auch auf Grismann einstürmend). 3a, Sic — Sie allein! — Ich bin ein Opfer Ihrer Verführung! Sie zerreißen ein bräutliches Derhältniß — Flora (ebenfallserbittert zu GriSmann). Und stören boshaft den Frieden einer Ehe! Gütlich. Das muß anderst ^lle werden! I D„izu- Felir. Bekennen Sie sich als! gleich aus den allein Schuldigen? /Grismann Flora. Können Sie's vor! Gott verantworten? / Grism. (wollte immer sprechen, nun vollends in die Enge getrieben, außer sich und mit beiden Füßen in die Höhe springend). Himmel- tausend Element! Alles über mich! Und wer ist Schuld? — Ich frage wer? — Der saub'rc Herr Berwald! Aber von dem wird nicht gesprochen! Ten entschuldigen Sie! (Sieht in die Scene links ) Ah da! (Hinweisend.) Da haben Sie ja Ihr Schooßkind wieder! Da — da kommt er! Gütlich (in die Scene links sehend, anfangs erfreut). Richtig! — Da ist er! — '(Länger hinsehend, erschreckt ) Aber, mein Gott! Wie schaut denn der Mensch aus? Alle (sehen gespannt dem Kommenden entgegen). Dritte Scene. Vorige. Rudolf. Rudolf (wankt leichenblaß, in seinem ganzen Arußrrn verstört, durch das Gitterthor Herrin). Gütlich (ihm entgegeneilend und ihn am Arme fassend). HerrBcnvald? was istJbnen? Um Alles in der Welt, so reden's doch! — Wo kommen Sie her? Rud. (fast tonlos). Von der Sicherheitsbehörde! Ich war dort — um Anzeige zu machen — Gütlich (erstaunt). Anzeige?— Don was? Felix (erschreckt, für sich). Hat er am End' mich verklagt! Flora (zu Rudolf). Sprechen Sie doch! — Was ist geschehen? Rud. (verzweislungsvoll nach oben blickend). Gott mag es wissen! — Mein Weib — Gütlich. Was ist's mit ihr? — Sie sein ihr ja gestern gleich nach — Rud. Aber sie floh von mir — wie vom Sturm getragen — hörte nicht auf mein Rufen — mein Bitten! — Als sich die Gaffen kreuzten, war sie plötzlich meinen Blicken entschwunden — ich eilte stundenlange umher — ohne ihre Spur wieder zu finden. — Rathlos ging ich nach Hause — wartete — sie kam nicht. Namenlose Angst trieb mich wieder fort — die ganze Nacht suchte und forschte ich überall — vergeblich! — Endlich begab ich mich zur Behörde, von einer fürchterlichen Ahnung getrieben — noch wußte man dort von nichts! — Gütlich (heftig erschrickt). Um Gottes willen! Sie denken doch nicht — Rud. (starr vor sich hinsehend). Sie war schon — seit sie erfahren, daß ich unser eheliches Derhältniß verheimlichen mußte, von einer krankhaften Reizbarkeit. — Ist es in dieser Stimmung nicht denkbar, daß sie — nachdem, was sie gehört — gesehrn — in einem Anfalle von Verzweiflung — o mein Gott! — mein Gott! (Drückt beide Hände vor die Augen und finkt, von der Wucht des Gedankens erdrückt, auf die Gartenbank links ) Alle (stehen erschüttert und schweigend). Gütlich (nach einer Pause zu Grismann tretend, seine Hand fassend, leise im Tone des schwersten Vorwurfes). Herr Grismann! 43 GrisM. (selbst niedergedrückt. mit einbre- chenden Knieen, mühsam nach Worten ringend, leise zu Gütlich). Sagen Sic — ihm — jetzt — nichts! Gütlich (leise zu Grismann). Nein! denn wenn er jetzt erfahret, wer eigentlich Schuld ist — ich weiß nicht-D'rum gch'ns jetzt lieber aus dem Weg'? GrisM. (einen scheuen Blick auf Rudolf werfend). Nun ja — ich — ich gehe! — Aber — es wird doch nicht so etwas — Entsetzliches — nein — nein! Es kann nicht geschehen sein! Gütlich (leise). Das wollen wir zu Gott hoffen! aber (ihn fortdrängend) geh ns nur — ich bitt' Sie! GrisM. (geht, noch fortwährend sich nach Rudolf umsehend, in s Atelier ab). Gütlich (tritt zu Rudolf and legt seine Hand auf dessen Schulter). Na, Herr Bcrwald! Fassen Sie sich nur—denken s nicht gleich an's Acrgste! Felix (zu Rudolf). Ja! Man nimmt sich nicht so leicht das Leben! Ich weiß das aus eigener Erfahrung — ich war (auf Flora blickend) oft schon in einer desperaten Stimmung und ich Hab' ein' Revolver, mit dem ich mich sechsmal nach einander hätt' erschießen können — aber ich Hab' doch gar nicht damit ang'fangen! Gütlich (zu Felix mit Spott). Na ja, zu was denn 's Pulver so verschwenden. Aber sei jetzt still! (Wieder zu Rudolf.) Schau'ns, — ich denk' mir, Ihre Frau wird im ersten Augenblick der Kränkung vielleicht nicht mehr zu Ihnen zurück haben wollen — Felix. Ueberhaupt sind die Falle, daß einmal Eine über Nacht nicht nach Hans kommen ist, schon dagewesen! Gütlich (ärgerlich zu Felix). Red' Du nicht! (Zu Rudolf.) Vielleicht ist sie zu einer ihrer Bekannten- Rud. (traurig den Kopf schüttelnd). Ich war bei allen — Niemand wußte von ihr! Felix (zu Rudolf). Ja, kennen Sie aber auch alle Bekannten Ihrer Frau? Gütlich (zu Felix). Wirst Du einmal deine Speiseanstalt schließen? Felix. Ich mein' nur, weil die Frau keine Hiesige zu sein scheint — sie könnt' ja in ihrer Heimat — Rud. (von einem Hoffnungsstrahle belebt, aufstehend). In ihrer Heimat? — Ja — dort hat sie noch Verwandte — Gütlich (zu Rudolf) Na sehen's! Auf das haben Sie nicht gedacht! Begreiflich! In Ihrer Bestürzung! — Deswegen müssen die weiteren Nachforschungen von Jemanden geleitet werden, der einer ruhigen Uebcr- legung fähig ist, und d'rum will ich selbst — Rud. (Gütlich'« Hand fassend). Ja — ja — ich bitte — ich beschwöre Sie! Gütlich (hängt sich in Rudolf's Arm). Kommen'S mit mir hinauf — wir wollen alle Möglichkeiten besprechen — dann schick' ich alle meine Leut' aus — auf alle Bezirksämter — zum Telegraphen — kurz, ich setz' alle Hebel in Bewegung! (Sich mit ihm gegen das Wohnhaus wendend ) Nur nicht gleich verzweifelt, weil 's Wetter drohend ausschaut — in der schwärzesten Wolken erscheint oft auf einmal ein wundervoller Regenbogen und Alles klart sich auf! (Ab mit Rudolf in s Wohnhaus.) Flora (firht noch sichtbar ergriffen und finster vor sich hinblickend). Felix (tritt zu ihr). Flora, hast g'hört, was dein Vater just g'sagt hat? — »Mitten in einer schwarzen Wolken ein wundervoller Regenbogen!« Flora (ohne ihn anzublicken). Nun— was weiter? Felir. O Gott! das muß schön sein! — Und jetzt — g'rad jetzt wär' Gelegenheit zu einer solchen Naturerscheinung! Flora (wie oben). Jetzt? Felir. Ja — auf deiner Stirn hat sich so eine schwarze Wolle gelagert, die mir völlig angst und bang macht! Aber ich bitt' Dich, laß's Wetter vorübergeh'n, und den Regenbogen — das Bild der Versöhnung '— erscheinen! (Hält ihr die Hand hin.) Flora. Zur Bildung des Regenbogcus genügt die Wolke nicht allein — es muß eine Sonne sie bescheinen! Felix. Na—schau mich an! —Dieses freundlich lächelnde Antlitz. (Eine cokette Haltung annehmend, und den Mund zu einem süßcn Lächeln verziehend.) Ist das nicht Sonne, was? Flora (mit kaltem Spott). Ja, ja, ich sah eben deutlich die Sonnenflecken! Felir. Die neueren astronomischen Forschungen haben aber ergeben, daß die Son- uenflccken eigentlich nurSchöuheitspsiasterln sein, die sich diese Roeoceo-Dame aufgelegt bat, um ihren Reiz zu erhöben, und so — so sind auch gewisse Verirrungen eines Mannes nur geeignet, ihn noch interessanter zu machen! Wenn Dich übrigens diese meine Flecken geniren, so hast Du wahrend nnserer Ehe eine häusliche Beschäftigung — Du kannst diese Flecken herauszubriu- gen suchen; ick laß mir schon ein bissel Waschen und Rüppeln g'fallen! Flora. Dann suche Dir irgend ein Wäschermädchen zur Frau! Ich betrachte die Ehe als eineVerbindung miteinem achtunggebietenden Manne, nicht aber als eine Besserungsanstalt für ungezogene Jungen! Leb' wohl! (Grht rasch ins Wohnhaus ab.) Vierte Scene. Felix (allein). Felix (ihr nachrufend). Aber Flora! Eou- sinerl!- Der Regenbogen'. — (Verzweifelnd.) Die Wolken zieht unter Donner und Blitz ab, und mir winkt kein heiterer Himmel! — Und es war gestern Alles nur daraus berechnet, daß's ein rechten Spaß geben sollt' — kann ich dafür, daß die Komödie so einen ernsten Ausgang g'funden hat? — Es war ja unmöglich, früher eine Prob' davon zu halten! Es war halt eine von den riskirten Unternehmungen, an die man immer mit dem Ausruf geht: »Ja, wenn man nur früher a Prob halten könnt'!«-'— Und solche gibt's im Leben ungeheuer viele! Lied. A Frau preist ihr Töchter! ein' Mann, Den's gern hätt'zum Schwiegersohn, an: »Schauens — d' Fannerl — das herzige Kind, »So sanft und so häuslich gesinnt! »Mit der wird ein Mann recht beglückt, »Sie kocht, und sie näht, und sie strickt, »Und noch wie ein Engel so rein! »Sie weiß noch nicht, was Liebe thut sein!« Wenn's so ist— wär'n wohl alle Wünsche gekrönt — Ab'r wann man nnr früher a Prob'machen könnt'! Ein' Luftballon thut Einer zeig'n, Und fordert mich auf, einzusteig'n; Er sagt: »Meiner Seel! es ist wahr, »Bei dem Ballon ist keine G'fahr, »Ich lenk'ihn, wohin ich nur will. »Wo's aussteigen moll'n, halt' ich still, »Und platzt in der Luft auch die G'schicht, »Da ist schon ein Fallschirm gericht!« So a Luftfahrt — ohn' Halsbrechen hätt' i gern mir vergönnt — Ab'r wann man nur früher a Prob' machen könnt'! Ein Kellner mit einbund'nem G'sicht Erscheinet als Kläger vor'm G'richt, Sein Wirth, so thut weinend er klag'n, Hätt' ihm alle Stockzähn' eing'schlag'n! Der Wirth, gar ein riesiger Mann, Fangt sich zum vertheidigen an: »Ich wollt' ihn ja gar nicht verletz'n, »Ein' Backenstreich nur ihm versetz'» — »Ich hätt's gern gcthan, ohne G'fahr für die Zähnt' —« Ab'r wenn man nur früher a Prob' halten könnt'! 45 Ein Herr ist schon alt und im Sterb'n, Dem sagt Einer von seine Erb'n: »Stirb' ruhig! Ich Hab' Alles b'stellt, »Daß d'kommft in a bessere Welt, »Das ganzeCvnduct— d'armen Leut', »Die beten für Dich, daß's a Freud'! »Auch hundert von Kerzen wer'n brennt, »Im Himmel kommst gleich nach Dein' End'!« »'s war' Alles recht schön!« seufzt der Kranke und stöhnt: »Ab'r wenn man nur früher a Prob' halten könnt'!« Im Krieg wird verloren a Schlacht, Dem Führer wer'n Vorwürfe g'macht, Doch der sagt: »Mei Schuld ist eS nicht, »Für'n Sieg war schon Alles gericht, »Den Feind aber, den hat's verdross'», »Drum hat er so stark h'rüberg'schoff'n! »Das hat mich gekost' so viel Mann, »Und ganz derangirt meinen Plan!« »Zu g'winnen so a Schlackt wär' a Leichtes am End' — »Ab'r wenn man nur früher a Prob' halten könnt'!« »Fünf Gulden—da Hab' ich'S gezählt! »Die sein jetzt mein allerletzt's Geld! »Sein's gar, Hab' ich nichts mehr zu ess'n, »Wie wär's denn mit einer Promeff'n? »So aG'winn—eine Viertel-Million! »Auf Ehre! — das wär' a Passion! »BeimSothen — da Hängen s heraus, »3ch suchet mir gern eine aus,« »'s hab'n Viele schon g'wonnen — vielleicht ist's mir 'gönnt — »Ab'r wann man nur früher aProb' halten könnt'!« Vor'm Treffen fürcht' sich ein Recmt, Der Hauptmann sagt: »Fasse nur Muth! »Es treffen die Kugeln nicht all', »Und wär' es auch wirklich der Fall — »Kannst Du etwas Schöner's erwerb'n, »Als den Tod für das Vaterland sterb'n? »Glaub' mir, lieber Sohn! tzanz gewiß, »So ein Tod ist nicht schrecklich — nein — süß!« Da seufzt derRecrut: »'s kann schon sein — wenn man's g'wöbnt — »Ab'r wenn man nur früher a Prob' halten könnt'!« (Ab.) Fünfte Scene. Verwandlung. (Kleines, ärmlich, aber nett eingerichtetes Zimmer mit einer Mittel« and zwei Seitenthüren, in der Ecke deS Hintergrundes ein kleiner eiserner Koch- osen, daneben ein Gestell mit Töpfen, Schalen, Gläsern u. s. w. Zm Vordergründe rechts ein Tisch und einige Stühle.) Netti (allein). Netti (tritt aus der Seitenthür rechts, in dieselbe zurücksprechend). So,Kinderln! spielt's Euch um derweil — ich führ' Euch Hernack schon zu eurer Mutter! (Macht die Thür zu und tritt traurig vor.) 3a, wann ich selber an das glauben könnt', mit was ich die armen Kinder tröst'! — 3ch hab's derweil daher zu mir g'nommen, und mich oben in der Fabrik frei g'macht, denn arbeiten könnt' ich heut' ohnehin nichts! (Setzt sich an den Tisch und stützt das Haupt in die ausgestemmte Hand.) D' ganze Nacht nichts g'schla- fcn — und die Angst um die arme Bertha! . Wenn ich an Alles denk', was sie in den letzten Tagen schon für Reden fallen lassen hat — (Zusammcnschauernd.) Hu! mich Überlaufes eiskalt! — Fort mit den Bildern! fort! Sechste Seene. Netti. Bertha. Bertha (nur lmUnterkleids, den Kopf und den Oberleib in ein großes dunkles Tuch gehüllt, aus welchem nur daS bleiche, beinahe verzerrte Antlitz mit den wirr über die Stirne hängenden Haaren hervorfieht, öffnet leise die Mittelthür, steckt anfangs nur den Kops herein, ficht sich mit scheuen Blicken im Zimmer um. dann mit leiser Stimme). Pst! Pst! Nettchen! (Etwas lauter.) Nettchen! Netti (aus ihren Gedanken aufgeschreckt). Was ist—? (Ahnend.) Die Stimm'! (Wendet sich, erblickt Bertha, springt außer sich vor freudiger Ueberraschung vom Sitze aus und schreit laut aus.) Ah! Bertha! — Du! Du! (Eilt mit ausgebreiteten Armen gegen die Thür.) Bertha (unter dem Arme einen Bündel tragend. schlüpft rasch vollends herein, macht die Thür hinter sich zu, saßt Netti an der Hand, äng:Uch umherblickend, leise). Still! Still! Nenne meinen Namen nicht! — Du bist doch allein? — Netti. Ja, ja, und d'rum kann ich meiner Freud' Lust machen! Mei liebe gute Bertha! — (Grollend.) Was Du uns für ein' Augst g'macht hast! (Wieder freudig zwischen Wrinen und Lachen.) Aber jetzt bist wieder da— ha ha ha! und jetzt ist Alles gut! (Umarmt sie ungestüm, das Tuch finkt dabei auf Berthas Schultern herab, sie gewahrt jetzt erst das verstörte Aussehen derselben und tritt erschreckt einen Schritt zurück ) Aber, mein Gott! wie schaust Du aus? wo warst denn? — WaS ist mit Dir g'schehen? — wo kommst her? so red' doch! red'! Bertha (ganz verwirrt). Wo ich war? weiß ich's selbst? — Ich entsinne mich nur, daß ich durch die Straßen rannte — die Leute mich anstarrten — darum fort! — hinaus aus der Stadt — über den Fluß — in die Au — durch Busch und Dorn — — dann sank ich hin ins thauige Gras — dachte nach, was geschehen ist, und was geschehen soll und (mit finsterer Entschlossenheit) das Hab' ich gefunden! Netti. Aber was denn? — was denn? Bertha. Sieh — ich wollte fliehen — aber mir nachforschen— mich zwingen, zurückzukehren, und ich will — ich will nicht! Netti. Ja, was willst denn sonst? Bertha. Nettchen! Du warst immer meine beste, theilnehmendste Freundin! Zu Dir allein Hab' ich Vertrauen! Hilf Du mir, meinen Entschluß auszuführen! Netti. Aber sag' nur erst, was für ein' Entschluß? Bertha (mit ungestümer Hast). Schwöre mir, daß Du mir nicht widersprechen — nicht abrathen, sondern thuu wirst, was ich verlange! — Glaube mir — es ist das Einzige, das Beste, was ich tbun kann! — Also schwöre! schwöre! Netti (erschreckt für sich). Mein Gott! — die Blick' — der Wahnsinn schaut ihr aus den Augen — jetzt gilt's seine cig'nen fünf Sinn' z'sammz'halten! Bertha (ängstlich). Nun?—Du besinnst Dich? — Bist auch Du gegen mich? Netti. Nein! nein! ich schwör'Dir, daß ich Alles thun will, was zur Erfüllung deiner sehnlichsten Wünsche beitragen kann! Bertha. Nun, so höre! Rudolf liebt mich nicht mehr — ich stehe seinem — ja dem Glücke seiner eigenen Kinder im Wege — das — das soll nicht länger sein! Netti (entsetzt). Um Gottes willen! — Du willst doch nicht?! — Bertha, denk' an Gott! Bertha. O, fürchte nicht, daß ich Hand an mich selbst lege! Aber Rudolf soll glauben, daß ich nicht mehr lebe — soll sicb für frei halten — Alles aufbieten, daß ihm die junge, schöne, reiche Braut nicht entgehe! Deshalb — Du hast es mir geschworen und wirst es thun! — Nimm hier — (Reicht ihr den Bündel.) Netti (erstaunt). Was ist das? Bertha. Die schönen Kleidungsstücke sind's, die ich gestern trug — bringe sie Rudolf — sage, Du habest sie gefunden -- am Ufer des Flusses — und (einen Zettel aus der Brust hervorzieheud) dabei — diese Zeilen — Netti (wirft einen Blick aus das Papier, erschreckt) Wie? — das?! — Da steht, daß Du! — Bertha. Nun — Rudolf wird wohl er- schrecken — doch (bitter lachend) der Trost liegt ja nahe! Er braucht mich nicht mehr zu verlängnen — gilt für einen Witwer — kann eine Bewerbungen fortsetzen — Netti (fast erzürnt). Aber das ist ja purer Unsinn! Wcnn's wirklich so geschehet, was wollt'st hernach Du thun? Bertha. Nun — eine Trauerzeit wird doch — der Welt zu Liebe eingehalten — und ehe diese zu Ende — bin ich wirklich nickt mehr! Netti (will sprechen). Bertha (ihr mit einer Handbewegung Schweigen auserlegend). Es bedarf keines Stromes — keines Giftes — das Gift, welches sich nach solchen Erlebnissen hier (aus da-Herz weisend) von selbst bereitet, tödlet am sichersten! — Laßt mich mit meinem Schmerz allein, und — ich werde sterben! — Rudolfs Glück fordert dieß Opfer, ich — O! ich werde es bringen! — Also thu', was Du geschworen — damit man mich nicht verfolge — nicht aufsnche — (In heftigster Aufregung Netti's Hand fassend und ihr starr in s Auge sehend.) Wirst Du — ? — Netti (für sich). 3ch muß scheinbar auf ihre Idee eingehen! (Laut.) Ja — ich thu', was Du verlangst! Bertha (von der höchsten Aufregung nach und nach in völlige Erschlaffung übergehend). Dank — Dank für den letzten Liebesdienst! Das ist also abgemacht! und was nun Weiler — (fährt sich mit der Hand über die Stirne) kann ich Dir jetzt — nicht — erklären — weißt Du — es ist oft — als ob hier — (aus die Stirne weisend) mit einem Wale ein dunkler Schleier-es wird Alles so wirr! — Die Gedanken — schwinden — o — eine Todesmattigkeit! — (Wankt und droht zusammenzufinken.) Netti (fie rasch unterstützend, für sich). Gott sei Dank! Die Natur fordert ihr Recht! lLaut zu Bertha.) Du bist natürlich erschöpft, schläfrig! Das begreift sich nach so einer Nacht — da müssen endlich die Kräst' auch Nachlassen—aber ein paar Stunden Schlaf! Bertha (ganz erschöpft ihr Haupt an Netti's Schulter legend). Ja — Schlaf! Wenn ich mich auch dagegen wehre — Alles — verschwimmt in Nebel — meine Augenlider sinken- Netti. Da ist ja leicht geholfen! komm! (Aus die Seitenthür links weisend.) Da drein steht mein Bett — leg' Dich d'rauf — schlaf' — Du wirst dann gestärkt erwachen! (Führt fie gegen die Seitenthür.) Bertha (im Abgrhen). Und — wenn ich nicht erwacht! — (Mit innigem Wunsche.) O, wenn ich nicht mehr erwachte! (Wankt an Netti'S Hand ins Seitenzimmer ab ) Netti (kommt nach einer kurzen Pause wieder zurück, noch nach der Thür sehend). Kaum auf's Bett hing'sunken — und ein eiserner Schlaf ist über sie kommen! — Ja, sie soll schlafen — das ist für sie die beste Medi- cin — aber ich will indeß für sie wachen und handeln! — (Nachdenkens) Aber was fang' ich zuerst an?—Ihren Mann daher .holen? — Nein! — jetzt helfet das noch nichts! Ein' Aussöhnung kür den Augenblick, und der Argwohn bleibet im Herzen! Nein — hier gilt's eine radikale Cur — den Abschluß eines dauernden Friedens; der wird nicht auf so einfache Art erreicht — außerordentliche Fäll' fordern außerordentliche Maßregeln, und die, (entschlossen) die will ich ergreifen! (Es wird an der Mittelthür gepocht.) Wer kommt? — Sollt' der Conrad —? — 's ist sonst sei g'wöhnliche Stund', aber der klopft nit an! — Wer sonst? (Rust.) Herein! Siebente Scene. Netti. Grismann. GrisM. (tritt mit sehr grämlicher Miene durch die Mitte ein). Netti (ihn erblickend, für sich). Der da? Der ist auch eine feindliche Macht, mit der unterhandelt werden muß! Den werd ich mir erst eilt bißl zurichten! (Laut.) Herr Direktor! — was verschafft mir die Ehr? 48 Grism. (zögernd) Sie vergeben — ich wollte nur — Sie waren ja eine vertrante Freundin von Frau Berwald? — Netti. Ja — und was? — Grism. , finster). Sie ist verschwunden — man äußert Befürchtungen — und ich selbst-Hm! — ich muß gestehen — ick bin beunruhigt — gequält — Netti (für sich). Aha! rührt sich'sGwis- sen doch! Grism. Und da — da trieb's mich denn zu Ihnen her, wenn Sie vielleicht etwas erfahren hätten- Netti (für sich) Hat er doch so viel Herz, daß ibu ihr Schicksal kümmert! Grism. (ängstlich). Nun — antworten Sie nicht? — Netti. Weil ich noch nicht ermächtigt bin — Grism. (dringender). Nur das Eine! Ich bitte — ich beschwöre Sie — sagen Sie mir — es ist doch nicht — ein verzweifelter Schritt?-O nehmen Sie die Last von meiner Seele! Netti. Na, wenn Sie versprechen, um gar nichts weiter zu fragen, so sag' ich Ihnen, die ärgsten Befürchtungen waren ^ grundlos. Grism. (ausathmcnd). Ah! sie lebt — lebt also?! (Mehr für sich.) Dem Himmel sei Dank! (Gleich wieder in seinen gewöhnlichen galligen Ton verfallend, laut.) Aber — halt' mir's gleich gedacht! Grimasse! Malice! wollte ihrem Manne Furcht einjagen — ihn martern! O! so ein Weib'! — Netti (gereizt). Wenn Sie vielleicht Ihrem Weiberhaß Lust machen wollen, so thun's das wenigstens nicht in meiner Gegenwart! Grism. O bitte! — Sie! — keine Regel ohne Ausnahme! Sic sind gewiß unfähig, einen Mann zu quälen! Netti (für sich). Na wart' nur! Grism. Im Gegentheile —ich freue mich, daß ich bei Ihnen bin, denn 's ist heute für mich so ein Sommersproffentag — verstehen Sie — so ein Tag, an welchem man vom frühen Morgen an aus der Verstimmung, dem Verdruffe nicht herauskömmt. Netti (lächelnd). Und da tragen's Ihre Verdrießlichkeit zu mir her? Grism. Weil Sie's am besten verstehen, die Grillen zu vertreiben — (Will sie am Kinne fassen.) Netti (den Kops abwendcnd, für sich) Sollst Dich wundern, wie ick die Grillen auskitzel! — (Laut.) Ist's nicht gefällig Platz zu nehmen? (Stellt einen Stuhl.) Grism. Bin so frei (Rückt einen zweiten Stuhl neben den seinen ) Sie werden sich dock zu mir setzen! (Setzt sich) Netti (für sich). Fangen wir mit der Tortur an! (Laut.) Sie verzeihen schon — aber ich muß nur z'erst den Kaffee wärmen. (Geht zu dem Ofen im Hindergrund, nimmt während des folgenden Gespräches ein Feuerzeug, zündet das Holz an, stellt vom Gesimse ein Töpfchen aus dm Ofen u. dgl) Grism. Ah — Sie haben wohl noch nickt gefrühstückt? Netti. Ich frühstück' immer erst um l l Uhr — da haben wir Feierstund', und da drüben — vi8-ü-vis — in der großen Maschinenfabrik auch — das trifft sich grad' so gut. Grism. Was berührt Sie denn die Maschinenfabrik? Netti (immer gleichgiltig). Na — der Conrad ist drüben in der Arbeit — Grism. (aufhorchend). Der — Conrad? Netti (ohne aus ihn zu sehen). Und statt daß er während der Feierstund' in einWirths- Haus ging, kommt er da herüber — da trinken wir mit einander unser Häferl Kaffee. Grism. (immermehr stutzend). Mit einander Kaffee? Netti. Ja, wiffen's, so eigentlich essen thun wir erst Abends mit einander — Grism. (für sich). Teufel! Alles mit einander! (Laut.) Aber wer — wer ist denn der Conrad? Netti (ohne ihn anzusehen, das Feuer schurrend). Na — mein Liebhaber! 49 GrislN. (fährt aus das Unangenehmste enttäuscht vom Sitze auf) Lieb—Lieb— Haber? Netti (sich ganz unbefangen nach ihm um- wendend). Hab' ich Ihnen denn noch nicht von ihm erzählt? Grism. (heftig). Nein! — nein! — ich hatte keine Ahnung, daß Sie — Sic — einen Liebhaber! Netti (laut auflachend). Ha ha ha! Schau ich denn gar so häßlich ans, daß Sie sich nicht hätten denken können, daß ich doch unmöglich so ganz ohne-sein kann? Grism. (ärgerlich). Nun ja — freilich — in der jetzigen verdorbenen Welt — Netti. Na sein's so gut— »verdorben«! Schaffen's d'Lieb' auch noch ab, dann ist erst d'Welt gar nichts mehr nutz! Grism. (sich unwillig abwendend, für sich), 's ist iin Grunde urdnmm, daß ich mich darüber ärgere — und ich darf's auch gar nicht merken lassen! (Laut, sehr verstimmt.) Also der Conrad kommt da herüber? Netti. Ja — gleich muß er da sein. Grism. Dann empfehl' ich mich! (Will fort) Netti (ihn zurückhaltend). Nein, nein! bleibeu's nur da! Grism. Aber wenn er mich dahier trifft, er könnte am Ende denken — Netti (jhu anskhend. ganz gutmüthig).Nein! er kann sich gar nichts denken. Grism. So? so? Jnclinirt also nicht zur Eifersucht? Netti. O! eifersüchtig wie ein Türk'! aber (mit einem Knix) auf einen so würdigen Herrn — Grism. (für sich, verletzt). Hol' der Teufel die Würdigkeit. Netti. Aber bleiben's nur da! schaun's, sonst ruf' ich, wenn der Conrad kommt, immer mei Mahm, die alte Haushälterin, herein — denn (verschämt) mit dem Conrad allein — das schickt sich nicht! — aber jetzt sein Sie da- Grism. Und soll als Stellvertreter der alten Haushälterin — Kaiser. Blumen-Nenel. Netti. Ja — als Ehren wach dablei- beu — (Horcht auf, dann freudig.) Er kommt, ich kenn' sein' Schritt! (Zieht Grismann wieder auf den Sitz.) B'halten's nur Platz! — (Eilt dann gegen die Mittelthür. ) Grism. (miteiner Wuth, für sich), s ist im Grunde niederträchtig! Achte Scene. Vorige. Conrad. Conrad (rin stämmiger Bursche in einer Blouse, das Schurzfell noch umgebunden, tritt durch die Mittelthür ein). Grüß Dich Gott, Nette!! Netti (ihm die Hand reichend, herzlich) Guten Morgen, Conrad! (Küßt ihn.) Grism. (sich unruhig aus dem Sitze hin- und herbewkgeud. für sich). Das ansehen müssen! (Fährt sich mit der Hand über den Mund und räuspert sich daun absichtlich geräuschvoll.) Hm! hm! Conrad (nach Grismann sehend). Wer ist denn? Netti. Der Herr Director — (leise zu Conrad) von dem ich Dir schon erzählt Hab'! (Führt Conrad zu Grismann, laut.) Da fuhr' ich Ihnen mein' Bräutigam auf! Grism. (aufsteheud und sich beherrschend) Ist mir ein Vergnügen (für sich) wenn ich ihm den Hals umdrehen könnte — ! Conrad (sich verneigend). Bitt' — meinerseits! (Zu Netti.) Aber Du! Ich kann mich heut' nicht lang' aufhalten — wir haben eine Ertraarbeit. Netti. Und da willst g'schwind's Frühstück! — gleich! gleich! Ich habe ja schon AlleS g'richt! (Nimmt aus der Tischlade ein Tuch, welches sie über den Tisch breitet, holl aus dem Schranke drei gewöhnliche Suppcnschalen, Löffel, Semmel, welches sie Alles aus den Tisch stellt, und zuletzt noch das Töpfchen mit dem Kaffee.) Conrad (Netti mit Entzücken betrachtend, leise zu Grismann). Ist das ein lieb's Schatzerl! w»e a Wiesel schießt's um — Alles geht ihr unter Lust und Lachen von der Hand! — Ich sag' Ihnen, ich könnt' das Madel rein auffreffen. 4 50 Grism. lfür sich) Wenn er mich dazu! ciuladen wollte, ich wäre bei Appetit! ^ Netti (nachdem Alles geordnet, die Stühle am Tisch zurechtsktzend). So — jetzt nur Platz g'nommen! (Zu Grismann ) Herr Di- nctor, ist's nicht g'sällig mitz'halten? Grism. Danke — danke —habe schon im Kaffeehause gefrühstückt — Netti. Das schad't nichts! unser Kaffee ist nicht so stark — 's mußt nur sein, daß's ihn eben desweg'n verschmäht'n! Grism. O bitte -- (galant) von so lieber Hand kredenzt — (sich schnell beherrschend für sich) mach' Dich nicht lächerlich! (Laut.) D. h. um Ihnen keinen Korb zu geben. (Setzt sich an den Tisch ) Netti (ihm tinschenkend und die Schale reichend) Scandalisirens Ihnen nur nicht über das Service. Wir haben kein anders! Grism. Nun — ein paar irdene Schalen — ein paar Zinnlöffel — auf das (spöttisch lächelnd) kann man schon heiraten! Netti (lachend). Warum denn nicht? Kennen's das alte Lied nicht? (Trällert:) A Heferl und a Reinderl Is all' mein Kuchelg'schirr! Grism. Ja, d rum bricht dann Eins das ».Heferl« und s'Andere das »Reinderl«. Eonrad (Nrttchrn mit einem Arme umschlingend). Ah nein! Das wird bei uns nicht g'schehen! Netti (lachend). Und wenn was bricht, haben wir den Kitt bei der Hand! (Küßt Conrad.) Grism. (für sich), 's ist nicht auszuhalten ! (Steht unwillig vom Tische aus.) Netti (ebenfalls ausstehend und zu ihm tretend) Was ist Ihnen denn? Grism. (leise zu Netti). Ei nun! Es gewährt eben kein Vergnügen, Andere naschen sehen, wenn man selbst — (Beherrscht sich wieder.) Netti. Wenn man selbst — (ihn lächelnd anstheud) nicht mitnaschen kann, haben's sagen wollen! Grism. (heftig) Nein — ich — ich wollte sagen — wenn man selbst zu alt ist— ! Netti (wie oben). Um noch a Bufferl von jungen Lippen zu kriegen? Hm! Das wär' ja dock möglich! Grism. (sie wieder lüstern betrachtend). Dock möglich! (Leise.) Ja, wenn der da nicht wäre! (Auf Conrad weisend.) Netti. Na, unter Einer Bedingung wollt' ich Ihnen sogar mit der Zustimmung vom Conrad aherzhaft's Busserl aufpappen! Grism. Bedingung? — Die wäre? Netti. Schau'us, am nächsten Fasching wollen wir heiraten, aber wir haben noch kein' respektablen Beistand — Conrad (steht rasch aus, zu Grismann). Ja, wenn der Herr Direktor uns die b'sondere Ehr'- Grism. (entsetzt). Was? Ich Beistand bei einer Hochzeit? — Ich?! Netti (ihn freundlich aublickend). Ein ellenlanges Bussel! Grism. (sie ansehend, dann sich wieder ab- weudend. für sich) Hm! — was sich so nach dem Sehen beurtheilen läßt, muß sie sehr gut küssen! Und dabei wäre ja alles Ansehen gewahrt! (Sieht wieder nach Netti. überwältigt) Hol' mich der Teufel! ja ich thu's! Netti (eilt auf ihn zu). Herzlichen Dank - und da (küßt ihn rasch) die Drangad'! Grism. (ganz eigenthümlich durchzuckt, und im Nachgenuß schwelgend). Mm! wie das wärmt! (Zu Netti, sehnsüchtig ) Nur Einen? Conrad. Nein —von mir sollen's auch — (Will ihn küssen.) Grism. (abwehrend). Danke — danke! (sürfich)muß nicht von Allem baden! Netti (zu Grismann). Und jetzt, Herr Beistand, setzen's Ihnen wieder zu uns! (Führt ihn zu seinem Stuhle ) Sie g' hören jetzt so quasi zur künftigen Familie! Kein' Vater Hab' ich nicht mehr, und so denk' ich halt, Sie wären mein Vater — Grism. (spöttisch). Sind sehr gütig! Netti. Macht Ihnen denn das nicht auch a Vergnügen, wenn's so nach Ihrem G'schäft in der Mitten Ihrer Familie fitze- ten — erwachsene Kinder neben sich, ein 51 paar kleine Enkerln, die an Ihren Knien herumkrabeltcn — Grism. (verdrießlich). Kann mir's nicht so recht vorstellen! Netti. Na — ich will ein lebendes Tableau z'sammstellen!— warten's nur! (Geht zerr Seitevthüre rechts und öffnet fie) Mar! Tinerl! GrisM. (hinsehend fast zornig). Was? zwei Kinder auch schon? Netti. Es sein die Kinder von einer Freundin! Grism. (beruhigt). Ah so! (Für sich.) Ich dachte schon— Selbstverlag! Neunte Scene. Vorige. Mar. Tinchen. Netti (führt die beiden Kinder heraus, leise zu ihnen). Seid's recht artig gegen den alten Herrn — küßt's ihm die Hand! Mar und Tinchen (lausen zu Grismann und wollen seine Hände küssen). Gris M. (will anfangs seine Hände zurück- ziedrn). Laßt! laßt! (Sieht die Kinder länger an, dann etwas freundlicher) s sind aber ein paar nette' Kinder! (Fährt Tinchen durch die Locken.) Netti (leise zu den Kindern). Sagts: Lieber Großpapa! (Tritt von ihnen weg, und mit Conrad hinter GriSmann's Stuhl.) Mar und Tinchen (herzlich). Lieber Großpapa! Grism. (etwas gerührt). Was — ich? Netti. Es ist nur wegen dem Tableau ba (ans sich weisend) Ihre Tochter — (faßt ihn rückwärts am Kinn) da — Ihre Enkerln— Mar und Tinchen (sich an seine Knie schmiegend). Großpapa! Grism. (seine Rührung hinter scheinbarem llnwillen verbergend). Albernes Spiel! (Steht rasch auf.) Das war nie — ist nicht — (fast schmerzlich) kann nie sein! Tinchen (erschreckt zu Netti flüchtend). Der alte Herr ist böse! Grism. (rasch nach den Kindern sehend). Hab' ich der Kleinen weh gethan—? Nein — nein! ich bin nicht böse auf Euch — kommt nur her! — kommt her! (Zieht ein paar Silberstücke aus der Tasche und hält sie d>n Kindern hin.) Sein wir wieder guteFreundc! Da — da — nehmt! Mar und Tinchen (eilen zu ihm. nehmen das Geld, springend). Dank — Großpapa! Grism. (lächelnd). Der Großpapa geht ihnen nicht mehr aus dem Kopfe! (ZuTin- chen). Na, bist wieder gut? — Du — Du herzige Maus! (Faßt fie um die Mitte und hebt fie zu sich empor auf seinen Arm.) Netti und Conrad (in die Hände klatschend). Bravo! bravo! GriSm. (fürfich). Mir scheint, die machen sich lustig! (Setzt Tinchen wieder auf den Boden. zu Netti.) Na — führen Sie die Kleinen nur wieder hinein! Netti (zu den Kindern). Kommt's! geht's wieder zu eurer Spielerei! (Führt sie zur Seitenthür rechts ) Mar und Tinchen (ab). Grism. (sich fast schämend). Gut, daß sie fort sind! ich — ich wäre fast kindisch geworden — (ärgerlich) taugt nichts! Netti (zu ihm tretend und ihre Hand aus seine Schulter legend). Aber, Herr Direktor, kann man denn im Alter was G'scheiters thun, als mit Kindern wieder zum Kind werden? — Da fangt man 's Leben gleichsam auf's Neue und bei der schönsten Seiten wieder an! Grism (traurig vor sich hinblickend). Mag sein — wenn man Kinder — Enkel hätte, aber (sich mit der Hand über die Augen fahrend) ich war immer allein! Netti. Und Werden s bleiben — werden ein freudenloses Alter, ein unbeweintes End' haben, wenn Sie — nehmen's mir's nicht übel — so a — (unwillig) Z'wider- wurzen bleiben! Grism. lbeleidigt). Z'wider-! Netti. 3a! Warum sein's so gegen die verheirat en Leut ? warum schließen Sie sich, wcnn's schon kein' eig ne Familie haben, nicht freundlich an ein' andere an! Su- chcn's a paar Leut', die so liebe Kinder 4 * 52 baden, Sie haben g'seh'n, wie zuthunlich die Kleinen gleich waren — Grism. Ja — ja! — und wenn ick sic das nächste Mal wieder sehe — Netti (plötzlich sehr ernst). Dann, dann rennen dieKinder vielleicht entsetzt vor Ihnen davon! Grism. (erstaunt). Warum sollten Sie —? Netti (wie oben). Weil's inzwischen erfahren haben werden, daß Sie — Sie's sein, der sie vielleicht — um ihre Mutter gebracht hat! Grism. (ahnend — erschreckt). Um Gottes willeu! — diese Kinder —?! Netti. Sein die Kinder von dem von Ihnen verfolgten Berwald! Grism. (auf- Aeußerste erschüttert). Ber- wald's Kinder! — und — ihre Mutter — Sie sagten doch- Netti. Daß sie lebt — ich sag' Ihnen auch, daß sie vielleicht gerettet werden kann — aber g'rad dazu war' Ihre Mithilf' nothwendig! Grism. (hastig). Meine Mithilf'? O sprechen Sic — ich thue ja Alles — bin zu jedem Opfer bereit, — sagen Sie nur, waS soll ich —? Netti. Vorderhand Niemanden, am allerwenigsten dem Berwald was von dem sagen, was Sie hier erfahren haben — dann erwarten Sie mich in Ihrem Institut, und dort, dort erst werd' ich meine weitern Ordinationen geben, versprechen Sie mir, unbedingt darnach zu handeln? GriSm. Ja —ja — ich folge Ihnen in Allem — wenn nur ein Unglück verhütet werden kann! Netti. Na,dagegenversprech' ichJhnen, wenn Alles geht, wie ich hoff' und wünsch' — Grism. Nun? nun? Netti. Daß Sie, bei einem allgemeinen Dersöhnungsfest an mir den Beweis liefern dürfen, daß Sie (ihn schelmisch austhend) kein Weiberfeind mehr find! Grism. (entzückt ihr« Haud fastend, leise). Noch einen Kuß von Ihnen? Nun — den will ich mir verdienen! Ich will in Ihren Händen das gefügigste Werkzeug sein! also (laut) auf Wiedersehen, mein liebes Kind ! (Zu Conrad, ihm die Hand bietend. ) Adieu, bc- neidenswerther Bräutigam! (Geht, bleibt bei der Mittelthür stehen, fleht aus da- Paar, skufzt und eilt dann rasch ab.) Netti (ihm nachsehend). Ha ha ha! Da geht er hin — der dirigirte Direktor! (Zu Conrad) AberDu —Du geh' jetzt auch — (mit einem Blick gegen die Seitenthür linkS) ich Hab' noch viel z'thun! Conrad. Ja— ich Hab' auch dieErtra- arbeit! — Aber zum— Abschied — Netti (lachend). Na —wegen der Ertra- arbeit —da! (Küßt ihn.) Conrad (lustig). B'hüt Dich Gott! auf'n Abend wieder! (Mt ab.) Zehnte Scene. Netti (allein). (Lachend.) Ha ha ha! Der Direktor! da sagt's Sprichwort: »Was ein alter Stamm ist, bricht eher, als er sich biegt,* und den, so alt und so schiefrig und knorrig er ist, den wickl' ich, wenn ich will, doch um den Finger! Da sieht man, daß die Sprichwörter, die einmal Wahrwörter g'wesen sein, jetzt doch außer Curs sein — das zeigt sich bei den meisten! Lied. Es heißt: »WasHänschen nicht hatg'lcrnt, DaS lernt der Hans nicht mehr!« Manch' reiches Hänschen, weit entfernt, Daß 's Beten lernet er — Er hat ja All's im Ucberfluß, Ißt Torten und Pasteten, Zn was braucht der bei dem Genuß Umtäglich's Brod zu beten? Als Junger hat er's Geld verschwend't, Im Alter druckt ihn d'Noth, Da hat er'S g'lfrnt, zu falten d' Händ', Und z'betteln um a Brod! 53 WaS Hänschen nie g'lernt hat — schaut'S 'n jetzt an als Hans — Die Noth hat ihn beten gelehrt, nnd — er kaun's! »Wem Gott ein Amt gibt, dem wird er Dazu Verstand auch geben!* Ein Praktikant — wie sehnt fich der Ein Amtl zu erstreben! Jetzt ist er endlich avancirt, Dreihundert Gulden Gage! Was glauben Sie wohl, daß er wird Jetzt thnn in erster Rage? Zum Pfarrer rennt er, zeigt's Decret — Laßt fich in'S Traubuch schreiben, Weil er dreihundert Gulden bätt', Möcht' er sich gleich beweiben! Gott hat ihm ein A m t gcb'n — doch gleich hingerannt Um z'heirat'n mit der Gage? — Wo bleibt der Verstand? Was sagt erst von der Morgenstund' Ein anders Sprichwort wieder? Es sagt gar: »Die hätt' Gold im Mund!* Auf Ehr'! das wär' not z'wider! Doch geh'ns in d'Dorstädt weit hinaus, In unsere Fabriken, Da können Sie jahrein — jahraus Ein' Weberg'sell'n erblicken; Bevor der Tag im Osten graut, Sitzt der schon da nnd webet — Doch Gold? — Kaum wie a Guld'n ansschaut, Hat der Mann noch erlebet! Die »Morgenstund, Gold im Mund!« erlaub'ns mir die Frag': Warum wär' die Börft denn hernach zu Mittag? »Ein Schelm thut mehr nur, als er kann!* Das Sprichwort, daS gescheite, Das sag'u — spricht's wer um Hilft an — So manche reiche Leute! Sie thun auS Vorsicht weniger, Als sie wohl thuen können, AuS Furcht, daß man, wenn's thäten mehr, Aufd'letztsie »Schelm* möcht'nennen! D rum ist das Sprichwort mir zu dumm, Zum Heucheln dient's und Gleißen, Ich drehct's deswegen lieber um, Und also müßt' es heißen : »Wenn d'Menschenpflicht ruft, oder 's allgemeine Wohl — Ein Schelm dann, der weniger thut, als er soll!* (Ab nach link-.) Eilfte Scene. Verwandlung. (Garten bei Gütlich s Hause; seitwärts recht- ein Tract des Wohngebäudes mit einem Stockwerke nnd einer in den Garten führenden Thür, link- dichte Baumgruppen und blühende Gebüsche — im Hintergründe quer über die Bühne ein zierli. ches Gitter, an demselben Blumenbeete; im Vordergründe rechts eine Gartenbank ) Flora. Gütlich. Felix. Flora (im Salonkleide, eilt im höchsten Unwillen aus der Thür de- Wohngebäude-). Gütlich — Felix (folgen ihr rasch). Gütlich (zu Flora). Aber Flora! Ich bitt' Dich um Alles in der Welt! Ist denn das eine Manier — wir haben eine Menge Leut' zu B'such, und Du — die Tochter vom Haus, rennst auf und davon! WaS sollen sich die Leut' denken? Flora. Denken, was sie wollen! — Aber mich nicht fragen! Was trieb all'die guten Freunde nnd Bekannten heute wieder zu uns? — Theilnahme? — Nein! nichts als widerliche Neugierde! (Aergerlich verschie- dem Personen copirend.) »Aber ich bitte Sie, geben Sie mir Aufschluß!" (Die Stimme ändernd.) »Nein, hören Sie, was wir uns die Köpft zerbrochen haben —« (Wieder mit einer andern Stimme.) »WaShatten Sie denn eigentlich mit dem jungen Manne? — O, j erzählen Sic — *(Mit eigener Stimme zornig.) 54 Und so braust und stürmt es von allen Sei ten an mich heran! Felir (wklchrr ganz kleinlaut etwas mehr im Hintergründe stehen geblieben war, nun schüchtern her- vortretend). 3a, wenn so viele Interpellationen auf einmal gestellt werden — das kann der Zehnte nicht anshaltcn! Flora (aufs Neue erzürnt, heftig zu Felix). Und da mußtest Du auch noch kommen — neue Fragen in Bezug auf Dich Hervorrufen? — Was — was wolltest Du noch? Felir. Na, ich — ich bab'doch —wenn's schon bei deinem Beschluß bleiben soll — «fast dem Weinen nahe) förmlich Abschied nehmen wollen! Flora. Wozu Abschied nehmen? Ich Hab' ihn Dir gegeben! Felir. Aber, Flora! Schau', wenn ein Derhältniß so lang bestanden hat, so jagt man ein' doch nicht so Knall und Fall hin aus! Ich denk' — vierzehntägige Kündigung — Flora. Soll ich Dir die vierzehn Tage bezahlen? Felir. Nein — ich bin schon ausg'zahlt g'nug! Aber — Du sollst mir doch ein Zcugniß ausstcllen — zur weitern Anempfehlung! Flora (immer mehr erbittert). Du — Dn kannst noch alberne Scherze machen — jetzt — bei unserer Ungewißheit über ein Schicksal. das Du herausbeschworen! Du bist ein frivoler, herzloser Mensch! — Geh' — geh', verlass' mich! Felir (auch anfbegehrend). Frivol? herzlos? ich?! — Nein, was z'viel ist, ist z'viel! — Meiner Seel' und hol' mich der Teufel! Jetzt geh' ich — und wer mich noch ein mal in dem Haus ficht — Gütlich (dem die Geduld reißt, nun auch zornig). Himmeltausend Donnerwetter! jetzt ein End'! — Flora, daher zu mir! Flora (hat sich aus dir Gartenbank geworfen und sitzt mit abgewandtem Gesichte, an ihrem Sacktuche kauend). Gütlich. Sie folgt nicht! —(ZuFelix.) So komm' Du! -helir (auch mit abgewandtem Gesichte). 3ch thu' kein' Schritt mehr! Gütlich. Macht s mir keine G'schichten— (Sieht nach dem Hintergründe links.) Da kommen schon wieder Leut' — Flora (vom Sitze aufspringend). Wieder Besuche? — Wer ist? — (Sieht ebenfalls in die Scene links) Zwölfte Scene. Vorige. Netti. Grismann. (AK. Während dieser und -er folgenden Scene beginnt es immer mehr zu dämmern.) Netti (kommt vom Hintergründe links). Grism. (folgt ihr, bleibt aber anfangs mehr im Hintergründe stehen). Flora (Netti erkennend und auch gegen diese erbost). Wie, Mamsell! Sie — die sich gestern unterfing, an einer beleidigenden, uns alle compromittirenden Mystifikation theil- zunehmen — Sie wagen es, nochmals dieß Hans zu betreten? Ich dächte, so gering der Grad Ihrer Bildung sein mag, so viel sollten Sie doch einsehen, daß 3hr abermaliges Erscheinen beinahe an Frechheit grenzt! Netti (sieht Flora fast mitleidig an unsacht dann laut auf). Ha ba ha! Flora (noch mehr gereizt). Sie lachen — Sielachen noch? (Zu Gütlich.) Vater, ich bitte Dich, befreie mich von der Anwesenheit solcher Geschöpfe, die — (Wendet sich ab.) Gütlich (zu Netti begütigend, leise). Mein Kind! Nehmen's ihr die Aeußerungen nicht übel! — Sic ist heut' in einer Laune — Netti sfortlachend). 3a, man ist nie mehr gegen Andere zum Zorn aufg'legt, als wenn man eigentlich Ursach' hält', sich selber recht die Meinung z'sagcn! Gütlich (wie oben), lind dann — in dem gegenwärtigen Moment — (Auf Flora und Felix weisend.) Sie sehen — Alles Ist auseinander — Netti (mit Zuversicht). Wir werden's schon I wieder z'sammbringen! 55 Gütlich (zweifelnd). Jetzt — bei den aufgeregten Leidenschaften? Netti. Die Leidenschaften sein wie die wilden Thier' — man muß nur den rechten Blick haben, so bändigt man's! Na — und Gott sei Dank! blicken kann ich! Ick Hab' schon heut' eine kleine Prob' als Thierbändigerin abg'legt! (Sieht sich nach Grismann um. leise.) Schau'ns einmal den alten Brummbären an, wie der sonst immer nach rechts und links bissen hat, und j» tzt — ha ha ha! jetzt frißt er mir aus dcr Hand! (Winkt Grismann näher zu treten.) Sie, Herr Grismann, kommen's her! reden's! GrisM. (tritt vor, im Tone der Beschämung und Reue). Herr von Gütlich! — Ich sehe mein Unrecht ein! Gütlich (ganz erstaunt). Sie — sehen einmal ein, daß's Unrecht haben? — Sie?! (Zu Netti.) Und das haben Sie zu Stand bracht? Netti (mit Stolz)- Ja — ich! Felir (ist, während dem ditß etwas mehr im Hintergründe gesprochen wurde, wieder zu Flora getreten und hat Versuche gemacht, sie auf ihn aufmerksam zu machen, da Flora aber sich wiederholt trotzig von ihm abgewandt, setzt er endlich stürmisch seinen Hut tief in die Stirne und ruft) Aus! — Aus! ich geh'! (Entfernt sich einige Schritte.) Netti (es bemerkend, gebieterisch). Halt, steh'n geblieben! Felir (bleibt stehen, für fich). Gott sei Dank, daß mich wer dazu auffordert! Netti (zu Gütlich, leise). Bei dem ist's leicht gangen! — Jetzt geben's aber Acht, wie ich das wilde Tauberl (aus Flora weisend) dreffir'! Gütlich. Ah — da bin ich neugierig! Netti (tritt zu Flora, welche noch abgewen- det steht, neigt fich über ihre Schulter und flüstert ihr leise zu). Ich bring'die Frau von Ber- wald her — Flora (fich rasch zu ihr umwendead). Was sagen Sie? Netti. Pst! (Spricht leise mit ihr fort ) Flora (drückt, während Netti erzählt, anfangs Schreck, dann Freude auS, horcht ängstlich aus jedes Wort, faßt dann Netti'S Hand und fällt ihr zuletzt um den Hals). Gütlich (beide beobachtend, immer mehr erstaunend, leise zu Grismann). Ich bitt' Ihnen — meine Tochter schauen's an —wie's zuhört — g'rad wie a Canarievogel, wann's Werkel g'spielt wird — die Freud' in ihrem G'sicht — sie nimmt's bei der Hand — (Da Flora eben Netti umarmt) Ah! — ah! mir steht der Verstand still! Netti (erfreut, leise zu Flora). Sie sehen's also ein, daß nur so a gründliche und dauerhafte Heilung möglich ist? Flora (noch unentschlossen, leise). Ja — ja — aber — Netti (leise). Kein »aber«, wo ein Menschenleben und Menschenglück auf dem Spiel steht! — Und — (auf den noch immer ängstlich wartenden Felix weisend, leise) schauen's den armen Hascher an! Heißt's nicht im Sittenbüchel: »Quäle nie ein Thier zum Scherz!« Soll ich —? Flora (leise, noch etwas trotzig). Nun — wenn schon nichts anders zu helfen ist — Netti (erfreut). Na — so kochen wir die Medicin! (Zu Felix ) Kommen's her —! Felir (läuft sogleich hinüber). Ich? — da — da bin ich! Netti (nimmt Flora's Hand und legt sie in die Frlix's). Miscetur, detur, signetur: Alle Stund' ein Eßlöffel voll! Felir (noch kaum au sein Glück glaubend, ganz außer sich) Was? — Flora! Cousine! Du — Du bist wieder gut? Flora (noch halb schmollend). Nur die Umstände bestimmten mich! Felir (freudig). Gott g'segn' die Um- ständ', und machen wir keine Umständ' — und (fliegt Flora an den Hals und küßt sie trotz ihres Sträuben- wiederholt). Gütlich (gar nicht begreifend). Ja, wie ist mir denn? (Eilt auch vor und faßt Netti s Hand ) Sein Sie denn a Zauberin? Netti (herzlich lachend) Ha ha ha! Mei ganze Zauberkunst liegt in mein' Humor, der sogar dem ernstesten Schicksal so lang 56 in's Glicht lacht, bis es sich zum Bessern wend't — Gütlich u. Felix. Aber sageu's doch — Netti (sieht in die Scene links, für sich) Ah — dort — die Gestalt — (Rasch zu den Anwesenden.) Der Herr Grismann wird Ihnen Alles sagen. — Thun's auch was er Ihnen sagt — und schicken 's mir gleich den Derwald her — aber jetzt nur fort — fort! (Drängt sie gegen das Gebäude.) Grism. (zu den Utbrigen). Kommen Sie! Wir müssen schon ihren Willen thun, wenn die kleine Here uns helfen soll! (Ab mit Gütlich, Flora und Felix in'S Gebäude.) Netti lallein). Sie kommt!— jetzt wird mir selbe kirn bißl bang — eS ist ein großes Wagniß — aber Gott sieht mein' guten Willen — er wird mich nicht im letzten Augenblick verlassen! Dreizehnte Scene. Netti. Hertha. Bertha (i» einem anderen Kleide als früher. aber das Tuch wieder um Kopf und Schultern geworfen, erscheint im Hintergründe links, anfangs sich noch uicht ganz hervorwagend). Netti (sir zu sich winkend). Komm' nur! komm'! — ich bin ganz allein — die droben (auf die Fenster des Gebäudes weisend, welche nun erleuchtet werden) haben G'sellschast — Bertha (rasch zu ihr vorwärts kommend). Und — Berwald — Netti. Ich Hab' ihn da zu mir her bitten lassen — Bertha. Er — er weiß doch nicht —? Netti. Ich Hab' mein'Schwur g'halten, und schwör' Dir jetzt auf's Neue, daß dein Mann noch keine Ahnung hat. was aus Dir worden ist, keine Ahnuug haben wird, daß Du jetzt in der Nabe bist — Bertha. Gut! — ich will Zeugin sein, wie er die Kunde ausnimmt. Netti. Wirst Dich aber g'wiß nich tver- ratheu? Bertha. Nein! — nein! Mag sein Schreck auch im ersten Augenblick ein heftiger sein, mein Entschluß steht fest! Netti (für sich). Das wollen wir doch erst sehen! (Laut.) Na — so geh' dort (nach links weisend) in das Gebüsch — von dort kannst Alles sehen und hören! (Segen da- Gebäude horchend.) ' Ich hör' kommen! — Schnell! schnell! Bertha (flüchtet sich hinter die Baumgruppe links). Netti (selbst ängstlich nach Athem ringend). Jetzt! — jetzt! — Ich kann mir vorstelleu, wie ein'Arztvor einer g'fährlichen Operation z'Muth ist — auf Leben und Tod! —aber (sich Muth einsprechend) er ist ein Mann — den bringt so leicht nichts um! — Still — da — ist er! Vierzehnte Scene. Vorige. Rudolf. Rud. (kommt hastig aus dem Wohngebäude, angstvoll aus Netti zueileud). Nettchen! — Man sagte mir — Sie haben — nach mir gefragt — um Gottes willen — haben Sie Nachricht? Netti (ihrer Bewegung kaum Herrin). Berwald! — erschrecken's nicht — sein's g'faßt! Rud. Sprechen Sie! — Sprechen Sie! Netti. Mau hat — das Kleid Ihrer Frau g'funden — Rud. (entsetzt, mit beiden Händen nach seiner Stirne greifend). Das Kleid — Netti. Und — dabei — den Zettel — (Gibt ihm da- Papier.) Rud. Diese Schrift — (Tritt hastig gegen die Gartenbank, um bei dem aus den Fenstern herabsallendtn Lichte zu lesen, er richtet aber nur einen Blick daraus und statt aus dir Gartenbank zurück mit dem Schrei:) Allmächtiger Gott! Netti (zu ihm eilend) Herr Berwald! (Absichtlich laut.) Ah! — er stirbt! Bertha (stürzt, keiner Besinnung fähig, hervor und auf Rudolf zu). Rudolf! Rud. (von der Schreckensbetäubung in Staunen und Freude übergehend). Welche Stimme? 57 Bertha! — mein Weib! (Zjrht sie in wahnsinniger Freude an sich.) Netti (in höchster Freude) Ha ha ha ha! ha ha ha! — doch verrathen! — selber verrathen! Bertha (will sich Rudolfs Armen entwinden). Rudolf! — laß mich —! (Im Tone des Vorwurfes.) Tu wirit wohl dort — (gegen das Gebäude weisend) erwartet! Netti (heiter). Freilich! Freilich! bei der Braut! (Winkt gegen das Haus.) (Von dem ersten Stockwerke herab ertönt Jubel und der Ruf.) Hoch das Brautpaar! Hoch! Bertha (überrascht). Was soll dieß? Netti. Daß Braut und Bräutigam oben beisammen sein, und daß herunten zwei brave Eheleut', die nur der Schein getrennt hat (Bertha in Rudolfs Arme drängend), beisammen bleiben sotten! Bertha. Wie fass' — ich? Netti. Reden hilft nichts —Thatsachen beweisen! Da — schau! Fünfzehnte Scene. Vorige. Flora. Felir. Gütlich. Diener. Gäste, dann Grismann. Mar. Tini, zuletzt Eonrad. Einige Diener (Armleuchter mit brennenden Kerzen tragend, treten zuerst aus dem Hause). Flora (mit einem Kranze in den Haaren) und Felir (ein mächtiges Bouquet im Knops- loche, treten Hand in Hand heraus). Gütlich und die Gäste (alle Blumen- sträußchcn an der Brust, folgend). Bertha (Flora erblickend). Ah! das Fräulein — Felir (mit Stolz). Meine — mir soeben anverlobte Braut! Bertha. Ihre Braut? Felir (mit Zuversicht). Ja, mir wird man nicht so leicht untreu — Bertha Und — was ich gestern sah ? Grism. (tritt anfangs ^allein aus der Reihe der Gäste hervor). War ein Höttenspuk — dessen Veranlassung — ich gestehe cs — meine Erfindung war. (Auf Bertha und Ber- wald.) Können Sie mir Beide verzeihen?— D, hier (eilt zurück und fuhrt Tinchen und Maz. welche in netten Kleidchen und mit Blumen geschmückt sind, zu Rudolf und Bertha vor) !Ntd meine Fürsprecher! Rud. und Bertha (freudig die Kinder zu sich erhebend). Unssre Kinder! Grism. Die einst die paar tausend Gulden, die der alte Hagestolz erspart hat, erben sotten, wenn sie dafür mich ein bischen lieb haben wollen! Rud. (küßt die Kinder, dabei Bertha umarmend, sein Blick fällt auf die seitwärts stehende Netti). Nettchen, jetzt lachen Sie nicht? Netti (vor Freude weinend). Ich dank— ich — ich kann jetzt nur inwendig lachen! Grism. Und auswendig weinen? Brautthräncn! (Winkt Conrad herbei.) D er soll sie trocknen — in acht Tagen sott eure Hochzeit sein — ich — der Beistand, be^ streite Alles! Netti (fällt Conrad um den Hals) Ha ha ha — Ha ha ha! Jetzt, glaub' ich, können wir Alle lachen — und jetzt stimm' ich an : Vivat der alte Herr Direktor! (Allgemeiner Jubelrns.) (Der Vorhang fällt.) Ende. Ka er, BIumm-NrNel. s Friedrich Kaiser -- find bei uns erschienen: MännerschSnheit. Original-Characterbild mit Gesang in3 Acte«. Mit Xitrlkupfrr. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Naturdichter, oder: Der -Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Girr« Posse als Mrdicin. Originalpoffe mit Gesang in 3 Acten. Mt allegorischem Bilde. 8. geh 15 Sgr- oder 75 Nkr. Ei« Fürst-Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischen Bilde. 8. geh 15 Sgr. oder 75 Nkr- Mönch und Soldat. Tharacterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 3- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schul« der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbild«. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Der Rastelbinder, oder: 10-000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbild«. 8. geh- 15 Sgr. oder 75 Nkr. Junker und Kn echt. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit t Liteldilde. 8. geh-15 Sgr. oder 75 Nkr Gin Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Acten g. geh. 15 Sgr- oder 75 Nkr. Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde 8. geh. 15 Sgr- oder 75 Nkr Dienstboten Wirtschaft, oder: Chatouille und Uhr. Charakterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbild«. 8-'geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Doktor und Friseur, oder: Die Sucht nach Abenteuern Posse mit Gesang in 2 Acten. Zweite Austage. <*/, Sgr. oder 35 Nkr Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr Mstller und Schifsmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten 10 Sgr. oder 50 Nkr Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig- Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr Ein neuer Monte-Christo. Original-Characterbild in 3 Acten Die Frau Wirthin. Characterbild mit Gesang in 3 Acten Etwas Kleines. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Zwei Testamente- Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Unrecht Gut. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten und 1 Vorspiele- 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr- oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr- oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr Des Krämers Töchterlein. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr Eine Feindin und ein Freund. Posse mit Gesang in 3 Acten- Ein Lump- Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Verrechnet. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Palais und Irrenhaus. Original-Characterbild mit Gesang in 2Acten. Jagdabenteuer. Posse mit Gesang in 2 Acten. Naturmensch und Lebemann. Characterbild mit Gesang in 3 Acten- Nichts. Posse mit Gesang in 3 Acten Laralsävgerin und Postillon. Posse mit Gesang in 3 Arten. Gute Nacht. Rosa! Dramatisches Genrebild in 1 Act. De, Soldat im Frieden. Characterbild mit Gesang. Tanz rc. in 3 Acten De, Mensch denkt — Lebensbild mit Gesang in 3 Abtheilungen. 12 Sgr- oder 60 Nkr 12 Sgr- oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Ntr 12 Sgr. oder 60 Ntr 6 Sgr. oder 30 Ntr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr Dnick und Papier von Leopold Eoimner in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. liebenswürdiger Mensch. Lustspiel iu einem Acte nach dm MuMscheo von Max Stein. Am k. k. Hofburgtheater in Wien zur Aufführung angenommen. Personen: Herr Lefrilenx. Frau Lefrilenx. Frau Derweil. Christine Tabary. Amable de La Raclee Dalroger. Girafier. Flavien. Jacinthe, Kammermädchen. Ein großer Salon mit drei in den Garten führenden Mittelthüren. Links eine Seitenthür, rechts ein Fenster mit Vorhängen, rin Gueridon mit Kaffeeservice; links ein Buffet mit allem Röthigen zum Tischdecken. Platmenage, Dessert. Weinflaschen rc. — Gemälde an den Wänden. Flav. (zu Frau Lefrilenx). Wo ist Frau Tabary? Gir. Wo ist unsere schöne Witwe? Jac. (tritt links ein). Die gnädige Frau beendet ihre Toilette, sie wird sogleich erscheinen. Fr. Le fr. O, sie soll sich unsertwegen nicht beeilen. (Jacinthe ab.) lhtattr-Repntoirt-Nr. 173. Erste Scene. Frau Vermeil, Frau Lefrileur (fitzen links). Flavien, Girafier, Lefrileur, später Jacinthe. Gir. (hält eine Zeitung in der Hand). Frau Vermeil (fächelt sich Lust zu). Frau Lefrileur (stickt). 2 Fr. Verm. Wer wirb auch unter Freunden Umstände machen? Le fr. Unter Nachbarn! Flav. Und.bcsonbers auf dem Laude! Le fr. Mengen Sie sich doch nicht immer in das Gespräch, Herr Lapinville! (Fr. Lefrileux steht auf und setzt sich rechts, Flavien folgt ihr und setzt sich neben sie auf einen Sessel, wo Lesrileux's Rock liegt ) Gir. (zu Lesrieux). Mit den ersten ein- malhunderttausend Francs, die unser neues Unternehmen abwirft, werde ich ein kleines Haus kaufen — auf dem Lande — für meine Frau. Fr. Verm. Sie denken daran, sich zu verheiraten, Herr Girafier? Gir. (siehtFrau Vermeil verliebt an). Sehr oft, seit ich hier in Saint-Germain bin. Fr. Verm. (für sich). Wie er mich an- sieht! — Wenn ich nur roth werden könnte! Fr. Le fr. (sitzt und stickt). Aber Flavien, treten Sie doch ein wenig zurück, Sie stehen auf meinem Kleide. Lefr. Nehmen Sie sich doch in Acht, Herr Lapinoille, Sie sitzen auf meinem Rock. Flav. (steht auf). Nur auf dem Kragen, mein Herr! (Lesrelieux nimmt seinen Rock und legt ihn auf einen Stuhl im Hintergründe.) Fr. Verm. (steht aus). Mein verstorbener Mann, der arme Vermeil, schrie auch immer laut auf, wenn ich seine Kleider zerknitterte — ich war damals noch sehr unbeholfen. Gir. Sie heirateten — Fr. Verm. Mit fünfzehn Jahren, mein Herr, am selben Morgen spielte ich noch mit der Puppe. Gir. (für sich. Frau Vermeil ansehend). Sie hat sich vortrefflich erhalten! Fr. Verm. (Girafier musternd). Ein ganz angenehmer Mann, etwas verblüht, aber— Lefr. (zu Flavien, der leise mit Fr. Lesrieux spricht). Lapinville, was zischeln Sie meiner Frau immer in's Ohr? Fr. Lefr. Er frägt mich um Rath. Flav. Ich will Ihnen eine Überraschung bereiten. Lefr. Mir? Flav. Ja — eine Kleinigkeit zu Ihrem Geburtstage! Zweite Scene. Vorige. Christine. Christ, (tritt links ein. Fr. Lefrileux steht auf). Entschuldigen Sie, wenn meine Toilette mich etwas lange aufhielt. (Sieht sich um.) Wie, Herr Valroger ist noch nicht angekommen? Fr. Lefr. Er hat vielleicht den Zug versäumt. Christ. Es ist eilf Uhr vorüber, wir wollen unser Frühstück nehmen. (Rust.) Ja- cinthe, decke den Tisch! Jac. (erscheint im Hintergründe links). Ich kann nicht, Madame, ich muß den Braten begießen. (Ab.) Fr. Lefr. Wir wollen also selbst decken! Flav. Ich werde Ihnen helfen! Christ. Ich danke, Herr — entschuldigen Sie, ich kann mich nie an Ihren Namen erinnern. Flav. Flavien. Lefr. Flavien Lapinville, der Sohn eines meiner alten Collegen, der jetzt in Nancy lebt und mich bat, mich ein wenig dieses Schelms anzunehmen. Er ist Zögling der Marine - Vorbcreitungsschule. Donnerstag und Sonntag nehme ich ihn immer heraus. — Fr. Lefr. (für sich) Das dankt er mir. Lefr. Und ich war so frei, ihn wie gewöhnlich mitzubringcn. Christ. Sie haben wohl gethan! (Lachend.) Kommen Sie, Herr Flavien, und Sie, meine Herren, ans Werk! (Sie öffnet das Buffet, wo Service und Servietten find, und deckt den Tisch mit Flaviens und der Damen Hilfe.) Gir. (zu Lefrileux). Wann haben Sie dlk Compagnie Iris verlassen? Lefr. Vor fünf Jahren — wegen einer Ungerechtigkeit. — Dann bot ich meine Z Dienste dem Auslande an, das mir auch mehrere Verdienstmedaillen zuerkannte. G ir. Sie tragen also die Iris im Knops- loche? Lefr. Wenn Sie wollen — in der Tasche. Christ, (dm Tisch deckend). Wissen Sie, meine Damen, daß wir heute Abend ein Feuerwerk sehen werden? Flav. Ein echtes? Christ, (lacht). 3a — echtes Pulver! — Die Sonne und Raketen sind heute Morgens aus Paris angekommen und warten in dem kleinen Pavillon auf den verhäng- nißvollen Augenblick. — Herr Valroger soll es anzündcn. — Flav. Ich will ihm secundiren! Christ, (für sich). Was kann ihn nur zurückhalten? (Links ab.) Lefr. (nimmt die Zeitung, welche Girafier hält, und geht mit ihm nach links). Ah! das Journal der Actionäre. Gir. Ich habe es mitgebracht. Es enthält einen Artikel über unsere Unternehmung — da sehen Sie — »Handschuhe aus gesponnenem Glas.« Fr. Lefr. (leise zu Flavien). Was haben Sie vorhin im Garten gelesen mit zu dem Himmel aehobenen Händen? (Girafier und Lefrieleux sttzen links.) Flav. (leise). Verse. Fr. Lefr. (ebenso). Sie sind Dichter? Flav. (ebenso). Ich bin — verliebt! Gir. izu Lesrieux. der den Artikel liest). Sie sehen, die Sache fängt gut an. — Lefr. Ja, aber der Ausgang macht mir bange — das Ding ist so gebrechlich — Fr. Lefr. (leise zu Flavien)^ Und diese Verse? Flav. (sieht sich vorsichtig um, zieht ein Papier aus der Tasche und läßt es in Fr. Lefri- lmx's Hand gleiten). Hier sind sie. Fr. Lefr. (verbirgt das Papier schnell in ihre Tasche, leise zu Flavien). Nehmen Sie sich in Acht! Gir. (zu Lefrileux). Seien Sie unbesorgt, bei solchen Aussichten ist der Erfolg gewiß. Lefr. Glauben Sie? Gir. Die erste Summe müssen Sie schon bald erlegen — bereiten Sie sich vor — verkaufen Sie einige Franzosen — (Gehen plaudernd in den Hintergrund und ab in den Garten.) C hrist.Htritt links mit einer Schüssel Backwerk ein, welche sie aus das Buffet stellt). Wer von Ihnen versteht es, Mayonnaise zu bereiten? - Fr. Lefr. Ich nicht — Fr. Verm. Ich werde versuchen den Lehren meiner seligen Mutter Ehre zu machen. (Mit Christine links ab.) Dritte Scene. Fr. Lefrileur, Flavien. dann Valroger, später Christine. Fr. Lefr. (zieht das Papier aus der Tasche und gibt es Flavien). Nehmen Sie es schnell zurück. Flav. Nicht bevor Sie es gelesen haben. Fr. Lefr. Gut — nur um Sie endlich los zu werden! (Oeffnet es und liest:) »Marie, sobald ich Dich erspähe« — O — ich kann nicht fortfahren, mein Herr — Flav. Ich beschwöre Sie — Fr. Lefr. (liest): »Folgt Schritt und Herz Dir nach — Doch deines Tyrannen stete Nähe Verscheuchet« — (reicht ihm das Papier) Das ist sehr unpassend, mein Herr, nehmen Sie es zurück! Flav. Nie! (Geht nach rechts.) Valr. (tritt bei der Mitteltklür rechts ein und sieht den gedeckten Tisch). Ah, man ist noch nicht beim Frühstück! (Sieht Fr. Le- srileux, die schnell das Papier in die Tasche gesteckt hat, und grüßt sie.) Madame — (grüßt Flavien) mein Herr! Fr. Lefr. (etwasverwirrt). Herr Flavien — der Sohn eines Freundes meines Mannes— der Ihnen bei Ihrem Feuerwerkeramt helfen wird! 4 Valr. Ah—sehr verbunden, mein Herr! (Drückt ihm die Hand.) Christ, (tritt links ein, zu Dalroger). Sic sind es — endlich — welches Glück! Valr. Zürnen Sie nicht, ich wurde durch eine lästige Begegnung aNfgehalten. Fr. Le fr. (geht). Wo mag mein Mann sein? Flav. (folgt ihr). Wir wollen ihn suchen. Fr. Le fr. (leise). Ich brauche Sie nicht. Flav. (ebenso). Doch — doch — Fr. Le fr. Ich werde böse werden! (Entfernt sich mit ihm in den Garten.) Vierte Scene. Valroger. Christine. Christ. Wo hatten Sie diese unangenehme Begegnung? Valr. Hier in Saint-Germain. Ein alter Camerade, den ich ans dem Gesichte verloren hatte —nicht ganz ohne Absicht— Christ. Warum? Valr. Weil er einer der unerträglichsten Menschen ist. Einer von jenen Leuten, die ans Höflichkeit die schmutzige Seite des Weges wählen, und uns in Folge dessen mit Koth bespritzen— ein unermüdlicher Schmeichler, dem eine Beleidigung in den Mund kömmt, so oft er eine Artigkeit sagen will, und dessen übertriebener Zuvorkommenheit es gelingt, immer dort zu schaden, wo er nützen will. Kurz, er ist der Bär Lafontaine's — ein Ungeschickter! Sonst al cr ein ganz guter Junge, der sich eines gewissen Wohlstandes erfreut und mit der feinsten Welt umgeht — wie er sagt. Eine Behauptung, deren Wahrheit zu erproben ich mich hütete, — obwohl er mir schon mehrere Male antrug, mich im Faubourg Saint-Germain einzuführen. Ich bin nicht sicher genug, in welcher Weise er dort empfangen wird, um mir von ihm den Empfang bereiten zu lassen. — Eben jetzt, als ich vom Bahnhofe kam, stieß ich mit ihm zusammen—er ließ mir nichtZeit zu Athem zu kommen, lud mich zum Frühstück, bestand trotz meinem Weigern darauf, ich sagte endlich zu, nur um mich von ihm losmachen zu können. Nun sitzt er beim Restaurant, wählt die feinsten Gerichte, wird aber bis zum jüngsten Gericht auf mich warten können. Christ. Sie thaten unrecht— anstatt so unhöflich mit diesem Herrn zu sein, hätten Sie ihn Hieherbringen sollen. Valr. Gott behüte mich! Man steht, daß Sie diesen Menschen nicht kennen. Fünfte Scene. Vorige. Jacinthe. Jac. (bringt einen Hummer und Mayonnaise und stellt Beides aus den Tisch). Da ist das Thier! (Mau klingelt.) Christ. Man läutet — öffne, Jacinthe! (Jacinthe ab. — Man klingelt wieder.) Wer stürmt so? Valr. Sie zürnen mir doch nicht mehr? Christ. Alles ist vergeben. La Rackäe (von außen). Er muß hier sein! Valr. (geht nach dem Hintergründe und sieht hinaus). Ach! Christ. Was ist es? Valr. Er ist es! Christ. Wer? Valr. Der Bär! (Jacinthe undRaclee treten in der Mittelthür rechts ein.) Sechste Scene. Vorige. La Raclee, Jacinthe. Jac. (zu La Raclee). Sie haben die Glocke abgerissen! Rac. (hält eine Glockenschnur in der Hand). Nur die Schnur — es scheint, daß sie sich nicht einer andauernden Anhänglichkeit erfreute. (Sieht Valroger.) Ah — Valroger! Jac. Aber, mein Herr! 5 Rac. (gibt ihr die Schnur). Bitte— läuten Sie jetzt dem Schlosser! (Zacinthe nimmt die Schnur und geht, er fleht Christine erst jetzt.) Eine Dame! (Zu Nalroger.) Schelm, Du hast mir nicht gesagt, daß — Dalr. (unterbricht ihn schnell und stellt ihn Christine vor). Herr Amable Racl^e, einer meiner Freunde. Rac. (tritt näher). Madame, ich bitte tausendmal um Vergebung, daß ich mich auf so reißende Weise, wie ein wildes Thier, bei Ihnen einführe. Ich habe übrigens den Faden nicht abgerissen! Valr. Nun sage, was willst Du von mir? Rac. Ich nichts — aber die Kotelettes werden ungeduldig — ich hole Dich zum Frühstück. — Denken Sie, Madame, ich weiß wirklich nicht, was meine Freunde seit einiger Zeit haben — sie versäumen jedes Rendezvous. Man begegnet sich: »Ah, da bist Du, guten Tag?« — »Adieu, ich habe Eile.« Das kann Vorkommen, ich dringe also nicht. »Wann sehen wir uns wieder? — »Ich weiß nicht.« — .Komm' und speise mit mir, ich gebe Dich nicht frei, bis Du zusagst!« — »Nun ja, — gut — morgen im Palais Royal, um fünf Uhr.« — Am nächsten Tage komme ich um halb fünf Uhr im Palais Royal an, warte eine Stunde, zwei Stunden — manchmal drei — nehme ein Glas Absynth — zwei Gläser Bittern — manchmal auch drei Mermuth — lese alle französischen und auswärtigen Zeitungen—Morning-Chronicle, die Preußische Sternzeitung — manchmal auch die Kreuzzcitung — zuweilen schlafe ich auch ein — und endlich gehe ich um neun Uhr allein zum Diner — das ist etwas spät, nicht wahr? — So geht eS immer — keiner von meinen Freunden kömmt je — es ist eine wahre Workbruch-Epide- mie! — In der Furcht, Valroger könnte gleich den andern von ihr ergriffen werden, ließ ich ihn von einem kleinen Jungen verfolgen, und als er nicht kam, Madame, ging ich, meinen Flüchtling aufzujagen! Valr. Ich bin in Verzweiflung, mein Lieber, ich hatte vergessen, daß ich bei Madame geladen bin. — Christ. Es ist ja ein Mittel, meine Herren, alle Parteien zu versöhnen. Ich sehe heute einige Freunde bei mir, zurFeier meines Geburtstages und — noch einer andern Gelegenheit — bleiben Sie bei uns! So frühstücken Sie mit Ihrem Freunde, und verlieren keinen Gast, sondern gewinnen Einen! Valr. (leise zu La Raclöe). Schlag' es aus! Rac. (leist). Was fällt Dir ein? (Zu Lhri. stiue.) Ich nehme cs dankbar an! Christ, (ruft Zacinthe, die im Hintergründe erscheint). Zacinthe, lege noch ein Gedeck! Jac. (für sich). Der frühstückt auch! (Legt daS Gedeck und geht ab.) Rac. Machen Sie aber keine Umstände, Madame, vermehren Sie Ihr Programm meinetwegen nicht, ich esse nicht viel — Ihr einfaches Familiendiener wird genügen. Erlauben Sie aber, daß ich meinen Waterproof ablege. (Zieht den Oberrock auS und legt ihn mit seinem Hut neben Lefrileux'S Rock ) Valr. (leise zu Christine). Was haben Sie gethan, Unvorsichtige? Christ, (leise). Aber ich finde ihn sehr liebenswürdig! Siebente Scene. Vorige. Frau Vermeil, dann Girafier, Herr und Frau Lefrileur, Flavien. Fr. Derm. (tritt links ein und sieht Raclöe). Ah, ein neuer Gast! Rac. (sür sich). Teufel, wo Hab' ich diese ältliche Dame schon gesehen? Gir. (tritt im Hintergründe mit Lkfrileux ein). Achtzigtausend Francs — das ist keine runde Summe — an Ihrer Stelle würde ich einmalhunderttausend verwenden. Le fr. Mein Gott, es ist ja nur ein Versuch! Christ, (geht ihnen entgegen). Meine Herren — Flav. (kommt mit Frau Lefrileux am Arme aus dem Garten; leise). D — Madame — Fr. Le fr. (leise). Wenn Sie wieder anfangen, so werde ich es Herrn Lcfrileur sagen? Christ. Meine Frenndc — wir haben noch einen Gast — Herrn Amable de La Raclee, der nns Herrn Valroger entführen wollte — ich zog jedoch vor, Beide gefangen zn halten. (Palroger geht in den Hintergrund.) Rac. (zu Christine). Sic haben mich con- fiscirt! (Er grüßt und zieht sich etwas zurück ) Gir. (für sich). La Raclee — ich glaube ich kenne das — er sieht ans, als ob man ans ihm einen Aktionär machen könnte. Rac. (Girafier ansehend, für sich). Sieh' — da ist noch Jemand, den ich kenne! Gir. (für sich). O — ich erinnere mich — alle Wetter! Rac. (zu Girafier). Ich glaube nicht, mein Herr, daß ich heute zum ersten Male das Vergnügen habe — Gir. (kurz). Doch, mein Herr. Rac. Aber — ich hätte schwören können — (zeigt auf Fr. Permeü) ebenso wie Madame — Fr. Verm. Ich, mein Herr? (Für sich.) Ah, in Bordeaux! (Laut.) Sie irren sich, mein Herr! Christ. Lassen Sie uns zu Tische gehen! Rac. (für sich). Und es sind doch dieselben Nasen! (Alle setzen sich bis auf La Raclee, der sich Umsicht, da kein .Stuhl bei seinem Platze steht.) Christ, (ruft). Jacinthe, einen Stuhl für Herrn La Raclee! (Zgcinthe tritt links ein.) Rac. (ergreift einen Stuhl rechts im Hintergründe). Ich habe bereits Einen! Jac. (ergreift den Stuhl zu gleicher Zeit mit La Raclee). Nicht diesen, mein Herr! Rac. (zieht den Stuhl an sich). O! — er ist gut! Jac. (ebenso). Aber, ich sage Ihnen — Rac. (ebenso). Ich bitte! Jac. (ebenso). Lassen Sic doch los! (Der Stuhl geht auseinander.) Rac. (erstaunt). Er scheint etwas mürbe geworden zu sein, er hat nachgegebcn. , Jac. (gibt ihm einen andern). Ich sage cs Ihnen ja! (Geht zum Buffet.) Rac. Madame, ich bedaure, aber — der Tischler kann leicht helfen! Christ. Das Unglück ist sehr klein. Valr. (leise zu Christine). Das ist nur die Einleitung —um sich zurecht zu setzen. Ich habe Sie gewarnt nnd wasche «meine Hände in Unschuld! Christ, (servirt den Hummer). Sind Sie ein Freund von Hummer, Herr Lefrileur? Lefr. Der Hummer ist ein außerordentliches Geschöpf! Es ist wunderbar, daß ein so abscheulich krustiges Thier so göttliches Fleisch gibt! Christ, (zu Raclöe. der zuerst geschnüffelt hat und sich umsteht). Was suchen Sie, mein Herr? Rac. Das ist doch sonderbar! Valr. Was denn? Rac. Es ist doch nicht Jagdsaison! Christ. Nem. — Valr. Erst in zwei Monaten. Rac. Aber — - Valr. Nun? Rac. Nun — es riecht etwas nachWild! Gir. Wirklich! Lefr. Ja — ja! Fr. Verm. In der Thal! Rac. Nicht wahr? Und sogar nach Wild, das auf dem Puncte ist — Jac. (die ab- und zugeht). Aber es ist ja gar kein Wild im Hause! Rac. Dann kömmt es von etwas Anderem — ah, ich habe es! Suchen Sie nicht, meine Damen — hier ist der Schuldige — es ist der Hummer! (Schnuppert.) Er ist es wirklich. Valr. (für sich).Nun fängt es an!(Jaciukde bringt einen schönen vol-au-veut und setzt ihn auf das Buffet.) Rac. Es ist Schade — er sieht ganz schön aus, ein herrliches Stück, aber — Ja, so etwas muß man verstehen, es gibt Menschen genug, die ihn gegessen hätten, ohne die leiseste Ahnung zu haben! 7 Dalr. Es ist wahrhaftig ein Glück, daß Du da warst! Rac. O — wenn ich Jemand einen Dienst erweisen kann, so lasse ich mir die Gelegenheit nie entschlüpfen! Christ, (ktwas ärgerlich). Jacinthe, nimm den Hummer fort! Jac. (trägt den Hummer und die Teller fort; für sich). Ohne diesen Ungeschickten hatten ihn alle gegessen und vortrefflich gefunden! (Stellt den vol-au-vsnt auf den Tisch und geht.) Rac. (zu Christine). Für künftige Fälle, Madame, erlauben Sie mir die unmaßgebliche Bemerkung, daß man Hummer bis zum letzten Augenblick in Eis stehen hat — in Häusern, wo man gewöhnt ist, Gesellschaft zu sehen. Valr. (für sich). Er gibt nicht nach! Ehrist. Nun — (zeigt auf den vol-»,u- vent.) wir wollen uns mit demvol-au-vsnt entschädigen, er kömmt von Felix im Fau- bourg Saint-Germain—Schenken Sie doch Wein ein, Herr Valroger! Rac. (entreißt ihm die Flasche und schenkt ein). Ich erlaube mir, das Amt des Ganymed zu beanspruchen!- (Schenkt Girafier Wein rin und sieht ihm dabei in s Gesicht.) Je länger ich Sie betrachte, mein Herr, desto mehr bin ich zu der Annahme berechtiget, daß Ihre Nase mir nicht unbekannt ist — Gir. (sein Glas zurückziehend, übellaunig). Aber ich kenne die Ihre nicht! Rac. (fährt fort ihm einzuschenken, der Wein fällt in den vol-au-vvlit. Er sieht immerwährend Girafier an). Das ist merkwürdig! Fr. Verm. Ah! Alle. Ah! Dalr. So! Flav. Er gießt Wein in die Torte! , Christ. Mein vol-au-vent ist verloren! Rac. (zu Girafier). Wie. mein Herr, Sie haben Ihr Glas zurückgezogen? Christ. Wie unangenehm! Rac. Glauben Sie, Madame, es geschah ganz und gar ohne Absicht! Fr. Lefr. (ißt). Sie ist vortrefflich! Christ, (zu Jacinthe, die wieder eingetreten ist). Nimm fort, Jacinthe! Jac. (abnehmend). Das auch! Christ. Und servire den Braten! Rac. (zeigt auf Girafier). Dieser Herr trägt die Schuld! Gir. Nein, Sie! Jac. (bringt den Braten). Hier! Rac. Ich werde den Braten zerlegen! Valr. Nein, nein! Ueberlaffe das mir! (Er schneidet vor ) Ehrist. (zu Jacinthe). Und der Salat? (Jacinthe stellt den Salat und Platmenage aus den Tisch und geht ab.) Rac. O — der Salat — ich werde ihn — Alle. Nein, nein! (Kr. Lesrileux macht den Salat an.) Rac. Sie wissen nicht, was Sie verlieren. Eine solche Mischung kann Niemand Hervorbringen — Valr. Wie Du, Wein und vol-au-vsvt! Lefr. Wer spaziert denn auf meinen Füßen herum? Rac. (sieht unter den Tisch und zeigt auf Flavien). Ich glaube — dieser Herr — es muß dieser Herr sein, denn er streckt seine Füße nach Ihrer Richtung hin aus — neben denen von Madame — (Zeigt aus Fr. Lesrileux) Lefr. (zu seiner Frau). Gib deine Füße unter den Stuhl! Fr. Lefr. Aber, mein Freund — Gir. Der Braten ist vortrefflich! Christ. Es ist Hirschfleisch — Rac. Sie irren, schöne Dame— Hirschfleisch hat einen ganz andern Geschmack, dieß ist Schöpsenbraten — Christ. Aber, mein Herr. Rac. O — ich verstehe das — ich habe oft Hirsche geschossen und gegessen — ich werde Ihnen nächstens einen schicken. Valr. (leist). Böcke schießt Du! Willst Du wohl schweigen! Fr. Lefr. Hier ist der Salat—ichdenke er ist gut — Rac. (nimmt die Schlüssel und reicht sie Krau Vermeil). Wollen Sie so freundlich sein, sich zu bedienen — Fr. D e rm. Ich danke, mein Herr, wollen nicht Sie — Rac. (immer die Schlüssel hinreichend). Durchaus nicht — Christ. Eilen Sie doch, man wartet! Fr. Derm. (streckt die Hand aus und stößt die Schlüssel weg). Danke, mein Herr! Rac. (läßt die Schlüssel los, da er glaubt, Frau Vermeil habe sie genommen). Wollen Sie — Alle (schreien auf). O! Le fr. Und ich habe noch keinen gehabt! G i r. Ich auch nicht! Rac. Ich dachte, Madame habe die Schüssel genommen. Fr. Verm. Ich habe sie doch zurückge- wiesen! Dalr. Er ist unverbesserlich. Christ, (ruft). Jacinthe! (Jacinthe tritt ein.) Fege den Salat zusammen. Jac. Das war gewiß wieder dieser Herr! Christ, (zu Jacinthe). Schnell, und bringe das Dessert! (Jacinthe bringt daS Dessert, Frau Lefrileux und Flavien helfen ihr.) Valr. (nimmt zwei Flaschen vom Buffet) Hier ist der Champagner! Rac. Gib, ich werde die Flaschen öffnen! Alle. Nein, nein! (Valroger öffnet die Flaschen und schenkt ein.) Rac. (sieht eine Flasche an). Ah — das ist keinCliquot — (Will sie nehmen ) Val. Hände fort! Rac. Es ist auch sehr schwer,sich welchen zu verschaffen; man trinkt Cliquot nur in den feinsten Häusern — Christ, (lacht). Und meines ist sehr einfach — Le fr. (erhebt sich). Ich bringe meinen Toast aus auf die bevorstehende Vermä- lung unserer reizenden Wirthin, Frau Christine Tabory mir Herrn Dalroger. (Alle erheben sich.) Rac. Wie? Was? (Geht mit dem Glast anstoßend um den Tisch herum wie Dalroger, und setzt sich dann an dessen Platz neben Christine.) Christ. Herzlichen Dank! (Man setzt sich.) Dalr. (findet seinen Platz von Raclöe besetzt). Lasse mich an meinen Platz! Rac. (zeigt ihm den seinen). Nimm diesen! Valr. (ärgerlich). Ah! (Setzt sich an Ra- clee's Platz.) Rac. (zu Dalroger). Schelm, Du hast mir nichts davon gesagt, daß Du endlich heiraten, vernünftig werden willst — (Zu Lhri« stine.) Ah, Madame, Sie werden viele Unglückliche machen! Christ. Wie? Rac. Ja, Dalroger ist sehr beliebt — Christ. So? Rac. Jetzt stößt man mich! Le fr. (zu Flavien). Wieder Sie, Herr Lapinville? Flav. Ich? Lefr. (zu seiner Frau). Gib deine Füße unter den Stuhl. Rac. (der unter den Tisch gesehen hat). Nein, es ist Dalroger! Gewiß weil ich sagte, daß Du — (Zu Christine.) Ich scherzte nur, Madame — er ist klug und gesetzt wie ein Parlamentsmitglied — Dalr. Jetzt ist cs wohl genug, nicht? Christ. Warum? Lassen Sie den Herrn doch sprechen! Rac. Fürchte nichts, mein Lieber, Du kennst meine Verschwiegenheit! Valr. Ich bedarf derselben aber nicht! Christ. (ruft). Jacinthe! (Alle stehen aus, Jacinthe tritt ein.) Servire den Kaffee! Jac. Ja, Madame. — Aber wer hilft mir den Tisch wegtragen? Rac. Ich — Christ. Um Gottes willen, mein Herr, nehmen Sie sich um nichts mehr an. Flav. (zu Jacinthe). Ich werde Ihnen helfen! (Hilst ihr den Tisch in den Hintergrund tragen.) Rac. (zu Christine). Sie haben keinen Diener, da müssen die Gäste selbst ein wenig mithelfen — das ist gemüthlich. Ich er- 9 weise überhaupt gerne Jemand eine Gefälligkeit — wenn Sie zum Beispiel verheiratet sein werden — ich habe einige Bekanntschaften — Ihnen sind die Salons fremd — Christ. Sie glauben wohl, daß ich immer unter Bauern lebe? Rac. Durchaus nicht, Madame — aber es gibt eine gewisse Gesellschaft — Christ, (lacht). 3n die der Zutritt mir versagt ist? Rac. Ich werde Sie dort einführen. 3 ac. (bringt den Kaffee). Hier ist der Kaffee. Christ. Nehmen Sie Kaffee, Herr 8a Racl^e? Rac. Wie Voltaire, Madame. (Nimmt eine Taffe.) Christ. Und Sie, Madame Vermeil? Fr. Verm. Nein — meine Nerven — Rac. Vermeil! 3ch wußte ja, daß ich Sie schon gesehen habe, Madame. 3n Bordeaux, bei 3hrem Schwiegersöhne. Gir. (für sich). Schwiegersohn! Fr. Verm. Mein Herr — Rac. Wie befinden sich 3hre Töchter und deren reizende zwei Knaben? Fr. Verm. Aber — Rac. Wenn man Sie sieht, sollte man nicht glauben, daß Sie schon Großmutter sind. Gir. (für sich). Großmutter! Fr. Verm. (müthend). Mein Herr— Sie sind — ich weiß nicht — ah, ich ersticke! (Alle stehkn auf.) Flav. (stürzt hin). Man muß dasCorset — Le fr. (streng). Lapinville! Fr. Le fr. (unterstützt sie). Wasser! Christ. Nein — frische Luft wird ihr besser sein. (Christine und Frau Lcfrileux führen Frau Vermeil ab, Flavien folgt ihnen ) Achte Scene. Dalroger, La Racine, Lefrileur, Giraficr. Gir. (für sich). Großmutter! Rac. (zu Ltfriveux). Was habe ich, frage ich alle Welt, nur gesagt, was diese Dame beleidigen konnte? Sprechen Sie offen mit mir — Sie sind ja ein alter Soldat! Lefr. Wie? Rac. Sie müssen zwanzig- bis fünfund- zwanzigmal im Feuer gewesen sein — Lefr. Mein Herr — Rac. Sie haben schon Pulver gerochen! Lefr. Soll das ein Witz sein? Dalr. (fürsich). Er fängt an liebenswürdig zu werden — Rac. Sie sind kein Militär? — Entschuldigen Sie — Sie tragen allerdings jetzt einen so großen Bart — Lefr. 3ch hoffe, mein Herr, er genirt Sie nicht — Gir. Beruhigen Sie sich, Lefrileur! Lefr. Lassen Sie mich, Girafier! Rac. Girafier! — 3ch wußte ja, daß wir uns schon einmal gesehen haben! Vor sechs Monaten — wir sollten mitsammen frühstücken — Gir. (will gehen). Sie irren — Rac. Erinnern Sic sich nicht? (Mit Absicht.) 3n Clichy—mit Dusallä— einem unserer Freunde — Lefr. 3n Clichy —? Gir. Aber, mein Herr — Rac. Besinnen Sie sich doch — Du- salle, der das Zimmer neben dem 3hren hatte — Lefr. (zu Girafier). Sie waren in Clichy? Gir. 3a— das heißt — ich wohnte nicht dort — Rac. 3a doch! Wir machten eine kleine Partie Landsknecht, Sie schulden mir noch hundert Sons, aber ich fordere sie nicht — Dalr. (lacht, für sich). Erläßt nicht nach! Rac. Das ist ja nichts Entehrendes! Das kann heut' zu Tage 3edem geschehen 10 — es wird vielleicht eines Tages auch diesem Herrn (zeigt auf Lefrileux) begegnen. Lefr. Ich glaube nicht, mein Herr, denn von diesem Augenblicke an gebe ich jede gewagte Speculation auf! Gir. Aber Lefrileur! Lefr. Ich bleibe dabei: gewagte Spekulationen! (Ab.) Rae. Was haben Sie nur? Gir. (wüthend zuRaclee). Sie find ein einfältiger, ungeschickter Mensch! (Ab.) Rae. (ruft ihm nach). Bringen Sie Degen—Pistolen, was Sie wollen, aber auch — meine hundert Sous! Valr. (windet sich vor Lachen und finkt rechts in einen Stuhl). Ah, ah — ich weine! Neunte Scene. Christine, ein Bild ansehend.) Sie haben hier einige sehr schöne Gemälde. Christ, (ironisch). Finden Sie? Rae. Ja— (bezeichnet ein weibliches Porträt) nur dieses gefällt mir nicht — wer hat es gemalt? Christ. Ich. Rae. Dann trägt wohl das Original die Schuld — die Dame sieht offenbar sehr sauertöpfisch aus — Christ. Es ist meine Mutter! Rac. (für sich). Teufel! Christ, (für sich). Ein entsetzlicher Mensch! (Laut.) Marie, laß uns in den Garten gehen! Rac. (bietet ihr den Arm). Madame — Christ, (nimmt Dalroger's Arm). Ich danke. (Ab mit Valroger) Vorige. Christine, Frau Lefrileur. Christ, (tritt links mit Frau Lefrileux ein). Worüber lachen Sie? Rac. Ueber ein Mißverständniß! Valr. (steht auf). Ueber La Racläe! Christ. Was hat er wieder verbrochen? Rac. Nichts, Madame — (Tritt auf ihr Kleid und dann auf das der Frau Lefrileux.) Fr. Lefr. (ärgerlich). Nehmen Sie sich doch in Acht! Rac. (tritt schnell zurück und tritt Daloger aus den Fuß). Pardon, Madame — Valr. (stößt einen Schrei aus). Mein Fuß! Rac. O, mein Freund, vergib — habe ick Dich sehr verletzt? (Nähert sich ihm.) Valr. (heftig). Komm' mir nicht in die blähe! Christ, (die nach der Uhr gesehen hat)- O — meine Uhr ist stehen geblieben! Rac. Ich werde sie aufziehen! Christ, (stürzt zwischen ihn und die Uhr). Rühren Sie sie nicht an, mein Herr! Rac. (für sich). Was für sonderbare Menschen! Wo bin ich hingerathen? (Zu Zehnte Scene. Racine, Frau Lefrileur, Lefrileur, später Flavien. Rac. (bietet Krau Lefrileux den Arm). Madame — Fr. Lefr. Ich danke, mein Herr, auf dem Lande ist das nicht Sitte — (Geht nach dem Hintergründe, zieht ihr Taschentuch heraus und zerstreut FlavienS Verse.) Rac. (ficht das Papier und hebt es auf). Sie haben etwas verloren. Fr. Lefr. Was denn? Rac. Dieses Papier! Fr. Lefr. Ah! Lefr. (ist eingetreten). Ein Papier— was für ein Papier? Rac. Ich weiß nicht, Madame Lefrileur streute es soeben aus der Tasche — Fr. Lefr. (schnell). Sie irren! Rac. Nein, ich versichere Ihnen — Lefr. (nimmt das Papier von La Raclse, der immer lächelt). Verse! (Liest.) »Marie, sobald ich Dich erspähe — Diese Verse sind an Sie, Madame! 11 Fr. Lefr. Ich schwöre Ihnen — Le fr. Diese Schrift — (liest): »folgt Herz und Schritt —« Flav. (tritt ein, für sich.) Ah! Lefr. (sieht Flamen). Lapinville! —Kennen Sie diesen poetischen Erguß? Dieser Herr sah ihn eben aus Madame's Tasche fallen. Flav. Ah — dieser Herr? Ra c. Ich dachte Madame Lefrileureinen Dienst — Lefr. Das sind also Ihre Vorbereitungs- studien? — Ich werde auch schreiben, aber Prosa — Ihrem Vater! Rac. (zu Fr. Lefrilnix.) Wenn ich hätte ahnen können — Fr. Lefr. (wüthend). Lassen Sie mick! (Geht in den Hintergrund.) Rac. (zu Lefrieux). Es ist ja nur eine Kinderei, Hauptmann! Lefr. (wüthend). Hauptmann! — Lassen Sie mich in Ruhe! (Folgt Fr. Lesrileux und geht zankend mit ihr ab.) Rac. (zu Flavirn). Glauben Sie mir, ich — Flav. Sic sind ein Ungeschickter! Gibt man einer Frau in Gegenwart ihres Mannes ein verlorenes Papier zurück? Und Sie wollen in den Salons zu Hause sein? (Ab. ) Gtlste Scene. La Raclse, Valroger und Christine (treten im Hintergründe ein). Dalr. Was gibt es wieder? Rac. Ich weiß nicht — Sie begehen Ungeschicklichkeiten und schieben sie dann mir zu! Christ, (spöttisch). Wirklich! Rac. So angenehm es mir auch wäre, länger bei Ihnen zu verweilen, Madame, so bin ich doch gezwungen, nach Paris zu- rückzukehren — Christ, (schnell). Lassen Sie sich nichtab- balten — Valr. (eifrig). Verliere ja keine Zeit. — Ich will sehen, ob derWagen bereit ist. (Ab.) Rac. Ein gefälliger Bursche! Ja, wenn man sich fünfundzwanzig Jahre lang kennt — Christ. Wie—fünfundzwanzig Jahre? Rac. Wir haben mitsammen studirt — er muß an die Vierzig streifen — Christ. Ich glaubte er sei jünger! Rac. Nicht wahr? — O, er sieht vortrefflich aus — Nun, er pflegt sich auch — Pomaden und Wasser von allen Sorten — er versteht es nachzuhelfen. Christ. Wie? Rac. O — ich schwatze nicht — ich spreche nie über meine Freunde, weder Gutes noch Böses, besonders aber nicht von Valroger, den ich am meisten liebe. Er hat so viel Gefühl — vielleicht ein bischen zu viel — dieses Uebermaß trug vielleicht manchmal Schuld, daß — Ja, wenn er wollte, Madame, er könnte trotz seinen Jahren viel Glück bei den Damen machen — aber er will nicht mehr — Sie haben ihn gefangen! Erst neulich — vor acht Tagen ungefähr, waren wir in einer Gesellschaft — Christ. Waren Damen dabei? Rac. Höchstens — zwölf.— Wir blieben und plauderten lange — er aber wollte nicht und ging schon um sieben Uhr — Morgens nach Hause, ohne mit uns gefrüh- stückt zu haben. O, er ist sehr ernst, sehr gesetzt — Christ, (zornig.) Außerordentlich! Rac. (erstaunt). Wie? Zwölfte Scene. Vorige. Valroger. Christ. Ah, da sind Sic, mein Herr! Valr. (für sich.) Ick hätte sie nickt allein lassen sollen! (Laut.) Sie wünschen, Madame? Christ. Ich wollte Ihre Meinung hören. Was denken Sic von der Ehe? Valr. (verlegen). Mein Gott — ich denke — daß sie ohne gegenseitiges Vertrauen — Christ Eine Qual wäre! Dieß ist auch 12 meine Ansicht, und da ich jenes unumschränkte Vertrauen, das mir unerläßlich zu sein dünkt, nickt in Sie setze, so halte ich es für unser Beider Glück nothwendig, unser Heiratsproject aufzugeben. Valr. (verblüfft). Wie? Christ. Nichts weiter, mein Herr, lassen Sie mich! (Links ab.) Valr. Du hast von mir gesprochen? Rac. Zu deinem Lobe — Valr. Ja, auf deine Weise! Ich hätte das vorhersehen und Euch nicht eine Sekunde allein lassen sollen — Abgewiesen, schmählich abgewiesen! Ich kann mich nirgend mehr sehen lassen! (Geht nack rechts) Rac. Ich werde deine Eigenliebe retten — das ist meine Pflicht. Hörst Du — (zu Dalroger, der abgeht) Dalroger! Dreizehnte Scene. La Raclee, Frau Vermeil, Girafier, Herr und Frau Lefrieur. Fr. Verm. (folgt Girafier, der rechts ein- tritt). Herr Girafier, hören Sie mich! Gir. (ihr ausweichend, für sich). Großmutter! Fr. Le fr. Sie wollen doch nicht sagen, daß Christine? — Rac. O, nichts — nichts — Fr. Le fr. Aber — Rac. Fragen Sie mich nicht — ich menge mich nie in fremde Angelegenheiten. Alle. Aber — Rac. Genug — (Für sich.) Seine Eigenliebe ist gerettet, ich hoffe, jetzt wird er zufrieden sein. (Rechts ab.) Vierzehnte Scene. Vorige, dann Christine und Valroger, später Jacinthe. Fr. Le fr. Das ist ja entsetzlich! Fr. Verm. Er deutete an, daß Christine — Fr. Lefr. Dalroger weist Christinens Hand zurück! Christ, (tritt links ein und geht schnell vor). Wer sagt das? Valr. (ist im Hintergründe eingetreten). Ich? — Welche Infamie! Wer hat das gesagt? Fr. Verm. Ihr Freund! Valr. La Raclse! Lefr. (zu Fr. Lefrileux, mit der er links ein- tritt). Da steht es: Tyrann! Fr. Lefr. Sie langweilen mich schon, mein Herr! Rac. (ruft in den Hintergrund). Valroger! — Er hört mich nicht! (Portretend.) Ich werde ihm eine Frau suchen. » Fr. Lefr. Herrn Valroger? Und seine Heirat mit Christine? Rac. Ist gebrochen. Alle. Ah! Fr. Lefr. Warum aber? Rac. Mein Gott — man glaubt sich zu kennen, und plötzlich bemerkt man — erfährt man — Uebrigens benahm er sich mit großem Zartgefühl — die Trennung fiel ihm schwer — allein er konnte nicht anders handeln — Fr. Lefr. Gab uns zu verstehen — Fr. Ver. Daß Madame Tabary nicht mehr würdig sei — Valr. (heftig). Wo ist er? — Ich werde ihn tödtcn! Christ. Ich verbiete cs Ihnen, oder — Sie sehen mich nie wieder! Valr. (kommt zurück). Wir werden uns also wieder sehen? (Christine reicht ihm die Hand, welche er küßt.) Gir. (leise zu Lefrileux). Wie viel wollen Sie also verwenden? Lefr. (macht sich von ihm los). Keinen Heller! Fr. Perm, (leise zu Girafier). Ein Wort— ein einziges Wort! Gir. (entfernt sich von ihr). Nichts, Großmama! 13 Fr. Verm. Dieser La Racläe ist ein Ungeheuer ! . Alle. Ja, ja! Gir. Wer hat diesen Menschen hieher gebracht? Fr. Verm. (bezeichnet Dalroger). Dieser Herr! Valr. Ich? — Er kam selbst — (bezeichnet Christine) Madame hätte ihn nicht laden sollen! Christ. Sie hätten ihn nicht kennen sollen! Fr. Verm. (zu Valroger). Sie sind schuld! Fr. Lefr. izu Christine). Sie find schuld! Alle (schreien und disputiren). Sie sind schuld! (Man hört eine Explosion im Garten.) Alle. O! Gir. Eine Erplosion! Fr. Verm. Ein Erdbeben! Jae. (eilt links herein). Madame, cs riecht nach Pulver und Schwefel! Christ. Gott — unser Feuerwerk! Fünfzehnte Scene. Vorige. Flavien, dann La Racläe. Flav. (eilt aus dem Garten herein). Es ist los gegangen — im Kiosk! Alle. Aber wie — Valr. Gewiß La Racl6e! Flav. Ja, er stand bei der geöffneten Thür des Pavillons, zündete seine Cigarre an, und warf das Zündhölzchen unbedacht fort — es zündet — N ac. (kommt rechts aus dem Garten, seine Kleider und sein Bart find verbrannt. Zu Christine). Madame, es wäre vielleicht nicht völlig überflüssig gewesen, Ihren Gästen zu sagen, daß sich in Ihrem Garten ein Pulvermagazin befindet — Alle, (lachen). Ha, ha, ha! Rac. Sie lachen! — Sie lachen darüber, daß ich bald in die Luft geflogen wäre? Valr. Beklage Dich noch! Man lacht über deine Ungeschicklichkeit, wo man das Recht hätte, böse zu sein! Rac. Sollte ich hier überflüssig sein? Christ. Wir halten Sie nicht zurück, Sie liebenswürdiger Mensch! Alle. Nein, nein, Sie liebenswürdiger Mensch! Rac. (für sich). Wie bösartig sie Alle sind! (Laut.) Madame — meine Damen und Herren (grüßt) Lassen Sie sich nicht stören, ich bitte. — (Rechts ab) Gir. Endlich! Valr. Gott sei Dank! Rac. (kommt zurück). Madame — Alle, (mit einem Schreckensschrei). Ah! Rac. (einen Schlüssel zeigend). Das Schloß ist verdorben — ich kann nicht hinaus! Alle, (stürzen in verschiedenen Richtungen ab). Retten wir uns! Fort! Rac. (sich allein sehend). Alles flieht vor mir — bin ich denn wirklich so ungeschickt? (Während der letzten Worte, die er an das Publicum richtet, fällt der Vorhang und fällt ihm beinahe auf den Kops). Ende. In Bearbeitungen von Max Stein (Marie Saphir) find früher bei uns erschienen: Mein Album. Lustspiel in einem Act. Nach dem Französischen. _ 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Gewohnheiten. Lustspiel in einem Act. Nach dem Französischen. 7'/. Sgr. od. 35 Nkr. Die Erzieherin. Schauspiel in vier Acten. Nach Paul Foucher. 12 Sgr. od. 60 Nr. Montzoye. Schauspiel in vier Acten und einem Nachspiele von Octave Feuillet. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Der Sohn des (Woher. Schauspiel in fünf Acten von Emil Augier. 16 Sgr. oder 80 Nkr. je Schnld einer Iran, Drama in 3 Acten von Emil Girardin. 10 Sgr. od. 50 Nkr. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gebrüht.' Die van der Nadel. Litd aus dem Votkstesren m deeiÄktheitungeu mitZesang von Alois Berla. Musik vom Kapellmeister Carl Kleiber. (Aufgesührt im k. k. priv. Theater in der Josephstadt.) Pe rso neu. Freifrau von Steinbrunn. Ida, ihre Tochter. Baron Wildenschwert, Großgrundbesitzer. K u i f f e l m a i e r, Leinwäsch- und stickwaarenhändlcr. Gustav, sein Sohn, Comptoirist. Adele Wild, Weißstickerin. Rosi Stachel, . Netti Faltl, ! Tini Band, . Nätherinnen. Kathi Haftl, I Susi Spitz, ! Knopfinger, Pfaidler. Doctor Hell. Professor der Augenheilkunde. Christian Holzer, Greißler. Cilli, sein Weib. Hippolyt Flaus, Schneidergeselle. ! Jacques, Diener beim Baron Wildenschwert. ! Ein Patrouilleführer. ! Ein Bedienter de- BaronS- Ein Weib. Ein Arbeiter. Eine Köchin. Ein Schusterjunge. Freunde des Kniffelmaier. Soldaten. Zwischen dem zweiten und dritten Acte liegt ein Zeitraum von drei Monaten. Beil». Dir von der Si«dN. l Erster Art. (Ein Grkißlcrladcn. Im Hintergründe die Verkaufsbude! mit dem üblichen Waarenlager. Hinter derselben eine Thür mit Glasfenster, welche in die Greißlcrwohnung führt. An der Seite links ein Straßeneingang mit der Klingel. Vorne rechts rin Tischchen und ein paar ordinäre Strohhüte.) Erste Scene. Susi Spitz (vorne beim Tischchen sitzend und aus einer Suppenschale Kaffee trinkend). Cilli (hinter der Budel. Vor derselben ein Arbeiter, ein Weib, eine Köchin und ein Schusterjunge). Cilli. Da, Madam Grundel, is a Vierting Schmalz! (Das Weib ab.) Was krieg'n Sie, Herr Knopf? Schusterjunge (schreiend). Um sechs Kreuzer Primsen, fünf Kreuzerlabeln, a Bändel Savaladi! Cilli. Halt's Maul, dummer Bua! Redcn's, Herr Knopf! Arbeiter. A Lab'l Brod! da is's Geld! — Köchin (während dieser das Brod empfängt und abgeht). Mir ein'n Wecken und an'n schwarzen Radi für'n gnä' Herrn! Cilli. Ißt er denn den schwarzen Radi so gern? Köchin. Das net, aber wissen's, Madam Holzer, die Frau Näthin geht heut' mit die gnädigen Fräul'n Töchter das neue Ballet anschau'n und da sonpirt er z' Haus, der Herr Rath — Schusterbnb. An'n Radi! — Cilli. So, liebe Stanzi! (Gibt ihr das Verlangte.) Schusterbub (der abgehenden Köchin nach- rusend). 3' lass'n Herrn Rath guten Appetit wünschen! — Cilli. Wirst denn net stad sein! — Da hast Primsen, Labeln, Savaladi! (Reicht ihm das Verlangte.) Schusterbub (seine Biertrage nehmend). Psicrt Ihnen Gott. Madame Holzer! (Zm Abgehen singend.) Allawal fidel — Cilli (vorkommend.) So, jetzt wird a Weil' Ruh' sein! No, Jungfer Susi, wie schmeckt Ihnen der Kaffee? Susi. Wissens, Madam Holzer, er^is mir a bissel z'stark! (Trinkt aus.) Cilli. Zu stark? I nimm bo nur dreißig Körnd'ln auf a groß's Seit'l Wasser. Susi. Wo kummet denn a arme Nähterin hin, wann sie so nraffet? I nimm auf a Maß Wasser nie mehr als neun Bohnln, ö Loch Gemperle und an'n Gedanken Feigen-Kaffee, damit era schöneFarb'kriagt. Na ja, was soll man machen, Suppen gibt'S zehnte Mal net, weil i mir von mein' Crwerb selten a Fleisch kaufen kann, da trink' i halt oft z'Mittag ganz bescheiden mein Schalerl Kaffee und denk' mir, der liebe Herrgott sorgt doch für uns Alle! Für die noblen Damen laßt er den feinsten Mocca, Java oder Menados wachsen und für die armen Nähterinnen wachst wieder der aromatische Gemperle. Cilli (bedeutend). Ja, mit CuchNahterin- nenis's halt «Kreuz. Jhr werd'ts zu schlecht zahlt, warum aber richten sich die von der Nadel ka allgemeine Cassa ein, wo sie in Krankheitsfällen oder wann's mit der Arbeit happert, a Unterstützung finden thätcn? Susi. Das geht net, Madam Holzer! Cs gibt a Menge Nahterinucn, die nir beitragen thäten, denn das'san oft Frauen und Töchter ans den bestell Häusern, die s um kan Preis g'steh'n, daß sie aus Noch für die G'wölber und um's Geld arbeiten. Warten's, da fallt mir glei a G'schicht ein. Letzthin kommt in unser Magazin a junge, sehr nobel gekleidete Frau und sagt — 3 Zweite Scene. Vorige. Netti (welche während der Rede ingetreten ist, rust): Netti (einfach nett gekleidet) Wünsch guten Abend, Madam Holzer! Cilli. Ah, die Fränla Nctri! Was steht zn Diensten? Netti. Geb'ns mir g'fchwind a Weckerl mit Butter! I Hab' an Wolfshunger! Cilli. Den Augenblick! (Geht hinter die Budel.) Netti. Die Jungfer is a da? Das is g'scheidt! — die Susi geht wahrscheinlich ins Magazin, da geh'n wir glei miteinander! Susi (aus einer kleinen Dose schnupfend). Mit Ihnen geh' i net über d' Straßen! Netti. Warum denn net? Susi. Weil mir die Fräul'n z'viel auf die Mannsbilder cokettirt. Netti. I cokettir? (Lachend.) Mit was denn, wenn man fragen darf? Susi (ausstehcnd). Mit die Augen, amal links, amalrechts. So! (Lopirt Netti.) Nachher wieder mit'n Oberkörper! (Wiegt sich.) Und dann, wenn die Witterung dem Unternehmen günstig is, mit die Fußerln, mir die schön' Schncherln. (Hebt graziös den Rock ein wenig. — Entrüstet.) Es is ein Scandal! Eillt (reicht Netti zwei Butterschnitten). So, Fräul'n Netti! Netti (lachend und mit beiden Händen essend). Ha ha ha! Das is net Übel! Jungfer Susi, das müssen's amal auf der Gassen machen, da wer'n die Mannsbilder alle damisch! Susi (ärgerlich). Ich kann's g'rad so gut wie Sie, meine beste Mamsell, aber ich thu's nicht, denn ich bin eine ehrbare Person! Netti (einsallend). Und alte Jungfer! Susi (zornig). Was Sie in Ihrem Leben nicht werden werden werden! Netti. Nein, denn früher Heirat' ich! Susi. Heiraten! (Lacht kurz und schnupft.) Ha! ha Cilli. Sie heiraten? Wen denn? Netti (stolz). Ein'n Ritter! Cilli (verwundert). Ritter? Susi (spöttisch). Ritter! Netti. Ja, mein neuester Curmacher, der Herr von Flecklburger gehört dem Ritterstand an! Cilli. Is er schön? Netti. Na und wie schön! Beim Tag Hab' ich ihn zwar no nie g'sehn, aber beim Gaslicht! da paßt er mir seit acht Tagen auf, wann ich aus'n Magazin geh', und ich bitt' mir's daher aus, an meiner Ritterschaft nicht zn zweifeln. (Hat das Brod ge- gesstn.) Ah, das hat mir g'schmeckt! Madam Holzer, das Wecker! bleib' i derweil schuldig! Cilli. Schon recht! Netti. Jetzt mach' ich g'fchwind an'n Sprung auf's Dach zu der Stickerin, der Adele, vielleicht geht die mit mir, weil sich die Susi genirt, mir an'u säubern Madel über d'Gassen z'geh'n! Ha ha ha! es is g'spassig! Ich werde Ritterin und die Jungfer kommt darüber in Harnisch. (Eilt lachend ab.) Susi (schnupfend). Keckes Ding übereinander! Cilli. Sie geht zu der Stickerin, das is ja die junge Person, die mit ihrer Mutter seit 6 Wochen oben in dem Dachquartier logirt. Kennt die Jungfer Susi die Stickerin? Susi. Freilich kenn' ich's; ah, von der muß i der Madam Holzer jetzt glei a G'schicht erzähl'«! Cilli (sich neugierig fetzend). Na, also fangen's nur an! Susi. Passen's auf! (Sie sängt zu erzählen an.) (Musik.) 1 * Dritte Scene. ! Vorige. Christian (rin Mann in den Vierzigern, hat etwas Militärisches in Haltung und Wesen. Er tritt von der Straße ein). Lnir^e-Lied. I war jetzt am Markt, Hab' das Obst ob- scrvirt, Hab' g'funden, daß's G'schäft Heuer gar net schlecht wird, Die Zwetschken z. B. sein wirklich famos, Sein alle picksüß und wie d'Eier so groß. Darum hat ein Herr a zu mir g'sagt, cö is Zu hoffen — und mehr noch — es is sogar g'wiß, Daß Heuer der Slibowitz sich wird vermehr'!, Und der Powidel bei uns Nationalspeis' wird wcr'n. ' Die wällischen Nuß aber hab'n mir net gfall'n, Sre sein meistens taub und fast gar net zu zahl'n, Doch d'Aepfel san guat, 's wird halt Schicksal net woll'n, Daß wir in saure Aepfcl allweil 'neinbcißen soll'n. Und weil a in Ungarn der Wein g'rathcn is, Stehr z'hoffen, daß d'Ungarn in nächster Zeit g'wiß An ganz reinen Wein uns jetzt einschcnkcn wcr'n, So daß jeder Deutsche trinkt Bruderschaft gern! (Er stellt die Butte, obenauf mit dem Korbe, auf die rechte Seite und legt die Kappe ab ) (Nach dem Lied ruft Eilli zu Susr gewendet:) Cilli. Ah! is 's möglich! Christ, (blickt aus die Zwei). Mein Weib und die alte Nähterin tratschen schon wieder, daß ihnen Hör n und Sch'n vergeht. (Rust.) No, ös zwa Charfreitagsratschen, wen richt's denn schon wieder aus? Susi (erschrocken). Ui je! der Herr Holzer ist da! — Cilli (aufstehend). Du bist's, Christian? Wo kommst denn her? Christ. Vom Schänzel. Früher aber ! war i auf der Polizei, wo i um 5 Gulden g'straft wor'n bin. Cilli (erschrocken). G'straft? Ja warum denn? Christ. Weil i mit Dir verheirat' bin. Cilli. Was? Aber Mann, wie kannst denn so was sag'n! Christ. I werd' Dir's gleich beweisen. Hab' i Dir net schon vor vier Wochen g'sagt: ^ Du sollst dieklan'ncing'machten llmurken,die nir taug'n, wegwerfen? Gestern erscheint auf i amal der Herr Stadtphysikus und sicht die Umurken, coufiscirt sie als g'sundheitsschäd- lich und ladt mi für heut' auf die Polizei, wo's mi um an Fünfer g'straft hab'n. Wer aber is Schuld? Mein mit mir verheirat's Weib! War' dienet da g'west, so war' a ka alte Umurken da g'west, folglich bin i nur g'straft wor'n, weil i verheirat' bin. Cilli. Das ist ja schrecklich! 5 Gulden, die können wir gar net verschmerzen! Christ. Ah was, die verschmerz' i schon, aber die Schand, daß i, der Christian Holzer, der 13 Jahr als Corpora! mit Ehr'n dient hat, jetzt abg'straft wird—dicSchand' kann i net verschmerzen. Cilli. No, no, Christian, sei net harb,n bit' Dich! Christ. Ja, Du machst dir nir d'raus. Da sitzt sie mit der alten Nähterin, richt d'Leut' aus und is selber nir werth. Cilli (fast weinend). I bin nir werth? Jungfer Susi, da hörn'S, was mir der Mann anthut! Sust. Herr Holzer, allen Nespect, aber wir hab'n Niemand ausg'richt' wir hab'n blos a Bisserl von wem g'redt und Wissen s von wem ? Christ. Brauch's net z'wissen, bin net so neugierig, wie ös Zwa! Susi. Da san Sic der erste Greißler, der net neugierig is. Wir hab'n von der Stickerin g'redt, die mit ihrer Mutter in dem Haus logirt. 5 Christ, (plötzlich sehr erregt). Von der Stickerin? Was waß die Jungfer? red' Sie! Susi. No, nir, als daß sie für unser Magazin arbeit', daß ihr Mutter brustkrank is und net mehr lang leben kann. Christ. Jungfer Susi, von so was redt ma net nur so pomali! Wie leicht könnt's amal die Tochter hör'n, die sich eh so viel abmartert. Susi (zugcbend). Na, was wahr is, is wabr, sie arbeit' den ganzen Tag — Christ, (eifrig). Und a die ganzenNächt'. I sig's am Licht, an ihr'm blassen G'sichtl und an die entzundenrn Augen. Das liebe, arme, brave Kind! Cilli (pikirt). No borst, Christian, Du kümmerst Dick ja ganz außerordentlich um das liebe, arme, brave Kind! Christ. Geht's Dich was an? Cilli (eifernd). Soll das a Frau nir an- geb'n, wann ihr Mann auf a Madl schaut? Christ, (lachend). Geh, i bit'Dich, Greiß- lerin,blamir' Dich net, das Madl is viel z'guat für dein bös's Maul! Cilli (außer sich). Jungfer Susi, da hörn's nur! I hält' a böses Maul, das sagt er mir wegen so einer Person! Susi (tröstend). Nur ruhig, Madame Holzer. Gott wird weiter helfen und der Herr Holzer wird anders pfeifen, wann er hört, daß diese Person a Liebsbandlerei hat und zwar mit ein' jungen Manu! Christ. Na, wann der junge Mann a braver Mann is, der sie glücklich machen kann, was is'denn weiter? Susi. A braver Mann kann er schon sein, aber mit'n Glücklimachen wird's net geh'n, denn es is der Sohn von unser'm Leinwäschhandler, dem alten Kniffelmeier, und der wird sich a Stickerin als Schwiegertochter wohl verbieten. Christ. So? Ja, seit wann wer'n denn Prinzessinnen die Schwiegertöchter von unsrem Leinwäschhändler? Cilli. I frag'Dich jetzt. Christian, aufdein G'wiffcn, warum Du Dick» um die Stickerin an nimm st? Christ. Da kannst Du mi lang' fragen und i sag' Dir's doch net, aber weißt warum? Weil das mein G'hamniß is, was i aner solchen Tratschen, wie Du bist, net an- vertran'n kann. Cilli. O Du schiacher Ding übereinander! (Wendet sich ab.) Vierte Scene. Vorige. Hippolyt. Hippolyt (ein junger Mensch in sehr fadenscheinigem Anzuge, kommt schnell herein). Wünsch' guten Abend, Herr Holzer! Christ. Ab, der Schneiderg'sell, — will i sagen — der Herr Flaus! Was schaffen's? Hippolyt. Es ist heut'Samstag, will meine Schuld berichten; da is's Büches! Christ. Schön! (Oeffnetdas Buch.) Sie hab'n die Wochen g'habt: zweimal Preßwurst, vier Quargeln, drei Labeln Brot, einmal rotheRüb'n, fünfStanitzel Zuckerln, zwei Bartwichs und a halbes Dutzend Briefpapier, obenauf mit kleine Amorln! — das macht 2 fl. 45 kr., — is 's recht? Flaus. Ganz richtig — da sein 2 fl. 45 kr. (Gibt ihm Geld.) Christ. Dank, schaffen's die nächste Wochen wieder! Flaus. Is mir leid, aber ich bin heut' auszog'n. Christ. So? Wohin denn? Flaus. Auf ein' andern Grund, zu eiu'n Meister, wo ich die ganze Verpflegung Hab'. Christ. Ah, da is Schab', «Kundschaft, wie der Herr Flaus is, verlier' i net gern, schon weg'n der Bartwichs und dem vielen Briefpapier! (Vertraulich.) Sag'n's mir, Sie hab'n g'wiß a paar Liebschaften, weil's so viel Amorln verconsumirt hab'n? Flaus (cokett). Na, ich habe jedenfalls meine Connerionen.^ Christ, (neugierig). Also crzählen's, ich bin ganz Ohr! Flaus. Was fallt Ihnen denn ein? Ick werd' doch Ihnen meine Geheimnisse nickt anvcrtrauen. — Was würde denn meine Flamme dazu sagen, wann ich so indiskret war'! Christ. Ah, genir'n's Ihnen net — reden's nur — wo wascht sie denn? Fla ns. Was waschen! Meine Geliebte wascht gar nir! Christ. No, 's G'sicht wird sie sich doch waschen! Flaus (auffahrend). Ja wohl wascht sie .sich, und das sehr oft, denn sie is eine noble Dame, eine Baronesse! Christ. A Baronesse? Wie heißt's denn? Flaus. Mehr zu sagen verbietet mir der Bonton. Adieu, Herr Holzer! (Er eilt gegen die Thür, diese öffnet sich und Netti tritt ein.) Flaus (stößt einen leichten Schrei aus. fährt zurück, blickt ganz verstört um sich und rennt plötzlich durch dir Thür im Hintergründe ab). Christ. Ja, was fallt denn dem Schneider ein, daß er auf amal in mein Quartier rennt! He, Herr Flaus! Herr Flaus! (Läuft ihm nach.) Fünfte Scene. Netti (ist mittlerweile vorgekommcn und sagt). Jungfer Susi, die Adel' muß zum Doctor, ch's in die Handlung geht, ihr Mutter is recht schlecht wor'n. Also kommen's, geh'n wir zwei miteinander. Susi. Nein, ich Hab' schon g'sagt, mit Ihnen geh ich net. Netti. So lassen Sie's bleiben, Jungfer Zwiderwurzen. Mt fort.) Cilli. Der Stickerin ihr' Mutter is also kränker wor'n? Susi. Ah — begreifeu's denn net, Madam Holzer, die Stickerin hat sich a Ausred' g'macht, weil's mit derPcrson g'rad so wenig als ich über d'Straßen geh'n mag! Jetzt geh' aber ich und schleich ihr nach — i muß den Ritter seg'n, von dem sie uns so viel vorplauscht hat. (Sie packt ihre Sachen zusammen.) Man hört von innen rufen: Wirst hin- ausgeh'n, verrückter Schneider! Cilli. Was hat denn mein Mann? (Eilt in den Hintergrund.) Sechste Scene. Vorige. Christian (der Flaus am Kragen hcrvorzieht). Flaus. Nein — nein — ich will — ich kann nicht — Christ. Ah, Unsinn! i wir Ihnen da in mein Quartier allein lassen! Marsch, weiter UM a Hans! (Er gibt ihm einen Schupser, daß er nach vorne fliegt und der Sufi, die eben fort will, um den Hals fällt.) Susi (schreit entsetzt). Ah, zu Hilfe! zu Hilfe! (Fällt ohnmächtig in seine Arme, dabei immer rufend ) Zn Hilfe! zu Hilfe! (Während Flaus dasselbe ruft, Eilli die Hände zusammen« schlägt und Christian, sich mit den Händen den Bauch haltend, rin Gelächter ausschlägt. Musik.) (Zwischenvorhang fällt.) Verwandlung. (Ein elegant ausgestattetes Berkaufsmagazin. An den Wänden Etagöre mit Kartons. Zm Hintergründe neben der Eingangsthür, deren Gläser mit Mousseline-Dorhängrn verdeckt sind, ein großes, breites Auslagfenfier. welches mit Gasflammen erhellt ist und im nöthigen Falle ebenfalls mit Vorhängen halb verhüllt sein kann. Links aus der Seite dieses Fensters einige kleine Arbeitstische. Rechts neben einer Thür ein Derkaufstisch mit allerlei Wä'chzeug und Spitzen zum Theile bedeckt, die Arbeitssessel von Strohgeflecht, rin paar Sammtsauteuils für Kunden in der Nähe des VerkausstischeS- Das Magazin ist durch einen Gasluster erhellt. Eine Pendeluhr, welche die achte Stunde zeigt) Siebente Scene. Rosi Stachel. Tini Band. Katbi Hast! (und andere Arbeiterinnen im Magazin, sämmtlich jung und sich durch geschmackvolle Haar- srisuren auszeichnend. Sic sitz.n an den Arbeitstischen, nähen Weißzeug und fingen beim Aufziehen des Zwischenvorhanges): 7 Chor. Immer sticheln, sticheln, sticheln, D'ganze Wochen jede Stund', Wie die Sicheln, Sickeln, Sicheln, Bucklich sitzen richt ein'm z'Grund. Wer die Nadeln, Nadeln, Nadeln Hat erfunden, der erscheint Uns den Madeln, Madeln, Madeln Als der allergrößte Feind. Rosi. Kameradinen, Theure Freundinnen, Tröstet Euch und faßt nur frischen Muth; Denkt, daß auf die Plag' Der sechs Wochentag' Kommt der sieb'nte Tag, wo d'Arbeit ruht. (Walzer-Tempo.) Das ist der Freudentag! Der Tag der Herrlichkeit, Wo man vergißt die Plag', Denkt nur an Lust und Freud'! Sonntag, der frei vom Joch, Frei von der Arbeit macht, Dir sei ein Vivat hoch! Sonntag gebracht! Alle (springen rlektrifirt auf und fingen, sich dabei wie im Tanze wiegend). Das ist der Freudentag! rc. Achte Scene. Vorige. Kniffelmaicr. Kniffelm. (ein feiner geschniegelter Mann in den Fünfzigen mit höchst gutmüthigem, freund lichem Gesichtsausdrucke, blonden Backenbartstrei- frn, das dünne, weißblonde Haar sorgfältig über der Glatze in Locken gelegt, im Anzuge sehr nett, im Benehmen schlau, tritt aus der Seitenthür und sagt srcnndlich lächelnd). Bitte, bitte, meine Damen, moderiren Sie sich gefälligst, ich mache Sie aufmerksam, daß heute nicht Sonntag und mein Magazin kein Sperl- saal ist, auch bin ich kein Capellmcister, de» zur Polka franxaise aufspielt. Arbeiten wir mit di Hand', nit mit die Füß' (gutmüthig), ja, meine Damen. (Die Mädchen find bei seinem Erscheinen an ihre Plätze geeilt, nur Rosi bleibt stehen.) Rosi (seine gutmüthige Sprachweise copi- rend). Ja, ja, Herr Chef, wir wissen's schon, daß Sie net der junge Strauß, sondern der alte Kniffelmaier sein. Entschuldigen's, es ist uns nur a bisserl in d'Füß gangen, weil wir uns erinnert haben, daß morgen Sonntag is (triumphirend), der Tag, wo der Chef zusperren muß, weil das Magazin seines schönsten Schmuckes beraubt ist, wann wir von der Nadel tanzen geh'n! Knisfelm. (lächelnd). Ja, ja, weiß's schon, daß meine lieben Kinder den nächstbesten Stutzer mehr estimiren, als Ihren armen Chef. (Gutmüthig.) Aber das muß doch ein Ende nehmen, sonst entlaß ich Sie und schaff' mir lauter Nähmaschinen an! Ha, ha, nicht wahr, das ist eine Teurels- idee? Rosi (boshaft). No, wir erschrecken net, denn zu die Nähmaschinen braucht der Herr Chef auch Arbeiterinnen, die die Maschin' treten, da tritt aber der Herr Chef schon lieber uns selbst und macht' a freundlich's G'sicht dazu! Kniffelm. Pst, Mamsell Rosi, wir sind hier in einem der ersten Magazins, wir empfangen lauter feine Kunden bei uns, da muß unsere Conversation immer eine anständige bleiben! Ich muß gei'teh'n, daß ich mich manchmal wund're, wie ich mir Ihre Weise gefallen lassen kann. Rosi. No, ich wund're mich nichr, denn ich weiß den Grund recht gut. Um mich magazinsmäßig auszudrücken, der Herr Chef haben nir fedel moir. Kniffelm. Oho! Rosi. No nir oho, denn während Sie bei meinen Colleginnen immer was vom Lohn abdrucken, versuchen Sie zu Zeiten mich — (energisch), aber non, inonmeur Kniffelmaier, das gibt's net, — denn 8 erstens bin ich ein sittsames Mädchen und zweitens — Kniffelm. Zweitens! Rosi. Hab' ich einige Courmacher! Kniffelm. Ah. was der Teure!! Rosi. Ja, rin' französischen Sprachmei- ster. der mich aus Lieb' unterrichtet, dann mein' Commis, der mich immer mit Süßigkeiten überhäuft, Zuckerln, Bockshörndln, Bischkoten re., endlich auch cin'n vom Theater — er studiert mir auch Partien ein, weil ich so viel Talent Hab', sagt er! Kniffelm. Na, meine Damen, da steht uns nächstens ein großer Kunstgenuß bevor, vielleicht bewundern wir die Mamsell Rosi noch als »leichte Person« — Rosi (zornig). O Sie — Kniffclm. (überlegen, ernst). Vor der Hand aber muß ich Sie bitten, Ihre Pflicht zu thun (weist auf den Tisch), die Arbeit wartet! Rosi. Vergiften könnt' ich den sieben- süßen Ding! (Setzt sich zur Arbeit.) Neunte Scene. Vorig«. Baron Wildenschwert (durch die Mitte). Wilden sch. (ein alter kräftiger Herr, mit großer Sicherheit im Wesen und Benehmen). Na guten Abend, lieber Herr Kniffelmayer. Kniffelm. (sich tief verbeugend). Ergebenster Diener, Herr Baron! Wildenschw. Wie steht's? Ist der Trousseau für die Braut meines Neffen schon zusammengestellt? Ich habe Ihnen vom Gut aus geschrieben, da ich aber mittlerweile Geschäfte halber verreisen mußte, so hat mich Ihre Antwort nicht treffen können! Also sind wir fir und fertig? Kniffelm. Nicht ganz, Herr Baron, ich erwarte noch etwas aus Paris, eine Stickerei, einen Spitzenschleier! Wildensch. Aber, lieber Herr, weshalb lassen Sie die Stickerei nicht hier machen? Kniffelm. (achselzuckend). Geht nicht, Herr Baron, geht durchaus nicht! Wildensch. Ah, das ist ein Vorurtheil. dem ein Geschäftsmann von Ihrer Bedeutung nicht huldigen sollte. Gerade Sie solle ten Alles thun, die einheimische Industrie zu stützen? Kniffelm. Geschieht auch, Herr Baron — sogar mit großen Opfern, allein gewisse Artikel sind nicht zu schaffen. Wildensch. Also nur in Paris haben die Leute Geschmack? Kniffelm. Ja, die angeborne Grazie, der feine Gout, 's ist ein Malheur! Wildensch. Einbildung — sage ich — pure Einbildung — ich selber, als ich vor 20 Jahren anfing meine Güter zu bewirth- schaften, um nicht von diebischen Verwaltern ausgeplündert zu werden, ich richtete meine Blicke nach Paris, nach London in Betreff neuer Maschinen. Als ich aber bei den dortigen Ausstellungen die Werke meiner Landsleute sah, da machte ich Kehrt gegen nach Hanse, und wenn jetzt in meinen Schmieden, meinen Mühlen, meinen Kohlengruben die Maschinen meiner Oester- reicher so recht tüchtig arbeiten, qualmen und pusten, da schwillt mir das Herz vor Freude und ich sage mit doppeltem Stolz: das sind meine Maschinen! Kniffelm. Geht mir auch so bei jedem inländischen Erzeugniß, aber ich muß leider im Interesse meiner geehrten Kunden dieses Gefühl zu Zeiten unterdrücken! Wildensch. Na, jeder nach seiner Weise — wann erwarten Sie denn dieses famose Product überrheinischer Industrie? Knifselm. Noch heute, ich habe gerade ins Mauthgebäude geschickt! Wildensch. Gut, lassen Sie mich einstweilen, was fertig ist, sehen! Kniffelm. Bitte, Herr Baron, nur gefälligst hier hinein zu spazieren! (Weist auf die Thür rechts, dann wendet er sich zu Rosi und sagt leise und schnell:) ^vik, Rost, geh'n Sie eiligst zur Stickerin Wild, ich lasse um die Arbeit bitten, Sie weiß schon welche! (Folgt schnell dem Baron, der abgegangen ist.) 9 Zehnte Scene. Vorige, ohne Knisfclmaicr und Wildcnschwert. Rosi (ihm nachspotteud). CH, Sie liebe Rosi — zur Stickerin — Arbeit bitten — weiß schon, welche! Ja, ich weiß auch welche! und ich hätt' gute Luit, dem Herrn Baron zu zeigen, was wir Wienerinnen können, und wie wir, die wir da sein, da sein! Aber nachher setzt mich der freundliche Herr Kniffelmaicr an die freundliche Lust, und ich kann mir was Warms iu den Magen scheinen lassen. I sag' eng's, Madeln , wir sein die bedaueruswerthesteu G'schöpf' auf der Welt! Herrgott, wenn ich ein Mann wäre — aber a sauberer, fescher Mann müßt' ich sein — nachher, Madeln, solltet's seh'n, was g'schicht! Ich machet Ench Allen die Cour. Tini (lachend). Ni — da hätten wir höchstens um an Liebhaber mehr! Kathi. Ich Hab' eh schon zwei. Cin'n jungen und an alten, aber wann i alle zwa z'sammnah'n kunnt, es ward' doch ka ernstlicher Ehmann d'raus! Rosi. Soll i geh'n — oder soll i nett — i soll, aber i will net, i will nur Ans, und das is, daß die Stickerin den Kniffel- maier no recht lang zappeln laßt. Eilfte Scene. Vorige. Netti (eilt mit einem leichten Schrei herein). Rosi. No, Netti, was hast denn? Was machst denn? Ha! Netti (athemlos). Bei der Thür hat mir Einer in's G'sicht g'schaut! (Die Mädchen lachen.) Rosi. Geh', ich bitt' Dich, thu' net so zimperlich, als wann Dich ka Mannsbild anschau'n dürft'. Netti. Nein, jetzt, wo ick meinen Ritter habe, jetzt ist mir so was sehr fatal. (Sic legt eine in Papier genabelte Arbeit auf den Tisch.) Tini. Was die für a Aufseh'n mit ihr'« Ritter macht! Kathi. Wie sckant er denn ans — hat er a Rüstung an? Rosi. I glaub'Dir den Ritter gar net, Du redst immer von ihm — aber warum geht er denn net mitunter amal bei der Anslag' vorbei, wie s unsere Ritter machen? Netti. Ja, er kommt immer nur am Abend, um mich z'Haus zu begleiten. Beim Tag hat er ka Zeit, er muß ausreiten. Rosi. So soll er vorbeireiten! Netti. Das geht net — man darf net durch die Stadt spazieren reiten im Interesse der Stellwägen! Tini. Ah, Tn meinst eigentlich, die Stellwagen könnten deinen Ritter niederreiten, wann er aufsitzt und ka Sechserl im Sack hat! Netti. Ihr glaubt's also gar nicht an ihn? Kathi. Ick sag', er eristirt gar net! — Netti (springt auf). Was? er eristirt net? o, so wollt' ick doch, daß er dort bei derThür' — (sieht plötzlich Hippolnt. der eintritt, und schreit auf). Ha! (Fällt aus den Stuhl.) Alle. No, was ist's denn? Netti. Dort — dort — er ist's! — Alle. Der Ritter? Netti. Ja! Alle (durcheinander). Der Ritter ist da — der Ritter lst da! (Sie sangen emsig zu arbeiten an.) Zwölfte Scene. Vorige. Hippolyt (in höchst eleganter, etwas carikirter Toilette, ist eingetreten, hat sich tlnen Augenblick oricntirt, dann tritt er vor und sagt mit geziert vornehmem Wesen:) Guten Abend — e — ich — e — (sieht Netti und sagt für sich schwärmerisch:) Dort sitzt die nette Netti — ich hab's vor Sehnsucht nicht mehr ausg'halten. (Geckenhaft.) Und dann wollte ick auch meine neue Garderobe produci- 10 reu! (Er geht auf und ab und sucht sich von allen Seiten zu zeigen.) Rosi (zu Netti). No, Netti, so red'doch mit ihm, frag' ihn, was er will! Netti. Nein — nein — (tragisch) eher sterbe ich! Rosi. Gut, so red' ich mit ihm! (Steht aus, nimmt das modrste Wesen einer Magazinsdame an und sagt.) Mein Herr, was steht zu Diensten? Netti Ar sich) Die nobeln Augen, die er auf mich macht! Rosi (weil Hippolyt immer zu Netti hinüber- cokettirt, mit leichter Ironie). Wünschen Sie vielleicht mit Einer von den Damen zu sprechen? Hippolyt (hastig). Nein — ich — e — ich will einige Einkäufe machen! Rosi. Einkäufe? Bitte! (Echt hinter den Berkausstisch.) Vielleicht einige Dutzend Bat- tisthemden? Hippolyt (mit einem Seufzer). Battisthem- den — ach! Rosi. Oder gestickte Sacktücher — Hippolyt. G'stickte Sacktücher, oh! Rosi. Oder Krägen — wir haben die feinsten Sorten — Hippolyt. Nein, nein, bloß etwas Kleines, Winziges — weiß nicht, wie ich — sagen soll! — Rosa (boshaft). Nh — wollen vielleicht Kinderdeckerln mit echten Spitzen besetzt? (Die Mädchen kichern, Netti zeigt Berger.) Hippolyt (erschrocken). Kinderdeckerln, nein — nein — ich will nichts weiter — als — Rosi. Nun? Hippolyt (sehr vornehm). Ein Paar — Paar Söckeln! — Netti. Wie er sich wegen meiner in Unkosten steckt. Rosi. Ein Paar Socken also? Sollen bestens bedient werden; wir haben welche mit Goldperlen gestickt, da kost' das Paar 150 fl. Jst's gefällig? Hippolyt (will aufschreien). Hundert- sunf — (besinnt sich und sagt ruhig) die Perlen könnten mich drücken, geben Sie mir ohne Perlen ganz einfache — Rosi. Wo's Paar 35 kr. kost'! Hippolyt (hastig). Ja, ja, die passen mir! Rosi. Thnt mir leid, so billige hat nur der Pfadler. Hippolyt. So? Ich hörte doch, daß die Waaren hier am billigsten sind. Geben Sie mir also etwas theurere! Rosi. Um 70 kr. 's Paa ? Hippolyt. 3a, um 70 kr. (Lokettirt auf Netti.) Rosi (nimmt ein Paar Socken aus einem Carton und wickelt sie in Papier). Sollen wir Ihnen die Waäre nicht in Ihr Palais schicken? Du, Netti, Du könntest so gut sein, — damit der Herr nicht so schwer tragt. Netti (verschämt). Ich? Hippolyt. Schön — jetzt kann ich die Söckeln ohnehin nicht tragen, wenn also Fräulein Netti so gütig sein will — ich erwarte Sie in einer Stunde — Palais Nr. 3 — am Markt, wo der große iGaskandclaber — ich erwarte Sie gewiß — die Söckeln! — hier sind 7V kr. (Zahlt.) Rosi. Dank schön! Hippolyt (setzt den Hut auf und zieht eine gestickte Cigarrentasche hervor, nimmt eine Cigarre, dabei immer auf Netti cokettirend). Rosi (eilig mit einem Zündzeug kommend und ihm Heuer gebend). Bitte Euer Gnaden! Hippolyt. O bitte! (Zündet an.) Sehr verbunden! (Zu 'Allen mit dem Tone eines großen Herrn.) N68äuM68 — L rtzVOir! (Geht stolz gegen die Mittelthür.) A l l e. Empfehlen uns! (An der Thür wirst er Netti Kußhände zu, in dem Augenblicke tritt Susi Spitz ein, er sieht sie, stößt einen Schrei aus und fährt wie ein Pfeil zur Thür hinaus.) Dreizehnte Scene. Vorige. Susi. Susi. Na, was war denn das für a Mensch? — II Alle (rufen lachend). Der Ritter war's— der Ritter — der Netti ihr Liebhaber! Susi. Der Ritter? Schad', daß ich meine Brillen net aufhab', den Ritter hätt' ich gern mit bewaffneten Augen g'seh'n. — Rvsi. Er bar bloß ein paar Socken kauft. Du, Netti, der kommt mir curios vor! Alle. Mir auch! Mir auch! Netti (pikirt). Da spricht nur der Neid aus Euch, denn das is doch klar, daß er nur mich sehen wollte, und da wird er nicht gleich Einkäufe en §ros machen. Vierzehnte Scene. Vorige. Kniffelmaier (eiligst von d.r Seite kommend). Kniffelm. Ist die Stickerin schon da? Mamsell Rost, Sie waren doch dort? Rosi. Nein, gleich geh' ich! Kniffelm. (ärgerlich). Sie sind aber doch eine sehr — sehr unaufmerksame Person, wenn man Ihnen sagt, daß — ach, da ist sie ja! Fünfzehnte Scene. Vorige. Adele. (Gleich daraus) Gustav. Kniffelm. (ihr entgegen). Na, Fräulein Adele, bringen Sie mir den Schleier? Adele (kin einfach gekleidetes Mädchen mit feiner Tournüre, ihr Gesicht ist blaß, abgehärmt, von Zeit zu Zeit drückt sie ihr Taschentuch an die Augen. Ihm einen barton übergebend) Hier, mein Herr! Es war mir schwer, dießmal mein Wort zu halten, meine Mutter ist so krank — ich möchte Sie bitten, mich schnell fortzulassen! — Kniffelm. (der in den Carton geblickt, ruhig). Warten Sie! (Er eilt rechts ab.) Gustav (tritt vor zu Adelen und sagthalblaut zu ihr) Theure Adele! Adele (mit Bewegung). Gustav! Gustav. Sie sehen mich bestürzt, ist es wirklich wahr, die Mutter — ? Adele. Ja, seit gestern Nachmittag hat sich ihr Zustand bedeutend verschlimmert. Ich habe den Arzt bestellt, da ich aber die Arbeit abliefern mußte, so weiß ich nicht, ob er gekommen und welche Anordnungen er getroffen! Ack, wenn ich nur fort könnte! Gustav. Meine arme Adele — Sie leiden — wie blaß Sie sind, und Ihre lieben Augen. Adele. Ach, sie schmerzen mich! Das Sticken in den Nächten, es ist kaum möglich, daß — (Drückt daS Tuch vor die Augen.) Gustav. Fassen Sie Muth! Ich habe Ihnen eine gute Nachricht zu melden, der Chef des Großhandlungshauses, ans dessen Comptoir ich arbeite, hat mich zun« zweiten Cassier mit einem Gehalte von 2000 ernannt, nun stehe ich am Ziel meiner Wünsche, Sie werden mein, für's Leben! Adele. O, nicht doch! Gustav. Wie? Sie weisen mich zurück? Adele! Adele (verwirrt). Gustav — sprechen wir jetzt nicht davon — ich fürchte — Sechzehnte Scene. Vorige. Kniffelmaier. Wilden- schwcrt. Wildensch. Herr Kniffelmaier, ich sage Ihnen meinen Dank. Der Trousseau ist wirklich prachtvoll, na, die kleine Braut wird aufjubeln, wenn sie diese kostbaren Dingerchen sieht, besonders dre Stickerei aus Paris — ich bedaure nur, daß ein solches Kunstwerk hier zu Lande unmöglich ist! Für jetzt, adieu —morgen schicken Sic mir Alles. (Will abgehen.) Kniffelm. (ihm folgend) Habe die Ehre — Herr Baron! — Wildensch. (im Abgehen trifft sein Blick auf Adele, er bleibt wie gebannt). Hm! — Kniffelm. (für sich). Was hat er denn? Wildensch. (zu Kniffelm.). Wer ist diese Dame? Kniffelm. (lächelnd). Diese Dame ist keine Dame, nur eine Arbeiterin meines Magazins. 12 Wildensch. Eine Arbeiterin? (Für sich.) Merkwürdig! Die Züge schienen mir bekannt — ich batte daranf geschworen, daß mir diese Arbeiterin schon irgendwo in einem Salon begegnet ist. (Sich von der Betrachtung losreißend.) Na, adieu, mein Herr! (Ab.) Gustav (zu Adelt im Vorbeigehen) Kennen Sie den Herrn? Adele. Nein! Gustav (aus Kniffelm zutretend) Guten Abend, Vater! Kniffelm. (der den Baron bis an die Thür begleitet hat, im Zurückkommen, sehr erfreut). Ach, Gustav, ich habe Dich gar nicht kommen sehen. Na, Du hast heut' ein' Glückstag, bist vorgerückt, 2000 fl. — ich gratnlire. (Schüttelt ihm die Hand.) Weißt Du, was Tu jetzt thnn kannst? Gustav. Nun, Vater! Kn iffelm. (lachend). Heiraten kannst Tn! Gustav (ernst). Das will ich auch, lieber Vater, und habe bereits eine Wahl getroffen! Kniffelm. (erstaunt). Geh'; ei. Du Tcu- felsbursch' — na, komm' auf's Comptoir und erzähl' mir. (Will ihn nach dem Comptoir ziehen.) Adele (ängstlich). Herr — ich bitte Sie, mit mir zu rechnen. Kniffelm. (kalt). Warten Sie! Komm', Gustav! Gustav. Vater, lassen Sie mich hier sprechen, hier, wo sich der Gegenstand meiner Wahl befindet. Kniffelm. Hier! (Hr blickt umher.) Ich seh' ja keine Dame, die — Gustav (die widerstrebende Adele bei der Hand nehmend). Hier, Vater, meine Braut! Alles (ruft). Braut? Die Adele? Kniffelm. (ganz perplex). Die — die — Stickerin — (Lacht.) Ah, das ist komisch! — Adele (sich Gustav entziehen wollend). Lassen Sie mick, Gustav! Gustav. Bitte, thenre Adele, bleiben Sie. es gilt mein Lebensglück! Kniffe lm. (nach einer Pause lächelnd). Gustav, wenn ich dein Chef wäre, würde ich Dir deinen neuen Posten verweigern, denn ein Mann, der solcher Narrheiten fähig ist. kann keine Casse übernehmen. Gustav. Vater! Adele. Fort, fort! (Sie reißt sich los und will fort.) Kniffelm. (nimmt sie sanft bei der Hand und sagt gutmüthig). Warten Sie doch, wir müssen ja rechnen. Kümmern Sie sich nicht um die Zukunstsideen dieses jungen Menschen. Sie sind eine zu verständige Person, als daß Sie glauben könnten, die Heirat wäre möglich! Nicht wahr, liebe Adele? — Adele (plötzlich eine stolze Haltung anneh- mrnd und Kniffelm. von oben herab betrachtend). Herr, Sie haben Recht, diese Heirat ist unmöglich! Nicht aus dem Grunde, weil ich eine arme Stickerin bin, wohl aber deshalb, weil meine Mutter mir nicht erlauben würde, dem Sohne des Mannes meine Hand zu reichen, der so rücksichtslos sein konnte, ihre Tochter zu insultiren! Gute Nacht! (Schnell ab.) Gustav. Adele! (Folgt ihr ) (Die Mädchen sangen wie ans ein Zeichen zu rufen an ) Bravo! Bravo! Rosi. Die Stickerin soll leben! Alle. Hoch! (Sie lachen Kniffelm. aus, dieser steht mit offenem Munde da.) (Musik. Zwischenvorhang.) Verwandlung. (Einsamer Straßenplatz mit Gasbeleuchtung.) Siebzehnte Scene. (Es schlägt 11 Uhr in der Ferne.) (Einige junge Männer in einer Reihe nebeneinander über die Bühne schreitend, singen einen bekannten Marschchor, z. B- »Frisch aus, ganze Compagnie* rc.) Holzer (tritt aus, raucht aus riurr großen, filberbeschlagenen Pfeife). Kruzineser, die jungen Leut' sein eine wahre G'sangsbatterie. Die pfeffern d'rein, daß die Fensterscheiben 13 scheppern. (Kopfschüttelnd.) Muß sagen, im Wirthshaus hat mir das Gratisconcert recht gut g'fallen, i Hab' mi sogar über mein' g'wöhnliche Zeit verhalten, das Singen auf der Straßen aber, mitten in der Nacht, was die g'sunden Leut' aus'n Schlaf reißt und die Kranken bis zur Verzweiflung martert, macht mir wenigstens ka b'sondere Freud'! (Klopft seine Pfeife aus.) No, geh'n ma z'Haus, was nutzt das Dcli- berir'u — weil mir die Kranken eing'fall'n sein, wer' i a bisserl bei der Stickerin nach- sschau'n; die armen Teufeln haben Niemanden, der ihnen beisteht! (Eifrig.) Wann ich nur wußt, ob ich mich, was die Zwei bekifft, net täusch' — ich Hab' sie g'seh'n vor drei Jahren im Quartier unseres Hauptmanns, kurz bevor er g'storben is — es wäre schrecklich, seine Frau, seiue Tochter von der Handarbeit lebend. (Sein Nachdenken beendigend.) Ah was! Wann sie's sein, wern's mir das g wiß ebensowenig auf d'Nasen binden, als wie andern Leuten ! lschau'n ma weiter! (Er will abgehen und sängt den Chor, der früher gesungen wurde, zu in- toniren an, hält aber gleich inne.) Vin i a Kops! früher Hab' i mi über's Singen auf- g'halten, und jetzt fang' ich gar selber an. (Lachend.) Ja, böse Gesangvereinsg'wohn- heit verdirbt gute Zuhörersitten! (Er ist nach rechts im Vordergrund abgegangen.) Achtzehnte Scene. Adelc (von derselben Seite, rin wenig tiefer herauskommend). Ach Gott, was beginne ich nur! Der Zustand meiner armen Mutter verschlimmert sich mit jeder Minute und der Arzt kommt nicht. In seiner Wohnung hieß cs, er sei im Gasthausc — man nannte mir das Schild, nun irre ich umher und kann mich nicht zurechtfinden; die Mutter allein — kein Mensch, der ihr beisteht. (Nach link» blickend.) Ah, dort seh'ich erleuchtete Fenster, das ist das Gasthaus; schnell! (Sie will nach links ab, eine Patrouille mit einem Führer in Civil tritt ihr entgegen.) Neunzehnte Scene. Die Patrouille. Adele. Führer. Halt, wohin so ganz allein auf der Straßen und gegen Mitternacht? Adele (ängstlich). Bitte, meine Herren, halten Sie mich nicht auf! (Will fort.) Führer. Oho! man weigert sich Auskunft zu geben? Das ist verdächtig! Sie geht mit uns! Adele (entsetzt). Wohin? Führer. Auf's Commiffariat! Vorwärts! Adele (angstvoll). Mein Herr, lassen Sie mich fort, um des Himmels willen! Führer. Nichts da, nur mit! Adele (außer sich). Zu Hilfe! ZuHilse! Führer. Mach'Sic kein Aufsehen! Vorwärts ! Adele. Zu Hilfe! Zwanzigste Scene. Vorige. Wildenschwcrt (von links). Wilden sch. Man ruft um Hilfe, was geht hier vor? Adele (ihm cntgegenstürzend). Ach, mein Herr —ich bitte, helfen Sie! Meine Mutter ist krank — ich wollte den Arzt holen — sie stirbt. Wilden sch. (sie erkennend). Die Arbeiterin aus dem Magazin. (Entschlossen zu dem Führer :) Mein Herr — hier meine Karte — ich bürge — übergeben Sic mi r das Mädchen. (Während er mit dem Führer spricht, tritt Kniffelmaier mit ein paar Herren auf. Von rechts.) Einundzwanzigste Scene. Kniffelm. (im Auftreten). Da is g'rufen worden, wer weiß, was is. (Tritt näher, sieht Adele.) Was seh' ich, die Adele —. meine Stickerin! 14 Adele (für sich.) Ach Gott! (Sit wendet sich ab.) Kniffelm. (boshaft). Sie treiben sich um die Zeit auf der Gaffen herum? Haben Anständ' mit der Patrouille? Ah, das is net übel?! Wildensch. lder sich mit der Patrouille, welche jetzt abgrht, verständigt hat, reicht Adclcn den Arm). Mein Kind, nehmen Sie meinen Arm — ich geleite Sie, wohin es Ihnen beliebt! — Kniffelm. Teures, der Herr —Baron in Gesellschaft der Fräul'n — ah, jetzt begreif' ich, warum mich die Fräul'n heut Abends in Gegenwart meines Sohnes so vornehm z'sammbissen hat! (Lacht und sagt, dabei den Hut ziehend) 'Gebenster Diener, Herr Baron! Adele. Herr Kniffelmaier, wollen Sie mich neuerdings beleidigen? Wildensch. Mein lieber Herr Leinwäsch - Händler, Sie sehen dieses erhabene Mädchen an meinem Arm, enthalten Sie sich also derlei Bemerkungen und gehen Sie Ihrer Wege. Kniffelm. Entschuldigung, Herr Baron, ich will Sie durchaus nicht incommo- diren, ich will nur meine Bekannten hier fragen: ob sie Handarbeiterinnen, die man zur Nachtzeit mit frem den Herren auf der Straße trifft, für ehrbare Mädchen halten? No, mein Sohn wird sich wundern! (Die Andern lachen.) Adele. O welche Schändlichkeit! Wildensch. (zornglühcnd). Dafür, mein Herr, werde ich Sie züchtigen! Kommen Sie, mein Kind! (Sie wenden sich nach rechts.) Kniffelm. (und die Andern rufen spöttisch.) Gute Nacht! Gute Nacht! (und lachen.) (In dem Augenblick hört man Holzer'S Stimme von ferne her .) Fräul'n Adele! Frättl'n Adele! Adele. Himmel, man ruft mich! Zweiundzwanzigste Scene. Vorige. Holzer (von rechts ganz verstört herbeieilend). Fräulein Adele! (Zu Adele, welche ihm entgegenkommt.) Ah, ah, da sind Sie ja — Fräulein Adele, um Alles in der Welt, Ihre Mutter — Adele (aufschreieud). Meine Mutter, sie ist — Ehrist. (mit vor Wehmuth zitternder Stimme). Todt! (Adele stürzt mit einem schrillen Schrei zusammen. Wildenschwcrt beugt sich zu ihr herab. Holzer sieht mit gefalteten Händen aus Adele, die Andern schweigen bestürzt.) Musik. Gruppe. (Der Vorhang fällt schnell.) Zweiter Act. (Besonderes Arbeitszimmer auf Kniffelmaier'- Comptoir, elegant ausgcstattet. Neben dem Schreibtisch rechts eine feuerfeste Cassa, im Hintergrund ein Pult mit einem Hauptbuche, links ein Tisch mit Leinwandstücken und sonstigen Maaren.) Erste Scene. Kniffelm. (allein. — Er liest eine Zeitung und sagt dann auf- und abgehend). Wieder einer von meinen Eoncurrenten zu Grund gegangen, während die Firma Kniffelmaier immer mehr Achtung und Zutrauen gewinnt. Ja, man muß halt auch Tag und Nacht dem G'schäft sich widmen, seinen Kunden immer Neues und Geschmackvolles bieten, vor Allem aber muß man es verstehen, die vorhandenen Arbeitskräfte so zu benützen, daß billig erzeugt und theuer verkauft werden kann. (Reibt sich vergnügt die Hände.) Nur noch ein paar Iahrln, dann haben wir so viel, daß wir uns in Ruh' setzen und auch einmal die Annehmlichkeit 18 des Lebens genießen können. (Blickt nach der Mittelthür, welche geöffnet wird.) Wer kommt? Zweite Scene. Vorige. Rosi. Rosi (tritt durch die Mittelthür ein und spricht aufgeregt zurück). Stecken's lieber die Nasen in Ihr' Rechnerei und geben's Acht, daß Jhner ka halbetcr Diertelpfennig verloren geht, haben's mi verstanden? (Die Thür zumachend.) Kniffelm. No, no, mit wem disputirt die Mamsell Rosi? Rosi. Mit'n Buchhalter— er hat mich net hereinlassen woll'n. »Der Herr Chef," sagt er, »hat zu arbeiten,« als wenn i net wußt, was arbeiten heißt, und daß man dabei doch Zeit zum Plaudern find't. Kniffelm. (lächelnd). Ja Sie, aber ich net! Rosi (rakett). O, für woi hat der Herr Chef immer a bisserl Zeit, n'egt c-6 pas? Kniffelm. (zutraulich). Na, wcnn's Ihnen Vergnügen macht, ich plaudere recht gern mit fleißigen Arbeiterinnen. (Kneipt sie in die Wange.) Rosi (fleht ihn freundlich an). Der Herr Chef schau'n heut' gar net so übel aus, Sic hab'n heut' Ihren deau ^our-! wie mein Sprachmeistcr sich ausdrückt. Kniffelm. (lachend). Ha ha ha ha! und Sie haben was auf dem Herzen — ah, ich merk's schon; also heraus damit, was wünscht mein Cngel? Rosi (bittend). Sie sollen mir z'Lieb'mit einem braven Mann reden und ihm das gewähren, um was er Sie bitten wird. Kniffelm. (hastig). A Bettlerei! —Sic wissen — ich mag das net, man wird so viel überlaufen. Rosi. Erschreckeu's net, es handelt sich um keine Ucberrumplung Ihrer feuerfesten und einbruchsichern — (weist auf die Cassa) der Mann bittet erstens um kein Geld, zweitens net für sich. Kniffelm. (erleichtert). Na, dann herein mit ihm. Vorerst möcht' ich aber um was bitten, um einen Preis für meine Bereitwilligkeit. Rosi. Ein'n Preis? Kniffelm. (süß). A Busserl! Rosi. Na jetzt, um der Wohlthätigkeit keine Schranken zu setzen — (hält ihm den Mund hin)voi!ä, Alongisur! Kniffelin, (wischt sich zitternd mit seinem Sacktuch ab und küßt Rosi mit Entzücken, dann will er ein zweites Mal küssen). Rosi (sich schnell und graziös abwcndend). Schon g'nug für den ersten Versuch. Jetzt zu den G'schäften. (Geht zur Mittelthür.) Herr Holzer, spazieren's herein! Dritte Scene. Vorige. Christian (durch die Mitte). Rosi. So, Herr Holzer, da ist der Chef, jetzt tragen's ihm Ihr Anliegen vor, geni- ren's Ihnen net, ich secundire! Christ, (kommt vor und sagt höflich). G'hor- samster! (Zu Rosi, nachdem er Kniffelmairr betrachtet hat.) Das ist ja recht a freundlicher alter Herr. Rosi. No, i glaub's! Kniffe lm. Reden Sie! Christ. Herr von Kniffclmaier! (Unterbricht sich, zu Rosi.) Na wirklich, recht vertrauenswürdig schaut er aus, 's is unbegreiflich! Kniffelm. Mein Lieber, wollen Sie mir vor Allem sagen, wer Sie sind? Christ. No, net viel! I bin der Greißler Christian Holzer, und in dem Haus, wo ich mein'u Laden Hab', logirt a die Stickerin Adele Wild! Kniffelm. (schnell). Was wollen Sie mit der Stickerin? Rosi (zu Kn.ffclmaier). No — no — no — net so ungeduldig sein, lieber Chef! (Sie schmeichelt ihm.) Christ. G'rad wegen der Stickerei bin i kommen. Sehn's, das Schicksal der Ar- men. 's wirklich entsetzlich. Z'erst is vor Kurzem ihr Mutter g'storben, dann hat sie wegen der G'schicht mit Ihrem Herrn Sohn die Arbeit für Ihr Magazin anfgeben muffen — Kniffelm. Warum denn? Die G'schicht mit mein'm Sohn, wie Sie sich ausdrücken, war ja gar net ernstlich g'mcint, denn sonst hätt' ich die Stickerin unmöglich in der Nacht mit einem mir gar nicht unbekannten noblen Herrn auf der Straßen treffen können, und ebensowenig könnt' sie auch jetzt noch die Visiten dieses Herrn annehmen! Holzer. Wer hat das g'sagt? Kniffelm. Die alte Spitz, die jetzt mit der Stickerin und der Nähterin Faltl ein Quartier bewohnt. Holzer (ärgerlich). Wann die alte Spitz schon den Spitzel des Hauses macht, weil sie plauschen muß, so wird sie Ihnen wohl auch berichtet haben, daß der fremde noble Herr nur ein paarmal kommen ist, um der Stickerin seine Unterstützung anzutragen, und daß sie aus begreiflichem Stolz seine Hilf' ausg'schlagen hat. Mehr hatt's net thun können. (Fährt plötzlich auf.) Hatt's den Herrn vielleicht 'nauswerfen soll'«? Rosi. He, Herr Holzer, Attention, net in d'Höh' geh n. Holzer (aufgebracht). Ah was! i gift mi, wann man meinen Mitmenschen Schlechtigkeiten nachsagt, die net wahr sein. Die Fräula Adele is das ehrbarste Madl auf der ganzen Welt. Rosi. Oomrnsnt! Was war' denn nachher ich? Holzer. I bitt', Mamsell Rosi, ma- chen's mich net confns, darum bin i net Herkommen. Kniffelm. (ungeduldig). Also reden Sie, ich Hab' keine Zeit. Rosi. No, no, net steig'n, Chcfi! (Schmeichelt ihm wieder.) Kniffelm. (Raft zulächelnd und freundlich sprechend). Erklären Sie sich, mein Lieber! Holzer. No also: die -Stickerin is jetzt in der bittersten Noth, weil ihre Augen durch die Arbeiten für Ihr Magazin so ergriffen sein, daß man sie nirgend beschäftigen will, und so glaub' ich, es wär' fast Ihre Pflicht, der Stickerin leichte Arbeiten zu geben und ihr diese Arbeiten gut zu zahlen. So viel Verdienst hat sie ja um Ihr Geschäft, daß's das leicht thun können. ! Kniffelm. (für sich). Das kommt mir ja ganz gelegen. (Laut.) Gut, schicken's die Stickerin zu mir! Holzer. Ah na, die kommt Ihner net um a Million. Kniffelm. Aber ich kann doch nicht zu ihr geh'n? Holzer. Na; dann müssen Sie ihr helfen, ohne daß ste's weiß. Schn's, die Sach' machen wir so: Sie geben mir die Arbeit und ich sag': 's is aPrivatarbeit, sie macht's, ich kumm dann zu Ihnen, liefere ab und cassir 's Geld ein, auf die Art is uns Allen g'holfen. Rosi. Ja, das thun wir! Kniffelm. (lächelnd). Kein übler Vorschlag, nur kann ich net d'rauf eingeh'n; denn erstens mach' ich keine derartigen Geschäfte und zweitens will ich nit dazu helfen, daß das Fräulein Adele sich zur Noth mit Arbeit ausweisen kann, um so die Visiten des g'wiffen noblen Herrn zu mas- kiren. Rosi (erichrocken). Aber Herr Chef! Christ, (wie vom Blitz getroffen). Was? der Herr beschimpft ein unglückliches Wesen und mich, den Christian Holzer, der fünfzehn Jahr' mit Ehren als Soldat gedient hat, der a bessere Condnite hat als mancher Großkopsetc - mich macht er zu an'n (schaudernd) das Wort bring' i gar net über die Lippen, (mit kräftiger Entrüstung) aber ein and res reißt's mir völlig vom Herzen los und das Wort ist: Pfui! Kniffelm. Wie? Was? Er pfuit da auf meinem Comptoir? Rosi, rufen's mir den Hausknecht des Magazins! Rosi. Ja freilich, sonst nir? Christ, (der in der Aufregung seinen Rock auf- und zuknöpsrlt). Strapazirn's den Haus- 17 kriecht net, i geh', aber Eins muß ich Ihnen do' fragen: Wenn man die Greißler Thierquäler heißt, weil sie starke, gutgefütterte Hund' vor ihr Markwagel spannen, wie soll man denn solche Leut' heißen, die den Nähterinnen, welche sich alle Tag 12 bis 14 Stund' plag'n, am Samstag höchstens 2 bis 3 Gulden zahl'n, dabei a prachtvoll's G'wölb' hab'n, flott leb'n, Vergnügungsreisen machen, und wann'sZhnen net mehr z'sammgeht, 's Vergleichsverfahren anmelden, wie soll man solche Leut' heißen? So! ich Hab g'fragt, jetzt geh' i, damit Sie sich meine Frag' ungenirt beantworten können! Adieu, Herr von Knis- sel maier! (Er stürzt zornig hinaus-) Vierte Scene. Vorige, ohne Christian. Kniffelm. Ah — ah — das is ja ein Grobian von der feinsten Sorte, ha! warum kann man seinen Hausknecht net an der Seite trag'n wie die Soldaten ihr'n Säbel, den hält' ich jetzt curios bedient. Rosi. No — no - scin's nit Harb — er is halt net g'wohnt, seine Worte so ab- z'wägen wie den Butter und 'sRindschmalz; er hat der Stickerin helfen woll'n und es muß ihr a g'holfen wer'n. Gebn's mir die Arbeit für sie, ich garantir' — Kniffelm. Nichts da — ich will von der Person nichts mehr wissen, wer mir noch einmal von ihr red't, wer nur den Namen nennt, der ist entlassen, und Sie — Rosi (ruhig). Ich werd' net entlassen, ich geh' selber. Kniffelm. (überrascht). Was? Sie wollen sott? Rosi (rrnst). Za, denn ich weiß jetzt, was man von Ihnen zu erwarten hat, wenn man krank und hilflos wird. I geh' und such' mir eine andere Stell'. Kn isfelm. Wenn Sic aber keine findet? Rosi. (heiter). Oho, so schlecht steht's net um uns, es gibt noch mehr Leinwäschhänd-I Brrla, Die von der Nadel. ler, die keine Kniffelmaier sein, und geht's gar net anders, so werd' ich Kaffeehauscas- sirin, Tabak- und Cigarrenhändlerin, Par- fumerieverkäuferin oder (tragisch) aus Verzweiflung Statistin bei der großen Aus- stattungskomödie. (Lustig.) Nir is's jetzt mehr mit'n Nadelmalheur. Xäisu, mon eosur! (Macht einen graziösen Kni; und geht stolz ab.) Fünfte Scene. Voriger ohne Rosi. Knisfelm. (ist sehr bewegt). Zetzthabe ich eine meiner tüchigsten Arbeiterinnen verloren und außerdem war sie noch dazu mein Augentrost,mein Herzbünkel; an all' dem is aber nur die Stickerin Schuld, die ich ja doch unmöglich zu meiner Schwiegertochter machen kann — sie is keine schlechte Person, ich weiß's, aber sagen kann ick's net, sonst macht mir mein Sohn Dummheiten. Ach, Rosi —Rosi, muß doch schau'n, ob's noch da is, vielleicht kann ich sie auf andere Gedanken bringen. Wildensch. Zugegeben, aber der Alte - hat meine Nichte tödtlich beleidigt. 3 * 36 Christ. Und der Junge hat sie auf die Kniee um Verzeihung beten! Herr Baron, bringen wir die Sache gleich in Ordnung, denn wenn die Fräul'n glücklich curirt is, so können wir alle Zwa uns auf'n Kopf stellen, sie Heirat' doch den Jungen. Wilden sch. (mit Widerwillen). Gut, ich werde den jungen Mann auf die Probe stellen, besteht er sie nicht, dann wird Adele dem Rathe ihres Oheims folgen und den Unwürdigen zurückweisen. Wilden sch. (geht nach dem Garten ab). Christ, (allein.) Auf die Prob' wird ihn der Baron stellen! Das kann er schon thun, denn daß der junge Mensch von der Adele um kein'n Preis laßt, da möcht i wetten d'rauf und schwör'n möcht i a, was g'wiß sehr viel g'sagt is, wann man bedenkt, daß es eine Unmasse Gelegenheiten gibt, wo man ausrufen kann: jetzt, da möcht i wetten d'rauf — aber net schwör'n! Couplet. Erledigt is endlich, was längstNoth uns war, In vier gleiche Theile is g'schieden das Jahr; Jakobi, Micheli san wor'n pensionirt, Und neue Termine für'n Zins eingeführt. Jetzt is zur Zufriedenheit Alles geschlicht't, Es wird ka Partei mehr klagt beim Be- zirksg'richt; Denn daß's jetzt den Zins mi'n Termin hinleg'n wer'n— Jetzt, da möcht' i wetten d'rauf—aber net schwör'n! Der Pferd'eisenbahn war ka Glück prophe- zeit, Für Wien is s a Unsinn, hab'n g'sagt viele Leut'; Doch jetzt, wo's im Gang is, san d'Leut' wie verrückt — Und wie Ana einsteigt, wird er fast der- drückt — T'rum glaub' i, wann die Eisenbahn nimmermehr ging, Daß g'wiß Alles traurig wär', Vornehm und G'ring, Und daß ma gar d'Stellwäg'n laut jammern thät hör'n — Jetzt, da möcht' i wetten d'rauf —aber net schwör'n! Was jetzt die Arzneikunst bei uns leisten kann, DaS is a Mirakel — ich bitt', hör'ns nur an: Ein' Doctor, den's unlängst ein'n Kreuzer hab'n bracht, Hat d'raus eine Stimm' um 5000 Gulden g'macht, Und daß der Herr Doctor, wenn er nur recht will, Mich wird überraschen au'm ersten April, Und mir als Präsent 's hohe 0 wird verehr'» — Jetzt, da möcht' i wetten d'rauf—aber net schwör'n! Die Markthalle, die erste, is jetzt unter Dach, Die Lcb'nsmitteln hab'n schon ihr eigenes Fach, Es lieg'n d'Victualien auf prachtvoll'nTisch', Und jeder, der's braucht, kriegt da drinn d'schönsten Fisch'. Ganz ü Ia?uri8 wird jetztAlles drinn sein, d'Frau Sand'l und d'Resel wer'n aus- schaun'n ganz fein, Und daß die Häringköpf alle französisch reden wer'n, Jetzt, da möcht' i wetten d'rauf —aber net schwör'n! Im Donaucanal, da war's lustig a Zeit, Da hab'ns lauter Edelstein' g'funden die Leut', Voll Stolz hab'n wir g'sagt: Keine Stadt is uns gleich, Wir geh'n in die Donau, da wer'n wir steinreich! Und daß, weil wir jetzt schon im Zug sein so schön, Auf amal das Merkwürd'ge wird gescheh'n. Daß' den Stein der Weisen bei uns finden wer'n — Jetzt, da möcht' i wetten d'rauf— aber net schwör'n! Der Mensch kriegt leicht Aengsten, so wie . er was wagt, I waß, denn mi selber hab'n d'Aengsten schon packt; D'rauf aber Hab' i mir das Sprüchel ein- g'red't: Unser Herrgott verlaßt seine Oesterreicher net; D'rum gibt mir die Greißlerei hier einen Muth, Wann's Publicum stets meine Kundschaft sein thut; Daß i vielleicht no hier a Rothschild kann wer'n, Jetzt, da möcht' i wetten d'rauf — aber net schwör'n! Im Ausland sag'ns: d'Oestreicher hab'n a leicht's Bluat A Wiener für's gute Leb'n riskir'n thuat, Und d'Oestreicher Madeln, die verlieb'n sich gar schnell, Wer Geld hat, den heiraten's gleich aus der Stell', Doch i sag: daß d'Maderln bei uns sich net trau'n, Wann's noch so verliebt san, a Mannsbild anz'schau'n, Net um a Million blinzeln hin auf die Herr'n — Und da möcht i wetten d'rauf — aber net schwör'n. Zwölfte Scene. Vorige. Kniffelmaier. Gustav (durch den Garten von rechts. Wildenschwert in demselben Augenblicke von links kommend). Kniffelm. (im Hintreten). Der Baron is richtig da! (Kommt vor ) Herr Baron, nnterthänigster Diener! Wildenfch. (kalt). Ah Herr Kniffelmaier, was führt Sie hieher? Kniffelm. (mit geheuchelter Theilnahme). No, soll denn unsere theure Adele heilte nicht operirt werden? Der Herr Baron können sich denken, daß ick, als der wahrscheinlich zukünftige Schwiegervater, der Erste sein will, der unserer lieben Adele unter d'Au- gen kommt! Wildenfch. Das ist höchst lobenswerth von Ihnen, leider wird es Ihnen kaum gelingen, diese Absicht zu realisiren. Kniffelm. Ei warum denn nicht? Wildenfch. (Gustav fixirend). Mein Bester, bereiten Sie sich auf das Aergste vor! Fräulein Adele hat keine Hoffnung, geheilt zu werden! Gustav (bestürzt). Wie? Kniffelm. Sie wird nicht operirt? Wildenfch. Das wohl; der Professor nimmt die Operation vor, jedoch nur, um der Patientin keinen Anlaß zu einer Klage zu geben! Gustav (schmerzlich). Entsetzlich! Kniffelm. (für sich). Sie wird nicht sehen — dann kann sie auch nicht gegen mich auftreten! (Laut.) Herr Baron, was Sie uns da sag'n, macht uns wirklich ganz perplex — die Arme bleibt also blind? Gustav. O mein Gott! (Ist ganz trostlos.) Kniffclm. No, no, Gustav, sei ein Mann; was net geht, geht net — der liebe Himmel will halt net, daß Tu mit der Adele glücklich wirst! Gustav (erregt). Mein Vater, Sie irren, wenn Sie glauben, daß ich Adele verlassen werde. Kniffelm. Was sagst Du? Du wirst doch nicht —? Gustav. 2a, ich werde Adelen meinen Antrag wiederholen und sie bitten, mein Weib zu werden! Kniffelm. Was? A Blinde willst heiraten? Bist verrückt? Wie soll denn a Blinde anf's Hauswesen schan'n? Gustav. Das thut so manche Frau nickt, obsckon sie es könnte, und wird doch vom Manne geliebt; meine Frau kann es nickt, nun, ich werde sie dafür mit doppelter Liebe entschädigen! Christ, (zu Wildenschwert, triumphirend). Herr Baron, was Hab' i g'sagt? Wildensch. (tritt zu Gustav). Ihre Hand, mein Freund, Sie sind ein braver Mann, und der Himmel wird Sie dafür belohnen. Dreizehnte Scene. Vorige. Jacques (von rechts). Jacques. Ew. Gnaden, der Herr Professor läßt bitten — Wildensch. Ich komme. (Geht gegen die Thür vor, dort faltet er die Hände, mit bebender Stimme.) Herr! Segne und behüte uns, laß dein Antlitz über uns leuchten, und sei uns gnädig. (Er geht rechts ab. Jacques folgt) Vierzehnte Scene. Vorige, ohne Wildenschwert. Kniffelm. Gustav, das sag' ich Dir, aus der Heirat darf nir werden! — Du kommst jetzt mit mir. Gustav (aufbrausend). Vater! Kniffelm. No! Gustav (sich mäßigend). Sie kennen meinen Entschluß — nichts wird mich davon abbringen. Fünfzehnte Scene. Vorige. Rosi. Knopfinger. Netti. Susi. Tini. Toni. Kathi und mehrere andere Mädchen. Rosi. So, da sein wir! Netti. Der Chef is a schon da! Kniffelm. (zu den Mädchen). Geht's z'Haus, es gibt keine Jubelhymne anzu- ftimmen — die Stickerin kann nicht gerettet werden! Alle (erschreckt). Wie? (Einige fangen zu weinen au.) Ach Gott, Die arme Adele! Christ, (tritt dazwischen). Herr von Knif- felmaier, i will Ihnen jetzt was sagen — einmal war i schon grob mit Ihnen, aber i kann's wieder werden und noch ärger, wann Sie jetzt net gleich stad sein! (Er disputirt mit ihm.) R o si. Want's net, Madeln— man muß ja net gleich das glauben, was ein Kniffel- maier sagt. Uebrigens, ob die Adele gerettet wird oder nit, bei dem, was wir beschlossen hab'n, bleibt's! — Wir steuern jetzt z'samm. damit die Arme wenigstens auf alle Fälle für die erste Zeit vor jeder Noth g'sichert is! Alle. Ja, wir steuern z'samm'! Rosi. Simon, Du eröffnest die Subscription mit fünfundzwanzig Gulden — Knopf. Ja, wann's nir dawider hab'n — Christ, (zu Kniffrlmaier). Da schau'ns, was dort für ein Liebeswerk im Gang is, und schamen's Ihnen! Kniffelm. Laß er mich in Ruhe! (Wendet sich an Gustav, der unruhig aus- und abgeht, unbekümmert um das, was um ihn geschieht.) Sechzehnte Scene. Vorige. Hippoly t. H ippolyt (aus der Thür links mit dem Kündel Kleider tretend, spricht). Der Bediente läßt mich zil lang warten, da komm' ich lieber a andersmal! (Will ab ) Netti (die ihn erblickt). Himmel, was seh' ich, das ist ja mein Hippolyt! Hippolyt (läßt erschrocken den Bündel fallen). O verflixte G'schicht, die Netti! — Christ, (an der andern Seite herantretend). Ah, da is ja der Fräula Netti ihr Ritter von Fleckelbnrg — heut' hat er gar die Fleckelburg auch bei sich! (Weist aus den Bündel. der am Boden liegt.) Netti. Herr Hippolyt, was machen denn Sie da mit dem Bünkel Kleider? Rosi. Toni. Tini. Kathi. Ja was hat das zu bedeuten? Rosi. Ist das vielleicht die Garderobe Ihrer noblen Verwandtschaft? 39 Susi. Die nir von der Mesaliance mit einer Nähterin wissen will? Tini. Mit der Sie daher auch net beim Tag über die Straßen geh'n können? Kathi. Weil Ihnen Eine von der Nad'l zu pauver is? Alle. No, wern's reden? Hippolyt (der von den Mädchen hin» und hergestoßen wird). Meine Damen — ich bitt' um Schonung — Fräula Netti, ich bitt' um Verzeihung — bei unserer Liebe beschwör' ich Sie — Netti. Ach was Liebe, ich will wissen, wer Sie sein! Sein Sie a Ritter oder net? Hippolyt. Nein, das heißt nicht von Geburt, aber dennoch — Christ. No freilich is er ana, er is der Ritter von der Nadel, der Schneiderg'sell Hippolyt Flaus! Netti (schreit auf). Ein Schneiderg'sell! Mad'ln, halt's mich — ich fall' in — nein, eigentlich bin ich froh, daß der Filou ka Ritter is. Hippolyt. Netti, ach Verzeihung! Siebenzehnte Scene. Vorige. Wildenschwert (von rechts hereineilend, er ist blaß und in äußerster Aufregung). Wildensch. Freunde — hört — ach! (Er kann vor Bewegung nicht sprechen.) Alle. Der Baron! (Umringen ihn.) Gustav (zu ihm eilend). Mein Herr — ich flehe Sie an — Adele — Alle Andern. Sie ist —? Wildensch. (ringt einen Augenblick nach Worten, dann ruft er mit vor Freude zitternder Stimme). Adele ist gerettet! Alle. Gerettet? Wildensch. 3a! (Sinkt in einen Stuhl.) Gustav. O meine Adele! Die Mädchen (rufen): Sie ist gerettet! (Stürzen einander in die Arme.) Christ. Da kommt sie! — O mein Gott, jetzt wir i fast selber blind vor Freuden ! (Mt gegen die Thür.) Achtzehnte Scene. Vorige. Adele (von Hell begleitet, tritt aus der Thür, rechts der Diener, folgt mit einer schwarzen Binde in der Hand). Gustav (zu ihren Füßen). Adele, geliebte Adele! Adele (voll Wonne). Mein Gustav! (Sie hebt ihn sanft empor ) Doch wo — wo ist mein Onkel? — Ich habe ihn gesehen, ich weiß nun, daß er mich nicht von sich stößt! Wildensch. (der sich gefaßt hat, tritt zu Adele). Adele — mein Kind, verzeih'! (Sie stürzen sich in die Arme.) Die Mädchen (halblaut). Ihr Onkel?! Adele (sich zu den Andern wendend). Und Ihr Alle, meine Lieben, seid hier? Ach, wie danke ich Euch für eure Treue! DieMädchen (umringen sie und drücken ihr die Hände). Kniffelm. (der durch den Vorgang ganz vernichtet ist, kommt näher und sagt wie ver» zweifelnd). Fräulein — Baronesse — ich — nein — man kann mir gar nicht verzeihen. Wildensch. Sie haben Recht — gehen Sie — Adele (sanft). Nein, Onkel, es ist der Vater meines Gustavs. (Reicht Kniffelmaier die Hand.) Wir wollen gute Freunde sein, wenn Sie mir versprechen, den armen Arbeiterin- nen in Zukunft ebenso ein Freund zu werden! Kniffel m. Ich will doppelten, dreifachen Arbeitslohn zahlen! Wildensch. Und nichts von Frankreich beziehen, was in Oesterreich verfertigt wurde. Kniffelm. (eifrig). Nein, in Zukunft soll es immer heißen: ULFL8M pour 163 nouv6aut68 äö 1a Vivvns! Christ, (legt ihm die Hand auf die Schulter und fingt lachend). Jetzt, da möcht'i wetten d rauf — aber net schwör'n. (Der Vorhang fällt.) Ende. In der Wallishauffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien find von Alois Berla bisher erschienen: GerVinus, der Narr vom Untersberg. Posse mit Gesang in drei Acten. 8 Sgr. od. 40 Nkr. Me ' ' >e « »er Kegel. Lustspiel in einem Acte. 6 Sgr. od. 30 Nkr. Der Zigeuner. Genrebild mit Gesang in einem Acte. 7'/. Sgr. od. 35 Nkr. Das ILgliche Krot. Charactergemälde nnt Gesang in drei Acten. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Die Jungfer Taut'. Dolkskomödie mit Gesang in drei Acten. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Druck und Papier von Leopold Sommer in Wien. Den Bühnen gegenüber als ManuscripL gedruckt. Die neue MrUchaflerin. Posse mit Zesang in einem Äele von Alois Berla. Repertoirestück des k. k. priv. Carltheaters in Wien. Personen: Besetzung im Earltheater. Nicodemus Schwefel, Professor der Naturwissenschaften.Hr. Grois- Thomas, sein Mündel, Laborant.Hr. Matras. Rosi Stütze! ..Krl. Gallmayer. Frau Pimpernuß, des Professors Wirthschasterin.Fr. Walter. Louise.Frl. Miller. Ort der Handlung: Zm Hause deS Professors. (Eine gewölbte Stube in der Wohnung des Professors. Die Wände find von Staub und Alter geschwärzt, ebenso die Einrichtung. Bilder mit alten Kupferstichen, altmodische Glasschränke, in welchen Bücherfolianten, physikalische Instrumente und Gläser mit anatomischen Präparaten aufbewahrt find. Im Hintergründe neben der Eingangsthür, nach der rechten Seite zu, jedoch in der Mittelwand angebracht, ein breites niedriges Fenster mit Spalettläden, von denen nur ein Thril halb offen ist. Zn der Nähe des Fensters ist ein Planetarium ausgestellt; die mit schwarzem Leder überzogenen Stühle und Eanapäs find alt und stark gebraucht, die Tische mit allerlei Geräthrn und Schriften angrhäuft aus einem der Tische ein großer TubuS. Links im Vordergründe ein Schreibtisch. Außer der Mittrlthür links und rechts eine Thür.) Erste Scene. ! Abernten geschwächten Boden nut chemi Schwefel l-I-m. °m Schr,«!ch, ?,<>>». «in sch-» Fab-i'at-n zu Hilf« kommen muß, um Pedantisch aussehender Kahlkops mit dicken, schwarz-§ ihn productionsfähtg zu erhalten; waS je- buschigru Augenbrauen, großen runden Brillen, im doch den Patentdünger des — unbegreifli- abgeschabten Schlafrock und Hausmütze). Her Weise als Celebrität ausposaunten Herrn Schwefel (schreibt und dictirt fich laut :)^ Professor Justus Liebig betrifft, so erkläre Es ist außer Zweifel, daß man dem durch! ich, der Professor Sirtus Schwefel, daß Zweite Scene. Schwefel. Frau Pimpernuß (durch die Mitte). Fr. Pi mp. (eine schmutzige, alte und intri- guant au-sehende Person, ist während der ersten Scene eingetreten und sagt mit widriger Stimme:) Herr Professor! Schwefel (sortschrcibeud). Daß ich, was auch die Partisane des genannten Professors, der übrigens nicht ohne Verdienste ist, sagen mögen, daß ich — Fr. Pim p. Der alte Hannswurst sitzt schon wieder auf den Ohren. (Kreischt.) Herr Professor! Schwefel (fährt erschrocken empor und blickt nach der Alten). Na, was schreit denn die Fran Pimpernuß gar so? Sie erplodirt ja förmlich! Fr. Pimp. Wann der Herr Professor nicht hören, da muß man seine Lunge freilich über alle Gebühr anstrengen. Schwefel (nimmt aus einer Dose eine Prise). Na also, was will Sie? Fr. Pimp. Herr Professor, meine Zeit ist um, ich geh'. Schwefel (schnupfend). Gut, geh' Sie, aber komm' Sie bald wieder zurück. Fr. Pimp. Was? Schwefel. Hört Sic heut'wieder nicht? Sie soll nicht zu lang vom Haus wegbleiben, sag' ich! Fr. Pimp. (lacht boShast). Ah! ich versteh'; der Herr Professor hab'n nach Ihrer Gewohnheit schon wieder vergessen, was zwischen uns vorgefallen ist. Schwefel (vrrwundrrt). Zwischen uns ist was vorg'fallen? 3a was denn? Fr. Pimp. Vor vierzehn Tagen haben sich der Herr Professor erlaubt, mir Dor- würf' zu machen, daß in Ihrem Hause schlecht g'wirthschaft wird; daS könnt'ich mir nicht g'fallen lassen, d rum Hab' ich den Dienst gekündigt. Mit heut' sind die vierzehn Tag' abg'laufen, und ich bin da, um Ihnen anzuzeigen, daß ick das Haus verlaß. Schwefel (steht auf). Sapperlot! daran Hab' ich nicht mehr gedacht. Und Sie will wirklich fort? Das kann ja gar nicht Ihr Ernst sein? Fr. Pimp. Mein voller Ernst. (Dreist) Ich Hab' Sie schon öfter g'warnt, mir nickt z'nah' zu treten, aber wer sich nir sagen laßt, das ist der Herr Professor. Schwefel (ärgerlich). Sie hat mich gewarnt! Den Ton, den diese Person gegen mich anstimmt — es ist empörend. Fr. Pimp. (höhnisch). Haben diesen Ton seit zehn Jahren ganz gut vertragen. Schwefel (aufgebracht). Ja, seit einem Decennium Hab' ich dieUnverschämthcit der Frau Pimpernuß geduldet, gewöhnte mich in meiner der Wissenschaft geweihten Einsamkeit an die Unordnung, den Schlendrian, welcher in meinem Hauswesen herrschte, seit einem vollen Decennium ertrug ich es, daß. Sie immer zänkischer und unverträglicher wurde, und jetzt, wo Sie sich den Säckel gehörig gefüllt hat, dankt Sie mir damit, daß Sie mich inmitten dieses Chaos sitzen läßt. (Geht erregt aus und ab.) Fr. Pimp. (tückisch). Na, der Herr Professor können da leicht abhclfen, nehmen der Herr Professor die Frau Tochter in's Haus. Schwefel (höchst unangenehm berührt). Was spricht Sie da? Sie weiß doch, daß ich in keiner Verbindung mit der Frau Lind- ner stehe seit dem Tage, wo — wo — Fr. Pimp. Wo Sie so zu sagen gegen Ihren Willen mit dem Kanzcllisten Lindner sich verheiratete, ja, weiß Alles; 's ist g'rad zehn Jahr'. Na, vergangenen Winter ist der Herr Schwiegersohn g'storben, jetzt wär' die Witwe ganz paffend als Wirthschaf- teriy. Schwefel (einfallcnd). Nein! nein! Hat sie hinter meinem Rücken eine Liebschaft anfangen, den Vater um eines Fremden willen verlassen können, so soll sie auch ferner mit fremden Leuten leben. Ist sie denn I auch nur einmal gekommen, um sich mit mir auszusöhncn? Nein! Gut! ich kann ohne sie eristiren. Fr. Pimp. (bki Skitr). Wenn Du wüßtest. wie oft sie da war und von mir ab- gcwiesen wurde, wie viel Briefe ich unterschlagen Hab'! — Schwefel (der immer vor sich hinraisonnirt). Und wenn sie doch einmal kommen sollt', Frau Pimpernuß, daß sie mir nicht gemeldet wird; hört Sie? Fr. Pimp. Aber, Herr Professor, ich geh' ja fort! Schwefel (hastig). 3a so! Geh'Siezum Teurcl! und zieh' Sie in Frieden. Da, da hat Sie noch ein Viaticum. (Nimmt vom Schreibtisch eine Banknote.) Dafür aber thn' Sie mir den Gefallen, geh' Sie in's nächste Dienstbotenburean und besorge Sie mir eine anständige Person, die meinen Haushalt übernimmt, aber keine junge und auch keine so alte, wie Sie ist, hört Sie, so eine Person in mittleren Jahren, mit denen kommt man am besten aus, denn die Jungen haben gewöhnlich ein'n Liebhaber, und die Alten den Satan im Herzen. Jetzt geh' Sie. Fr.Pimp. (mit Devotion). HerrProfessor, leben Sie recht glücklich und vcrgessen's nicht ganz auf mich. Darf ich die Hand küssen? Ja? Schwefel (mürrisch). Meinetwegen, aber beiß' Sie mich nicht. (Reicht ihr die Hand.) Fr. Pimp. (küßt sie schluchzend). B'hütJhnen Gott, Herr Professor! (Zm Abgehen für sich.) Na wart', ich werd' Dir eine Wirthschafte- rin besorgen, daß Du aus der Haut fährst, entweder eine steinalte oder eine blutjunge, weil Du keine von beiden magst. (An der Thür:) Küß' noch vielmals die Hand, Herr Professor. (Ab durch die Mitte.) Dritte Scene. Schwefel (allem, auf- und abschrritend). Sie verlaßt mich, die alte Schachtel, der ich immer nur Gutes erwiesen, sie verlaßt mich wie vor zehn Jahren die Andere. Freilich, die war jung und verliebt. (Schlägt aus die Dost.) Ah, hol' der Teure! das ganze Weibervolk, Hab' weder Lust noch Zeit, an dergleichenUeberflüssigkeiten zu denken. Wo steckt denn mein Mündel und Schüler, der Thomas? Ja, richtig, im Laboratorium. lWill rufen.) He! — (Hält inne.) Nein, will sehen, was er treibt. (Oeffnet die Scitenthür rechts und blickt hinein) Da haben wir's, kein Feuer im Windofen, er sitzt im Winkel, hat in der einen Hand ein Buch und in der andern eine Wurst? Ja, was heißt denn das? Muß doch gleich — (Tritt hin- ein, gleich darauf hört man) Thomas (rufen:) Herr Professor, ich bitt'l Schwefel. Nur vorwärts — vorwärts! Vierte Scene. Schwefel. Thomas. Schwefel (stößt Thomas vor sich her). Gehen Sie nur! Thomas sein junger Mensch mit langen blonden Haaren, Zacke und Tuchschürze tragend). Puffen's net so, Herr Professor, derlei Er- perimente vertragt mein Körper net, er is eh so schwach, weil's mi allweil elektrisir'n! Schwefel. Bekennen Sie jetzt, was haben Sie im Laboratorium gemacht? Warum hab'n Sie das Feuer ausgch'n lassen? Thomas. Js's aus'gangen? Da hat g'wiß wieder der Greißler Kohlen aus- g'sucht, die kein Wasserstoffgas enthalten. Werd' gleich eine Analyse vornehmen. (Will nach rechts ab.) Schwefel (hält ihn zurück). Halt! Sie bleiben da und geben Auskunft, womit Sie sich g'rad' zuvor beschäftigt hab'n. ThomaS. Womit ich mich beschäftigt? (Denkt scheinbar nach.) Schaut's, jetzt kann ich mich aber auch um kein'n Preis der Welt erinnern, was — Schwefel (zieht ihm schnell aus der Außentasche seiner Zacke eine halbe Wurst heraus. Ihm 1 * 4 die Wurst vor die Augen haltend). Was ist denn das? Thomas (sieht sehr scharf darauf hin). Wenn ich mich nicht tänsche, so ist das ein unorganischer Körper. Schwefel (empört). Im Allgemeinen; speciell aber ist's eine Extrawurst. Thomas. Richtig, jetzt erkenn' ich das Object, 's is a Extrawurst. Schwefel. Und zwar eine, die Sic g'rad zuvor hab'n aufessen woll'n. Thomas. Aufessen? Ich? diese Hypothese muß ich negiren. Schwefel (zornig). Läugnen Sie nicht! Ich Hab' die Wurst in Ihrer Hand gesehen. Thomas. No ja, das will ich nicht bestreiten, aber nur wissenschaftliche Gründe hab'n mich dazu bewogen; ich wollte mich bloß überzeugen, obExtrawürste auch Wurstgift enthalten und habe gefunden — Schwefel. Auf Ihren Ausspruch geb' ich nichts. Werde mich selbst überzeugen. (Steckt die Wurst in die Tasche seines Schlafrockes.) Thomas (aufgeregt). Jetzt, wann sich der Schüler die Präparate auf eigene Kosten anschafft und der Professorg'halt's nachher selber, das is — Schwefel. Schweigen Sie, oder eigentlich reden Sie, um zu bekennen, womit Sic sich noch beschäftigt haben. Thomas (verdrießlich). No, wann Sie mich ohnehin observirt hab'n, so wiffen's ja eh', daß ich was las. Schwefel. Aber was lasen Sie? Das ist der Easus. (Schleicht auf die andere Seite.) Thomas (unsicher). Ueber — über Botanik. Schwefel. So? Botanik also? Wollen wir doch sehen. (Zieht ihm schnell ein Buch aus der zweiten Tasche.) Thomas (ruft): Aber Herr Professor, Sie machen's ja wie die Taschen — Schwefel (einfallend). Was Taschen? Thomas (scheu lächelnd). Taschenspieler Hab' ich sag'n woll'n. Schwefel (drohend). Sie — er! (Oeffuet das Buch.) Was ist das für ein botanisches Werk? (Liest dm Titel.) »Die Dame mit den Camelien.« Und das nennen Sie ein botanisches Werk? Thomas (dreist.) Ja freilich! Der junge Dumas ist ein bedeutender Botaniker, hat ja auch eine neue Art Pfirsiche entdeckt, die in der Gelehrtcnwelt domi-movde beißen. Schwefel (zornig). Ich werde Ihnen die »Dame mit den Camelien* um die Ohren hauen. (Schwingt das Bnch.) Thomas (hält sich den Kops) Net — Herr Professor — um die Ohren hauen — das muß eine Cameliendame selber thun. Schwefel. Hab' ich Sie darum zu meinem Schüler gemacht? Plag' ich mich' darum seit Jahren mit Ihnen, Sie zu einem tüchtigen Chemiker heranzubilden, daß Sie mir die Schand' anthun, solche Bücher zu lesen? Mein unwürdiger Freund! ich bin höchst indignirt nnd werde Ihnen einen Dreier mit Vorzug notiren. Thomas. Aber Herr Professor, warum soll ich denn net dann und wann a bisserl was lesen? Schwefel. Lesen Sie den Berzelius, den Mitscherlich und vor Allem meineWerke dort im Schrank, nicht aber fropane Moräne — will ich sagen: profane Romane. Dieses Buch beleg' ich mit dem häuslichen Inder und finde ich noch einmal dergleichen. so jag' ich Sie aus meinem Tuscu- lum. Merken Sie sich das, Sic Ignorant! (Will ab.) Thomas. Kruci! Schwefel (kommtzurück). Was? Sie sagen Kruci? Das ist ja unerhört! Thomas. Was is's denn weiter? Sie hab'n ja auch schon oft Kruci g'sagt und sogar noch was d rauf! Schwefel. Niemals ist das g'scheh'n. Thounas. Oho! Erst unlängst, wie Ihnen der Gerichtsarzt die Weste von einem Inquisiten g'schickt hat, auf der ein rother Fleck war, und Sie durch Ihre Analyse heraus'bracht hab'n, daß cs Menschenblut is, während es nir weiter war als Rother- 5 « ruab'nsaft, da hab'n Sie auch Kruci g'sagt und das schon ordentlich. Schwefel (erbittert). Schweigen Sie! (Schnupft.) Thomas. Und wie Sie in einem Gutachten eine weißliche pulverisirte Masse als eines der stärksten mineralischen Gifte be- zeichneten, während es bloß ein Stanitzl Staub von der Ringstraßen war, da haben Sie auch Kruci g'sagt. (Lachend.) No, irren is menschlich, machen sich der Herr Professor nir d'raus. Schwefel (sehr irritirt). Halten Sie Ihr freches Maul, Sie Undankbarer, und lernen Sie eher selbst etwas Tüchtiges, eh' Sie sich über mich, über eine naturwissenschaftliche Celebrität, lustig machen, Sie, Sie Sociusl (Befehlend.) Windofen Heizen, muß eine Destillation vornehmen, Apparat aufstellen, dann melden! (Geht sehr geärgert links ab.) Fünfte Scene. Thomas (allein). Er ist süchtig geworden; das ist die Rache für die Zumuthung, daß ick die neuntausend neunhundert neunundneunzig Bände von ihm lesen soll. Könnt' mir einfallen. Ich komm' so wie so in den Naturwissenschaften net vorwärts. Es fehlt mir da was. (Deutet auf die Stirne.) Es muß da die Natur bei meiner Geburt einen chemischen Proceß eingeleitet haben, der mißlungen ist, weil, wie ich annehme, zu wenig Phosphor vorhanden war, dafür aber kann ich nir, ich streck' mich nach der Decken. D'rum weiß ich schon, was ich thu'. So wie mir der Professor das Erbtheil von meiner Tant' auszahlt, eröffne ich ein Par- tümerieg'schäft, dazu reichen meine chemi- kalischen Kenntnisse g'rad' aus. Ich werde dann meine Earriere mit einem Cosmeri- cum einleiten, und zwar mit einer von mir erfundenen Haarsalben, aber uet mit einer solchen, diedie Haar aus'nKopfhcraustreib'n soll — das is Charlatanerie; o nein; wer mein Mittel braucht, dem wachsen Haar' auf die Zahn', da muß ich ein G'schaft machen, jetzt in der Epoche der Parlamente. (Geht rechts ab.) Musik. Sechste Scene. Rosi (rin jungeS, hübsches Mädchen in einfachem Kleide, einen runden Hut in der Hand tragend, eine Reisetasche und einen kleinen Sonnenschirm in der andern, tritt durch die Mitte ein). Lnlrvetied. Ich bin ein junges, frisches Blut Und bin auch fein gewachsen, Hab' immer frischen, heitern Muth, Und Haffe alle Faren. Hab' bei der Arbeit nie geklagt, Tbu' Alles ungezwungen; D'rum lobt auch Jeder mich und sagt: Das Mädel ist — gelungen! Und kommt ein Feiertag, da wird Getanzt — 's ist mein Vergnügen; Denn ich bin Eine, die's versteht Graziös dahinzufliegen! Es seufzt 's Civil und 's Militär, Die Alten wie die Jungen — Sogar die schwere Cavallerie: Kruci Türken — das Mädel ist gelungen. Da bin ich mit Sack und Pack, mein Wunsch is erreicht, i bin jetzt auf cin'm Platz, der für mi' recht gut paßt. Die Sach' is gar net so schwer g'angen, denn kaum tret' ich in's Bureau und frag' den G'schaftlhuber, ob er mir net uen ordentlichen Platz weiß, so war die G'schicht' a schon abg'macht. Wann ich in dem Haus Menschen find', die s aufrichtig mit mir meinen, die mit meinen Leistungen zufrieden sein, so bin ich die glücklichste Person 6 auf der ganzen Welt. (Nach rechts blickend.) Da kommt Einer, wahrscheinlich der Professor. Siebente Scene. Rosi. Thomas (von rechts). Thomas. 'S Feuer brennt, der Destillationsapparat is aufg'stellt, jetzt werd' ich dem Professor mel — (bemerkt Rofi und sagt überrascht:) Eh! was is denn das? Eine optische Täuschung? (Reibt sich die Augen.) Rosi. A junger Mensch, gar net übel der Mensch-aber das kann unmöglich der Professor sein. Es muß ihm was in die Aug'n g'fallen sein, weil er gar so riebelt. (Knixt und sagt:) Guten Tag! Thomas (hält die Hand vor die Augen). Nein, dieser Körper ist consistent, und irr' ich mich nicht, so ist dieser Körper ein junges Wesen, welches ein sauberes Wesen ist. Wer aber kann dieses Wesen sonst noch sein? Rosi (knixt wieder). I bin's. Thomas. I bin's, sagt's, aber jetzt weiß ich erst recht net, wer's iS. Rosi. I bin die neue Wirthschafterin. Thomas. Die neue Wirthschafterin? Ja von wem denn? Rosi. Vom Herrn Professor Schwefel. Thomas (staunend). Was? Sie sind die Neue? Ja, wo is denn die Alte? Der Herr Professor wird doch die Frau Pimpernuß nicht destillirt haben? Sagen Sie mir — Rosi. Nein, bitt', sag'n Sie mir, ob ich mich dem Herrn Professor vorstellen kann? Thomas. Das is merkwürdig! (Sieht sie ganz verloren an.) Rosi. No, können's net reden? Thomas (zu sich kommend). Ja, vorstell'n als neue Wirthschafterin — werd' gleich fragen— bitt', nehmen's Platz, nein, blei- ben'S steh'n. (Geht, sie immerfort ansehend nach links, öffnet die Thür und ruft dort:) Herr Professor! Herr Professor! kommen's g'schwind! Schwefel (von innen). Ja — ja — Thomas. Tnmmeln's Ihnen. Achte Scene. Vorige. Schwefel (von links). Schwefel. Was, was gibt es denn? Thomas (zeigt aus Rofi). Da schaun'S, wer da is! (Indem Schwefel nach allen Seiten blickt.) Nein — da! Nehmen's Ihre Nasen als Magnetnadel — so —! Seg'ns! Schwefel (Rofi erblickend). Ein Weibsbild ! (Tritt näher, sie durch die Brille anstarrend.) Was beliebt? Rosi (kuixt). Herr Professor! bin die neue Wirthschafterin! Schwefel. Die neue Wirthschafterin? Rosi. Ja, und ich hoff', daß's mit mir zufrieden sein werden. Schwefel (barsch). Zufrieden? Durchaus nicht. Hab' ich der Frau Pimpernuß nicht anbefohlen, mir eine Person so im — im Mittelalter zu schicken? Sic ist mir zu jung! WaS soll ich denn mit Ihr anfangen? Rosi (heiter). No, wann ich Ihnen z'jun g bin, so fatschen's mich halt ein und tra« gcn's mi als klan's Kind herum. Sch w cf el (verdrießlich). Brauch' aber kein klein'- Kind! Ich will eine Person, die über die Thorheiten der Jugend hinaus ill. Rosi (lachend). Ja ,über die Jugendthor- heiten bin ich freilich noch net ganz hinaus, au eoutrairs, sie gerathen mir manchmal merkwürdig gut, die Jugendthorheiten; aber ich kann schon auch g'setzt sein, Hab' mir ja bloß darum ein'n Platz bei so ein'« freundlichen, umgänglichen Herrn aus- g'sucht. Thomas. O, ich bitte! Schwefel (zu Thomas). Das geht nicht auf Sie. (Schmunzelnd.) Der umgängliche Herr bin nuumgänglich ich. (Freundlicher zu Rofi.) Ata, Sie scheint mir nicht ohne zu sein, und was den bereits berührten Fehler betrifft, so wird Sie ihn ja hoffentlich ablcgen. Rosi. Ja, Herr Professor, morgen in aller früh werd' ich schon etwas älter sein. 7 Schwefel. Na gut! Wie heißt Sie denn? Rosi. Rosi Stutzel! Schwefel (lächelnd). Stutzel! (Für sich.) Dieser Stutzel ist ein netter Stutzel. Also, liebe Rosi, wo war Sie denn früher bedienstet? Rosi. In einem Hotel, wo sehr viel' fremde Gast' einkehr'n. Schwefel. Aha! die fremden Gast' baben Sie genirt? Rosi. Oho, die Fremden haben mich durchaus net genirt, ich war ja net Stuben- madl. Ich war erste Köchin und mein'Kost hat unfern Stammgästen ganz gut g'schmeckt, nur war's mitunter Ein'm z'stark pfeffert— mein Gott, Sie wissen ja, allen Leuten kann man's net recht machen. Thomas. Wir sein ja a net alle Leut'. Schwefel. Schweigen Sie. (Zu Rosi.) Hat Sie einige Papiere? Rosi. Papiere? (Lacht.) G'spaßige Frag'; wann ich Papiere halt', ging ich net in Dienst. Nein, Herr Professor, mit die Papiere is's nir, dcßweg'n sein wir aber doch recht gut aufg'legt. Schwefel. Sie versteht mich nicht. Rosi. Geht mehreren Leuten so, wann a Professor red't. Schwefel. Ei, so wart' Sie doch. Ich frage, ob Sie Papiere hat, Zeugnisse. Rosi. Ah ja, ich hab's Taufzeugniß, denn i bin ja kein Heid' — nur a Heidengeld möcht' i gern hab'n; den Impfschein Hab' ich ebenfalls, obwohl a g'rad nir d'ran liegert, wann i blattermasert wär' — Schwefel. Sonst hat Sie nichts? Rosi. Ja, a Packel Brief von — von — mein, ersten Liebhaber. (Wird plötzlich ernst und sängt zu schluchzen an.) Schwefel. Nun — sind denn die Briefe so traurig? Rosi. Herr Professor, wissen Sie, was ein erster Liebhaber ist? Schwefel. Nein, schlagt nicht in mein Fach. Rosi. Ein erster Liebhaber, Herr Professor. iS was Einziges, denn nach ihm kommt höchstens (sehr schmerzlich) a zweiter! Schwefel (erstaunt). Ah! Thomas (fängt plötzlich zu heulen an). Schwefel (fast erschrocken zu Thomas). Na, was fallt denn Ihnen ein? Thomas (hört ebenso plötzlich wieder aus). Schwefel. Hat Sie auch ein Zeugniß vom Hotelbesitzer, wo Sie früher war? Rosi. Na, Hab' mir's net geb'n lassen, ich glaub', wir richten's auch ohne das Zeugniß. Schwefel (zugebmd). NU/ jn, jn, gut also. Sie bleibt bei uns. Thomas. Ja, wir laffen's net mehr aus. Schwefel. Wollen Sie schweigen, oder — (Zu Rosi.) Sie bleibt also, ich honorire Sie gut, und wann Sie meine Wirtschaft so führt, daß ich durch Sie Geld erspare, so kriegt Sie — kriegt Sie — Rosi. Was zum neuen Jahr? Gelten's? Schwefel. Ja. Rosi. Und zum Ehristkindl? Schwefel. Jetzt richt' Sie sich ein. Wo hat Sie Ihre Effecten? Rosi. D'raust in der Küchel. Schwefel. Schön! (Ruft.) Thomas! Thomas. Herr Professor! Schwefel. Weihen Sie die neue Wirtschafterin in die Gewohnheiten des Hauses ein. Ich geh' destilliren. Adieu, mein Kind! später scheu wir uns. Adieu! (Im Abgehku) Mir scheint, ich Hab' da eine ganz gute Akquisition gemacht. (Ab nach rechts.) Neunte Scene. Thomas. Rosi. Rosi. Ich schein'dem Alten z'g'fall'n, und was den Jungen betrifft — (Sieht auf Thomas, der sie anstarrt.) Sie, laffen's d'An- gen net stecken, denn erstens san's keine Stecknadeln und zweitens bin i ka Nadelpolster. 8 Thomas. Aber liab san'S. Rosi (lachend). So? Thomas. Und das schon w t e! Jungfer Rost — net wahr, wir sagen zu Ihnen Jungfer Rosi? Rosi. Freili; glauben^ i bin heimlich verheirat' ? Thomas. O, das glaub' inet; würde mich auch sehr unglücklich machen. Rosi. Gehn's weiter! — Thomas heißen s? Thomas. Ja, ich bin der Pascha — nein, ich bin der Thomas, Mündel, Schüler und Spiritus kamiliaris des Herrn Professors. O Sie liebe — liebe — Rosi. No—machen's jetzt keine G'schich- ten! Haben's net g'hört, was der Herr Professor g'sagt hat? (Schwefel copirend.) Weihen Sie die neue Wirthschafterin in die Gewohnheiten des Hauses ein. Also fangen's an. Sie wer'n doch net gar so seltsame G'wohnheiten hab'n? . Thomas. O doch! In der Früh stehen wir auf. Rosi. No, das is meine Gewohnheit ebenfalls. Thomas. Aber Sie machen das net so wie wir Gelehrte. Rosi. Ja, stell'» Sie Ihnen vielleicht auf'n Kopf beim Aufsteh'n? Thomas. Nein, seh'ns die Sach' is so. Sie wissen wohl nicht, daß in Folge eines Naturgesetzes alle Körper nach dem Mittelpunkt der Erde streben, und wo der Mittelpunkt is? Rosi. Na, Sie wiffen's ja a net. Thomas. O, sehr genau, der Herr Professor hat's 'raustipfelt, daß derzeitig der Mittelpunkt der Erde im Westen ist, daher stehen wir auch allemal nach westlicher Richtung auf. Rosi. So? No, wann's Ihnen Freud' macht, mich geht das nir an. Thomas. O doch, denn aus demselben Grunde ist auch bei uns Alles nach Westen gerichtet, sogar 'n Herrn Professor seine Pantoffel, und nach den Gewohnheiten des Hauses darf also da gar nir verrückt wer'n. Rosi. Mir kommt aber diese Gewohnheit selber verrückt vor. Jetzt weiter. Thomas. D'rauf wird gleich frühgestückt. Rosi. Sie, thun Sie net früher Ihre Morgenandacht verrichten? Thomas. O nein, denn ich bin Materialist. Sie wissen doch, was ein Materialist ist? Rosi. No, a G'würzkramer. Sie wer'n mir aber doch net weiß machen woll'n, daß a G'würzkramer net andächtig zu sein braucht? Thomas. O, so ein Materialist bin ich net. (Wichtig.) Ich bin ein Anhänger des Materialismus, der alles Geistige läugnct, und das seelische Leben is für mich nur ein Resultat materiellen Zusammenwirkens physischer Kräfte. Rosi. Hörn's auf, Sie Locherl; Sie haben's nothwendig, den Freigeist zu spielen, mit der Visage! Warten s nur, bis Ihnen amal 's Schicksal g'hörig den Schopf beutelt, da wer'ns gleich zum Betteln ansangen: »I bitt' Di, lieber Herrgott, hilf mir nur das ani Mal, ich will's g'wiß nimmer thuan!*Das sag' ich Ihnen, Sie ungläubiger Thomas, wann Sie mir zum Essen geh n, wie's liebe Vieh, so laß' ich Ihnen so hungern, daß von einem materiellen Zusammenwirken physischer Kräfte gar ka Red' mehr is. Da kann Ihnen dann der Herr Professor für's Natnralieu- cabinet ausstopfen und neben dem großen Gorilla paradiren lassen. Thomas (ängstlich). No, san's so gut! Das wär' ganz gegen meine materialistischen Anschauungen, ich halt' was auf ein'n guten Bissen. Rosi. No, so richten's Ihnen darnach. Jetzt weiter. Was haben's denn noch für G'wohnheiten? Thomas (pfiffig). Jetzt kommt das non plus ultra. Eine Hauptg'wohnheit ist die, 9 daß mir die Wirthschastcrin jeden Tag ein Büffel geben muß. Rosi (lachend). Hören's auf,dieG'wohn- heit paßt für ein'n Taubenkobel, aber net für das ehrbare Haus. Thomas. 3a, 's is eigentlich ka G'wohnheit, 's is mehr ein System, weil wir Gelehrte sind. Rosi. No, jetzt gegen's Büffeln bin i g'rad' a net, und um mich wie a Gelehrter auszudrücken: Im Princip Hab' ich keine Aversion dagegen, in praxi jedoch küß' ich nur den, den i mag; das is mein System. Thomas (enttäuscht). Sie hat ein System. das is Schad'. Rosi. Und jetzt, mein lieber Thomas, nachdem ich Sie ang'hört Hab', jetzt geb'ns auf mich Acht. Wiffen's was nach meiner Ansicht Ihre Hanptg'wohnhcit zu sein scheint? Thomas. No? Rosi. 3hre Hanptg'wohnhcit is: ein'n Menschen, der Ordnung und Reinlichkeit gern hat, zur Verzweiflung z'bringen. Ja, schau'ns jetzt net mich an, sondern schau'ns das Zimmer an; der Staub liegt schuhhoch auf Kisten und Kasten; von den Wänden hängen die Spinnweben herunter, Alles liegt und steht unter einander wie Kraut und Rüben, die Luft kann man fast mit'n Messer tranchiren, weil ka Fenster auf- g'macht wird, und Sie selber hab'n sich, wie mir scheint, heut' no net g'waschen, wahrscheinlich is das net Mode bei die Materialisten! (Entschieden.) Das muß anders werden! Vorwärts, helfen's, auf Za und Na muß das Zimmer z'sammg'räumt sein. Holen's mir ein'n Besen und einen Wischlappen. Thomas (staunend). An'n Besen—ich? Rosi. Wer'ns gleich gch'n, oder — Thomas. No ja, ja! (Läuft hinaus.) Rosi (fängt die Möbel zu stellen an und richtet die Schriften auf den Tischen, dabei sagt sie:) No wart's,Euch will ich durcheinanderjagen, daß glauben sollt's, ihr seid's Luft- springer. Thomas (kommt mit einem Besen und Wischlappen). VoilL UN Besen! Rosi ireißt ihm den Besen und den Lappen aus der Hand und sangt sofort zu kehren an. ihn dabei zwischen die Füße schlagend). Thomas (umherhüpfend). Zungfer Rosi! laffen's den Staub liegen, wir müssen ihn erst analysiren! Rosi. Ah was net no! Machen's das Fenster auf! Thomas. Fenster aufmachen? Was Ihnen net einfallt! Rosi. Gut, thu' ich's halt selber. (Legt den Besen weg und eilt gegen das Fenster. Vor dem Planetarium bleibt sie stehen und sieht es erstaunt an). Was is denn das für a G'stell? Thomas. Das is ka G'stell, ein Planetarium ist's. Net anrühren! Rosi. Zs was der will, i muß zum Fenster! (Sie rückt das Planetarium weg.) Thomas (aufschreiend). Himmel, sie verrückt das ganze Weltsvstem! Rosi. Das is mir allesans, und wann die Planeten aneinanderstoßen, die Firstern zu wackeln anfangcn, Sonn' und Mond auslöschen und die ganze Menschheit über den Aequator purzelt, cs muß Ordnung g'machtwer'n! (Reißt das Fenster auf. man sieht draußen die Baumgipfel eines Gartens und darüber Hellen Sonnenschein. Rosi entzückt ath- mend.) Ah, ah! Luft — Sonnenschein, der Himmel lacht, die Bäume duften! (Selig auflachend.) Ha ha ha! o Du mein Gott! i könnt' zum Fenster hinausspringen! (Steht einen Augenblick ganz trunken vor Entzücken. Gleich darauf saßt sie sich, wendet sich gegen Thomas, wirst ihm den Wischlappen zu)Wischen's daweil ab, Sie Schmutzfink! (Eilt durch die Mitte ab.) Thomas (dem der Lappen über den Kopf geflogen ist. arbeitet sich eiligst hervor). Verflixte Wirthschaft — der Staub — ich — (Niest immer fort und wischt dabei ab.) Ro si (kommt zurück. Unter dem Arm Hot sie frische weiße Fenstervorhängemit Ringen und trägt Garten- töpfe mit Blumen). So, meine Blumenstöckcl kommen vor's Fenster! (Sie stellt sie auf das 10 Fensterbrett.) Meine schön' Vorhänge mach ick ebenfalls auf. (Blickt zum Fenster hinauf.) Haken sein glücklicherweis da. (Blickt umher.) Sie, Thomas, haben's keine Vorhängstangen? Thomas (ärgerlich). Nein, so was gibt's im ganzen Hans net! Rosi (umherblickend). Aber ich muß die Vorhäng' aufmacheu! Ah, Hab'schon was! Der Tubus kann provisorisch aushelfen. (Nimmt den Tubus.) Einkommens her, hel- fen's mir den Tubus auseinanderzieh'n. Thomas. Was fallt Ihnen ein? Sic werden doch net den ehrwürdigen Tubus so mißbrauchen? Wann's das auf der Sternwart' erfahr'n, so wer'ns so damisch, daß's den Thurm von die Minoriten für an'n Kometen anschau'n! Rosi. Ach was, — a Tubus g'hört an's Fenster! Ziehn's an! (Hält ihm das eine Ende des Tubus hin.) Thomas. Gut, aber nur unter Ihrer Verantwortlichkeit. (Zieht an und fällt dabei auf den Boden.) Au! Rosi (befestigt den Vorhang mit den Ringen an dem Tubus). So, jetzt steigen's aufs Fensterbrett!, von da auf den Schrank mit die Einfiedglaseln! Thomas. Einfiedglaseln? Das sein ja anatomische Präparate! Rosi. So? I hab's für Povidl an- g'schaut. Vorwärts, krareln's 'nauf! Thomas. Wegen meiner, aber halten's mich, sonst werd' ich schwindlich und fall' Ihnen um den Hals. (Er ist emporgestiegen und legt den TubuS in die Haken.) Rosi (die die Vorhänge drapirt). So, se- hen's, das macht sich famos! (Stolz zu Thomas, der herabgesprungen ist.) No, was sag'ns, sieht das Zimmer jetzt net wunderlieb aus? Thomas. Ja, meiner Seel', so schön war's seit zehn Jahren nicht bei uns. Rosi. Seit zehn Jahren? Haben's da a so gute Wirthschaft'rin g'habt? Thomas. 3 glaub's. Dem Herrn Professor seine Tochter hat da gewirth- schastet. Rosi. Dem Herrn Professor seine Tochter? Ja, is's denn g'storb'n? Thomas. Nein, es hat sie ein anders Unglück troffen, g'heirat hat's, aber gegen den Willen des Herrn Professors. Seit der Zeit will er auch nir mehr von ihr wissen. Rosi. Ab, weil's g'heirat hat? Sonst wollen die Väter von den Töchtern nir wis- sen, die all'weil ledig bleib'n. Thomas. Ja, er is so streng, daß er jetzt, wo die Tochter seit drei Monaten Witwe is, auch nir von ihr wissen will. Rosi. Was? Sie is Witwe? Hat vielleicht a Kind und ka Geld? Thomas. Mhm! ein Buberl! Merkwürdig, wie die Jungfer Rosi in die socia« len Verhältnisse der Kanzlistin einge- weiht ist. Rosi. Und der Herr Professor will von sein'm Enkel, von seiner Tochter nir wissen? Das is ja abscheulich, in so ein m Haus bleib' i gar net. Thomas. No, sein's so gut, wann die Frau Tochter in's Haus käm', verliereten Sie ja Ihren Platz. Rosi (eifrig). Und wann i auf der ganzen Welt kcin'n Platz mehr fänd', wann i verhungern und verdursten mußt, an Kind und ana Mutter eß' ich's Brod net weg. Wo logirt die Tochter? Stantepede geh' ich hin, sie muß in's Haus, i geh' auf die Polizei, i gib' die G'sckicht in alle Zeitungen, die Redakteurs wissen schon, wie wohl das thut, wann die Familie wieder schön warm bei ananda sein kann. (Schreit ihn an.) Reden's! Wo logirt die Frau? oder i drah Jhna's G'nack um. Thomas. No ja, ja, sie logirt — so, jetzt waß i s'Haus, aber s'Hausnummero net, und d'Gaffen waß i a, aber net, wie's haßt. Rosi. Aha, Sie san halt a Wiener, da bleibt nir ander's übrig, als Sie geh'n selber hin und hol'n die Frau, das Klani können's am Arm trag'n! 11 Thomas. Aber der Herr Professor — Rosi. DaS is meine Sach' — reden's Ihnen auf mich aus, fagn's nur, i hab's g'schafft, Sie, wann's das net thnn, so kriegn's in meinem ganzen Leben ka gut's G'sicht von mir. Thomas (cokrttirrnb). Und thu' is, was krieg' i dann da? Rosi (lachend). O, Sie im'ressirter Mensch — das wird sich schon finden. Thomas (entzückt). Es wird sich finden! Diese feine diplomatische Wendung ist zu vielverheißend, als daß ich nicht den Kampf mit unserm naturwissenschaftlichen Lindwurm bestehen sollt'! Jungfer Rosi, in einer Viertelstund' erschein ich avso kamille und das Weitere, das wird sich finden. Eilt durch die Mitte ab.) Zehnte Scene. Rosi (allein). Rosi (aufgeregt hin und her schreitend). Is das a'Wirtschaft! da weiß man ja gar net, wo man zuerst anpacken soll. I begreift den Professor net, er schaut so gnt- müthi d'rcin, und dabei kann er so hartherzig gegen sein eignes Kind sein. (Ueber- lrgeud dem Thomas noch nachschauend.) — Aber der junge Mensch iS erst nicht so übel. Ja, du lieber Himmel, 's is kein Wunder, daß ein'm daS gefallt, was jung und sauber ist. Lied. Fräul'n Z/zepce, die Kleine, Wurd' erzog'n im Pensionat, Sie ist schüchtern, stets verleg'n, Hält dabei sich kerzengrad. Eines Tages, nu da will sie, Zu der Tante auf Besuch, Steigt in einen Sechserlwagcn, Thut und deut nir, liest ein Buch. Doch ach, wie sie aussteigt, v Jammer! o Schreck! Sie greift in ihr Tascherl, aber 's Sechserl is weg; Mit bebendem Tone erzählt'- daS Malheur, Doch der Kutscher der brüllt: Halt, mein Sechserl muß her! Die Zizepee stirbt fast aus Angst vor dem Beng'l, Da plötzlich erscheint ihr ein rettender Engel, Ein tapferer Turner das Sechserl bezahlt. No, jetzt frag' ich, is 's a Wunder, wann der Turner ihr g'fallt? 's Rost is a sauberes Dirndl, Is frei d'Schönlle in ihrem Ort, Und die Bnama, die wer'n raset, Redt die Rosl böse Wort'; Alle möchten's bei ihr fensterln, Doch sie schaut kan anz'gen an. Sagt sonst gar nir, als daß nia oan Don die Duama gern hab'n kann. Einmal aber kommt Einquartiruna, Husarn, A ganze Schwadron, no, das san schon die rar'n, Darunter is einer mit Augen wie die Kohlen, Wie der die Rosl sieht, laßt er'S wie die Spornradeln roll'n, Er streicht sich den Schnauze! und sagt zu dem Mad'l: (Ungarisch betonend) ftlät Du wärst mir lieber wie ein schweinernes Bratl, Bist schön wie der Sachen, der irv der Bakonyerwald! No, jetzt frag' ich, is 's a Wunder, wann der Lajos ihr g'fallt? S'war a Madl, wohl recht sauber, Aber z'wählcrisch dabei; Darum g'schieht's ihr, daß nach Jahren Ledig blieb'n is, frank und frei; Endlich hört' sie es mit Schrecke»», Daß man's alte Jungfer nennt! Mit der Zeit is's wirklich alt wor'n, Mit der Liebe war's ein End. Einmal wie sie g'rad' in Gedanken versenkt, Recht bitter gestimmt ihr Alleinsteh'n bedenkt, Daß gar Niemand hat, kein Verwandten, kein Freund, Der sich mit ihr freut', wann Sonn' d'Welt bescheint; Da bringt wer a Pintscherl, das Pintscherl kann bell'n, Kann schmeicheln und sich auf die Hinterfuß' stell'n, Thut' auch nir dergleichen, daß die Jungfer schon so alt. No, jetzt frag' ich, is 's a Wunder, wann derPintsch der Jungfer g'fallt? Eine Witwe, die sich sauber, Aber auch sehr leidend fühlt, Schickt' nun endlich um ein' Doctor, Daß er ihre Leiden stillt. Das is so a alter Zwiderer, Der fünfz'gmal schnupft in der Stund' Und sie anfährt: »O, was Unsinn! Sie sein wie mein Hausknecht g'sund.« Die Witwe entsetzt sich fast vor diesem Mann, Und kaum ist er fort, muß ein Anderer heran; DaS is gar ein hübscher und sorgsamer Herr, Er fühlt ihr den Puls sanft und seufzt dabei sehr Und sagt: »Meine Gnädige,ach, Sie sind gefährlich! Da ist eine Cur wirklich ganz unentbehrlich, Die Cur mache ich, doch behandl' ich nicht kalt!* No, jetzt frag' ich, is 's a Wunder, wann der Doctor ihr gleich g'fallt? Eine Postmeisterin kann's Singen Aber rein schon nicht mehr hören Seit beim G'sangverein ihr Mann is, Und in ein' fort z'HauS thut plärr'n, Einmal reist sic von der Heimat Zu Verwandten fort nach Brünn, Und weil's schon im Reisen drin is, Macht's an Rutscher gleich nach Wien. Zufällig kommt's dort in das Opernhaus, wo Gegeb'n wird der »Postillion vonLonju- meau.« Der Sänger, sagt man ihr, den müssen Sie hören; Sie aber denkt: ha, ich lass' mich nicht bethör'n! Doch wie's ihn als Postillon sieht gar so prächtig, Und wie mit der Bruststimm' er loslegt allmächtig, Und ertra dazu mit der Peitschen gar knallt: Schreit's auf amal:'s is ka Wunder, daß mein Mann mir nimmer g'fallt. Eine Näht'rin, still und fleißig, Die d'rauf los sticht Tag für Tag Und dabei auch noch fidel is, Trotz der Arbeit, trotz der Pläg', Die kommt endlich an ein' Sonntag Unverhofft zum Schwender 'naus, Kennt sich da vor lauter Freuden Und Glückseligkeit nicht aus. Es kommt gleich ein G'schwus mit der feinen Frisur, »Mein Fräul'n, darf ich bitt'n — a Polka- mazur,« D'rauf säuselt ein And'rer zephirgleich herbei: »Fräul'n,bitt'aufein Walzer! Fräul'n, ich bin so frei,« D'rauf kommen noch Mehrere, die Alle z'gleich reden: »Fräul'n o und Fräul'n ach! na es reißt ja ein jeden. »Mein Fräul'n, wie mit Ihnen man sich unterhalt!« No, jetzt frag' ich, is 'S a Wunder, wenn der Schwender ihr gleich g'fällt? (Nach dem Liede ab.) 13 Eilfte Scene. Schwefel (von rechts). Man hat mich aufgefordert, über die Trinkbarkeit des Donaucanalwassers ein Gutachten abzugeb'n; ich habe dieses Wasser mittelst Destillation chemisch rein bärge- stellt und dann davon getrunken; mein Gutachten lautet nun dahin, daß das Master des Donaucanals im destillirten Znstand' noch immer sehr stark nach »Pudelwascher« schmeckt, und daß ich daher das Dreiquellen- project für praktischer erachte, denn — (Unterbricht sich, indem er sich mit der Hand über die Brille fährt.) Was — was flimmert denn vor meinen Augen? (Er blickt nach links und rechts und ruft dann überrascht :) 3a, was ist denn das? Wer hat in meiner Arbeitsstubc diese gräßliche Unordnung angerichtet? Da ist ja gar nichts mehr am alten Fleck. Sollte die neue Wirthschasterin sich unterstanden haben! (Rust.) He! Sie! — wie heißt sie denn nur? Rost! richtig! (Rust.) Rost! Man hört mich nicht. (Eilt zur Mittelthür, öffnet.) Rost! (Sie trällert draußen. Schwefel entrüstet.) Was hör' ich? was soll das Gedudl im Tempel der Wissenschaft? (Rust.) Rosi! Rost! Zwölfte Scene. Schwefel. Rosi (durch die Mitte). Rosi. Sei'ns da, Euer Gnaden, das iS g'scheidt, Hab' Sie net stör'n wollen. HerrProfessor, die Küchel is in einem gräßlichen Zustand: ka Stück! G'schirr ganz, die Schaffel rinnen, vom Krug fehlt der Henkel, 'S Suppenhefen hat kan Boden, und wiffen's was Neu's? in der Küchel gibt's Mäus, aber die soll'n mich kennen lernen, binnen vierundzwanzig Stunden — Schwefel (sie unterbrechend). Schweig Sie, laß Sie mich reden, Sie entsetzliche Person! Rosi (staunt). Was? entsetzliche Person? 3? —Ah! — Schwefel. 3a, das ist Sie, denn Sie kehrt mir 's ganze Haus um. Rosi. No, und is das net recht?'S schaut ja a ganz abscheulich d'rin auS! Schwefel. Das sind Uebergriffe! Sie stört mich in meinem kontemplativen Forschen! Was hat Sie nur hier für einen Durcheinander angerichtet? 3ch kenn' mich gar nicht mehr aus; das Fenster hat Sie auch aufgerissen — ich werde wahnsinnig. Mach' Sie das Fenster zu! Rosi. Was Hab' ich denn g'than? Gar nichts, als Lust, Licht und Ordnung in's Haus g'bracht. Und das macht Sie wahnsinnig? Aber, Herr Professor! — Schwefel. Schließ' Sie das Fenster, sag' ich, und dann mach' Sie auch 3h Maul zu; ich will 3hre Erplicationen nicht anhören! (Geht zornig auf und ab und schnupft.) Rosi. Oho, das geht ja net so, wie der* Herr Professor glauben. 3ch Hab' hier allerhand Anordnungen g'troffen, für die Sie mich per entsetzliche Person tituliren; da kann ich net schweigen, ich muß meine Anordnungen vertheidigen und so behaupt' ich, ein Professor der Naturwissenschaft, der bei g'schlossenen Fenstern, in Staub und Dunst halb erstickt, sich und Andern die Erscheinungen der Natur erklären will, der is selber die merkwürdigste Naturerscheinung. Schwefel. Plausch' Sie nicht, weiblicher 3diot. Was versteht denn Sie von der Natur! Rosi. G rad so viel, als man in's Haus braucht. Wissen Sie, was Luft is? Schwefel. Na, Sie wird doch mir nicht erklären wollen, was Luft ist? Aber ich will's 3hr erklären. (Dortragend). Meine Herren! (Sich corrigirend.) Meine Liebe! Luft ist im Allgemeinen die Bezeichnung für gasförmige Körper, speciell jedoch ein mixwrn eomxositum von Sauerstoff, Stickstoff,- Kohlensäure und Wafferdampf. 3ch hoffe, Sie hat mich verstanden. 14 Rosi. Nein, bei mir is Luft ganz was Anders. Die klcin'n Kinder schreien so lang, bis man sie an die Luft tragt; der hoffnungsvolle Jüngling malträtirt so lang die Herren Eltern, bis er Luft kriegt; der galante Ehemann führt seine Frau in die Luft, und die Frau des ungalanten Ehemanns fahrt in die Luft, wann er's zu Haus laßt; der miselsüchtige Greis jedoch, der über die schönen Täuschungen des Lebens längst hinaus ist, wird an die Luft g'setzt, wann er sich einen Verzweiflungsrausch andudelt. Daraus geht hervor, daß die Lust für jeden Menschen eine Nothwen- digkeit ist, und deutsche Schullehrer haben sogar bewiesen, daß man von der Luft leben kann. Seh'n Sie jetzt ein, daß's gut is, wann man 's Fenster aufmacht? Schwefel (muß unwillkürlich lachen). He- hehe! Sie hält mir eine populäre Vorlesung über Luft, daS ist — lächerlich — Hehehe! * Rosi. Ueber's Licht haben Sie sich auch aufg'halten, aber ich, die'S überhaupt bedauert, wann ein G'lehrter kurzsichtig is, statt daß er für Alles in der Welt einen klaren, off'nen, richtigen Blick hat, ich werd' völlig confus, jetzt, wo ich erfahr', (ironisch) daß einem Mann der Wissenschaft 's Licht zu viel wird. Schwefel. Ah Dummheit! Hier handelt es sich um das Sonnenlicht, und wir Ehcmiker könnten cs im Nothfall auch entbehren, denn aus Strontianit gewinnen wir sogar das bengalische Licht, und jetzt, wo wir sogar das Magnesiumlicht entdeckt haben, jetzt stellen wir um einige hunderttausend Gulden eine Beleuchtung her, die — Rosi. Die wieder wir entbehren können, weil uns d'liebe Sonn' umsonst auf d' Nasen scheint. Da kommen's her, Herr Professor, (führt ihn gkgen das Nenstrr) da schaun's! wie sich das Stückl Natur da draußt am Himmel gut g'scheh'n laßt; — wann Sie'S aber mit Ihrem Magnefilicht anscheinen thäten, i glaub', die Blumen schlicfeten in d'Erden und die Bäum' renne- ten mit sammt den Wurzeln davon. Schwefel. Nun ja! ich läugne eS nicht, es ist viel geschehen, eh' wir Chemiker und Physiker gekommen sind, aber Sie wird doch zugeben, daß wir nothwendig sind. Die Wissenschaft — Rosi. Ja, ja, i weiß schon, daß Sie's Gras wachsen hören, aber i bin froh, wann i 's Gras wachs'n sieh'; man kann a von ana Wirthschasterin net mehr verlangen, und noch weniger soll man sich d'reinmischen, wann sie auf Ordnung schaut. Schwefel. Ordnung—Ordnung — man lasse meine Sachen dort, wo sie sind, das versteht Sie nicht! Rosi. Ja, auf die Art wer'n d'Frauen immer zurechtg'wiesen. Wann aber so a Frau ihre Schuh auf'n Tisch, 'S seidene Kleid uuter'm Canape und ein'n neu'n Hut um fünfundzwanzig Gulden hinter'm Ofen liegen hätt', nachher heißet's glei: Krucinescr! is das a Schlamperei! Schwefel (lacht wieder). Hehehe! Diese Wirthschasterin treibt Logik, ohne eS zu wissen, Sie ist wirklich unwiderstehlich in ihren Argumenten. (Heiter.) Na, meine liebe Rosi, schließen wir Frieden, ich will Ihr in Zukunft Concessionen machen, putze Sie, schcure Sie und wasche Sie nach Gusto, nur wasch' Sie mir nicht auch noch den Kopf. (Thomas erscheint in der Mittelthür und gibt Rosi ein Zeichen, sie erwiedert es und sagt zu Schwefel:) Rosi. O, das thu' ich erst recht. Thomas (schließt die Thür). Schwefel. Was? Rosi. I muß, wann i Ihnen ein geordnetes Hauswesen hinterlaffen will. Schwefel. Hinterlassen, sagt Sie? Sie wird doch nicht fort woll'n? Rosi. Ja, aber machen'S Ihnen nir d'raus, i Hab' schon für eine Stellvertreterin g'svrgt, die Ihnen lieber sein wird, als ich! 15 Schwefel. Schon wieder eine neue Wirtschafterin? Soll ich denn gar nicht zur Ruhe kommen? Aber so sag' Sie mir doch, warum Sie fort will? Rosi. Sehn's, i Hab' an'n Vormund, der mich erzog'n und gern g'habt hat, als wär ich sein eig'nes Kind! Vor einigen Jahren g'schieht mir das Unglück, daß i mi verliab; der Vormund kummt hinter das Dechtelmechtel und statt, daß er mir verzieh'« hätte, statt dem jagt er mich aus'n HauS. Schwefel. Ah, das scheint mir sehr voreilig gewesen von dem Vormund. Rosi. Gelten's? Das denk' ich halt a. Es is aber noch net Alles! Die Liabschaft war net von Dauer — mein Gott, in der jetzigen Zeit fahrt man mit den Männerherzen wie mit den Waggons von ein'm Vergnügungszug, es sein mehr Passagier d'rin, als Platz hab'n, ich aber schwärme nur für Separatcouptzs. Schwefel. Ja — 's is commoder! Rosi. Die Liabschaft war also bald aus und ich wollt' wieder zurück zum Vormund. Aber stell'« Sie sich — er hat nir mehr von mir wissen wollen! Schwefel. So? Er hat Sie nicht auf- g'nommen, trotz Ihrer reuevollen Rückkehr? Rosi. Na! Schwefel. Ja, was is denn das für ein bockbeiniger Mensch? Rosi. O, den Mann sollten's nur kennen; er is a alter Herr mit ein recht gut- müthigen G'sicht, schaut fast so aus wie der Herr Professor; Brillen tragt er a, war- ten's, i muß Ihnen doch zeigen, wie er mich bei meiner Rückkehr empfangen hat. Leihen's mir a bissel die Brille! (Nimmt Schwefrl's Brille, setzt sie aus und Schwefels Redeweise copireud, sagt sie.) Aha«! da kommt Sie, diese leichte Person — will nir mehr von ihr wissen — schau Sie nur, daß Sie mir gleich wieder aus die Augen kommt; NpLs56 LLtLNLs! (Schiebt die Brille auf die Stirn.) No,was sag'«Sie zu so an'nMann? Schwefel. Ich würde ihn frag'n, ob er Tinten trunken hat; denn nur dann begreif' ich dieses schwarzgallige Benehmen. Rosi.Undwic i d'raufg'sagt Hab': »Aber guter, lieber Vormund, Sie sein doch mein zweiter Vater, lassen's mich nicht allani in der Welt; wovon soll i denn leben?« Da hat er erwiedcrt: (Gibt die Brille wieder über die Augen und copirt ihn.) »Was geht das mich an? Hat Sie mich g'fragt? Geh' Sie in eine Fabrik oder in ein'n Dienst; Sie hat sich vergangen, ich bin nicht dazu da, Ihr wie ein Meilenzeiger den rechten Weg zu weisen.« (Schiebt die Brille wieder in die Höhe.) Jetzt bitt' ich Sie, is das a Red' für ein'n Vormund? Schwefel. Er hat Ihr also keine Subsistenzmittel angewiesen? Hat Sic in der bittersten Noth sitzen lassen? DaS ist ja ein Unmensch! Rosi. No jetzt, das will ich grad' net behaupten, es gibt alte dickschädeletc Herrn, die's weit ärger treib'n — Schwefel (aufgeregt). Nein, das negire ich Ihr Vormund ist ein Unicum in der Schöpfung. Rosi. No sehn's! Im ersten Schmerz war ich selber so frei, ihm das in's G'sicht zu sagen, er aber is sehr süchtig wor'n, hat die Brillen fest auf d'Nascn g'sctzt und hat g sagt: (Gibt die Brille herab und copirt iha.) »O meine Liebe, da thutSie mir groß Unrecht! ich bin nur der Vormund, aber ich kenne einen Vater, dessen Tochter sich wider seinen Willen verheirat' hat, der Vater hat sein leiblich's Kind verstoßen und seit zehn Jahren will er nir von ihr wissen!« Schwefel (wie vom Blitz getroffen, stammelt). Was? daS? Nein! das — Rosi (nimmt die Brille ab und sagt ernst). Sie glauben's net, Herr Professor? Dann schaun's dort hin, dort steht der lebendige Beweis. (Zeigt nach der Mittelthür, diese wird rasch geöffnet.) Louise (eine bleiche, dunkelgekleidete Frau erscheint in derselben). 16 Dreizehnte Scene. Vorige. Schwefel. Louise. Thomas. Schwefel (starrt zitternd gegen die Thür). Louise (bittend). Vater! Rosi. Kennen's die Tochter des Mannes, der die trauernde Witwe, die trostlose Mutter der bittersten Noch preisgibt? Schwefel (streckt die Arme aus). Louise! Louise (jubelnd). Vater! (ßilt in seine Arme.) Schwefel (fix an sich drückend). Mein Kind! (Nach einer kleinen Pause.) Jetzt kommst Du erst? Thomas (der Louisen gefolgt ist). Daran ist die alte boshafte Pimpernuß Schuld; die hat die Frau Tochter immer abg'wie- sen, so daß sie sich jetzt sogar g'fürchtet hat, das klani herzige Buberl, den jungen Herrn Enkel, mitz'nehmen. Aber jetzt werd' ich ihn gleich holen. Sckwefel. Nein — bleiben Sie, Thomas, den Enkel führt der Großvater selbst in sein Haus. Louise. O Du guter — lieber Vater! (Umarmen sich.) Thomas (zu Rosi). Jungfer Rosi, ich hoffe, es wird sich jetzt was finden! Rosi (lächelnd). Plauschen's net! Thomas. Jungfer Rosi, auf's Jahr eröffne ich ein Parfümerieg'schäft; Jungfer Rosi, i bitt' Ihnen, geh'ns mit mir in Compagnie, wir wollen in lauter süßen Düften schwelgen, wir destilliren alle möglichen Blumeuspecies. (Bittend.) Jungfer Rosi! Rosi (nach kurzem Ueberlegen). Na, weg'N meiner! ich werd' Sie ein Jahr lang stu- diren, ob Sie's werth sein, daß man Sie liebt. Thomas. Und wann das Studium gut aus fallt ? Dann — Rosi. Dann fangen wir's halt an (reicht ihm lachend die Hand) dieses aromatische Verhältnis. Thomas. Inh — ja so — (Küßt ihr die Hand.) Schwefel (der mit Louise gesprochen hat). Hier, mein Kind, steht die seltene Wirtschafterin, die nicht nur Ordnung, sondern auch Glück in unser Haus gebracht hat. Louise (zu Rosi). Wie soll ich Ihnen danken? Rosi. Bitt', gar ka Ursach, Herr Professor. Da haben's Ihre Brillen, und indem ich die Wirtschaft der Frau Tochter übergeb' — Schwefel (unterbrechend). Ah, das geht nicht so. Sie führt meine Wirtschaft weiter, Sie darf nicht fort. Thomas. Ja, wir laffen's net mehr aus. (Sie umgeben sie.) Rosi. No gut, ich dank für das Zutrauen; ich will thun, was in meiner Kraft steht, und will Ihnen treu bleiben so lang — Alle Drei. So lang — Rosi. So lang Sie zufrieden sein mit der neuen Wirtschafterin. Gruppe. (Der Vorhang fällt ) Ende. Druck und Papi« von Sropold Sommer in Wir». III. Buch. I. Capitel. Lustspiel in einem Austug von Carl Zuin (Giugnol und Louis Flerx. (Lujst I^ivrs trois.) (Im k. k. priv. Earltheater in Wien zuerst mit vielem Beifall gegeben.) Personen: Eduard von Rosenthal. > Oscar von Stern, sein Freund. Mathilde, seine Frau. I Betty, Stubenmädchen. Die Handlung spielt aus Rosenthal's Landgute. (Das Theater stellt einen Salon vor mit der Aussicht nach dem Parke. Zm Hintergründe eine Thür, rechts und links Seitenthüren. Ein Schreibtisch mit Briefen und verschiedenen Papieren, über demselben eine Etagöre mit Büchern und einer Pistolenschachtel. Links ein Tisch mit Schreib- requifiten — in der Mitte des Salons ein runder Tisch, auf welchem Albums, Zeichnungen, Bleistifte, Federmesser, Gummielasticum und ein Buch in Duodez-Format liegen. Aus einem Sofa im Vordergründe rechts Zeitungen. Das Ameublement sehr elegant.) Erste Scene. Eduard, Mathilde, Oscar. Math, (fitzt an dem runden Tische und zeichnet). Thkatn-Mpertoire-Nr. 176. Eduard (sitzt am Schreibtische, öffnet und liest Briese, welche er zum Theile beantwortet). Oscar (fitzt aus dem Sofa, er hält ein Zeitungsblatt in der Hand und schläft). Math. Lieber Eduard, bist Du mit deiner Correspondenz noch nicht bald zu Ende? es währt ja heute eine Ewigkeit. Eduard. Gleich — gleich, mein Engel! nur noch einen Augenblick! — eine wichtige Sache, die abgemacht werden muß. Math. Eine wichtige Sache? Ei nun ja... Du findest Alles wichtiger als die Unterhaltung deiner Frau. (Halb für sich.) DaS ist sehr ungalant für einen Mann, der erst drei Monate vermalt ist. Eduard. Verzeihe, mein Kind, aber (zu Oscar). Oscar, unterhalte Du indeß mein liebes Weibchen, bis ich diese Hieroglyphen da entziffert habe. Math. Wo denkst Tu hin? Herr von Stern hat keine Zeit — er muß die Zeitungen studircn— hahaha! Es ist in der That schwer zu entscheiden, wer von Enck beiden liebenswürdiger ist. Eduard. Aber, Oscar, hörst Du denn nicht — ich bat Dich — Du (ist zu ihm gekommen und bemerkt nun erst, daß er schläft) Habaha! sich doch, Marhildchen! — Oscar ist eingeschlafen. Math. Eingcschlafen! Ei, das wird ja immer besser. Eduard (rüttelt Oscar). Oscar! — Oscar!! Oscar (auffahrend). Was gibt's denn? Eduard (zu Oscar). Meine Frau — Oscar (zuMathilde,sich entschuldigend). O! bitte tausendmal um Entschuldigung, gnädige Frau — ich war so in Gedanken versunken — ich überlegte eben — Math, (mit einem ironischen Lächeln). Und schliefen dabei ein. Oscar (verlegen). Wie — ich — schlief?! Math. So fest wie die Jünger am Oelberge — und es thut mir sehr leid, daß Sie meinethalben aus Ihrer süßen Ruhe geweckt wurden. Eduard. Liebes Tildchen! Du mußt ihn sckon entschuldigen, er ist über einer Zeitung eingeschlafen — das kann bei manchem Blatte jetzt dem aufgewecktesten Menschen paffiren. (Zu Oscar.) Aber nun ermuntere Dich — Du versprachst ja meiner Frau eine Zcichcnlection zu geben — jetzt wäre die beste Zeit dazu — ich habe ohnehin noch einen Brief zu beantworten — (Wcndct sich, um zum Schreibtische zu gehen.) Sieh nur, mit welchem Fleiße sic ihr Studium betreibt; sie hat aber auch Talent. Die Bäume, die sie macht, verrathen fast eine Meisterhand. Math. Findest Du meine Zeichnungen wirklich gut, liebes Männchen? Eduard (wirft einen leichten Blick aus ihre Zeichnung). O, das will ich meinen — sehr gut, ausgezeichnet! Besonders diese dicken Wolken da — sind von einer Feinheit — Math. Welche Wolken? das sind ja Berge! Eduard (verlegen). Berge?!! Ja wahrhaftig — wo Hab' ich nur meine Augen gehabt — freilich sind es Berge — Oscar (welcher auch hincinblickt). Ja — und noch dazu sehr schwarze. Eduard (setzt sich an den Schreibtisch). Aber doch ganz ausgezeichnet gearbeitet — nicht wahr, Oscar? Math. Herr von Stern — was sagen Sie? sprechen Sie unparteiisch. Oscar. Wenn Sie es wünschen, gnädige Frau, muß ich Ihnen gestehen, daß Sie etwas zu stark, zu grell aufgetragen — Math, (wendet ihm mißmuthig den Rücken zu). So?! Oscar. Es fehlt das Leben — die Natur, der Aufschwung — Math, (verletzt'. So! Eduard. Ei, lieber Freund, so bessere die Zeichnung aus! Oscar. O mit Vergnügen — Math, (das Album zuschlagend). Nicht nv- thig! — ich danke sehr — ich werde schon selbst — auch bin ich jetzt nicht in der Stimmung etwas richtig auszufassen — (Steht aus.) Oscar. Zürnen Sie mir nicht, gnädige Frau, daß ich meine Meinung so unumwunden aussprach, Sie forderten mich selbst dazu auf — und glauben Sie mir, eine richtige, wenn auch manchmal zu strenge Kritik nützt dem Künstler sehr — er lernt dadurch seine Schwächen kennen und verbessern! Eduard. Mein Engel — hier ist ein Brief, der Dich angeht. Unser Tapezierer wünscht eine Entscheidung über die Tapete unseres Salons in der Stadt — Du hast, glaube ich, grün bestimmt — nicht wahr 3 ja, ja und das wird sich auch recht gut machen! Math. Grün?! Nicht doch, — ich wünsche lieber blau. Eduard. Blau?! Aber heute Morgen noch meintest Du — Math. Seit heut' Morgen habe ich meine Meinung geändert, — ich wünsche blau — Eduard. Du hast Reckt, blau ist nobler —imposanter!—Was meinst Du, Oscar? Oscar. Wenn ich zu bestimmen hätte, ich würde weder grün noch blau nehmen, sondern weiß mit Gold, das ist das Einfachste und eben deshalb das Eleganteste. Eduard. Weiß mit Gold?! — Wahr- baftig, Du hast Recht, weiß mit Gold, das ist das Beste. (Zu Mathilde.) Nicht wahr, mein Engel, Oscar hat Recht, weiß mit Gold das sieht superb, das sieht majestätisch ans. Math, (etwas pikirt). Nu — NU, Du geräthst ja förmlich in Ertase. Eduard. Ich begreife gar nicht, wie wir nicht selbst darauskommen konnten, — grün — blau, das ist so grell — so gesucht, während weiß mit Gold! — Ja, ja, dabei bleibt es — nicht wahr, Mathilde, Du bist auch der Meinung? Math, (immer noch pikirt und in Gxtase gerathend). O ich bitte Dich, als ob Jemand darnach früge, als ob jemals das geschähe, was ich wünsche, — Herrn von Stern gefällt weiß mit Gold, — es ist also ganz natürlich, daß es auch Dir gefällt, deshalb auch mir gefallen muß, — Herrn von Stern s Ansicht ist deine Richtschnur in Allem und Jedem, sein Ausspruch gilt, wenn er auch mit dem meinigen im höchsten Grade rontrastirte. So z. B. weißt Du recht gut, daß ich gerne in der großen Welt lebe, daß Theater, Bälle, Concerte mir das größte Vergnügen verschaffen, aber Herr von Stern liebt ländliche Stille, einsame Zurückgezogenheit, deshalb bewohnen wir schon drei Monate dieses öde Landhaus und führen ein idyllisch sein sollendes Einsiedlerleben, und selbst das wollte ich ertragen, wenn Du bei mir bleiben — mir die Zeit verkürzen würdest; aber Herr von Stern liebt die Jagd, deshalb gehst Du schon am frühen Morgen aus, um Rebhühner zu jagen, obschon Du weißt, daß ich niemals welche effe; da sitz' ich den ganzen Tag allein und verlassen, ist es dann ein unbilliges Verlangen, wenn ich Dich bitte, des Abends mit mir Clavier zu spielen, oder mir einen Roman vorzulesen? Aber Herr von Stern kann das Klimpern nickt leiden, Herr von Stern ist kein Freund von Romanen, das Vorlesen ennuyirt ihn, auch sind die Herren Jäger zu sehr ermüdet, und sehnen sich nach Ruhe, — und so muß ich selbst dieses kleine Vergnügen entbehren — und mein Leben vertrauern! Eduard. Aber liebes Tildchen! diese Vorwürfe! Math, (tinfallend). Sind ebenso gerecht als wahr. Lege die Hand auf's Herz und frag' Dich, ob ick nicht Recht habe. Der Priester sprach am Altar: Er soll dein Herr sein. Diesem Ausspruch fügte ich mick auch gern und mit freiem Willen — aber Du bist nicht mehr Herr; Du tyrannisirst mich, Du machst mich zu deiner Sclavin, — zum Spielball deiner und Anderer Launen. (Fast weinend.) DaS dulde ich nicht, — das brauche ich nicht zu dulden.— Auch das Weib hat seine Rechte, und wenn cs dem Manne ergeben sein muß, so hat sie dafür Ansprücke auf seine Liebe, ihr gebührt dafür der erste, ja der einzige Platz in seinem Herzen, und diese Liebe werde ich in vollem Maße fordern — ich lasse mich nicht aus meinem Eigenthumc verdrängen. (Wirft Oscar einen grimmigen Blick zu, bricht in Thränen aus und stürzt mit dem Ausbruch:) O ick bin ein armes, unglückliches Gescköpf! (ihr Gesicht in's Sacktuch verbergend ab). 4 Zweite Scene. Eduard und Oscar (bleiben wie versteinert stehen und betrachten sich stumm und erstaunt, kleine Pause). Eduard (die Arme kreuzend). Oscar! Oscar. Eduard! Eduard. Was sagst Du dazu?! Oscar. Ich finde keine Worte! Eduard. Ein solches Benehmen. Oscar. Ist mir ein Räthsel! Eduard. So in Zorn zu gerathen und aufzubrausen — Oscar. Einer elenden Tapete wegen! Eduard. Mir solche Vorwürfe zu machen — ich tyrannisire sie — ich mache sie zur Sclavin, zum Spiel balle meiner Launen — während gerade sie — O Weiber! Weiber! heimtückisches Geschlecht, so lange man euch nicht besitzt, seid ihr Engel — aber nur zu bald laßt ihr die Maske fallen — und zeigt euch uns in eurer wahren, teuflischen Gestalt! Oscar. Nur Ruhe, Eduard, Fassung! Eduard. Ruhe — Fassung.— Muß man die nicht verlieren?! So etwas erleben zu müssen — von ihr— die ich schon als Kind geliebt. Oscar. Als Kind — Eduard. Ja wohl, wie wir beide noch so klein waren, spielten wir schon Mann und Frau; ich dachte, eine Liebe, die fast in der Wiege begonnen, würde bis in s Grab dauern, aber nun seheich, daß ich mich getäuscht, verrechnet habe. — solche Scenen, nachdem wir erst drei Monate — und drei Tage verheiratet sind. Oscar. O weh! Du zählst bereits die Tage! Eduard. Aber daran ist Niemand Schuld, als ihre Tante. Oscar. Wie so, ihre Tanre? Eduard. Mathildens Tante ist eine Frau, welche mit kräftiger Hand den eisernen Scepter oder besser gesagt den Pantoffel über das Haupt ihres Mannes schwingt, — aber diese Herrschaft scheint ihr noch zu gering, deshalb fällt sie, einem Eroberer gleich, in fremde Ehen ein, und usurpirt auch in dieser gewisse Rechte; sie gibt den Weibern Mittel an die Hand, ihre Männer zu beherrschen, lehrt die Mittel mit Wirkung anzuwenden — ja sie wirkt sogar öfters dabei mit — damit sie nun nicht auch meiner Mathilde dieses Gift einimpfe, ergriff ich das beste Mittel, ich trennte Tante und Nichte, und bezog dieses Landhaus, zehn Meilen von der Residenz entfernt! Oscar. Das war klug von Dir! Eduard. Aber leider konnte ich dadurch nur die Hälfte der Gefahr beseitigen! Oscar. Nur die Hälfte— wie das?— Eduard. Weil die Tante sihr häufig mit ihr Briefe wechselt; wenn ich nur das Recht hätte, die Post abzuschaffen. Sie schickt ihr brieflich Lehren, wie sie mich beherrschen, empfiehlt ihr die Bücher, welche sie lesen soll, natürlich sind das nur solche, in welchen ihre herrschsüchtigen Grundsätze documentirt erscheinen, aber ich werde mit Mathilde noch energisch sprechen, ihr alle Korrespondenz mit der Tante untersagen, und auf diese Art den häuslichen Frieden sehr bald wieder Herstellen. Oscar. Ich weiß ein besseres Mittel, welches Dich schneller zum Ziele führt! Eduard. Und das wäre ? Oscar. Daß ich noch in dieser Stunde dein Haus verlasse. Eduard. Was sagst Du da? Oscar. Ich sage, daß zwei Leuten, die sich lieben, jeder Dritte ein Dorn im Auge ist. Eduard. Du mir ein Dorn im Auge, was fällt Dir ein? Oscar. Dir oder deiner Frau — das ist ganz gleich. Eduard. Meiner Frau? (Kleine Pause ) Pfui, Oscar, Du gehst zu weit, Du zweifelst an ihrem guten Herzen, das ist unge« gerecht von Dir— das heißt so viel als sie verleumden; glaub' mir, von Dir ist gar 5 keine Rede, Du bist im strengsten Falle ein Vorwand, hinter welchem sich die Einflüsterungen der liebenswürdigsten Tante verstecken. Oscar. Möglich; dennoch wiederhole ich es Dir, es ist besser, wenn ich gehe. Eduard. Du mich verlassen? Oscar, der bloße Gedanke schon ist ein Verrath, ein Verbrechen an unserer Freundschaft. Oscar. Im Gegentheile, Eduard, der wahren Freundschaft darf kein Opfer zu groß erscheinen, unsere Trennung ist dein Glück. Eduard. Aber Oscar! Oscar. Und so schwer sie mir auch fällt, ich will, ich werde sie vollführen! Eduard. Wo denkst Du hin? Nein — nein— das darf, das kann nicht sein! Pylades will seinen Oreft im Augenblicke der Gefahr verlassen! Oscar. Also glaubst Du doch an Ge, fahr?! Eduard. Allerdings, an die große Gefahr nämlich, die ich laufe, wenn Du mich jetzt verläßt! Oscar. Ich verstehe Dich nicht! Eduard. Siehst Du, Oscar, wenn es sich wirklich — verhielte, wie Du sagst, — wenn meine Frau wirklich nur deinetwegen die frühere Scene herbeigcführt hätte, würde sie, wenn Du mich nun so Knall und Fall verläßt, nicht glauben müssen, daß ich durch ihr Benehmen eingeschüchtert, nachge- gebcn, Dich aus dem Hause gewiesen hätte, und wäre dadurch nicht meine männliche Autorität für ewige Zeiten verloren! Oscar (nachdenkend). Hm! — Du hast nicht ganz Unrecht. (Denkt nach.) Eduard. Du bleibst also, nicht wahr? Oscar (nach einigem Sinnen). Nun denn in Gottes Namen, ja, ich bleibe! Eduard (ihn umarmend). Um mich nie zu verlassen! Dritte Scene. Porige. Mathilde. Math, (ist schon früher eingetrcten, und spricht mit Eduards letzter Rede zugleich, — für sich). Das wollen wir doch sehen! Oscar (leise zu Eduard). Da kommt deine Frau! Math, (steht noch unter der Thür und spricht im freundlichsten und liebevollsten Tone). Mein liebes Männchen — willst Du mir wohl einen Augenblick Gehör schenken? Eduard (leise zu Oscar). Siehst Du die Wirkung meiner männlichen Standhaftigkeit. Wie freundlich und liebevoll sie jetzt ist, weil ich ihr nicht nachgegeben. (Zu Mathilden.) Wie kannst Du nur so fragen, mein Engel, Du weißt ja, daß ich für Dich stets ganz Aug' und Ohr bin, also was wünschest Du von mir? Math, (scherzhaft). Eine Privataudienz; Oscar (sich verneigend). O, ich bitte, meine Gnädige, ich will durchaus nicht stören. Math, (sehr rasch und mit der größten Höflichkeit). Sie verzeihen mir wohl, Herr von Stern, daß ich Ihnen Ihren Freund auf einige Minuten entziehe? Oscar. Bedarf dieß einer Entschuldigung! (Zu Eduard.) Du — deine Frau ist überaus freundlich mit mir, dahinter steckt etwas, rüste Dich mit allen Streitkräften, ich glaube, Du wirst einen Kampf zu bestehen haben. Eduard (zu Oscar). Aus welchem ich jedoch als Sieger treten werde — verlasse Dich darauf. Oscar (zu Eduard). Ich will es hoffen! (Laut.) Gnädige Frau! (Drrncigt sich. Abschied nehmend.) Math, (mit einer höflichen Verbeugung). Herr von Stern — Ihre ganz ergebene Dienerin. Eduard (Oscar begleitend). Auf baldiges Wiedersehen! 6 Vierte Scene. Eduard. Mathilde. Math, (während Eduard Oscar an die Thür begleitet und noch leise ein paar Worte mit ihm spricht, setzt Machilde sich auf das Sofa, für sich). Jetzt will ich es mit der Zärtlichkeit versuchen, vielleicht gelingt es auf diese Art, mir den lästigen Freund vom Halse zu schaffen. Eduard (kommt vor, zu Mathilde). So — nun sind wir allein, mein Kind, nun spanne meine Neugierde nicht länger auf die Folter, und laß mich das große Geheimniß wissen, daS selbst der Freundschaft verschleiert bleiben muß. Math, (ladet ihn mit einer .Handbewegung ein, sich neben sie zu setzen). Eduard (setzt sich rasch). Math. Vor Allem zeige mir, daß Du nicht mehr böse auf mich bist u»ld->MP^r«c.^ Math. Nenne mich immer so, aber ich kann nicht anders, ich will dein ganzes Herz besitzen, ich ganz allein — ungcthcilt, und jedes Plätzchen, welches Du deinem Freunde darin gönnest, ist ein Diebstahl an meinem Eigenthume! Eduard. Ei, mein Kind, eine solche Eifersucht ist eine Krankheit. Math. Eine Krankheit!? Ja, Du hast Recht, und noch dazu eine sehr schmerzliche, qualvolle Krankheit, die kein Arzt zu heilen vermag. Eduard. O, doch! Lass es mich einmal versuchen. Math. Dich? Eduard. Ja, lass' mich dein Doctor sein. Math. Bist Du ein Wunderdoktor?! denn nnr einem solchen könnt' cS vielleicht gelingen. Eduard. Nicht doch, ich bedarf weder der Wunder, noch der vielen Arzneien, die rnunft ist mein einziges Heilmittel. Eduard (schließt sie inbrünstigem seine Arme) O, mit tausend Freuden, mein liebes, gutes Weibchen! Math. Zürnest Du mir wirklich nicht, Eduard? Eduard. Zürnen? Dir, mein Engel? Wie wäre das möglich? Math. Die Scene von vorhin! Mein auffahrendes, brüskes Benehmen! Eduard. O, das ist längst vergessen und vergeben! Math, (ihm dankbar die Hand drückcnd). Liebes, gutes Männchen! Sich', Tu mußt Nachsicht mit mir haben, ich bin nicht Herrin meiner Leidenschaft, der Augenblick reißt mich hin, denn ach! ich liebe Dich so sehr (mit unendlicher Wärme), so von ganzer Seele, und deßhalb bin ich auch eifersüchtig — fürchterlich eifersüchtig — aus Alles, was sich in deine Nähe drängt, selbst aus deinen Freund. Eduard (zärtlich und lächelnd). Hm! Du bist kindisch, Mathilde! Math. Wie? Eduard. Vorerst sage mir aber, willst Du meinen Anordnungen Folge leisten, und das Haupterfordcrniß eines Arztes, Vertrauen, zu mir haben? Math. Blindlings, mein Eduard! Eduard. Nun denn, so höre mich aufmerksam an. (Er legt seinen linken Arm um Mathildens Racken, erfaßt mit seiner rechten Hand ihre Handund spricht sehr zärtlich.) Wenn Du fühlst, daß sich dein Uebel nähert, dann rufe Dir folgende Worte in's Gedächtniß: »Mein Eduard sprach zu mir: er liebe mich so unaussprechlich, so innig, daß selbst alle Reize der Welt nicht in: Stande wären, mein Bild auch nur auf einen Augenblick ans seinem Herzen zu verdrängen; er sagte mir ferner: daß die Liebe das glühendste, tiefste Gefühl in der Brust eines Mannes sei, aber dennoch bliebe ein kleines Fleckchen für die Freundschaft frei, und auch dieses müsse besetzt werden, deshalb will ich auch Niemanden verdrängen, ich lasse dieses winzige Fleckchen der Freundschaft, bleibt mir ja 7 doch ein tausendmal größerer Naum!« — Glaube mir, Mathildcken,wenn Du Dir diese Worte zur rechten Zeit in's Gedächtnis rufest, werden sie Dieb gänzlich curiren. (Umarmt sie.) Math, (seufzt). Ach! ich suhle — dieß ist nicht das rechte Mittel für mein Uebel! Eduard (betroffen). Nicht? Math, (neckisch). Nein! — Aber wenn Sie erlauben, Herr Toctor,so will ich, einer Somnambule gleich, die Arzenei selbst bestimmen, durch welche Ihrer Patientin Heilung werden sott! Eduard. Da bin ich denn doch begierig! Mat h. (legt ihren rechten Arm über Eduards Nacken, ergreift seine Hand mit ihrer Linken und spricht, ihn scharf ins Auge fassend). Was Du von den Herzen der Männer sprachst, ist wahr —nächst der Alles umfassenden Liebe, befindet sich ein kleines Fleckchen für die Freundschaft darin! Warum aber soll dieses Fleckchen einem andern Wesen eingc- räumt werden müssen, als dem, welches die Liebe besitzt! Sieh', Eduard! Mein Herz ist das Echo aller deiner Wünsche - Du bist mir Mann, Freund, Geliebter — ich habe nur ein Gefühl für Dich — nenne es, wie Du willst. —Und solltest nicht auch Du alle deine Gefühle auf mich übertragen können — schließt denn die treue Liebe eines Weibes nicht schon die wahrste Frenndschast in sich? — bin ich deiner Freundschaft nn- werth? (Bewegung Eduards.) Wozu also ein drittes Wesen? Eduard (für sich). Sic ist anbetungswürdig! (Laut.) Mein Kind, deine Worte sind eine brillante Verteidigungsrede des Egoismus, der sich unter der Maske der Liebe verbirgt. Math.(wir oben sortsahrend). Ach,Eduard! gibt cs denn eine Liebe ohne Egoismus? Ist cs denn nickt weit schöner und glücklicher, für sich allein zu leben, als immer durch die Gegenwart eines Fremden gestört zu werden, wie z. B. durch die Gegenwart des widerlichen Herrn von Stern. — Eduard. as ärgerlich). Schon wieder schmähst Du Oscar — sage mir nur, was er Dir so Entsetzliches gethan hat, daß Du ihn so fürchterlich hassest. (Aufstchcud.) Math, (steht auch auf). Was er mir gethan? Naubt er mir nicht täglich, ja stündlich meinen Gcmal, bängt es nicht von seiner Gnade ab, das; ick Dich am Ende des Tages einmal zu Gesichte bekommen darf? Eduard (wird während der Rede immer heftiger). Da thust Du ihm sehr Unrecht, liebe Mathilde — wenn Du glaubst, daß er cs je versuchte, meine Liebe zu Dir schwankend machen oder schmälern zu wollen. Oscar ist ein braver — rechtlicher Mann — den ich wie einen Bruder liebe, und der es auch verdient — ich habe ihn erprobt — er hat Herz und Geist am rechten Flecke — das Zeugniß muß ihm die ganze Welt geben, die einen geistreichen Mann von einem guten Gesellschafter zu unterscheiden weiß — schmeicheln, die Cour machen — und derlei Künste versteht er freilich nicht. Math, (pikirt. und nach und nach immer heftiger werdend). Nein — das gewiß nicht, er beobacktet nicht einmal die nöthige Aufmerksamkeit, die ein Mann einer Dame schuldig ist — seine Manieren sind sehr häufig ungeschliffen — und was seinen Verstand betrifft — der beschränkt sich nur auf die Verschmitztheit, unter dem Deckmantel der Freundschaft der uns so lange als möglich auf unsere Kosten zu leben. — Eduard (der immer mehr die Geduld verloren). Mathilde! Math, (in höchster Wuth). Za, Herr v. von Stern ist nichts als ein gewöhnlicher Schmarotzer — Eduard (donnernd). Genug jetzt! M a t h. (wirst sich verdrießlich in einen Sessel — lange Pause, während welcher Mathilde eine Feder vom Tiutenzeuge nimmt, und sie zerknittert, zerreißt und endlich zornig zur Erde wirft, dann wendet sie rasch den Sessel so, daß sie Eduard den Rücken zuwendet, und stützt ihr Haupt schmollend aus ihre Hand). Eduard (hat mit den Papieren am Tische herumgeworfen, und sucht nun während obiger Pause seine Ruhe zu gewinnen — er stützt die Hand auf ein Album, man sieht ihm aber die innere Aufregung an. Er spricht mit bewegter Stimme). Mathilde! — die Worte — die jetzt über deine Lippen kamen, sind deiner unwürdig — und haben mich bis in's Innerste verwundet. Math, (sängt heftig zu schluchzen an und verbirgt ihr Gesicht in beiden Händen.) Eduard, (immer aus derselben Stelle, ohne Mathilden anzusehen). Wisse — Oscar — wurde durch einen ungerechten Proccß seines Vermögens beraubt — allein er bewies sich immer als Mann — er warf sich nicht der Verzweiflung in die Arme, die gewöhnliche Zuflucht feiger Müßiggänger, er ergriff in den Tagen der Gefahr die Waffen — das Band auf seiner Brust ist ein Zeug- niß seiner Tapferkeit — eine Wunde machte ihn zum ferneren Kriegsdienste unfähig — er lebte mit seiner Pension karg, aber zufrieden — er suchte keinen seiner Freunde auf, um keinem lästig zu fallen — ich — verstehst Du mich — ich habe ihn gesucht —ich mußte ihn bitten, mit mir heranszu- kommen und bei uns zu bleiben, ich bin glücklich, daß er meinen Vorschlag angenommen— und Du läßt ihn unsere kleine Gastfreundschaft so theuer bezahlen, indem Du ihm dafür seine Ehre nimmst. Math, (sich langsam erhebend, mit reuevollem Tone). Eduard! Eduard, (mit sehr bewegter Stimme). Nein — nein — das ist hart, sehr hart von Dir! (Wirft sich höchst unwillig in einen Stuhl. Lange Pause, während welcher Mathilde sich langsam ihrem Manue zu nähern sucht; — bei seinem Stuhle angelaugt, bleibt sie mit zu Boden geschlagenem Blicke stehen und spricht sehr weich). Eduard! Eduard (wendet ihr den Rücken zu, nimmt eine Zeitung auf, in welche er blickt, ohne sie zu lesen). Math. Willst Du mich nicht hören?!! ahmst Du jetzt dein launenhaftes Weib nach — Eduard! — liebes Männchen! (Da Eduard, um ihr auszuweichen, immer den Kopf abwendet, geht sie um den Stuhl hemm, und fällt vor Eduard aus die Knie.) Verzeihe mir— ich sehe ja mein Unrecht ein! Eduard (sie aufhebend und umarmend) Sieh', wozu thörichte Eifersucht Dich treibt — Oscar ist der uneigennützigste Mensch von der Welt, und ich glaube, wenn er nur im Geringsten merkte, daß seine Gegenwart Dir lästig ist — er wäre im Stande, uns augcnblich zu verlassen — Math. Wirklich? (Für sich.)Gut, daß ich cs weiß. — Eduard. O gewiß! Und das würde mich sehr kränken — doch, Du siehst dein Unrecht ein — und wirst dein Benehmen gegen ihn ändern — nicht wahr? — Math. Ja, mein Eduard! Eduard. Wirst ihn liebevoll empfangen, ihn als meinen, als deinen Freund behandeln, nicht wahr? Math. Ja, mein Eduard! Eduard. Wenns Dir auch anfangs schwer wird, thu' es mir zu Liebe — später gewöhnst Du Dich daran — und dann — dann, ach Gott, was wird das für ein herrliches Leben werden — ein liebes, gutes, treues Weibchen, einen wackeren Freund zur Seite, hat man da nicht das Paradies auf Erden?! Math, (küßt ihn). Mein guter Eduard! Eduard. Ich suche Oscar auf und schicke ihn Dir her! Math. Wie — jetzt schon? — Eduard. Ja — ja — jetzt gleich auf der Stelle — jetzt bist Du in der besten Stimmung — (Küßt sie.) Also Adieu indeß — und vergiß nicht, was Du mir versprochen — (Kommt noch einmal zurück, küßt sie nochmal.) Mein liebes, gutes Tildchen — ich glaube — jetzt könnt' ich Dich noch einmal so lieb haben — wenn dieß überhaupt möglich wäre — (im Abgehen) Herr Gott, wird das ein Leben werden (Singt ) Irss ia- oiunt oollsAium! tra la la. (Ab durch de» I Garten.) 9 Fünfte Scene. Mathilde (allein) Hieraus Betty. Math, (bleibt an der Thür stehen, sicht ihm nach und spricht dann in etwas ärgerlichem Tone). Ich bin besiegt — Oscar hat dießmal das Feld behauptet — aber deshalb gebe ich die Hoffnung noch nicht auf — es muß gelingen! Betty, (tritt ein). Gnädige Frau. — Math. Was willst Du? Betty. Der Postbote brachte diesen Brief aus der Stadt — (Gibt ihr den Brief und geht ab.) Math, (besieht ihn). Ah! von meiner Tante — (indem sie ihn erbricht) der kommt zu gelegener Zeit — ich habe die Tante um Rath gefragt, wie ich mir den lästigen Freund vom Halse schaffe — ich bin doch begierig, was sie schreibt. (Sie öffnet das Cou- vert, zieht den Brief heraus, wirft das Couvert bei Seite, liest.) Meine liebe Nichte! Dulde es niemals, daß irgend eine Person in dem Herzen deines Mannes einen Platz einnehme! Die Herrschaft über den Mann darf die Frau mit Niemanden theilcn — dicß ist das Geheimniß unserer Macht! (Sprechend.) Ach! wie sehr hat die gute Tante Recht! Sie muß es auch am besten verstehen, hat sie doch ihren Mann, der sogar ein Staatsrath ist, wie eine Marionette am Schnürchen — (Liest weiter.) Um Dich von dem ungelegenen Gaste zu befreien, von dem Du mir schreibst — gibt es ein sehr einfaches und unfehlbares Mittel, Du hättest dieses gleich errathen sollen, als ich Dich in meinem letzten Briefe auf die Geschichte des Estevanille Gonzalos von Le- sage aufmerksam machte. (Zu sich selbst.) Ah! das Buch ist noch da — ich werde es noch heute lesen. (Liest.) Der Dichter zeigt Dir selbst einen vortrefflichen Ausweg am Ende des l. Capitels im 3. Buche — (Spricht.) Da will ich doch gleich Nachsehen. (Nimmt das Buch und blättert ) Also 3. Buch, Eapitel 1 — da ist cs — (Sie durchfliegt es mit den Blicken, und legt es dann traurig bei Seite.) O weh! das geht nicht— das wage ich nicht. (Liest wieder den Brief.) Icb sage Dir, cs ist dieß das einzige Mittel, und wenn Du es verschmähst, bist Du verloren. (Steckt den Brief in die Tasche.) Ach Gott!- (nach einigem Nachfinnen). Nun gut! ich will's versuchen — ich will mit List operiren — List ist ja ohnehin unsere einzige Waffe — (Man hört Oscars Stimme) Ach Du mein Gott! da kommt er schon — (Setzt sich schnell in den Stuhl). O Tante! stehe mir im Geiste bei. Sechste Scene. Mathilde. Oscar. Oscar (tritt ein). Meine gnädige Frau! — Mein Freund sagte mir, daß Sie jetzt geneigt wären, eine Zeichenlection zu nehmen— und ich beeile mich, Ihrem Wunsche nachzukommcn. — Math, (verlegen). Herr von Stern — ich — es — (Für sich.) Mein Gott, es geht nicht! Oscar. Ich bitte ganz über mich zu befehlen. Math, (für sich). Ich bin verloren, wenn ich zögere, meint die Tante, in Gottes Namen denn — es hängt ja das Glück meines Lebens davon ab. (Deutet Oscar näher zu treten.) Herr von Stern — Oscar (tritt zu ihr heran). Gnädige Frau? — Math, (nach einigem Nachsiunen). Was denken Sie von mir? Oscar (über diese Frage befremdet, stutzend). Ich? Math. Ja, Herr von Stern! — Verzeihen Sie, daß ich Sie hieher bemühte — die Zeichenlection war nur ein Vorwand — ich wollte eine Gelegenheit finden, offen mit Ihnen sprechen zu können, denn ich fürchte, daß Sie mich verkennen ja vielleicht Böses von mir denken. — 10 Oscar. O — meine Gnädige! wie wäre das möglich? — Math. Habe ich Ihnen nicht vor Kurzem erst gerechte Ursache dazu gegeben — ja — ja erinnern Sie sich nur des Vorganges von heute Morgen. — Oscar. Mein Gott — dieser Vorgang. Math. Ist es, weshalb ich Sie zu sprechen wünschte — um mich vor Ihnen zu rechtfertigen — um Ihre Verzeihung zu erbitten. Oscar (erstaunt). Meine Verzeihung? Math. Die Sie mir auch gewiß nicht versagen werden, wenn ich Ihnen rcumü- thig bekenne, daß ich diesen Morgen launenhaft — ungerecht gegen Sie war. Osca'r (mit widersprechender Gcberdk). Launenhaft — ungerecht — Math. Ja — gegen Sie, der Sie stets so liebenswürdig, so zuvorkommend gegen mich — so nachsichtig — so geduldig mit meinen Fehlern sind — (Hält ihm die Hand hin.) Oscar (erfaßt ihre Hand und küßt sie). In der That, gnädige Frau — Sie setzen mich in Verlegenheit — ich weiß nicht, was ich erwiedern soll. — Math. Nichts, als daß Sie mir vergeben! — (Drückt ihm die Hand.) Oscar (deutet durch stummes Spiel sein Befremden an). Math, (schielt nach ihm und freut sich des Gelingens ihres Planes. Für sich). Mein Benehmen setzt ihn schon in Erstaunen — jetzt nur frisch gewagt — (Stellt sich als ob sie weinte.) Ach! Oscar (bemerkt es). Mein Gott! gnädige Frau — waö ist Ihnen — Sie weinen? Math, (weinerlich). Ach! cs ist nichts — Oscar. Sollte vielleicht Eduard — Math, (rasch). Eduard ist der beste aller Ehemänner, der trefflichste aller Freunde — Oscar. Ja — gewiß, das ist er, ich wollte nur, es fände sich eine Gelegenheit, daß ich ihm auch eine Probe meiner Freundschaft geben könnte. — M a t h. (für sich). Das könnte er sehr leicht — wenn er uns verließe — («aut ) Ich ! liebe Eduard seit meiner Kindheit — ich möchte fast sagen, aus Gewohnheit. — Oscar. Wie? Was sagen Sie? Math. Einst warmir dieß Gefühl genügend — ich kannte ja kein anderes — aber jetzt — jetzt (weint). Oscar. Nun — jetzt? Math. Jetzt leide ich fürchterlich! Meine Gedanken irren unstät umher — meine Phantasie schafft sich Bilder, die ich zu fliehen suche und nicht vermag—eine unnennbare Sehnsucht martert mein Innerstes, ach! Sie begreifen mich, mein Freund, nicht wahr? (Sit fixirt ihn.) Oscar (höchst erstaunt) Nein — das heißt — o ja — ich begreife — (für sich) eigentlich gar nichts! Math. Ich wußte es ja — denn Sic haben ein weiches Gemüth, haben Neigung zur Schwärmerei. Oscar (will reden). Ich? Math, (schnell) Läugnen Sie cs nicht — ich lese es in Ihren Augen — Oscar. In meinen Augen? Math, (ausbrechend). Ach, Oscar, ich bin namenlos unglücklich — Oscar. Unglücklich — Sic — (Mit höchstem Erstaunen.) Und in welch' vertraulichem Tone sie mir das sagt. Math, (drück! jedesmal, wenn er sich abwen- det, ihre Freude anS). Ja —ja — ich bin sehr unglücklich! aber Sie, mein Freund, werden Mitleid mit mir haben — nicht wahr — denn Sie werden wissen, wie weh es thut, nicht verstanden zu werden — O, wie beneide ich das Weib, das einst Ihren Namen tragen darf — mit stolzem Bewußtsein kann sic ausrnsen : Ick bin die glücklichste Erdcntochter, denn mich traf die Wahl des edelsten Herzens! (Betrachtet ihn mit liebenden Blicken ) Oscar (für sich). Mein Gott! was bedeutet denn das?!!! Math, (ihn drängend). Ich ließ Sie zu mir bitten, Sie müssen mir helfen! Sic sind 11 cin Ehrenmann! — Sic werden Alles aus- bieten, mich auf der Bahn meiner Pflichten zu erhalten, und wenn mich die Kraft verläßt, wenn ich Gefahr laufe zu stürzen — werden Sie mich mit fester Hand aufrecht halten, werden mein Retter, mein Engel sein, nicht wahr, mein lieber Oscar? Oscar, (auffahrend, für sich). Himmel und Hölle — was ist das?!!! Math, (sortfahrend). O, wie oft erbebte mein Innerstes bei dem Gedanken, daß Sie uns jemals verlassen könnten — was wurde dann aus mir werden? Oscar (sehr verlegen). Mein Gott! Gnädige Frau, — Ihre Worte setzen mich in Erstaunen — ich weiß nicht — ob ich wache oder träume — Math. (f,,r sich). Es gelingt — jetzt oder nie! (Laut und die Verlegene spielend, sich von ihm entfernend.) Mein Gott! was habe ich getban!... ich Unglückliche — und mein Mann!! O Oscar, entziehen Sic mir Ihre Achtung nicht— haben Sie Erbarmen mit mir Aermsten — Sie wissen nun mein Geheimnis— welches mit mir hätte zu Grabe gehen sollen, aber ich vertraue Ihrer Ehre. Ich fühle cs, meine Liebe ist ein Verbrechen, darum beschwöre ich Sie, Oscar, verlassen Sie dieß Haus, wenn Sic meine Ruhe nicht gänzlich zerstören wollen — fliehen Sie — aus Mitleid für mich — fliehen Sie — und überlassen Sie mich meinem Geschicke, meinen Leiden! Oscar (für sich). Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht! (Laut.) Ja, meine gnädige Frau — ich werde dieß Hans verlassen — Math. Bald?! Oscar. Noch in dieser Stunde! Math. Versprechen Sie cs mir?! Oscar. Ich verspreche es Ihnen! Math (nacheiner Bewegung). Dank, tausend Dank, mein thcurer, mein wahrer Freund —mein Retter! Leben Sic wohl! Wir sehen uns nie mehr wieder! (Sie wendet sich zum Gehen, für sich.) Triumph! es ist gelungen! (Kehrt nochmals um und reicht ihm theatralisch die Hand, welche Oscar küßt.) Noch einmal meinen innigsten Dank! Sie geben mir meine Ruhe wieder! (Im Augenblicke des Abgehens wandelt sie die Lnst zu lachen an, welche sie während des Schlusses der Scene unterdrückte; sie ist auf dem Punkte herauszuplatzen, da wendet sich Oscar um, sie grüßt ihn, und verbirgt ihr Gesicht in ihr Schnupftuch, welches sie aus der Tasche zieht, und den Brief herauswirft, ohne ihn zu bemerken, als würde sie weinen — an der Thür spricht sie dann, von Oscar unbemerkt, leise). Gott sei Dank, er geht! (Ab.) Siebente Scene. Oscar (allein). Ah! ah! Ich bin wie aus den Wolken gefallen — ist es denn möglich?! Hab' ich denn recht gehört — das war ja eine förmliche Liebeserklärung! Das also war die Ursache ihres Mißmuthes, den ich für den Ausbruch weiblicher Laune hielt? Sie liebt ihren Gatten nicht mehr —- mir, — mir gehört ihr Herz! — (W rft sich in den Divan.) Mein armer Freund! — (Springtauf.) Ich will fort— auf der Stelle fort — meine Ehre fordert es, — doch zuerst noch ein paar Worte mit Eduard — (Er erblickt den Brief.) Was liegt denn da für ein Papier am Boden, (hebt es auf) ein Brief — ohne Adresse — (Liest). Meine liebe Nichte, dulde es niemals, daß irgend eine Person in dem Herzen deines Mannes einen Platz einnehme. (Gesprochen) Ah! der ist von der liebenswürdigen Tante, ich möchte doch ein wenig Ihre Grundsätze kennen lernen. (Setzt sich und liest leise.) Hm! — bm! — so! so! (Auf einmal aufmerksam.) Was ist das! (Liest laut.) Um Dich von dem ungelegenen Gaste zu befreien, von dem Du mir schreibst — gibt es ein sehr einfaches und unfehlbares Mittel — (Liest sehr aus' merksam und vor sich hinbrummend weiter.) Estc- vanille Gonzalos am Ende des 1. Capitels im 3. Buche — (legt den Brief hastig weg) Estevanille Gonzalos, das Buch lag heute Morgen auf dem Tische—o! hier ist cS — und gerade bei der Stelle anfgeschlagen 12 — laß doch cimnal sehen — (Liest.) »Eifersüchtig ans das Vertrauen, welches Ihr Gemal in mich setzte, haßte sie mich ins geheim und wollte mich um jeden Preis entfernen! Herr Gonzalos, sprach sie eines Tages zu mir, als wir allein waren, ich muß Ihnen eitle Offenbarung machen, von der die Ruhe meines Lebens abhängt. Sic machte mir eine förmliche Liebeserklärung, bereute hierauf, daß sie mir ihr Geheimniß verrathen,nnd bat mich, zu stieben.« (Gesprochen.) He! he! he! was war ich nur für ein Dummkopf, daß ich dieß nicht gleich durchschaut. — Sie wollte sich auf eine listige Weise meiner entledigen — und ich bin in die Falle gegangen! — Aber ich will doch das Eapitel zu Ende lesen, — vielleicht steht mir noch eine Ueberraschung vor! (Liest weiter.) »Um ihren Gemal über meine Abwesenheit zu trösten, sagte sie ihm, ich hätte ihr eine Liebeserklärung gemacht und wäre geflohen, weil ihre strenge Tugend mich zurückgestoßen!« —(Springtauf.) Oho! kleine Schlange, bis zu dieser Stelle des 3. Buches will ich Dich nicht kommen lassen! Sie hat mich wie einen Schulknabcn behandelt! Ihr boshaftes Spiel mit mir getrieben, dafür soll sie mir büßen, nun kommt die Reihe an mich! (Nimmt Buch und Brief und geht ab.) Achte Scene. Mathilde, hierauf Eduard. Math, (kommt aus ihrem Zimmer). Ich höre Niemand mehr. (Sie geht aus den Fußspitzen zu Oscars Thür und steht durchs Schlüsselloch.) Das Zimmer leer — sollte er schon fort sein — (Kommt zum Fenster.) Richtig! dort schreitet er durch den Park — er schließt das Gitterthor! er ist fort! Gott sei Dank, ich bin ihn los!! Ach liebste, beste Tante! welch' guten Rath hast Du mir gegeben! Eduard (tritt ein). Nun, meine Lieben — (Erstaunt sich umsrhend ) Du bist allein, Mathilde? Math. Ganz allein! Eduard. Ich habe Dir doch Oscar hergeschickt, wo ist er denn? Math. Oscar ist fort! Eduard. Ja das sehe ich — aber wo ist er denn hin? Math. Ich glaube nach der Stadt — Eduard. Was? Oscar hat unser Haus verlassen, ohne mir ein Wort davon zu sagen— ah! geh! Du spaßest, er hat sich gewiß wo versteckt, um mich zu necken. (Stellt sich an ihn zu suchen.) Math. Suche nicht, es ist umsonst, er hat unser Hans verlassen, um nie wieder zu kommen. Eduard. Ist das dein Ernst? Math. Mein voller Ernst! Eduard (ausbrechend). Kreuz Million Donnerwetter! Math, (erschreckt zurücksliehend). Herr Gott, Eduard, Du fluchst ja wie ein Dragoner! Eduard. Na, soll einem da die Geduld nicht vergehen! Oscar fort, ohne mir etwas zu sagen! Ah! gewiß hast-Du ihn wieder beleidigt, gekränkt; o kein Zweifel, so wird es sein. Math. Was fällt Direin, Eduard, mit keiner Sylbe. Eduard. Was sollte ihn denn sonst über Hals und Kopf davongetrieben haben, aber er kann noch nicht weit sein, ich reite ihm nach, hole ihn ein und bringe ihn zurück! Math, (für sich). Das wäre nicht übel. Eduard (hinausrusend). Heda! Josef! Schnell mein Pferd! Math, (für sich). Was beginnen? Eduard (kommt vor, um Hut und Handschuhe vom Tische zu nehmen). Na warte, Ausreißer, wenn ich Dich erwische. Math, (für sich). Mir bleibt keine Wahl, ich muß den Roman zu Ende spielen. (Vertritt Eduard plötzlich den Weg.) Eduard, bleibe! Eduard. Mein Kind, es ist keine Mi- 13 nute zu verlieren, denn hat er einmal den Wald erreicht, da trennen sich die Wege und ich — Math, (fällt ihm in die Hand, bewrgt). Bleibe, sage ich Dir, bleibe. Eduard. Mein Gott, was ist Dir denn? Du bist ja so bewegt — Du zitterst. Math, (sich verlegen stellend). Ich?! Eduard. Fehlt Dir etwas? Math. Nein — nichts, nichts — Eduard (sie mit prüfendem Blicke betrachtend). Du scheinst verlegen — Du verbirgst mir etwas — Mathilde! Du kennst die Ursache von Oscars plötzlicher Abreise. Math. Nein — mein Eduard. Eduard. Du kennst sie — ich lese es in deinen Augen und ich will sie wissen. Math, (schweigt). Eduard. Nun?! Math, (stellt sich verlegen — dann sängt sie zu sprechen an, als wolle sie ihm irgend eine Geschichte erzählen). Nun denn, Eduard — so wisse (Hält plötzlich inne, betrachtet Eduard und fährt mit verändertem Tone sott.) Nein, nein, frage mich nicht, ich kann, ich darf es Dir nicht sagen. Eduard (argwöhnisch werdend). Mathilde! was soll das heißen, was ist vorgefallen, ich will, ich muß es wissen. Math. Dringe nicht weiter in mich, Eduard, ich beschwöre Dich, Oscar ist fort, und es ist so gut. Eduard. Verstehe ich deine Worte recht — Oscar hätte es vielleicht gewagt— Math, (senkt die Augen und schweigt). Eduard. Ha! er hat Dir von Liebe vorgesprochen? Er! o! der Falsche, der Verräther! Baue mir noch Einer auf die Freundestreue! Aber ich will ihm nach, will Rechenschaft von ihm fordern — Math, (vertritt ihm den Weg, jetzt wirklich erschreckt). Eduard, was willst Du thun — Eduard.,Laß mich! find' ich den Elenden, so soll er der gerechten Züchtigung nicht entgehen! (Stürzt wüthend ab.) Mein Pferd! Mein Pferd! Math, (in höchster Angst). Eduard! Um Gotteswillen, bleibe! Er ist fort, er hört mich nicht, wenn er ihn findet, bin ich verloren! Oscar wird schweigen, mein Manu wird ihn für schuldig halten, sie werden sich duelliren — tödten! Ach Gott! großer Gott! und ich — ich trage die Schuld — O Tante, Tante! welch' entsetzlichen Rath hast Du mir gegeben! Neunte Scene. Mathilde, Oscar. Oscar (tritt durch die Seitenthür, er stellt sich sehr aufgeregt, theatralisch, aber ohne Ueber- treibung). Mathilde! Math, (wendet sich um. und stößt bei seinem Anblick einen Schrei des Entsetzens aus) Ah — Oscar! - Oscar. Ja. ich bin es, Mathilde, und preise das Glück, Sie allein zu finden! Math. Wie? Sie noch hier? ich glaubte Sie schon weit fort. Oscar. Ja, ich wollte fort, wollte mein Versprechen halten, aber eS fehlt mir die Kraft, ich vermag es nicht. Math. Was sagen Sie, mein Herr? Oscar. Sie fragen noch? Haben Sie nicht selbst jeden Pulsschlag meines Herzens errathen? Haben Sie nicht selbst in meinen Augen das Geheimniß meiner Seele gelesen? Können Sie noch an meiner unbegränzten Liebe zweifeln? Math, (erschreckt). O Himmel! Oscar. Ich wollte mein Gefühl unterdrücken, die Pflicht der Freundschaft gebot es mir ja, meine Phantasie schaffte mir Bilder, die ich zu fliehen suchte, aber nicht konnte — o! Sie begreifen mich, nicht wahr, Sie begreifen, was ich gelitten — da plötzlich fanden die Laute meiner Seele ein Echo in Ihrem Herzen, Sie öffneten den liebeglühenden Mund und ließen mich das höchste Glück der Erde ahnen, daß Sie mich liebten; o Mathilde, nur ein Engel könnte da standhaft bleiben. Math. Mein Gott, was Hab' ich da anqefangen! (Zu Oscar.) Um's Himmels willen, sprechen Sie leise, wenn man uns hört — Oscar. Ja, Geliebte, Niemand soll das süße Geheimniß erfahren; zu was soll die Welt es wissen, daß Du mich liebst. (Will fir umfassen.) Math, lihm ausweichend). Du! — mein Herr, das geht zu weit! Wenn mein Mann käme — Oscar. Dein Mann, — o, laß' ihn kommen, Mathilde, ich bleibe bei Dir, ich schütze Dich, ich weiche nicht von deiner Seite. Math. O, im Gegentheile, wenn Ihnen an meiner Ruhe etwas liegt, so fliehen Sie — Sie sichern dadurch sich und mir die Achtung meines Gatten. Oscar (sehr laut und kräftig). Wie? ich soll fliehen — jetzt fliehen, wo sich ein Himmel mir geoffenbart, fliehen aus meinem Paradiese? Nimmermehr! Math. Mein Herr, ich beschwöre Sic, verlassen Sie dieß Haus. Oscar. Nur mit Dir! Komm', Geliebte, fliehe mit mir. (Will sie umarmen.) Math. Halt, zurück, mein Herr! Ich sehe es ein, es war sehr unrecht, mir einen solchen Scherz zu erlauben, aber es geschah bloß um — verzeihen Sie, Herr von Stern — Sic los zu werden. Oscar. O nein, Mathilde, warum willst Du mich täuschen? Ich weiß, ich fühle cs, Du liebst mich mehr als dein Leben, mehr als dein Augenlicht! Math. Ich sage Ihnen aber nein! Oscar. Und ich sage Dir ja! Math. Mein Herr! Oscar. O, warum diesen kalten Ton, Seele meiner Seele, Stern meiner Lebcns- nacht, Abgott meines Herzens? Math. Noch einmal, mein Herr! Oscar. Ja, noch einmal sag' es mir, daß Du mich liebst, daß Tu ohne mich nicht leben kannst, und ich sterbe liebetrunken zu deinen Füßen. (Ist auf die Knie gestürzt und hält ihr beide Arme ausgestrrckt entgegen.) Zehnte Scene. Vorige. Eduard. Eduard (tritt ein, erblickt Oscar zu den Küßen seiner Frau und stößt einen Schrei aus). Ha, Höll' und Teufel! Math, (höchst erschreckt). Himmel, mein Mann! Oscar (springt aus). Eduard! Entsetzliches Unglück! (Diese drei Reden fast zugleich.) Eduard (tritt wüthend vor). Jetzt ist nicht mehr zu zweifeln, ich Hab' mich mit eigenen Augen überzeugt! Oscar (leise zu Eduard). Du kamst zur rechten Zeit! Eduard (sthr laut und stark). Was beliebt? Oscar (laut). Glaube nicht, Eduard. Eduard. Unnütze Ausflüchte, ich habe Alles gesehen. Math. Du glaubst — Eduard. Ich glaube nicht— ich weiß! Math. Ach Gott, ach Gott! Eduard (zu Oscar). Also mein Weib war das Ziel deiner Wünsche, um ihretwillen heucheltest Du mir Freundschaft, Elender! und ich Thor, ich vertheidigte ihn noch, tadelte Mathildens Kälte. Jetzt aber habe ich Euch beide kennen gelernt — Ihr habt mir meinen schönsten Traum zerstört, aber Ihr soll t cS büßen! Math. Eduard! Oscar (lcise zu Eduard). Bravo, bravo! Sehr gut, sehr gut! Eduard (wie oben). Was beliebt, mein Herr? Oscar (laut). Wenn Sie wünschen, bin ich zu jeder Genugthuung bereit. Math, (aufschreiend). Genugthuung! Oscar. Bestimmen Sie die Waffen! M a t h. (stürzt sich zwischen Beide). Ein Duell! großer Gott! Eduard, liebster Eduard, Du wirst Dich doch nicht der Gefahr aussetzen! Eduard (sich losmacheud). Laß mich! 15 Math. Nein, nein, ich lasse Dich nicht — die Angst tödtet mich. Eduard. Ich will Satisfaktion. Oscar (leise zu Eduard). Lehr gut, aber noch mehr aufgetragen! Eduard. Jchglaube, Sie wollen meiner noch spotten! (Faßt ihn am Arme.) Oscar (leise zu Eduard). He! Sapper- lott, das ist wieder zu viel anfgetragen, Du zerquetscht mir ja den Arm. Eduard (in höchster Wuth). Nein, das ist ZU viel! (Nimmt Pistolen aus der Ehatouille.) Hier, mein Herr, wählen Sic! (Hält sie ihm vor.) Math. Eduard, um Gottes willen! (Sie finkt in einen Stuhl.) Ich sterbe! Oscar (leise zu Eduard). Na, nun ist's genug, Eduard, Du mußt die Aermste nicht länger quälen. Eduard. Folge mir, Elender, oder ich — (Geht aus ihn los.) Oscar (wie oben). Aber mein Gott, Du zitterst ja, hast Du die Geschichte im Ernste genommen? Eduard. Du fragst noch? Hab' ich Dich nicht zu ihren Füßen gefunden, bat nicht schon Mathildens Benehmen mir Alles verrathen? Oscar. Ah! also hat Dir deine Frau zu verstehen gegeben — (Mathilde steht auf und schlägt beschämt die Augen zu Boden; er wirst einen Blick auf sie.) A so! hehehc! Eduard (sich noch immer nicht zurechtfindend). Was soll das wieder? Wollt Ihr mir auf's Neue eine Komödie Vorspielen? Oscar. Nein, Eduard, die Komödie ist zu Ende, und ich hoffe, sie wird für gewisse Personen sehr heilsame Folgen haben. Eduard. Aber ich begreife noch immer nicht — Oscar (zieht ihn auf die Seite, übergibt ihm den Brief und spricht leise zu ihm). Lies dieß und es wird Dir Alles klar werden. Eduard (für sich, liest). Von der Tante. (Liest weiter.) Oscar (geht zu Mathilde, welche bittend die Hände faltet). Wer Andern eine Grube gräbt, fällt oft selbst hinein! Eduard (bricht in Lachen aus). Hehehe! nun verstehe ich. (Laut.) Oscar — Mathilde! Math. Mein Eduard! (Umarmung, dann zu Oscar.) Aber wer hat Ihnen denn meinen Plan verrathen? Oscar (zieht das Buch aus dem Sacke und zeigtes Mathilden). Estevanille Gonzalos, 3. Buch, 1. Capitel. Ende. In der WaMsharrfser'schm Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt, hoher Markt Nr. 1, ist erschienen: aus Stücken von: Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Elmar, Flamm, Gottsleben, Grois, Grün, Gründorf, Haffner, Juin, Kaiser, Langer, Megerle, Nestroy u. A. Drei Hefte. Gr. 8- geh. Preis 1 fl. 50 Nkr. oder 1 Thlr. Jedes einzelne Heft 50 Nkr. oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg B. F. 1- Da möcht i halt das G'wiffen sein. 2. Requifiten-Louplet. 3. Figuren-Couplet 4. Nachher wird es schon werd'n. 5- Glöckchen-Couplet. 6- Biblisches Couplet. 7. Falsche Benennungen. 8. Dann ist sie da die bessere Zeit. 9- 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün 10- Volkslieder. 11. Aber geb'n thut's es nit. — Berla, Alois. 12. Jetzt da war's halt Noth, daß wer antauchen thät. 13. Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. 14. Zu was dann die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lachcouplet. 16. Aus einer Chronika. 17. Früchte, die verboten find. 18- Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20. Mythologie-Couplet — Berla u. Bittner. 21 Ohne Umschneiderei. 22- Die papierene Zeit. 23. Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Bittner Anton. 24. Thier-Couplet 25. Das ist noch Geheimniß. 26. Wer hätt es geahnt. 27. OkroiÜHus seauäaleuso. — Bittner u. Morländer. 28. Aehnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29. Und so wird hinterrücks g'redt. — Böhm, Joses 30. Na da sieht man's doch, daß's an der Eintheilung fehlt. 31. Wenn man die Wirkung sieht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32- Maschinen-Couplet. 33- Wo man was sucht, dort find't man es nicht. — Elmar, Carl. 34. O Spiel der Natur. 35- Lied des Teufels. 36. Man glaubt nicht was in einem Menschen oft steckt. 37. So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. 38- O ungeheure Ironie. 39- Da möcht' ich halt wissen, was nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes. Elmar, Carl. 40-Was lieget da dran. 41. 2a so geht's, wenn man heut' zu Tag Geister citirt. — Frldmann u. Flamm. 42- Mit Kleinem sängt man an, mit Großem hört man aus 43 So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Throd. 44. Keine Rose ohne Dornen 45 Gesundheit und ein recht langes Leben. 46- Jedes Häserl hat sein Deckerl. 47. Repertoire-Couplet — Flamm u. Wimmer. 48. Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät- 49- So behilft sich halt Zeder, so gut als er kann. — Gottsleben, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 51. Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52. Na, das kennen wir schon. 53- Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54- Wir bedanken uns sehr. — Grün, Johann. 55- Was ein Narr ist. 56- Ein Chineser. — Gründors. 57 's ist just net nöthi, aber nothwendi war's. — Haffner, Carl. 58. Da sind's mäuserlstill. 59- Es steckt was dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60- Wann der mein Kapperl hätt'. 61. Ja, ich kann's nit ändern, es is halt a so. — Juin. 62- Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht. 63- Wozu Mancher eigentlich geboren. 64. Fiakerlied. 65. Zu was von den Göttern eine Auskunft begehren. — Juin u. Flrrx. 66 Da wird einem heiß, kalt — warm! 67. Ungeheuer genannt! — Kaiser, Friedrich. 68- Ich bitt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. Inhalt des dritten Heftes. Kaiser, Friedrich. 69- Es muß ja nicht gleich sein. 70. Da braucht man beim helllichten Tag a Latern. 71. Jetzt das g'hört aus ein anderes Blatt. 72. Die find halt g'scheidt. 73. Das ist so nobel und so billig dabei. — Langer, Anton. 74. Was ist der Unterschied. 75- Aber da mag Keiner net. 76- Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 77. Es schaut nur gemeiner aus. 78 Zu früh und zu spät. 79. Man kann fich's wohl denken, aber sagen darf man's nicht. 80 Wann mich der fragen thät. — Megerle, Ther. 81. Marsch mit dem in d'Butteu. 82. Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. — Nestroy. 83- Und 's ist Alles net wahr. 84- Kometen-Lied aus »Lumpaci*. 85- Aus was sich Mancher hinauswachsen kann. 86- Das wär ganz etwas Neu's- 87- Und man kommt aus kein Grund. 86- Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 89- Ja, Hut denn dir Sprach' da kein andere- Wort. — varry, A. 90 Ob der wohl die Wahrheit wird sagen- Druck und Papier von Leopold Sommer in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. r Ein Findelkind. Charakterbild mit Gesang von Carl Elmar. Krau Sporn, Hausbesitzerin. Mali, deren Tochter. Fink, Musikus, deren Gatte. Personen: Tüpfl, Notenschreiber. Netti, sein Pflegekind, 7 Jahre alt. Lorenz, ein Hausmeister. Die Handlung spielt in Frau Sporn's Hause. Erste Scene. Lorenz (allein). Lntrse-Lied. Jetzt halten die Hausherr'nleut' zu die Partei'», Da soll schon der Teure! a HauS- master sein! A Hausmeister hat heut' zu Tag, das . is g'wiß, A Leven, wic's nit schlechter im Fegfeuer is, Die Trinkgelder klan, die Arbeit sehr groß, Und so muß man sick plag'n wie a Fiakerroß; Gibt dem Kind man an' Pecker, daß sie's kaum spür'n, So thun schon die Eltern ganz laut rai- sonnir'n Und laufen und schrei'n bei der Hausstau gar ob'n; Und statt daß Ein' d'Hausstau dafür no thät lob'n, t lhratn-Rcpatoirt Nr. 177. Sagt stk höchstens: »Lorenz, was fallt Ihnen ein,* Da soll schon der Teure! a Haus- master sein! Zweite Scene. Voriger. Frau Sporn (von der Seite). Sporn. Mir scheint, de, Lorenzraisonnirt schon wieder. Lor. Uje, d Hausfrau! Sporn. Hat der Lorenz meine Befehle ausg'richt, die ich ihm aufgeb'n Hab'? Lor. Za, Hausfrau. Sporn. Und was hat der Notenschreiber g'sagt, wie er g'hört hat, daß er ausziehen muß? Lor. Vom Ausziehen, bat er g'sagt, is gar ka Spur. Sporn. Ah, die Keckheit! Glaubt vielleicht der Mensch, weil er schon zehn Jahr' unter mein' Dach logirt, daß er a lebenslängliches Privilegium hat? Lor. Er verlaßt sich auf sei' klan'sMadl, die wird der Hausfrau schon warm machen, hat er g'sagt. Sporn. Der wird doch nit glauben, daß ich mich vor dem Fratzen fürchten wcrd ? Lor. A fürchten nit, aber a bißl schämen. Sporn. Schämen, wegen was? Weil i an Menschen nit in mein' Haus leiden will, der a guter Freund von mein' Todfeind ist! Lor. Der Todfeind is aber Jhner Schwiegersohn. Sporn. Ich erkenn' ihn aber nit als mein'Schwiegersohn, den liederlichen Musikanten; er hat meine leichtsinnige Tochter z'erst verführt und dann is er mit ihr gar durchg'angcn. Lor. Eigentlich is sie mit ihm durch- g'angen, weil's ihn so gern g'habt hat. Sporn. Eben weil's ihn so gern hat, so soll's a mit ihm verhungern; von mir ist's enterbt und in mein'Haus darf' sie fick», so lang i leb', nit mehr blicken lassen. Lor. 's Haus können's ihr nit verbieten, so lang der Notenschreiber herin logirt, der gibt ihr und dem Musikanten Unterstand. Sporn. Eben deswegen muß a der Notenschreiber ausziehen, und wann der Hausmeister nit schaut, daß er außi kummt, so kann er a geh'n. I will mei' Haus g'reinigt haben. Lor. So lang' aber Sie dableiben, wird'sin demHaus immerschmutzig bleiben. Sporn. Impertinenter Flegel von an Hausmeister! Lor. Nit schimpfen, Hausfrau, sonst künnt's g'scheh'n, daß ich Ihnen was z'ruck- sag'n müßt, was Ihnen gewiß nit angenehm wär'. Sieben Jahr' Hab' ich geschwiegen. Sieben Jahr' hat mir alle Nacht vom Teufel geträumt. Sieben Jahr' schmeckt mir kein Wein, weil mir bei jedem Schluck das siebenjährige Verbrechen einfallt, zu dem Sie mich verleitet hab'n, und jetzt wollen's mit mir grob sein? Pfui, Hausfrau, das is schmutzig von Ihnen. Sporn. Hab' ich Ihm dafür nicht hundert Gulden geb'n? Lor. Das hat mi aber a schon viel hundertmal g'reut, daß ich die hundert Gulden ang'nommen Hab'. Sporn. Das is mir all'seins, g'scheh'n is g'scheh'n. Und ich setz' jetzt amal mein Kopf auf, meine Tochter und mein sauberer Schwiegersohn dürfen nit mehr in mein Haus, und um dem a End' z'machen, muß a der Notenschreiber mit sein klein' Fratzen auszich'n und damit basta. Lor. Mir is's recht, wann's ihm a recht is. (Schaut zum Fenster hinaus.) Da kommt er g'rad selber mit sein' klan Madl, küm nen's glei selber mit ihm reden. Sporn. Der kommt mir g'rad zurecht. Den wir i gleich erpedir'n mit sein Pam- perletschen. I frag', so Leut' brauchen Kinder und hab'n selber nir zu fressen. 3 Dritte Scene. Vorige. Tüpfl mit Netti (durch die Mitte). Entrsegesang. Tüpfl. Wir komm'n zu der Hausfrau g'schwind, Der Vater und sei« Pflegekind, Das rvär' für uns a groß Malheur, Wann d'Hausfrau uns nit leidet mehr. Netti. So komm'n wir her mitanand' Und küssen schön die Hand. Beide. Ja wir küssen schön die Hand. Tüpfl. I und mei Netti, wir sein Zwa Nit z'furchtsam und nit z'kebi a, Wir komm'n Ihnen z' bitten nur, Daß uns nit sperr'n die Wohnung zur. Netti. D'rum komm'n wir her mitanand' Und küssen schön die Hand. Beide. Ja wir küssen schön die Hand. Lor. Was das für a lieb's klan's Afferl is. Sie müssen da mit dem Kindel a rechte Freud hab'n. Tüpfl. Na, ob i a Freud' Hab'! Nit nur weg'n dem, wcil's a lieb's Afferl is, sondern weil i alter Aff' mir auf das Kind was einbild'. Sporn. Von derer Einbildung kann der Herr fett wer'n. I glaub', der Herr Tüpfl hält' a was G'scheidters thun können, als sich a solches Kreuz am Hals zu binden und aus'n Findelhaus a fremdes Kind anzunehmen, was Ihm so viel Kosten macht. Tüpfl. Wann mei Netti größer wird, dann wird's mir g'wiß Alles wieder ersetzen. Netti. Ja, Vater, wann i amal groß bin, dann geh' i zum Theater, und wann i amal a Fürstin spiel, so soll'us a Leben haben als wie a Fürst. Sporn. So a Theaterprinzessln willst wer'n? A recht a schöner Vorsatz. Tüpfl. Warum denn nit, wann's Madl a Freud und Talent hat dazu, so is Alles möglich. Und Talent hat das Kind, sie is a Kreuzköpfl, die kann mit sieben Jahr' schon mehr als wie mancher Plutzerschädl mit siebenundvierzig Jahr'. Sporn (zu Lorenz). Siebenundvierzig Jahr' is mein Alter, soll das vielleicht gestichelt sein? Lor. Mir kommt's a so vor. /Sporn. Da Herr kann vielleicht Recht hab'n, daß's Madl a Kreuzköpfl is, aber 's Kreuz hat er sich damit do nur größer g'macht. Tüpfl. Das versteht d'Hausfrau nit. Wann i früher so alleinig vor meine No- tenblatteln g'seß'n bin und an meine früheren Zeiten denkt Hab', da is mir mei Kreuz aufn Buckel so schwer Vorkommen, als wann's von Blei war. — Seitdem aber mei Netti mit ihren freundlichen Aeugerln zwischen den Noten füraguckt, seitdem fallt's mir bei die musikalischen Kreuz gar nimmer ein, daß i selber ein'S in meiner Partitur habe,- was i mei Lebtag nimmer auflöien kann. A so a liebe Kinderstimm', wann's an so recht freundlich Vater nennt, hat so a liebe Harmonie, wie's der größte Compo- siteur nit schöner z'sammbringt. Bald glaubt man a Flöten spielt, bald hört ma wieder himmlisch geigen, bald klingt's wie a Triangel, bald wieder wie a Harfen, und weil's Kinderherz als Capellmeister dirigirt, so hört man a nie an falschen Ton. Lor. Wie schön das der Herr Tüpfl auseinand'setzen kann. I glaub' orndlich, i hör' die himmlischen Musikanten spielen. Tüpfl. Da Hausmaster hat halt a gut's musikalisch G'hör, aber die Hausfrau 4 muß a verflucht schlechtes G'hör hab'n, wcil's gar den harmonischen Dreiklang in ihrer Familie z'rissen hat. Sporn. Was für au Dreiklang? Tüpfl. I man den zwischen Ihnen, Ihrer Tochter und Ihrem Herrn Schwie-! gersohne, das sind Drei, und wann solche Drei nit Harmoniken mitsamm', so kann a in der Familie ka Glück sein. Netti. Ja, die Harmonie ist die schönste Musik, hat der Herr Lehrer g'sagt. Dafür singen a die Engerln im Himmel schön z'samm'. Böse Menschen können aber das G'sang nit vertrag'n. Dafür hab'n a böse Menschen keine Lieder. Sporn.Na,mir scheint,der siebenjährige Fratz will mir a schon a Predigt geb'n. Netti. Wann Kinder predigen, so sag'n 's die Wahrheit, weil ihnen's unser Herrgott cinsagt. Tüpfl. Und daß' wahr ist, das merkt man an der Hausfrau ihr'm G'sicht. Sporn. Was merkt man an mein' G'sicht? nip merkt man, als daß ich über den klan' Fratzen ganz außer mir bin. Anstatt daß der klane Niegl mi schön bitten thät', daß ich's wieder in mein Haus b'halt, will mir der Fratz d'Leviten lesen. Tüpfl.Was, bitten? na,das is nit noth- wendig, und das wir i a mein Kind nit lernen, daß i no um das bitten soll, was ich thcuer bezahl'n muß. Und warum soll i denn auszieh'ndWeg'n dem,weil i daS Kind ang'nommen Hab ? Das is ka Verbrechen. Netti. Kinder sind ein Seg'n Gottes, sagt der Herr Lehrer, wo aber die Kinder verstoßen wcrd'n, in dem Haus kann ka Seg'n sein. Lor. Hausfrau, das geht Ihnen an. Sporn. I Hab' mei Tochter nur weg'n dem verstoßen, weil's gegen mein Will'n den liederlichen Musikanten g'heirat hat'. Netti. Mein Gott, sie hat ihn halt gern g'habt. Sporn. Na freilich, Du mußt es wissen. Mir scheint, der Herr lernt dem Kind saubere Sachen. Tüpfl. Auf jeden Fall lernt's bei mir mehr, als wie Sie g'lernt hab'n. Denn wann Sie das g'lernt hätten, was das Madl schon kann, so bätten's Ihr Kind g'wiß nit verstoßen. I frag' Ihnen, was hat denn Ihre Tochter verbrochen, daß Sie's nit mehr ansckau'n? Weiter nir, als daß an armen Musikanten g'heirat' hat. Sporn. Ja, an Lumpen hat's g'heirat. Tüpfl. Das is er erst word'n durch Ihnen; denn daß' Ihm und IhrerTochter jetzt so schlecht geht, an dem sein nur Sie allein d'ran Schuld. Lorenz. Der Herr Tüpfl hat Recht. Denn wann ihnen d'Hausfrau nur die Hälfte von dem geb'n möcht,um was Sie die Parteien g'steigert hab'n, seitdem ihre Tochter verheirat' ist, so könnten's prächtig leben. Sporn. Halt der Lorenz sei Maul. Schaut's an so an kecken Hausmeister a»! Es bleibt dabei, der Herr Tüpfl zieht mir sein Kind aus und der Lorenz geht. (Wendet sich um.) Lor. Vor sieben Jahr' hat d' Hausfrau mit mir ganz anders g'red't. Das ist jetzt mei Dank, daß ich um hundert Gulden mein ruhiges Gewissen verkauft Hab'. I geh', ick' wir wieder a andere Hausfrau krieg'n. Sic aber krieg'n kan Hausmeister mehr, der sich wegen Ihnen sieben Jahr' all'weil vom Teufel träumen läßt, i geh' a dazu, weh, weh, i geh'. (Durch die Mitte ab.) Vierte Scene. Vorige ohne Lorenz. Tüpfl. Hausfrau, kan so an Haus- master kricgens' nit mehr, mit so an T'rnm G'wiffen. Der verdient's, daß ibm die Parteien a Monument setzen lassen. Den laß' i auf meine Kosten ausschoppen und stell'n der Nachkommenschaft in die Ringstraße zu die Neubauten Häuser hin. Geh', mei Kind, weil wir jetzt allanig sein, zeig' der Hausfrau dein Talent zur Schauspielerin 5 und declamir' ihr was vor, was ihr recht zum Herzen geht. Netti. Ja, Hausfrau, wann's erlauben, so declamir' ich Ihnen »das einsame Grab.« (Declamirt, gegen Frau Sporn ge-- wendet.) Am Kirchhof steht ein einsames Grab, Da legten sie eine Mutter hinab, Die war im Leben so stolz und reich, Fast hielt sie sich einer Fürstin gleich. Das Grab steht verlassen und einsam da, Es kommt ihm Keiner zu beten nah', Denn Jeder weiß: die da unten ruht, Hat einstens verschleudert ihr höchstes Gut. Ihr höchstes Gut war das einzige Kind, Sie hat es verstoßen, feindlich gesinnt, Gestorben ist sie, von Fremden gepflegt, Die haben sie lieblos in's Grab gelegt. Bei Nacht nur, da kommt eine bleiche Gestalt Und weinet am Hügel, vom Monde bestrahlt: O Mutter, o Mutter! Wie lieb' ich Dich Hab', Das mußt Du jetzt wissen — im einsamen Grab. Sporn. Was geht denn das Gedicht mich an, was sagt's denn das mir? Tüpfl. Um Ihnen zu zeigen, Madam- Sporn, was ich meiner Netti schon Alles g'lernt Hab'. Sporn. A was kümmert das mich, das ist mir zu hochdeutsch. Tüpfl. Gut, wenn Ihnen das zu hoch ist, so trag' der Hausfrau das Gedicht vor: Don der verzauberten Gans. Netti (declamirt weiter): A Gans hat woll'n durchaus a Königin wer'n, A Zauberer, der hat ihr g'holfen recht gern, Nur war die Bedingung, daß's niemals bekennt, Was s' g'wesen is; sonst hat der Zauber an End'. An König hat's g'heirat'tund g'lebt voller Pracht, Bis endli der Storch ihr a Kindel hat 'bracht; Weil aber das Kindel verzaubert nit war, Hat's glcichg'schaut an'Gansel,an'jungen, auf's Haar. Der König hat's Gansel woll'n um bringen glei, Die Königin aber hat g'jammert dabei: »Es is ja mein Kind! I bin selber a Gaus!« — Und in der Minuten war's aus mit'm Glanz. Die Königin lauft jetzt am Back wieder um, Mit schneeweiße Federn, weil's g'redt hat so dumm ; — Weil's aber ihr Gansel hat, fallt's ihr nit schwer, Denn a Mutter gibt's Kind um ka Königreich her! Sporn. Sie hör'ns, Herr Töpfl, soll das vielleicht mi angeh'n? Tüpfl. A, warum denn nit gar, Sie werd'n doch nit glaub'n, daß wir Sie für a verzauberte Gans anschau'n? Sporn. Na das glaub' ich, was versteht so a klaner Niegl von aner Mutterliebe. Netti. Das kann i nit versteh'n, weil i mein Lebtag ka Mutter g'habt Hab', aber desto lieber Hab' i mein Vätern. (Umarmt ihn.) Sporn. Wann i ka Hausfrau war', i müßt weinen. (Trocknet sich die Augen.) Tüpfl. Is nit nothwendig, laffen's lieber die Parteien weinen, das gibt mehr aus. Sporn. I will dem Herrn an Vorschlag machen; wann mir der Herr das Kind anvertraut, i nimm's an Kindesstatt 6 an, weil i selber ka Kind mehr Hab'. I will's schon gut erziehen und steiger' die Parteien, damit dem Kind ja nichts abgehen darf. Tüpfl. Na, Hausfrau, warum soll denn das Kind Ursach' sein an den armen Parteien ihrem Unglück? Gelt ja, Nettcrl, Du brauchst ka Mutter, die a Hausfrau ist. Netti. Na, Vater, i bleib' schon bei Dir. Du hast zwar ka Haus, aber a gut's Herz, wie's a arm's Waserl, wie i bin, nit besser finden kann. (Singt:) Wir zwei bleib'n die Alten, Wir zwei bleib'n beisamm', Und i möcht' statt mein' Vater Ka Haus gar nit hab'n. 2ch geh' zum Theater, Denn das is a mein' Freud', Und da werd' i singen Für die lustigen Leut'. Ich werd' mir verdienen Diel Beifall und Geld, Mit ein' Madl, ein' feschen, Jst's ewig nit g'fehlt. Tüpfl. No, was sag'ns denn, Hausfrau, hat mein' Nctterl a Talent und ein' Humor zu einer Gallmeyer? Sporn. Schon gut, und wenn's a zweite Krones wird, so kann's doch kein solches Glück machen, als wie bei mir. Kurz und gut, ich bild' mir's ein: ich möcht'wiederum ein Kind hab'n! Fünfte Scene. Voriger. Lorenz. Mali und Fink (durch die Mitte). Lor. Wenn's Kinder woll'n, Hausfrau, da hab'ns zwei. Mali (ärmlich gekleidet). Liebe FrauMut- ter! Ich und mein Mann kommen Sie zu bitten, nicht um Geld, sondern um Ihre Verzeihung. Fink. Liebe Frau Schwiegermutter! Sie sehen hier eine» Schwiegersohn, der Sie nicht allein um Verzeihung, sondern auch um Versöhnung bittet. Sporn. Er niederträchtiger Hausmeister! Wer hat denn ihm erlaubt, mir diese Bettelbagage in mein Haus zu bringen? Lor. Mein G'wiffen, und wenn Sie auch ein G'wissen hab'n, so dürfen Sie's nur fragen, ob's mein' G'wissen nicht Reckt gibt. Sporn. Hinaus, sag' ich! Tüpfl Pfui,Hausfrau,schämen's Ihnen nicht vor dem klein' Kind da? 2ck Hab' a gute Lust und laß' Ihnen noch ein Gedicht von ihr declamiren. Wenn amol d'Familic beisamm' is, so darf's nimmer auseinander, bevor sich nicht alle Familienglieder verständigt haben! Sporn. Mit mir gibt's kein' Verständigung! Tüpfl. Das könnt' man nur glauben, wenn man der Hausfrau ihren Verstand bezweifeln thät'. Daß's ein Sporn hab'n, das Hab' ich schon g'wußt. Daß aber Jhner Herz dabei so zerfetzt is, wie a alte Zinsquittung, das Hab' ich doch nit glaubt! Sporn. Das kümmert den Herrn überhaupt sehr wenig und ich möcht' a wissen, wer ihm das Recht gibt, in meine Familienangelegenheiten d'reinzureden? Tüpfl. Wer mir das Recht dazu gibt, das werd' ich Ihnen gleich sag'n; nur thät' ich Sie bitten, daß Sie mein' kleine Netterl dort in das Seitenzimmer hinein- laffen, denn bei derer Aufklärung mag ich das arme Kind nit zuhören lassen. Mali. Fink. Ja, was soll denn das heißen? Tüpfl. Was das heißen soll, das werd'ns gleich hören, sobald das unschuldige Kind, was an Allem Schuld ist, bei Seite ist. Geh', mein Kind, geh' daweil dort hinein. — Netti. Ja, ich geh' schon, aber schau, Vater, daß Dir nichts g'schieht. 7 Tüpfl. Furcht' Dich nicht, mein Kind, mir g'schieht nichts. Netti. Sö, wann's mein' Vater was thun, dann g'freu'ns Ihnen. (Bei Seite.) Ich möcht' nur wissen, warum ich fortgeh'n muß? Da geht's nicht mit rechten Dingen zu; ruf' mich nur, Vater, wenn Dir was g'schieht; ich komm' Dir schon zu Hilf'. (Geht seitwärts ab.) Mali. Na, is das a lieb's Kind; wenn wir so a lieb's Kind hätten. Fink. Ich bitt' Dich, denk' an das nit, wir können uns alleinig nit g'nug Hunger leiden. Lor. Herrgott, wie mich 'sG'wiffen druckt. Fink. Und wann ich noch länger da bleib'n muß, so verzweifel ich! Sporn. Wüßt' nicht, warum Sie verzweifeln sollten. Sie haben ja das Alles, was woll'n hab'n — da steht's, mci' saubere Tochter — freilich schaut's jetzt nicht mehr so aus als wie vor sieben Jahren; aber a Musikanteuweib kann nicht so gut ausschau'n, als wie die Tochter von einer reichen Hausfrau. Mali. I bitt' Sie, Mutter, thun's mit Jhr'm Haus, was Sie woll'n; thun's mit Jhr'm Geld, was Sie wollen; thun's aber nur mir verzeih'n, denn der Gedanke bringt mi um, daß ich von meiner Mutter, als ihr cinzig's Kind, verstoßen bin. Sporn. Vor sieben Jahren, da hast ganz anders g'redt; da war Dir der Musikant viel lieber, als wie dein' einzige Mutter. Mali. Sie wissen, Mutter, warum, und das war nicht mehr zum ändern. Fink. Ja, und das war auch die Ur- sach', warum ich's g'heirat Hab'. Tüpfl. ES is aber doch merkwürdig, was's auf der Welt für ähnliche Verhältnisse gibt. Sporn. Was für Verhältnisse? Tüpfl. Die oft zwischen einer Mutter, zwischen einer Tochter, zwischen ein' Liebhaber und zwischen ein' klein' Kind, das ohne Erlaubniß auf d'Welt kommen is, Vorkommen können. Ich zum Beispiel Hab' selber so a Familie kennt, wo sich eine Schwiegermutter erlaubt hat, das unerlaubte Kind von ihrer Tochter in s Findelhaus zu schicken und dann später für todt auszugeben, um damit auf ihr Haupt ja ka Schand' fallt. Lor. Herrgott, druckt mi sG'wiffen! Tüpfl. Aber der Himmel hat der säubern Schwiegermutter ein Strich durch d'Rechnung gemacht. Das Kind lebt, denn Demjenigen, der das Kind in's Findelhaus tragen hat, den hat 's Gwiffen kein' Ruhe lassen und hat's a wieder außag'holt und hat's ein' Mann geb'n, der sich über das Kind besser ausweisen kann, als manche Hausfrau mit der Zinssteuer; seh'ns, da is 's Kopfzettel und das Kind steht dort d'rin in Ihrem Zimmer. Mali u. Fink. Was, is das möglich, das klane Maderl? Tüpfl. Ja, i Hab'mir die Last am Hals 'Kunden, die aner reichen Hausfrau zu schwer g'wesen ist, aber i hab's nit ganz umsonst gethan, na, i Hab'monatlich vom Findelhaus fünf Gulden Kostgeld kriegt, und die fünf Gulden hab'n mir oft so wohl g ethan, daß ich gar oft den Kaiser Joseph Hab' damit leb'n lassen, wann i mir von dem Findelgeld a Seidl Wein kauft Hab'. Lor. Herrgott, druckt mi 's G'wiffen! Mali n. Fink. Sie braver Mann, wer wird Ihnen das vergelten? Tüpfl. Niemand, i Hab' damit nur mei Schuld zahlt, denn i bin ja selber a Findelkind, was vielleicht verhungern hätl' müssen, wann mi das Rettungshaus in der Alservorstadt nit g'rett' hätt'. Lor. I bin a im FindelhanS auf d'Welt kommen, dafür druckt mi 's G'wiffen so stark. Tüpfl. Wann's Ihnen druckt, Hausmaster, so gehen's her da, und bitten's die zwa jungen Leut' um Verzeihung. Und i 8 wir d'Nrtti außerhol'n, daß's ihre Alten kennen lernt und ihr saubere Großmutter. (Geht zu der Thür und ruft:) Netti! Sechste Scene. Netti (im Herausgehm). Vater! Mutter! Mali u. Fink. Unser Kind! (Beide küssen die Kleine.) Tüpfl. Seg'ns, Hausfrau, das is mei Triumph, was sagen denn Sie dazu, Madame Sporn? Sporn. I sich ein, daß i g'fehlt Hab'. Gebt's mir das Kind, i will an der Klan All's wieder gut machen. Netti. Na, Vater, i geh' von Dir nit weg. Gelt ja, wir bleib'n Alle beisamm', weil wir uns gern hab'n. Fink. Ja, Netti, und i will der sein, der für Alle 's Brot verdient. Lor. Herr Fink, i wir Ihnen die Baß- geig'n trag'n, die is g'wiß nit so schwer, als wie mei G'wiffen. Sporn. Das is alls nit nothwendig. Der Herr bleibt in mein'Haus, der Hausmaster und der Herr Tüpfl beib'n in ihrer Wohnung. Mali. Und ich, Frau Mutter? Sporn. Du, Du wirst Hausfrau, und weil ich mich an der Menschheitso versündigt Hab', so machl'sJhr mit mein Vermög'n das wieder gut, was ich verschuld' Hab'; steigert's die Parteien, so viel's wollt's, i gib Eng mein Seg'n dazu. Fink, Mali, Sporn und Netti (umarmen sich. — Der Hausmeister segnet sie alle Bier). Tüpfl. Endlich is's mir gelungen eine ganze Familie glücklich zu machen mit ein Findelkind. 8chtuhgesang. Netti. Jetzt lacht mir der Himmel Jn's Herzerl hinein; O möcht' doch so glücklich Jed's Findelkind sein! Alle. Jetzt lacht uns der Himmel Jn's Herzerl hinein; O möcht' doch so glücklich Jed's Findelkind sein! Der Vorhang fällt. Ende. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Lkntk van der Dank. Charakterbild mit ssesang ia drei Arte» von Fried. Kaiser. -- Musik vom Kapellmeister Klerr. (Nach dem Sujet eines älteren Stückes desselben Verfassers durchaus neu bearbeitet für das k. k. priv. Carltheater.) Personen: Besekuug in Wien. Earol ine Hornschlag, Fleisch- hauerswittwe in Wien .Frl. Gallmeyer Rundlich, Fleischh- u. Bürgermeister auf einem Dorfe .Hr. Grois. Sportel. Gemeindekanzlist . Hr. Matras. HannS Stollncr j Hr. Fischer. Franz Spiller. ^ Hr. Tewelr. Peter Schlager, j ^ Hr. Schneider. Gerichtsrath Liebrecht_Hr. Braunmüller. Blacker, Gerichtsdiener.Hr- Röhring. Lehrl, Schneidermeister.Hr- Bittner. Elsbeth, ein armes BauernweibFr. Walter. Rosi, ein Waisenmädchen.Frl. Wagner. Spat Hub er. j Hr- Midaner. Gamsauer, j ^a'r Suwar. Margarethe, Bäuerin.Fr. Mansche. Steffel, i « ... -Hr- Peroutka. Hanns, s Bauernburichen ^ H^ggth. Regine, Bauernmädchen . . .Frl. Pschikrill. Korner. Feldwebel.Hr Perko. ! S-'d-»" Rescher, Traiteur in einer E aserne. Sträub er. Bäckermeister. Pau linr. dessen Frau. Dürr, Expeditor. Veronika, dessen Frau. Franz, . Kl»d». Lotti, ! Fellmann, Lederhändler. Antonie, dessen Krau. Spullinger, t Fabrikanten Honkelberger, s 3 obaan, Diener, l bei Lieschen, Laden- > Earoline Mädchen, ! Hornschlag Barthel, Hausknecht in einem Eiokchrwirthvhausk. Thearn-Repertoire-Rr. 17S. Erster Äct. (Freier Platz auf einer Anhöhe. Waldschenke. Bor derselben ein Tisch mit einer Bank und Stühlen, mehr gegm die Mitte der Bühne zu eine halbverfallene Martersäule, zu welcher Stufen hinanführen, den Hintergrund bildet die vom Walde begrenzte bergabsührende Straße.) Erste Scene. Spathubcr. Margarethe. Gamsauer. Reglne. (Mehrere andere Bauern und Bäuerinnen. Bauernmädchen und Kinder stehen in Gruppen, die Blicke gegen die Straße gerichtet.) Gams, 'sist noch all'weil' nichts z'sehen! Spath. 2st auch jetzt noch gar nicht möglich! — Um fünf Uhr kommt unten in Wolfsau d'Eisenbahn an, und a halbe Stund' braucht man bis da herauf. — Marg. (seufzend) Also noch a halbe Stund' warten! — Spath. Mit der Angst! Zch sag's, Kinder soll man haben, und keine soll man haben! — Kuben schon gar nicht! — Was hat man mit ihnen, so lang's klein sein für a Plag', wie viel Schläg' gibt man ihnen, bis man's ordentlich heranbild't, und wann's nachher groß sein, werden's entwcdei nichts nutz, oder sie werden zum Soldaten g'nommen, just, wenn man's am besten brauchen könnt'! Reg. (seufzend). Ja, grad', wenn man's am besten brauchen könnt'! Gams. Na — zum Glück wird aus unfern Ort bei jeder Recrutirung all'weil nur Einer g'nommen! Spath. Aber abstcllen müssen sich dock Alle. Marg. Wenn unfern Steffel das Mal heur troffen hält'! — o mein Gott! o mein Gott! (Wieder gegen die Straße sehend.) 2st denn noch nichts z'sehen? Gams. Wenn wir da heraußen sieh'n bleiben, vergeht die Zeit gar nicht! Gehn wir lieber derweil in d'Sckenk' hinein! — Wenn uns re Buben zuruckkommen, hören wir s ja schon von weitem juckezen! Alle. 2a — ja—geh'n wir ind'Sckenk! (Ab in die Schenke.) Zweite Scene. Spörtel (allein, kommt hinter der Schenke hervor). Lied. Ein Dichter — sein 'Namen ist mir schon entfall'«, — Sagt: »D'Kunst hat der Mensch nur als Vorzug vor All'n —« »Fleiß — G'schicklichkeit thut auch den Thier'n eigen sein, »Die Kunst aber, die hat der Mensch nur allein!" Und da hat er Recht, denn 'sgibt Fälle im Leb'n, Wo Fleiß und Geschicklichkeit gar nichts ausgeb'n — Rein ausrufen muß man, wenn Manches man sieht: »Wenn das nit a Kunst ist, hernach weiß ich's nit!« Nur vierhundert Gulden hat Einer Gehalt, Und a Frau und drei Töchter von saub'rer Gestalt, 2n Seiden und Sammt geh n die her — 's ist a Pracht! Was nur Unterhaltung heißt, wird mit- gcmacht, Auf Bäll' und Rcdout'n im Wint'r in der Stadt — Aus Monate reist oft a Tochter ins Bad — Mil vierhundert Gulden wird das Alles g'richt - Wenn das nicht a Kunst ist, hernach weiß ich'S nicht! 3 A Theater zu bau'n, daß nach Einein Jahr kaum Fir und fertig ist Bühne und Zuschauer- raum, TaS ist was Natürliche — dock's so an- zustell'n, Daß, wenn der Grund graben ist, d'Steiner noch fehl'n, Daß man sich zwei Stund' lang oft hin- stell'n müßt', Bis man ein' halb'n Arbeiter entdeckt auf'u Gruft — Duß vier Jahr' vergeh'« — eh'a Mauer man sieht — Wenn das nit a Kunst ist, hernach weiß ich's nit! Es gibt verschiedene Gattungen von Künstlern — plastische, musikalische, dramatische'bildende und eingebildete Künstler, aber der größte Künstler unter allen bleibt der, welcher die Kunst versteht, sich eine solche Fertigkeit in der Bewegung der Ge- sichtsmuSkeln anzucigncn. daß er in jedem Augenblick durch eine wohleingcübte Ver- schiebnng derselben aus seiner Physiognomie eine spanische Wand machen kann, auf der sich das Gemälde einer Scclcnstimmung zeigt, die dem dahinter versteckten »Ich« gänzlich fremd ist! — Wie weit waren in dieser Kunst selbst die Götter des Alterthums noch zurück, die bekanntlich, wenn sie sich behufs irgend einer Aventure haben verstellen wollen, das nicht bloß durch ein verändertes Gesicht erreicht haben, sondern ihre ganze Gestalt ablegcn, und als reine Vieher erscheinen mußten! Was für eine eluoni^ue 80unclnl6U86 erzählt man sich in dieser Beziehung nicht vom Jupiter Vo- cativus, — ein Europäer sollt's gar nicht nacherzählcu, denn 's war eine ungeheure Blamage für die Europa, daß sie ihm auf- gescffen ist, obwohl er sich bei seinen Eroberungsgelüsten als Ochs benommen hat! Auf die Art richtet man in jetziger Zeit nichts mehr auS, man darf jetzt, wenn man einen ähnlichen Zweck erreichen will, nie die Gestalt, sondern höchstens die Eigenschaften gewisser Thiere annehmen! — Und darum will auch ick jetzt, bei Verfolgung meines Planes, den Menschencharakter quittiren, will schlau sein wie ein Fuchs, und vorsichtig wie der Aff', der nickt mit eigenen Fingern auf den heißen Herd greift, sondern erst eine Katze nimmt, die ihm mit ihren Pfoten die muroni uro 8 titi aus den glühenden Kohlen holt! (Sieht in die Scene.) Ha! Da kommt grab meine Katz', die eigentlich weniger Katz' als gemästeter Kater ist! Ich haß' eigent lich den Kerl, aber mein geheimer Zweck fordert, daß ich mich vor ihm in ein' Ta- schenfeidel verwandle, zusammenknicke, und meine ganze Schneidigkeit in mich selbst verberge! (Nimmt soglkich eine unterthänig gebeugte Haltung und süßlächrlnde Miene an). Dritte Scene. Spörtel. Mündlich. Rundl. sein wohlgenährter, bei fünfzig Jahre alter Mann, in einem von Wohlhabenheit zeugenden, aber doch halb bäurischen Loslüme kommt keuchend hinter der Schenke her). Ah, Herr Spörtel! gut, daß ich Sie treff ! Spörtel (sich verneigend). Immer Ihrer Befehle gewärtig, verehrter Herr Bürgermeister! Rundl. Lassen Sie jetzt den Curial- styl! — In diesem Augenblick' steh' ich nicht als Bürgermeister vor Ihnen! Spörtel Ich seh's, denn Sie scheinen sich selbst nicht be meistern zu können, und sind doch auch Bürger, als Fleischhacker nämlich! Rundl. Ich bin jetzt auch nicht als Fleischhacker activ! Spörtel. Sie werden doch nicht das sein, was bei einem Fleischhacker passiv ist! Rundl. Es handelt sich jetzt nur um mein Herz. — Spörtel. Gehört mehr in das steck- siederische Ressort! 4 Rnndl. Machen Sie jetzt keine Dummheiten! Sportel. Bitte, Herr Bürgermeister! Ich werde mir nie erlauben, Ihnen vorzugreifen. Rundl. Aber mit an greifen sollen Sie! Helfen! rathen! Sportel. Mein Gott, was werd' ich mit meinem geringen Gehalt für ein'n Rath geben können — guter Rath ist thener! Rundl. Sie kennen die Rost? Sportel (sich vergissend, mit schwärmerischem Ausdrucke). Die Rost! Ob ich sie kenne! Rundl. (Verdacht schöpfend). Was machen Sie denn für Augen? Sportel (für sich). Jetzt hätt' ich mich bald vergessen! (Sich beherrschend, laut.) Ich mache Augen, verklärt strahlend, schüchtern aufblickend, demutksvoll huldigend, wie sich's für einen Untergebenen geziemt, wenn von der Braut seines Amtsvorstandes, seiner künftigen Chefin, die Rede ist. Rnndl. Braut? — Ah! bis dahin ist noch ein weiter Weg! Sportel. Ganz begreiflich, weil der Abstand ein immenser ist! — Sie, der reichste Mann im Ort, Wirthschastsbesitzer, Fleischhacker und Bürgermeister in einer Person, und die Rosi — ein armes Waisenmädel — erschossene Iägerstochter — Gansel Hüterin! Rundl. Alleseins! Meine Liebe gleichet Alles aus! und wie bin ich verliebt — bis über die Ohren hinaus! Sportel. Dann ist die Höhe Ihrer Liebe gar nicht zu ermessen! (Ansholrnd.) Na — und von Seite des Mädels ist doch kein Widerstand zu furchten? Rundl. Ja, das Hab' ich auch glaubt! Was Hab' ich ihr Alles für Wohlthaten erwiesen! Wie ihrem Vater, dem Revierjäger, das Malheur g'schchcn ist, daß ihn auf der Jagd durch die Ungeschicklichkeit eines vornehmen Sonntagsjägers a Kugel lobt niederg'streckt hat, Hab' ich mich selbst angebvten, ihr Vormund zu werden! Hab' ihr einen Dienst bei der Gemeinde verschafft. Spörtel. Als Gesellschaftsfräulein jener Geschöpfe, welche um Martini herum ihre Blüthenzeit hinter sich haben! Rnndl. (schwärmerisch). Sie ist herangeblüht wie ein Röslein auf der Haide. Spörtel. Und Sie haben dem Heran^ blühen dieses jugendlichen Lesens und zugleich dem Jmmermehrhinwelken Ihrer Frau zugesehen! Ein doppeltes Vergnügen! Rundl. Na, meine Frau ist glücklich g'storben. und ich Hab' nur das Ablaufen der Trauerzeit «bg'wart', um der Rosi die Eröffnung von dem Glück zu machen, was ihr bevorsteht, mittlerweil' aber Hab' ich ihrer Mahm den strengsten Auftrag geben, zu verhüten, daß sich das Mädel ja in keine Liebschaft einlaßt, sie soll gar nicht Gissen, was Liebe heißt — Spörtel. Bis sie dieses Gefühl durch Sic kennen g'lernt bätt'! Die bätt' a bißl d'reing'schaut! Run dl. (kleinlaut). Mir scheint, sic kennt's schon! Spörtel. Was? (Für sich.) Sic hat also mein öfteres Erscheinen auf der Hutweid' richtig aufg'faßt, sie fühlt meine Gefühle, und hat sich verrathen! Jetzt nur schlau! (Laut.) Aber welche Symptome hat sie denn von sich gegeben? Rundl. Sic wissen, daß gestern alle Burschen aus unserm Marktflecken, nach der Stadt sein, um sich zur Recrutirung zu stellen, wir Alle haben ihnen bis daher das Geleit' geben, dann sein wir wieder z'ruck in's Ort; wie ich mich aber umschau, seh' ich, daß noch ein weibliches Wesen da ist, was dort an der Marrersäulen hing'sunken war, ich schau' noch besser hin, stellen's Ihnen vor - wer ift's? Spörtel. Na — na? Rundl. Die Rosel! Spörtel (erstaunt). Die Rosel?! Rundl. Dort ists kniet und hat zahnt. Spörtel. Sie — sie hat zahnt? 5 Run dl. Offenbar über einen von den ihrem Perhängniß enlgege,«gezogenen Burschen ! Sportel (sich vergessend). Himmeltauscnd- element! Rundl. Ja— ich bin auch in Wuth kommen! Kreuz Million Bomben! Sportel (wüthend). Mordigall und ISssig! Rundl. Donner und Hagel! Sportel. Kruzitürken-Sapperment! (Rennt wüthend aus und nieder.) Rundl. (sieht Sportel erstaunt). 2a — was strapazieren denn Sie sieb so mit'n Fluchen? Spörtel. Ich'? (Kür sich.) Hätt' mich bald schon wieder verrathen! Moderation! (Sich beherrschend, laut) 3rb — ich Hab' nur geflucht aus pflichtschuldiger Lheilnahme mit Ihnen, Herr Bürger,neister! Diese Enttäuschung! (Meder sich selbst meinend.) Wenn man so wahnsinnig in ein Mädel g'schos- sen ist. Rundl. Wenn man so sicher glaubt bat, der Erste zu sein, und jeden Andern, der sich auch Rechnung g'macht hätt', für cin'n eingebildeten Affen g'halten hätt' — Spörtel. Ganz meine Ansicht. Rundl. Und jetzt — offenbare Darlegung von Recrutengefühlen. Spörtel. Schändlich! niederträchtig! impertinent! firmamentschreiend — und — wer — wer ist Derjenige, um den die Rosi g'weint hat? Rund l. Dahinter müssen wir eben kommen. Spörrel, Sic sind eine theilneh- inende Seele, Sie werden mir helft n auf die Spur zu kommen. Spörtel. 2a — ich will spüren, aber wie — wie? Rundl. Ich Hab' einen Gedanken! Lpörtel. Wirklich? O, Sie ereeptio- neller Bürgermeister! Rundl. Hören s mich an.— Heut'kommen die Burschen wieder z'ruck, die Rosel wird g'wiß auch Herkommen, bei der Gelegenheit verrat' sie sich g'wiß, entweder aus Freud', wenn der Gewisse sich freig'lost hat, oder aus Schmerz, wenn er assentirt ist. Spörtel. Richtig! sehr richtig! Das Gefühl laßt sich nicht verbergen. Rundl. 2n meiner Gegemvart könnt' sie sich aber ein'n Zwang anthnn, ich werd' mich also entfernen, aber Sie — Sie bleiben da, als stiller Beobachter. Spörtel. Sehr gut! Ausgezeichnet! Schaun's nur, daß's bald fortkommen Rundl. Ja — ich geh', aber Sie! — Die Arrgen geschärft und die Ohren gespitzt, damit Sie mir gleich Bericht erstatten, und dann mit mir die weiteren Maßregeln be- rathen können. Wir halten heute noch darüber vertrauliche Sitzung, das Wohl der ganzen Gemeinde steht auf dem Spiel, denn ich — ich bin ja die Gemeinde! (Nach dem Vordergründe rechts ab.« Spörtel (allein). Ha! ich soll sein Werkzeug sein? Za, umgekehrt wird ein Strumpf daraus. Er — er muß mein Werkzeug zur Erreichung meines Zieles sein! 'S ist schändlich von der Rosi, mir untreu zu werden, noch bevor sie mich geliebt hat, während ich schon so lang in sie verliebt bin, und mich rühmen kann, daß während der ganzen Zeit mich kein anderes Mädel ang'schaut hat. Aber vielleicht ist's eben das! Vielleicht könnt' ich g'rad durch Eifersucht in der Rosi das Gefühl der Liebe wecken. O — wenn ich nur jetzt gleich einen passenden Gegenstand fände. (Sieht in die Scene links, über- rascht.) Ha! was seh' ich dort! dort —eine Equipage! Eine einschichtige Dame steigt aus! Das Füßerl! — das G'sichterl! — die Leuchtkäferlu von Augen! — auf Ehre, das ist weniger Dame als Fee! Ha! das wär' so ein Gegenstand! — Aber ich will sie erst belauschen — erst selbst ungesehen in ihrem Anblick schwelgen. (Zieht sich hinter einen blühenden Klitterstrauch rechts neben der Schenke zurück.) Vierte Scene. 6 Caroline Hornschlag (in einem eleganten Landanzugr, ein Blumenfiränßchen in der Hand haltend, tritt von links im Vordergründe auf). Lied. »Einer Reise gleicht das Leben!« Das hab'n schon viel' Dichter g'sagt, Der Gedanke ist es eben, Der mich oft so quält und plagt! Auf der Reis, da gibt's Stationen, Man steigt aus an jedem Ort. »Schön ist's!«— ruft man—»ach, hier wohnen Möcht' ich gleich für immerfort.« Doch kaum thut's ein'm so behagen, Da ruft schon der Conduetenr: »Eing'spannt ist bereits der Wagen!« Und 's ist keines Bleibens mehr. Und je langer, als wir fahren. Desto öder zeigt sich's Land; Daß's auch so geht mit den Jahren, Das ist's, was mich traurig mahnt. Zwischen Zwanzig — zwischen Dreißig, Ist die schönste Station, Aber später, o, das weiß ich, Fahrt bergab der Postillon. Wie man ruft auch: »Halten! halten!- Immerfort jagt das Gespann, Und mit einem G'ficht voll Falten Kommt am Reiseziel man an. D'nrm heißt es: »Froh genossen, Wo die Gegend freundlich lacht, Aus den Blumen, die da sprossen, Sick ein hübsches Sträußcken g'macht.« Wenn denn auch zum Weitcrfahren Uns das rauhe Schicksal ruft, Labt uns doch in spätem Jahren Der Erinn'rung Blüthenduft. (Geht zu dem Fliederstrauchk und pflückt einige Blüthea.) Fünfte Scene. Caroline. Svörtcl. Sportel (steckt den Kopf aus dem Strauche und blickt Carolinen zärtlich an). Carol. (zurücksahrend). Was ist das? Spörtel. O, pflücken Sie fort, Holde! Ick Hab' nichts dagegen, wenn Sic anck mich pflücken, selig müßte es ja sein, von Ihnen an die Brust gesteckt zu werden! (Tritt hervor.) Carol. (lachend). Müßt sich gut ans- nehmen mitten in ein'm Blumenstrauß ein Kürbiß! Spörtel (verletzt). Kürbitz?! O, meine Gnädige! Wie kann man selbst Blume sein, und doch so einen botanischen Schnitzer macken Wenn Sie noch gesagt hätten: Melone! dann wären Sie der Wahrheit nähergekommen, denn ick gehöre allerdings zu der Gattung von Pflanzen, die bescheiden auf dem Boden binkriccken, dcrenFrucht aber (aus sein«, Kops weisend) von großem Umfang' und zuckersüße in Geschmacke ist. Carol. Also g'hören's halt doch so — zum Plutzerq'schlecht? Spörtel. Hm! zum Theil' ja! — in dem Locale, wo ick mich befinde, werden allerdings viele Plutzer erzeugt — ick bin nämlich vom hiesigen Bürgermeisteramt! Carol. (ironisch einen tiefen Knix machend) Ah! — auf die Art sind die Blätter dieses Strauches (auf den Fliederstrauch weisend) officiös! Spörtel. Wie so? Carol. Weil ich aus ihnen die Sprache der Obrigkeit vernommen Hab'! Spörtel. Sie scheinen aber zur Opposition zu gehören, weil Sie einen Angriff auf diese Blätter gemacht haben! Ich hätte daher gute Lust, (dir Arme au-breitend) Sie gleich mit Beschlag zu belegen! Carol. (zmücknuichend). Oho! ich bin kein Journal, denn dann müßt' ich täglick her- 7 auskommen — ich bin aber heut' hier erschienen und vielleicht so bald nicht wieder! Sportel. Hm! sogeht'swohl auch mancher neuen Zeitung, aber Sie — (galant) haben nicht das Aussehen, als ob Sie sobald eingehen sollten! Und darum muß ich, als amtliche Person fragen, was Sie mit Ihren» Erscheinen für eine Tendenz verbinden — ob Sie nicht für diesen Ort gefährlich sind? Carol. (für sich). Ich muß mir mit dein Narren ein' Spaß machen. (Laut.) O ja! Ich kann's »liebt längnen, »nein Hiersein könnt' vielleicht Manchem hier im Ort gefährlich sein. Sportel (mit kinrm schwärmerischen Blicke) Oh! — das fübl' ick an mir selber. Earol. (coquett lächelnd). So? Also g'hören Sie zu denen, auf die ich's abg'sehen Hab ? Sportel. Ick schmeichle mir, denn jedenfalls suche»» Sie Individuen voi» hervorragenden Eigenschaften. Earol. Errathen! Don hervorragenden Eigenschaften. (Deutet beisnts Hörner an ) Spürte! (sich in die Brust werfend). Eha- rakrere von Gewicht. — Earol. Ja — anf's G'wicht kommt's an, meisten an! — Aber's müßt' ein schöner Trieb sein. Spörtel. O, der edelste Trieb — bereit, für Sie das Leben, das Blut zu lassen! Earol. Ja, das verlang' ich! - - Und (ihn schmachtend ansehend) glauben Sie, daß ich was von der Sort' hier find'? Spörtel. Sie fragen noch? und ich üeh' vor Ihnen! Was Sie suchen- Earol. (auflachend). Sein nämlich — tüchtige Ocksen — Spörtel (zurückprallmdl. O — Ocksen?! — Sie sind —? Earol. Eine Flcisckhackerswitwe aus der Stadt! Spörtel (fürchterlich enttäuscht). Fleisch — Fleischhackeri,«? (Kür sich). Ha! Darum war sie so schlagfertig. Earol. Ich Hab g'bört, daß der hiesige Bürgermeister sich auch »nit dem Viehhandel abgibt, da Hab' ich bei ihn» eine Bestellung machen und zugleich eine Auskunft über Jemanden aus dem Ort erhalten »vollen. Wo treff' ich ihn denn? Spörtel. Gegenwärtig ist er sich selbst nicht gegenwärtig; »v is aber Auskünfte betrifft, kann ich Ihnen dienen. Carol. Er hat einen Knecht, der gestern mit den Conscribirten in die Stadt kommen ist. Spörtel (glcichgiltig). Ja, den Franzl — Carol. Ich Hab ihn gestern dort g'schcn, und an sein' Anzug als ei»»' von unser,»» G'werb' erkannt, 'drum Hab' ich ihm ein Nachtmal geben lassen, und bei der G'legen- heit über das nnd jen's »nit ihm g'rcdt! — To viel ich daraus entnommen Hab', scheint das ein recht braver Bursch' z'sein — nicht wahr? Spörtel (wie Mn) Hm! Ja — er frißt kein' Streusand und trinkt ka Schuhwichs ! Earol. Er ist mir aber gar so traurig Vorkommen — Spörtel. Hm! Ei»»' Tag vor der Losung —! Earol. (ausholend). So — »var's nur das? Ich — ich Hab' mir schon dacht', er bat vielleicht da heranßt »vas Lieb s? — Ist Ihnen nichts von so was dergleichen bekannt? Spörtel. Amtlich liegt nichts Derartiges gegen ihn vor. Earol. (sichtbar erfreut). So? — also scheint er dock nur wegen seiner Stellung so niederg'scklagen? Spörtel. Hm! er ist im Haus von ein' Flcischhacker. da wird man leicht nieder- g'schlagen, und noch dazu bei unserm Bürgermeister- Carol. (rasch). Na, so sagen's ihm — dem Franz nämlich, wenn er sich's vielleicht ändern wollt', ich kann immer brave Burschen brauchen — mein G'scbäft ist groß, und seit mein Seliger todt ist, liegt's ganz allein auf mir — Spörtel. O, warum bin ich nicht von 8 dem G'sckäft! Es sollt nicht mehr allein auf Ihnen liegen. (Will sie zärtlich um schlingen.) Carol. (zurückweichend). Was unterstehn Sie sich! Und (sieht in die Scene) da kommen Lent'. Sportel (ebenfalls hinsehend). Ha! — die Rosi — meine Flamme. Carol. Da geh' ich, sie könnt' eifersüchtig werden! (Will fort.) Sportel. Aberdas wär' ja g'rad recht — ich will sie auf die Art reizen. Carol. (spöttisch). O, ein Mann wie Sir braucht niemand Andern, als sich selbst, um zu reizen. — Adieu also! (Geht einige Schritte, kehrt aber rasch wieder um.) Aber noch Eins! blicht vergessen! Spörtel. Wegen die Ockfen? Carol. Nein, nein! Wegen dem Franz! (Eindringlich.) Sagen's ihm nur, er kann bei mir einstehcn, sobald er will — je eher, je lieber! (Geht ) Spörtel Werd's ausrichten. Carol. (wieder zurückkommend). bloch Eins! Sagen's ihm, wenn er ja zum Militär müßt, soll er sich auch nichts d'raus machen, das Regiment garnisonirt in der Stadt, und ich würd' dann schon sehen, was sich für ihn thun läßt! — Na, bfüht' Gott! (Geht wieder.) Spörtel. Hab' die Ehre! Carol. (wieder zurückkommend). Noch Eins! Sagen Sie ihm, er soll mir gleich Nachricht geben! — Hören's! gleich! (Geht wieder.) Spörtel. Werd's besorgen. Carol. (kehrt nochmals um). Aber noch Eins! Für Ihre Tienstvermittlung das indeß L oonto! (Drückt ihm eine Banknote in die Hand, und eilt rasch nach links im Vordergründe ab.) Spörtel (allein). Alleweil »NochEins!« Und (besieht die Banknote) ein Fünferzettel. — Jetzt'möcht ichrufen: »NochEins!* — Aber (in die Scene rechts sehend) die Rosi ist schon da! —Jetzt heißt's sich auf die Beobachtung dieses Gestirnes verlegen! Ich will ganz Astronom sein, und von da aus (auf die Schenke weisend) die ganze Himmelser- sckeinnng durch rin gntes Glas beobachten. (In die Schenke ab.) Sechste Scene. Rosi. Elsbeth. Rosi (kommt hastig von der rechten Seite des Hintergrundes her). Mir war's auf der Bergwielen, als ob ich jubeln und schreien höret — sie kommen! — Im nächsten Augenblick werd' ich'S wissen. — Gott! wann ihn s' Loos troffen hält'. — Elsb. (die ihr gefolgt ist). Mein Gott! 's fallet mir so schwer als Dir! Rosi. G'wißhcit! Nur einmal G'wiß- heit! — Von da aus muß nran's ja sehen! (Eilt die Stufen der Martersäule hinan und blickt, sich die Hand über die Augen haltend, gegen die Straße.) Elsb. Roscl! nur Eins vergiß nicht — wann er jetzt z'ruckkommt, sei's so oder so — verrätst Dich nicht, damit's nur ja dein Gerhab, der Bürgermeister, nicht merkt! — (Geht während dieser Rede ebenfalls zur Marter- säule und setzt sich auf die Stufen derselben.) (Man hört von weiter Ferne her das Gejauchze der Bursche.) Rosi (zusammenbebend). Sie kommen! Elsb. Ja — ja — ich hör's juchczen! Rosi(in größter Aufregung). Bet S,Mahm! bet's, daß d'nächste Stund' a glückliche ist! Elsb. (die Hände faltend). Herr Gott im Himmel! sei barmherzig! Rosi (die zum Gebete verschlungenen Hände an die Säule stemmend, mit gepreßter Stimme) Nur der Eine nicht! nur Der nicht! (Das Gejauchze wiederholt sich ganz in der Nähe, und dauert während der nächsten Scene fort ) 9 Siebente Scene. Dorigc. Spatbubcr, Margarrtbe, Gamsaner, Regine, die übrigen Land- lentc und Sportel (drängen sich zur L bür der schenke heraus). Die Bauersleute (durcheinander rufend). Sie kommen! Sie sein's! Rosi (immer ängstlicher, leise). 3kl) —ich bör' die Stimm' vom Franz nickt! Elsb (ist ausgestanden, leise zu Rosi) Kind! nimm Dich z'samm'! Rosi (von den Stuken herabwankend und in Elsbeths Arme finkend). Halt's mich, mir ist, als ob ich um finken müßt'. Elsb. (leise). Geh'u wir a wenig z'ruck, Du verrath st sonst Alles! (Führt sie mehr gegen den Hintergrund zurück.) Sportel (welcher Rofi beobachtet hat, für sich). Sie gebt hintre, aber sie hintcrgeht mich doch nicht! Achte Scene. Vorige. Steffel, Hanns, Martin, mehrere Bauernbursche (kommen jubelnd und die Hüte schwenkend die Straße herauf). Die Baucrnbursche. 3uhe! Juhc! frei! Spath (freudig die Arme ausbreitend). Leopold! Margar. Mein Sohn! Steffel. Vater! Mutter! da babt'S mich wieder. (Sinkt in ihre Arme.) Leopold (zu Gamsaner). 3ch bab' 's Los nitzogen! Gams. O, Du bist a g'sckeirer Bua! l Umarmt ihn ) Regiuc (zu Hanns) Hanns!Haben s L Dich nicht b'balten? T Hanns. Na! Sie baden g'sagt, ich N bin nichts nutz. ^ Reg ine. Du lieber Hanns! Da können wir heiraten. Die übrigen Bursckc (umarmen unter äbn- lichkN Ausrufungen ihre Verwandten und Mädchen). Rosi (mit beklommener Stimme leise zu Els° beth) Der Franz — der Franz ist nicht dabei! Sportel (welcher Rofi fortwährend scharf in s Auge gefaßt, für sich). 3ch kegcl mir fast die Augen aus, um was zu bemerken, aber mir steht nichts! Neunte Scene. Vorige. Franz. Franz (j,„ yoslüm eines MetzgerkNechtes, eine Mütze auf dem Kopfe und auf derselben ein Sträußchen mit Silberzindel, kommt gesenkten Hauptes langsam vom Hintergründe her). Rosi (erblickt Franz, leise zu Elsbeth). Ha! da ist er! Spörtel (für sich). Ha! — jetzt hat fie s griffen. Spath. (Franz erblickend). Da ist ja der Fleischhacker Franz! (Zu diesem ) Na, was machst denn Du für a G'sicktt? Wie ist's denn Dir gangen? Mehrere Andere (ebenfalls zu Franz) 3a — was ist's mit Dir? Franz (langsam die Mütze abstehend). Fragt's nicht weiter! Da (aus das Sträußchen weisend) ist die Antwort auf all' eure Fragen. Rosi (will voreilen). Elsb. (sie zurückhaltend, leise). Rosi, vergiß Dich nicht! Die Bauern (z„ Franz). Also — Dn?! Franz. 3a— mich hats troffen! — 3ch bin Recrut. Rosi (stößt einen leisen Schrei aus, und sinkt halbohnmächtig Elsbeth in die Arme). Spörtel (für sich). Ha! diese Zeichen trügen nicht! 3bre Ohnmacht beweist die Macht ihrer Liebe. Gams, (theilnehmend zu Franz). O Dtt armer— armer Bursch ! Aber gibt's denn gar ka Mittel, um losz kommen? Franz. Kein anders,als mich losz kaufen, aber wo nehmet ich die Menge Geld her? 10 Spath. (zu Franz). Hin! Wann Du dein'n Herrn, den Bürgermeister, bittest — er ist ein reicher Mann. Franz. Probieren kann ich's, aber — (schüttelt traurig den Kops) Sportel (für sich). Er glaubts nicht — ich glaub's auch nicht! Aber nur jetzt gleich hin zum Bürgermeister, und das Gesuch um Loskaufung, noch eh'es eiugereicht wird, rrck sota gelegt. O. das »^ärrota-Legen« ist von jeher ein Lieblingsusus beim löblichen Bürgermeisteramt. (Eilt ab.) Spath. (zu Franz). Na, nur nicht ver zweifeln. Wir Alle werden für Dich bitten. (Zu den Urbrigkn.) Aber ich Hab' versprochen, cin'n Eimer Wein z'zahlen, wenn mei'Sohn frei wird, den geb ich gleich dahier in der Schenk' zum Besten. Kommt's Alle mit herein! Alle. Za, ja, in d'Schenk'! — Inhe! (Stürmen in die Schenke hinein.) Spath. (zu Franz). Wann Du Dir dein Leid aus'n Kopf schlagen willst, so komm' a herein. (Folgt den Uebrigrn.) Franz. Mei Leid ans'n Kops schlagen? im Kopf sitzt s gar nicht, sonder» da! (Ans's Herz weisend.) O mei' Rvsi! wenn ich's um der schon beig'bracht hält'! («endet sich zum Abgehen.) Rvsi (hat sich inzwischen etwas erholt, und tritt nun, die Arme matt hängen lassend, Kranz entgegen, mit dem AuSdrucke des tiefsten Schmerzes). Franz—! Franz. Rosi! Du Du da?! — Du weiß't also schon — ? Rosi (in Schluchzen ansbrechend). Alles! Alles! O Kranz! mein Franz! (Sinkt weinend an seine Brust ) Franz. Rosi, faß' Dick! Wer weiß's, vielleicht wird noch Alles gut — ich will meiu'n Herrn auf den Knien bitten! Aber so hör' nur auf z weinen! (Selbstweinend ) Ick Halt s sonst gar nicht anS! Geh', komm' daher! setz' Dich zu mir — wir wollen Al leS ruhig bereden! (Führt Rosi zu der Bank am Tische und läßt sich dort mit ihr nieder.) Elsb. (folgt ihnen und setzt sich neben Rost). Zehnte Scene. Vorige. Hanns Stollner. Hanns Stollner (eiu Mann nahe an fünfzig Jahren, mit wirr verwachsenem Barte, einen mit Wachsleinwand überzogenen Hut auf dem Kopse, einen Knotenstock in der Hand, um die Lenden eine lederne Geldkatze gegürtet und auf dem Rücken ein Felleisen, ans welchem oben ein blankes Beil aufgeschnallt ist. kömmt von der Straße die Anhöhe herauf, bleibt in der Nähe der Martersäule stehen, den Stock vor sich hinsteminend und rings NM sich blickend). Eine herrliche Aussicht — gerade von dem Puncte aus! («endet sich gegen die Schenke und erblickt dort die Sitzenden.) Was ist denn das? (Bitter lachend.) Ha ha ha'.Ich sag': eine herrliche Aussicht! und das erste Lebende, das mir in die Augen fallt, sind drei unglückliche Menschen! (Vor sich hin- sprechend). 2a, ja! die Welt ist wie einApfel, nur oberflächlich betrachtet, sieht er recht rothwangig ans, sieht man ihn aber genauer an, dann zeigen sich erst die faulen Stellen und Wnrmhöhlnngen. (Schreitet weiter vorwärts.) Franz (ihn erblickend, znRosi). Wer ist denn das? (Zu Hanns.) Na - was schaut's nns denn so an? Hanns (sich auf seinen Stock stemmend) 2ck betrachte mir die Wasserfälle in der Gegend! Drei neben einander! F r a nz. Wollt's Euch über unfern Schmerz lustig machen? Hanns, lieber das Weinen der Weibs- leute nicht, die sind einmal so wie weiches Obst, ein wenig hart angerührt, so stießt der Säst über! Aber (Kranz schärfer ins Auge fassend) so ein junger frischer Bursche, und mit einen« alten Weibe nm die Wette heulen? Pfui Teufel! («endet sich ab ) Franz (befremdet). Wer seid's denn? ( Steht auf, tritt näher zu Hann-, und erblickt das Beil aus d.ssen Ränzel.) Ah, Ihr tragt's a Beil aus'n Ränzel? Seid's also von unserm Handwerk — auch ein Flrischhacker! II Hanns. Ja — ein Rindvieh Scharfrichter! Hab' wohl in meinem Leben schon über zwcitansend Ockfen vertilgt — aber — 's gibt nicht's aus! Franz (noch immer traurig). Dann muß ick Euch als Camerad grüßen. Ich bin auch ein Fleischhacker! (hält ihm die Haud hin.) Hanns (etwas verächtlich). SoeinEame- rad! (Gebieterisch.) Trockne Dir früher die Augen, ehe Du mit mir sprichst. Franz (schmerzlich). O Gott! wenn Ihr, wie ick, morgen Soldat werden müßt — ? Hanns. Ah! das ist's? Und deshalb das Gesienn? Nun kann dein Vaterland ruhig sein, wenn'S nur so einen Helden hat. Franz. Jbr wißt nicht, wie das thut! Hanns. Nicht? Da sieb her! (Streift dm Rockärmcl aus und weist eine tiefe Narbe.) Da ist mein Dienstzeugniß, daß ick auch einmal Soldat war. Rosi u. Elsb. (hinblickend und sich dann die Augen verhaltend). O mein Gott ! die Wunden! Hanns. Sie war eigentlich meinem Schädel zugedacht, aber der Esel von einem feindlichen Kürassier hieb daneben. Elsb. Ich kann so was gar nickt anhören. Rosi (auf's Neue in Thränen ausbrechend). Gott! Franz! weun's Dir auch so ging? Hanns (verdrießlich). Da haben wirs - nun geht das Geheul schon wieder los. (Zu Franz.) Wenn Du willst, daß ich weiter mit Dir spreche, so schaffe zuerst das Weibsvolk weg. Ich will keine Krämpfe auf meinem Gewissen haben. Franz (zu Rosi und Elsbeth). Der Mann scheint schon was durchg'macht zu haben, ich möcht wohl länger mit ihm reden. Geht's nur derweil z'Haus, ick komm' bald nach. Rosi. Franz! Wenn Alles fehlscklaget, wann müßtest den hernach schon fort? Franz. Nock heut'! Wir haben nur Cr, laubniß kriegt, nochmals z'HanS zu gehn, um Abschied z'nehmen! ElSb. Heut' noch? (Zu Rosi.) Da müssen wir doch was znsammenrichten, was wir ihm mitgeben. Hanns (spöttisch). Ja, ja! richtet ihm ein weiches Federbettzeng, damit er sich's auf den Tornister schnalle. Rosi (zu Kranz). Wart' nur da auf uns, wir kommen bald wieder. Gott! die Arbeit, an die ick jetzt geh', ist die traurigste in meinem ganzen Leben! (Geht mit Slsbeth hinter der Schenke ab.) Hanns (ihnen nachsthrnd). (Kinc hübsche Dirne! (Zu Franz.) Ist's die Deinige? Franz. Ja, sie ist ein Waisenkind wie ich, wir sein alle Zwei in dem Ort aufcr» zogen; ich war früher Schafhirt, sieGausl- hüterin — Hanns. Und später habt Ihr eure Stelle vertauscht — Franz. Wie so? Hanns. Nun. sie hat mehr auf ein Schaf (indem er seine Hand auf Kranz's Schulter legt) gesehen, als auf ihre Gänse, und Du mehr auf das Gänschen, als auf deine Schafe. Franz. Na, hört's! Ihr seid's aber schon sckön grob, gleich bei der ersten Bekanntschaft. Hanns. 'S ist nur, damit Du Dick daran gewöhnst! Wenn Du mir aber so eine Geschichte weiter erzählen willst, muß ich ein GlaS Wein dazu trinken, sonst wird mir der Magen stau. (Geht zum Tische und klopft mit dem Stocke aus denselben ) Ht da ! Wein heraus! Ein Knecht (bringt bald daraus zwei Krüge). Hanns. Und ausgeschirren werd' ick Mick auch.(Lrgt sein Ränzel ab.) So! jetzt setz' Dick zu mir her (setzt sich) und seufze meinethalben fort. Franz (sich ebenfalls setzend). Wo sein wir denn steh'u blieben? Hanns. Bei Sckaf und GanS. Franz. Ja, wir Habens mit einander auf d Weid' g'trieben, unser gleich's Schick- I sal hat uns zu einand'g'zogen, unsre Herzen 12 haben sich ganz mit einander verwachsen, und jetzt muß ich fort, und sie hat Niemanden ans der Welt, als mich! Hanns. Sei froh, daß es so ist! Es wäre vielleicht dein Unglück, wenn das Mädel Eltern hatte! Franz. Aber erlaubt's mir — vernünftige Eltern—! ^ Hanns. Ha ha ha! Vernünftige Eltern wünschest Du auch noch? Weißt Du, was vernünftige Eltern thäten? — Vernünftige Eltern hätten schon längst erwogen, daß Du ein armer Teufel bist — vernünftigen Eltern wär's recht, daß Du jetzt dem Mädel ans den Augen kömmst — vernünftige Eltern sehen sich nach einem alten Goldsack.e um, den ihre Tochter heiraten müßte, und Du — Du dürftest Dir nicht nur beim Fortgehen die Augen, sondern auch beim Zurückkommen das Maul abwischen! — O, ich weiß, was das heißt: Vernünftige Eltern! (Thut einen starken Zug ans dem Weinkruge.) Franz. Ihr sagt's das so bitterbös, als wann's schon selber in einer solchen Lag' g'wesen wärts! Hanns. Hm! glaubst Du denn, diese Haare (aus seinen Kopf weisend) feien nicht anch einst schwarz, und dicß Gesicht nicht auch einmal glatt gewesen, ehe das Schicksal eine ganze Leidensgeschichte hineingegraben? Franz. Erzählt's doch — erzählt's! Hanns (finster vor sich hinstheud). 's ist im Grunde eine Dummheit, daß ich noch immer daran denke, aber wenn man in späteren Zähren erst blättert, bleiben tiefere Narben, und so geht's auch, wenn man erst als fertiger Mann in der Liebe eine unglückliche Erfahrung mackt. Ich war damals ein Mann schon hoch in den Dreißig — mein Mädel erst sechzehn Jahre alt, und dennoch schlang sie sich so fest an mich wie zarter Epheu um einen Eichenstamm, man hätte meinen sollen, 's wär' unmög lich, sie von mir loszureißen, aber — ha ha ha! sie hatte eben vernünftige Eltern! Franz. Also hat's ein' andern heiraten müssen? Hanns. Das versteht sich! Mein damaliger Herr, ein reicher Fleischhauer, der seine zwei Centner schwer war, Kupfer im Gesichte, aber Silber in der Tasche hatte, fand auch Wohlgefallen an dem Mädel — und bekam's natürlich auch! Ich war ja nur ein Knecht und ein armer Teufe! dazu! Franz Aber was habt denn Ihr hernach ang'fangen? Hanns. Angefangcn eine Menge, aber nichts mehr zu Ende geführt! — Ich hatte nirgend mehr Ruhr — wurde freiwillig Soldat — glaubte, der Kriegslärm würde mich zerstreuen — ja, wenn das so ginge! Mitten unter dem Kanonendonner klang mir ihre liebe Stimme — ihr letztes: »Leb' wohl!- noch in den Ohren! Ich glaubte, das läg' in der Luft, nahm Abschied, und durchwanderte die halbe Welt — war zuletzt sogar in Amerika — ja, nutzte was Saub'res! — Die Vögel in den Urwäldern sangen auch von ihr, und der Niagarafall erzählte mir von ihr! — 's war drüben noch weniger auszuhalten, und so — kam ich denn wieder zurück. Franz. Und denkt's noch immer an sie? Hanns. Das ist das Dumme! Zehn Jahre sind's jetzt her, und doch — meine Haare sind grau geworden, und doch! — Ja, die Lieb' und das isländische Moos wachsen auch unterm Schnee fort! Dummheit! (Trinkt wieder) Franz, (ganz verzweifelt). Gott! wann mir so was g'schehet —ich haltet's nickt aus! Ich glaub', ick ging z'Grund an Leib und Seel'! Hanns. Gegen das kann ich Dir ein Präservativ anrathen! Wenn Du Alles verliest, darfst Du doch Dich selber nickt verlieren, sonst — die Fälle waren schon da — macht eine unglückliche Liebe einen schlechten Kerl aus Dir! — Ich wär's vielleicht auch geworden, aber — Gott sei Dank! Ich da-' einen Halt in mir selbst gefunden! Franz. Aber wie mnß man denn das anstellen? Hanns. Trachte etwas zu thnn, was Dich ans Dich selbst stolz macht — Franz. Und habt Ibr so was ge- tban? — Hanns. Ja! — Und Dir sag' ich's, nicht nm damit zu prahlen, sondern damit Du Dir ein Beispiel d ran nehmest! 's war zu der Zeit, als mein Mädel schon Braut von dem Zweiccntigen war — ich war in meiner Verzweiflung hinansgeraunt ans der Stadt, in den Wald, durch welchen die Straße ins Oberland führt, dort warf ich mich nieder, und nur ein Gedanke fand Raum in meiner Seele: wenn ihn — den Zweiceiltigeu — doch der Teufel holte! — denn dann — dann hatte sich ja noch Hof. fen lasten! — Da aber hör' ich mit einem Male Hnfschläge und Wageugeraffel und Hilfegeschrei! — Ich blick' ans — da gal- loppiren zwei scheu gewordene Pferde mit einem leichtert Wagen den Waldweg herunter — er - -er saß auf dem Wagen, — die Zügel waren seinen Handelt entsunken, und die feurigen Roste eilten pfeilschnell von der Straße ab, einem Sumpfe zu, in welchem sicher das ganze Gefährt' mit dem Manne darauf versunken wäre! Schon war's, als lachte ein Teufel neben mir, und riefe: »Nur zu! nur zu!« Aber Gott weiß, welch' innere Kraft es war, die mich in dem Augenblicke aufschnellte — ich sprang hin — faßte das Handpferd beim Gebisse, und riß es zusammen! — Der Wagen stand still — der Dickwannst oben starrte mich verwundert mit verglasten Augen an — ich aber ließ ihm nicht Zeit »Vergelt s Gott!« zu sagen, sondern lief fort — tief in den Wald, und ließ mich seitdem nimmer in der Stadt sehen. Franz. Das war brav von Euch! Hanns (mit Selbstgefühl). Ja — das war's! und der Gedanke: »Ich habe meinem Todfeinde das Leben gerettet« flößte mir Respect vor mir selber ein, und wenn ich später in meiner Zerfahrenheit in Gefahr kam, selbst in den Sumpf der Gemeinheit zu stürzen, rief ich mir zu: »Halt! das darfst Du nicht thim! Du hast Dich als ganzer Kerl bewährt! halte Dich — halte Dich!« und (mit der Faust auf den Tisch schlagend) ich Hab' mich auch gehalten! Franz (hält ihm seine» Krug hin). Stoßt's all mit mir! Ihr sollt's leben! Ha Nils iwieder in seinem Mißmuthe). Ich seh' just nicht ein, zn was das nothwcndig ist! - 's macht Niemandem Freude, daß ich lebe, und Niemandem Schmerz, wenn ich einmal in die Grube fahr'! Franz. Nein, nein! — Mir »vär's jetzt schon leid um Euch! Ans Ehr ! In Anfang babt's mich völlig erschreckt, — aber jetzt — jetzt möcht' ich Euch bitten: Seid's mein Freund! (Hält ihm die Hand hin.) Hanns (stemmt sich mit beiden Armen auf den Tisch und sieht Franz lange schinrigend und prüfend an, dann). Hm! ein ehrlicher Blick — cs liegt was Gutes in dem Gesicht' — aber weich, weich wie Wachs, in dem noch Honig ist! Mußt wohl erst noch tüchtig gepreßt werden, bannt Du fester wirst — in- deß (schlägt ein) hier ineine Hand! — ich ivill's probieren. Etlfte Scene. Vorige. Rundlich. Sportel (kommen hinter der Schenke hervor). Spörtel. Aber, Herr Bürgermeister, ich begreif' Ihnen nickt! Rundl. (mit Stolz), stricht begriffen werden, das ist der Hauptcharaktrrjng aller großen Männer! Na — und ich- Spörtel. Na ja — Sie sein ein großer — aber daß Sie ganz gegen meinen Rath das thnn wollen! Lasten Sie sich nur sagen — Rundl. Schweige, Maulwurf! der zu blind ist, um das Licht meiner Weisheit 14 zu sehen! Sie reden mir lang gut, ichthu', was ich will! (Geht weiter vorwärts.) Sportel (für sich). Er behandelt mich ganz parlamentarisch! —Er will g'rad das Gegentheil von dem thun, was ick ihm rath! — Na, pnmpf nur an! Rundl. (Franz erblicken-, sehr freundlich) Uebrigens kann ich Ihnen sagen, daß sich das Rindvieh nirgends einer solchen Hochschätzung erfreut, wie hier! Run dl. (für sich). Er red't mit sehr viel Gesckäftskenntniß (gibt ihm das Wandrrbuch zurück, laut). Alles in Ordnung! Wenn Ihr keinen Platz habt, nebm' ich Euch auf, Ihr Ah — da ist er ja, mein guter, braver j gefallt mir! Franzl! ! Ha uns. Dann handelt sich's also nur Franz (steht aus. traurig). Ja, Herr'noch darum, ob Sie auch mir gefallen— Bürgermeister! da bin ick — aber nickt ich diene nicht gleich bei Jedem! mehr auf lang! — Haben s schon g'hört? i Rundl. Verdammt hochnäsig! Aber Rundl. Ja wohl— Hab' vernommen,!Ihr sollt Euch bald überzeugen, was ick daß sich das Vaterland durchaus darauf für ein Herr bin, und wie ich gegen meine capricirt, daß Du's vertheidigen sollst!!Leu:' verfahr! (ZuFranz.) Also, Franzerl! (HannS erblickend.) Aber wer ist denn das? komm'Herda zu mir! (Zhn betrachtend, lachend.) Franz (auf Hanns weisend). Das ist ein zug'reister Handwerksbursch' — auch a Fleischhacker! Rundl. Sv? hm! den könnt' ich ja jetzt g'rad' brauchen! Franz (für sich). O weh! er denkt schon d ran, mein' Platz zu b'setzen! Da wcrd' ich wohl umsonst bitten! Rundl. (zu Hanns). Hc da! aufgc- standcn! Das Armensünderg'sicht, was er macht! Mir scheint, ein besonderes Vergnügen macht Dir die bevorstehende Standesver- ändcrung just nicht? Franz. O Gott! Ich kann Ihnen gar nicht sagen, wie mir ist! Ich Hab' einmal kein Talent zum Soldaten. Spörtcl. O, sie werden Dir das Talent schon bei bringen! Rundl. (zu Spörtrl). Still sein! Ich red'! Hanns (sieht ihn verwundert an). Warum?!— (Zu Kranz 1 Schau, mir ist selber leid NM Rundl. Der hiesige Bürgermeister sichtlich! - - 's ist Scbad um deine Begabung vor Euch! !znm Fleischhacker — Dn hast bisher der Hanns. Wenn Ihnen das Stehen z^Pans sehr gute Dienste geleistet! viel ist, so setzen Sie sich! s Franz. Herr Bürgermeister! wenn Rundl. (für sich). Ein lmpertmenter 2hnen so leid ist um mich, so - so — Kerl! (Laut, barsch.) Encr ^anderbnch! s Rundl. Na, was denn »so?« Hanns. Ja - das muy ,ch Ihnen Franz. Ich ,„jch ,„md gibt ihn Franz.) Da — da — lies! Franz (nimmt den Brief, überrascht). Von der Rosi! (Erbricht ihn und liest.) »Lieb.'r Franz! »Ich bin recht kindisch gewesen, daß mich das, was Du von der Fleischhackerin geschrieben hast, so verstimmt bat. Ich seh' jetzt ein, daß Du nur arbeiten willst, um was für unsere Zukunft zu verdienen. Verzeih' mir also meinen letzten Brief; ich geb' Dir ja ganz Recht, und will's auch so machen wie Dn —« (Sprechend.) Auch so, wie ich —? Sportel (fürfich). SchamsterDiener! Franz (liest). »Eine Bekannte von meiner Mahm will mir einen bessern Dienst verschaffen, aber nickt in unserem Ort —« Sportel (für sich) Nicht in unserem Ort? Teufel! (Laut zu Hanns ) Wohin will sie denn? Hanns. Das geht Sie nichts an! Sportel. Dank für die Auskunft. Franz (liest) »Ich werd'Dir schon Nachricht geben, sobald ich ausgenommen bin — bis dahin leb' recht wohl — arbeite nicht zu viel. Ich küße Dich tausendmal und bleibe deine ewig treue Rost.« (Er bleibt nachdenkend vor sich hinsrhend stehen.) Hanns. Siehst Du, den Brief hat deine Rosi ganz allein geschrieben, und so einfach, so natürlich. Franz. Hm! Ich hätt' auch so g'schrie- ben, wenn ich nicht g'fürcht' hätt', daß sie am End' eifert. Hanns. Und wenn Dn nickt in Dir selber gefühlt hättest, daß sie Ursache dazu har. Franz. Aber Hanns! Mein' Dienstsrau ist ja älter als die Rosi, und so hübsch ist's auch nickt — Hanns Desto ärger, desto ärger! — So ist's also nur ihr Geld, was Dick an- lockt! Ja 's bat was Verführerisches für eineu armen Teufel, aber folge dem Rath, den ich Dir schon einmal gegeben habe, thu' etwas, auf was Du Dir selber etwas kittbilden kannst, schaffe Dir das Bewußt- sein: Ich hätte reich werden können, aber ich bin lieber arm und dabei ein ehrlicher Kerl geblieben! Franz (schwankend.) Za — ja — ich will's ja! Spürtet lzu Franz). Und willst damit anfangcn, daß Du ein Betrug begehst! Franz. Ein' Betrug? Spörtel. Du hast die Fleischhackerin nur dadurch bestimmt, Dir ein' Urlaub auszuwirken, daß d'versproche« hast, in ihren Dienst zu treten; wenn Du das jetzt nicht thust, so ist das ein Contractbruch — eine Niederträchtigkeit! Franz (zu Spürtet). Za, da Habens Recht. (Zurlegen). Ich weiß eigentlich nicht recht, wie ich die Sach' einleiten soll. — Sie könnten mich leicht mißverstehen (wieder ungezwungen) aber was denn? G'rad, damit's mich nicht mißverstehen, muß ich frei von der Leber weg reden, und ich kann's. Rundl. Na, Frau Kollegin, wenn wir Zwei nicht von der Leber reden könnten, wer denn sonst? Earol. Ich will nichts Unrechtes thun, aber ich möcht' auch nicht lächerlich werden. Spörtel. Lächerlich? — Na, wcnnIe- mand daran was Lächerlich's findet — das wär' wirklich lächerlich. Earol. Ich bin halt schon 26 Jahr alt, und der Franz — Rundl. Ist zwanzig — in sechs Jahren ist er also mit Ihnen in gleichem Alter! Spörtel. Und halt' sich denn die Lieb einen Kalender? Carol. Ich möcht' nur nicht gern für eine verliebte Närrin g'halten werden. Spörtel. Verliebte Närrin? o nein! Lieber Narr? o ja! Earol. (zu Spörtel). Ernsthaft, ich bitt' Sie! — Verliebt, so was man sagt, recht verliebt bin ich nicht, und (mit eimm leisen Seufzer) werd's auch nie mehr werden. Das war ich nur einmal, und beim ersten Knospen ist ein Frostwind kommen, d'rum ist's mit der Blüh' auf immer vorbei. — Aber ich sehn' mich nach ein' Menschen, von dem ich überzeugt sein könnt', daß er mich recht lieb halt'! — Schaun's, wenn ich aus meiner ersten Eh' a Kind hätt' — ich denket aus Ehr' nimmer an's Heiraten. Aber so ganz allein dastehen, gar Niemanden haben, wegen dem mich mein Rcichthnln freuet, und dem ich 's Leben damit verschönern könnt' — das ist ein ganz eigenes Armuthsg'fühl, was cin'm 's ganze Leben verlcid't. (Trocknet sich die Augen.) Spörtel. Aber daß Ew. Gnaden noch kein' solchen Gegenstand g'funden haben sollten! Carol. O ja! — ich hätt' schon. Junge Stutzer, denen ich mein Vermögen zum Verschlagen hätt' überlassen können und die am End' noch von mir a Dankbarkeit dafür verlangt hätten, daß sie mir die Ehr' erwiesen haben, mich z' heiraten. — Aber solchen sitz' ich nicht auf — dazu bin ich zu g schein Rundl. Sehr vernünftig! Wirklich, Frau Collegia, beinahe Menschenverstand. Earol. Ein Anders wär's mit dem Franz; das ist ein stiller, fleißiger Mensch und wär' ein unglücklicher Mensch, wenn ich mich nicht um ibn annehmct. — Er müßt heut' oder morgen wieder zum Militär, wo er nicht hinpaßt, und so würd' sein Lebtag nichts Ordentliches aus ihm; aber wenn ich ihn so ganz loskauset, da in mein volles G'schäft als Herrn einsetzct, ihm Alles thät', was ich ihm in den Augen ansehet — dq da müßt' er mir doch gut sein, und wenn er mich auch nur so lieb hält' wie a Bruder sei Schwester. Rundl. Ha, ha, ha! BruderundSchwester! Na ja. so schaun's ja aus die Brüder und die Schwestern! — Aber das ist Ihre Sack' — mit ein' Wort, ich seh' kein Hin- derniß — Carol. Doch! Doch! Er wird sich nicht trauen um meine Hand z'werben, und das ist's g'rad, was mir an ihm g'fallt — aber ich, als Frau, ich kann doch nickt um ihn freien! Spörtel. Warum denn nicht? Er ist eigentlich nur gemeiner Soldat, warum soll er denn nicht Gefreiter werden? Carol. (etwas unwillig). Geh'ns! Sie machen alleweil Spaß. Rundl. Und da ist der Spaß am Unrechten Ort, denn Sic möchten schon gern Ernst machen. Spörtel (nach kurzem Nachdenken). Ich — ich wcrd' den Ernst hcrbciführen — ick werd' heute noch einen Coup ausführen, der die gegenscitigeWerbcrei ganz überstüssig macht. (Steht auf.) Carol. (ebenfalls aufstehrnd, ängstlich). Aber um Gottes willen! Blamircn Sic mich uickt! Etlfte Scene. Vorige. Johann. Joh. (tritt durch eine Thur im Hintergründe ein). Gnädige Frau, es sind schon mehrere Gast' im Salon, und dann ist auch der Herr- Franz Spiller — Carol. (leicht zusammenzuckend). Er ist da! (Sich beherrschend, laut zu Johann.) Ich werd' gleich in den Salon kommen — zuerst aber führ' den Franz durch die Nebenzimmer und daun da (auf die Seitenthür links weisend) herein! Joh. Sehr wohl! (Ab durch die Mitte.) Carol. Er kommt! Rundl. Dawerd' ich mich entfernen — Carol. Nein, nein! Bleiben Sie da — sein's heute meine Gast' — Rundl. Ang'nommen! So misch' ich mich indeß unter die and're Gesellschaft — Spörtel. Thuns das. dann wird's eine sehr gemischte Gesellschaft — mir aber (zu Caroline) erlauben Sie, IhrerConferenz mit dem Franz als vermittelnde Macht beizu- wohnen. Carol. Ja — thun's das. Denn ick — ick bin wirklich so verlegen — Rundl. O, gar so verlegen sein's nicht, noch alleweil frisch und appetitlich. — Na, wünsch' gute Verrichtung — ick wart'den Ausgang jedenfalls ab. (Geht durch eine Thür iu der Rückwand ab) Spörtel (gegen die Seitenthür links horchend). Ich hör' ihn schon! Encouragiren Sie den blöden Ritter nur a bissel — ick tauch' dann schon nach! Zwölfte Scene. Vorige. Franz. Uranz (in schwarzem Anzüge mit weißer bravatte und weißen Handschuhen, einen neuen Hut in der Hand, tritt an der Seitmthür links ein — fast erschreckt für sich). Da ist's! Und so schön, wie ich's noch nie g'sehen Hab'. — OGott, o Gott! (Macht, noch an der Thür, eine etwas plumpe Verbeugung und bleibt dort stehen.) Carol. (Franz freundlich zuwinkend). Grüß Gott, Franz! Schön, daß Sie sich sehen lassen, aber was blciben's denn dort an der Thür stehen? Spörtel. Man sicht, daß er kcinTalent zum Soldaten hat, er traut sich auch jetzt nicht in's Feuer. (Geht zu Kranz, saßt ihn an der Hand und führt ihn näher gegen Carolinen ) Vorwärts! - Vorwärts! — Na, so red' doch was! Franz (sich vor Carolinen verbeugend). Madam' — Frau von — Gnädige Frau! — (Leise zu Spörtel.) So helfen'S mir dock — ich weiß nicht, was ich sagen soll — 33 Sportel (lachend). Ha, ha, ha! Da steht er, als wenn ihm'sMaul zug'wachscnwär', und sonst kann er gar nie g'nng schwärmen, wie lieb, wie schon, wie bezanbernd Ew. Gnaden sein. Franz (leise zu Sportel). Aber nicht! Spörtel (zu Carolinen). Aber er ist jetzt halt ganz paff vor lauter Glück! Earol. Es ist die Frag', ob er sich wirklich so glücklich fühlt? Franz. O, ich bitt' — Gna— Frau! Spörtel (leise zu Franz). Du bist ein Hackstock. (Laut zu Carolinen.) Wie soll er sich nickt glücklich fühlen, jetzt, wo es ihm durch Ihre Großmuth gestattet ist, in einem und demselben Atelier mit Ihnen eine und dieselbe Atmosphäre rinzuakhmen! — D Gott! wie beneid' ich ihn um den Athem! Caro!, (lächelnd). Sie schwärmen, und er selber hat noch kein freundliches Wort für mich. Spörtel (stößt Kranz in die Seite, leise). So red' doch! Franz. Ja — Gnädige Frau! — Ich — ich bin eigentlich Herkommen, um Ihnen vor Allem zum glorreichen Geburtstag zu graknlircn. Viel Glück — Gesundheit — langes Leben — alles Erdenkliche, was Sie sich selber wünschen können. Spörtel (für sich). Das ist a Gratulation! s fehlt mir noch s lrbzcltcrnc Herz! Franz (sich bereits den Schweiß von der Stirne trocknend, zn Carolinen) Vitt NM Ihre fernere Gewogenheit! Earol. Um die Haben s nicht erst z'bit- ten! Daß ich Ihnen gnt bin, das müffen's schon lang bemerkt haben, und daß ich's gut mit Ihnen mein', davon sollen Sie sich noch später überzeugen! (Hält ihm die Hand hin.) Franz O Gott — Alles zu viel! Earol. Na, so gebens mir doch die Hand! Franz (saßt ihre Hand). D Gott! gnädige Frau! Die liebe Hand! (Hüßt dieselbe wiederholt.) So weiß — so marb — so staumig! Theaitr-Neptrloirk Nr. 178. Earol. (ihre Hand in der seinigen lassend, und letztere mit ihrer andern Hand sanft klopsend). Na, so laß' ich mir's gefallen! Ich nehm den Handschlag statt ein Diensteid! Nicht wahr, Sie werden sich recht warm um s G'schäft annehmen, denn ich, als Frau, kann allein nicht überall sein. Spörtel. O, sein Ew. Gnaden überzeugt, daß er in jeder Beziehung so wirken wird, daß Ew. Gnaden den Mangel eines Herrn gar nicht fühlen! Earol. (zu Franz). Sie sollen die Ober^ aufsicht über's ganze HauS führen — die Einkänf' besorgen— die Zahlungen leisten, und dann alle Tag Abends mit mir abrechnen! Spörtel. Wanns nur dabei keine Rechnungsfehler absetzt, daß mitunter was Anders herauskommt, wenn man die Prob macht! Earol. (lächelnd zu Franz). Ich weiß eigentlich nicht, ob Sie sich gleich z'rechtfin- den werden, denn unsere Rechnungen sein groß, und Sic — ha ha ha — Sie stehen da, als ob's nicht Fünft zählen könnten! Spörtel O!er wird schon weiter zählen! Earol. (zu Franz». Nehmen Sie sich halt z samm, denn (betonend) Sie sollen auch einen Antheil am Gewinn haben. Franz. O gnädige Frau, womit verdient' ich so viel Güte ? Spörtel. Womit? (Zu Carolinen.) Er stellt sich, als ob er das nicht wüßt'! (Tritt zwischen Beide, und faßt Franz am Kinne, scherzend.) Loser Schäcker! (Leise zu Carolinen.) Nicht wahr? ein recht unschnldsvolles Ge- müth! Earol. (leise zu Spörtel, beinahe etwas unwillig). Na ja, das istAlles recht— aber — Spörtel (leise). 'S rechte ist's halt noch nicht! Lassen s mich mit ihm a bißt allein — ich werd' ihn schon weiter prä- pariren! Earol. (laut). Ja — mir scheint — es sein schon alleGäst'da—ich mußmichihnen doch zeigen! (Zu Franz.) Sie bleiben natür- 3 34 lich da, damit ich Sie später meinen Freunden vorstellen kann! Also Adieu indeß — (Zu Sportel.) Adieu! (Leist.) Curiren's ihn einmal von seiucrMundsperre! (Ab nach dem Hintergründe.) Dreizehnte Scene. (Die Portiören in der Rückwand öffnen sich, man sieht in den hellerleuchtetcn Saal, in welchem sich bereits eine große Anzahl festlich gekleideter Gäste zeigt, unter diesen: Stäuber, Pa ul ine, Fellmann, Antonie, Spullinger,Hack e l b e r g e r, D ü r r sammt Frau und Kinder.) Carvl. (tritt unter die Gäste, welche sie begrüßend umdrängen). Vier Diener (tragen, während dieß im Hintergründe vorgeht, je zwei von jeder Seite eine mit Speisen und Weinflaschen, Gläsern und anderem Servier bedeckte Etagöre heraus). Zwei andere Diener (Men auf die Tische im Vordergründe silberne Armleuchter mit brennenden Kerzen). Franz (nachdem Caroline abgegangen). Ach! ich bin ordentlich froh, daß sie uns allein laßt — denn in ihrer Näh' ist mir völlig schwindlich worden! Spörtel. So gcht's ein m immer, wenn man schnell in eine Höhe hinaufgezogen wird! Aber stärk' Dich nur! Ta schau — (auf dir Etagören weisend) diese Bufflets! Komm', laß' uns einige Tropfen nippen! Franz. Ja — darf ich denn? Spörtel. Du— ha ha ha! Du bist ja zum Nippen da! (Zieht ihn zu einer der Etageren. auf welcher bereits entkorkte Champagner- Louteillen in silbernen Eiskellern stehen.) Und Alles, was Du hier im Haus' nippst, wird so feurig und so süß sein, wie das da! Kost' nur einmal! (Schenkt zwei Gläser voll und reicht eines davon Kranz.) Franz (trinkt). Ah! wie das glüht— ich spür s gleich in allen Adern! Spörtel Zeit ist s, daß D'einmal auf- rhaust (schenkt ihm nochmals ein), Du lebendiger Eiszapfen! So einer Frau gegenüber, ich hält Dich Niederschlagen können! Franz (trinkt). Dafür haben ja Sie g'red't! und Sie — nein! was Sie für ein kecker Ding sein! was Sie gleich Alles z'reden ang'fangen haben! — mich wundert's nur, daß sie s nicht übelg nommen hat. Spörtel. Ha ha ha! Da kenn' ich d'Weiber bester! (Schenkt ihm wieder ein.) Glaub'mir, wenn dieFrau was übel g'nom- men hat, so war's nicht das, was ich g'redt, sondern, was Du g'schwiegen hast! Franz (trinkt, man bemerkt schon etwas von der Wirkung des Getränkes). Ich? — Hab' ich was Unrechts g'schwiegen? Spörtel (schenkt ihm ein). 'S Schweigen selber war Unrecht — trink Dir Courage! (Sieht gegen den Hintergrund.) Sie kommt mit den Gästen heraus! Spiel jetzt wenigstens den Galanten — Franz.Nein — nein! ich kann nicht — jetzt schon gar nicht! — der Wein! — die Hitz'! — ich redet sicher was Dumm's! reden Sie nur wieder statt meiner — nur Sie! Spörtel (rasch). Na gut, ich will reden, aber daß D' mir in nichts widersprichst! Carol. (kommt mit mehreren der Gäste heraus) Rund l. (bleibt beobachtend im Salon an einer Thür stehen.) Carol. (zu Spörtel und Franz). Die Herren steh n noch immer allein da? Ich muß sie doch mit meinen Gästen bekannt machen. Franz vorstellevd.) Herr Franz Spiller, mein künftiger Geschäftsführer — (auf Spörtel weisend) der Herr Gemeindebeamte Spörtel — (Gegenseitige Verbeugungen.) Carol. (Stäuber vorstellend). Herr von Stäuber, Bäckermeister, und seine Frau — Spörtel. Freut mich, einen um die Nahrung des Vaterlandes so hochverdienten Mann kennen zu lernen — Carol. (weiter vorstellend). Herr Fellmann, Lederhändler — Spörtel. Freut mich, einen in allen Fellen so bewährten Mann kennen zu lernen! 35 Carol. Herr Erpeditor Dürr — Spörtel. Freut mich — (für sich) Ich weiß eigentlich nickt, warum ick mich freu', aber ich freu' mich halt in ein' fort. Carol. Das ist seine Frau und seine lieben Kinder — Spörtel. Alle Ihre Kinder, Erpc- ditor? — Freut mick — (für sich) Nein — er ist Beamter, und da schauet die Freud' über so viel Kinder wie Schadenfrend' aus! Carol. Die Kinder Hab' alle ich aus der Tauf' g'hoben. Spörtel. Der Herr Erpeditor wird nicht ermangeln, Ihnen gleiche Gefälligkeit zu erweisen. Die Diener (präscntiren auffilbernen Tassen gefüllte Champagnergläser). Dürr. Ah — Champagner! Der mahnt uns an die süßeste Pflicht, die uns heute zu erfüllen obliegt? Meine Herrschaften! wollen Sie sämmtlich die Gläser zur Hand nehmen! (Es geschieht.) Dürr (ein Glas erhebend). AufdasWohl unserer liebenswürdigen Wirthin! Alle. Sie soll leben! (Drängen sich zu Carolinen und stoßen mit ihr an.) Spörtel (leise zu Franz). Aber was stehst denn so da? Siehst nicht, daß Alle anstoßen? Sei doch auch anstößig! bring' ein'» Toast aus! Franz (leise). Ein'n Toast? was ist das ? Spörtel (leise). Ick werd' Dirn schon souffliren! Nur hin zu ihr! (Schiebt ihn gegen Carolinen.) Franz. Gnädige Frau! — Sie — Sie erlauben! Carol. (heiter). Na, so kommen's nur her, lieber Franz! (Hält ihm ihr Glas entgegen) Spörtel (sehr laut). Ich bitte um eine gehobene Stimmung! (Zu der Gesellschaft.) Belieben! (Bringt sie in einen Halbkreis. ) So! Der Herr Spiller bittet um s Wort! Franz (für sich). 3ck bitt' um s Wort? Schon nöthig. denn ich weiß kein Wort! Spörtel (hinter Franz tretend, leise). Red' nur nach! (Soufflireud.) Sic lebe hoch für alle Zeit — Franz (nachsprechend). Sie lebe hoch für alle Zeit — Spörtel (soufflireud). Sie, der mein Leben ich geweiht! F r a N z (mechanisch nachsprechend). Sie, der mein Leben ich geweiht! Alle (erstaunt). Was hören wir? Carol. (erfreut). Franz! was Haben s g'sagt? Franz (verwirrt, leise zu Spörtel). Hab' ick was g'sagt? Spörtel (leise). Jetzt niederknien! nie- dcrknien! (Zieht Kranz so am Frackschooße, daß dieser vor Carolinen in die Knie finkt, für sich) Liegt schon da. Carol. Franz, Sic zu meinen Füßen?! Spörtel. Jetzt kommt mein Toast! (Sein Glas hoch erhebend.) Hoch das Brautpaar! hoch! Alle. Hoch! hoch! Carol. (Franz emporziehend). Aber so steh us doch auf! (Hält ihn mit einem Arme umschlungen.) Franz (für sich). Ich weiß gar nicht, wie mir g'schieht! Vierzehnte Scene. Vorige. Johann, Hanns, Rosi. Ioh. (öffnet die Seitenthür links). Hanns und Rosi (treten ein). Ioh. Nur herein, die guä Frau hat ausdrücklich befohlen — Rundl. (welcher während der früheren Scene aus dem Salon herausgetreten war erblickt Rosi, überrascht ausschreiend). Ha — die Rost! Franz (sieht sich rasch um, gleichfalls überrascht). Rost! Rosi (auf s Höchste überrascht). Franz! Du — dahier?! (Will auf ihn zu.) Carol. (erstaunt). Was soll denn das? Hanns (mehr vortretend). Sie haben ein Dienstmäd (Sieht Caroliuen in s Gesicht, die Stimme versagt ihm, einen Schritt zurücktrrtend.) Madam' — Sie? — Gott! — Carolin! Earol. (ihn ebenfalls ersinnend). Gott im Himmel! — Hanns! — (Wankt, einer Ohnmacht nahe.) Einige Gäste (unterstützen sie). Franz (will aus Rofi zu). Rost! Rnndl. (eilt zwischen Franz und Rosi vor, der letzteren Hand fassend). Her zu mir! (Zu Kranz.) Bleib' bei deiner Braut! Hanns (sich kaum fassend). Die (auf Caroline weisend) seine Braut?! Und (Rundlich erblickend) der auch hier? — Komm', Rosi! Da ist unsers Bleibens nicht! (Eilt zu Rofi. stößt Rundlich zur Seite.) Fort! fort von da! (Macht sich durch die Menge gewaltsam Platz und eilt durch die rückwärtige Thür ab.) C a r 0 l. (sich erholend, ihm nachrusend).) ^ Hanns! bleib'! /U Franz u. Rundl. (ebenfalls nach-t Z" rufend). Rosi! — bleib'! f ^ (Allgemeines Erstaunen der Gäste. — Schlußgruppe (Der Vorhang fällt.) " Dritter Äct. (Hofraum eines Einkehrwirthshauses in der Stadt — im Hintergründe eine Mauer mit breitem Ein- sahrtsthore, rechts eine große Wagrnremise, in welcher man eine kleine Landkalesche stehen sieht; ferner das Stallgebäude mit offener Thür, links das Wohngebäude mit zwei Lhüren, von welchen die eine zur Stiege, die andere in die Gaststube führt; vor letzterer steht ein Baum, unter demselben rin Tisch mit einer Bank und Stühlen ) Erste Scene. Barthel. Mehrere Knechte und Fuhrleute — dann Rundlich — Sportel. Knechte n. Fuhrleute (tragen Heu und Wasserkübel in den Stall). Barthel (ist mit dem Reinigen des Wagens beschäftigt). Rundl. (kömmt mjr Sportel ganz erschöpft durch die Einfahrt herein; zu Barthel) Heda! Hausknecht! Barthel (sich umschend). Schaffen? Rundl. Ist der Knecht, der heut' Früh mit mir da ein'kehrt ist — der Hanus'— noch nicht nach Haus kommen? Barthel. Hab' ihn noch mit kein' Aug' g'sehcn! Sportel. Wo sich nur der Lump herumtreibt? — Und die Rofi schleppt er auch mit -sich! Rundl. (wüthend). Die Rosi! Diese undankbare Creatur! Sie ist dahier in der Stadt, ohne daß ich, ihr Vormund, was weiß — Sportel. Will dahier in ein' Dienst einstehen! Rundl. Nicht unterstehen! — Ich war schon beim G'richt, Hab' die Anzeig' g'macht, und die Sicherheitsorgane aufgefordert, daß sie den Hanns und die Rosi, wo sie ihrer habhaft werden, sogleich aufgreifen und an mich einliefern — todt oder lebendig — ist mir alleseins! Sportel. Ho ho! Der Hanns kann meinetwegen todrer kommen, aber die Rosi brauchen wir lebendig! Rundl. Sie mnß heut' noch mit mir hinaus nach Strobelsdorf — den Hanns aber jag' ich davon! Sportel. Aber bevor's ihn davon jagen, müssen's ihn erst halben! Rundl. O, er muß kommen! Ich Hab' ja seine Papiere — sein' Paß, und wenn er den holt, geb' ich ihm den Laufpaß, und (seinen Stock schwingend) noch was als Abfertigung! O, ich werd' fürchterlich sein in meinem Zorn! — ich bin in einer Stimmung — in einer Stimmung, sag' ick Ihnen —! Sportel (steht durch das Einfahrtschor gegen die Straße). Ha — da — da schann's hin! Rundl. (ebenfalls hinsehend). Meiner Seel'! — da kommt er — und die Rosi! Sportel. Na, jetzt können's gleich los- legcn—wcil's just in einer Stimmung sein! 37 Rundl. (etivaS ängstlich dm Kommenden rntgegeusrhend). Aber mir scheint, er ist auch in einer Stimmung! — schaun's nur das G'sicht an, was er macht! Sportel (ebenfalls ängstlich). Und den fatalen Stock hat er auch bei sich! Run dl. Da ist nicht gut mit ihm zu reden — er wird gleich so gemein; — und ich als Bürgermeister darf mich nicht so von meinem Zorn Hinreißen lasten! Sportel. Ja, wir sind noch zu sehr außer uns — (aus die offene Stallthür sehend) da — der Stall ist offen, schauen wir, daß wir erst zu uns kommen! (Zieht Rundlich mit sich in die Stallthür hinein.) Zweite Scene. Vorige. Hanns, Rosi (später ein Kellner). Hanns (kommt, heftig aufgeregt, sich ans 'einen Stock stützend, während Rosi, ganz gebrochen, an seinem Arme hängt). Da sind wir wieder! Kaum Hab' ich den Weg hieher gefunden! — wir haben uns weit weg verirrt! kein Wunder! Vor meinen Angelt drehten sich alle Häuser und Gassen im Kreise herum! Rosi. Laßr's mich nur niedersetzen - mich tragen meine Fuß' kaum mehr! Hanns. Ich glaub' Dir's, Du armes Kind! Man tragt nie schwerer, als wenn man Alles verloren hat! Na — setze Dich nur illdeß hieher! (Führt sie zu dem Tische und läßt sie ans die Bank niedersehrn.) Rosi (bleibt mit gesenktem Haupte, die ge« saltenen Hände im Schooßr, für alles liebrlge gänzlich theilnahmsloS, fitzen) Hanns (auf und niedergehend und vor sich hiusprechend). Ich weiß am besten, wie dein Mädel ist, denn mir war's ja auch einmal so! — Ich wollte nicht mehr an sie denken! — Hatt' es in letzter Zeit auch schon so weit gebracht, daß ihr Bild nach und nach in meiner Erinnerung verblaßte — und nun — nun erscheint sie leibhaftig wieder vor mir! (Bleibt vor fich hinstarrend stehen.) Rundl. u. Sportel (schleichen wieder andern Stalle heraus, drücken fich aber gleich an die Mauer im Hintergründe). Sportel (leise). Er halt' ein Selbst- discurs! Rundl. Um so besser — so bemerkt er uns nicht! Hanns (für fich). Hätt's nicht gedacht, daß mein Blut noch so aufkochen könne — in mir jagt und braust es! — Nah' an fünfzig — und noch immer — ! (Stößt seinen Stock heftig gegen den Boden ) Dummer Kerl! Sportel clkist zu Rundlich). Mir scheint, jetzt hat er ein'von uns bemerkt! (Zieht fich mit Rundlich noch inehr zurück.) Hanns (fährt sich mit der Hand über die Stirne). Aus dem Kopfe mit den Gedanken! (Wendet fich und erblickt einen in der Thür der Gaststube stehenden Kellner.) Bringt mir Wein heraus! Der Kellner (entfernt fich, kömmt aber sogleich wieder mit einem Weinglase, welches er auf den Tisch stellt, dann ab). Hanns (setzt sich neben Rosi auf die Bank). Rosi! Wir haben nun Manches ernsthaft zu besprechen! Rundl. (leise zu Sportel). Ich bin neugierig, was er für neue Plän' hat — (Beide schleichen etwas näher und horchen.) Hanns (hat einen Zug aus dem Glase ge- than, dann zu Rosi). Mit dem Platze, den Dir die Freundin seinerMuhme, dieDienst- vernüttlerin verschaffen wollte, ist's nun nichts! Rosi. Daß der Dienst g'rad in dem Haits hat sein müssen! Hanns. Ich wußte wohl, daß wir den Franz dort treffen würden, denn seine Kameraden hatten mir dasselbe Haus bezeichnet, aber den Namen der Hausfrau nicht genannt, und ich hatte auch keine Ahnung, daß sie seit dem Tode ihres Mannes sich hier etablirt habe! (Trinkt wieder) Also vorbei mit dem! —Es muß auf etwas Anderes gedacht werden! Rosi. Mir ist's jetzt schon alleseins, was mit mir g schieht! 38 Hanns. Aber in dein Dorf zurück willst Du doch nicht mehr? Rosi (ängstlich). Nein — nein! Nur das nicht! — Mein Vormund wird immer zudringlicher mit seiner Lieb' — oft auf so unverschämte Weis — Spörtel (leise zu Rundlich, ihm mit dem Finger drohend). Sehen Sie! Schöne Sachen, die man da von Ihnen hört! Run dl. (leise). Halten Sie's Maul! Rosi. Und nicht er allein! Wenn ich auf der Weid' draußen bin, kommt wieder der ekelhaste Ding, der Amtsschreiber — Run dl. (sich erstaunt gegen Spörtel wendend, leise). Wa as?! Spörtel (leise). Geh'n wir weiter! Wir hören da nichts G'scheit's! Rundl. (leise, Spörtel festhaltend). Nichts da! Dageblieben! Hanns. Also der Schurke, der Spörtel, auch? Rosi. O, der ist noch arger als der Bürgermeister! Rundl. (leise). Verfluchter Kerl! Rosi. Er schimpft immer über ihn, warm mich vor ihm, aber er selber ist von einer Frechheit — Rundl. (packt plötzlich Spörtel beim Kragen und schüttelt ihn derb). Lump! elendiger! Spörtl (laut aufschreiend). Auweh! loslassen! Hanns u. Rosi (fahren beide zugleich von ihren Sitzen aus). Was ist —? Rosi. Mein Gott! — Da sein's — alle Zwei —! Hanns (zu Rosi). Fürchte nichts! Zch bin da! Rundl. (sich erbittert gegen Hanns wendend). Aber ich — ich bin auch da! Spörtel (seine Toilette wieder in Ordnung bringend). Mich beuteln! — Mich einen Lumpen heißen!j (Zähneknirschend für sich.) Ha — Rache! Rundl. (zu Rosi). Rosi! Pflichtvergessene Ausreißerin! — her da zu mir! Rosi (ängstlich zu Hanns), llm Gottes willen! verlaßt's mich jetzt nicht! Hanns (leise zu Rost). Nur ruhig! Wir wollen erst hören, was er will! Rundl. (zu Rosi). Ich frag' Dich jetzt, ob Du gutwillig Dich gleich auf mein' Wagen aufsetzen und mit mir hcimfahren willst? Hanns (leise zu Rosi). Hm! Vor der Hand läßt sich wohl nichts anders thun — ich muß heim, und allein kannst Du docb nicht in der Stadt bleiben! (Laut zu Rund- lich.) Gut! sie fährt mit Ihnen, aber ich fahre mir — Rundl. Du fährst ab! Hanns. Was?! Rundl. Wir sein g'schied'ne Leut' — ich sag' Dir den Dienst auf, und folglich hast Du in Strobelsdorf nichts mehr zu thun! Du bist dort nicht zuständig — mir nicht anständig, und wir dulden im Ort keine unterstandslosen Vagabunden! Hanns (losbrecheud). Vagab- (Erfaßt ein Weinglas.) Noch einmal das Wort, und das Glas fliegt Ihnen an den Kopf — Rundl. (zurückprallend). Ha! er atten- tatet! Spörtel. Schon recht! Nach Ihrem Kopf muß Alles geh'n — auch's Weinkrügel! (Für sich.) Nur Rache! Hanns (sich wieder mäßigend). Nein — 's wäre Schade um das Glas! (Stellt es wieder aus den Tisch) Rundl. Also, Rost, keine Umständ'! ich laß' einspannen — aufsitzcn! Rosi (in tödtlicher Angst) Jetzt, wo bald d'Nacht hereinbricht, mit ihm allein nack Haus fahren! — Nein — nein! ich thu's nicht! Spörtel (schadenfroh für sich). Sic sitzt ihm nicht auf! Rundl. (zu Rost). Bring' mich nicht auf's Aeußerste! — Ich nehm' Dich mit G'walt fort! (Will aus Rosi zugehen.) Hanns (faßt seinen Stock, bleibt aber, ohne ihn zu schwingen sondern nur mit demselben spie- 39 lend zwischen Rundlich und Rost stehen, den ersteren dabei bedenklich ansehend). Rundl. (wieder stehen bleibend, für sich). Er bat eine so g'fahrliche Spielerei in der Hand! — Allein richt' ich nichts aus. (Zu Spörtel.) Geh'n wir in Compagnie über ihn. Spörtel. O nein, haben Sie mich früher nicht als Compagnon wollen, beim Hanns mag ich nickt. Ich beobacht' die strengste Neutralität. Rundl. (zu Spörtel). Sie wollen nicht? Gut — so soll das Gericht mir beistehen! Rosi (erschreckt). Das G'richt?! Rundl. Ja — ich Hab' schon die An- zeig' g'mackt — und da — (sieht gegen die Einfahrt) ha, da kommt schon der Wächter! Dritte Scene. Vorige. Blacker. Black er (kommt, ein Packet Zustellungs- acten in der Hand tragend, links durch das Einfahrtthor). Rosi (erschreckt). Wirklich, der Wächter! Rundl. (zu Macker). He da — guter Freund! Blacker (vorwärtskommend und, an den Hut greifend). G'borschamer Diener! Rundl. Ihnen Hab' ich schon g'sehen, wie ich aus'n G'rickt war, wegen mein' Knecht, dem Hanns. Blacker. Hanns Stollner? Rundl. Ja, ja, sauf Hanns weisend) da ist er! Blacker (achtungsvoll salutirend). Ah, Herr von Stollner, G'horschamer Diener! Rundl. (zu Macker) Ja, was macken's denn für Complimenter vor dem Kerl — meinem ehemaligen Knecht? Blacker. Kerl? — Knecht? — Ja, g'horschamer Diener! (Zu Rundlich.) Aber ich Hab' jetzt nicht Zeit, mit Ihnen z'reden, meine Mission geht an Herrn von Stollner. Hanns. Herr von? — Wollen Sie sich mit mir einen Spaß erlauben? Blacker. Bitte — bitte! — Ich Hab' die Ehre Ihnen vom Herrn Gerichtsratb diese Vorladung zu überreichen! (tlebergibt ihm eine Zuschrift.) G'horschamer Diener! Hanns. Eine Vorladung an mich? (Eröffnet die Schrift und liest) »HerrHanns Stollner wird ersuckt, behufs einer wichtigen Mitteilung sich morgen den 28. im Bureau des Unterzeichneten einzufinden.« (Verwundert.) Wichtige Mittheilnng? — Da wüßte ich dock nicht- Blacker. So weit die amtliche Zuschrift — privatim laßt Ihnen der Herr Gerichtsratb aber sagen, daß es ihm noch angenehmer war', wenn Sie in derselben Angelegenheit noch heut' Abends in Hans von der Frau von Hornschlag — Hanns (auf's Neue überrascht). Der Frau Hornschlag —?! Blacker. Wiffen's, das ist die reiche Fleischhackerin. HannS. Ich kenne sic — kenne sie — aber in ihrem Hause war ich heute und nie mehr! Blacker. Nie mehr? — Hahaha! Hanns (verletzt). Sie lachen? — was wissen Sie —? Blacker. Was ich weiß? Hahaha! G'horschamer Diener! Hanns (ungeduldig). So sprechen Sie! Blacker. Darf nicht! Wenn der Herr Rath erfahret, daß ich ausgeplaudert Hab', g'horschamer Diener! — Aber das kann ich Ihnen sagen, daß die Frau von Hornschlag selber beim Herrn Rath war, und daß sie selber wünscht, daß die ganze Sack' früher in ihrem Haus besprochen wird. Hanns. Wie soll ich nur das verstehen? — Sie? Sie —? Blacker. Ja, sie hat mir zehn Gulden versprochen, wenn ich Ihnen beweg', daß Sie heul' noch zu ihr kommen! — Also schau'ns, Herr von Stollner! morgen müßten's doch mit ihr auf'n Ratbhaus z'sammtreffen. Hanns (etwas aufgeregt). Hm! 's ist wahr! — und wissen möcht' ich doch lieber 40 heute noch als morgen — also gut — gut, — ich komme! Blacker (erfreut). G'horschamer Diener! Hanns. Gleich jetzt geh' ich hin! Rosi. Aber was fang' denn ich derweil an? Hanns. Du? — Du gehst mit mir! Run dl. Halt! — (Zu Blacker.) Herr Wächter! Ich fordere Sie auf, diese meine mir durchgegangenc Mündel zu zwingen, mir zu folgen. Blacker. Was, durchgangen? (Zu Rosi.) So Eine sein Sie? Hanns. Ja, sie ist ihm entfloh'n, weil sie vor den Zudringlichkeiten dieses alten Wüstlings Schutz finden wollte, ich Hab' ihr diesen versprochen, und werd's verantworten! Blacker. Sie, Herr von Stollner? (Sich verneigend.) G'horschamer Diener! (Barsch zu Rundlich.) Also so Einer sein Sie! Und ich — ich soll Ihnen noch das arme Wezserl in d'Hand liefern? — G'horschamer Diener! Rundl. Aber, Hören s doch nur mein Recht — Blacker. Wenn Sie ein Recht zu haben glauben, können Sie's bei unser'm G'richt allweil suchen — aber ohne Urtheil keine Erecution. Rundl. (für sich, wachend). Da richt' ich auch nichts aus! Aber (zu Blacker) ich wend' mich an ein' G'scheitern als an Sie — ich geh' zur Frau von Hornschlag, dort treff' ich den Gerichtsrath, der wird mir zu mein'Recht verhelfen, und dann — zittert, bebt vor mir! Mt nach dem Hintergrund links ab.) Blacker. Er ist fort, und ich empfehl' mich jetzt auch. Die Thätigkeit des Amtes hat sich wieder sehr ersprießlich bewiesen! — ja—wenn unsereins nicht wär', — g'horschamer Diener! (Ab.) Hanns (zu Rost). Also komm' jetzt — aber (sich besinnend) meine Zeche muß ich krst zahlen. (Zieht seinen Geldbeutel heraus und legt Geld aus den Tisch.) Sportel (für sich). Der Wächter war so devot gegen den Hanns — hm! 's ist wohl nur ein Wächter, aber aus dem Knochen, den der Hund im Maul hat, laßt sich entnehmen, was die Herrschaft für ein' Bratet hat. — Ich darf's mit dem Alte« nicht verderben. Hanns. So — das wird genug sein. (Will mit Rofi fort.) Komm'! Sportel (jhm in den Weg tretend). Herr von Stollner —! Hanns (barsch). Was soll's! Sportel. Vergessen wir alles Borge- fallene — ich biete Ihnen meine Freundschaft — meine Hilfe an. Hanns. Für Ihre Freundschaft dank ich Ihnen und auf Ihre Hilfe steh' ick, Gott sei Dank, nicht an! Spörtel. Hm, wer weiß's! Was sagt'« Sie z. B, wenn ich Ihnen ein Mittel an die Hand gebet, dem Herrn Bürgermeister die Vormundschaft über die Ron ganz abzunehmen? Hanns. Was? — das könnten Sie? Nun — haraus damit Spörtel. Jetzt nicht, aber wenn er in's Haus von der Frau von Hornschlag kommt, dann werd' ich auch dort sein, und dann will ich reden, peroriren, drmonstri- ren, plaidiren, daß Alles ausrufen soll: Ha, das nennt man Blödoje! Hanns. Nun gut — gut! Wenn Sie das wirklich vermögen, dann soll Ihnen Alles verziehen sein! Aber jetzt will ick keine Zeit verlieren. Komm', Rosi, — wir gehen. (Ab mit Rofi.) Vierte Scene. Spörtel (allein).^ Mir geht's vor, der Hanns erlebt heute noch was Bedeutendes — muß etwas Großes im Anzug' sein, denn es ist durch historische Beispiele bewiesen, daß wichtigen Ereignisse» immer außerordentliche Erscheinungen in der Natur vvrhergehen, 41 und das war heut' der Fall. — Ein Grundwachter war höflich! — Solche Zeichen trügen nie! — Na — wenn's nur was Gut's bedeut — ewigen Frieden, oder recht große Fruchtbarkeit der Felder — obwohl wir in dieser Beziehung uns ohnehin nicht zu beklagen haben, denn wenn man einen Rückblick auf das verflossene Jahr wirst, so findet man immer nur Veranlassung auszurufen: Na — das war Heuer ein gesegnetes Jahr! Couplet. Franzosen sein kommen nach Wien, Doch nicht in ein' feindlichen Sinn; Der Eine kommt mit ein' Ballon, Der fliegt von der Stell' nicht davon; Der Andere die Leute damit quält, Daß er gar nichts tbut als erzählt Zwei Stund' — und von sich nur allein — Langweilige Plauderer sein Zn Wien g'nug — jetzt kommen's von Frankreich sogar — Za, wir haben halt Heuer a g'scgnetes Zahr. Zn Anfang ist g'jammert worden schon: Wie zahlen wir unsere Coupons, Weil's schwer mit dem Anlehen geht; Auf einmal, es wird nit viel g'red't, Wird doch gezahlt, was es auch wär' Und's weiß jetzt kein Mensch mehr woher, Doch so viel muß sicher doch sein, Das Leut' gibt, die uns noch was leih'n, Es wächst und gedeiht unsrer Gläubiger Schaar — Za, wir haben balt beuer a g'scgnetes Jahr. Ein Land hat für mich so viel Reiz, Die schöne romantische Schweiz! § Er lebt dort ein freies Geschlecht, j Und gleich steht der Herr und derj Knecht! Doch letzthin, so Hab' ich wo g'lesen, Zst's doch auch der Fall dort g'wes'n, Daß Einen, der sich hat verirrt, Hab'n a posteriori tractirt! Zn der Schweiz wachsen d'Haslinger? Warum nit gar! Za, wir haben halt Heuer a g'scgnetes Iabr. Die Künstler wollen bauen ein Haus, Kaum graben den Grund sie noch aus. So finden's, ach, das is a Freud'! Dort Schätze aus uralter Zeit, A ganzes Capital — ja 's ist gewiß — Doch von einer Säulen nur is's, Die wird nun entnommen der Erd', Der Wiener Gemeinde verehrt! Wenn d'Künstler verschenken Capitale sogar, Dann haben wir halt' g'wiß a g'segnc- tes Jahr. 's gibt Vorstädt, die sein so entleg'n, Daß dort nie was Rechtes kommt z'wegen, Auch sein in der Bildung die Leut' Hinter'n Städter zurück noch sehr weit; Dock jetzt, wer hätt' das g'dacht, Wer'n ernstliche Anstalten g'macht. Daß dort, wo die Wäsedermadel'n sein, Holzscheider und Schiffsknechte kehren ein; Am Thury draußt blüht's seine Lustspiel sogar; — Za, wir haben balt Heuer a g'segnetes Jahr. Sonst hat eine Schauspielerin, Wenn's ist engagirt wor'n nach Wien, Ein b'sonder's Garderob'geld begehrt, Daß's anzogen sein kann, wie sich's g'hört: Doch jetzt ist es gar nickt mehr so, Sie braucht nichts als a paar Tricots, Ein recht dünnen Schleier sodann. Sonst nichts anzieh'n — g'rad' das zieht an, 42 Und fufzigmal geht dann das Stück oft sogar. Ja, wir baden halt Heuer a g'segnetes Jahr. Es steht fast in jedem Journal: »Gesucht wird ein großes Local, »Das jetzige ist viel zu klein, »So stark thut der Andrang schon fern, »Jcb frag': Gilt's ein' Saal zu ein'm Zest^ »O nein, 's ist der iLchuldenarrest, »Der hat gar nicht Zimmer genug. » Denn täglich mehrt sich der Besuch.« D'rum rickt' man dazu a Kasern ein sogar, Ja, wir hab'n halt Heuer a g'segnetes Jahr. Ich Hab' mit ein' Arzt letzthin g'redt Neber Zustände der Sanität, Ich frag' ihn, thut's wirklich so sein, Daß d'Friedhöf auch werden zu klein. »Versteht sich,- sagt' er, »had'ns nit g'lesn. »'s ist ja die Verhandlung erst g'wes'n, »Zur allgcmein'n Ruhestätt' g'weiht, »Wir jetzt die ganze Simm'ringerHaid'! »Ob's groß genug ist, daran zweifle ich zwar, »Denn wir Aerzte haben oft so a g'segnetes Jahr.« Ein Capitalist hat sich g'sehnt, Bald einz'streichen sein' Dividend, Auf einmal, da wird publicirt: »Die Auszahlung, sie ist sistirt!« Da wird er im G'sicht todtenblaß, Das Ding geht ihm doch über'n Spaß; »Wie heißt?« ruft er. »heißt ä Credit! »Die Aktien, was thu' ich damit! »Kein' Abschlag, und kein' Dividende sogar. »Da haben wie »nebbick« ä g'segnetes Jahr.« (Ab.) Fünfte Scene. Verwandlung. (Gartensalon der Caroline Hornschlag, elegant eingerichtet, rückwärts durch eine Glaswand vom Garten getrennt, in letzterer eine Thür, rechts und links im Salon Seitenthüren. Im Vordergründe rechts ein Tisch und ein Livan, links ein kleineres Tischchen und ein Fauteuil; es ist anfangs dunkel.) Johann. Hanns. Rosi. I 0 h. (einen Armleuchter mit brennenden Kerzen in der Hand, tritt zuerst durch die Mitte ein). Hanns u. Rosi (folgen ihm). Joh. (zu Hanns) Die gnädigeFrau laßt bitten, Sie möchten dahier sie erwarten. (Stellt den Leuchter aus den Tisch.) Tie hat eigentlich nur (zu Hanns) Sie allein erwartet — Hanns (aus Rosi weisend). Diese soll auch bei unserer Unterredung nicht zugegen sein; wollen Sie daher das Mädchen indest in eine Stube führen, wo es aber von Keinem der Hausleute gesehen wird. Joh. (zu Rosi). Na. dann geh' die Jungfer nur in dasCabinet, da kommtNiemand hinein. (Auf die Scitenthür links weisend.) Rosi. Wann's erlauben. (Zu Hanns.) Aber laßt's mich nur nicht z' lang auf Euch warten. Hanns (sie m das Seitenzimmer führend). Sei ohne Sorge! Ich werde hier bald zn Ende sein. Rosi (ab). Joh. (zu Hanns). Nehmen Sie nur in- deß Platz — ich werd'Sie sogleich melden. (Ab nach rechts.) Hanns zallein). Was sie mit mir allein zu sprechen haben mag? Und wie soll ich mit ihr sprechen? Wie einst? — Das geht nicht mehr. Im Herbste rauscht das Laub 43 nicht mehr wie im Frühjahre. — Hm! Ich will abwarten, welchen Ton sie an- schlägt! Sechste Scene. Hanns. Caroline. Johann. Carol. (tritt rasch aus der Seitenthür rechts, bleibt aber, Hanns erblickend, mit einiger Beklemmung stehen und bedeutet dann Johann, sich zu entfernen). Joh. (ab durch die Mitte) Carol. (geht noch einen Schritt vorwärts, bleibt aber, um die Ansprache verlegen, wieder stehen). Hanns (verneigt sich schweigend) (Kurze Pause.) Carol. (fasst endlich Muth und hält Hanns ihre Hand entgegen, mit herzlichem Tone). Hanns! Hanns (mit gepreßter Stimme). Frau von Hornschlag! Carol. (verletzt). Du nennst mich »Frau von«? In den dreiWorten liegt ein ganzes Buch voll Bitterkeiten und Vorwürfen! — Du thust mir reckt weh. (Wendet sich ab.) Hanns. Mir that das »Du« aus Ihrem Mund und in unserer jetzigen Stellung weh. Carol. Ich hätt' mir unser erstes Wiedersehen anders gedacht. Hanns. Hm! Ich auch. Carol. Du — (sich verbessernd) oder Sie, weil Sie's schon so haben wollen, wissen, daß ich jetzt Witwe bin — Hanns. Vielleicht wäre ick Ihnen anders entgegengctreten, wenn ich Sie nur als Witwe getroffen hätte, aber ich traf Sie als — Braut — die fick einen Mann kauft. Carol. (tief gekränkt, beinahe auffahrend). Kauft? (Sich beherrschend ) Dock, ick verzeih' Ihnen, Sie wissen nickt, wie's kommen ist. Ja, der Franz hat mir g'fallen, ich war ihm gut, aber nie wär's so weit kommen, wenn mir nicht and're Leut' versichert hätten, daß er für mich schwärmt und nur durch eine Verbindung mit mir glücklich werden könnt'. Hanns. Und Sie glaubten dieß? — (Tritt zu ihr und faßt ihre Hand.) Waren Sie glücklich durch Ihre Geldheirat? Aufrichtig, waren Sie glücklich? Carol (schweigt). Hanus. Sie antworten nicht? —Sonst heißt es: »Wer schweigt, bejaht.« Aber Ihr Schweigen, und dazu das feuchte Aug' ist ein tausendfaches »Nein!« Carol. Ich will mein' Mann im Grab' dadurch keineVorwurf' machen, er war ein guter braver Manu, und wann ich damals nickt die Lieb' zu — zu ein' Andern im Herzen g'habt hätt', war' ick vielleicht mit ihm glücklich g'weftn. Hanns. Und doch glauben Sic, daß der Franz jetzt mit Ihnen glücklich werden soll, der Franz, der auch ein ganz anderes Bild im Herzen hat, als das Ihre. Carol. (befremdet, rasch) Was sagen Sie? Wer ist — Hanns. Sie fragen? Hörten Sie denn nicht seinen Aufschrei, als das neue Dienstmädchen vor ihm erschien? Carol. Na ja — aber später hat er mir g'sagt, es war' nur dieUebcrrasckung gewesen, weil sie seine Landsmannin war' — Hanns. Dann bat er ans Furcht seine Liebe verläugnet, wie einst Petrus den Herrn. Damals krähte der Hahn. In unserer Zeit ist aber das, daß die Leute aus Furcht, aus Rücksichten ihr Heiligstes ver- läugnen, schon etwas so Gewöhnliches, daß jetzt kein Hahn mehr darnach kräht. Carol. (rasch). Sckaffen's mir die Ueber- zeugung, daß 's wirklich so ist. Hanns. Wollen Sie? Das ist leicht. Ich habe das Mädel mitgebracht — da drinnen ist sie — lassen Sie dcnFranz mit ihr allein zusammenkommen und hören Sie zu, was er mit ihr spricht. Carol. (entschloss^). Ja, das will ick! Schicken's das Mädel heraus, sobald der Franz allein da ist. Hanns. Gut, gut! (Kür sich.) Wie der 44 Franz sich benehmen wird, kann ich mir denken, aber wir sie (auf Caroliae» blickend) sich dann benehmen wird, darauf bin ich neugierig. (Ab in die Seitenthür links.) Siebente Scene. Caroline. Johann. Dann Kranz. Carol. (geht zum Tische und klingelt). Ioh. (tritt ein). Befehlen? Earol. Rufe mir den Franz. Ioh. Er ist ohnehin im Garten. — (Tritt zur Gartenthür und ruft hinaus.) Herr Spiller! Die gnädige Frau wünscht — Earol. (für sich). Jetzt nur gar nichs merken lassen. Ioh. (läßt Kranz eintreten und entfernt sich dann). Franz (in dessen ganzem Wesen eine große Niedergeschlagenheit bemerkbar ist, tritt ein). Sie schaffen? Earol. (sich ganz gleichgiltig stellend). Es ist mir g'rad' g'sagt worden, daß wieder ein Mädel da ist, das bei mir in Dienst treten will, ich erwart' aber in jedem Augenblick den Gerichtsrath Liebrecht — also sein Sie so gut und schau'n Sie sich's an, und, wenn's glauben, daß sie für unser Haus paßt, so nehmen Sie's gleich auf. Adieu indeß. (Geht zur Seitenthür rechts, dort noch freundlich zurückgrüßend.) Adieu, lieber Franz; (Ab.) Franz (allein, ganz kleinlaut). >L>0 a liebe Kran — a bildschöne Frau — a wahrhaft cngelsgute Frau! (Seufzend.) Wenn's nur nicht mei'Frau werden sollt'! — Ich Hab' mir Alles leichter vorg'stellt — bin Bräutigam worden, ich weiß nicht wie? — und jetzt, nachdem ich die Rosi nach einem Vierteljahr nur ansein'Augenblick wieder g'seben Hab', jetzt Hab' ich in dem ganzen Haus, wo ich geh' und wo ich steh', nur das Eine Gefühl: Hinaus! Hinaus! O Rosi! — Mei' arme, arme Rosi! (Sinkt in den Divan, in drffru Kissrn rr sein Srficht birgt ) Achte Scene. Franz. Rosi. Rosi (tritt auS dem Seitenzimmer. bleibt aber anfangs an der Thür stehen, für sich) Ich weiß nicht, was der Hanns will. Er nöthigt mich, herausz'geh'n, sagt, 's halt' wer mit mir z' reden, und da ist Niemand. (Geht einige Schritte vorwärts, erblickt den von ihr abgrwendet liegenden Kranz — erschreckt.) Da — da ist doch wer! (Tritt noch näher, laut, aber schüchteru.) Lie! — Ich bitt'! — Sie! Franz (sich etwas erhebend). Die Stimm! (Wendet sich, erblickt Nosi und schreit laut auf.) Rost! Rosi! (Springt auf.) Rosi. Um Gottes willen! Der Franz! (Will fort.) ,tranz (hält sie rasch zurück). Rost, bleib' da! Rosi, lauf' nicht wieder fort! — Rosi! (Stürzt vor ihr aus die Knie.) Um Gottes willen — schlag mich, tret mich mit Füßen! Aber bleib' da. Rosi (sich ängstlich uinsrhend). Franz! Um alles in der Welt, wenn d'Frau vom Haus kommet — Kran z. 's ist mir jetzt schon alles- eins! Rosi. Aber sie ist ja (in Thrämn ausbrc- chcnd) dei' Braut! Franz. Hast schon von dem Malheur g'hört? — ORosi! Verzeih mir, ich will's mein Lebtag nicht wieder thuu. Rosi Es ist auch mit dem ein Mal für s ganze Leben gethan. Franz, Franz, womit Hab ich das um Dich verdient? Franz. Ja — ich seh's ein. Ich bin ein schlechter Kerl, ich bin ein niederträchtiger Kerl! Aber Niemanden verführt der Teufel leichter, als ein', der eh schon eine Art Teufel ist, nämlich ein armer Teufel. Rosi. Ich Hab , so lang ich noch an -dei Lieb glaubt Hab', mei' Armuth nicht g'spürt. Franz (aufstchrnd). Ja, Du — Du warst nicht z'gleich beim Militär! Aber der Gedanken. noch beinah' acht Jahr dienen z'müssen — Rosi. Du hast Dich lieber gleich dahier auf bei' Lebenszeit assentiren lassen müssen. Na. wenn Du nur glücklich wirst, nachher ist mir Alles recht. Fra uz. Nein, nein! Ich werd nie mehr glücklich — jetzt, seitdem ich Dich wieder g sehen Hab', spür' ich's klar und deutlich, s' gibt für mich ka Glück ohne Dich. (Sinkt ihr weinend an dir Brust.) Rosi (schluchzt auch, nach einer Pause). Aber schau', — wenn's so ist — Bräutigam sein, ist ja noch nicht verheirat' sein! Franz (sich die Thränen trocknend). Das wohl! — Aber ich — ich bin schon zu weit gangen — Rosi (groß aufseh,nd). Was? Franz. Ich Hab' a neues G'wand von ihr ang nonnnen. Rosi. Das könnt'st ihr ja wieder z'ruck- schicken. Franz. Und dann — vor der ganzen G'sellschaft sein wir als Brantlcut' ver- kündt'worden, wenn ich ihr jetzt die Schand' anthät und sic sitzen lasset — ich könnt' mich ja vor kein' ehrlichen Menschen mehr sehen lassen. Rosi (entschlossen). Franz, wenn Du mich wirklich noch lieb hast, dann gibt's nur ein Answeg — geh'n wir durch mit einander. Franz (auch entschlossen). Ha — ja geh'u wir durch, l Plötzlich wieder traurig ) Aber halt! — Nein! — 's geht doch nicht mit n Durchgeh'»! Rosi. Nicht? Franz. Ich bin ja noch Soldat, nur beurlaubt, wann ich durchgeh' und sie kriegen mich, werd' ich erschossen. Rosi (ebenfalls traurig). Dann ist's freilich doch besser, Du bleibst. Franz. Du siehst es — da hast es! Q, wenn ich frei wäre — nur jetzt frei! (Umarmt sie) Rosi (plötzlich heftig erschreckt). Um Gottes willen! (Fährt von ihm zurück.) Franz (blickt gegen dir Seitenthür). Sie ist's! (Bleibt ebenfalls verlegen stehen.) Neunte Scene. Porige. Caroline. Carol. (kommt wieder aus dem Seitenzimmer, eine Schrift in den Händen haltend; sie stellt sich ganz unbefangen und grüßt Rost freundlich). Ah! da ist das Mädel noch ! (Zu Franz.) Cin recht hübsches Mädel — nicht wahr! Franz (der kaum zu sprechen wagt). Hm! Ja — Carol. Haben's Alles mit ihr besprochen? Alles gehörig durchgegangen? Franz (stutzend). Durchgegangen? (Sich fassend.) Nein — noch nicht — 's war noch ka G'legenheit! Carol. Na, und wie g'fallt's Ihnen sonst? Franz (sich vergessend). O ungeheuer! l Sich verbessernd.) Das heißt: ich glaub' sie wird sich machen! Carol. Na also — so ist sic anfgcnom- men, und kann gleich im Haus bleiben. Franz (für sich). Sie bleibt im Hans? O Gott! o Gott! eS gibt ein Unglück! Carol. szu Rost). Na — ist sie denn stumm? Rosi (für sich). Ich weiß nicht, was ich thnn soll, wenn nur der Hanns heraus» kommet! Franz. Sic hat schon mit mir Alles beredt. Carol. Dann ist's schon gut, denn Sie, Sic sein ja künftig der Herr! Rosi (für sich, seufzend). O Gott! Franz (verlegen). Hm! Das heißt — ich — ich mein'nur — so ganz g'wiß ist's dock noch nickt. Carol. Ah — Sie meinen wohl, weil's noch nicht ganz frei sein? Franz (seufzend). Ja — das ist's! 4L Carol. Na, dann will ich Ihnen zu Ihrer Beruhigung jetzt schon das mitthei- leu, mit was ich Ihnen erst an dem Tag unserer förmlichen Verlobung Hab' überraschen wollen. Franz (gespannt). Was denn? Carol. Zugleich, wie ich mich für Ihren Urlaub verwend't Hab, bab' ich auch schon das Nöthige eing'leit, um Sie ganz vom Militär loszubringen, und just vor einer Stund Hab' ich die Zuschrift kriegt— (Gibt ihm die Schrift.) Franz (entfaltet die Schrift, wirft einen Blick in dieselbe, von freudigem Schreck zurücktaumclnd). Was seh' ich? — frei? — ganz frei?! »Rosi (sich vergessend). D mein Gott! Franz (zu Rofi). Da— da schau her! förmlich entlassen — Abschied! (Will Rofi umarmen, besinnt sich aber rasch und wendet sich zu Karolinen, verwirrt.) Verzeih'»'s — ich bin irrg gangen! Ihnen — Ihnen verdank' ich ja das Gluck! (Faßt ihre Hand und bedeckt dieselbe mit Küssen.) Dank! tausend — ranzend Dank! (Küßt wiederholt ihre beiden Hände.) Rosi (für sich, ungeduldig). Na —! (Zupft Franz verstohlen am Rocke.) Carol. (zu Franz). Na, na, beißen's mir nur d'Händ' nicht ab! — Lassen's gut sein — ich bin durch Ihre Freud' hinlänglich belohnt, und verlang' kein' andern Dank! Sie sein jetzt wieder Ihr eigener Herr— Franz (mit einem bedeutenden Blicke auf Rofi). Mein eigener Herr?' Carol. Sein Ihren früheren Verhältnissen wieder zurückgeben — Franz (wie oben). Meinen früheren Verhältnissen?! Carol. Und werden, hoff' ich. ein braver, tüchtiger Bürgersmann werden! — Aber über das Alles werden wir noch mehr reden!— Jetzt will ich nur noch die Sach' mit dem Mädel da (aus Rofi weisend) ganz abschließen! — Ich muß ihr ja doch a D'rangeld geben! Rvsi. A Drangeld? (Lieht Kranz fragend an.) Carol. 'S ist wegen der Sicherheit! (Geht zum Tische, schließt die Lade desselben aus, und nimmt eine Lhatouille heraus, die sie öffnet, daß man in den verschiedenen Fächern derselben Banknoten. Gold- und Silbermünzen sieht; sie nimmt eine Banknote heraus, die sie aber, von Rofi abgewendet, zusammensaltet; dann reicht sie ihr dieselbe.) So — nimm sie! Rosi (zögert verlegen). Franz (leise zu Rofi). Nimm's nur, sonst fallt's auf! Rosi (nimmt das Geld). Ich küß' d'Hand! Carol. (scherzend zu Franz). Und Ihnen Hab' ich auch noch ka D'rangeld geben! Franz (rasch). Nein — nein — das ist nicht nöthig! (Kür sich.) Wär' nicht übel! Carol. Ich thu's auch nicht! — Ihnen laß ich nur meine Hauscasse offen dastehen, und sag': Nchmen's Ihnen heraus, was's just für den Anfang brauchen! — 'S ist Alles so viel, als Ihr Geld! Frau; (ganz verwirrt). Gnädige Frau! Carol. Na — na! machen's nur nickst wieder G'schichten! — 's g'schieht gern; und wenn's Ihnen vielleicht heut'noch cin n guten Tag anrhun — oder wenn's Ihr' Landsmännin ausführeu wollen, lassen's Ihnen nicht aufhalten! — Ich werd' mit meinen gerichtlichen Angelegenheiten noch bis spät in die Nacht hinein zu thun haben! Also (Franz dir Hand reichend) gute Unterhaltung! Und Sie — (freundlich zu Rosi)ua — ich hoff', wir Zwei werden gut von einander kommen! (Klopft Rosi aus die Wange.) B'hüt' Dich Gott, liebes Kiud! b'hüt' Dich Gott! (Entfernt sich rasch wieder in das Seitrnjimmer.) Franz (nachdem Caroline abgtgangen, sich rasch zu Rofi wendend). Ich bitt' Dich, Rost! was sagst? Ist das a liebe Frau! — ist das a Schatz! ist das ein Cngel! Rosi. Ja — ja, Franz! Ich begrcis's, daß Dir die Frau a bißl den Kopf verdreht hat! — Meiner Seel! 's hätt' nicht viel g'fehlt, so wär' ich ihr selber um den Hals g'fallen! 47 Franz. Nicht wahr? Und Du -ist doch a Madel! Rosi. Aber eben deswegen, weil's gar so lieb ist, und wenn — Alles das wahr ist, was Du mir früher g'sagt hast — Franz. Ob's wahr ist?! Rosi. Dann darfst nicht langer in dem Haus bleiben! Franz. Nein—nein! Ich kann — ich därf nicht länger bleiben — ich stund' sonst für nichts gut! Rvsi. Frei bist jetzt— (sich besinnend) aber ich Hab' das D'rangeld. (Entfaltet die Banknote, erschreckt ) Da schau' her! Franz (erstaunt). Was? Hundert Gulden?! — Die hast Du, und ich — ich därf mir da herausnehmen, was ich will — (Sieht geblendet gegen die Ehatouille.) Rosi (hastig). Nein! nein! Du därfst Dir bei der Frau nichts heransnehmen! — Sie hat's ganz anders g'meint, nur für den Fall, daß Du der Herr von dem Haus werden wollt'st — Franz (sich besinnend). Ja — Du hast Recht! — Hält' mich der Teufel schon bald wieder beim Kragen g'habt, wenn nicht (Rosi umschlingend) ein Engel bei der Seel' stund! Recht hast! Nichts därf mitg'nom- men werden— nicht «Kreuzer! und Du— Du därfst auch 's Drangeld nicht b'halten! Rosi. Freilich nicht! — Da— da! leg's wieder hinein. Franz (nimmt die Banknote. legt sie in dir Ehatouille). Da lieg'! (Schlägt dir Ehatoulle zu und stellt sie wieder in die Tischlade.) So! s ist mir, als hätt' ich ein bösen Geist da ein- g'sperrt! Und jetzt, Rosi! fort! Nur aus der Stadt hinaus! Wir haben zwar jetzt nichts — gar nichts — aber (sich besinnend) halt! halt! so ganz bettelarm sind wir denn doch nicht! (Langt aus seiner Brust den Silber- thaler hervor ) Rosi! kennst Du den Mutter gottesthaler? Rosi (in freudiger Rührung). Den Thalcr — mein Thaler — den hast Du noch immer? Franz. Er ist nie von meiner Brust kommen, und jetzt soll er das erste Betriebskapital für unsere nächste Zukunft bilden! Es wird mehr Segen auf dem einzelnen Silberstück liegen, als auf einer ganzen goldg'füllten Eaffa, die durch Falschheit an- geeignet wär'! Komm'— komm ! (Will mit ihr fort.) Zehnte Scene. Vorige. Hanns. Hanns (tritt in freudiger Aufregung aus dem Seitenzimmer). Halt! halt! Franz (mit Rosi stehen bleibend). Der Hanns! Rosi. Richtig! auf den hätten wir bald vergessen! Hanns (tritt rasch zwischen Beide und saßt Franzens Hand). Franz! ich Hab' da d'rinncn Alles g'hört — Franz. Und was sagt Ihr —? Hanns. Nichts als das! (Schüttelt ihm kräftig die Hand ) Hab' mich doch nicht in Dir geirrt, Du warst ein schwacher Mensch, aber ein braver Kerl bist Du dock! Ich Hab' (Beide umschlingend) Euch Zwei wieder zusammengebracht — ich bin doch nicht umsonst auf der Welt! Aber nun Hab' ich nock etwas anszugleichen!— Geht indeß in den Garten, aber wartet, bis ich Euch rufen lasse. — Geht — geht! Rvsi und Franz (ab in den Garten). Eilste Scene. Hanns. E a r o l i n e. Earvl. (tritt aus der Seiteuthür, an derselben stehen bleibend). Na, was sagen's denn jetzt zu mir? Hanns (vom Gefühle hingerissen, die Arme ansbrcitcnd). Linchen! komm'an meine Brust! Du — Earol. (mit zartem Vorwürfe lächelnd). Wir haben ja ausg'macht, daß wir »Sie* zu einand' sagen! 46 Hanns. Nein — nein! Wenn Leute wie wir Zwei nck nicht dutzen sollten, wer denn sonst? (Stürzt an ihre Brust.) Linchen! das Frühjahr muß wiederkebren, denn sogar der alte Dornenstock treibt wieder Knospen! Zwölfte Scene. Vorige. Johann, dann Liebrecht. Joh. (tritt durch die Mitte eiu). Herr Gerichtsrath Liebrecht! Earol. Ah! — (Zu Hanns.) Der kommt wegen Dir! (Zu Johann.) Ich laß' bitten — Liebr. (tritt durch die Mitte ein). Joh. (ab). Earol. (Liebrecht cntgegengkhend). Herr Gerichtsrath, ich Hab' Sie schon sehnlichst erwart'! — Hier (aus Hanns weisend) führ ich Ihnen den Herrn Stollncr auf! Liebr. (zu Hanns). Es freut mich, einen so wackern Mann kennen zn lernen. Ich ließ Sic zu mir bitten, um Sie zu fragen, ob Sie denn die Aufforderung, welche schon vor drei Jahren durch alle Zeitnngsblättcr an Sic erging, nicht gelesen haben? Hanns. Vor drei Jahren? — Da war ich in Amerika und bekam selten ein hiesiges Blakt zn Gesichte! Liebr. So hören Sic denn jetzt! Ich wurde von denr vcrstorbcmn Gemalc dieser Frau zum Vollstrecker seines Testamentes eingesetzt. — Er hatte es nicht vergessen, daß «S'c ihm, der Ihnen doch Ihr ganzes Lebensglück geraubt -7- das Leben gerettet — Hanns igleichgiltig). Hm! wegen dein! Liebr. Deshalb verfügte er letztwilliglich, daß sein Vermögen zwischen Ihnen und feiner Witwe zu gleichen Theilen gctheilt werde — Hanns (überrascht). Was? Die Halste seines Vermögens — mir?! Liebr. Er ordnete aber an, daß in dem Falle, als Sie zwei Jahre nach der an Sie ergangenen Aufforderung, sich noch nicht gemeldet hätten, die Witwe berechtigt fein solle, von dem ganzen Vermögen allein Besitz zn ergreifen! Hanns (ganz ruhig). Nun, die Aufforderung erging, wie Sie sagten, schon vor drei Jahren — ich habe also jetzt keinen Anspruch mehr! Earol. Es steht aber im Testament nur, daß ich berechtigt bin, das ganze Vermögen zu behalten, aber ich Hab' heut', gleich nachdem ich Dich wieder g'seh'n Hab', die gerichtliche Erklärung abgeben, daß ich auf das Recht Verzicht': — das Vermögen muß also gethcilt werden, wenn nicht — D u — doch ein' Ausweg weißt, daß's doch bei einander bleibt! Hanns. Linchen! — Du?- (Lärm von außen.) Alle (sehen sich um). Was ist gescheh'n? Dreizehnte Scene. Vorige. Rundlich, daun Franz, Rosi, Spörtel, die Dienstleute. Run dl. (stürzt zuerst durch die Mitte herein, sich die Wange haltend). Hilfe! Hilfe! Gerechtigkeit! Liebr. (zu Rundlich). Was habe» Sie? Run dl. Um einen Stockzahn weniger! — Stellen Sie sich vor — ich seh' in» Garten meine entflohene Mündel Arm in Arm mit dem Franz — ich will sic ihm entreißen — er wird grob — ich nicht faul, gibt er mir eine Ohrfeigen und rennt mit ihr davon! — Ich ihm «ach! — wenn ich ihn einhol', schlagt er mich todt! Spörtel, Franz u. Rosi (find unmittelbar nach Rundlich eingetreten). Sämmtliche Dienstleutc (folgenihnen, bleiben aber außerhalb des Salon- im Garten stehen). Spörtel. Ich bin Zeuge dieser Ohrfeige — es war eine gcsinnungstüchtige! Franz (v-rtrrtend). Ich läugn's gar nicht! Er hat die Rosi mit Gewalt zur Gartenthür hinausschleppen wollen! 49 Run dl. Dazu Hab' ich ein Recht als Vormund! Hanns (zu Spörtel). Jetzt reden Sic, wenn Sie etwas wissen! Spörtel. Ob ich etwas weiß! Ich weiß was, was der Herr Rundlich gar nicht weiß, daß ich's weiß! Rundl. (für sich). Alle Teufel! er wird doch nicht — Spörtel. Bekanntlich ist der Vater von der Rost, der Jäger, auf einer Krcisjagd erschossen worden: es ist damals nicht recht cruirt worden, wer den unglückseligen Schuß gethan hat, aber ich — ich Hab' die Unterredung g'hört, die der Herr Bürgermeister bald darauf mit dem ungeschickten Schützen, dem Bankier Bohrstein g'habt hat — Rundl. (für sich). O verflucht! Spörtel. Ter ist selbst in s G'wissen g'gangen und hat für die Waise des Opfers seiner Unvorsichtigkeit ein Capital von zehntausend Gulden beim Herrn Bürgermeister deponirt, was ihr an dem Tag, an dem sie einmal Heirat', ausbezahlt werden sollt'— Hanns. Was? — was? ist dieß wahr? Rundl. (für sich). Jetzt hilft kein Läug- nen! (Keck.) Ja — freilich ist's wahr! — Dir zehntausend Gulden liegen noch in meiner Caffa — mit allen Cvupönen! Hanns. Und Sie sagten Niemanden etwas davon? —Ließen dem armen Mädel nicht einmal die Interessen zukommen? Rundl. (gltißnerisch). Ich hab's verschwiegen, um das arme Geschöpf vor dem Unglück zu bewahren, daß sie am End' Einer nur wegen ihrem Vermögen heiratet, und darum- Spörtel. Datum hat er's selber heiraten wollen! E n Rundl. Aber ich — ich Hab' ja nur — Liebr. Schweigen Sie — die Eigennützigkeit Ihrer Absicht liegt am Tage — Hanns. Der kann nicht länger ihr Vormund bleiben — Rundl. Aber wer soll denn sonst—? Hanns. Am besten ist's, man überläßt die Vormundschaft ihrem künftigen Mann! Spörtel. Ja — aber wer wird denn ihr Mann, wenn der Franz die Frau von Hornschlag Heirat' — Hanns. Der Kranz aber — Franz (Rosi umschlingend). Heirat' kein' And're als die da! Spörtel. Wie g'schieht mir denn — die Frau von Hornschlag — Carol. Heirat' kein' Andern, als den, der ihre erste Lieb' war — (Zu Hanns.) Gelt, jetzt hast kein Bedenken mehr? Spörtel (verzweifelnd). Da ein' Umarmung — dort ein' Umarmung —ja, wen soll denn ich umarmen? Rundl. Meinetwegen den Teufel, denn zu dem jag' ich Sie! (Eilt ab.) Carol. (zu den sich hereindrängeuden Dienst - leuten gewendet). Nur herein da — nur herein! Heut' soll noch a doppelte Verlobung g'feiert und zwei Sprichwörter wahr werden! Dort — (auf Kranz und Rosi zeigend) »Jung g'freit, hat Niemand g'reut!« und (z» Hanns) bei uns -? Hanns (sieumarmend). »Alte Liebe rostet nicht!« Carol. (zu den Dienstleutcn). Begrüßt in dem euren künftigen Herrn! (Allgemeiner Zubelruf.) (Der Vorhang fällt) d e. rhta»tt-Zttpn1oir« Sir. 178, I Don Friedrich Kaiser find bei uns erschienen: Mannerschönheit. Original-Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit Titelkupfer 8 geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark- Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Eine Posse als Medicin. Originalpoffe mit Gesang in 3 Acten. Mit allegorischem Bilde. 8 geh * ' 15 Sgr. oder 75 Nkr Ein Fürst. Characterbild mit Gesang in 3 Acten-Mit l allegorischen Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Mönch und Soldat. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mt 1 Titelbild«. 8- geh. * ' 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schule der Armen, oder: Zwei Millionen Original-Characterbild mit Gesang in 4 Acten- Mil 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr- Der Rastelbinder, oder: 10 000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh 15 Sgr. oder 75 Nkr- Junker und Knecht. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8- geh. 15 Sgr oder 75 Nkr. Ei» Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle- Possemil Gesang in 2 Acten. 6. geh 15 Sgr oder 75 Nkr Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten Mit 1 Titelbild«. 8- geh 15 Sgr. oder 75 Nkr- Dienstbotenwirthschaft, oder: Chatouille und Uhr Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8- geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Doctor und Friseur, oder: Die Sucht nach Abenteuern Posse mit Gesang in 2 Acten. Zweite Auflage- 7'/, Sgr- oder 35 Nkr Zum ersten Male im Theater- Posse in 1 Acte- 7'/, Sgr. oder 35 Nkr Müller und Schiffmeister Posse mit Gesang in 2 Acten. io Sgr. oder 50 Nkr Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten, io Sgr. oder 50 Nkr Ein neuer Monte-Chrifio Original-Characterbild in 3 Acten- Die Frau Wirt hin. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten Etwas Kleines Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Zwei Testamente Characterbild mit Gesang in 3 Acten Unrecht Gut Characterbild mit Gesang in 3 Acten und 1 Vorspiele Des Krämers Töchterlein Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten Eine Feindin und rin Freund Posse mit Gesang in 3 Acten- Ein Lump Characterbild mit Gesang in 3 Acten Verrechnet. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten PalaiS und Irrenhaus Original-Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Zagdabenteuer. Posse mit Gesang in 2 Acten Naturmensch und Lebemann Characterbild mit Gesang in 3 Acten Nichts. Posse mit Gcsang in 3 Arten Loralsängerin und Postillon. Posse mit Gesang in 3 Acten Ente Nacht, Rosa! Dramatisches Genrebild in 1 Act- 12 Sgr oder 60 Nkr 12 Sgr- oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr- oder 60 Nkr 12 Sgr oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 6 Sgr. oder 30 Nkr Der Soldat im Frieden. Characterbild mit Gesang, Tanz rr. in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr Ter Mensch denkt — Lebensbild mit Gesang in 3 Abteilungen. 12 Sgr. oder 60 Nkr Auf dem Eis' und beim Christbaum. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr Haus Rohrmann, oder: Casus und Semprouius. Characterbild in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Der Herr Bürgermeister und seine Familie. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr- Druck und Papier von Leopold bommer in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. » Ein Faschings-Souper. Posse in einem Austuge. Bon Alois Berla. Aufgeführt im k. k. priv. Theater an der Wien. Personen: Besetz«», io Men. Anastasius Schmunzler, Privatier. Hr. Findeisen. Louise, seine Frau.Fr. Mellin. Schwiudelwiud, Modewaarenhändler.Hr. Swoboda. Blindmann, Hausrigenthümer. Hr. Friese. Kathi. Dienstmädchen ..Frl. Gurowsky. (Schmunzler's Wohnung. Ein nett möblirtes Zimmer. Zm Hintergründe zwei Thüren, ebenso links und rechts Seitenthürcn. Erste Eouliffe rechts ein Kamin. Links erste Coulisse ein kleiner Schreibtisch. Dritte Coulisse ein Chiffonniere. Auf dem Tische Kerzenlicht ) Erste Scene. Kathi (allein, aus dem Kaminsims steht eine Blechmaschine, in welcher man Eier kochen kann; Kathi nimmt während des Sprechens die Maschine. gießt Wasser zu, dann Spiritus und entzündet denselben). Ist das eine Wurstlerei in dem Haus! Nicht einen Augenblick hat man für sich. Heut' ist zum Beispiel Faschtngsonntag. Mein Liebhaber, der Theaterschneider, geht als Ritter vermaskirt auf d'Redout, i wär' so gern auch gangen, damit er sich doch a dißl unterhalt — i hätt'n g'ratzt, mein Schneider, aber na, z'Hans muß i bleiben und zuhören, wie meine Herr'nleut' dispu- lir'n. Sein merkwürdige Leut'l Sic iS wie a anzundens Rakettl und er wie a Eiszapfen. Alle Augenblick' schreit sie: Was macht der Herr, wo ist der Herr? Nachher ruft er 2 wieder: Was macht mein Veigerlabguß? Wo is mein Flancllleibcl! Ach, man könnt' wirklich — Louise (von der Seite links rufend). Kathi! Kathi (geht zur Thür links). Ah,ruftschon wieder! Gnädige Frau schaffen? Louise. Ist der Herr da? Kathi (ruft). Nein. Louise. Wo ist er denn? Kathi. Weiß net, gnä' Frau. Louise. Gut, gut! Kathi (zurückkehrend). Die Frau ist eifersüchtig, das geht über alle Begriffe. Mit'n Schatten an der Wand eifert sie; erst gestern Hub' ich ihr bei Allem, was mir theuer is, schwör'n müssen, daß ich sie nickt hintergehe, ich Hab' ihr auch geschwor'n bei meinem Schneider. Das is nit gar so lächerlich, die meisten Frauenzimmer sollten nur bei ihrem Schneider schwör'n, denn der ist meistens das Theuerste. (Sieht nach dem Wasser.) No, willst sieden, oder willst es bleiben lassen! (Fährt in ihren Betrachtungen fort.) Wenn ich nur mußt, warum die Frau gar so eifersüchtig is. Ihr Mann is net sauber und auch net mehr jung — zu Zeiten, nämlich wenn's regnet, thut er nir als husten, wenn d'Sonnscheint, so klagt er über'n schleckten Magen wie heut', und nachher ißt er nir als Spinat, Kindskoch und weiche Eier. G'rad jetzt muß ich ihm eins richten. (Sie bringt ein Ei zum Vorschein und sagt:) Wie heißt die Vorschrift? (Mit affrctirter Aussprache.) Man nehme das Ei und werfe cs, wenn das Wasser siedet, hinein, darauf zähle man geruhig bis hundert. (Wirft das Ei in die Maschine und beginnt zn j Men:) 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8. Louise (von innen.) Kathi! Kathi (gegen die Thür gehend). Gnä' Frau schaffen? Louise. Ist der Herr schon da? Kathi. Na, gna Frau. Louise. Wo steckt er denn? Kathi. Weiß net, gnä' Frau. Louise. Ach! Kathi (zurückkehrend) War das a Serif« zer! No, heut' gibt's wieder Spectakel, da wett' ich. (Sich erinnernd ) Ja so, das Ei! (Zählt:) 1, 2, 3. Zweite Scene. Kathi. Anastasius. A Na st. (im Hintergrund rechts auftretend). Wann ich nur müßt, von was mir net gut ist? Kommt's vom Magen oder vom Kopf, oder von die Hühneraugen. (Setzt seinen Hut weg.) Kathi! Kathi (die bis jetzt halblaut fortgezählt hat, hört mit der zufä lligen Zahl auf). Ah, der gnädige Herr! Anast. Kathi, mir scheint, i Hab' a heimliche Strauken? Was glaubst dn? Kathi. Ich, gnä' Herr, glaub', Sie leiden an der Krankheit, die Einbildung heißt. Anast. Das bildst Du Dir ein—dummes Ding, ich werd' doch wissen, ob mir was fehlt — i g'spür's ja, ick weiß nur nicht wo (Setzt sich.) Ach! Kathi (Mt:) I, 2, 3, 4, 5. An ast. Ist nichts für mich gekommen? Kathi. I! ja, ein Brief — da ist er — und da frische Desgcln. (Gibt eine» Brief und eine Tasse mit Veilchen.) i, 2, 3, 4. Anast. Ah, die Veilchen, sie feuchten mich an. Dn glaubst nicht, Kathi, wie mir die gut thun. Du Kathi! — Kathi. Ja, gnä' Herr! Ana st. Ich bemerke grad, daß Du heute schon wieder so g'wissefrische rothe Backeln — Louise (von innen). Kathi! Kathi (die loskommen will). Die gnä'Fratt ruft — erlaub'ns. (Eilt links ab.) Dritte Scene. Anastasius (allein). Ah! da hab'n wir's! Jetzt Hab' ich der Kathi a bißl schön thun woll'n, weil mir das so gut thut, aber meine Frau laßt's net 8 zu — und da soll man nachher nit leidend sein! (Nimmt den Brief, öffnet ihn, sieht nach der Unterschrift und sagt:) Von meinem Freund Schwindelwind, den ich seit meiner Verheiratung — das is jetzt schon im dritten Jahr — nicht gesehen Hab'. Er is ein bisserl auf der leichten Seiten—hat gern Amour- schasten u. s. w., während ich mit mein Magen — ach! (Bricht ab und liest.) Liebenswürdigster deines Geschlechts — (Sieht schnell nach der Unterschrift.) Er ist doch von Sckwitt- delwind. Der Anfang hält' mich bald auf den Verdacht einer weiblichen Nachstellerin gebracht. (Aergerlich.) Dummer Kerl! — Liebenswürdigster deines Geschlechts! (Sieht wieder in den Brief.) »Wir haben uns lange nicht gesehen, wenn ich also Sehnsucht nach einer Zusammenkunft mir Dir empfinde, kann es Dich nicht Wunder nehmen. Erwarte mich heute Abend zum Souper, und wenn Du kannst, so trachte deine Frau fern zu halten, wir wollen sntrs norm — das ist fidel sein. Ja! alter quiescirter Sünder, es grüßt Dich Louis de Schwindelwind, Marchand-des-modes.« (Spricht.) Schaut's den an! Louis unterschreibt er sich und Michel is er tauft — na ja — das kommt durch den Marchaud- mod- Waarenhandel her — vom Louis finden die Leut' Alles fein und nobel, wahrend der Michel kein'« Eredit hat, darum verlaugnet mein Spezi den Michel. Hetzt heißt's Nachdenken, wie richt' ich denn die Sack'ein?—Muß sag'n, a kleine Ausheitcrung war mir selber erwünscht, aber daß ich meine Frau aus dem Weg' räumen soll, das is unmöglich! Ucbri- gens, wir wer'n ja sehen. Zn jedem Fall trink' ich heut' Wein und morgen eine doppelte Portion Veigcrlabguß. (tzr nimmt die Veilchen, legt sie in den Brief und denselben in die Lade des Schreibtisches.) Sv, jetzt woll'n wir uns vor der Hand nichts merken lassen, daß wir im Begriff sind, in den Faschingskrapfen der Fidelitat zu beißen. Vierte Scene. Voriger. Kathi (im Eintreten). Kat hi. 1,2, 3, 4,5, 6, 7,8,9, 10. Ana st. (sie ansehend). Du zählst? Was zählt denn die Kathi? Kathi. Hundert zähl' ich, bis das Ei weich is! Anast. Was für ein Ei? Kathi. No, Jhner Ei da in derMa- schin. Seit einer halben Stnnd' zähl' ich schon, werd' aber immer unterbrochen. 1,2,3. Ana st. Himmel! da muß's ja schon ganzversteinertsein.Gib's heraus,g'schwind. Kathi (die immer zählt). 15. Ja gleich. (Schnell.) 16, 17, 18. Ana st. (unterbrechend). Heraus gib's, sag' ich! Kathi. Net bös sein. (Sehr schnell.) 25, 26, 27, 28. Anast. Hol' Dich der Kukuk! (Er öffnet die Maschin und fischt das Ei. wobei er sich die singrr verbrüht, heraus). An! So, jetzt ein Salvet! Kathi (nimmt eine Serviette au- der Tisch« lade). Anast. (setzt sich), ttmbinden! (kr richtet sich Semmelschnitt,, während ihm Kathi die Ser- riette »mbindet.) So, jetzt sei so gut und — Fünfte Scenc. Vorige. Louise. Louise (in großer Erregtheit). Ach, was geht hier vor? Anast. Meine Frau! Louise. Was bandelt das Mädel an Dir herum? Anast. No, was soll's denn herumbandeln! Sie bind't mir das Salvet um — Kathi. Damit sich (pikirt) der gnä'Herr 's.Maul abwischen kann — die gna Frau werden doch nit glauben, daß — 4 Louise (ärgerlich). Geh' Sie in dieKüchc, vorlautes Ding! Kathi. Hm! Vorlaut— i sag' ja nir weiter, als von mir kann die gnä'Frau ganz beruhigt sein — Lonise. Hinaus, sag' ich! Kathi. Ja, ja— (Im Abgthen für sich.) I nimm ihr'n net. Mein Theaterschneider thät mir den Gusto gar net verzcih'n. (Links im Hintergründe ab.) Sechste Scene. Anastasius. Louise. Louise. Anastasius! Ana st. Na, was willst denn? Louise. Anastasius, sprich, was hast Du vor? Anast. Nir, mein Kind — ich eß' ein weiches — Louise. Du willst mich betrügen? Anast. Aber Herzerl, was fällt Dir ein? Ich will nir als mein weiches — Louise. Vor drei Jahren, als wir heirateten, da liebtest Dn mich, da warst Du ganz Fener und Flamme, und jetzt — Anast. Jetzt glüh' ich halt schön stad fort! Louise. Du sagtest: GH' ich Dich aufgebe, eher geb' ich mcin'n Geist auf! Ist das wahr? Anast. Freilich; ich Hab' Dick ja auch geheiratet! Louise (saßt ihn am Arm nnd hält ihn ab zu kssen). Anastasius! läugne nicht länger, Du hast — Anast. (kriegt die Hand mit der Semmel nicht frei). Ich bitt' Dich, laß mich doch ein- runken! Louise. Dn hast eine heimliche Liebschaft! Anast. (springt auf). Jetzt wird's mir z'biel! (Entreißt ihr seinen Arm.) Da geh ich lieber mit meinem Ei in die Küchel, weil Du kein' Ruh' gibst. Louise. Zu der Kathi? Oh! Anast. Nein, nein — in mein Zimmer geh' ich, da drinnen is nichts Weibliches, als die Porträts von mein'n Großvätern seiner Urgroßmutter, auf die wirst Du wohl nicht eifersüchtig sein, und ich werd' endlich mein Ei essen können. Louise (weinerlich). Anastasius! Anast. (mißmuthig). Ah, laß mich in Ruh'! Ich kann Alles begreifen, aber wie man eifersüchtig werden kann, das begreife ich wirklich nicht. (Rechts ab.) Siebente Scene. Louise (allein). Er ist ein Ungeheuer — ich kenne das. Seine Klagen über fortwährendes Unwohlsein find nur Verstellung — er will mich blind machen, aber es soll ihm nicht glücken. Ueberall, an allen Ecken und Enden spür' ich ihm nach, und weh' ihm, wenn ich nur einmal was Verdächtiges — o! (Sie hat die Lade des Schreibtisches durchsucht und Schwindelwind's Brief gesunden.) Gott — ein Brief— mir steht das Herz still! Ein Brief mit Veilchen, von denen er immer sagt, daß sie ihm gar so gut thun —jetzt ich' ich klar, die Veilchen sind Liebesgaben und er ist so verliebt, daß er sic sogar als Abguß genießt. (Liest.) Liebenswürdigster deines Geschlechts! (Liest laut den Inhalt.) Also Louise Schwindelwind heißt sic, und Modistin ist sie, — sie will soupiren mit ihm, und ich soll entfernt werden? Ha, ich glühe, brenne — lodere —- Ha, ich glaube nicht inehr, ich bin überzeugt, aber rächen werde ich mich, furchtbar rächen! (Schluchzend.) Der Elende, ohne eitel zu sein, kann ich sagen: ich bin jung, hübsch — er dagegen ist bereits in der Grenzscheide des Alters angelangt, er sollte mich auf den Händen tragen, nicht mit Füßen treten. (Hat sich während der letzten Reden in einen Fauteuil geworfen, jetzt springt fit wieder aus.) Doch nur Geduld, ich werde ein furcht- 5 bares Gericht Hallen, vorerst jedoch den Plan scheinbar begünstigen! Ah, wer kommt? (Faßt sich.) Achte Scene. Louise. Anastasius. Anast. (verdrießlich). Es is in dem Haus nicht mehr auszuhalten. Wann sich der Mensch nir sonst verlangt, als ein Ei, was weich is, und kriegt's steinhart, dann hört sich AlleS auf. Was nutzt es, daß dieHenn' das Ei legt, wann's die Gans nicht sieden kann! (Sieht seine Frau, wendet sich mißmu- thig ab.) Louise (liebreich). Anastasius! Anast. Na, was gibt's? Louise Lieber Manu, verzeih' mir, ich war zuvor ein wenig erregt, ich habe Dir Unrecht gethan. Anast. (traurig). No ja — is gern gscheh'n! Louise. Nein, nein — Du mußt gut sein, denn ich habe Dich um etwas zu bitten. Anast. Zu bitten? Louise. Meine Mutter hat mich eingeladen, den heutigen Abend bei ihr zuzubringen. Es ist Faschingsonntag, und um meiner jüngeren Schwester eine Zerstreuung zu machen, hat sie eine kleine Gesellschaft zu sich gebeten. Wenn Du mir nun erlaubtest hinzugehcn und — Anast. (macht eine Pewegung). Louise. Du fürchtest mich abholen zu müssen — nein — ich weiß, Du bist leidend, und ich möchte dein Uebel nicht verschlimmern, Du sollst mir nur erlauben, die Nacht im Hause meiner Mutter zubringeu zu dürfen. Anast Was? Du willst außer Haus schlafen? (Zeigt nach der Seite abgeweudet ein glücklich lächelndes Gesicht.) Da wird ja mein Souper auf einmal möglich. Louise. Du wendest Dich ab! Nimmst wohl meine Bitte schlecht auf? Ana st. (macht schnell eine sehr ernste Miene und sagt zu ihr gewendet). Ihr Weiber denkt doch nur immer aufUnterhaltungen,und— Louise (schnell). Nun, wenn Du nicht willst, so — Anast. (ebenso schnell). Nein, nein, geh' nur zu deiner Mutter. Louise. Aber Du siehst es ungern. Aua st. Durchaus nicht — geh' nur gleich, sonst ist's nicht mehr der Mühe werth! (Ruft.) Kathi! Louise (für sich). O Falscher! Anast. (ruft). Kathi! Kathi! Neunte Scene. Vorige. Kathi (von links). Katbi. Gna Herr, schaffen? Anast. Die Frau geht aus. (Zu Louise.) Du ziehst Dich doch um? Louise. Nein, ich bleibe, wie ich bin. (Zu Kathi.) Bringe mir nur meine Man- tille, den Pelzkragen, den Muff, Hut, Handschuhe. Kathi (links ab). Anast. (für sich). Sie bleibt, wie sie ist, und wird gar nicht fertig mit'n Anschaffen. Louise (zu AnastafiuS). Was murmelst Du? Anast. Nichts, ich wünsche nur, daßDu Dich recht gut unterhältst. Kathi (bringt das Verlangte, Louise nimmt es). Anast. Mach'Dir nur den Pelzkragen gut zu, es zieht. (Ist ihr behilflich, wobei er große Eile zeigt.) Louise (mit unterdrücktem Aerger). Anastasius, Du bist wirklich zu aufmerksam. Anast. Nit mehr als billig. Zm Grund muß ich froh sein, daß Du Dich einmal unterhältst, was kann ich Dir denn auch bieten mit dem Magen! Ach! Leb wohl. Sei recht fidel — ich werde auch — (vn - bessert sich) ich werd'für uns Beide schlafen. (Küßt sie.) 6 Louise. Adieu, Anastasius! (Mit Betonung.) Auf baldiges Wiedersehen. (Silt wü- thend zur Mitte ab. Kathi folgt.) Kathi (ihr folgend). Kuß' d'Hand, gnä' Frau. Zehnte Scene. Anastasius (allein, geht, sich die Hände reibend. lustig auf und ab, sieht dann auf die Uhr, erschrocken) Schon zehn Uhr, da sperren sie's Hausthor zu, am End' kehrt sie wieder um. Nein, nein! Wenn die einmal geht und mich allein läßt, dann muß sie schon sehr entschlossen sein. Eigentlich sollte mich ihre Eifersucht stolz machen, denn sie ist ein Beweis, daß mich meine Frau liebt, abcr's ist halt doch uncommod; denn eine Frau, die eifert, denkt eigentlich viel weniger an ihren Mann, als an den eingebildeten Gegenstand ihrer Eifersucht. Sie scheint nicht mehr zurückzukom- meu. Jetzt werv' ich für das Souper sorgen — mein Freund Schwindelwind kann unmöglich mehr lang ausbleiben. Eilfte Scene. Voriger. Kathi (hereintrctend). Kathi. Gnä' Herr, gnä' Herr! Anast. No, was gibt'S denn? Kathi. Ein Frauenzimmer wünscht Sie zu sprechen. Anast. (erstaunt). Ein Frauenzimmer? Kathi (lachend). 3a, ein sehr spaßiges noch dazu, ha ha ha! Anast. Ein g'spaßiges Frauenzimmer, wie soll ich denn das verstehen? Kathi. Soll ich sie hereinlaffen? Anast. Ja, — ich möcht' nur vorerst wissen. (Fürsich.) Am End' eine frühere Geliebte. (Laut.) Hat sie nicht gesagt, wie sie beißt? Kathi. Nein, sie hat fast gar nichts g'sprocken. (tzs wird geklopft.) No, gnä' Herr? Anast. (sich die ^ravatte richtend.) Siekann kommen. Kathi (hat die Thür geöffnet). Bitt', spa- zieren's herein! Zwölfte Scene. Vorige. Schwindelwind (in dem Kostüme einer Türkin mit weiten Seidenkleidern, einen Schleier über dem Haupte, gehüllt in einen äußerst eleganten Shawl, schwarze Spitzenbrillen über die Augen j. Anast. Die is ja in der Mask'! Was wünschen die Gnädige? Schwiudelw. (steht ihn pantomimisch um Schutz und Verschwiegenheit an, und bittet, Kathi sortzuschicken). Anast. (cotett für sich). Sie will allein mir mir sein, tets-a-IZte. (Zu Kathi.) Kathi, geh' hinaus! Kathi (im Abgehen für sich). 3a! — wenn jetzt die Frau da war'! Herr Gott! da setzct's was ab! (Geht ab.) Dreizehnte Scene. Vorige ohne Kathi. Ana st. (geht stutzerhaft aus Schwindelwind zu. saßt dessen Hand und sagt galant): Also, meine Schöne, was kann ich für Sie thun? Schwindeln), (wirst den Schleier zurück, nimmt die Brille ab). Freundchen, ftrapezir' Dich nicht, ick bin's! Anast. Der Schwindelwind, ja was soll denn die Maskerad'? Schwiudelw. Pst! Freundchen, cs handelt sich um ein Liebesabenteuer, was mißglückt ist. Auf Dich setze ich jetzt mein ganzes Vertrauen. Rette, verstecke, verlängnc .nick! Anast. Aber ick verstehe kein Wort. Schwindeln). Kann uns Niemand hören? 7 Ana ft. Nein, 's Mädel ift draußen und meine Krau gar nicht zu Hause. Ick bab' Dich erwartet. Schwindeln?. Hätt'st lang warten können, wenn — ua, hör' nur! Du weißt, ich bin ein Freund der Krauen, besonders wenn sie hübsch und meine Kundschaften find. Unter diesen befindet sich die Tochter eines reichen Hausherrn, welcher es gelungen ist, mein Herz in Flammen zu setzen. Seit meine Amalie sich für mich inleresfirt. entwickelt sie einen Putz, der fabelhast ist, nur um fortwährend Bestellungen in meinem Magazin machen zu können. Anast. Ist das ein glücklicher Kerl. Wann der eine Putzgretl zur Geliebten hat, macht er erst die besten G'schäste. Schwindel w. Das ist ja eben das Unglück. (Traurig.) Meine geliebte Amalie ist auf ewig für mich verloren, denn wenn sic meine Frau würde, würde ibre Leidenschaft für mich erkalten, während die durch mich genährte Leidenschaft für mein Magazin endlich gar keine Gränzen mehr hätte. Anast. Ist auch wieder wahr, Du müßtest Dir dann die Conto selber machen und billige Preise ansetzen nein — nein — diese Heirat ist unmöglich! Schwindeln?. Demungeachtet liebe ich meine Amalie, und als ich durch sie erfuhr, daß ihr Vater ihr erlaubt bade, den Maskenball zu besuchen in Gesellschaft einer Cousine, welche das Costüm einer Türkin gewählt, verzichtete ich auf dein Souper, maskine mich als Türkin und setzte mich im Gewüble an Stelle der Cousine! Anast. (sehr aufgeregt). Famose Idee, sich als türkische Cousine maskiren. Schwind elw. Alles ging gut — wir plauderten und kosten miteinander, ich führte sie endlich an die Credenz, wir nahmen Gefrornes und setzten dabei unsere feurige Konversation fort. Da plötzlich — Anastasius, denk' Dir — da plötzlich geht eine lange, krumme Nase gerade auf uns los. Anast. Cine Nase is losgegangen? Schwind elw. Die Nase kommt immer näher und näher — » Ana st. Halt ein bissel — die G'sckicbt is mir nickt recht klar. Man kann eincNase tragen, ja man kann sie sogar, ohne daß sie etwas an'gstellt hat, hängen lassen, aber geh n kann man eine Nase nicht lassen, sie kann also auch nicht nur so mir nir dir nir daherkommen. Schwindeln?. Aber, Freund, ich bitte Dich, sei nicht so begriffstützig. Die Nase ist ja Ech getragen worden, und zwar von niemand andern, als von dem Vater meiner geliebten Amalie. Also, die Nase kommt immer näher. Anast. Aber warum sagst denn nicht, der Vater is näher kommen, eS versteht sich doch, daß er nicht ohne Nasen — Sch wind elw. Ich spreche von der falschen Nase, mit der sich der Vater maS- kirt hatte! Ana st. Ja so! Schwindelw. (fortfahrend). Amalie erkennt dennoch ihren Vater, stößt einen Schrei aus: Fort — fort! Wir stürzen uns in'sMaskengewühle. eilen nach der Garderobe, glauben uns schon gerettet, da taucht die Nase wieder auf — und verfolgt uns. Dennoch kommen wir bis zum Wagen, ich gebe Amalien meinen Hut und Paletot, hülle mich in ihren Shawl, indem ich ihr sage: Die Hauptsache ist, Luft gewinnen, den Vater zu täuschen. Sie fährt fort, und ich laufe fort, er aber läßt sich nicht täuschen und macht völlig Jagd auf mich. In meiner Angst eile ich hieher, komm' gerade zurecht, wie der Hausmeister das Thor schließen will, schlüpfe in s Haus, und — (wirst sich in einen Stuhl) da bin ich! Anast. (bewundernd). Verflixter Kerl! Na, beruhige Dich, dein Verfolger wird sich wohl nicht das Thor aufsperren lassen, und wenn auch — erstens weiß er nicht in welcher Wohnung Du bist; zweitens soll er nur kommen — ich versteck' Dich, oder gib Dich im Nothfall für meine Krall aus. 8 Schwindeln?. Ja, das ist gut — jetzt aber erlaube ich mir, Dich an das Souper «zu erinnern. Anast. Ja, richtig! (Ruft) Katbi! Vierzehnte Scene. Porige. Kathi (kommtvon links). Kathi. Schaffen? Anast. Brat' a Paar Hendeln — bring' Wein — und richt' zwei Gedecke da her — den Wein kannst gleich bringen ! Kathi (erstaunt). Ah! Schwindelw. (leist zu Anastasius). Du, das Mädel darf nicht wissen, daß ich ein Mann bin, wenn nach mir g'fragt wurde — überhaupt soll sie schweigen, ich werde (nimmt ein Portemonnaie aus dem Gürtel, zu Kathi.) Mein Kind, da hast Du fünf Gulden, sag' aber keiner Seel', daß dein Herr Besuch hat. Kathi. Kein' Sylben! (B,j Seite ) Sa- perlot, die muß schön in mein' Herrn vernarrt sein. Ana st. Jetzt geh' und schau', daß wir bald was zu schnabuliren kriegen. Und Du (zu Schwindelwind) komm' auf mein Zimmer, Du scbaust a bissel verwurlt aus — mußt Toilette machen, einer solchen Dame steht mein ganzes Haus zu Gebot. Schwindelw. O, ich wollte jetzt eine Dame sein, nur um Dick würdig belohnen zu können. (Beide rechts ab.) Kathi (allein, den Tisch deckend, wozu sie aus einem Bouffet die Geräthe nimmt). I fall' aus den Wolken; mein Herr mit dem schwachen Magen hat heimliche Liebschaften — und in dem Alter! Freilich, das Frauenzimmer wird nicht besonders von der Schönheit 'plagt, sie is sogar a biß! übertragen, aber sie bleibt doch immer a Frauenzimmer, und zum ersten Mal muß ich meiner Gnädigen Recht geben, daß sic so eifersüchtig is! No, wann mir mein Theaterschneider so einen Streich spielet, wann er hennt als Ritter Einer die Com machet, 's is schon möglich, er hat sich vom ersten Helden die Wattirung aus'borgt, — Himmel! i werd' jetzt auf einmal selber eifersüchtig. (Hat zwei Couverts auf den Tisch gebracht) Fünfzehnte Scene. Katbi. Louise (aus der Mitte). Kathi. Was siech i! die Gnädige! Louise (athenuos). Pst! still!—Kathi, ist sie schon hier? Katbi Wer? Louise. Die Modistin — die meinen Namen führt — Louise heißt sie. Sprich, ist sie gekommen? — Ach ja — (zornig) Du hast zwei Couverts aufgelegt. Kathi. Gnä' Frau wissen also bereitst — jetzt nutzt der Geliebten mein Schweigen nir mehr, d'rum will ich lieber — (Zutraulich.) Ja, gnä' Frau, sie is da, gleich nach Ihnen is's kommen, und zwar in einer Art Mask' — als Türkin. Louise. Wo, wo ist sie jetzt? Kathi. Im Zimmer mit'n gnä' Herrn! Louise (will aus das Zimmer los, besinnt sich jedoch und sagt.) Nein, ich werd' sie hier erwarten, hier beim Souper. (Wirst sich schluchzend in em Fauteuil ) Ach — ich Unglückliche! Kathi (fürsich). Sie weint, soll ich sic trösten? Das wär' umsonst — ich will lieber das Souper richten. (Links ab.) Sechzehnte Scene. Louise (allein». D Anastasius! Weun die Dirne häßlicher ist als ich. dann kann ich Dir nickt verzeihen, ist sic aber schöner als ick, dann verzeihe ich Dir noch weniger! 9 Siebzehnte Scene. Louise. Blindmann (der noch immer die falsche Nase trägt, stürzt wir eine Bombe vom Hintergründe herein). Blindm. Meine Mali! — wo ist meine Mali? Louise (sieht ihn an). Was wünschen Sie? Blindm. Meine — meine Tochter — sie muß da sein! Louise (für sich). Also seine Tochter ist sie? Blindm. Ich war schon bei allen Leuten, die hier im Haus logiren, nirgends ist sie, also muß sie da sein, denn ich Hab' sie bis hieher verfolgt, ibr Shawl, weiß mit Blumen, ich kenn' ihn, weil ich ibn um cin'n Narrenpreis kauft Hab' — dieser Sbawl hat sie mir verrathen — weiß der Teure!, mich genirt was — ick seh' schlecht. (Fährt mit der Hand vor dem Gesichte hin und her.) Louise. Mensch — Vater — sprich: ist deine Tochter hübsch? , Blindm. Ah was, hübsch — sauber 'is sie, aber nir nutz, sonst hätt' sie keine Liebschaften. (Zornig.) No wart' — wann ich Dich find', da g'schieht was! Achtzehnte Scene. Blindm. Ich heiße Blind mann, und bin vierstockhober Hausherr. Anast. Dank' Ihnen für die Neuigkeit Warum Sie sich aber deshalb so spät noch herbemühen? Blindm. (zornig). Deshalb bin ich auch nicht da, ich verfolg' ein Madl — An ast. O Sie alter Sünder, was gehn denn mich Ihre Nachsteigereien an. Louise (bei Seite). Wie frech er den Vater verhöhnt. Blindm. (wüthend). Das Mad'l is meine Tochter, sie is da in der Wohnung. Anast. Ihre Tochter? Ja, Herr, was glauben Sie denn? Ich bin ein Ehemann — ein glücklicher Ehemann — verstehen Sie mich? Louise (bei Seite). O schändlich! Anast. Daher muß ich Sie ersuchen, diese Wohnung augenblicklich zu verlassen. Blindm. Aber — Anast. Sckau'ns, daß's weiter kommen! Blindm. Herr, ich bin — Anast. Betrunken, ja, ja, ich seb's an Ihrer Nasen — geh'ns — gch'ns — oder ich brauch' mein Hausrecht. (Drängt Blindmann gegen die Thür.) Blindm. (der immer zu reden versucht). Gut, ick geb' — ick geh' — aber unten an der Stieg'n bleib' ich steb'n — ich will doch sehen — (Wird von Anastasius hinans- > gedrängt.) Vorige. Anastasius. Schwindelwind (von rechts) Schwindeln), (in der Thür). Himmel! der Vater! Anast. Der! — g'sckwind, versteck' Dich! Sck winde lw. (tritt zurück). Anast. (macht die Thür zu und geht ohne Louise zu bemerken auf Blindmann los). Louise (bei Seite). Ha! da ist er, dieser Casanova! Ana st. (zu Blindmann) Wer sind Sie — wie heißen Sie — was wollen Sie? Neunzehnte Scene. Vorige ohne Blindmann. Anast. (lacht). Dem Vierstockhobe» bin ich auf's Cravattel g'stiegen. Jetzt komm' mein Freund — (Sieht plötzlich Louise und sagt verdrießlich:) Ui je! meine Frau! jetzt is'ö ans mit der Unterhaltung! Louise (trittihm entgegen). Ich weiß Alles, habe Alles gehört, und wenn ick vor dem unglücklichen Vater schwieg, so geschah es nur ans übclangebrachter Schonung für Dich — Du Verführer — Meineidiger — 10 Treuloser! (Bricht in Thronen aus.) Ach! ich kann nicht mehr. Ana st. Liebe Frau, mach' Dich nicht lächerlich! Kannst Du denn glauben, daß ich mit der Tochter dieses Menschen eine Verbindung Hab'? — Ich kenne sie gar nicht, hab's mein Lebtag nicht gesehen! Louise. Schweig! — Mich belügst Du nicht! Da drinnen in deinem Zimmer ist die Verführte, einen Augenblick zuvor hast Du sie vor dem Vater versteckt. — Kannst Du läugnen? Anast. (feg). Die halt't den Schwindelwind für — da kommt mir eine Idee — auf die Art kann ich ihr das Lächerliche ihrer ewigen Eifersucht zeigenund — (nimmt eine rkfignirte Haltung an) Liebe Louise, ich seh', Du weißt Alles — no, so will ick — will ich — Louise. Mich um Verzeihung anstehen? Ana st. Nein, ich will mich nur gar nicht geniren. (Lessaet die Seitenthür und ruft:) Komm' heraus, mein Engel, jetzt sind wir ganz ungestört. Louise (außer sich). Ha, welch' bodenlose Frechheit! Zwanzigste Scene. Vorige. Schwindelwind. Schwindeln', (eintretend). Ist er fort? (Lieht Louiie.) Ha! (Will zurück.) Anast. Bleib', es ist nur meine Frau. (Leise und schnell.) Lage nichts, daß Du ein Mann bist. Schwinde! w. Deine Frau, ja warum soll ich —? Anast. (flüstert mit ihm). L ouise (Schwindelwind betrachtend). Ach, es ist unglaublich! Einer solchen Vogelscheuche wegen kränkt er seine Frau! (Mit zornigem Ltolze.) Er ist gar nicht wertst, daß ich mich quäle! Schwindeln), (leise). Jetzt versteh' ich Dich! — Laß nur mich machen. (Geht zu Louise und sagt zimperlich.) Gnädige Frau! Entschuldigen, ich konnte nicht erwarten, daß Sie zu Hause sind; ich hätte es nicht gewagt. (Mit einem sentimentalen Blick aus Anastasius.) Der Unvorsichtige! Louise (sieht Schwindelwind au und sagt ganz verwundert). Wie häßlich sie ist! Schwindeln), (für sich). Was er für eine hübsche Frau hat. Elnundzwanzigste Scene. Vorige. Kathi (bringt Wein und Speisen). Anast. Ah, das Souper, mein Engel! (Gibt Schwindelwind mit komischer Grazie den Arm.) Setz' Dich! Louise (wnthend). Bersten könnt' ich vor Galle! Sch windelw. Ich dank' Dir, guter Anastasius. Anast. (am Tische fitzend). Nun, liebe Louise, Du siebst, wir haben nur zwei Eon- vcrts! aber die Kathi kann ja ertra für Dich anrichten. (Gr schenkt ein.) Louise (wir oben). Nicht nöthig! (Geht aus und ab.) Anast. Wie es Dir beliebt! (Hebt das Glas und ruft.) Meine liebe Frau soll leben! Schwindeln', (anstoßend). Hoch! (Sie trinken.) Louise. Na wartet! — Kathi! Kathi (die mit offenem Munde znsah) Gnä' Frau! (Gilt zu ihr.) Louise (leise zu Kathi). Geh' kinab und wenn Du den Mann mit der langen Nase im Hose siebst, so sag ibm, er soll kommen und seine Tochter abholen. Kathi. Ja, gnä' Frau. (Gilt ab.) Anast. (zu Ichwindelwind). Was ißt Du lieber, mein Mauserl, ein Flügerl oder ein hinters Biegel. Schwindel»». Ern Flügerl gib mir »nein Hcrzerl? Louise (zorniglachend). Wie ne zärtlich thun — na wartet — wartet! Anast. Trink' doch, mein Kind, sei nicht so scheuck! 11 Schwindel w. O Du Schalk, Du willst mir mein armes Köpfchen verwirren. (Schlägt ihn leicht auf die Wange.) Louise. Welche Manieren — und das gefällt den Männern! Zweiundzwanzigste Scene. Vorige. Kathi (eilt herein). Kath. Gnä' Frau, der Mann mit der Nasen kommt schon herauf! Schwindelw. und Anast (springenauf). Himmel! Louise Ah! Habe ick das Rechte getroffen, Ihr Unverschämten! Katbi, nur herein mit ihm. Anast. Aber Louise! schwindeln), (stürzt vor ihr auf die Knie, in natürlichem Tone). Gnädige Frau, Verzeihung, um Alles in der Welt! Louise. Sie gehen mit Ihrem unglücklichen Vater. Anast Aber Louise! Schwi ndelw. GnädigeFrau! (Ungemein schnell redend.) Ich bin ja nicht die Tochter, sondern nur der verkleidete, vom Vater der Tochter verfolgte Liebhaber der Tochter vom Vater; ich bin ein Mann, kein Weib, war nie ein Weib und schwöre bei Ihrer Schönheit, daß ich niemals ein Weib werden werde. Louise (sieht ihn ganz perpleic an) (5>N Mann?! Schwindelw. Der verloren ist, wenn Sie ihn ausliefern! (Suhl, daß Blindmann die Thür öffnet.) Ha! da ist er! Rettung. Gnade! (Duckt sich hinter den Tisch.) Dretundzwanzigste Scene. Vorige. Blindmann. Blindm. (hrreinstürzend). Sie is also doch da! Wo is sie? Wo is meine Tochter? Louise (bei Seite). Ich muß ihn retten. (Zn Kathi.) Geh'! (Kathi ab. — Louise tritt Blindmann entgegen.) Mein Herr, wer sind Sie? wie heißen Sie? was wünschen Sie? Blindm. (hervorsprudelnd). Ich heiße Blindmann und bin ein vierstockhoher Hausherr. Louise. Sehr erfreut, aber was führt Sie zu uns? Blindm. Ich suche meine Tochter; sie soll da sein. Das Dienstmädl hat mir's grad zuvor gesagt. Louise. Mein Herr. Sie irren, ich bin die Frau vom Hause, hier ist mein Gatte, wir soupiren soeben. Anast. (leise zu ihr). O Du Götter- weibl! (Laut, zu Blindmann tretend.) Ja, wir soupiren ein Brathendl und da wir Sic nicht eingeladen haben, mir zu soupiren, so lade ich Sie jetzt ein, uns endlich einmal in Ruh' zu lassen! Schaun's, daß's weiterkommen! Blindm. (wüthend). Herr, ich bin — Anast. Betrunken, das Hab'ich Ihnen schon einmal g'sagt; fort, oder wir brauchen unser Hausrecht. Blindm. Aber Herr, das Dienstmädl hat mir — Anast. (ihn g'gen die Thür drängend). Das Dienstmädl bilden Sie sich nur ein; wir haben gar kein Dienstmädl, gehn's nur, gebn's, wir wollen soupiren. Blindm. (der immer reden will). Gut, ich geh'; aber meine Tochter ist doch im Haus, und unten an der Stiegen wart' ich, bis's Tag wird, ich muß sie — (Wird vin- ausgedrängt.) Vierundzwanzigste Scene. Vorige (ohne Blindmann). Schwindelw. (eilt auf Louise zu und ihr stürmisch die Hand küssend, ruft er). Hochverehrte Frau? Mein Schntzgeist, wie soll ick Ihnen danken. (Küßt ihr in einem fort die Hand.) Anast. (aus der andern Seite)- Weiberl! Du bist ein Prachtweiber!, wirst aber doch nicht mehr eifersüchtig sein? Louise. Gewiß nicht! (ZuSchwindelwind.) Na. lassen Sie meine Hand; ich habe ja so viel wie nichts gethan! Schwindelw. lnnt Feuer). Und wenn Sie auch gar nichts für mich gethan hätten, ein solches weiches, zartes Händchen küßt man mit Wonne. Anast. No, no, no! (Sieht staunend aus Schwindelwtnd.) Schwindelw. Kommen Sie, meine Gnädige, Sie müssen mir die Ehre erweisen, ein Glas mit mir zu trinken. (Führt sie galant zum Tisch.) Anast. No, no, no, no! Louise (bei Seite). Er hat mich muth- willig gequält, jetzt ist an mir die Reihe. (Bei Tische angelangt. laut.) Lieber Anastasius, sei nicht bös, daß ich deinen Platz occnpire, aber es sind nur zwei Couverts da. Die Kathi soll ertra für Dich an- richten. Ana st. (perplex.) Was? Schwindelw. (der ganz entzückt ist). Ja wohl, soupir' Du allein. — Anast. Oho! mir vergeht auf einmal der Appetit. Schwindelw. Nun dann leg' Dich schlafen. Anast. (zornig). Schlafen? Louise (hält Lchwindelwind das Glas hin) Mein lieber Mann soll leben! Schwindelw. (anstoßend). Hoch! (Sie trinken und plaudern sehr angelegentlich mitsammen.) Anast. (wird eifersüchtig). Louise — Weiber! — Herzenstäuberl — sie hört mich nicht — wie's die Köpf' z'sammstecken — was er für Augen macht, er wird doch nicht — (Brüllt ) Schwindelwind! Schwindelw. (ohne aufzusehcn). Ja, ja, gute Nacht, Bester! Schlaf' wohl! Anast. Er wünscht mir eine guteNacht. Himmeltansendsapperment! Mir scheint, setzt werd' ich eifersüchtig; ich erbe von meiner Frau, die aber nicht stirbt. Schwindelw. (exaltirt). Und wenn ich sterben müßte, so kann ich nicht umhin zu gestehen, daß ich nie empfunden habe, was jetzt mein Herz bewegt. Anast. Himmel! Ich krieg' den Magenkrampf vor Wuth. Kathi! Fünfundzwanzigste Scene. Vorige. Kathi. Kathi (eilt zu Anastasius). Gna Herr! Anast. (leise). Geh' hinunter und wenn Du den Mann mit der Nase siehst, so sag' ihm, er soll heraufkommen; bring' ihn gleich mit. Kathi. Ja, gna Herr! (Mt ab.) Louise. Nun, lieber Anastasius, Du hältst Dich so fern; sollen denn wir allein die Kosten der Unterhaltung bestreiten? Anast. (mit Wuth). Nein, nein; die Kosten bestreit' ich! Schwindelw. Ich glaubte Dich längst schon in Morpheus' Armen. Anast. (spöttisch). In Morpheus' Armen? Nein, mein Freund; ich Hab' noch allerhand in Ordnung zu bringen, eh' ich mich schlafen leg'. Louise. Wie siehst Du denn ans? Ist Dir wieder nicht wohl? Soll Dir die Kathi deinen Deilchenabguß bringen? Anast. Die Kathi bringt mir gleich, was ich brauche. Ha, da ist sie schon! Sechsundzwanzigste Scene. Vorige. Kathi. Blindmann. Bl in dm. Ich sag' ihr, wenn sie mich foppt, so — Kathi. Kommen's nur! Schwindelw. Höll' und Tod! Da ist er wieder. (Duckt sich hinterm Tisch.) Anast. (zu Bliudmann). Kommen Sie nur, lieber Mann! Sie suchen Ihre Tochter ? Die ist nicht hier — Bl in dm. Schon wieder! 13 Anast. Lassen Sie mich ausreden. Ihre Tochter ist nicht hier, aber ihr Shawl und der den Shawl gebracht hat, ist der Geliebte Ihrer Tochter. (Sieht umher.) Da, da (zeigt aus Schwindrlwind) steckt er hinterm Tisch, als türkische Cousine verkleidet. Sch windclw. Schändlicher Verräther! Blindm. Aha! — der ist's, der Mode- waarenhändler, der mich schon ein Heidengeld kost'. Herr, ich kenne Ihre Verhältnisse, Sie sein ledig, hab'n a gut's G'schäft, Sie müssen meine Tochter heiraten. Anast. Ja, er muß — lassen's net nach! Schwindclw. (eilt zu Anastasius). Unglücksmensch, was treibst Du! Weißt Du nicht, daß diese Heirat mich ruiniren kann! Anast. Mir alleseins, wenn Du ledig bleibst, bin ich ruinirt, denn Du machst meiner Frau die Cour. Louise (die an Anastasius' Seite geschlichen ist und gehorcht hat, sagt freudig). Anastasius! Du bist also auch eifersüchtig geworden? Begreifst Du nun diese Leidenschaft? Anast. (sich zu ihr wendend). Ja. mein Weiberl, und ich wünsch' mir nir, als daß Du es jedenfalls bleibst. (Umarmt sie.) Schwindclw. (zornig). Sie hat mich nur benützt, um ihn eifersüchtig zu machen. (Zu Blindmann.) Mein Herr, welche Aussteuer geben Sie Ihrer Tochter? Blindm. Einen Hausantheil und siebzigtausend Gulden. Schwindclw. Gut, ich heirate sie! Aber mein Lebtag will ich d'ran denken — Blindm. An was? Ana st. Immer werd'ich d'ran denken — Louise. An was? Anast. und Schwindeln), (zugleich). An das Souper am Faschingsonntag! Ende. Zn der Wallishauffer'schen Buchhandlung (Zosef Klemm) in Aren find von Alois Berla bisher erschienen: GermNUS- der Narr vom Untersbcrg. Posse mit Gesang in drei Acten. 8 Sgr. od. 40 Nkr. M " ' W« !>kl tWs. Lnstspiel in einem Acte. 6 Sgr. od. 30 Nkr. Der ZiMlier. Genrebild mit Gesang in einem Acte. 7/. Sgr. od. 35 Nkr. Das tägliche Brot. bharactergemälde mit Gesang in drei Acten. l2 Sgr. od. 60 Nkr. Die Jungfer Taut . Volkskomödie mit Gesang in drei Acten. l2 Sgr. od. 60 Nkr. Alk «k ^ I ^ ! Posse mit Gesang in einem Acte. 7 V, Sgr. od. 35 Nkr. Von Friedrich Kaiser find bei uns erschienen: Männerschönheit. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit Titelkupfer. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Natur dicht er, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr- oder 75 Nkr. Eine Posse als Medicin. Originalposse mit Gesang in 3 Acten. Mit allegorischem Bilde. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Fürst. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischen Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr- Mönch und Soldat. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbild«. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Charakterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbild«. 8. geh. 15 Sgr- oder 75 Nkr. Der Rastelbinder, oder: 10000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten- Mit 1 Litelbilde. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Junker und Knecht.Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15Sgr. oder 75Nkr. Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Acten. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilds. 8- geh. 15 Sgr- oder 75 Nkr. Dienstbotenwirthschaft, oder: Chatouille und Uhr. Charakterbild mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Titelbild«. 8 geh. 12 Sgr. oder 60 Nkr Doctor und Friseur, oder: Die Sucht nach Abenteuern- Posse mit Gesang in 2 Acten. Zweite Auflage. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr Zum ersten Male im Theater- Posse in 1 Acte. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr. Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr- oder 50 Nkr. Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten, io Sgr oder 50 Nkr. Ein neuer Monte-Christo. Original-Characterbild in 3 Acten Die Frau Wirt hin- Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Etwas Kleines. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Zwei Testamente. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten Unrecht Gut. Characterbild mit Gesang in 3 Acten und I Vorspiele. Des Kramers Töchterlein Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Eine Feindin und ein Freund Posse mit Gesang in 3 Acten. Ein Lump Characterbild mit Gesang in 3 Acten Verrechnet. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Palais und Irrenhaus Original-Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Jagdabenteuer Posse mit Gesang in 2 Acten Naturmensch und Lebemann Characterbild mit Gesang in 3 Acten Nichts. Posse mit Gesang in 3 Acten Loealsäugerin und Postillon. Posse mit Gesang in Z Acten. Gute Nacht, Rosa? Dramatisches Genrebild in I Act Der Soldat im Frieden. Characterbild mit Gesang, Tanz rc in 3 Acten. Der Mensch denkt Lebensbild mit Gesang in 3 Abtheilnngen. Auf dem EiS' und beim Christbanm. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr oder 60 Nkr. 12 Sgr- oder 80 Nkr 12 Sgr. oder 80 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. l2 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 8 Sgr. oder 30 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder SO Nkr. -Haus Rohrmann, oder: Casus und Sempronins. Charakterbild in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. -»o»- Von Johann Restroy find bei uns erschienen: Glück, Mißbrauch und Rückkehr, »brr: Das Gkheimniß des grauen Hauses. Posse mit Gesang in 5 Auszügen. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Einen Jnx will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Aufzügen Zweite Auslage, geh 12 Sgr. oder 60 Nkr Die Zerrissene. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Der Talisman. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Unverhofft. Posse mit Gesang in drei Acten. Mit 1 alleg Bild. 12. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Der Unbedeutende. Posse in 3 Acten. Mit 1 illum. Bild. 12 geh. 20 Sgr. oder 1 fl Der böse Geist Lnmpacivagabundus, oder: Das liederliche Kleeblatt. Zauberposse mit Gesang in 3 Auszügen. Dritte Auflage. 12 Sgr- oder 60 Nkr Das Mädl aus der Vorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12- 15 Sgr. oder 75 Nkr Die verhängnisvolle Faschingsnacht. Posse mit Gesang in 3 Aufzügen. 12. geh 15 Sgr. oder 75 Nkr Eulenspiegel, oder Schabernack über Schabernack. Posse mit Gesang in 4 Auszügen. Zweite Auflage. 10 Sgr- oder 50 Nkr Freiheit in Krähwinkel. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 3 illum. alleg. Bild. 12. geh 24 Sar. oder 1 fi. 20 Nkr Ferner find daselbst erschienen: Sämmtliche Theater von Castelli, Gleich, Grillparzer, Hopp, Hensler, Kaiser, Watdmann, Keld- mann, Weißenthurn, Deinhardstein, Holbekn, Kotzebue, Jffland, Werner, Hafner, Vogel, Körner, Ziegler, Jünger, Collin, Perinet, Huber, Baumann, Birch-Pseiffer, Schröder, Clauren, HerzenSkron, Treitschke, Sonn leithner, Chrimfeld, Meist, Koch, Schilddach, Seyfried, Bäuerle rc. Die Wallishanffer'sche Buchhandlung in Wien, hoher Markt, hält das möglichst vollständigste Lager aller im Buchhandel erschienenen ältesten und neueren Theaterstücke, besorgt das nicht Vorräthige schnell und gibt Verzeichnisse gratis aus. Druck und Papi» von Lropold Sommer in Wirn. Des Teufels Zopf. Posse mit Gesang und Tanz in drei Aufzügen , von Carl Juin (Giugno) und Louis Flerx. (Die Grundidee nach Clairville.) Musik vom Capellmeister Carl Binder. Personen: Benjamin Schwirbl, Hörer der Astronomie. -Eustachius Süßholz, Gewürzkrämer und Mitglied des Mäßigkeitsvereines in Stixneufiedl. Guckeborn, Professor der Astronomie. Steinherz, ein Wucherer. Krau Sperrauf, Hausmeisterin. Nettchen, e Fanni, l Kammermädchen. Linchen, ! Gabler, ein Wirth. Pack an, i Gerichtsdiener Test, l Die Stimme eines Haufirjuden. Masken. Volk. Erster Z ct. (Rechts und links wird vom Zuschauer angenommen. Die Personen stehen so, wie sie bei jeder Scene angeführt find.) (Das Innere eine- sehr ärmlich eingerichteten Dachstübchens Im Hintergründe rechts die E,n- gangsthür, daneben links ein Bett Seite links im Vordergründe eine geheime Thür, recht« eia tdeRr, ISS, Fenster, welche- auf die Dächer führt. An der Wand ober dem Bett hängt eine alte Pistole, unter dem Bette stehen ein Paar alte Pantoffeln, ein zerbrochener Stiefelknecht. Im Vordergründe rechts ein schlechter Schreibtisch. Schriften und Bücher in größter Unordnung auf und unter demselben, ein Schreibzeug, eine Kerze in einer Flasche, ein alt.r Kl.iderstock, offene Laden des Kastens, wo »inrge Wäsche herausyängt, m t einem Wolle dds Bild eimr liederlichea IuaggeseUtN>vtrlh>^asl.) 1 2 Erste Scene. Frau Sperrauf. (Der Vorhang geht unter den letzten Tacten der Ouvertüre auf, es ist halb Nacht, dann vernimmt man aus der Ferne Ballmufik, die Thurmuhr schlägt 6 Uhr. Man hört an der Eingangsthür zu wiederholtenmalen klopfen, endlich öffnet sich dieselbe und Frau Sperrauf, eine kleine Laterne in der Hand, tritt ein, sie sieht sich überall neugierig um, Musik endet.) Frau Sverrauf. Ah, das is merkwürdig. Kein Mensch z'Haus, da könnt i freili noch a Stund' klopfen, ohne daß wer herein sagt, aber der Teure!, wissen möcht' ich, wie der Herr Schwirbl beim Haus hinauskommen is, ohne daß ich ihm aufgemacht Hab', es wird doch Niemand an Hausschlüssel haben, das wurd' ich mir verbieten, zu was sein denn wir Hausmeisterleut', als daß wir das ausschließliche Recht haben, d'Parteien in Regen und Schnee so lang beim Hausthor klopfen und läuten z'lassen, bis es uns g'fällig is, sie herein z'lassen, ha, ha, ha! Ja, ja — wir Hausmeisterlcut' sein eigentlich die Herren im Haus! Den Zins zahlt die Partei freilich dem Hausherrn, ob's aber ruhig in der Wohnung bleiben kann und wie lang, das hängt von uns ab, denn wann wir der Partei nit gewogen sein, wenn sie sich von uns nit weißigen, hacken und schneiden laßt, so wird's Hinausbissen. (Hat sich während dieser Zeit dem Bett genähert, um es aufzubetten.) Ja, was is denn das? 'S Bett is noch aufbett'!? Ah, 'sDö- gerl is heut' Nacht gar nit z'Haus g'west'. Na, is das a Thunitgut! War erst so lang und so schwer krank, und bleibt schon wieder über Nacht aus; no, mir is recht, is wieder a Arbeit erspart. (Nimmt 's Licht.) Aber, a Bisserl d'Leviten lesen muß ich ihm doch, wann er z'Haus kummt, wann's a nur deßtweg'n wär', weil er erst nach'n Thoraussperr'n kummt, und mich so um mein' Sperrsechser betrügt, (im Abgehen) das kann i ihm nit schenken! (Ab.) Zweite Scene. Schwirbl (allein). (Wenn die Frau Sperrauf ab ist, beginnt das Ritornell zum Entröeliede, welches etwas lang sein muß, unter diesem hört man einen kleinen Tumult, dann stürzt Schwirbl herein, ohne Rock und ohne Weste, bloß in Pantalon, Hemd und den Hut aus dem Kopse.) Enträelied. Nein, das ist doch unerhört, Daß man so mir wem verfährt, Statt zu glänzen auf dem Feste Steh' ich da jetzt ohne Weste. Ohne Rock und nur im Hemd, (Verschämt.) Pfui, o pfui, wie man sich schämt, Aber warte nur, Schicksal, deine ewigen Tücken, Die sollen bei mir dir gewiß nicht mehr glücken, Und kommst mit all' deinen Künsten hervor, Mich schützt mein Humor! Aber dumm ist's doch, auf Ehre, Mich bei meiner Magenleere Von den Speisen, von den warmen Wegzureißen ohn' Erbarmen Und zum Saal hinaus zu führen. (Deutet das Hinauswerseu an.) (Wie oben.) Pfui, o pfui! das thut geniren. Doch Hab' ich im Sack auch keinen einzigen Pfennig, Werd' geklagt und gepfändet ich, das küui- mert mich wenig, Nicht fürcht' ich der Gläubiger schreienden Chor, Mich schützt mein Humor! (Nach dem Liede.) Muß mich der Teufel aus die Idee bringen, auf den Maskenball zu gehen, und dort mit einem dicken Chinesen wegen einer schmächtigen Sylphide 3 Händel anzufangen. Ohne die Händel wäre der Kellner vielleicht nicht auf mich aufmerksam geworden, und hätte unter den vielen Masken übersehen, daß meine Groß- thuerei auch nur eine Maske sei, so aber ^ hat er die Zeche verlangt, und beim Zech- zahlen, oder besser gesagt, beim Zechnicht- ! zahlen, ward ihm klar, daß ich kein Geld habe, und erwarb unangenehm! Ich Hab' ihn zwar mit allen möglichen Höflichkeiten für mich gewinnen wollen, ich habe ein glückseliges Neujahr, langes Leben, alles erdenkliche Gute zum Namenstage gewünscht, aber umsonst, ich Hab' ihn endlich zum Teufel gewünscht, aber auch umsonst, denn der Teufel holt keinen Ballkellner, wozu sollte er sich auck strapeziren, es kommt ihm ohnedieß keiner aus, zuletzt wollt' ich meine astronomischen Kenntnisse als Hypothek zurücklassen, aber so ein Ballkellner klebt zu sehr am Irdischen, deshalb hat er es vorgezogen, mir Rock und Weste auszuziehen und mich mit langer j Nase abziehen zu lassen! Da steh' ich nun ohne Rock! Es war mein einziger! nun kann ich nicht einmal auf die Gasse; empörend, himmelschreiend! Aber pfui, Benjamin, schäme Dich zu jammern um einen Rock! Gehören denn die Röcke zur Glückseligkeit des menschlichen Lebens?! Nein, sonst müßten die Schneider die glücklichsten Leute sein? Wo waren die Menschen am glücklichsten? Im Paradiese! Und die Modebilder, welche die Redaction des Paradieses herausgegeben hat, zeigen uns das einfachste Costume. Ein Blatt! ein klarer Beweis, daß man sich damals schon mit die Blätter hat zudccken können, zu dieser Mode hoffe ich es auch noch zu bringen, bloß um mich in die Freuden des Paradieses zu versetzen! Ueberhanpt ist das Bekleiden ein Uebergriff der Menschheit, dieSchö- i Pfung hat Alles so weise geschaffen, den ! Bären mit einem Pelze, die Gans mit der l Feder, den Fisch mit Schuppen u. s. w., > wenn sie also bei dem Menschen die Klei- ^ düng für nothwendig befunden hätte, würde sie gewiß dem Adam einen Kaput und der Eva einen Rciftock haben wachsen lassen! Das sieht aber das kurzsichtige Menschengeschlecht nicht ein, und zieht Kleider an, damit sie einem der Kellnerausziehen kann- (Besieht sich und deutet aus seine Hemdärmeln.) O, es ist schändlich! und wegen ein paar lumpigten Schulden prange ich jetzt in der Farbe der Unschuld! Als ob Borgen und Schuldigbleiben etwas Unrechtes wäre! Gibt uns doch schon die Natur die Anleitung dazu. Borgen ist das Urgesetz der Natur, Schuldigbleiben die nothwendige Folge, das muß ich als Astronom am besten verstehen. Kaum hatte die Schöpfung die Firma Welt eröffnet, so fing sie schon zum Borgen an, sie borgte nämlich vom Adam eine Rippe, um ihr Institut zu vergrößern, und diese Rippe ist sic heut' zu Tag noch schuldig, die Elemente borgen eins von dem andern, der gewaltige Ocean, die Börse der Welt, der wie die Aktien bald steigt und bald fällt, schämt sich nicht von ganz schmächtigen Flüssen sein Wasser zu borgen und schuldig zu bleiben, warum sollt' ich Skelett der Schöpfung nicht von einem dicken Wirth meinen Wein borgen und schuldig bleiben? Der Mond borgt sein Licht von der Frau Sonne, und wenn's ihm anfangt auszugehen, nimmt er wieder auf, und dann die Zeit, diese größte aller Schuldenmacherinnen, wie viel Wünsche und Hoffnungen bleibt uns die alle Jahre schuldig! Das Zahlen ist also ganz gegen das Naturgesetz, und gegen das Gesetz soll sich ein ordentlicher Mensch nicht auflehnen, folglich zahl' ich nichts! und benehme mich meinem Gläubiger vi8-ü-vis wieder so, wie es uns die Natur lehrt. Nachdem die Zeit z. B. dem Februar alle Jahr zwei Tag schuldig bleibt, macht sie alle vier Jahre Crida, und gleicht sich mit 25 Procent aus, indem sie dem Februar alle vier Jahr einen Tag Abzahlung gibt; der Fluß, wenn ihm die kleinen Bäche drohend auf den Hals kommen, reißt aus! Und so will auch ich ausreißen, und fort, fort in die weite 1 * Welt. Za, aberhalt! auch dazubraucht man Geld, und woher nehmen Geld, Geld muß ick haben! (Geht mit großer hastiger Bewegung auf und ab.) «Tausend Ideen durchkreuzen mein Gehirn. Wie quillt und schwillt und glüht und sprühtund säuselt und kräuselt und zittert und flittcrtund dämmert und flämmert und hämmert und springt und klingt und tiraillirt und retardirt und manöverirt und sublimirt, re- stringirt und resolirt und modulirt das Alles herum in meinem Kopfe, und doch komm' ich auf keine gescheidte Idee, ha! es wird Licht! ich habe ja in der Nähe einen nahen Verwandten, aber halt, da vergeh ich wieder, daß bei einem armen Teufel die nahe Verwandtschaft seiner reichen Verwandten immer sehr entfernt angenommen wird; reiche Leute sind froh, wenn sie so ein armen Verwandten los werden, ich werd' also meinem reichen Herrn Vettern schreiben, daß ich gestorben bin, und Geld zu meiner Leiche brauche, nein, nein! das geht nicht, aber halt! er hat wollen, daß ich Astronomie studieren soll, weil das ein Feld ist, welches noch wenige Bewerber hat, ja, ja, so geht's. (Setzt sich eilig und schreibt.) »Euer Wohlgeboren! Ein schreckliches Unglück hat Ihren Detter Benjamin Schwirbl, den berühmten Astronomen, getroffen, der brave junge Mann hat immer so fleißig ins Glas geguckt, daß er plötzlich erblindet ist, und zwar gerade in dem Augenblicke, wo er damit beschäftigt war, zu beweisen, ob die Flecken der Sonne Lrberflecken oder bloß Sommersprossen seien. Um in's hiesige Blindeninstitut ausgenommen zu werden, braucht er 500 Gulden, sein Sie daher so menschenfreundlich, ihm die Summe alsogleich zu überschicken; auch braucht er, da er jetzt nicht allein gehen kann, einen Stock, um sich zu stützen, senden Sie ihm den Ihrigen, aber den mit dem goldenen Knopfe!« (Gesprochen.) So, aber wer soll den Brief geschrieben haben, hm?! weiß schon, meine Hausmcisterin. (Schreibt ) Mit Achtung Katharina Sperrauf, Hausmeisterin des unglücklichen Opfers der Wissenschaft. (Den Brief zumachend, siegelnd und dann die Adresse darauf schreibend.) Nun noch die Adresse. »Sr. Wohlgeboreu Herrn Eustachius Süßholz, Gewürzkrämer und Mitglied des Mäßigkeitsvereines in Stirneusiedl.« So! das Hab'ich pfiffig gemacht, morgen bekommt er den Brief und übermorgen Hab' ich Geld! aber wie bis übermorgen leben, ich verspüre jetzt schon wieder Hunger, und dieses Gefühl, um das mich vielleicht mancher Reiche beneiden würde, muß ich los werden, der Magen ist der einzige ungestüme Gläubiger, den man befriedigen muß. Eine Stimme von außen (beim Fenster rechts). Handeln! handeln! — Nir zu handeln! Schwirbl. Halt! da hör' ich meinen alten Banquier, der mir schon manchen Rock escomptirt hat! (Tritt aus dem Fenster und schreit hinunter.) He! ein wenig warten! (Bom Fenster weg.) Was kann ich ihm denn geben? Rock Hab ich keinen mehr. Mein Hut, na ja, zu was brauch' ich einen Hut, einem armen Teufel traut man ja ohnehin keinen Kopf zu! Aber für meinen alten Hut gibt er nichts, meine Uhr und meine Prätioscn studiren schon lange hebräisch; ha, meine Stiefel! < Zieht die Stiesel ab, schlieft schnell in die Pantoffel, ruft zum Fenster hinaus.) Gleich kommt was, nur ein klein wenig Geduld. (Läuft zum Schreibtisch, wirst Alles untereinander, um Spagat zu finden, bindet die beiden Stiesel daran und läßt sie dann zum Fenster hinab.) Wo ist denn mein Spagat! a da! So! (Zum Fenster laufend.) He, Achtung, daß sie nicht auf den Kopf fallen, das heißt aus deinen Kopf! Stimme. Wai a paar alte Stiefeln? Was thue ich damit? Schwirbl. Ich bitt' mir's aus, die Stiefel sind noch ganz neu — ich habe sic noch gar nicht getragen. (Für sich.) Das ist auch wirklich wahr, denn die Stiefel haben mich getragen. Stimme. Einen Gulden Schein geb' ich dafür! Schwirbl. Was? Einen GuldenSchein. Nir da, da laß ich meine Aktien wieder steigen. (Zitgt dm Spagat herauf.) Stimme. Handeln, nir zu handeln! Schwirbl. Er geht fort. (Rufthinab.) He, Jude, Handel doch christlich mit mir. Stimme. Ich Hab' schon gesagt. Einen Gulden Schein geb' ich, mehr kann ich nicht thun. Sch wir bl. Teufel, was will ich macken, ick habe Hunger, die Stiefel kann ich doch nicht frühstücken! Also fort mit Schaden! (Rust hinab und läßt dm Spagat los.) Da hast Du sie, gib das Geld der Hausmeisterin dieses Hauses und sag ihr, sie möchte mir gleich ein Paar Rostbraten ohne Salat und ein Seidel Wein ohne Wasser bringen, hörst Du? Stimme. Schon gut! schon gut! Schwirbl (geht vom Fenster weg und reibt sich freudig die Hände). Gott, wie wird das mir schmecken, durch vierzehn Tage hin durch bab' ick nichts genossen als Thee und Thee und wieder Thee, den ich während meiner Krankheit immer auf dem Tische fand, wenn ich erwachte, und den mir wahrscheinlich meine Hausmeisterin hiugestellt hat — das gute, edle Weib! Ob ich aber sonst noch etwas brauche, darum hat sie sich nicht gekümmert. (Während dieser Rede läuft er immer vom Kasten zum Schreibtische und deckt auf) Hahaha! Ich möchte doch wissen, was mein kleiner Sckützling macht, und ob ick sie wohl Wiedersehen werde? Wenn ich denke, wie ich damals vom Sperl nach Hause gegangen bin, und wie vier Herren das hübsche, schüchterne junge Mädchen verfolgten, wie sie um Hilfe schrie, ich mich ihrer annahm, und die vier Herren, wahrscheinlich Fleischhauer, mich auf Karbonadeln zusammenklopften, bis ich liegen blieb und in süße Träumereien versank—das wareine schöne Scene. Als ich dann später vom Nachtwächter wieder ins Leben zurückgeschopfbeutelt wurde, weil er mich für betrunken hielt, war die Holde verschwunden, kein Andenken ist mir von ihr geblieben, als ein paar blaue Augen, die mich aber nicht an die ihrigen erinnerten. Sperrauf (Mitte rechts, von außen). Ist schon Jemand zu Hause? Schwirbl. Himmel, eineFrauenzimmer- stimme! Und ich bin in Hemdärmelm, das schickt sich nicht, schnell mein Schlafrvck, ja so, ich habe keinen, ah, eine Idee! (Läuft zum Bette, nimmt die Decke und wickelt sich darein.) So, ick bitte, wenn's gefällig ist, schönes Geschlecht. Dritte Scene. SchwirblundSperrauf(aus der Mitte rechts). Sperrauf (mit Papieren in der Hand). Ha!.... Herrschaft noch einmal, wie schaun denn Sie aus? Schwirbl. Ich bin in meiner Morgentoilette. Tragen so viele Männer in Neglige türkische Pluderhosen, warum soll ich nicht einen arabischen Burnußtragen, übrigens vor der Hausmeisterin brauch' ich mich nickt zu geniren! (Wirft die Decke ab.) Sperrauf. Sie sein g'wiß wo h'nauS- geworfen worden? Schwirbl. Weib! Du hast ein delphisches Divinationsvermögen! Du verdienst auf einem Dreifuß zu sitzen! Uebrigens hin- ausgeworfen bin ick nickt worden, man hat mick nur hinausgewälzt! Sperrauf. Aber wo haben Sie denn Ihren Rock und Ihre Stiefel, ich möckt Ihnen gern' a' bisserl wiren und ausklopfen! Sckwirbl. Mein Rock?!... Mein Rock hat seit einiger Zeit an bedeutender Zerstreutheit gelitten, und da ist er heut Nackt in Gedanken bei einem Kellner zurückgeblieben. O! ich habe seine Sucht zur Trennung schon lange an verschiedenen ausgegangenen Nähten bemerkt, sein Inneres war zerrissen, und da hat er sich wahrscheinlich gedacht, in einem Wirthshaus kommt er am leichtesten wieder zu einem Futter, und durch diese Versetzung der Umstände wieder zu einem bessern Aussehen, und so hat mich derUudankbare verlassen! Meine Stiefel aber 6 sind den Weg alles Fleisches gegangen und haben sich für mich in ein paar Rostbraten verwandelt, welche Sie mir zum Frühstück bringen sollen! Also her mit dem Frühstück! Sperr auf. Zu was brauchen Sic ein Frühstück? Sie werden bald ganz umsonst verkostet werden; da haben Sie das wahre Frühstück! (Deutet aus die Schrift, die sie mitbrachte.) Schwirbl. Was soll das Papier? Wollen Sie mich papierln? Glauben Sie, ich esse Rostbraten in Papilloten? das ist nichts für meinen Appetit. Sperrauf (hält ihm die Schrift hin). So essen's nur (sich verbessernd) ach, lesen's nur, Hab' i sag'n woll'u, es wird Ihnen der Appetit gleich vergeh'«! Schwirbl (die Schrift öffnend und durchsehend). Was ist das? Protest! Zahlungsauflage — Personalarrest! — hm! Herr Steinherz hat meine Wechsel an sich gekauft — hm! ich kenne den Herrn Steinherz zwar nicht persönlich, aber per Renommee. Er ist einer der größten Wucherer der Stadt. Sperrauf. O, der Herr ist sehr ein christlicher Mann, er hat mir's selbst g'sagt, daß er nur fünf Procent nimmt. Schwirbl. Per Stund', ja! Uebrigens bedaure ich den Mann, denn wenn er auch alle Verbastsbefehle von ganz Europa und alle Gcrichtsdiener der ganzen Welt hcrauf- beschwört, der — der kriegt doch nie ein Geld von mir! Sperrauf (etwas freundlich). Ach! Also wir Andern werden doch einmal zahlt? Schwirbl. Ja, sobald ich den befriedigt habe! Sperrauf (böse). Was? Spaß machen thun Sie nocb mit uns armen Leuten? O, so was rächt sich — (Schwirbl lacht.) Lachen Sie nur, cs kommtschoneinmalder zahlende Tag! Schwirbl. Der zahlende Tag! Was dock die alten Weiber abergläubisch sind! (ZuSperrauf.) Meine liebe Frau Hansmei- sterin, meine Gläubiger haben die Idee aus den zahlenden Tag schon längst aufgegeben und ich auch. Sperrauf. So? Na, dann war ja das recht a g'scheidter Einfall von mir, das Geld von dem Juden als Abschlag für die rück- ständigeBedienung gleich zurück zu b'balten. SchwirbI. Was? Weib, Hausmeisterin! das kann dein Ernst nicht sein. Sperrauf. Mein vollkommener Ernst! Schwirbl. Wirklich? Ja, ist es denn nicht genug, daß Du Hausmeisterin bist, mußt Du auch noch Hausdrach sein? Nein, nein, das ist nicht möglich, das kannst Du nicht gethan haben, Du, die Du mich in meiner Krankheit so reichlich versorgt und gepflegt hast! Sperrauf. (erstaunt). Ick? Mir scheint, Sie sind nicht recht g'scheidt, Herr Schwirbl, ich bin ja seit 14 Tagen nicht in Ihrem Zimmer gewesen. Na ja, krankenwartcn auch noch, das ging' mir g'rad noch ab. Schwirbl. O läugne deine Mildthätig- keit nicht! Täglich die Masse Kramperlthee! so curirt nur eine Hausmeisterin! Uebrigens bin ich Dir dafür dankbar und werde Dich ewig lieben, um ein gutes Frühstück. Sperrauf. Sie lieben mich? Haha! Nun gut, beweisen Sie mir Ihre Lieb' und zahlen's mich. Schwirbl. O, meine Liebe ist so groß, daß sie nicht durch Zahlen auszudrücken ist — aber ein Frühstück — Sperrauf. Nir da! i gib nir mehr her von dem Geld. Schwirbl. Nichts? wirklich nichts? Sperrauf. Nit an Kreuzer! Schwirbl. Also die Menschheit verlaßt mich — nun gut — (springt aufs Bett un) reißt die Pistole herab) so sei Du mein letztes Zufluchtsmittel! Sperrauf. Um Alles in der Welt, was wollen's denn? Sie werden sich doch nicht umbringen? He! zu Hilf'! zu Hilf'! Schwirbl. Tragen Sie diese Pistole zum Greisler und sagen Sie ihm, er möchte mir einen Dierting Käs und ein Groschen- laibl darauf vorschießen. Sperrauf(fich beruhigend). Ja, so — i bin darschrocken, daß ich kein' Tropfen Blut gebet. (Nimmt die Pistole.) Aber was ist denn das für eine Pistolen, die hat ja gar kein' Lauf und kein' Hahn! Haha! wer leiht da noch was d'rauf? kein Mensch! Schwirbl. Dann, Hausmeisterin, bleibt mir nur noch ein Mittel, so ungern ich's thu' — ich muß Dich anpacken! (Geht auf sie loS.) Sperr auf (weicht ihm aus). Hörn's auf mit den Dummheiten, ich werd' lieber nachschauen, ob ich nit einen alten Wecken bei mir find'! Sch wir bl. Das war' mir lieber, denn so hart kann er unmöglich sein, wie Sie. Sperrauf. O, i bin nit hart, aber wenn man's Ihnen gut meint, so muß man so mit Ihnen umgeh'n, denn Sie sein a bisserl a leichtsinniges Früchterl, aber das liegt schon im Blut! Schwirbl. Meine Abkunft spricht für Oeconomie! Mein Vater war Musikant und meine Mutter beim Ballet! Sperrauf. Sie hab'n sich ja von Ihre guten Freunde rein ausziehen lassen! Schwirbl. Da kann ich nichts dafür; ein Astronom ist ein Mensch, der mit dem Kopf immer in den Wolken steckt; was weiß der, was mit ihm herunten vorgeht. Sperrauf. Alle Augenblicke sind's sternvoll (berauscht) z'Haus kommen! Schwirbl. Das istfür einen Astronomen nichts Unrechtes! Sperrauf. Und so haben Sie alleweil in' Tag hineing'lebt. Schwirbl. Das ist Verleumdung! Ich Hab' in die Nacht hineing'lebt — beim Tag dab' i g'schlafen, um nur nicht müßig zu sein, den Müßiggang ist aller Laster Anfang! Sperrauf. Wenn Sie das einseh'n, warum haben Sie sich denn dann auf eine so unnütze Kunst verlegt? Schwirbl. Weil's der fromme Wunsch meines Vetters war, mich so dem Himmel näher zu bringen! Sperrauf. Ja, gibt Ihnen denn Ihr Herr Vetter auch was? Schwirbl (einfallend). O ja, eine Masse gute Lehren, aber kein Geld. Sperrauf. An Ihrer Stell' schauet ich mich halt um ein anderes Amt um, was mehr für mich paffet. Schwirbl. Im Versatzamt, da bin ich wie z'Haus! Sperrauf. Sie hab'n g'studirt, Sie können überall anklopfen! Schwirbl. Ich Habs versucht, es hat aber Niemand herein gesagt! Meine dümmsten Collegen sind ang'stellt worden und lch Hab' nichts bekommen; da dachte ich mir oft, warum bin ich nicht auch so ein Esel geworden? Sperrauf. No, was nicht is, kann noch werden! Schwirbl. Ah, mir hilft kein Teufel mehr! Sperrauf. Pst! Nur keine solchen Reden! Sie als Sterndeuter, der die geheimen Mächte und Talismänner kennt, sollen schon gar nit so reden! Schwirbl. Geheime Mächte? Talismänner? Teufel? Lächerlich! Es gibt keine Teufel, als höchstens arme Teufel, wie ich einer bin, und gibt keine geheimen Mächte und Talismäner als das Geld, das Alles zaubern kann! Sperrauf. Oho! Meine Großmutter hat mir oft erzählt — und meine Großmutter war Ladenmädel bei einem Lotteristeu sein Schuster— daß, wer dem Teufel seinen Zopf ausreißt, daß der Alles kann. Schwirbl. Das will ich glauben, denn um einen Zopf auszureißen, dazu g'hört ohnedem schon mehr als Birnbraten. Aber daß der Zopf auch in der Höll' en voZue ist, hätt' ich mir nicht gedacht. Uebrigens so ein Teufelszopf wär' freilich was werth, wie kommt man aber z'erst zum Teufel? 8 Sperrauf. O, der kommt selber, wenn man ihn wünscht. Schwirbl. So? Sperrauf. Aber nit wahr, Sie werden ihn nit rufen? Sie sein zu ein braver Mensch. Schwirbl. Wenigstens zu gescheidt, um an solche Kindermärchen zu glauben. Sperrauf. Na — na — na — nur nir freveln, i waß — was i waß! Aber i muß jetzt geh'n und werd' schauen, ob i nit vielleicht a bisserl was Ueberslüffig's find't, für Ihnen auf ein Frühstück! (Mitte rechts ab.) Vierte Scene. Sch Wirbel (allein, ihr nachrufrnd). 3a, sein's so gut! i fühl' mich ordentlich ganz matt vor Hunger... Es wird wohl a bisserl a Schlaf dabei sein auf die Schwärmerei! Hm! Ich will mich ein wenig niederlegen, bis die Hausmeisterin kommt! (Wirst sich auss Bett mit dem Kopfe gegen links.) Heut'Hab'ich's commod, heut' brauch ich gar nicht viel auszuziehen. (Streckt sich.) Ah, das thut wohl! (Deckt sich zu.) Teufel, da fällt mir eben ein, ich Hab' vergessen, der Hausmeisterin den Brief an meinen Vetter mitzugeben. (Bemüht sich aufzustehm.) A pah! wozu auch, wer weiß ob er mir hilft. Ich will lieber schlafen, vielleicht kommt mir's Glück im Schlafe, ein altes Sprichwort sagt es ja. (Nach und nach rinschlafend.) Das Glück? Ja, wenn so ein Teufelszopf eristirte, wie die Hausmeisterin meint, ho! ho! ... aber — lächerlich, es gibt keine Teufel, 's gibt gar keinen Zopf, man munkelt zwar, nicht umsonst, — es — ist — gewöhnlich etwas dahinter, na — es sollte mich freuen — Herr Teufel. (Schläft ein.) Fünfte Scene. (Musik im Orchester fängt piano an, man hört schwirbl laut schnarchen, dann öffnet sich plötzlich die g.Heime Thür Seite links und Fanni, Lini und Nettchen treten geheimnißvoll ein; Nettchen stellt ein paar Stiesel zum Bette, Fanni hängt eine Weste und einen Paletot auf den Kleiderstock und Lini setzt eine Schüssel mit Geflügel und eine Flasche Wein aus den Tisch, der Tisch muß aber während der nächsten Scene durch den Rock verdeckt bleiben. Nachdem dieses geschehen, entfernen sich die Mädchen, welche durch Schwirbl s Aufschreien im Traume: »Ith will ihn sehen, den Teufel, ich will seinen Zopf!« zu wiederholtenmalen erschreckt zusammenfahren, wieder durch die geheime Thür links, die Musik im Orchester dauert aber immer fort.) Sechste Scene. Schwirbl (träumend), hierauf eine Maske (als Chinese). Schwirbl (schlafend). Ah! also das ist die Hölle ... scharmant! Melden Sie mich beim Herrn Teufel. Na, antichambri- ren soll ich ... ha, ha, das ist zum Teusel- holen! Maske (kommt beim Fenster rechts her« eingesprungen, sehr ängstlich). Gott sei Dank, ich bin ihnen auskommen, ha, ha, ha, warum waren sie so dumm, mich unter s Dach auf einen Boden zu sperren, aber in meinem ganzen Leben riskir ich's nicht mehr, auf einen Maskenball zu geh'n, wenn man mir die Mask' heruntergeriffen, mich erkannt hätt' ... mich, ein Mitglied des Mäßigkeilsvereincs, es wär' um Ehr' und Reputation geschehen. (Zieht sich während dieser Rede ganz nach links.) Schwirbl (im Schlafe). Richtig ... die Alte hat Recht, der Teufel hat einen Zopf! Maske (erschrickt). Himmel, das Zimmer ist bewohnt, schnell fort! (Er will abschleichen.) schwirbl (schreit im Schlafe aus). Halt! ich muß ihn kriegen. Maske (sehr ängstlich). Ah, um Alles in der Welt, er will mich kriegen, wenn man mich erkennt. (Will beim Bett vorbei zur Thür rechts hinaus.) Schwirbl (erwischt ihn am Zopfe und läßt ihn nicht los). Victoria, ich Hab' ihn! ich Hab' ihn! Maske (reißt sich mit Gewalt los). Nein, Du sollst mich nicht haben. Schwirbl (wie oben). Ich Hab' ihn! (Der chinesische Zopf bleibt ihm in der Hand ) Maske. Behalte in Gottes Namen den Zopf! mich kriegst Du nicht. (Mitte rechts ab.) Siebente Scene. Schwirbl (allein). (Die Musik spielt noch ein paar Tarte piano, während welchen Schwirbl sich aus dem Bett herum- wirft und endet dann mit einem starken Schlag, wobei Schwirbl aus dem Bette fällt und auf dem Boden liegen bleibt) Ha! was ist das? wo bin ich? ... Gott sei Dank, in meinem Zimmer. Ha, ha, ha, die Plaudereien der Hausmeisterin haben mir im Kopf herumgespukt, ich Hab' wirklich vom Teufel geträumt, und wie wahr, wie lebhaft. (Will sich die Augcn ausreiben und erblickt den Zopf in seiner Hand, er springt entsetzt mit einem Angstschrei auf.) Ha! . . . (Wirft den Zopf weg.) Blendwerk der Hölle, was ist das — Ein Zopf! (Er sängt an sich zu fürchten.) Wie kam ich zu dem Zopf? ... Wäre das wirklich der Zopf des Teu — (Hält plötzlich inne.) Nein, nein, das ist nicht möglich, das kann nicht sein. (Aergerlich.) Aber der Zopf liegt doch einmal da, vor meinen Augen! (Schlägt sich auf Arm uud Beine.) Oder schlaf' ich vielleicht noch, heda! auf! — auf! ... aber nein, ich habe ja die Augen offen, man kann sie nicht mehr offener haben (sieht sich um), das ist mein Zimmer, mein Kasten, mein Bett (erblickt die Stiefel) meine Stiefel! Halt, meine Stiefel? Meine Stiefel Hab' ich ja verkauft, wie kommen diese da herein, das geht nicht mit rechten Dingen zu! (erblickt den Rock) und dieser Rock? diese Weste? (Bon einer Idee befallen.) Ah! /ata wor^ans,! wenn ich etwas davon anrühre, verschwindet es in nichts. (Ergreift die Stiefel.) Nein, sic verschwinden nicht. (Zieht sie an). Sie paffen mir sehr gut! Ah! das ist merkwürdig. (Geht auf die Weste und den Paletot los, welche er anfangs betastet, um zu sehen, ob sie nicht zerfallen.) Und diese Weste, dieser Rock (reißt Eins nach dem Andern vom Kleidrr- stocke und zieht es an, ohne die Speisen aus dem Tische zu bemerken, greift in alle Taschen) vielleicht ein Conto darin, der mich an die Wirklichkeit erinnert, nein, nein, auch kein Conto! Ah, bei dem Schneider laß' ich öfters arbeiten. Aber zum Teufel hinein .... wie kommt das Alles daher? (Erblickt wieder den Zopf ) Sollte die Hausmeisterin Recht haben, sollte mein Traum Wirklichkeit gewesen und dieser Zopf der Zopf des Teufels sein? (Nähert sich langsam und furchtsam, um ihn anfzuhkben.) Hm! .... laß' doch einmal sehen, (hebt ihn auf) er ist nicht einmal heiß und kommt doch g'rad aus der Höll'! (Besieht ihn, indem er ihn schwingt.) Sollte dieses höllische Instrument wirklich eine Wünschelruthe für mich werden? ich könnte mich ja überzeugen, könnte mir (immer indem er ihn schwingt) ZUM Anfang so eine Schüssel Braten und eine Flasche Wein bestellen. (Schwingt den Zopf, Musik im Orchester spielt die ersten 8 Tacke des Dämonen« chores aus »Robert*. Schwirbl hat sich während des Schwingens des Zopfes so gedreht, daß er nun gerade vor dem besetzten Tische steht und erstaunt zurückfährt.) Ha,-hat ihn schon. ist schon da, die Schüssel Braten und die Flasche Wein, na, das muß wahr sein, die Bedienung ist schnell, da könnt' sich manches Hotel ein Beispiel d ran nehmen. (Streckt die Nase darnach aus.) Hm,-und wie das Ding duftet, hm, delicat .... kein Wunder, mit'n Braten müssen sie da d'runten nmgeh'n können. Also frisch d'rauf los. (Packt den Zopf ein, sctzt sich und ißt.) FamoS! ausgezeichnet! 10 Achte Scene. Sperrauf. Schwirbl (am Tisch).Packan (von außen). Sperrauf. (stürzt ängstlich und verstört herein — und schiebt rasch den Riegel zu). Herr Schwirbl, Herr Schwirbl, um Gottes willen! Schwirbl. (mit vollem Munde). Na, was gibt's denn? Sperrauf. O Gott, der Schrecken steckt mir in allen Gliedern — Sie wissen, wie finster unsere Stiegen ist. — Schwirbl. Freilich weiß ich das, ich bezahl' ja alle Monat Beleuchtungsgeld dafür, daß es so finster ist. Sperrauf. Ich will g'rad mit ein paar Stückel Kälbernen und ein Laibl Brot zu Ihnen heraufgehen — da fallt was mit einem unsinnigen Lärm auf mich herunter, tausend Glöckeln fangen auf einmal zu läuten an — ich laß' mir's nit nehmen, 's war der Teufel. Schwirbl (läßt Messer und Gabel fallen, springt auf und kommt vor). Der Teufel? Sperrauf. Ja, denn wie er g'spürt hat, daß ich ihm in Wurf kommen bin, hat er mich niederg'rennt und g'schrien: Mich soll Niemand erkennen! also war er's g'wiß! Schwirbl. Entsetzlich! Und haben Sie nicht bemerkt, ob er einen Zopf gehabt hat oder nicht? — Sperrauf. O nein! I Hab' die Augen zudruckt und kein' Maugetzer g'macht! Packan (klopft heftig an der Thür Mitte rechts). Sperraufund Schwirbl (fahren beide erschreckt auseinander). Sperrauf. Alle guten Geister! ) Zu- Schwirbl. Was ist das? ) gleich. Sperrauf (fällt aus die Knie). Der Teufel! — Packan. Aufgemacht — der Gerichtsdiener ist da! Schwirbl (ängstlich). Gerichtsdiener! Sperrauf (beruhigt aufstehend). Gott sei Dank! Schwirbl. Was?! Sperrauf. Na, ich mein — Gott sei Dank, daß 's nit der Teufel ist — Schwirbl. Den Teufel auch — der Teufel wär' mir fast lieber gewesen! — Was will denn der Gerichtsdiener von mir? Sperrauf. Was wird er denn wollen? Einsperren will er Ihnen! Schwirbl. Einsperren? Ah Spaß! Sperrauf. Na, na, im Ernst. — Schwirbl. Im Ernst, na, dann ist es erst recht ein dummer Spaß. Gerichtsd. Aufgemacht, gutwillig aufgemacht! — Schwirbl. Ah! das ist gut — er will mich gewaltsam einsperren und ich soll ihm gutwillig aufsperren? Nein, das geschieht nicht — ich weiß was ich thu' — (Eilt zum Tisch, nimmt Braten und Wein und geht damit zum Fenster.) Sperrauf. Was treiben's denn? Schwirbl (mit leiser Stimme). Nichts — ich will nur beim hellichten Tag ein bisserl Nachtwandeln! (Will hinaussteigen.) A propos — sein Sie doch so gut, den Brief an meinen Vettern auf die Post zu werfen! Packan. Mächen s keine Umstände! — der Wagen steht unten! Schwirbl (steht hinab). Ein Borcab! (Laut ) Ich muß um Entschuldigung bitten, ich kann nicht rückwärtsfahren! Gerichtsd. Aufgemacht, oder wir sprengen die Thür ein! Schwirbl. Bitte nur einen Augenblick Geduld, bin gleich zu Ihren Diensten (Leise zur Hausmeisterin, indem er aus das Fenster steigt) Richten Sie meinem Gläubiger mein' höchsten Respect aus, und sagen Sie ihm, ick sehe ein, daß ich gefehlt Hab', aber wir sind ja alle fehlerhafte Menschen, alle aus Staub gemacht, deshalb mach ich mich auch aus'n Staub! Leben Sie wohl! (Verschwindet ) Sperrauf. UmGottes willen, die Höhe! Fallen's nit! 11 Schwirbl. Mich genirt keinehohe Stelle l Schlüsselloch in Schwirbl's Dachstübchen). Sperr- — mich schützt mein Teufelszopf! (Durch's auf, vier Wächter und Packan (in Fenster rechts ab.) Schwirbl's Zimmer, in derselben Gruppe wie zu Ende des 1. Actes). Neunte Scene. (In dem Augenblicke als Schwirbl aus dem Fenster steigt, wird die Thür eingebrochen. Packan mit mehreren Wächtern tritt ein.) Packan (tritt ein). Wo ist der Astronom Benjamin Schwirbl? Schwirbl (ruft unsichtbar). Hier, in der Ausübung seiner Berufsgeschäfte — Packan (ruft zum Fenster hinaus). Augenblicklich lassen Sie sich gefangennehmen, oder ich laß' Sie verfolgen! Schwirbl. Das ist reckt! Eine Ltesple olia-ss über die Dächer! Das ist ein neues Schauspiel, das kann was machen! Packan. Schaut's, daß ihr'n kriegt's. (Die Gerichtsdiener eilen zum Fenster und sehen hinaus.) Macht's^ macht's! (Musik fällt ein. — Vorhang fällt.) Zweiter Act. (Das Theater ist in der Mitte abgetheilt. Links das Arbeitszimmer der Mädchen. Rechts Schwirbl's Dachstübchen. Im Zimmer links, im Prospccte die Eingangsthüre. daneben ein Kamin, links an der Seite eine Thüre, zwischen dieser und dem Kamin ein Ofenschirm. — Im Vordergründe links ein Fenster, zwischen Diesem und der Thür ein Spiegel, vor dem Fenster ein Tisch mit Nähzeug und drei Stühlen, an der Mittelwand ein Tisch, ganz vorne die geheime Thüre, welche in Schwirbl's Dachstübchen führt, wo Alles so steht, wie im ersten Akte.) Erste Scene. bi ui, Fan ui, Nettesten (im Zimmer links, stehen an der Verbindungsthür und sehen durchs! Packan (im selben Tone wie zu Ende des vorigen Actes). So schaut's, daß ihn kriegt's! Die Wächter. Der Teure! soll ihm da nachkrareln. Fr. Sper rauf. Ja, Sie sollten halt auf alle Fälle vorgesehen sein und alleweil a paar Ziegeldecker und Luftschiffer bei Ihnen haben, denn so a Schuldenmacher is in einem Nu über Stock und Stein! hi, hi, hi! Ein Wächter. Jetzt is er hinter dem Rauchfang dort verschwunden. Netrch en. Ast, er ist glücklich gerettet! Alle drei Mädchen (freudig). Das is prächtig, das is prächtig! Packan. Deßtwegen kummt er uns doch nit aus, wir besetzen halt alle Gassen, die sich kreuzen. (Zu den Andern.) Kommt's! (Packan und Gerichtsdiener ab.) Spcrrauf. Hi, hi, hi! is doch a Teurelsmensch, der Schwirbl, a Eichkatz! is a langweiliger Schneck gegen seiner. (Nimmt den Brief vom Tische weg.) Aber jetzt muß i glei sein Brief auf die Post geb'n, is gewiß wegen ein' Geld, so was ist pressant. (Ab.) Nettchen. Ich Hab' eine schreckliche Angst in mir, wenn er etwa vom Dach herunterfällt. Lini. Warum nicht gar. ... Er wird schon Acht geben. Fanni.Wenn er nur denGerichtsdienern glücklich entkommen ist. Lini. Ja wohl, das ist die Hauptsache, um das Uebrige ist mir nicht bange. Kommt, geh'n wir wieder zur Arbeit und setzen wir nnsern Diseurs fort, in welchem wir unterbrochen wurden. (Setzen sich und arbeiten.) Fanni (zu Nettchen). Du fingst gerade zum Erzählen an, daß der alte Herr Vetter unseres Nachbars, des jungen Herrn Schwirbl, ein Auge auf Dick geworfen hat! 12 Nettchen. O! wie lange ist eS schon, daß er in mich verliebt ist! Schon damals, wie er sich seine Besitzung in Stirneusiedl gekauft hat, weil er gehofft, in dem kleinen Ort eher zu einem Range zu kommen, als hier in der Stadt, denn er ist sehr ehrgeizig und titelsüchtig, schon damals hat er mir Anträge gemacht! Fanni und Lini. Was Du sagst! Nettchen. Ich hätt' nur ja sagen dürfen, so wär' ich schon längst die Frau Tant' von unftrcm Schützling da drüben. (Nach Schwirbl's Zimmer deutend.) Fanni (leise zu Lini). Seine Frau war' sie aber lieber! Lini. Der Alte hat ja Vermögen, wie man hört! Nettchen. Ueber 100,000 fl. Fanni. 100,000 fl.! Nun,für ein junges Mädchen kann's ja keine bessere Partie geben, als einen Alten mit 100,000 fl. So viel ich merke, haben wir überhaupt Glück mit alten Herren! Nettchen. Das werden die armen Mädchen immer haben, so lang es noch verliebte alte Herren gibt! Lini. O, die Gattung stirbt nie aus. Fanni. Das Schönste aber dabei ist, daß die verliebten alten Herren es gar nicht mer ken, wenn sie betrogen werden. Davon habe ich mich gestern wieder überzeugt. Lini und Netti. Du? Fanni. Za ich. Ihr wißt, daß ich eine Kundschaft eingeklagt Hab' wegen einer Rechnung, und auf die Art bin ich mit dem Herrn Steinherz bekannt worden, der mir auch gleich die Ehre erzeigte, sich in mich zu verlieben. Gestern komm' ich ganz früh in seine Geschäftskanzlei, um nackzufragen, ab r kein Herr Doctor, kein Sollicitator, kurz kein Mensch war da. Aus Langweile stelle ich mich vor den Spiegel, bemerke daß er in einem schlechten Licht hängt, will ihn weghängen, da fällt hinter dem Spiegel dieses Packet Briefe hervor. (Zieht ein Packet Briese heraus.) Lini und Netti. Ein Packet Briefe? Fanni. Von des Herrn Advocaten verstorbenen Frau Gemalin, die er uns immer als Muster der Treue anrühmt! hihihi! Lini und Netti. Und an wen sind denn die Briefe? Fanni (liest die Adresse). An den Herrn Heinrich Strahlenberg, das ist des Advocaten blonder Sollicitator .... (macht den Brief aus) und hier überall der Name der getreuen Gattin deutlich unterschrieben. Netti. Mein Gott, daß sie Briefe an einen Mann schreibt, das sagt noch nicht — Fanni. Aber die Briefe sagen etwas, und zwar sehr deutlich, es sind die süßesten Ergießungen einer treuen Seele. Soll ich Euch einen vorlesen? Nettchen. Nein — nein! Lini. Wozu? Solche Formulare haben wir ja selbst genug. Wenigstens ich. Der Herr Professor Guckeborn überhäuft mich jede Woche mit einem halben Dutzend! Es ist ein wahres Glück, daß die Marken jetzt eingeführt sind, sonst könnt' ich mich arm an Poftgeld zahlen. Fanni (zu Lini). Du! Apropos, was tbun wir denn, wenn der Herr Professor seinen Rock und sein Gilet verlangt, die er uns zum Futtereinnähen gegeben hat? Lini. Hi hi hi! Wenn er wüßt', daß seine Kleider jetzt auf den Dächern herumlaufcn. Fanni (zu Nettchen, welche aufgestanden und durch das Schlüsselloch der Conimunicationsthür sieht). Aber,Netti, was machst Du denn da? Netti. Zch bab'nur nachgesehen, ober noch nickt zurückgekommen ist. (Setzt sich wieder, indem sie bei Seite sagt.) Wenn ihm nur nichts geschehen ist. Fanni. Aber wißt Zhr, Freundinnen, daß wir eigentlich Stoff zu einem prächtigen Roman liefern könnten? Drei arme junge Mädeln, wovon jede einen reichen Alten heiraten soll, interessiren sich für ein und denselben jungen Mann, und statt einander, wie das gewöhnlich bei solchen Gelegenheiten der Fall ist, in den Haaren zu liegen, leben sie ganz ruhig und als treue Verbündete zusammen. — Das ist auf 13 Ehre ein seltenes Beispiel von Schwesterlichst. Lini. Ich begreif' bis Dato noch nicht, wie der junge Mensch unsere drei Herzen so plötzlich in Feuer und Flammen setzte, er ist doch nicht gar so schön. Fanni. Er ist jung, leichtsinnig und wird verfolgt, also ist er interessant. Uebri- gens ist unsere Bekanntschaft noch nicht sehr weit her. Wir haben ihn nicht einmal noch gesprochen, wissen also eigentlich nicht einmal, ob es der Mühe werth ist, uns seiner anzunehmen. Du, Linchen, hast Dich vom Fenster aus in ihn verliebt, wo er immer vorbeigegangen ist. — Nettchen hat ihn in der Nacht kennen gelernt, wo er sie gegen die Zudringlichkeit von vier ungebildeten jungen Herren vertheidigte, und ich Hab' ihn zum ersten Male auf dem Balle geseh'n, wo er mit mir Polka getanzt hat. — Aber Freundin, Polka tanzt er, das muß wahr sein, wenn er so gescheidt ist, als er gut Polka tanzt, so verdient er Präsident zu werden— durch diese Polka hat er mir den Kopf verdreht und mein Herz ist davon- galoppirt. Nettchen. Und dann der glückliche Zufall — Lini. Mit der geheimen Thür hier in der Wand, die gerade in seine Wohnung führt. Nettchen. Es ist sonderbar, eine geheime Thür, zwischen zwei Häusern, wo jedes in einer andern Gasse steht. Lini. Ja, aber mit dem Rücken stoßen diese zwei Häuser zusammen, deshalb kann er auch nie eine Ahnung haben, daß wir seine Beschützerinnen sind. Fanni. Aber neugierig bin ich, was unser Roman für ein Ende nehmen wird, und welche von uns Dreien den lockeren Zeisig bekömmt. Ich glaube, wir sollten Strohhalm ziehen. Lini. Oder Karten spielen. Die den Herzbuben erwischt, die heiratet ihn. Netti. Ja — aber... wer sagt uns denn, daß er Eine von uns heiraten will, oder in Eine von uns verliebt ist? Fanni. Ah, das wär' nicht übel. (Man hört sehr stark läuten, die Mädchen fahren zusammen.) Netti. Saperlot, wer läutet denn gar so stark? Fanni. O weh, das Läuten kenne ich, das ist mein Anbeter, der Herr Advocat Steinherz.... Netti und Lini. Na, bei der Visite wollen wir Dir nicht lästig sein. Fanni. O Gott, der Lästigste ist er selbst. Netti und Lini (links ab). Fanni (durch die Mitte ab. Es wird angenommen, daß sie Steinherz die Thür öffnet). Zweite Scene. Fanni. Steinherz. Steinh. (noch von außen). Wie, mein holder Engel, Sie bemühen sich selbst — (Treten Beide ein.) Fanni. Guten Morgen, Herr Steinherz! Steinh. Und so ganz allein zu Hause? (Kür sich.) Ah! das trifft sich herrlich! Fanni. O, ich bin nicht allein, meine Freundinnen arbeiten im Nebenzimmer, wenn Sie wollen, werde ich sie rufen. Steinh. thält sic zurück). 3 bewahre, mein schönes Kind, ich preise mein Glück, endlich einmal eine Gelegenheit gefunden zu haben, um Ihnen ungestört sagen zu können, wie sehr ich Sie liebe. Fanni. Aber Herr von Steinherz . . . Sie vergessen ja ganz auf Ihre unvergeß» liche Frau Gemalin. Steinh. Ach ja. meine Selige. — Ach, das war ein Muster von einem braven Weib, treu — wirthschaftlich — Fanni. Eben deshalb wundert's mich, daß Sie schon wieder an ein anderes Frauenzimmer denken können. Ihre Frau ist doch noch nicht so lange todt, und man sieht Ihnen nicht viel Schmerz an. Steinh. O, der Tod meiner Frau ging mir sehr zu Herzen. (Sich vergessend.) Der Spaß hat mich über vierhundert Gulden gekostet . . . o — (verbessernd) will ich sagen, ich hätte gern noch mehr gezahlt, wenn sie am Leben geblieben wäre. Fanni (fürsich). Ein alterWucherer läßt sich nie verläugnen. Steinh. Aber sehen Sie — todt ist tobt — was will ich machen! Ich bin doch noch in den besten Jahren, habe ein gefühlvolles Herz — Fanni (für sich). Seine Schuldner spüren nichts davon. Steinh. Es ist also ganz begreiflich, wenn ich — (Will sie umfassen.) Fanni (auf ein anderes Gespräch einlevkend). Aber, Herr von Steinherz. Sie sind doch sonst Vormittags immer mit Pfänden, Ar- retiren, Einsperren und dergleichen beschäftigt, wie kommt's denn, daß Sie mir heute schon so früh die Ehre schenken? Steinh. Eben weil ich ein kluger Geschäftsmann bin, und gerne zwei Fliegen mit einem Schlage treffe. Ich habe dem Gerichtsdiener den Auftrag gegeben, einen meiner Schuldner, der in dem rückwärtigen Gäßchen wohnt, abzuholcn und ein wenig ins Schuldengefängniß zn werfen; der Schlingel ist aber entschlüpft, und während man ihm nun nachsetzt, habe ich die Gelegenheit benützt, Ihnen eine Visite zu machen, und werde hier abwarten, bis man mir die Nachricht bringt, daß der junge Mensch gefangen ist. Ich bin sehr begierig, ihn kennen zu lernen! Fanni. Was? Sie kennen ihn nicht einmal? Steinh. Ich habe ihn nie gesehen und mußte seine Wechsel als Zahlung annehmen — ich weiß nichts, als daß er Benjamin Schwirbl heißt und Astronom ist. Fanni. Himmel! Steinh. Was beliebt? Fanni. Nichts, gar nichts. Mir ist nur gerade eingefallen, daß ich ein Geschäft habe und nothwendig ansgeh'n muß. (Geht an den Seitentisch rechts und setzt ihren Hut aus.) Steinh. So? Da werd' ich mir das Vergnügen machen, Sie zn begleiten. Ach, wenn man uns so zusammen sehen wird, wie wird man uns beneiden! Der Advocat, werden die Leute sagen, hat doch ein horrendes Glück; kaum hat er seine brave Frau verloren, findet er gleich einen andern Engel. (Nimmt den Hut ) Also ist's gefällig? (Bietet ihr den Arm) Fanni. Ich Hab' mir's anders überlegt, ich kann später auch geh'n. (Fürsich.) Wenn ich nur Nettchen und Linchen sagen könnte, daß der arme junge Mensch noch immer verfolgt wird. Steinh. (für sich, indem er den Hut ablegt) Sie bleibt zu Hanse, um mit mir allein zn sein, jetzt kann ich vielleicht ein Küßchen erhaschen. (Zu Fanni.) Ack, mein Engel, wenn Sie wüßten — Fanni. Aber Herr von Steinherz — Steinh. Nennen Sie mich nicht Steinherz. Ihnen gegenüber bin ich Butterherz, für ein Küßchen von diese» schönen Rosenlippen würde ich in Seligkeit zerfließen! (Umfaßt sie.) Fanni. Ob Sie aufhör'n — ich schrei'. Steinh. (sie noch fester umschlingend). Nein, nein, cs nützt kein Sträuben, ich — Dritte Scene. Vorige. Schwirbl. Schwirbl (ganz schwarz im Gesichte, fällt rr tempo mit starkem Geräusch vom Kamin herab). Ah! — Steinh. u. Fanni (erschreckt) Ah! Schwirbl. O bitte, genieren Sie sich gar nicht meinethalben — 's ist gar nicht der Mühe werth. Fanni (erkennt ihn, für sich). Ah! unser junger Nachbar, Herr Schwirbl. (Eilt ins Zimmer links ab.) 15 Steinh. Was soll das heißen, Herr, sind Sie aus den Wolken herabgefallen? Schwirbl (aus dem Kamine herauskriechend). Vierte Scene. Schwirbl. Steinherz. Schwirbl. Aus den Wolken? Ihre erhitzte Einbildungskraft übertrifft den kühnsten Flug der Fantasie eines deutschen Dichters, wenn Sie sich diesen kohlpechrabenschwarzfinstern Rauchfang als die goldene Jakobsleiter vorstellt, auf der man vom Himmel herabsteigt. (Kommt vor und geht zum Spiegel, und ordnet seine derangirte Toilette.) Sie erlauben schon, nach einer solchen Reise per Dampf ohne Dampf! Steinh. O, das ist nicht übel, er fängt an Toilette zu machen. Schwirbl. Haben Sie nicht vielleicht eine Bürste bei der Hand? Steinh. Diese Keckheit, ich, ich bin ganz dumm! Schwirbl. O, ich bitte, Jhregeschätzten Eigenschaften werde ich wohl im Verlaufe unserer Bekanntschaft erkennen? Steinh. Wer sind Sie, mein Herr? Schwirbl. Ich bin ein Mensch sehr seltener Art, nämlich ein Mensch, der sich selbst angeschwärzt hat, um sein Fortkommen zu finden. Steinh. Also doch ein Mensch? Schwirbl. Nachdem Sie trotz dieser Frage auch zu dieser Corporation gerechnet sein wollen, so schmeichle ich mir, auch eiueu Anspruch auf diese Benennung machen zu dürfen, obwohl ich eigentlich ein finsterer Schatten bin, der hier das Licht der Aufklärung erwartet (für sich), wo er eigentlich ist. Steinh. Aber was wollen Sie denn hier? Schwirbl. 3ch such' ein ruhiges Quartier, und da wollt' ich mir diese Wohnung besehen! Steinh. Ein ordentlicher Mensch, der eine Wohnung sucht, fragt sich zuerst beim Hausmeister an. Schwirbl. Erlauben Sie mir, sintemal die Hausmeister noch nicht am Dachboden logiren, kann ich von Ihrem guten Rath noch keinen Gebrauch machen. Steinh. Herr! Augenblicklich gestehen Sie, wie und warum Sie in dieses Haus gekommen sind, oder ich rufe die Wache. Schwirbl (für sich). Was soll ich ihm denn sagen? (Laut.) Da Sie so freundlich mit mir reden, will ich Ihnen Alles gestehen. Sehen Sie, ich bin heute früh abgefahren, weil ich Lustschiffer bin, in einem ganz neuen Ballon, genannt die Hoffnung; der Ballon ist unermeßlich groß, ich schwang mich hinauf zu den Wolken, immer höher und höher, endlich flog icy hinauf bis an s Ende der Welt und noch zwei Meilen drüber hinaus, "auf einmal stößt mein Ballon an einen Barrierstock. Steinh. In der Luft?! Schwirbl (fortfahrend). 3a, der im Firmamente auf der Milchstraßen aufgestellt ist, damit die Sterne nicht aneinanderfahren. Mein Ballon stoßt sich ein Loch in den Bauch! (Schlägt Steinherz ans den Bauch.) Steinh. Was? Schwirbl. Fängt an zu sinken, und ich sinke 4000 Millionen Meilen in einer halben Secunde, grad bis da herunter! Steinh. Herr, das machen Sie einem Narren weiß! Schwirbl. Wenn Sie gütigst erlauben, bin ich so frei! Steinh. (zornig). Nein, jetzt wird's mir zu viel, wer sind Sie, wie heißen Sie, reden Sie oder — Schwirbl. Nun gut, ich bin der berühmte Astronom Benjamin Schwirbl. Steinh. Schwirbl!? Sie sind der junge Schwirbl? Schwirbl. Ganz richtig, mein Vater war der alte Schwirbl. Das ist schon so in unserer Familie eingeführt, daß der Sohn immer der 3unge ist. 16 Steinh. Na, das freut mich, hahaha; Schwirbl (für sich). O, gewiß ein alter Bekannter von meinem seligen Papa. Steinh. (reibt sich die Hände). Also Benjamin Schwirbl, hahaha! Schwirbl. Nicht wahr, ein sehr bekannter Name? Steinh. 2a, besonders beim Wechsel- gericht. Hahaha! Schwirbl. Wechselgericht? Was soll das heißen? Mit wem Hab' ich denn die unbekannte Ehre? Steinh. Sie kennen mich freilich nicht, aber Sie sollen mich kennen lernen, hahaha! Ich heiße Steinherz. Schwirbl. Steiuherz! Jetzt wälzt sich ein Stein auf mein Herz. Eine ordentliche Zentnerlast. — Also darum habe ich die ganze Luftfahrt unternommen, um dem gerade in die Hände zu laufen? Schicksal, du sangst an sehr boshaftig zu werden. Steinh. Können Sie mich bezahlen? Schwirbl. Nein! Steinh. Gut, so mache ich von meinem Rechte Gebrauch, und verhafte Sie. O! mir entkommen Sie nicht so leicht wie den Gerichtsdienern; ich will nur schnell nach einem Wagen rufen, um das Aufsehen zn vermeiden, dann geht's rm Galopp in den Schuldenarrest — ha, ha, ha, da hilft Ihnen kein Teufel. (Geht zum Fenster.) Schwirbl (wie elektrifirt). Kein Teufel! Vielleicht doch! (Greift in den Sack und zieht den Zopf heraus.) Heraus, mein Teufelszopf, zeig' mir ein Mittel, wie ich mich aus der Verlegenheit ziehen kann! (Schwingt den Zopf im Kreise, das Orchester spielt Piano die ersten 8 Tacte des Teusrlschores aus »Robert*. Plötzlich werden ihm aus der Seitrnthür links mittelst eines Drahtes das Packet Briefe unter die Nase gehalten.) Was ist das? (Nimmt die Briefe. Musik endet.) Steinh. (zum Fenster hinaus). He, Kutscher, Kutscher! halt em wenig! Schwirbl (liest). Bedienen Sie sich dieser Briese mW liefern Sre dieselben nur gegen Empfang Ihrer Wechsel an Steiru Herz aus. (Oeffnet die Briefe.) Steinh. Hast Du schon eine Fuhr? Schwirbl. Briefe der Frau Steinherz an Herrn Heinrich Strahlenberg. Steinh. Warte nur einen Augenblick, wir kommen gleich hinunter. (Wendet sich zu Schwirbl.) Folgen Sie mir, mein Herr! Schwirbl (imponirend). Wohin? Steinh. Dumme Frage, in den Schuldenarrest. Schwirbl. Hahaha! Sie wollen mich einsperren? Steinh. Ich werde so frei sein. Schwirbl (mit Kraft). Das werden Sie nicht. Steinh. Nicht? Nicht? hahaha! Lächerlich! Sie werden eingesperrt, meinen Kopf zum Pfände. Schwirbl. Aus das Pfand geb' ich nichts. Steinh. Außer Sie hätten in der Geschwindigkeit ein Capital aufgetrieben. Schwirbl. Ein Capital? Mehrere Ca- pitäler! Hören Sie nur: »An Herrn Friedrich Strahlenberg.* Steinh. Strahlenberg, mein junger Sollicitator? Was ist's mit dem? Schwirbl. Hören Sie nur. (Liest dm Brief.) »Mein theurer Heinrich.« (Gesprochen.) Der Brief ist nämlich von einer Frau, merken Sie gut auf. Steinh. Wie? sollte der junge Mann em Verhältniß haben? Schwirbl. Jetzt nicht mehr! Aber hören Sie nur weiter. »Mein theurer Heinrich! Da mein alter Drache* (sprüht) das ist der Herr Gemal — (liest) »heute verreist ist, so erwarte ich Dich Punkt 8 Uhr bei der Amorsstatue im Rosenhain. Deine Dich ewig liebende Elise Steinherz.« Steinh.Wa— wa—was? Meine Frau? Nicht möglich? Schwirbl. Da überzeugen Sie sich. (Hält ihm den Brief hin, ohne ihn auszulassm.) Steinh. Ja, es ist ryrc Schrift. Schwirbl. Das ganze Packet Griefe ist von ihr; und mit diesem Liebesbriefe ganz gleichlautend. Steinh. Entsetzlich! her mit den Briefen. (Greift darnach, Schwirbl schlägt ihn auf die Hand.) Schwirbl. O, was Mt Ihnen ein? Diese Briefe sind mein Reichthum! ich laß' sie drucken. Alles wird sich d rum reißen, ich mach' ein brillantes Geschäft, da kann ich Ihnen dann meine Schulden bezahlen. Steinh. (in höchsterWuth). Das werden, das dürfen Sie nicht thun. Meine Frau, mein Schreiber, mir ungetreu, meine Frau, mein Nebenbuhler, ich kaufe Ihnen den Schreiber ab, aber ich erwürge die Briefe. Herr Gott, dieser Scandal, ich verliere den Verstand! Schwirbl. Ist das möglich? Steinh. Herr! geben Sie mir diese Briese, ich will menschlich gegen Sie sein, ich will Sie nicht einsperrcn lassen. Schwirbl. So? Ei! das wäre freilich billig! Augenblicklich geben Sie mir meine Wechsel dafür, oder ich schicke um einen Buchhändler, der mir die Briefe abkauft. Steinh. Um Alles in der Welt nur das nicht. Da, da haben Sie Ihre Wechsel. Geben Sic nur die Briese, aber alle, Horen Sie, alle. (Lauschen die Briese gegen dir Wechsel unS.) Steinh. (indem er die Briese zerknittert). Und jetzt zu dem Elenden, dem Schufte, der mich so schändlich betrogen, verrathen. (Stürzt ab.) Schwirbl (eilt ihm an die Thür nach und spricht hinaus, während dem schleichen die drei Mädchen hinter den Ofenschirm). Sie, was ist s mit dem Pfand wegen dem Einsperrcn? Ich bitt' mir Ihren Kopf aus! Steinh. (von außen). Hol' Sie der Teufel. Künste Scene. Schwirbl, Lenchen, Nettchen, Fanni (hinter dem Ofenschirme). Schwirbl. Ha, ha, ha! Victoria, Bic- SK. z«a. toria! Ich habe meine Wechsel wieder, ich bin gerettet und das ist abermals ein Werk dieses Teufelszopfes. (Betrachtet ihn.) Merkwürdig; aber halt! von dieser Seite, (deutet Seitmthür links) aus dieser Thüre kam der Draht mit den Briefen. Da drinnen also ist der Teufel oder der Engel, der mich beschützt. Ich will ihn sehen, um jeden Preis. (Oeffnet die Seitenthür und geht ab. Diesen Moment benutzen die Mädchen, um schnell durch die Lom- municaNonsthüre in Schwirbl's Zimmer zu schleichen.) Netti (leise). Nur geschwind, daß er uns nicht sieht. (Kaum sind sie in Schwirbl's Zimmer, so tritt dieser wieder aus der Seitenthür.) Schwirbl. Nichts, Alles leer! Es ist kein Zweiselmehr, es war wirklich der Teufel. Ich muß hinaus. Luft! (Stürzt schnell fort und stößt den eintretendeu Guckeborn säst über den Hausen.) Schwirbl. Pardon! (Läuft fort) Guckeborn. Ha, Element, wasift denn das!? (Källt aus die Erde.) Sechste Scene. Guckeborn (im Zimmer der Mädchen). Linchen, Fanni und Netti (inSchnirbls Zimmer). Linchen (welche durch die Thür sieht). D) weh! mein Professor der Astronoime! Jetzt können wir nicht in unsere Zimmer zurück. Netti. Aber dableiben köuuen wir doch auch nicht? Wenn uns der Herr Schwirbl hier träfe? Fanni. Dasrst eine schöne Verlegenheit! Guckeb. (hat sich erholt). Ich möchte doch wissen, wer das war? und wo sind denn die Mädchen, wahrscheinlich iin Nebenzimmer. (Links ab.) Lrni. Geschwind, er ist in s Zimmer hiu- eingegangcn. (Kommen rasch in ihr Zimmer herüber.) Guckeb. (im Zimmer). Fräulein Lini, Fräulein Lini! Linchen. Laßt mich mit ihm allein. Fauui, Netti. O, sehr gern. (Im Ab- gehen.) Wir beneiden Dich nicht um das Vergnügen. (Bride in den Hintergrund ab.) r F 18 Siebente Scene. Guckeb. Linchen (auS dem Zimmer tretend). Fräulein Linchen! Linchen. Wer ruft denn? Guckeb. Ah, sind Sie da? Wo stecken Sie denn? Linchen. Ich kommeso eben nach Hause, das seh'n Sie wohl? Guckeb. Es war gerade Jemand hier und Ihre Wohnung ist ganz leer. Wer war denn das? Linchen. Das weiß ich nicht. Guckeb. Er hat mich über den Haufen gerannt. Linchen. Was Sie sagen?! Guckeb. Vielleicht ein Dieb? Linchen. Bei uns ist nichts zu stehlen. Guckeb. O, im Gegentheile sehr viel, Ihr Herz. Wenn er mir nur das nicht gestohlen hat. Linchen (ihn auf ein anderes Gespräch bringend). Was verschafft mir denn zu so ganz ungewöhnlicher Stunde das Vergnügen? Guckeb. Ich wollte mich im Vorbeigehen nur erkundigen, ob — Linchen. Ob Ihr Rock und Ihr Gilet schon fertig sind? Ach, lieber Herr Professor, Sie müssen schon entschuldigen, aber wir hatten noch nicht Zeit. Guckeb. O, ich bitte, es hat ja gar nichts zu sagen, mich führt ganz ein anderes Anliegen hieher.ich möchte nämlich so kühn sein, zu fragen, ob die drei unzertrennlichen Grazien mir die Ehre erzeigen wollten, heute mit mir zu soupiren. Linchen (sich tief verneigend, sehr artig). Oh! Oh! Herr Professor, Sie sind zu gütig! Guckeb. Sie nehmen also mein Anerbieten an? Sie machen mich unaussprechlich glücklich! ich habe im Vorbeigehen bei einer Kaltenspeisenhandlung ausgezeichnet schöne Sächleins bemerkt! Die werde ich dann holen und herbeischleppen, jetzt Hab' ich noch einen Gang in's nächste Gäßchen, in einer Stunde, wenn es zu dämmern beginnt, bin ich wiederda, aber sapperlot, mein astronomisches Buch gcnirt mich! was thue ich damit? Linchen. Ich heb's Ihnen unterdessen auf. Guckeb. Wirklich? (Indem er ihr daS Buch gibt.) Glückliches Buch! Linchen (blättert darin). Das ist also ein astronomisches Buch! Stier, Fische, Krebs, das ist ja wie ein Kochbuch. Guckeb. Das sind die zwölf Himmelszeichen! Oben am Rande einer jeden Seite steht nur der Inhalt der Seite alphabetisch geordnet, um sich leichter orientiren zu können. Immer in Fragen und Antworten, so daß auf jede Frage eine richtige Antwort folgt. Linchen. Ah so! (Legt das Buch bei Seite.) Guckeb. In einer halben Stunde also, meine schöne Venus, werde ich die Ehre haben, Sie wieder zu sehen. Leben Sie wohl! Linchen. Gedulden Sie sich, Herr Professor, ich begleite Sie. Guckeb. (im Abgehcn). Die Venus begleitet Ihren Trabanten, das ist zu viel. (Ab mit Linchen.) Achte Scene. Sch wirb l (tritt L temxo in sein Zimmer ein). Ha, da bin ich, zu Hause, bei mir, in meiner Wohnung — ja, ja — das ist mein Zimmer, das sind meine Möbel, aber um des Himmels willen, was geht denn eigentlich mit mir vor? Ich bin bei diesem Fenster hinausgestiegen, wie war es also möglich, daß ich über die Dächer in die Wohnung des alten Wucherers gekommen bin, die in einem ganz andern Stadtviertel sich befindet? Wie war es ferner möglich, daß ich mich, als ich von ihm herabkam, nur ein paar Häuser weit von hier befand? — Da kennt sich kein Teufel aus! Aber halt, ja! der Teufel kennt sich aus, denn er ist's, der mich so herumescamotirt — und dabei mit mir Verstecken spielt! Aber ich will — Neunte Scene. Schwirbl. Sperrauf (mit einem Brief). Sperrauf (trittein). Ah, Herr Schwirbl, also doch wieder glücklich z'Haus kommen, na, das g'freut mich. Schwirbl. Ja mich auch! Sperrauf. Ich Hab' g'rad nachschau'n woll'n, weil ein Brief an Sie kommen ist. Schwirbl. Ein Brief? Ein Geldbrief? Sperrauf. Na, kein Geldbrief, nit amal a Marken is d'rauf, er is von hier, i krieg' fünf Krruzer. Schwirbl. Was fünf Kreuzer, für einen Stadtbrief sind ja nur zwei Kreuzer. Sperrauf. Ja, zwei Kreuzer für's Porto und drei Kreuzer Straf'! Schwirbl. Ah so! Die zwei Kreuzer Porto zahl' ich der Hausmeisterin, wenn der Gcldbrief von meinem reichen Vetter kommt. Sperrauf. Na und die Straf'? Schwirbl. Die Straf?! Die will ich ihr für dießmal Nachsehen! Sperrauf. O! da muß i bitten. (Im Abgehen.) Jetzt soll ich drei Kreuzer verlieren, das ist doch z'stark. (Ab.) Zehnte Scene. Netti (in ihrem Zimmer). Schwirbl (in dem seinen). Netti (aus dem Zimmer tretend). Ich muß doch sehen, ob er schon zu Haus ist. (Sieht durch die Thür an der Wand.) Schwirbl (hat sich niedergesetzt und den Brief aufgerissen). »Heinrich Strahlenberg« — O, das ist der Sollicitator — (Liest stille.) Netti. Er liest einen Brief. Schwirbl lspringt auf). Was!? Eine Herausforderung!? Er fordert mich, wo er doch nichts von mir zu fordern hat, daß ist sehr herausfordernd! (Geht auf und ab.) Netti. Er ist bestürzt!? Schwirbl. Ein Duell! das ist mir gerade noch abgegangen — (Wirst den Brief auf die Erde.) Netti. Das muß eine schlechte Nachricht sein, weil er so zornig auf und ab läuft, da muß ich gleich die Andern avisiren. (Läuft Seite links ab.) Eilfte Scene. Schwirbl (allein). Aber was ängstige ich mich denn, was kann mir denn geschehen — he, he! Er soll nur kommen — er soll sein Duell haben, aber nicht mit Pistolen, sondern (zieht den Zopf heraus) mit dem da will ich ihm den Hirnschädel zerschmettern, ha, ha, ha! ja der Zopf kann Alles — sogar schießen — aber froh wär' ich doch, wenn ich schon aus der Calamität wär' — ich bitt' um ein End' —Es geht mir da wie so vielen beuten, denen anfangs eine Situation sehr gefällt, aber bald schreien sie —Himmel, nur einmal ein End'! Couplet. 1 . Ein Mädel, das sehnt sich nach'm Heiraten sehr, Wann nur Einer kommet, 's is Alles eins wer, Nur daß 's unter d'Hauben recht bald kommen thut, Hat ein'n brummigen Alten zu nehmen sie Muth. Jetzt ist sie vcrheirat't, darf krankenwarteu g'nu, Zusammenräumen, ausreiben und kochen dazu, ro Nur irgend wen anz'schauen, darf sie sich nicht rühr'n, Sonst thär' sie der Alte aus Lieb' gleich lenir'n, Da seufzt sie, der Ehestand ist schön, wer ihn gewöhnt, Aber, Himmel, nur einmal, nur einmal ein End'. 2 . Eine Zeitung hält Einer sich bloß weg'n der G'schicht, Auf die Geheimniß von Czaslau da ist er erpicht, In den ersten zwei Monaten g'fällt sie ihm sehr, Vor Schauderthat ist keine Seite wohl leer; Die Geliebte vergift'! sich, ein Fürst wird beraubt, Zehn Räuber werd'n g'hängt und sechs Mörder enthaupt't, Jetzt glaubt er, wird's auSwerden, da kommen von Neun, Bei 37 Mörder, die Leser zu erfreu». Die Mord' sind recht schön, seufzt er lcsend zwanzig Bänd', Aber, Himmel, nur einmal, nur einmal ein End'. 3. Ein Mann laßt sein' Frau wegen böser Migrän' Nach'n Doctor sein Ausspruch nach Baden n'ausgehn, Auch er will das einfache Landleben genicß'n, Zieht mit ihr hinaus, wiü von Wien gar nichts wiff'n, Doch draußen da wird ihr Migrän' gar so stark, Mit'n nämlichen Hut geht's nicht zweimal in'n Park, Zwölf Ballkleider brauchr's zu Sang. Soirve, Und zwei Dutzend Hauskleider zum eig'nen Kaffee, Per Sommer macht sich schön, seufzt der Mann zwischen d'Zähn'l, Aber,Himmel, nur einmal, nur einmal ein End'. 4. Ein Buchhalter wurde bei sein'n Principal, Geladen auf einen gemächlichen Ball, Vier Töchter und jede a schöne Blondin, Er sieht schon die Aussichten, die ihm erblüh'n; Doch zuerst muß er hocken drei Stund' am Clavier, Wie s Essen servirt wird, heißt'S Acht geben auf's Gschirr, D'rauf muß mit drei Alten, die kein Tänzer kriegn, Wie ein Rasender er in dem Saal herumfliegen, Der Ball ist recht schön, seufzt er, um den ich mich g'sehnt. Aber, Himmel, nur einmal, nur einmal ein End'. 5. Ein komisches Charakterbild geben's 's erste Mal, Das wird sein zum Todtlachen auf jeden Fall, Ein Herr stoßt sich h'rum uud zerdrückt sich sein Hut, Damit er ein'n Platz kriegt, der ihm genug gut. Im zweiten Act aber wird von dem Bösewicht' Erzählt ein langweilige Schaudergeschicht', Zwei Liebende schmachten, man weiß nicht nach was, Ein dummer Bedienter wärmt aufalte Spaß', Das Ding' ist recht nett, kreischt der Herr durch die Zähn t, Aber, Himmel, nur einmal, nur einmalein End'. 6 . ES hat ein Papa der Familie auf d'Nacht Versprochen, daß er eine Landpartie macht. Er wrckt's schon um drei auf, zwei Stunden zu früh, 2l Damit zum Genüsse nicht z'kurz kommen sie. Drauf macheu's drei Meilen über ein Erdäpslfeld. Man glaubet, es glängt bis in d' andere Welt, Der Franzi geht nimmer, den tragt er auf d'Händ', 's Paraplui dazu aufg'spannt,weil d'Sonn' gar so brennt, Ein himmlischer Weg, seufzt er, wie im Staub er so rennt, Aber, Himmel, nur einmal, nur einmal ein End'. als hinübergehen und sehen, waS in den» Brief steht. (Gehen zur Thür und horchen.) Guckeb. (Schwirbl hereinführend). Nein, nein, mein werthester Schüler, belieben Sie nur wieder zurück zu spazieren. (Zieht ihn am Arme herein.) Netti. Du Linchen, dein Professor ist bei ihm. Linchen. Was will denn der bei ihm? Fanni. Wenn er nur seinen Rock und seine Weste nicht erkennt. Linchen und Netti. Hahaha! Das war' nicht übel. ' Schwirbl. Ach, liebster Herr Professor, 7- es freut mich unendlich, Sie bei mir zu Ein Kaufmann, der Tausende hinaus hat! sehen, aber was verschafft mir denn eigent- gelieh'n, ^ lich die Ehre Ihres Besuches? Der nimmt sich ein'n Toctor, daß 's Geld! Guckeb. Vor Allem muß ich Ihnen nicht ist hin, sagen, daß Sie ein lockerer Bursche sind. Doch Jahre vergehen, er setzt zu 's eigene Man sieht Sie ja gar nie auf der Stern- Geld, smarte. Endlich fragt er den Doctor: »Wird's Urtheil Schwirbl bald g'fällt?« »Ja seh'n Sie, mein Freunderl, ich arbeit' ja eh'. Schau'ns an diese Acren, rein Stefansthurmhöh', Ich zermalm' Ihre Schuldner, und geht dabei noch Der letzte Rock auf, gewinnen werd'n Sie doch.« — »Ich will gar nichts gewinnen,« seufzt erschreckt der Client, »Aber. Himmel, nur einmal, nur einmal ein End'.* Zwölfte Scene. Fanni, Linchen, Netti (inihremZim- mn). Gleich darauf Schwirbl und Guck eborn (in skinrm Zimmer). Netti. Wie ich Euch sage, er hat den Brief auf die Erde geworfen und ist zornig auf und ab gerannt. Fanni. Da ist nichts Anderes zu machen, Gar nie? das wäre ja gerade ein Beweis, daß ich kein lockerer Bursche bin, sondern fest halte an meinen Grundsätzen. Uebrigens Hab' ich so oft umsonst auf der Sternwarte auf einen Stern gewartet, daß jetzt die Sterne auch auf mich warten können. Guckeb. Ich würde mich um Sie gar nickt kümmern — Schwirbl (rasch für sich). DaS war' ein Glück. Guckeb. (fortfahrrnd). Wenn Ihr Detter Süßholz nicht mein intimster Freund wäre, und mich des Jahres wohl dreihundert- fünfundseckzig Mal bäte, Ihnen die Astronomie so zu sagen hineinzubläuen. Erst gestern bekam ich wieder einen Brief von ihm, worin er mich ersuchte, Sie mit cinerPrüfung zu überraschen und ihm also- gleich über den Stand Ihrer Kenntnisse zu rapportiren. Sckwirbl. O, meine Kenntnisse stehen sehr still — gut, Hab' ich sagen wollen. Guckeb. Na, das wünsch' ich Ihnen, denn Ihr Detter hat mir versichert, daß er Sie augenblicklich enterben wolle, wenn Siebei der Prüfung durchfielen. (Klopft ikm auf die Achsel) Schwirbl. Was?! i Zu- Die drei Mädch. O weh! s glrich. Nettchen (sehr rasch). Jetzt sieht es mit unserer Benützung schlecht aus. Fanni (ebenso). Jetzt können wir ihm nicht helfen. Linchen (ebenso. Sich besinnend.) Ha! vielleicht doch! (Holt das Buch des Professors vom Tische an der Wand und zeigt es den Mädchen, welche ihre Freude ausdrücken.) Guckeb. (hat unterdessen Schwirbl mit seinen Augengläsern betrachtet). Schwirbl (erstaunt). Was haben Sie denn, Herr Professor? Guckeb. Nichts, gar nichts. (Indem er sich einen Stuhl holt) Sonderbar, der Rock, die Weste, wenn ich nicht wüßte, wo die Sachen sind, ich müßte glauben, es ist mein Rock und meine Weste. (Laut.) Na, fangen wir gleich an. Schwirbl (für sich). Na, das wird gut werden, ich habe schon ein halbes Jahr kein Buch angesehen. Guckeb. (sich umsehend). Aber wo sind denn Ihre astronomischen Instrumente? Ihr Vetter hat Ihnen doch eine Menge geschickt. Schwirbl. Ja sehen Sie, Herr Professor, ich bin ein gesetzliebender, ordentlicher junger Mensch, ich Hab' mir gedacht, ich könnte vielleicht Verdrießlichkeiten haben, wenn man mich mit bewaffneten Augen sehen würde, deßhalb Hab' ich Alles hergegeben. Guckeb. Und Ihre Bücher? Schwirbl (sich vergessend). Sind beim Greißler! Guckeb. Was!? Schwirbl (sich verbessernd). Nein, nein! Sie müssen mich nicht mißverstehen, o! pfui! Greißler heißt mein Buchbinder! Die Bücker sind vom vielen Studieren ganz zerrissen, da Hab'ich sie zum Binden gegeben. Guckeb. Ah so! Mädchen (kichern). Guckeb. (setzt sich). Setzen Sie sich. Schwirbl (für sich). Was soll ich jetzt anfangen? Ha, mein Zopf! (Zieht ihn heraus.) Vielleicht hat der Teufel einen astronomischen Eours mitgemacht, das war' prächtig — aber nein, wie käme der Teufel dazu, vom Himmel etwas zu wissen? Dieß- mal kann ich den Zopf füglich an den Nagel hängen und wenn die Prüfung, wie voraus zu sehen, schlecht ausfällt, mich dazu. (Hat während der Rede den Zopf auf einen Nagel in der Wand gehängt und setzt sich mißmuthig.) Netti. Laßt nur mich machen, mit dem Einsagen kann ich prächtig umgehen. Guckeb. Also nehmen Sie sich zusammen — (für sich) seine Weste ist ganz von demselben Muster wie die meine, die ich zum Machen gegeben — seltsam! (Laut.) Für's Erste: Gibt es einen leeren Raum? Schwirbl. Ja. Mr sich.) Sonst gäb^s nicht so viel Hohlköpfe. Guckeb. Gut!.... Sagen Sie mir, was ist Licht?! (So oft Gnckrborn eine Frage stellt, blättert Netti in dem Buche, als suchte sie die Antwort darauf und wartet dann, ob Schwirbl spricht oder nicht.) Schwirbl. Licht? — Licht ist das, was schwachen Augen weh thut! Guckeb. Warum? Schwirbl. Weil es zuviel Aufklärung über dunkle Verhältnisse gibt. Guckeb. Sehr richtig! Aber das ist nicht genug. Schwirbl. Nicht? mehr weiß ich nicht. Netti (soufslirt). Licht ist die Alles belebende Kraft der Natur und das Sichtbarwerden der Körper! Schwirbl (hat sich erstaunt umgesehen, wo die Stimme herkommt, erblickt dann den Zopf und springt entsetzt aus). Ha! mein Zopf spricht!!! Guckeb. Was ist Ihnen denn? Schwirbl. Nichts, gar nichts .... (setzt sich, den Blick auf den Zopf gerichtet, fast ängstlich nieder) mir ist eben eingefallen was Licht ist. 23 Guckeb. Nun? Schwirbl. Licht ist die Alles belebende Kraft der Natur und das Sichtbarwerden der Körper! Guckeb. Gut! sehr gut! Schwirbl (für sich. Er lehnt sich erstaunt auf seinem Stuhl zmück). Merkwürdig! Wer hätte das hinter diesem Zopfe gesucht! Guckeb. Welches ist der nothwendigste Himmelskörper? Schwirbl. Der Himmel bat gar keinen Körper, denn im Himmel gibt's nnr Geister! Guckeb. Sie verstehen mich nicht, ich meine, ist z. B. die Sonne ein nothwen- diger Körper?! Schwirbl. Nein! Guckeb. Nickt?! Schwirbl. Nein, denn bei Nacht scheint sie nicht, und bei Tage ist's ohnehin licht! Guckeb. Mein Himmel — Sie versteh n mich noch immer nicht — ich meine, ob die Sonne, die wir sehen, die einzige ist, oder ob es noch andere ähnliche Sonnen gibt! Schwirbl. O ja, die Sonne hat jetzt sehr viel Bewerber, denn alle Augenblicke glaubt sich Einer berufen, der Welt ein neues Licht aufzustecken, hält sich dabei für einen Stern erster Größe, ist aber bei näherer Beleuchtung nichts als ein Irrlicht, das leichtgläubige Thoren in den Sumpf fuhrt! Guckeb. (ungeduldig). Ist die Sonne ein beweglicher oder ein unbeweglicher Körper? Schwirbl. Früher ist die Sonne von Zeit zu Zeit auf- und abgerannt, aber seit Josua sprach: Sonne, steh' still! rührt sie sich nicht vom Fleck, und seit dieser Zeit bemerkt man auch den ewigen Stillstand in der Höhe. Guckeb. Unsinn! — Die Sonne ist immer still gestanden, aber die Erde dreht sich und zwar um? Schwirbl. Allerweil um's Nämliche. Guckeb. Und das ist? Schwirbl (zögernd und den Zopf rüttelnd). Und das — ist — (rüttelnd) Na, wird's bald — Netti (rasch zu den Mädchen). Ich hab's schon. (Soufflirt.) Um ihre Achse. Schwirbl (hrrausplatzend). Um ihre Achseln! Netti. Achse! Schwirbl. Ochse — Achse Hab' ich sagen wollen. Guckeb. No seh'n Sie, es geht recht gut, sein Sie nur nickt so ängstlich. Schwirbl (drückt den Zopf an seine Lippen). O, Du himmlischer Teufelszops! Guckeb. Aus wie viel Sternen besteht das Siebengestirn! Schwirbl (für sich) Das ist eine dumme Frag'! (Laut.) Das Siebengestirn besteht aus sieben Sternen. Guckeb. Gut, und die sieben Sterne sind? Schwirbl. Ein Gasthaus in der Stadt, wo man vortreffliches Lagerbier bekommt. Guckeb. Ja, ich weiß, ich war selbst schon dort, es ist — (sich fassend) ha! trei- >ben Sie keine Allotria, was geht mich Ihr Gasthaus und Ihr Bier an, ich will wissen, wo das Siebengestirn am Firmament seinen Platz hat. Schwirbl. Nh so ... (stottert) das Siebengestirn steht — Netti (soufflirt). Gerade dem Polarsterne gegenüber. Schwirbl. Gerade dem Poulardstern gegenüber. Guckeb. Und in welcher Richtung steht der Polarstern? Netti. Gegen den Nordpol! Schwirbl. Gegen die Nordbahn! Guckeb. Was? Netti. Gegen den Nordpol—passen Sie doch besser auf! Schwirbl. Gegen den Nordpol, passen Sie doch besser auf! — (Für sich.) Das ist gut, mein Zopf macht mich noch aus! Guckeb. Wie steht es mit der Constel- lation? — Schwirbl. Danke der Nachfrage, sie ist gesund und wohlauf. — Guckeb. Mit der Constellation der Pla- 24 Nkteri und Fixsterne — Was sind Planeten, was sind Fixsterne? — Sch wir bl. Planeten sind ein schwaches Licht, und bewegen sich leicht in feinen Zirkeln. — Fixsterne hingegen leuchten stark und kommen nicht vorwärts. — Guckeb. Das läßt sich hören! —Was ist der Mond? — Schwirbl. Der Mond ist im Tarock der Eknundzwanzigcr und kann nur vom Sküs gestochen Weeden! Guckeb. Was ist denn das! Schon wieder Allotria . . . Schwirbl. Nein, nein, der Mond ist — der Moud ist — Netti. Der vorzugsweise die Erde begleitende Trabant. — Sckwirbl. Der vorzugsweise die Erde begleitende Hatschir! Guckeb. Trabant, wollen Sie sagen.— Schwirbl. Hatschir und Trabant ist dasselbe! Guckeb Na meinetwegen — Was ist die Venus — (Steht rasch aus sür sich.) O, da fällt mir eben meine Venus ein — ich muß eilen. (Laut.) Wir wollen es für heut' gut sein lassen. — Schwirbl (springt aus, stellt seinen Stuhl unweit der Communicationsthür zurück). Gott sei Dank! Guckeb. Es ist ohnehin schon dunkel geworden. Schwirbl. DaS ist in so einem dunklen Gäßchen sehr bald der Fall! Guckeb. Ich bin sehr zufrieden mit Ihnen. — Schwirbl (verneigt sich). Die Mädchen, (springen lachend und freudig herum). Das ist g'scheidt, das ist g'scheidt! Guckeb. Und werde Ihrem Herrn Vetter sehr gut über Sie referiren. — Jetzt leben Sie wohl, mein junger Freund. Treiben Sie Ihre Studien mit demselben Eifer fort. — Schwirbl. Ja, forttreiben thue ich meine Studien ohnehin mit dem größten Eifer (für sich), denn ich studiere gar nichts mehr! Guckeb. Dann wird etwas reckt Tüchtiges aus Ihnen werden! Schwirbl. Erlauben Sie, Herr Professor, daß ich Ihnen heimleuchte, es ist sehr finster auf unserer Stiege — (Sucht Licht und Feuerzeug.) Netti (an der Thür). Fanni (sucht Licht und Feuerzeug am Tischchen an der Wand). Lini. Der Professor wird gleich herüber« kommen, richten wir Alles zum Souper her. — Schwirbl und Fanui. Ich muß nur Lickt anzünden! (Beide zünden zugleich an) Schwirbl (Guckeborn begleitend). So! wenn's Ihnen nur gefällig ist, Herr Professor! Fallen Sie die Stiege hinunter. Guckeb. Na, gute Nacht, mein lieber Zögling, gute Nacht! (Ab mit Schwirbl. Gs wird finster in seinem Zimmer.) Hanni (hat ein zweites Licht angezüudet, zu Netti). Na, hilfst Du uns nicht den Tisch decken? — Netti. Ich komme gleich nach! — Lini. Sie muß ein wenig schmachten, hi! hi! (Fanni und Lini links ab, sie nehmen ein Licht mit.) Dreizehnte Scene. Netti, dann Schwirbl. Netti, (allein, sieht noch immer durchs Schlüsselloch). Er ist fort, jetzt könnt' ich g'schwind den Brief lesen — (Holt das Licht.) Frisch gewagt ist halb gewonnen. (Geht mit ihrem Lichte in Schwirbl's Zimmer — es wird in dem ihrigen halb Nacht — die Thür zwischen beiden bleibt offen.) Ah! da is der Brief (nimmt ihn aus und liest). Was! . .. Um Alles in der Welt — eine Herausforderung — ein Duell auf Pistolen. Morgen im Stadtwäldchen mit dem Sollicitator, ist das die Folge von unserm Rettungsmittel? — rs Sckwirbl (draußen). Kommen Sie gut nach Hanse, Herr Professor! Netti. Himmel! der Sckwirbl —(Sie will ablaufen — in der Eile stößt sie an die Thür, daß dieie zufällt, ein Schrei des Entsetzen-.) Ah! das Schloß ist eingefallen! Sckwirbl (von außen). Gute Nacht! Netti. Er kömmt schon, was fange ich denn an? (Löscht schnell ihr Licht aus.) Sch wirbl (tritt mit Licht ein — spricht hinaus, so daß er Nettesten den Rücken zuwendet, welche schnell einen Entschluß faßt und ihm hinter seinem Rücken das Licht auSbläsf). Meine Empfehlung an den Mond und die ganzen Stern — (Das Licht wird ausgelöscht, er wendet sich rasch um -- Nettesten fährt etwas zurück.) Was ist das, mein Licht löscht aus? Nettchen (will zur Wandthür zurück, stößt an den Stuhl, den Schwirbl stehen ließ, dieser fällt um). Nh! Schwirbl (stellt den Leuchter auf den Tisch). Ah! (Erschreckt ) Wer da! Na, Antwort, zum Teufel! (Don einer Idee befallen.) ba! Teufel! (Furchtsam.) 3a, ja, der Teufel wird's sein. Er wird einenPact wegen seines Zopfes mit mir schließen wollen. (Fällt aus die Knie) Netti (für sich). Wenn mich nur meine Freundinnen hören würden — (Klopft an die Derbindungsthür.) Schwirbl (erschreckt). O web, o weh! er fängt schon zum Poltern an (Schreit.) Zurück, Satanas! nimm Dir deinen Zopf, ich brauch' ihn nickt. 3ch laß' mich in keinen Höllenpact ein. Netti. Was spricht er denn da von einem Zöpfen, ich glaub' gar er hat einen kleinen Haarbeutel — das ging mir noch ab, hilf, was helfen kann. (Klopft an die Tbür und ruft.) Aufmachen! aufmachen! — Ich bin es! Schwirbl. Ja, ich weiß, daß Du es bist!! Netti. Er sagt Du zu mir?(Klopft heftig.) Schwirbl. Aber ich will nichts mit Dir zu thun haben. Netti (für sich). Um so besser! (Laut.) Aufgemacht, aufgemacht! Schwirbl. Teufel! Der Teufel hat ein ganz nettes Stimmchen. Netti. Es hört mich Niemand. Sckwirbl. Ich krieg' jetzt ordentlich Courage. Ich muß ihn doch sehen! Netti. Mir bleibt kein anderes Mittel, als über die Stiege zu gehen. (Wendet sich und will sich zur Thür im Hintergründe hinschleichen.) Schwirbl. Wenn ich den Teufel vielleicht ganz fangen und dadurch sein Herr und Gebieter werden könnte. (Schleicht fick mit ausgebreiteten Armen vor, Netti läuft ihm gerade in die Arme.) Netti (erschrickt). Ah! Sckwirbl (freudig). Ah! ! (Zugleich.) (Laufen Beide vor und bleiben aus den Knien vor einander.) Schwirbl. Ich Hab' ihn. Netti. Lassen Sie mich los, ich bitte Sie um Alles in der Welt! Schwirbl. Aha, der Teufel fürchtet sich schon. Netti. Zu Hilfe, zu Hilfe! Schwirbl. Aber das weiche Händchen und das kleine Gestaltckcn — ein Frauenkleid — ah, so einen Teufel lass' ich mir gefallen, den muß ich mir beim Lichte besehen, vorerst will ich nur die Thür verschließen, daß mir das Tenfelchen nicht so leicht entwischt. (Schiebt den Riegel an der Ein- gangSthür vor und sucht ein Zündhölzchen.) Netti. Er sperrt zu — und macht Licht — ich bin verloren. (Klopft an die Communi- cationsthür.) Hört mich denn Niemand? Schwirbl (sein Licht suchend). 3a — he, he! siehst Du, hättest Du auf deinen Zopf besser Acht gegeben; denn fällt der Zopf, muß auch der Teufel nach. i 26 Letzte Scene. Vorige. Guckeborn (im andernZinnmr, ein, Menge Schüsseln tragend). Guckeb. Was ist das? Kein Licht? Niemand da? Netti (poltert). Ausmachen, aufmachen! Schwirbl. He he he! das nützt Dir nichts. Guckeb. Wer klopft denn da? — O! Da ist gewiß Jemand ein gesperrt. (Sucht an der Thür und findet die Schnallt, die Thür öffnet sich, Guckeborn kommt in Schwirbl's Zimmer. Nettchen laust schnell in das ihre und schließt die Thüre hinter fich, »tvmpo brennt Schwirbl's Licht) Schwirbl. Nun, mein lieber Teufel. (Geht mit dem Licht auf Guckeborn los, erkennt ihn. schreit auf.) Mein Professor! Guckeb. Schwirbl! (Läßt die Schüsseln fallen) Fanni und Lini (mit Licht). Was gibt's denn? Schwirbl. Nein, das ist mehr als Teufelsspuk. (Läuft ab.) Gruppe. (Der Vorhang fällt) Dritter Act. (Ein Gasthausgarten. Links das Gasthaus. Im Hintergründe die Aussicht auf einen kleinen Wald, rechts eine Steinwand.) Erste Scene. Gabler und Süßholz (treten von links hinter dem Hause auf). Gabler. Nit wahr, 's wird sich gut machen die G'schicht, Gartenfest mit Ball von der Früh bis auf die Nacht, ganz eine neue Idee. SÜßh. (den Melancholischen affectirend). Ja, recht schön, recht schön! Gabler. Na — und werden Sie nicht auch ein kleines Tanzerl mitmachen? Süßh. Ich? Was fallt Ihnen ein — Tanzen — ich, ein Mitglied des Mäßig- keitsvercins, tanzen — wenn ich nicht müßt — war' ich gewiß nicht da. — Weil aber die hiesige Stadt den Ball für unsere Armen in Stirneusiedel gibt, so müssen wir Gemeindeausschüsse von dort uns opfern, und das Fest hier mitmachen, damit wir nachher beweisen können, daß nir überblieben iS für die Armen.— Ich tanzen? Ich, der ich so niederg'schlagen bin. — Na ja! (Abbrechend und neugierig.) Aber Sie, Herr Gabler, wird's viel Lent' geben — und saubere junge Maderln? Gabler. O, eine Menge! Süßh. Das ist g'scheidt— übrigens denke ich an solche Dummheiten gar nicht, ich bin viel zu niedergeschlagen. Gabler. Ist Ihnen denn gar so was ttebles passirt? — Wissen's was, ich werd' Ihnen ein Glas guten Wein bringen, der Ihnen die Grillen vertreibt. Süßh. Wein? Entsetzlicher Mensch! Ich, ein Mitglied des Mäßigkeitsvereincs, einen Wein trinken — so ein Gift — das laßt meine gute Gesinnung schon gar nit zu. 27 . Gabler. Hahaha! Warum denn nit? Süßh. Der Wein gährt in jungen Jahren, will alle Bündnisse sprengen, und wenn man sich mit ibm viel einlaßt, arbeitet er an dem Umsturz eines jeden Feststehenden. Gabler. Aber er macht die Menschen fröhlich — er macht sie zu Brüder — Süßh. G'rad deßwegen! ich möcht' mehr werden als die Andern, Präsident möcht' ich werden! Gabler. So! Süßh. D'rum benehme ich mich ja ordentlich, damit ich mein Ziel erreich'. An dem Tag aber, wo ich zum Präsidenten des Mäßigkeitsvereines ernannt werde, ged' ich eine Tafel, daß sich die Tisch' biegen, und trink' mir ein' Rausch an. daß die ganze Welt mit mir rund um und um tanzt Aber heut' darf ich weder tanzen noch trinken, denn ich bin noch nicht Präsident. Stimmen (aus dem Hause). He, Herr Wirth, Herr Gabler! Gabler. Komm schon, komm' schon! (Zu Süßholz.) Sie verzeihen schon — Süßh. Geh'ns nur, mein Freund, und lassen Sie mich mit meinem Schmerz allein. Gabler (im Abgeheu). Gute Unterhaltung! (Ab in s Haus.) Zweite Scene. Süßholz (allein). 'S ist merkwürdig! Seit einiger Zeit Hab' ich nichts als Malheur. Neulich (sieht sich um, ob er allein ist und spricht dann etwas leiser) plagt mich die Eifersucht in die Stadt zu fahren, auf dei^ Maskenball zu geh'n und mich zu überzeugen, ob die Nähterin, meine kleine Netti, nit dort ist; kaum tret' ich als Chineser ein, krieg' ich schon Streit, wcrd' eing'sperrt und darf Gott danken, daß ich, ohne erkannt zu werden, davonkommen bin; aber meinen Zöpfen Hab' ich z'rucklaffen müssen, wenn mich der verrathet, meine Präfldentenstell' wär' pfutsch. Auf Ehr', der Präsident und der Zopf, daS geht mir verflucht im Kopf herum. Und nachher jetzt wieder das Malheur mit meinem Vettern, dem armen Benjamin, der, wie mir seine Hausmeisterin schreibt, von lauter Studiren blind word'n is, den Hab' ich auf'n G'wissen, denn ich Hab' ihn zur Astronomie bestimmt. Ich Hab' ihm zwar gleich statt die verlangten fünfhundert Gulden tausend Gulden Silber in Papier g'schickt, aber mein Gott, was nutzt ihm das, er kann ihren Werth nicht einsehen, weil er blind ist — der arme Bursch'! Netti (im Hintergründe links von außen). Nur mir nach, da ist ein Wirthshaus! Süßh. Es kommen Leut', denen weich' ich aus, ich will mit meinem Schmerz allein sein und geh' lieber in den Ballsaal. (Ins Haus ab.) Dritte Scene. Netti, Fanni, Lini lals Männer gekleidet, durch Schnur- und Backenbärte unkenntlich gemacht, treten aus dem Hintergründe links aus). Später Gabler. Netti. Das Abenteuer hat uns so heiß gemacht, daß wirklich eine ordentliche Erfrischung nicht schadet! (Mit verstellter Stimme.) He, Kellner oder Wirth! Gabler (aus dem Hause). Befehlen? Netti (mit verstellter Stimme). Ein ordentliches Frühstück für drei Personen. Gabler. Sehr wohl. Fa nni (mit verstellter Stimme). Aber da Heraußen gleich, im Freien schmeckt's besser! Gabler. Werd' gleich einen Tisch heraustragen lassen. (Ab in s Haus.) Netti (natürlich). Ich muß Euch aber sagen, Freundinnen, in meinem Leben Hab' ich nicht so viel Angst ausgestanden. Lini. Warum denn? Fa nni. Die Pistolen waren ja blind geladen, und der Sollicitator blind genug, es nicht zu merken. Lini (auf Fanni deutend). Wir Zwei haben rs UN- aber auch prächtig ausgenommen als Sekundanten. Fanni (in der Secundantenmanier). Eins! — zwei! — drei! — Puff, — schoß der blonde Sollicitator seine Pistole los. Netti. Und ich, die ick mich als den von ihm zum Duell geforderten Herrn Schwirbl ausgab, bin, ungeachtet diePistole nur blind geladen war, dennoch vor Schrecken umgefallen. Fanni. Das war ja gerade recht. Der Sollicitator glaubte, er habe Dich getroffen, wollte Dir zu Hilfe eilen, als Du aber voll Geistesgegenwart aufschricst: Ich bin todt! lief der getäuschte Herr Sollicitator in Todesangst auf und davon. Lini. Und ist jetzt der festen Ueberzeu- gung, daß er den Benjamin Schwirbl erschossen hat! Alle Drei(zjthtn sich etwas nach rechts in den Hintergrund, lachend). Hihihi! Vierte Scene. Vorige. Schwirbl. Schwirbl (ein Paar Pistolen in der Hand, hastig hereiutrrtend). Ah! das ist noch nicht dagewesen, ich habe mich geschlagen, und war gar nicht dabei, ich bin todtgeschossen, mauStodt, und laufe frisch und gesund herum. Mädchen (lachen, ohne ihn zu bemerken) Hihihi! Schwirbl (bemerkt die Gruppe). Zch bin nicht allem, o, desto besser, ich will die Herren fragen, ob ich lebe, oder ob ich als Gespenst herumgehe. (Geht aus sie zu) Meine Herren — Die Mädchen (sehen ihn und erschrecken). Ha! der Schwirbl. Schwirbl (für flch> Sie erschrecken, ich muß also doch etwas Gespenftartiges an mir haben. Netti. Wie kommt der hicher? Schwirbl (geht auf sie zu). Meine Herren, sehen Sie mir fest tn'S Gesicht. Bemerken Sie etwas Geistiges an mir? Die Mädchen (lachend). Ha—ha—ha! Schwirbl. Lachen Sie nicht, meine Herren, die Sache ist nicht lächerlich, Sie müssen wissen ich bin todt. Mädchen (lachend). Ha — ha! Schwirbl. Nein, nein, wirklich, hören Sic nur, was mir passirt ist! (Legt die Pistolen auf eine Bank.) Denken Sie sich, gestern wurde ich gefordert. Alle drei Mädchen. Entsetzlich! Schwirbl. Einen Menschen, der schon so oft gefordert worden ist. wie ich, genirr das eigentlich gar nicht mehr, aber dießmal war es eine übertriebene Forderung, um mein Leben, und das Hab' ich doch Niemanden verschrieben. Ich nehme aber die Forderung dessenungeachtet an, komme heut' auf den bestimmten Kampfplatz, da seh' ich einen Menschen, die unverkennbare Bureaumiene mit demaltgewordenenActen- staub im Gesichte läßt mich in ihm meinen Gegner erkennen. Ich geh' auf ihn zu, er wirft die Pistole weg und lauft davon. Halt, schrei ich, geblieben! Der Andere ist geblieben, schreit er. Sie müssen sich von mir erschießen lassen, dann können Sie meinthalben hinlaufen, wohin Sie wollen, schrei ich. Wer sind Sie denn, schreit er? Ihr Gegner, Benjamin Schwirbl, schrei ich. Das ist nicht wahr, schreit er. Ah! das ist stark, schrei ich. Lassen Sie mich zufrieden, schreit er. Wo ist denn hernach der Benjamin Schwirbl? schrei ich. Zn der andern Welt, ich Hab' ihn erschossen, schreit er, und fort war er über alle Berge. DiedreiMädchen (die überrascht spielen). Ah, das ist merkwürdig! Schwirbl. Nicht wahr, das setzt Sie in Erstaunen? das überrascht Sie, mich hat's auch überrascht, wie ich gehört habe, daß ich todt bin. Netti. Aber wie ist denn das möglich? Fanni. Sie sehen doch so gm aus. Lini. Das klingt fast, als wenn ein überirdisches Wesen — Schwirbl. Ueberirdisch! o nein — (deutet mit dem Finger hinab) unterirdisch — verflucht unterirdisch! Sonst suchen die Leute meistens die Protection der Obern, ich aber bin ein Protectionskind der Untern, und bei denen geht Alles, denn der Teufel kann immer nachschüreu. Alle drei Mädchen. Der Teufel? Schwirbl. Ja der Teufel oder sonst ein Ehrenmitglied des unterirdischen Straf- comitss ist mein Protektor, aber er will unbekannt bleiben. Netti. Sie spaßen, mein Herr, wahrscheinlich irgend ein guter Freund. Schwirbl. Ein guter Freund! ha ha ha! was fällt Ihnen ein? hören Sie nur einmalzu. Gestern komme ich ohne Rockund Weste nach Hause, verkaufe mein letztes Paar Stiefel, habe nichts anzuziehen, auf einmal erscheint ein vollständiger Anzug, dieser Rock, diese Weste und diese Stiefel. (Deutet auf Alles.) Wo finden Sie einen guten Freund, der Einen anzieht! ja, ausgezogen haben sie mich, meine guten Freunde. Ich verspüre Hunger, wünsche mir etwas zu essen, eine Schüssel mit Braten steht vor mir, wo thut das ein guter Freund? ja, mitessen thun sie, so lang etwas da ist. Ich soll wegen Schulden eingesperrt werden, plötzlich bekomm' ich ohne Kreuzer Geld meine Wechsel zurück. Wo thut ein guter Freund für Einen Schulden zahlen? ja anpumpen thun sie Einen, endlich läßt sich Einer für mich todtschießen, wo thut das ein guter Freund, ja vorschießen lassen sie sich was. O glauben Sie mir, meine Herren, ich habe die Erfahrung gemacht, daß alle guten Freunde nicht das Tausendste von dem für mich thun würden, was der böse Feind für mich gethan hat, und noch dazu ganz ohne Eigennutz, denn er hüllt sich ganz in das strengste Inkognito. Gestern Abend z. B. habe ich ihn in meinem Zimmer überrascht und eingesperrt, um seine Bekanntschaft zu machen; wie ich ihn beim Lichte betrachte, wer steht vor rmr? Attr Drei. Nun! Schwirbl. Mein Professor der Astronomie, dem ich kurz zuvor über die Stiege geleuchtet hatte, und der selbst höchst verwundert war, sich plötzlich wieder bei mir zu befinden; ich laufe fort, sperre den Professor ein, stürze in seine Wohnung, er ist richtig nicht zu Hause, ich eile zu mir zurück, um ihn zu befragen, und finde das Zimmer leer, und mein Professor verschwunden. obwohl ich die Thür fest versperrt hatte. Netti. Ich glaube, Sie wollen uns zum Besten halten. Schwirbl. O, nicht im Geringsten, aber warten Sie ... ich kann Ihnen ja ein kleines Pröbchen davon geben. Mädchen. Na, da wären wir doch neugierig. Schwirbl (zieht seinen Zopf hervor). Seh'n Sie, das ist mein Talisman, ich kann sagen, ich halte den Teufel beim Schopf. Mädchen (lachen bei dem Anblick des Zopfes). He, he. he! Schwirbl. Damit darf ich nur winken, und alle meine Wünsche sind erfüllt. Paffen Sie auf. (Indem er den Zopf dreht, und das Orchester ganz piano die bekannte Melodie spielt.) Mein Herr Protektor! ich wünsche ein ausgezeichnetes Frühstück für vier Personen. Gabler (tritt aus dem Hause. Vier Kellner tragen ihm einen mit speisen und Wein gutbesetzten Tisch und drei Stühle nach). So, meine Herren, da ist das Frühstück! Schwirbl. Sehen Sie, was Hab' ich gesagt? Netti. Merkwürdig, auf Ehre! (Leise zu Gabler.) Schnell noch ein Couvert! (Zwei Kellner bringen Couverts und Stühle, dann mit Gabler ab.) Schwirbl. Halten Sie mich noch für einen Lügner oder einen Aufschneider? Fanni. Bei diesen Beweisen vom Gc- gentheil ist es nicht möglich. Schwirbl (sie einladend). Darf ich mir die Ehre geben, Sie meine Gäste zu nennen? Mädchen. O sehr gerne! (Alles setzt pch) Sch wir bl (einschenkend, dann sein Glas erhebend). Vor Allem ein Glas Wein auf 3hre Gesundheit, meine Herren, und auf das Wohl meines mächtigen Prctectors! er lebe hoch, oder eigentlich tief. Mädchen (stoßen an). Tief! Fanni (zu Netti, während Schwirbl trinkt und einschenkt). Vielleicht können wir ihn jetzt ein wenig ausforschen. (Indem sie ihr Glas erhebt.) Was wir lieben! Schwirbl. 3a, was wir lieben! Fanni. Hm, das wird bei 3hnen wohl hübsch viel sein! ? Schwirbl. Hm! es geht an! ich bin zwar ein fleißiger Mensch, das muß ich mir selbst nachsagen, aber wirklich, ernstlich lieben kann man ja nur einmal! Fanni (zu den Andern). Oho, jetzt werden wir s erfahren. (Laut.) Sie haben also wirklich nur einmal geliebt? Schwirbl. 3a,sehen Sie, wenn ich von meiner Wohnung auf die Sternwarte gegangen bin, Hab' ich durch ein kleinesGäß- chen gehen müssen, da hat ein braves, fleißiges Mädchen den ganzen Tag beim Fenster herabgesehcn. Lini (für sich). Das war ich. Schwirbl. Das war meine erste Liebe. (Trinkt.) Fanni. Na, jetzt wissen wir, in welche er verliebt ist. Schwirbl. Dann Hab' ich einem Mädchen, o was Mädchen, mit einem Engel beim »Sperl« Polka getanzt. Fanni (für sich). Das war ich. Schwirbl. Von diesem Augenblicke an war ich weg, das war meine zweite erste Liebe. (Trinkt.) Alledrei Mädchen. So! Schwirbl. Für meine dritte erste Liebe— Alle drei Mädchen. Dritte?! Schwirbl. Natürlich, alle guten Dinge sind drei, die erste Liebe ist ein sehr gutes Ding, also muß man auch drei erste Lieben haben, für meine dritte also Hab ich sogar Schläge erduldet.... Nettchen. Für mich. Schwirbl. Das hat den stärksten Eindruck auf mich gemacht! Aber was seh' ich, kein Wein mehr da, wo ich gerade so im Zuge bin. Ah, das darfnicht sein, ich werde gleich ein paar Flaschen Champagner holen und selbst in den Keller gehen, damit wir nicht betrogen werden. (Alle stehen auf und gehen vor.) Fanni. Champagner!.... Wozu so theuren Wein? Schwirbl. Theuer?! he, he, he! wasgeht dasmickan, derWirth sollfichan den Teufel halten, der ist heute Zechmeister. He, he, he! (Rasch ins Haus ab.) He, Cliquot! Fünfte Scene» Lini, Fanni, Netti, später Gabler. N e t ti. Er holt richtig Champagner. Lini. Auf Rechnung des Teufels. Fanni. Und wir armen Teufel müssen ihn am Ende bezahlen. Lini. Unsere Casse wird bald leer sein, wenn wir noch länger unfern Schützling protegiren sollen. Netti. Es ist aber schon die höchste Zeit, ihm eine dauerhafte Versorgung zu verschaffen. Fanni und Linchen. 3a, das ist recht schön gesagt, aber wie? Netti. Ganz einfach; daß sein Detter Süßholz mich heiraten will, wißt ihr; ich schreibe ihm, daß ich einwillige seine Frau zu werden, aber unter der Bedingung, daß er seinem Vetter Schwirbl den dritten Theil seines Vermögens schon jetzt bei Lebzeiten abtritt. Der Alte ist zu verliebt in mich, er wird gewiß meine Bedingung erfüllen. Fanni und Linchen. Ach! das ist schön und edel non Dir! Netti. Es muß aber gleich geschehen. Fanni und Linchen. 3a, ja,jetzt gleich! Nettchen (verstellt). He, Herr Wirth! (Natürlich.) Der muß uns Feder, Tinte und Papier verschaffen. (Verstellt.) Herr Wirth! Alle Drei. Herr Wirth! Herr Wirth! Gabler. Bitte tausendmal um Entschuldigung, daß ich Hab'warten lassen. Aber ich weiß gar nit wo mir der Kopf steht, wegen dem heutigen Lall! Alle Drei(erst natürlich). Dem Ball. (Laut und verstellt.) Ein Ball!? Gabler. Ja, er fangtjetzt gleich an, und dauert den ganzen Tag und die ganze Nacht! Alle Drei. Charmant! Gabler. Das Erträgniß ist für die Armen von Stirneusidl, und da hat mich g'rad einer von den Herrn Stirneusidler Gemeinausschlüssen, der G'würzkrämer Süßholz, z'sammpackt, und da Hab' i' nit gleich wegkönnen. Netti (für sich). Ha, Süßholz! (Laut und verstellt.) Der Gewürzkrämer Süßholz ist hier? Gabler. Zu dienen! Er ist g'rad' ein paar Bekannten entgcgengangen. Netti (zu deuAnderen). Das ist prächtig! (Laut.) Herr Wirth, können Sie uns nicht ein Zimmer geben, wo wir ungestört sind? Gabler. O ja, bitt' mir nur zu folgen. Netti. Wir werden dort ein Briefchenschreiben, welches Sie gleich dem Herrn Süßholz übergeben müssen, aber ohne zu sagen, von wem es kömmt. Gabler. Sehr wohl. (Zm Abgehen.) Ich weiß's ja selber nit. Netti (zu den Anderen im Abgehen). Jetzt nur schnell den Brief geschrieben und dann — Hab' ich ertra noch einen Plan; kommt nur. (Gabler und die drei Mädchen ins Haus ab.) Sechste Scene. Steinherz, Süßholz, Guckeborn (treten disputirend hinter dem Hause auf). Steinherz. Ich sage Dir, dein Vetter Benjamin Schwirbl ist ein elender Bursche, der mir seine Wechsel herausfiloutirt hat, und den guten Namen meiner Frau öffentlich brandmarken wollte. Guckeb. Ja, und ich habe ihn im Verdachte, meinen Rock und meine Weste gestohlen zu haben. Süßholz. Geht's, redt's nicht so lieblos von dem armen Teufel, wenn er auch wirklich das Alles gethan hätte, so ist er jetzt gestraft genug. Guckeb. und Steinh. Wie so? Süßh. No, wißt's Ihr denn sein großes Unglück nit? Guckeb. und Steinh. Unglück! was für ein Unglück?! Süßh. Er ist auf einmal blind geworden. Beide. Was? Blind! Süßh. Ja — stockblind. Guckeb. und Steinh. Seit wann denn? Süßh. (nachrechnend). Gestern Hab' ich den Brief kriegt, den er mir geschrieben hat. Beide. Einen Brief vom Blinden? Süßh. Den er mir schreiben hat lassen, will ich sagen. Ein Tag braucht der Brief, also muß ihn wenigstens schon vor zwei Tagen das Unglück troffen haben. Steinh. Ich Hab' ihn ja erst gestern gesehen. Süßh. Gestern?! Guckeb. Ja, und da war er nichts weniger als blind! Süßh. Was? wie das?! Guckeb. Der Bursche hat sich einen Scherz mit Dir erlaubt. Steinh. Ich sage Dir, er ist ein Filou. Siebente Scene. Vorige. Schwirbl (ein wenig angestochen). Schwirbl (in jedem Arm eine Lhampagner- flasche, kommt singend aus dem Hause). »Dreht der Champagner Alles im Kreise!« (Erblickt die Obigen.) Ah! alle Wetter! mein Herr Detter! Süßh. Der Benjamin! Guckeb. und Steinh. Na, da hast Du ihn, überzeug' Dich jetzt selbst. Schwirbl. Jetzt heißt es gute Sailen 32 aufziehen. (Laut.) Liebster, bester Detter, Herr Steinherz, Herr Professor, wie freur es mich, Sie Alle hier zu sehen. Süßh. Zu sehn? Du siehst also? Du bist also nicht blind? Sch wirb! (für sich). O weh, das Hab' ich vergessen. Süßh. Du hast mich also nur betrogen, mir altem Esel 's Geld heraus gelockt, aber warte, daS sollst Du mir büßen. Sch wirbl. Lieber Detter! Ich war blind, aber mir ist der Staar gestochen worden. Süßh. Ja, ich war auch blind, aber mir ist jetzt auch der Staar gestochen worden, und seh' klar, was Du für ein Lump bist. Schwirbl. Detter! Guckeb. (hat sich indessen hiuzugeschlichen und den Rock betrachtet). Ha, es ist wirklich mein Rock, da ist noch das gestopfte Loch am Ellbogen — Herr — wo sind diese Kleider her? Schwirbl. Das weiß der Teufel! Steinh. Wie sind Sie zu den Briefen meiner Frau gekommen? Schwirbl. Das weiß der Teufel! Süßh. Na warte, ich werde Dir den Teufel schon austreiben, Du Hallunk? Schwirbl. Aber Vetter! Süßh. Marsch aus meinen Augen, ich will nir mehr von Dir wissen, ich zieh' meine Hand ab von Dir, ich enterb' Dich! Schwirbl. O, ich bitte! das ist wirklich zu viel auf einmal. Gabler (außer dem Hause). Herr Süß. Holz!.. ein Brieferl für Sie. Süßh. Don wem? Gabler. Das darfinit sagen. (Ab.) Guckeb. (zu Schwirbl, höhnisch). So, jetzt haben Sre's, jetzt sind Sie enterbt! SÜßH. (hat den Brief erbrochen). Don meiner Netti. Steinh. (ebenso zu Schwirbl). Nun wird Ihnen gewiß kein Teufel mehr was leihen! hehehe! Schwirbl. Kein Teufel! (Denkt an deii Zopf.) jHa! — aber vielleicht der Herr Detter. Süßh. (lesend). Ist's möglich! Steinh. Ihr Detter gibt Ihnen keinen Kreuzer. Guckeb. Und fernen Fluch dazu. Schwirbl. Und ich sag Ihnen, er wird mir verzeihen, für meine Zukunft sorgen, wenn ich nur will. SÜßH. (hat den Brief zu Ende gelesen). Sie wird meine Frau. (Küßt den Brief.) Meine liebe, gute Netti! Schwrrbl (hat den Zopf hcrausgeholt und dreht ihn, während das Orchester wieder piano spielt). Ich will, daß mein Detter mir verzeiht, und für meine Zukunft sorgt. Guckeb. u. Steinh. Lächerlich! Süßh. (steckt den Brief ein). Wo ist mein Detter Benjamin? Guckeb. u. Steinh. (erstaunen). Süßh. (eilt auf Schwirbl zu). Benjamin, mein lieber Benjamin, komm' an mein Herz! (Umarmt ihn.) Guckeb. u. Steinh. O, das ist stark! Schwirbl. Ja, es ist nur fast selbst zu stark. Süßh. Alles ist Dir verziehen, Alles vergessen! (Für sich.) MeineNetti verlangt's so. (Laut.) Ich will für Dich sorgen, Du sollst das Drittel von meinem Vermögen kriegen, aber nicht erst nach meinem Lob, sondern jetzt gleich! Schwirbl (nickt den beiden Erstaunten selbstgefällig lächelnd zu). Aha! Steinh. Aber Süßholz! Guckeb. Alter Freund! Süßh. Laßt mich, ich muß es ihm gleich schriftlich geben, (sür sich) damit es meine Nettinicht reuen kann. (Laut.) Wart'nur ein kleines Bisserl, lieber Benjamin, aber sei nicht böse, ich bin gleich wieder da! O Gotl, das Glück, ich werde geheiratet! (Eitt in s Haus ab.) Steinh. (eilt ihm nach). Aber Süßholz! (Ab.) Guckeb. Wie kann sich ein Mitglied des 33 Mäßigkeitsvereines so unmäßig der Freude hingeben! (Ab.) Achte Scene. So daß sich der Eh'mann ganz reumüthig g'steht, Wenn ich mir nur ein kleines bisserl Zeit g'lassen hätt'! Schwirbl (allein). Hahaha! ist das ein Mann der Vetter! jeden Wunsch erfüllt er mir, das heißt, wenn ihn (zeigt den Zopf) der da dazu zwingt. Es ist doch was Schönes um so einen Talisman. Was man sich wünscht, geschieht so schnell, wie man's nur denken kann! Das wäre für manche Leut' recht, denen gar nichts schnell genug sein kann, die's aber dann sehr oft bereuen, daß sie sich nicht ein bischen Zeit gelassen haben. L o u p t e t. Ach, welch' himmlisches Wesen, Die ist rein auserlesen, Einen Mann zu beglücken, Ach! ich schwelg' in Entzücken, Die sanftmüth'gen Aeugerln, So blau wie die Veigerln, Und das liebliche Mundi, Und das Patschi, das rundi, Und ein Herz wie ein Täuberl, Die muß werden mein Weiberl, Schnell den Vater befragen, Daß er ja nur thut sagen, Denn sonst bettelt am End' sich ein An- d'rer ein, 3a, g'worben muß schnell sein! D'Flitterwochen sind aus, und er sieht schon ganz klar, Daß d'Schönheit der Venus a g'machte nur war, Die sanftmüthigen Aeugerln, die können auch roll'n, Das liebliche Mundi wie ein anderes schmoll'n, Auch bissig werd'n kann es das herzige Täuberl, Auch zuhau'n mit'n Patschi das niedliche Weiberl, Feuerwerk ist im Prater, Und ein Gast im Theater, Eine Oper, eine neue, Ach, wie ich mich heut' freue, Morgen früh' in mein' Blatte Steh'n schon alle Referate, So schnell auch die Collegen, So was bringen's nicht z'wegen, Zwar kann gar nichts ich sehen, Weil auf's Land ich muß gehen, Doch thut das nicht geniren, Thu' im Voraus reseriren, Ich weiß ja genau, wie die G'schichten werd'n sein, Za, referirt muß sehr schnell sein. Am Morgen d'rauf, wie er zurückkommt vom Land, Da kriegt er ein fremdes Blatt z'erst in die Hand, Da sieht er, kein Feuerwerk war wegen dem Reg'n, Die Oper verschob'« der Heiserkeit weg'n, Das Schauspiel war abg'sagt, weil derHeld durchgangen ist, Da denkt er dann, wenn er sein Blatt darauf liest, Wo Alles so herrlich gelobt drinnen steht, Wenn ich mir nur ein kleines bisserl Zeit g'lassen hätt'! 's thut der Gutsherr ankommen, Hat der Amtmann vernommen, Sagt: Will Alles anfbieten, Was auf Erden hienieden Nur schön ist und theuer, Zu der festlichen Feier, Schnell die Kränz' an die Wände, An die Fenster Transparente, Und mit griechischem Feuer Wird dann All's ungeheuer Schön beleuchtet, decoriret Und verschönert, verzieret. S lbraln > Repertoire Nr. ISO. So, jetzt lauft'snur, und rennt's nur und kauft Alles ein, Denn beleuchtet muß schnell sein! Gepickt und gepappt und in Oel getränkt wird, Das Papier wird verklert und gemalt und geschmiert, Genageltundaufg'stellt in schönster Manier, Da griechisches Feuer, den Spiritus hier, Er kommt! schrei'n die Bauern, der Amtmann schießt um, D'Transparenten verbrennt er und d'Lam- pen wirft er um! So daß der Gutsherr, wie er ankommt, rein im Finstern dafteht, Wenn der sich nur ein kleines bisserl Zeit gelassen hätt'! Alle Zeitungen schreiben, Selbst die nie übertreiben, Unter all'n Historien 2st die Sonn' aller Sonnen, Der Schauspieler Wunder, Alle Andern sind Plunder, Deutschland liegt im Entzücken, 's thut sein Spiel es beglücken, Den darf ich nicht anslaffen, Nur Eontract schnell abfaffen, Mit 10.000 Gulden Gage Schreit ein Direktor in der Rage. Zn acht Tagen muß das Wunder mein Mitglied schon sein, Za Eontract g'macht muß schnell sein! Er kommt an und tritt auf gleich als Herr Zaromich, Beim H'rausgeh'n schon reißt er a Coulis- sen mit sich, Wie ein wüthender Stier brüllt die Rolle er her, Daß erzittern und wackeln Gallerie und Parterr', Die Damen krieg'n Krämpfe, die Herr'n schrei'n hinaus, Nach'm zweiten Act steht ganz allein in sein Haus Mit'n Eontract der Direktor, indem er reu- müthig g'steht: Wenn ich mirnur ein kleines bisserl Zeit g'lassen hätt'. Auf Eroberungsrunde Geht zur nächtlichen Stunde Ein Stutzer, und thut sehen Eine Dam' allein geh'n. »Ach, wie glücklich wär' ich, »Dürft' haben die Ehr' ich, »Sie, mein Fräulein, z'begleiten!«— »Das darf ich nicht leiden,« — »Ach, sein Sie doch gnädig.« — »Ich bin nicht mehr ledig,« — »Käm'mein'm Mann so wasz'Ohren, »Da wär' ich verloren!« — Sie läuft in ein Haus, der Stutzer hint' d'rein, Za, erobert muß schnell sein! Er wuscht mit ihr h'nein, wie sie öffnet die Thür, Da brummt gleich ein Schnurbart: Was wollen Sie hier? »Der Herr mich verfolgt,« und der Stutzer verwirrt Stottert: »Ich Hab' mich nur in der Hausnummer girrt, Verzeih'» Sie, ich muß schnell nach Hause jetzt flieg'n.« — »Zch werd' Zhnen helfen,* bumbs fliegt über d'Stiegen Der Stutzer, doch seufzt, wie er drunten aufsteht, (Reibt sich Arm und Bein.) Wenn ich mir nur ein klein bisserl Zeit g'lassen hätt'! Nach dem Liede: Verwandlung. (Wirthshaussaal — ländlich, festlich decorirt) Neunte Scene. (Bei der Verwandlung Musik im Orchester. Gruppe der Masken — Tanz. Nach dem Tanze Alles ab.) Zehnte Scene. Schwirbl, dann Fanni, binären, Netti. Schwirbl (aus dem Hintergründe rechts) Ah, da geht's ja lustig zu, diese schönen Gestchtchen, da bin ich in meinem Element. (Seufzt.) Ach, da fallt mir wieder das Mädel ein, das mir die Prügelsuppe eingebrockt hat, wenn ich es nur noch einmal sehen könnte.-Aber was nützt da das Wünschen, von der Liebe weiß der Teufel doch nichts. — Netti (Seite rechts versteckt). Freilich nicht! Schwirbl. Wer da? (Sieht sich um.) Niemand — (Schreit.) Was beliebt? Keine Antwort. Aber wenn ich nicht irre, war dies dieselbe zarte Stimme, die ich gestern in meinem Zimmer gehört. Sollte etwa eine Sie die Eigenthümerin dieses Zopfes und meine Protectorin sein? hm! möglich war' es, denn ich bin meine Schulden los geworden, und für die Männer Schulden zahlen ist gewöhnlich die Sache der Frauen. (Geht nach -er Seite hin, wo Netti gesprochen.) Das können wir ja gleich sehen. Fanni (Seite links versteckt). Sei nicht so kühn! Schwirbl (sich umwendend). Wie? was? jetzt wieder auf der Seite! (Geht gegen Fanni.) Linchen (aus der Mitte). Und dringe nicht weiter in das Geheimniß, das Dich umgibt. Schwirbl (wendet sich, daß er mit dem Rücken gegen das Publicum steht). Jetzt wieder da — Ah, das ist mir zu arg! Netti (wie oben). Ich will Dir gerne dienen! Fanni (ebenso). Und für Dich sorgen! Linchen (ebenso). Aber nur unsichtbar. Schwirbl (wendet sich während dieser Reden von einer Seite zur andern). Nichts da, ich will Licht haben in der Sache, ich will (zicht den Zopf heraus) die Teufelin sehen. Fanni, Linchen, Netti (jede au» einer anderen Seite heraustretend, in Fraumzim- merkleidung). Hier bin ich! Schwirbl (höchst erstaunt). Was! Drei? (Sieht sie an.) Aber seh'ich recht! (Zu Fanni.) Meine Polkatänzerin! (Zu Linchen.) Meine Fenstercroberung! (Zu Netti.) Ach, und meine Prügelsuppeneinbrockerin! Linchen. Ihre drei ersten Lieben! Aber zu Einer müssen Sie sich jetzt entschließen. Schwirbl. Es thut Einem auf Ehre die Wahl weh'. Wissen Sie was, meine schöne Damen, um keinen Streit zu verursachen, werde ich Sie alle Drei überhaupt und jede insbesondere lieben. Fanni. Keine Ausflüchte — reden Sie ernsthaft. Schwirbl. Nun denn, wenn's sein muß, will ich offen reden. (Zu Netti.) Sie müssen die Meinige werden, holde Satanaffin! Nettchcn (freudig). Wie? Sie lieben mich? Linchen u. Fanni. Also doch Netti— na, wir gratuliren! Netti. (traurig). Ach Gott, gratulirt mir nicht; Ihr wißt ja, meine Hand ist bereits einem Andern versprochen. Schwirbl. Einem Andern? Wer ist dieser Andere, wo ist dieser Andere, daß ich ihn erwürge, vernichte, zermalme, zerquetsche! Netti. Ach, mein Bräutigam ist — Schwirbl. Nun? Netti. Ihr Vetter Süßholz. Alle (von außen im mittleren Hintergründe). Es lebe der neue Präsident des Mäßigkeitsvereines! Letzte Scene. Vorige. Steinherz, Süßholz, Guckeborn. Alle Masken. SÜßh. (das Ordensband des Mäßigkeits- Vereines um, wird im Triumph hereingeführt, Alles schreit). Es lebe der Präsident des Mäßigkeitsvereines! 36 Süßh. (in der Mitte). Danke, danke, meine Herren und Damen, Thränen der Freude ersticken meine Worte. Alle. Vivat! Süßh. (erblickt Netti). Was seh'ich — Nettchen, meine geliebte Braut! Mt auf sie zu.) Ja kommt denn das Glück heut' butten- weise? (Will sie umarmen.) Sch wir bl (tritt keck dazwischen). Vetter! Süßh. Ah, mein Benjamin! gut daß Du da bist; da hast Du die Schenkungsacte des Drittels meines Vermögens! (Gibt ihm die Papiere.) S ch wirbl (reißt sie ihm aus der Hand). Her damit! (Steckt sie ein.) Süßh. Ich hoffe, Du wirst zufrieden sein. Schwirbl (keck). Nein! Süßh. Was? Schwirbl. Ich liebe Ihre Braut; Sie müssen schon so gefällig sein, sie mir abzutreten. Süßh. Warum nicht gar, ich soll ein abgetretener Bräutigam werden, das geht nicht. Schwirbl. Es muß geh'n! Süßh. Muß? Schwirbl. Ja, muß, ich habe einen Talisman, der Sie dazu zwingen kann, ich darf nur sagen: (zieht den Zopf heraus und schwingt ihn) Ich will, daß— S Ü ß h. (erkennt seinen Zopf» fällt Schwirbl in die Rede und hindert ihn den Zopf zu schwingen). Um Alles in der Welt! — mein Zopf! ich kenne ihn am Mascherl, der Bursch' weiß, daß ich am Maskenball und eingesperrt war, wenn er mich verrathet, ist Ehr' und Reputation, und was noch mehr ist: Präsi- dcntenstelle beim Teufel! — Was fang' ich denn an? Schwirbl. Soll ich? (Will ihn schwingen.) Süßh. (fälltihm in die Rede). Nein, nein, entsetzlicher Vetter! (Kürsich.) Netterln krieg' ich ja noch dutzendweis, aber Präsidenten- stell' krieg ich keine mehr. (Laut.) Na, in Gottesnamen, Netti, ich trete Dich ab! Netti. Tausend Dank! / , Schwirbl. Bester Detter! j ^ Süßy. (leise). Aber das verfluchte Ding da mußt Du mir geben. Schwirbl (gibt ihm den Zops). Recht gern! ich will vom Teufel nichts mehr wissen, da dieser Engel jetzt an meiner Seite steht. Ich brauche ihn ohnehin nicht mehr, denn mit Nettchens Besitz bleibt mir kein Wunsch mehr übrig. SÜßH. (steckt den Zopf mit komischem Zorn ein) Steinh. Ich verstehe meinen Freund nicht mehr. Guckeb. Ja aber was ist's denn mit meinen Kleidern? binchen (hält ihm den Mund zu). Still davon, oder Sie bekommen nie wieder ein gutes Gesicht. Guckeb. (beschützet sich). Aha! Schwirbl. Aber jetzt wollen wir recht fröhlich sein, ich habe einen Detter, der mir verziehen, Geld in Hülle und Fülle und ein l' des Weibchen! Und das Alles verdanke icy dem Zopf! Sage mir noch Einer, daß ein Zopf zu nichts gut ist! Jetzt auf zum Tanz, zum Tanz! (Alles stellt sich zum Tanze. Schwirbl tanzt mit Netti vor. Nach Arrangement.) (Der Vorhang fällt.) Ende. Druck und Papi« von Leopold Sommer in Äieii. s ? ! « 4 F wiener Lradt-Libliorliek V^ tzLdi055^5(kE7 vk^7Lcne« dk5 V27kl^. s'^.sEs Brand. Ich vertheidige sonst meine Schwester nicht, aber der Hanne gegenüber f ist ihre Feindschaft begreiflich. i Zweite Scene. , Vorige. Martha und Hanne (aus der ' Mitte). . Martha (eine Frau von vorgerücktem Alter, ' rasch eintretend und Hanne nach sich ziehend, sehr aufgeregt). Nur herein mit Dir, Du bos- ^ Haftes Lachtäubchen, nur herein! Ich werde ! Dich vor Gericht stellen, damit Du deine Strafe kriegst! Brand. Was hat's gegeben, Marthe? Jakob. Gewiß nur eine Kleinigkeit. Martha. Sic hat über mich gelacht! Hanne (die als Magd etwas vernachlässig! gekleidet ist, lacht boshaft). Martha. Sie hat schon wieder gelacht! Jakob. Nun, das ist kein Verbrechen. Martha (zu Brand). Ich hatte den fremden Hilfsarbeitern ihr Vesperbrod auf die Dreschtenne gebracht; — weil eS lauter brave, gutmüthige Bursche sind, so setzte ich mich zu ihnen und fing eine Erzählung an. (Seufzend.) Du weißt, Bruder, wovon ich am liebsten erzähle. 3 Brand (kurz und verdrießlich). 3a, von seinem unglücklichen Brautstande! Hanne (lachend). Und da soll man nicht lachen! — Ich suche die Gelegenheiten, Ivo ich lachen kann; eine bessere gibt' rber nicht, als wenn man die Frau Muhme Zwischen vollen Mäulern und Dreschflegeln ihre herzbrechende Geschichte erzählen hört. Martha. Was sagst Du zu einer sollen Bosheit, Bruder? Brand (halblaut). Ich sage, Martha, )aß Du Dir diese Erzählung abgewohnen solltest, denn sie macht Dich lächerlich. Martha. Du hast auch kein brüderliches iGefÜhl! (Sktzt sich an den Spinnrocken, mit ärgerlicher Hast spinnend.) Hanne (zu Brand). Nun, wie wird's ^uit der Strafe? Den Stock habt 3hr in IderHand und um seine Verwendung braucht Iman Euch nicht lange zn bitten. Brand. Wenn man's verdient. Hanne. Hab' ich es damals verdient, lals ich, ein Liedchen summend, auf dem IFelde saß und Ihr mich mit der Faust in Iden Nacken schlüget, daß ich zu Boden I stürzte? Jakob. Vergib meinem Vater, Hanne, ID» hattest ihn an jenem Tage zum Zorn > gereizt. Hanne. Weil ich meinen vertriebenen IBruder gegen ihn vertheidigte? Brand. Ich habe deinen Bruder nicht vertrieben; er ging nach eigenem Willen, lweil ihm die Arbeit in meinem Hause ^ nicht behagte. Hanne. Sagt nur: die Grobheit! Brand. Es kommt Alles auf die Meinung an. Ich wollte aus Dir und deinem Bruder ein paar bescheidene, arbeitsame, zufriedene Menschen machen. Hanne (bitter lachend) Darum hab't Ihr uns gleich beim Eintritte mit den auf- munternden Worten begrüßt (ihn imitirend) .- »Seid Ihr da, Ihr verzogenen Rangen? ! Nun hat's ein Ende mit dem Kinderspiel; ich werde Euch besser mores lehren, als eure Eltern mit ihrer Affenliebe!« — O, wie klang das so freundlich!« — Wir hatten Euch von der Minute an gern, so gern, daß mein Bruder lieber unter die Menschenfresser ging— und ich nur deswegen blieb, um — um die Erzählung der Frau Muhme hören zu können. Martha. O Du giftige Kröte! Brand. Du bist ein undankbares Ding, Hanne, welches nur schlimme Worte, aber keine gute That im Gedächtniß behält. ' Hanne. War das etwa auch eine gute That? (Macht die Geberde des Schlagens) Brand. Sie hat nicht geschadet. — Krank bist Du nur zum Trotz geworden — und sonst hattest Du keinen Verlust dabei. Hanne. Wie Ihr das wißt! (MitAffrct.) Ich habe durch euren Schlag einen Verlust erlitten; den einzigen Trost habe ich verloren, der mir nach der Entfernung meines Bruders blieb. Jakob (theilnehmend). Wovon sprichst Du, Hanne? Hanne. Von einer Kleinigkeit, von einem Liede! — Als mein Bruder den Entschluß gefaßt hatte, fortzugeheu, um in fernen Ländern das Glück zu suchen, welches er einst mit mir theilen wollte, da sagte er in einer traulicheu Stunde: »Ich will Dich ein Lied lehren, Hanne — Behalte es gut, damit ich, bis wir uns Wiedersehen, in deinem Angedenken bleibe!« — Mein Bruder lehrte mich das Lied; mir schien es nicht nöthig, die Worte aufzn- schreiben, sic standen ja in meinem Herzen; wir schieden. — Das Lied war mir so werth, daß ich es vor.Niemanden hören lassen wollte, ich sang es nur allein und war glücklich.—Da traf mich jener Schlag von Euch, warf mich aufs Krankenlager; Fieberhitze durchglühte meiu Gehirn, verbrannte mein Gedächtniß, — und als mir nach vielen, vielen Wochen die Gesundheit wiederkehrte, als ich auf der Brandstätte nach meinem einzigen Elgcnthume suchte, da-lacht jetzt über mich, wenn es Euch freuen kann— da hatt' ich's verloren! * Jakob. Du hattest dein Erinnerungslied vergessen, Hanne? Brand. Das scheint mir ebenso unglaublich, als, wenn es wahr wäre, unbedeutend. — Ich habe mein Lebetäg schon viele Lieder vergessen, aber krank bin ich deshalb nie geworden. Hanne. Weil Ihr ein gefühlloses Herz habt. (Heftig.) Ich hasse Euch, Herr Brand! Jakob. Hanne, es ist mein Vater! Brand. Schon gut! — Wenn Du mich hassest, wird mich eine Andere lieben: meine künftige Schwiegertochter. Hanne (unwillkürlich betroffen). Wollt Ihr euren Sohn verheiraten? Brand. Ja — die schöne Brigitte soll sein Weib werden, die Tochter des reichen Hammermeisters. Hanne (rasch). Die nimmt der Jakob nicht, weil sie ihm zu dum m ist. Brand. Er muß! Jakob. Du bist Ursache, Hanne, wenn ich eine ungeliebte Braut zum Altar führen muß. Mein Vater dächte an keine Schwiegertochter, wenn Du Dich gegen ihn freundlicher bezeigen wolltest. Hanne. Hahahaha! — Soll ich durch meine Freundlichkeit gut machen, was deine Albernheit verdirbt? — Wehre Dich gegen den Willen deines Vaters, wenn Du verdienen willst, ein Mann zu heißen! Martha (bei Seite). Da hat sie Recht. Brand. Wehren soll er sich? gegen meinen Willen? — (Befehlend.) Komm, Jakob! — Nun? — Ich glaube, Du wirst widerspenstig? Jakob (mit schüchternem Trotz). Nein, Vater, nein! — Heiraten will ich die Brigitte, wenn Ihr es durchaus begehrt, aber — sagen kann ich es ihr heute nicht. Brand. Unsinn. — Warum heute nicht sagen, was Du doch in Kurzem thun willst? Jakob. Weil — weil — weil ich gegen sie den Angenehmen spielen müßte und weil mir das nicht vom Herzen geht. Brand. Nun so werde ich den Angenehmen spielen; bleib' nur zu Hause; ich werde die Sache in deinem Namen so bestimmt abmachen, als ob Du doppelt dabei gewesen wärest. Martha. Aber Bruder, bedenke: wenn der Jakob für die Brigitte nicht geschaffen ist, oder die Brigitte nicht für ihn- Brand. Lirum, larum! — Zwei junge Leute müssen für einander geschaffen sein, wenn's ihre Erschaffer wollen. — Du läßt mich also allein gehen? Jakob. Ja, Vater. Brand. Gut! — Ich werde in deinem Namen so angenehm sein, daß die Brigitte Liebeskrämpse bekommt. — Meine fünfzigjährigen Augen werde ich leuchten lassen, daß sie deine zwanzigjährigen beschämen. Meine Worte werde ich so zierlich setzen wie der Schulmeister, wenn er von Amtswegen eine begeisterte Rede halten muß! Alles natürlich in deinem Namen. — Hahahaha! Die Brigitte soll durch mich in Dich verliebt sein, ehe sie d'ran denkt, und wenn sie in deinem Namen einen Kuß von mir haben will — Gott soll mich strafen, wenn's nicht wahr ist— sie kriegt ihn! (Ab in der Mitte.) Dritte Scene. Vorige ohne Brand. Jakob (zu Hanne). Das ist die Dankbarkeit für meine herzliche Theilnahme, welche ich Dir so oft bewiesen. Hanne (die sinnend gestanden ist, betrachtet ihn einen Augenblick, dann bricht sie in lautes Lachen aus). Jakob. Du lachst? — Findest Du mein Unglück lächerlich? Hanne. Nein; aber deine Theilnahme, von welcher Du höchstens träumen kannst, denn ich verspüre nichts davon. — Hast Du etwa schon zu meinem Gunsten gesprochen? Hast Du mich gegen deinen groben Vater schon vertheidigt? 8 Jakob. Ich darf Dich nicht verthei- digen, wenn Du zugegen bist, aber in deiner Abwesenheit- Hanne. Hahahaha! Das ist geradeso, als ob man einen Hungrigen in seiner A b- wesenheit speisen wollte; er stirbt über diese Güte vor Hunger. Martha (die indessen aufgestanden ist, ge- müthlich). Lass' uns vernünftig reden, Hanne. Mein Bruder ist kein böser Mann, aber ein heftiger Mann ist er. — Diese Heftigkeit könnte ich Dir bemeistern helfen, wenn Du — (mit Nachdruck) wenn Du mich zu deiner Freundin machen wolltest. Hanne. Hahahaha! Da müßte ich täglich eure Erzählung anhören, in die Seele hinein gerührt werden und keine Miene zum Lachen verziehen? etwa gar darüber weinen? — (Laut lachend.) Hahahaha! Dieser Preis wäre mir zu hoch für eure Freundschaft. Martha (rasch und zornig zu Zakob hintretend). Komm', Jakob! — Wir wollen die Strafe dieser unverbesserlichen Dirne beschleunigen ! Jakob. Wie meint Ihr das, Frau Muhme? Martha (heimlich). Sei still! (Laut.) Deinem Vater wollen wir nachgehen und ihn bitten, daß er recht bald die Schwiegertochter in's Haus bringe. Hanne (lachend). Das ist keine Strafe sür mich, sondern für den Jakob. Martha. O wart' nur! — Eine junge Frau wird Dich erst empfinden lehren, was eine Magd ist. — Die Brigitte kriegt eine reiche Aussteuer und ist dabei dumm; sie wird Dich mit Hoffart und Launenhaftigkeit zur Verzweiflung treiben. ^ Hanne. Zur Verzweiflung nicht, aber 'ort kann sie mich treiben, was wohl Niemand bedauern wird. Jakob. Niemand ? — O, Du bist ungerecht gegen mich, deinen Freund, der Dich öfter und wärmer vertheidigt hat, als Du in deinem verbitterten Herzen glauben willst. Martha (sich ihr nähernd, sanft). Hanne, sei klug!— Wenn wir Zusammenhalten, kriegen wir meinen Bruder zu deinem Gunsten herum, aber Du mußt Dich nur entschließen — Hanne. Eure Erzählung ernsthaft anzuhören?— Hahahaha!— Wenn ich nur die Absicht an eurem Munde sehe, juckt es mich schon im Halse. Martha (zornig refignirt). Da ist Alles umsonst! (Zieht Zakob rasch durch die Mitte fort.) Vierte Scene. Hanne (allein). (Sie blickt den Abgegangenen lange nach, dann sagt sie mit verändertem Tone, fast wehmüthig.) Verbittertes Herz, hat er gesagt! — Ja, mein Herz ist verbittert; aber kann ich dafür? — Der Jakob nennt sich meinen Freund und fürchtet sich, in Gegenwart seines Vaters meine Partei zu nehmen. — Pfui! das ist feig! — Die Muhme möchte meine Freundin werden, wenn ich bei ihrer Narrheit ernsthaft bleiben wollte, aber ich will nicht. — Lachen will ich, aus Bosheit lachen, weil ich es nicht mehr aus Freude kann! — O mein Lied! o mein Lied! — Wenn ich es in meinem Ge- dächtniß wiederfände, würde ich aus Freude wieder lachen; (die Hand an der Stirne) seine Worte, seine Töne umschwirren mich, aber sie fügen sich zu keinem Ganzen! umsonst! (Man hört in der Ferne folgende Strophe von einer Männerstimme fingen.) »Hab' mein Vaterhaus verlassen, Fern dem theuren bin ich hier, Doch es liebend zu umfassen, Bleibt sein Bild im Herzen mir! Vaterhaus! o holdes Wort! Klinge tröstend fort und fort In die Seele mir hinein, Ueberall' gedenk' ich dein'!* Hanne (welche dem Gesänge mit allen Zeichen der wachsenden Aufregung gefolgt ist, auf« 5 schrrirnd). Mein Lied! mein Lied! — Und jene Stimme, welche es mir zurückbringt! — Sage, Herz, ob Du mich nicht betrügst! Josef (ein ärmlich gekleideter Mann, öffnet die Mittelthür und mit eintretend.) Schwester! Hanne. Josef! Josef! Mein Bruder! (Wirst sich in seine Arme.) (Lange Pause.) Fünfte Scene. Hanne, Josef. Hanne (richtet sich langsam empor, saßt Josefs Hände und sagt mit zitternder Stimme, ihn zärtlich anblickend). »Hab' mein Vaterhaus verlassen, Fern dem theuren bin ich hier, Doch es liebend zu umfassen-« O, wie bin ich jetzt glücklich, Bruder! D" bist wieder da und mit Dir mein Lied! Josef(brwegt).Jch bin wieder da,Hanne, aber nicht so glücklich, wie wir gehofft hatten. Ich bin arm zurückgekommen! Hanne (leidenschaftlich). Das gilt gleich, weil ich Dich nur habe! (Rasch einen Stuhl setzend.) Du wirst müde sein, setz' Dich. (Nachdem sich Josef gesetzt, neben ihn kauernd.) Und nun erzähle mir: Wie hast Du indem fernen Welttheile gelebt? Warum hast Du mir in den langen drei Jahren nicht ein einziges Mal geschrieben? Josef. Weil ich den Schwur halten wollte, welchen ich bei unserer Trennung that. Du und Niemand sollte von mir hören, bis es mir gelungen wäre, das Glück zu finden, das ich für uns Beide gesucht. — Ich ging nach Australien, um dort, wo die Arbeit noch einen goldenen Boden hat, ein mäßiges Vermögen zu sammeln.— Aber Unglückssälle, Feindseligkeiten vernichteten meine Hoffnung. — Die Sehnsucht machte mich meinen Schwur vergessen; ich kehre zu Dir als Bettler zurück! Hanne. Als Bettler? Nein! nein! — Du hast ja mein Herz wiedergefunden, so reich an Liebe, wie Tu es verließest. Josef. Ach, Schwester! — Deine Liebe ist mir nothwendig, wenn ich Kraft gewinnen soll, jene Demüthig ungen zu ertragen, welche mich hier erwarten. Hanne (mit Eifer). Nein, Bruder! Du sollst nicht gedemüthigt werden! — Wir wollen miteinander dieses Haus, diese Gegend verlassen und an einem anderen Ort Dienste suchen. — Wir bleiben beisammen, und ich werde mit doppelter Kraft arbeiten, bis die deinige mit der Hoffnung wiederkehrt! Josef (ihre Hände fassend). Wolltest Du das, meine gute Hanne? wolltest Du das?! Hanne. O, mit Freuden! — Du hast mir ja deine Liebe zurückgebracht — und dein Lied, welches ich vergessen hatte! — Ach, wenn Du wüßtest, Josef, wie das! geschah —! Josef. Ich weiß Alles. — Im Weinberge traf ich den Knecht Christian, nnd dieser erzählte mir — Hanne. Daß mich der alte Brand geschlagen hat? Josef. Ja. Hanne (sich ausrichtend). Weißt Du aber auch, wie ich mich gerächt habe? — Durch! Bosheit habe ich mich gerächt, durch Trotz und Widerspänstigkeit. Gelacht habe ich aus voller Kehle, wenn sic glaubten, daß l ich weinen müßte. — Alles habe ich gr- than, wovon ich wußte, daß eS ihnen Aer ger macht! Josef (aufstehend, mit freundlichem Ernst) Du hast unrecht gelhan, Schwester. Hanne (ihn groß ansehcnd). Unrecht? — Das sagst Du, Josef? Du, der vor drei Jahren mit den Worten aus diesem Haust ging: »Lieber unter Menschenfressern, als unter dem Dache eines solchen Wohlthä- ters!* Josef. Das habe ich gesagt, weil ich damals die Welt nicht gekannt habe wie jetzt. — In der Fremde habe ich gelernt, daß man Denjenigen danken muß, welche 7 unS auf dem Boden der Heimat nur das kleinste Plätzchen vergönnen. — Du hast ^ unrecht gethan, Hanne, so wie ich. Wenn Du mich liebst, wirst Du suchen, es gut zu i machen, bevor wir miteinander gehen, i Hanne (mit Affett). Wenn ich Dich liebe?! — Bist Du nicht das Einzige auf der Welt, was ich lieben kann? — Also unrecht! — Wenn Du eS sagst, Josef, dann muß es wohl auch so sein. ^ Josef. Ja, es ist so. — Aber ich vertraue deinem Herzen, welches nun, da es ! seinenJrrthum erkannt, gewiß mit dem weinigen wünscht, daß wir hier ein freundliches Angedenken hinterlassen. Hanne. Ja, Du hast Recht! Besser, wenn sie sich freundlich an mich erinnern, als wenn sic sagen: »Gut. daß die undank- bare Katze fort ist!«— (Sinnend.) Besonders dem Jakob; ihm habe ich am meisten unrecht gethan. (Lebhaft.) Aber ich will eS gut machen! Ach, eS ist ja so leicht! — Jetzt, wo ich Dich und dein Lied wieder habe, müßte ich wahrhaftig schlecht sein, wenn ich auf meiner Bosheit noch beharrte. (Nach dem Fenster blickend ) Ah. dort kommt die Muhme zurück! Mit der will ich gleich den Anfang machen. Josef (rasch). Sage einstweilen nichts von meiner Wiederkehr, damit es den Erfolg deiner guten Absicht nicht hindert. — Ich entferne mich durch die Gartenthür und will warten, bis Du mir einen freundlichen Empfang bereitet Haft, welchem bald ein freundlicher Abschied folgen soll. (Ihre Haut» drückend ) Wir werden miteinander gehen, Hanne, und trotz der Armuth glücklich sein, weil wir uns lieben! (Recht« ab.) Hanne (allein). Ack, wie ich mich jetzt wohl fühle! Wie mein Herz leicht und fröhlich geworden ist! — Die Muhme soll die Erste sein, welche mich licbgewinnen muß. Da werde ich zwar ihre Geschichte hören müssen, aber der liebe Gott wird mir Stärke geben, daß ich nicht lache. (Setzt fich rasch an den Rocken, eifrig spinnend.) Sechste Scene. Hanne, Martha. Martha (aus der Mitte, überrascht nach Hanne blickend). Da sitzt sie und spinnt. — Das ist ihr ohne Befehl noch niemals eingefallen. — Sollte ihr etwa doch die Reue gekommen sein? (Tritt vor.) Hanne (sehr freundlich). Ah! seid Ihr schon zurück, Frau Muhme! Wo habt Ihr den Jakob gelassen? Martha. Aus dem Wege zu seinem Vater, der für meine alten Füße einen zu geschwinden Schritt hat. Hanne. Ei, was redet Ihr von alt! — Eine so stattliche, gesunde, guterhaltene Frau- Martha. Willst Du mich foppen? Hanne. Gewiß nicht, Frau Muhme.— So oft ich Euch ansehe, sage ich zu mir selbst: Hanne, wenn Du in solchen Jahren noch so rüstig sein wirst, dann darfst Tu Dir Glück wünschen. Martha (sich nähernd). Ja, ich habe allerdings eine gesunde Natur — und wenn man das große Herzeleid bedenkt, welches ich in meiner Jugend ausgestanden habe — Hanne (bei Seite). Sie kommt schon mit der Geschichte angerückt. Martha. Ach! Ich habe viel Herzeleid ausgestanden. Hanne, aber Dir kann man ja so waS nicht erzählen, weil Du gleich mit deinem Gelächter herauSpol- terst. Hanne. Ich gebe Euch mein Wort, Frau Muhme, daß ick nicht mehr lachen will, wenn Ihr eS noch einmal über Euch gewinnen könnt- Martha (rasch, indem fie sich dicht zu Hanne tzt). Ob ich eS über mich gewinnen kann! Ist es doch mein einziger Trost, davon zu reden. — Also höre zu, Hanne! Hanne. Den Anfang kenne ich bereits. Martha. Bis wie weit? Hanne. Ihr habt als zwanzigjährige Jungfrau einen jungen Burschen aus dem 8 Dorfe geliebt, welcher so wunderbar hübsch und kräftig war, daß Euch alle Dirnen um ihn beneideten- Martha (lebhaft fortsetzknd). Denn er war das Muster von einem schönen Mannsbild ! — Augen hatte er wie Kornblumen, — Haare wie der feinste Flachs,— Lippen wie Erdbeeren,—Zähne wie Elfenbein,— Schultern wie der große Christof, — und Waden wie der steinerne St. Florian, der mir dem Waffereimer vor unserer Dorfkirche steht. — Dazu eine Stimme wie Finkenscklag, — ein Herz wie von gediegenem Gold, — und eine Treue, eine Treue, sage ick Dir, wie sie heutzutage bei den Mannsbildern gar nicht mehr zu finden ist. Hanne (heimlich mit dem Lachen kämpfend). Der war freilich ein Schatz! — Da begreift man, daß alle Dirnen hinter ihm hergelaufen sind, vor Verlangen brennend, Euch diesen Wunderburschen abspänstig zu machen. Martha. Ja, Die haben curios gebrannt, aber es hat ihnen nichts geholfen. — O Franz! — So treu bist Du mir geblieben und einen so schlechten Lohn hast Du dafür gehabt! Hanne (für fich). Hanne, Hanne—nur ernsthaft! — Martha. Gerade die Beweise seiner Treue haben uns auseinandergebracht! — Das war nämlich so: Weil die Dirnen ihm gar so verrückt nachliefen, kam mir die sündhafte Eitelkeit in den Kopf, über Eine oder die Andere nach Vergnügen zu spotten. — Ich selbst gab also meinem Franz den Rath, sich eine der Hübschesten auszusuchen und sie eine Weile glauben zu machen, daß sie mir bei ihm gefährlich werden könnte. Hanne. Das war eine gewagte Eitelkeit, Frau Muhme! Martha. Bei seiner Treue nicht, aber doch war's mein Unglück. — Nachdem er sich lange geweigert hatte, gab er meinem Willen nach und fing an, mit einer Blonden seinSpiel zu treiben. — Wohlgemerkt, Hanne, nur sein Spiel. Hanne. Ich verstehe. Martha. Die Blonde wurde vor Zärtlichkeit fast mondsüchtig. — Ich selbst sah mit heimlichem Lachen von meinem Fenster, wie sie beim Moudlicht aus der Thüre schlüpfte, zu meinem Franz in's Kämmerlein guckte, und, nachdem er herausgekommen war, Arm in Arm mit ihm hinter die Kornfelder schlich. — Das war eine Schön- thuerei, ein Gekose, ein Geflüster! Haha- haha! Der Mond schien sich vor Lachen zu schütteln, denn er wußte ja so gut wie ich, baß der Blonden ihre Zärtlichkeit nichts helfen kann. Hanne (für sich). Nun, der Mond muß eS wissen. Martha. Am nächsten Tage kam der Franz zu mir und sagte mit dem Stolz der Unschuld im Gesicht: »Ich bin Dir treu geblieben, Martha, aber jetzt will ich's mit einer Braunen versuchen.« — Gesagt, gethan. — Die Braune trieb es noch viel ärger als die Blonde. Sie lief mit ihm beim Hellen Tage herum; keine Wiese und kein Wäldchen, wo sie ihn nicht herzte und küßte. — Ich empfand keine Eifersucht, weil ich meiner Sache sicher war, aber damit die Leute nicht glauben sollten, daß ich die Gefoppte sei, bat ich meinen Franz, die Schäckerei kurz zu machen. — Es währte auch nur eine Woche, dann kam er wieder zu mir zurück, so treu, als ob er nie von einer Braunen was gewußt hätte! (Die Au- gen trocknend.) Ach, Franz! Hanne (beißt in den Flachs, um das Lachen zu verbergen). Martha. Für meine Eitelkeit wäre es jetzt genug gewesen, aber der Franz capri- cirte sich darauf, mir seine Treue auch bei einer Schwarzen zu beweisen. Hanne (für fich). O Du lieber Gott, steh' mir bei! Martha. Die Schwarze wurde im buchstäblichen Sinne närrisch. — Auf einem Kirchweihfeste, wo der Franz auch mit mir tanzen wollte, obwohl er damals noch mit ihr sein Spiel trieb, kam es zu einem fürchterlichen Scandal. — Die Schwarze sagte mir in s Gesicht, daß ich ein dummes Ding wäre, wenn ich die Treue des Franz gepachtet zu haben glaubte; daß sie mit ihm oft über mich gelacht hätte; — über mich gelacht! — Das brachte mich der Verleumderin in die Haare. — Risch, rasck, lagen wir unter dem Maibaum da und wackelten auf einander los! — Der Franz wollte sich in s Mittel legen, aber da kam mein Vater, schleuderte ihn weg, daß er zehn Schritte auf derWiese hinflog, und rief:»Ein solcher Lump verdientes nicht, daß sich zwei Dirnen seinetwegen balgen!*— Ein Lump! — Mein Vater wußte nicht, daß der Franz nur deswegen mit einer Blonden, Braunen und Schwarzen gescherzt hat, um mir seine Treue zu beweisen. (Schluchzend.) Ach, Hanne! seit jenem Tage war ich unglücklich. — Das ganze Dorf lachte über mich, die jungen Burschen am allermeisten. Den Franz warf mein Vater zur Thür hinaus, als er im Stolz auf seine Unschuld hochzeitbitten kam. — Ich mußte einen Alten heiraten, der zu meinem einzigen Tröste — bald lungensüchtig wurde. — Und Franz? —Mein armer treuer Franz hat aus Verzweiflung eine Rothe geheiratet, das war seine letzte Farbe! (Verhüllt das Gesicht.) Hanne (bricht unwillkürlich in Laiben aus, unterdrückt es aber schnell und bemüht sich ebenfalls zu schluchzen). Martha (nach einer Pause). Nicht wahr, Hanne, es ist gewiß ein trauriges Loos, wenn man sein Lebelang die Erinnerung an eine verlorene Jugend mit sich tragen muß? Hanne (für sich). Da hat sie Recht. — So lächerlich die Geschichte klingt, ist doch der Schmerz eines verspielten Lebensglückcs darin enthalten. (Mit Empfindung Martha's Hand drückend.) Arme Frau Muhme! Martha (freudig erstaunt). Was sch' ich, Hanne! Deine Augen sind feucht geworden. — Ach, ich habe eS ja immer gedacht, Du bist gut! — Nur deine Verlassenheit, die lange Trennung von deinem Bruder, — die rauhe Härte des meinigen; (rasch auf- stehend) aber das soll anders werden; Du wirst von heute eine energische Freundin an mir haben. Hanne (aufstehend). Dank, liebe Frau Muhme, Dank! Eure Freundschaft wird mir ein theures Angedenken bleiben, wenn wir vielleicht in Kurzem von einander scheiden. Martha. Was, scheiden? — Ich lasse Dich nicht fort, weil ich Dick lieb habe, seit deine Augen über meine Unglücksgc- schichte feucht geworden sind; laß' Dich dafür umarmen, Du gute, herzige, kleine Kröte Du! (Umarmt sie.) Brand (aus der Mitte eintretend, bleibt überrascht stehen und ruft mürrisch). Was ist das? Siebente Scene. Vorige. Brand. Hanne (löset sich rasch von Martha loS und blickt freundlich lächelnd nach Brand). Brand (vortretend). Bist Du schon ganz toll geworden, Martha, daß Du deine Umarmungen an Die verschwendest? Martha. Nein, Bruder! — Toll bin ich nicht, aber bis in die Seele hinein er freut und gerührt, weil mit der Hanne eine so wunderbare Veränderung vorgcgangen ist. — Denke nur, sie hat meine ganze Geschickte angehört, ohne ein einziges Mal zu schmunzeln; ja am Ende hat sic gar geweint! — Möchte man da nicht an Hexerei glauben? Brand. An Hexerei glaube ich nicht, aber an Hexen, welche uns mit Hilfe des Teufels foppen. Martha. Die Hanne hat sich mit Gottes Hilfe so verändert. Brand (mürrisch). Glaube, was Du willst. — Wo ist Jakob? 10 Martha. Weiß nicht, wo er ist. — Ich habe ihn fortgeschickt, damit er sich in der freien Luft erheitern soll. Hanne (heimlich). Also nicht seinem Vater nach, daß er um eine baldige Hochzeit bitte? Martha (heimlich und schmunzelnd). Das war nur ein Schreckschuß gegen Dich. Brand. Bringe mir mein Vesperbrod, Martha! Hanne (sehr freundlich). Erlaubt, Vater Brand, daß ich es Euch bringen darf; ich würde mir das zum Vergnügen schätzen. Brand (nachdem er sie verdutzt angeblickt, barsch). Hm! — Meinetwegen. Hanne (rechts ab). Achte Scene. Brand. Martha. Martha. Was sagst Du zu einem solchen Mirakel, Bruder? Brand. Lasse mich mit deinem Mirakel zufrieden. — Suche lieber den Jakob auf; er soll sich sputen, heimzukommen und mit mir zu gehen, weil Brigitte nichts versprechen will, wenn er nicht dabei ist. Martha (rasch). Also hat sie Dir nichts versprochen? Nun, das freut mich! Brand. Warum? Martha. Weil ich über den Jakob meine eigenen Gedanken habe. —(Vertraulich.) Ich möchte sie Dir mittheilen, wenn Du mir versprechen wolltest, sanft zu bleiben. Brand. Ich bin so sanft wie eine Turteltaube. (Schreiend ) Heraus damit! Martha. Ah, wenn das deine Sanft- mnth ist, dann behalt' ich's bei mir. (Durch die Mitte ab.) Brand (allein). Was dieses Weibsvolk für Grimassen schneidet, wenn es über die einfachsten Dinge reden soll. — Hm! Was wollte sie mit ihren eigenen Gedanken sagen? (Heftig.) Etwa gar, daß der Jakob hinter meinem Rücken etwas angesponnen hat? Da sollten ihm siebenhundert Millionen Teufel- Neunte Scene. Brand, Hanne. Hanne (mit Wein und kalter Küche, welche sie auf den Tisch letzt). Hier ist euer Vesprr- brod, Vater Brand. (Ordnet geschäftig das Gedecke.) Brand (sie betrachtend). Wie nett und zierlich das Mädchen gewachsen ist — von außen nämlich, aber inwendig hat sie einen Höcker. Hanne. So! wohl bekomm's! — Aber Ihr habt's Euch noch nicht bequem gemacht; erlaubt, daß ich Euch Hut und Stock abnehme. (Nimmt Beides und legt es auf den andern Tisch.) Brand (bei Seite). Den Stock nimmt sie mir am liebsten ab, weil sie seine Wirkungen kennt. Hanne. Darf ich Euch nun helfen den Rock ausziehen? Brand. Das kann ich schon allein. Hanne. So geht's doch leichter. (Zieht ihm den Rock aus.) Nun will ich Euch die Jacke bringen. (Hängt den Rock an einen Nagel, von dem sie die Jacke nimmt ) Brand. Als ob ich lahm wäre, daß ich mich nicht selbst bedienen kann. Hanne (ihm die Jacke anziehend). Bitte, bitte, erlaubt's! — Während Ihr nun eßt und trinkt, will ich für Euch das Abendpfeifchen stopfen. Brand. Das kannst Du nicht, weil Du es noch nie gethan hast. Hanne. Der gute Wille kann Alles. (Geht zu einem Schranke im Hintergründe, auf dem Pfeife und Tabaksbeutel liegen, und beginnt mit Eifer die Pfeife zu stopfen.) Brand (während er ißt und trinkt). Die Dirne will mich zu was Herumkriegen; — aber ich komme ihr zuvor und benütze diese n Falschheit, wenn eS möglich ist. (Mil ziemlich freundlichem Tone, doch ohne sich umzusehen.) Sage mir, Hanne, könntest Du es über Dich gewinnen, mir einen Dienst zu leisten? Hanne (mit Pfeife und Tabaksbeutel rasch vortretend). So viel Ihr wollt, Vater Brand, so viel Ihr WM. Brand. Ich begehre nur Einen. — Es handelt sich nämlich um den Jakob. Hanne (aufmerksam). Aha! Brand. Du weißt, daß ich gegen ihn ein strenger Vater bin und daß er mir gehorchen muß — Hanne. Was er auch mit Freuden thut. Brand. Hm, nicht immer. — Zum Erempel, die Heirat, welche ich zuStande bringen möchte, die macht ihn doch ein bischen obstinat. — Darum sollst Du mir helfen. — Du sollst ihm begreiflich machen, daß die Brigitte eine Braut ist, wie er sich keine bessere wünschen kann. Hanne (während sie, in den Tabaksbeutel blickend, sortstopst, freundlich, aber bestimmt). Das werde ich ihm nicht begreiflich machen, Vater Brand. Brand (zornig). Nicht? Und warum nicht? Hanne. Weil ich eine Lüge sagen müßte, durch welche nicht allein der Jakob zu Schaden käme, sondern auch Ihr selbst. Brand. Ich? wieso? Hanne (sich ihm nähernd und immer fortstopfend). Seht, Vater Brand. Ihr seid ein verständiger Mann ; Ihr wünscht Euch eine Schwiegertochter zum angenehmen Zeitvertreib. (Lachend.) Denkt Euch nun die Brigitte! — Wenn Ihr verständig mit ihr reden wolltet, schliefe sie vor Dummheit ein — und wenn Euch ein derbes Späßchen in den Mund käme, da finge sie zu weinen an, denn die Dummheit ist gar bald beleidigt. — Hahahaha! — Ich glaube, drei Tage nach der Hochzeit hätte die Brigitte ihr bischen Verstand schon so ausgegeben, daß Ihr am vierten mit Euch allein reden müßtet. — Hier ist die gestopfte Pfeife. Brand (die Pfeife nehmend, nachdenkend). Hm! hm! — Du glaubst also, daß die Brigitte gar so dumm ist? Hanne. Fürchterlich! — Darf ich Euch nun Feuer geben? (Geht zum Sck ranke, wo sie einen Fidibus anzündet.) Brand (für sich). Wenn ick am vierten Tage schon mit mir allein reden müßte! Hanne (während sie ihm Feuer gibt). Seht Ihr, wie ich es getroffen habe? Der Pfeifenkopf brennt so hell, wie es im Kopfe der Brigitte niemals möglich ist. Brand (lachend). Höre, Mädel, Du hast eine lose Zunge! Hanne (vergnügt). Ihr lacht? — Dann habe ich schon gewonnen! — Ein lachender Mann ist ein guter Mann, und ein guter Mann wird seinen Sohn nicht nötigen, dumm zu werden, damit er sich zu seinem dummen Weibe schickt. Brand. Aber, zum Henker, heiraten muß der Bursche doch einmal! Hanne. Freilich — Einmal! —eben, weil's nur Einmal geschehen kann, wenn man nickt auf den Tod hoffen will, darum muß man sich die Wahl überlegen. — Ernsthaft gesprochen, Vater Brand, gebt eure Absichten mit der Brigitte auf. — Es würde mir recht wehe thun, wenn ich nicht mehr in eurem Hause wäre und hören müßte, daß hier ein lebenslängliches Unglück Ungezogen ist. Brand (fit scharf anschrnd). Würde Dir das im Ernste wehe thun? Hanne. Ja! — Während eurer Abwesenheit hat sich eine Verwandlung in mir zugetragen, die ich Euch nur mit den Worten erklären kann: Ich habe mein vergessenes Lied wicdergefunden. Brand (aufmerksam). Dein vergessenes Lied? — Wäre doch neugierig, wie ein solches Lied beschaffen ist, welches die Leute gut und böse machen kann. Hanne. Ack, es hat nur einen solchen Einfluß auf mich, durch die Erinnerung an meinen armen Bruder! 12 Brand. Willst Du cS vor mir nicht hören lassen? Hanne. O gern! Lied. Hab' mein Vaterhaus verlassen, Fern dcm thenren bin ich hier, Doch es liebend zu umfassen, Bleibt sein Bild im Herzen mir. — Vaterhaus, o holdcS Wort! Klinge lieblich fort und fort In die Seele mir hinein, Ueberall gedenk' ich dein'! Weit von hinnen muß ich tragen Dieses Herz, von Kummer voll, Muß bei fremden Herzen fragen. Ob ich dein vergessen soll! Nein, o nein! kein fremdes Herz Macht vergessen solchen Schmerz, Meines Vaterhauses Gluck Gibt mir keines je zurück! Brand (drr aufgkstandrn ist und dir Pfkife bei Sritk gklrgt). Ein recht gemüthlich Lied, Hanne. — Ist es schon zu Ende? Hanne. NichtganzleS hat nocheinedritte Strophe, aber diese kann ich nur dann mit Wahrheit singen, wenn ich ein neues Da- terhaus und in diesem eine dauernde Liebe gefunden habe. Brand. Das klingt ja fast wie eine Vorbereitung zum Abschied. — Hast Du den Willen, uns zu verlassen, Hanne? Hanne (brwrgt). Ja, Vater Brand! Ich verlasse Euck, weil ich meinem Bruder folgen muß. Brand. Wie? Deinem Bruder? Hanne. Ich sollte es nicht sagen, daß er zurückgekommen ist, aber die Empfindung hat mich überwältigt. Brand (finstre). Hm! hm! Also zurück- gekommen? Wahrscheinlich mit Schätzen beladen, wie er sich's geträumt hat? Hanne. Nein, bettelarm! — Aber meine Liebe soll ihn entschädigen; wir wollen miteinander gehen, miteinander arbeiten, dulden — und hoffen! Brand (heftig). Diesem Menschen habe ich nur Aerger zu verdanken! — Jetzt, wo ich angefangen hätte, Dich lieb zu gewinnen, jetzt muß er dazwischentreten! — Aber er hat die Rechnung ohne Wirth gemacht. Du wirst bleiben und er soll meinetwegen hinlaufen, wo es ihm beliebt. Hanne. Nein, Vater Brand.— Ick gebe mit meinem Bruder fort, aber nach seinem Wunsche wollte ich mich vor dem Abschiede mit Euch versöhnen! Zehnte Scene. Vorige. Jakob. Jakob (tritt rasch und ausgrrrgt aus drr Mitte rin). Brand. Ah, Jakobi Warum kommst Du so hastig hereingestürzt? Kannst Du den Besuch bei Brigitte nickt erwarten ? Jakob. Ich kann es nicht erwarten, Vater, für einen Unglücklichen zu bitten, welcher mit getäuschten Hoffnungen zmück- gekonnnen ist, und welchem Ihr deshalb Verzeihung schenken sollt! Hanne. Don wem sprichst Du, Jakob? Jakob. Don deinem Bruder! —Ich habe ihn auf dem Heimwege mit der Muhme an der Kirchhofsmauer gefunden; er hat mir seinen und deinen Entschluß mitgethcilt; aber ich werde nicht dulden, daß derselbe zur Ausführung gelangt. Brand. Sieh'doch! Nickt dulden! — Willst Du etwa mir befehlen, daß ich dem Undankbaren. dem Uebermüthigen meine Thür wieder öffnen soll? Jakob. Vater! — Ich bitte Euch darum, aber mit solcher Entschlossenheit, daß mich eine abschlägige Antwort zum Aeußer- sten treiben könnte. Brand. Ist der Bursche toll geworden? WaS meinst Du mit deinem Aeußersten? Jakob. Daß ich mit Josef und Hanne gehen will, wenn Ihr gegen den reue- vollen Unglücklichen, dem ich die Hilfe meiner Freundschaft zugesagt habe, grausam seid. Brand. Wo ist mein Stock?! Jakob. Ich fürchte mich nicht vor eurem Stock, Vater, weil ich mir deS Guten bewußt bin. Verheiratet mich an eine ungeliebte Braut, vcrfügt nach eurem Willen über mein LebrnSglück, ich werde gehorchen; aber auf Gewährung dieser Bitte bestehe ich mit männlicher Festigkeit. — Hanne hat mir oft den Vorwurf der Schwäche gemacht; vielleicht hat sie Recht gehabt, aber von heute an soll sie mich besser schätzen lernen! Hanne (lebhaft Zakob- Hände fassend, sehr bewegt). Jakob! Jakob! mein Freund! — Ich danke Dir für diesen Beweis von Männlichkeit, welche aus dem edelsten Mitgefühl entstanden ist; — aber bestürme deinen Vater nicht. Was würde eS meinem Bruder helfen, wenn ihm Herr Brand seine Thür erschließen wollte, aber nicht sein Herz?! Etlfte Scene. Vorige. Martha mit Josef (aus der Mitte). Martha (welche mit Zosef rasch kiutritt, lebhaft). Sol da sind wir! — Also hast Du gesprochen, Jakob? Hast Du bei deinem Vater was auSgerichtet? Brand (heftig). Der alte Brand läßt sich nicht so leicht überrumpeln! Josef (vortreteud, herzlich). Ihr sollt auch nicht überrumpelt werden. — Gebt mir nur die Hand zur Versöhnung — und glaubt, daß es mir herzlich leid thut, euren Haß verdient zu haben. Brand. Hm— wenn man daS glauben könnte, (nach einigem Zögern) aber ich will'S in GotteS Namen glauben. — Hier ist meine Hand. Martha (für sich). ES geht gut. Josef (aichdem er herzlich die Hand Brand'- geschüttelt). .Nun muß ich um deine Vergebung bitten, Hanne, weil ich Dich getäuscht habe. Hanne. Getäuscht? Josef. Ich bin nicht arm zurückgekommen; ich habe in dem fernen Welttheile durch Anstrengung aller Kräfte so viel verdient, daß ich unS Beiden eine neue Heimat gründen kann. Hanne. O Du — falscher Bruder! Josef. Vergib! — Ich wollte nur erproben, ob deine Liebe zu mir während der langen Trennung unverändert geblieben sei. Hanne. Josef, konntest Du zweifeln! — Warst Du nicht meine einzige Liebe auf der Welt? Josef (nach Zakob blickrnd). Du hättest mich um eine andere vergessen können. Jakob. Sie wollte ja keine andere,selbst meine Theilnahme wollte sie nicht. Martha. Ja, sie hat unS gehaßt.— Aber nun wird sie uns nicht mehr hassen. Wir freuen unS ja herzlich über dein Glück, obwohl eS unS leid thut, Dir unseren guten Willen nicht beweisen zu können. Josef. Ihr habt ihn mir bewiesen und ich danke Euch! — Nun, Hanne, komm'. — Wir wollen unser verlassenes Vaterhaus besuchen, wir wollen eS wieder zu unserem Eigenthume machen und miteinander glücklich in demselben wohnen. Jakob. Nein, nein! — Verlasse mich nicht, Hanne, wenn Du mir für meine — Freundschaft dankbar bist! Hanne. Darf ich denn bleiben? — (Sich Brand nähernd und ihn freundlich anblickend.) Jetzt, wo ich Euch nicht mehr dienen muß, Vater Brand, jetzt wollte ich Euch gerne dienen. — Ich habe angrfangen zu lernen, wie ich Euch gefallen könnte;— das würde ich gerne weiter lernen. Brand (geschmeichelt). Weiter lernen? 14 Hanne. Wenn es Euch Vergnügen macht. Brand. Hm — es macht mir Vergnügen. Hanne (rasch). Dann will ich also bleiben und mir alle Mühe geben, um die dritte Stropbe meines Liedes wahr zu machen. (Singt sehr bewegt.) Nur auf Eines darf ich hoffen: Daß der Liebe Hand vielleicht Aus dem Herzen warm und offen Mir des Trostes Balsam reicht! Ja die Liebe nur allein Führt mich glücklich wieder ein, Wo ich klagend zog hinaus, In ein neues Vaterhaus! Brand (nach einer Pause sie kräftig an sich ziehend). Wenn Du unter dem neuen Vater Hause das meinige verstehst, so— (heftig zu Jakob) nun, willst Du mich allein reden lassen? Jakob. Bleibe, Hanne, und werde mein liebes, gutes Weib! Hanne (Jakob die Hand reichend). Wenn die Brigitte nichts dagegen hat. (Zu Josef.) Aber Du, Josef, Du? Josef (lächend). Ich werde für unser altes Vaterhaus, welches ich wieder mein nennen will, auch eine liebevolle Hausfrau finden. Martha (rasch). Die besorge ich Dir! Ich habe in solchen Dingen Glück — (seufzend) wenn es nicht mich selbst betrifft. Brand (lachend). Willst Du mit deiner Geschichte vorrücken? Martha. Nein, heute nicht mehr.— Hanne hat mir ja zugehört und dabei geweint. — Höre, Josef, das hätte ich von deiner Schwester nie geglaubt. Hanne. Ach, ich war ja nie böse! — Aber unglücklich bin ich gewesen, weil ich meinen einzigen Trost verloren hatte. — Jeder Unglückliche hat ein Eigenthum, welches man ihm nicht rauben darf, wenn seine Seele nicht verkümmern soll. (Sich an Joses schmiegend, mit wehmüthigem Lächeln ) Für die meinige — war es ein vergessenes Lied! Der Vorhang fällt. Ende. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. i-. Ein armer Millionär. .f. Priginal-Polse mit Gesang in drei Arten von Theodor Flamm. Musil vom Kapellmeister Carl Biader. Personen: seine Freunde. Herr von Wirbl, rin reicher Particulier. Herr Sorgrnaun, Herr Zierer, Herr Willig, Herr Fellner, Frau von Diewald- Emilie, ihre Tochter. Schlämmer. ein alter Student. Frau Hekelmayer. Herr Prodler, Mechaniker. Marie, seine Tochter. Christoph, i zgxtzi^te in Wirbl'- Hause. Lorenz, j ^ ' Lisette, Stubenmädchen bei Fr. d Diewald. Ein Lastträger, s. Ein Wächter. Gäste. Hau-leute. Dien». Erster Llct. Ein schöner Park; im Hintergründe rin Pracht« volle- Gartenhau-.) Erste Scene. Christoph und Lorenz (kommen vor). Christ. Bei unserem gnädigen Herrn appelt's heul' wieder ordentlich, wie'S mir hkint. i rhr«n.«apnt»ikr Ri. Illll. Lor. Leider scheint er wieder einen seiner traurigen Tage zu haben, deshalb haben sich auch die Gäste nach der Tafel bald verloren. Nur seine ausdauerndsten Freunde halten, wie immer, am längsten beim Punsch aus. Christ, (in die Loulissr zeigend). Schau' nur, wie er ganz allein die Allee dort auf und nieder rennt, gerade als ob er Brunnen tränke. Lor. Er scheint gar nicht zu wissen, daß r 2 die Frau von Diewald mit ihrer Fräulein! Tochter auch im Garten lustwandelt. Christ. Die Damen sind schon öfter allein gewandelt. Lor. Ich wollte, sie wären gar nie hierhergekommen, denn das Fräulein wird unserem gnädigen Herrn den Kopf noch ganz verrücken. Christ. Wenn er ihn nur nicht amEnde gar verliert. Lor. Das thut mir wahrhaftig leid, denn er ist ein herzensguter Herr) nur dann und wann hat er seine überspannten Ideen, die ja nur ihn selber unglücklich machen. Christ. Ja wohl, sehr überspannte Ideen! (Zugleich.) Zweite Scene. Die Vorigen. Probier. Prodler (kommt eilig, mit einem Kästchen unter dem Arm, aus dem Hintergründe und spricht ehr geläufig). Ist euer Herr zu Hause? Lor. Ja! Christ. Nein! Prodler. Ja — nein! — Wie soll ich das verstehen? Sollte er sich wieder ver- '.äugnen lassen?— Das wäre schändlich! Er muß mir tausend Gulden leihen — wenn ich aber um mein Geld etwa zehn mal herlausen soll, bis cs dem gnädigen Herrn gefällig ist, für mich zu Hause zu sein — ja, dann ist es mir leid, denn dann werde ich mich an jemand Anderen wenden müssen. Christ. Ach! das müssen Sie ihm mcht anthun. Lor. Sie können ihn im Hause erwarten — er kommt wahrscheinlich bald aus dem Garten zurück. Prodler. Ein Glück für ihn, für mich und für die ganze Menschheit! — Ja, ja! schaut mich nur verwundert an — ja, ja — auch für Euch ist es ein Glück, denn hört! — hört! — Ihr werdet bald zum Haus Hinausstiegen. Christ. Was? — wir —? , Prodler. Nicht wahr— das begreifst' Ihr rächt, Ihr Tölpel! 1 Christ, (drohend). Sprechen Sie anders!4 mit uns, sonst werden Sie bald zum Haus l hinausfliegen! Prodler. Ich auch, versteht sich — freilich — auch ich — wir Alle miteinander, ! und je eher euer Herr kommt, desto früher ! fliegen wir. Christ. Das glaub' ich selber! Prodler. Jede Minute seines Ausblei-> bens ist eine versäumte Ewigkeit, ein uneinbringlicher Verlust der Zeit, ein unermeßlicher Schaden für die Menschheit, denn! wißt — ich trage in diesem Kästchen das Modell einer vollendeten Flugmaschine be,, mir, zu deren Ausführung im Großen mir! jene unbedeutende Summe fehlt, welche mir euer Herr gewiß mit der größten Bereitwilligkeit leihen wird. Ich gehe jetzt^ in's Haus, um mein Modell dort aufzu-! stellen und euren Gebieter zu erwarten. Christ, und Lor. (lachen, dannsprichtE.hr, stoph). Ha! ha! Der wird eine unsinnige Freude haben, wenn er die Bablatsche sehen wird. Prodler. Was? — Bablatsche — Bablatsche? !!! Das Resultat jahrelangen Den- ens, der Erfolg tausend schlafloser Nächte, die Frucht des zur höchsten Potenz erho denen Verstandes, eine Bablatsche?! — O Ihr, die Ihr, von dem Blei der Trägheit an die Erdscholle gefesselt, den kühnen Geist m seinem Fluge hemmt — Ihr Ausgeburten der Finsterniß, die Ihr mit dem Stricke knechtischer Unterwürfigkeit dem Freunde der Wahrheit die Flügel bindet, damit er sich nicht aufschwinge zum Licht — Söhne der Nacht, die Ihr in Jedem einen Thoren mit verstellter Fratze bemitleidet, weil er, der Begeisterung fähig, nicht eure beständige Nüchternheit theilt — Ihr Blindschleichen, die Ihr nur stets den Weg des Urgroßvaters kriecht, wenn er gleich durch eine Pfütze führt; die Ihr Jedem eine Narrenschelle anhängt, der sich mit 3 höheren Ideen befreundet, die euren flachen Schädeln fremd sind; die Ihr Jeden mit frömmelndem Abscheu als einen Frevler meidet, weil er einen Schritt aus dem Geleise der Alltäglichkeit wagt; die Ihr über jede neue, eurem blöden Auge ungewohnte Erscheinung wie über eine Narrheit laut auflacht — arme Geblendete! ich kann euer Lachen nur mit einem Lächeln erwicdern! (Ab.) Christ. Der Flügelmann hat die höchste Zeit gehabt, daß er in Schwung gekommen ist. Lor. Ich glaube halt, so eine Erfindung wär' doch schön, wenn sie zu Stand' kommen könnte. Christ. Was haben wir davon? Eine solche Maschine kostet gewiß sehr viel Geld; daher können sie nur die Vornehmen kaufen, und wann die auch noch Flügel haben, dann schauen sie noch mehr von oben aus uns herab. Lor. Darum bleiben wir hübsch auf der Erde und gehen zu Fuß in's Wirthshaus. Komm' — wir wollen gleich einen Versuch anstellen, wie sich diese Reise per pvcteZ macht. Christ. Du denkst den ganzen Tag nur ans Wirthshaus — Deine Nase ist aber auch schon ein völliges Kupferbergwerk. (Beide ab.) Dritte Scene. Wir bl (tritt singend auf). O, erbärmlich sonder gleichen, Glänzend' Elend eines Reichen! — Schattlos seine Tage schleichen Wie gcspensterhafte Leichen, Ohne Leben, Ohne Streben, Ohne Plagen, Ohne Tragen, Ohne Ringen. Ohne Dringen, Ohne Trachten, Ohne Schmachten! Jetzt frag' ich, was kann mir am Leben wohl liegen? Es wird mir zur Qual, zum Verdruß, Denn ohne Kämpfen da gibt es kein Siegen, Und ohne Hinderniß keinen Genuß. Wenn wir Reichen uns bequemen, Endlich etwas unternehmen, Wagt es keine dieser Memmen, Unfern Willen je zu hemmen. Ja, sie räumen Ohne Säumen Stock und Steine, Dorn und Zäune Aus dem Wege — Bauen Stege, Berg' und Gräben, Machen's eben — Jetzt frag' ich, was kann mir am Leben wohl liegen? Es wird mir zur Qual, zum Verdruß, Denn ohne Kämpfen da gibt es kein Siegen, » Und ohne Hinderniß keinen Genuß. Hindernisse! Hindernisse will ich! und wer mich hindert, Hindernisse zu haben, der ist mein hinderlichster Feind, denn nur das Hinderniß gegen Hindernisse ist das einzige Hinderniß, das ich hasse, alle anderen Hindernisse sind mir willkommen! — Aber leider gibt es auf dem langweiligen Pfad, den wir armen Reichen wandern, sehr wenig Steine des Anstoßes. Wir haben Geld, und für Geld ist fast Alles käuflich — und eben weil wir für's Geld Alles haben können, haben wir Nichts, gar Nichts. — Haben wir einen Freund? — Haben wir eine Geliebte? — oder wenn wir sie besitzen, erkennen wir sie? — Hält uns nicht der in Folge unseres Reichthums angewöhnte Argwohn ab, uns den Menschen zu nähern? — Und da unser Geld so Viele in unsere Nähe lockt, sind wir im Stande, sie Alle zu sondiren? — Die Menschen gleichen den Spielkarten, von 1 * 4 einer Seite und einzeln betrachtet, sind sie alle gleich — erst im Spiele, erst in ihren verschiedenen Verhältnissen zu einander lernt man ihren verschiedenen Werth kennen. Die Verhältnisse des Reichen sind aber beinahe immer^dieselben, und ändern sich nicht eher merklich, als bis er arm ist. Ich hatte längst diesen Mammon von mir geschleudert, müßte ich nicht den letzten Willen meines Vaters ehren, dem ich auf dem Tobten- bette versprechen mußte, seine Güter eben so sorgfältig zu verwalten, wie er es that. Vierte Scene. Der Vorige, Sorgmann, Zierer, Willig, Fellner (kommen aus dmi Gartenhause). Zierer. Wo steckst Du denn immer, Freund Wirbl? Willig. Wir haben deinem Punsch noch weidlich zugesprochen und er hat uns wacker gemundet. Fellner. Aber es ist nicht schön, daß Du uns im Stiche gelassen. Wirbl. Ich wollte euren Frohsinn nicht stören, da ich selber nicht der besten Laune bin — und Ihr wißt, mit der üblen Laune ist es wie mit dem Gähnen, sie wirkt in der Gesellschaft von einem Nachbar auf den andern. Zierer. Du kannst sie sehr leicht verscheuchen, wenn Du Dich in deinen Gartensalon begibst — dort befindet sich der Me- chanikus Prodler und stellt soeben das Modell einer von ihm erfundenen Flug- inaschiue auf. Ein närrischer Kauz, mit dem vir uns köstlich unterhielten. Wirbl. Ich beneide ihn um seine fire )dee, die ihn glücklich macht, da er in ihrer -lusführung auf ewige Hindernisse stoßen vird. Willig. Gegenwärtig hindern ihn, wie r uns mittheilte, 1000 Grckden, die er licht besitzt und die zur Ausführung seiner Maschine im Großen unumgänglich nöthig ind. Wirbl. Ich werde sie ihm geben, weil ich weiß, daß sie ihn noch immer nicht an's Ziel führen! Fellner. Aber Dich werden sie an ein reizendes Ziel führen, denn der Mechanikus hat eine Tochter, diese Tochter ist wunder, schön und der Vater ist den ganzen Tag mit seiner Erfindung beschäftigt. Wirbl. Ich verbitte mir ein für allemal, von diesem Mädchen so zu sprechen. Die Armuth gibt kein Recht, den heiligsten Schatz eines Mädchens, seinen guten Ruf, anzutasten. Zierer. Oho! Du bist ja heut' gar streng. Willig. Kommt, wir wollen ihn allein lassen, damit sein bewegtes Gemüth wieder ruhig wird. Fellner (Wirbl aus die Schulter klopfend). Freund, deine Besorgniß ist überflüssig, denn in Gegenwart deiner Braut würden wir nie dergleichen sprechen. (Ab mit Zierer und Willig.) Wirbl (zu Sorgmann). Siehst Du. das sind meine Freunde. Vor meiner Braut, sagt er, würden sie nie so sprechen — natürlich, weil sie fürchten, mir Hindernisse in den Weg zu legen, — und ich will Hindernisse! — viel Hindernisse! Sorgm. Das ist ein absurder Wunsch. Wirbl. Wird eine Reise nicht interessanter durch Abenteuer? — ein Wettrennen nicht unterhaltender durch Hindernisse? — ein Weg ohne Steine und Dornen nicht langweilig? — Ich will Steine! — will Dornen! — viel Dornen! Sorgm. DiesenWunsch theile ich nicht. Wirbl. Aber das ist der Fluch des Reichen; für ihn gibt es keine Hindernisse. Was geschieht mir unlängst? Ich wollte eine weite Fußreise unternehmen und habe absichtlich wenig Geld von Hause mitgenommen. Ich wandere vergnügt zum Thore hinaus, in der seligen Hoffnung, endlich, wenn auch nur eine kurze Zeit meines Lebens, den Genuß der Hindernisse zu erfahren; aber kaum gehe ich einige Stunden, kommt mir eine Equipage zufällig nachge- 5 fahren. Der Eigenthümer derselben, ein reicker Buchhändler, erkennt mich, gebietet demKntscher zu halten, und da ich dasselbe Ziel der Reise batte, mußte ich nolerm vo- lsus seinen Wagen theilen und ganz bequem fahren, während ich mühselig gehen wollte. Ich wette, einen armen Teufel hätte er laufen lassen. Sorgm. Das fragt sich erst—die Buchhändler haben schon manchen armen Teufel aufsitzen lassen. Wir bl. Hör' nur weiter! — Ich Unglücklicher komme also bequemer und früher an mein Ziel, als wenn ich zu Fuß gegangen wäre, ich blieb daher absichtlich so lange in der fremden Stadt, bis ich keinen Kreuzer Geld mehr hatte. 2ch denke, das gibt das schönste Hinderniß für meine weitere Reise, und wende mich, in der seligen Hoffnung, daß er mir kein Geld leihen wird, an einen mir ganz fremden Kaufmann. Aber denke Dir das Malheur, — kaum erfährt er meinen Namen, so zählt er mir augenblicklich die verlangte Summe auf, und hat noch die Bosheit, mir eine glückliche Reise zu wünschen, mir, der ich Hindernisse will. Ich wette, einem armen Wanderer hätte er keinen Groschen gegeben. Sorgm. Ja, ich sehe ein, Du bist ein unglücklicher Mensch. Wirbl. Du bist der Einzige, zu dem ich sprechen kann, denn Du besitzest selbst Vermögen und verstehst mich daher. Ich sage Dir, es gibt kein größeres Unglück, als eine Million zu besitzen. Sorgm. Ich weiß noch ein größeres Unglück — Wirbl. Und das wäre? Sorgm. Ein Billionär, Trillionär oder gar ein unendlicher Narr — (sich corrigirend) wollte ich sagen: när zu sein. Wirbl. Jetzt geh' ich mit der Absicht um, mich zu verehelichen, aber ich komme nicht dazu, um die Hand des Mädchens anzuhalten. Sorgm. Liebt sie Dich nicht? Wirbl. Ich glaube das Gegentheil, oder vielmehr, Ich will mich von dem anderen Gegentheil nicht überzeugen, aber es ist noch immer nicht der rechte Zeitpunkt da. Sorgm. Weshalb? Wirbl. Ich habe noch immer zu besorgen — Sorgm. Was denn? Wirbl. Daß die Mutter ihre Einwilligung - Sorgm. Dir verweigert? Wirbl. Im Gegentheil, daß sie augenblicklich ihre Einwilligung gibt. Sorgm. Und das ist Dir nicht willkommen? Wirbl. Ich will mir die Hand meines Mädchens erkämpfen, erringen, oder durch List erstreben. (Sieht in die Loulisse.) Ach, da kommt sie eben —Du wirst Dich selber überzeugen, ob diese Hand nicht verdient, daß man sie von einem Herkules erkämpft, oder einem ArguS ablistet! Fünfte Scene. Vorige. Fr. v. Diewald und Emilie. Fr. v. Diew. Ach! Sie hier, Herr von Wirbl? Wir glaubten, Sie würden uns in den Garten folgen. Wirbl. Entschuldigen Sie, gnädige Frau! Emilie. Herr v. Wirbl mußte sich doch bei seinen Gästen verabschieden. Fr. v. Diew. Das finde ich in der größten Ordnung. Wirbl (leise zu Sorgmann). Hörst Du? Alles entschuldigen sie, waS ich auch immer thue. Fr. v. Diew. Herr v. Sorgmann, was entzieht unS das Glück, Sie öfter in dem Hause Ihres Freundes zu sehen? Sorgm. Wichtige Geschäfte machen das nur selten möglich, was immerhin nur ein Glück für mich sein kann. Wirbl (sucht indessen sich Emilien heimlich zu nähern). 6 Fr. v. Diew. Wie? Ihr seltenes Gr- 1 scheinen in unserer Gesellschaft nennen Sie < ein Glück für Sie? i Sorgm. Nicht doch, meine Gnädige! Sie sind Ihrer Macht nur zu bewußt, mit - welcher Sie jede Gesellschaft anmuthig beleben, als daß Sie im Stande wären, mei- > nen Worten einen solchen Sinn unterzubreiten. Sie belieben zu scherzen, um sich i an meiner Verlegenheit zu weiden. Wirbl (leise zu Emilie). Wann kann ich Sie allein sprechen? ich habe Ihnen Wich- i tiges mitzutheilen. Fr. v. Diew. (hört die letzten Worte). Wo- I zu diese Heimlichkeit, Herr v. Wirbl? — 1 Sie haben meiner Tochter Wichtiges mitzutheilen und Herr v. Sorgmann verschafft Ihnen diese Gelegenheit, indem er die Güte hat, mich nach dem Salon zu begleiten, wo wir Sie später erwarten. Sorgm. Es ist mir ein unendliches Vergnügen. (Mit Fr. v. Diewald ab.) Wirbl (für sich, ärgerlich.) Es ist niederträchtig! Statt daß sie mich mit einem feuerspeienden Zorn auf meinem Techtelmechtel ertappt und mir ein Hinderniß in den Weg legt, entwickelt die Alte eine mich noch zu Tode marternde Gefälligkeit. Emilie. Sie haben mir Mittheilungen zu machen? Wirbl. Sehr wichtige. Emilie. Also — was haben Sie mir zu sagen? Wirbl (bei Seite). Jetzt kocht's. — (Laut.) Was ich Ihnen zu sagen habe? — Was ich Ihnen zu sagen habe?- Sollten Sie es nicht längst schon errathen? Emilie. Ich errathe und berge ebenfalls ein Geheimniß, von dem ich wünschte, daß auch Sie es errathen möchten. Wirbl. Verstehe ich recht? — Auch Sie? — Sie auch?! — Also Erwiederung? — o Göttertraum! — Ihr Herz zu besitzen — das Glück — die Seligkeit! — Nie aufhören! — die Wonne! — die Glut — stets erringen — das Pochen! — Verzeihen Sie, mein Fräulein, die plötzliche Ueberraschung — ich stammle — (bei Seite) ^ aus lauter Zorn! — 'Wozu Jahrhunderte i gehören, das sagt sie mir in zwei Sekunden. . Emilie. Was istJhnen, Herr v.Wirbl? — Sie werden unwirsch'?! Wirbl. O ich danke — ich bin schon wieder wirsch. Emilie. Sie haben mich sehr beunruhigt. ! Wirbl. Ich danke für JhreTheilnahme. ! Emilie. Ihre Gesichtsfarbe wechselte so! plötzlich — s Wirbl. Das Farbenändern ist gewöhn-^ lich mit einem Vortheil verbunden — und! so war cs auch jetzt — Ihr Gegengeständ- ! niß — Emilie (blickt verlegen zur Erde). ! Wirbl (für sich). Wie schön sie in ihrer E Verlegenheit ist! — Ich hätte ihr längst^ einen Kuß gegeben, aber cs ist gar keine! Passion, so ganz ungestört. Emilie. Wann werden Sie die Mamer> zur Mitwisserin unserer Geheimnisse machen?! Wirbl. Ich hätte längst — aber ick! fürchte — Emilie. Wie? Sie fürchten? — Wirbl. Ja, ich besorge, daß Ihre! Mama — Emilie (rasch einfallend) O seien Siel unbesorgt! Die Mama— (plötzlich einhaltend)> ich sollte es eigentlich nicht sagen, aber mögen Sie eS erfahren, daß ich der Mama —> halb und halb — die Aeußerung entlock^ — (schnell beendend) sie würde unserer Der-I heiratung nicht hindernd in den Weg treten. Wirbl. O ich Unglücklicher! > Emilie (erstaunt). Wie? Wirbl. O ich Glücklicher! wollte i ! sagen. Emilie. Wie — schon ein Verspreche»! > vor dem Versprechen? ! Wirbl. Es ist besser, wenn ich mich voix i der Hochzeit verspreche, indem ich ausrufe: - »Ich Glücklicher!« t Emilie. Damit wir bald die Gelegcn- - heit haben, uns zu überzeugen, daß wir! : uns nicht versprechen, wenn wir auSrufen: »O wir Glücklichen!« eile ich setzt zur Mama und bereite sie auf Ihre Werbung vor. Aber was stehen Sie denn plötzlich so nachdenkend da? — Ich kann Sie ja zu unserer beiderseitigen Beruhigung versichern, daß ich mit aller Zuncrsicht die Einwilligung der Mama erwarte. Also auf baldiges frohes Wiedersehen! (Ab.) Wirb! (allem). Es ist gräßlich! — Eben diese Zuversicht ii't es ja, die mich unglücklich macht! — Wie fad ist so ein Verhält- mß! — »Fräulein, ich liebe Sie!« — (Mit hoher Stimme) »Ich liebe Sie auch.« — Jetzt geht er zu der Mama. — »Ich bitte um Ihre Einwilligung.« — »Meine Einwilligung?!« ruft sie gleich freudig. — »Meine Einwilligung — o recht gern! Da haben Sie meine Einwilligung und meinen Segen auch gleich — und wenn Sie vielleicht noch etwas befehlen — ich bitte es nur zu sagen.« — Ja, so etwas ist gar nicht zum Anhören! — Aber die Liebe der Angebeteten erflehen, crstammeln, erringen, tausend Nebenbuhlern in unzähligen blutigen Gefechten abkämpfen, und endlich, dieser Liebe theilhaftig, den theueren Gegenstand seiner glühenden Leidenschaft einem alten Drachen von Mama mit allem erfinderischen Aufwand von Witz, List und Schlauheit ganz heimlich im Dunkel der Nacht, durch das HinterePförtlein, wo schon die Rosse ungeduldig den Boden stampfen, und die Vermummten lauem, über Stock und Stein im sausenden Galopp entführen — das ist interessant — das ist lohnend! —O, was gäbe ich für so einen alten Drachen von künftiger Schwiegermama! — Aber ich gebe alle Hoffnung auf — ich bin Millionär — für mich gibt's keine Drachen! — (Geht traurig ab.) Verwandlung« (Yin ärmliches Zimmer, das die Wohnung eines Studenten verräth.) Sechste Scene. Schlämm er (burschikos gekleidet, mit Pfeife und Ziegenhainer, tritt singend aus). Nichts als Pech durch's ganze Leben, Trag' 'nen eignen Schicksals fluch — Wo ich Hinschau', bleib' ich kleben, Tausend Schuster hätten g'nug. Thu' ich's einmal wieder wagen, 's sechste Mal zur Prüfung z' geh n, Stellt man sicher solche Fragen (Mir ist's öfter schon so g'scheh'n), Die ich beim Studieren lass' zufällig weg — Und so Hab' ich halt überall, überall Pech! Freundlich scheint die liebe Sonne, Geh' ich mit 'nem Parapluie, Und gerad', als ob zum Hohne. Regnet's sicherlich dann nie. Doch wenn ich mich einmal putze, Was ich wohl sehr selten kann, Mich zusammen nobel stutze, Und zieh' weiße Hosen an, Ja, da regnet es sicher, kaum bin ich auf'm Weg — Und so Hab' ich halt überall, überall Pech! Unlängst erst, beim »gold'nen Stiefel«, Sitze ich gemüthlich d'rin, Ess' 'ne Wurst mit Salz und Zwiesel, Geb' dem Suff mich ruhig hin, Fährt auf Einmal plötzlich Einer Mit der Zech' dem Kellner ab; Weil mit ihm, der grad' kein Kleiner, Ich dieselbe Größe Hab', Bekomm' ich statt seiner vom Kellner die Schläg' — Und so Hab ich halt überall, überall Pech! Nichts als Pech — das thut aber nichts. Die Eramina kann man nocd öfter wiederholen, die weiße Hose kann man wieder waschen und am Kellner hat mich mein Ziegenhainer gerochen. Obgleich mir mein Pech öfter denn doch zu arg wird, so ist es aber dennoch nicht im Stande, mir meine 8 gute Laune zu rauben; ja im Gcgentheil, ich reiße oft noch selber Witze darüber. — Ich wette, wenn ich ein Schuster wäre, hätte ich sehr oft kein Pech und dann wäre gerade wieder das mein Pech, daß ich kein Pech hätte. — Das Schicksal ist das mit Harz gefüllte Faß, welches dafür sorgt, daß der Mensch immer Pech hat. — Mit einem Fasse läßt sich überhaupt sehr Vieles vergleichen. — Ewige Treue ist das Rauchfaß, mit welchem mancher Liebhaber seiner Angebeteten einen blauen Dunst Vormacht; — die Freude ist das Zuckerfaß, welches unseren schwarzen, bitteren Lebenskaffee versüßen soll; — das Unglück ist das Tintenfaß, in welches die unsichtbare Hand der Allmacht die Schicksalsfeder taucht, um die schwarzen Tage in unser Lebensbuch zu schreiben; — die Hoffnung ist das Sandfaß, aus welchem dieselbe Hand die schwarze Schrift mit goldenem Sand bestreut, den leider oft zu bald die Zeit hinwegwischt; — mancher Sarg gleicht einem Weinfasse, das den mit Füßen Getretenen und Gepreßten in dieTiefe der Erde hinabrollt, damit sein Geist einst verklärt an's Licht trete;— die Freundschaft von heute gleicht sehr oft einem Fasse ohne Boden, die Liebe gleicht sehr oft einem Fasse mit goldenen Reifen, das in Trümmer zusammenstürzt, sobald den Reichen das edle Metall Geld fehlt. — Die Welt selbst gleicht dem großen Heidelberger Fasse, auf dem eine Menge Menschen herumtanzen. Doch sehr schlüpfrig ist der Boden, denn schon das erste Tänzerpaar Adam und Eva ist gefallen. Und diesem Falle verdanken wir zum Glücke unsere Sterblichkeit, denn ohne diese hätten wir uns bis auf den heutigen Tag bestimmt der Art vermehrt, daß Einer auf dem Kopfe des Andern stehen, Einer den Andern drücken müßte. (Seht sich an seinen Schreibtisch.) Jetzt heißt es aber, sich an's Tintenfaß wenden und einen jämmerlichen Brief schreiben, sonst kann ich die Mieche für mein Diogenesfaß nicht bezahlen, und der Termin ist längst überschritten. Siebente Scene. Voriger. Frau Hekelmayer. Fr. Hekelm. Ah, sieht man Sie arrchi wieder einmal zu Haus? ^ Schlemmer (bri Seite). O weh, meine' Quartierfrau! (Laut.) Ich bin immer zu Haule — entweder bin ich — ^ Fr. Hekelm (einsallend). Im Kaffeehause, im Bierhause oder im Weinhause. Schlämmer. Ja, das sind meine Häu-^ ser — Jeder behilft sich, wie er kann — , ich Hab' keine anderen Häuser. s Fr. Hekelmayer. Drei Tage ist schon ^ Ihr Bett nicht gemacht worden. Schlämmer. Das danke ich Ihrer Liederlichkeit. Fr. Hekelm. So?— wenn Sie drei^ Nächte nicht nach Haus kommen, dann bin ich liederlich. Ah, das ist mir zu rund! Schlämmer. Allerdings — mein Bett muß täglich gebettet werden — wofür sollte ich denn zahlen? Fr. Hekelm. Haben Sie schon gezahlt? Schlämmer. Deshalb bemerkte ich ganz richtig: wofür sollte ich denn bezahlen? — ich sagte ja nicht: wofür habe ich bezahlt? Fr. Hekelm. Sie wohnen jetzt schon drei Monate im Hause und ich sehe noch immer kein Geld. Schlämmer. Ganz natürlich. Wie können Sie bei mir etwas sehen, was ich nicht habe, da meine Briefe von zu Hause ausgeblieben sind. Fr. Hekelm. Habe ich Ihnen doch schon selber mehrere übergeben. Schlämmer. Sie haben aber kein Geld, sondern bloß — väterliche Ermahnungen meines Onkels enthalten. Fr. Hekelm. Bloß? — Väterliche Ermahnungen bloß? — als wenn diese Ermahnungen nichts werth wären! Schlämmer. Also glauben Sie, daß sie etwas werth sind? Fr. Hekelm. Sehr viel! Schlämmer (geht zur Ttschlade und nimmt ein Packet Briefe heraus). Da haben Sie, und geben Sie mir das Uebrige auf die Miethe heraus. Fr. Hekelm. Für mich haben sie keinen Werth. Schlämmer. Für mich auch nicht. (Legt sie in den Tisch.) Fr. Hekelm. O, für Sie hätten sie sehr viel Werth, wenn Sie Ihrem Onkel gehorchen wollten. Schlämmer. Wie ich noch ein dummer Junge war, hat er mir oft gesagt: Der Horcher an der Wand hört seine eigene Schand'. Das habe ich mir gemerkt und habe daher nie gehorcht. Fr. Hekelm. Das muß schon sehr lange her sein. Schlämmer. Und dennoch Hab ich mir's gemerkt. Fr. Hekelm. Sie sind schon ein ziemlich alter Student. Schlämmer. Ich bin erst 32 Jahre alt. Fr. Hekelm. Erst? Schlämmer. Und werde bald das dritte Jahr der Medicin zurückgelegt haben. Fr. Hekelm. Lügen Sie nicht — ich habe mich neulich erkundigt — Sie sind noch immer im ersten Jahr. Schlämmer. Ja — das heißt — ich bin das dritte Jahr im ersten Jahre. Fr. Hekelm. So oft haben Sie repe- tirt? Schlämmer. Dieser Jahrgang ist zu interessant, man kann ihn nicht oft genug hören. Fr. Hekelm. Wollen Sie denn lebenslänglich Student bleiben? Nein, das ist mir zu rund! Schlämmer. Warum nicht? — Der Stand ist nicht so übel. Warum soll ich mich um ein Amt bewerben und einem Andern den Platz wcgnehmen? O, das würde ich nie thun, da bin ich zu gewissenhaft. Ich studire ruhig fort und was mir besonders gefällt, lass' ich mir repetiren. Fr. Hekelm. Ich glaube halt, eS wäre gescheidter, wenn Sie sich um ein Geschäft und eine ordentliche Partie umsehen möchten. Schlämmer. Ist Ihnen eine Kegelpartie auf dem Billard gefällig? Fr. Heckelm. Ich meine eine Heiratspartie. Schlämmer. Das kommt auf Eins heraus — man hat es dort und da mit lauter Masken zu thun. Fr. Hekelm. Das verstehe ich nicht, das ist mir zu rund. Schlämmer. Weil Sie wahrscheinlich nicht Billard spielen. Sehen Sie, wie nützlich der Besuch des Kaffeehauses ist. Fr. Hekelm. Also wollen Sie gar nicht daran denken, sich endlich einmal eine ordentliche Häuslichkeit zu gründen? Schlämmer. Wozu? mir gefällt meine Häuslichkeit, sie ist so mobil! o, nur mobil sein! — Wenn ich meinen Hut aufsetze und meine Cigarrentasche mit meiner Leibwäsche bepackt, unter den Arm nehme, hin ich reisefertig. — Ist das nicht zweckmäßig? Fr. Hekelm. O, sehr zweckmäßig — zum Abfahren nämlich. — Hören Sie — Sie sind mir ein bischen zu sehr mobil. So oft Sie ausgehen, muß ich befürchten, daß Sie nicht mehr nach Hause kommen und ich hernach für die Miethe, die Sie mir bereits drei Monate schuldig sind, mit einem paar alten Pfeifenröhren mich entschädigen kann. Ich glaube, ich Hab' jetzt gewartet genug und deshalb sage ich Ihnen jetzt im vollsten Ernst: Lang' schau' ich nicht mehr zu, und wenn Sie sich nicht bald ändern, so mach' ich Sie so mobil, daß es Ihnen dann selber zu mobil sein wird, wenn Sie auf der Gasse schlafen müssen. (Im Abgehen.) Ist der Mensch noch zufrieden mit seinem Lebenswandel! — Nein, das ist mir zu rund! (Ab.) Schlämmer (allein). Das ist ibr zu rund. — Sonderbar, daß wir von Dem, was wir uns nicht erklären können, sagen: es ist uns zu rund. Das ist bei Vielem anwendbar, nur nicht beim Geld. Die Qua- 10 dratur des Zirkels können wir nicht entdecken, er ist uns zu rund, — ob der Mond bewohnt ist, können wir nicht erfahren, er ist uns zu rund, — die Ewigkeit können wir nicht begreifen, ihr Symbol ist ein Ring, die Erde kennen wir nicht vollständig, sie ist uns zu rund, — auch die verschiedenen Sorten des Geldes können wir uns nicht erklären, aber da ist uns gerade das Nichtrunde zu rund. — (Setzt sich an den Tisch ) Jetzt muß ich aber an meinen Brief, damit ich Geld bekomme. (Zündet eine Kerze an, welcher eine zerbrochene Flasche als Leuchter dient.) (Es ist im Verlauf der letzten Scene Abend geworden, der Mond scheint durch ein offenes Fenster, das sich im Vordergründe rechts befindet.) Achte Scene. Voriger. Wirbl. Wir bl (steigt behutsam herein und ruft mit leiser Stimme). Emilie! Emilie! Schlämmer (steht ihn erstaunt an). Ist der mondsüchtig ? Wirbl (erblickt Schlämmer). Sie entschuldigen — Schlämmer. Ah, hören Sie, das ist eine sonderbare Art, eine Emilie zu suchen. Wirbl. Sie verzeihen, ich wußt' nicht, daß das Ihre Wohnung— (Bei Seite.) Gottlob, da finde ich ein Hinderniß. (Freudig.) Wenn es gut geht, bekomm' ich vielleicht sogar Prügel. Schlämmer. O, ich bitte rechtsehr —irren ist menschlich. Sie haben sich um ein paar Fenster geirrt. Ihre schöne Angebetete ist meine Nachbarin— ich werde Ihnen den Weg zeigen. (Führt ihn zum Fenster.) Sehen Sie hier, ich bitte sich nur ein wenig links zu Hallen. Wirbl. Hören Sie, Ihre Höflichkeit überrascht mich, ja ärgert mich! — Wenn mir ein fremder Mensch in meine Wohnung zum Fenster hereinsteigt, so werfe ich ihn die Leiter hinab, und wenn ich im dritten Stock wohnen sollte. Es könnten jaj auch Diebe — l Schlämmer. O, die finden nichts bei« mir. Wirbl. Sei es nun wer immer. Schlämmer. Ich habe ja das Vers gnügen, Sie zu kennen, wenngleich ich Jh-j nen fremd bin, und einen Millionär wirf man nicht so geschwind hinaus, vielleiäl könnte er sich das Genick brechen. Um dies Race wäre es Schade, wenn sie sich nich fortpflanzte. (Bei Seite.) Ah, das ist merk würdig! — Jetzt ist's dem nicht recht, daj ich ihn nicht zum Fenster hinauswerfe. Wirbl (bei Seite). Ob ich mich auf et was freuen darf! Schlämmer. Es befremdet mich, das Sie diesen Weg zu Ihrer Geliebten ein- schlagen, da Ihnen ja Thür und Thm freundlich offenstehen. Wirbl. Ich hasse den breitgetretenev Weg der Alltäglichkeit. Schlämmer. Da haben Sie Recht — das gefällt mir. Wirbl. Das gefällt Ihnen? Mit wem, Hab' ich das Vergnügen? Schlämmer. Mein Name ist Schläm-I mer — ich bin Student. Wirbl. Sie scheinen ein fideler Studie sus zu sein. Schlämmer. Ich schmeichle mir. Wirbl. Ihnen kann ich mich mitthm len. — Sehen Sie, kein Genuß hat ft mich Reiz, dem ich mich ungehindert hin geben kann. Hätte ich am Thor geläutet, so hatte mir der Portier geöffnet, der Be diente hätte mir die Treppe hinaufgeleuchte! und wer weiß, was Alles das Stubenmädel gethan hätte! ^ Schlämmer. Ich begreife — Sie wollen Hindernisse — da haben Sie Recht. - Sehen Sie, wie fad das ist, wenn man allmonatlich das Geld hat, um pünktlich di- Miethe zu bezahlen; hingegen wie pikant wenn man, so wie ich, durch drei Monat! .sich täglich von der Quartiersrau darum 11 zahnen läßt, und täglich neue Ausreden tid Abfertigungsfloskeln erdenken muß. Wirbl. Wenn das hinreicht, was ich in mir trage — (Gibt ihm die Börse.) Schlämme! (steckt sie ein). O, ich danke, gütig! Wenn es auch nicht hinreicht, die Illiethe bezahle ich ohnedieß nicht. Wirbl. Nicht? Schlämmer. Ich stimme da ganz mit Ihren Ansichten überein. Sehen Sie, um lüch selber zu hindern, wird dieses Geld len Fluten geopfert— und Sie müssen wissen, ich brauche viel Fluten. Wirbl. Wie — Sie wollen es in's Wasser werfen? Schlämmer. Bewahre — ich kaufe mir Stoff dafür. Wirbl. Stoff! Schlämmer. 0sr6vi8 — Bier! Sehen Sie, dann habe ich wieder nichts und die Hindernisse sangen von Neuem wieder an. Wirbl. Hören Sie, Sie gefallen mir. Sie möchte ich öfter um mich haben —und >venn ich Sie nicht etwa vom Studieren abhalte — Schlämmer. Nie! Wirbl. Sie besuchen doch die Universität? Schlämmer. Sehr bedeutend — alle Jahr eine andere — und das ist dieHaupt- ' sache, daß der Mensch in der Welt herum- * komme. Die Welt ist die beste und größte Uni- j versität, die eben so wie die andern in vier Facultäten eingetheilt ist. — Als Kind studiert man Medicin, da ist alles Wissen so viel als— nichts; als Jüngling stu- dirt man Philosophie, da fängt man an über Unsterblichkeit der Seele nachzudenken, ^ über nichts ewig und über ewig nichts - zu denken; als Mann studirt man Jus, ^ da lernt man erst Recht von Unrecht unter- ; scheiden; als Greis studirt man Theologie, ^ denn nahe dem Grabe beschäftigt man sich ^ gern mit Gott — Das Lehrbuch für alle diese Schulen ist jenes Werk, das der große Lehrmeister in sechs Tagen geschrieben hat: Die Natur! — Wohl dem, der fleißig darin studirt und einst das große Gramen gut besteht. Wirbl. Sie gefallen mir in allen ihren Ansichten. Wollten Sie nicht einige Zeit mein Gesellschafter sein? — Ihr Beistand könnte mir sehr nützlich werden. Sie kennen mein Verhältnis zu Ihrer schönen Nachbarin. Schlämmer. Verstehe — weiß schon, was Sie sagen wollen. — Nicht wahr, es ärgert Sie, daß ihrer Million vi8-ü-vi8 Keiner wagt, Ihr Nebenbuhler zu werden. Wirbl. Ob mich das ärgert! Schlämmer. Seien Sie ruhig — las - sen Sie nur mich machen. Wirbl. Dann die Mama! — Schlämmer. Verstehe! Sie hat durchaus nichts dagegen, einen Millionär zum Schwiegersohn zu kriegen, ist gleich zur ^ Einwilligung bereit, statt daß sie sich unbändig weigert, wie sich's für eine ordenr- liche Mutter gehört. . Wirbl. Sie lesen in meiner Seele! Schlämmer. Lassen Sie nur mich machen. Wirbl. Meine Freunde thun, theils aus Gewinnsucht, theils vielleicht auch aus wahrer Freundschaft, was sie mir an den Augen absehen, aber ick brauche Jemand, der mich — Schlämmer (einfallend). Der alle Ihre Pläne und Absichten vereitelt. Jntriguen, Kabalen, Hindernisse herbeiführt. Verlassen Sie sich auf mich!— Ich will Ihnen Hindernisse bereiten, so viel in meinen Kräften steht und Ihre künftige Schwiegermama, wie deren ganze Umgebung untereinander-' Hetzen. Um Ihnen zu beweisen, daß ich das verstehe, will ich gleich beginnen. — (Faßt Wirbl beim Halstuch und zieht ihn zum Fenster.) He! Wache! Wache! Ein Dieb! Wirbl. Was thun Sie denn? Schlämmer. Entschuldigen Sie — ich lasse Sie arretiren. Dann gehen Sie zu Ihrer Geliebten, wenn Sie können.— Sehen Sie — Hindernisse Nr. 1. 12 Wirb! (freudig) Ach, famos! herrlich! Schlämmer. Sie erlauben schon. (Packt Wirbl wieder beim Halstuch und zieht ihn zu einem anderen Fenster hin ) Wirbl. O, ich bitte recht sehr! Schlämmer (ruft). Wache! Wache! Zu Hilfe! (Zu Wirbl.) Sie entschuldigen schon — die Wache wird bald komnren. — (Ergreift wieder Wirbl's Halstuch.) Mit Erlaub- niß — Wirbl. Nur zu! Schlämmer (schleppt ihn zur Mittelthür). ES ist wegen der Hausleute. ,Ruft hinaus.) Herbei! herbei! ein Dieb! (Zu Wirbl, den er beinahe erwürgt.) Sie entschuldigen — Wirbl (mit halb erstickter Stimme). O, iH bitte recht sehr! Neunte Scene. Die Vorigen. Wächterstheils durchs offene Fenster, theils durch die Mitte). Frau Hekel- mayer. Hausleute (mit Lichtern). Alle (durcheinander). Was gibt's?—Was geht hier vor?! Schlämmer. Ein Dieb! Fr. Hekelm. Lassen Sie sich nicht auslachen — was möchte ein Dieb bei Ihnen suchen? Schlämmer. Meine Börse! (Zeigt die Börse, die ihm Wirbl früher gab.) Fr. Hekelm. Ach, das ist mir zu rund! Schlämmer (zur Wache). Haltet ihn fest — er wollte mich bestehlen. (Zu Wirbl.) Oder, Elender, willst Du läugnen? Wirbl. O nein, o nein! ich läugne durchaus nicht! Wächter. Also marsch! Vorwärts! Wirbl. O, ich Glücklicher! ich werde arretirt! (Umarmt Sblämmer.) Theurer Freund, meinen herzlichsten Dank! (Ab mit der Wache.) Schlämmer. O, ich bitte — ist gern geschehen! Fr. Hekelm. Ah, das ist mir zu rund! (Gruppe des Staunens.) Der Vorhang fällt. Zweiter Act. (Zimmer bei Frau von Diewald mit zwei Mittelthüren.) Erste Scene. Wirbl und Schlämmer (kommen aus dn Mittelthür). Wirbl. Nein, was zu stark ist, ist zu, stark! Nichts geht nach Willen. Schlämmer. Aber, Freund Wirbl, wa-> rum denn so ärgerlich? Wirbl. Wer soll sich da nicht ärgern! — Kaum einige Minuten im Arrest, wurde ich wieder entlassen. Ich wollte mich beim Verhör auf alle mögliche Weise verdächtigen, aber es ging nicht. Schlämmer. Es ist schrecklich, — und wie gern möchte sich wieder Mancher herausputzen, aber es geht nicht. Wirbl. Meine Richter entdeckten sogleict ein Mißverständniß und entließen mich au > genblicklich. Schlämmer. Beruhigen Sie sich, Sie sind ja noch immer in der Strafe. Amor ist ein Profoß, der einem schwere Fessel anlegt, und wer die einmal trägt, kommt aus der Strafe gar nicht mehr heraus. Zuerst kommt der leichte Arrest bei schmaler Kost, denn einsam wie ein Arrestant wandelt der Verliebte umher, ihm schmeckt weder Speise noch Trank. Diese Strafe wird immer mehr und mehr verschärft. Geliebter und Geliebte werden an die Kette der Liebe immer kürzer und kürzer angebunden, immer kürzer und kürzer, bis die Geliebte mit ihrem Anbeter schon zu arg angebunden ist. Jetzt kommt das Gaffenlaufen. Von den gewechselten Ruthen der Eifersucht wird der Unglückliche durch eine Gaffe schadenfroher Nachbarn und Nachbarinnen gepeitscht, bis der von Hymen zum Tode Verurtheilte durch Pulver und Blei sein Leben endet, 13 d?ß>. mit verbundenen Augen in eine neue Welt tritt, da ihm der Schuß kommt zu heltaten. Und dann erst der Ehestand! — Der Act des Heiratens ist eigentlich eine Unterhandlung mit dem feindlichen Geschick, wobei der Mann ein Weib als Geißel behält. ZÜirbl. Ich will aber gegeißelt sein.— Wsie habe ich mich darauf gefreut, im Kerker, mü! allen Hindernissen kämpfend, endlich mir geschmuggelten Schreibmaterialien ganz hennlich einen Brief zu schreiben, und ihn mittelst eines bestochenen Gefangenwärters anchie Geliebte zu senden. Aber ich Unglücklicher werde so plötzlich in Freiheit gesetzt! WSchlämmer. Ja, sehen Sie — eine so plötzliche Freiheit ist immer ein Unglück. WLirb l. Ich habe mich schon der seligen ÄMiing hingegeben, meine Geliebte vielleicht ein halbes Jahr nicht sehen zu können. MSchlämmer. Wenn Sie durchaus «Wen. können Sie es sehr leicht bewirken, daß Sie gleich wieder arretirt werden. Ich führe Sic in eine Gesellschaft; da dürfen Ae nur schlechte Witze machen — Wirb!. Ich verbitte mir alle schlechten Witze. Schlämmer. Witz ist das Vermögen, zwischen sonst unähnlichen Gegenständen eine überraschende Aehnlichkeit aufzufinden. ^Dollen Sie mir dieses einzige Vermögen auch noch nehmen? Wirbl. Es ist nicht einmal erlaubt, Manches zu denken, viel weniger eS auszusprechen. Schlämmer. Das Denken läßt sich mcht verbieten, denn ohne daß man daran denkt, denkenzu wollen, hat man oftsoganz in Gedanken die besten Gedanken, ohne daß Man einen Gedanken hat. Wirbl. Die Wahrheit darf man immer denken und sprechen, deshalb heißt sie auch bist goldene Wahrheit. Schlämmer. O, es gibt eine goldene EHge — überhaupt Lügen aus allen Stoffe». Manche Medaille, die Einer trägt, ohne daß sie ihm verliehen wurde, ist eine goldene Lüge. Manche Dose mit der Aufschrift: »Zum Andenken wahrer Freundschaft« ist eine silberne Lüge.EinSechs- kreuzerstück mit der Ziffer dreißig ist eine kupferne Lüge. Der Grabstein einer Lantippe, welchem die Worte eingegraben sind: »Hier liegt eine zärtliche Gattin, von ihrem liebenden Gatten beweint,«ist eine steinerne Lüge. Die Flaschender meistenWirthe sind gläserne Lügen. Die Gewichte vieler Fleischhauer sind messingene Lügen. Die schwarzen Seidenkleider, welche mancheWitwe noch ein Jahr überdieTrauerzeitalsZeichenihres unheilbaren Schmerzes trägt,sind se i d ene Lügen. Die Krücken vieler Bettlersind hölzerne Lügen. Das geschminkte Gesicht einer alten Cokette ist eine lederne Lüge — und so gibt es Lügen aus unzähligen Stoffen. Wahrheit gibt es aber nur eine goldene. Wirbl. Gottlob, daß Sie zu Ende sind — Sie wären im Stande, ein paar tausend Lügen aufzuzählen, statt unseren Plan fortzusetzen. Sie haben versprochen, meine künftige Schwiegermutter dahin zu bringen, daß sie mir die Hand ihrer Tochter verweigert. Schlämmer. Ich werde mein Versprechen erfüllen, indem ich mir alle erdenkliche Mühe gebe, mich bei der alten Cokette einzuschmeicheln, während ich mich befleißige, Sie bei ihr anzuschwärzen. Wirbl. Bravo! — Fahren Sic nur so fort! Zweite Scene. Vorige. Li fette (mit Kaffeetuch und Lhee- Service). Li fette (deckt den Tisch). Schlämmer (bemerkt Lisctte). Sehen Sie nur das allerliebste Stubenkätzchen. Lisette (setzt einen Stuhl hinter den Lisch rechts). Wirbl. Denken Sie lieber auf unsere Angelegenheiten, statt etwa mit dem Stubenmädel zu charmiren. 14 Schlämme:. Das gehört ja mit in unseren Plan. Hören Sie, mir kommt da plötzlich eine famose Idee Wirbl. Und die wäre? Schlämm er. Sie müssen sogleich dem Stubenmädel auf Leben und Tod die Cour schneiden und in dem Moment, wo ich die Alte herbeibringe, küssen Sie das Mädel. Wirbl. Prächtig! — Das wird die Alte furchtbar ärgern! Schlämm er. Damit Sie aber Ihre Sache ordentlich machen, werde ich es Ihnen zuvor zeigen. Wirbl. Das ist gerade nicht nöthig. Schlämm er. O sehr nöthig! Damit Sie Ihre Scene gut spielen, muß sie vorher geprobt werden. Das Proben ist eine Hauptsache, und manche Vorstellung ist schon durckgefallen wegen Mangels an Proben. Also gehen Sie vor die Thür hinaus. Sie stellen die Schwiegermama vor, kommen in einigen Minuten herein, treten in dem Moment, wo ich das Mädel küsse, vor, sind ungeheuer aufgebracht, ertheilen mir einen Verweis u. s. w. Wirbl. Gut—ich stelle die Schwiegermama vor. (Durch die Mitte ab.) Schlämm er (zu Lisette). Mein holdes Kind, endlich gelingt es mir, mit Ihnen allein sein zu können. Li fette. Haben Sie mir etwas Heimliches zu sagen? Schlämmer. Sehr Heimliches.— Ich habe Ihnen zu sagen, mein Schatz, daß Sie das schönste Stubenmädel aller Stubenmädel sind, und daß Sie mir unendlich gefallen. Li fette. Sonst nichts? Schlämmer. Und daß ich überglücklich bin, in diese holden Aeugelein einmal so recht ungestört hineingucken zu können. Li fette. Sonst nichts? Wirbl (tritt ein und bleibt im Hintergründe). Schlämmer (sie umarmend) Und daß ich von diesen Purpurlippen mit aller Seh„ sucht einen Kuß verlange. (Will sie küssen) Li fette (gibt ihm eine Ohrscige). Soni nichts? Wirbl (tritt a tempo vor). Herr, wa- erlauben Sie sich hier? Schlämmer. Was machen Sie? - Sie kommen zu früh — wir sind erst bn der Ohrfeige, aber noch nicht beim Kuß. Lisette. O, dazu wäre es auch gar nick gekommen. (Will ab.) Wirbl (hält sie zurück). Bleiben Sik mein schönes Kind! Schlämmer (leise zu Wirbl). Jetzt komm die Reihe an Sie—spielen Sie Ihre zweitt Rolle besser, als die erste — ich hole in dessen die Alte. (In die Seitenthüre ab.) Wirbl. Bleiben Sie doch noch ei- wenig! Lisette. Ich habe in der Küche zu thun. Wirbl. Das preffirt nicht; — ich wi^ Ihnen nur mittheilen, mein schönes Lies cheu, wie sehr es mich freut, daß Sie sit gegen Zudringlichkeit so tapfer zu wehre-, wissen. Lisette (bei Seite). Ich glaube gar-, er eifert. Wirbl. Zum Lohn für Ihre Stand Hastigkeit nehmen Sie diese Kleinigkeit (Gibt ihr Geld.) Lisette (nimmt es). Ich küss' die Haut — Sie sind viel freundlicher als der an dere Herr. Wirbl. Nun ersuche ich Sie aber, innj aus freiem Antriebe einen Kuß zu geben. Lisette. Einen Kuß? Wirbl (bei Seite). Wenn sie mir nur auit! eine Ohrfeige gäbe — (Laut.) Ja, eine-I Kuß! (Umarmt sie.) Lisette. Wenn aber Jemand käme, uns überraschte? Wirbl. Das wünsche ich ja — -(sich»-'' rigirend.) das heißt, es wird Niemand kommen. 16 . Dritte Scene. Vorige. Fr. v. Diewald und Schlämme r (treten unter die Mittelthür). Schlämm er (leise zu Fr. v. Diewald). Da ehen Sie nur, wie er dem Stubenmädel ne Cour macht. Lisette (sich scheinbar sträubend). Aber «ein — lassen Sie mich doch! Wirbl (küßt sie). Fr. v. Diew. Ei! Ei!—Herrv.Wirbl! Li fette. O weh! die gnädige Frau! Läuft ab.) Wirbl (beiSeite). Gottlob! die Alte hat's gesehen! Schlämm er (für sich). Sieh! dem gibt sie keine Ohrfeige! Wirbl. Meine Gnädige, Sie setzen mich da in eine Verlegenheit — Schlämmer (zu Wirbl). Pfui, schämen Sie sich! Fr. v. Diew. Es ist allerdings seltsam. Schlämmer. Vielmehr unschicklich! — mit einem Domestiken — pfui Teufel! Wirbl. Es war bloß ein Scherz — Fr. v. Diew. Aber kein ganz anständiger. Wirbl (bei Seite, freudig). Sie ist aufgebracht! Schlämmer. Und das Mädel hat sich gar nicht geweigert. — Meine Gnädige, diese Person müssen Sie aus dem Hause jageu! Fr. v. Diew. (zu Wirbl). Es befremdet mich sehr, daß Sie, so alles Decorum außer Acht setzend, sich der Art in meinem Hause betragen. In Ihrer Häuslichkeit verfahren Sie meinethalben mit dem dienenden Personale so herablassend, als Ihnen beliebt, aber in meiner Wohnung müßte ich mir das strengstens verbieten. Wirbl (hält sich die Hand vor das Gesicht, nn> das Lachen zu verbergen). Das geht ja prächtig! Fr. v. Diew. Nun — nun — seien Sie deshalb nur nicht gleich gar so niedergeschlagen. Seien Sie beruhigt — ich werde Emilien diesen Vorfall verschweigen, Sie können dessen ebenso wie meiner gänzlichen Verzeihung versichert sein. Wirbl. Sie sind so gütig — (Bei Seite.) Hätte sie mir lieber in ihrem Leben nie verziehen! Fr. v. Diew. Es war eine noble Laune, die den Mann von Welt bekundet, auch hätte ich gewiß kein Wort darüber gesprochen, wäre es nicht zufällig in meiner Wohnung — Wirbl (leise zu Schlämmer). Jetzt war die ganze Blamage umsonst. Schlämmer (ebenso zu Wirbl). Nur Geduld, wir werden uns noch öfter blamiren; das gehört in unfern Plan. Fr. v. Diew. Ist den Herren Thee gefällig? (Geht an den Tisch und setzt sich.) Wirbl (bei Seite). Ich habe schon meinen Thee. Schlämmer. Ich bin so frei. — (Leise zu Wirbl.) Entfernen Sie sich unter einem schicklichen Vorwand. Wirbl (zu Fr. v. Diewald). Wo befindet sich Fräulein Emilie? Fr. v. Diew. Sie ist im Garten. Wirbl. Ich werde das Fräulein dort aufsuchen, um die Gesellschaft vollzählig zu machen. Schlämmer (leise zu Wirbl). Kommen Sie allein zurück, aber nicht früher, als bis ich Ihnen mit dem Taschentuch am Fenster zuwinke — dann bringen Sie Ihre Werbung an — ich werde indessen die Alte vorbereiten. Wir bl. Ganz wohl! (Laut zu Fr. v. Diewald.) Auf baldiges Wiedersehen, meine Gnädige! (Durch die Mitte ab.) Fr. v. Diew. (weist Schlämmer einen Platz an, beide setzen sich an den Theetisch). Er dauert mich, der Arme — er wurde so verlegen, daß ich bald bereute, ihm Vorwürfe gemacht zu haben. Schlämmer. Meine Gnädige — Ihre schöne Seele verleitet Sie zu einer unverdienten Nachsicht. 16 Fr. v. Diew. Mein Gott! man kennt ja die Launen der reichen Herren. Schlämmer. Ich bin von dieser Laune frei, obschon auch mich der Zufall in die Kategorie der sogenannten reichen Herren stellt. Fr. v. Diew. (sich vergessend.) Wie, Sie sind reich? (Bei Seite.) Eine Reservepartie für meine Tochter. Schlämmer. Leider bin ich mehr mit irdischen Gütern beschenkt, als ich mir wünschte. Fr. v. Diew. Kann man Ihnen etwa auch zu einer Million gratuliren? Schlämmer. Nicht ganz — zehn Tha- ler mögen mir beiläufig daran fehlen. Ich habe den Rechnungsabschluß für dieses Jahr noch nicht gemacht, denn ich muß gestehen, das Zusammenzählen meiner Passiva, meiner Aktiva wollte ich sagen, ist mir ein höchst odioses Geschäft. Fr. v. Diew. Natürlich — die Herren wissen sich angenehmeren Zeitvertreib — wie Herr von Wirbl soeben uns bewies. Schlämmer. Ich bitte recht sehr — mit Domestiken gebe ich mich nicht ab. Ihr sauberes Stubenmädel hat es schon öfter gewagt, auch mich mit bedeutungsvollen Blicken herauszufordern, aber ich habe diese frivole Keckheit jedesmal mit Verachtung bestraft. Domestiken habe ich meiner Huld nie gewürdigt. (Mit Beziehung.) Wozu auch von einer Stufe herabsteigen, auf der ich der Reize und Annehmlichkeiten so viele erblickte. Fr. v. Diew. Zu schmeichelhaft! Schlämmer. Nur verdiente Anerkennung des noch nie Dagewesenen, das heißt ich meine der Reize, die noch nie so da waren, wie Sie, meine Gnädige, dieselben in sich vereinen. Fr. v. Diew. Sie sind zu galant. Schlämmer, Schönen Damen gegenüber ist man verpflichtet galant zu sein; — aber leider kann ich meinem Freunde Wirbl diese Ansicht nicht beibringen, so. viele Mühe ich mir auch gebe. (Bei Seite.) Jetzt geht die Vorbereitung an. Fr. v. Diew. Er vernachlässigt bisweilen diese Pflicht, wie Sie es nennen. Unlängst sagt er mir in's Gesicht, ich hätte graue Augen. Schlämmer. Wie? — nicht möglich! — Diesen Azur nennt er grau? (Bei Seite.) Ist das eine alte Cokette! (Laut.) Was aber das Abscheulichste ist, er spricht in Abwesenheit der Damen oft sehr unvortbeilbaft von ihnen. Fr. v. Diew. Das ist höchst unzart. Schlämmer. Ich wage es kaum zu sagen — selbst von Ihnen, meine Gnädige — wagt er, Nachtheiliges zu äußern. Fr. v. Diew. Wie, auch von mir? (Steht aus, Schlämmer desgleichen.) Schlämmer. Ja, selbst von Ihnen — doch lassen wir das. Fr. v. Diew. Ich bitte, sprechen Sie! Schlämmer. Es fällt mir zu schwer, wenn ich in Ihr schönes Antlitz blicke, derlei Schilderungen zu wiederholen. Fr. v. Diew. Sprechen Sie — welche Schilderungen? — Schlämmer. Wenn Sie durchaus in mich dringen — es wird mir sehr hart — aber ich bin selbst diesem Ihrem Willen nicht im Stande zu widerstreben. Fr. v. Diew. Also — was sprach Herr von Wirbl über mich? Schlämmer. Er sagte — Sie hätten unausstehliche, unerträgliche Launen, durch welche Sie Ihren Mann vor der Zeit in die Erde brachten. Fr. v. Diew. Ich brachte meinen Mann in die Erde? — Ich war nicht einmal hier — ich war im Bade, als er starb — ich war nicht einmal bei seinem Begräbniß — und ich hätte ihn in die Erde gebracht? Das ist schwarze Verleumdung! Schlämmer. Sie werden aufgeregt, meine Gnädige — ich unterlasse daher meine weiteren Mittheilungen. Fr. v. Diew. Ich bitte recht sehr — 17 fahren Sie fort — ich bin wieder ruhig — gang ruhig. Schlummer. Ich werde nur zum Theil seine eigenen Worte anführen — ganz wage ich es denn doch nicht sie zu wiederholen. Fr. v. Diew. Wenn ich Sie aber darum Litte — Schlummer. Nun, wenn Sie erlauben. — Er äußerte sich, daß er es im höchsten Grade bedauere, sich in die Tochter einer — Sie verzeihen — einer so leidenschaftlichen Megäre verliebt zu haben. Fr. v. Diew. So — ich eine leidenschaftliche —? Schlämmer. Megäre. — Doch Sie werden wieder aufgeregt — ich breche lieber ab. Fr. v. Diew. Ich bin ja ruhig, ganz ruhig. — Ich bitte, fahren Sie fort, diesen Verleumder mich ganz kennen zu lehren. Schlämmer. Wenn Sie durchaus wünschen, — Er sagte ferner, daß Ihre Wangen geschminkt, Ihre Haare, Ihre Zähne «t oetsra Alles falsch wäre. Fr. v. Diew. Wie? so weit geht seine Impertinenz, daß er sagt, meine Perrücke — (sich corrigirend) meine Haare wollte ich sagen, wären falsch; — meine Zähne — Schlämmer. Lt oetsrs.. — Ich erwiderte gleich: das ist Alles falsch — die Haare, die Zähne — Fr. v. Diew. Wie, auch Sie bestätigten —? Schlämmer. Bitte recht sehr — ich meinte, die Anschuldigungen seien falsch — die Haare, die Zähne st oetera verthei- digte ich auf das Eifrigste als echt. Ich bin überzeugt, das heißt ich bin nicht überzeugt, aber auf Ehre, es ist mir so viel, als ob ich mich überzeugt hätte. Es wäre sträflicher Vorwitz, da noch Beweise zu wollen, wofür Ihre Jugend doch so deutlich spricht. Aber da ich gerade vom Alter spreche — Sie verzeihen, von Ihrer Jugend wollte ich sagen — Was glauben Sie, meine Gnädige, Sie, die ich durchaus nicht als die Mutter gelten lassen wollte und so rh«at«,Rq>atoin Nr. 182. lange für die Schwester des Fräuleins hielt, bis mich alle Welt auslachte, was glauben Sie, für wie alt Sie Herr von Wirbl ausgibt? — Doch nein, das wiederhole ich nicht. Fr. v. Diew. Nun? Schlämmer. Nein, nein, das wage ich nicht nachzusprechen. Fr. v. Diew. Reden Sie immerhin! Schlämmer. Wenn Sie durchaus wollen! Fr. v. Diew. Nun? Schlämmer. Meine Haare sträuben sich bei dieser gräßlichen Unwahrheit! Fr. v. Diew. So sprechen Sie doch! Schlämmer. Er sagte, Sie wären — secksundfünfzig Jahre alt. Fr. v. Diew. Ich—sechs — und fünfzig! (Sinkt aus einen Stuhl.) Ach, das isi zu viel! Schlämmer (für sich). Das sag' ich auch. — Jetzt, glaube ich, wäre der geeignete Moment. (Geht an's Fenster und gibt mit seinem Taschentuche das Zeichen.) D, meine Gnädige, wie muß ich bereuen, Ihnen offen und unumwunden Alles wiederholt zu haben, was jener Verleumder gegen Sie erdichtet. Er ist ein Abscheulicher! verachten, strafen Sie ihn! Vierte Scene. Vorige. Wirbl. Wirbl (im Eintreten leise zu Schlämmer). Ist sie vorbereitet? Schlämmer. Auf s Beste! Wirbl. Meine Gnädige — (Frau von Diewald erblickend.) Sie sind doch nicht unwohl? Fr. v. Diew. Es ist schon vorüber — nur ein kleiner Anfall — meine falschen Zähne schmerzten mich. Wirbl. Sie sind so blaß. Fr. v. Diew. Ich habe heute zufällig mehr Weiß aufgelegt. Wirbl. Sie scherzen. Fr. v. Diew. Und wenn ich unwohl ? 18 wäre? — in meinen Jahren — das Alter! selbst nennt man eine Krankheit. Wirbl. Aber in Ihren Jahren— Sch lamm er (leise zu Wirbl). Bringen Sie Ihre Werbung vor. Wirbl. Meine Gnädige, ich kann nicht länger widerstehen und wage es — Fr. V. Diew. (ihm in die Rede fallend). Mir etwa alle die Grobheiten in's Gesicht zu sagen, welche Sie bisher nur in meiner Abwesenheit auszusprechen sich erlaubten? Wirbl. Wie soll ich das verstehen? Schlummer (leise zu Wirbl). Bestätigen Sie Alles! Fr. v. Diew. Beschuldigen Sie mich nicht, daß ich durch unerträgliche Launen meinen Gemal in die Erde brachte? Schlummer (leise zu Wirbl). Sagen Sie ja! Wirbl. Ich ließ mich Hinreißen — Fr. v. Diew. Ferner ließen Sie sich Hinreißen, mich eine leidenschaftliche Megäre zu nennen. Wirbl (sieht Schlämmer staunend an). Schlämme! (leise). Sagen Sie ja! Wirbl. Es entschlüpfte mir. Fr. v. Diew. Das Roth meiner Wangen, meine Haare, meine Zähne — Schlämmer (ergänzend). oaslsra— Fr. v. Diew. Gaben Sie für falsch ans. Schlämmer (leise). Nur immer ja gesagt. Wirbl. Einem Witz zu Liebe — Fr. v. Diew. Das sind schlechte Witze. — Und sür wie alt halten Sie mich? Wirbl. Erlassen Sie mir — Schlämmer (leise). Sagen Sie sechzig. Wirbl (leise zu Schlämmer). Ach, Sie treiben d gar zu stark! Schlämmer (leise). Es ist nothwendig! Fr. v. Diew. Also sür wie alt halten Sie mich? Schlämmer (sousflirend). Sechzig. Wirbl. Höchstens — höchstens — sechzig Jahre. Fr. v. Diew. Sechzig! (Sinkt aus einen Stuhl) Schlämmer. Sehen Sie, meine Gnädige — ich habe aüs besonderer Galanterie vier Jahre verschwiegen. Fr. v. Diew. (zu Wirbl). Sie sind also gekommen, mir alle diese Schmeicheleien in's Angesicht zu wiederholen? Schlämmer (leise) Jetzt schnell die Werbung. Wirbl. Ich bin gekommen, Sie um Emiliens Hand zu bitten. Fr. v. Diew. So? — und Sie hoffen die Hand einer Tochter zu erhalten, deren Mutter Sie so auf das Gröbste beleidigten! Geben Sie Ihre Hoffnung auf— daraus wird nichts. Ich bin zu fürsorgend für Ihr eigenes Glück. Damit Sie nicht etwa durch Emiliens Wangen an meine Schminke, durch ihre blonden Locken an meine Perrücke, durch ihre Perlenzähne an meine falschen erinnert werden, damit Sie nicht zu besorgen haben, daß meine Tochter, der Mutter nachgerathend, Sie durch unerträgliche Launen frühzeitig unter die Erde bringt; um alles dieß Unglück zu verhüten, verweigere ich meine Einwilligung. Wirbl (bei Seite). Das geht jachcrmant! Fr. v. Diew. (bei Seite). Halt, ich vergesse ganz auf die Million — (Laut.) Doch nein, ich will nicht rachsüchtig sein. Sie hoffen durch die Hand meiner Tochter glücklich zu werden, und Sie werden es sein, denn Emilie liebt Sie mit aller Glur der Leidenschaft. Ich will diese Bande nicht zerreißen. Sie haben mich beleidigt — Sie haben mich sogar für sechzig Jahre alt gehalten, aber ich verzeihe Ihnen. Seien Sie beruhigt, Emiliens Hand wird Ihnen. Ich will nicht aus Rache den Bund zweier Lie benden trennen. Sie erhalten somit meine Einwilligung. Wirbl. Sie sind gnädig. (Bei Seite.) Verfluchtes Verhäugniß! Fr. v. Diew. Noch heute soll die Verlobung sein. Ich eile, die Anstalten dazu zu treffen, und verspreche Ihnen irr mir eine zärtliche Schwiegermama. (Bei Seite im Ab- 19 gehen.) 3ft nur einmal die Hochzeit vorüber, dann soll er sich frenen— ich sechzig Jahre alt — na warte, das sollst Du mir büße«! (Ab.) Wirbl (ungeduldig aus- und niedergehend). Jetzt ist wieder alle Freude beim Teufel! Sch lamm er. An mir liegt die Schuld nicht — Sie sehen, ich habe mein Möglichstes gethan. Wirbl. Hätten Sie noch mehr über mich losgezogen. Schlämm er. Ich konnte doch nicht sagen, daß Sie sie für hundert Jahre alt halten. Mein Gewissen ist ruhig — ich habe über Sie geschimpft, was in meinen Kräften stand. Wirbl. Ich bin Ihnen sehr dankbar— aber was hilst's? Schlämm er. Geben Sie die Hoffnung nicht auf — wir haben noch ein Mittel vorbereitet, das sicher wirkt. Sie haben ja mit Sorgmann gesprochen, von dem Sie mir sagten, daß Sie ihm Ihr volles Vertrauen schenken? Wirbl. Cr ist selber sehr reich und der Einzige meiner Umgebung, der nie aus meiner Freundschaft Nutzen zog. Schlämm er. Sie haben also die fin- girten Wechsel und Schuldbriefe unterschrieben? Wirbl. So daß ich ihm mein ganzes Vermögen schulde. Schlämm er. Sobald die Alte diese Papiere zu Gesicht bekommt, wofür wir sorgen, sattelt sie gewiß um. Wirbl. Das ist meiste letzte Hoffnung. Schlämmer. Seien Sie außer Sorgen. Die Dokumente sind so legal verfaßt, daß, wenn nicht Sorgmann ein zu rechtlicher Mann wäre, wie Sie ihn selber schildern, er den nachhaltigsten Mißbrauch damit treiben und Sie wirklich in jene Armuth versetzen könnte, welche wir nur zu fingiren beabsichtigen. Diese Papiere werden ihre Wirkung auf die Alte um so weniger verfehlen, als ich sie nach und nach schon darauf vorbereitete, indem ich ihr mitthcilte, daß Sie jährlich den Carneval in der Residenz mitmachen und dort ungeheuere Summen verschwenden. Wirbl. Ganz gut eingeleitet. Schlämmer. Auf diese Art wird sie endlich gewiß bestimmt werden, ihre Einwilligung zu widerrufen, und ist uns das gelungen, dann sind wir auf dem Punct, den wir erreichen wollten. Verarmt in den Augen dieser Alten, deren Vermögenszustände höchst zerrüttet sind, weshalb sie sich an Ihre Million anklammern will, dürfen Sie sich in ihrem Hause nicht mehr blicken lassen. Sehen Sie, jetzt gehen die Hindernisse an, — jetzt beginnt die zweite Hälfte unseres Planes, jetzt - heißt es, auf alle möglichen Mittel sinnen, um heimliche, vielleicht sogar nächtliche Zusammenkünfte mit der Angebeteten möglich zu machen, jetzt werden Leitern, spanische Wände, verborgene Ta- petenthüren, heimliche Treppen, Vorhänge, Kachelöfen und Verkleidungen angewcndet, Leoparden von Portiers, Tieger von Wächtern und Drachen von Hausmeisterinnen werden bekämpft—Bediente, Kutscher, Gärtner, Stiefelputzer, Stubenmädel, Köchinnen. Kehrfrauen und Wäscherinnen werden bestochen, Vormunde, Onkeln, Vettern, Schwäger, Tanten, Muhmen und Basen, die ganze Sippschaft wird zum Narren gehalten — alten Coketten werden die größten Schmeicheleien gesagt, mit den Sentimentalen wird geschwärmt, geseufzt und gemondscheint, mit den Theeschwestern wird getratscht und geklatscht, mit den Musikenthusiasten wird gegeigt, geheult und claviergehackt, mit den Tanzlustigen wird gewalzt, gepolkt und ge- quadrillt et austera — und endlich durch eine schlau erdachte List, deren Erfindung unzählige schlaflose Nächte kostet und deren Ausführung auf tausend und tausend Klippen stößt, wird, mittelst eines verkappten Notars, der Mama die Unterschrift des Hei- ratscontractes entlockt. Die Alte ist geprellt, die Angebetete ist errungen, die Liebenden stehen am Ziele. Umarmuug — Vivat hoch! das Brautpaar soll leben! — griechisches 8 * Feuer — der Vorhang fällt. — Also Muth,I Doch Dummheit und Aberglaub n werd'n Freund! — gehen Sie nur schnell hinab in den Garten, ich besorge indessen die Ankunft Ihres Pseudogläubigers. (BegleitetWirbl sich schon heb'n, Wir brauchen nur G'sundheit und recht ein lang's Leb'n. an die Mittelthür links und kehrt dann wieder zurück. Wirbl ab.) Schlämm er (allein). Diese Schilderung war für meinen Freund Wirbl sehr reizend und ich sehne mich nach der Realisirung. Aber wenn ich nur schon auf dem Punct wäre, wo die Alte ihre Einwilligung verweigert. Das wird jedoch so bald nicht der Fall sein — das gehört auch unter die Ereignisse, bei denen man ausdauernde Gesundheit und ein sehr langes Leben braucht, wenn man sie abwarten will. Couplet. Die Menschen, die machen oft Rechnungen sich, Doch häufig macht's Schicksal durch die Rechnung 'nen Strich. Auf Einheit der Menschen hab'n Viele gezählt, Die Rechnung war schön — doch die Einheit, die fehlt. 'die einzige Einheit, was liegt denn da d'ran? Man fängt halt die Rechnung von vorn wieder an. Einheit und Eintracht wird's ganz gewiß geben — Wir brauchen nur G'sundheit und recht ein lang's Leb'n. Wenns finster wird, furcht' sich vor G'spen- stern das Kind, Doch kaum zünd't man 's Licht an, weicht d' Furcht auch geschwind; Ein Friedhof bei Nacht uns mit Schaudern erfüllt, Doch kaum geht die Sonn' auf, wird freundlich das Bild. Spukend durch's Bergwerk der Aberglaub'n schleicht, Weil spärlich den Schacht ein klein'Lämpchen beleucht't, Das Silber, das steigt, sehr fatal is die G'schicht', Es steigt oft so hoch, daß man's gar nimmer sicht, Und das, was herunt' ist, ist auch nicht zu haben, ^ Denn das liegt gar tief in der Erde ver- ^ graben. 1 Doch nur hübsch Geduld, denn das kann ' nicht so bleiben, ^ Von oben wird's regnen, von unten ^ wird's treiben, - Und Zwanziger wird es wie einst wieder - geben — Wir brauchen nur G'sundheit und recht ein lang's Leb'n. Die Fleischhacker treiben's, ach, das ist zu ! stark! i Anstatt dem Vieh, nehmen sie uns jetzt ' das Mark, t Sie begehr'n zwanzig Kreuzer für s Rind/ j fleisch per Pfund, Wir kommen am End' noch vom Ochsens auf'n Hund! ^ Doch 's bleibt nicht so fort—nein, sie wer- ! den sich bekehr'n, Die Größern werd'n einig mit den Klei-' neren wer'n; Und uns um zehn Kreuzer das Pfund wie dergeben — Wir brauchen nur G'sundheit und recht ein lang's Leb'n. Hier sind meine Zeugnisse über Philosophie,, Ueber Jus, über Technik und Oeconomie, Hier noch ein paar Dutzend ganz unvbligat Und hier ist mein Tauf- und mein Impf , attestat. Sonst brauch' ich wohl nichts, meint der- Bittsteller jetzt; , Doch mit wichtiger Miene der Chcfi d'rauf versetzt: 21 Sie brauchen zwei Ding' noch, die Stell' zu erstreben — Sie brauchen nur G'sundheit und recht ein lang's Leb'n.« »Hält wohl der Herr Nachbar der Wette es werth, Daß ich noch so alt wie Methusalem werd'? Ich brauche kein' Doctor, brauch' kein' Meinem« — »Was brauchen Sie denn?« — fragt der Andere ihn. »Nun, was ich wohl brauche? — wir sind jetzt allein — Ich brauche — Sie werden verschwiegen wohl sein? Ich brauche — Ja, seh'n Sie, das ist es ja eben — Ich brauche nur G'sundheit und recht ein lang's Leb'n.* (Schlämmer ab.) Verwandlung. (Garten bei Fr. v. Diewald; rechts eine Laube, links eine Rasenbank.) Fünfte Scene. Schlämmer. Emilie. Schlämmer. Wie beneide ich meinen Freund, der bald so glücklich sein wird, diese schöne Hand zu besitzen. Emilie. O Sie Schmeichler! Schlämmer (blickt links in die Loulisse). Ich sehe den Mann der Hindernisse kommen, jetzt heißt es Komödie spielen. (Laut ) Fürwahr, jeder einzelne Ihrer Rosenfinger wäre im Stande, mich überglücklich zu machen, wenn ich ihn mein eigen nennen dürste — und er, der Beneidenswerthe, wird bald beide rosenbekränzte, veilchendurchflochtene Lilienhändchen besitzen! (Zählt die Finger.) Eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs, sieben, acht, neun, zehn, Bube, Dame — o, der zehnmal Glückliche! Emilie. Sie setzen mich in Verlegenheit — sprechen wir von etwas Anderem. Schlämmer. O nein! — Verweilen wir noch ein wenig — mir gefällt's in dieser Gegend. Emilie. Nicht wahr — unser Garten hat eine hübsche Lage? Scklämmer. Fürwahr, eine wunderschöne Lage! Emilie. Wir haben sehr schönes Obst — lieben Sie das Obst? Schlämmer. Ob ich das Obst liebe? (Sieht in die Loulisse, bei Seite.) Er kommt — jetzt heißt es rasch sein. (Laut.) Ja, ich liebe es. (Sinkt aus die Kniee.) Aber was sind alle Borsdorfer, Kirschen, Pflaumen, Pfirsichen, Weintrauben, Hasenköpfe und Rothhänecken gegen jenen glühenden Sonnenbrand, — Stich — Hitze — Feuer — Flammen — Aetna — Vesuv — Lavastrom — kurz, gegen jene Liebe, welche ich für Sie empfinde?! Emilie. Was machen Sie denn? Stehen Sie doch auf! Schlämmer. Nicht früher, bis ich aus Ihrem Munde wenn auch nur ein Wort des Trostes vernommen — wenn Sie mich nicht zu Ihren Füßen wollen, so nehmen Sie mich in Ihrem Herzen auf! Emilie. Stehen Sie doch auf, man kommt! Sechste Scene. DieVorigen. Wirbl. Fr. v. Diewald. Wirbl. Was sehe ich? Schlämmer (welcher in seiner Stellung bleibt). Haben Sie in Ihrem Leben noch Niemanden knien geseh'n, daß Sie so staunen? Wirbl. Sie untersteh'» sich, bei meiner Braut —? Schlämmer. Ich nehme mir die Freiheit. — Warum soll nicht auch ich schön finden, was Ihnen gefällt? (Ihm in'S Ohr raunend.) Still, sonst erinnere ich Sie an eine Stnbenmädelscene. Wirbt (zu Emilien). Und Sie, mein Fräulein, lassen sich derlei Attentate ganz ruhig gefallen? Emilie. Ich habe es dem Herrn streng verwiesen, aber — Wirbl. Ich hätte erwartet, daß Sie in einem solchen Falle die Flucht ergreifen würden. Fr. v. Diew. Gehen Sie doch in Ihrer Strenge nicht zu weit, sonst müßte ich Sie an einen gewissen Auftritt erinnern — Schlämm er. Ja wohl — ziehen Sie zuerst den Balken aus Ihrem Auge. Wirbl (bei Seite). Ich bin da in einer fürchterlichen Klemme — mein Helfer wird mir am Ende gefährlich. (Laut zu Schläm- mer). Mein Herr, Sie werden sich mit mir schlagen! Schlämm er. Mit größtem Vergnügen. O, ich führe den Schläger famos und habe schon manchen Philister um ein paar Ohren ärmer gemacht. Wirbl. Wir werden uns schießen. Fr. v. Diew. Aber, meine Herren —! Wirbl. In einer Stunde bei der Grotte! Schlämm er. Sehr wohl — ich besorge sogleich meine Waffen. (Ab.) Wirbl. Und ich werde das Gleiche thun. (Ab.) Fr. v. Diew. (ihnen nachrufend). Keine Uebereilung, meine Herren! (Zu Emilien.) Und Du stehst da, ganz ruhig, während sich dein Geliebter schlägt? Du mußt ihm nach, mußt Dich zwischen die ^Kämpfer stürzen, mußt abwehren, mußt Zetter und Mordio schreien, wie sich's für eine ordentliche Liebhaberin gehört. Emilie. Die Herren werden doch nicht Ernst machen? Fr. v. Diew. Freilich werden sie — also schnell, ihnen nach! Emilie. Ich gehe, aber das sag' ich gleich, allzu nahe gehe ich nicht —ich fürchte die Waffen zu sehr. (Ab.) Fr. v. Diew. (allein). Das wäre einr saubere Geschichte! — nur nicht vor deij Hochzeit; nach der Hochzeit können sie sich meinethalben einander nach Belieben um / bringen. Siebente Scene. Sorgmann. Fr. v. Diewald. (Diese Scene muß ungemein rasch gespielt werden.^ Sorgm. Ah charmant, meine Gnädige,, daß mir der Zufall gestattet, Sie allech sprechen zu können! Ich habe Ihnen Man, ches zu sagen. ^ Fr. v. Diew. Ich stehe ganz zu Jhms Diensten. (Bei Seite.) Sollte — Sorgm. Schon lange sehnte ich miilj nach einem günstigen Moment — Fr. v. Diew. Bitte Platz zu nehmen. (Bei Seite.) Sollte er — Sorgm. (setzt sich). Die Gnädige sich, Witwe — ! Fr. v. Diew. (bei Seite). Sollte er ach Ende — 1 Sorgm. Eine Frau, welche so gan^ allein in der Welt dasteht — ! Fr. v. Diew. (bei Seite). Sollte er anr^ Ende gar — ; Sorgm. Ohne allen männlichen! Schutz — Fr. v. Diew. (bei Seite). Sollte er ach Ende gar in mich — ' Sorgm. Ohne Rath und That — ^ Fr. v. Diew. (bei Seite). Sollte er ach Ende gar in mich verliebt — ^ Sorgm. Ich konnte daher nicht wider-, stehen — (Greift in die Brusttasche und nimch Schriften heraus.) Fr. v. Diew. Sie haben zu der Feder Ihre Zuflucht genommen— ich bin Ihne«! dankbar, denn Sie ersparen dadurch aurt mir die Verlegenheit, Ihnen mündliche Geständnisse — Sorgm. (bei Seite). Was meint denn die Alte? — Sollte — 23 b. Fr. v. Diew. Das sind ja Dokumente ich erwartete einen Brief — Sorgm. Einen Brief? (Bei Seite ) Sollte _? Fr. v. Diew. Wahrscheinlich der Con- kchct. Sorgm. (bei Seite). Der Contract? — ollte sie am Ende —? Fr. v. Diew. Sie gehen rasch d'rauf loh, aber ich liebe das. (bei Seite). Sollte sie am Ende Sorgm. g Piere wieder zurück. Sorgm. Welche Papiere? Wirbl. Meine Schuldbriefe, meine Wechsel — Sorgm. Bist Du bereit, sie zu saldi- ren? — Wirbl. Laß den Scherz — ich bin nickt aufgelegt — Sorgm. Auch ich bin in gleicher Stimmung — und doch kann ich es nur als einen Scherz betrachten, wenn Du derlei Dokumente zurückverlangst, bevor Du die Zahlungen geleistet hast. Wirbl. Wenn man Dich ansieht, sollte man glauben, Du machtest Ernst. Sorgm. In Geldangelegenheiten kenne ich keinen Spaß. Wirbl. Kennte ich Dich nicht genau, ich müßte fürchten — Sorgm. Du hast nicht mehr zu befürchten, als mir durch den Besitz dieser Dokumente zusteht. Um Dir eine plötzliche Ueber- raschung zu ersparen, werde ich Dir sogleich eine Schrift zeigen, welche ich mir bereits von dem Gerichte erwirkt habe. Du siehst hier eine gerichtliche Vollmacht zur Pfändung. Wirbl. Du bist weiter gegangen, als ich von Dir verlangte. Sorgm. Ha, ha, ha! Wer wird auck für sich selber eine Pfändung verlangen? Wirbl. Du wirst doch nicht —? Sorgm. Noch heute werde ick sie veranlassen. 25 Wirbl. Ich kann nicht glauben, daß Du mein Zutrauen so mißbrauchst. Sorgm. Welches Zutrauen? Wirbl. Du treibst den Scherz zu weit. — Gib mir die Papiere! Sorgm. Daß ich ein Narr wäre! — Du siehst doch die Vollmacht in meinen Händen? Wirbl (heftig.) Gib mir die Papiere! (Will sie ihm entreißen.) Sorgm.(stößt ihn von sich). Zurück!sonst wird auch deine Person noch mein Eigen? thum. Füge Dich ruhig in dein Geschick und befolge meinen Rath: Sage Niemanden, wie dieß Alles gekommen — es würde Dich die Welt verhöhnen, so wie sie mich verlachen müßte, wenn ich solche Summen zurückgäbe, die kein Gericht, kein Gesetz mir streitig machen kann. (Ab.) Wirbl (allein). Geh' hin mit dem fluchbeladenen Schatz — ich bin froh, seiner los zu sein. Ich bin jetzt arm, jetzt erst gehöre ich der Welt, der Natur an. Die Menschen alle sind Kinder eines Vaters, besitzen gleiches Erbtheil, — die Armen bewohnen das väterliche Haus, genießen die Freuden der Natur; die Reichen sink für ihren Theil mit Geld bezahlt. — O wie gern gebe ich dieses Geld hin! Zehnte Scene. Schlämmer. Wirbl. Schlämmer. Da bringe ich die Pistolen. Wirbl. Sie sind nicht mehr nöthig. — Ich widerrufe — es wäre Schade um jeden Schuß Pulver. Schlämmer. Oho? Wirbl. Seit Kurzem hat sich Vieles ereignet — ich habe keinen Freund, keine Geliebte und kein Geld mehr. Schlämmer. Kein Geld mehr? Ha! ha! Sie denken sich famos in die Situation hinein. Wirbl. Ich denke mich nicht hinein — ich befinde mich wirklich darin. Schlämmer. Das nenne ich eine lebhafte Phantasie. Wirbl. Hören Sie denn nicht? — Ick habe wirklich kein Geld mehr — keinen Kreuzer — Schlämmer. Ha! ha! Sie halten sich famos selber für einen Narren. (Setzt das Kästchen auf die Rasenbank links und nimmt zwei Pistolen heraus.) Wirbl. Zum Teufel! — wenn ich Ihnen aber sage: Sorgmann hat Mißbrauch mit den Papieren getrieben. Schlämmer. Ach, das sagen Sie nur, damit ich mehr Spielraum habe, Sie zu hindern. Doch machen wir's kurz. Ich bin nicht gewohnt, Duelle auszuschlagen. Wählen Sie eine dieser Pistolen. Wirbl. Es ist gräßlich? ich soll mich schießen für eine Person, die keinen Schuß Pulver werth ist! Schlämmer. Also rasch! Wirbl. Ich habe in meinem Leben kein Duell gehabt — ich verstehe mich nicht darauf. Schlämmer. Wir machen die Sache ganz einfach. Zehn Schritte Distanz; auf 1, 2, 3 drücken wir zugleich los. Messen Sie die Schritte und zählen Sie! Wirbl (indem er die Schritte mißt). Schauerlich! — Ich soll mich umbringen lassen, wo ich erst zu leben anfangen will. Schlämmer. Hurtig! hurtig! Zählen Sie! Wirbl (zitternd). 1, 2, 3! (Beide drücken los.) Schlämmer. Sind Sie getroffen? Wirbl. Nein. Schlämmer. Ich auch nicht. (Bei Seite.) Weil blind geladen war. Wirbl. Wir sind jetzt quitt — und für die Zukunft — Schlämmer. Sein Sie für die Zukunft unbesorgt — ich verschaffe Ihnen noch unzählige Duelle, die gewiß blutiger ausfallen werden, als das unsere. Wirbl. Ich bedanke mich für die Freundschaft. (Für sich.) Ich brauche den Menschen 26 gar nicht mehr; denn seit ich ihn kenne, ist mein ganzes Leben ein Hinderniß. Eilste Scene. Die Vorigen. Frau von Diewald. Emilie. Fr. v. Diew. Hier ist ein Schuß gefallen. Schlämm er. Ich war so glücklich, mich für das schöne Fräulein schlagen zu dürfen. Fr. v. Diew. (leise zu Emilie). Halte Dich jetzt an Den — es fehlen ihm zwar zehn Thaler an einer Million, aber zehn Thaler sollen uns gerade nicht geniren. Emilie (auf Schlämmer zugehend). L) wie sehr haben Sie uns erschreckt! Sie sind doch nicht verwundet? Schlämmer. Im Herzen tief. (Den Damen seinen Arm bietend.) Darf ich bitten, meine Damen? (Arm in Arm mit Frau von Diewald und Emilie ab.) Wirbl (sinkt auf eine Rasenbank). Nein, jetzt werden wir die Hindernisse doch etwas zu stark! Der Vorhang fällt. Dritter Art. (Zimmer bei Prodler mit einer Mittelthür mit Schloß und Schlüssel. Rechts eine Seitenthür, links ein Fenster; am Fenster steht ein Nähtisch und im Hintergründe eine spanische Wand.) Erste Scene. Prodler und Marie. Marie (sitzt am Nähtisch und arbeitet). Prodler (setzt seinen Hut auf und nimmt den Stock zur Hand). Ich gehe jetzt in's Zeitungs-Comptoir. (Nimmt ein Zeitungsblatt hervor.) Die Aufforderung ist vortrefflich abgefaßt, der Titel großmächtig gedruckt. (Liest.) »Millionen kann sich verdienen, wer mit dem Gefertigten in Verbindung treten und mit demselben gleichen Nutzen aus einer von ihm erfundenen Flugmaschine ziehen will, zu deren praktischer Ausführung dem Erfinder ein Capital von tausend Gulden fehlt, aus welchem Grunde er einen Compagnon sucht. Das fertige Modell steht zur Ansicht Desjenigen, der nicht gegen sich selbst verschworen und ein absonderlicher Feind der diesem Geschäfte entwachsenden unzähligen Millionen ist, in der Wohnung des Erfinders aufgestellt. Cajetan Prodler, Mecha- nikus und Erfinder einer ganz neuen Flugmaschine.« Marie. Und doch kamen bisher keine Anfragen. Prodler. Natürlich—gleich neben meiner Aufforderung steht hier ein Inserat: (Liest.) »Zwei Flügel sind zu verkaufen« — das sind höchst wahrscheinlich Clavierflügel, aber die Leute wissen es nicht, und so wird die Aufmerksamkeit von meiner Anonce abgelenkt. Ich gehe daher augenblicklich in das Zeitungscomptoir und bitte mir für meine Ankündigung einen anderen Platz aus. Marie. Kommen Sie bald wieder zurück? Prodler. Ich habe sonst keine Geschäfte. Warum fragst Du? — Wahrscheinlich, um die Zeit für ein heimliches Stelldichein bemessen zu können. Ich kann die Besuche dieses sauberen Herrn v. Wirbl in meiner Abwesenheit durchaus nicht brauchen. Der Mensch ist jetzt verarmt — dort im Arbeitszimmer steht mein Modell aufgestellt—wie leicht könnte er sich verleiten lassen — Marie. Ach, Vater! Denken Sie doch nicht so arg von einem Manne, der — Prodler. Schweig! — Die Noth hat schon Manchen, von dem man es nie erwartet hätte, zu Aehnlichem verleitet, und 27 das Modell wäre allerdings ein Mittel, eine verlorene Million sich zehnfach zurück- znverschaffen. Marie. Sie thun mir sehr weh, von einem Manne so zu sprechen, der Sie oft unterstützte und zur Ausführung Ihres Werkes beitragen half. Probier. Dafür bin ich ihm sehr dankbar und ich werde ihm das Geld bald und zehnfach zurückzahlen; ich sehe aber durchaus nicht ein, warum meine Berücksichtigung dieser Schuld darin bestehen sollte, Dir einen zwecklosen Umgang mit einem Menschen zu gestatten, der leichtsinniger Weise sein Vermögen vergeudete und jetzt als armer Schlucker ein Dachstübchen und gerade zu meinem Leidwesen mit mir in einem Hause bewohnt. Marie. Er hat sein Vermögen nicht leichtsinniger Weise vergeudet — er wurde von einem seiner Freunde schändlich darum betrogen. Prodler. Das schützt er zu seiner Beschönigung vor. Kurz, ich verbiete Dir jede Zusammenkunft mit diesem Menschen, der durchaus keine reellen Absichten haben kann. Der gute Mann hat so seine Gewohnheit noch aus seiner Glanzperiode her, glaubt noch immer, er sei reich, könne noble Passionen haben, möchte tändeln und bloß zum Zeitvertreib ein wenig lieben. Und wehe Dir und ihm, wenn ich Euch etwa wieder einmal bei einander treffe. Ihr fliegt beide zum Hause hinaus — aber ohne Flügel! (Ab.) Marie (allein). Der Vater ist sehr ungerecht gegen Herrn v. Wirbl. Er will ja nichts beschönigen, da er mir gestand, er selber habe seine Armuth herbeigeführt und sie sei eine Folge seines Mißtrauens, das er in die Menschen setzte, so lange er reich war. In der Besorgniß, daß auch mich dieses Mißtrauen hätte treffen können, mied ich damals seine Nähe, so sehr es mich drängte, sie aufzusuchen Er war so geliebt von seinen Dienern, half der Armuth ab, wo er konnte, und unterstützte sehr oft meinen Vater. Ach! wie bedauerte ich damals, zu einem Manne mich unwiderstehlich hingezogen zu fühlen, den die große Kluft seines Reichthums so fern von mir stellte, und ich konnte es mir nicht verhehlen, es erfüllte mein Herz mit Freude, die Nachricht von seiner plötzlichen Armuth zu hören. Nun ist die Kluft ausgefüllt, ich darf mich ihm nähern, darf ihm gestehen, — doch nein, leider darf ich nicht, denn der Vater verweigert jetzt strenge, was er damals gern gestattet hätte. Zweite Scene. Wirbl. Marie. Wirbl (steckt den Kopf durch die Mittelthür). Marie! der Vater ist fort? Marie. Er ging nach dem Zeitungs- Comptoir, kommt aber bald zurück. Wirbl (tritt vor). Ach, das ist doch recht fatal — ich hätte Ihnen so viel zu sagen. Marie. Auch ich hätte Ihnen so Mancherlei zu sagen, aber leider muß ich Sie bitten, ja nicht lange zu verweilen, denn der Vater ist heute sehr übel gelannt, da seine Zeitungs-Annonce noch immer nicht ihre Wirkung hervorbrachte. Wirbl. Hat sich kein Compagnon gefunden? Marie. Leider noch immer nicht, und ich glaube, daß sich für solck' ein Unternehmen auch so bald keiner finden wird. Wirbl. Wenn ich nur in der Lage wäre, mich antragen zu können; wenn ich nur einen kleinen Rest meines Vermögens gerettet hätte, er könnte jetzt mein höchstes Lebensglück sichern. Marie. Allerdings wäre dieß ein schnellerer Weg, doch wandeln wir muthig den langsamen, auch er führt uns an's ersehnte Ziel. Wirbl. Ich habe mich heute um eine Anstellung beworben, und ich hoffe, ich 28 werde sie erlangen — wenn nur Ihr Vater — (Es wird an der Thür gepocht.) Marie (erschreckt). Man pocht — Wir bl. Wer kann das sein? Dritte Scene. Die Vorigen. Schlämmer. Schlämm er. Ah, servus, ssrvus, Freund Wirbl! (Erblickt Marien.) Guten Abend, mein Fräulein! Wirbl (Marie ihm aufführend). Das Fräulein vom Hause, die Tochter des Herrn Me- chanikus Prodler. Schlämmer. Freut mich sehr; dieser Mechanismus macht dem Verfasser sehr viel Ehre. Wirbl (Schlämmer vorstellend). Mein Freund Schlämmer, Mediciner, Schlämmer (zu Wirbl). Ich glaube endlich Ihre Wohnung ausfindig gemacht zu haben, die ich mit aller Mühe aufsnchen mußte, da Sie so lange nichts von sich hören ließen. Wirbl. Ich wohne hier im Hause — diesem Fenster gegenüber. Schlämmer. Ah, da beneide ich Sie um Ihr vis ä vis, welches wahrscheinlich die Ursache Ihres Hierwohnens ist. Wirbl. Meines ferneren Hierwohnens allerdings. Schlämmer. Nun? wie ergeht es Ihnen? haben Sie genug Hindernisse? Wirbl. Mehr als ich brauche. Schlämmer. Das sagen Sie nur. Wie ich Sie kenne, gibt es für Sie nie genug. Na, lassen Sie mich nur machen; ich bin an Ihrer Seite, und da werben Sie sich fleißig einstellen, ich werde eifrigst dafür sorgen. Wirbl. Das ist durchaus nicht mehr nöthig. Schlämmer. Ach, verstellen Sie sich nicht! Marie (ist inzwischen durch die Mitte abgegangen). Wirbl. Kommen Sie mit mir auf mein Zimmer; wir sind hier in der Wohnung des Herrn Prodler, und wenn der käme — Schlämmer. Was wäre dann? Wirbl. Er will durchaus nicht, daß seine Tochter von mir Besuche empfängt. Wenn er mich hier fände — Schlämmer. Das wäre ja gleich wieder ein famoses Hinderniß! Wirbl. Welches ich aber durchaus nicht wünsche — begleiten Sie mich daher auf mein Zimmer. Schlämmer. Mir gefällt es aber hier. Wirbl. Daun muß ich Sie allein lassen. Schlämmer. Ach, leisten Sie mir Gesellschaft. Wirbl. Ich habe Ihnen-deutlich genug erklärt, daß ich nicht darf — und somit empfehle ich mich. (Will ab.) Schlämmer (hält ihn zurück). Bleiben Sie doch — Marie (tritt aus der Mitte unter die Thür). Der Vater kommt — schnell, entfernen Sie sich! Wirbl. Da haben wir's! Schlämmer (hält Wirbl zurück). Sie werden bleiben! Wirbl. Lassen Sie mich doch — Marie (die immer ängstlich aus- und eingegangen). Der Vater ist bereits im Hause — es ist zu spät! Wirbl (zu Schlämmer). Was jetzt anfangen? Schlämmer (zu Wirbl). Sie müssen sich verstecken! Wirbl (will rechts in s Nebenzimmer). Marie. Nicht da hinein — das ist des Vaters Arbeitszimmer. Wirbl. Wohin denn? Marie. Gehen Sic da hinter die spanische Wand und verhalten Sie sich ruhig, bis der Vater in sein Zimmer geht, dann können Sie unbemerkt entschlüpfen. Wirbl (zu Schlämmer). An dem Allen sind Sie Schuld. Schlämmer. Es geht ja Alles ganz nach Wunsch. — Sehen Sie, wie ich Ih- 29 neu gesagt habe; die spanische Wand kommt auch schon in Anwendung — o, es wird noch besser kommen! Wirbl (aufgebracht). Das möchte ich mir verbitten! Marie (zu Schlämmer). Wünschen Sie den Vater zu sprechen? Schlämmer. Ich? — Ja. (BeiSeite.) Jetzt geht's gut; was soll ich denn sagen? Vierte Scene. Die Vorigen. Probier. Marie (aus Schlämmer zeigend). Ein Herr, der Sie zu sprechen wünscht. Schlämmer (auf Probier zueilend). Wird mir endlich das Glück zu Theil, den Reformator der Mechanik, den Verfasser mehrerer Weltwunder, den Entdecker des Perpetuum mobile, den Erfinder der vollkommensten Flugmaschine und den Schöpfer vieler anderer Werke, über welchen ich so viel Lobenswertstes und Rühmliches gehört und gelesen habe, kennen zu lernen! Prodler. Der bin ich — Sie haben wahrscheinlich meine Zeitungs-Anonce gelesen? Schlämmer. Ob ich sie gelesen habe—! (Bei Seite.) Keine Sylbe. Prodler. Nun, was halten Sie von der Sache? Schlämmer. O ausgezeichnet — wirklich famos! Prodler. Sie schenken mir Ihr Zutrauen? Schlämmer. Das vollste. Prodler. Und sind gesonnen, mit mir in Compagnie zu treten? Schlämmer. Wie? zum Militär? Prodler. Sie scheinen die Anonce doch nicht gelesen zu haben? Schlämmer. O, sehr aufmerksam — Prodler (gibt ihm die Zeitung). Belieben Sie's noch einmal zu überblicken. Schlämmer (liest halblaut). Nun ja — ganz recht — dieselbe Anonee, die ich gelesen habe. Prodler. Sie sind also bereit? Schlämmer. Die tausend Gulden zu erlegen? — Allerdings — mit dem größten Vergnügen. Prodler. Ich werde Ihnen sogleich hier in meinem Arbeitszimmer das Modell zeigen. Wirbl (für sich). Endlich fahren sie ab! Schlämmer. Das hat noch Zeit — ich habe vorher noch ein Anliegen vorzubringen. Prodler. Ich stehe zu Diensten. Wirbl (für sich). Und ich auf Kohlen! Schlämmer. Unter Ihren ausgezeichneten Mechanismen befindet sich noch ein herrliches Werk, welches schon lange meine Aufmerksamkeit im höchsten Grade erregte und dessen Besitz mich überglücklich machen würde. Prodler. Welches Werk? Schlämmer. Ihr Fräulein Tochter. Wirbl (für sich). Was? — hör' ich recht?! Prodler (leise zu Marie). Sei freundlich gegen den Herrn und denke, um was es sich handelt. Schlämmer Längst schon wollte ich es wagen, Ihnen dieses Anliegen vorzubringen, und um so erwünschter kam mir Ihre Zeitungs-Annonce, die mir die schickliche Gelegenheit verschafft, Sie darum zu bitten, daß Sie für die Zukunft auf Ihre Firma schreiben: »Prodler L Schwiegersohn.« Wirbl (für sich). Das ist schändlich! Prodler. Ich habe zwar nicht das Vergnügen, Sie näher zu kennen, aber ich will Ihr Zutrauen mit dem meinigen erwiedern. Schlämmer (nimmt Marie bei der Hand). Darf ich auch auf Ihr Zutrauen hoffen? Wirbl (für sich). Der Unverschämte nimmt sie bei der Hand! Schlämmer. Sie schweigen? Prodler. Die freudige Ueberraschung macht sie stumm. (Heimlich zu Marie.) Sei doch freundlich — denke an die flügelbedürftige Menschheit. Marie (seufzend). Ach, könnte ich fliegen! 30 Probier (zu Schlämmer). Hören Sie? — sie kann nicht erwarten, daß Sie mir helfen, das möglich zu machen. Sie verstehen wohl diese verblümte Erklärung? Wir bl (für sich). Das halte ich nicht länger aus. Schlämmer (sieht plötzlich links im Zimmer umher). Mir ist, als ob ich ein Geräusch vernommen hätte. Marie (ängstlich und leise zu Schlämmer). Was machen Sie denn? Wirbl (für sich). Ich bin da auf einer wahren Folter. Prodler. Auch mir ist so, als ob — (sieht sich rechts im Zimmer um). Schlämmer. Es muß hier Jemand versteckt sein. Marie (leise zu Schlämmer.) blm des Himmelswillen, schweigen Sie doch! Schlämmer. Hinter dieser Wand. (Zieht dieselbe weg.) Wirbl (tritt verlegen hervor und raunt Schlämmer ins Ohr). Elender! Schlämmer (leise zu ihm). Ich bin nur ein Hinderniß. Wirbl. Schweigen Sie! Prodler. Mein Herr — wie kommen Sie hieher? Schlämmer. Was machen Sie hinter diesem Versteck? Wirbl. Verzeihen Sie, Herr von Prodler — Prodler. Ich verzeihe nicht. Schlämmer. Ich auch nicht. Wirbl (zu Schlämmer). Vor Ihnen habe ich mich nicht zu vertheidigen. Schlämmer. O sehr bedeutend, da ich Sie hier in dem Zimmer meiner Braut finde. Wirbl. Noch ist sie Ihre Braut nicht. Schlämmer. Ich habe bereits die Einwilligung des Vaters. Wirbl. Marie, sprechen Sie! Prodler. Die hat nichts zu sprechen. (Zu Marie.) Du gehst an deine Arbeit — in die Küche — nun, wird's? Marie. Ich gehe ja schon. (Ab.) Prodler (zu Wirbl). Und Sie muß ich ersuchen, diesem Auftritt augenblicklich ein Ende zu machen. « Schlämmer. Das werde ich thun — ich glaube, daß das Herz Ihrer Fräulein Tochter nicht mehr frei ist und ziehe mich daher bescheiden zurück. (Will ab.) Prodler (hält ihn zurück). Bleiben Sie — was fällt Ihnen ein? — Die Tochter muß sich dem Willen des Vaters fügen — heute noch ist die Verlobung. Schlämmer. Hier sind zwei Freier um die Hand Ihrer Tochter, gestatten Sie eine längere Frist, in welcher wir Gelegenheit haben, uns wetteifernd um Ihre und des Fräuleins Gunst zu bewerben. Wirbl. Gestatten Sie uns das! Prodler (zu Wirbl). Was nutzt Ihnen alle Gunst? — Ihnen, der Sie ein armer Schlucker sind, während dieserHerr, in Verbindung mit mir meiner Tochter die glänzendste Eristenz sichert? Schlämmer. Ich bin allerdings in der Lage, jene Summe anzubieten, welche Sie zu Ihrem Unternehmen benöthigen, und ich werde sie bei Unterfertigung des Ehecon- tractes alsogleich überreichen. (Nimmt eine Brieftasche hervor.) Sie sehen, ich trage dieses Geld in Baarem bei mir. Prodler. Es bleibt daher bei unserem Vertrag. Wirbl (zu Schlämmer). Also wollen Sie mich jetzt mit demselben Gelde hindern, das Sie von mir zum Geschenk erhielten? Schlämmer. Ich läugne nicht, daß es eine jener Summen ist, die Sie damals in Ihrem Uebermuthe mir wider meinen Willen an den Hals warfen, aber das sollten Sie in Gegenwart dieses Herrn nicht einmal sagen, denn Sie -declariren sich dadurch in den Augen Ihres voraussichtlichen Schwiegerpapa's als einen Verschwender. Prodler. O, als das ist er mir längst bekannt. Wirbl. Es ist gräßlich! Schlämmer. Da Sie aber selber so ganz gegen Ihren eigenen Vvrtheil sprechen, 31 brauche auch ich nicht mehr schonend gegen Sie zu verfahren, und somit enthalte ich mich nicht länger, Ihre schmählichen Aeu- ßerungen Herrn Prodler mitzutheilen, denn es thut mir weh, von Ihnen seine Kunst beschimpft zu hören, für welche ich in Begeisterung glühe. Prodler. Wie? Verrath an dem Heiligsten?! Was? Verrath an meiner Kunst?! Wirbl. Was wollen Sie damit sagen? Schlä innrer. Können Sie läugnen, daß Sie das erfinderische und höchst löbliche Streben dieses Mannes eineNarrheit nannten? (Leise.) Bestätigen Sie. Wirbl (außer sich vor Zorn). Hören Sie — wenn Sie — Sie treiben's nun zu arg! Prodler. Was muß ich hören? Meine Erfindung eine Narrheit?! Schlämm er. Können Sie leugnen, daß Sie jene ausgezeichnete Flugmaschine, den Triumph des menschlichen Verstandes, einen Arm- und Bein - Entzweibrechungs- Apparat nannten? (Leise.) Bestätigen Sie! Prodler. Meine Maschine ein Arm- und Bein-Entzweibrechungs-Apparat?! Wirbl. Wenn Sie jetzt mit Ihrer Verleumdung nicht bald aushören, so vergreife ich mich an Ihnen! Schlämm er. Können Sie leugnen, daß Sie diesen Mann, den ersten Künstler Deutschlands, vielmehr Europas oder noch besser der ganzen Welt, einen Schwindelkopf nannten, der sich auf seinen mechanischen Flügeln zu Luftschlössern erhebt, von welchen er Herabstürzen und sich mittelst eigener Erfindung das Genick brechen wird? (Leise.) Bestätigen Sie doch! Wirbl (aus Schlämmcr wüthend zugeheud). Ich halt's nicht mehr aus! Prodler. Ich ein Schwindelkopf?! Schlämm er (zu Wirbl). Jetzt schnell die Werbung! Prodler (zu Wirbl). Und Sie treiben Ihre Unverschämtheit so weit, daß Sie aus meiner Narrheit Nutzen zu ziehen sich unterstehen, meine Tochter, die Tochter eines solchen Narren, wie ich bin, zur Frau nehmen zu wollen? Marsch, fort aus meinem Hause, und wagen Sie es nie wieder, mir unter die Augen zu kommen. (Zu Schlämmer.) Wenn es Ihnen jetzt gefällig ist, mir in mein Arbeitszimmer zu folgen und das Modell zu besichtigen? Schlämmer. Ich sehne mich nach dem Anblick dieses Meisterwerkes. (Mt Prodler abgehend.) Wirbl (Schlämmer nachschreiend). Schlechter Mensch, wir treffen uns noch! Schlämmer (lachend). Wenn Sie Hindernisse nicht abhalten. (Ab mit Prodler.) Wirbl (allein). Der Kerl bringt mich noch um; er begeht an mir schleckte Streiche und nennt das Hindernisse! Der Filou ist im Stande und heiratet mit meinem Gclde, um das er mich betrügerisch gebracht hat, mir meine Braut vor der Nase weg. Hole der Teufel die Hindernisse! (Ab.) Fünfte Scene. Schlämmer. Prodler und Marie (treten aus der Seitenthür rechts). Prodler. Herr Schwiegersohn in 8pe, wir sind nun ganz in Ordnung, ich eile schnell zum Notar, den Heirats-Contract ausfertigen zu lassen. Schlämmer. Sie gönnen mir wohl das Vergnügen, Sie zu begleiten? In einer Stunde finde ich mich dann zur Unterschrift ein. (Zu Marie.) Bis dahin leben Sie wohl, meine holde Braut! (Zu Prodler.) Um aber einen neuen Besuch des Herrn von Wirbl bei meiner künftigen Gattin zu verhüten— wollen Sie wohl die Güte haben, die Wohnung bis zu Ihrer Rückkehr sorgfältig zu verschließen? Prodler (zieht den Schlüssel der Mttelthür ab). Ich bin diese Sorgfalt meinem baldigen Compagnon und Schwiegersohn schuldig. (Ab mit Schlämmer.) 32 Schlämm er (,m Abgehen). Adieu, schöne Braut! (Man hört das Schloß von außen absperren.) Marie (allein). Daß das Verhängniß gerade jetzt diesen häßlichen Compagnon herbeiführen mußte! Noch heute soll ich mit diesem Menschen verlobtwerden, den ichhasse, den ich verabscheue und der mir in der kurzen Zeit seines Hierseins schon so unausstehlich wurde. Eher sterben! — Aber was soll ich thun? — Ich bin eingeschlossen, kann mir nicht Rath, nicht Trost holen! (Geht zum Fenster.) Wirbl ist an seinenl Fenster nickt zu sehen. — Das wäre noch das einzige Mittel, sich durch Zeichen zu verständigen. -Ack! (Springt plötzlich erschreckt Zurück.) Sechste Scene. Wirbl (kommt von unten am Fenster herauf). Marie. Wirbl. Marie! machen Sie auf! Marie. Ach, Sie sind's! Wirbl. Schnell, machen Sie auf! Marie (öffnet das Fenster). Ans welche Art kommen Sie hierher? Wirbl (welcher hereingestiegcn ist). Ich habe beim Fortgehen Ihren Vater belauscht und gehört, daß er die Thür versperrte. Es ist die höchste Gefahr im Verzüge — spre- cken mußte ich Sie, also wählte ich dieses einzige Mittel und begab mich mittelst einer Leiter, vom Dunkel des Abends begünstigt, hierher. Doch jetzt lassen Sie uns an schnelle Rettung denken. Es gibt nur eiu Mittel und das ist schleunige Flucht. Marie. Wie? Wirbl. Sie wollen da noch überlegen? Wollen Sie die Frau eiues Anderen werden, während ich verzweifeln muß? Marie. Ach, nein, nein! — Ich meine nur, auf welche Art wird es uns möglich—? Siebente Scene. Die Vorigen. Schlämmer (erscheint am Fenster). > Schlämmer (winkt Jemandem im Hofraum, zu ihm herauf zu kommen). Wirbl (welcher, ebenso wie Marie, Schlämmer nicht bemerkt). Auf welche Art? — die schnellste und beste ist diese: Sie setzen einen Hut auf, hängen einen Mantel um und folgen mir auf demselben Wege durch's Fenster, den ich hierhergekommen bin. Für das Weitere lassen Sie mich sorgen. Marie (nimmt Hut und Mantel). Wenn aber — Wirbl. Kein Aber — schnell, schnell! Es gibt keinen anderen Ausweg. So — jetzt folgen Sie mir! (Beide gehen gegen das Fenster, prallen aber erschreckt zurück, als sie Schlämmer erblicken.) Scklämmer. Halt! bis hierher und nicht weiter! Wirbl. Herr, wollen Sie mich denn fortan wie ein Dämon verfolgen? Schlämmer. Allerdings. Wirbl. Lassen Sie nun einmal Ihre Späße, ich habe sie satt. (Will fort.) Schlämmer. Zurück! Nur über meine Leiche geht der Weg zum Altar. Marie. Mein Herr, ich bitte, ich beschwöre Sie, lassen Sie ab, uns zu verfolgen! Schlämmer. Meine holde Braut — Marie. Ich bin nicht Ihre Braut und werde es uie sein! Wirbl (heftig). Ich rathe Zhnen, halten Sie uns nicht auf! Marie. Der Vater wird gleich hier sein. Schlämmer. Er ist bereits auf dem Wege hierher. (Ruft von der Leiter hinab.) Ich bitte, nur herauf zu spazieren! (Prodler steigt zum Fenster herein.) Wirbl. Jetzt wird's gut! 35 Achte Scene. Die Vorigen. Prodler. Pro dl er (erscheint am Fenster). Marie. Himmel, der Vater! Schlämmer(zu Prodler). Soeben halte ich das Pärchen von einem Fluchtversuche ab. Prodler (aus Wirb! zugehend). Mein Herr, Sie treiben Ihre Keckheit zu weit. Schlämmer (zu Wirbl). Sie pflegen, wie Sie mir selber sagten, Jeden, der dergleichen wagt, über die Leiter hinabzuwersen, selbst dann, wenn Sie im dritten Stock wohnen — um wie viel mehr hätte ich jetzt das Recht dazu, da wir uns nur im ersten Stock befinden. Wirbl. Sie sind hier nicht in Ihrer Wohnung! Prodler. Aber ich bin in meiner Wohnung — (sperrt die Thür auf) und habe das Recht, Sie zu dieser meiner eigenen Thür hinaus zu spediren. Wirbl. Ich will Sie nicht zwingen, diesen Befehl zu wiederholen. (Zm Abgehen zn Schlämmer.) An Ihnen werde ich mich zu rächen wissen, Sie grundschlechter Kerl Sie! (Ab.) Schlämmer (ihm nachrusend). Nur Hindernisse ! Prodler (zu Marie.) Also so geht es in meiner Abwesenheit zu? Marie. Lieber Vater — Prodler. Schweig'! — Dafür gibt es keine Beschönigung. Schlämmer. Ich bitte das Fräulein zu entschuldigen. Sie kann nichts für die Zudringlichkeit dieses verliebten Gecken! Nun bitte ich aber, ruhig Ihres Weges zu gehen; ich werde, um sie vor wiederholten Zudringlichkeiten zu wahren, meiner Braut indessen Gesellschaft leisten. Prodler. Ich gehe also in Zuversicht, daß ich Sie hier treffe, wenn ich zurückkehre, was sehr bald der Fall sein wird. Schlämmer. Ich werde das Vergnügen haben! Theater-Repertoire Nr. ISS. Prodler (leise zu Marie). Daß Du freundlich und artig bist gegen diesen Herrn! (Zu Schlämmer.) Auf baldiges Wiedersehen! (Ab.) Schlämmer (nach einer Pause). Heute ist ein schöner Tag! Marie (zum Fenster hinaussehend). Ergibt ein Zeichen, wenn ich es nur verstehen könnte! Schlämmer. Ein wenig kühl ist eS! Marie (wie oben). Ach, nun verstehe ich — er wird an mich schreiben. Schlämmer (geht zum Fenster). Dürfte ich Sie nicht bitten, das Fenster zu schließen — die Nachtluft ist so kühl. (Schließt das Fenster.) Marie (abhaltend). Lassen Sie offen — ich finde die Abendluft sehr angenehm. Schlämmer (der sich nicht abhalten läßt). Meine schöne Braut muß sich schon vorläufig daran gewöhnen, ihrem künftigen Gatten auch bisweilen einen Willen zu gestatten. Marie. Ich muß Ihnen nur offen gestehen, daß ich mich selbst an diesen Ihren Willen, mein Gemal zu werden, nicht gewöhnen kann. Schlämmer. Das wird sich mit der Zeit wohl geben. Marie. Wenn ich Ihnen aber offen gestehe, daß ich nicht die geringste Neigung für Sie hege! Schlämmer. Das thut nichts! Marie. Daß ich Sie hasse — Schlämmer. Das ist recht! Marie. Daß Sie mir im höchsten Grade zuwider und unausstehlich sind, daß ich Sie verachte! ^ Schlämmer. DaS freut mich! Marie. Wie? das freut Sie? Schlämmer. Ich werde mir alle erdenkliche Mühe geben, zu bewirken, daß Sie aufhören, mich zu Haffen, mich zu verachten, und wenn mir das gelungen, ist der Lohn um so süßer, je größer die Mühe war! Marie. DaS wird Ihnen nie gelingen! S 34 Sch lamm er. Ich hoffe mit Zuversicht, daß ich dieses schöne Ziel sehr bald erreiche. Marie. Nein, nein, nein! Schlämmer. Ja, ja, ja! Neunte Scene. Die Vorigen. Ein Lastträger (mit einem Buche). Träger (auf Marie zugehend). Ich bitte, sein Sie die Fräulen Marie? Marie. Was steht zu Diensten? Träger. Ich soll eine schöne Empfehlung von Herrn v. Wirb! ausrichten, und da schickt er Ihnen das Buch zurück, was Sie ihm geliehen haben. Er läßt sich recht schön bedanken dafür. (Gibt Marie ein Buch.) Marie. Meine Empfehlung an Herrn v. Wirbl. Träger. Ich werd's ausrichten. (Ab.) Schlämmer (will das Buch nehmen). Sie erlauben — Marie. Später werde ich es Ihnen zeigen — ich habe jetzt Einiges nachzuschlagen, das ich längst aufsuchen wollte. Schämmer, Gestatten Sie mir nur den Titel zu lesen. Marie. Später — Schlämmer (nimmt ihr das Buch auS der Hand.) Ich muß Sie wiederholt ersuchen, sich daran zu gewöhnen, daß Ihr künftiger Gatte auch seinen Willen hat. Marie. Sie treiben Ihre Zudringlichkeit zu weit — geben Sie mir das Buch zurück! Schlämmer (nimmt einen Brief aus dem Buche). Hier haben Sie es. Marie. Was nehmen Sie für einen Brief heraus? Schlämmer. Das weiß ich selber noch nicht, aber wir werden es sogleich erfahren. (Erbricht ihn.) Marie. Was erlauben Sie sich? Schlämmer. Ihn zu lesen. Marie. Mit welkem Rechte? Schlämmer. Mit dem Rechte des Bräutigams — ich gestatte meiner Braut keine geheime Correspondenz. (Liest.) »Eingreifen Sie den nächsten Augenblick, um »Ihrer Wohnung unbemerkt zu entschlü- »pfen — ich erwarte Sie am Thore in »einem verschlossenen Wagen, der zu unserer Flucht bereit steht. Es sieht Ihrer »baldigen Ankunft mit Sehnsucht entgegen »Ihr Sie ewig liebender Carl Wirbl.« — Schöne Dinge, die ich da erfahre! Marie. Geben Sie mir den Brief! Schlämmer. Sie entschuldigen, aber das werde ich nicht thun. (Steckt ihn zu sich.) Marie. Was wollen Sie damit? Schlämmer. Ich werde ihn Ihrem Vater zeigen. Ah, da kommt er wie gerufen. Zehnte Scene. Die Vorigen. Prodler. Pro dl er. Na, da bin ich wieder. Der Contract ist bestellt und noch heute — Marie (will durch die Mittelthür entschlüpfen). Schlämmer (bemerkt es). Bleiben Sie, mein Fräulein! (Zu Prodler.) Ich bitte diesen Brief zu lesen, der soeben in meine Hände gerieth. Marie. Ich habe in der Küche zu thun. (Will ab.) Prodler (zuMarie) . Dageblieben! (Nimmt den Brief.) Was werde ich wieder erfahren müssen. (Liest halblaut.) Ei, ei, recht schlau eingeleitet — also wiederholte Fluchtversuche? Die werde ich zu verhüten wissen. Da hinein in mein Arbeitszimmer. Von nun an bleibst Du unter meiner Aufsicht. Nun, wird's?! Marie (leise zu Schlämmer). Sie abscheulicher Mensch, ich kratze Ihnen die Augen aus! (Durch die Scitenthür rechts ab.) Prodler (zu Schlämmer). In einer Stunde bringt der Notar den Heiratscoutract. Schlämmer. Ich werde mich alsdann zur Unterschrift einfinden. 35 Prodler. Ich erwarte Sie. (Folgt Marien.) Schlämmen (allein). Die Sache macht sich vortrefflich. — Dem guten Wirbl wird nun eine neue Ueberraschung bereitet. Nebst der Angebeteten werden ich und der Herr Flugmeister uns zu Wirbl in seinen bestellten Wagen gesellen und der Kutscher erhält von mir die Weisung, wohin er uns zu führen hat. Wenn ich Alles, was ichseitWirbl's Bekanntschaft mit ihm und wegen seiner erlebte, beim Licht betrachte, so hatte wohl auch ich die schwierigsten Hindernisse zu beseitigen oder zu überwinden! Kann es wohl einen größeren Thoren geben, als den, der sich Hindernisse wünscht? — Du lieber Gott! Sie bleiben keinem Menschen auf Erden aus; jeder Stand hat seine Beschwerden. Keine Rose ohne Dornen. Couplet. Kaum wenn des Abends das Glöcklein verklungen, Da waudelt ein Pärchen, von Liebe umschlungen. Romantisch beleuchtet den Hain blasser Schimmer, Bei Luna's und lieblicher Sternchen Geflimmer, Und Liebe nur flöten harmonisch sie nach Dem murmelnden, lispelnden, säuselnden Bach. Doch bald folgt auf die Romantik Eifersuchtsverdrießlichkeit, DaS Verhältniß wird jetzt hantig 's schwindet alle Süßigkeit; Sie fällt in eine Krankheit, Die sie nimmt gewaltig mit, Und entwickelt eine Schlankheit, Daß man nur noch d'Kleider sieht; Ihre Reize, die verlor'nen, Sucht er jetzt wohl anderwärts — Keine Rose ohne Dornen, Keine Liebe ohne Schmerz! Früh Morgens sehr zeitlich, im Arm einen Plutzer, Sieht täglich i'.n Prater eine Witwe ihr'n Stutzer. Das Weiberl ist hübsch und mit Maxen beschlagen, D'rum thut er den Pillnaer Plutzer ihr tragen, So machen's zusammen zum Lnsthaus die Tour — Sie braucht und er schneidet tagtäglich die Cur. Doch sie hätschelt, weil's so Mod' ist, Ein'n Pinsch mit gestutzten Ohr'n, Der großmächtig und fuchsroth ist, Halb verwachsen, halb geschor'n; Mit dem Vieh, das muß ihn schmerzen, Theilt er sich in ihre Gunst, Oester thut den Hund sie Herzen, Während sie den Herren hunzt — Und den Pinsch, den halbgeschor'nen, Busselt'S ab oft eine Stund' — Keine Rose ohne Dornen, Keine Witwe ohne Hund! Ein Dampfer rutscht schnell auf der Donau hinunter, Es drehen die Räder sich hurtig und munter; Er schwebet vorüber an schönen Gefilden, Die reizende Ufer am Heimatsstrom bilden; Und Jeder, von Lust und von Freude erfüllt, Ruft auf'm Verdeck: »Ach! welch' herrliches Bild!« Doch wenns dreißig Grade Hitz' hat, Voll mit Schiffsknecht' angefüllt, Ist d'Eajüte wie ein Schwitzbad, Wohl durchaus kein herrlich Bild; Denn hindurch die ganze Nachtzeit, Weil's kein persisch Pulver streu'n, Bleiben bis zum Morgen wach d' Lenk', Können sich des Schlafs nicht freu'n; Und auf'm Lager, dem verworr'nen, Werden'S tausendmal geweckt — Keine Rose ohne Dornen, Und kein Damvfschiff ohn^ Insekt! 36 »Ach Gott!« ruft einEh'mann, »wiebin ich glückselig! Wenn heute ich wählen soll, keine Andere wähl' ich, Ich find' keine Zweite wohl auf tausend Stund' weit, Die sich möcht' so kümmern um meine Gesundheit; Damit ich Bewegung Hab', sitz'nicht zu Hans, Schickt's täglich geg'n Abend nach Grinzing mich aus.« Doch im Haus als Mitbewohner, Gleich dem Eh'paar nebenan, Haust ein schmucker Herr Dragoner, Den trifft oft zu Haus der Mann; Und zur Welt bringt die Frau ein Knäb- lein, Wunderlieb, doch 's ist fatal, Im Gesicht, gleich neb'n dem Schnäblein Hat's zwei Spor'n als Muttermal; Da besieht den Neugebor'nen Jetzt der Mann und ruft im Zorn: Keine Rose ohne Dornen, Kein Dragoner ohne Spor'n! »Sie zieh'» in mein Haus'was mir das für 'ne FreO>' macht, Ach,kommen Siebald nur, ist's gefällig, schon heut' Nacht, Ich habe die Wohnung für Sie allein her- gericht't, Obgleich ich von Andern dafür hätte mehr kriegt; Auch trage ich Ihnen denHausschlüffel an.« »Na,«denktsichderMiether,»einrechtsreund- licher Mann!« Doch ein Jahr kaum drinnen lebend, Schau'n die Leut' d'rin ganz beduft, Schrecklich gichtisch, ängstlich bebend, Liegen's da in Zug und Lust! Gar kein Zimmer läßt sich Heizen, Weder Thür noch Fenster hält, Und die Decke muß mau spreizen, Daß sie nicht herunterfällt. Dennoch sind die Auserkor'nen Viermal g'steigert word'n, was thut's? Keine Rose ohne Dornen, Und kein Hausherr ohne Schmutz! Ein Hagestolz jubelt: »Wie fühl' ich mich glücklich, Das Junggesell'n-Leben ist doch recht erquicklich, Denn an meiner Seite brummt keine Lan- tippe, Mich quälet nichtAdams verwandelte Rippe, Mich wecken nicht Kinder mit Weinen und Schrei'n, O selig, o selig, ein Jungg'sell zu sein!« Doch wenn Sonntags bringt die Waschfrau Ein Paar Hemden, die noch blieb'n, Die statt weiß, vielmehr schon aschgrau Von der Bürste durchgerieb'n; Und wenn er noch in der Nacht spät Eines Engels harrt im Schnee, Drei, vier Stunden auf der Wacht steht, Nach dem Fenster blickt in d' Höh', Da fällt's ein dem Halbersror'ncn, Wenn ihm weh schon thut sein G'nack, Keine Rose ohne Dornen, Und kein Jungg'sell' ohne Plag'! Verwandlung. (Elegant decorirter Gartensalon, festlich geschmückt und glänzend beleuchtet.) Eilfte Scene. Christoph und Lorenz (in reicher Livree, welche damit beschäftigt sind, die Kerzen der Lustres anzuzünden). Christoph. Das wird ein glänzendes Fest, wie wir schon lang' kein's gehabt haben. Wie nur der ehemalige arme Studiosus, der Herr Schlämmer, in den Besitz dieses Prachthauses gekommen ist? Lorenz. Er hat ja 200,000 Gulden in der Lotterie gewonnen und hat das Haus dem reichen Herrn von Sorgmann abgekaust; der Herr Sorgmann hat's aber unserm ehemaligen Herrn schon früher abgelurt. Ja, 37 ja, unserm ehemaligen Herrn seine falschen guten Freunde haben ihn um Alles gebracht, daß er jetzt Noth leiden muß. So einen guten Herrn bekommen wir nimmer, wie unser erster Herr von Wirbl war. Christoph. Wir hätten ihn auch behalten, wenn er nicht selber fortgegangen wär' — ich Hab' ihm nicht aufgesagt. Lorenz. Mir ist's recht leid um ihn. Christoph. Unserm Herrn von Wirbl ist aber auf einmal der Kopf ganz wirklich geworden. Lorenz. Daran sind seine guten Freunde Schuld, die ihn mit der Zeit ganz an den Bettelstab gebracht haben. Christoph. Hätten Sie ihn nur zur Hälfte an den Bettelstab bringen sollen? Ein halber Stab kann nie eine Stütze sein. Lorenz. So viel ich gehört Hab', ist unser neuer Herr auch einer von den g'wis- sen guten Freunden. Christoph. Das ist der, der erst in der letzten Zeit in's Haus gekommen ist, 's Unterste zum Obersten gekehrt und unfern Herrn noch ganz verrückt gemacht hat. Lorenz. Der nämliche — Schlämmer heißt er. Christoph. Na, wenn's so fortgeht, wie heut', so wird wohl unser neue Herr, der Herr von Schlämmer, das verschläm- men, was unser erster Herr, der Herr von Wirbl, noch nicht verwirbelt hatte. Lorenz. Heut' feiert der Herr von Schlämmer seine Verlobung mit dem säubern Fräulein, die unfern ersten Herrn so zum Narren gehalten und nur so lange geliebt hat, als er reich war. Christoph. Was nutzt das Plauschen? Wir ändern nichts. Komm'! angezünd't haben wir, — jetzt geh'n wir löschen. (Beide ab ) Zwölfte Scene. Sorgmann. Fr. v. Diewald. Emilie. Fr. v. Diew. (zu Torgmann). Sie geben sich so vielMühe mit dem Arrangement. Emilie. Wir können nicht genug bewundern. Sorgm. Die Veranlassung dieses Festes ist für meinen Freund Schlämmer eine zu ernste, als daß ich es nicht für meine Pflicht halten sollte, zu dessen Feierlichkeit mein Möglichstes beizutragen. Fr. v. Diew. Wir sind Ihnen sehr dankbar. Sorgm. Sie haben durchaus nicht Ursache. Emilie. Aber mein Bräutigam läßt lange auf sich warten. Dreizehnte Scene. DieVorigen. Zierer. Willig. Fellner. Sorgm. (geht unbemerkt ab). Zierer (zu Emilie). Mein Fräulein! wir kommen, Ihnen unfern Glückwunsch dar- zubringen. Willig. Freundlich beleuchte Hymens Fackel Ihr Leben! Fellner. Und Amor streue Rosen, aber ohne Dornen, auf alle Ihre Pfade. Emilie. Ich danke Ihnen, meineHerren. Zierer. Wir hoffen von Ihrem künftigen Herrn Gemal ebenso wie von dem früheren Besitzer dieses Hauses freundlich ausgenommen zu werden. Fr. v. Diew. Sie werden gewiß gern bei uns gesehen sein. Willig. Wir gehören gleichsam zum Inventar dieses Hauses und werden mit den Möbeln übergeben und übernommen. Fellner. Ja, wir halten fest an dem Hause. Fr. v. Diew. Und kümmern sich wenig um den Wechsel der Herren desselben? Zierer. Ach, so war es nicht gemeint. (Inzwischen haben sich die Gäste versammelt, welche Sorgmann empfing.) Fr. v. Diew. (zu Zierer). Herr von Schlämmer gedenkt wohl erst später uns das Vergnügen seiner Gegenwart zu schenken. 38 Zierer. Wenn ich der Bräutigam wäre, ich hätte die Ankunft der Gäste vor Ungeduld nicht erwarten können; statt dessen läßt Herr von Schlämmer die Gäste auf sich warten. Sorgm. So eben wurde mir gemeldet, daß er bereits ankam. — Ah, da ist er ja schon, und in Begleitung einiger Gäste. Fr. V. Diew. (nach der Seite blickend, woher die Gäste kommen). Was sind das für Leute? Gar nicht festlich geschmückt! Vierzehnte Scene. Die Vorigen. Schlämmer (festlich geklei- det). Wirbl. Prodlcr. Marie. Wirbl (freudig). Sorgmann! Schlämmer! also ist's wirklich so, wie Ihr mir gesagt habt? Also Wahrheit? kein Traum? Sorgm. Wahrheit, von der Du Dich sogleich überzeugen sollst! Wirbl (stürzt Sorgmann in die Arme). Theurer Freund, den ich so lange verkannte! Sorgm. ES wird mich um so mehr erfreuen, wenn Du mich von nun an ganz erkennst! (Ueberreicht ihm eine Schrift ) Empfange hiermit dein Eigenthum zurück, das ich nur deshalb so lange Dir vorenthielt, um Dir die Gelegenheit zu verschaffen, Menschen um Dich zu versammeln, von deren Liebe, von deren Freundschaft Du wahrhaft überzeugt sein kannst. Deine Ansicht: »Der Reiche sei unglücklich,« war eben so überspannt, als die verbrauchte Floskel: »Reichthum macht nicht glücklich,« nicht ganz stichhältig ist. Der Reichthum macht uns glücklich, sobald wir uns nicht zu Argwohn und Mißtrauen verleiten lassen, sobald wir für fremdes Elend nicht erblinden und ihn dazu anwenden, Andere, so viel in unseren Kräften steht, glücklich zu machen. Wirbl. Wie soll ich Dir danken? Du gibst mich dem Leben wieder! Sorgm. Es ist nicht bloß mein Werk. — (Auf Schlämmer zeigend.) Hier steht mein Verbündeter. Schlämmer. Ja, ich war der Helfershelfer. — Nun. habe ich Sie gehindert? Wirbl. Im Gegentheil, Sie haben mir zu meinem höchsten Glück verholfen. Nun habe ich wieder Freunde— eine Braut Mld'Geld. — (Umarmt Sorgmann und Schlämmer) Freunde, die es aufrichtig mit mir meinen — (Mariens Hand erfassend) eine Braut, die mich wahrhaft liebt — und Geld, das mir helfen wird, Andere zu beglücken und die Thränen des Kummers zu trocknen. Prodler. Vor Allem bitte ich, meine Flugmaschine nicht zu vergessen. Wirbl. Sie sollen fliegen, so hoch eS Ihnen beliebt. Fr. v. Diew. Ich falle aus den Wolken! WaS soll dieß Alles bedeuten? Schlämmer (zu Fr. v. Tiewald). Geht Ihnen trotz dieser vielen Lustreö noch kein Lickt auf? Fr. v. Diew. Sie haben uns schändlich betrogen, indem Sie sich für den Eigen- thümer dieses Hauses ausgaben. Emilie. So ist auch das erlogen, daß Sie beinahe eine Million besitzen? Schlämmer. Keineswegs — wenn ich all' die Zweier, welche meine Studienzeug- nisse aufweisen, zusammenzähle, wird nicht viel weniger herauskommen. Fr. v. Diew. (sinkt auf einen Stuhl). Diese Blamage überlebe ich nicht! Schlämmer. Nun die Humpen mit Stoff gefüllt! (Nimmt sein Glas.) Und wer meiner Ansicht ist, stoße an! pereant die Hindernisse! Alle (mit erhobenen Gläsern), pereant die Hindernisse! (Der Vorhang fällt.) Ende. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Der schönste Zopf. Komisches Zeitbild mit Gesang in einem Acte von Carl Elmar. (Im k. k. priv. Theater an der Wien sehr beifällig ausgenommen.) Personen: Lhrysostomus Bart, Juwelier. Anselm, sein Sohn. Alois Blumauer, Hofpoet. Schwalbe, Professor. Francisco, seine Tochter. Marquise von Bellamour. Baron Richettini. Gras Schönberg, kaiserlicher Adjutant. Derbmann, ein Bürger. Katharina, sein Weib. Hansel, P°pp>, js°>°°Kmd« Schöpf!, Friseur. Ein Bedienter. Spaziergänger im Augarten. Zeit: Unter Kaiser Josef II. (Schönes Zimmer im Roccocogeschmack. Rechts ein Toilettenspiegel und Armstuhl, links Sopha, Stühle rc.) Erste Scene. Chrysostomus Bart, Schöpft. (Bart, ein wohlbeleibter Mann, sitzt im Pudermantel vor dem Spiegel; Schöpft ist beschäftigt, chm den Zopf zu wickeln.) Bart (mit Wichtigkeit). Nur keine Übereilung, Meister Schöpft; mache Er seine r^atn-Nepertoire-Nr. 1YS. Arbeit mit Grazie und Attention! Mein Zopf ist in ganz Wien als der schönste von allen bürgerlichen Zöpfen bekannt, dieser Ruhm muß erhalten werden! Schöpf! (pikirt). Ich schmeichle mir, Herr Bart, daß eine solche Erinnerung bei mir überflüssig ist, denn das Renommee eures Haarschmuckes kommt doch nur von meiner Geschicklichkeit. L r Bart. DaS ist ein Wahn. Er wickelt verschiedenen Leuten die Zöpfe ein, ohne daß man sie beachtet; weil ich aber den meinigen mit solcher Würde zu tragen weiß, darum ist er auf meinem Buckel berühmt geworden! Schöpfl (für sich). Unerträglicher Narr! Wenn ich nur einmal Gelegenheit fände, seiner Aufgeblasenheit einen Streich zu versetzen. Bart (rem rintretevdeu Auselm gnädig zu« nickend). Ah, mein Herr Sohn! Zweite Scene. Vorige, Anselm (von links). Ans. (ein junger, sorgfältig gekleideter Mann von rtwaS schüchternem Wesen, respektvoll grüßend). Guten Morgen, Herr Vater. Ihr habt befohlen, daß ich mich heute mit besonderer Sorgfalt kleiden soll; ohne den Zweck zu kennen, bin ich diesem Befehle nachgekommen. Bart. Ja, ich sehe mit Vergnügen. — Du bist ein stattlicher Junge, Anselm. Unsere aimable Kundschaft, die Frau Marquise von Bellamour, wird heute im Augarten mit Affection an deiner Seite wandeln. Ans. (sehr betroffen). DieFrauMarquise?! Bart. Nicht wahr, das überrascht Dich? Ans. O, sehr! Bart. Mich hat es auch überrascht, als die liebenswürdige, galante Dame gestern in unfern Laden kam und während der Besichtigung verschiedener Juwelen den Wunsch äußerte — Schöpfl (ironisch). Daß sie dieselben geschenkt bekäme? Bart. Warum nicht gar! Den Wunsch, daß mein Herr Sohn sie heute, als am Sonntage, in den Augarten begleiten, und dort ein Stündchen mit ihr promeniren möge. Schöpfl. Werdet Ihr auch von der Gesellschaft sein? Vart (bedeutungsvoll lächelnd). Schwerlich! — Es scheint, daß die Frau Marquise mit meinem Anselm allein promeniren will. Ans. (rasch). Dann muß ich um Entschuldigung bitten, Herr Vater, dann kann ich die gnädige Dame nicht begleiten, weil — weil ich dabei in Verlegenheit gerathen müßte. Schöpfl. Ganz egyptischer Josef! Bart. Davon werden wir unter vier Augen sprechen.— Ist Er mit seiner Arbeit fertig, Meister Schöpfl? Schöpfl. Sogleich! Nur noch etwas Puder und der schönste Zopf hängt wieder in seiner ganzen Würde da. (Bei Seite tretend.) So! — Ich habe die Ehre, mein devotes Compliment zu machen. Bart (herablassend). Er ist entlassen. Schöpfl (während er seine Gerätschaften einsteckt, für sich). Was der alte Narr sich einbildet — und ist doch nur ein Bürgerlicher, wie unsereiner! (Zu Anselm.) Junger Herr, wünsche im Augarten recht viel Plaisir. Meine Wenigkeit wird auch hinkommen und nicht ermangeln, dem Sohn meines würdigen Gönners am Arme der galanten Frau Marquise den gebührenden Respect zu beweisen. (Mit Verbeugung ab durch die Mitte.) Dritte Scene. Bart. Anselm. Bart (ausstehend, ohne den Pudermantel ab« zunehmen). Hast Du den Neid dieser lebendigen Puderschachtel bemerkt? So wirst Du heute von Dielen beneidet werden. Ans. Oder vielleicht bemitleidet. Bart. Bemitleidet? Warum? Ans. Weil man mich als das Opfer eines launenhaften Scherzes betrachten wird, zu welchem die Frau Marquise den Bürgerlich en auserkoren hat. Bart (stolz). Pah! Wir sind nicht so bürgerlich. Wir könnten von vierhundertjährigem Adel sein, wenn unser Stammherr, 3 der famose Waffenschmiedgeselle, nicht zugleich ein Einfaltspinsel gewesen wäre. Ans. Unser Stammherr dachte eben nicht, daß seine Nachkommen ihren Stolz darein setzen würden, mit einer galanten Marquise im Augarten spazieren zu gehen. Bart (gereizt). Ich glaube gar, Du treibst Bonmoterie! — Solltest Du das vom Herrn Blumauer gelernt haben? Ans. Ich gestehe, daß ich mit Herrn Blumauer, den ich mit Stolz meinen Freund nennen darf, über die Frau Marquise gesprochen habe, und daß er mich vor ihr gewarnt hat. Bart. Weil er, trotz seiner freimaurerischen und demokratischen Gedichte, Dich um die Ehre beneidet, von einer distinguirten Dame geliebt zu werden. Ans. Herr Blumauer findet eben keine Ehre darin und bezweifelt auch, daß die Marquise lieben könne. Bart (heftig). Sie liebt Dich — und wenn sie Dich trotz deiner blöden Ungeschliffenheit zum Gatten nehmen will, so wirst Du sie nach meinem Befehle heiraten! Ans. (energisch). Nie! (Sich rasch wieder mäßigend doch mit Wärme.) Vergeßt nicht, Herr Vater, daß mein Herz durch einen Schwur gebunden ist, welchen ich einem edlen, tugendhaften deutschen Mädchen geleistet habe. Bart. Anselm, nur nichts von dem! — Ich werde niemals zu bewegen sein, die Tochter eines armseligen Federfuchsers, wie dieser Professor Schwalbe ist, als meine Schwiegertochter anzuerkennen! Ans. Professor Schwalbe ist mein Lehrer gewesen; ihm verdanke ich Alles, was ich bin und weiß! Bart. Auch die triviale Gesinnung, die lächerliche Schwärmerei von Menschengleichheit, welche nur in dem Gehirne eines Hungerleiders spuken kann! Ans. (mit Affect). Es ist ein erhabenes Herz, welches diese edle Schwärmerei per- tritt; der Eigenthümer jenes erhabenen Herzens nennt sich Josef II. Bart (nachdem er verlegen gehustet, in sanf. tem Tone). Wir wollen uns nicht aufregen, lieber Anselm. — Die Frau Marquise erwartet Dich; eS ist hohe Zeit, daß Du Dich zu ihr auf den Weg machst! Bedienter (eintretend). Die Frau Marquise von Bellamour! Bart (erschrocken). Himmel, sie selbst! Empfange sie einstweilen und sage, daß ich bald die Ehre haben werde. — (Da die Marquise eintritt.) O weh, da ist sie schon! (Eilfertig und mit komischen Verbeugungen.) Meine Devotion, gnädige Frau Marquise! Meine submisseste Devotion! (Eilt nach rechts fort, wobei er über den Pudermantel stolpert.) Marquise (eine junge, sehr elegant und auffallend gekleidete Dame, ist an der Thür stehen geblieben und bricht in schallendes Gelächter aus). Bedienter (ab). Vierte Scene. Anselm. Marquise. Marq. (vortretend). Hahahaha! — Ihr Vater ist gewaltig erschrocken, junger Freund, was ich auch natürlich finde, denn er spielt im Pudermantel eine drastisch komische Figur! Ans. (sich verneigend, kalt). Frau Marquise — Marq. (cokett). Sind Sie etwa auch erschrocken? — Das sollte mir leid thun, denn vor Ihren Kennerblicken wünschte ich als das Gegentheil von schrecklich zu erscheinen. Ans. Madame — Sie erweisen mir zu viel Ehre, wenn Sie mich für einen Kenner weiblicher Schönheit halten. Marq. O Heuchler! — Nun, was sagen Sie zu meiner Herablassung? — Als gnädige Frau Marquise hätte ich Sie in meinem Boudoir auf der Ottomane erwarten sollen; aber aus Besorgniß, vielleicht 1 * 4 vergeblich auf den schüchternen Amyn^ thaS warten zu müssen, entschloß ich mich, ^ die Etiquette bei Seite zu setzen und Sie! in meiner Carosse abzuholen. Ans. Zu große Gnade, welche die Frau Marquise einem Bürgerlichen angedeihen lassen! Marq. Nur keine allzubescheidene Koketterie! Ich meinerseits bin offenherzig genug, um einzugestehen, daß ich vor meiner Dermälung mit dem Marquis von Bellamour auf dem Pariser Markte Blumen verkauft habe. Der Marquis hat sich über meine Bürgerlichkeit hinausgesetzt, ich setze mich über die Ihrige hinaus; das ist Reciprocität, wie die Gelehrten sagen. Ans. (mit Nachdruck). Der Herr Marquis hat Sie wahrscheinlich sehr geliebt, Madame Marq. Ja, wie verrückt. — Aber ich wollte, er hätte mich weniger geliebt und mir dafür ein größeres Vermögen hinterlassen. (Schmachtend.) Ach, Freund! Begreifen Sle, wie schwer es mir fallen muß, so lange von meinem geliebten Vaterlande entfernt zu bleiben? Ans. Warum kehren Sie nicht dahin zurück? Marq. Kalte Frage! — Weil ich bald nach dem Tode meines Gemals, der ihn auf unserer Hochzeitsreise hier in Wien überraschte, eine Person kennen gelernt habe, welche meinem Herzen theuer geworden ist! Ans. (sie scharf ansehend). Den Baron Richettini? Marq. (überrascht). Was hör' ich! — Sie wissen, daß der Baron mein Verehrer gewesen ist? Ans. Herr Blumauer hat mir davon erzählt. Marq. Dieser deutsche Voltaire im Duodezformat muß seine Nase auch in Alles stecken. (Leicht.) ^lon äieu! es ist wahr: der Baron Richettini hat mir einige Zeit den Hof gemacht, aber er ist nicht jene jheure Person, von welcher ich gesprochen ! habe, (kokett zärtlich.) Jene Person ist viel liebenswürdiger; — es würde mich ! glücklich machen, wenn Sie das Geheim- niß dieser Charade zu lösen wüßten. Ans. (bei Seite). Unweibliche Zudringlichkeit! Bedienter (eintretend). Herr Blumauer läßt fragen, ob er dem jungen Herrn willkommen ist? Ans. (bei Seite). Ha! dem Himmel sei gedankt! (Laut.) Sehr willkommen! Bedienter (ab). Marq. (für sich). Jetzt habe ich z w e i deutsche Bären zu bekämpfen, aber die französische Strategie nimmt es wohl noch mit mehreren auf. (Wirft sich mit graziöser Nachlässigkeit in s Sopha.) Fünfte Scene. Vorige. Blumauer. Blum, (rasch durch die Mitte eintretend, mit komischem Pathos). Apollo und die Musen zum Gruß, mein lieber Anselm! Ans. (ihm entgegen). Sei mir herzlich willkommen, Freund Blumauer! Blum. Ah, was seh' ich!— Unsere liebenswürdige Freundin, die Frau Marquise! Marq. (kurz.) Lon Mir! Blum, (sich mit komischen Kratzfüßen nähernd). Wo die Grazien verweilen, Muß der Dichter sich beeilen, Demuthsvoll die Hand zu küssen Und zu kratzen mit den Füßen! (Will ihr die Hand küssen.) Marq. (ihm die Hand entziehend). Jn- commodiren Sie sich nicht, Monsieur; wenn ich mir von Ihnen die Hand küssen ließe, könnten Sie morgen eine Satyre auf meine fünf Finger schreiben. Blum. Wäre jedenfalls ein reizender Stoff für einige fünffüßige Jamben! (Zu Anselm.) Aber Du bist mit der Frau Marquise ganz allein? Dein Vater ist sehr unvorsichtig, weil er Dich einer Gefahr preis- 5 « gibt, deren ganze Größe deine lilienweiße Unschuld gar nicht begreift. Marq. Beruhigen Sie sich; Ihr Freund weiß der Gefahr auszuweichen, indem er seine Augen fast immer an den Boden geheftet hält. Blum. Das ist sein Glück! Denn ich selbst, bei meiner Ehre, Leicht verführt, wie Adam, wäre! Eva war im Paradiese Nicht so schön wie die Marquise! Darf man aber fragen, was dieses paradiesische tZts-ü-ttzte für Zwecke hat? Ans. Es ist der Befehl meines Vaters, daß ich die gnädige Frau Marquise auf ihren Wunsch in den Augarten begleiten soll. Blum. O Du glücklichster von allen Sterblichen! Marq. (zu Anselm). Würden Sie mir ohne den Befehl Ihres Vaters meine Bitte abgeschlagen haben? Blum. Da müßte man ihm den Kopf abschlagen! — Aber nein, mein junger Freund ist galant. Wandeln wird er dort mit Kosen Zwischen Veilchen, zwischen Rosen, Liebeflötend wird er sprechen, Wenn die Gelsen ihn nicht stechen! (Zu Anselm.) Sonderbares Zusammentreffen! — Du begleitest die Frau Marquise in den Augarten, und ich habe zwei Personen hinbestellt, welche davon überrascht sein werden, den Professor Schwalbe und seine Tochter.- Ans. (sehr betroffen). O Himmel! Blum. Diese Bestellung ist eine Folge deines Wunsches, daß ich den armen würdigen Gelehrten in meine Protection nehmen möge; der Augarten ist am Sonntage ein geeigneter Ort dazu. Ans. (freudig). O mein edler Freund, ich verstehe! Du willst den schüchternen, aber verdienstvollen Unbekannten der Gnade unseres hochherzigen Monarchen anempfehlen? Blum. Nicht seiner Gnade, sondern seiner Gerechtigkeit. Ans. Und die leuchtet hell über Alle! Blum. Deiner Fürbitte zufolge habe ich den Professor aufgesucht, und an ihm einen Mann gefunden, der für Deutschland keinen andern Fehler hat, als daß er nicht in Paris geboren ist. Ein echter, anspruchsloser deutscher Gelehrter! Sein auf eigene Kosten verlegtes Buch: »Der Geist unserer Zeit,« welches in Ermanglung literarischer Coterieprotection beinahe unbekannt geblieben, ist eine ganz vortreffliche Arbeit. Ich habe mir erlaubt, es mit Randbemerkungen dem Kaiser vorzulegen, und heute soll Seine Majestät auch den Verfasser kennen lernen. Ick habe zu dem Zwecke den Augarten gewählt, weil dieser kein officieller Ort für Audienzen ist, denn das Officielle verträgt sich nicht immer mit der Gelehrsamkeit. Ans. O Freund, ich danke Dir! Ich danke Dir mit hoffnungsvollem Herzen im Namen meiner Liebe! Marq. (rasch aufstehend). Wie!? Blum. Hahahaha! Jetzt ist's verrathen! Ja, meine schöne Gnädige, es dürfte heute im Augarten einen Nägelkampf absetzen, denn der Professor wird mit seiner Tochter kommen, und diese besagte Tochter — Marq. (spöttisch). Ist meine Nebenbuhlerin? Ich werde sie aus dem Felde zu schlagen wissen. Ans. (halblaut). Aber nicht aus meinem Herzen! Blum. Dein Vater! (Begrüßt den eintretenden Bart.) Sechste Scene. Vorige. Bart. Bart (der sehr stattlich gekleidet ist, mit affectirter Freundlichkeit und komischer Würde). Ah sieh, Herr Blumauer! Meine devote Reverenz! (Mit tiefer Verbeugung.) Gnädige » Frau Marquise, meinen unterthänigsten Respect. Wie Sie sehen, ist mein Sohn aus seinen Cavalierdienst vorbereitet und wird es sich zur beglückendsten Ehre schätzen — Marq. Sagen Sie nicht zu viel, Herr Bart; man kann in gewissen Dingen nur für sich selber einstehen. Bart. Mein Sohn und ich sind derselbe. Bezwinge deine Schüchternheit, Anselm, und bitte die gnädige Frau Marquise um ihren Arm. Ans. (bei Seite). Was muß Francisca denken, wenn sie mich in einer solchen Gesellschaft sieht? Bart (Anselm zur Marquise führend, mit Nachdruck). Mein Sohn bittet um Ihren Arm, gnädige Frau Marquise. Marq. (kurz). Hier ist er. (Gibt Anselm den Arm.) Ans. (zögernd). Willst Du unS nicht begleiten, Freund? Bart (rasch). Ich muß Herrn Blumauer bitten, noch einige Minuten zu verweilen, da ich in einer wichtigen Angelegenheit seinen Rath zu erbitten wünsche. Blum. Stehe ganz zu Befehl. Marq. (läßt Anselms Arm loS, nähert sich Blumauer und sagt mit ironischem Lächeln). Sie haben mir Krieg verkündigt, Monsieur Blumauer; ich bin aber die Tochter einer kriegerischen Nation, darum fürcht' ich ihn nicht. Wir haben einen Bayard, einen Conds, einen Turenne und eine Jeanne d'Arc aufzuweisen. Ihre Satyre wird allerdings zwischen mir und der Jungfrau von Orleans einen pikanten Unterschied zu finden wissen, aber ich will ihr auch nur an Tapferkeit gleichen. Wenn wir uns Wiedersehen, dann dürsten Sie von mir das Spottlied zu hören bekommen, welches unsere tapfere Armee einem englischen Helden nachgesungen hat; o, Sie müssen es kennen. (Singt.) UkrlbiorouKli s'sn vn'1 en Ausrrs, Mrouton, inirouton, mirontairs! UarllionouAlr s'sn va't sn Ausrrs, jVlarllrorouAli ns rsvisnt plus! (Nimmt wieder Anselm« Arm und geht mit ihm, den Refrain sortträllernd, durch die Mitte ab.) Siebente Scene« Bart. Blumauer. Bart (sehr freundlich). Nun sind wir allein. Darf ich bitten Platz zu nehmen und mir einige Augenblicke Gehör zu schenken? Blum, (sich setzend). Sein Gehör ist da S Einzige, was ein deutscher Dichter zu verschenken hat. Bart (sich setzend). O Sie Schelm! Als ob Sie nur so ein gewöhnlicher Reimschmied wären; als ob Sie nicht eine be- neidenswerthe Stellung hätten und sogar bei unserer huldvollen Majestät in hoher Gnade ständen! Blum. Seine Majestät verzeiht mir mitunter einen schlechten Witz, das ist Alles. Bart. O nein, das ist nicht Alles. Sie können bei Hofe Mancherlei durchsetzen, können mancherlei Gnadenbezeigungen erwirken, (näher rückend) könnten sogar, wenn Sie nämlich wollten, für den Vater eines Freundes einen kleinen Adelsbrief zu Stande bringen! Blum. Ah, willst Du da hinaus? Bart. Reden wir kurz, Herr Blumauer, dieser adelsbriefbedürftige Vater bin ich, Sie werden begreifen, daß ich meinem Sohne, wenn er eine Marquise heiratet, doch wenigstens einen geadelten Vorfahren verschaffen möchte, wenn es auch ein nagelneuer wäre. Blum. Sein Stammbaum würde jedenfalls älter sein, als der seiner Braut, denn dieser ist aus dem Pariser Straßenpflaster emporgeschossen. Bart. Aber sie bleibt doch Marquise! (Vertraulich.) Was meinen Sie nun? Wenn ich einige meiner werthvollsten Diamanten daransetzen würde, und wenn Sie, aus Freundschaft für meinen Sohn, dem Kaiser- begreiflich machen wollten, daß man solche Dinge zum Behufe des nahen Türkenkrieges wohl verwenden kann, würde Seine Maje- 7 stät zu bewegen sein, mir in Anerkennung meiner patriotischen Opferwilligkeit ein kleines »von« vor den Namen zu setzen? Blum. Der Uebermuth soll eine Nase kriegen, darum bestärke ich ihn darin. (Laut.) Allerdings, allerdings! Bart (freudig). O, wenn Sie das glauben, Herr Blumauer, so legen Sie bei dem gnädigen Monarchen eine Fürbitte ein. Blum. Das ist unmöglich! — Wenn ich bei Seiner Majestät den Adelsbrief für Sie erbitten wollte, würde mir der Kaiser meine demokratischen Gedichte vor die Augen halten und ich wäre geschlagen. (Mit ironischer Theilnahme.) Aber einen Rath will ich Ihnen geben: Nehmen Sie das große Ritterschwert, welches Sie von Ihren Ahnherren überkommen haben; stellen Sie sich mit demselben im Controllorgange auf, lassen Sie in der andern Hand die Diamanten funkeln, und wenn der Kaiser vorüberkommt, so declamiren Sie beiläufig folgende Verse (aufstehend und mit Pathos declamirend): Wenn mein Ahnherr, großer Kaiser, Wär' gewesen etwas weiser, Hätten wir schon lang den Adel, Denn sein Schwert ist ohne Tadel. Aber der hat's nicht verstanden, Darum bring' ich Diamanten, Geb' sie her zum Türkenkrieg, Großer Kaiser, adle mich! Bart (ausstehend). Nein, das geht nicht, Herr, Blumauer! Mit dem verrosteten Schwert in der Hand müßte ich mich vor Sr. Majestät etwas dumm ausnehmen. Blum, (artig lächelnd). Etwas mehr oder weniger hat nichts zu sagen. Bart. Nein, nein! — Aber waS meinen Sie, wenn ich mich Seiner Majestät im Augarten zu nähern versuchte? Blum. Das hat keine Schwierigkeit, denn der Kaiser nähert sich dort seinen Un- terthanen selbst. Bart. Richtig, richtig! (Affectirt begeistert.) O, es ist ein erhabener Monarch, der an das Portal des Augartens die herrlichen Worte schrieb: »Allen Menschen von ihrem Schätzer!« Blum. Wobei nur zu bedauern ist, daß sich diese Menschen oft untereinander selbst nicht schätzen. Bart. Ja, der leidige Hochmuthl Blum. Jetzt muß ich aber diese angenehme Conversation beendigen. Ich habe mich im Kaffeehause mir einigen Freunden, wie Ratschky, Alringer und Aehnlichen, zusammenbestellt, um ihnen mein neueste- Gedicht vorzulesen. Bart. Das wird wieder etwas Erhabenes sein! Wie betitelt eS sich, wenn man fragen darf? Blum. An die Ochsen. Bart. Sie sind ein Genie, Herr Blumauer! Sogar dem lieben Rindvieh wissen Sie eine poetische Seite abzugewinnen. Wie haben Sie denn das angefangen? Blum. Ich habe mich an die Hörner gehalten, das ist aber nur bei wirklichen Ochsen möglich! Bart. Hehehe! sehr pikant! — Also auf Wiedersehen! Ich danke Ihnen einstweilen für die gute Hoffnung, welche Sie mir gegeben haben, und bitte, daß Sie diesen Ring als Zeichen meiner Erkenntlichkeit — (Will einen Ring vom Finger ziehen.) Blum, (abwehrend). Danke, danke. Herr Bart! — Durch diesen Schmuck müßte ich in Widerspruch mit einem Gedichte gera- then, welches ich als Ausdruck meiner Lebensphilosophie dem Französischen nachgebildet habe; eS lautet: Nackt ward ich zur Welt geboren, Nackt scharrt man mich wieder ein, Und so Hab' ich durch mein Sein Nichts gewonnen, nichts verloren! (Grüßend durch die Mitte ab). Bart (allein). Sonderbarer Kauz, dieser Blumauer! — Man weiß bei ihm nie, ob er einen honoriren oder foppen will; aber ein dummer Mensch ist er nicht. (Mit Eifer.) Jetzt meine Diamanten eingesteckt! — Wie werde ich mich aber Seiner Majestät bemerkbar machen? — Pah! — durch ein 6 submissestes Compliment, wobei ich die Schönheit meines Zopfes leuchten lasse. — O. dieser allerschönste Zopf ist mein Stolz! (Rechts ab.) Verwandlung. (Platz im Augarten, von welchem sternartig mehrere Alleen ausmünden. — Sitzbänke, viele Spaziergänger aus allen Ständen. — Die Melodie des Marlboroughliedes leitet die Verwandlung ein und dauert eine kleine Weile fort.) Achte Scene. Spaziergänger. Dann Derbmann, Katharina, Hansel und Peppi (von links). Derbm. (ein kräftiger Mann, im Auftreten zu den Andern). So, da sein wir im Augarten. — Seid's nur recht lusti, Kinder; in dem Garten derfen alle Menschen lusti sein, weil unser guter Kaiser sein' Freud' d'ran hat. Hansel (naiv). Hat denn der gute Kaiser wo anders nit sein Freud' d'ran? Derbm. Ah ja! Aber wo anders is er halt net so ungenirt, weil alleweil die Großkopfeten hinter ihm sein. Hansel. So soll er halt die Großkopfeten fortschicken. Kath. (ängstlich). Bist nit glei stad! — Du red'st vor die Kinder so unvorsichti, Alter, daß wir no amal an rechten Verdruß krieg'n werd'n! Derbm. Der Kaiser hat ja 's freie Drucken erlaubt, warum soll denn 's freie Reden verboten sein? Peppi. Derfen wir nit einander z' G'wett laufen, Vater? Derbm. So viel als 's wollt's. Kath. Aber nur Niemand unter d' Füß rennen! Hansel (lustig). Also laufen wir, Peppi! Peppi. Laufen wir! (Beide laufen nach rechts und stolpern über die Füße des austretenden Baron Richettini). Baron (aufschreiend). Morbleu, meine Hühnernaugen! Kath. (erschrocken). So, da haben wir 'chon's Unglück! Neunte Scene. Vorige. Baron. Baron (sehr zornig). Verdammte Teu- felsbälge! Glaubt ihr, meine Fußzehen sind von Holz? Ich hätte gute Lust, euch an den Ohren zu zausen! Hansel u. Pepi. Vater! Vater! (Eilen zu Derbmann.) Derbm. (trotzig). Das sein meine Kinder, gnädiger Herr; denen wird ka' Mensch die Ohren zausen, als ihner Vater. Baron. So thut's! Ihr bürgerliches Volk müßt euch Anstand und Artigkeit angewöhnen, wenn ihr die Ehre genießen wollt, neben uns Adeligen hier spazieren zu gehen. Derbm. Wann wir unserm Kaiser artig gnua sein, können wir's Ihnen a sein. Baron. Unverschämter Lümmel! Derbm. (schreiend). Was, Lümmel! I bin Bürger und Tischlermeister; no a un- b'schaffen's Wort und dem Herrn sein Tou- pee bleibt mir in der Hand! Kath.Alter, i bitt' Dium Gottes wiü'n! Baron. Ehrenbeleidigung! Wache! Wache! Peppi (keck). Halten wir z'samm, Hansel! wir lassen unfern Vätern nir thun! (Die Spaziergänger haben sich der Gruppe genähert.) Zehnte Scene. Vorige. Graf Schönberg (von links). Baron. Ah, lieber Graf Schönberg, ich bitte um Ihre Intervention! Sie sind kaiserlicher Adjutant und werden mich, den Baron Richettini, gegen diesen rohen Pöbel in Schutz nehmen! 9 Derbm. (drohend). Nir mehr vom Pöbel! oder —! Kat h. Alter, i bitt' Di um Gottes will'n! Peppi. Der Vater hat schon Recht. Graf Schönberg (der Uniform trägt, begütigend, freundlich zu Derbmann). Lieber Mann, seid doch ruhig. Ich habe den Vorfall mit angesehen und begreife nicht, wie ein solcher Streit daraus entstehen konnte. Derbm. (schnell besänftigt). Nit wahr, es ist unnöthi? Graf. Nun, ganz natürlich. Ihr habt Euch um die Ohren eurer Kinder angenommen und der Herr Baron um seine Hühneraugen. Baron. Welche mir die Rangen beinahe abgetreten hätten! Derbm. (lachend). Na, so wären's operirt. Graf. Recht so, guter Mann, lachen ist besser als Händel suchen. Was müßte Se. Majestät der Kaiser denken, wenn er aus dem Schlosse träte, und einen seiner Bürger hier im Streit begriffen fände? Er müßte höchlich ungehalten werden! Derbm. (erschrocken). Ungehalten? — Unser guter Kaiser? — Na, Gott soll mi be- wahr'n! (Zum Baron.) Verzeih der gnädige Herr, daß ihm meine Buben auf d'Heaner- augen treten hab'n; es is nit gern g'scheh'n und sie werden's a nimmer thun. Kinder, kummt's! (Nach dem Grasen zeigend.) Seht's, das is a Herr, der mit uns Bürgersleuten umz'gehn was. (Sich respektvoll verneigend.) Mach' mein' unterthänige Reverenz, Herr Graf! (Mit Katharina und den Kindern sich nach dem Hintergründe entfernend.) Der Kaiser auf mi ung'halten werd'n, da könnt' i mein' Lebtag vor G'wissensbiß' nimmer schlafen! (Die Spaziergänger entfernen sich wieder und verlieren sich nach und nach zu verschiedenen Seiten.) Eilste Scene. Graf. Baron. Baron (pikirt). 3ch muß gestehen, lieber Graf, daß ich mit Ihrer Weise zu in- terveniren, nicht contentirt bin. Als Cava- lier hätten Sie unbedingt auf die Seite der Unsrigen treten müssen. Graf. Was verstehen Sie unter den »Unsrigen«? Baron. Nun, mon Oieu, den Adel! Graf. Seine Majestät versteht Alle darunter, welche inner den Gränzen seines Reiches wohnen. Baron. Ja, Seine Majestät! Graf (ernst). Herr Baron! Baron. Ich bin italienischer Edelmann, lasse seit Jahren in Wien mein Geld cur- siren und glaubte dafür der Gefahr enlbo- ben zu sein, die practische Anwendung gewisser Gleichheitstheorien an mir selbst erfahren zu müssen. Graf. Diesen Theorien, Herr Graf, haben sich schon viele Personen unseres Standes unterworfen, Personen, welche nicht nur an Geld, sondern an Verdiensten reich sind und die Ehre ihrer Geschlechter nach Jahrhunderten zurückdatiren. — Besonders der deutsche Adel darf sich in seinem besseren Theile dieser verständigen Entsagung rühmen. — Er hat eben die Zeit begriffen und erkennt es als Pflicht, dem voranschreitenden Monarchen wie auf dem Felde der Ehre, so auch auf dem der politischen Weisheit zu folgen! (Grüßend ab nach links.) Baron (allein). Diese deutsche Präccp- torweisheit wird mir nachgerade unerträglich! — Ich würde gleich morgen abreisen, wenn nicht — ach, wenn nicht diese verdammte Marquise wäre! — Ich zapple noch immer wie ein Schmetterling an der Nadel ihrer Coketterie! — Wenn ich mich nur losreißen könnte, wenn sich nur geschwind eine interessante Liaison darböte, die mich aus den Fesseln dieser modernen Zirce befreit! (Nach rechts blickend.) Ha! — Dort kommt ein wunderschönes Mädchen am Arm eines schwarzbefrackten Methusalem! — Sollte mir Cupido diese zur Revanche bestimmt haben? Wir wollen sehen! (Setzt sich rechts auf eine Bank.) 10 Zwölfte Scene. Baron. Professor Schwalbe und Francis ca (von rechts). Schwalbe (sehr ärmlich schwarz gekleidet, von Francisco geführt, sagt im Auftreten kleinlaut). Herr Blmnauer ist noch nirgends sichtbar; im Drange seiner vielen Beschäftigungen dürfte er wohl auf uns vergessen haben. Francisca (die sehr einfach und nett gekleidet ist, sagt tröstend). Das befürchte ich nicht. Wie ich Herrn Blmnauer zu kennen glaube, vergißt er aus Niemanden, dem er seine Hilfe versprochen hat. Baron (für sich). Ah! die brauchen also Hilfe — charmant! Schwalbe. Mein Buch hat ihn sehr angesprochen; er wollte dasselbe Sr. Majestät vorlegen und mir heute sogar eine persönliche Audienz verschaffen. — Ah, das könnte uns glücklich machen, weniger mich selbst als Dich, meine gute Francisca, denn eine kaiserliche Gnadenbezeigung für deinen Vater würde Dich deinem geliebten Anselm näherbringen. Francisca (seufzend). Darauf hoffe ich nicht. Anselms Vater, der vom falschen Ehrgeiz befangene Herr Chrysostomus Bart, hält wenig auf Auszeichnung, welche nur dem Geiste zu Theil werden. Schwalbe. Weil er den Geist eben nicht zu schätzen weiß! Baron (für sich). Holla, was hör' ich! — Dieses Mädchen ist die Geliebte des bürgerlichen Lassen, welchen die Marquise mir vorgezogen hat! Das gibt eine doppelte Rache! Schwalbe. Es kann sich Alles noch zum Besten wenden; wenn wir nur erst Herrn Blmnauer gefunden hätten! Vielleicht erwartet er uns in der Nähe des Schloßeinganges, wir wollen ihn suchen. (Ab mit Francisca links.) Baron (rasch aufstehend). Unschätzbare Entdeckung! — Dieses Mädchen scheint Sentiment zu besitzen; zum Besten ihres hilfsbedürftigen Vaters wird sie gegen meine galanten Anerbietungen nicht allzu starr, köpfig sein! (Links ab.) Dreizehnte Scene. Anselm und Marquise (von rechts). Ans. (der die Marquise am Arme führt, tritt sehr rasch auf, in großer Bewegung nach links blickend). Marq. Was ist Ihnen, uron ami? — Seit einigen Augenblicken stürzen Sie mit einer Hast vorwärts, daß ich Ihnen kaum zu folgen vermag; haben Sie eine Merkwürdigkeit entdeckt? Ans. (immer nach links blickend). 3a, sie sind es, sie sind es! Marq. (rasch). Vielleicht diejenigen, welche uns Herr Blmnauer verkündigt hat? (Durch's Lorgnon blickend.) koi! — Dort sehe ich etwas wie einen Schulzopf wackeln — und ein ganz artiges Grisettenfigürcheu an seiner Seite. Ans. (wie früher). Doch sie sind nicht allein! — Wer mag jener fremde Herr sein, der sich im Tänzerschritte um Francisca herumtummelt? Marq. (laut lachend). Hahaha! Ich erkenne den tanzenden Seladon — das ist mein abgefertigter Baron Richettini! Ans. (sehr unruhig). Francisca und ihr Vater scheinen nicht zu wissen, in welcher Gesellschaft sie von den Leuten gesehen werden, ich muß ihnen Aufklärung geben! (Will fort.) Marq. (ihn haltend). Halt! keinen Schritt! — Wollen Sie mich hier allein stehen lassen? Ans. Zch beschwöre Sie, gnädige Frau Marquise —! Marq. Da — sehen Sie! — Die Gesellschaft wendet sich, um zurückzukehren — wir wollen uns auf die Lauer legen. Ans. Das halte ich für unwüroig. n Marq. Es ist Pariser Manier. (Jhnrasch fortziehend.) Folgen Sie mir hinter die Gardine jener gefälligen Bäume! (Mit Anselm ah in den Hintergrund links, wo sie zwischen den Bäumen verschwinden.) Vierzehnte Scene. Baron, Schwalbe und Francisco (treten wieder ans). Schwalbe (halb unwillig, halb devot). Entschuldigung, gnädiger Herr Baron, aber ich weiß nicht, wie wir zu der unverdienten Ehre kommen - - Baron (aufdringlich). Sprechen Sie nicht von unverdient, mein lieber Professor! — Der Ruf Ihrer Gelehrsamkeit ist bereits in alle Kreise gedrungen und von der Schönheit Ihrer liebenswürdigen Tochter spricht man in der ganzen Stadt! Francis ca (mit Würde). Ich halte mich für eines von jenen Mädchen, Herr Baron, über welche sehr wenig gesprochen wird und welche sich das zur Ehre schätzen. Baron. Edler Stolz einer makellosen Tugend! — LnLn! Ihre Schönheit, wie Ihre Tugend hat mich dergestalt bezaubert, daß ich mich nicht .'ntfernen kann ohne die Erlaubniß, Sie Wiedersehen zu dürfen. Schwalbe (rasch). Das ist unmöglich! — Wir müssen auch jetzt die Ehre Ihrer Begleitung ablehnen, weil wir hier einen Gönner erwarten. Baron. Herrn Blumauer, der Sie wahrscheinlich im Stiche lassen wird. — Geben Sie sich keinen falschen Hoffnungen hin. — Die Hoffnungen, welche Sie auf Herrn Blumauer setzen, werde ich besser zurealisiren wissen und das Glück Ihrer liebenswürdigen Tochter wird in meinen Händen gesicherter sein, als in jenen des bewußten Anselm. Francisco (betroffen). Sie kennenmeine Geheimnisse, Herr Baron? Baron. Ich kenne die Geheimnisse der ganzen Stadt. Francisco. Nun wohlan, dann mögen Sie auch dieses erfahren, daß die Empfindung meines Herzens um so beständiger ist, je weniger sie von der Hoffnung begünstigt wird. Schwalbe. Und daß wir Ihnen für das Glück, welches Sie uns bieten wollen, nicht mit dem geringsten Zeichen von Erkenntlichkeit danken könnten. Ans. (der von der Marquise vergeblich zurückgehalten wird, erscheint sehr aufgeregt im Hintergründe). Baron (>m geduldig). lVloir Oiou! Das ist Thorheit! — Was haben Sie von Ihr . r starrköpfigen Moral? — Daß Sie daber hungern müssen! — Was hat Ihre Tochter von der Treue gegen diesen Anselm? — Daß er wahrscheinlich die Marquise von Bellamour heiraten wird! Francisco (mit Affect). Aber mich wird er lieben! Fünfzehnte Scene. Vorige. Anselm. Ans. (hervortretend). Ja, Dich wird er lieben, Francisco, ewig und unverändert, wie Du es verdienst! (Faßt ihre Hand.) Francisco (freudig überrascht). O mein theurer Freund! Baron (für sich, ärgerlich). Der hätte mir nicht ungelegener kommen können! (Die Marquise bemerkend.) Ha! die Marquise ! Marq. (die im Hintergründe gelauscht, zieht sich rasch zurück). Schwalbe. Sie sehen, Herr Baron, daß hier eine idyllische Scene im Anzüge ist; wollen Sie dabei den Satyr spielen? Baron (für sich). Das würde ich sehr gern, wenn ich nicht die Fäuste dieses bürgerlichen Apollo fürchten müßte und wenn die boshafte Marquise nicht auf der Lauer stünde! Ans. Du bist überrascht, mich hier zu sehen, meine theure Francisco? (Lautundmit 12 Nachdruck.) Ich bin nur auf Befehl meines VaterS hiehergekommen, der mir einen sogenannten Ritterdienst gegen eine Dame auferlegte, die vielleicht schon in diesem Augenblicke die Unmöglichkeit eingesehen hat, mit den Waffen der französischen Co- ketterie gegen die reine Unschuld eines treuen deutschen Fraucnherzens zu kämpfen! Francis ca (bewegt). Du sprichst von der Frau Marquise, Anselm — von deiner Braut, wie der Herr Baron sie eben vorhin genannt hat. Ans. (mit Bitterkeit). Der Herr Baron möge wissen, daß ich meine Braut nicht aus der zweiten Hand empfangen will. — Ich bin mit der Frau Marquise hiehergekommen, weil ich meinem Vater gegenüber nicht die Kraft zum Widerspruche gefunden habe. — Deine Worte aber, theure Francisco haben mich meiner Kraft bewußt gemacht und ich werde sie beweisen! Schwalbe (ernst). Auch gegen deinen Vater, Anselm? Ans. Ja, auch gegen meinen Vater! Baron (lächelnd). Als. toi! Ich sehe, daß dieses Liebespärchen einander würdig ist. Ans. Was Sie gewiß bestimmen wird, Herr Baron, die Ehre meiner Geliebten ungefährdet zu lassen und Ihre Galanterie wieder Derjenigen zuznwenden, bei welcher ich nach dem Willen meines Vaters zu Ihrem Nachfolger bestimmt gewesen wäre. Baron (bei Seite). Jetzt gilt's! — Die Marquise ist compromittirt, aber ich darf in ihrer Gegenwart nicht als compromittirt erscheinen. (Zu Anselm mit Pathos.) Mein Herr! Sie haben von der gefährdeten Ehre Ihrer Geliebten gesprochen. — Glauben Sie, daß ich daran hätte denken können, diese Ehre anzutasten? Als Mann von Welt habe ich mir einen harmlosen galanten Scherz erlaubt; aber als Cavalier weiß ich das Edle auch im bürgerlichen Kleide zn schätzen. (Zu Francisca.) Adieu, meine kleine Unschuld! (Zu Schwalbe.) Adieu, mein würdiger Herr Professor! Vergessen Sie nicht, daß der Baron Richettini es sich zum Vergnügen schätzen würde, Ihnen aucb ohne Erkenntlichkeit gefällig zu sein! (Grüßt herablassend und entfernt sich in den Hintergrund links.) Sechzehnte Scene. Vorige, ohne Baron. Schwalbe. Wie schön diese vornehmen Herren zu sprechen wissen und wie unschön oft ihre Gedanken sind! Ach, mein lieber Anselm, es ist keine gute Welt, in der wir leben! Ans. Wenn nur die Guten in ihr Zusammenhalten, dann können sie, trotz der Bösen, glücklich sein! — Nicht wahr, Francisca? — So hoffnungslos unsere Liebe scheint, wir wollen derselben treu bleiben und uns durch keinerlei Hindernisse trennen lassen! — Mein Entschluß ist gefaßt; ich werde meinem Vater künftig als Mann entgegentreten und die Rechte auf mein Herz zu vertheidigen wissen. Schwalbe. Keinen Trotz, lieber Anselm, welcher die Pflicht des kindlichen Gehorsams verletzt! — Ich habe Dich aus den Beispielen der antiken Weisen gelehrt, daß man seine glühendsten Leidenschaften dem Gebote der Pflichten nnterordnen müsse. Ans. Ach, Herr Professor, man kann sich der Pflicht unterordnen, aber nicht dem Vorurtheile! Francisca (innig zu Anselm). Dennoch beschwöre ick Dich bei der Reinheit unserer Liebe, daß Du nur als Freund an mich denken mögest, so wie ich deine Freundin bleiben will, ohne einen andern Wunsch, als daß Du meiner nie vergißt! Schwalbe. Da kommt der Vater! 13 Siebzehnte Scene. Vorige. Bart. Bart (rasch von rechts auftretend, sehr heftig). Was seh' ich? — Ist das dein Gehorsam, Anselm? — Wo hast Du die Frau Marquise gelassen?! Anselm (ruhig und fest). Ich habe mich von ihr entfernt, weil ich von meinem Herzen hiehergezogen wurde, wo meine Liebe und Achtung ist. Bart. Du hast Niemanden zu achten, der deinem Vater nicht gefällt, und Niemanden zu lieben, der Dich hinter meinem Rücken mit den Netzen der Verführung umgarnen will! Fran cisca (schmerzlich entrüstet). Der Verführung? — Das ist ein ungerechtes Wort! Schwalbe (mit Affect). Ebenso ungerecht gegen meine Tochter als gegen mich! — O Herr Bart! — Meine Tochter versteht von diesen französischen Künsten nichts; ich aber bin derjenige, welcher eurem Sohne die Grundsätze der Moral als Waffe gegen die Verführung in die Hand gegeben hat. Bart. Dann wird er diese Waffe gegen Euch selbst gebrauchen lernen müssen! Schwalbe. Komm, Francisca! Anselm. Nein, nein! — Bleiben Sie noch, Herr Professor, damit Sie und Francisca hören, wie ich die Ueberzeugung meines Herzens gegen das Dorurtheil meines Vaters vertheidige! Bart, (drohend). Anselm! —Du erlaubst Dir von meinen Vorurtheilen zu sprechen? — Es ist kein Vorurtheil, wenn ich die Verdienste eines brodlosen Bücherschreibers nicht hoch genug anschlage, um seine Tochter für eine würdige Gattin meines Sohnes zu halten! — Wir sind zwar im Augenblicke noch bürgerlich, aber wer weiß, was geschieht; binnen einer Stunde kann sich Vieles geänderthaben, und wenn es sich auch nicht geändert hätte, es bleibt immer noch genug Unterschied zwischen einem diamantreichen Juwelier und einem Federfuchser! Blumauer (von rechts vortretend). Der nur an Gedanken reich ist. Schwalbe (freudig). Ach, endlich, endlich! — Gott zum Gruße, Herr Blumauer! Blum, (freundlich grüßend). Gehorsamster Diener! Achtzehnte Seme. Vorige. Blumauer. Blum. Was meint Ihr, Herr Bart, woran ich jetzt eben gedacht habe? Bart, (verlegen artig). Hm! wer kann das bei einem solchen Geist errathen? Blum. An den kaiserlichen Spruch, welcher über dem Portale des Augartens steht und welcher Euch so sehr gefällt: »Allen Menschen von ihrem Schätzer!« — Meint Ihr, daß auch ein armer Federfuchser unter diese Menschen gehört? Bart. O gewiß, ganz gewiß! — Aber die kaiserliche Schätzung ist natürlich eine andere als — Blum. Als diejenige, welche nach Diamanten gemessen wird? — Wenn Ihr das glaubt, stellt Ihr euren Hoffnungen ein schlimmes Prognostikon. Anselm. Welchen Hoffnungen? Blum. Hat Dir dein Vater nichts davon gesagt? Bart, (rasch). Ich habe noch keine Zeit gefunden — und es ist auch besser, den Erfolg abzuwarten. Blum, (lächelnd). Zweifelt Ihr daran? (Lautes Vivatrusen aus der Ferne von links. — Die Spaziergänger, welche im Hintergründe sichtbar blieben, entfernen sich schnell nach links.) Bart. Der Kaiser! (Ordnet schnell seine Toilette, sucht sich zu sammeln und sagt dann bedeutungsvoll wichtig.) Begleite mich, Anselm! — Es ist ein großer Moment, welcher uns erwartet! Wenn er glücklich vorübergegan- !4 gen ist, dann wirst Du deinen Vater erst begreifen lernen! Anselm. Francisca, das Gelöbniß meiner Treue bleibt wahr! (Bart mit Anselm links ab.) Neunzehnte Scene. Blumauer. Schwalbe. Francisca Schwalbe. Was sind das für Hoffnungen, denen Herr Bart mit solcher Sicherheit entgegenzugehen scheint? Blum, (lächelnd). Sie haben eine doppelte Natur: je schlechter sie sich für ihn erfüllen, desto besser für Euch und für eure Tochter. Francisca. Für mich? — Ich habe keinen Wunsch, als Anselm glücklich zu wissen! Schwalbe. Und die Erfüllung jener Hoffnungen hängt von dem Kaiser ab? Blum. (mitWärme). Sie hängt vondem- jenigcn ab, auf welchen einer meiner Bekannten folgende Verse gedichtet hat: Weisheit war s, die ihn zum Menschenschätzer, Nicht zum Seelenschätzer werden ließ, Und den guten Menschen auch im Ketzer, Wie im Juden gleich willkommen hieß! Sie nur räumte'willig dem Verstände Seine Freiheitsrechte wieder ein Und gebot ihm, fortan ohne Bande Nur der Wahrheit unterthan zu sein! Francisca. Diese Verse habt Ihr gedichtet, Herr Blumauer, ich habe sie in meinem Herzen eingegraben! Schwalbe (begeistert). Sie können nur Josef dem Zweiten gelten, keinem Andern! Blumauer (Beider Hände fassend). So kommt! — Wir wollen vor den gekrönten Freund des Geistes hintreten und ich hoffe heute noch zu Euch sagen zu können: Vor des besten Kaisers Throne Habt ihr nicht umsonst gefleht, Dem Verdienste seine Krone Reicht die wahre Majestät! (Alle links ab.) Zwanzigste Scene. Baron und Marquise (treten von links aus dem Hintergründe vor). Marq. (affectirt zärtlich). Wir sind also wieder versöhnt, mein lieber Baron? Sie wollen aus Liebe vergessen, daß ich Sie aus weiblicher Laune ein bischen gemartert habe, wie ich mich an Ihre beabsichtigte Untreue nicht mehr erinnern will? Baron. Ja, meine theure Quälerin, aber nur unter einer Bedingung. Marq. Die wäre? Baron. Ihre Tändelei mit dem Bürgerlichen ist zu publik geworden, als daß man sie nicht für Ernst genommen hätte. Sie müssen ihn also, um meiner Ehre willen, öffentlich desavouiren. Marq. O, das soll geschehen! (Nach links blickend.) Wer kommt dort? Es ist der Friseur, welchen ich öfter bei dem Juweliere getroffen habe und welcher gegen seinen übermüthigen Kunden einen heimlichen Groll zu hegen scheint. Baron. Vielleicht können wir diesen heimlichen Groll zu einer öffentlichen Blamage benützen. Einundzwanzigste Scene. Vorige. Schöpft (von links). Schöpfl (rasch auftretend und vergnügt die Hände reibend). O, das ist mir lieber als meine ganze Perrückensammlung! Hahaha! Hat sich der aufgeblasene Narr blamirt! Hat er vom Kaiser eine Lection bekommen, die er nicht vergessen wird! Marq. Warum denn so vergnügter Laune, Meister? 15 Schöpfl (sich tief verneigend). Ah, die gnädige Frau Marquise! Ich weiß nicht, ob es Hochderselben angenehm ist, wenn ich über eine Blamage des Herrn Chryso- stomus Bart vergnügt bin. Marq. O, es ist mir äußerst angenehm, denn ich vergönne ihm dieselbe. Schöpfl. Wirklich? Baron. Ich auch! Schöpfl. Also vernehmen Hochdiesel- ben: der aufgeblasene Bürgernarr hatte die Frechheit, sich mit unterschiedlichen Katzenbuckeln an Seine Majestät zu drängen und Allerhöchstdemselben eine handooll Diamanten anzubieten, wenn er dafür in den Adelstand erhoben würde! Baron. Das ist ebenso unverschämt als komisch! Marq. Hahahaha! Schöpfl. Seine Majestät muß es auch so gefunden haben, denn anfangs wollte der Kaiser in Zorn gerathen, bald aber nahm er sein gewöhnliches ruhiges Lächeln an und sagte zu dem Diamantenverschenker folgende Worte: »Mein lieber Bart, bis jetzt habe ich geglaubt, daß ich nur mit den Türken zu kämpfen haben werde; nun aber sehe ich, daß es in meinem eigenen Lande auch Chinesen zu bekämpfen gibt!« Damit ließ er ihn stehen. Ein allgemeines Gelächter brach wie eine Salve über Herrn Chrysostomus los und ich konnte nicht eilig genug fortstürzen, um seine verdiente Demü- thigung vor aller Welt zu verkündigen. Marq. Hahahaha! Zhr seid auf Herrn Bart nicht gut zu sprechen, Meister Schöpfl! Schöpfl. Natürlich! Weil der über- müthige Narr nicht eingestehen will, daß er den Ruhm seines schönsten Zopfes mir zu verdanken hat! O, wenn ich ihn nur auch lächerlich machen könnte! Marq. Dazu will ich Euch einen Rath geben. Dort kommt er bereits; ziehen wir uns einstweilen zurück. (Alle Drei treten, leise sprechend, etwas zurück.) Zweiundzwanzigste Scene. Vorige. Bart und Anselm (von links). Bart (in Verzweiflung). Alles verloren! Ein geschlagener Mann bin ich! die ganze Stadt wird mich auslachen! O, warum hat mir der Blumauer nicht abgerathen! Ans. (sanft). Vielleicht wäre es umsonst gewesen, Vater. Bart. Umsonst? Bin ich ein Solcher, der keine Vernunft nimmt? O, diese De- müthigung! Was wird die Frau Marquise sagen? Marq. (vortretend). Daß Ihr ein ein. gebildeter Tropf seid, Meister Bart! Bart (erschrocken). Ha! Ans. (entrüstet). Madame! Marq. (stolz zu Anselm). Unterdrücke Er seinen Zorn! Auch Ihm habe ich die Wahrheit zu sagen: daß ich nämlich nur einen herablassenden Scherz mit Ihm getrieben habe. Bart (auffahrend). Nur einen Scherz ? Ans. (mit Verachtung). D Madame! — Mag es von Ihnen Scherz oder Ernst ge, wesen sein, von meiner Seite war es immer Ernst, daß ich lieber einer unbescholtenen Küchendirne meine Hand geboten hätte, als einer solchen Dame! Marq. Zu viel! Baron (drohend). Du hast meine Braut beleidigt, Bursche, dafür sollte ich Dir ins Gesicht schlagen! Ans. (vortretend). Versuchen Sie es, Herr Baron! (Nahes Vivatrufen.) Bart (angstvoll). Dort kommt Herr Blumauer mit dem Professor und mit seiner Tochter! — Laß' uns geschwinde gehen, Anselm, damit ich nicht auch von diesen verspottet werde! (Will fort.) Ans. (ihn zurückhaltend). O, von diesen gewiß nicht! Dreiundzwanzigste Scene. Vorige. Blumauer. Schwalbe. Francisca. Alle Spaziergänger (von links). Blum. (Schwalbe und Francisca in der Mitte führend, laut und freudig zu Bart). Hier stelle ich den neuernannten kaiserlichen Rath, Herrn Professor Schwalbe, vor, welchen unser huldvoller Monarch mit einem warmen Händedrucke und mit diesem Brillantringe (nach Schwalbe's Hand zeigend) beehrt hat, damit Jeder erkennen möge, daß vor den erhabenen Augen Josefs II. der Geist und die Wissenschaft den höchsten Rang behaupten! Die Spaziergänger. Vivat der Kaiser! Vivat! Ans. O, das sind schönere Brillanten, Vater, als die, welche wir zu verschenken haben! — Wünschen wir dem Herrn Professor Glück! Bart (stammelnd). Herr Professor — Herr kaiserlicher Rath, wollte ich sagen — Schwalbe (bewegt und zitternd). O, keinen Titel, lieber Herr Bart, der mich nur um des Gebers willen stolz macht! — (Nach Francisca zeigend.) Hier — hier! — Das Glück meines Kindes möchte ich von Euch erbitten! Bart (bewegt). Erbitten? — Von mir, der zum Gespötte der ganzen Stadt geworden ist? Francisca. Entschädigt Euch dafür an unserer Dankbarkeit, an unserer Liebe! Bart (ihre Hand fassend). So komm'! Der Kaiser hat mich für die Kränkung bestraft, welche ich Dir angethan; (fie zu Anselm führend) Der da möge es gut machen! Ans. O mein Vater! Dank! Dank! Schwalbe. Ja, tausendfachen Dank, Herr Bart! — Jetzt kann ich erst meiner neuen Ehre froh werden, weil ich das Glück unserer Kinder gesichert weiß! Marq. (heimlich zu Schöpft). Vergeßt nicht auf die Schere! Schöpfl (eine Schere aus der Tasche ziehend). Schon da! Bart (sich der Marquise nähernd, freudig stolz). Frau Marquise! Sie haben sich gegen uns eine Fopperei erlaubt, aber das war unser Glück! — Von heute an werde ich nur meiner Familie leben und meine einzige Eitelkeit wird höchstens darin bestehen, daß ich zuweilen im Scherze singen werde: »Ich habe doch den schönsten — « Schöpfl (hat sich hinter Bart geschlichen und ihm rasch den Zopf abgeschnitten, der zu Boden fällt). Bart (zurückgreifend). Wo ist denn mein Zopf hingekommen? Blum, (lachend). Da liegt er! Schöpfl (boshaft). Ich habe euren Zopf abgeschnitten, Herr Bart, zum Zeichen, daß Ihr diese Herrlichkeit nur mir zu verdanken habt. Bart (will den Zopf aufheben). Blum. Laßt ihn doch liegen! (Declamirendr) Heute ist der erste Zopf gefallen, Das gleiche Schicksal wünsch' ich Allen! Die Zeit wird kommen mit der Schere Und geben der Natur die Ehre! Dann wird man einen rechten Kopf Auch schätzen lernen ohne Zopf. (Der Vorhang fällt.) Ende. HrUck und Papier von Leopold Sommer in Äie«. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt und auf rechtmäßigem Wege nur zu beziehen durch Eduard Mellin, Magdalenenstraße Nr. 24. Alte Schulden. Briginal-Mensbild mit Gesang und Tanz in drei Acten von Friedrich Kaiser. Musik vom Kapellmeister I. Brau dl. (Im k. k. priv. Theater in der Iosephstadt zuerst mit glänzendem Erfolge gegeben.) Personen: Fürst Holdste in. Victor Tanner, prnsionirter Förster. Francis ca, seine Fra«. Ambros, Dorfpfarrcr, 1 Niclas, sürstl. Beamter,/deren Söhne. Berthold, s Mathilde, Niklas' Frau. ! deren Kinder. Franz, j - Lordula, Schulmeisterswitwe und Haushälterin bei Ambros. Philipp ine, Ambros' Pflegetochter. Frau von Stahlberg, Gewerksbesitzeria. ^ Sabine. Rundlich, Bezirksarzt. Han old, Bürgermeister. Grauberg, Schulmeister. Peter, ein alter Zägerbursche. Kilian, Knecht. Frohmann, Förster. Droni, l ' Lisi, > Bauernmädchen. Nani, s Lorenz, t Bauernburschrn. Martin, j s-ldh-h». > Menzrnger. ) Schmiedhannes, Wirth. Erster Kct. (Garten vor dem Pfarrhause in Stillcnbach; seitwärts rechts das einstöckige Gebäude, links eine Laube, in welcher ein Tisch und Stühle stehen, Theater-Repertoire-Rr. quer über die Bühne zieht sich eine Mauer, in deren Mitte sich ein breites, anfangs noch geschlossene- Einfahrtsthor und neben diesem eine kleinere offenstehende Thür befinden. Den gänzlichen Hintergrund bildet eine freundliche Landschaft.) 1 Erste Sceue. Cordula, Kilian, Lorenz, Mar, Vroni, Lisi, Nani, mehrere Bauern und Bäuerinnen (sämmtlich mit Körben). Cordula (eine Kram uber^-fünfzig Jahre alt, aber rüstig und rührig, /orgfältig nett gekleidet, eine weiße Schürze umgebunden, an welcher ein Schlüsselbund hängt, steht in der Mitte der Bühne). Alle Uebrigen (rings um sie, ihr die mit- gebrachten und dje folgenden angegebenen Gegenstände gleichsam ausdringend, und Alle säst zugleich >.rr sprechend). Martin (einen Rehbock von der Schulter nehmend). Das Rehböckel schickt I der Herr Förster! Lorenz (aus ein auf einem Schubkarren befindliches Fäßcken weisend). D*as Eltckerl' Vierunddreißiger vom Rebhammer — Äröni. D'Mutter schickt die zwei g'schoppten Gans' — Lisi (auf ihren Korb weisend).'s schönste Obst aus'n Herrschastgarten — Nani. Die zwei Körb' Eier müs- ftn's auch nehmen! Cord, (welche sich der Andringenden kaum erwehren kann). Aber liebe Leut'! das ist ja Alles z'viel! — Fast aus jedem Haus im Ort werden Präsenter g'schickt — ich weiß fast gar nicht mehr, wo ich Alles uüter- briugen soll! Kilian. Die Gast' vom Herrn Pfarrer werden's schon unterbringen! — Nur z'erst Alles sieden und braten! Cord. O Gott! kocht wird schon seil zwei Tagen! Kilian. Das muß ja heut' ein Essen werden, so gut, wie's die Engel im Himmel nur alle Sonn- und Feiertag' kriegen! Cord. Es werden ja so viel Leut' erwart'!, daß's in die Zimmer gar kein'Platz haben, 's müssen im Garten Tisch und Bank' aufg'schlagen werden! (Gegen Himmel sehend.) Na — schön wird's wohl bleiben — 's ist ka Wölkerl am Himmel z'sehen! l Kilian. Der Himmel hält' ja auch gar kein' Platz für a Wölkerl! Cord. Warum nicht? Kilian. Weil er heut' voller Geigen hangt! Ha ha ha ! Cord. Ja, unser hoch würdig er Herr ist wohl selten bei schlechtem Humor, aber so seelerwergnügt- 'wie hent' Hab' ich ihn noch nie g'seh'n! Kilian. 'S muß aber auch für ihn, als Sohn, a Freud' sein, daß ihm seine Eltern so g'rathen sein. Cord. Uud 's ganze Ort nimmt Theil an seiner Freud'! Nani. An fremder Freud' theilz'neh- men.ist ka Kunst — der hochwürdige Herr nimmt aber Theil an jedem fremden Leid, und Hilst, wo er kann. »Borenz. Und d rum thut's auch allen Leuten völlig wohl, daß's auch einmal a G'legenheit finden, ihr' Dankbarkeit z'zeik gen. (Zu Cordula.) Also nehmen's nur Alles in Empfang! Cord. Na— ich weiß, daß ich die Geber nur kränket, wann ich was z'ruckweiset, also tragt's nur Alles in d'Speiskammer, und stärkt's Euch mit ein'm Glaserl Wein für eure Müh'! Kommt's nur! (Ab ins Haus.) Alle Uebrigen (folgen ihr). Zweite Scene. Berthold (ein Mann nahe an vierzig Jahre, Wangen und Kinn von einem Vollbarte bedeckt, einen mit Wachsleinwand überzogenen Hut auf dem Kopse, eine Zwilchblouse am Leibe, ein leichtes Ränzel ans dem Rücken und einen Knotenstock in der Hand, tritt durch die kleine Thür der Gartenmauer ein). Lied. A Wand'tLr steht'Nachts dürch ein'm stock- fiustern Wald, Er pfeift und er singt laut, daß's um und um schallt» 3 Man glaubet, er mar' Gatt weiß- wie — couragirt, Derweil er vor Angst schon sein Herz fast verliert! — Denn g'rad weil's so schaurig und entrisch sein thut, So macht durch laut's Schreien sich selber er Muth! Aber heißt denn das g'sungen? — Ah na! gar ka Red'! A Lied' ist nur das, was vorn Herzen ein'm geht! G'rad so geht's auch mir, nur in anderer Weis' — Ich lach' und mach' G'spaß—jetzt amZiel von der Reis'— Und wer mich so sieht, der verschwöret sei' Seel', Ich war' recht a lustiger Kerl — kreuzfidel! Derweil ist mir so, daß mir's Herz brechen könnt' — Ich zwing' mich zum Lachen, denn sonst— sonst wurd'g'flennt! Aber ist denn das g'lacht?— Ah beileib'! — gar ka Red'! A trauriger Spaß, der vom Herzen nit geht! (Er sieht sich rings um — fährt mit der Hand über die Augen, dann sich gewalbam beherrschend). Nimm Dich z'samm! Alles dahier lacht Dir ja so freundlich entgegen, also antwort' auch mit ein' Lachen d rauf! Der Mensch hat ja nicht nur die Sprach', um seine Gedanken zu verbergen, sondern auch Lachen und Lächeln, hinter dem sich, wie hinter einer spanischen Wand, die conträrsten Empfindungen verstecken lassen. Das ist ja sein Vorzug vor den Thieren. Von denen kann keines lachen, warum? weil, wie dieTh ier e erschaffen worden sein, die Menschen noch nicht auf der Welt waren, über was hätten denn dann die Thiere lachen sollen? — Ja — der Mensch kann lachen — und doch gibt's unter den gegenwärtigen Verhältnissen so wenige, die wirklich lachen können — eben deswegen wollen sie durch and're zum Lachen gereizt werden, und eben deswegen wnrd' jetzt ein recht spaßigerBajazzo überall leichter Eintritt finden, als wenn sich alle sieben Weisen Griechenlands zugleich anmelden ließen! — Ja, bei den Griechen waren die Weisen noch zu zählen —- auf mehr als sieben haben's es nit gebracht, bei uns aber werden alle Jahr auf den verschiedenen Universitäten so viele Doctoren der Wissenschaften auSgebacken, daß's gar nicht mehr zum Zählen sein, aber die echten Spaßmacher werden schon so selten, daß manche Regierung gern eine ganze Akademie der Wissenschaften dafür hergebet, wenn's ein recht lustigen Narren findet, der das Volk in den Stand setzet, so recht vom Herzen lachen zu können! Aufdiese Ansicht Hab' ich meinen ganzen Operationsplan begründet! Also die Gesichtsmaske ausgebügelt, daß kein Falterl von Ernst zu sehen ist — waS von Spaß und Humor in mir steckt, herausgepreßt, und den Platz mitderHanns- wnrst-Pritschen erobert! Corraggio Bajazzo! (Will gegen das Haus.) Dritte Scene. Berthold — Cordula. Cord, (tritt eben wieder aus dem Hause — erblickt Berthold — erstaunt, für sich). Wer ist denn das? (Mißt ihn mit mißtrauischen Blicken vom Kopfe bis zu den Füßen.) Berth. Fünf Schuh — drei Zoll! Cord. Was wollt'ö damit sagen? Berth. Na, ichsag'sIhnen lieber gleich, wie hoch ich bin, damit Sie nicht erst zu messen brauchen! Cord. Nach eurem Maß frag' ich nicht! Berth. Das ist g'scheidt, sonst hatt' ich mich erst cimentiren lassen müssen! Cord. Aber ich will wissen, was Ihr dahier sucht? Berrh. (sie rasch an der Hand fassend, in schaurigem Tone). Die Leichen der Gemor-. deten. 1 / 4 Cord, (entsetzt). Gott im Himmel! Berth. Läugnen Sie nicht! Wie ich an den Knchelfenstern dieses Hanfes vorbei- gangen bin, Hab' lch Ihre Opfer gerochen! Gans'ln — Anteln — Hendeln — Kalbsschlägel und anderes Geflügel, was unter Ihrer Hand gefallen ist! Cord, (ihre Hand losmachend. unwillig). Ihr seid's ein Narr! Berth. Nein, dafür sollenSiemich nickt halten! — Sie sollen mich nicht umsonst bei der Nase geführt haben! Cord. Ich — Euch! Berth. Ja — ichgeheimmermeinerNa- sen, und meine Nasen dem Bratelg'ruch nach — Sic sind die Erzeugerin dieses Geruches — Sie haben mich also dadurch bei derNasen da hereingeführt. und Sie wäre« eine herzlose Cokette, wenn Sie nach solchen Anreizungen meine Wünsche nicht erfüllen wollten! Cord. Ja, glaubt's denn, Ihr seid's dahier in ein' Wirthshaus? Berth. Wenn ich das glaubet, wär' ich nicht hereingangen! Cord. Und warum nicht? Berth. Aus demselben Grund, aus welchem verschiedene Mächte nicht ans Kriegführen denken! Cord. Und der Grund ist —? Berth. Weil man dahier (zieht seine leeren Säcke heraus) bereits auf den Grund kommen ist! Cord. So? Ihr habt's also kein Geld, um Euch was z'essen zu kaufen? — Habt's aber a curiose Manier, zu betteln! Berth. Wer hat denn schon gebettelt? Ha! was ich g'nieß, will ich auch verdienen! Cord. Verdienen? — Ihr wollt's arbeiten? — Aber was könnt's denn? Berth. Ich? — ich kann dichten! Cord. Dichten? — Ist denn das auch ein' Arbeit? Berth. s'Dichten nicht, aber vom Dichten — leben, das ist schon ein'Arbeit! Cord. Da könnt's halt so Reim' machen? Berth. Ja — aber das Ungereimte ist jetzt moderner! Cord. Nein, nein! Reim' müßten's sein, und auf's heutige Feit müßten's passen! Berth. < sich gleichgiltig stellend). Fest? was denn für a Fest? Cord. Na seht's, heut' sein's g'rad'fünfzig Jahr', daß die Eltern vonunserm Herrn Pfarrer g'heirat' haben. — Berth. Sie feiernalso ihre goldene Hochzeit und dahier? Cord. Ja, an dem nämlichen Altar, an dem's vor fünfzig Jahren copulirt worden sein, wollen sie sich heut' — und von ihrem eigenen Sohn auf's Neue cinsegnen lassen! Berth. Hm'! ein schönes Fest, aber was Wehmüthig's wird's doch auch haben! (Ausholend.) Die zwei alten Brautleut' — sie sein wohl schon recht schwach und hinfällig? Cord. Was fallt' Euch ein? — Den alten Herren sollt's nur sehen! Er hat wohl schon seine 75 Jahr', aber noch kräftig ist er und aufrecht wie a Tannenbaum, der noch im Winter unterm Schnee, der auf ihm liegt, seine grün' Zweig' hat! Berth. (immer lebhafter). Und sei — Frau —? Cord. Oh! der steht manihre 68 Jahr' auch noch nicht an! — So a lieb's, rund's Weiberl mit ein' rothbackigen G'sicht — noch alleweil rührig — und, sollt's cs glauben, sie selber ist d'rauf b'standen, daß nach der Tafel Musik g'macht werden muß, damit sie mit ihrem Alten noch ein Ehrentanz machen kann! Berth. (vor inniger Freude ausjauchzend.) Bravo! Juhe! Heißa! Trallalala! (FaßtCordula um die Mitte und dreht sich mit ihr im Kreise herum.) Cord, (sich während des Tanzes heftig sträubend). Aber! seid's närrisch! Laßt's mich aus! (Reißt sich endlich von ihm los.) Was treibt's denn für Unsinn? Berth. (ausgelassen). Kann nichts dafür! Wann ich was von Tanz und Musik hör', kommt's mir gleich in d'Füß! Und dann 5 muß ich mich ja auch a bißl warm machen, sonst fallt das Gedicht zu kalt aus! Cord. Also werd's eins auf die G'legen- heit machen können? Berth. Na ob! Sagen's nur, wie viel Ellen als's haben soll. Cord. Nein, nein! lang darf'S nicht sein! Berth. Aha! wegen Auswendiglernen! Sie wollen's wahrscheinlich declamiren als weißes Mädel? Cord. Keine Dummheiten! — ich ver- wend's anders! Berth. Zu was denn? Cord. Wißt's, ich Hab' a große Torten backen, und auf die möcht' ich's mit zerlassenem Zucker d'raufspritzen! Berth. Was? — meine Vers? — g'spritzt?! — Was fallt Ihnen ein? Es heißt wohl: »Reim Dich oder ich friß Dich« — aber wann sich was reimt, und nachher doch g'frrssen werden sollt', das wär' eine grausame Ungerechtigkeit — bissige Behandlung eines poetischen Erzeugnisses! Das duld' lch nicht! — Aber sagen's mir, ist's denn in der Gegend nicht der Brauch, daß bei Hochzeiten ein eigener Hochzeitbitter dabei ist, der aus'n Stegreif auf d'Brautleut' und d'Gäst' spaßige Reim hersagt? Cord. Ja, das ist wohl sonst derBranch, aber bei einer goldenen Hochzeit? Und dann wär's ja auch nothwendig, daß Ihr alle Gast' und ihre Verhältnisse kennet's! Berth. Pah! das werd' ich Alles bald heraust haben! Lassen s mich nur bis zur Tafel im Haus, damit ich mir die beut' a bißl anschau', dann weiß ich schon, mit was ich Jeden ansingen kann! Cord, (zweifelnd). Das wollt'svombloßen Anschau'n wissen? Berth. Warum denn nicht? — Jeder Mensch ist ein Buch, im Lebensdruck erschienen ; der eine gut, der andere schlecht auf'glegt, einer auf Papier Velin, der and'r e auf Papier vilain, der eine in Franzband mit Goldschnitt, der andere nur leicht bro- chirt, aber das G'sickt ist das Titelblatt, was den Inhalt angibt, und wann man's einmal so weit bracht hat, daß man daS Titelblatt lesen kann, dann weiß man schon, ob man sich das Buch an sch affen, oder ob man sich's nur a bissel z'leihen nehmen soll! Cord, (für sich). Hm! dcrMenschredt' gar nichtdumm,und ein'G'spaßgebet's! (Laut) Na, so probirt's eS halt! — Ambros' Stimme (noch einerhalb des Hauses). G'schwind! das große Thor auf- g'macht! Cord, (fast erschreckt). Der Herr Pfarrer! — er kommt d'Stiegen herunter! Berth. Ha! den muß ich mir zuerst recht ins Ang' fassen! Cord. Na, so bleibt's da! Sagt's, Ihr seid's ein armer Handwerksbursch', dann weister Enchg'wiß nichtdie Thür! — Aber ich muß jetzt wieder an d' Kvcherei! (Eilt hinter das Haus' ab.) Berth. (allein). Ja, ich will ihn — aber er soll vor der Hand mich nicht sehen! (Tritt rasch hinter ein Gebüsch.) Vierte Scene. Ambros. Kilian. Amb. (im Hausrocke eilt in freudiger Geschäftigkeit aus dem Hanse). Kil. (folgt ihm). Amb. Ich Hab' vom Fenster aus den Wagen, mit dem ich meinen Bruder sammt Familie Hab' aus der Stadt abholen lassen, z'ruckkommen sehen! Mach' auf! mach' auf! Kil. Gleich, gleich, Hochwürden! (Geht zum großen Thore, schiebt den Balken zurück» und öffnet beide Flügel.) (Man sieht auf der Straße vor dem Thore eine Landkutsche stehen, auf deren Decke und Rückbrett Koffer und Schachteln gepackt sind.) 6 Fünfte Scene. Vorige. Niclas. Mathilde. Rosa. Franz, dann ein Knecht. A in bros. Da sein's schon! (Eilt auf die Kutsche zu und reißt den Schlag derselben auf.) Grüß Gott Alle mit einand'!Na,nur heraus! (Hilst Niclas ans dem Wagen, dann zu Mathilden.) Geben s mir die Hand, Frau Schwägerin! (Hilst ihr ebenfalls.) Und jetzt Ihr, junger Nachwuchs! (Hebt Rosa und Franz heraus, dann fröhlich lachend.) Ha ha ha! das heiß' ich doch eine ganze Familie her- äushelfen! (Zu Kilian.) Laß den Wagen in die Schupfen fahren, und tragt dann das Gepäck in's Haus! Kilian (ab durch die Einfahrt, der Wagen entfernt sich nach rechts, das Hausthor wird von einem Knechte wieder zugemacht). Ambros (zu den Angekommencn). Und jetzt laßt Euch erstförmlich inmeinem Haus' willkommen heißen! (Umarmt Niclas.) Grüß Dich Gott noch einmal und tausendmal — nach so langer Zeit! Hast Dich gar nicht um mich umgeschaur, so lang' ich dahier ans der Pfarr' bin — ich sollt' eigentlich bös' sein! dticlas (in Allem etwas steif und förmlich). Bruder! Du weißt, meine amtliche Stellung ln der Hauptstadt —! — Es ist mein Stolz, daß ich seit meiner zwanzigjährigen Dienstzeit noch keine Stunde in meinem Bureau versäumt habe, und nur die heutige ganz außerordentliche Veranlassung bestimmte mich, ein Gesuch um mehrtägigen Urlaub zu unterbreiten! Ambros. Na, weil Du nurheut'da bist, und Sie auch, Frau Schwägerin! (Drückt Mathilden herzlich die Hand.) Und das — (auf Rosa und Franz weisend) sein also eure zwei Kinder, die ich bisher nur aus der brieflichen Beschreibung kenn'— Niclas (auf Franz weisend). Za — hier unser Erstgeborener — Franz, (muthwillig). Der aber, wie Esan, in diesem Augenblicke das Recht seinerErst- gebnrt gegen ein gutes Frühstück vertauschen würde! Niclas (verweisend). Aber Franz! Ambros (lachend). Ha ba ha! Dafür ist schon g'sorgt! — Und (aus Rosa blickend) das ist also die zweite — die Noserl! Na — gratulir! — ein recht hübsches Dirnd'l. Math, (verletzt). Sie ist bereits siebzehn Jahre alt! Tochter ?» Ambros. Alsog'rad um ein Jahr jünger als meine Tochter! Math. ) (erstaunt zu- lJhre Niclas.) xücksahrend) jdeine , Ambros. Ziehtochter hätt'ich eigentlich sagen sollen! (Zu Niclas). Hab' ich Dir denn nicht geschrieben, wie ich zu der gekommen bin? Niclas. Nein! — es ist eine sehrfrappi- rende Neuigkeit! Ambros. Na, sowerd'ich'sEuch gleich erzählen! Aber vor Allem muß ich fragen, wolltJhr oben im Haus ein Frühstück ein- nehmen, oder gleich dahier im Garten? Math, (gemessen). DieNeugier bestimmt mich, den Garten vorzuziehen, damit wir, ehe wir das Hans betreten, von dessen Bewohnern Kunde erhalten. Ambros (zum Knechte) So sage der Frau Corde!, sie soll dahier auftragen lassen (auf die Laube weisend), in dem grünen Ca- btnet, was unser Hergott selber alle Jahr' neutapezirt! Knecht (ab ins Hans). Niclas (zu Ambros). Aber nun erzähle. Math, (bedenklich). Aber ob eine solche Erzählung in Gegenwart unserer Kinder — Ambros. Fürchten Sie sich nicht! Meine Wvrt'find keine Funken, die für Schindeldächer gefährlich werden könnten! Setzen wir uns nur! (Alle setzen sich in die Laube.) 7 Sechste Scene. . k-- ' - . - ' Vorige. Philippine. Cordula. Philippine sin einem ländlichen Festan- znge, aber mit vorgebundener Schürze, kömmt, eine Taffe mit Kaffeeservice tragend, aus dem Hause). Cord, (eine Taffe mit Brot», Butter und Obst tragend, folgt ihr). Ambros (Philippinen erblickend), Ach, mein Pinerl! (Zu Niclas und Mathilden.) Da habt Ihr gleich die lebendige Aitelvignette zu meiner.Erzählung! Math. < Philippine durch die Lorgnette betrachtend). Wie? — diese? Niclas (zieht seine Brille hervor und sieht durch dieselbe ebenfalls aufPhilippinen). Das ist also? Franz (erhebtsich vom Sitze, Philippinen an- starrend). Donnerwetter! P H i l. (bleibt scheu und ängstlich stehen, leise zu Cordula). Was schauen denn die Leut' mich so an? Ambros (zuPhilippinen). Na — komm' nur näher! — (Aus die Anwesenden weisend.) Mein' Bruder seine Familie! Phil.(stellt die Tasse auf den Tisch und will Mathilden die Hand küssen). Math. (ihre Hand rasch zurückziehend). Schon gut! schon gut! Cord, (stellt ihre Tasse auch auf den Tisch, dann einen Knix machend). Cs ist mir eine b'sondere Ehr' — verzeihen's nur, daß ich noch halb in derKucheltoilette — Niclas. Hm! wie anders sollte denn eine Köchin — Cord, (verletzt). Köchin? — Ich muß bitten — Ambros (begütigend zu Cordula). Na — na! Ich Hab' vergessen zu sagen, daß Siedie Witwe unseres verstorbenen Schulmeisters sein! Niclas (kühl). Ah — so! (Zu Cordula ) Pardon! Math, (vornehm zu Cordula). Aber lassen Sie sich in Ihren häuslichen Beschäftigungen nicht stören! Cord, (für sich). Die tragen d'Nasen a bissel hoch! Phil, (leise zu Cordula). Geh'n wir, Frau Mutter, denn die Leut' gaffen mich alle so an, daß ich selber nicht mehr weiß, wo ich d'Augen Hinthun soll! (Hängt sich an Cordulas Arm und geht mit ihr ins Haus ab.) Math. Wenn Sie uns also jetzt erzählen wollen — Ambros. Das ist bald geschehen! — Es sind jetzt fast achtzehn Jahre, daß ich noch spät in einer Winternacht zu einem kranken Holzbauer im Gebirg' gerufen worden bin. — Wie ich wieder nach Hans komm', und das Thor aufsperren will, stoß' ich mit dem Fuß' an einen Korb — gleich darauf hör' ich eine Kinderstimm'/ — ich leucht' mit meiner Handlatern' hinunter — richtig! da liegt ein kleines Kind — kaum ein paar Tag alt, sorgfältig in Tücher eingemacht, in dem Korb! — Nun, ich wollt' nicht in später Nacht noch das ganze Dorf alarmiren, und so ist mir nichts Andres übrig blieben, als den kleinen Passagier im Pfarrhaus ein Nachtlager zu geben! Niclas. Aber am nächsten Tag hast Du doch gleich eine gerichtliche Anzeige gemacht? Ambros. Versteht sich! Man ist aber auf keine Spnrkommen — ich hätt' darauf wohl das Kind in eine öffentliche Anstalt schaffen lassen können, aber mich hat das arme Geschöpf erbarmt, und der Gedanke, ein menschliches Wesen von seinen ersten Tagen an herausbilden zn können, hat einen Reiz für mich gehabt; ich habe also mit unserem braven Schulmeister und seiner Frau ein Uebereinkommen getroffen, bei denen ist sie unter meiner Ueberwachung erzogen worden, bis vor ein paar Jahren der Mann gestorben ist, da Hab' ich seiner Witwe den Antrag gemacht, meine Wirthschaft zu führen, und sie ist mit unserer gemeinsamen Pflegetochter hieher überfledelt! Math. Aber nnn ist das Mädchen dock bereits groß und stark genug, um in einen Dienst — — " 8 AmbroS. In einen Dienst? — Die Pinerl?! — So lang ich leb', nicht, — und nach meinem Tod' soll sie das auch nicht nöthig haben! Niclas (aufstehend, etwas spitz). Du bist so großmüthig gegen das — Findelkind, daß ich mir wohl erlauben darf, Dir auch die Zukunft meiner Kinder an'S Herz zu legen! Ambros (rasch anfstehmd). So red', was kann ich für die thun? Niclas. 2ch wünsche dieß mit Dir allein zu besprechen! (Gibt Mathilde einen Wink) Math. Wir müssen ohnehin noch an unsre Toilette — die Koffer wurden in's Hans getragen — Ambros. Und die Frau Cordel wird Sie gleich in die für Sie bestimmten Zimmer führen! (Begleitet Mathilden bis zur Hausthür.) Math, (zu Franz und Rosa). Folgt mir! Franz (für sich). Vielleicht treff'ich oben die hübsche Ziehtochter! (Laut.) Komm', Schwester! (Ab mit Rosa ms Haus) Ambros (zu Niclas zurückkehrcnd). Also — was hast denn für ein Anliegen? Niclas. Du weißt, daß unser Vater- einiges Vermögen besitzt — nun — ich wünsche ihm gewiß die längste Lebensdauer — aber sieh, er ist denn doch schon hoch betagt — wenn ihn der Tod überraschte, bevor er testirt hätte — Ambros. So könnte uns, als seinen Söhnen, doch Niemand die Erbschaft streitig machen! Niclas. Aber sie würde dann in drei gleiche Theile getheilt! Ambros. Natürlich, weil drei Söhne da sind! Niclas (aufgeregter). Ist denn derjenige, welcher eben jetzt nicht hier ist, auch noch zu gleichen Ansprüchen berechtigt? — Hat er nicht schon mehr gekostet, als sein An- rheil betragen würde? Ambros (etwas ungeduldig). Ich Hab' das noch nicht ausgerechnet! Niclas. Du weißt doch, was für Auslagen sein wüstes Leben auf der Akademie verursachte, und dann, nachdem er die technischen Schulen durchlaufen hatte, trieb er sich, statt einen Erwerb zu suchen, jahrelang müßig herum, ließ sich im Elternhaus füttern, machte Schulden über Schulden, die der Alte oft genug bezahlte, bis es ihm endlich dochzu viel wurde, und er dem Unverbesserlichen sein Herz, wie sein Haus verschloß. Ambros (betrübt vor sich hinsehend). Das war vor mehr als achtzehn Jahren! — In einer Aufwallung von Zorn hat er ihm die Thür gewiesen und gesagt: »Er soll sich nicht mehr hier blicken lassen, als bis er im Stand wär', alle seine Schulden selbst zu bezahlen!« — Er ist wirklich fort. — Niclas. Und kömmt wohl niemals wieder! und wenn ihm ein Erbtheil znfiele, so würden seine Gläubiger darauf Beschlag legen! — Und deshalb wäre es das Vernünftigste, wenn unser alter Herr gleiche ine Verfügung zu Gunsten von uns Briden träfe — dazu könntest Du ihn bewegen! Ambros (znrücktretend). Ich? — ich? Niclas. Nun ja — Du bist mit dem Vater in stetem Verkehr' — er gibt viel auf deine Worte. Ambros. Meine Worte können aber nur Worte des Friedens und der Versöhnung sein! Niclas (entrüstet). Wie? — Versöhnung?! Du wolltest ihm am Ende die Rückkehr möglich machen? Bedenke — die Schande für uns Beide! — Gott, mir graut vor dem Gedanken, daß so ein'Vagabund' mich als Bruder begrüßen — Siebente Scene. Vorige. Berthold. Berth. (hat indeß den falschen Nollbart ab- genommen, tritt aus dem Gebüsche hervor und zwischen Ambros und Niclas, letzteren mit einem spöttischen Lächeln betrachtend). Niclas (erschreckt zurückprallend). Um Gottes willen! 9 Ambros (überrascht, doch mit hrrvorleuch- tender Freude). Seh' ich recht? Du — Du hier! Brnd — Berth. (ihm rasch in's Wort fallend). Sprich' das Wort nicht aus! Der Herr (auf Niclas weisend) könnt' davon Ohrenschmerzen kriegen! Niclas (zu Berthold). Ich kann mich noch nicht fasten! — Du wagst es — und (auf Bertholds Anzug blickend) in diesem Aufzuge! Berth. (selbst die schadhaften Stellen seiner Kleidung betrachtend). Du wirst finden, daß ich mich während der Zeit nicht viel verändert Hab!' Niclas (mit Erbitterung). Nein! Du bist, was Du warst, ein — Berth. »Lump« willst du sagen? Vielleicht weil durch die zerrissenen Aermel meine Ellbogen etwas neugierig in die Welt hinausschauen? Das ist eher ein Beweis, daß ich kein Lump bin, denn die echte Lumperei tragt in der jetzigen Zeit schon so viel ein, daß man sich ein' ganzen Rock kaufen kann! Ambros (Berthold zu sich wendend). Aber sag' doch — wo warst Du die lange Zeit? Wieist's Dir gegangen? — woher kommst Du? — was führt Dich daher? Niclas. Die letzte Frage ist wohl bald beantwortet! — Er wird wieder Geld brauchen, und in Gottes Namen! wenn er verspricht, diesen Ort augenblicklich zu verlassen, so will ich ein Uebrigcs thun! (Langt nach der Brusttasche.) Berth. (zu Niclas). Du greifst da in der in Gegend des Herzens? Laß's gut sein! dort hast Du nichts Uebriges! (Sichzu Ambros wendend.) Aberich steh'vor demHerrn dieses Hauses — wenn Der will, daß ich fortgeh' — so wird's g'schehen! Ambros (rasch). Nein! nein! so sollst Du nicht fort! Aber (sich ängstlich umsehend) sag' mir nur — hat Dich schon Jemand g'fthcn? Berth. Niemand als die alte Frau Corde!, die Witwe von dem Mann', unter dessen Leitung ich meine erste jugendliche Bildung vernachlässigt Hab' — aber ich Hab' mich unkenntlich g'macht — Ambros. Das war gut—zu deiner eigenen Sicherheit! — denn es leben im Ort' noch Leute — Berth. Meine Gläubiger? — hm! s'ist merkwürdig, was diese Gattung Menschen für ein langes Leben hat! Niclas. Er scherzt noch! — Wenn Einer von diesen Dich erkennt — von seinen Rechten Gebrauch macht— Berth. Dann gab's eine rührende Scene, von welcher ich sehr ergriffenwurd'! — Aber sei ruhig! auch vor den Leuten will ich mich so zeigen, daß mich keiner mehr kennen soll! Nie. Auf das verlaß' ich mich nicht! (Tritt von ihm weg und zu Ambros, leise.) Bruder! ich erwarte von Dir, daß Du ihn auf gute Art fortbriugst! Deine Pflicht ist's, jede Störung desFestes hintanzuhalten! — Es kommen noch Leute aus der Stadt, welche von diesem Bruder noch gar nichts wissen — meine ämtliche Stellung könnte sogar gefährdet werden, (laut) und meine Frau, Gott! wenn diese ihn hier sieht, fällt sie in Krampfe — ich muß nur gleich zu ihr! (Eilt ins Haus ab.) Berth. (ihm nachrufend). Bitt', meinen Handkuß an die Gnädige! (Dann tief gekränkt.) Das heißt auch »Bruder«! Amb. (ernst). Daßer Dich nicht mit voller Freud' hat begrüßen können, mußt Du wohl selbst einsehen, denn selbst ich- Du weißt, ich Hab dich trotz deinem Leichtsinn immer lieb gehabt, war oft dein Ver- theidiger und Fürsprecher, Du warst ja damals erst über zwanzig Jahre alt, noch ein toller Bursch — aber jetzt — Berth. Jetzt steh' ich an der Grenze der Vierziger! Amb. Und darum solltest Du auch schon als fertiger Mann erscheinen! Berth. Das muß ich wohl aufjedenFall, denn, ob ich mir jetzt feste Grundsätz' und eine sichere Existenz erworben hätt' — oder ob ich total hcrunterkommen wär' — in 10 Leiden Fällen war' ich — ein fertiger Mann! und doch — doch bin ich noch so ein kindischer Kerl! Ambros. Was willst damit sagen? Berth. Na, hör nur! — Ich war zuletzt rn Boston — Ambros. Was? — In Amerika? Berth. Ja, und straf'jetzt alle Komödienschreiber Lügen, denn ich komm' aus Amerika, und — nicht als Millionär! — Aber das ist Nebenfach'! genug — ich war in Boston — Hab dort bei einem Mechaniker g'arbei?, und mir wenigstens, mein Stück Brod verdient — da kommt mir, ungefähr vor einem Monat, eine Zeitung aus Oesterreich in die Händ' — ich les' was von ein' seltenen Fest — (mit steigender Empfindung) les' dem Namen von dem Ort — les' die Namen meiner Eltern, die — unterm heutigen Datum dahier ihre goldene Hochzeit feiern würden, und ich, ich'laß Alles liegen und stehn — bitt' mir von meinem Principal das Reisegeld aus — und fahr' drei Wochen lang übers Meer — um an dem Tag Vater und Mutter zu sehen — Ambros. Was? —Dubist — nur deswegen -? Berth. Ja — wegen einer so kurzen Freund' die weite Reis' — die Auslagen! Der Bruder Niclas würd' das verschwenderisch und Du's vielleicht kindisch finden — Ambros (überwältigt). Nein — nein! ich find's eckt kindlich! Und darum — (breitet seine Arme aus) komm her! Berth. (stürzt an seine Brust und küßt ihn wiederholt). Da — da bin ich! — wirst Du mich aus dein' Haus fortweisen? Ambros. Frag'nicht so ung'schickt! Ich Dich fortweisen! — Aber Vorsicht ist noth- wendig — wegen der Eltern und — wegen Dir selbst — (sieht gegen den Hintergrund, säst erschreckt). Und da — da kommt just der alte Peter her — Berth. (ebenfalls hinsehend). Das alte Hausmöbels von unserm Vater? — Ha! mit dem will ich eine Eostumeprob' halten, wenn der mich nicht erkerlnt, dann kennt mich kein Mensch im ganzen Ort! Weis' mir nur ein kleines Kammer! an, wo ich mich Herrichten kann — Ambros. Komm' mit! In mein' Haus kann ich Dir nur ein'Winkel geben, in mein' Herzen aber steh'n Dir allezwei Kammern offen! (Ab mit Berthold ins Haus.) Achte Scene. Peter (ein Mann bei sechzig Zähren, in einer grauen Lodrnjacke mit grünen Ausschlägen, eine Jagdmütze aus dem Kopfe, unter einem Arme mehrere Kartons, unter dem andern eine Lhatouille tragend, tritt vom Hintergründe auf). Ich Hab mir ein' Beruf erwählt, bei dem man sich außerordentlich constrvirt — ich war schon fufzigJah? alt, und noch imm^ »Huudsjung!« — Na, vor zehn Jahren, wie mein Herr penstonirt worden ist, Hab' ich auch quittirt, aber mit Beibehaltung des Charakters — und ich erinner' mich noch immer mit Wehmuth an meine vierfüßigen Zöglinge, an die Vorsteh-und Hühnerhund', an die Windspiel' und Dachseln! Ich Hab sie nicht nur physischgroß gezogen, sondern auch moralisch herangebildet — Hab' sie zur Reinlichkeit ang'halten, denn Reinlichkeit ist das halbe Leben, und Schmutzigkeit die andere Hälfte — ich Hab ihnen g'lernt, eine Spur geschickt zu verfolgen — das Wild zu stellen, und Aug' in Aug' ihm gegenüber zu steh'n, während andere, verächtlichere' Hund' nur hinterrücks zu beißen g'wohnt sein. — Bei diesem Unterricht haben die Hund' von mir, und ich Hab' wieder so viel von ihnen g'lernt, daß ich mir schon selber vorkomm' wie ein' alter Pudel, der mit sein' Herrn Leid und Freud' theilt und einmal auf seinem Grab hin wird! —^ Wann's mich nur nicht deshalb auch besteuern — na ja, man will die Treue und Redlichkeit besteuern, weil aber diese Steuer beim Menscheng'schlecht zu wenig eintraget, war man gezwungen, sie von den Hunden ein- zucassir'n! 11 Neunte Scene. Peter, Ambros, dann B erthold. Ambros (tritt wieder aus dem Hause). Grüß' Gott, Peter! Peter. Ah Hochwürden! — Ich bitt', halten mir Hochwürden a bißl die Schachteln — (Hält ihm sein Gepäck hin.) Ambros (nimmt die Schachteln und die Chatouille). Wozu das? Peter, 's ist nur, damit ich die Kappen abnehmen und Hochwürden die Hqnd küssen kann! (Thutes.) So — jetzt können's mir's schon wieder geben! (Nimmt sein Gepäck wieder.) Ambros. Narr! Warum stellst die Sachen denn nicht auf den Tisch? Peter. Darf nicht! DerHerr Försterhat mir ausdrücklich befohlen, die Sachen nicht aus der Hand zu geben, bis Ew. Hochwürden sie selber zur Aufbewahrung übernehmen würden! Ambros. Aber die Eltern werden doch bald selbst hier sein? Peter. Ja, wix sein schon vor einer Stund' fortg'fahren, aber wie wir da gegen die Grenz' von der Gemeind' kommen sein, hat der alte Herr vom Weiten die, Ehrenpforten aus Tannenreis und die Menge Leut' mit der Musikbanda g'seh'n. Ambros. Ja, unsre Bauern haben das Jubelpaar festlich empfangen, und im Triumphzug daherbegleiten wollen. Peter. Das hat aber dem alten Herrn nicht g'fallen. — »So a Spetakel« — hat er g'sagt »passet nickt zu seiner heutigen Stimmung« — und — hat er g'sagt — z'erst soll die Andacht und nachher erst die Lustbarkeit kommen, und d'rum, hat er g'sagt, — wollt er lieber z'Fuß durch den schönen Wald, der früher sein Revier war, geh'n und gleich in d'Kirchen. Ambros. Ja ja — so kenn'ich meinen Vater — und im Grund hat er Recht! Peter. 'S wird aber doch nichts nutzen, denn wie ich den Bauern g'sagt Hab', daß meine Herrenleut' durch den Wald geh'n, ist gleich der ganze Sckwarm auch dorthin, und, gebenHockwürdenAcht! sie fangen'sdortab! (Man hört hinter der Scene aus sehr weiter Entfernung einige Flintenschüsse, Jubelgeschrei und ländliche Musik.) Ambros (aufhorchend). Was ist—? Peter. Ha ha! — was Hab' ich g'sagt ? Sie baben's schon! Zu was hat jetzt der Herr Förster den Wagen z'rückg'schickt? — Zu was Hab' ick z'Fuß dasZeug's da her> schleppeu müssen? Ambros. Was ist denn da drinn? Peter. Na, wissen Hochwürden, zum Altar will die alte Frau nur ln ein' einfachen Brautanzug und mit ein' Kranzel in den Haaren geh'n — aber später, zur Tafel und G'sellfchaft, da will der Herr Vater, daß sie was gleichschaut — d'rum hat's da (auf die Cartons weisend) ein Seidenkleid und Spitzenhauberl einpackt. Berth. (wieder durch den falschen Bart entstellt, und im Costume eines Bauers, auf dem Hute buntfarbige Bänder, in der Hand einen langen Stock, an welchen ein großer Blumenstrauß gebunden ist, tritt wieder aus dem Hause, bleibt aber, von den Anwesenden unbeachtet, anfänglich noch im Hintergründe stehen). Ambros (zu Peter). Und das (auf die Chatouille weisend) ist die Chatouille, in der sie ihren Schmuck hat? Peter. Ja — was sie von ihrer Mutter g'erbt und was ihr der Herr Vater so nach und nach zum Präsent g'macht hat! — 's sein schöne Sachen — sogar ein paar Edelsteiner. Ambros. Sie hat immer ihre Freud' d'ran gehabt, aber getragen hat sie's sonst nie! Peter. Na ja — sie istja keine so leichte Person, daß sie sich Steiner anhängeu müßt — aber heut' muß sie schon dem alten Herrn sein' Willen thun! Ambros. Na, gib nur Alles her; ich werd's indessen in. meine eiserne Cassa stellen! 12 P senktem Haupte und schlasfherabhängenden Armen stehen). Peter (kommt noch schreiend aus dem Hause). Aushalten! Einbrecher! — (Erblickt Berthold.) Ha! Sie hab'n ihn! — (Faßt. Berthold mit beiden Armen.) Jetzt kommt er mir nicht mehr aus! Ich häng' mich an ihn wie ein Hetzhund — eh' beiß' ich ihm rin Ohr- waschel ab, als ihn loslaß! (Das breite Einfahrtsthor öffnet sich — Fröhmann und alle übrigen Personen des Zuges dringen auf das Geschrei tumultuarisch herein.) Frohm. und die Jäger. Was gibt's hier? Was ist geschehen? Peter (zu den Jägern). Packt's ihn — setzt's ihm die Flinten an d'Brust—führt's ihn aufs G'richthauser— er hat den- 16 Schmuck von der Frau Försterin stehlen wollen! (Allgemeine Bewegung.) Ambros (entsetzt). Der? — Das — das ist nicht möglich! Peter. Ob's möglich ist, weiß ich nicht — aber wahr ist's — ich Hab' den Beweis in Händen! (Hält ein Collier von Perlen mit einer Brillantschließt hoch in die Höhe.) Ist das nicht ein glänzender Beweis? Franc, (mit freudigem Schreck aufschreiend). Die — die Perlschnur?! — O mein Gott! — wie wird mir? — (Wankt aufBertholdzu.) Mann! Mann! sagt's — wie kommt Ihr dazu? Peter Wie er dazu kommen ist? — Auf sehr billige Weis — (Mit der Hand be- wegung des Stehlens.) Franc, (zitternd vor innerer Aufregung). Nein! nein! hier kann er sie nicht gestohlen haben! Peter. Aber wenn ich's selber g'sehen Hab'! — Der Kerl ist mir schon gleich nicht recht richtig Vorkommen — aber vorhin seh' ich ihn ins Haus schleichen — denk' ich, was will er? — also nach! — er in die Pfarrkanzlei — dent'ich, was will erdort? — er fangt an an der eisernen Cassa her- umz'bandeln — ich pack' ihn von rückwärts — sch in seiner Hand die Pcrlschnur — und jetzt — jetzt Hab' ich g'wußt, was er will! Tanner. Und alles Uebrige wird schon das Gericht heraus bringen! (Zu den Jägern.) Führt ihn fort! Derth. (will den Jägern lautlos folgen). Franc, (sich ihm in den Weg stellend). Ihr red'ts nicht's? — Ihr laßt Euch unschuldig fortführeu? Die Jäger, Tanner und mehrere Leute (erstaunt). Unschuldig?! Franc. Ja — ich wiederhol's—er kann den Schmuck nicht gestohlen haben — Tanner Aber warum nicht? Franc. Weil — ich muß'ssagen —weil — die Perlschnur — gar nicht mehr — in meiner Chatouillen war! Tanner (aufs Höchste überrascht). Was? die Perlschnur — die ich Dir — Du — Du hättest sie — (faßt Francisca heftig an der Hand) weggeben? — Warum? — zu welschem Zweck'! Red'! FraNe. (am ganzen Körper vor Angst bebend). Ja — ich muß reden — d'Wahrheit reden, und — wann ich wußt, daß Du mich gleich todtschlagest! — Schaut — wie Du — vor 18 Jahren unfern Sohn — den Berthold — zur Thür hinausg'stoßen hast — da — da hat mich der arme Bursch'doch erbarmt, daß er so ohne Kreuzer Geld — hinaus muß in die weite Welt — ich Hab' ihm helfen wollen — aber Geld — das weißt — Hab' ich nie unter meinen Händen g'habt — da Hab' ich ein' Griff in meine Schmuck-Chatouilleng'macht—und da — Tanner (anfänglich erzürnt scheinend). Da hast Du ohne mein Wissen und Wollen den werthvollen Schmuck — ihm- Franc, (die Hände bittend zu ihm erhebend). Wirst mir deswegen harte Wort' geben? — Alter — heute'?! Tanner.(ungestimmt). Nein, nein! (Sie an sich ziehend.) Du warst ja seine Mutter! — Aber (sich z» Berthold wendend). Wie kommt der Mann-? Ambros (zu den Jägern tretend). Laßt ihn los! Ihr hört ja, daß er nicht gestohlen hat. Die Jäger (treten von Berthold zurück). Peter. Nein — er hat noch was in die Cassa hineinlegen wollen — so ein' Dieb könnten wir brauchen! Ambros, (leise zu Berthold). Entdeck'Dich nur jetzt nicht — dort steht der unbarmherzigste Wucherer, der alte Goldhahn — Berth. (leise). Mein Hauptgläubiger — der ließ' mich nicht aus — d'rum fort — (Will fort.) Franc, (vertritt rasch Berthold den Weg, seine Hand fassend). Nein! nein! ich laß Euch nicht fort — eh' Ihr mir eine Aufklärung geben habt, denn (mit vor Aufregung bebender Stimme) Ihr müßt ja doch mit mein' armen Berthold z'sammkommen sein — sagt's, wann habt's ihn zum letzten Mal g'sehen? 17 — wo und wie lebt er? — und (mit vor Thränen erstickter Stimme) lebt er überhaupt noch? Gold Hahn (ein alter hagerer Mann in abgetragener Kleidung, tritt neugierig vor). 2a — das intereffirt m'ch auch — wo lebt er? Nie. Aber liebe Mutter! Sie vergessen, daß der Vater gar nicht mehr au den Unwürdigen erinnert werden will — Ta NN er (im Kampfe mit sich selbst, sich zur Rauheit zwingend). Ja — 's ist wahr! ich will nichts hören — aber (sich zu Berthold wendend) wissen muß ich doch, wie 2hr zu dem Schmuck 'kommen seid? Franc. Ja — ja — redt's! Verth, (das Gesicht abwendend, mit verstellter Stimme). Ja — ich bin bekannt mir eurem Sohn' und er hat mir erzählt — Franc. Was? was? Sagtmirjed's Wort! Verth. Daß ihn nichts so zur Besinnung! bracht hält', als der Beweis von Lieb', den ihm sein gut's Mütter! noch in d e m Augenblick geben hat, wo er wirklich kaum mehr werth war, ihr Sohn z'heißen. D'rum wollt'er den Schmucknichtals ein Geschenk betrachten, sondern nur als ein Darlehen, was er redlich zurückerstatten wollt; — er hat'n also nicht verkauft, sondern, weil er für seine Wanderschaft doch Geld braucht hat, nur als Pfand gegeben, mit der Bedingung, daß cs nicht verfallen dürft', so lang'er jährlich pünktlich die Interessen zahlt. Franc. Aber, mein Gott! har er denn können? Verth Warum nicht? Er' hat doch so viel Technik studirt, um was zu wissen — er hat arbeiten können, und arbeiten wollen, und glaubt mir: Wissen, Können und Wollen Das sind drei gute Geister, Wo die drei sich verbinden Da schaffen sie einen Meister! und er ist ein Meister winden — in seinem Fach' — im Maschinenwesen! Franc, (entzückt). Ja — ja? (Zu Tauner). Alter, hörst es? Ta NN er (fortwährend seine Freude verber- Theater-Aevertoire-Rr. tSK gend. anscheinend noch mürrisch). 91a ja — ja! —Ich Hab' ja O^ren! , Zu Berthold ungeduldig ) Warumerzählt's denn nichtweiter? Bertb. Na 's ist nicht viel mehr zu erzählen — er hat sich wohl kein'Reichthum erworben, aber er hat nickt nur von sein' redlichen Erwerb g'Iebt, sondern sich noch so viel erspart, daß er jetzt das Pfand — die Perlschnur, durch mich wieder hat aus- lösen lassen können. — Ick hätt'S Ihnen (zu Francisco) zurückstellen sollen, und da — weil ich ghört Hab', daß Sie's heut' noch haben müssen und ich mit Ihnen allein nicht Hab' reden können, so Hab' ich'S heimlich zu Ihrem andern S bmnck legen wollen, wenn (auf Peter weisend) der alte Bulldogg mich nicht g'faßt hät't! Franc. Jchdank' ihm's, denn nur so Hab' ick ja erfahren können — aber sagt mir nur noch das Eine — wo — wo ist denn der Berthold jetzt in Arbeit? Goldh. (gierig). Ja — wo? Verth. Dort, wo er vor den hiesigen Blutsaugern Ruh' hat — in Amerika! als Werkmeister eines Maschincnfabrisanten! Franc, (traurig). In Amerika !(Lrocknet sich die Augen.) O du lieber Himmel! Tanner(z» Berthold). Ihr kömmt also von dort? Verth. Und reis' wieder dorthin zurück! (Zu Francisco). Haben's mir vielleicht — für ihn — eine Post aufzugeben? Franc. Ja—ja! sagt's ihm, daß ich seit 18 Jahren nur ein' Wunsch — nur ein Gebet Hab', und das ist: daß mir der liebe Herrgott die Gnad' erweist, mich nicht früher sterben zu lassen, als bis ich ihn wieder gesehen Hab'! Verth, (ergriffen für sich). O Mlltterher;! Und da sich noch verstellen sollen! (Sich be- zwingend, laut.) Hm! das g hört just nickt zu dem Unmöglichen! Es käm' nur darauf an, welche Post ich ihm von sein'm Bat er ausz'richten hätt'! Tanner (noch uneins mit sich). Von — mir? r 18 Franc, (zu Tanner). Alter! nur ein freundliches Wort für dein'n Sohn! Ich bitt' Dich auf den Knien — (Will niederknien.) Tanner (sie rasch daran hindernd). Weib! was fällt Dir ein —! (Man hört von der Kirche herüber die Töne einer Orgel.) Ambros (zu Tanner). Vater! In der Kirche d rüben ist Alles zu der schönen Feier bereit — soll ich Sie erst daran erinnern, wie man würdig vor den Altar des Ver- söhnens tritt? Tanner (drückt Ambros die Hand, dann sich zu Berthold wendend). So sagt dem Berthold: Ich Hab' heut' meine Hand' segnend über meine anwesenden Söhne gebreitet — ihm — dem Entfernten — schick' ich — im Geist' — meinen Segen! Franc. Und ich den meinen — tausendfach! B erth. (hingerissen, für sich). Jetzt mag mit mir g'schehen, was will. (Laut, sich gegen seine Eltern wendend.) Nicht bloß im Geist — nein — auf mein Haupt — (reißt den falschen Bart weg und finkt in die Knie) gebt mir euren Segen! Tanner (zurücksahrend). Berthold! Franc, (außer sich). Du selber? — Sohn — mein Sohn! (Wankt, einer Ohnmacht nahe, will ihn aufheben.) Berth. Laßt mich knien und gebt mir euren Segen! Tanner (legt seine Hände aus Bertholds Haupt). Meinen Segen, meine Verzeihung! (Der Vorhang fällt.) Zweiter Äct. (Ländlicher Garten beim Pfarrhause, im Hintergründe ein Tract des Gebäudes, von welchem über einige Stufen herab eine Thür in den Garten führt, links eine Gitterthür, rechts Blumenbeete und Baumgruppen.) Erste Scene. Peter, Kilian, Christl, mehrere Bauern und Bäuerinnen (sitzen an einigen Tischen, welche, in den Vordergrund gestellt, noch mit den Ueberresten des Mahles und mit Weinkrügen bedeckt sind). (Beim Ausziehen des Vorhanges hört man vom ersten Stockwerke des Hauses herab das Anklirren von Gläsern und den wiederholten mehrstimmigen Ruf:) »Er lebe hoch! hoch!« Kilian (zu Peter). Hörst! sie lassen droben schon wieder wen leben! Peter. Ja, die Menschen sein niemals billiger, als bei so einer großen Tafel, denn da heißt's. »Leben und leben lassen!« Kilian. Sogar unser Bezirksarzt, der DoctorReudlich, hat vorhin auf dieG'sund- heit von Allen getrunken— das ist doch ganz gegen sein'n eigenen Vortheil, denn wenn Alle g'sund sein, wen hält' er denn dann z'curiren? Peter. O — der Doctor ist schon pfiffig — er weiß, je mehr G'sundheiten bei so ein'm Fest getrunken werden, desto mehr Ueblichkeiten gibt's am nächsten Tag! Kilian. Haha! bei die vornehmen Leut' — aber wir — wir können schon etwas vertragen! Also — (zu allen klebrigen) nehmt's d'Krügeln und trinkt's! (Seinen Krug gegen Peter erhebend.) Der alte Peterl soll leben! Die Bauern (ihre Krüge erhebend). Ja, er soll leben! Peter (sich verneigend). Ich dank — ich werd' so frei sein! (Trinkt.) 19 Zweite Scene. Vorige. Franz. Franz stritt au- dem Hause, für sich). Ah! Ich muß in die freie Lust! D'roben ist mir so warm geworden, so warm! Peter (ihn erblickend). Ah, der junge Herr!— Sollen auch leben! Ich bring' Ihnen' s zu! (Hält ihm seinen Krug hin.) Franz. Danke! danke! Ich habe oben schon genug getrunken — (für sich) so viel, daß ich mich beinah' verrathen hätte. (Laut) Und beim Trinken muß man sehr vorsichtig sein, sonst kommt Alles auf! Peter. Wie meinen's denn das? Franz. Nun — einer von meinen College», ein bemoostes Haupt, der pflegte über dieses Thema immer ein Lied zu singen, das Hab' ich mir gemerkt! Peter. Sie Habens Ihnen g'merkt?— Ah — gehen's — dann lafsen's es uns auch hören! Alle. Ja — ja — wir bitten! Franz. Nun, meinethalben— aber Ihr müßt Alle mitsingen. (Nimmt den Krug in die Hand und fingt:) Lied mit Chor. Beim Trinken muß man b'hutsam sein, Denn Alles kommt gleich auf beim Wein! Der Michl ist sonst a guter Bua, Laßt Gott und d'ganze Welt in Ruah, Versteht sich immer so zu stell'n, Als könnt' er nit bis fünfe zähl'n! Doch bringt's ihn in d'Schenk'n, Da werd's darandenk'n! A Seite! nur g'trunken, Dann springen ihm d'Funken Heraus bei den Augen, Nix thut ihm mehr taugen, Fangt an z'raisoniren. Mit Jed'm zu disputiren, Ob's Bub' oder Mädel — Mit blutigem Schädel Thut d'G'sellschaft sich trennen, Da kann man'S erst kennen, Daß in dem Michel, wenn man neckt, Der Teufel selber d'rinnen steckt! Ja — beim Trinken muß man b'hutsam sein — Denn Alles kommt gleich auf beim Wein! (Trinkt bei jedem Refrain in einer, den Inhalt der Strophe charakterisirenden Weise.) L h o r. Ja, beim Trinken muß man b'hutsam sein, Denn Alles kommt gleich auf beim Wein! Franz. A Herr, der immer d' Aug'n verdreht, Und von Enthaltsamkeit nur red't, — Er thut vom Mäßigkeirsverein — So hör' ich — auch ein Mitglied sein, Und geht ins Wirthshaus er zum Wein, Schleicht er zur hinter'« Thür' herein. — In d'dunkelsten Ecken Thut er sich verstecken, Denn d' Gesellschaft genirt ihn. (Nackahmend.) »A Pfifferl, Frau Wirthin! Ich trink' niemals — weiß Sie's — Nur heut' — weil's so heiß is!« Ein'n Pfiff — noch ein'n zweiten Laßt 'nunter er gleiten; Doch's wird alleweil schwüler — In der Küchel is kühler, Dort steht die Frau Wirthin Und die interessirt ihn. A Bufferl thut er gar begehr'n, Wer dächt' das von dem guten Herrn? Ja— beim Trinken muß man b'hutsam sein — Denn Alles kommt gleich auf beim Wein! Thor. Ja, beim Trinken rc. rc. Franz. A Dirndel gar so g'schamig thut, In d'Wangen schießt ihr gleich das Blut, 2 * 20 Waml's freundlich anschaut nur a Mann, Und grüßt sie Einer, und red't sie an. Da schlagt's so tief die Augen nieder, Als suchet's was in ihrem Mieder! Nach'm Tanz — 's war am Kirta — Ein' Durst bat's just g'spürt da — Mit'm Nachbar setn'n Hannes Hat's tanzt— na, der kann es! D'rauf thut er im Garten Mit'm Glas ihr aufwarten, Sie thut mit den Lippen Zwar nur daran nippeu, Doch 's wird ihr — nit z'laugnen — Ganz wirklich vor'n Augen! Und wie er sie g'fragt hat, »Ob's'n gern hat,« hat's »ja« g'sagt. Und was's ihm sonst noch g'sagt hat heut' - — Ihn hat's wohl g'freut — sie hat's bereut. — Ja — beim Trinken muß man b'hut- sam sein — Denn Alles kommt gleich auf beim Wein! Lhor. Ja, beim Trinken rc. rc. Dritte Scene. Norige. Eordula, Philippine (mit einem Korde). Cord, und Philipp, (kommen aus dem Hause). Franz (Philippinen erblickend). Ha! da ist sie wieder, wenn ich nur mit ihr einen Augenblick allein bleiben könnte! (Zieht sich hinter eine Baumgruppt zurück.) Cord, (zu den Anwesenden). Leuteln! Jetzt muß ich Euch bitten, kein'n Lärm mehr z'machen, die Tafel ist aus und der alte Herr will auf sein' Zimmer sein Mittagsschlaferl halten. Peter. Ja— das ist seine alte G'wohn- heit! Also— (zu den Burschen, selbst sehr laut) schreit's nit a so, ös Sakra! Cord. (Peter verwundert ansehend). Aber Peter! Peter! Mir scheint gar- Peter. O, nichts Schein! Ich Haff' den Schein— Alles Wirklichkeit! Ha ha ha! — Frau Cordel — geben's mir ein Bussel! (Will sie umarmen.) Cord, (zurückweichcnd). Peter! sei g'icheit! Und Ihr — (zu Kilian und den Andern) kommt's mit mir hinauf — der Saal muß aufg'räumt werden! Peter. Ha ha ha! Heut' ist doch Alles aufgeräumt, sogar der Saal! Cord, (auf die Tische weisend). Die Tisch da müssen auch weg — uns're Gäst' werden vielleicht im Garten spazieren gehen wollen, und Du (zu Philippinen) nimm das Eßzeug in den Korb und trag's hinauf! Philpp. (zu einigen Burschen, den Korb hinstellend). Legt's mir nur Alles da herein! Cord, (zu den Leuten). Helft's jetzt. — Abends könnt's dann auf der Wiesen a Tanzerl machen. (Geht ab.) Kilian, mehrere Bursche und Dirnen (folgen ihr in das Haus). Peter (für sich). A Tanzerl machen? und mit mir dreht sich jetzt schon Alles um! — Aber diese Seekrankheit wird sich geben — drei Halbe schwarzen Kaffee — und ich bin wieder ein Mann! (Folgt ebenfall ius Haus.) (Die übrigen Bursche haben sämmtliches Tischzeug in Philippinens Korb gepackt und entfernen die Tische.) Philipp, (allein). Ah! —ich bin völlig froh, daß ich wenigstens ein paar Minuten alleinbleiben kann! — Mir schwindelt der Kopf! — Wenn ich nur droben nicht hätt' am Tisch sitzen müssen! — Ich hab's g'merkt, die gnädige Frau, die Schwägerin vom Herrn Pfarrer, hat's genirt, denn sie hat mich immer mit Augen ang'schaut, als ob's mich fragen wollt': wie ich mich unterstehen kann, auch aus der Welt z'sein! — Und ihr Sohn, der Franz, der hat wieder Blick' auf mich g'worfen, die mich ordentlich brennt haben, und einmal hat er dabei d' Hand auf's Herz g'legt — und ich — 21 (Wendet sich gegen den Hintergrund und stößt überrascht einen Schrei aus.) Ab! Franz (ist aus dem Gebüsche wieder hervorgetreten, sieht Philippinen schmachtend an und preßt die Hand an's Herz). Philipp, (für sich). Da ist er! — Fort — fort —! (Will den Korb erheben.) Ah! der Korb ist so schwer! — Franz (eilt zu ihr vor). Geben Sie mir — (Langt nach dem Korbe, besinnt sich aber.) Nein! nein! einen Korb dürfen Sie mir nicht geben! aber mit einander tragen können wir ihn! Philipp, (immer verlegener), Lassen's!— er ist zu schwer! Franz. Und glauben Sie, daß ich mit Ihnen nicht auch das Schwerste leicht ertragen könnte? — O Philippine! wenn Sie mir nur das sein wollten, was der Anfang Ihres Namens aus griechisch be deutet! Philipp. Auf griechisch? Und — was bedeutet er denn? Franz (gleichsam eine Lection aufsagend). »Filos« heißt Freund — »File«— Freundin — »Fil«, mit einem andern Wort verbunden, bedeutet, daß man den betreffenden Gegenstand besonders lieb hat. Philipp, (die Augen zu Boden schlagend). Nein! was Sie schon Alles wissen—! Franz (sich in die Brust werfend). Nun — ich bin auch schon in der achten Gymnasial- Class' — Hab' ja schon — (sie zärtlich anblickend) Oviäii Nagonig »Kunst zu lieben« studiert! Philipp. Die Kunst zu lieben? Die muß studirt werden? Franz. O, es gibt wohl auch Naturtalente, die es von selber lernen! und sagen Sie mir ausrichtig — haben sich bei Ihnen schon Spuren von diesem Talent gezeigt? Philipp. O ja! Franz. Was tausend! Philipp. Ohne daß mir's Jemand g'lernt hält', lieb' ich meinen Pflegevater, den Herrn Pfarrer— ich lieb' die Frau Corde! — Franz (beruhigt). Ah so! Und sonst Niemand? Philipp. Ich lieb' auch alle guten Leut' — Franz. Aber ich — ich bin ja auch ein guter Leut' — also müssen Sie mich auch lieben! — und ich — sehen's — ich Hab' bisher von der Lieb' nur gelesen — aber wie eine Reisebeschreibung die Lust zu reisen, so weckt jedes Buch über Liebe die Sehnsucht zu lieben!'— Ich muß lieben! — Das Bedürfniß Hab' ich schon seit der letzten Prüfung gefühlt, aber ich Hab' nicht gewußt, wen? — bis ich Sie gesehen Hab'. — Da Hab' ich's gleich gewußt, und dar- um — fangen wir an! (Stürzt vor ihr aus die Knie.) Philipp, (erschreckt). Was thun's, wenn Jemand — (sieht sich um, die Kommenden er« blickend) um Gottes willen! Vierte Scene. Vorige. Niklas, Mathilde. Math, (tritt tritt, von Niclas geführt, alldem Hause, läßt aber, die Gruppe erblickend, seinen Arm los, entsetzt die Hände über den Kops zusammenschlagend). Was seh' ich?! Niclas (gleichfalls empört). Franz! deine neuen Beinkleider! (Schlägt auch die Hände zusammen.) Franz (sich nach ihnen umsehend). Ah — Papa! Mama! Eben recht! aber schlagen Sie nicht Ihre— sondern legen Sie unsere Hände ineinander — wir lieben uns! Philipp, (ängstlich). Aber junger Herr! Franz. Wir heiraten uns! Niclas (zornig vorwärtseilend). Der Bube ist verrückt! Math, (ihm folgend). Nein—verführt von dieser unverschämten Dirne! (Sich zornig gegen Philippinen wendend.) Philipp, (tief verletzt). Ich — gnädige Frau! — O mein Gott! — ich — ich kann j nicht reden! (Bricht in heftiges Schluchzen aus.) 22 Math, (kreischend vor Zorn). Sie kann nicht reden? — Das ist auch ihr Glück! denn nur ein Wort, und sie soll von mir — (Erhebt drohend ihre Hand.) Philipp, (schreit aus und weicht zurück). Franz (springt rasch auf und stellt sich zwischen Mathilde und Philippinen). Halt, Mama! Nur über meinen Cadaver geht der Weg! Fünfte Scene. Vorige. Ambros. Ambros (tritt von rechts auf). Was gibt's denn da für ein Geschrei? Philipp, (reißt sich von Franz los, eilt zu Ambros und umklammert ihn weinend). O! schützen Sie mich! Ambros (erstaunt). Schützen? — Wer will Dir denn was thun? Math, (noch in höchster Aufregung zu Ambros). Herr Schwager, diese Person muß aus Ihrem Hause! Ambros. Oho! oho! Was hat sie denn gar so Arges verbrochen? Franz (zu AmbroS). Würdigster Herr Onkel, hören Sie mich an! Meine Eltern nennen es ein Verbrechen, daß die Pinerl mir das Herz gestohlen hat — aber ich — ich mache gar keinen Anspruch auf Schadenersatz! Ambros (überrascht). Ja, was hör' ich denn da? Niclas. Was wir gesehen haben! Meinen Sohn trafen wir auf den Knien vor dem Mädchen! Ambros (zu Philippinen). Pinerl, ist das wahr? Philipp. Ja! — aber ich — ich kann ja nichts dafür! Ambros. Du hast so ein Geständniß augehört? — bist nicht gleich fort? Philipp. Ach! — ich Hab' ja wollen, aber der junge Herr — er hat so lieb g'red't — und — mir war — als ob ich gar nicht fort könnt' — und — und — (Birgt verschämt ihr Gesicht an AmbroS' Brust.) O! ich bitt' Sie, ftagen'S mich jetzt nicht weiter! Ambros. Kind! (Legt seine Hand an ihre Wange, für sich.) Wie ihr G'sicht glüht — ihr Athem jagt! — Ich brauch' nicht weiter zu fragen — (ernst vor sich hinsehend) der Augenblick, den ich befürchtet Hab' — ist gekommen! Math, (zu AmbroS) Wir erwarten von Ihnen die strengsten Maßregeln! Ambros (mit Ruhe). Meine Maßregeln werd' ich treffen — aber Strenge wird nicht nöthig sein — dafür kenn' ich mein Pinerl! (Zu Philippinen sanft.) Geh' hinauf zu deiner Pflegmutter und erwart' mich bei ihr! Philipp. , ängstlich). Hab' ich denn wirklich so was Unrechtes gethan? — Sagen's mir nur — sein's bös auf mich? Ambros (sie sanft gegen das Haus wendend). Nein, nein! das heißt in der Voraussetzung, daß Du meinen väterlichen Rath hören und befolgen wirst! — Aber geh' nur — geh'! Philipp, (küßt AmbroS' Hand, wirft noch einen liebevollen Blick aus Franz und eilt dann in das Haus ab). Franz (die Hand auf das Herz legend, ruft ihr schwärmerisch nach) Ewig! Ambros (ernst zu Franz). Schweig'! Franz. Nein! ich muß reden, um meine Geliebte zu rechtfertigen! Ich Hab' ange- fangcn — ich Hab' zu büßen — ich will also heiraten! Niclas. Heiraten? — Knabe! Franz. O, nicht mehr Knabe! Seit ich die Pinerl gesehen Hab', fühl' ich daS Ma- turitäts-Zeugniß in mir und habe redliche Absichten! Niclas. Redliche Absichten! Untersteh' Dich! — Bedenke meine Stellung und die deinige! Du wolltest so ein eltern- und namenloses Geschöpf zu deiner Frau machen — Du, der Du bereits in Vormerkung zum Erpedits-Praktikanten stehst? Erkennst Du denn nicht die ungeheuere Kluft? 23 Franz. Vater! Ich Hab' Ihnen schon einmal erklärt, daß ich gar keinen Appetit auf Kanzleistaub in mir verspür — ich will kein Beamter werden — ich Hab' immer Lust zur Oeconomie gehabt, und der beutige Tag hat mich's erst recht empfinden lassen, was für Reize das Landleben hat! (Zu Ambros.) Also behalten Sie mich da Heraußen bei Ihnen! Ambros (zu Franz). Entfern' Du Dich jetzt auch! ich Hab' mit deinen Eltern ein ernsthaftes Wort zu reden! Franz. Ernsthaft? Sehr gut! — Ich will ja auch zum Ernst kommen! — Aber, Herr Onkel! das sag' ich Ihnen im Voraus, wenn Sie vielleicht mit meinen Eltern gegen mich Front machen, und mich von der Philippin' trennen wollen — es nützt nichts! — Und wenn die Philippin' im Himmel und ich in der Höll' wär', so fanget'n wir Beide zu wandern an, und mitten im Fegefeuer kämen wir zusammen! (Eilt nach links ab.) Ambros (gkht ernst und sinnend auf und nieder). Math, (zu Ambros). Sie sehen nun wohl ein, welchen Dank Sie dafür haben, daß Sie solch' ein Geschöpf aufgezogen haben! Aber nun wird es wohl aus sein? Ambros (stehen bleibend). Aus? warum? weil sie liebt? — Das Gefühl hat der liebe Gott selbst dem Menschen in's Herz gelegt! Niclas. Aber bedenke doch — die Gefahr für unfern Sohn! Ambros. Für den seh'ich weniger Gefahr! Math. Hörten Sie denn nicht, daß er sie heiraten will? Ambros. Dann seh' ich auch für das Mädel keine Gefahr! — Es ließ sich Alles zum Guten leiten. — Dein Sohn hat Lust zur Landwirthschast— für die ist die Philippin' auch erzogen, und wenn ich für sie ein kleines Bauerngut pachtet' — Math, (losbrechend). Und wenn Sie ihr ein Rittergut schenken, so geben wir nie unsere Einwilligung zu einer Verb.in- duug mit einem vom Zaune aufgelesenen Geschöpfe. Niklas. So ist's! Und da Du (zu Ambros) die aufkeimende Neigung der beiden jungen Leute beinahe zu begünstigen scheinst, so ist es meine Pflicht, energisch dagegen zu wirken! (Zu Mathilde.) Wir kehren in dieser Stunde noch nach der Stadt zurück. Ambros. Was? Heut' noch? — Du hast doch gesagt, auf ein paar Tag' — Niclas. Damals wußte ich noch nicht, w en und wie ich hier Alles finden würde! Ambros. Du meinst doch nicht, weil unser Bruder — Niclas. Ja, ja, seine Anwesenheit ist ein Grund mehr,diesenOrt schnell zu verlassen, um nicht am Ende selbst in pönible Situationen verwickelt zu werden! Ambros. Das hast Du nicht zu fürchten — er wird heut' noch mit allen seinen Gläubigern ein Arrangement treffen. Niklas. Ein Arrangement? — mit leeren Händen? Ambros. Er will hier Arbeit suchen, und von seinem Erwerb nach und nach alle seine Schulden bezahlen! Niclas. Er — arbeiten? Ha ha ha! Math. Ja wohl! Ha ha ha! Niclas. Auf das Geld der Eltern ist es abgesehen! — Nun, schwach genug sind sie — besonders die Mutter — das war ja heute ein Hätscheln und Tätscheln. Math. Es wurde nachgerade eklig! Niclas (mit immer steigendem Jngrimme). Nun, immer zu! immer zu! Mögen die Eltern dem Heuchler ihr Letztes geben; um so mehr ist es meine Pflicht, wenigstens die Ehre zu wahren und mich von einem Taugenichts von Bruder — meinen Sohn aber von einer frechen Dirne fernzuhalten! Darum (Mathildens Arm unter den seinigen nehmend) nimm mein Lebewohl, wir reisen noch in dieser Stunde fort! (Geht in heftiger Aufregung mit Mathilden nach dem Hause ab.) Ambros (allein). Hm! hm! ich war heut' so seelenvergnügt gestimmt, und jetzt 24 kommt das dazwischen! — Ach! das Leben ist nun einmal wie eine Zukunfts- Musik, ohne Mißtönen geht's nicht ab! Aber, wenn's Gottes Wille ist, wird sich zuletzt doch Alles wieder harmonisch vereinen! (Geht nach rechts ab.) Sechste Scene. ^ Katharina Stahlberg (noch Art einer reichen Bürgerssrau geputzt, tritt durch das Gittcr- thor links ein). Lied. Mein Schneider hat oft sich als Meister bewährt. Hat' bracht mir ein ganz neues Kleid, Gemacht, wie'S Pariser Journal nur es lehrt, 's war nirgends zu eng noch zu weit! Probirt Hab' ich'ö zehnmal, und immer war's recht, Doch oft — ich weiß selbst nicht, wie's g'schieht, Jst's g'rad, als wann's d'Brust mir zu- samm'pressen möcht', So daß'S mir an Athem gebricht. — Ich furcht', daß daS Herz mir das Mieder zerspreng', Ihm ist ja die Welt — also 's Kleid auch zu eng'! Ich geb' oft a Tafel, lad' viele Leut' ein, Und richt' dabei Alles auf's Best', Es birgt sich der Tisch fast vor Speisen und Wein, Wie schwelgen da all' meine Gast'! Die Dienstlern' trag'n noch volle Schüsseln hinaus, Und thun in dem Ueberfluß prass'n. — Umsonst klopft kein Bettler an d'Thür von mein'm Haus, Ich schick' ihm sein Essen auf d'Gass'n. Nur da (auf das Herz weisend) ruft der Hunger voll bitterem Schmerz A Bisserl — ach! nur a klein's Bisserl für's Herz! Ich kann im Theater a Loge mir be- zahl'n, Und geh' gern in klassische Stück — »Romeo und Julie«— wie tbut mir das g'fall'n, In Thränen schwimmt da jeder Blick; Die Lieb'sscen'— erhaben! dort ob'n am Balcon, Dabei wird doch Alles gerührt. — Nur ich geh' oft sehr unbefriedigt davon, Wann'S Publicum auch applaudirt. Denn 's Herz ruft: »Wie d'Julie fühl' ich und noch mehr, Aber gebt's mir nur g'schwind cin'n Romeo auch her!« Ja, der unzufriedenste Ratsonär ist das Herz, und gar ein weibliches Herz — man kann ihm noch so viel bewilligen — es verlangt noch mehr und will in Alles d'rcinreden - sogar in's G'schäft— ich könnt' noch einmal so reich sein, wenn nicht gar so oft mein Herz mich d'ran hindert, mein strenges Recht durchzuführen. Aber in der Angelegenheit, in der ich heut' da- herkomm', soll das Herz nicht um seine Meinung g'fragt werden. Dasmal geb' ich nicht nach! Tie Schuld, die ich cinzufor- dern Hab', muß bei Heller und Pfennig bezahlt werden, und wann's Graz gilt! — Ich kenn' zwar den Schuldner noch gar nicht persönlich, aber Alles, was ich über ihn g'bört bab', ist hinreichend, um mich zur Tyrannin zu machen! (Sieht sich um.) Wenn nur Jemand da war', der ihn herausrufet.— Ah! da kommt ja wer! Siebente Scene. Katharina, Berthold. Berth (nun in einem andern etwas fremdländischen Anzuge tritt aus dem Hause, Katha- 25 rinrn erblickend, für sich). Eine fremde Dam' hier? (Tritt zu ihr vor, laut.) Meine Gnädige! darf ich fragen, was zu Diensten steht? — Sie sind wahrscheinlich auch geladen —? Kath. Ja, geladen bin ich — (mit verhaltenem Zorn) nur zum Losgeh'n! (Laut.) Der Bruder vom Herrn Pfarrer, der Monsieur Berthold, ist doch noch im Haus'? Berth. (erstaunt für sich). Sie fragt nach mir? (Laut.) Ja wohl — Kath. Sein's so gut, sagen's ihm, ich hätt' nothwendig mit ihm z'redcn — er soll Herabkommen! Berth. Das ist nicht mehr nothwendig, denn ich — ich bin schon sehr herabgekommen! Kath. (überrascht). Was? — Sie? — Sie sein'S selbst? — nicht möglich! Berth. Ja, gewiß, ich bin's — ich irr' mich nicht, denn ich kenn' mich doch selbst— Kath. (ihn etwas verächtlich ansehend). Na— von der Bekanntschaft habcn's wohl keine besondere Ehr'! Berth. (scherzend). Eben deshalb muß ich mich nach schöneren Bekanntschaften umsehen, und wenn Sie geneigt wären — Karh. O ja — ja — Sie sollen mich kennen lernen! (Tritt dicht an ihn.) Mein Name ist Katharina Stahlbcrg! Berth. Stahlberg? — Ich Hab' ein' alten Herrn dieses Namens gekannt — der war ein reicher Gewerksbesitzer im Gebirg' droben — Kath. Dessen Wmve bin ich! Berth. (erstaunt) Was?— der Alte hat noch g'heirat? — wie dumm! — aber g'storbcn ist er? wie g'scheit! — Nicht wahr? Sie werden wohl die Trauer nur auswendig getragen haben? Kath. Ich Hab' mich in die Fügung des Himmels ergeben! — Aber lassen wir die Todten ruh'n! Berth. O Gott! mit Vergnügen! ich laß' ihn ruhen, denn jetzt wird er mich auch in Ruh' lassen! Vivat! der Tobte soll leben! Kath. Sie waren ihm schuldig — Berth. Ja — ich weiß selbst nicht mehr wie viel—ich Hab' so ein schlechtes Zahlen- gedächtniß! Kath. Aha! d'rum haben's immer auf's Zahlen vergessen! — Und jetzt freuen Sie sich, daß der Gläubiger gestorben ist! — was nutzt das? — der Wechsel hart' sterben müssen — aber der — der lebt, und ich — als alleinige Erbin, präscntir ihn! (Zirht einen Wechsel hervor, welchen sie ihm vorhält.) Berth. Präsentiren? O, lassen Sie diese militärische Ehrenbezeigung —! Kath. O! 's bleibt nicht beim Präsentiren — ich ruf' „G'wehr h'raus!" die ganze Wach' soll kommen und so einen lustigen Patron wie Sie zu einem gesetzten Mann machen! Berth. Aber meine ungnädige Gnädige! Sie sein mir anfangs so schön Vorkommen, aber wie Sie den Mund ausgemacht haben, Hab' ich an Ihren Zähnen was entdeckt, was Sie sehr entstellt! Kath. An meinen Zähnen? Berth Ja, Sie haben nämlich Haar auf den Zähnen! Kath. Und deswegen wollen Sie mich vielleicht barbiren, wie Ihre andern Gläubiger? Berth.Aber wie können Sie denken — ?! Kath. Nur still! Der alte Goldhahn hat mir g'sagt, daß er in Ihrem Namen für heut' Abenv alle Ihre Gläubiger in die Waldschenk vom Schmiedhannes zusammenbestellt hat — Berth. So ist's! Ich Hab'diesen Reichsrath einberufen, aber nicht um ein neues Anlehen durchzusetzen, sondern um ein Programm vorzulegen — Kath. Ah! das kennen wir! — Sie haben vielleicht die Leut' nur deswegen dorthin -'stellt, damit Sie während der Zeit um so sich'rer wieder von hier verschwinden können! Aber das soll's nicht geben! Ich Hab'den Personalarrest und der Gerichtsdiener- 26 Berth. Zu was erst einen Gerichts- dicner? (Galant.) Sie allein haben ja die Macht, einen Mann auf ewig in Fesseln zu schlagen! Kath. (für sich). Artig ist er — und (schielt nach ihm) ein hübscher Mann ist er auch — aber (wieder fest) nein! — seine Schuld mein Vorsatz — auf mein Herz darf er nicht einwirken! (Laut, wieder strenger.) Sagen Sie mir vor Allem, sind Sie ledig geblieben? Berth. Sehr ledig! Kath. (sich vergessend). Gott sei Dank! Berth. Das interessirt Sie so? Kath. (sich bemeisternd). Hm! nur in so fern, als ich glaub', daß Sie als lediger Mann leichter so viel erübrigen können, um Ihre Schulden zu bezahlen! Berth. Ja — ja alle sollen bezahlt werden. Kath. (ihn sehr ernsthaft ansehend^ Alle Jbre Schulden? alle? Wissen Sie denn auch genau, wem allen Sie schuldig sein? Berth. Ja wohl — das weiß ich! Kath. (wie oben). Wie leichtsinnig Sie das aussprechen! — Kein Mensch, und wenn er die doppelte Buchhaltung noch so gut studirt hält', ist im Stand', eine Bilanz aufzustellen, in der er nicht auf irgend eine Schuldpost vergessen hätt'! Berth. Ja, in so fern weiß oft die ganze Menschheit zusammen lang nicht, was sie irgend einem großen Mann schuldig ist, und gleicht sich mit ihm erst, nachdem sie ihn verhungern lassen, mit einem Monument aus! — Aber meine Schulden — Kath. Nun — wie hoch können die sich belaufen? Berth. Auf mehr als sechstausend Gulden auf keinen Fall — Kath. Nun,so hören's mich an! — die Summe will ich vorstrecken, wenn Sie mir heilig versprechen, daß Sie, wenn darnach doch noch eine unberichtigte Schuld angemeldet wird, diese alsogleich aus Eigenem bezahlen! Berth. Hm! das kann ich leicht versprechen! Katb. Aber ich muß ein Pfand haben! Was geben Sie mir zum Pfand? Berth. Mich selbst! Nehmen's nur gleich die Pfändung vor! Kath. Wie soll ich das? Berth. Nun — beim Pfänden wird ein Siegel angelegt, und wenn Sie ein Bussel als Pick-vachs und Ihre Corallen- lippen als Petschaft gebrauchen wollten — (Beugt sich zu ihr.) Kath. (zurückweichend). Nein — nein — nein! Ich behalt Ihnen selbst als Faustpfand, indem ich Ihnen nicht mehr von der Seiten geh', bis das Arrangement getroffen ist! Berth. Dann muß ich Sie im Namen meines Bruders einladen, dem Schluß des heutigen Festes beizuwohnen — Kath. Nun, so führen Sie mich als die Witwe Ihres ehemaligen Geschäftsfreundes ein! (Legt ihren Arm in den seinen.) Berth. Ich — Sie? — O Gott! das wär' eine gescheite Einführung, wenn einmal die Schuldner ihre Gläubiger einführen könnten! (Bietet ihr seinen Arm und führt sie ins Haus ab.) Verwandlung. (Großer Saal im Psarrhause, anständig, aber etwas altmodisch möblirt, vom Plafond hängt ein Luster mit brennenden Kerzen herab, an allen Pfeilern Wandleuchter mit Kränzen behängen. Eine Mittel- und zwei Seitenthüren.) Achte Scene. Cordula, Philippine, Kilian, Peter, dann Bürgermeister Han old, Schulmeister Graubert, Dr. Rundheim, Frohmann, mehrere andere Honoratioren des Ortes, Herren und Frauen. Einige Diener, Regine. Cord, und Philipp, (treten durch die Milte ein, jede zwei Leuchter mit brennenden 27 Kerze» tragend, welche sie auf einen im Vordergründe rechts stehenden Tisch stellen). Kilian, Peter nnb zwei Diener (folgen ihnen, thetls Notenpulte, theils die zu einem Streichquartett nöthigen Instrumente tragend). Cord, (zu den Dienern). So — richt's NM da Alles her — 's wird heut' noch ein Quartett zum Besten geben. Kilian. Ja, das ist dem Herrn Pfarrer seine liebste Spielpartie! Peter. Er streicht aber auch seine Fidel ä'amour, daß ein'm völlig durch Mark und Bein geht und der Herr Schulmeister ist ein Virtuos auf der Winsel. Cord. Und sie spielen nur Stück' von alten Meistern — Kilian. Aber daß ein christlicher Pfarrer sich auch auf heidnische Musik verlegt — Cord. Was? Kilian. Ja— (aus ein Noteuheft weisend) da steht's d'rauf: »von Haydn!« Peter. Aber Du bist ein dummer Kerl! Der Haydn — das ist ja der Nam' von e-in'm berühmten Musiker. Kilian. Ah so! Peter. Freilich! — Aber mir ist der Gluck — Gluck noch lieber! (Sie haben indeß die Pulte und Instrumente zu- rechtgestellt.—Kilian und die Diener entfernen sich.) Cord, (zu Philippinen, leise). Aber trockn doch einmal deine Augen — die G'sell- schast wird sich bald wieder versammeln! Philipp, (leise). Ach! wenn ich nur heut' nicht mehr dabeibleiben dürft' — ich wär' am allerliebsten allein! Cord. Sei ruhig! Die stolzen Leut', die Dich beleidigt haben, sein fort! Philipp, (mit einem Seufzer, mehr für sich). Aber der junge Herr mit ihnen! Cord. Still! still! die Gast' kommen! Rundl., Hanold, Graub., Frohm. und einige Herren (treten durch die Seitenthür links ein). (Die übrigen Gäste, Herren und Frauen, kommen während deS Folgenden nach und nach durch die Mitte) Rundl. (vergnügt zu Cordula). Frau Cor- del! Sie haben sich heute unsterbliche Verdienste erworben — so ausgezeichnet das Diner, ebenso vortrefflich der Kaffee! Graub. Ja, 's ist um so mehr zu wundern, als diese Frau eh'mals nur für einen Schulmeister-Tisch zu kochen gewohnt war! Neunte Scene. Vorige. Ambros, Tanner, Fran- cisca (letztere nun in einem Seidenkleide, ein Spitzenhäubchen aus dem Kopfe und den Perlenschmuck um den Hals, treten aus der Seitenthür rechts), dann Berthold und Katharina. Ambros. Ah! Alles wieder beisammen! und da — bring' ich meine lieben Eltern auch wieder! Tanner (zur Gesellschaft). Ich muß nochmals um Entschuldigung bitten, daß ich die werthe Gesellschaft verlassen Hab', aber ich war von der Feier und allen übrigen Ereignissen ein bißl angegriffen; — aber ein kurzes Schlaferl — und ha ha ha! da sein wir wieder und halten fest aus! Franc, (sich im Saale umschend). Aber wo ist denn der Berthold? Cord. JmGarten, aber er wird wohl— (Sieht gegen die Mittelthür.) Ah! da ist er! Berth. und Kath. (treten Arm in Arni durch die Mitte ein). Franc, (hinsehend). Was? nicht allein? A m b r o s (überrascht). Je! die Frau Stahlberg — Mehrere Gaste. Frau Stahlberg! Kath. Sie sehen, Sie brauchen mich nicht erst aufzuführen! Ambros (ihr entgegengehend). Was erst aufführen! Eine so werthe Bekannte! (Drückt ihr herzlich die Hand.) Kath. Nur der Umstand, daß ich Ew. Hochwürden nicht fremd bin, entschuldigt meine Zudringlichkeit— aber ich Hab' nicht umhinkönnen, Ihren theuern Eltern — (sich zu Tanner und Fraucisca wendend) zu bem 28 heutigen Fest mein'« Glückwunsch zu bringen! — Tanner und Franc. Dank — herzlichen Dank! Ambros (zn Katharina). Und jetzt lassen wir Sie auch gar nicht mehr fort! (Zur ganzen Gesellschaft.) Ich bitt' allerseits Platz zu nehmen! (Zu Tanner und Francisca, indem er sie zu zwei nebeneinander stehenden Lehnstühlen führt.) Sie setzen sich daher — die Frau von Stahlberg neben Ihnen, und alle Uebrigen nach Belieben! Wir werden gleich unser kleines Concert beginnen! (Zu Grauberg.) Herr Schulmeister! Sein's so gut, und richten's die Noten! Graub. (thut es>. Rundl. (mit Hanold auch zu dem Tische gehend, leise). Heute müssen wir uns zusammennehmen, wir haben ein großes Auditorium! Ambros (nimmt indeß Berthold etwas bei Seite). Wie bist denn Du mit der Frau bekannt worden? Berth. (leise). Sie hat von Ihrem Mann her noch einen Wechsel von mir! — Aber sag' mir, liebt sie vielleicht, seitdem sie Witwe ist, überhaupt Wechsel? Du verstehst —! Ambros. Was fallt Dir ein! Sie ist eine kreuzbrave Frau — hat ihren alten Mann wie eine Tochter gepflegt — Berth. Dann würde sie wohl einen jüngeren Mann um so mehr betreuen, und sie ist ein so herziges Weiberl! Ambros. Was hör' ich? — Du denkst doch nicht-? Berth. An's Heiraten? hm! Ich bin ja frei, warum sollt' ich nicht auch freien? Ambros. Nun, Glück zu! Aber jetzt gilt's die Gast' unterhalten! (Geht zu d m Tischt rechts ) Mein liebes Violoncell schaut mich schon ganz schmachtend an! (Setzt sich und ergreift das Violoncell und den Bogen.) Komm' her, alte Freundin! und stng' mit im Weihgesang! (AmbroS, Graubert, Rundlich und Hanold spielen einige Tactr einer alten fugirten Komposition.) Kath. (erhebt sich bei der ersten Pause, welche das Quartett macht und tritt vor, heiter). Meine Herren! die Musik ist zwar sehr schön— sehr klassisch, aber mir scheint's zu dem heutigen Fest doch nicht recht zu passen — 's ist ja eine Hochzeit und soll die ganz ohne Tanzmusik abgeh'n? Mehrere Gäste. Ja — ja — einen Tanz! Kath. (zu Ambros), Vorausgesetzt, daß Hochwürden es in diesem Haus nicht für unstatthaft erklären. Ambros. Der Herr hat bei der Hochzeit zu Canaan Wein geschaffen und der fromme König David hat vor der Bundes- lad' getanzt, ein Beweis, daß ein ehrsames Vergnügen nichts Unziemliches bat. — Tanner (ausstehend). Und mein Weiberl hat versprochen, daß's heut' mit mir noch ein'n Ehrensprung macht — versteht sich von selber, daß wir kein'n von den modernen Rasereitänzen ausführen! Kath. (zu Tanner). Nein, nein! — einen Tanz aus Ihrer Zeit, alter Herr! Ein paar sittsame Menuette, bei der wir uns recht lebhaft an die gute alte Zeit erinnern wollen, in der Sie noch Bräutigam waren! Alle. Ja — einen Tanz mit Gesang! Ambros. Nun also, stellt Euch an — wir spielen dazu! Franc, (stehtauf, zu den Quartettspielern). Aber nur ein bißl langsam, wenn ich bitten darf! (Reicht Tanner die Hand und stellt sich mit ihm in die Mitte.) Berth. (bietet Katharine» die Hand und stellt sich mit ihr zum Tanze). Peter (zu Kordula). Frau Cordel! Thun Sie mir die Ehr' an — nur so daneben! (Stellt sich mit Kordula seitwärts an.) (Ein Theil der übrigen Gäste rangirt sich ebensall zum Tanze.) (Die Musik beginnt eine Menuette, die Paare bewegen sich in gehaltenem Tempo, so daß nach jeder Strophe des Liedes nur einige Schritte getanzt werden, dann aber wieder eine Pause gemacht wird.) 29 Terzett mit Chor und Tanz. Katharina. Ja, als der Großvater die Großmutter nahm, Da war der Großvater ihr Bräutigam, Und was er versprochen ihr hatt' am Altar, Das hat er gehalten als heilig und wahr. Tanner. Ja, als der Großvater die Großmutter nahm, War d'Wirthschast für d'Frau noch kein wid'riger Kram, Sie las nicht Romane, stand lieber am Herd, Ihr Kind war ihr mehr als ihr Schooß- hunderl werth! Berthold. Und als der Großvater die Großmutter nahm, Da braucht' man zwei Tag, bis nach Neustadt man kam, Und wollt'Einer reisen gar bis Fischamend, So machte er ängstlich vorher 's Testament! Katharina. Ja, als der Großvater die Großmutter nahm, Da kannte man noch nicht den Actienkram, Auch eine Kreditanstalt gab es noch nit — Die Anstalt gab's nicht, aber viel mehr Credit. Tanner. Und als der Großvater die Großmutter nahm, Da kam der Gemeinderath noch nicht zu- samm', Da wußte man noch nichts von manchem Project, In das man jetzt nutzlos Millionen h'cin- steckt. Berthold. Doch als der Großvater die Großmutter nahm, Da waren die Leut noch geduldig und zahm, 's gab keine Verfassung — es tönte nicht kühn Das Manneswort frei herab von der Tribün! Tanner. Doch als der Großvater die Großmutter nahm, Damals standen die Deutschen noch einig beisamm', Sie kämpften für Vaterlands Ehre und Glück! Gott geb uns die Großvaterzeiten zurück! Chor (wiederholt die Schlußstrophe). Repetition. Katharina. Ja, als der Großvater die Großmutter nahm, Da herrschte noch sittlich verschleierte Scham, Da hätte es selbst auf der Bühn'nicht gepaßt, Daß in griechischer Nacktheit man sehen sich laßt. Tanner. Ja, als der Großvater die Großmutter nahm, Hatt man noch nicht so vieler Zeitungen Kram, Das Wiener Blatt hatte noch nicht so viele Bog'n, 's ward' wen'ger gedruckt, doch auch weniger g'log'n! Berthold. Doch als der Großvater die Großmutter nahm, Baut' gegen den Zeitstrom man noch einen Damm, Der geistiges Wirken und Schaffen beengt, Den Damm, Gott sei Dank! hat die Neuzeit gesprengt. Tanner. Doch als der Großvater die Großmutter nahm, Lag noch das Gewerb' und Handel nicht lahm, 30 Der redliche Fleiß schuf ein bürgerlich Glück — Okämen die Großvaterzeiten zurück. Ehor (wiederholt die letzte Strophe). Zehnte Scene. Vorige, Kilian, einige Diener. Kilian und einige Diener (stürzen säst athemlos zur Mittelthür herein). K ilian (schreiend). Hochwürden, um Gottes willen! Hochwürden! Alle (wenden sich beinahe erschreckt gegen die ßintretenden). Was ist's denn? Kilian (mehr vorwärtskommend und nach Athcm ringend). Ah! mir verschlagt's völlig die Red'! das Glück! — die Ehr'! Ambros. Was denn? komm doch zu Dir! Kilian. Ob ich zu mir komm' — daran liegt nichts, aber wer zu uns kommt-! Ambros. Nun, wer denn? — wer? Kilian. Vor m Gartenthor — ein' Equipage — vier Pferd' — und der Fürst mitten d rin! Tann er. Der Fürst Holdstein? — Unsere Herrschaft? Kilian. Ja, er kommt auf eigenen hochfürstlichen Füßen auf's Haus zu — wir sein nur vorausg'loffen — Tanncr(mit einigem Stolze). Se.Durchlaucht will unfern Ehrentag durch sein Erscheinen verherrlichen! (Zu Francisco und Ambros.) Kommt, laßt uns ihm entgegengehen! (Wendet sich gegen die Mittelthür, welche sich eben öffnet.) Eilfte Scene. Vorige, Fürst Holdheim, zwei Bediente. Die Bedienten (in fürstlicher Livree öffnen beide Flügel der Mittelthür). Der Fürst (ein noch junger Mann in ele- Aantem Zagdcostüm tritt ein). Tanner und Franc, (sich tief vor ihm neigend). Durchlaucht- Fürst (zur ganzen Gesellschaft). Vor Allem bitte ich, sich durch mich in nichts stören zu lassen! Ich wurde von dem seltenen Feste in Kenntniß gesetzt, und es macht mir Freude, bei diesem Anlässe einem Ehrenmanne, welcher meinem Vater so lange Jahre redliche Dienste geleistet, glückwünschend die Hand zu drücken — (Hält ihm seine Hand hin.) Tanner (seine Hand ehrfurchtsvoll ergreifend). Durchlaucht — die hohe Gnad' — (Will ihm die Hand küssen.) Fürst (seine Hand rasch zurückziehend). Lassen Sie —! (Wendet sich zu Ambros.) Ah — der Herr Pfarrer! (Zu Tanner.) Ihr ältester Sohn? — nicht? — Aber Sie haben noch einen zweiten Sohn, der, wie ich hörte, in unserer Baukanzlei angestellt ist— Tanner. Ja, mein Niclas hat das Glück — Fürst. Ich kenne diesen noch nicht persönlich, denn ich bin erst vor Kurzem von weiten Reisen zurückgekehrt, um meine Herrschaft anzutreten; — aber er ist doch heute jedenfalls hier? Tanner (etwas verlegen). Er — er hat allerdings um Urlaub gebeten und ihn erhalten — Fürst. Natürlich! — zu so einer Feier! Ich würde es ihm sehr.verargt haben, wenn ich ihn nicht hier getroffen hätte! Ambros (leise zu Berthold). Die Verlegenheit! Fürst (wendet sich zu Ambros). Nun Herr Pfarrer! Ihr Bruder —? Berth. (rasch entschlossen hervortretend). Als solcher Hab' ich die Ehre, mich untertänigst vorzustellen! Fürst. Ah! Ist mir angenehm! (Zu Tanuer.) Diesen Sohn werde ich Ihnen auf ein halbes Stündchen entführen, wenn dadurch das Fest nicht gestört wird — Berth. (für sich). Mich entführen? Tanner (zum Fürsten). Das Fest hat keinen schöneren Schluß finden können, als 31 durch das beglückende Erscheinen Ew. Durchlaucht! — Besseres kann nicht mehr Nachkommen, und wir werden deshalb uns bald zum Aufbruch rüsten. Fürst (zu Berthold). Es befinden sieb auf unserm nahen Schlosse künstliche Wasserwerke, welche aber seit längerer Zeit ihren Dienst versagen; ich weiß nicht, liegt die Ursache an der Leitung oder am Pumpwerke — Berth. O! das werd' ich bald heraushaben! Gott sei Dank, vom Pumpen versteh' ich etwas! Fürst. Es wurden mir eine Menge Plane zur Wiederinstandsetzung vorgelegt — über diese möchte ich nun Ihre Ansicht hören. Wollen Sie mir also in das Schloß folgen! (Zu Tanner und Francisca.) Ich verlasse Sie wieder mit meinen besten Wünschen! (Alle Anwesenden grüßend.) Leben Sie Alle wohl! (Wendet sich gegen die Mittelthür, durch welche er abgeht.) Alle Anwesenden (begleiten ihn bis zur Thür). Tauner und Ambros (fassen hierauf jeder eine Hand Bertholds, und treten rasch mit ihm wieder in den Vordergrund). Tanner. Berthold! Du hast Dich dem Fürsten als dein' Bruder Niklas prä- sentirt?! Berth. Bitte — nur für den sein' Bruder! (Auf Ambros deutend.) Ambros. Aber der Fürst glaubt doch — Berth. Das ist seine Sach'! — Es glaubt mancher Fürst schon den Rechten gefunden zu haben und sieht sich später doch getäuscht! Ambros. Aber jetzt sollst Du an der Stell' vom Niklas- Berth. Nun, mein Herr Bruder verdient doch für die mir bewiesene freundliche Gesinnung, daß ich auch etwas für ihn thu! Also laßt mich nur hingeh'n! Kath. (zu Berthold). Ich könnt' es Ihnen eigentlich verwehren, denn Sie sind mein Gefangener, aber gegen Ihr Ehrenwort, daß Sie sich zur bestimmten Stund' bei der Waldschenk' einfinden, laß' ich Sie in- deß auf freiem Fuß! Berth. Gilt! Ich betracht' mich als beurlaubten Sträfling! — aber (zu Tanner) Sie wollen schon den Heimweg antreten? Tanner. Ja, und zwar wieder zu Fuß. (Zu Francisca.) Nicht wahr? Alte! Francisca. Ja, der Abend ist so schön — Vollmond haben wir auch — Frohm. Und ich und meine Leute werden Ihnen ein waidmännisches Ehrengeleite geben! Berth. Da kommen Sie ja bei der Waldschenk' vorüber — die liegt nah' am Schloßberg — wenn Sie dort eine kleine Raststation machen wollen, so kann ich Sie noch treffen! Tanner. Ja, ja, das thun wir, denn ich will erfahren, wie die G'schicht auf'n Schloß ausgeht — mir ist völlig bang — Berth. Mir gar nicht! Was ins Maschinenwesen schlagt, darüber kann ich reden, und das werd ich nach meiner besten Ueberzeugung! Ich will's nicht halten wie and're Wassercommissionen, die viel Wasser machen, sondern ich will machen, daß's wirkliche Wasser kommt! Also auf baldiges Wiedersehen! Ich folge dem ehrenvollen Rufe! (Ab durch die Mitte.) Tanner. Na, Gott geb', daß's keine üblen Folgen hat! Aber jetzt (zu Ambros, ihm die Hand rächend) dank'n wir Dir herzlich für alle Freud', die Du uns bereit' hast — und machen uns schön langsam auf den Weg! Ambros. Auf dem wir Sie eine Strecke weit begleiten — Alle. Ja — ja, wir Alle! Frohm. Mein Cortege steht unten bereit! (Geht zum Fenster und gibt ein Zeichen.) Auf denn, unter Hörnerklang und Lustgesang! (Von unten heraus ertönt folgender von Waldhörnern begleiteter Chor, in welchen die Anwesenden einfallen.) S2 Chor. Der Tag geht zur Neige — die Sonne — sie sinkt, Doch herrlich am Himmel der Abendstern blinkt! Heil dem, der sein Tagewerk redlich vollbracht, Dem heiter der Abend des Lebens noch lacht! i Während des Chores gehen Alle durch die Mitte ab; man hört, während die Verwandlung vor sich geht, den Gesang und die Hörner in immer weiterer Entfernung.) Verwandlung. Ein aus Baumstämmen und Brettern gezimmerter Vorbau vor der Waldschenke, welcher nach dem Hintergründe zu offen ist; seitwärts rechts eine Mauer des Hauses, durch welche eine Thür in dasselbe führt, neben letzterer ein beleuchtetes Fenster. Den Hintergrund nimmt eine waldige Anhöhe ein, von welcher ein Weg von links nach rechts herab führt. Der am Himmel stehende Vollmond ist anfangs von leichtem Gewölle bedeckt. Zwölfte Scene. Goldhahn, Menzinger, einige andere Gläubiger (treten vom Hintergründe links in in den Vorbau). Goldhahn tim Gespräch begriffen). Ich sag' Euch, ich Hab' mir's fest vorgenommen g'habt, den Tanner-Berthold, wie er sich nur wieder dahier blicken ließ, gleich einsperren z'lassen — aber wie ich ihn da bei seine alten Leut' g'sehen Hab' — hat's mich doch a bißl packt — Men. Na ja, den Alten zu lieb' muß man schon mit sich reden lassen — Goldh. Wir werden sehen, was er für Termin' stellt, und ob er a Bürgschaft hat! Aber geh'n wir derweil in d' Stuben, dort können wir unsre Rechnungen z'samm- stellen! (Sie gehen in die Schenke ab.) Dreizehnte Scene. Tanner, Francisca, Ambros, Philip- pine, Katharina, Peter (kommen vom Hintergründe recht-). Tanner (noch außerhalb des Vorbaues stehen bleibend und zurück in die Scene sprechend). Bis daher — aber weiter nehm' ich die Begleitung nicht mehr an! — Also leben's Alle wohl—auf Wiedersehen! Gute Nacht! (Tritt mit den Uebrigen in den Vordergrund.) So — dahier wollen wir auf unfern Ber- thold warten! (Führt Francisca zu einer Bank.) Setz' Dich derweil, Alte! wir haben später noch ein gutes Stück Weg zu machen! Franc, (sich setzend). Meinst vielleicht, ich halt's nicht aus? Hab' keine Sorg' — ich bin heut' völlig um 18 Jahr' jünger worn'! Peter. Na ja — Sie haben auch heut' bei Ihrer goldenen Hochzeit noch ein' Sohn kriegt! Franc. Wann er nur schon wieder vom Schloß z'ruck wär'! Kath. (gegen das Fenster sehend). Ja — er wird von andern Leuten auch schon sehnsüchtig erwart'! Vierzehnte Scene. Vorige. Berthold. Bertholds Stimme (noch außerhalb der Scene). Hurrah! Victoria! Franc, (vom Sitze auffahrend). Das ist sei Stimm' —! Tanner und Ambros. Ja — ja — er ist's! Kath. Was rennt er denn so? B e rth. (kommt in freudiger Aufregung vom Hintergründe links, den Hut schwenkend). Ach! Vater! Mutter! Schon da? — Ich bin auch da — und wie bin ich da!! ^«Tanner. Ja,was hast denn? ^ L jFranc. Wie ist's denn 'gangen? Berth. Gut ist's gangen — sehr gut! — Ich Hab' Alles ang'schaut — ha ha ha! was ist da zusammengezeichner und zusammengeschrieben — wie viel Geld schon für Pläne hinausgeworfen worden! Alles auf dem Papier recht schön, aber practisch unausführbar! Ich Hab' mich aber ange- boten, die ganze Maschinerie nach einem neuen amerikanischen System wieder her- 38 zustellen. Ich hab's dem Fürsten erklärt, er war damit einverstanden, und hat mir die ganze Arbeit gegen ein Honorar von zehntausend Gulden übertragen, von dem ich die Hälfte schon morgen im Voraus beheben kann. TtTanner. Was? Du — so einenAuf- L! trag?! -AsFranc. Das Glück! Ambros. Aber die Täuschung laßt sich ja nicht weiter durchführen. Berth. Das soll auch nicht geschehen; gleich morgen will ich das Mißverständnis aufklären — der Fürst wird seinen Auftrag deswegen doch nicht zurücknehmen, weil ich nicht mein Bruder bin! Mit einem Wort, Alles geht gut — ich kann aus meinen eigenen Mitteln alle meine Schulden bezahlen. Kath. Sehen's nur erst, ob auch alle Ihre Gläubiger bereits beisammen sein. — lWeist gegen das Fenster.) Berth. < hincinsehend) Ah ja! da d'rin sitzenjadieEhrenmänner! Ich werd'gleich— (Geht gegen die Thür der Schenke.) Kath. (entfernt sich rasch und unbemerkt nach dem Hintergründe links) Berth. (öffnet die Thür und ruft hinein!. Nur heraus, meine Herren! Herr Wirth! bringen's ein Licht mit, denn 's handelt sich d'rum, wie viel ich, beim Licht besehen, noch schuldig bin! Fünfzehnte Scene. Vorige. Schmiedhannes, Goldhahn, Merz in g er und die übrigen Gläuviger. Schmiedh. (tritt, einen Leuchter mit einer Glasglocke tragend, zuerst heraus). Guten Abend allerseits! (Stellt den Leuchter auf den Tisch, zu Derthold.) Mich g'freut's nur, daß's wieder da sein! — Wegen dem, was's mir schuldig sein, brauchen's ka Sorg' z'haben, ich Hab' mei Forderung eh' schon in'Rauchfang g'schrieben! Berth. Deswegen ist sie doch nicht getilgt; Schulden sind ja keine Trichinen, die The«tir'Xtptkloirt Nr. IS». absterben, wenn man's gut räuchert! — Aber (zu Goldhahn) habt Ihr alle Posten zusammengeschrieben? Goldh. (ihm rin Papier hinhaltend). Ja — da steht Alles genau berechnet — von uns Allen. Berth. Geben's her mein Schulden- register. (Nimmt die Schrift und besieht sie.) Na, die Summen sein wohl während meiner Abwesenheit etwas gewachsen — Goldh. Ja— die Interessen — Gerichtskosten — Berth. Ich weiß schon! Schulden sind wicdie Pappelbäum'; jelängerals sie stehen, desto mehr schießen's in die Höh'! — Und doch macht Alles zusammen nicht ganz sechstausend Gulden aus — kaum der Müh' werth I Goldh. Ja, 's fragt' sich nur, — in welchen Raten —? Berth. Pah! Raten! Das ist langweilig! Ich will ein Absolutorium! Wenn Ihr Alle mit einand' auf einmal baare fünftausend Guloen kriegt, erklärt JhrEuch für bezahlt? Goldh. (gierig). Fünftausend Gulden! — baar? Die Uebrigen. Ja! damit sind wir z'frieden! (Ziehen Papiere hetvor.) Berth. Also (ebenfalls eine Schrift hervor- ziehcnd) hier ist eine Anweisung an die fürstliche Casse — genügt Euch die? Goldh. Wie Baargeld! Nur her damit! Berth. Da! (gibt ihm die Schrift) und dagegen eure verhängnißvollen Papiere! (Nimmt Allen die Papiere ab.) Wir find mit einander fertig! Goldh. Vollkommen! stehe wieder zu Diensten! (Zu den Uebrigen.) Kommt s, kommt's, damit wir uns verrechnen! (Ab mit den andern Gläubigern in die Schenke.) Berth. (aufathmend). Ah! die Luft ist rein, und jetzt wollen wir ein Autoda fe mit diesen Papieren halten! (Hält sie über das Licht ) Ah! seliges Bewußtsein! Alle Schulden bezahlt! 's gibt Niemand mehr, der was von mir z'fordern hat. 3 34 Sechzehnte Scene. Vorige. Katharina, dann Sabine. Kath. (ist wieder zurückgekommen, tritt zu Berthold vor, saßt ihn an der Hand, sehr ernst). Niemand? - - Sehen's dorthin! Sab. (eine Frauenpcrson von ungefähr sechs- unddreißig Jahren, aber von bleichem verkümmerten Aussehen, in der ärmlichen Kleidung einer Magd, ist von links außerhalb des Vorbaues über den Bkrgweg gekommen, nnd bleibt mit schlaff herabhängendev Armen aus der Anhöhe stehen, der Mond wirft sein volles Licht auf sie). Berth. Was ist—? (Wendet sich gegen den Hintergrund, erblickt die Gestalt und taumelt erschreckt zurück.) Mein Gott! — Diese Gestalt — die bleichen Züg' — bist Du's — Sabin'! Tanner, Franc, und Ambros (ebenfalls hillsehend, überrascht). Die Sabin! Franc, (eilt auf Sabinen zu und führt sie mehr in den Vordergrund). Kath. (zu Berthold leise). Ja, sie ist's—- daS einst blühende Mädchen, die Ihren Versprechen und Gelöbnissen zu viel geglaubt, und Ihnen — das Höchste geopfert hat. Franc, (zu Sabinen). Aber um's Himmels willen! wie siehst Du aus? Sab. (mit fast tonloser Stimme). Wie tiefe Kränkung, Noch und — Reue aussehen machen! Tanner (zu Sabinen). Aber warum bist Du von uns fort?— Warum nicht zu uns zurückgekehrt, wenn's Dir anderwärts schlecht g'gangen ist? Sab. Weil ich — Ihrer Wohlthaten — Ihrer Liebe nicht mehr— würdig war! (Sinkt vor Tanner und Francisco in die Knie und verhüllt ihr Antlitz mit beiden Händen.) Berth. (erschreckt). Gott! ich errath' — ! Ich Hab' damals fort müssen — — Kath. Und haben eine Schuld hinterlassen, von der Sie bei Ihrer Flucht selbst keine Ahnung g'habt haben! Berth. (eilt zu Sabinen und richtet sie auf). Sabin'! faß Dich— ich will auch Dir ein redlicher Zahler sein! Sab. (schmerzvoll lächelnd). Achtzehn Jahre hingebracht — scheu und verborgen — kämpfend mit Noth — gequält von Gewissensbissen — gejagt von verzweiflungsvollen Gedanken — wie willst — wie kannst Du mir das bezahlen?! — Mir nicht mehr — ich übertrag' meine Forderung an— eine — Andere! (Eilt zu Philippinen, faßt ihre Hand und zieht sie zu Berthold.) Sorg' für Die — für ihr Glück — und ich bin bezahlt! (Sinkt erschöpft in Katharinens Arm zurück.) Berth. Allmächtiger! — die Pbilip- pm'—? sie —steift-?! Schluß-Gruppe. (Der Vorhang fällt.) Dritter Äct. (Zimmer im Pfarrhause mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren, im Vordergründe rechts ein Divan und zwei Stühle, links ein Tisch und ein Stuhl; cs ist früher Morgen.) Erste Scene. Ambros (tritt durch die Mittelthür ein). Na — Gott sei Dank! g'rad hör' ich, daß sich die arme Sabin' wieder erholt hat, der Schankwirth hat sie in sein bestes Zimmer gebracht — die Frauen sind bei ihr geblieben — und jetzt Werden s wohl Alle bald wieder zu mir heraufkommen können! (Horcht.) Ah — ich hör schon dem Berthold seine Stimm' — 35 Zweite Scene. Ambros, Katharina, Berthold. Berth. (tritt, Katharina an der Hand führend, durch die Mitte ein, und mit ihr in ungestümer Hast in den Vordergrund). Ich bitt' nur hier herein—! Kath. Na — na! Sie könnten wobl etwas zarter Vorgehen! Berth. Verzeihen Sie— aber meine Ungeduld — und heut' steh' ich als Gläubiger vor Ihnen, und Sie sind mir schuldig! Kath. Ich — Ihnen? — Was? Berth. Aufschlüsse! — Sie haben zu einem Roman', den ich vor achtzehn Zähren angefangen Hab', gestern ein Schluß- Eapitel geliefert, aber alle Blätter, die zwischen dem ersten und letzten liegen, haben Sie noch zurückgehalten — mir fehlt noch der innere Zusammenbang — (ernst und betonend) ich weiß nicht, ob dieser Ausgang gehörig motivirt ist! — Zch bitt' also um ein Supplement! Ambros (Katharinen einen Stuhl bietend). Aber nehmcn's doch Platz. Kath. (setzt sich). Berth. So — jetzt sitzen Sie — aber stehen Sie mir Red'! — Wo — wie — wann haben Sie die Sabin' kennen gelernt? — wie hat sie seit der Zeit gelebt? — wie sind Sie hinter ihr Geheimniß gekommen? — Was haben Sie für Beweise? Kath. (sich lächelnd verneigend). Zch werde die Ehre haben, diese Interpellationen der Reihe nach zu beantworten! —Aber wollen die Herren sich nicht auch setzen? Ambros (setzt sich neben Katharina). Berth. (setzt sich auf einen Stuhl neben dem Tische links). Kath. Zetzt hören Sie! Berth. (ungeduldig). Za— ja— mit beiden Ohren! —Aber fangen Sie nur an! Kath. Zch muß bei meiner Kindheit anfangen — ich war noch nicht zehn Zahr' alt, wie meine Mutter gestorben ist. Mein Vater, ein armer Bergmann, tief d'rin im Gebirg', der oft wochenlang nicht aus der Teuf' heraufkommen ist. er hat also nicht gewußt, wem er uns Kinder zur Aufsicht übergeben sollt' — da kommt eines Tages eine fremde Frauensperson — müd' und beinah' verscbmacht zu uns — ich seh' sie noch vor mir — ein bübschcs, sanftes Wesen — aber zu was soll ich's Zhnen (zu Berthold) beschreiben? Berth. Es war die Sabin'—?! Und was hat die bei Ihnen g'sucht? Kath. Nichts, als ein'n Platz in unsrer Hütten, wo sie ibr müdes Haupt hinlegen, nichts als ein Stück Brod, mit dem sie ihren Hunger stillen könnt', und dafür hat sie sich angetragen, alle Arbeiten zu verrichten und auf unS Kinder Acht zu haben! Dem Vater war so eine Hilf' willkommen, und sie ist bei uns geblieben als die ärmste, aber fleißigste und bravste Magd. Berth. (vom Sitze aufspringend und unruhig auf- und niedergehend). Als Magd! — die Sabin!! — Kath Wie später der alte Stahlberg mich zur Frau g'nommen hat, Hab' ich sie mit mir in's Herrenhaus von unserm großen Gewerk nehmen wollen, sie aber hat mich mit aufgehobenen Händen gebeten, ich soll sie in der Hütten meines Vaters, die versteckt im Wald' liegt, lassen!—Nach dem Tod' von mein'm Mann ist sie wohl manchmal auf B'such zu mir kommen und so war's auch gestern bei mir, wie auf einmal der alte Goldhahn 'kommen ist, und g'sagt hat, daß Sie (zu Berthold) wieder z'ruckkommen sein. Berth. (gespannt), blnd da — da? Kath. (auistehend). Da— ist ihr Gesicht auf einmal leichenblaß morden — ein Zittern hat ihren ganzen Körper befallen - endlich sein Thränen ihren Augen entstürzt, und — wie wir wieder allein waren, hat sie mir Alles bekannt. Berth. Was? — Was? (Während der Fortsetzung von Katharinens Erzählung setzt er sich S* 36 wieder an den Tisch, stützt da- Haupt in die ausgestemmten Hände — ringt nach Athem und stöhnt zuletzt schmerzvoll aus.) Kath. Daß sie, erst nachdem Sie flüchtig geworden, selbst erkannt, welche Straf' der Himmel für ihr jugendliches Vergehen über sie verhängt, daß sie sich nicht getraut hätt', länger im Haus' ihrer Wohlthäker zu bleiben, sondern lieber ihre geringe Hab' verkauft, und, als der Erlös zu Ende war, gedarbt hält', bis in der Brust der Bettlerin auch der natürliche Nahrungsquell für ihr — Kind versiegt war — da — Dritte Scene. Vorige, Sabine, Francisca. Sabine (ist mit Fraucisca unbemerkt durch die Mittelthür eingetreten, eilt nun vorwärts und sinkt zu Ambros' Füßen in die Knie). Da hat mich die Verzweiflung dazu gebracht, mein Kind vor Ihre Thür zu legen — Sie waren der Bruder dessen, der Schuld an meinem Unglück trug, ich wußte, wie warm Ihr Herz sich jedes Verlassenen annimmt und das Vertrauen — Ambros (sie aufhebend, im Tone sanften Vorwurfes j. Hätt'Sie bestimmen sollen, mir damals schon Alles mitzutheilen. Sabine. Damals war er (aus Berthold weisend) nicht hier, und nur sein Bekennt- niß kann meine Schuld mildern! Berth. Ja — ich — ich allein bin der Strafwürdige — aber Gott ist mein Zeuge — ich will alles gut machen! (Breitet seine Anne aus.) Sabine! Sabine (mit der Hand eine abwkhrende Bewegung machend, mit kalter Ruhe). Du würdest meine Absicht verkennen, wenn Du glaubtest, ich habe Dich ausgesucht, um Dich zu zwingen, deine einstigen Versprechungen zu erfüllen! Berth. Aber wer sagt denn, daß ich erst gezwungen werden müßt' — S a b. (schüttelt ernst das Haupt). Ich weiß, ich bin vor der Zeit gealtert — Berth. Aber- Sab. O suche mir das nicht wegzu- 'chmeicheln, was ich im Innersten fühle! — Ich bin alt! — An Dir sind die Jahre fast spurlos vorübergegangen — Du hast noch Ansprüche an das Leben — mache sie geltend — Berth. Aber unsre Tochter- Sab. Eben um ihr Glück begründen zu können, bedarfst Du deiner vollen Freiheit. — Ich gebe sie Dir — um meines Kindes willen! Berth. Ich versteh' Dich nicht! Sab. (mit trübem Lächeln). Du wirst es, wenn Du mit dieser Frau (auf Katharina weisend) gesprochen hast — verständige Dich mit ihr — mich lasse meine Tage in 'tiller Verborgenheit beschließen! — Lebe wohl. (Wendet sich zum Abgehen ) Berth. (will ihr nach.) Aber so hör' doch — Franc, (zu Berthold). Laß' sie jetzt mir! Komm, arme Sabin'! (Geht mit ihr durch die Mitte ab.) Berth. (zu Katharinen). Mit Ihnen soll ich reden? und wegen meiner Tochter— aber ich Hab' ja mit ihr selber noch nicht g'redt — (Zu Ambros.) Ich bitt' Dich — schick' sie zu mir — wir müssen uns ja doch zuerst verständigen — und dann — dann will ich mich (wieder zu Katharina) mit Ihnen berathen — Ambros. Nun gut — ich schicke Dir das Mädchen! (Ab nach rechts.) Kath. Und ich will Sie nicht stören! (Ab durch die Mitte.) Berth. (allein). Meine Tochter! — Ich bin Vater! — Eigenthümlich! — Wie hart mir bisher oft das Schicksal entgegengetreten ist, ich hab's in meinem Leichtsinn lachend an mich herankommen sehen — ja, ich Hab' oft über meine eigne Lag' Witze reißen können! — Der Leichtsinn ist eben das Gegentheil vom Schöpfer — dieser hat aus Nichts Alles gemacht, und der Leichtsinn macht sich aus Allem nichts! — Aber das Schicksal seine- 37 eigenen Kindes — sich auch aus dem nichts machen, das wär' nicht mehr leichtsinnig, sondern grundschlecht — und das war ich nie, und werd's nie sein! Vierte Scene. Berthold, Philippine. Philipp, (tritt aus der Seitenthür rechts, bleibt aber anfangs, die Augen zu Boden schlagend, an derselben stehen). Berth. (für sich). Da ist sie! — (Sie mit einigem Wohlgefallen betrachtend, für sich.) Was für ein liebes Kind! wie ein Rosen- knösperl im Frühjahr! (Laut, herzlich.) Pinerl! Philipp, (ängstlich). Sie befehlen? Berth. Befehlen?! — Hm! ich könnt's wohl, und Du — Du müßtest mir gehorchen, denn ich bin dein Vater! Philipp, (wie oben). Za, der Herr Pfarrer sagt's — Berth. Und dein Herz nicht auch? Zst denn die Natur eine alte Sängerin, daß sie ihre Stimm' verloren hat? -- Komm' doch näher! Philipp. Gleich! (Tritt schüchtern etwas näher.) Berth. Noch näher! noch näher! (Breitet seine Arme aus.) Philipp, (wieder etwas näher kommend). Za — ich — ich folg' ja — (Bleibt wieder stehen.) Berth. Und bist mir doch noch nicht nah' genug! (Eilt aus sic zu und drückt sie an seine Brust.) So! so! mein Kind — mein lieb's, lieb's Kind! Philipp, (will sich ängstlich seinen Armen entwinden, flehend). O lassen's mich! Berth. Nicht eher, als bis Du: „Vater" zu mir g'sagt hast! Geh'! ich bitt' Dich! Nur das eine Wort! Fallt's Dir denn gar so schwer? — Schau mir in s Aug' — (richtet ihren Kopf empor und blickt sie liebevoll an) kannst Du darin nichts lesen? Philipp, (sieht ihm in- Auge, für sich). Ja — er sieht mich so gut — so lieb' an! und wenn's ihm Freud' macht (wendet sich zu ihm, noch etwas schüchtern): Vater! Berth. (entzückt). „Vater" das ist sonst das erste Wort, was ein Kind reden lernt! — Die Freud' ist mir entgangen! Ach — ich fühl's jetzt, ich Hab' viel — viel entbehrt! Ich Hab' Dich nicht heranwachsen — nicht dein erstes Lächeln — nicht die ersten Schritte, die Du allein zu machen versucht hast, sehen können! — O, ersetz' mir jetzt das, was mir bisher entgangen ist, Hab' mich lieb — recht lieb! (Schließt sie wieder in seine Arme.) Philipp, (nach und nach herzlicher werdend). Ja, Sie werd' ich schon eher lieb haben können, als Ihren andern Bruder, den Herrn Niclas — das Hab' ich wohl schon gestern g'fühlt, — Sie haben mich nicht mit so ein' finstern Blick ang'schaut — waren nicht so unfreundlich mit mir — Berth. Das werd' — das könnt' ich nie sein! — Im Gegentheil, ich will nur daran denken, dein Leben recht freudig zu machen, Dir jeden billigen Wunsch zu erfüllen! — Sag' mir nur gleich, hast Du irgend ein' Wunsch auf dem Herzen? Philipp, (sieht verlegen zur Erde). Berth. Genir' Dich nicht — sag's nur! (Da Philippine noch schweigt.) So geh! — Hab' Vertrauen! setz' Dich da zu mir! (Setzt sich auf einen Stuhl und zieht Philippinen aus seinen Schooß, ihr die Locken streichelnd.) Red' jetzt als Kind zum Vater! — Was willst denn? Eine Puppe? — Der bist Du wohl schon entwachsen! aber vielleicht ein recht schönes Kleid? Philipp, (schüttelt verneinend den Kopf). Berth. Oder einen Schmuck? Philipp, (wie oben). Berth. Oder was für deine Zimmereinrichtung? Philipp, (wie oben). Berth. Auch nicht? — hm! mein guter Bruder, der Ambros, wirb Dir wohl ohne- 38 hin schon Alles angeschafft haben, wornach dein Herz verlangt? Philipp. (sk„fü). Berth. Ein Seufzer? hat er Dir waS versagt? Philipp, ltrcmrio). Ja — er hat g'sagt — den Gedanken soll ich mir aus dem Kopf schlagen! Berth. Was für ein Gedanken? Philipp. Zögernd). Na — den — an den — Franz! Berth. (kigknthümlikh überrascht). Den — Franz? — Du — Du hast schon einen Franz?! (Läßt sie langsam von seinem Knie herab und steht auf, für sich.) Alle Wetter! — (Sich wieder zu ihr wendend, laut) Und wer — wer ist der Franz? Philipp. Na — der Sohn von Ihrem Bruder Niclas! Berth. Was? der junge Bursch' —? Philipp. Aber ist denn die Jugend ein Fehler? Und er — o! er redt schon so g'scheidt! Berth. Vielleicht weil er Dir seine Lieb' erklärt hat? Philipp, (mit hervorlcuchtcuder Freude). Ja — das hat er! Berth. Und Du — Du — ? Philipp. Ich — Hab' ihm nichts erklärt, weil ick mir's selbst noch nicht erklären kann, wie mir seitdem ist! — Ich war so selig — aber wie der Herr Pfarrer mir g'sagt hat, es könnt' nichts 'draus werden, ist mir so weh — so weh worden! (Hoffuungkvoll.) Aber Sie — Sie haben ja g'sagt, daß Sie froh wären, mir was geben z'können, waS mir eine Freud' macht— Berth. Na ja — ich Hab' glaubt, eine Puppe oder so waS — (für sich) derweil verlangt sie einen Wurstel! (Laut, doch sanft.) Schäm' Dich — bist schon so groß! — Nein — nein —! Philipp, (sich an ihn schmiegend). Lieber Vater! Berth. (erfreut). Gott, wie wohl das Wort meinem Herzen thut — (Drückt sie innig an sein Herz.) Mein liebeS — liebes Pinerl! (Küßt sie wiederholt.) Fünfte Scene. Vorige, Franz. Franz (reißt hastig die Mittelthür auf, will hkreinstürzen. erblickt aber die Gruppe und ruft entsetzt aus). Ha! Verrath! Philipp, (sieht sich nach ihm um — hocherfreut). Der Franz! Berth. (sich ebenfalls umsehend). Der Wolf in der Fabel! Franz (stürzt zu Berthold vor, faßt ihn ungestüm am Arme—mit drohender Miene). Mein Herr! — Berth. (ihn mit den Blicken messend). Was ist das für eine Sprach'? — Weißt Du nickt, wer ich bin? Franz. Ja — Sie find der Bruder meines VaterS — mein Blutsverwandter — aber, nach dem, waS ich eben gesehen, sistire ich die Verwandtschaft, und ford're nur Blut! «Leise zu ihm.) Sie haben meine Geliebte umarmt — Sie werden mir Genügthnung geben! Berth. Ha ha ha! — das Büberl denkt an ein Duell! Franz (beleidigt). Was „Büberl"! — Ich Hab' mich vorige Woche zum ersten Mal rastrt! Berth. Wenn Du dadurch einen Eider- dunen-Anflug unter deiner Nase hcrvor- zukitzeln hoffst, so rasir' Dich, mich aber und vor Allem die (auf Philippinen weisend) laß' ungeschoren! Das bitt' ich mir aus! Franz. Sie haben mir in Bezug auf die Philippine gar nichts zu verbieten — nicht einmal der Onkel Pfarrer kann ein unbedingtes Veto einlegen — sie ist ein gefundenes Kind, da kann er höchstens zehn Procent von ihr beanspruchen, als Finderlohn — alles Uebrige an ihr ist freies Mädel! Berth. So? — Du weißt aber noch 39 nicht, daß nicht nur die Philippin' gefunden ist, sondern auch ihr Vater! Franz (überrascht). Ihr Vater? — wo ist der hingelegt worden? — Und wer ist's? Verth. Ich — ich bin ihr Vater! Franz. Sie? — Sie sagen das mit einer staunenswerthen Zuversicht—! Philipp, (eilt ;u Franz) Ja — ja — er ist's! — Er allein hat von jetzt an über mein Schicksal zu entscheiden — o! trach- ten's, daß er auch Ihnen gut wird! Franz (für sich). Da heißt's freilich bedeutend umstecken! (Tritt zu Brrthold, eine chevalrreSke Haltung annehmend ) Herr Onkel! bei so bewandtcn Umständen konnten Sie allerdings die Philippine umarmen! Verth. Na — wenn nur Du nichts dagegen hast! Franz. Wir schlagen uns also nicht! (Hält ihm die Hand hin.) Verth, (spöttisch.) Wie mich das freut! Ich Hab' mich schon so g'forchten! Franz. Es ist mir selbst lieb —mir wäre leid um Sie gewesen, denn — ich bekenn' es — Sie haben schon gestern einen sehr günstigen Eindruck auf mich gemacht — Verth, (wie oben). Sehr schmeichelhaft! Franz. Nein, im Ernst! Es besteht eine gewisse Sympathie zwischen uns — eine Ähnlichkeit der Charaktere — ich fühle, daß ich bin, wie Sie selbst in meinen Jahren waren! Verth. Was? Du bist, wie ich in dein' Alter war? — jetzt schau' aber gleich, daß d' weiter kommst! Franz. Ich meine nur in einer Beziehung — Sic sind einst durchgegangen, und ich — ich bin meinen Eltern heut' auch dnrchgegangen! Verth, und Philipp. Was? durchgangen?! Franz. Ja, mein Papa wollte mich in der Stadt unter strenge Aufsicht stellen, damit ich nie mehr mit der Philippine Zusammenkommen könne, und sperrte mich , indeß über Nacht in mein Cabinet ein —- er vergaß aber, daß dieß nicht nur eine Thür, sondern auch ein unvergittertes Fen ' ster habe — zwar sechs Klafter über dem Erdboden — aber die Liebe, die den Tiger ^ zum Lamm macht, kann auch ein Leintuck in ein Seil verwandeln - an diesem ließ ich mich herab — rannte durch Nacht und Nebel — durch Dick und Dünn — und — bin da! Philipp, (gerührt). O Franz! Verth. (für sich). Der Kerl g'fallt — er hat Race! Aber ich darf ibm nichts merken lasten! (Laut, einen strengeren Ton anneh- mend ) Ja — da bist! — Aber was willst Du dahier anfangen? Franz. Ich will anfangen, aufzuhören ein Sclave zu sein — ich will anfangen mich als freier Mann zu zeigen, mir keinen Beruf octroyiren zu lasten — auch nicht von meinem Vater! — Ich will nicht m einer Kanzlei bocken und mein DorwärtS- kommen davon abhängig sehen, daß unter meinen Vormännern eine Seuche auS- bricht! — Meinethalben soll die" ganze Menschheit leben, und ich will doch vorwärts kommen, durch mich selbst — durch eine naturgemäße Thätigkcit! Verth, (für sich). Famos! — Ick kann ihm gar nicht Unrecht geben! (Laut.t Aber was verstehst Du denn unter naturgemäßer Thätigkeil! Franz. Leben in und vom Feld und Wald, als tüchtiger Landwirth — und dann heiraten! das ist naturgemäße Thä- tigkeit! Verth. Heiraten?! — Und Du hast nichts, und sie hat auch nichts! Franz. Adam und Eva haben auch nichts gehabt, nach der Erpropnation aus dem Paradies, und haben doch geheiratet; ein Beweis, daß der Herrgott selbst nicht wollte, daß der Mann nur eine reiche Aussteuer, oder die Frau nur einen Gage- bogcn heirate, sondern, daß es bester ist, wenn sie beide anfangs nichts haben, und erst miteinander verdienen und erwerben, 40 dann können sie sich auch miteinander darüber freuen, und es kann nicht Eines dem Andern vorwerfen, daß das Vermögen von ihm allein herstamme! Berth. (für sich). Der Bursch' red't g'scheiter als mancher Alte! (Laut.) Ja — ich seh',Du hast das Zeug, was Tüchtiges zu werden! Komm' her! — gib' mir die Hand! (Hält ihm seine Hand hin.) Franz (eilt freudig aus Berthold zu und faßt dessen Hand mit seinen beiden Händen). Onkel! Sie geben mir also die Hand Ihrer Tochter? Berth. (rasch seine Hand zurückzichend). Wer sagt denn das? Meine Hand Hab' ich Dir geben, aber die der Philippine- Philipp, (eilt ebenfalls zu Berthold). Werden Sie ihm auch nicht verweigern — hat er doch schon mein ganzes Herz! (Umarmt Tranz.) Berth. (rasch zwischen Beide tretend). Na seid'S so gut! — Gleich auseinand'! Franz. Jetzt haben wir Sie in der Mitte — jetzt lassen wir Sie nicht ans, bis Sie weich geworden! Lieber Onkel! (Umarmt ihn von der einen Seite.) Philipp. Lieber Vater! (Hängtsichvon dir andern Seite an seinen Hals ) Berth. (bemüht sich vergeblich sie von sich wegzndrängen). Laßt's los! — Ich Hab' kein Athcm mehr — (zu Franz) druck nicht sö! (ZuPhilippinen.) Ich mag das Schmeicheln nicht! — werd's Ruh' geben! Sechste Scene. Vorige, Katharine. Kath. (tritt durch die Mitte ein). Was g'schieht denn da? Berth. (sich umsehend). Gott sei Dank! es kommt Succurs! Philipp, und Franz (lassen ihn los). Kath. (vorwärts kommend, zu Berthold). Was hat's denn geb'n? Berth. Ah! kaum Hab' ich eine Tochter bekommen, so meld't sich ein Sohn (aus Franz weisend) auch noch! (Mehr für sich.) Man sollt' wirklich mit den Kindereien gar nicht anfangen I Kath. (erstaunt). Ein Sohn?! Berth. Nein — verstehen's mich nicht unrecht — 's ist der Sohn meines Bruders, aber mein Schwiegersohn will er werden! Philipp. Ja — das wär' mein höchstes Glück! Kath. Und über das Glück Ihrer Tochter sollen Sie sich ja mit mir berathen — also (zu Philippinen und Franz) Laßt Uns jetzt allein! Belth. (zu Philippinen). Ja — geh' Du dahinein — (auf die Thür rechts weisend) und Du (zu Franz) dort hinaus, und wartet das Resultat unserer Conferenz ab! Philipp (ab nach rechts). Franz. Warten — und immer warten — das ist das Losungswort unserer Zeit! Na gut— ich füg' mich jetzt, aber das sag' ich Ihnen, gar zu lang' geht's mit dem Warten nicht mehr! (Durch die Mitte ab.) Berth. Wir sind allein! Jetzt sagen Sie mir, was das Alles zu bedeuten hat, die Sabin' entsagt allen Ansprüchen — gibt mir die volle Freiheit — Kath. (absichtlich etwas coquett). Nun — für einen Mann Ihres Alters und Ihrer Eigenschaften ist die Freiheit noch immer ein Gut, das sich verwerthen läßt. Berth. Ich wüßt' im Augenblick wirklich nickt, was ich damit anfangen soll. Kath. Nicht? Sie haben doch gestern so gethan, als ob Sie Ihre Freiheit zu dem Einsatz' verwenden wollten, mit dem man in der Ehestandslotterie seinGlück machen kann! Berth. Ja — gestern! Kath. Nun — was hat sich denn seit gestern so verändert? Berth Meine Umstände— ich bin ganz unverhofft Vater geworden! Kath. Hm! Vater von ein'm Kind, 41 was bereits in dem Alter ist, wo das Weib Vater und Mutter verlaßt, um dem Manne zu folgen, den es liebt! — Machen Sie ihr das möglich, und Ihre Vaterpflichten sind erfüllt! Verth. Als ob das nur von mir abhing? Da müßte ja auch mein Herr Bruder, der Niclas — Kath. Der wurd' wohl auch nichts dagegen haben, wenn ersieht, daß sein Sohn eine gute Partie macht. Verth. Eine gute Partie? — meine Tochter —? Kath. Sie wär's, wenn zuerst Sie selbst eine gute Partie gemacht hätten! Verth. Sie meinen also im Ernst — ich sollt — mich verheiraten? Kath. Ja — aber vernünftig!— Auf ein junges Mädel dürften's g'rad nicht re- flectiren — aber — (die Augen zu Bodm schlagend und ihn doch seitwärts anblickend) es gibt ja — Witwen, die noch ganz passabel sind! Verth. Ja — ja —(etwas näher tretend) es gibt ihrer! Kath. (wie oben). Die — ich sag' nur so zum Beispiel — ein großes Geschäft haben, zu dem unbedingt ein Mann noth- wendig ist! Verth. Ja, ja — es gibt solche Geschäfte! (Tritt wieder etwas näher.) Kath. (wie oben). Und die so vernünftig sind, daß sie auch keinen jugendlich schwärmenden Liebhaber, sondern nur einen treuen Freund zum Mann haben wollen — Verth, (ganz nahe zu ihr tretend und ihre Hand fassend). Und — wenn ich nun so ein treuer Freund sein wollt —? Kath. (noch etwas coquett). Dann — dann — (Plötzlich ihren natürlichen Ton anschlagend.) Ah was! — reden wir g'rad und ehrlich! — Ich sag' Ihnen, Sie gefallen mir — mein Gewerk braucht ein'n Mann, der 's Maschinenwesen versteht — Sie brauchen ein Vermögen, um Ihrer Tochter eine ordentliche Aussteuer geben zu können, und wenn Sie also entschlossen sein, Jbrer Tochter zu lieb — Verth. O bitte — ich könnt' schon auch mir selbst zu lieb- Siebente Scene. Vorige. Tanne r. Tanner (tritt bei den letzten Worten Ber- tholds durch die Mittelthür ein, bleibt aber überrascht im Hintergründe stehen). Kath. (ohne Tanner zu bemerken zu Ber- thold). Also — wollen Sie mir Ihre Hand reichen? Verth (seine rechte Hand besehend, noch zögernd). Diese Hand —? Kath. Nun — sie ist ja frei! Verth. Jawohl, aber wenn ein Ge fessel ter so plötzlich frei wird, so ist's ihm im Anfang' doch immer so, als ob er noch die Ketten spüret, die ihn an der freien Bewegung hindert! — so geht's auch mir! (Fast wehmüthig.) Die Sabin'-! Kath. Mit der ist schon Alles abgemacht! Sie hat mich gepflegt und erzogen, dafür werfe ich ihr eine Summe aus, von der sie in irgend einer Provinzstadt recht anständig leben kann— mehr verlangt sie sich nicht, wenn sie nur ihre Tochter versorgt weiß — Verth. Und die—? Kath. Die soll ein' Aussteuer kriegen, als ob sie auch meine Tochter wär'. Wir geben ihr die Landwirthschaft mit der großen Meierei, die unweit vom Herrenhaus liegt, damit Sie's in der Näh' behalten— uns bleibt ;a doch noch g'nug! Sie wären der Herr vom Gewerk — Mitbesitzer eines Vermögens von ein paarmal hunderttausend Gulden- Verth. Gnädige Frau! Diese Groß- muth! — Sie macht mich ganz wirblicht— ein völliger Schwindel faßt mich — Kath. In dem Zustand sollen Sie sich durch kein entscheidendes Wort binden! 42 Ueberlegen Sie sich Alles reiflich, und dann sagen Sie mir mit ruhiger, männlicher Entschlossenheit: »Ja« oder »Nein«! — Ick lass' Ihnen den ganzen Tag Bedenkzeit! — Also auf Wiedersehen!— ich hoff' auf frohes Wiedersehen! (Ab nach rechts.) Berth. (m höchster Aufregung aus- und niedergehend). Begreif' ich's denn? — Jst's denn möglich? Schon nahe an vierzig Jahr', und noch so eine Zukunft voll Glück und S onnenschein—das Stahlberg'sche G'werk — ich kenn's — ein's der größten im Land — das Herrenhaus mit den prachtvollen großen Sälen — Tann er stritt vor, sehr ernst). Za, ja, die wirst Du brauchen! Berth. (überrascht). Sie, Vater!! — Aber — was sagen Sie? — Ich werd' die großen Säl' brauchen? — Wozu? Tanner. Damit dein Gewissen d'rin Platz hat! Berth. Mein Gewissen?! Tanner. Ich Hab' die Anträg' g'hört, die die Frau von Stahlberg Dir g'macht hat — Berth. Nun — hat sie mir nicht eine reizende Aussicht eröffnet? Tanner. Ja, ja — wundervoll! — O! ich kann mir Dich vorstellen, wie Du auf dem Balcon vom Herrenhaus stehen wirst, und deine Blick' hinausschweifen werden auf grüne Wälder, reiche Aecker — blühende Wirtschaften und Du stolz sagen wirst: . Das Alles ist mein!«— Aber über der reizenden Landschaft wölbt sich der Himmel, und an dem wird manchmal eine graue Wolke aufsteigen — und eine eigentümliche G'stalt annehmen — je länger als d'hinblickft, desto deutlicher wird's — 's schaut aus wie ein niedergebeugtes — durch Dich namenlos unglückliches Weib! Berth. (ergriffen). Der Gedanken an die Sabin'—?! — Aber, Vater! es soll ja für ihre Zukunft gesorgt werden — Tanner (auffahrend). Gesorgt! — ja — mit Geld soll sie abgefertigt werden, wie eine-ich will's gar nicht sagen! — Geld gib, wem Du Geld schuldig bist — ihr aber bist Du die Ehre schuldig, also mußt Du ihr auch ihre Ehre zurückgeben! Berth. Ich Hab'ihr meine Hand an- geboten, sie hat selbst darauf verzichtet! Tanner. Ja, sie will sich opfern — darfst aber Du das Opfer annehmen? Berth. Ich opfer' mich auch! Nur damit meine Tock:er nach ihrer Herzenswahl heiraten kann, Heirat' ich! Tanner (mit Spott). Ha ha ha! Das Opfer! Du nimmst ein junges hübsches Weiberl — wirft ein reicher Mann — kannst in Ueberfluß und Ueppigkeit leben. Berth. An all' das denk' ich nicht, sondern nur an meine Tochter! Tanner. Ja, denk' an sie! Denk' ob sie Dich noch wird achten und lieben können, wenn sie erfährt, daß Du an ihrer Mutter so schlecht gehandelt hast! Berth. (erschüttert). Schlecht?! — Tanner. Ich find' kein andres Wort! (Eindringlich.) Berthold! Ich Hab' Dich gestern, wie Du noch als armer Teufel vor mir erschienen bist, verzeihend an die Brust drucken können; aber wenn Du auf die Art reich geworden, in einer vierspännigen Equipage vor mein Haus vvrg'fahren kommst, so wird Dir Thür und Thor verschlossen bleiben! Berth. (unschlüssig). Mein Gott! in mir kreuzt und verwirrt sich Alles! die Sabin' — die Frau von Stahlberg — meine Tochter — der Bruder Niclas — ja! wenn sick nur der bestimmen ließ- Achte Scene. Vorige. Franz, dann Peter. Franz (stürzt angstvoll zur Mittelthür herein). Großvater! Onkel! Tanner (überrascht). Na, na, na! Was ist's denn? 43 Franz. Mein Vater — die Mutter— die Schwester — meine ganze Familie ist wieder da — ich Hab' den Wagen am Gartenthor halten sehen — Tann er. Na, und was weiter? Franz. Sie sein offenbar nur wegen mir da! sie fahnden auf mich—sie wollen mich nach der Stadt zurückschleppen — Tanner. Wenn deine Eltern wollen, so mußt Du gehorchen! Franz. Ich kann nicht! Zehn Lokomotive bringen mich nicht von hier fort, ehe mein Schicksal entschieden ist! — Großvater! Onkel! sein Sie barmherzig! liefern Sie mich nicht aus — interniren Sie mich — ich lege meine Waffen ab — da ist mein Federmesser! (Zieht es hervor.) Tanner. Der Bursch ist närrisch! Franz. Nur in so weit, als es sich für einen Verliebten schickt! (Horcht gegen die Mtttklthür, erschreckt.) Ha! ich hör'kommen! Onkel! schützen Sie mich! (Eilt hinter Der- tholds Rücken.) 'S kommt der Herr Papa ! Peter (tritt bei den letzten Worten Franzens durch die Mittelthür ein, lachend). Nein — vor der Hand bin nur ich's! Franz (kommt wieder hervor, ausathmend). Der Peter! Tanner (zu Peter). Und mein Sohn — der Niclas — Peter. Ha ha! den Hab' ick indeß auf eine andere Fährt' bracht! Tanner. Wieso und warum? Peter. Na— aus zarter Rücksicht für den Buckel von dem jungen Herrn! (Aus Franz weisend.) Der Herr Vater hat nämlich, wie er mich erblickt hat, gleich g'fragt, ob Sie da sein? Dabei hat er aber das spanische Rohr (das in seiner Hand befindliche Rohr zeigend) so bedenklich geschwungen — Franz. Das spanische Rohr? (Seinen Rücken reibend.) O wehmuthsvolle Erinnerung an meine Bubenheit! Peter. Ich hab's aber dahin 'bracht, daß ihm der Stock aus der Hand g'fallen ist, und Hab' ihn dann in Verwahrung g'nommen! Franz. Sehr vorsichtig! - So eine Waffe geht leicht los! — Und mein Papa? Peter. Dem Hab' ich gleich erzählt,daß gestern Se Durchlaucht unser Fürst da war, und nach ihm g'fragt hätt' — Berth. (zu Peter). Mein Gott — an was erinnerst Du mich! — Und was hat mein Bruder —? Peter. Der war so überrascht, daß er gar nicht weiter um sein'n Sohn g'fragt hat — er will hinauf auf's Schloß — sich vorstellen — Berth. Aber der Fürst weiß noch nichts von der Verwechslung — und wenn jetzt der Niclas vor mir hinaufkommt- Peter. Sie können leicht früher oben sein, als der Herr Bruder — der will sich erst im Ort nach ein'm schwarzen Frack umschauen und nach ein'm weißen Crava- tel — bis er sich also audienzmäßig ad- justirt hat- Berth. Indeß bin ich auf dem Schloß — der Fürst erwartet mich ohnehin — ich komm' gleich vor, und werd's schon machen, daß der Niclas nicht früher gemeldet wird, als bis ich Alles ins Reine gebracht Hab'. — Nur schnell hinaus! (Will fort ) Tanner (hält ihn zurück). Berthold! Du wirst Dich doch oben nicht in einer Art über dein'n Bruder äußern, die ihm nachtheilig sein könnt ? Berth. Ich — über ihn —? (Plötzlich einen Gedanken fassend-) Ha! jetzt weiß ich, was ich thun muß, um mein'n stolzen Herrn Bruder recht zu demüthigen—! Tanner (erschreckt). Um Gottes willen! Berthold! Berth. (auf Tanner zueilend und ihn umarmend). Was könnt' ich Ihnen zu Lieb nicht thun? — Seins also ganz ruhig, Vaterl! — ruhig in jeder Beziehung! Wir wollen heut' noch Alle miteinander eine kleine Nachfeier des gestrigen Festes begehen! (Zu Franz.) Jetzt komm — Du sollst sehen, wie ein geschickter Maschinist alle Hebel zugleich in Bewegung setzen kann. (Ab mit Franz durch die Mitte.) 44 Neunte Scene. Tanner (allein). Er sagt: »Ich soll ruhig sein!« — Ja, Zeit wär's einmal, daß ich über Alles beruhigt sein sollt', eh' ich an den großen Ort der ewigen Ruh' gebracht werd'! Hm! der Himmel hat mir zwar ein langes Leben vergönnt, aber doch gibt's noch eine Menge Dinge, die mich zu der vielleicht unbescheidenen Bitt' veranlassen: »Lieber Gott! nur noch ein paar Jahr — damit ich das oder jenes noch erleben kann!« Verwandlung. (Park beim fürstlichen Schlosse, im Hintergründe über einem breiten Bassin eine Marmorgruppe, links eine dichte Baumgruppe.) Zehnte Scene. Niclas, Mathilde, Rosa (treten von links auf). Niclas (in einem, ihm nicht ganz passenden schwarzen Anzuge, weißer Lravate und strohgelben Handschuhen). Da sind wir! Ah! es weht doch eine ganz eigenthümlicheLuft an einem Orte, den eine so hohe Persönlichkeit zum Aufenthalte gewählt hat —ein gewisses heraldisches Parfüm würzt die Atmosphäre! Math. Ja, wenn man immer in solchen Regionen athmen dürfte! Niclas. Wer weiß, was geschieht? — Der Fürst hat eigenhändig nach mir gefragt — er will mich sehen, und der Blick eines Fürsten ist wie ein Sonnenstrahl: auf wen er gnädig fällt, der wächst in die Höhe, ohne selbst zu wissen, wie. Math. So trachte nur bald vorgelassen zu werden! Niclas. Das will ich — promenirt Ihr indeß im Parke — ich lasse mich im Schlosse melden — meine Toilette ist doch in Ordnung? Math, (ihn besehend). Deine Cravate ist etwas verschoben (richtet dieselbe) und hier (ihm mit dem Sackluche den Aermel abstäubend) bist Du etwas staubig! EilfLe Scene. Vorige. Peter. Peter (kömmt von rechts, Niclas erblickend, für sich). Da ist er schon! Jetzt nur bis zum rechten Moment aufhalten! (Tritt vor, laut zu Mathilden). Aber gnä — Frau! was hat denn der Herr Gemal gethan, daß's ihn gar so herunterputzen? Niclas. Ah! wir sind durch den schmalen Laubgang gekommen, und da ist mir etwas hängengeblieben. Peter. Na, das g'schreht oft, daß bei ein m herrschaftlichen Beamten was, hängen bleibt! Niclas. Aber ich will nun zum Fürsten — Peter. Aha! und der soll nichts merken! Aber ich glaub' schwerlich, daß Sie heut' mit ihm werden reden können! Niclas (ihn geringschätzend über die Achsel ansehend). Wie kannst Du wissen—? Peter. Hm! Jcb Hab' noch Connaissancen im Schloß—zwei meiner ehemaligen Schüler sein jetzt in herrschaftlichenDiensten! Niclas (wie oben). Deiner Schüler? Ha ha Hai Peter. Ja, es sein nämlich zwei Windspiel, die ich abg'richt Hab'— die sein jetzt die Lieblingshund vom Fürsten. Niclas. Zur Sache! Woraus schließest Du, daß ich heute nicht Vorkommen werde? Peter. Weil mir der Leibjäger g'sagt hat, daß der Fürst heut' für Niemanden z'sprechen sein wollt', als für den Herrn Tanner — Niclas. Tanner? — So heiße ja ich! Peter. Weiß's schon — Sie müssen aber doch nicht der sein — Niclas. Warum nicht? tS Peter. Weil der Tanner bereits beim Fürsten ist, und ihn auf ein' Morgenspaziergang begleit' — Niclas. (erstaunt). Schon beim Fürsten? Da wüßte ich doch Niemanden — Peter. Hm! vielleicht der Herr Bruder — der Berthold — Niclas. Der ist erst reckt der Niemand! — Wie käme der in die Nähe des Fürsten? eine solche Null — Peter. Hm! Nullen hinter Zahlen und selbst ein Niemand hinter großen Herren sein immer von Bedeutung! (Sieht in die Scene rechts.) Und da schaun's dorthin — dort kommt der Fürst — Niclas (in die Scene sehend). Ha! Seine Durchlaucht! (Bückt sich sogseich sehr tief.) Peter. Sie schnappen ja z'samm wie ein Taschenfeidel! (Mehr für sich.) Euriose Leut'! thun immer 's Csnträre — grad', wann's mit ein' Hohen z'thun haben, bucken sie sich, und wann's mit ein' Niedern z'thun haben, strecken sie sich in d'Höh! (Laut zu Niclas.) Aber so schaun's nur auf, wer neben dem Fürsten geht? Niclas (hebt den Kops wieder etwas empor, sieht in die Scene, und schnellt, mächtig erstaunt, vollends in die Höhe). Ha! er — dennoch er!! und der Fürst — er spricht so eifrig mit ihm — jetzt legt er seine Hand aus seine Schulter — ich erstarre! (Wankt zurück und lehnt sich an Peter.) Peter. Na, was lahnen's Ihnen denn an mich an? — Warten's! vielleicht lahnt Ihnen der Herr Bruder beim Fürsten ordentlich an! Niclas (erschreckt).'Ha! wenn er Revanche nähme — sich beim Fürsten über mich beklagte — Peter. Da müssen Sie also früher den Wind abpassen — (Sieht wieder in die Scene.) Sie kommen daher — geh n wir da hinter das Gebüsch — (Zieht Niclas hinter die Baumgruppe.) Mathilde und Rosa (folgen ihnen rasch). Zwölfte Scene. Vorige (versteckt), der Fürst, Berthold. Fürst (kommt mit Berthold, im Gespräch begriffen). Sie sind also ein dritter Sohn des Försters? von Ihnen hörte ich noch nie — und wähnte den Beamten aus meiner Baukanzlei vor mir zu haben! Berth. Durchlaucht entschuldigen, daß ich in meiner Sehnsucht, so schnell als möglich die gewünschten Auskünfte zu geben, das Mißverständniß nicht gleich aufgeklärt — Fürst (heiter). Ich hätt' es selbst gleich errathen sollen, daß Sie keiner von meinen Beamten seien, denn von diesen hätte ich schwerlich ein so rasches und richtiges Ur- theil vernommen! Aber es soll anders werden! Ich löse diese ganze Baukanzlei aus! Niclas (ist horchend etwas aus dem Ge büsche hervorgekommen — erschreckt doch leise). Ich — ich werde ausgelöst —?! Peter (leise). Aber nicht in Spiritus! Berth. (für sich). Mein Bruder brodlvs? (Laut zum Frusten.) Durchlaucht! bei jeder Körperschaft gibt es mehr und minder Befähigte — wenn ich von meinem Bruder sprechen darf— Niclas (wieder hervorguckend, leise). Jetzt geht's über mich los! Fürst (zu Berthold). Sprechen Sie — was ist's mit diesem? Berthold. Er nimmt zwar nock einen untergeordneten Rang ein, und doch wäre ich vielleicht nicht im Stande gewesen, bezüglich der Herstellung des Wasserwerkes geeignete Vorschläge zu machen, wenn ich nicht früher mit ihm gemeinsam die Sache besprochen hätte — Niclas (hoch aufhorchcnd für sich). Was sagt er? Fürst. War denn Ihr Bruder hier? Berth. Allerdings — aber nachdem wir uns bezüglich deS Planes verständigt 46 hatten, trieb ihn sein Pflichteifer nach der Stadt und in sein Bureau zurück, um alsoglcich einen schriftlichen Bericht an Ew. Durchlaucht zu verfassen! Niclas (wie oben). Trau ich denn meinen Ohren? Peter (leise). O! auf Ihre Ohren können Sie sich schon verlassen! Fürst (zu Berthold). Nun, so möge er nur seine Ausarbeitung vorlegen — Niclas (leise). Jetzt wird's schön! Ich habe keine blasse Idee! Berth. (zum Fürsten). Er hat sie gewiß vollendet, den wenn es gilt, den leisesten Wunsch seines durchlauchtigsten Herrn zu erfüllen, ist er unermüdlich — opfert freudig Tage und Nächte — Fürst. Wirklich — wirklich? Berth. (feuriger). Wollen Durchlaucht überzeugt sein, daß nicht bloß Bruderliebe mich zum Lobredner macht, aber ein so neuer und zugleich tüchtiger Beamter dürfte nicht leicht zu finden sein! Niclas (beschämt, leise). So — so red't er von mir — und ich-?! Fürst (zu Berthold). Wenn er sich als dieß bewährt, werde ich mich seiner ferneren Dienstleistung zu versichern suchen.—Senden Sie sogleich nach ihm! Berth. Er versprach ohnehin, heute noch zurückzukommen, und — (wendet sich gegen links) ja — ich seh' recht — er ist's! — Gestatten, Durchlaucht, daß ich sogleich — Fürst. Ja — ja — führen Sie ihn hieher — Berth. (tritt rasch hinter das Gebüsch — kommt aber sogleich wieder mit Niclas heraus). Lieber Bruder! schon zurückgekommen? Niclas (noch in äußerster Verlegenheit). Ja — (Bertholds Hand drückend, leise.) ich bin von so Manchem zurückgekommen! Berth. (leise zu Niclas). Du hast vernommen, was ich gesprochen — richte darnach dein Benehmen. (Mit Niclas näher zum dürften tretend, laut.) Durchlaucht haben befohlen — (Niclas vorstellend) mein Bruder Niclas! Niclas (sich tief verneigend). Durchlaucht! — die hohe Ehre —das Glück — ich finde gar keine Worte — Fürst. Desto beredter war Ihr Bruder für Sie, und ich bin überzeugt, daß Ihr Wirken seine Worte rechtfertigt — Sie wollen mir ein Elaborat vorlegen — j Niclas (sehr verlegen). Ich — das heißt — allerdings — aber — ich fürchte nur— Berth. (hat indeß heimlich ein Papier aus seiner Tasche gezogen, laut zu Niclas). Daß Se. Durchlaucht unserem Projekte seine Billigung versagen würde? — Ich war bereits so glücklich, dieselbe zu erhalten, und da deine schriftliche Ausarbeitung denselben Gegenstand erörtert- Fürst. So werde ich diese nur als einen Beweis entgegennehmen, daß Sie (zu Niclas) auch unaufgefordert für meinen Nutzen thätig waren! Geben Sie also- Niclas (wie früher). Ich — die Schrift — (in Todesangst für sich) wenn ich nur wüßte — (Greift in Verlegenheit nach der Brust- und dann nach den Hintere» Rocktaschen.) Berth. Nur keine übertriebene Bescheidenheit! (Steckt ihm heimlich von rückwärts seine Schrift in die Hand.) Ueberreiche —! Niclas (hocherfreut, sich vergessend laut). Da Hab' ich was! (Sich rasch bennisterud, doch auf's Neue verwirrt, sich vor dem Fürsten tief verbeugend.) Bitte unterthänigst um Vergebung — aber ich — ich glaubte — Berth. Die Schrift vergessen zu haben! Niclas. Ja — ja — das glaubt' ich! (Trocknet sich den Schweiß von der Stirne.) Aber da — wenn ich damit aufwarten darf — (Hält die Schrift hin.) Fürst (will die Schrift nehmen). Niclas (zuckt wieder mit der Hand zurück). Wenn's nur das rechte- Fürst (lächelnd). So lassen Sie doch sehen! (Nimmt ihm die Schrift ab und entfaltet sie.) Niclas (ängstlich für sich). Er hat'S! — wer weiß aber, was mir mein Bruder in 47 die Hand gesteckt hat? Am Ende hat er mich erst recht blamirt! Fürst (hat indes einen Blick in die Schrift geworfen). Eine weitere Entwicklung des besprochenen Systems. — Es freut mich zu sehen, daß die brüderliche Liebe den Theoretiker mit dem practischen H^chnikcr vereint hat — (tritt zwischen Beide — zu Ber- thold) Nehmen Sie also die Arbeit baldigst in Angriff, und Sie (zu Niclas) ertheilen bei dem Bau Ihren Rath — (betonend) Herr Baurath! Niclas (vor freudiger Ukberraschung außer sich). Bau — Bau — Baubaurath? — Ich?! — Durchlaucht! eine solche Beförderung — wie soll ich meinen unterthänig- sten Dank — Fürst. Danken Sie Ihrem Bruder, der mich auf Ihre Verdienste aufmerksam machte, durch deren Belohnung ich nicht nur Ihnen, sondern auch! Ihrem alten biederen Vater eine Freude bereiten wollte — Berth. Unserm guten Vater — ja, zu dem wollen wir — Fürst. Sie können ihn hier erwarten, denn ich ließ ihn einladen, das Fest, welches er gestern im Familienkreise beging, heute auf meinem Schlosse zu wiederholen. Er und alle seine Angehörigen sind heute meine Gaste! — Auf Wiedersehen also — bei der Tafel! (Grüßt und geht nach rechts ab.) Niclas (in fast wahnsinniger Freude den Hut schwenkend und dem Fürsten nachrnsend). Vivat! Vivs! Dvviva! LHen! 81uvu! 2ivio! O Gott! es gibt gar nicht Sprachen genug, um diesen Fürsten zu bejubeln! Ich — ich — wirklicher Baurath! Wo ist meine Frau? Wo sind meine Kinder? Dreizehnte Scene. Vorige. Mathilde, Rosa, Peter (aus dem Gebüsche tretend). Math, (eilt aus Niclas zu). Hier sind wir, um Dir Glück zu wünschen. Niclas. Was Glück wünschen? Das Glück ist schon da? Mahomed müßte auf seinen siebenten Himmel noch ein Stockwerk aufsetzen, um meine Glückseligkeit beherbergen zu können! Plötzlich so hoch gestiegen ! ! Peter. Dergeffen's nicht, wer Sie so hat steigen lassen! (Weist auf Berthold.) Niclas (beim Anblicke Bertholds zusammen- zuckend). Mein Bruder! (Senkt Ms beschämt das Haupt.) Berth. (steht mit über die Brust gekreuzten Armen und sieht Niclas lächelnd an, dann mit leisem Vorwurfe). Gelt, Niclas! 's ist doch gut, daß mich der Bruder Ambros gestern nicht, wie Du beantragt hast, aus seinem Haus' sortg'schafft hat? Niclas (noch immer in demüthiger Stellung). Berthold! Ich fühl' es, Du hast glühende Kohlen auf mein Haupt gesammelt — ich habe Dir weh' gethan, und Dn- Berth. (rasch wieder im herzlichen Tone). Ah was, wenn einen auch ein Bruder beleidigt hat, so darf man doch nicht vergessen, daß er ein — Bruder und was man einem Bruder schuldig ist!—Ich Hab' also an Dir auch nur eine Schuld abgetragen! D rum jetzt vergessen und vergeben, und von null an — «breitet seine Arme aus) Herz an Herz! Niclas «ergriffen). An dein Herz? Dann komme ich noch einmal an eine Stelle, die ick — nicht verdient habe — die ich aber verdienen w i l l! (Sinkt an Bertholds Brust.) Vierzehnte Scene. Vorige. Tanner, Ambros, Philippine, Katharina. Tanner und Ambros (treten zuerst vou Links ein). Kath und Philipp, (folgen, bleiben aber anfangs noch etwas im Hintergründe stehen). Ambros (froh überrascht). Berthold! Niclas! Ihr liegt Euch in den Armen? Tanner. Ausgeglichen und versöhnt? Niclas. Vater! Bruder! wie er (aus Berthold weisend) an mir gehandelt hat, das kann ich ihm nicht vergelten! 48 Berth. So vergelt's an meinem Kind. (Faßt Philippinens Hand.) (Zu- i Niclas. Wie? Dieß Mädchen? gleich.) j Math. Ihre — Tochter? Berth. Sie ist's, und wenn Ihr einwilligt, eure Schwiegertochter! Math. Aber wer ist ihre Mutter? Kath. stritt vor). 3ch werd' es sein, wenn (zu Berthold) Sie sich entschlossen haben — Berth. Ja — das Hab' ich —! Kath. Und zu was? Berth. Entschlossen, meiner Tochter die werthvollste Aussteuer zu geben — den ehrlichen Namen ihres Vaters! Kath. Nun— und als mein Mann? Berth. Würd' ich ein sehr reicherMann, aber ich blieb doch ein erbärmlicher Erika tar, denn die heiligste Schuld—die an meine erste und einzig Geliebte, die Sabin' — blieb unbezahlt! — Nur wenn ich diese zu meiner Frau mach', gelingt's mir vielleicht auch diese Schuld ratenweis abzutragen! Kath. (klatscht freudig in dir Hände). Bravo! bravo! — das Hab' ich erwart't! Berth. (verwundert). Was? — Sie? Kath. (lachend). Glauben's denn, ich Hab' im Ernst mich Ihnen selber angetragen? Ha ha ha! Gott sei Dank! das hatt' ich noch nicht nöthig! Berth. Aber warum denn? Kath. Nur um der Sabin', die immer glaubt hat, daß Sie's nur aus Mitleid und Barmherzigkeit heiraten wollten, den Beweis vom Gegentheil zu liefern, Hab' ich Sie auf die Prob' g'stellt — aber jetzt, wo Sie ihr zu Lieb ein großes Vermögen, und (scherzhaft aus sich selbst weisend) eine noch ganz saub're Frau ausschlagen — jetzt — (Sieht in die Scene links.) Fünfzehnte Scene. Vorige. Francisca, Sabine. Sab. (eilt von links heraus und zu Berthold). Jetzt seh' ich, daß auch in deinem Herzen die alte Liebe nicht verrostet ist, und ver- trauenAwll nehm' ich deine Hand an! (Sinkt an seine Brust.) Kath. (zu Sabinen). Und von mir nimm' zum Dank dafür, daß Du mich erzogen hast, die kleine Landwirthschast als Aussteuer deiner Tochter an! Sechzehnte Scene. Vorige. Franz. Franz (eilt von rechts herbei). EineLand- wirthschaft braucht einen Landwirth — ich melde mich zu diesem Posten! — Vater! Mutter! auf meinen Knien — (Kniet.) Berth. (führt Philippinen zu Niclas). Niclas, als neuer Baurath leg' den Grundstein zum Gebäude ihres Glückes! Niclas. Ich darf Dir heute keine Bitte versagen— so sei's denn! (Legt Franz's und Philippinens Hände ineinander.) Ambros. Laßt uns also die goldene Hochzeit uns rer Eltern mit der Hochzeit ihres Sohnes und der Verlobung ihrer Enkel beschließen! Ta NN er (Francisca an sich ziehend). Alte! Selber glücklich sein, und nur Glückliche um sich sehen — muß das nicht auf's Neue jung machen? Wir sein zwar nicht mehr im Frühling, aber der Altweibersommer ist rein und heiter, und spinnt die Silberfäden der Lieb' um uns Alle! Schlußgruppe. Der Vorhang fällt. Ende. Druck und Papier von Leopold Gommer in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Ein Kanernball in Men. Posse mit Gesang in einem Akte von Carl Elmar. Mnfik vou Kapellmeister Brandt. Personen: Schlaumaudl, rin reicher Bürger. Fritz May, sein Neffe, Dahningenieur. Beit Wernivger, Bauer im Marchfeld. Susi, seine Tochter. Mäusl, Agent. Adeline, seine Mündel. Gäste. Herr von Fein. Frau von Fein. Herr Plumpsuß. Frau Plumpsuß. Herr Springerl. Wenzel, Diener bei Fritz May. (Bürgerliche- Zimmer. Mitte!« und Seitenthürev.) Erste Scene. Fritz May, Veit Werningerund Susi (auS der Mitte. Fritz trägt ländliche Zäger- kleider. Veit und Sufi die Sonntagstracht von Landleuten in der Nähe von Wien). Veit. 2 muß Ihnen sagen, Herr May, daß Sie recht a lieber junger Weaner sein; mein Suserl sagt's Nämliche und i müßt' a talketer Vater sein, wann i ihr's verbieten wollt', daß's Ihnen gern hat. Susi (naiv), 's Gcrnhaben laßt sich ja gar nit verbieten, Vater, weil das unserm Herrgott sein Willen is. Tht*rerHkp«t»ir«.SK. L« Veit. Aber d' Menschen woll'n halt oft unserm Herrgott nit parir'n. A Beweis dafür is dem Herrn May sein reicher Onkel, der nir davon wißen will, daß sein Herr Neffe mit ein' Bauerntöchterl speanzelt. Fritz. Mein Onkel hat gegen euren Stand ein ungerechtes Vorurtheil, aber das soll in der heutigen Nacht verschwinden! Meinen Plan Hab' ich Euch brieflich mit- getheilt. Veit. Aber i Hab' ihn halt nit recht verstanden. Susi. Z schon! Fritz. Ich bin Mitglied von einem Ge- selligkeitsverein, der in jedem Fasching einen Bauernball veranstaltet. Da erschei- 1 2 nen alle Gäst' in Bauerntracht, da kann man wirkliche Landleut' von den nachgemachten gar nicht unterscheiden. Veit. Aha! Fritz. Durch langes Zureden Hab' ich meinen Onkel dahingebracht, daß er Heuer an dieser Unterhaltung Theil nimmt; er wird selbst in der Verkleidung als Wald- bauer auf dem Ball erscheinen; da sollt Ihr mit ihm bekannt werden, seine Zuneigung gewinnen, und bevor er noch entdeckt, daß Ihr wirklich zu dem Stand' gehört, den er aus verschiedenen Ursachen nicht leiben kann, soll er mit Euch schon in der cordial- sten Freundschaft stehn. Veit (kräftig). Mi magerlt's nur, daß i mein' Stand verlaugnen soll. I saget am liebsten: Da bin i, der Veit Werninger, a ganzer Bauer im Marchfeld, und da is mei Tochter Suserl, a ganze Bauerndirn', das haßt nämlich, a ganz g'sunde, a ganz saubere, a ganz brave! Fritz. Davon ist Niemand mehr überzeugt, als ich, aber mein Onkel muß durch euer Jncognito zu dieser Ueberzeugung kommen. Veit. Na wünsch'! daß er's kriegt. Zweite Scene. Vorige. Wenzel (aus der Mitte). Wenzel (eilfertig). Euer Gnaden! Euer Gnaden! der Herr Onkel is beim Thor aus dem Fiaker g'stiegen und krarelt schon über d' Stiegen herauf. Fritz (eilig zu Veit und Sufi). Versteckt Euch dort ins Nebenzimmer! Wenn er Euch vor dem Ball entdeckt, so ist mein ganzer Plan vereitelt! Veit (zögernd). Verstecken? das Hab' i no vor kan Menschen uothwendi g'habt. Susi (ihn sortziehend). Aber heut' is's amal nothwendi, Vater, also derfen wir uns mit lang erst b'sinnen. (Mit Veit ab.) Wenzel. Mir scheint, i hör'n schon vor der Thür. (Die Mitte Thür öffnend.) Küß d' Hand, Herr von Schlaumandl. (Ab.) Fritz (an die Thüre eilend und seinen Onkel sehr freundlich grüßend). Guten Abend, mein lieber Onkel, guten Abend! Dritte Scene. Fritz. Schlaumandl. Schlaum. (ein behäbiger dicker Mann, komisch als Waldbauer gekleidet, tritt langsam ein). 1. Da bin i! Grüß Di Gott! Da bin i, der Wiener Mit'm Waldbauern-G'wand, Na, g'horschamer Diener Sb tragt man's au'm Land, A Hosen von Leder, A zipfete Haub'n, Da muß g'wiß a Jeder Was Dumm's von mir glaub'n! 2 . Im Fasching, weg'» meiner, Da liegt ja nir dran, Als Narr kumm i eins, I grundg'scheidter Mann Au'm Ball will i munter Ein' Narr'n spiel'n perfect, Man waas ja, daß d'runter Der Schlaumandl steckt! Fritz. Recht so, lieber Onkel! Sie schauen in Ihrer Verkleidung als Waldbauer eben so stattlich als gemüthlich aus. Schlaum. Wann i a wirklicher Bauer wär', brauchet i weder stattlich noch g'müthlich ausz'schau'n, denn das Volk is auswendi und einwendi verkrüppelt. Aus- wendi hat's verdrahte Füß und verdrahte Buckeln, einwendi verdrahte Begriff' und ein' verdrahten Charakter. Wann i an die Zeiten denk', wo i als Fruchthandler mit derer Landbagage in G'schäftsverbindun- gen g'standen bin, so krieg' i jetzt no a Wuth. Ueberall nir als Dummheit, Grobheit Und dabei so viel Nirnutzigkeit, als zum Leutanschmir'n g'hört. I Hab' zwar 3 mein Geld mit'm Bauernvolk verdient, aber deswegen bin i do sein ärgster Feind. Fritz. Um so mehr freut's mich, lieber Onkel, daß Sie mir zu Lieb' in der Tracht Ihrer Feinde auf unfern Ball kommen wollen. Schlaum. Dir z' Lieb' allan g'schicht's nit. — I Hab' mi nur deswegen zu derer Narrethei herbeilassen, damit i auf Engern Ball die verrückten Bauernliebhaber recht foppen kann. I werd' ihnen zeigen, wie man das Volk nach der Natur copirt und sie sollen an derer Copiatur ein Grausen krieg'n. Fritz. Aber unter den Bauern ist ja auch ein Unterschied, sowie unter den Leuten von allen Ständen. Schlaum. I Hab' in meiner Praxis gar kan kennen g'lernt. Fritz. Da bin ich glücklicher g'wesen, lieber Onkel, denn ich Hab' auf meinen G'schä ftsreisen als Ingenieur im Marchfeld einen höchst achtungswerthen Bauer mit einer höchst liebenswürdigen Tochter kennen g'lernt! Schlaum. (heftig). Achtungswerth! Liebenswürdig! Solche Eigenschaften sein bei dem Volk gar nit mögli! — 's Madel hat Dir den Kopf verdraht; Beweis, daß's a abg'fingelte Gretel is! — Schand' gnua, daß a gebildeter junger Mann wie Du der amal mein Universalerb' wer'n soll, so aner augenverdraherischen Landpomerant- schen aufn Leim geht! Fritz. Wen man nit kennt, lieber Onkel, über den soll man auch nit schimpfen. Schlaum. Was kennen! — Das Volk schaut sich unter einander gleich wie die Plutzerbirn. — Aber mi kann's net täuschen. — Wann z. B. auf engern Ball a wirklicher Bauer oder a wirklich's Bauernmadel d'runter wär', i kennet's auf der Stell' heraus, denn i bin, Gott sei Dank, der Schlaumandl, der sein' Menschenkennt- niß nit umsunst hat. Fritz (lächelnd). Vielleicht wär's doch möglich, daß Sie sich mit Ihrer Menschen- kenntniß täuschen. Schlaum. DaS gibt's nit! — Wann i mi am G'sicht täuschen könnt', am Charakter g'wiß nit. — Jetzt kumm; der Ball wird schon ang'fangt hab'n und i will vor Mitternacht wieder in mein Bett hinein. Fritz. Sie wer'n mir verzeih'n, lieber Onkel, aber ich Hab' noch eine kleine Beschäftigung. Fahren Sie nur derweil allein auf den Ball, in längstens einer Viertelstund' werd' ich das Vergnügen haben. Schlaum. (mißtrauisch). I soll allan fahr'n? Was hast denn no für a dringende Beschäftigung? Fritz. Ich muß eine telegraphische Depesche an unfern Ober-Ingenieur erpediren. Schlaum. (pfiffig lächelnd). Bei der Eisenbahn is halt nie aRuh'.— Also fahr' i derweil voraus und wünsch' a gute Verrichtung. (Fürfich.) Die G'schicht kummt mir verdächtig vor. — I muß draußen sein' Burschen auf's Korn nehmen, vielleicht bring' i durch a gut's Trinkgeld das Nähere über die telegraphische Depeschen heraus. Fritz (rufend). Wenzel! Wenzel (eintretend). Befehlen? Fritz. Führ' meinen Onkel über die Stiege hinab, damit er keinen Fehltritt macht. (Zu Schlaumandl.) In einer Viertelstunde sehen wir uns auf dem Bauernball wieder. (Rechts ab.) Vierte Scene. Schlaumandl. Wenzel. Schlaum. (Wenzel heimlich musternd, für sich). Der Kerl dürft' a Bauernbua sein, so dumm und dabei so duckmäuserisch kommt mir sein' Visage vor. (Ihm näher winkend, halblaut.) Du, Wenzel! Wenzel (sich rasch nähernd). Befehlen? Schlaum. (vertraulich). Sag'mir amal, wie viel Lohn zahlt Dir denn mein Neffe monatlich? Wenzel. Miserabel! Fünf Gulden! Schlaum. Und wie viel Trinkgelder kriegst? » 4 Wenzel. Nit amal der Müh' werth, daß man red't. — Der junge Herr verspricht nur alleweil', aber vom Versprechen hat man nir. Schlaum. Das is a mathematische Wahrheit. — Wannst aber a pfiffiger Kerl wärst, so könntest Dir dann und wann von mir was verdienen. Wenzel (rasch). Schaffen's mit mir, Herr von Schlaumandl, i bin ja der dienstfertigste Wenzel von der ganzen Welt! Schlaum. Möchtest Du Dir an Fünferbanknoten verdienen? Wenzel (gierig). Um a Fünferbank- noten trag' i Ihnen Buckelkraren! Schlaum. Das verlang' i mir nit. — I' verlang' nur Aufrichtigkeit über dein' Herrn. — Er hat g'sagt, daß er nit glei' mit mir fahren kann, weil er no a De- peschen erpedir'n muß. Maßt Du vielleicht, was hinter derer Ausred' steckt? Wenzel (pfiffig schmunzelnd). Hm! — halb und halb! Schlaum. Für's halb und halb könnt' i Dir nur a halbete Banknoten geben, für a ganze muß i aber mehr wissen. Wenzel (heimlich). Werden's mi aber nit verrathen? Schlaum. (komisch ernst). Pfui Teurel! Wenzel. Also hören's, Euer Gnaden, Sie sollen heut' auf dem Bauernball der G'fopple sein. Schlaum. (auffahrend). Wer mi foppen will, dem reiß i die Ohren aus! Wenzel. Pst! Um Gottes willen, stad! Schlaum. (heimlich grimmig). Wie soll i der G'foppte sein? Mit was soll i der G'foppte sein? von wem soll i der G'foppte sein! Wenzel. Von ein' talketen Bauern und von seiner Tochter. Schlaum. Ha! Meine Ahnung! Wenzel. Der junge Herr will die Zwa auf den Ball bringen; Euer Gnaden sollen glauben, daß's varkladte Stadtleut' sein und sollen mit ihnen Freundschaft machen. Schlaum. (heimlich kichernd). Wann init der Schlaumandl war' !(Z« Wenzel.) Mein Neffe hat die Zwa wahrscheinlich b'stellt, daß's ihn wo erwarten soll'n? Wenzel (für sich). Wann ihm sag', daß's da drinn' sein, gibt's ein' Scandal. (Laut.) 3 waß nit, wo der junge Herr die Bauernleut' hinb'stellthat, aber daß's auf'n Ball kummen, das is sicher. Schlaum. Gut, gut! I brauch' derweil nit mehr, s'Andere werd' i mir schon selberaußakitzeln (Ihm eine Banknote gebend.) Da hast amal dein' Fünfer. Wenzel. Küß d' Hand! Schlaum. Jetzt bin i Dir aber no was schuldi. Wenzel. O, i bitt' Ew. Gnaden, das wär z'viel! Schlaum. Die Belohnung hast auf dein Hand kriegt, die Bestrafung kriegst mit'm Ohrwaschel. (Packt ihn am Ohrläppchen.) Wenzel (halb laut jammernd). Um Gottes willen, Ew. Gnaden, Sie thun mir weh! Schlaum. (ihn beutelnd). Ja, das waß i! A Spitzbua, der sein Herrn verrath't, wird auf aner Seiten beschenkt, aber auf der andern beutelt. Wenzel (sich krümmend). Auweh! Und i darf nit amal schrein dabei! Schlaum. (indem er Wmzrl, ihn fortwährend beutelnd, zur Mittelthür zieht.) Was man in der Stillen abmachcn kann, das geht immer am schönsten. Verwandlung. (Großer GasthauSsaal mit Bogen. Die Wände find mit Reisig und sonst in ländlicher We^e ausgeschmückt, so daß der Saal den Anschein einer großen Bauernstube gewinnt- Zm tiefen Hintergründe die kredenz, wo Bauernmädchen bedienen. Vorne Tische, in ländlicher -Weise gedeckt; Seitenthüren.) > Fünfte Scene. Herr von Fein. Frau von Fein.^ Plumpfuß. Frau Plumpfuß. 5 Springerl. Andere Gäste (Alle in verschiedenen Bauerntrachten, stehen zu beiden Seiten Das Ballet führt einen kurzen Walzer aus und tritt dann hinter den Bogen zurück.) Spring, (karikirte junge Bauernfigur, ruft applaudirend). Bravo! draviosimo! Aber das war noch kein rechter Bauerntanz, wie er von den Söhnen und Töchtern der Natur gestrampst und gejuhezt wird. Plumps, (behaglich schmunzelnd zu seiner Frau). Strampfen können wir Zwa! was? Wir haben notwendige Untergestell' dazu. Fr. Plumps. Na gar so bauernmäßig ist mein Unterg'stell just nit. Spring, (zu Plumpfuß). Sie beleidigen das Zartgefühl Ihrer Frau, Herr Plumpfuß. Plumps. A was! Ich hab's wegen dem g'heirath, «eil i auf a feste Constitution waS halt; deswegen darf sie sich vor Niemanden schämen. Fr. V. Fein (als idealisirte Bäuerin, mit Affectatton). Dennoch hat Herr von Springerl Recht, wenn er das weibliche Zartgefühl respectirt wissen will. Wir stellen ja nur Bauernleute vor, aber wir find keine wirklichen. Hr. v. Fein (hinfällig, als Steierer gekleidet, sagt grämlich). Ach, wie gern'möcht'ich ein wirklicher sein, wenn ich nur auch die Kraft eines solchen hätte! Fr. v. Fein (ironisch). Du bedarfst ja derselben nicht. Plumps, (zu Fein schmunzelnd). Die gnädige Frau is mit Ihnen z'frieden, wie's sein. Wann's dann und wann ein' Unterstützung braucht, so steht ihr der Herr von Springerl zu Gebot. Spring, (zu Frau von Fein). Immer Ihr untertänigster Sklave. (Ihr den Arm gebend.) Aber nun mache ich den Vorschlag, uns in das sogenannte Gemütliche hinab- zubegeben. Hr. v. Fein. Ach, das ist ja im Keller! da hält man es vor Rauch und Ofenge- stank nicht aus. Fr. v. Fein. Du kannst ja indessen hier bleiben. Hr. v. Fein (rasch). Nein, nein, nein! die Dehors verlangen es, daß ich dieses Opfer bringe. Fr. v. Fein (zu Springer! kokett). Also führen Sie uns in's Gemütliche. Spring, (eise zu ihr). 3n's Elisium, wenn Du mich liebst! (Ab mit Frau von Fein durch den Bogen.) Plumps. 3 siech 3hnen's an, Herr von Fein, daß 3hnen die gagelbamenen Füß' schon weh thun. 3 und mein Weib wer'n 3hnen beim Kellerkrareln unter d'Arm greifen. Rosel, pack' an! Plumps, und seine Frau (fassen Fein zugleich an beiden Armen). Hr. v. Fein. Au! au! Sie drücken mir ja die Knochen entzwei! Plumps, (lachend). Und so was geht auf n Bauernball! (Zu seiner Frau.) Da sein ja wir reine Elefanten dagegen! Fr. Plumps. Vergleich' uns nur nit allweil mit die Viecher! (Beide führen Herrn von Fein durch den Bogen ab.) (Die anderen Gäste haben sich indessen allmälig nach dem Hintergrund zerstreut.) Sechste Scene. Mäusl und Adeline. (Beide theatralisch ländlich gekleidet, treten vorne auS der Seiten- thüre rechts ein.) Mäus l (ein älterer Mann, pfiffige Miene, sehr beweglich). Du weißt also nun, Adeline, warum ich darauf bestanden bin, daß Du mit mir diese Maskerade mitmachen sollst. Wenn wir bei dieser Gelegenheit kein profitables Geschäft machen können, eine bessere findet sich nicht so leicht. Adel, (verdrießlich). Was verstehen Sie unter dem profitablen Geschäft, Herr Vormund? Mäusl. Frage nicht so unschuldig. Eine convenable Heirat für Dich, wobei auch für mich ein kleines Profitchen absällt. 6 Adel. Sie behandeln mich ja wie eine Waare, welche Sie gut an Mann bringen wollen. Mäusl. Aeltern und Vormünder müssen mit solchen Maaren speculiren; (vertraulich) Du weißt, auf welchen Fang ich es abgesehen habe. Der Neffe des reichen Herrn Schlaumandl soll in unsere Netze fallen. Dazu ist aber nothwendig, daß wir erst mit dem Onkel gut Freund werden. Adel. Herr Schlaumandl hat uns noch nie gesehen, nie gesprochen, wie wollen Sie so schnell zur Freundschaft mit ihm gelangen? Mäusl. Mit Hilfe der ländlichen Ge- müthlichkeit. Ich habe erfahren, daß er auf diesen Ball kommen wird, also hat er gewiß eine Vorliebe für den Bauernstand. Unter dieser Maske wollen wir seine Zuneigung erschmeicheln, das Weitere wird sich dann schon finden. Adel, (bitter lächelnd). Herr Vormund, ich bewundere Ihr Speculationstalent, aber ich fürchte, das meinige wird nicht ausreichend sein. Mäusl (mit ihr zurücktretend). Du hast nur die sittsame, bescheidene und einsylbige Bauerndirne zu spielen. Ein passendes »Ja« oder »Na« zur rechten Zeit, das ist Alles, was ich von deiner Kunst verlange. Adel. Das ist in gewissen Dingen oft viel! (Sprechen leise mit einander.) Siebente Scene. Vorige. Schlaumandl (aus der Seitenthür links). Schlaum. (für sich). Hihihi! — der schlechte Bua hat ka Idee davon, daß i auf seine Spitzfindigkeiten kumma bin. Was der für Augen machen wird, wann i scheinbar a Weil' den Talketen spiel' und nachher auf amal 's Donnerwetter krachen laß ! Mäusl (heimlich lebhaft zu Adeline). Da ist er ja schon! Adel, (halblaut). Der Herr Schlaumandl? Sch kaum, (stch umsehend). Mir war, als wann i mein' Nam' g'hört hätt'. (Die Beiden messend.) Was is denn das für a Paarl? Mäusl (tritt rasch vor, die bäuerliche, ge- müthliche Derbheit und den ländlichen Dialect imitirend, wobei er mit seinem ausländischen Deutsch in Lonslict geräth). Grsiaß Ihnen vom Herzen Gott, liaber Herr! — Wir möchten gern a Wengel mit Jhna plaudern. (Zu Adeline.) Nit wahr, Sepherl? A d el. (gezwungen). Ja! (Sich verbessernd im Dialect.) Jo! Schlaum. (mißtrauisch). I plauder' nit gern mit unbekannten Leuten.— Wer seid's denn? Mäusl. I bin der Bauer Steffel Wu r zinger und das is mein Tochter Sepherl Schlaum. (kurz). So? G'freut mi. Aber von wem habt's denn Oes erfahr'n, daß i der Herr Schlaumandl bin? Mäusl (pfiffig schmunzelnd). Wir haben unsere Bekanntschaften in der Stadt, drum kennen wir net nur Jhna. sondern Jhna Famili a. Net wahr^ Sepherl? Adel. Jo! Schlaum. I Hab' ka Famili — Nur an jungen Neffen, (sich vergessend) der aber a rmnutziger Kerl is. Mäusl (eifrig). Ah, da thun's ihm unrecht! — der junge Herr Mai is a kreuzbraver Mann! Schlaum. (ihn rasch ausehend). Seid's denn Oes bekannt mit ihm? (Für sich.) Ha, da geht mir a Licht auf! — Das sein vielleicht die Hamlichen, er hat mir's derweil allan übern Hals g'schickt. (In verändertem Tone, sehr freundlich.) Also mein Neffe hat die Ehre, mit Euch bekannt zu sein? Mäusl (sich verneigend). Die Ehre ist unserseits. (Für sich.) Ja so, ich vergesse mich! (Im Dialect.) Die Ehre ist auf unserer Seiten, Herr von Schlaumandl.— Nit wahr, Sepherl? Adel. Ja — jo! 7 Schlaum. (für sich). Die Bagasche will! so thun, als wann's hochdeutsch könnt', damit ich vor ihr Respect krieg'n sollt'. (Laut.) Schau', Oes seid's gebildete Landleut'! deswegen hat sich vielleicht das bildsaubere Dirndl ein'Stadtherrn zum Geliebten ausg'sucht. Mein Neffe hat mir so was dergleichen g'redt. Mäusl. Ja, mein Dirndl is in den jungen Herrn May bis über die Ohren verbrennt. Schlaum. (zu Adel.) Is das wahr? Adel, (die Schämige spielend), Unserans kommt halt in Verlegenheit, wann man so was eing'steh'n soll. Schlaum. (für sich). Na, die werd' i fangen! (Sich ihr nähernd.) Du bist so a g'schmackig's Henderl, mein liebe Dirn', daß i Di mein Fritzel nit vergunnen mag — aber mir selber möcht' i Di gern vergunnen. Adel, (zurückweichend). O mein, Sie daschrecken mi, Ew. Gnaden! Schlaum. (rasch und hochdeutsch). Warum nicht gar! — Wann ein so reicher Mann Dich heiraten will — (sich besinnend) wann so a kreuzbraver Herr dein ehelicher Mann wer'n will, so mußt ja vor Freuden alle Engel singen hör'n! Mäu.sl (bei Seite). Ländlicher Spitzbua! Adel. Es kummt mir halt so unverhofft — i muß den gnä Herrn schon bitten, daß er mir zum B'sinna Zeit laßt. Mäusl (heftig). Was b'sinna! — Zugreifen mußt, oder i schlag' Di windelwach! Schlaum. (bei Seite). Jetzt verrath't er sich als g'maner Kerl! (Zu Mäusl.) Nur ruhig! — I laß engerer Tochter a Vier- telstünderl Zeit; aber nachher mußt entschlossen sein. Mäusl (rasch). Mein Wort darauf, sie gehört schon Ihnen! Schlaum. Hehehehe! — I möcht' aber nur wissen, warum's Oes Enk alleweil Müh' gebt's, hochdeutsch z' reden. Der Bauer schlagt Enk ja do in's G'nack. Mäusl (bei Seite). Und ihn der Esel. (Laut und affectirt, gemächlich.) Verzeihn's, i möcht' halt gern zu so an gebildeten Schwiegervätern passen, deswegen plag' i mi so mit der gebildeten Sprach'! — Aber die Bauernsprach' geht mir mehr vom Herzen! In der Bauernsprach' sag' i Jhna: Sie sein a lieber, braver, grundg'scheidter Mann! Mein Sepherl muß Ihnen heiraten, oder i mag nimmermehr ihr Vater sein! (Ihn umarmend.) Geben's mir a Bussel! Schlaum. (bei Seite). I beißet dem Kerl lieber d'Nasen weg, aber's Bussel g'hört zu der Komödie — da! (Küßt ihn.) Mäusl. Unser Herrgott vergelt's! — Jetzt kumm, Sepherl, jetzt werd' i Dir zu der g'scheidteu B'sinnung verhelfen! (Ab mit Adeline durch den Bogen.) Achte Scene. Schlaumandl. Fritz. Schlaum. (allein). Is das a G'sindel übereinander! — Wann's nur a Geld dawischen kann, da is ihm ein Alter just so recht wie a Junger. Fritz (rasch aus dem Hintergründe). Da bin ich, mein lieber Onkel. Schlaum. (bei Seite). Ah, jetzt kommt der schon nach! Neunte Scene. Schlaumandl. Fritz. Fritz. Nun, wie haben Sie sich indessen unterhalten? - Schlaum. (ironisch lächelnd). Famos! I Hab' ein' charmanten Bauern mit seiner charmanten Tochter kennen g'lernt,die wahrscheinlich meine Frau wer'n wird. Fritz (überrascht). Ihre Frau! Hahahaha! Man hört, daß Sie bei guter Laune sind, lieber Onkel. Schlaum. Glaubst vielleicht, ich mach' ein G'spaß? — Wart' nur a Viertelstündl', 8 nachher wird Dir's dem Wurzinger sein Sepherl selber sagen. Fritz (lachend). Dem Wurzinger sein Sepherl?— In unserm ganzen Verein eri- stirt kein Wurzinger, der eine Sepherl zur Tochter hat. Das werden außergewöhnliche Gäste sein. Schlaum. Freilich sein's außergewöhnliche, weil's für g'wöhnlich unter die Kuh' und Ganseln logir'n; eS seinkane verkladten Bauersleut', sondern wirkliche, aber so gebildet, daß's mitunter hochdeutsch reden. (Sieht ihn mit pfiffigem Schmunzeln an.) I wett' d'rauf, sie wer'n Dir selber g'fall'n, wannst es stehst. Fritz (für fich). Da steckt eine Fopperei dahinter und mein Onkel Schlaumandl ist mit seiner Schlauheit aufg'sessen. Um so besser für mich! — Wenn er die falschen Bauern für echte g'halten hat, wird er die echten, welche ich mitgebracht habe, nicht zu früh erkennen. (Tritt zurück und macht gegen den Bogen heimliche Winke.) Veit und Susi (erscheinen bald darauf im Hintergründe). Schlaum. (fich vorne links setzend, für fich). Da setz' i mi her und wart', bis mir der Wurzinger seiner Tochter ihr Jawort bringt! Mein Herr Nsvsu möcht' gern so thun, als wenn er die Bagage gar nit kennet, aber i hab's schon g'merkt, wie er hamli daschrocken is, denn i bin der Schlaumandl, mir macht ka Mensch a Bleamel-blamel vor. (DieAndern erblickend.) Wersein denn die? Zehnte Scene. Vorige. Veit und Susi (treten vor). Fritz. Hier, lieber Onkel, stelle ich Ihnen ein Paar von unseren Ballgästen vor, den Bauern Veit Werninger und seine Tochter Sust. Schlaum. (für sich). Das sein verkladte Wiener Leut', mit denen möcht' er mi auf a falsche Fährten bringen, aber i sitz' ihm nit auf. (Mit bäuerlicher Plumpheit zu Weruinger.) Setzt's Enk nur nieder, G'vatter; stechen wir miteinander a Flaschen Gumpoldskirch- ner aus. Kellner! Ein Kellner (rasch). Befehlen, Euer Gnaden, Herr Waldbauer! Schlaum. An feschenGumpoldSkirchner her und a paar Glaseln dazu, daß i mit'n G'vattern trinken kann. Kellner. Gleich! (Läuft fort, bringt die Nasche mit Gläsern, dann wieder ab.) Fritz (leise zu Sufi). Der Anfang macht sich gar nicht übel. Susi (leise). Aber i fürcht' mi nur auf's End'! Veit (zuSchlaumandl). Wann's erlaubt is, will i mi neben dem G'vattern niedersetzen. Schlaum. (bei Seite). Wie sich der zum Bäurischthun zwingt! (Zu Sufi.) Na, Diandl, willst Du uns nit G'sellschast leisten? Susi (naiv scherzend). Bitt'um Verzeih'n, aber i bleib' lieber neben ein' Jungen steh'n, als i mi zwischen a paar Alten niedersetz'! Schlaum. (cordial lachend). Brav! (Zu Veit.) Die Aufrichtigkeit von engerer Tochter g'fallt mir. (Für sich.) Aber ihr sauber's G'frißl no mehr! Fritz (heimlich zu Sufi). Du hast es ihm schon abgewonnen, laß Dich nicht einschüchtern und wir werden heute noch glücklich! (Geht mit ihr sprechend auf und ab.) Schlaum. (die Gläser füllend) Also stoßt an, G'vatter! Auf die Gesundheit von alle braven Bauern, wann's ein' braven gibt. Veit (etwas gereizt). Auf die G'sundheit von allen braven Stadtherr'n, wann's ein' braven gibt! (Stößt mit ihm an.) Fritz (zu Sufi). Dein Vater bleibt die Antwort nicht schuldig. Schlaum. (lachend). Nit wahr, Herr G'vatter,-wir können d' Stadtleut' a wen- gel anschmier'n?! — Hehehe! Wir verkaufen ihna d'schlechte Waar' für s gute Geld, schlechten Dank für a gute Manung, ja sogar schlechte Weibsbilder für a gute Lieb'! Susi (beleidigt zu Fritz). WaS hat er von schlechte Weibsbilder g'sagt?! Fritz (heimlich). Ruhig, nur ruhig! 9 Veit (zu Schlaumandl). Man hört aus engern Reden, daß's nur a verkladter Bauer seid's; als a wirklicher könnt's engern Stand nit so verleumden. Fritz (mit Wärme). Ja wohl! denn es gibt unter dem Bauernvolk so tüchtige und chrcnwerthe Männer, als es liebenswürdige und tugendhafte Mädchen gibt. Sch kaum, (nach Sufi blickend). Und mudelsaubere a! (Aufsteheud.) Meiner sir, Deandl, wann i mi nit schon versprochen hätt', Dir machet i auf der Stell' ein Heiratsantrag! Susi (schnippisch). Und i saget auf der Stell »Na« dazu! Veit (aufstehnid). I saget hundertmal »Na«. Wer Meinesgleichen für Spitzbub'n anschaut, dem gebet i mein' Tochter nit, wann er a bis über'n Kopf iy Ducaten stecket! Schlaum. In Ducaten steck' i nit, aber in Actten von allen Gattungen. Hehehehe! — Reden wir vernünfti, Herr G'vatter. Wir sein zwar nur falsche Bauern, aber als echte könnten wir einen Handel mit einander machen. Veit (ihn groß ansehend). An Handel? Schlaum. Wie theuer verkaust's mir denn enger Deandel da? Veit (heftig). Verkaufen? Fritz. Aber Onkel! Susi (entrüstet). Jetzt wird's mir viel. — I bin nit zum Verkaufen, Herr Schlaumandl, wenigstens nit mein Herz. Fritz. Der Spaß geht zu weit, Onkel! DaS sind anständige Personen, die man nicht an der Ehre beleidigen darf. Schlaum. (gereizt). Wer hat denn g'sagt, daß's a G'spaß is?— Glaubst, i werd' Dir mein Vermögen hinterlaffen, damit'st a Landpomerantschen heiraten kannst? — Da heirat't i lieber selber a verkladte Bauerndirn'. Susi (energisch). 3 bin ka verkladte, i bin a wirkliche Marchfelderi«, und das is mein Stolz! rhcatn. Repertoire Nr. »SS. Veit. Der meinige a! (Zu Schlaumandl.) Sie schäum uns für nachg'machte Bauern an, wir sein aber wirkliche mit Leib und Seel'! Wir lassen unser'n Stand nit beschimpfen! Es kann unterm Bauernvolk viel schlechte Eigenschaften geben, aber d'Stadtleut' hab'n a nit lauter gute! Kreuzfikerlot! Wann Jhner Herr Neffe ka Landpomerantschen heiraten soll, so derfen Sie's no weniger, denn Sie verdienen nit amal a Brave! Schlaum. (für sich verblüfft). Mir scheint, da Hab' i mi g'irrt! Etlfte Scene. Vorige. Mäusl mit Adeline. Mäusl (Adeline rasch vorsührend, vergnügt). Komm' nur, liebe Sepherl, sag' dem Herrn Schlaumandl, daß Du seine Frau werden willst. Schlaum. (heftig). Laßt's mir a Ruh! (Zu Fritz.) Wer sein denn die rechten Bauern und wer sein denn d'falschen? Fritz (nach Veit und Sufi zeigend). DaS sind die meinigen, also die rechten. Schlaum. (zu Mäusl). Und wer sein denn nachher Sie? Mäusl. Der Agent Mäusl aus Preu» ßisch-Schlesien, der unter dieser gemütlichen Verkleidung Ihre Freundschaft für sich und seine Mündel Adeline gewinnen wollte. Schlaum. So a Betrug is no niemals da g'wesenl Adel. (warm). Verzeihen Sie, daß ich mich von meinem habgierigen Vormunde dazu überreden ließ. Wenn ich ein wirkliches Bauernmädchen wäre, würde ich mich glücklicher fühlen, als in der Gewalt eines niedrigen Spekulanten. Mäusl. Ich habe ja nur für Dich spe- culirt. Adel, (bittend). Befreien Sie mich von ihm, und ich will Ihnen zeitlebens dankbar sein. 10 Schlaum. (schmunzelnd). Gut, wir wer'n davon reden! (Zwischen fit und Mäusl tretend, sehr barsch.) Aber Sie schau'n, daß's weiterkommen, oder i laß' Ihnen wegen falscher Meldung arrctir'n. Mäusl (befehlend). Folg' mir, Adeline. Schlaum. Nir da, die bleibt bei mir! I will von heut' an ihr Beschützer sein. Mäusl (zornig). Da lasse man sich mit verkleideten Bauern ein! Zch habe auf die österreichische Gemächlichkeit speculirt, Hab' mir mit diesem Jodel-Dialekte die Zunge fast ausgekegelt — und das ist mein Lohn! — Aber ich werde mich*an Oesterreich rächen! (Ab durch den Bogen.) Zwölfte Scene. Vorige ohne MäuSl. Schlaum. (zu Veit und Sufi). ES laßt sich nicht läugnen, daß i der Blamirte bin. — Wollt's Oes aus G'fälligkeit d'rüber schweigen? Veit. Wir san ja kane boShastigen Tratschmäuler, sondern treuherzige und ehrliche Leut', die sich nur d'rüber g'freucn, daß ihner Stand gerechtfertigt is. Fritz. Nun, Onkel, was werden Sie jetzt zu meiner Liebe sagen? Schlaum. Thu', wasD'willst, aber mit meiner halberten Erbschaft mußt z'frieden sein, denn die andere Hälfte wer'n no (Ade. line umschlingend) wir Zwa mit einander brauchen. Adel, (lächelnd). Ich nehme mein gegebenes »Ja* nicht zurück. Veit (lustig). Thun'S mit Jhner'm Geld, was' woll'n, Herr Schlaumandl, aber denken's in Zukunft von Meinesgleichen besser! Schlaum. (beiden die Hand reichend). Der Waldbauer gibt eng d'Hand zur Freundschaft! — Freundschaft für ewig! (Chor und Ballet erscheinen wieder ; später auch Springerl, Herr und Frau v. Fein, Plumpfuß und seine Frau.) Schlaum. (fingt lustig in ländlicher Manier:) Auf'n Bauernball sein ma ganga Und das war recht g'scheidt, Denn waS kann man mehr verlanga Als a g'müthliche Freud'! (Alle jodeln.) Schlaum.: Nur dir G'foppte bin i g'wesen Mit mein' Haß und mein' Zorn, I hab'S auSkehrt mit'n Besen Und bin g'scheidter jetzt wor'n! (Jodler.) Schlaum.: Jeden Stand muß man schätzen, Den bäurischen a, (Zu Fritz:) Und auf d'Licb' woll'n wir setzen Unser Glück alle Zwa! (Jodler und allgemeiner Bauerntanz, an welchem auch die Uebrigen Theil nehmen. Fritz mit Sufi, Schlaumandl mit Adeline, Springer! mit Fr. v. Fein, Plumpfuß mit seiner Frau. Veit packt Hrn v. Fein, der zu Schlüsse ohnmächtig wird. Plump« fuß fällt mit seiner Frau nieder. Allgemeine komische Gruppe.) Ende. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Ein Wiener Dienstbote. Lebensbild mit Gesang in drei Acten von » O. F. Berg. Mustk vom Kapellmeister E-uard Stolz. Zm k. k. priv. Theater in der Zosefstadt zuerst mit glänzendem Erfolge dargestellt. Personen: Quirl, Hau-etgrnthümer. Kordula, seine Frau. - in.. Schlicht, ihr Bruder, Advocat. Theodor, dessen Sohn. r,> Serafine, seine Braut. u Schröpfer, Sollicitator. Frau v. Krampel, Kordula- Freundin. Brandtnrr,' Maurer. , Juli, seine Tochter, Köchin bei Quirl. Leopold. Maurergesell, ihr Geliebter. Zipfel, Schnetdergesell. i . i. Sebastian, > . Cyprian, l > - ; Sylvester, AegydiuS, Dominik, I Bonisaz, / . ^ Schlüssel, Ort-richt^r. '? , Nanni, feine Frau, Kräutlrrin. seine Kinder. Fräulein Sofie. Kathi. 1 ^ Resi, ? Köchinnen ^ Sali. I Robert, Theodor- Freund. Praker, Grsangenwärter. Hap-, - t r, P-ms.,1. j Der Tabakkrämer Eine Greißlertu. , Hau-meistcrin. ^ - Erster l 3w„t., i H'" Pepi, Lehrjunge ^ Ein Lommissär. Ein Gast. j,,. Kräutlerinnen, Köchinnen, Hochzeit-gäste, Wirth-hau-gäste, Hau-leute von Quirl» Hau-, Wachen, ein Tächter. Anmerkung. Dir Rolle de- Brandtnrr kann iu der Provinz auch vom Lharakterdarsteller oder Vater dargestellt und da- bezügliche Entrörlle- weggelassen werden- TtzeckHa-R«p«toire Nr. L-s. i Erster Lct. Früh Morgens. Ein Platz in der Borstadt, aus welchem so eben der Gnnüsemarkt abgehalten wird. Kräutlerinnen fitzen theils bei sogenannten Standeln unter breiten Regenschirmen, odex hocken aus der Erde. Rechts daS Haus des Seifensieders Quirl, vor welchem ein Gerüst aufgeführt ist, nachdem es eben geweißt wird. Männer sind mit verschiedenen Arbeiten dabei beschäftigt, darunter Leopold. Zn einem Hause links ein Greißler. Aus dem Markte herrscht ein bew/g^es Treiben, die Köchinnen rc. treten von ^iner' Hräütlerin zur andern, ein Theil ist um die Frau Nanni geschaht. Erste Scene. Kräutlerinnen: Frau Nanni, Resi, Sali (einen kleinen Knaben an der Hand), Dienstboten (mit Körben). Chor der Mädchen. Wir brauchen ein' Kelch und wir brauchen ein' Salat, D'rum kommen wir her zu die Standeln, Und daß man für'n Sonntag ein' Sparpfennig hat, ' Da muß man beim Einkäufen handeln. Resi. Mein' Frau will ein Kren, aber fchMmuß er sein. m Sali. So, hötn's, Hwei Gurken, mein Herr nimmt nir ein. Resi. Mein Herrschaft gibt's Rindfleisch von isthr- gen an auf. Sali. Wir trieg'n nur a Zuspeis und gar nie waS d'rauf. Chor. Frau Nanni, die Zuspeis geben's her, die wir ivoll'n, Dann sagen's uns, wie d'Herrnleut wir ausrichten soll'n. Fra« Nanni) Frau Nanni, Frau Nanni! Fr. Nanni (gibt die begehrten Zuspeisen her). So, Fräul'n, das is a gelbe Rub'n zum Mal'»'.'" "-u Resi. Bloß zum Mal'n? Das wär nir für uns, denn mein Herr is a Schullehrer, dsr braucht's zum Essen.^ " Fr. N a NN t (die Hände faltend). O du meip Gott, a Schullehrer! Resi. Na, da köunen's Ihnen denken, daß's mir in so ein Dienst nit I brillant geht — kan Bratelgeld, keine Trinkgelder, nir — i, Fr. Nanni (bedauernd). Daß aber so ein Mensch nit was Ordentliches lernt? Sali (schnatternd). Was willst denn Du reden? Aber erst meine Herrschaft! Ui, Du, das is Dir eine schöne Gegend; ich glaub, wann man (zeigt es mit der Hand an) eine solche Schüssel voller Zuspeis anrichtet, es kummt kan Bissen außa, ein' solchen Hunger Hab n die Fratzen! Na ja, freilich, a klaner Beamter, und hat heiraten müssen, versteht sich, und a arm's Madl, - die nir is und nir hat, und jetzt an ein' braven Dienstboten ihren Zorn nuslassen, .will; wiffen's was thut? 's Mehl und die Eier gibt's mir vor, und in mein KuchelLüchel rechent's mir so nach, daß aber a nit ein einziger Kreuzer danebengeh'n kunnt. "'Ngttni (Lp dir Hgndf klatsch^d). Das Spitzbubenvolk! 3 Sali. Ueberall steckt's d'Nasen eini. Alles muß's wissen, Alles is ihr z'theuer, und wenn man auf a halb's Stünderl unter Tags zum Greißler auf ein' klein' Plausch gehen wollt' und Alles liegen und steh'n laßt — dös Spectakel soll'ns hör'n. Nanni (die Hände in die Seite stemmend). Nit zum glauben! (Seufzt.) Schaut's so Leut' an! Sali. Und obendrein muß i alle Tag den klein' Bub'n da,in d'Schul führ'n, i bitt' Ihnen, der Weg bis in d'Annagaff'n — 's ist g'rad a so, als ob man seine Füß' g'stohl'n hält'. Na, pfirt Gott, FrauNanni — kumm', Muki! — (Mt fort.) Was ist denn das? (Sieht in die Gasse hinein.) 3s das nit der Franzl, mein Liebhaber, mir scheint gar, er red't mit der Pfadler-Marie. Franzl, na wart' a bißl! (Läßt den kleinen Buben stehen und läuft ab, dieser sängt an zu weinen und schreit): Sali, Sali! Ui! (Endlich läuft er ihr nach, dir andern Dienstboten treten zurück.) Zweite Scene. FrauNanni (an ihren Maaren herumtändelnd, gleich darauf) Frl. Sophie (mit Li- sette, in hohem Grade ausgeputzt. Lisette trägt einen Korb). Nani. San das Tratschen; und das Ausrichten! Aber da kummen'S bei mir schön an. (Sieht Sophie.) Na, Gnädige, lös i a Geld? Sö hörn's — Na Sö (vor sich murmelnd) Fürstin Pamsti! Sophie (die jedes einzelne Gemüse durch dir Lorgnette betrachtet und in Glacehandschuhen berührt). Diese Gurken ist wirklich malerisch. WaS kostet das Stück? Nanni. Für 3hnen sechs Kreuzer 's Stück. Sophie. Etwas klein kommen sie mir vor. Nanni. Ich bitt' Ihnen, bei derer jetzigen Zeit ist ja Alles klaner. Sophie. Gut. Lisette, nimm ein halbes Dutzend. Wissen Sie, liebe Frau, meine Mutter wünscht, ich soll mich zu einer guten Hausfrau heranbilden, aus diesemGrunde besuche ich täglich den Markt und besorge unsere Einkäufe. Dieser Carviol ist auch recht nett. Nanni. A, Sie meinen den Kolerabi. Sophie. Was kostet das Stück? Nanni. I soll net. aber für so eine schöne Fräul'n bloß 's Paar dreißig Kreuzer. Sophie. Das ist ja entsetzlich billig Die Mutter wird eine närrische Freude haben, wenn sie erfährt, wie billig ich heute eingekaust habe. Nanni. Ja, ja; die wird schier närrisch wer'n. Sophie. Adieu, meine Liebe, Adieu! Komm', Lisette, richte mir die Mantille — Du, sieh' einmal, sitzt mir der Hut nicht schief? — So, jetzt noch in die Fleischbank und dann nach Hause zum Herd. (Schwebt ab.) Ach, die Häuslichkeit hat ihre eigenen Reize! Nanni. Küß' d'Hand. Bitt', gehn'S mir nit weiter, daß ich öfter was lös. Wann i das heut' in der Schwechat *) erzähl' — so wer'n die Küh' rebellisch. Dritte Scene. (Unter einem HauSthore links guckt der Schneider» geselle Zipfel öfters mit dem Kopse hervor, die Magd Kathi mit einem Einkaufkorbe, ferner einer Sammtmantille und einem Paletot aus dem Arm.) Zipf. Sie kommt noch immer nicht — diese Zephirtritte, ha! — dort säuselt sie einher. (Tritt aus dem Hausthor und gibt wäh» rend des Entröeliedes der Kathi fortwährend durch Gestikulationen oder Tanzen sein Entzücken zu erkennen.) *) Ein Dorf in der Nähe Wiens, wo diese Leute die Maaren Herdringen. t» Entröetied. Kathi. Ä Wiener Köchin braucht sehr viel, Um nur zu eristir'n, Z'erst viel Geduld, dann recht Geduld, d'Geduld darf's nie verlier'«. Als Wiener Köchin hätt' ick halt Zwa G'sichter gar so gern, A schiech's für d'Frau und's and're, na, Das g'hört für'n gnäd'geu Herrn. Die Frau will stets die Hand geküßt, Derweil der Herr selbst Küster ist. (Prosa.) Da heißt's zuerst alleweil: Küß' d'Hand, gnädige Frau, guten Morgen; da sagt die Frau dann d rauf: Geh' nur, mein Kind, derweil wir frühstücken, kannst Du's Vorzimmer ausreib'n; küß' d'Hand. A bißl später heißt's wieder: Du, Kathi, führ' den Azorl hinunter, aber gib Acht. — Ja, Euer Gnaden, küß' d'Hand; dann putz' die Fenster. — Ja, Euer Gnaden. — Du hast vorgestern a Soßieterl z'sammenge- schlag'n, dafür kriegst beut' kein Bratlgeld. — Ja, Euer Gnaden, küß' d'Hand; und so geht's alleweil fort, küß' d'Hand und küß' d'Hand bis auf d'Nacht, denn — A Wiener Köchin braucht sehr viel, Um nur zu eristir'n, Z'erst viU Geduld, dann reckt Geduld, d'Geduld darf's nie verlier n. Der Herr vom Haus is aber gut, Weil er ka Köchin kränken thut. (Prosa.) Du Kathi, sagt er z. B. in bex Früh, wann er fortgeht in die Kanzlei, Du schaust alle Tage besser aus — Dank, Euer Gnaden, muß schon gut sein — Ui, i schrei — Euer Gnaden — geh'ns zu — aber nit, Euer Gnaden, die Einbrenn — das Schmalz — die Dalken (schnalzt mit -er Zunge), dann schreit man, aber sehr stad (leise) Zu Hilfe, zu Hilfe! denn . 4 — A Wiener Köchin, lachen's net, Hat alleweil ihr höh'res G'frett. (A Wiener Köckin is, o Gott, A armes G'schöpf und rennt sich z'todt.) (Jodler.) Nanni (die indessen langsam ihre Maaren eingepackt hat, nimmt die Butte, in welcher die Körbe ausgeschlichtet find, auf den Rücken und richtet sich zum Fortgehen). No', d'Fräula Kathi is ja schon in aller Früh so lustig, als wann no heut Hochzeit sein sollt'. Kathi. Warum soll i nit singen, ich Hab' ein Dienst mrt'n Ausgang nach elf Uhr. Liebhaber in Avandance, mit ein' Wort, wir sein g'stellt. Nanni. Sag'ns mir nur, zu was dös G'wand da spaziren tragen? Kathi. Dös G'wand —hahalWissen's, meine jetzige Herrschaft, die eigentlich ka Herrschaft, sondern bloß a Drerlerfamilie is — gibt heut' ein Ball, na und da muß i dös G'wand da versetzen, 's Bettg'wand tragt der Herr selber in's Versatzamt. Nanni. Schön's Glumpat! *) Kathi. Sö, wissen's, i richt' g'wiß kan Menschen aus, aber so a Volk is mir no nit Vorkommen; dö Kost — aus die abge- schmalz'nen Nudl'n kommt man gar nit heraus. Zweckerln, Sterz, von ein' Wein gar kein Red', so was bin i halt nit g'wöhnt — mein Vater war Meßner. Nanni. No und die essen weiter a bißl gut! Aber unter Andern, Sö, wie geht's denn meiner Godl, der Juli? sie dient auch in Ihrem Haus im ersten Stock, beim Hausherrn, beim Seifensieder. Kathi. Ui dö, dö tramhapete**) Figur, die sich so schämt, daß's untern Erdboden sinkt, wann's a Kaiserjägerkorporal anredt — derer geht's gut — aber ihre Frau — wünsch' gut'n Abend, das is a umg'kehrter Dmch', der laßt d'Leut' steigen. (Gewahrt Zipfel.) Sö, i bitt' Ihnen, mir scheint, der beißt. r> - ^ . *) Bagage. **) traurige. Zipfel (liest mit Extase in einem Buche und macht zeitweise verschiedene Gesten und Stellungen, zieht Glacehandschuhe an rc.rc. Bei Seite.) So wird es gehen. Nanni. Kennen's den nit? Das is der narrische Schneiderg'sell, der all'n Dienst- boten nachrennt und weg'n seiner Dummheit überall abbrennt. Is a schon zweimal Witwer g'west — na i wünsch' gute Nacht! Das ginget mir noch ab! (Spricht leise mit ihr.) Vierte Scene. Vorige, (später) Feldwebel (in Zwilchrock und Feldkappe, aus dem Greißlerladen). Zipfel (liest) »Der junge Mann in der Welt, oder der Umgang mit dem weiblichen Geschlecht,« so heißt das Buch, was ich schon drei Vierteljahr studire. Seite 21 l heißt es ausdrücklich: »WennDu mit einem Mädchen von Liebe sprichst, so klopfe erst leise an« — wohlan, so will ich es denn versuchen. (Tritt leise zu ihr und klopft ihr an das Mieder.) Kathi. So, bei mir müfsen's net Mahne hmen — 9! ann i. Wünsch' gut'n Appetit! (Geht ab.) Kathi. Sonst wann ich übergeh' — wern's g'spannen. (Zeigt ihm die Hand.) -Lchaun's Jhnen's derweil an, die fünf Deuteln gelten allein ein Fünfer. Zipfel (für sich). Der Verfasser hat sich getäuscht, sie hält mich vielleicht für einen Verführer. (Wirft das Buch weg.) Weg damit! Kathi. Unter Andern. — Sö san ja derselbe, der schon seit vierzehn Tag'n all- weil auf meiner Stieg'n paßt, wenn's finster wird, was woll'ns denn eigentlich? Zipfel. Ich — o nein — das heißt — wenn auch aber — Kathi. Und macht ein ordentlich's Mannsbild sein' Liebserklärung auf der Gassen? Zipfel (verschämt). O nein, auch im Zimmer, aber — hören Sie Alles, meine seligen zwei Frauen hab'n mir sechs wohl- geborne Knaben geschenkt, mein Familienkreis wird Sie überraschen, ich brauche daher bloß — Kathi. Sechs Kinder hat er schon — da halt mich der Herr für a Kinderbewahranstalt oder für ein Kindsweib, dö Keck heit! — Ja, und hat er denn a G'schäft, daß's eine Frau ordentlich aushalten kann? Zipfel (seufzend). O, ich Hab' schon zwei auSgehalten! Schaun's mich an, ich bin erst dreißig Jahr alt, aber nach m neuen Münzfuß — ich bin Schneider, das is ein G'schäft, wo man sein Fetten kriegt ohne Doctor Gollmann *). Nehmens mich und die sechs Kinder kriegen's auch, also — Kathi. San s no nit stad, sonst setzt'S was ab — so weit is no nit kommen, daß a Wiener Madl, die in verschiedenen Ho- teler Bratel-, in die ersten Häuser Mehl speisköchin war, vor derer mitunter ganz kuriose Passagier auf die Knie g'leg'n sein, sich gleich so mir und dir nir an ein' kran- peten, kralawatscheten, herg'loffenen Schnei- derg'sell'n verschenkt. — Na, mein Lieber, dö Figur — haha! So a Visage — hahaha! Da muß mein Schatz anders, ganz anders ausschau'n, net so windig und durchsichtig, verstanden, Musje? (Zu dem kommenden Feldwebel.) Servus, Franzl. (Es öffnet sich die Thür des Greißlers, und heraustritt der Feldwebel und ruft im ungarischen Dialekt:)' Kathi! (Sie hängt sich ihm ein und g— ich schau' ja jeden freien Augenblick vom Küchel- senster herüber, und heut' Nacht, ich Hab' kein Aug zu^macht — da Hab' ich — Väter, schastt's mich an, g'rad und offen — da Hab' ich den Herrn Pfarrer in's Haus geh'n g'seh'n — Vater — Vater — sagt's ös — war er bei der Mutter? Brandt, (zerdrückt eine Thräneint Auge). Der Herr Pfarrer >— bei uns? (Kämpft mit fich lklbft und lacht gezwungen.) Hahaha, bei uns — was fällt Dir denn ein? Juli. Vater, konnt's öS enger Tochter anlügen, sagt's es — Vater! Brandt (umarmt sie). Na ja, er war bei uns — waßt, man muß immer gefaßt sein an's Sterben, die Mutter hat nur a klan's Fieber — aber zwei Doctor — so was geht oft schlimm aus — aber sei ruhig, es sein zwei Wunderdoctor. Juli (neugierig). So, Vater, warum denn? Brandt. Waßt, jetzt kommen' S schon acht Tage in's Haus und es hat noch keiner ein Conto beacht. Das sein curiose Wunderdoktoren. Juli (zeigt auf den Korb). Ich habe da mein gestriges Nachtmal aufg'hoben, um's der Mutter gleich nach'n Z'sammräumen übriz'bringen, denn wann i in der Früh beim Milchhol'n z'lang ausblieb'n wät', hätt's wieder a schrecklichs Spektakel g'setzt. Brandt. Gut's Kind! Laß schau'n, was dein Zartgefühl in vegetabilischen Ersparnissen geleistet. (Guckt in den Korb.) Juli. Aber, Vater, cs seids ja — Brandt, (zieht etwas hervor). Ein Kalbskopf! Wann man mir den auf's Sterbebett bringet, da stirb i gar nit — aber halt — warum bist Du in Thränen zu mir herg'- schwommen? Juli. Ihr wißt es ja eh; der Dienst beim Herr Quirl is streng — man kriegt sein Lohn, ja, ein ordentltch's Essen, der Herr is gar freundlich — dafür is aber.die Frau wieder streng, so streng, Vater, es konnt's eng kein Begriff machen; ich thue gewiß meine Pflicht, ich arbeit' redlich für mein Lohn, aber die Frau hat alle Augenblick ein neuen Vorwurf, ein neuen Verdacht; o Vater, Ihr wißt's, daß's is nur than Hab', um Eng's Leb'n zu erleichtern aber es iS schwer, sehr schwer, daS in' Dienst geh'n! Brandt. Sei ruhig, Juli, Du kennst mich, Du weißt, daß dein Batet ein Mann von Bildung is, aber wann niich die Bis- gurn süchtig macht, so treib ich ihr den Pamela bis über d'Herzgrub'n an. Juli. Alleweil und alleweil keppelt's mit mir! thu i das, so soll i bas thun, bald will's das und gleich darauf wieder das Entgegengesetzte — es schaut so aus, als ob unser eins bloß zum Sekirtwern auf der Welt wär'. Brandt. Wir sein ja aime Leut'! — na tröst Dich — wart nur bis d'Mutter sich wieder z'sammkläubt, Nachher geh' ich 8 zum »Bitte Alles zu lesen* *) und der muß Dir ein Platz finden mit 10 fl. Monatlich», und wann's mich 5000 fl. an Inseraten kost'. — Da schau, dein Liebhaber, der Poldl, iS so drin in der Architektur, daß er Dich gar nit siehk — wart, i ruf dir'n her. Juli. Nit, nit, i darf mi nit verplauschen. Brandt. Maßt es schon, daß er 600fl. von der alten Brotsitzerin, seiner Frau Godl, g'erbt hat — er will Meister wern, Juli. Du stehst am Vorabende von Ereignissen. Juli. Was es sagt's — grüßt's mir'n Leopold — jetzt zu meiner Mutter. Pfürt Gott, Vater! (Ab in da-Hau-de-Brandtner.) Achte Scene. Brandtner, (gleich daraus hervorstürzend) Zipfel. Brandt, (zum Publicum). Jetzt, was sagen Sie zu einer solchen Tochter? Sauber, vots, dsnv mudel, tugendhaft, schauderhaft tugendhaft, sittsam, furchtbar sittsam, edel, brav, arbeitsam, bescheiden zurückgezogen, edelmüthig! (Sieht Zipfel, welcher, den Hut in der Hand vor ihm stehen bleibt.) Ein Bettler! (Greift in die Säcke und findet nicht-.) Sie, in Wien wird links g'fahr'n, und links auSg'wichen. (Will ab.) Zipfel (hält ihn zurück). Ich bitte um fünf Worte. Brandt. Wegen meiner um zehn. (Für sich). Der Kerl schaut auS, als wenn er sich wollt' wo als Transparent anstellen lassen. (Laut.) No, was Hab'ns denn für Schmerzen? Zipfel (reibt sich am Herzen und seufzt). Ach, hier! *) Ein Privatagent in Wien, der Dienstplätze vermittelt und auf dessen ZeitungS-Annoncen stet- obige Worte stehen. Anmerk. Brandt. Da geh'ns zum Zacherl *) und geb'ns mir ein' Fried. Zipfel. Hören Sic mich an, befürchten Sie nichts. Brandt. Seit wann soll man sich denn vor so ein' Schatten furchten? Zipfel. O, ich war nicht immer so, aber ich arbeit' viel auf Credit, und das wiffen'S eh, beim Credit schaut nir heraus. Brandt. Na, das glaub' i; was geht aber das mich an — wegen meiner laffen's Ihnen jetzt ausstopfen, das is mir Pomade; ich muß dieses Haus hier moderni- siren, der Seifensieder will einen noblen Anstrich — Zipfel. Nun denn, so hören Sie ncll; der Engel, welcher hier so eben mit Ihnen gesprochen, ist wohl weitläufig mit Ihnen verwandt? Brandt. Beleidigen Sie meine Gattin nicht. Sie hat mich mit dieser Tochter überrascht, verstandevous — da ist von keiner Weitläufigkeit die Rede — Sie, Sie, Sie, Sie — Zipfel. Um so besser, wenn Sie der Vater sind, so bitt' ich um Ihren Segen. Ich liebe sie — Brandt. Mich? Zipfel. O nein, Ihre Tochter! Brandt. Ja haben's denn schon mit ihr geredt? Zipfel. Kein Wort; wenn ich mit ihr red', so nimmt sie mich nicht. Brandt. Ja, mein lieber Freund, da kann i nir machen, Sie g'falln mir, als Maurer könnt' ich Ihnen verwenden, na ja, man braucht öfter Dippelbam, der Schwie, gersohn als Dippelbam wär' nicht ohne — es is möglich — daß mein Kind auf eine längere Bekanntschafteingeht; fragen Sie'S, i halt's nit auf. Zipfel. So will ich denn hin zu ihr in die Küchel, ihr Alles entdecken und beglückt in ihre Arme sinken. * > Verkäufer de- Insektenpulver- in Wien. 9 Brandt. Sie, lieber Freund, das thun's nicht, Sie kunnten noch nie dagewcsen hiu- ausgefeuert werden. Meine Juli is in ein Haus, wo keine Liebhaber geduldet werden — die Frau ist keine Liebhaberin von Liebhabern, und da kirnt Ihna Buckl vom Hausknecht leicht für ein Hackstvck gehalten werden, (beginnt an dem Hause zu arbeiten und zu weißen) und die blauen Fleck sau die einzigen, die von kan Fleckputzer außabracht werd'n. Zipfel. Glauben Sie — ach! — Brandt. Unter uns g'sagt, hat die Juli auch schon (zeigt auf Leopold) einen andern Chevalier; übrigens wenn Sie glauben — Zipfel. Ich hab's; durch eine schlaue Lift werde ich bei ihr Eingang finden, — eine Maskerade, sie wird meinen Geist bewundern und mein sein. (Fällt beim Abgehen mit einem Fuß in das Weißingschaff'l und zieht ihn ganz weiß heraus.) Himmel sapperlot! Brandt (welcher unverdrossen fortarbeitet, fährt im Gespräch, ohne daß er es bemerkt, dem beim Fenster heraussehenden Quirl mit dem Pinsel über s Gesicht und weißt ruhig fort). ThunSie was Sie wollen, hahaha — die Juli wird schan'n, wenn'sdasG'wachs sieht. Hahaha! (Gewahrt Quirl.) Pardon! Quirl. Verflucht! Zu Hilfe! Ich bin stockblind! (Bewegung unter den Arbeitern.) Verwandlung. (Elegantes Zimmer mit Mittel- und zwei Seiten» thüren. Rechts ein Tisch mit Garnitur, links ein Tollettespiegel, rückwärts eine elegante Stellage mit kostbarem Geschirr.) Neunte Scene. (Aus der Thür rechts: Quirl (im Schlafrock und Hanskäppben), Kordula (im Morgen- negligp), Theodor. Quirl (wischt sich noch immer das Gesicht). Du weißt, Frau, ich bin sanftmüthig wie ein Lamm, aber was zu viel ist, ist zu viel, ich muß ganz blaß sein. Kord, (zornig auf- und abgthend). Du hast alleweil was, bald das, bald das. Und woher kommt das Alles? Don deiner verdammten Neugierde. Warum hast Duaus'n Fenster g'schaut? hm? Gewiß wieder, um die Fräul'n Tochter vom Posamentirer d rüben zu bewundern — Du — Quirl. Aber Frau, Gott bewahre, ich Hab' bloß g'schaut, ob's schön bleibt, ich weiß gar uit, Du mußt rein glauben, ich bin ein Hudriwndri, — ich bin wirklich so brav, daß Du mit mir ein' Ehr' aufheben kannst. Kord. Bist noch net stad — was hast Du denn gestern unter'm Herd g'sucht — Han? draußt in der Kuch'l bei der Juli? Quirl. Schwaben. Kord. Still! ich sag' Dir's, wann ich Dir auf was kum, so setz' ich Dir — Quirl. Du wirst doch nicht — Kord. 'S Häfen auf, daß's dein Lebtag d'ran denkst. Uebrigens gibt's jetzt was Wichtigeres zu verhandeln — Theodor, da komm' her. Theod. (der die ganze Zeit im Hintergründe gestanden und sich die Bilder rc. besah). Theure Tante, Sie befehlen? Kord. Jetzt will ich amal wissen, wie lange wird denn dieses Juhelebeu noch dauern? Han! Auf alle Grund' was man's schon, daß' kan' wiffern, verschwenderischer«, kan feschern jungen Menschen gibt in Wien als Dich. In der Stadt d'rin haßt man eine solche Gattung vielleicht einen Lyon, aber da bei uns am Schottenfeld heißt er einfach ein Lump. Quirl (leise zu ihr). Frau, Du kriegst ein'n Preßprozeß! Theod. Tante, Ihre Ausdrücke gehen zu weit, ich verbitte mir dieselben. Kord. Was hör' ich? Han? Ja Schul- denmacken, flott leben, anstatt ordentlich in's Collegium z'geh'n, auf alle Bäll' um- z'hupfen und in den Kaffeehäusern von der Früh bis auf d'Nacht herumz'lumpen, das 1Ü g'fallet Dir halt? Nit wahr? das war' a so dein Gusto? Dein Vater, der sich für ein grundg'scheidten Advocaten halt, glaubt richtig, daß aus Dir noch amal was wird — aus Dir, mit diesen Grundsätzen, — aus Dir, der nix kann, als unserm Herrgott den Tag abstehl'n. Quirl. Du Frau— Tagdieb— sein oft ganz noble Leut'. Kord. Still! Wir hab'n Schulden für Dich zahlt, daß wir schwarz werden kunn- ten, wir hab'n g'laubt, Du mußt einmal ordentlich wer'n, — aber nein, es geht nicht — gut, — rechne auf nir mehr, wir sein wüthend — Quirl (gleichgiltig). Ja, wir sind furchtbar aufgebracht. Theod. Tante, ich habe Sie sprechen lassen, jetzt hören Sie auch mich an. — Sie wissen, daß mich mein jugendlicher Frohsinn zu manchen Verirrungen verleitete — die Einschränkungen, welchen mich die Strenge meines Vaters unterwarf — lustige Gesellschaft — Alles dieß mag mich zu manchem leichtfertigen Streich getrieben baben, aber seien Sie überzeugt, es lebt ein unauslöschlicher Funken Ehrgefühl, das Gefühl tiefster Dankbarkeit in dieser Brust. Quirl. Wir sind überzeugt. Kord, (stampft mit dem Fuße). Still! Quirl. Wir sind nicht überzeugt. Theod. Retten Sie mich nur dießmal, ich habe mich im Kaffeehaus in hohes Spiel eingelassen, man drängt auf die Zahlung, Spielschulden sind Ehrenschulden, meine Ehre, meine bürgerliche Stellung stehen auf dem Spiele, (leise) es sind blos 150 Gulden, liebe Tante — meinem Vater kann, darf und will ich mich nicht entdecken, aber ich werde binnen vier Wochen mein Doctorat machen — und in Jahr und Tag stelle ich Ihnen die Summe wieder zurück. Quirl (zieht seine Brieftasche heraus). Hier hast Du. Kord, (schreit) Einstecken! Quirl (seufzt). O Gott! ich steck' ja Alles ein. Kord. 150 Gulden, sunss nir? Nein, da wird nir d'raus — und im Kartenspiel werfet er gleich die Hunderter b'naus - so mir nir Dir nir, — als wann's Mist wär' — Quirl. Oder Actien — Kord. Na, mein Lieber, das wer'n wir uns überlegen. Jetzt bei der Zeit, wo man gleich in d'Zeitung kummt, wenn man ein Quartier um 2—300 Gulden stagert, jetzt, wo die Leut' z'erst um die klan' Quartier lamentiren, und nachher, wann man's Ihnen gibt, kein großen Zins dafür zahlen woll'n, jetzt, bei derer Zeit, wo man für 5 Gulden schon a Hypothek hab'n muß; jetzt möcht'st Du 150 Gulden im Tarockspiel springen lassen? G'horsamer Diener, da bitt' ich um eine Abschrift. Quirl (furchtsam). Warum spielst denn nicht um Fisolen? Theod. Wohlan denn, Tante, es ist genug. Sie wollen mir nicht helfen — Sie weisen den Sohn Ihres Bruders zurück, Sie brandmarken seine Ehre in den Augen der Welt, und stoßen ihn hoffnungslos in den Abgrund der Verachtung — nun, so kommen auch die Folgen über Sie! Ich habe Sie immer verehrt, warm und aufrichtig, wie das Kind seine Mutter, ich hätte nie die Wvhlthat vergessen, die Sie meiner Ehre erwiesen, auf den Händen hätte ich Sie getragen, mein ganzes Leben — aber Sie — Korduba (will sich eines Bessern besinnen leise). Nun — aber nur dießmal. (Laut.) Nein, nein, und tausendmal nein. Quirl (für sich). Jetzt wär's famos, wenn ich mir was zu sagen getrauet. O Du mein Gott, warum bin ich Bürger von der Stadt! Theod. Leben Sie wohl, Tante — leben Sic wohl auf lange — auf recht lange. (Bei Seite, mit innerem Kampfe.) Was soll ich machen, wie kann ich mich retten — ha! — schreckliches Mittel — nur so geht es, ich dringe das Opfer meiner Ehre, ^der Himmel wird es mir verzeihen. (Will fort:) II Quirl. Weißt Du, Theodor — ich — Kord. (ruft). Krispin! Quirl (erschrickt). Ich — ich din Bürger von der Stadt — ich bin verheiratet, ich weiß zu (legt den Finger auf den Mund). Theod. (drückt ihmdieHand). Guter Onkel! ich danke Ihnen für Ihre Theilnahme, leben Sie wohl. (Bleibt einige Augenblicke im Hintergrund und schlüpft dann in die Seitenthür rechts ab.) Zehnte Scene. Quirl (ängstlich auf der einen), Kord, (entschieden auf der andern Seite der Bühne stehend). Quirl. Kor — Kor — (die Angst stoßt ihm das Wort sehr laut heraus) Kordula! Kord. Na, brennt's? Quirl. Du Frau, mir scheint, Du warst etwas hart mit ihm. Du hättest dieß- maldoch noch gestatten sollen, daß ich mein Geld — Kord. Still! sapperment hinein! Der Mann thut, als ob er's gar so zum Verschenken hält'. Quirl. Aber ein gutes Werk soll man immer gern thun. Wirhätten'sja auch hereinbracht — wir braucheten ja bloß den Greißler, der drei Vierteljahr den ZinS schuldig is, pfänden zu lassen. Kord. Auf der einen Seite einnehmen, auf der andern zum Fenster hinauswerfen. Quirl. Aber, Kind, geh', misch Dich nicht in die Kommunalverwaltung. Kord. No, is es bald aus mit'm Widersprechen? — Du kennst mich — Du, wann ich wild werd' — Quirl. Thu' das nicht, Kind — es ist dem dringendsten Bedürfnisse bereits abge- holfcn. Kord. Ruhig! lStrampft.) Ja, die Männer, die Männer; aber was ist denn das? (steht nach der Uhr) halb neun Uhr und noch alleweil kein Kaffee. Siehst es, die neue Köchin, ja Dir hat's g'fall'n, weil's a hübsche Larven hat und runde Arm, aber von einer Pünktlichkeit is kan Idee. O, das is ein Volk! Quirl. Aber schau, ihre Mutteris krank — die armen Leut' hab'n halt auch Schmerzen Kord. Anstatt daß sie das anerkennet, was man für sie thut, vernachlässigt sie ihre Herrschaft. Aus purem Mitleid Hab' ich's in's Haus genummen, na ja, das Elend bei ihre Eltern war groß — aber was is der Dank — jetzt is es halb neun Uhr und ich kann noch alleweil auf'n Kaffee warten. Quirl (läutet sehr leise). Sie kehrt vielleicht g'rad aus, Sie ist wirklich ein — recht — ein bescheidenes Mäd'l. Kord, (läutet auS Leibeskräften). Quirl. Jetzt wird Sturm g'läut. Kord. Na wart, Du nirnutzige Person, heut' jag' ich's noch zum Teufel — das ging mir noch ab, so a nachlässige Per- sonage im Haus! — Gestern hat's wieder ein Weidling z'sammg'haut, na, dafür zieh' ich ihr auch zwei Gulden ab. Quirl. Ich muß das Bett so stell',, lassen, daß sie unmöglich mehr mit'n linken Fuß aufstehen kann. Eilste Scene. Vorige. Juli (mit einer Tasse, worauf das Frühstück, bestehend in Kaffee, Kipfeln rc. rc.). Juli. Küss' die Hand, gnädige Frau, küss' die Hand, gnädiger Herr. Quirl (bei Seite leise). Si is nach meiner Frau das schönste Weib auf Gottes Erdboden. Kord. Na, is die Fräul'n amal aus die Federn, denkt's wieder amal an ihre Herrschaft — ich Hab' schon g'laubt, wir wer'n heut' gar nit die Ehr' haben, die noble Dam' zu G'stcht z'krieg'n. Quirl. Meine Frau is rein Vitriol. Juli (ängstlich). Aber ich bitt', g'nadige 12 Frau, ich Hab' ja z'sammg'räumt, auskehrt, d' Milli g'holt, und dann war ich auch — Kord. Beim Greißler g'wiß, und hat die Herrschaft ausg'richt — getratscht und geplauscht. — O Du mein Gott, diese Dienstboten! Juli. Nein, g'uädige Frau, das Hab' i nit than, — und werd's nie thun, ich war auf ein Sprung bei meiner Mutter; mei arme Mutter, derer bald die Sterb'stund' schlagen wird! Kord. So — wer weiß was da Wahres d'ran is, und heut' zu Tag, wo a Leich' a Heidengeld kost', stirbt man nit so leicht, auch geh'n mich diese Familienangelegenheiten gar nir an. Quirl. Du Frau, weißt, in dem Fall' glaube ich, daß sie wirklich unschuldig ist. Kord. Ja, bei Dir sein alle Dienstboten unschuldig. Quirl (mit steigender Angst). I Nein — rm Gegentheil — ich weiß Fälle — Kord. Mit ein Wort, es g'scheh'n Sachen im Haus, daß einem die Haar zu Berg stehen müssen, s'Essen z'Mittag is immer verpantscht, die Meubel san alleweil staubig — dann wird auch so viel verschleppt, 's kommt allerhand weg — (mit Beziehung aus ihren Mann) und die Jungfer Juli is mitunter so zudringlich — Juli (welche während der letzten Worte zu Muchzen begann). Gnädige Frau, ich bitt' Ihnen — hörn's auf, Sie seh'n nur a arms Madl vor sich — das Kind von arme Aeltern — die das traurige Schicksal troffen hat, ihre Familie verlassen und in Dienst geh'n z'müssen. — Aber das arme Madl, dem Sie Alles schaffen können, weil's ihr sechs Gulden Monatlohn zahlen, dem können Sie aus nit befehl'n, daß sie ihr anzig's Gut, ihr anzige Hab, ihre Ehre angreifen laßt. D'rum sag' ich Ihnen jetzt — jetzt (kämpft mit sich selbst und sucht ihre Aufregung zu unterdrücken), daß sie — Kord. Na, jetzt bin ich neugierig! Juli (bei Seite). I kann nit «uft sag'n — mein Monatlohn g'hört ja mein' Aeltern, denen ich ihre Stütze bin. (Laut.) D'rum sag' ich Ihnen jetzt, daß Sie mich tief (zeigt aut 8 Herz), recht tief gekränkt haben — ich küß d'Hand, gnädige Frau. (Heftig weinend ab.) Zwölfte Scene. Quirl. Kordula. Quirl. Frau, Du hast sie beleidigt, werde ich sie trösten. (Will fort). Kord, (welche nachdenkend geworden) Dableibst. — Ja — warnt man dem Volk die Wahrheit sagt, so fangen's zum weinen an. — Wann man bei die Leut' nit alleweil hinterd'rein is, ui, da wurd' man ja maltratirt nit zum sagen — cs is wahr, sie thut ihre Schuldigkeit, aber man muß doch zeitweis a bißl d'reinfahr'n — dank Du unserm Herrgott, daß Du so a Frau hast. Quirl (den Kops neigend). Danten? Q, ich habe ihm schon oft gedankt! Kord. Allons — kumm nachschau'n im G'schast. (Bei Seite.) Mir scheint — mir scheint — mein Mann und die Juli — Quirl. Geh' nur voraus. Kord. Komm nur mit — gleich. — Nein, wie ich selig bin, daß i dem Mußje Theodor heut' meine Meinung g'sagt Hab, das kann ich Dir gar nit erpliciren. Quirl. Das freut mich, daß weißt, daß i ch nur selig bin, wenn Du selig bist. (Beide links zur Seitenthür ab.) Dreizehnte Scene. Theod. (an der Seitenthür rechts vorsichtig eintretend, ein Schmuckkästchen in der Hand). Endlich sind sie fort. (Besieht es »nd greift sich an die Stirne.) Gott^ was Hab* ich ge- than! — Ich will meine Ehre retten durch eine ehrlose Handlung. Ehrlos? Nein, sie 13 hatte mir helfen können, sie that es nicht— ich mußte so — ich habe mir dieß Armband meiner Tante zugeeignet, ja! Doch nur auf kurze Zeit — ich will eine Summe darauf borgen, meine Schuld zahlen und durch Glück im S piel dieß Pfand bald, recht bald wieder einlösen — schnell fort! (Sieht in die Küche.) Juli allein in der Küche, sie sieht mich nickt — fort! (Schnell durch die Mittellhür ab.) Vierzehnte Scene. Verwandlung. (Küche bei Quirl. Mittel- und eine Seitenthür rechts, im Hintergründe der Herd mit einem Kamin, dessen Thür ersichtlich ist, links ein Speisekasten, eine Bank mit Wasserschaffeln. An den Wänden Küchengeräthschasten, eben so stehen in den Ecken die in den Küchen gewöhnlich vorfind- lichen Gegenstände, am Herd mehrere Häfen und Kasserollen). Theod. (schleicht ängstlich durch die Küche dann durch die Mittelthüre schnell ab). Juli (steht vor einem Tische, auf welchem sie mittelst eines Nudelwalkersl einen Teich auskneten soll, den Kopf auf die Hand gestützt und weint). Es wird so viel verschleppt — die Juli is zudringlich— das hat sie mir in s Gesicht g'sagt, mir! Hätt' ich ihr was d ran ' antworten soll'n, hätt' ich ihr das wiederholen soll'«, was ihr die ganze Vorstadt nachsaget, daß sie — na, na, ich bin ja nur a Dienstbot', ich Hab' ja kan Recht, was z'reden, ich bin ja der zahlte Dienstbot' und sonst Nir, gar IM. (Hört Theodors Geräusch). Was ist denn das? (Sieht eine Gestalt sortgehen.) Da schleicht sich ja Einer fort, er versteckt was. (Oessnet die Mittelthür und sieht ihm nach). Ah so —der Herr Theodor, jetzt Hab' i g'laubt, es is a Dieb. (Tritt zum Tisch und beginnt den Teig zu kneten.) Jetzt zur Arbeit, sunst wird's Mittagmahl nit fertig. Fünfzehnte Scene. Vorige. Zipfel (als Rauchfangkehrer verkleidet, eine Leiter auf der Schulter, den Kehrbesen in der Hand, tritt vorsichtig durch die Mittelthür ein). Zipfel. Dort steht sie und walkt Nudl. Warum werde ick nicht von ihr gewalkt? — Nur in dieser Verkleidung konnte ick Eingang gewinnen. Man wird mich für den officiellen Rauchfangkehrer halten, und kein Hinderniß wird mich im Siegeslauf stören. (Nimmt eine schwärmerische Stellung an und seufzt tief.) Ach! Juli (erschrickt). Wer ist's - 7 - der Rauchfangkehrer! Zipfel (tritt vor). Sie werden mich vielleicht für einen Rauchfangkehrer halten — aber ich bin nickt, was ich scheine, ich versichere Sie, ich bin wer — Juli. Na, verlieren's Ihre Zeit nit, steig'ns eini und fangen's an. Zipfel (tritt betroffen zurück). Mir das? Sie verkennen mich; dieser Besen und diese Leiter sind bloß eine Verkleidung und hinter diesem Frack schlägt ein edles Herz. Juli. Sagen's mir, sein Sie verrückt? Was hab'ns uns denn da für Einen g'schickt? Zipfel. Juli (stellt dre Leiter weg und gkht mit ausgebreiteten Armen aus sie zu). Juli, stoßen Sie mich nicht zurück. Glauben Sie ja nicht, daß ich dieses schwarze Gewerbe treibe, beruhigen Sie sich — ich bin ein — Juli. Ein Starr, sunst nir — Zipfel. Damit es mit einem Wort heraus ist —* ich — Sie — meine sechs Kinder — zu Haus — (Stürzt auf die Knie.) Lassen Sie uns diesen Bund mit einem Kuß petschiren. (Will sie umarmen, bei Seite.) O weh, ich kann sie nicht angreifen, ick geh' aus. Juli. Ah, jetzt wird's mir z'viel — lang g'nug Hab' i zug'hört, so a Keckheit— und die Maskerade — zieht sich der Mensch als Rauchfangkehrer an, und is gar ka- ner — da muß i ja gleich den Hausmeister hol'n! 14 Zipfel. Wehe! Mein schwarzer Buckl kriegt richtig blaue Fleck, ich werde arretirt und wegen angemaßter Gewerbefreiheit kriminell behandelt. Liebe, Liebe! In welche Falle hast Du mick gelockt! O Köchinnen, Köchinnen! Hyänen in Menschengestalt! (Es klingelt an der Thür ) Juli. Man waß nit, soll man lachen oder waneu. Uje — das is die Frau von Kranzl, die tägliche Visit von der Frau. — Wenn Ihnen die mit mir discuriren steht — anstatt im Rauckfang — krieg' ich die Aufsag' auf der Stell', die find't ihr einzig's Vergnügen daran, die Leut' durch- einanderz'hetzen. (Weint.) O ich unglückliches Mad'l! Zipfel. Tröste Dich, Ungetreue! In jener Speis' will ick mich verstecken — ,chnell — Juli. Dort geht's nit — da sein zwei Schunken d'rin. Zipfel. Das macht nir — Juli (macht die Kaminthür aus). Da müfsen's eini, g'schwind. Zipfel (steigt behutsam hinein). Da, UM Gotteswillen, das geht nit — ich ersticke, ich fall' oba *) — der Rauch — leben Sie wohl, als G'selchtes sehen Sie mich wieder. (Verschwindet im Kamin und öffnet oben ein Thürchen, bei welchem er herausfieht und horcht. Es wird wieder geklingelt.) Juli. Gott sei Dank — ja, ja, ich komm' schon! (Oeffnet die Hausthür.) Küß die Hand, Euer Gnaden. Sechzehnte Scene. Vorige. Frau Krampel. Krampel. Die Frau zu Haus? Juli. Bitte nur hineinzuspazieren. Krampel. Lang' Hab' ich heut' d ruußen stehen müssen; vielleicht eine Unterhaltung g'habtd (Für sich.) Diese Arm' von der Köchin gegen die meiner Tochter — ich kann gar nicht sag'n, wie mir die Person zuwider ist. (Sieht sich forschend um, dann rasch ab ) Siebenzehnte Scene. Juli, Zipfel, gleich daraus Quirl (»och immer im Schlafrock, auf den Zehen auftreteud. aus der Thür rechts). Zipfel. Lassens mich außa, Himmelsapperlot — ich halt's nit aus, die Hitz, der Rauch, oder löschen's wenigstens 's Feuer am Herd aus, ich nähere mich schon dem Eingemachten — ich dünste — ich bin bald marb, noch etwas Semmelbresel und der Backfisch ist fertig. Juli. Pst! — still — 's kummt schon wieder wer. (Horcht.) Ich hör' Schritt, g'wiß will mich die Frau überraschen. Quirl (austretend, leise). Juli, Juli, pst! Ich bin's, ich, der gnädige Herr. Juli (arbeitet an dem Teig). Schassen? Quirl. Du, meine Frau war heut' bös — sehr bös — weiß — ste ist schon so, mannigsmal— alle Tag, weißt — ich hätt' auch reden können, aber ich Hab' mir denkt — der G'scheidtere gibt nach, und dann Hab' ich mir von mein'm Geld' ein'n Fünfer auf d'Seiten g'legt—Silber Hab' ich kein's, aber Banknoten sein auch ein Schmerzensgeld. Zipfel. Er tritt ihrer Unschuld mit einem Fünfer entgegen, o weh! Juli. Stecken s das Geld wieder ein, Ew. Gnaden, stecken 's Sie's ein — ich Hab' meinen Lohn, ich Hab' sonst nir z'for- dern und nir z'kriegen. Quirl. Aber Kind, sei g'scheidt — ich liebe Dich (sich verbessernd) wie meine Tochter — ich bin Dir gut, sehr gut, schau — warum diese Sponponaden? (Will ste beim Arm angreisen und kommt mit der Hand unter den Nudelwalker ) Au, au weh — aber Juli! Juli. Is nit gern g'scheh'n, ich kann nir dafür. *) Herunter. 15 Quirl. Meine Hand, o weh — meine Frau wird weiß Gott was vermuthen, wenn mein Körper beschädigt ist. (Man hört rin Geräusch aus dem Nebenzimmer.) Es kommt wer, meine Frau is sonst um diese Zeit im G'wölb, was is g'scheh'n — ich bin verloren — wenn sie mich hier find't — im Neglige, sie glaubt vielleicht — ich steig' in Rauchfaug — Zipfel (für sich). Der will mein Quartier — die Wohnungsnoth nimmt überhand. Juli. Nein, das geht nicht, Ew. Gnaden wer'n ganz schwarz. Quirl. Is mir lieber als kasweiß vor Angst. Juli. Da stell'ns Ihnen hinein—Ew. Gnaden—o Gott—was wird da g'scheh'n - ich kann ja für Alles nir dafür. Quirl (steigt in den Kasten). Ja, ja, ich geh' hinein, aber ich geh' ja nit hinein! Und diese Gesellschaft — nir wie Mehl, Zwiebel und Fifol'n — Au — au — Du wirst sehen, da konun' ich viereckigt heraus. Juli. So — (Lehnt die Kasteiithgr zu ) Zipfel. Wann ich nur tauschen kunnt mit ihm, mein Nebenbuhler sitzt irr der Speis und ich bin — ein Jüngling im Feuerosen. Juli. O weh, die Frau! was muß da g'scheh'n sein? Achtzehnte Scene. Vorige. Kordula. Krampel. Zipfel (für sich). Die Furien der Hölle in Gestalt zweier Vorstadttratschen. Kord, (stellt sich mit verschränkten Armen vor und steht sie einige Zeit fest an). Na, mein lieb's Kind, noch alleweil obenaus — wie heut' in der Früh? Han? Ja, auffahr'n und die Beleidigte spielen, wann die Herrschaft red't für ihre Sachen, und hinter- d'rein stell'n sich die schönsten G'schichten heraus! Krampel. Das is 's ja, was ich alleweil sag'. Kord. Schnell heraus damit; gesteh' Alles! Juli (für sich). Sie hat zug'horcht, sie waß a so Alles. (Laut.) Aber gnädige Frau, ich kann gar nir dafür. Zipfel. Meine Leidenschaft hat die ganze Schuld. (Stürzt aus dem Kamin ) Aber ich versichere Sie — sie hat mich nicht erhört — es ist nichts vorgefallen — die Moralität — Krampel. Siech ich recht, das is ja der Schneiderg'sell vom vierten Stock aus mein'm Haus? Zipfel. Mein Inkognito ist verrathen. Kord. Ah — ah— ein neuer Scandal in mein Quartier! Quirl (stürzt mehibestaubt aus dem Kasten). Nachdem Du schon Alles weißt, Cordula — Du mußt nit bös sein — ich bin nicht compromittirt. Cord. Mein Mann auch — mich trifft der Schlag, mein Mann ein Bigamist — ich lass' mich scheiden! Quirl (traurig für sich). Luftschlösser! Kord. Also das Hab' ich erleben müssen — a solche Person im Haus, die sich die Mannsbilder in aste Winkel versteckt — — vielleicht kriechen noch wo a paar heraus. Krampel. Das is's ja, was ich alleweil sag'. Kord. Aber das is no uit Alles — waßt, Du nirnutzige Personage, auf Alles — auf Alles bin i kommen. Die Frau von Krampel hat sich woll'n mein Bracelet anschau'n, was ich unlängst beim Dommayer mitg'habt Hab', sie hat sich woll'n auch eins machen lassen, und waßt, Du lieb's Trutscherl, wo das Bracelett hin is — waßt es? — G'stohl'n! Juli (stützt ihren Kopf). O Du mein Gott! Kord. Ja, g'stohl'n, aus mein'Schlafzimmer, was Du in der Früh z'samm- g'ramt hast — pfutsch, wie wegblasen. Das is Dir halt fatal — daß das so g'schwind aufkommen is — nit wahr? 16 Juli. Gnädige Frau — auf .die Anklag' kann i mi nit vertheidigen. (Zeigt au! die Brust.) Da liegt's jetzt so schwer — da druckt's so stark — daß i ka Wort außa- bring'. Kord. Na, 's Criminal wird Dir's schon außabringen. Juli (schreit laut auf), 's Criminal! Kord, (zur Thür tretend). Hausmaster, hört's, schickt's auf d'Polizei, es is g'stohl'n wor'n in mein' Haus; g'schwind! (Zu Quirl.) Und Du, leichtfertiges Möbel, pflichtvergessener Mann, mit Dir werd' ich unter vier Aug'n red'n. Quirl. Frau, bedenk' nur — vielleicht — Kord. Still, ka Wort mehr! Quirl. O Du mein Gott, warum bin i Bürger von der Stadt! Zipfel (die Hände ringend, für sich) Gott, wer hätte sie für eine Schnipferin gehalten! O schauderhafte Mesalliance! Tugend, rette Dich aus dem Pfuhl der Schande! (Schnell ab.) Neunzehnte Scene. Porige. Brandtner (mit zerrauften Haaren tritt ein). Brandt, (gewahrt die Personen). Sie ver- zeih'n schon, wann i vielleicht stör' — aber i Hab' so müssen — Juli! (Stürztaus sie hin.) Du wanst — Du maßt es also schon? Juli. Was denn, Vater? Was denn? Brandt. Daß d Mutter schlecht is — daß bald»aus sein wird mit ihr — kumm' — kumm' — sie will Dich nock einmal sehn — Juli (stürzt in die Knie). Meine arme Mutter! Brandt. So geh' — geh' - kumm'. Du wirst doch nit deine Mutter warten lassen, am Sterbbetr' — kumm' — Juli. Vater — ich kann nit — i muß -leib'n. Zwanzigste Scene. Vorige. Commissär. Wache (folgt dem) Hausmeister. Leute (aus dem Hause, darunter) Kat hi. Commissär. Hier ist ein Diebstahl begangen worden? Kord. Ein Bracelet, was mich zweihundert Gulden kost', ist g'stohl'n. Commissär. Haben Sie Jemand als Thäter in Verdacht? . Kord. Ich weiß net — es müßt' höchstens mein Dienstbot — Brandt. Mein Kind? Kathi. Die Juli a Diebin? Schaut's, die Duckmäuserin! Juli. Herr Commissär, ich sckwör's Ihnen, daß ich's nit than Hab' — neh- men's mi mit, ja — aber der Herr da droben, der für die armen, wie für die reichen Leut' derselbe Vater ist, der nimmt mich g'wiß in sein allmächtigen Schutz. Commissär. Folgen Sie mir. (Zu Kor- dula.) Sie werden noch heute Ihre Aussage zu Protokoll geben. Brandt. Juli, Juli, mein' Juli! — Das hast Du dein Vätern'than? — Na, es is nit möglich — 's is Verleumdung. Juli. Vater, lebt's wohl und grüßt's mir no meine Mutter. (Sie umarmen sich — will gehen.) Ihr habt's mich gottksfürchtig erzogen — Ihr habt's mir hundertmal g'sagt — daß d'Ehrlichkeit am längsten währt — glaubt's ja net — daß i das vergessen Hab'; nit wahr, es glaubt's es net? (Zn diesem Moment ertönt das Sterbeglöckchen, wie es im letzten Augenblicke eines Sterbenden geläutet wird.) Brandt. (M zum Fenster, blickt einen Augenblick hinaus und kehrt mit thränenden Augen zurück, sinkt in der Mitte der Bühne auf die Knie, verhüllt sein Gesicht und spricht). Sie is oben. Ich Hab' kan Weib mehr — und — kan Kind. (Während der letzten Worte tritt melodramatische Begleitung rin. Juli, welche in der Nähe der Wache steht, verhüllt sich mit dem Fürtuch dir Augen, während dir Uebrigen eine Gruppe, an gemessen ihren Charakteren, bilden Der Vorhang fällt langsam.) Zweiter Act. (Schreibzimmer bei Schlicht mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren, von welchen die eine in die Kanzlei führt. Borne rechts das Pult, aus welchem Schriften liegen re. rc.) Erste Scene. Schlicht (fitzt an seinem Tische, vor ihm) Schröpfer (Papier und Wechsel in Händen). Schröpfer. Wie gesagt, Herr Doctor, so geht es nicht länger, Sie können der beste Mann von der Welt sein, aber ein Advo- cat, ein Oootorjuris utinus^ub sind Sie nicht. Schlicht (lächelnd). Das bin ick auch nicht, ich bin ein Rechts freund. Schröpfer. Rechtsfreund hin, Rechtsfreund her, wohin soll das führen? Wenn Jemand mit einem Proceß kommt, wo man ein bißl spitzfindig sein und die Pa- ragraphe so drehen, wenden und auStipfeln muß, wo man so hin und wieder Fünfc g'rad sein lasten und so was man sagt »abdraht* zu Werk gehen muß; da werden der Herr Doctor süchtig, werfen die Clienten bei der Thür Hinaus und der arme Solli- citator, wie ich, kann sich seine Sporteln suchen. Von Pfände» is kan Idee! Und da- traget doch Diäten und Erpensen Weun's ja so weit kommt und ein armer GewerbSmann auSpfänd't wekd'n soll, geht der Herr Doctor meistens selber her und zahlt das ganze Gerstel selber. Küß' d'Hand Sk. 1»« für die Gnad'. Ein ordentlicher Advocat muß den Leuten die Haut über die Ohren zieben, und wenn er's allein ni't zweg'n bringt, so hat er sein' Sollicitator, aber Sie — Schlicht. Jetzt Hab' ich genug. Ist Ihnen die Stellung in meinem Hause zuwider, so steht cs Ihnen frei, sie jeden Augenblick zu verlassen aber eine Bekrittlung meiner Handlungsweise werde ich unter keiner Bedingung dulden. Schröpfer. Ach Gott bewahre, Sie verstehen mich ja nur falsch — ich red' ja bloß für Ihr Interesse. Sie zieh'n sich selber aus, anstatt die Leut'. Wenn Sie alleweil bloß gereckte Proteste führen wollen, so wer'n wir bald die Kanzlei sperren. Schlicht (stampft mit dem Fuße). Ich habe gesagt »genug«. (Sich ereifernd.) Lieber Schröpfer, Sie haben Ihre Bestimmung verfehlt, Sie sind auch mehr zum Kosaken als zum Rechtsfreund geboren. Staunen Sie nicht. Der Advocat, wie ich mir ihn denke, soll nicht der Rettungsanker für gewissenlos und ehrbanquerote Verletzer des Gesetzes sein; der Advocat soll nicht die Rednerbühne betreten, um eine dunkle That durch Pfiffe und Kniffe, durch Verdrehung des heiligen Rechts zu beschönigen; er soll seinen Eifer, seine Willenskraft, sein Talent nicht jedem Verbrecher für Geld verkaufen, der eben eines Anwalts für seine Niederträchtigkeit bedarf, der Advocat soll der gerechten Sache, der Ehrlichkeit als Bannerträger zur Seite stehen und mannhaft kämpfen für das, wofür seine Ueber- zeugung, sein inneres Selbst spricht, — auch dann, wenn ihm der Verkauf seines Bewußtseins um etliche Gulden mehr eingetragen hätte. So denke ich mir den Ad- vocaten. (Geht zornig auf und ab.) Schröpfer. Hier sind die Wechsel. (Schleunigst links ab.) r' 18 Zweite Scene. Schlicht, dann Theodor. Schlicht (fleht ihm nach und lacht dann). Da habe ich wieder einmal Worte umsonst verwerthet. Wozu dieß Plaidoyer? Die Verbrecher gegen die Menschlichkeit sind ja von jeher straflos ausgegangen. < Setzt sich zum Pult und arbeitet, Theodor tritt furchtsam ein.) Theod. Vater, Sie ließen mich rufen. Schlicht (den ein heftiger Zorn bei seinem Anblick ersaßt). Du bist's —. Seit acht Tagen sieht Dich dein Vater wieder zum ersten Mal — natürlich — die Nächte durchwachst Du — da mußt Du ja die Tage verschlafen — Du liebst deinen Vater wohl recht? Nicht? Du besuchst ihn nie, für ihn hast Du kein Wort der Liebe und des Vertrauens — für ihn kein Dankgefühl, keine Sohnespflicht — dein Vater ist zu nichts gut (zkigt aus die Wechsel) als zur Bezahlung deiner Schulden. Theod. Vater — Sie haben — Schlicht. Ja, man hat mir die Nachricht gebracht, daß mein Sohn zahlungsunfähig ist — Du vernachlässigst deine Braut — man hat mir auch gemeldet, daß mein Sohn ein leichtfertiger Spieler ist — ein liederliches Tuch, ein Wüstling erster Sorte — ein nichrswürdiger — (verhüllt sein Gesicht). Theod. Vater! Schlicht (plötzlich umgestimmt, weich). Theodor! (Nimmt ihn bei der Hand ) Geh' in Dich! Häufe nicht Kummer auf dieß graue Haupt und kränke nicht länger deinen alten Vater; Du weißt, ich bin für Dich, mein Kind, zu jedem Opfer bereit — aber mein Geschäft ist — vielleicht eben darum, weil ich's nach meiner Art betreibe, nicht besonders einträglich. Es kann eine Zeit kommen, wo ich deine Schulden nicht mehr bezahlen, könnte, und wo Du als leichtst^; niger Schuldenmacher in s Criminal — Theod. (zuckend). Jn's Criminal — Schlicht. Wandern müßtest — mein Sohn, ins Criminal. D rum halte Dich fest an deinen Vater und fliehe deine bisherigen Kreise, sei aufrichtig, offen — schließe dein Herz vor mir auf und schenke mir Vertrauen. Theodor (auf die Wechsel zeigend) sind mit diesen dreihundert Gulden deine sämmtlichen Verpflichtungen erfüllt? Theod. (zerknirscht bei Seite). Ich kann ihm nicht Alles entdecken, er würde mich verfluchen. (Laut.) Alles! Alles! Vater. Schlicht' (umarmt ihn). Nicht währ, Theodor! Du wirst anders werden? (Reichen sich die Hände.) Du wirst heute noch zu Seraphine gehen. L)er Tag eurer Verbindung wird mir ein Freudenfest sein. Dritte Scene. Vorige. Kordula. Kord. (Acten unterm Arm, blickt zuerst bei der Thüre herein und tritt dann ein). Lorenz! bist Du zu Hause ah, da ist er ja und mein sauberer Neffe auch. Schlicht. Was führt Dich so früh zu mir, liebe Schwester? Korb. No frag' noch; die saubere G'schicht mit meiner Köchin. Aber ich sag's immer, diese Dienstboten das sein ein Volks Ui! Ich Hab' gar nit kommen woll'N zu Dir, denn ich weiß, daß Du außer dieOrdi- nationsstunden schwer zu erwischen bist, aber es ist zu dringend. Bruder, es ist schauderhaft! Da ,schau her, schon wiedex a Zustellung. Die Schererei wegen derer Bagage! Schlicht (verwrisend). Kordula! Kord. Da mußt Du mir auffahelfen — übernimm Du die ganze G'schicht,; hier stin die Acten, führ' die^a'ch' zuHnd'e, sic - bist ein geschickter Advocat, kennst Dich also mit diesen Bandlereien besser aus. Schlicht. Thnt mir leid, liebe Schwester, aber ich kann deinen Wunsch nickt erfüllen. Ich habe die Vertheidigung der armen Juli Brandtner übernommen und bin gesonnen, dieselbe mit aller Energie und meiner ganzen Kraft zu führen. Kord. Was hör' ich? Du trittst gegen deine leibliche Schwester aus — ich glaub' Du kunntest noch zu'schaun, wann s statt dem G'sindel mich einsperrten. Schlicht. Ich habe genaue Einsicht von dem Falle genommen und bin vollkommen von Juli's Unschuld überzeugt. Ihr aufrichtiger Ton, ihre Thränen und ihre Gottesfurcht sind mir dafür die beste Bürgschaft. Ich hoffe ihren Prozeß zu gewinnen, und will Alles daransetzen, den wirklichen Thäter, welcher auf ein armes Mädchen den Verdacht wälzen konnte, zu entlarven. (Spricht leise weiter mit ihr.) Theod. (für sich). Entsetzlich! — Soll ich mich ihm zu Füßen werfen, — nein — ich kann nicht — soll ich den Fluch des Verdachtes auf ihr lasten lassen — nur ein Wort von mir, — nein — nein — ich kann nicht. (Laut.) Ich muß fort, leben Sie wohl! (Schnell ab). Vierte Scene. Vorige (ohne Theod ). Kord. Was ist denn dem? Der is ja fort — blaß und zerzaust wie verrückt. Schlicht. Die Wirkung einer Ermahnung von mir. Kord. Ah so — also deine Schwester laßt Du im Stich und um ein miserabl'n Dienstboten kannst Dick annehmen. Na, Du bist mir a sauberer Bruder! Sie is im Stand und klagt mich, wann sich etwa gar ihre Unschuld herausstellt, noch auf Verleumdung — Entschädigung und sonst allerhand. Schlicht (stch immer mehr ereifernd). Und geschähe Dir vielleicht nickt recht — darf das bedauerungswürdige Geschöpf, welches 'ein häusliches Elend zwingt in Dienst zu gehen und jede Laune ihrer Herrin über sich ergehen zu lassen, nicht dasselbe Ehrgefühl haben, wie jeder Andere von uns? Du kannst von deinem Dienstboten verlangen, daß er Dir Holz und Wasser trägt, daß er sich die Hände wund wäscht und seine Gesundheit deinem Dienste zum Opfer bringt, aber seine Ehre kaufst Du ihm nicht ab, Du hast vielleicht grundlos einen falschen Verdacht auf sie geschleudert und damit ein armes Mädchen unglücklich gemacht. Du bist meine Schwester, und doch sage ich es Dir. Kord. Still! Himmelsapperment! (Wirst die Acten auf die Erde und stemmt die Arme in die Seite.) So red'st Du mit mir? Schaut'S den an! Und so ein Dienstbotenvater, so ein Federfuchser will mein Bruder sein, ein Mensch, der in ein' solchem Ton mit mir redt? — Nir da! — Aber das sag' ich Dir jetzt: wie Du Dich noch einmal in mein' Haus blicken laßt, so wirst Du kennen lernen, was das heißt, mich süchtig zu machen, da geh'n alle Reindeln und Kastroll'n auf dein Kopf. Servus, Herr Bruder! (Hebt die Acten aus und eilt fort, indem fie beim Hin« auStreten auS der Thür mit Schlüssel und Nanni zusammenrennt.) Fünfte Scene. Schlicht. Schlüssel. Frau Nanns (einen Korb mit Butter, Eiern, einer Flasche Most, Erdäpfeln, einem Heserl Rahm, einen großen Leib Brot in -er Hand). Schlicht. Bald hätte ich mich alterirt. — Was kommen da für neue Figuren? Schlüssel (Kordula noch an der Thür nachschreiend). Na, is das a Glück, daß k nit den Wächter mit Hab', die wurdt stunta xväv arretirt. Den Ortsrichter anrennen lassen, so was war no nit da. (Gewahrt Schlicht und steht ihn einige Zeit an.) Satt Sös? »* 20 Schlicht. Wer? Schlüssel (zu Nanni). Der is aber vernagelt, der was nit' wer er iS! Nanni. Freili is er's! Wissen s, Eue> Gnaden— die Brandtner-Iuli — die Ein- g'sperrte, iS meine Godl und weil Huer Gnaden der Herr Derdefendirer sein, so sein wir so frei, ich und mein Mann — Schlüssel. Bist staat, a Ortsrichter is nie frei, a Ortsrichter wird überall mit Hochachtung empfangen, — Sie wern mich wohl kennen. Schlicht. Ich Hab' nicht die Ehre. Schlüssel. Ich auch nicht, macht nir, ich bin Ortsrichter draußt in — Schlickt. Das gehört nicht bieder; wo mit kann ich dienen? Schlüssel. Mit an Wort, ich bin der Mann, der vom G'fetz was versteht. So wer'n Ihnen a a bißl auskennen, und da bin i einakummen, damit wir unS a bißl besprechen, wie wir der Juli aus derer Soß *) Helsen könnten. Schlicht. Ueber das wollen Sie mit mir sprechen? Schüssel. Ja, ich — na, und wann Sie a g'fingelter Kerl san, so wern's schon was auskochen, daß man d'Richter a wen- gerl über n Damm draht. Unser Gerichts- schreiber draußt iS ja (freudig lachend) a so a Malefizspitzbua überanand. Schlicht. Herrl Schlüssel. Na, thut der Herr nit so, als wann Er an fressen wollt. I als Ortsrichter was, daß man schmirn muß, eh man fahrt, d'rum Hab' ich mich a ordentlich vorg'seh'n. Nanni (leise zu ihm). Gib ihm sa nit Alles auf anmal — nach und nach; 's Ls viel g'scheidter. Schlüssel (au- dem Korb die Flasche Most urhmrnd). Da bringen wir in Herrn z'erst an Most — g'rebelter! (Sicht thu chmunzelnd an.) Da schleckt sich halt der Herr s' Maul ab, is aber a a G'wachs! (Trinkt die halbe Flasche aus und stellt sie dann ans <>n risch.) No nit Alles! da is no was. ^ Nimmt das Hefen mit Rahm.) Da g' spannt der Herr halt! So an Milliram gibt's nit wie der — kost der Herr nur. (Fängt an zu trinken und trinkt ihn ganz au-, wie er aufhört, zieht er seine Nase weiß aus dem Hefen.) Was? (Kehrt da- Hefen um.) Is das a Milliram? (Stellt es auf den Tisch.) Schlicht. Jetzt bab' ich bald genug! Schlüssel. Da war der Herr der Erste, der mit so wenig g'nug hätt'. Aber wir Landleut fahren cnrios füra*), wann wir amal' ansangen; irzt wer'n dem Herrn die Aug'n gleich übergeh'n. (Nimmt die Butter aus dem Korbe.) Was? haha! der hat sich g'- waschen! dö Färb', derG'ruch, und (schleckt ihn ab) der G'schmackrn. (Schnalzt mit der Zun. ge.) Na, Herr Doctor? (Legt ihm die Butter aus die Acten.) Und wann ihm irzt no den Leib Brot d rauf gib, so man i, daß er sich ordentlich anfreffen kunt. (Auf den Leib Brod klopfend.) Alles Tach**) — nir Krinolin! Schlicht. Lange Hab' ich zugehört; wozu soll dieß Alles? Schlüssel (zu Nanni). Schau' Dir so an Menschen an — wie die Stadtleut' vernagelt sein. (Laut.) An gut'n Tag soll sich der Herr anthu'n, und daß er sieht, daß wir am Land a die rechte Schmier hab'n (greift in den Sack), hat der Herr a paar Ansgrabene. (Gibt ihm einige Silberthaler.) Wann's der Herr in der Bank seh n laßt, so laffen's ihn gar nit mehr aus. Schlicht (zornig). So — so! Und was soll ich für das Alles thun? Schlüssel. Sei der Herr g'scheidt (vertraulich), die Juli muß außakummen — sie muß, und wenn i sag, sie muß — so is das g'rad so viel wie druckt. Schlicht. Lieber Freund, lange genug habe ich zugehört — sagen Sie mir endlich, *) Sauce. *) Hervor. **) Teig. 31 was Sie mit Allem dem wollen, sonst bin ich genöthigt — Schlüssel. Versteht der no nit! Hin- geh'n soll'ns und schau'n, daß' außakummt. (Bei Seite.) Trottel, dalketer! (Laut.) Rächer dort wo's nöthig is, a a bißl anschie- b'n — antauchen — versteht der Herr, so wie i bei Ehrm antaucht Hab. (Zeigt auf die Geschenke.) Wann man d'Sach ordentli an packt —geht Alles — Hab' i a schon gar Manchen auslassen, wann's a a Wengerl ausgiebig ausg'ruckt sein. Schlicht. Ah, jetzt Hab ich's satt! 3s das ein infamer Schlingel! Mich will e, zu Kniffen so mir nichts dir nichts verleiten mich! — es ist eine merkwürdige Frechheit! Weiß er, daß ich Lust habe, ihn die Stiege hinab zu werfen? Schlüssel l sieht zuerst ihn, dann Nanni IprachloS an). A. hast's g'hört! Dö Sprach' mit an Ortsrichter ; i laß n in Kotter sperr'«. Nanni. Aber Mann, sei g scheidt — Schlüssel. O nein — i bin im Stand - nein — i will mi nit vergreifen an ihm. (Pathetisch zu Nanni.) Nimm das Sachen, zähl' Alles, ob nir wegkummen is — such' sich der Herr an Most. (Trinkt.) Schau der Herr, wo er so an Butter kriegt. (Haut diese wüthend auf die Akten, von wo sie hinabkollert und von ihm am Rock abgewischt wird.) Und such' er sich an' Bücken mit dieser Satzung. Gelt, der Milliram hätt' ihm g'fall'n, ja — Präsenten annehmen und nir thun dafür — Nanni (zerrt immer an ihm). Aber Mann! Schlüssel (schlägt mit dem Stock ans den Tisch). Halt's Maul! Und So woll'n der Juli ihr'n Prozeß führen? Sö, der nit amal den Leuten was versprechen will, Sö! Nanni. Aber Du, hörst nit — Schlüssel (schleudert sie weg). Halts Maul! Sö, der behauptet, das Schmieren wär' heutzutag nit erforderlich, das woll'n Sie mir sagen — Sö Patscheter — Nanni. Mann! Schlüffe! (wie oben). Halt'- Maul! Nir kriegt er von uns, gar nir --- Ich werd' die Juli frei machen — i, weil i was von der Justiz versteh', und nit der! — Kumm! — Halt! — wir müssen uns bei so an Menschen nobl zag'n — a halbe Stund' war i bei Ihnen. (Zieht eine große Brieftasche hervor.) Sö brauchen Jhna Zeit — da ha- b ns 30 kr., 24 kr. is die Tar — zahlt Hab n wir — fahr der Herr ab. (Mit Na- ni, Schlicht stolz musternd, ab.) Sechste Scene. Schlicht (allein). Der Kerl ist zu dumm, als daß man ernstlich bös sein könnte. (Sieht auf die Uhr) Halb eiif. Die Verhandlung beginnt um eilf Uhr. (Nimmt seine Papiere, Hut und Stock.) Der Himmel gebe, daß sich ibr Schicksal günstig entscheide! (Durch die Mittelthür ab ) Verwandlung. (Ein Gesängnißhof. an den Wanden rechts und links numerirte Thüren Rückwärts ein kleines, von zwei Wachen besetztes Eingangsthor. So oft durch dasselbe Jemand eintritt, ertönt immer eine Glocke, auf welches die Thür geöffnet wird. ES klingelt an der Thür, und eS treten unter Wache« begleitnng ein) Siebente Scene. Pemstel in abgeschabtem, HapS jn elegantem Kostüm. Führer der Wache übergibt dem Wärter Praker ^ Papier. Prakcr. Schon wieder neue Gesellschaft. (Oeffnet die Thür'.) Freut mich, mein HeVk. Haps. Mich nicht. Prakcr (liest, brummt). Verhaftet — auf Nr. 35—36 — schon gut. (Wache ab.) 22 Pemstel. Sehr schön; statt daß ich ans ein Numero setz', setzen die ein Numero auf mich. Haps. Wie es hier aussieht, daß Gott erbarm' — wie werde ich meine vierundzwanzig Stunden überstehcn! Praker (kommt zurück, zu HapS). DaS ist Ihr Arrest. (Zeigt auf Nr. 34 ) Wegen was haben's denn Ihnen derg'lengt? (Zeigt stehlen.) Vielleicht — Haps. O nein— wissen Sie — rauchen Sie Zigarren? Praker. O, ich bitte, versteht sich — Haps. Dann hören Sie meinen Rath: Fahren Sie nie in einem Stellwagen. *) (Ab auf Nr. 34.) Achte Scene. Porige ohne Haps. Praker (sperrt immer die ^hüren auf und zu). Na, und was ist denn mit Ihnen? Is der Herr vielleicht a Vagabund, paßloses Gesindel — oder beschäftigt sich der Herr etwa mit Einbrechern? Pemstel. Das nicht; allein ich habe — (Pantomime des Stehlens.) Praker (forschend). Viel? Pemstel. Geht an! Praker. Na, da könne» Sie mit vier Wochen davonkommen. O, Sie armer Mann! Pemstel. Vier Wochen bloß— Sie, das war' nir, das wär' mir unangenehm, ich muß bis Georgi eing'sperrt bleib'u, sonst nimm is net an. Praker. Der arme Mensch hat sein Kopf verlor'n. Pemstel. Wissen Sie, die Sache verhält sich so. Ich bin zahlreicher Familienvater — ich habe nichts als ein Kind und sieben Weiber, will ich sagen sieben Weiber *) In Wien ist daS Rauchen in den sogenannten Stell- (Gesellschafts-) wagen polizeilich verboten. und ein Kind. Jetzt denken Sie sich folgende unangenehme Ereignisse: Michäli, ZinS! Keinen Kreuzer Geld — is das a schöne Gegend; der Hausherr hat uns an- gedrohtermaßen auf'n Bauch hinauswerfen lassen — aber so konnte es nicht bleiben, ich Hab' mich überall umg'schaut um «Quartier, aber die Wohnungsnoth ist zu groß. In Neu-Wien Hab' ich auch g'sucht— aber was is denn ein'm Menschen g'holfen, wenn er sich an eine Planken anlehnen kann, und sonst war nir z'finden. Ein Hausherr hätt' mich g'nommen, unter der Bedingung, daß meine Familie keinen Zuwachs mehr kriegt, aber auf eine solche Kapitulation Hab' ich unmöglich eingehen können — es blieb daher nur Eins über — ich und meine Familie hab'n beschloss'», jedes Stuck, wo was einz'stecken is, einzustecken, damit wir über n Winter wenigstens gut aufg'hob'n sein. Ich Hab heut' mit sechs Pfund G'selchten bei ein'm Fleischselcher den Anfang g macht. Praker. No, und wo ist denn Ihre Familie? Pemstel. Die schnipst noch — werd n schon nach einander einakommen. Praker. Die armen Leut ! Warum Hab' ich aber auch so a gut's Herz? Ich kann Niemand was Unangenehmes sagen. Hat der Herr Commiffär nit a erwähnt, daß vielleicht auch a Stück a 12 oder 25 — (Zeigt Prügel.) Pemstel. Sein s so gut! Praker. I frag' nur, weil ich hätt' den Haslinger a bißl einwaken müssen. Na, kummen's, lieber Freund, hier is Nr. 35. Pemstel. Is mir jedenfalls lieber als 25. Praker. Nur g'schwind hinein. Pemstel. Sie, 's iS verflucht separirt — hab'n's kein anderes zum Durchgeh n? Praker. Allons, ich Hab' mehr z'thun, da hab'n'S Jhna Brot (gibt ihm), 's Wasser steht d'rin. Pemstel. Der Wein auch? Praker. Wenn Sie was dringend biauchen, so warten'S nur, bis i kumm. 23 Pemstel (tritt in Nr. 35). So öffne dich, du stille Klause! (Die Thür wird gesperrt, er öffnet die Lucke, die an der Thür ist, und steckt den Kopf heraus.) Sie, wenn wer um mich fragt, ich bin heut' nicht zu Haus. (Verschwindet.) Neunte Scene. Praker (allein). Nun. hoffe ich, wird a mal a Ruh' sein, jetzt muß ich aber a bei meiner Fräul'n nachseh'n, sie is mir rekommandirt, i muß Obacht geb'n auf sie. (Will zu einer mit einer Nummer bezeichnet«! Thür, in diesem Augenblick wird geklingelt.) Schon wieder wer! (Oeffnet.) Zehnte Scene. Praker. Brandtner (in arg verwahrlostem Zustande, gibt Praker ein Papier). Brandt. Da is mein Erlaubnißschein —ich möcht' mit einer Arrestantin, mit einer Verbrecherin reden, na ja freili^—mit einer nirnutzigen Person — mit einer g'wiffen Juli Brandtner^ init mein Kind — Ptater5 Sie sein der Vater? (Für sich.) Den muß ich trösten. (Laut.) Bedaure. (Ab in eine Thür, die er öffnet.) Eilfte Scene. Brandtner (allein,zeigt auf verschiedeneThüren) Da logirt vielleicht a Mordbrenner, da ein Straßenräuber, mit an Wort, rund- nmadum nir wie lauter Bagage und in der Mitten d'rin mei' Tochter. — Wann i jetzt auf der Gaffen geh', so haßt's nit mehr: Da schaut's, der fidele Maurerg'sell, der Brandtner Christi, der G'spaßmacher, der alte Halodri —- a, Gott bewahr' — jetzt wispeln's: Da schaut's her, da geht er, der Brandtner, wißt's ös schon, sei' Tochter sitzt — denkt's eng, das leichtfertige Madl hat a Bracelet mitgeh'n lassen — no, muß a schöne Erziehung g'nossen hab'n — wann's schon so zeitlich anfangt. (Verhüllt fich's Gesicht.) O Du mein Gott — ich Hab s weit — recht weit bracht! (Bleibt in Schmerz versunken stehen.) Zwölfte Scene. Brandtner. Juli. Praker (aus dem Arrest). Praker. 'S is wer da, kummen's heraus. (Bei Seite.) Dem armen Madl muß man schon was nachseh'n. (Laut.) Zehn Minuten hab'ns Zeit, kan Sekunden mehr; wann's in der Zeit nit fertig sein, müßt i (plötzlich wieder freundlich) grob wer'n. (Ab.) Dreizehnte Scene. Juli. Brandtner. Brandt, (der sie nicht gewahrt). Wenns kummt, so will ich ihr sagen, daß sie Schand und Schmach auf mein Haupt g'bracht hat, daß sie uns entehrt hat für immer — daß i nir mehr wissen will von ihr, weil's zu schlecht is — daß i — daß i — (Sieht sie und fällt ihr um den Hals.) Juli, Juli, mein Kind! Juli. Vater, ich bin so froh, eng wieder z'seh'n, daß ich's gar nicht sag'n kann. Vater, wie geht's eng—seid's g'sund?(Zögernd.) WaS macht mein Leopold? Brandt. Mein Kind is a Verbrecherin — kann i da g'sund sein? Der Leopold is a ehrlicher Mensch, er will nir mehr wissen von Dir. Juli. Vater, redt's nit so — ich Hab' noch nie g log n, i lüg' a dießmal nit — Vater — i bin mir kaner Schuld bewußt und so Gott will, muß sich ja das Wahre Herausstellen. Brandt. Juli, denk', 's red t dein Vater zu Dir — es war außer Dir Niemand 24 im Zimmer, es kann's Niemand g'stohl'n Hab n — als — wie — red aufrichtig — hast vielleicht auf wem ein n Verdacht? Juli (greift sich aus die Stirne). Ein Verdacht? — Ja, ja! — Nein, nein, will i sagen — nein, Vater — man soll kein'm Menschen was Schlechte nachsagen, eh' man nit einn Beweis dafür hat. Brandt. Du hast ein n Verdacht — i kenn' Dir's an — red' — heraus mit der Färb'. Juli (ängstlich). Nein, nein, Vater — was glaubt's denn? I was nir, als daß mi kan, gar kan Schuld trifft. Brandt. Du hast kcin'n Verdacht? Du willst nit reden für dein' Ehr'? (Es ertönt die Sterbeglocke in der Ferne.) Hörst es? — 'S geht vielleicht g'rad wieder ein Mensch hinüber — wie deine Mutter vor vierzehn Tagen h'nübergangen is.—Wann «Mensch stirbt, so is das a heiliger Moment— ein jeder Andere soll da an seine Brust klopfen, und bei dem Anlaß an seine eigene Sterbstund' denken. Red', Juli; wirst Du «mal dein Aug' ruhig zudrucken können, wannst waßt, daß D' dein' alten Vätern frühzeitig unter d'Erden bracht hast? Ich sieh Dir'S an — Du hast was auf m Herzen — sag' mir's — oder i muß glauben, Du spielst Komödie mit mir. Juli (für sich). I kann kein« Verdacht äußern — wer weiß, ob der Herr Theodor damals a wirklich — i kunnt'n verleumden, das wär' unrecht. (Laut.) I Hab' nir am Herzen, gar nir — Brandt. Gut, so waß i a, was i Von Dir z'halten Hab'; wer unschuldig is an ein'm Verbrechen, der hat a an Beweis. Du hast aber kan andern, als dein Laugnen — i, dein Vater, sag' Dir's — Du hast g'stohl'n — Du g'hörst daher, wo'st bist. Aber das sag' i Dir a — daß i nir — gar nir von Dir wissen will, — i Hab' fast nir — aber Du bist enterbt; lieber verschenk' i Hab' und Gut auf der Gassen— i sag' mi los von Dir! (Kämpft mit sich selbst, eilt auf sie zu, tritt aber plötzlich wieder zurück.) Juli! g, — L sag' mi loS von Dir — auf ewig — ja, auf ewig! (Stürzt, wo er kam, ab.) Juli (ist in bitterliches Weine» ausgrbrochen; eilt ihrem Vater «ach, wank dann laut schluchzend in ihr Gefängniß). Vierzehnte Scene. Praker (ist schon früher herausgetreten, sperrt daS Thor rückwärts und die Thüre von Juli ab, dann wird geläutet). Heut' geht'S G'schäst. (Sperrt auf.) Schlüffe! (etwa- betrunken mit eingebundenem Kopfe). Wache (geht nach üblicher Zeremonie ab) Schlüssel (für sich). Bis jetzt Hab'ich der G'schicht ruhig zug'schaut —- die wer'n Aug'n machen, waun's hör'n, daß i der Ortsrichtcr bin. (Laut.) Wissen Sö, wer i bin? Praker (der die Schrift liest). Ein Besoffener! Schlüssel (freudig für sich). Er kennt mi nit. Soll i ehm'S gleich sagen, — na — er kunnt zu stark erschrecken. Waß der Herr, was i ang'stellt Hab'? Praker. G'rauft hat Er und an Gast im WirthshauS 'S BierglaS amKopfg'wor- fen, daß er a Loch hat wie a Zwanz'ger. Schlüffe!. Nur nit aufschneid'n, is nit «mal so groß wie a Zehnerl — waß der Herr — 'S war die Red' von mein Weib ihrer Godl, die eing'sperrt, aber unschuldig is — da hat aber so a Malefizraubcr behaupt't, sie hält' wirMch g'stohl'n — so a Livreewurstel — so a patscheter — na, da bin i übergangen und mit'n Glas « wen- gerl an sein Kopf ankomme» auf ans, zwa, drei hat der Kerl a Loch ^ i Han gar nit g'wußt wie? Praker. Da schaut der Mensch her! Wann der zweimal an Ein'm anknmmt, so trag'ns ihn auf d'Schmelz. *) Schlüssel. Jetzt stell' sich der Herr aber vor — auf dös is der Lump grob *) Friedhof in Wim. 25 wur'nund will mir a Flaschen auf nDuck'l wer-» fen, i hab'n aberschönderwischt. (Vertraulich 1 Er hat mi nit troffen, i hab's mit'» Kopf aufg'fangt. Praker. Da wird dem Herrn die Diät bei rmS gut thun. Pemstel (aus der Luke). Servus, Herr von Schlüssel — Servus — kennen's mi nit — bin ja Ihr Stammgast, wann bei Ihnen ausg'steckt is — wiffen's, i bin's, der nach'n dritten Krügl alleweil sein Weib karbatscht und die Kinder beutelt. Schlüssel (erkennt ihn). Meiner Sir! — Na, grüß' in Herrn Gott; wann kummt denn der Herr wieder außi zu uns? Pemstel. Ich Hab' keine Zeit jetzt — ich bin fix ang'stellt. Schlüssel. Lassen's gut sein, ihm kost's a Wort und wir sein draußt. Pemstel. I mag aber nit draußt sein. Schlüssel. Und i nit herin. (Leise zu Praker.) Es ist g'uug — i will Ihm sag'n wer i bin — und nocha ohne Pomp und Feierlichkeit fortgeh'n. Ich bin — (sagt ihm leise inS Ohr). Praker (ihn aufziehend). Ah!?! Schlüssel (beseligt). Is schon weg — is doch gut, wenn man was is. Praker (für sich). Das wär'ihm vielleicht unangenehm, wenn er deßwegen doch dableiben müßt' — warum Hab' ich so a gut'S Herz. (Laut.) Na, wann das ist — Schlüssel. Aha! — jetzt kommt gleich die Vivaterei! Praker. Nachher geht halt der Herr derweil auf Nr. 27. Schlüssel. Was? I, der Ortsrichter? Mir scheint, der Kerl hat ein' Rausch. Pemstel. Schaun's, daß'S dieseSitzung auch verschlafen — nur g'scheidt sein! Schlüssel. 3 Hab'alleweil glaubt, 's is G'spaß, die machen Ernst — die Schand', wann's die G'schwornen erfahr'n — i, der Ortsrichter, vielleicht gar bei Wasser und Brot! Pemstel. Na, bei Heurigen und Salami — da ziehet i gar nimmer aus! Schlüssel. O i bin a g'schlag'ner Mann — lassen's mi aus — Sie können bei mir Wein trinken, so lang's leb'n. Pemstel. Der Mann is g'sund, der braucht ka Wasserkur. Das ist die Straf' für Ihren Sechserlwein. Schlüssel. O Du mein Gott — i sitz' richtig — o, es g'schicht mir recht, i Hab' viel am G'wissen, aber i will nir Unrechts mehr thun. Ja, i Hab' (lamentirt ungeheuer) ja, i hab'n Wein g'waffert, daß'n ka ehrliche Seel' obibracht hat. Pemstel. Dank' Ihnen. (Verschwindet.) Schlüssel. I Hab' d'Stadtleut' an- g'schmiert, daß a Freud' war, und war was Preffants in der G'man, *) so Han is alle weil so lang ansteh'n lassen, bis d Leut vor lauter Schimpfen d'rauf vergessen hab'n, und jetzt Han i mein' Weib ihr Godl mehr einibracht, als daß i ihr g'nutzt hätt' — o es g'schicht ma recht — i bin a g'schlag'ner Mann! Fünfzehnte Scene. Vorige. Frau Nanni (mit einem Erlaub, nißschein eintretend). Praker (liest den Zettel). Passtrt! Schlüssel (fleht sie, kleinlaut). Na, pas- strt net — Mein Weib, was will denn die da? (Leise zu Praker.) B'halten's mein Weib statt meiner da — weg'n meiner können Sie's a paarmal fest durchwaffern. Praker. Geht nit. (Zu Nanni.) Ich werd's Ihrer Godl gleich sag'n. Nanni. Was machst denn Du da? ehender als wie i? Schlüssel. Ich han's net dawarten können. Nanni. Und was bedeut' denn der ein- bund'ne Schädl — bist eppa g'fall'n? Schlüssel. A bißl ang'rennt — wann i a weil sitz', wird's schon vergeh':,. *) Gemeinde. Nanni. Heunt' is d'Verhandlung — Gott spll geb'n, daß sie's außilassen. Schlüssel. Mi a — (sich verbessernd) soü's freu'n, wann's g'schicht. Sechzehnte Scene. Vorige. Praker. Juli (reinlich gekleidet). Zwei Mann Wache. Nanni. Juli, i bin's, da schau her; no, wan net — Juli. I dank' eng vom Herzen, seid's net bös auf mi wegen der Schand', die i Eng g'macht Hab'. Schlüssel (immer kleinlaut). Macht nir — heut' zu Tag' kummt ma leicht in a Schmier eini. Juli. Na, jetzt b'hüt' Gott — i mich fort — 's wird ja mein Urtheil g'fällt. Nanni. Pfirt Gott — i wir derweil fleißig beten für Dich. Schlüssel (beiSeite). Dalket's Weib! Sie hält'g'nug z'thun, wann's für ihren Mann beten that. Juli. Lebt's wohl! (Beide begleiten sie bis zum Ausgang, wo Zuli mit der Wache hin- au-tritt, dann kehren sie zurück, Praker schließt das Thor) Siebzehnte Scene. Vorige ohne Juli. Nanni. Jetzt kumm, Mann, jetzt geh n wir a. Schlüssel. Geh' nur zu — i bleib' no a bißl da — 's g'fallt ma da. Nanni. Bist verrückt? Schlüssel (für sich). Na eing'sperrt. (Laut.) I wart' da, bis d'Juli z'ruckkommt, daß is glei erfahr' — wie's steht — i kumm' schon nach. Nanni. Daß d aber bald kummst! Schlüssel. In a drei Vierteljahr — Stund' — Stund' will i sag'n. Nanni. Pfirt die Gott derweil. Schlüssel. Du, Weib, hörst net — geh' — gib mir a Bußl! Nanni. Hast ja schon neun Jahr kann's woll'n, was haßt denn das heut ? Schlüssel (gibt ihr einen Kuß und schluchzt laut). Ich bin halt gar so sakrisch gut auf- g legt. (Umarmen sich. Nanni durch die Mittelthür ab.) Schlüssel (zu Praker mit PathoS). Jetzt, Wächter! bin ich euer Gefangener! (Heulend mit ihm ab auf Nr. 27.) Verwandlung (Aermliches Zimmer bei Brandtner, dasselbe ist jedoch mit Guirlanden aus Papier festlich geschmückt. Der ganze Aufputz ist aber kindisch und mit einer gewissen Armseligkeit in's Werk gesetzt; wie dteß allenfalls bei Hausbällen in. ärmeren Familien ftattfindet. Eine große Tafel., welche mit Gerichten, wie: Gugelhupf, Schinken.. Krapfen, erner mit Bierkrügen beladen ist. Viele den nieder» Kreisen angehörende Hochzeitsgäste. Zipfel und Kathi als Brautpaar. Kranzeljungsern. Zwei Beistände. Unter den Gästen Quirl's Hausmei- terin, Greißlerin, Tabakkrämer, die sechs Kinder Zipfel s, ein Orchester. Nachdem die Gäste eingetreten sind und sich gesetzt haben:) Achtzehnte Scene. Zipfel. Indem ich dieß Champagner glas — Seitelstutzen will ich sagen erhebe, danke ich der verehelichen Gesellschaft für die Auszeichnung, daß Sie meine Hochzeit mit der tugendsamen Jungfrau Kathi — Kathi (versteckt ihr Gesicht hinter dem Fächer). Hör' auf! Zipfel. Warum soll ich g'rad bei der Tugend anfhör'n?—die Ehre Ihrer Anwesenheit geschenkt haben. Gaste. Bitte! die Ehre ist unserseits. Zipfel. Sie müssen verzeih « — unser 27 Quartier iS no nit herg'richt — die Ausstattung iS no nit fertig — das Silber« g'schirr iS noch beim Zinngießer und das Meublement noch am Spittelberg — 's is auch nur ein Zufall, daß wir das Quartier da kriegt hab'n, es hat früher ein' Maurer, ein' g'wiffen Brandtner g'hört, aber der Hausherr hat'n hol'n lassen und ihm g'sagt, er muß auf der Stell' auszieh'n, er und die Partei'« leiden ka Bagage im HauS — denn denken's Ihnen, seine Tochter, die sitzt wegen ein' g'stohlenen Brace- lett — der Brandtner hat sich's nit zweimal sagen lassen, is gangen, und nimmer kommen. Michaeli is, wir sein einzogen und — (zu den Kindern) Kinder, freßt'snitso viel. Hausmeisterin. Ui, diese Juli, das war aber auch a Person! I bitt' Ihnen, wann i, die Hausmeisterin, g'fragt Hab', was ob'n bei ihrer Herrschaft vorgeht, die G'schnappigkeit hätten's hör'n sollen! Greißler in. Und bei mir hat's ihr Lebtag nir kauft — in der Stadt, in die G'würzg'wölber kriegt man Alles besser, hat's g'sagt. Tabakkrämer. Und mir hat's gar a! Ohrfeig'n geb'n woll'n, weil ich ihr — (sich besinnend) wegen Dummheiten. Zipfel. Sie is mit ein Wort eine nir« nutzige Person, in Grund und Boden verdorben, wenig hatte gefehlt und diese Schlange hätte auch mich umstrickt, aber Gott Amor (mit süßem Blick auf Kathi) hat zur rechten Zeit einen Pfitschipfeil auf mich adgesendet, und jetzt weile ich in Wonne. Aber meine Herren, die Frankfurter duften ambrosisch, die Krapfen sind wahre Sem- meringbauten; stürmen Sie diesen Gugelhupf Malakoff und hauen Sie ein, zuerst das Diner, dann zum Sträußl am Ball. Schlicht. Ein Fest? Wo ist Herr Brandtner ? Zipfel. Fort, seit drei Tagen hat er sich hier nimmer seh'n lassen. Die Leut' sag'n, daß'n die Aufführung seiner Tochter vielleicht zu-na ja — (nobel) so Leut' — Juli (leise zu Schlicht). Er war erst heute bei mir. Schlicht (zu ihr). Ich will selbst fort, ihn aufzusuchen; wer weiß, wozu die Verzweiflung diesen Mann treibt. (Laut.) Ich überlasse Ihnen dieses Kind auf wenige Stunden. Ich theile Ihnen mit, daß der hohe Gerichtshof die Juli Brandtner in Berücksichtigung so mancher Gründe soeben wegen Mangel an Beweis des ihr angeschuldeten Verbrechens freigesprochen hat. — Die Anzeichen liegen freilich gegen sie vor, aber der Schein trügt, und ich bin fest überzeugt, daß noch eine Zeit kommen muß, wo die gänzliche Unschuld meiner armen Clientin sonnenklar an den Tag kommen wird. Sie werden gewiß dieselbe Ueberzeugung hegen; bedenken Sic, daß es eine fürchterliche Grausamkeit ist, Jemand eines Verbrechens zu beschuldigen, woran er unschuldig ist, daß der falsche Verdacht, der Fluch für ein ganzes Leben bleibt. Sic werden die Juli aufnehmen, Sie werden ihr als Freunde zur Seite stehen, Sie nicht kränken — nein, Sie werden ihr als Men schenfreunde nach ihrem Unglücke freundlich, recht freundlich entgegenkommen. — Auf baldiges Wiedersehen! (Ab.) Zwanzigste Scene. Vorige ohne Schlicht. Neunzehnte Scene. Vorige. Juli. Schlicht. Alle. (Erstaunt). Die Juli? Juli. Was is denn das? in mein Vätern sein Haus — wo ist er denn? Juli. Der Vater fort — fremde Leut' im Quartier — wie hängt das z'samm? Kathi. Wie's schlecht ausschaut — sic eroarmt mi — Zipfel. Also wegen Mangel an Beweis? 28 Greißlerin. Haha! daß i nit lach — wegen Mangel an Beweis — das is a Unschuld, die sich g'waschen hat. Alle (lachen). Hausmeistern». Aber g'scheidt muß's die Jungfer ang'stellt hab'n — sehr g'scheidt — ja, da schaut oft Ani aus, als ob's nit Fünfe zählen könnt' — derweil halt's die g'scheidtesten Leut' für ein Narr'n. Juli. Aber, Frau Liesel, ich Hab' Ihnen ja nir than. Tabakkrämer. Was haßt dös: wegen Mangel an Beweis — Alles abgeläugnet, pfiffig ersonnene Schnipferei — diplomatische Gral'erei — effectvoll angelegte Tar- tüfferei — Beseitigung der gravirenden Umstände — niederträchtiges G'sindel. Juli (weint heftig). Nur zu — nur zu — ich Hab s ja verdient — no — is Kaner mehr da, der ein Stein hat für mich? Zipfel. Ja, »venu »narr auf Gold und Brillanten sitzt, dann ist ein Nartrs tail- leair freulich kein ebenbürtiger Adorateur —7 aber auch der Hlartrs tnillsur hat sein point ä'lionnsur, auch der Narlr o tuil- Isur hat seine Momente, wo ihn sein Stolz erfaßt, und wo er sich vor das Laster so hkn- stellt (umarmt Kathi) triumphirend und spricht: Pfui — schämen Sie sich — ich verabscheue Sie — »nit einem Worte — juMLIk! — Greißlerin. Und »vie's keck da steh'n bleibt, anstatt daß's vor Schand in d'Er- den sinket! Tabakkrämer: Ja, i weiß nit, wir sein so a solide G'sellschast — Alle. Freili! Hinaus »nit ihr —hinaus! Kathi. Halt, halt, Ihr seid's do z'hart mit ihr. Juli (rafft ihr Bündel auf). O Gott — i geh' ja so — ja gleich — auf der Stell' — so weit mich ineine Füß' trag'»», ich kumm nimmer z'ruck — gar nie. Sie hab'n hart g'handelt an mir, hart und unbarmherzig, ich wünsch' ans voller Brust, daß Gie'S gar nie bereuen. (Ab.) Einundzwanzigste Scene. Vorige ohne Juli. Gäste. Bravo! draußt is! Zipfel. Wir honetten Leut' sein wieder beisammen, die Obmi-rnonäs is hinaus- g'fcuert; jetzt lustig und kreuzfidel! Tabakkrämer. Singen's was, Herr Zipfel. Sie waren ja unter Andern neunzehn Jahr Statist beim Theater. Sic »nüssen Ihnen doch was g'merkt hab'n? Zipfel. Was Statist, ich war Sta- iistenanführer, Gast. Ich Hab' Ihnen ja selber g'seh'n. Zipfel. In was bab'ns mich g'seh'n? Gast. In »Wilhelm Tell«. Zipfel. Was Hab' i da d'rin g'macht? Gast. Die Stange, wo dem Geßler sein Hut d'rauf g'henkt is. Zipfel. Geh'ns zürn Teufel; aber gut, ich sing' Ihnen ein Couplet, da wer'n Sie schau'n, das is Ihnen so fein g'halten, daß kein Mensch auf'n Refrain kommt. Gäste. Laffen's hör'n. (Bei dem folgenden Couplet fingt Zipfel die Eingangsstropht, wie er jedoch den Refrain anfangeu will, so kommt ihm der Chor zuvor.) Couplet. 1 . Am Grab'n, vor an G'wölb gibt's a großes Gedräng', Cs wird für die Leut' die Paffag' viel zu eng. Hat sich wer entleibt? Oder was is denn g'scheg'n? So kommen an 10 —12 Personen ent- geg'n. O nein, 's is kein Unglück, so hört man wen sag'n, Ein anderes Ereigniß hat sich zngetrag'n, Bedenken's, die Grille is d'rin in dem G'schäft. Chor. O Menschengeschlecht! Unterthänig- ster Knecht! Mir is recht. Zipfel (Prosa). Das war zu kickt — was Anders — 2. A G'sckäftshaus, ein altes, was lange schon steht, Bekannt durch Credit und durch Solidität, DaS stellt g'fchwind auf einmal die Zahlungen ein. Die Leute fag'n: Mein Gott, wie kann denn das sein? Die Leute wvll'n reich wer'n, so ganz ohne Plag', Sie woll'n nimmer arbeiten, das is die Sack', A Windstoß wirft'sum, und wo is der Credit? Chor. An Aschen! An Aschen! Zipfe! (Prosa). Oes seid's Kreuzköpf'ln — ös kummt's a aus Alles. — Na aber jetzt — 3 . 'S steht jetzt in der Zeitung, ganz deutlich und klar, D' Quartiernoth, die is in sechs Monat' schon gar, Die Stadt wird erweitert, und draußt am Glacis Da krieg'n wir die Zinshäuser, g'steigert wird nie. Und daß dabei auch für das Volkswohl was g'schicht, So wer'n auch für d'Arbeiter Häuser erricht'. Das steht in der Zeitung schon drei Vierteljahr'. Chor. Und 's is Alles net wahr, und 's is Alles nit wahr. Zipfel (zornig ab). Tabakkrämkr (bringt ihn zurück, Prosa). Singen's weiter. Was jetzt kommt, errathell wir g'wiß net. Zipfel. Infam! Alleweil platzen's d'rein! Einmal noch — 4 . A Dam' vom Ballet, die schreit laut voll Wuth: Na, wie man uns Mäd'ln jetzt ausrich- ten thut, Als ob eine Tänzerin, 's is schrecklich, aus Ehr', Solid nit auch sein könnt' und brav g'we- sen wär'. Sö, sagt's zu ein' Herrn, ja bei mir wer'n Sös seg'n, Nicht Jede, die wandelt auf schlüpfrigen Weg'n, Ich trumpf Jeden ab, Sö, und ohne Pardon. Chor. Aber ich bitt' Ihnen, machen's ka Erwähnung davon. Zipfel (Prosa). Jetzt Hab' ich's g'nug — für was sing ich denn, wenn sie überall dereinplarren? Volk, jetzt bitt' ich um Ruhe! 5 . Die Preise von Zucker, die Preif von Kaffee, A, das is unglaublich, geh'n die jetzt in d'Höh', ^o schreit das Kaffeestedermitt'l, geht her, Begehrt für die Melange um ein Kreuzer gleich mehr. Die Zeit, die wird anders, die Preis faü'n herunt', So daß die Melange wieder abgehen kunnt'. Doch glaub'ns, daß's Kaffeesiedermittl das will? Chor. Ja, da sein's mäuserlstill. Zipfel (Prosa). Jetzt is mir schon alles- eins. 6. Acht Tag is noch Zeit, nachher wär' eS zu spät, Wie oft so was net in der Zeitung d'rin steht. Man soll sich beeilen mit dem Ankauf der Loos, A Jeder muß g'winnen, die G'schicht geht famos, A jedes Loos wird zog'n, daher kommt das G'riß, Ob jetzt, ob in dreißig Jahr'n, das was ma M g'wiß. 30 Und doch gib's Leut', denen's net einleuchten thut. Chor. Und sie meinen's so gut, so gut, so gut rc. Verwandlung« (Nacht. Der Donaucanal vor dem Rothenthurmthor in Wien. *) Aus dem jenseitigen User die Leopoldstadt, in welcher die Kaffeehäuser erleuchtet sind. Die Ferdinandsbrücke, welche aus der Bühne mündet. Aus der Straße Gascandelaber, als Coulissen vorne in richtiger Perspective die Stadtmauer oder das Rothenthurmthor, der dritte Stock eines der der Brücke nahegelegenen Häuser der Leopoldstadt hell erleuchtet. Man steht daselbst Figuren sich walzerartig herumdrehen.) Zweiundzwanzigste Scene. Juli (wankt mit einem Bündel Habseligkeiten aus der koulisse). Die Füß' — sie schmerzen, i kann nit mehr weiter — da kann i wanen — ungenirt — allein, ganz allein — da is kein Mensch — der mich beschimpft, der mich mit Füßen tritt; kaner, der mich anspnckt und veracht'. — Wird das so fortgehen — werd' ich immer a Auswurf bleiben unter die Menschen — kan Vater soll i mehr Hab n — ka Mutter — und ka Seel', die für mich fühlt — kan Menschen — der mi liebt? (Im Hause der Leopoldstadt ertönt ein Walzer.) Da oben springen's und tanzen's, — da sein g'wiß lustige, — brave — ehrliche Leut' beisamm' wie kunnten's sonst so lustig sein — da ob'n tanzen's, und da möcht' Eine rief unten liegen unter der Erd'. (Stützt die Hände am Kops und verharrt einige Augenblicke, die Musik verstummt.) Veracht' wir i sortleb'n und wann mich Aner a Dibin heißt, so muß i's einstecken, darf nir sagen, denn für mein' Schuldlosigkeit Hab' ich ja kein Beweis. (Schluchzt heftig.) So wird mein Leben sein. (Richtet sich aus, gewahrt die Donau.) Das Wasser, wie's so ruhig laust — (Phan- tafirend.) Da unt' is Frieden — da nnt' e,!ll iu. (Mit sich selbst kämpfend, laust dem User zu ) Muß i so a Leb'n erwarten, lieber Gott' steh mir bei! (Seufzt tief aus und läuft jdem Wasser zu) — (Kurze tief-ernste melodramatische Musik) Zweiundzwanzigste Scene. (Man hört zuerst in der Entfernung fingen, wir es halb Angetrunkene zu thun pflegen, dann schreiten Theodor und Robert über die Brücke.) Theod. War das ein Jur heute! diese aufgepntzten Mädel, die erst kirre werden, wenn ihnen der Champagner in die Köpfe steigt; dann meine Braut mit ihrer Liebe, ach und diese Räusche heute! — Hahaha! mir scheint, Robert — Du hast Dir auch einen angezecht? (Man hört einen schwachen Hilfems.) Was ist das? Hast Du's gehört — ein Hilferuf — (Eilt zum Brückengitter.) Dort — vielleicht ein Menschenleben — siehst Du — schnell hin! (Wirst Frack und Hut weg und eilt ab.) Robert (steht ihm nach.) Er ist schnell wie der Wind, er springt in's Wasser — sieh — er faßt die Gellalt — ein Teufelskerl — er bringt sie an's Ufer — schnell ihm entgegen — Theod. (kommt, die besinnungslose Juli auf dem Arm). Sie ist gerettet! (Trägt sie zur Laterne und steht ihr ins Gesicht.) Robert. Ein hübsches Gesicht — Theod. (fährt entsetzt auf. stürzt in dem Vordergrund aus die Knie). Juli! heiliger Gott! Ich bin ihr Mörder! (Das Orchester fällt stürmisch ein. Der Vorhang fällt schnell.) *) Dieser Ort kann beliebig in jede Stadt verlegt werden, wo das Stück ausgesührt wird. Dritte« Art. (Das Theater ist in zwei Hälften getheilt. Vorn Publicum aus rechts ein Mandolettigewölb mit einer Thür aus die Straße und einer Seitenthür in die b oulisse. Rechts eine Budem it Bäckereien rc., ein Tischchen mit zwei Stühlen. Links Zipfel s Schneider werkstätte, ebenfalls mit einer Auslage auf die Straße und Seitenthür links. Eine Schnciderbank, aus welcher im Kreise Herumsitzen die sechs Buben des Zipfel. Seitwärts ein Kleiderstock, an welchem fertige Damenkleider hängen. Eine angezogene Damenfigur aus Wachs im Vordergrund. Beide Hälften find durch eine Thür verbunden: links Zipfel mit seinen sechs Buben, rechts Kathi und Juli, welche die zeitweise eintretenden Käufer bedienen, dann fitzen an dem Tischchen zwei Herren, welche Bäckereiin verzehren. ' Erste Scene. Zipfel (fitzt in der Mitte, ebenfalls mit Nähen beschäftigt). Chor der sechs Buben: Der Schneider, der naht allweil g'schwind Stets Stich auf Stich mit Fleiß d rauf los, D'rum wird er oft vom Nah'n blind, O Schneiderunglück, du bist groß. Zipfelt durch die Nase singend). So blind wird er, daß er oft nicht Vor Blindheit selbst sein Geld mehr siecht. Chor. D'rum du, mein liebes Schneiderlein, Pack nur geschwinde ein, 'S G'schäft geht ein, D'Kundschaft geht ein, O..D« liebes Schneiderlein, Alles geht ein. Zipfel, D'rum wer heut' zu Tag a Schneider is, Der hat. Pech, der hat Pech, Denn ein Schneider sitzt jetzt g'wiß D'rin im Pech, d rin im Pech. Chor. Und klopft man an Bei einem Herrn, Und möcht' sein Geld Für d'Arbeit gern, Da heißt's: Jetzt fahr'ns gleich ab, ach Herr Iegerle! Zipfel. Ja wohl, ach Herr Iegerle! Die Leut' sag'n, 's gibt heut' zu Tag kan Lurus mehr; was is denn nachher «Schneider? Jetzt, wo mau in Mariahilf schon d Röck um 4 Gulden kriegt, und wann a solcher z'reißt, na so kauft man sich halt an andern, und jeden zweitcn Tag z'reißt einer — jetzt kann man sich denken, wie so ein G'schäft die Schneiderschaft zu Grund' richt'. D'rum wenn ein Schneider nit z'Grund geh n will, so bleibt ihm nir über, als mit der Zeit zu geh'n — beim gewöhnlichen G'wand schaut nir mehr heraus, als der Concurs; aber (zeigt aus die ausgehängten Kleider) solche Erfindungen, die machen Einen populär — gesucht — vergöttert. Ein gewöhnliches Kleid mit Volants — pfui Teufel, wie plebejisch, — aber hier (zeigt ein Kleid her) lauter Volants und gar kein Kleid, das heiß' ich genial. Ein gewöhnliches Kazapalkerl a la, Nachtleibl — tiäonL, HUtzl irlarnnAs! aber hier dieses Jopperl mit Aermeln ä. In Oriuoliiw und dieser Stoff — es geht Alles in Fransen auf. Das ist Schwung, Dichtung, Phantasie! Aber die früheren Reifröcke, was war das für ein höheres G'frett — aber da schaut's her (tritt zur Figur), hier meine Crinoline ü Ooäarä nach luftballoni- schem Princip. So muß man's anpacken, nachher kommt man zu was. (Für sich.) Und mich schaut's an, wie ich ang'legt bin; das ist halt modern,'neuestes Journal. Erster Herr (im Mandolettigewölbe, bei Seite). Jetzt bin ich doch begierig, wie lange dieser Mensch noch dableibt — ich muß mit ihr reden — um jeden Preis in Gottesnamen, noch einen Aepfelstrudel. (Geht mit dem Teller zur Bude, holt sich einen S2 u»d beginnt ihn mit wüthenden Blicken auf den zweiten Herrn zu verzehren.) Zweiter Herr. Das ist jetzt mein vier zehntes Nußkipfel — sechs Oberskrapfen — neun Gollatscken und einen ganzen Gugelhupf Hab' ich schon unten — er muß doch endlich gehen. (Sieht Zuli durch den Zwicker an.) Superb! (Zornig.) Unverschäm 1er Kerl! (Geht ebenfalls zur Bude.) Nock ein' Stück Gugelhupf. Svlv. Vater! wir sein hungrig — wir bab'n seit der Früh nir kriegt. Zipfel. Schreit's nit so—sonstkriegt's gleich was, wann's d'Stiefmutter hört - d'Mutter spart halt. Svlv. Heur' iS Freitag, da krieg'n wir gar nir. iWeint.) Bei uns dauert d'Fasten s ganze Jahr. Zipfel. Freitag is beut'? (Streicht sich dm Bauch.) Ach. was anfangen? Diese Oeconomie! Sylv. So a strenge Mutter — ui! (Weint.) Zipfel. Was is z macken? Wann i ihr was sag', thut's g'rad das Gegentheil, wann i was red', so kriegt's ös acht Tag' nir — 's is niederträchtig — fallt mir denn gar nir ein? Erster Herr (für sich). Ick bring' nir mehr hinunter. (Laut.) Bitte noch um ein' Mohnbeugel. Zweiter Herr (wüthend. laut). Wirklich ausgezeichnet — solchen Gugelhupf könnte man ewig essen. (Bei Seite.) Mir is nicht gut, aber ich geh' nicht. (Laut.) Bitt' noch um (betonend) drei Portionen. Zipfel. So kaun's geh'n. Kinder, Ihr sollt's heut' Fastenspeis essen, daß nit Platz habt's in eurer Haut. (Oeffnet die Thür.) Du Frau! (Zu den Kindern.) «Kebt's Acht! Kathi (tritt in's andere Zimmer^. Na, was gibt's — seid's fleißig g'west was ist denn g'arbeit' wor'n heut ? Seh'n will ich's. Zipfel (für sich). DasCommaudo! ganz Generalstab. (Laut.) Beruhige Dich, Hälfte, fchau' nur unsere heutigen Erledigungen an — hier Hab' ich der mageren Glaserin von drüben einen Oberleib mit einem Umkonpoint g'macht, daß die Leut' iht'n Aug'n nit trau'u wer'n; ich sag' nir, als acht Pfund Watta. Für die Blumenmacherin in der laugen Gassen eine neue Besatzung für ihren Mantel; (affectirt) ick hake durch diese Arbeiten sehr gelitten. Kathi. Na, 's geht an — übrigens 's is no nit Feierabend — in mein' Hauwird nit g'faulenzt — marsch, Bub'n, zur Arbeit — a Faulenzer kummt sein Lebtag zu nir. (Die Buben eilen zur Arbeit.) Zipfel. Jetzt fang' i an. Na, nur nit so spitzig — in dein' HauS — waS bin denn nachher ich? Kathi. Du — daß i nit lach' —wann ich Dich nit so kurz haltet — wo wär'n wir denn — ha? Zipfel. Du nimmst Dir zu viel heraus, mein Kind — das konnyt daher, Du verstehst zu wenig von der Wirthschast. Kathi. Na, Dir werd' i folgen — Dir — so muß er ausschau'n! Hahaha! I Dir folgen! Zipfel. Ja, mir! Was Hab' ich rrst heut' wieder g'hört? Du willst die Kinder heut' tractir'n, willst ein' ganzen Strudl zu Mittag hergeben? Das leid' i nit — das ist keineWirthschaft, daS ist Verschwendung, Fraß und Völlerei! Das leid' i nit! Kathi. Das hält' i g'sagt? i?Na, aber justament; i will dock seh'n, wer Recht b'halt. Zipfel. Die Kinder soll'n nur amal an Tag fasten, das schad't ihnen nir. Kathi (ballt die Faust). Nein, die Kinder krieg'n just was. Zipfel. Nein, sag' ich. Kathi. Jajajajaja! Und nit ein Strudl —^ sechs zehn — zwanzig — justament! (Eilt ins Gewölbe und kommt mit ein-r Masse Bäckereien zurück, die Kinder klatschen heimlich in die Hände.) Da — Uttd da — da habt's — Alles g'hört eng. Zipfel (stampft mit dem Fuß). Ich leid'- 33 net — gleich trägst es wieder fort. (Leise.) Es geht herrlich! Kathi. Du leid'st es nit? So — na, so wart' a biß'l. (Eilt wieder hinaus und räumt die ganze Bude ab, zu den Herren) 's is Alles verkauft. (Kommt in die Werkstätte.) Da — Alles g'hört eng — freßt's, Kinder — hört's nit auf engern Vätern. Na, Mann — mir willst Du-befehlen? Han? (Lacht höhnisch.) Leid'st es no alleweil nit? (Haut mit den Händen herum.) Ja, wann i mir was in mein' Kopf setz', so muß's geh'n oder brechen. (Stürmt hinaus in ihr Gewölbe und von dort in die Seitenthür. Die Kinder tanzen freudig um die Bäckerei herum, Zipfel hält fich vor Lachen den Bauch.) Zipfel. Gut is 'gangen. Jetzt kummt's, Kinder, setzt geh'n wir fasten. (Packt Alles zusammen und geht mit den jubelnden Kindern in die Seitenthür links ab.) Erster Herr. Alles verkauft und der Kerl geht noch nicht. (Zum zweiten.) Man speist hier sehr gut. Zweiter Herr. Gewiß;doch liegt einem das Zeug im Magen. Erster Herr. Da wird Ihnen Bewegung gut thun, viel Bewegung. Zweiter Herr. Freilich! (Für sich.) Er geht noch nicht — jetzt Hab' ich's g'nug. Beide. Zahlen! (Leise.) Schade! Juli (nimmt das Geld). Danke; empfehle mich. Erster Herr. Wird schon gesperrt? Juli. Die Waar' is weg — da wird's G'wölb immer g'sperrt. Beide. So? Erster Herr (für sich). Ich geh' zu meinem Doctor. Zweiter Herr (zahlend). Ich habe 14 Nußkipfeln, 6 Oberskrapfen, 9 Gollatschen, ein ganzen Gugelhupf und ertra 3 Portionen. Juli. Macht 1 fl. 54 kr. Erster Herr. Da sein zwei Einserl — o ich bitte das Sechserl ein anderes Mal — Beide (sehen sich im Abgehen oft um auf Juli). Adieu, auf Wiedersehen — (Für fich.) Theater-Repertoire Nr. 186 . Zudringlicher Kerl! (Beide ab, der zweite Herr stolpert bei der Thür hinaus.) Zweite Scene. Juli (allein). Gott sei Dank, ich bin wieder allein, ich kann wieder Nachdenken über mein eigenes Schicksal, i kann wieder wanen. — (Es klopft.) Herein! Leopold — Du bist eS, tausch' ich mich net? Dritte Scene. Juli. Leopold. Leop. Du irrst Dich net — Juli — ja ich bin's. Kannst mich denn no an- schau'n? Juli — sag', geh' i Dir nit bis daher? Juli. Warum deun, Leopold? — Du hast Dich losg'sagt von mir, wie i vorig's Monat in Untersuchung war — i find's begreiflich, daß dein Herz nit an a Madl hängen kann, die eing'sperrt war wegen ein'n schweren Verdacht. Du hast a Ehr- g'fühl — sei g'wiß, Leopold, daß i das begreif', und daß i Dir deshalb nit zür'n. Leop. Ja, Juli! i Hab' dös than. Die Leut' hab'n mir in d'Ohr'n zischelt und mir'n Kopf so lang warm g'macht, bis 'S Herz roglich wor'n is, aber jetzt, Juli, bin i wieder zu mir kummen, —waßt— i Hab' mir's überdenkt, es is mir eing'fall'n, wie wir oft vertraulich miteinander g'red't hab'n wie Du nie was Hamlich's vor mir g'habt, sondern mir no immer Alles vertraut hast, was Dir am Herzen war, und da Hab' i mir denkt, es is ja gut z'machen, was i g'than Hab' — i will hin zu ihr — sie wird mich versteh'n und verzeih'«. Juli! i glaub's fest, Du hast net g'stohl'n, i selber leg' die Hand für Dich in's Feuer — jetzt, wo Du mir so ehrlich in's G'sicht schaust. — Aber ein anderes Verbrechen hast begangen, a schwer's — der liebe Himmel soll Dir's 3 34 verzeih'» — Du hast Hand anleg'n woll'n an dein Leben. Juli (schaudernd). Leopold — 's gibtAu- genblick — wo wir Menschen uns vom guten Herrgott verlassen glauben, und wo wir selber nit wissen, was wir thun; ich Hab' schwer g'fehlt — i waß, Leopold, aber ich will a den Leuten verzeih'n — die mich zum Letzten g'trieb'n hab'n. Leop. Nir mehr davon. Sirt, Juli — ich bin zu meine Verwandten, Hab' ihnen den Fall erzählt — und sie san einverstanden mit dem, was ich thue. Und i, der Maurermaster Leopold Huber, halt jetzt da aus dem Platz um dein Herz und deine Hand an. Juli (gerührt). Du bist no der Alte mein guter, treuer Pold'l — jetzt hör' aber a meine Antwort — Du weißt — mein Vater hat mich verlassen — er will nir wissen mehr von mir. Leop. I was, er is a Saufaus wor'n und schleicht draußt in Lerchenfeld von ein' Wirthshaus in'S andere. Juli. Alles hat mich z'ruckg'stoßen und nur die Leut' da, die echte Wiener san, die zwar fehlen können, aber ihre Fehler a gern wieder gut machen, hab'n mich aufg'nom- men für ihr G'schäft. Alle andern Leut' aber, die mich kennen, halten mich jetzt noch für a Verbrecherin, so gut wie damals. Und das ist der Grund, Leopold, warum i nit dein Weib wer'n kann. Du waßt es so gut wie i, daß mi ka Schuld trifft, aber ich Hab' ka Ehr' in den Augen der Welt, man schaut mich über d'Achsel an — i bin ver- acht't. (Sehr weich.) I dank' Dir recht schön, Leopold, Du hast es gut g'mant— i dank' Dir recht schön. (Drückt ihm warm die Hand, dann ab.) Vierte Scene. Leopold (allein). Sie nimmt mi nit, sie zahlt mit gleicher Münz' zurück. — So handelt ka schlecht's Madl — jetzt sich' i erst recht, daß sie frei is von aller Schuld. — Was soll i thun? — i will z'erst ihr'« Vätern suchen — er muß sich mit sein'm Kind versöhnen, und dann muß er a für mich bei ihr reden. (Schnell ab.) Fünfte Scene. Kat hi (schleicht vorsichtig aus der Scitenthür rechts). Ich muß doch schau'n, ob matt sich traut ) mir zu widersetzen, und ob er die Kin der ruhig essen laßt. (Schleicht hinüber und blickt in die Seitenthür links durch das Schlüsselloch.) Was sich i? sie lachen und springen Alle mitsammen — er selber frißt am mei- — ah, mich trifft der Schlag, mir nt, i bin ihnen aufg'seffen. (Sie hört das Geräusch Theodors im andern Gewölb.) Was ist denn das? (Sieht hinüber durch die Thür.) Ein nobler Herr! Sechste Scene. Theodor. Kathi (lauschend). Theod. Niemand hier — der Vater erzählte mir doch, daß er das arme Kind hier in Verpflegung gegeben habe — nirgends eine menschliche Seele. Kathi. Wels will denn der? das ttiuß ich seh'n. Theod. Vielleicht wenn ich hier klopfe. (Klopft rechts.) Siebente Scene. Vorige. Juli (tritt heraus). Juli. Wer ist's? — o Gott! (Schnell wieder ruhig.) Sö san's, Herr Theodor — was bringt denn Ihnen noch zu mir? Ah, i waß schon. Sie sein mein Lebensretter — Sie woll'n, daß ich Ihnen nochamal dank 35 für die edle That, die Sie an mir gethan. Sö wissen ja, ich bin arm und verlassen — i kann mit nir Andern danken, als wie mit Worten. Thed. Sprechen Sie nicht so — ich habe meine Menschenpflicht erfüllt — nichts weiter. O Juli, sehen Sie meine trübe Stirne — meine Scheu vor Ihnen — Juli — Sie wissen es, hier — (die Hand aus die Brust legend) hier drückt eine schwere Last. Achte Scene. Vorige. Schlicht (erscheint an der Thür und bleibt lauschend stehen). Schlicht. Theodor hier? was mag er wollen? Jpl i. Ich wüßt nit, was Sie sich vor- z'werfen hätten — im.Gegentheil, Sie haben a edle That verübt — Sie sollten ein leichtes Gewissen haben. Theod. Sie wollen mich nicht versteh'n — gut — so hören Sie denn: das Ereigniß, welches für Sie so folgenschwer wurde, das Ihr Familienglück und Ihre Ehre zerstörte — was Sie zur Verzweiflung trieb — (vernichtet) ist mein Werk. Schlicht (für sich). Hör' ich recht? (Bleibt in ängstlicher Spannung stehen.) Juli. Ihr Werk — Herr Theodor — Sie wer'« doch nit —? Theod. Ich hatte Schulden gemacht, weit über meine Kräfte, meinem guten Vater, der sich längst für mich geopfert, vermochte ich mich nicht zu entdecken. Meine Tante, sonst mein Rettungsanker, wollte sich nicht mehr zu einem Darlehen Herbeilaffen — auf dem Punkt, meinen Credit in der Oeffentlichkeit für immer zu verlieren, ließ ich mich, von der Verzweiflung erfaßt, verleiten, jenes Bracelett zu entwenden. Schlicht (verhüllt stch mit dem Schnupftuch das Gesicht). Juli (für sich, besinnend). O mein Verdacht! Theod. Kaum verübt, zog mein Vergehen schon die peinlichste Reue nach sich. — O Juli — Sie sind glücklich, denn Sie haben nie den Schmerz der Reue, deS rächenden Gewissens empftmden! — Glückliches Spiel brachte mich in die Lage, zwei Tage später jenen Schmuck wieder auszulösen, und ihn heimlich an seinen Ort zurückstellen zu könnest. Die elende Feigheit des Selbsterhaltungstriebes ließ mich vor meinem Vater kein Geständniß machen, die Tante aber verschwieg vermuthlich die Wie- derauffindung des Braceletts, um nicht für die falsche Anklage zu einer Genugthuung verhalten zu werden. — Juli! Sie sehen den gealtertsten, unglücklichsten Menschen vor sich — können Sie ihm verzeihen? Kathi (für sich in die Hände klatschend). Sie is unschuldig — Sie is a braves Madel — das muß i gleich mein Mann erzähl'«. (Links ab.) Juli. Sie hab'n g'wiß nit woll'n, daß i ins Unglück komm'— ich Hab' Ihnen nir zu verzeihen. Theod. Ihr entsetzlicher Schritt hat mich das Gewicht meines Verbrechens erst kennen gelehrt. Juli, ich bin bereit — Alles zu thun für die Wiederherstellung Ihrer Ehre ich bin ein anderer Mensch geworden, ich habe eine gesicherte Stellung bei einem Advocaten erhalten, ich kenne meine frühere Gesellschaft nicht mehr, — Juli — werden Sie zürnen, wenn ich Ihnen mein Herz und meine Hand für s ganze Leben antrage? Juli. Herr Theodor — es is genug. Sie geh'n zu weit — nehmen Sie die Frau von Wellenau zur Gemalin — ihr sein Sie's schuldig, Sie sein ihr Verlobter. Und glauben's ja nit, daß mit einer Heirat meine Ehre wieder herg'stellt is. Schlicht (hervortretend). Nein, und tausendmal nein. (Zu Juli ) Sie haben Recht, denn es ist keine Ehre, einem Elenden anzull* 36 gehören! Weg von mir, Theodor! Du bist mein Sohn nicht mehr. Juli. Herr Doctor, halten's ein. Sie haben so viel für mich' than. Sie sein ein Menschenfreund, wie's alle Tag weniger werd'n. Sie hab'n sich angenommen für mich, wie sich ein Vater nit mehr für sein anzig's Kind annehmen kann, die Verachtete und Tiefgesnnkene haben Sie auf- g'rich't, getrost, und sein ganz allein ein- g'standen vor der Welt für ihre Ehre. I kann's Ihnen nit vergelten, denn wenn i a Tag und Nacht arbeit', dös Geld bring' i mein Lebtag nit z'samm' womit man a Menschenherz zahlt. Aber Ans, Herr Doc- tor, Ans kann i thun, i waß, Sie hab'n mi gern — Sie schlag'n mir nit so leicht was ab, und darum glaub' i Ihnen mein Dank am besten damit auszudrücken, wann ich Ihnen so recht schön bit', daß Sie sich versöhnen mit Ihrem Sohn, daß's ihm verzeih'« — i waß ja, wie unendlich wohl mir's thät, wann mein Vater mir verzeihen möcht'. (Legt zuerst die Hände Beider in einander, Schlicht und Theodor finken sich still um den Hals, Zuli geht, die Hände vor den Augen, aus Freude weinend, in ihr Zimmer.) Neunte Scene. Theodor. Schlicht. Schlicht (ihr nachlaufend). Und Dich rechnen sie zum niederen Volk? Nein, Du stehst hoch, Du bist geadelt vom Herzen. (Zu Theodor.) Komm, Theodor! ich will nichts mehr sprechen von dem, was geschah, laß' uns vor Allem gemeinschaftlich die Schritte bedenken, wie wir ihr den Vater wiedergeben, und wie wir die beleidigte Ehre des Mädchens wieder Herstellen können. Dann zu Dir. Komm', Theodor! (Beide durch die Mitte ab.) Verwandlung. (Zimmer bei Quirl mit Mittel« und zwei Sri- tmthüren.) Quirl, Kordula, Seraphtne. Zehnte Scene. Seraph. Wie ich Ihnen sage, Frau von Quirl — Theodor hat mir ein auf» richtiges Geständniß abgelegt, er erzählte mir die Beweggründe seiner That und erklärte, daß er im Bewußtsein seines Vergehens sich nun und nimmermehr mit mir verbinden werde. O, er hat mich recht unglücklich gemacht! Kord. Was? aus der Partie mit der reichen Gutsbesitzerin wird nichts — von derer ich schon am ganzen Grund erzählt Hab', und wegen so einer herzlosen Person. Seraph. Theodor hat eine unverantwortliche Handlung begangen, — das ist gewiß, doch behauptet er, Ihre Hartherzigkeit habe ihn dazu getrieben. Kord. Mein Mann is Schuld. Quirl (gereizt). Da muß i bitten — Kord. Jetzt reim' ich mir Alles das erst z'samm' — also darum hat sich das verhexte Bracelett schon zwei Tag nach der Arretirung vorg'funden — aber ich bitt' Ihnen, Frau von Wildenau, man laßt so eine Personage emsperr'n — soll man gleich darauf wieder hineinrennen und sagen —, s Sachen is wieder da. — 'S war bloß ein Mißverständnis Die Herren beim Gericht müßten ja rein glauben, man halt's für ein Narrn. — G'seffen is 's a mal, i bitt' Ihnen, die Leut' b'stehl'n einen so, eh man sich noch umschaut — freigesprochen hab'n ste's auch — hätt' ich vielleicht noch soll'n a rechts Aufseh'n machen und mich dabei fest blarniren? Quirl. Du Frau, aber das war nicht schön — das arme Mädel — (weint) umsonst — g'seffen — gratis (plötzlich heftig auf- und abgehend) das ist schändlich, abscheulich, so was is niederträchtig! 37 Kord. Mir scheint — ich muß Dir Umschläg' auf dein Kopf machen. Quirl. Was zu viel ist, ist zu viel — aber selbst das Lamm wird endlich zur Hyäne — der Esel zum Leoparden — das Schaf zum Krokodil!, ein arm's Madl, die nir than hat, so rein ganz umsonst sitzen lassen, rrols, l)6v6 polizeilich, das is raffi- nirte Grausamkeit — Herzlosigkeit — das is — Kord, (ergreift ein Glas). Du kriegst was am Kopf — Quirl. Ich Hab'zug'schaüt Jahr aus und Jahr ein wie ein Gemeinderath; ich Hab' mich malträtiren lassen wie ein kleiner Beamter; Du hast mich behandelt nicht wie der Mensch den Menschen nein, wie der Hausherr die Parteien, behandelt, Du warst grob mit mir wie ein Conducteur auf der Nordbahn, und wann ich Hab' was reden wollen, so Hab' ich'sMaul halten müssen wie a Actionär von einer neuen Actien- banda — aber jetzt — was zu viel is — is zu viel — Seraph. Besänftigen Sie sich, lieber Herr Quirl, helfen Sie mir lieber Nachdenken, wie wir Theodor von einem unvorsichtigen Schritte zurückhalten können. Um die Reputation des Mädchens wieder herzustellen, ist er im Stande — sich selbst — o — (Verhüllt sich das Gesicht im Schnupftuch.) Warum will er sich nicht seinem Vater entdecken? Quirl (entschieden). Ich schone nichts, gar nichts, weder meine Frau noch meinen Neffen! Gleich geh' ich zu deinem Bruder. Alles muß die Welt erfahren. Du bist mein Weib, ja — a braver Mann soll sein' Weib nir Schlecht's wünschen, aber sie muß bestraft werden, denn was zu viel ist, ist zu viel. Kord. Mann, Du kennst mich. — Hör' bald auf, sonst fliegt Dir Alles in's G'stcht, was da im Zimmer is. Quirl. Nur zu! — Auf körperliche Verletzung sind verschiedene Jahre schwerer Kerker; (reibt sich die Hände) nur zu — Kord. Dein Weib, dein' Neffen willst bloßstellen — der Dienstbot' steht Dir näher? Quirl. Ja — Alles, Alles stell' ich bloß — ich bin kein Mensch mehr — nein, Tyrann, Klapperschlange, Scharfrichter von Amsterdam. — Die Leut' von alle Gründ' ausrichten, jeden Menschen a Klampfer! anhängen, überall was z'keppeln und Hetzen, den Gatten behandeln wie ein' Pudel und nicht wie ein' Mann, Alles schlecht finden und selber dabei nicht gut sein — was? Das Häferl is über'gangen und die Suppen is fertig. Ich bin a Wiener Bürger und, Kruzitürken Element, i leid's nit, daß in mein' Haus a honette Person um ihr Ehr' kommen soll. Verstanden? Kord. Der Mann is wie ausg'wechselt — i glaub', er is im Stand und wassert mich durch. Quirl. Ich glaub auch — Eilfte Scene. Vorige. Schlicht. Schlicht. Ich komme zu einer Scene, bin ich vielleicht ungelegen? Aber ein dringendes Geschäft — Quirl. G'rad recht, lieber Schwager. Sie wer'n eine Gerichtsverhandlung erleb'n, eine schauderhafte, die — nie — gar nie aus wird. Seraph, (leise zu Schlicht). Es betrifft die unglückliche Julie Brandtner. Frau Quirl gestand so eben, daß sie jenen Gegenstand schon längst wieder gefunden. Schlicht. Ich weiß Alles — alle Umstände der That. Quirl (zu Kordula.) Ich werd' Dir zeigen," daß ich Gefühl besitze, wenn Du gefangen bist — so schick ich Dir's Essen hinein. Kord. Geh, oder — Quirl (wenn das Publicum lachen sollte). Hörst es, Alles hat a Freud'! 38 Schlicht. Mein Theodor ist für die Welt verloren. Liebe Schwester, es gibt nur ein Mittel, Dich vor schwerer Strafe zu retten, nur eins — bedenke, Schwester, Du hast verleumdet. Quirl. Spielberg — Kufstein — oder Komorn. Schlicht. Komm, mein Kind, ich will Dir mein Mittel auseinandersetzen. Kord. Ah! (Stampft) O Million! (Selchend.) So komm'! Schlicht (zu Seraphine). Hoffen Sie das Beste. (Schlicht, Kordula und Seraphine rechts ab.) Quirl (triumphirend laut aufseufzend). Ah! jetzt wissen wir, wer Herr im Haus is — wie das wohl thut, daß das Alles heraußt ist — is denn gar Niemand zum Umarmen da? Es war göttlich! — Dem St. Georg sein Drach' und mein Drach' — das is gar kein Vergleich. Mir is so leicht und da d rin pocht's so laut; das G'wissen sagt uns es allezeit, ob wir reckt oder unrecht than haben. Lied. 1 . Zum Hausherrn kommt a armer Mann, doch kommt er ohne Zins, »Ich bitt', «sagt er, »AWeberg'sell mrdftchzig Gulden Münz'. Mein Weib is krank, das G'schäft geht schlecht bei derer theuern Zeit! Sechs Kinder z'Haus! Sö, hab'n d'rum g'wiß acht Tag Barmherzigkeit.« — »Was?« schreit der Hausherr, »warten no? Is das a Infamie! Das Lumpenvolk, die Hauptbagage, i was nit, foppt er mi? Hat selber nir a so a Kerl und gibt so lang' kan Fried', Bis.g'heirat' is und d'EH', die bringt a Butten Kinder mit.« Bei dem möcht' i das G'wissen sein, i saget ihm in's Ohr: Geh', schäm' Dich, denn Du wirfst ihm ja den Seg'n des Himmels vor. 2 . Ein armer Schuster, der wird in der Nackt auf einmal krank, Sein Weib und seinen Kindern wird um ihren Vater bang; Der kleinste Bub', der rennt nur gleick zum Doctor und läut' an, Und schreit : »Gehn's,kommen's mit, i bitt', weil sonst Neamd helfen kann « — »Was,« sagt der Doctor, »jetzt auf d'Nackt, 's is halber zwölfe schon, A Schuster mit viel Kind e r , jn, wrrS Hab' ich denn davon? Schau', daß Du nur g'schwind weiterkommst, ich Hab' für eng ka Zeit.« Sperrt zu sein' Thür, legt sich in's Bett und brummt noch: »Solche Leut !« Da möcht' i halt das G'wissen sein, i thät ihn heimlich frag'n: O Doctor, wann der drob'n einst fragt, was wirst denn Du d'rauf sag'n? 3 . Es liegt in einer Kirchen d'rin a Fräulein auf die Knie, A Jeder, der's nur sieht, der denkt: »Wie eifrig betet die!« A Betbuch halt' sie in der Hand, da liest sie fleißig d'rin'. Ein jeden Menschen g'sallt von ihr der schöne fromme Sinn — Doch wann man's ganz genau betrackt', in ihrer Nähe steht — Da g'spürt man's, 's ist so ernsthaft nit der Dame ihr Gebet — Sie schaut sich nach der Thür oft um, auf einmal kommt a Herr; Die Dam' steht auf, macht s Büchel zu, geht fort, bet' nimmermehr. Da möcht' i halt das G'wissen sein, der sqget ick's hinein — DasBet'n mit Umschau «, Kind, das,bringt kein' Himmel ein. 4 . 6. Am Friedhof d'raußt in Dornbach, da ist ein frisches Grab, Ein Künstler, unvergeßlich All'u, -den senken sie hinab. Die Freunde, hochgestellt und nieder, alle kommen's her, S'gilt ja für unfern Wenzel Scholz die allerletzte Ehr'. Kein Aug' bleibt trocken, wie der Sarg unt' in der Erd' verschwind'!, A Jeder nimmt sein Tüch'l h'raus, weint wie a kleines Kind — Nur eine Dameng'sellschaft ist im lustigen Humor — Macht G'spaß und Witz, hat große Hetz, so lustig kommt's ihr vor. Bei denen möcht' ich's G'wissen sein, i saget: Marsch Hindus, Am Friedhof hört der G^spaß sich auf, 's is ka Komödiehaus. 5 . »Mein ganzes'Geld Hab' ich verlor'n, so Hab' ich speculirt, Mein G'schäft, mein Ruf und mein Credit sein Alles ruinirt!« So ruft ein Mann verzweifelt aus, a so also steht's mit mir; Mtt'n Finger deut' die Welt auf mich, was soll ich länger hier. Mein Weib und meine Kinder, die kann ich nicht mehr ernähr'n, Ich hab'S jetzt bis daher schon satt, ich mag nicht ausg'lacht wer'n. Ich soll mich jetzt von Neuem plag'n, g'schwind auf d'Glacis hinaus — Mit der Pistol u blas' ich mir mein Lebenslicht'! aus.« Als G'wissen saget ich zu dem: Wirf dein Pistol'n ans d'Erd', A Vater, der die Sein' verlaßt, is kan Schuß Pulver werth. In Guttenstein, Sie wiffen's eh, am Gottesacker d'raußt, Daß dort der Wind auch über's Grab von unser'm Raimund braust. Der Dichter, der für's Volk gedacht, für's Volk allein gesinnt, Und dessen Werk' jetzt so wie einst den Theatern Geld verdient. Die Zeit verstreicht, der Mann is todt, wenn auch sein Stück noch geht — An den, der's Geld verdienen thut, denkt kein Director net. Sein Grabstein wankt, wie lange währt's, ich wett', er fallt noch z'samm', Und wie beim Mozart wissen wir's net, wo wir'n begrab'« hab'n. Wann ich als G'wissen zu die Herr'« Direktors reden könnt', I saget: 's Geld, das habt'S verdient, geht's, setzt's ihm's Monument. Verwandlung. (Brandtner'S armseliges Zimmer mit Mittel« und Seiteuthür in einem halbverfallenen Hause in Neulerchenfeld. Eine armselige Lagerstätte, ander Wand ein Erucifix. Dorne ein Tisch, aus welchem ein Branntweingläschen und eine Branntwein- flasche steht. In der Ecke Brandtner'S Maurer- Werkzeuge.) Zwölfte Scene. Schlicht. Theodor. Leopold. Schlicht. Also dieß ist der traurige Aufenthalt des alten Brandtner? Armer Mann! Der Himmel gebe, daß der heutige Tag für ihn ein freudiger werde. Leop. Wenn s nit bald a Wendung nimmt, so schaut s schlimm aus mit sein' Verstand. Sie manen's g'wiß ehrlich mit ihm, nit wahr? Sie wer'n ihm begreiflich 40 machen, daß er der Juli Unrecht thut, und ihr wer'ns sag'n — daß ich — Schlicht. Sind Sie beruhigt — ick kenne Sie — Juli's Zukunft ist in guten Händen, wenn sie sich Ihnen anvertrant. Leop. O gewiß! Theod. (öffnet die Seitenthür und sieht hinein). Onkel Quirl, Juli, Tante Kordula sind bereits hier. (Kehrt zurück.) Wenn Brandtner erfährt, daß sein Kind frei ist von aller Schuld, wird auch sein Herz der Versöhnung zugängig werden, und das ungetrübteste Glück wird in diese Familie wiederkehren. Wer wünscht diesen Augenblick sehnsuchtsvoller herbei, als ich — Schlicht. Ich habe mehrere Parteien aus meiner Schwester Haus geladen, welche Zeugen von Juli's Genugthuung sein sollen — wo sind sie? Theod. Ich habe sie draußen postirt — ein Wink von mir ruft sie herbei — Schritte — er kömmt — einstweilen hier hinein. (Me zur Sektenthür ab.) Dreizehnte Scene. Brandtner (wird von dem Lehrjungen Pepi geführt). Brandt. So, i dank' Dir, Pepi, daß d' mi hamg'fnhrt hast, jetzt bin i wieder z'Haus — wär' es lieber nit! So lang' i im Wirthshaus sitz', da geht's mir gut, da denk' i an nir, (seufzend) das thut so wohl — aber wie i z' Haus kumm, i was nit wie das kummt, da bin i alleweil nüchtern, da knmmen dann wieder die Erinnerungen, d rum Hab' i da, — siehst — mein Mittel — andere Leut' lesen Romane — daß's einschlafen — i mach's a so. (Schenkt sich Branntwein ein und trinkt ihn aus.) Pepi. Pfui — schäm' sich der Herr, so a Saufaus! Brandt. Wer sich heut' zu Tag schämt, der bringt's nit weit. Pepi. Schau der Herr, daß er in ein? Dersorgungshaus kommt. I ^ Brandt. Bei mir gibt's nur a Versos gungshaus, den langen Keller — Pepi. Wenn's der Herr so forttreibt, kummt er no in's Strafhaus. Brandt. Bei dem jetzigen Guldenwein ist fast jed's Wirthshaus a Strafhaus — wer'n trinkt, is g'straft g'nug. Pepi. Die Leut' sag'n, er hätt' seine Tochter so schlecht erzog'n. Brandt, (zornig). Freili, i bin a Diebs vater, a Vagabund, a niederträchtiger Kerl — i bin a Sauser, a rechter Erzsaufer, i schütt' obi, bis düster wird vor die Angen und vor'm Verstand — i juchaz und jauchz auf der Straßen und die Schulbnb'n lachen sich z'krank über meine G'spaß, aber das waß Kaner— daß s in dem nämlichen Augenblick da d rinnen blut't, und daß i niedersink, wann i z'Haus kumm, und wann bis in der Früh. Auswendig der Bajazzo — inwendig der Conductansager. I Pepi. Die Augen, die er macht; i furcht' mich vor ihm. Gute Nacht! (Durch dir Mittelthür ab.) Vierzehnte Scene. Brandtner (allein). Er is fort — na freilich — er mag nit so lang in schlechter G'sellschaft sein — die behrbub n-ftaute-vol^e redet nir mehr mit ihm — die Flaschen kummt daher (Mt sie zum Bett) und wie i munter werd', glei' a Glasl obi — da tramt ma von mein Weib, von meine glücklichen Stunden und von meiner — Was is denn dös? (Bleibtsinnend aus dem Bette fitzen und gewahrt Schlicht.) Ein fremder Herr in meiner Kammer? Fünfzehnte Scene. Schlickt. Brandtner. Schlicht. Guten Abend, lieber Freund? Brandt. Was Freund? Wer Freund! 41 Ick Hab' kan Freund — alle Freundseligkeiten zwischen uns sein eing'stellt. Scklicht. Ich habe Ihnen frohe Botschaft zu hinterbringen, fassen Sie sich, guter Mann, und vernehmen Sie, — die gänzliche Schuldlosigkeit Ihrer Tochter hat sich herausgestellt, und ich, ihr Vertreter, werde auf Grund dieser Erklärung ihrer früheren Dienstgeberin (zeigt ein Papier) die gerichtliche Schuldlosigkeitserklärung Ihrer Juli erwirken. Brandt. Sie — i bin ka Habnreiter*), soppen's mi nit. — Schlicht. Zweifeln Sie nicht länger— es ist so, und Frau Quirl hat sich bereit erklärt, ihrem Kinde eine vollkommene Satisfaktion zu bieten. Brandt. Was, mein Juli is — sie hat net — ein Anderer — mein Kind — wo is mein Kind? — Sechzehnte Scene. Vorige. Zipfel. Kathi. Sechs Buben. Schlüssel. Nanni. Leopold. Quirl. Kordula. Theodor. Juli (stürzt heraus und fällt ihrem Vater um den Hals, Alle folgen hinter ihr). Juli. Mein lieber Vater! — Es seid's wieder gut, nit wahr? Quirl (zu Kordula). Jetzt fang' an, oder ich laß' mich scheiden von Tisch, Bett und Schubladkasten — i bin so rabiat — trau' mir net! — Kord. Liebe Juli — ein Jrrthum — ein Mißverständniß — Quirl. Viel dicker— sonst— das is gar nir — Kord. Das Bracelet, das Du g'stohlen — haben — solltest — ich erkläre es hier zu deiner Genugthuung, war von mir selbst bloß verlegt — ich Hab es längst vorgefunden, und nur die — die — *) Eine in Wien bekannte Persönlichkeit, welche unter diesem Namm von den Gassenjungen stet- verhöhnt wird. Theatn-Aepatair« Rr. 18«. Quirl. Bosheit — Kord. Hat mich abgehalten, dieß schon früher zu erklären. (Zu Quirl.) Ich glaub', das is genug. Quirl. Viel zu wenig — viel dicker — Abbitte — Fußfall — Kord, (beinahe weinend). ES thut mir daher sehr — Dich gekränkt und falsch beschuldigt zu haben, und ich gib Dir hier als eine kleine Entschädigung eine Aussteuer von 500 Gulden. Quirl (Mt ihr ins Wort). 5000 fl. Kord. Und bitte Dich — Quirl (sagt ihr was in'S Ohr). Sonst — Kord. Und bitte Dich, mir meine harten Worte zu verzeihen — ich Hab' — ich war — (Weint.) Juli. Aber, gnädige Frau, sein'S stad, Sie selber sag'n mir, daß i frei von aller Schuld, braucht's da eine Erklärung — mein Herz iS so voll — der Augenblick — (eilt zu ihr) i küß' d' Hand, Euer Gnaden. Quirl. Und jetzt bin i der Herr im Haus. (Zu Juli.) So handelt der gnädige Herr. Theod. (zu Juli, leise). Und mir, werden Sie mir auch grollen? Juli. Wann's Ihre Braut so glücklich machen, wie ich's (auf Leopold zeigend) ZU werden hoff', gewiß nit. 'S gibt kan Vergehen, das die Lieb' nit wieder gut machen kann. Schlicht (drückt ihr die Hand). Tausend Dank, daß Sie einem schwer geprüften Vater die öffentliche Beschämung ersparen — doch die Schuld muß ihre Strafe finden. Juli, auch vor Ihren Richtern sollen Sie vollkommen gerechtfertigt werden. Theod. Juli — leben Sie wohl, Vater! (Umarmt ihn.) Ich thue, was meine Pflicht ist. Alle. Was hat er denn vor? Schlicht (verhüllt sein Gesicht). Er stellt sich — beim Gericht. Juli (zu Schlicht). Beim Gericht? Sie armer Herr! A glücklicher und ein unglücklicher Vater. (Zeigt zuerst aus ihren Vater, dann aas Schlicht, drückt ihm die Hand.) Der Druck 4 4L soll statt meiner sprechen-—r gut wär's, gab's mehr Leut', die dem Schein nit glauben, und die wahre Freud' sein für s Volk wie Sie. (Zu Leopold.) Leopold, jetzt darfst Dich meiner nit mehr schämen. (Reicht ihm die Hand.) - Brandts Und i steh'da und schau zu. Wie summ r mir denn vor? Wo is denn wem Dufts — weg, beim Aurel, wie a Wucherftel'. Z waß net, bin,i b'soffen oder bin is net, i wackl net, i steh' g'rad, i bina^ g'machter Mann. Was? (Zeigt aus sein Werkzeug.) Mein Werkzeug kummt wieder zu Ehr'n — weg mit der Flaschen (wirft sie weg) — her mit n Pemsl — (Nimmt ihn.) I brauch mi njmmer über d' Ischsel anschau'n fassen — i sann mi wieder sehen lassen unter die ehrlichen Leut' — so (nimmt Juli ain Arm ^ und nöthigt sie, sich emzlihängen, und stolzirt nzit^ihr, über die Bühne) werd' s mit mein'm ^md auf der Straßen stolziren, un- genirt, keck, fesch, hah^rha! Wir sein wieder was! Aümm her, mein Kind! (Umarmt sie ) Lustig muß heut' hergeh n, a Ball muß sein. He, Hausmeister, holt's d'Mustkanten, aber nit ein, a paar hundert, i brauch' eln'n Zapfenstreich mit fünfzig Bandas. (Orgelmusik aus naher Kapelle. Er wird ernst, besinnt sich.) Na — g'scheidt fein, Brandtner — holt kane Musikanten — wir geb'n kann Ball —^ Na — na — Kinder, wir thun das, was sich g'hört für so )ein'n Moment. — Macht s es wie i, dankt'ä NNftrm Herlgott, der weiter sieht, wie wir, und der nit will, daß a nur ein' einzigen Menschen Unrecht g'scheh'n soll ans derer Welt «Nd wär' er a no so g'kiNg wie wir. (Die Musik muß tönen wie ein Andachtslied, welches in einer nahegelegenen Kirche gespielt wild. Brandner kniet nieder und faltet die Hände, an seiner Seite knieen sich Juli und Leopold, auch die Ucbrigen folgen in entsprechender Grupps ihrem Beispiel. Die Gegend draußen färbt das Abend - roth. Kordula kniet zuletzt nieder.) Der Vorhang fällt feh-r'langsam. in > 1 ! l,! jl Ende. l! In der Wallishausier schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt, hoher Markt Nr. 1 , ist erschienen: aus Stücken von: Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Doppler, Eberhart, Elmar, Feldmann, Flamm, Friese, Gottsleden, Graudjeau, Grois, Grün, Griindorf, Haffner, Iuin, Kaiser, Kola, Langer, Megerle, Merlin, Morländer, Moser, Nestroy, Schönau und Anderen. Sechs Hefte. Gr. 8 geh. Preis 3 st. oder 2 Thlr. Jedes einzelne Heft SO Nkr. oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg D. F. 1- Da möcht i halt das G'wissen sein. 2 - Requisiten-Couplet. 3- Figuren-L-uplet. 4- Nachher wird es schon werd'n. 5 . Glockcheu-Couplet. 6 - Biblisches Couplet. 7- Fatsche Benennungen. 8 Dann ist sie da die bessere Zeit 9- 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün. 16. Volkslieder. 11 - Aber geb'n thut's es nit. ^ Brrla, Alois. 12 - Jetzt da war's halt Noch, daß wer antauchen thät. 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hält'. 14- Zu waS dann die Feindseligkeit gegen das Thier.. 15- Lachcouplet. 16- Aus einer Chronika. 17- Früchte, die verboten sind 18- Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20 . Mythologie-Couplet. — Berta u. Bittner. 21- Ohne Umschneiderei. 22 Die papierene Zeit. 23. Mn Trauerspiel kein Trauerspiel. — Bittner Anton. 24. Thier-Couplet 25- Das ist noch Geheimniß. 26. Wer hätt es geahnt. 27- 6 droniqu 6 soanclalousk. — Bittner u. Mortänder. 28- Aehnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Atois. 29- Und so wird hinterrücks g'redt. —Böhm, Ivsef. 30. 3ha da sieht man's doch, daß's an der Eintheilung fehlt. 31- Wenn man die Wirkung ficht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32- Maschinen-Couplet. 33- Wo man was sucht, dort find't man es nicht. — Elmar, Carl. 34- O Spiel der Natur. 35- Lied des Teufels. 36. Man glaubt nicht was in einem Menschen oft steckt. 37- So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. 38. O ungeheure Ironie. 39- Da mächt' ich halt wissen, was nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes. Elmar, Carl. 40-Was lieget da dran. 41. Ja so geht's, wenn man heut' zu Tag Geister citirt. — Feldmann u. Flamm. 42- Mit Kleinem fängt man an, mit Großem hört man aus 43. So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Theod. 44- Keine Rose ohne Dornen. 45- Gesundheit und ein recht langes Leben. 46- Jedes H'äserl hat sein Deckerl. 47. Repertoire-Couplet. — Kamm u. Wimmer. 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät. 49. So behilft pch hält Jeder, so gut als er kann- — Gottsleden, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 51- Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52- Na, das kennen wir schon. 53- Pfui Tmsel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54- Wir bedanken uns sehr- — Grün, Johann. 55- Was ein Narr ist. 56. Ein Chineser. — Gründorf. 57 's ist just net nöthi, aber nothwendi war's. — Haffner, Carl. 58. Da sind's mäuserlstill. 59. Es steckt was dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60- Wann der mein Kapperl hätt'. 61. Ja, ich kcmn's nit ändern, es iS halt a so. — Iuin. 62. Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht. 63- Wozu Mancher eigentlich geboren. 64. Fiakerlied. 65- Zu was von de« Göttern eine Auskunft begehren. — Iuin u. Flerx. 66 . Da wird einem heiß, kalt — warm! 67-Ungeheuer genannt! — Kaiser, Friedrich. 68 . Ich bitt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. Inhalt des dritten Heftes. Kaiser, Friedrich. 69. Es muß ja nicht gleich sein. 70. Da braucht man beim helllichten Tag a Latern. 71- Jetzt das g'hört aus ein anderes Blatt. 72. Die find halt g'scheidt. 73. Das ist so nobel und so billig dabei. — Langer, Anton. 74. Was ist der Unterschied? 75. Aber da mag Keiner net. 76- Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 77. Es schaut nur gemeiner aus. 78- Zu früh und zu spät. 79. Man kann sich's wohl denken, aber sagen darf man's nicht. 80. Wann mich der fragen thät. — Megrrle, Ther. 81. Marsch mit dem in d'Butten. 82- Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. — Nestroy. 83- Und 's ist Alles net wahr. 84. Kometeu-Lied auS »Lumpaci*. 85- Aus was sich Mancher hinauswachsen kann. 86. Das wär ganz etwas Neu's. 87- Und man kommt auf kein Grund. 88- Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 89- Ja, hat denn die Sprach da kein anderes Wort. — Varry, A. 90 Ob der wohl die Wahrheit wird sagen. Inhalt des vierte» Heftes. Berg, B. F 1. Da sah' ich in mein' Büchel. — Berg u. Grün. 2. Mensch und Thier. — Berg, D. F. 3- Das steht lO.OOOmal. — Berla, Alois. 4. So machen Ein m die Kinder nix als Aerger und Verdruß. 5- Eonsequenzen. 6. Js 's a Wunder? 7. Wir wollen uns freiten. 8. Moderne Waffengattungen. — Mtner, Ant. 9- Das is a Malheur. 10. Hm, hm, hm! — Blank, Alois. 11. So schaut's mit den neuen Erfindungen aus. — Böhm, Josef. 12- Wer traut sich da zu fragen? 13. So a Ansicht thut Einem weh. —Eberhart, Nik. 14- Wasa Kunst is. — Elmar, Carl. 15. Und ein Solcher geht um und'n Andern sperr'ns ein! 16- Das sein glückliche Leut'! 17- Ackerlied. 18. So fängt man halt' wieder beim alten Zopf an. 19. Ob Vieles nit wohlthätig war. — Feldmann, L. 20. Aenderung g'spüren- — Flamm, Lheod. 21- Wasch mir'n Pelz, aber mach' mir'n nit naß. 22. Die Vögel kennt mau an den Federn. 23. So lang wir nit mehr hab'n. — Friese, C. A. 24. Das Lied von der Erinoline. 25. Gute Nacht. — Grandjean, M. A. 26. Das doppelte Gesicht. — Grois, Louis. 27. Lied ohne Reime. 28. Uhren-Lied. — Grün, Johann. 29- Wo steckt der Teufel? 30. Traum-Eouplet. — PfundheUer, I. 31. Das hat nicht die Zeit gemacht. — Hassner, C. u. Weihrauch. 32. Erst das Geschäft und dann da Vergnügen. — Juin, Carl. 33. Nimm Dich selbst bei der Nase. Inhalt des fünften Heftes. Juin, Carl. 34. Schlechte Sprichwörter. 35. Einmal ist keinmal. 36- Was Hämischen gelernt hat, läßt Hanns nimmermehr. 37. Ja, fragen ist leicht, aber antworten schwer. 38. Es gibt kein Mensch einen Groschen dafür. — Kaiser, Friedr. 39- Da hört's halt auf Unterhaltung zu sein. 40- Im hundertsten Jahr. 41. Haben muß man's, aber brauchen soll man's nicht. 42. Wir haben halt Heuer a g'segnetes Jahr. 43- Wann man nur früher eine Prob' halten könnt'! — Kola. 44- Der ganze Papa! — Langer. Anton. 45- Jedes Ding hat zwei Seiten. 46. Wie muß den der da hiueinkommen sein? 47. Sie red't nur a so. 48. Jetzt, der wird fich's noch a Weil' überlegen. 49- Ist das praktisch? 50- Biblisches Couplet. 51. Was mich nicht brennt, das blas' ich nicht.— Mrgerle, Ther. 52. So kommt Mancher zu was. 53. Was unser Eins nit sagen darf. 54- So find wir wieder dort, wo wir früher schon waren. — Megerle, Jul. 55. Was den Wienern abgeht. — Merlin, Hugo. 56. Nebelbilder. — Morländer. 57- Gegen die Dienstboten Hab' ich a Wuth. — Moser, I. B- 58. Der Hansi kann's nit, der Hans aber kann's- 59- ?ostv rsstants. — Nestroy, Joh. 60- Tarok-Lied. 61- Teufels-Lied. 62- Die heimliche Eisenbahn. — Post, I. B- 63- Ja, die haben halt ka Glück. Inhalt des sechsten Heftes. Schönau, Carl. 64- Beim Bäcke»!—Schönau, Joh. 65-Rebus-Lied. — 66. Waa's ma's dmn? — Stir, C. I. 67. Man glaubt nicht, was die reichen Leut' die kleinste Freud' oft kost't! 68. Ah, da d raus iS net z'geh'n! — Tesro, W. 69- Der Traum von der Hölle. 70- Glocken-Eouplet. — Treumann, C. 71. So was heißt deutsch g'red't. 72. Unsere Sachen dürfen auch nicht schlecht sein. 73. Ein bisserl mehr stolz fein, das könnt uns nicht schaden. — Wysber- 74. Einer kann's nit richten. — Berla, Alois. 75- Na frnN was denn? — Berg, B- I. 76. Da hört me dann nix mehr. 77- Der Eine hat Dös. 78- Aber man g'wöhnt am End' schon Alls.—Mtner, Ant. 79. Bis auf's Wie. — Blank. 80. Da steckt der Teufel d'rin. — Elmar, Carl. 81. Man muß net zu viel begehren. 82- Hozat is! — Juin, Carl. 83- Moderne Uebersetzung. 84. Ja freilich! — Langer, Ant. 85. Zwanzig Jahre machen halt ein' großen Unterschied! 86- Couplet aus: »Der Actiengreißler.« Druck und Papier »on Leopold Smm« in Wie«. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Kleine Mißverständnisse. Lustspiel in einem Act- nach dem Englischen, von Alexander Bergm. Baron Kurseld- Helene, seine Tochter. Geydorf, Banquier. Carl Geydors, sein Sohn. Personen: Baron Kurfeld'S Haushofmeister. Salzmann. Johann, Bedienter i im Hanse Anna, Stubenmädchen! des BaroaS. (Vorsaal bei Baron Kurfeld. Eine Mittel- und zwei Seitenthüreu. Ein Tisch, Stühle, ein Schreibtisch, ein Kamin mit brennendem Feuer.) Erste Scene. Der Haushofmeister (tritt ein und spricht zur Thür hinaus). Ich bin durchaus nicht zu sprechen, wenigstens zwei Stunden will ich allein sein. (Er schließt die Thür und kommt vor.) Das ist ja entsetzlich, wie man belästigt wird. Ich > Tdrakr-Rkpertoirr Nr. LS7. wollte wirklich lieber selbst Gesandter sein, als Faktotum eines Gesandten. Ich habe weder bei Tag noch bei Nacht Ruhe. Zuerst mußte ich einen Kammerdiener aufnehmen, war das ein Ueberlaufen; endlich ist es mir gelungen, einen zu finden, der mir gefallen hat; jetzt soll ich noch einen Koch und einen Secretär für den Baron annehmen. Ja, kann er denn gar nichts selbst thun? Alles liegt auf mir! 1 2 Zweite Scene. Voriger. Geydorf. Geydorf (schiebt den Bedienten, welcher ihm den Eintritt verwehren will, auf die Seite). Aus dem Wege, ich bin ein alter Freund des Hauses, ich werde nicht angemeldet. (Er schließt die Thür.) Haushofm. Gr sich). Der Banquier und Jugendfreund des Barons laßt sich auch wieder einmal sehen? Geydorf (zum Haushofmeister). Endlich ein bekanntes Gesicht! Was habt Ihr denn mit der Dienerschaft angefaugen? Das sind ja lauter neue Larven. Ich war freilich seit zwei Jahren nicht bei Euch, der Baron hat meist auf dem Lande gelebt, und ich brauche meine Zeit, ich kann sie nicht auf Besuche verschwenden. Wo ist der Baron? Haushofm. Er ist leider nicht zu sprechen. Zwei Minister sind in seinem Cabinet. Seit seiner Ernennung zum Gesandten von Dänemark geht es immer so fort. Ich bin sckon ganz erschöpft. O, dieses Schleswig-Holstein! Ich bin schon so umschlungen, daß ich es gar nicht mehr sein könnte. Geydorst Wann reist der Baron ab? Haushofm. Morgen früh. Es ist schon Alles gepackt. Geydorf (für sich). Da ist's höchste Zeit. Wenn mir Carl nur nicht zuvorgekommen ist. (Laut.) Hcit der Baron schon einen Secreiär angenommen? Haushofm. Noch nicht — ich habe mir schon sehr viel Mühe gegeben, aber noch nichts Passendes gefunden. Geydorst Dann könnten Sie mir einen Gefallen thun. Haushofm. (für sich). Dachte ich mir's doch. Wer kömmt, will etwas von uns haben. Doch das ist ein Banquier, da ist etwas zu erwarten. (Laut.) Bitte zu befehlen! Geydorf. In einer Stunde wird ein hübscher junger Mann kommen und sich um ^ diese Stelle bewerben. (Für sich.) Unter diesen Umständen kann ich doch nicht sagen, daß es mein Sohn ist. Haushofm. (nimmt eine leere Börse aus seiner Tasche, spielt damit und sieht fortwährend nach Geydors's Händen). Wenn Sie wünschen, daß der junge Mann die Stelle erhält — Geydorf. Im Gegentheil — ich wünsche nicht nur, daß er die Stelle nicht bekömmt, sondern ich ersuche Sie auch zu verhindern, daß er mit dem Baron spricht, wenigstens nicht früher, als bis ich mit ihm gesprochen habe. Um wie viel Uhr speist der Baron? Haushofm. Um sechs Uhr. Geydorf (sicht auf seine Uhr). Jetzt ist's vier — sagen Sie dem Baron, daß ich um sechs wieder kommen und mit ihm speisen werde. Lieber Haushofmeister — Sie kennen meinen Geschmack. Lassen Sie uns etwas Feines kochen. Was habt Ihr gegenwärtig für einen Koch? Haushofm. Unglücklicherweise gar keinen — wir haben nur eine Köchin. Geydorf. Keinen Koch? Euer Herr will Gesandter sein und hat keinen Koch? Küche und Keller sind die Hauptsache bei einem Gesandten, die bringen ihm mehr Nutzen als zwanzig Secretäre. Der beste Weg zum menschlichen Herzen führt — durch dcnMagen. Wenn der Baron fremde Minister gewinnen will, so muß er die Mittel haben, vorzügliche Diners geben zu können. Haushofm. Vielleicht theilt der Herr Baron diese Ansicht, denn er hat mir ausgetragen, einen guten Koch anzunehmen. Geydorf. Hat er das? Dann sehe ich, daß er seine Stellung versteht. Hätte ich das gewußt, ich hätte Euch helfen können. In einer Aufwallung des Zornes habe ich vor einer Woche meinen Koch entlassen. Einen Koch, wie es nicht so bald wieder eineu gibt, mir hat seit jener Stunde kein Bissen geschmeckt; aber ich nehme einen Diener nie zum zweiten Male. Wenn ich 3 erfahren kann, wo er ist, und wenn er noch kein Unterkommen hat, so schicke ich ihn her. Also um sechs Uhr komme ich wieder. (Ab.) Haushofm. Warum er dem jungen Mann die Secretärsstelle nicht gönnt, möchte ich wissen. Im Anfang glaubte ich, er wolle mir einen Andern Vorschlägen, aber er hat kein Wort davon erwähnt. Da er seinen Wunsch jedoch nicht gehörig unterstützt hat — (er steckt die Börse wieder ein) so werde ich das thun, was ich für das Beste halte. Dritte Scene. Voriger. Helene (aus einer Seitenthür). Helene. Sagen Sie mir, hat sich schon Jemand um die Secretärsstelle beworben? Haushofm. Nein, Baronesse, noch nicht, und der Herr Baron hat mir aufgetragen, heute noch einen aufzunehmen. Helene. Ich weiß es, und deshalb komme ich zu Ihnen. Ich möchte mich für Jemand verwenden. Haushofm. Wäre es denn nicht besser, wenn das Fräulein sich beim Herrn Baron selbst verwenden wollten? Helene (verlegen). O nein, mein Vater könnte vermuthen —er könnte glauben, daß ein besonderes Interesse — Haushofm. Ja, freilich. Helene. Dann ist mein armer Vater auch so mit Geschäften überhäuft und der junge Mann wird sich ja ohnedieß Ihnen vorstellen. Haushofm. Entschuldigen Sie, Fräulein, steht der junge Mann vielleicht in irgend einer Verbindung mit demBanquier Geydorf? Helene (für sich). Himmel! (Laut.) 3a — ja — ich glaube, sie kennen sich — aber weshalb diese Frage? HauShofm. Ich fürchtete nur, daß ihm das schaden könnte — Helene. Weshalb? Haushofm. Um Ihnen die Wahrheit zu sagen, Fräulein — ich bin ersucht worden, ihm diese Stelle zu verweigern. Helene. Warum? Wer kann etwas dagegen haben? Der junge Mann ist so geschickt, so talentirt, so liebenswürdig — Haushofm. (für sich). Welches Feuer? Da brennr's! (Laut.) Baronesse scheinen ihn sehr gut zu kennen! Helene. Ja — nein — das heißt, man hat mir viel Gutes von ihm gesagt und ich wünschte so sehr, daß er diese Stelle bekäme, daß Sie, wenn Ihnen daran liegt, mir gefällig zu sein — Haushofm. Es ist meine angenehmste Pflicht, und des Fräuleins Wünsche find mir Befehl. Wenn er aber nicht käme — Helene (rasch). Das haben Sie nicht zu fürchten. (Sie schlägt plötzlich dir Augen nieder.) Er kömmt gewiß. Haushofm. Darf ich um den Namen des jungen Mannes bitten? Helene. Sein Name? (Für sich.) Wie ungeschickt! Carl hat vergessen, mir zu sagen, unter welchem Namen er sich hier vorstellen will. (Laut.) Sein Name? Wie fatal! Ich habe ihn vergessen. (Man klingelt. Helene sieht aus ihre Uhr.) Er wollte UM diese Zeit kommen, ich bitte, sehen Sie, ob er eS ist, und empfangen Sie ihn freundlich. (Sie geht rasch ab.) Vierte Scene. Voriger. Johann. Johann. Herr Haushofmeister, Seine Ercellenz wünscht Sie sogleich zu sprechen. Haushofm. Sehr wohl. Wenn inzwischen ein junger Mann kommt und mich zu sprechen wünscht, so lassen Sie ihn ein- treten. Er möge sich setzen und mich erwarten. (Haushofmeister durch eiue Seitruthür, 2o- haun durch die Mittelthür ab.) 1 * 4 Fünfte Scene. Salz IN. (durch die Mittelthür, er sieht sich überall um). Das Haus sieht gut aus. Dienerschaft genug, und artig — Nutz ihrer eleganten Livree. Wenn die Speisekammer auch so reich ist, dann ist die Stelle eines Koches hier schon annehmbar. Ich soll mich sogar setzen — das will ich auch -- wer weiß, wie lange ich warten muß. (Er setzt sich.) Das Platzsuchen ist ermüdend wie die Jagd, doch es gibt keinen Braten ohne Knochen, man muß das Unangenehme auch mit in den Kauf nehmen. Ich soll also Koch bei einem Gesandten werden—das wird schwieriger sein wie bei einem Banquier. Der alle Geydorf hat zwar einen heiklichen Gaumen, aber wer weiß, für wie viel Nationen ich da kochen soll? Hat mich der alte Gey- dvrf oft gequält! Der junge soll gut sein, den habe ich aber nie gesehen, er war immer verreist. Still, der Haushofmeister kommt. (Er steht aus.) Sechste Scene. Voriger. Haushofmeister. Johann. Johann. Das ist der Herr, welcher aus Sie wartet. (Ab.) Haushofm. (zu Calzmann). Darf ich um Ihren Namen bitten? Salzm. (für sich). Auch der Haushofmeister ist höflich, und solche Leute schickt man in's Ausland! (Laut.) Ich heiße Salzmann, Samuel Salzmann. Haushofm. Haben Sie schon in dem Fach gedient? Salzm. Na ob — so lang ich denken kann! Haushofm. Darf ich fragen, bei wem Sie zuletzt waren? Salzm. Freilich dürfen Sie das, und ich kann's ohne Scheu sagen — beim Banquier Geydorf. Haushofm. Der Banquier war erst hier und hat von Ihnen gesprochen. Salzm. (für sich). Hat er das? (Laut.) Dann sollte es mich nicht wundern, wenn er eine boshafte Bemerkung gemacht hätte. Haushofm. Unter uns gesagt, das hat er. Ich glaube nicht, daß er Ihr Freund ist. Salzm. (für sich). Der Teufel hole den undankbaren Magen! Mehr als hundertmal hat er mir gesagt, ich koche für den Kaiser gut genug. (Laut, indem er gehen will.) Gut, Herr Haushofmeister, wenn der Alte schlecht von mir gesprochen hat, so werden Sie mich nicht nehmen, es gibt Stellen genug, ich gehe. Haushofm. Bleiben Sie. Obwohl der Banquier gegen Sie gesprochen hat — so nehme ich Sie doch. Jemand Anders, welcher von größerer Bedeutung ist wie der Banquier, hat sich für Sie verwendet. Salzm. Jemand hat für mich gesprochen, wer ist das? Hausho fm. Baronesse Helene, die Tochter meines Herrn Barons. Salzm. Die Baronesse hat für mich gesprochen? Haushofm. Ja, sie nimmt sehr lebhaften Antheil an Ihnen, sie hat sehr viel Gutes von Ihnen gehört, und bat mich, die Stelle nur Ihnen zu geben. Da mir mehr daran liegt, der Tochter vom Hause gefällig zu sein, wie dem Banquier, so können Sie sich bereit machen, mitzureisen. Am besten ist's, Sie bleiben gleich da. Salzm. Hurah! Weiber-Protection ist doch immer die mächtigste! (Er legt seinen Hut auf den Tisch, geht aus und ab, reibt sich vergnügt die Hände und sagt für sich.) Warum sich aber die Baronesse so sehr für mich verwendet, möchte ich wissen. Sollte sie beim Banquier gespeist haben und von meiner Kochkunst so entzückt sein? Oder sollte sie mich gesehen haben? Haushofm. Was Ihren Gehalt an- bclangt —^ Salzm. (für sich). Gehalt? — Da sieht man das noble Haus — beim Banquier L nannte man das Lohn. (Laut.) Sie wollten von meinem Gehalt sprechen. Hanshofm. Ich denke, zweitausend Gulden jährlich wird genug sein? Salzm. Wie, was? Wollen Sie das nicht noch einmal sagen? Haushofm. Wir wollen Ihren Gehalt auf zweitausend Gulden festsetzen. Salzm. (entzückt). Das nenne ich mir eine Stelle! Hanshofm. Sie speisen bei Seiner Ercellenz. Salzm. Herr Haushofmeister, schneiden Sie nur nicht zu dick auf. Die zw.itansend Gulden lasse ich mir noch gefallen, aber mit Seiner Ercellenz speisen! Ein Gesandter ! Haushofm. Ein reicher Banquier ist doch auch ein Mensch! — Sollten Sie, da es vor der Abreise noch sehr viel zu thuu gibt, eine Beschäftigung bekommen, jo müssen Sie schon entschuldigen, wenn ich Ihnen kein anderes Zimmer anweisen kann, wie dieses — das ganze Haus ist voll Kisten und Kasten, Alles in Unordnung. Salzm. (sich umsehenb). DiesesZimmer? (Für sich.) Da ist kein Herd, nur ein Kamin, keine Casserole, keine Pfanne, kein Spieß. Haushofm. Hier ist Papier, Feder und Tinte, wenn Sie noch etwas brauchen, dürfen Sie nur klingeln. Salzm. Papier, Feder und Tinte? (Für sich.) Da gibt's entweder ein kleines Mißverständniß, oder die diplomatischen Köche sind wie die Aerzte und schreiben nur die Rccepte. Gott, was ist das für ein großes Haus! (Zum Haushofmeister.) Entschuldigen Sie, mein Herr, aber ich möchte doch eigentlich wissen, was ich bin? Haushofm. Ich verstehe Sie nicht. Salzm. Ich meine, welcke Stelle hat mir die junge Dame verschafft? Haushofm. Die Stelle, welche Sie haben wollten — Sie sind Secretär. Salzm. Secretär? (Für sich.) Das erklärt die zweitausend Gulden. Dann kann eS aber nicht meine Kochkunst fein, welche sie bezaubert hat — cs ist meine Persönlichkeit. Wo sie mich denn gesehen haben mag? (Laut.) Ich bin also Secretär bei der Baronesse? Hanshofm. (für sich). Das ist ein sonderbarer Mensch! (Laut.) Mein Herr, Sie sind Secretär bei Seiner Ercellenz — ich weiß nicht, ob Sie scherzen wollen, oder ob Ihnen vielleicht der Gehalt zu wenig dünkt, der vorige Secretär bekam auch nicht mehr; ich hoffe, Sie nehmen die Stelle an? Salzm. Annehmen? Ganz gewiß. (Für sich.) 3ch werde doch nicht meinem Glücke selbst im Wege stehen. (Er besieht sich.) Ich sehe freltich nicht glänzend genug aus für einen solchen Posten, allein ich werde mich' sogleich in meinen Sonntagsstaat werfen. Siebente Scene. Vorige. Johann (mit einem Reisesack). Johann (zu Salzmanu). Ist das Ihr Reisesack, mein Herr? Salzm. Ja. (Zum Haushofmeister.) Da man mir sagte, daß morgen früh schon abgereist wird, so brachte ich mein Gepäck für den Fall, daß ich ausgenommen werde, gleich mit. Haushofm. Sie haben sehr Recht gehabt, mein Herr. Das Uebrige lassen Sie sich wohl nachschicken? Salzm. Das Uebrige? Ja — ja — gewiß, das Uebrige lasse ich mir nachschicken. (Für sich.) Der Mensch scheint zu glauben, daß ich immer zweitausend Gulden Gehalt gehabt habe. Haushofm. Wollen Sie sich vielleicht umkleiden, so bitte ich Sie mit meinem Zimmer vorlieb zu nehmen. Der Diener soll Sie hinbegleiten. Salzm. Sie kommen mir zuvor — ja, ja, ich will mich umkleiden. (Für sich.) Hurrah! DieWeiber sollen leben ! Wen si e protegiren, dessen Glück ist gemacht. (Ab mit Johann.) Achte Scene. Haushofmeister (allein). Wenn mich die Baronesse nicht gebeten hätte, dem jungen Mann die Stelle zu geben, hätte ich es nicht gethan. Er kommt mir nicht sehr fein vor. Hätte ich doch auch schon einen Koch! Wenn der Banquier mir den versprochenen nur schickte. Er ist Kenner — und wer ihm genügt, den kann man unbedingt aufnehmen. Neunte Scene. Voriger. Carl (durch die Mittelthür). Carl (für sich). Das wird der Haushofmeister sein. Haushofm. (ficht Carl). Was steht zu Diensten, mein Herr? Carl. Man hat mir gesagt, daß Sie eine Stelle zu vergeben haben, und ich komme, mich Ihnen anzubieten. HauShofm. (für sich). Ah, der Koch! Ein sehr hübscher junger Mann, doch um so besser, eS ist immer appetitlicher, einen schönen jungen Koch zu haben. (Zu Carl.) Wahrscheinlich hat Sie Ihr früherer Herr hergeschickt? Carl. Nein, mein Herr. Haushofm. Dann kommen Sie zu spät, junger Mann. Es ist mir Jemand sehr gut empfohlen worden, und ich beabsichtige, ihm die Stelle zu geben. Carl. Ich komme auch nicht ohne Empfehlung. General Benfield, Graf Karte: können Ihnen von meinen Fähigkeiten Zeugniß geben. HauShofm. DaS sind schöne Häuser, allein in Ihrem Fache ist mir die Empfehlung des Banquiers Geydorf wichtiger. Carl (für sich). Mein Vater? Was meint er damit? Helene sagte mir doch, mein Vater war seit zwei Jahren nicht hier im Hause gewesen. (Laut.) Man sagte mir, die Besetzung der Stelle hinge von Ihnen ab. Haushofm. So ist es auch. Ich besitze das volle Vertrauen Seiner Ercellenz, und da er ohnedieß mit Geschäften überhäuft ist, kann er sich mit der Aufnahme der Dienerschaft nicht auch noch beschweren. Carl (für sich). Dienerschaft? Der Kerl ist unverschämt. Allein so geht's, wenn solche Leute das volle Vertrauen ihres Herrn besitzen. (Laut.) Da Sie mich nicht kennen, so kann ich nicht verlangen, daß Sie Interesse an mir nehmen, ich würde jedoch gewiß dankbar sein, und ersuche Sie, dieß einstweilen als einen kleinen Beweis anzu- nehmen. (Er drückt ihm eine Börse in die Hand.) Haushofm. (wregt die Börse). Ich hatte gewichtige Gründe, die Stelle dem Andern zu geben; wenn ich jedoch Ihre Fähigkeiten in die Wagschale lege — Sie haben in so großen Häusern gedient — Sie sind auch zuerst gekommen — am Ende hat der Andere schon ein Engagement. Carl (für sich). Bravo, es geht gut! Geben Sie mir die Stelle. Sie sollen es nicht bereuen. Haushofm. Sie können sie gleich an- treten. Kommen Sie, ich werde Sie in die Speisekammer führen. Carl. In die Speisekammer? — Ich danke, ich bin nicht hungrig. Haushofm. (lacht). Sie nicht — aber vielleicht Seine Ercellenz. Es werden heut' nur vier Personen zu Tisch sein, der Baron, die Baronesse, ein Freund des Hauses und der neue Secretär Salzmann, welchen ich soeben angenommen habe. Carl. Der neue Secretär Salzmann? (Für sich.) Ich begreife nicht. (Laut.) Wollen Sie mir wohl sagen, welche Stelle ich dann bekleiden soll? Haushofm. Wie, Sie bewerben sich um eine Stelle, ohne das zu wissen? Eine Kochstelle war frei und wenn Sie kein Koch sind, weshalb halten Sie mich unnütz auf? Ich habe ohnedieß so viel zu thun. Car! (für sich). Koch? das ist ein curioses 7 Mißverständnis Wie kann ich Helene in Kenntniß setzen? Haushofm. Sind Sie ein Koch oder nicht? Wenn nicht, so gehen Sie. Carl. Koch? Freilich bin ich ein Koch! (Für sich.) Es bleibt nichts Anderes übrig, ich muß den Koch spielen, bis ich mit Helenen sprechen kann. (Man klingelt.) Zehnte Scene. Johann. Vorige. Johann. Die Baronesse wünscht eine Tasse Chocolabe. Haushofm. (zu Carl). Hören Sie nicht? Chocolade für die Baronesse. Carl (für sich). Die erwünschte Gelegenheit. (Laut.) Wo ist die Chocolade? Haushofm. (gibt ihm aus der Tischlade ein Packet Chocolade). Hier, Sie können sie hier im Kamine kochen. (Zu Johann.) Johann! Schnell die Chocoladenkanne! Johann. Sogleich. Seine Ercellenz übergab mir auch dieses Papier für Sie. (Er gibt ihm ein Papier und geht.) Haushofm. Hier kömmt unser neuer Secretär. Eilfte Scene. Vorige. Salzmann (im schwarzen Anzuge). Carl (welcher sprachlos dagestanden und das Packet Chocolade angesehen, welches er in Händen hält, für sich). Das ist der neue Secrc- tar. Salzm. (welcher aus ungeschickte Weise versucht, seine Manieren nachzuahmcn). Wer ist der junge Mann? Haushofm. Der Koch, den ich soeben ausgenommen. Salzm. Ein Koch? (Für sich.) Merkwürdig, daß ich ihn nicht kenne. (Zum Haushofmeister.) Ein Koch in einem solchen Hause — das ist ein wichtiger Posten. Ich hoffe, Sie sind in Ihrer Wahl vorsichtig gewesen, ich will ihn gleich eraminiren. (Laut zu Carl,' mit wichtiger Miene.) Junger Mann, wie heißen Sie? Carl. Ich heiße — (Für sich.) Teufel, was für einen Namen soll ich für diese Kochstelle erfinden? Salzm. Nun, wissen Sie nicht einmal, wie Sie heißen? Carl. Lustig, mein Herr. (Der Haushofmeister setzt sich zum Schreibtisch und schreibt.) Salzm. Lustig! Ein ordinärer Name. Ich erinnere mich aber nicht, den Namen je bei Einem von uns gehört zu haben. (Er faßt sich.) Wo haben Sie zuerst gedient? Carl (für sich). Was soll ich sagen? (Laut.) Im »goldenen Lamm«. Salzm. Im Hötel? Hm! Eine Herrschaftsküche ist besser — in Hötels ist man gewöhnt alle Speisen! in Massen zuzubereiten, das Zarte, das Delicate geht dabei verloren. Haben Sie nie in einem Herrschaftshause gedient? Carl (für sich). Jetzt heißt es lügen. (Laut.) O ja; bei einem Fürsten, bei zwei Grafen und drei Baronen. Salzm. Dann brauchen Sie nicht zu furchten, wenn mau Sie streng eraminirt. Aber Sie sind noch so jung — für Ihr Alter haben Sie schon viel gewechselt. (Für sich.) Ich werde ihm gleich auf den Zahn fühlen. Caikl (für sich). Wenn er mich um die Kochkunst befragt, bin ich verloren. Salzm. Wenn man bei einem Fürsten, bei zwei Grafen und bei drei Baronen gedient hat, so handelt es sich nicht mehr darum, zu fragen: können Sie braten, können Sie gute Mehlspeisen machen? Sie sollen überdieß Koch bei einem Gesandten werden. Sie werden da sehr verschiedene Saucen zubereiten müssen. Carl (für sich). Mir wird ganz schlimm. Salzm. (für sich). Er erbleicht wie ein Kalbsschlögel, der über Nacht in Milch gelegen hat. (Laut.) Für Sie gibt es kein ABC mehr. Ich werde eine Frage an Sie 8 stellen, und wenn Sie mir diese gehörig zu beantworten wissen, so können Sie für alle Gesandten Europa's kochen. Carl (für sich). Es ist ja entsetzlich, was der Mensch für Küchenkenntnisse hat. Salzm. (wichtig). Ich frage Sie, wie bereitet man einen faschirten Fasan ä 1a Irraiss imperiale? (Für sich.) Jetzt ist er abgebrüht. Carl (für sich). Ich erinnere mich nicht einmal, wie so ein saschirter Fasan aussieht — Himmel, waS fange ich an? (Laut.) Sehen Sie, mein Herr, ich habe so viel und so vielerlei gekocht, — dann habe ich auch meine Recepte noch nicht hier. Salzm. Reden Sie mir nicht von Re- cepten oder Kochbüchern, die eigene Erfahrung, ein gutes Augenmaß und ein feiner Geschmack, das sind die Eigenschaften, die ein guter Koch haben muß. (Für sich.) Der Mensch ist dumm wie eine Bratpfanne. Kochbücher! Recepte! (Laut.) Hören Sie mich an, ich will Ihnen sagen, wie man einen faschirten Fasan a 1a lrrai8s Imperials bereitet. Sie nehmen daö Fleisch von einem Kalbskotelett, die Rinde von einer Semmel, zwei ViertellothWildpretfett,han- dertundzwanzig Tropfen flüssig gemachtes Gelse, fünfzehn Austern, eine kleine Sardelle, das Brustfleisch von einer Taube, drei kleine Trüffeln, Salz, rothen Pfeffer und etwas Muskatnuß, das Alles wird so klein gemacht als möglich, dann mit dem Gelb von drei Kibitzeiern abgerieben; —Manche nehmen nur Hühnereier, aber das ist gemeiner Geschmack. Carl (für sich). Der ist ein noch ärgerer Gourmand als mein Vater. Salzm. Dann füllen Sie den Fasan damit, nähen ihn zu, spicken ihn mit March und braten ihn halb. Dann rollen Sie ihn in eine dünne Schnitte von rohem Schinken ein, aber die Schnitte muß dünn sein wie Papier, legen ihn in eine Casse- role, geben etwas braune Bouillon dazu, ein Liqueurglas voll Champagner, einen Eßlöffel voll Rum, Trüffeln, Maurachen, die Herzen von Artischocken, Hahnenkämme, die Spitzen von Spargel» und eine halbe Charlotte — das lassen Sie dünsten, bis die Sauce so dick ist wie Sahne, dann senden Sie den Vogel auf die Tafel, und Sie werden Ihre Wunder erleben. Mein Fasan ä 1a Irraiss imperiale sollte nur bei Krönungstafeln aufgetragen werden. Carl (für sich). Dem gegenüber komme ich nur mit Unverschämtheit auf, also vorwärts. (Laut ) Mein Herr, ich kann Ihnen sagen, daß ich, was Kochkunst anbelangt, keinen Unterricht brauche. Und was den Fasan betrifft, den bereite ich immer ohne Schinken. Salzm. Ohne Schinken? Sie unglückseliger Mensch! Dieser Anhauch von Schinkengeschmack macht ja eben das Pikante, den Irant-Aoüt aus. Ohne Schinken — es ist entsetzlich! Zwölfte Scene. Vorige. Johann. Johann (bringt eine Ehocoladekanne aus Kupfer, einen Sprudler, einen Topf mit Milch, eine Ehocoladetasse, eine Kanne und einen kleinen Teller mit Biscuit aus einer Platte. Er stellt dieß auf den Tisch). Die Baronesse wünscht die Chocolade sogleich. Haushofm. (zu Earl). Lassen Sie sie nicht warten, das Fräulein gilt Alles bei ihrem Vater. (Zu Salzmann.) Hier haben Sie die von Seiner Ercellenz geschriebenen Andeutungen. Sie sollen sogleich die betreffende Schrift aufsetzen. (Er gibt ihm ein Papier.) Ich verlasse Sie jetzt und gehe an meine Geschäfte, sehen Sie zu, meine Herren, daß Sie bei den Ihrigen Ehre ein- legen. (Ab mit Johann.) Dreizehnte Scene. Carl. Salzmann. Salzm. Geschriebene Andeutungen — und ich soll daraus eine Schrift aufsetzen. Ja, wenn er einen Kalbskopf mit Blumenkohl verlangt hatte, den hätte ich ihm aufgesetzt, daß er sich die Finger abgeleckt hätte, aber eine Schrift— jedoch ich bin Secretär — ich beziehe einen Gehalt von zweitausend Gulden — die Baronesse protegirt mich, ick werde mein Möglichstes thun. (Er setzt sich an den Tisch.) Carl (nimmt die Chocoladekanne, gießt die Milch hinein und stellt sie zum Feuer). Der Teufel soll mich holen, wenn ich weiß — was ich nun zu thun habe. (Er sieht die Cho- colade an.) Wahrscheinlich soll das geschabt werden, da sie mir keinen Mörser gebracht haben. (Er nimmt sein Federmesser aus der Tasche.) Helene will die Chocolade sogleich — sie wird aber lange warten müssen, bis ich das Alles geschabt habe. (Er schabt die Chocolade in den Topf hinein.) Salzm. Ich kann meinen Namen ganz gut schreiben, aber von Orthographie habe ich keine Idee. Doch — Secretär, thue deine Schuldigkeit. (Tunkt seine Feder ein.) Cs will mir gar nichts einfallen. (Zu Carl.) Sind Sie aber ungeschickt! Wenn Sie so kratzen, sind Sie morgen auch noch nicht fertig. Carl. Es ist aber auch ein Wahnsinn, das sollte schon vorgearbeitet sein. Bis ich das ganze Packet schabe, wird's Nacht. Salzm. (steht aus). Die Baronesse will Chocolade trinken, und Sie wollen das ganze Packet dazu verwenden! Zwei Tafeln sind genug. (Er schabt die Chocolade und sieht in den Topf.) Wo ist denn die Milch? Carl. Dort am Feuer. Salzm. Sie sieden die Milch ohne Chocolade? Sie wollen Koch sein? Her damit! (Er nimmt die Kanne vom Feuer, gießt die Chocolade hinein, sprudelt, gibt Carl die Kanne in die Hand und sagt:) Stellen Sie die Kanne auf's Feuer, und sprudeln Sie immer zu, bis der Schaum aufsteigt. Carl (stellt die Pfanne auf's Feuer und sprudelt). Salzm. So ungeschickte Hände habe ich mein Lebelang nicht gesehen. (Er sprudelt wieder.) Carl. Da sieht man, daß Sie Meister sind. Salzm. (geschmeichelt). O bitte! 3ch glaube, ich würde Ihnen wohl einen Gefallen thun, wenn ich die Chocolade machte? He? Carl. O, einen sehr großen — Salzm. Können Sie schreiben? Carl. Gewiß. Salzm. So setzen Sie sich hin und schreiben Sie für mich, ich werde für Sie sprudeln. (Carl setzt sich zum Schreibtisch.) 3ch habe noch nicht angefangen, um so besser, so haben Sie nichts auszubeffern. Carl. Soll ich mich nach diesen Andeutungen richten? Salzm. Ja freilich. (Für sich.) Der Mensch hat gar keinen Scharfsinn und der will Koch sein! Vierzehnte Scene. Geydorf (tritt unbemerkt ein. Carl sitzt und schreibt eifrig. Salzmann kauert am Kamin und kocht die Chocolade). Geydorf (sieht auf die Uhr). Es ist zwar noch nicht sechs Uhr, aber ich bin sehr hungrig. (Er sieht Carl.) Beim Himmel, mein Sohn! Wie es scheint, hat er die Stelle nicht nur bekommen, sondern auch angetreten. O mein junger Herr, ich werde Sie bald fortbringen. (Ab durch die Seitenthür.) Salzm. (zu Carl). Nun, kommen Sie vorwärts? Carl. Nur noch ein paar Worte und ich bin fertig. (Er schreibt noch ein paar Worte, faltet das Papier und reicht eS Salzmann.) Hier ist die Schrift. 10 Salzm. Und hier die Chocolade. (Er wischt sich die Stirne ab.) Sie konnten leicht lachen beim Schreibtisch, aber ich hier beim Feuer! (Für sich.) Ich glaube aber, beim Schreiben wäre mir doch noch heißer ge worden. (Laut.) Ich danke Ihnen herzlich. Carl. Keine Ursache — diese Kleinigkeit hat mir ja keine Mühe gemacht. (Er will mit der Lhocoladekanne fortlaufen.) Salzm. Wo wollen Sie denn hin? Carl. Die Chocolade zur Baronesse bringen. Salzm. Wo haben Sie solche Manieren gelernt? Soll die Baronesse die Chocolade aus der kupfernen Kanne trinken? Sie sind ja ein ganz einfältiger Mensch! Hergegeben! (Er gießt die Chocolade in die Kanne, arrangirt Alles zierlich, hängt Carl eine Serviette über die Brust und Arm, stellt ihm die Platte darauf und sagt:) So servirt man! Carl (für sich). Mein Herz schlägt - ich soll sie sehen — aber Helene wird sich halbtodt lachen, wenn sie mich als Koch sieht. Wenn sie sich nur nicht verräth! Fünfzehnte Scene. Vorige. Haushofmeister. HauShofm. Wo bleibt denn die Chocolade? Die Baronesse wird ungeduldig. Carl. Sie ist schon bereit. (Er will fortlausen, Salzmann hält ihn beim Rockschoße zurück.) Salzm. Wenn Sie so laufen, schütten Sie Alles aus. Schneider laufen — in einem noblen Hause geht man. (Carl ab ) Haushofm. Ist die Schrift fertig, mein Herr? Salzm. Die Schrift? O, schon lange! (Er gibt ihm die Schrift, er ahmt Carl nach.) Lappalie! Hat mir gar keine Mühe gemacht. Haushofm. Ich werde die Schrift gleich Seiner Ercellenz übergeben. (Er geht gegen die eine Seitenthür.) Doch ich höre ihn kommen, der Banqnier Geydorf ist mit ihm, da kann ich Sie gleich vorstellen. Salzm. Gott bewahre, Sie wissen, der alte Geydorf ist mir nicht freundlich gesinnt; wie leicht könnte er mir die Suppe versalzen. Nein, nein, ich mache mich aus dem Staube, bis Se. Ercellenz allein ist. (Ab durch die Mittelthür.) Sechzehnte Scene. Der Baron und Geydorf. Haush'of- meister. Geydorf. Ich irre mich nicht, lieber Baron, das ist eine Liebesgeschichte. Baron. Es ist ja gar nicht möglich, wo sollten sie sich kennen gelernt haben? Geydorf. Das begreife ich freilich auch nicht. Mein Carl war seit drei Jahren mit dem Grafen Karter abwesend, dessen Sekretär er war. Sie wissen, ich hatte immer die Absicht, daß mein Sohn sich der Diplomatie widmen sollte — allein der Graf gab seinen Posten wegen Gesundheitsrücksichten auf. Vorigen Sommer begleitete ihn Carl nach Ischl. Baron. Ischl? Dann begreife ich Alles. Helene war vorigen Sommer mit meiner Sckwester in Ischl. Aber weiß Ihr Sohn nicht, daß wir Freunde sind? Wozu diese Heimlichkeit? Geydorf. Er weiß, daß ich andere Absichten mit ihm hatte, er ist so gut wie verlobt mit der Tochter eines alten Freundes von mir; wir wollten Jeder unseren Kindern hunderttausend Gulden mitgeben. Baron. So? — Und wie haben Sie erfahren, daß er in mein Haus zu kommen trachtet? Geydorf. General Benfield, den er gebeten hat, sich für ihn bei Ihnen zu verwenden, hat es mir heute Morgen geschrieben. Denken Sie mein Erstaunen, als ich ihn früher schon da sitzen sah. Baron (zum Haushofmeister). Was sagen Sie da? Haushofm. (tritt vor). Euer Ercellenz, hier ist die Schrift, welche der neue Secretär aufgesetzt hat. (Er gibt sie ihm.) 11 Baron. Sehr gut. (Der Haushofmeister zieht sich wieder zurück.) Geydorf, erkennenSie die Schrift? Geydorf. Freilich, es ist die seine. Baron (zum Haushofmeister). Wer hat den jungen Mann empfohlen? Haushofm. Ich hoffe, Euer Ercellenz werden nicht ungehalten sein, die Baronesse sagte mir, sie habe so viel Gutes von ihm gehört, sie schien so sehr zu wünschen, daß er die Stelle bekäme, — daß ich— Baron. Wie? meine Tochter? — (Sick fassend.) Ja wohl! Sie haben recht gethan. (Der Haushofmeister verbeugt sich und zieht sich zurück.) Es scheint, Ihr Verdacht war gegründet. Geydorf. Die Sache ist so gewiß, als die Sonne bei Tag und der Mond bei Nacht scheint. Baron. Und was ist da zu thun? Geydorf. Ich denke, wenn die jungen Leute sich wirklich lieben, sehr wenig. Das Mädchen, welches ich ihm bestimmt hatte, kennt ihn gar nicht, sie verliert also nichts. Ihre Helene ist ein sehr liebenswürdiges Mädchen, wenn es Ihnen daher recht ist, so lassen wir die Kinder zur Strafe noch ein wenig warten, und dann mögen sie sich heiraten. Was sagen Sie dazu? Baron. Wenn unsere Kinder sich wahrhaft lieben — in Gottes Namen. Vorerst spielen wir aber noch die strengen Väter. Für ihren Mangel an Vertrauen müssen sie jedenfalls bestraft werden. Jedoch Eines behalte ich mir vor. Ihr Sohn muß auch mir gefallen. Sie wissen, ich kenne ihn noch nicht. — Geydorf. Das versteht sich von selbst. (Sie rrichkn sich die Händk.) Baron (zum HauShosmkistkr). Warum haben Sie mir den neuen Secretär noch nicht vorgestellt? Haushofm. Erstens waren Euer Er- ccllcnz sehr beschäftigt, zweitens bat er mich es zu verschieben, bis der Herr Banquier fortgegaugeu wären. Geydors (leise zum Baron). Sehen Sie! Baron (ebenso). Lieber Geydorf, gehen Sic ein wenig in mein Cabinet und lassen Sie mich allein mit ihm sprechen. Geydorf. Vergessen Sie nur nicht, daß ich sehr hungrig bin. Werden wir denn heute gar nicht speisen? Baron. Sie sollen nicht mehr lange schmachten. Geydorf. Wenn Sie mich nicht bald erlösen, suche ich die Speisekammer und leere sie vollständig. (Ab in's Seitenzimmer.) Baron (zum Haushofmeister). Schicken Sie mir den Secretär. (Haushofmeister ab.) Die Schrift ist gut gemacht; geschickt scheint mein zukünftiger Schwiegersohn zu sein. Der Styl zeigt offenbar Talent, auch ist er ganz auf meine Ansicht eingegangen, es scheint, wir werden sympathisiren. Ueber- dieß ist er der Sohn meines ältesten Freundes, welcher nur einen Fehler hat, den der Feinschmeckerei. Siebenzehnte Scene. Vorige. Salzmann. Baron. Ich habe Ihren Aufsatz gelesen und bin sehr zufrieden damit. Salzm. (imitirt wieder Carl). Eine Kleinigkeit — hat mir sehr wenig Mühe gemacht. Baron. Das sieht man, weil der Styl so fließend ist. Einige Ausdrücke wünschte ich jedoch noch gemäßigter — Sie ließen sich wahrscheinlich von Ihren Gefühlen Hinreißen, das entschuldigt die Jugend, aber nicht den Diplomaten. Salzm. Ich bitte um Entschuldigung — ich — (für sich) er scheint nicht ganz zufrieden zu sein, wenn der verfluchte Koch mir den Braten verbrannt hat, so stecke ich ich ihn an den Spieß. Baron. Ich tbeile wohl Ihre Gesinnung, allein man erreicht mehr, wenn man vorsichtig vorwärtsgeht, — nur nichts überstürzen. Wir müsse» uns gegenseitig kennen lernen; um uns ganz zu verstehen, 12 müssen wir wissen, wie wir denken und fühlen. Salzm. Waö ich denke — je nu — ich denke — Baron. Ich sehe, Sie sind bescheiden. — Sie scheuen sich, mir gegenüber eine bestimmte Meinung auszudrücken. Salzm. (für sich). Der Teufel mag wissen, auf was er anspielt. Baron. Allein die Maßregel, die wir hier ergreifen, ist nothwendig; das sehen Sie doch ein? Salzm. Vollkommen; entschieden! (Für sich.) Wenn ich ihm Recht gebe, das nimmt er gewiß nicht übel. Baron. Antworten Sie mir frei und offen. Salzm. Weil Eure Erellenz es durchaus verlangen — hm hm — (er hustet verlegen) ja, Ihre Meinung ist überall auch ganz und gar meine Meinung. Baron. Das dachte ich mir. Ich hoffe, wir werden uns bald durchweg verstehen. Salzm. (für sich). Gott gebe es — bis jetzt verstehe ich ihn gar nicht. Achtzehnte Scene. Vorige. Anna (aus Hclenens Zimmer, sie bleibt an der Thür stehen und winkt). Salz- mann. (Der Baron kehrt der Thür den Rücken.) ' Salzm. (für sich). Was denn das Dienstmädchen haben will? Anna (legt den Finger auf den Mund und zeigt ihm einen Brief). Salzm. (laut). Einen Brief haben Sie für mich? So geben Sie ihn nnr her. Baron (zu Anna). Du hast einen Brief? von wem? Anna (verlegen). Ei—nen Brief? Nein, ich habe keinen Brief. (Sie will fort, der Baron hält sie zurück.) Baron. Dn gibst mir augenblicklich den Brief. (Er saßt ihre Hand und nimmt ihr den Brief.) Anna. DaS istabscheulich.(ZuSalzmann) Sie sind an Allem Schuld! (Sie läuft in Helenens Zimmer.) Neunzehnte Scene. Vorige (ohne Anna). Baron (liest die Aufschrift). An den Sekretär. (Er öffnet den Brief.) Es ist, wie ich vermuthete. (Zu Salzmann.) So, so, mein Herr, Sie wechseln heimlich Briefe mir meiner Tochter? Salzm. (für sich). Jetzt liegt das Schmalz im Feuer! (Laut.) Ich, mit Ihrer Tochter? ich lasse mich schlachten, wenn — Baron l unterbricht ihn). Schweigen Sie, es ist unnütz zu leugnen, Helene bestätigt es ja durch diesen Brief. (Er stellt sich wü- thend und geht heftig auf und ab.) Salzm. (für sich). Jetzt ist die Pastete fertig. Es war zu schön, darum auch nicht von Dauer. (Er fällt auf die Knie.) Ich bitte um Verzeihung, Ercellenz, ich will Alles gestehen, ich bin eigentlich gar kein Secretär. Baron. Stehen Sie auf, mein Herr. Hören Sie mich an. Wenn Sie sich meiner Achtung würdig erweisen, so will ich verzeihen, und Sie sollen meine Tochter haben. Salzm. Ich? Baron. Unter einer Bedingung. Sie müssen Ihrem Vater einen reuigen Brief schreiben, und Ihren Mangel an Vertrauen entschuldigen, damit er Ihnen ebenfalls verzeihe. Ich will den Brief dictiren, setzen Sie sich und schreiben Sie. Salzm. Ich, schreiben — vor Euer Ercellenz? Niemals! Baron. Vergessen Sie nicht, noch sind Sie mein Secretär — und nur unter dieser Bedingung bekommen Sie meine Tochter. Salzm. (für sich). Ich die Tochter eines Gesandten heiraten? L3 Baron. Wenn Ihre Absichten redlich waren, warum haben Sie sick in meinem Hause nicht vorstellen lassen? Ihr Vater konnte doch — Salzm. Mein Vater, Ercellenz —hat sehr viel zu thun. Es essen täglich so viele Leute bei ihm. Baron. Das glaub'ich, man weiß, daß man bei ihm sehr gut speist. — Salzm. Ercellenz wissen das auch? Baron. Ich habe selbst oft genug bei ihm gespeist. Leider waren Sie mehrere Jahre abwesend und so sah ick Sie niemals. Salzm. Mein Vater wollte mich nicht selbst unterrichten; er meinte, unter Fremden gibt man sich mehr Muhe, und der Alte hat Recht. Baron (für sich). Ick begreife nicht, was Helene an diesem Menschen findet. Die Familie ist freilich bürgerlich, aber sehr reich. (Laut.) Wissen Sie, daß Ihr Vater sehr zürnt, weil Sie sich in mein Haus einschleichen wollten? Er weiß, daß es unter dem Vorwände, mein Secretär sein zu wollen, geschehen sollte. Salzm. Was? Erzürnt ist er? Er soll Gott auf den Knien danken, daß ich eine solche Stelle bekommen habe. Baron. Ich denke, eS ist nicht die Stelle, welche ihm unangenehm ist, sondern die Art und Weise, wie Sie dazukommen, und darin hat er Recht. Ich bestehe darauf. Sie müssen ihn wegen dieser Falschheit schriftlich um Verzeihung bitten. Setzen Sie sich und schreiben Sie, ich werde dic- tiren. Salzm. (für sich). Ich sitze in einer schönen Sauce! Wenn ich ihn nur verleiten könnte, zu plaudern, damit er die dumme Schreiberei vergißt. (Laut.) Euer Ercellenz haben bei meinem Vater gespeist — haben Sie dort nie einen fasckirten Fasan L 1s. Krams imperisls gegessen? Baron. Der Guckuk hole den Fasan sammt der Krams iwpvrialv. Ist das der Augenblick, um von einem solchen Gegenstand zu sprechen? Schreiben Sie! Salzm. (für sich). Nichts interessirt ihn. (Laut.) Wenn mir Euer Ercellenz nur eine halbe Stunde Zeit lassen würden — (für sich) bis ich den Koch ausfindig mache. Baron. Nein, mein Herr, Sie werden sogleich schreiben und in mein er Gegenwart. Salzm. Das ist gerade das Schlimmste. Als ich in die Schule ging, mußte ich mich schon in einen Winkel setzen, wenn ich schreiben wollte. Wenn mich Jemand sieht, kann ich gar nichts. Baron. Welche verkehrte Ansichten! Doch ich will darin nachsichtig sein; ich will Sie nicht anschen. Setzen Sie sich dahin — (er bezeichnet den Schreibtisch und nimmt sich einen Stuhl am andrm Ende der Bühne) und ich setze »nick hierher und kehre Ihnen den Rücken; das ist doch genug, um Ihre Scheu zu überwinden? Salzm. (setzt sich und besichtigt da- Papier und die Federn). Noch lange nicht — ich kann eben so wenig schreiben, als ob Sie mir gegenüber säßen. (Für sich.) Warum stocken denn jetzt alle Geschäfte, warum läßt ihn jetzt Niemand,rufen? Baron. Wenn Sie nicht schreiben können, Herr, wenn man Ihnen dictirt, »vie konnten Sie sich um eine Secretärsstelle bewerben? Sie müssen diese falsche Scham überwinden. Salzm. (für sich). Mir ist, als ob ich am Spieß stäke! Baron (dictirend). »Mein geliebter und hochgeehrter Vater!* Salzm. Ich bitte um Entschuldigung, haben Eure Ercellenz nicht zufällig ein Federmesser bei sich? Baron. Was wollen Sie damit, — die Stahlfedern schneiden? Salzm. (horcht und sagt für sich). Es kommt noch Niemand. Will denn gar keine Nation Dänemark den Krieg erklären? Baron. Nun, wollen Sie endlich Anfängen? 14 Salzm. (hat schnell daS Tintenfaß unter dem Tisch, ausgeleert, tunkt die Feder ein und sagt). Euer Ercellenz, cs ist keine Tinte da. Baron. Welche Nachlässigkeit! (Ernimmt eine Flasche mit Tinte aus einem Kasten und gibt sie ihm.) Hier ist Tinte. Salzm. (für sich). Jetzt ist Alles aus! Baron. Haben Sie geschrieben, was ich dictirt habe? Salzm. (buchstabirt für sich) Ge—- —l—ü—b. lübter, und hochge-ö—h—r- ter Vater! (Laut.) Vater — Baron (dictirend). »DasGefühl meiner Hypokrisie drückt mich zu Boden.« Salzm. Was, wie, das Gefühl von was? Baron. »Das Gefühl meiner Hypokrisie.* Salzm. (für sich). Hat man je so ein Wort gehört? Das nennen die Diplomaten deutsch. Und das soll ich schreiben! Baron. Warum fahren Sie nicht fort? Salzm. (steht auf, legt die Hand aus die Wange, und stampft mit den Füßen, als ob er heftige Schmerzen hätte). Baron. Was haben Sie denn? Salzm. Zahnschmerzen, rasende Zahnschmerzen. Der verfluchte Zahn! Erlauben Euer Ercellenz, daß ich mich entferne. (Er will gehen.) Baron. Wo wollen Sie denn hin? Salzm. Rum will ich in den Mund nehmen, das ist das Einzige, was mir hilft. Baron. Das sind leere Ausflüchte, — Sie wollen nicht schreiben. Sie wollen sich vor Ihrem Vater nicht demüthigen, allein Sie müssen. Setzen Sie sich und schreiben Sie. Salzm. Schreiben — mit diesem Höllenschmerz? (Für sich.) Das höllische Wort, daS bringe ich in zehn Jahren nicht zu. sa mmen. Baron. Was habe ich zuletzt gesagt? Salzm. Das Gefühl meiner — Baron. »Hypokrisie drückt mich zu Boden.« Salzm. Ich kann nicht schreiben, der Schmerz ist zu groß. Baron. Sind Sie einMann? Sie entkommen mir nicht. Salzm. Nicht? Dann bitte ich Euer Ercellenz, mir das Wort vorzubuchstabiren. Baron. Sie wollen doch nicht sagen daß Sie Ihre Muttersprache nicht schreiben können? Salzm. Schreiben kann ich wohl, aber die Orthographie war immer meine schwache Seite — und nun noch so ein Wort, das Hab' ich mein Lebtag nicht gehört. Baron (nimmt das Geschriebene vom Tisch und durchsieht es). Was soll das heißen? Sie schreiben geliebter mit einem ü und geehrter mit einem ö? Wollen Sie mich mystificiren? Salzm. Schon wieder so ein Wort — soll ich das am Ende auch niederschreiben? Baron. Gestehen Sie, ist das eine Finte, oder können Sie wirklich nicht besser schreiben? Salzm. So wahr ich selig zu werden hoffe, ich kann's nicht besser. Baron. Wer hat denn den Aussatz geschrieben, den ich früher erhielt? Salzm. Der Koch von Euer Ercellenz. Baron. Sie sind also ein vollkommen unwissender Mensch? — Sie haben kein anderes Verdienst, als der Sohn eines reichen Mannes zu sein, und haben den Muth, sich um meine Tochter zu bewerben? Salzm. Was kann ich dafür, wenn sie sich in auch verliebt? und da Euer Ercellenz sie mir geben wollten, so werde ich doch mein Glück nicht selbst zurückweisen. Baron. Sie Ihnen geben? Lieber will ich sie als Leiche vor mir sehen. Salzm. Ja warum haben Sie mir sie denn angetragcn? Baron. Der Elende! Ist eS möglich, daß meine Tochter so verblendet sein konnte, diese gemeine Seele zu lieben? Salzm. Soll das nobel sein, daß Sie mir meine Gemeinheit vorwerfen? Sie 1V haben ja gewußt, daß ich nur ein Bürgerlicher bin. Baron. Allein ich hielt Sw für einen Menschen von Erziehung, von Bildung, von Charakter. Aus meinen Augen! Salzm. So schnell soll ich meine schöne Stelle verlieren? Baron. Hinaus! (Er schiebt Salzmann hinan- und geht in sein Cabiuet.) Zwanzigste Scene. Carl. Haushofmeister. Haushofm. Was haben Sie denn? Carl. Als ich der Baronesse die Choco- lade hineintragen wollte, nahm mir ein schnippisches Kammermädchen die Platte auS der Hand und schlug mir die Thür vor der Nase zu. Das ist impertinent. Haushofm. Das Mädchen hat ganz Recht. Sie haben die Chocolade zu kochen, aber nicht hincinzutragen. Ist das Essen fertig? Carl. Das Essen? Ich habe nicht einmal daran gedacht. Haushofm. Ich denke, Sie sind impertinent, junger Mann. Wenn Sie es wagen konnten, dem alten Banquicr einen blauen Dunst vorzumachen — hier geht das nicht. Carl (für sich). Er spricht von meinem Vater? Er weiß Alles. (Laut.) Ich will nicht fragen, woher Sie Alles erfahren haben — ich bitte Sie nur meinem Vater nichts zu entdecken. — Sie sollen es nicht umsonst thun — hier — (tzr gibt ihm eine Banknote aus seiner Brieftasche.) Haushofm. Behalten Sie Ihr Geld — für einen Koch haben Sie mir schon genug gegeben. Wenn Sie einen strengen Vater haben und ihn fürchten, so thun Sie Ihre Pflicht, damit Sie Ihre Stelle nicht verlieren. Es wird Ihr Schade nicht sein — wir werden hier im Hause bald eine einträgliche Zeit haben — eine Hochzeit — Carl. Eine Hochzeit — wer soll denn heiraten? Haushofm. Unsere Baronesse, ich habe es vorhin erlauscht, sie heiratet den neuen Secretär, die beiden Väter haben es schon ausgemacht. Carl. Den Sekretär, den ich früher hier sah? Haushofm. Denselben. Er ist kein Sekretär, er hat eine heimliche Liebschaft mit der Baronesse, und hat sich auf diese Art ins Haus eingeschlichen. Carl. Eine Liebschaft — ich kann eS nicht glauben; wenn es aber wahr wäre, so breche ich ihm alle Glieder entzwei. Zch muß die Wahrheit erfahren. (Er will sorteilen, an der Thür stößt er mit dem Banquier Geyerdors zusammen.) Mein Vater! Einundzwanzigste Scene. Vorige. Geydorf. Geydorf. Mein Sohn? Haushofm. (für sich) Unser Koch ist der Sohn des Banquiers. Da muß ich dock horchen. (Ab.) Geydorf. Endlich erwische ich Dich - So also täuschest Du deinen alten Vater? Weißt Du denn nickt, daß ich Dir Alles zu Liebe thue? Ich wollte den Grausamen spielen, allein ich kann mich nicht verstellen. Ich bin zu hungrig. Die Geschichte muß ein Ende haben. Der Baron hat zugesagt, Du sollst sie haben. Helene wird meine Schwiegertochter. Zweinndzwanzigste Scene. Vorige. Baron. Helene. Baron (welcher die letzten Worte gehört hat). Ihre Schwiegertochter? Niemals! Geydorf. Wie, Sie nehmen Ihr Wort zurück? Baron. Vergessen Sie die Bedingung? Zch sagte, wenn mir Ihr Sohn gefällt und nach dem Auftritt, den ich soeben mit ihm gehabt habe — 16 Carl (für sich). Wie, ein Auftritt? Baron. Hätte ich nicht unserealte Freundschaft bedacht, so hätte ich ihm die Thür weisen lassen. Carl. Ercellenz, das muß ein Mißver- ständniß sein, darf ich fragen — Baron (ihn unterbrechend, zu Geydorf). Wer ist der junge Mann? Geydorf. Mein Sohn; kennen Sie ihn denn nicht? Baron. Das ist Ihr Sohn? Helene. Ja, Papa, das ist Carl. Baron. Ja, dann möchte ich wissen, mit wem ich soeben in die sem Zimmer gesprochen habe? Mein Haushofmeister hat ihn mir als Secretär vorgestellt, allein der Mensch kann nicht drei Worte correct schreiben. Carl. Der Haushofmeister hat mir soeben gesagt, jener Mensch habe sich als Secretär in's Hans eingeschlichen, eine heimliche Liebe — Baron. Eingeschlichen—das muß aufgeklärt werden. Geydorf. Um Gottes willen, nur nicht vor Tisch, sonst verhungere ich. Ah! Es wird servirt! Dreiundzwanzigste Scene. Vier Diener (mit Schüsseln, gehen über die Bühne). Salzmann (folgt ihnen Er ist als Koch gekleidet und trägt eine verdeckte Schüssel). Baron. Das ist der Mensch. Geydorf. Wie, mein ehemaliger Koch Salzmann, den ich Ihnen anempfehleu wollte? (Zu Salzmann.) Du Spitzbube, waS hast Du in diesem Hause wieder für eine heillose Wirthschafl angerichtet? (Sr hebt den Stock gegen ihn aus.) Salz mann. Schlagen Sie zu, Herr von Geydorf, aber vorerst riechen Sie. (Er nimmt dm Deckel von der Schüssel und hält sie ihm unter die Nase ) Geydorf (riecht). So wahr ich lebe, ein faschirter Fasan a Is, brsäss imperiale! Salzm. (verbeugt sich vor dem Baron). Euer Eccellenz, der Zufall machte mich zum Secretär, jetzt bin ich an meiner rechten Stelle und da hoffe ich Sie zufriedenzu« stellen. Dem Himmel sei es gedankt, all' die kleinen Mißverständnisse sind nun aufgeklärt — den Vogel erkennt mau an den Federn, den Koch aber an der Sauce — riechen Sie! (tzr hält ihm die Schüssel hin.) Der Vorhang fällt. Ende. Druck und Papier von veopold Eommer in Ären Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Flüchtig in der Heimat. Charakterbild mit Gesang in drei Arten von Friedrich Kaiser. Musik vom Kapellmeister I. Br an dl. Personen: Herr von Alhausen, Herr und Bauer in Tirol. Eajetan von Zappetseld au» Wien, sein Neffe. Stromberg. Jägrr-Hauptmann Rampinger, Wirthschastsbefitzer. Lilli, seine Bäte. Der Volker«Han». Sepp, Holzhändler. Ambrosiu», rin Mönch. Sabine, Sennerin. Feindliche Freischärler, Tiroler Schul Regine, i Marthe, l Bäuerinnen. Dronl, f Martin, j Andre», I Math iS, ' Bauernburscht Ruprecht, I Peter, ! Birkmann, Hörster. Ein Kellnerjunge. >, Feldjäger, Weiber, Kinder u. s. w (Gebirgswald, recht» und link» hohe Baumgruppen, im Hintergründe eine fast senkrecht aufsteigende Felsenwand, welche nur von einer schmalen Schlucht durchbrochen ist, ein Fußsteig führt durch letztere nach der Höhe; über der Felswand sieht man noch die Gipfel ferner, zum Theil mit Schneebedeckter Gebirge, welche im rothen Glanze der Abendröthe schimmern, während e» im Vordergrund schon zu dämmern beginnt. Am Fuße der Felswaud steht ein rothangestrichenr» hölzerne» Kreuz, an dessen Stamme ein Täfelchen angebracht ist, auf welche» die Figur eine» knienden Jäger» gemalt und eine kurze Inschrift beigesügt ist. An diesem Täfelchen hängt ein au» grünen Zweigen geflochtener Kranz. — Beim Aufziehen de» Vorhänge» hört man au» einiger Entfernung ein Thurmglöcklein zum »Ave» läuten.) lheaker-Repertoiie-Sir. ISS, r Erst «>r Act. Erste Scene. 6illi (allein). (Sie ist in der Tracht einer Sennerin, kommt, in der Hand einen aus Alpenblumen geflochtenen Kranz kragend, gesenkten Hauptes den Fußsteig durch die Schlucht herab, geht gegen das am Fuße der Felsenwand befindliche Kreuz, will den Kranz an dasselbe hängen, bemerkt aber bereits den dort angebrachten Kranz und tritt überrascht einen Schritt zurück.) Was ist das?—Schon a Kranz da? A frischer Kranz?! — Wer hat den da aufgehäugt? Wer Anderer als ich hat's Recht dazu? — So lang' er (auf das Kreuz weisend) g'lebt hat, hat er von keiner Dirn' a Blümerl ang'nommen, sich von keiner ein' Buschen auf n Hut stecken lassen, als von mir — und jetzt, weil er's nit mehr abwehren kann, wollt' ihm a And're so a Lieb'szeichen ausdringen?! Z leid's nit!—Mein allein is er imTod, wie er mein allein im Leben war! 3 laß' keiner Andern a Recht auf die Stell'! — Weg mit dem Kranz! (Macht eine heftige Bewegung, um den Kranz von dem Kreuze wegzn» reißen, hält aber, sich besinnend, wieder inne; weicher.) Nein! —nein! — War ich doch niemals eifersüchtig, so lang' er g'lebt hat, und jetzt soll ich's werden, weil wer dem Tobten sei' Lieb' b'weist? — Wer's auch sein mag, der das Kranz! daher g'hängt hat, 's ist mit gutem Willen g'scbeh'n und den muß ich ehren! 's ist ja noch alleweil Platz g'nug für mein'n Kranz! (Geht zum Kreuze und hängt den mitgebrachtrn Kranz ebenfalls an dasselbe, mit hervorbrech. nden Thränen. t Da — da — mein lieber Gotthard! dein Bind band—zu dein'm Geburtstag! (Sinkt in die Knie und faltet die Hände zum Gebete.) Zweite Scene. Cilli, Rampinger, Sepp. Sepp (eine Axt aus der Schulter, über deren Stiel seine Joppen hängt, tritt zuerst raschen Schrittes vom Vordergründe links aus). Ra Mp. (rin alter Mann, eine hölzerne Tabakspfeife im Munde und einen Bergstock in der Hand, folgt ihm). Na — na! Sepp! renn' nit gar a so! Denk', daß ich keine fünfund- zwanzigjährigen Füß' Hab', wie Du! Sepp. A was! Wann's da (grgen die Berghöhe weisend) hinauf geht, mein' ich, brauchet ich gar keine Füß' — 's zieht mich völlig was 'nauf! Ra mp. (lächelnd). Kenn's! War mir ja ah amal so! — 's ist freilich schon lange her, seit ich um mei'Gertrud g'freit Hab' — aber wann ick daz'mal auf d'Alm g'stiegen bin. und schon von weiten» ihren 3odler g'hört Hab'; — Sepp. 3a, da hast wohl mit ein' 3uchezcr g'autwort', und sie ist Dir auf'm halben Weg entgegenkommen—? R a M p. (in froher Rückerinnerung). 3a, ja, so war's l Sepp (finster vor sich hinsehend). Aber bei mir ist's nit a so! — Mich grüßt ka G'sang, und wann ich 'naufkomm, ka freundlicher Blick, und (wie verzweifelnd) dock — doch kann ich's nit lassen! Ra mp. (tröstend). Na, na! — Du als Holzhandler sollst dock am besten wissen, daß auf Ein'» Schlag kein Baum fallt. Sepp. Auf Ein'u Schlag? — Hab' ick epper erst einmal ein'n Anwurf g'mach t? Seit fünf 3ahr' vergeht ka Wochen und ka Tag, wo ich ihr nit sag' und zeig', daß sie mein Alles ist; aber ihr Herz ist wie ein Eiszapfen auf ein'm Hoheit Feuer — wie heiß 's als 's d'rauf scheint — es lahnt nie auf! Ramp. WaS der Lieb' nit g'lingt, g'lingt vielleicht der g'sunden Vernunft: — d rum will ich heul' einmal ein ernsthaftes Wort mit ihr reden! — Also steigen wir « auf zu ihrer Hütten — aber schon stad! sonst Hab' ich oben kein Athem mehr zum Reden! (Wendet sich gegen dir Schlucht und erblickt Lilli, überrascht stehen bleibend.) Ah — da! (mit einer Hand Sepps Hand erfassend und mit der andern aus Gilli weisend, mit gedämpfter Stimme) da — schau nur! 3 Sepp (ebenfalls mit gepreßter Stimme) Die Eilli! Ra mp. Na siehst! — heut' ist's Dir dock auf halbem Weg entgegenkommen! Sepp (mit finsterem Groll). Mir? Du siehst ja, wen's heimg'sucht hat! Ramp. (verstimmt). Das muß ein End' haben! (Ruft laut, im Tone des Vorwurfs.) Eilli! Eilli (wendet den Kops zuerst nach Rom- pinger um, dann wieder gegen das Kreuz, be< kreuzt Stirne, Mund und Brust und erhebt sich hierauf). Du bist's, Detter! Ramp. Ja, ich Hab' Dich oben in deiner Sennhütten aussucken wollen und treff'Dick da! — Ist das a Zeit, wo man von der Alm weggebt und 's Vieh allein laßt, g'rad jetzt, wo's am weitesten geht und Futter sucht? Eilli. Hab' ka Sorg'! Ich laß d' Küh' über Nacht nit mehr im Freien, sic sein schon alle im Stall' — Ramp. Aber was rhust denn schon wieder herunten in der Klamm? Eilli (kimn traurigen Blick auf das Kreuz zurückrichtrnd) Detter, heut' war dem Gotthard sein Geburtstag! Ramp. (etwas begütigt). Na, 's ist schon recht, wenn man den Todten ein' Ehr' erweist, aber man darf dabei auf's Leben nit vergessen! Eilli. Was willst damit sagen? Ramp. Daß d' einmal g'sckeit sein sollst. Eilli! Das ewige G'flenn mackt den Todten nit wieder lebendig und Du versitzt Dick drüber! Das muß anders werden! Eilli (ihn ansehtnd). Wie anders? Ramp. Hör' mich an! — Du weißt, daß ich deiner Mutter, meiner Schwester, wie's schon im Sterben g'legen ist, versprochen Hab', daß ich Dich zu mir nehmen und halten will wie ein eigenes Kind. Eilli (seine Hand mit ihren beiden Händen fassend). Und das hast redlich g' halten! Vergelt' Dir 's Gott tausendmal! Ramp. Der liebe Gott kann mir's nur dadurch vergelten, daß ich's noch erleb', Dich glücklich versorgt zu sehen! Eilli (traurig den Kopf schüttelnd). Glücklich? — mich?! Ra mp. Schau — ick Hab' dein' Herzen nie ein' Zwang anthan! — Mei Willen wär's immer g'wesen, daß d' ein braven Bauer nehmest, aber Dich hat 's zu dem Jäger kinzvg'n — na, er war a braver Bursch, der Gotthard, und ich Hab' nichts dagegen g'habt, d' Hochzeit war schon vor der Thür, da macht er, der doch auf unser« Bergt» so daheim war, daß er blinder alle Weg' und Steg' troffen hätt', einmal doch ein' Fehltritt, fallt da über d' hohe Wand herunter und bricht sich 's G'nackl Eilli (macht eine heftige, verneinende Bewegung und sieht starr vor sich hin). Ramp. (fortfahrend). Daß d' über ihn trauert hast, war ganz in der Ordnung — aber sogar a Witwe trauert nickt länger als a Jahr, bei Dir will's aber gar kein End' nehmen, das ist ein Unsinn, und fast sündhaft; auck über rin Unglück muß man sich mit der Zeit trösten! Eilli. Ja, über ein Unglück kann und muß man sich trösten, denn man muß sich denken: »Gott hat 's so wollen!« — aber das — (mit ausgestreckter Hand nach dem Kreuze deutend) das war nit Gottes Willen — das war mehr — war schrecklicher als ein Unglück! Ramp. (fit erstaunt ansehend). Was meinst mit der Red'? Eilli. Ja — ick will Dir 's sagen, Vetter. was ich davon halt, damit'st begreifst, daß ich was Anders als ein'n leidigen Trost suchen muß! Ramp. Was Anders? — Und das war' —? Eilli (mit beinahe wildem Teuer) Rach' such' ich — Rach' an dem, der Schuld ist an Gotthard sein' Tod! Sepp (zusammensahrend, heftig). Was sagst? — Du glaubst —? Dirn'! bist narrisch? Eilli (die geballte Faust gegen ihre Stirn drückend). Ja, ich sürckt' beinah', daß ick's noch werd' über den Gedanken! Sepp. Abrrhab'n denn nicht dieG rickts- 1 * 4 ärzt' die Leich' untersucht? Haben's nit alle g'funden, daß er im Sturz vom hohen Felsen sich 's Rückgrat und 's Gnack brachen hat? Cilli. Ja — ja — das ist im Sturz g'schehen,aber was istUrsach',daß er g'stürzt ist? Sei Ung'schick nit, denn der Weg droben ist breit genug, und oft is 'r 'n gangen, aber ich Hab', wie's mich zu seiner Bahr' zulassen haben, gleich dahier (aus die Schläfe weisend) a blutroth's Fleckel bemerkt, nit größer als a Silbergroschen, ich Hab' den Arzt d'rauf aufmerksam g'macht, der aber hat g'meint, das käm von ein' Fall auf ein' zackigen Stein, aber mir hat's schon damals nit aus'n Sinn wollen, daß das a Wundmal von an Schlagring ist, wie ihn unsre Burschen fast alle tragen — daß er also vor sein End' g'rungen haben muß, von so ein Schlag damisch wor'n, und so (zusammenschaudernd) herunterg'stürzt ist! Sepp. Sv legst Du Dir's aus! — Aber wer sagt Dir, daß's wirklich so war'? Eilli (gegen das Kreuz weisend). Er selber! ^ Ra mp. (erschreckt). Er — der Gott-) hard? H Sepp (erbebend). Der Todte —?!sA Eilli. Ja, nachdem's ihn begraben haben, ist er mir drei Nacht' nacheinander im Traum erschienen — die Stirn' voll Blut und d'Händ bittend nach mir ausgestreckt, als ob er sagen wollt': »Hilf Du mir, daß ich Ruh' find' in mein'm Grab!* De»rn das wißt's ja, daß d'Seel'von ein'm Ermord'ten nit los kann von der Erden, bis sein'Mörder die g'rechte Straf'ereilt hat! Ra mp. (für sich). Mir schauert völlig d'Haut, wenn ich so was hör' — aber ick darf ihr's nit merken lassen! (Laut zu Cilli.) Schau, Cilli! Das sein so wüste Bilder, die Dir vor d'Augen kommen, weck st ewig den Gedanken nachhängst — ewig allein droben bist in deiner Hütten — das wird aufhören, wann D'nit mehr allein bist und d'rum wär's g'rad' gut, wenn Du Dich veränderst. Eilli (anfänglich nicht begreifend). Wann ich mich verändert? Ra mp. Ja — kurz und gut — Du sollst heiraten! — Das will ich, und deswegen sein wir da — ich und der Sepp — Eilli (rasch einen finstern Blick ans Sepp werfend). Der — Sepp?! Sepp. Ja, Cilli! — ich mein', z'sagen brauch' ich Dir's nit erst, daß ich Dich schon lang' — lang' lieb Hab'. Cilli (ihm starr in die Augen sehend). Ja — Du—g'rad'Du bist mir schon damals nachgangen, wie der Gotthard um mich g'worben hat! — Du hast nir Nachlassen, wie er schon mein Bräutigam war — Dir — g'rad' Dir ist er wohl am meisten im Weg g'standen. — Sepp (erschreckt einen Schritt zurücktretend) Cilli! — was für a Verdacht —?! Eilli (eilt aus ihn zu, saßt ihn krampfhaft am Arme und zieht ihn näher gegen das Kreuz). Komm' daher! Sepp (ihr nur mit Widerstreben folgend). Was — was willst von mir?! Cilli. Du — an der Stell' schwör' mir, daß Du unschuldig bist an sein End'! Sepp (zögernd). Du — verlangst —? Cilli (drohend — beinahe wild). Schwör', sag' ich — wenn Du's kannst! Sepp (das Gesicht vom Kreuze abgewandt, mit Trotz). Ja — ich kann's! (Die Hand zum Schwur erhebend ) Und so — schwör' ich Dir — so wahr mir Gott helfen soll, daß ich an dem Tag', an dem das Unglück g'schehen ist, den Gotthard mit kein'm Aug' g'seh'n Hab'. (Die erhobene Hand sinken las send, gleichsam erschöpft.) Glaubst mir's jetzt? Cilli (mit gesenktem Haupte). Ich Mllß'S glauben. Ramp. (zu Cilli). Und bitt'st den Sepp um Verzeihen, daß D'nur so ein'n Gedanken in Dir hast aufkommen lassen und laßt ihn hoffen, daß'st'n doch noch nehmen wirst? Cilli (wieder heftig). Nein! Ihn nicht - und kein'n Andern auch nicht! Ich bin und bleib' dem (auf's Kreuz weisend) sei' Braut —! 5 ich Hab' ihm's g'lobt an sein'm Grab ! — Lieben kann ich gar kein'n Mann mehr — das ist gar nicht mehr in mir — und wann ich mich ja ein'n zu eigen gebet, so war's kein and'rer, als der, der mir den finden helfet, der schuldig ist an all' mein Leiden! — So — jetzt weißt's, woran's seid's — und jetzt laßt's mich fort! (Reicht Rampinger die Hand ) B'hüt' Gott, Detter. Ramp. So bleib' doch noch — Cilli. Nein, nein! Die Nacht bricht ein — ich Hab' ein'n weiten Weg bis zu meiner Hütten, durch den Wald hinauf — und in dem Wald wird's gar schaurig, wenn's einmal dunkel wird! — Da raschelt's in die Zweig' — da hört man's stöhnen — da sieht man G'staltcn.(J,rm Blickes gegen die Baumgruppe sehend.) Ha! — Hört's es — seht's cs? — Dort — und dort — 's fangt schon an sich z'rühren und sein Wesen z'treiben! Laßt's mich fort! Fort! (Eilt durch die Schlucht im Hintergründe ab.) (Rampinger und Sepp find durch Eilli's letzte Reden auch von Schauer erfaßt worden und sehen ängstlich gegen die Baumgruppen) Ra mp. Was hat's denn? Sepp. Meiner Seel'! — Mir ist wirklich, als ob ich dort (gegen links weisend) was rascheln höret — Ra mp. (ebenfalls horchend). 3a — hast Recht! Und das ist nicht der Wind! 's ist, als ob's die Aest durchbrechet — Sepp. Jetzt hör' ich deutlich Schritt— Stimmen — Ramp. Und von daher? Warum gehn's nit auf'n gebahnten Weg? Sepp, 's sein vielleicht Wilderer oder Holzdieb, warten wir's ab! (Hält die Axt zum Angriffe bereit.) Dritte Scene. Vorige. Martin. Martin (einen Jagdstutzen in der Hand tragend, kommt zuerst in gebückter Haltung und vorsichtig um sich spähend aus dem Gestrüppe links — tritt, die Anwesenden bemerkend, rasch wieder hinter einen Baumstamm zurück, für sich). Ha! Dort seh' ich was! (Er hält den Stutzen schußfertig und ruft laut.) Halt! — Wer's auch seid's, bleibt's steh'n und gebt's Antwort, oder ich schieß'! Ramp. (zu Sepp) Die Stimm' — ! Das ist ja — (ruft laut) Martin! Martin (ihn ebenfalls erkennend und den Stutzen absetzend, eilt vorwärts). Ah! Du bist s! Gut, daß wir Dich treffen, bist schon g'sucht worden im Haus! Ramp. (verwundert). Ich? — Gsucht? Von wem? — Und was machst Du da? — Mit dem Stutzen in der Hand! —Bub'! Du verlegst Dich doch nicht auf d'Jagd? Martin. Heut' schon! — Heut' schon! Aber 's wird schir a Jagd, wo man nit weiß, ob man der Jäger oder selber 's g'hetzte Wild wird. Ramp. Was willst damit sagen? Martin. Wirst gleich hören! (Wieder gegen die linke Seite weisend.) Da kommen die Andern auch schon! Ramp. und Sepp. Die Andern —! Vierte Scene. Vorige. Herrv.Arthausen. Birkmann. Jager.Mehrere Bauern und Bauernburschen. (Thcils mit Stutzen, theils mit Aexten und Säbeln bewaffnet.) Martin (den Kommenden zurufend). Nur näher, g'strenger Herr! ich Hab' a Par g'funden, die wir suchen! Arth, (ein stattlicher Mann in gewöhnlicher Tiroler Jagdkleidung, die Büchse in der Hand und den Hirschfänger an der Seite, tritt weiter vor). Wer ist's? Birkm. und die Uebrigen (folgen). Ramp. (immer mehr erstaunt). Ja der g'strenge Herr vom Schloß Arthausen! — Was fuhrt denn Dich her? Arth. Was meine Pflicht ist als Tiroler Herr und Bauer, und als Schützenhauptmann, wenn eine Gefahr droht! 6 Ra mp. und Sepp. A G'fahr?! Arth. Ja! — hört mich an! — Ich Hab' heut' Kund' erhalten, daß eine freche Trupp' von Wällischen über die Grenz' herübergedrungen ist—dort ist wohl die Masse von Militär und Bauern bald geschlagen und zurückgeworfen worden, aber ein Theil von dem versprengten Banditengesindel hat sich in den Wäldern wieder gesammelt, soll sich bis gegen uns're Berg dnrchgeschli- chen und wo sie in ein unbewachtes Ort kommen sind, Raub und Diebstahl verübt haben! Ramp. (die Faust ballend). Die Sakra! — wann die zu uns kommen —! Arth. Wollen wir bereit sein, sie gehörig zu empfangen! Ich Hab' deshalb gleich Nachricht in die Dörfer ans den Bergen und in den Thälern geschickt — eine brave Schaar hat sich schon um mich gesammelt, und für die heutige Nacht Hab' ich meinen Plan bereits gemacht! Ra mp. Und Dir gehorchen wir Alle in Allem, und ich vor Allein! Sag' mir nur, was ich thnn soll! Arth. Zur eigentlichen Kampfbereitschaft sind die jungen Leute — ein Mann von deinem Alter — Ra mp. (säst beleidigt). Der soll vielleicht z'Haus bleiben und sich unter die Fcder- tuchet verkriechen? Arth. Furcht wird Dir Niemand zumn. thcn — wir wissen ja Alle, daß Du schon im Nennerjahr mit dem Sandwirth gegen die Franzosen ansgezogen bist, aber jetzt bei deinen Jahren — Ramp. Was Jahr?! — Mein festen Siebziger Hab' ich wohl schon am Buckel, aber gib' mir ein' Stutzen in d'Hand, und schau', ob's noch zittert, und ob ich's nicht noch mit ein' zwanzigjährigen Buben aufnchm'! Arth, (ihm die Hand ans die Schulter legend). Na, so bleib' bei uns, und da (nimmt einem Jäger einen Stutzen ab und gibt ihn Rampinger) hast, was Dich jung macht — an Pulver und Kugeln soll's auch keinen Mangel haben! Ramp. (den Stutzen erfassend, ganz feurig). Vergelt's Gott' — Jetzt bin ich ganz! — Und jetzt sag': wohin soll ich? Arth. Ruhig! ruhig! — Vor der Hand Hab' ich hier diese rings von Bergen eingc- schlossene Klamm zu nnserm Sammelplatz und Lager bestimmt (gegen links weisend). Dort haben wir in allen Schluchten — auf allen Höhen weit hinaus unsere Posten gestellt. Ramp. (gegen rechts weisend). Also geh ich gegen die Richtung — Arth. Ist auch schon besorgt! Ich Hab' vom Schloß aus auch einen Theil der Schützen gegen rechts ausgeschickt, daß sie über den Tannhübel gehen und hier mit uns Zusammentreffen sollten. Ramp. (verdrüßlich). Herrgott! so gibt's für den Anfang gar kein' Arbeit für mich? Arth. Wer weiß, ob nicht schon die nächste Stund' uns zu was Ernstem ruft! — Jetzt laßt uus hier unser Lager aufschlagcn! (Zu den Burschen ) Schafft Reisig und Holz herbei und laßt ein lustiges Wachfeuer auflodern, an das wollen wir uns setzen, die Feldflasche kreisen lassen und bei trautem Gespräch und heitern Liedern die Nacht hinbringen! Einige Burschen (entfernen sich, kommen aber bald wieder mit Arsten und Tannenreisern zurück und machen in der Mitte der Bühne Feuer). Ramp. (zu Sepp). Na, Sepp, was sagst denn Du zu denn Neuigkeiten? Sepp, (welcher auf seine Axt gestützt finster vor sich hingesehen, auffahrend). Ich? — O—mir ist's recht! — Ich bin just in der Laun', so ein' wällischen Hund den Schädel cinzuschlagen! wcnn's nur bald losging'! Arth. Ich kenn'Einen, der nichts weniger als das wünscht! Ramp. Der muß nit von nnserm Blut sein! — Arth. Doch! — doch, 's ist ein Neffe von mir, der Sohn meiner Schwester, die schon vor 25 Jahren nach Wien geheiratet 7 hat. Der junge Mensch hat viel von der Ramp. Ha, ha, ha! — Die Wald- Romantik unseres Landes gehört, und will bäume b'schneiden! Nein, nein! deswegen ein paar Monate bei mir zubringen! Nun ist er gerade heute angekommen Ramp. Und da laßtDu ihn wohl gleich mitthun? Arth. Freilich! Will er die Tiroler recht kennen lernen, so muß er unter ihnen sein, wenn's gilt, ihr Land, ihr Haus und ihren Herd zu vertheidigen! Ha, ha, ha! Der Junge ist wohl etwas käsig im Gesicht worden — hat aber nichts genutzt! — er hat sich den Streifern anschließen müssen und (horcht gegen die Seite rechts.) Ha! Da hör' ich's schon den Hügel Herabkommen! (Rust.) Hallvh! — daher! Rttse (antworten von rechts hinter der Scene). Ho! Hollahoh! Fünfte Scene. Vorige. Cajetan v. Zappelfeld. Peter. Mehre anderer Bauernburschen (mit Stutzen bewaffnet). Peter (tritt zuerst aus dem Gebüsche rechts, den ihm Folgenden zurusend). Da sein schon die ttnsrigen! Kommt nur herunter! Cajetan (in einem eleganten Jagdcostnme ängstlich sich an den Arm eines Bauernburschcn anklammcrnd. tritt ebenfalls von rechts auf). Andere Burschen (folgen). Cajetan (Axthauser erblickend). Ah! da ist ja der Herr Onkel! — Gott sei Dank! Arth. Nun — seid 2hr auf etwas gestoßen? Cajetan. O ja — Onkel! — Alle Augenblicke auf einen Felsblock oder eine Baumwurzel! Nehmen Sie's nicht ungütig — aber die Wege in diesem Lande sind in einem schauerlichen Zustande! Arth, (lachend). Nun, mit Kies sind die Bergwegc freilich nicht bestreut. Cajetan. Man könnte sie aber doch mit Asphalt pflastern, und die Bäume etwas beschneiden lassen. Cajetan. Und finster ist's in dem Tirol — finster! Ramp. Na, bei Nacht wird's wohl auf der ganzen Welt finster sein! Cajetan. Oho! anderwärts hat man Gas! Ra mv. Na, Gas haben wir ah, mehr als g'nug! Cajetan. Warum brennt man 's denn nicht? Ramp. Was? Wir sollen unsre Gas verbrennen? (Zu den klebrigen etwas leiser.) Aus was für ein' Narrenthum kommt denn der? Arth, (leise zu Lajetan). Ich bitte Dich, 'chweige! Die Leute lachen Dich aus! Cajetan. Lachen? — Die Leute können noch lachen? in der Situation? wo wir vielleicht in der nächsten Minute einer feindlichen Armee gegeniiberstehen? Arth. Was Armee?! So ein Haufe von Abenteurern, über den werfen wir uns — Cajetan. Ja — wir uns! Wenn sic aber uns über den Haufen werfen? Arth. Daran denkt kein Tiroler! Sieh' Dir einmal die Leute an! Gerade die Gefahr macht sie fröhlich und guter Dinge! (Zu den Bauern.) Nicht wahr, Landsleut'? Martin. Ja, wir gch'n lieber zum Schießen als zum Tanz! Cajetan. Ja, schießen macht mir auch nichts, so lang' nur ich schieße — wenn aber der Feind auch schießt —! und gar mit Kugeln —! Ramp. Ah was,! Wann 's nit anders ist, muß man auch einer Kugel ruhig d' Brust entgegenhalten können! Da könnt' ich Euch ein Liedl aus alter Zeit singen — Alle. Ja, ja! sing'! Ramp Na, so setzt Cuch an's Feuer, und ich will Cuch a Lied singen, was nie vergessen werden wird, so lang ein Tiroler auf der Welt ist! Stimmt s nur mit ein! Alle. Ja, ja! fang' nur an! 8 Arthausen, Cajetan und mehrere Bauern (lagern sich um's Wachfeuer). Die jüngern Burschen (stellen sich im Halbkreis um Rampinger). Rampinger (singt das folgende): Lied mit Chor. Zu Mantua in Banden Andreas Hofer war Zu Mantua, zu Tode Führt ihn der Feinde Schaar, Es blutete der Brüder Herz, Ganz Deutschland auch in Schmach und Schmerz, Mit ihm das Land Tirol! Chor. Mit ihm das Land Tirol! Dem Tambour will der Wirbel Nicht unterm Schlägel vor, Als nun Andreas Hofer Schritt durch das finst're Thor, Andreas, noch in Ketten frei, So stand er dort auf der Bastei, Der Mann vom Land Tirol! Chor. Der Mann vom Land Tirol! Dort sollt' er niederknien, Er sagt: »Das thu' ich nit! Will sterben wie ich stehe, Will sterben wie ich stritt, Laßt stehen mich auf dieser Schanz'! Es leb' mein guter Kaiser Franz, Ihm bleib' das Land Tirol!« Chor. Ihm bleib' das Land Tirol. Und von der Hand die Binde Nimmt ihm der Corporal, Andreas Hofer betet Allhier zum letzten Mal, Dann ruft er: »Nun so trefft mich recht! Gebt Feuer! — ach, wie schießt Ihr schlecht! Ade, mein Land Tirol!« Chor. Ade, mein Land Tirol! (Man hört unmittelbar nach dem Liede von der linken Seite her in einiger Entfernung einen Schuß fallen) Die Sitzenden (fahren rasch in die Höhe). Alle (in Aufregung). Was war das?! Ca je tan (in Todesangst). Sie schießen! Eine ganze Batterie ist losgegangen! (Zu Rampinger ) Das habt Ihr von eurem lauten Singen! Der Feind hat's gehört! (Zu Axthausen.) Onkel! ich will nach Hause! lZu einigen Burschen) Um Gotteswillen! gebt mir sicheres Geleite! (Es fallen noch einige Schüsse. Kajetan auf's Neue zusammenbebend, gegen die linke Seite rufend.) Nicht! — Aufhören! — 's könnt' ein Unglück g'schehen! (Zu Axthausen mit aufgehobenen Händen.) Onkel! um aller Barmherzigkeit willen! Sepp (gegen links weisend). Dort ist's lvs- gangen! Ra mp. Dorthin müssen wir! Alle Uebrigen. Ja, ja, dorthin! (Wollen nach links abeilen.) Arthausen (mit starker Stimme). Halt! stehen geblieben! Die Bauern (gehorchen). Ramp. (murrend). Steh'n bleiben?Wenn dort g'schossen wird? Cajetan. Nein! Ich bin auch nicht fürs Stehenbleiben! — Laufen! — aber dorthin! (Gegen rechts weisend.) Arth. Ruhig! — Wer weiß, ob nicht ein Scheinangriff uns dorthin locken soll, damit an einem andern Orte der Feind unbewachte Wege finde! — Horcht! — 's ist wieder Alles stille! Cajetan. Still? — Mir summst der ganze Kopf! Arth. Uns're Posten wissen, daß wir hier sind, ich habe befohlen, daß, was sich 9 immer ereignen möge, sogleich ein Bote hieher — (gegen links sehend) und — da — seht-! Mehrere Burschen (ebenfalls gegen links sehend). Ah — das ist der Ruprecht! Sechste Scene. Vorige. Ruprecht. Rupr. (die Büchse in der Hand, kommt säst athemlos von links herbeigeeilt). Alle (ihm entgegeneilend und ihn wirr durcheinander mit Fragen bestürmend). Mas hat's geben? — Ist's losgangen? — ScinJhrer viel? — Red ! red ! Rupr. (sich ihrer mit Mühe erwehrend). Laßt's mich doch! Laßt's mich! — Wo ist der Herr? Arth. Hier bin ich! — Bericht' schnell! — Sind sie im Anzug'? Rupr. Laß' Dir sagen! Ich und der Rieder Thomas — wir sein am äußersten Waldend' g'standen, von wo die Bergwiesen gegen das Straßel hinnntergeht - auf einmal sehen wir — 's ist g'rad der Mond aus'n Wolken treten — den Fußsteig herauf a G'stalt — Cajetan. Gott! eine Gestalt! schauerlich! Rupr. 's war einMann mit ein'Bünkel anf'm Buckel — wir rufen ihn immer, er stutzt — Cajetan. Also war's ein Stutzer! Rupr. Gibt aber kein' Antwort! Wir rufen nochmal und drohen Feuer z'geb'n — da kehrt er um, und rennt trotz seiner Last — der Thomas schießt, und muß ihn troffen haben, denn er hat torkelt — rafft sich aber doch z'samm und setzt über'n Graben in den Föhrenwald, der sich an den Berg (grgen die Höhe im Hintergrnnd weisend) lahnt! A paar Nnd're von uns sein nach, um ihn z'ver- folgen — ich aber bin daher — Arth. Der Mann war entweder ein Schmuggler oder ein Kundschafter, den sie vorausgeschickt haben, um das Terrain zu erforschen! Rupr. Und ich — ich glaub', 's ist Einer, der in unserer Gegend ohnehin bekannt ist! Arth. Was sagst — ? Rupr. Ja — ich werd' mich nicht irren — nach seiner G'stalt ist's der Nämliche, den ich schon heut Früh g'sehen Hab'! Alle. Heut Früh? — wo? — wo? Rupr. Grad dahier — in der Klamm! Arth. Erzähl' — erzähl' genau Alles! Rupr. Ich bin heut Früh mit ein er Fuhr Bäum' hinein in die Schncidmühl' — ans der Höh' Hab' ich meine Roß a bißl aus^ schnausen lassen, und wollt' da herunter, um für mei' Dirn' ein' Buschen z'brocken — wie ich daher komm', seh' ich ein' fremden Burschen — er war nit so anzogen wie wir Tiroler — da bei dem Kreuz knien — Sepp (aufmerksam werdend). Da bei dem Kreuz?! Rupr. EinBnnkel ist neben ihm g'legen, er hat aber d'Hand znm Beten z'samm g'fallt', sein' Kopf auf d'Brust g'senkt und oft laut aufg'seufzt! Sepp (gespannt). Weiter! weiter! Rupr. Ich schau' ihm «Weil zu — da steht er auf — reißt vom Strauchwerk a paar Rütheln ab, windt's zu ein' Kranz z'samm, und hängt's über das Bild an dem Kreuz Mehrere Burschen (gehen zum Kreuz, aus den Kranz weisend). Richtig! richtig! — da hängt's noch! Rupr. D'rauf hat er sein Bünkel anf- g'nommen und wollt' fort — erschrickt aber völlig, wie er mich ersieht, ich aber sag': »Gelobt sei Jesus Christus!* und er ant- wort, aber grad' so wie Tiroler reden: »In Ewigkeit!« Ich frag': »HastDu den kennt, der dort begraben liegt?« — Da schaut er mich mit ein' Blick an, den ich Euch gar nit b'schreiben kann — »Ob ich ihn kennt Hab !« schreit er — und »B'hüt Gott! b'hnt Gott!« sagt er, und — weg war er a schon! 10 Sc pp (sich vergessend und ausschreiend). Ha! — der Volker-Hans! Alle (verwundert). Der Volker-Hans? — Wer ist der? Sepp (sich nur mühsam beherrschend). Wißt's denn nit, der hübsche, starke Bursch, der vor a fünf Jahren beim Roßkamm unten im Dienst war — Martin und Andres (gleichsam sich besinnend). Ja — ja — der Hans, der mit dem schwarzen Schnauzbart — Sepp. Der ist damals auf einmal aus unserer Gegend verschwunden g'wesen — ka Mensch hat g'wnßt, wo er hinkommen war' — aber der Valentin — der Fuhrmann hat später erzählt, daß er ihn drüben im Wällischen troffen hätt' — Ra mp. Aber wie käm' denn der dazu, daß er da an dem Kreuz betet, und- Sepp (Rampingrr's Hand fassend). Erin- nert'sEuch nicht mehr, was für ein'Verdacht die Cilli g'rad vorher geäußert bat? Ra mp. Und der sollt' g'rad den Volker- Hans treffen? — Was fällt Dir ein! Sepp. Mir fällt ein, daß er vor fünf Jahren, bald darauf, nachdem der Gotthard todter g'funden worden ist — von hier fort ist — Ra mp. Hm! wann's so wär' — Sepp. Es ist so! glaub' mir's! Gr ist zu die Wällischen hinüber und jetzt dient er ihnen (absichtlich laut) als Spion gegen sein eignes Vaterland! Arth. Ja, wenn der Bursch' heut'Früh' schon hier war, und sich bis Abends in den Wäldern Herumgetrieben hat, so ist er auch nichts Anderes, als ein Spion! Rupr. Und den müssen wir kriegen — todt oder lebendig! Arth, (zu Ruprecht). Gegen diese Höhe (gegen den Hintergrund weisend), sagst Du, hat er sich geflüchtet? Rupr. Ja wohl — und von der Seite (gegen links weisend) sein's ihm auch schon nach! Arth. Er muß von allen Seiten förmlich eingekreist werden, damit ihm kein Ausweg bleibt! Wir müssen uns vertheilen — Ca je tan. Ich soll mich vertheilen? — Aber, Onkel! Arth, (zu Sepp und einigen Andern). Ihr umgeht den Kogel von der Seite — (gegen rechts weisend; zu Andern) wir gehen von hier durch die Schlucht (gegen die Schlucht und die Felswand weisend), so bilden wir immer engere Kreise gegen die Gipfel hinan — da kann er nicht entkommen! Sepp. Mir g'wiß nit! (ZuRampiuger leise.) Ich muß ihn kriegen — auf die Art will ich mir die Cilli verdienen! (Zu einigen Burschen.) Kommt's! kommt's! — nur mir nach! (Geht mit den Burschen nach rechts ab.) Arth, (zu den Nebrigen). Wir gch'n da hinauf! Ramp. Laß'nur mich voran! Ich kenn' da alle Steig' — 's geht ja da zu meiner Alpenwirthschaft hinauf! (Zu den Burschen.) Weiter oben werd' ich Euch schon verthcilen! (Ab mit den Andern durch die Schlucht.) Arth, (zu Cajetan). Komm' mit mir! Cajetan. Nach Haus? Arth. Was fällt Dir ein? Dorthinauf! Cajetan. Nein, Onkel! bedenken Sie, ich bin Ihr Neveu — der Sohn Ihrer Schwester, Ihr nächster Blutsverwandter, — Sie werden mich nicht so steigen lassen! Arth. Nun denn so geh' ich allein! (Will fort) Cajetan (sich an Axthausen's Rockschooß hängend). Um Gottes willen! Onkel! Sie werden mich doch nicht hier in der schauerlichen Wildniß zurücklassen? Arth. So folge mir. (Geht gegen die Schlucht.) Cajetan. Onkel! Onkel! Arth, (sich umsehend). Was ifl's? Cajetan. Ich fürchte mich, weil ich da hinten allein gehen soll! Arth. Nun so gehe voran! 11 Gajctan. Das eher! Warten Sie — (Geht voran grgrn die Schlucht.) Arth, (folgt ihm). Ea jetau (wieder stehen bleibend). Onkel! Arth. Was hast Dn schon wieder? Gajetan. Ich fürchte mich! Arth. Warum? Eajetan. Weil ich so allein voraus- gchcn muß! Arth. Donnerwetter! hinten willst Du nicht gehen — voraus auch nicht — wo willst Du denn sonst gehen? Cajetan. In der Mitte! Arth, (unwillig). Hasenfuß! Soll ick mich deiner schämen muffen? (Stößt ihn vor sich hm.) Vorwärts! Gajctan. Herr Onkel! DaS hätte ich nicht erwartet! Arth. Was denn? Cajctan. 3» Tirol dcu Ruf »Vorwärts« zu hören! — Also in Gottes Namen vorwärts — aber nnr besonnen! — (Hängt sich ängstlich an seinen Arm und Beide ab durch die Schlucht.) Verwandlung. (Das Innere einer Sennhütte mit einer Thür in der Mitte und einer Seitenthür rechts, ferner einer hölzernen Treppe, welche zu einer oben in der rechten Seitenwand befindlichen Bodenthnr führt; links ein Herd, daneben ein Gestelle mit Lübeln, Löpfen und anderen Milchgeschirren. An der Hinterwand rechts ein Bett, im Vordergrund rin Tisch und einige Stühle. Neben der Thür am Hintergründe ein Fenster, durch welches man auf die von dem Monde hellbeschienenr Gebirgskette sieht. In der Hütte ist es anfänglich ganz dunkel.) Siebente Scene. Sabine (allein) (Sie tritt, eine Stalllaternr mit brennender Kerze in der Haud tragend, aus der Seitenthür, stellt die Laterne auf den Tisch und fingt:) Lied. Ich Hab' einmal g'hört von cin'm hoch- g'lahrten Herrn, i Daß Mandeln und Weibeln unter n Bluc- merlu auch wär'n, Und daß d'rum jed's Bluemerl, wie a Dirndl ac'rat, Zur Zeit, wcun'ö recht aufblüht, verliebt sein auch that! A Blucml — und verliebt sein! — O mein Gott — o mein! So a Lieb' müßt' — so denk' i — dorh recht traurig sein! Gin Blucml wachst da — und zehnSchrilt weit sei' Schatz, Und wann's zu cinand' woll'n, so kann kein's vom Platz'! O Herrgott! ich dank' Dir mit recht frommem Sinn, Daß ich ein ccht's Mad'l und ka Blucml nit bin, Dcnnd'Licb' von die Bluemcrl'n, die war' mir schon z'dumm, Mci' Schatz muß bei mir sein, so oft ich sag': »Kumm!« Und bin ich aufn Berg' drob'n, und er tief im Thal', Gr krarelt doch aufi dcS Tag's ein paa» Mal, Und ich, wann mei' Schatz in der neuen Welt wär' — Ich ging, um bei ihm z'scin, gar z'Fuß über'S Meer! Ja, so ist's, und muß'S sein — und sonst ist'S kein' echte Lieb'. — Hinziehen muß'S 12 ein'n — und nit fortlaffcn muß's ein'n — und wann man schon g'gangen ist, muß man noch zehnmal umkehren, daß's a G'walt braucht, bis ein'm sich z'letzt doch losreißt!- Und nachgeh'n muß Ein's dem Andern von ein'm Waldeud' zum andern! — Mei' Bua, der Ruppi, ist a ka Veigel- stock, der in ein'm Garten fcstg'wachsen ist, er ist eher mei' Vogel, denn wann er mich ans meiner Alm jodeln hört, so fliegt er völlig 'nauf zu mein' Nestel! — O Gott! Er wird heut' a schon losen — und ich bin gar nit in meiner Hütten, sondern da, in der Rampinger-Cilli ihrer — weil's mich ang'red't hat, daß ich, derweil sie fort ist, auf ihre Küh' schau — aber jetzt bleibt's so lang aus, und denkt nit d ran, daß ein anderer Mensch auch seine Angelegenheit hat! Achte Scene. Sabine. Cilli. Cilli (tritt rasch durch die Mitte ein, und athmet erschöpft tief auf). Sabine. Ah — Da bist endlich! — Hörst, lang g'nug bist ausblieben! Cilli. Sei nir Harb! Ich kann nir davor, mein Vetter und der Sepp haben mich aufg'halten! Sabine. Der Sepp? (Neckend.) Schau! schau! — Na — nachher begreif' ich's! Cilli (sehr ernst). Zieh' mich nicht auf! Spaß ist bei mir am Unrechten Ort, und ich bin auch nicht aufg'legt dazu! (Legt ihren Hut auf den Tisch, setzt sich in einen Stuhl und stützt das Haupt in die Hand.) Sabine. Na, ich Hab' Dir ja nit weh thun wollen! (Besorgt zu ihr tretend.) Aber was ist Dir denn? — die Brust fliegt ja völlig! Cilli (sich mit der Hand über die Stirn' fahrend), 's ist nichts! — 's sein nur g'rad heut' wieder Gedanken in mir lebendig wor'n — Gedanken — Sabine. Was für Gedanken? Cilli. Frag' mich nit! Für Dich ist so was uit! — Geh' nur wieder in bei' Hütten z'ruck! — ich dank' Dir, daß D'mir den G'fallen erwiesen hast — aber jetzt geh nur! (Hält ihr die Hand hin ) Gute Nacht! Sabine (befremdet) Du drängst mich ja beut' völlig fort? — 3st's Dir denn lieber, wann Du so ganz mutterseeleu allein bist? Cilli. Ja, — 's ist mir noch am wohl- sten so! — Und heut' schon gar! — Na — b'büt' Gott! — Gute Nacht! Sabine. Na,so b'hüt'Dich halt aGott! — Ich geh'.— (Geht gegen die Mittelthür, bleibt aber plötzlich stehen, horchend.) Was ist das? — Cilli. Was? Sabine. Hörst nit? —Da draußen — Schritt'! — 's kommt gegen die Hütten zu! Cilli (erstaunt). Gegen mei Hütten?! Sabine (wieder in neckendem Tone). Hast mich vielleicht nur deswegen weg haben wollen, weilst noch ein' B'such erwart'ft? Cilli (zurückweichend). Sabin' — ! Sabine. Na, na, na! — Was wär's denn? (Lachend.) 's kommt ja öfters auch was auf mei Hütten zu! — Wann's Dir nit recht ist, daß ich ihn seh', so geh' ich da (auf die Seitenthür weisend) durch'n Stall fort! — Cilli (fie rasch an der Hand zurückhaltend). Nein! — Du bleibst! — G'rad' jetzt will ich's — Du sollst sehen — (Es wird an der Mittelthür gepocht) Cilli (beinahe rauh gegen die Mittelthür). Was klopft's? — Der Riegel ist noch nickt vor! — Herein, wann's ein ehrlicher Mensch ist! Neunte Scene. Vorige.— Cajetan. Ca je tan (öffnet sachte die Mittelthür und steckt zuerst nur den Kopf herein). Ehrlicher Mensch? — Ja — das bin ich! — Auf 13 Ehre! — wenn ich nur auch wüßte — entschuldigen — sind vie Damen allein — ganz allein? Cilli. Das siehst! Sab ine. Aber was steckst denn so zwischen Thür und Angel? — Bleib' ganz draußt, oder komm'ganz herein! Eajetan (tritt vollends ein. sein Rock und seine Beinkleider find zerrissen). Ganz kann ich gar nicht eintreten, denn ich bin (auf die beschädigten Stellen seines Anzuges weisend) sehr missanirt! Aber (sich in der Stube umsehend) wohin bin ich denn da eigentlich geralhen? Sabine (ihn betrachtend). Was ist denn das für a G'stams? (Leise zu Cilli.) Na, Du! Der g'hört schon Dein! Eilli (leise zu Sabine) Mach' keine Dummheiten! (Tritt zu Cajetan.) Red'! Wie kommst daher und was willst? Eajetan (für sich). Sie sagt gleich »Du« zu mir! Ach! Das ist lieb! (Sieht ihr ins Gesicht.) Und das wunderhübsche Gesichtcken! (Will sie am Kinne fassen.) Eilli (tritt beleidigt zurück und wirst ihm einen finstern Blick zu). Eajetan (fast erschreckt zusammenfahrend). Herr Gott! Die feuert mich ja mit ihren Blicken völlig nieder! Cilli. Na, werd' ich bald ein' Antwort kriegen? Wer bist? — Was führt Dich so spat herauf iu d'Sennhütten? Eajetan. Sennhütte? — Ack, Fräulein sind eine Sennerin? — Das ist ja gottvoll! (Für sich.) Jetzt fängt die Sache erst an etwas romantisch zu werden! (Wieder zu Cilli.) Ich Hab' schon viel gelesen von Sennerinnen! Entschuldigen — Fräulein heißen wahrscheinlich Mimili? Eilli (fast unwillig zu Sabine). Mir scheint bei dem rappelt's! (Zu Kajetan.) Ich bin ka Fräule! Cajetan. O bitte — bei uns Wiener ist Alles »Fräulein«. Sabine und Cilli (erstaunt). Du bist a Wiener? Eajetan. Ja, ich (sich in die Brust werfend) bin eigens hieher gereist, um euer Land vor den Wällischen zu schützen! Sabine. Du? — Ha ha ha! — Aber ja!'s kommen öfter Spatzen vorüberg'siogen. Da brauchen wir so ein' —zum Schrecken! Cajetan (gereizt zu Sabine). Hören Sie — solche Gebirgs-Bonmots verbiet' ich mir! Ich bin wirklich mit einer tapfer« Schaar ausgezogen, aber im finstern Wald Hab' ich meinen Herrn Onkel verloren, denken Sie sich meinen Schrecken! Ich — auf einmal mutterseelen allein! Zu schreien traut' ich mich nicht — ich wollte wieder vom Berge hinab — aber da gähnte ein schauerlicher Abgrund — wenigstens drei Fuß tief— zu meinen Füßen; — da dacht' ich mir, daß es doch jedenfalls besser ist, wenn ich auf den Berg hinauf falle, als vom Berg herunter und bin fortgestiegen! — Dazu gehört Courage! Sehen Sie nur meine Beinkleider an! (Zeigt auf die zerrissenen Stellen.) Sabine. Ja, ja. dahin ist vermuthlick d'Courage gefallen! Cajetan. Endlich sah ick ein Licht! — Es kam von Ihrem Fenster — ich eile d'rauf zu und jetzt —jetzt bringen Sie mich auch nicht fort, ehe die Sonne wieder am Himmel steht! Oh, nicht wahr? Sie werden nicht so grausam sein, mich wieder hinauszustoßen, den Raubthieren des Waldes zur Beute? Sabine (zu KM). Ja, mußt schon ein Erbarmniß mit ihm haben! — 's kömmt ihm ja leicht a Gasbock für a Hetschepetsch- stauden halten und ihn anbeißen! Laff'n bei Dir! Cilli (ernst). Wann a Verirrter in einer Sennerhütten um «Nachtlager bitt',wird's ihm bei uns z'Land nie versagt! Cajetan. Ach, das ist ja eine sehr wohlthätige Einrichtung! Von dieser muß ich den Gemeinderath in Wien benachrichtigen, damit er dort auch solche Sennhütten errichten lasse! Sabine. Ja, gibt's denn in Wien auch so hohe Berg'? 14 Cajetan. Berge? — Nein, aber solche, die ani Berg' stehen, ja! — Und Sie (zu CM) sind also die Vorsteherin dieses Wohl- thätigkeits-Jnstitutes? Sabine (den Kopf schüttelnd). Was der z'sammplauscht! (Zu CM.) Na, Du — ick geh' jetzt nach meiner Hütten hinüber. Cajetan. Aha! Erwarten Sie vielleicht auch Passagiere? Sabine (zu CM). Die Zeit wird Dir nit lang werden, hast ja (aus Cajetan weisend) ein' recht g'spaßigen Hanswurstel da! — Na, b'hüt Golt miteinand'! (Geht durch die Mitte ab ) Cajetan (ihr nachsehend, für sich). Eine gefällige Person — sie läßt uns allein! Die muß schon einmal bei einer eleganten Dame Stubenmädchen gewesen sein, denn sie weiß zu rechter Zeit zu geben! (Laut, zu CM.) Also, mein Engel! Sie wollen mir ein Nachtlager geben? Cilli. So gut, als ich's Hab'! — Bett Hab ick nur ein's. Du mußt also da droben aus'n Heilboden — Cajetan (einen Satz zurückmachend). Auf dem Heuboden? — ich?! Cilli. Kein' ander'n Platz Hab ich nicht — wenn d' also dableiben willst — Cajetan. Ja, dableiben will ich, aber ich möchte da bleiben — nicht auf dem Heuboden — Cilli. Man schlaft recht gut droben! Mach' daß d' hinauskommst — 's ist spät — und ich will Ruh' haben! Cajetan. Aber mir — mir wird es keine Ruh' lassen da oben, wenn ich Sie herunten weiß — es wird mich wieder magnetisch herabzichen — Cilli. Dagegen gibt's a Mittel! — Komm' nur! Cajetan. Ah! Sie werden mir wohl hinauflenchten? Cilli. Aus'n Heuboden geht man mit kein' Licht! Cajetan. Nun, macht auch nichts! Führen Sie mich nur hinauf — ich werd' mich schon im Dunkel auch zurechtfinden! Cilli. Na — geh' nur voran! (Aus die Treppe weisend.) Cajetan. Bin so frei — aber nur schön Nachkommen. (Steigt die Treppe hinan.) -Cilli (folgt ihm.) Cajetan (sieht sich während des Hinaus steigens nach Cilli um, für sich). Sie steigt mir wirklich nach — das kann sehr romantisch werden! (Oeffnet die Thür des Heubodens.) Wundervoll! Heuboden mit Mondbelench- tung! (Tritt hinein.) Cilli. So — gute Nacht! (Schlägt die Thür zu und schiebt den Riegel vor.) Cajetan (von innen an der Thür rüttelnd). WaS soll das? — Mädchen! Wozu den Riegel vor! Cilli (im Herabsteigen spöttisch). Damit D'mir nit g'stohlen wirst! Aber jetzt (mit befehlendem Ton) will ich Ruh'! Still also da d'roben! Cajetan (von innen). Aber, Sennerin! Ich beschwöre Sie — Cilli (wie früher). Stad! sag ich! Wenn ich noch einmal aufmach, g'schieht's nur, um Dich aus meiner Hütten binaus- z'treiben, wenn Du d'Gastfreundschaft nit z'schätzen weißt. Cajetans St i m m e (verhallt murmelnd) Cilli (wieder in den Vordergrund tretend). Er wird schon einscklafen, wenn ich ihm ka Red' und Antwort geb'1 — Ich bin heut' nicht znm Plaudern aufg'legt — ich Hab' eh g'red't — mehr als vielleicht recht ist! — Ich Hab' mein' Vettern und dem Sepp Alles g'sagt, was seit fünf Jahren mir säst 's Herz abdruckt hat, und dadurch sein in mir wieder alle Erinnerungen so lebendig worden, als ob seit der Zeit noch nit fünf Tag' vergangen wären! — Ach, wenn ich nur wieder zur Ruh' kommen - wenn ich heut' nur schlafen könnt'! — Probiren will ich's! (Sir löscht das Licht in der Laterne ans, worauf die Bühnr nur mehr von dem durch das Fenster hereinscheinenden Mondlichte beleuchtet wird; sie sieht sich hieraus mit scheuen Blicken in der Stube um.) 's ist doch recht schaurig, wann's Licht einmal aus- Iü than ist, und nur der Mond mit sein' blaffen Scheing'sicht beim Fenster h'rein- lugt! — G rad so war's auch damals — bald nach'n Gotthard sein' Tod — ich weiß heut' noch nicht — war ich wach, oder Hab' ich träumt — dort — am Fenster — (Wendet sich gegen das Fenster.) Zehnte Scene. Cilli. Volker-Hans. Hans (mit bleichem Gesichte, langen schwarzen, nach dem Hinterhaupte zurücksallenden Haaren, auS einer Wunde an der Stirn blutend, den Aermrl seine- Hemdes mit Blut bedeckt, erscheint plötzlich am Fenster im Mondlichte, sieht zuerst noch ängstlich nach dem Wald zurück, richtet dann seinen Blick ans Eilli und erbebt bittend seine Hände) Cilli (stoßt, ihn erblickend, einen Schrei des Entsetzens aus, schlägt beide Hände vor die Augen und taumelt zurück). Hans (verschwindet wieder vom Fenster) Cilli. Was war das? — Hab' ich's wirklich g'seh'n — oder war's nur so in mir? (Sieht wieder gegen das Fenster, auf- athmend.) 's ist wieder fort — ! aber was — was war's?! Hans (in der Tracht eines italienischen Bauer-, ohne Hut; sein Mantel, unter welchem der Obertheil seines Körpers nur mit dem Hemde und einer Weste bekleidet ist, ist halb über die Schulter hinabgesunken — kurze Sammtbeinkleider, leichte Strümpfe, von bunten Bändern, mit welchen die Topanken am Fuße befestigt sind, umwunden; — reißt heftig die Thür ans. schlägt sie ebenso rasch hinter sich zu, und stürzt vor ihr in die Knie.) Um Gottes Barmherzigkeit willen, Sennerin! Bleib ! Ruf Niemanden zu Hilf'! Treib' mich nicht wieder aus deiner Hutten hinaus, denn der g'wiffe Tod wart' draußt ans mick! Cilli (sich nur schwer von ihrem Schreck erholend und kaum ihrer Stimme mächtig). Red ! — was ist's mit Dir? — Wer bist? Hans. Brauch' ich Dir mehr z'sagen, als daß ich unglücklich bin — o! so unglücklich wie vielleicht kein Mensch aus der Welt! Cilli. Aber was — was willst denn da — bei mir? Hans. Laß'mich rasten — nur a Stund' — denn meine Füß'tragen mich nicht mehr, und — wann Du mir ein' Trunk frischen Wassers geben willst — ich verschmachl' fast! (2m Begriffe ganz auf den Boden niederzusinken.) Cilli (ihn rasch unterstützend, mitleidig >. Na, na! nimm' Dich z'samm ! setz'Dich da auf den Stuhl — (Ist ihm beim Aufstehen behilflich und leitet ihn bis zum Stuhl au dem Tische.) Hans zsinkt erschöpft in den Stuhl). Cilli. So, jetzt wart' nur ein' Augenblick! (Nimmt Reibhülzchen und entzündet das Licht in der Laterne wieder, dann, wieder auf Hans sehend, entsetzt). Mein Gott, 's helle Blut rinnt Dir ja von der Stirn! Hans. Ah, das (gegen die Stime weisend) ist nur a Riß von ein Baumast, aber da, da — (streckt den rechten Aermel aus, man sieht an dem Arme eine blutende Schußwunde) is der Schuß in's Fleisch gangen! Cilli. Der Schuß?! Hans. Ja — hetzen's mich doch seit einer Stunde, als wär' ich a wild's Vieh! Cilli. Mein Gott, der Aermste vergeht vor Schwäche! Ich muß ihm's Blut stillen und die Wunden verbinden! — Nur Wasser! (Eilt zu dem Gestelle neben dem Herde, schöpft mit einem Topfe aus einem Wasserschaffe.) Und ein Lein wandfetzen (einen solchen erbli- ckend) ah, da! (nimmt ihn, immer geschäftiger) und nun die Wolverleih-Tropfen — wo Hab ich's denn? (eilt wieder zum Tische, und nimmt aus der Lade desselben ein kleines Fläschchen) da sein's! Nur g'schwind! (Taucht den Linnenstreifen in das Wasser, träufelt einige Tropfen aus dem Fläschchen auf dasselbe.) T0, das heilt jede Wunden bald! (Legt den Lina,»streifen auf die Armwnnde.) Aber wie mach' ich's denn fest? (Reißt das Seidrntuch von ihrem Halse und verbindet damit den Arm ) So, und 16 jetzt noch die leichte Stirnwunde! (Taucht ihre Schürze in das Wasser und wäscht damit seine Stirne.) Hans (schlägt die Augen wieder auf, und richtet sie mit innigem Ausdrucke aus Eilli). Cilli. Ah, er kommt doch wieder zu sich. Hans. O, ich spür's, wie mir leichter wird! Cilli. Wart', ich bring' Dir a Milch, damit's Dir den Durst löscht. (Holt einen Tops vom Gestelle, geht zu Hans und hält ihm denselben an den Mund.) Da, trink', so viel d'magst. Hans (nachdem er getrunken). D, Du bist so gut! — Gott Vergelt Dir's! (Ergreift ihre Hand. — Man hört von außen wirre Männerstimmen.) — Erschreckt vom Sitze auffahrend.) Was ist das? — Horst — hörst —?! Cilli (ficht gegen das Fenster). Es kommen Leut' daher — sie tragen brennende Kienspän' — Hans. Das gilt mir! — Und wann's mich finden — Cilli (schlägt rasch die Balken des Fensters zu). Das sollen's nicht! Ich Hab' Dir Schutz geben — ich werd' Dich auch nickt verrathen! (Horcht.) Sie kommen gegen die Hütten zu! Den Riegel vor (thut es) und jetzt g'schwind — dort (aus die Seitenthür weisend) durch den Stall kommst auch in's Freie. Hans. Das nutzt nichts — ich hab's g'hört, sic kommen rundum von allen Seiten! Eilli (immer heftiger). So birg'Dich derweil, so gut 's geht, in s Stroh — vielleicht bring ich's fort! (Horcht.) Ha, sie sind schon an der Thür! —Mach' fort! fort! (Drängt Hans in die Seitenthür, löscht dann das Licht in der Laterne aus und horcht in ängstlicher Spannung gegen die Thür.) Eilfie Scene. Cilli. Sepp. Mehrere Bauernburschen. (Es ertönen zuerst einige heftige Schläge gegen die Thür.) Sepp's Stimme (noch von außen). He! mach' auf, Sennerin, mach' auf! (Nach einer Pause auf's Neue an die Thür schlagend.) Auf- g'macht', sag' ich — oder wir schlagen die Thür ein! Cilli (leise). Aufmachen muß ich! (Geht zur Thür und schiebt den Riegel zurück.) Sepp (die Axt in der Hand) Bauernburschen (von denen einige brennende Kienspäne tragen. erscheinen unter der Thür). Cilli (sich überrascht stellend). Wasweckt's mich denn so spat in der Nacht noch ans? Sepp (tritt ein, roh lachend). Ha, ha! willst uns wohl gar weiß machen, daß D' schon g'schlafen hätt'st? Gib Dir ka Müh' — wir glauben's nit, denn noch vor a paar Secunden haben wir 's Licht durch die Klumsen vom Fenster leuchten sehen! Cilli. Na—und wann ich noch a Licht brennt Hab' —? Sepp (mit Eifersucht). So hast es than, weilst noch einen Besuch g'habt hast! — Cilli. Wer sagt das? Sepp. Ich sag's, und die (ans die Burschen weisend) werden mir Recht geben! Wir haben Ein' auf der Mucken g'habt — im Wald ist er uns wieder verschwunden — da haben wir die Kienspan anbrennt, und d'Spur verfolgt — haben g'nau g'seh'n, wie d'G'strauch brochen war'n, wo er durch ist — bis da herauf zu deiner Hütten! — Er muß noch da sein, und wir müssen ihn finden! (Späht in der Stube umher.) Cilli (sich muthig stellend). Und wann Einer da war' — und wann's ihn findet's — was thät's mit ihm? Sepp. Mit dem? Niederbrennen tha- ten wir'n — wie er 's verdient! Cilli (schrickt zusammen). Sepp (sie rauh an der Hand fassend). Ha! was erschrickst denn? Er ist wohl gar nit zum ersten Mal da? — Ist vielleicht a Schatz von Dir? — Aber das Hilst ihm nichts! (Zu den Burschen.) Sucht's Alles ans — die Stuben — den Stall. — Cilli (für sich.) Mein Gott! er ist verloren! Wie rett' ich ihn? (Von einem Gedanken durchzuckt.) Ha! so! — nur so ist's möglich! 17 (Zu Sepp.) Sepp! hör' mich an! — Laß mei' Hütten in Ruh' — es ist Niemand da — g'wiß — Niemand! — (Sieht dabei abficht lich immer mit dem Ausdrucke der Angst gegen die Treppe.) Sepp (der Richtung ihrer Blicke folgend). Was schaust denn so ängstlich da hinauf? Cilli (sich verlegen stellend). Ach — ? was glaubst denn? Sepp (zu den Burschen). Nur mir nach! Und wann er sich zur Wehr setzt, schießt's ihn nieder! (Eilt dir Treppe hinan, reißt die Bodenthür auf und dringt hinein.) Einige Burschen (folgen ihm). Cilli (für sich). Wenn nur das ihren Verdacht ablenkt! — Sepp s Stimme (vom Heuboden herab) Ha! haben wir Dick! Cajetans Stimme (ebenfalls oben). Hilfe! Barmherzigkeit! Räuber? Diebe! Mörder! Au weh! Sepp (erscheint oben auf der Treppe, Ca- fetan am Rockkragen beinahe in der Lust tragend). Da — da ist er! bindt's ihm Händ' und Fuß! Cajetan (schreiend). Aber — meine Herren! meine Herren! (Ist indeß mit Sepp die Treppe herabgekommen) Die Burschen (mit den Kiensackeln treten näher). Martin (Cajetan erkennend). Was seh' ich? — das ist ja — Die andern Burschen. Ja — der junge Detter vom g'strengen Herrn! Eajetan (fast weinend). Freilich! Ich bin der Neveu von meinem Herrn Onkel! Sepp. Was? — was? (Wendet CajetanS Gesicht gegen sich, überrascht.) Meiner Seel ! Der junge Herr! (Läßt ihn los.) Und der — da! (Wüthend auf Cilli losgehend.) Bei Dir versteckt — bei Dir, die sonst so scheinheilig thut und sagt, daß's von kein' Mannsbild mehr was wissen will? — Red'! Cilli (mit Stolz). Ich bin Dir ka Rechenschaft schuldig! Sepp (mit einer gesteigerten Wuth). Du Willst nit? — Na — gut! (Fast schäumend Thratn-Repnloire Nr. 1öS, und auf Cajetan weifend.) So soll mir der Red' stch'n! — Eajetan. (erschreckt). 3ch? — Na — seid so gut! (Will gegen die Thür.) Sepp (zu Cajetan). Wo willst hin? Cajetan. Ich? — Zu mein' Herrn Onkel! Sepp. Wart'! wart'! wir werden Dir's G'leit geben, aber wie's bei uns Brauch ist, wenn wir so ein' Stadtherrn in unserm Gei finden! (Faßt ihn an der Hand — dann zu den Uebrigen.) Kommt's NM — kommt's! Weiter finden wir in der Hütten nichts, denn ick will's wohl glauben, daß die (auf Cilli) kein Andern eing'lassen hat, derweil's mit dem da-O Cilli! Cilli! ich könnt' Dich umbringen! (Schwingt die Axt.) Die andern Burschen (springen dazwischen). Sepp! Was treibst? Sepp. Nein! nein! sie soll leben — aber zu ihrer eigenen Schand'! im ganzen Thal sollen fie's erfahren, was wir bei ihr für ein' Fund g'macht hab'n und kein ehrliches Madl soll mehr mit ihr umgeh'n — kein ehrlicher Bursch' soll's anschau'n — die — die elende Dirn'! Kommt's! kommt's! (Ab mit Cajetan und den andern Burschen.) Cilli (allein). Gott! was Hab' ich ge- than; in was für ein' Ruf mich selber bracht! — Aber was! Unser Herrgott weiß's, warum ich's than Hab', und der arme Mensch- (gegen die Seitenthür weisend.) Zwölfte Scene. Vorige. Hans. Hans (eilt auS der Seitenthür). Sie sein fort — und Dir — Dir dank' ich mei' Freiheit — mei' Leben! (Eilt mit ausgebreiteten Armen auf sie zu.) Cilli (erschreckt zurückweichend, mit gebieterischer Haltung). Bleib'! — ich war dein Schutz — soll ich dafür jetzt gegen Dich ein' Schutz anrufcn müssen? Hans (sich besinnend). Nein! nein! Ich will Dir nur danken, wie man den lieben r 18 Engeln dankt! (Sinkt in gegen sie ausbreitend.) Der Vorhang fällt. Meiler Äct. (Wald am Fuße des Gebirges, rechts im Vordergründe eine ärmliche Waldschenkt, vor derselben rin Tisch und einige Stühle. Es ist früher Morgen ) Erste Scene. Bursche und Mägde (theils mit Sicheln und Rechen versehen, theils Kreunzen aus dem Rücken tragend, kommen singend vom Vordergründe links). Chor. D'Sonn' steigt den Berg heraus, All s weckt ihr Blitzen auf Im grünen Wald! D Lerchen in Wolken steht, Sing'n wir mit ihr um d'Wett', Daß's Echo schallt! (Jodler.) (Sie wollen gegen die Anhöhe rechts abgehen.) Zweite Scene. Vorige. Sepp. Martin. Sepp ) kommen hastigen Schrittes die Knie, die Hände ! Die Bursche. Na, ist schon reckt! !Kommt's! (Ab hinter die Schenke ) Sepp (sich wieder nach dem Walde umskhend). Sie werden ihn doch nit ausg'laffen haben? Martin. Und wenn auch, der lauft ihnen nit davon! Der arme junge Herr kann ja kaum mehr auf sein' Füßen stehen! Aber sag' mir nur, was willst mit ihm thun? Sepp. Das, was Brauch ist in unserm Thal, wenn Einer ein' andern Bub'n bei sein' Dirndl trifft! Martin. Aber denk' nur, 'sist der Vetter vom g streng' Herrn! Sepp. Und wann's der Vetter von unserm Herrgott wär'! Brauch ist Brauch, und ich laff'n nit abkommen! Oder wvllt's Ihr epper nit dabei sein? Martin. Hm! ich mein' nur, man müßt doch erst g'wiß wissen, daß er bei der Eilli war als ihr Schatz! Sepp. Wann's nit so war', warum hätt's ihn denn versteckt? Warum hätt's denn g'laugn't, daß er bei ihr ist? Wann Euch aber das Alles noch nit g'nug ist, so sollt's es von ihm selber Horen, wie's war! Martin. Er selber soll's gesteh'n? Das wird er wohl bleiben lassen! Sepp. Ich bring's aus ihm heraus! ick schon, — und dabei will ich Zeugen ha den. Wenn die Andern mit ihm kommen, stellt's Euch Alle an, als ob's heimgeh'n müßt's; bleibt's aber in der Näh', daß's jed's Wort hört's, was ich mit ihm red'; und wann's dann wißt's, was's z'wissen braucht's, dann- Martin. Ja. dann laßt sich freilich nichts dagegen reden und wir müßten mit halten! Sepp (gegen die Anhöhe sehend). >Ltad! stad! Da kommen's schon! von Martin l der Anhöhe rechts herab. Sepp (die Burschen und Mägde erblickend zu Martin). Ha! da sein Leut aus'n Ort! (Zu den Leuten.) Wo wvllt's hin? Ein Bursche. Aus d'Bergwiesen ausfi, Heu machen. Sepp. Das hat Zeit! Z'erst will ich Euch Gelegenheit zu ein' Hauptspaß geben, den's schon lang nit g'habt habt's! Mehrere Bursche. Was denn? was denn? Sepp. Werd's AU's hören! Geht's uur derweil Alle da hinter'S Schankhaus und den Arm eine- Burschen stützend, wart's, bis ich Euch rus'! j herab). Dritte Scene. Vorige. Eajetan. Bursche. Eajctan (ganz erschöpft, kommt, sich aus vom Bergwege !9 Die Uebrigen (folgrn). Cajetan (stöhnend). Nimmt denn der Berg gar kein Ende? Ach! mir schnappen schon die Füße ein wie Taschenmesser! Ich — ich kann nicht mehr! Martin. Na, wir sein ja schon im Thal! Cajetan. Aber das Schloß meines Herrn Onkels seh' ich noch immer nicht! Martin. Ja, bis dahin hab'n wir wohl noch anderthalb Stund'! Cajetan. Anderthalb Stunden? So weit bin ich mein' Lebtag nickt obne Fiaker gegangen! Das halt' ich nicht aus! Sepp (welcher inzwischen mit den andern Burschen leise gesprochen, tritt nun wieder vor, sich beherrschend, zu Cajktan). Na, so halten wir a wenig Rast und trinken da in der Waldschenk' a Glasl Kräuterbranntwein! Cajetan. Kann wahrhaftig nickt schaden, denn mir ist der Magen so gewiß flau. Sepp (z„ Martin und den übrigen Bur schen). So geht Ihr derweil voran und ver- meldt's, daß wir bei unsrer Streifung (mit einem spöttischen Blicke nach Cajetan) nichts Recht's g'sunden haben! Martin (lachend). Ja, nichts als ein' Hasen haben wir im Heu aufgestöbert! Cajetan (für sich). Mir scheint, der stichelt! Martin (zu den Burschen). So kommt'ö! (Will mit den Burschen fort.) Cajetan (erschreckt). Wie? Ihr wollt fort? Und ich — ich soll — allein? Sepp. Allein? Bleib' nicht ich bei Dir? Cajetan (für sich). Das ist's eben! Ich allein — mit dem? (Laut, zu Martin und den Burschen.) Liebe Landleute, darf ick Sie nicht auch zum Frühstück einladen? Ich zahle Alles! Martin. Wir haben jetzt ka Zeit! Laßt nur Ihr Euch's schmecken! (Ab mit den Uebrigen hinter die Schank.) Cajetan (angstvoll). Ich mir's schmecken lassen? Mir ist aller Appetit vergangen! Ich — ich geh' auck! (Zu Sepp, indem er an diesem vorüber will.) Hab' die Ehre, mich zu empfehlen! Sepp (ihm den Weg vertretend). Halt lhalt! bleib' nur da! Wir frühstücken mit einand'! Cajetan (bebend, sich den Schweiß von der Stirne trocknend, für sich). Cr läßt mich nicht aus! (Laut.) Mit einand'? Wir? — o! außerordentliches Vergnügen! (Für sich.) Ick fürchte nur, er frißt mich selbst zum Frühstück auf dem Kraut! Sepp (ruft gegen die Schenke). A Flasche! Grün' und zwei Glasl! Ein Junge (bringt das Verlangte, stellt es aus den Tisch und entfernt sich dann wieder). Sepp (zu Cajetan). Na! setz' Dich! Cajetan. Danke (mit einbrechenden Knieen) bin gar — gar nicht müde. Sepp (ihn boShaft lächelnd betrachtend). Was hast denn? Ha! meinst vielleicht, ich wär' noch Harb auf Dich? Fürcht' Dich nit! — Ich bin wohl a wenig hitzig, aber 's verraucht glei wieder! — Ich seh' ja ein, daß ich Dir im Grund' gar nichts anha- ben kann! Cajetan. Seht Ihr das ein? O! wäre eine vernünftige Einsicht! Sepp. Was kannst denn Du dafür, daß D' einer Dirn' besser g'fallst, als so ein ung'schlachter Kerl, wie ich bin! Cajetan (für sich). Er spricht ja ganz bescheiden! Sepp. Man braucht Dich ja nur an- z'schau'n, so muß man glauben, daß einer jeden Dirn' 's Mieder z'eng wird, wenn's Dich nur dersieht! Cajetan (mit geschmeichelter Eitelkeit). O bitte — bitte! Man hat allerdings einige Fortune bei Damen — ich will nicht damit prahlen — denn, mein Himmel! 's ist ja kein Verdienst, das ist so etwas Angebor- nes, ein gewisses magnetisches Fluidum — und wir, wir Zappelfelds haben das schon in unserm Blute! Wir stammen von den V6ni-viäi-viei'schen ab, und wenn ein Mädchen einen jungen Zappelfeld nur erblickt, so drängt sich ihr alles Blut zum Herzen und sse iss weg — rein weg! rr* 2N Sepp (seinen Zngrimm bemeisternd). Und so ist's halt der Cilli ah gangen! Da kann's im Grund ah nir dafür! Sie hat halt so lang nir von der Lieb' wissen wollen, bis der Rechte kommen is — upd Du — na! — Du bist halt der Rechte! — Liegt nir d'ran! Zchau' ich mich halt um ein'and're Dirn' um, gibt ja noch mehr auf der Welt! (Geht zum Tisch und schenkt beide Gläser voll.) Na, trinken wir ein's d rauf! (Setzt sich.) Cajetan (für sich). Hm! ich spreche mich ja mit dem Manne ganz leicht! Sepp (auf den Stuhl neben sich weisend). Na, setz' Dich da zu mir! Cajetan (sich setzend). Ick bin so frei! Sepp (hält ihm da- Glas hin). Trink'! Cajetan (das Glas nehmend und mit Sepp anstoßend). Auf euer Wohl! (Trinkt.) Hm! vortrefflicher Liqueur! brennt zwar etwas, aber er wärmt! Sepp (ihm nochmals einschrnkend). Trink' nur; wannst Dich a bißl g'stärkt hast, mußt mir ein' G'fall'n erweisen! Cajetan (trinkt). Mit Vergnügen! sprecht nur! Sepp. Siehst, ich mein' alleweil, daß ich kein Glück bei die Weibsbilder Hab', das kommt daher, daß ich's nit recht anz'stellen weiß! Cajetan. Kann wohl sein! Denn sonst — Ihr seid ja ein charmanter, liebenswürdiger Mensch! (Trinkt, dabei für sich.) Hat frappante Ähnlichkeit mit einem Büffel! Aber ich muß ihn etwas steigen lassen! Sepp. Und d rum möckt' ich's lernen, wie man's eigentlich macht, und so a feiner Stadtherr wie Du, der könnt' mir's am besten zeigen! (Schenkt ihm wieder ein.) Cajetan (bei dem die Wirkung des Gr« tränkeS etwas fühlbar wird). Dieß wohl! Dieß wohl! Hä hä hä! man hat Pra— Praris! Sepp. Na siehst, wannst mir z. B. nur sagest, wie'st es denn bei dsr Cilli, die doch sonst so a hoppertatschige Dirn' is —, Cajetan. Hopper 7— hoppertatschig! Hä hä häl Gottvoll! Sepp. Also wie'st es bei der ang'stellt hast, daß's glei' so an Narren an Dir g'fressen hat! Cajetan. Das — das soll ich Cuch zeigen? Sepp (den Vertraulichen spielend). Na ja — verstehst, wir sein ja unter uns! Cajetan. Ja — und wir Mädeln unter uns! Hä hä hä! Sepp (mit immer schlechter verstellter innerer Wuth). So erzähl', erzähl'! Cajetan. Ja- so einfach erzählen läßt sich das nicht! Das muß mehr so — versteht Ihr? — so — mimisch-plastisch dargestellt werden! Sepp. So thu's — thu's? Cajetan ( ausgehend, für sich). Ich muß mir einen Spaß mit dem Kerl machen! (Laut.) Nun— so denkt Euch, Ihr seid die Cilli! Sepp. Gut, gm! ich bin die Cilli! Cajetan. Ihr sitzt da allein in euerer Sennhütte — nun pocht es an der Thür— Ihr fahrt überrascht in die Höhe — nun so thut's doch! Sepp (bereits die Fäuste ballend). Ja, ja, ich fahr' schon in die Höh'! (Steht auf und hält sich, sich kaum mehr bemeisternd, an dem Tische fest.) Cajetan (für sich). Ist wirklich eiu spaßiger Kerl in seiner Rolle als Cilli! Sepp. Weiter! weiter! Cajetan. Die Thür' öffnet sich— ich trete ein, stelle mich überrascht von dem Liebreiz des Mädchens — seht ihr — so: »Ha! welche Erscheinung!* rufe ich, »ruht ein Engel von seinem Wolkenfluge hier auf einer Berghöhe aus?* Sie errö- thet — schlägt die Augen nieder — nun, so schlagt doch die Augen nieder! Sepp. Ja, ja — ich werd' gleich was Niederschlagen! Cajetan. Nun nähere ich mich ihr — blicke ihr schmachtend in's Auge — lege sanft meinen Arm um ihre Taille (legt seinen Arm um Sepps Mitte) sie wehrt sich nur schwach- 21 Sepp (aufwallmd) Nur schwach?! — (Stößt dabei Kajetan so heftig von sich, daß dieser einige Schritte wegtaumelt.) Eajetan (die Rippen reibend). Herrgott! das soll schwach sein!— Lieber Freund! Ihr spielt eure Rolle mit zu viel Verve! Bedenkt doch, daß Ihr zartes Geschlecht seid! Ihr müßt Euch mehr mäßigen! Sepp. Mäßigen? Ja — ich werd mir Müb' geben, denn ich muß jetzt Alles — Alles wissen! Also nur fort, fort! Eajetan. Also — ich leg' meinen Arm um ihre Taille (thut rs wieder) und sage: »Mädchen! kann ich die Seligkeit genießen, mir Dir unter einem Dache zu weilen?« Das Mädchen weiß nicht, wie ihr geschieht. Sepp (kaum mehr fähig zu sprechen). Ja, — ich weiß auch nicht mehr, — wie mir g'schiebt! Weiter! weiter! Eajetan. Sie flüstert: »Warum nicht? ans dem Heuboden —* Sepp (wie oben). Auf'n Heuboden! Eajetan. »O leuchte voran!* sag' ich. Nun, hä hä hä! sie leuchtet voran, — ich iteigc nach — oben — mitten unter duftigen Kräutern — ziehe ich sie sanft an meine Brust — ihre Arme schlingen sich um mich — ein Hauch — und das Licht ist ausgc- löscht — Sepp (mit hervorbrrchender Wuth). Auch ihre Arm' schlingen sich um Dich? So? so? (Haßt ihn kräftig und tupft ihn.) Eajetan (ausschreirud). Ah, ah! nicht so! Sepp (wie oben). Wart' nur! 's Licht wird Dir ah glei' ausg'löscht sein! Kerl! ich zerftanz' Dich in der Luft! Vierte Scene. Vorige. Martin, Bursche und Mägde. Martin, Bursche und Mägde (eilen hinter der Schenke hervor und befreien Kajetan von Sepp). Halt, halt, Sepp, was thnft? Sepp. Weiß ich'- selber— weiß Einer in meiner Lag', was er thut, wenn er so was — so waS anhören muß? (Bemüht sich von dm ihn haltenden Burschen loSzuringen.) Laßt's mich! laßt'S mich! Eajetan (der sich furchtsam auf die linke Seite der Bühne retirirt hat). Nein! UM Got- teS willen! laßt ihn nickt! er beißt! Martin (zu Sepp). G'scheit sein, Sepp! Ein Unglück ist bald g'sckehen! Sei Straf' soll der da (auf Kajetan weisend) kriegen, deswegen sein wir da blieben! Eajetan. Strafe? Um Alles in der Welt! Wofür denn? Martin (zu Kajetan). Dafür, daß Du ein'm von den Unsrigen in'S Gei g'gangen bist! (Zu den Burschen.) Faßt's ihn! — Dir Latten her! Die Bursche (fassen Kajetan an beiden Armen). Nit mucksen! Eajetan. Aber. meineHerren! Nur ein Wort — nur ein einziges Wort! Martin. WaS willst noch reden? Eajetan. Ich — ick bin ganz unsckul- dig— und die Cikli auch! — Ich gestehe Alles — ich habe mir nur mit dem Herrn von Sepp einen Scherz erlaubt, es ist ja Alles, waS ich g'sagt habe, gar nicht vor- gegangen! Martin. Was? Also Alles nicht wahr? Eajetan. Kein Sterbenswörtlein! ick kann'S beschwören! Martin (scheinbar beschwichtigt). Na, wann's so ist, dann- Eajetan. Dann laßt Ihr mich wohl loS? Martin. Dann verdienst erst zehnfach die Straf', wann'st, nur um z'prahlen, ein' braven Dirnd'l d'Ehr' abg'schnitten hast! Eajetan. Erbarmen! Gnade! Pardon! Die Bursche. Nichts da! G'schehen muß's! Martin. Zieht's ihm d'Joppen aus! Eajetan (schreiend). Gott im Himmel! ich werde gelvuckjustizt! Hilfe! Hilfe! Die Bursche (ziehen Kajetan den Jagd rock aus) Martin (ergreift eine mehr als klaftrrlange Latte, welche einer der Bursrbe gebracht hat). 22 So! jetzt die Latren über'n Rucken durch d'Hemdärmel durch! Halt s ihn nur! Die Bursche (halten LajttanS beide Arme gerade ausgestreckt). Martin (schiebt die Latte von einem Hemdärmel kajetanS über dessen Rücken, durch den andern, so daß er mit anSgespreizten Armen, ohne sie bewegen zu können, dasteht). Cajetan (fortwährend jammernd). Au weh! Ihr schindet mir die Haut ab! Hilfe! Erbarmen! Sepp (aus Kajetan weisend). Ha ba ha! Fertig ist der Lattenmaun! Jetzt hetzt's ihn über d'Stoppclfelder und hinunter durch s ganze Dorf! Mehrere Burschen (haben Gerten und Dirkenruthen geholt, und selbe unter alle vertheilt, nun schwingen alle dieselben drohend gegen Kajetan). Treibt's ihn an! Treibt's ihn an! Rennen muß er, was er kann! Cajetan (will entfliehen, stößt aber mit den aus beiden Aermeln weit herausragenden Enden der Latte bald an Bäumen, bald an andern Gegenständen an, so daß er immer gehindert ist). Die Bursche und Mägde (verfolgen ihn, ihn im Kreise herumtreibend, ihre Gerten schwingend und dabei singend). öpoii-Lhor. Ha ha ha! Ha ha ha! Lattenmann! Lattenmann! Was hast than? Weißt jetzt nit ein, nit aus, Kannst nit hinein in s Haus, Wie Du Dich wend'st und bieg'st, Bis D' auf der Nasen liegst! Ha ha ha! — Ha ha ha! Fünfte Scene. Vorige. Arthausen. Rampinger. Andere Bursche. Jäger (treten mitten unter dem wirren Treiben rechts auf). Arth, (mit starker Stimme, Alle übertönend). Halt! Was treibt Ihr da? Alle (ihn erblickend und einhaltend). Der g'streng' Herr! Eajetan (aufathmend). Herr Onkel! In meine Arme! (Eilt auf ihn zu, und will ihn umarmen, woran ihn aber die Latte hindert). Arth, (überrascht). Mein Neffe! (Zu den Uebrigen.) Was habt Ihr mit ihm vor? Sepp (trotzig vortretend). Na, Dtt hast ja g'sagt, daß er (auf Kajetan weisend) in unser Land kommen ist, um unsere Bräuch' kennen z'lerncn — na — Du, Herr wirst wohl wissen, was bei uns Brauch ist, wenn a Bursch' bei der Dirn' von ein' andern troffen wird. Arth, (zu Kajetan). Wie, bist Dtt auf verliebte Abenteuer ausgezogen? Cajetan. Abenteuer? Ja — daß mir der Abend theuer zu stehen gekommen ist, ist wohl wahr — aber ich habe gar nichts gethan, als auf einem Heuboden geschlafen! Sepp. Ja, in der Hütten von der Cilli. Ra mp. Was? Bei meiner Mahm? (Zu Sepp.) Aber Sepp! Kannst denn glauben, daß der — (Auf Kajetan weisend.) Schau Dir'n einmal recht an! Sepp (wirst einen finstern Blick auf Kajetan, dann zu Rampinger). Ah was, das Weibsvolk hat oft ganz aparte Gusto. Ra mp. Nein, nein! Für den steh' ich gut — Cajetan. Unschuldig wie ein bethle- hemisches Kind! Ra mp. (zu den andern Burschen). D'rum macht'S ihn frei von der Latten, er schaut ja auch ohne Latten so aus, als ob er g'spandelt wär'! Die Burschen (befreien Cajetan von der Latte und reichen ihm den Rock wieder). Arth, (während dieß geschieht zu Sepp). Also, wie ich sehe, hatte eure Streifung keinen bessern Erfolg, als die uns re — auch wir haben nichts von einem Feinde aufgestöbert! Ra mp. 's war vielleicht gestern Alles blinder Lärm und der Ruprecht hat uns umsonst aufg'rebellt! 23 Martin sin die Scene links sehend). Ah, da kommt er ja just. (Zu den andern Burschen.) Wart's! den wollen wir a bissel Hanseln! Sechste Scene. Porige. Ruprecht, dann ein Junge. Rupr. (kommt eilig von links). Na — habt Ihr ihn? Martin (spottend). Wen denn? Vielleicht den bucklet'n Hasen, den Du gestern für ein' Mann mit ein' Bünkel ang'schaut und nach ihm g'schosscn hast? Ra mp. (ebenfalls lachend). Der hernach so torkelt hat! Martin (lachend). Und über'n Graben in' Wald einig'sprungen is! Mehrere Burschen (lachend). Ja, ja! D'Hasen machen's schon so! Ha ha ha! Rupr. (gereizt). Ihr spott's und lacht's mich aus?—Und (zu Rampinger) Du auch? Na wart's! So werd' ich Euch was Anders zeigen, und (wieder zu Rampinger) Dir — g'rad Dir was sagen, daß Dir d'Ohren gallen sollen! (Sieht in die Scene nach links.) Da kommt ja mei Bübel schon nach! Die Uebrigen (ebenfalls in die Scene links sehend). Ja, was schleppt denn der? Rupr. Das, was ich heut früh im Wald g'funden Hab! Ein Junge (einen ziemlich schweren Bündel auf dem Rücken tragend, kommt von links). Rupr. (zu dem Jungen). Leg's nur nieder! l^s geschieht ) Alle (näher hinzutretend). G'funden — im Wald? Rupr. Ja — in einer Felsspalten! R a m p. (das Einbindetuch besehend). Auf dcm Tüchel sein ja Blutstropfen! Rupr. (nun ebenfalls spottend). Natürlich! Den Bünkel hat ja vermuthlicb der Has" tragen, den wir ang'schoffen haben. Arth. Was enthält denn der Bündel? Schnell, öffne ihn! Rupr. Na — da schaut'S! (Ocffnet den Bündel und nimmt mehrere Ballen Seidenzeug aus demsklben.) Lauter schwere Seidenstoff — Arth. Ah — wie's verwegene Schmuggler über die Grenze schaffen — Rupr. Aber da! > Zieht ein zusammenge. legte? Papier aus dem Bündel ) Da ist noch was — ick weiß nicht, was die Kratzlerei bedeuten soll — (Reicht das Papier Axthausen.) Arth, (das Papier entfaltend und die darauf befindliche Zeichnung besehend). Blitz und Hagel! Das ist ein förmlicher Plan — alle Waldwege im Gebirge ausgezeichnet — Alle. Also doch ein Spion! Rupr. Und zwar der nämliche, den ich gestern beim Kreuz in der Klamm troffen Hab', das kenn' ich an der Färb' von dcm Tückel! Sepp (auf's Neue aufgcrcgt zu Ruprecht). Der nämliche — den Du — beim Kreuz — (hastig) und hast ka weitere Spur? Rupr. Wohl, wohl! Hört nur! Ich Hab' mein Dachshund zu dem blutigen Fleck schnoseln und dann fortspüren lassen — das Hunde! ist vor mir her — hat allweil g'schnoppert, und richtig, so weit als' g'loffcn ist, überall Hab' ich auf dem dürren Laub und den Tannennadeln, die am Boden g'legen sein, Blutstropfen g'sehen! Sepp. Und bis wohin ist die Spur gangen? Rupr. Bis — bis — (faßt Rampinger's Hand und raunt ihm ins Ohr) zu eurer Mahm ihrer Sennhütte,»! Ra mp. (aufschrriend). Bis zur Eilli?! Sepp (rasch). Und wohin von dort weiter? Rupr. Um kein' Schritt weiter, als bis zur Hütten. Sepp (eilt zu Lajetan und saßt ihn an der Hand). Du — Du warst dort! Eajetan (wieder ängstlich). Aber ich — ich habe nichts gesehen — auf Ehre und Seligkeit! Sepp. So hast vielleicht Du selbst Dir am Arm was gethan, daß d'blut' hast? Eajetan. Gott bewahre! Ich habe seit gestern keinen Tropfen Blut mehr in meinen Adern! 24 Sepp (dem nun Alles klar zu werden scheint auf's Neue von Eifersucht entbrannt). So war also noch ein Anderer — außer Dir —? Cajetan. Nein, nein! Ich war ganz allein außer mir, und zwar darüber, daß fie mich in den Heuboden eingcsperrt hat! Sepp. Aha! Dich hat's eing'sperrt — damit Du nichts stehst — und — wie w ir kommen sein, hat's deswegen so ängstlich nach der Bodenthür g'schaut, daß unser Verdacht dorthin g'lenkt wird — Dich hats' g'fangen fortführen lassen, damit der And re hat ung'stört bei ihr bleiben können! (Vor Wuth schnaubend.) O, nur die Lieb' kann Ein's so schlau machen! Arth, (zu Sepp). Und nur die Eifersucht kann einen so blind machen, wie Dich! Deine Schuld allein ist's, daß wir des Burschen nicht habhaft wurden. Sepp. Ja, ich gesteh's — wahnstnnig war ich! (Feurig.) Aber ich will's gut machen! (Ueberlegend.) Jetzt, bei helllichtem Tag traut er sich g'wiß nicht heraus; er ist also noch bei ihr! Martin. Dann müssen wir ihn kriegen und wenn wir d'ganze Hütten niederreißen müßten! (Will mit mehreren Burschen fort.) Sepp (fie aufhaltend). Nein! nein! nicht so! Die Sach' muß schlauer anpackt werden! (Zu Rampinger.) Ich und Du, wir gehen ganz allein hinauf! (Zu den Uebrigen.) Ihr schleicht nur ganz stad nach; halt'SEuch auf a fünf Schritt außerhalb der Hütten versteckt, bis ich Euch a Zeichen gib! (Zu Rampinger.) Komm'nur! Unterwegs werd' ich Dir schon sagen, wie wir's anstellen sollen, daß er uns dasmal nicht entgeht! (Faßt Rampinger's Arm und eilt mit ihm den Bergwrg rechts hinan.) Arth. Er scheint des Erfolges sicher zu sein! Also ihm nach! Wer von Euch ist dabei? Eajetan. Ich nicht! Wer noch? Mehrere Bursche. Wir Alle! wir Alle! Arth. Nun, so folgt mir! Geb' Gott, daß wir heute den Weg nicht wieder fruchtlos machen! (Mit allen Uebrigen außer Cajetan ab) Siebente Scene. Eajetan (allein). Cajetan (dm Abgehenden nachrufend). Diel Glück zur Jagd! Bedauere unendlich, nicht theilnehmen zu können! Ha, ha! Ich bin nicht so neugierig, daß ich überall dabei sein müßte! Ueberhaupt gefällt's mir hier gar nicht! Ich hatte mich hieher begeben, um mich zu erholen, und komme da gleich am ersten Tage mitten in eine Räubergc- schichte hinein! Ah, da dank' ich! — Ich seh', daß ich bald wieder fortkomme, und wenn mein Herr Onkel mich wieder einmal einladen läßt, zu ihm zu kommen, so geb' ich gar keine andere Antwort als die: »Ich bitte, meine Empfehlung — es wäre schon gut!* DaS ist die kürzeste und höflichste Erledigung, die man so manchem Anträge, der einem in jetziger Zeit vorkommt, erthei- len kann. Lied. 1. Wenn irgend ein mächtiger Staat Ein' kühnen Plan durchgeführt hat, Ohn' erst d'kleinern Nachbarn zu frag'n, Die sich z'widersetzen nicht wag'n, Dann halten dir das für das Best', Daß's einleg'n g'schwind ein' Protest! So'n Aktenstück hat sein Gewicht! Der Gegner empfängt es und spricht, Noch eh'er die Zuschrift ganz durchlesen thut: »Ick bitt', mein' Empfehlung — es wäre schon gut!* 2 . '-empfiehlt 'ne Mama einem Mann Ihr Töchterl zum Heiraten an, »Sie hat eine recht gute Stell', Ist Marchandesmodes-Mamsell! Mit'n Tanzen hat's auch keine Noth, Sie nimmt täglich Lectivnen beim Schwott! 25 Zm Fasching hat's beim dalt ma8HU6 Als Debardeur freies Entree!« D'rauf greift der Freier geschwind nach sein' Hut: «Ich bitt', mein' Empfehlung^— es wäre schon gut!* Zum Frühstück — zur Jausen — auf d' Nacht A paar Krügel Wasser, das macht — Daß man bald a G'sicht kriegt wie Milch und Blut —« Na, ich bitt' mein' Empfehlung! es wäre schon gut. — (Ab) 3. Beantragt wird von g'wiffen Herr'n: »Wien soll eine schöne Stadt wer'n; Man soll da kein' Lärmen mehr hör n Und nichts Uebles g'rochen auch wer'n! D'rum soll'« alle Schlosser und Schmied', Gleich räumen das städt'sche Gebiet, Auch d'Led'rer und Gerber soll'n fern, Drei Stund' weit vor d Linie gesetzt wer'n!« Doch d'Bürgcr, wenn man so was Vorschlägen thut, Sag'«: »Uns'rc Empfehlung — eS wäre schon gut!* 4. Wer Geld braucht, der kriegt es jetzt schnell, Schafft er nur ein Pfand gleich zur Stell', Er zahlt sechs Procent nur dafür, Doch ertra noch Nebengebühr; Fnr's Aufschreib'n, und Aufheb'n und Schätz'n Gibt's Taren — im Voraus heißt's: setz'n! Bringt Einer a Pfand da hinauf, Wär's nöthig, er zahlet noch d'rauf! »Zur Aushilf' fürs Volk!* nennen'S das Institut, »Ich bitt', meine Empfehlung — cs wäre schon gut!« 5. »Mit Wasser versorgt wird jetzt Wien.* Sagt Einer, »wie froh ich jetzt bin!* Denn hab'n wir gut's Wasser — uit wahr? Tann ist'S mit dem Biertrinken gar! Kein' Wein auch trink' ich von der Stund' Denn 's Wasser — das ist so gesund! Achte Scene. Verwandlung. Da- Innere der Sennhütte wie zum Schlüsse de« ersten Acte« — die Fensterbalken find noch ge« schloffen Hans. Eilli. HanS (liegt vollkommen angeklttdet, schlafend auf dem Bette). Eilli (tritt durch die Mitte ein). 'S ist draußen Alles ruhig — im Wald rührt sich noch nichts, jetzt wär's wobl Zeit, daß er schauet, fortz'kommen! Ich Hab' wollen, daß er noch in der Nacht geht — aber er war zu matt, hat mich beten, daß ich ihn nur a Stund' ruhen lassen soll — (tritt zum Bette) undjetzt schlaft er noch! (Sichsachteübrr ihn beugend.) Wie sanft er schlaft! — 's i,'t mir völlig leid, daß ich ihn aufwecken muß! Aber 'S muß doch sein — zu seiner eigenen Sicherheit! (Rüttelt ihn leise.) Hans (aufgeschreckt, noch halb schlaftrunken) Wer ist'S? — was wollt's? Ich bin nicht Schuld! Eilli. Aber so komm' doch zu Dir! Ich Hins. Hans (erleichtert, sich vollend- erhellend). Ah Du — Du, mein guter Schutzengel! Eilli. Red' jetzt nicht viel.! Mach' Dich auf! Du mußt fort! Hans (schmerzlich). Fort? von Dir fort? mir ist'S, als ob mir das gar nicht mehr möglich wär'! Ist mir doch, seitdem ich Dich g'seh'n, als könnt' ich nur mehr bei Dir Ruh' finden, und vielleicht doch noch glücklich werden! 26 Cillr (finster). Ich Hab Dir's gestern schon g'sagt, Du sollst solche Reden sein lassen! Lei mir verfangen's nicht mehr! Hans. Ich glaub'snit, Madel, daß dein Herz schon gar so verhört' sein soll, denn Alles, was Du für mich gethan — die G'sahr, der Du Dich selber ausg'setzt, die Art, wie Du mich behandelt und mit mir g'redt hast, — das war - ^llli (unwillig). Mitleid mit ein' Vcr- wundten — weiter nichts! Und vielleicht war sogar das unrecht! Vielleicht Hab' ich Einem Schutz geben, der's gar nicht verdient! Hans (treuherzig). Dirn! Schau' mir ins Aug'! ich bitt' Dich — schau'mirnur ins Aug'! Eilli (ihn nur von der Seite finster anbli- ckend). Na — was soll's damit? Hans. In' Augen, sagt man, liegt d' Seel' in' Augen kann man lesen! Schau mich an und sag': Kannst Du mich für ein Bösewicht halten? Eilli. Für ein g'mein' Verbrecher nicht, aber Du kannst auf ein' and re Art g'fähr- lick sein — Du hast mir doch selber g'sagt, daß d' jahrlaug unter den Wälschen warft — Warum hast Dich dann jetzt doch wieder hertraut? Hans. Du weißt, daß ich a Tiroler bin, und fragst, warum's mich wieder daher — in meine Berg' zogen hat? Und dann wollt' ich auch erfahren, ob der eine Mensch noch lebt, ob er noch in der Gegend ist? Ob — der das Geheimniß' bewahrt hat, oder ob's auch Andre wissen? Eilli. So red' — mir kannst Alles sagen — ich verrath' Dich nicht! Hans (vcrtranungsvoll). Nein! Du verreichest mich nicht — Du nicht! — denn, g'steh' mir's nur, Du nimmst doch an mir mehr Antheil. — Eilli (wieder unwillig). Bild' Dir nichts ein! Ein' Auskunft will ich Dir geben, wenn's vielleicht zu deiner Ruh' beitragen kann, aber dann sag' ich Dir »B'hüt Gott! auf immer!« und Du gehst! Hans (traurig) Gehen soll ich — und Dich nie — nie mehr sehen —? Eilli (zu Boden blickend und sich halb ver- rathend), 's iftbesser für uns Alle zwei! Hans (feuriger). Aber Eilli, wenn Alles so kam', daß ich bleiben dürft', — o mein Gott! Da — in deiner Näh' bleiben! — Meinst denn, daß ich nickt Alles anfbietet, um vielleicht doch einmal, und war's nach Jahren — zu Dir sagen z können: Komm, sei mein für immer! Eilli. Kein Wort weiter von dem! Das ist Dir nicht möglich, und kein' Andern! Ick Hab s g'lobt, und wer mein G'löbens halten! Also keine solche Red' mehr, wenn ich Dich weiter anhören soll! Red' von deiner Sach' —! Hans. No gut! — ich will Dir Alles sagen — Neunte Scene. Vorige. Sabine. Sabine (tritt hastig durch die Mitte herein, bleibt, Hans erblickend, wie festgebannt stehen und ruft laut aus). Gott im Himmel! Haus. Eilli (sich erschrocken umsehend). Was ist?! Eilli (Sabinen gewahrend, etwas beruhigter)- Du bist's, Sabin!?Aber was stehst da, als ob Dich der Blitz blend't hat'? Sabine jnocti kaum der Sprache mächtig). Dil — Du bist — wirklich nicht allein? Und der (eilt zu Hans vorwärts und sieht ihm ins Auge). Sag': Heißt Du der Volker- Hans? Hans (erschreckt). Wer hat Dir den Namen g'sagt? -La bi ne (immer dringender). Sag mir nur das Einzige: bist Du's? Hans (zögert). Sabine. Red', red'! Sie werden bald da sein! Eilli. Haus. Wer — wer? 27 Sabine (zu Lilli). Dein Detter und — der Sepp —! Hans (zusammenschreckend). Der Skpp — der Holzhändler? Sabine (sieht ihn erstaunt an). 3a — der! — Kennst ihn? Hans (säst dem Umfinken nahe, sich an der Platte des Tisches haltend, mit tonloser Stimme Ja! — aber — was sucht der dahier? Sabine. Dich — Dich — und dein End' ist's, wann er Dich findet! Cilli (zu Sabine). Aber wie hast Du erfahren —? Sabine. Zch Hab' grad' in's Thal hinunter wollen — da hör' ich's seitwärt's im Gebüsch' rascheln — ich guck durch die Zweig' — da seh' ich den Sepp, der grad' sein Stutzen lad't und (zu Sabine) dein Vettern — sie hab'n still miteinand' g'red't, — Alles Hab' ich nit hören können, nur das Eine —wie der Sepp g'sagt hat: »Die Kugel g'hört sür'n Volker-Hans, wann ich 'u bei der Cilli treff'!« — Mir ist's eiskalt über'n Buckel g'loffen und wre die zwei Männer wieder langsam vorwärtsgangen sein, — bin ich umkehrt, — g'schwind wie a Gam's dnrch's Dickicht— damit ich ihnen den Weg abgewinn' — daher zu Dir — und da — Hans (sich wieder ermannend). Da siehst Du wirklich den, den's suchen! Sabine.Cilli (entsetzt). Wirklich?! Nur fort! fort! Hans (mit der Entschlossenheit der Verzweiflung). Nein! ich bleib'! Cilli (wie oben). Du willst — bleiben? Hans. Ja — denn jetzt ist mir Alles klar — ich erinner' mich aus vergangener Zeit, daß der Sepp mir oft von einer Sennerin vorfantasirt hat, die sein werden sollt', und wenn er sich dem Teufel verschreiben müßt! Die Sennerin bist Du — und er — er ist wohl jetzt dein Bräutigam ? Cilli (mit singender Angst). Nein—nein! ich schwör' Dir's, so wahr Gott im Himmel ist! Und er soll Dich auch nicht finden — wenn ich nur wußt— (Sieht sich ängstlich in der Stube um.) Sabine (hastig zu Cilli). Schau', daß d' ihn wo sicher verstecken kannst — ich — ick» will indeß hinaus, und wenn ich's näher kommen hör', sag' ich Dir's! (Eilt durch die Mitte ab.) Cilli (angstvoll überlegend). 3m Stall? Auf dem Boden? Nein! das nutzet nichts, sie werden Alles durchsuchen — aber (plötzlich von einem Gedanken durchzuckt) ja! da — da allein finden's Dich nickt! (Sir eilt zum Tische und rückt denselben zur Seite.) Hans. Was ist dahier? Cilli (mit fliegender Stimme). 3ch Hab' selber erst vor a paar Tagen bemerkt, daß dahier — unter'm Tisch die Bretter z'heben sein, und daß d'unten a Kellerwölbung ist, — das weiß Niemand — nicht einmal mein Detter, der erst im Frühjahr die Al in mitsammt der Hütten kauft hat — da — da steig' hinunter! (Sie hebt eine Fallthür am Boden aus.) Hans. Cilli! Eins sag' mir früher — liegt Dir doch was d'ran, daß ich mein Leben rett'? (Faßt ihre Hand und sieht ihr in's Auge.) Cilli (bemüht, ihre Hand loszumachen, verwirrt). Mein Gott! was fragst Du jetzt u u das? Hans. 3a, das will, das muß ick wissen, sonst will ich nicht mehr leben! Sabine (öffnet die Mittelthür nur ein me nig und steckt den Kops herein, mit ängstlicher Hast). Sie sein aus'n Wald g'treten — kommen die Matten heran! (Zieht den Kopf wieder zurück.) Cilli (zu Hans). Hörst! hörst! 3n der nächsten Minuten können's da sein! (Will ihn gegen die Fallthür drängen). Hinunter! ich bitt' Dick um Gottes willen! Hans (sie mit seinem Arm umschlingend, dringender). Das Wort! das eine Wort! Cilli! hast Du mick lieb? Cilli (kaum hörbar). 3a! Hans (freudig aufathmend). 3a? ja?! O gelt'Dir Gott das Wort! Wie a Himmels- 28 thau fallt's in mei' verschmachtete Seel'! Jetzt will ich leben — jetzt an mei' Rettung denken! Cilli (wie oben). Fort, fort! Hans. Ja, ich geh' den Weg, den Du mir zeigst, Du, mein Engel— mein Alles! (Zieht sie an sich, küßt sie und eilt dann die Stufen in das Kellergewölbe hinab ) Eilli (laßt die Fallthür niederfinken und blickt sie und Sabine, verwundert.) ^tttf dem Bett — und (zu Sabine) Du da? Sabine (aufstehend, scheinbar ganz unbefangen). Ja — der Armen ist recht übel! Ramp. Was? übel? (Tritt zur CM.) Was ist Dir denn? Cilli (sich matt erhebend). Ich — heut Nacht, der Sepp bat mir so ein' Schrockeu g'macht. bleibt daun, gleichsam mit sich selbst zerfallen, eine Weile laut- und regungslos stehen, endlich nn Tone des Selbstvorwurses). Ich — ich Hab ihm g'sagt, daß ich ihn lieb' und — (beide Hände an ihr Herz pressend) da — da spür' ich's — 's ist wahr! (Von der Erinnerung erschreckt, ausschreiend.) Gotthard! — Mein Schwur an dein'm Grab! Ich — ich Hab' ihn g'brochen! (Schlägt beide Hände vors Gesicht, weinend.) O mein Gott! mein Gott! warum hast Du den Menschen just in meine Hütten g'führt? (Sinkt in die Knie.) Sabine (eilt zur Thür herein). Sie kommen! Ist er fort — in Sicherheit? Cilli (rasch ausstehend). Ja, ja, g'schwind! Hilf mir den Tisch wiederherstellen! (Sie und Sabine thun es.) Ach— ich — ich kann mich kaum auf den Füßen erhalten! Sabine. Ja— Du bist blaß— zitterst am ganzen Leib'!—Du verrathstDich am End'! 's Beste ist, Du setzt Dich daher. (Führt Cilli zum Bette ) Cilli (läßt sich erschöpft nieder). Sabine. Sag', Dir wär' nicht gut, und Du hätt'st deswegen um mich g'schickt! (Aushorchend.) Still! sie sein schon da! (Setzt sich aus einen Stuhl neben dem Bette.) Zehnte Scene. Vorige. Sepp, Rampinger. Sepp (eine Flinte in der Hand, tritt mit Rampinger durch die Mitte ein, leise zu diesem). Mach's nur so, wie ich Dir's g'sagt Hab'. Ramp. (nickt, ihm zustimmend mit dem Kopfe, dann laut). Cilli! wo bist denn? (Er- Sabine. Da hat s heut' Früh so g'fiabert, und hat den Gasbuben zu mir hinüber- g'schickt, daß ich ihr beistehen soll — na — und deswegen bin ich da! Ramp. (zu Sabine). Na, das ist ja recht schön von Dir — aber jetzt bin ich da, und d'rum kannst schon wieder heimgehen, daß Dir d'Arbeit nicht liegen bleibt! Sabine (zögernd). Na — wann's meint's — daß 's mich nimmer braucht's — so — so geh ich — aber (sich gegen Cilli wendend) ich schau' schon später wieder nach — wie's Dir geht! (Leise zu Cilli.) Nimm' Dich z'samm' — verrath' Dich nicht! (Laut.) B'hüt Gott, Rampinger! B'hüt Gott, Sepp! (Ab durch die Mitte ) Ramp. (zu Cilli). 's war recht g'scheit, daß D'um d'Bin' g'schickt hast, denn wenn Ein' so was zustvßt, und (sie scharf fixirend). man so allein in einer Sennhütten is — denn Du — Du warst doch allein? Cilli. Ja, denn der, dem ich aus Barmherzigkeit Unterstand geben Hab', den (mit einem finstern Blick auf Sepp) hat ja — der fortg'führt — Ramp. Und hat sich dabei a bißl unmanierlich benommen. — Na — er sieht sein Unrecht ein, und ist deswegen mit mir gangen, um Dir'S abz'bitten! Cilli. Ich schenk' ihm's! Aber, Vetter! Was führt denn Dich heut' herauf? Ramp. Na — weißt ja — daß jetzt bald die Zeit kommt, wo wir 's Vieh von der Alm Heruntertreiben, da will ich nachschauen (sie wieder fixirend) im Stall — Cilli. Na — so schau halt nach — im Stall! — 29 Ra mp. Und was noch fürFuttervorrath, da ist (wie oben) am Boden! Cilli Na — so schau' halt nach — am Boden! Ra mp. (sieht sie prüfend an, schüttelt den Kopf, dann leise zu Sepp). Sie verrath' gar kein' Angst! Sepp (leise). Laß' mich nur allein mit ihr. Ra mp. (laut). So geh' ichz'erstin' Stall. (Zu Sepp.) Mach' Du derweil dein' Sack' ab mit der Cilli! (Betrachtet im Abgehen nochmals Eilli, dabei für sich sprechend ) So ganz richtig kommt's mir doch nit vor — so ganz richtig nit! (Ab in die Seitenthür.) Sepp (tritt näher an Cilli und hält ihr die Hand hin). Bist noch Harb aus mick — Cilli? Cilli. Ick Hab' Dir sckon g'sagt, ich sckenk' Dir die Abbitt'! Und wann'st nickts Anders heroben wollen hast, so kannst wieder geh'n! (Setzt sich an den Tisch und stützt das Haupt in die ausgestemmte Hand.) Sepp. Nein — ich bleib' — denn jetzt, wo wir allein sein, kann ich Dir was sagen, was Dir g'wiß nah'geh'n wird! Cilli. Du — mir? — Und das wär' —? Sepp, (nimmt sich auch einen Stuhl, setzt sich rittlings darauf und kreuzt seine Arme über die Lehne). Hör' mich gut an! — Was Du gestern — weißt — wie wir Dich Abends beim Gotthard sein Grab troffen haben — Cilli (zusammenschauernd). Beim Gotthard sein Grab! Erinner' mich nicht daran! Sepp. Ich muß wohl, weil mir das, was Du uns dort g'sagt hast, nicht aus 'n Sinn g angen ist! Du hast g'sagt, Du glaubst, daß der Gotthard nicht bloß durch ein Unglück sein End' g'funden hat! Cilli. Laß' die Todten ruh n. Sepp. Ja, Du hast g'sagt, »vas g'sche- hen mußt, damit der Todte sei Ruh' im Grab find'! Und deswegen Hab' ich halt Nachfrag' g'halten, und Hab wirklich ein Burschen g'funden, der mir, bei ein' Glas Wein — die Wahrheit beich't hat! Cilli (aufmerksam werdend). Die Wahrheit und die ist —? Sepp. Das — was Du vermuth' hast! — Der Gotthard ist wirklich erschlagen worden. Cilli (vom Sitze in die Höhe fahrend). Wirklich? — wirklich? — Und wer — kann's bezeugen? Sepp. Der — der's g'sehen hat! Cilli. Und der — der hat den Mörder laufen lassen? hat ihn nickt ang'halten? Sepp. Mein Gott! damals hat ihn halt selber d' Angst packt — in der finstern Nacht hat er ah nit allsnehmen können, wer's ist! Cilli. Er weiß nickt wer's ist? — Was nutzt mir dann sei ganze Aussag'? — Was er sagt, das ist sckon lang in mir feitg'stan- den, aber (mit wilder Heftigkeit) haben muß ich den Mörder — ihn seiner g'rechten Straf übergeben, dann erst fühl' ich mich wieder frei! Sepp. Undwie — wann man jetzt doch a Spur hätt'? Cilli. A Spur? was für eine? Red' — red'! Sepp (immer ganz ruhig). Na, der Ruprecht hat gestern früh ein Mann an dem Grab knien und später ein' Kranz an's Kreuz hängen sehen. Cilli. Ha! den Kranz — ich Hab' ibn g'funden, wie ich — so wie alle Jahre an dem Tag mein'n Kranz aufg'hängt Hab'! Sepp. Siehst es! — ZuwasDich dein' Lieb' treibt, dazu hat wohl den die Reu' und 's G'w issen trieben! Cilli. Und man hat ihn nicht festg'nom- men — nicht dem G'richtübergeben? Sepp. Hm! wegen dem, daß einer bet' und ein Kranz aufhängt, kann man ihn doch nicht fassen! Später freilich hat er sich verdächtiger zeigt — Cilli. Also, — man hat ihn nochmals g'sehen? Sepp. Ja — in die Berg', in die Wälder ist er herumg'strichen — Cilli. In die Berg'? in die Wälder?! 30 Sepp. Sie haben nach ih'm g'feuert — Eilli (mit furchtbarer Ahnung). Nach ihm g'feuert? Sepp. Ha! ha! Und das Wild war richtig ang'sckoffen und hat g'schweißt — man ist der Fährt' nackgangen — und was glaubst, wohin die geführt hat? billigst athemlos). Wohin? Wohin?! Sepp (ausspringrnd, den Stuhl bei Seite stoßend und mit Donnerstimme). Daher! in dein Hutten! Eilli (stößt einen fürchterlichen Schrei aus und stürzt ohnmächtig zusammen). Sepp (triumphirend) Ha! derSchrei! die Obnmackt — sein das beste G'ständniß! Eilfte Scene. Vorige Rampinger. Ranip. (eilt aus der Seitenthür heraus)- WaS ist g'sckehktt? (Erblickt villi und eilt zu ihr, bemüht, sie auszurichten-) Eilli! Eilli! Eilli (richtet sich, von Rampinger unterstützt, aus» sieht ihn und Sepp mit starren Blicken an — fährt sich dann, wie um ihre Besinnung zurückzurusen, mit den Händen über Stirn und Augen, dann sich plötzlich des Geschehenen erinnernd stößt sie einen lauten Schrei aus und eilt mit flammender Wuth gegen den Vordergrund, Alle um sich her vergessend). Ha! Ha! — er hat — den Gotthard erschlagen! und mich — mich so bethört, daß ich — ihm z' Lieb' mein' Schwur brochen Hab' — ich Hab' ihn« — ihm — mein' Lieb'! — o könnt' ich mir das Herz aus dem Leib reißen, weil's nur ein' Augenblick für das Ungeheuer g'schlagen hat! — O, daß er mich dahin gebracht hat, das ist seine zweite Miffethat! Aber Rach". Rach ! — Sepp (zuihr vortretend). Ich biet' Dir mein'Hand dazu! —Sag'! isternochda—? Eilli. Ja —und Ihr — Ihrsollt ihn haben! (Eilt gegen den Tisch, den sie mit einem gewaltigen Ruck bei Seite schiebt.) Da ist eine Fallthür — und unter ihr ist er! (Will die Thür öffnen ) Sepp. Halt! — gegen den Burschen ist Vorsicht nöthig! (Zieht ein Pfeifchen hervor und thut einen gellenden Pfiff ) Zwölfte Scene. Vorige — Arthausen— Martin — bewaffnete Bursche (eilen zur Mittel- und Sri tenthür herein). Sepp (ihnen entgegengehend, mit gedämps ter Stimme) Wir haben ihn! (Aus Eilli weisend.) «Lue selber wird ihn dort herauslocken, und, sobald ihr nur sein Kopf seht — keine langen Umstand'! schießt ihn nieder! Die Bursche (machen ihre Flinten schuß- srrtig). Eilli (rasch in die Mitte der Bühne tretend). Nein! nein! das beding' ich! Lebendig muß er vor s Gericht gestellt werden! Nickt wir, das Gericht soll über ilm mtheileu — das Gericht ihn strafen nach dem G'setz! Arth, (zu Cilli) Du hast Recht! Auch können seine Aussagen für uns von Wichtigkeit sein! Haltet Euch bereit ihn zu ergreifen und zu binden, und Du — (zu Lilly öffne! Eilli (zu den Anwesenden). !ret s zurück — ich will die Fallthür aufmachen, — er wird heraufkommen, wenn er nur mich sicht! Alle (treten mehr gegen den Hintergrund). Eilli (öffnet die Fallthür). Dreizehnte Scene. Vorige. Hans. Hans «erscheint zuerst nur mit halbem Leibe auf den Stufen des Kellers, so daß er nur Lilli gewahrt, während dir klebrigen durch dir offen- gehaltene Fallthür anfangs seinen Blicken entzogen find). Sein's schon wieder fort? Eilli (mit abgkwandtem Gesichte). Komm herauf! Hans (eilt vollend- die Stufen hinaus — 31 oben angelangt erblickt er die Bewaffneten — zu- käcktaumelnd). Was ist das?! billi (läßt schnell die Fallthür wieder zu» fallen). Hans. Die Leut' und (zu Eilli) Du, Du rufst mich herauf? — Du hast mick verrathen uud verkauft!! Sepp (zu Hans tretend). Gib Dick! widersetz' Dich nicht! Du siehst (aus dir Be waffneten weisend), es nutzt Dir nichts! Hans (trotzig). Das käm' erst d'rauf an! Aber nein! nein! ich wehr' mich nickt! bindt's mich — fesselt's mich. Da — da sein meine Hand'! (Streckt ihnen beide Hände entgegen.) Macht mit mir, was Zhrwollt's, führt's mick hinaus! ersckießt's mick gleich! Mir um so lieber, deun (schmerzlich) sie, sie hat mick verrathen! billi (steht indeß regungslos). Einige Bursche (find zu Hans getreten und binden seine Hände). Arth. Nun fort mit ihm — vor der Hand auf mein Schloß! Hans (will mit den Burschen fort, bleibt aber vor Eilli stehen). Dirn'! Du hast g jagt, Du willst ledig bleiben! Thu's — thu's — ja! mack' Kein' mehr unglücklich — Du grundschlechte Seel'! Eilli (aus ihrer Starrheit erwachend, springt auf ihn los und faßt ihn am Arm). So willst Du reden? G'schieht Dir was Anders, als Du verdienst? (Ihm das folgende Wort in s Antlitz schleudernd.) Du — Mörder! Hans (zuckt schmerzvoll zusammen und läßt das Hauvt finken). bi Ui. Ha! Du kannst nicht nein sagen. Du bist's, der mein' Gotthard erschlagen, der mein ganzes Glück zernicht' — mir den Brautkranz aus den Haaren g'riffen hat — und jetzt hast g'meint, Du machst das gut. wenn Du ein' Kranz an sein Grabkreuz hängst? Nein! Blut will wieder Blut — aber kein' ehrlicke Tiroler Kugel soll Dich treffen, Du g'hörst auf's Sckaffot und Dein Kopf dem Scharfrichter! Mach' mit unserm Herrgott aus, waS kommt, wir Zwei sein fertig, und ick — ich bin stolz d'rauf, daß ich Dich auSg'liefert Hab'! (Zu drn Burschen). Geht's, geht's. Die G'rechtig- keit soll ihr Opfer haben! Schlußgruppe. (Der Vorhang fällt) Dritter Act. (Das Innere einer halbverfallenen Köhlerhütte aus Baumstämmen und Bietern, von welchen in der Hinterwand viele gänzlich loSgelöst find, zusam» mengezimmert; nur die Seitenwand rechts ist auS rohen Felssteinen gemauert, in dieser befindet sich eine Thür mit eisernem Schlöffe, in welcher ganz oben eint kleine Oeffnung angebracht ist. Neben der Seitenthür ein alter Lisch — unter dem selben mehrere Holz- und Reisigbündel. In der Mitte der Rückwand eine breite, offenstehendr Thür; sowohl durch diese, als durch dir schadhaften Stellen der Bretterwand steht man in den Wald und durch die Bäume den von einer fernen Feuers brunst gerötheten Himmel. In einer Ecke der Hütte steht ein Steinkrug. Leim Aufziehen des Bor hange- hört man aus ziemlich weiter Entfernung die Sturmglocke läuten.) Grste Scene. bajetan. Marthe. Vloul. Regine. Mehrere andere Weiber und Kinder. bajetan , kniet in der Mitte der Bühne, dir Hände zum Gebet gefaltet). Marthe, Vronl und mehrere Weiber (sitzen und knieen, ihre Kinder ängstlich an sich drückend, rings umher). Regine und andere Weiber (kommen noch, Bündel mit Wäsche und Hausgeräthschaftev tragend, fliehend links vom Walde, und etlen durch den Mitteleingang herein). Cajetan (jammernd). Herr im Himmel, hilf mir nur dießmal. (Fährtzusammen.) Ha! das war geschossen! 32 Regine (hereineilend). Der Brand nimmt immer mehr zu! Marthe (rafft sich mit ihrem Kinde auf). Wir müssen noch weiter hinauf gegen die Bergspitz'! Andere Weiber. Ja — ja! Weiter hinauf! (Wollen sich entfernen.) Cajetan (springt auf und hält einige zurück). Nein, nein! Bleibt! Laßt mich nicht allein! Vronl. So komm mit! Cajetan. Ich kann nicht! Der Schreck hat all' meine Gliedmaßen mir Beschlag belegt! (Jammernd.) Weibsleute! Um Gottes willen! Bleibt da zu meinem Schutz! Marthe. Aber wenn's Vordringen, kommen's just daher! Vronl (ängstlich aufhorchend). Ha! Ach hör' Männerstimmen vom Walde her! Cajetan (aufschreiend). Ah! Sie kommen! (Sinkt wieder in die Knie.) Sie sein da! (Verkält sich das Gesicht mit beiden Händen.) Zweite Scene. Vorige. Arthausen. Sepp. Martin. Mehrere Burschen. Arth, (mit den Andern durch die Mitte herrineileud). Hier sind Leute! Von ihnen können wir erfahren — Cajetan. Nicht schießen! Nur nicht schießen! Arth, (zu seinen Begleitern). Ah — mein Nesse auch hier! (Tritt vollends ein und zu Cajetan vor, indem er ihn an der Schulter faßt.) Cajetan (ausschreiend). Gnade! Pardon! Ich bin nicht von hier! — Bin kein Feind! Lvvivs. I ltaliu! Arth, (ihn derb rüttelnd). Donnerwetter! Junge! Cajetan (etwas beruhigter). Deutsch? Bekannte Stimme? (Zieht die Hände vom Gesichte weg, Axthausen erblickend und freudig aufspringend.) Ah — der Herr Onkel! Arth, (entrüstet). Pfui! Hier mitten unter Weibern treff' ich Dich? Cajetan. Was kann ich dafür, daß nicht ein einziger Mann da war? Arth, (zu den Weibern). Ähr seid auf der Flucht? — Woher? — Was ist vorgefallen? Cajetan (zu Axthausen). Was? Sie wissen noch gar nickt? Ha! Schreckliche Geschichten! Grauenvoll! Coiffuresträubend! Firmamentschreiend! Arth. Aber was denn? Wir sahen, vom Berge berabkommend, am Himmel die Rötbe — Cajetan. Ja, diese Röthe kommt daher, weil dort so viele Rothe sind! Arth. Das wäl'sche Raubgesindel? Cajetan (sich ängstlich umsehend). Nur nicht gleich so beleidigende Worte! Sie könnten's hören! — Besser, auf höfliche Weise mit ihnen unterhandeln! Arth. Unterhandeln? (Seine Büchse von der Schulter reißend.) Ja — mit dem Stutzen in der Hand! Dock - (zu den Weibern), berichtet schnell! Woher seid Ihr? Regine. Vom Gebirgspaß — zwei Stund' weit von da! Cajetan (zu Axthausen». Zwei Stund'? — Da sind sie nicht weit her! Artb.(zu Cajetan). Schweige! (Zu Regine.) Weiter! weiter! Regine. Heut' Früh sein Holzschlager aus unserm Dorf in Wald an d' Arbeit — die seh'n auf einmal wildfremde Kerls mit Gewehr' und Säbeln durch's Buschwerk dringen — da sein's z'ruck — haben im Ort Lärm g'schlagen! Marthe. Unsere Männer haben sich gleich alle aufg'macht — den Räubern entgegen. — Vronl. Aber uns Habens g'sagt, wir sollen mit den Kindern und Allem, was wir in der Cil' z sammpacken können, weiter herein in's Land. — Regine. Aber kaum waren wir a halbe Stund' weit weg, so haben wir die Rauchsäulen aufsteigen sehen — unser Dorf brennt! Cajetan (angstvoll hin- und hrrrennend). 33 Sie zünden die Berge an! Sie wollen uns Alle braten! — Ich sehe mich schon am Spieß! Arth, (zu seinen Begleitern). 3a, NUN wird's Ernst! — Wir dürfen keinen Augenblick zögern — Cajetan. Nein! Rennen was wir können! Die Losung ist: »Luuve, csui peut!« Arth, (ohne Cajetan zu beachten, zu Sepp). Wo bleiben nur unsere Genossen? Sepp (gegen den Hintergrund rechts sehend). Da kommen's langsam den Bergweg herunter — sie schleppen sich mit dein Gefangenen ab — der Kerl kann ja kaum mehr kriechen! Arth, (ebenfalls gegen den Hintergrund hin- ausrusend). Hieher! bieder — Alle! Dritte Scene. Vorige. Ein Trupp Burschen voran, dann Rampinger, Hans, Ruprecht, Andres, Mathes, zum Schlüsse wieder Burschen (kommen von rechts in die Hütte) Arth, (zu den Kommenden). Es ist jetzt nicht mehr Zeit, den Weg nach dem Schlosse einzuschlagen — wir mi'iffen dorthin, wohin die Gefahr uns ruft! (Gegen den Hintergrund links weisend.) Eajetan (für sich) Die Gefahr? — Die ruft mir lange gut! Ramp. (neben Hans). Aber was fangen wir denn mit dem armen Teufel an? (Aus Hans weisend.) Sepp. Durch den werden wir uns doch nicht aufhalten lassen! — A Kugel vor den Kopf, und er genirt uns nit mehr! Ramp. (Sepp mit mißtrauischem Blicke messend). Hörst, Sepp, Du hast es ja g'waltig eilig! Sepp (durch Rampinger's Blick etwas eingeschüchtert). Was schaut mich denn der Alte so an? Arth, (aus Hans weisend). Den lassen wir hier zurück. Hier ist ein Anbau aus festem Theattt'Rtpntoiri'Nr. IStz, Gettein! (Geht zur Seitenthür und öffnet dieselbe, hineinsehend.) Eine niedere Kammer ohne Fenster — (die Thür prüfend) die Thür aus starken Eichenbohlen — hier können wir ihn sicher unterbringen. (Zu den Weibern.) Ihr aber nehmt eure Kinder und euer Habe — auf meinem Schloff' sollt Ihr Unterkunft finden! Reg ine. Vergelt's Gott! (Zu den andern Weibern.) Kommt's! Machen wir uns gleich auf den Weg! Sämmtlicke Weiber (nehmen ihre Kinder wieder aus die Arme, raffen ihre Bündel auf, und eilen nach dem Hintergründe ab). Arth. Doch nun laßt uns schnell das Nöthige anordnen! Wir werfen uns dem Feinde entgegen! Cajetan. Dem Feind' entgegenwerfen? — Ich mich selbst? — Nein, so wegwerfend behandle ich mich nicht! Dazu habe ich zu viel Achtung vor mir! Arth, (zu Cajetan). Schweig! (Zu den klebrigen.) Doch kennen wir die Stärke unserer Gegner nicht — sie sind uns vielleicht an Zahl überlegen! Cajetan. Das ift's! Und darum lieber gar nicht anfangen! Geh'n wir ihnen aus dem Wege — der Gescheitere gibt nack! Arth. Still! (Zu den klebrigen.) Im nahen Bergstädtchen liegt Militär — dieß rufen wir herbei! (Zieht ein Portefeuille heraus, und schreibt mit dem Bleistifte rasch einige Zeilen aus ein Blatt, dabei sprechend.) .Einer von Euch setzt sich zu Pferde! Cajetan. Aber ein Anderer als ich! 3ch sitze nicht auf! 'Arth, (reißt das Blatt heraus). Dieß an den Commandanten! Andres (zu Axthausen). Gib' mir's — mein Hof ist in der Näh', und mein Füchsel fliegt wie a Schwalb«! Arth. Nun wohl! (Gibt ihm das Blatt.) Sei Du der Wegweiser der Truppe — führe sie auf dem kürzesten Weg uns nach! Andres. Gut — ganz gut! (Eilt nach dem Hintergründe rechts ab ) Arth, (sich zu Hans wendend). Nun aber S 34 höre D« mein letztes Wort! — Ueber das Verbrechen, dessen die Sennerin Dich anklagt, wird Dich das Gericht vernehmen, an uns ist's aber zu erforschen, ob Du jetzt im Solde der Feinde deines Vaterlandes Dich wieder hichcr gewagt hast? Dein offenes Geständniß könnte uns nützen, und deine Strafe vielleicht mildern! Also sprich! Hans (gänzlich zusammengebrochen). Herr! Wenn ich von all' dem, was jetzt vvrgeht, was wußt — weiß Gott! ich saget's, denn lieber war's mir, wenn ich als Spion gleich da vor Euch erschossen wurd' — als daß- Arth. Was bewog Dich also, in dieß Land zurückzukehren? Hans. Ich will Alles sagen, wie's ist. Wie ich vor fünf Jahren hinüber in's Wal'sche g'flücht bin, Hab' ich mich als Knecht in einer Seidenfabrik verdingt. Jetzt wollt' mein Herr a Partie Waaren an ein' Verwandten von ihm schicken, der schon seit langer Zeit Kaufmann in ein' Tiroler Stadtl ist — mich hat er dazu bestimmt, und ich — ich bin gern g'angen, weil's mich so schon aü'weil drängt hat, einmal wieder mei' Heimat z'sehn! Arth, (den Plan, welcher in Hans' Bündel gefunden wurde, hervorziehend und ihm entgegen- haltend). Kennst Du dieß Papier? Hans. Ja — das ist von mir! Arth. Es ist ein Plan der ganzen Gebirgsgegend! Hans. A Plan? — Ich selber Hab' mir auf dem Papier die Weg' aufzeichnet, die ich einschlagen muß, um z'nächst zum Ziel zu kommen. Arth. Und hättest Du keine besondere Botschaft an den Verwandten deines Herrn überbringen sollen? Hans. Nein! — Ich sollt' ihm die Waar' übergeben, und — (sich plötzlich be. sinnend) halt! — ja — ein'n Brief, der wohl was Wichtiges enthalten muß. Alle (näher tretend). Ein Brief? Arth, (hastig) Wo ist er? Hans. Mein Herr hat mir aufgeboten, ja auf ihn Acht zu geben. — D'rum Hab' ich ihn da in mein Leibel eing'naht! Cajetan. Eingenäht? Ha! da ist's also auf eine Lostrennnng abgesehen. Hans (ruhig). 3hr seht, ich sag' Euch mehr, als um was Ihr mich fragt! Arth. Wir müssen den Inhalt dieses Briefes kennen lernen. (Hat ein kleines Mes- ferchen hervorgezogen. tritt zu Hans und befühlt dessen Leibchen). Ah! — hier fübl' ick das Papier. (Trennt rasch eine Naht und zieht darauf einen Brief heraus.) Hier ist der Brief. Hans. Ja, der ist's! was d'rin steht, weiß ich nicht. Arth, (erbricht rasch den Brief, und durchs liest ihn, dann enttäuscht). Ein gewöhnlicher Geschäftsbrief! und — (wieder mißtrauisch) den mußtest Du so sorgsam verbergen? Hans. Mein Herr hat'S so wollen. Arth, (legt den Brief affen aus den alten Tisch neben der Seitenthür, dann wieder zu Hans tretend und ihn befühlend). Laß' sehen, ob nicht vielleicht noch andere Papiere - — Vierte Scene. Vorige. Ambrosius. Ambrosius (ein Baarfüßermönch mit schneeweißem Haar und Bart, kommt auf einen Stab gestützt in angstvoller Eile vom Hintergründe links in die Hütte). Männer! verweilt nicht länger hier! Alle (ihn erblickend). Der alt' Ambros! (Ziehen ehrfurchtsvoll die Hüte ab.) Ambr. Eilt zur Rettung! Der Brand wächst, ich war in der kleinen Waldcapclle, deren Dienst ich versehe, nicht mehr sicher, und mußte fliehen. Arth, (zu den Bewaffneten). Wir haben schon zu lang' gesäumt! Rasch hin! Bringt den (aus Hans weisend) in sichere Gewahr! Einige von Euch bleiben zu seiner Bewachung zurück! 35 Cajetan. Zurückbleiben? Ah! darin leiste ich Außerordentliches! (Vortretmd.) Icb melde mich freiwillig für diesen gefährliche« Posten. Der Riegel ist doch fest? (Besieht das Schloß an der Seitenthür.) Arth, (verächtlich zu Cajetan). Za dazu bist Du noch am besten zu verwenden. Bleib' also hier! Und Ihr (Martin und noch einige Bursche ihm beigesellend) mit ihm. Cajetan. Sehr gut! (Zu den Burschen.) Gebt nur gut Acht, daß m i r nichts geschieht! Arth, (zu Hans, aus die Seitenthür weisend - Nur hier hinein! HanS. Za, aber ein'Bitt' hatt' ich noch! Mei' letzte Stund' ist vielleicht nickt fern, denn mir ist's, als ob in mein'»« Znnern waS zerrissen war'! Wenn der geistliche Herr mir nur aViertelstund' schenken möcht', daß ich vor ihm mein Herz erleichtern, von ihm Trost kriegen könnt', damit ick in meiu'm Unglück nickt an Gott verzweifel. Ambr. Die Bitte zu erfüllen ist meine Pflicht! (Zu Hans.) Komm', Du Armer! und wenn Du gefehlt hast, so lerne erkennen, daß es vor Gott keine Flucht gibt, als nur zu ihm. (Geht mit Hans in die Seiten« thür ab ) Arth, (zu Cajetan und den Wachehaltenden) Wenn der Mönch wieder fort ist, schließt die Thür und verlaßt sie nickt, bis ich Euch abrufen lasse! Ihr aber (zu den klebrigen) folgt mir! Mit Gott in'S Feuer— mit Gott zum Sieg oder Tod! (Eilt voraus links ab.) Die Uebrl'gen(ihm folgend). D rauf und d'ran! mit Gott! Sepp (ist, seit Hans abgeführt worden, sin« ster vor sich hinbrütend dagestanden). Ramp. (zu Sepp). Na— kommst nicht mit? Willst vielleicht auch da Wach' halten? Sepp. Nein! Mir scheint'-, Wachhalten ist bei dem fast überflüssig. Du hast ja g'hört — er selber glaubt, daß's bald aus ist mit ihm. Ramp. (ihn wieder scharf ansehend). Und das — das war' Dir wohl recht? Sepp (verwirrt). Was meinst? Ramp. Zch mein', daß g'rad Dir just nicht paßt, wann der Hans zu einer g'richt- licken Aussag' kommt. Sepp (immer ängstlicher). Was weißt Du? Ramp. (näher zu Sepp tretend, eindringlich). Zch bin neben dem Hans g'gangen, und er hat mir auf den» Herweg erzählt, wie s eigentlich zugangen ist, wie er daz'mal mit dem Gotthard auf der Felswand z'samm'- troffen ist! Sepp (wie oben). Wer — wer wird dem glauben? Ramp. Ich glaub' ihm — und Du — (saßt ihn kräftig am Arm) Du wirst auch d'ran glauben müssen. Aber komm'! Auf m Weg w erd' ick Dir die G'sckicht' erzählen, viel leicht weißt hernach, was Du z'thun hast! (Zieht ihn mitfich nach demHintergrundelinks fort.) Cajetan (zu Martin und MathiS, welche mit ihm zurückgeblieben find), 's ist im Grund ein sehr gefährlicher Posten, aber (sich in die Brust werfend) mein Onkel weiß seine Leute zu wählen! Martin (spöttisch zu Cajetan). Na, mir scheint, wenn der da d'rin durckbrennen wollt', Du hältst ihn nit auf. Cajetan (wieder ängstlich). Durckbrennen? Er — er ist ja gebunden! Mathis. Hm! Verzweiflung zerreißt auch eiserne Ketten! Und — wenn er so auf einmal vor Dir stund- Cajetan. Gott im Himmel! Eure Büchsen sind doch geladen? Gebt mir eine für alle Fälle! (Nimmt MathiS die Büchse aus der Hand.) Das wird ihm doch imponireu! (Die Flinte schulternd.) Ha! die Waffe macht erst den Mann — und ich (sich wieder muthig stellend und auf- und abmarschirend) ich suhle jetzt eine ganze Armee in mir! Martin. Das ist g'scheit! Da können wir a Weil fortgeh'n! Cajetan (sogleich wieder ängstlich). Nein! nein! Wo wollt Zhr denn hin? Martin. Na — unsere Wach' kann vielleicht lana dauern, da müssen wir untz 3 * 36 doch auch was z'effeu und z'trinken herbeischaffen! Mathis (zu Martin). Hast Recht! — d' Waldschenk ist ja nur a halbe Stund' weit von da! (Will mit Martin fort.) Ca jetan. Eine halbe Stunde? Während der kann er mich dreißigmal umbringen. Nein! bleibt. (Angstvoll rufend.) Dableiben, sag' ich! Martin (bereits am Ausgange, sich umwen- dend und lachend). Zu was denn? Bist ja a couragirter Mann! Ist a wahres Glück, daß wir Dich haben. (Zu Mathis ) Komm' nur! komm'! (Beide nach rechts ab.) Cajetan (allein, ihnen verzweifelnd nach- sehend). Sie gehen richtig fort, die Elenden! die Pflichtvergessenen! — Ten Posten ver lasse»! Aber ich — ha! ich lasse sie nicht— ich verfolge sie! (Will ebenfalls fort, bleibt aber plötzlich erschreckt stehen.) Ha! wer kommt da? Fünfte Scene. Cajetan. C i l l i. Cilli (kommt in finsterer Verschlossenheit, dir Arme über die Brust gekreuzt, vom Hintergründe rechts). Cajetan (die Flinte verkehrt anschlagend). Halt! Mir nicht in die Nähe! ich schieß'! (Schreit.) Wer da? 6illi (näher kommend). Zch bin's! Cajetan (ausathmend). Ah! eine Dame! und — (sie nun erkennend) was sch' ich? Meine Unterstandgeberin! Sie wagen sich hieher, an den Ort der schaudervollsten Begebenheiten? Cilli. 's hat mich nicht länger glitten oben in meiner Hütten!—Wie's den Hans fortg'sührt haben, Hab ich dem Zug a Weil nachg'schaut, aber mir ist bang worden, daß er chnen doch entspringen könnt', d'rum bin ich nach, ich darf — ich will ihn nicht aus den Augen verlieren — nicht — bis zu sein'm letzten Seufzer! — Wo ist er jetzt? Cajetan. Nun, da — da d'rinnen! ßilli. Da? — da? Cajetan. Versteht sich! Wozu slünd' ich denn sonst Schildwache, als um ihn nötigenfalls zu bändigen! Cilli (ihn verächtlich anblickend). Du? — Dich blast er weg! So a Zaunschlupferl stell'n's daher, um an Geier zu verhindern, auf- und davonz'fliegen! Cajetan (verletzt). Zaunschlupferl? — Erlaube! Zaunschlupferl! — moi?! Ich schlupfe nie Zaun — ich! — und ich gehöre zur bewaffneten Macht — ich! Cilli (entreißt ihm rasch die Flinte). Mir gib das Gewehr!—Kinder muß man nickt mit so was spielen lassen! Cajetan. Aber was willst Du? — Cilli. Ich — ich werd' da Wach' halten? Und mir soll er nickt auskommen! (Stützt beide Arme auf die Flinte, und sieht finster vor sich hi» ) Cajetan (für sich). DaS Mädel ist ja ein leibhaftiger Grenadier! (Laut.) Aber wofür bin denn ich jetzt da? Cilli. Wann's Dir z wider ist, so geh'! Ich kann Dich g'rathen! Cajetan. Geben? — Wäre mir im Grunde sehr angenehm, aber wohin? — Dort (gegen links weisend) engagiren sie mich vielleicht als Autv-da-fv — und dort — (gegen recht« sehend) ha! — Meine Wack- cameraden — sie sind in ein Wirthshaus gegangen! — Ick stoße zu ihnen — vereinigt wollen wir das Unglaublichste leisten! (8ilt nach rechts ab.) Cilli (allein, immer in einem beinahe an Wahnsinn gränzenden Hinbrüten). Za — da ist mein Platz! — Und wo er ist, will ich sein, so lang' er überhaupt ist! — Ueberall will ich ihm hinterdreinfolgen, wie sein G'wiffen — wie die schwarze Rack'! Sechste Scene. Cilli. AmbrosiuS. A mbr. (tritt wieder aus der Seitenthür, deren Riegel er schließt). Cilli (durch das Geräusch aus ihren Gedanken 37 aufgeschrrckt). Wer ist — ? (Ambrosius erblickend.) Du da — hochwürdiger Vater?! — Du warst bei ihm —? Ambr. Ja — er hat um ein Wort des Trostes zur Erleichterung seiner Seele gebeten! Der Unglückliche hat mir gesagt, daß Du es warst, die ihn ausgeliefert hat! Eilli (mit Stolz). Ja — ich Hab 's gethan — und ich glaub', Gott wird mir für die That Manches vergeben, was mein eigenes Gewissen druckt! Ambr. Du hält'st das, was Du gethan, wobl für ein frommes Werk? Eilli. Ja! — Ich Hab' der Gerechtigkeit mein' Arm g'liehen! Ambr. Der Gerechtigkeit? — Nicht ibr — sondern deiner eigenen Rachsucht zu genügen! Eilli. Ich Hab' Rach' g'schworen, und Gott- Ambr. (feierlich). Gott sagt: »Ich bin der Herr, und mein ist die Racke!« — Er — er allein kann gereckt richten, denn er nur liest in den Herzen — unser trübes Auge urtheilt oft nur nach dem Scheine! Eilli (legt die Flinte weg — ihn erstaunt ansehend) Was sagst Du? — Nach dem Sckeine!? (Hastig.) Wie — wie soll ich das verstehen? — Red'! — Red'! — Ambr. (das Haupt schüttelnd). ES ist nicht meines Amtes, das, was er mir mitgetheilt, mit den Augen des weltlichen Richters zu prüfen, noch darf ich's einem Meusckenohr anvertrauen! Dir aber ruf' ich zu: »Brüste Dich nicht mit einem gottgefälligen Werke, dessen Triebfeder doch nur die wilde Leidenschaft, der Durst nach Rache war! Der Herr sprach nicht: »Du sollst Dich rächen!« — sondern: »Vergebt, damit einst auch Euch vergeben werde!« (Will fort.) Eilli (ihm angstvoll in den Weg tretend). O bleib'! Verlaß' mich nickt, nachdem Du den furchtbarsten Zweifel in mei' Brust g'worfen hast! — Wenn er nicht so schuldig — und doch der Schein gegen ihn war' — wer könnt' ihn dann retten? Ambr. (g,n Himmel weisend). Der, vor dessen Augen es nur Wahrheit grbt, und keinen Schein! — Er wird richten! Er wird entscheiden! (Geht ab.) Eilli (allein). Er gebt — ! Er laßt mich in der schrecklichen Ung'wißheit! Wenn er unschuldig war' — und ich hatt' ihn — der sich voll Vertrauen in mein' Schutz g'flückt' hat — auf's Hochg'richt-!! Nein!! — nein! Er muß schuldig sein! — Er muß's! Ich war' ja sonst die unglückseligste Person auf der Welt! — Ist er nicht in sich zusammengebrochen, wie ich ihm das Wort: »Mörder!« zugerufen Hab'? (Wieder zweifelnd.) Und doch — der letzte Blick, den er noch auf mich g'worfen hat — so schmerzlich und doch so mild — ! — o mein Gott! — mein Gott! Laß' mich klar sehen, eh' das Aergste — (Plötzlich einen Ge- danken fassend.) Ich — ich selber will mit ihm reden! (Sieht sich um.) 's ist Niemand da — wenn nicht noch wer bei ihm da d'rin ist! Ich will sehen! (Steigt auf ein an der Thür liegendes Holzbündel, so daß sie durch die obere Oeffnnng der Thür hineinsehen kann, leise.) Er liegt — gebunden, wie a Schlachtthier auf den» Streu — seine Augen sein zu — aber seine Brust hebt sich — er seufzt — (Horcht.) »Wasser!« ruft er »ein Tropfen Wasser nur!«Hat man ihm denn auch die Labuug versagt? (Steigt wieder herab, sieht sich um, und gewahrt einen an der andern Seite der Bühne in einer Ecke stehenden Strinkrug ) Ah —! Dort! (Eilt hin, und holt den Krug.) Der Krug ist mit frischem Wasser gefüllt! — Er soll nicht dürsten! (Geht rasch mit dem Kruge zur Seitenthür zurück und öffnet dieselbe.) Siebente Scene. Eilli. HanS. (Man erblickt, nachdem die Thür geöffnet ist, Hans nahe an derselben auf einem Streuhaufen ans seiner linken Seite liegend, so daß er mit dem Gesichte gegen die Thür gerichtet ist. sein Haupt ruht bleich und matt auf der Schulter, seine Augen 38 find geschlossen, seine Hände noch aus den Rücken gebunden.) Cilli (hält ihm den Krug an die Lippen und spricht mit abgewandtem Gesichte und halb erstickter Stimme). Da trink'! Hans (trinkt gierig, öffnet dann die Augen — mit schwacher Stimme). Gott lohn's —! Wer — wer ist denn so barmherzig? (Richtet sich mühsam auf. Cilli erblickend, überrascht.) Du — Cilli! — Du bist's? Du suchst mich — da auf? — Reichst mir ein' Labtrunk — Cilli, sag'! Reut's Dich vielleicht dock, daß D'so an mir g'handelt hast? Cilli (noch immer abgewendet). Um z'be- reuen müßt' ich erst wissen, daß ich Dir unrecht 'than Hab! Hans. Und das — das willst wohl jetzt erfahren? Cilli (finster). Za! — Red'! Ich will's! Hans. Hab' auch dafür Dank, daß D'mich anhören willst! — Du sollst dafür Alles wissen — Alles — aber — (Macht eine Bewegung, stöhnt schmerzlich und finkt wieder zurück.) Cilli. Was ist Dir? Hans. Ah! Sie haben meine Arm' so fest z'sammg'schnürt — die Wunden brennt wie Feuer — der Schmerz zieht mir bis in die Brust — ich kann — kaum reden! — O! mach' mir die Strick' nur a wenig lock'rer! Cilli (mißtrauisch). Du willst nicht mehr so fest bunden sein? Hans. Meinst, daß ich mich dann ganz frei mach'? — O, fürcht' das nicht! Cilli. Fürchten? — Ich Hab' dort den g'ladenen Stutzen! D'rum kann ich Dir die Wohlthat g'währen! — Wart'! (Stellt den Krug weg, kniet zu ihm nieder und löst den Knoten des Strickes.) So — deine Händ' sein frei! — Aber — (Springt schnell auf und zu dem Ort, wohin sie die Flinte gestellt hatte, dieselbe ergreifend.) Machst nur ein Schritt zur Flucht, so holt Dich die Kugel ein! (Hält die Flinte zum Schuß bereit.) Hans. Laß' mich nur aufstehen — nur die frische Lust athmen! (Richtet sich mühsam auf und tritt aus der Seitenthür.) Ah! — ich Hab' g'meint, ich müßt' ersticken in der dumpfen Kammer! Cilli (immer in strengem Tone). Berlier' jetzt ka Zeit! — B'sinn' Dich g'nan auf Alles, wie's Hergängen ist — vor fünf Jahren — an der Felswand — und sag' d'Wahrheit! Hans. Ja, wahr will ich reden, als ob ich vor unserm Herrgott stund'! — Siehst vor fünf Jahren, wie ich noch d'runt' beim Roßhandler dient Hab', da war ich wohl a wüster Bursch' — im Raufen hat's kaner mit mir aufnehmen können — kaner! — Das haben alle Buben meilenweit in der Rund' g'wußt — aber sonst Hab ich nichts Uebles than, als dann und wann a bißl g'wildert! Cilli. Und das Handwerk hat Dir wohl derJager — der Gotthard — legen wollen, und Du hast Dich zur Wehr' g'setzt? Hans. Nein! — nein! So war's nicht! Hör' mich nur weiter an! — Der Sepp, der Holzhandler, war auch öfter mit mir auf der Pürsch — er hat g'wußt, daß man mich hinlocken kann, wo man will, wann man mir sagt, daß da oder dort a Wild wechselt — und darum hat er mich einmal aufg'sucht und hat mir g'sagt, daß dort im Wald' über der Felswand all' Nacht a Capital-Hirsch — a Sechzehnender herüber wechselt! — Das war mir g'nug! — Ich Hab' mich aufg'macht — mein' kurzen Stutzen unter der Joppen versteckt — stad den Weg hinauf — halt' oben a wen'g an, um z'sehn wie ich dem Wild den Wind abg'winn' — da — auf einmal — packt mich Einer von rückwärts — mit an Ruck' mach' ich mich los — wend' mich — und seh' — 's ist der Jager! — Ich war gar nit erschrocken — hat er mich doch bei kein' Schuß ertappt, und a mein' Stutzen nit g'sehen — ich sag' also ganz ruhig: »Was hast? Seit wann ist's verboten, durch'» Wald z'gehen?« — Er aber schreit: »Ich verbiet'Dir's, denn ich weiß, wohin Du gehen willst! — Schuft! Du gehst zu der Dirn', die mei Braut ist!« 39 — Ich mußt' von keiner Dirn' nichts, und lach' helllaut aus — er aber — ich Hab s g'merkt, er glüht vom Wein — wird über mein Lachen völlig wüthig. — »Du sollst mich nicht mehr auslachen!« schreit er, »Du nicht!« Und dabei reißt er d'Büchsen von der Schulter und legt auf mich an. Ich duck' mich nieder — mach' z'gleich ein' Sprung — unterlauf' ihm 'S G'wehr — und pack' ihn um d'Mitt'! — Ctllt (welche der Erzählung in der größten Spannung gefolgt ist — läßt die Flinte finken, druckt beide Hände vor die Augen und schreit aus:) Ah! — Nit weiter! Hans (nach einer kurzen Pause). Ich Hab' ihm nichts z'Leid' thun woll'n — in der Luft Hab' ich ihn g'halten, und g'sagt: »Wirf' die Flinten weg! — Dann laß' ich Dich aus, damit 'st heimgeh'n und dein' Rausch auSschlafen kannst!« — Er aber wehrt sich, stoßt mit dem Kolben nach mein' Kopf, daß d'Funken vor meine Augen g'sprüht haben — jetzt hat's gölten, mei Leben z'retten — ich wollt' ihn nur unter mich kriegen, und dann davonlaufen — er aber hat sich mit einer Riesenkraft in mein' Armen g'wunden — bis — auf einmal — ein Schrei — ein Zucken — ich laß' los — er torkelt — und — wie in d'Erd' war er vor mir versunken — über die Felswand hinunter! — Kein' Laut Hab' ich mehr g'hört — todtenstill war's im Wald', als ob d'ganze Natur mit mir vor Schrecken lahm wär' — da ist der Mond blutigroth heraufg'stiegen — sei blasses Licht hat Alles um mich herum noch mehr ent'risch g'macht — ich wollt' fort—da theilt sich's Strauchwerk — und heraustritt — der Sepp! Cilli (bebend). Der Sepp? — Hans. Ich Hab' schon g'meint, er will mich fassen — aber er hat mir zug'rufen: »Furcht' mich nicht — was ich auch g'seh'n Hab' — ich Hab' nichts g'sehen — ich ver- rath' nichts! — aber mach' fort! über die Granz' — sonst steh' ich Dir für nichts!« — Bei den Worten wollt' er mir noch ein' Geldbeutel in d'Hand drucken — aber ich Habs abg'wehrt, und bin fort — durch's Dickicht, wo noch kein Menschenfuß ein' Weg bahnt hat — über Eisfelder und durch tiefe Schluchten — fort wie der Kain nach dem ersten Brudermord! Und doch — doch hat mir mein G'wissen zug'rufen: »Du bist nicht Schuld!« Cilli (mit wildem Feuer). Nein! Du nicht! — Du nicht! — Wie Schuppen fallt's jetzt von mein' Augen, und 's wird mir Alles klar — fürcherlich klar! Hans (Cilli'S Hand fassend). Cilli! Du glaubst mein'Worten? Du fluchst mir nicht? — Dann — dann soll g'schehen mit mir, was will — ruhig werd' ich selbst den Tod- Cilli (vor dem Gedanken erschreckt). Den Tod? — Du? Nein — Du sollst — Du darfst nicht sterben! Die Seel' vom Gotthard könnt' in Ewigkeit nicht mehr zur Ruh' kommen, wenn noch unschuldig's Blut über sein Grab vergossen wurd'! — Ich Hab' Dich ausg'liefert — ich mach' Dich wieder frei! Der Herrgott allein soll richten unter uns! — (Plötzlich aushorchend ) Still! Still! Ich hör' kommen! — 's darf jetzt Niemand was merken! —Geh' z'ruck in dein'G'fäng- niß! —Ich bleib' da, und werd' ein'Augenblick finden! — G'wiß! aber jetzt — fort! — hinein! (Drängt Hans wieder in die Seiten, thür und schiebt den Riegel vor.) Wenn ich nur jetzt verbergen kann, was in mir vorgeht! — Fassung! — Fassung! (Hebt die Flinte wieder auf, und stellt sich, Wache haltend, an die Thür.) Achte Scene. Cilli. Cajetan. Martin. Mathis und noch mehrere andere Burschen (kommen wieder zurück, einige tragen große Weinkrüge und Holzbecher). Martin. So — jetzt ist Proviant da, und noch mehr Cameraden haben wir auch aus der Schenk' mitg'nommen — jetzt laßt sich's lustig Wach' halten! 40 Cajetan. Das glaub' ich! — D'rum Hab' ich auch (auf den Weinkrug weisend) dafür gesorgt, daß in unsere Truppe ein guter Geist komme! Mathis (zu Cajetan). Von Dir war's aber groß g'fehlt, daß Du auch fort bist! Cajetan. Was? Hab' ich nicht an meiner statt meinen Mann gestellt? (Auf Cilli weisend.) Da schaut einmal hin! — Ein Mordkerl! Martin. Na ja — aus der Dirn' könnt' man wohl drei solche Haneserln machen, wie Du eins bist! (Wendet sich von Cajetan ab und zu Cilli ) Wie ist's? Nichts vorgefallen, seitdem wir fort waren? Cilli. Nichts! — Und d'rum mein' ich — Ihr braucht's gar nicht daz'bleiben — den Dienst versetz' ich schon allein! Ihr war't dort, wo vielleicht jetzt g'rauft wird, nöthiger! Martin. War' mir wohl selber lieber — Cajetan (für fick). Mir weniger! Martin. Aber wir müssen schon bleiben, wo uns der g'strenge Herr hinpostirt hat! Cajetan (hat sich mit den klebrigen mehr links zu den Weinkrügen gesetzt, und trinkt, sich muthig stellend). Freilich! Wir halten tapfer aus! — War' nicht übel — von da fort- geh'n! — Jetzt wird's erst schön! Cilli (für sich). Sie wollen nicht fort, und so lang' sie da sein, ist ka Rettung möglich —! Was stell' ich an? (Sieht sich um.) Ha! die Sabin'! Neunte Scene. Vorige. Sabine. Sabine (kommt vom Hintergründe links, Cilli erblickend). Ah! — Da treff' ich Dich? — Was ist's denn mit Dir? — Du hast heut' ganz d'rauf vergessen, die Küh' in's Freie z'lassen! Sie brüllen im Stall, und raffeln mit den Ketten! Cilli (leise zu ihr). Ich Hab'wem Andern (auf die Seitenthür blickend) frei z'machen! — Mein Seelenheil hängt d'ran! Sabine (leisel. Wen denn? — wen? Cilli (lei^e). Du sollst Alles erfahren, wenn nur erst die — (auf die Burschen weisend) fortgcbracht wären! (Dringender.) Denk'nach, ob Dir nichts cinfallt — nur ans zehn Minuten muß die Luft dahier rein sein! Sabine (leise). Hm! — Wenn Dir so viel d'ran g'lcgen ist, so will ich's schon probiren! — Aber Du mußt hernach auch mit — wenigstens a Strecken weit, damit's nicht anffallt! Cilli. Ja — ja — ich thn' Alles! Sabine. Na — so laß' mich nur machen! (Geht zu den Burschen, Martin auf die Schulter klopfend.) Na, laßt Euch's gut g'schehen? Martin (sich nach ihr umsehend), Schon wieder so a Stuck Weibsbild da! Sabine. Na — bin ich Euch leicht z'wider? Martin. All's zu seincrZeit!—Wann's hübsch ruhig ist im Land, und man sonst nichts z'thun hat, dann ist wohl so a runde Dirn' a hübsche Sach' — aber jetzt sein d'Umständ' ernsthaft — jetzt braucht man Leut', die was ausrichten können! Sabine. Und das — meinst, könnt' unsereins nicht? Cajetan. Nun ja — ausrichten können die Weiber wohl — and re Leut'! Martin (zu Sabinen). Was kannst Du? Höchstens a Liedl singen! Damit ist jetzt nichts g'holfen! Cajetan. Ja — jetzt braucht man Männer der That — so wie ich einer bin! O — nur That! (Trinkt.) Sabine. Und a Lied, meinst, wär' kci' That? — Ha — mit ein' echten Lied mach' ich mit Euch Allen, was ich will! Martin. Ha ha! das möcht' ich doch sehen! Laß'hören! so vergeht uns doch die Zeit! Sabine. Na, so paßt's auf, und singt's mit — wann mir auch im Anfang just nichts Lustiges einfallt! 41 Mehrere Bursche. All'seins, leg' nur los! Sabine (fingt nach einer schr wehmüthigen Melodie). Lied mit Chor. Aus ihrer Hütt' in aller Früh A Baucrudirndcl tritt — D'Sonn' lächelt ihr so freundlich zu — Das Dirndel g'freut sich nit! Sie steht wohl da im freien Feld — Sieht bis zur grünen Au' — Ihr' Brust nur bange Ahnung schwellt, Ihr Aug' füllt Thränenthau'! Denn auszog'n ist als junger Held Ihr Bub' — a braver Schütz' — Zur selben Stund' auch d'raußt im Feld Trifft ihn der Kugel Blitz! Ihr Namen war sein letzter Hauch, Bevor er noch entseelt — Siehört's nicht — doch ihrHerz bricht auch Wie sein's — im freien Feld! Die Bursche (sehen, durch den Gesang traurig gestimmt, mit gesenkten Häuptern vor sich hin). Sabine (näher zu ihnen tretend). Warum singt's denn nicht mit? Ein Bursche. Ich weiß nit, wie uns g'sckieht! Daß Keiner singt und Keiner lacht! Das Lied hat uns so traurig g'macht. Sabine (zu Cilli gewendet und auf die Burschen weisend). Ja — Keiner singt und Keiner lacht — Das Lied hat sie so traurig g'macht! (Rasch in eine sehr heitere Weise übergehend.» D'rum weg mit den traurigen Bildern! Noch blüht uns ja Allen der Mai! Noch ruft uns zur Lust und zum Tanzen Am Kirmeß die Fidel herbei! Zithernspicl — Geigenklang! B'sinnt sich der Bua nit lang, Schaut sich um s Dirndel um, ^ Dreht's um und um! ^ Strampft dazu — pascht in d' Hand'! D' Lustigkeit nimmt kein End'! , Tanzt wird bis in der Früh, G'juckctzt dazu! Iu, ju, Iuhu! (Beginnt am Schlüsse selbst zu tanzen.) Die Bursche (find ebenfalls aufgesprungen, einer faßt Sabinen, die andern drehen sich allein im Kreise herum, klatschen in die Hände, stram- pfen den Tact und jauchzen). Chor. Tanzt wird bis in der Früh, G'juchetzt dazu! Ju, ju, Iuhu! Sabine (zu Cilli). 'S tanzen jetzt Alle mit, Das macht mei' Lied! (Nun nach einer kriegerischen Weise.) Doch wie der Tiroler dabei ist beim Tanz, So g'hört er, wann's gilt, auch sein'm Vaterland ganz! Und kommen die Feind', da bleibt Keiner mehr z'Haus! Wer haltet's denn auch in der Stuben wohl aus! Sie denken, wie d' Alten sein zogen zun: Streit, Der Hofer, der Speckbacher! waren das Leut'! An d'n rothbartigenHaspinger wird auch gedacht, Wie der mit dem Kreuz ist voran in der Schlacht! (Man hört in einiger Entfernung Flintenschüsse.) Hört's krachen! He Hollah! der Tanz geht jetzt los! Wir geben die Antwort mit feurigem G'schoß! Dorthin, wo die G'fahr ist! dort mitten hinein! Wer z'ruckbleibt, das müßt ka Tiroler Bub' sein! Die Bursche (durch das Lied entflammt greifen nach ihren Stutzen und stimmen stürmisch mit ein). 42 Chor. Dorthin, wo die G'fahr ist, dort mitten hinein! Wer z'ruckbleibt, das müßt' ka Tiroler Bub' sein! (Eilen Alle tumultuarisch nach rechts ab ) Sabine (zu Lilli, aus die Bursche weisend). Da schau', was mei' Liedel bewirkt Alles hat! Dann sag' mir noch Einer: »A Lied' war' ka That!« (Haßt Cilli an der Hand und eilt mit ihr und den Burschen ab.) Zehnte Scene. Sepp (erscheint außerhalb der Hütte eben aus dem Walde tretend). Das Lärmen — das Singen — und Alle fort? (Tritt in die Hütte ein, sich in derselben nmsehend.) Nicht Einer auf der Wach' blieben? (Aufathmend.) Um so besser! — Nach dem, was mir der alte Rampinger vorhin in's Ohr g'raunt hat, hat's mir ka Ruh' mehr lassen! — Ich muß den Hans zum Schweigen bringen — zum ewigen Schweigen! Aber ist er denn auch noch da? Am End' Haben s ihn auch mit fortg'nom- men! — Ich will doch sehen! (Geht an die Seitenthür und pocht an dieselbe, dann horchend). Hans'Stimme (von innen). BistDu's, Cilli? Sepp (von der Thür zurückprallcnd mit gedämpfter Stimme). Was war das?! — Er fragt: »Bist Du's, Cilli?!* Sie muß also bei ihm g'wesen sein — muß versprochen haben, wieder z'kommen! (Mt innerer Wuth.) Ha! ich Hab' doch Recht g'habt! Die Dirn' ist verliebt in ihn — d'rum hat's es g'reut, was's than hat. (Die Faust drohend gegen die Seitenthür ballend ) Mit dem Wort hast Du Dir dein eigenes Todesurtheil gesprochen. (Ueberlegend.) Wenn ich die Thür ausmachet — ihn mit meiner Flinten niederstrecket? (Sich scheu umsehend.) Nein — wenn doch noch Leut' in der Nah' wären— derSchuß locket's herbei— sie seheten mich da! nein! 's muß auf eine andere Art g'scheh'n, daß Niemand ein Verdacht auf mich haben kann! (Man hört das Heulen eines nahenden Sturmes.) Ha! wie der Wind blast! (Sieht gegen den Hintergrund.) D'Funken vom Brand treibt er bis über d'Berg' (plötzlich von einem finstern Gedanken durchzuckt) und mir — mir führt er ein'n Gedanken zu! (Sich wieder in der Hütten umsehend.) Die alte Brctterhütten da rundum Tanneng'reis und Holzspän, (hebt ein Stück Holz vomBodenauf,es besehend) sPech tropft völlig heraus — ein'n Feuerschwamm hineing'steckt — der Wind blast eh' durch alle Spalten und Riß — in fünf Minuten steht d'ganze Baraken im Feuer — 's Gebälk stürzt ein — und er?! (Entschlossen.) Ich thu's! (Zieht aus der Tasche Stahl, Stein und Schwamm, schlägt ra sch Feuer — bläst den glühenden Schwamm an — nimmt dann vom Boden einige Holzspäne, die er mit den abgerissenen Stücken des Schwammes überwindet.) So, unten a Pulverpatron dazu! — Dahinein zuerst. (Eilt zu dem unter dem Tische liegenden Reisigbündel und steckt den Brand hinein.) Dann noch von außen an die Bretterwand — dann Wind! blas' an, blast an! — Ich renn' auf den Berg und will sehen, wie dem sein' Todtenfackel leucht't! (Eilt nach dem Hintergründe links ab ) (Die Bühne bleibt einige Zeit leer, während welcher das Stöhnen des Windes sortgehört wird.) Eilfte Scene. Cilli, dann Hans. Cilli (eilt fast athemlos vom Hintergründe rechts herein). Sie sein Alle fort nach dem Paß— sobald kommt Niemand daher! — Jetzt an's Werk! an's Werk! (Eilt zur Seiten- thür, schiebt den Riegel zurück und öffnet sie.) Heraus! heraus! — geschwind! 43 Hans (tritt aus der Seitenthür). Ha! so warst doch Du's, die vorhin an die Thür klopft hat? Cilli (erstaunt). Klopft? — ich? Hans. Wer sonst? — Ich Hab' z'crst laut singen g'hört — Cilli. Ja — dann aber sein wir Alle fort! (Bange.) Sollt' nach mir noch Je-, mand da g'wesen sein? Nein! — nein! Du hast Dich g'irrt — 's war der Wind oder — aber all'seins, was's g'wesen ist — ich war's nickt, ich bin erst jetzt wieder umkehrt und herg'loffen — Hans (saßt ihre Hand mit seinen beiden Händen). Und bringst mir die Freiheit und das Leben, was jetzt erst wieder ein' Werth für mich hat, weil ich's Dir verdank'! (Sinkt vor ihr in die Knie und druckt ihre Hand an seine Lippen.) Cilli (ihn rasch in die Höhe ziehend). Halt' Dich jetzt nickt auf! Du bist nickt sicher, so lang' dein Fuß noch auf dem Boden steht! Fort! fort! Hans. Ich muß! — Aber (sie mit seinen Arm umschlingend) wann werd' ich Dich wieder sehen? Eilli (sich abwendend). Nie mehr! nie mehr! Du darfst in das Land nickt mehr kommen — ein doppelter Verdacht liegt auf Dir. — Lass' uns kurzen Abschied nehmen — (mit hervorbrechenden Thränen) ein' Abschied für's ganze Leben! (Will an seine Brust sinken, wird aber durch das Knistern des Feuers aufgrschreckt — sie richtet ihre Blicke gegen den Tisch.) Gott! was ist das? — (Während dieser Scene find zuerst aus dem unter dem Tisch liegenden Reisigbündel einzelne Flämmchen aufgestiegen, nun brennt das Feuer hellauf, die Flammen züngeln an den Füßen des Tisches bis zu dessen Platte hinaus.) Hans (wendet sich ebenfalls um). Himmel! Der Holzstoß brennt! Cilli. Um Gottes willen! — Und die ganze Hütten aus Brettern — Hans (rasch). Wart! wart — da — der Wasserkrug! (Eilt zur Thür, ergreift den Wasserkrug, und schüttet dessen Inhalt über den Holzstoß, worauf das Feuer an dieser Stelle erlischt.) Der Tisch glüht fast auch schon! — und da — (Erblickt den mitten auf der Tischplatte liegenden Brief.) Cilli. Was ist's mit der Schrift? Hans, 's ist der Brief, den mir mein Herr an sein' Verwandten mitgeben hat — (Nimmt dm Brief weg. will ihn lesen — mächtig überrascht.) Was ist das? Cilli (zu ihm eilend). Was? — was? Hans (auf den Brief weisend). Da — a doppelte Schrift! Siehst - siehst — da mit gewöhnlicher Tinten die Rechnung, und da — querüber treten Buchstaben hervor — in brauner Schrift — als hätt's erst die Hitz' von dem Feuer auf dem Papier sichtbar g'macht! (Sieht wieder in den Brief.) Wart'! wart'! — italienisch — doch das Hab' ich erlernt — Cilli (gespannt). Was steht also in dem Brief—? Hans. Hör' nur — hör'! — das heißt: (Aus dem Brief lesend.) »Wir werden nach deinem Rathe handeln — Du bist im Lande — am 12.« — (sprechend) das ist heut'! — (Liest wieder.) »Schicke nur einige deiner Leute gegen den Engpaß im Westen — sie sollen durch einige Schüsse alarmiren — ein paar Hütten in Brand stecken; — während Alles dorthin eilt — kommen wir durch die Schlucht im südlichen Ferncrwald in das unbewachte Ort —« Cilli. Herr im Himmel! — Und sie sein wirklich Alle dorthin (in die Scene rechts weisend) im Dorf und Schloß sein nur mehr die Weiber und die Kranken — Hans. Ich will (gegen rechts weisend) ihnen nack! — sie sollen umkehren — mit mir über die Berge gegen die bedrohte Schlucht! — vielleicht ist's noch nickt zu spät! — fort! fort! (Wendet sich mit Cilli gegen den Hintergrund, in demselben Augenblicke erdröhnt das Gebälke von einem mächtigen Windstöße — die Flammen, welche bereits an dem unteren Holzwerke der Rückwand sichtbar waren, schlagen, dadurch angefacht, riesig in die Höhe, 44 nn brennender Balken stürzt gerade vor dem rück wärtigen Thore nieder.) Hans fzurückbkbend). Allmächtiger! — Eilli. Die ganze Hütten steht in Brand! Hans. Kein Answeg möglich! Eilli. Wir sein verloren! (Vor Schreck ohnmächtig.) Hans (fängt sie in seinen Armen auf). Gott im Himmel, rett' ihr Leben! (Schreit.) Zu Hilft! zu Hilft! (Man hört ganz in der Nähe die Hornsignale der Jäger.) Hans (anstehend). Ha! dort! vom Berg' herunter! — Die Schaar Soldaten! (Ruft.) Zu Hilf'! zu Hilf'! Zwölfte Scene. Vorige. Hauptmann Stromberg. Andres. Ein Trupp Jäger. Andres (erscheint zuerst aus der Anhöhe im Hintergründe, den ihm Folgenden zurufend). Don dort — (gegen die Hütte weisend) schallt das Hilfg'schrei! Stromb. u. die Jäger (erscheinen außer, halb der Hütte, von links herbeieilend). Stromb. (zu den Jägern). Macht den Eingang frei, das Gebälk fort! (Mehrere Zimmerlrute der Jäger erscheinen außerhalb der Hütte mit ihren Aexten, schlagen einen Lheil der bereits brennenden Baumstämme und Balken ab, entfernen sie zu beiden Seiten und machen so den Eingang zum Theile frei.) Hans (während dieß geschieht, zu der in seinen Armen liegenden Cilli, bemüht, sie aufzurichten). Eilli! komm'zn Dir! —die Rettung ist da! — Der Weg wird frei! Erhol' Dich vom Schreck'! — Ha! sie schlagt die Augen wieder ans! (Zu den Jägern.) Tragt sie hinaus! sie zuerst! Eilli (richtet sich matt wieder aus). Was ist g'schehen? der Qualm! der Ranch! — fort! — fort! Stromb. Andres und die Jäger (dringen über das noch am Boden liegende Gebä lkr in die Hütte ein). Stromb. (zu den Jägern). Schnell! Schafft sic in's Freie! Dann laßt dieBarrakc in's HimmelsNamen zusammenbrenncn — und dorthin —! (Gegen den Hintergrund rechts weisend.) Hans (mit ängstlicher Hast). Nein! nein! Laßt Euch nicht irren! Dort ist der Scheinangriff — folgt mir an den Orr, wo die wirkliche G'fahr ist! Da — da — den Brief! les'! les'! (Hält Stromberg den Brief vor die Augen.) Andres (zu Hans vortretend, und ihn ins Auge fassend). Was sch' ich? Das ist ja unser G'sangener — der Spion! Stromb. (aufmerksam werdend). Spion?! Hans (wie oben). Das bin ich nicht! Gott ist mein Zeug'! Cilli (ebenfalls angstvoll). Glanbt's ihm! — Auch ich steh' mit mein' Leben für ihn ein! Hans. Schießt mich nieder, wenn ich Euch irr'sühr'! — aber folgt mir — mir — auf den Weg, den ich Euch zeig'! Stromb. Der Kaufmann, an den der Brief gerichtet, wurde mir schon als verdächtig bezeichnet! (Zu Hans.) Das spricht für deine Aussage! Hans (mit bittend erhobenen Händen)- To laßt uns sein' schändlichen Plan vereiteln! Mir nack, und wenn uns der Feind ent- gegenkommt, stellt's mich voran! — (Entreißt Andres du Flinte, dieselbe hoch erhebend.) Dann sollt's sehen, ob ich a Spion — a Landesverräther bin! (Eilt voraus nach dem Hintergründe rechts ab.) Stromb. (zu den Jägern). Ihm nach! (Eilt mit den Jägern, Andres und Eilli in der selben Richtung ab, die Hörner der Jäger erschallen.) (Kaum nachdem alle die Hütte verlassen haben, erheben sich im Hintergründe und auf der linken Seite der Hütte auf's Neue die Klammen. — Das Sparrwerk stürzt brmnend nieder —- der Derwandlungsvorhang fällt.) (Während der Zwischenpause tönen die Hörner fort, zuletzt fällt kriegerische Musik ein. unter welcher sich der Verwandlungsvorhang wieder hebt, und das unten beschriebene Schlachtbild zeigt.) 45 Verwandlung. (Vorne zu beiden Seiten Wald — von der Mitte der Bühne zieht sich gegen den Hintergrund zu ein Engpaß zwischen hohen, oben mit Tannen und Föhren bewachsenen Felswänden.) Dreizehnte Scene. Stromberg, Andres, Hans, Cilli, die Jäger und mehrere andere Tiroler Schützen lstehen und liegen zum Theil« aus beiden Seiten der Felsenhöhen. Vom tiefsten Hintergründe her dringt ein Hause bewaffneter Freischüler eben ein, die auf den Felsen befindlichen Tiroler und Zager schießen auf dieselben — die Schüsse werden erwirdert — einzelne der Freischüler versuchen es die Höhen zu erklimmen, werden aber zurückge- drängt; mächtige Felsenslücke und Baumstämme werden von oben aus die Eindringenden herabge- schleudert, so daß nach kurzem Gefechte der Paß selbst aus der den Zusehern zugekehrten Seite verdeckt wird — die Tiroler und Jäger stürmen nun alle hinab. — Schießen, Schlachtgeschrei, das Blasen der Hörner dauern eine Weile fort; zuletzt ertönt der Ruf: »Sieg! Sieg!» begleitet von einer Fanfare hinter dem Walle). Vierzehnte Scene. Art Hausen, Rampinger, Martin, Mathis, bewaffnete Männer und Bursche (eilen im Vordergrund links heraus) Arth, (zu den ihm Folgenden) Hört Ihr! Siegsgeschrei erschallt! Die Tapferen haben ihre Ausgabe gelöst, ehe wir uns mit ihnen vereinigen konnten. Ra mp. Du siebst — sie haben unsere Hilf nicht braucht! Arth. Doch wer war's, der sie aus den wirklich bedrohten Punet führte! — Wem danken wir unsere Rettung? Fünfzehnte Scene. Vorige. Hans, Cilli, Stromberg, Andres. Jäger und Tiroler. Hans (in der rechten Hand eine erbeutete Fahne tragend, mit dem linken Arm Eilli umschlingend, erscheint aus dem durch dir herabge stürzten Felsen und Stämme gebildeten Walle, rechts von ihm Stromberg mit dem Säbel in der Hand). Jäger und Tiroler Schützen (klettern ihnen nach). Strob. (auf Hans weisend) Cr hat uns geführt, er hat beldenmüthig gekämpft, ibm gebührt der Preis des Sieges! Art Hausen, Rampinger, die Bauern und Bursche (erstaunt). Er?!— Der Volker- Haus?! Ra mp. Und die Cilli — in sein'n Armen — ?! Wie erklär' ich mir nur —?! Hans, Cilli, Strom berg, die Jäger und Tiroler Schützen (find über den Wall herab nach dem Vordergründe gekommen, die Menge bleibt aber hinter den Hauptpersonen so zurück, daß der Hintergrund der Bühne anfänglich durch sie gedeckt wird). Hans (hervorkommend, zu Rampinger). Wer erklärt die Weg', die der da oben (g g„, Himmel zeigend) geht? (Zu Allen.) Jchglaub', den Verdacht, daß ich im Sold' eurer Feind' und als Verräther wieder in mei' Heimat kommen bin, werd's jetzt wohl anf- geben! — Was aber die Tbat, wegen der ich vor fünf Jahren flüchtig worden bin betrifft, darüber soll das G'richt — Ambr. Stimme (vom Hintergründe der Bühne her ertönend). Gott hat bereits gerichtet! Alle. Was ist —? (Treten zu beiden Seiten auseinander, so daß der Hintergrund in der Mitte frei wird.) 46 Sechzehnte Scene. Vorige. Sepp, Ambrosius,Bewaffnete. (Man sieht in der Mitte der Bühne auf einem zweirädrigen, mit Stroh bedeckten und mit Ochsen bespannten Wagen Sepp, aus einer schweren Wunde blutend, liegen.) Ambr. (kniet neben ihm, Bewaffnete umstehen den Wagen. Weiber und Kinder knieen betend zu beiden Seiten). Alle (entsetzt auf das sich darbietende Bild sehend). Der Sepp! Ambr. Er hat dem armen Volker-Hans den Tod geschworen, und fand ihn selbst! Denn als er von der durch ihn in Brand gesteckten Köhlerhütte wieder zu seinen Genossen zurückkehren wollte, traf ihn der Schuß eines im Walde lauernden Feindes. Cilli. Er —er hat den Brand gelegt? Hans. Er hat's bös' g'meint, Gott hat's zum Besten g'lenkt! Ambr. Darum vergeb't dem Sterbenden, der reuig seine Frevel bekennt. Sepp (sich todesmatt im Wagen halb auf- richtend). 3a. ich will's g'stehen— Cilli! — Hör' Du mich! Daß der Gotthard damals mit dem Hans zusammeng'rathcn ist— war — meine Schuld! — Ich Hab' g'wußt,daß's mit dem Hans Keiner aufnehmen kann, und d'rum Hab' ich den Jäger eifersüchtig g'macht — i ch Hab' ihm g'sagt, daß der Hans bei der Nacht zu seiner Dirn' schleicht — den Hans aber — Hab' ich an dieselbe Stelle g'lockt — und — so — so ist's kommen! — Der Gotthard ist wohl durch» Hans sei' Hand g'ftürzt — aber — dem Willen nach — war ich — sein Mörder! — Die Straff hat mich ereilt, — ich bitt' Euch nicht, daß's mir — verzeiht's — aber — flucht — flucht mir nicht! (Streckt sich und läßt sterbend sein Haupt zurückfinken.) Arth, (winkt dem Wagenführer mit der Hand gegen die linke Seite). Bringt ihn fort! (Die Menge im Vordergründe schließt sich wieder, so daß da- Fortbringen deS Wagens nicht mehr gesehen wird ) Arth. Dieß düstere Bild soll nicht die Freude über die Abwendung der gemeinsamen Gefahr, über den Sieg unserer Tapfer» trüben! (Zu Hans.) Doch dein Lohn — Hans. Wenn ich ein' Lohn verdien', so kann mir den nur Eine geben! (Zu Cilli.) Eilli! Dein Gelöbniß ist erfüllt, — Du bist wieder frei! Cilli. Und der Gotthard kann nur segnend herunterschauen, wenn ich mei' Hand jetzt in die deinige leg', dem wir Alle unsere Rettung z'danken haben! (Rttcht ihm dir Hand) Ra mp. (zwischen Beide tretend). So ist's reckt! — Mein'n Segen habt's auch, nnd mei' Wirthschaft dazu! — ich zieh' mich halt in s Ausgeding. Siebenzehnte Scene. Vorige. Weiber, Mädchen und Kinder (eilen theils zu beiden Seiten des Vordergrundes herbei, theils erscheinen sie, Blumensträuße und grüne Zweige schwingend aus den Höhen) Martin. Aber jetzt woll'n wir den Hans in ein'm Triumphzug durch s ganze Thal tragen — d'Musiker soll'n aufspielen und Virat! wollen wir schreien, daß alle Berg davon erschallen! Alle (schwenken die Hüte und beginnen zu rufen). Vivat! Hans (abwehrend). Laßt das — ich bitt' euch, oder ich geh' auf und davon! Ramp. (zu HanS). Recht hast! So ein Tag darf man nit mit tollen G'spcctak l feiern! — Wann'S wollt's, werd' ich Euch erzählen, wie s unser Sandwirth in ein'm ähnlichen Fall gethan hat! Alle (zu Rampinger). So erzähl'! Ramp. (tritt in die Mitte der Bühne). 6chtusttied. Der Hofer vom Sand hatt' am Sterzin- ger Moos' Entschieden der armen Tiroler Loos — 47 D'rauf kehrt er, zur Stärkung vom Weinglas zu nippen, Ganz still ein, in'sWirthshaus, es heißt: »Zu den Krippen.« Und sagt dann: »St! Beten! nit schreien und toben, I nit — und Oes nit habt's g'richt! — der da oben!« Da treten zwei Männer zur Thür bei ihm ein, Und sagen: »Hörst unten die Leut' alle schrei'n! Sie wissen, daß D'da bist, und wollen nit gehen, Bevor sie den tapfern Änderte g'sehen.« Und d'Händ' zusamm'g'faltet, zum Himmel erhöht, Er andächtig sein »Vater unser* nun bet't! — Da hören's All' auf glei' mit Tob'u und Schrei'n, Sie knien und beten — und d'Glocken schallt d rein! (Kniet zum Schluß selbst betend nieder.) D'iauf geht a Zensier! aus — oben im Haus, Der Hoser guckt freundlich, All' grüßend heraus; (Alle Uebrigen knieen ebenfalls ergriffen mit entblößten Häuptern nieder. — man hört die Thurm- glocken läuten.) (Der Vorhang fällt) Ende. Don Friedrich Kaiser find bei uns erschienen: Männerschönheit. Original-Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit Tltelkupfer. 8. geh. 15 Sgr. ober 75 Nkr Schneider als Naturdichter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Eine Posse als Medici n. Originalposse mit Gesang in 3 Acten. Mit allegorischem Bilde. 8. geb 15 Sgr. oder 75 Nkr Ein Kürst. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischenBilde.8.geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Mönch und Soldat. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbild«. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Characterbild mit Gesang in 4 Actm. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Der Rastel bind er, oder: lOOOO Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8- geh 15 Sgr. oder 75 Nkr. Junker und Kn echt. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8 geh. 15Sgr. oder 75Nkr. Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Nolle. Posse mit Gesang in 2 Acten 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten Mit l Titelbilde. 8 geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Dienstbotenwirthschaft, oder: Chatouille und Uhr. Charakterbild mit Gesang in 2 Acten Mit 1 Titelbilde- 8. geh. 12 Sgr. oder VN Nkr Doctor und Friseur, oder: Die Sucht nach Abenteuern Posse mit Gesang in 2 Acten. Zweite Auflage. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr Zum ersten Male im Theater. Posse in 1 Acte. 7'/, Sgr. oder 35 Nkr Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten- 10 Sgr. oder 50 Nkr. Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. 10 Sgr. oder 50 Nkr Ein neuer Monte-Christo. Original-Characterbild in 3 Acten. Die Frau Wirt hin Characterbild mit Gesang in 3 Acten Etwas Kleines Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Zwei Testamente. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Unrecht Gut. Characterbild mit Gesang in 3 Acten und l Vorspiele Des Krämers Töchter! ein. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten Eine Feindin und ein Freund. Posse mit Gesang in 3 Acten Ein Lump. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Verrechnet. Original-Characterbild mit Gesang in 3 Acten. Palais und Irrenhaus Original-Characterbild mit Gesang in 2 Acten. Jagdadenteuer- Posse mit Gesang in 2 Acten. Naturmensch und Lebemann. Characterbild mit Gesang in 3 Acten Nichts. Posse mit Gesang in 3 Acten Localsängrrin und Postillon. Posse mit Gesang in 3 Acten Gute Nacht, Rosa! Dramatisches Genrebild in 1 Act. Der Soldat im Frieden. Characterbild mit Gesang, Tanz rc. in 3 Acten 12 Sgr. oder 60 Nkr Der Mensch denkt — Lebensbild mit Gesang in 3 Abteilungen. 12 Sgr. oder 60 Nkr Auf dem Eis' und beim Christbaum. Posse mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr Haus Rohrmann, oder: Casus und Sempronius. Characterbild in 3 Acten. 12 Sgr oder 60 Nkr Der Herr Bürgermeister und seine Familie. Characterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr oder 60 Nkr 12 Sgr oder 60 Nkr- 12 Sgr- oder 60 Nkr 12 Sgr oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr 6 Sgr. oder 30 Nkr Druck und Papier von Leopold Hommer in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Eine Gardinen-Predigl. Posse in einem Arte. Nach dem Englischen von Alexander Bergen. Im k. k. priv. Earltheatcr in Wien zuerst gegeben. Personen: Herr Simon Schwach Eleonore, seine Frau. Herrn Braun- Stimme. (Dir Bühne stellt rin Schlafzimmer vor. Mitten im Hintergrund steht ein große- Bett mit ge. schlossenen Sitzvorhängen. Vorne recht- ein Fenster, unweit davon ein Toilettentisch mit einer Schublade. Link- ein Kamin, vor diesem ein Tisch, ein Balzac und Stühle. Weiter zurück eine Thür, welche in ein Ankleidezimmer führt. Am Fuße de- Bette- steht eine große spanische Wand) Erste Scene. Eleonore (fitzt in einem Fauteuil und schlum» wert. Da-Licht ist herabgebrannt- Eleonore trägt einen weißen Schlafrock und ein Häubchen, das Haar aufgewickelt. Ein Buch liegt auf idrem Schooße. Sie erwacht und gähnt). Ich bin beim Lesen eingcschlafen, die Leute schreiben jetzt aber auch gar zu langweilige Bücher. (Siebt nach der aus dem Kamin lheattk-Nepttloir« N, l»S stehenden Uhr.)Halb zwei — und meinMann ist noch nicht zu Hause! Wo kann er sein? WaS er sagen wird, weiß ich, wahrscheinlich wieder nur seinem Freunde, dem lieben Braun zu Liebe — in irgend einer Männergesellschaft. An den Männergesellschaften ist nichts Gutes und an Herrn Braun noch weniger. Wenn mein Simon wüßte, daß ich mir heute Abend wieder dieHaare mit einem Liebesbriefe von ihm aufgewickelt habe! Er lockt meinen Mann nur aus dem Haus, weil er glaubt, daß er seine Pläne fördert — ich sehe daS ganz gut, aber mein Simon merkt nichts, rein gar nichts. Jetzt wohnt er uns sogar gegenüber und wie mein Mann den Rücken kehrt, macht er mir telegraphische Zeichen. Dabei legt er die Hand auf's Herz — ich möchte die meine lieber auf sein Gesicht legen! (Zeigt pantomimisch eine Ohrfeige.) Ich hätte es meinem Mann schon lange sagen sollen, aber er ist so jähzornig, ich fürchte, da geschähe ein Unglück. (Zornig.) Jetzt Hab' ich das Warten aber satt, ich gehe zu Bett. (Sie steht aus.) Nein, ich habe mir die Sache anders überlegt — ich bleibe auf — ich will doch einmal sehen, um wie viel Uhr das Ungethüm eigentlich nach Hause kömmt. Zu seiner Freude habe ich einen festen Schlaf — des Morgens kann er mir dann sagen was er will — ich muß mich einmal selbst überzeugen. Es ist schändlich, so lange auszubleiben, noch dazu heute, wo ich nicht wohl bin. Er wußte doch, daß ich so fürchterliche Zahnschmerzen hatte und so viel Opium in den Mund genommen habe, daß ich davon ganz nervös bin. Aber auf einen Mann bis halb zwei Uhr in der Nacht »arten und nicht wissen, wo er ist — ist noch viel ärger als Zahnschmerz. (Man üopft leise.) Ah! Wie zart er um halb zwei^ Uhr in der Nacht anklopft — (man klopft wieder) wenn ihm bei Tag nicht gleich aufgemacht wird, ist er wüthend, jetzt aber ist er geduldig wie ein Lamm, denn er will mich nicht wecken! Aber ich bin wach, Herr Simon, sehr wach! Die Köchin hat ihm aufgemacht, jetzt will ich in's Nebenzimmer gehen und sehen, was er thut, wenn er mich nicht im Bette findet. (Sie nimmt das Licht und geht in daS Nebenzimmer, die Bühne wird finster.) Zweite Scene. Simon (schleicht herein. Sein Anzug ist in Unordnung. Er stolpert über einen Stuhl und legt den Oberrock daraus, welchen er aus dem Arme trug). Leise, Simon, leise! Diese höllischen Stiefel! Ich glaube, die Ehefrauen stecken mit unfern Schustern in einem Complott, — diese knarrenden Stiefel verrathen jeden heimlichen Schritt, den man thun möchte, im Hause nämlich. — Ich ziehe sie lieber aus. (Er thut es.) So! Wo meine Pantoffeln wieder eristiren werden! Meine theure Eleonore schläft süß, und wenn sie um's Morgenroth aus schweren Träumen emporfährt, ist ihr Simon längst an ihrer Seite. Da wird sie streng fragen: »Nun, Simon, um wie vielUhr bist Du nach Hause gekommen?* »Um zwölf, mein Liebling*, werde ich sagen. Wenn ich Eleonore sanft stimmen will, nenne ich sie immer meinen Liebling. Wo Teufel sind nur meine Pantoffeln? Ehe ich in's Bert gehe, muß ich dir Uhr zurückrichten, damit ich mich ordentlich ausschlafen kann. Es muß schon zwei Uhr sein. (Er richtet die Uhr.) Was es für dumme Sprichwörter gibt — da sagt man, die Zeit hat Flügel - - was nützen ihr die jetzt? (Er sucht seine Pantoffeln.) Der Teufel hole den Braun! Hätte er mich nicht fort- geschleppt, so hätte ich jetzt meine Pantoffeln. (Er findet einen.) Da ist wenigstens Einer — der Boden ist verteufelt kalt und mir ist so heiß. Aber Braun ist ein lustiger Kerl und ein famoser Gesellschafter. Er weiß Alles, er kennt Alles, Literaten, Künstler und Künstlerinnen — das sind liebenswürdige Geschöpfe, besonders aber die Eine! Er hat mir versprochen, mich bei ihr einzuführen. Wo Teufel ist nur der zweite Pantoffel? (Er kniet nieder und sucht unter dem Bett. Eleonore tritt ein mit dem Lichtr aus dem Zimmer ) Dritte Scene. Voriger. Eleonore. Eleon. Soll ich Dir suchen helfen? ^ Simon. Wie — was — Du bist noä nicht im Bett, mein Liebling? Du wirst Dich erkälten, mein Liebling. 3 Eieon. Verschone mich mit deinem Liebling. Ich will wissen, wo Du bis jetzt gewesen bist? Simon. Aber, mein Liebling — Eleon. Wo bist Du gewesen? Wo hast Du die Nackt zugebracht? Simon. Die Nacht? Aber, mein Liebling, Du träumst wohl, es ist ja erst zwölf Uhr. Eleon. (beleuchtet die Uhr). Was soll das? Ich habe so eben aus die Uhr gesehen, da war es halb zwei, und jetzt ist's zwölf — solche Künste treibst Du auch schon? Du hast die Uhr zurückgerichtet. Simon (ablenkrnd). Hast Du nicht zufällig meinen zweiten Patoffel gesehen? Eleon. Weiche mir nicht aus! Simozi. Ausweichen — wie so? Eleon. Stelle Dich nicht so unschuldig! Ich bestehe darauf, zu wissen, wo Du gewesen bist. Simon. In einer Männergesellschaft, mein Liebling. Eleon. So! Und bis jetzt? Simon. Nein — wir sind dann in ein Gasthaus soupiren gegangen, »zur lustigen Auster* heißt es. Siehst Du, ick war so neugierig, eine lustige Auster zu sehen. Wie ist es möglich lustig zu sein, wenn man immer zwischen zwei Schalen eingesperrt ist? — Und Braun — Eleon. Ja natürlich, der Braun muß dabei sein. Simon. Es war ganz — Eleon. Seine Schuld — daS kenn ich, stehende Redensart! Der Braun ist an Allem schuld! Ich wollte, daß Du und der Braun am Grunde der Spree lägest! Simon. Mein Liebling, ich läge viel lieber im Bett! Eleon. Mache keine schlechten Witze! Simon (gähnt). Ich mache keine Witze, ich bin schläferig, komm' zu Bett! (Er saßt ste bei der Hand.) Eleon. (stößt ihn zurück). Pfui,Du riechst nach Tabak! Simon. Das ist unmöglich, mein Liebling, ich rauche ja nie. Eleon. Aber Du gehst dorthin, wo geraucht wird, und verpestest mir die Luft! Simon (zieht den Rock au- und den Schlaf» rock an). Der Rock wird nach Tabak riechen — ich ziehe ihn aus — Dumußt ja nicht gleich böse sein! (Gähnt.) Gott, wie schläfrig bin ich! Eleon. Den Rock ziehst Du aus — aber deinen Bart, deine Haare, willst Du die auch ausziehen? Das ist schon genug, um einen zu vergiften! Als ich Dich heiratete, hast Du mir versprochen, nicht mehr zu rauchen. Vielleicht hast Du auch Wort gehalten — meine Nase ist aber von fremdem Tabaksgeruch eben so malträtirt worden, als ob Du selbst geraucht hättest. (Sie vermißt Simon, welcher sich während der obigen Rede hinter die spanische Wand geschlichen hat und von da in s Bett gestiegen ist.) Wo ist er den jetzt? (Sie eilt auf's Bett zu und zieht die Vorhänge zurück.) Im Bett? Nein, daS ist zu stark! Herr Schwach, ist das die Aufmerksamkeit, die Sie mir schenken? Wenn ich spreche, gehen Sie schlafen? Simon. Wirklich, ich kann nicht wach bleiben. Eleon. Du kannst nicht?Du mußt! Ich bin noch nicht fertig. Herr Schwach. Du kommst um 2 Uhr nach Hause, riechst nach Tabak wie die Pest, suchst eine halbe Stunde deine Pantoffeln und wenn ich Dir dein schändliches Betragen Vorhalte, gehst Du schlafen! Das ertrage ich nicht länger, das dulde ich nicht länger. DaS will ein Ehemann sein, ein Familienvater! Ist das das Beispiel, welches Du deinem Sohne gibst? Simon. Mein Sohn — gestern war er gerade vier Wochen alt. (Er gähnt.) Eleon. So recht, gähne nur! Ich langweile Dich, das sehe ick deutlich genug. Du hast mich nicht mehr lieb! Simon. Du weißt, wie sehr ich Dich liebe — aber wenn man so verteufelt schläfrig ist — 1 4 Eleon. (setzt sich an s Bett). O Simon, eS war einmal eine Zeit, wo Du kein Wort von mir verloren hast, wo Du jahrelang gewacht hättest, um mir zuzuhören, das war eine schöne Zeit! (Er schnarcht.) Damals sagtest Du mir zu jeder Stunde, daß Du mich liebst, nur mich allein da war von Mkännergesellschaften nie die Rede. (Er schnarcht.) Ich habe mit Deinen Locken gespielt, deine rothe Wangen geküßt, (sie springt auf) jetzt bist Du kreidenblaß und deine Haare sind, statt gelockt, zerrauft! Wo sind die Rosen von Deinen Wangen? (Sie nimmt das Licht und einen Handspiegel und hält ihm Beides vor s Gesicht ) Wo? Auf deiner Nase— sieh Deine Nase an, bewundere Dich, Herr Simon! Simon (erwacht). Feuer! Feuer! Es brennt! (Er setzt sich erschreckt im Bette aus.) Eleon. Za, auf deiner Nase brennt's! Simon. Meine Nase? Ist denn noch keine Ruhe? (Er pufft ungeduldig den Kops- polfter herum.) Eleon. Puffe nur, so ist's recht! Jetzt werden wir bald so weit sein, daß Du mich puffst. Simon. Mein Liebling, ich richte mir ja nur den Kopspolster. (Es regnet.) Wie es gießt — mein Gott und wie schläfrig bin ich! Eleon. Es regnet, und ich muß morgen ausgehen. Wo hast Du mein Parapluie, mein seidenes Paraplni? Simon (gähnend). Ausgeliehen, dem Braun. Eleon. Das ist bereits das Dritte! Aber ich weiß, warum Du mein Parapluie hergeliehen hast, weil ich morgen ausgehcn will und deine Eifersucht sieht das nicht gern. Aber gerade bleibe ich nicht zuHause, und wenn es morgen Katzen und Hunde, Heugabeln und Feuerzangen regnet, so gehe ich dennoch aus! (Man hört regnen.) Dieser Rege.» und kein Parapluie? Simon (gähnt). Nimm Dir eine Droschke. ' Eleon. Droschke, wer bezahlt sie? Ich habe kein Geld mehr und Du wirst Dir heute wahrscheinlich auch keines er spart haben. Simon (murmelt etwas). Eleon. Als Du heute fortgingst, hat test Du 30 Thaler und 4 Sgr. in dei Tasche — (Sie geht hinter den Schirm un! holt Simons Weste hervor.) Da sind 4 Sgr. wo sind die 30 Thaler? Simon. Ausgeliehen— dem Braun. Eleon. Man könnte braun werden vvi Zorn — 30 Thaler so gut wie verschlungen. Simon. Nein, nein, ich bekomme si< morgen. Eleon. Za, mit meinem Parapluie! — Seit drei Monaten rede ich von einem neuen Kleide, dazu hast Du kein Geld, aber dreißig Thaler finden sich gleich, wenn man sie dem Herrn leihen will. (Simon kehr! sich unwillig im Bette um.) Neue Möbel hätten wir auch nöthig, aber nein, wir muffen dem Herrn Braun unser Geld leihen! — Der Doctor hat gesagt, wir sollen mit dem Kleinen auf's Land, damit er stärker wird, aber er wird dahin welken wie eine Blume, denn sein grausamer Vater leiht sein Geld lieber dem Herrn Braun. (Man hört Wind und Regen.) Welches Wetter! Das kann 40 Tage dauern, und kein Parapluie! (Sehr laut.) Herr Schwach, ich habe es vorige Woche erst repariren lassen! (Man hört, wie der Wind rin Fenster hin- und herschlägt! Simon (halb im Schlafe.) Mein Liebling, ich bin zu schläfrig, ich kann nickt reden. Eleon. Schläfrig? Wie kann man da schlafen? Hörst Du nicht, wie der Wind das > Fenster hin- und herschlägt? Simon. Was — ein Fenster? Eleon. (setzt sich zum Kamin). Za, das Fenster, da, im Nebenzimmer. Der Wind hat es aufgemacht, der Wind schlägt es hin und her. Ein anderer Mann wäre längst aufgestanden und hätte es zugemacht, Du aber nicht, — Du bleibst ruhig im Bette liegen und wartest, bis ich eS z«' mache, Du hoffst, daß ich mich dabei erkälte, mir den Tod hole, damit Du frei und 5 glücklich sein kannst; ich sage Dir aber, der Wind kann von mir aus das Fenster auf, und zuschlagen bis zum jüngsten Tag, ich mache es nicht zu? Simon. Gut, so gehe ich in Gottesnamen und mache es zu. Ich bitte Dich aber, laß mich dann schlafen. (Er schließt den Vorhang, zieht den Schlafrock an und kommt hervor.) Der Teufelspantoffel noch immer nicht da, — nun kann ich auf einem Fuß Hüpfen! (Er zieht den einen Pantoffel an und hupst in s Nebenzimmer.) Vierte Scene. Eleonore (allein). Am Ende glaubt er gar, ich werde ihm seinen Pantoffel suchen? Vielleicht bat er den auch dem Herrn Braun geliehen. Der Tabakgestank ist noch immer im Zimmer, ich muß nur den Rock in's Vorzimmer tragen. (Sie nimmt den Rock, eine Brieftasche fällt heraus.) Eine Brieftasche, welche ich nicht kenne — (fix öffnet sie) Banknoten? — lsie zählt sie) zehn Zehn-Thalerscheine statt drei? Das Ungeheuer hat gespielt und mir versagt er ein neues Kleid! Aber warte Simon, diese hundert Thaler siehst Du niemals wieder! (Sie geht zum Toilettentisch und legt das Geld in die Schieblade.) Jetzt will ich aber Nachsehen, was er noch in dem Rocke hat. (Sit sucht in den Taschen.) Eine halb gerauchte Cigarre? Er hat mir versprochen, nie mehr zu rauchen und hat soeben wiederholt, daß er cs nicht thut, — das ist zu schändlich! Da ist's kein Wunder, wenn seine Kleider nach Tabak riechen. (Sie wirst die Cigarre weg.) Was gibt'S denn noch da? Gelbe Handschuhe! Ich aber soll mir immer dunkle kaufen, aus Wirthschaft — wegen der theuren Zeiten. Ein Schnupftuch und parfümirt? Parfüm, den er mir immer verbietet, weil es eine Verschwendung ist und die Nerven angreift — und einen Brief! Ein Brief von Fraueuhand, die Unterschrift — Coralie! Das ist die erste Täuzcrin am — ah! mir wird übel, daS ist baS Schlimmste! (Sie läßt den Brief fallen und sinkt ohnmächtig in einen Stuhl) Künste Scene. Vorige. Simon. Simon. Da hätte ich den höllischen Pantoffel lang' suchen können, er war im Nebenzimmer. Eleon. Ich sterbe! Simon. Wie? — Was ist denn geschehen? Eleon. O! Simon. He? Eleon. Wasser, ein Glas Wasser — Simon. Ich glaube gar, Du bist ohnmächtig! Gleich, mein Liebling, gleich. (Er eilt zum Tisch und bringt ihr rin TlaS Wasser.) Trink', mein Kind, was ist Dir denn? Eleon. (mit schwacher Stimme). Meine Tropfen! Simon. Gleich Lori, gleich! (Er sucht auf dem Toilettetisch, für sich.) Was ist da, in dem Fläschchen? Opium, — ein paar Tropfen können ihr nicht schaden, vielleicht läßt sie mich dann schlafen. (Er gießt ein paar Tropfen in einen Löffel voll Wasser.) Da nimm, mein Liebling, das wird Dir Rnhe ver- chaffen (für sich) und mir dann auch! Eleon. Morgen reden wir weiter, Herr Simon, Morgen! Simon. Ja, ja, mein Schatz. (Kürsich.) Wenn sie mich heute nur schlafen läßt. Eleon. Morgen gehe ich zu meiner Mutter und sage ihr Alles, — dann lasse ich mich von Dir scheiden. Simon. Verschlafe heute nur erst deinen Groll, mein Liebchen, morgen früh wirst Du schon ruhiger sein. Eleon. Ruhig? Nie wieder! — Aber mein Kopf ist mir so schwer, die Augen fallen mir zu. Simon. Das ist der Schlaf. (Kür sich.) Gott sei Dank, jetzt werde ich auch schlafen können! 6 Eleon. Es scheint mir wirklich, als ob Durch das Fenster ist er entwischt und ich ich schläfrig wäre, ich kann die Augen nicht »mußte noch aus dem Bette aufstehen, um mehr offen halten. (Sic schläft rin.) Simon (schaukelt sie mit dem Stuhl und fingt): Schlaf' Liebchen, schlaf'! Dein Vater war ein Graf. Im Garten sind viel' Schaf Ein schwarzes und viel weiße, — Schlaf' Liebchen, schlaf', Dein Vater war ein Graf. Sic schlaft! Ich darf sie nickt in'S Bett bringen, denn sie könnte sick erholen und wack werden. Aber erkälten darf sie sich auch nicht. ( ?r schiebt ihr rin Kissen unter die Füße, eines unter den Kopf und deckt sie mit einer Decke »,:.) So! Jetzt kann sie bequem schlafen, nun geh' ich schnell zu Bett. (Er stolpert ) Was ist denn das? Die Stiefletten meiner Frau, — ein nettes Füßchen hat meine Lorr, das ist wahr. (Er hebt ein Stieselchen auf und betrachtet es.) Die Stiefletten sind kothig, meine Frau war aus, — und sie hat mir doch gesagt, daß sie den Abend zu Hause zubringen wollte. — Lori! Lori! Doch nein, ich will sie nicht wecken, sie wird mir morgen sagen, wo sie gewesen ist. (Er stellt das Stieselchen hin und findet die Cigarre.) Alle Wetter, eine Cigarre! Sie wird doch nicht heimlich rauchen, — sie hat wohl Zahnschmerz gehabt, — (er betrachtet die Cigarre näher) doch das ist keine Damen-Ci- garre, das ist eine Virginia, — Herrgott, mir wird schwindlig! (Er greift nach dem Schnupftuch, welches auf dem Tische.liegt, wischt sich die Stirne damit ab und schnuppert.) Ha, Patchouli! Wer hat ihr das gebracht? Gütiger Himmel, das ist nicht ihr Schnupftuch, das ist nicht mein Schnupftuch, wessen Schnupfruch ist eS denn? Es muß Jemand hier gewesen sein, — die Virginia, — mir beben alle Glieder, — ein Mann war hier, — hier bei meiner Lori! Wahrscheinlich war er noch da, als ick nach Hause kam,— in der Eile wird er diese Dinge vergessen haben, -- als ich eintrat war Lori im Nebenzimmer, (ausschrcirnd) ah, das Fenster! es zuzumachen. Ich sollte mich verkühlen, den Tod davon haben. Die Schande ist der Schlange nicht genug, mein Leben will sie haben! Weib. Weib erwache, recht- fertige Dich! (Er schüttelt sie.) Eicon, (im Schlafe). Ich bin zu schläfrig. ich kann nicht reden. Simon. Du kannst nicht? Du mußt! Erwache, Weib, Du hast mich betrogen, erwache! Eleon. Ich kann nicht wach bleiben. Simon. Du kannst nicht? Du mußt! Ich habe eine ernste Frage an Dich zu stellen. eS handelt sich um Tod oder Leben. Ich dürste nach Rache (schreiend) und mein Durst muß gestillt werden. Eleon. Durst? Im Wandkasten steht eine Flasche Wein — aber laß'mich schlafen. Simon. Nein, Du mußt mir Red' und Antwort stehen, mir deinem Manne! Ich will seinen Namen wissen, hören Sie es, Madame, seinen Namen! Den Namen desjenigen, der Virginias raucht, der sein Schnupftuch mit Patchouli parfümirt, wie dieses hier. (Er will das Tuch nehmen und fieht dir gelben Handschuhe aus dem Tisch ) llnd diese gelben Handschuhe, welche einem Goliath passen würden. Oder finden Sie, Madame, vielleicht, daß dies eine schöne Hand ist? (Er hält ihr den ausgespreizten Handschuh vor'? Gesicht.) Eleon. Laß' mich endlich schlafen, — ist noch keine Ruhe? Simon. Nicht eher, als bis ich weiß, wer er ist, wo er ist, was er ist! Rede, Weib! Keine Antwort? Das Opium wirkt, sic schläft fort Was thue ich nun? Ich ma- gnetisire sie, im magnetischen Schlaf' soll sie mir meinen Friedensstörer nennen. (Er fährt ihr mit den Händen über das Gesicht.) Eleon. Geh', Du kitzelst mich. Simon. Kitzeln, in dieser Stunde sprichst Du vom Kitzeln? Die Virginia ist kitzlich. 7 Eleon. (springt auf). Die Virginia ist kitzlich, und das sagst Du mir? Ist's nicht genug an der Mamsell Coralie? Simon (für sich). Sie weiß? (Laut.) Weiche nichts aus, — was ist's mit der Virginia, mit den gelben Handschuhen und mit dem Schnupftuch? ' Eleon. Frag' deine Eoralie oder deine Virginia. Ich schreibe meiner Mutter, ich gehe zu meiner Mutter und morgen laß' ich mich von Dir scheiden. Simon. DasSchnupftuch'DasSchnups- tuch! Das Schnupftuck! Eleon. (parodirt ihn). Das Schnupftuch, das Schnupftuch! Ganz wie der schwarze Othello! Ich weiß von keinem Schnupftuch. Simon. Gut,Madame, vielleicht wissen Sie etwas von dem Manne, dem dieses Schnupftuch gehört; denn läugnen Sie cs nicht, ein Mann war hier. Eleon. Einer? Das wäre für deine Verdienste viel zu wenig. Hundert waren hier, hundert! Und jetzt lasse ich Dich mit Deinem Gewissen allein. (Sie geht in - Ne. bmzimmer.) Braun's Stimme. Nun.Timon, noch nicht zu Bette? Was willst Du. Du lustige Auster? , Simon. Wie kömmt's, daß Du noch !wach bist und im Finstern? ! Braun's Stimme. Ich war zu Bette. ! konnte aber nicht schlafen und bin wieder j aufgestanden. Etwas zu viel Wein getrun- ! ken. wie es scheint Du auch, denn Du hast ! meinen Rock genommen, statt Deinen. 1 Simon. Was? (Er eilt zu dem Stuhl, wo Ider Rock liegt und besieht ihn.) Ia wirklich.es !ist dein Rock. (Geht wieder zum Fenster.) Morgen schicke ich ihn hinüber. Braun's Stimme. Nein. nein, ich fahre morgen mit dem ersten Train nach Potsdam; die Straße ist so eng. wirf ihn ! mir jetzt herüber Simon. Kannst Du ihn auffangen? Braun's Stimme. Ja, ja. Simon. So gib acht. Eins, zwei, drei und hinaus damit! (Er wirft den Rock hin» über.) Hast Du ihn? Braun's Stimme. Alles in Ordnung. Da hast Du den Deinen. Achtgeben! (Er wirft den Rock herüber.) Gute Nacht, Auster! Sechste Scene. Simon (allein). Hundert? Das kann ich nicht glauben. Allein wenn Eintausend hier gewesen wären und ich erwische sie, so zermalme ich sie Alle! Die Cigarre, die Handschuhe, das Schnupftuch sollen mich wenigstens auf die Spur des einen Ver- räthers bringen. (Er besieht Alle- und schließlich die Ecken de- Tuches.) EinName? Zwei Buchstaben — 8. wer kann das sein? 8. wenn ich nur wüßte, wer das ist, — am Ende gar der Bachcrl! Mein Kopf brennt, meine Hände sind wie Eis, — zahllose 8's. schwimmen und flimmern vor meinen Augen, ich muß Luft haben, Luft! (Er öffnet da- Fenster.) Alles finster bei Braun? Der Glückliche schläft. Vielleicht weiß er, wer dieser-4.8.ist. (Er ruft.) August! August) (Man hört da- Fenster schließen.) ' Simon. Gute Nackt! (Rießt und schließt da- Fenster.) Es scheint, ich habe einen reizenden Schnupfen erwischt. (Er legt den Rock aus denselben Stuhl, wo der frühere gelegen hat.) Eine angenehme Nacht! O die Weiber, die Weiber! Sie schmollt, sie grollt und ich habe Beweise in Händen. Hier eine Eigarre, zwei Handschuhe, ein Schnupftuch. Morgen soll, morgen muß sic mir Rede stehen. (Er will die Gegenstände in die Schieblade de- Toilette» tische- legen und findet da- Geld.) Was ist das? Hundert Tbaler? Meine Frau bat eine heimliche Casse, meine Frau hat hundert Thaler, von denen ick nichts weiß? Mir tritt der Angstschweiß auf die Stirne Wo hat sie das Geld her? Warum? Von wem? O sie kömmt, die Schlange! 8 Siebente Scene. Elenore. Voriger. Eicon. Um keine Zeit zu verlieren, habe ich meiner Mutter gleich geschrieben, da ist der Brief. Er schildert Ihr ganz abscheuliches Betragen, mein Herr Schwach! Simon. Mein abscheuliches Betragen? Jetzt wird die Sache mir in die Schuhe geschoben, — daran erkenne ich Ihr Geschlecht, Madame! Eleon. Mein Geschleckt? Dein Geschlecht! Dein Betragen! Du gehst in Männergesellschaften und läßt deine arme Frau allein zu Hause. Die Mamsell Co- ralie schreibt Dir Briese, vielleicht parfü- mirt sie Dir auch die Schnupftücher! Simon. Meine Schnupftücher parfü- mirt? Ich weiß von keinem Parfüm, ich weiß von keinem Brief. (Für sich.) Daß ich von der Coralic nichts weiß, kann ich mit gutem Gewissen nicht sagen, denn ich hoffe ihr vorgestellt zu werden. Eleon. Wahrscheinlich rauchst Du der Mamsell Coralie zu Liebe auch die Cigarren, die so groß sind wie mein verloren gegangenes Parapluie. Ihr zu Liebe trägst Du wahrscheinlich auch gelbe Handschuhe, trotz der theueren Zeiten. Simon. Still, jetzt ist's genug! Willst Du Dich noch über mich lustig machen? Ich verlange Antwort, ich verlange eine Erklärung, ich habe die Fragen zu stellen, wegen Cigarren, Handschuhe und Schnupftuch und zuletzt wegen dem Geldc! Das sind Thalerscheine, Madame. 10 Thalcr- scheine! (Er hält fi, ihr vor s Gesicht.) Eleon. Hast Du sie wieder genommen? Simon. Genommen? Nein, Madame, ich besudle mich nicht damit, ich lasse Ihnen das Sündengeld, behalten Sie es! Eleon. Wie, Du gibst mir das ganze Geld? Simon. Ja, sei'n Sie glücklich damit, wenn Sie können! Eleon. O, ick verstehe Dich! Du willst mich mit Geld bestechen, Du willst mir Geld schenken, damit ich still sein und Alles ertragen soll — aber mein Herr, solche Mittel verachte ich, ich müßte mich selbst verachten, wenn ich das Geld annähme! (Sie stkckt »s rin.) Aber ich will Dich schon bestrafen! Ich will mich schon rächen! Von morgen an beginne ich ein neues Leben. Ich werde nicht mehr einsam und allein zu Hause sitzen und stricken und flicken, während Du trinkst und spielst! Ich werde ausfahren, Theater, Gesellschaften, ja sogar Bälle besuchen. Kurz, ick gehe überall hin, wo es mich freut und mit wem es mick freut. Warum soll ich denn nicht auch mein Leben genießen? Ich soll dunkle Handschuhe tragen, ick bekomme kein neues Kleid, was ich so nothwendig brauche und Du hast hundert Thaler in deiner Tasche. Simon. Ick verstehe Dich nicht. Eleon. Die hundert Thaler, die ich in deinem Rocke gefunden habe mit der Cigarre, mit dem Schnupftuch und den Handschuhen! Simon. Du hast diese Sachen in meinem Rocke gefunden? . Eleon. Ja. Du Ungeheuer! Simon. Das war ja aber nicht mein Rock, das war Braun's Rock. Eleon. (kilt auf drn Rock zu). Du willst läugnen, daß das dein Rock ist? (Sir unter- sucht ihn grnau.) Da ist der Knopf noch, den ich Dir selbst angenäht habe, ehe Du fortgingst! Simon. Ja, allerdings, das ist mein Rock, aber derjenige, welcher früher dalag, war nicht mein Rock. Eleon. Willst Du mich zum Besten haben? Simon. Höre mich, mein Liebling.'AlS wir die lustige Auster verließen, war uns etwas warm geworden — wir zogen daher unsere Oberröcke auS und trugen sie auf unfern Armen. So geschah es, daß wir sie vertauschten. Braun merkte es eben jetzt, 9 als Du im Nebenzimmer warst, und rief mir zu, er bedürfe seines Rockes, ich warf ihm daher den seinigen hinüber, er mir den meinigcn herüber, folglich- ist dieser Rock mein Rock. Eleon. Wirklich? Und ick) soll Dir glauben? Simon. Du kannst cs, mein Liebling, ich sage Dir die reine Wahrheit. Deshalb gehört auch das Geld dem Braun. Eleon. Möglich — aber ich behalte es einstweilen. Simon. Es gehört aber dem Braun! — Eleon. Das wird sich finden. Es war aber nebst dem Geldc, der Eigarre, dem Schnupftuch und den Handschuhen noch etwas in Braun's Rocke — ein Brief von einer gewissen Coralie. Simon. Hast Du ihn gelesen? Eleon. Nein, nur die Unterschrift — ich bin gleich in Ohnmacht gefallen. Simon (für flch). Gott sei Dank! Es könnte etwas darin gestanden haben wegen meiner Vorstellung bei ihr. (Laut.) Wo ist denn der Brief, mein Liebling? Eleon. Er muß da irgend wo liegen, wahrscheinlich ist er mir aus der Hand gefallen. (Sie sucht ihn.) Simon (hat ihn bemerkt, stellt schnell den Knß darauf, und während Eleonore sucht, steckt er ihn schnell ein). Vielleicht hat Dir von dem Brief geträumt, mein Liebling? Eleon. Macke mir nichts weiß — über- baupt kömmst Du mir so verlegen vor — am Ende ist die ganze Rockgeschichtc erlogen? Simon. Tu hast ja Braun's Brieftasche — sehe nack, Liebling, vielleicht findest Du Beweise. Eleon. (durchsucht die Brieftasche). Da ist noch ein Brief. Simon (für sich). Gott! Eleon. Aber von einem Manne, von Schmidt. (Simon athmrt aus) Den kannst D u lesen — es ist ja auch einer von deinen lustigen Brüdern. (Sie gibt ihm den Brirf.) Lies laut. (Sir firht mit ihm in drn Brirf.) Simon (lirSt). * Lieber Braun! Dein Plan ist sehr gut. Frauen verführt man am leichtesten, wenn man zuerst ihre Männer verführt! Jede Frau ist geneigt, sich zu rächen! Wenn Eleonore jeden Abend von ihrem Manne allein gelassen wird- wird sie sich anfangs langweilen und endlich revangiren.-Fahre nur fort, den dummen Simon auszuführen — — -am Ende geht er allein und Du bast das Feld frei-um seine Frau zu trösten.« (Er läßt dm Brirf fallen.) Mir wird übel! Eleon. Siehst Du, das sind deine Cameraden, deine Freunde. Dann sollen wir Frauen nicht gegen die Männergesellschaften sein! — Simon. Der Derräther! Braun's Stimme. Simon! Simon! Simon. Ha! Seine Stimme! Der Ra- cheengel winkt! (Er stürzt an s Fenster und reißt ks aus.) Hier bin ick! (Er stößt mit dem Fuß aus drm Nrnstrr.) Wenn ich ihn nur treffen könnte! Eleon. (hält ihn zurück). Um Gotteswillen! Simon. O, warum habe ich nicht Sie- benmeilcnstiefel an! Braun's Stimme. Du mußt nock etwas von mir haben, meine Brieftasche mit lOO Thalern, sie war in meinem Rocke. Simon. Du hast auch etwas von mir. Braun's S tim me. Ich — was denn? Simon. Meine Ruhe, meinen Frieden! Eleon. Begehre lieber mein Parapluie! Simon (ohne sie zu hören). Gib ihn mir wieder! Braun's Stimme. Was denn? Eleon. (schnell). Unfern Regenschirm. Braun's Stimme. Ah — sogleich, ick werfe ihn hinüber. (Eleonore zieht Simon vom Fenster weg, Braun wirst das Parapluie herüber.) Jetzt wirf mir die Brieftasche herüber. Simon (zu Eleonore). Gib mir das Geld. Eleon. Schick' eS ihm lieber morgen hinüber, es könnte etwas geschehen. 10 Simon. Es soll etwas geschehen. — Hast Du Kupfcrgeld? Eleon. Was willst Du denn damit? Simon. Gib nur bcr. (Eleonore nimmt au- der Schirblade ein hölzerne- Schüflelchen mit Kupfergeld und gibt eS ihm, Simon wickelt davon m jeden einzelnen Kassenschein). So, und jetzt wir d bombardirt! (Er wirst den Ersten hinüber, man hört Fensterscheiben klirren, er fährt fort.) Braun's Stimme. Bist Du verrückt geworden? Simon. Im Gegenthcil, ich habe meinen Kopf wieder gefunden und ich hoffe, ehe es zu spät war. (Zu Eleonore.) Derzeih'st Du mir, Lori? Eleon. Wenn Du hübsch zu Hause bleibst. — Simon (niest.) Muß ich nicht? Ich habe ja einen verteufelten Schnupfen, der dauert wenigstens sechs Wochen. (Schmeichelnd.) Aber nicht wahr, Du schickst deiner Mutter den Brief nickt, Du gibst ihn mir, Liebling? Eleon. Ich sollte wohl nicht, aber — da hast Du ihn? Simon (öffnet ihn). Das ist ja ein Blatt weißes Papier? Eleon. ES war einstweilen nur ein Schreckschuß — ich habe meinen Simon noch immer zu lieb und kann ihn nicht so leicht verlassen. Wenn ick Dich nickt so lieb hätte, wäre es mir ja lieber, wenn Du nicht zu Hause bist. — Simon. Du hast recht, Liebling — ick werde fortan auch bei Dir bleiben und mir deine Liebe zu erhalten suchen. Eleon. Aber nicht nur die sechs Wochen, so lange der Schnupfen dauert. — Simon. Nein, für'S ganze Leben! (Umarmung.) (Der Vorhang fällt.) Ende. Au- dem Theater-Verlage der Wlillishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Abdallah, oder keineWohlthat bleibt «nbelohnt. Originaldr in 1 A v. Weidmann. 2» kr. » Sgr Abencerragen, die, und Aegris, oder die feindlichen Stämme. Ballet in » A. von Corally. Franz «nk deutsch. 1807. 10 kr. 2 Sgr. Abend, der stürmisch«, Singspiel in 1 A 1803 35 kr 7'/ Sgr. Abenteuer, da» letzte. Lustspiel in 5 A von Dauernfeld. 183». 8. 80 kr. 18 Sgr. Abneigung an» Liebe. Lustspiel in 1 A. s Castelli Sträupcheu. 2. Jahrgang Abraham. Drama mit Mullk in 3 A 1818. 35 kr. 7'/, Sgr. »buf»r, osni» I» ftmn^li» »r»b» >Isloär»tninL in äue ^tti, äi k' ltornuoi. I,» bäusiv» «li 0»r»f». 1823. 35 kr 7'/, 8xr. Achtlle». Heroische Oper in 2 A 1811. Teuftch und italieuisch. -0 kr. 8 Sgr. Achilles auf Skyro». Histor.-Pantom. Ballet in » A von Angiolini. 1808. 10 kr. 2 Sgr. Achmet und Zenide. Schauspiel in 5 A von Jffland. 1802 50 kr 10 Sgr. Kelvin 8i» sä ^l«r»n»n HI«l»är»nllu» ssrio in äu« ^tti 1808 35 kr. 7'/, 8zxr. Adelheid, oder die Deutschen. Trauerspiel in 5 Akten. 35 kr. 7'/, Sgr. Adelsucht, oder Ehrgeiz und Liebe. Lustspiel in 2 A v. Schröder. 180». »0 kr. 8 Sgr. Admiralschtff, da». Singspiel in 1 A. Nach dem Französischen v. Fr. Treitschkr. Gr 8. 1808. 25 kr. 5 Sgr Adolf, der Treue. Sittengemälde der Vorzeit in » A v. Ebrimfeld. 1808. 8. »0 kr. 8 Sgr. Adslf, der Kühne, Gaugraf von Dassel. Schauspiel mit Gesang in 3 A von Leop Huber. 1800. 50 kr 10 Sgr. Adria», oder Sieg der Tugend. Heroische Oper in 3 A. von I. L Maveck. 1807. 35 kr. Sgr. Advocaten, die. Schauspiel in 5 A von Jffland 1301 36 kr. 12 Sgr Aenea» t« Carthago. Heroisch-tragisch-pantomi» mische« Ballet in 5 A von Ferdin Gioja 1811. 10 kr 2 Sgr. Aepfel, die, des Nachbars. Posse in 3 A. von Victor Sardvu. Nach b Franz von Hoben» markt. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 139.) SO kr. 12 Sar. ^gvs8o, I'. Or»mm» »smiserio psr lousis» ä» r»vur«ssnt»rni per I» prim» volt» Pont« ä'Fitnro ä«1 8ipm 8eotti 1813. »0 lcr. 8 8zsr. Ahnenstolz in der Klemme. Schwank in 1 A.,s. Feldmann Lustspiele. ». Band. Ahnfrau, die. Trauerspiel in 5 A von Kranz < Grillparzer. Sechste Auflage, gr. 8 18»». 1 st. 50 kr. 1 Thlr Ahnfrau, die, im Gemeindestadl, s Hutmachcr und Strumpfwirker ^in, I', nsll' imft»r»rro IAs!o in 1 A. Nach dem französischen Vaudeville: »l,ss?«rociu«ts ä« I» raöre kkiliaps.«^- Die Bittsteller. Lustspiel in 1 A. Nach Me- lesville. — Das Kammermädchen. Lustspiel > in 1 A. Frei nach LongchampS. — Der Diener seines Nebenbuhler«. Lustspiel ln 1 A. r-VI 1821. Der Prinz kommt! Lustspiel ist 1 A Nach dem Franz, des Rougemont. — Tbomi oder die Stimme der Natur. ) Drama in 2 A., dem Franz, nachge- bildet. — Der Weibertausch. Lustspiel in 1 , A. Nach dem Franz, der Herren Dar- lois und Achille. — Der Einsiedler im Lerchenwalde oder die geheimnißvolle Laube Lustspiel in 1 A. Nach einem fianzöfischrn Vaudeville der Herren Theanlon u. Capelle -VII. 1822. Gleiche Schuld. Gemälde unserer Zeit in 3 A. — Die seltsame Lot- , trrie. Lustspiel in 1 A. — Die Tauben Schwank in 1 A. Al- Sriteustück zu de» .Papageien.- — Die Puppe oder dir kleine ^ Schwester der Geliebten. Lustspiel in 1 A. Nach Scribeu. MeleSville. (Vergriffen.) Castelli. VIII. 1823. Der buckelige Liebhaber. Lustspiel in 1 A, Nach einen, französischen Vaudeville. — Hochzeits-Fatalitäten. Posse" in 1 A. — Das Stelldichein um Mitternacht. Lustspiel in 1 A. Nach dem Französischen .1'schell« cke soie- — Das Fläschchen Köllnerwaffer oder Denkschrift eines Hußaren- officiers. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe.— Die Verschwornen. Oper in 1 A -IX 1824. Gabriele. Drama in 3 A. Nach der »Valerie- der Herren Lcrihe und MeleSville. — Die junge Tante. Lustspiel in 1A. Nach MeleSville. — Emmi Teels. Drama in 3 A Nach Pirerecourt. (Vergriffen). -X. 1825. Der Großpapa. Lustspiel in 1 A Nach dem Franz, der Herren Scribe und MeleSville. — LiebeSzunder. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz der Herren Scribe und Delavigne. — Die Zauberlaterne. Lustspiel in 2 A. Fre: nach Scribe und Dupin. — Fünf sind Zwei, oder Domestikenstreiche Lustspiel in 1 A. Frei nach dem Französischen. -Xi 1826. Eheliche Strafe. Lustspiel in 1 A., in freien Versen. — Der Kuß durch einen Wechsel. Posse in 1 A Nach Scribe. — Urika, die Negerin. Drama in 1 A. Nach dem Französischen — Gutes Beispiel. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, de« Thöaulon. — Klimpern gehört zum Handwerke. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe. -XII. 1827. Erste Liebe, oder Jugend- Erinnerungen. Lustspiel in 2 A. Nach dem Franz, de« Scribe. — Dir Pisanischen Brüder. Drama in 3 A Nach dem Italien, de- Federici. — Zwei Freunde und ein Rock. Posse in 1 A. Nach einem franz. Vaudeville. — Das einsame Haus Lustspiel in 3 A. Nach dem Französischen -XIII. 1828. Der HauStyrann. Charakter» Gemälde i» 3 A. Nach Alexander Duval. — Da- Anecdotenbüchlein. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, der Herren Scribe und Delavigne. — Der Pe, rücke,,macher und der Haarkünstler. Posse in 1 A. Frei dem Franz, de- Brazier naHgebildrt. — Der Soldat ganz allein. Komisches Zwischenspiel in 1 A. Nach einer Anekdote -XIV. 1828. Helva oder die russische Waise, Drama in 2 Abtheilungeu. Nach dem Französischen de« Scribe. — Die zänkischen Brüder. Familiengemälde in 3 A. Nach dem Franz^ de- Collin d'Harleville. — Lull» und Quinault, oder die Künstler in Verlegenheit. Lustspiel in 1 A. und in Versen. Nach dem Französischen. (Vergriffen.) -XV 1830 Eine für die Andere. Lustspiel in 3 A — Diana von Poiticrs. Geschichtliches Lustspiel in 2 A. Frei nach dem Franz. — Dir in ein Weib verwandelte Katze Operette in 1 A. Nach dem Kranz, der Herren Scribe u MeleSville. -XVI. 1831 Johann Hasel oder Umwandlung durch Liebe Gemälde unserer Zeit in 4 Abtheilungen. Nach dem Franz, de« Thsaulon frei bearbeitet — Zwei Jahre nach der Hochzeit oder an wem ist die Schuld? Lustspiel tn 1 A Nach Scribe und MeleS- ville. — Uniform und Schlafrvck. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, bearbeitet. Castelli. XVII. 1832. Ter Liede Listgewebr In- triguenposse in 3 A. — Ein Fehltritt. Schauspiel in 2 A. Nach Scribe. — Die Familie Rickeburg. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe — XVIII 1833 Di, Tänzerin und der Quäker. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe. — Die Scheidewand. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz. — Ueberspannldeil oder die entsetzt,che Literatur. Lustspiel ia 1 A nach Scribe frei bearbeitet -XIX. 1834. Der General Lustspiel in 3 A. — Der eilige Zauderer. Lustspiel in 1 A. in Versen. — Die Schwäbin. Lustspiel in 1 A. (Vergriffen) --XX. 1835. Da« Lustspiel auf der Stiege. Lustspiel in 1 A — Ein Tag au« dem Leben Carl« de- V Historische« Gemälde in Versen und in 2 A. — Ein Zreuud statt einer ganzen Familie. Posse in 1 A — Folgen einer Mißheirat. Gemälde au« den, Leben in 1 A Nach dem Frauz Castelli. Noderich und Kunigunde, Gabriele, Schwäbin, s unter den besonderen Titeln. Catina», Marschal, oder das alte Gemälde Oper in 1 A. Nach dem Französischen 1808 20 kr. 4 Sgr. Osnersntolu, In, ossi» l» dvutü in lrionto ölelttckruiumr, xivcoso in ciu« Xtti l-a ICu- sieu e clel 8ixr st«8sini 1813 35 kr 7'/, 8xr Cesar, der kleine, oder die Familie ans dem Gebirge. Schauspiel mit Gesang u pantom Auftritten in 3 A. Nach dem Französischen de« Emery frei bearbeitet von Perinet. Musik von Haibel. 1804. 40 kr. 8 Sgr Charade, die. Lustspiel in 2 A , s Kurländer s Almanack 8. Jahrgang CharlatanS, die, oder der Kranke in der (Ktu- bildung. Posse in 3 Ä von Jünger. 1803 40 kr 8 Sgr Chawansky, die Fürsten. Dramat. Dichtung o E. Naupach. Gr. 16. 1828 40 kr. 8 Sgr Childertch, König der Franke«. Heroisch Ballet in 5 A. von Coralli 183» 13 kr 2'/, Sgr Christus am Oelberg. Oratorium Musik von Beethoven. 8. geh 13 kr 2'/, Sgr Ciro in öndilvniL, Di^rn» per Alunic» in ckue Xtti 1817. 50 lcr 10 8er Clantgo. Trauerspiel in 5 A von Goethe. 1807 80 kr 1k Sgr. Cölestiue oder die Festung am Wilgra-Gtrome. Schauspiel in 3 A. Frei nach dem Franz, von F. 3 Haffaureck 1806. 40 kr. 8 Sgr Concert, das. Lustspiel in 1 A., von P M. Dag- bofer. (Wiener Th.-Rep. Nr. 48.) 40 kr. 8 Sgr Corporal, ei« alter. Charaktergemäldr in 5 A, von Carl Juin uud P. I. Reinhard. Theil- weise nach Dumanoir (Wiener Theater-Rep Nr 27) 50 kr. 10 Sgr. Cortolau. Schauspiel tu 5 A von Collin. 1808. 60 kr. 12 S,r. Corradt« oder Schönheit und Herz von Eisen. Musikalisch. Drama in 2 A. 1822. 35 kr. 7'/, Sgr. -Dasselbe italienisch. 1822. 35 kr. 7'/, Sgr. Correggio. Trauerspiel in 5 A. von Oehlenschlä- ger. 1817. 80 kr. 16 Sgr. Cortez, Ferdinand, oder die Eroberung von Mexiko. Große heroische Oper mit Ballet in 3 A. Nach dem Franz, von I. F. Castelli. Zweite Auflage. 1818. 35 kr. 7'/. Sar. Couplets, Wiener. Au« Stücken von Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Doppler, Eberhardt, Elmar, Feldmann, Flamm, Friese, GottSleben. Grandjean, Groi«, Grün, Gründorf, Haffner, Juin, Kaiser, Kola, Langer, Megerle, Merlin, Morländer, Moser, Nestroy, Schönau und Anderen. Sechs Hefte, ü 50 kr. 10 Sgr. Cnnegunde, die Heilige, römisch-deutsche Kaiserin. S. Werner Theater, 6 Band. Cyru- und Astvage-. Oper in 3 Aufz. Frei nach der Oper »Cyrus* des Metastasio, bearbeitet von Matthäus v. Collin. 1818. 35 kr. 7'/, Sgr Czar Iwan. Dramatinrte Anekdote in 2 A, s Castelli Sträußchen. 5. Jahrgang. Dame, die, mit den Camelien. Schauspiel in 5 Aufzügen von Alexander Duma's Sohn, deutsch von P. I. Reinhard. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 45.) 60 kr. 12 Sgr. Dank und Undank. Lustspiel in 3 A. Frei nach dem 1/inßrs.t ckes 0«»touelie«. Von Jünger. 1803. 40 kr 8 Sgr. Da- war ich. Ländliche Scene von Hutt 8. 1825. Siehe: Hutt's Lustsp. 1.Band.(Vergriffen.) 1 st. 20 kr. 24 Sgr D«- war ich. Eine ländliche Scene. Von Johann Hutt. Zweite Auflage. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 158) 50 kr. 10 Sgr. Degen, der. Militärisches Schauspiel in 3 A. Nach Bouel und Boirie. 1806. 35 kr. 7'/, Sgr. Detnhardstetn. Dramatische Dichtungen. 12. 1818 1 st. 20 kr. 24 Sgr Enthält: Da« Sonnet. Spiel in 1 A. und in freien Versen. — Mädchenlist. Lustspiel in 1 A. und in Alexandrinern. — Der Witwer. Poffe in 1 A. und in freien Versen — Der Rosenstock Spiel in 1A. und in freien Versen — Boccaccio. Dramatisches Gedicht in 2 A Demt-Monde. Von Alex Dumas Sohn. Deutsch von P. I. Reinhard. 1855. 1 st. 20 Sgr. Demophoon. Große heroische Oper in 2 A. Nach dem Franz, des Desoiaur, metrisch bearbeitet von I. F. Castelli 1808. 35 kr. 7'/, Sgr Denkpfenning, der, oder der Wachtmeister. Lustspiel von Hensler. 1785. 8. 25 kr. 5 Sar. Deserteur, der österreichische. Lustspiel in 5 A-, von Hensler. 8. 35 kr. 7'/, Sgr. Deserteur, der. Singspiel. 25 kr. 5 Sgr. Diamant, ein ungeschliffener. Genrebild in 1 A. Nach dem Englischen von Alexander Bergen. (Wiener Th.-Rep Nr. 128.) 35 kr. 7'/. Sgr Diana, Dona. Lustspiel in 3 A. Nach dem Span. drsDonAugustin Mvreto.v.C A West.Vierte Aust. (W. Th.-Rep. Nr. 11.) 60 kr. 12 Sgr. -Dasselbe, fünfte Auflage Miniatur- Ausgabe, eleg. drosch. 1862 1 st. 50 kr. 1 Rlh. — — Dasselbe, Elegant in englischer Leinwand gebunden, mit Goldschnitt und reicher Deckel- u Rückenverzierung 2 st. 40 kr 1 Rth. 18 Sgr (Diese« Verzeichnt Luxt und Papi« »o« Sv Diana, Dost«, elegant in feine- Kalbleder ge. Kunden, mit Goldschnitt und reicher Deckelund Rückenverzierung. 3 fl. 2 Rtb Diana de LyS. Schauspiel in 5 Aust, von Alex Duma« Sohn, deutsch von P. I. Reinhard (Wiener Th.-Äep. Nr 43 ) 60 kr. 12 Sar Diana von PoitierS. Lustspiel in 2 A, s Castelli Sträußchen. 15. Jahrgang Dichter und Tonkünstler durch Ungefähr. Komische Oper in 1 A von Jos. R. v. Seyfried 1810. 25 kr. 5 Sgr Die in ein Weib verwandelte Katze. Operette in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 15. Jahrgang Die von der Nadel. Bilder aus dem Volksleben in 3 Abteilungen mit Gesang v. Alois Berla. (Wiener Th.-Rep Nr 177.) 60 kr. 12 Sgr Diener, der, feine- Nebenbuhler-. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 5. Jahrgang. Diener, ein treuer, seine- Herrn. Trauerspiel in 5 A., von Franz Grillparzer. Gr. 8. 1840. 1 fl. 50 kr 1 Td. Dienst und Gegendienst oder Waltrou'S zweiter Theil. Militärisches Schauspiel nach Meist u Schildbach. 1804 60 kr. 12 Sgr Dienstbote, ein jüdischer. Charakterbild mit Gesang in 3 A von Carl Elmar. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 168.) 60 kr. 12 Sgr Dienstbote, ein Wiener. Lebensbild mit Gesang in 3 A von O. F Berg (Wiener Theater- Repertoire Nr. 186.) 60 kr 12 Gar Dienstbotenwirthschaft oder Chatouille und Uhr. Charakterbild mit Gesang in 2 A von Friedr Kaiser. 8. 1852. 60 kr. 12 Sgr Dienstfertige, der. Lustspiel in 3 A. Au- dem Franz. 1781. 50 kr. 10 Sgr Dienstman», ein Wiener. Posse mit Gesang in 1 A. von Joh Schönau. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 183.) 35 kr. 7'/, Sgr. Dienstpflicht. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 1801. 60 kr. 12 Sgr. Dinge, die vier letzten. Oratorium in 3 Abtbeilungen von Sonnleithner. 1810. 15 kr. 3 Sgr. Diplomat, ein weiblicher, oder waS ein Mädchen au- Büchern lernt. Original-Lustspiel in 4 A. von Charlotte Mtronin v. Graven (Wiener Th.-Rep. Nr. 63 ) 50 kr. 10 Sgr Dir wie mir. Dramatische Kleinigkeit in 1 A. v Sonnleithner 1820 25 kr 5 Sgr DistruLion«, lu, cii Oerugalsiome. Ornnuuu 8Lt!io per IÜu»ieL in clue Xtti. 1817. 25 irr. 5 8xr. Doetor und Friseur, oder dir Sucht nach Abr« teuern. Poffe mit Gesang in 2 A von Fr. Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 5.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Dom Sebastian. Oper in 5 A. Nach dem Franz. des Seribe von Leo Herz. 8. 35 kr. 7'/, Sgr. Domestikenstretche. Poffe mit Gesang in 1 A. ,. A. Bittner. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 82.) 35 kr. 7'/, Sgr Domestikenstreiche, s. Fünf sind Zwei. Domino, der grüne. Lustspiel in Alexandrinern und 1 A von Körner. Gr. 12. geh Wien Original-Austage. 1828 25 kr. 5 Sgr Don J»an. Große Oper in 2 Aufz Au« dem Italienischen. Mnsik von Mozart Sechste Auflage. 8 1866 35 kr. 7'/, Sgr. ß wird fortgesetzt ) vold S«««n in Wie». Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. eufel im Herren. -^ Lebensbild mit Gesang in zwei Acten und einem Vorspiel unter dem Titel: Vas Angtückszeichen. Bon . l Flamm --d Wimmer. (Am k. k. priv. Theater an der Wien zuerst mit glänzendem Erfolge gegeben.) _ Personen: Randhofer, ein reicher Hauer. Au,7! d-»-° s»»«. Margareth, Taglühneriu. d I deren Töchter, ! bei Randhofer. Steffl, Knecht. ! Thomai, Randhofer'» Bruder. Herr von Prihlwitz. Adalgise. seine Reuvermälte. Dalzl, Wirth. Schwartiager, vreißler- Du»l, WichSmacher. Liodner, Schullehrer. Schwamm. Bäcker. Kropf, Fleischhauer. Frau Schwamm. Frau Kropf. Schwiep». Gemeiadewirth. Eine alte Bettleriu. Ka?hi,' ! Kranzeljungfera. Die Handlung spielt in einem Dorfe der entfernteren Umgebungen der Residenz; der erste Act um zwri Zähre später al» da» Vorspiel, der zweite Act um eiu Zahr später al» der erste. (Recht» und link» ist von der Bühne au» angenommen.) 1 Vorspiel. Das Znnere eincs Bauernhofcs, link« daS Wohngcbäudc. rechts Stallungen und Schupfen, in der Nähe des Wohnhauses ein Tisch und eine Bank, in der Nähe der Stallungen rin Baum, an welchem eine Leiter lehnt und eine Bank steht. Nach rückwärts begrenzt den Hof ein Zaun. Im Hintergründe erblickt man eine freundliche Gebirgsgegend. Die Sonne tritt soeben hinter den Bergen hervor. Einige Minuten Stille. — Hahnenkrähen. — Die Musik schildert den aubrechendeu Morgen. Erste Scene. Mehrere Knechte und Mägde (kommen mit Rechen, Sensen, Sicheln, Krampen rc- theils aus den Stallungen, Schupfen. Heuboden rc. geschäftig hervor). Chor. Aus die Federn, aus'n Stroh, An die Arbeit flink und froh, G'schwind in'n Janker, g'schwind in's.Klad, 'S hat der Hahn schon dreimal kräht! Draht's Eng, daß'S bald aus'n Haus Kommt's in Feld und Weingart' n'aus! Frisch an d'Arbeit ohne Klag', S wird schon bald helllichter Tag! (Ab.) Zweite Scene. Rosl (allein, kommt mit einem Körbchen am Arme auS dem Wohngebäude). Wo i geh, wo i steh, ob i schlaf, ob i wach, immer und überall denk i an ihn! (Setzt sich aus die Bank unter dem Baume.) Wurd aber a amal a g'mackt'S und a glncklich's Weib, wann i 'n krieget! Ob i 'n aber krieg'n wia —? («leibt in nachden- kender Stellung fitzen.) Dritte Scene. Marie, dann Steffel, Vorige. Marie (kommt durch dir Zaunthüre mit einem! Bündel Gras aus dem Arme, trägt Handschuhe und ein ausgespanntes Parasol). An mir is a sebr noble Stadtdam' verlor'n, Ich fühl's, daß i bin zu was Häher'in ge- bor'n. (Legt Bündel und Parasol weg.) D'rum daß mit die Händ' i muß Gras- bünkl'n trag'n, Das gift mi, das gift mi, no, gar net zum sag'n! Steffl (kommt aus dem Stalle, in einem Fut- terfiebe Hafer reuternd). Daß so muß verkümmern mein Geist und Verstand Da unter die Hauer heraust ausm Land, Das kann Niemand glaub'n, wie mi daS gift'n thut! Ick beutl' den Hafern auS Zorn und aus Wuth! (Schüttelt heftig das Sieb.) Marie. Aber jetzt Hab' i'S gnua! Steffl. Aber jetzt Hab' i's gnua! Marie. O i waß, waS i thua! Steffl. O i waß, waS i thua! Marie. I nah an mein' Unterrock Faßreif unt' dran, Und ziach'n ganz fesch dann alSCrinolin an! Steffl. I nah an mein Spenser zwa Schößln hint' dran, Und ziach'n ganz fesch als an'Frack hernach an! Marie. So geh' i in d'Stadt 'nein, geputzt wie a Dam'! Bleib d'rinnat und geh' in mein Leb'n »immer Ham! 3 Steffl. Lo geh' i in d'Stadt wie der erste Geschmus, Kumm' nimmer mehr her, außer 's gibt wo an Suf! Mari e. Was? Steffl! Du a gehst hinein in die Stadt? Steffl. Ja, i geh a, weil i's Landleben Hab' satt! Marie. Der Steffl gebt a! Steffl. D'Mariandl geht a! Marie. Wir san unser Zwa! Steffl. Wir san unser Zwa! Beide. Wir werd'n umstolzir'n da drin mitanand', Verächtlich betrachtend 'S Völkl auf'n Land! (Zodlrr, während welchem beide Arm in Arm mit stolzer Geberd» auf» und abgehen.) Vierte Scene. Frau Margareth. Vorige. Margar. sauS dem Hause heraustretend). Ja, was ist denn das? waS g'schieht denn da? Steffl. Was da g'schieht? nir g'schieht! Margar. Za, das sich i, daß nir g'schieht, und 's gebet do so viel z'g'schegn! Aber statt an d'Arbcit z'geh'n, sitzt die da (jtigt auf RoSl), hat d'Händ' in da Schooß und schaut in'S Blaue. RoSl (aufstrhend). 3 Hab mi nur a bisserl ausg'rast. (Steigt auf die Leiter und pflückt vom Baume Zwetschken in den Korb.) Margar. (fortsahreud und aus Marie und Steffl zeigend) Und dir Zwa, die spazirenArm in Arm herum, als wcnn'S Braut und Bräutigam wären und g'rad zur bopula- tivn ganget'n. Steffl. Was net ist, kann noch werd'n! Margar. DaS wird nie werd'n! Steffl. 3a, wann's d'Frau Margareth besser maß, als mir Zwa— Margar. Glaub' schon a, daß das junge Ding gar schon an's Heiraten denkt. Steffl. Kunnt's d'Fran völli darath'n hab'n! Margar. So jung und schon an's Heirat« denk'n! Marie. 3a, soll i amal, wann i alt bin, d ran denk'n? Margar. 3etzt aber a net, jetzt bist no viel z'jung. Steffl. Dazu is ma nie z'jung. Steht schon in der Schrift: »Wachset und mebret euch.« Folgli soll man eigenli schon Heirat n, wann man noch im Wachsen ist. Na' anS'n Wachsen ist d'Mariel doch schon braust. Margar. 's Maul halten, kecker Ding! Und thua 's Zigarrl aus'n Maul! 3« Hos da, wann a Unglück g'schechet! Steffl. Ah, sie brennt net— is a gut'S Zigarrl. Margar. WaS sich i? 3 glaub' gar, Du hast do a mörschaumeneS Spitzl? Steffl. Allemal, weil ma's so tragt, Margar. 3n der Stadt wegen meiner, laß i ma so was g'fallen, aber auf'n Land hat ma allseinlebitag nur Pfeifenköpf, aber kane Eigarrnspitzl g'seg'n. (Marie be. trachtend.) Und was sich i denn da wieder? Du hast ja gar Handschuh an? Steffl. 3s das was Merkwürdig's? Soll s etwa an die Händ' Stiefeln an- hab'n? Margar. Beim Gras'n Handschuh'! hat das die Welt erlebt?! Marie. Na, damit i mir halt d'Händ' net so abbrenn'! Steffl. De hat ganz Recht. Von abbrennte Händ' bin i a kein Freund; ja, wegen meiner abbrennt« Griesknödl laß i mir g'fallen, aber abbrennte Händ' — pfui Teurl! « Margar. WaS liegt denn da? Du hast do net mit'« Parasol g'rast?! Steffl. Nein, g'rast bat's mit der Sichel. 1 * 4 Mar gar. (zu Steffl). I sag Dir jetzt zum letzten Mal, Du Stockfisch, halt dein Schnabel. Steffl. Lächerlich! als wann a Stockfisch ein'n Schnab'l hätt'! Mar gar. (zu Marie). Hast also richti beim Grastn 'S Parasol mitg'habt? Marie. Za — weg'n die Summer- sproffen. Margar. Untersteh' Dich, und thu mir das noch einmal. Steffl. Na freili — wegen da Muada wird'S nacher gugascheckct werden! Als wann Summersprosien gar so schon wär'n! Margar. Z sag Dir's jetzt zum letzten Mal, halt dein Maul und geh an d'Arbeit! Steffl. An d'Arbeit wegen meiner will t gehn (nimmt das Sieb und reutert wieder), aber 's Maul halten, des qibt's nit! Margar. (zu Marie). Du geh' hinein, und full d'Miliamper, die in d'Stadt nein- kommen, mit Wasser aus. Marie. Za, i geh' schon. (Ab ini.Haus.) Margar. Z werd' daweil auf d'Gans- wad (Weide) 'nausschau n. (Marie nachrusend ) Du thu d'Mili ordentli wassern; heut' gingen die zwei säubersten Dirn damit in d'Stadt 'nein, da hat's ka G'fahr! (Ab.) Steffl. Wann nur die Alte a Mili war, u mei! dö thät i wassern. Rost. So — mei Körberl ist voll. — (Steigt von der Leiter herab.) Fünfte Scene. Pritzlwitz, Adalgise, Steffl, RoSl. (Pritzlwitz und Adalgise zeigen sich hinter dem Zaune; Steffl erblickt fle zurrst. Pritzlwitz und Adalgise kommen durch die Zavnthür.) 'Rosl. Na, heunt merkt ma's wieder, daß d'Sunn warm scheint, in aller Kruh kommen'S schon wieder von der Stadt daher. Steffl. Za,'S wär ihnen besser, wann's vo schlafeten, denn die sein ja — Pritzlwitz (zu Adalgise). Ein neuvermäl- tes Paar wie wir, sag', Adalgise, kann et ein glücklicheres geben?! Adalg. (schwärmerisch). O mein Hanni- bal! Pritzlwitz (den Geruch mit der Nase anziehend). Adalgise! dieser idyllische Heugeruch! Adalg. (ebenso). Ach ja, dieser aroma- ische Duft! Er scheint von diesem Strauch thier zu kommen. DaS ist wahrscheinlich eine H eustaude? Steffl. Jetzt bin ich neugierig, wann die Zwa zu sich kommen werd'n! Pritzlwitz (zu Steffl). Ach, mein Bester, könnte man wohl ein Glas Milch haben? Steffl. Warum denn net? Aber das mussen's der dort sagen, de is's Kuhmensch. Z kümmcr mi nur um die Jodeln. Pritzlwitz. Was? Sie können jodeln? Z jodeln Sie doch! Steffl (bei Seite). Ah! is das a Ehine- ser! (Laut.) Der Zodl ist der Stier. Pritzlwitz. A, so! so! Steffl. Ah, ah! was habeu's uns denn da für a Paar außag'schickt! (Zu Rosl.) Geh', Rosl! bring zwa Glasl Mili außa. Rosl (zu Pritzlwitz). Also zwa Gläser Mili wollen's? Pritzlwitz. Nein, meine Liebe, nicht in Gläsern bringen Sie uns die Milch, son dern in Häferln, daS ist ländlicher. Wo möglich in ganz ordinären Häferln. Steffl (halblaut zu Rosl). Na, so bring' ihnen halt a paar von de mit die Scharten. Rosl. Mit Scharten? Daß sie sicb 'S Maul z'rreißcn. Steffl. DaS ist alleSeinS, dringst ihna was immer, die z'rrcißen sich jedenfalls 's Maul. Adalg. (zu Rosl). Ach, was hab'ir Sir da für schönes Obst im Korb? RoSl. DöS fan Pflüdern! Adalg. Pflüdern? Pritzlwitz. Verkaufen Sie uns diesen Korb voll. 8 No Sk. A bilei, dös thu i net, i aiuß's ja morgen in d'Stadt einitragen. Pritzlwitz. Ich geb' Ihnen zwei Gulden dafür. RoSl. Und wann'S mir zehn Gulden dafür geben, gib i Ihna's nit — ehe trag' i's um dreißig Kreuzer in d'Stadt —aber wann's a Mili woll en, die wir i Ihnen glei aus'n Stall bringen. (Ab in den Stall. NoSl hat inzwischen die Etallthi'ir geöffnet.) Pritzlwitz und Adalg. (stürzen beide zur Ctallthür). Ach, dieses Aroma! Pritzlwitz. Wie stärkend dieser göttliche Geruch wirkt! Adalg. Ach, diese ländlichen Genüsse! Heu! Stroh! Pritzlwitz (rinfallend). Ja, das ist'S, waS mir längst im Kopfe liegt! Adalg. O mein Hannibal! (Dill Pritzl. wih ln die Arme finken, in demselben Moment kommt au» dem Stalle eine Mistgabel zum Vorschein, mit welcher Ctallstroh hinauSgeworsrn wird, und fährt zwischen da» Paar hinein.) Pritzlwitz (schreit auf). O verdammt! Rosl (kommt au» der Stallthür zurück mit zwei großen Milchhäfen). So, da ist d'Milli. Adalg. Komm, Hannibal, setzen wir unS in den kühlen Schatten jener Linde. Steffl. DöS ist schon gar z'dumm — dö schaun unfern Pflndernbaum für a Lind'n an! (Ab.) sPritzlwitz und Adalgisr setzen sich aus die Bank unter dem Baume recht», Jede» ein Müchhäsen in der Hand und sprechen still mit eivauder.) Sechste Scene. Jacob, Vorige. Jacob (aus dem Hause kommend). Guten Morgen, Rosl. Rosl. A so viel, Herr Jacob. Jacob. Hör' mir einmal mit dem »Herrn Jacob* — aus, ich Hab' Dir'S schon oft g'sagt — RoSl. Schau, red'n wir einmal g'scheidt mit einander. Pritzlwitz. Kannst Du an meiner ewigen Liebe zweifeln, Adalgise? Adalg. Nie, mein Hannibal! (Leid« trinken.) Jacob (Pritzlwitz und Adalgisr erblickend). Da sein ja Leut', da können wir wieder net nngenirt red'n. Rosl. A i birt' die, die Zwo, dö g hören gar net recht zu die Leut', di« seufzen in anfort. Jacob. Na, deßwegen g'hören's schon zu die Leut', denn heut z'tag seufzt ja Alles. Rosl. Aber dö seufz'n auS lauter Lieb'. Jacob. Ah, dös is waS anders, das kennst du freili nit. RoSl. Geh', geh', hör' ma auf mit der Kopfhängerei! Da setzen ma unS aufs Bankerl und red'n ma ordeutli miteinander, aber kein so dumm's Zeug. (Setzen fich auf dir Bank vor dem Hause.) Pritzlwitz. Als wir unS daS zweite Mal sahen. Adalgise, ach! Adalg. Ach! (Beide trinken) Jacob. So oft i Dick g'fragt Hab', ob's Du mi gern hab'n könnst, Hab' i nie a be« stimmte Antwort kriegt. RoSl. Jetzt sollst Du's krieg'n. Pritzlwitz. Du schwiegst, aber aus deinen Augen las ich die beseligend sten Worte. Rosl. Wann'S aber net ganz nach dein Gusto ausfallt, mußD net Hab sein. Jacob. Red' nur, Rosl, so red' nur. RoSl. I Hab' Di gern', ja i kann Dir'S net läugnen, aber sag' mir'S ausrichti, kann denn bei einer Lieb' zwischen uns was berauSsckan'n? Jacob. Ja warum denn net? Adalg. Ist deine Liebe aber auch eine wahrhafte? Pritzlwitz. Meiner Sechs! Adalg. Ich vertraue deinem feierlichen Schwur! (Stoßen dir Milchhäfen wie beim Ne- sundheitstriuken zusammen ) Rvöl. Dein Vater is einer der reichsten Hauer in der Gegend, hat a paar hundert Eimer Wein in Keller lieg'n und Geld 6 gnna, dein Vater wird nacber mi, a arm's Mad'l, Dir zum Weib' geb'n? Pritzlwitz. Ewige Liebe und Treue! (Die oben.) RoSl. Lächerlich! Jacob. Er muß! Und bin i denn net Herr meiner selbst? Rosl. Das weiß i, Du bist majorenn, Du kannst thun, was d'willst. Dein Vater kann aber hernach a thun, was er will, kannst dein Sacherl hernach z'sammpack'n, und wann er amal stirbt, kriegst n'Pflicht- theil und sonst kein » Groschen. Jacob. Na, na, der Vater is gut, i kenn ihn besser als Du. Und wann er richti so halsstarri wär' und das thät, so wnrd'n wir uns, Gott sei Dank, so a no fortbringen. RoSl. Ah, das ist richti, aber wia? Du, der reiche Randhofer-Jacob, wirst vielleicht in'S Tagwerk geh'n. Ada lg. Ob ich Dir in eine Strohhntte gefolgt wäre, wie kannst Du daran zweifeln? RoSl. Red' do amal mit dein » Vätern, vielleicht — Jacob. Ja, RoSl, das werd' i thuan, und zwar heut no! skunnt sonst etwan so z'spat sein, denn, i waß net, der Vater mustert schon seit a paar Tag'n in sein'n alten Schrift'n herum, er macht allewal so a ernst'S G'sicht. Wer waß, was da her- auSkommt? Rosl. Etwan hat Dir der Vater schon in da G'ham a Braut b'stimmt und — Jacob. Geh', RoSl, i bitt' Di, mach' mir's Herz net schwer! Siebente Scene. Margareth, Steffl, Vorige. . Margar. (hnrmeilend). A Wag'n is in s Ort hereing'fahr'n! Steffl (Margareth folgend). A wunder- schön's Kaleß. Jacob. Ah, wahrscheinli d'Disit — Margar. (am Eingänge de-Zaunes in den Hintergrund blickend). Jetzt halt der Wag'n! Steffl (ebenso). A Herr steigt an- mit aner RaStasch'n! Margar. JekaS, der HerrFranz! Jacob. Mein Bruder! (Eilt in den H,n tergrund.) Margar. Ja, ja, cr ist's! Jacob. Franz! Achte Scene. Franz (kommt mit einer Reisetasche in der Hand in den Hof herein). Vorige. Jacob. Grüß Di Gott, Bruder! Franz (Jacob ans .Herz drückend). Grüß Dich Gott, Jacob! Guten Morgen allerseits — Pritzlwitz (drängt sich zwischen die beiden Brüder). WaS srh' ich, Herr Doctor, Sic hier? ^ Franz. O Herr von Pritzlwitz! guten Morgen! Wie kommen Sie hieher? Pritzlwitz. Ich befolge Ihren Ratb, Herr Doctor, und mache fleißig Landpar tien, genieße die frische, herrliche Luft und mache tüchtig Bewegung. Hier, Herr Doc tor — (auf Adalgise zeigend) habe ich die Ehre Ihnen meine Adalgise vorzustellen, mit de» ich seit vierzehn Tagen vermält bin. — Lieber Herr Doctor, es sollte mich unendlich freu'n, wenn Sic die Landpartie mit unS fortsetzen wollten, wir gehen nach Greifenstein. Sie werden wahrscheinlich hier auch bloß ein GlaS Milch trinken und dann — Franz. O nein — ich werde hier länger verweilen, denn dieß ist mein Geburtshaus. Pritzlwitz. Also haben Sie hier schon Milch getrunken? Aber Muttermilch! Hu! ha! göttlicher Witz! Franz. Sie erlauben schon, Herr von Pritzlwitz, daß ich auch ein paar Worte an »neinen Bruder richte. — (Zu Jacob.) Lieber Bruder, Du wirst wissen, daß mich der Vater zu einer wichtigen Unterredung daher- bcstellt hat! 7 Jacob. Kein Wort, er hat mir bloß von einer Visit aus Wean g'sagt, weiter nir. Franz. Gestern erhielt ich diesen Brief von ihm. i Gibt Jacob kincn Brief.) Jacob (den Brief überblickend). Ja, ja, 's ist richtig! — Wichtige Unterredung — der Vater is a hcunt in aller Fruah zum Bezirksamt g'sahr'n, er muß bald wieder z'rnckkommen. (Leise zu RoSl.) Rosl! Rosl! mir geht'S alleweil vor, als wann — (Z« Franz.) Na, komm, Bruada, gehma in die Stub'en eini. Du Rosl schau in d'Kuchel! (Leise zu ihr ) 3 komm' nachher glei a'nauö! Rosl (ab). Pritzlwitz. Komm, theurr Adalgise, setzen wir unsere Wanderung wieder fort. (3- Kranz.) Lieber Herr Doctor, es war uns ein unendliches Vergnügen — Steffl (für sich). Uns a! Pritzlwitz. Sie find glücklich, Sie genießen jetzt hier einer einfachen idyllischen Kost, wie gut würde dieselbe auch mir und meiner Adalgise anschlagen! Franz. Nun so geben Sie uns die Ehre auf Mittag — ich bin überzeugt, daß eS sowohl meinem Vater, als auch meinem Bruder Freude machen wird.' Jacob. Na natürli, gebenS uns nur die Ehre! Pritzlwitz. Sie erlauben also? Ach. das ist charmant! Adalgise, daS gibt wieder eine prächtige Skizze in dein Tagebuch. (Zu Jacob und Franz.) Also — adieu einstweilen — auf baldiges Wiedersehen! Knödel und Sclchfleisch, göttlich! (Ab mit Adalgise.) Jacob. Jetzt komm, Bruder, komm! (Mt Franz in'- Haus ab.) Neunte Scene. Margareth und Steffl. Steffl. WaS muß denn da heut' los sein in' HauS? Margar. Jedenfalls was Wichtig's, aber waS, daS waß i selber net. Wann nur der heutige Tag schon vorbei war', denn — laß' Dir saq'n, i Hab' vor a paar Ta g'n an Tram g'habt. Steffl. An Tram? Margar. Ja, mir hat tramt, es war in der Nacht um a zwölfe herum, der Mond hat hellicht g'scheint und i bin ganz allan no aufg'wesen und dräust auf'n Stan vor'n Haus g'seffen. Alles war tobten- still, d'Luft hat schauerli durch d'Bam zog'n und mi hat schon völli ang'fangt zum fröst'ln. Steffl. Da hält' i mi aber do in's Bett neing'legt! Margar. I bin ja so im Bett g'legen. Steffl. D'Frau hat aber g'rad g'sagt, sie ist ausin Stan vor'n Haus — Margar. Na, ja auf» Sjan vor n Haus bin i g'seffen, abrr — Steffl. Na setzt, für an Narren halten muaß mi d'Frau nct, das verbiet' i mir! Ma kann netz'gleich in Bett und z'gleich— Margar. 'S war ja a Tram! Steffl. Ah so, a Tram! Margar. Also daß i weiter derzähl'! Wie i so dasitz' und schau gegen d'Berg hin, kommt auf amal aus'n Thal a hohe G'stalt herauf, immer näher und näher. Wie er schon ganz nachet bei mir da war, ist er steh n blieb'n und hat mir langmächti in'S G'sicht g'schant und hat ang'hebt zum Red'n; das muß i sagen, recht freundli und artig. Mei' liebe schöne Frau, hat er g'sagt — Steffl. Liebe schöye Frau, hat er g'sagt? Hi! hi! Margar. 'S war ja ein Tram! Steffl. Ah so, a Tram! Margar. Also daß i weiter derzähl'! Mei' liebe schöne Frau, hat er g'sagt. net wahr, daS Haus da g'hört 'n Randhofer? Ja, hab'i d'rauf g'sagt, daS iS'« alten Randhofer sein Haus. Da d'rauf hat er g'sagt: In dem Haus da wird, eh' d'Sunn' dreimal untergeht, sich was Wicbtig's ereignen. Der Randhofer hat was im Willen, was er auch aussühren wird. Dös, was er vor hat, 8 kann schreckliche, traurige, kann aber a gute, schöne Folg'n hab'n. Steffl. Das muß ihm wer g'sagt hab'n! M argar. Ja, Hab' i jetzt ang'hebt, und dabei hat mir d'Angst völli d'Stimm' ver- schlag'n — was hat denn der alte Rand» Hofer in Will'n? Steffl. Na, und was hat denn der Lange da d'rauf g'sagt? Margar. Das braucht'S net z'wiffen, hat er g'sagt. Steffl. Hat er g'sagt? Margar. Aber hat er g'sagt, das sollt's no in der nämlichen Stund', als der Alte seine Absicht ausführt, erfahren, ob das, was er thuat, gute oder schlechte Folgen haben wisd; soll's unglückliche Folgen haben, wird in der nämlichen Stund' und an dem nämlichen Platz, wo der Rand- Hofer sein Vorhaben ausführt, a Zeichen g'fcheh'v, a Zeichen, was Alle, die z'geg'n san, g'wiß bemerken werden. Also gut aus- paßt, g'schieht a Zeichen, is 's a Unglücks- zcich'n! Seit dem Tram ist mir in anfurt so ängstli, so grausli zu Muth, daß i's gar net sag'n kann! Steffl (der inzwischen immer ernster wird). Also g'schicht a Zeichen — ist's a Um glückszeichen. Margar. So hat die G'stalt im Tram g'sagt, und Tram gch'n oft in Erfüllung. Steffl. Das iS wahr, das Hab' i selber schon amal erlebt — Na — (Nimmt sein Sieb) wir woll'n. hoffen, daß ka Zeichen g'schehen wird! (Ab in den Stall.) Margar. I was net, i was net, i Hab' a Ahnung, als wann — O Gott, wann nur der heutige Tag schon vorbei wär'! (Ab ins HauS.) Verwandlung. (Bauernstube bei Randhofer mit einer Mittel» und zwei Seitenthür, n. sehr freundlich und nett eingerichtet. In der Mitte ein großer Tisch mit Schreibzeug, um denselben herum mehrere Stühle, am oberen Ende ein grüngepolsterter altvaterischer > Schlafsessel. Zm Hinte rgrundt steht ein Schub- ladkasten, auf welchem mehrere Schalen und Gläser stehen, lieber demselben hängt ein großes Bild in einem massiven Rahmen, eine Frau in altmodischer Tracht vorstellend.) Zehnte Scene. Randhofer, Jacob, Franz. Ran dH. (mit seinen Söhnen aus der Thür links kommend). Also kommt's, Kinder! setzt's Eng da a bissel her zu mir, und hört's, was i mit Eng vorhab'. (Setzt sich in den Schlafsessel. Kranz und Jacob setzen sich zu beiden Seiten neben ihn.) Kinder, mein Kopf wird alle Tag grauer, meine Kräfte werden allc Tag schwächer, 's kann bald das Stände! schlag'«, das mich abrust von mein' Tagwerk. Franz. Vater, denken Sie doch daran nicht, Sie find noch rüstig, gesund und hei» rer, gewiß, der Himmel wird Sie unS noch lange, reckt lange erhalten! Randh. Ob das der Wille des Allmächtigen ist, das weiß ich nicht, und eben deßweg'n möchte ich bei Zeiten schon Alles auf der Welt, was ich z'ordnen Hab', in d'Ordnung bringen. Eilfte Scene. Vorige. Steffl. Steffl. Herr Randhofer! Randh. Was gibt's? Steffl. A Herr und a Frau »S draußen, die — Randh. Ich Hab' Dir g'sagt, wann wer kommt, sollst sag'n, ich bin nicht ;n Haus! Steffl. Das Hab' i so g'sagt, aber sic lassen sie nit abwehren! Randh. Wer kann denn das sein? Steffl. Sie waren heunt schon amal da. Franz. Lieber Vater, ich habe bei »nei- 9 ner Ankunft hier einen Bekannten auS der Stadt, einen gewissen Herrn von Pritzlwih sammt Gattin, zufällig getroffen und — Steffl. Soll i's, wann's net gutwilli geh'n, über'n Zaun 'nausschupfen- Ran dH. Na, warum net gar! (Aussprin. gmd.) Bekannte von mein Sühn! (Dierhür -ffnead.) 3 bitt', spazir'nS herein und ver« zeih'nS — Zwölfte Scene. Vorige, Pritzlwitz, Adalgise. Pritzlwitz und Ada lg. (zugleich). Ah, wir stören vielleicht. Pritzlw. Aber ich dachte, Sie geh'n vielleicht schon zeitlich zu Tisch. Steffl (bei Scit.) Herrgott! ist denn in Wean d' Hungersnvth ausbrochen? Die können'S ja gar net derwarten! Ran dH. Heunt essen wir a wengerl später, wiffen's, weil i früher mit meine Sühn da no was zu besprechen Hab'. Aber in einer halben Stund' längstens wird d' Supp'n auftrag'n werden. Pritzlwitz. WaS bekommen wir für eine Suppe- Rand h. Krammelknödl. Pritzlwitz. Arammelknödel! Ada lg. Ah, das ist superb! Pritzlwitz. Recht schwarze Knödl! Steffl. 'S ist niederträchti! wie ma an Tag a bißl was Besser'S z'effen hätt', muß der Teurl immer Gäst' daherbringen! Randh. Bitt',nehmen'S Platz! Vielleicht mteresstrt'S Ihnen, a kleine Familienangelegenheit mit anz'hören. — Pritzlwitz. Ach ja! Adalgise, wenn wir einmal so glücklich sein werden, eine Familie zu besitzen! Steffl. Na, mit der Zeit wird'S schon werden. Pritzlwitz (hastig zu Steffl). Glauben Sie?! Randh. (zu Pritzlwitz). Sie erlaub'n also — wir hab'n, wie gesagt, a kleine Angelegenheit miteinander zu besprechen. Pritzlwitz. Bitte sich nicht stören zu lassen, (tzr und Adalgise setzen sich.) Randb. Wie g'sagt, Kinder, i bin in dem Alter, wo man schon an'S letzte Stünd'l denken kann, und möcht' mi schon gern, was ma so sagt, in d' Ruah setzen und daher Alles so einrichten, daß OeS amal nit erst >auf mein Tod z'warten brauchr's, um — Franz. Aber Vater — Jacob. Was fallt Ihnen ein — Randh. Na na, i will damit nit sag'n, daß Oes in Stand wär't's zu wünschen, daß i bald sterben soll — denn i Hab' Eng ja immer für dankbare Kinder g'halt'n, aber cs wird Eng do g'wiß desto lieber sein, je früher als Oes in den Stand gesetzt werd's,engern eigenen Haushalt einricht'n, a eigene Familie bilden z'könuen. I möcht' net, Franz, daß du etwan bald nach einer Frau snch'n mußt, die di nur Heirat, damit - Frau Doctorin wird, und der Du nur deine Hand wegen Ueberflnß an Patientenman- gel reich'st, wie's in der Stadt öfter Vorkommen soll — auch möckt' i net, daß Du, Jacob, damit'st a selbstständiger Hauer wnrd'st, etwa a alte Bisgurn heirat'st, bloß weil's a Häus l hat, was wieder ausn Land öfter Vorkommen soll — na, i will, daß Oes ohne all' dem bald engere eigenen, selbstständigen Herrn mit engerm eigenen Vermögen werden sollt's, und d'rum Hab' i die Schrift da auffetzen lassn, wo Alles auseinanderg'setzt ist, was meing'hört, wie'S liegt und steht, meine ganze Wirthschaft und mein ganz's erspart's Gerstel. Ada lg. Gerstel - Pritzlwitz. Das ist Graupe. Adalg. Also wird in dieser Gegend auch Graupe gebaut- Sreffl (zu Adalgise). Ja, in "arten- g'schirr. Randh. (auf eine Schrift zeigend). Inder Schrift steht, was jeder von Eng kriegt. Du 10 Jacob, übernimmst vom heutigen Tag' an die ganze Wirtschaft als dein Eigenthum. Jacob. Was? Voda! Ran dH. Du, Franz, kriegst mei ganz's erspart's Geld — Franz. Aber Vater! Randh. Laß' mi ausred'n! (Fortfahrend.) Mein ganz erspart's Geld, d'Staatspapier und d' Sparcaffebücheln. was g'rad so viel auSmacht, als d' Wirthschaft laut g'richt- licher Schätzung werth ist. Franz. Vater — Randh. Laß' mi ausred'n. Ferner Hab i'd'rauf denkt, daß das in'S HauS hereinkommt, was im Haus fehlt, und für a jede Wirthschaft g'hört, — sehr nothwcndig ist. wann's ordentli vorwärtsgeh'n soll, nämli an ordentliche Hausfrau, also, Jacob, a Weib für Dich. Jacob (in höchster Angst). Voda — Randh. Laß mi auSred'n. I Hab' also nachdenkt, was denn im Ort für Eine war', die für die passet, die — Jacob. Voda — Randh. Laß' mi ausred'n. (Fortfabrend.) Die für di vaffet, die in unsere Wirthschaft taugt, und die i Dir zum Weib bestimmen möcht'. Jacob. Voda! für mi paßt nur Aue und dö — Randh. Laß'mi ausreden. I Hab' nachdenkt, Hab' g'sucht und hab'richtig Ane g'funden, die wirst Du Heirat'« uud — Jacob. Na, Voda, das wcrd' i net thun, i — Randh. Laß mi ansreden! — Die wirst Du in drei Wochen, sag' ich Dir, oldem Weib z'Haus führen. Pritzlwitz (aufstehend und sich zu Randho- fcr hinncigend). Aber, mein Theuerster! Randh. Laß miausreden, dumma Bua — ah — Sie verzeih'« — i Hab' jetzt glaubt, mei Sühn — Pritzlwitz. Ah, daS thut nichts. l Steffl, 's hat auf den a paßt. Randh. (zu Jacob). Wie g'sagt, Du heiratest die, die ich Dir bestimmt Hab'. Kan Mur net! Mei Will'n muß g'scheg'u, weil i immer, wann i was will, nur enger Bestes will! Also wart Du — i werd' Du glei dein'Braut vorstellen!(Durch die Mitte ab ) Jacob (beinahe weinend ). O mein Gott; 0 mein Gott! jetzt werd' i gezwungen! Pritzlwitz. Ach, Adalgise, wie glücklich sind wir. wir wurden nicht gezwungen! Adalg. Wir wählten frei — und glücklich! Ach, Hannibal! Steffl. DöZwei hätten die Taub'n nit schöner z'sammtragen können. Dreizehnte Scene. Randhofer, Margareth, Rosl, Marir und Vorige. Randh. (Rosel an der Hand führend, zu Jacob). Da stelle ich Dir dein' Braut vor. Jacob (in höchster Freude). Was? siech 1 recht? Voda! Rosl (eben so). Wär's mögli — i—?! Margar. (erstaunt). Mei RoSl 'n Jacob — ? Herr Randhofer — ös wollt's wirkli — oder macht's eppa mit unsrer Ar- muth an G'spaß und — Randh. Da iS von kan Spaß d'Red! 's iS mei vollster Ernst. I Hab' längst g'merkt, daß mein'n Buam d'RoSl ins Herz g'wachscn iS, und daß sic ihm ebenfalls guat is — folgli sollcn's a Mann und Weib werd'n. Margar. Also wirkli —? Jacob (freudig Randhofer die Hand drückend) Voda! Rosl (eben so). Herr Randhofer! Pritzlwitz. O glückliches Paar! Adalg. Ach, wie sehr sie sich einander lieben mögen! Pritzlwitz. Und wie stark uud kräftig beide sind! Ach, Adalgise, vielleicht die Krammelknöd'l —! II Ran dH. (RoSls Hand erfassend). Rosel, ich hoff', Du wirst, so wie Du bisher a ordcntlichs, fleißigs Mad'l warst, auch a brav's, ordentlich's Weib werden, wirst aufd'Wirthschaft, die i beut' mit der Schrift da '«Jacob übergeben Hab', ordentli schau'n und trachten, die zu ersetze«, die seit zwei Jahren im Haus da fehlt, als 's dem Himmel» g'fallen hat, mei brav's, gut's Weib von meiner Seite abz'rufeu. — Schau öfters hin auf das Bild dort, erinner' Dich öfters an sie und folg ihr'm Beispiel. Sie war a brave, sorgsame, arbeitsame Hausfrau, ihr'm Mann ein treues, ergebenes Weib, ihr'n Kindern a guate, sorgsame Mutter und ihr'n Eltern a liebvolles, dankbares Kind — Gott laß' sie sanft und selig ruhen! Also, Rosl, erinner' Di öfter an sie, folg' ihrem Beispiel und Du wirst mein Sühn glücklich mach'n und des Himmels Segen wird irr euer Haus einkehren. — Da — rcicht'S Eng anander d'Händ,' in drei Wochen geht's zum Altar! Jacob (Rosl umarmend). Rosl! Rosl. Jacob! Ran dH. Mög' der Allmächtige seine segnende Hand nie von Euch abwenden! So lang' er mich am Leben laßt, will ich Eng mit Rath und That nach Kräften an die Hand geh'n und öS werd's dafür sorg'n, daß in mein' Ausnahmstüb'l die Ruah meiner letzten Tag' durch nichts g'stört wird! Jacob. Ja, Voda, das wollen wir! Rosl. Jeden Wunsch woll'n wir Ihnen von die Aug'n ablauschen Kranz. Gewiß, Vater. Für so viele Güte, die Sie uns bewiesen, werden wir uns ewig dankbar bezeigen. Margar. Herr Randhofer, wie können wir Ihnen je vergelten — für das viele Gute — Randh. Mein größter Lohn wird sein, Eng' Alle recht' glücklich z'seg'n, und wann mich amal der Allmächtige abruft, mit den bernhigeuden Gedanken aus der Welt geh'n z'können, daß Ihr Alle versorgt, glücklich und zufrieden seid's. (Das Bild im Hintergründe fällt Plötzlich mit großem Geräusch aus die am Kasten stehenden Schalen und Gläser herab ) Alle (sich erschrocken umwendend). Was war das? (tzilen in den Hintergrund.) Margar. (im Vordergrund auf einen Stuhl hinfinkend, mit zitternder Stimme). Heiliger Gott! 's Unglückszcichen! (Schlußgruppe — Musik) (Der Vorhang fällt.) (Ende des Vorspieles.) Erster Art. (Kurzes Zimmer im Hause Jacobs mit Mittel- thnr und Seitenthüren. Links ein Tischchen mit einem Spiegel, rechts ein Tisch mit Schreibzeug.) Erste Scene. Marie (festlich geschmückt sitzt vor'm Spiegel) Rosl (ist ihr behilflich bei Beendigung der Toi lette). Margarcth (steht in Marien« Nähe, selbe wohlgefällig.betrachtend). Jacob (fitzt beim Tisch rechts und schreibt). Marie. I bitt' di, thua mir nur recht Bleamcln in d'Haar. Rosl. Hast ja so schon ein'n ganzen Kräutlerstand ob'n. Marie. So tragt ma's jetzt. Marg. D'Bleamcln stcngen ihr reckt guat zum G'sicht. Rosl. Ja, aber's G'sicht steht net guat zu die Bleameln. Marie. Was verstehst denn Du Land- Individuum. Rosl (hat inzwischen noch Blumen in Mariens Haare gegeben). Sein s jetzt gnua? Marie. Na — könnt wohl no — Rosl. Meinst, könnt' noch um a fünf Gulden Zuspeis oben sein? Marie. Zuspeis — Tu bist do eine wahre Landpomeranzen. — Gib'n Schleier her. rr RoSl. Laßt Dir's also net auSred'n? Nimmst richti ein'n Schleier? Marie. Hast schon einmal in der Stadt a Braut ohne Schleier g'seh'n? RoSl. Ja in der Stadt, aber auf'n Land — Marie. I Heirat' in d'Stadt 'nein, folgli — Rosl. Na ja, aber — Marie. Was aber? I Heirat' einen Handelsmann in der Stadt, denn mein Steffl erricht't eine Greißlern in Wien. Rosl. Deßwegen kannst aber do ohne Schleier — Marie. Geht net, der Steffl hat sich von unser,,, Ortsschneider ein'n schwarzen Frack mach'n lass'n, folglich — Rosl. Der wird schön sein, der alte Prodler hat sein Leben nir g'macht als Janker. Marie. Macht nir, a Frack ist's do, und neben einem Bräutigam in Frack kann d' Braut net ohne Schleier geh',,. Also her damit! Rosl. Na, weg'n meiner, wann's Di willst auslachen lassen. Marie. Was liegt d'ran, wenn so ein paar Dorstrotteln lachen? Marg. Soll si Ane untersteh'« und soll lachen! Rosl. Wie i vor zwei Jahren mit'n Jacob zum Altar gangen bin, i Hab' kein Schleier trag'n, gelt' Jacob ? Jacob. Laßt's mi geh n mit Engerer dummen Kanscherei! Secht's, daß i au Brief schreib' und könnt's Engere Mäuler nethalten'.Zwamal Hab' i'nschon ang'fangt, und immer Hab' i wieder, was i g'schrieb'n Hab', z'reißen müssen, und iatzt sich i's grad, Höllsakra no amal, 'n dritten Hab' i a verpatzt! Da san ma mit Engern dummen Plaudern Sack'n einig'rntscht, die gar net einig'hörn I Hab 'nWalzl, 'n Wirth »beim Stiglitz in Wean-, schreib',, woll'n; gestern war schon der Termin, so Hab' i schrcib'n woll'n, schicken's mir längstens bis übermorgen d'Faß und 'S Geld, sonst gib i mein Wein ein'n andern Wirth! Aber statt dem sich i g'rad', daß i g'schrieb'n Hab': Gestern war der Kräutlerstand, sckicken'S längstens bis übermorgen d'Bleameln und um fünf Gulden a ZnspeiS, sonst gib i 'n schwarzen Frack ein'n andern Dorftrottel — .Kreuzkruzitürken izrrrrißt dm Lrikf) jetzt kann i'n zum vierten Mal schreiben! Margar. DaS muß heut' schon so a Tag sein, mir geht a Alles conträr —wann das nur nit Unglück bedeut't. Marie. Hör' do schon amal d'Muada auf mit Jhr'm ewigen Unglück fürchten. — Margar. Na, na, mei Tram vor zwa Jahren is in Erfüllung gangen, 'S Zeichen j iS richti g'scheg'n. Rosl. Ja aber von die schlcchtcnFvlgen, dies prophezeien hätt' sollen, haben wir no immer nir gemerkt. Margar. Nur still, net freveln, 'S kann no komm«. Rosl. I glaub', der Alte hat bisher kein',, Grund daS z'bereuen, waS er than hat; kann den ganzen lieb'n Tag in sein Stübl sitzen, kriegt sein Eff'n und Trink'n, braucht si net z'plag'n, net z'svrg'n. — Uns geht's lang net so guat, mir müaß'n arbeiten fruah und spat, müs sen uns kümmern und sorg'n, daß ma d'Wirtschaft in d'Höh' bringen, denn wie ma's übernommen hab'n, war freili Alles in Ordnung, Vieh und Grundstück in best'n Stand, aber ka baares Geld war im Haus, denn das hat ja der Alte sein' andern Sühn 'nauszahlt, dem sei Gstudi ohnedem gnua kost hat, und dem eigentlich nach meiner Ansicht nir g'hört hätt'. Aber der Alte sieht das immer no nit ein, und laßt ma a Wörtl dann und wann fall'n, so schneid't er glei G'sichter und is unbändl z'wider. Ueberhauptsoa Schwiegervater im Haus— Marie, Du kannst froh sein, daß d' so a Last „er ins Haus kriegst. Marie. That mi bedanken für so a Zuwag'. Margar. Kinder! Kinder! redt's net a so, und bedcnkt's — 13 Rosl. I versteh', was d'Muada wieder sagen will! Marie. D'Muada tritt immer geg'n Ihre eigenen Kinder auf und gibt dem Alten Recht. Zweite Scene. Vorige. Steffl. Steffl (hat eineu schwarzen altmodischen Krack mit langen Sckößen, weiße Handschuhe mit laugen Fingern und bnntfärbige Weste an). Da bin i! Jacob. Ui, wie schaut denn der aus? Steffl. Was, Mariel, bab' i mi herausputzt? Rosl. Ha, ha, was is denn das für a Spitaljanker? Steffl. Spitaljanker? Marie. Laß's red'n, waS versteht denn die, was nobl iS. Steffl. Ist die neueste französische Mod'. Jacob. Wie ma nur so was anziag'n kann! Steffl. Ich bin a echter Deutscher, folglich trag' i mi französisch. Jacob. Na hörst, waS Du für Muck'n ball — Mar gar. (die Schösset de- Frack- betrachtend) Für was denn nur die zwa Flackl'n da abihäugen? Stcfsl. Tie sein sehr zweckmäßig und drßweg'n d'ran, damit, wann a Stutzer wo mit der Zech abfahren will, der Kellner den Abfahrenden leichter dawischen kann. Jacob. So 'S Geld 'nauswerfen! Wär' g'scheidter, wannst an andere Sachen als an so Dummheiten denken thatst, wannst sch» bei Zeiten statt zum Verschwend'» zum Spar'n anfaugen thatst. Maric, Da- werd'n ma schon thuan. Steffl. Das werd'n ma halt ja thuan, wann auch net auf so filzige Art als wie OeS. Uebrigens hat mir Niemand ein Kreuzer Geld geb'n, denn was i Hab', Hab' ich durch mich selber, durch meine Kenut- niffe, durch meinen Geist erworb'n, denn i hab's g'erbt. Don mir stammt's Vermögen her, ich Hab' mit mein'n Geld die Greiß- lerci am Sptttlberg abg'löst und mit mein Geld halt i a d'Hochzeit da bei Eng aus. Jacob. Hätt' i etwan soll'n um mein Geld — -Steffl. Na, wann i eh sag', i halt'S aus! Jacob. G'hört's si a! Margar. Sag', Steffl, wirst Di denn a in dei neu's G'schäft 'ncinfinden? Steffl. Als wann das gar a so a Hexerei war . Vor All'n muß a Greißler mit die Tienstbot'n ordentli umgeh'n können, mit ihnen d'Herrschaften ordentli auS- rickt'n, hernach, was a Hauptfach'iS, mit'n G'wicht muß sie a Greißler auskenuen, er muß nie viel G'wicht aufS G'wicht legen, zum Einwickl'n a hübsch a dick's Papier nehmen, und 's Sckmalz oder was er g'rad wägt, recht auf d'Wag Hinschleudern, 's gibt aber no a Menge andere Dortheil', z.B. 's Holz soschlicht'n, daß sieben Scheiteln d'Butten voll mach'n, in'Essig recht Wasser eiuischütt'n, unter d'heurig'n Nuß d'vor- jährig'n d runter mischen, in Butter a schweinernes Schmalz einiknet'n u. s. w. D'armen Leut müsien's nehmen, dürf'n net mur'n, sonst wirh ihnen nit mehr aus- g'schrieb'n mit der doppelten Kreiden. DaS hat mir schon Alles mei Vorgänger g'lernt. Jacob. 'S gibt aber viel Greißler in Wcan! Steffl. Ja, daS is wahr, denn wann kaum noch a HauS fertig iS, sitzt schon a Greißler d rin, na, und iatzt wird in Wean alle Augenblick a HauS fertig. Jacob. So? Steffl. Ja ganz fertig. 14 Dritte Scene. Vorige. Ran dH vier (aus der Thür links). Randh. Kinder, i wart' in anfort auf inei' Suppen. Jacob. Hat's da Voda no net? Margar. O sapperlot! da hab'n wir ganz vergcß'n — i werd's glei' hol'n. (Ab durch die Mitte.) Rosl (Marie den Schleier anheftend) Heut', wo ma alle Hand' voll Arbeit hat — da Voda könnt wohl' a so g'schcidt sein, und bedenk'n, daß ma beut' a Hochzeit im Haus hab'n. Jacob. Ja wohl, Voda! Randh. Is wahr, i Hab' da d'rauf net glei' denkt — No, in mein'm Alter wird ma halt dann und wann schon a bisserl zerstreut, hat d'Gedanken net immer ganz bei einander— übrigens so viel Zeit g'hört ja g'rad net dazu, a Schalerl Supp'n — Rosl. Das versteht der Voda net! Ueberhaupt mit der Supp'n — Randh. Werd's ma do dö net a no abbringen woll'n? Schaut's, i verlanget's g'wiß net, aber mein Magen wird halt schon a wengerl schwach, und von einer Mahlzeit zur andern will er mir nimmer recht aushalt'n. Rosl. Da könnt aber da Voda a was anders — Randh. Hab' ja früher um die Zeit so was anders g'nommen, namli a Glaserl Wein, aber da habt's Oes mir vorg'stcllt, daß das z'hoch kommt—^ Rosl. Das Hab' i net g'sagt, aber — Randh. Aber 's is so hcrauskommen. Na, OeS seid's junge Anfänger, wollt's spar'n, is recht, Verzicht ja gern auf das Tröpferl Wein, obwohl i's durch zwanzig Jahr g'wöhnt war! Aber mei' Supp'n, Kinder, dö müßt's ma lassen, wann's uet wollt's, daß i krank wia. Margar. (kommt mit der Suppe zurück). So — da is d'Supp'n. Soll i's vielleicht in Enger Stübl aufitrag'n? j Randh. Na — na — bin ja so den ganzen lieben Tag ob'n allein, allein mit ' mir selber, mit meinen Gedanken, Erinne- jrnngen und — gclt's, Kinder, erlaubt's schon, daß i mi a wengerl daher mach ? Wann i Eng aber etwan im Weg bin — Rosl. Na, heut' g'rad, wo — Jacob (schnell RoSl in die Rede fallend). Aber Voda, waS is döS für a Red', wie könnt's uns im Weg sein? (Nimmt Marga- reth die Schale weg und stellt sie auf den Tisch rechts.) Da, Voda! Randh. I wert)' glei' ferti sein, hernach geh' i schon wieder in mei' Kammerl 'nauf. (Ißt.) Nh! das thut ein'n alten Mag'n wohl! Rosl. Glaub's, daß's heut' guat is, aber alle Tag is halt net Hochzeit. Vierte Scene. Vorige. W a l z l. Walzl. (altmodisch nach allen Seiten grüßend). Diener allerseits, Diener! Heute Hockzeit, wie ich bereits vernommen hab'?Gra- tulir', wünsch', daß Sie — möckt' mi gern näher ausdrücken, aber — Steffl. Dank' schön — Walzl. Möcht' auch gern heirat'n, aber bei mir ist halt ein Hinderniß. Steffl. A Hinderniß? Walzl. Ja, denn i Hab' schon a Weib — a Weib — na i möcht' mich gern näher ausdrücken — aber — Randh. WaS bringen's uns denn, Herr Walzl? Jacob. I will hoffen, 's Geld für die Ladung Wein? I Hab' g'rad an Brief fortschicken woll'n — Walzl (zu Randhofer). Leider itt'S mir dasmal net mögli — bei die jetzigen Zeiten — ich möckt' mi gern näher ausdrücken, aber — Jacob. Mit einem Wort, Sie halten Jhnern Zahlungstag net? 17 , Stefsl. Wann wird amal für dieWirth »er zahlende Tag kommen? Walzl. Z sag' Ihnen, 's schaut jetzt nrgends was heraus, betrachtend amal ,ie größt « G'schäfte in der Stadt, be- rachten's amal die Handlungen am Gra- >en und Kohlmarkt, das Einzige, was >ei die G'schäft herausschaut, sein an die 8'wölbfenster die Commis. Steffl. Die 'n ganzen Tag nir feil ha- »en, als Maulaff'n! Jacob. Mir kommen aber da ganz von mserm G'schäft ab. — Was ift's also, Herr Walzl, mit'm Zahl'n? Walzl (zu Randhofer). Ich möcht' Ihlen recht schön bitten, daß's mir a paar Voch'n noch zuwart'n. Schaun's, wir sein a schon alte Bekannte, Sie haben schon »sters mit mir Nachsicht g'habt, und dann, »er Credit ist ja heutzutag — ich möcht' nich gern naher auSdrücken, aber — Ran dH. Zu waS denn die Umständ', »er wird denn so ein'm alten Freund net Kredit schenk'«! Jacob. Was, Voda? Randh. (zu Jacob). Na, i hoff' Du virst — Jacob. I wir mei' Geld verlang'n auf »Minuten — oder — Randh. Also keine Rücksicht nehmen ms ein alt'n Freund von dein'm Vodern! Jacob. Wo sich's um Geld handelt, mn' i keine Rücksicht'«. Walzl (zu Randhofer). Also darf ick, nicht ^off'n? Randh. Mein lieber Freund, mir is eid, das geht mi nir mehr an, wie mi rberhaupt im Haus nir mehr angeht, da nüffen's Ihnen schon an mein'n Sühn vend'n und der — der — Steffl (bei Seite). Jetzt können's ihnen ille Zwa net näher auSdrücken! Walzl. Also, Herr Jacob, ick bitt' — Jac ob. Da ist nichts z bitten, 's Geld nimm i a, ohne daß S' mi erst bitt'n. Walzl. Ich kann beut' nicht zabl'n — »n vierzehn Tagen aber, da— Jacob. Gut, wann Sie erst in vierzehn Tag « zahl'n woll'n, stell'ns mir halt ein'n Wechsel auS. Walzl. Ein'n Wechsel — ick will mich nicht näher auSdrücken, aber — Jacob. Hundert Guld'n macht's ans, sckreiben's also hundenunddreißig Guld'n und ich wart' noch vierzehn Tag. Walzl. Was, hundertunddreißig! Randh. Jacob! Was hör' ich da! Solche wucherische Interessen willst Du verlangen, von einem alten Bekannten nock dazu?! Wär's a wildfremder Mensch, i könnt' so an Sündenhandel net mit an- schan'n, um wie viel weniger zwisch'n ein'm alten Freund und mein' leiblichen Sühn! Jacob. Voder, mischen's Ihnen net in meine G'schäft'«! Randh. G'schäft? WaS doch hentz'tag Alles mit dem Namen »G'schäft* bezeichnet wird! Wann das a G'schäft iS, da ist Straßenrand hernach auch a G'schäft, denn wahrhaftig, dieNoth eines Andern auf solche Art sich z'nntz'n machen, ist schlechter als Straßenraub! Jacob. Voda — Randh. Schau, Jacob, daß Du tracht'st dein Vermög'n zu vermehr'», das ist mir recht, das freut mi, is mir natürlich lieber, als wann Du's vergeud'n that'st; daß Du sparst in der Haushaltung, da d'rüber wirst mich nie klag'« hör'n, selbst wann i unter der Sparsamkeit leiden muß; ich Hab' mich selber von Dir abhängig g'macht, laß mir auch Alles g'fall'n und will gern A lles geduldig ertrag'«, in so lang nur ich allein leid', aber solches Unrecht gegen Andere kann ich nicht ruhig mit anschau'n! Solche Interessen zu begehr'n! dreißig Guld'n für hundert Gnld'n auf vierzehn Tag! Jacob! Jacob! so was bringt selten ein'n Segen! Steffl. So Ung'segnete geh'« in der Stadt gnua herum! Walzl. Herr Jacob, lassen'- was nach von die dreißig und — Jacob. Nicht ein'n Kreuzer! Wann's aber net woll'n, auch recht — 16 Walzl (für sich). Ich brauch' dringend den Wein, was will ich mach'n — Jacob. Ich will Ihnen net zwingen — Ran dH. Aber benutz'n willst den Umstand, daß meinen Freund die Verhältnisse zwingen, deine herzlosen Bedingungen ein- z'gehen! Walzl (zu Randhofer). Lass'ns 'n gehen — ich will mich nicht näher ausdrücken, aber — (Zu Jacob.) Also morg'n bring' ich den Wechsel. Jacob. Ganz nach Ihnern Belieben. Walzl. Diener allerseits l Diener! (Randhofer die Hand drückend.) Herr Randhofer — Randh. B'hüat Gott, Herr Walzl, mir lst recht lad, daß — Walzl. Thun's Ihnen nicht näher aus- drück'n — ich weiß, was Sie sag'n woll'n. Diener allerseits! (Ab.) Randh. (zu Jacob vorwurfsvoll). Jacob! Jacob (setzt sich nachdenkend wieder an den Tisch). Steffl (zu Marie). Na, bist amal fertig? Marie. Ja, jetzt bin ich fertig. Steffl. Zeit ist's! Marie. Na, wie g'fall' i Dir denn? Steffl. Unbändi! Margar. Glaub'S halt a! Steffl. Der Schleier macht sich sehr gut, da werd' ich mir nach der Hochzeit d'raus Pfcifenfleck'ln schneid'n. Jacob (zur Thür gehend). Ah, da kommen schon die Beiständ'! Fünfte Scene. Peppi, Kathi, Schwamm, Kropf, Krau Schwamm, FrauKropf, Vorige. RoSl. Und die Kranzeljungfernl Kropf. Da sein ma! Schwamm. Schamster Diener allerseits! Steffl (Frau Kropf und Frau Schwamm die Hand küssend). Küß die Hand, Frau Bei- ständin! Frau Kropf (zu Steffl). Hab'ns dir zwa Schunk'n, dieJhna mei Mann g'schickt hat, richtig erhalten? Steffl. Erhalt'n, g'sott'n und aufge- schnitt'n, hab's selber aufg'schnitt'n; o, mit'n Aufschneid'n kann ich umgeh'n! Frau Schwamm. Sag'ns mir, — hab's net amal g'segn, wie s mei Mann fortg'schickt hat, — wie sein's denn aus- g'fall'n die zwa Labl'n Milibrot, die ma Jhna präsentirt hab'n? Steffl. Ausgezeichnet schön! O,Ihnen Mililaberln sein ja in der ganz'n Gegend berühmt. Schwamm. Ja wohl, mein Brot wird weit und breit g'lobt! Kropf. Wann'S möglich iS! Schwamm. Aber jetzt haben wir von was andern z'reden, net vom Bacht, meine lieb'n Brautleut'! Laßt's jetzt a g'scheidt's Wort mit Eng reden. Kropf. Wann's möglich is! Schwamm. Ich steh' in diesem Augen blick da als Beistand. Kropf. Na, und als was steh' denn ida? Schwamm. Als Beistand der Braut. Schwamm. Bevor wir mit einander in d' Kirch'n geh'«, erlaubt's mir, daß ich früher noch eine kleine Lehre Euch halt. Kinder! Ihr tretet heute in einen neuen Stand, Ihr übernehmt heute neue Pflicht'» Seid immer aufrichtig gegen einander — Kropf. Wann's möglich is! Schwamm. Ihr habt gewählt, Ihr seid nicht ledig mebr, Wenzelt also nicht mit Andern scher, Seid immer thätig, flink und munter, Und zieht Euch willig jeder Arbeit unter, Drescht nie Zungen, drescht nie Maul; Seid nicht träge und lenzt nicht faul; Kommt ein Anderer von Federn auf's Stroh, Locket nie über sein Unglück froh, Laßt Euch nicht täuschen durch Heuchler- stützen, Buckelt aber auch selber niemals Katzen; 17 Streben Feinde Euch zu machen eine Schand, Erwiedert nicht, sie marken selbst sich Brand. Da- Euch Vertraute sagt nicht weiter flugs, Schwätzt nicht auS der Schul' und schwänzt nicht Fuchs. Gebt einander nach und zeigt nie Trotz, Streitet nicht und maulet niemals protz; Auch bedenkt, daß die entflohene Stund' nie kehrt retour, Raßet daher mit der kostbaren Zeit nicht ur. Befolget pünktlich diese Lehren all', Ihr fahret glücklich daun durch's Leben wall. Steffl. Haben Sie das selber 'dicht't? Schwamm. 3a wohl, diese Verse sind von mir. Steffl. Ah, jetzt weiß i erst, warum Jhner Brot so klein iS, — weil'- «Dichter sein, denn die hab'n meistens a klein'-Brot. Margar. Kinder! da habt -mein Seg'nl Mag der Himmel geb'n, daß - nie erfahrt'-, waS Unglück heißt! Ran dH. Marie! Du warst von jeher bei mir im HauS wie a Tochter g'halt'n — nimm also auch meinen väterlichen Segen! Seid's glücklich und im Alter einstens nicht vrrlaS'n! Jacob. So, jetzt kommt'-, 'S ist Zeit! (Alle schicken stch an jum Gehen ) Jacob (im Abgehtll zu Ravdhosrr). Doda, net wahr, öS seid'- net bös, aber weil sonst - HauS ganz leer wär' und — Randh. (gekränkt) 3a, ja, i bleib' schon da und HÜt'S HauS. (Alle bi- aus «andho- ser -b.) Sechste Scene. Randh. (allein). 'S HauShüt'n das ist noch'- Einzige, wozu'- mich brauchen können. — Ich merk's, ich geh' ihnen schon recht im Weg herum. Daß'- miramal so geh'n wird Ln mein alt'n Tag'n, da- hätt' i nit Lht««. N«PM»u» -k. 1»0. g'glaubt, denn ich Hab' g'meint, daß sie an das, waS ich ihnen alles Gut's than Hab', dann und wann z'ruckdenk'n werd'n. 3a z'ruckdenk'n, da- wollen die Mensch'n net, und eS unterbleibet doch so viel Böse-, wenn Der oder Die nur a klan'S bifferl z'rnckdenken thät. Lied. 1. A Mann, der vor Kurz'n recht arm no iS g'west, Der is jetzt von all' seine Sorgen erlöst. A glücklicher Zufall hat ihm über d'Nacht A ganz a schön'sSümmerl in s Haus hereinbracht; Doch red't jetzt den reichen, den glücklichen Mann A wirklicher Armer um Almosen an, So schaff t von der Thür' er den Bettelnden fort Und gibt ihm statt Almos'n manch hartes Wort. 3 glaub', daß mehr Mitleid für d'Armmh der hätt', Wann er nur a klan'S bifferl z'ruckdenk'n thät. 2 . A Bursch, den sein Muatter mit Schmerz'n gebor'n, Der ihr zu verdanken hat, waS er is woin. Für den sie sich plagt und manch' schlaflose Nacht Mit Thränen de- Kummers im Aug' hat verbracht; Der laßt für die Sorg'n und für d'Opfer zum Dank Da- Müatterl, da- jetzt schon recht alt ts und krank, Und sehnsüchti wünscht, daß - bald abholt der Tod. Allani verlaff'n in hilfloser Noth. 3 glaub', daß mehr G'fühl für sein Muat- ter der hätt', Wann er nur a klan'S bifferl z'ruckdenk'n thLL. r IS 3 AuS Uebermnth und aus noch allerhand Gründ', Die man net herausfindet alle so g'schwind', Sucht Auer a Ursach' zu Zank und zu Streit Und bandelt und hetzt unt'ranander die Leut': Betrübt viel Gemüther, raubt Vielen die Ruh' Und find't er kein'n triftigen Anlaß dazu, So bricht er vom Zaun a die Ursach'n glei, Wann er halt grad' anfangen will Streiterei. 3 glaub', daß der Fried'n und Rua lieber bätt'. Wann er nur a klan's bisserl z'ruckdenk'n thät'. 4. Weit fort von der Armen, die'n wahrhaft» liebt, Die'S Herz und ibr Leb'n und die All's für ihn gibt, Weit fort von der ersten Lieb', »'aus in die Welt, Geht Aner und sucht sich a And're mit Geld; Und während er geht auf Eroberung aus, Sitzt weinend die Anne verlass'« zu Haus, Klagt Niemand ihr Leid und klagtNiemand ihr'n Schmerz, Bis aufhört zu schlagen das blutende Herz. 3 glaub', daß ka Freud' mit'n Erobern der . hätt', Wann er an sein erste Lieb' z'ruckdenk'n thät. 5. Von ganz armen Leuten, aus ganz armen HauS, Hat g'holt fich a Reicher sein' Gattin heraus, .Und die noch vor Kurzem a arm'- Mad'l war, 3ttzt hört man'- nur schimpf',» und zanfn und schrei'n Mit die, die bei ihr jetzt als Dienstbot'n sein, Sie peinigt'- und martert- den ganzen lieb'n Tag, Daß d'Braveste lang' net bei ihr bleiben mag. 3 glaub', daß mehr G'fühl für die Dienstleut' sie hätt', Wann d'Gnäd'ge an'S Schaffelreib'n z'ruck denk'n thät. 6 . A Mensch, der nir weiß von der Welt und vom Leb'n, Der nie waS hat g'lernt, nie a Müh' sich hat geb'n, Der hat ein'n Verwandten, ein ang'seh'nen Mann, Den bettelt er, daß er sich seiner nimmt an. Er ist auch durch ihn richtig ang'strllt sehr bald 3n einer Kanzlei mit unbändigem G'halt. 3etzt blast er sich auf und tragt d'Nas'n sehr hoch Geg'u And're, die niederer ang'stellt sein noch — 3 glaub', daß kein'n Stolz auf sein Stel lung der hätt', Wann er an die Eselsbank z'ruckdenk'n thät. 7. Mit vornehmem Putz und mit Schmuck g'waltig schwer Steigt Ane ganz stolz und voll Hvcbmnth daher Und schaut über d'Achs'1 weg stolz 3ede an, Die fich so ein'n Putz gar nie anschnff'n kann; Auch weiß uuur von ihr net, woher - n denn hat, Sie ist erst vorLrrvz'm hinein in die Stadt, Hat g'habt net ein'n Kreuzer, wie fort- 'g-ngen sie, 3s vornehme Frau jetzt schon mehrere 3ahr'. Nir g'erbt und auch g'wvnnen nir in de» Lott'rit. — 19 Ich glaub', daßkein'n Stolz auf ihr G'wand die wohl hätt'. Wann sie nur a klan's bifferl z'ruckdenk'n thät. (Ab.) Verwandlung. (Große mit Llmmnktänztn geschmückte Bauernstube. In der Mitte rin langer massiver Tisch zur Hochzeit gedeckt. Hohe Kranztorten, Blumen» douquetS, Flaschen mit Wein rc. stehen aus demselben. Eine Thür in der Mitte, eine rechts, welche in da- Tanzzimmer, und eine link-, welche in Randhofrr'S Stüdes führt.) Siebente Scene. Margareth (allein, beschäftigt sich mit Herrichten de- Tische-). Da- hätt' i mir vor dritthalb Iahr'n net lramen lassen — die Gabel g'hört daher — daß i meine ;wa — („achdenkeud) Gansln haben ma, nachher Ant'ln — daß i meine zwa Madl'n so guat anbring', d'Rosl b'sonderS. vou der Marie ihr'n Glück kann ma eigentli no nir G'wiß'S sag'n, der Steffl — (nachdenkend) die Epen sau lasst, ma auf d'letzt — war als Knecht alleweil a tüchtiger Arbeiter, na, und d'Mariel a, nur sei Nobelthucrei und ihr Putzsucht will ma net recht g'fall'n, i hoss aber, das wird fi mit der Zeit geb'n, wann - nur amal — die Prügelkrapsn g'hör'n daher — ibner G'schäft ordentli betreib'n, na, und a Greißlerei in Wean, wo'S so viel Geld gibt. — Aber schwach — werd'n die Messer! (Läßt da- Messer fallt», so daß e- im Bo- drn strcken bleibt.) Ah! 'S Messer ist stecken blieb'n, da kommt heut' no wer Seltsamer! lDru Kopf schüttelnd.) Hm, hm! das Zeichen g fallt ma schon wieder nicht! Grad muß das wieder heut g'scheh'n, als wie an dem Tag. wo der alte Randhofer sein' Wirth- schaft übergeb'n bat. 'S ist in Grund nir g'scheh'n, no, aber i waß'S net, mir geht - dalt allerweil so vor, als wann was recht Traurig - g'scheh'n müßt! Achte Scene. Vorige, Steffl, Marie, Jacob, RoSI, Lindner, Schwamm. Kropf, Frau Schwamm, Frau Kropf, Pcppi, Kathi, Musikanten. Mägde (welche mir Speisen ab- und zugehen). (Während alle Hochzeitsgästr durch die Mitte ein- treten, spielen die Musikanten einen Marsch aus.) Steffl (zu den Uebrigen). Bitt', nehmen'S Platz! (Alle setzten sich.) Steffl (zu den Musikanten». llndosgeht'S (auf die offene Thür rechts zeigend) da hinein, da ist schon Alles für später zum Tanz Hergericht'. Lindner. Früher müssen Sie uns aber auch einen Tusch zum Vivat machen. (Er- hebt sein Glas.) Auf das Wohl des jungen Ehepaars! Alle. Vivat! Hoch! (Tusch, dann di, Musikanten rechts ab ) Lindner (die Anwesenden musternd- Aber eS fehlt ja noch eine Person! Steffl. Ja! 's ist wahr, der Herr Schwartinger, so haßt nämli der, dem i d'Greißlerei in Wean abg'ILSt Hab', der fehlt no, und i hab'n do eing'laden. Lindner. Ich meine eine andere Person, die — am allerwenigsten fehlen sollte — Neunte Scene. Vorige. Schwartinger. Schwärt, (kommt kill wenig, vou Wein ve» rauscht durch di, Mitte). Ah, — da sitzen's ja schon bei einander und — die Trümmer Flaschen, döS auf'n Tisch steh n hab'n! Steffl (ausstehrnd) Ah, Herr Schwär- tinger! (Zur Gesellschaft.) Das iS der Herr, von dem i die Greißlerri in Wean übernommen Hab'. Schwärt. Ja, i bin die Greißlerri. Marie. Aber warum sein - denn net früher kommen? r* 20 Schwärt. Ja,wisseu's,i Hab' a trinkendes G'schäft g'habt! Jacob. Jetzt ist halt schon die Copula- tion vorbei — übrigens zum SchmauS kommen's g'rad no z'recht. Schwärt. Macht nu, wann ich auch zum Schmaus z'spat komm, wann ich nur zum Sus z'recht komm'. Steffl. Setzen's Jhna glei neben mir daher, wir haben so allerhand vom G'schäft noch mit einander z'red'n. Schwärt. Ah, schön! — Glei neben die Kranzeljungfern! (Kathi tn dir Wange kneifend.) Recht a lieber Sckneck das! Kathi. I bin ka Schneck, i bin a Fräul'n! Peppi. Mir scheint, Sie hab'n an Stich. Schwärt. Umhin, bin a biß'l an- g'stoch'n. Zehnte Scene. Vorige. Randhoser. Raudh. (tritt unter die Thüre links) Margar. (nachdem sie die Personen mit dem Finger bezeichnend gezählt hat). Mein Gott! was sich i, mir san ja unser Dreizehn! RoSl. Meiner Seel', Dreizehn! Schart, (zu Margareth). Sö, Sö hab'n net recht zählt. Jacob. Ja, ja! wir san Dreizehne! Schwärt. G fehlt ist'-! Alle. Dreizehn san mal Schwärt. G'fehlt ist'-, sag' ich! Steffl. Na wie viel bringen denn Ls heran-? Schwärt. Vierzehne! Alle. Vierzehn«? Schwärt. Ja, denn i gilt für Zwa — mit mein' Aff'n! Alle (lachen) Ha, ha! Margar. Dreizehn« i- a Unglückszahl! Marie. Ja. daS iS wahr, von Dreizehn in der G'sellschaft stirbt immer Ein-. Schwärt. I glaub' schier, 'S werden alle Dreizehn« sterben! Margar. Ja, aber Eins stirbt in demselben Jahr noch! Schwort. Da ist ja aber leicht abz'hel- sen, wann's schon mein Kameraden net gelten laff'n wollen, so bolen's halt ein'« Andern her, nackber sein wir Vierzehn?. Margar. Ja, ja, das iS wahr, auf die Art — Rosl. Geht'S Eins zu'n Vodern auss Stübl und holt'Sn her. Ran dH. (vortreteud). DaS ist net noth- wendig, die Müh' braucht'S Eng net z'geb'n, da Vierzehnte ist schon da. Alle (sehen sich stumm und verlegen einander an). Jacob. Voder, kommen's her da — Randh. (sich sehend). Na, weg'n meiner, damit i Enger Unterhaltung net stör' und Eng von der Angst weg'n die Dreizehne befrei, will i halt'n Vierzehnten machen. RoSl. Herr Schwartinger, erzähln'S do, was gibt's denn Neu's in der Stadt? Schwärt. Neu's allerhand, unter andern hab'n- jetzt a Mittel erfunden, da aut machen - aus dicke Leut' magere. Steffl. Ah, das Mittel Haben s schon lang. Schwärt. Ueberhaupt die viel'n Erfindungen, die'S jetzt gibt. Steffl. Ja, die Noth macht erfinderisch. Schwärt. Wenn man z. B. die Guckkasten bei die OptikuS betracht't, die Man- derln da drin schaun ordentlich aus, als wann s wirkliche Menschen wär'n, uub dir schön' Leut ! Steffl. Ja, ma sicht jetzt die schönsten Leut einkastelt. Lindner. Meine Herrschaft », die Gläser gerichtet! Steffl. Ja, laff'n ma ananda leb'n, denn wann - net beim Weinglas g'schiehr, sonst laßt so schon heutz'tag fast Kaner mehr den Andern leben! Lindner (sein Glas erhebend). Auf daS Wohl des wackern Herrn Martin RanL- hofer! 21 Alle (die Gläscr crhcbcnd) Vivat! Hoch! (Tusch von den Musikanten, welche an die offene Thür recht- treten ) Randhofer. Ich dank'schön,'meine lieben Leut'! (Sein Glas erhebend.) Die ganze Gesellschaft soll leben! (Tusch.) Alle (unter einander die Gläser zusammen» stoßend). Vivat! Hoch! Eilste Scene. Thomas. Vorige. Thomas (iu ärmlicher ländlicher Kleidung, mit einem Bündel am Rücken und einem Stock in der Hand kommt durch die Mitte. Sr ist beiläufig sechzig Jahre alt und halb blödfinnig) Deididldum! Da geht's ja lusti zua! hi, hi! Randb. (aufspringend). Je, mein Bruader! Thomas (Randhofer umarmend). Grüß di Gott, Martin! Randh. (erwiedernd). Thomas, grüß' di Gott! Thomas. Was ist denn bei Eng da los? Randh. (auf Steffl zeigend). Unser Knecht balt da heut sei Hochzeit. Steffl. Was Knecht? Ich bin der Handelsmann Stephan Stutzelberger auS Wean! Thomas. Der san Sö? Aber na, wie mi dös g'freut! Marie (Thoma-betrachtend). Wie man in so an Aufzug daher kommen kann! RoS l (zu Marie), 's hat'n do ka Mensch rmF'laden! Thomas. Hm, sagt's mir, wo steckt denn der Iacoberl, den sich i ja gar net? Randh. (zu Jacob). Jacob, grüaß do dem Dedern! Jacob (kalt). Grüaß Gott, Veda; was macht's denn OeS da? Thomas. WaS i da mach'? Bettln gch' i. Hi, hi! Alle (erstaunt) WaS? Thomas. Ja, bett ln — bin ja um all' mei Gacherl kumma. Hi, hi! Randh. Aber wie is denn das g'scheg'n? Thomas. No, lost's auf, wir Eng glei den G'spaß derzahl'n. Hi, hi! Steffl. Das heißt der an G'spaß! Randh. Leg' do bei Binkcrl ab und setz' di nieder, wirst müad sein. (Gibt ihm einen Stuhl.) Thomas (sich setzend). Ja, das bin i. bin ja schon seit der Früh um drei in anfurt auf'n Füaßen, ohne an Biff'n z'effen bin i alleweil g'lof'n. Hi, hi! Margar. (ihm einen Teller reichend). Greift's zua, Thomas. Randh. Da, Bruada! a Glasl Wein — Thomas. Mit Verlaub! (Ißt und trinkt hastig.) Steffl. Aber jetzt derzählt'S uns den G'spaß! Thomas. Wia i um mei ganz Sacherl bin knma? Hi, hi! Dös wir i Eng glei ver- jähl'n. (Nimmt den Mund voll.) Damals glei nach mein Wei — Gott laß's seli ruh'n — ihr'n Tod is mei Nachbar ab- brunna. Damit er sei Hütt'n wiederaufbau'n hat kina, hat er mi bet'n, i soll eam achthundert Guld'n leih'n. Hab' grab so viel bei'nander g'hab't und Hab' eamS, weil er mir so viel derbarmt hat, auf sei ehrlich's Wort, ohne Schrift, ohne All'n glich'n. (Ißt.) Randh. DaS häst, wann bei Weib nv g'lebt hat, net derf'n. Thomas. A bilei! hätt'a Recktg'habt, wann'sma'snetg'litten hätt'; denn glaubt's der Nachbar war a ehrlicher Kerl? Ja, an- dummt, a Hallodri war er, hi, hi! — Bald d rauf hat er a große Erbschaft g'macht, und weil i g'rad' durch Hag'l viel Schaden g'litt'n und Geld braucht Hab', Hab' i mir denkt, gehst zu'n Nachbarn hin, er kann iatzt zahl'n, er soll dir die achthundert Gulden z'ruckgeb'n. Was mant'S, waS hat aber da Nachbar than? Abg'stritten hat er mir'S und später beim G'richt bat er gar an falsch'n Eid abg'legt — der Schlank'!. Hi, HU (3ßt ) Steffl. DaS iS aber recht g'spaßt! 22 Thomas. D'rauf Hab' i müaß'n selbe, a Geld z'leich'n nehmen, Hab' müaß'n vi chische Intereffen zahl'n und bin so tief emig'rutscht, daß s ans amal vom Glicht kema san, mri' ganz Sacherl wegpfändt und mi zum Thürl außig'jagt hab'n. Hi. bi! (Ißt.) Steffl. Das wird immer g'spaßiger. Thomas. Gestcrn Hab' i d'letzte Nacht in mein'm Häuserl g'schlafen, am Heubod'n ob n, weil in der Stub'n d'rin schon d'Leut war n, die s kaust hab'n. — Heut in aller Fruah Hab' i mi stad außig'schlich'n und bin so g'schwind, als mi meine alt'n Füaß trag'n hab'n, davon; nur dann und wann Hab i's net g'rathen kina und Hab' mi um- g'schaut nach meiner Hütt'n, wo i so viele 2ahr mit mein Weib vergnüagt und z'frie« den g'lebt Hab'. Und wia i ob'n auf'nBerg war und Hab' zum letzten Mal d'rauf hin- g'schaut, da war' mir völli bald 's Wana in d'Augen kema. Hi! hi! (Ißt.) Randh. Armer Bruader! Thomas (fortfahrend). Aber i Hab' net g'want, denn i bab' d ran denkt, daß ma mei Bruader ja oft g'sagt hat, wann i amal ma Unglück g'rath'n sollt, sollt nur znerm kema. Randh. 2a, das Hab' i Dir oft g'sagt, denn i Hab immer g'fürcht', daß D' amal um bei' ganz Sacherl kuma wirst durch dei' — durch dei' — Thomas. Sag's nur außa, durch dei' Dummheit, willst sag'n' Habt'S mi ja immer, wia i no daham war, 'S Antraperl g'haßen. Hi, hi! Randh. Bruada, waS i versprochen Hab', halt i a. Du bleibst jetzt bei mir und — Thomas. 2a, g'halt'S mi bei Dir? O Du guatcr Kerl Du! (Umarmt Randhoser) Rosl (zu Jacob). Was,der soll dableib'n? 2acob (zu Randhofer) Vater, öS wollt's wirkli — Randh. Mein unglücklich',, Bruadern bei mir d haltn?2a, das >v,lli und ihoff'— Rosl. Oes vergeßt's, daß das Hans eigrntli — Ran dH. Net mehr me,' g'hört? Da d'ran Hab' i schon denkt; L Hab' aber a da dran denkt, daß der, dem S jetzt g'hört, mei' Snhn ist, und der wird wohl nir dagegen haben, daß — 2acob. Daß der Veda heut' Nacht da- bleibt? Randh. Daß er immer bei mir bleibt, daß er so lang dableibt, als er mei' Hüls' braucht und i eam helfen kann! 2acob. Voda, das — Randh. Wann'ö ös aber ka Platzer! für eam haben sollk'S, wert»' i mei' Aus« nahmsstüb'l und mein'n letzten Biss'n mit eam theil'n! RoSl. 's AnSnahmsstüb'l ist nur für'n Patern ausbedungen und — Margar., tkiudner und Schwamm (bcinahk zugleich) Aber Rosl! Thoma . Also, Martin, kann i net bei Dir — Randh. Du bleibst bei mir, Bruader, verlaß Di' d'rauf, i halt mei' Wort! 2acob.Voda,i binHerrimHauSund — Margar., kindner und Schwamm (wie oben) 2acob! Randh. 2a, das waß i, daß Du Herr im Haus bist, wie könnt' ich auch da draus vergessen, wert»' ich doch so oft d'ran erin« nert! Wann Du aber anch Herr im HanS bist, so sag' ich Dir doch, mein Bruader bleibt bei mir. 2acob. Und i sag', das kann net sein! Randh. DaS wird sein! Thomas (inzwischentretead). He, he! daß Oes weg'n meinerstreitet werd'S, dös will i net hab'n. — Wann's für mi' ka Platzer! hobt'ö, geh' i halt in Gotte- Namen wieder weiter um a Häus l. Hi. hi! («U seinen Bündel nehmen.) Randh. (Thomas abhaltend). Na. Bruada, Du bleibst bei mir, i steh' Dir guat mit Leib und Seel! Du bleibst bei mir! 2acob. Voda — Randh. Er bleibt bei mir, sag' i! denn wann er nicht da im Haus dleibeu darf, geh' i mit ihm fort! 23 Jacob. Da war' mir recht lad, aber — Randh. (Jacob in dir Rede fallend). Ia- cob, um Gottes willen, red' net aus! I will ja geh'n, aber i bltt' Di', red' net aus, denn i möcht' Dir gern den Vorwurf ersparen, den's Dir einmal macken müaßt, wann's Dir einfallet, daß D' dein alten Vätern zum Haus hinauSg'schafft Haft! Jacob. Wie g'sagt, da Veda kann ja heut' Nacht dableib'n, morgen aber — TbvmaS. 3«, ja, Kinder! morgen in aller Krnah wir i scho' sckan'n, daß i wieder weiter komm'! (Musik im Nebenzimmer.) Hört's d'Mufik! Lschinadra! Hi, hi! Steffl. Kommt's, gcma tanz'n! Alle. Ja, gehma tanz'n! (Rcchts ab ) bind ner (zu Schwamm im Abgfhen). Mir ,jt alle Luft zum Tanzen vergangen. Schwamm. Mir auch. (Beide ab.) Margar. (zu Randhofer, der wie versteinert bastelst) Randhofer, nrbmk's Oes not so übel auf, d'jungen Leut' überleg'n st's net immer früher, waS'reden, i werd'S schon vrdentli d'rübrr z'Red' stelsn. (Ad.) Zwölfte Scene. Randhofer und Thomas. ThomaS (durch die offner Thür des AlmmerS sehend, wo getanzt wird) Holla ! Hopsaßa hop- saßa, habt'S Recht, seid's lusti! That selber An'S tanz'n, aber für mi' that se fi iatzt do net recht schicka. Hi, hi! Randh. (nach einer Pause) ThomaS! Thomas. WaS denn? Randh. Auch i Hab' HauS und Hof verlor'n. ThomaS. Wär' net auS. No, macht nir, kummst halt zu mir — a halt — iaht Hab' t ganz vergeff'n, baß i selber nir mehr Hab'. Hi! hi! Randh. Thomas, — so wie Du werd' auch ich mich znm Haus htnauSschleichen und zwar heut' noch. Werd' hernach glei ms Stüb'l geh'n und mei Dinkel z'sam m- packen und hernach fort, mit Dir fort, für' immer fort. Thomas. Za, Bruda, halt di nur an mi, wann i a glei selber nir mehr Hab, das macht nir. i wir schon für uns alle Zwa betteln. Had'S schon probirt, iS ma zwar schwer an gekommen, aber 'S ist ganga. hi. hi, 's ist ganga. Randh. Na, das iS net nothwendi. Dreizehnte Scene. Jacob. Vorige. Zacvb (will aus der Thüre rechts, bleibt aber dort stehen, als er die Anwesenden erblickt und belauscht deren Gespräch) Randh. (fortfahrend). Gott sei Dank, da» für ist g'sorgt, daß i zu mein'n andern Schmerz nicht auch noch den hab'n muß, Dick Noth leiden zu seg'n. Thomas. Io aber — Randh. ThvmaS, Du weißt, vor m Haus draußt steht a großer hohler Dam? Thomas. Wie sollt' i den net wiffa, hab'n wir uns doch als Dnrm oft drin versteckt, wann ma Versteckerl g spielt hab'n. Randh. In den nämlich'n hohl'n Dam Hab' i a eisernes Kist'l voll harte Thaler verborg «, ganz unt' bei der Wurzel Hab' iS vergrab'n und mit Erd' und Mias wieder gut zudeckt. Thomas. I du Schlaust, hast also a Silber vergrab'n? Z a i, hi, hi! Aber der Sam', den i in d'Erd' glegt Hab', war guat, denn er iS aller aufgangen. Hi, hi! Randh. I Hab' das Geld zur Revolutionszeit vergrab'n und hab'S seitdem nicht mehr herausgenommen, weil i mir denkt Hab', im alleräußersten Nothfall ist'S a guter Nothpfenning; frcili, daß ick's einmal auf die Art brauchen werd', das Hab' i mir damals net denkt! Also komm' in mein Stüb l, hernach holen wir die Thaler. («int« ab.) Thomas (Bündel und Stock nehmend). s ist Zeit, daß - amal außakomma, sonst gel- 24 ten'S am End' a nir, wie die Z'wanz'ger! Hi! Hi! (Folgt Randhofer.) Jacob (schleicht, während Randhofer und ThomaS abgehen, durch die Mitte hinaus). Verwandlung. (Nacht. Freier Platz im Orte. Recht« JaeobS Hau«, dessen Fenster hell erleuchtet find, in der Nähe derselben ein großer hohler Baum. Im Hintergrund Berge. Zn der Mitte der Bühne etwa« tiefer steht eine Mariensäule mit Detschä- mel. In Jacob« Hause hört man Musik und fieht an den Fenstern mehrere Paare Vorüberlanzen Während der folgenden Scene tritt der Mond hellleuchtrnd au« den Wolken hervor.) Vierzehnte Scene. Jacob (allein, kommt mit einer Schaufel in der Hand au« dem Hause). In den hohl'n Barn da hat der Doda'S Geld vergrab'n? Gut, daß i daS erfahr'n Hab', sonst wär'S wohl nie mehr in die Händ' des rechtmäßigen Besitzers kommen. — Bin ich aber auch — der rechtmäßige? — Wer denn sonst? Hat mir nicht der Voda HanS und Hof mit All'n, wie'S liegt und steht, übergeb'n? Don dem Augenblick, als er daS gethan hat, g'hört Astes, was ich in dem HauS, auf dem Grund und Boden da find', nicht mrhr'n Dadern, sondern mein, folg- lieh auch daS Geld, was in mein'Baum, in mein Grund dort vergraben liegt. (Eichäugst lich umskhend.) Die Luft iS rein — jetzt rasch an'S Werk! (Geht in den hohlk» Baum durch dir vorne sichtbare Oeffmmg.) Fünfzehnte Scene. ThomaS (mit Bündel und Stock). Randho« ser (ebenfalls mit Büudrl und Stock komme« au« dem Hause). D orig er. Ran dH. So, wir sein glücklich herauskommen, ohne daß uns wer g'seg'n hat. Jetzt, Bruder, geh' langsam voraus und ob'n auf m Berg bei der Tapell'n wart' auf mich — ich komm' gleich nach — ich hol' derweil unsere paar Nothpfennig. Thomas. Na, iS recht, geh' voraus, aber, Martin, komm' bald nach. Randh. Ich komm' gleich. ThomaS. So pfirt Dich Gott derweil! Randh. Pfirt di Gott! Thomas. Martin! Wie i den heutigen Tag' ang'fangt Hab', so thu' i'n halt a beend«; in der Fruah bin aus ein'n HauS mit schwer'n Herzen fort, auf d'Nacht nimm i wieder von ein'n Haus Abschied, von mcin'n Elternhaus. — Kinnt ma vüllt wieder 'S Wana in d'Aug'n kema. Hi! HU (Ab.) Sechzehnte Scene. Randhofer und Jacob. Randh. Möcht auch weinen, aber ich kann nicht, meine alt'n Augen haben schon z'viel g'weint, sie hab'n keine ThrLnen Mkhrl (Hut sich inzwischen dem Baum genähert und blickt jetzt durch die Orffnung hinein, zurück- prallmd.) Was ist das? In dem Baum ist Jemand d rin!? — (Geht wieder hin und horcht eineWeile.) Hör' ich recht?! Ja, ja! das ist der Klang einer Schaufel, die in der Erde wühlt! Heiliger Gott, ich werd' bestohlen, um meinen letzten Nothpfennig bestohlen! (Rust in« Hau« hinein.) Zu Hilf! ein Dieb! zu Hilf! Siebzehnte Scene. Margareth, RvSl, Maria, Steffl, Gchwartinger, Kropf, Schwamm, Lindner und die übrigen HochzeitSgästc (kommen au« dem Hause herbeigeeilt). Alle (durcheinander). WaS gibt'S? Waö ist g'scheg'n? , Randh. Dort in dem Baum — 25 Jacob (tritt mit einem Kistchen am Arme au- dem Baume heraus, und prallt, al» er die Anwesenden erblickt, scheu zurück). Randh. Um GotteS willen — sich i recht? Jacob (verlegen, bei Seite). Der Voder! Randh. Jacob — Du! —! RoSl (zu Jacob). Was machst denn Du da? Marie (auf daS Kistchen zeigend, welche- Jacob im Arme hält). Und was ist denn das für a Trücherl? Jacob. DaS— das Hab' i — znfälligin dem Bam dort g'funden. Randh. Zufällig? Das ist erlogen! Du hast meine Unterredung mit mein'n Br»t- dern vorhin behorcht, nur auf die Art hast erfahr'n können, daß ich das Geld dort vrr- borg'n Hab'. Jacob. Und wann's so ist?! Schwamm. Dann tst'S nicht recht. Lindner. Sehr unrecht! Und ein Vater sollte so etwa- von seinem eigenen Kinde am allerwenigsten zu befurchten hab'n. Margar. Ja wohl, Jacob, das war net recht von Dir, daß d'— Jacob. So? net recht?! Ist das aber etwan recht, daß a Pater sein eigenen Sohn verkürzen will und — Randh. Verkürzen? Margar. Jacob! Randh. Verkürzen! Sv red'st Du zu mir, der ich mein ganzes Hab und Gut unter meine Kinder ehrlich und redlich vertheilt Hab'? Jacob. Dis aus dir Thaler da, die der Dader vergrab'n hat. Randh. Auch die wär'n für den Fall, daß ich's nit selber dringend gebraucht hätt', Euch einmal durch mei Testament zug'fall'n. Leider bin i jetzt in die traurige Lag' versetzt, daß ich's selber brauch', folglich — Jacob. Dader, daS Geld g'hört mein! Randh. Dein?! Margar. Aber Jacob! Rosl. OeS habt'sEngernSnhn d'ganze Wirtschaft mit All'n, wie s liegt und steht, übergeb'n — Jacob. Was ich also in mein'in Haus, auf mein'mGrund und Boden find', g'hört nit mehr Eng, sondern mein! (Ab in« Hau» ) Rosl (Jacob folgend). Und i glaub', kein Mensch wird uns daS streitig machen können. Margar. (Beidenin'SHau-nacheilend). Jacob! Rosl! Um Gottes willen! Randh. (den Abgehenden nachblickend). Gnt — b'halt's eS! b'halt's Alles, b'halt'S mein Letztes! Ich will ja ganz, ganz als Bettler von hier fort, ärmer als ein Bettler! Zum Haus hinauSg'stoßen vom eigenen Kittdc! (Mit gegen Himmel gewandtem Blick und aufgehobenen Händen ) Allbarmherziger! laß mich dock diesen Augenblick nicht überleben! (Verhüllt sich mit beiden Händen da» Gesicht, dann nach einer Pause ) Ah! ich fuhl's, die letzten Kräfte schwinden, der Athem wird immer schwächer! (Jurücksintend in die Arme der ihm znnächststrhkNden Schwamm und Lindner ) Gotl! ich danke Dir, daß Du —- mein — Gebet erhört — und — Achtzehnte Scene. Franz, Vorige. Franz (aus dem Hintergrund hervoretlend) Vater! (Zu den Uebrigen.) Um Gottes willen, was ist ibm? (An Randhofer'» Seit, eilend und ihn mit dem Arme unterstützend.) Randh. (allmälig zu sich kommend und nach und nach sich wieder aufrichtend). Wer ruft? War mir doch, alS ob — (Kranz erblicken" l Franz! Franz. Vater! Randh. Franz — Du hast mich — zurückg'nrfen in'S Leben — hilf mir'S auch trag'n! (Kranz an die Brust sinkend.) Tei meine Stütze — mein Alles! (Kranz hält seinen Vater umarmt, die Uebrigen blicken auf Beide theilnrhmend hin- Musik ) »Der Vorhang fällt langsam.) 2K Zweiter Zct. (DiethShauSstnbe mit einer Mittel- und Seitenthür ) Erste Scene. Kropf, Schwamm, Lindner (sitzen an einem Tisch bei der Kellneret rechts). Schwips (steht bei Kropf und zählt ihm Geld heraus). Kropf. I bleib' halt amal dabei, sie hat an Allem die meiste Schuld! Schwamm. Ja wobl, da bat der Kropf Necht, denn d'RoSl hat ja ihr'n Mann alleweil gegen den Alten aufg'hetzt. Lindner. Ein Mann soll sich aber von seinem Weib nicht aufhetzen lassen, besonders in so einem stall. Der Mann soll Herr tm Haus sein. Kropf. Wann's möglich iS. Schwamm. Jetzt ist'S wohl schon a Jahr, daß der alte Nandhofer von sein' HauS fort iS. Lindner. Als Bettler könnte der alte Mann jetzt umhcrirren, wenn sein anderer Sohn auch so herzlos gewesen wäre, wie der Jacob, aber der Franz hat das vierte Gebot besser befolgt und seinenVatersammt dem unglücklichen halbblöden Thomas zu sich in die Stadt hineingenommen. Kropf. 'S wird 'n Jacob schon noch amal z'HauS kommen — Schwamm. Jft'S ihm denn net schon vergolten? Lindner. Ja wobl. Seit der Stunde, als er sich an seinem Pater so schwer versündigte, hat ihn schon mancher harte Schlag getroffen. Sein erstes Kind, an dem er und sein Weib mit Leib und Seel' gehangen, hat bald darnach der Tod dahingerafft. Schwamm. Na, und ist nicht damals der Stadel, in den er erst die Frucht ein« g'sührt g'habt hat, mit de» ganz'n Fechsung abbrennt? — Und Heuer wieder der Hagel. Kropf. Deßweg'n steht sei' Wirtschaft aber doch immer guat. Lindner. Auch mit der wird eS ont dex Zeit noch bergab gehen, denn der häuslich Friede ist die Seele jeder Wirtschaft, und! dieser Friede ist schon längere Zeit auS denij Nandbofer'schen Hause gewichen. Schwamm. Ja, ja, man merkt's, die zwei Leuteln sind mit einander ganz zer worfen. Lindner. Natürlich, weil Jedes mit siä selbst zerworfen ist. — Schwamm. Und der Frted'n könnt' se leicht wieder in's Haus bracht werden, wann nur der Jacob einmal zur Einsicht gelanget, zu seinem Vater ging' und ihn um Verzeihung bittet'! Kropf. Ja, wenn scin Weib nit wär', die n davon abhalt'. Lindner. O, er war schon ein paarmal in der Stadt, aber fein Vater ist zu erbit- tert, er will von Versöhnung nichts wissen, und ist jedeSmal ans'm Zimmer gegangen, so oft er ihn kommen gesehen bat. Schwamm. Und wie ich den alten Randhofer kenn', wird er auch nicht so geschwind zu erweichen sein, denn er bat zwar a guat'S Herz, aber auch ein' festen Kops. Zweite Scene. Vorige, Steffl (städtisch, aber schäbig geneidet) Steffl. He! Keislwirth! Wein her! SchwipS. I bitt' mir'S aus, das iS ko Beisl. Steffl. Mir kommt'S ball so vor, ist auch ganz natürlich, denn ich bin g'wobnt. bei Munsch, Meise! und Wandl auS- und einz'geh'n. Schwamm (Steffl erkennend). A Spektakel, das is ja der Steffl! Steffl. Der war ich, jetzt bin ich Herr Stephan Stutzelberger. mit Schmalz und Eier vermischter Waarcnhändler. He! g'schwiud ein Seitl Acktz'ger! Kropf. Na und wie geht's denn allerweil in der Stadt? 27 Steffl. Dank, ich kann sag'n brilliant! To a Greißlerei, verstengen'ö, ist ja ein fa- moseS Gschäst; die viel'n Artikeln! Wissens, bei einer Greißlerei ist's g'rad' so wie bei was Schriftlichen, je mehr Artikeln, desto mehr werd'n d' Leut' ang'schmiert. — Aber ich leb' ja nicht bloß vom G'schüft allein, ich leih' auch Gelder aus. Lindncr. Natürlich, zu den üblichen Zinsen. Steffl. Na natürlich! Kropf. Sö, sag'ns mir, was beißt denn das eigentlich: »zu den üblichen Zinsen?* Steffl. Zu den üblichen Zinsen? das heißt, man verlangt von sein' Schuldner so viel Procent, bis ihm üblich wird. Das Meiste trag'n mir aber meine Papiere, von denen ich so a anderthalb Niß im Kaste» liegen Hab'. Schwamm. Was? lauterWertdpapier? Steffl. Datz versteht sich, die Interessen und Dividend'n trag'n. Kropf. Wann'- möglich iS! Schwamm. Ja,aber — Herr Stepban — Sie entschuldigen schon — aber man subt Ihnen die viel'n Papiere nicht an. Steffl. Politik, mein Lieber, Politik! Nur nicht elegant dahergeh'n bei jetziger Zeit, denn wie nran zeigt, daß man a bisserl was hat, muß man gleich noch mehr — Schwamm. Aha! Steffl..Ia, jetzt beißt'S Obacht geb'n, denn kaum zeigt man drei Guld'n, so will schon Einer fünfe z'leihen hab'n. Alle Augenblick' kommt einem da Einer um was, und in Wien ist'- sehr leicht um Alles z'kommen. Dritte Leone. DuSl, Porige Dusl (unter der Thür stehen bleibend) Was kost' da der Wein, der früher Gulden» wein g'heißen hat? Schwips. Zehn Kreuzer 's Seite!. DuSl («»tretend). Ja, nm vorsichtig, nur vorsichtig! Steffl Ar sich). O verflucht — Einer meiner Gläubiger, der ist am End' im Stand' und verlangt die zehn Gulden, die ich ihm schuldig bin! Das wär' eine niederträchtige Blamage. (Laut und gefaßt.) Ah Herr Dusl! (Ihn den Uebrigen Vorstellens.) Meine Herren, das ist einer meiner besten Geschäftsfreunde — Herr DuSl, Wichs« fabrikant — Dusl (ergänzend). Ohne sckarsn Vitriol. -- Aber wie kommen denn Sie dahei, Herr Stutzclberger, Sie ausn Land und Ihr Geschäft haben's — Äteffl (während der ganzen Scene Durl immer sehr schnell in die Rede fallend). Verkauft, woll'n Sic sag'n? Ausg'sprengte Sach', kein Wort wahr! Fünftausend Gulden hätt' ich kriegt dafür, aber — reden wir von was G'schcidterm! Dusl. Bei jetzigcrZeit waS G'schcidt'S? Nur vorsichtig, vorsichtig! — Dleib'n wir also bei unftrm ang'fangenen DiScurs. Mir ist'S g'rad recht, daß ich Ihnen dahier treff — Steffl. Mein Lieber, hier ist nicht der Ort zu G'schäst'n. auck brauch' ich für den Augenblick keine Wtchs. DuSl. 'Wer wird denn Ihnen Wichs geb'n? da bin ich zu vorsichtig. Ich möcht' lieber schau n, daß ich zu meine zehn Gul. den — Steffl. Noch zehn Gulden dazu krieg', wollen Sie sag'n. Necht gern, aber — DuSl. Ich brauch' nicht- dazu, ich will meine zehn Gulden — Steffl. Ah, Sie «voll ns zahlen? Du-l. WaS? Ich zahl «? Sie muff n mir ja — Steffl. Früher eine Quittung geh n —. no natürlich — DuSl (ärgerlich). Jetzt ist - mir zu viel! Steffl (Mt sich ebenso). Wann « Ihnen jetzt z'viel ist. so zahl'nS halt a andersmal, ich Hab' Ihnen ja net g'fordert. (Leise.) Sein'- still jetzt, Sie krteg'n hernach gleich 28 Jhner Geld; mein Schwager ist hier im Ort a reicher Hauer, der bürgt für mich — Dusl (laut). Auch recht, wann ich nur . die zehn Gulden krieg'! Steffl (ebenfalls laut). Ja, aber nur gegen Bürgschaft, sonst nicht! Dusl. Sie haben ja g'sagt, Jhner Schwager — Steffl. Ja aber, der kennt Ihnen wahrscheinlich nicht! DuSl. Was? mich nicht kennen?! Ich bin der Schuhwichsfabrikant. Steffl. Ja, aber ohne Bürgschaft — Dusl (noch ärgerlicher). Nein, ohne Vitriol. Steffl. Reden wir da nicht lang, geh'n wir zum Schwägern, vielleicht schenkt er Ihnen Kredit. Dusl. Aber zum Teuf'l, Sie reden g'rad — Steffl. Als ob man Ihnen kein Eredit schenken könnt'? DuSl. Zu all'n Teufeln, ich Hab' ja Ihnen — Steffl (leise). Wann's jetzt nicht gleich still sein, so versetz' ich Ihnen eine — DuSl (laut). Oho! Ich werd'Ihnen gleich was versetzen, wann'S — Steffl. Nein, nein, ich nchm' nichts in Versatz, ist auch nicht nothwendig.Wann mein Schwager für Ihnen gutsteht — Dusl (einen Luftsprung machend). Kreuz- kruzitürk'n! Steffl. Herr Wirth, lassen'- mein'n Wein da steh'n, ich komm' hernach gleich wieder. (Zu DuSl.) Also kommen'S, mein lieber Freund, geh'n wir gleich hin zum Schwägern, und, wie gesagt, wann er Bürgschaft leistet für Ihnen — (Schiebt ibn zur Thür.) Dusl. Für mich? Steffl. Na ja, für wen denn? Aber jetzt schaun's, daß' weiter kommen (stoßt ihn zur Thür hinaus), denn, wie gesagt, ich gib ohne Bürgschaft kein Geld! (DuSl folgend.) Nicht einen Kreuzer ohne Bürgschaft. Lindner (während er sich zum Fortgehen anschickt). Dem muß's ja sakrisch gut gehen! Kropf (ebenso) Na natürlich, sonst könnt' er net Geld ausleih'n. Schwamm (ebenso). Und ertra noch an derthalb Riß Werthpapier im Kast'n lieg'n haben. Herr Wirth, zahlen! (Sucht in den Taschen.) Jetzt Hab' ich schon wieder ka Geld bei mir! — Schreiben Sie'S zum Andern dazu, Herr Wirth, und wann's hundert Gulden san, auslöschen! Vierte Scene. Vorige ohne DuSl und Steffl. Jacob. Jacob (tritt durch die Mitte ein und setz! sich schweigend an einen Lisch links. Die llebri- gen stecken die Köpfe zusammen und sprechen mi> einander halblaut). Schwamm. Der Randhofer-Jacob! SchwipS. DaS ist was Seltsames! Jacob. Ein GlaS Wein! Schwips. Gleich! (Holt Dein und stellt denselben dann ans Jacobs Tisch.) Fünfte Scene. Vorige. Thomas. ThomaS. Holla, juhe! da bin t wieder amal in dem Wirthshäusel, wo i als Bursch oft aus- und eing'jugazt Hab'. Hi, hi! Lind ner. Ah, der ThomaS! Thomas. Grüaß Gott Alle mitein« ander! Lindner, Schwamm und Kropf (im Abgehen). B'hüat Gott, Thomas! (Ab ) Jacob. Detter ThomaS. grüaß Gott. (Reicht ihm die Hand.) Thomas (ihn erblickend). Jekas, der Jacob! (Schüttelt ihm derb die Hand ) Grüaß Di' Gott! Jacob (reicht ihm das DeinglaS). 2S Thomas. Auf bei' G'sundheit! (Trinkt und setzt sich dann zu Zacobs Tisch.) Na, wie geht's Dir denn alleweil? Jacob (mit sichtlichem Widerspruch in seinen Münen). Ick dank', Vetter, so weit gut; aber wie kummt's denn OeS wieder «mal zu unS da heraus? Thomas. Wie i da Herauskim? Auf a feine Art! hi, hi! Mußt aber kan Menschen was sag'n, i bin hamli aus der Stadt fort. Dein Vater und der Franz sein heint glei nach'n Ess'n zeitli mit ein'm wunderschön Kaleß fortg'fahr'n, und wie die kam sott warn, Hab' i die G'legenheit benutzt und bin a abg'fahren, aber ohne Kaleß. Hi, hi! Ick wär' sckon längst gern amal außa, aber der Martin laßt mi ja nit, d'rum is' ma heut' g'rad recht g'wesen, daß alle Zwa fortg'fahr'n sein, so bad' i do wieder amal mei lieb'S Dörfel, wo i gebor'n bin, b'sua- chen kina. Hi! hi! Jacob. War der Detter schon bei mir im Haus? Thomas. A bilei! i bin glei,daher. Von auswendi Hab' i mir's wohl wieder amal ang'schaut das HauS, in dem i auf d'Weltkema bin, aber eini bin i net gang'n, a bilei! Jacob. Warum iS denn der Vetter net einigangen? Thomas. I woaß selber net, hi! hi! I Hab' schon woll'n, aber 's war waS, was mi z'ruckg'halten hat, was aber dös war, dös woaß i selber net. Hi! hi! Jacob. Was macht denn der Vater? Wie geht'S ihm denn? Thomas. Guat, — gehl ihm ja nir ab — Jacob, wannst amal zu unS in d' Stadt eini kämest, Du, da that'st d'rein- schau'n, hi! hi! Die schön' Zimmer, in dö mir logiren than, i und dei Voda, jeder in an Zimmer ettra. Und wia schön als dö sein, b'sonderS n Martin sein'S. Die groß'n licht'n Fenster, die dadrin sein, und bei jed'n hängen a paar großmächtige Leintücher obi, die so fein sein, daß ma durchschau'n kann. Die Thür'n sein alle doppelt und sogar an- g'strich'n. Der Fuaßboden iS so glatt und glanzat politirt, daß i wenigstens schon a etli fieb'nzigmal niederpurzelt bin, und Kotzen liegen Dir d rauf herum, so fein und schön, daß i mei Lebtag kein solch'n zum Zuadecken g'habt Hab'. — Wannst aber erst die Schlaffeffeln sechest und die Ofenbank, die polsterte, die ist so wach, daß i's erste Mal, wie i mich d rauf g'legt Hab', ordentli erschrocken bin, denn i bin so tief einig'rumpelt, daß i g'mant Hab', i fall' in Keller abi, und auf ja und na hast nir von mir geseg'n als 'S Nasenspitzl vor lauter Pölster! Und denk'Dir, auf der schön Ofenbank sitzt oft dei Vater stundenlang allan und want. Hi! hi! Jacob. Und want?! Thomas. Hernach das gute Essn und Trinken, waS mir hab'n. In der Fruah krieg'n ma in vergoldte Heferln ein Kaffee, der iS so guat, na gar net zum sag'n, und an G ruch hat er, so stark, daß mi wunden, wann's Oes nnetbiS da außer riacht'S. Alletag iß i zwa so Heferln voll mit fünf Kipfeln und häufig dein Vadern sei Portion a dazu, denn der laßt'n oft steh n, weil er selten bei der Nacht guat schlaft. Ja, man» nigsmal hör i'n d' ganze Nacht in sein Zimmer auf- und abgchen — na und da hat er halt natürli in der Fruah hernach kein rechten Appetit. Hi! hi! Jacob. Warum schlaft er denn net? Thomas. Ja, dös begreif i a net. 'S Bett is so guat, zwa Strohsäck' san drin, einer iS mit so — so — Spi — Spi — Spitalfedern und der andere mit Roßhaar g'füllt, und Pölster und Tuchct sein so woach, daß i gar net begreif', was dös für Vicker sein müssen, von de's die Federn herkriegt hab'n. Aber trotz alldem iS dein Vadern sein Bett häufti in der Fruah no so frisch aufbett',als wie auf d' Nacht. A paarmal Hab' i schon, wann i'n so auf- und nieder- geh n g'hört Hab', an seiner Thür zuaglost, und da Hab' i einige Mal' g'hört, wie e» laut aufg'seufzt und dabei dein' Nam' g'nannt hat. 30 Jacob. Mein Nam? Thomas. Ja, hi, hi! Dein Nam ! Aber Jacob, was i Dir sagen will, z' Mittag sollst uns amal essen seg'n, a, da hast kein Begriff, die guat'n und nob'ln Sachen, die mir da krieg'n, dö sein so nob'l, daß an g'moan Mensch n davor völli graust. Neuli dab'n ma a Fleisch g'habt in aner Soß, die war z'gleich süaß und z'gleich sauer, und a Wildpret, daS eig'nst hat so lang lieg'n nrüssen, daS net mehr ganz frisch war. Und von Mehl hab'n ma öfters was Dalkats, dös is schneeweiß und mit Ribisel, Kletz'n und woaß der Teurl mit was all'm g'füllt. Ader bei alle die guatn Sachen tbut der Bader nur meistens so, als wann er esset, dawcil, wann i ihm so zuaschau, stach i recht guat, daß er oft kam zwa Bissn or- dentli nunterbringt. Hi! hi! Er kann sich kalt gar net an das Leben in der Stadt d rin g'wöhnen, und 's geht unS do so guat d rin, denn der Franz thuat uns ja, was er uns nur an die Augen ansiacht. Hi! hi! Jacob (für sich). DaS thut der Bruder und — Thomas. Aber mir müg'n red'n und mach'n, was ma wöll'n — na und der Kranz, der red't ihm tüchti zua — 's nutzt Alles nir, er bleibt halt immer so ticfsinni und trauri. Wann er's so fortmacht, wirst'» schier bald vor dein Haus da vorbei auf'n Friedhof außitrag'n seg'n, denn der Franz hat ihm versprech'n müjsn, dafür zu sorg'n, daß er amal neben sein Weib, neben deiner verstorbenen Muader, in Grab dräust liegt. Gelt, Jacob! hi! hi! wird Dir do Hernack a wcngcrl lvad sein, wann's d'n amal vor- beitrag'n wirst seg'n? Hi! hi! Jacob. Vetter, Halt s ein, jedes Wort jchneid't mir tief in d' Seel ! Thomas. Na, na! Jatzt wird der Damian am End' a no trauri! — Sei net so dumm, er ist ja no net g'storb'n! Dei Bader lebt ja no, und — vielleicht g'wödnt er st do no an s Stadtleben mit der Heit. Also sei lusti! fidel! Hi, hi! Jacob. 'S Lnstisein Hab' i seit langer Zeit schon verlernt. Thomas I net. i. Hi! bi! Nur dann und wann, wann i an mei gottselige Alte und an mei verlorne-Häuser! denk',kummt ma a wenig 's Wasser in d' Aug'n — aber 's ist glei wieder vorbei. Hi! hi! Jacob. He, Wirthl da iS mein Geld. Jetzt kommt'S, Vetter, mit mir, i Hab' Eng allerhand z'sag'n, was ma da vor'n Wirrh net red'n kann. (Steht vom Tisch aus.) Thomas. Na, wegen meiner. (Richte» sich kbenfallr zum Gehen.) Aber das sag' i glei', lang kan i net mehr da heraust bleib'n, 'S kunt d'Nacht einabrech'n und wann i da den Weg allan — Jacob (Thomas unterm Arm nehmend) Vetter, Oes werd'S den Weg in d'Stadt net allan mach'n, — denn i werd' mit Eng geb'n. Thomas (im Abgehrn). Was? Dn gebst mit? a, dös is g'scheidt. Hi! Hi! Jacob. Ja, Vetter, 'S ist mein fester Entschluß, i geh' zum Vadern und dasmal net früher fort, bis er mi erhört hat. Thomas. Jst's wahr? Jucke, jetzt wollt i, daß i schon drinat wLr' in der Stadt. Kim, Jacoberl, kim und gib fein Acht, daß d'mi einholst, denn meine zwa alt'n Füaß werd'n iatzt laufn, als wannt ausg'wechsrlt wär'n; hi, hi! (Jacob mit sich fortzikhend.) Kim, Jacoberl, kim! (Beide ab.) Verwandlung. (Kurze- Zimmer bei Jacob mit einer Mittel« und Seitenthür. link» im Vordergrund steht ei« trsch und eia Stahl, im Hintergrund ei« Schrank) Sechste Scene. RoSl und Margareth , komme» au« dn Rrbeathür) RoSl (im Herau-gthea za Margarets Gott sei Dauk, der kleine Bua ist jetzt st» Siebente Scene. rin n recht g'sunden Schlaf kommen; meine große Angst um das Leben von mein rinzig'n Kind iS wieder halb und halb vorbei. Margar. Ja, sei getrost, dein arm'S Kindl wird schon wieder g'sund werd'n. RoSl. Mutter, wenn mir daS Kind so sterbet, i lebet a nimmer lang. Margar. Na, na, daS iS ja jetzt net mehr zu befürcht'n — der Scblaf wird's stärken und bald wird'S wieder frisch und g'sund sein. Kinder sein glei' weg, erhol'n sich aber a glei' wieder. " Rosl. Net wahr. Mutter, L-eS bleibt's mir daweil vernarb drin beim Kind, denn i «maß in Weingart'n narbschau'n geb'n. Das Stübl da (aus links zeigend) ist warm, d'Lunn scheint n ganzen Tag 'nein, da hoff i, wird stch'S Kind um desto früher er» bvl'n (sucht idr Kopftuch), ist guat. daß ma das Stübl haben, jetzt können ma's recht guat brauchen, als Kinberstub'n. Margar. Z waß, NoSl, Tu hörst so waS net gern — aber mir thuat balt immer 'S Herz web, wann l da 'neingeb' un^denk', da- war früher dem alt'u Rand« h»fer sein AusnabmSstüb'l. RoSl (spöttisch). O, dem gebt - ja recht glltit jetzt in der Stadt d'rin, bei sein'm vornehmen Herrn Subn. Margar. Za, der wird sein alt'n Ba» lern g'wiß nir abgeb'n lass'n, aber um daS Hans da, in dem er geboren worden ist, in dem er seine ganze Lebenszeit zubrackl hat, in dem er so vielt Zabt' mit sein' Eitern, d'schwistern, mit Weib und Kind Sorg', Kummer, Freud' und Leid getheilt bat, um daS wird's ibm do g'wiß recht an- chuan. RoSl. Er war da net z'sried'n und wich - dort a net sein, daS iS net unsere Lchulh. Vorige, Marie (städtisch, aber ärmlich g». klridkt, mit riuem Bäudrl iu der Hand, tritt durch dir Mitte ein). Margar. (Pr erblick,ud). Vtarie! (Ellt auf sie zu. umarmt und küßt sie.) Marie (krwied,rad). Grüß Gott, Mutter! RoSl. Na, laßt Du Dich auch wieder amal anschau'n? Jetzt haben wir beinah' schon a halb'S Jahr net die Ehr' g'hadt. Hast bübsch lang nir von Dir hür'n lafsn. Marie. Z hätt' leider nir Angenehm's hör'n lasten können. NvSl (Marie musternd). Mir scheint a. 's muaß Eng net b'sonderS nausgeh'n, Du bist, so viel i fiech, net g rab nach der letzt'n Mode anzog'n. Marie. O ja, da- is schier d'letzte Mod', die i mitg'macht bab'. NoSI. Also habt - vielleicht gar — Marie. Za leider, adg'wirthschast' hab'n nur. Margar. WaS? Adg'wirthschast'? NoSl. Oder eigentli bester g'sagt ab» g'lumpt, denn 'SWirthschast'n habt - OeS nie verstanden. Marie. Siosl, schau', mach' mir kaue Vorwurf , i Hab' so Kränkuirg g'nua aus» g'standen. RöSI. Za, wie man sich bett't. so schlaft ma'. Marie. Jetzt fiech iS freili ein. 'S ist wahr, in Anfang war ich auch leichtsinnig, aber bald Hab' ich umg'lenkt, Hab n Putz, drr für mi net paßt hat, wegthan, Hab' mein boffänigs Wesen abg'legt und bab' mich aus d'Häuslichkeit verlegt. Zch Hab' mt gnua hinuuterg'sorgt und 'nunterplagt, aber 'S hat nir mehr g'nutzt, mein Mann is immer mehr in d'Lumperei'neinkommen; statt'n Holzback'n hat er'S Geld verhaut, statt an guaten HauSvatern z'spiel'n, bat er im Kaffeehaus Karten g spielt und statt die Butten steißi am Buckl hat er in an» fort gute Freunderln am G'nack g'hadt. 32 Wann er auf'n Markt!'gangen is, war er nie zumHrwart'n, da is er von ein'Wirths- Haus ins andere und so — Rosl. Na und was war das Vnd' vom Lied? Marie. D'Greißlerei had'n wir müss'n zusperr'n, d Waaren, die wir auf Puff g'nvmmen had'n, haben wir müssen wieder z'ruckged'n und unsre andern Sachen hab'ns uns ebenfalls wegpfändt. Das hätt' aber Alles nir g'macht, wann nur der Steffl, so wie ich, den Vorsatz g'faßt hätt', jetzt, wo wir nir mehr hab'n, wieder fleißig im Taglohn oder wo immer z'arbeit'n, aber davon will er nir wissen, er will sich auf'S Schwindeln, auf Filoustreich verleg'n und d'rum bin i ihm auf und davon. Arbeit und Sorg' hätt' i gern mit ihm theilt, aber an seine Gaunereien mag i kan Antheil dab'n. und so lang er seine Gesinnung nickt ändert, darf er sich vor mir nicht blicken lassen. Rosl. Na, und was wird denn jetzt gscheh'n? Marte (zögernd). Kannst Dir's net denken, Rosl? Rosl. Ja, wannst bei mir Aufnahm' suchst und arbeiten willst, kannst wieder daS werd'n, was D' früher warst. Marie. Ja, i will reckt gern arbeiten; aber wann's nur a dein Mann erlaubt — Rosl. Mein Wort allein is g'nug! WaS t will, will auch er! Achte Scene. Vorige. Jacob, Thomas. Jacob (tm Eintreten zu LhomaS). So, Vetter, jetzt mackt's Eng' daweil da com- mod. Thomas. Schön gut'n Abend allerseits! RoSl (zu Jacob). Was will denn der da? Jacob. Da- wirst gleich — (Mari» er- duckend.) Ah! was fleh' i da? d'Schwä- gerin! Marie. Grüß Gott, Schwager! Jacob. Na, laß t Du Dich auch wiedei einmal seh n? Rosl. Ja, sie ist kommen und hak mi' bet'n, daß ma'S wieder zu uns ln's Haus nehmen soll'n, denn sie is von ihr'n Mann weg, weil er jetzt, wo Alles verwirthschast'l is, statt sich wieder auf d'Arbeit, aus Schwindlereien verlegen will. Marie. Sckwager, i that recht schon bitt'n! Jacob. Na, recht gern. Bleib' d'Schwä gerin nur wieder da. Marie. I dank' tLng vielmal! Rosl (zu Marie). Geh' jetzt aust auf» Bod'n, in der Truch'n liegt der' G'wand'l d rin, was D' zum letzt'n Mal ang'hat» hast, bcvvrst in d'Stadt eint bist. Marie. Das werd' ich gleich anzieh'n und mit'n früher» G'wand werd' ich auch die frühere fleißige Arbeiterin anlegen. (Ab durch die Mitte.) Jacob (zu «argarrth). Muater, b'sorgts für'n Vettern a klane Jausen. Margar. Na, kvmmt's eine da, Velin Thomas, müßt'- halt Verlieb nehmen mil a Wengerl an schwarz'n Fleisch. (Ab rechts) Thomas. Ah, das is schon recht, Hai so schon langmächtl kan's gessn. MÜcd> gern wieder amal wifs'n, wie's schmeck Hi! hi! (Folgt Margareth.) Jacob. Du, RoSl, richt mir mei'Sunn tagsg'wand z samm' — t muß heut' no in d'Stadt eini. Rosl. WaS? in d'Stadt? heut' no? Jacob. Ja. mit'm Thomas geh' i he" nach eini. RoSl. WaS willst denn in der Stadt! Jacob. I Hab' ein wichtigen Gang — aber jetzt geh' und richt' mir mei G'wand her. Rosl (bei Seite) Wa- muß denn her^ er wird do net — ah, der Sach' werd' glei' auf n Grund kommen, («echt« ab ) 33 Neunte Scene. Steffl. DuSl. Jacob. Steffl. Schamster Diener, Herr Schwager! Jacob. Jekas, der Steffl! Da- iS waS seltsam's! Steffl. Ja, man hat halt auSgebrei- tkte G'sckäfte, sehr viel zu thun! Hier stell ich Dir meinnG'schäftSfreund Herrn Dusl vor, WichSmacher. DuSl. Ohne Vitriol! Jacob. G'frcut mich. Steffl (leise zu Dutt). Jetzt nehmen's Ihnen z'samm, denn nur auf hie Art, wie wir s auf'n Weg daher besprochen hab'n, können Sie zu Zhnere zehn Gulden kommen. Dusl (ebenfalls leise). Ganz gut, aber nur vorsichtig! vorsichtig! Jacob. Mir ist nur leid, daß ich nicht lang daS Vergnügen haben kann, weil ich bemach in d'Stadt hinein muß. DuSl. O ich bitt', wir werden nicht lang aufhalten. Steffl. Wir hab'n nur a klein'S Ä'schäft mit einander zu befprech'n, waS bald abgethan sein wird. Jacob. A G'sckäst? Steffl. Ja, ein sehr vortheilhaft'S G schüft, das ick Dir antrag'n will, und bei dem wir alle Drei, nämlich ich, Du und dieser Herr hier, bedeutend gewinnen können. Jacob. Und da- wär? Steffl. Vor All » muß ich Dir sag'n, daß sich meine Greißlerei ungeheuer gut rrntirt. Jacob. So? Steffl. Ja, der Absatz, den ich Hab', iil grimmig, vor Kurzem war noch 'S ganze rzeatn.Atpntsk« Nr. IVO G'wölb voll Waar', und jetzt ist's schon wieder so auSg'räumt, ich dürft' pfändt sein! Dusl (leise zu Steffl). Vorsichtig! (Laut zu Jacob.) Ich sag' Ihnen, den Zulauf, den »rein G'sckäftsfreund dahier hat, ist unglaublich! Steffl. Ja, von weit und breit kommen d'Leut' zu mir,'S iS oft ein ordentlicher Andrang. Jacob. Jst'S wahr? Steffl. Sein oft so viel Leut' d'rin,daß'S ganze G'wölb verstellt ist. Ja i wett', wann st jetzt zu meiner Greißlerei hinkommst, kannst bei der Thür net eini (bei Seite), weil's zug'sperrt ist. DuSl (leise zu Steffl). Nur vorsichtig! vorsichtig! Steffl. Na, dafür bin ich jetzt aber auch g'stellt! Mit 20.000 Gulden kauft mich Keiner auS. Jacob. Zwanzigtauscnd? Steffl. Ja, so viel Hab' ich bereits b:i- einandcr. DuSl (leise zu Steffl). Vorsichtig! (Laut ,u Jacob.) Ja, Wissen s, er hat halt auch glückliche Geldgeschäfte nebstbei gemacht. Jacob. Ah so! Steffl. Ja, so ähnliche Geldg'schäfte, wie ich heut' mit dem Herrn da eins macken möcht'; ich soll ihm nämlich 200 Gulden leih'n; aber ich Hab' g rad' für den Augenblick selber nicht so viel Baares im HauS, denn ich Hab' erst gestern um 3000 Gulden Papiere gekauft. Jacob. Na natürlich, da bist halt ganz entblößtl Steffl. Ja wirklich, auf Ähre, ich bin ganz entblößt! DuSl (leise zu StG) Nur vorsichtig! vorsichtig! 3 34 Zehnte Scene. Vorige. Marie. Marie (ist während der letzten Reden durch die Mitte in ihrem ländlichen Gewand herringekom- men, wischt den Staub von den Möbeln, ordnet dir Stühle rc. Alles das thut sie von den Nebligen derart abpwandt, daß fi, Steffl nicht er- rrkennen kann) Steffl (inzwischen halblaut zu Jacob). Was hat denn der Schwager da für ein'n neuen Dienstboten? Jacob. Die Dirn' Hab' i heut' erst auf- g'nommen. Steffl. Scheint a sauberS Madl zu sein, der Wuchs wenigstens. (Sich Marien nähernd.) O Du lieber Schneck Du! (Will sie in die Wange kneifen, prallt aber, da er sie erkennt, erschreckt zurück.) Ah, mein Weid! Marie (ebenso). Ah, mein Mann! Dusl (bei Seite). Jetzt geht's gut! Marie (zu Steffl) Was willst denn Du da? Steffl. Ich — ich Hab' — Jacob. A Geldg'schäft möckt' er mit mir machen! Marie. Was? Du — Steffl. Ja — das heißt.— ich — D u s l (leise zu Steffl). Nur vorsichtig! vorsichtig! Steffl (zu Marie). Aber sag' mir nur, wie kommst denn Du daher, und ohne mein Wiff'n? Wannst scbon durchaus auf'n Land hast sein woü'n, warum hast mir denn das net g'sagt, ich hätt' Dir ja reckt gern eine elegante Sommerwohnung in Döbling Marie. Du a Sommerwohnung in Döbling? — Steffl (rasch einfallrnd). Oder in Hietzing, oder — Jacob (der inzwischen lächelnd zuhört). Geh', laß die Sponponad'n, i weiß ja sckon Alles. Dusl (bei Seite). O verflucht! Steffl. Was weiß der Schwager? Jacob. Daß d'Alles verlumpt hast, daß d' Gläubiger 's G'wöberl zug'sperrt hab'n und daß Dir dein Weib davongangen ist, weilst Dich statt auf S Arbeit'«, wie's jetzt in deiner Lag' 's g'scheidteste wär', aufs Filvutiren verlegen willst. Steffl. Ja — wenn der Schwager das schon Alles weiß, da — Dusl (bei Seite) Da nutzt uns unsere ganze Vorsicht nir mehr. Jacob. Steffl! Pfui, schäm Dich! Dusl (p, Steffl). Ja wohl, schamen'S Ihnen. Jacob. Also auf s Leutanschmier'n willst Dich verleg«! Dusl. Ja, das ist jetzt sein G'schäft, mich hat er auch ang'schmiert. Jacob. Ihnen? Dusl. Ja, um zehn Guld'n, die er mir schuldig ist! Jacob. Ihnen ist er schuldig? Dusl. Ja, bare zehn Guld'n, für Schuhwichs ohne Vitriol! Jacob. Aber Sie haben dock erst selber g'sagt —? Dusl. Ja 's ist wahr —ich — ich Hab' — erst selber — aber — 'S ist gräßlich, 's ist niederträchtig, ich, der ich den Grundsatz Hab': Nur vorsichtig — nur vorsichtig! ich bin so schändlick aufg'seffen! (Zu Steffl.) Sie, wann's wieder einmal Wichs brauch'«, kommen's nur zu mir, Sie soll'« Wicks hab'n, die schönst'n Wicks von der Welt (mit der Puntvmmik des Hauens). ohne Vitriol! (Ab.) Jacob (zu Steffl). Geh', denk' a biffer! d rüber nach, wohin der Weg, den'st ein» g'schlag'n hast, führen wird, und ob's nil g'scheidter wär', wann's d' ein andern einschlagest. (Recht- ab ) Steffl (bleibt schweigend stehen und steht auf Marie hinüber). Marie (bleibt ebenfalls schweigend auf du andern Serie stehen und steht von Zeit zu Zeit auf Steffel hinüber). Steffl (für pch). Memer Seel', i schäm mich vor ihr. 35 Marie. Steffl! Steffl (ohne sie anzusrhrn). Was denn? Marie. Warum schaust mi denn gar net an? Steffl. I schäm' mi. Marie. Da hast schon Recht, schäm Di nur. Steffl (bei Seite). Na ja, warum soll i mi a net schämen, Zeit Hab' i jetzt gnua dazu. Marie. Daß' Dich schämst, g'freut mi, denn cS laßt mi hoff'n, daß d' Dich bessern wirst — Steffl. Glaubst? Marie. Ja ich hoff', daß d'endlich amal zur Einsicht kommen wirst! Steffl. Ja, Marie!, i sig's jetzt ein, i bab' kein Talent zum Schwindeln, i kann nel umgeh n mit'm Lcutanschmier'n, d'rum bab' ich mich auch als Greißler net g'halt'n und bin z' Grund gang'n. Marie. D'rum mein i halt, 's ist's g'scheidteste, Du kehrst a wieder zu dein Stand zurück und Steffl. Wieder Knecht?! Marie. Immer g'scheidter als gar nir! Steffl. Wieder wcglegen den Gehwecker und wieder anzicg'n den Frack ohne Schö- ßeln?! Marie. Hab' ich auch mein Klad mit die Foliant'n und mei Briosch und Hand- Lraceletts wegg'legt! Steffl. Wieder arbeit'n?! Marie. Ja,Steffl, wieder arbeit'n, wieder spar'n, wieder in unfern Stand z'ruck- kehr'n, nur so können wir wieder zufried'n, wieder glücklich werden! Steffl. Na wegen meiner, i werd'S pro- bir'n, wann'S geht — Marie. Ja probir'S.undDu wirst seg'n, 's wird geh n, wann Du nur ernstlich willst; Hab' ich'S auch probirt und 's is prächtig 'gangen. Da schau' mich an, siegst, das ist das G'wandl, waS ich z'letzt ang'habt Hab', bevor ma in die Stadt eini sein, das Hab' i wieder hcrvorg'sucht.hab's wieder anzog'n und seitdem ich'S anhab, ist ma viel leichter, viel wohler, i bin ordentli wieder sorgenfrei ! Steffl. Steht Dir aber a, jetzt merk' iS erst, viel besser an, als die dumme Stadt- kluft. - Marie. Net wahr? Auch Dir wurd' deine frühere Tracht besser ansteh'n als der Spenatfrack da. Steffl (sich betrachtend). Ja. gar schön is der g'rad net — übrigens kann ich do sagen, bei mir schaut was außa, bei die Ell- bögen nämli. Marie. Ausn Bod'n oben in der Tru- chcn hat d'Mutter mei G'wand aufg'hoben g'habt, dort liegt a deins — wannst also willst, so — Steffl. Ja hol'S! hol's in Gott'snam ! Marie. Na gut, i hol's — Du wirst seg'n, Steffl, so wie i Dir in dem Anzug besser g'fall', wirst a Di» mir in dein Janker und in den braten Huat schöner Vorkommen, wir werd'n uns alle Zwa wieder einander besser g'fall'n, wieder einander lieber hab'n, wieder einig, zufried'n und glücklich sein! (Ab.) Eilfte Scene. Steffl (allein). AuS ist'S mit der Herrlichkeit! Jetzt beißt'S wieder Knecht sein! — Na, wann'S schon nit anders ist, so werd' ich mich halt behelfen. Es geht m»r übrigens nit allein o, denn eS gibt heutzutag' gar Viele, die ich auch mit allerhand fortfrett'n müff n, der Eine mit dem, der And re mit dein. Es behilft sich halt Jeder so gut als er kann. L o u fl t e l. Nach China, nack China, da möckt' ick gern hin, Das China, daS China, das liegt mir im Sinn'! 3 * 36 Go ruft Einer auS, der so weit möcht' gern geh'n, Dlos um die bezopften Chineser zu seh n. Doch weil ihm zu so weiter Reise wohl fehlt Die nöthigc Zeit und daS nöthige Geld, Schaut er sich einstweil'n bloß die hiestg'n Zöpffan:- So behilft sich haltJedcr so gut als er kann. »Ach!*ruft eine Witwe, die gänzlich allein, »Wie würde ich froh', ja glückselig wohl sein, »Hätt' ich so ein Söhnlein jetzt an meiner Seit', Ach! oder ein Löchterl, daS wär' meine Freud'!* Doch weil dieses Glück ihr beschieden nie war, Nimmt's jetzt eincnBub'n,dcrkaum alt noch zwanz'g Jahr', AuS zärtlichem Mitleid' an Kindesstatt an: — So behilft sich halt Jede so gut als sie kann. Ein Held, der von nichts als von Rüstungen red't, Und der eine Seeschlacht gern mitmach'n thät. Dem war' sein ganz' Heil, sein ganz Glück d ran geleg'n, Wann er könnt' die englischen Flotten jetzt seg'n. Dock da ihm daS Glück leider nicht ist be- ^chied'n, Thut er sich begnüg'n, lst einstweilen zu- fricd'n, Und schaut bloß die Flotten bei'm Englän- » der an: — So behilftsich halt Jeder so gut al- er kann. Ein Mensch, der vom Mein und vom Dein hat Begriff, Die durchaus nicht g'rad, ja weit eher sind schief, Und der nichts als Räubergeschichten liest gern, Der möcht' Räuberhanptmann mit aller G'walt werd'n; Doch weil daS schon einmal kann durchaus nicht sein, Find't endlich er sich in das Schicksal hinein, Und wird jetzt ein Tandler, der biedere Mann: — So behilft sich halt Jeder so gut als er kann. Weil g'rad ist Martini und Gänf Alles ißt, Kriegt auch auf a Gans Appetit ein Kanzlist, Gern traget er sich so ein G'flügel nach Haus, Doch leider die Gelder, die reichen nicht auS. D'rum kauft er g'schwind Erdäpfel, sted't fich'S im Nu, Und statt daß er esset ein GanSl dazu, Umarmt er d'Geliebte dabet dann und wann: — Go behilft sich halt Jeder so gut als er kann. Ein Bursch' voller Feuer und lebhaftem Blut, Der möcht' gern erfahr'n, wie ihm da war zu Muth, Wann er in recht g'fährlicher Lag' einmal wär', Und wünscht sich im Leichtsinn Gefahr'n sogar her; Doch da sich kein' and're Gefahr will er> geb'n, Denkt er nicht lang nach, thut a Kart'n beheb'n, Und macht einen Ausflug nach Linz mit der Bahn: — Go behilftsich halt Jeder, so gut als er kann. 37 Ein Mensch, der voll lebhafter Wißbe- gierd' ist. Und der auch möcht seh'n alles das, was er liest, Verschlingt jetzt ein Werk ziemlich stark und beleibt. Das die egyptische Finsterniß -'schreibt; D rum möcht' so a Finsterniß seh'n er jetzt gern. Doch da nicht der Wunsch kann erfüllt anders werd'n. Schaut er sich d'Beleuchtung am Donau- Quai an: — So hilft sich halt Jeder so gut als er kann. Ein Vater der geht mit'n Söhnlein spazier'n, Da thut'n das Bubi in Ein'm fort sckir'n, Daß er einen lebenden Affn ihm zeigt. Den Wunsch zu erfüll'n ist der Vater geneigt ; Doch weil in der Näh' keine Menagerie, Zeigt er beim Kaffeehaus am Koblmarkt ihm die, ^Tir mit'n GlaSlvor'mAug'gaff'n d'Mad'ln dort an: So behilft sich halt Jeder so gut als er kann. (Ab.) Zwölfte Scene. Jacob (kämmt in emnn andern Kock aut der Nkbenthkr rechts). Rosl (folgt ihm) Rvsl (ju, Herauttrrten heftig) Du willst also noch einmal — Jacob. I, ich will's noch einmal versuchen, will zu mein Padern, will ihm zu Füßen fallen und mit anfgebobenen Händen bitten, daß er mir verzeiht, daß er vergißt, was wir ihm angethan bab'n, und daß er wieder zu nnS heraus, wieder zu uns in'S Haus kommt. RoSl. Wer hat ihm denn g schafft, daß «fort geht? Jacob. Ich bitt' Dich, red' nickt so. und bedenk' — Rosl. Er ist selber fort, und wann er in das HauS herein will, soll er auch selber kommen. Jacob. Rosl, wann's D' auch Dn'S noch immer nicht elnsiehst, wie stark wir uns an mein alt'n Vätern versündigt hab'n, ich sch's ein, und ich wcrd' Alles rhun, um nach Kräft'n wieder gut z'ma- chen, was wir verschuld t hab'n. Rosl. Wir hab'n nir verschuld't, wir hab'n a nir gut z'machcn. Jacob. O, wir haben viel, unendlich viel gut z'machen, mehr als vielleicht in unserer Kraft liegt. Bor All n will ich — (Geht zum Schrank hin. öffnrt ihn und sucht hastig etwas darin.) Rosl. Was suchst denn? Jacob. Die Schrift such'ich, mit der mir der Vater die Wirtschaft übergeb'n hat. (Lucht hastig weiter.) Rosl. Zu was brauchst denn — Jacob (eine Schrift hrrausnrhmend). Ah da ist'S! Rosl. Was willst denn mit der Schrift 2 Jacob. Zerreißen will ich'S, meinem Vater wieder zurückgeben. RoSl. Jacob, um deS HimmeS willen! Jacob. Er soll wieder Herr im Haus sein, und ich will gern der mindeste seiner Knechte sein, wenn er mir wieder verzeiht, wenn ick wieder sein Vertrau «, wieder seine Lieb' gewinn'! RoSl. Jacob, Du wärst im Stund — Jacob. ES ist mein fester Vorsatz, und bei Gott, ich werd'n ausführen! RoSl. Gut! gut. gib Alles weg, mack Dich selber zum Knecht! Aber das sag' lck Dir. ick bleib' keine Stund' in dem Haus a!S Dienftbot, wo ich früher Frau war! In dem nämlichen Angenbliek, als Du deinen Vorsatz ansfuhrst, verlaß ick daS HauS, und nie in dein' ganzen Leben stehst Du dein Weib, siehst Du dein Kind wieder! (Dill ab.) 38 Jacob (Rosl zurückhaltend). Rosl, ich bitt' Dich um Gottes willen, geh' doch endlich einmal in Dich! Schau, Rosl, eS wird dann der Frieden in unser Haus wieder einkehren, denn das ist ja der einzige Grund unserer häuslichen Zwistigkeiten, daß Du durchaus nicht unser Unrecht einsehen willst! Rosl. Zu der Einsicht werd' ich nie gelangen. Jacob. So willst Du mir also nie helfen, die schwere Last von meiner Seel' hin- wegzuwälz'n, willst mir also nie helfen, meine große Schuld nach Kräften zu tilgen, willst mich hindern, für immer hindern, meinen Vater zu versöhnen? Rosl. Ich Dich hindern? ich Dir im Weg sein?O, im Gegentheil, ich will Dir ja aus'n Weg geh'n, recht weit aus'n Weg geh'n! Jacob (drohend). Rosl! Rosl. Wann i a Dirn abgeb'n will, find' ich noch and're Häuser g'nug, da braucht's net das g'rad zu sein! (Ab.) Jacob (allein). In Gottcsnamen, so geh', geh'! Mag Alles, Alles mich verlassen, wann nur mei' Vater mir wieder verzeiht, wieder bei mir bleibt und— aber— wann er auch mir verzeiht, wann er auch wieder zu mir kommt, wird er hier in dem Haus, aus dem er alle Ruh', aller Fried'n g'wichen ist, wird er hier ruhig und vergnügt seine letzten Tag' beschließen können? Wird er sich nicht am End' als die Ursach' unseres ehelichen Unfriedens, unserer Trennung betrachten und fortan leiden, wie er bisher gelitten, durch mich gelitten?! Ah! der Grdank'n raubt meiner Seel' die letzte Kraft, der Grdank'n treibt mich an den Rand der Verzweiflung! Heiliger Gott! kerne Hoffnung, keine Rettung, kein anderer Ausweg mehr, als der — der hinaus aus'n Leben führt! (Ab.) Verwandlung. (Vor dem Hause Jacob- wie am Schluffe brechen Acte-.) Dreizehnte Scene. Randhofcr und Franz. (Beide kommen von link-.) Ran dH. (im Auftreten zu Franz). Franz! wie kannst Du so was von mir fordernd Ich wäre nie, nie in meinem Leben mehr in die Näb' von dem mir einst so lieb'n, jetzt aber für mich so schrecklichen Ort gangen, wann'S einen andern Ort gab', der nacb'n Friedhof führt. Franz. Leider ist Ihr Zorn ein gerechter, Vater; aber vielleicht stimmt Sie der heutige Tag versöhnlicher. Ran dH. Ich habe mich ja schon an den Undank von Jacob g'wöhnt, und — Hab' ihm auch im Stillen schon verzieh'», aber versöhnen mit ihm werd' ich mich nie. Franz. Vater, am Friedhof wirb Ihre Stimmung gewiß sich mildern Ran dH Franz, Du kannst Dich nicht hinein fühl'n in ein so tief gekränktes Da- terherz. (Dir Thür bei Jacob öffnet sich.) 's kommt wer, fort, fort! (Franz mit sich ziehend hinter dem Hanse ab.) Vierzehnte Scene. Rosl, Bettlerin. Rosl (au- dem Hause tretend) Werts denn da so g'schwind vorbeig'huscht — mir war völli, als wann's der alte Randhofer — Aber na — i wir mi g irrt hab'n. Bettlerin (von recht- kommend). A arm's, alt's Weib that' gar schön bitt'n um a bisserl was. Rosl. Da — (Gibt ihr Geld.) Bettlerin (e- nehmend). Vergelt'- Gott tausendmal! Rosl (die Bettlerin fixirend). Sicch i recht oder net? Oes seid - ja die Ziegelbaucrin von — Bettlerin (rinfallend). Ja,ja, die bin i. 39 Rosl. Und Oes geht's betteln, babt's do Haus und Hof — Bettlerin (eben so wie oben). G'habt. Rosl. Seid's abbrunna, oder durch was für a Unglück seid's denn um Enger Sack' kommen? Betlerin. Durch das größte Unglück, was a Mutter treff'n kann, durck mei' eignes Kind sein' Undank. Rosl (hastig >. Was? Durch enger eigen's Kind? Bettlerin. Ja, mei' leiblich's anzig's Kind, mein Sühn, für den i mi kümmert, g'sorgt, plagt Hab', hat zum Dank dafür — aber na, i darf ja net klagn'n, i hab'S ja verdient mei' Schicksal, es is a gerechte Vergeltung für das, was i selber begangen Hab'. Rosl. Was könnt's denn Oes begangen hab'n, daß'S so a harte Straf' verdienet's? Bettlerin. O Frau, auf mir last't a schwere Schuld; i Hab' den Mann, der, wie meine Eltern g'storb'n war n, sich meiner ang'nommen hat, der mich seit mein vierten Jahr mit Woblthaten überhäuft hat, der mir, wie i g'heirat' Hab', Haus und Hof übergeb'n, und für mi g'sorgt hat, wie nur a Vater für sein Kind sorgen kann, den Mann Hab' i zum Dank dafür in sein'n alten Tagen so vernachlässigt, so kränkt, daß er endlich 'zwungen war, sein eig'ns Haus zu verlassen und bei Verwandten 's Gnadenbrot z'suchen. Aber 's Schicksal hat mir g'nau vergolten, so wie ich mein' Wohlthäter, mein'n zweiten Vater, so hat später mein eig'n s Kind mich behandelt; ja von mein' einzig'» leiblichen Sohn bin i zum eigenen Haus hinaus- trieb'n worden Da Hab' i hernach den Schmerz erst kennen g'lernt, den der alte Mann damals g'fühlt muß hab'n, wie er durch meinen Undank zwungen, von sein'n Eigenthum Abschied g'nommen hat, da Hab' i hernach erst eing'seg'n, wie schwer i mi versündigt Hab', und auS ganzer Seel' Hab' i bereut und den festen Vorsatz «g'faßt, ab- z bitten und nach Kräften wiedergutz'mach'n, aber — 'S war schon z'spät; der, den ich Hab' wieder gut machen woll'n, war net mehr zum gutmach'n, denn er war — tobt! Rosl (erschüttert). Todt?1 Bettlerin. Wann der, den ma beleidigt, den ma kränkt hat, amal todt is, nachher erst erkennt ma recht sei' Schuld, nachher macht ma sich erst recht Vorwürs über jede Glegenheit zur Versöhnung, die ma hat unbenutzt laff'n. O, i wollt' jetzt gern Alles, Alles ertrag'n für den einzigen trvstvollen Gedanken, daß ich. was ichversckuldt, wieder gut g'machthab'. Aber leider, den Trost kann ick mit nir erkaufen und die bitterste Reu' wird mich bis zu meiner letzten Lebensstund' erfüll n! Rosl. Arm's Weib, kommt's öfter zu «nir, und was i helf'n kann — Bettlerin O i dank' Eng vielmal, und wann's erlaubt'-, so wir i Eng öfters aus- suck'n; sollt' i aber nimmer kommen, sollt' Uli Kummer und Schmerz inzwischen aus« g'rieben hab'n, so denkt's, so oft'S wem be. leidigt's, kränkt's oder wehthuat'S. an mi, und samt's ja nit mit der Abbitt', samt'S ja net mit der Versöhnung, damit Eng ner a amol z spate Reu' so unglücklich macht, als ich jetzt bin, damit Eng net a amol durch Enger Kind etwan die Sckuld ver- golt'n wird, denn glaubt's mir'S, es gibt a Vergeltung, und wie der Himmel am schönsten mit Mutterfreuden belohnt, so straft er auch am härtesten mit Mutterschmerz! (Ab.) RoSl (nach einer Pause). »DamitEng net a amol durch Enger Kind etwan die Schuld vergolt'n wird.* — Heiliger Gott! wann amal mein Kind an mir - aber na, na. das wird der Himmel abwcnden, so schwer wird er mi net strafen. —I will ja gern Alles, Alles thun. i will ja abbilten, will ja gutmach'n aus ganz « Kräften, aber heiliger Gott, nur daS Unglück lass' mi net erleb'n, nur den Schmerz lass' mi durch mein Kind net erfabr'n. (Sinkt auf den Letschen»! hin. erhebt die gefalteten Hände und bleibt, den Blick gegen dak Bild gewandt, ganz in An- dacht versunken knirrv ) 40 Fünfzehnte Scene. Vorige. Jacob (kommt mit Gewehr und Jagdtasche auS dem Hause und tritt, ohne Rost zu bemerken, hastig in den Vordergrund). Jacob. Ja, das ist der einzige Weg, denn nur auf diese Art ist's möglich mein'n Vätern die letzte Kränkung zu erspar'n und aus der Welt zu geh'n, ohne daß er erfahrt, daß i selber Hand an mein Leben g'legt Hab'. Man wird mich d'raust im Jagd- g'wand finden, und 's wird heißen, 's ist ihm 's G'wehr losgangen, er ist durch Zufall verunglückt. (Rasch ab.) Rosl (erbebt sich vom Betschämel). Ich Hab' Gott inständig beten, er wird gewiß mei' Bitt' erhör'n, wird mir verzeih'», und Beistand und Kraft verleih », daß ich im Stand'bin, mein' reumüthigrn Vorsatz auszuführen. Sechzehnte Scene. Jacob (wird von Franz und Randhofrr aus dem Hintergründe hervorgeführt. Rosl (eilt den Kommenden entgegen). Ro-l. Jacob, um Gottes will'n, was ist Dir? (Randhofrr erblickend ) Vater, Oes — Randh. Ja. ich und der Franz sein g'rad im reckten Augenblick kommen, dein' Mann von ein'n fürchterlichen Vorhaben abz'halten. Franz (der das Gewehr Jacobs in der Hand hält). Bruder, was hat Dmd nähren. 2a selbst dieses vielgepriesene Mittelalter mit seinen Mustern männlicher Stärke und Tapftrkeit scheint mir ein Zeitalter der Schwäche und Weichlichkeit gewesen zu sein, eben wegen seines kindisch-ritterlichen Minnedienstes und seiner abgöttischen Frauenverberrlichung — die Zeiten sind Gottlob vorüber! Dame splquirt). Sie entwickeln da — ich will einen gelinden Ausdruck wählen — seltsame und neue Ansichten — Herr. Ihnen neu, gnädige Frau, denn wer hätte eS gewagt, der Schönheit und Anmuth gegenüber — Dame. Ach, ich bitte, vergessen Sie nicht an Ihre männliche Würde, in dereuNamen Sie eben so energisch protestirten — Herr. Ich modifirire meine Ansicht gerne dahin, daß jede Huldigung erlaubt sei, so lange sie nicht die angestammte Herrscherwürde deS Mannes verletzt und beeinträchtigt. Dame. Ah, — »daher jene Thräncn?« Dacht' ich'S doch! Nur weiter, mein Herr, — fahren Sie doch fort! Herr (verwundrrt). Was noch, Madame? Dame. Sic wollten ja eben die Bibel citiren, nicht? »Und er soll dein Herr sein!« Herr. Sie thun eS selbst. Uebrigcns ist diese Mahnung des Buchs der Bücher gänzlich überflüssig, denn der Mann war von je her der Herr deS Weibes und wird cs ewig sein! Dame (lebhaft). Und mit welchem Rechte? Herr. Mit dem Rechte deS Stärkeren. Dame. Und ich sage Ihnen, mein Herr, der Mann war stets der Sclave des Weibes und wird eS ewig sein, denn der Geist regiert — Herr. Und der ist unsere Waffe — Dame (feurig). Sophismen, mein Herr, "ichts als Sophismen, — die Frauen sind die Beherrscherinnen der Welt. — bis jetzt zwar dem Scheine nach noch nicht ganz, aber in Wirklichkeit um so unumschränkter. Uebrigens ist auch die Zeit nicht mehr fern, in der wir auch die Aeußerlichkeiten unserer Herrschaft erringen werden und auch das Gesetz uns die Krone aufsetzen wird. Schon sind unserere transatlantischen Schwestern mit dem besten Beispiel vorangegangen, — auch in Europa regt sich seit Jahren ein neuer Geist.— Emancipation rstdasLosungs- wort unserer Reihen; mit Wort und Schrift kämpfen die besten unserer Streiterinnen für dieses Bollwerk unserer Regierung, und haben wir das erst erobert — Herr (rtwa» ironisch). Nehmen Sie un Voraus meine Glückwünsche entgeaen und verfahren Sic dann gnädig mit uns armen Besiegten. Dame. O, Gnade dann nur dem De» müthigen! Wer dann noch gegen die alleinseligmachende Liebe protestirt, über den wird das Anathema der Vernichtung geschleudert. Herr. Und der Reuige, der Bußfertige? Dame. Wird wieder in den Sckooß der Kirche ausgenommen. Herr. Also lassen Sie mich bis dahin ündigcn. Dame. Ich muß wohl, da Sic vorläufig unverbesserlich scheinen. H«r. Bloß scheine, — denn ich ahne, wenn Sie, gnädige Frau, als Missionärin — Dame. Ach, dazu fühle ich mich nicht berufen, mein Herr, — übrigens ist der octroyirtc Glaube des Proselyten ein der heiligen Liebe unwürdiger. Herr. Des Proselyten? Wissen Sie denn, ob Ihr heiliger Glaube mich nicht chon längst zu seinen eifrigsten Fanatikern zählte? Dame. Bei Ihren protestirendcn Grundsätzen, bei Ihrer männlichen Würde, mit der es nicht vereinbar ist — Herr. Und doch hat dieses Herz schon oft die süßen Qualen der Liebe empfunden. 6 Dame. Leicht möglich, ob aber dieses Her; je mit Gegenliebe beglückt worden — i Herr. Daran ist so schwer ;u glauben? i Dame. Wenigstens daran, daß Ihre männliche Würde mit dem Ballaste Ihrer Grundsätze dann nicht schmählich Schiffbruch gelitten habe. Herr. O, Madame, unversehrt kehrte ich nach manchem Sturm in den sichern Hafen des philosophischen Gleichmuths zurück. Dame. Das nimmt mich Wunder — Herr. Und was berechtigt Sie dazu? Dame. Der Sturm der Leidenschaft, den Sie erregten, oder der in Ihnen erregt worden, sollte Sie nicht gezwungen haben, wenigstens die Last Ihrer Grundsätze über Bord zu werfen? Herr. Als kühner Steurer — Dame. Sagen Sie lieber, ganz unbildlich gesprochen, daß Diejenige unseres Geschlechtes, für die Sic wirklich einmal geglüht, geradezu einfältig gewesen sein muß, wenn sie es mit Hilfe Ihrer Leidenschaft nicht dahin gebracht hätte, Ihren Charakter wie ein Stück Wachs, das man in der Hand erwärmt, umzukneten. — So freilich haben Sie die Macht unseres Geschlechtes noch nicht erprobt. Herr. Für so bedeutend ich Sie auch immer halten mag, gnädige Frau, ich zweifle, ob Ihnen das gelänge, was mancher Ihrer Schwestern bisher noch nicht geglückt ist. Dame. Mir? Hüten Sie sich, mein Herr. — Gefährlich ist's — und so weiter und so weiter. Herr. Wohlan, ich wage es, den Leu Ihres weiblichen Selbstbewußtseins zu wecken.— (Für sich.) Die Geschichte nimmt eine interessante Wendung. Dame (für sich). Mir fährt ein origineller Gedanke durch den Kopf. Soll ich ihn ausfübrcn? Meine Eitelkeit ist zu sehr nach diesem Triumphe lüstern. Herr (für sich). Sie schweigt? Wer schweigt, willigt ein. Dame (für sich). Fort mit kleinlichen Bedenklichkeiten! Er scheint keiner der Gewöhnlichen zu sein! (Laut.) Mein Herr — Herr (für sich). Ich bin begierig. Dame. Sie behaupteten vorhin, wenn ich recht vernommen habe, Sie wären noch niemals vor einem Weibe ans den Knieen gelegen. Herr. So ist es, Madame, und so oft ich im Rausche meiner Sinne nahe daran war, vor einem ihrer Götzen anbetend niederzufallen, ertönte eine warnende Stimme aus meinem Innern . »Eugen, wahre deine Würde und Selbstachtung.« Dame (für sich). Geduld, mein Herr Eugen! (Laut.) Ick gratulire Ihnen zu dieser warnenden Stimme; nichtsdestoweniger nehme ich mir die Freiheit, Ihnen eine kleine Wette zu proponiren. Herr. Eine Wette, Madame? Dame. Ich werde Sie zwingen, mir binnen zehn Minuten das Geständniß Ihrer Liebe in bekannter officieller Weise darzubringen. Herr. O, Madame, das Bewußtsein Ihrer Liebenswürdigkeit und meiner Liebefähigkeit sollte Ihnen doch sagen, das hierzu weder Zwang, noch zehn Minuten nothwendig sind — Dame. Ah, Sic strecken die Waffen, Sie ergeben sich, wie es scheint? Sie wollen mir also aufJhren Knieen schwören — Herr. Auf meinen Knieen? Dame. AufJhren Knieen! DaS gehört zum Ceremvniell jeder anständigen Liebeserklärung. Herr. Ich liebe die Ceremonien nicht, ^ Gnädige. Dame. Das habe ich erwartet. Sic - sträuben sich also dagegen, mein Herr? i Herr. Sträuben? Die Sache liegt : mir so fern, daß Sie wohlthäten, Ihren kleinen Mund kein Wort darüber - verlieren zu lassen. — (Für sich.) Sehr drollig, in der That. 7 Dame. Mein kleiner Mund wird Sir indeß doch dazudringen, den Willen seiner Herrin zu erfüllen — Herr. Ich bin begierig — Dame. Wohlan, ich befehle es Ihnen im Namen der Gesetze der Galanterie, die Gehorsam einer Dame gegenüber erheischen — Herr. Gesetze, die ich nicht anerkenne, die für Schwächlinge gemacht sind — Dame. Ich will es, — fallen Sie auf die Kniee, mir Ihre Liebe zu gestehen. H er r (sieht sie verwundert an, für sich). Sie scheint sich lustig übet mich machen zn wollen — Dame (für sich). Ich amüsire mich ausgezeichnet. (Laut.) Sie schweigen, mein Herr? — Herr. Ich habe keine Antwort, Madame. (Für sich.) Wenn Sic mich nur nichl so feurig anblirkte, am besten, ich sehe gar nickt auf sie. Dame (etwas schmerzlich). Sie verweigern mir also die Erfüllung meiner Bitte? Herr. Sie fordern zu viel, vielleicht das Einzige, was ich nicht bieten kann — Dame. Sagen Sie, was Sie nicht bieten wollen, aus sträflichem Eigensinn — Herr (für sich). Jetzt nennt Sie mich eigensinnig. (Laut.) Stehen Sie davon ab, gnädige Frau — Dame. Durchaus nickt, mein Herr! es ist mein fester Wille! Herr (für sich). Welche Energie! Dame. Also noch immer nicht zu meinen Füßen! Herr (für sich). Ich bekomme ordentlich vor mir selber Respcct, daß ick ihr widerstehen kann — Dame. Was Mancher für das höchste Glück auf Erden halten würde — Herr (für sich). Die Geschichte wird ernst — Dame. Sie verschmähen es? Herr. Ich muß es, wegen der darange- geknüpsten Bedingung — Dame. Die Sie noch sechs Minuten Zeit haben, zn erfüllen — Herr (für sich). Sie will mich demütbi, gen, cS ist keine bloße Caprice — Dame. Nun, mein Herr, wie denken Sie darüber? Herr. Gnädige, ist es nicht bloß die Form, gegen die ich mich sträube? Nehmen Sie die Versicherung, daß der Eindruck — Dame. Spotten Sie nicht, mein Herr. Zum letzten Male, wollen Sic meinem Befehle Nachkommen — Herr (etwas piquirt). Nun denn, zum letzten Male, nein. — (Für sich.) Das ist mir schon ein wenig zu originell! Dame. Nicht? — Herr. Ich bedaurc — Dame (stark). Sie bedauern? (Plötzlich in einen andern wehmüthigrn Ton umschlagrnd.) Sick oder mich, mein Herr? Herr (verdutzt). Wie meinen Sic das? Dame. Genug, zu viel, mein Herr, gehen Sic, lassen Sie mich, Sie haben die blühendsten Hoffnungen meines Herzens mit rauher Hand geknickt — Herr. Ihre Hoffnungen geknickt? Dame. O, so, ganz so ist es, dieses hoffärtigc Männergeschlecht! Starrköpfig, kalt, und wenn Jbr Starrsinn auch ein Herz bräche — Herr. Wie verstehe ich? Dame. Verlassen Sie mich, mein Herr! Ich danke meinem Schicksal, daß ich Sie noch zeitlich genug erkannte — Herr. Zeitlich genug? (Kür sich.) Sie will mich verblüffen! Dame. Mein Herz war schwach genug, für Sie zu fühlen — Herr. Gnädige Frau — Dame. Doch jetzt flößen Sic mir Haß ein, ja Haß, — mein Herr — Herr. Und verdiene ich den? Dame. O, Sie sollen Alles erfahren! Entlade dich deines Geheimnisses, schwer- belastetes Herz, und dann Scheidung für immer! Herr. Ein Geheimniß! Sprechen Sic 8 Dame. Erfahren Sie denn—(Hält ein.) Herr. Sie quälen mich, gnädige Frau — Dame. Daß ich Sie seit geraumer Zeit liebe — (pathetisch) liebe mit der höchsten Leidenschaft, deren ein Fraucnherz fähig ist. Herr. Mich? Dame. Auf Bällen, im Schauspiel, in Eoncerten waren Sie mir zu wiederholten Malen ausgefallen. Man erzählte mir viel von Ihnen und Alles, was man mir über Sie mittheilte, war so interessant, so liebenswürdig und mir in so hohem Grade sympathisch, daß es ganz dazu angethan war, mir Ihre Person von Tag zu Tag weither zu machen. Herr. Welch' ein Geständniß! Dame. Ich wußte, daß Sic mir gefährlich waren — und deßhalb mied ich Sie. Unzählige Male hätten Sie mir vor- gestcllt werden sollen. Aber ich überwand mich, ich wich dem Zauber Ihrer Persönlichkeit aus. um so mehr, als ich von Ihrem bekannten Frauenhaß vernommen. Herr. O, gnädige Frau, nichts als schmähliche Verleumdung. (Für sich.) Ein piqnan- tcS Abenteuer — Dame. Der Zufall, nein, mein guter Genius führte uns heute zusammen. Ich benützte die Gelegenheit, ich war kühn, und nahm mir vor, mich zu überzeugen. Sie persönlich kennen zu lernen. Mein Herr, man hat mich nicht getäuscht. In unserem Gespräche, das ich auf unser Geschlecht zu lenken wußte, entwickelten Sie vielleicht unwillkürlich — Ihre starren Grundsätze und in verblendeter Leidenschaft wollte ich Sie ganz kennen lernen, wollte den Wermuthbecher Ihrer Gleichgiltigkeit bis zur Neige leeren — Sie wollen das Knie nicht beugen vor einer Dame, die Sie liebt, und — Eugen, damit haben Sie mir mein Herz gebrochen. Herr (für fich). Ein ganzer Roman! Soll ich es beim ersten Capitel lassen? Dame. Lassen Sie unS scheiden, Eugen, und versprechen Sie mir daS tiefste Stillschweigen über die Enthüllungen dieser Stunde. Herr. Ich verspreche es. (Kür sich ) Ich kann Sie doch nicht gehen lassen? Wer hätte ahnen sollen? Dame (für sich). Wirkt es, Alter? (Laut, mit weicher Stimme.) Leben Sie wohl und gedenken Sie mein, Eugen! Herr. Und Sie wollen wirklich gehen? Und eS kümmert Sie nicht, ob der LiebeS- funken, der in meinem Herzen geglimmt, durch die Glut Ihrer Worte nicht vielleicht in volle Flammen auSgeschlagen? Dame (sehr pathetisch, mit einem Anflug von Parodie). O, ich ahne cs, Eugen, nicht Ihr Herz ist eS, das mich von sich stößt, der Verstand, der kalte, grübelnde, der die Rechte deS Herzens nicht gelten lassen will, hindert unsere Verbindung, eine Verbindung, dir uns ein Eden auf Erden zaubern wurde. Herr. Mein Verstand? Ihre liebeglu- henden Worte rauben ihn mir, — welche- Hinderniß gibt eS noch? Sie lieben mich — Dame (für sich). Und unS nennt man eitel! Herr. Ich liebe Sie — Dame. Sie lieben mich, Eugen? — Sind Sie bereit, eS zu beweisen? Herr. Bedarf e- dessen? Vertrauen Sic so wenig Ihrer Liebenswürdigkeit? Dame. Doch Ihrer Besserung noch nicht — Herr. Welche Feuerprobe soll ich bestehen? Dame. Erfüllen Sie meine Bitte von vorhin! Herr. Sie kommen noch einmal daraus zurück — Dame. ES sei mir ein Zeichen, daß Sic der Geliebten Ihres Herzens ein Opfer bringen können, und wäre eS auch daS Höchste! Herr. ES ist daS Höchste! Dame. Um so eher fordere ich eS! Herr. Und ich kann eS nicht gewähren! Dame. Nicht? (Kür fich.) Ah, noch nicht? Also eine stärkere Dosis vonnöthen? 9 Herr. Gnädige Frau. man kann nicht Grundsätze ablegen wie ein Kleid, daS außer Mode gekommen. Lame (für sich). Ich uzgiß siegen, und ollte ich daS Aeußerste versuchen müssen. Herr. Fordern Sie, was immer sonst - Dame (ironisch). Etwa diese halbwelke Knospe in Ihrem Knopfloche, nach der Sic bloß die Hand anSzustrecken brauchen! Ach, § mein Herr, wir Frauen sind doch recht unglückliche Geschöpfe! Herr. Die Herrscherinnen der Welt? Dame. So lange man sich vor unserer Macht von Gottes Gnaden, vor unserer Schönheit, beugt, und so lange unser königliches Herz frei von Liebe ist. Herr. Frauen, die herrschen wollen, können selten lieben — (Kür sich., Ich muß gegen mich ankämpfen, sonst bezaubert sic mich ganz und gar. Dame. Sic haben daS Recht über die Schwäche zu spotten, die ich Ihnen gegenüber durch daS Geständuiß meiner Liebe »machen; aber eS ist unbarmherzig, mein Herr, und unedel! Herr. Verzeihen Sic. Dame. Ich muß es wohl — Leben Sic wohl, Eugen, (recht pathetisch) wir sind unS fortan fremd — Herr. Sie können daS fordern? , Dame. Ich fordere es ; oder wollen Sie lin Ihrer Grausamkeit so weit gehen, sich an den Qualen Ihres Opfers zu weiden? --- Leben Sic wohl! Herr. Sie gehen — Dame. Ich gehe, Eugen, da Sie mich von sich stoßen. " Herr (für sich). Eine vollkommene Tragödie ! Dame. Sie wissen nicht, was Sie verlieren! Vielleicht sind Sie schon oft getäuscht worden, daS hat Ihr Gemüth vcr, bittert, Sie unfähig gemacht, eine reine und edle Frauenseele zu würdigen. Sie stehen kalt und theilnahmloS — Herr (mit gemäßigtem Feuer). Kalt und theilnahmSloS — wo jeder Blutstropfen in meinen Adern ausramckt, wo es mich drängt, Ihnen zu Füßen zu fallen, um Ihnen das Geständniß reinster und innigster Liebe da, zubringen, wo tausend Stimmen in meinem Innern rufen: »Was so sich fand, wrc wir, daS hat der Himmel verbunden!» Dame. Und warum folgen Sic dem Drange Ihres Herzens nickt? Herr. Ich kann nickt. Lieber mein Lebensglück verlieren, als meine Selbstachtung — Dame. WaS bürgt mir für die Wah,- heit eines Gefühls, das Sic Liebe zu m>r zu nennen belieben, und den» Sie nicht einmal das geringste Opfer zu bringen vermögen ? Herr. Wüßten Sic, welche Qualen ich empfinde, Sic etwas bitten zu hören, was ich nickt gewähren kann. Dame. Und wüßten Sic, welcher Schmerz meine Seele durchbedt, wenn ich bedenke, daß ohne die Erfüllung dieser einen Bedingung uns ein unseliges Geschick für immer auseinanderreißt. Herr. An diese Bedingung knüpft sich unser Glück? Dame. Und Sie wollen sic nicht er. füllen? Engen, fallen Sie auf die Kuie, mir Ihre Liebe zu gestehen, und dieß sei mir ein Zeichen von ihrer Wahrheit und Dauer. Herr. Ich kann nicht. Dame. Eugen, ich beschwöre Sie bei Ihrem LebenSglück und dem meinigen, daS Sie zerstören! (Legt ihren Arm auf seine Schultern.) Herr (für sich). Fast möchte ick — nein, nein, — ick darf nickt unterliegen, — eS ist eine Laune von ihr. Dame (saßt seine Hand). Sie wollen noch immer nickt, Eugen? Wohlan, ich, — ick, das Weib knie vor Ihnen, wollen Sie nun noch immer nickt? (Kniet vor ihm, gebieterisch ) Knieen Sie nieder, Eugen! (Für sich.) Ick gehe zum Theater. > Herr. Fordern Sie es nicht weiter! Dame (fürfick). Mein Gott, er widersteht noch! Herr. Das ganze Gebäude meiner Grundsätze stürzt haltlos zusammen, wenn Sie einen Stein daran verrücken. Ich bin kein Mann mehr. Ich selbst kann mich nicht mehr achten, und soll fordern, daß es dann Andere thun? — Nein, nein, — Sie wollen mich nicht erniedrigen, wenn Sie mich wirklich lieben. »O geben Sie diese unnatürliche Vergötterung auf,« auf meinen Knieen beschwöre ich Sie, verlangen Sie nicht weiter, daß ich vor Ihnen kniee. — (Läßt sich langsam vor ihr auf dir Knie niedre, beinahe unbewußt.) Dame (für sich). Wie interessant! Nun knicen wir alle Beide ! (Laut, pathetisch) Nein, Eugen, ich kann es nicht weiter verlangen. Herr. O, ich danke Dir, Geliebte! Dame. Und Sic gestehen mir jetzt Ihre Liebe? Herr. Ich gestehe sie — Dame. Und ich gestehe Ihnen, (plötzlich aufspringend, in einem andern Ton) daß es Mich ungemein freut, mein Herr, daß Sie so liebenswürdig waren, mich meinen 'Willen doch endlich durchsetzen zu lassen. Herr (springt auf). Ha! Dame (zeigt ihm die Uhr). Und zwar genau nach fünfzehn Minuten. Herr. Daran hatte ich ganz vergessen! Dame. Nehmen Sie meinen Dank, mein Herr, daß Sie mir gefälligst dazu, dienten, einen Zweifler an der Macht der I grauen zu bekehren. — Was wir nicht mit Gewalt erobern, ergibt sich unserer List — das ist auch unsere Regicrungs- und HauS- politik! Adieu, mein Herr, und bessern Sic sich!—(Ab) Fünfte Scene. Herr (allein, blkibt ganz verdutzt stehen und fiehi> der Dame eine Weile nach). Bravo! Gut gebrüllt, Löwin! — Ucbri- gens verdiente ich Strafe! — Man soll mil Schießgewehren »licht spielen. — Ich bi» jetzt in ihren Augen daS Urbild der Lächerlichkeit! — Ich armer Thor, da steh' ich nun wie weiland Faust, dem Mephisto zurief: Du übersinnlicher sinnlicher Freier, Ein Mägdelein nasführte Dich! Sechste Scene. Frau von Tellhcim. Dame. Herr. Fr. v. Tellh. Kommen Sie, mein amie, ich habe Ihnen heute Morgens eine interes sante Bekanntschaft versprochen, die Sic sich lang genug entgehen gelassen. — Nh. da sind Sie ja, mein Herr. Sie eklipti- siren sich von Zeit zu Zeit im Bewußt, sein Ihres geistigen Planetenthums. Herr. Gnädige Frau, verzeihen — Fr. v. Tellh. Unverzeihlich, rnon olier! Uebrigens amnestirc ich Sic, weil ich Sic jetzt benöthige. — Gnädige Frau, ich hadc die Ehre, Ihnen Herrn Starheim zu prä- sentircu — Frau von Sternberg, eine unserer geistreichsten Schriftstellerinnen. (Verbeugungen ) Dame. Ich hoffe Sie nächsten- bei mit zn sehen, mein Herr, — »nein ^our Lre ist Donnerstag, — es wird auch getanzt, mein Herr. Herr. Auch Quadrille, meine Gnädige? Dame. Auch Quadrille, mein Herr! Sollten Sie aber zufällig kein Freund dieses interessanten Tanzes sein, so »värc es »nein schönstes Amt, mit Ihnen zu plandern — während der Quadrille. Der Vorhang fällt. Ende. Au- dem Lhrster-Vkrlagk der Wnllishausser'schen Buchhandlung (Joses Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Abdallah» oder keineWohlthat bleibt ««belohnt. Originaldr. in 1 A. v. Weidmann. 20 kr. 4 Sgr Abencerragen, die» u«d ZegriS, oder die feindliche« Stamme. Ballet in 4 A. von Eorallp. Franz, und deutsch. 1807. 10 kr. 2 Sgr. Abend, der stürmische. Singspiel in 1 A. 1803 35 kr 7'/, Sgr. Abenteuer, daS letzte. Lustspiel in 5 A. von Bauernseld. 1834. 8. 00 kr. 18 Sgr. Abneigung aus Liebe. Lustspiel in 1 A. s. Castelli Sträußchen. 2. Jahrgang. Abraham. Drama mit Musik in 3 A 1818. 35 kr. 7'/, Sgr. Fbulnr, nssi» I» ksmi^Ii» »r»k». .Ilslofirnmiiui in clu« ^tti, cli p knmuni l.» Hlusic»
  • 8ootti 1813. 40 Icr.8 8zzr. Ahnenstolz in der Klemme. Schwank in 1 A,s Feldmann Lustspiele, 4 Band. Ahnfra«, die. Trauerspiel in 5 A von Franz Grillparzer. Sechste Auflage, gr. 8. 1844. 1 st. 50 kr. 1 Thlr. Ahnfrau, die, tm Gemeindestadl, s. Hutmachcr und Strumpfwirker. ^ j o, I', nsll' iml)»r»LL0 .>l«Ioär»mm» lsiol" in ckus ^tti. 8. 1827. 35 Icr. 7^/, 8zzr Alamar der Maure. Oper in 3 A. nach Envci r von Castelli. 40 kr. 8 Sgr Alane. Historisch-romantisches Gemälde in 5 A nach Bilderbeck von Guttrnberg Augsburg. 80 kr. 12 Sgr. Albaneseri«, die. Trauerspiel in 5 A v. Müll- nrr. 1821. Gr 12. Original-Auflage 1 st 20 kr. 24 Sgr Albert drr Bär, oder die Weiber von WeinS- berg. Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Gleich 1808 8 40 kr 8 Sgr AlbertS Rache für Agnes. Historisches Lchauip in 4 A von Ebrimfrld. Fortsetzung v Agnes Bernauerin 1808. 8. 40 kr. 8 Lgr. Album, mein. Lustspiel in 1 A Nach dem Französischen von Mar Stein. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 116 ) 35 kr 7'/, Sgr Alceste. Ernsthafte Oper in 3 A. 1810 Deutsch und italienisch. 35 kr. 7'/, Sgr Alcine. Große« romantische« Ballet in 4 A. Don der Erfindung de« A. Vestri«, Mussk von verschiedenen Meistern 1825 10 kr 2 Sgr Aline, Kö«igi« von Golkonda. Oper in 3 A Nach Viril und lavier von Treitschke 1801. 35 kr. 7'/. Sgr Alle fürchten sich. Komische Operette in 1 A nach drm Französischen de« Herrn Hoffman» von Castelli. 1808 25 kr 5 Sgr. Alle Mittel gelten. Lustspiel in 1 A nach Sende von L. Julius.(Wiener Theater-Repertoire Nr 15.) 35 kr 7V, Sgr Alles auö Freundschaft. Lustspiel in 1A s Weiffen- thurn Schauspiele. 15. Band. Alles in Uniform für unser« König. Volks- Lustspiel in 3 A. von HrnSler. 1785. 8. 40 kr. 8 Sgr AlleS weiß, nichts schwarz, oder der Trauer- schmauS. Läirdliche« Original-Lustspiel iu 3 A. von HrnSler. 40 kr. 8 Sgr. AlleS auf'S Spiel gesetzt um eine« Manu. Lustspiel in 5 A Frei au« dem Englische» übersetzt von Werthr«. 1787. 50 kr. 10 Sgr Alte Schulde«. Original-Lebensbild mit Gesang und Tanz in 3 A. von Frirdr. Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 124.) 60 kr. 12 Sgr. Allzu scharf macht schartig. Schauspiel iu 5 A von Jffland. 1801. ' 50 kr. 10 Sgr All zu toll. FastnachtSpoffe in 1 A. Nach drm Englischen von K. v. Graeser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 41.) 35 kr. 7'/, Sgr. ^looso « Oor» Or»mm» p«r >lnsi«Ä in 6uo ^tti. 30 Irr. K 8xr. Am Allerseeleutage, oder da» Gebet auf dem Artedhofe. Or,ginal-Volk«schauspiel in » Ab- theilungen nebst 1 Vorspiel: Gin gegebene» Wort, von Heinrich Hausmann. (Wiener Theater-Repertoire Nr 65.) KN kr 12 Ggr. Am Clavier. Lustspiel in 1 A Nach dem Französischen frei bearbeitet von M A. Grandjean Zweite Auflage (Wiener Theater-Repertoire Nr »0.) 35 kr 7'/, Ggr Amazonen, die. Heroische« Ballet von Henry 8 1823 10 kr. 2 Lgr. Ambo-Tolo. Original-Posse in 3 A von Juliu« Rosen (Wiener Theater-Repertoire Nr. IKK.) KN kr. 12 Sgr. Amor, der verbannte, oder die argwöhnischen Ghelente. Lustspiel in » A von 2^v Kotzrbue. 1811 5N kr IN Lgr. Amor» Bild. Gesrllschastssp. in 1 A. von T. L. Gtott. 18N8. IN kr 2 Sgr. Amor» Triumph. AUeg Gemälde mit Chören n Tänzen in Versen und in 1 A. von Mei«l. IN kr. 2 Gar. Amor» Zurechtweisung. Lustspiel in 1 A in Versen von I Sonnleithner. 1k. 1815 20 kr » Sgr. Fmvr, I', irritut» «lrrlle stissieoltü, k'urs» in un ^tt«» 18N2. 2N Irr » 8ß-r Amultu», König der Albaner, s Buzzi dramatischer Nachlaß. Audraßek und Juraßek. Komische Pantomime in 2 A. von Kee« 8. 1807 (fehlt.) 1« kr. 2 Sgr. Anecdotenbüchlein, da». Lustspiel in 1 A s. Castelli Sträußchen. 13 Jahrgang. Anmaßend und bescheiden. Lustspiel in 3 A. s. Baumann Beiträge. Apollosaal, der. Scher,spiel in 1 A. von T- Fr. v. Ehrimfeld 1808. 2V kr. 4 Gar. 4r»di, ßli, aoUe OuIIie, ossi» il trionso ä«IIu s«6«. >1«lo6r»inm» »erio in 6u« ^tti 6i l,. stomLovIIi 1827. 30 Irr k Lzrr. Argouaute«, dt«. Trauerspiel in » A. von Franz Grillparzer, s. dessen goldene« Vließ Ariadne. Tragi-komische« Triodrama v. Kotzebu«. 180». 8. 2N kr. » Sgr. Ariadne aufRaro». Duodrama 1801. 15 kr. 3 Gar. Ariadne auf Raro». Travrstirt in 1 A. 8 25 kr. 5 Sgr. Artoda«. Heroische Oper in 3 A. nach dem Französischen de« Hoffmann von I. R. v Genfrird. 180» 35 kr 7'/, Sgr. Arlequtn auf der Insel Liliput oder da» La- terueufest der Chinese«. Große Zauberpan- tomime 1806 10 kr. 2 Gar. Armand, Graf. Schauspiel mit Gesang in 3 8. Nach dem Französischen von Fr. Treitschkc. Sr. 8. 1808. »N kr. 8 Ggr. Arme« und Glenden, die. Bilder au« dem französischen Dvlk«lrben mit Gesang und Tanz in 2 Abtheilungen und 8 Tableaur Nach Victor Hugo « Roman (1^«« inis^rulilv«) frei bearbeitet von Therese Megerle (Wiener Tbrater Repertoire Nr 112 ) KN kr <2 Sgr Armide. Große Oper in 5 A 1808 35 kr 7'/, Sgr Armtda und Rinaldo. Melodrama in » A 1793 35 kr 7'/, Sgr. Arseua. Romant. Ballet von Henry. 8.10 kr. 2 Ggr. Arzt, der türkische. Oper m 1 A Au« dem Französischen Musik von Jsouard. 180» 15 kr 3 Egr Arzt wider Willen, der. Schwank in 2 A. frei nach Moliöre von R Graeser (Wiener Theater-Repertoire Nr 39) 35 kr 7'/, Ggr Aerzte» die beide». Original-Lustspiel in 3A, s Baumann Beiträge , Aschenbrödel. Zaubervper in 3 A Nach dem Französischen de« Gtiennr 1 Auflage 1815. (Fehlt) 35 kr. 7'/. Ggr Aschenbrödel. Gr Ballet v. Duport 8 10 kr 2 Gar Asien» Gdelster. Historisch-romantische« Schausp . in 5 A von Menner 1807 8 »0 kr 8 Ggr Atala, oder die Wilde« von Florida. Pantomimische- Ballet in 3 A von B Henry 181V 10 kr 2 Ggr Atheutenserin, die schöne. Lustspiel in » A, s. Feldmann Lustsp 1 Band Atla»shawl und Harr«>»biude, »der da» Han« der Coufufione«. Posse mit Gesang in 2 A von Fr. Hopp Gr 8. 18»9 75 kr. 15 Ggr Attila, König der Hunne«. S Werner Theater 5 Band. d' Aubignn, Clementine. Dramat Gedicht in 1 A v F 8 Weidmann 8.1818 50 kr. 10 Lgr Auf dem Gi» und beim Ghristbau«. Possen»! Gesang in 3 8 von Friedrich Kaiser (Wiener Theater-Repertoire Nr. 15») 80 kr 12 Ggr Auf der Bühne «. hinter de« Eoultffeu. Schwank mit Gesang in 2 Bildern von Ludwig Gottt- leben (Wiener Theater-Repertoire Nr SK > 50 kr. 10 Ggr Auf und ab. Lustspiel in 1 A. nach dem Französischen. 1807 25 kr. 5 Ggr Augenarzt, der. Singspiel in 2 8 1812 2 Aufl »0 kr. 8 Ggr August und Gustaviana. Schauspiel in 3 8 mit Chören und Tänzen von Periuet. 1810. 8 »0 kr. 8 Ggr Aurora, Gräfin. Siehe Gräfiu. Lu» Liebe sterben. Lustspiel in 1 A. Nach dem Englischen von Aler. Bergen. (Wiener Theater- Repertoire Nr 123 ) 85 kr. 7V, Ggr Ausnahme, eine, von der Regel. Lustspiel iu 1 Aufzuge von Al. Berla (Wiener Tbrater-Re- pertoire Nr. 78) 30 kr. 6 Ggr Aussteuer. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 1800 50 kr 10 Ggr. Arel und Walburg. Tragödie in 5 A. v. Orhlen- schläger. 181» 50 kr. 10 Ggr Bacchu» und Ariadne. Heroische« Ballet von Galtet. Franz und deutsch 180» 10 kr. 2 Lgr. Badecur, die. Lustspiel in 2 A. von Jünger. 1803. »0 kr. 8 Ggr Balboa. Trauerspiel in 5 A von Collin 8. Berlin 1808 KO kr 12 Ggr Balluacht, die. Große Oper in 5 A mit Divertissement, nach dem Französischen de« Geribe von Seyfried und Hofmann Musik v Ander 8. Wien 1835 (Torsmeister.) 35 kr 7'/, Sgr Bär, mein, und meine Nichte. Posse i» 2 A, nach tei» Französischen von Aler Bergen «Wiener Th.-Rep Nr. 9» ) 35 kr. 7'/, Lgr Barbarei und Größe. Trauerspiel in » 8 von Ziegler. 1810. 8. 50 kr. 10 Ggr Varbk«, der, von Eevtllu. Pantomimische« Ballet in 3 A von Duport. 1808 10 kr. 2 Sgr öarfnst, Baron, oder der Wechselthaler. Eine Zaubkroper in 3 A von 3 Perinet 180». 40 kr 8 Sgr. Varmeciden, die, oder die Egypter in Bagdad. Original-Schauspiel in 5 A v. Wriffendach SS kr 7'/, Ggr. Varnbelm, Minna v., oder da- Loldatenglüdk. Lustspiel in S A. von G. E. Lrssing. 1807. SO kr. 10 Sgr. Vatkmendt. Große alleg Oper in 2 A. 1801. 35 kr. 7'/, Sgr. Vauernball, et«, in Wie«. Posse mit Gesang in t A, (Wiener Th.-Rep. Nr 185.) 30 kr. 8 Sgr V-uernltebe. Tine ländliche Oper in 2 A. Nach kiner Anecdote von Spieß frei bearbeitet von X. Huber. 1802. 50 kr. 10 Sgr. Baum, der, der Diana. Heroisch-komische Oper in 2 A. 1802. 35 kr 7V, Sgr. Wau man», Aller. Beiträge für da« deutsche Theater. Gr 8 1848 Inhalt: Gr darf nicht fort Schwank in 1 A — Anmaßend und bescheiden Lustsp in 3 A. — Die beiden Aerzte Original-Lustspiel in 3 A 1 fl 20 Sgr Vavard. Schauspiel in 5 A von A v. Kotzebur. 1802 80 kr. 12 Sgr. Befreiung, die, von Jerusalem. Oratorium, gedichtet von Heinrich und Mattbäu« v. Collin. Musik von Abb6 Stadler. 35 kr 7'/, Sgr Beisel«, Baron, «nd sein Hofmeister Dr. Gtsel« in München. Posse mit Gesang in 3 A, s. Feldmann Lustspiele 3 Band. Beispiel, gute-. Lustspiel iu 1 A , s. Castelli Sträußchen 11 Jahrgang Bekanntschaft, die, im Paradte-garte«, die Entführung auf dem Himmel und die Verlobung i« Elvsium. Localpoffe mit Gesang iu 3 Aufzügen von K. Hopp Musik v 3. Hopp. 8 1839 75 kr. 15 Sar. Vekenntniffe eine- Brautpaare-. Zweigesprach in Versen, s. Feldmann Lustspiele. 5. Band. Belagerung, die, von Apfilo», oder Gvakathel und Schnndi. Caricatur in 2 A. v. Periuet 4 Auflage 1818. Gr. 8. 40 kr. 8 Sar. Velin» und Stosaura» Nom »kom Oper in 3 A. von Voll 1807. 8 25 kr 5 Sgr. Venevent, Aragi- vo». Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A.v Gleich. 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr. Bergfest, da-. Schauspiel in 5 A von Hea«ler. 8. 40 kr 8 Sgr Verlichingeu, Götz von, mit der eisernen Hand. Schauspiel iu 5 A. von Fr Grüner 1809. 50 kr. 10 Sgr. Beruf, der. Lustspiel in 1 A von Th. Hell. 8. 1808 35 kr. 7'/, Sgr. Bestohlenen, die. Lustspiel von A v. Kotzebue. 1817 25 kr 5 Sgr. Vestürmnng, die, von Smolen-k. Romantische« Schauspiel in 4 A von 3 F. v Weiffenthurn. Gr 8 1833 80 kr 18 Lar. Besuch, der, »der dt« Lucht zu glänze». Lustsp, in 4 A von A. v Kotzebue 1809 50 kr 10 Sar. Betrug und Liebe. Original-Lustspiel in 4 A 1788 40 kr. 8 Sgr. Brttelstudrnt, der, oder da-Donnerwetter. Orig.» Lustspiel in 2 A. l834 (fedlt) 25 kr 5 Sgr Bewn-tsetn, da». Schauspiel in 5 A v Ifßand. 1799 60 kr. 12 Sgr. Bianca della Porta. Trauerspiel in 5 A von Collin 8 Berlin 1808 80 kr. 12 Sar Biedersinn »nd Baterland-liebe. Ländliche« Lustspiel in 4 A.v.Lchildbach 1809. 35 kr 7'/, Sgr. Bild, da-. Trauerspiel in 5 A. von E. v. Hou» wald »821. 8. Wiener Origiual-Austage. 1 fl. 20 kr 2» Sgr «illet, da». Lustspiel in 1 A 1800 25 kr. 5 Sgr. Billet», die beiden. Lustspiel in 1 A Nach Florian 1833 8. 25 kr. 5 Sgr. Bittsteller, die. Lustspiel in 1 « . s. Castelli Sträup- cheu 5. Jahrgang Blatt» da-, hat sich gewendet. Lustspiel in 5 A. von Schröder. Au« dem Englische, von Cum- brrland. 1804. 50 kr 10 Sgr.. Blaubart, der. Lustspiel in 1 A. v M A Graud- jean (Wiener Th.-Rep. Nr. 157) 50 kr 10 Sgr. Blinde«, die zwei, von Toledo. Komische Oper in 1 A 1806 25 kr 5 Sgr. Blumen, die. Spiel in Verse, vo« Körner. Gr. 12. geh. Wiener Orig -Aufl 20 kr 4 Sgr. Blumen-Skettel, die, oder der Herr Direktor. Original-Leben-bild mit Gesang iu 3 A. von Frirdr Kaiser (Wiener Dkeater-Rrpertoire 172) 80 kr 12 Sgr. Boecaccio. Dramat. Gedicht iu 2 A v Deiuhard- stei» Gr. 12. 1818 40 kr. 8 Sgr Bole-la-, oder die Aerstörnug von Lunky. Schauspiel in 3 A , s. Noseuau. theatralische« Allerln Brasilianer, der. Posse mit Gesang in 1 A Nach dem Französische« v Hoheomarkt 40 kr 8 Sgr Braut, die, in der Klemme. Posse mit Gesang iu 1 A 1807. 25 kr. 5 Sar Braut, die. Lustspiel in Alerandrinern und 1 A von Körner. Gr. 12 geh Wirurr Original« au-gabe 1810 25 kr 5 Sgr Braut, die stille. Alpeosage in 1 A. s. Weiffen- thur, Schauspiele. 15. Baad. Bräutigam, der, an- Mexiko. Schauspiel i, 5 A v. Claurea 8. 1824. Dre«deurr Original 80 kr 16 Sgr. Bräutigam, der llcitirte, »der die Großmama wider ihre« Willen. Posse in 1 A Nach dem Fraozöfischeu frei bearbeitet von Perinet. 1791. 40 kr 8 Lar Bräutigam, der, obne Braut. Lustspiel in 1 A vou Herzeu«kron. (S. Wiener Theater-Neper« tvir, Nr 19 ) 35 kr 7'/. Sgr. Brantkwruz, der. Trauersprl in 5 A ». Weiffen- bä» 60 kr 12 Sgr. Brautnacht, die. L Werner Theater 4 Band. Brautschleier, der. Lustspiel in 1 A. s Weiffr«- thuru Schauspiele 14. Baud Brautwahl» die. Schauspiel in 1 A. v Jffland. 1808. 35 kr. 7'/, Sgr. Brief, der, an- I«Iottrnivwu in ckur Xtti 1^» Istu- »ie» v ckslLiSrJiossini 1813 35Irr 7'/,8xr Cesar, der kleine» oder die Familie auf dem Gebirge. Schauspiel mit Gesang u pautom Auftritten in 3 A Nach dem Französischen de» Eimerv frei bearbeitet von Pcrinrt Musik von Haibel. 1804 40 kr 8 Lgr Charade, die. Lustspiel in 2 A, s Kurländer'« stlmanach 8 Jahrgang Charlatan», die, oder der Kranke in der Gin» dtldung. Posse in 3 st von Jünger 1803 40 kr 8 Lgr CbawanSky, die Fürsten. Dramat Dichtung v E Raupach Gr t'i >828 40 kr 8 Lgr Ckilderich, König der Aranken. Heroisch Ballet in 5 st. von Eoralli 1830 13 kr 2'/, Sgr. Christ«» am Oelberg. Oratoriuni Musik von Beethoven. 8 ged 13 kr 2'/, Lgr t'iro in ÜLtiiloni», Drunm istusierr io cku« .^Ui 1817. 50 lcr. 10 Lgr Clavigo. Trauerspiel in 5 st von Goethe. 1807 80 kr 16 Sgr. Cölesttae oder die Festung am Wilgra-Dtrome. Schauspiel in 3 Ä. Frei nach dem Franz von A I Hassaureck 1806 40 kr 8 Sgr Concert, da». Lustspiel in 1 st, von P M Dag- ' böser (Wiener Tk.-Rep 'Nr 48.) 40 kr. 8 Lgr Corpora!» ein alter. Edaraktrrgemälde in 5 st, von Earl Juin und P I. Reinhard. Theil- weise nach Dumanoir (Wiener Tdeater-Rep Nr 27 ) 50 kr 10 Lgr Coriola«. Lchauspiel in 5 st von Eollin. 1808 60 kr 12 Lgr. Eorradla oder Schönheit und Herz von Slsen. Musikalisch. Drama in 2 A 1822 35kr. 7'/, Sgr. -Dasselbe italienisch 1822. 35 kr. 7'/, Sgr. vorreggto. Trauerspiel in 5 A. von Oehlenschlä» ger. 1817 80 kr. 16 Sgr t^ortez, Ferdinand» oder die Eroberung von Meriko.tzGroße heroische Oper mit Ballet in 3s A * Nach dem Franz, von 3. F. Castelli. Zwei.'te Auflage. 1819 3S kr. 7'/, Sgr. Couplets, Wiener. Au» Stücken von Berg» Berla, Bittner, Blank, Böhm, Doppler, Eberhardt, Elmar, Feldman», Flamm, Friese, Gottsleben. Grandjean, Grvis, Grün, Grändors, Haffner, Juin, Kaiser. Kola, Langer, Megerle, Merlin, Morländer, Moser, Nestrov, Schönau und Anderen. Sech» Hefte. » .',0 kr II) Sgr. Eunrgnnde, die Heilige, römisch-deutsche Kaiserin. G. Werner Theater, 6. Band t'yrn» und Nstvage». Oper in 3 Auf; Frei nach der Oper »Cyrus* de« Metastasi o, bearbeitet von Matthä«» v. Collin 1818. 35 kr. 7'/, Sgr. Ezar Iwan Dramatisirte Anekdote in 2 A, s Castelli Sträußchen 5. Jahrgang. Dame, dir, mit den Camelien. Schauspiel in 5 Auszügen von Alerander Duma'» Sohn, deutsch von P. 3 Reinhard lWieuer Theater-Repertoire Nr 45.) 80 kr 12 Sgr. Dank und Undank. Lustspiel in 3 A. Frei nach dem l/ivs(r»t cles D»-»to>it!ko». Don Jünger. 1803. 40 kr 8 Lgr. Da» war ich. Ländliche Scene von Hutt 8. 1825. Siehe . Hutt « Lustsp 1.Baud.(Vergriffen) 1 st 20 kr 24 Sgr. Da» war ich. Eine ländliche Scene. Von Johann Hutt. Zweite Auflage. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 159 ) 50 kr. 10 Sgr. Degen, der. Militärische» Schauspiel in 3 A. Nach Bouel und Boirie. 1806. 35 kr. 7'/, Sgr Deinhardstein. Dramatische Dichtungen. 12. 1819 1 fl. 20 kr. 24 Sgr Enthält . Da« Sonnet. Spiel in 1 A und ru freien Versen. — Mädchenlist. Lustspiel in 1 A. und in Alexandrinern. — Der Witwer Posse in 1 A und in freien Versen. — Der Rosenstock Spiel in 1 A und in freien Versen — Boccaccio. Dramatische« Gedicht in 2 A Deml-Monde. Don Aler. Duma« Sohn. Deutsch von P I Reinhard 1855. 1 fl. 20 Sgr. Demophoon. Große heroische Oper in S >. Nach dem Franz, de« Desviaur, metrisch bearbeitet von I F. Castelli. 1808 35 kr 7'/, Sgr Denkpfenning, der, oder der Wachtmeister. Lustspiel von Hen«ler. 1795. 8 25 kr. 5 Sgr Lesertenr, der österreichische. Lustspiel in 5 A., von Hrnsler. 8. 35 kr. 7'/, Sgr. Deserteur, der. Singspiel. 25 kr 5 Sgr Diamant, et« ungeschliffener. Genrebild in 1 A. Nach dem Englischen von Alexander Bergen iWicner Th.-Rep. Nr 128.) 35 kr. 7^, Sgr. Diana, Dona. Lustspiel in 3 A. Nach dem Span. delDvnAugustin Moreto.v C A.West.Bterte Aust (W Th.-Rep. Nr. 11.) 80 kr 12 Sgr. -Da«selbe, fünfte Auflage M'iniatur- Au«gabe, eleg drosch 1882 1 st. 50 kr. 1 Rth - (Diese« Verzeichnt Druck und Papi, »«, », Dtana, Dona. Elegant in englischer Leinwand gebunden, mit Goldschnitt und reicher Deckel- u Rückenverzierung 2 fl. 40 kr 1 Rth. 18 Sgr -Dasselbe, elegant in feine» Kalbleder gebunden, mit Goldschnitt und reicher Deckei- uud Rückenverzierung 3 fl 2 Rth Diana de Ly». Schauspiel in 5 Auf», von Aler Duma» Sohn, deutsch von P. I. Reinhard (Wiener Th -Rep Nr 43 ) 60 kr 12 Sgr Dtana von Pottier». Lustspiel in 2 A. f Castell, Sträußchen 15. Jahrgang Dichter und Tonkünstler dnrch Ungefähr. Komische Oper in 1 A von Jos. R v Seyfried 1810. 25 kr 5 Sgr Die in ein Weib verwandelte Katze. Operrl!» in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 15 Jahrgang Di« von der Radel. Bilder au« dem Volksleben iu 3 Abteilungen mit Gesang v Alois Berla «Wiener Th.-Rep Nr 177) 60 kr 12 Sgr Diener, der, seine» Nebenbuhler». Lustspiel in 1 A, s. Castelli Sträußchen. 5. Jahrgang. Diener, ein treuer, seine» Herr». Trauerspiel io 5 A., von Franz Grillparzer. Gr. 8. 184V 1 fl. 50 kr 1 Td Dienst und Gegendienst oder Waltron» zweiter Theil. Militärische« Schauspiel nach Meisl u Lchildbach. 1804 80 kr 12 Sgr Dienstbote, ein jüdischer. Charakterbild mit Gesang in 3 A von Carl Elmar. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 188.) 60 kr. 12 Sgr Dieustbote» ei« Wiener. Lebensbild mit Gesang in 3 A. von O F. Berg (Wiener Theater- Repertoire Nr. 186.) 60 kr 12 Sgr. Dienstbotenwirthschaft oder Ehatoutlle «. Uhr. Charakterbild mit Gesang in 2 A von Frirdr Kaiser. 8. 1852. 60 kr 12 Sgr Dienstfertige, der. Lustspiel in 3 A. >u« de» Franz. 1781. 50 kr. 10 Sgr Dienstmann, ei« Wiener. Posse mit Gesang ln 1 A von Joh Schönau. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 193.) 35 kr. 7'^ Sgr. Dienstpflicht. Schauspiel in 5 A von Jffland 1801. 60 kr. 12 Sgr Dinge, die vier letzte«. Oratorium in 3 Abteilungen von Sonnleithner. 1810. 15 kr. 3 Sgr. Diplomat, ein weiblicher, »der wa» et« Mab chen an» Bücher» lernt. Original-Lustspiel in 4 A von Cbarlotte Baronin v. Gravea (Wiener Th.-Rep. Nr 63) 50 kr 10 Sgr Dir wie mir. Dramatische Kleinigkeit in 1 A v Sonnleithner 1820 25 kr 5 Sgr. vistruLion«, I», cli 6«rusnl«inme. vrnmm» snvro p«r kffunie» in ckue Xtt». 1817. 25 irr. 5 8?r. Doctor und Friseur, oder die Sucht nach Aben teuer«. Posse mit Gesang in 2 A von Fr. Kaiser (Wiener Theater-Repertoire Nr. 5.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/. Sgr Dom Sebastian. Oper in 5 A. Nach dem Franz de« Scribe von Leo Herz. 8. 35 kr 7'/, Sgr. Domestikenstrrtche. Posse mit Gesang in 1 A » A. Bittner. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 92.) 35 kr. 7'/, Sgr. Domesttkenstreiche, s. Fünf sind Zwei Domino, der grüne. Lustspiel in Alerandrinrrn und 1 A von Körner Gr 12 geh Wien Original-Auflage. 1829 25 kr 5 Sgr ß wird fortgesetzt.) «o» («»«« «» W,w. Dev Bühnen gegenüber al- Manuskript gedruckt. Stille Wasser lügen. Lustspiel in drei Acten von Lalderon, nach dem Spanischen für die deutsche Bühne bearbeitet von Dr. S p e n g e l. Don Alonso, klar reicher Amerika zurückgrkehrt. Dona *) Elara j „ . ^ r-n. Do» Toribto, drffen Neffe. Don Felix. ') Personen: Edelmann, aut! Don Juan, l Freunde de- Doa > Doa Pedro» Student,! Felix. ! Mari Nuno, ') Zoft, l . , ^ s ,m Hause de» Don Alonso. «rtgida. ') Otanez. ') Haushofmeister,! Heraaado, Diener dr- Doa Felix. Der Schauplatz ist ta Madrid. Erster Art. bleich möblirtes Zimmer ia Doa Alonso- Hause mit Eeiteathürru. Eia mit Glatthürea verschlaf- Imn Balcoa aus der eiaea Seite im Dordergruade. Erste Scene. (Sobald de, Vorhang steigt, tritt Otaüez nlig »ur Thür herein. Don Alonso geht- ihm entgegen.) Otaüez. Tott grüß' Euch tausendmal, Geüor! *) D. Alonso (reicht ihm die Hand). Und Dich. Otaffez. 3st's möglich! Endlich wieder in Madrid! Der Tag, den wir so lang und heiß ersehnt ! D. Alonso. Nicht minder 3hr als ich. Zwei Theile ja Der eignen Seele ließ ich in Madrid, Die beiden Mädchen, die den Vater missen. Otaiiez. Wenn Ihr sie seht, Seilor, Ihr werdet staunen. — ') Sprich: Däania. ') EuchSnia, ') Föliß. * > Shuim, *) Müri Nuanio, *) drlgida, Ot.innieß. *) Sprich durchgehend-: Senator und Senaiora »t, ,»». 1 2 O hätt' Senora, meine gnädige Herrin, Den frohen Tag des Wiedersehns erlebt! D. Alonso. Still! Wecke nicht die Qualen derj Erinn- rung, Die allzu leise nur im Herzen schlummern. Gott nahm sie hin. Er bat es so gefügt, Daß ich auf Nimmerwiedersehen damals Aus ihrem Arm mich riß, als mir der König, Geringen Dienst mit großer Gnade lohnend, Das Ehrenamt in Mejiko vertraute. Sie wagte nicht, mir über s Meer zu folgen, Und bangte wen'ger für ihr eigen Leben, Als für die Mädchen, deren zarte Jugend So lange rauhe Reise schwer vertrug. So blieb sie denn und lebte ganz den Kindern. Und Jahre kamen, Jahre schwanden wieder, Als plötzlich mich die Todesnachricht traf. Ich kürze mein Geschäft und bin nun hier, Den Kindern ihre Mutter zu ersetzen. Nicht gut entbehren kaum erwachs'ne Mädchen Der Mutter Obhut und des Vaters Schutz. Otanez. Begreiflich ist die Sorge. Doch, Senor, Wenn irgend Jemand, ist sie Euch entbehrlich. Noch an dem Tage, da die Mutter starb, Verließen sie Madrid und lebten beide Bei ihrer frommen Tante, der Aebtifsin, Zu Alcalä in stillen Klostermauern. Die ganze Dienerschaft bestand aus mir Und Mari Nuno. Heure kehren sie, Wie Ihr befahlt, zur Residenz zurück. Sie müssen jeden Augenblick erscheinen. Ich eilte nur auf raschem Pferd voraus, Weil mir der Kutsche Lauf zu langsam war, Zu trag'für meine Sehnsucht, Euch zu seh n. D. Alonso. Gern hält' ich sie vom Kloster abgeholt. Doch halt' ich manchen Auftrag mündlich noch An Seine königliche Majestät Und bier iui Haus zu ordnen und zu richten, Daß ich unmöglich Zeit fand, wegzukommen. Nack AlcalL ist ohnehin so nah, Daß die Begleitung kaum die Mühe lohnt. Nun sag', wie geht's, wie finden sich die Mädchen? (Man hört D- Eugenia und D. Clara kommen.) Otanez. Am besten werden sie's Euch selber sagen - Sie sind's. D. Alonso. Entgegen, rasch! Otanez. Hier sind sie schon. . Zweite Scene. Vorige. D.-. Clara und D. Eugenia (in Reisekleidern treten aus). Nach ihnen Mari Nuno. Später Brigida. D. Clara (eilt ihrem Vater in die Arme) Mein theurer Vater! Endlich, endlich gönnt Der Himmel eurem Kind den einz'ge» Wunsch, Den stets vermißten Platz am Vaterherzen Ich wüßte nicht, was ich von Gott mir nock Nach diesem Augenblick erbitten sollte, Als Ewigkeit und Leben nach dem Tode Und jetzt zu sterben so in euren Armen. D. Eugenia (zur anderen Seite stehend, indem sie die Hand ihres Vaters hält). Auch mir, mein Herr und Vater, glaubt es mir, Bringt dieser Augenblick die höchste Wonne. Doch wünsch' ich d rum im Glück mir nicht den Tod, Vielmehr ein langes Leben mir und Euch (Zu D- Clara.) Du düsterst, Schwester, durch so trübe Worte Die schöne heit're Stunde des Empfangs D. Alonso (beide umarmt haltend). Kommt an mein Herz, Ihr Hälften meines Lebens! Nicht ohne Grund hat die Natur das Herz Dem Sterblichen hier in dieBrust gepflanzt, 3 Daß das Gefühl vom Herzen weiter rieselnd In doppelter Umarmung sich verdopple. In väterlicher Liebe brennt die Seele Und jetzt erst fühl' ich es, ich habe Kinder. D. Clara. M ist, als hätt' ich nie vorher gelebt. D. Eugenia. Ja, neues Dasein gibt uns diese Stunde. D. Alonso. Kommt, seht das Haus, seht euer Eigenthum. Es wartet längst, daß Zhr's besitzen möget. Einstweilen wenigstens, bis daß ein Gatte, Der würdig, so viel Schönheit zu erwerben, Mit Euch in den Besitz sich theilen mag. Bis dahin sucht Ersatz in meiner Liebe, Die sich das Zartgefühl des Bräutigams Und kräftigen Schutz des Gatten borgen soll, Wofern Ihr seid und bleibt, wie sich's gebührt. (Klingelnd und in die Scene rufend.) Hör', Brigida! Brigida (tritt aus dem Seitenzimmer). Senor! D. Alonso. Geh', zeig' die Zimmer Den künftigen Besitzern und Gebietern. Brigida. Gesäubert Hab' ich Alles; Alles prangt Dem Himmel gleich, ein Himmel für zwei Sonnen. D. Clara (im Abgehen). ^ O, herrlich muß es sein im Vaterhaus; Wiewohl — ich leugn' es nicht — die Klostermauern Sie hatten doch ein eig'nes stilles Glück. D. Eugenia (ebenso). Gottlob, daß ich der Klosterluft entsprang, Madrids volkreiche Straßen vor mir sehe Und nicht mehr Riegel, Schloß und Gitterfenster. (D. Clara, D. Eugenia, Brigida und Otanez ab.) Mari Nuno (zu D. Alonso). Wenn Euch, Senor, die Vaterfreude noch Für mich ein freundlich Wörtchen übrig ließ, So bitt' auch ich um Gruß und Händedruck. D. Alonso (reicht ihr die Hand). Und mehr, des Herzens vollste Dankbarkeit. Dir dank' ich viel, Du warst den Kindern Mutter. — Da wir allein sind, Mari Nuno, sag' Mir offen, wie geartet sind die Mädchen. Zu jung verließ ich sie, um sie zu kennen. Und wenn ich künftighin als weiser Führer Sie lenken soll, muß ich vor Allem wissen, Von welcher Art und Neigung beide sind. Mari Nuno. Wenn ich nur sage, sie sind eure Töchter, So sagt' ich, daß sie beide trefflich sind. Doch den Verdacht zu flieh'n, als ob ich Euch Nur nach Gefallen spräche, leugn' ich nicht: So sehr sie beide tugendhaft und edel, Sind sie doch grundverschieden an Charakter. Die ält're, Dona Clara, meine Herrin, Geht wie an Jahren, so an Einsicht auch Der jüng'rcn vor. Sanft ist sie wie ein Täubchen, Bescheiden, still, zurückgezogen, friedlich, Wie ich's noch nie an einem Mädchen sah. Zehn Worte spricht sie kaum den ganzen Tag. Und nie noch gab sie einem Untergeb nen, Nie einem Diener nur ein rauhes Wort. Ein Engelsmädchen ist's, ein purer Engel. Die jüng're, Doüa Eugenia, meine Herrin, Wiewohl an Tugend gleich, ist doch in Allem Das reine Widerspiel der ält'ren Schwester. Zu fürchten ist sie, ja fürwahr zu fürchten. Unfreundlich, rauh und leicht gereizten Sinn's, Wie schwerlich noch ein zweites Mädchen lebt Auf Gottes Erde. Einem Heiligen selbst Wär' sie im Stand, wenn ihr das Köpfchen braust, Die schönste Grobheit in's Gesicht zu werfen. Sie liest sehr viel, doch im Gebetbuch nicht, 1 * 4 Und Verse macht sie — staunt nur! — Verse, Verse! Io, soll ich's frei gestehen, ein zärtliches Sonett von einem schmucken Cavalier Zu nehmen und ein and'res d'rum zu geben, Das sei — so meint sie — sei gar keine Sünde. Doch dürft Ihr d'rum nicht glauben, daß sie etwa — — D. Alonso (sie unterbrechend). Schon gut, schon gut! Ich weiß jetzt, was ich will. Eugenik soll, wenn sie auch gleich die Jüng're, Die Erste sein, die sich vermälen wird. Ein Mann, ein Häuflein kleiner Plagegeister Sind eine gute Medicin für sie. Die nehmen ihr den ausgelaff'nen Sinn. Bei meiner Ankunft sandt' ich ohnehin Nach meinem Anverwandten in's Gebirg', Dem Erstgebornen meines ält'ren Bruders. Er soll der Erbe meines Hauses werden, Stammhalter sein für sein und mein Geschlecht. Zwar ist er arm, doch um so reicher ich; Und wenn wir klug Besitz und Adel einen, So wird der Stamm derCuadradillos*)neu Für ew'ge Zeiten seine Wurzeln schlagen. Sobald er kommt, verlob'ich ihm Eugenien. Wir wollen seh'n, ob wir dem jungen Bäumchen Das allzu üpp'ge Laub nicht stutzen können. Otanez (tritt auf). Senor! Ein Fremder! — D. Alonso. Wer denn? (Otanez macht Zeichen, daß er es nicht wisse. Zu Mari Nuno): Sag' den Mädchen, Ich komme gleich. (Für sich, im Abgehen.) Hm! Verse macht sie gar! Das tolle Zeug! Weit besser stünd' ihr an, spr. Luadradillios Sie nehme Garn und Strickzeug in di? Hand. (Ab.) Otanez (zu Mari Nuno). Unwillig geht der Herr. Gewiß habt Ihr Ihm irgend waS geklatscht. Denn bei Euch Zofen Ist Reden immer einerlei mit Klatschen. Mari Nuno. Ganz wahr! Wenn eine Zofe waS verschweigt, Verleugnet sie die Zofenreligion Und ist als Ketzerin des Todes würdig. (Beide ab.) Verwandlung. Dritte Scene. Zimmer im Hause des Don Felix. Don Felix (steht vor einem Spiegel, im Ankleiden begriffen). Hernandv (tritt eben vom Fenster weg). Hernando. Senor, famose Damen gibt's zu seh'n. Sie wohnen drüben uns ganz vr8-ü-vis. D. Felix. Das laß ich mir gefallen. Das ist doch Entschäd'gu g für den Lärm der ganzen Nacht, 's war ein Spectakel. Keine Stunde schlief ich. Hernando. Die ein' ist schon verlobt. Kaum angekommen, Hat ihr die Hochzeitsstunde schon geschlagen. D. Felix. Es scheint, die schlägt genau zur selbenZeit, Wann mir zum Schlafengeh'n die Stunde schlägt. Der Teufel hol's. Zur Nachtzeit will ich Ruh'. Was sind es denn für Leute? Hernando. Noble Leute. Die beiden Töchter des Westindiers, 5 Der jüngst das schöne Hans dort drüben kaufte Mit seinem prächt'gcn Garten Wie man sagt, Zst er mit reichen Schätzen heimgekehrt Und will die beiden Töchter jetzt vermalen. D. Felir. Nicht übel! — Sind sie hübsch? H e r n a n d o. Ich sah sie gestern Sei ihrer Ankunft aus der Kutsche steigen lind muß gestehen, sie schienen hübsch, sehr hübsch. D. Felir. K hübsch und reich! Das sind ja Tugenden, Die eine Hausfrau trefflich brauchen kann. Da beiß'ich ohne weiters an, noch heute. Und noch dazu so nah', gleich vis-n-vig! — Das stundenlange Laufen, die Paraden Sor Liebchens weit entleg'nem Fensterlcin Hab' ich längst satt, bis an die Kehle satt. Hernando. Der alte Haushofmeister sagte mir, Wie's steht. Der Vater ist ein wack'rer Degen, Hält auf die Ehre etwas; kränkt ihn Einer, Dem rennt er gleich, und wär's der Pascha selbst, Die blanke Klinge in den Leib. D. Felir. Caramba! An ich auch nicht der Pascha, war mir's doch Höchst ungelegen, trüg' ich eines Morgens Die blanke Kling' im Leibe. Sag', Hernando, Was spricht der Alte von den beiden Mädchen? Ein Haushofmeister, fängt er an zu plaudern, Hört meist nicht auf, so lang' er noch was weiß. Hernando. Arschied'nes, Eines gut, das And're schlecht, Wie Kraut und Rüben durcheinander liegen. Die Eine sei sehr still. D. Felir. O Schade d'rum! Hernando. Die And're lebhaft. D. Felir. Ah, daS lob' ich mir. Für die setzt's ein Sonett im Augenblick. Und mit dcr And'ren^ mit der Schweigenden, Sprech' ich in Blicken und verdreh' die Augen. Hernando. Sci's nun ein Mädchen lebhaft oder ernst, Auf jeden Fall wär mir's der größte Spaß, Euch einmal recht verliebt zu seh'n, daß Ihr Die ganze Nacht nicht schlaft vor Liebes- gram. D. Felir. Vor Liebesgram? Haha! Das thun wir nicht. So wahr ich bin, kein Mädchen lebt auf Erden, Das von sich sagen könnte, seine Liebe Hab' einen Augenblick mir Gram verursacht. Laß' ich auch jetzo mich dazu herbei, Die beiden Schönen drüben zu hofiren, So thu' ich's nur, weil sich's von selber gibt Und ihrerZwek sind, Zwei aufeinen Schlag. Und noch eilt and rer stärk'rer Grund! WaS meinst Du? Hernando. Ich kann mir's denken, weil sic reich und hübsch. D. Felir. Nicht ganz getroffen! — Weil sie Nachbarn sind. Ich sag' Dir, Liebschaft in des Nachbar- Haus, Ich sag' Dir, nichts geht drüber in der Welt. (Man klopkt.) Man hat geklopft. Nicht? Hernando. Ja. D. Felir. Sieh' nach, wer'S ist. (Hernando geht nach der Thür.) 6 Vierte Scene. Don Juan (in Reisekleidern tritt ein, noch ehe Hernando geöffnet hat). Vorige. (Hernando geht durch die Seitenthür ab). D. Juan (reicht D. Felix die Hand). Ich bin's, Don Felix. Deine Thür stand offen; So wagt' ich einzutreten. Sei nicht böse. D. Felix. Du bist's, mein Freund Don Juan! und klopfst noch erst? Hast Du vergessen, daß mein ganzes Haus, Wie meine Freundschaft stets Dir offen steht? D. Juan. Der Himmel lohne Dir's. Ich weiß, das Band, Das uns're Seelen aneinanderknüpft, Wird keine Macht der Erde je zerreißen, Der Tod allein, der allgemeine Mörder. D. Felix. Willkommen denn! Ich wußte, daß Du heimkehrst Don deiner Reise nach dem Ungarland, Doch dacht' ich nicht so früh. D. Juan. Ich eilte so. Um die Begnad'gung wegen des Duells Mir zu erwirken. D. Felix. Nun,-ist sie erfolgt? D. Juan. Ja. Die Partei des Gegners hat verzieh'«. Nur handelt fich's noch um die Form des Rechts. Und dazu nützt' ich gern die Amnestie, Dle bei der Heirat uns'res Königspaars Erwartet wird. In deinem Haus versteckt Wollt' ich der Zukunft harren, was sie brächte. D. Felix. Ein Glück für mich! — Erzähle, wie Du lebtest. D. Juan. Du weißt, daß das Duell, in dem mein Gegner Das Leben ließ, mich zwang, Madrid zu flieh'n. Italien sucht' ich auf als neue Heimat. Der Zufall wollte, daß ich dort den edlen Herzog von Terranova kennen lernte, Der Dir dem Namen nach gewiß bekannt. Er ging hierauf nach Deutschland als Gesandter Und nahm mich mit. Mag sein, daß ich ihm dort Durch Fleiß und Redlichkeit in Manchem nützte; Er hielt sich mir verpflichtet und zum Dank Erwirkt' er mir von der Partei des Gegners, Die er persönlich kannte, den Verzicht. So ohne daß ich wußte, wie's geschah, Erhielt ich eines Tags zu meinem Staunen Das Dokument aus seinen eig nen Händen. D. Felix. Die Gegner hätten den Verzicht Dir längst Ausfert'gen sollen, denn so viel ich weiß, War das Duell ohn' allen ernsten Grund, Wortwechsel nur und Leidenschaft beim Spiel. D. Juan. Ja, ja, so glaubt man freilich allgemein. Doch war'S nicht daS. Mein Haß lag tief im Herzen, Wie ihn kein Gpielerzwist erzeugen kann. D. Felix. DaS ist mir neu. D. Juan. Jetzt darf ich's sagen. Höre! Ich liebte-eine Dame, schön und reich. Sie wünscht' ich mir zur Gattin, Keine sonst. Mein Werben blieb nicht ohne Hoffnungsschimmer, Wenngleich die Sterne nur von ferne blinkten. Ihr Vater war im Ausland, über m Meer, Und ihre Mutter wagte nicht, ohn' ihn Die Zukunft ihrer Tochter zu entscheiden. 7 Da plötzlich merkt' tch, daß der nun Ver> lebte Mein Nebenbuhler war. Der Zwist im Spiel Gab mir erwünschten Anlaß zum Duell, Das meiner Eifersucht zur Rache diente llnd leider Alles, Alles ganz verdarb. Denn Thorheit war's zu denken, daß nock jetzt Nack jahrelanger Trennung, ein Gedanke An ihren einst'gen Freund im Geist ihr lebe. D. Fclir. Da denkst Du wohl. Den Mädchen in Madrid Leschied der Himmel ein gar kurz Ge- dächtniß; Zn LicbcSsachen kaum von heut' auf morgen. Denn heute küssen sie den sckönstcn Kuß, lim morgen Dich zu fragen: -»Herr, wer sind Sie?« Und heute thun sie spröd' und zieren sich, Um liebeschmachtend morgen zu zerfließen. Da muß man's machen, Freund, wie ich es mache: Stets Liebesabenteuer, nie verliebt! D. Jüan. Noch ganz der Alte! D. Felix. 3a, und will's aucb bleiben. 3ch liebe zwar das weibliche Geschleckt, Doch mehr als alle Schönen lieb' ich mich; Statt abzuwartcn, bis sie treulos wird. Geb' ich ihr längst zuvor den Abschiedskuß. H will nur Unterhaltung und Vergnügen, Nicht banges Seufzen, Schmerz und Lie- besgram. — Doch wegen meiner Laune sei nicht launig Und denk' nickt, daß ich gram bin deinem Gram, Und kurz und gut, wir sprechen von was And'rem. Doch still! Man kommt. Wie, seh' ich recht? Don Pedro! Fünfte Scene. Vorige. Don Pedro (trittMg ein). Don Fclir (gkht ihm entgegen). (Später) Her« nando. D. Fclir. Wahrhaftig ja! D. Pedro. Gott grüße Dich, Don Fclir! D. Fclir. Fortuna liebt mich heute, wie mir scheint. Die besten Freunde schickt sie mir in'S Haus. Was führt Dich denn zu mir? Sind Ferien schon? D. Pedro. Noch nicht. D. Felix. WaS ist cs denn? D. Pedro (zögernd mit einem Seitenblick auf D- Juan). Ich will eS sagen. D. Juan (indem er sich entfernen will). Wenn ich vielleicht die Herren störe- D. Pedro. Nein, O nein! Ich seh', Ihr seid Don Felix' Freund. DaS ist genug für mich, Euch zu vertrau'». Zudem ist's kein so schreckliches Geheimniß. Ich reiste — einer Dame reift' ich nach, Die ich in Alcalä sehr hoch verehrte Und die mein Huld'gen freundlich dankbar annahm. Sic zog zur Residenz und ich ihr nach. D. Felir. Und weiter! D. Pedro. Daß mein Vater nichts erfährt, Möcht' ich in deinem Hause mich verstecken— Nur wenige Tage. D. Felir. Nun, das trifft sich gut. Da findest Du Gesellschaft im Versteck. Don Juan ist in derselben Absicht hier. D. Juan (sich vorstkllknd zu D. Pedro). Es soll mich freuen, wenn ich irgendwie Euch dienen kann. 8 D. Pedro (ebenso zu D. Juan). Nehmt meinen Dank. Auch mich. D. Felix (zu Beiden). Nur Ein's bitt' ich mir aus, Ihr Liebes- helden. Sprecht nicht den ganzen Tag von euren Schönen. In meinem Haus wird nichts geseufzt. Verschont mich! (Ruft in die Scene.) Hernando! (Hernando erscheint an der Seitenthüre.) Sorge für das Frühstück. — Drei! — Hernando tritt an das Fenster und spricht leise zu D. Felix.) Hernando. Senor! die beiden Häschen jungen Damen, Die gestern angekommenen, sind am Fenster. Von diesem Fenster aus könnt Ihr sie seh'n. D. Pedro (für sich). Still! Verrathe nichts. (Laut.) Ja, beide schön, wahrhaftig, beide schön! D. Felix. Ei, meine Herr n, was prächtig und was schön? Wenn sie's auch wären, Euch geht's gar nichts an. Ihr seid ja schon verliebt. Was wollt Ihr denn? Kommt weg vom Fenster, dieß ist mein ^ Revier. Laßt mir das meine, wie ich Euch das eure. D. Juan (für sich). Weh' mir! Sie schließt das Fenster. Glück und Freude Zieht hin mit ihr und läßt zurück die Trauer. . (Er verläßt daS Fenster) (Geht ab durch die Seitenthür.) D. Felix (zu Beiden). Da bitt' ich um Entschuldigung. Frauendienst Vor Herrendienst! So heißt'S in aller Welt. ES gilt des Nachbars Töchtern. (Er tritt an's Fenster.) Himmlisch! Göttlich! D. Juan (tritt ebenfalls ans Fenster). Da bin ich doch begierig — (Für sich.) Ha! Was sch' ich! Sie ist's! Bei Gott, sie ist's! D. Pedro (ebenso). Und jetzt trifft'S mich. Auch mir ein wenig Platz! Will auch was seh'n. D. Felix. Entzückend Beide, Eine wie die And're. D. Pedro (für sich). Wie, Himmel! Seh' ich recht? — Ja, ja! Sie ist's. (Laut zu D. Felix.) Es ist ein großes Glück, bei Dir zu wohnen. D. Juan (für sich). Sei ruhig, Herz! Was pochst Du so da drinnen? (Laut.) Ja, prächtige Mädchen! Das Erste, was Madrid mir zeigt, ist sie, Der theure Schmerz des liebeSkrankrn Herzens. D. Pedro (verläßt ebenfalls daS Fenster. Für sich). Seltsam! der erste Blick aus einem Fenster, Und sie erblick' ich, der zu Lieb' ich kam. Hernando (tritt wieder auf). Das Frühstück wartet. D. Felix (indem er sie durch Geberden einladet, in's Eei> tenzimmer zu treten). Freunde, wenn's beliebt — Mir meinerseits, wenn gleich die Mädchen prächtig, Steht doch das Frühstück höher als die Liebe. D. Juan (zu D. Felix). Du bist sehr launig heute, lieber Freund, Und dennoch muß ich Dir im Ernst vertrau'n, Sie, die ich liebe mit der vollsten Seele, Ist Eine von den Beiden, die wir sahn. (Geht ab in's Seitenzimmer.) D. Felix (für sich). O weh! Da steht's mit meiner Aussicht schlecht. Da darf ich jetzt schon zu der Einen sagen: »Adieu, Du Eine!« 9 D. Pedro. Sprichst Du gleich im Scherz, Und magst Du's glauben oder nicht, Don Felix, Die Eine von den Beiden ist die Dame, Der ich aus Alcalä. hieher gefolgt. (Geht eben dorthin ab.) D. Felix. Was sagte der? Das macht sich immer besser. Adieu Du And're auch! Adieu ihr beiden! Das war ein kurzer Spaß; es mußte denn, Las nur noch schlimmer wäre, diese Eine Und jene Andere ganz dieselbe sein. Dann wünsch' ich nur, der Lieb- und Ehrenhandel Der beiden Herr'n läßt mich aus seinem Spiel. Sonst kann des Liedes Ende sein, daß ich, Der nicht verliebt noch eifersüchtig ist, Zur Lieb' und Eifersucht die Zeche zahle. (Geht eben dorthin ab.) Verwandlung Sechste Scene. Aeich möblirtes Zimmer in D. Alonso's Hause.) D. Clara und D. Eugenia. D. Clara. Das mußt Du doch gestehen, daß daS Haus Vortrefflich ist und herrlich eingerichtet. D. Eugenia. Soll ich Dir'S sagen, all' das kommt mir vor, Als ob eS zwar zur Residenz gehörte, Doch als der Kehricht nur und nicht viel mehr. D. Clara. Die so? Das wüßt' ich nicht. D. Eugenia. Zunächst wir wohnen Nicht einmal in Madrid, nur in der Vorstadt, Die Fledermäuse scheuen wir das Licht. Den Eisfabriken nahe steht das HauS. Brr! Mich schüttelt'- bei der kalten Nachbarschaft, Wir steh'n nicht im August das ganze Jahr. D. Clara. Das Haus hat er gewiß der Stille wegen Gewählt und wegen seines schönen Gartens. D. Eugenia. Ja, darum reist auch Hänschen nach Madrid! Was ist die Stille gegen lärmendes, Nicht endendes Gesurr der großen Stadt! Und welch' ein Garten, wenn auch noch so sehr Im Frühling seiner Tropenpflanzen prangend, Labt so das Auge wie das bunte Bild Des Volkes, das sich durch die Straßen drängt, Durchstreift vom Zug der Reiter und Ca, rossen, Des Sommers auf und auf in Staub gepudert, Mit Straßenkoth bespritzt zur Winterszeit! Da hinter Jalousieen halb versteckt, Bald wieder sanft an den Balcon gelehnt, Verfliegt uns Mädchen schauend Stund' um Stunde. Was sagst Du zu dem Meublement? D. Clara. Ei, Schwester, Ich find' es ganz vorzüglich, die Fauteuils, Die Stühle Sammt und Seide, die Tapeten Wie elegant! Die Betten von Damast. Tritt nicht dein Fuß auf weichen Teppichen, Sind die Gemälde nicht der besten Meister, Und Alles, was wir um uns sehen, hübsch Und zierlich und modern? Was willst Du mehr? D. Eugenia. Nun ja, eS geht wohl an. Jndeß zehn Jahre Westindien vermögen mehr, weit mehr. Dacht' ich doch stets des AmtmannS Kind zu sein, Sei nichts verglichen mit dem höchsten Glück, Wenn man sich staunend in die Ohren raunt: »Sieh' dort die Tochter des Westindier-!* 10 Bedenke selbst, trotz all' dem Hausgeräth,' Das Du so rühmst, fehlt doch das beste Stück, Das unentbehrlicher als alles And're, Und besser ziert, als Sammt und Seide zieren D. Clara. Nun! D. Eugenia. Kutsch' und Pferde. Keine Gallerte Don Bildern spiegelt so den Reichthum ab, 3m Frühling, Sommer, Herbst und Winter nichts, Kein Lurus so, wie die Caroffe stolz, Dem Eigner schmeichelnd durch die Straßen rollt. Weftindien, keine Kutsche! Gott erbarm's! Schrieb uns der Vater nicht, daß seine Caffe Mit schweren blanken Thalern vollgespickt? Wozu besitzt er sie, wenn sie nicht handeln Und ihre Rolle spielen, wie sich's ziemt? D. Clara. Du schlimmes Kind! Selbst deinen eignen Vater Verschonen deine bösen Lippen nicht! D. Eugenia. 3ch schlimmesKind! Und was dasSchlimmste noch, Mich dünkt, wenn ich auch hundert Jahre lebte Und hundert Jahre mich zu bessern strebte, Ich wär' an» Ende ganz noch, wie ich bin. D. Clara (ernst). Eugenie! Laß Dir rathen, denke wohl, Wir sind von nun an in der Residenz, Wo Ungezwungenheit sich leicht mißdeutet Und als Verstoß gilt gegen feinen Ton. Hier ist des Mädchens Ehre weich wie Wachs Und der VcrrätherBosbeit hart wie Marmor. Ich sage nicht, daß mir galantes Wesen Und hübsche junge Herren mißfielen. Nein, O nein, mir nicht, 's ist auck nichts Arges d'ran. Nur scheint es leider so, nnd leichter trüg' ich, Nicht gut zu sein und doch der Well zn scheinen, Als trotz der Tugend schlimme Deutung dulden. Gar leicht erkrankt des WeibeS guter Ruf, Zumal des unbeschützten jungen Mädchens, Zerfließt wie Schnee, wenn ihn die Hand berührt, Verliert dieBlüthen wie im Sturm die Rose, Und nicht des Nordes rauher Macht be- darf's. Ein Zcphyrhauch erstickt das zarte Lebe». Gerade sie. die deine Verse preisen, Die so bezaubert sind von deiner Bildung Und deinem Geist und deinem holdenWesen, Sie sind die Ersten, die Dich d'rnm miß, achten Und hinterrücks noch in demselben Athem Mit Hohn und Spott sich d'rüber lustig machen. Ein Mädchen deines Standes sollte nie Auch nur den Schein des Vorwurfs aus sich zieh'«, Und Männer sollten nie, nie von ihr sagen, Daß sic mit ihrem Lächeln paradirt. O, allzubald nur schlägt eS um in Thränen. WaS nützt auch all' die Liebenswürdigkeit? Ein Mann, der Dich zur Frau begehrt, Eugenia, Fragt nach der Mitgift, nicht nach solchem Tand. D. Eugenia. Da nodis vitnm Zeiiijütvrimlii, amen! Das ist das Einzige, wa-Du noch vergaßest, Sonst ist die Kanzelpredigt fir und fertig. Und um dieß Thema rasch vom Hals zu schaffen, So wisse, Clara, die gespreizten Herrn, Wie sie die Mode schuf vor hundert Jahren, Mit einer Krause um den Hals so lang Und engen Höschen, kläglich angespannt, Die einst mit blöden Jüngferchen parlirten, Dem Himmel sei'S gedankt! die sind nickt mehr. Die sagten uns rer Zeit ein Lebewohl Auf Nimmerwiedrrseh'n und ruhen sanft, Im Grab noch zugeknöpft bis an die Obren Zeit macht die Sitten. Heutzutage, Clara, Wird Junker Lobrsan nur auSgelacht. Frei will ick leben in der Residenz, Vergnügt sein, heiter. ja und liebenswürdig. Nicht fragen will ick, waS die Welt wohl sagt. Die Welt, das weiß ich doch, spricht nichts von mir, WaS meine Mädchenchrc kränken könnte. Wie freu' ick mich, wcnn's durch die Straßen geht. Oalle mL^or*),pn6i-1aä6l8oI zum praäo, Dem Sammelplatz der Eleganz und Schönheit. Zurück den Schleier um die Schultern wallend, DaS Köpfchen auf, die Augen rechts und links, Und so vom Schloß bis nach Atocka**) hin Die Stadt durchkreuzt wie ein Corsarenschiff Und alle Herzen spielend weggekappert! Da sei kein Putz und keine neue Mode, Die nicht Madrid an mir zuerst bestaunt, Ich führ' sie ein, ich bin die Königin. — Und keine Kutsche für die Königin! — Nein, Schwester, nein! Die Kutscke muß mir her. Ich wiederhole Dir, sie ist den Schönen Die beste Freundin, treuste Ratherin Und ein Empfehlungsbrief, dem keiner gleicht.- Wie freu' ich mich! Wie der Kalender selbst Will ich auswendig alle Feste wissen, Von Pfingsten bis zum nächsten Ostertag Und von Sylvester bis zum and'ren Jahr. Da sollst Du seh'n, wie die galanten Herr n, Die nach demAngelreicherMitgift schnappen, In mich und mehr noch in sich selbst verliebt, Da sollst Du seb'n, wie ich mitZauberkraft AllwärtS als Siegerin sie mit mir ziehe, Und wenn ick sic aus Eitelkeit erobert, Den nächsten Tag aus Laune wieder lasse. Das Alles, Elara, sag' ich Dir vorher, Daß Du eS weißt und nicht befremdet bist, Wenn Du eS siehst. *) spr. eülliv uir^ür. **) sprich: Atütscha D. Elara. Ich wünsch' cS nicht zu sch'n. Ich Hab' vom Hören mehr schon als genug. Siebente Scene. Vorige. D. Alonso (tritt sehr vergnügt ein). Später Mari Nnno, Brigida und Otaüez. D. Alonso. Eugenia! Clara! Beide. 3a! D. Alonso. Freut Euch mit mir. D. Eugenia. Warum? D. Elara. Wir so? D. Alonso. Das höchste Glück kehrt eiu, Der liebste Wunsch, der mir noch übrig war. Seitdem ich Euch besitze. Don Toribio, Bon Cuadradillos, erftgeborner Sohn Und Erbe meines Bruders, Majoratsherr Des ganzen Stammes, ist auf dem Weg hieher. Die Diener, die vorausgeritten, melden, Daß er im Augenblick erscheinen wird. D. Eugenia (zu D. Llara). Bei Gott, ich dachte, der Großmogul sei's. Der Pater war ja ganz verzückt dabei. D. Alonso ikliagelt und ruft in die Scene). Mari Nuno! Mari Nuno (tritt auf) Zu Befehl! D. Alonso. Geh' augeublicklick Und richte schnell die unteren Zimmer her. (Mari Nuno geht ab. Brigida kommt mit einem offenen Körbchen, in welchem Leinzeug ist. D. Alonso zu Brigida.) Gut, daß Du kommst! Hol' Linnen, Brigida! Brigida. Hier Hab' ich schon ein Körbchen mitgebracht, Holländer-Leinwand, fein wie Spinneweben. 12 D. Alonso (zu Otanez, der nach Brigida eingetreten). Otanez! Otanez. Ja, Tenor! D. Alonso. Geh' in die Küche, Daß wir mit Spcisen ihn erfrischen können, Sobald er kommt. (Otanez ab. Zu D Eugenia und D Llara.) Und, liebe Töchter, Euch, Ersnch' ich, nehmt den neuen Gast recht freundlich Und herzlich auf. Bedenkt, er wird euer Haupt. Und wer von Euch ihn zum Gemal bekommt, Die hat das Spiel gewonnen; denn die Andere 3st ihr, wie billig, künftig unterthan. — (Für sich.) DaS zieht mir sicher bei Eugenien. D. Eugenia (zu D. Alonso). )ch habe wenig Hoffnung auf dieß Glück, Denn Clara ist die Aeltere. D. Clara (z„ D Eugenik). Aber Du Verdienst eS besser. D. Eugenia. Schwester, Du bist falsch. D. Alonso. Horch! (Man hört D. Loribio kommen.) Achte Scene. Porige. DonToribio unter der Thüre, welche halb geöffnet ist. Otanez (außerhalb drr Thür, nicht sichtbar). D. Toridio (zu Otanez). He da! Wohnt nichthier ein gewisser Oheim, Den ich in der Stadt soll haben und der auch Zwei Töchter hat, die ich heiraten will —- Will sagen, respective nur die eine? Otanez (ohne gesehen zu werden). Ja, hier ist seine Wohnung. D. Alonso (zu den Töchtern). Seid bereit, 2hu zu empfangen. ES ist euer Vetter. D. Torlblo (nur oben). Und ist er auch zu Haus? Otanez (wie oben). Er ist zu Hause. (D- Toribio, lächerlich gekleidet, tritt auf.) D. Eugenia (zu D. Clara). Das, das der Freier! Gott, wie lächerlich! D. Clara (zu D. Eugenia). Da hast Du Recht. D. Eugenia (für sich). Die Schwester stimmt mir bei. DaS war die Absicht nicht. D. Alonso (D- Toribio herzlich empfangend) Mein thenrer Neffe! 3hr ehrt mich ungemein, indem Ihr heute Mein HauS mit eurer Gegenwart beglückt. Ich grüße Euch als meinen Anverwandten Und würdiges Haupt des Cuadradillo. stamms. D. Toribio. 3a, ja. das bin ich auch, das größte Haupt. 3n meiner Kindheit sagte man mir schon, 3ch Hab' den größten Kopf im ganzen Thal. D. Alonso (führt D Toribio zu den Mädchen und stellt sie vor). Kommt, Neffe! Seht hier eure beiden Mühmchen, Begierig. Euch zu kennen und zu grüßen. D. Toribio. Hm, hm! Ganz annehmbare Mühmchen daS! D. Clara (reicht ihm die Hand). Seid herzlich uns willkommen! (Ebenso D. Eugenia.) D. Toribio. Danke schön! D. Alonso. Wie geht'S denuimmer,lieberHerzenSneffe? D. Toribio. Jetzt geht'S mir müd', verteufelt müd', Herr Oheim. 3ch hatt' ein Maulthier von so bösem Sitz, Daß mir mein Sitz dadurch ganz böse ward. D. Alonso. 3ch bitte, nehmt einstweilen Platz. Die Mahlzeit Wird später kommen. 13 D. Toribio. Lieber umgekehrt, Die Mahlzeit jetzt und später Platz genommen. — Für mich ist's gleich, ob sitzen oder steh'n. Letzt Euch nur nieder alle Drei. (Sie sttzen sich ) D. Elara (heimlich zu D. Eugenia). Sehr fein! D. Eugenia (ebenso). DaS soll mein Haupt sein? D. Elara (ebenso). 3a! ' D. Eugenia (ebenso). Mit solchem Haupt Durst' ich geraden WegS in'S Tollhaus wandern. D. Toribio. Ja, wie gesagt, ick finde, meineMühmcken, Indem ich Euch genauer angeseh'n, Daß Ihr, auf Ehre! gar nickt übel seid. Mir thut'S beinahe leid, daß diese hübschen Zwei EngelSküpschen meine Mubmrn sind. D. Elara. Ei! D. Eugenia. So? Warum? D. Toribio. Weil — nämlich — darum, weil — Hört ein Erempel der Naturgeschichte. Es stand einmal ein graues Eselein Inmitten zweier appetitlichen Getreidebündel und eS könnt' sick nicht Dazu entschließen, um s Crepiren nicht, Don beiden Bündeln einen auszuwählen. So geht's auch mir. Ich sitze zwischen Euch, Ihr appetitliche Getreidebündel, Und bei der schweren Wahl, an welche ich Mich halten soll,crepir'ich fast vor Hunger. D. Alonso. O schlichte Sitten meiner Vaterstadt! Wie gern hör' ich Euch wieder. D. Clara (heimlich zu D. Eugenia). Das war schön! Und edel! D. Eugenia (ebenso). Ja ganz für ein Eselein. D. Toribio. Doch laßt - Euch nicht verdrießen, meine Mühmcken. Für AlleS in der Welt gibt'S Rath. (Zu D- Alonso.) Sagt. Oheim, Ich brauche wohl DispenS ob der Verwandtschaft. D. Alonso. Gewiß. D. Toribio. Da hol' ick mir gleich zwei auf einmal. Ick zahle gerne doppelt Geld dafür. Mit zwei Dispensen nebm' ich alle Zwei. Dock waS ick sagen will, wie geht's Euch denn? D. Alonso. Ick lebe glücklich, ganz besonders jetzt In meinem Vaterland, bei meinen Kindern, Bei Euch, dem künftigen Herren meines Reichtdums T. Toribio. Ia,daS verdien'ick auch und noch vielmehr. (Zu den Schwestern.) Ha, Mübmcken, wenn Ihr meinen Adels- brief Zu seh'n bekommt, da müßt' Ihr vor Entzücken Um ein'ge zwanzig Jahre jünger werden. Bei solchem Anblick fallen dem Beschauer Die grauen Haare selber aus dem Kopf. (D. Elara und D Eugenia greifen entsetzt nach ihrem Haar) In Earmvisinsamntt ist er eingebunden Und abgepinselt d'rin die Väter alle Und Groß- und Urgroß-, Ururmgroßväter Wie oft die Heil'genbilder im Gebetbuck, Eine ganze Menagerie. Ich trag' ihn sietS Im Mantelsack bei mir. Ich hol' ihn Euch, Daß Ihr nicht etwa glaubt, ich mache Flausen. (Er will gehen ) 14 Neunte Scene. Vorige. Mari Nuno (tritt auS dem Sri- trnzimmrr). Mari Nuno. Es ist gedeckt. D. Toribio (indem rr Mari Nuno erblickt, zurückfahrend). Du heilige Maria! Was ist denn das da für ein Ding, Herr Oheim? Habt Ihr das Thier auS Indien mitgebracht? Es sieht nicht wie ein Weib noch wie ein Mann Und dock kann'S sprechen. D. Alonso. Uns re Zofe, Vetter! D. Toribio. Es beißt dock nicht? Mari Nuno. Ein unverschämter Mensch! D. Eugenia (zu Mari Nuno). Und dumm dazu, unsterblich dumm. Mari Nuno. Der Tisch Ist sckon bereit. D. Toribio. Wo ist der Tisch? Mari Nuüo. Da drinnen. D. Toribio. Ick weiß nicht, ob ich'S glauben darf. Mari Nuüo. Warum? D. Toribio. Weil man die Instruction mir milgegeben: »Trau' keiner Zofe! Wenn sie spricht, so lügt sie.* Wir wollen es gleich seh'n. — Verzeiht, ick gehe Voran ; ick mach' nicht gerne Comp!tmente, (kr tritt in da» Seitrnzimmer. D. Klara und D. kugknia >hen sich einander an.) D. Elara t>isr zu kugkniat Em netter Vetter! D. Eugenia (ebenso). Ja. Mari Nuno (leise zu Beiden). DaS ein Galan, Ein Bräutigam? Ha, das ist ja ein Bär'. D. Eugenia (ebenso). Mich wundert, daß man ihn beim Schlagbaum cinließ. Der Mensch bringt uns die Rinderpest hieher. D. Alonso. Was murmelt Ihr denn so zusammen? D. Clara. Nichts. D. Eugenia. Gar nichts. D. Alonso. Ich kann mir'S denken, was es ist. Des Vetters Wesen hat Euch nicht gefallen. Es dünkt Euch lächerlich wie seine Tracht. Nun ja,rch weiß, die Mädchen seh'n daraus. Doch sollt Ihr staunen, wie gar bald die Stadt Und feiner Umgang ihn manierlich macken Die Meisten kommen so zur Residenz Und sind in Kurzem ganz galante jHerr'n. Ja, Kinder, glaubt, ich kann'S Euch nicht beschreiben, Wie sehr mich freut, daß meiner Väter HauS Zu meinen Enkeln wiederkehren wird. So wahr Gott lebt, mein Don Toribio Und eine von Euch beiden gibt eiu Pärchen. Doch, wohl verstanden! ohne daßdieAnd re Darum auf einen Mann von and'rem Schlag Sich Rechnung machen dürfte. Ferne sei, Daß, was ich mir durch manch' schlaflose Nacht Im Schweiße meines Angesichts erworben, Ein junger Lasse wieder mir verpufft, Der mir im Jahr vielleicht für seid'ue Strümpfe Mehr ausgibt als ein ganzes Rittergut. Müßt' ich's erleben, wie mein Schwiegersohn Stack hent'ger Stutzer Mode zwanzig, dreißig 16 Realen hinwirst für 'nen Bieberhut. Ich glaub', ich würde den Verstand verlieren, Und kurz und gut, eS braucht nicht viele Worte; Die nächste Zukunft wird Euch deutlich lehren. Daß Don Toribio und seines gleichen Zur Euch bestimmt sind. (ßr grht in'S Sritrnzimmrr.) D. Clara. Lieber Tod als ihn! D. Eugenia. Den Tod zwar nicht, doch lieber keinen Mann, Und, Clara, daS ist noch weit schrecklicher. (Allr ab.) Zwkitrr Llct. Straße Auf der tinkn Teile D. Fclix's Hau-, demselben schräg gegenüber, mehr im Hintergründe, T. Alonso's Haus. D. Juan tritt ans dem Hause des D- Felix. Erste Seene. D. Juan ^jm Heraustreten). Roch Alles leer! Nur Du hier, goldne Sonne! Und doch ist meiner Seele finstre Nacht. Hier will ich warten, ob die zweite Sonne, Ob meine Sonne mir erscheinen wird. (br geht auf und ab, indem er beständig nach D. Alonso's HanS blickt.) Zweite Scene. D. Felix kommt mit Hernando aus seinem -Hause. Al- er D. 2uan erblickt, geht er lebhaft aus ihn zu und reicht ihm dir Hand. — D. Juan. D. Aelir (zu D. 3uan> Wahrhaftig hier! Du nabmst kein Früh, stück noch, Don Juan, und gehst schon aus? D. Juan. Die Morgenluft 8>ld mich hieher. > I D. Juan. In deinem Haus, wie anders als vortrefflich! Denn an dem Schmerz, der mir die Seele drückt, Hat ja dein Haus nicht Schuld. D. Felix. Darf ick nickt wissen, Was meinen Freund betrübt? D. Inan. Ich bin verlegen. Wie ick eS sagen soll, doch sei's darum! — Als ich sie gestern endlich wiedersah, Das himmlisch schöne Bild, das meine Seele Trotz jahrelanger Trennung stets umschwebte, Da loderte dieß Feuer wieder auf Zur Riesenflammc; da erkannt' ich erst, Daß seine Gluten auch im fernen Ausland Verborgen glimmten unter heißer Asche. Vergebens hofft -ich gestern sie noch einmal Vom Fenster aus zu sehen. Sie kam nickt wieder, Drum bin ich hier. Da heute Festtag ist, Geh'n sie gewiß des Morgens nach der Kirche. Und eine Bitte hätt' ick, lieber Freund, Sieb, daß Don Pedro nichts davon erfahrt. >Zwar liegt nicht viel daran, dock besser so Ilßr grht mirdrr aus und ab und zirht sich mehr ! nach drm Hintrrgrundr zurück.) ! D. Felix (zu Hernando). >Wie dock der arme Thor sich selbst betrügt! Hat jahrelang sein Liebchen nickt geseh'n Und meint, sie denkt jetzt noch an ihn! Hernando. Senor, Wenn s ihm Vergnügen macht, laßt ihm die Täuschung. D. Felix. Es war kein Thor, der einst die Worte sprach, DaS Glück der Täuschung sei daS billigste Und dennoch oft daS theuerste dem Men- scheu. - D. Felix. Wie hast Du denn geruht? 16 Komm', seh n wir nach dem anderen Patienten, Wie der sich füblt. Seit gestern ward mein Haus Ein reines Lazareth für LiebeSkranke. (Indem er flch nach der Thüre seine- Hauses wendet, kommt D. Pedro aus demselben ) Dritte Scene. Porige. D. Pedro. D. Felir. Da ist er ja! — Don Pedro! Guten Morgen! D. Pedro. Ich wünsche, daß er gut wird und ich hoff s. Weil mir aus deinem Mund der Glücks wünsch kommt Und ich so nahe meinem HoffnungSstern. Du kannst nicht glauben, wie ich glücklich bin, Daß meine Dame Dir so nahe wohnt. Denn tausendfach erwächst dadurch für mich Gelegenheit, von hier aus sie zu seh n. Und um von Allen Keine zu versäumen, Erlaube mir hier auf und ab zu geh'n. Denn ohne Zweifel geh'n sie bald zur Messe. D. Felir. Da geht ja Don Juan schon auf und ab. D. Pedro. Thut nichts. Dann fällt eS um so weniger auf, Wenn wir zu Zweien und, wenn Du willst, zu Dreien Vor ihrem Hause hier spazieren geh'n. Doch wünscht er etwa and re Promenade, So folg' ihm nicht. Bleib' immer nah' beim Haus, Und so, daß er nichts merkr. D. Juan (tritt zu ihnen und begrüßt D. Pedro). Don Pedro! Ah! Willkommen! D. Pedro (zu D. Juan). Auch schon in der freien Luft! D. Juan. Ich warte hier, weil ich-ich wollte fragen, Nach welcher Kirche wir zur Meffegeh'n. (Heimlich zu D. Felix ) Wir bleiben hier natürlich. D. Pedro (zu D. Juan). Ganz dasselbe Besprachen wir soeben. Welche Kirche Ihr vorschlagt, die besuchen wir. (Heimlich zu D. Felix.) Ich bitte, Dreh' doch die Sache, daß wir bleiben können. D. Felir (für flch). So dient man leicht zwei Herr n zu gleicher Zeit, Wenn ihre Wünsche ganz dieselben find. — (Laut zu beiden.) Ei, meine werthen, sehr verliebten Herren, Ihr denkt, eS braucht nichts weiter, als mich just, Wie'S jedem von Euch einfällt, mltzu- schleppen. Jetzt geht'S einmal nach meinem Sinn. Wir bleiben. Jetzt will ich — — Sapperment! Der» liebt sein will ich, Und eh' die beiden hübschen Nachbarinnen Ihr HauS verlassen, geht mir keiner sott. Sobald sie kommen, geh'n wir ihnen nach, Damit ich sehe, welche von den Beiden Ich mir zur Flamme wähle — jedenfalls Diejenige, die mir am nächsten geht. D. Pedro. Ich stimme bei. D. Juan. Auch ich. D. Pedro (leise zu D. Felix). Du hast'S vortrefflich Herumgedreht, daß Don Juan nichts merkt. D. Juan (von der andern Seite leise zu L Felix). Ich danke für die Wendung. (D. Juan und D- Pedro entfernen sich etwas von ihm nach entgegengesetzten Seiten, indem str heimliche Blicke nach D- Alonsos Haus richten.) 17 D. Felir (für sich). That ich'S doch Nur, um zu seh n, ob, die sie lieben, nicht Ein und dieselbe Dame und vielleicht Die eine, der mein Herz entgegenschlägt.— (D. Alonso und D. Toribio irrten au- drm Hause.) D. Juan (zu D. Feliz). ES geht die Thür. Sie sind's. D. Pedro. Ja, Leute kommen, Nur leider nicht die rechten. D. Felir. Nicht die rechten? Der Vater ist'S. D. Juan (für sich). Ich Hab' ihn nie geseh'n. Damals war er verreist. D. Pedro (ebenso). Den kenn' ich nicht. Hi-Her war ich ohn' ihn verliebt. D. Juan (zu D. Felix). Wer ist Der fremde Eavalier an seiner Seite? D. Hernando (tritt hinzu). Da kann ich Aufschluß geben. 'S ist der Stesse, Der auS Asturien kommt und dem der Vater Die eine seiner Töchter geben will. D. Juan (für sich). O Himmel, wenn Eugenie diese Braut — D. Pedro (für sich). Sott gebe, daß eS nicht Eugenie sei! — D. Felir (zu beiden). Kommt, gehen wir auf und ab. (Eie promkuireu und sprechen unter einander.) ^ Vierte Scene. Don Alonso und Don Toribio (stkhxn ! noch vor der Thüre ihre* Hause-. Sobald letzte« rer dir anderen erblickt, drückt er durch Teberdrn seinen Unwillen D. Alonso gegenüber aus. Seine kracht ist schwarz, geschmacklos und lächerlich). D. Toribio.^ Wie ich Such sage, WaS haben diese Bürschchen da zu schassen. Grrad' vor unserer Thür! rze»i«,. A«p«N»i,e Nr 102. D. Alonso. Erzürnt Euch nicht. ES ist die Straße. Hier kann gehen, wer will. D. Toribio. Die Straße meiner Mühmchen, und die sollten So mir nichts Dir nichts aus- und ab- spaziren? D. Alonso. Warum nicht? D. Toribio. Hier hat Niemand zu spaziren Kein zwei-, noch drei-, noch viergebeinteS Thier; Am wenigsten die Stutzer, die verdächt'gen, Mit ihrem zierlich sein gedrehten Schnurbart, Mit einem Wald von Haaren auf dem Kopf Und Schenkeln durch die Strümpfe transparent. D. Alonso. WaS läßt sich machen? ES sind unsere Nachbarn. D. Toribio. Sie sollen'- nicht sein. D. Alonso. 'S ist ihr eigen Haus. D. Toribio. DaS soll eS aber nicht sein, Tod und Teufel! D. Felir (zu D. Zuan und D. Pedro). Ich sprech' ihn an. D. Juan. Ja, jetzt geht eS am besten. D. Felir (geht auf D. Alonso zu, der unterdessen mit D- Toribio vorgetrrten). Verzeiht, Seüor; erlaubt mir, Don Alonso, Willkommen Euch zu heißen und mit Freuden AlS meinen neuen Nachbar zu begrüßen. Wenn ich auch gleich den Gruß bis zum Besuch In eurem eig'nen HauS verschieben sollte. Läßt sich - die Freude doch nicht länger wehren, So werthenNachbar herzlichstzu empfangen. Ich bin zu eurem Dienst sammt all' den Meinen, r 18 D. Pedro (zu D. Alonso). Wir beiden gleichfalls. D. Toribio (der etwa- von D- Alonso ent» fernt steht, für sich). D. Alonso (bemerkt e» und will abbrrchen Zu D. Felix). Mit Nächstem werd' ich Euch besuchen. D. Felir. Welch' einfält'ge Formeln! D. Alonso (zu D. Felix). Aufricht'gen Dank, Ihr Herr'n, für solche Gunst! 3hr kommt mir nur zuvor. Hätt' ich'S geahnt, So hätt' ich meine Schuldigkeit gelhan Und Euch zuerst besucht in eurem Haus. (Er stellt D. Toribio vor, der aber stehen bleibt.) Mein Neffe, sehr erfreut, Euch hier zu seh'n, Und gleich mir selbst Euer unterthäniger Knecht! (Er nähert sich D. Toribio.) D. Tori bio (bei Seite zu D. Alonso). WaS? Ich sein Knecht? Fällt mir im Traum nicht bei. D. Alonso (begütigend zu D. Toribio) 'S ist nur 'ne Phrase. D. Toribio. Ein Fraß? WaS für ein Fraß? D. Alonso. Nur eine Redensart. D. Toribio. Die Reden spart. D. Alonso (D. Tortbio hinführeud). Kommt, Don Toribio, seht diese Herren, Die Euch zu kennen sehr begierig sind. D. 3uan (zu D. Toribio). Don unsrer Seite soll Euch jede Freundschaft Zu Diensten stehen. D. Toribio (kalt). Danke, meine Herren. D. Felir (zu D. Toribio). Wie schlägt Madrid Such an? D. Toribio. So so, la la, Nicht gut und auch nicht schlecht, so untermischt Wie Fett und Mageres beim Gchweine- schinken. Gut! Es soll mich freu'n. D. Alonso (zu den Dreien, sich verabschiedend). Verzeiht! D. Felir. Auf Wiedersehen! (D. Felix, D. Jüan und D. Pedro ziehen sich etwa- nach dem Hintergründe zurück.) D. Alonso (zu D. Toribio, der ihnen zornig Nachsicht). Kommt, Don Toribio! D. Toribio. Und da laßt 3hr sie steh n? D. Alonso. WaS soll ich thun? D. Toridio. Zch weiß schon, wie ich'S mache. (Er will umkehren.) D. Alonso (M ihn am Arm). Wohin? D. Toribio. Nach Haus. D. Alonso. Wozu? D. Toribio. Den Mnhmchen sagen, Daß sie nicht auSgeh'n beut' den ganzen Tag. D. Alonso. Und keine Messe hören? D. Toribio. Ist nicht nöthig. Wenn sie an mich und meinen Stammbaum glauben, DaS ist für sie die beste Religion. D. Alonso (für sich). Gerechter Gott! WaS treibt der tolles Zeug! (Jhu fortzirhrud.) (D Felix Ulld srim Krrunde unterdrücken da» Lachen.) So kommt nur, kommt, daß jene Herren nichts hören. LS, D. Toribio. Ging- meinem Wunsche nach, so dürften mir Die Mädchen keinen Schritt heut' auS dem Haus. (D Ulonso und D. Toribio gehen ab. Bei ihrem D. Pedro (für sich). Wenn ste'S nur merkt, Daß ich nur ihr zu lieb hiehergekommen! (Sie gehen weiter nach dem Hintergründe, wäh- rend auf der andern Sitte die Mädchen mehr vortreten.) Weggehen treten D. Felix, D. Jüan und D- Pedro wieder vor und lachen laut auf.) D. Felix. Ha, ha, mit harter Mühe zwang ich mich, Dem Neffen nicht in daS Gesicht zu lachen. D. Pedro. Ein närr'scher Kauz! D. Juan. Lin rarer Bräutigam! Künste Scene. D. Clara (zuD. Eugenia). Sieh dort! Ls kommen Leute, junge Herren. D. Eugenia (zu D. Clara). Was thut'S? Die gehen wieder, wie sie kamen, Und nehmen nichts mit — (Die Herren gehen vorüber und grüßen, dir Mädchen erwidern den Gruß, beide mit nieder- geschlagenen Augen. D. Eugenia sortsahrend z» Clara:) Doria Lugenia und Doüa Clara (treten au- ihrem Hause). Hinter ihnen Dtanez, (der ihnen Gebetbuch und seidenen Uebrrwurs nach- trägt. D. Eugenia hat den Schleier zurückgr- schlagen und trägt einen Fächer in der Hand. D. Clara ist ohne Fächer und hat dev Schleier vor dem Gesicht). Hrrnando (der sich hinter den Dreien gehalten, zu Don Felix). Die Damen flnd'S. D. Felix (zu D. Juan und D. Pedro). Sie flnd'S. Wir geh'n vorüber, Al- wär' es Zufall. (Sie gehen gleichgiltig einige Schritte und bleiben daou wieder stehen, al» ob sie mit einander sprächen.) D. Clara (noch im Hintergründe vor ihrem Hause, zu D. Eugenia). Laß den Schleier nieder, Cugenie. LS sind Leute auf der Straße. D. Lugenia. WaS Hab' ich denn verübt, um mein Gesicht Der Welt nicht so zu zeigen, wie eS ist? D. Felix (zu D- Juan und D. Pedro). Wir thun als wäre nichts und geh n vorbei. D. Juan (für sich). Gib, Amor, daß in ihr mein Angedenken Nicht ganz erstorben ist! — als dieß Complimentchen. (Sie blickt aus. erkennt D. Juan und D. Pedro und erschrickt. Für sich.) Doch, Himmel! Was erblick' ich! Don Juan! So ist er wieder hier, nicht mehr verbannt? Und was noch mehr mich staunt, Don Pedro bei ihm, Don Pedro, der sein Nebenbuhler ist! Gut, daß eS keiner von den beiden ahnt! D. Fclir (zu D. Juan heimlich). Don Juan, sag', welche ist -, die so viel Liebe Dir kostet? D. Juan (ebenso). Die den Fächer in der Hand trägt. (D. Felix sieht nach ihr.) Ich bitte, sich Dich nicht so eilig um, Sie könnt' eS merken, daß wir von ihr sprachen. Und daß mich die Verwirrung meiner Sinne Don Pedro'n nicht vcrräth, entfern' ich mich. Bleib' Du bei ihm. Ich warte vor der Kirche, Wann sie heraustritt, nochmals sie zu seh'u. D. Felix (zu D Zuaa). Schon gut! — (D- Jua» entfernt sich nach dem Hiutrrgruud und geht ab.) r* 20 D. Felir (zu D. Pedro). Don Pedro! Welche von den beiden Ist deine Flamme? D. Pedro. Die den Fächer trägt Und nicht verschleiert ist, Eugenik. (D. Felix sieht nach ihr.) Sieh nicht so eilig um. Sie merkt's ja sonst. Bleib' Du. Daß mein Benehmen, Don Juan, Nicht Argwohn bietet, folg' ich ihm von ferne. (Seht ab, D. Jüan folgend.) D. Felir (für sich). Nun weiß ich doch zum wenigsten, daß beide Dieselbe Dame lieben. D. Elara (zu D. Eugenia). Bitte, Schwester, Leih' mir den Fächer. Ich vergaß ihn. —Ah, Der Schleier macht mir allzu heiß. Mich reut, Daß ich ihn nahm. (Tie entschleiert sich und kühlt sich mit dem Fächer.) D. Eugenia (für sich). Mich reut, daß ich ihn nicht nahm. Wenn jener Herr'n Begegnung Zufall war, Bin ich erkannt und daS ist mir nickt lieb. (Eie läßt den Schleier herab.) D. Felir (welcher da- Vorhergehende nicht bemerkte und seinen Freunden nachsah, für sich). Jetzt weiß ich Namen und Erkennungszeichen, Den Schleier aufgescklagen und den Fächer. (Er tritt vor, um sie au- einiger Entfernung zu betrachten, sieht D. Elara und erschrickt.) D. Elara (zu D. Eugenia, welche sich vorsichtig nach der entgegengesetzten Seite umgrsehen hat). Ich bitte, Schwester, sieh nicht um. Das paßt nicht. D. Eugenia (unwillig) Fortwährend schiltst Du mich. 'S ist wahrlich schade, Daß Du nicht Schwiegermutter worden bist. (D. Eugenia und D- Clara gehen zur Seite im Vordergründe ab.) D. Felir (tritt ganz vor). O daß ich sehen mußte, was ich sah! Wenn daS sich aufklärt, daß Don Juan Don Pedro Zum Nebenbuhler hat, gibt's ein Duell. Und mehr noch ärgert mich, daß eS von beiden Gerade die ist, die mir gleich zuerst Die schönste schien, als sie am Fenster waren. Doch daS tritt nun zurück. Die Ehre. Hofs ich, Soll siegen über mich und meine Liebe. Und daS allein sei meines Handelns Ziel, So lange die Entdeckung hinzuhalten. Bis sich die Lösung friedlich zeigen wird, Bis ich erspäht, wie ich die beiden Freunde, Die sich mir anvertraut, versöhnen kann. (Er geht nach drm Hintergründe ab, D- Jüan uad D. Pedro nachgehend.) Sechste Scene. Don Toribio und Don Alonso (kommen wieder von derselben Seite, nach welcher sie vorhin abgegangen. D- Alonso will D. Toribio zurückhalten) D. Alonso. Bleibt, bleibt! Was habt Ihr denn? Was kehrt Ihr um? D. Toribio. Potz Element! Um den verdammten Burschen, Wenn sie noch hier find, tüchtig heimzuleuchten. D. Alonso. - WaS kümmern Euch denn die? D. Toribio. Soll ein Hidalgo Gleichgiltig sein, wenn solche Pflastertreter Da schlerrdern, wo er seine Mühmchen hat? D. Alonso. Seid Ihr bei Trost? Wer kehrt fick in Madrid Daran, wenn auf der Straße Leute gehen. D. .Toribio. D. Alonso. 21 Zch. Warum? D. Toribio. Darum. D. Alonso. Aber seht doch nur. Sie sind ja längst schon fort. Kein Mensch ist hier. D. Toribio. DaS ist ihr Glück. Denn hätt' ich sie getroffen, )ch wüßte, was ich that. D. Alonso. WaS denn? D. Toribio. 3ch hätte Probirt, ob dieß mein Käsemeffer wohl, Nie'S durch gemeine AlltagSmützen schlägt. Auch durch modernen Bieber puffen kann. (Er zieht dabei den Degen.) D. Alonso. WaS fürchtet Ihr, was habt Ihr denn? D. Toribio. Hch fürchte nichts und habe viel, sehr viel. Aufrichtig, Oheim, seit mich eure Töchter Mit ihren Himmelsaugen angeblickt, Lin in Eugenien ich so vernarrt. Daß ich mit jedem Schatten eifere. D. Alonso. Wiewohl mir euer Thun nicht sehr gefällt, Zeh' ich doch gern, daß Ihr in'S Hau- der Ehe Erst durch das Thor der Liebe treten wollt, Doch müßt Jhr'S mit Verstand. ES zeige niemals Der Mann die Eifersucht auf seine Frau. D. Toribio. Auf seine nicht? Auf welche denn? Vielleicht Auf die deS Pfarrers? D. Alonso. Laßt die Possen, Freund. Nag Euch genügen, daß ich Such verspreche, Wenn eS Eugenie iü, die Euch gefällt, Soll sie die Eure sein. I (Kür sich ) Das wünscht' ich ja. D. Toribio. Gut! Das besänftigt meinen Groll, der schon Sich wieder regen will, weil ich die Bursche 3n unsre Straße wieder biegen sehe, Gar eifrig im Gespräch. (Er sieht nach drm Hintergründe) D. Alonso. Ich werde sorgen, Daß der DispenS so bald als möglich cin- trifft. — Nun kommt. Ich bringe selbst die Botschaft, welche Der beiden Mädchen eure Wahl beglückt. D. Toribio. Sagt, der DispenS kommt bi- von Rom. nickt wahr? D. Alonso. Von Nom. D. Toribio. DaS währt sehr lang, da- kürzen wir. D. Alonso. Wie so? D. Toribio. 3ck wüßte wohl. D. Alonso. 3ch nicht — so sprecht. D. Toribio. Erst lassen wir unS trau'n, dann den DispenS. (Sie treten in D. Alonso » Hau» ) Siebente Scene. D. Felix und D. 3nan kommen im <8e» prSch von derselben Seite, nach welcher sie früher abgegavgea. D. Felir. 3ch ehre da-Vertrauen, das Du mir schenkst. D. 3uan. Sie sah mich und sie wechselte die Farbe, DaS ist mir gute Bürgschaft, dafür Bürgschaft, Daß ihre Liebe nicht gewechselt hat. 22 ES ist das Antlitz ja die Uhr des Herzens Und zeigt getreu, was sich im Innern regt. Mein Freund, da mich das Glück zu Dir geführt Und Tn mein Lieben liebevoll beschütztest, So bleib' nicht jetzt auf halbem Wege steh'n. Du Haft des DaterS Freuudschaft schon ge, Wonnen, Hast Zutritt in sein HauS, Dir ist eS leicht Mir beizusteben und irgend zu vermitteln, Daß ich ihr schreiben kann, sie seh'n, sie sprechen. D. Felix. (Für sich.) Sehr angenehme Lage das für mich. Wenn ich dem einen Freunde Dienst erweise, Din ich Derratber an dem and'ren. D. Juan. Nun! D. Felir. Ich weiß nickt, wie ich Antwort geben soll, Doch glaube mir, es kommt mir niedrig vor. Dir zum Gewinn den Vater zu betrügen. D. Juan. Weh' mir! So spricht mein bester Freund! Achte Scene. Vorige. Don Pedro (kommt von derselben Seite und eilt auf Don Felix zu). D. Pedro. Don Felir! — Don Felir, wenn Dir meine Liebe- D. Felir. Halt! Du kommst gerade recht. Sag' mir nachher, Was Du zu sagen hast. Jetzt sollst Du Richter sein In meinem Streit, der zwischen uns entstand. (Für sich.) So kann ich Beiden meine Meinung sagen. D. Pedro. WaS soll eS sein? D. Felir. Wenn Dich ein guter Freund Ersuchte, Dich bei einem wack'ren Mann Jn'S HauS zu drängen, um dadurch dem Freund Die Liebschaft zu vermitteln, thätest Du'S? D. Pedro. Ich würd' eS thun. D. Felir. Ich nicht. D. Pedro. Und warum nicht? D. Felir. Weil ich mir selbst dabei ein Schurke schiene. Buhlt' ich um jenes wack'ren Mannes Freundschaft, So ist nur zweierlei: Er wird mein Freund Und er wird'S nicht. Wenn nicht, erreich ich nichts; Und wird er's, kann ich ihn nicht mehr be trügen. Er brächte mir sein Freundesherz entgegen, Und ich Derräther wäre nur sein Feind. Das find' ich schändlich und — daS kann ich nicht. Don jenem Augenblick, da mir ein Mann Die Hand in Freundschaft drückt, bin ich sein Freund. Und Hab' ich nicht den Muth, ihn zu ver, rathen. D. Pedro (zu Don Felix, erzürnt) Wenn deine Ansicht die, so drauck' ich daS, WaS ich Dir sagen wollte, nicht zu sagen. (Geht unwillig ab.) D. Juan. Auch ich nicht, und ich muß wohl anderswo Gelegenheit erspäh'n. (Er geht nach der anderen Seite ab.) D. Felir. Da haben wir's. Wenn ich auch selbst auf Liebe frei verzichte. Amor macht mir Spectakel so wie so. Da steh' ich nun inmitten zweier Freunde, Die ihr Geheimniß Beide mir vertraut Und gleiches Reckt auf meinen Beistand haben. Was soll ich thun? Ich bringe keinen weg. Nur allzunah' sind sie Eugenien. Wohin ich sehe, nirgend'- find' ich AuSweg. 23 Nur so viel ist mir klar, ein weiblich' Herz Verstünde besser hier den UrtheilSspruch.— Wenn ich ihr selber-Nein, das geht nicht an Und doch! — 2a Aug' in Slug' will ich sie fragen, Ob sie denn wirklich Beide liebt zugleich. Einstweilen soll ein Brief ihr Nachricht geben, Damit ich nicht, indem ich ihren Ruf Zu schützen suche, selbst ihm Schaden bringe. Nun fehlt nur Einer noch, der Ucberbringer. Darf ich wohl einem Dritten trauend — Nein! — Gut denn, ich will ihn selber überbringen Und um der Freunde Wohl mein Herz be zwingen. (Echt ab ) I Marr Nusto. i Warum? Brigtda. i Weil ich in meiner PranS Gar manches schüchtern fromme Täubchen sah. DaS umschlug wie der Wind in'S Gegen» theil. Zehnte Scene. Vorige. Don Alonso erscheint mit Don Toribio (unter der Mittelthür). D. Alonso (zu Don Toribio). Ich spreche mit Eugenien. Bleibt nur, bleibt! (Er bedeutet ihm, außerhalb de» Zimmer« zu bleiben.) D. Toribio. Neunte Scene. (Zimmer im Hause de« Dou Alonso.) D. Eugenia und D. Clara (treten durch die Mittrlthüre ein). Mari Nuüo und Brigida (gehen ihnen entgegen und find um sie beschäftigt). D. Clara (zu Mari Nuno) Nimm mir den Schleier ab. — (Mari Nuno nimmt ihr den Schleier ab. D. Klara setzt sich.) O daß wir doch 3m eigenen Hause die Capelle hätten, Um dieser Augenmust'rung zu entgeh'n! D. Eugeniashat ebenfalls ihren Schleier abgelegt und sich verstimmt auf die andere Seite gesetzt). Wenn ich bei Laune wäre, würd' ich sagen: O wär' die Kirche meilenweit entfernt. Um mehr zu seh'n und mehr geseh'n zu sein! Mari Nuno (zu Brigida). Ich halt eS mit der ersten. Brigida (zu Mari Nuno). Mit der zweiten Halt' ich'S. I Ganz gut! — (D- Aloaso lehnt die Thür zu. D Loribio öffnet fie gleich darauf zur Hälfte uud wird wieder sichtbar. Kür sich leise.) 3ch werde lauschen, was sie sagt. D. Alonso (etwa« vortreteud, für sich). Ein wahres Glück, daß er Eugenien wählte!. Sie soll nur mit ihm fort in das Gebtrg. Ein so gelehrtes Mädchen, daS Rhetorik Und Poesie im Köpfchen hat und mir Mein HauS in Mißkredit kann bringen. brauch' ich Am wenigsten hier in der Residenz. (Er tritt ganz vor, zu Eugenien.) Eugenik! 3ch habe Dich zu sprechen. (Sie steht auf. D. Clara will fich entfernen. Mari Nuno uud Brigida ab. Zu D. Clara) Nein, Clara, bleib, auch Dich; wenn ich auch gleich (Zu Eugenien.) Wie Dir den Glückwunsch, (Zu Clara.) Dir mein Beileid bringe. D. Eugema. Mir einen GlückSwunsch? D. Clara. Euer Beileid mir? 24 D. Alonso. Glückswunsch und Beileid, ja. D. Eugenia und D. Clara (zugleich). Weswegen denn? D. Alonso. Der Tert spricht von der Liebe. DonToribio Erklärte mir, es sei sein ernster Wunsch, Eugenien als Gemalin heimzuführen. (Zu D- Clara.) Wenn mir gleich Dir, die Du die Aelt're bist, Zuerst den Gatten zuzuführen ziemte. Hat seine freie Wahl doch so entschieden, (Zu Eugenien.) Daß deiner Schwester Unglück Dich beglückt, Und Du gewinnst, (Zu D. Clara.) WaS heute Du verlierst, Das Recht der Erstgebor'ncn meine- HauseS. D. Clara (mit durchblickrnder Ironie). So schmerzlich der Verlust, find' ich doch billig, Daß dieses Glück Eugenien ward zu Theil. Sie sei die Glückliche. Ich wünsch' eS ihr Mit schwerem Herzen und mit nassem Ang'. — (Zu Eugenien, ihr die Hände reichend.) Nimm ihn denn hin! Er ist für mich verloren. Es blühe Dir dein Glück viel tausend Jahr! (Sie hält das Taschentuch vor die Augen. Im Abgehen für sich.) Gott sei's gedankt! Zehn Messen lass' ich lesen, Ich bin verschmäht! (Nach recht- ab.) D. Toribio (welcher unterdessen, um besser lauschen zu können, aus seinen Zehen von der Mittelthür nach der linken Seitenthür geschlichen und hinter derselben halb versteckt zuhorchte, bei Seite). Wie traurig geht sie hin, Gekränkt, verschmäht um ihre jüng're Schwester! Nun will ich sehn, wie stolz die And're spricht. D. Eugenia (für sich). Ich seine Frau! Das hat mir noch gefehlt Zu all' dem, was ich heute schon erlebt. D. Alonso. WaS gibst Du mir zur Antwort? Schwankst Du noch? D. Eugenia. Daß ich mit warmem Dank für solche Gunst Mich und mein Leben Euch zu Willen gebe. Euch zu gehorchen ist ja meine Pflicht. Da Euch die Wahl gefällt, wie könnt' ich anders Als dankbar nehmen, was Ihr gütig gebt? . (Für sich.) So wahr ich lebe, nie und nimmermehr! D. Alonso. ES freut mich sehr, Eugenie, daß ich Auf deine Einsicht nicht umsonst vertraut. D. Tori bio (für sich). Gut, gut! D. Al onso (zu D- Eugenien). In seinem Zimmer wartet er Mit Sehnsucht. Ich verkünd' ihm schnell sein Glück. (Durch dir Mittelthür ab). D. Toribio (tritt au- der Seitenthür, zu dem bereit- abgegangenen D- Alonso). Braucht'S nicht. Er weiß es schon. D. Eugenia (erblickt ihn. für sich). Ich bin deS TodcS. DaS Herz voll Gram und nun der Tölpel noch! D. Toribio (reibt sich freudig die Hände, für sich). Man kann wohl munter werben um die Braut, Wenn man daS Jawort schon im Voraus hat. — (Zu Eugenien tretend.) Zur guten Stunde, Mühmchen! Ja, Ihr seid Die Glückliche, Ihr werdet meine Frau. D. Eugenia (für sich). Auch daS noch! . D. Toribio. Da Ihr denn so sehr mich liebt- (D. Eugenia wendet ihm mit verächtlicher Geberde den Rücken.) WaS? Ihr verschmäht mich? D. Eugenia (mit ruhigem Ernst). Don Toribio, WaS ich soeben sagte, galt dem Vater. 25 Laßt jetzt mit Huch mich sprechen off'ne Wahrheit. Um meinem Vater nicht zu nah' zu treten, Gab ich vorhin ein Wort, das mir zu halten Unmöglich ist, setzt' ich auch tausendmal Mein Leben auf das Spiel. Da dem so ist, Und ich Euch nie, niemals zum Gatten nehme, Steht ab von eurer Wahl. Wir sind allein, Ihr könnt es ohne Scheu. — Doch sag' ich Euch. Wenn Ihr dem Vater dieß Gespräch verlachet, So leugn' rch Alles weg und straf' Euch Lügen. D. Toribio (in Wuth au-brechend). Was, so sprichst Du mit mir, Du unverschämtes, Treuloses, falsches, undankbares Ding, Lrichtfinn'geS Wesen, voll von Lug und Trug! D. Eugenia. Ein wenig leiser, bitt' ich. Dieß Gespräch Ist nur für uns und paßt für keinen Dritten, l D. Toribio. Seid Ihr nicht meine Muhme? D. Eugenia. 3a. D. Toribio. Nicht euer Bräutigam? D. Eugenia. Nein! D. Toribio. t Bin ich ^ Sagt, bin ich Nicht schmuck und fein? D. Eugenia. Gewiß. D. Toribio (auf die Stirne deutend). Und hier begabt? D. Eugenia (lächelnd). Ich zweifle nicht. D. Toribio. Ein Edelmann! D. Eugenia. Versteht sich., D. Toribio. Und munt ren Sinn'S! D. Eugenia. Gar sehr. D. Toribio. Sogar verlrebt! D. Eugenia. Auch daS! D. Toribio. Warum wollt Ihr mich dennoch nicht? D. Eugenia. Das fragt den Himmel, Vetter; fragt die Sterne, Die mir mein Herz zu Euch nicht lenken wollen. D. Toribio (stürmisch). Nein, sagt, waS habt Ihr an mir auszu setzen? D. Eugenia (ruhig) Seht, Vetter. Eines fehltEuch ganz und gar, DaS 8s,voir-vivrv. (Geht eilig zur Seite ab.) D. Toribio (bleibt verblüfft stehen). Was? — das vLvoir-mvrs? So etwas sagt man einem Mann wie ich, Der einen Stammbaum aufzuweisen hat Mit 8»voir-vivrs's dutzendweis, in Schäf- fcln! Hab' ich auch nicht begriffen, was daS heißt, So merk' ich doch, 's muß ganz waS Rares sein. Und eben darum hängt eS sicherlich An meinem Stammbaum. Ich bin kein s.voir-8uivrv! Ward' solches je gehört und je geseh'n! Ei, Mühmchen mein, ich steh' Euch gut dafür, Ich habe von dem Ding weit mehr als Ihr. Etlfte Scene. D. Toribio. D. Alonso (kommt durch die Seitmthür). Wo wart Ihr denn, Herr Neffe? Uederall Such' ich nach Euch, um Euch zu gra- tuliren. 2 « Denn meine Tochter hörte kaum die Wahl, Die Ihr getroffen, als sie hoch erfreut Und dankbar mir für Euch daS Jawort gab. D. Toribio. So! — Dieses Mühmchen, wenn fie'S anders ist, Ist ja ein fürchterliches Jüngferchen, Eine Schlange, ein Basilisk, ein Krokodil. Hier hat sie eben Dinge mir gesagt — Ich kam mir vor als wie der dümmste Junge. Euch? D. Alonso. D. Toribio. Jn'S Gesicht. D. Alonso. Ich staune. WaS denn? D. Toribio. Denkt, Ich hätt' kein vuvoir-mvrs. — Gut! Um ihr Zu zeigen, daß eS Leuten meines Standes An nichts gebricht, bitt' ich. besorgt mir gleich So viel eS ouvoir-vivre in der Stadt Zu kaufen gibt und kost' eS. was eS will. D. Alonso. DaS wäre eine Narrheit grenzenlos. D. Toribio. So? Ist daS Ding so theucr? Schadet nichts. Sagt, wo ich'S kaufen kann. — Wenn Ihr nicht wollt, Werd' ich'S wohl selber zu erfragen wissen. Nicht eher tret' ich ihr vor's Angesicht Als auf und auf bepackt mit guvoir-vivr«. (Geht eilig ab.) D. Alonso. Barmherziger Himmel! Welche Raserei! (Ihm nachrusend.) Hört, Neffe, Neffe! Hör't mich! Wartet doch! Zwölfte Scene. D. Alonso. D. Elara und D.Engeni« (treten au« dem Seitenzimmer). D. Elara (zu D Alonso). WaS ist's? WaS gibt'S? D. Eugenia (zu D. Alonso) Wer setzt Euch so in Wuth? D. Alonso (zu D. Eugenia). Du Undankbare! D. Eugenia. Ich, die eben heute So sehr bewiesen, daß sie Euch gehorcht? D. Alonso. Komm' der zu mir. WaS sagtest Du dem Vetter? Er ist voll Zorn. Man wird nicht klug aut ihm. D. Eugenia. Ich meinem Detter? Diesen ganzen Tag Hab' ich ihn nicht gesprochen noch geseh'n. D. Alonso. WaS sagst Du? D. Eugenia. Ganz bestimmt. D. Alonso. Ich sage Dir, Wenn Du Dich nur verstellst und ihn i« Wahrheit Stolz und beleidigend behandelt hast, Dann fürchte meinen Zorn. — Ich muß ihm nach, Sonst läuft er in der ganzen Stadt umher Und fragt nach «Lvoir-vivi'e in den Läden (Ab.) D. Eugenia (zu D. Clara). Ich habe meinen Detter nicht beleidigt. D. Clara. Entschuldige Dich, Schwester, nicht bei mir. Ich habe nickt gehört, was Du gesagt. Dock seh' ich, Du bist unverbesserlich. Denn einem Scherz zu lieb verdirbst Du Alles -Und unverzeihlich spielstDu mit den Herzen 27 D. Eugenia. j Du meinst eS bös, ich aber deut' es gut. )ch nchm' eS hin als eine Schmeichelei. Zeigt eS mir doch, daß selbst das Ouintchen Geist, Das Don Toribio im Kopf besitzt, Sich meiner Eitelkeit gefangen gibt. D. Clara. WaS soll das heißen? WillstDu etwa sagen, Daß alle Herzen nur nach dir sich wenden Und nie nach mir? MachstDir wohl thöricht glauben. Du sci'st der Liebe würdiger als ich? Du inst. Sieh, mich betrachtet man mit Ehrfurcht, Weil ich mich so benehme, daß ein Jeder ! Mir unwillkürlich seine Achtung zollt, i Und unser ganzer Unterschied ist der, Vor mir hält man sich würdig in der Ferne, Weil man als unerreichbar mich betrachtet, Dich sieht man an, ich will nicht sagen wie? D. Eugenia (höhnisch lächelnd). Meinst Du? DaS nickt. D. Clara. WaS denn? > D. Eugenia. WillstDu eS wissen, Muß ich Dir sagen. waS ich jüngst dem Detter Gesagt. D. Clara. Nun? D. Eugenia. Du gefällst nicht, weil auch Dir Die rechte Weise fehlt, daS suvoir-vivre». (Seht eilig zur Seite ab.) D. Clara (sehr erzürnt). Toll ich Dir — soll ich darauf Antwort geben — (Man klopft.) WaS ist's? Wer kommt, um meinen Zorn zu stören? Dreizehnte Scene. D. Felix (tritt ein durch die Mittelthür) D. Clara. Später D. Eugenia. D. Clara. Wen sucht ihr? D. Felix (zu sich selbst). Freundschaft, sei auf deiner Hut. Du könntest leicht statt deines Freundschaftsdienstes Dich selbst bedenken und den Freund vo rathen. Denn solcher Schönheit widersteht fick's schwer. (Zu D. Clara.) Da ich den Detter euer Haus verlassen Und auch den Dater bald ihm folgen sah. Hab' ich'S gewagt zu kommen, Euch zu sprechen. D. Clara. Mich? D. Felix. Euch. ! D. Clara. ! Wie? Mich zu sprechen? ! D. Felix. I Ja, Sestora. ^ Ich weiß, daß es Euch dient und nicht de leidigt. D. Clara (für sich). Der Himmel gebe, daß die Thörin nicht — Sie ist zum Glück nickt hier — Unmöglich, i nein! — D. Eugenia ft erscheint an der halbgeöffneten Seitenthür lau« ! schend. Kür sich). Ei, meine Schwester spricht mit einem Herr'n. >DaS muß ick doch belauschen. D. Clara (verwirrt zu D. Felix). Mick? Erlaubt Mir, daß ich zweifeln darf. — Mich sucht ihr auf? D. Felix. Gewiß. 28 D. Eugenia (für sich). Sollt' eS am Ende gar das Thema »Erreichbar oder unerreichbar« sein? D. Clara (entschlossen zu D. Felix). Eh' Ihr zu sagen wagt, was Ihr hier wollt Und wer Ibr seid, muß ich Euch ernstlich bitten, Mich zu verlassen und ntir'S nicht zu sagen. Mich aufzusuchen ist für Euch kein Grund. D. Felir. Wenn ich Euch damit dienen kann, so geh'ich Und sag'eS nicht. Nur Eines mußt Ihr wissen. Daß eS in diesem Brief geschrieben steht. (Er nimmt einen Brief auS der Brieftasche.) Er möge sprechen, wenn ich schweigend gehe. D. Eugenia (wie oben). Wenn sie den Brief nur nähme, daß ich dann Sie necken kann! D. Felix (den Brief hinhaltend, zu Don. Clara). So nehmt ihn und ich gehe. D. Clara (unschlüssig). Ich einen Brief? D. Felir. Damit Ihr Euch entschließt, Den Inhalt zu besehen, sag' ich Euch: Die Ehre, eure Ehre hängt daran. Denn wißt, Don Pedro und Don 3uan gefährden Nicht bloß ihr eigen' Leben, das ist wenig, Weit mehr als dieses, euren guten Ruf. D. Eugenia (wie oben). Wenn sie ihn nimmt, bin ich deS TodeS. D. Clara. Wie? — Ich kann Euch nicht versteh n. Denkt, was Ihr sagt. Ich kenne nicht Don Pedro, nicht Don Juan Und auch nicht Euch. D. Eugenia lwie oben). Weh' mir! Ich muß eS büßen, Wenn sie ihn nimmt. Er glaubt mit mir zu sprechen. D. Felir. Da euer Zartgefühl so sehr sich sträubt, Den Dienst, den ich Euch leiste, zu versteh'u, Ich habe meine Schuldigkeit als Freund Und Ehrenmann gethan. Somit lebt wohl! (Er legt den Brief in die Brieftasche und will gehen.) D. Clara (zurückrufend). Bleibt! (Für sich.) Irrthum ist'S, den ich er. gründen muß. (Zu Don Felix.) Wen glaubt Ihr denn zu sprechen? D. Felir. Doüa Eugenia. Seid Jhr's denn nicht? D. Clara (für sich). Ah! (Zu Don Felix.)Ia. D. Eugenia (wie oben). Ich Unglücksel'ge! D. Clara. So gebt ^en Brief und Gott befohlen dann! D. Eugenia (wie oben). ES gilt, das Aeußerste zu meiden. (Sir tritt vor ) Schwester! D. Clara (zu D. Eugenia). WaS bist Du so verwirrt? D. Eugenia. Der Vater kommt. Nur Dir zu liebe meid' ich die Gefahr. Ich habe nichts zu fürchten, wie Du siehst. O sprich', was ist zu thun? D. Felir (für sich). Verdammter Zufall! D. Clara (kalt und spöttisch zu D. Eugenia). WaS wird zu thun sein? Kommen sollen sie Und Dich entlarven, daß Du Dich nicht rühmst, ES sei für mich geschehen. (Sie ruft in dir Scene.) Vater! Vater! Otaüez! Detter! D. Eugenia (für sich). Wenn sie wirklich kämen, Wie ständ' ich da! D. Clara (wie oben) Hört Niemand? D. Alonfv (hinter der Scene). Clara ruft. D. Eugenia (für sich). Weh, meine Lüge wird nur allzuwahr. 29 D. Elara (wir oben). Kommt Alle, kommt! D. Eugenia (in der größten Angst zu Donna Clara). Du wirst doch nicht — Ich bitte — D. Elara (zu Donna Eugenia). Ja offen sag' ich Alles. D. Felir (für fichs. Ich verberge mick, Um nöthigen Falls den Rücken mir zu decken. (Cr verbirgt sich im Teitenzimmer.) Vierzehnte Scene. Vorige (außer Don Felix). Don Alonso, Don Toribio, Brigida, Mari Nuno und Otanez (kommen von verschiedenen Seiten). D. Alonso,D.Toribio.Brigida, Mari Nuiio und Otanez (durcheinander rufend). WaS ist'S? Was gibt'S? D. Elara (mit lauter Stimme). Ein Mann — D. Eugenia (finkt auf einen Stuhl). Zlb bin verloren. D. Elara. Ein fremder Mann befindet sich im HauS. Bon hier auS sah ich ihn im Korridor. Er schwang sich auf die Mauer nnd von da 3n unsre Bodenkammer. Geht hinauf, Daß er nicht bleibt und uns deS Nackt- bestiehlt. D. Alonso (zieht den Degen ) DaS soll sein letzte- Stündlein sein. Mari Nuno. Kein Wunder, Wenn Diebe sind in des Westindiers HauS. D. Toribio (zieht ebenfalls deu Degen). Ich pack' ihn an zuerst, Kreuzsckwerenoth! Und wär'S der Riese Goliath, ick erschlag' ihn. DaSMühmchen sieht, ich habe doch Eourage Zum wenigsten, wenn auch kein vavoir- rtivrs. D. Alonso (zu D. Toribio). Ich geh' mit Euch. (D. Alouso und D. Toribio ab ) D. Elara (zu Otanez). Auch Ihr, Otastez, geht. Otanez. Das will ick auch, mein alter Arm fühlt Kraft, Wie tausendmal ein Eid. (Ab.) D. Elara (zu Mari Nuiio und Brigida). Ihr Andern geht Nach jener Seite, daß er nicht entschlüpft Nnd anderSwo sich zu verbergen sucht. Mari Nuno. 3ck will ein Argos sein. Brigida. Und ick ein Luchs, tBeide zur Seite ab.) D. Elara (zu D. Eugeuia, welche erstaunt auf - gestauden ist). WaS nutzte jetzt die allzeit fert'ge Zunge? Verloren gabst Du Dich beim ersten Schlag, Bist rath- und thatlos und verlierst die Sinne. (Sie öffnet daS Seiteuzimmer. iu welchem D Felix verborgen ist. Zu D. Felix, der herauStritt.) Nun ist der AuSgang frei. Geb't mir den Brief Und geht. D. Felir. Ich gehe und noch einmal leg' ich, Was ich Euch sagte, dringend an daS Herz. Bedenkt, der Fall ist ernst, die Heilung leicht. (Er gibt ihr deu Brief.) D. Eugenia (für sich). Sie hat den Brief. 3ch Unglückselige! D. Felir (welcher vor der Thüre nochmals stehen bleibt »ud auf D. Clara zurüikblickt, für sich). Du, Gott der Liebe, jetzt nur schone mich. Sind Schönheit auch und Geist in ihr vrr« eint, Sie ist de- Freunde- und für mich ver» loren. (Geht eilig ab ) 30 Fünfzehnte Scene. Don Alonso »ad Don Toribio (treten zu einer anderen Thüre ein. als durch welche D. Felix abgegaugeu). D Clara. D. Eugenia. D. Alonso (zu D. Klara). Nichts! D. Toribio. Nichts! D. Alonso. Wir suchten Alles durch. Umsonst! D. Toribio. Er muß ein Hexenmeister sein, der Mann, Bor mir hat er fick unsichtbar gemacht. D. Clara (zu Beiden). Vorbei ist die Gefahr. Sucht weiter nicht. Der Mann ist nicht mehr hier, ich sah ihn selbst Ganz frei nach einem and'ren Hause geh'n. D. Alonso. . Wir wollen trotzdem noch daS HauS durchsuchen. D. Toribio (zu D. Eugenia). WaS meint Ihr, fehlt mir's noch an savoir- vivrs? D. Eugenia (kleinlaut). Ich weiß eS nicht. Mich dünkt, eS fehlt mir selbst. (L- Alonso und D. Toribio ab.) D. Clara (zu D. Eugenia). DaS, eitle Thörin, sei Dir eine Lehre, Wie wenig Geltung Murh und Geist besitzen, Die man in Worten hat statt in der That. Laß mich allein, damit ich sehen kann, WaS dieser Brief enthält. D. Eugenia (für sich). Nicht ruhen will ich, Bis ich erfahre, was sein Inhalt ist. (Sie tritt in'« Nebenzimmer, lauscht aber an der Thür.) D. Clara (allein). In Wahrheit schickt' ich sie nur darum fort, Daß ste'S nicht merkt, wenn jener hübsche Mann Vielleicht nur täuschte, um so mrr zu schreiben. — (Sie öffnet den Brief und liest.) »Nicht gegen eure Ehre fehlt mein Thun, Das eben aus dem Anlaß eurer Ehre, Indem eS Euch beleidigt, Euch verpflichtet. Und so der Hoffnung lebend, daß ich irrend Des rechten Weges bin, mag meine Schuld Verziehen sein um meinen Freundschaft- dienst, o Don Juan ist nach Madrid zurückgekehrt, Verliebter noch als jemals, und Don Pedro Euch uachgereist in gleicher Zärtlichkeit. ES kann nicht fehlen, daß sie sich erklären Und daun dem Degen die Entscheidung lassen Zum Aergeruiß der Stadt. Ihr könnt's vermeiden, Wenn Ihr Don Pedro'n oder Don Juan Den Abschied gebt und ihm befehlen laßt, Sich zu entfernen. Euer bleibt ja doch Die freie Wahl der Gunst, wie des Der. schmähen-, Die Alles beilegt und daS Aufsch'n meidet Dieß Euch zu melden schien mir meine Pflicht. Wie ich sie mir und Euch und ihnen schulde Als Freund, als Gastherr und als Ehrenmann.*— Wie stürmen mächtig die Gefühle mir Sich widersprechend ein auf meine Seele. Zweifach, ja zweifach kränkt mich dieser Brief. In dem, was er enthält und nicht enthält. Im eitlen Wahn, sein Inhalt gelte mir, Spart' ich nicht List und Trng, an's Ziel zu kommen, Und schmerzlich seh' ich, daß ich mich getäuscht. Ja, schmerzlich!— Und verräthst Du nicht dadurch, Mein Herz, daß Liebe schon in allen Flammen Aus deinem Innern lodert? — Liebe, sagt ich? — Nein! — Nur der Aerger ist'S, weil ich s« thöricht. Mir eingebildet, daß er mich begehr. Denn also ist der Mädchen eitles Herz. Wenn eines ManneS Liebe gleich uns kränkt, 31 (kränkt die Enttäuschung, daß eS Andern! galt, I Noch bitterer; zumal wenn man erkennt, ! Daß die Rivalin eine T hörin ist, ! Doll Hochmurh — D. Eugenia (an der Seitruthür lauschend, für sich). DaS gilt mir. ! D. Clara (ohne Unterbrechung fortfahrend). — die eitel denkt, Daß Alles ihr allein zu Füßen liegt. — O Neid, o LiebeSneck, wie viel deSUnheils Hast Du gestiftet in der Frauenwelt! Um mick zu rächen au Eugenien, Würd' ick- D. Eugenia (tritt vor». Was würdestDu?Was thutEugenie Dir Schlimmes, daß Du so auf Rache, sinnst? D. Clara. Die Antwort gibt Dir dieser Brief, der mir sin deiner statt zu Händen kam. (Sie gibt ihr den Brief.) D. Eugenia (gibt ihr den Brief gleichgiltig zurück). Ich weiß. D. Clara. Nun denn, wenn Du eS weißt und so die Ehre Aufs Spiel zu setzen wagst, das jede Stunde Den Zweikampf bringen kann, da sollt' ick nicht Auf Rache sinnen, undankbare Du, Verwegene, falsche, heuchlerische Sckwester! D. Eugenia. Halt ein! ES soll mich freu'n, Dir zu de» weisen, Wie leicht dteß drohende Wetter sich verzieht. D. Elara. WaS willst Du thun? D. Eugenia (tritt an da- Krnster und ruft auf die Straße). Geüor Don Pedro, hört! D. Clara. Das willst Du? D. Eugenia. Mit Don Pedro will ich sprechen, Der vor dem Fenster promeuirt. D. Clara. Das wagst Du? D. Eugenia. Za, denn der Vater, wie Du weißt, hält sich Auf seinem Zimmer, weil die Gicht ihn plagt, Und Don Toribio sieht von seinem Fenster Nach diesem nicht. Du sollst befriedigt werden. (Wieder aus die Straße rufend.) Don Pedro! — D. Pedro (hinter der Scene) Zweimal mußt ich meinen Namen Vernehmen, eh' ich'S einmal glauben konnte, Daß Ihr noch sein gedenkt. Denn wer so wenig DaS Glück gewohnt, wagt kaum daran zu glauben. D. Eugenia. Zhr irrt. Dieß Fenster ist von and'rerArt AlS bas in Alcalü einst eure Nähe Geduldig litt, von jenem so verschieden, Als Alcalü von meines DaterS HauS. Wenn dort mick das Gefühl der Sicherheit Bestach, mich ungezwungner zu benehmen, So gab ick jetzt die Freiheit als Gesang ne Der Schicklichkeit und sollt ihr künftighin Mein Zeuge sein, wie groß der Unterschied, Ob ich mich s-lber, ob mich And're hüten. D rum thut mir den Gefallen, kehrt zurück Und laßt Euch nie mehr hier vor meinem Fenster Noch in der Nähe seh n. Entsagt der Hoffnung. Der alle Stütze fehlt, die Euch belügt. D. Pedro (Wik oben). Erlaubt mir — hört- D. Eugen ia. Verzeiht, ich kann nicht hören. D. Pedro. Zch kam- D. Eugenia. . Unhöflich zwingt Zhr mich zu sein D. Pedro. Zch? D. Eugenia. Za. D. Pedro. Die? 32 D. Eugenia. So. (Sie schlägt dak Fenster zu und eutsernt sich von demselben.) Mir wiederholen und mit vollstem Recht. »Ein rauschend Bächlein wird nicht leicht betrügen; Vor stillen Wassern hüte dich — sie lügen.« D. Elara (nach einer Pause). Und waS sagst Du dem Zweiten? D. Eugenia. Glaube fest. Wie ich ihn sehe, sag' ich ihm dasselbe. — Wenn Mädchen meiner Art, den Tag zu kürzen, Und ungefährdet von der Liebe plaudern, Ist's eben Zeitvertreib und weiter nichts. Die Plauderliebe geht nur wenig tief, Macht etwas Lärm und ist zur Luft verhallt. Du kennst das Gleichniß doch vom Wandersmann, Der sich verirrt. Als er in finst'rer Nacht Ein Bächlein plötzlich niederbrausen hört, Flieht er vom Schall betäubt zur and'ren Seite Und stürzt im Flieh'n in einen breiten Strom, Der zwar geräuschlos gleitet, aber tief. D'rum sagt das Sprichwort auch mit vol- lem Recht: Ein rauschend Bächlein wird nicht leicht betrügen; Vor stillen Wassern hüte Dich — sie lügen. (Ab.) D. Clara (betroffen). WaS sagte sie mir da in solchem Ton? »Ein rauschend Bächlein wird nicht leicht betrügen; Vor stillen Wassern hüte Dich—sie lügen.« Gewiß hat sie mein Selbstgespräch gehört. Wo nicht, erräth sie, wie das Herz mir fühlt. - Gut! — Gnt! — Der Zufall hat es so gefügt Und bietet selbst mir an, was ich gesucht. Der feine schöne Bringer jene- Brief'S Glaubt mich Eugenien. Mein sei die Liebe, Die er in ihrem Namen mir geweiht. Ich spiele den Betrug, ich bin Eugenie. Mag sie dann sagen, was sie will; mag si (Ab.) (Der Vorhang fällt) Dritter Act. (Ankleidezimmer der beiden Mädchen.) D. Clara in eleganter Morgentoilette. Mari Nuno. Erste Scene. D. Elara. So also stehen die Sachen, Mari Nuno. Und Dir allein vertrau ich's. Mari Null o. Weißt Du doch, Daß Niemand Dir ergeb'ner ist als ich. — So weit vergißt sich also deine Schwester! Ich staune. D. Clara. Ja. Zwei Cavaliere werben Zugleich um ihre Gunst, und meine Pflicht Gebeut, da ich'S durch Zufall inne ward, Das Aergerniß im Keim noch zu ersticken. D'rum muß ich jenen Dritten, der die Nachricht Mir brachte, sprechen. Gib ihm diesen Brief In ihrem Namen. (Sie gibt ihr einen «rief) Hörst Du! daß er ja Davon nicht- merkt, daß ich die Schreiben-. Er soll mich diesen Abend heimlich sprechen — Doch still! Wir reden weiter noch davon. Mich dünkt, ich höre kommen. Sieh, werk ist. (Mari Nuüo geht nach der Thürr) D. Clara (für sich). Die gute Alte weiß nicht, waS sie thut. Ich lüge sie mit reiner Wahrheit an, Und sie besorgt mir selbst da» Rendezvous. 33 Zweite Scene. Die süße Braut zu sehen, auS Rache störe. Ich räche mich, doch auf ganz and're Art. D. Tori bi o (für sich). Die spricht wahrhaftig kurz und-gut zwar nicht, Porige. Don Toribio («scheint unter der Thüre und will eintreten). Mari Nuüo (D. Toribio zurückhaltend). Erlaubt, erlaubt! Erst meldet man sich an. - . . .. S° Kitt man nicht in das G-mach d« D°» "^"nd d°« Frauen. ^ D. Toribio. Ei waS! Sie weiß ja wer ich bin. Mari Nuno. Es schickt sich nicht Besuch zu machen, wenn die Herrschaft Noch nicht mit Anstand angekleidet ist. D. Toribio. So gibt eS also Zeiten, wo die Mühmchen Auch unanständig angekleidet sind? D. Elara (hiuzutretend). WaS ist'S? D. Toribio (zu D. Clara). Die Schachtel läßt mich nicht herein. D. Clara. Da thut sie wohl. Denn außer meinem Vater Hat dieses Zimmer Niemand zu betreten. D. Toribio. Doch! Doch! (Er stößt Mari Nuno bei Ente. Zu D. Elara.) Ich weiß, Senora, was Euch ärgert, Und laß' mir d'rum kein graues Härlein wachsen. Ihr grollt, daß ick nicht Euch zur Frau gewählt. — Ach, die Verschmähten haben jederzeit Das Recht, in Schmerz und Thränen zu zerfließen. D. Clara. 3a, ich gesteh' eS, die Verschmähte bin ich. Doch da die Glückliche, die Auserwählte, Nicht hier ist, habt 3hr hier auch nichts zu suchen. Wenn Ihr nickt geht, geh' ick. Man soll nickt sagen, Daß ich Euch aufgehalten und daS Glück, sMir sehr zur Unzeit in die Quer. Theater-Repertoire Nr. 182 . Z D. Clara (zu Mari Nuno). Komm' mit mir, Mari Nuno. Komm, mir zu Lieb'. Mari Null o (zu D. Clara). Dein bin ich jetzt und immer. (Man hört klingeln.) Ich komme gleich. Zch muß nur seh'n, wer klingelt. (D. Clara zur Seite ab, Mari Nuno durch die Hauptthür.) D. Toribio (allein). Beim Zorn des Himmels! Diese spött'schen Worte: .Ich räche mich, doch auf ganz and're Art,* Bestärken mich nur noch in dem Verdacht, Der schon seit jenem Vorfall mit dem Dieb DaS Herz mir frißt wie eine Katz'dic MauS. Denn als^vir gestern ganz daS Haus durchsuchten, Sah ich-Halt, Zunge, halt! (Er schlägt sich auf dm Mund.) Eh' Du es aussprichft, Sag'ich zuvor Dir tausendmal, Du lügst.— Sah ich-eS wäre wahrlich niederträchtig — Sah ich im Schlafgemach EugenienS- Mari Nuno (kehrt zurück, einen Brief in der Hand, ohne D- Toribio zu bemerken). Seüora! Ein Billet, Dalcon und Kutsche! D. Toribio (faßt sie am Halse). WaS sagst Du, Weib? Biller, Balcon und Kutsche? Und noch dazu das Zofcnangesicht! Das wäre just der ganze Kriegsbedarf, Die schlimmsten Dinge für Madrider Mädchen. Mari Nuno (für sich). Gut, daß eS nichts verschlägt! Der käme sonst 34 (Zu D. Toribio.) Nock hier! D. Toribio. Was hast Du da? Gesteh's. Mari Nuno. Ein Billetdour. (Sie will ins Nebenzimmer gehen.) D. Toribio (hält sie zurück). Halt! Erst lcs' ick den Brief. Mari Nuno (spöttisch). Ihr lest den Brief? Ei, ei! Da müßt Ihr ihn erst haben, Herrchen. Zwar läge nicht das Mindeste daran, Doch ick behalt' ihn, daß Ihr nickt schon jetzt Euch als Tyrann des Hauses dünkt. D. Toribio. Was gilt's- Mari Nuno. Was wollt Ihr? D. Toribio. Daß Dir meine derbe Fanst Die Altkjnngsernhaub' in Fetzen schlägt Und dein Gehirn dazu. Mari Nuno (gibt ihm eine Ohrfeige). Ihr meint wohl so? D. Toribo. Verflucht! Die schlägt mit alle Zähne ein. Mari Nuno (hält sich das Gesicht, als ob sie geschlagen worden wäre). Zu Hilfe! Hilfe! Ach! D. Toribio. Das geht noch ab. Sie schreit und ich bin der Geprügelte. Mari Nuno (wir oben). Man bringt mich um! > Dritte Scene. Vorige. D. Eugenia, D. Elara. Ton Alonso und Brigida (kommen von verschiedenen Seiten). D. Alonso. WaS gibt's? D. Elara. Was ist gescheh'n? Mari Nuno (zu Don Alonso). Der zorn'ge Junker Don Toribio HatHand an mich gelegt, weil ick den Brief, Der an die beiden Mädchen kam, nichtgab. D. Clara. Entsetzlich! D. Eugenia. Unverschämt! D. Alonso (zu Don Toribio). Fürwahr, Herr Neffe, Ich muß Euch offen sagen, so den Zorn An meinen Dienerinnen auszulaffen, Ist sehr vom Ueberfluß. D. Toribio. Bei Gott, ich bin's ja— D. Alonso. Still! D. Toribio. Ick bin's ja, der sich zu beklagen hat. D. Alonso. Genug! (Zu Mari Nuno.) Gib mir den Brief. Ich will doch sehen, Welch' Aergcrniß ihn so in Harnisch setzte. (Mari Nuno gibt ihm den Brief.) D. Eugenia (für sich). Weh mir! Vielleicht ein Brief Don Pedro s oder Don Juans! D. Elara (selbst befangen, zu D. Eugenia). Gott gebe, daß er nichts enthält Von deinen Liebeleien. D. Alonso (öffnet den Brief und liest). »LiebeNichten! DerBalcon meines Hauses steht Euch für diesen Nachmittag zur Verfügung, um den Einzug unserer Majestäten zu sehen. Meine Kutsche wird Euch abholen. Denn ich zweifle nicht, daß euer Vater die Erlaubniß-« lZu Don Toribio.) Ihr seht, wie unverständig euer Verdacht. Ihr habt auch mich gekränkt, weil Ihr dadurch An meiner Töchter Sittsamkeit gezweifelt. (Zu den Mädchen.) Die Tante lädt Euch ein, in ihrem Haus Den Einzug unsers Königspaars zu seh'n. (Zu Don Toribio.) 3S Hier ist der Brief. Lest selber, daß Jhr*S seht. Lest, ich besteh' darauf. Nicht eher soll Eugenia und Clara von der Stelle, Bi- Ihr gelesen. D. Toribio (nimmt den Brief). Zeigt! (Sr liest.) Nun ja, er sagt: »Liebe Nichten! Der Balcon meine- Hause- -* Oheim! Im Ernste! Sollen eure Töchter Nicht von der Stelle geh'n, bi- ich gelesen? D. Alonso. Nein. D. Toribio. Nun, dann können sie zwei Jahre circa Auf dieser Stelle steh'n. D. Alonso. Warum? D. Toribio. Weil ich BiS jetzt nicht lesen kann und wohl zwei Jahre, Bi- ich'- erlerne, brauchen werde. D. Alonso. Was? So ungebildet seid Ihr? D. Tortbio. Pah! das scheint Mir keine Schande. Ist'- Euch d rum zu thun, So lern' ich eS. Da- Hab'ich bald gelernt, Noch vor dem Fest. (Au dm Mädchen.) Einstweilen könnt Ihr warten. D. Alonso. Da- wäre viel. Der Einzug ist schon heute, Die Stadt, der König selbst schon im Ornat. D. Toribio. So mag der König sich noch einmal auS- zieh'n Und mit dem Einzieh'n warten, bi- ich'- kann. D. Alonso (zu dm Mädchm). Nein, Kinder! Solch' ein Fest sieht man vielleicht Im Leben einmal nur. Da- müßt Ihr seh'n, Mag Don Toribio wollen oder nicht. Geht, Euch zu kleiden. Leider kann ich nicht Mit Euch gehen, denn mein Nebel plagt mich noch. D. Elara (zu Don Alouso). Wie Ihr befehlt. D. Eugenia (zu Doa Alouso). Wenn Ihr erlaubt und wünscht, Will ich sehr gern bei Euch zu Hause bleiben. D. Alonso. Nein, Kind. Ihr müßt es Beide seh'n. Drigida (bringt die Schleier). Hier find Die Schleier. D. Clara (zu Mari Nuno). Bitte. Mari Nuno, hilf mir. (Während Mari Nuno ihr den Schleier aalegt, gibt ihr D. Clara heimlich einen Brief.) Hier ist der Brief. Merk' wohl, was er Dir sagt. D. Eugenia (im Abgehen, für sich). Wie ungern geh' ich, ach, voll Angst, daß einer Der beiden Liebestollen mir begegne. D. Clara (für sich). Wie froh und glücklich bin ich, denn ich hoffe Auch ihn beim Fest zu sehen! Mari Nuno (heimlich zu D. Clara). Vertrau'auf mich. (D. Elara, D- Eugenia, Don Alonso, Mari Nuno und Brigida zur Seite ab.) D. Toribio (allein). Da- wurmt mich etwas; und doch ist mir lieb, Daß ich somit allein zu Hause bleibe. Der König mag hereinzieh'n oder nicht. Mir ganz egal! Mein Streben sei allein, Dem Argwohn nachzuspäh'n, dem Ding, da- ich Gefunden inEugeniens Schlafgemach, («b.) Verwandlung. (Straße wie in der ersten Scene des zweites Actes.) S * 36 Vierte Scene. D Felir (tritt niedergeschlagen au- seinem Hause. Hinter ihm) Hernando. Später Mari Nun o (am Fenster des Hauses D. Alonso's). .Hernando. So geh'n wir doch zum Fest, Seüor? DaS freut mich. D. Felix. Nein, nicht zum Fest, nur in die stete Lust. Kein Fest für mich, wenn mir die Laune fehlt! Hernando. 'Ihr seid so ernst, Ihr plaudert heute gar nicht. D. Felir (ärgerlich). Was willst Du denn, daß ich Dir sagen soll? Hernando. Ihr habt mir's schon gesagt—daß Ihr verliebt seid. D. Felir. Gesagt? Hernan do. Gerade dadurch, daß Ihr nichts sagt. Denn Euch das mun'tre Plaudern zu benehmen, Gibt's eine Macht der Erde nur, die Liebe. D. Felir. Ja leider wahr! — Ach, eine selt ne Schönheit Ist meines selt'nen Kummers schwerer Grund. Denn unerreichbar ist sie wie die Sterne, Und kaum entsproß der Liebe zarter Keim, Muß ich verzichten und entsagen. Hernando. Wie! D. Felir. Sie ist'S, die Don Juan schon lange liebt, Sie, der zugleich Don Pedro nachgereist, Und die auch mir jetzt meine Freiheit stahl. Doch ist's nicht Eifersucht auf die Rivalen; Noch Hab' ich keinen Grund. Nur das bedrängt mich, Daß Beide ihr Gcheimniß mir vertraut, Und ich als Freund und Ehrenmann für fit Den Handel schlichten muß und schweigen — schweigen. Mari Nuno (öffnet ein Fenster im Hause L Alonso's und ruft). Seüor Don Felir! D. Felir (für sich). Halt, wem galt der Ruft Mari Nuno. Euch. D. Felir. WaS begehrt Ihr? Mari Nuno. Dona Eugenia Schickt dieß an Euch. Lest und gehabt Euch wohl. (Sie wirst ihm einen Brief zu und schließt dat Fenster.) D. Felir (hebt ihn aus und liest). »Dankbar für Eure Nachricht habe ich bereits begonnen, nach Eurem Rath zu Han« dein, und um dieß vollständig zu können, muß ich Euch nochmals persönlich sprechen. Ich bitte, Tenor, kommt diesen Abend um die Zeit der Dämmerung vor unser Haus. Ich werde Euch erwarten. — Eugcnie.* Statt sich zu lösen knüpft sich die Ver Wicklung. Geh' ich nun hin? — Ich darf nicht und ich muß. Fünfte Scene. Vorige. D. Juan (welcher im Hintergründe bemerkte, wie Don Felix deu Brief aushob, tritt vor). D. Juan (für sich). Fast schäm' ich mich. Hernando (zu D. Felix). Merkt, Don Juan ist hier. (D. Felix steckt deu Brief zu flch.) D. Felir. Hätt' er bemerkt, wie man den Brief mir zuwarf? Hernando. O nein. 37 D. Juan (für sich). Soeben mich an ihre Kutsche rief Und doch! Der Argwohn drückt zu Und ganz erzürnt mir sagte, daß ich nie sehr. ^ Sie Wiedersehen noch ihr folgen solle, D. Felix (tritt zu D. Juan). sMußt' ich da nicht vermuthen, daß das Nun, Freund Don Juan, Du bist nicht bei dem Feste? D. Juan (verlegen). Ich hätt' etwas zu sagen und ich weiß nicht- D. Felix (für sich). Verwünscht, wenn er'S gemerkt! D. Juan. Kaum kann ich'S sagen Und auch verschweigen nicht. D. Felix. Du kannst - nicht sagen Und auch verschweigen nicht? D. Juan. So ist'S. D. Felix. Warum? D. Juan. Weil, wenn ich'S sag', ich Dich, den Freund, und wenn Ach e- verschweige, ich mich beleidige. D. Felix. Ich kann Dich nicht verstehn. D. Juan. Und ich.nicht Dich. Darf ich das Räthsel lösen? D. Felix. Warum nicht? D. Juan. Eo sei so freundlich, zeige mir den Brief, Den man durch'- Fenster warf. D. Felix. Das ist da- einz'ge, WaS ich zu deinem und zu meinem Besten Verweigern muß. Und eben weil'S nicht sein kann, Dring' weiter nicht in mich und glaube mir, 3ch bin dein Freund. D. Juan. Ich glaub' eS. Doch da Du Dich jüngst geweigert, mir in meiner Liebe Als Mittler beizusteh'n, und da Eugenik Alles AuS einem andern Quell entspringt, daß Du Sie selber liebst; zumal da Du den Brief, Der Dir durch's Fenster flog, so schnell verstecktest Und seinen Inhalt mir so sehr verbirgst. Wiewohl ich ganz genau den Namen hörte Und daß er von Eugenien an Dich kommt. D. Felix (für sich). Schlimm! Die Adresse ist an mich. Mich selbst Entschuldigend stell' ich Don Pedro bloß. D. Juan. WaS gibst Du mir zur Antwort? D. Felix. WaS ich gab. Ich bin und werde sein, Don Juan, dein Freund. Und weil ich'S bin, erlaube, daß ich schweige. D. Juan. Diel dank' ich Dir. Ich bin ja selbst dein Gast. Nur weißt Du, wie mir Liebe Kummer macht. Ich bitte nur um Eines, deinen Rath. WaS würdest Du in gleichem Falle thun, Wenn ich zu Dir sprach, wie Du jetzt zu mir? D. Felix. Ich würde glauben, daß Du'sprachst als Freund, Der Freundschaft trauen und nicht weiter forschen. D. Juan. Ja, leichter Rath zu geben als zu nehmen! ES thut mir leid, ich kann ihn nicht befolgen, Und muß nur wiederholt Dich bitten, mir Den Brief zu zeigen. D. Felix. Glaub', ich würd' eS thun, Wenn ich'S nicht einem Dritten schuldete. 38 D. Juan. Eo ist ein Dritter noch im Spiel, da doch Der Brief an Dich gekommen und von ihr. D. Felir. Da» eben ist'», waS mir die Zunge bindet. D. Juan. Du traust mir also kein Geheimniß an? D. Felir. O ja, nur dieses nickt. D. Juan. Bedenke, Freundschaft Läßt sich Verzögerung einer Bitte wohl, Doch solch' abschläg'ge Antwort nicht gefallen. Ich muß ihn sehn'. D. Felir. Du darfst nicht. D. Juan. Folge mir! D. Felir. Wohin? D. Juan. In » freie Feld, wo Niemand stört. lHride haben die Hand am Degengriffe und wol» len gehen.) D. Felir. Gut! Nur voran! Ich folge. Sechste Scene. Vorige. D. Pedro (kommt de« Beiden entgegen). D. Pedro. Don Juan! Don Felir! WaSgeschah ? WaS habt Ihr vor ? D. Felir. Spazieren gehen wir. D. Pedro. Nein, nein. Ihr täuscht mich, Und Euer eigen' Antlitz straft Euch Lügen. Ich sah, wie Ihr die Hand am Degen haftet. Euch schlagen wolltet Ihr. Ihr dürft nicht fort. D. Juan (,u Don Pedro). Ihr habt unnöthige Sorge. Nicht» geschah. Hernando (zu D. Pedro) Nein, nein, Don Pedro, glaubt e» ihnen nicht. Sie gingen, fich zu schlagen. D. Felir. Schweig, Du Nan! D. Pedro (zu D Juan und D- Felix). Welch' ein Zerwürfniß gibt c» unter Freunden. Da» sich nicht friedlich sollte lösen lassen, Eh' man das Aeußerste zu wagen geht? Erweist mir den Gefallen, sagt mir offen, Wa» war der Grund? D. Felir. Ich darf e» nicht entdecken. ES ziemt mir nicht. D. Juan (zu D. Pedro). So ziemt e» mir. Man soll Don mir nicht sagen, daß ich unbedachtsam Der Pflicht vergessend, die dem Gast gebührt, Den blut'gen Streit gesucht. Ihr seid ein Mann, Der sich auf Ehre wohl versteht, Ihr werdet Den Zweikampf nicht vereiteln. Also hört. D. Felir (zu D. Pedro). Nein, lieber will ich selbst- D. Pedro (zu D. Felix). Erlaube. D. Felir (für sich). O. nun Wird Alles klar. D. Juan (zu D. Pedro». Euch künd' ich da» Geheimniß, WaS ich bei keinem Zweiten würde thun.— Don heißer LiebeSglut entbrennt mein Herz, Und nur Don Felir macht' ich zum Der. trauten. Doch Er' anstatt den Freund zu unterstützen, Betrügt den Freund, um ehrlo» hinterrücks Derselben Dame Gunst sich zu erschleichen. Ist da» kein Grund? Dor wen'gen Augenblicken Erhielt Er einen Brief durch diese- Fenster. 39 D. Pedro (für sich). Was muß ich hören! D. Juan. »Dona Eugenia Schickt Euch dieß Brieflein,* sprach die Kupplerin, Die ihn durch s Fenster warf. — WaS that ich da? Ich sprach den Namen aus,.das wollt' ich nicht. Doch hoff' ich wohl, Ihr seid ein Ehrenmann Und macht nicht Mißbrauch. Also schadet'S nicht. D. Pedro. Das schadet nicht? Kann sein, das schadet sehr. Mit Beiden Hab' ich's jetzt zu tbun, mit Euch, Weil Ihr erklärt, daß Ihr Eugenien liebt, Der ich von AlcalL hieher gefolgt, ! Und auch mitDir (zu Don Felix), weil Du es! gleichfalls wagst, Für sie zur brennen. — Solchen Schimpf zu leiden! MeinDegen soll mich rächen an Euch Beiden. (Er zieht.) D. Juan (zu Don Pedro). Wenn Ihr Euch offen als Eugeniens Verehrer gebt, so seid Ihr freilich mir Noch schlimm'rer Feind, als eS Don Felirist. Euch Beiden wollt' frei mein Herz vertrauen Und lief're selbst mich in deS TigerS Klauen. (Er zieht.) D. Felir (zu Brideu). Und Beide habt Ihr schmählich mich ver, kannt, Entweiht den Glauben und die heil'ge Freundschaft. AuS Großmutb, Euch den Zweikampf zu ersparen, Verschwieg ich, daß Ihr Nebenbuhler seid. Was Euch Betrug scheint, nenn' ich Pflicht und Ehre. D. Juan (zu Don Felix). WaS Ehre, wenn Du falsch — D. Pedro (zu Don Felix). Ja hinterlistig — D. Juan. Erlogen — D. Pedro. Heuchlerisch — D. Juan. Den Freund betrügst! D. Felir (mit dem Fuße stampfend). Hört mich um alle Welt. D. Juan. Nein, keine Worte! Zum Kampfe wieder, den man unS gestört! D. Felir (zieht ebenfalls) Gut denn! So soll der Degen widerlegen — D. Juan (zu Don Felix). Nicht mit der Zunge sprich, sprich mit dem Degen. (Sir fechten alle Drei.) Siebente Scene. Vorige. Don Alonso tritt mit Don Toribio (aus seinem Hause). D. Toribio (noch hinter der Scene). He, Schwerter klirren vor dem Hause, he! . Al onso (tritt aus). Drei Freunde so im Streite! Haltet! haltet! D. Juan (zu Don Felix und Don Pedro). Don Alonso! Haltet ein! der Streit ist auS. (Sie hatten eia, Don Juan geht zur Seite im Vordergründe ab. Don Pedro will ebenfalls ad» gehen) D. Alonso (zu Don Pedro). Bleibt, Ihr beleidigt mich. D. Pedro (zn Don Alonso). Es war nicht viel. Erlaubt! Ich habe mit Don Juan zu sprechen. (Nach derselben Seite ab.) D. Alonso (zu Don Felix). WaS für ein Wahnsinn hat Euch so bethört? WaS war der Grund? D. Felir. ES war — e- war im Spiel, >Wir spielten alle Drei und fanden Streik. 40 Doch jetzt, da Ihr zum Glück gekommen seid, Soll uns're Zwietracht auch beendet sein. Ich werde sie versöhnen. D'rum erlaubt Euch zu verlassen. D. Alonso. Gut, Don Felix, geht, Und stiftet Frieden auch in meinem Namen. (Don Felix nach derselben Seite ab.) T. Toribio (zieht seinen Degen, zu Don Alonso). Und so laßt Ihr sie ziehen die Hallunken?— Vor uns'rer Thür Spectakel machen —! D. Alonso. Kommt! Geh'n wir ins HauS. D. Toribio. Die miserablen Tröpfe! Wenn ich auf einen stoße! — D. Alonso. Kommt! D. Toribio (der sich immer wieder umkehrt, während Don Alonso ihn abführen will). Spitzbuben! D. Alonso. Kommt, kommt! D. Toribio. Vermaledeite Pflastertreter! — Gesindel Ihr! — Banditen! — Hundepack!— (Beide ab in Don Alonso'S HauS.) Verwandlung. (Zimmer im Hause deS Don Alonso, wie in der ersten Scene des ersten ActS.) Achte Scene. Don Toridio und Don Alonso. D. Toribio (sitzt vor einem Tische, auf welchen Brigida soeben zwei Flaschen Wein und Speisen gesetzt hat. Der Tisch ist nur für ihn gedeckt. Brigida entfernt sich mit einer Miene deS Abscheu-: »Brr!« Er ficht ihr nach Don Alonso tritt zu ihm). D. Alonso. So, Neffe, restaurirt Euch nach dem Aerger. Zugleich entschuldigt mich. Ich habe wichtige Eorrespondenz. D. Toribi o. Schon gut, schon gut, Herr Oheim. (Don Alonso setzt sich an einen Schreibtisch und schreibt. Don Toribio ißt und trinkt.) D. Alonso (hält inne, für sich). Sie soll mir aus Madrid so bald als möglich. Denn jener Zweikampf — allzusehr nur , fürckt' ich, Daß er um sie entstand. Wenn nur Toribio Davon nichts merkt und and'ren Sinnes wird. D. Toribio (welcher während de- Essen- oft gemurmelt hat, stellt da- Gla- kräftig aus den Tisch). Oheim, 'S ist dennoch so und nochmals sag' ich'S. ES war nicht gut. daß wir sie ließen zieh'n. Sie singen sicher später wieder an. Wir sollten sie auf meinen Adels- brief Urfehde schwören lassen alle Drei Für jetzt und künftig und die Ewigkeit. Auf meinen Adelsbrief! Ich trag' ihn stets Im Schnappsack schön umwickelt aller Enden. Daß mir ihn Dieb' und Räuber nicht entwenden. D. Alonso. Don Felix ging ja, um den Streit zu schlichten. D. Toribio. Und außerdem bringt es uns wenig Ehre Und uns rem hochberühmten Ritterblut, Wenn wir geduldig leiden, wie die Schufte Vor uns'rer eig'nen Thür Spectakel machen. DaS war nicht gut. Wir hätten fuchteln sollen, Daß Zwei doch wenigstens von diesen Tröpfen Nach Hause kämen mit zerschlag'nen Köpfen. D. Alonso. Was kümmert uns ihr Streit? D. Tortbio (aufstehend). O, wenn ich spräche! D. Alonso (ebenfall- aufstehend). WaS habt Ihr denn? 41 D. Toribio. ! Sehr viel. D. Alonso. So sprecht. D. Toribio. So hört. — Als- ich das 8s,voir-vivrs kaufen ging, Und ihr mir nachging't, um mich zu belehren, ES sei das nur ein Scherz, eine Redensart Im Mund der Iüngferchen, da kehrten wir Nach Haus und wie 2hr selber wißt, Rief Dona Clara eben, daß ein Mann Im Hause sei. D. Alonso. Ja und das ganze HauS Durchsuchten wir und konnten nichts erforschen. D. Toribio. AuS dieser Forschung forscht' ich meinen Argwohn Und meinen Grimm und meine Eifersucht. D. Alonso (unruhig). Wie daS? D. Toribio. 2ch sah — der Athem will mir stocken, Die Lippe schämt sich, da sie'S sagen soll — Ich sah — die Stimme starrt und weigert sich — Ich sah im Schlafgemach EugenienS — D. Alonso. Gerechter Gott! D. Toribio. Ich sah — D. Alonso (in der höchsten Aufregung). WaS sahst Du, Mensch? Sprich! — Einen Mann? — D. Toribio. Ihn selber sah ich nicht. Den hätt' ich nmgebracht wie «inen Floh. Mir war genug- D. Alonso. Bedenkt. HerrNeffe, was Ihr sagt, daß nicht Ein Irrthum Euch betrog — D. Toribio. O nein, kein Irrthum. So deutlich ist's, als zweimal zwei sind^vier. D. Alonso. Was saht Ihr? D. Toribio. Eine Leiter, die Engenic In ihrem Schlafgemach verborgen bält. D. Alonso. Was? Eine Leiter? D. Toribio. Eine Leiter, ja. Und wohlgefügt mit einer Menge Sprossen. Ein Strick am anderen, Schiffsleitern ähnlich, Und d runter Stahl und Eisen. D. Alonso Wenn daS Wahrheit — D. Tor ibio. WaS Wahrheit? Daß Jhr's seht mit eig nen Augen, Bring' ich sie Euch. DaS Schlafgemach ist leer. Ein Weilchen nur! Gleich bin ich wieder da. (Geht in daS Seitenzimmer) D. Alonso (allein). O, nicht umsonst wollt' ich Eugenien Ter Residenz entzieh'». O,hätt' ich sie nur gleich Mit Don Toribio in'S Gebirg' geschickt. Wenn der Verdacht begründet, ist eS ja Unmöglich, daß sie seine Frau noch wird. Neunte Scene. Don Alonso. Don Loribio (kommt zurück, einen verwickelten Reifrock mit der Degenspitze haltend, hinter ihm verwundert) Marl Nuno. D. Alonso. Was? WaS? D. Toribio. Ein deutlich' Zeichen, Daß Einer jede Nacht in'S Zimmer steigt. D. Toribio (zu Don Alonso). Da seht das Ungethüm, zweitausend Sprossen, Die eine an der andern, Strick' und Bänder Und Stahl und Eisen, aller Teufel d'ran! 42 D. Alonso. DaS ist die Leiter! O Ihr Einfaltspinsel! D. Toribio (sucht den Reifrock zu entwirren). Verwickelt ist sie. Wenn sie losgewunden, Reicht sie bis an den babylon'schen Thurm. Ich weiß nur mit dem Ding nicht umzu- geh'n. D. Alonso. Bei Gott, kaum halt' ich mich, Euch eine Flut Der derbsten Schmähung in's Gesicht zu werfen. Eine Erinoline ist's. D. Toribio. Wer ist Erinoline? Was heißt Linokrinc? D. Alonso (ärgerlich zu Mari Nuno). Sag's ihm, Mari Nuno. Mari Nuno (zu Don Toribio). Eine Erinoline — das heißt — das ist ein Ding — Man sagt, sie wurde als Verwahranstalt Erfunden für ganz, ganz, ganz kleine Kinder. D. Tori bio (zu Don Alonso). Noch schlimmer! Was für ganz ganz kleine Kinder Hat denn mein Mühmchen, daß es solcher Art Verwahranstalt bedarf? D. Alonso (zu Don Toribio). Mrt Euch zu sprechen Heißt den Verstand verlieren. Nehmt das Ding Und legt es wieder hin, wo Ihr's genommen. Dankt es dem Himmel, wenn ich Euch, Barbar, Für eure Narrheit nicht noch anders strafe. (Zur Seite ab.) D. Tvribio (zerzaust und zerstampft den Reifrock). Zerzaust seist Du, Verwahranstalt, zerrissen, Zerfetzt und noch zerstampft dazu. Dir dank' ick Die Titel »Einfaltspinsel« und »Barbar«; Trotzdem laß ich nicht eher nach, bis ich Herausgebracht, was Du, Verwahranstalt, In Mühmchens Schlafgemach zu schaffen hast. (Er nimmt ihn wieder auf die Degenspitze, geht einige Schritte und bleibt dann, ihn betrachtend, stehen.) Mari Nuno. Was ist's? Was steht Ihr hier? D. Toribio. Ich steh' und denke. Mari Nuno. Ihr habt kein Recht zu denken. D. Toribio. Pack Dich fort. Sei froh, wenn ich an Dir nicht Rache nehme Für jenen Faustschlag. Mari Nuno. Oder Ihr, wenn Glicht Ein zweiter kommt und derber als der erste. D. Toribio. Wie derb? So derb? (Er gibt ihr eine Ohrfeigt und stellt sich dann, als ob er geschlagen worden wäre.) - Zu Hilfe! Hilfe! Hilfe! Man bringt mich um, man bringt mich um. Zu Hilfe! Zehnte Scene. Don Alonso (kommt von der Seite). Darauf D. Eugenia und D. Clara (welche vom Feste zurückkehren, durch die Mittelthür, sehr elegant gekleidet). Hinter ihnen Otanez. D. Alonso. Verwünschter Neffe! Keinen Augenblick Kann ich in Ruhe sein trotz meiner Gicht. WaS gibt es denn schon wieder? Sprecht, was war's? D. Toribio. In diesem Zimmer traf ich Mari Nuno Und sagte nur mit schuldigem Respect: »Ich Hab' die Ehre, gute Nacht zu wünschen.« Darob erzürte sie und schlug nach mir. 43 Mari Nuno. O nein, er wollte mehr, weit mehr. Mich küssen Wollt' er und sagte mir, ich sei ihm lieber Als Dona Eugenia und euer ganzes Haus. Er sagt', er wolle keine Crinoline Zur Gattin nehmen und mit Spott und Hohn Schwenkt er die Erinoline in den Lüsten Und machte drüber seine schlechten Witze. Hier hat er sie. D. Toribio (für sich). Bei Gott, ich bin geschlagen. Hier Hab' ich sie. Mari Nuno (für sich). Nun ist er doch blamirt. D. Alonso (zu D. Toribio). Seht zu, daß meinen beiden Töchtern nichts Von eurem dummen Streich zu Ohren kommt. Ich meinerseits Hab' Eure Narrheit satt, So satt-Genug! Von etwas Anderem! — (D. Clara und D. Eugenia mit Otanez treten ein. D- Alonso zu den Mädchen.) Ah, liebe Kinder! Seid Ihr schon zurück? Nun müßt Ihr mich entschad'gen, mir erzählen. Wie war das Fest? D. Clara (zu D. Alonso). O wunder-, wundervoll. D. Eugenia (zu D. Alonso). Von Allem, was Madrid jemals geseh'n, DaS herrlichste, der Feste schönstes Fest. (D. Eugenia und D. Clara legen die Schleier ab; letztere läßt sich von Mari Nuno helfen. ES ist unterdessen Nacht geworden. Brigida bringt Lichter und stellt sie aus dm Tisch, waraus sie D- EugenioS Schleier abnimmt.) D. Clara (heimlich zu Mari Nuno, während sie um sie beschäftigt ist). Sahst Du Don Felir? Mari Nuno (ebenso). Ja, ich zweifle nicht, Er wartet schon. D. Clara (ebenso). So laß ihn ein. Mari Nuno (ebenso). Wie jetzt, Da Alle hier sind? D. Clara (ebenso). Eben weil sic hier sind Birg' ihn einstweilen in dein Schlafgcmach. Mari Nuno (ebenso). Ah! D. Clara (ebeuso). Eile nur. Du weißt es, nicht für mich. Dieß Opfer bring' ich für Eugenien. (Mari Nuno durch die Mittelthür ab.) D. Eugenia (zu D. Alonso). Das war ein Staunen, eine Herrlichkeit, Die Straßen alle feierlich beflaggt, Tribünen, Balustraden, Ehrenpforten Und Teppiche von Blumen auf der Erde. (Don Toribio setzt sich mit wegwerfender Geberde und ißt und trinkt geräuschvoll weiter) Als zögen Götter zum Olympus ein. So strahlte reich das königliche Paal. Und mehr als Gold und Silber und Demanten Der jungen Königin holdselig Antlitz, Ihr freundlich sanftes Auge, rings um- jubelt Don Glück- und Segenswünschen Tausender. Es trug ein weißes Roß die schöne Bürde, Das schäumend seinen Nacken schüttelte Und stolzer mit dem Huf die Erde schlug, Weil es die herrlichste der Frauen trug. An ihrer Seite stattlich der Monarch Auf einem Berberroß schwarz wie die Nacht Und dennoch strahlend in der Sonne Pracht- D. Tori bio (welcher sich bei dm letzten Worten die beiden Ohren zugehalten hat. steht auf). Herr Gott! Ich Halt s nicht aus, ich halt's nicht aus. Mein'twegen war der Gaul blau oder grün. Wenn Ihr so fort erzählen wollt, sind wir Bis morgen früh noch an derselben Stelle.— Da sollt Ihr mal bei uns eine Hochzeit sehn. Da sieht man was, da ist's der Mühe werth. 44 DaS gibt ein Gaudium, ein Spectakuliren, Die Räusche und die blut'gen Köpfe. D. Alonso (zu D. Toribio). D. Toribio. Wenn meine fechzehnahn'gen Ahnherrn da- Erführen, wälzten sie sich noch im Grab. Neffe. Für heute Hab' ich ganz genug an Euch. (Zu den Mädchen.) 2br sollt mir morgen mehr erzählen, Kinder. — Ich lege mich zur Rnh'. (Zu Brigida.)Komm, leuchte mir. (Drigida geht mit dem Lichte voran. D. Alonso folgt, nachdem dir Mädchen von ihm sich verabschiedet habe«. D. Eugenia setzt sich nachdrnkend Otanez ebenfalls ab.) D. Elara (zu D. Toribio, nachdem sie einige Zeit gewartet, ob er nicht gehe). Geht Ihr nicht auch zur Ruh ? D. Toribio. Nein. D. Clara. Warum nicht? D. Clara. Bleibt nur ein Weilchen hier auf dem Balcon. Don da aus seht Ihr Alles, was geschieht, Und hört, wie ihr Geliebter jede Nacht An'S Fenstergitter schleicht und Liebe flüstert. D. Toribio. Beim heiligen Athanasius, ich lausche, Still wie ein Mäuslein, grimmig wie ein Löwe. (Er tritt aus den Balcon, den D. Elara mit dem Riegel verschließt.) D. Clara. Der ist versorgt. Der wird mich nicht mehr stören. Er bleibt in freier Lust bis morgen Früh.— Und nun Engenien getäuscht! D. Toribio. Weil mich noch etwas wach hält. D. Clara. LiebeSsehnsucht? D. Toribio. Nein. Aber völlig essen will ich erst. Und außerdem bin ich voll Gift und Galle. D. Clara. Weil? D. Toribio. Weil Ihr mir gesagt, Ihr wolltet Euch An mir noch rächen. D. Clara. 3a. D. Toribio. Wie wollt Ihr das? D. Clara. Indem Eugenie, Eure süße Braut, Auf meinen Antrieb sich ein artig' Herrchen— Seht mich nur an — einHcrrchen ausgesucht, Mit dem sie nicht so spröd' ist wie mit Euch. D. Toribio. Was? Tod und Teufel! D. Clara. Euch zu überzeugen Habt Ihr Gelegenheit, wenn's Euch beließt, l (Zu Eugeme«, die noch in Gedanken fitzt ) Eugenie! — D. Eugenia. WaS willst Du mir? D. Clara. Nur sagen will ich Dir, Wie schlimm eS steht. D. Eugenia. Wie so? D. Clara. Der Vater ist Voll Argwohn. Etwas muß geschehen sein. Wahrscheinlich weiß er, daß die Liebesritter AuS Eifersucht sich heute duellirt, Und ohne Zweifel ging er nicht zur Ruh' Und zog sich nur zum Schein zurück. Eugenie. Wenn Du zu fürchten hast, vertrau es mir, Daß ich als Schwester für Dich handeln kann. D. Eugenia. Du sahst doch selbst, daß ich vom Fenster auS Dem Einen und dem And'ren aus der Kutsche Den Abschied gab' und Hab' eS gegen Dich 4K Mit keinem GterbenSwörtlein noch bereut. Denn daS noch nicht genügt, waS soll ich thun? D. Clara. Gut denn! Du bist Dich keiner Schuld bewußt, Go fürchte nicht-. Schließ Dich in dein Gemach. Ich gehe selbst, den Vater zu begüt'gen. Ich sage, daß Du schläfst, und will ihm schildern, Wie wenig Du an all' dem schuldig warst. Ich stelle mich beleidigt. Seine Mädchen, Die fittsam eingezog'nen, zücht'gen Kinder— Werd' ich ihm sagen — haben - nicht verdient. Daß sie de- Vater- Argwohn also kränkt. D. Eugenia. Ich überlaff' eS deiner Freundschaft, Schwester. Ich menge mich in nichts mehr. Gute Nacht! (Zur Srite ab.) D. Clara (allein). Nun Hab' ich, waS ich brauche. Ganz allein! Jetzt, Du mein Herz, mit Amor in die Schranken! Du stehst zum erstenMal dem mächt'genGott Dem allbezwingenden, in - Angesicht. Ich weiß eS wohl, Du bist besiegt, mein Herz, Eh' Du den Kampf beginnst. — Gleichviel! — (Ruft) Mari Nun»! — (Mari Runs tritt durch die Mittelthür eia.) Ist er gekommen? Mari Nuüo. Ja. Er wartet schon In meinem Zimmer. D. Elara (mit schalkhaftem Ernste). Für Eugenien thu' ich'-. ES gilt da- Glück, da- Seelenheil Euge- nienS. Mari Nuüo. D'rum folg' ich Dir so gern. D. Elara. Er möge kommen. (Mari Runs ab. D. Clara geht lebhaft auf und ab.) Eilfte Scene. D. Clara. D. Felir (tritt durch die Mit« telthüre eiu. Sie sprechen beide in leiserem Tone). D. Felir. Froh, Euch zu dieüen, komm' ich her, , Seüora, Und dennoch fast noch mehr betrübt. D. Clara. Wodurch? D. Felir. Zu seh n, daß weder ich noch Eure Vorsicht Da- Unheil abgewehrt, wie wir gewünscht. ES kam im Gegentheile zum Duell, Und wie daS Schicksal wollte, kam der Vater Dazu sammt Eurem Vetter. Ich bestrebt, Sie zu besänftigen, erreichte nichts. Denn keinen von den Beiden holt' ich ein, Und allzusehr nur zu befürchten steht, Daß sie sich ander-wo zum zweiten Mal Getroffen und den Zweikampf fortgesetzt. Zur Stunde wenigstens ist keiner noch Zurückgekehrt, wiewohl sie meine Gäste. Seht, dieß betrübt mich um der Freunde willen Und noch weit mehr um Euch. Denn wenn ick Euch Ein kleines wahres Wörtchen sagen dürfte— Erkennen würdet Ihr, daß mir an Euch Noch mehr gelegen als an aller Welt. D Clara. An mir? D. Felir. Ja. D. Elara. Wie versteht Ihr da-? D. Felir. Verzeiht, Ich kann und darf- nicht sagen, bab' ich's gleich Such schon gesagt. 46 D. Clara. Ihr habt eS schon gesagt, Und könnt und dürft'- nicht sagen? Welche Räthsel! Sprecht deutlicher, wenn ich's verstehen soll. D. Felir. Ich kann nicht. Da mein Schmerz daraus entspringt, Daß jene Freunde meine Freunde find, Muß ich geduldig mich der Freundschaft neigen Und mein Gefühl und meinen Schmerz verschweigen. (Man hört Lärm hinter der Scene.) D. Clara. 2m Garten Lärm! Zwölfte Scene. Vorige. Mari Nuno (tritt erschreckt durch die Mittelthür). Mari Nuno (zu Donna Elara). Seüora! — D. Clara. Mari Nuno, Was ist'S, was ist gescheh'n? Mari Nuno. Die Gartenmauer Erstieg ein Mann und fiel herab im Steigen. Der Vater hörte Lärm und kommt gewiß AuS seinem Zimmer. D. Clara (zu Don Felix). Weh'! Was fang' ich an, Wenn er Euch steht! D. Felir. Ein leichtes Mittel gibt'-. Nicht hoch ist der Balcon. 2ch springe leicht Von ihm hinab zur Straße. (Er geht nach dem Balcon.) D. Clara. Nein, nein, nein! Nicht öffnen. D. Felir. Euch ja selbst zum Besten! (Er öffnet dir Gla-thür. Man fleht Don Toribto ) D. Toribio (abwthrrnd). Bst! Nur still, nur ruhig! Seht, dort schleicht er schon An'S Fenster. ,Still, still! Alles muß ich hören, Was er ihr sagt. (Er hält die Hand an da« Ohr.) D. Felir (zu Don Toribio). Wer bist Du, Mensch? D. Toribio. DaS geht Dich gar nichts an. Ich Hab' auch nicht gefragt, Wer Du bist, Mensch. Sei froh, daß ich gerade Beschäftigt bin, sonst brächt' ich - bald heraus. D. Felir (zu D. Elara). WaS soll das? Mari Nuno (zu D. Elara). Laut wird'S schon im Garten. D. Clara (zu Mart Nuno). Flieh'n wir! (D- Elara und Mari Nuno gehen in- Nebenzimmer und Letztere nimmt da- Licht mit Die Scene bleibt dunkel.) Dreizehnte Scene. Don Pedro (tritt durch dir Mittelthür rin). Don Toribio (am Balcon). Don Felir (in der Mitte de- Vordergründe-). D. Pedro (in Auftreten, für sich) Ha! durch die off ne Thüre drang mein Feind Hier ein und ohne daß ich'- hindern konnte. Da schwang ich mich im Grimm der Eifersucht Zur Gartenmauer auf und sprang herüber, Entschlossen mich zu rächen. (Er ist auf der Seite vorgegangen, aus welcher stch Don Toribio befindet, und erblickt Letzteren) Ha, da ist er! Da steht er am Balcon, da lauscht er eben, Bis seine Liebste kommt. 47 (Sr nimmt rin Pistol auS dem Gürtel.) Hervor! hervor! Sonst soll Dir dieß Pistol — D. Toribio. Hu! Ein Pistol! Du Mensch der Hölle halt' Dich ruhig. ruhig. (5s geht sonst los. Ich bin ja nicht der Rechte. Ich that nichts, weiß nichts und ich bin's ja nicht. (Don Pedro setzt das Pistol ab. Man hört Lärm hinter der Scene) D. Pedro (für sich). Hätt' ich nur eine von den Hellebarden Aus meiner Rüst« und Rumpelkammer hier! Vierzehnte Scene. Vorige. Don Alonso (em Licht ln der Hand, kommt im lebhaften Gespräch mit Don Juan (durch die Mittelthür). D. Alonso (zu Don Juan). l O schändlich, schmählich, unerhört, zur Nachtszeit 2n's Haus zu dringen! (Er erblickt Don Felix.) Wie! WaS muß ich sehn! Noch nicht genug? Ein zweiter Mann im Haus! — (Er erblickt Don Pedro.) Ick bin des Todes. Noch ein Dritter hier! D. Felir (erstaunt). Don Juan! D. Pedro (ebenso). Don Juan! D. Juan (ebenso). Don Pedro! D. Pedro. Don Alonso! D. Tori bio (tritt aus dem Balcov). Don Juan, Don Juan, Don Pedro, Don Alonso! Und Don Toribio. Jetzt sind - wir Alle. D. Alonso. Ich bin erstarrt. (Zu Don Pedro.) Wie kamt Ihr in das HauS? D. Pedro. Ich hörte lärmen; offen itand das Fenster. Da sprang ich durch, zu sehen, was es gibt. D. Felir (zu Don Alonso). Beruhigt Euch, Tenor, und hört mich an. Es ist so schlimm nicht, als eS scheinen mag. D. Alonso. Von allen Seiten ist mein Haus beschimpft. Der Eine übersteigt die Gartenmauer, Der And're springt durch s Fenster ein. . (Zu Don Felix.) Und Ihr, Der Ihr mir rathen wollt und selber hier Betroffen seid, wie kamt denn Ihr herein? D. Toribio. Ah, das ist der Schuft, der mit der Leiter eim'tieg, Der Leiter in Eugeniens Schlafgemach. D. Felir (zu Don Alonso). Glaubt mir, Senor, ick bin bei dieser Sache Fast mehr betheiligt als die And'ren alle; Dock Euch zn Ehren, nickt Euch zu beleid- gen. Denn zu vermitteln war mein einzig Streben, Und da mir dieß mißglückt, so mag die Wahrheit Ten Knoten lösen. Dona Eugenia Erlaubte mir daS Zimmer zu betreten. Fünfzehnte Scene. Vorige. D. Eugenia (will au« dem S eitenzimmer treten). D. Elara (hält sie zurück) Nach den Schwestern tritt auch Mari Nuno aus dem Seitenzimmer. D. Eugenia. Was hör' ich? Ich? D. Elara. Bleib'. D. Eugenia. Laß mich, laß! — DaS ist Betrug, den ich enthüllen muß. (Sie tritt vor, ebenso D. Elara. Zu DonFelix) Ich, sagt Ihr, Hab' Euck dieß erlaubt? 48 D. Felir. Verzeiht, Nicht Ihr. Ich sagte Dona Eugenia. (Auf D. Llara deutend.) D. Alonso (für sich). WaS wird das werden! (Zu D. Llara.) Also Du, Du bargst Zu solcher Zeit im Zimmer einen Mann! D. Eugenia (zu D. Llara). Du also, Du mißbrauchtest meinen Na men! D. Tori bio (zu D. Llara). Du also, Du sperrst mich auf den Balcon, Daß ich zur freien Luft die Liebe seufze Wie Nachtigallen oder Gimpel! Mari Nuno (im Hintergründe). Gimpel, Gimpel! (Don Toribio sieht sich nach ihr um und droht ihr.) D. Alonso, D. Eugenia und Don Toribio (gleichzeitig zu D. Clara). Du, Du! D. Alonso (zu D. Llara). Was heißt das? Sprich! — D. Clara (verwirrt). Es heißt, daß ich Eugenien zu befreien, mich selbst verstrickt. (Heimlich zu Don Felix.) Seid Ihr ein Mann der That, so helft mir jetzt, Da Ihr mich bloßgestellt. Verlaßt mich nicht. D. Felir (ebenso zu D. Llara). Ich Euch verlassen, der mit tausend Leben DaS Eure schützen möchte! Jetzt, da Freund schaft Der Liebe nicht mehr wehrt, jetzt dar? ick's. D. Alonso (zu D. Llara). Ha Das sanfte Täubchen macht mir solche Streiche, Bringt solche Schande meinem HauS, ver- gißt Die Pflicht, die Ehre — D. Felir (zu Don Alonso) Mäßigt euren Zorn. Der Schein betrügt Euch. D. Alonso (zu Don Felix). Hab' ich Euch gefragt? Zu meiner Tochter red' ich, was lch will. Für sie hat Niemand die Partei zu nehmen Der nicht ihr Bräutigam. D. Felir. Ist es nur das Dem kann geholfen werden. (Zu D- Llara.) Dona Clara Wollt Ihr die Meine sein? D. Clara. Von Herzen gern. D. Alonso (für sich). Nicht übel daS! Sie hat den Mann am Arm Und ich muß froh sein, wenn ich »Ja* darf sagen. D. Eugenia (zu Don Alonso). ^ Und über mich mögt Ihr verfügen, Vater, Wie's Euch beliebt. Wenn Ihr befehlt, folg' ich Dem Vetter in's Gebirg' und werde zeigen, Wenn ich auch thöricht, unvorsichtig war, Daß ich doch niemals ernstlich mich verging. D. Tvribio. 4 Mit mir in das Gebirg? Ich danke schön. In mein Haus kommt mir nichts von s»- voir-8ivrs, Und Linocrine. Ich pack' mir meinen Schnappsack, Und frei und ledig reir' ich wieder heim, Den Adelsbrief im Arm statt einer Frau. D. Alonso (zu Dou Toribio). Glück auf die Reise denn! ES ist nur gut, Daß Ihr Euch selber drückt. Denn ich fürwahr 49 sch halte meine Töchter für zu gut, lm solchem Klotz sie an den Hals zu werfen lnd solchem Bauernflegel. (Don Toribiö geht zornig ab.) — Dem die Mutter Vor Jahren schon Eugenien bestimmt, Dem nur mein Jawort noch gefehlt, er sei Zhr Gatte. D. Juan (zu Don Alonso). Also ich. Ich bin Don Juan de Mendoza.*) D. Alonso. Ihr? Das macht die schlimme Sache Zur Hälfte gut. (Don Zuan reicht Dona Eugenia die Hand.) D. Pedro (vortretend). Und ich! Wie steht's mit mir? Eins bleibt mein Trost, ich such' mir eine And're. D. Eugenia (zu Don Pedro). Ja sucht, und wenn Ihr sucht, beherzigt wohl, Was uns ein gutes altes Sprüchlein sagt: »Ein rauschend Bächlein wird nicht leicht betrügen, Vor stillen Wassern hütet Euch — sie lügen!* (Sie hat die letzten Worte mit vorwurfsvollem Seitenblick aus Dona Clara gesprochen, welche verschämt ihr Gesicht mit der Hand bedeckt und an Don Felix Brust verbirgt. Dieser drückt ihr herzlich beide Hände und umarmt sie.) *) Sprich: Mendossa. (Der Vorhang fällt.) Ende. Druck und Papier von Leopold Sommer in Men. TheatnMeprrtolre Rr. 1-r. 4 Den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt. Ein Wiener Dienflnmnn Paste mit Gesang in einem Acte von Johann Schönau. Musik »um Capellmkister I. S ch l e ch t a. Person e'n Herr von Flor, ein reicher Privatirr Pauline, dessen Gattin. Madame Zankapfel, deren Mutter. Mamsell Therese, eine Nähterin. Leopold, Uhrmacher, ihr Verlobter. junge Stutzer. Loren; Billig, Dienstmann Loker, Pfastertreter,! Kn oll, Schuster. Li fette, Stubenmädchen bei Flor. (Freie Straße. — Rechts vorne ein Wirthshansschild, Markthütten von allen Geschäften. Zn der Mitte Leopold in seinem Uhrengewölbe. — Reges Leben.) Erste Scene. Leopold. Therese. Ther. (von link-, will über die Bühne eilen). Leop. (aus seinem Gewölbe ihr entgegen- eilmd). Ah, JungferTheres! wohin denn so eilig am Namenstag? Ther. (geschäftig). O, Mosje Leopold, ich hab's sehr gnädig; die Frau von Flor kommt Vormittag zu mir mit einem neuen Stoff, das Kleid muß bis Sonntag fertigsein. lheater-Reptttoire Nr. ISS. Leop. Und heut', an Ihrem Namenstag', wollen Sie auch arbeiten? Ther. Warum denn nicht? Wenn ich an meinem Namenstage essen und trinken darf, warum soll ich denn nicht auch verdienen dürfen? Leop. Bravo! Schau'ns, Theres, Sie sein halt ein Muster von ein' Frauenzimmer. Ther. Ich bitt' Sie, das ist keine Kunst bei einer Kleidermacherin, die 's ganze Jahr so viel Muster in d'Hand kriegt, 2 aber jetzt leben's wohl, Leopold, ich muß gehen. Leop. Nu, ich will Ihnen jetzt nicht aufhalten. Aber zu Mittag komm' ich auf ein'n Sprung zu Ihnen, und bring' Ihnen mein Namenstag-Präsent persönlich hin. Th er. (gemüthlich). Aber, Leopold, schaun's das ist nicht nothwendig, zu was diese Auslagen! Leop. Was Auslagen! In drei Monaten, hoffe ich, ist unsere Hochzeit, da ge- gehört nachher ohnehin Alles wieder mein. Tber. (innig). 3st das schon so gewiß? Leop. Nu, von mir aus ganz sicher, es müßten nur Sie was einz'wrnden haben. Ther. Ich?— ich müßt' nicht— von mir auS—Na, wir wollen sehen—aber jetzt leben'S wohl, Sie Schlimmer, Sie! (Ab ) Leop. B'hüt' Gott, meine liebe herzige Theres - men* schreib n — Auf einmal liegt er da, aber er nit al lein, Biel And're fall'n mit in die Grub» hinein. Der ^ und der 8, und d*r 6 und dn v — 3a, 's ganze Alphabet schreit weg » ihm fast auweh! Und noch bei zehn And're, da sein in bei Früh Um neune die Gassenläd'n bumsest noch — Der ist doch kein Dienstmann. was 3edti leicht find't, Und hat doch so Viele ganz ornd lich bedient. Ein sehr großer Herr, von den» 3eder> mann waß. Daß er zu der Größ' kommen iS rei» per Spaß. Der hat einen Freund, der is treu als wie Gold, Der hat die Kastanien aus'in Feuer ihm g'holt; Da laßt's diesen Freund auf einmal nicht mehr r.uh'n, Er will für sein'« Spezi noch Größere- thun. 3 Über das paßt dem Großen jetzt nicht mehr in sein'n Sinn, D'rum schickt er sein'n Spezi nach Spezia hin. Auch drei, vier Doktoren geh n mit, weil er's braucht, Denn er hat sich a bißl den Fuß überstaucht, Daß der Große ka Dienstmann is, weiß jedes Kind. Und er hat doch sein'n Busenfreund ornd'lich bedient. Das Institut von uns Dieustmänneru ist unstreitig ein sebr vortheilhaftes für's Publicum, aber gar so neu is die Idee nicht, denn schon seit uralten Zeiten hat man Fälle erlebt, wo Einer den Andern ornd'lich bedient hat. — Wir haben Jeder unser' Numero, und das ist sehr zweckmäßig; Fiaker und wir sind die einzigen Leut, die man durch s Nummero am g'schwinde- sten auffinden kann, wenu's nothwendig ist. Wie commod wär' daS, wenn das im Allgemeinen cinz'sührt wär'. Sckou das Wort Volkszählung beweist, daß es viel ge- scheidter wär', wenn die Menschen alle nu- merirt wären, da wurd' viel erspart; na ja, wenn Jeder sein Numero hält', wär'S Paßwesen ganz unnöthig, und man brauchet sich nicht vom Kopf bis zum Fuß ab- schreibrn z'laffen. WaS nutzen auch die bloßen Namen? Es gibt wenigstens zwei- malhunderttausend Fischer auf der Welt, jetzt, bis man da den reckten Fisch heraus- find't! Steiner gibt'S auch a Menge, beinah' mehr als Staner. — Vom Ausland will ich gar nicht reden, da kommt man aus die Schulze gar nicht heraus! Darum stimmet ick für s allgemeine Numeriren. Die ganze Menschheit in Serien eintheilen, die Serie zu tausend Mann, und dicssS Numero müßt vorne (auf die Brust deutend) angebracht sein, nur bei die Dieb, da müßt'S auch rückwärts sein, wegen dem Davonlaufen. Verheiratete Leut' müßten alle Zwei das gleiche Numero haben, da kommet die Untreue viel seltener vor, na ja, wenn z. B. der Herr Gemal Nr. 14 mÜ der Fräul'n Nr. 19 daherkommt, wüßt' man'S gleich, daß er sich um ein Fünfer geirrt hat, oder wenn die Frau Nr. 85 mit'n Eheva- lier Nr. 72 promenirt, wüßt' man auch gleich, wie man d'ran ist. Auch der Rangunterschied leidet dadurch nicht im Geringsten, denn man kann eben so gut sagen: Guten Morgen, Herr von 83, Edler von 97; darum nur Alles numeriren, bis aufdie Hausherrn, die kriegeten kein Numero, sondern Jeder a Null, wo 's HauSnummero d'rinsteht, na ja, das muß d'rin steh n, sonst glaubet man am ersten Anblick, er iS rein Null. Aber was nutzt mein Reden, es g'schieht doch nichts. ES iS merkwürdig, an nichts gewöhnt sich der Mensch schwerer als an Neuerungen; eS gibt Leut', die lassen sich ein'n neuen Rock machen, weil ' der alte schon nimmer zum Tragen ist;und wie der neue Rock fertig ist, tra- gen's erst recht den alten, weil's schon so g'wohnt sein an ihn; ja alte Gewohnheiten find schwer auSzurotten. Bis nicht einmal von ein'm Schubkarren mit haushohen Kisten am Trottoir ein Kind zusammen- g'führt wird, eher werden'- nicht auf der Straßen fahren, bis nicht a paar wilde Pferd im Ofenloch ein rechts Malheur an- richten, eher kriegt das Loch kein Geländer, und erst wann's G'rüst schon auf der Erd' liegt, kommt die Commission und untersucht, ob denn das G'rüst wirklich schon morsch war, und so geht'S häufig. Bis nicht auf die alten Stück schon gar kein Mensch hineingeht, eher geben die Theater nichts NeueS; aber ick plausch da und plausch, und Hab' vielleicht schon ein paar Zehnerl versäumt. (Sich eine Pfeife stopfend.) Also geschwind auf mein'n Posten. (Stellt sich link»., Dritte Scene. Voriger. Loker und Pflastertreter (von verschiedenen Seiten, elegante Stutzer darstellend). Loker. ServuS. Freunderl, grüß Dich Gott, wo gehst denn hin? 1 4 ' Pflast. A bissel spazieren aufderRing- straße. Loker. Ah, geh' weiter, dort kann man um die Zeit ohne Galoschen nicht spazieren gehen, denn dort spritzen'S g'rad um die Zeit auf, wann d' meisten Leut' gehen. Pflast. (lachend). Es is wahr, geh', gib mir a Feuer! Loker (seine Zigarre nehmend). 3ch möcht selber gern eines — Pflast. Wart', wir wer'n gleich ein s haben. He, Dienstmann, kommen's her! Lor. Befehlen, bitte? Pflast. Geben's mir a Feuer. Lor. O, bitte. (Zündet ein Zündhölzchen an ) Loker. Mir auch gleich ein's! Lor. (zündet wieder eines an). Loker (rauchend) Dank' Ihnen! Lor. (sehr artig). Bitte— (Reicht Jedem eine Karte.) Loker. Was wollen s denn? Pflast. (lachend). Ja, Freunderl. jetzt heißt's zahlen. Loker. Für was denn? ' Pflast. Wann wir zu ihm hingegangen wären um's Feuer, verlanget ex nir, aber wir haben ihn von sein'm Posten zu uns g'ruft, folglich hat er uns einen Dienst geleistet! (Gibt Lorenz Geld.) Loker. Es ist wahr. (Gibt ebenfalls.) Lor. Ganz natürlich, sonst könnt' mich amal Einer in dritten Stock Hinaufrufen, und wann ich oben bin, könnt' er sagen, sein's so gut, lassen's mich anzündcn und ich könnt' wieder geh'n! Loker und Pflast. Ha ha ha, da hat er Recht, daS ist wahr! (Beide Arm in Arm ab.) Vierte Scene. Lorenz. Ktt oll (betrunken aus der Weinstube kommend). Kn oll. Herr Gott, heut' Hab' ich ihn wieder derfragt! von dalkete zehn Seitel Wein! (Taumelt.) Steh', Rapperl, fteh'!^- Ui, dort steht ein Dienstmann, mit dem muß ich mir ein Spaß machen. He, Sie, Dienstmann! Lor. Schaffen? Kn oll. Möchten's mich nicht z'Haus tragen? Ha ha ha! (Taumelt ab.) Lor. (nachrufend). Ich dank' Ihnen, kein' Affen trag' ich net! (Geht aus seinen Platz.) Fünfte Scene. Voriger. Herr von Flor und Pauline (ein kleine- Paquet tragend). Hr. v. Flor. Also, liebe Pauline, jetzt muß ich Dich verlassen! (Läßt ihren Arm los ) ES ist bald neun Uhr, ich kann Dich nickt länger begleiten. Paul. Du gehst wirklich schon? Sieh' einmal, lieber Theodor, Du weißt, ich bin nicht eifersüchtig, aber sage mir einmal, wo pflegst Du denn fast täglich um diese Zeit hinzugehen? Hr. v. Flor. Liebes Kind, das ist die Börsenstunde — Eine Minute versäumt und Alles ist verloren. Paul. Börsenstunde? — Vielleicht weil eS eine Stunde ist, die deine Börse in Anspruch nimmt. Hr. v. Flor. Aber, Pauline! Paul. Na, ich will nichts damit gesagt haben, denn Du weißt, ich bin nicht eifersüchtig — (nach dem Uhrengewülbe blickend) aber sieh einmal, lieber Theodor, diese herrlichen Uhren, ach, und die Eine dort mit dem Email, ach, die ist wahrhaftig allerliebst, die müßte sich auf meinem Arbeit- tischchen prächtig auSnehmen! Hr.v.Flor.Na,wenn eS deinWunsch ist, so sollst Du sie haben. (Will zum Laden.) Paul, (ihn abhaltend). Ei nicht doch, lieber Theodor, Du hast Dir ja heute schon eine Auslage für mich gemacht, (aus dat Paquet deutend) und ich eile jetzt zu meiner Nähterin, damit ich Dich bald in dem neuen Kleide überraschen kann! Also adieu, Du kommst doch zu Tisch nach Hause? 5 Hr. v. Flor. Allerdings! Paul. Und wegen der Börsenstunde, — ne gesagt, ich bin nicht eifersüchtig, nur etwas mißtrauisch, wie man es gegen euch Männer sein soll und muß. Hr. v. Flor (galant). Gegen mich wahrlich nicht nöthig. Paul. Na na na, Sie Tugendspiegel! Hr. v. Flor. Bei Gott! Pauline — Paul. Schon gut — wozu einen Eid? Du weißt ja, ich bin nickt eifersüchtig, also adieu, Du — Börsenspekulant. (Rechts ab.) Hr. v. Flor. Leb' wohl, Paulinc! Mein.) Sie ist nicht eifersüchtig! Ha ha ha, es ist wahrhaftig zum Lachen! »Er ist nicht eifersüchtig,« das Stück ist mir bekannt, aber »Sie ist nicht eifersüchtig«, davon Hab' ich noch nichts gehört. Und dennoch muß ich gestehen, daß mir ihre stellenweise Eifersucht nicht unangenehm ist; Eifersucht ist eine Tochter der intensiveren Liebe! Eine Liebe ohne alle Eifersucht gleicht einem dürren, trockenen Sommer ohne Gewitter und erfrischenden Regen, einer lauen Mainacht ohne sanftes Mondeslicht, einer wenn auch reizend gesungenen Melodie ohne Musikbegleitung. Und da sie mir heute wiederholt Beweise vom Gegcnrheil gegeben, so will ich ihr eine kleine Aufmerksamkeit beweisen. — Die Uhr dort gefällt ihr so sehr — ich muß doch — (Geht zum Ilhrgewölbe.) Leop. (au» dem Laden). Befehlen, Herr von Flor? Hr. v. Flor. Sagen Sie doch, mein Herr, wie hoch kommt diese kleine Stehnhr hl« — (Zeigt fie.) Leop. DaS Billigste 25 Gulden. Hr. v. Flor (während er Geld sucht). Wollen Sie so gefällig sein, fie mir einzupacken. Leop. Sogleich, bitte. (Wickelt die Uhr in blaue- Papier.) Hr. v. F l or. Hier sind 25 Gulden. (Legt fie auf den Laden.) Jedoch setze ich voraus, daß fie gut geht. Leop. Zwanzig Jahre keine Reparatur; stehe gut dafür! (Unerreicht fie.) Hr. v. Flor. Zwanzig Jahre! — Lieber Freund, in zwanzig Jahren bedarf die Zeit selbst vielleicht schon einer Reparatur, um so mehr eine Uhr — Leop. (stolz). Die Zeit kann deren bedürfen, meine Uhren nicht! Hr. v. Flor, (lächelnd). Na, wir wollen sehen — adieu! Leop. Beehren mich, Herr von Flor, ein anderes Mal, wenn ich bitten darf! (Ab in seine Bude.) Hr. v. Flor, (ist in den Vordergrund getreten). Aber soll ich jetzt die Uhr mit mir herumtragen? Halt! Pauline soll, wenn sie nack Hause kommt, damit schon überrascht werden! Wenn ich nur gleich Jemand bei der Hand hätte. (Erblickt Lorenz.) Ah, da steht ja einer jener modernen Merkure, Dienftmann genannt! (Rutt.) He, Freundchen ! L or. (eilig) Befehlen, bitte? Hr. v. Flor. Haben Sie Zeit? Lor. Na curioS, wenn wir ka Zeit hätten, wie könnten wir denn waS verdienen? Wir leben ja von der Zeit, die mir Habens Hr. v. Flor. Tragen Sie diese Uhr hier gleich an diese Adresse. (Nimmt eine Adresse aus seiner Brieftasche.) Hier, lieber Freund, die Adresse ist ganz genau, Sie haben auf keine Antwort zu warten, deshalb nehmen Sie hier gleich Ihr Honorar. (Gibt ihm Geld.) Lor. Können überzeugt sein, daß eS pünktlich besorgt wird. Hr. v. Flor, (theatralisch). Dafür bürgt mir dein Wappenschild, wackerer Herold! (Eilig links ab.) Doch ich muß eilen! Lor. Und ich muß mich tummeln, aber zuerst muß ich schauen, wohin. (Liest die Adresse) Lange Gasse, Nr. 59, 3. Stock, Thür Nr. 12 — ahan! Da kann man unmöglich fehlen, wenn eine Adress so genau ist — aber unlängst gibt mir Einer eine Adresse »an der Donau Nr. 15«; nach zwei Stund' komm' ich z'ruck, weil ich S nicht 6 g'funden Hab', hat'erNußdors g'meint, weil'S auch an der Donau liegt, — da hätt' ich auch nach Gran gehen können, das liegt auch an der Donau.— (Zum Publicum.) Darum bitt' ich vor Allem nur immer eine genaue Adreff', das Andere werden wir hernach schon machen. (Rechts ab.) Verwandlung. (Einfache- Zimmer Theresen-. — Mittel- und Geitenthüre recht-, vorn« recht- ei« Kamin mit Gesimse- — Tisch mit Stuhl.) Sechste Scene. Therese (au- link-). ES muß doch schon bald 10 Uhr sein, und Madame Flor ist noch nicht hier! Na, wenn sie bis Mittag nicht kommt, gehe ich nach Tisch hin, nehme das Maß und trage den Stoff selbst zu mir nach Hause, was ihr wahrscheinlich zu beschwerlich war. — Aber es muß beinahe schon gegen 10 — Hatal! einen Uhrmacher als Bräutigam und keine Uhr zu besitzen! Aber thut nichts, nach unserer Hochzeit stelle ich mir zwölf Uhren in's Zimmer, für jede Stunde eine andere, (tz- wird geklopft.) Ah, jetzt kommt sie! Herein! Siebente Scene. Vorige. Lorenz (tritt ein). Ther. Himmel, ein Mann! Lor. Logirt hier Mamsell ThereS? Ther. Zu dienen, so heiße ich. Lor. Die Adreff' ist richtig: »Lange Gaffe, Nr. 59, 3. Stock, Thür Nr. 12, Mamsell Theres«; bitte, das Hab' ich hier abzugeben. (Uebrrgibt die eingewiekelte Uhr.) Ther. (staunend). An mich? Lor. Zu dienen. Ther. Und von wem, wenn ich fragen darf? Lor. (pfiffig). Wahrscheinlich von dem G'wissen— übrigens ich Hab' mich in keinen DiScurs einzulaffen und auch auf keine Antwort zu warten, so lautet mein Auftrag. mS nicht viel in DiScurs einlaffen, übrigens gratulire ich zum glorreichen Namenstag, wünsch' alles Erdenkliche, was Sie sich selber wünschen, Glück, Gesundheit, langes Leben, einen schönen Ehrentag, goldene Flitterwochen, zahlreiche Familie, mehr Buben als Madeln, es ist wegen dem Vaterland, mit cin'm Wort alles Erdenkliche, was Sie sich selber wünschen, haaabe die Ehre! (Ab.) Th er. (allein). Ha ha ha! Ein komischer Mensch! Aber mein Leopold hat mir da wahrlich eine große Freude gemacht! Diese prächtige Uhr! — Na, wenn er kommt, soll sie schon paradiren! Wo stelle ich sie nur hin? Aha, hier oben — (Mt fie auf s üammgefimse) da macht sie Aufsehen und fällt Jedermann gleich in die Augen! lkr klopft.) Herein! Achte Scene. Vorige. Pauline. Paul. Endlich finde ich Sie! Th er. Küsse die Hand, gnädige Frau! Paul, (erschöpft). Die ganze Straße habe ich Haus für Haus gesucht, bis ich 8ie jetzt endlich gefunden. Th er. Aber, gnädige Frau, haben ja neine Adresse. Paul, (einfallend). Mein Himmel, ich glaubte sie bei mir zu haben und fand sie licht, natürlich konnte ich auch Sie nicht indrn und der Weg zurück nach Hause oar mir doch zu lästig. Ther. Ei, da bedaure ich unendlich! Paul. Wollen Sie mir nur schnell Maß nehmen und sich hier den Stoff besehen! Ther. Bitte Platz zu nehmen, gnädige Frau! (Hat drn Stoff entfaltet.) Ei, das ist ein allerliebstes Muster! Ja, gnädige Frau haben immer so herrlichen Gusto. Paul. Dießmal hat mein Gemal sich so gnstiös bewiesen, denn er hat den Stoff gewählt. Ther. So? ja manche Männer haben schon so feinen Geschmack in der Wahl ihrerCadeauS. (Blickt auffallend nach der Uhr.) Paul. Doch, ich bitte beeilen Sie sich. Ther. Aber, gnädige Krau, es ist ja noch nicht so spät — (nach der Uhr kokettirend) es ist kaum zehn Uhr vorbei! Paul, (auf ihre Uhr sehend, die fie am Gürtel trägt). O doch, mein Fräulein, eS ist bereits längst vorüber, und um zehn Uhr habe ich meiner Freundin Julie einen Be- mch versprochen. Ther. Aber ich versichere, gnädigeFrau, meine Uhr (immer hinkokettirend) geht auf die Minute, da ist es noch bei Weitem nicht so viel! O, über meine Uhr lasse ich nichts kommen! (Hat fortwährend an Pauline Maß genommen ) Wenn ich bitten darf, gnädige Frau! (Hebt PaulinenS Arm und richtet deren Gesicht absichtlich gegen die Uhr.) Paul. Beinahe wär es mir lieber, wenn Sie zu mir gekommen wären, denn ich brenne vor Ungeduld, meine Freundin geht am Ende mich abholen in der Meinung, daß ich nicht komme. Ther. (wie früher, immer Maß nehmend). Bitte aufdie Uhr zu sehen, in zwei Minuten ist Alles vorüber. Paul. Oho! Sie klciue Zauberin, das möcht' ich doch einmal sehen—in zwei Minuten, sagen Sic? Es ist ja jetzt schon eine Minute. (Hebt unwillkürlich den Kops und erblickt die Uhr am Kamin, für sich.) Himmel! was seh' ich!? Ther. (für sich). Endlich hat sie's bemerkt ! 8 Panl. (wie oben). Ganz dieselbe Uhr! — (Mit zitternder Stimme ) Mein Fräulein, diese Uhr gehört Ihnen? Ther. (arglos, mit Stolz). Zu dienen, gnädige Frau! Paul, (von Eifersucht erregt) Besitzen Sic selbe schon lang? Th er. Nein, erst seit heute. Paul, (finkt in den Stuhl). Mir vergehen die Sinne! (Sich fassend.) Und wie hoch kommt Ihnen dieselbe? Th er. (heiter). Man bat sie mir zum Präsent gemacht — zum Namenstage — Paul, (aufspringend). Genug, zu viel! (Für fich.) Ich muß mich nur zn fassen suchen! (Laut) Mein Fräulein, lassen Sie mich — (entwindet fich der immer noch Maß nehmenden Therese) mir ist plötzlich unwohl! Geben Sie mir meinen Shawl. (Befehlend.) Schnell— schnell— meinen Kleiderstoff — (schreiend) meinen Hut — (Therese bat staunend Alles gereicht.) So! und jetzt — (mit vorwurfsvollem Blick sie messend) jetzt leben Sie wohl, mein Fräulein! adieu! — (Rasch zur Mitte ab.) Th er. (allein, steht wie versteinert). Za, wie ist mir denn? — ist die gnädige Frau verrückt geworden, oder was soll ich mir sonst denken? — Ueber meine Uhr ist sie so außer sich gcrathen! was kümmert sic das, wenn ich von meinem Bräutigam oder überhaitpt ein Präsent bekomme!? Sie ist meine Kundschaft, aber nicht meine Erzieherin, der ich Rechenschaft zu geben habe über mein Thun und Lassen! Wahrhaftig! eine sonderbare Zumuthung! — (Pause.) Oder ist es Neid? ja — jawohl auch möglich, es gibt schon solche Damen, die jedes andere arme Wesen um den kleinsten Beweis von Zuneigung und Liebe beneiden! — (Pause.) Mein armer Leopold! Ich will ihm doch, wenn er kommt, das Ganze gleich — doch nein, ich will ihm gar nichts sagen, es würde ihn kränken, daß ich durch sein gutes Herz mir solche Demüthigung mußte gefallen lassen! Er soll nichts davon erfahren, und ohne die Arbeit von dieser Madame werde ich wohl auch noch leben können! Neunte Scene. Vorige. Leopold. Le 0 p. (steckt den Kopf zur Thür herein) Jst's erlaubt!? Th er. (kreudig aufjubelnd) Ah, Leopold! Kommen Sie doch! Leop. («"tretend) Für eine Viertelstunde habe ich den Lehrjungen in'S Gewölbe gestellt, denn ich muß ja doch jetzt meine Gratulation darbringen, und vor'm Aufsperren zeitlich früh wollt' ich Sie nicht belästigen. Th er. (mit einem Blick nach der Uhr). ^ lieber Leopold, ich danke Ihnen herzlich, Sie haben mir eine unendliche Freude bereitet. Leop. Ah, das ist noch nicht Alles, die Hauptsache kommt erst. Da sehen Sie — (Entrollt ein langes prachtvolles, breites Atlos- band.) Thcr. Ach, wie schön! Leop. Darf ich so frei sein, Ihnen hier das schönste Band aus der Fabrik »zur Gürtelschleifc« anzubieten? Thcr. (ganz selig). Aber, lieber Leopold, das ist ja zu viel auf einmal! Leop. Und heute Abends, theure Tbe- rese, erlaube ich mir, Sic in's Theater fuhren zu dürfen, das heißt wenn es Ihnen angenehm? T her. (innig). Wenn es mir angenehm? O, Sie lieber guter Leopold! (Faßt feint Hand.) Leop. Um sechs Uhr sperren wir zu, da hole ich Sie so gegen halb sieben — (Erblickt unwillkürlich die Uhr am Kamin.) Was seh' ich, Sie haben eine Uhr? (Näher betrachtend.) Und wenn ich nicht irre — (gkht näher) Himmel und Hölle! — (Kür sich) Das ist ja die Uhr. die ich heute Vormittags Herrn von Flor verkaufte!!? (Lautund hastig ) Therese, wo haben Sie die Ubr her? 9 Ther. (für sich). Mein Himmel, jetzt fängt er selbst an! Leop. (schreit). Ich frage Sie nochmals, wo haben Sie diese Uhr her? Ther. (weiß nicht, woran fit ist) Aber, keopold! ich — Leop. Schweigen Sie! ich brauche Ihr Geständniß nicht mehr, denn der tückische Zufall hat Sie bereits verrathen! Ther. (ängstlich). Was sprechen Sie da? Leop. (knirschend vor Wuth). Nicht wahr, daran dachten Sie nicht, daß Ihre Falschheit so schnell an's Licht kommen werde, Sie gleißnerische Schlange! Ther. Aber mein Himmel, Leopold, hören Sie dock! Leop. (abwehrend). Genug, wir Beide haben nichts mehr zu sprechen! Und so wie ich hier dieses Band zerreiße — (thut es) so ist auch das Band unserer Liebe für immer zerrissen. — Mit Ihnen, mein Fräulein. bin ich fertig — aber mit ihm, dem sauberen Herrn von Flor, wist ich noch ein Wörtchen unter vier Augen sprechen! (Mit ltngrndrm Affekte.) Mit jenem sauberen Herrn oon Flor, der die bodenlose Frechheit besitzt — (fich in dir Brust schlagend) bei mir selbst seine Präsente einzukaufen, die er dann mit noch größerer Frechheit zur Erreichung seiner schändlichen Pläne verwendet! Leben Sie wohl, mein Fräulein, für immer! (Stürzt ab.) Zehnte Scene. Therese (allein, steht wie versteinert, dann ausschrriend). Leopold! (Pause.) Ja, was ist denn daS! Wache ich, oder ist es ein Traum, was um mich vorgeht!? — Doch nein, eS ist kein Traum, und ich fange an in der Sache klar zu werden. (Sinnend.) Herr von Flor, bat Leopold gesagt? Die Nbr kommt also nicht von ihm — sic ist von — (von einer Ahnung ergriffen) o schändlich! so schuldlos in einen so abscheulichen Verdacht zu ge- rathen! — Herr von Flor?! wer kann denn das — (Sich plötzlich besinnend.) Mein Himmel, so heißt ja die gnädige Frau, wo ich — O! jetzt weiß ich Alles, wie Schuppen fLllt's von meinen Augen! Herr von Flor! Darum also hat mich der Unverschämte immer so bedenklich betrachtet, wenn ich im Hause dort zu thun hatte! — (Mit Energie ) Aber warte, Du sauberer Herr von Flor! (Nimmt rasch ihr Tuch um, dann die Uhr vom Kamine, welche sie in eine Serviette wickelt.) Warte! Dir will ich deine Uhr auf eine Weise zurückstellen, daß Du ganz sicher wissen sollst, wie viel es geschlagen! (Stürzt ab.) Verwandlung. (Zimmer bei Flor, elegant, Mittel- und Seiten- thüren, Fenster u s- w ) Ellfte Scene. Pauline und Madame Zankapfel (von links). Paul, (sich mit dem Tuche die Augen trocknend). Sagen Sie doch, Mama, was bleibt mir jetzt zu thun übrig? Mad. Zank, (das konterfei einer zanksüch. tigen Schwiegermutter, eine goldene Dose in der Hand, fleißig Prisen nehmend). Scheidung, mein Kind, nichts als Scheidung! Paul. Der Schändliche! mich so zu hintergchcn! Aber er soll cs mir büßen, ich will ihm eine Scene bereiten — Mad. Zank, (wie oben, tinsallend) Scheidung, mein Kind, nichts als Scheidung! Paul, (schüchtern einlmkend). Aber, liebe Mama, vielleicht handle ich doch zu voreilig? Vielleicht sollte ich ihn doch vorher mündlich zur Rechenschaft ziehen. Mad. Zank. Was fällt Dir ein, mein Kind! hier bleibt nichts übrig als Scheidung! Du kannst sogleich mit zu meinem Anwalt gehen, der wird die Sache schnell in Ordnung haben; das Vermögen stammt von mir, (stolz) von deiner Mutter, das nimmst Du mit, und der lockere Herr Schwiegersohn mag dann Präsente machen, wenn er will! (Klopft rnrrgisch auf dir Dosr.) Komme, mein Kind, die Sache muß 10 energisch angepackt werden! (Wendet sich zum Gehen.) Paul. Aber, liebe Mama, vielleicht läßt sich doch noch ein anderer Ausweg — Mad. Zank. Scheidung! nichts als Scheidung! (Zieht sie mit fort; wie fie zur Mittelthüre kommen, erscheint Lisette.) bis. Küß' die Hand, gnädige Frau! Zwölfte Scene. Lisette (allein). Ja, was ist denn nur bei uns los? Die gnädige Frau kommt weinend nach Hause, bleibt eine Viertelstunde bei der Schwiegermama auf dem Zimmer, die Schwiegermama poltert herum, verschnupft bereits das vierte Loth Galizier mit Sanspareil gemischt — endlich geh'n sie fort und die gnädige Frau weint noch immer! Na, wir Stubenmädchen haben doch sonst einen scharfen Blick, aber das kann ich mir nicht enträthseln! Dreizehnte Scene. Vorige. Herr von Flor (fröhlich durch die Mitte kommend). L i s. Küß' die Hand, Euer Gnaden! Hr. v. Flor. Ah, Lisette, Du hier, wo ist deine Frau? Lis. (stockt). Die gnädige Frau — Hr. v. Flor, (leicht, nichts ahnend). Na, was stockst Du denn, wo ist sie? Lis. Die gnädige Fran ist soeben mit der gnädigen Schwiegermama fortgegangen — Hr. v. Flor. Na, und weshalb zögerst Du, das zu sagen? Sic werden wahrscheinlich vor Tische noch spazieren gegangen sein. Lis. Spazieren? Ich denke mit weinenden Augen geht man nicht spazieren- Hr. v. Flor (stutzt). Mit weinendenAu- gen? (Hastig.) Wer hatte weinende Augen? Lis. (betrübt). Die gnädige Frau — Hr. v. Flor. Meine Frau? ja weshalb, warum? was hat's denn gegeben? Vielleicht wieder Zank mit der Schwiegermama? Lis. Ich weiß es nicht. (Es wird geläutet.) Hr. v. Flor. Man läutet, siehe nach! Lis. Ah, das wird der junge Mann sein, der war schon dreimal hier und fragt nach Ihnen — Hr. v. Flor. Junger Mann?nach mir? Laß' ihn herein. Lis. (ab). Hr. v. Flor (allein). Was soll ich mir denken; ich komme nach Hause, glaube meine Frau in Entzücken zu finden über meine Aufmerksamkeit, indeß erfahre ich, daß sie in Thränen schwimmt! Vierzehnte Scene. Voriger. Leopold (durch die Mitte). Leop. (aufgeregt). Ah, treffe ich Sie endlich, mein Herr! Hr. v. Flor. Ah, daS ist ja — Sie wünschen? Leop. (wie oben). Diese Frage kommt mir zu, mein Herr, und ich frage Sir deshalb, was wünschen Sie eigentlich, daß Sie es wagen, sich dem Mädchen meiner Liebe auf solche Weise zu nähern? Hr. v. Flor, (für sich). Was schwatzt der da zusammen? Leop. Keine Antwort? o, keine Antwort ist auch eine Antwot! Ich weiß nun, was ich zu thun habe, so leicht sollen Sie mir nicht davonkommen! Hr. v. Flor. Herr! mir scheint, Sie sind verrückt! Erklären Sie sich doch! Leop. (bitter). Verrückt? Aha, das ist die moderneManier, Jemanden, der Einem lästig ist, für verrückt auszugeben, aber das geht bei mir nicht, — ich war zwar ein Narr, daß ich mich eine zeitlang an der Nase herumführen ließ, aber so viel Ver- 11 stand ist mir noch geblieben, um von Ihnen dafür energische Genugthuung zu fordern! Hr. v. Flor. Genugthuung? wofür denn? — Leop. (schreit). Schweigen Sic! Hr. v. Flor (gelassen, strenge). Junger Mann, wenn Sie sich nicht genauer erklären und noch länger fortfahren, so unartig zu sein, so werde ich meinen Stock nehmen und Sie züchtigen! Leop Ihren Stock! o nein, mein Herr! Ihre Pistolen werden Sic ergreifen und mir folgen! Doch halt! damit Sie ja nicht lange läugnen können, will uh Ihnen den lebendigen Zeugen Ihrer Kühnheit Hieherbringen. 20 war seine Nummer — o, ich werde ihn gleich haben! warten Sie nur, in wenigen Minuten bin ich da, und bringe Jemanden mit, der Ihnen schriftlich Ihre Frechheit beweisen wird. Richten Sie nur lndeß Ihre Pistolen, denn Einer von uns Zwei muß fallen, und wenn es eine Gerechtigkeit gibt, so fallen Sie! (Ab ) Hr. v. Flor (allein). Ja, was ist denn da geschehen? Ich kaufe dem Menschen beute eine Uhr ab, und jetzt kommt er und fordert mich auf Pistolen, andere Geschäftsleute möchten sich wieder erschießen, weil sie nichts verkaufen. Wenn ich nur wüßte, was ich eigentlich denken soll? He! Lisettc! L is. (tritt ein). Hr. v. Flor. Sage Sie mir jetzt augenblicklich, was ist denn Alles vorgegangen, seit ich aus dem Hause bin? Lis. Gnädiger Herr, ich weiß von gar nichts — Th er. (von außen). Ich muß hinein! Hr. v. Flor. Was ist denn das wieder? Fünfzehnte Scene. Vorige. Therese. Th er. (bitter und aufgeregt). Ah, da sind Tie ja, Herr von Flor?! Hr. v. Flor (ruhig). WaS wollen Sie, mein Fräulein? Meine Frau ist nicht zu Hause. Th er. Ihre Frau suche ich nicht, nur Sie, mein Herr, Sie ganz allein, — Sie, der es gewagt hat, ein ehrbares Mädchen durch Ihre Zudringlichkeit um ihr ganzes Lebensglück zu berauben! Glauben Sie, weil ich mit schwerer Händearbeit mir mein Brot verdiene, daß es nur eines elenden Geschenkes bedarf, um an meiner Ehre zu rütteln?! Hr. v. Flor, (desperat). Ja, ist denn heute die ganze Welt verrückt?! Ther. (ohne auf ihn zu hören) Meinen Bräutigam können Sie mir nicht mehr zu- rückgcben, aber meine Ehre werden Sie mir wieder erstatten müssen und dazu sollen mir die Gesetze verhelfen, die Gesetze von Ehre, die Sie, mein Herr, so schonungslos verletzten! — Da haben Sie indeß Ihr Geschenk, mein Herr, womit Sie sich mit vornehmer Dreistigkeit an mich drängen wollten, und mich so namenlos elend machten! (Schleudert die Uhr in der Serviette zu Flor's Füßen und stürzt ab.) Hr. V. Flor (allein, ganz außer Fassung). Ja, Du grundgütiger Himmel, was ist denn in meinem Hause los?! (Blickt zu Boden.) Was seh' ich, meine Uhr, die ich heute gekauft, in tausend Stücke zerschlagen! Wie kommt denn dieses Geschöpf zu der Uhr?! Sechzehnte Scene. Poriger. Pauline und Madame Zankapfel (durch die Mitte). Mad. Zank, (im Eintreten) Hast Du gesehen, mein Kind, soeben ging die leichtfertige Dirne von hier fort! Paul, (finkt in einen Stuhl im Hintergrund). Mama, ich vergehe vor Schmerz! Hr. v. Flor (der anfangs schweigend, erwartungsvoll dageflanden. stürzt aus Pauline zu) Pauline! was ist Dir?! — Geehrte Scbwic- germama, sprechen Sie doch! Mein Gott, was werd' ich erfahren müssen? Mad. Zank, (heftig auf die Dose klopfend). Scheidung, nichts als Scheidung! 12 Hr. v. Flor. Scheidung! Wer soll sich scheiden? Mad. Zank. Mein armes Kind — (mit Nachdruck) von Ihnen, mein sauberer Herr Schwiegersohn! Hr. v. Flor. Und weshalb, warum? Mad. Zank, (verächtlich). Sie fragen noch weshalb? Hr. v. Flor (verzweifelnd). Aber mein Himmel, ich weiß ja von nichts! Erklären Sie mir doch, spannen Sie mich nicht länger auf die Folter der Ungewißheit! Li- sette! (Sie tritt ein.) Bring' mir ein Glas Wasser, sonst erleben wir an mir eine neue Todesart, Nervenschlag durch moralische Folter! Paul, (aufspringend, mit Theilnahme). Himmel! mein Theodor! Mad. Zank, (mit strengem Blick) Pauline! Paul, (traurig) 3a so! (Sinkt wieder in den Stuhl.) Leop. (von außen schreiend). Kommen Sie nur mit, mein Fräulein, kommen Sic nur! Alle (bis auf Flor). Was gibt's? Siebzehnte Scene. Vorige. Leopold, Therese, Lorenz. Leop. (Therese an der rechten, Lorenz ander linken Hand hereinzerrend, bis in den Vordergrund tretend, zu Lorenz). So! jetzt sagen Sie offen und wahr, hat Ihnen der Herr heute eine Uhr übergeben? Lor. Ja! Leop. Um sie diesem Fräulein zu übcr- bringen, nicht wahr? Lor. (steigend). Ja!! Hr. v. Flor. Wie? Paul, (schluchzend). Entsetzlich! Mad. Zank. Scheidung! nichts als Scheidung! Hr. v. Flor (zu Lorenz mit Nachdruck-. Sie haben die Uhr diesem Fräulein überbracht?! Lor. (noch stärker). Ja!!! Hr. v. Flor. Wer hat Ihnen das aufgetragen? Lor. Sie selber, Euer Gnaden! Hr. v. Flor. Ich?! Lor. Haben Sie nicht gesagt, da ist die Adress', tragen's die Uhr dorthin? Hr. w. Flor (hastig). Wo ist die Adresse? Lor. Da! O wir Dienstmänner haben Alles schriftlich! (Gibt sie.) Hr. v. Flor. Nun, das ist ja meine Adresse! Lor. Ja, Ihr Name, aber die Adreß rückwärts — Hr. v. Flor (wendet die Karte). Wie? (Liest.) Mamsell Therese, Lange Gasse, Nr. 59, 3. Stock, Thür Nr. 12. Paul, (aufspringend mit einem Schrei) Himmel! Hr. v. Flor (näher bettachtend). Doch was seh' ich? Pauline, das ist ja deine Handschrift? Alle. Was? Paul, (hinstürzend). Wahrhaftig! es ist die Adresse des Fräuleins, die ich mir heute auf deinem Schreibtische notirte. Hr. v. Flor (eifrig). Aber wie kommt sie denn in meine Brieftasche? Paul. Ich ließ sie am Schreibtische liegen, und Du hast sie wahrscheinlich unter die andern Adressen gemischt — Hr. v. Flor. Und der tückische Zufall spielte mir gerade dieses fatale Blatt in die Hand, als ich Dir durch diesen Dienstmann die bewußte Uhr schicken wollte! Paul, (bewegt). Mein Gott, also bin ich ich ganz allein die Ursache aller dieser Mißverständnisse und dennoch bin ich jetzt so glücklich, so unendlich glücklich (in Freud n- thränen ausbrechend) — mein lieber, guter, so schwer verkannter Mann! (Sinkt an seine Brust.) Hr. v. Flor (mit Entzücken). Panlinel Lor. Na, so segn'S! Leop. Ja, Mamsell Theres, da sein ja Sie auch unschuldig! (Umarmt sie.) Ther. Natürlich. 13 Leop. Das ist ein Glück! (Zu Flor.) Zehen Sie, Euer Gnaden, jetzt würden Sie vielleicht nicht mehr leben! (Zieht zwei Kara- dim hervor.) Lor. Jetzt frag' ich aber ein' Menschen, ob man da nicht unschuldig in a Malheur kommen könnt', wenn man die Adreß anschaut; Sie stehen oben und die Fräuler unten, was bleibt da anders übrig?! Hr. v. Flor (zu Madame Zankapfel, Pau- ,mn im Arm haltend). Nun, liebe Schwiegermama, was sagen Sie jetzt? Mad. Zank. Nu, jetzt fällt die Scheidung weg! Hr. v. Flor (heiter). Und statt einer Scheidung soll in acht Tagen eine Hochzeit sein, und zwar die Hochzeit dieser beiden jungen Leute, die durch unsere Schuld sich beinahe getrennt hätten. Paul. (Theresens Hand ergreifend). Und ich werde mir erlauben, die Aussteuer der braut zu übernehmen. Hr. v. Flor (zu Leopold). Und ich die des Bräutigams! Th er. und Leop. O tausend Dank! Leop. Und mir werden Euer Gnaden erlauben, daß ich für die zerschlagene Uhr hier eine neue eben solche fabricire und sie der gnädigen Frau als Geschenk anbieten darf! Lor. Nu, und was g'schieht denn mit mir? Ich bin ein Wittiber — (Aus Madame Zankapfel deutend.) Ist die gnädige Frau Mama vielleicht a Wittfrau? — Mad. Zank, (nimmt rasch eine Prise). Hr. v. Flor. Du, mein lieber Dienst- maun, erhältst von mir für deine heutigen Strapazen so viele Gulden, als dein Hor- dar-Nummero lautet. Lor. (rasch seine Nummer auf der Kappt zeigend). Zwanzig, bitte! (Für sich.) O warum Hab' ich jetzt kein höheres Numero! Uebrigens ich bin zufrirden, meine Dienst- mann-Ehre ist glänzend gerechtfertigt, nur eine Bitt' Hab' ich noch, (zu Theres und Leopold) wenn's vielleicht heut' a Jahr waS zur Tauf' zu tragen haben, so gehen's mir mit der Kundschaft nicht weiter. Fchtuhgesang. Alle. Sie seh'n, an dem All'n war der Dienstmann nicht Schuld, D'rum bitt' ich auch stets noch um fernere Huld, 's wird All's pünktlich besorgt und mit Acuratess, Nur bitten wir halt um a genaue Adress! (Der Vorhang fällt.) Ende Au- dem Theater-Verlage der Wallishansser'schell Buchhandlung (Joses Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Abdallah, oder keine Wohlthat bleibt ««belohnt. Originaldr. in 1 A. v. Weidmann 20 kr 4 Sgr. Abencerrage«, die, und ZegriS, oder die feindliche« Stämme. Ballet in 4 A. von Corally. Franz, und deutsch. 1807. 10 kr. 2 Sgr. Abend, der stürmische. Singspiel in 1 A 1803. 35 kr 7'/. Sgr. Abenteuer, da- letzte. Lustspiel in 5 A. von Baurrnfeld. 1834 8. 00 kr. 18 Sgr. Abneigung au- Siebe. Lustspiel in 1 A. s Castelli Sträußchen. 2. Jahrgang. «Vergriffen) Abraham. Drama mit Munk in 3A 1818. 35 kr 7'/, Sgr. ^I-utar, ossi» I» ksnn^li» FleloOrLmn»» iu 6u« ^tti, cli b' k«»n»ni l.» iVlusw» cli 1823 35 Irr 7'/, !8zrr Achtllr». Heroische Oper in 2 A 1811. Deutsch und italienisch 40 kr 8 Sgr Achilles auf Skyros. Histor.-pantom. Ballet in 4 A von Anaiolini 1808 10 kr. 2 Sgr. Acdmet und Aentde. Schauspiel in 5 A von Jffland. 1802. 50 kr 10 Sgr ^llvlusi» ^lvrumo dt«lo<1r»minL ssrio m llue Xtti 1808 35 lcr. 7'/, !8jsr. Adelheid, oder die Deutschen. Trauerspiel in 5 Akten. 35 kr. 7'/, Sgr. Adelsucht, oder Ehrgeiz und Siebe. Lustspiel in 2 A v Schröder. 1804. 40 kr. 8 Sgr Admtralschisf, da-. Singspiel in 1 A Nach dem Französischen v. Fr. Treitschke. Gr 8. 1808 25 kr. 5 Sgr Adolf, der Treue. Tittengrmälde der Vorzeit in 4 A v. Ekrimfeld. 1808 8. 40 kr. 8 Sgr Adolf, der Kühne, Gaugraf von Dassel. Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Lrop Huber 1800. 50 kr. 10 Sgr. Adrian, oder Sieg der Tugend. Heroische Oper in 3 A vonI. L Mavrch 1807 35 kr. 7/. Sgr Advocaten, di«. Schauspiel in 5 A von Jffland. 1801 38 kr. 12 Sgr. Aemea- in Carthago. Heroisch-tragisch-pantomi- mische« Ballet in 5 A von Ferdin Gioja 1^11. 10 kr. 2 Sgr Aepfel, die, de- Nachbar-. Posse in 3 A. von Victor Sardou. Nach d. Franz, von Hohen- markt. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 138.) 60 kr 12 Sgr. Xßusse, I'. l)r»mm» nsmissrio p«r musre» 3» rLorrrssentursi pvr l» prim» voll» ?aut« ä'^ttLro 6«l 8ootti. 1813. 40 Irr 8 8gr. Ahnenstolz in der Klemme. Schwank in 1 A , s Feldmann Lustspiele. 4 Band Ahnfrau, die. Trauerspiel in 5 A von Kranz Grillparzer Sechste Auflage, gr. 8 1844. 1 fl. 50 kr. 1 Thlr Ahnfra«, die, im Gemeindestadl, s. Hutmacher und Strumpfwirker ^ jv, I', nsll' imk»r»/.ro .Xlelockrsmm» Lficxroso in cluv ^tti 8. 1827. 35 Irr. 7^, 8^r Alamar der Maure. Oper in 3 A. nach Cuvelir von Castelli. 40 kr 8 Sgr Alane. Historisch-romantische- Gemälde in 5 A na» Bilderbeck von Gutteaberg Aug-burg. 00 kr 12 Lar. Albaneserin, die. Trauerspiel in 5 A v Müll- »er. 1821. Gr 12. Original-Auflage 1 fl 2» kr 24 Sgr. Albert der Bär, oder die Weiber von WeiuS- berg. Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Gleich 1808 8. 40 kr 8 Sgr Albert- Rache für AgneS. Historisches Tchamp in 4 A von Ekrimfeld. Fortsetzung v Aane« Beruaurrin. 1808. 8. 40 kr 8 Sgr. Album, mein. Lustspiel in 1 A Nach dem Fran- zöfischen von Mar Stein (Wiener Theater- Repertoire Nr 116 ) 35 kr. 7'/, Sgr Alreste. Ernsthafte Oper in 3 A. 1810. Deutsch und italienisch 35 kr. 7'/, Sgr Alcine. Große« romantisches Ballet in 4 A. Bo« der Erfindung de« A. Vestri«, Musik von verschiedenen Meistern 1825 10 kr. 2 Sgr Aline, Königin von Golkonda. Oper in 3 - Nach Vi»I und kavier von Treitschke. 1804. 35 kr. 7'/, Dar Alle fürchten sich. Komische Operette in 1 n nach dem Franzöfischeu de« Herrn Hoffman« von Castelli. 1808. 25 kr 5 Dar. All« Mittel gelte«. Lustspiel in 1 A. nach Terror von L Juliu«. (Wiener Theater-Repertoire Nr 15 ) 35 kr 7»/ Sgr Alle- au- Freundschaft. Lustspiel in 1A s. Weissenthurm Schauspiele 15 Band Alle- in Uniform für «nsern König. Volks- Luftspiel in 3 A. von Hrn«lrr. 17S5. 8. 40 kr 8 Sgr Alle- weiß, nicht- schwarz» oder der Trauer- schma«-. Ländliche« Onginal-Luftspiel in 3 L. von Hen«ler 40 kr. 8 Sgr. Alle» ans - Spiel gesetzt «m eine« Man». Lnff- spiel in 5 A Frei au« dem Englischen übersetzt von Wertbe«. 1787. 50 kr. 10 Sgr Alte Schulde«. Original-iebentdild mit Gesang und Tanz in 3 A von Friedr. Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 124 ) 60 kr. 12 Sgr. Allz« scharf macht schartig. Schauspiel in 5 A. von Jffland 1801. 50 kr 10 Sgr. All zu toll. Fastnachtspoffr in 1 A. Nach dem Englischen von K v. Graeser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 41.) 35 kr. 7', Sgr. älollSO 0 6or». Ornmm» p«r öäuniv» in llue ^tti. 3V kr. 6 8xr. Am Allerseelentage, oder das Gebet auf dem Friedhöfe. Original-DolkSschauspiel in 4 Ab- thrilungen nebst 1 Vorspiel: St« gegebenes Wort, von Heinrich Hau-mann. (Wiener Theater-Repertoire Rr. 85.) 60 fr. 12 Ggr Am Klavier. Lustspiel in 1 A. Rach dem Kran- löfischen frei bearbeitet von M. A. Grandjean Zweite Auflage. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 40.) 35 kr 7'/, Ggr Amazonen, die. Heroische« Ballet von Henry 8 1823 10 kr 2 Sgr Ambo-Tolo. Original-Poffe in 3 A von Juliu« Rosen (Wiener Tbeatrr-Repertoire Nr. 166.) 80 kr. 12 Ggr Amor, der verbannte, oder die argwöhnischen Gheleute. Lustspiel in 4 A von A^ v. Kotzebne 1811 50 kr. 10 Ggr. Amors Bild. GeseUschaft«sp. in 1 A von T. L. Stoll. 1808. 10 kr 2 Lgr. Amors Triumph. Alleg Gemälde mit Chören u Tänzen in Versen und in 1 A von Mei«l. 10 kr. 2 Dar. Amors Zurechtweisung. Lustspiel in 1 A in Versen von I Sonnleithner. 16 1815 20 kr 4 Sgr. ^mor, l', irritnto clisKc-oItL, burn» in un ätto 1802. 20 kr 4 8zsr. Amultus, König der Albaner, s Buzzi dramatischer Nachlaß. Aadraßek und Iuraßek. Komische Pantomime in 2 A. von Kees. 8. 1807 (fehlt) 10 kr 2 Lgr. Auecdoteubüchleiu, das. Lustspiel in 1 A s. Castelli Sträußchen. 13 Jahrgang. Anmaßend und bescheiden. Lustspiel in 3 A s. Baumaun Beiträge Apollosaal, der. Scherzspiel in 1 A von T. Fr. v Ehrimfeld 1808. 20 kr. 4 Ggr ärnbi, gli, oell« OnIIi«, ossi» rl triovfo cloll» 5e6s ICsItxlrnlnm» serio in <1u« ^tti <1i s. komnnslli 1827. 30 kr. 6 8zrr. Argonauten, die. Trauerspiel iu 4 A. von Kranz Grillparzer, s dessen goldene« Vließ. Ariadne. Tragi-komische« Iriodrama v. Kohebue. 1804. 8. 20 kr 4 Lgr. Ariadne auf Naros Duodrama 1801 15kr 3 Lgr. Ariadne auf Raros. Trav in 1 A 8 25 kr 5 Lgr Arioda». Heroische Oper in 3 A nach dem Kran- zöfischru de« Hvffmann von I R v Levfried. 1804 35 kr. 7'/, Sgr Arlrquin auf de* Insel Liliput oder das La- trrnenfest der Chinesen. Große Zauberpan» tomime 1808 10 kr. 2 Lgr Armand, Graf. Schauspiel mit Gesang in 3 A Rach dem Kranzöfischeu von Kr. Lreitschke. Sr. 8 1808. 40 kr. 8 Lgr. Arme» »nd Glenden, die. Bilder au« dem fran- zöfischrn Volk«leben mit Gesang und Tanz in 2 Abthkilungen «nd 8 Tableaur Nach Victor Hugo « Roman (l>e« minörnlilss) frei bearbeitet von Tberese Megerlr (Wiener Tbeater» Repertoire Nr. 112.) 80 kr. 12 Sgr. Anuid». Große Oper in 5 A 1808 35 kr 7'/, Sgr Armida und Riualdo. Melodrama in 4 A. 1783 35 kr 7'/, Lgr Arsen«. Romant Ballet von Hrury 8 10 kr. 2 Sgr. Arzt, der tnrktsche. Oper in 1 A Au« dem Kranz. Mufik von Jsouard. 1804 15 kr 3 Lgr. Arzt wider Willen, der. Schwank in 2 A. frei nach Moliöre von R. Graefer. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 39) 35 kr 7'/, Ggr Aerzte, die beide«. Original-Lustspiel in 3A. s. Baumann Beiträge. Aschenbrödel. Zauberoper in 3 A Nach dem Französischen de« Etienne 4 Auflage. 1815 (Kehlt.) 35 kr. 7'/, Sgr. Aschenbrödel. Gr Ballet v. Duport 8. 10 kr. 2 Lgr Asiens Edelster. Historisch-romantische« Schausp. iu 5 A von Menner 1807 8 40 kr 8 Lgr Atala, oder die Wilden von Florida. Pantomimische« Ballet in 3 A von B Henru 1810 10 kr 2 Sgr. Atkeatenserin, die schöne. Lustspiel in 4 A, s. Frldmaun Lustsp. 1 Band Atlasshawl «nd Harrosbinde, oder das Handel Coufusioneu. Posse mit Gesang in 2 A von Kr. Hopp. Gr 8. 1849 75 kr. 15 Lgr. Attila, König der Hunne». L Werner Theater. 5 Baud d' Aubtgny, Clemeutiue. Dramat Gedicht in 4 A v K. C Weidmann. 8 1816 50 kr. 10 Sgr. Auf dem EiS und beim Chrtstbaun». Posse mit Gesang in 3 A von Friedrich Kaiser (Wiener Tbeatrr-Repertoire Nr 154 ) 60 kr 12 Sgr Auf der Buhne u. hinter den Coulissen. Schwank mit Gesang in 2 Bildern von Ludwig Gott«- leben tWrener Theater-Repertoire Rr 96) 50 kr. 10 Sgr Auf und ab. Lustspiel in 1 A. nach dem Französischen 1807 25 kr 5 Ggr Augenarzt, der. Singspiel iu 2 A 1812 2 Aufl 40 kr. 8 Sgr. August und Gustaviana. Schauspiel iu 3 A mit Chören und Tänzen von Periuet 1810 8 40 kr 8 Lgr Aurora, Gräfin. Siehe Gräsiu Aus Liede sterbe«. Lustspiel tu 1 A. Nach dem Englischen von Aler Bergen (Wiener Theater- Repertoire Nr 123 ) 35 kr. 7'/, Sgr Ausnahme, eine, von der sttegel. Lustspiel in 1 Aufzuge von Al Berla (Wiener Theater-Repertoire Nr. 78 ) 30 kr. 8 Lgr. Aussteuer. Schauspiel iu 5 A von Zsfland. 1800. 50 kr 10 Lgr. Arel und Walbnrg. Tragödie in 5 A v. Ordlen- schlägrr 1814 50 kr. 10 Lgr Babenberger drr letzt«. Historr Tragödie in 5 Aufzügen von Heinr Bobrmann 1867 50 kr 18 Lgr Bacchus und Ariadne. Heroische« Ballet von Gallel Kran; und deutsch 1804 10 kr. 2 Lgr. Badecnr, die. Lustspiel in 2 A. von Jünger 1803. 40 kr. 8 Sgr Balboa. Trauerspiel iu 5 A von Collin 8. Berlin. 1808 60 kr. 12 Lgr Ballnacht, die. Große Oper in 5 A mit Divertissement, nach dem Französischen de« Gcribe von Seyfried und Hofmann Mufik v Aubrr 8 Wien 1835 (Dorfmeister.) 35 kr 7'/, Tgr Bär, mein, und meine Nichte. Posse i» 2 A., nach dem Kranzöfischen von Aler Bergen. «Wiener Tb.-Rep Rr 94 ) 35 kr. 7'/, Ggr Barbarei und Größe. Trauerspiel in 4 A von Ziegler 1810 8 50 kr 10 Lgr. Barbier, der, vo« Sevilla. Pantomimisches Ballet in 3 A. von Duport. 1808. 1v kr. 2 Sgr. Barfuß, Baro«, oder der Wechselthaler. Eine Zauberoper in 3 A. von I. Perinet. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Barmectde«, die, oder die Egypter iu Bagdad. Original-Schauspiel in 5 A. v. Weiffenbach. 35 kr. 7'/, Sar. Varuhelm, Minna v., oder das Soldatenglück. Lustspiel in 5 A. von G. E. Lessing. 1807. 50 kr. 10 Sgr. Baihmendi. Große alleg. Oper in 2 A. 1801 35 kr. 7'/, Sgr. Baucrnball, ein, in Wien. Posse mit Gesang in 1 A. (Wiener Th.-Rep. Nr. 185.) 30 kr. 6 Sgr Bauernliebe. Eine ländliche Oper in 2 A. Nach einer Anekdote von Spieß frei bearbeitet von L. Huber. 1802. 50 kr. 10 Sgr. Baum, der, der Diana. Heroisch-komische Oper in 2 A. 1802. 35 kr. 7/, Sgr Banmanu, Alex. Beiträge für das deutsche Theater Gr. 8.1849. Inhalt . Er darf nicht fort.Schwank in 1 A. — Anmaßend und bescheiden. Lustsp. in 3 A. — Die beiden Aerzte. Original-Lustspiel in 3 A. 1 fl. 20 Sgr. Bayard. Schauspiel in 5 A. von A. v. Kotzebue. 1802. 60 kr. 12 Sgr. Befreiung, die, von Jerusalem. Oratorium, gedichtet von Heinrich und Matthäus v. Collm. Musik von Abb« Stadler. 35 kr. 7'/, Sgr. Beisele, Baron, «nd sein Hofmeister Dr. Etfele in München. Posse mit Gesang in 3 A., s. Keldmann Lustspiele 3. Band. Beispiel, gutes. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen 11. Jahrgang. Bekanntschaft, die, im Paradiesgarten, die Entführung auf dem Himmel «nd die Verlobung im Elysium. Localpoffe mit Gesang in 3 Auszügen von F. Hopp. Musik v. I. Hopp. 8. 1839 Bekenntnisse eines Bewußtsein, daS. Schauspiel in 5 A. v. Jffland 1799. KO kr. 12 Tg Bianca della Porta. Trauerspiel in 5 A. vo» Collin. 8. Berlin 1808. KO kr. 12 Ggr Biedersinn und Vaterlandsliebe. Ländliches Lun spiel in 4 A. v. Schildbach. 1809. 35 kr. 7'/, Eg Bild, das. Trauerspiel in 5 A. von E. v. Her wald. 1821. 8. Wiener Original-Auflage. 1 fl. 20 kr. 24 Sgr Billet, das. Lustspiel in 1 A. 1800. 25 kr. 5 Sgr Billets, die beiden. Lustspiel in 1 A. Nach Florian 1833. 8. 25 kr. 5 Sg Bittsteller, die. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträuchen. 5. Jahrgang. Blatt, das, hat «ch gewendet. Lustspiel in » A von Schröder. Aus dem Englischen von Cum berland. 1804. Ä) kr. 10 Sgr Blaubart, der. Lustspiel in 1 A v. M A. Grand jea». (Wiener Th.-Rep. Nr. 157.) 50 kr. 10 Sgr Blinden, die zwei, von Toledo. Komische Oper in 1 A. 1806. 25 kr. 5 Sgr Blumen, die. Sviel in Versen von Körner. Gr 12. geh. Wiener Orig.-Aufl. 20 kr. 4 Sgr Blumen-Nettcl, die, oder der Herr Direktor Original-Lebensbild mit Gesang in 3 A. von Friedr. Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire 172) 60 kr. 12 Sgr Boccaccio. Dramat. Gedicht in 2 A. v. Deinhard- stein. Gr. 12. 1816. 40 kr. 8 Sgr Boleslas, oder die Zerstörung von Zuaky. Schauspiel in 3 A., s. Rosenau, theatralisches Allerlei Brasilianer, der. Posse mit Gesang in 1 A. Nach dem Französischen v. Hohrnmarkt. 40 kr. 8 Sgr. Braut, die, in der Klemme. Posse mit Gesang in 1 A. 1807. 25 kr. 5 Sar Braut, die. Lustspiel in Alexandrinern und 1 ? von Körner. Gr. 12. geh. Wiener Original» ausgabe. 1819. 25 kr. 5. Sgr. Brautpaares. Zweigesprach Braut, die stille. Alperstage in 1 A., s. Weiffen- in Versen, s. Feldmann Lustspiele. 5. Band. thur« Schauspiele. 15. Band. Belagerung, die, vo« Apsilon, oder Evakathel Bräutigam, der, aus Meriko. Schauspiel in 3 und Schnudi. Caricatur iu 2 A. v. Perinet. A. v. Claureu. 8. 1824. Dresdener Original 4. Auflage. 1818. Gr. 8. 40 kr. 8 Sgr. 80 kr. 16 Sgr Belino und R-saura, Rom.-kom. Oper in 3 A. Bräutigam, der licttirte, oder di- Großmama von Voll. 1807. 8. 25 kr 5 Sgr. j «ider ihren Willen. Posse in 1 A Nach Beuevent, AragiS von. Origmal-Schausprel mrt ^ r>enl Französischen frei bearbeitet von Perinet. Gesang m 3 A.v.Glerch. 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr. 1791 -N kr 8 Sgr —-- Sch-»s»i-> d. 5 " B,-t..t,-m. ^ ,..^.1 m , , Kerltchtnge», Götz vo». mit der eisernen Hand, t "" " ^t>..te.»«er,r Schauspiel in 5 A. von Fr. Grüner. 1809. 50 kr. 10 Sgr. Beruf, der. Lustspiel tu 1 A. von Th. Hell. 8. 1806. 35 kr. 7'/, Sgr. Bestohlenen, die. Lustspiel von A. v. Kotzebue. 1817. 25 kr. 5 Sgr. Bestürmung, die, vo« Smolensk. Romantisches Schauspiel in 4 A. von I. F. v. Weissenthurm Gr. 8. 1833. 80 kr. 1k Sgr. Besuch, der, oder die Sucht zu glänze«. Lustsp. BriefboteV der. Oper nach Marsöllter. 8 'M8 iu 4 A. von A. v. Kotzebue. 1809. 50 kr. 10 Sgr., 25 kr. 5 Betrug und Liebe. Original-Lustspiel in 4 A. Briefwechsel, der offene. Lustspiel in 5 A. vo» 1786. 40 kr. 8 Sgr. Jünger. 1784. 40 kr. 8 Sgr Bettelstndent, der, oder daSDouuerwetter. Orig - Brigittenau. Ballet in 14 Bildern von Henrv Lustspiel in 2 A. 1834 (fe h lt). 25 kr. 5 Sgr. > 1832. 10 kr 2 Sgr (Dieses Verzeichnt- wird fortgesetzt.) Druck und Papier ven Leopold Sommer in Wien. von Herzenskron. (S. Wiener Theater-Reper toire Nr. 19.) 35 kr. 7'X Sgr Brautkranz, der. Trauerspiel in 5 A. v. Weiffenbach. SO kr. 12 Sgr. Brautuacht, die. S. Werner Theater. 4 . Band. Brautschleier, der. Lustspiel in 1 A., s. Weiffen- thurn Schauspiele. 14. Band. Brautwahl, die. Schauspiel in 1 A. v. Jffland 1808. 35 kr. 7'/, Sgr Brief, der, aus Cadtr. Drama in 3 A von v. Kotzebue. 1813. 35 kr. 7'/, Sgr Den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt. Einer von unsere Leut'. Posse mit Gesang in drei Acten von O. F. Berg. Musik vom Kapellmeister Eduard Stolz. Für die österreichischen Provinzen zu beziehen von dem Eigenthümer Eduard Weiß, ^ür das Ausland Eigenthum des Verlassers. Zoses Früh aus, Schlossermeister. Ttni, seine Tochter. Erasmus Ducker, Gerichtsschreiber. Schäkel, Apotheker. Sebastian Stößl, i Apothekergehilfen Ferdinand KrauS, j Schabet. Madame Goritschek, i Madame Rührig, ? Kraus' Tauten. Madame Schnabel, » Fräulein Diskant, Sängerin. Peterl, Lehrjunge bei Frühaus. Eine Brodsitzerin. Ein Brttelweib. Personen: Jsak Stern, Handelsjude. Ein Hausmeister. Hr. v. Schwalbenschweis. Patzer, Photograph. Lorenz, Hausknecht. Ein Wärter im Gesangenhause. Ein Stubenmädchen. Ein Schneiderlehrjunge. Ein HandlungskommiS. Ein Dienstmädchen- Ein Sesselträger. Abraham Pereles, Trödler. Sternsrls. bei Gericht-Personen. Schreiber im Gesangenhause. Hochzeitsgäste. Schlosser. Volk. Zwischen dem 1. und 2- Acte ist ein Zeitraum von '/, Jahre. Theat«k-N«P"toikt-R». 194 . 1 r Erster Zct. (Orffentliche Straße. Seitwärts links im Hintergründe befindet sich rin hohes Gebäude mit vergitterten Fenstern, au- welchen man eia Gefäug» niß erkennt. Ziemlich in der Mitte des Hintergründe- ein Hau- mit dem Schilde »Apotheke-. Zn einem Hause recht- ein ebenerdige- Fenster, welche- eine erleuchtete Stube zeigt; dasselbe ist geöffnet. Ebenso find hie und da noch Fenster der verschiedenen Häuser erleuchtet Letztere find mit Schnee bedeckt.) Erste Scene. (Beim Ausziehen des Vorhänge- tönt aus einem Wirthshause der Chor betrunkener Gesellen ) Chor. Nur allerweil kreuzfidel, fort bis in d'Nacht, Um zwölfe iS so aus, da kommt ja die Wacht — Wer nie hat' einen Rausch g'habt, is ka braver Mann, Wie gut, daß man uns das net nachsagen kann. Jodler rc. (Ter Gesang wird düsterer und zerfahrener, wie dirß bei angetrunkenen Personen der Fall zu sein pflegt. Eiuzrlne Personen huschen über die Straße.) Kraus (der Apothekers» Hilfe, eilt auf Tini'S Feuster zu, gleich daraus erscheint an demselben) Tini. KrauS. Tinchen, angebetetes Tinchen, sind Sie noch nicht zu Bette? (Klopft an'S Fenster.) Ich bin's — Ferdinand — Tini. Sie sind es, so spät in der Nacht, — pfui! — ist mein Bräutigam ein Schwärmer? Kraus. Heute noch, — morgen nicht mehr, — von dem Augenblicke, als der ! Priester unsere Hände ineinanderlegt, will ich solid, brav, zurückgezogen, einfach und ^ häuslich leben, — w»e ein Beamter mit 300 fl. — Die Freude, Tini, Sie morgen mein angebetetes Weibchen nennen zu dürfen, — laßt mich nicht schlafen gehen, — ich wandle lieber im Schnee herum, als daß ich mich in meine Kammer sperre. Tini.NärrischerDing! (Ueberlegend.) Aber bin ich anders? — Hundertmal Hab' ich mich schon niedergelcgt, allerweil spring' i wieder auf, und da Hab' ich mich jetzt trotz der 38 Grad Kälten an'S Fenster g'setzl und nachdenkt über unser Zukunft. — L Ferdinand, — ich bin so ängstlich, — ich fürcht' immer, aus unserer Heirat wird nir. KranS. Tini— wie können Sie zweifeln, am Vorabend unserer Verbindung?- Ist nicht Alles für morgen bestellt? Tini. Alles. Die Gäns'sei'n abg'stochen, die Zungen is g'sotten, die Linzertorten is bachen, der Pfarrer iS bestellt, — Alles is in der Ordnung. — A G'frornes krieg n wir a. Kraus. Was fürchten Sie also noch? (Küßt sie.) Die Erde soll uns ein Himmelreich sein. (Sprechen leise weiter.) Zweite Scene. (Tumult im Wirthshause, herau-geschoben erscheint) Stößl. Lntr^etied. Das schrecklichste Unglück für'n Menschen iS g'wiß, Wann Einer zerstreut so wie ich immer iS. Statt d'Lehrbub'n Hab' ick heut' den Hem Prinzipal Gebeutelt nach Noten, es war ein Scandal. Und wie ich im Sommer im Freibad mit war. Will ich in der Schwimmhosen z'Haus geh n, ich Narr. Ja, es ist mir sehr leid, Aber ich bin so zerstreut. 3 Erst unlängst betracht' ich das Stub'nmädel z' Haus Für meine Frau Mutter und küß's — es war aus; Petschir' ich an Brief, ich begreif' so was nickt, Halt ick statt'n Siegellack den Finger ins Licht. Und heunt in der Früh, das is höheres G'frett. Tein d'Stiefeln schön zudeckt, — ich lieg' unter'm Bett. Za, es is mir sehr leid, Aber ich bin so zerstreut. DaS is ein Malheur die Zerstreutheit! — Und woher kommt das? (Zieht einenPackZei« »mgen hervor.) Von meiner Leidenschaft zur Politik — Nur Tagesfragen! — Freiheit Italiens,— piemontesisckes Papiergeld,— fromme Vereine, deutsche Fragen und preußische Antworte«, das geht mir über Alles. Zn aller Früh fang' ich zu lesen au, und so geht's fort bis in die Nacht. G'rad' bab' ick wieder ein Malheur g habt in dem Hotel. Ich les dahier m der »Augsburger Allgemeinen« von der Uneigennützigkeit der englischenPolitikund trink' dabei einem Andern sein Bier aus, und wie ich später in meiner Zerstreutheit anfang' von der deutschen Einheit zu reden, haben sie mich vertagt! — so wird der deutsche Bruder behandelt, so wird er in die deutsche Finsterniß hinausgestoßcn. — Jetzt Hab' ich wieder ein' Andern sein Hut aufg'setzt. Wie ich vorgestern nach Baden will, setz' ich mich auf die Westbahn ein — natürlich, die Cajsier sein überall gleich grob, — man kennt sich nicht aus,—eS ist stark—ja, was ist denn das? — Zwei Verliebte, sie wechseln heiße Küsse, — er gibt g'rad' wieder retour, — mi wundert, daß bei dieser glühenden Liebe der Schnee nicht zergeht, — ich weißnicht,— der Guldenwein hat auch in mir Gefühle geweckt. — viel zu viel Gefühle,—ich bin im Stand' und klopf' bei meiner Bertha. lGrht zu einem Fenster mit Jalousien.) Er fett- sterlt, — ich jalousire! — (Klopft).,Bist Du bereits in Morpheus' Armen, Bertha?— Ich bin es, Bertha, — dein Blasius, komm her da, Bertha. — Aha, — ich höre süße Schritte, — sie säuselt ans Fenster, dort der keusche Mond, hier der keusche Jüngling, — da die keusche Jungfrau, es wird einem ordentlich nicht gut vor lauter Keuschheit! Komm. Bertha, inmeine Arme! (Es wird beim Fenster ein Arm sichtbar, welcher Stößl beim Schopf faßt und längere Zeit beutelt.) Rauhe Stimme (von innen). Hab'ich Dich endlich, Du Gassenbub', der alle Nacht an unsere Fenster klopft und mi aufweckt aus dem Schlaf'; wart' Du Lump — Du! (Man hört eine Ohrfeige klatschen, woraus sich daS Fenster schließt.) Stößl. Ein Attentat, — zu Hilfe, — mein Kopf, — ich Hab' das Unrechte Fenster erwischt, da logirt der alte Sesseltra- ger und ich halt den Sesselträger für meine Bertha. Dini (verläßt das Fenster, nachdem sie sich von Ferdinand verabschiedet hat). Kraus. Herr, was ist Ihnen, — seh' ick reckt, — Du bist es, — Stößl, — was machst Du so spät auf der Gasse? Stößl.Ich bab' da g'radEincnunsinnig aufsitzen lassen. Kraus. So? Stößl. Ja, er Hai g'glaubt, er beutelt einen Andern, der weilwar ich's. Der hat sich schön angeschmiert. Kraus. Hör', lieber Freund, Du kommst mir gerad' gelegen. Stößl (ausweichend). Ich Hab kein Geld bei mir! Kraus. Das ist eS nicht. Möchtest Du mir wohl einen recht großen Gefallen erweisen? Stößl. Soll ich Dir die neuesten telegraphischen Depeschen vorlesen über die neuesten Vorgänge in (Sagt ihm rtwas leise ins Ohr.) Ich glaub' alleweil, daß— (wie oben). Denn im »Moniteur« steht ausdrücklich (wie oben). Was? — Wegen was hätte denn der engli- schePremier— (wie oben) Han?—Habich 1 * 4 Recht oder nicht? Du wirst sehen, Freund, entweder es geschieht etwas — (wichtig) oder eS geschieht gar nichts, das Hab' ich heraus. Kraus. Ich weiß, deine Politik is sehr schlagend. Stößl. Ich les'aber auch,— um 6 Uhr fang' ich an, — und schlafen thu' ich erst, wann ich auf die preußischen Kammerreden kumm, — darum Hab' ich nie einen Kreuzer Geld, weil ich Alles ausgib für Zeitungen. Kraus. Doch um aus meine Angelegenheit zu kommen, ich brauch' für morgen einen Beistand. Stößl. Beistand in Deutschland, — viel verlangt! Kraus. Der Wirth Zwicker, welcher der Beistand meiner Tini sein sollt', ist erkrankt. Stößl. Hat vermuthlich zu Haus g'speist. Kraus. Darum bitte ich Dick — ob Du nicht diesen Liebesdienst übernehmen wolltest? Stößl. Beistand deiner Gattin — sonderbar! — daß die Leut' die Eh' als eine G'fahr betrachten; wie Einer Heirat', gleich braucht er ein' Beistand — übrigens für einen Freund kauf' ich mir sogar Glaces. Ich werde deiner Gattin beistehen. KrauS. Rechne dafür bei allen Gelegenheiten auf mich. Stößl. Ich bin überzeugt, daß Du gewiß bei der Hand bist, wann mich einmal ein ähnliches Unglück trifft. — Aber mein Verhältnis ist noch nicht bei dieser Katastrophe angelangt, ich bin so zerstreut — meine Bertha hat mich öfters mit Andern g'sehen, unlängst Hab' ich woll'n eine kranke Tant' bamsuchen — auf einmal war ich beim Engländer unter die G'sunden — diese Zerstreutheit! Kraus. Aber ich hoffe, daß Du mir morgen keine Schand machst! Stößl. Zst cs ein Mädl? Kraus (erstaunt) Ah! Stößl. Ja richtig, ich Hab' glaubt, eS is a Tauf .— Um wie viel Uhr? Kraus. Um vier Uhr geh'n wir in die Kirchen. Also gute Nacht. — Ich komme morgen nicht in die Apotheke — Du wirst mich entschuldigen. Stößl. Der Principal wird doch nir sagen bei so ein' Malheur. Kraus. Also pünktlich um vier Uhr. (Ab.) Stößl. Was vier Uhr, ich bin schon um halber sechse dort. Dritte Scene. - Stößl (allein, zählt sein Geld). Ein Paar Glace 70 kr. Oe. W., Tinten zur Retouchirung des Frackes 10 kr. — Friseur für Herstellung einer Titusfrism 40 kr. — verglichen mit dem Baarvorrath — ergibt sich halt schon wieder ein Deficit. So ein Finanzminister muß weiter keine Arbeit haben. Wo er zusammenzählt, überall' ein Deficit, wo er subtrahirt, bleibt nirgends was über als ein Anlehen. G'rad' so is es bei mir. Und jetzt dieser Hausmeister. Diese Staatsschuld sollte heute getilgt werden. Woher nehmen und nicht Wohlthätigkeitsconcerte veranstalten? Wann ich den zahl', muß ich morgen ohne Glace zu dieser Firmung, das gebt nicht, (tzr läutet an.) Wann mich der nicht hineinlaßt — werd' ich zum Eisstoß. Vierte Scene. Voriger. Hausmeister. Hausm. (von innen). Was ist denn das für ein Spectakel? Stößl. Machen's auf. Hausm. (steckt den Kopf mit einer Schlaf« mütze heraus und hält Stößl eine Laterne ins Gesicht). Sö san's, sö Lump, — Hausmeister schuldig bleiben und anreißen a no? Stößl. Er hat mich erkannt. (Will ins Haus.) Morgen, morgen, ick Hab' nichts Kleines. 5 Han Sri», (hält ihn zurück). Nir Klans?— Acht Tag nach 10 zu Hans kommen und nie was KlanSj! (Geht in's Haus und sperrt zu.) Stößl. Wie komm' ich als Junggesell' zu etwas Kleinem? — Herr Hausmeister — ich les' Ihnen die Telegramme vor — das Neueste aus Rom. Hausm. (von innen). Was gehen mich die dummen G'schichten an. Ich will mein Geld. Stößl. Wollen Sie Ihr Geld, so viel Sie wollen, wollen Sic nur nicht das mci- „ige. Lieber Freund, warten Sie noch einen Augenblick — einmal muß geschieden sein — darum heißt man's ja auch Scheidemünze — also in Gottesnamen. Hausm. Schiebeu's mir den Gulden, den's mir schuldig san, unten durch die Minsen durch, sonst lass' i Ihnen net herein. Stößl. Jetzt hervor mit der Finanzoperation. (Schiebt eine Banknote unten durch s Lhor.) So, edler Freund — jetzt aber, Höhle Soncha, thu' Dich auf. Hausm. (öffnet). So, küß die Hand, Euer Gnaden. Stößl. Lieber Freund, da haben Sie noch eine Kleinigkeit— aber halt, denken'S Ihnen, wie ich draußen in der Finster das Geld heransnimm — fall'n mir fünf Gulden aus der Brieftaschen — san's so gut und suchen'S mit'm Licht, lieber Inspektor. Hausm. Gleich, Euer Gnaden. (Geht hinaus und sucht mit der Laterne im Schnee.) Stößl (sperrt hinter ihm schnell daS Hausthor). Gute Verrichtung! HauSm. Ja, was g'schieht denn? Euer Gnaden, Sie sperren ja zu. Stößl. So? Wer hat Ihnen denn das g'sagt? Hausm. Aber ich bin heraußt und such' die fünf Gulden. Stößl. Schaun's nur, daß Sie's finden, denn unter sieben Gulden laß ich Ihnen gar net herein. Hausm. O, Sie Lump — aber, Euer Gnaden — die Kälten — der Schnee — Sic haben mein'n Tod am G'wifscn. Stößl. Geben's mir mein'n Gulden z'ruck und einen Gulden Schmerzensgeld für s lange Warten — die fünf Gulden schenk' ich Ihnen. Hausm. Dank Ihnen; was will ich thun? MeinWeib ist bei der kranken Schwester — wenn ich a läut', 's macht kein Mensch auf. (Schiebt da- Geld unten zurück.) Da haben Sö's (bei Seite) Eu'r Gnaden, Sie Räuber! — (Klappert mit den Zähnen.) Die Kälten! Stößl. Leisten Sie noch einen Eid, daß Sie nie mehr vor 10 Uhr zusperren, und nie Jemanden länger als anderthalb Stund' warten lasse»!. Hausm. Ich leiste. Stößl (öffnet). Die Finanzoperation ist gelungen. (Entflieht.) Hausm. (im Zusperren begriffen). Räuber — Kerl elender — Euer Gnaden! (Brummt fort.) Melodram. Fünfte Scene. (Man gewahrt, wie in dem obersten Stockwerk des Gefangenhauses ein vergitterte- Fenster auS- gehoben wird. Später wird ein Strick herabge- lassen, an welchem in der Sträflingskleidung, mit schweren Ketten belastet, ein Sträfling herunter- klettert. Die melodramatische Begleitung währt fort.) Sträfling. Frei— nach jahrelanger Haft frei! — (Sieht in dir Eoulisse.) Die Sckildwache hat mich nicht bemerkt—doch wohin?—Schon wieder tönen Schritte aus dieser Straße und rückwärts — heiliger Gott — die Patrouille — keine Rettung! — nirgends, — ha! — (Starrt plötzlich aufTinir Fenster.) Dort — dort! — (Steigt hinein.) (Dir melodramatische Musik wird stürmischer und endet mit der 6 Verwandlung. (Zimmer bei Frühauf mit Mittel- und drei Sei- tenthüren, wovon eine in die Werkstätte führt.) Sechste Scene. (Durch die Mitte tritt rin Ducker, eine lange dürre Gestalt mit hohen Vatermördern, Brillen und einem Packet Acten unterm Arm Er bleibt an der Thür stehen und verbeugt sich tief.) Ducker. Recht guten Morgen! (Verbeugt sich abermals tief.) Recht guten Morgen! (Blickt aus.) Niemand zugegen? Habe mich umsonst gebückt. (Tritt auf die Thür zur Werkstätte zu, welche in demselben Augenblicke aufgeht und ihn auf die Nase stößt.) Wahrscheinlich in der Werkstätte. — Au — wird die Behörde so behandelt? Frühauf (mit Schurzfell, im Gesichte ge schwärzt, den Hammer in der Hand. Bei Seite). In aller Früh ein altes Weib - schlechtes Zeichen. (Laut.) Der Herr Gerichtsschrei, ber in mein' Haus — ich Hab' mit'm G'richt sehr ungern z'thun. Ducker. Und doch ist der Gerichtsschreiber zur Aufrechthaltung der Ordnung ein so nothwendigeS Institut. Wo würde es hinkommen mit der Welt, wenn Mörder, Diebe und Einbrecher nichts zu fürchten ^ hätten, die Straßenräuber werden überhandnehmen. — Frühauf (immer sehr ruhig). Sein auch nicht schlechter als die Zimmerrauber. Sie! wissen, Herr Ducker, wann i auch a armer Gewerbsmann bin — ich zahl' meine Abgaben, ich halt mich streng an's G'setz in Allem, — ich thu' meine Schuldigkeit als Bürger — Sie wer'n daher verzeih'«, wann ich sag' — es war' mir eine große Ehr' — aber — (deutet auf die Thür) ich will Sie net länger aufhalten. Ducker. Sehr gütig, aber — Frühauf (drängt ihn gegen die Thür). Sie versäumen heut' das ganze Federschneiden. Ducker. Erlauben Sie, Herr Frühauf, daß ich die Ursache meines Erscheinens durch glaubwürdige Argumente erkläre und den Casus zur Sprache bringe. Sie werden wissen, daß ich eine Anstellung besitze, die ihren Mann ernährt. Frühauf (spöttische. Man siebt's Ihnen an. Ducker. Ich habe 400 fl. Gehalt, übcr- dieß freies Quartier. Frühauf. Zeitweis, das versteht sich bei 400 fl. Ducker. 2 Klafter Holz — Frühauf. Wann's Prügel sei'n, viel zu wenig — Ducker. Licht nach Bedarf. Frühauf. Na und natürlich — da brauchen Sie sehr wenig. Ducker. Dabei sind meine Fähigkeiten anerkannt — Frühauf. Ich weiß, Sie sind zu Allem fähig. Ducker. Ich Hab' zwar noch 418 Vordermänner, aber ich habe einen Vetter, welcher Kammerdiener bei Sr. Ercellenz— (Sagt ihm leise etwas in s Ohr.) Sie können sich denken, daß unter solchen Verhältnissen — Frühauf. Die braven, verdienstvollen Leut' zurückstchen, die Weib und Kind und graue Haar am Kopfe haben. Wo der Vetter anfangt, hört sich das Verdienst auf. Ducker. Sie verstehen mich vollkommen, Herr Frühauf, — und so hoffe ich denn, daß ick, obwohl ich eigentlich noch gar nichts geleistet habe, bald Srufe um Stufe steigen und Neider ohne Zahl Hervorrufen werde. Frühauf. Sie sind ein recht a lieber Mann, Herr von Ducker, — Sie Hall — odri. Ducker. Aber sehen Sie, lieber Herr Frühauf, man plagt sich von früh Morgens bis spät Abends, man blättert in alten staubigen Fascikeln, man verfaßt Anzeigen, man nimmt zu Protokoll — man sehnt sich denn auch ein biscken nach Erholung und häuslicher Freude, man hat doch auch ein Herz — man ist doch auch Mensch — 7 Frühauf. Jetzt, das sind Ansichten — Ducker. Man möchte doch aucb auf die Paragraphe hinaus kosen, tändeln und scherzen, und das ist es, was mich zu Ihnen fuhrt. Ihr Tinchen, Meister, ist ein allerliebstes Ding, frisch und munter, könnte mich des Abends, wenn ich den ganzen Tag über gepfändet, geschrieben und processirt habe, weidlich erheitern und mir die Sorgen aus der Stirne streichen. Frühauf. Mein' Tini — Ihnen — iLacht.) Hahaha! — Mein' Tini und Sö— bahaha! Ducker (erzürnt). Erlauben Sie, da finde ich nichts Lächerliches. Frühauf. Hahahaha! Ducker (bei Seite). Verdammter Bengel! Frühauf. Sie san Gerichtsschreiber, Herr Ducker, und wo'S G'richt anfangt, hört sich der G'spaß auf, aber lachen muß ich doch. — Sö und die Tini — mein Kind, das lustige, muntere Ding und Sie— haha!—Siewollen mein Fleisch und Blut? Ducker. Erlauben Sie, Herr Frühauf, Sie bilden sich auf Ihr Fleisch und Blut enorm viel ein. Frühauf (ernster). Sie haben Recht — Herr Ducker, aber sau s net Harb, Sö kriegen mein' Tochter net. Sie wissen, der Frühauf hat sein Maul am rechten Fleck, d'rum verlangen's von mir keine Schmeicheleien; der Mann, von dem sich die Leut' erzählen, er setzt sich ins Wirthshaus, hört zu und bringt die ins Unglück, die sich, wann's duselig wer'n, a Wort zu viel erlauben, der kriegt mein Madel net. Ducker. Herr — Frühauf. Der Mann, der sein' Zukunft auf'n Herrn Vettern und net auf sein' Händearbeit, auf sein Fleiß, auf sein Talent baut, der kriegt mein Madel net. Ducker (erhitzt). Lieber Meister — ich zeige an — daß er — Frühauf. Der Mann, der weder Kopf noch Herz, sondern nur sein Buckel (bückt sich) auf derer Welt zu benutzen waß, der kriegt mein Madel net'. Wanns aber heut' mein Gast sein wollen, die Tini hat heut' Hochzeit mit ein armen, aber braven Menschen, Sö san g'laden. — Er hat zwar ka Licht, ka Holz und ka Quartier — aber a gutes Herz und das kriegt der Mensch auf kan gestempelten Decret. Ducker. Was hör' ich, so begeguet man mir, dem die ersten Bürger mit Vergnügen ihr Haus öffnen? Frühauf. Das thu' ich ja auch! (Macht die Thür angelweit aus.) Ducker. Gut, ich gehe, aber ich werde nicht umsonst beleidigt. Frühauf. Ich weiß eS, bei Ihnen ist nichts umsonst. Ducker. Meine Ohren sind überall. Frühauf. Ausgeben thun'S. Ducker (erbost). Sie sind ein Schreier. Bald räsoniren Sie ü ber schlechte Pflasterung, bald wird Ihnen zu wenig gespritzt, Sie stnd voller rebellischer Gesinnungen. Auch über die Feuerspritzen vom Grund haben Sie unlängst geschimpft. Frühauf. Weil's a Stund nach'n Feuer kommen sind. Ducker. AlleSeinS! doch Rebellion. Wer hat die kranke Judenfamilie, die der Hausherr von Nr. 77 nicht g'litten hat, aufg'nommen? Sie!—Wer gibt, mit einem Wort, immer ein schlechtes Beispiel? Sic Aber die Stunde wird kommen, die Gerechtigkeit schlummert wohl öfters, aber sie wacht auf! (Setzt seinen Hut aus.) Frühauf. Und beutelt Ihnen den Schopf. (Will auf ihn zu.) Ducker. Zu Hilfe — Straßenkampf! Frühauf. Ich werd' Ihnen zeigen, daß ich der Gemeinde ein gutes Beispiel gib und dämm sag' ich gar nir als »Marsch*! Ducker (stolz). Marsch? Zu mir? — DaS will ich sehen. Noch steht der GerichtS- chreiber hier, der sich rächen kann und wird. Wir fürchten uns nicht vor Ihnen, Herr Meister. Frühauf (aufgebracht den Hammer schwin- gend). Marsch! Ducker (entflieht durch die Mittrlthür). 8 Siebente Scene. Frühauf (allein), gleich daraus der Straf« ling (durch die Seitenthnr recht-). Frühäuf (ihm nachrufend). Geh'z Haus und bleib' bei dein' G'schäft, kumm aber nimmer zum Frühaus, der mit Leut', die vom Bucken leben, nir z'thun haben will. (Rust in die Werkstätte.) Z'Mittag, Kinder. 'S iS Feierabend für heut', — Ihr seid Alle zur Trauung g'laden von mein' Kind. (Schließt die Thür der Werkstätte.) Aber erzähl'n sollt' ich meinerTochter doch,wer um ihreHand g beten hat. (Will in dir gegenüberstehende Thür, aus dieser tritt der Sträfling.) Sträfl. (welcher sich Frühauf zu Füßen wirst). Frü häuf. Heiliger Gott! Sträfl. Gnade, Herr, stoßen Sic einen Unglücklichen nicht von sich, welcher vom namenlosen Elend verfolgt wird. Frühauf (erschreckt). Ein Arrestant! Sträfl. (bei Seite). Er scheint bewegt, — Frechheit, steh' mir bei. (Laut.) Ich kenne Sie nicht, mein Herr, aber ich rufe Ihre Menschlichkeit an. Hingerissen von Begeisterung habe ich meine Pflichten als Unter-^ than vergessen und schmachte seit langer Zeit als politischer Verbrecher in der Untersuchungshaft, ohne Verhör, ohne Hoffnung auf Erlösung. Mein Weib ist aus Kränkung dem Tode nahe, meine Kinder entbehren den Ernährer, sie hungern. — Herr, liefern Sie mich nicht aus, beim allmächtigen Gott, ich beschwöre Sie um Menschlichkeit! Frühauf. Der Arme hat vielleicht net g'wußt, was er thut, — die Leidenschaft, — seine Kinder, — und g'rad heut', an dem Tag, wo mein'Tochter ihr'Hochzeit — Sträfl. Es gelang mir zu entspringen, — ich fand kein anderes Fenster offen, als daS Ihrige,— ich habe den Rest derNacht, in einem Schranke versteckt, zugebracht, erst jetzt Hab' ich mich hervorgewagt! — Der Segen eines den Seinen wiedergegebenen Vaters wird Sic begleiten, Herr, auf Ihren Lebenswegen. Sie schenken Ihre Gc« fühle an keinen Unwürdigen. Frühauf (nachdmklich). Der Kopf sagt: Nein! — das Herz sagt: Ja!—WaS soll ich thun? (Zögernd.) Wann man der Stimme da d'rinn' folgt (zeigt aus « Herz) thut ma Recht und sie sagt ja — Sträfl. Heiliger Gott, — Schritte — F r ü h a u f (hastig). Geschwind in das Zimmer, aus mein'n Garderobekasten su- chcn's Ihnen a G'wand, — ich weiß von nir — von gar nir. Sträfl. (küßt die Hand). Der Herr dort oben soll's vergelten. (Ab.) Frühauf. Ich zittere an Häudeu und Füßen, mir iS so curios. — Ich muß in die Werkstatt — sonst erschrickt mein' Tini, wann sie mich in dem Zustand sicht. (Ab.) Achte Scene. Isak Stern (durch die Mitte). Isak (rin Binkrljudr, zerlumpt und häßlich, mit einem Bündel auf dem Rücken, bleibt unter der Thür stehen und ruft:) Handeln! Entr^e-Lied. Und handeln thut a jeder Mensch auf dicscr weiten Welt, Der Aue handelt groß, der klau', und nicht allein nm'S Geld, DaS Losungswort der Menschen heißt jetzt Handel und Verkehr, Und wer nicht handelt heut' zu Tag, für den iS' a Malheur. Handeln — handeln! D'Frau Mutter sagt zum Töchter!: Du, mein Kind, der Herr Baron, Das iS a Mann für Dich, sei g'schetdt,was liegt am Alter d'ran. 9 D'Frau Mutter kriegt au Equipasch, das Töchter!, das is sein, Die handelt halt mit LebcnSglück, der Handel tragt was ein. Handeln — handeln! Ein Andrer sagt: d'Blessirten sinddochwirk- lich arme Leut', D'rum geb' ich morgen ein Conccrt und ihnen sei's geweiht; Doch daß ka Kreuzer übcrbleibt, wird spater erst bekannt, Der handelt mit Barmherzigkeit, ihm tragt's a nencheS G'wand. Handeln — handeln! Alles handelt auf derer Welt — der Kaufmann handelt — der Gewerbsmann handelt — der Diplomat handelt. Warum soll der 3sak Stern net haben sein Manu- saelmgeschäft, verbunden mit ein'm klein'» Nürnberger Detailhandel? — 's haßt doch immer gleiches Recht für Alle.— Was haben wir davon, daß wir sein die auSer- wähltc Nation? Nir! — als das wir nit derfen reden im Parlament und zuhörcn dersen wir ach nit, das is dcr anzige Profit! Wie lang wird's dauern, bis amal kimmt für uns die bessere Zeit? wie heißt bessere? — bis kimmt die gute Zeit. — Amal haben wir müssen geh'n durch'S rothe Meer, jetzt geh'n wir spazier'» im Badner Park, iS a feucht genug. Der MoseS hat sekirt den Pharo mit Stucka zehn Plagen, jetzt hab'n wir Ane, die BörS — sekirt unS mehr wie alle zehne. Der Jakob hat gedient sieben Jahr um die schöne Rachel — das is doch a Zeit, da kann man sich's Heiraten überlegen,— aber jetzt?—Wann ma sagt: Wünsch' guten Morgen, mein Fräulein, gleich haßt's: Sprechen Sie mit meinem Pater. Den egyptischen Joseph haben seine Brüder veräußert für 30 Silberlinge, das san 3 fl. Oe. W., ich kenn' Familien, da sein zehn Personen nit werth fünf Groschen. Zn der Wüste har's geregnet Manna — was regnet'S jetzt? — lauter Wasser! — Zs das a Zeit? — Zs da e Wunder, wann das Geschäft geht schlecht? (Otffnrt da« Bündel.) Mein Börsbericht is gedruckt. Alte Hosen flau, alte Stiefel flau — Hascnbalg wenig begehrt — Alles flau, wo ich Hinschau, — lauter Krisis. Meine feuerfeste Cassa is acurat so wie die andere, g'rad recht zum Durchbrenneu. Wo soll der Mensch hernehmen 's Leben, wann er nir hat zu leben, und da wirft man uns vor, wann wir zu Ostern verspeisen bhriücn- kinder, ich kenn' wieder a Menge Christen, die fressen 'S ganze Zahr die Juden am Kraut. Neunte Scene. Zsak. Tini (Mich gekleidet, aus dcr Leiten thür rechts). Tini. Pater, da bin ich — (Sieht Jsak.) DaS is ja — Zsak. Zch bin es, Jungfer Tini. Gott, sind Sie heut' schön— die Augen roth wie Korallen, diese blendend blauen Li ppen, die schönen weißen Haare und der rabc nschwarzc Busen, a reine Venus! Tini. Jsak, was suchen's denn bei uns. warum bleiben's denn net lieber hint' im Hof in der Kammer, Sic wissen, der Pater sieckt Zhnen nicht gern. Zsak. Ahnen Sic nickt, warum ich bin gekommen im feinen Feiertagsgewande, gewaschen und frisirt? — Wie Heuer im Sommer mein alter Tate, die Mame, mein Bruder der Aron, und mein' klane Schwester die Sorl, wie sie Alle san auf amal erkrankt am bösen Fieber, hat unS der Hausherr nicht gelitten in sein'm Haus,— kranke Leut', hat er g'sagt und kan Zins zahlen, da nehm' ich lieber g'sunde, hat uns hinausgeworfeu aus die Gaffe. K« Mensch hat sich erbarmt um die arme Familie, nur Sie, Jungfer Tini, Sie baden zugeredet Ihrem strengen Herrn Patern, und er har uns eingeramt da hinten im Hof die klane 10 Stuben, wo mein Tate, die Mame und mein Bruder der Aron und mei Schwester die Sorl hinübergegangen sei'n zu dem Hausherrn dort droben — Tini. Isak, nir reden davon — armer Narr — Isak. Wer hat hinübergetragen zn die armen Iüden a Supp, — wer hat ihnen zugesteckt Bettgewand, wer hat aus seiner, Sparbüchse bezahlt Apotheker und Doctor? — Sie sein's gewesen,—Jungfer Tini, und das wird sein Lebenlang nicht vergessen der arme Isak Stern aus Ni'olsburg Ich bet' alle Tag', daß Sie soll'n wer'n krank und so elend, daß Sie net können zwa Schritt' weit geh'n — so miserabel, daß Sie net haben an Bissen z'essen — Tini. Hörn's no net auf? Sö maneten's srbön! Isak. Bloß um Ihnen zu vergelten Ihr gutes Herz. Sie werden net bös sein, Fräul'n Tini, wann der arme Isak auS- kramt mit ein' klanwinzigen HochzeitS- geschenk, — er hat g'spart wochenlang, hat gegessen nir als trocken Brod, aber er hat's zusammengebracht und jetzt legt er's zu Ihre Füß (zirht ein bini hervor) a kleines Armband, echtes Gold Nr. 4, massiv, mit echte Brillianten, iS das a Wasser? — he? — Lauter Wasser! Tini. Aber Isak, was fallt Ihnen ein, wie kumm denn ich dazu? Zehnte Scene. Vorige. Früh auf (welcher die letzten Worte an der Thür der Werkstätte belauschte). Fr ühauf (zu Isak). Auf der Stell' steck' er's ein — einstccken, sag' ich. Isak. Hab' ich schon so viel müssen ein- stecken, werd' ich das ach zusammenbringen. Fr ühauf. Wie kommt denn der Vinkel jud zu Brillanten, das scheint mir verdächtig. Er wird doch nicht? Hat er's vielleicht wo mitg'nommen? Isak. Wie haßt mitg'nommen? Dn Juwelier hat mir mitg'nommen. Frühauf. Mein Kind nimmt kane Präsenten von Leut', von denen man solche Ge. schichten erzählt, wie von seiner Familie Ich Hab' eng aufg'nommen, ja, weil ich selbst mit dem Verbrecher Mitleid Hab', aber darum keine Gemeinschaft. Glaubt er, ich vergiß Alles? Sein Vater hat ein' guten Posten g'habt als Kassier in dem Handlungshaus Müller und Comp., er hat aus Dank die Cassa angegriffen, und wann ihn auch das G'r cht wegen Mangel an Beweis freigesprochen hat, die öffentliche Meinung sagt, er ist schuldig und das Gericht gilt viel. Isak. Mein armer Vater, sie geb'n Dir ka Ruh' im Grab. Frühauf. Und der Apfel fallt net weit vom Stamm. Der Herr Sohn schachert den Leuten das Sachen um etliche Kreuzer ab, das heiß ich Betrug und d'rum sich ich den Herrn net gern bei mir, denn so weit geht mein' Barmherzigkeit net, daß ich mit solche Leut' Bruderschaft trinke. Isak. Solche Leut'? Der Isak Stern hat kan Menschen betrogen, er macht Geschäft wie die Anderen. Wann Sie lesen a Plakat, Strauß spielt heut' bei'm Dom- mayer, bei'm Zeisig, bei'm Sperl, im Volksgarten, Strauß spielt heut' an 10 Orten zugleich — san Sie betrogen oder nicht? Wann Einer sagt in die Zeitung, vom Grinzing bis am Himmel san 15 Minuten und sie geh n zwa Stund' und sei'n noch net oben — san Sie betrogen oder nicht? Wann Sie kaufen an Kölnerwaffer und es is a Wienerwaffer, — wann Einer schreibt a Annonce, 1000 fl. für eine Wanzen und Sie bringen 50 und krieg'n kein Groschen, san Sie betrogen oder nicht? Wie haßt nachher Betrug? Frühauf. Wer blutarmen Leuten ihr letztes Hab und Gut um etliche Groschen abdruckt, der hat ka Herz. Isak (einfallend). Ka Herz? Wie die Meinen sind eleno gewesen, ich bin gewan- II drrt von Haus zu Haus, die Leut' sind uns ausgewichen wie Pestkranken; Gesindel haben sie geschrien, nir wie Gesindel, das Gericht hat den Vater freigesprochcn, die Menschen nicht. Kaner hat ihn ausgenommen, Kaner hat ihm hilfreich gegeben die Hand, Kaner hat die Wunden geheilt, die ihm der Verdacht — die Kränkung geschlagen, die Hand' Hab' ich gehoben auf zu die Leut', Hab' sie beschworen, mein Vater hat nicht gestohlen, aber sie haben gelacht, haben ihre Thür fest verschlossen, damit ich nichts entwend', haben uns über- lassen dem Elend, der Noth. dem Verderben. (Ucbermannt.) Wo soll ick hernehmen a Herz für die Leut', lieber Herr Fr«häuf? Frühauf. Die Leut sei'n nie streng ohne Grund, man kennt Euch halt—'S gebrannte Kind fürcht's Feuer, übrigens, er soll sein Kammer behalten — aber da kumm er mir net her — verstanden — nimmermehr. — lAb mit Tiut.) Tini (drückt im Abgehen Jsak- Hand). Zch dank' Euch recht herzlich für euren guten Willen. (Grüßt ihn freundlich, dann ab.) Eilfte Scene. 3sak (allein). Jsak. Ner amal dankbar darf er sein — der Jsak, er wird gelitten — weiter nir.— Und da soll er haben a Herz? Wann der arme Jud'kauft a alte Hosen unter'« Wertb, daß er profitirt an Gulden, da haßt's, er bat betrogen — und sie dröh n ihm mit briminal, aber Nner, wie der Taschenspieler Bosco, macht'n Witz und verschwindet auf der BörS', solche BoScowitze gehen leer aus. Zwölfte Scene. )sak. Peterl (der Schlosserbub, au- der Werkstätte, mit Schurzfell, geschwärzte- Gesicht). Peterl (al- rr Jsak gewahrt, zieht er ihn aus) Handeln! Sie, bevor'sJhnerMagazin sperren, warteu'S a bissel. 3sak. Haben Sie was zu verkaufen — weiße Wäsch' — oder Stiebel, oder kaufen Sie mir was ab, lauter schöne Waare! Peterl. Heut' iS' d'Hochzeit von der Fräula Tini, na, und da möcht' i halt dabei sein als Nob'l-Schani — da Hab' r mir die Trinkgelder z'sammg'spart, den Schal da Hab' i von meiner Mahm geerbt, den möcht' i d'rauf geben, dafür möcht' i gern a schwarzes G'wand. Jsak. Wie haßt schwarz? —Sie san eh schwarz. Peterl. Alsowas geben Sie mir für das Umhängtüchel? 3sak. Wo iS' a Frau, die heut' zu Tag' hängt was um? — Bei die auSg'schnitte- uen Leiber — verlegene Waar'. Peterl. Verlegene Waar ? Jsak. Je weniger verlegen san die Frauenzimmer, um so mehr san verlegen die Umhängtüchel. So a Tuch bleibt mir liegen 'sganzc 3ahr (zeigt auf den Bündel) in die Manufaktur. Peterl. 3 fl. is unter Brüdern werth. Jsak. Wir san aber kane Brüder. (Zieht einen Frack hervor und hilft Peterl hinein.) Da seh'n Sie amal,—iS das a Frack? Wie angegossen. Peterl (welchem der Frack bi- an dir Zehen reicht). Da tritt' i ja auf die Schüsseln. 3sak. Besser zu lang, wie zu kurz. Peterl. Und g'füttett is' er a net. Jsak. G'füttert? — Bei der tkeuren Zeit. — Hier a prachtvoller Eylinder. Peterl. Den san ja alle Haar auSg'- gangen, der iS ja uralt. 3sa k. Gibt a Menge junge Leut', haben ach kane Haar. Peterl. Nachher fallt er mir ja bis über d'Nasen. 3sak. So a Hut wird ein' net aus- getausckt. Peterl. Da habcn's Recht, da wird sich a Jeder hüten. 3sak. Schöne Strümps' Hab' ick auch (Zeigt ihm Strümpfe, bei welchen der ,-rder. rhtil fehlt.) ' 12 Petcrl. Da fehlt ja der ganze vordere! Wächter. Wir vertheilen nnS. (Alle j, Thetl. jdik verschiedenen Thüren ab) Isa k. Wann es gibt Handschnh ohne Finger, warum sollt's net geben Strumpf ohne Zechen? Peterl. Jetzt brauch' ich noch a Paar Glace dann bin ich g'stellt. Isak (gibt ihm welche). Echte schwkdi sche — renden's mit ihnen, kann kaner a Wort deutsch. Peterl (nimmt sie und macht sie beim Pro biren schwarz). So, — was bin ick schuldig? Isak. Weil Sie san gar so a lieber junger Herr — zehn Gulden. Peterl. I fall' um — fünfc gib i. Isak. Wollen Sie mein Erida — wollen Sie mich lesen in der Zeitung als Vergleichsverfahren? Peterl. Also, da haben'S sechse, mehr Hab' ich nicht. Isak (lamentirend). Er macht mich unglücklich — ich bin a Bettler! Peterl. Na, wann's net wollen, da baben's Ihnern Frack. (Will ihn ausziehen.) Isak. Behalten Sic ihn an, ich bin eh a g'schlagener Mann. Peterl. O je, da kommt der Master. — B'hüt Ihnen Gott! (Ab.) Isak (folgt ihm, sein Bündrl nachschlrpprnd). Sie — iach krieg noch 's Mantill — und mein Geld. — Musje Peterl — in Ge- henem soll er brennen — Herr vum Peterl Sie dalkata Bub Sie! Was san das für erbärmliche Geschäfte! — (Zn die Werkstätte ab.) Dreizehnte Scene. DerSträfling (schleicht auS Krühaufs Zimmer, in Krühaufs Anzug, die Mütze in s Gesicht gedrückt. Gleich daraus) Ducker (an der Spitze schwarzgekleideter Herren). Verwandlung. (Oeffentliche Straße vor Krühaufs Hause, an welchem der Schild: »Krühauf, Schlossermeister« sichtbar ist. Zn den übrigen Häusern Gewölbt mit Auslagen.) Vierzehnte Scene. Eine Brodsitzcrin. (Vor dem Hausthon großes Gedränge.) Volk. Dienstboten re. Erster Dienst bote (zur Brodfitzerin). Was is denn da für a Gedräug', Frau Regerl? Brodsitzcrin. Die Schlossert»« hat ihren Ehrentag mit dem jungen Kraus, - mit'm Apothekerg'hilfen, —gleich Werdens fortfahren, segen's net ain Eck' die Massa Wägen? Fünfzehnte Scene. Vorige. Kraus (umgeben von seinen Verwandten, Tanten, worunter die Psaidlertn) M a- dame Goritschck. Goritschek. Tummeln wir uns. es ist die höchste Zeit — komm', Ferdinand — wart a bissel — die Maschen — (richtet ihm dieselbe). Damit Du mir ka Schaub' machst — hast a Schnopftüchel mit? (Alle Tanten richten an seiner Toilette.) Alle (durcheinander). So — wart a bisserl — das Stäuberl — Kraus. Aber meine lieben Frauen Tanten, — es is ja die höchste Zeit — schon vier Uhr. Sechzehnte Scene. Strafl. Die Gefahr ist vorbei — jetzt davon. In den Kleidern des Schlosser- meisterö wird mich Niemand erkennen. (Ab.) Ducker. Ihr bleibt in der Werk- stättc. Vorige. Stößl (ganz schwarz, eine große Kerze in der Hand). Stößl. Ich hör' noch nicht läuten, eS kann noch nicht angegangen sein. KrauS. Stößl, — seh' ich recht? 13 Stößl. Gelt, ich bin pünktlich — ich Hab' mir von meinem Lcichcnverein eigens die Kerzen ausg'glichen. Kraus. Ah — ah, — bist Du denn verrückt, — so kommst Du auf mein Ehrentag? — ah — ah, — das ist zu viel! Stößl. Ehrentag? — Meiner Seel', das Hab' ich rein vergessen, — ich Hab' glaubt, es is a Leich'. (Zieht eine Zeitung hervor.) Aber denk' Dir. — da schau' her, — Modena, — die provisorische Regierung— Kraus (ihn unterbrechend) Du bist unverbesserlich— verrückter Mensch! Der Beistand meiner Braut. Stößl (bei Seite). Ich Hab' mich schrecklich blamirt, — jetzt kann mich nur mein Brautgeschenk herausrrißen. (Laut.) Ferdinand, — gib diese Kleinigkeit deiner Braut, — es kommt vom Herzen, meine Schwägerin hat's einkaust, die Ohrg'häng in geschmackvollem Etui, das muß Effect macken. Alle Tanten. Gewiß a G'schmuck. Stößl (stolz). Kleinigkeit — aber echt — und eine Fassung — neueste Faxon. KrauS (öffnet das Papirr). Ein Tegel mit Latwerg — (Verächtlich.) Ich danke Dir für diese Aufmerksamkeit. (Ab.) Stößl. Modena is schuld an dieser Latwerg, — nein, wie mir das g'schehen is? Ich Hab' das Unrechte Packet von der Budel genommen, — in aller Früh Hab' ich mir's schon hing'stellt, — jetzt Hab' ich dem Herrn, der sich'n Magen verdorben hat, statt der Latwrrg die Ohrg'häng' g'schickt, der is im Stand' und scklickt's. Ohrg'häng' im Magen, das wäre schrecklich! (Ab.) Siebzehnte Scene. (Albs drängt sich gegen da- HauS Man hört die Ruse) Die Braut — die Braut! — Kraus. Tini (vom Vater, einem Beistand und) Stößl (begleitet, treten vor). Stößl. Die Braut! — da muß ich auch dabei sein. Frühauf. Peterl, laß die Fiaker Vorfahren! Peterl (huscht über - Theater). Achtzehnte Scene. (In diesem Augenblick erscheint aus der Werk- stätte) Ducker mit der Commission. Vorige. Ducker (höhnisch) Entschuldigen Sie, ' meine Herrschaften — wenn ick die Feier des Festes unangenehm unterbreche. Alle. Der Gerichtsschreiber! Was ist denn geschehen? Drucker. Ein gefährlicher Dieb ist dem Gewahrsam entsprungen (mit Bedeutung aus Frühauf) und hat sich in eines der Häuser der Vorstadt geflüchtet. Frühauf (entsetzt). Ein Dieb? Ducker. Ja, ein Dieb, — und jenes HauS, wo er Zuflucht fand, ist das des Herrn Scklossermeisters Frühauf. Alle. Was? Frühauf. Wer wagt das zu sagen? Ducker. Ich, — im Namen des Gesetzes Hab' ich das Haus visitirt und unzweideutige Spuren in Gestalt einer zerfeilten Fessel gefunden, — eben so die ab- gele gten Sträflingskleider, — Herr Frühauf, — ich ersuche Sie, mir zu folgen, als Diebshehler kenne ich leider keine Schonung — Frühauf. Diebshehler, — ich? Goritsckek. Kumm, Ferdinand, — kumm, und gib Obacht, — daß Dir nir g'stohlen wird bei die Leut'? Kraus. Tini! Tini (eilt auf den Vater zu). Vater, das kann net sein, net wahr, — Vater, — es is net wahr? Frühauf. Es is wahr, Tini — es iS wahr. (Umhalst sie.) Vergib dein'm Vater die Sckand'. die er Dir macht, an dein'm Hochzeitstag. Ducker (winkt seinen Leuten und zeigt die Fesseln). Ich bring' Ihnen auch ein Hoch- zeits präsent, Herr Schlossermeister. 14 Tini. Vater! — Verlassen von aller Welt, — verlassen, — nimmt sich denn Niemand meiner an? — Jsak (tritt an ihre Seite). Niemand, als der arme Jsak Stern, — der sein Leben gern opfert für die Wohlthäterin seiner Eltern. (Kniet sich zu ihren Füßen nieder.) Ducker (überreicht Frühauf die Ketten). (Melodramatische Musik.) Gruppe. Ende des ersten Actes. Zweiter Lei. (Sprachzimmer im Gefangenhause, mit Mittelund Seitenthür. Borne links mehrere Schreibtische, an welchen Beamte des Gefangenhauses arbeiten. Man hört klopfen an der Thür, der Wärter ruft: Herein!) Erste Scene. Ein Wärter. Jsak (durch die Mitte mit einem Lragkorb, worin sich Schalen mit Speisen befinden. Pause). Jsak. Ich bitt', — is der Herr Schlossermeister z'HauS? Wärter. Was soll das beißen? Jsak. Sie werden ihn wohl kennen,— den Schlossermeister. — Vor sechs Monaten is er eingezogen. Wärter. Oder eingezogen worden. Jsak. Und auszieh'n lassen'S ihn net, er is so a ruhige Partei, — i möcht' gern a paar Wort mit ihm diskriren, i Hab' ihm hier was g'bracht, lauter Delikatessen n In Sacher. Wärter (winkt einer Ordonnanz). Ich will ihn rufen lassen, unterdessen werde ich diese Eßwaaren untersuchen, ob sich nichts Verdächtiges vorfindet, ein Brief etwa oder der gleichen. (Setzt sich zu einem Tisch und beginnt langsam Alles zu verspeisen.) Zweite Scene. Vorige. Frühauf (ziemlich abgehärmt) Frühauf. Ah, der Jsak! Jsak. Hab' die Ehre! Frühauf. Was gibt's? Jsak. Herr von Frühauf, wie geht's Ihnen? Immer wohlauf?Man steht Ihnen aber jetzt so selten. Frühauf. Wie geht's meiner Tinerl? Jsak. Wie wird's ihr gehen, — ich bin ihr' Gouvernante, ihr Stubenmadel, — ich bin ihr Mädel für Alles, — Sie schick! mich her, um eine Antwort auf die Post — die sie Ihnen hat g'schickt — ich bin ihr k*os1iI1on ck'awour, warum soll ich nicht sein ihr ko8tiIlon eriiuinsll? Frühauf. Sie hat mir sagen lassen, daß a reicher junger Herr, voll nobler Manieren, um ihre Hand anhalt, — sie fragt mich, ob ich einwillig'?—Sag' er ihr — wann der Mann ehrliche Absichten hat und keinMaulmacher is, i steh' ihrem Glück net im Weg. (Nachdenklich) Uebrigens will mir's nit recht g'fallen, daß das Madl ihren ersten Bräutigam in sechs Monat so leicht vergessen hat. Jsak. Warum soll sie nicht vergessen in sechs Monaten ein'n Bräutigam, ich kenn' And're, die vergessen in acht Tag ihren Mann. — Uebrigens werd' ich ihr bringen die Post. Leben Sie wohl, bessern Sie sich, Sie können auch noch werden ein ordentlicher Mensch. Frühauf. Kecker Bursche, soll ich ihn beim Kopf nehmen? Jsak. Sie wollen mir beschädigen? — Mir scheint, es is Ihnen schon allesans, a paar Jahr mehr oder weniger. Aber ich vergeb' Ihnen Alles, und wann Sie kum- men auf eine Festung, besuch' ich Ihnen alle Jahr' zwamal. 15 Früh auf (welcher nachdenklich wurde). Isak, sag er mir amal, hat er nir g'hört, — wie reden denn die Leut' so von mir? Glauben die Menschen wirklich, daß ich ein Diebshehler bin, daß ich mit Verbrechern Gemeinschaft gepflogen Hab', halten mich die Leut' wirklich für schlecht? Isak. Wie kümmen Sie mir vor? Sitzt im Speckkammerl sechs Monat und bild't sich ein, die Leut' wer'n sagen, er is a Ehrenmann. Frühauf. Man kann aber auch unschuldig sein. Isak. Mein Vater is ach gewesen kein Verbrecher (mit Bezug) und doch kenn' ich Leut', die haben geschimpft und geschrien, als wann er wär' gewesen a verbesserte Auflag vom Herrn von Grasel. — Die Leut' sagen, der Herr Frühauf hat den Hehler gemacht von die gestohlenen Sachen, -- Jhner Haus ist verpetschirt, 2hna Fräula Tochter logirt auf ein'n andern Grund, — die Nachbarn haben'S ausgelacht, — die klan Kinder san ihr ausgewichen, weil sie is die Tochter von- Master Frühauf. Frühauf. Weit is 'kommen mit mir,— recht weit. Kan Menschen Hab' ich, der einsteht für mein' Ehr'! Isak. Redens Zhnen heraus, sein schon ganz andere Spitzbuben durckg'rntscht beim Verhör. Frühauf (heftig). 3ck) nimm ihn bei die Ohren und reiß'n auseinand'. Isak. 3s das a Mensch — nix laßt er sich sagen. Morden will er auch schon. Wärter (gibt ihm den Korb zurück). 3ch Hab' nichts Verdächtiges g'funden. 3sak. Er will mir umbringen — und ich bring' ihm da lauter Delikatessen. — Da haben Sie amal zuerst (zieht eine Schale hervor) eine Schalen Suppen. Frühauf (nimmt die Schale und schaut hinein). Da is ja nir d'rin. 3sak (fieht den Wärter längere Zeit an). Wärter (sieht ihn auch an und streicht sich den Schnurrbart). 3sak. Also bring' ich Ihnen hier (nimmt eine zweite Schale) a Kälbernes — (sieht auch diese Schale leer, fieht den Wärter an) und hier a Stückerl Torten —(auch die letzte Schale ist leer, zum Wärter) Sie hab'n aber sehr genau untersucht. Frühauf. Ich dank' ihm für den guten Willen, — und wann er mein Tiner! sieht, sie soll net ganz vergessen auf ihren Vätern, — ich Hab' ja niemand Andern auf der Welt, als Sie. Isak. Den Isak Stern rechnet derHerr net? — Natürlich, — Sie sagen, er is a Betrüger, — aber er hat doch net vergessen, daß Sie haben geöffnet Ihr Haus seinen armen Eltern — und wenn Sie amal sind frei, dann kommen Sie zu ihm, er wird nir wissen von der ganzen Geschichte. Trösten's Ihnen, — wann Ihnen wird die Zeit lang, machen Sie's so. (Dreht dm Daumen im Kreise.) Vergeht a Monat um's andere. — Man g'wöhnt's. 's kimmt Alles d'rauf an, wie man's betracht', — wenn Sie sitzen bei an klassischen Stuck im Theater, san Sie auch allein, — denken's Ihnen, der Arrest ist a Losch. (Man bringt mehrere zerlumpte Arrestanten, welche nach verschiedenen Richtungen abgeführt werden ) Sie kriegen Gesellschaft, — ich will Ihnen nicht länger molestiren. (Zm Abgkhen zum Wärter.) Der Fresser! Stanersoll'n ihm wachsen im Bauch. Ribiseln sollen Zhnen wachsen auf der Nasen, Federmesser sollen Sie schwitzen, Sie Fresser Sie! Dritte Scene. Vorige ohne Isak, dann Ducker. Frühauf. Und g'rad' vor ihm steh' i als Diebshehler da, — vor ihm, — kann ich's ihm verdenken, wenn er mich für schlecht halt? Soll ich fluchen oder wana?— (Brü- tend.) So lang i da herin bin, is' gut. — Wann i aber amal hinaus kumm, — die Schand'l — die überleb' ich nickt. Ducker (verbeugt sich bis auf die Erde, bleibt unter der Thür stehen). Allerseits recht guten Tag. (Kriecht mehr in den Vordergrund.) Darf 16 ich bitten um wenige Worte mit dem Verbrecher, — a, hier ist er ja selbst. Frühauf. Ja, Sie Ehrenmann, der Verbrecher ist da. Was verschafft mir die Schand' Ihres Besuches? Haben Sie sich vielleicht selber angezeigt? — Einen größeren Gefallen könnten Sie der öffentlichen Sicherheit gar nicht erweisen. Ducker. Ich komm' als Freund zu Ihnen. Frühauf. Das verbiet' ich mir. Und bucken's Ihnen net so vor meiner. — Die Titeln, die's von mir kriegen, sein taxfrei. Ducker. Ihre Untersuchung kann sich in die Lange ziehen. Frühauf. Warum denn? — Ich Hab' ja keinen Advocaten! Ducker. Die Procedur an sich — Frühauf. Wann ein Doctor juris no so schön daherred't, — so gewichtig wie das Recht spricht kaner. — Und der Unterschied in die Erpensen — Ducker. Ich weiß nicht, ob Sie wissen, Herr Frühauf, daß auf die Einbringung des entsprungenen Sträflings, welcher bekanntlich aus einem Prager Großhandlungsbause nahe an 100.000 fl. zu entwenden wußte, ein Preis von 1000 fl. gesetzt ist. Frühauf. Ich kenn' honette, brave, ge- sckeidte Leute, die für ihre Köpf' nit den hundertsten Theil kriegen. Es ist traurig. Je größer der Hallunk, — um so höher im Preis steigt der Kopf. (Pause.) Jhner Kopf muß unerschwinglich theuer sein. Ducker. Sie sind gut bei Laune, Herr Frühauf, gut für Sie — doch um zur Sache zu kommen, Sie wissen gewiß Näheres über den Aufenthalt des Delinquenten, verhelfen Sie mir zum Preise, ich will dahin zu wirken suchen, daß Ihre Strafe milder ausfällt, — hier ist ein Stück Papier und Bleistift, — schreiben Sic mir die Adresse des Hallunken auf. Frühauf. Mit Vergnügen. (Schreibt einige Zeilen.) Da. Ducker. Tausend Dank, edler Mann, — ich wers mich dem Herrn Rath für Sie zu Füßen, also wo logirt der Spitzbube? — (Liest.) Dasist ja — (zornig) das ist ja meine Adresse. Frühauf (ruhig). Geh'nS nur hin, aber jetzt is er net z'Haus. Ducker. Nur zu mit dieser Verstockheit. — nur zu. Sie wollen nicht? — Auch gut! —Es hätte eineHanddie andere gewaschen, — aber so, — ist mir nur leid, — jetzt Hab' ich die letzten Wochen alle Tage 5—6 verdächtige Menschen verhaften lassen und jeder war unschuldig. — Mein Kopf siedet. Frühauf. Bachen wär er mir lieber. Ducker (bei Seite). Vielleicht fang'ich ihn auf die andere Weise. — Lieber Schlossermeister, — er weiß, ich rede so ein Wörtlein mit in der Gemeinde, — wenn ich Ihre Angelegenheit beim Schlossermittel aufrühre, wer weiß, ob man Ihnen nicht das Gewerb' entzieht, — natürlich — man ist so heiklich mit dem Bürgerrecht, — doch ich will schweigen, — wenn Sie jetzt, — wo Sie eigentlich zu todt froh sein müssen, wenn ein ehrlicher Mann in Ihre Familie tritt, — das Töchterlein mir zum Weibchen geben, — vielleicht daß sich dann mit Protection die Sache Niederschlagen laßt. Frühauf (klopft ihm auf die Achsel). Das Recht braucht ka Protection! — Der ehrliche Mann kann vielleicht auf Augenblicke verdächtig werden, der Schuft aber geht nie straflos aus. (Bückt sich tief vor Ducker.) D rum dank' ick für Protection. (Klopft sich aus die Brust.) Da bin ich schon freigesprochen, das sag' ich Ihnen, der Diebshehler, der Verbrecher, — der Lump (Verbeugt sich nochmals.) Sie ehrlicher Mann! (Ab.) Vierte Lerne. Vorige ohne Frühauf. Ducker (sieht ihm zornig nach). (Es schlagt 12 Uhr.) Wärter (ironisch). Wünsche wohl zu speisen! (Ab mit den Beamten ) 17 Ducker (allein). Ich sehe Dich noch kirre, Herr Schloffermeister. — Will Dich schon anschwärzen (klopft an die Seitenthür, öffnet sie; eine Stimme ruft: .O lieber Ducker!« er bückt sich tief.) Gehorsamsten guten Morgen, Herr Rath! (Ab.) Verwandlung. (Bescheidenes Zimmer mit Mittel- und Seiten ldür bei Tini. Im Hintergründe eine große alt' väterische Pendeluhr, welche in einem langen, bis auf die Erde reichenden Kasten verwahrt ist. Aus brr Seitenthür links tritt Lim. sorgfältig frifirt und nett geputzt. Ihr folgt Zsat mit dem leeren Speisekorb.) Fünfte Scene. heraus, daß der Feind — will ich sagen der Mann — hat Eroberungspläne, jetzt kimmt's zur Bataille, — sie wirft ihm was vor, er wirft ihr was vor, — sie wirft ihm was nach — die Wurfgeschütze werden immer gröber, die Schwiegermütter — die natürlichen Bundesgenossen, eilen zu Hilfe und am Ende bleibt der häusliche Frieden am Platz. Da wird dann zusammengesetzt a Eonferenz und es iS eber ka Fried', bt- üe gengcnauseinand'.Ueberlegen'S Ihnen'- reckt gut, bevor Sie heiraten. Sechste Scene. Porige. Ein Commis mit Lehrburschen (welche Larton- rc. bringen). Tini. 3sak. Tini. So hat der Vater nichts dagegen, wenn ich den Heim v. Sternfels Heirat? Isak. Er schenkt Ihnen unumschränkte Freiheit, — er kann'S ja thun. Tini. Und worum sollt' i net'? Er is reich — nobel und reden kann er, — da gibt's nir Zweites. 3sak. Reden kann er? — Großer Fehler für ein Eh'man. Tini (nachdenklich). Und was den Ferdinand betrifft, — es war ihm ja nir gelegen an mir, — hätt' er sich sonst so benommen? 3sak. Fräula Tini, bedrnkeu'ö, das Herz bat zwei Kammern, — gcbcn's Acht, daß Zie's nicht verlassen, so lang' ein and'rer solider, lediger Herr d'rin logirt; oder haben Sie ihm schon aufgesagt? Tini. Dem Ferdinand? (Mit innerem Kampf.) Er hat mich so heruntergesetzt damals und der Herr Stcrnfels dagegen is so aufmerksam — Isak. Fräula Tini, in der Eh' iS' die nämliche Gschickt' — wie bei ein' Krieg'. 7 " Zuerst wer'« Noten gewechselt — Fünfer- und Zehner-Banknoten und die Geliebte kriegt a Menge Präsent. — Au' amal san's a Paar! — Nachher steÜ^fich^S Commis. 3m Auftrag des Herrn von Sternfels bringen wir hier einige Artikel zu dein Brautanzuge deS gnädigen Fräuleins. Tini (springt vor Freude in die Höhe). Die schönen Sachen — ah — (Besinnt sich und sagt affectirt.) Legen Sie die Kleinigkeiten nur dorthin. 3sak. Er ruckt schon aus. Commis (ab). Siebente Scene. Tini. 3sak. Tini. Die Spitzen— die Bänder, die schweren Stoffe — (hüpft herum) der liebe Herr von Sternfels! (Probirt Einige- beim Spiegel.) Isak. Feine Waare, — schöne Waare, — könnt' sein gekaft bei mir. Der Herr soll geben, daß eS 3hnen gut anschlagt. Tini. 3ch weiß, Isak, — Sie meinen'- gut mit mir, — beladen mit Schmach, bin ich beinahe als Bettlerin fort aus unserm HauS, — Sie haben 3hr Letztes getheilt mit mir. — 3sak, daS werd' ich 3hnen nie vergessen. 3sa k (drückt ihr die Hand). Laffcn'SSie'S gut sein, warten wir, bis mehr zusammcn- kommt. r^kr-RiptNoir« X». Is» 2 18 Tini. Der Herr Sternfels will mich noch heut' zum Herrn Pfarrer führen, — er fragt mich immer um Vater und Mutter, — ich weich' ihm aus mit der Antwort, — soll ich ihm sagen? — (Zögernd.) Ich glaub', es ist besser, wenn ich schweig'. Jsak. Schweigen is immer besser wie reden. Tini. Seitdem ich ihn zum ersten Male g'seh'n Hab', — es war vor vier Wochen, wie ich in d'Kirchen g'gangen Lin, sagt er mir täglich, daß er nicht leben kann—ohne mich.— Wann er wußt, daß mein Vater wegen ein' Verbrechen—sechs Monat! — Jsak, er kummt dann vielleicht nimmer und es ist aus,— er darf nir erfahren—nir — (Sieht zum Fenster hinaus.) Meiner Seel' — da kummt er g'rad, er grüßt herauf — guten Morgen, Herr von Sternfels — (macht Bücklinge) saub'rer is er auf jeden Fall als der Ferdinand. Geh'ns, geh'ns, Jsak. Jsak. Ich soll Sie lassen allan? Tini. Schau'ns — Sie wissen, der Herr von Sternfels mag Ihnen net. Jsak. Wann sich die Tugend a halt wie a Malakoff — auf amal schießt ein Bombardement von Schmeicheleien a Bresch. — Mir fallt was ein — ich setz' mich da hinein in Uhrkasten — und wann droht Gefahr, so kumm ich zu Hilfe — als deutsche Bundesarmee. (Steigt hinein, die Uhr repetirt.) Gott, der Gerechte, da bin ich getreten auf die Repetirschnur — das is gar nicht schlecht — so oft er aufschneidt, werd' ich schlagen lassen an Vertel — wann er recht wird lügen — schlag' ich drei Vertel — und wann er wird gefährlich — dann schlag' ich ganze Stunden. (Steigt in dm Ka- stm, welchen Tini zuschließt.) Achte Scene. Vorige. Sternfels (in welchem das Publicum den Sträfling vom ersten Act erkennen muß). Sternfels. Schönes Kind — guten Morgen! Tini. Wünsch' gleichfalls alles Erdenkliche. (Für sich.) Wie sauber als er frisirt ist, und das Bartl steht ihm so gut. Sternfels. O mein geliebtes Tinchen, wann wird endlich die Stunde schlagen, von welcher ich Sie auf ewig mein nennen kann! Tinchen, Sie sind meine erste, meine letzte Liebe. (Im Uhrkasten schlägt es ein Mertel.) Tini (sieht sich bestürzt um, bei Seite). Er lügt schon. (Laut ) Herr—Herr von Sternfels — Sie sind so gütig, — ich weiß net — wie ich mich bedanken soll — heut' haben Sie wieder so viel Geld für mich ausgegeben. Sternfels. Erwähnen Sie diese Kleinigkeit nicht. Verlangen Sie mein Leben und ich lege es freudig zu Ihren Füßen. (Es schlägt vier Mertel, er sieht sich um.) Ihre Uhr geht voraus, — Sprechen Sie, Tinchen — haben Sie Ihre Verwandten befragt — willigen dieselben in eine Verbindung mit mir? Tini (zögernd). Ich habe keine Verwandten, Herr Sternfels — ich steh' allein auf der Welt — ich bin verwaist. Sternfels. Um so besser— dann will ich suchen, Ihnen den Verlust der Ihrigen vergessen zu machen. Jede Stunde meines Lebens — jeder Pulsschlag sei Ihnen geweiht. Tini. Sie versprechen zu viel — Sie sind gewiß so wie alle Männer. Sternfels. Reden Sie nicht so. Für mich gibt es kein zweites Weib auf dieser Welt — und stiege eine Göttin nieder — sie würde von Ihnen verdunkelt werden — ich schwöre es zu Ihren Füßen, daß nur Ihr Bild — (Die Uhr schlägt längere Zeit.) Verfluchte — Tini (ängstlich). Sie is'brochen. (Geht nahe hin.) Der Prater muß alleweil dreinplärren, ich werd' ihn zum Machen geben. Sternfels. O Tini — wir sind allein — (Sieht sich um.) Niemand stört uns — besiegeln wir unfern Bund mit einem Kuß. (Umfängt sie) Tini. Herr von Sternfels — o ich bitte — (Die Uhr beginnt zu schlagen und zwar sehr laut und so lange, bis das Paar auseinanderfährt.) Sternfels. Erlauben Sie, daß ich diese verdammte Uhr zum Fenster hinaus-- tverfe (sieht auf die Uhr), die schlägt ja rein, was sie will. — Endlich ist sie still. — O Tini — (Rückt wieder nach der Tini, sieht ängstlich aus die Uhr, es schlägt ein Viertel, Stern- fels erschrickt, macht zornig eine Pause, nähert sich Tini wieder, die Uhr schlägt abermals; bei Seite.) Ich Thor, was laß ich mich von diesem Möbel spotten. — (Stürmt auf Tini ein, die Uhr beginnt ihr Spectakel, Tini zieht sich erschrocken zurück.) Ich schlage diese Uhr in Scherben! (Die Uhr schlägt fort.) Ich werde wahnsinnig — leben Sie wohl, Tini. — Die Gesellschaft ist für Abend bestellt — beim Sperl ist der Verlobungsschmaus, um sieben Uhr hole ich mein Bräntchen, — verflucht! — Leben Sie wohl— Engel— höllische Uhr! — (Hält sich die Ohren zu.) Adieu! (Ab.) Neunte Scene. Vorige ohne Sternfels. Isak (öffnet den Kasten, tritt heraus). Hüb iach repetirt? Tini. Schamen's Ihnen, — ich bin recht bös. Isak. Gott der Gerechte— wenn ich «icht bin, ist die Provinz kapores. Tini. Es ist die höchste Zeit, daß ich mich anzieh' — Isak — Sie sein eing'la- den — zum Souper — aber ordentlich anzogen — verstanden. — (Seitenzimmer ab.) 3sak (allein) Ordentlich angezogen? — Weil ich nicht Hab' Halskrägen, die mir abschneiden die Gurgel, weil ich nicht Hab' a Maschen — daß man muß aufmachen 's ganze Hausthor, halt sie mir für xuuvre! —Der Isak Stern is zwar ka Kootzen, aber er is auch kein Schnorrer. Er hat in neuerer Zeit mit Glück speculirt — die letzten Krisen haben ihn net amal angegriffen und ich bin überzeugt — der arme Isak Stern hat mehr Credit als wie der reiche Herr von Sternfels — mit all' seiner Noblesse. Den Hab' ich curios hinausrepetirt. — So a Uhrwerk wär'gar nicht schlecht, denMeu- schen zu mahnen, wann er will unrecht thun und im Grund, er hat's! — Der große Uhrmacher hat's ein'm Jeden mitgegeben, und da drinnen schlagt es so lange, bis die Uhr muß stehen bleiben, weil die Lebenszeit ist abgelausen; warum will der Mensch nicht hören das Uhrwerk? Couplet. Beim Armenarzt is just die Zeit Für d'Ordination, Am Flur draußt warten d'kranken Leut' Zwei volle Stunden schon. Auf einmal schreit der Doctor aus: Heut' wird nicht ordinirt, Ein ander'mal, jetzt schert's Euch z'HauS, Ich bin zu occupirt. Er hört das Glöcklein nicht, Was leise zu ihm spricht — Die Armen, die Dich bitten, weist Du ohne Mitleid fort, Vielleicht g'schieht Dir das Nämliche vom Armenvater dort! Ich eß ka G'flügel, sagt a Frau, Ich Hab' a weiches Herz, Das arme Vieh, ich weiß's genau, Fühlt wie der Mensch den Schmerz. Dabei sekirt sie ihren Mann Auf's Blut ein' jeden Tag. Daß d'Nachbarschast von nebenan Gar nimmer bleiben mag. Sie hört das Glöcklein nicht, Was leise zu ihr spricht: Wennn Dich der Helden Mißgeschick halt gar so g'waltig rührt, Warum wird dann dein armer Mann mit Reindeln bombardirt? 2 * 20 Sie wollen bei mir a Wohnung krieg'n, Im Gotteshaus steht eine Dam'. Marsch bei der Thür hinaus, DaS Betbuch in der Hand, A Jud' mit Kinder — da iS d'Stiegn, !Es iS schon spät, sie geht nit Ham, Und kommen's gut nach Haus. jSie bleibt wie festgebannt. Ich nehm' nur Christen durch die Bank, !Gott, sag'n die Leut', das Kind iS frumm. Wir haben ausdiscrirt, Die Andacht muß man ehr'n. In meinem HauS hat Gott sein Dank ! Derweil schaut's recht s und links herum, Noch nie ein Jud' logirt. > Und speanzelt mit ein'Herrn. Er hört daS Glöcklein nrcht, ' Sie hört das Glöcklein nicht, WaS leise zu ihm spricht: ! Was leise zu ihr spricht: Du bist im Unrecht, lieber Freund, daß d'jDu frevelst an der Heiligkeit und heuchelst grob gewesen bist, nock dazu, Wer d'Menschlichkeit nicht besser kennt, is^Jm Gotteshaus, mein Kind, da iS kein selber ja kein Christ. I Platz zum Rendezvous. (Ab.) 'S geht ein Blesstrter über'n Weg; Ein Herr sagt: Lieber Freund, WaS ich für eine Achtung heg' Für Sie — o Gott — und weint. Ich Hab' just daS Gedicht bei mir, WaS »Heil den Tapscrn« haßt, DaS les ich Ihnen vor gleich hier, Ich selber hab's verfaßt. Er hört daS Glöcklein nicht, WaS leise zu ihm spricht: Der Mann iS eh so schwach und krank, d'rum sei doch nicht so dumm, Und such' Dir für dein Kriegsgedicht — ein g'sundes Publicum. Der Mann is g'storben, daS Weib sagt: Leut', Ich möcht' am Friedhof mit, D'rum tragt' ihn langsam, sis nicht weit, Komm sonst nicht nach — ich bitt. -»WaS?* schrei'n die Träger, «letzte Class', Und langsam auch noch trag'n? Da zahl' die Frau a fünf, sechs Maß, Oder nimm sie sich a Wag'n.* Die hör'n das Glöcklein nickt, Was still zu ihnen spricht: Habt's Mitleid mit dem armen Weib, so kummervoll und bleich, Ob erste oder dritte Class' — der Sckmerz iS üb'rall gleich! i Verwandlung. (Atelier beim Fotografen Patzer mit Mittel- uod S^itrvthür. Au der Seite links ist weiße Leinwand ausgespaunt. vor dieser rin. Stuhl, wie dirß bei Fotografen der Fall ist- 2n der Mitte der Bühne der fotografische Apparat. An dro Wänden fotografische Porträts. In einem Fan- teuil eine angezogene Gliederpuppe ) Zehnte Scene. Kraus. Stößt. Diener (beim Lisch be. schäftigt). Stößl. Jetzt wird mir schon die Zeit lang, bis der Fotograf mit so ein dalketen Porträt fertig wird. Kraus (beleidigt). Dalketen Porträt?— Mein Porträt! Stößl. Das bezieht sich ja nicht auf Dich — das geht den Fotografen an, der di grfaotosirt — sigratvfort. — UebrigenS die Idee is superb, daß Du Dich fotogra« firen laßt — Du, mir scheint, die Tini bat mich bloß deswegen wieder zum Beistand' gewählt, damit Du Dich recht gisst. Kraus. Gift'« thu ich mich nickt — aber gekränkt hat sie mich tief. — Ich räche mich edel. 21 Stößl. Durch deine Fotografie. Ich leg's beim Derlobungssouper unter ihr Salvct — wie sie Dich steht, hat sie geffen. Diener (stellt den Tisch mehr in den Nor- dtrgrund. dann ab). Kraus. Das will ich eben, denn daß sie mir das anthut, hätt' ich nie geglaubt. Stößl. Aber sie thut ja Dir nir an — sie Heirat' ja einen Andern, dann — ich bitt' Dich — Familien, die so gravirt sind! — Er is ja gar kein Schlosser mehr, er is schon mehr Graveur.—Nein, das is zu arg, wie lang der Fotograf umtandclt — ich Hab' so viel zu thun heut' — 's Abendblatt Haben s Gott sei Dank confiscirt — ich kann derweil wieder a bissel lernen. Mein' Schwägerin gibt ein Haustheater — ich spiel' den Abällino. — (Declamirt.) »Wo ist der Elende, daß ich ihn zermalme — Schurke, wo bist Du?« Eilste Scene. Vorige. Der Fotograf. Fotograf (bringt eine Fotografie, erboßt). Mein Herr — Stößl (fortdeclamirend). Hab' ich Dich ertappt? Fotograf. Was untersteht sich der Herr? Kraus. Sind Sie nicht böse — (sagt ihm etwa» in- Ohr.) Er studirt a Roll' tür's HauStheater. Fotograf. Ah so — das ist etwas Anderes. — Das Bild iS fertig — sehen Sie. Stößl. Ausgezeichnet—famoö! Wen stellt es denn eigentlich vor? KrauS. Sehr gut bin ick getroffen. Fotograf. Nun, so werd' ich es schnell montiren. (Ab.) Zwölfte Scene. Vorige, ohne Fotograf. KrauS (seufzt). Stößl. Was machst Du denn wieder für ein melancholisches Gesicht? Kraus (bei.Seite). Soll ich etwa lustig sein — sie denkt nicht mehr an mich. — Ich bin verloren. Stößl (gestikulirend). -»Wer ihn lebendig wiederbringt, erhält ein Königreich.* — Damals haben's also auch schon die Königreiche verschenkt? KrauS (lamrntirend). Ich hätt' mir ja aus der Schand' gar nir d'rauS g'macht, aber mein' Tant' — Stößl (wie oben). »Dieser alte Kasten muß zertrümmert werden.« Kraus. Mein Vater traut sich nir zu sagen. - Stößl (wie oben). »Bring't das Roß hieher.* Kraus (immer für sich) Das Milchweib aus dem HauS, wo sie logirt, hat aber doch g'sagt, daß sie noch öfters an mich denkt — das Milchweib wird doch nicht lügen? Stößl. »O, ich kenne diese Giftmt- scherin. — Reicht mir ein GlaS Wasser, lieber Bauersmann, daß ick mich erfrische. (Nimmt, während er in'« Buch fleht, eine- der herumstrhevden Gefäße ) Welch' ein Labetrunk! * — (Läßt da- Buch fallen und wirst da- Tla- weg.) Pfui Teufel! Dreizehnte Scene. Vorige. Fotograf (bringt da« Porträt) Fotograf. Mein Eolodium! KrauS. Wissen s, mein Freund iS so zerstreut — da haben Sie für's Bild und etwas für's Eolodium. (Zu Stößl.) Da hast mein Porträt. — Ich bin'troffen — famoö.— Also, Stößl, unterhalt' Dich recht gut, und 22 mach'S, wie ich Dir g'sagt Hab'. (Im Abgehen.) Ich wcrd' mein Tincrl nie vergessen. (Durch dir Mitte ab.) Stößl. Sie — ich möcht' auch mein Porträt hoben — aber größer. — Wissen Sie, ich brauch' dieses Portrat für meine Bertha. Fotograf. Das is mir alleSeins. Stößl. Weil Sie diese Sache schon in- teressirt — wissen Sie, diese Bertha is eigentlich — Fotograf. Ich hol' einige präparirte Platten. (Ab.) Stößl. Wenn die Leut' nur nicht so neu, gierig wären, — dieses AuSsorschen is mir schrecklich zuwider. Vierzehnte Scene. Stößl. (An der Thür lauschend) Ducker. Stößl. Da kann ich unterdessen weiter studiren. (Declamirt.) »3a leider ist das Gc- heimniß entdeckt, — ich habe diese Summen gestohlen, und ihn, den Edlen, grausam erdolcht. 3ch fühlte kein Mitleid mit dem neugebornen Säugling, — ich habe auch ihn, Alle Hab'ich ermordet.« (Bei Seite.) Dieser Abällino muß ein Doctor gewesen sein. Ducker (schlägt bestürzt die Hände über n Kopf zusammen). Was hör' ich? — so Hab' ich doch Recht! — Schon auf der Straße belauschte ich ihn, als er seinem Genossen von feinen Schandthaten erzählte, — der And're ist entmischt. — Aber gewiß ist dieser hier der entsprungene Sträfling. (Zm Ab. gehen.) Jetzt schnell um SuccurS. Stößl. Jetzt kommt das schwierige Hohngelächter. (Grinsend.) »Hihihihi! — Hehehehe!« Das wird sich herrlich machen. — Ah, der Fotograf! Fünfzehnte Scene. Voriger Fotograf (kommt mit einer Platte, derjGehilfe ebenfalls, legt die Platte auf den Tisch)- Fotograf. Nun bitte ich, sich zu setzen. (Deutet aus den Stuhl und richtet den Apparat) Stößl. Sitz' schon. (Sieht die Glieder puppe.) Dort sitzt noch a Herr! Fotograf (lächelnd, während er den Apparat richtet und dir Platte hineingibt). Eine Gliederpuppe — sic dient bei Retouckl- rung der Bilder, um die Kleider darnach fertig zu machen. Stößl. Ah so! ich Hab' glaubt, daS is a Herr. Fotograf. Nun bitte ich um Ruhr, das ist die Hauptsache. Stößl. Ich bin ein Deutscher — de- fürchten Sie nichts. Fotograf. So! — Jetzt! — (Nimmt daS Tuch weg) Stößl. Wenn Sie wollen, setz' ich mich anders. Fotograf. Jetzt ist schon eine Platte hin (nimmt selbe heraus) ja, wenn Sic nickt ruhig sind — (Der Gehilfe steckt eine andere Platte ein.) Stößl. Entschuldigen — ich Hab' nur glaubt, dieser Fuß is Ihnen lieber. — Fotograf (indem er sich den Kopf verdeckt und in den Apparat hineinfieht). Jetzt muß ich ernsthaft ersuchen — Stößl (nach einer kleinen Pause). Erlauben Sie, haben Sie schon angefangt? Fotograf. Mein Herr — ich habe meine Zeit nicht gestohlen. Stößl. Ich Hab' auch nicht Tagdieb g'sagt zu Ihnen — aber schneuzen werd' ich mich doch dürfen. (Thut es.) Fotograf. Aber jetzt werde ich um Ruhe bitten. Stößl. Ein schrecklicher Mensch — alleweil Ruhe — der soll in Cayenne foto> grafiren. — Also is es so recht? Fotograf. Endlich! Stößl (verfolgt eine Fiege und fährt mit der Hand über'S Gesicht). Fotograf. Ah — oh! — DaS Bild ist schon wieder hin — Sie sind ja mit der Hand über'S Gesicht gefahren. 23 Stößl. Mir ist aber eine Fliege über die Nase gefahren — gcben's den Leuten ein Dogelleim in die Hand oder ein Bogen Fliegenpapier. Fotograf. Sie sind ein Narr. Stößl. O — Sie — Fotograf— Sie! Fotograf. Jetzt hol'ich noch eine Platte, bis jetzt bekomme ich acht Gulden, wenn Sie es aber so forttreiben, werden Sie staunen — was Sie zu bezahlen haben. (Ab.) Sechzehnte Scene. Stößl (allein). Stößl. Das ist ein schrecklicher Kerl, acht Gulden! — Wenn ich acht Gulden hält', da leihet' ich der Bank was zur Aufnahme der Silberzahlungcn; das Beste ist, ich trete einen geordneten Rückzug an. — Aber halt, damit er's nicht gleich merkt. (Setzt die Gliederpuppe aus seinen Platz und gibt ihr seine nachdenkliche Stellung ) Er kommt schon — Adieu — ich stelle meine Zahlungen ein! — schon wieder eine Finanzoperation! — Ich entfieuche durch die Hintertreppe. (Ab.) Siebzehnte Scene. Fotograf (geht an der Puppe vorüber und stellt sich zum Apparat). Fotograf. Sie muffen nicht glauben, mein Herr — daß Sic mich zum Besten halten können. — Ick brauche meine Zeit weiter. Achtzehnte Scene. Voriger. Ducker mit zwei Wächtern. Ducker. Hier ist er! (Tritt zur Puppe.) Ich verhafte Sic im Namen des Gesetzes. — Folgen Sie mir. — (Sieht die Puppe.) Verrath! (Zum Fotografen.) Herr, Sie sind mit dem Gauner einverstanden und haben ihn entwischen lassen, als Sie uns vom Fenster aus gewahrten. Fotograf. WaS soll daS heißen? — Aber ich kenn' diese Finten schon. Ihr seid Alle Spitzbuben, wollt' mich zum Besten halten. — Augenblicklich kommen Sie mit mir auf die Polizei. Ducker. Was? ich? — Gie kommen mit mir. Fotograf. Nein, Sie werden mit mir gehen. Ducker. Vorwärts! (Packen sich bei den( Kragen und führen sich unter fortwährendem Streite ab.) Verwandlung. (Abend. Der Prospect bildet die Anficht einer Kirche. Volk geht vorüber. Aus der Kirche tönen Orgeltöne. Die Abend-Andacht hat ihr Ende erreicht- Die Andächtigen verlassen die Kirche.) Zwanzigste Scene. Jsak, dann Frühanf (aus der Kirche). Jsak. Heut ist der Fränl'n Tini ihr Perlobungstag, da muß man sich putzen zusammen. Der Jsak Stern als Irauts sinanoe. Soll mir Ancr nachmach'n bei die jetzigen Zeiten — klanc Spekulationen, aber sichere Spekulationen. — Kan Credit, aber doch Credit — bin nicht Hausse, aber auch nicht bös. — WaS seh' ich — an Amnestie — Herr Frühauf — san Sie's, oder san Sie's nöt? Frühauf. Ja, Jsak, die Wahrheit dringt am Ende doch durch. — Ich Hab' heut' wie vor einem halben Jahr nir g'sagt, als wie die Wahrheit, und endlich baben'S mich doch entlassen. Jsak. Die Wahrheit gesagt und entlasse»? — Ich kenn' Länder, da sperrt man solche Leut' erst recht ein. Frühauf. AlSDiebshehlerbinich wegen Mangel an BeweiS^freigesprochen, für das, daß ich ein'n Verbrecher zur Flucht ver- Holsen Hab'—is mir meine Untersuchungshaft als Straf' angerechnet worden. — Freigesprochen wegen Mangekan Beweis! Jsak. Wie heißt Beweis? — Freiheit is die Hauptfach. WaS thu' ich mit'nBeweis?— Schleswig-Holstein wär' froh, 24 wann'S wär' frei wegen Mangel an Beweis. Früh auf. Ich komm' g'rad recht zu der Verlobung von mein'm Kind. Ich Hab' den Himmel g'beten, er soll's glücklich — recht glücklich werden lassen. Sie wird a närrische Freud' haben, wann sie ihren Vater erblickt. Ifäk (geht in die Loulisse). Was halten da für Wägen — sie sind'- — sie steigen auS. — IS daS a Tochter, die macht Ihnen Ehre. Frühauf. Und ich mach' ihr Schand. Isak. Sie kommen, — Gott — was für ein'Eleganz! Einundzwanzigste Scene. Vorige. Tint (mit dem Myrthenkranze; am Arm) SternfelS. Stößl als Beistand. Elegante Gesellschaft. SternfelS. Mein liebes Bräutchen — ich bin überglücklich. Frühauf (tritt ihr entgegen und breitet dir Arme aus). Tinerl — Tinerl — mein cin- zig's Kind! SternfelS (al- er Frühauf gewahrt). Heiliger Gott — er ist es l (Wendet sich ab, indem er Tini rasch losläßt.) Tini. Va — (Sie wankt bebend zurück und stützt sich auf Stößl.) Sternfels (bei Seite). Wenn er mich erkennt! (Schleicht sich behutsam durch s Gedränge.) Frühauf. Tinerl — was iS Dir denn — kennst Du mich nimmer? Isak. So tanzen's doch, Jungfer Tinerl— lachen's und springen's — der Tate ist da. Tini (leise zu Isak). Ich muß schweigen — sein und mein Glück stebt auf dem Spiel. Frühauf. Tini, Tini, sie kennt mich nicht. (Bedeckt da- Gesicht mit den Händen). Ich Hab' keine Tochter mehr! (Die ganze Seene kann mit melodramatischer Begleitung spielen, zuletzt fällt die Musik stürmisch ein.) Gruppe. Ende des zweiten Actes. Dritter Äct. (Apotheke mit Mittelthür, dir aus dir Straße führt, und zwei Sritenthüren Seitwärts links der Ladentisch, auf welchem viele Flaschen, Pulver rc. An dxn Wänden Kästen mit den üblichen großen Tiegeln theils mit deutschen, theils mit lateinischen Aufschriften. Hin Schrank mit Gefäßen steht im Vordergründe. Dir Aufschriften jedoch find für s Publicum leSbar.) Erste Scene. Schädel. Kraus (wiegt Medikamente ad) Stößl (eine Zeitung lesend, reibt etwas in einem Tiegel). Schädel (mit Hut und Stock, ganz grau ungezogen). Ich muß fort zu meinem kranken Schulkameraden, zum MagistratSrath Steiner, Herr Stößl. Stößl (liesteifrig). Ueber das Resultat der Konferenzen ist noch nichts bekannt. (Zu Kraus.) Siehst Du, weilst Du'S net erwarten kannst, ich hab's alleweil g'sagt, auf einmal wird man waS erfahren. Schädel. Herr Stößl, hörenSie nicht? Stößl (wie oben). Im adriatischen Meere werden wiederholt englische Kreuzer bemerkt. Blaubart, der. Lustspiel in 1 A. v. M A. Graiit- jean. (Wiener Th.-Rep. Nr 157.) 50 kr. 10 Sgl. Blinden, die zwei, von Loledo. Komische Opn in 1 A. 1806. 25 kr. 5 Sgi. Blumen, die. Spiel in Versen von Körner. A 12. geh. Wiener Orig.-Aufl. 20 kr. 4 Sgi. Blumen-dtettel, die, oder der Herr Direktor. Original-Lebensbild mit Gesang in 3 A m Friede. Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire 172> 60 kr. 12 Sgr. Boccaccio. Dramat. Gedicht in 2 A. v. Drinhard- stein. Gr. 12. 1816. 40 kr. 8 Sgr BoleSlas, oder die Zerstörung von Zuuky. Schau spiel in 3 A., s. Rosenau, theatralisches Allerlei Brasilianer, der. Posse mit Gesang in 1 A Nach dem Französischen v. Hohenmarkt. 40 kr. 8 Sgr. Braut, die, in der Klemme. Posse mit Gesang in 1 A. 1807. 25 kr. 5 Sgr Braut, die. Lustspiel in Alexandrinern und 1 r> von Körner. Gr. 12. geh. Wiener Originalausgabe. 1819. 25 kr. 5. Sgr Braut, die stille. Alpensage in 1 A., s. Weissen- thurn Schauspiele. 15. Band. Bräutigam, der, auS Meriko. Schauspiel in 5 A. v. Clauren. 8. 1824. Dresdener Original 80 kr 16 Sgr Bräutigam, der ltcitirte, oder dt« Großmama wider ihren Willen. Posse in 1 A Rat dem Frarzöfischrn frei bearbeitet von Perinel 1791. 40 kr. 8 Sgr Bräutigam, der, ohne Braut. Lustspiel in 1 il von Herzenskron. (G. Wiener Theater-Repertoire Nr. 19.) 35 kr. 7'/, Sgr Brautkranz, der. Trauerspiel in 5 A v. Weißt"- dach. 80 kr. 12 Sgr Brautnacht, die. S Werner Theater. 4. Band Brautschleier, der. Lustspiel in 1 A., s. Weisst"- thurn Schauspiele. 14. Band. Brautwahl, die.' Schauspiel in 1 A. v Jssla»^ 1808. 35 kr. 7'/. Sgr Brief, der, auS Cadtr. Drama in 3 A von « v. Kotzebur. 1813. 35 kr. 7'/, Sgr Briefbote, der. Oper nach Marsoüier. 8 180° 25 kr. 5 Sgr Briefwechsel, drr offene. Lustspiel in 5 A, °o» Jünger. 1784. 40 kr. 8 Tg' Brigittenau. Ballet in 14 Bildern von HeE 1832. 10 kr. 2 Sgr Den Bühnen gegenüber als Mannscript gedruckt. Der Veilchenstrauß. Lustspiel in einem Acte von Henri ThiLry. Deutsch von Alexander Bergen- Personen: Lbrist Valentin. Noemie, seine Frau Frau Ledoux, ihre Mutter. Anton, Valentin- Diener, früher Soldat. Marie (5 Jahre alt). Dekoration. Sin eleganter Salon mit einer Mittel, und zwei Seitenthüren. Links rin Sopha, recht- ein Schreib« tisch. Auf diesem eine Blumenvase, eine Blocke, Schrribgeräthe, eine Geldrolle, Siegellack, eine ange« zündete Kerze; aus dem Sopha eine Stickerei Stühle und Fauteuils. Erste Scene. Valentin (fitzt am Schreibtische und siegelt die Srldrolle). Anton. Dal. (ruft). Anton! Altt. (erscheint durch die Mittelthür; er hat einen Veilchenstrauß in der Hand). Herr Obrist? Val. Sind die Damen noch nicht a«f- grstanden? Ant. Ihre Dame noch nicht, Herr Obrist, aber die Frau Schwiegermutter schon lange. Ich glaube, die schläft nie. Val. (steht auf). Trage diese Geldrolle — Du weißt ohnedieß wohin. (Sr gibt ihm da» Geld.) Ant. Ob ich es weiß, Herr Obrist! Val. Küsse sie für mich. lhr»ta.A«pu,ou«>Ri 2 Ant. So herzlich, Herr Obrist, als ob ich sie für mich küßte. Dal. Und hauptsächlich beeile Dich, man darf hier im Hause nichts bemerken. Ant. Als ob ick nicht wüßte, daß es ein Geheimniß ist! Soll ich ihr sagen, daß Sie sie bald besuchen werden, Herr Obrist? Dal. Ja, sobald ick kann. — Geh'! Ant. Ich gebe, Herr Obrist. (Er geht, kehrt aber wieder um.) Verzeihen Sie, Herr Obrist — aber — Val. Was willst Du? Sprick! Ant. (zögernd). Ich will — Ihnen nur sagen, daß heute — Ihr Namenstag ist, Herr Obrist. Val. Mein Namenstag? Ant. Gewiß, Herr Obrift. Val. (lachend) Tu kannst Recht haben. — Du weißt das immer besser als ich. Ant. Dießmal habe ick aber nickt zuerst daran gedacht. Val. Wie meinst Du das? Ant. (reicht ihm den Veilchenstrauß und sagt leise). Tie Kleine ist mir zuvorgekommen, der liebe Engel. Als ick sie gestern besuchte, zupfte sie mich am Schnurbart und sagte: »Morgen ist sein Namenstag, gib ihm diesen Vcilcheustrauß und sage ihm, wie sehr ick ihn liebe!« Diese Veilchen riechen sehr gut. (Er trocknet sich die Augen.) Val. Ick danke Dir, Anton — Du hast nirch auf sehr angeuehme Weise an diesen Tag erinnert. (Er gibt dir Veilchen in die Vase, welche aus dem Schreibtische steht.) Ant. Wahrscheinlich hätten Sie ihn vergessen — wie die Andern. — Wie anders war's doch vor einem Jahre, Sie waren noch nicht verheiratet, Herr Obrist. — Sie hatten die Officiere Ihres Regimentes ge« laden, und die Ehampagncrflascken fielen reihenweise, als ob's eine Schlacht gegeben hätte. Es war auch eine Schlacht, denn so Mancher lag am Boden. Val. Schweige! Ant. Und sie — sie lebte damals noch — war frisch und rosig — wer hätte geglaubt, daß wir sie in drei Wochen zu Grabe tragen würden. Val. Genug! Ich habe Dir verboten, von der Vergangenheit zu sprechen. Ant. Verzeihung, Herr Obrist! Dal. Ich bin verheiratet, die Vergangenheit ist begraben und soll vergessen sein. Ant. Ick will nicht mehr davon sprechen, Herr Obrist — ich bin kein altes Weib, folglich kann ich schweigen. Ich eile zur Kleinen und werde sie für Sie küssen. Wie viele Male wird sie mich wieder fragen: ob Sie sie lieb haben, ob Sie an sie denken, ob Sie sie bald besuchen werden — sie macht mich ganz schwindlig mit ihren Bemerkungen.' Val. (für sich). Das arme Kind! Ant. Ick begreife Sie nicht, Herr Obrist, ich könnte mir keinen solchen Zwang an- thun, das Kind ist zu lieb, ich hätte meiner Frau Alles gesagt. Dal. Das verstehst Tu nickt. Meine Frau bat vorzügliche Eigenschaften, aber in mancher Beziehung ist sie noch ein Kind — ein Kind, welches nicht von mir geleitet wird, sondern von ihrer Mutter. Meine Schwiegermutter ist wohl herzeusguk, so gut, daß sie einen Menschen in's Wasser werfen würde, nur um ihn retten zu könne» — aber in diesem Puncte denkt sie sebr strenge, sie würde mir das Herz meiner Frau ganz entziehen. Schwiegermütter stören ohnedieß zumeist den häuslichen Frieden es geht nicht! Ich muß das Opfer bringen. Geh' zu der Kleinen, ich will mich einstweilen ankleiden. (Er geht durch die !vur rechts ab ) Zweite Scene. Anton (allein) Ant. Er muß das Opfer bringen, mei» armer Obrist! Ich weiß, wie schwer eö ihm fällt, denn ich kenne sein Herz, ick allein, das Weibervolk hier versteht ihn gar nicht. Ihm zu Liebe bin ick Kutscher, Bedienter, sogar Küchenweid, ich, ein alter Soldat! 3 Ich muß diesem Weibervolk dienen und artig sein, während ich oft mit tausend Millionen Donnerwetter in sie hineinfahren möchte. Und die Schwiegermutter, die kann ich schon gar nicht verdauen, besonders da sie über meinen Schnurbart Kriegsgericht halten wollte. »Ein Bedienter soll keinen Schnurbart tragen,* meint die alte Garde, ein Bedienter, bin ich ein Bedienter? Ich diene nur aus Liebe! Wo hat ihn das Weibervolk kennen gelernt? Auf einem Balle. Wo habe ich ihn gefunden? Auf dem Felde! Unser Bett war die harte Erde, ein Stein unser Kopfkissen, zu Gefährten hatten wir Hunger und Durst — Elend und Noth — das bindet. Man schlief nie ruhig, denn wer von uns war gewiß, daß er des Morgens noch am Leben sein wird! Ich habe jede Gefahr, jede Noth, jede Entbehrung mit ihm ge- theilt, für ihn habe ich diesen Säbelhieb bekommen, und ich danke Gott, daß ich ihn aufgefangen hatte. Und ich sollte jetzt rnhig zusehen, wie sie meinem Obrist das Leben sauer machen? Das heißt nicht die Junge, denn die liebt ihn nämlich so sehr, wie ein Weißfisch lieben kann, aber die Alte, daß er die mitbeiraten mußte, das verzeihe ick ihr nie! Da plaudere ick aber wie eine alte Marketenderin, statt zu gehen, wie mein Obrist mir befohlen hat (Man klingelt.) Sie klingelt, die Alte! Man ruft mich, einen alten Soldaten, mit der Klingel! Nimm die Trommel oder die Trompete, altes Haus, das ist der Ruf, an den ich gewöhnt bin. (Man klingelt wieder.) Die Kosaken, ja selbst die Beduinen waren mir nicht so widerlich wie diese — potz Bomben und Granaten, läute Dir deine Seele aus — ich komme nicht! Dritte Scene. Voriger. Frau Ledour (durch die Mit- trlthür). Frau. Sind Sie taub? Ich klingle seit einer Stunde. Ant. Gnädige Frau — ich habe gedacht — Frau. An waS denken Sie? Ant. (für sich). Wenn ich ihr das sagen dürfte! Frau. Wir haben drei Dienstleute und sind schlechter bedient, als wenn wir gar keine hätten. Ant. Dienstlente — ich bin doch — Frau. Schweigen Sie! Sie verstehen nichts vom Dienst. Ant. Ich habe fünfzehn Jahre gedient, gnädige Frau. Frau. Ja, iu der Easerne! — Da paffen Sie hin! — Warum haben Sie Ihren Schnurbart noch nicht abgenommen? Ant. Meinen Schnurbart? Ich habe ihn adgenommen. Frau. Wie soll ich das verstehen? Aut. Er wächst immer wieder. Frau. Werden Sie nickt nuversckämt! Ich begreife die Marotte meines Schwiegersohnes nicht. Ein roher Soldat kann keinen ordentlichen Bedienten abgeben. Es wundert mich nur, daß er nicht auch einen Soldaten als Kammerfrau für seineGemalin genommen hat. Ant. Wahrscheinlich hat er es nicht gewollt, sonst ginge eS auch. Dem Herrn Obristen zu Liebe thäten seine Soldaten Alles. Frau. Genug. — Tragen Sie diese Briefe an ihre Adresse. Ant. Ich bitte um Entschuldigung, aber vorerst muß ich einen Auftrag des Herrn Obristen vollziehen. Frau. Immer der HerrObrift, ich, die Schwiegermutter, muß natürlich warten wie gewöhnlich. Ant. Gewiß ist das natürlich, der Herr Obrist vor Allem! (tzr geht gegen die Thür.) Frau (firht den Dkilchenstrauß). Was sind das für Blumen? Ant. DaS sind — Veilchen, gnädige Frau. Frau. Für meine Tochter? 4 Aut. Nein, sie gehören dem Herrn Obristen. Frau. Von wem hat er sie bekommen? Ant. (nach einer kurzen Pause). Das weiß ich nicht. Frau. Gehen Sie! (Anton ab.) Vierte Scene. Frau Ledour (allein). Er weiß es nicht! Wie lange er gezögert hat, um diese Lüge zu ersinnen. Was sieb dieser gemeine Soldat mir gegenüber er laubt! Wahrscheinlich weil mein Herr Schwiegersohn krumme Wege geht und er — sein Vertrauter ist. Ach wir armen Mütter! Ein Fremder entzieht uns das Herz unserer Töchter, und haben wir ja gesagt, haben wir die Mitgift ausgezahlt — ist er einmal Herr im Hause, dann ist unsere Rolle ausgespielt, dann sind wir nichts mehr, gar nichts. Wie habe ich meine Tochter gewarnt — Alles umsonst. Wie kann man einen Soldaten heiraten, der den ganzen Tag raucht und trinkt, flucht und schwört — sie weinte aber so lange, bis ick nachgab, und jetzt ist das Unglück fertig. Veilchen! Was hat ein Obrist mit Veilchen zu thun? Fünfte Scene. Vorige. Noemie. Norm, (aus der Thür links) Du bist schon aus, liebe Mutter? (Sie küßt sie.) Warum so frühe? Du hast doch nichts zu thun. Frau. Leider habe ich nichts zu thun. Als Du noch nicht verheiratet warst, als ich so glücklich war, Dich ganz allein zu besitzen, da wußte ick, wie ick meine Zeit ausfüllen konnte — aber jetzt! Dank deinem Herrn Gemal, bin ich ja eine Null im Hause, darf mich nickt einmal um die Wirthschast bekümmern — Du hast auch wenig Zeit für mich. Noem. Mutter! (Sie setzt sich und arbeitet.) Frau. Fürchte nichts — ich füge mich. Ich leide — aber ick schweige. — Werden wir bald frühstücken? Noem. Sobald mein Mann aufgestan- den ist. Er ist doch noch zu Hause? Frau. Hast Du ihn heute noch nicht gesprochen? Fängt er so an? Ach, ich habe es geahnt, daß Du durch ihn unglücklich sein würdest. Noem. Ich bin nicht unglücklich, Mutter! Frau. Wie ist das möglich? Er liebt Dich nicht — vernachlässigt Dick! Ach, wenn ich Dich von diesem Menschen befreien könnte! Noem. Ich werde meinen Mann nicht verlassen, denn ich liebe ihn. Frau. Aus Pflichtgefühl — aber nicht vom Herzen, denn es ist nicht möglich! Noem. Warum unmöglich? Welches Unrecht hat er mir denn zugefügt? Frau. Welches Unrecht? Er thut Alles, was er nicht soll. Noem. Willst Du mir sagen was? Frau. Erstens, als ich Dich ihm zur Frau gab, war meine erste Bedingung, daß er Dir sein ganzes Leben weihen müsse. Noem. Hat er nicht meinethalben den Dienst verlassen? Lebt er nicht ganz für mich? Frau. Nein, denn er hat — Geschäfte. Noem. Wahrscheinlich will er unser Vermögen vergrößern. Frau. Ich glaube, er ist auf dem besten Wege, das Gegentheil zu thun. — Und wie meinst Du das? Unser Vermögen? Du meinst wohl das Deine, denn er hatte keines. Noem. Er hatte aber seine Stellung, seinen Rang, und hat mir beide geopfert. Wenn er übrigens Geschäfte macht, um so besser, ein Mann muß eine Beschäftigung haben. Frau. Wenn der Mann bei seiner Frau bleibt, hat er genug zu tbun. Du willst die Fehler deines Mannes nicht sehen. 5 Norm. Mein Mann hat nur einen Fehler — er behandelt mich wie ein Kind — er kennt mich nicht — sonst würde er anders denken. Ich kann mir sein Vertrauen nicht erzwingen, aber ich will geduldig warten, bis ich es gewinne. Habe ich nicht Recht? Frau. Vertrauen! Er wird wissen, was er Dir zu verschweigen hat! Und mir vollends wird er sich hüten etwas anzuvertrauen. Noem. Er behandelt Dich doch immer mit großer Achtung. Frau. Weil er mich fürchtet, weil ich nicht blind bin wie Du. Frage ihn doch, von wem er diese Veilchen hat. Noem. Welche Veilchen? Frau, (zeigt ihr deu Strauß). Diese da. Noem. (geht rasch zum Schreibtisch). Veilchen — Veilchen — (sich fassend) vielleicht von einem Freunde. Frau. Oder von seinen Soldaten. — Veilchen bekommt man nur von weiblicher Hand. Noem. Mein Manm— unmöglich! Frau. Wüßte ich Alles so gewiß! Und er wagt es, diese Veilchen in sein eheliches Haus zu bringen, sie vor den Augen seiner ihm vor Gott angetrauten Gattin zu vstegen! Noem. Mutter, ich beschwöre Dich, schweige! Er wird mir sagen, von wem er diese Veilchen hat. Frau. Ich zweifle! ^ Norm. Mutter, lass' mrch mit ihm darüber sprechen, sage nichts, denke, das Glück meines Lebens hängt davon ab. Sechste Scene. Vorige. Valentin (in Straßrntoilettr, mit dem Hut in der Hand). Val. Guten Morgen, liebe Schwiegermutter! Frau (kalt). Guten Morgen, Herr Schwiegersohn! Dal. (küßt Normte). Du hast doch gut geschlafen, Kind, Du bist etwas bleich. Noem. Du willst ausgehen? Val. Ich habe zu thun — Geschäfte. Noem. Die abscheulichen Geschäfte! Warum bleibst Du nicht lieber bei mir? Val. Ich säe Diamanten, mein Kind, um Dich zu schmücken. Frau. Wollen wir nicht frühstückend Wir haben auf Dich gewartet. Val. Ich habe keine Zeit, ich muß fort. Frau. So eilig, noch vor dem Frühstück? Das sieht gefährlich aus. Val. (lachend). Sie sind doch nicht eifersüchtig, Schwiegermutter? Frau. Ich nicht, Gott sei Dank! Aber an meiner Tochter Stelle würde ich cS sein. Val. Ich hoffe, meine Frau ist klüger. Allein ich muß fort. Leb' wohl, Noemic! Noem. (traurig). Gehst Du wirklich? Val. Za, aber nicht ohne Kuß. Noem. » nach Allem, was vorgegangen ist, so mit ihm sprechen? Noem. (mit erzwungener Heiterkeit). Kinder sind glücklich, sie — vergessen leicht. — II Sagt mir mein Mann nicht täglich, ja stündlich, daß ich ein Kind bin? ES ist folglich kein Wunder, wenn ich mich wie ein Kind benehme. Frau. Du scherzest, und vor einer Slimde löstest Du Dich in Thränen auf. Noem. Kinderthränen versiegen wie der Morgenthau auf den Rosen, ein Sonnenstrahl genügt, um sie zu trocknen. (Zu Valentin ) Habe ich nicht Recht? Val. Noemie, willst Du mich anhörcn? Ich habe ernste Worte mit Dir zu sprechen. Noem. Ernste Worte mit mir? DaS ist ja gar nicht möglich! Val. Ick schwöre Dir bei meiner Ehre, die Sache ist sehr ernst. Noem. (lachend). Mit welch' wichtiger Miene Du das sagst! Frau (für sich). Ich begreife Noemir nicht, was bat sie denn? Val. Ich habe Dir viel Unrecht abzn- bitten. Noem. (strllt sich, als ob sie ihn nicht ver- stände) Welches Unrecht? Val. Ein Unrecht, welches nicht wieder gutgemacht werden kann. Norm, (wie oben). Wahrscheinlich hast Dn vergessen, mir für Weihnachten ein hübsches Spielzeug zu kaufen — zum Bei» sviele eine Puppe, an der ich Mutterstelle vertreten könnte. Dal. Noemie! Noem. Zum Glück Hab' ich eine Sparbüchse, und wenn ich mich nach Unterhaltung sehne, kann ich mir selbst eine kaufen, groß, schön und rosig, wie sie nur irgend ein Kind haben kann. Frau. Sie ist auS Gram verrückt geworden! Eine Puppe? Noem. Ich habe sie mir sogar schon gekauft. Soll ich sie Dir zeigen? Dal. Noemie! Noem. (üffnkt dik Thür). Kommen Sie herein, Anton! Vierzehnte Scene. Vorige. Anton mit Marie (auf dem Arme). ANt. (stellt Marie nieder). Da ist die Puppe in Lebensgröße! Val. Himmel, mein Kind! Frau. Dieses Kind — Mar. Mein Papa! Noe M. (führt Marie Valentin zu). Ja, mein Kind, dein Papa — und da Du Gott täglich gebeten hast, Dir deine Mutter wieder zu geben, so sollst Du sie von heute an nickt mehr vermissen, wenn es dein Papa — nämlich erlaubt. Val. (sinkt Noemie zu Füßen). Mein Weib, so viel Liebe, so viel Großmuth! Noem. Dein Weib ist ein Kind, das ein Spielzeug haben muß — ich habe mich damit versehen, wie Du stehst. Frau. Aber, meine Tochter — Noem. Lasse mir mein Glück, Mutter, jetzt habe ich erst recht den Weg zu dem Herzen meines ManneS gefunden. (Zu Va- lentin.) Marie soll mein Kind sein, das ist mein Geschenk zu deinem Namenstage. Ant. Gnädige Frau, wenn ich Ihnen nur sagen könnte, wie ich Sie liebe! Ich liebe Sie mehr als meine Fahne, ich bewundere Sie mehr als die Säule Den- dvine! Ja, ich liebe Sie gerade so sehr wie meinen Obrist! Frau. Da meine Rathschläge hier über, flüssig geworden sind, so bleibt mir nur Eins zu thun übrig, morgen auSzuziehen. Noem. Liebe Mutter, trübe mein Glück nickt, bleibe bei uns, und adoptire die kleine Marie wie ich, Dn wirst sie lieb gewinnen, sie wird deine Zeit ansfüllen. Pal. Sie und die Wirthsckaft. Frau (nach kurzem Kampf» nähert sich Marien). Küsse deine Großmutter, Du kleiner blonder Engel. 12 Sink. Sie ist doch nicht ohne Herz die Schwiegermutter — so wollen wir denn auch Frieden schließen. Gewehr bei Fuß! Alle Achtung! Es lebe mein Obrist! Frau. Und ich? Soll ich nicht leben? A n t. Es lebe die Schwiegermutter, nein, die Großmutter! aber wenn Sie die Wirth- schaft führen, muß ich wohl in die Kaserne zurück? Frau. Nein; wir haben Frieden ge» schloffen. Sie sollen Ihr Quartier für immer hier aufschlagcn. Norm, (zu Valentin). Schenke mir diesen Veilchenstrauß — ich will ihn trocknen und als Andenken aufbewahren an den ersten Frühlingstag meines Lebens! Dal. (reicht ihr die Veilchen und drückt sie an sein Herz). Es ist der Tag, an dem wir ein neues Leben beginnen, ein Leben der Liebe! Deine Nachsicht, deine Zartheit haben Dir mein Herz für immer gesichert, in Dir allein ist von nun an mein Glück! (Er umarmt Noemie, Frau Ledoux trocknet sich die Augen, Anton küßt Marie.) (Der Vorhang fällt.) Ende. Aus dem Theater-Berlage der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Bröselbart, König. Gr. rom. Oper in 3 A. Seilenstück zum »Aschenbrödel«. 8. 50 kr. 1v Sgr. Brod, daS tägliche. Charaktergemälde mit Gesang in 3 A. von Alois Berla. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 102.) 60 kr. 12 Sgr. Bruder, mein Fräulein. Lustsp. in 1A. v. A. Bergen. (Wiener Th.-Rep. Nr. 82.) 30 kr. 6 Sgr. Bruder Moriz, der Sonderling oder die Colonie für die Pelew-Jnseln. Lustspiel in 3 A. von Kotzebue. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Brüder, die barmherzigen. Nach einer wahren, in der Nationalzertung vom Jahre 1805 aufbehaltenen Anekdote v.Kotzebue.1803.25kr.5 Sgr. Brüder» die pisanischen. Drama in 3 A., s. Castelli Sträußchen. 12. Jahrgang. Brüder, die zänkische«. Familiengemälde in 3 A.) s. Castelli Sträußchen. 14. Jahrg. Bruderzwist oder die Versöhnung. Schauspiel in ö A. von Kotzebue. 1804. 50 kr. 10 Sgr Brücke, die, bet Piemont. Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Ehnmfeld. 1808. 8 40 kr. 8 Sgr Buch III., I. Capttel. Lustspiel in 1 A. v. Juin u. Flerr. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 176.) 35 kr. 7'/, Sgr Burg Gölding, die. Romantische- Schauspiel in 5 A., s. Weiffenthurn Schauspiele, 12. Band Bursche, flotte. Komische Operette in 1 Aufzuge von Josef Braun. Musik von Fr. v. Suppe (Wiener Th.-Rep. dir. 200.) 35 kr. 7'/, Sgr Buzzi, Andr. Ritter v. Dramatischer Nachlaß 1866. Miniatur-Ausgabr. V. 373 St. elegant broschirt fl. 2,Rth. 1.10 Sgr., gebunden fl. 2.50, Rtb. 1 2V Sgr. Enthält: Amulius, König der Albaner. Traner spiel in 5 Aufzügen. — Der Eremit aus den Ardennen. Schauspiel in 5 Aufzügen. Bürgerfreuden. Ein österr. Bürgergem. mit Chören in 1 A. von Hensler^8. 1707. 25 kr. 5 Sgr. Bürgermeister, der. S. Schönstein Haustheater. Bürgermeisterwahl, die, in Krähwinkel. Schwank mit Gesang in 1 A. v. Juin u. Flerr. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 86.) 35 kr. 7'/, Sgr. Bürgertrene der Vorzeit oder die Bergknappen von Freiberg. Schauspiel in 4 A. Musik von Kauer. 1801. 35 kr. 7'/, Sgr Bürgschaft, die. Original-Schauspiel in 3 A 40 kr. 8 Sgr C, das hohe. Lustspiel in 1 A. von M. A. Grandjean. (Wiener Tdeater-Repertoire Nr. 47.) 35 kr. 7'/, Sgr. Caledonier, die. Trauerspiel von M. Löwenthal. 8. 1826. 60 kr. 12 Sgr. Candidaten, drei. Lustspiel in 3 A., s. Feldmann Lustspiele. 2 Band. "apitel, das zweite. Singspiel in 1 A. Nach dem Französischen von Fr. Treitschke. Gr. 8. 1806. . 25 kr. 5 Sgr. ^aliph, der, von Bagdad. Oper in 1 A. Nach dem Franz, des St. Just. 1804. 25 kr. 5 Sgr. ^Lnipi, 1. ä'Ivri. Orions drLmiQLtiv» in un ^ttv. 1805. 20 Icr. 4 8xr. Carolus Magnus. Lustspiel in 3 A. v. Kotzebue. 180». 50 kr. 10 Sgr. ^»sar in Egypten. Ballet in 5 A. von Astolfi t820. 10 kr. 2 Sgr auf Pharmacusa. Große Oper in 3 A. frei nach d. Italienischen 1808 35 kr. 7'/, Sgr. Caspar der Thorringer. Historische« Schausvie in 5 A. Nen bearbeitete 2. Auflage. 1811 50 kr. 10 Sgr' Castelli. I. F., dramatisches Sträußchen 1 — 20. Jahrgang. 1800, 1817 — 1835. 16. cart. in Schuber, jeder Jahrg. 1 fl. 80 kr. 1 Th 6 Sgr. Inhalt dieser Jahrgänge: -I. Jahrgang 1807 enthält. Haß allen Weibern. Lustspiel in 1 A., frei nach dem Franz, des Bouilly, in Alexandrinern bearbeitet. — Der kurze Roman oder die närrische Wette. Lustspiel in 1 A. — Der Ehenstifter oder die beiden Offiziere. Lustspiel in 1 A. — Die spanische Wand, dramatische Kleinigkeit in 1 A., frei nach dem Franz. — Die Ehemänner als Junggesellen. Lustspiel in 1 A. (Vergriffen.) -II. 1817. Die Schauspielerin. Lustspiel in 3 A. nach dem Französischen, im Versmaß des Originals. — Wahnsinn. Drama in 1 A. Als Seitenstück zu »Nina«, nach dem Franz. »I« ckelir« frei bearbeitet. — Abneigung aus Liebe. Lustspiel in freien Versen und 1 A. — Der alte Jüngling. Lustspiel in 1 A. nach dem Franz. — Verlegenheiten und Auswege. Posse in 1 A. frei nach dem Franz. (Vergriffen.) -III. 1818. Peter und Paul. Lustspiel in 3 A. Al- Seitenftück zum »Mädchen von Marienburg und dem liefländischen Tischler«. Nach dem Franz, von Lamarteliere. — Der Rasttag. Lustspiel in 1 A., nach dem Franz, des Bouilly. — Die beiden Ehen. Lustspiel in 1 A. nach Etienne. — Der Wilddieb, Liedersp. in 1 A. — Der Sie. Lustspiel in 1 A. (Vergriffen.) -IV. 1810. Verkannte Treue. Drama in 3 A. nach Pelletier VolmeraugeS. — Die Zeche oder Gaftwirth und Bürgermeister in Einer Person. Krähwinkliade in 1 A. nach einer wahren Anekdote. — Narrheit und Narrethei. Lustspiel in 1 A. nach Desaugiers. — Die hölzerne Uhr. Drama in 1 A. »ach Bernard Valville. — Raphael. Lustspiel in Alexandrinern und 1 A. (Vergriffen.) -V. 1820. Czar Iwan. Dramatifirte Anekdote in 2 A. — Die Papageie. Lustspiel in 1 A. Nach dem französischen Vaudeville: »h.es?eroyu«t8 de 1» mör« Philippe.« — Dir Bittsteller. Lustspiel in 1 A. >Rmch Me- lesville. — Das Kammermädchen. Lustspiel in 1 A. Frei nach Longchamps. — Der Diener seines Nebenbuhlers. Lustspiel in 1 A. -VI. 1821. Der Prinz kommt! Lustspiel in 1 A. Nach dem Kranz, des Rougemont. — Thomi oder die Stimme der Natur. Drama in 2 A.. dem Franz, nachgebildet. — Der Weibertausch. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, der Herren Dar- tois und Achille. — Der Einsiedler im Lerchenwalde oder die geheimnißvolle Laube. Lustspiel in 1 A. Nach einem französischen Vaudeville der Herren Thöaulon u. Capelle. -VII. 1822. Gleiche Schuld. Gemälde unserer Zeit in 3 A. — Die seltsame Lotterie. Lustspiel in 1 A. — Die Tauben Schwank iu 1 A. Als Seitenftück zu den »Papageien.- — Die Puppe oder die keine Schwester der Geliebten. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe u. MeleSville (Vergriffen.) Castelli. VIII. 1823. Der buckelige Liebhaber Lustspiel in 1 A. Nach einem französischen Vaudeville. — Hochzeits-Fatalitäten. Posse in 1 A. — Da- Stelldichein um Mitternacht. Lustspiel in 1 A. Nach dem Französischen »I'kekell« äe soio.- — Da« Fläschchen Köllnerwasser oder Denkschrift eine- Hußaren- officier«. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe. — Dir Derschwornen. Oper in 1 A — — IX 1824. Gabriele. Drama in 3 A. Nach der »Valerie- der Herren Scribe und MeleSville. — Die junge Tante. Lustspiel in 1A. Nach MeleSville.— Emmi Teel«. Drama in 3 A Nach Pirereeourt. (Pergriffen.) -X. 1825. Der Großpapa Lustspiel in 1 A Nach dem Fran». der Herren Sende und MeleSville. — Liebeszunder Lustspiel in 1 A Nach dem Franz, der Herren Scribe und Delavignr. — Die Zauberlaterne. Lustspiel in 2 A. Frei nach Scribe und Dupin — Fünf sind Zwei, oder Dome» stikenstreiche Lustspiel in 1 A. Frei nach dem Französischen. (Vergriffen.) — — Xl 1826. Ebeltche Strafe Lustspiel in 1 A., in freien Versen. — Der Kuß durch einen Weiset Posse in 1 A Nach Scribe. — Urika, die Negerin. Drama iu 1 A. 'Nach dem Französischen — Gute« Beispiel Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, de- Thsaulon — Klimpern gehört zum Handwerke Lustspiel in 1 A. Nach Scribe. -XII. 1827. Erste Liebe, oder Jugend- Erinnerungen. Lustspiel in 2 A. Nach dem Franz, de« Scribe — Die pisanischeu Brüder Drama iu 3 A Nach dem Italien, de» Fedrrici. — Zwei Freunde und ein Rock. Posse in 1 A. Nach einem frauz. Vaudeville. — Da« einsame Hau« Lustspiel iu 3 A. Nach dem Französischen -Xlll. 1828. Der HauStvrann. Ebarakter» Gemälde in 3 A. Nach Alerauder Duval. — Da« Anecdotrnbüchlein. Lustspiel in 1 A. Nach dem Kranz, der Herren Scribe »uv Drlavigne. — Der Perruckenmacher und der Haarkünstler. Posse in 1 A Frei nach dem Franz. —Die beiden Duenneu, dram. Bagatelle»« 1 A. v. Franz de« Brazieruachge» bildet —Der Soldat ganz allein. Komische« Zwischenspiel in 1 A Nach eiuer Anekdote. -XIV. 1829 Krlva oder die russische Waise. Drama in 2 Abtheilungeu. Nach dem Französischen de« Scribe. — Die zänkische» Brüder. Familiengemälde in 3 A. Nach dem Franz, des Eollin d'Harleville. — Lullv und Quinault, oder die Künstler in Verle» acnbeit. Lustspiel in 1 A. und iu Verscn. Nach dem Französischen. -XV 1830. Eine für die Andere Lustspiel in 3 A — Diana von Postier«. Geschichtliche« Lustspiel in 2 A. Frei nach dem Frauz. — Die in ein Weib verwandelte Katze Operette iu 1 A Nach dem Frauz. der Herren Scridc u Melr«ville. — — XVI. 1831 Johann Hasel oder Umwandlung durch Liebe Gemälde unserer Zeit in 4 Abteilungen. Nach dem Franz. dcl Thäaulon frei bearbeitet — Zwei Jabre nach der Hochzeit oder an wem ist die Schuld? Lustspiel «n 1 A Nach Scribe und Metes- ville. — Uniform und Tchlafrock. Lustspiel in 1 A Nach dem Franz, bearbeitet Castelli. XVII. 1832. Der Liebe Listgcwcbe. In- triguenpoffe in 3 A — Ein Fehltritt Schauspiel in 2 A. Nach Scribe — Die Familie Rickeburg. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe. (Derartffen) -XVIII 1833 Die Tänzerin und der Quäker. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe — Die Scheidewand. Lustspiel in 1 A Nach dem Franz. — Ueberspanntheit oder die entsetzliche Literatur. Lustspiel in 1 A nach Scribe frei bearbeitet. -XIX. 1834 Der General Lustspiel in 3 A. — Der eilige Zauderer. Lustspiel in 1 A. in Versen. — Die Schwäbin Lustspiel in 1 A. (Vergriffen) -XX. 1835 Da- Lustspiel auf der Stiege Lustspiel in 1 A — Ein Tag an« dem Leben Earl« de- V Historische« Gemälde in Versen und iu 2 A. — Ein Freund statt einer ganzen Familie. Posse in 1 A — Folgen eiuer Mißheirat Gemälde au- dem Leben in 4 A Nach dem Frauz . , Castelli. Stoderich and K«olg«»de, Gabriele, Lchwäbi», s unter den besonderra Litteln. Catinat, Marfchal» oder da« alte Gemälde Oper in 1A Nach dem Franz 1809 2»kr 4 Sgr 0«n?raotvl», ls, omria l» Konti» io trsimto Itlslockcoromu o-io«ro!g' dvfrr. (Wiener Tb-Step Nr. 48 ) 40 kr 8 Lgr Corporal, ei« alter. Eharakteraemälde i» l> st- vou Earl Juin und P I. meinhard Teilweise nach Dumanotr (Wiener Tbeater-Slep Nr 27.) 50 kr 10 Lgr Coriolan. Schauspiel in 5 A. von Eollin. 1808 80 kr. 12 Lg' Corradt« oder Schönheit und Herz von Eise«. Musikalisch. Drama in 2 « 1822. 35 kr. 7'/, Sgr. -Dasselbe italienisch 1822. SS kr 7'/, Sgr. Correggio. Trauerspiel in S A. von Oehlenschlä- ger 1817. 80 kr. 16 Sgr. Cortez, Ferdinand, oder die Eroberung von Meriko. Große beroischr Oper mit Ballet in 3 A. Nach dem Franz, von 3. F Castelli Zweite Auflage. 1818. Sä kr. 7'/, Sar. Couplet», Wiener. Au» Stücken von Berg. Berta. Bittner, Blank, Böhm, Doppler, Eberbardt. Elmar, Feldmann, Flamm. Friese, GottSleben. Grandjean. Groi«, Grün. Gründorf, Haffner, Juin, Kaiser, Kola, Langer. Megerle, Merlin. Morländer. Moser, Nestroy, Schönau und Anderen. Tech» Hefte, » >0 kr 10 Sgr. Cuneguude, die Heilige» römisch-deutsche Kaiserin. S. Werner Theater, 8. Band Cnru» und Astvage». Oper in 3 Aufz. Frei nach der Oper »Cyrul* de- Metastasio, bearbeitet von Matthä»» v Sollin. 18l8. SS kr. 7'/, Sgr 15zar Iwan. Tramatisirte Anecdote in 2 A., s. Castelli Sträußchen 5. Jahrgang. Dame, die, mit den Cameliea. Schauspiel in 5 Aufzügen von Alerandrr Duma'» Soda, deutsch von P. I. Reinhard (Wiener Theater-Repertoire Nr 4S.) 80 kr 12 Sgr Dank und Undank. Lustspiel in S A. Frei nach dem T'io^rLt cleu ve-^touetie» Bon Jünger 1803. 40 kr 8 Sgr. Da» war ich. Ländliche Scene von Hutt 8 1825 Siehe. Hutt'» Lustsh. 1 Baud ('Vergriffen.) 1 fl. 20 kr. 24 Sgr Da» war ich. Eine ländliche Scene. Bon Johann Hutt. Zweite Auflage. (Wiener Theater- Repertoire Nr 158 ) SO kr. 10 Sgr. Degen, der. Militärische» Schauspiel in 3 A. Nach Bourl und Boirie. 1806. SS kr 7'/, Sgr. Deinkardstein. Dramatische Dichtungen. 12. 1818 1 st 20 kr. 24 Sgr Enthält: Tat Sonnet Spiel in 1 A und in freien Versen — Mädchrnlist. Lustspiel in l A und in Alerandrinera. —Der Witwer Posse in 1 A und in freien Verse» — Der Rosenstock Spiel in l A und in freien Versen Boccaccio Dramatische« Gedicht in 2 A Demi-Monde. Von AU» Duma» Sobn. Deutsch von P I Reinhard 1855 1 st. 20 Sgr. D,mopboon. Große heroische Oper in 3 A Nach dem Franz, de» Desoiaur, metrisch bearbeitet von I. F. vast,Ui 1808 SS kr 7'/, Sgr. Denkpfennlg, der, oder der Wachtmeister. Lust» »viel von Hentlcr I78S. 8 25 kr. S Sgr. Dftrrteur, der österreichische. Lustspiel in S A.» von HrnSler 8 SS kr 7'/, Sgr. Desrrtenr, der. Lingspicl 2S kr. S Sgr. Diamant, rin ungeschliffener. Genrebild in 1 A. Nach dem Englischen von Alrrander Berge« (Wiener Td.-Rrp Nr 1 .*8) SS kr. 7'/, Sgr Diana, Dotia. Lustspiel in 3 A. Nach dem Span de-DvnAugust»n Moreto.v V A West.Vierte Aust ,W Th-Rep. Nr 11.) 80 kr. 12 Sgr. -Ta-selbe, fünfte Auflage Miniatur- Autgabe.,leg drosch. 1862 1 st. SO kr. 1 Rth ^ — Datsrlde, elegant in englischer Leinwand gebunden, mit Gmdschaitt und reicher Deckel- u Rückenverzierung 2 st 40 kr 1 Rth. 18 Sgr. Djana, Dona. Elegant in feine» Kalbleder gebunden, mit Goldschnitt und reicher DeLel- und Rückenverzierung 3 st 2 Rth. Diana de Ly». Schauspiel in S Auf», von Aler. Duma« Sohn, deutsch von P. I Reinbard. (Wiener Th.-Rep. Nr 43.) 60 kr 12 Sar Diana von Pottier». Lustspiel in 2 A, s Castelli Sträußchen 15 Jahrgang Dichter und Lonküustler durch Ungefähr. Komische Oper in 1 A von Jos R v. Seyfried 1810. 25 kr. 5 Sgr. Die in ei« Weib verwandelte Katze. Operette in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 15. Jahrgang Die von der Stadel. Bilder au» dem Volksleben in 3 Abteilungen mit Gesang v. Alois Berla. (Wiener Tb -Rep Nr 177.) 80 kr. 12 Sgr Diener» der, seine- Nebenbuhler». Lustspiel in 1 A., s Castelli Sträußchen. 5. Jahrgang- Diener» ein treuer, seine» Herrn. Trauerspiel in SA., von Franz Grillparzer Gr. 8. 1840. 1 fl. 50 kr. 1 Tb. Dienst und Gegendienst oder Waltron » zweiter Theil Militärische« Schauspiel nach Mei«l u Lchildbach. 1804 80 kr 12 Sgr Dieustbote, ein jüdischer. Charakterbild mit Gesang in 3 A von Carl Elmar (Wiener Theater-Repertoire Nr 168.) 80 kr 12 Sgr Dienstbote, ei« Wiener. Lebensbild mit Gesang in 3 A von O F. Berg. (Wiener Ldeater- Repertoire Nr. 186 ) 60 kr 12 Sg. Dienstbotenwirthschaft oder Ehatontll« »ud Ubr. Charakterbild mit Gesang in 2 A von Friede Kaiser. 8. 1852. 60 kr 12 Sgr. Dienstfertige, der. Lustspiel in 3 A Au» dem Franz. 1781. SO kr. 10 Sgr Dtenstmann, eia Wiener. Posse mit Gesang in 1 A. von Joh. Schönau (Wiener Theater- Repertoire Nr. 183.) 35 kr. 7'^ Sgr. Dienstpflicht. Schauspiel in 5 A von Jffland 1801. 60 kr. 12 Sgr. Dinge, die vier letzten. Oratorium in 3 Abteilungen von Sonnleithner. 1810. 15 kr. 3 Sgr. Diplomat, ei« weiblicher, oder wa» ei» Mädchen au» Büchern lernt. Original-Lustspiel in 4 A. von Charlotte Baronin v. Graveu (W'ener Th.-Rep. Nr 63 ) 50 kr 10 Sgr Dir wie mir. Dramatische Kleinigkeit in I A v Sonnleithner 1820 25 kr 5 Sgr Oistruaivne, In, cki Osrusulomm^. Orrunnm uuero per !Cu!,iou in ckue Xtti 1817 25 lcr 5 8zsr Doctor »nd Friseur, oder die Lucht nach Abenteuer». Posse nnr Gesang ln 2 A von Fr. Kaiser (Wiener Theater-Repertoire Nr 5) Zweite Auflage SS kr. 7'/, Sgr Dom Sebastian. Oper in S A Nach dem Kranz de« Scride von Leo Herz. 8 SS kr 7'/, Sgr. Domestikenstretche. Posse mit Gesang i» 1 A. ». A Bittner (Wiener Theater-Repertoire Nr. 92) 35 kr. 7'/, Sgr Domestikeustreiche» s Fünf stnd Zwei. Domino, der grüne. Lustspiel in Alerandnnern und 1 A von Körner Gr 12. ged Wien Original-Auflage. 1828 25 kr 5 Sgr Do» Ina«. Große Oper in 2 Aufz Au« dem Italienischen Mustk von Mozart Sechste Auflage 8 1866 SS kr. 7'/, Sgr. Don Quichotte, der neue. Lustspiel in 1 A. nach dem Frar». von Alexander Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 72.) 30 kr. 6 Sgr. Donauweibchen, das. Romantisches Volksmärchen mit Gesang. 1. Theil-in 3 A. 1838. 2. Theil in 3 A. 1837. 8. Von Hensler. Beide Theile 1 fl. 20 Sgr. Dona Diana. Lustspiel in 3 A. nach dem Span, des Don Aug. Moreto von C. A. West. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 11.) Vierte Auflage. 60 kr. 12 Sgr. -Dasselbe. Fünfte Au flage. Miniatur- Ausgabe, eleg. broschirt. 1862. 1 fl. 50 kr. 1 Rth — — Dasselbe, elegant in englischer Leinwand gebunden, mit Goldschnitt und reicher Deckel- n. Rückenverzierung. 2 fl. 40 kr. 1 Rth. 18 Sgr. -Dasselbe, elegant in feines Kalbleder gebunden, mit Goldschnitt und reicher Deckel- nnd Rückenverzierung. 3 fl. 2 Rth. Doppelgänger, der. Lustspiel in 4 Aufzügen, nach A. von Schaden's Erzählung für die Bühne bearbeitet von Franz v. Holbein Gr. 8. 1843. 80 kr. 16 Sgr. Doraliee, Orslllmu in clue ^tti ci«I h1a?3tro lAsreuäLnt«. 1824. 35 irr. 7/, 8^r. Dorf, das, im Gebirge. Schauspiel mit Gesang in 2 A. von Kotzcbue. Musik von Weigl seu. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Dorfbarbier, der. Komisches Singspiel in 3 A. v I. Weidmann. 30 kr. 6 Sgr. Dörfchen, das friedliche. Singspiel in 1 A. von Hensler. 1803. 8 40 kr. 8 Sgr Drei Viertel auf eilf. Schwank in 1 A. von M. A. Grandjean. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 78.) 30 kr. 6 Sgr. Duell, das unterbrochene, s Schönstem Hausth. Duell-Mandat, das, oder ein Tag vor der Schlacht bei Roßbach. Drama in 5 Aufz. von W. Vogel. 8. 1843 80 kr. 16 Sgr. Duennen, die beiden. Dramatische Bagatelle in 1 A , s. Eastelli Sträußchen. 13. Jahrgang. Dyck Landleben, s. van Dyck E. S. S., oder die Ausstaffirung. Posse in 1 Aufzuge von Carl Auin (Giugno). (Wiener Theater-Repertoire Nr. 121.) 35 kr. 7'/, Sgr. Eckensteher Nante, der Wiener, oder die Informations-Aufnahme mit einem Clienten auS Krähwinkel. Komischer Act. Zweite Auflage mit Bild. Geh. (Vergriffen.) 35 kr. 7'/, Sgr. Eduard in Schottland» oder die Nacht eines Flüchtlings. Historisches Drama in 3 A. von Duval, aus dem vom Verfasser mitgetheilten Manuskript frei übersetzt von Kotzebue. 1804. 60 kr. 12 Sgr. Ehe-Doctor, der. Farce mit Gesang in 3 A. Nach einer Posse bearb. v. Joli. 1808. 35 kr. 7', Sgr. Ehemann, ein solider. Lustspiel in 1 A. Deutsch von Alexander Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 187.) 35 kr. 7'/, Sgr Ehemänner, die, als Junggesellen. Lustspiel in 1A , s. Castelli Sträußchen. 1. Jahrg. (Vergriffen.) Ehemänner, die, nach der Mode. Komische Oper in 3 A. von I. Ritter von Seyfried. 1804. 35 kr. 7'/, Sgr. Ehe«», die beiden. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 3. Jahrgang. (Vergriffen.) Ehenstifter, der, oder die beide« Ofsieiere. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußch. 1. Jahrg (Vergriffen.) Ehepaar, das, aus der Provinz. Original-Lustss. in 4 A. von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr. Ehescheuen, die. Lustspiel in 1 A. von I. F. , Weiffenthurn. Gr^ 8. 1833 40 kr. 8 Sgr Ehestandsqualen. Lustspiel in 1 A. und in Alexandrinern v. Deinhardstein. 1820. 40 kr. 8 Sgr. Ehestands-Scenen. 1. Theil. Lustspiel in 3 A. 2. Theil oder der Lieferant. Lustspiel in 3 A. Vom Verfasser des »Zwirnhändlers«. 1810. Beste Theile. 1 fl. 20 Sgr. Eher den Tod als die Sclaverei. Ballet von Caselli. 1771. (Fehlt.) 10 kr. 2 Sgr. Ehre, die, des Hauses. Drama in 5 A. v. Carl Juin und P. I. Reinhard. Nach L6on Battn und Maurice Desoignes. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 29.) 60 kr. 12 Sgr Eichenkranz, der. Ein Dialog von A. W. Jffland 8. 1801. 13 kr. 2'/, Sgr Eichenkranz, der. Schauspiel in 4 A. Neu bearb von Ehrimfeld 1810. 40 kr. 8 Sgr j Eifersucht, die beschämte. Lustspiel in 3 A von I. F. v. Weißenthurn. Gr. 8. geh. 1833. 50 kr 10 Sgr Eifersüchtigen, die, oder Keiner hat Recht. Lustspiel in 4 A. v. Schröder. 1805. 40 kr. 8 Sgr. Eigensinnige, der. Lustspiel von Stephani 1774 8. ' 60 kr 12 Sgr Ein Freund statt einer ganzen Familie. Poffe in 1 A., s. Castelli Sträußchrn. 20. Jahrgang Ein Mädchen ist's und nicht ei« Knabe. Lustspiel in 1 A., nach dem Franz, von HerzenS- kron. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 20.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr Ein Mädchen vom Theater, s. Mädchen Ei« Mann hilft dem Andern. Lustspiel in 1 Ä, s. Weiffenthurn Schansp. 15. Band. Ein Tag aus dem Leben Carl V. Historisches Gemälde in 2 A., s. Castelli Sträußchen. 20 . Jahrgang. Eine Feindin, s. Feindin Eine für die Andere. Lustsp. in 3 A., s. Castelli Sträußchen. 15. Jahrgang. Eine Nase, s. Nase Einer von unsere Leut'. Lustspiel mit Gesang in 3 A. von O. F. Berg. (Wiener Thrater-Rep. Nr. 194.) 60 kr. 12 Sgr Einsiedler, der, im Lerchenwald« oder die ge- heimnifivolle Laube. Lustspiel in 1 A. s Castelli Sträußchen. 6. Jahrgang. Eleganten, die. Posse in 1 A. Nach Moltvre für die deutsche Bübne von H. Zschvcke. 1808. 40 kr. 8 Sgr Elias Regenwurm, oder die Verlobung auf der Parforcejagd. Poffe mit Gesang in 2 A. von Friedrich Hopp. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 21.) 60 kr. 12 Sgr Elisabeth, Königin von England. Oper in 2 A Musik von Rossini. 1822. 35 kr. 7'/, Sgr -Dasselbe italienisch. 1822. 35 kr. 7'/, Sgr- Elmar. Theater. Wien. 1856. 60 kr. 12 Sgr Enthält: Das Mädchen von der Spule. Volksstück in 3 A. — Unter der Erde. Charakterbild in 3 A. (Dieses Verzeichniß wird fortgesetzt.) Pruck und 'Papier von peopold Sommer in Wien Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Der bairische Hiesel. VMsstück mtt Gesang uad Tadlcaor m 3 MHMagea aaS 7 Mdera nach einer Erzählung von Hermann Schmid frei bearbeitet von ' Friedrich Kaiser. Musil vom Capellmeifter Franz Roth. Erste Mtyeilung. Erstes Bild: Die Hochzeit am Grd Hof. Personen: Kreuzhuber, l Matzenhoser, ! Bauern. Jmmlinger, l Batzmann, Schulmeister. Naßmüller, ein junger Landwirth. Hanni, seine Braut. Monika, erste Kranzeljungser Schwarzberr. Waldhüter Robert, i Hubert, ^ Jäger. Ruprecht, s Jäger, Laadreiter, Mufikaateu, HochzeitSgäste Droni, die Mithin am Erdhof. Mathias Klostermaier Andre-, rin Baueraknabr. Knaller, Fuhrmann. Nöthling. KleinhäuSler Stegmater, Tabuletkrämer. Heinz, Schergmknecht. Nanni, Kellnerin- Kranzeljungfern, Bauem Zweites Bild: In der Heimat Personm: Brentan Klostrrmaier, ein alter Holz- Mat hiaS, sein Sohn. schnitzer. Mirl, seim Tochter. lhiiUrr-Reprrtoii« Nr. l-5 Wolf, Dorfpsarrer. Monika- Maier, Bader t r Zwkite Mthkilung. Drittes Bild: Im Augsburgerwald. Personen: Mathias Klostermaier. Monika. Gundel, Richt» eiur- Aaldschenkwirthes. Andre-. Der Sternputzrr, l Der Tiroler, Der Blaue, Wildschützen. Röthling. GamSler, / Wildschützen. Ltssabouer, s Jmmlinger, j Wildschützen, Bauern, Dirnen, Musiker. Grünauer, Förster. Brummer, Feldwebel- Helmer, l Spieß, ! Soldaten. Jäckle, I - H - Mathias Klostermaier Vierte- Bild: Förster und Wildschütze. Personen: o Rechthaber, Amtmaun. Amalie, seine Tochter. drrm Binder. Hubert, , , HaSlinger, Wirth. § Malberger, Ort-ältester^ Mathias Klostermairr-, Bündel. Röthling, Metzger. Sternputzrr, GamSler, s l^ - * Tiroler, Blauer, Lissaboaer, Andre-, Soldaten. Wildschützen Fünfte- Bild: Rebell und Soldat. Personen: t Wildschützen Wildschützen. Tiroler, Blauer, Steruputzer. GamSler, Lissaboner, i Andre-, s Stürmer, Unterofficier. Peter, Gemeiner. OrtSältestr, Bauern, Wildschützen, Diener. Sch edel. Grenadierlteutenaat Brummer, Feldwebel. Mathias Klostermairr Zar ob, Schenkwirth. ^ Gundel. i Röthling. Dritte Mtheiümg. Sechste- Bild: Der Uebersall. Personen: Wildschützen Steruputzer, Tiroler, Blauer, Andre-, Ein Tambour. Grenadiere, Zimmrrleutr, Wildschützen 3 Siebentes Bild: Der letzte Weg. Mathias Klostermaier. Gerichtsrath Hartmann Ein Actuar- Sternputzer, Wildschütz. Andres, Bauernjunge. Personen: L.! Ein Gefäugnißausseher. Pfarrer Wolf. Monika. v Erste Abheilung. Erstes Bild: Die Hochzeit am Erdhof. Zaarrer Hosraum des Eiukehrwirthshauses »Am ßrdhos«; den Hintergrund nimmt das einstöckige Acbäude selbst ein; in der Mitte desselben eine breite Einfahrt, durch welche man aus die Straße htnausfirht. Zu beiden Seiten der Einfahrt führen areitrrppen zum ersten Stockwerke hiuan und bil- Lea oben rillt Terrasse. Im Hose rechts und links Tische, welche sämmtiich mit großen Blumenauf- sätzen geschmückt find. Tie Terrasse sowohl als die Treppengeländer sind mit Guirlandeu von Lannenreifig geschmückt. Die Fenster des ersten Stockwerks find beleuchtet, die aus die Terrasse mhreudr Thür steht offen, man sieht durch dieselbe bat bunte Getriebe einer Bauernhochzeit und hört dir Tanzmusik. Erste Scene. Kreuzhuber, Matzenhofer. Immlin- grr und BatzMüNN (fitzen am ersten Tische rechts), andere Bauern (an den übrigen Tischen). Nanniund andere Kellnerinnen (gehen be. dienend ab und zu). Röthling (fitzt an einem Tische mehr im Hintergründe links). Knall er. Knalle r tim blauen Kuhrmannskittel. die Peitsche in der Hand, aus dem Hute einen mächtigen Blumenstrauß, kommt vom Hintergründe rechts und geht zu einem der Tische im Vordergründe links, in schwäbischer Mundart). So! die Röß'l stir» g'futtert — jetzt kann der Mensch sich an die Tränk' setze! (Setzt sich.) Nanni (stellt einen vollen Bierkrug vor ihn hin). Gott g'seg'n's, Fuhrmann! Woher 's Weg s? Er ist ja noch nie bei unS einkehrt? Knaller.Iglaub's wohl,schön'S Iung- serle! Isch au's ertsche Mal,daß i den Weg mache thu'! I fahr' von Ulm her für ein n reichen Kaufmann; werd' jetzt schon öfter komme und dahier »am Erdhof« einkehre, nu i weiß, daß da so a hübsch Iüngferle daheim isch! (Legt seinen Arm um ihre Hüfte.) N ani (sich losmachend). Wegen meiner brauchtEr sich nicht aufz'halten! Wir haben die Zeit her ohne ihn auch g'lebt. (Geht von ihm weg.) Kn aller. Ha ha! das Maidle wird au nit gegen Alle so spröd' thue! (Trinkt) Röthling (in einem abgeschabenen, ärmlichen Anzüge, wrlcher au einem der Tische links allein saß, steht mit dem Bierkruge in der Hand aus und tritt zu Knaller, ihm den Krug hin- haltend). Glückliche Reis', Fuhrmann! Kn aller (au den Hut greifend). Dank schön! 's geht nimmer weit. Röthl. (setzt sich zu ihm). Wohl nach München! — Was hast g'laden? Knaller. Ei nu! Allerhand um en Kreuzer! Tuch von alle Farbe — Kaffee — Zucker — Tabak — Röthl. (sieht sich vorsichtig rings um, dann etwas leiser). Hast den ganzen Wagen voll- g'laden? Knaller. Narr! ma wird dv nit mit halber Ladung fahre! Röthl. Na — ich Hab' nur g'meint, 1 * 4 ob'st nicht doch vielleicht unterwegs noch was aufladen könnt'st? Kn aller. So? hascht wohl gar so eppes? Röthl. (noch leiser). Hm! wenn man trauen dürft'!— (Rückt näher zu ihm.) Meinst nit, daß in der Münchnerstadt Jemand z'finden war, der ein' feisten Rehbock kaufen thät? Kn all er von ibm erzählt bat, und — (Stockt.) ' Math, (faßt ihre Hand). Und —? Monika. Und mir ist immer in' Sinn kommen, waS er für a lieber, herzensguter Bua war — und daß er jetzt so ein armer, verfolgter Mensch worden ist. (Trocknet sich die Augen, dann ablenkend.) Aber bei wem ist denn der Herr g'wesen in Kissing? Math. Ich — ich war öfters beim Jäger — beim Wörschinger! — Ob er wobl noch lebt, der alte Leonhard? Monika. G'wiß weiß ick'S nit — aber g'hört Hab' ick, daß a neuer Jäger binkommen soll, also muß er wohl schon todt sein! Matb. Gott tröst' ihn! war a braver Mann! — Aber das Jägerhaus — Monika. Ja, das liegt gar so schön mitten im Wald — und lugt so freundlich aus den grünen Buchen berauS. Math. Na — möcht' die Jungfer nickt da d'rinnen wohnen und wirthschaften als Frau Jagerin? Monika (blickt verschämt zu Boden, dann sich vom Sitze erhebend). S wird wohl Zeit sein, daß ich wieder hcimgeh'. (Will fort.) Math, (sie an der Hand zurückhaltend). Geb' Sic mir doch erst Antwort! Wann ich jetzt so a Platzl und so a Jägerkaus müßt' und ich wär' der Jäger und käm' zu Ihr und fraget, ob Sie mei' Jägerin werden wollt'? Monika (ihm ihre Hand enttiehend). Mack der Herr nit mit mir ein' Spaß, sondern mit Seinesgleichen — dort kommen ja solche — (Hilt rasch gegen das Hau» über die Treppe, bleibt aber oben auf der Terrasse stehen ) Math, (auf die Kommenden sehend, für sich) Nichtig! da kommen Jäger! — aber meines Gleichen?! (Stemmt den Arm aus den Tisch, stütz! den Kops in die Hand und blickt sinnend vor sich hin.) 10 Sechste Scene. Vorige. Schwarzbeer. Robert. Hubert. Mehrere andere Jäger. Gchwarzbecr, Robert, Hubert und die Jäger (kommen sichtbar verstimmt durch die Einfahrt in den Hof). Rob. Wieder umsonst geplagt und den Rechten nicht aufg'stöbert! Hub. Ich hätt' wohl die fünfzig Gulden gern verdienen mög'n. Schwarzb. Aufg'schoben ist nicht auf- g'hoben! Wir kriegen's doch noch! Jndeß stärken wir uns mit ein paar Krügeln Bier! (Setzt sich, seinen Stutzen zwischen den Beinen behaltend, zu den Uebrigen.) Legt's eure Flinten dort ab und setzt Euch daher zu mir. Die Andern (lehnen ihre Stutzen an die Wand hinter dem Tische, setzen sich dann an einen Tisch rechts und msen). He da! Kellnerin! Bier! Bier! Nanni (kommt, in beiden Händen Krüge tragend, die sie aus den Tisch stellt). Na — na — ich kann ja nicht fliegen — und mehr als zwei Händ' Hab' ich auch nit! Hub. (bemerkt Mathias, etwas leiser zu den Uebrigen). Ist das nit auch ein Jager? (Zu Nanni.) Weiß Sie nicht, bei was für ein'n Herrn der dient? Nanni. Kenn' ihn nit und Hab' ah nit Zeit, nach ihm umz'fragen! (Entfernt sich wieder.) Schwarzb. (zu den Jägern). Laßt's nur mich machen! Den will ich bald heraushaben wie den Dachs aus dem Bau! Sagt's, der Schwarzbeer hat Euch's g'sagt! (Zu Mathias hinüberrufend.) Der Herr ist wobl auch vom Waidwerk — also sein wir Ca- meraden! Math. Vom Waidwerk bin ich wohl, aber mit der Kameradschaft wird's nicht weit ber sein! Schwarzb. Warum denn? Der Herr muß stch nur durch a paar Waidsprüch' ausweisen, daß er wirklich a Jager ist! Sag' Er mir einmal, was ist das für a Thier, was mit zwei Löffeln frißt? Math, (sich unwillig abwendend). Fopp Er sich selber! — Ich Hab' ihn auch nickt g'ftagt, wer er ist. Schwarzb. Unsereinem sieht man das wohl am G'wand an, aber eben darum hat man auch ein Recht, Jeden, der so ein' Rock tragt, darnach zu fragen, ob er ihm auch gebührt? Man bat ein Recht, nach der Kundschaft zu fragen! Math. Darnach fragen kann Er, aber z'sehen kriegt Er's nicht! Schwarzb. (zu den Uebrigen). Mit dem Burschen ist's nicht richtig! Denkt, der Schwarzbeer hat Euch's g'sagt! (Wieder zu Mathias laut.) Und nit einmal ein'n Stutzen hat der Camerad! Math. Der kommt nach — aus München, wo ich in Diensten war. Schwarzb. So? bei wem denn? Math, (abtrumpfend). Beim Baron Pc- terl! Schwarzb. Die Herrschaft Hab' ick noch nie nennen g'hört — die hat wohl so wenig Jagdbarkeit, daß Er 's Schießen verlemt hat? Math. Ich glaub' kaum! (Steht rasch auf, tritt zu Schwarzbeer.) Mit Verlaub! (Reißt schnell Schwarzbeer's Stutzen an sich.) Schwarzb. (aufspringend). Was soll das? Math. Nur ruhig! Die Kundschaft kriegt Er von mir nicht zu seh'n — aber daß ich noch schießen kann, will ich dem Herrn zeigen! — Sieht Er den Raben, der dort (in die Scene links weisend) über die Accker hinstreicht? Schwarzb. (hinsehend). Der ist ja fast außer der Schußweite. Math. Nicht so weit, daß ich ihm nickt den Kopf herunterputzen sollt'! (Drückt los.) Schwarzb. (erstaunt). Meiner Seel!'— Der Vogel dreht sich — d'Federn stäuben um ihm — ha! Da bringt ihn schon a Bursch! Ein Bursche (bringt von links einen Raben ohne Kopf herein). 11 Schwarzb. Laß' schau'n! (Nimmt den Raben, noch mehr verwundert.) Das weiß der Teufel, wie er's ang'stellt hat — der Kopf ist wirklich wurzweg abg'schossen! Die Bauern (verlachen die Jäger). Kreuzh. Ha ha ha! Bei dem könnt's Ihr halt' doch noch in d'Lehr geh'n! Schwarzb. (unwillig). Schweigt, Bauernvolk! — Aber (aufhorchend) was ist das? (Man hört von der Einfahrt her die Stimme Andre«' weinend:) Helft's — laßt'smich — (dazwischen die Ruprechts:) Fort, Lump! mit Mir! (dann die Stimme der Frau Dronir) Laßt ihn los! sag' ich — (wirr durcheinander). Alle Jäger (aufspringend). Was gibt's denn? Siebente Scene. Vorige. Ruprecht. Andres. Frau Vroni. Rupr. (schleppt Andres am Kragen aus der Einfahrt in den Hof). Vroni (eine dicke Frau mit hochaufge- streckten Arrmeln, den Kochlöffel in der Hand, folgt). Rupr. (zu den Jägern). Da ist der Nußberger Hallunk! — Ich bin in d'Kuchel gangen, um mir mei Pfeifen anz'brennen, da sitzt der Bursch' ganz frech am Herd und laßt sich's schmecken! Vroni. Und warum soll das Bübel nit cffen, was ich ihm geben Hab'? Er ist in mei Küchel kommen, völlig derlechzt und auSg'hungert, und ieb mocht' wissen, wer sich unterstehen kann, ihn aus meiner Kurbel fortz'führen! Schwarzb. (zu Vroni). Ihr sein wir ka Rechenschaft schuldig! Haben wir erst 's Junge, dann bleibt uns der Alte auch nit aus! — bindt's ihm die Hand' am Rucken! Einige Jäger (eilen hin und binden Andres die Hände auf den Rücken). Hub. (drohend zu Andres). Wo ist dein Vater? Lump! Andr. (trotzig). Sucht's ihn, wenn's ' es wissen wollt's! Hub. (wüthend). Kerl! ich will Dir — (Erhebt die Hand zum Schlage.) Vroni (rasch dazwischentretrnd). Laßt's das Kind in Ruh'! — Ich — die Mithin am Erdweg — leid's einmal nit, daß Ihr ihn so tractirt! — Was kann denn so a halbg'wachsenes Bübel gar so Arg's ang'stellt haben? Rupr. Sei Vater hat ein' Hasen g'fangt und im Klee versteckt — der Bub' hat's g'wußt und doch wegg'laugnt! Vroni. Und deswegen soll das Bübel in's G'fängniß? — Alle Bauern (drängen sich laut murrend gegen Ruprecht und Andres). Schwarzbeer und die Jäger (treten vor Ruprecht und Andres). Schwarzb. (zu den Bauern). Bauern! daß sich Keiner von Euch d'reinmengt! — Ihr kennt's die Folgen! Nur fort mit dem Buben!- Math, (stößt plötzlich Schwarzbeer und die Jäger mit kräftigen Armen zu beiden Seiten weg. drängt sich zu Andres, stößt auch Ruprecht fort, dann zu dem Knaben). Komm her! Kleiner! Die Jäger (ganz verblüfft). Wer untersteht sich? Math. Ich! (Zieht rasch den .Hirschfänger und schneidet die Stricke, mit welchen Andre-' Hände gebunden find entzwei, steht aber dabei so. daß er die angelehnten Flinten in seinem Rücken hat). Lauf zu! 's soll Dir kem Mensch was anhaben! Schwarz, (außer sich). Die Frechheit! Ietztpackt's den — (Auf Mathias weisend.) Alle Jäger (wollen auf Mathias ein- dringen). Andres (entläuft inzwischen). Math, (springt rasch zu der Wand, an welcher die Flinten lehnen, ergreift eine derselben und läßt den Hahn knacken). Packt's micb, wenn's Courage habt's! Schwarzb. Was soll das heißen? 12 Math. Das soll heißen, daß Ihr noch drei Minuten Zeit habt's, Euch aus n « Staub z'machen! — Wer nach drei Minuten noch da is, dem blas' ich s Lebenslicht aus — (auf die Flinten zurückweisend) ich Hab' just für jeden Mann a Kugel! Die Bauern. Bravo! bravo! so ist's recht! fort mit den Jagern! Schwarzb. Wer untersteht sich — Math. Nit g'fragt und nit g'muckst! — Ich zähl' — wenn ich bis auf Drei komm', und Einer ist noch da — dann kracht's! Hub. So laßt uns doch wenigstens unsere Büchsen mitnehmen! Math. Die bleiben da, als Pfand — morgen könnt's es beim Wirth abholen. Den Stutzen vom Waldhüter aber, mit dem ich Euch mei' Kundschaft' zeigt Hab', den b'halt ich zum Andenken! Schwarzb. (jammernd). Mein Stutzen! Math. Also frisch, Jäger! — (Zählt, die Flinte zum Schüsse bereit haltend.) Eins! — Rupr. Vermaledeiter Kerl! Math. Zwei! Schwarzb. (sich bereits etwas zurückziehend, doch noch drohend). Wir treffen Dich schon wieder! Math. Drrrr- Schwarzb. (aufschreiend). Erschießt! — Alle Jäger (ergreifen eiligst die Flucht). Alle Bauern (jubelnd) Hurrah! Juhe! D'Jager sein g'jagt! Kreuzh. (zu Mathias). Seid's a Mordkerl! — Gebt's mir euer Hand! Alle Uebrigen. Ja — uns auch! S te gM. (hält auch Mathias seine Hand hin). Mir auch! Math, (zu Stegmaier). Ihr? — Na — jetzt habt's mich g'seh'n — habt'S noch Lust mit mir anz'bandeln? StegM. (überrascht zurücktretend). Ihr seid's? — Kreuzh. (freudig). Hab' ich mir's doch schon halb und halb dacht—der bairische— Alle Bauern faufjubelnd). Der bairische Hiesel! Math. Jetzt kennt's mich — wann vielleicht Einer Lust bat mich z'fangrn! (Will fort.) Kreuzh. (seine Hände fassend). Euch — Euch z'fangen? — Ihr seid's ja der, dn sich um uns arme Bauern annimmt — Ihr vermindert's den Wildstand, damit das Gethier uns kein' Schaden bringt — Euch segnen wir Alle! und auf Euch ist a Lied! dicht worden, was jedes Kind im ganzen Land auswendig weiß! (Zu den Musikanten hinaufrufend.) Spielt's mir's auf — 's ist ja mei Leibliedl auch! und Ihr (zu den Bauernburschen) singt's es Alle — damit er sieht, wie 's Volk ihn in Ehren halt! Lieb mit Chor. Ich bin der bairisch' Hiesel, Ka Kugel geht mir ein, D'rum fürcht' i ah kein' Jaga, Und sollt'S der Teufel sein! Im Wald d'raußt ist mei Heimat, Im Wald draußt ist's a Leb'n, Da schieß' ich d'Reh und d'Hirschen Und d'Wildschwein auch daneb'n! Es gibt ka schöner's Leben, Als ich führ' auf der Welt, Die Bauern geb'n mir z'essen, Und wann ich's brauch', noch Geld! D'rum thu' ich d'Felder schützen Mit meine tapfern Leut', Und wo der Hiesel hinkommt, Ui, Gott! das ist a Freud'! Alle (schwenken die Hüte, umdrängen Mathias, drücken ihm die Hände). Vivat! der bairische Hiesel soll leben! Hoch! hoch! hoch! (Unter dem 'allgemeinen Jubel fällt der Vorhang.) 13 Zweites Bild: In der Heimat. Aermliche Stube im Häuschen des alten Brentan Klostermaier mit einer Mittel- und einer Seitenthür links. Im Vordergründe links ein alter Hichentisch, an demselben einige Stühle, rechts au der Hinterwaud ein breiter Kachelofen, rings um denselben eine Ofenbank. Erste Scene. Brentan. Mirl. Brentan (ein sehr alter Maua mit säst kahlem Scheitel und wenigen schneeweißen Haaren, fitzt bei einer trüben Oellampe am Tische, bemüht mit einem kleinen Messer ein Kreuz aus Lindeuholz zu schnitzen. Stücke Holz — eine kleine Säge und andere Werkzeuge liegen vor ihm auf dem Tische). Mirl (rin noch junges Mädchen, fitzt aus Ler Ofenbank, vor sich ein Spinnrad — sie blickt, während fie spinnt, wiederholt besorgt aus Brentan). Brentan (legt die Arbeit weg und fährt sich mit dem Ballen der Hand über die Augen). Es geht nit mehr! — Die Augen brennen mich wie Feuer — und 's ist, als wann ich Alles nur durch ein' Nebel sehet! Mirl. Sollt'st Dich halt nit so anstren- gen, Vater! — und gar bei Nacht! — Brentan. Wann denn sonst? — Was ich beim Tag, wann ich mit dem Vieh aus der Weid' bin, schnitzeln kann — das gibt nichts aus — ich Hab' z'viel z'thun, d'Küh' z'sammz'halten — und der Friedberger Jahrmarkt ist vor der Thür, bis dahin soll ich a paar Dutzet Herrgotts fertig haben! Mirl (seufzend). Freilich! Wir haben auch nit mehr weit aus Maria Geburt, da soll wieder die Gilt zahlt werden! Aber bis dahin Hab' ich schon wieder so viel Garn beisammen, daß's a schön's Stück! Leinwand gibt — die Wirthin will mir's ad- kaufen. Brentan. Ja, Du weißt alleweil Rath, und hast mir noch ka böse Viertelstund' g'macht! Ja — wann mein Bua nur ein Aderl von Dir hätt'! — (Blickt traurig vor sich hin und fährt sich wieder mit der Hand über die Augen.) Mirl (steht rasch auf und tritt zu ihm) Du weinst schon wieder! — Und weißt doch, daß das Gift ist für deine kranken Augen! — (Unwillig.) Der Bua ist's wirklich nicht werth! Brentan. Ich wein' ja nit! Die Augen geh'n mir nur vor Schwächen über! — Wenn das so fortgeht, werd' ich bald gar nit mehr schnitzen können! Mirl. So gib's ganz auf! Vergönn' Dir Ruh' — so lang ich ein' Finger rühren kann, soll Dir doch nichts abgeh'n! Brentan (bewegt, seine Haud aus ihr Haupt legend). Ja, ja, Mir!! bist a gute Tochter, die ihren Vater in Ehren halt! 's soll Dir auck gut geh'n dein Leben lang! (Sich in den Stuhl, zurücklehnend und die Hände im Schooße faltend.) Hab' mir freilich Alles anders denkt, aber — für Dich ist's besser, daß's so hat kommen müssen! — Du kriegst jetzt das Häusel allein, d'Grundstuck sein zwar nit groß, aber für a paar fleißige Leut' langen's aus! — Schau' Dich halt um ein' braven Mann um! Zweite Scene. Vorige. Mathias. Math, (öffnet leise die Mittelthürund bleibt von den Beiden unbeachtet aus der Schwelle stehen. — Er hat den Hut tief iu's Erficht gedrückt und die Flinte in der Hand). Mirl (die Augen finster zu Boden schlagend). Ich krieg' kein'! — Brentan. Warum denn nit? — -ist brav und fleißig — hast a gut's G'ficht — und gar so g'ring ist die Brautgab' doch ah nit! — Mirl. Ich krieg' doch kein'! — 14 Brentan. Aber so red' doch! Warum meinst das? Mirl. Du wirst'- nit gern hören — Vater! — aber 's will Keiner einheiraten beim Brentan — weil — weil Keiner sein — Schwager im Zuchthaus wissen will! Brentan (preßt beide Hände vor die Augen und läßt da- Haupt auf die Tischplatte finken). Math, (tritt vollends ein und schiebt an der Thür den Riegel vor, dann mit lauter Stimme). Dort ist er nimmer! dort — nimmer! Mirl (heftig erschreckt). Jesus Maria! — (Starrt Mathias an.) Brentan (das Haupt wieder erhebend, in freudiger Ahnung). Die Stimm'! — (Erbebt sich vom Sitze, die Arme zitternd auSbreitend ) Hiesel! — Du — Du wieder da? Math, (seine innere Bewegung bekämpfend) Ich bin'-, Vater! bin wieder frei! Geiß'jetzt nit, was ich zunächst thun und wohin ich mich wenden soll — aber daher nach Kissing komm' ich wohl so bald nickt wieder, d'rum Hab' ich da nicht vorbeigeh'n wollen, ohne »B'hüt Gott!« z'sagen! Brentan (hat sich wieder gesetzt, traurig). Also willst wieder fort? — wieder auf den alten Weg? Mirl (unwillig). Das siehst ja, Vater, schon an sein'G'wand! Math. Das Jägerg'wand Hab' ich mir erst kauft — oder (mit verbisseuem Zorn) bätt' ich vielleickt in dem g'wiffen grauen Kittel wieder kommen sollen?(Zu Mirl trotzig.) Aber wegen deiner bin ich nit kommen, ich weiß's wohl, daß'S Dir am liebsten g wesen wär', wenn sie mich ganz -'halten hätten — in München! — Aber ich komm', um den Vater wieder;'seh'n, und d Mutter! Brentan (dir Hände zitternd zum Himmel erhebend). Dei' Mutter?! Mirl (bricht in lautes Schluchzen aus. hüllt dir Augen m ihre Schürze und eilt wieder zur Ofenbank, auf welche fir finkt). Math. (Fürchterliches ahnend, hält sich an tzn Tischplatte, nit stockruder Stimme). Vater! — was soll das bedeuten? — d'Mutter? — cs ist nit möglich! Brentan (mit dem Haupte nickend, traurig). Und — 's ist doch so — sie hat'-s g'schwind g'macht — am nächsten Jrtag sein'S eilf Wvcken, daß wir's eingraben haben! Math, (stößt einen unarticulirten Schrei aus und finkt dann mit gebrochener Kraft m einen Stuhl am Tische, beide Arme über denselben kreuzend und sein Haupt darauf finken lassend) Brentan (nach einer Pause). Weinst, Hiesel? —Hast schon Recht, daß D'weinsl — denn Du bist mit d'Ursach'! — Wie s Dich von da g'fangen fortg'führt haben — das war der Nagel zu ihrem Sarg! Und wie wir dann Alle um ihr Sterbbett her- umg'standen sein und schon g'meint baden, sie hätt's überstanden, da hat sie sich noch einmal kerzeng'rad aufg'richt' im Bett, d'Augen weit aufg'riffen und hat sich um g'schaut in jedem Winkel, als ob's Dich sucket — Math, (schluchzt stöhnend). Brentan. Ja, ja, wein' nur und bet' auch für sie — denn wann sie Ein'S in der Ewigkeit z'verantworten hat, so ist'S das, daß'S Dir z'viel nachgeben, Dir z'viel freien Willen lassen hat! Math, (sich plötzlich wieder trotzig erhebend) Mack' meiner Mutter im Grab' keine Vor» würf'! Sie war gut mit mir — vielleicht zu gut — aber z'verantworten svll's wegen meiner nichts haben! Sie nit — und Du auck nit, Vater! Kein' Menschen soll's aufbürdt werden, wie s ausgcht mit mir — gut oder büS — ich nehm'S allein auf mich! — Also b'hüt Gott, Vater! — ich seh' schon, vier ist meine- Bleibens nit! (Will fort.) Brentan. Hiesel! — Geh' nit so fort von mir! geh' nit wieder fort! Leickt, daß d'mich, wann s d'wiedcrkommst, auck nit mehr über der Erden nndt'st! — Bleib' da, und 'S soll Alles vergessen sein! Gib' daS Wildsckützenleben auf, werd' ein ordentlicher Bursch — mach', daß ick, wenn ich deiner Mutter in d'Ewigkeit folg', ihr sagen kann, daß ihr Sohn, den sie noch am Todtenbett' g'suckt hat, nit verloren ist! Math, (starrt unschlüssig gegen den Boden — nach einer kurzen Pause). Ich kann nit, Vater! — B'hüt' Gott! — gib' mir noch einmal bei' Hand — (Hält ihm die Hand hin.) Brentan (abwehrend). Auf den Weg nit, den Du gehst! Math, (trotzig). Na — so muß ich halt ohne euer »B'hüt' Gott* geh'n! (Drückt dev Hut wieder in die Stirne und will fort.) Dritte Scene. Vorige. Pfarrer Wolf. (bt wird stark an der Thür gepocht.) Brentan (ausstehrnd). Was ist das?— wer kommt heut' so spät noch zu uns? Math. Mir gilt der G'such! — Die Schergen Habens ausg'witterl, daß ich da bin! Ha ha ha! — Da kannst sehen, Vater. was ich z'hoffen hält', wann ich dableibet, aber da (gegen die Seitenthür linke wer- srlld) ist noch ein Ausweg gegen 'S Gartel, und wann rch da Ein begeg'n — (Spannt den Hahn.) Mirl(jst auch aufgesprungen, zur Mittelthür gerannt und hat da- Ohr horchend an dieselbe 8'legt). Wolfs Stimme (von außen). So mach't doch auf! Mirl (zu Brentan hinüber» ufrnd). S ist nichts G'fährlicheS! ich glaub', nach der Stimm' ist's unser Herr Pfarrer! Wolf (von außm). Ja — ja — der ist's auch! — Macht nur auf! Mirl (schiebt den Riegel zurück). Wolf (»in hochgtwachsener alter Mann mit wrißen Haaren, in einem langen schwarzen Rocke, tritt ein und legt seine Hand aus Mirl- Haupt, lächelnd). Meine Schäflein erkennen die Stimme ihres Hirten und erschrecken nicht vor mir, obwohl ich Wolf heiße! — Nun, 3hr seht, ich komm' aber auch nicht im SchafSpelze!(RinOgrüße«d.)Gutcn Abend, meine Lieben! Brentan. So spät bemühen sich Hochwürden noch zu uns! — Wie kommen wir denn zu der -'sondern Gnad? Wolf (auf Hirsel blickend). Was ich such', Hab' ich gefunden! Math, (der sich bei Wolfs Eintritt umge- wandt hat, aber die Flinte noch immer schußbe- reit hält). Also wegen mir? — Wolf (freundlich). Ja, wegen Dir, Du wilder Jäger! Was stehst Du noch immer schußbereit? — Ha, fürchtest wohl, daß hinter dem Schwarzrock die Grünröcke nach- nachkommen? (Lächelnd mit dem Finger dro. heod.) Ich Hab' schon erfahren, was Du — kaum frei geworden — wieder drüben aus dem Erdhof angestellt hast! Math. Hätt' ich zuschauen sollen, wie die rohen Jäger den armen Buben mißhandelt haben? — Und wann'S mir aus der Stell' den Kops kost't hält' — ich hätt's nit übcr's Herz bracht! Wolf. Ueber'S Herz! — Ja — dein Herz Hab' ich sterö als gut erkannt —bist ja mein Pfarr-, Schul- und Beichtkind! aber mit deinem Herzen rennt oft alle Uederlegung davon! — Du hast dennoch wieder unrecht gehandelt! indeß — der Ei- genthümlichkeit des Falles wegen will ich'S beim Gerichte durchsetzen, daß man dieß- mal ein Auge zudrückt — aber Du mußt mir dagegen etwas versprechen. Math. Was denn, Hochwürden? Wolf (setzt sich aus einen Stuhl, den ihm Mirl hingestellt, und deutet aus einen daneben stehenden). Setz' Dich daher — zu mir! Math, (setzt sich neben ihn). Wolf. Du warst eben im Begriffe wieder fortzugehen? — Das kann dein Ernst nicht sein! — Du wirst bleiben, wirst die Büchse, die Dir einmal nicht zugehört, weglegen, und dafür wieder zum Pflug und zur Sense greifen. Math, (den Kopf schüttelnd). Nein, Hoch- »vürden! — daS geht nimmer! — zum Bauernknecht bin ich schon verdorben! Wolf. Warum denn? wenn D« nup ernstlich willst — 16 Math. Hilst All's nichts mehr! — Ich war g'wiß einmal a Bauernknecht so gut wie Einer — aber seitdem mir der alte Leonhard zum ersten Mal a Büchsen in d'Hand geben und mir g'lernt hat, damit umz'geh'n— z'schießen und z'treffen— seitdem g'spür ich in mir, daß ich nit dazu auf der Welt bin, gebückt hinter ein'm Pflug herz'geh'n oder den Dreschflegel z'schwingen! Der Wald ist mein Leben und d'Freiheit die Lust, in der ich allein athmen kann! Wolf (vorwurfsvoll). Die Freiheit! Und vergißt Du, wohin Dich dein toller Ueber- muth bereits gebracht hat? Math, (mit drohend erhobener Faust). Nein! »das vergeß' ich nicht! — Und Niemand soll's vergessen! Ich selber erzähl's der ganzen Welt, daß's mich in's Zuchthaus g'steckt haben, weil ich — ein'm Kind 's Leben g'rett' Hab'! Ha ha ha! Wolf. Deßwegen nicht! Math. War's anders? — Ich war in der Schenk' beim Haferbauer—vor m Haus ist a Stuck Kornfeld, und 's kleine Madel vom Wirth brockt dort Kornblumen; auf einmal bricht ein Hirsch aus'n nahen Wald aus — ganz wild — den Kopf zur Erde duckt und mit dem G'weih g'rad auf das Kind los, um's z'spießen — ich dersieh's—' lang' g'schwind nach mein'Stutzen—krach! da ist das Thier dag'legen! — Am andern lag hab'n's die Jäger schon g'wußt — haben mich anzeigt, daß ich ein Stutzen trag' — ich Hab' flüchten müssen — und z'letzt haben's mich doch bei Nacht und Nebel packt und wie ein'n Dieb und Räuber gebunden in's G'fängniß g'schleppt! — (Müder wild drohend.) Das vergeß ich ihnen nie — niemals und wann's g'glanbt haben, mir dadurch 'S Wildern z'vertreiben — da haben sie sich geirrt! — Jetzt wird erst recht das überflüssige Wildpret weggeputzt — und wann den Bauern Niemand Recht verschafft — ich thu's! (Ist während der Erzählung aufgesprungen und geht jo heftiger Aufregung aus und nieder.) B rentan (welcher sich inzwischen wieder gefitzt hat, jammernd zu Wolf). Da h ören's, Hochwürden! — da hören's — Wolf (zu Mathias). Du willst Recht schaffen, indem Du Unrecht thust? Das Wild gehört dem Fürsten oder dem Gutsherrn — es is also fremdes Eigenthum ! Math. Wann's dem Fürsten oder Gutsherrn g'hört, so soll's der auch nit so über handnehmen lassen, er soll's überflüssige, was dem Land Schaden macht, wegschießen lassen! Thut er's nit, so thu' ich das, was sei Pflicht g'wesen ivär', und das kann kein Unrecht sein! Wolf. Ich sag'Dir: es ist ein Verbrechen! Math. Und wer macht- zum Verbrechen? Wolf. Das Gesetz! Math, (dicht vor Wolf hintreteud). Und wer macht das G'setz? Die Herren, die 's Bauernvolk unterdrücken wollen! Das ist kein recht's G'setz! — so lang' 's Volk nicht auch d'reinreden und sagen darf, was ihm weh und was ihm noth thut, ist Alles schief und einseitig — und das darf man nickt dulden — dagegen muß man sich wehren. Wolf (fortwährend ruhig). Sieh', ich gebe Dir zu, daß manches Gesetz einer Aende- rung bedarf — aber das Gesetz ist wie ein Diamant; wie dieser nur wieder durch Diamanten geschliffen, so kann das Gesetz nur auf gesetzlichem Wege umgeändert werden! Laß das denen, welche dazu berufen sind! ES wird eine Zeit kommen, in welcher man bei der Abfassung der Gesetzbücher auch auf die Stimme der Vertreter des Volkes hören wird — mache Dich erst würdig, ein solcher zu werden. Math. Das bin ich schon! Wolf. Hat Dich daS Volk dazu gewählt? Math. Das nicht — aber der Jubel, mit dem mich die Leut' überall begrüßen, dir Hilf', die's mir leisten, wenn ich in 17 Gefahr bin, das Alles zeigt mir, daß just ich der Rechte bin, und daß ich mich auf's Volk verlassen kann! Wolf. Aufs Volk!— Man klagt, daß zürstengunst wandelbar ist — aber noch wandelbarer ist des Volkes Gunst! So lang' Du aufrecht stehst, wollen sie Dich tragen—fällst Du aber, dann treten fie Dich mit Füßen! — Und bedenke doch, welche Zukunft stebt Dir bevor? Im besten Halle ein unstätes Leben — eine fortwährende Flucht — ein Tod durch die Kugel eines Jägers — im schlimmen Falle durch daS Beil des Henkers! Math, (strht erschüttert). Br ent an (mit aufgehobene« Händen). Hiesel! — Um Gottes Barmherzigkeit willen! gib nach! Wolf (steht aus und tritt zu MathiaS). Mathis! hast Du denn allen Sinn für das Glück stiller Häuslichkeit eingebüßt? — Denke Dich, im Gegensätze zu deinem Vorhaben, an der Seite eines geliebten Wesens, an noch so ärmlichem Herde — umschwebt von dem Engel des Friedens! Math, (sich abweudeud, für sich). Monika! W 0 lf. (tritt von Mathias zurück, den Uebri- gea durch ein Zeichen Ruhe gebietend, für sich). Der Same meines Wortes ist doch auf keinen Stein gefallen! — Sein guter Engel ist's, der jetzt leise mit ihm spricht! (Faltet dir Hände wir zum Gebete.) Segne Gott diese Stunde! Vierte Scene. Vorige. Bader Maier. Maier's Stimme (noch von außen). Halloh! aufgemacht! — Licht gebracht! — Ich stolpere mich lahm! B re nt an (aufstehend). Das ist ja der Vetter Bader! — Was gibt's denn, daß der heut' noch bei uns vorspricht! (Zu Wolf.) Hochwürden, erlauben schon! (Nimmt die Lampe vom Tische und geht mit derselben zur Thür, die er öffnet.) ktzeatee-RrpeNou« Sir. Ids. Maier (ein kleiner runder Mann mit Stutzperrucke und steifem Zopfe, eilt durch die Mittelthür Herrin). Verteufelt frisch heute Nacht! Gefährliches Wetter für Einen, bei dem das Lateins. nicht in Ordnung ist, wie bei mir! Hab' mich aber doch nicht abhalten lassen, meine Botschaft heute noch zu bringen! Wolf. Was gibt's denn, Herr Chirur- gus! welche Botschaft-? Maier. Ah, Hochwürden auch da? — Kann mir vorstellcn, warum? (Auf Mathias weisend.) Der Seelenarzt ist da wohl am Platz— aber der Körperarzt, der lVlväious oorporalis, wird dießmal doch den Vorzug behalten! Ich Hab' ein Wunder-Elerir bei mir! krodatum S8t! (Stellt sich mit in die Seite gestemmten Armen vor Mathias hin.) He da! Er — junger Mensch Er! Er Thunicht- gut, Obenaus nnd Nirgendsan! Seinetwegen bin ich da! Ich will ihm das Wildern verleiden, daß Er sein Lebtag nicht mehr daran denken soll! Gaff Er mich nur an — da — (auf seine Rocktasche klopfend) da Hab' ich das Medikament! Math. Was — was Habens? Maier. Ja was? — Rath Er mal! (Zieht einen großen Brief mit geöffnetem Siegel hervor.) Was enthält dieser Schreibebrief, den ich soeben aus der Residenz, votu dsus durch einen Erpressen von Friedverg erhalten habe? Math. Ein n Brief aus München? — Und der mich betrifft? Maier. Ein Brief meines hochwohl- gebornen Vetters und berühmten College», Oootorm Geier, Leib-Uväioi Seiner churfürstlichen Durchlaucht ist's! Brentan. Ist's denn möglich? Sollt' sich denn der gnädige Herr Netter an uns arme Leut' erinnert haben? Maier. Hat sich erinnert! Mein Verwandter hat sich auf meine Verwendung verwendet— und für wen? — für den da! (Wieder auf Mathias weisend.) Math, (verwundert). Für mich? -r 18 Maier. Ja! (Triumphirend den Brief entfaltend und in die Höhe hebend.) Hier ist's, schwarz auf weiß! Seine Durchlaucht haben von deck kecken Wildschützen, dem bairischen Hiesel und seiner Meisterschaft im Schießen gehört. — Du sollst nach München kommen, sollst Dich dem Chur- sürsten vorstellen, er will eine Probe mit Dir machen, und wenn Du sie bestehst, Dich unter die churfürftlichen Jäger aufnehmen, Dir eine Försterei geben! Nun, was sagt Er denn dazu, Er ungehobelter Wildschütz? Math, (kaum seinen Sinnen trauend). Was? — ich? — eine Försterei! Drentan. Mein Gott! ist denn das möglich? Wolf (längt nach dem Briefe und durchfliegt denselben freudig). Ja, ja, es ist so! — Gott segne Seine Durchlaucht, der zwar das Vergehen straft, doch Gnade walten läßt für den Leichtsinn der Jugend! Drentan. Ja! Hoch der Churfürst! Gott vergelt ihck'S tausend und tausendmal! — Aber (zu Mathias) Hiesel, Di^ bist ja ganz stumm und starr! Hast's denn g'hört? Hast's denn verstanden? Math, (zu Brrntan rilrnd und ihn an die Brust drückend). Ja, Vater! ja! g'hört und verstanden, aber 's ist mir noch Alles wie ein Traum! Ich, also nicht mehr aus- g'stoßen,nicht mehr verfolgt und doch mein liebes Waidwerk treiben dürfen als rechtschaffener Jäger, in mein Forsthaus und, o Gott! o Gott! Ihr wißt noch nicht, was für Gedanken sich noch daran knüpfen! O mei g»tte Mutter! Wenn die das noch erlebt hätt'! Aber hören soll sie's, hören! — Ist's mir doch, als wann sie bei un- serm Herrgott für mich 'beten hätt', daß er Alles noch so zum Guten lenkt! — — Laßt mich! — (Zu Mairr.) Bader! (Drückt ihq ungkstüm an dir Brust.) Maier. He, he! zerquetscy Er mir nur nickt die Brust. Math. Das vor der Hand mei Dank für Euch — ltn^ jetzt — mir ist, als dürft' ich jetzt nirgends anders hin, als zu ihr — zu meiner Mutter! (Mt durch die Mitte ab.) Drentan (will ihm nach). Bleib' doch! Wolf (hält Brentan zurück). Laßt ihn — der Besuch wird seine besseren Vorsätze kräftigen! Begebt nun Euch auch zur Ruhe — morgen bin ich wieder bei Euch! Mairr. Ja — für jetzt will ich auch wieder mein Lotterbettlein aufsuchen! — Wir gehen wohl mit einander, Hochwürden! Nichts für ungut, daß ich Ihnen den Rang abgelaufen! Hahaha! — Nicht wahr? — das war ein lVleäiearnentnm ruckioalö! (Hängt sich in Wolfs Arm und geht mit ihm ab, zu Brentan und Mirl.) Gute Nacht, gute Nacht! Brentan. Gute Nacht und gelt's Gott! — warten's — ich keucht' Ihnen! (Nimmt die Lampe und leuchtet ihnen voraus.) Alle (ab). Fünfte Scene. VerwandlunA. Friedhof bei der Pfarrkirche in Kissing — linkt ist ein Theil der Kirche sichtbar — quer über die Mitte der Bühne zieht sich eine halbverfallene Mauer, in deren Mitte ein breites Gitterthor, durch welches man auf den dahinsträmenden Fluß sieht; — jenseits des Flusse- eine Au. An der Friedhofmauer mehrere Steinmonuniente mit Gebüschen umgeben — mehr nach dem Vordergründe recht- ein frisch aufgeworfene- Grab mit einem Holzkreuze daraus, der eben ausgehende Vollmond spiegelt sich im Flusse und gießt ein geisterhaftes Licht über die ganze Landschaft- Mathias (allein). Math, (kommt hastigen Schrittes von außen gegen da- Gitterthor, an demselben stehen bleibend). Verschlossen? (Rüttelt am Schlöffe.) Ah — der Riegel gibt nach! (Drückt stärker an, das Thor öffnet sich knarrend, er tritt vollends ein.) Da bin ich doch wo find ich -^? (Sieht ringsum, sein Mick fällt aus das frische Grab.) Das — daS muß'S sein! — 19 noch deckt kein Gras die Stell', wo mei gute Mutter — (vom Gefühle überwältigt am Grabe in die Knie finkend) Mutter! Mutter! (Faltet die Hände zum Gebete nach eitler Pause.) Wenn a Menschenstimm' noch hinüberdringt über die Gränz' zwischen Leben und Tod — o, so hör' Du mich, Selige! hör' die einzige Bitt': »Vergib mir!* — Ja, ja, Du hast vergeben, sonst käm' nicht, während ich da kniee, so ein Frieden über mich, wie ich ihn lang — ach! lang' nicht g'fühlt Hab'! O, ich will ja Frieden schließen mit der Welt und den Menschen — wenn sie nur den Frieden nicht brechen. — O Mutter! gib' Du dem Bund', den ich wieder mit der Menschheit schließ', dein Segen! ja— segn' mick — und o! mir ist'-, als sollt' da neben mir noch Jemand knien, ein Wesen, das seine Bitten mit den meinigen vereinigt: — Seg'n — seg'n uns! Sechste Scene. Mathias. Monika. Monika (in ihrem Hochzeitkleide. doch über Kops und Schulter ein graue- Tuch geworfen ist schon zum Schlüsse von Mathias' Monologe am Gitterthore sichtbar geworden, hat scheu ring- um sich geblickt, schlüpft nun herein, eilt fast unhür« bann Schrittes zu Mathias und legt ihre Hand auf seine Schulter, ängstlich flüsternd). Mathias! Math, (heftig erschreckt, finkt beinahe auf da- Grab, sich nur noch mit einer Hand am Hügel haltend). Um Gottes willen! wer ist —> Monika (läßt da» Tuch zurücksmkrn). Ich — ich bin's! Math, (auf's Höchste überrascht). Du — Monika! — Du (ausstehend) dahier — an dem Ort? — Wen suchst Du dahier?! Monika (immer angstvoll und mit stiegen» der Stimme). Dich — niemand Andern, als Dich — ich Hab' zu dem Vaterhaus wollen —' da Hab' ich Dich von der Kern' herauskommen, und den Weg daher ein- schlagen sehen — ick bin Dir nach — Math. Du — mir nach?! — jetzt bei Nacht? — wie soll ich das deuten? (Rührend des Folgenden umziehen immer dichtere Wolken das Firmament und verhüllen den Mond, der nur manchmal noch durch ihre Risse blickt.) Monika. Höf' mich — um Gottes willen! Hör' mick.— eb's zu spat ist — Math. Zu spät, --- zu was zu spät? Monika. So hör' doch! — Mein Vater hat mir nock in's Wirthshans am Erdhof die Post g'schickt, daß ich heut' nicht zur Mahm nach Friedberg, sondern gleich zu ihm kommen soll, was er mir will, weiß ich noch nicht — denn wie ich zu ihm in d'Stnben wollen Hab', hat mir a reitender Bot', der g'rad' von Friedberger Pflegrickter kommen ist, den Weg verrannt und ist zu mein' Vater hinein — sie haben d'rin so laut g'redt,daß ich jed's Wort vernommen Hab'. — Die Botschaft betrifft Dich! Math. Mich — und — vom Pflegrichter sagst Du? Monika. So ist's! — Die Jäger, mit denen Du am Erdhof z'sammg'rathen bist, sein in der vollen Furie nach Friedberg aus'S Pflegg'richt — der Pfleger soll wüthend vor Zorn g'wesen sein, und hat Soldaten zu Hilf g'rufen — es sein kaiserliche Werber — sie sollen Dich mit G'walt fortführen und unter's Militär stecken! — Irden Augenblick sollen's e intreffen ! Math, (ungestüm ihre Hand fassend). Und daS — das hast Du g hört?! Monika. Ja — der Bot' hat's mein' Vater, der hier Ortsvyrstand ist, melden muffen — 's soll Alles gar heimlich g'schehen — bei Nacht — wenn Alles im Dorf schlaft, wollen's Dich fottschleppen. Math, (in Zorn losbrechend). Elende — niederträchtige Leut'! — Das sein also die Versprechungen, die's mir g'macht haben? Nichts als Fallen und Schlingen, um mich dahier ausz'halten — mich sicher r* 20 z'machen, damit's mich nur g'wiß finden! — Der Bader, der schlechte Kerl, steckt mit unter der Decken — den Brief hat er wohl selber g'schrieben! O — nichts als Lug' und Betrug! Aber dasmal sollen's mich 's letzte Mal g'narrt haben. Monika (drängend). Verlier'jetzt kaZeit — ich Hab' das Zeug, mit dem rch vom Erdhof herüberg'fahren bin, an der Friedhofmauer halten lassen — ich führ' Dich — denn z'Fuß kommst ihnen nicht mehr aus — aber sag' mir nur, wohin willst? — Auf welchen Weg? Math, (nach kurzem Besinnen). Am besten ist's — ich geh' auf a Weil aus Baiern fort — über'n Lech hinüber in's Schwäbische — Monika (ihn an der Hand fassend). Sv komm' — komm! — Wenn wir scharf fahren, sein wir in einer halben Stund' an der Brucken! — Wenn s Dich erwischen thäten — Hiesel! Es wär mei Tod! Math, (sie mit einem Arme umschlingend). Nein, nein! Du einzige treue Seel'! Ich will leben — für Dich leben — und (drohend die Faust gegm Himmel hebend) für meine Rach'! (Ein dumpfes Donnergeroll ertönt von ferne.) Monika (zusammenschauerud). Hiesel! Red' nit so! — Denk', wo Du bist. Math. Ja — da — am Grab von meiner Mutter! Ihr — ihr wollen's zur Last legen, daß ich so wor'n bin, weil sie zu gut gegen mich war? Nein,nein! Hör's, Mutter! So wie's Gott hört, nicht dei' Güte — die Bosheit der Andern treibt mich zum Aeußersten! — Reuig Hab' ich ja in die menschliche G'sellschaft zurückkehren wollen — und sie empfangen mich — mit Ketten und Stricken! Ungerechtigkeit, wohin ich schau', und ich, weil ich mich dagegen aufleh'n — ich soll der Verbrecher sein? Mich soll das G'setz strafen dürfen, weil s mit der G'walt Hand in Hand geht? — D'Obrigkeit sagt, sie hat die G'walt von Gott! — Gut, ich Hab' mei' Kraft auch von Gott, und so — so kündig' ich jetzt der Menschheit in ihren schlechten G setzen den Krieg — den Kampf auf Tod und Leben — und Gott soll der Richter sein zwischen uns! (Ein Blitz durchzuckt die Wolken, ein heftiger Donnerschlag folgt.) Monika (fast einer Ohnmacht nahe). Hiesel! Mich schauert's durch Mark und Bein! — Du bringst mich um mit deiner frevelhaften Red' — lass mich nicht bereuen, daß ich kommen bin, um Dich z'ret ten — (daS Rollen des Donners wiederholt sich im Echo) hörst — hörst's! — Der Himmel selber mahnt Dich! Math. Der Himmel? o, der meint's gut mir mir — siehst — er deckt den Mond, um mir die Flucht leichter z'machen! Komm', komm'! (Zieht sie mit sich dir außerhalb des Gitters.) (Ein neuer Blitzstrahl beleuchtet die Gegend fast mit TageShelle.) Monika (wendet sich gegen recht-, erschreckt zurückprallend). Um aller Heiligen willen! Siehst — Siehst! Math, (ebenfalls zurücktretend). Ja — Reiter halten am Fluß — ich Hab' ihre Helm blitzen sehen — Monika. Da kommen wir nicht zur Brucken — vielleicht — (nach links weisend) dort — stromabwärts — Math, (horcht gegen links). Auch da nit! — Ich hör' Pferdegetrab! Monika (die Hände ringend). Sie umstellen 's ganze Ort! — Du. bist verloren. Math, (rasch entschlossen). Nein, nein! — Die Freud' sollen'S nicht haben! Kann ich nicht über sie hinwegfliegen, wie a Vogel — so nimm' ich's im Schwimmen doch mit jedem Fisch auf. Monika (entsetzt). Du willst —?! Math. Lass' mich, 's lange Ueberle- gen ist nie mei Sach' gewesen! Leb' wohl! (Küßt sie ungestüm.) Bring' das Bussel noch mein' Vater und das (küßt fie wieder) b'halt für Dich! — Und jetzt fort! W 2l sollt' noch von mir hören! (Reißt sich von ihr loS und eilt durch da- Gitterthor dem Strome zu.) Monika (in der Verzweiflung der Todesangst ihm nachrufend). Hiescl! — Um Gottes willen — (Will ihm nach, ihre Füße versag« ihr den Dienst.) Himmel! — ich — ich kann nicht weiter! — die Angst — in allen Gliedern spür' ich's — Math, (ist indeß am Flusse angelangt und ist mit einem Sprunge in den Wellen). Monika (beide Hände vor die Augen drückend und zurücktaumelnd, kreischt laut auf). (km Blitzstrahl läßt den Himmel im Feuer erglühen — man steht Mathias' Kopf über den Wellen.) RauheStimmen (von außen). Halloh! seht — dort! — Feuer! (Einige Schüsse fallen gleichzeitig in der Richtung gegen Mathias' Kopf, welcher unter den Wellen verschwindet.) Monika (stürzt mit lautem Aufschrei ohnmächtig an einem Grabhügel nieder). Der Vorhang fällt. Zweite Abtheiluug. Drittes Bild: Im AugSburgerwalde. NtngSumher hohe Bäume, deren starke Aeste sich ob« zu eiuem Laubdache vereinigen; in der Mitte der Bühne ragt ein mooSbedeckter FrlSblock empor. Erste Scene. Der Tiroler.Sternputzer. DerBlaue. Der Lissaboner. Mehrere andere Wildschützen (sämmtlich in abgerissen« Kleide«, mit wüst« Haaren und Bärten, jeder mit Waidtasche und Flinte versehen). Der Tiroler (ist eben beschäftigt neben dem FelSblockt ein Feuer anzuschüren). Ster np. (im Studrntmanzuge, aber das Waidmessrr an der Seite, fitzt im Vordergründe links an einem Banmstrunke, auS einer Porzellan- pfeife mit langem Rohre rauchend). Der Blaue und der Lissab. (spick« ein« vor ihnen auf einem Steine liegenden Hirsch - rücken). Die anderen Wildschützen (steh« und lieg« in verschiedenen Gruppen umher). Der Blaue. A Hirschrucken, wie ihn a Prälat nit besser auf seiner Tafel haben kann! Tir. Nur daß er dem theurer z'stehen kommt als uns! Blauer. Ha ha! unSkost' er freilich nit mehr als, a Stück! Blei und a paar Körndl Pulver! St er np. Und mitunter ein paar Monate in Eisen! — Ich denk', wir haben schon auch so theuer eing'kauft! Blauer. Pah! waS liegt an a paar Monat — wcnn's vorbei sein, treibt man's wieder wie vor und eh ! Sternp. (aufstehend). WaS d'ran liegt? Oft das ganze Leben! —Seht michan — ich war ein tüchtiger Studiosus in Ingolstadt, wollte Pfarrer werden — da treibt's mich einmal in der Ferienzeit, als ich bei meinen Eltern daheim war, eine kleine Iagdpartie zu machen — hatte aber vergessen, den Förster um Erlaubniß zu bitten! — Kaum halt' ich den ersten Schuß gethan, steht der Kerl schon hinter mir und faßt mich am Kragen — auf's Gericht — und dann — na! Ihr wißt wohl, wohin? — Doch wcnn'S nur mit dem ab- gethan gewesen wäre! — aber dafür, daß ich eine Strafe bestanden, wurd' ich nochmals bestraft — von der Universität rele- girt — zu keinem Amte zugelassen — was blieb mir übrig, als das Handwerk (die Büchse nehmmd) zu ergreifen — und so — so ist auS dem Pfarrer ein richtiger Wildschütz geworden! Tir. Bist so besser auf dein' Platz! Sakra! a Bursch' wie Du, der auf hundert Schritt a Kerzenlicht g'rad obern Docht ausschicßt — der mit'n Sabel hantiren 22 kann wie a Dragoner — und nachher in der Kutten! — Sternp. Nun — ich seh', 's hat nicht sein wollen! b'atu rsAunt! 's handelt sich nun nur darum, daß man auf dem neuen Wege sicher geht! Lissab. Ja, sicher wollen wirsein und das ist nur aus die Art möglich, wie's der alte Bobinger Vorschlägen hat! Blauer. Ja, damals wie wir noch miteinander in München 's churfürstliche Brod g'essen hab'n! Lissab.. (lachend). Ja — das war unser' Universität! Ha ha ha! g'scheidt haben's die Herren g'macht! — Uns Wildschützen haden's alle z'samm in Ein' Stuben eing'sperrt — da haben wir wenigstens miteinander Alles auskochen können! Blauer. Und da hat der Bobinger g'redt wie a Buch! — »Warum fallt alle Augenblick' einer von uns den Jagern in d'Händ'?« hat er g'sagt, »weil wir höchstens zwei oder drei miteinander unser Handwerk treiben,« sagt' er, »derweil d'Jäger alle miteinander gegen uns sein* — hat er g'sagt! — »D'rum,« sagt er, »müssen wir uns auch alle z'sammthun? — Und, wie ich wieder frei bin,« hat er g'sagt, »geh' ich durch's ganze Land'! und b'stell' alle, die nur heimlich ein' Stutzen haben, auf ein' Tag und auf ein' Ort z'samm!« Na, der Tag-ist heut' — ans Mariä Geburt, und der Ort ist da (aus den Felsblock weisend) beim Heidenbühl im Augsburgerwald? Sternp. Aber er selbst, der uns b'stellt hat, ist noch nicht hier! Blauer, (sich umsehend). Der Röchling fehlt auch noch! Tir. Und der bairische Hiesel sollt' ja auch b'stellt werden! Lissab. Ja, wann ihn nit die kaiserlichen Werber vor a paar Wochen in den Lech g'sprcngt und dann d'erschossen hätten! Tir. Soll das denn richtig wahr sein? Sternp. Ja — hab's selbst gelesen im »AugsburgerPostreiter«! Blauer (sieht in die Scene nach dem Hintergründe links). Halt! was leucht' denn dort durch die Gebüsch'? Lissab. (ebenfalls hinschend) Ha! das ist der Keuerschädel vom Röchling! Tir. Richtig! da kommt er! — Aber mit ihm noch Einer! den kenn' ich aber nit! Lissab. Seh' ich recht?—-hol' mich der Teufel! — Das ist ja- Alle Wildschützen (sind aufgesprungen und sehen in die angedrutetk Richtung). Wer! — wer? Lissab. (hocherfreut in die Hände klat- schend). Der bairische Hiesel! Alle (erstaunt). Der bairische Hiesel?! Alle Wildschützen. Hurrah! Vivat! Zweite Scene. Vorige. Mathias. Röthling (in einem blauen FuhrmannSkittel). Math, (bleichen Antlitzes, ein Tuch um die Stirn gebunden, kommt, sich aus seine Flinte stützend, mit Röthling vom Hintergründe link?) Röthl. (seine Hand aus Mathias' Schulter legend). Na — was Hab' ich g'sagt? — Ich bring' ihn! Alle (umringen MathiaS, drücken ihm die Hände, einige reichen chm, ihre Feldflaschen m-s. w) Ster N p. (Mathias ebenfalls dieHand drückend), ^.vs, reäivivs! Trotz »Augsburger Postreiter.« Ha ha ha! Die Zeitungen machen Keinen todt! Math. Na, na! bald hättcn's Recht g'habt! Mein' Denkzettel (auf die Schlafe weisend) Hab' ich kriegt — mitten im Fluß — bin auch schon aufn Grund g'sunken — aber Hab' mich doch noch in d'Höh g'schnellt — hinüber au s and're Ufer — da bin ick aber z'sammg'stürzt — Röthl. Und hätt'st Dich schier vcr- blut'(zu den Uebrigen) wenn nickt die schwarze Gundel aus der Waldschenk' — Ihr kennt's ja die Prachtdirn'! Math. Ja, der dank' ich mein Leben! 23 Die hat mich' g'funden — in ihr' Schenk' tragen lassen — mich verbunden — Tag Dritte Scene, und Nacht nicht von mein' Bett' gangen, bis ich wieder so weit herg'stellt war! Gott Vorige. Gamsler. vergelt' ihr's! Sternp. (ihm wieder die Hand drückend). Nun, weil Du nur bei uns bist und bei uns bleiben willst! Math, (ernster). 2ch bin da, weil ich versprochen Hab', z'kommen und damit Niemand sagen kann: Der Hicsel hätt' einmal sei' Wort' brochen! Aber bleiben? — (Schüttelt daS Haupt nnd macht mit der Hand eine abwehrende Bewegung.) Alle (unangenehm überrascht). Was? — int bleiben?! Nöthl. (mit den Uebrigen etwa- von Mathias zurücktretevd. leise). Laßt's ihn nur! 's sein ihm so allerhand Mucken in Kopf g'fahren — wißt's — die lange Krankheit — (Spricht leise mit ihnen fort.) Math, (ist indeß zu einem Baumstrunke im Vordergründe recht- gegangen, setzt sich aus denselben und stützt da-Haupt mit der Hand, für sich). 3ch bin nicht der Alte mehr! — Die Bilder, die in schlaflosen Nächten vor mei' Seel' getreten sein, waren zu schön! — (Gleichsam als ob er solch' ein Bild vor sich sähe.) A Jägerhaus — 's Hirschg'weih ober der Thür', rundum Alles grün —der Wald — die Wiesen! Da kommt der Förster heim — ich — ich bin'ö! auf's Haus geh' ich zu — die Thür' steht offen und auf der Schwellen — (mit der Hand grüßend): »Grüß' Gott! Monika!* — (Aufstehend.) Ja, wcnn'S so kommen war', wcnn's so kommen könnt'!-Und wann's doch noch möglich war'? Wann's mit dem Brief vom Leibmedicuö doch sei' Richtigkeit g'habl hätt', und nur der Pflegrichter noch nichts davon g'wußt hätt'? — Ich pro- bier's — ich geh' nach München — zum Churfürsten! Gamsler (ein rüstiger Bursche im Bauernkleide, kommt athemlos vom Hintergründe recht- herbeigelaufen). Ah — da bin ich! meine Füß' tragen mich nicht mehr! — (Sinkt auf den Boden.) Luft! — Luft! Lissab. Was ist's denn? (Rüttelt ihn.) GamSler! was hast denn? Sein' Jäger in der Näh'? — Tir. Du hätt'st ja mit dem Bobinger kommen sollen — wo ist der? Gamsler (sich halb wieder aufrichtend und mühsam nach Athem ringend). Ans den Bobinger — braucht's nit z'warten! — der — der kommt nimmermehr! Alle (erschreckt). Nimmermehr? — Was ist's mit ihm? Gamsler. Auf dem Weg daher sein uns heut' Strickrciter Unterkommen — wir haben uns in d'Felder duckt und sein an den Wald hing'schlichen — aber sie müssen uns doch g'sehcn haben. Im Wald sein Jäger g'steckt — der erste Schuß ist dem Bobinger in den Rucken g'angen und mitten in's Herz! — es hat ihn nur so hing'worfen! — Kein'Schnaufer hat er mehr g'macht! ich aber Hab' den Weg g'hörig unter d'Füß' g'nommen und bin >aher, damit's eS wißt's, und nicht umsonst wart's! Die Wildschützen (stehen mächtig ergriffen da und blicken starr vor sich hin). Ster np. (nach einer Pause) Ei was! WaS dem Bobinger geschehen ist, kann Jedem von uns alle Stund' passircn! 's geht sür'S Sterben hin! — Aber den Jägern wollen wir's heimzahlen! Blauer, Aber was machen wir länger da? — Der Bobinger, der uns zusammenberufen hat, ist todt — 's wird wohl 'S Beste sein, wir geh'n wieder auseinander. Sternp Und lassen uns wieder vereinzelt einfangen oder niederbrennen? — 24 SchafSkopf! — Beisammen sind wir und beisammen müssen wir bleiben! — Aber stell t Posten aus, damit wir nicht in unsrer Berathung überrumpelt werden! Tiroler (bespricht sich mit einigen der Wild« schützen, welche sich sodann nach verschiedenen Richtungen entfernen). Blauer (zum Sternputzer). Aber der Bo- binger hat unser Hauptmann werden wollen! Sternp. Jst'S er nicht, so wird'S ein Anderer sein! Deshalb wollen wir zur Wahl schreiten! Lissab. WaS brauchen wir denn jetzt noch lang z'wählen, jetzt — wo der Hiesel da ist? Alle (stürmisch durcheinanderrufend). Ja — ja — der Hiesel muß unser Haupt- mann sein! (Treten zu Mathia- vor.) Math, (au- seinen Gedanken aufwachend, trotzig). Wer muß? Muß! DaS Wort steht nicht in mein' Lericon! Ich bin Herkommen, weil ich'S versprochen Hab' — aber mein' freien Willen Hab' ich Euch noch nicht verkauft! Und ich will nicht euer Hauptmann sein, will überhaupt nichts mehr mit Euch gemein haben! — Ich will's probi- ren, ein rechtschaffenerMensch z'wcrden! Röthl. (höhnisch lachend). A rechtschaffener Mensch! Ha, ha, ha! Probir'S nur! Ich hab'S ja auch probirt (auf seinen Fuhr- mann-kittel weisend) schau mich an — ich bin Fuhrmann bei ein' Ulmer Kaufmann worden — Hab' gut gethan — auf einmal, ich weiß nicht woher? erfahrt mein Herr, daß ich schon eing'sperrt war, — aus war'S mit dem Dienst — davong'jagt hat er mich Knall und Fall — und ich Hab' geh'n können, wie ich 'gangen und g'standen bin! Sternp. Ja, wer einmal die ßrnvia not» wneulnv auf dem Nacken hat, der bleibt unter den sogenannten honetten Leuten ein räudiges Schaf — sie dulden ihn nicht, und wenn zehnmal aus dem SauluS ein Paulus geworden wäre! Blauer (zu Mathia«). Oder b'sinnst Dich vielleicht jetzt anders, weil D' g'hört hast. waS dem Bobinger g'schehen ist — hast d'Eourage verloren? Math, (aufslammend). Schuft! — Willst Du dem Hiesel d'Eourage lehren? (Erhebt stille Flinte.) Blauer (sich frech vor ihn hinstellend). Na — schieß zu! — halt'st eS vielleicht schon mit den Jägern — Du — (spöttisch) Du »rechtschaffenerMensch!* Math, (noch wüthender). Kerl! Das war dein letztes Wort! (Erhebt dm Flintenkolben zum Schlagt.) Tir. (mit einigen Andern zwischen die Streitenden springmd). Halt! Frieden unter einander! (Zu Mathias.) Verstehst denn nit, daß der (auf den Blauen weismd) Dich NM st utzt, g'rad' weil er Dich zum Hauptmann will? Sternp. Ja, wie wir Alle! (Zu Mathias) Hiesel! Besinn' Dich und erinnere Dich, daß daS ganze Volk auf Dich seine Hoffnung setzt, daß man Dich allein für den Mann hält, der dem allgemeinen Drangsal steuern kann! — Wir Alle sind nichts ohne Dich — mit Dir nehmen wir'S mit allen Truppen, Schergen und Jägern auf! Math, (sichtbar geschmeichelt erhebt sem Haupt — überblickt sämmtliche Auwesmde — mehr für sich). Hm! Tüchtige Burschen sein wohl unter ihnen — richten ließe sich was mit ihnen — aber — (Bleibt wieder «uschlüs. fig steheu.) Vierte Scene. Vorige. — Ein Wildschütze. — Andres. Die Stimme eine- wachstehenden Wildschützen (außerhalb der Scene links). Halt! Still g'standen! Alle. WaS ist loS? Sternp. (eilt nach der Stelle, woher der Nus erscholl, kommt aber sogleich mit Andres zurück, zu Mathia«). Hiesel! Der Bub' will zu Dir! 25 Andre- (in ganz zerlumptrn Kleidern, eilt, kaum Mathias erblickend, aus ihn zu, und faßt dessen Hand mit seinen beiden Händen). Hiesel! Da bist — wirklich! Jetzt ist Alles gut! — 3cht geh' ich nimmer von Dir! Math, (ihn befremdend ansehend) Wer bist denn? Andre-. Kennst mich denn nimmer? — Weißt denn nicht — am Erdhof, wo mich die Jäger bandelt haben! Math, (ihn nun erst erkennend). Ah! Der bist? — Aber was willst denn bei mir? Andre- (sich an ihn schmiegend). Nichts als bet Dir bleiben! — (»einend.) Mein' Vater haben'S g'fangt und eingesperrt, sei Güte! wird verlicitirt, d' Mutter Haben'S in'S G'meind'hauS than — ich Hab' Niemanden mehr auf der Welt — d'rum Hab' ich Dich aufg'sucht, und will a Wildschütz werden wie Du! Alle. Bravo! Bravo! Lissab. Der Bub' bringt'- rechte Zeug mit! Sternp. Komm her da, FuchS! und trink* au- meiner Flasche! (Hält ihm seine Keldsiasche hin) Andere (reichen Andres ihre Hände). — Schlag ein, kleiner Camerad! — Sollst schon bei unS bleiben! Andre- (wieder zu Mathias). Aber noch Eins, Hiesel! Wie ich da gegen den Wald kommen bin, bin ich einer Menge Bauern begegnet — schier einer ganzen Procesfion — die alle g'fragt haben, ob ich nicht müßt', ob Du da z'treffen wärst, fie wollten Dich um Hilfe bitten — Sternp. (zu Mathias) Da kannst Du sehen, waS Du überall giltst! Willst Du noch von unS lasten? WaS? Math, (zu den Wildschützen). Laßt's mich rin' Augenblick mit dem Buben (auf Andres weisend) allein! Ich will erst waS von ihm rrfahren, dann — dann geb' ich Euch Antwort! Sternp. Lsnv! Aber mach's nur kurz! lEr und alle anderen Wildschützen ziehen sich nach dem Hintergründe zurück.) Math, (setzt sich wieder aus den Baum« ftrunk im Vordergründe recht-, und zieht Andres zu sich — zu diesem). Du kommst V0N Erdweg — bist nicht auch über Kissing kommen? — Und wann? Andres. Freilich! Am letzten Samstag Nachts und Sonntags Früh. Math. Und hast Du nichts Weitere- gehört von der Monika? Andres. Wohl, wohl! — Ihr Vater, der a gar strenger Mann ist, hat erfahren, daß sie Dir hat zur Flucht verhelfen wollen — sie hat ihm auch g'standen, daß's Dich so gern hätt' — Math. Und er — er? Andres. Er ist d'rüber fast wüthig worden, hat'S in ihr Kammerl eing'sperrt, und g'schworen, daß er's nit früher wieder rauSlaßt, als bis's den nimmt, den er ihr zum Bräutigam b'stimmt hat! — Na — sie hat sich z'letzt d'rein geben, und auf d'Wochen macht's Hochzeit! Math. (aufspringend). DaS ist nicht wahr! — DaS kann nicht wahr sein! Andre-. Ja, ja — glaub' mir — der Ander! lugt nie! Ich war ja am Sonntag in der Kirchen und hab's g'hört, wie - der Pfarrer von der Kanzel herunter verkünd't hat! — Sic glaubt halt a, Du bist todt! Math. Ha, ha, ha! Und hat sich so g'schwind tröst! Andres. Aber ich — ich hab'S nit glaubt—ich hab'S ja z'oft g'hört, daß Du kugelfest bist. — D'rum Hab' ich auch g'fragt und g'fragt, bis ich z'letzt doch erfahren Hab', daß D' heut' daher kommst! Math, (seine Hand auf Andres Haupt legend). Er Hat'S nit glaubt! Aber sie — sic —! Heut' crfahrt's, daß ich todt bin, und — in a paar Wochen Hochzeit! — AuS! — Auch mit dem auS! (Wendet sich wieder zu den Wildschützen.) Kommt s her da — Ihr Alle! Die Wildschützen (kommen rasch alle in den Vordergrund). Na — was hast -'schloffen? Math. Hört's mich an! Wollt's Alles 26 treulich thun, was ich verlang'? Wollt's wirklich nickts weiters sein, als Wildschützen? Mit nichts Anderm z'thun haben, als mit dem Wild und dem Jägervolk? Nie ein'Raub, nie ein' Diebstahl begehen? — Niemanden was z'Lcid thun? — Mir in Allem, was ich sag', g'horchen ohne Widerred'? Alle. Ja, ja, das wollen wir! Math. So schwört's mir das zu! Da (seinen Hirschfänger ziehend) der Griff von dem Waidmeffer stellt's Kreuz vor! Schwört's mir d'rauf, so will ich euer Hauptmann sein! Alle (drängen sich hinzu und legen ihre Hände auf den Hirschfänger). Wir schwören! Mathias. Gott hat 's g'hört, und (erhebt seine Hand zum Schwur) so schwör' auch ich Euch, daß ich treu bei Euch aus- halten, für Euch sorgen und bis anf'n letzten Mann immer, immer an eurer Seiten bleiben will! Ich kenn' kein' and're Welt mehr als die Wälder, Hab' keine ander n Freund' mehr als Euch! Ster np. (finkt an Mathias' Brust). Das war eine Rede! An mir sollst Du nicht bloß einen Freund, nein, einen Bruder haben! (Seinen Hut schwenkend, zu allen klebrigen.) Brüllt mir nach! Hoch! dreimal hoch unser Hauptmann! Alle (in wilder Freude, ziehen ihre Hirschfänger, schwenken die Hüte, fallen sich gegenseitig um den HalS und rufen): Hoch! hoch! hoch! Hurrah! der bairische Hiesel unser Hauptmann ! D'Weltg'hört uns! Hurrah! Hurrah! Fünfte Scene. Vorige. Matzenhofer. Jmmlinger. Eine Anzahl Bauern. Andres (erblickt die vom Hintergründe Her- kommenden, zu Mathias). Ha! das sein die Bauern! Math. Sie sollen nur kommen! (Tritt vor die übrigen Wildschützen, zu den Bauern.) Grüß Gott, Landsleut'! Nur näher! — was führt Euch her? Matzenh., Jmml. und die andern Bauern (ziehen ehrfurchtsvoll die Hüte ab und kommen zögernd näher). Matzenh. Gott sei vor Allem dafür Dank, daß Du noch am Leben bist, Hiesel! — Denn wie wir g'hört haben, Du bist todt, haben wir schon gfürcht', es kommt gar kein' Abhilf mehr für unS! Math. Und selber könnt's Euch gar nit helfen? Matzenh. Wir trau'n uns nimmer — d' Jager werden ja alle Tag' übermüthiger — in Münsterhausen Habens ein' Bauer, den s' für ein' Wildschützen g'halten haben, just wie er mitten unter Weib und Kinder beim Essen g'seffen ist, durch's Fenster erschossen! Die Wildschützen Entrüstet untereinander). Niederträchtig! Schändlich! Jmml. Aber das ist ja noch gar nichts gegen dem, was im Burgauischen g'schehen ist! Da habcn's ein' armen Teufel erwischt, der a Gruben g'raben hat, damit sich's Wild d'rin fangen soll. Dem haben's Händ' und Füß' bunden, haben ihn in die Gruben g'worfen, haben d' Erd' über ihn g'stampft und ihn so lebendig begraben! Die Wi ldschützen(wie oben). Die Mord- bnben! — Sein das Jäger? Henkersknecht sein's! Sternp. Auf, ins Burgauische! Alle Wildschützen. Ja! ja — in's Burgauische! — Tod den Jägern! Math, (sich zu den Wildschützen umwendend). Wart's, bis ich Euch commandir'! (Wieder zu den Bauern.) Ja — Abhilf' will ich Euch schaffen! das schwör' ich Euch! — Geht's nur ruhig heim! Sagt's Niemandem, daß's bei mir wart's, aber eh' drei Tag' um sein, sollt's es rund herum in eueren Wäldern krachen hören, und dann — dann wißt's, daß der bairische Hiesel da ist mit seinen Schützen! Matzenh. und Jmml. Dank! tausend Dank für das Versprechen! Mehrere Bauern (fassen Mathias' Hände i,nd küssen sie). 27 Math. Na, geht's nur, Landsleut', geht's mit Gott! Die Bauern (innig). B'hüt Gott! und gelt's Gott! (Entfernen sich, noch immer zurück- grüsiend.) Math, (mit vorbrechendem Ingrimm.) Das, was ich jetzt wieder g'hört Hab', das ist Wasser auf mei' Muhl'! — Das zeigt mir, daß ich für die Zeit und für die Verhält- niß a Nothwendigkeit bin! Ster np. So ist's! Wir haben, so zu sagen, eine Mission! — Aber zu jeder Mission muß man sich stärken und ich propo- nire daher, daß wir, bevor wir an die Ent- werfung eines weiteren Planes gehen, einen tüchtigen Imbiß nehmen Kommt, laßt uns AlleS richten! (Sie lehnen ihre Klinten an den Kelsen und entfernen sich nach dem Hintergründe rechts.) Andres (zu Mathias). Gelt, Hiesel, ich darf bei Dir bleiben? Math. (Andres'Hand fassend). 3a — ja, bleib' nur! (Wehmüthig.) Hast ja auch wie ich Niemanden mehr ans der Welt, dem Du so recht ang'hörest! — Ich will Dir Vater und Bruder sein! (Setzt sich wieder und versinkt in schwermüthigrs Nachdenken.) Andres (ihn betrachtend für sich). Wann er nur nit so traurig wär' — ich halt' ihm das von der Hochzeit in Kissing gar nicht erzählen sollen! (Gegen links aufhorchend.) Was raschelt denn dort durch s Gebüsch — (sieht hin. zu Mathias.) Mir scheint, ich seh' ein' Weiberrock — meiner Seel'! 's kommt daher! Math, (ruhig ausstkhend). Na — was wird'S denn sein? (Sieht auch hin.) Sechste Scene. Vorige. Monika. Monika (im Brautanzuge, Blumen in den Haaren, theilt zuerst vorsichtig die Zweige eines Gebüsche- auseinander, thut einen Schrit heraus -- erblickt Mathias und mit einem Aufschrei der Treude und des Schmerzes fliegt sie an seine Brust). Du bist's! Du lebst! Hiesel! Ich seh' Dich noch einmal! (Ihn ungestüm umklammernd.) Math, (seine innere Aufregung bekämpfend, scheinbar frostig). Und was will denn die Jungfer bei mir? Wenn man erfahrt, daß sie dem — Wildschützen nachg'loffen ist, könnt' sie Verdruß mit ihrem Hochzeiter haben! Monika (gekränkt). Hiesel! Wie red'tst mit mir? — Hochzeiter! Math, (wie oben). Oder kommt sic vielleicht g'rad' von der Hochzeit? Ja —ja — sie hat ja 's Myrthenkranzel noch im Haar! Monika. So hör' doch — um Gott's willen! hör' doch! Der Vater hat mich ein- g'sperrt halten wollen, bis ich nachgib' und ich hält' doch nit nachgeben — aber da hat mir gestern die Dirn, die mir immer 's Essen auf mein Kammerl bracht hat, erzählt, daß Ihr heut' Alle im Augsburger Wald z'sammenkommt's und daß sie's für g'wiß wußt, daß Du lebst und auch da sein wurd'st — da hat's mich nimmer g'litten* — Gott verzeih' mir die Sünd' — ich Hab' den Vater ang'logen und g'sagt, ich wollt' den B'stimmten heiraten — heut' noch! Da hat er Gäst eing'laden — Alles zur Hochzeit g'richt, aber mitten unter dem Durcheinander bab' ich G'legenheit g'fun- den fortzulaufcn, und — bin da —> und (tief gekränkt) Du nimmst mich so auf! Math, (in aufjubelnder Freude sie an seine Brust drückend). Also ist's doch wahr, Du bist mir treu? — Du hast mich noch gern? Monika. Lieber als Alles — lieber als mein Leben! O, weil ich nur Dich wieder Hab'! — Jetzt wird noch Alles gut! jetzt laß ich Dich nimmer los — Du mußt mit mir hinüber nach Kissing — der Herr Pfarrer selber laßt Dir sagen, daß d' vom Pflegrichter nichts mehr z'fürchten hältst — er hat ihm den Brief von dem Münchner Doctor zeigt — O Hiesel! komm' nur mit mir — verzieh' kein Augenblick — und 28 Alle-, waS wir unS g'wünscht haben, kann noch wahr werden! Math, (finster). Mit Dir soll ich gehen? — Damit ist's vorbei! — Es ist zu spät! Ich hab'S mein' Leuten g'schworen, daß ich niemals von ihnen geh' — niemals, so lang als noch Einer von ihnen lebt! Monika. Das istein schlechter Schwur, Hiesel! — der kann nicht gelten — Math, (ernst). Schwur bleibt Schwur und wenn ein Mensch auf der Welt sagen , könnt', der Hiesel hat sei'Wort — sein' Eid brochen — ich glaub', ich jaget mir selber a Kugel durch s Hirn! Monika (ihn auf- Neue umklammernd) Ich laß Dich nicht! Hiesel! mein Herz geht auseinander, wenn ich von Dir soll! Math. DaS sollst nit! — Ich kann zwar nicht mit Dir — aber, Monika! wenn Du nur halb so an mir hängst, wie ich an Dir, dann — dann gibt'S noch ein' AuSweg — Monika. WaS für ein? — Red'! ich will ja Alles thun! Math, (sie stürmisch an sein Herz ziehend). Bleib' Du bei mir! — Ka Jägerhaus kann ich Dir zwar nit verschaffen, aber Du sollst eS gut haben bei mir wie a Königin! Bleib' bei mir — werd' mei Weib — Monika (sich au- seinen Armen lo-win- dend. entschieden). Nein, Hiesel! das thu' ick nicht! — Ich Hab'Mitleid mit Dir g'babt, als ein' verfolgten unglücklichen Menschen — ich Hab' Dich gern g'habt, denn 's war damals, am Erdweg, wie ich'S erste Mal seit unserer Kindheit wieder mit Dir g'redt Hab', als ob d' mir'S angethan hätt st — aber ich Hab' g'hofft, Du wirst das alte Leben aufgeben, und ein neues anfangen wollen. Du willst's aber statt dessen noch wüster und wilder treiben — daS Leben theil' ich nicht mit Dir! Math, (wieder mit mehr Wildheit). Nicht? — nicht? Monika. Hiesel! Wann Du mich jetzt so von Dir fortgeh'n laß'st — dann — dann sein wir g'schieden — für immer! Math, (fich trotzig abwendend). Wirsein's! Monika i flehend). B'stnn Dich noch einmal! (Mit hervorbrechenden Thränen.) Schick mich nicht so von Dir! Math. Es steht ja bei Dir, ob d' bleiben willst — Monika. So lang' Du Wildschütz bist, kann ich nicht bleiben, nicht Hand in Hand mit Dir gehen! Math, (mit Hohn). Aha! Du hast also nur FrauFörsterin werden wollen? Monika. Dersteh's nit so! (Dringender.) Werd' was d' willst — werd' a Tagwerk« — ich nimm Dich, und will mit Dir arbeiten, daß mir's Blut aus den Nägeln spritzt — nur das Wildschützleben gib auf — nur von dein' Cameraden sag' Dich loS! Math. Das thu' ich nicht — daS kann ich nicht! Wenn das dei Bcdingniß ist, so haben wir auSg'redt! Monika (eindringlich). Hiesel! Du wirst an meine Wort' denken, wenn's z'spat ist! — Glaub' mir, 'S nimmt kein gut'S End' mit Dir! Math. Wenn ich mir wahrsagen lassen will, wend' ich mich an a Zigeunerin! spar' Dir die Müh' — b'hüt Dich Gott! — geh! (Segen recht- sehend.) Ah — da kommen meine Leut! (Rust) Nur her da! Monika (in verzweifelnder Angst). Hiesel! (Dill ihn nochmal- mit ihren Armen umschling« ) Siebente Scene. Vorige. — Stcrnputzer, Blauer, Tiroler, Lissaboner, Röthling — sämmtliche andere Wildschütze» (kommen wieder zurück — einige tragen Körb' mit Speisen, andere rollen kleine Fäßchen herbei) Math, (leise zu Monika, fie von sich abveh' nnd). Willst zum G spött' vor den Leute» werden? Ster np. (von Monika- Anblick überrascht) Loos! eiue hübsche Dirne im Lager? 29 Lissab. Hat kein' üblen Gusto der Hauptmann! Blauer (zu Monika). Na — schlag'nur d' Augen nit so nieder! (Will aus sie zu.) Math, (gebieterisch). Halt! Keiner komm' ihr in die Näh'! A wehrlose Dirn' soll nie von einem von unS beleidigt werden! (Zu Andre».) Führ' die Jungfer bis zum AuSgang vom Wald — dann komm' wieder! (ZuMonika—kalt.) B'hüt Dich Gott! Monika (mit thränenvollen Augen zu ihm aufblickrnd — mit erstickter Stimme). B'hüt Dich — Gott! — wenn Gott nicht in dem Augenblick sich von Dir abg'wendt hat! — Gehe dein' Weg — wohin er führt! (Mit starren Augen, al» ob sie etwa» Entsetzliche» vor sich sähe — beide Hände wie abwehrend vor sich auSstreckend und aufschreiend.) Ah! ich sehe — (Schlägt beide Hände vor» Gesicht.) Nein! nein! ich will nicht sagen, was ich seh'! fort! fort! — Laßt's mich allein gehen! Keiner von Euch streif' an —! fort! fort! (Mt mit fast wahnsinniger Hast dem Hintergründe zu — ab.) Stern p. (ihrnachsehend). WaS hat denn das Mädel? Wohl eine verschmähte Liebe von Dir, Hauptmann. Math, (finster vor sich hiuseheud).Nein — sie war meine Lieb' — sie ist's noch — so, wie sie werd ich keine mehr lieben, doch Hab' ich sie verabschied't und mit ihr ein glückliches LooS! Mehrere Wildschützen.Aber warum? warum? Math. Weil ich Euch hält' verlassen — Euch mein' Schwur brechen müssen! — Glaubt's jetzt, daß ich's ehrlich mit Euch mein'? Gternp. (fällt ihm um den Hal»). Hiesel! Du bist lauteres Gold! — Dafür gehören auch wir Alle Dir mit Leib und Seele! Alle Ja — mit Leib und Seel'! Dir. (hat indeß au» tinrm Fäßchen mehrere Holzbechrr gefüllt und tritt mit einem derselben zu Mathia»). Aber jetzt schlag' Dir bei ein' vollen Becher all' die verliebten G'schichten aus dem Hirn! Für Leut' von unserm Schlag paßt ein' ernsthafte Liebschaft nickt! Math, (zum Tirol). Gib her! (Nimmt den Becher und leert ihn auf einen Zug.) Ster np. (zum Tiroler). Recht hast Du, Tiroler! Wir habe keinen Zeit, Fische im Teiche zu halten, wir fangen die Forellen, wo wir sie eben auf unserer Wanderschaft im Waldbach finden! und das — ha ha ha! sind die schmackhaftesten. Nichts geht über das Lieben im Fluge — so auf der Wanderschaft! (Singt.) Lied mit Chor. And re Staaten, And're Saaten; And're Städtchen, And're Mädchen; And re Orte, And're Worte, And're Kleidung Und Bescheidung, And're Flüsse, And're Küsse, And're Fische, Auf dem Tische And're Netze, Sie zu fangen, And're Plätze, Wo sie prangen Zum Bestellen Der Gesellen! Frische Fische, Gute Fische! Chor (sehr heiter). Frische Fische! Gute Fische! Sternp. (fingt weiter). Kommt ein frischer HerzcnSfischer Von der Reise, Sind die Preise Für den Freier Nicht zu theuer Und der Fang Hält nicht lang. 30 Froh gegessen Und vergessen; Keine Ringe, Keine Kette! Glas erklinge Zum Gespütte Für die Andern, Die noch wandern, Daß sie gleiche Lust erreiche! Frische Fische, Gute Fische! Chor:Frische Fische, Gute Fische! Alle (stoßen mit den Bechern an, viele der Wildschützen haben sich bereits mehr im Hintergründe gelagert, und aus den Körben Schinken, Brode, Käse und dgl. ausgekramt). Math, (ist während des Liedes mit dem Becher in der Hand von einem zum andern der Wildschützen gegangen, hat mit ihnen angestoßen, seinen Becher wieder füllen lassen, und ihn immer wieder auss Neue geleert, sichtbar bemüht, sich zu betäuben). Za — so wollen wir's halten! — Vergessen Alles, was hinter uns liegt und die Lust im Flug erhaschen! (Trinkt wieder.) O vergessen — nur vergessen können! Achte Scene. Vorige. Gundel. Gundel (im geschmückten Bauernauzuge— Silberkettchen über dem Mieder und bunte Bänder im Haare, ist indeß vom Hintergründe links ausgetreten, nun zu Mathias vorwärts kommend, und ihm ihre Hand aus die Schulter legend). Ra, mir scheint, 'S Vergessen fallt Dir nicht schwer! Math, (sich umwendend). Wer ist's?— Ha — Gundel — Du? Mehrere Wildschützen. Die Gundel! die Gundel aus der Waldschenk'! Math, (ihre Hand fassend). Ja, das brave Dirndl, der ich's vielleicht z'verdanken Hab', haß ich noch leb'! Gundel. Und doch bist heut' in aller Früh fort, ohne nur von mir ein'n freund- lichen Abschied z'nehmen. Math. Ich Hab' ja wollen- Röthl. (zu Gundel). Hab' ich nicht an die Thür von dein'm Stübl klopft, und g'sagt, Du möch'st mir aufmachen! Du hast's aber nit than! Gundel (ihn mit einem verächtlichen Blicke ansehend). Vor g'wissen Leuten ist's gut, wenn man sei' Thür versperrt halt! Röthl. (gereizt). Was willst damit sagen: »vor g'wissen Leuten?!« Bin ich nicht dei' Freier? Gundel (wie oben). Schau' nur, daß d' recht lang a Freier bleibst! Röthl. Nimmer lang! Auf'n nächsten Fasching ist Hochzeit, dei' Vetter, der Wirth von der Waldschenk', ist damit einverstanden! Gundel. So kannst meinen Vetter heiraten! — Mich nit — in Ewigkeit nit! Röthl. Ho ho! dafür wird schon dein Vetter Rath schaffen! Gundel. Ja! wann ich noch einmal zu ihm z'ruckging! Math, und mehrere Wildschützen. Was? nimmer zu ihm z'ruck? Röthl. (wüthend). Das woll'n wir sehen! Ich selber führ' Dich z'ruck — und auf der Stell'! — Du mußt! — (Will ihre Hand ergreifen.) Gundel (flüchtet sich rasch hinter Mathias). Hiesel! schütz' mich vor dem Räuber! Math. Er soll Dir nichts anhaben! Aber sag' mir nur, warum willst nicht mehr z'ruck in die Waldschenk? Gundel (ihm einen srurigen Blick zuwerfend). Weil- (leise zu ihm) den Ein'n Grund sag' ich Dir, wann wir einmal allein sein! Math, (überrascht, leise). Gundel! versteh' ich Dich recht —? Röthl. Was soll das heimliche Mispeln? (Immer heftiger.) Gundel, laß den Verdacht nicht in mir aufkommen, der schon in mir reg' 'worden ist, wie Du den Hiesel 31 gar so sorgsam 'pflegt und betraut hast — laß ihn nicht auflommen —ich rath'Dir's! Du kennst mich noch nicht! Gundel. Ja — ja — ich kenn' Dich nur allz'gut, und (zu drn Wildschützen) die Alle sollen Dich kennen lernen, damit kein ehrlicher Wildschütz mehr Hand in Hand geht mit ein'm g'meinen Dieb und Räuber, wie Du bist! Math, und alle Wildschützen. Was? was sagst Du? Gundel. D'Wahrheit! — Schaut's den blauen Kittel an, den er anhat, nicht wahr, 's ist ein Fuhrmannskittel — Math. Na ja — er hat mir g'sagt, er hätt' als Fuhrmann gedient! Gundel. Ja aber wie? — Bei einer Hochzeit am Erdhof hat er ein'n schwäbischen Fuhrmann mit dem Versprechen, daß er ihm ein'n Rehbock verkaufen will, in a abg'legenes Waldhaus g'lockt, dort hat er ihn betrunken g'macht, und ihm, während er besinnungslos dag'legen ist, sei' Brieftaschen mitsammt allen Zeugnissen g'stohlen, ist mit Roß und Wagen davon- g'fahren, und hat's in München zu Geld g'macht — Math, (tritt dicht an Röthling). Was sagst Du d'rauf? Röthl. (steht zitternd vor Wuth, keines Wortes mächtig).s Math. Nein — Du brauchst nit z're- den — dei' blasses G'sicht — dei' Zittern bestätigt schon Alles! (Wieder zu Gundel.) Aber woher weißt Du — ? Gundel. Der Vetter selber hat mir's -'sagt-— a Schergenknecht hat ihn heut', wie er kaum mit Dir fort war, bei uns in der Schenk' aufg'sucht — der Vetter hat g meint, ich soll da herauf, soll ihn heimlich warnen — aber dazu gib ich mich nicht her — (zu Mathias) jDir — Dir Hab' ich's sagen müssen — Math, (ausflammend). G'nug! g'nug! (ZuGundel.) Ich dank' Dir! (Zu Röthling und den Wildschützen.) Ihr wißt's Alle, was ich als erste Bedingung g'stellt Hab', wenn ich euer Hauptmann sein soll! — Kein Raub — kein Diebstahl! — Wer so was am G'wissen hat, der taugt nicht unter uns! reißt' ihm d' Flinten und Waidtaschen weg. — Mehrere Wildschützen (packen Röth. ling, entreißen ihm die Flinte und Waidtasche, was er fast willenlos geschehen läßt). Math, (zu Röthling). Und jetzt fort von uns — such' Dir den Platz selber aus, wo Du g'henkt werden willst. Die Wildschützen (Röthling fortstoßcnd). Fort! Schuft — fort aus uns'rer Näh'! Röthl. (vor Wuth säst sprachlos). Ich — ich soll fort? — Und Du (zu Gundel) Du? Gundel (fich mit ihrer Hand auf Mathias Schulter lehnend). Ich bleib' da! — kannst's mein' Vetter ausrichten! Mich hat er g'seh'n! Röthl. (will sich von den Wildschützen los- machrn). Nein! Du g'hörst mir! — Du mußt mit — Tiroler. Such' Dir dem Teufel sei' Großmutter zum G'spann! Die Dirn' (auf Gundel weisend) ist für Dich noch z'gut! Fort mit ihm! Fort! Röthl. (während er fortgestoßen wird, mit drohend erhobener Faust). Wart's —- wir kommen doch noch z'samm'! (Wird vollends hinausgestoßen.) Gundel (zu den Wildschützen). Das Hab' ich von Euch erwart', daß so ein' Kerl nicht länger unter Euch dulden werd's — sonst wär' ich gar nicht kommen! Math. Aber sag' doch, Gundel! ist's dei' Ernst, daß D' wirklich da — bei uns bleiben willst? Gundel. Bin ich denn bei Euch vielleicht schlechter aufg'hoben als unt' in der Waldschenk', die-— wie ich jetzt erst seh' — mei' Vetter zur Herberg von Pascher- und Diebsg'sinde lmacht?— Und— (Beide Armr in die Seite stemmend und Alle ringsum heiter anblickend.) Könnt's Ihr mich denn gar nit brauchen? Mehrere Wildschützen (untersteh mur- rend). Ein Weibsbild unter uns? 32 Gundel. Na— habt's Euch nit zu! einer Trupp' formirt? Und' wo gibts a! Trupp' ohne Marketenderin? — A gute Marketenderin mit ein Faßl Branntwein an der Seit' ist oft so wichtig als a Feldherr, denn sie bringt ein'n guten Geist unter d'Soldaten! Aber anführen will ich Euch nit, denn wann's Eine ehrlich meint mit'm bairischen Hiesel (sich zu Mathias wendend und ihm die Hand hinhaltend) so bin ich's! Ich glaub', ich Hab' dir's bewiesen! — Willst mich dafür fortjagen — mich dadurch zwingen, daß ich mein'm säubern Vettern bei seinen Schlechtigkeiten behilflich sein muß? Math, (für sich). Die will bei mir bleiben, und — (schmerzlich) die And're — ?! (Wieder heftig.) Aber die will ich ja vergessen — nicht mehr an ste denken und wie Gift nur durch Gegengift, so wird ein' unglückliche Lieb nur durch a neue Lieb' curirt! (Sich rasch zu Gundel wendend.) Komm' her, Gundel! Ich affentir' Dich zu unserem Freicorps! Sei unser' Marketenderin, sei, wenn Ein' a Kugel trifft, sei Krankenwärterin, und — wenn ich selber fall', druck' Du mir die Augen zu. (Zieht sie an sich.) Gundel (ihm lachend mit der Hand über dir Stirne fahrend). Wie kannst nur jetzt so traurige Gedanken haben? Die lass' ich nit aufkommen! Denn so oft sich nur a Wölkerl auf deiner Stirn zeigt, will ich mit ein' lustigen Liedel da sein, und wie d'Lerchen mitten in den Wetterwolken singen, bis der Himmel wieder heiter wird. Sternp. Nun, so zahle gleich jetzt deinen Einstand mit einem lustigen Lied. Gundel.Meintwegen! Aber mitsingen müßt's Alle, und eure Büchsen müßt'S dazu krachen lassen und so müßt's munter ziehen gegen die Dörfer, daß d'Bauern laut aufjubeln, und d'Iäger aus Angst sich in hohle Bäume verkriechen, und's ganze Land von dem Ruf' erschallt: »Der Hiesel ist da!« Die Wildschützen.Na,leg los,leg los! Gundel (fingt). Lied mit Chor. Auf, Ihr Männer! Spannt's die Hahner An der Flint'! Wo in Wäldern Unv auf Feldern Wild sich find't, Müßt's es wagen, Frei zu jagen Ohne Halt! . Das wird geben Erst a Leben, Wann's so knallt! Piff! paff! puff! piff! paff! puff Rings in der Rund — Das ist den Gutsherrn und Jägervolk g'sund. Ist dann unten d'Sonn verschwunden, Dann kehrt's heim! Stärkt's den matten Leib im Schatten Grüner Bäum'! Dirndeln schleichen, Euch z'erreichen, Fort vom Haus! Ist noch g'laden 's G'wehr, — 's könnt schaden — Schießt es aus! Piff! paff! puff! piff! paff! puff Rings in der Rund — Das ist den Dirnen und Wildschützen g'sund. Und jetzt munter, Zieht's hinunter Tief in s Land! Müßt's die Herren Achten lehren Jeden Stand! Denn die kecken, Schützen schrecken 33 Die aufn Schloß! Wer'n schon milde, Hörn's, die wilde Jagd ist los! Piff! paff! puff! piff! paff! puff! Rings in der Rund — A bißl ein' Angst ist den Herrischen g'sund. (Während der letzten Strophe setzt sich der Zug in Bewegung) Vorhang fällt. Viertes Bild. Förster und Wildschütze. Am Fuße des Hartwaldes, von links gegen rechts ziehen sich Kornfelder mit hohen Aehren aus bis gegen die Hälfte der Bühne, im Hintergründe Wald, links einzelne Baumgruppen, ganz im Vordergründe rechts aus einem niederen Hügel eine halbverfallene Capellr. Erste Scene. Förster Grünauer. Feldwebel Brummer. Helmer. Spieß, noch andere Soldaten (in vollständiger Rüstung). (M Nur Brummer, Helmer und Spieß find in gleichartiger Montur, die übrigen Soldaten tragen Röcke und Federbüsche von verschiedenen Farben.) Brummer, Grünaner (treten zuerst von link- im Vordergründe auf). Helmer, Spieß, die andern Soldaten (folgen ihnen, die Gewehre theils geschultert, theilS am Riemen tragend, mit sichtbarer Ermüdung). Brummer (die Capelle erblickend, zu Grünauer). Ah, das wird wohl die Capelle sein, die unS als Sammelpunkt bezeichnet ist? Grünauer. Ja wohl, die Achatius- capelle — und was da vor uns liegt i-tgen den Wald im Hintergründe weisend) *hr»t«.Rq>nt»ir Ne. 1»«. ist der Hartwald, in welchem die Kerle jetzt ihren Unfug treiben. Brummer. Hier soll noch das Reichs- contingent vom Stifte Wetterhausen zu uns stoßen, dann können wir die Streifung beginnen. Helmer (seinen Dreispitz abziehend und'iflch den Schweiß von der Stirne trocknend). Ich Hab' nichts dagegen, wenn die Andern noch a Weil ausbleibm, ich bin schon vom Marsch ganz hin — und die Hitz'l Brummer (zu den Soldaten). Na — so lagert Euch indeß hier im Schatten. Spieß (zu Helmer). Das hätt' ich eh than — dazu braucht's ka Commando. Einige Soldaten (setzen sich aus die Stufen der Capelle). Andere Soldaten (setzen oder legen sich in s Gras neben derselben). Brummer (zu Grünauer). 's ist im Grunde für uns Kriegsleute ein ärgerli- liches Zeug um so eine Streifung! Zum Spitzbubenfangen soll man Schergen- knechte und nicht Soldaten commandircn! Grünauer. Eh'mals haben wir Jäger es wohl allein mit dem Wildschützenvolk ausgenommen — aber jetzt, hol' mich der Teufel, will's nicht mehr geh'n. Brummer. Warum nicht? 's gibt doch fast mehr Jäger hier zu Land, als and're Unterthanen. Grünauer. Und wieder mehr Wildschützen als Jäger! Ihr habt ja keine Ahnung, wie sich das Gesindel mehrt! Dazu weiß ihr Häuptling, der Hiescl, sie so schlau zu führen und zu postiren, daß man ihrer nie habhaft werden kann. Kaum wähnt man sie an einem Orte, und will sie einkreisen — ja, prost der Mahlzeit — weg sind sie, als wären sie durch die Luft gefahren. Brummer. Da muß der Hiesel ja ein wahres Fcldherrngenie sein. Grünauer. Er hat's leicht! — Das ganze Bauernvolk ist für ihn und gegen uns, er erhält immer die sicherste Kunde, während wir verrathen und verkauft wer- S 34 gen! Darum treiben sie auch ihr Handwerk mit so beispielloser Frechheit! In Wäldern, welche vor einem Jahre noch über tausend Stück Hochwild bargen, findet Ihr jetzt keine wilde Katze mehr. Brummer. Aber wer Teufel nimmt ihnen denn so viel Wildpret ab? Grünauer. Wer? Die Wirthe in Städten und Dörfern — sie kriegen's ja für einen Spottpreis! — Bauern, die sonst das ganze Jahr Erdäpfel fraßen und sich höchstens am Sonntag ein Stück Selchfleisch gönnten, essen nun ihren Hasen- oder Rehrücken zum Vesperbrod, und die hohen Herrschaften, denen doch von Gott- und Rechtswegen Wald und Wild gehört, können sich das Maul abwischen! Donnerwetter! Das muß anders werden, und deshalb mußte das Militär von allen Reichsständen aufgeboten werden, um endlich das Land zu säubern. Brummer. Na — wir werden's wohl richten. Wenn wir nur schon complet wären. Spieß (hält sich die Hand über die Augen und sieht gegen links in dir Scene). Herr Feldwebel! Brummer. Was gibt's? Spieß. Dort drüben ist g'rad' ein Soldat durch'» Bach g'wat' — jetzt sitzt er auf dem Markstein und zieht Schuh und Strümps wieder an — aha! Er kommt daher. Brummer. Was? ein einziger Mann? — der muß von seinem Eorps versprengt worden sein! (Zu Spieß.) Mach' Er sich auf, stell' er sich auf den Weg als Vorposten und ruf Er den Mann an. Spieß (sich ausraffend). Ah! ob man denn a Ruh' hat! (Nimmt sein Gewehr, geht aus die entgegengesetzte Seite der Bühne.) Zweite Scene. Vorige. Jäckle. Jäckle (ein altes mageres Männchen, etwahinkend, in einem ihm viel zu großen abgeschab- nen Soldatenrocke mit citrongelben Ausschlägen und einem Federbusche von gleicher Farbe, tritt, das Gewehr am Boden nach sich schleppend, von links aus). Spieß (fällt sein Gewehr, mit donnernder Stimme). Halt! Wer da? Jäckle (zurückprallend, im schwäbischen Dia- lccte). Herrgöttle! Bin i jetzt verschrvcke! Spieß (noch drohender). Halt! Wer da? Jäckle. Na — wart's nur a bissele, bis i mi g'richt Han! (Nimmt sein Gewehr auf, und bemüht sich ein soldatisches Ansehen zu geben.) I bin dös Reichscontingent vom Stift Wetterhause! — (Umgeht Spieß und tritt zu den andern Soldaten.) Grüß' Gott bei einander! Hänt's Ihr scho ebbes g'fange? Ich bin auch da zum Streife! Brummer. Wer ist Er? Jäckle. Han i's do scho g'seit: I bin 's Reichscontingent von Wetterhause! Es is ä Zettel rumgegange, daß die Reichs- ständ' solle ihre Mannschaft stelle, um den bairischen Hiesel z'fange, den Wilddieb, den gottverdächtigen! »Guck!« hätt' der Reichsprälat g'seit: »da werd nir übrig bleibe, als daß wir unser Contingent au marschire lasse! Nachtwächter Jäckele« — dös bin i! — »ganget in die Rumpelkammer und ziechet das Soldate'-Röckli an, 's hängt drobe beim alte' Eise nnd bei die Fußschelle'! — Ziech's an', Jäckele!* hätt' er g'seit »und gang au mit streife.* Brummer (sich verächtlich abwendrnd zu Grünauer). So einen Nußknacker schicken sie uns. (Barsch zu Jäckle.) Aber warum trifft Er so spät ein? Wir kommen von Münsterhausen und hatten einen viel weitern Weg — und dock kommt Er später. Jäckle. I bin ebe' aufg'halte worbe! Wie ich an die Wurzachische Gränz komme 35 bin und han's passire wolle, da habe se mich aufg'halte und haben g'seit, se hätte kein' Vertrag mit Wetterhause von wege' de' bewaffnete Durchmärsch; do könnten se's nit verlaube' und müßten erst Bericht mache und anfrage'. Da Han i denkt,'s könnt' ä bißle spät werde auf die Weis und bin lieber drauße Herumgange — na — und da Han i do a guet's halbes Stündle braucht, bis i um's ganze Ländle herum komme bin! Brummer (zu Grünauer). Mehr Verstärkung werden wir wohl schwerlich erhalten! Wir wollen also keine Zeit verlieren. Wie stellen wir's nun an? Grünauer. 's wird wohl am besten sein, wenn wir uns in drei Abtheilungen sormiren. Hinter dem Walde liegt das Dorf, dort treffen wir wieder zusammen. Ich gehe mit einigen Leuten von hier aus geradezu in den Wald. — Ein Theil von rechts — der andere von links — dann bleibt keine Hauptpartie des Forstes unberührt. Brummer. Gut! (Zu dm Soldaten, com- mandirend.) Angetreten! Helmer, l (erheben sich schwerfällig, Spieß, (nehmen ihre Gewehre und Jäckle, t stellen sich in eine Reihe Die Soldaten l auf). Brummer (theilt die Leute in drei Abteilungen; zur ersten). Ihr geht mit mir — nach rechts — (zur dritten) Ihr nach links (zur mittleren, in welcher Jäckle) Ihr folgt dem Herrn Förster! — Was Verdächtiges getroffen wird, wird angehalten! Jäckle. Aber wann sich's nit halte laßt? Brummer. Donnerwetter! Zu was habt Ihr eure Gewehre? Niedergeschoffen, was Widerstand leistet — ohne Pardon! — Habt Acht! Halbrechts! Halblinks! Marsch! (Er selbst marschirt mit seinrn Leuten nach recht- ab.) Die dritte Abtheilung (marschirt nach link« ab). Grünauer (zu seiner Abtheilung). Und Ihr folgt mir! Jäckle (vortretend). Nei! HerrFörschter! Das wird do nit gähn! Grünauer! Zum Henker! Warum nicht? Jäckle. Weil mir der Herr Prälat af die Seel' gebunde hat, daß ick ihm an seine Rechte und Privilegs' nir vergebe lasse! I bin 's Reichscontingent von Wetterhause und kann mi also von Niemand commandire lasse', als von ein' Wetterhauser! Grünauer. Aber wenn kein anderer Wetterhauser da ist, als Er? Jäckle. Dann commandir' i mi selber! Grünauer. Na, so commandir' Er in's Teufels Namen! Aber nur vorwärts! Jäckle (commandirt). Marsch! — (Sir marschiren gerade gegen das Publicum.) Grünauer. Aber was treibt Er denn? Wir müssen ja gegen den Wald! Jäckle. Na, gucket mal! Was hat Er denn gesagt: »Nur vorwärts?« Grünauer (ungeduldig). So macht zuerst Rechtsum! Jäckle (zu Grünauer). Meint Er? —Na — isch mir auch recht! (Lommandirt.) Rechts um! Die Soldaten (kehren um, bleiben aber stehen). Grünauer (wie oben). Nun Marsch! Marsch! (Dom Walde her kracht ein Schuß.) Jäckle (läßt vor Schreck sein Gewehr fallen, am ganzen Leibe zitternd). Gotts Dünner! Dort schieße sie! Grünauer (vor Wuth mit dem Fuße stampfend). Himmel und Hölle, das sind die Wilddiebe! Vor unsem Augen jagen sie. Jäckle. Ja — 's isch g'rad', als ob's unS nit ä Bizcle fürchte' thätc'! Grünauer (gegen den Hintergrund linksehend). Ha! Dort bricht ein angeschossener Bock durch's Dickicht — jetzt sinkt er zusammen — dort — im Getreidefeld — und jetzt — seht — seht doch! Ein Mann tritt au- dem Walde — S* 36 Iäckle (ebenfalls hinsehend). Richtig! — Aber lueget ämol! Das is ja gar kei' Wild dieb — das is ä Jäger — hat ja 's grüne Röckel an! Grünauer. Nein! Nein! — Der Hie- sel hat sich erfrecht, seinen Leuten grüne Jägerkleider machen zu lassen! (Sieht wieder gegen den Hintergrund.) Er schleppt den Bock aus dem Felde — näher hieher! — Donner und Blitz! Ich erkenne ihn! — 's ist der verfluchte Hiesel selber! Iäckle (heftig erschreckt). O Du blau's Herrgöttle! (Rafft schnell sein Gewehr auf, und flüchtet sich so, daß er von der Capelle gegen den Wald zu gedeckt ist.) Mir nach! Die anderen Soldaten (eilen auch hinter die Capelle). Grünauer (zu den Soldaten). Teufel! Was thut Ihr denn? Iäckle. Wir thun uns nur ä bißle verschanze! Grünauer. Memmen! Thut was Ihr wollt — ich brauch' Euch nicht! — Er ist allein und Mann gegen Mann fürcht' ich Niemanden! — Ich lass ihn ankommen! (Macht seine Flinte schußfertig und duckt sich anfänglich lauernd hinter die Aehren des Feldes.) Iäckle (zu den Soldaten). Jsch ä coura- girter Mann, der Förster! Woll'n wir doch luege, ob er den Hiesel sangt! (Guckt behutsam hinter der Capelle hervor.) Dritte Scene. Vorige. — Mathias. Math, (kommt, in einer Hand dir Flinte tragend, mit der anderen einen Rehbock schleppend, vom Hintergründe links, bis er außerhalb der Felder ist, dann läßt er, jedoch ganz im Hintergründe bleibend, den Bock vollends aus die Erde finken). Sv! Will 's Feld nicht noch mehr verwüsten! — Hier aber will ich den Bock zerwirken! (Legt die Flinte auf den Boden, zieht den Rock aus, streift die Hemdqnpel aus, zieht dann das Waidmesser, kniet zum Wilde nieder und will dasselbe ausbrechen.) Grünauer (ist indkß längs des Feldes, immer gebückt, bis nahe zu Hiesel vorwärtsge- schlichen, nun erhebt er sich plötzlich, legt das Gewehr an und ruft mit lauter Stimme) : Halt! Wilddieb! Nicht gerührt! Du bist mein Arrestant! Math, (ohne sich stören zu lassen, den Kops nur leicht erhebend). Pressirt's so? Ich MÜcht' doch früher mit meiner Arbeit da fertig werden! Grünauer. Keine Umstände, Kerl! Jetzt ist's aus mit deinem Uebermuth! — Du bist in meiner Hand! Augenblicklich steh' auf und geh' ruhig vor mir her, oder ich schieß' Dich nieder! Ich treff' sicher! Math, (richtet sich auf einem Knie empor, ganz mhig). Will's wohl glauben, daß D' gut schießen kannst, Förster! Aber (mit dem Daumen nach rückwärts gegen den Wald deutend) die da können's noch besser! (In demselben Augenblick streckt sich fast hinter jedem Baume des Waldes ein Flintenlauf gegen Grünauer gerichtet hervor.) Grünauer (zurückprallend). Himmel! — Math, (mit gedämpfter Stimme). Schrei nit — wann's D' nit zwanzig Kugeln aus einmal im Leib haben willst! (Ansstehend und sein Gewehr ausnehmend.) Jetzt ist d' Reih an mir! Hahn in Ruh! Und nit g'rührt! — Jetzt bist Du mein Arrestant! (Bleibt gegen den Vordergrund, wo Jäckle's Kops eben hinter der Capelle hervorguckt.) Hoho! Dort seh' ich ja Federbüsch'! (Zu Grünauer.) Soldaten hast Dir mitg'nommen? Grünauer (wieder etwas ermuthigt). A — ein Ruf— und sie sind da! ^ Math. Glaub'st, daß's g'schwinder sein als unsre Kugeln? — Aber kennen will ich's lernen! Du thust jetzt, was ich will, oder -- (Deutet wieder nach dem Walde.) Grünauer (zähneknirschend vor innerer Wuth). Und was willst Du? Math. Wart' —> (zieht seinen Rock wieder an, dann zu Grünauer). Sv — jetzt gibst 37 mir d' Hand, als ob wir gute Freund' wären — (Da Grünauer noch zögert.) Na — wird's?— (Hält ihm die Hand hin.) Grünauer (mehr für sich). Ich muß! — (Legt seine Hand in die Mathias'.) Math, (thut als ob er ganz vertraut mit ihm spräche und nimmt ihm die Flinte ab, die er besieht). Jäckle (im Vordergründe, zu den anderen Soldaten). I Han do Recht g'hat — 's isch kei Wilddieb — 's isch a Jager! — Nu könne mer schon au nach! — Kommt's! (Nimmt sein Gewehr auf die Schulter und geht mit den anderen Soldaten zur Gruppe im Hintergründe.) Math, (als ob er sie jetzt erst bemerkte). Was gibt's denn? — Was wollen denn die Mannschaften? Jäckle. Mer sin de Streif! — Mer solle den Spitzbube fangen, den baierischen Hiesel! Kann uns der Herr nit sage, wo wir'n finde? Math. Freilich! Damit kann ich schon aufwarten! (Gegen den Wald rufend.) Heda! Ihr da d'rinnen! Die Herren wollen den baierischen Hiesel kennen lernen! (Die Läufe richten sich sämmtlich in die Höhe und werden gleichzeitig über die Köpfe der Soldaten weg in die Lust abgesenert ) Jäckle, die Soldaten (lassen Mützen und Gewehre fallen und enteilen schreiend nach verschiedenen Seiten). Math, (lacht laut auf). Ha, ha, ha! Ha, ha, ha! — Wie weg'blasen!— (Gegen den Wald.) Aber jetzt kommt'S heraus! Vierte Scene. Bor ige.Stern Putzer. Tiroler. Blauer. Andres. Lissaboner. Gamsler. Die übrigen Wildschützen (treten hinter dem Baumstrunk und Gebüschen hervor). Ster np. (zu Mathias). War's so recht? Math. Daß's nur in d'Luft g'schossen habt's? — Freilich! —Die armen Teufeln von Soldaten können nichts dafür, sie Müssen kommen, wenn (verächtlich auf Grünauer blickend) d'Jager selber g'stehen, daß's es mit uns nicht mehr aufnehmen können! — Aber — da Hab' ich jetzt ein' G'fang'nen — was fangen wir denn mit dem an? Die Wildschützen (treten näher zu Grünauer). Gamsler (ihm in s Gesicht sehend). Teufel! den kenn' ich — das ist ja —- Mehrere Wildschützen. Wer? Wer? Gamsler. Ja — 's ist der nämliche - Förster, der dem armen Bobinger 's Lebenslicht aus blasen hat! Math. Was? Was ?(Zu Grünauer barsch.) Red' — hast Du das than? Grünauer (seufzend). Ja! 's war meine Pflicht — »wenn ein Wildschütze auf den ersten Anruf nicht stehen bleibt, ist Feuer auf ihn zu geben!" — So lautet die Instruction. Math, (wild auflachend). Ha, ha! Im Kopf hast das G'setz — hast aber nie probirt, ob's in's Herz auch hineinpaßt? — Aber gut! Ihr gebt's uns das Beispiel! Wie Ihr mit uns, so wollen wir mit Euch verfahren! — Knie nieder! (Gebieterisch.) Auf die Knie! sag' ich! Grünauer (zusammenbebend). Was willst? Math. Dir thun, was Du dem Bobinger gethan hast! Die Wildschützen. Recht so! Rach'! Rach'! Math, (zu Grünauer). Ich will Dir noch erlauben, als Mann zu sterben — knie' 7rei da auf'n Platz nieder — oder soll ich Dich erst an ein' Daum binden lassen? Grünauer (refignirt). Nein! — Ich 'eh' ein — ich HLtt' Dich auch nicht ver- chont — jetzt bin ich in deiner Gewalt — thu' — was D' vor Gott verantworten kannst — aber — ziel' gut! (Läßt sich aus ein Knie nieder und öffnet die Brust.) Math, (sich schußbereit vor ihn stellend). Bet' noch ein' Vaterunser! — Dann — 38 Grün, (faltet die Hände und murmelt da- Gebet, dann von einem schmerzlichen Gefühle ergriffen laut weiter betend). Gib UNS unser tägliches Brod! (Die Hände zum Himmel erhebend mit fast von Thränrn erstickter Stimme.) Gib' du, Gott! meinem Weib' — meinen Kindern ihr Brod — ich — ich kann cs ihnen nicht mehr geben! Math, (ergriffen) Dein Weib? — und Kinder hast? Grün. Vier Knaben, das jüngste noch an der Mutter Brust! Math, (setzt rasch seine Flinte ab, wendet sich seitwärts, fährt sich rasch mit der Hand über dir Augen, dann mit der Hand eine Bewegung gegen Grünauer machend). Steh aus! — geh'! Grün, (kaum seinen Ohren trauend, säst aufschreiend). Hiesel!— Du —faß' ich denn—? Math, (die frühere Handbewegung wiederholend). Geh', sag' ich —(mehr vor sich hin sprechend) den Fluch von Weibern und Kindern will ich nicht auf mich laden! — Geh'! Du bist frei! Grün. Frei? frei?! — (Aus den Knien bi- zu Mathias vorrutschend.) Hiefel! Mein TodeSurtheil — gefaßt hört' ich's — doch — frei — zu meinem Weib — meinen Kindern! — eS überwältigt mich! (Haßt Mathias' Hand, drückt sie an seine Lippen, umklammert seine Füße und gleitet fast ohnmächtig an denselben zur Erde herab.) Schlußgruppe. (Der Vorhang fällt.) Fünftes Bild. Rebell und Soldat. Stube in einem Dorfwirthshause mit einer Mittelund zwei Seitenthüren. In der Mitte der Stube steht ein langer gedeckter Tisch mit Blumenauf- sätzrn, rings um denselben Stühle; im Vordergründe recht- und links kleinere ungedeckte Tische. Erste Scene. Halinger. Kellnerinnen. Röthling. Die Kellnerinnen (find beschäftigt, den großen Tisch in der Mitte vollends zu decken). Hal. (mtßmolßhig i« Zimmer aus- und niedergehend). Deckt'S den Tisch nur fein nobel, damit die vornehme Bagage nichts ans- z'setzen hat! Ist a Frechheit ohne Gleichen — jetzt — beis mir a Tafel b'stellen, bei mir, von dem'S erst vorige Wochen zehn Gulden Strafgeld niederträchtiger Weis' haben eincafsiren lassen! O! ich könnt' ihnen Gift und Operment in Wein mischen und Kronäugeln statt der Mehlspeis in d'Suppen einkochen! Röthl. (mit schwarzer Perrücke, einem langen, gleichfalls schwarzen Schnurrbarte im verschnürten Pelzspenser, eine Pelzmütze aus dem Kopfe, an der Seite rin Metzgermrsser an einem Lederriemen und in der Hand einen Stock mit eiserner hakenförmiger Handhabe tragend, tritt durch die Mitte ein, im ungarischen Dialecte sprechend). Servus, BarLtom! Gebt Krügel Bier! (Will sich an den großen Tisch setzen.) Hal. Halt! halt! nit daher — der Tisch ist b'stellt — (Bitter lachend.) Ha ha ha! wenn der g'strenge Herr Amtmann ein' Ung'ladenen da sitzen sehet — ich glaub', er ließ' ihn in' Kotter werfen! Röthl. Na, alles eins! (Setzt sich an den Tisch im Vordergründe rechts.) Eine Kellnerin (stellt einen Krug Bier vor ihn). Röthl. (zu Halluger). Sagt mir, Uram Wirth, ist nicht da im Ort was zu machen vom Geschäft? Hal. (ihn betrachtend). Hm! den Herrn brauch' ich wohl nit z'fragen, was für a G'schäft er treibt? Er ist a Metzger — geht wohl so in's Gäu? Röthl. Ja — möcht' ich kaufen Schof oder Rindvieh — Hal. Und da kommt's zu uns? (Mit verbissener Wuth.) Na! wir haben's ja! — Hat erst mancher von uns're Bauern sei letzt's Stuck Vieh verkaufen müssen, um den Theil von der Brandschatzung, die unser guter Herr Amtmann über'S ganze Ort verhängt hat, zahlen z*können! 39 Röthl. Jai! jai! überall uir als Klag' über verfluchte Amtsleut'! — Erzählt doch. Hal. Jetzt Hab' ich ka Zeit — muß erst in der Küchel nachschauen! (Zu den Kellnerinnen.) Kommt's,Dirndeln! Nicht sdieBrateln her, macht's den Salat fein an, der g'strenge Herr ist ja a gut's Essen g'wohnt! Ha ha ha! er schmalzt sich ja Alles mit Bauern- fctten! (Geht grollend nach rechts ab.) Die Kellnerinnen (folgen ihm). Den hat's g'wiß zum Fressen gern, Denn er geht ihr niemals weiter Und kann ihr nie untreu wer'u! Und vor Allem meine Herzen (Herzen ein. porhebend), D ran find't jede ein Behag'n, Denn cs macht ihr höchstens Schmerzen, Wann's ihr einmal liegt im Mag'n! (Setzt ihre Krrunze auf dem Tische links ab.) Röthl. (ist bei Gundels Eintritt vom Sitze Röthl. (allein in seiner natürlichen Rede- imise). Mir ift's recht, wann ich d' ganze Welt schimpfen und klagen hör' — warum soll's denn mir allein schlecht geh'n? — Ha ha ha! wann ich mei deutsche Muttersprach' nit verlernen will, so muß ich, wenn ich allein bin, laut mit mir selber reden —7 darf die schwarze Parrocken oft nit einmal wenn ich schlaf' abnehmen, sonst pa- cken's mich beim Schopf! — Seit die dal- kete G'sck'cht mit dem Ulmer Fuhrmann aufkommen ist, suchen's mich überall — ich war' nirgends sicher g'wesen als beim Hiesel seiner Banda, aber der hat mich a fortg'jagt — ha ha ha! der! Als ob er was Vessers wär' als ich! — Und die Gundel — die Gundel! (Ballt grimmig die Faust und drückt sie gegen die Stirne.) Zweite Scene. aufgesprungen und hat sie starren Auges betrachtet. für sich). Hol' mich der Teufel! — sic ift's! Wenn man den Wolf nennt, kommt ^r g'rennt! — Aber jetzt heißt's g'scheit sein! (Setzt sich wieder ) Gundel (tritt zu ihm). Na, kauft mir der Herr nir ab von meiner Waar? Röthl. (wieder mit verstellter Stimme). Nsw! heißt Pfefferkuchen, spürt man aber nichts von Paprika! Aber wenn verkauft sie Bussel, nimm ich ein paar Dutzend! Gunoel. Köunt's auch haben! (Wirftihm einige Lebkuchenplätzchen aus den Tisch ) Dritte Scene. Vorige. Halinger. Hal. (kommt wieder von rechts zurück. Gundel erblickend, sichtbar erfreut). Was sch' ich — Du — Gundel (gibt ihm rasch einen Wink zu Röthling. Gundel. Gundel (als Nürnberger Lebkuchenhändlrrin gekleidet, aus dem Rücken eine kleine Kreunze, einen Korb mit Lebkuchen am Arme, tritt singend durch die Mitte ein). Kleine Kinder, Herzen, Reiter Trag' ich in mein' Korb beisamm'! deuteln, geht's mir nur nicht weiter, Kauft's was ab von meinem Kram! Kriegt a Dirndel solche Kinder (ein Leb- kuchenkind emporhaltend), Trifft's dafür ka Kirchenstraf, Und sic stören's auch viel minder Durch ihr G'schrei in ihrem Schlaf'! Und nimmt Eine so ein' Reiter (einen Lcbkuchenreitrr rmporhebend), schweigen, dabei auf Röthling deutend, dann laut). Ja — ich Hab' wieder von Nürnberg aus mei Wanderschaft antreten mit meiner Waar' — sagt's mir, Wirth, habt's uit bald Kirmeß im Ort? Hal. Ja — ja — (bedeutsam) mir^ scheint wohl—imd ich möcht' bei Dir etwas b'stel- len — komm a bißl her. (Geht mit ihr zu dem Tische links — leise mit ihr sprechend.) Ich kenn' Dich, Gundel — i Gundel (leise). Nachher, wißt'S auch warum ich da bin? ^ Hal. Der Hiesel mit seine Leut' ist in der Näh'? — Das weiß man, wann man Dich siebt, denn wie d' Schwalben dem ^Sommer, so ziehst Du ihm immer voran! 40 Gundel. Ja, um erst z'sehen, ob d' Lust rein ist — Sagt's mir, sein vielleicht Soldaten im Ort? Hal. Dahier nit! Gundel. Aber vielleicht in den nächsten Ortschaften? Hal. Ich mußt' nit! Aber wart' a bißl— (Geht zu Nöthling hinüber.) Röthl. (für sich). Was haben denn die mit einander g'wispelt? Hal. (laut zu Röthling). He! G'vatter! Ihr seid's g'wiß die Ortschaften in der Rund' auch schon abgangen? Röthl. lA6v — Hab' aber auch nichts gefunden. Hal. Na — habt's nichts g'hört — haben d' Leut' nit über Militäreinquarti- rung klagt? Röthl.(für sich). Aha! gehr's da hinaus! (Laut.) — Hab' ich auch nirgends gesehen seit fünf Meilen Soldaten. (Wiederfür sich ) Ich weiß's schon, wo's sein! (Laut.) ULt! warum fragt's? Hal. Na — mir scheint, das Dirndel (auf Gundel weisend) hat ein Schatz, der's doppelte Tuch tragt und hat g'hofft, ihn z'treffen. (Zu Gundel, bedeutsam.) Du hörst aber, es ist nichts! (Geht wieder zu ihr, leise.) Geh' nur g'schwind und sag' das dem Hiesel! Gundel (leise). Ist nit nothwendig! Wir haben's ausg'macht, wenn ich nicht gleich z'ruckkomm' so kommen sie her! Hal. (leise, sich vergnügt die Hände reibend). Bravo! bravo! ich weiß ihm heut' ein' Arbeit! wart' — ich muß nur a paar von die Nachbarn z'sammenrufen — gleich bin ich wieder da! (Eilt durch die Mitte ab.) Röthl. Na, Madel! sag' — bleibst Du schon da im Ort? Gundel. Weiß'S selber noch nicht — darnach halt die G'schäst' geh'n! Vielleicht geh' ich heut' noch weiter. Röthl. Und mußt tragen schwere Kreun- zen und Korb — mußt geh'n zu Fuß? Gundel. Ja kein' Wagen tragt mir mei kleiner Handel nit! Manchmal laßt mich wohl a Bauer a Strecken weit auf sein' Wagerl mitfahren. Röthl. Na — Hab' ich auch klans Wagerl! Hab' glaubt, kann ich einkaufen Kalb oder Schwein — stät — ist nichts da — und wann sie will — braucht nir zu zahlen. Gundel. Na, d'rüber reden wir vielleicht noch, ich müßt' erst sehen, ob wir den nämlichen Weg haben! — (Horchend.) Aber still! (Für sich.) Ich glaub', meine Leut' kommen schon! Dritte Scene. Vorige. Mathias, Andres, Sternputzer, Tiroler, Blauer, Lissaboner. Mehrere andere Wildschützen. Ha- linger, später einige Bauern. Hal. (öffnet die Mittelthür weit und bleibt mit abgezogener Mütze an derselben stehen). Nur herein, Ihr Herren! — Ist a b'son- d're Ehr', die mein' Haus widerfahrt — freut mich b'sonders, daß ich das Glück Hab', den berühmten Herrn Hiesel selber vor mir z'sehen! (Drückt Mathias herzlich die Hand.) Math, (zu Halinger). Füttert'S mich nicht mit Complimenten — davon werd' ich und meine Leut' nit satt! Schaut's lieber, daß was Ordentlich'- aufn Tisch kommt' — d'Gundel ist heut' auch mei' Gast! (Tritt zu ihr und umschlingt sie mit seinem Arm.) Gundel. O, wann ich nur bei Dir sein kann, nachher bin ich mit ein' Stück'! Brod und a paar Erdäpfel auch z'frieden! (Küßt ihn.) Röthl. (für sich). Das z'sehen! oh — ich könnt ! — (Faßt da- an seiner Seite hängende Messer — doch sich beherrschend.) Abel nein! jetzt nit! — Met'Zeit kommt erst! — (Wendet sich ab, legt dann beide Hände auf den Tisch und den Kopf aus dieselben und stellt sich schlafend.) Hal. (zu Hiesel). Ja — mehr als das. 41 waS die Gundel g'rad' g'sagt hat, werd' ich Euch heut', so leid's mir ist, ohnehin nit vorsetzen können! Math, (zu Halinger). Was sagt's? — Und da — (auf den großen Tisch weisend) ist doch deckt, als wann's ein' Braut- schnrauS geltet! Hal. Wie gern g'unnet ich den Herren das, was für den Tisch -'stellt ist! — Math. Was wollt's damit sagen? Hal. (mit bittend gefalteten Händen). O Herr Hiesel! Ihr könnt's wohl auch was für unser arm's, rein ausplündert's Dörsel thun! Math. Aus'plündert? — Von wem? Hal. Na, wißt's — das Oertl g'hört dem Herrn Reichsbaron von Sternlingen — der hat, g'rad' wie d'Felder schon zum Schnitt' reif waren, a große Parforcejagd veranstalt' und da g'schieht's — ich weiß' meiner Seel' nit wie? daß der Sohn vom Herrn Baron mit sein Pferd in a Gruben stürzt — und fich'n Fuß bricht — jetzt — sollt' man's glauben? jetzt ist's Wetter über uns losg'angen — wir — so hat's g'hei- ßen, wir hätten die Gruben mit Fleiß g'raben! Math. Na — und waS ist weiter g'schehen? Hal. 's ganze Dorf ist g'straft worden! Fünfhundert — hört's! fünfhundert Gulden sein unS als Straf aufg'legt worden, die Leut' sein alle verruinirt — aber der Herr Amtmann — ha ha ha! — der gibt heut' dahier a große Tafel — Math. Daher — daher kommt er? Hal. Ja, und sei' g'strenge Frau Ge- malin auch mit die Kinder! Math, (zu den Wildschützen). Ha ha! — da sein wir ja just z'recht kommen! — Meint'S nicht? Sternp. Ha ha! kann mir's denken, was Du vorha'st! — Da gibt's wieder einen Streich', von dem die Geschichte zu erzählen haben wird! Was haben wir zu thun? Math. Vor der Hand nichts, als da- z'bleiben, das And're ist mei' Sach' allein! (Zu den Bauern.) Euren Proceß will ich bald z'End führen — und wann Ihr binnen einer Viertelstund' die fünfhundert Gulden nit wieder baar z'ruck hab't, so will ich nit mehr der bairische Hiesel heißen! Die Bauern. Gelt's Gott! gelt's Gott tausendmal! — (Entfernen sich.) Math, (zu den Wildschützen). Was Platz hat, setzt sich jetzt da — an die Tafel — Gundel! setz' Dich an mei' Seiten! — Ihr Andern setzt's Euch an die Tisch — (Auf die Tische im Vordergründe weisend) Tir. (geht zu dem Tische rechts, auf Röchling weisend). Wer ist das? Hal. Ein ungarischer Metzger, der so die Dörfer abgeht wegen Viehhandel! Tir. Der schlaft! (Rüttelt ihn) He. Freund! Röthl. (sich stellend, als ob er eben erwachte und sich die Augen reibend). Was ist?— (Sich verwundert umsehend ) Ah! bin ich wirklich eing'schlafen! (Sich streckend.) Ah —weite Weg' und Hitz'! — werd' ich mich bißl auf Heuboden legen — Hal. Ja, ja, geht's nur hinauf— da (auf die Seitenthür rechts weisend) aber daß's nit etwan raucht's! Röthl. Na! na! bin' ich zu müd'! (Geht, sich noch ganz schlaftrunken stellend, durch die Seitenthür rechts ab.) Math, (hat indeß Gundel zu der Tafel ge« führt und sich mit ihr obenan gesetzt), Sternp., Lissab., Andres und andere Wildschützen (setzen sich auch an die Tafel). Blauer, Tiroler und die übrigen Wildschützen (setzen sich an die beiden Tische im Vordergründe rechts und links). Hal. (zu Mathias). Soll ich vielleicht glei' anrichten lassen? Math. Hat Zeit! Nach gethaner Arbeit schmeckt's besser! — Ack, da kommt schon der Herr Amtmann! 42 Vierte Scene. Porige. Eine Kellnerin. Amtmann Rechthuber, Amalie, Otto, Hubert. Einige alte Bauern (im Sonntagsstaate), unter diesen Malberger. Otto und Hubert (zwei Knaben im Alter von 8—8 Jahren treten zuerst ein). Rechth. (ein ältlicher Mann mit weißer ^ ockenperrücke, Haarbeutel und Degen folgt, Amalien am Arme führend). Die Ortsältesten (treten zuletzt ein). Otto (von dem Anblicke der Anwesenden überrascht, zu Rechthaber zurückeileud). Papa! — die Menge Jäger! — Rechth. (bleibt ebenfalls überrascht stehen). In der That!— Und keiner von unserm Forstpersonale! (Läßt Amaliens Arm los und wendet sich gegen die Wildschützen.) He, Leutchen! wie kommt Ihr hieher? Was wollt Ihr hier im fremden Reviere? Math, (steht aus und tritt zu ihm). G'strcn- ger Herr Amtmann! Ich Hab' mich g'rad bei Euch melden wollen! Wir sein gar weit her — auf einer Streif gegen reißende Thier, die sich hier in der Gegend aufhalten sollen! Rechth. Reißende Thiere!? — Ist mir doch nichts bekannt, daß sich in unfer n Wäldern ein Wolf oder gar ein Bär gezeigt haben sollte! Math. Ha! wegen ein' Bären oder ein' Wolfen brauchet'n wir wohl nit so Viele z'sein — aber das Thier, von dem ich red', — das ist ein viel ärgeres Ungeheuer! Rechth. (lächelnd). Nun, doch nicht etwa gar ein Tiger oder eine Hyäne! Math. Noch weit ärger! — Es ist ein Vampyr! Rechth. (ungläubig). Ein Vampyr? Amalie, (erschreckt). Heiliger Gott! von einem solchen Hab' ich erst neulich gelesen — Rechth. Pah! pah! Aberglaube Volksmärchen! Math. Ja — 's Volk erzählt sich solche G'schichten — aber was Wahres liegt allweil' zu Grund! — 's Volk stellt sich ein' Vampyr als ein G'schöpf vor, was wohl ausschaut wie andere Menschen, oft aber sich in ein' Wolf verwandelt, der die Leut' nit wie ein and'rer Wolf anfallk und zerreißt, sondern ihnen — das Blut aussaugt, daß's herumwandeln wie d' Schatten und langsam elendiglich z'Grund' gehn! Rechth. (noch ungläubig lächelnd). Und ein solches Wesen, meint Ihr, cristirc, und hier? Math. In dem ganzen unglückseligen Land! Schaut's dieblassen, abgekümmerten G'sichter der Bauern —- schaut's die Dick- wännst' der Amtsleut' (auf Rechthaber'- Korpulenz weisend) an, und Ihr wißt's, wer die Ausg'svgenen — wer die Vampyr' sein'! Rechth. (einen Schritt zurückthuend, erschreckt). Mann! Ihr meint?! — Amalie (ebenfalls erschreckt, sich an Recht- Huber anklammernd). Um Gottes Barmherzigkeit! — Mann! Die Wildschützen (haben sich sämmt- lich von ihren Sitzen erhoben und ihre Flinten schußfertig gemacht). Rechth. (es gewahrend, noch mehr entsetzt). Was sott das? — Wollt Ihr — einen Mord begehen? Math. Nein — das nutzt nichts — denn ein Vampyr, so heißt's, bleibt aucb im Grab' nit liegen, sondern steht wieder auf und treibt sein Wesen fort! — Das soll wohl so viel bedeuten, als daß, wenn man auch ein' Amtmann niederschlagt, ein and'rer kommt, der noch blutgieriger ist. — Rechth. Was also wollt Ihr sonst? Math. Das Blut will ich, was Ihr den armen Leuten ausg'sogen habt — die fünfhundert Gulden — heraus damit! -- Rechth. Das ist'nicht mein Geld 43 das kann — darf ich nicht zurückcr- statten — Math, (zornig). Nicht? — nicht? Und was thut Ihr, wenn Ihr a Geld nicht kriegt? Ihr nehmt a Pfand! — Gut! so mach' ich's auch — und — (rasch Otto von der Erde erhebend) der Bub' ist mci'Pfand! Otto (schreit ängstlich). Vater! Mutter! Hubert (flüchtet sich zu Amalien). Amalia (einer Ohnmacht nahe). Um Gotteswillen! unser Kind! Rechth. Meinen Sohn! Mensch! Meinen SohnZ (Zieht seinen Degen.) Mehrere der Wildschützen (sprin- gen auf ihn zu, fassen ihn an den Armen und entwinden ihm den Degm). Sternp. (nimmt den Degen und wirft ihn dem Wirthe zu). Da, Wirth, wenn's ein'neuen Bratspieß braucht's! Rechth. (in ohnmächtiger Wuth). Geb t mir mein Kind! Math. Ihr habt's — wie das Geld dahier liegt! Rechth. Und wenn ich dieß nicht thue — nicht thun kann? Math. Dann nehm' ich den Buben mit in meine Wälder und Ihr kriegt'S ihn so wenig wieder, als Ihr jemals den — bairischen Hiesel kriegt! Amalie Rechth. Der — bairische — Hiesel?! Math. Ja ich bin'S und jetzt b'sinnt'S Euch nicht lang! Wenn ich mein' Leuten »Marsch!« commandir', so habt'S mich und euer Kind g'sehen! — Also — (zu den Wildschützen) Habt Acht! Amalie (stürzt händeringend vor Mathias auf die Knie). Mensch! Hab' Erbarmen mit der Angst — der Verzweiflung einer Mutter! Math. Ha ha ha! die g'strenge Fran Amtmännin kniet? — Warum sein's denn nicht vor eur'm Mann auf die Knie g'fal- lrn und habt's ihn beten, daß er mit den Bauern Erbarmen haben soll, die er g'schun- den hat? Rechth. Ich that nur nach dem Gebote meines Herrn! — Dock — es fällt mir nickt ein, mich vor Euch zu rechtfertigen! — Ich seh', ich bin ein Opfer der Gewalt — und ich füge mich ihr! — (Wendet sich zu einem der OrtSälteften.) Malbcrger! geht in'S Amthaus — hier der Schlüssel zu meiner Kanzlei — bringt mit meinem Diener die kleine Handcaffe hieher! Der Ortsälteste (will gehen). Math. Halt! zwei von mein' Lenken gehen mit! Tir., Blauer. Wir — wir! Math. Wie der Alte wo anders hin- gcht,oderwenn er ein Zeichen geben sollt — schießt ihn nieder! Run fort! Der Ortsälteste,Tir., Blau er (gehen durch die Mitte ab) Math. So! bis 's Geld kommt, ist Waffenstillstand! Hal. (zu Rechthuber tretend, mit höhnender Devotion). Ist vielleicht Euer Gnaden, g'strengen Herrn Amtmann g'sällig, daweil zur Tafel z'gehn? Rechth. Nein! nein! — (Miteinem stren. gen Blicke auf Halinger.) Ich weiß nun, bei wem ich speisen wollte! — Wir sprechen ein ander Mal mit einander! Math, (zu Rechthuber). Ho ho! Herr Amtmann! nit a so! — WaS ich thu' — thu' ich! — Und sollt's Euch einfallen, später wen immer aus'n Dorf dafür zur Verantwortung z'ziehen — ich erfahr's, wo ick auch bin — und komm' ich 's zweite Mal zu Euch, dann, das schwör' ich Euck, probir ich'S, ob ein Vampyr, wenn er mei' Kugel zwischen den Rippen hat, noch aus'n Grab' aufsteh'u kann! (Man hört mit einem Male vom Kirchthurme her dir Sturmglocke läuten.) Math., die Wildschützen(aufhorchend). Was ist das? Hal. (erschreckt). Das ist die Sturmglocken! Math. Ist Verrat!) im Spiel? 44 Fünfte Scene. Porige. Tiroler,Blauer, Malbcrger. Ein Diener, dann einige Bauern. Tir., Blauer (kommen hastig. Malberger und den Diener in ihrer Mitte, durch die Mit- telthür hereingestürzt). Tir. (zu Mathias). Hörst! — hörst — die Sturmglocken läuten's! Blauer. Das gilt uns! Malb. (zitternd und bebend zu MathiaS). Herr Hiesel! die Zwei (aus dir beiden Wild, schützen weisend) sein Zeugen, mei Schuld ist's nickt —! Tir. Nein! den haben wir scharf im Aug' g'habt — Math. Alles eins, von wem der Per« rath ausgeht — jetzt gilt's sich z'wehren! (Zu den Bauern.) Leut! da— (die Kassette öffnend) ist das Geld, was man von Euch erpreßt hat — theill's Euch d'rein! Ha l., die Bauern (fallen gierig über die Kassa her, füllen ihre Taschen mit Geld). Math, (zum Amtmann). Macht, daß Ihr fortkommt — ich kann Euch da in mein' Hauptquartier nit brauchen! Rechtb., Amalie, die Kinder, die Acltesten (entfernen sich durch die Mittelthür). Math (zu Gundel). Gundel! ein'kurzen Abschied! (Hält ihr die Hände hin.) Gundel (fliegt an seine Brust). Hiesel! um GotteS willen! setz' Dich nit z'stark der G'fahr aus — dein Tod wär' auch der meinige! Math. Sorg' Dich nicht um mich! — Mich trifft so leicht ka Kugel! — (Zu den Wildschützen.) Wir vertheilen uns jetzt in dir ersten Häuser vom Ort, und wenn d' Soldaten näherkommen, grüßen wir'S gleich von den Fenstern herunter! — (Aus seine Flinte schlagend.) Ha! die Burschen werden bald wieder rechtsum machen — 'S sein ja viele d'runter, die viel lieber unter uns als unter'm Corp'ralstock wären! Kommt'S nur! — In einer Viertelstnnd'ist der ganze Rummel vorbei und sie werden nichts erreicht haben, als daß mei' Namen noch furchtbarer durch 's ganze Land erschallt! (Ab durch die Mitte.) Alle Wildschützen (folgen ihm). Gundel (allein). Ist das a Mann! Ka Furckt — kein' Angst kennt er, und geht den Kugeln entgegen, als wann's Kerschen wären, die Ein's im Spaß nach ihm wirst! (Man hörtvon außen einige Flintenschüsse fallen, welche sich in immer kürzeren Zwischenräumen wiederholen.) . Gundel (zusammenbebend). Ha! 's geht los! — Gott! mich faßt doch ein' Angst, (Horchend.) 's wird alleweil hitziger! — Schußauf Schuß! Allmächtiger! schütz' Du ihn! (Sinkt in die Knie.) Sechste Scene. Gundel, Röthling. Röthl. (tritt wieder aus der Seiteuthür recht-, fleht fich vorsichtig um — dann rasch zu Gundel tretend und ihre Hand fassend). Madel! hör' mich! Gun dl (erschreckt auffahrend). WaS ists? — Ah Ihr! — was wollt's? Röthl. (dringend). Komm'mit mir! Gundel. Mit Euch? Jetzt? wohin? Röthl. Dahin, wo liegt Hiesel! Gundel (entsetzt). DerHicsel! —liegt? tobt?! Röthl. Nein! aber hat ihn erster Schuß troffen in Schulter — liegt hinter Garten- zaun. Komm mit — (gegen die Seiteuthür rechts weisend) da steht mein Wagerl — ist angespannt, fahr' ich Dich bis zuPlatz, wo Hiesel liegt. Gundel. Ja! ja!— Gott vergelt'Euch eure Hilf'! G'schwind — kein' Augenblick verloren! Komml's — kommt's! (Zieht ihn mit sich nach der Seiteuthür rechts.) Röthl. (im Abgehen für fich). Hab' ich 45 Dich nur erst auf mein' Wagen, dann bist und bleibst mein! (Beide ab.) Achte Scene. Verwandlung. Sturmer, Mathias, Sternputzer, Tiroler. Felder vor dem Orte. — Den Hintergrund bilden die ersten Häuser des Ortes. — Es ist bereits Abenddämmerung und wird nach und nach ganz dunkel. Siebente Scene. Peter, Sturmer. Mehrere andere Soldaten. Die Soldaten (schleichen, die G.wkhr, schußbereit haltend, auS dem Gebüsche in den Vordergründe links hervor). Sturmer (leise). Laßt sehen, ob es uns nicht gelingt, von dieser Seite in's Ort zu kommen und so der verfluchten Bande in den Rücken zu fallen! — Ein Paar von uns müssen, ohne einen Schuß zu thun, sich ganz in die Nähe der Häuser wagen — bleibt es dann ruhig — so können wir Alle weiter Vordringen! Peter. Ganz in die MH'? Das hieß' ja nutzlos 's Leben opfern! Sturmer. Wagt's Keiner, so wag' icb's! bleibt Ihr indeß hier im Gebüsche — wird aus den Häusern gefeuert, so eil' ich zu Euch zurück — wenn nicht, so folgt Ihr mir! — (Tritt aus dem Grbüsche hervor und geht, daS Gewehr wie zum Bajonnetangriff bereithaltend, näher gegen dir Häuser.) Sturmer (ist bis in die Mitte der Bühn, gekommen. (In diesem Augenblicke fällt auS dem halbgeöffneten Fenster eines HauseS ein Schuß.) Sturmer (schreit laut auf, das Gewehr ent- lällt seiner Hand er wankt und stürzt rücklings zu Boden) Mathias und die Wildschätzen (kommen nach einer kurzen Pause einzeln auS verschiedenen Häusern des Dorfes heraus. Math. Mir scheint, unsre Schüss haben die Luft rein g'macht. Sternp. (gegen links in die Scene sehend). Dort ziehen sie sich durch die Felder zurück. Tir. Und ich Hab' vom Kirchthurm aus g'sehen, daß die Hauptmasse auch schon in Abzug ist! Math. Unsre Leut'sollen aber noch aus der Hut bleiben. Ihr aber macht dieRond' um's ganze Ort — Die WildschützeN (ziehen sich wieder in's Ort zurück). Math, (tritt vor bis zu dem sich noch immer schmerzvoll bewegenden Sturmer, bei ihm stehen bleibend). Der arme Teufel! Er hat seine Neugier mit seinem Leben bezahlt.— Aber nein! — er rührt sich ja noch — (Kniert sich rasch zu ihm nieder und will itm aufrichten.) Sturmer (noch mit geschlossenen Augen) Thut ein gutes Werk! schießt mich durch's Herz — damit ich nicht so leid'! Math. Wart'! — es ist vielleicht noch Hilf' Möglich! (Löst die Riemen deS Tornisters und öffnet dann den Rock Stürmer -, die Wunde besehend). Wenn ich nur ein Wasser — (sieht in die Scene rechts) ah! dort—das Bacherl! — Bleib' ruhig liegen — gleich bin ich wieder bet Dir — (Eilt nach rechts ab) Sturmer. Ah— wie das brennt! — wenn's nur bald überstanden wär' — (Ver- sucht eS, sich vorwärts zu schleppen, finkt aber wieder an einem Baumstämme zurück.) Math, (kommt wieder zurück, in seinem Hute Wasser bringend). So — nur erst das Blut wegg'waschen! (Befeuchtet sein Tuch mit dem Wasser und beginnt dir Wunde zu reinigen.) Sturmer. Ah — nur noch einen Trunk — einen Tropfen Wasser! 46 Math, (hält ihm den Hut an den Mund). Da — da! trink'! S türm er (trinkt gierig, dann sich etwas erholend). Wie wohl das thut! Und — wer ist —? (Oeffnet die Augen, starrt Mathias an — dann mit einer heftigen Bewegung.) Ha — Einer — vom Hiesel seiner Bande! Math. Nein — ick bin der Hiesel selber! Sturmer (wie oben). Der Hiesel! der Rebell — der Räuber?! Math. Wer nennt mich so? — Ich bin wohl als Feind Dir gegenübergestanden — ja — mein Stutzen war's, der nack Dir gezielt hat, aber das war im Kampf — der ist aus, und jetzt seh' ich in Dir nur das unglückliche Werkzeug einer Macht — Sturmer. Gegen die Du Dich aus- g'lehnt hast — Du warst nur aWildschütz — heut' bist zum Mörder 'worden! Math, (entsetzt aufspringend). Zum — Mörder?! — Wer nennt das Morden, wenn sich Einer, angegriffen, seines Lebens wehrt? Thust Du's im Krieg nicht auch? Sturmer. Vergleich' Dich nicht mit ehrlichen Soldaten! Ich trag' die Waffen gegen die Feinde meines Vaterlandes — Math. Und bist doch gegen mich gezogen — gegen mich, der dein Landsmann ist? — Sturmer. Desto schlimmer, wenn die eigenen Bürger zu Feinden ihres Vaterlandes werden! Math. Wer kann daS von mir sagen? — Mich dauern meine Landsleut' — ihnen zum Schutz treib' ich mein G'wcrb'. Sturmer (heiser auflachend). Haha! — schätzt der sein Volk, der es lehrt, Obrigkeit und Gesetz verachten? der ihm vorangeht mit dem Beispiel strafbarer Selbsthilf'? Seitdem Du aufgetaucht bist, sind die Zungen stolz darauf, Waldfrevel und Wilddiebstahl zu begeh'n — die Alten widerspänstig gegen jede Verordnung — weil ein Gesetz vielleicht noch zu streng' ist, verachten sie alle Gesetze— das Band zwischen Fürst und Unterthan ist gelockert, und wenn's so fortginge, wär' das Volk bald nur eine große Räuberbande — daran bist Du Schuld — Du — /höhnend) der Beschützer deiner Landsleute! (Mit einemletz- ten Ausflammen der Lebensgeister.) Ha! wenn ich Dich getroffen und todt niedergeftreckt hätte, so hätt' ich, neben deiner Leiche stehend, frei zumHimmel aufblicken und aus- rufen können: »Ich Hab' meinem Land' einen Dienst erwiesen!« — Du aber, der einen Soldaten, der, treu seinem Eid' und seiner Pflicht, gethan hat, was sein Herr befohlen, zum Tod' getroffen hast, Du bist — ein Mörder! Mörder! (zurückfinkrnd) Mörder! (Er streckt die Glieder uad bleibt regungslos todt liegen.) Math, (starr auf den Leichnam blickend) Er stirbt — und sein letztes Wort- (schlägt beide Hände vor sein Gesicht — mit dumpfer Stimme) Mörder! Neunte Scene. Vorige. Sternputzer, Tiroler, Mehrere Wildschützen. Sternp., Tir. und Wildschützen (kommen eilend aus dem Dorfe — schreiend). Hiesel! Hiesel! Math, (aus seinem Brüten auffahrend) Was gibt's? Tiroler. Komm'— schaff' Du Ordnung im Dorf' d rin! Sternp. Die Bauern— das Gesindel-! Math. Was ist mit ihnen? Sternp. Nicht zufrieden damit, daß sie ihr Geld wieder haben, sind auf's Amthaus — wollen es plündern — den Amtmann todtschlagen. Tiroler. Das ganze Ort ist im Aufstand' — Sternp. Weil sie wissen, daß wir die Soldaten zum Abziehen gezwungen haben, glauben sie ungestraft ihre Rache üben zu können. 3 . 47 (Am Himmrl zeigt sich eine furchtbare Röthe, Flammen schlagen am Ende des Ortes empor.) Tiroler (sich umwendend). Ha! sie haben ihre Drohung erfüllt. Sternp. Das Amtshaus angezündet! Math, (fast dem Wahnsinne nahe). Sie? — Sie? —^ Nein! ich — ich Hab' den Brand g'stist'— ich allein bin Schuld! Tiroler. Was red'stfür'n Unsinn! Wer kann das sagen? Math, (aus die Leiche weisend). Der—der hat's sterbend gesagt— und die Feuerröthe am Himmel bestätigt seine Wort'! (Sinkt neben der Leiche zu Boden.) (Der Brand nimmt zu; im Hintergründe erscheinen die Wildschützen ringend mit den Bauern; andere Leute flüchten mit dem Gepäcke, Weiber »nd Kinder aus dem Rücken, die Sturmglocke ertönt.) (Schluß-Tableau.) Der Vorhang fällt. Dritte Abheilung. Sechstes Bild: Der Ueberfall. (Das Innere einer verlassenen Waldschmiede, in der Hinterwand eine morsche Thür, links die Esse, neben derselben ein Hausen Kohlen und Reisig, rechts ein alter Eichrntisch und zwei gebrechliche Strohstühle; im Boden mehr gegen rechts im Hintergründe eine Fallthür mit einem Riegel und einem eisernen Ringe, in der Wand ein Eisen- Kaken zum Befestigen der Fallthür, wenn sie geöffnet wird. — Es ist anfangs ganz finster.) Erste Scene. Röthling. Lieutenant Schedel. Röth. (über seine Pelzjacke noch in einen Pelzmantel gehüllt, tritt zuerst rin). Nur mir nach, Herr Lieutenant! Schedel. Was wollt Ihr? Und wer seid Ihr? Röthl. Heut' noch ein armer Teufel von ein'm Metzgerg'sellen — morgen, so hoff' ich, a Mann, der seine baaren tausend Gulden in der Taschen hat! Schedel (aufmerksam werdend). Wie! Ihr wollt — Ihr könntet —? — Habt Ihr mich deshalb gebeten, mit Euch hieher zu kommen? Ihr flüstertet mir zu, Ihr hättet mir Wichtiges mitzutheilen. Röthl. Ich denk' wohl, daß's Ihnen wichtig sein wird, Herr Lieutenant, denn nicht wahr, Sie und Ihre Leut'g'hören doch auch zu der Mannschaft, die jetzt von allen Orten aufgeboten wird, um dem Hiescl endlich 's Handwerk z'legen? Schedel. Ja — so ist's! Man hat endlich erkannt, daß kleine Truppenabtheilungen nichts ausrichten können gegen diese Schaar verwegener Raub- schützen, welche überall in den Dörfern ihre Helfershelfer und Mitverschworenen haben, im Gebirge mit den Höhlen und Schleichwegen vertraut sind — deshalb befahl der Churfürst größere Detachements nach allen Richtungen zu entsenden und ich comman- dire ein solches! Röthl. Und deswegen ist ein Preis von tausend Silbergulden auf den Kopf vom Hiesel g'setzt? Schedel. Ja — ja! doch was fragt Ihr lange, wenn Ihr mir auf die Spur Helsen könnt? Röth. Hm! mir ist die Sach', wie ich's in der g'druckten Aufforderung, die an allen Gemeind'häusern ang'schlagen ist, g'lesen Hab', nur noch nicht recht klar— Schedel. So sprecht schnell — denn meine Leute stehen dort in dem furchtbaren Frost. Röthl. Na — ich mein' nur, ich setz' nur den Fall, ich müßt', w o sich der Hiesel jetzt aufhielt — und ich führet Sie und Ihre Leut' hin — Sie fanget'n ihn — dann, nit wahr, g'höret'n die tausend Gulden Ihnen? 48 Eck edel (fast beleidigt). Officiere nehmen keinen Häscherlohn! — Das Geld gehört Euch ganz und ungeschmälert — (Einen Beutel aus seiner Brusttasche ziehend ) Seht — hier Hab' ich's in vollwichtigen Ducaten bei mir! Röthl. (gierig) Und die — g'höreten gleich mir? Sch edel. In dem Augenblick, als Hiesel todt oder lebendig in meiner Gewalt ist! — Mein Ehrenwort darauf! Aber sprecht endlich, könnt Ihr uns auf die rechte Fährte bringen? Röthl. (entschlossen). Ja — ich kann's — ich will's! — Wohin haben Sie mit Ihrer Mannschaft heut' noch marschiren wollen? Schedel. Nur noch bis zu dem Bergdorf — eine halbe Stunde von hier, dort sollte übernachtet werden — Röthl. Das geht nicht, Herr Lieutenant, wenn's den Vogel noch in sein' Nest finden wollen, müssen's d'Nacht d'ran wagen — morgen Früh ist's zu spät. Schedel. Nun denn, so ermattet meine Leute auch schon sind, der Gedanke, an's Ziel zu kommen, wird sie mit neuer Kraft beleben! Seid unser Führer; aber wenn Ihr uns vielleicht absichtlich auf falschen Weg führt, dann — Röthl. (die Hand an's Herz legend). Dann können's mich niederschießen wie ein' Hund. Schedel. Nein, nein! Pulver und Blei wär' in dem Falle noch zu gut für Euch — am nächsten Baume hängt Ihr, merkt Euch das! (Ab.) Röthl. (ihm nachrufend). Ich dank', ich werd's ausrichten! — Ich Euch auf falschen Weg führen? Ist nicht euer Ziel auch das meinige? Rach' am Hiesel — tausend Gulden — und Alles, was ich 'than Hab', unbestraft bleiben! Ich bin dann ein Ehrenmann so gut als Einer — (Ab). Verwandlung. Die linke Hälfte der Bühne stellt das Innere einer elenden Dorfschenke und des Dachraumes über demselbeu vor. Ein Kachelofen im Hintergründe, um welchen rings eine Bank läuft, ein Tisch, eine Bank und einige Stühle mehr im Vordergründe bilden die einzige Einrichtung, eine Thür gegen den Wald zu, eine Thür im Hintergründe, die rechte Hälfte der Bühne ist schneebedeckter Wald. Zn der Stube links brennt eine Oellampe, der Wald ist von dem manchmal aus dem Gewölke tretenden Mond schwach beleuchtet Zweite Scene. Mathias, Sternputzer, Tiroler. Zwei Wildschützen. Job. Math, (liegt schlafend auf der Ofenbank, sich manchmal unruhig im Traume hin und her- bewegend). Sternp., Tiroler, Job (fitzen bei dem Tische, Krüge vor sich habend). Zwei Wildschützen (stehen, in Mäntel gehüllt, außerhalb der Hütte als Wache). Ster np. Die Nacht will heute kein Ende nehmen. Tiroler. Ich kann's auch nicht mehr erwarten, daß's zum Graweln anfangt, dann geht's fort nach Ulm — ein' neuen Leben entgegen. Job. Das G'scheiteste, was Ihr und der Hiesel miteinander thun könnt. Sagt's mir nur, wer hat ihm denn den Gedanken eingeben? ' St er np. Er ist selbst darauf verfallen. Hätt's nie gedacht, daß er, dem sonst jeder Zwang in tiefster Seele verhaßt war, sich entschließen könne, den Soldatenrock anzuziehen. Tiroler (trübe den Kopf schüttelnd) Er ist überhaupt ein And rer seit dem Tag, wo wir ihn bei dem erschossenen Soldaten troffen haben! 's war freilich 's erste Mal, daß er ein' Menschen 's Lebenslicht auS- blasen hat! 49 Sternp. Es war nicht das allein! Seit der Geschichte mit dem Amtmanne hat sich Alles verändert — Math, (im Schlafe ausstöhnend). Ah — fort! — weg! — gräßlich! (Macht mit den Händen eine abwehreude Bewegung.) Job (aufspringend). Er fallt von der Bank! (Eilt zu Mathias.) Hiesel? Was ist Dir denn? Math, (erwacht, blickt stieren Auges um sich und erhebt sich von der Bank, schwer auf« athmend). Ah! Gott sei Dank! — 's war nur ein Traum — ein schrecklicher Traum! Sternp., Tiroler. Was denn? Math, (mehr vorwärtskommend). Ah — 's war so verwirrt durchcinand' — jetzt ivar's die Gundel — jetzt wieder die Monika — die G'stalt! — Ueber mich hat sie sich gebeugt — und ein blutendes Herz — (sich mit der Hand über die Stirne fahrend) Gott sei Dank, daß ich erwacht bin! Ich glaub', so ein' Traum muß Einer ghabt haben, den während der Nacht der Schlag troffen hat. Sternp. Komm' — setz' Dich zu uns, erwart' lieber wachend den Tag. Math, (setzt sich auch an den Tisch im Vordergründe), diur der Tag der eine Tag soll noch glücklich vorübergeh'n, dann sein wir in Ulm, dort sein die preußischen Freiwerber, die fragen nit viel, wer Einer früher war, wenn er nur für's Kriegshandwerk taugt — wir lassen uns anwerben — der alte Fritz soll mit Rußland im Bund ein' Zug gegen Polen Vorhaben — Job. Ja — ja — so heißt s jetzt all- g'meinl Math. Im Schlachtenrummel werd' ich vergessen und — vergessen werden! Job. Nein, mei Hiesel! vergessen wird dei' Namen in unser'm Land nit so leicht! Math, (bitter lachend) Ha ha! meint's, das Volk wird d'ran denken, daß ich's doch eigentlich gut mit ihm g'meint Hab'? — Ha ha! das haben's schon vergessen— Theatn-Strpertoir i-g. jetzt, so lang' ich noch mitten unter ihnen bin! Sternp. Ja — 's ist ein schändliches Gezüchte! Dieselben Bauern, die uns früher fast kniefällig gebeten hatten, daß wir sie vom Drangsal befreien sollen — jetzt rotten sie sich mit Heugabeln und Dreschflegeln zusammen, wenn wir und einem Dorfe nähern wollen! Job (zu Sternputzer). Ja 'eht's — Ihr selber habt's g'rad' vorhin g'sagt, seit der G'schicht mit dem Amtmann — (zu Mathias) da hätt'st Du Dich nit d'reinmengcn sollen! — Der Amtmann ist in der ganzen Gegend als ein Ehrenmann bekannt. Math. (finstervor sich hinblickend.- Macht's mir jetzt keine Vorwürf' — Job (gutmüthig). Nein, nein — das thu' ich auch nit! — Du weißt, ich bin noch c'ner von den Wenigen im Land die Dir und dein' Leuten noch ein' Obdach geben! ich verleug'n meine alten Freund' nit, wann's im Unglück sein! Math, (reicht ihm die Hand). Dank Dir, Alter! Du bist treuer als Mancher und Manche, die mir Treu' g'schsworen haben! Wie viel von mein' Leuten sein schon von mir abg'fallen — selbst die Gundel — Sternp. Ja, die hat sich auch seit eineul halben Jahre nicht mehr bei uns sehen lassen! Math, (vom Tische aufstehend und in der Stube aus und nieder gehend). Gut, daß's so kommen ist — so Hab' ich ka Rücksicht mehr für sie z'nehmen! Daant ist die letzte Fessel, die mich noch an d'Vergangenheit 'Kunden hat, g'fallen! Vierte Scene. Vorige. Andres. Einige andere Wildschützen. Andres (erscheint im Walde von rechtkommend). Die wachestehenden Wildschützen ihn kommen sehend). Wer tst's? 50 Andres (mit gedämpfter Stimme). Pst! ich bin's — der Andres! Math, (zu Andres). Du warst auf Kundschaft! — g'schwind — was bring'st? — Andres. Nichts Gut s! von der Seiten (gegen rechts weisend) marschirt a ganze Trupp' Grenadier da herauf! Math. Dann müssen wir auf dem Weg — (gegen die Thür im Hintergründe weisend). Sternp. Ja — sie dürfen uns nicht finden! — Nur dort hinaus! Der Blaue und einige Wildschützen (treten mit entsetzten Mienen durch die Thür im Hintergründe ein). Blauer (verzweifelt). Nicht da — (gegen die Thür, durch welche er gekommen, weisend) nicht auf einer andern Seiten kommt Ihr mehr hinaus — wir haben's g'seh'n — wir sein schon förmlich ein'kreist! Sternp. Ha! Verrathen! Dir. Was jetzt thun? I-Z Die Wildschützen. Wir sein verloren! Math. Ruhig! ruhig! (Geht zur Seiten, thür und blickt hinaus.) Ja dort — den Waldweg herauf seh' ich Musketen blitzen! (Geht rasch zur Thür im Hintergründe und öffnet auch diese.) Auch vom Berg herab! — Job ängstlich). Laß' nur mich hinaus — ich vergrab' mich draußen im Schnee, bis Alles vorbei ist — Math, (ihn zur Hinterthür hinauslassend.) Mach' fort! — Da soll Niemand bleiben, als der sich wehren kann! Job (schlüpft zur Thür hinaus). Math, (zu den Wildschützen). Oderwollt's Ihr Euch da fangen lassen wie eing'frorne Hasen! Sternp. und Tir. Nein! nein! wir wehren uns! Math. Gut! wir wollen wenigstens uns re Haut so theuer als möglich verkaufen ! — An jede Thür stellen sich Zwei von Euch — die unterhalten das Feuer — die Andern laden und reichen Euch die G'wehr — kein Schuß Pulver darf' umsonst abbrennt werden — ka Kugel ihr Ziel verfehlen! (Horchend.) Ha! ich hör'Schritt' — von allen Seiten! auf eure Plätz ! — Die Thüren sein so zerklüft, daß's Schießscharren habt's und doch gedeckt seid's! Tir., Sternp. und Math, (stellen sich an die Seitenthür). Blauer und Andres (stellen sich an die Hinterthür). Die übrigen Schützen (bleiben in der Mitte der Bühne und laden fortwährend die abgeschossenen Gewehre). Fünfte Scene. Vorige. Lieutenant Schedel, Feldwebel Brummer. Ein Tambour. Grenadiere. Röthling. Lieutenant Schedel, Brummer, der Tambour und Grenadiere (von außen). Der Tambour (schlägt einen Wirbel) Schedel (nachdem die Trommel verstummt, mit lauter Stimme). Mathias Klostermaier, genannt der bairische Hiesel, im Namen des Fürstbischofes von Augsburg und im Namen des Landesherrn fordere ich Dich und deine Leute auf, die Waffen niederzulegen und Euch gefangen zu ergeben. Nur derjenige von Euch, welcher gutwillig dieser Aufforderung nachkömmt, hat eine mildere Strafe zu erwarten! Fünf Minuten lasse ich Euch Bedenkzeit! Math. Ich brauch' nit mehr als eine! Da — die Antwort! (Will seiar Flinte abfeuern — dieselbe versagt.) Teufel! versagt! Zum ersten Mal in meinem Leben g'schieht mir das! (Wirft die Flinte zurück.) Ein'andern Stutzen! EinWtldschÜtz (reicht ihm eine andere Flinte). Schedel (ist von der Thür zurückgesprungeo). Widerstand! (Zu den Grenadieren.) Auf! zum Sturm! (Gr selbst und der Tambour treten mehr zurück.) Die Grenadiere (dringen an die Thür.) Math, und alle übrigen Wildschützen (feuern). (Sturm — Grenadiere fallen und andere dringen wieder vor.) Math, (während de- Sturme-). Halt s Euch, Kameraden! — Wir schlagen uns doch noch durch! (Das Feuern währt fort ) Math, (reicht ihm seine Hand). (Der Brand schlägt au- der Hütte empor, die Grenadiere schleppen die gefangenen Wildschütze heraus.) Schluß-Tableau de- 8. Bilde-. (Der Vorhang fällt.) (Zndessen haben auf Schedes- Wink Grenadiere nie Leiter am Hause befestigt, erklimmen danach und erscheinen in dem oberen Raume — Zimmerleute beginnen mit ihren Aexten den Dachboden zu durchbrechen — Märtel und Steine fallen herab.) Sternp. Ha! sie sein ober uns! Aufwärts gezielt! Die Soldaten (schießen zuerst durch die Dachöffnung herab). Dir. (zusammenstürzend). Ha! daS bat mir 'gölten! Leb' wohl, Hiesel! Der Blaue (verkriecht sich hinter den Vfm). Sternp. Ha! mein Arm! (Wankt I und finkt auf kille Bank.) Math, (nachdem er noch einen Schuß ge- lhan). Die letzte Kugel! Die Grenadiere (aus dem Dachraum werfen Patronen mit brennendem Stroh umwickelt durch die Oeffnung hinab). Math, (entsetzt). Ha! — Verbrennen - lebendig verbrennen! Mt gegen die Sei- Imthür und ruft hinaus.) 3ch ergeb' mich! Sch edel (winkt dem Tambour). (Auf ein Trommelzeichen hört das Feuern von außen auf.) Sch e d e l (ruft). Die Thür auf! Math, (wankt erschöpft heraus). Hier habt 3hr mich! Ich bin der Mathias Kloster, inaier! Sternp. und Andres (find auch aus der Hütte grtreten und werden sogleich von Soldaten umringt). Sch edel (zu Mathias). Ihr habt Euch gewehrt wie ein Mann! Ich lasse Euch nicht binden — gebt mir als Mann euer Wort, daß Ihr nicht entflieht! Siebente- Bild. Der letzte Weg. Gefängnißzelle zu Dillingen — im Hintergrund eine breite eisenbeschlagene Thür, zu welcher einige Stufen hinanführen — neben derselben ein Fenster mit Eiseugitter — ein ähnliches Fenster links im Vordergründe — im Hintergründe rechts eine Holz pritsche mit darübergelegtem Stroh, neben derselben auf einem Schemmel ein steinerner Kru^ und ein halber Laib Brod. Im Vordergründe rechts ein Eichentisch und ein Stuhl Erste Scene. Mathias, Andres, GerichtSrath Hartmann, ein Actnar, zwei GerichtSbet. sitzer, ein Gefängnißaufseher. Math, (steht aufrecht, mit einer Hand au den Tisch gestemmt, dem Gerichtsrothe fest in s Auge blickend). Hartm. (steht vor ihm, ein großes, mit Siegeln versehenes Blatt Papier in Händen haltend.) Der Actuar und zwei Gerichtsbeisitzer (stehen hinter Hartmann). (Sämmtlich in schwarzen Amtskledern, Degen an der Seite.) Andres (liegt schlafend auf der Holzpritsche im Hintergründe). Der Gefängnißaufseher (steht, einen Schlüsselbund in der Hand haltend nahe an der Thür). Hartm. (welcher eben mit der Vorlesung des Urtheils geendet, sein Haupt wieder mit dem Hute bed'ckend, zu Mathias.) Mathias Klostermaier! Du hast nun das vom hohen Gerichtshof zu Augsburg über Dich gefällte Urtheil vernommen — hast Du es in seinem ganzen Sinne begriffen.? 52 Math. (fest). Ja — ich weiß jetzt, ich bin zum Tod' verurtheilt! Hartm. Hast Du weiter noch etwas zu sagen? Math. Nichts! — Ich Hab' mich vor dem Sterben nie g'fürchl', — ob a bissel früher oder später — was macht's aus? In fünfzig Jahren ist von den Herren, die da vor mir stehen, auch Niemand mehr am Leben. Hartm. Sieh! Du hättest vielleicht eine Milderung der Strafe erlangen können, wenn Du über die Leute aus den verschiedenen Ortschaften, welche Dir Vorschub geleistet, oder Wild abgekauft haben, dem Gerichte ausführliche Mittheilung gemacht hättest! Math, (fast auffahrend). So? Also wenn ich zu all' dem, was ich gethan Hab', noch den schlechten Streich dazu beging, daß ich die Leut' ins Unglück bringet, die's gut mit mir g'meint haben, so krieget ich a g'rin- gerc Straf? (Mit trübem Lächeln den Kopf schüttelnd.) s' ist a curiose Sach' um euer' Gerechtigkeit! — (Wieder mit fester Entschlossenheit.) Aber nein! — aus mir kriegt's nichts weiter heraus! — Sehen's, Herr Rats! — s' kommt mir doch fast vor, als ob das Urtheil für das, was ich allein gethan Hab' a bissel z'streng wär' —d'rum, nimm ich das was d'Andern mit mir g'fehlt haben, auch auf mich — dann mein' ich, paßt's eher in die Wagschal'n! Hartm. Du siehst also ein, daß Dir nur Recht widerfahrt? Math. So ganz einsehen thu' ich das noch nicht, aber (mit der Hand nach Oben deutend.) ich komm ja bald dorthin, wo's mir darüber sichere Auskunft geben werden! Hartm. Nun, so mache Dich bereit vor dem Richter zu erscheinen — das weltliche Gericht hat sein letztes Wort gesprochen. (Wendet sich zum abgrhen.) Der Gefängnißanfseher (schließtdie Thür im Hintergründe auf — man steht außerhalb derselben Wachen). Hartm., der Actuar, die Gerichtsbeisitzer (gehen nach dem Hintergründe ab). Der Gefängnißanfseher (folgtihnen und schließt hinter sich). Andres (durch das Geräusch erweckt, fährt von seinem Lager in die Höhe). Was ist s? — wer war? (Sieht aus Mathias.) Ah! Hiesel! Du noch da? Math. Nicht mehr lang, Ander!! nicht mehr lang! Andres (ahnend). Nicht mehr lang da? — Und — wohin? Math. Sie haben mir g'rad mein' Weg ang'wieftn. (Deutet nach oben.) Andres (aufs Heftigste erschreckt, schreit laut aus, springt aus, eilt zu Mathias vor, sinkt zu dessen Füßen und umklammert seine Knie). Hiesel! — um Gottes willen! Math, (ihn aufhebend). Wcin'nit, Bub'! Du siehst, ich bin g'faßt, — und Du - Du kommst ja leichter d raus. Andres. Ich? — was wollen's mit mir thun? Math. Wegen deiner Jugend werden'S Dich nur züchtigen — Andres. Schlagen? — mich? — Hiesel! — nur das nit! — sie sollen mich mit Duc sterben lassen — aber schlagen —!! (Man hört an dem Gitter des SeitenfensterS das Geräusch einer Feile.) Math., Andres (aufhorchend). Was ist das? Math. Ich seh' a Hand — mit einer Feil' — wer ist —? Zweite Scene. Vorige. Sternputzer. Sternp. (erscheint nur mit dem Kopse außerhalb des Gitters). Math. Ah — Du — Sternp. (drückt eine Scheibe des Fensters ein und öffnet dann einen Flügel desselben, mit leiser Stimme). Still! — still! Math, (näser zum Fenster tretend, mit ge- dämpfter Stimme.) Du lebst? — und ich Hab' g laubt — — 63 Ster np. Ja — Alle haben mich für tobt g'halten und mich deswegen in der Waldhütten liegen lassen — aber — ich Hab' mich wieder aufgerafft und nachdem ich gehört, daß sie Dich hieher nach Trillingen gebracht, bin ich verkleidet nach, Hab' mich im Bräuhaus als Knecht verdungen und Gelegenheit gesunden, in den kleinen Hof und zu dem Fenster zu kommen — sieh! ein Stab ist bereits durchgefeilt — ich bieg' ihn nun leicht seitwärts — nimm indcß Du die Feile (wirft fie ihm zu) und mach' Dich von den Ketten los — ich mach' indeß die Oeffnung breiter, damit Du durchkannst! Math. Treue — ehrliche Seel'! Andres (ängstlich zu Mathias). Ja — ja — laß uns fliehen! Math. Fliehen?! — (ZuSternputzer.) Hör' Du — und seh' mich an! Sternp. (sich etwas höher hebend und her-' einsehend). Was hast denn? Math. Ich Hab' dem Lieutenant, dem ich mich ergeben Hab', mein Ehrenwort 'geben, daß ich kein' Fluchtversuch mach' — er hat meinem Wort' vertraut und mir deswegen keine Ketten anlegen lassen — jetzt kannst also denken, was ich thu' — Sternp. Hiesel! — Du willst—? Math. Lieber als ehrlicher Kerl sterben, als als ein Schuft leben! — Gib Dir also weiter ka Müh'! Andres (in Todesangst dringend). Hiesel! Um Gottes willen! laß' die Gelegenheit nicht vorbeigeh'n! — Hab' Erbarmen! Math, (mitleidig auf Andres blickend). Erbarmen? — ja — mit Dir! Andres. Wenn's mich schlagen wollen — entweder ich bring' eher Ein' um — oder — ich stirb selber beim ersten Hieb' — Math, (seine Hand aus Andres Kopf legend.) Das zeigt mit» daß eiu Ehrg'fühl in Dir ist, und das — das sollen's nicht mit Ruthen todtschlagen! — Ich Hab Dir versprochen, daß ich wie a Bruder an Dir handeln will, und jetzt kann ich's halten! Du bist noch jung — Du kannst noch ein' ander's Leben anfangen! — Komm'! Andres. Aber Du gehst mit? Hiesel! ohne Dir geh' ich nit! Math. Geh ! ich will's — folg' dein' Hauptmannn zum letzten Mal'! (Küßt ihn auf die Stirne und hebt ihn aus den Tisch.) B'hüt' Dich Gott! — bet' für mich! (Aengstlich gegen die Mittelthür horchend.) Sie kommen— g'schwind hinaus! Sternp. (faßt Andres von außen). Daher! — schlupf' durcb! — setz' den Fuß auf die Strickleiter — Andres (schlüpft durch die Oeffnung im Gitter — von außen). Hiesel! b'hüt' Gott! Math, (gespannt gegen die Hinterthür blickend und ihnen mit der Hand winkend). Fort! Fort! Sternp. Andres (verschwinden vom Fenster). Math, (trägt rasch den Tisch wieder an die frühere Stelle und setzt sich aus einen Stuhl neben demselben). Dritte Scene. Mathias, Pfarrer Wolf, dannMonika. (Die Gesängnißthür im Hintergründe wird aufgeschlossen.) Wo lf (erscheint in der geöffneten Thür). Math, (von seinem Sitze aufspringend). Die Stimme?! (Sich umsehend, mächtig ergriffen.) Herr Pfarrer! — Sie — Sie! (Eilt ihm entgegen) Wolf (kommt die Stufen herab, die Thür schließt sich hinter ihm — er breitet seine Arme aus). Math, (stürzt laut schluchzend an seine Brust) - (Pause.) Wolf (wehmüthig). Du bist nicht mehr zu uns gekommen! Math. Und Sie — Sie suchen mich auf— mich! Wolf. Die wahre Liebe läßt nicht von dem Gegenstände, den sie sich erwählt, und der gute Hirt sucht das Lamm, das sich verirrt! 54 Math. Verirrt? — verirrt! — War denn wirklich das, was ich wollen und durchzusetzen mich b'müht Hab', nichts als Jrrthum? — Sagen Sie mir'S, Hoch, würden! sagen Sie mir's! Wolf. Erinnere Dich. Ich Hab' es Dir gesagt (das Haupt senkend) und dein Ende rechtfertigt meine Worte! — Doch Du wirst den Jrrthum sühnen — Du wirst dem durch Dich verletzten Gesetze genugthun — stirb' um Vergebung flehend und selbst vergebend, als Christ! Math. Das will ich! — Hochwürden! — begleiten Sie mich auf mein' letzten Weg! (Sinkt in die Knie.) Wolf (seine Hände segnend auf Mathias' Haupt legend). So schwer die Pflicht mir fällt, ich will sie üben! (Hebt ihn auf.) Doch — ich bin nicht allein gekommen! Math, (fast erschreckend). Nicht allein —? — Mein — mein Vater —?! will er — mich jetzt — noch sehen? Wolf. Sehen könnte er Dich nicht mehr — seit einem Jahr' ist er erblindet — schwach und hinfällig — doch durch mich sendet er Dir seine Vergebung — seinen Segen! Math. Er kommt also nicht? (Starr vor sich hinblickend) und — 's ist besser so! — Aber — wer — wer — sonst —? Wolf (tritt zur Thür zurück und öffnet sie). Monika (ganz schwarz gekleidet, den Braut« ranz in den Haaren, leichenbleich im Gesichte, erscheint in der geöffneten Thür, schreitet langsam, gleichsam nichts um sich gewahrend, die Stufen herab und mehr gegen den Vordergrund). Math, (zurücktaumelnd). Monika! — Mein Gott! die Augen! Wolf (leise zu MatdiaS). Es spricht der irre Geist auS diesen Blicken! Math. Heiliger Gott! — sie ist-? Wolf. Seit sie zum letzten Mal mit Dir gesprochen, hat ein Schleier sich über ihr Seelenauge gesenkt — still wandelt sic im Orte herum — verrichtet ihre Arbeit, und — bofft auf ihren Bräutigam — sic achtet auf keine Stimme, als auf die mei- nige — ich nahm sie mit mir, hoffend, daß die Erschütterung des Gemüthes vielleicht die Nebel zertheile! — Sprich sie an — Math, (etwas näher zu Monika tretend). Monika! Monika (sieht mit einem Lächeln zu ihm aus, ohne ihn zu erkennen). Die Stimm ?! — ja, ja! — so Hab' ich's g'hört —am Erdhof — damals! ja — ja! — es war recht lieb dort — recht lieb — der Hiesel- (Geht zu einem Stuhle und setzt sich aus denselben.) Math. Aber Monika! — dein Hiesel— Monika. Den — den Hab' ich begraben — im Augsburger Wald — am Heidenbühl — aber — er kommt noch — o ja! ich weiß's! — er kommt! — Der Kranz — (nimmt den Brautkranz von dem Kopfe) ich beb' ihn für ihn auf! Math, (schlägt beide Hände vor seine Augen) Sie kennt mich nicht mehr! Wolf. Ich seh' — meine Hoffnung täuschte mich! Monika (vor sich hinsehend). Gelt, Hiesel — ich Hab' Recht g'habt — die Zeit wird kommen, wo Du's einsiehst, daß ich Dick so gern Hab' — ah! — ja — ja — dort — das Jägerhaus mit den grün' Fenstern — das ist dein's! hahaha! Gruß' Gott — grüß' Gott! (Winkt grüßend mit der Hand.) Math, (fast dem Eindrücke erliegend, Wolf'S Arm fassend). Hochwürden! Was mich trifft — ich ertrag's als Mann — aber das Unglück sehen, was ich über die bracht Hab', die's gut mit mir g'meint haben — das — das nimmt mir alle Kraft — (Bricht fast zusammen.) Wolf. Wer weiß, ob dieser Zustand (auf Monika weisend) nickt in dem jetzigen Augenblicke ein Glück für sic ist! — Dock — die Stunde naht! fasse Dich! Math, (mit dem Schrecken der Todesangst — zitternd). O! ich weiß nicht — aller Muth — alle Kraft verlaßt mich auf einmal! Hochwürden, reden Sie ein Wort, das mich — mir selber wieder gibt — daß ich — der muthig alle Weg 'gangen 55 ist — nicht — auf dem letzten Weg wie a Feigling z'sammbreck'! Wolf. Nun — Eines mag Dich erheben! Das Ziel, nach welchem Du, wenn, gleich nicht auf rechtem Wege, rangst — es ist — erreicht! Math. Was für ein Ziel? Wolf. Der Churfürst hat die Jagdgesetze ui^ das Jagdrecht geregelt, dem Uebermuthe der Forstbesttzer Schranken gesetzt — dem Landmanne Schutz und Entschädigung verliehen. Math, (sich plötzlich wieder aufrichtend). Ja? ja? — ist's so? — vielleicht hat grad mein Treiben und mein Proceß ihnen die Augen geöffnet —O! daß doch so Viele und so lang irren müssen — bis das Hechte zum Durchbruch kommt! — Aber so ganz umsonst Hab' ich nicht g'lebt — und muthig ertrag' ick, was über mich verhängt ist! (Wendet sich mit.Wols zum Ab. gehen.) (Die Thür im Hintergründe öffnet sich, man sieht die Räthe, Wachen und im fernen Hintergründe den Nachrichter im rothen Mantel stehen ; zugleich ' ertönt ein Glöcklein.) Monika (während Wolf und Mathias der Thür zuschreiten, theilnahmslos an Allem, in halb singender Weise vor sich hinsprechend und Blumen aus dem Kranze ziehend). ^ , Dom Thurm' daS Glöckel läut', WaS wohl da- heut' bedeut'? Hochzeit — ja Hochzeit! — und ich — ich bin Braut O lieber Jäger — wie bin ich Dir gut. Nimm da — daS Sträußel — bind's aufn Hut! Heut' noch — ja heut' noch wer'n wir getraut! (Während dem ist Mathias die Stufen Hinang», stiegen, wirst noch einen schmerzlichen Blick aus Monika — da- Läuten währt fort.) Schluß-Tableaur. Der Vorhang fällt- Von Friedrich Kaiser find bei uns erschienen: Männerschönheit. Original-Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. 8- geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schneider als Naturdtchter, oder: Der Herr Vetter aus Steiermark. Posse miWGesang in 2 Acten. Mit 1 Bild. 8. geh. 15 Sgr- oder 75 Nkr. Eine Posse als Medicin. Originalposse mit Gesang in 3 Acten. Mit allegorischem Bilde. 8. gebt 15 Sgr. oder 75 Nkr. Ein Fürst. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 allegorischen Bilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr Mönch und Soldat. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Schule der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Charakterbild mit Gesang in 4 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Der Rastelbinder, oder: 10000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr. Junkerund Knecht. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Mit 1 Titelbilde. 8. geh. l5Sgr. oder?5Nkr. Ein Traum — kein Traum, oder: Der Schauspielerin letzte Rolle. Posse mit Gesang in 2 Acten. 8- geh. Des Schauspielers letzte Rolle. Posse mit Gesang in 3 Acten Chatouille und Uhr. Charakterbild Dienstbotenwirthschaft, oder: Mit 1 Titelbilde. 8- geh. Doctor und Friseur, oder: Die Sucht nach Abenteuern Austage. Zum ersten Male im Theater. Possein 1 Acte. Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Acten. Zwei Pistolen, oder: Erschossen oder lebendig. Posse mit Gesang in 2 Acten. Ein neuer Monte-Christo. Original-Charakterbild in 3 Acten. Die Frau Wirt hin. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Etwas Kleines. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Zwei Testamente. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Unrecht Gut. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten und 1 Vorspiele. Des Krämers Töchterlein. Original-Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Eine Feindin und ein Freund. Posse mit Gesang in 3 Acten. Ein Lump. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Verrechnet. Original-Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Palais und Irrenhaus. Original-Charakterbild mit Gesang in 2 Acten, äagdabenteuer- Posse mit Gesang in 2 Acten. Naturmensch und Lebemann. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. Nichts. Posse mit Gesang in 3 Acten Localsängerin und Postillon. Posse mit Gesang in 3 Acten. Gute Nacht, Rosa! Dramatisches Genrebild in 1 Act. Der Soldat im Frieden. Charakterbild mit Gesang, Tanz rc. in 3 Acten. Der Mensch denkt — Lebensbild mit Gesang in 3 Abtheilungen. Aus dem EiS' und beim Christbaum. Posse mit Gesang in 3 Acten. HauS Rohrmanu, oder: Casus und SemproniuS. Charakterbild in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr Der Herr Bürgermeister und seine Familie. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Die Blumen-Nettel, oder: Der Herr Direktor. Original-Lebensbild mit Gesang in 3 Acten. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 15 Sgr- oder 75 Nkr- Mit 1 Titelbilde. 8. geh. 15 Sgr. oder 75 Nkr- mit Gesang in 2 Acten 12 Sgr- oder 60 Nkr- Posse mit Gesang in 2 Acten. Zweite ?'/z Sgr. oder 35 Nkr. 7'/, Sgr- oder 35 Nkr- 10 Sgr. oder 50 Nkr 10 Sgr- oder 50 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr- 12 Sgr. oder 60 Nkr- 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr- oder 60 Nkr- 12 Sgr- oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nrr. 12 Sgr. oder 60 Nkr- 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr- oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr- 12 Sgr oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. 6 Sgr. oder 30 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr 12 Sgr. oder 60 Nkr. 12 Sgr. oder 60 Nkr. Pruck und Papier von Leopold Sommer ln Wien. Den Buhnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Ein solider Ehemann. Lustspiel in einem Aete. Deutsch von Alexander Bergen. Personen. Hektar Duriveau. Louise, seine Frau. Georgette, Stubenmädchen. Johann, Bedienter. (Ein eleganter Salon. Im Hintergründe ein Kamin, ober diesem ein Spiegel. Auf dem Gesimse eine Uhr, zwei Vasen und zwei GirandolS. Die EingangSthür neben dem Kamin rechts, ein Fenster, eine Thür, links auch eine Seitenthür. Sopha, Fauteuil-, Stühle, ein Tisch, ein Gueridon, ein Schreibtisch. Auf dem Tisch eine Lampe, ein Buch und eine Stickerei.) Erste Scene. Zweite Scene. Johann, später Georgette. Johann, später Hektvr. Joh. (ficht auf die Uhr). Ich muß! Georg (eintretend). Nun? Joh. Ich weiß noch nichts. Georg. Der Herr ist in seinem Zimmer, gehe hinein. Joh. Aber — Georg. Gehe, Feiglülg. Joh. O die unglückselige Eva und ihre Töchter! Was machen die aus unS armen Männern! Georg. Ich gehe zur Frau — Du zum Herrn —Muth! (Sie geht links ab.) Sk. 1»7. Joh. Muth, das ist leicht gesagt. — Unser Herr ist ein solider Herr, es ist sehr schwer, so etwas von ihm zu verlangen. Er kömmt! Hektvr (au-seinem Zimmer, er ist sehr un» ruhig). Wo kann ich ihn nur hingelegt haben? Joh. Gnädiger Herr — Hektar (ohne ihn zu hören). Es ist unbe- greifllich! Ich weiß jedoch gewiß — Joh. Gnädiger Herr, ich erwarte Sie schon mit Sehnsucht — Hektor (wie oben). Wie konnte ich nur so unachtsam sein! Joh. Gnädiger Herr — Hektor (fährt chn an). Was gibt's? 3 oh. Ich wollte bitten — Hektor (unterbricht ihn). Hast Du nichts gefunden, kein Papier, keinen Brief? Joh. Ja, gnädiger Herr. Hektor (freudig). Wirklich? Gib her! Joh. Die gnädige Frau hat ihn genommen. Hektor. Meine Frau? (Für sich.) Das wird angenehm! Sie ist eifersüchtig wie ein Türke — aber es geschieht mir recht, war- um bin ich so unbesonnen! (Laut.) Er lag d a, nicht wahr, auf diesem Tisch — ein rosa Brief — Joh. Nein, gnädiger Herr, oder vielmehr ja — das heißt, er lag wohl auf diesem Tisch, aber er war blau. Hektor. Nein, rosa! Joh. Ich bitte um gütige Entschuldigung, blau, der gnädige Herr waren ja zugegen, als ihn der Briefträger brachte — Hektor. Ah — Du meinst den Brief an meine Frau — (für sich) von ihrer Schwester — aber wo ist denn der andere? (Er sucht wieder.) Joh. (für sich). Jetzt oder nie! (Laut.) Gnädiger Herr— ich möchte Sie bitten — Hektor. Geh' zum Teufel! Joh. (für sich). Was hat er denn? Der Augenblick scheint nicht günstig. (Er sieht aus die Uhr.) Halb zehn? Es ist noch Zeit — ich will es später versuchen. (Durch die Mittel- thür ab.) Dritte Scene. Hektor (allein). (Nachdem er seine Tasche» durchsucht.) Nichts, durchaus nichts! Wr»ui ihn Louise gefunden hat — aber es geschieht mir recht, warum bin ich so leichtsinnig! Zwei Jahre bin ich verheiratet, mein Weibchen ist reizend, und in den zwei Jahren, mein Ehrenwort darauf — habe ich auch nicht die kleinste Kleinigkeit auf dem Gewissen gehabt, ganze zwei Jahre, denn meine Frau ist reizend, aber — jetzt kömmt das Verderben, ich bin im Begriffe, mein Gewissen zu belasten! — Meine Frau ist eifersüchtig wie ein bengalischer Tiger und bis jetzt hatte sie nicht einmal Grund dazu, aber- was wird cs jetzt werden, wo sie Grund dazu hat! Urtheilen Sie selbst. Als ich diesen Morgen aus unserem heimlichen, stillen Schlafzimmer trete, duftet mir ein rosenfarbenes Briefchen entgegen, es duftete wirklich wie Rosen — ich weiß die Worte auswendig, die es enthielt, sie lauteten iolgendermaßen: »Theurer Hektor! Ich erwarte dich heute Nackt um ein Uhr, beim Orchester in der großen Oper »Remember!« Verstehen Sie das Wort? Es ist englisch und bedeutet: Erinnere Dich! Das Briefchen war nicht unterschrieben. Remember! Wer kann mir das geschrieben haben? An was, an wen soll ich mich erinnern? Co- ralie? Sie versteht nicht englisch.— Adele? Nein, cs ist kein einziger orthographischer Fehler in dem Brief und aus Adelens Feder kömmt nicht ein rechtgeschriebenes Wort. Wer ist die Briefschreiberin? Ist sie jnng, schön? Gewiß, sonst wurde sie die Beleuchtung scheuen — orthographisch schreibt sie auch — ich gehe zu dem Rendezvous! Aber zuerst muß ich den Brief wieder haben. Wenn Louise nur ein Wort davon gelesen hat, kratzt sie mir die Augen aus. Wo habe ich ihn denn nur hingebracht ? Als ich ihn las, trat meine Iran ein und-ah. ich besinne mich, ick steckte ihn schnell in jenes Buch. (Er geht gegen den Tisch.) Vierte Scene. Voriger. Louise (aus ihrem Zimmer). Louise. Hektor! Hektor. Meine Frau! (tzr hat soeben da« Buch ergriffen, hat aber nicht mehr Zeit, den 3 Brief herauszunehmen, er verbirgt daS Buch schnell hinter seinem Rücken) Willst Du etwas, liebes Kind? Louise. WaS hast Du denn? Hektor. Ich? Nichts. Louise. Ja doch. Gib mir die Hand. (Hektar reicht ihr die rechte Hand.) Nein, die andere. (Er gehorcht, sie sieht das Buch.) Du verbirgst mir etwas, ich wußte es ja! Hektor. Verbergen, ich? Gott bewahre! Ich las. (Er legt das Buch aus den Fauteuil) Bist Du jetzt zufrieden, Du kleiner Othello? Wie kann man so eifersüchtig sein! (Für sich ) Das habe ich gut gemacht, sehr gut! Louise. Ich bin nicht eifersüchtig. Hektor (schrzeud). O nein, Du bist ganz und gar nicht eifersüchtig. Louise. Aber ich werde eS sein und nur durch deine Schuld. Hektor. Meine Schuld? Ich liebe Dich ja, ich bete Dich an! Louise. Ach, wenn ich Dir glauben könnte! Hektor. Du kannst eS, Du mußt! Louise. Man täuscht eine liebende Frau nicht — Du liebst mich nicht mehr wie früher. Hektor. Ja, ich liebe Dich eben so heiß, ebenso-ebenso glühend. Louise. Ich könnte Dir leicht das Ge- gentbeil beweisen. He ktor. Beweisen, Du hättest Beweise? Louise. Deine Gleichgiltigkeit, dein Zerstreutsein — bas spricht deutlich genug. Hektor. Du irrst — Du übertreibst, Louise — ich liebe nur Dich, ich schwöre es Dir! (Er umarmt sie.) Louise. Der Glaube macht selig! Ich will glauben, denn deine Liebe beseligt mich! Hektor (für sich). Der Sturm ist vorüber. Louise (klingelt). Hektor. Was willst Du? Louise (zu Johann, der elutritt). Den Thee. Hektor (sieht nach der Uhr). GckwN halb eilf. Ich muß eine AnSrcdc finden — aber zuerst muß ich trachten den Brief zu bekommen. (Er nimmt das Buch.) Louise. Komm, Hektor, setze Dich zu mir. (Johann ab.) Du willst doch nicht wieder lesen? * Hektor. Nur zwei Minuten— das Buch interessirt mich so — Louise. Plaudere lieber mit mir — ich bitte Dieb, wirf daS häßliche Buch weg. (Sie will aufstrhen, um ks ihm zu nehmen.) Hektar. Laß nur, ich lege es schon weg. (ES geschieht.) Louise. Das lasse ich gelten!— Weißt Du. daß es unartig ist, wenn Du in meinem Beisein liest — langweile ich Dich denn? Hektor. O Louise! Verzeihe! Es ge-* schah in der Zerstreuung. Louise (seufzend). Du bist jetzt sehr oft zerstreut! Hektor. Louise, ich bitte Dich — keine Vorwürfe! Louise (reicht ihm eine Taffe). Da hast Du deinen Thee. Hektor. Ja —" ich habe meinen Thee — (Er trinkt.) Ich finde ihn etwas stark — meinen Thee — Louise. Soll ich Dir mehr Milch gcbm? Hektor. Nein, ich danke, ich werde keinen Thee trinken. (Er steht auf.) Ich habe Kopsschmerz, ich werde auf die Straße gehen und eine Zigarre rauchen. Louise. Wie, Du willst fort? Soeben freute ich mich, daß wir so traulich beisammen sitzen! Hektor. Ich sehne mich nach — frischer Luft. Louise (öffnet die Fenster). Da hast Du frische Luft. — Und wenn Du rauchen willst, rauche — ich erlaube Dir Alles, wenn Du nur bei mir bleibst. Hektor. Brr! (Er schüttelt sich.) Die Nachtlust ist kalt. Bitte, schließe doch daS Fenster. (Louise gehorcht.) Bewegung ist mir rwthig, nicht die kalte Lust. 1 * L Louise. Nimm deinen Paletot und gehe auf der Terrasse spazieren. Hektor. Die Terrasse ist nicht größer als mein Schnupftuch — eine schöne Bewegung! Soll ich mich wie der Eisbär im Käfig herumdrehen? Ich gehe aus, die Nacht ist so schön. * Louise. Ich bitte Dich zu bleiben. Hektor. Ich muß fort. Louise. Erwartet Dich Jemand? Hektor. O nein, Niemand, gar Niemand. Louise. So bleibe bei mir. Wo willst Du denn nur diese Stunde hingehen? Hektor. Auf das Boulevard, ich komme bald wieder. Louise. So sei es denn! Ich werde mit Pir gehen. Hektor. In dieser Kälte? Louise. Das Gehen erwärmt und die Nacht ist ja so schön — Hektor (für sich). Es ist nicht loszu- kommen! (Laut.) Es ist am Ende schon zu spät, um auszugehen — ich werde hier rauchen, da Du es erlaubst und da Du es zu wünschen scheinst — zu Hause bleiben. Louise (küßt ihn). Ach, wie lieb ist das von Dir! Hektor. Bist Du zufrieden? (Für sich.) Wie komme ich fort? Louise. Da hast Du Feuer — rauche. Hektor. Ich danke Dir, mein Kind. (Für sich.) Ein schöner Abend. Louise. Jst's nicht besser da, an meiner Seite, als auf dem Boulevard? Hektor. Gewiß, o entschieden! (Er ficht aus die Uhr und sagt für sich.) Jetzt fängt der Opernball an. Louise. Du bist so schweigsam — Hektor. Das macht das schlechte Wetter — Louise. Schlechtes Wetter? Soeben sagtest Du, die Nacht sei so schön — Hektor. Die Zigarre ist schlecht, ich habe mich geirrt. Louise. Nimm eine andere. Hektor (für sich). Lange halte ich es nickt mehr aus! (Er geht unruhig aus und ab.) Louise. Was hast Du denn? Hektor. Nichts — die Zigarre ist niederträchtig. (Er wirst sie weg.) Ich will zu Bett gehen. Louise. Schon? (Sie steht auf.) Hektor. Ja, ick bin sehr schläfrig, (Er gähnt und geht gegen seine Thür rechts.) Louise (zärtlich) Hektor! Hektor (kühl). Was? Louise (ebenso). Nichts — gute Nacht! (Sie geht gegen ihr Zimmer links) Hektor. Gute Nacht! Louise (kehrt wiederum). Nicht ohneKuß, das wäre zum ersten Mal. Hektor. Gute Nacht! (Er küßt sie und geht gegen sein Zimmer.) Louise (für sich). Er liebt mich nickt mehr! (Links ab ) Fünfte Scene. Hektor (allein). (Sobald Louise ihre Thür geschlossen bah kömmt er wieder vor.) Das hat Mühe gekostet! Ich fürchte nur, sie bewacht mich, oder läßt mich bewachen — einer eifersück tigen Frau ist Alles zuzutrauen. Ich komme mir vor wie ein Gefangener. Wenn ick auch von den Dienstleuten unbemerkt fort- komme — so wird mich der Portier sehen, dann erfährt meine Frau doch — freilich erst morgen früh — die Zeit drängt — was thue ich nur? Sechste Scene. Voriger. Johann (durch die Mittclihür). Joh. (für sich). Vielleicht ist das der rechte Augenblick. (Laut.) Gnädiger Herr— sind Sie jetzt ruhiger? Hektor. Was unterstehst Du Dick? Joh. Gnädiger Herr, ich frage uur, weil ich Sie um etwas bitten will, und 5 ich möchte gerne einen günstigen Augenblick wählen. Hektor. Sprich! Joch. Vor Allem — bcnöthigen der gnädige Herr meine Dienste noch heute Abend? Hektor. Nein. Was willst Du? Job. Gnädiger Herr — durfte ich auf den Ball gehen? Hektor. Auf den Ball — Du? 3och. Ja, gnädiger Herr, ich— ich weiß wohl, Sie sind sehr streng in diesemPunkte. Hektor. Was hast Du auf dem Ball zu thun? 3 oh. (lacht dumm). Der gnädige Herr wissen doch, weßhalb man auf den Ball geht — (Für sich.) Er ist wirklich zu solid, er weiß nicht einmal, warum mau auf den Ball geht. Hektor (für sich). Der Bursche hat nie verlangt anszugehen — heute bekommt er Lust dazu — gerade so wie ich! (Laut.) Was lockt Dich denn auf den Ball, che? Willst Du Bekanntschaften anknüpfen? 3 oh. Ich? Gott bewahre! 3ch, der Diener eines so soliden Herrn — und daun — ich Hab' ja schon meine Geliebte, eigentlich Braut. Hektor. Und die willst Du auf dcnBall führen? Joh. 3a, gnädiger Herr. Hektor. Damit ihr Andere den Hof machen, Dich bei ihr ausstecheu? 3 oh. 3m Gegentheil, gnädiger Herr— wenn sie mich neben den Andern sieht, wird sie erst einsehen, was sie an mir hat. Hektor (lachend). Das glaube ich auch. Du kannst gehen. 3 oh. Wie wird sich Georgette freuen! Hektor. Georgette, das Kammermädchen meiner Frau, ist deine Braut? I o h. 3a, zu Ostern heiraten wir. Hektor. Hat Georgette meine Frau gefragt, ob sie es erlaubt? 3 oh. 3a, sie erlaubt es. Hektor. Georgette ist doch recht glück- lich! — (Mr sich.) Die Beiden gehen und ich — doch halt! (Laut.) Johann, liegt Dir sehr viel daran, diesen Ball zu besuchen? Joh. Gewiß, gnädiger Herr. Hektor. Wenn Dir nun Jemand diesen Ball abkaufen wollte — für zwei Ducaten nämlich — Joh. Zwei Ducaten? Ich verkaufe ihn! Hektor. Und Georgette? Joh. Die Frau ist ihrem Manne Gehorsam schuldig — ich kenne die Gesetze. Hektor. Sie ist aber noch nicht deine Frau — Joh. Um so eher wird sie mir gehorchen, sonst nähme ich sie ja nicht. — Eine Frau m u ß sich fügen. Hektor. Johanu, ich schenke Dir nicht zwei Ducaten, ich schenke Dir fünf. Aber jetzt hole mir deinen Oberrock. Joh. Meinen Oberrock — für den gnädigen Herrn? (Für sich.) Wo bleibt denn die Solidität? — Aber ftmf Ducaten— (laut) ich hole meine Livree! (Ab.) Siebente Scene. Hektor (allein). In Johanns Oberrock wird mich der Portier nicht erkennen, und somit ist Allem abgeholfcn. Es ist zwar unangenehm, seinen Bedienten zum Vertrauten zu haben — aber eigentlich ist er ja nicht in's Vertrauen gezogen, er ist nur bestochen. Achte Scene. Voriger. Johann (mit der Livree). Joh. Da ist der Rock, gnädiger Herr. Hektor. Hilf mir ihn anziehen. Joh. GnädigerHerr wollten sich wirklich hcrablassen, in meine Aermel zu schliefen— Hektor. Hilf mir, schnell! (yr zieht den Nock an.) Joh. (betrachtet ihn). Die Livree steht Ihnen sehr gut, so gut, als ob Sie nie etwas Anderes getragen hätten. 6 He Nor. Dummkopf! Joh. Ich bttt' um Verzeihung! (Für sich.) ES ist aber doch wahr. Hektor. Höre, ich schlafe für die ganze Welt. Joh. Sie schlafen für die ganze Welt, auch für mich? Hektor. Du sagst Allen, die nach mir fragen: ich schlafe, da hast Du etwas, um Dich zu überzeugen. (Er gibt ihm Geld.) 3oh. (steckt es ein). Gnädiger Herr, Sie schlafen nicht nur-Sie schnarchen! Hektor. Hier sind deine fünf Ducaten, tröste Dich damit über den verlornen Ball, schweige aber gegen Jedermann, selbst gegen Georgette, sonst breche ich Dir Arme und Beine. Joh. Ich danke, gnädiger Herr! — Befehlen Sie sonst noch etwas? Hektor. Nein. Aber nochmals—stillgeschwiegen! Joh. Soll ich schwören? (Hebt die rechte Hand auf.) Hektor. Schwöre nicht, aber schweige! Joh. Wie daS Grab! Hektor (ab). Neunte Scene. Johann (allein). WaS soll das bedeuten? Fünf Ducaten und der Herr geht heimlich aus, in meiner Livree aus? Jetzt bin ich ganz irre an ihm geworden. — Ich hielt ihn immer für einen soliden Ehemann — zu solid — denn in einem solchen Hause gibt's nichts zu verdienen und man muß eben so strenge auf sich selbst sehen. Fünf Ducaten — das Glück winkt.— Aber — Georgette! Wenn der Herr anfängt krumme Wege zu gehen, wird er bald bemerken, daß sie hübsch ist, ick kündige und sie muß auch kündigen. Zehnte Scene. Voriger. Louise. Louise. Du bist hier, Johann? Ich glaubte, Du wärst mit Georgette auf den, Ball? ! Joh. Nein, gnädige Frau, ich bin zu Hause geblieben. Louise. Hat Dir mein Mann seine Ein-! willigung versagt? Joh. (verlegen). Nein, das nicht, aber ich habe mir's anders überlegt. (Er nimmt das Buch vom Fauteuil und legt es auf den Tisch.) Louise (für sich) Er kömmt mir so verlegen vor. (Laut.) Ist mein Mann schon im Bette? Job. Ja, gnädige Frau. Louise. Was machtest Du da? Joh. Ich wollte das Theege schirr fort« nehmen. Louise. Das hätte schon längst geschehen sollen. Joh. Der gnädige Herr hat mich aufgehalten. Louise. Wieso? Womit? Joh. (für sich). DaS war dumm! (Laut.) Ich bat ihn wegen des Balles — Louise. Ist er erst jetzt zu Bette gegangen? Joh. Ja, soeben. Louise (für sich). Erst jetzt? Und er gab vor, sehr müde und schläfrig zu sein. (Laut )! Weißt Du gewiß, daß er sich niederge-1 legt hat? Joh. (räumt das Lheegeschirr ans). Jch vcr- muthe es. Louise (für sich). Diese Verlegenheit — da steckt etwas dahinter und ich muß es erfahren. (Sie geht zu Hektars Thür und ruft.) Hektor! Hektor! Joh. (für sich). O weh! Louise. Er antwortet nicht — Joh. Weil er schläft — Louise. Er ist soeben zu Bett gegangen, das heißt Du vermuthest es — und jetzt 7 schläft er schon? Das will ich doch sehen. (Sie geht hinein.) Joh. Jetzt steckt die GanS am Spieß— ich mache mich aus dem Staube. (Er nimmt die. Platte mit dem Theegeschirr und will fort.) Louise (kömmt wieder). Johann, Du hast gelogen. Wo ist mein Mann? Joh. Ist er nicht in seinem Bette? Louise. Steile Dich nicht noch dümmer, als Du bist — wo ist mein Mann? Joh. Ich — ick weiß es nicht, gnädige Frau. Louise. Du mußt eS wissen! Er ist «msgegangen— Joh. Das ist möglich — Louise. Was hat er gesagt, ehe er sortging? 3 oh. Ich — er — nichts. Louise. Wo ist er hin? Joh. Gnädige Frau — Louise. Zum letzten Mal frage ich Dich, was weißt Du? Antworte! Antworte! ^>er — ich jage Dich aus dem Hause. Joh. (für fich). Jetzt geht's gut — das ist eine schöne Situation! Louise. Du zögerst? Wahrscheinlich hat er Dich bestocken! Joh. Wie können gnädige Frau so etwas von mir glauben! Louise. Antworte mir sogleich oder — verlasse mein Haus. Joh. (für fich). Ich will zwar kündigen, "der sich fortjagen lassen, das ist etwas Anderes. (Laut.) Gnädige Frau, wenn ich muß — Eilfte Scene. Vorige. Georgette. Georg, (firht Johann). Wie? Du bist da? Louise (zu Georgette). Warum wundert Dich das? Georg. Ach, gnädige Frau, der Hausmeister hat mir soeben erzählt — er sei fort: Louise. Wer, mein Mann? Georg. Nein, Johann — vor einer Viertelstunde. Joh. Das ist eine Lüge. Du siehst, ick bin da. Georg. Er hat Dich aber gesehen, er kennt ja die Livree. Louise (zu Johann). Du verschweigst mir noch etwas — ich befehle Dir zu sprechen! , Joh. Gut, wenn mich die gnädige Frau dazu zwingen — der, den der Hausmeister in Livree fortgehen sah, war — der gnädige Herr. Louise. Er hat deine Livree angezogen? Joh. Er bat mich, sie ihm zu leihen, ich glaubte sie ihm nicht verweigern zu dürfen — er zog sie an und ging. Louise. Verlaßt mich! Joh. (für fich). Das wird einen Sturm geben! (Zu Georgette.) Du bättest auch wegbleiben können! (Beide ab.) Louise. Mein Mann ist ausgegangeu. nickt wahr? 3oh. Ja, gnädige Frau. Louise. Wohin? Joh. Das weiß ich nickt. Louise. Wirklich nicht? Job. ,h,bt die rechte Hand auf) Soll ich ickwören? Louise. Nein. Geh' zum Portier und frage ihn, vielleicht weiß er etwas. Joh. Ja. gnädige Frau, aber — Louise. Geh'! Zwölfte Scene. Louise (allein). Sich erniedigen, seinen Bedienten zum Vertrauten machen— seine Livree anzieben und sich fortschleichen, es ist abscheulich! Ick liebte ihn so sehr! (Sie setzt fich zum Tisch.) Der Treulose. Wo er nur sein kann? (Sie sieht das Buch.) Das ist das Buch, in dem er so eifrig las— was ist das für ein Buch? (Sie liest den Titel.) Physiologie der Ehe — (Ein roseufarbenrr Brief fällt herauS.) Was ist das? (Sie hebt dev Brief auf und liest.) »Große Oper — Remember« — Jetzt weiß ich genug! (Sie klingelt.) Dreizehnte Scene. Vorige. Georgette. Louise. Du wolltest ja auf den Ball gehen? Georg. Ja, gnädige Frau, Johann wollte mich auf den Opernball fuhren, aber wir blieben zu Hause. Louise. Ich weiß es. Welche Maske wolltest Du nehmen? Georg. Einen Domino. Louise. Bring' ihn mir. Georg. Sogleich, gnädige Frau. (Ab.) Vierzehnte Scene. Louise (allein). Der Treulose! Es bleibt kein Zweifel, er liebt eine Andere. — Ihretwegen hat er mich heute Abend verlassen. Aber morgen verlasse ich ihn, ich gehe zu meinerMutter. Fünfzehnte Scene. Vorige. Georgette. Georg, (bringt einen Domino und eine Larve). Louise. Hilf mir. Georg. Wie? Gnädige Frau wollen— Louise. Hilf mir, verliere keine Zeit. Georg. Soll ich einen Wagen holen? Louise. Nein, sie stehen uns gegenüber. Georg. Wollen Sie keinen Mantel, gnädige Frau, keinen Shawl? Louise. Nein. Geh'zu Bett, Du brauchst nicht auf mich zu warten. (Sie sieht auf die Uhr.) Halb Eins — ich werde früher dort sein als sie. (Durch die Mittelthür ab.) Sechzehnte Scene. Georgette, dann Johann. Georg. Unser Hans ist nicht mehr zu erkennen! Der gnädige Herr geht inöivrse aus— die gnädige Frau maskirt, allein— Joh. Es wird zu arg, Georgette! Georg. Was? Joh. Morgen verlassen wir dieses Haus. Georg. MeinetiHegen. Ich bin wü- thend. Alles geht ans den Ball und ich sitze zn Hause. Joh. Weil Du ein solides Mädchen bist. Georg. Der Ball wäre mir lieber. Joh. Du sollst Dir diese unglückliche Ehe zum abschreckenden Beispiel nehmen. Georg. So! Ich soll wohl gar nicht heiraten? Joh. O ja, mich — aber Du sollst Dir an dem verbrecherischen Benehmen unserer Herrenleute ein Beispiel nehmen — ein abschreckendes nämlich. * Georg. Was liegt mir an ihrem Benehmen! Joh. Wie? Eine verheiratete Frau gebt maskirt und allein auf den Ball, um halb ein Uhr in der Nacht, und daran liegt Dir nichts — Du findest das nicht entsetzlich? Georg. Ganz und gar nicht, ich ginge auch, wenn ich nur könnte! Joh. Georgette! Georg. Ich könnte weinen vor Zorn! (Sie seht sich auf den Fauteuil.) Joh. Beruhige Dich, wir werden auch auf den Ball gehen. Georg. Heute? Joh. Nein, auf den nächsten. Georg. Heute ist ja der letzte! Geh mir aus den Augen! Joh. Aber Georgette! Georg. Ich hatte Alles bereit — freute mich schon so sehr — ab er eigentlich könnten wir ja noch — sage, Johann, unsere Herrschaft wird wohl sehr lange aus- blci den? s Joh. O, wahrscheinlich bis morgen — fort können wir nicht — aber hier könnten wir uns einen Spaß machen, Georgette. Georg. Wir Zwei allein? Ein schöner Spaß. Joh. Soupiren wir — ein Tisch ist da — aber nichts zu essen. Georg. Nichts zu essen? Ich habe einen Vorrath bei Seite gestellt, ich dachte, nach dem Ball wird es uns schmecken. Joh. (räumt den Tisch ab und stellt ihn in die Mitte). Ein köstlicher Gedanke, hole deinen Borrath, ick bin sehr hungrig. (Georgette ab.) Georgette ist ein prächtiges Mädchen, sie denkt an Alles. (Georgette kömmt wieder.) Georg. Hier ein Stück Pastete, Sardinen, ein halber Fasan und — da sieh her! — Joh. Champaaner! Zwar keine volle Flasche, aber dajü. zwei! Georgette, wie liebe ich Dich! Georg. Eine uneigennützige Liebe! Man sieht, daß Du zur Livrse gehörst. Joh. Nein, setzen wir uns, ich hieher, wo der Herr sitzt, Du an die Stelle der Frau. (Sie setzen sich.) Georg. Nun denken wir, wir sind die Herrschaft. Joh. Warte! (Er gkht in Htktors Zimmer.) Georg. Was hat er vor? (Sie steht aus und will hinein.) Joh. Nicht herein! Georg. Warum nicht, was treibst Du denn? Joh. (kömmt wieder, im schwarzen Frack, mit Hut und Handschuhen seines Herrn, welche er umsonst versucht anzuziehen). Liebes Kind, setzen wir uns zu Tisch. (Er imitirt seinen Herrn.) Georg, (lacht laut). Eitt köstlicher Einsall! Du spielst den Herrn — warte! (Sie kilt in Louisens Zimmer.) Ivb. Wo geht sie hin? Georgette! (Er steht auf und will ihr nach, bleibt aber vor dem Spiegel stehen.) Ich sehe wirklich sehr nobel aus, ganz Cavalier! Der schwarze Frack ist süperb — wenn es möglich wäre ihn zu meiner Trauung auszuleihen — aber ick will ja kündigen. Georgette! Georg, (kömmt wieder. Sie trägt einen Blumenkranz, einen weißen Theater-Burnus und einen Fächer) Da bin ich! (Sie bewegt sich und spricht affeetirt:) Wie sehe ich aus, mein Lieber? Gefalle ich Dir in dieser Toilette? (Sie geht geziert auf und ab.) Joh. (ahmt seinen Herrn nach). Reizend, znm Anbeten! (In seiner natürlichen Sprrch. weise.) Du bist viel hübscher als die Frau — (Lacht laut.) Das ist ein köstlicher Spaß! Viel besser als der Ball! Georg. Und jetzt zu Tisch! Job. Zu Tisch! (Er reicht ihr geziert den Arm.) Erlaubst Du, meine Liebe? Georg. Mit Vergnügen! (Sie nimmt seinen Arm. sie sehen sich lachend zu Tisch.) Joh. Johann, einen Teller! (Natürlich.) Ja so, der Johann bin ich! (Er steht auf, setzt einen Teller hin und seht sich wieder.) Schenke ein, Georgette! Georg. Schneide die Pastete, leg' mir vor. (Man hört einen Wagen rollen.) Joh. Still! Georg. Sie werden dock nickt — Joh. Ein Wagen hat gehalten— das Hansthor wird geöffnet — (Er steht auf „nd horcht bei der Mittrlthür.) Geor g. Wenn es die Herrschaft wäre — Joh. Sie sind's! Wir haben nicht mehr so viel Zeit, um Alles wegzuräumen, was fangen wir an? Georg, (dreht die Lampe ab, die Bühne wird finster). Schnell fort! (Sie kilt in Louisens Zimmer, Johann will durch die Mittelthür fort, in diesem Augenblick öffnet sich diese, Louise führt Hektor herein, welcher eine Binde über die Augen hat.) Joh. (hat sich an die Mauer gedrückt). Die gnädige Frau bringt einen Mann mit verbundenen Augen mit — morgen kündige ich! (Ab.) Siebzehnte Teene. Louise. Hrktor. Lvttise (mit veränderter Stimme). Wir sind an Ort und Stelle. (Für sich.) Es ist finster hier, um so besser. Hekto r. Sind wir in Ihrer Wohnung, schönes Kind? Louise. Za. (Für sich.) Der Verräther! Hektor (für sich). Ich rieche eine Pastete und Braten — sollten wir in einer Restauration sein? (Laut.) Wo sind Sie? Louise. Hier. (Für sich.) O, ich werde mich rachen. Hektor. Warum bleiben Sie so fern von mir? Louise. Wenn Sie wüßten, was ick wage, indem ich Sie bieherführe — Hektor (ff,, sich). Am Ende ist sie gar verbeiratet — (Laut.) Sie sehen, wie bescheiden ich bin, ich habe gar nichts gethan, um zu entdecken, wohin Sie mich führen, meine Tbenre — (Für sich.) Wenn ich nur wüßte, wie sie heißt — (Saut.) Meine theure — (für sich) sie hilft mir nicht — (Laut.) Befreien Sie mich von dieser Binde, damit ich mich an Zhrem reizenden Anblick erfreue — Ihre Gestalt ist wunderschön — gewiß, das Antlitz nickt minder — Louise (für sich). Es ist schändlich! (Laut.) Zck erlaube Ihnen die Binde abznnehmen. Hektor (reißt die Binde ab). Endlich ! Aber wir — wir sind im Finstern — Barmherzigkeit, Licht, meine theure — (Für sich.) Es ist weder Coralie noch Adele, es ist eine Dame, ich erkenne das aus ihrer Sprache — (Laut.) Zch beschwöre Sie, Licht! Louise. Weßhalb? Wir kennen uns ja. Hektor. Za — wir kennen uns — aber eben deshalb. Zch wünsche Ihre schönen Augen wiederznsehen, das schöne Haar — (Kür sich.) Wenn ich nur wüßte, ob sie braun oder blond ist! (Laut.) Licht! Louise. Nein, wir bleiben im Finstern. Hektor. Grausame! Warum soll ich Zhr theureS Antlitz nicht sehen? Warum so geheimnißvoll, meine theure — Louise (für sich). Wenn er nur ihren Namen aussprache — (Laut.) Es muß so sein, fügen Sie sich. Sie wissen, daß ich sonst kein Geheimniß vor Ihnen habe. Hektor. Freilich weiß ich das — unsere Seelen, unsere Herzen verstehen sich. (Für sich.) Ob ich sie wohl duzen soll! Ris- kiren wir's! (Laut.) Ja, mein Engel, ich verstehe Dick! Louise (für sich) Engel? Du? Das sollst Du mir bezahlen! (Laut.) Auch ich verstehe Dick! Hektor. Theurer Engel! (Für sich.) Engel paßt für Alle. Louise. Aber Du bist verheiratet! Hektor. Du weißt das? Louise. Za, und ebendeshalb fürchtete ich, Dll würdest nickt kommen. Auch ich bin verheiratet. Hektor. Was bist Du? Louise. Verheiratet— aber sehr unglücklich! Mein Mann ist ein Verräther, er betrügt mich! Hektor. Das Ungeheuer! (Kür sich.)Nur auf den Mann losgedonnert, das nützt immer. (Laut.) Eine solche Frau zu betrügen! Louise. Bist Du wenigstens glücklich? Hektor. Zch? (Für sich.) Jetzt kann ick mich interessant machen. (Laut.) Sprick nicht von meiner Frau — ick bin ein schwaches Rohr, welches der eheliche Sturm hin- und herbiegt. Louise (für sich). Der Lügner! Hektor. Aber wir wollen uns rächen! Louise. Vielleicht hatte ick reckt — denn nicht wahr, es ist abscheulich, eine Frau wie mich zu betrügen? Hektor. Ob es abscheulich ist — es ist himmelschreiend! Louise (für sich). Er gesteht es selbst ein! Hektor (für sich). Es gebt vortrefflich! Wenn ich nur wüßte, wie sie aussieht! Der dumme Mond sendet auch nicht einen Strahl der Aufklärung! (Laut, indem er sie tt brl dn Hand nimmt.) Welch' feine zarte Hand! Und deine Stimme klingt so süß. Louise (für sich). Ich ersticke vorWuth! (Laut.) Du liebst mich also? Hektor. Ich habe nie eine Andere geliebt! Louise (für sich.) Das ist zu stark! (Sie entfernt sich von ihm und wirft absichtlich einen Stuhl um.) Himmel! Hektor. Was ist's? Louise. Der war in meines Mannes Zimmer. Hektor. Wie, er ist hier? Louise. Ja, ganz in der Nähe — Hektor (für sich). O die Frauen, die Frauen! Der Mann ist nicht fünf Schritt weit von ihr entfernt, nlid sie — — Louise. Sie müssen sich verbergen. Hektor. Könnte ich nicht fort? Louise. Unmöglich! (Sir öffnet dir Thür links.) Schnell dahinein, schnell! Hektor. Aber — ich möchte lieber fort. Louise (schiebt ihn hinein). Geben Sie doch, wollen Sie mich zu Grunde richten? (Sie schließt die Thür hinter ihm ab, läßt aber de» Schlüssel stecken.) Achtzehnte Scene. Louise (allem). Es ist abscheulich! Da soll er bleiben, bis der Tag anbricht! (Sie klingelt.) Ick will einpacken, abreisen und ihn nie wieder sehen. (Johann und Georgette kommen mit Lichtern.)? Komm', Georgette! (Links ab mit ihr.) Neunzehnte Scene. Johann (allein). Denn sie mir meine Georgette nur nicht verführt. Es ist unverschämt. Wo ist er denn hingrkominen? Am Ende ist er im Zimmer des gnädigen Herrn. (Er sieht hin» ein.) Nein! (Er stellt das Licht nieder.) Aber fort ist er auch nicht — morgen kündige ich! Der arme gnädige Herr! Ein so solider Ehemann! (Geräusch im Zimmer recht«.) Da ist er d'rinnen! (Großer Lärm.) Ich glaube gar, er hat die Etagere mit dem Porzellan umgeworfen — am Ende stiehlt er etwa-, habe ich denn keine Waffe? (Er nimmt die Zange vom Kamin.) Hier mit diesem Feuergewehr machen wir unS an den Dieb, den Verführer! (Er öffnet die Thür.) Heraus, Du Schändlicher! (Er läuft auf die andere Seite.) Zwanzigste Scene. Voriger. Hektor. Hektor (stürzt heraus und bleibt dann er. staunt stehen). Ich bin bei mir? Joh. Der gnädige Herr? Hektor. Bei mir? Schurke! Du Haff mich verrathen! 3oh. Ich? Hektor. Ja, Tu! Sprich, antworte! (Er schüttelt ihn ) Joh. Ich habe nichts gesagt, gnädiger Herr, gar nichts. Soll ich schwören? (tzr hebt die Hand auf.) Hektor. Du lügst! Du hast meiner Frau gesagt, daß ich auf den Ball gehe. Job. Wie konnte ich das sagen, ich habe es ja gar nicht gewußt. Hektor (läßt ihn los). ES ist wahr — geh' — laß mich allein. Joh. (für sich). Ich glaube er ist ver- ttckt. (Ab mit dem Licht, es wird Tag) Einundzwanzigste Scene. Hektor (allein). Ich bin bei mir zu Hause! Es wird Tag. War meine Frau ai«k dem Balle? Ging sie hin, um mich zu belauschen oder — ich will doch sehen — rr Zwetundzwanzigste Scene. Voriger. Louise. Dterundzwanztgste Scene.' Vorige ohne Johann. Louise. Ah — man hat Sie befreit, mein Herr? Hektor. Darum handelt eS sich nicht, Madame. Waren Sie auf dem Ball in der Oper? Was hatten Sie dort zu thun? Louise. Was ich dort zu thun hatte? ( Sie zikht den Rosabrief au- der Tasche.) Kennen Sie das? Hektor. Mein Brief! — Verzeihe! lbr kniet vor ihr.) Louise. Niemals! Hektor. Mein liebes, thcures Weib! Louise. Nein, niemals! Du wolltest mied betrügen — Hektor. O — ick — Louise. Sei aufricktig— wer ist die Sckreiberin dieses Brieses? Hektor. Ich weiß es nicht. L ouise. Du lügst abermals. Hektor. Nein, ich schwöre Dir, ich weiß es nicht. Louise (stäßt ihn zurück). Du lügst! Aus meinen Augen! Dreiundzwaozigste Scene. Vorige. Johann. Joh. (mit einem Brief in der Hand). Man bat diesen Brief gebracht für den gnädigen Herrn. Hektor. Einen Brief? Joh. Einen rosenfarbcnen Brief. Hektor (für sich). O weh! Louise. Gib! (Sie entreißt Johann den Brief.) Joh. Aber, gnädige Frau, er ist für — Louise. Geh! Hektor (für sich). Der Tummkopf! (Leise zu Johann.) Tummkopf! Joh. (für sich im Abgehen). Es scheint, ich babc da wirklich eine Dummheit gemacht. (Ab in Hektar- Zimmer.) Hektor (für sich). Sie hat den Bnef in Händen — wie verhindere ich sie. ihn zu lesen? (Laut.) Theure Louise, sei vernünftig, gib mir den Brief. Louise. Nein. Hektor. Ich bitte Dich darum und — Du hast kein Recht ihn zu lesen. Louise. Ich habe das Recht und wenn nickt — so thue ich es widerrechtlich. Hektor. Louise! Louise (erbricht den Brief und liest). »Mein theurer Hektor!* (Wüthend.) Ihr theurcr Hektor! (Sie liest.) »Ich wußte wohl, daß es nur einer Kleinigkeit bedurfte, um deine eheliche Treue zu besiegen* — sie wußte das — und eS hat sick bewährt — o hätte ich's auch gewußt! — (Sie liest.) »Re- mcmber! Duvollon.* Also Dnvollon heißt sic? Hektor (schnell). Duvollon? Louise. Ja, Duvollon — o, ich werde sie zu finden wissen! Hektor (lachend). Sie? Louise. -Du lackst? Hektor. Verzeih' — aber ich kann nicht anders, es ist ja zu komisch! Louise. Du siehst meinen Schmerz und findest das komisch? Hektor. Duvollon ist ja ein Mann. Louise. Ein Mann? Hektor. Einer meiner Freunde — Cars Duvollon. Louise. Earl, vielleicht Caroline? Hektor. Nein, nein, Earl, ich schwöre es Dir! Louise. Und dieses Rendezvous? Hektor. Am Abend vor unserer Hochzeit joupirle ich mit meinen Freunden — wir sprachen so Manches, unter Andern äußerte ich den Vorsatz, daß ich meiner Frau treu bleiben und ein solider Ehemann werden wolle. Man zweifelte — ich bestand darauf, endlich forderte mich Carl Duvol- lon auf, mit ihm eine Wette einzugehen, wir wetteten um zwanzig Dncaten, binnen zwei Jahren mußte es sich entscheiden. Der Spitzbube ist schlau — er hat lange gewartet — in acht Tagen sind wir zwei Jahre verheiratet-ein Rosa-Brief- cken, ein Rendezvous auf dem Opern- ball — war die Falle — Louise. In die Sic gegangen sind, mein Herr! Herr Duvollon hat die Wette gewonnen. Hektar. Nein, Louise, denn die Maske warst Du — Louise. Aber Du wußtest eS nicht, hast mich nickt einmal erkannt! — j Hektar. Meine Augen nicht, aber mein Herz! Louise. Ja, an Worten fehlt es Dir nicht — Hektar. Auch nickt an Liebe — Louise, ich liehe Dick wirklick — verzeihe! Louise. Wenn es geschähe, geschähe es nur dieß eine Mal, ein zweites Mal wäre ich nickt so nachsichtig — Hcktor. Mehr verlange ich auch nickt — verzeihe nur dieß eine Mal und ich will ewig ein solider Ehemann sein! Louise. So oft Du schwankst — Re- member! (Sie reicht ihm die Hand) Hcktor. Meine Louise! (Umarmung.) (Der Vorhang fällt.) Ende. Druck u»h Itapin von eropold Go«m«r tu M«« jAuS dem Theater-Verlage der Wallishansser'schen Buchhandlung (Joses Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Abdallah, oder keine Wohlthat bleibt «»belohnt. Originaldr. in 1 A. v. Weidmann. 2» kr. 4 Sgr. Abeucerragen, die, und Zegrts, oder die feindlichen Ttämme. Ballet in 4 A. von Corally. Franz, und deutsch. 1807. 10 kr. 2 Sgr. Abend, der stürmische. Singspiel in 1 A. 18o3. 35 kr. 7'/, Sgr. Abenteuer, das letzte. Lustspiel in 5 A. von Bauernfeld. 1834. 8. 80 kr. 18 Sgr. Abneigung aus Liebe. Lustspiel in 1 A. s. Castelli Sträußchen. 2. Jahrgang. Abraham. Drama mit Musik in 3 A. 1818. 35 kr. 7'/, Sgr. Jdular, 08813 . la kamiblia arada. lAelociramma in um3 skmiserio pvr musica öla rappresentarsi per ln prima volta ^l konte ä^ttaro tlsl Li^n. Leotti. 1813. 40 Irr.8 8^r. Ahnenstolz in der Klemme. Schwank in 1 A, s Feldmann Lustspiele, 4. Band. Ahnfrau, di«. Trauerspiel in 5 A. von Franz Grillparzer. 6 Auflage, gr. 8 1844. 1 fl. 50 kr. 1 Thlr Ahnfrau, die, im Gemeindestadl, s. Hutmacher und Strumpfwirker. ^ff o, I', nell' imbararro. Neloäramma ^ioooso in clus Jtti. 8. 1827. 35 tcr. 7/, 8xr. Alamar der Maure. Oper in 3 A. nach Cuvelir von Castelli. 40 kr. 8 Sgr. Alane. Historisch-romantisches Gemälce in 5 A. nach Biloerveck von Guttenberg. Augsburg. 60 kr. 12 Sgr. Albaneserin, die. Traueispiel in 5 A. v. Mull- ner. 1821. Gr. 12. Original-Auflage. 1 fl. 20 kr 24 Sgr. Albert der Bär, oder die Weiber von Weinsberg. Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Gleich. 1806. 8. 40 kr. 8 Sgr. Alberts Nache für AgneS. Historische- Schausp. in 4 A. von Chrimseld. 1808. 8. 40 kr. 8 Sgr. Album, mein. Lustspiel in 1 A. Nach dem Französischen von Mar Stein. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 116.) 35 kr. 7'/, Sgr. Alceste. Ernsthafte Oper in 3 A. 1810. Deutsch und italienisch. 35 kr. 7'/, Sgr. Alcine. Großes romantisches Ballet in 4 A. Von der Erfindung des A. Vestris, Musik von verschiedenen Meistern. 1825. 10 kr. 2 Sgr. Aline, Königin von Golkonda. Oper in 3 A Nach Vial und kavier von Treitschke. 1804. 35 kr. 7'/, Sgr. Alle furchten sich. Komische Operette in 1 A. nach dem Französischen des Herrn Hoffmann von Castelli. 1808. 25 kr 5 Sgr. Alle Mittel gelte». Lustspiel in 1 A. nach Terror von L. Julius. (Wiener Theater-Repertoire Nr 15.) 35 kr. 7'/, Sgr. Alles aus Freundschaft. Lustspiel in 1A. s. Weissen- thurn Schauspiele. 15. Band. Alles in Uniform für unfern König. Volks- Lustspiel in 3 A. von HenSler. 1705. 8. 40 kr. 8 Sgr. AlleS weiß, nichts schwarz, oder der Lrauer- schmaus. Ländliches Origiual-Lustipiel in 3 A. von Hensler. 40 kr. 8 Sgr. Alles auf's Spiel gesetzt um einen Man«. Lust« spiel in 5 Ä. Frei aus dem Englischen übersetzt von Werlhes. 1787. 50 kr. 10 Sgr Alte Schulde«. Original-Lebensbild mit Gesang und Tanz in 3 A. von Friedr. Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 124.) 60 kr. 12 Sgr- Allzu scharf macht schartig. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 1801. 50 kr. 10 Sgr. All zu toll. Fastnachtspoffe in 1 A. Nach dem Englischen von K. v. Graeser. (Wiener ThralersRepertoire Nr. 41 .) 35 kr. 7V, Sg* F > on 8 o e 6vr». OrLium» psr ölukilvL Nt duk ^tti. 30 Irr. K 8^r. Am Allerseeleutage, oder daS Gebet auf dem Friedhofe. Original-Volksschauspiel in 4 Abtheilungen nebst 1 Vorspiel. Ein gegebenes Wort, von Heinrich Hausmann. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 65.) 60 kr. 12 Sgr. Am Clavier. Lustspiel in 1 A. Nach dem Französischen frei bearbeitet von M. A. Grandjean. 2. Auflage. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 40.) 35 kr. 7'/, Sgr. Amazonen, die. Heroisches Ballet von Henry. 8 1823 10 kr. 2 Sgr. Ambo-Solo. Original-Posse in 3 A. von Julius Rosen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 166.) 60 kr. 12 Sgr. Amor» der verbannte, oder die argwöhnischen Eheleute. Lustspiel in 4 A. von A. v. Kotzebue. 1811. 50 kr. 10 Sgr. AmorS Bild. Gesellschaftssp. in 1 A. von T. L. Stoll. 1808. 10 kr. 2 Sgr. Amor- Triumph. Alleg. Gemälde mit Chören u Tänzen in Versen und in 1 A. von Meist. 10 kr. 2 Sgr. Amors Zurechtweisung. Lustspiel in 1 A in Versen von I. Sonnleitbner. 16. 1815. 20 kr. 4 Sgr. 4mor, I', irritntv «lulle «liftieollü, k'ursu in un Flto. 1802. 20 kr. 4 8s-r. Andraßek und Juraßek. Komische Pantomime in 2 A. von Kees. 8. >807 (fehlt.) 10 kr. 2 Sgr. Anecdotcnbüchlein, das. Lustspiel in 1 A s. Castelli Sträußchen. 13. Jahrgang. Anmaßend und bescheiden. Lustspiel in 3 A. s Baumann Beiträge Apollosaal, der. Scherzspiel in 1 A. von T. Fr. v. Ehrimfeld 1808. 20 kr. 4 Sgr. Frsbi, Ali, nellv Oullie, v88i» il trieml'o dell» stzäv. Flslotlrumutu serio in du« ^tti di K. kontunelli. 1827. 30 kr 6 8zrr. Argouauten» die. Trauerspiel in 4 A. von Franz Grillparzer, s. dessen goldenes Vließ. Ariadne. Tragi-komisches Triodrama v. Kotzebue 1804. 8. 20 kr. 4 Sgr. Ariadne auf Naros. Duodrama 1801. 15 kr. 3 Sgr. Ariadne auf NaroS. Travestirt in 1 A. 8. 25 kr. .. . 5 Sgr. Arwdan. Heroische Oper in 3 A. nach dem Fran- zöstschrn des Hostmann von I. R. v. Seyfried. 1804. 35 kr. 7'/, Sgr Arlequtn auf der Insel Liliput oder das La- ternenfcst der Chinesen. Große Zauberpan- tvmime. 1806 10 kr. 2 Sgr. Armand, Graf. Schauspiel mit Gesang in 3 A Nach dem Französischen von Fr Treitschke. Gr. 8. 1808 40 kr. 8 Sgr. Arme» und Elenden, die. Bilder aus dem französischen Volksleben mit Gesang und Tanz in 2 Abteilungen und 8 Tablraur. Nach Victor Hugo'S Roman (K«8 luisöi-ubl«.-;) frei bearbeitet von Therese Megerle l Wiener Tbeatrr- Repertoire Nr. 112.) 60 kr. 12 rrgr. Armide. GroßeOper in 5 A 1808 35 kr 7'/, Sgr. Armida und Rinaldo. Melodrama in 4 Al. , "83. 35 kr. 7V, Sgr. ^*sr«a. Romantische« Ballet von Henry. 8. 10 kr. - Sgr. Arzt, der türkische. Oper in t A. Aus dem französischen. Musit von Jsouard. 1804. 15 kr. 3 Sgr Arzt wider Wille», der. Schwank in 2 A., frei nach Möllere von R. Graeser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 39.) 35 kr. 7'/, Sgr Aerzte, die beiden. Original-Lustspiel in 3A., s. Baumann Beiträge. Aschenbrödel. Zauberoper in 3 A. Nach dem Französischen des Ctienne. 4. Auflage. 1815. (Fehlt.) 35 kr. 7'/, Sgr Aschenbrödel. Gr. Ballet v. Duport. 8. 10 kr 2 Sgr Asiens Edelster. Historisch-romantisches Schausp in 5 A von Menner. 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr Atala, oder die Wilden von Florida. Pantomimisches Ballet in 3 A. von B. Henry. 1810 10 kr. 2 Sgr. Athenienserin, die schöne. Lustspiel in 4 A., s. Feldmann Lustsp. 1. Band. Atlasshawl und Harrosbinde, oder das HauS der Eonfusionen. Posse mit Gesang in 2 A. von Fr. Hopp. Gr. 8. 1849. 75 kr. 15 Sgr. Attila, König der Hunne«. S Werner Theater 5. Band. d' Aubigny, Elementine. Dramat. Gedicht in 4 A v. F. C. Weidmann. 8. 1816. 50 kr. 10 Sgr. Auf dem Eis und beim Christbaum. Posse mit Gesang in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Tbeatrr-Repertoirc Nr. 154.) 60 kr. 12 Sgr. Auf der Bühne u. hinter den Coultfsen. Schwank mit Gesang in 2 Bildern von Ludwig GottS- lcben. (Wrener Theater-Repertoire Nr. 96.) 50 kr. 10 Sgr. Auf und ab. Lustspiel in 1 A. nach dem Französischen. 1807. 25 kr. 5 Sgr. Augenarzt, der. Singspiel in 2 A. 1812. 2. Aufl 40 kr. 8 Sgr. August und Gustaviana. Schauspiel in 3 A mit Chören und Tänzen von Perinet. 1810. 8 40 kr. 8 Sgr Aurora, Gräfin. Siehe Gräfin. > «s Liebe sterben. Lustspiel in 1 A. Nach dem Englischen von Aller. Bergen. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 123.) 35 kr. 7', Sgr. Ausnahme, eine, von der Regel. Lustspiel in 1 Annnge von Al. Verla. (Wiener Tkeater-Re- rertvire Ne. 76.) 30 kr. 6 Sgr. Aussteuer. Schauspiel in 5 Ä. von Jrstand. 1800. 50 kr. 10 Sgr. Arel und Walburg. Tragödie in 5 Ä. v. Oehlen- schläger. >8l4. 50 kr. 10 Sgr. Bacchus und Ariadne. Heroisches Ballet von Galler. Franz, und deutsch. 1804. 10 kr. 2 Sgr. Badecur, die. Lustspiel in 2 A. von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr. Balboa. Trauerspiel in 5 A. von Collin. 8. Berlm. 1806. 60 kr 12 Sgr. Bavnacht, die. Große Oper in 5 A. mit Divertissement, nach dem Französischen des Scribe von Seufried und Hvsmann. Musik v. Auber 8. Wien 1835 (Dorfmeister.) 35 kr 7'/, Sgr Bär, Mein, und meine Nichte. Posse in 2 A., nach dem Französischen von Aller Bergen (Wiener Theater-Repertoire Nr 94.) 35 kr «'/, Sgr. Barbarei und Größe. Trauerspiel in 4 A. von Ziegler. 1810 8. 50 kr. ly Ggr. Barbier, der, vo« Sevilla. Pantomimisches Ballet in S A. von Duport. 1808. 10 kr. 2 Sgr. Barfuß, Baron, oder der Wechselthaler. Eine Zauberoper in 3 A. von I. Perinet. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Barmeclde«, die, oder die Egypter in Bagdad. Original-Schauspiel in 5 A. v. Weiffenbach 35 kr. 7'/, Sgr. Baruhelm, Minna v., oder das Soldatenglück. Lustspiel in 5 A. von G. E. Lessing. 1807. 50 kr 10 Sgr. Bathmendi. Große allkg. Oper in 2 A. 1801 35 kr. 7'/, Sgr Bauernball, ein, in Wien. Posse mit Gelang in 1 A. (Wiener Th.-Rep. Nr. 185.) 30 kr. 6 Sgr Bauernliebe. Eine ländliche Oper in 2 A Nach einer Anecdote von Spieß frei bearbeitet von L. Huber. 1802. 50 kr 10 Sgr Baum, der, der Diana. Heroisch-komische Oper in 2 A. 1802. 35 kr. 7'/, Sgr. Banmann, Aler. Beiträge sür das deutsche Theater. Gr 8.1849. Inhalt: Er darf nicht fort. Schwank in 1 A. — Anmaßend und bescheiden. Lustsp in 3 A. — Die beiden Aerzte. Original-Lustspiel in 3 A 1 fi. 20 Sgr. Bayard. Schauspiel in 5 A. von A. v. Kotzebue. 1802. «0 kr. 12 Sgr Befreiung, die, vo« Jerusalem. Oratorium, gedichtet von Heinrich und Matthäus v. Eollin. Musik von Adbsi Stadler. 35 kr. 7'/, Sgr. Beisele, Baron, und sein Hofmeister Dr. Eisele in München. Posse mit Gesang in 3 A, s. Feldman» Lustspiele 3. Band. Beispiel, gute-. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen 11. Jahrgang. Bekanntschaft, die, im Paradiesgarten, die Entführung auf dem Himmel und die Verlobung im Elysium. Localposse mit Gesang in 3 Auszügen von F. Hopp. Musik v. I. Hopp 8. 1839. 75 kr. 15 Sgr. Bekenntnisse eine» Brautpaares. Zweigespräch in Brrsen, s Feldmann Lustspiele. 5. Band Belagerung, die, von Apfilon, oder Evakathel und Lchnudi. Caricatur in 2 A. v Pennet. 4. Austage. 1818. Gr. 8. 40 kr. 8 Sgr. Beltno und Nosaura, Rom -kom Oper in 3 A von Voll 1807. 8. 25 kr. 5 Sgr. Benevent, AragtS von. Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Gleich. 1807. 8. 40 kr 8 Sgr. Bergfest, das. Schauspiel in 5 A vo« Hensler. 8. 40 kr. 8 Sgr. Berlichtngen, Götz van, mit der eisernen Hand. Schauspiel ia 5 A. von Kr. Grüner. 1809. 50 kr. 10 Sgr. Berns, der. Lustspiel in 1 A. von Th. Hell. 8. 1806. 35 kr. 7-/, Sgr. Bestohlenen, die. Lustspiel von A. v. Kotzebue 1817. 25 kr. S Sgr. Bestürmung» die, von Smolensk. Romantische« Schauspiel in 4 A. von I. F. v. Weiffentburn. Gr. 8 1833. 80 kr. 16 Sgr. Besuch, der» oder die Sucht zu glänzen. Lustsp in 4 A. von A. v. Kotzebue. 1809. 50 kr. 10 Sgr. Betrug uud Liebe. Original-Lustspiel in » A t?S8 40 kr. 8 Sgr. Bettelstudent, der, oder das Donnerwetter. Orig - Lustspiel in 2 A. 1834 (fehlt). 25 kr. 5 Sgr Bewußtsein, das. Schauspiel in 5 A. v. Jfstand 1799. 6« kr. 12 Sgr Bianca della Porta. Trauerspiel in 5 A. »o» Eollin. 8. Berlin 1808. 60 kr. 12 Sgr Biedersinn und Vaterlandsliebe. Ländliches Lustspiel in 4 A. v. Schildbach. 1809. 35 kr. 7'/, Sgr Bild, das. Trauerspiel in 5 A. von E. v Heu wald. 1821. 8 Wiener Original-Auflage. 1 fl. 20 kr. 24 Sgr Biüet, das. Lustspiel in 1 A. 1800. 25 kr. 5 Sgr Billets, die beiden. Lustspiel m 1 A. Nach Florian 1833 8. 25 kr 5 Sgr Bittsteller, die. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträup- chen. 5. Jahrgang. Blatt» das, har sich gewendet. Lustspiel in 5 R. von Schröder. Aus dem Englischen von Cum- berland. 1804. 50 kr. 10 Sgr Blaubart, der. Lustspiel in 1 A. v M A. Grant- jeau. (Wiener Th -Rep. Nr 157.) 50 kr. 10 Sgr Blinden, die zwei, von Toledo. Komische Oper in 1 A. 1806. 25 kr. 5 Egr Blumen, die. Spiel in Berserr von Körner. ang tu 1 A. Nach dem Frauzö,sichen v. Hohenmarkt. 40 kr. 8 Sgr Braut, die, in der Klemme. Posse mit Gesang in 1 L. 1807. 2S kr. 5 Sgr Braut, die. Lustspiel i» Alcrandrinern uud 1 fl von Körner. Gr. 12. geh. Wiener Originalausgabe. 1819. 25 kr. 5. Sgr Braut, oie stille. Alpensagr in 1 A, s. Wcissen- lhuru Schauspiele. 15. Baud. Bräutigam, der, aus Mexiko. Schauspiel in? A. v. Claurrn. 8. 1824. Lresdrner Original. 80 kr. 16 Sgr Bräutigam, der licitirte, oder die Großmama wider ihren Willen. Posse in 1 A Nach drin Französischen sr« bearbeitet von Penner 1791. 40 kr. 8 Lgr. Bräutigam, der, ohne Braut. Lustspiel in 1 fl von Herzenskron. iS. Wiener Theater-Repertoire Nr. 19.) 35 kr. 7'/, Sgr- Brautkranz, der. Trauerspiel in 5 A. v. Weijsen- dach. 80 kr. 12 Sgr Drautnacht, di«. S. Werner Theater. 4. Band Brautschleier, der. Lustspiel in 1 A, s. Weirsen- lhucn Schauspiele. 14. Band. Brautwahl, die. Schauspiel in 1 A v Jssland 1808. 35 kr. 7'/. Lgr. Brief, der, aus Eadir. Drama in 3 A von fl v. Kotzebue 1813. 35 kr. 7'/, Lgr Briefbote, der. Oper nach Marsollier. 8 180» 25 kr. 5 Lgr Briefwechsel, der offene. Lustspiel in 5 A ro» Jünger. 1784. 40 kr. ö Lgr. (Diesel Verzeichnt- wird fortgesetzt.) Den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt. ZwölfUhr! Wer aus dem Volksleben in 3 Acten und 9 Dildern. Don O. F. Berg. Musik vom Kapellmeister M. A. Storch. Im k.k.priv. Josefstädter Theater in Wien zuerst mit glänzendem Erfolge aufgeführt. Erster Lot. Erstes Bild. Der Weber und sein Haus. Personen: Baron Kuss. Frau Winter, eine arme Witwe. Theodor, absolvirter Jurist, ihr Sohn. Johann Koller, rin verarmter Weber. Resi, sein Weib. Tini > Marie ! seine Kinder. Thomas! Sebastian Stampfl, Schneidermeister. Anastasia, seine Gattin. Mi stell» ach, eiu Diurnist. Frau Pomeisl, Milchweib. Eine Köchin. Weber Volk Ort der Handlung: Ein Buchhalter. Eine noble Dame. Deren Bedienter. Erster Zweiter Dritter Vierter Fünfter Sechster Siebenter Achter Neunter Zehnter aller Stände. Eine Straße in Wien- Fotograph. !b«»er>Wpert»irt Nr. IS» 1 2 Erster Llct. Erste- Bild. Der Weber und sein Haus. (Oeffentliche Straße. Links vom Souffleur ein HauS, aus welchem ein Schild mit der Aufschrift „Stampfl, Schneidermeister für Militär und Zivil." An jedem Hause der Umgebung ist eine foto- graphische Auslage und auf jedem Hause bemerkt man einen fotographischen Glassalon. Im Hause rechts eine Fleischbank und eine Greißlern. Vor dem Hause links sitzt bei ihrem Stande das Milchweib Frau Pomeisl, welche beschäftigt ist, ihre Milcheimer zu ordnen, und eben mehrere Köchinnen bedient. Neben ihr, am Hause angebracht, befindet sich ein Brunnen.) Erste Scene. Frau Pomeisl. Köchinnen. Erste Köchin. Denn wiffen'S, meine Frau — Fr. Pom. Js a Bisgurn. Erste Köchin Die a Köchin — Fr. Pom. Bloß sekirt. Erste K öchin. Und der Herr — Fr. Pom. Zs a Simandl. Erste Köchin. Den die Frau — Fr. Pom. Malträtirt! Ich kenn' die Herr'nleut' — da brauchen's mir nir zu erzähl'n. Köchinnen. Pfürt Ihnen Gott — Madame Pomeisl — Pfürt Ihnen Gott. Fr. Pom. Es is wirklich traurig, daß es kan Menschen mehr gibt auf der Welt, der's ehrlich mant. (Geht zum Brunnen und schöpft in einen Amper Wasser.) San das nir- Nlltzige Dienstboten! (Sieht in den Amper und bemerkt, daß zu wenig Wasser d'riunen ist.) Zahlen lassen sie sich, aber von Aufrichtigkeit gar keine Spur! Zwelte Scene. Vorige. Frau Winter, ein altes Mütterchen, Theodor, ihr Sohn. (Letztererwohl schwarz, aber dennoch nothdürstig, — Elftere ganz armselig gekleidet.) Theodor. Mutter, Sie werden sehen, der heutige Tag wird glücklich enden. Der Präsident wird mich empfangen, die Zeugnisse, die meinem eingereichten Gesuche bei- liegcn, sind glänzend — auch sind eben Stellen leer — gewiß, Mutter — mein Einschreiten wird Erfolg haben. (Frau Winter winkt verneinend.) Theodor. Sie glauben an üble Vorbedeutungen? Weil heute vor 15 Zahre mein Vater, irregeleitet von Bethörten, als Aufständischer fiel, darum halten Sie den heutigen Tag für einen Uuglückstag? Warum soll das Schicksal auch an mir das vergelten wollen, was schon der Vater gesühnt? Unser Name ist nicht geächtet, Mutter, man rächt heutzutage nicht mehr an Familien das Verbrechen deS Einzelnen. Fr. Winter. Ich wünsche, Theodor, daß Du Dich nicht täuschest. Aber jener Tag lebt mir noch so im Gedächtniß, als wann ich ihn gestern erlebt hätte. Es war Mittags, das Essen war eben gerichtet, da läutet mau an der Hausthüre, ich will deinem Vater in die Arme stürzen — aber vier Männer deuten ernst auf eine Leiche, die sie zu meinen Füßen legen. (Sie verhüllt sich das Gesicht.) Es war dein Vater! (Nach einer Pause.) Und als ich aufgelöst im Schmerze zu seiner Leiche nicderstürzte, um sein treues Herz noch einmal schlagen zu hören, horchte ich umsonst — nur seine Repetiruhr —- 3 die Du jetzt trägst, schlug laut die zwölfte Stunde! (Sie zuckt zusammen.) Ich werde diese Töne nie in meinem Leben vergessen können. Theodor. Weg mit diesen Erinnerungen! Heute wird dieß Vermächt- niß (zeigt die Uhr), wie ich hoffe, für zweiGlücklicheschlagen! (Beide schnell ab.) Dritte Scene. Fr. Pom. (allein). Um die Alte is mir auch leid'! Um ihr Letztes is sie von die Leut' betrogen worn — wo Hab' i denn die Saf? — es is rein als ob's kan Christen mehr gäbet, nir als lauter Betrug auf der Welt! (Sie hat die Seife in den Amper geworfen und sprudelt.) Angeschmiert is man oft in der G'schwindigkeit, man waß gar uit wie! Vierte Scene. Mistelbach (eine ausgehungerte, ungeheuer trübselige Figur, schleicht, sich vorsichtig umschend, herein). Frau Pomeisl. Mist, (für sich). Vielleicht erfahr' ich von der Frau Pomeisl was? — Guten Moring, Frau Pomeisl! Fr. Pom. Grüß' Ihnen Gott — wie geht's Ihnen denn? Mist. Ich bin Beamter. Fr. Pom. Sau's endlich angestellt? Mist. Nein, jetzt bin ich noch Diurnist, da is mein Hunger bloß provisorisch, wann ich aber dann das Dekret krieg', nachher is er definitiv. Fr. Pom. Da schauet ich mich halt um eine andere Beschäftigung um. Mist. Das thu' ich ja so! Aber ich bitt' Ihnen, wer jetzt a Stell' haben will, braucht a Caution. Fr. Pom. Das is freilich wahr! Mist. Das heißt, der die Stell' kriegt, der braucht's net, aber der diese Stell' vergibt, der braucht's halt meistens zum Verputzen. Fr. Pom. Sie sein eh' noch gut d'ran, denken's, daneben der Beamte, dem is seine Frau gestorben — wo's Geld hernehmen zur Leich? Mist. Ich wollt' ich wär' an seiner Stell". Fr. Pom. So? Mist. Ich gäbet den »Lumpazi«mit drei Rastelbinder, wo kaner a Wort deutsch kann! Das machet weiter kein Aufseh'n. Fr. Pom. Oder ich machet ein Eingab' und bittet um a paar hundert Gulden — Mist. So? Zn so aner Eingab' brau- chens gleich um 7000 Gulden Stempeln. Nein, Frau Pomeisl, das geht nicht. Aber weil meine Mali immer sagt, wann ich ein» mal 2000 Gulden Hab', so nimmt sie mich, drum bin ich auf a andere Idee 'kommen. Fr. Pom. Sie? wern doch net wen anpacken wollen? Mist. Im Gegentbeil — Auf große Verbrecher werden meistens Preise ausgeschrieben — grad' jetzt sind auf den Kopf eines Banknotenfälschers 2000 Gulden aus- g'fttzt — Fr. Pom. Ja, ja — ich Hab' in der Zeitung was g'lesen. Mist. Denn die Leut' dürfen wohl durch die Banknoten falsch g'macht wer'u, aber die Banknoten dürfen net falsch g'macht wer'n durch die Leut'! D'rum werd' ich jetzt als Nebenbeschäftigung bloß Banknotenfäl- scher erwischen. Alle Jahr' drei große Verbrecher macht ein Einkommen von 6000 Gulden; daneben noch a paar Taschendieb' Kindesmörderinnen und Aufwiegler, macht auch a 1500 Gulden, da steh' ich mich sehr gut. Greifen Sie mich an. Fr. Pom. Sic san ja waschelnaß. Mist. Weil ich grad' aus'« Wienfluß- Kanal komm'. Seit gestern Abends halber Achte schlief ich herum. Fr. Pom. Na, und baben's was g'fun- den? 1 * Fünfte Scene. ^ Koller (ein verarmter Webermeister, ganz ärm- Und wissen Sie schon wasj^ch ge'lcidet, jedoch mit geflickten Kleidern, tritt nachdenklich mit einem Kehrbesen auf). Enträetied. Mist. Gar nichts, wofür man 2000 Gulden kriegt. Essen thu' ich bloß in Dicbs- kneipen. Meine besten Freund' sind lauter Gauner — blyß um auf Spuren zu kommen. Fr. Pom. vom Fälscher? Mist. Gar nichts. Bis jetzt Hab' ich eilf Personen auf's Gericht geschleppt, darunter waren drei Regierungsräth'. Sie können sich denken, was ich für ein Verweis 'kriegt Hab', und wie mir das Nachforschen verboten worden is. Aber ich laß' nicht nach. D'rum wie Sie was bemerken — versteh'« Sie mick, daß sich wer scheu umschaut, um ein Zehnerl mehr ausgibt als gewöhnlich, oder bei der Nacht arbeitet — nur mir melden. Ich wcrd' mich jetzt alle Tag' an- fragen bei Ihnen, ob Ihnen nichts aufstoßt; was die falschen Banknoten anbelangt, so fallen sie sehr leicht auf, weil bei dem Wort Bankdas Wort privilegirt fehlt. — Also wie bei der Bank kein Privilegium is, — dann können's ruhig z'sammpacken. — Gestern is hier bei einem Fotographen ein falscher Zehner ein'gangen — aha! — hier ist der Fotograph— (Geht zum ersten Haus und läutet an.) Fotog. (am Fenster). Sie wünschen? Mist, (schreit). Sind Sie der Fotograph? (Aus diesen Ruf öffnen sich zehn Fenster, überall sieht ein Fotograph heraus und schreit.) Ich, ich bin der Fotograph! Mist. Da schaun's Ihnen an — jetzt kann i zu alle Zehn, bis ich wieder auf a Spur komm'! Aber i muß die 2000 fl. kriegen, ich thu's nicht anders! (Ab in s Haus, welches geöffnet wird.) Fr. Pom. (allein, hat zusammengepackt, langsam ihre Amper in die Butte gestellt, den Stand in die C oulisse getragen und die Butte aus den Rücken genommen). Wann der eher an Verbrecher erwischen muß, bis er sein' Mali Heirat, nachher kann's als alte Jungfer den Stefansthurm reib'n. (Ab.) Weil i als armer Weber jetzt, Den Besen in der Hand, Die Straßen kehren muß — da glaubt So Mancher — 's war' a Schand'! Und doch gibt's G'schaften auf der Welt, Die Niemand san zur Ehr', So daß ich lieber da herunt' Mein Straßen ehrlich kehr'! A Dam' geht in der Stadt spazier'», Der Mann schleicht hintendrein, Und muß noch mit'n Galan von ihr Unbändig höflich sein. Kommt er in's Zimmer, schreit er gleich: »Ja so - - Pardon! ich stör'!« Der muß mir neidig sein, wann i Mein Straßen ehrlich kehr'! Vor einem hohen Herrn kriecht Ein Mann in Uniform, Der hohe Herr, der raunzt etwas, Der Klane schwitzt enorm. Er buckt sich, daß ihm's Kreuz abbricht — Sagt immer — hoher Herr — Da muß ich sagen, daß ich herunt' Mein Straßen lieber kehr'! ' Wenn Einer z'erst sich's Maul zerreißt — Damit's 'n ja nur wähl'n — Doch wie er d'rin sitzt, nur so red't, Wie's Höhere befehl'n — Weil er mit einem Orden dann Könnt' ausgezeichnet wer'n — Da thu' ich lieber da herunt' Mein Straßen ehrlich kehr'n. ?l Kaufmann im Vergleichsvcrfahr'u — Sitzt Dkei, vier Monat ab — Dann fahrt er in sein Phaeton in Den Prater fesch hinab. Betrüger, Lump — heißt's umadum, Pst — seg'ns — dort dieser Herr — Mir g'schiecht das net, wenn i herunt' Mein Straßen ehrlich kehr'! D'rum soll man uns Weber net bemitleiden, weil wir jetzt im Straßenkehren ein' Erwerb suchen müssen! Da gibt's ganz andere Beschäftigungen, die a bißerl unangenehmer sein. Wann man z. B. ein officielles Blatt herausgeben, und Jahr aus — Jahr ein vertheidigen muß, was g'schicht — ja da thu' i do lieber den ganzen Stephausplatz kehren. — A junger Beamter, der sechzehn Jahr studirt, aber weniger G'halt als der Amtsdiener hat, führt den Pintsch vom Herrn Rath täglich dreimal »äußerl« — um auf die Art befördert zu wer'n — da thu' ich doch lieber Straßenkehren! — 's kauft Einer a Kunstwerk — schickt's zur Ausstellung und kriegt a Medaille für das, weil er an' Arbeit hinschickt, die a Anderer gemacht hat. So a Medaille aunehmen und herzag'u — a da thu' ich ja lieber Straßenkehren. Daun ist ja das Kehren heutzutage das Wichtigste und Zeitgemäßeste! Wo man hinkommt, das Erste wär', überall den Besen in d'Hand z'nehmen. — Geh'n wir nach Turin — wo is denn der Besen? — Geh'n wir nach Hessen-Kassel — wo ist denn der Besen? — Geh'n wir nach Paris — wo ist denn der Besen?—Neberall gäbet's was wegzukehren. Auch ist das G'schäft net so undankbar. — Im Mist findet man oft Sachen, die mehr Werth besitzen, als diejenigen glauben, die 's wegg'worfen hab'n; da find't man z. B. auf einmal den Schirm von einer Bürgerwehrmützen. — A alter Eylinder und a Stück'l Militärhosen liegen ruhig beisamm', und wann man a Stück'l alte Zeitung aufhebt, so ahnt man gar uet, daß g'rad für das Stückl Ancr wo allerweil sitzt. Mitten unter'm alten Eisen find't man oft ein cassirtes Ministerport'fell und ein' klanwunzigen Stückl Röthl sähet man's net an, daß es auf derer Welt den Geist verfolgt hat. (Beginnt zu kehren.) D'rum laß i mir meine Arbeit net verdrießen und fang' in Gottesnamen wieder an. Sechste Scene. ^ Eine noble Dame, hinter welcher ein Bedienter. Dame (sicht ihn durch den Stecher an). Jacques! B ed. Zu Befehl! Dame. Ah — voilä. — Ist dieser hier — ein solcher Weber, wovon mir gestern der Baron erzählt? Bed. Ja, gnädige Frau! Dame. Sage er ihm — er soll näher treten — aber nicht zu nahe. Bed. Sie Manu — hören Sie — kommen Sie her. Koller. Ich? Bed. Ja — ja. Koller. Da bin ich neugierig. Dame (besieht ihn lange) Sieht recht ausgehungert aus. Jacques! hier, mein Portmonnaie — nehme Er zehn Kreuzer und gebe Er es dem Untcrstandslosen. Bed. Wollen gnädige Frau vielleicht selbst — (Bietet ihr die zehn Kreuzer ) Dame. Nein— ich fürchte jede Berührung. Bed. Also, Mann — nehmen Sie den Hut herunter — Bedanken Sie sich schön — die gnädige Frau schenkt Ihnen hiermit zehn Kreuzer. Koller. Ich soll den Hut herunternehmen? Das mußt Du thun — Bedienter — wenn Du eine Achtung vor dem Unglück hast. Deiner Gnädigen, die sich nicht traut — einen armen Weber anzugreifen — derer sag' vor Allem, daß viel Höhere, — verstanden, viel Höhere, die Kranken 6 im Spital hamsuchen und net erschrecken, wann sie ihnen die Hand geben. Sag' ihr nachher, daß i wohl Straßen kehr', aber net Lettel! Schad', daß die Gnädige net red't mit mir, sonst hätt' ich ihr gesagt der Gnädigen, daß das net die echten Wohl- thäter sein, die auf der Gassen, wenn'S g'seh'n wird von Hunderten, a Zehnerl herschenken. Na, mein Freund! Aber wann in der Nacht in der Finster 'klopft wird an der Hausthur und es gibt a Bedienter a Körbel ab, voll mit Wäsch', Essen und a paar Gulden Geld dabei — und wann der Bediente kan Auskunft gibt, von wem er is, sondern g'schwind abtaucht, wann man sich net für jeden Kreuzer hundertmal die Hand küssen laßt, wann man der Armuth die Wohlthat net cinireibt, und ihr das Beschämende erspart, sich für a Almosen bedanken zu müssen, das sein die wahren Wohlthäter! Dame. Jacques! was bleibt er denn dort stehen und hört den Bengel an? Das sind ja entsetzliche Menschen! Koller. Das sagen Sie Ihrer Gnädigen. Und wann's noch was beisetzen wollen, so sagen Sie ihr, daß ich ein vermöglicher Weber war, a Master, dem selbst freiherr- liche Häuser mitunter schuldig waren. Sa- gen's ihr, daß es halt mitunter so kommt, daß auch feine Leut' am Hund kommen und daß cs solche Leut' nachher kränkt, wenn man Unglückliche als Bettler behandelt. Dame. Jacques! Ist das ein gemeines Volk! (Ab mit dem Bedienten.) Siebente Scene. Koller (allein), gleich darauf Resi, sein Weib, Tini, seine Tochter, sechzehn Jahre alt, seine kleinen Kinder Marie und Thomas. Koller. Da geht'S die Gnädige! (Er hat sein Weib umschlungen, seine Kinder schaarcn sich um ihn.) So weit is 'kommen mit uns, daß ^uns die Herrschaften für Vagabunden anschauen. * ^ Resi. Die Gläubiger haben unsere Einrichtung fortgeführt. Koller. Mach' Dir nir d'raus, war a alte Einrichtung und es san net amal alle neuen Einrichtungen viel werth. ! Resi. Unsere Kammer is jetzt ganz leer. . Koller, ä, In Berlin? ! Tini. Sic machen Spaß, Vater, und .Sie selber haben seit gestern Abends nichts 'Warmes im Leib. Koller. Nir Warm's im Leib? was wär' nachher das Herz? ^ Tini. Von die 63 Kreuzer, die Sie verdienen, können wir ja nicht leben. Resi. Und wer vertrauet uns «Arbeit an? Tini. Die Kinder san auch hungrig! Koller. So? (Greift in den Sack und holt einen Laib Brot hervor, den er zerschneidet.) Beten! Kinder! Was?Jhrlacht's? Damals, wie Ihr Suppen, Rindfleisch und Mehlspeis 'gessen habt's, damals iS Ench's Beten net überflüssig Vorkommen, weil's gut mittagmahlt habt's. Damals habt's unfern Gott bitten können, daß er Euch euer tägliches Brot gibt! — Jetzt aber, wo Ihr bloß a trock'nes Brot kriegt's, jetzt denkt'S Ihr viel» leicht — na, da wer'n wir no erst lang beten d'rum? Auf die Knie! so lang uns der Himmel das Brot laßt, heißt's dankbar sein, denn er hat uns ja noch net ganz verlassen. (Die Kinder knien, er steht unter ihnen, Alle falten die Hände, dann vertheilt er daS Brot.) Die Kinder. Besten Appetit! Koller. Gleichfalls — wir müssen uns benehmen wie sonst, Kinder, so find't man sich am besten hinein. Alte — was ist Dir denn heut' in die Suppe kommen? Resi (weinerlich). I weiß net — vielleicht net gut abg'schöpft. Tini (Brot abbeißend). Aber das Roß- bratl is delicat! Thomas. Auch die Strudel! Koller (gibt Tini eine Flasche). Geh in Keller und hol' a bissel an Wein. 7 Tini (grht zum Brunnen). Gleich, Vater. Koller. So, Kinder! Seht'S, es kommt nur auf die Gewohnheit an, nur net ver- zag'n! Wann man auch Hab' und Gut verloren hat — so lang der Mensch g'sund is, stark und frisch, so lang' hat er noch sein bestes Capital — seine eigene Kraft. 63 Kreuzer in Ehren verdient, san mehr werth als 1000 Gulden, erworben durch Erniedrigung. Geh' z'Haus, Alte, lern' mit die Kinder, damit keine Tagdieb' aus ihnen wer'n,und wasch'für die Leut' — Du Tini, schau Dich um wegen an Dienst. Besser an arme Köchin als a vermögliche Maitreß! Du wirst a Wäscherin — Du a Köchin — i bleib' Straßenkehrer, aber wir wem unser Brot verdienen, net erbetteln! und net erkriechen! Wir wem armselig dahergchen, aber der schäbige Rock wird ein Ehrenkleid bleiben, während der feine Paletot von ein'noblen Schneider oft nur der Ueberzieher von ein Znchthaus- g'wand is! Kinder, wir haben nvck unfern ehrlichen Namen, unser eigene Kraft! wir derfen noch alleweil stolz sein. Wir sein wohl eine arme, aber auch eine reiche Weberfamilie! (Umschlingt die Seinen und geht mit ihnen nach rückwärts ab.) Achte Scene. Mistelbach (tritt ans dem Hause). Bei dem is der Zehner nicht eing'angcn — (Tritt in eine andere Hausthüre.) Zeht werd ich bei dem anfragen! (Ab.) Neunte Scene. Stampfl (ein ungemein spießbürgerlich aus- sehender Schneider). Anastasia (seine Gattin, in bürgerlicher Kleidung, kcinrn Hut, nur eine Haube). Stampfl. Zch bitt' Dich um Gottes willen, schrei' nicht so — das is ja Stö« rung der öffentlichen Ruhe. Anast. Es wird mir amal zu viel! Das hat ja die Welt noch nicht g'sch'n — — was Du treibst — Stampfl (die Augen zum Himmel, seufzend). Ich treib' was! Anast. Da schau' — was wieder kommen is. Zwei Vorladungen! (Liest.) Wegen aufrührerischen Reden. Zehnte Scene. Mistelbach (tritt aus dem Hause und geht wieder in ein anderes). Vielleicht dort! (Ab.) Eilfte Scene. Vorige ohne Mistelbach. Ana st. (eine zweite Vorladung vorzeiqend). Dann hier wegen Verleitung zum Treubruch! Stampfl. Ich bitt Dich, hör' auf — ich gist mich sonst! Das is gar dumm. Ich geh' zu meiner Schwägerin, steht am Gang ein fescher Cavalleriecorporal, der mit der schiechen Köchin vom Hofsecretär ein Vcr- hältniß hat. Mir war schon lang leid um den hübschen Menschen, denk' ich mir — mackst » anfmerksam — daß er sich a sau- ber's Mad'l aussucht, z. B. das Stuben- madl von meiner Schwägerin. — »O guten Abend, Herr Corpora!,« sag' ich, »Sie sind da?« — »Dobre noz!« sagt er. D rauf sag' ich: »Schau'n Sie, für Ihnen wüßt' ich auch was Bcsser's — lassen Sie's im Stich! was liegt denn d'ran, wann's ihr treulos wcr'n? Geb'ns zu unserer Flotten!- — Kummt dir Anerherunter von der Stiegen und schreit: »Ha, Elender! Sie verleiten die Soldaten zum Eintritt in fremde Flotten! Schon gut!« und geht fort. Halt' der die Köchin für ein' Dampfer und zagt mich an. 8 Zwölfte Scene. Mistelbach (tritt aus dem Hause und geht vis-L-vls zu einem anderen Fotographen). Auch nicht, also hier! Dreizehnte Scene. Vorige ohne Mistelbach. Anast. Und was is denn nachher mit derer Vorladung wegen beabsichtigter Zusammenrottung? Stampfl. Aha! ich weiß schon! Unlängst nach'm Kartenspiel'«, wie wir vom Gabesam weggeh'n, sag' ich zu a paar Herr'«: »Also heut'Abends beim »großen Zeisig* kommen wir zusammen — hören die Vorträge an — applaudiren rc. rc.« Ich sag' das — hör' ich schon hinter mir — »schon gut!« Vierzehnte Scene. Mistelbach (geht nach dem Hintergrund vorüber). Weiß auch nichts! Vielleicht da! (Ab.) Fünfzehnte Scene. Anast. Was iS Dir denn da wieder eing'fallen? Stampfl. Na, zum Nagl und Amon haben wir gehen wollen — Zusammenkommen wollen »beim Zeisig« — Vorträge anhören — na ja — Wahl treffen aus'n Speiszettel — applaudiren — Volkssänger — glaubt Dir der, ich arrangir' eine verbotene Wahlversammlung — ich bin der unglücklichste Mensch auf der Welt! Anast. Ich laß mir schon ein'n Jrrthum g'fallen, aber bei Dir geht ja das Jahr aus, Jahr ein im selben Ton. Für Dich brau- chen's ja ein eig'nes Bezirksgericht; Du bist ja mehr vorg'laden als wie im G'schäst? Stampfl. Leider! Siebenundsechzig Haupteide habe ich schon abgelegt und noch alleweil is ka Ruh'! Ein Mensch, der einen solchen Cylinder tragt, sollt' doch den Schutz der Behörden genießen! Aber nein! Wie ich nur hineintret' in's Amtszimmer, heißt's gleich: Sie sind schon wieder da? Als ob ich mir's verlanget? Die Leut' halten mich schon für ein'n Criminalbeamten, weil ich alleweil auf die Gäng' umsteh' und ich kann gar nichts dafür! Anast. Ah was! Ohne Grund kriegst Du keine Vorladungen. Mir scheint jetzt schon selber, Du bist a hamlicher Rebell! Stampfl. Ich ein Rebell! Ich, der jede Kanon' grüß! Schau, Anastasia, — es gibt gar keine Verfassung, die mir nicht recht is. Von mir aus könneu's bewilligen und zurücknchmen, was sie wollen, das ist mir torit IQZM6 eiross l Ob wir ein Ministerium haben oder fünfzehne, daS ist mir alleseins! .Wann ich nur Abends ruhig bei die »drei Raben« sitzen kann, das is für mich ein geordneter Staat! Anast. Schau die NachbarSleut' an! Wann Du net wärst, hätten die Gerichtsbeamten gar nichts zu thun! Stampfl. Drum sind's ja eben so zornig auf mich, weil ich sie stör' in der Amtlichen Function! Ana st. Ich werd' der G'schlcht a End' machen! Du gehst von heut' an inkein Wirthshaus, sondern nachtmalst zu Haus. Stampfl. Arrest durch Fasten verschärft. Auast. Damit nicht politisirt wird, kummt keine Zeitung in's Haus. Stampfl. Neueste Preßordnnng! Anast. Und Abends legen wir uns zeitlich nieder. Stampfl. Also auch Publicirung des Standrechtes! Aber mir is schon Alles recht — wann nur einmal ein Tag vorübergehr ohne gerichtlichen Anstand! (Beide ab in s Haus) Sechzehnte Scene. Mistelbach (aus einem Hause). Thttt mich der gewaltsam fotographiren, aber von die zehn Gulden weiß er auch nichts. Jetzt probier' ich eS hier! (Ab in's Haus) Siebzehnte Scene. Bar. K uff (ganz schwarz elegant gekleidet, tritt rasch auf, hinter ihm Lärm in der Scene, sieht sich scheu um). Man hat in der Wechselstube beim Umwechseln die Falsifikate erkannt, man setzt mir nach — weg mit diesem Vorrath (wirst ein Packet in das offene Fenster Stampfl s). wenigstens sollen sie nichts finden bei mir. Schnell fort durch die Seitengasse. (Ab.) Achtzehnte Scene. Mistelbach (kommt wieder). Auch nicht — ha — was ist das für ein Lärm! (Leute oller Stände stürzen aus den Coulisscn rechts vom Souffleur und rufen:) Hier muß er sein — ja — ja — hier muß er sein. Ein Buchhalter (der Danknoten in Händen hält). Ich Hab' ihm nicht in's Gesicht gesehen — ich weiß nur, daß Derjenige, welcher diese falschen Noten einwechseln wollte, schwarz gekleidet war. Mist. Wie? Falsch gekleideter Herr — schwarze Banknoten — erlauben Sie — wie war daS — (Man erzählt ihm leise die Sache.) Neunzehnte Scene. Vorige. Stampfl. Stampfl (aus seinem Haus, das Packet Banknoten überzählend). Das muß rein eine Kundschaft verloren haben — dreihundert- »ndzwanzig — Zehner macht dreitausend- zweihundert Gulden— die trag ich auf der Stell' auf die Polizei — ich Hab' eh' g'rad 9 ' wieder zu thun. Das wird einen guten Eindruck machen! Endlich wer'n sie einsehcn.daß sie mir immer Unrecht than haben. Mist, (hat Allen durch Zeichen Ruhe geboten — sich näher geschlichen, sein Staunen ausgedrückt, aus Stampfl gedeutet, winkt, daß man mit ihm Stampfl festnehmen soll. Tie Leute schleichen sich herbei, halten Stampfl plötzlich fest, in- deß Mistelbach ein Pistol zieht und sagt). Ergeben Sie sich! Jeder Widerstand ist vergebens! Stampfl. Ja— was wollen Sie denn von mir? Mist. Sie sind der berüchtigte Bank- notcnfälscher! Stampfl. Aber wann ich — ich sag' Ihnen — ich bin — aber nein — Das Packet is — Kruzitürken Element — (Wird abgeführt.) Zwanzigste Scene. (In diesem Augenblicke hört man von der entgegengesetzten Seite Lärm und von sechs Webern wird der ohnmächige Koller gebracht. Hinter' her eine Menge Volk aller Schichten. Darunter Resi, Tini, Thomas, Marie. Anast. (am Fenster). Was ist denn g'scheh'n? Da bringen's ein' Ohnmächtigen — jetzt Hab' ich schon glaubt — mein' Mann is schon wieder was passirt. (Man hat Koller niedergelassen und seinen entblößten Arm verbunden. Man schöpft Wasser und legt ihm kalte Tücher auf.) Resi. Mann! red', ich bitt' Dich, schlag' die Augen auf. Koller. Reserl! Resi. Gott sei Dank! der Wagen is bloß übcr'n Arm und net über die Brust 'gangen! Koller. Aber der Arm, Reserl — der Arm is 'brochen! — Der Vater von der Weberfamilie hat sein Letztes verloren, seine Kraft — waS wird jetzt werden aus Zwischenvorhang. 10 Zweite- Bild. Im Vorzimmer des Präsidenten. Personen: Der Präfident-1 Schrammel, ) ^ Hrdlitzka ! "^sdiener und Thurhuter Theodor. Seine Mutter. Eine Köchin Ein Lribjäger. Bittsteller und Parteien im Vorzimmer de- Präsidenten. Ort der Handlung: DaS Vorzimmer de- Präsidenten. Biernlgl, Registrator. Nasenhoch, Revident. Erster l Zweiter I Vierter (Ein prächtig ausgestatteter, mit großen Wandbildern geschmückter Vorsaal, welcher den zur Audienz gelassenen Personen als Wartsaal dient. Eine Mittel- und zwei Seitenthürrn. wovon jene link- vom Souffleur in da- Arbeitszimmer de- Präsidenten, jene rechts in andere Bureau'ö führt. Ring- an den Wänden rothgrpolstcrte Bänke zum Niedersetzen für die Parteien Als sich der Zwischenvorhang hebt, stehen die beiden AmtSdiener Schrammel und Hrdlitzka, zwei komische Gestalten, in tiefgebückter Stellung, weil der Präsident, ein noch rüstiger Mann, eben schnellen Schritte- durch die Mittelthür kömmt und grüßend in sein Bureau geht.) Einundzwanzigste Scene. Schrammel und Hrdlitzka (bleiben noch einige Zeit in gebückter Haltung). Hrdl. Zs e schon d'rin? Schr. Nur so fort in derer Dicken! Kummt der schon um halber neune in'S Amt! Hrdl. (auf Packkte deutend). Und da liegte noch ganze Stuß, was me hätten sollen tragen gestern zu ungarische Kize-Wanzler. Schr. Und die Ansichten von dem Mann. Gestern Hab' ich zug'hört, wie er zu die Beamten g'sagt hat, sie sollen höflich sein mit die Parteien! Hrdl. Hat e sagte? Schr. Nachher schreibt er an alle Aem- ter — aber net an die in der Näh' — nein, gestern Hab' ich unter die Weißgärber muffen. Hrdl. Ah! — da kann sich net halten — Schr. Die Beamten muffen jetzt liberal sein, sagt er — man muß mit der Zeit gehen, lauter so radikale Redensarten — das dort sein nir als neue Verordnungen. Hrdl. De laß me licg'n in Tag vierzehne, san e net mehr, kommen so wieder neuche. Schr. Alles, was einlauft, wird gleich erledigt; die ohne Orden daherkommen, wcr'n von ibm empfangen, als ob's weiß Gott was wären. Hrdl. Wird so dalkete Gelehrter sein oder wissenschaftliches Professor. Schr. Und so waS muß ein alter treuer Diener mit ansehen, der vierzig Jahre rnhig auf dem Play g'seffen ist. — Sonst — war man halt seine zwei Stund' im Amt. Hrdl. Dann iS me zu »Blumenstock!* auf Krügel Lager. I Schr. DaS geht Alles nicht mehr — II Hrdl. Da kann sich net halten! Schr. Sonst war halt a Präsident a alter Herr, der nir g'hört und g'seh'n hat, und alle halbe Jahr anmal in'S Amt 'kommen iS'. Hrdl. DaS iS e ordentliche Ercellcnz. Schr. Und wir hab'n g'macht, was wir woll'n haben. Hrdl. Haben me Alles lassen liegen und strh'n! Schr. Aber jetzt mischen sie sich ja in Alles hinein. A jeder Schmar'n wird untersucht. (Läutrn.) Da hast es — gewiß wieder a Gang. Hrdl. DaS iS nur möglich in Zeit jetziges, revolutionäres — rebellisches — konstitutionelles. Da kummt auf anmal brave Herr, reactionärische, gutgesinnte, dann geht« wieder Weg ordentliches früheres — gewöhnliche. (LLutrn.) Nutzte nir, da kann sich nicht halten. (Schrammel ab, Hrdlitzka staubt ab.) Zweiundwanzsgste Scene. Theodor und seine Mutter. Theodor. Der entsetzliche Anblick deS übrrführten ManneS hat Sie so ergriffen, daß Ihnen der Schreck in die Glieder gefahren ist; erholen Sie sich, ich werde suchen bald vorzukommen und begleite Sie dann selbst nach Hause. - Fr. Winter (»ie sich gesetzt hat). Ick bc- stnde mich schon besser. Der Jammer deS Unglücklichen, als seine Kinder berbeistürz- ten, bat mir die Thräncn in die Augen getrieben. Theodor. Wer weiß, ob die Verletzung von Bedeutung, übrigens, sobald meine Aufwartung vorüber ist, wollen wir uns nach dem Armen wieder erkundigen. Drekundzwanzlgste Scene. Vorige. Schrammel. Schr. (,u H^litzka). Ich soll mich erkundigen, was mit dem Weber geschehen iS, den sie da unt' niederg'führt haben. Ich geh' zum „Fasanl'" auf ein Pfiff Rötzer — und sag' nachher — ich Hab' nir erfahr'». (Ab.) Hrdl. (zirht einkn Streifen Papier hervor — sieht Theodor geringschätzend an und lieSt dann wieder auf seinem Streifen Papier). A — da is e junge Mensch, was kummte ein um Anstellung — Sie! hörn's me? Theodor. Sie wünschen? Hrdl. Da glaub' ich nicht, daß Sie wcr'n heut' kummen zu Ercellenz. Theodor. Nicht? Ich habe ja die Audienz bewilligt erhalten. Hrdl. (Zrcelleuz bat e bewilligt —aber ick Hab' e nicht bewilligt. Da iS e Herr Assessor Pschistak — waS is e verwandt mit Stiebelputzer von Hofrath Sterlizka, de muße vor. Da iS e Pracrikant Huber, was is c verwandt mit Stallmeister von Minister-Erccllcnz, der muße vor — da is e — Theodor. Ich habe leider keine Verwandten — Hrdl. IS e nachher schab' um Stempel! Theodor. Ich habe Niemanden, der für mich spricht, als meine Zeugnisse. Hrdl. Was is e Zeugniß — da brauch' ick bloß waS lernen, krieg' ich Zeugniß. — Aber ordentliche Bekanntschaft und Reco- mendazi — da iS e Hauptfach'. — Nachher iS e das Frack — respectirliche und Kravatel schwarzes statt weißes frischbe- gclte? Theodor. Wenn mir meine Verhältnisse erlauben würden, anders zu gehen, mein Lieber, dann würde ich auch anders erscheinen. Fr. Winter. So viel ich sehe, Theodor, schcinst Du überspannt in deinen Hoffnungen gewesen zu sein. Wenn deine Anstellung von Protection, — von einem neuen Frack und weißer Cravate abhängt, dann scheinen wir umsonst hieher gekommen zu sein. 12 Hrdl. Werd' ich gar nicht hineinlassen, Leut' bettelhastige. Wer ich sagen — san's me nicht kommen. Vierundzwanzigste Scene. Vorige. Eine hübsche Köchin (eben ans der Küche kommend, hinter ihr rin schwarzgekleideter Bittsteller mit einem Gesuch unter'm Arm). Köchin. Sie — Mußi Hrdlitzka — ich Hab' net lang Zeit — wisseu's — das is der junge Mann, wo ich Ihnen g'sagt Hab'. (Ab.) Hrdl. Weiß ich schon, Fraule — bitl' ich nur gleich hieher. (Stellt den Bittsteller nahe an die Präsidententhür.) Fünfundzwanzigste Scene. Ein Leibjäger, hinter ihm ein Bittsteller. Leibj. Herr Hrdlitzka! don jonr! also hier is mein Neveu — schaun's, daß er bald vorkommt. Hrdl. Da versteht sich, weiß ich schon Alles. (Begleitet den Zägcr unter Komplimenten zur Thür, dann stellt er den Bittsteller neben den andern.) Sechsundzwanzigste Scene. Registrator Birnigl. Vorige. Dirn. Kommen's nur, lieber Kernbeißer, — Hrdlitzka — dieser Herr kommt gleich vor. (Ab.) Hrdl. Guten Morgen nnterthänigstens. (Stellt den jungen Mann unter Verbeugungen zur Thür) (Während der nun folgenden Rede kommen noch Lakaien. Hcrrschaftskutscher, Stubenmädchen rc rc. Bittsteller, und es spinnt sich pantomimisch mit Hrdlitzka dieselbe Scene ab wie bisher, so daß der Kreis der Bittsteller auf 10 bis 12 Personen anwächst. Endlich erscheinen auch sehr gespreizte Herren in Schuhen — in Uniform, welche den betrübt dastehenden Theodor durch Nasenzwicker geringschätzend und achselzuckend betrachten. Das Vorzimmer hat sich mit Parteien nach und nach gefüllt.) (Schrammel, welcher wieder kam, und Hrdlitzka gehen herum.) Theodor. Jetzt, Mutter, glaube ich bald selbst, daß meine Uhr heute nicht für zwei Glückliche schlagen wird. Man schilderte den Präsidenten als einen Mann des Fortschrittes, als einen geraden, entschiedenen Charakter! Oder sollte er nicht wissen, daß sich in seinem Vorzimmer Creaturen zu Protcctoren aufwerfen? Frau Winter. Komm', erspare Dir die Beschämung eines abschlägigen Bescheides; es würde mich tief erniedrigen, wenn ich sehen müßte, daß Dir Menschen vorgezogen werden, welche ihr eigenes Talent als letzte Nebensache betrachten. Alle. Seine Ercellenz! Siebenundzwanzigste Scene. Der Präsident (tritt, den Hut in der Hand, mit einem Portseuille unter'm Arm, aus seinem Arbeitscabinet. Alle bücken sich fast zur Erde, nur Theodor neigt bescheiden, wie sich's gebührt, seinen Kopf). Präs. Sie entschuldigen, meine Herren, daß ich Sie heute nicht empfangen kann, aber ich bin plötzlich zum Minister abberufen. Revident Nasenhock. Ercellenz, ich bin der Revident Nasenhoch und benütze die Gelegenheit, um mein Gesuch um eine Beförderung — Präs. Ich bedaure Sie in Kenntniß setzen zu müssen, daß ich den Antrag auf Ihre Pensionirung mit halbem Gehalt eingebracht habe. Im Sommer sind Sie krank, im Winter ans der Jagd. Nun — ich will Ihnen Gelegenheit geben, Ihre Gesundheit im Sommer noch mehr pflegen und 13 im Winter noch mehr ans die Jagd gehen zu können. . Nas. Ich erlaube mir — Präs. Alles in der besten Ordnung — wenn ein anderer Beamter für Sie arbeiten muß, gut, dann soll er auch Ihren Gehalt beziehen. Nas. (im Abgehen). Noch nicht dagewesen ! Hrdl. Da kann sich nicht halten. Präs. Wer sind diese Herren hier? Schr. (leise). Alles proteqirt, Herr Präsident — von der Köchin Sr. Ercellenz — vom Leibjäger Sr. Durchlaucht — vom Stallmeister Sr. Hoheit — dort der junge Mann ist ein Cousin von der Fräul'n Gru- bofsky — die — (Geflüster.) Dort der Herr von Hausenbüchl ist der Bruder der Schwägerin vom G'schwisterkind der Frau Herzogin ihrer Ammei. Präs. Genug! (Zu Theodor hintretend ) Und Sie, der Sie so ganz abseits stehen — Sie haben Niemand, der für Sie spricht — Theodor. Ich habe meine Zeugnisse bereits eingereicht und erlaube mir hier ein Promemoria — Präs, (wirft einen Blick ln das Gesuch). Sie sind jener treffliche Student — Haben Sie noch nicht die Erledigung auf Ihr Gesuch? Theodor. Nein, Ercellenz! Präs, (zu Hrdliyka). Sind die gestrigen Acten also noch nicht erpedirt? Hrdl. Nein, liegte noch Alles da — wann me wulln austragen Alles, da hätt' me viel zu thun. Präs. So? Gut! Dann werde ich Diener anstellen, welche ihre Verpflichtungen augenblicklich erfüllen. (Schrammel hat das Decret für Theodor gebracht und demselben überreicht.) Warum haben Sie diesen Herrn nicht vorgelassen, den ich doch obenan auf die Liste setzte? Hrdl. Wann e aber sichte nir gleich, Ercellenz — Präs. Sie sind entlassen! Theodor (hat gelesen). Heiliger Gott! Mutter — kann ich meinen Augen trauen — ich bin zum Richter ernannt — (Will zu den Füßen des Präsidenten stürzen — Frau Winter will ihm die Hände küssen.) Ercellenz — ich bin nicht im Stande — jetzt mein Gefühl in Worte zu kleiden. — Nach Zähren der Entbehrung und der Sorge — heute dieses Glück! Zwei Glückliche danken hier zu Ihren Füßen! Präs. Halt! Stillgestanden — Fassung! Ein Richter muß ja sein Gefühl beherrschen können. — Wackere Frau — Sie sollen nicht umsonst Entbehrung ausgestan- den haben, als Sie Ihren Sohn studieren ließen. Sie haben sich ja für den Abend Ihres Lebens eine kräftige Stütze geschaffen! (Zu den Uebligen.) Sehen Sie, meine Herren, gute Zeugnisse, Talent, Wissen, Geist — sind heutzutage die besten Protektoren! (Grüßt nach allen Seiten — ab.) (Gruppe des Erstaunens — bei Theodor und Frau Winter des Glückes.) (Allgemeine Bücklinge.) Zwischenvorhang. 14 Drittes Bild. Zwölf Uhr. Personen: Der Präsident. Frau Winter. Theodor. Nesi. Tini. Volk. Ort der Handlung: Eine Straße. Thomas. Marie. Ein Portier. Erste Zweite Achtundzwanzigste Scene. (Oeffentliche Straße. Den Hintergrund bildet das Gebäude, in welchem das Bureau des Präsidenten. Unter dem Hausthor steht ein Portier, welcher die eintrelenden alten Herren sehr devot grüßt, aber allen jungen Leuten, die in's Haus treten, brutal den Rücken kehrt. Seitwärts links vom Souffleur eine Heiligenstatne mit einem rothen Lämpchen — daran ein Betschämel. Auf demselben knien) Nesi, Tini, Thomas und Marie. > (Als der Vorhang sich hebt.) Nesi (aufstehend, sich die Thränen trocknend). Amen! Die Kinder. Amen! Resi. So! Ich Hab' den lieben Gott beten, er soll mich nicht verlassen in derer schweren Stunde — und gewiß er wird mich stärken. Es is kan Schand' net — ich will ja net betteln aus Arbeitsscheu, na, g'wiß net — die Händ' will ich mir gern wund arbeiten für mein' armen Mann — für meine braven Kinder! Aber wo jetzt in der G'schwindigkeit Geld hernehmen auf Dvctor und Medicin — jetzt, wo das Letzte aus'n Haus is! Oder soll ich den Vätern in's Spital bringen lassen? Die Kinder. Na — Mutter, na! Resi. Net wahr, wir woll'n ihn zu Haus pflegen, und wenn wir uns auch den Bissen Brod vom Maul absparen müssen? Wir verlassen den Vater net. Hat er sin uns die Straßen 'kehrt, hat der Webermeister für Weib und Kind so a harte Arbeit verricht', so kann a die Masterin — (ihre Augen trocknend) a Mal 's Betteln probir'n. 's is ja nur für'n ersten Augenblick — dann wach' ich Tag und Nacht — die Tini hilft mir, nur heut' — nur heut' müssen wir gleich a Geld haben — 's gilt ja für'n armen, unglücklichen Vätern! (Pause.) Da is a nobles Haus — da g'engen reiche noble Leut' aus und ein — da will ich mein Glück probir'n. Ihr bleibt's derweil hier und bet's, damit Gott das Herz von Demjenigen erweicht, den ich anreden will. (Die Kinder knien zum Letsch emel und falten die Hände.) So! ich hör schon Schritt' — ich hör' lachen! — A junger Mann mit einer alten Frau, jetzt umarmt er's, dem iS was Freudig's passirt — an den wend' ich mich. Wann man just selber a Freud' erlebt hat — dann hat man auch a Mitleid mit'n fremdem Schmerz! Nennundzwanzigste Scene. Vorige. Theodor. Frau Winter. Portier. Ahan! ein frisch Ang'stellterli (Hält die Hand auf, da Theodor vorübergcht und nichts gibt, setzt er den herabgenommmeri Hut schnell wieder auf.) Bagasch! Theodor. Sehen Sie, Mutter! fünf Minuten auf zwölf — der Jahrestag des Unglücks hat heute Glück gebracht. Zwölf» hundert Gulden Gehalt, Mutter! Wie glücklich werden wir leben! Sie bekommen ein hübsches Zimmerchen, zwei Zimmer — die Federbetten, nach denen Sie immer geseufzt — die sollen Sie jetzt haben — auch den Teppich — und gleich wird eine Klafter Holz gekauft. O, Sie sollen jetzt nicht mehr Kälte ausstehen — Mütterchen, Ihren guten Mittagstisch sollen Sie haben, und Abends, wenn ich mein Bureau hinter mir habe — wollen wir so herzlich lachen und plaudern — als ob Sie niemals — Resi (kniet vor ihm nieder, nachdem sie längere Zeit mit sich gekämpft hat). Theodor. Mutter — sehen Sie doch— richtig — ja — sie ist cs — das Weib jenes armen Webers, der von der Equipage niedergeführt wurde — sprechen Sie — was ist Ihnen? Resi (hat seine Hand erfaßt und bricht in ein heftiges Schluchzen aus). Theodor. Gewiß ist sie in Noth — Sie bringt die Bitte nicht über die Lippen — sie bettelt heute zum ersten Mal! Ihr Mann krank — zu Hause — Sie wahrscheinlich entblößt von allen Mitteln — jetzt fühl' ich erst, wie bitter es ist, nicht helfen zu können. Aber halt — wenn ich auch kein Geld habe — wir haben ja noch das Vermächtnis! Macht die Uhr sammt Kette schnell aus dem Gilet los.) Kann ich's besser verwenden als zum Segen des Unglücks? Fr. Winter. Recht so — Theodor. Nehmen Sie mein Alles, liebe Frau. Verkaufen Sie diese Uhr und sorgen Sie für Ihren Gatten — erhalten Sie den Kindern den Ernährer. Mein Vater wird segnend herablicken auf mich, weil ich sein Vermächtniß gewiß nicht besser verwerthen kann. Resi. Unser Herrgott vergelt's! (Küßt ihm die Hand.) (In diesem Augenblicke ist eine Wache aus der boulisse links getreten und klopft Resi auf die Schulter.) Erste Wache. Weiß die Frau nicht, daß das Betteln auf der Straße verboten ist? Die Frau geht mit. Resi (und ihre hrrbcistürzcnden Kinder stoßen einen Schrei des Entsetzens aus). Heilige Maria! Erste Wache. Kommen's mit — Resi. Um Gottes willen— ich Hab' nicht g'wußt, daß das Betteln verboten is — ich hab's ja nur gethan für meinen kranken schwcrblessirten Mann. Erste Wache. Wir haben nnsern Befehl — also keine Umstände. (Will die Frau mitnehmen.) Theodor. Zurück! Lassen Sie das Weib — Erste Wache. Wir handeln nach Vorschrift — die Frau kriegt vielleicht bloß ein Verweis und kann dann gehen. Theodor. Zurück, sag' ich — zurück! Diese Frau wird nicht verhaftet — Erste Wache. Das will ich doch sehen. (Will näher, da faßt Theodor den Wachmann, drängt iyn zurück und entreißt ihm das Gewehr; in diesem Moment tritt der Präsident, der der Scene unterm Hauethor zugeschen, näher und spricht:) Präsident. Eingehalten! (Theodor läßt zerschmettert das Gewehr fallen.) So habe ich mich getäuscht? Sie wollen Andere richten und haben selbst keine Achtung vor dem Gesetz? (Indem er das Teeret, welches Frau Winkler in Händen hält, zerreißt) Verhaftet ihn und bringt ihn zu Gericht! Fr. Winter. Heiliger Gott! (Sie stürzt zu den Füßen Theodors, der mit aufgelöstem Haar entsetzt in die Knie gesunken ist. Rest kniet die Uhr an der Kette haltend. —Volk vollendet die Gruppe. Zn diesem Augenblicke schlägt die Uhr recht vernehmlich zwölf.) Theodor (ruft vernichtet). Zwölf Uhr! Gruppe. (Der Vorhang fällt.) 10 Zweiter Act. Erstes Bild. Im Gefangenhause. Baron Kuss. Frau Winter. Theodor. kin Gerichtsbeamter. Personen: Pani gl, Gefangenaufseher. Mistelbach. Stampfl. Anastasia. Wachposten. Arrestanten. Ort der Handlung: Korridor in einem Gefangenhaule. brstcs (Die Bühne stellt einen Grfängnißgang hör. Am Prospekte befindet sich eine Anzahl eiserner Thüren, vor welchen Schlösser. In den Thüren sind Gucklöcher. Rechts vom Souffleur eine gewöhnliche Thüre mit der Aufschrift: Kanzlei. Links ein Ausgang in einen anderen Korridor. Dorne rechts ein kleiner, Tisch sammt Stuhl für den Gefangen- aufseher Panigl, welcher eben bei den verschiedenen Thüren, von zwei Sträflingen, die Brotkörbe tragen, begleitet, die Runde macht und überall Brot hineinreicht ) Erste Scene. Panigl. Ein Gerichtsbeamter. Gcrichtsb. Haben die Arrestanten alle ihr Brot? Panigl. 8i 8i§nors — Mußi Stin- gelbergerl lutti — die ganze Quart — «ans prepnrntion! Gerichtsb. Fängt Er schon wieder mit seinen italienischen und französischen Brocken an? Red' Er entweder ordentlich deutsch, französisch oder italienisch — aber hör' Er mir endlich aus, Alles durcheinander zu werfen. Bild. Panigl. Lxouse — Herr Eontrclur — nir für ungut — nvee plarsir- — was Sie befehlen — eommanäate — iS mir ja ein piaeere! Aber man will den Leuten doch zeigen, daß man im letzten Kriege Orelrs Os bataille sich Sprachkenntnisse erworben bat — gatigkaelion! GerichtSb. Er ist unverbesserlich — daS sehe ich schon — bis ich einmal beim Präsidium die Anzeige mache. Panigl. O 8i§nore — 0!rr- rrrnselrs, — das gäbet ein Esels Olaelrtero — O lVIongienr — vorig pris — nur döS thu'nS mir net an, gaoro nom är Dir n, Kruzitürken übcranand! Gerichtsb. Laß Er den neuen Zuwachs herein. Panigl. 1^68 Kien — mongieur Oontrolls.n6o! (Geht zur Thür links und öffnet sie, eS kommen sechs Personen) Gerichtsb. (notirt im Büchlein). Welche sind daS? Panigl. Okretto ^eouninro —Krida! GcrichtSb. Auf Nr. 23. (Die Arrestanten werden hineingelassen) Gerichtsb. Jetzt kommen? (Neue Arrestanten treten ein.) 17 Panigl. ^rAvuto visnt« — amoiir äswi-monä, Arnseüvo nlrfalrremeirt, betrügerischer Concurs. Gerichtsb. Auf Nr. 24. (Werden wieder ia die Zelle Nr. 24 eingelassen.) Und jetzt — Panigl. Jetzt kommt die Ornoä an- sekwirite — R.nul»vrsi)Lnäo — (Eine große Anzahl eleganter Herren.) Gerichtsb. WaS heißt das auf deutsch — Panigl. Vergleichsverfahren! Gerichtsb. 25! (Werten abgesührt.) So! nun lassen Sie in GotteSnamen den Herrn Mistelbach herein. Wenn nnS dieser dumme Mensch nur nicht wieder unnöthige Schreibereien macht. Panigl. Vn Irene! Sebr Iron! er iS, waS man sagt, ein Koptio äi geknko! Zweite Scene. Vorige. Mistelbach (kommt unter vielen Verbeugungen herein). Gerichtsb. Nun, waS bringen Sie denn? — Aber waS ist denn daS — Sie sind ja geschwoll'n? Mist. Ja — daS iS von gestern. Ich Hab' wollen Einen, der in die große Donau gefallen ist — retten — weil man da 20 fl. kriegt. — Denken'S Ihnen. iS daS ein Schwimmmeister, der mich mitten im Wasser krnndel auSlacht. wie ich mir den Kopf an ein Joch von der Taborbrucken anhau! Gerichtsb. Also haben Sie ihn nicht gerettet? Mist. Nein, aber ich wär' bald ertrunken, wenn er mich nicht am Buckel genommen hätt'! O Du mein Gott, waS thut man nicht um 20 fl. Gerichtsb. Nun. und was bringen Sic jetzt? Mist. Sie wissen, Herr Dirccter - von dem Mord — in ScchShauS. Gerichtsb. Weiter — weiter! Nr. I S>. Mist. Ein dicker alter Herr wird geknebelt gefunden, die Adern durchgeschnitten, total ausgeraubt; ich habe den Thäter. Gerichtsb. Wie — Sie hätten? Mist. Ich habe den Thäter — heute behebe ich noch meine 2000 Gulden. Gerichtsb. Vielleicht wieder so wie damals, wo Sie nnS den Banknotenfälscher brachten. Mist. Ich behaupte noch, daß er eS ist. denn wer mordet, kann auch fälschen. Gestern sitzt jener Schneider mit seiner Fra« auf einer Bank vor seinem HanS. Ich schleiche mich in die Nähe und höre folgende abgebrochene Sätze: Also hat er nicht viel geschrien — Maul fest zug'halten — Hausknecht geknebelt — auf der Brust gekniet — Messer gewetzt — röcheln — die Hauptfach' iS — sagt er — daß heut' noch daS Blut anfg'waschen wird. — Die Kinder dürfen nir erfahren, denn die haben ihn zu gern g'habt. Jetzt kannst Du alle Tag' a Dratel machen u. s. w. — waS sagen Sie, Herr Direktor? Gerichtsb. DaS ist allerdings einigermaßen bedenklich. Mist. Ich Hab' gleich vier Mann rcqui- rirt, es war a fürchterliches Aufsehen in der ganzen Gaffen, aber wir haben ihn. Gerichtsb. Herein mit ihm! Dritte Scene. Vorige. Vier Mann Wache bringen Stampfl herein. Stampfl. Krenzdividomine. jetzt möcht ich amal wissen, waS eS schon wieder gib mit mir? Ich bin schon so rabiat — daß ich anmal wirklich waS anstell'! (Wache ab.) Gerichtsb. Sie werden wissen, warum Sie hier sind? Stampfl. Da wissen Sie mehr wie ich, wenn Sie wissen, daß i waS maß. Gericht-b. Benehmen Sie sich an- ständig. 2 18 Stampfl. Na, wenn ich kan Anstand Hab'. — Ich ke«nm' aus die Anständ' gar nicht heraus. Gerichtsb. Es handelt sich um jene blutige That, welche Sie gestern Morgens begangen haben. Stampfl. Wann's sonst nir is — Pani gl. Heiliger oorpo äi baooo — da leg'st dich nieder — von pas xossilrls — is das a Grafel! Gerichtsb. Sie gestehen ein, den tätlichen Stoß geführt zu haben — Stampfl. Ja — Gerichtsb. Sie knieten dabei auf seiner Brust — Stampfl. Ja. Gerichtsb. Verhinderten das Schreien? Stampfl. Hm — hm! Gerichtsb. Während der Hausknecht die Füße geknebelt hatte — Stampfl. Ja. Gerichtsb. Hat Ihre Frau auch Hand angelegt? Stampfl. Nein, die hat bloß den Boden ausgewaschen. Gerichtsb. Sie gestehen also ein, den Herrn Sebastian Kohlhofer gestern Früh mit Beihilfe Ihres Hausknechtes grausam ermordet zu haben? Stampfl. Ich? Gerichtsb. Nun — was denn? Stampfl. Den Kapauner Hab' ich ab- g'stochen, den ich schon den ganzen Sommer fütter'. (Komische Gruppe. Der Beamte sieht Mistelbach an, welcher ein dummes Gesicht macht, indeß Pa- vigl in ein Gebrüll des Gelächter- ausbricht ) Gerichtsb. (zu Mistelbach). Ja, sagen Sie mir nur, was wollen Sie denn eigentlich? Sie haben ja diesen Herrn jetzt schon eilfmal umsonst verhaftet! Stampfl. Eilsmal? Dreihundertmal! A anderer Verbrecher wird anmal eing'sperrt und in zwanzig Jabreu wieder auSlassen, der hat doch wenigstens a Ruh'. — Aber mich sperren's alle Tag' dreimal ein und lassen mich dreimal wieder aus. Entweder — oder o— wollen'-, daß ich dableib' — gut — so bleib' ich da! Aber dieses ewige Arretiren verbiet' ich mir! ich sag' es zum letzten Mal'. Ich, ein Mann, der bei allen Sammlungen was gibt, bald für Krieger-- bewabranstalten, bald für verstümmelte Säuglinge, ich, der ich Vivat schrei', wann nur die Hofspritzen vorbeifahrt, ich, der- ich ohne alle Ursach' ein Transparent Hab' machen lassen: »Unvergeßlich bleibt ewig dieser Tag!« Ich, der ich im 48gerjahre aus'» Keller gar nicht herausgangen bin — ein solcher Patriot leidet das nicht — weil das nicht konstitutionell is, sondern kon- stitutionull. Gerichtsb. Ja — ich sehe ein, es ist Ihnen Unrecht geschehen. Stampfl. Was Unrecht! Attentat auf'S Menschenrecht, Regierungsübergriffe, schleichende Reaction! Tyrannenbrut! GerichtSb. Ich werde Ihnen ein Zeug- niß geben, welches Ihre Unbescholtenheit bestätigt. (Geht ab.) Stampfl. Setzen's nur hinein — darf nie, unter keiner Bedingung verhaftet werden! Bei Todesstrafe! (Lauft ihm zur Thür nach.) Is das eine Gerechtigkeit? Mist. Herr Stampfl, ich bedanre sehr — wenn ich gestört habe — aber die Verhältnisse — Stampfl (wüthmd). Das Aufseh'n in der Gassen — ich bin kapabel und wirs Ihnen amal a haß' Biegeleiscn nach — aber der Kerl is'so schofel, daß er im Stand is, und rennt mit'n Biegeleisen davon. — Aber halt! Der arme Student is ja auch herin — da möcht' ich wenigstens bei der Gelegenheit a gut's Werk thun — und ihm an Zehner zukommen lassen, damit er sich besser verköstigen kann. Sie, Herr Aufseher! Panigl. Oowmsut? — Oomv ntn— was wollcn's denn, Sakerlot? Stampfl. Wissen Sie—francosardi- scher Himmelpfortgründler, eS is ein junger Mensch eingesperrt — wegen — wie heißt 19 den» dieses Verbrechen — wegen Bettel- weibischerarretirungswacheverhinderung! Panigl. Oapi 800 — ein Schwerako sondergleichen spitzbubamente. Stampfl. Da haben Sie fünf Gulden — die g'hör'n Ihnen — er war amal Hauslehrer bei meine Buben, lassen's ihm den Zehner da zukommen. Panigl. Was? Hs 8ui8 im Stand und vergiß mich! Eine Bestechung?!! Und nock dazn, wenn Jemand dabei steht — iwpo8- 8ib1s! (Zu Mistklbach.) Geben'sAcht—ver- standez vous — daß er nicht abfahrt — das ist ja ein kormsL 1a Irouslis — wie mir noch Keiner vorgekommen is. kardlsu! Millionkrnzitürken übereinand! (Ab in die Kanzlei.) Stampfl. Ja — was will denn der eigentlich? Mist. Sie haben sich eines Bestechungs- versuch's und der Verleitung zum Mißbrauch der Amtsgewalt schuldig gemacht, strafbar nach Paragraf — Stampfl. Was — ich soll schon wieder?— « Vierte Scene. Vorige. Gerichtsbeamter. Panigl. Gerichtsb. Führen Sie den Mann — bis der Herr Rath kommt — weil sonst kein Arrest frei ist—auf das Reserv-Wach- jimmer. Stampfl. Was für ein'n Mann? Panigl. Allons — Marsch — halb links — in die oamsra äi 8peooo! Stampfl. So wahr ich leb', ich geh' nnr über meine Leiche! Gerichtsb. Fügen Sie sich, meinHerr! Sie haben das Unangenehme nnr Ihren eigenen Handlungen zuzuschreiben — wir werden ja sehen, was der Herr Rath über diesen Fall für Ansichten hat. Stampfl. Ah, da muß ich bitten, für das — baß ich wem a Trinkgeld geben will, kttmitt ich noch in Arrest. Trotz Keller, Loyalität und Transparent?!! Panigl (hat die Thür 22 aufgesperrt). Wann's gefällig is — prsnsr vous plaos! isi il loolis inHumitoroi! Stampfl. Sie — Italiener vom Schanzl! Sie französischer Holzscheider, mich sollen Sie noch kennen lernen. (Treibt sich den Hut an.) Rache! Rache! (Ab in das Zimmer.) Gerichtsb. Sie, Herr Mistelbach, köu- ncn gleich in mcin^Burean kommen, um in dieser Sache Zeugenschaft abzulegen. Mist. Mit Vergnügen! A Zeug' kriegt 1 fl. IO kr. — da bin ich Zeug' für Alles — wann ich auch gar nicht dabei gewesen bin. ((Panigl in den allgemeinen Ausgang, Ge- richtsbeamter und Mistklbach iu die Kanzlei ab.) Fünfte Scene. Baron Kuff (durch den Eingang, später Stampfl am Guckloch, sobald Anastasia kommt). Kn ff. DaS wäre ja ein verteufelter Strich durch meine Rechnung! Mit der Ausgabe der Banknoten heißt es jetzt, wo man allenthalben so behutsam wird, doppelt vorsichtig sein, und da kömmt mir gerade jetzt, wo ich dieß gefährliche Geschäft aufgeben will, der alte Oberst mit seinen Dersöhnungsabsichtcn dazwischen. Nachdem ich, der ich mir jahrelang seine Launen gefallen ließ und mit dem alten Brummbär täglich sechs Stunden Schach spielte, alle Angehörigen zu entfernen wußte und als sein einziger Freund gelte, fühlt der alte Narr plötzlich Sehnsucht nachHem Sohne seines Bruders, und machte heimliche Schritte zu seiner Begnadigung? Wrnn der Bursche erst in's Haus kommt, schnappt er mir auch das Vermögen weg. So wahr ich lebe — daS darf nicht sein! 2 * 20 Sechste Scene. Vorige. Mistelbach. Mist, (will durchgehen). Nein —die Freud' von der alten Frau, wann ich ihr die Post bring'. Kuff (ihm den Weg vertretend). Vielleicht ein Beamter des Hauses? Mist. Nein — ich bin Diurnist bei der Straßenanschotterungsmaterialherbei« schaffungsconcnrsausschreibungs - Commissionsabtheilung Nr. 4. Kuss. O, eine einflußreiche Stelle! Mist, (geschmeichelt). Freilich! Wir sind, was die Abschlüsse mit die Mistbanern betrifft, ganz selbstständig. Kuss. Ich möcht' einen Arrestanten kennen lernen, einen gewissen Winter — vielleicht daß Ihre Bekanntschaft hier im Hause — Mist. D'rum lauf' ich ja eben. Zufolge Zahl 7966 des Obergerichtes ist, wie das Vicegericht unter Zahl 18924 und das Untergericht mit Zahl 36788 eröffnet, diesem Deliquenten der Rest der Strafzeit nachgesehen worden. Kuss (ärgerlich für sich). Also richtig! Mist. Und ich hol' g'rad seine Mama, damit sie bei der Freilassung dabei is. Kuss. Auch ich bin darum hier — Mist. Dann sind in derer Gassen auch wieder diese falschen Zehner — wissen Sie von diesem Lumpen, der nicht zum Erwischen ist — ausgegeben worden — da will ich auch gleich a bissel nachforschen — Kuff. So! so! Und haben Sie schon eine Spur des Fälschers? Mist. Ganz genau. Is ein dicker Herr mit blauen Augengläsern, blonde Haar — ein Stockböhm — wann ich ihn unter tausend Menschen siech, kenn' ick ihn heraus. Kuff. Da müssen Sie ja den Preis bekommen. Mist. Ich trag' ja schon die Quittung sechs Monat im Sack. Seh'n Sie — hier — nein, das sind die zweihundert Gulden für die Straßenanschotterer, die heut' auszahlt wer'n — halten's a bißl. Kuff. Mit Vergnügen. (Nimmt die z Banknoten und vertauscht sie schnell mit falschen.) ! Herrliche Gelegenheit, wieder eine Partie anzubringen. Mist, (sucht die Quittung und zeigt sie). Sehen Sie hier die Quittung — über zweitausend Gulden, welche ich für Empfang des Banknotenfälschers heute baar empfangen habe. Blasius Mistelbach — fehlt nur der Datum. Kuff. Und der Fälscher! Mist. Ja, natürlich! Also bleiben Sie nur da — so können Sie Ihren Freund erwarten. Apropos, wann Sie was hör'n von ein' blonden dicken Herrn mit blaue Augengläser — ich bin bei der Straßen- anschotterungs -Material-Herbeischaffungs- Concursausschreibungs-Commissionsabthei- lung Nr. 4. (Schnell ab.) Siebente Scene. Kuff (allein). Stampfl (erscheint am Guck« loch, dann) Anastasia. Kuff. Wie? wenn ich ihm als Freund, als Gönner entgegenkäme — als jener Gefühlsmensch, der den Onkel zu seinen Gunsten umstimmte? — Vortrefflich! — Eine hübsche Frau — vielleicht ein Abenteuer? Achte Scene. Vorige. Anastasia. Anast. Das is aber doch schrecklich, wo der Mann so lang bleibt — da muß ich mich doch selber erkundigen. Stampfl. Das is ja die Stimm' von mein Weib — ha, sie ist es — ich darf mich gar nicht seg'n lassen, sonst bin ich in der ganzen Gaffen blamirt. 21 Anast. (mit einem Knix). 3ch bitt', find Sie vielleicht auch ein Comprimirter? Kuff (lächelnd). Nein — ich bin bloß auf Besuch hier. Ana st. (für sich). Sehr ein interessanter Mann! (Laut ) Haben wahrscheinlich einen Freund hier? Kuff. Allerdings — ein politischer Verbrecher! Anast. A politischer? Muß net politisch g'weseu sein, sonst hätten's ihn net erwacht! Kuff (für sich). Eine ganz nette Erscheinung. (Laut ) Und Sie — schönes Fräulein — wen suchen Sie? Anast. Ich bitt', ich bin schon seit fünf Jahren Frau. Kuss. Um so besser. Stampfl (wüthrnd für sich). Ich wirf dem Kerl mein Suppenhäferl am Kopf. Anast. Ich such' hier mein' Mann — der heut' Früh herg'angen, aber nicht mehr z'Haus kommen is. Kuff. Ich erinnere mich einen Mann mit einer Dame fortgeh'n gesehen zu haben. Stampfl. O Du Lügenschübel! Kuff. Eine, wenn ich recht gesehen habe — recht kecke Erscheinung. Stampfl. IS das a Kerl! Anast. Was Sie sagen? Ja, ja — ich glaub's aber schon selber — daß er auf d'Madeln geht. Mir redt er immer vor, er hätt' Vorladungen, derweil halt er's mit der Demimonde. Stampfl (für sich). Wann ich mich nicht so genieret, ich machet ein Diech- spectakel. Ana st. So ein alter Dagcr hat's g'rad nothwendig. Kuss. Ich an Ihrer Stelle würde mich da revanchiren. Anast. Beinahe möcht' ich sagen — Kuff. Besonders wenn man im Besitze solcher Reize ist — Anast. Und im Grunde in Jahren is — Kuff. Wo man die alleinige Liebe eines Mannes in Anspruch nehmen kann — Anast. Daß ich beinahe berechtigt wäre — Kuff. Da auch der Gatte sich anderweitig Vergnügen sucht — Anast. Natürlich, wenn sich jemand Anständiger fände. Kuff. Wie z. B. wenn ich — Anast. (verschämt). Da wär's dann vielleicht mit der Zeit doch möglich — Stampfl (für sich). A da is mir zu dick — da steht eine invalide Trompeten — wart' a bißel! Kuff (will sie umfassen und küssen). O, welch' beglückende Worte Sie da anssprechen ! Stampfl (bläst recht stark in die Trompete. Beide fahren auseinander). Neunte Scene. Vorige. Panigl. Panigl. Was is denn das für eiu malsävtto Spectakcl, rsmagsuri gründe? (Schaut beim Guckloch des Stampfl hinein — jener bläst noch einmal stark und verschwindet.) Wer n Sie's Maul halten — mit der Trompeten, xardlsu übereinand'! Anast. (erholt sich von der Bestürzung). Bin ich erschrocken! Ich muß nach Hans aus einen Kamillenthee! — Na, wann mein Mann z'Haus kommt! (Ab.) Kuss (sie zum Ausgang führend). Beruhigen Sie fick, meine Beste, beruhigen Sie sich. (Anastasia ab.) Zehnte Scene. Vorige. Mistelbach (zerrt FrauWinter, die bedeutend abgehärmt ist, herein). Fr. Winter. Ist es aber auch gewiß — o, wenn Sie ein armes Mutterherz so grausam täuschen könnten, noch kann ich so viel Glück nicht fassen. Mist. Ich kann Ihnen officiell die 22 Freiheit ankündigen — so was war noch nicht da. Ihr Herr Schwager hat fick verwendet — und da is gestern der Bescheid gekommen. Fr. Winter. Wie — mein Schwager? — Er, der empört über die Gesinnung meines Gatten, sich seit jener Zeit von uns adgewendet — Kuss. Za, meine beste Fran — dieser Mann hat sich sür Ihren Sohn verwendet und seinen Verdiensten haben Sie es zu danken, daß Ihrem Sohne der Rest seiner Strafzeit nachgesehen wurde. Mist. Mit Nachsicht der Taren — Kuss. Man kommt — Fassung, liebe Frau. Sie werden binnen wenig Augenblicken JhrenSohn Wiedersehen. (Sie stützend.) Fassung — (Fürsich.) Da werde ich einer großen Rührscene beiwohnen können, um hinterdrein das Vermögen des alten Schweden zu verlieren. Eilfte Scene. Vorige. Gerichtsbeamtcr. Gerichts-. Sind Sie die Mutter des Theodor Winter? Fr. Winter (nickt bejahend). Gerichtsb. Dann gratulire ich Ihnen vom Herzen! Aufseher! Der Gefangene auf Nr. 26 ist frei! Panigl (öffnet die Thür). Nonsisur Winter — kommen's — da hier die lVIama Alaärs — die, Frau Mutter — gaim prv- paration alleweil fidel! Theodor (ist in der Thür erschienen). Mutter — Mutter! (Sie eilt ihm entgegen, einen Schrei der Freude ausstoßend. Umarmung.) Gerichts-. Sie können das Haus sogleich verlassen. Kuss. Kommen Sie zu Ihrem Oheim, dem Obersten, dem Sie Ihre Freiheit verdanken. Theodor. Wre? Mutter — er hätte? Dieser kalte, herzlose Mann? Vielleicht hat er sich nur darum für mich verwendet, damit er mich nun demüthigen kann. Kuss (für sich). Diese Stimmung kömmt mir sehr gelegen. Fr. Winter. Sprich nicht so, Theodor, mag er bisher ungerecht ',an uns gehandelt haben — dießmal haben wir ihm Alles zu danken. Kuss. Kommen Sie! Ich habe den Auftrag — Sie zu ihm zu geleiten. (Für sicb.) Vielleicht gelingt es mir, beide heute noch für immer auseinander zu bringen. (Kuff, Fr. Winter, Theodor, Mistetbach ab ) Zwölfte Scene. Panigl. Gerichtsbeamter, dann Stampfl. Panigl (gerührt). Oorpo äi ds .000 — ich Hab so plaLsment — daß ich mich in troi8 Minuten Hab' müssen eilfmal8olrn6n- LLments! Gerichtsb. Auch der Mann auf Nr. 22 wird auf freien Fuß gesetzt — nachdem der Herr Gemeindevorstand sich zu Gutste- hung für ihn herbeigelassen hat. (Ab.) Panigl (öffnet die Thür Nr. 22). 8iA- nors Stampfl! Stampfl (tritt schnell auf). Hab' ich vielleicht wen anpackt, daweil ich eingesperrt war — oder bin ich vielleicht unterdessen in Stuhlweißenburg eingebrochen? Panigl. Alles in der Ordnung — Sie können a 63,88, gehn — wann Sie wollen — 6081 Inn tutti — votre serviteur — — aäieu — s, rivs ckeroi — Psürt Ihnen Gott! (Ab.) Dreizehnte Scene. Stampfl (allein). Na g'freidich, Anastasia! Die soll mir noch einmal mit waS kommen, wann ich ein Anstand Hab'. Jetzt hört sich das Ausmachen auf! Jetzt Hab' ich das Heft in der Hand. Heißt daS, wenn 23 ich nicht wieder unterwegs arretirt werd', denn ich darf mich nur auf der Gasse sehen lassen — so haden's mich schon — und ich bin doch so gut gesinnt. Sie sollen lieber die z'sammpacken, die alleweil über unsere Zuständ' raisoniren. Denn die sind offenbar im Unrecht. Man darf sich nur a biß'l um- schau'n — da siechtma gleich, daß in unserem lieben Oesterreich alleweil noch besser is — als wo anders! Couplet. Schaun's her, es wird schon wiederum Bei uns jetzt rccrutirt — Mein Sohn, der hat zwar keine G'fahr, Weil er g'rad' 3us studirt, Doch muß man Red' und Auskunft geben — Muß auch zur Stellung hin — Mir geht die G'schicht schon bis daher, So raisonir'ns in Wien. In Pol'n aber heb'ns bei der Nacht Alle aus Und hol'n aus die Bett'n d'Studentcn heraus, Da wird net lang g'fragt und net lang affentirt, Weil bloß in der Finster zusammg'fan- gen wird Von Kosaken mit Lanzen — da sieht man doch g'wiß, Daß es bei uns noch besser ist. An Mörder, der am Hellen Tag Die Leut' zu Haus ersticht — Den krieg'n sie hier trotz Müh' und Plag' Und Preisausschreibung nicht. Ich weiß nicht, wie das möglich ist — In London und Berlin — Könnt' so was doch gar nie passir'n — So raisowk'ns in Wien. Macht Ancr in Frankreichs ernsthaftes Ge sicht- Gleich bringen's ihn vor ein Assisengericht— Gleich schrei'n die Constabler auf: pa- rol ä'tronnsur— Er will attsntatsn auf den empsrsur! Und ein'sperrt wird Alles — da sieht man doch gewiß, Daß es bei uns noch besser is. Ich Hab' gewiß schon viel gethan — Für unsere Industrie Und Hab' doch kan Belobung kriegt Und keinen Orden nie! Man weiß, daß ich seit Jahren schon — Industrieller bin — Und kan Medaille? hörn's mir auf, So raisonir'ns in Wien. In London thun's Die mit die Preis de- coriren — Die das, was an Anderer macht, hin erpediren, Der Master, der's g'macht hat, geht armselig um, Dcr'S ausstellt, rennt mit der Medaille herum. Der's verdient, kriegt dort gar nir — na,daS Ani is g'wiß — Daß es bei uns noch besser iS. Na, was jetzt die Tiroler trcib'n — Das iS schon aus der Weis, Das Judenfreffen iS und bleibt Halt ihre Lieblingsspeis — Es traut sich in das schöne Land Ein Jud' schon nimmer hin — Sie haben vor die Faust Respekt, So räsonirn's in Wien. DieWilden jedoch fressen d'Leut', wie bekannt. Ob Christ oder Jud, ob Protestant. Sie schmalzen sie ab, ob sie klan oder groß, Der Glauben, der iS ihnen ganz tont msws otross. Dö fressen bloß d'Juden, da sieht man do g'wiß — Daß in Tirol noch besser is. 24 Zweites Bild: Bekannte Gesichter. Personen: Koller, Weber. Resi, sein Weib. Tini, seine Tochter. Marie, ! kleinen Kinder- Thomas, j Stampfl. dölchl' / seine Freunde. Fröschl, j Hrdlitzka. Mistelbach, Diurnist. Straubinger, Webergeselle. Webergesellen, Dicnstmänner, Kellner, Gäste, Doll Ort der Handlung: Eine Wirthhauölocalität. (Wirthshausgartcn. Entsprechende Wirthshauseinrichtung. Festliche Deeorirung mit BallonS u. s. w., nachdem eine Feier stattfindet. In der Mitte eine große Tafel. Dorne rechts und links zwei Tische besteckt. An der Tafel Koller, der Weber, den rechten Arm in der Schlinge. An seiner Seite Rest, Tini und die zwei kleinen Kinder. Dann viele arme Weber mit ihren Weibern, alle ärmlich aussehend.) Vierzehnte Scene. (Man hört später die Tanzmusik von rückwärts Beim Aufziehen Tusch des Orchesters. Die Weber heben die Gläser und rufen wiederholt:) Vivat! Divat! Koller (der gleichfalls rin Glas hält). Und Ihr Kinder—Ihr sollt's auch leben! (Winkt Allen, sich zu setzen.) An mir aber, Lcuteln, habt'S Ihr den besten Beweis, daß der Mensch, und wann's ihm no so schlecht geht, doch nicht verzweifeln darf. Ich war brodlos wie öS! Ich Hab' die Straßen kehrt wie ös, ich, der eh'malige vermügliche Webermaster Koller -— ick war g'pfänd't, untcrstandslos — ich, a Bürger von Wien—Hab' müssen Tagwcrker wcr'n. — Mehr als das! A Wagen führt mich nieder und a Rad zerschmettert mein' Arm! Net wahr — das is ball, da sollt man dock glauben, es lebt kein Hinmielsvater da droben? — Aber er lebt! er lebt, Kinder — er waß akurat, wann'S g'nug iS — dann reicht er uns auf einmal seine himmlische Vatcrhand und richt' uns wieder auf. Resi. Mein Lebtag werd' ich die Stund net vergessen, wo ich Hab' müssen betteln für mein Mann! Der arme junge Mensch! Tini. Er ist so glücklich aus dem Haus herausgekommen. Koller. Seht's die Uhr da! (Zeigt dieselbe.) Er hat's meiner Familie g'schenkt, er hat sich ang'nommen um mein Weib. Die Uhr — sic war der Segen für unser Haus! Mein Weib hat's versetzt um fünfzig Gulden — das war fürs Erste genug. Wir waren vor Mangel geschützt, und seht's, während ich net Hab' als Tagwerker arbei» ten können, is mir das Modell zu dem neuen Webstuhl cing'fall'n, das der Fabrikant Werner nach London mitg'nommeu hat, und das von ein' Engländer um viertausend Gulden kaust wor'n is. Alle. Viertausend Gulden!— Hoch! hoch! Koller. Wir wollen aber das Noth- wendigste nicht vergessen: die Pflicht der 25 Dankbarkeit! Du flehst daher vor Allem in das Haus, vor dem Du die Uhr kriegt hast, und erkundigst Dich um das Schicksal von Dem, der Dir's g'schenkt hat. — Ihr Kinder geht's hinaus auf'n Tanzboden, macht's Euch einen vergnügten Abend auf meine Rechnung. Ich bin zufxieden, wenn ich bei meinen Cameraden wieder das ge» weckt Hab', was so Viele in unserem Vaterland verloren haben: das Selbstvertrauen! (Unter Hoch verlieren sich Alle in den Hintergründe.) Fünfzehnte Scene. Stampfl (schießt mit zwei Freunden herein). Pöschl und Fröschl. Stampfl. Wo ich war, Kinder, den ganzen Nachmittag? Beim Dings da, wo der Ding — will ich sagen, sie—dieDing — oder eigentlich er, der Ding — ja — (Wischt sich den Schweiß ab.) Ausgezeichnet! Pöschl. Ich Hab' glaubt — Du hast was auf der Polizei zu thun gehabt. Stampfl. Ich? Auf der Polizei? Ich Hab' mein Lebtag noch kein Anstand g'habt — Pöschl. Ich Hab' g'hört, daß sie Dich adg'holt hätten — Stampfl. Bestellungen! Ich hätt' den ganzen Tag im Criminal zu thun. Pöschl. Mit was? Stampfl. Mit'n anmessen lassen! (Werden indessen bedient und essen und trinken.) Sechzehnte Scene. Mistelbach(jst erschienen, hat sich Schreibzeug mitgenommen und sich an dem Tisch vis-L-vis von Stampfl niedergelassen). (Tie Weber kommen auS dem Hintergründe und grüßen ihn freundlich. Die Männer stellen Uch vor ihm auf, da sie ausbezahlt werden sollen.) chenlohn auszuzahlen und benütze, nachdem hier die Meisten versammelt sind — die Gelegenheit. (Sieht in ein Derzeichniß.) Johann Straubinger — (Dieser tritt vor.) Fünf Gulden sechsundzwanzig Kreuzer — so — hier die fünf Gulden sechsundzwanzig Kreuzer. (Der Betreffende entfernt sich mit dem Gelde. Mistelbach ruft in ähnlicher Weise:) Jacob Zeiner, Leopold Huber, Carl -Klammer re. re. (Dieselben entfernen sich, sowie der Erste mit dem Gelde.) Stampfl. Dießmal Hab' ich lauter Waffen kauft. (Mistelbach stutzt bei dem Worte Waffen und tritt, da die Weber ausbezahlt sind, horchend näher.) Stampfl. Die Gewehr' sind alle im Keller versteckt — nicht anmal meine Frau weiß davon. Mist. Ha! Stampfl. Vier Kanonen — damit sie zwei ArmeecorpS bilden können, Hab' ich eigends machen lassen — Mist, (für sich). Was hör' ich! Stampfl. Säbeln, Tschako's, Patrontaschen und was halt sonst zum Kriegführ'n g'hört. Pöschl. Da mußt nur schau'n, daß nichts aufkommt. Stampfl. Da wär' ja die ganze Freud' verdorb'n, so was muß verheimlicht werden — denn'wenn sie's anmal erwischen— Pöschl. Macht's keine Wirkung — Stampfl. Ich Hab' ihnen die Waffen schon lang versprochen, wann's Pulver verschossen is — kauf' ich a neues! (Mistelbach geht schleichend ab unter Zeichen des Entsetzen-.) Ich Hab' ja zu dem Zwecke eigens acht Schachteln Infanterie und drei Schachteln Cavallerie gekauft. Na, das wird a bißl a Spectakel geben! Siebzehnte Scene. Vorige, ohne Misteldach. Hrdlitzka (als Dirnstmann). Mist. Ich bin ermächtiget. Euch, weil Hrdl. (salutirt und stellt sich in eine Ecke), morgen Feiertag ist, schon heute den Wo- Da is e bissel Arbeit! Bald Kisten tragen 26 grttßmächtige, bald Scheibtruchen führen schwäre mit Kupfer unsinnige brate; heut' spazieren führen Hund bissige, Buldogg — Morgen Stiebel putzen und Hulz hacken Scheiter harte, Stuß ungeschwemmte! Da dank ich! Wie ich noch war ich Amtsdiener, was Hab' ich machte? Nir! dack! Hab' ich schrieb'» Quittung über Besuldung meini- ges, bin ich sessen im Schlafsessel und Hab' ich lesen »Wiener Zeitung« officielles! Stampfl (drr ihn beobachtet). DaS is ja — freilich — san Sie's oder san Sie's net — Mußt Hrdlitzka! Hrdl. A Pane Strampfl! — Freilich bin ich Hrdlitzka — Stampfl. Wissen's noch — wie ich für'n Hofrath Zwazenberger den neuen Kaput bracht Hab'? Hrdl. San me alle pensionirt. — Aber was is Profit für Regierung? Früher war me Gutg'sinnte — jetzt san me alle radikale, umstnrzische, föderalistische — da werd' ich sein Loyales, wann ich Hab' ich nir davon? — Wann ich muß ich schwitzen, a da bin ich Vulk! Stampfl. Ja, mir scheint gar — Sie sein auf einmal ein Demokrat wor'n. Hrdl. Wann ich komm' ich auf Bureau jetzt und sitzte da alte Kanzleidieuer, grobe, schläfrige, da gibte Krawall — da wirkte schrien: »Is e das neuche Zeit? Is e das Reform, spruchene?« Stampfl. Warum giften's Ihnen denn? Hrdl. Weil ich bin früher selber sessen so ruhig und muß ich jetzt tragen Kisten grüße und Kupfer auf Staatsbahn südliche — Weg weitmächtige. Wann ich Hab' ich früher brachte Decret so klane, Hab' ich kriegt zwa Gulden — wenn ich jetzt bring' ich Kupfer solche, krieg' ich Zehnerzcttel elendige! Zo? Da soll man nicht sein aufgereizte — mißliebige, compromittirte? (Geht wüthend auf und ab.) Achtzehnte Scene. Vorige. Der Weber Straubinger (stürzt, nachdem sich bereits rückwärts ein Lärm erhoben hatte, nach vorne, die andern Weber nach). Straub. Is er fort? — da muß er ja ein? (Sieht sich unter den Gästen am Tisch Stampfl's um.) Na — da is er net — Stampfl. Wer denn? Straub. Der Herr Mistelbach hat uns mit lauter falsche Banknoten anszahlt — Stampfl. Was? Ha! Endlich kann ich den Behörden beweisen, daß ich jederzeit bereit bin, ihnen gefällig zu sein. Still, er kömmt. Neunzehnte Scene. Vorige. Mistelbach (ganz umgeben von Dienstmännern). Mistelb. Hieher! hier sind noch Alle! Meine Herrn! — Sie haben das Ge- ständniß des Herrn Stampfl gehört, daß er in sein'm Keller Gewehre und Kanonen verborgen hat. Stampfl. Freili, für meine Kinder zum Christkindl! Mist. Was? Und ich hätt' ä oonto des Preises schon zweiunddreißig Gulden auf Dieustmänner ausgebcn? Stampfl. Dafür Hab' ich den Banknotenfälscher erwischt. Mist. Was — Sie? Stampfl. Ja—und ich schenke die Prämie von zweitausend Gulden der Dicnst- mannschaft. Hrdlitz. Ah da i e Volksmann — da gibt' ich Stimm' meinigeS, wann is eWahl. Stampfl (zu Mistrlbach). Haben Sie die Arbeiter hier auSzahlt? Mist. Ja! Stampfl (zu den Arbeitern). Jsi ^ dieser Herr? 27 Die Arbeiter. Za! Stampfl. Also sind Sie der Bank- nvtenfälscherü Mist. Was — ich? Stampfl. Wer denn? Sie wollen ewig andere Verbrecher entdecken und sind selber Einer! Mist. Aber, erlauben Sie mir — Stampf. Seg'n Sie, da Hab' ich mehr Scharfblick! Sie sind entlarvt. Marsch mit ihm auf's Gericht! (Alle Dienstmännrr packen ihn und tragen oder (ihren Miftelbach fort, während er die Hände ringt.) Stampfl (glücklich). Wem verdankt man die Ergreifung? mir? Ich krieg' einen Orden — vielleicht zwei — drei — ich werd' vielleicht Ehrenmitglied von einer Strafanstalt — oder so was, und die Regierung wird endlich cinsehen, wie ich seit Jahren gekränkt worden bin. (Ab) Zwanzigste Scene. (Die Scene ist leer.) Koller (nachdenlend auS dem Hintergründe). Verhaftet! Abgeurtheilt! Abgestrast — der Mann, dem ich mein Glück verdank. Und das erfahr' ich heut', a halb's Jahr darnach? Wir haben uns net umg'schaut um den Mann, der uns sein Alles geopfert hat. Das is die Folg', weil ich zu selten auf die Repetiruhr g'schaut Hab'. Mir kummt's vor, als wann Einem jeder Schlag erinnern wollt: thu' deine Schuldigkeit, bcvor's zu spät is. Couplet. So oft als meine Uhr dahier Die Stunden repctirt — Denk' ich, daß sie ob früh ob spat Mein' letzte schlagen wird. D'rum möcht' i, daß a jeder Mensch Das Schlagen recht versteht — Das Schlag'n—das ihm so deutlich sagt, Wie schnell ihm die Zeit vergeht. — (Die Uhr schlägt.) Der Schlag sagt uns: seid's g'scheidt, be< nützet eure Zeit, Verschiebt's daS Gute nie zu lang,, weil ihr nie selber wißt — Wann eure eig ne Lebensuhr schon abgc- laufen ist. Weil die Finanznoth gar so groß, D'rum heißt es auch, daß man Bis jetzt für die Beamtenwelt Halt noch nichts wirken kann! Wan Aner vier—fünf— Kinder hat — Dem geht eS freilich schlecht, Wann er, der seine Pflicht erfüllt — Am End' doch leben möcht' — Der Schlag sagt ihm Punkt Neun — G'schwind in's Amt hinein. — Doch hört er nur die Thurmuhr schlagen— denn d ö kennt er net mehr — Wo nehmet a Beamter denn a Repetiruhr her? Mit einem Hunderter im Sack Begibt ein Lieferant Sich in's Bureau und druckt ihn dort Ein'm Herrn g'schwind in die Hand'; Ich möcht' so gern die Lieferung hab'n, So sagt er d rauf zu ihm — Ich lief're auch für's Magistrat — O geb'ns mir Ihre Stimm', Der Schlag sagt: Z'ruck mit'n Geld, Die Annahm' wäre g'fehlt. — ES zündet sonst der Teufel einst für Dich, Du schlechter Mann, Mit diese hundert Gulden den Stoß, um Dich zu braten, an. Wegen einem säubern Maderl hab'n Zwa Freunde sich entzweit, So daß an Jeden von die Zwa — Sein Leben nimmer g'freut! Sie fordern sich, 's wird duellirt, Und Aner bleibt am Platz — Der überbleibt — der triumphirt, Er hat allein den Schatz — Der Schlag, der ruft ihm zu — Wo findest Du a Ruh? 28 Das theure Wesen wird Dir einst vielleicht zu theucr sein — Du kaufst ja um ein Menschenleb'n bloß leichte Waare ein. Es steigt sehr oft im Vaterland Ein Ungewitter auf — Viel Unglück und viel Ungemach Bringt uns der Zeitcnlanf. Es herrscht mitunter Finsterniß, Der Fortschritt er steht still, Verzweifelnd sieht man, daß eS oft Fast gar nicht vorwärts will. Der Schlag spricht — nicht verzag'n — 's wird wieder Freiheit schlag'n. Es kam — wenn auch der März umwölkt und nicht zu heiter war, Nach düsteren Octobertag'n — ein lichter Februar. Zs eine Uhr zu reparir'n, So schickt man's weit herum. Es baselt mancher Master dann A drei — vier Monat um, 's GehäuS wär' gut, doch innerlich Zs Alles voller Rost, A Jeder waß, daß's Reparir'n Oft mehr als's neuche kost. Es sagt dieß Repetircn: Hört's auf mit'n Reparir'n — Die StaatSuhr, wenn's verrostet is — a neuchcs Werk hinein. Auch dürfen d'Federn, soll eS geh'n — nit viel gehindert sein. Drittes Bild. (Salon beim pensionirten Oberst Winter mit einer Mittel- und einer Seitenthür. Auf der einen Seite befindet sich vis-L-vis der Seitenthür rin plastischer Ofen, vor welchem ein eleganter Ofenschirm. An den Wänden Porträts — Waffen — Etagöre mit Rauchrequisiten, kurz, die ganze Einrichtung ist die eines alten reichen Garyons) Kuss (allein an der Seitenthür lauschend). Er schreibt! — (Tritt in die Mitte deS Zimmers.) Wer nur auf einmal die Erinnerung an dieses Bettelvolk in ihm wachgerufen haben mag? — Gewiß die neue Köchin! Die alberne Person war im selben Hause bedienstet, wo die alte Frau logirtc und da hat sie so lange bei dem Alten angeklopft, bis er mürbe wurde. Am Ende schreibt er gar an einem neuen Testamente? Einundzwanzkgste Scene. Voriger. Mali. Mali (ruft in dir Salonthür zurück). Küß' die Händ', gnädiger Herr! (Zählt Geld.) Eins — zwei — drei — vier — fünfhundert Gulden. Wenn das der Mistelbach erfahrt, trifft'n vor Freuden der Schlag'! Jetzt wird fest g'spart — bis man a G'schäftl anfangen kann, dann wird g'hei- rat't! JegeS, der Herr Baron! Kuff (mißgestimmt). Nun, was ist Sie denn gar so vergnügt? Hat ihr der Oberst vielleicht einen Kuß gegeben? Mali. Der Herr Oberst is ka Schnittling auf alle Suppen, wie andere Leut'. Na — aber a gut's Werk hat er than. Weil ich ihm alle Tag' erzählt Hab' von seiner alten Schwägerin und net nachgelassen Hab', bis der alte Herr nach und nach eing'sehen hat, daß er doch a bißl bockbanig war — d'rum hat er mich heut' hineing'ruft und hat g'sagt — (Thut, °rl ob sie sich den Schnurbart streichen wollte) Sst ^ ist im Grunde ein braves Mädel — sie -s" har ein gutes Herz — hehehe! ja, ja. ja, >und meint es wenigstens ehrlich mit ihrem 29 Alten — Kreuzschockdonnerwetter mein rechtes Bein! — Sag' ich d'rauf — Was befehlen Sie denn, Euer Gnaden! — Da geh' Sie her und bleib Sie stehen — Sie — (thut als ob sie auS riner Pfeife rauchen würde.) Habe gehört — sagt er, daß Sie eine kleine Amourschast hat mit einem Hungerleider — er sagt nicht anders von die klein'Beamten — (Wieder-im Ton des Oberst.) Will Ihr zeigen, daß der alte Brummbär nicht so ohne ist, auch ein bischen Herz besitzt, nicht bloß so hinauswettert in die Welt! (In ihrem Tone.) Ich bitt, Euer Gnaden, sag ich— (im Oberstenton.) Still, sagt er, Millionkreuzdonncrwetter! Geh' Sie her, hiehcr— So halte Sie die Schürze auf — eins — zwei — drei — vier — fünfhundert Gulden — da hat Sie als Beitrag zur Aussteuer, weil Sie aus mir den Eigensinn herausgeschwatzt hat. — Wetterhere — na — na — geh' Sie nur— ^11on8, wird's? Marsch! (In ihrem Tone.) Js das net a braver, gold'ner gnädiger Herr? Kuff. So — so — Sie hat also dem alten Herrn so lange zugesetzt — bis — Mali. Bis er cingsegn hat, daß erDer- pflichtungen gegen seinen Neffen hat. Sein Bruder hat verfehlte politische Ansichten g'habt — gut — was geht denn das — das Bruderherz an? Was geht denn die Politik die Familie an?— Ich Hab' g'sagt — Herr Oberst — schaun's, Sie möchten selber Ihren Neffen sehen, aber Sie san halt zu dickkopfet, da hätten Sie ihn aber sehen sollen—ich Hab' g'laubt, er frißt mich! Schaun's, Hab' i g'sagt— Sic san a alter Herr — thät's Ihnen net wohl, wann's rin Kreis von Menschen um sich hätten, die'S herzlich mit Ihnen meinen, die Ihnen lieben, so lange Sie leben und die für Ihnen beten, wann's amal begraben sein? — Sie denken g'wiß no an die Kinderjahr, wo's g'spiclt haben mit Ihrem Brüdern, net wahr? Da hat er's so g'macht — (nickt mit dem Kopse) und aThränen isüber'n grauen Schnurbatt kugelt. — Damals waren Sie glücklich mit Ihrem Bruder, weil's nir g'wußt hab'n von derer verflixten Politik! Kuff. Und was sagte er da? Mali. Er is für sein Neffen um Begnadigung einkommen, und wartet jetzt auf ihn und auf seine Mutter. Kuff. Sie werden gleich hier sein—er ging nur nach Hause — sich in Galla zu versetzen — nun — die Sippschaft wird wohl hier ihren Einzug halten, und sich ansäßig machen; das ist dann ihr Werk — wenn sie doppelt so viel arbeiten muß. Mali. An der Arbeit liegt mir nir, ich war wenigstens a treue Dienerin meiner Herrschaft— und Hab' vielleicht — a bissel mehrthan, als man von ein' zahlten Dienstboten verlangen kann. Die Leut auSeinand- bringen, dieFamilien entzweien— erbschleichen, und an alten Herrn an der Nasen herumführen, das können die sogenannten guten Freund', ich bin nix als ein ordinärer, gewöhnlicherDicnstbot'. dem alle 14 Tag'gekündigt wer'n kann— aber ich kann das net. Ich glaub' aber, heutzutag' wär's wirklich besser, man haltet stch's ganze Leben an treuen Dienstboten und jaget seine sogenannten guten Freund' alle 14 Tag' auf und davon. (Ab durch di« Mitte.) Zweiundzwanzigfle Scene. Kuff (allein, daun der Oberst). Kuff. Das geht ja süperb! Da werde ich am Ende wieder zu meinem alten Handwerk greifen können. Da kömmt er. Oberst («in grauer Kopf mit großem Schnurr» bart, in Livilkleiduug, eine Art Jagdrock au, große Tabakspfeife). Servus, Baron! Kuff. Guten Morgen, lieber Freund. — Dein Neffe wird sogleich hier sein — es scheint ein ganz anständiger jungerMann zu sein. Oberst. Anständig? Und raust am helllichten Tage mit der Wache? Kein Gesetz achten, ja, daS ist die Parole dieser jungen 30 "Leute — mit dem Kopf die Wand einrennen — Alles muß gehen, wie sic wollen. Kuff. Jedenfalls wird es gut sein, den jungen Mann zu prüfen. Oberst. Versteht sich! Soll mir nur kommen! Ich werde ihm sagen : Verfluchter Bursche! Wie kannst Du Dich unterstehen? Kuff. Nein, Freund, daS mußt Du anders machen.— Am besten thust Du, wenn Du über seinen Vater, deinen Bruder, los- girsckt. Oberst (stutzt). So? Kuff. Ist ihm bloß um dein Geld zu thun, so läßt er sich'S gefallen — hat er Ehre im Leibe, so fordert er Dich! Oberst. Sehr gut! Ausgezeichnet! Kuff. Und verzichtet auf dein Vermögen! Oberst. Wenn er mich aber auf Säbel oder Pistolen fordert, wenn der Kerl Courage und Ehre im Leibe hat — dann fall' ich dem Jungen um den Hals. (Aergerlich.) Dummheiten! Kuff (zum Fenster hinaussehend). Da kommen sie — da siehst Du sie kommen! — Oberst. Bin nicht neugierig! Seh' sie noch zeitlich genug! Geh' einstweilen in mein Zimmer! (Geht mit einem Umweg am Fenster vorbei in sein Zimmer, um hinauSsehe» zu können.) Dreiundzwanzigste Scene. Kuff (allein, dann) Mali. Kuff. Herrlich eingeleitet, jetzt nur noch gut in die Scene gesetzt! (Besteht die Pistolen) Der junge Mensch, der mit der Wache aufbegehrt, wird die Ehre seines Vaters nicht antasten lassen.— Wer weiß, was geschieht. — Doch diese Pistolen sind nur bestimmt, die Vögel von den Trauben im Garten wegzuschrecken. — (Oeffnet die Lade.) Sie sind bloß blind geladen— da heißt's nach< helfen. Vielleicht schießt er den alten Eisenfresser ohne weiters nieder und wandert wieder iu's Gefängniß. Dann habe ich mir diesen jungen Herrn für immer vom Halse geschasst. (Mali erscheint an der Mittelthür und steht mit Bcsremden, waS Kuff beginnt.)! Uebcrall eine Kugel hinein, vielleicht bleibt! so das alte Testament in Wirksamkeit. Mali. WaS treibt er denn? Er nimmt a Kugel — er ladet scharf — Himmel — was hat er denn vor? Kuff (hört ihre Schritte, legt die Pistolen schnell weg). Sie hier? Ist der Neffe angelangt? Mali. Ja, Herr Baron, ich meld' es g'rad dem Herrn Obersten. (Ab zu ihm.) Kuff. Ich will diese Familienscene nicht durch meine Gegenwart stören! (Wenn Mali ab ist.) So! jetzt hierher! um den lieben Neffen nötigenfalls gleich wieder der Gerechtigkeit überliefern zu können. (Tritt hinter den Ofenschirm.) Vterundzwanzigste Scene. Oberst. Mali. Mali (für sich). Er ist fort — die Pistolen liegen dort — vielleicht hat er auf Raben schießen wollen. (Laut.) Die alte Frau Hab' ich derweil in s grüne Zimmer g'führt — es könnt' halt do a bißl Debatten geben, net wahr? (Ab.) Fünfundzwanztgste Scene. Oberst (allein). Dann Theodor. Oberst (auf'r Herz deutend). Ewige Klopfern da drin — als ob was los wäre. Hört nicht auf! Werde mir doch keine Gemütsbewegung vormachen wollen? (Sieht sich scheu um.) Ja so, ist Niemand da. (Ruft glücklich auf.) Freu' mich wie ein Kind, den Burschen zu sehen,—soll meinem Bruder aus dem Gesichte geschnitten sein. (Reibt sich die Hände.) Aber nur nichts merken lassen: Pst! Pst! Still. 31 Theodor (tritt ,in). Oberst (hat augenblicklich eine ernste Miene angenommen). Was gibt's? Theodor. Herr Oberst, ich bin der Sohn Ihres Bruders — August — derselbe, der Ihnen seine Freiheit verdankt. Oberst (der ihn gar nicht ansikht). Um wieder neue Streiche begehen zu können. Wachen niedcrschagen—Gesetze beleidigen, kein Gehorsam — Theodor. Es war dieß der einzige Fehltritt, den ich in meinem Leben beging. Oberst. Ja — nichts lernen! aber überall dareinred»n wollen. Sprudelköpfe und nichts drin—das große Wort führen, ja— aber gar nichts selber machen können. Maulhelden! Theodor. Ich erlaube mir zu bemerken, Herr Oberst — Oberst. Ah — was ist da zu bemerken! Gehorsam, daS ist das Erste bei der Jugend! Gehorsam! auS! Punctum! (Für sich.) Sehr bescheidener Mensch. (Laut.) Aber da nimmt sich das gleich Frechheiten heraus. (Für sich.) Wirklich sehr anständig — (Laut.) Unanständigkeiten! (Für sich.) Spricht wenig, gutes Zeichen. (Laut.) Lauter unnöthigeS Geschrei! Theodor. Wenn ich mich damals nicht hätte Hinreißen lassen, — Oberst. Ausreden— leere Ausreden! Gewöhnlicher Diseurs aller Leute, die aus dem Strafhause kommen — Theodor. Herr Oberst — Oberst. G'radeso wie sein Vater — war auch nicht viel werth — auch ein Schreier gewesen und blind in das Verderben gelaufen, auch zu den Schwindlern gehalten. Theodor. Herr! Oberst. Hat auck geglaubt, er hat die Weisheit mit Löffeln gefressen und war nichts als rin Maulmacher. Da wird dann so lange geschrien, bis die Leute Verbrecher werden. Theodor. Genug! halten Sie ein! Oberst (für sich). Dieser Blick! ein sehr honetter Mensch. (Laut.) Bis die Familie ruinirt, Hab' und Gut und Ehre undAÜeS beim Teufel ist — Verstanden? Theodor. Herr Oberst, ich habe Sie ausreden lassen — aber nun, wo Sie mit Ihren Schmähungen zu Ende sind, nun hören Sie auch, daß ich bedauere, einen solchen Fürsprecher gehabt zu haben. Sie können die Schritte meines Vaters mißbilligen — ja — aber weiß Gott, Sie dürfen sich nicht vergreifen an seinem Rufe - an seiner Ehre! Oberst (für sich). Ein sehr lieberMensch. Theodor. Und wer der Ehre meines Vaters, der im Grabe ruht, nahezutreten wagt, der hat eS mit mir zu thun. Oberst (für sich). Ich möchte dem Jungen um den Hais fallen. Theodor. Und wenn Sie nur einen Funken Ehrgefühl im Leibe haben, werden Sie mir Genugthuung geben. Oberst. Freilich, Junge! Freilich! (Lacht ungehruer.) Hier sind ja die Pistolen — (Tür sich.) Zum Dogelschrecken! (Beide nehme» Pistolru.) Theodor. Schießen Sie — Sie haben den ersten Schuß — Kuff (sieht hervor). Das geht ja vortrefflich! Oberst. Also Positur — eins — zwei — hahahaha! an mein Herz, Bursche! hierher! weg mit der Pistole — hier ist drin Platz — für daS ganze Leben! Theodor. Wie soll ich daS deuten? Oberst. Gut bestanden — ausgezeichnet, bist ein braver Sohn! (Umarmt ihn.) Hast Dich wacker angenommen um deinen Vater! Theodor. Wie — Herr Oberst — Sie scherzten? Sie prüften mich — Sie ehren das Andenken meines Vaters? Oberst. Hab s ja oft genug bereut — daß ich Euch so lange im Stiche ljeß — war mehr gestraft als Ihr — Hab' mich aber genirt, es wem zu sagen, alter Dickkopf! aber jetzt — Theodor. Oheim! welch' ein gefährliches Spiel haben Sie getrieben? Be- 32 denken Sie, wenn Sie mich nicht getroffen hätten — und mein Schuß — heiliger Gott! Oberst. Junge, siehst Du denn nicht — sind ja bloß blind geladen! (Schießt gegen den Schirm Man hört einen Schrei — und Knff wankt hervor, um zusammenzustürzen.) Kuff. Verflucht! (Bricht zusammen.) Theodor. Himmel! was ist das? Oberst (dem die Pistole entfällt, fährt sich mit der Hand in's Haar und wankt zu einem Stuhl.) Ein — ein — Erschossener! Theodor. O Onkel! erholen Sie sich — wie die Hand des Ehrenmannes zittert — nein — Onkel — fürchten Sie nichts für die Ehre Ihres Hauses — Sie sollen geachtet bleiben. Mir, dem entlassenen Sträfling, muthet man das eher zu — — Sie werden meine arme Mutter schützen — und ich — ich rette Ihre Ehre! Sechsundzwanzigste Scene. Mali. Frau Winter. Bediente (stürzen herein). Alle. Was ist denn geschehen? Mali. Der Herr Baron! — Theodor. Und ich — ich bin sein Mörder! (Frau Winter stürzt jihm zu Füßen mit einem Schrei des Entsetzens.) Gruppe. (Der Vorhang fällt,) Dritter Lct. Erstes Bild. Wachstubenabenteuer. Personen: Mistelbach. Stampfl. Ein GerichtSbeamter. Panigl. Debardeurs. Arrestanten. Wachen. Ort der Handlung: Ein Wach- und Znspectionszimmer, wobei ein einsamer Arrest. Oberst Winter. Theodor, sein Neffe. Tini. Mali, Köchin beim Obersten (Getheiltes Theater.) Links vom Souffleur. (Ein Wachzimmer mit Mittelthüre, welches dazu bestimmt scheint, die den Tag über aufgegriffenen verdächtige« Personen aufzunehmen. Dorne fitzt auf einem Stuhle ungemein trübselig Mi- stell» ach. Auf einer Dank neben ihm ein Laib Brot und ein Krug Wasser.) Rechts vom Souffleur. (Ein Arrest. Entsprechend einfache Einrichtung. An der Wand ein Lrucifix. Vorne rechts rin vergittertes Fenster mit der Aussicht in's Freie. 3m Prospekt eine eiserne Thür. Wachzimmer und Arrest find durch eine verschlossene Thür miteinander verbunden. Ober dieser Thür ein Fenster.) Erste Scene. Mist. So lang' Hab' ich Verbrecher fangen wollen, bis ich selber sitz'! Mich, den Unschuldigen, hat der Arm der Gerechtigkeit beim Frack. Theodor (fitzt an einem Tische und brütet über einem Buche. Schlägt daS Buch zu). Ich Mist. Wann ich vielleicht zu a Fünfundzwanzig verurtheilt wir, dann bitt' ich, daß es in Geld nmgewandelt wird, so lumm' ich wenigstens zu ein' Geld! Aber diS ich vorgernfen werd', will ich mir die Zeit mit die telegraphischen Depeschen vertreiben. (Liest.) Wir hatten einen Tobten! .(Spricht.) Der halt sich aber lang. nicht weiter, die Lettern tanzen vor mir ans dem Papier. .Ich will lieber im Geiste zu Jenen eilen, die ich liebe, zu meiner guten Mutter, zu ihm, dem alten wackeren Husaren, und zu ihr, deren thränenseuchtes Auge niemals meinem Gedächtnisse entschwinden will. (Tritt zum Fenster und klam. mert sich au dessen Gitterstäbe.) Da gehen sie vorüber und Keiner denkt daran, daß hier ein Unglücklicher weilt. Aber bin ich denn so unglücklich? Nein! Ich rette die Ehre eines biedern Mannes, der es so edel mit mir und meiner Mutter gemeint, der unS glücklich machen wollte. Zweite Scene. Vorige. Panigl. ! Pan. Konn ssra. Guten Abend, wünsch' ich, kelios notte — es ist eine sehr saubere rnAULLg, — ich sag' Ihnen, eine Demoiselle vxtravräinLirvment — schon a so — Theodor. Sie wissen doch, daß ein Gefangener, so lange die Untersuchung ' nicht abgeschlossen ist, mit Niemand sprechen soll. Pan. 8i! versteht sich vraimevt! — Natürlich! Aber in Gegenwart prEnos — vom Aufseher — warum nicht — poui-Huoi? Theodor. O gewiß, jedes lebende Wesen ist in diesen düsteren Mauern willkommen. Pan. Tres hien — Eina mit ihr — LiSnorn, kommen Sie in das OlmwUrL — da iS sic die rs»nr'./.n! dh«»itt>Rcpri6N6, io vsäo, ms vi äi- oo, voi rioovoroto il vo 8 tro inerito ä's- vor trsttsto un povoro 8 svo^srcko oo 8 > 86N2S piota! 8 i uns volts inoonäa kuo- 60 äs voi, 6 0(u68to 6 P088il)il6, porolle PSAÜS inoencls volontiero, voi oliis lN6N6t6 86NLS sjuto: o 8 avo/sräo s)u- tsta mi, nia io 86 ro oo 8 i in 86 N 8 i 5 il 6 oontra äi voi, oorno voi 8 i 6 t 6 eontra ls Aiu8tis2is; ms io non galvoro la vostrs 6S8S 6 osrte V 08 tr 0 äsnaro 6 tr 68 ore, io non 8 sIv 6 ro voi 8t6880, io s Is 86 i 6 re sliliruoiaro I 6 nti 88 im 6 voi lürlisnto, ti- rsnno oruckole! ^Ü 688 o snäisino, ei- Anori! ^.ääio, L 8 ino Arsnämmmo! (Schlägt BumS mit dem Besen auf den Buckel und stürzt ab.) Zehnte Scene. Vorige ohne Robinson. Bums. O du verflirter Kerl! schaut der mein'n Buckel für ein'n Rauchfang an; na, wart'! Dem werd' ich seine Portionen zustutzen. Dickk. So eine Frechheit war noch nicht da, so lang' die Welt steht! Bums, schenk' er mir ein, ich kann mich kaum erholen von meinem Zorn! Für den Kerl muß ein eigener schwerer Arrest gebaut werden! Bums. Sehen, Euer G'streng, wie gut es wäre, wenn bei uns das Zellersystem (Zellensystem) eingeführt wäre, der hätt' die ersten Ansprüche darauf! Etlfte Scene. Vorige. Rauh (stürzt Herrin). Rauh. Euer G'streng, um Alles in der Welt, das Malheur! Alle. Was gibt's denn? was is denn g'schehen? Rauh. Die zwei Arrestanten sind mir ausgekommen! 11 Alle Entstzlich! Rauh. Wir haben den Rauchfangkehrer znm Müllnerburschen hineinsperen wollen, derweil, wie wir aufmachen, ist ber Müll- ner nicht mehr d'rin, wir suchen in der Finster herum, aus einmal springt uns der Rauchfangkehrer davon, bei der Thür hinaus, und über die Mauer hinüber auf's Feld außi! Dickk. Mich trifft der Schlag! So wa muß mir g'schehen, dem g'scheidtesten Mann von der ganzen Welt! Du ms. Ihnen ist's ja nicht g'schehen, denen ist's ja g'schehen! — Dickk. Wer hat denn Euch g'schafft, alle Zwei zusammenzusperren? Bums. Gar a dumme Idee! Ein'nMüll- ner und ein'n Rauchfangkehrer z'samm- sperren wollen! Wie leicht hätt' der Eine den schwarz und der Andere den weiß machen können, nachher hätt' man beim Verhör nicht g'wußt, wer der Müllner und wer der Rauchfangkehrer ist! — Dickk. Mosje Wilhelm, schreiben Sie gleich die zwei Steckbriefe, o! wir werden Sie bald wieder haben! (Läuten von außen.) Was ist das? Wer läutet denn? Bums, schau' er, wer es ist! Zwölfte Scene. Vorige. Robinson (in seiner ursprünglichen Kleidung). Robins. Gehorsamer Diener! Wo ist der Herr Richter? Dickk. Der bin ich, waS will er? Bums (der Robinson scharf fixirte, heimlich zu Dickkopf). Euer G'streng, schau'ns den an, der sieht ja dem Rauchfangkehrer auf ein Haar ähnlich. Dickk. Meiner Seel'! und schwarz ist er auch im Gesichte. Bums (schleicht um Robinson hemm und blickt ihn forschend an). Ro i.bns. Was schau'ns mich denn so an? Bin ich g'wiß noch schwarz im Gesicht?! Der verflirteKerl der! (Wischt sich das Gesicht ab.) Bums (ironisch). Was für ein Kerl? Robins. Stellen's Ihnen vor, wie ich da über s Feld geh', lauft mir eine kohlschwarze Gestalt entgegen, ich Hab' glaubt, es ist der Teufel, und Hab' vor Schrecken nimmer weiter können, er aber rennt an mich kerzengrad an, wirft mich übern Haufen und allomarsch weiter, ich schau' ihm nach und seh', daß es ein Rauchfangkehrer ist! Der Kerl hat mich aber schön rußig g'ma cht, und g'rennt is er, entwede muß wo ein Feuer sem, oder der Kerl ist aus ein'm Arrest auskommen. Bums (lnse zu Dickkopf). Aha, das war unser — Dickk. Still sein, lieber Bums! wir werden uns doch nicht selbst blamiren, der braucht's nicht zu wissen, daß uns ein Arrestant entsprungen ist. (Zu Robinson) Also, mein Lieber, was führt Sie hieher? Robins. Ick Hab'bei Ihnen hundert Gulden einzucassiren. Dickk. Bei mir? Ich bin kein'm Menschen ein Kreuzer schuldig! Robins. O ja, unten im Dorf is a Tafel ang'schlagen, da steht d'rauf: »Derjenige, dem es gelingt, mich zu foppen oder mir einen Bären aufAbinden, erkält hundert Gulden; unterschrieben Dickkopf,« — nu und daß Sic ein Dickkopf sind, das sieht man ja am ersten Blick. Dickk. Was soll das Alles heißen? Und was ist's weiter? Robins. Ich thät' halt jetzt bitten um die Hunden Gulden, sonst müßt' ich klagen gehen. Dickk. Was? Er will die Hundert Gulden? Ja seit wann hat denn er mich überlistet ich Hab' ihn mein Lebtag noch nicht gesehen? Robins. Ah, das ist nicht schlecht und ich halt Ihnen schon den ganzen Tag für einen Narren — 12 Dickk. Was? Er mich!? Robins. Freilich, so ist ja noch gar ka Mensch g'foppt wor'n wie Sie! Bums (bei Seite). Oje, ig'spann'was! Dickk. Wie kann Er so keck sein und behaupten, Er hatt' mich g'foppt? Robins. Wie können Sie so dumm sein und behaupten, daß man Ihnen nicht foppen kann? Dickk. (in den Tisch schlagend). Ich lasse ihn augenblicklich einsperrcn. Robins. Einsperren? Hohoho! Das wär' hernach heut' schon 's dritte Mal; alsMükl- ner haben's mich schon heut'eing'sperrt und als Rauchfangkehrer und jetzt wollen's mich wieder einsperren, oorpo äi daovo, da müßt' ich auch dabei sein! Dickk. (zornig). Was soll denn das Alles heißen? Robins. Das heißt so viel, als, Sie, Herr Richter, sein der G'foppte; der Müll- nerbursch, der von Linz nach Ofen gereist ist, bin ich, und der Spazzacammino bin ich auch. Dickk. (wüthend). Wie kann Er das beweisen? Robins. Sehr leicht. (Oeffnet den Bündel, den er unter dem Arm hat.) Da ist der Müll- ner und da der Rauchfangkehrer! Ich hab's schwarz auf weiß — Dickk. (zuBumS) Bums! erklär' er mir dock — ^ Bums (hoch aufathmend) Mir steht der Verstand still! Dickk. Und waS ist's denn nachher mit dem, der dort schlaft? Robins. Der war ick auch — Dickk. Was? Robins. Freilich, wecken's ihn auf und sragen's ihn. Bums (zu Brennroth, ohne ihn anzurühren). He, auf da nacheinand! Robins. Ah, mit dem müffen's nicht so zart umgehen! warten's a bissel. (Paekt die leere Figur und zieht sie in die Mitte.) He, Alter, steht der Herr auf! Dickk. (staunend). Was seh' ich! Robins. Sehen's, la la (leer), nir mehr d rin! Dickk. Ich bin schändlich hintergangen! Wo sein denn hernach die drei wirklichen Arrestanten? Robins. Die sein frische Lust schöpfen gangen. Dickk. Bums, red' Er, wie ist denn das zugegangen!? Bums. Mir hat's die Red' verschlagen! Robins. Wie das zugangen, is sollen Sie später erfahren, jetzt zahlen's g'schwind die 100 fl., sonst erzähl' ich's dem ganzen Dorf, daß ich Ihnen g'foppt Hab', und Ihr Renommee als der g'scheidteste Mann is beim Teufel. Dickk. (aufathmend). Also wenn ich Ihm die lOO fl. auszahl', so sagt er kein' Menschen was von der G'schicht? Robins. Keine Katz' soll was erfahren davon! Dickk. Er soll die 100 fl. haben. Robins. I, aber nachher sein wir noch nicht fertig. Sie haben g'sagt, wenn Ihnen Einer foppt, so geben Sie Ihre Ansprüche auf die Junfer Zilli auf und der Mosje Wilhelm der darf sie heiraten. Dickk. Was? das auch noch! da wird nichts d'raus. Robins. Gut, wenn Ihnen an Ihrem Renommee so wenig g'legen is, so geh' ich halt und erzähl' der Residenz eine Geschichte, wie man g'foppt wird. (Will ab.) Dickk. Halt! Bleib' Er da! (Bei Seite) Was will ich machen, ich kann mich doch nicht öffentlich blamiren lassen! Er soll's Madl haben! Robins. Ist auch viel g'scheidter, denn g'foppt wären Sic dann auf jeden Fall worden, nach der Hochzeit nämlich. (Zu Wilhelm und Zilli.) Also kommt's her da, öS Sappermenter; Hab'ich Wort g'halten, hm? Wilh. Herr Chef, tausend Dank! Zilli. Herr Richter, tausend Dank! Bums. Halt, da Hab' ich auch noch ein Wort d'rein zu reden; ich kann meineToch- ker nicht einem Menschen geben, der s'Tags 13 nicht einmal so viel Kreuzer hat, als der Tag Stunden hat, ich gib' meine Einwilligung nur dann, wenn Ew. G'streng meiner Tochter a ordentliche Aussteuer geben und meinem Schwiegersöhne den doppelten Gehalt. Dickk. Was? Er will mich auch brandschatzen? Bums (pfiffig). Für das Renommee, der g'scheidteste Mann zu bleiben, ist das a 'öagatell; übrigens sagen's ja, sonst begehr' ich für mich auch noch eine Zulag'! Dickk. O ös Schandvolk übereinander! (Zu Robinson.) Jetzt sag' er mir aber endlich, wer ist er denn, daß er so keck is. in mein' Haus solche Sachen anz'fangen? Robins. Wer ich bin? Ich bin ein reisender armer Taschenspieler, der sich jetzt 100 fl. verdient hat, 100 fl. find für mich ein Reichthum, folglich bin i a reicher Kerlund Hab' noch nebstbei zwei Leut' glücklich g'macht, und reich sein und Andere glücklich machen iS der schönste Stand von der Welt. Schlußgesang. Und so wurde der g scheidteste Mann auf der Welt Am heutigen Tage doch endlich aevrellt! Ende. t"- Au- dem T.heater-Verlage der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr 1 Bröselbart, König. Gr. rom Oper in 3 A. Sri- lenstück zum »Aschenbrödel*. 8. 50 kr. 10 Sgr. Brod» daS tägliche, Ekaraktergemälde mit Gesang in 3 A. von Alois Berla. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 102.) KO kr. 12 Sgr Bruder, mein Fräulein. Lustsp. in 1A v. A. Bergen. (Wiener Th.-Rep Nr. 82.) 30 kr. 8 Sgr Bruder Moriz, der Sonderling oder die Colonie für die Pelew-Jnseln. Lustspiel in 3 A. von Kotzebue. 1801. 50 kr. 10 Sgr Brüder, die barmherzigen. Nach einer wahren, i» der Nationalzeitüng vom Jahre 1805 auf» brraltenrnAnrcdotev Kotzebue.1803.25kr.5 Sgr. Brüder, die pisantschen. Drama in 3 A., s. 8a- stclli Sträußchen 12 Jahrgang. Brüder, die zänkischen. Zamiliengemälbe in 3 A 1 s 8astelli Sträußchen. 1 4. Jabrg. (Vergriffen Bruderzwist oder die Versöhnung. Schauspiel i» 5 A. von Kotzebue 1804 50 kr 10 Sstr. Brücke, die, bei Piemont. Original-Schauspiel uiil Gesang in 3 A von Ekrtinfrld. 1808. 8 40 kr. 8 Sgr Buck III, I Capitel. Lustspiel in 1 A. v. Juin u Flerr. (Wiener Theatcr-Repertoire Nr. 178 ) 35 kr 7'/, Sgr Burg Gölding, die. Romautcsche« Schauspiel in 5 A, s Weiffrntburn Schauspiele, 12. Ban» Bursche, ftotte. Komische Operette in 1 Aufzuge von Josef Braun Musik von Kr v Luppv IWiener Th.-Rep Nr 200 ) 35 kr. 7'/, Sgr Buzz,, 4lndr. Ritter v. Dramatischer Nachlaß 1888. Miniatur-AuSgab» V 373 St. elegant droschirt gebunden. Enthält: Ämuliu«, König der Albaner Trcnier- »piel in 5 Aufzügen. — Der Eremit au» den Ardennen Schauspiel in 5 Aufzügen Bürgerfreuden. Ein österr. Bürgrrgrui mit Ehörrn in 1 A von Hensler. 8. 1707. 25 kr. 5 Sgr Bürgermeister» der. S. Schönstem HauSlheatrr Bürgermeisterwahl» die, in Krähwinkel. Schwank mit Gesang in 1 A. v. Juin u. Flerr I Wiener Theater-Repertoire Nr. 88.) 35 kr 7'/, Sgr Bürgertreue der Vorzeit oder die Bergknappen von Fretberg. Schauspiel in 4 A. Musik von Kauer. 1801. 35 kr. 7'/, Sgr Bürgschaft, die. Original-Schauspiel in 3 A. 40 kr. 8 Sgr C, d..S Hohr. Lustspiel in 1 A. von M. A. Grand» zean. (Wiener Tkeater-Rrpertoire Nr 47.) 35 kr. 7'/, Sgr. Caledonier» die. Trauerspiel von M. Liwenthal. 8. 1828 80 kr. 12 Sgr Candidcrten, drei. Lustspiel in 3 A., s. Keldmann Lustspiele. 2 Band. Capltel, daS zweite. Singspiel in 1 A. Nach dem Französischen von Fr Treitschke. Gr. 8 1808 25 kr. 5 Sgr. C-liph, der, von Bagdad. Oper i« 1 A. Nach dem Kranz de- St. Just. 1804. 25 kr. 5 Sgr (,'rriupi, l. cl'Ivri. Prione «Irrrnrmntie» in un ^tto. 1805. 20 Irr. 4 8xr. Carolus Maguus. Lustspiel in 3 A. v. Kotzebue. 1800. 50 kr. 10 Sgr Cäsar in Ägypten. Ballet in 5 A von Astolfi 1820 10 kr. 2 Sgr. Cäsar auf Pharmacus«. Große Oper in 3 A., frei nach d Italienischen. 1808 35 kr 7V, Sgr. Caspar der Thorriuger. Historische- Schausviel in 5 A. Neu bearbeitete 2. Austage 1811 50 kr. 10 Sgr Castelli. I. F., dramatische- Sträußchen 1 —2l>. Jahrgang 1800, 1817 — 1835. 18 cart in Schuber, jeder Jahrg. 1 fl 80 kr 1 Tb 8 Sgr Inhalt dieser Jahrgänge: -I. Jahrgang 1807 enthält: Haß allen Weibern Lustspiel in 1 A., frei nach dem Kranz, de- Bouillp, in Alexandrinern bearbeitet — Der kurze Roman oder die närrische Wette. Lustspiel in 1 A — Der Ebrnstifter oder die beiden Offiziere Lustspiel in 1 A — Die spanische Wand, dramatische Kleinigkeit in 1 A., frei nach dem Kranz. — Die Ehemänner als Jung- gesellen. Lustspiel in 1 A (Vergriffen » — — II. 1817. Dir Schauspielerin Lustspiel in 3 A nach dem Französischen, im Versmaß de- Originals. — Wahnsinn. Drama in 1 A. Als Seitenstück zu »Nina*, nach dem Franz. »Iv clvlir frei bearbeitet. — Abneigung au« Liebe Lustspiel in freien Versen und 1 A. — Der alte Jüngling Lustspiel in 1 A nach dem Kranz — Verlegenheiten und Au-wege Posse in 1 i> frei nach dem Kranz (Vergriffen.» -III. 1818 Peter und Paul Lustsviei in 3 A Al- Seitenstück zum »Mädchen von Marienburg und dem lieständiscden Tischler« Nach dem Franz von Lamarteliere — Der Rasttag Lustspiel in 1 A.. nach dem Kranz, de« Bouill,, — Die beiden Eben. Lustspiel in 1 A. nach Etirnne — Der Wilddieb, Lirdersp in 1 A — Der Sie. Lustspiel in 1 A (Vergriffen.» -IV 1810 Verkannte Treue Drama i» 3 A nach Pelletier Volmerange- — Du Zeche oder Gastwirtb und Bürgermeister in Einer Person Krähwinkliade in 1 A nach einer wahre» Anecdote — Narrheit und Narrethei. Lustspiel in 1 A nach Drsaugirrs' — Dir hölzerne Uhr Drama in 1 A »ach Bernard ValviUe. — Raphael. Lustspiel in Alerandrinern und 1 A (Vergriffen) -V 1820. 8,ar Iwan Dramatisirte Anecdote in 2 A. — Dir Papageie Lustspiel in 1 A Nach dem französischen Vaudeville: l*vroouet« cl« Philipp« * "" Dir Bittsteller. Lustspiel in 1 A 'Nach M/- le-ville — Da- Kammermädchen Lustspiel m 1 A Frei nach LongchampS. — Der Diener seine« »Nebenbuhlers. Lustspiel in 1 « VI 1821. Der Prinz kommt! Lustsp'" in 1 A Nach dem Kranz, des Rouge- mont. — Tbomi oder dir Stimme der Natur Drama in 2 A. dem Franz, nachgebildet. — Der Weibrrtausch Lustspiel in A. Nach dem Franz der Herren Dar- toi- und Achille. — Der Einsiedler im Ln- chruwalde oder die grheimnißvolle Laube Lustspiel in 1 A Nach einem französischen Vaudeville der Herren Thöaulon u Eapelle — VII 1822. Gleiche Schuld. Gemälde unserer Zeit in 3 A. — Die seltsame Lotterie. Lustspiel in 1 — Die Tauben Schwank iu 1 A Al« Seitenstück zu de» »Papageien.« — Die Puppe oder die kleine Schwester der Geliebten. Lustspiel in 1 A Nach Scribeu. MeleSville. (Vergriffen.) Castelli. VIII. 1823. Der buckelige Liebhaber^ Lustspiel in 1 A. Nach einem französischen i Vaudeville. — Hochzeits-Fatalitäten. Posse! in 1 A — Das Stelldichein um Mitternacht. Lustspiel in 1 A Nach dem Französischen »I'eekelle de 8uiv.« — Das Fläschchen Köllnerwaffer oder Denkschrift eine- Hußaren- officierS. Lustspiel in 1 A Nach Scribe — Die Verschwornen. Oper in 1 A -IX 1824. Gabriele. Drama in 3 A Nach der »Valerie' der Herren Scribe und MeleSville. — Dir junge Tante. Lustspiel in 1A. Nach MeleSville. — Emmi Trel«. Drama in 3 A Nach Pirerecourt. (Vergriffen) -X 1825. Der Großpapa. Lustspiel in 1 A Nach dem Franz der Herren Scribe und MeleSville. — Liebeszunder. Lustspiel in 1 A Nach dem Franz, der Herren Scribe und Delavignr. — Die Zauberlaterne. Lustspiel i» 2 A. Frei nach Scribe und Dupin — Fünf sind Zwei, oder Dome- stikrnstreiche Lustspiel in 1 A Frei nach dem Französischen. (Vergriffen) -XI 1826 Eheliche Strafe Lustspiel in 1 A., in freien Versen — Der Kuß durch einen Wechsel Posse in 1 A Nach Scribe. — Urika, die Negerin. Drama in 1 A Nach dcm Französischen Gute« Beispiel Lustspiel in 1 A Nach dem Franz, de« Thvaulon. — Klimpern gehört zum Handwerke Lustspiel in 1 A. Nach Scribe. -XII. 1827 Enste Liebe, oder Jugend- Erinnerungen Lustspiel in 2 A Nach dem Kranz, de« Scribe. — Die pisanischen Brüder. Drama in 3 A. Nach dem Italien, des Federici — Zwei Freunde und ein Nock. Posse in 1 A Nach einem franz. Vaudeville — Da« einsame Hau- Lustspiel in 3 A. Nach dem Französischen — XIII 1828. Der HauStyrann. Ebarakter- Äemäldc in 3 A. Nach Alerander Duval. — Da« Anrcdotrnbüchlrin Lustspiel in 1 A Nach dem Franz, der Herren Scribe und Delavigne. — Der Perrückenmacher und drr Haarkünstler. Poffr in 1 A Frei dein Kranz, de« Brazier nachgebildet. — Der Soldat ganz allein Komische- Zwischenspiel in 1 A Nach einrr Anekdote - — XIV. 1829 Pelva oder die russische Waise, Drama in 2 Äbtbrilungeu. Nach dem Französischen de« Scribe. Dir zänkischen Brüder. Familiengemäldr in 3 A Nach dem Frauz de« Eollin d'Harleville. — Lull» und Quinault, oder die Künstler in Verlegenheit. Lustspiel in 1 A und iu Versen Nach dem Französischen. (Vergriffen.) — — XV 183t» Eine für dir Andere Lustspiel in 3 A — Diana von Poitirr«. Geschichtliche« Lustspiel in 2 A. Frei nach dem Franz — Die in rin Weib verwandelte Katze. Operette in 1 A Nach dem Franz, der Herren Lcride u. MeleSville. -XVI. 1831 Johann Hasel oder Umwandlung durch Liebe. Gemälde unserer Zeit in 4 Abtheilungen. Nach dem Kranz, de« Theaulon frei bearbeitet. — Zwei Jahre nach der Hochzeit oder an wem ist die Schuld? Lustspiel »n 1 A. Nach Scribe und Meles- ville. — Uniform und Schlafrock. Lustspiel in 1 A Nach dem Franz, bearbeitet. Castelli. XVII. 1832. Der Liebe Listgewebe Jn- trigurnposse in 3 Ä. — Ein Fehltritt. Schauspiel in 2 A. Nach Scribe — Die Familie Rickeburg. Lustspiel in 1 A Nach Scribe (Vergriffen) -XVIII. 1833 Dir Tänzerin und der Quäker. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe. — Die Scheidewand. Lustspiel in 1 A. Nacd dem Fran). — Ueberspanntheit oder ' die entsetzliche Literatur Lustspiel in 1 A nack> Scribe frei bearbeitet. -XIX. 1834 Der General. Lustspiel in 3 A. — Der eilige Zauderer. Lustspiel in 1 A in Versen. — Die Schwäbin. Lustspiel in 1 A. (Vergriffen) -XX. 1835 Das Lustspiel auf der Stiege. Lustspiel in 1 A. — Ein Tag aus dem Leben Earls des V Historisches Gemälde in Versen und in 2 A. — Ein Freund statt einer ganzen Familie. Posse in 1 A — Folgen einer Mißheirat Gemälde aus dem Leben in 4 A Nach dem Franz Castelli. Roderich und Kunigunde, Gabriele, Schwäbin» s unter den besonderen Tittein. Cattnat, Marschal, oder da« alte Gemälde Oper in 1A Nack dem Franz 18t»S 20kr 4 Sgr l^'snerentol», la, ossi» I» bonts in trionto. lAelodrumm» xinev8« in due ^tti l-r» däu- 8ieu e del Li^r li«88irtt 1813 (Vergriffen ) Crsar, der kleine, oder die Familie auf dem Gebirge. Schauspiel mit Gesang u pautom Auftritts« in 3 A Nach dem Französischen de« Emery frei bearbeitet von Periuet. Musik von Haibel. 1804 40 kr. 8 Sgr Ckarade» die. Lustspiel in 2 A, s Kurländrr's Almanach 8. Jahrgang. CkarlatanS, die, oder der Kranke in der Ctn» btldung. Posse in 3 A. von Jünger 1803. 40 kr 8 Sgr CkawanSky, dir Fürsten. Dramat. Dichtung v E. Raupach. Gr 16 1828 40 kr. 8 L>gr Chtlderich, König der Franken. Heroisch Ballet in 5 A von Eoralli 1830 13 kr 2'/, Sgr Christus am Oelberg. Oratorium Musik von Beetboven. 8 ged. 13 kr 2'/, Sgr Oirv in ltskiloui», Orninn per IVlume» in clue .4tti 1817. 50 lcr 10 8xr Clavtgo. Trauerspiel in 5 A von Goethe. 1807 80 kr 16 Sgr. Cölestine oder die Festung am Wilgra Strome. Schauspiel in 3 A. Frei nach dem Franz, von S I Haffaureck 1806. 40 kr 8 Sgr Concert, da«. Lustspiel in 1 A, von P M Dag- hofer. (Wiener Tb.-Nep. Nr. 48.) 40 kr. 8 Sgr Corporal, ein alter. Ebaraktergemälde in 5 A, von Earl Juin und P. I. Reinhard. Theil- weisr nach Dumanoir (Wiener Tbeater-Rep Nr 27 ) 50 kr. 10 Sgr. Coriolan» Echauzpiel in 5 Ä. von Eollin. 1808 60 kr 12 Sgr. Eorradin oder Schönheit und Herz von Eisen. Musikalisch. Drama in2A. 1822. 35 kr. 7'/, Sgr -Dasselbe italienisch. 1822. 35 kr. 7'/, Sgr. (5orreggio. Trauerspiel in S A. von Oehlenschlä- ger. 1817. 80 kr. 16 Sgr. Evrtez, Ferdinand, oder die Eroberung von Mexiko. Große heroische Oper mit Ballet in 3 A. Nach dem Franz, von I. F. Castelli. Zweite Auslage. 1819. 33 kr. 7'/, Sgr. Couplets, Wiener. Aus Stücken von Berg, Verla, Bittner, Blank, Böhm, Doppler, Eberhardt, Elmar, Feldmann, Flamm, Friese, Gottsleben, Grandjean, GroiS, Grün, Gründorf, Haffner, Juin, Kaiser, Kola, Langer, Megerle, Merlin, Morländer, Moser, Neftroy, Schönau und Änderen. Sechs Hefte, si 50 kr. 10 Sgr. Cuncgunde, die Heilige, römisch-deutsche Kaiserin. S. Werner Theater, 6. Band Cyrus und Astvages. Oper in 3 Aufz. Frei nach der Oper »Cyrus« des Metastasio, bearbeitet von Matthäus v. Collin. 1818. 35 kr. 7'/, Sgr. Czar Iwan. Dramatisirte Anekdote in 2 A, s. Castelli Sträußchen. 5. Jahrgang. Dame, die, mit den Camelten. Schauspiel in 5 Aufzügen von Alexander Duma'r Sohn, deutsch von P. I. Reinhard (Wiener Theater-Repertoire Nr 45.) 60 kr 12 Sgr Dank und Undank. Lustspiel in 3 A. Frei nach dem cl«« vöstouellos Don Jünger. 1803. 40 kr 8 Sgr Das war ich. Ländliche Scene von Hutt. 8. 1825. Siehe - Hutt« Lustsp. I.Band.(Vergriffen) 1 fl. 20 kr. 24 Sgr Das war ich. Eine ländliche Seene. Von Johann Hutt. Zweite Auflage. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 159.) 50 kr. 10 Sgr. Degen, der. Militärisches Schauspiel in 3 A. Nach Vouel und Boirie. 1808. 35 kr. 7'/, Sgr Deinbardstein. Dramatische Dichtungen. 12. 1819 1 fl. 20 kr. 24 Sgr Enthält: Das Sonnet. Spiel in 1 A und in freien Versen. — Mädchenlist. Lustspiel in 1 A. und in Alexandrinern. — Der Witwer. Posse in 1 A. und in freien Versen — Der Rosenstock. Spiel in 1A. und in freien Versen. — Boccaccio. Dramatisches Gedicht in 2 A. Demi-Monde. Don Alex. Dumas Sohn. Deutsch von P I. Reinhard 1855. 1 fl. 20 Sgr. Demophoon. Große heroische Oper in 3 A. Nach lem Franz, der Desoiaur, metrisch bearbeitet von I. F. Castelli. 1808. 35 kr 7'/, Sgr Dentpfenutg, der, oder der Wachtmeister. Lustspiel von HenSler. 1795. 8. 25 kr. 5 Sgr Deserteur, der österreichische. Lustspiel in 5 A, von Henslrr. 8. 35 kr. 7'/, Sgr. Deserteur, der. Singspiel. 25 kr. 5 Sgr. Diamant, ein ungeschliffener. Genrebild in 1 A. Nach dem Englischen von Alexander Bergen (Wiener Th.-Rep. Nr. 128.) 35 kr. 7'/, Sgr. Diaua, Dona. Lustspiel in 3 A. Nach dem Span, des Don Augustin Moreto. v. C A West. Vierte Aust (W Th.-Rep. Nr. 11.) 60 kr. 12 Sgr. -Dasselbe, fünfte Auflage Miniatur- Ausgabe, eleg. drosch. 1862. 1 fl. 50 kr. 1 Rth -Dasselbe, elegant in englischer Leinwand gebunden, mit Goldschnitt und reicher Deckel- U Rückenverzierung 2 fl. 40 kr 1 Rth. 18 Sgr (Diese« Verzeichnt Druck und Papier von 2, Diana, Dona, elegant in seine- Kalbleder gebunden, mit Goldschnitt und reicher Deckelund Rückenverzierung 3 fl. 2 Rth Diana de Lys. Schauspiel in 5 Aufz. von Alex Dumas Sohn, deutsch von P. I. Reinhard. (Wiener Th.-Rep. Nr. 43.) 60 kr 12 Sgr Diana von Poitiers. Lustspiel in 2 A, s. Castelli Sträußchen. 15. Jahrgang. Dichter und Tonkünstler durch Ungefähr. Komische Oper in 1 A von Jos R v. Seyfried. 1810. 25 kr. 5 Sgr. Die in ein Weib verwandelte Katze. Operette in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 15. Jahrgang Die von der Nadel. Bilder aus dem Volksleben in 3 Abteilungen mit Gesang v. Alois Berla. (Wiener Tb -Rep Nr. 177.) 60 kr. 12 Sgr. Diener, der, seines Nebenbuhlers. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 5. Jahrgang. Diener, ein treuer, seines Herrn. Trauerspiel in 5 A., von Franz Grillparzer. Gr. 8. 1840. 1 fl. 50 kr. 1 Th. Dienst und Gegendienst oder Waltron'S zweiter Theil. Militärisches Schauspiel nach MeiSl u Schildbach. 1804 60 kr 12 Sgr Dienstbote, ein jüdischer. Charakterbild mit Gesang in 3 A von Carl Elmar (Wiener Theater-Repertoire Nr. 168.) 60 kr 12 Sgr. Dienstbote, ei« Wiener. Lebensbild mit Gesang in 3 A. von O. F. Berg. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 186.) 60 kr 12 Sgr. Dienstbotenwtrthschaft oder Ehatoutlle und Ubr. Charakterbild mit Gesang in 2 A. von Friedr. Kaiser. 8. 1852. 80 kr 12 Sgr. Dienstfertige, der. Lustspiel in 3 A Aus dem Franz. 1781. 50 kr. 10 Sgr. Dienstman«, ein Wiener. Posse mit Gesang in 1 A. von Joh Schönau. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 193.) 35 kr. 7'^ Sgr. Dienstpflicht. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 1801. 60 kr. 12 Sgr. Dinge, die vier letzten. Oratorium in 3 Abtheilungen von Sonnleithner. 1810. 15 kr. 3 Sgr. Diplomat, ein weiblicher, oder was ei» Mädchen a«S Büchern lernt. Original-Lustspiel in 4 A. von Charlotte Baronin v. Graven. (Wiener Th.-Rep. Nr. 63.) 50 kr. 10 Sgr. Dir wie mir. Dramatische Kleinigkeit in 1 A v Sonnleithner 1820 25 kr. 5 Sgr. vistrurioos, ln, cki 6«rusLlv»ime. vrumm» »»«r« per !Au»ieg> in cku« ^tti. 1817. 25 Irr. 5 Doctor und Friseur, oder die Lucht nach Abenteuer«. Posse mit Gesang in 2 A. von Fr. Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 5.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Dom Sebastian. Oper in 5 A Nach dem Franz. des Scribe von Leo Herz. 8. 35 kr. 7'/, Sgr- Domestikenstreiche. Posse mit Gesang in 1 A. v. A. Bittner. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 92.) 35 kr. 7'/, Sgr. Domestikenstreiche, s. Fünf sind Zwei. Domino, der grüne. Lustspiel in Alexandrinern und 1 A. von Körner. Gr. 12. geh Wien Original-Auflage. 1829. 25 kr. 5 Sgr Don Juan. Große Oper in 2 Aufz Au« dem Italienischen Musik von Mozart Sechste Auflage. 8 1866 35 kr 7'/, Sgr ß wird fortgesetzt.) »pold Somme, in Wie«. Den Bühnen ge genüber als Manuskript gedruckt. Flotte Kursche. Komische Pperette in einem Auftuge, von Joseph Braun. Musik von Franz von Supps. Hieronymus Geier, Rentier. Brand, Trinke, Gerhardt, Klette, Tuchs, Licht, Bermann, Honig, Personen: Rohr, Studenten Studenten. Hecht, Schalk, Flieder, ? Anton, Handwerksbursche. Lieschen, ein Bürgermadel. Fleck, Stiefelputzer. Der Wtrth »zum Kameel*. Studenten. Kellnerinnen. Die Handlung spielt vor einem Wirthshause in der Umgegend von Heidelberg. (Trete Gegend in der Nähe von Heidelberg, im Hintergründe dir Ansicht des Heidelberger Schlosses, im Dordergrundr rechts ein alterthümlichrs Gie» belhaus als Wohnung des Herrn Geier; links Eingang in eine Schenke mit dem Aushängschild: »Zum Kamee!,« vor derselben Stühle und Tische, an welchen dir Studenten zechen.) Erste Scene. Brand, Frinke, Gerhardt, Klette, Fuchs, Licht, Bermann, Honig, Rohr, rh«u«..«q>«a«l« R». soo. Hecht, Schalk, Flieder und andere Studenten. . ' Chor. Bei der vollen Flasche, Trotz der leeren Tasche, Götterlust! Seligkeit! Weg mit allen Sorgen, Schert Euch nicht um morgen, L Wenn die Brust Fröhlich heut'! Strömt, ihr Burschenlieder, Kräftig nieder. Armer Philister, Du bleibest stumm, Trinkt man allein, Schmeckt nicht der Wein! O weh', Geht der Pokal im Kreise herum, Leuchtet der Witz Hell wie der Blitz! Juchhe! Stoßt an, stoßt an, stoßt an! Bei der vollen Flasche Trotz der leeren Tasche Götterlust! Seligkeit! Weg mit allen Sorgen, Schert Euch nicht um morgen, Strömt, ihr Burschenlieder, Kräftig nieder! Frinke (hebt das Glas). krv8l! Alle (heben die Gläser). 1^6! Wirth. Meine Herren, Sie soll'n leb'n so lang, bis Sie sterb'n! Alle. Hahaha! Frinke. Kneipenvater, keine Witze! Wirth. Das halten Sie für einen Witz? I dank'! Frinke (drohend). Alter Oesterreicher! Wirth. Junger Schwab! Alle. Kilsutiuiu! Wirth. Sie entziehen mir das Wort— haben Sie so wenig Respekt vor Ihrer Amme? Alle (erstaunt). Amme? Wirth. Na ja, ich laß' die jungen Herrn alle Tag bei mir trinken, folglich bin ich Ihre Amme. Einige Studenten. Paukt ihn! Wirth. Ich Hab' doch Recht, Sie sind Heidelberger Studenten und die werden bekanntlich nicht bei Wasser aufgezogen. Alle (lachend). Ja, ja wohl! Wirth. Na so seg'ns! Alle. Na so seg'ns. Wirth. Dieses welthistorische »Na so seg'ns« Hab' ich nach Heidelberg verpflanzt. Brand. Ah pah! Vortrag! Alle. Vortrag! Brand. Wer ist an der Tour? Alle. Frinke! Alle. Vivat! Brand. Also, Frinke, trage vor. Frinke Nun, da ich schon auserkoren, Will ich's noch einmal probiren Und auf unsere Professoren Euch ein Lied ertemporiren. Jeder Mensch hat seine Schwächen, Folglich auch Magnificenz, Dieß der Stoff, von dem wir sprechen, soll Hui mal ^ penss! Aus den Federn auf, ihr Hechte, Denn es droht schon, Gott erbarm', Der Professor beider Rechte, Mit dem Coder unterm Arm! Tiefer Ernst ruht in den Zügen, Wenn er am Katheder steht, Nein, der Mann, der kann nicht lügen, Der empfindet, was er redt! So ergreifend peroriren Kann fürwahr nur er allein, Hört ihn scharf analpsiren Den Begriff von »Mein und Dein!« Alles ist enthusiasmiert, Großer Redner, Du sprachst gut! Vom Erfolge concentiret Nimmt er dankend seinen Hut! Doch kaum hat er sich empfohlen, Schleicht er leise und verstohlen Sich unter'sHausthor, zurFran des Pedell, Stiehlt ihr ein Küßchen, derReizenden schnell, Und oben belauscht man ihn von der Gallerie, O Du mein Gott, Du armes verkanntes Genie! E h o r. Frinke! Frinke! Frinke! Wack rer Zechkumpan! Zechkumpan! Trinke, trinke, trinke! Stoße mit dem vollen Humpen an! Frinke, Frinke, Frinke! Wackerer Zechkumpan, Stoße an! Zechkumpan! Stoß' an! Stoß' an! Er lebe dreimal hoch! Stoßt an! 3 II. Aufgepaßt, Ihr Committenten, Heut' wird Geometrie geochst, Ruh' und Ordnung, Ihr Studenten, Nicht gelümmelt und gebort! Der Professor, etwas röthlich, Mit der Nase veilchenblau, Ist im Forschen unersättlich. Zieht die Wurzel ganz genau: »Meßt die Linien nach der Regel, Senket in das Studium Euch, Trefft bei Kugel und bei Kegel Mir den rechten Winkel gleich!« Später — Abends schleicht er leise Sich in seinen Kegelclubb Und nach jedem Wurf halbleise Höhnt ihn aus der Kegelbub'; Denn er wackelt mit den Beinen Kegel trifft er niemals einen. Doppelt schon steht er den Kegel — wie dumm, Im rechten Winkel sitzt endlich er krumm. Pfutsch sind die Gesetze der Geometrie: O Du mein Gott, Du armes verkanntes Genie! Ehor (rlpetirt wir oben). Brand Ost aus den Tisch gestiegen). Geliebte Brüder und College»! Alle. Bravo! Brand. Seit die Oeffentlichkeit und Mündlichkeit modern geworden, haben auch wir mit Majorität beschlossen, uns're Gelage öffentlich und mündlich zu gestalten! Es ist dieß ein glänzendes Zeug- niß unsrer parlamentarischen Befähigung! Klette. Kein Selbstlob! Alle. Reden lassen! Brand. Es gibt im Menschenleben Augenblicke, wo man durch einen inner» kategorischen Imperativ gezwungen wird, eine Red' zu halten, und mag man sich noch so sehr damit blamiren. Wirth. Der wird einmal ein Gemeinde- rath! — Brand. Zwar weiß ich im Augenblick noch nicht, wovon ich sprechen soll, aber das thut nichts, im schlimmsten Falle spreche ich von uns und unserer Herrlichkeit, das ist in manchem Parlament so Sitte. ... Wirth. Bitte Unsitte. Fuchs. Sind wir nicht zur Herrlichteit geboren? Gerh. (klopft auf ein Glas). Lilontium! Brand. Ein großer Zweck hat uns heute hier zusammengeführt; er lebt in Ihrer aller Bewußtsein. Es ist kein blödes philisterhaftes Zweckessen, nein, es ist ein Zweck - trinken, denn trinken ist uns Zweck und unser Zweck ist trinken! (Trinkt.) Alle (trinken). Vivat! Gerh. Weg mit allen Zwecken! Klette. Wir sind uns selbst Zweck genug! Wirth. Sie kommen aus die Zweck gar nicht heraus. Frinke. Ruhig auf der Linken! Meine Herren, Einigkeit thut uns vor Allem Noth! Alle l stürmisch). Bravo! Frinke. Ich wußte, daß dieses Wort seine Wirkung nicht verfehlt. Einigkeit, meine Herren, dem ganzen pumpunfähigen Philistertum gegenüber. Einigkeit gegen die autokratischen Uebergriffe der akademischen Macht. Gerh. Keine Aufwiegelei! Mehrere. Redefreiheit! Frinke. College»! Wir leben in traurigen Zeiten. Unsere Professoren stellen die unerhörtesten Zumuthungen, sie wollen, daß wir ihre Collegien besuchen, wie wenn der Student nichts Anderes zu thun hätte, als in den Schulbänken zu ochsen. Doch diese traurige Begriffsverwirrung kann nicht mehr lange andauern. Sanftere Jahrhunderte verdrängen Philipps Zeiten, cS lebt ein Anders denkendes Geschleckt, bis dahin jedoch, Kollegen, thun wir, was wir nicht lassen können, und warten wir in Ruhe und Geduld, bis unsere avitischeVerfassung, die sich unsere Vorfahren an den hohen Schulen erfochten, bis dieRechtscontinuität 1 * 4 wieder hergestellt ist. Oixi st «alvuvi LMWLM M6NM. Brand. Und jetzt zur brennenden Frage des Tages. Klette. Unsere neuesten Finanzoperationen. Brand. Ihr wißt, daß ich gleich nach meiner Geburt durch mütterliche Fürsorge in den Besitz von vier mit irdischen Gütern stark gesegneten Tanten gelangt bin. An diese vier charmanten Tanten sandten wir unsern allzeit getreuen Timotheus Fleck, unseren Wirier! Frinke. Während ich in freudiger Bereitwilligkeit des Winters letzten Pantalon ihm anvertraitte, um Metall dafür zu tauschen, das sich in den Taschen dieses unentbehrlichen Kleidungsstückes leider so selten Rendezvous gegeben. Gerhardt sin die boulissr brütend). Da kommt er! Alle. Wer? (Das Ritornell der nächsten Nummer wird im Orchester leise hörbar.) Gerh. Unser Wirier! Zm scharfen Trabbi. Brand. Mit oder ohne? Frinke. Fassung! College», zeigen wir, daß wir Männer sind! Entree de« -fleck. Brand. Unser Retter kommt geflogen. Frinke. Donnerwetter, wie er rennt! Alle. Herbei, herbei, es brennt! 's ist ihm gelungen; Fürwahr, sein ist das Feld, Er hat's bezwungen Und bringt unS Geld! Zweite Scene. Fleck sin abgetragmm Studentenkleidern). Vorige. Fleck. Die ganze Facultät Sucht meine Dienste früh und spät, Wirier in storilms LxosUsntmsinnm. Was heute ich erfahren In der Philister Schaaren, Es sträubt sich in den Haaren, Wenn man es sagen muß! (Der Graf von Luxemburg Hat all' sein Geld verputzt, Vierhundert tausend Thaler In einer Nackt verputzt.) Alle. (Der Graf von Luxemburg Hat all' sein Geld verputzt.) Von Norden bis zum Süden, Von Osten bis nack Westen Haben wir den allerbesten (Den pfiffigsten Wixier.) Brav, alter Fuchs, Brav, alter FuchS! Doch jetzt sag' an, Du großer Mann, Was Du gebracht, Ob gute Deute Du gemacht? Brand. Hast die Tanten Du bezwungen? Frinke. Ist beim Aron Dir'S gelungen? Fleck. Die ckarmanten Tanten rannten Glücklich in mein Netz hinein, Denn ich spielte den Galanten, Und Ihr wißt, da bin ich fein! Erst an die Thür klopf' ich leise — o web! Was woll'n denn Sie da? — WaS woll'n denn Sie da? — Schnofelt entgegen mir eine alte Fee. Alle. O je! — o je! — Fleck. Trete bescheiden in'S Zimmer sodann, Wau, wa«, wau, wau, brr, wau, wau, wau, wau brr, Bellt mich ein Dutzend kleine Pintsckerln an, Ich küß' den vier Damen submiffest die Hand Und trag' meine Sendung vor äußerst wandt. 5 jamoS! — Famos! li, jetzt ging's erst los! Schau, sagt die Erste, schau! Kraucht das Dürscherl schon wieder mal a Geld. Schau, sagt die Zweite, schau! Da sind wir halt die Besten auf der Welt. Schau, sagt die Dritte, schau! Ich Hab's g'sagt, er hat Hang zur Lumperei. Schau, sagt die Vierte, schau! Er hat g'wiß irgendwo a Bandelei. Aber, bitt' Sie, meine Damen, So ein fleißiger Student. Ah pah, pah, pah! 's ist ein lockerer Patron, Der von Liebe nur den Namen Und selbst k>en nur dunkel kennt. Ah pah, pah, pah! Eure Tugend kennt man schon, So geht's weiter Ritschi-Ratschi! Die vier Tanten immer heißer, Raisonniren Quitschi-Ouatschi! Hier ein Hieb und dort ein Beißer, Und ich stehe wie begossen. Putz' die Thränen mir vom Frack, Und vor Rührung ganz zerflossen Greifen's endlich doch in Sack. Na so seh'ns, na so seh'ns. Fein manierlich in der Still', (Es geht Alles, wenn man will.) Alle. Hoch soll unser Retter leben, Hoch, der uns den Nerv gegeben, Tausend Jahr' verstreichen, Keiner wird ihm gleichen! II. Fleck. Doch bei weitem schwerer war es Bei den Kindern Israel, Kaum tret' ich ein in das kleine Gchäus' Dididstaiti, Dididitaiki, Hör' ich Geserrs — hör' ich Gesäus. Alle. D je, — o je! Fleck. Sieben feine Herrn geben schwelgend im- Glück, Der Herr von Beischeles, der Herr von Fleischeles Beim Herrn von Mosketeles ein Piquenik; Ich bitte gehorsamst um hochdero Ohr, So trag' meinen Auftrag mit Salbung ich vor. Famos, famos! Ui. jetzt ging's erst los, Pi, sagt der Erste, Pi! - Hast in deinem Leben so wa- g'seh'n.. Pi, sagt der Zweite, Pi! Da könnt wahrhaftig man capores geh'n. Pi, sagt der Dritte, Pi! Ich Hab' stets gethan, so viel ich kann. Pi, sagt der Vierte, Pi! Na. was sagen Sie von so ein' Mann? Meine Herr n, zur Gelderzweckung Stell' ich aus hier diesen Bon. Und laß' nebenbei als Deckung Diesen feinen Pantalon. Waih geschrien! faule Sacken, Rein meschngge! heißt a Stuß, So ein Antrag mir zu machen, Daß man wirklich lachen muß; Doch von mir wird still geheuchelt, Küß' der Hausfrau zart die Hand, Bis sie endlich sehr geschmeichelt Lispelt: Aron, sei galant! Einmal kannst dem Herrn noch geben, Wenn er zahlt in vierzehn Tag', Und der gute Aron Leben Greift gemüthlich in den Sack! Na so seh'ns, na so seh'nS, Fein manierlich in der Still', (Es geht Alles, wenn man will.) Alle. Ertra-Wirer, wir sind erstaunet. Wie er so fein manövrirt, Pfiffig und schlau intriguirt, Weit in die Welt hinaus posaunet, Daß er ein TeurclS TeurelS Wirier! Fleck. Dieß, meine Herren, die Resultate meiner heutigen Wirksamkeit, welche ich in landesüblicher Münzsorte überreiche. 6 Gerhard. Du bist die Blüthe aller WirierS. Brand. Der größte Fleck des Jahrhunderts! Frinke. Generationen werden entstehen. Brand. Aber einen solchen Stiefelputzer zeugt die Schöpfung nicht mehr. Alle. Vivat Timotheus! Fleck. Ja, an mir ist ein Diplomat verlorengegangen, wär' ich in meiner Jugend zu einem LegationSrath in die Lehre gegangen, so könnte ich Depeschenmacher geworden sein! — Noten Hab' ich ohnehin fchop geschrieben. Klette. WaS nicht ist, kann werden. Frinke. Wenn ich einmal Justizminister bin — Brand. Mit dem Gesicht? Fleck. Bis dahin macht er ein längeres, wer weiß, was in ihm steckt? Brand. Unterdeß steckt er — Fleck. In Schulden! Frinke (verweisend). Fleck! Fleck. Bin schon still! Sagt' ja schon der große Talleyrand so treffend in Becker's Weltgeschichte:» Der Mensch hat die Sprache, um zu schweigen!* Das ist echt diplomatisch und bequem dabei. Alle. Bravo! Reibt ihm einen Salamander. Fleck. Wenn Sie lieber meine Schulden zahlen möchten, aber da stockt's bei uns Allen; im Lager der Philister wird man immer unbarmherziger — unter 200 gibt keiner was her. — O diese Wucherer! Da wohnt auch Einer. Frinke. Hieronymus Geier! Brand. Das soll ein wahrer Satan sein? Gerhard. Bringen wir ihm ein Abend- ständchen. Frinke. Sehr gut! Nehmt eure Ziegenhainer, wir fingen ihm das Klopflied. Wirth. Ja, klopfen's ihn aus, er ist ein schmutziger Kerl. Rlopssied. Frinke und Brand. Klopfgeister zu beschwören, Sind wir gekommen. Chor. Klopfgeister sollst Du hören Zu Nutz' und Frommen. Frinke und Brand. Wo Sünden und Gebrechen Sich boshaft zeigen, Chor. Muß man den Frevel rächen, Dem Grab entsteigen. Alle. Poch, poch, poch, poch, poch, poch! Fleck. Wenn die Posaune geblasen einst hat. Alle. Poch, poch re. Fleck. Dann »st es mit deiner Reue zu spat. Brand. D rum, lieber Geier, bekehre Dich jctzk, Damit es nicht später da droben was sehr; Bekehre Dich lieber jetzt. Alle. Wo Sünden und Gebrechen Sich boshaft zeigen, Muß man den Frevel rächen, Dem Grab entsteigen. Bekehre Dich Und hör' auf mich! Bekehre Dich, mein Sohn; Bedenk', daß die Geister es juckt Znm Pereat schon. Fleck. Und alle schlechten Rangen Werden dort abgefangen. Hoch in die Lust gehangen Zu lauter Schlangen, Und bösen Zangen. Für solche Rangen Ist das der Lohn; O bereue, lieber Sohr», Denn eS juckt die Geister schon. 7 Alle. Verstockter Sünder, beff're Dich, Die Strafe zu verkleinern, Sonst wirst Du einstens fürchterlich Geklopft mit Ziegenhainern. Es juckt zum Pereat schon, Pereat, Pereat, Pereat! Fleck. Wirst auf uns nicht hören, Und Dich schleunig bekehren, Keinen Armen mehr scheren; Wirst die armen Studenten, Treten nicht mit Prozenten. Besserst Du Dich nicht, mein Sohn, Klopft man einstens Dich zum Lohn; Beff're Dich, mein lieber Sohn, Sonst wird einstens man höllisch Dich klopfen zum Lohn. (Während sich die Studenten zum Abgehen richten, bleibt Fleck noch eine Weile unter Geier s Fenster stehen und fingt Folgendes mit Ironie.) Na so seh'ns, na so seh'ns; Weil Sie uns so lang gezwickt, Jetzt hab'nS auch Ihr Fetten kriegt. Alle (im Abgehen). Der Graf von Luxemburg Hat all' sein Geld verputzt. Viermal — hunderttausend stark. (Die Studenten und Fleck ziehen sich in den Hintergrund und lagern sich auf dem Rasen der Hügel.) Dritte Scene. Vorige. Anton und Lisette. Lisette. Du willst scheiden. Anton (mit Rävzel und Wanderstab). Welche Pein. Lisette. Derd's nicht leiden. Anton. ES muß sein. Lisetle und Anton. Diese Qual ertrag' ich kaum. Lisette. Trostlos Sehnen. Anton. Fasse Muth. Lisette. Unter Thränen. Anton. Bleib' mir gut. Beide. Ach, mir ist's, als wär'S ein Traum. Anton. Liebchen mein. Beide. Ohne Dich mich verzehrt Auf der Erd' Bitt re Pein 3m langen Trennungsjahre, Ewig schlägt dieses Herz, Voll von Schmerz Dir allein! DaS ich Dir treu bewahre, Es muß geschieden sein! Die Studenten (im Hintergründe). 6Lu Lisette und Anton. Ach, lieber Herr Student rc. rc. Frinke. Will Euch befreien von all' euren Sorgen, Und mich am Verein eurer Herzen erfreuen! Schon ist mein Plan Fertig im Geist, Frisch' geh' ich d'ran, Fröhlich und dreist! Heute noch schaff ich das Geld oder morgen Und werde so Freund und Erretter Euch sein! Was man beschließet, muß geh'n oder brechen, Nicht anders mehr duldet's der flotte Student. Doch wcnngelungen mein heilig Versprechen, Dann wirst Du lohnen mein Riesentalent Mit einem Küßchcn voll Feuer und Leben, Das bis in die Tiefe der Seele dringt ein! Küsse von rosigen Lippen gegeben, Soll'n von begeisternder Wirkung stets sein! Lisette und Anton. Hier mein Hand, Als Unterpfand! In Freud' und Lust Hebt sich die Brust. Ein Hoffnungsschimmer Lindert die Pein! Wir sind befreit Dom Trennungsleid, Du scheidest nimmer, Bleibst ewig mein; Ja selig Geschick, Ein Hoffnungsstrahl Verscheucht die Qual. Ja uns lackt daS Glück! Der Liebe Lust Erfüllt die Brust! Theurer. Theure. Mit Dir vereint Werde ich selig sein! Ach! 10 O könnt ich ganz Mich der Liebe Seligkeit weih'n! - t mein Theurer, j meine Thenre. Du mein Alles! Zn Freud' und Lust rc. rc. Er zeigt uns den Hoffnungsstrahl, Endet uns're Liebesqual. Frinke und Brand. Nur schlau und fein Sich vorgeseh'n, So wird sie dein, So muß es geh'n! Flotte Bursche dringen, Euch zum Gelingen! Weg mit Angst und Zagen, Thränen fort und Klagen, O, das verstehen wir! Nur muthig — Weg mit den Klagen! Flotte Bursche bringen Alles zum Gelingen. Rasch an s Werk, Za, der Erfolg soll dann krönen Die hcit're That. Wenn sie vereint wandern, Selig auf rosigem Pfad! Flotte Bursche bringen rc. rc. Nur schlau und fein, Sich vorgeseh'n, So wird sie dein, So muß es geh'n! Fleck. Nur schlau und fein, Ha, dieser Schabernack, er wird gelingen. Ich stehe Euch dafür, So wird sie dein! Man muß ein jedes Hinderniß bezwingen. Und das verstehen wir! Flotte Bursch bringen, Euch zum Gelingen! Das verstehen wir! Nur muthig — Weg mit den Klagen, Und nun rasch an s Werk, Werde Alles leiten, Alles vorbereiten, Heitere Geschichten, Pfiffig zu erdichten, ' Das ist meine Sache, Die ich herrlich mache, Schweigen oder schreien, Schleichen, warten, handeln, Links und rechts die Sach' verhandeln! Aendert sich die Sache, Sagt, wie man eS mache, . Zch bin da und wache, Schmieg mich wie ein Aal, Da heißt's erst die Sache Pfiffig eruiren, Schlau dann intriguiren, Teurel noch einmal! Schlau und fein, Vorgeseh'n, So wird sie dein, So muß eS geh'n! (Alle ab hinter dem Wirthshaus.) Wirth (allein). Sie wollen dem Liebespaar helfen, da muß ich auch mit dabei sein; sind gute Kerle, die Studenten, besonders die Zwei! — Nein, da thät' ich den Andern Unrecht, Sie sind Alle gut — bei mir angeschrieben. Da sagt man: Jugend hat nicht Tugend. Za anpumpt! ich weiß das von mir, ich war in meiner Zn« ^end viel tugendhafter als jetzt; damals Hab' ich nur alle Sonntag einen Schwips g'habt, jetzt Hab' ich alle Tage einen Rausch. Pfui Teufel, ich hab'^mir schon oft Vorwürfe darüber gemacht, besonders in der Früh, wenn ich aufsteh' — noch ganz nüchtern bin, mich anzieh', vor'm Spieg'l steh', mich balbir, Hab' ich mir oft ins G'sicht g'sagt: »Du bist ein Lump, bessere Dich!* 'S nutzt aber nichts. (Im Abgehm ) Es ist g'rad so, als ob ich in einen Stock !bineinredet. (Ab.) 11 Fünfte Scene. Geier (allein ; eine verhungerte Gestalt in abgeschabter Kleidung tritt aus seinem Hause). Lied. Was der Mensch ans Gottes Erden Hier erwirbt, Muß erhalten werden. Daß man nicht verdirbt! Wenn die Thalcr einwärts wandern Tag für Tag, Legt man's zu den andern, Welche süße Plag' — Ach, das Höchste auf der Welt Ist das liebe blanke Geld; Daß mir kein Groschen fehlt. Wird tausendmal gezählt: 21, 22, 23, 24 25. 6 u. 7 u. 8 u. 29. 30! 31. 32. 33. 44. 35. 6 n. 7. u. 8 u. 39. 40! Funkelnde Seligkeit, schuldlosVergnügen, Didl, lidl, lidl, lidl, lidl. Ein Silberblättchen zum andern zu fügen, Tin! Tin! zähl' fort! So mehrt der Schatz sich dort: 41. 42. 43. 44. 45. 6 u. 7 u. 8 u. 49. 50. 51. 52. 53. 54. 55. 56. 57. 58. 59. 60. II. Sparsamkeit, du schöne Tugend, Hoch geehrt, Leider kennt die Jugend Selten deinen Werth. Ras't im Taumel ohne Sorgen Durch die Welt, Legt sich flott aufs Borgen, Achtet nicht das Geld! Tanzt mit flatterhaftem Sinn Durch die schönsten Jahre hin Und, ach, die Jugendzeit Entflicht mit Schnelligkeit. 21. 22. 23. 24. 25. 6 u. 7 u. 8 u. 29. 30. 31. 32. 33. 34. 35. 6 u. 7. n. 8 u. 39. 40. "nd derSyrenen verlockendesSckmeicheln, Di edl, lidl, lidl, lidl, Weiß von derStirnedie Falten zu streicheln. Didl, lidl, lidl, lidl, Doch bald — ei, ei. Jst's mit der Lust vorbei. 41. 42. 43. 44. 45. u. 6 n. 7. u. 8 u. 49. 50. 51. 52. 53. 54. 55. 56. 57. 58. 59. 60. Diese Wahnsinnigen — heute verlottern sie ihr Geld und morgen geh'n sie betteln! — Aber mir soll einer kommen — nicht einen Dreier geb' ich ohne Pfand — Hab' aber doch bereits ein hübsches Stück Geld an ihnen verdient! — Hehe! — (Geht zum Tische.) Diese halbgeleerten Krüge — die Bursche haben den ganzen Keller geplündert. Der Weise nützt der Thore Narrheit (trinkt die Reste aus.) Ah! Sehr gut! — Wie da der Käseherumliegt (Steckt die Brocken rin.) So Hab' ich's von Jugend auf gehalten und wenn ich wollte, ich könnte allen Wein der ganzen Stadt zusammenkaufen und die Schlemmer verhungern lassen, haha! Jetzt werd' ich meinen Spaziergang machen — Herr Gott, ich glaube gar, es fängt an zu regnen — ich habe einen Tropfen gespürt, wäre nicht übel. fSkqt sein Schnupftuch über sei« uen Hut.) Sechste Scene. Geier. Brand (als italienischer Maler mit einem verdeckten Bilde). Brand. Ho korse 1'onors äi purlano ul är8tinti88illio 8i^nor Osier? haben ick die Ehre mit Herrn Geier zu spreck? Geyer (für sich). Ein Wällischer, der will ein Anlehen machen! — (Laut.) Wünschen? — Brand, ^tkuroni, mio Liquors. Geyer. Maroni — kauf ich nicht. Brand. 8'inAannn! — Sie irren 12 sick! — Io non 8ÄPSVL il numsro clollu 8NS 0S8U. Geier (für sich). Numero? Er will was ausspielen! Brand. 8ono piltore — rnio 8iß- noro! — l?rofo88or6 äs! eoloro — ick seinsen ein Maler! Geier. Ein Maler? — Na, es ist just keine Sünde, aber schön ist es auch nicht! — Wahrscheinlich in Geldverlegenheit? Brand. 8i 8i^noro! Geier. 8iKNors?ittoro — rnioOlrro 8on vvrgjiors nionts loi lroro; Brand. Olre olutulo voi? Geier. Ach, was Cbocolati! Wenn der Herr mit mir ein Geschäft machen will, so muß ereine solide Bürgschaft oder ein Pfand mitbringen! Brand. I7n po^no? — Ich habe eine kostbare Pfand und brauche nur einr^no tsller! clomuni morgen, ick geben wieder zurück. Geier. Und wo haben Sie das jwAno? Brand (enthüllt großartig ein altes abgeschabtes Bild). Loeolo l)ni! Geier. Such' sich der Herr einen anderen Narren, auf das Pfand geb' ich keine fünf Groschen! Brand. Dseste! Sprecken Sie nicht weiter — es sein eine echte Ouratsrrveio! Geier.Earbatschio! Brand. Der Bild haben eine Werth von tausend Tallerie — ick geben nit für zweitausend diese porlu clollu 8euoIu ituliunu, von die italienischen Schule! Geier. Ja, daS sieht man. daß das in der Schul gemacht ist! — WaS stellt eS denn eigentlich vor? Einen Schinken oder ein Weinfaß? Brand. ?Ion luto 8vlroriü. — Huv8ta intsrs88ante clumi^ollu e In 8i^nor» k^oliftrr, v HU68to IvMiackro il e»8to Oin8«ppo, — der keusche Josef. Geier. Was Sie sagen! Brand. Diese egyptische VenuS wollen verführen den Jüngling mit seinen Augen! ms il on8to Oiri8opp6 wollen nir wissen von ihr, in korra äslls. sua moralitü. Geier. Bei einer solchen Potifar fiel es mir auch nicht schwer, keuscher Josef zu sein. Brand. Ounvsuo, entschließen Sie sich! Wollen Sie geben mir oin^uo tullsri su l)ue8lo i>oAno? morgen ich zahlen zurück! Geier. Hören Sie, da fällt mir was ein! In meinem Krautgarten Hab' ich eine dicke Juno aus Gyps, die etwas defect ist; wenn Sie mir die grau anstreichen, eine neue Nasen machen, und mir morgen statt fünf Thaler zehne zurückbringen, so will ich Ihnen im Gottesnamen, ohne weitere Im tereffen die Summe borgen. Braud.f'onvonßo! — !VIu — daß mir nir macken keine Schaden an meine Meisterstücken. Recitntm und Ärielte. I! mio ouors — lmi Is^uto — sl, si — (il euor«) lmi lohnte in mvl, ul, ( uro l^usl ftoolrin euro ljusl nuuin — earu ^uel umunäu in »inorur, Oosso maclurnul clu infinooliiur — Veolrio rerlrinol — oio — o — Vnol ckir — non 8 v — non 80 — no I 7 nu tiru oiu — lVulIro tiru 8 u — k'inoliu voltu in lueln» non 8ortir I^sllu rote ^oins trs 808pir, In mo8vl,inol 8i fru 808 s,ir In mvuolttnol mu. 8i mio Iren, mvl ^oi orvilvrv — ^ lu 8 turiu ckovrui evckvrs — I)i uoprimvrv liru fvrviilu Dsi risslvltvrv mio ftvn 8 , — s, mio Iren 8 i cki 80primsr liru fvrvistu liiNvtter < 1 vi mio Iren — 8 i si — rissotter äei !VIio lrvn — u tomjro unoora — ?iuuti cki ckuol — eolrvSßvrsno tlun- <^ue utv ck'intorno 13 6 tuo äanar o poverino piü non rie- edevo un oorno — 6 runti äi äuol pel luo ckanar Lode^eruno — o poverino — De ä'intorno eodeAAsran — 8i — si — 81 — Ouro <)ue 1 doedin Ouro i^usl nusin. Ouro ljuel umuncku in amorur Oeüo muäurnul äu inünooliiur, Vsooliio rerdinvl In lueiu voltu non sorlir In mesodinello 5 ra 8 ospir 8 i me! poi erväsrs Du äovrui eeäerv. — 8 oprimer liru (u lempo sneor.) ^ääio! Xäckio. (Gehtab.) Liedente Scene. Geier (allein). Ist das ein Volk, diese Künstler! — Hat der Mensch keinen Heller in der Tasche und will das Bild nicht für eine solche Summe Geldes geben. — Die Madame Potifar steht auS wie eine Oebst- lerin, und der keusche Josef wie ein Leichen» bitter. Aber das ist die alte Sckule! Vergangenes Jahr wurde in einer Auction so eine alte Leinwand für 2000 Thaler verkauft — eS war ein echter Amschel oder Amschelo! — Namen baben diese Maler, 's ist zum Teufel holen! Achte Lccne. Geier, Frinke als Engländer. Fleck als Groam. Duettino. Frinke. .lolm, tulre eure desji delunck me! Fleck. O ^68, fS8, >68, ) V8, ) 68. Frinke. 6 vsr>rvliere loolc ! Fleck. Od >es, >68, >68, >ss, /es! Beide. 6Ie88 m> äeur! ttis 8uu !-s stiininA, ^Iist's o oloelc, ul kour I um äininx. 6nAÜ8d Oorä 6nAli8li ^Vorcl 6u^Ii8li OoA Lnslisd k'oA. 6orcl, Worä, k'oA! O olieer olä Ln^Ianä, elieer! II. Frinke. We ure dorn in Ooventr>. Fleck. Oll >68, >68, >68, >68, >68! Frinke. Dlrst r^e ure ver> Aluä to ses. Fleck. Oll >68, >68, >68, >68, >68! Beide. 8edr 8norrer 8uod a )ol> oit> Xvi!rer 8urr un> tdinS Io pr6tt> Ln^lisli 6oiÄ 6nAli8d Worä 6nAli8d OoA Lnslisd 6oA Oorä, Worä, k'oe! O odeer olä LnAlanä, edeer! Geier (für sich). Was sind denn das für ein paar Caricaturen? Frinke (zu Fleck). John! Fleck. Mylord. Frinke. I ünck tdis lunäseups ver> nies! Ick finden das Landschaft hier sehr interessirt! — Fleck. O Ooä — Dampfnudeln, sein meine Leibspeiß! Frinke. I ^voulck u!rvu>s dreutli tdi8 äeli^dtinA uir! — Ich wollte immer schweben in dieses verführerische Luft. Geier (für sich). DaS sind Engländer! — Frinke. VVIio tlre äsuoe i8 8x6LlciriA tlrers. Ah ein Bettler. Oivs dim » psnn>. — Fleck (gibt Geier eine Münze). 14 Geier (nimmt das Geld). Man muß Gott für Alles danken. Frinke. ^ am kouä ok IrosiuA ^suorou8 — wenn man har 20,000 pounä n ^our it is äut^ to 8U(>por1 poor peopls — is verfluchte Schuldigkeit zu geben an das arme Mensch! Fleck. O, wenn i nur a Pietschen Bier hat'! Geier (für sich). 20,000 Pfund hat der jährlich — das sind 200 Zentner — der muß sich ja seine Interessen immer mit ein Frachtwagen nachfahren lassen! — F r i n k e. Ikl eoulä Aot n ärnrvinA of tki8 wenn ich könnt' haben ein Bild von diese prachtvolle Gegend, ich wollt geben a Svoä äoal ok ruono^ — eine gute Preis. Geier (für sich). Herr Gott, da ließe sich ein Geschäft machen! — Aber die Madame Potlfar kann ich doch nicht als Landschaft verkaufen! — Probiren muß man's (laut) Mylord! — Frinke. He? Geier. Da Hoheit ein Kunstfreund sind, möchte ich mir erlauben auf ein Werk aufmerksam zu machen, welches vielleicht Ihren Wünschen entsprechen dürfte! (Zeigt das Bild.) Frinke. — Oli! ei! 1e t1Ü8 pieluro ^oure!—Zs des Bildnus Zhr Eigendum? Geier. Za — mein — das heißt — ja! Frinke. Mißtriß Potifar! Geier (fürsich). Aber gleich hat er's weg! — Frinke. Dlmt'g a Ournvatiseliio! — ^Visiere i8tkv propriotor—wo is dasEigen- dumer, daß ich ihm lege zu Füßen all' rnoue^ — all' mein Geld. Geier (für sich). Teufel, der geht scharf d'rein! —(Laut.) 3a! seh n Sie sich's nur recht an — geht nichts herunter — ist Alles echt! Frinke. Zch gebe Ihnen für diese Meisterstück tausend Thaler! — Geier (für sich). Tausend! (Laut) Was glauben Sie denn — das Bild ist wenigstens das Dreifache werth!— Fleck. O Du Lump Du! — O hau Di Du Ochs Du! — Frinke. Pah! — Ein paar Dueaten mehr oder weniger! — Wenn Sie sind einverstanden, kommen Sie in mein Hotel... Fleck. Hotel Schnorr! — Frinke. Lut to äa^! — heute noch — denn morgen früh ich reisen ab! ^otiu! Lot U8 Ao! — Repetition der ersten Strofe des Duettino. (Beide gehen nach dem Gesänge langsam hinter dem Wirthshaus ab.) Neunte Scene. Geier, dann die Studenten, Wirth. Geier. Da mach' ich ein famoses Geschäft! (Wickelt das Bild in ein Tuch und stellt es an den Wirthshaustisch.) Auf das kann man sich was zu Gute thun! — (Ruft ) Heda — Wirthshaus! Wirth. Was, der Geier! Der Herr Geier! Freut mich ungeheuer! — Geier. Zch möchte etwas genießen. Wirth. Bei mir wird nur einmal zu Mittag gekocht! Geier. So dringen Sie mir, was Sie zu Mittag hatten. Wirth. Das Hab'ich schon g'effen, nichts als die Sauce ist übriggeblieben. Geier. So bringen Sie mir die Sauce. Wirth. Die hat die Katz' ausg'schleckt. Geier. So bringen Sie — Wirth. Die Katz'? — Geier. Unsinn! Einen halben Schoppen Dünnbier. Wirth. Dem misch' ich jetzt ein Trank! z'sammen, daß er sein Lebtag kein Bier mehr trinkt. (Ab) (Der Wirth kommt gleich wieder mit einem Glas Getränk, welches sehr dunkel und trüb ausfieht. Geier langt gierig damach. Der Wirth gibt es ihm nicht früher bis er bezahlt. Nachdem Geier gezahlt hat, kostet er das Getränk; es gibt ihm einen Riß — stummes Spiel.) 15 Tanz. Zehnte Scene. Vorige, Brand (aus dem Hintergründe). Brand (rufend). Liquors! Liquors! Looomi äi ritsrno — Ich habe gefunden eine englische Kunstfreund, er haben mir unterstützen, ich bringen hier Ihr Geld zurück. Geier. So schnell! — Bstand. Geben Sie mir mein Bild. Geier. Aufrichtig gesagt, eS ist mir schwer, mich von dem Bilde zu trennen — je mehr ich es betrachte, desto bester gefällt es mir — schlagen Sie ein, ich kaufe es Ihnen ab! — Brand. Was fallen Ihnen ein?! — Geier. Ich gebe Ihnen fünf blanke Louisd'or. Brand. Nicht einmal für hundert! Geier. Was?! — Sie werden doch nicht so verblendet sein! — Brand. Impoasidilv. Nein, ich kann nicht. Geier. Nun denn — ich gebe Ihnen 50! — Brand. No, no, no, no! Geier. Sie können auch dreimal bei mir Mittag essen, einmal warm, einmal kalt, einmal gar nicht. Brand. Ich will mir nit verderben meinen Magen! Geier. Aber ich muß die Madame Potifar haben — ich bin vernarrt in die Person! — Brand.Nehmen Sie Abschied für immer! (Will das Bild nehmen.) Geier. Hundert Louisd'or. Brand. No! Geier (für sich). Der Kerl ist zäh'— (Laut.) Wohlan 130 Louisd'or. Wirth. Treiben Sie die Sache nicht zu weit! Brand. Vielleicht ist Ihnen später wieder leid! Geier. Mir? — Die Herren sind Zeugen, daß ich das Bild rechtmäßig gekauft habe. (Zieht die Brieftasche.) Hier 700Thaler — macht 130 Louisd'or! Brand. Gott vergelt Ihnen, was Sie für die Armen thun! — Geie r.Und jetzt, meine verehrte Madame Potifar, jetzt wandern Sie mit mir zu dem englischen Mylord, der Ihre Reize zu würdigen versteht! Wirth. Wo wollen Sie mit dem Bild hin? — Geier. Was kümmert Sie das? Wirth. Bei mir d'rin hat's ein wunderschön Platz g'habt, da is 's hinter'm Herd g'hängt und hat's Ofenloch zudeckt. Geier, (erstaunt). Ofenloch! Eilste Scene. Vorige, Frinke, Lisette, Anton, Fleck, (find bereits früher ausgetreten und im Hintergründe stehen geblieben). Frinke (vortretend j. Edler Menschenfreund! Dießmal hat Sie Ihr Kennerschaft im Stiche gelassen! Das Geld, was Sie dem braven Burschen da widerrechtlich entzogen, haben Ihnen die flotten Bursche herausgezwackt. Brand. Aufgeseffen, würdiger Greis. Hier Lord und Maler. Geier. Entsetzlich! Mörder! Diebe! Ich bin bestohlen! Ich habe diesen Schmarn um 700 Thaler gekauft! Alle. Freiwillig! Wir sind Zeugen! Alle. Hinaus mit ihm! (Zwei Studenten heben Geier auf die Schultern und tragen den sich Sträubenden unter allgemeinem Gelächter ab ) Zwölfte Scene. Porige ohne Geier. Fleck. Der ist besorgt und aufgehoben! Frinke (zu Lisette). Hier, Kinder, euer Geld. Du heiratest deinen Anton. Zugleich. l6 Brand. Die ganze Facultat'wird Beistand sein! Fleck. Und über's Jahr heben wir einen flotten Burschen aus der Taufe. Schtußgesang. Brand, Fricke. Wo flotte Burschen sich vereinen, Muß es nach Wunsch auch geh'n, Keiner kann da widersteh'», Und wenn als Schutzgeist wir erscheinen, Werdet als Sieger Ihr uns seh'n! Fleck. Trefflich, herrlich, Als Sieger uns zu sehen! Die Studenten. Es muß gehen, Werdet stets als Sieger Ihr uns sehen! Anton. Ach, mein Lieschen, jetzt sind wir Für immer vereint! Ja treu verbleib' ich Dir, ^ Lisette, meine Sonne, Z Meine Seligkeit und Wonne! Ä Lisette. Ach ja! Dein nun will ich sein, Der Lieb' und Treue ganz mich weih'n, Dein Blick sei meine Sonne, Meine Wonne! Alle Studenten und Fleck. Vivat! Vivat! Onnäiawri8 lAitur 6 um snrmis. Das Brautpaar lebe dreimal hoch! (Der Vorhang fällt.) Druck und Papier »on L«o»»ld Lommer in Wien Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt und zu beziehen durch den Verfasser. Die Kindsmadeln. Posse mit Gesang in einem Acte von Alois Berla. In Kürst'- Singfpielhalle in Wien fünfzigmal gegeben. Personen: Krau Brr an essel. Blumrnfabrikauttu Robert, ihr Sohn, Soldat. Rest, l Kathick Vetty !' Blumenmacheriunrn. Clara,i Peter, Hausknecht Marianka Stroadt, l Zulcsa Kekete, ! Mirzl Kerschbacher,! vazireadr Dimstmädchea- Hübsches Zimmer, moderne Ausstattung, auf den Tischen mehrere Larion- mit gemachten Blumen. Kathi, Betty, Clara, Refi, in netten Kleidern, verfertigen Blumm, welche sie in Basen stecken. Erste Scene. (Dir Mädchen fingen.) Uns re Blumen immer blüb'n, Unsre Blätter bleiben grün, Sommer- oder Winterzeit Hat da- Ange d'ran sein' Freud; Doch wir armen Madeln haben Nix von all den schönen Gaben, Welken langsam hin dabei Bei der Blumenmacherei! Sk. 201. Kat di (umnuthig). 2'frag', soll man da net endli z wider wern, wann man einen Myrthenkranz um den andern winden muß, damit sich glückliche Bräute schmücken können. während man selber in anfort ledi bleibt? Betty. I bin heut'grad' net für'-Heiraten, weil i schon den ganzen Tag Rekru- tensträußerln wind; da denk' i mir immer, was wärst Du für a unglückliche- Madel, wann'- dein'n Bräutigam auf amal zum Militär nehmen thäten und er käm net eher z'ruck, als bis'n der Feind erschossen hätt'. Clara. No, a Bräutigam, der erschossen is.wär'grad' a nit mein Passion, gelt', Rest? Refi (schmerzlich aufspringend u»^ das Sack- t 2 tuch vor die Augen drückend). Clara,wie kannst denn so was reden? — O Gott! Kathi. 's is aber a wahr, wie kannst denn die Rest d'ran erinnern, daß d'n jungen Herrn Robert damals in Jütland — Clara (erschrocken). Ja, richtig! Betty, 's is a Glück, daß Dich unser Frau net g'hört hat, ich glaub', sie hätt' Dich gleich fortg'schickt. Clara. Na, wer is denn Schuld an dem dalkerten Diseurs? I Hab' net an'gfaugt, denn ihr Andern habt's schon früher so dergleichen g'redt. (Zn Refi.) Sei net Harb' Rest, und i gib Dir's Wort, daß i in Zukunft achtsamer sein und Dich net kränken will. Komm', setz' Dich und verzeih' mir. (Zieht Refi wieder zum Arbeitstisch und spricht mit ihr.) ' Zweite Scene. Vorige. Peter (durch die Mitte). Lntr^lled. A Hausknecht der bin i, das siebt jeder Mann, Und daß i als Hausknecht was ausricbten kann, I schlepp' a als solcher so schwer, meiner Ehr', Daß i lieber statt Hausknecht a Tragesel war'. Doch tröst' mi nur An's, Hab' ich michrecht plagt, Daß Jeder sein Schicksal auf derer Welt tragt. Wann Manchen auf derer Welt sTragbandl reist, Der kann uir dafür, wann er dann nir recht's leist'; Denn d'Menschheit die schleppt sich so durch in der Welt Und Alles weg'n nir als uur weg'n dem lieb'n Geld; D'rum tröst' mich das Sprichwort, Hab' i mich recht plagt, Daß Jeder sein Schicksal auf derer Welt tragt. (Zu den Mädeln, indem er seine Kappe abnimmt.) Grüß Ihnen Gott, meine Damen! Verzei- gen's, daß i Damen zu ihnen sag', aber i waß net, wie's haßen. Kathi und die Andern (betrachten ihn). Kathi. Wer is denn der Herr? Peter. I bin a Hausknecht, der von seinen eigenen Mitteln lebt! Betty. Dann is er ja gar ka Hausknecht! — Peter. A freili, i leb' nur deswegen von meinen eigenen Mitteln, weil i vazirend bin. Kathi. Ah so! No und was will denn der Herr? Peter. An'Dienst! Kathi. Da muß der Herr nebenan in s Dienstbvtenbureau gehen! Peter. Da war i schon! Der G'schas» telhuber schickt mi her zu der Frau von Brennessel, weil die Frau zu ihm g'sagt hat, sie braucht an'n Hausknecht, denn sie kann ohne Hausknecht gar nicht leben! Kathi (lacht). No, so wird sich die Frau von Brennessel g'rad net ausgedrückt hab'n, aber daß wir an'n Hausknecht brauchen, is richtig, denn der frühere is fort, g'schickr »vorn, weil er ein Confusionsratb war, der Alles verkehrt gemacht hat. Peter. Da kann mau sehen, wie jetzt die Zeiten schlecht sein, wann sogar die Räthe Hausknecht wer'n. Kathi. Hört er denn net, daß von ein'm Confusionsrath die Red' is? Keter. No ja, Confusionsrath, das is Aner, der Alles durcheinandcrbringt, so daß sich ka Teure! mehr auskennt, es gibt gar viel solche in Deutschland. Nebrigens i bin a Oesterreicker, obwohl i unter die wilden Pieher auf d'Welt kumma bin. Die Mädchen. Unter die wilden Vie- her? Wie is denn das möglich? — Peter. Das is sebr leicht möglich! !Seg'n Sie, mein' Mutter war die Frau von dem Wärter einer reißenden Menagerie, die !stch damals in der Brigittenau zum Kirta emg'funden hat! Gerade wie mein Vater zu seinem verehelichen Publicum g'sagt hat: »Hier sehen Sie das Rhinozeros!« bin i auf d'Welt kumma, und das Erste, was i von der Welt g'hört Hab', war das Gebrüll von die wilden Vieher, die mi alle gleich zum Fressen gern g'habt haben! Mädchen. Ah, das is merkwürdig! Peter. Ja, meine erste Jugend war sehr interessant, der Elephant hat mi am Arm, will i sagen auf die Zähnt uma- trag'n, mit der Mili von einer amerikanischen Tigerkatz' bin i g'sängt wvr'n, mir an' Eisbären Hab' ich's Buchstabiren g'lernt, auf einer Hyäne bin t g'ritten und mit die Affen Hab' i mi g'spielt, so daß i mir noch nach Jahren manchmal eindild', i kann ohne Affen gar nicht eristir'n! Aber die schöne Jugendzeit is vergangen, d'Me- nagerie verkauft wor'n und i bin in d'Lehr lummen zum Bertolelti! Kathi. Wer war denn der Bertolelti? Peter. Das war der Erste, der die Flöh' dressirt hat, und i war für die Füt- kerung, weil i so viel« süßes Blut g'habt Hab'. Die Mäd chen < lachen). Peter. Lachen s net, meine Damen, die G'schicht is traurig ausgangen! G'rad zu der Zeit Hab' ick mich zum ersten Mal verliebt; daß man das zweite und dritte Mal net so verliebt is, als wie s erste Mal, das wer'n Sie, meine Damen, am besten wissen! Die Mädchen (lachen). No, nur weiter — weiter! Peter. Also ich war in eine Marchan- drmode verliebt, die vis-n-vis von unser'm Fenster ihr'n Lad'n g'habt hat. Amal, wie i g'rad' die Flöh' füttere, schau' i ganz sehnsüchtig hinüber und was siech i, daß meine Marchandemoderin einem Dragonerwacht' master a Bußl gibt; darüber lauft mir das Aut eiskalt durch den ganzen Körper und die Flöh', die g'rad trinken, verkühlen sich und a Halde Stund d'raus sein's alle mit einand' hin g'west! — Die Mädchen. Ah! Kathi. Hör'ns auf, Sie plauschen uns an! Peter. Na, na, es is bittere Wahrheit, der Bertolelti is mir acht Tag lang mit aner g'ladenen Windbüchsen nach- g'rennt, weil er mi aber net erwischt hat, is er abg'reist; i bin in Wien z'ruckblieb'n, und seit der Zeit ernähr' i mi als Hausknecht, aber i Hab' viel Pech, es g'schieht mir in jedem Platz was And'res und glei d'rauf wieder 's Nämliche. Das is, Sie schicken mi fort; die Leut' müssen rein glaub'n, es is a Unterhaltung, wann man vazirend is. Kat hi. No, wann Ihnen bei uns wieder so was passirt. da wär's glei so gut, wann's gar net einstünden! Peter. I muaß in an Dienst, denn die finanzielle G'frett-Epidemiehat mi ebenfalls erwischt, und d rum will i mi hier aus heilen! Kat hi. Nun gut, geh'ns da hinein (weist auf links) in's Magazin, da finden's unseren Herrn Buchhalter, der hat über Ihre Aufnahme zu entscheiden. Peter. I dank' schön, meine Damen, i hoff', daß wir bald Collegen sein wer'n, und kann i Ihnen in Zukunft vielleicht mit was dienen, mein'twegen Elephanten ab- richten, oder alte Eisbär « hamli mach'n, so sag'n Sie's nur, i steh' zu Diensten, i, der Peter Lämmergeyer, jetziger Hausknecht und eh'maliger Thierbändiger! Sckamster! (Grüßt und geht link- ab.) Dritte Scene. Vorige, ohne Peter. Kathi. 'S is gar ka übler Mensch der neue Hausknecht! Betty. Wenigstens mir g'sallt er. weil man über ihn lachen kann. 1 * 4 Clara. Sogar unser Rest, die immer traurig is, hat er aufg'heitert! Kat hi. No und unser Frau, die ihr'n armen Robert g'rad so wenig als die Rest vergessen kann, die wird lacken, wann ihr dieser Lämmergeier seine Thierg'sckichten erzählt. (Die Mittelthür geht auf.) Resi. Da kommt die Frau! Vierte Scene. Porige. Frau v. Brenuessel (durch die Mitte). DreNN. (stürzt in höchster Aufregung herein). Madeln, um Alles in der Welt einen Sessel, mir schnapven die Kntee z'samm! (Sie fällt in einen Sessel.) Die Mädchen (aufspringend und zu ihr eilend). Himmel — waS gibt's denn? Was is denn g'scheg'n? Resi. 2s Ihnen waS Schreckliches passtrt? Brenn. WaS Schreckliches? Na, na, Resi, waS Freudiges passirt uns — (springt uns) Rest, stell' Dir vor — mein Sohn, 7cr Robert — Resi (in höchster Aufregung). Der Rv« den? Mein Gott, was is mit'm Roben? Brenn. Er lebt und wird heut' nock kommen! Alle. Er lebt! Resi. Sr lebt! (-ällt ln den Sessel.) Brenn. So! Jetzt fallt sie um! Aber schadt nir — Madeln, eS iS so. wie ich Euch sag ! G'rad' zuvor, wie i auS'n Dienstbotenbureau tret', wo i weg'n einer Köchin und ein'm Hausknecht war, begegnet mir der Herr Zwirner, der Leinwäsckhänd- ler, iu'n Robert sein früh'rer Chef, der sagt: Frau von Brenneffel, kommen'S mit mir, in mein' Comptoir liegt a Brief auS Hamburg, der Nachrichten über'n Robert enthält — aber fallen - mir net um, sagt er, der Robert is damals in Jütland, sagt er, net ganz maustodt g'west, sagt er, — fassen'- Ihnen, sagt er — es war a Verwechslung, er iS lang im Spital g'legen, nachher hat er sich erholt, weil er aber immer kränkelt hat, sagt er. und in Furcht war — er könnt' dock nachträglich d'rauf- geh'n, sagt er, so hat er net g'schrieb'n — d rauf gibt er mir im Comptoir den Brief, worin steht, daß der Robert, sagt er — na, daS hat er net g'sagt, g'schrieben hat er'S, der Robert, daß er heut mit'm Sechs- Uhr-Train ankommt. — Seckst is's glei — Madeln, kummt's mit. wir wollen ihm entgegen — Resi, raff' Dich auf — Du mußt nach mir die Erste sein, die er zu G'sicht kriegt. Die Mädchen (laufea hia und her, neh- mev Hüte und Maatill-). Brenn, (die der Rest «neu Hat auffetzt uns ein Tuch umlegt). Komm', Rest! Resi (fällt ihr weiaeud um dea Hali» Frau Brenneffel — Mutter — ich kann S net glaub'n! Brenn. Du wirst'- glaub'n, wann Du ihn seh'n wirst! (Sie fortzieheud) Komm' nur, wir nehmen an'n Wagen! (Abmil Rest, die Andern folgen bit auf Kathi.) Künste Scene. Kathi. Gleich darauf Peter. Kathi (mahrrsuchend). Go Hab' »ch denn meine Handschuh'? — Ich kann doch net ohne Handschuh' — (Sucht umher.) Peter (eintretend).' Gott sei Dank, aus ist'S mit'm vazirend sein! I- recht a rarer Maien, der Buchhalter. Nur a bisserl — (Zu Kathi.) No? WaS suchen'S denn? Kathi. Meine Handschuh ! (Sie vom Tisch nehmend.) No endlich; da sein'S! (Dill zur Mitte ab.) Peter (stk aufhaltend) Wo laufen'- denn hin? Kat hi. Lassen'- mich, er wird gleich lumma! Peter. Wer wird kumma? Kat hi (die immer fort will) No, der junge Herr! Peter. Was? Sie laufen ein' jungen Herrn nach? Kathi (eilig). Ah, Unsinn, da- is ja net so a junger Herr, er i-'S Kind vom Hau-, von uns rer Frau — wie neu ge, bor'nl (Stoßt ihn w,g ) Laffen's mi aus — i Hab' ka Zeit! (Läuft ab durch dir Mitte.) GechSte Scene. Peter (allein). Peter. Was? A neugeborneS Kind soll also in'S HanS komma? A junger Herr? Da kann man sag'n, wann wir Männer noch so klanwunzig san, verdrah'n wir den Weibern schon die Köpf. Wie gut wär'S für manchen Menschen, wann er als das aus d'Welt kommet, wie's d'Leut hab'n woll'n. Für manchen Mann wär'S a Glück, wann er als Madl und für manche- Madl wär'S wieder gut, wann sie als Mann-bild gebor'n wurd'. Siebente Scene. Vorige. Marianka. Marianka (ein dralle- Mädchen im Costume böhmischer Landweiber). Dobre jutro Pane, ich wünsch' ich schamste Diener! (Koixt ) Peter (tritt vor). Was will denn die Französin? ServuS, mein Kind! (Grüßt fie.) Mar. (verschämt). Ale bitt' ich, Pane, das ise zu viel! Peter. A prächtig'- Dingerl, Augen hat - als wie feuriger Powidl! Ptar. Ale bitt' ich, Pan' Dienstbuten* büreh schickt mich zu Ihne, weil brauchte Frau Ihriges Köchin auf Küchel häus- liche! — Peter. Was? Mein Frau braucht a Köchin? Ich bin ja gar net verheirat'! Mar. Zo? Sie san's Sic nit e Pane Brenneffel? Peter. Na, ick bin der Pane Lämmergeier, aber da- Mißverständniß iS schon anfg'klärt; Sie soll da im HauS bei der Frau von Brenneffel einstehen? No, nachher iS schon gut, aber die Frau iS halt jetzt im Augenblick net zu sprechen. Mar. Nit zu sprechen? Ah, da- ise sehr fatal! Peter. Nv, macht nir, red' halt i daweil mit Ihr, wie heißt Sie denn? Mar. Da haaß ich Marianka Gtrnat, ich bin ich gebürtig auS Leutomischl, was liegte mitten d'rin in Dehmen. Peter. Also eine Böhmin sein Sie? Gigst eS, da- hätt' i mein Lebtag net er- rathcn. Mar. Apotom kummte daher, weil ich bin ich alle Tag' bei Schul deutsche vvrbei- g'angen, als klane Madel wunzigeS — Peter. Vorbei iS g'angen bei der deutschen Sckul'! Hat sie Zeugnisse? Mar. (zieht ein Papirrpäckchen hervor). , Peter. Dös papierene Knödel iS a Zeugniß? Mar. Tak,Pane, ich Hab' ich nur wickelt in meine Geld z sammg'sparteS und Stück! Gulatschen! (Stimmt Beides heran- und gibt ihm da- Papier.) Peter. Wer'n wir gleich seh'n! (Nimmt einen Nasenquetscher au- der Westentasche und liest mit Hilfe desselben.) Angebete Ma- rianka! Seele meines trostlosen Lebens. Engel meine- höllischen Dasein'-! (Siehtsie groß an.) No hörst, Leutomischlcrin, Du hast da ein curioseS Zeugniß! Mar. (verlegen). Satrazene, da ise Brief von Liebhaber meinigeS, wa- ise Kralinetist 6 auf Strument seinige. Apotorn ich Hab' ich! Verwischt Papierl unrichtige. (Zieht aus dem Busentuch eine zweite Schrift ) Da ise! Peter. Böhmiu, Böhmin, Du treib» cs! 's Dienstzeugniß tragt's am Herzen, und die Liebesbrief' füllt sie mitKolatschen! l Sieht die Schrift an.) Daß die Marianka Strnat (liest murmelnd weiter bis zu) während der ganzen Dienstzeit treu, fleißig und sittsam g'halten hat. Anastasius Wolf, beeideter Scbätzmeister. Za, wann ein Wolf Zeugnisse ausstellt, da müßt' man ein Schaf sein, wann man net d'ran glaubet! Also, meineliebe Marianka, Sie wird wahrscheinlich aufg'nommen wer'n, aber es fragt sich um Eins! Versteht sie sich auf kleine Kinder? Mar. (ist verlegen). Peter. Zch will wissen, ob sie als Köchln in a Haus paßt, wo a klan's Kind »S! — Mar. No tak — da knch' ich Panadel- suppen kostbare und Milikuch' mit Stückeln Zucker süße, a potom laaflc in Wasser z'jamm in Maul ihriges! Peter. No alsdann — mehr brauchen wir ja eh' net für'n Anfang, höchstens no a paar Maß Eibisch- oder Kamillenthee. daß der Pamperletsch durchkommt. Meine liebe Marianka, nimm' sie daweil Platz. (6ibt ihr einen Stuhl — rS wird geklopft.) Wer kummt denn? (Ruft.) Herein! Achte Scene. Vorige. Zulcsa*) (in, Vostume ungarischer Landweibkr mit langen Zöpfen und rothledernrn CziSnitn kommt durch die Mitte). Zulcsa (sehr resolut, Peter grüßend sagt fie). 3o rsA^sIt ar urnsk, ich bin da! Peter (sieht fie an und sagt dann). Sie is da! DaS hätten wir a g'wußt, wann sie's net g'sagt hätt'! — Wer iS sie und was will sie da? ! Zulcsa. Zch bin tue. Zulcsa Fekete aus das Eisenburger Comitat und kumm', weil mir Dienstboten-Fiscal bat gesagt, daß sie's suchen ein' Köchin ar ^lratta! Peter. Das i a Köchin! Zch Hab' zwar schon g'wußt, daß es Kncheldragoner gibt, aber von ein'» Küchel hußaren Hab' i bis jetzt keine Zdee g'habt. — Za, meine Liebe, wie heißt sie? Zulcsa. Fekete Zulcsa! Peter. Aba, meine liebe Fekete, daß wir eine Köchin brauchen, iS richtig, aber wir hab'n sie bereits, daZteht sie! Zulcsa. Ah, da is ein Böhmin, lrät, da muß z'ruck, wann kummt ein' Ungarin. Mar. Zo? — Ich muß ich'z'ruck? o — nemam, nemam! Peter. No, nur stad — net aufbe- gehrcn — Lcitomischlerin, sei g'scheidt, mit die Ungarn muß man mehr pomali umgehen! (Sehr höflich zu Zulcsa.) Hochgeschätzte Schwester von jenseits der Leitha, es macht uns eine große Freude, Sie bei uns empfangen zu können, und wenn Sie uns einige Concessionen zu machen nickt abgeneigt war', so würden wir über die sonstigen Bedingungen bald einig wer'n! Das heißt, wenn sie uns helfen will a Kind großzuzieh'n? — Zulcsa. Kindsmadel belieben Sie? No, gut is, ich werd' Kind pflegen, das muß dick wer'n wie Schloßberg von Preß- bürg und luftig schrei'n eigen! Peter. Za. und eh's no laufen kann, muß's schon EzardaS tanzen, das is die Hauptfach'. Aber jetzt bitt' ich um'sZeugniß. Zulcsa. Zeugniß? Ln^e — wo Hab' ich denn? (Sich erinnernd) Ah! (Zieht aus der CziSme ein zusammengelegteS Papier) Irät tssstzk! — Da is Zeugniß! Peter. Die hat's Zeugniß iu der Stie- felröhren! (Nimmt Nasenquetscher und Zeugniß und will lesen.) 3a, was is denn daS? — Das kann i ja net lesen. Zulcsa. Zeugniß is ungarisch! *) spr. Jultscha. 7 Peter (mit Achtung). Ah! Nachher mt'ß's freili gut sein! Wer war denn Ihr früherer Dienstherr oder die Dienstfrau? 3ulcsa. War ein Schwab! Peter. A Schwab? Ja, is er als Schwab geborn, oder war er ana von Profession? Julcsa. Von Profession war ein Schnürmacher! Peter. Aha, also a Schwab mit Schnür', no nacher kann er freili nur auf ungarisch Zeugniß geb'n. Also, meine liebe Fekete Julcsa, sie tritt als Kindsmadel ein, behandle Sie unser Kind gut, schau Sic d'rauf, daß unser Kind so viel als möglich freie Luft kriegt, thu' sie's net zu stark einfatschnen, denn Bewegung braucht jeder Mensch, lern' sie ihm die ungarische Sprach', für's Deutsche wer'n schon wir sorgen, was dagegen Sie betrifft, meine liebe Marianka. so will ich Ihr bloß sagen, daß — (tzs wird geklopft.) Wer kommt denn schon wieder? (Ruft.) Herein! Neunte Scene. Vorige. Mirzl (eint stattliche Tirolerin, durch die Mitte riutretend). Mirzl. Grüasch Enk God, alle mit- einanda! Peter (staunend). A Tirolerin; mir scheint, es haben sich da bei der Dlumen- macherin die Nationalitäten ein Congreß- RendezvouS geb'n! (Zu Mirzl.) Meine liebe Tirolerin, wer is sie? Mirzl. No, ischt der Herr blind?Siacht er nöd, daß i a Tirolerin bin? Peter. Ja, das stach i freili! (Tiroler- oialrct copireud.) Aber dös ischt mir z'weni! Ich will wissen, wia's hoascht und was's da suachst? Mirzl. I hoaß Mirzl Kerschbacher, gebürtig aus'n Zillerthal und suach da oan' Deanst! Peters Etwa a als a Köchin? Mirzl. Wohl, wohl! Peter. I' Hab' schon Angst g'habt, daß's als weiblicher Hausknecht cinsteh'n will, weil's gar so viel a kräftige Natur hat! Mirzl. Wie koan denn unser oanS als Hausknecht cinsteh'n? Peter. Warum net Seitdem die Weiber Männerhüt' tragen, kummt'S auf d'Letzt no so weit, daß's in KriegSzeitcn ausrucken, während wir Männer mit die Kinder umarennen und zuschau'n, wie die Weiber manövriren. Mirzl. No, jetzt plauder' der Herr nöd, und sag' er mir, wo ischt denn die Frau vom Haus, daß i mit ihr red', ob's mi braucht oder ob i weiterschau'n muß. Peter. Is sie also a Köchin? Mirzl. Han's ehnda schon oamal g'sagt: Ja! aber i leischt a andere Deanst, denn i was schon allerhand; z'letzt war i beim Milig'schäft. Peter (angeregt). Milig'schäft? Wer woaß, ob unser Kind net beim Wasser auf- zog'n wer'n soll, und wann das der Fall is, so is's ja a Hauptfach', eine Person zu hab'n, die sich auf die Mili versteht; die glückliche Muatta wird mir's g'wiß danken, wann i so für die klane Familie besorgt bin. Also Mirzl Kerschbachcrin, hat sie an'n Ausweis, will i sag'n a Zeugniß? Mirzl. Noa, aber mein voriger Herr, der Milimann in Goanfahrn, der a a Zillerthaler iS, hat g'sagt: »Geh' nur cini, Mirzl, auf Weanund sink st oan Platz, so schick' deine Herrnleut' außa zu mir, L wir den Soakra schon sag'n, daß d' a bravi. rödli Dirn' bischt. Peter. Die Herrnleut' soll'n nachGoan- fahr» nachfrag'n geh'n — 's is frei Schad', daß der Zillerthaler net hinter Graz loschirt, da kunnt die Südbahn an'n Dergnügungs- zug zum Milimann arrangircn! No, als» dann, Sie bleibt a da, schaut auf unser Kind, daß's allweil frische Mili kriagt und 8 daß net z'viel schreit, liaber soll'- fieißi schlafen, das wird do a echte Tirolerin z'weg'n bringa, 's Einschlafern! Mirzl. No i moans, i wir' halt immer a amal a wengl dudeln! Peter. Dud'ln! (Schmunzelt.) Sie kann! dudeln? I kann'S a! Halt', da Hab' i no a Idee! Es müßt - mir jetzt alle Drei a Prob' machen, wie a Jede von enk das Kind einschläfern thät'. Mar. Tak, dann fing' ich am Readowa! Julcsa. I sing' eineFriska! Mirzl. Und i dud'l! Peter. Also fangt'S an! Hesang. Marianka. Julcsa. Mirzl. Peter. Mar. (böhmische Nationalmrlodie) Schlaf', klani Budlischku. Schlaf' gut in süßer Ruh', Liegste da mit steife Knack, Da ise heSki dobrze tak! Peter. O Gott! O Gott! I gebet was her! Wann nur die Böhmin mein KindSmadel wär'. Julcsa (magyarische Weise). Du brauner Bursch', Du bist mein Freud', Du bist meine ganze Seligkeit! Wann Julcsa Dich in Schlummer wiegt, In Dir mein ganzer Himmel liegt! Peter. Peter. Im Tirolerland' möchte i a Schooßkinderl sein, (lehnt den Kops an ihren Busen) Und zwischen die Berg' schlafet i täglich ein! Mar. Wann krieg' ich amal Mann, Schaff' ich mir Kinder! an, Sv ganz an'n klanen Hanfitzko, Das sein'- gewiß dodre to! Peter. Derer Böhmin ihr Mann möcht' i do net glei wer'n, Denn die hätt' mir die Hanfitschko gar a wen'g z'gern! Julcsa. Mein Mann muß sein g'wachsen schlank, Und Schnurdart sechs Finger lang Muß er hab'n in G'sicht d rin steh n; So a Mannsbild is g'wiß schön! Peter. O Gott, i bin froh, daß i bin nur a Schwab', Und daß i kan' Schnurbart sechs Finger lang Hab ! Mirzl. Mein Mann muß sein fleischi' Und wie a Kugel rund, Dann und wann a wen'g rausch», Dabei do kerng'sund! Peter. Die Tirolerin war' mir liebc» als die alle DaS ungarische KindSmadel wär' schon famos, I trinkert und strampfert dann Czardaffe bloß! Mirzl. Mein Bua, mir sein verbunden, Ich bin dein und Du bist mein. 'S gibt koani schöner'n Stunden, Als dö, wann wir beinander sein! Zwa, Denn die hat Alles und mem'n Guste hat'ö a! (Gegen Schluß des Gesangei treten durch die Mitte) 9 Zehnte Scene. Frau von Brenneffel. Rest (m dm» Mitte) Robert (ein junger Mann in beliebigem Soldatenanzuge, aber nur zum Theil; ihnen folgen) Clara, Kathi, Betty. Vorige. Brenn. 3a, was geht denn da vor? Wer find denn die Leut'? Peter (steht fir an). Das iS g'wiß die zukünftige Frau Godl mit'n Herrn Göden von unser'» Kind. Brenn. I kenn' mich gar net aus, was will denn der Herr? Peter. Vor der Hand waaß i no gar net, was i woll'n soll, i bin bloß der neue Hausknecht von da. Brenn. Der neue Hausknecht? Wer hat ihn denn ausgenommen? Peter. Der Herr Buchhalter! Brenn. Und wer sein die Frauenzimmer? Peter. DaS sein die neuen Kindsmadeln Marianka Strnat, Iulcsa Fckete und die Tirolerin ist die Mirzl Kerschbacherin, die ihr Zeugniß in Goanfahrn hat. Brenn. Ah, mir steht der Verstand still; für waS san denn die Kindsmadeln? Peter. No, für'S Kind! Brenn. Für waS für a Kind? Peter. Aber Frau Godel, wie kummen's mir denn vor? Brenn. Jetzt nennt er mich Frau Godel, weiß er denn' net, daß ich die Frau vom Haus bin? Peter. Die Frau von Brenneffel? sLachi.) Ah, geh'nS, so g'schwind klaubt sich Kam z'samm'! Brenn. Mensch, er is verrückt! Peter. No net, aber gleich wir iS werd'n, wann Sie die Frau von Brenneffel sein wollen. Wo wär' dann nachher Ihr Kind, der junge Herr, der heut' erwart' wirv? Brenn, (auf Robert deutend). Da steht dieser junge Herr, der is mein Kind, ein an- der's Kind Hab' ich mein' Lebtag nit g'habr. Rob. Ja wohl, diese Frau ist meine Mutter und ick bin Robert Brenneffel, ihr einziger Sohn. Peter. Na, na, das ist nit möglich! (Auf Kathi zueilend ) Da steht ja Diejenige, die mir g'sagt hat, daß — Kathi. Daß der junge Herr, 's Kind vom Haus, ankommt, und zwar wie neugeboren, weil wir glaubt haben, er wär' tobt! Peter. Ah, das is net übel! Jetzt Hab' ich für diesen jungen Krieger drei Kindsmad'ln aufg'nommen; i bitt' tausendmal um Verzeihung, san'S net bös, aber — (Für sich.) Da haben wir's, kaum find' i an'n Platz, glei fangt'S Pech an! Mar. Mir san me also nit g'nummen auf? San me g'macht schmier' mich an? Iulcsa. Lv)e, da is sehr schleckte Sack, öiron/ isten, da wird freche Kerl maffa- kriret! Mirzl. Der Soakra föppelt oan und laßt sie no was vordudl'n! (Alle Drei fassen iyn an und schütteln ihn.) Peter. Zu Hilfe, zu Hilfe, die Drei sein ärger als die j wilden Thiere, unter denen ich aufgewachsen bin! Rob. (ruft). Halt! (Tritt dazwischen.) Es iS da ein Mißverständniß vorg'fallcn und ich will glauben, daß der Mann in guter Absicht für mich handelte. (Lachend.) 'S ist nur leider um vierundzwanzig Jahr' zu spät g'schehen, d'rum werden wir die Sache ausgleichen. Liebe Mutter, die Böhmm behalten wir als Köchin, die Ungarin nehmen Sie als Stubenmädcl. (Gibt Refi die Hand ) Und die Tirolerin — Peter. Die Heirat' ick im Weg des Ausgleichsverfahrens. Mirzl, ich bin Dich, schlag' ein, 's is g'scheidter, als Du schlägst zu. Mirzl. No, z'weng meina! Du bist a Hausknecht, so bst ja zu oan Milimann z'brauchen. Da hast mei Hand und's Geld schickt mir mei Voder. !0 Peter. No alsdann! Frau von Brennessel, ich dank' Ihnen für Ihren Dienst, und wann i Miliman» bin, so werd'ns mei' Kundschaft. Und Sie, Herr Robert, wann's amal klane Kinder hab'n, so schicken's Sie's zu mir, für d'Hirschkühe wir schon i sorgen. Schtußgesang. lind soll'n Sie verleg'n um a Kindsmad'l sein, So schicken's die Kinder zu uns halt herein! Peter. Und wann's mit'n Hausknecht nit z'srieden g'west sein, So bring' ich als Milimann All s wieder ein! Marianka, Julcsa und Mirzl. Die Kindsmad'ln hab'n ihre Schuldigkeit g'macht, Die Hauptfach' war, daß über uns hab'n g'lacht. Alle. Und wenn Sie zufrieden mit uns All' dahier, So danken die Kindsmad'in ewig dafür! (Der Vorhang fällt.) Ende. Au- dem Theater-Berlage der Waüishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1- Flooso e Oor». Orsmma per lVlusie» in äu«! ^tü. 30 Lr. 6 8xr. Am Allerseelentagr, oder das Gebet auf dem! Friedhöfe. Original-Dolksschauspiel in 4 Abtheilungen nebst 1 Vorspiel. Gin gegebenes Wort, von Heinrich Hausmann. (Wiener Tbeater-Repertoire Nr. 65.) 60 kr. 12 Sgr. Am Clavier. Lustspiel in 1 A. Nack dem Französischen frei bearbeitet von M. A. Grandjean. Zweite Auflage. (Wiener Tkeater-Reper- toire Nr. 40.) 35 kr. 7'/, Sgr Amazonen, die. Heroisches Ballet von Henry. 8 1823 10 kr. 2 Sgr. Ambo-Solo. Original-Posse in 3 A. von Julius Rosen (Wiener Tbeater-Repertoire Nr. 166.) 60 kr. 12 Sgr. Amor, der verbannte, oder die argwöhnischen Cheleute. Lustspiel in4A von A. v. Kotzebue. <811. 50 kr. 10 Sgr Amors Bild. Gesellschafrssp. in 1 A. von T. L Stoll. 1808. 10 kr. 2 Sgr. AmorS Triumph. Alleg. Gemälde mit Chören u. Tänzen in Versen und in 1 A. von Meisl. 10 kr. 2 Sgr. Amors Zurechtweisung. Lustspiel in 1 A. in Versen von I. Sonnleithner. 16. 1815. 20 kr. 4 Sgr. Fmor, I'. irrit»to stalle stistleoltü, ss»r8» in un 1802. 20 Irr. 4 8^r AmulinS, König der Albaner, s. Buzzi dramatischer Nachlaß. Antzraßek und Juraßek. Komische Pantomime in 2 A. von KecS. 8. 1807 (fehlt.) 10 kr. 2 Sgr. Anecdotenbüchlein, das. Lustspiel in 1 As. Castelli Sträußchen. 13. Jahrgang. Anmaßend und bescheiden. Lustspiel in 3 A s. Paumann Beiträge. Apollosaal, der. Scherzspiel in 1 A. von T- Fr. v. Chrimfeld. 1808. 20 kr. 4 Sgr. »bi, Ali, uelle 0»!lie, 08 M» II trionlo stell» teste. lVlelustrsmm» eerio in äuv ^tti sti b>. UomLnelll. 1827. 30 Irr 6 8^r. Argonauten, die. Trauerspiel in 4 A. von Franz Grillparzer, s. dessen goldenes Vließ. Ariadne. Tragi-komisches Triodrama v. Kotzebue. 1804. 8. 20 kr. 4 Sgr. Ariadne aufNaros. Duodrama 1801. 15kr. 3 Sgr. Ariadne auf Naros. Trav in 1 A. 8. 25 kr. 5 Sgr. Ariodan. Heroische Over in 3 A. nach dem Französischen des Hoffmann von I. R. v. Seyfried. 1804. 35 kr. 7'/, Sgr. Arlequtn auf der Insel Liliput oder das La- ternenfest der Chinesen. Große Zauberpantomime. 1806. lO kr. 2Sar. Armand, Graf. Schauspiel mit Gesang in 3 A Nach dem Französischen von Fr. Treitschkr. Gr. 8. 1808. 40 kr. 8 Sgr. Armen «nd Clenden, di«. Bilder aus dem französischen Volksleben mit Gesang und Tanz in 2 Abtheilungen und 8 Tableaur. Nach Victor Hugo's Roman (Te» miserLbles) frei bearbeitet von Therese Megerle (Wiener Theater Repertoire Nr. 112.) 60 kr. 12 Sgr. Armide. Große Oper in 5 A 1808. 35 kr. 7'/, Sgr. Armida und Rinaldo. Melodrama in 4 A. 1783. 35 kr. 7'/, Sgr Arsena. Romani. Ballet von Henry. 8.10 kr. 2 Sgr. Arzt, der türkische. Oper in 1 A. Aus dem Franz. Musik von Jsouard 1804. 15 kr. Sgr. Arzt wider Willen, der. Schwank in 2 A.. frei nach Moliere von R. Graeser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 39.) 35 kr. 7'/, Sgr. Aerzte, die beiden. Original-Lustspiel in 3 A., s. Baumann V iträge. Aschenbrödel. Zauberoper in 3 A. Nach dem Französischen des Etienne 4. Auflage. 1815. (Fehlt.) 35 kr. 7'/, Sgr Aschenbrödel. Gr. Ballet v Duport. 8. 10 kr. 2 Sgr Asiens Cdclster. Historisch-romantische- Schansp in 5 A. von Mrmier. 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr Atala» oder die Wilden von Florida. Pantomi misckes Ballet in 3 A. von B. Henry. 1810 « 10 kr. 2 Sgr Athenienserin, die schöne. Lustspiel in 4 A, s. Feldmann Lustsp. 1. Band. AtlaSshawl und HarrcSbinde, oder daS HauS der Confusionen. Posse mit Gesang in 2 A. von Fr. Hopp. Gr. 8. 1849. 75 kr. 15 Sgr. Attila, König der Hunne«. S Werner Theater. 5. Band. d' Aubigny, Clementine. Dramat. Gedicht in 4 A. v F. C. Weidmann. 8.1816. 50 kr. 10 Sgr. Ans dem Cis «nd beim Chrtstbaum. Posse mit Gesang in 3 A von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 154 ) 60 kr. 12 Sgr. Auf der Bühne u. hinter den Coultssen. Schwank mit Gesang in 2 Bildern von Ludwig GottS- leben. (Weener Theater-Repertoire Nr. 96. l 50 kr. 10 Sgr. Auf und ab. Lustspiel in 1 A. nach dem Französischen. 1807. 25 kr. 5 Sgr. Augenarzt, der. Singspiel in 2 A 1812. 2. Aufl 40 kr. 8 Sgr. August und Gustaviana. Schauspiel in 3 A. mit Chören und Tänzen von Perinet. 1810. 8. 40 kr. 8 Sgr. Aurora, Gräfin. Siehe Gräfin. AuS Liebe sterben. Lustspiel in 1 A. Nach dem Englischen von Aler. Bergen. (Wiener Theater- Repertoire Nr 123.) 35 kr. 7V, Sgr. Ausnahme, eine, von der Regel. Lustspiel in 1 Aufzuge von Al. Berla. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 76.) 30 kr. 6 Sgr. Aussteuer. Schauspiel in 5 A. von Jsfland. 1800. 50 kr. 10 Sgr. Arel und Walburg. Tragödie in 5 A v. Oehlen- schläger. 1814. 50 kr. 10 Sgr. Babenberger drr letzte. Historr Tragödie in 5 Aufzügen von Heinr Bohrmann 1867. 50 kr. 18 Sgr. Bacchus und Ariadne. Heroisches Ballet von Galtet. Franz, und deutsch. 1804. 10 kr. 2 Sgr. Badecur, die. Lustspiel in 2 A. von Jünger 1803. 40 kr « Sgr. Balboa. Trauerspiel in 5 A. von Collin. 8. Berlin. 1806. 60 kr. 12 ?gr. Ballnacht, die. Große Oper in 5 A. mit Divertissement, nach dem Französischen des Sende von Seyfried und Hosmann. Musik v. Ander. 8. Wien. 1835. (Dorfmeister.) 35 kr. 7'/, Sgr. Bär, mein, und meine Nichte. Posse in 2 A, nach dem Französischen von Aler. Bergen. (Wiener Th.»Rep. Nr. 94.) 35 kr. 7'/, Sgr. Barbarei und Größe. Trauerspiel in 4 A. von Ziegler. 1810 8 50 kr. 10 Sgr. »Papageien - — Die Puppe oder die kleine Schwester der Geliebten. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe «Melesville. (Vergriffen.) bastelst. VH! 1823 Der buckelige Liebhaber. > Lustspiel in 1 A Nach einem französischen! Vaudeville. — Hochzeits-Fatalitäten. Posse in 1 A. — Das Stelldichein um Mitternacht. Lustspiel in 1 A Nach dem Französischen »I'vellklle st« «»i«.- — Das Fläschchen Köllnerwafferoder Denkschrift eine« Hußaren- officier«. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe.— Die Verschwornrn. Oper in 1 A. -IX. 1824. Gabriele. Drama in 3 A. Nach der »Valerie- der Herren Scribe und Melesville. — Die junge Tante. Lustspiel in 1A. Nach Melesville.— Emmi Tcels Drama in 3 A. Nach Pirerecourt. (Vergriffen.) -X. 1825. Ter Großpapa. Lustspiel in 1 A Nach dem Iran», der Herren Scribe und Melesville. - LiebeSzunder. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, der! Herren Scribe und Delavigne. — Dir Zauberlaterne. Lustspiel in 2 A. Frei nach Scribe «ad Dupin — Fünf sind Zwei, oder Domestikenstreiche Lustspiel in 1 A. Frei nach dem Französischen. (Vergriffen ) -Xi 1828 Eheliche Strafe. Lustspiel in 1 A., in freien Verse« — Der Kuß durch riuri^ Wechsel. Posse in 1 A Nach Scribe — Urika, die Negerin. Drama in 1 A. Nach dem Französischen. — Gute« Beispiel Lustspiel in 1 A Nach dem Franz de- Thäaulon. — Klimpern gehört zum Handwerke Lustspiel in 1 A. Nach Scribe -XII. 1827. Erste Liebe, vdcr Jugcnd- Erinnerungen Lustspiel in 2 A. Nach dem Franz, de» Scribe. — Die pisanischen Brüder Drama in 3 A. Nach dem Italien, de« Frderici — Zwei Freunde und ein Rock. Posse in 1 A Nach einem franz. Vaudeville. — Ta« einsame Haus. Lustspiel in 3 A. Nach dem Französischen -XIII. 1828. Der Hau-tvrann. Edarakter- Gemälde in 3 A. Nach Alerander Duval. — Das Auecdorenbüchlcin. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, der Herren Scribe un» Delavigne. — Der Perrückenmachrr und der Haarkünstler. Posse in 1 A Frei nach dem Franz. —Die beiden Tuennen, dram. Bagatrllem 1 A. v. Franz. de«Brazieruachge- bildet. —Der Soldat ganz allein Komische» Zwischenspiel in 1 A Nach einer Anecdolr. -XIV. 1828. S)elva oder die russische Waise, Drama in 2 Abtheilungeu. Nach dem Französischen de» Scribe. — Tie zänkischen Brüder. Familieugemälde in 3 A. Nach dem Franz, de« Eollin d'HarleviUe. — Lull» und Ouinault, oder dir Künstler in Verlegenheit. Lustspiel in 1 A. und in Versen Nach dem Französischen. — — XV. 1830. Eine für die Andere Lustspiel in 3 A — Diana von Poitiers. Geschichtliche« Lustspiel in 2 A. Frei nach drin Franz. — Tie in rin Weib verwandelte Katze. Operette in 1 A Nach dem Franz, der Herren Scribe u Melesville. — — XVI. 1831. Johann Hasel oder Umwandlung durch Liebe Gemälde unserer Zeit in 4 Abtheilungen. Nach dem Kranz, de- . Thäaulon frei bearbeitet. — Zwei Jabre nach der Hochzeit oder au wem ist die Schuld? Lustspiel in 1 A Nach Scribe und Melesville. — Uniform und Schlafrock. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, bearbeitet bastellt. XVII. 1832. Der Liebe Listgewebt. Jn- trsguenpoffe in 3 A. —.Ein Fehltritt Schauspiel in 2 A. Nach Scribe. — Tie Familie Rickeburg. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe (Bergri ffcn.) -- XVIII 1833 Die Tänzerin und der Ouäker. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe. — Die Scheidewand. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz. — Ueberspanntheit oder die entsetzliche Literatur. Lustspiel in 1 A nach Scribe frei bearbeitet -XIX. 1834. Der General. Lustspiel in 3 A. — Der eilige Zauderer. Lustspiel in 1 A. in Versen. — Die Schwäbin Lustspiel in 1 A (Vergriffen.) -XX. 1833 Da« Lustspiel auf der Stiege. Lustspiel in 1 A. — Ein Tag au- dem Leben Earls de« V Historische« Gemälde in Versen und in 2 A. — Ein Freund stakt einer ganzen Familie. Posse in 1 A — Folgen einer Mißheirat. Gemälde au- dem Leben in 4 A Nach dem Franz, bastelst. Noderich und Kunigunde, Gabriele, Schwäbin, s unter den besonderen Titteln. batiuat, Marschal, oder da- alte Gemälde Oper in 1A Nach dem Frau, 1809 2»kr 4 Sgr bsa«r«ntol», In, ««st» I» dontb iu trionw Uslnckraninl» zriix-oao in cku« Xtti Da öäu- »!(.-» ä cst-18ixr.kio>u?ini 1813. (Vergriffen) Cesar, der kleine, oder die Familie auf dem Gebirge. Schauspiel mit Gesang u pantvm. Austritten in 3 A Nach dem Französischen de- Emerv frei bearbeitet von Perinet Musik von Haibel. 1804 40 kr. 8 Sgr Eharade, die. Lustspiel in 2 A, s Knrländer« Almanach 8. Jahrgang Ckarlatan-, die, oder drr Kranke in der Einbildung. Posse in 3 A von Jünger 1803 40 kr 8 Sgr EhawanSky, die Aursten. Tramat. Dichtung v E. Raupach Gr. 1«. 1828. 40 kr 8 Sgr bkildertch, König der Franken. Heroisch Ballet i» 3 A. von Eoralli 1830 13 kr 2'/^ Sgr EhristuS am Oelberg. Oratorium Mustk von Beethoven. 8 grk 13 kr 2'/, Sgr t^iro in stal-ilouia, Drain» ver Istuaica in ckue Xtti 1817. 50 kr. 10 8xr Elavtgo. Trauerspiel in 3 A. von Goethe. 1807 80 kr >6 Sgr. Cölestine oder die Festung am Wtlgra-Ttrome. Schauspiel in 3 A. Frei nach dem Franz von F. I- Haffaureck. 1808. 40 kr 8 Sgr Eoncert, da«. Lustspiel in 1 A.. von P. M. Tag- dofer. (Wiener Tb.-Rep. Str. 48.) 40 kr. 8 Sgr borporal, ein alter. Ebaraktergemälde in 5 A, von Earl Juin und P I. Reinhard Tdeil- weise nach Dumanoir (Wiener Theater-Rep Nr 27.) 50 kr 10 Sgr. Eoriolan. Schauspiel in 5 A. »ou Eollin. 1806. 80 kr. 12 Sgr. tzorradl« oder Schönheit und Herz vo« Eise«. Musikalisch. Drama in LA. 1822. 35 kr. 7'/, Sgr. -Da«selbe italienisch. 1822. 35 kr 7'/, Dar. Correggio. Trauerspiel in 5 A. von Oehlenschlä- ger 1817. 80 kr. 18 Sgr. Cortez, Ferdinand, oder die Eroberung von Meriko. Große heroische Oper mit Ballet in 3 A. Nach dem Franz, von I. F. Castelli Zweite Auflage. 1819 35 kr. 7'/, Gar. Couplet-, Wiener. Au- Stücke» von Berg, Berla. Bittuer, Blank, Böhm, Doppler, Eberhardt, Elmar, Feldman», Flamm, Friese, GottSleben, Grandjean. Groi-, Grün. Gründorf, Haffner, Iuin, Kaiser, Kola, Langer. Megerle. Merlin. Morländer, Moser, Nestroy, Schönau und Anderen. Sechs Hefte, ü 50 kr. 10 Sgr. Cnnegnude» die Heilige, römisch-deutsche Kaiserin. G. Werner Theater, 6. Band CyruS und AstvageS. Oper in 3 Aufz Frei nach rer Oper »Eyru«* de- Metastasio, bearbeitet von Matthä»- v. Collin. 18t8. 35 kr. 7'/, Sgr Czar Iwan. Tramatisirle Anecdote in 2 A., s. Castelli Sträußchen 5. Jahrgang Dame» die, mit den Camelien. Schauspiel iu 5 Aufzügen von Alerauder Duma - Sohn, deutsch von P. I. Reinhard (Wiener Theater»Repertoire Nr. 45.) 80 kr 12 Sgr Dank und Undank. Lustspiel in 3 A. Frei nach dem l/iußrut cls« vestouebe». Von Jünger. 1803. 40 kr 8 Qgr. Da- n»ar ich. Ländliche Scene von Hutt. 8. 1825. Liehe: Hutt- Lustsp. I.Baud.(Vergriffen ) 1 fl. 20 kr. 24 Sgr Da- war Ich. Sine ländliche Scene Don Johann Hntt. Zweite Auflage (Wiener Theater- Repertoire Nr. 159.) 50 kr. 10 Sgr. Degen, der. Militärische- Schauspiel iu 3 A. Nach Bouel und Boirie. 1808. 35 kr. 7'/, Sgr Deinbardstein. Dramatische Dichtungen 12. 1819 1 st. 20 kr. 24 Sgr Cntkält: Ta- Sonnet Spiel tu 1 A. und in frcien Versen. — Mädchenlist. Lustspiel in 1 A. und in Alerandrinern. — Der Witwer Posse in 1 Ä und in freien Versen. — Der Rosenstock Spiel in t A und in freien Versen — Boccaccio Dramalischr- Grdicht in 2 A Demi Monde. Gou Älcr Duma» Lobn. Deutsch von P I. Reinhard 1855. 1 fl. 20 Sgr. D,«ophoon. Große heroische Oper in 3 A. Nach trm Franz, de« Tesoiaur, metrisch bearbeitet von I. F. Castelli 1808 35 kr. 7'/, Sgr Drukpfennig, der, oder der Wachtmeister. Lustspiel von Hen-ler 1795. 8 25 kr. 5 Lar Deserteur, der österreichische. Lustspiel in 5 A. von Hen-ler. 8. 35 kr. 7'/, Sgr. Deserteur, der. Liugspicl. 25 lr. 5 Sgr Diamant, ein ungeschliffener. Genrebild iu 1 A. Nach dem Englischen von Alerandrr Bergen (Wiener Th.-Rep Nr. 128.) 35 kr. 7'/, Sgr. Diana, Dona. Lustspiel in 3 A. Nach dem >span. de-Don Augustin Morrto.v C A West.Vierte Aust (W Th -Rep. Nr. 11.) 80 kr. 12 Sgr. — — Dasselbe, fünfte Auflage Miniatur- «u«gabe.elrg. drosch. 1862 1 fl. 50 kr. 1 Rth — Dasselbe, elegant in englischer Leinwand gedu«den, mit Goldschnitt und reicher Deckel- u Rücken Verzierung 2 fl 40 kr 1 Rtb. 18 Sgr. Diana, Dona. Elegant in feine- Kalbleder gebunden, mit Goldschnitt und reicher Deckel- > und Rückenverzierung. 3 fl 2 Rth. iDiana de LyS. Schauspiel in 5 Aufz. von Aler. Duma- Sohn, deutsch von P. I. Reinhard. (Wiener Th.-Rep Nr 43) 60 kr 12 Sgr Diana vo« PoitierS. Lustspiel in 2 A, s. Castelli Sträußchen. 15 Jahrgang Dichter und Toukünstler durch Ungefähr. Komische Opcr in 1 A von Jos R v. Seyfried 1810 25 kr 5 Sgr. Die in ein Weib verwandelte Katze. Operette in 1 A, s. Castelli Sträußchen. >5 Jahrgang Die von der Nadel. Bilder au- dem Volksleben in 3 Abtheiiungen nnt Gesang v. Alois Berla. «Wiener Tb-Rep Nr. 177 ) 60 kr 12 Sgr. Diener, der, seine- Nebenbuhler-. Lustspiel in 1 A.. s Castelli Sträußchen. 5. Jahrgang. Diener, ei« treuer, seine- Herr». Trauersprel in 5 A., von Franz Grillparzer. Gr. 8. 1840. 1 fl. 50 kr. 1 Th. Dienst und Gegendienst oder Waltron - zweiter Theil. Militärische« Schauspiel nach Meisl u Tchildbach. 1804 60 kr 12 Gar Dienstbote, ein jüdischer. Charakterbild mit Gesang in 3 A von Carl Elmar (Wiener Theater-Repertoire Nr 188.) 80 kr 12 Sgr Dienstbote, ein Wiener. Leben-bild mit Gesang in 3 A von O F. Berg (Wiener Tdeater- Repertoire Nr. 186.) 60 kr 12 Sgr Dteustboteawirthschaft oder Chatoutüe und Uhr. Charakterbild mit Gesang in 2 A von Kriedr Kaiser. 8. 1852. 80 kr 12 Sgr. Dienstfertige» der. Lustspiel in 3 A. Au- dem Franz. 1781. 50 kr 10 Sgr. Dienstmann, ein Wiener. Posse mit Gesang in 1 A von Job Schönau (Wiener Theater- Repertoire Nr. 193 ) 35 kr. 7'/^ Sgr. Dienstpflicht. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 1801. 80 kr. 12 Sgr. Dinge, die vier letzten. Oratorium in 3 Abteilungen von Sonnleithner 1810 15 kr. 3 Sgr Diplomat, et« weiblicher, oder wa- et« Mädchen au- Büchern lernt. Original-Lustspiel in 4 A. von Charlotte Baronin v. Graven (W'ener Th.-Rep. Nr. 83 ) 50 kr 10 Sgr. Dir wie mir. Dramatische Kleinigkeit iu 1 A v Sonnleithner 1820 25 kr. 5 Sgr I)l 8 tru 2 ioue, l». äi Osrusulviume. Orumm» s»ero per ICusien iu clue ^tti. 1817. 25 lcr 5 8^r. Doctor und Friseur, oder die Lucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang »u 2 A. von Fr. Kaiser. «Wiener Thraker-Repertoire Nr 5) Zweite Auflage 35 kr 7'/, Sgr Dom Sebastian. Oper in 5 A Nach dem Franz. de- Lcribr von Leo Herz. 8. 35 kr. 7'/, Sgr. Dvmestikenstreiche. Posse mit Gesang iu 1 A. v. A. Bittner «Wiener Theater-Repertoire Nr. 92) 35 kr. 7'/^ Sgr Domestikenstreiche, s. Fünf find Zwei. Domino, der grüne. Lustspiel in Alerandrinern und 1 A. von Körner. Gr. 12. geh. Wien. Original-Auflage. 1829. 25 kr. 5 Sgr. Do« Juan. Große Oper iu 2 Aufz Au« dem Italienischen Musik von Mozart. Sechste Auflage. 8 1888 35 kr. 7'/, Sgr. Do» Qntchott«, der neue. Lustspiel i» 1 A. nach de« Frau», von Alexander Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 72.) 30 kr. k Sgr. Donanweibche«, da«. Romantisches Volksmärchen mit Gesang. 1. Theil in 3 A. 1838. 2. Theil in 3 A. 1837. 8. Don HenSler. Beide Theile 1 fl. 20 Sgr. Dona Diana. Lustspiel in 3 A. nach dem Span, de« Don Aug. Moreto von C. A. West. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 11.) Vierte Auflage. 60 kr. 12 Sgr. --Dasselbe. Fünfte Au flage. Miniatur- Ausgabe, rleg. broschirt. 1862. 1 fl 50 kr. 1 Rth. --Dasselbe, elegant in englischer Leinwand gebunden, mit Goldschnitt und reicher Deckel- u. Rückenverzierung. 2 fl. 40 kr. 1 Rth. 18 Sgr. -Dasselbe, elegant in feine« Kalbleder gebunden, mit Goldschnitt und reicher Deckel- und Rückenverzierung. 3 fl 2 Rth. Doppelgänger, der. Lustspiel in 4 Aufzügen, nach A von Schaden'« Erzählung für die Bühne dearbeitrl von Franz v. Holbcin. Gr. 8. 1843. 80 kr. 1k Sgr. Ooruli««, Drummu In cku« 24tti ckvl Däuestrv stlerescluat« 1824. 35 Irr. 7 Dorf, da«, im Gebirge. Schauspiel mit in 2 A von Kotzrdue. Musik von Weigl sen. 1804 40 kr. 8 Sgr. Dorfbarbier, der. Komische« Singspiel in 3 A v. I. Weidmann. 30 kr. 6 Sgr. Dörfchen, da- friedliche. Singspiel in 1 A. von HenSler 1803. 8 40 kr. 8 Sgr Drei Viertel auf eilf. Schwank in 1 A. von M A. Grandjean. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 78.) 30 kr. 6 Sgr. Duell, da- unterbrochene, s. Schönstem HanSth. Duell-Mandat, da-, oder ein Lag vor der Schlacht bei Roßbach. Drama in 5 Aufz. von W. Vogel. 8. 1843. 80 kr 16 Sgr. Duenne«, die beiden. Dramatische Bagatelle in 1 A. s. Eastelli Sträußchen. 13. Jahrgang. Dyck Landleben» s. van Dyck. E. T. S., oder die AuSstaffirung. Posse in 1 Aufzuge von Earl Juiu (Giugno). (Wiener Theater-Repertoire Nr. 121.) 35 kr. 7'/, Sgr. Eckensteher Rante, der Wiener, oder die Informations-Aufnahme mit einem Clienten an- Krähwinkel. Komischer Act Zweite Auflage mit Bild Geh. (Vergriffen.) 35 kr. 7'/, Sgr. Eduard in Schottland, oder die Rächt eine-. Flüchtling-. Historische« Drama in 3 A. von, Duval, au« dem vom Verfasser mitgetheiltcn - Manuskript frei übersetzt von Kotzrbue. 1804 80 kr. 12 Sgr Ehe-Doctor, der. Farce mit Gesang in 3 A Nach einer Posse bearb. v. Joli 1808. 35 kr 7' ,Sar. Ehemann» ein solider. Lustspiel in 1 A Deutsch von Alexander Bergen (Wiener Theater-Repertoire Nr. 197.) 35 kr. 7'/, Sgr. Ehemänner, die, al-Junggeselle«. Lustspiel in 1A , s. Saft,Ui Sträußchen. 1. Jahrg. (Vergriffen.) Ehemänner, die, «ach der Mode. Komische Oper in 3 A. von I. Ritter von Seyfried. 1804 '^esAg Ehensttfter, der, oder die beide« Ofsicier«. Lustspiel in 1 A. s. Eastelli Gträußch 1. Jahr«, (Vergriffen.) Ehepaar, da-, au- der Provinz. Original-Lustsp in 4 A. von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr Ehescheue«, die. Lustspiel in 1 A. von I. F. y Weissenthurn. Gr. 8. 1833 40 kr. 8 Sgr Ghestand-qualen. Lustspiel in 1 A. und in Alexandrinern v. Deinhardstein. 1820. 40 kr. R Sgr. EbestaudS-Scenen. 1. Theil. Lustspiel in 3 A 2 Theil oder der Lieferant. Lustspiel in 3 A. Vom Verfasser de« -.Zwirnhändlers*. 1810. Beide Theile. 1 fl. 20 Sgr. Eher den Lod als die Sklaverei. Ballet von Easelli 1771. (Fehlt.) 10 kr. 2 Sgr. Ebre, die, de- Hause-. Drama in 5 A. v. Karl Juin und P I. Reinhard. Nach L6on Battu und Maurice Desoigne«. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 29.) 60 kr. 12 Sgr Eichenkranz, der. Ein Dialog von A. W. Jffland 8. 1801. 13 kr. 2'/, Sgr Eichenkranz, der. Schauspiel in 4 A. Neu bearb. von Ehrimfeld. 1810. 40 kr. 8 Sgr Eifersucht, die beschämte. Lustspiel in 3 A von I. K. v. Weißenthura Gr. 8. geh. 1833 50 kr. 10 Sgr Eifersüchtige«, die, oder Keiner hat Recht. Lustspiel in 4 A. v. Schröder. 1805. 40 kr. 8 Sgr. Eigensinnige, der. Lustspiel von Stephani. 1774 8. 60 kr. 12 Sgr. Ei« Freund statt einer ganze« Familie. Posse in 1 L., s. Eastelli Sträußchen. 20. Jahrgang Eia Mädchen ist - und nicht eia Knabe. Lustspiel in 1 A., nach dem Kranz von Herzens- kro». (Wiener Theater-Revertoire Nr. 20) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr Ein Mädchen vom Lheater, s. Mädchen. Ei» Man« hilft dem Ander«. Lustspiel in 1 A, s. Weissenthurn Schausp. 15. Band. Et« Lag an- de» Lebe« Carl V. Historisches Gemälde in 2 A, s. Eastelli Sträußchen. 20. Jahrgang. Eine Feindin, s. Feindin Eine für die Andere. Lustsp. in 3 A, s Eastelli Sträußchen 15. Jahrgang. Eine Rase, s. Nase Einer von unsere Leut'. Lustspiel mit Gesang in 3 L von O. F Berg (Wiener Tbeater-Rep. Nr. 194 ) 60 kr. 12 Sgr Einsiedler, der, im Lercheuwalde oder di« ge- heimnißvolle Laube. Lustspiel in 1 A, s Eastelli Sträußchen. 6. Jahrgang. Elegante», die. Posse in 1 A. Nach Molivrr für die deutsche Bühne von H Zschockr 1808 40 kr 8 Sgr Elia- Regenwurm, oder die Verlobung auf der Parforcejagd. Posse mit Gesang in 2 A von Friedrich Hopp (Wiener Tbeater-Reper- toire Nr 21) «0 kr. 12 Sgr Elisabeth, Königin von England. Oper in 2 A Musik von Rossini. 1822. 35 kr. 7'/, Sgr. -Dasselbe italienisch. 1822 35 kr. 7'/, Sgr. Elmar. Theater Wien. 1856. 60 kr 12 Sgr 35 kr. 7'/. Sgr. OHen, die beiden. Lustspiel in 1 A, s. Eastelli Sträußchen 3. Jahrgang. (Vergriffen.) Enthält: Da« Mädchen von der Spule. Dolks- stück in 3 A —- Unter der Erde Eharakter- bild in 3 A. (Diese« Derzeichniß wird fortgesetzt.) Druck und Papier von Leopold Sommer in Wir«. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Herkules als Schutzmann. Lustspiel in einem Act. Nach dem Französischen von Älexander Bergen. Zm k. k. priv. Theater an der Wien zuerst mit Beisall gegeben. Personen: Rabe, Krämer in einer kleinen Stadt. Simon, Herkules genannt, ein Gaukler. Adolsioe, seine Frau. ! Ein Träger von der Eisenbahn Justin«, deren Magd. Zweiter Träger. Pinsetberger. > Erste Scene. (Zimmer im Hause Rabe'-- In Mitte de- Hintergrundes ein Fenster. Recht- an der dritten smilifse die kingang-thür- Au der zweiten Eou- liffe «ioe Tapeteuthür. Link- an der dritten Lou- liffe die Tdtzr. welche in Adolfinens' Zimmer sührt, an der zweiten Coulisse eine kleine Thür- Recht- im Hintergründe ein Lredenzkastrn, linkem Tisch. Lome ein Tisch, ein Sofa und Stühle.) Justine (allein. Beim Aufziehen de- Vorhanges fitzt sie im Hintergründe und näht. *) Man hört eine Trompete blasen, sie springt aus und eilt an'S Fenster). Eine Trompete — wahrscheinlich marschiren Soldaten vorbei. (Sie öffnet da- Fenster, man fleht die Spitze einer Leiter, welche sich hin und her bewegt.) Nein, eS ist der Gaukler, der da auf dem *) Hier kann ein Lied eingelegt werden. rhtattl.Repnwk. Ni. X>». 2 Platze täglich^ seine Künste macht. Er balancirt eine Leiter auf sein' Nein' Finger. Gott, ist der Mensch stark! Man nennt ihn nit umsonst Herkules! Ein starker Mann is doch immer ein schöner Mann. (Sk ap. plaudirt.) Bravo! Bravo! Zweite Scene. Vorige. Adolfine (durch die Eingangsthür). Adolfine (tritt schnell rin und sperrt rasch die Thür hinter sich zu). Endlich habe ich ihn los! Justine. Was rs denn g'scheh'n? Pin selb, (von außen). Schöne Frau, füll ich vor Ihrer Thür sterben? Adolfine (r,st hinaus). Leben und sterben Sie, wie Sre wollen, nur nicht hier. Pinselb. Ich weiche nicht! Eher sterbe ich! Adolfine. So sterben Sre nach Belieben. Ick öffne Ihnen die Thür nickt! Prnselb. Entschieden nicht? So werde ick mir den Eingang erzwingen. Adolfine (horcht). Er entfernt sich. Justine. Wer iS denn der kecke Mensch? Adolfine (nimmt Hut und Tuch ab Justine legt Beides weg). Ich kenne ihn nicht. Einer von den Pflastertretern, die nichts zu thun haben, als Frauen nachzulausen und Fensterparaden zu machen. Justine. ES muß auch solche Pflastertreter geben — waS für Abwechslung hält' man denn sonst im Leben? Aber seit wann geht er Ihnen denn nach? Adolfine. Seit acht Tagen. Justine. Sapperlot! Und da »S er no'nit müd'? Adolfine. Er muß wissen, daß mein Mann verreist ist, sonst wäre er nicht so keck. Wie ich nur aus dem Hanse trete, ist er hinter mir. Justine. Wird der Herr bald zurückkommen? Adolsiue. Ich weiß es nicht — jedenfalls wird er nur früher den Tag seiner Ankunft melden. Am Ende geht der Lasse jetzt vor den Fenstern auf und nieder. Justine. I' will nachschauen. (Sie geht zum Fenster.) Herrgott, die Leiter! Adolfine. Welcke Leiter? Justine. Ein Mann legt sie an's Fenster an, er steigt herauf — Adolfine (eilt zum Fenster). Er ist'S. (Sir nimmt schnell Hut und Tuch und sagt ) Sckicke ihn fort, ich will ihn nicht sehen. (Sie eilt in ihr Zimmer, im selben Augenblicke zeigt sich Piuselberger am Fenster.) Dritte Scene. Justine. Pinselderger. Justine. Is das eine Keckheit! Pinselb. (springt von der Leiter zum Fen- ster Herrin). Der Platz ist genommen, ich stecke meine Fahne auf. Justine. Ta wird gar nir ausg'steckt. Empfehl N S' Ihnen! (Sie weist nach der Thür.) Pin selb. Die Soubrette! Ein hübsches Eremplar! Wo ist deine schöne Frau? Justine. WaS wollen Sie von ihr? Pinselb. Alles Gute. Ich will sie lieben, sie soll mich lieben, denn ich bin närrisch verliebt in sie. Justine. Ich will Ihnen einen guten Rath geben, Sie narrisch Verliebter, oder eigentlich — Sie verliebter Narr! Wenn man Liebesabenteuer haben will, so wendet man sich an freie Herzen, an »lüdtge- Mädchen und nit an verheiratete Krauen Und wenn man auf Abenteuer auSgeht, muß man kein verheirateter Mann sein, wenigstens nit in einer klein' Stadt, r»o Ein'n a jede Katz kennt. Ich kenn' Ihnen auch, Sie sein der Herr von Pinselberger, ein »quicitirter* Beamter, der mit feiner Familie seit drei Monaten in unserer« Stadtl lebt. Sie staunen? O, ich weiß nvck mehr. Sre wohnen in der Thorstraßc 3 Nr. 17 und zahlen jährlich 164 Gulden Zins. Einstweilen genug. Pinselb. Ich staune wirklich, — Du kennst mein bescheidenes Leben? Justine. Bescheiden? Nennen Sie das bescheiden, wenn man beim Fenster cin- steigt? Pinselb. Ich würde den Himmel erstürmen, wenn ich liebe! . Justine. Ihre Müh' is umsonst. Meine Frau will Sie nit sehen. (Sie öffnet die EiagangSthür.) Darf i bitten? Pinselb. Warum will mich deine Frau nicht lieben? Sie soll mich nur kennen lernen, meine glühende Leidenschaft wird sie überzeugen — Justine. Is der Mensch eigensinnig! Pinseld. Wie ein Maulesel, sagte meine Mutter immer — denn wenn ich mir etwas in den Kopf setze, so — bleibt'S drinnen. Höre, Lisette — Justine. Ich heiße Justine. Pinselb. Justine? Ein hübscher Name, also höre, Lisette — Justine. Sogar darin ist er eigensinnig! Pinselb. Wie ein Maulesel. Also höre Lisette, soll ich Dir meine Börse schenke»? Justine. Und Menschen von solchem Scharfsinn guicitiren! Sie scheinen eine Ahnung zu haben, daß Leute wie wir die Börsemänuer lieben? Pinselb. Manche Ahnung wird zur traurigen Gewißheit. Da! (Sr gibt ihr sein Portemonnaie ) Verstecke mich irgendwo. Justine. DaS ist keine Börse, das is a Portemonnaie; allein malt soll nie nach dem Aeußrrn urthrilen, sondern nach dem in- nern Werth. (Sie öffnet ei» ) Da sein ja nur drei Zehnerln d rin. Pinselb. Alles sei dein! — Verstecke mich! Justine (für sich) DaS wird wohl daS G'scheidteste sein. (Laut.) 3hrrm Eigensinn kann man wirklich nit widerstehen. (Sir öffnet die erste Tdür links.) Geh'n S da hinein. Pinselb. Ich sie da drinen? Justine. Nein, aber sie wird schon kommen. Machen S' nur kein Lärm, damit s' uir merkt. Pinselb. Ich will so stille sein, als ob ich todt wäre. (Er sieht hinein.) Ich werde mich unter den Divan legen. — Du stehst, ich habe Praxis. — Justine. Gehn S' nur amal hinein. Pinselb. Lisette, Du bist das klügste Kind in der ganzen Stadt! (Er geht hinein.) Justine (sperrt schnell zu). Aber meine Klugheit wird Dich nicht freuen. Jetzt iS er g'fangen! Vierte Scene. Justine. Adolfine. Adolftne (sieht heraus). Ist er fort? Justine. Eher verschwind'! a Oelfleck als der Me >sck! Er is wie a Kletten, nit zum Fortbringen, aber i Hab' ihn eing'sperrt Adolfine. Wohin? Justine. Da hinein! Es is nix Anders übrigblieben. Adolfine. Er kann aber doch mcht sein Leben lang da drinnen bleiben? Justine. Warum nit, wenn man die Thüre zumauern läßt? Adolfine. Welcher Unsinn! Justine. Es gäb' noch a Mittel. Adolfine. Welches? Justine. Wenn man seiner Frau Alles rndtdeckt. Adolfine. Seiner Frau? Ist er verheiratet? Justine. So verheiratet, als man nur sein kann. Seine Frau iS zwar dürr und gelb — Adolfine. Gelb oder grün, sie ist einmal seine Frau. Aber was fangen wir an? Justine. Lassen wir die Wach' holen, lassen wir'n einführen! Adolfine. Warum nicht gar! Das Aufsehen! Doch ich Haffe den Menschen, und 1 * 4 weiß nickt, was ich gäbe, wenn ick ihn nur los werden könnte. (Mau hört dir Tromprtr blasen.) Justine. Das is ein Wink des Sckick- sals! Adolfine. Was meinst Du? Justine. Hören S'den Herkules Trompeten blasen? Adolfine Den Gaukler da unten? Za wohl. Justine. Haben S' g'feb'n, wie stark er iS! Stark is sckön! Wollen Sie zehn Gulden spendiren? Adolfine. Auch mehr, wenn er mich von dem Menschen befreit. Justine (geht zum Krostrr und ruft). Herr Herkules! Za, Sie meine ich — kommen S' a bisserl herauf, dir mittlere Thür im ersten Stock. (Sie kommt vorwärts.) Er kommt schon! Adolfine. Wenn das nur kein neuer Unsinn ist — einen Gaukler in's Haus rufen. Justine. Wen» er den Andern 'naus« g'worfen hat, schicken wir'n wieder fort. Adolfine. Zch fürchte nur — (Man hört klingeln.) Justine. Er iS schon da! iSir öffnet dle Lhür. Adolstnr seht sich.) Fünfte Scene. Ndolfine. Justine. Herkules. (Sr trägt weiße Trikots, kurze, bauschige Veinkleider, Stief. letten und Jacke aus himmelblauem Atlas mit Silber gestickt, ein Band aus Silber hält ihin Pas Haar zurück.) Her kttleS. Veizeiheu Sic, bat man mich gerufen? Justine. Ja, meine Frau will mit Ihnen reden. Herkules. Wenn die Schönheit ruft, kann Herkules nickt widerstehen. Da bin ich! Wahrscheinlich ätgett Sie meine Trompete, und Sie wölken, daß ich — Adolfine. Nein, Ihre Trompete genirt mich gar nicht. Herkules. So! Um so besser. Wenn Sie ein Mann wären, hätte ick Ihnen gesagt, ich blase, bis mir der Atbem ausgeht, mit dem gebrechlichen Geschleckt aber muß man galant sein. Justine (cokett seufzend). Ach ja! Adolfine. Ich will Ihren Erwerb nickt stören, sondern Sie nm einen Dienst bitten. Herkules. Bitten? Befehlen! Damen zu dienen ist Ritterspstickt. Justine (für sich). Der Mensch g'fallt mir^ immer besser. Adolfine. Sie sind »ehr stark, nickt wahr? Herkules. ES ist mein Beruf. Man nennt mich den modernen Herkules. Ich bin eigentlich gewohnt, nur in großen Städten, im glänzenden Eircus zu arbeiten; allein eS ist nicht alles Gold, was glänzt. Ich will mein eigener Herr sein, und ziehe es vor, in freier Lust zu arbeiten. Die Lust in den meisten großen Städten bietet mir wenig Aussicht auf Freiheit — ich habe mehrVerpflichtnngeneingegangen, alSick— Adolfine. Genug — Ihre pekuniären Verhältnisse geben »nick mckts an. Wollen Sie mir für kurze Zeit Ihre Kraft weihen? Herkules. Für die Schönheit tbne ick Alles. Soll ick Sie auf meinem kleinen Finger balanciren? Das wäre mir ein Kinderspiel, denn er ist fest wie Stahl. Justine. Ick sag'S ja, stark ks sckön! Adolftne. ES handelt sick nickt darum Knuste zu macken—wollen Sie sich zwanzig Gnlden verdienen? Herkules. Zwanzig Gulden! Ick soll wobl mit einem Elefanten ringen? Adolfine (ftkht auf). Nein. Wollen Sie mich von einem Menschen befreien, der mick — langiveilt? Herkule». Wahrscheinlich Ihr Mann? Ich zermalnre ihn. Justine. O, stark i« ,ckönl (ZaHerkul^.) Nein, ein Fremder langweilt meine Frau, 5 indem er sie auf Schritt und Tritt verfolgt. Herkules. Ich versiebe. Sie brauchen einen Schutzmann. Adolfine. Soeben ist der kecke Mensch kier beim Fenster einqestiegen. Justine. An» Ihrer Leiter. Herkules Auf meiner Leiter? Wahrscheinlich während ich im Wirthskanse war, das soll er mir bezahlen und mein Bajazzo auch. Wo mag der Kerl gesteckt haben? (Zu Adolfine.) Soll ich den Eindringling ganz zerbrechen oder nur halb? Adolfine. Sie sollen ihn gar nicht zerbrechen, sondern nur entfernen. Herkules DaS ist zu wenig für zwanzig Gulden, das hieße Ihnen das Geld aus dem Sacke stehlen — wenigstens ein Flügel muß ihm geknickt werden. Adolfine. Nein. Sie sollen ihn nur fortschaffen. Justine. Aber au» etwas begreifliche Manier — damit er nit gleich wiederkommt. Herkules. Ick werde ihn ein bischer, bin- und herwalzen, daran wird er einstweilen genug haben. Wo ist das Opfer? Justine (zeigt nach Unk»). Da hinein Hab' ich 'n g'sperrt. Ich will aufsperren und wann er herauskommt — Herkules. Werde ick ihn kinauSbe- gleiten. — Adolfine. Wir lassen Sie allein. Herkules. Sie sollen Ihr Geld nickt! unnütz ansgeben, ick werde auch ohne Zeu- j gen mit ihm fertig werden. Adolfine. Geben Sie aber nickt zu rauh mit ihm um — Justine. Ja uir zerbrechen. (Beide ob) Sechste Scene. Herkules «allein). Pinselberger (im Ea. binet, später) Rabe. Herkules. Sind dieseWeibSleute weich- h«rjig! Pinselb. (sieht Heroik und sagt für sich). Ist Jemand da? (Er sieht Herkules.) Der Herkules! (Er schließt schnell die Thür zu.) Herkules. Als mich die blonde Magd hcraufrief, machte sic so gewisse Augen, daß ich glaubte — cs gäbe da nichts zu gewinnen, sondern eher zu verlieren — sic sieht mich überhaupt schon seit einigen Tagen so bedeutungsvoll an. — (Er gebt zum Nrvstkr und ruft hinaus.) Bajazzo, verjage die Straßenjungen, lasse nichts anrühren! Rabe(tritt durch dir Taprtenthür recht- riu). Es ist dock ein seliges Gefühl, wenn man wieder zu Hause ist. Wie wird meine liebe Frau überrascht sein! (Er sieht Herkules am Keufter ) Ein Mann in TricotS in meiner Wohnung? Herkules (sieht ihn. kömmt vorwärts und sagt für sich). Er kämmt selbst auS dem Käfig berauS. Rabe. WaS wollen Sie da, guter Freund? Herkules. Guter Freund? — Du sollst meine Güte kennen lernen. (Er dringt auf ihn ein.) Vorwärts, Marsch! Rabe (läuft nach recht«) Ick) soll mar- schiren? Herkules. Du willst den Liebhaber spielen mit dieser Perrücke? Rabe. WaS geht Dich meine Perrücke an? Herkules. Dieser Adonis will eine DcnuS verführen. Rabe. Der Mensch ist verrückt! Herkules. Du langweilest sie! Rabe. Wen? Herkules. Die schöne Frau, die hier wohnt, ich weiß nicht wie sie heißt. Rabe. Adolfine Rabe. Herkules. Du bist ein Rabe, aber krächze anderswo, diese hier darfst Du nicht verführen. Rabe (für sich). Meine Frau verführen? Herkules. Zu was wäre denn ich da? Rabe. Ich sehe wohl, daß Du da bist, wenn ich nur wüßte weßhalb? 6 Herkules. Ich soll Dich auf ihren Be» fehl gut durchprügeln. Rabe. Auf ihren Befehl? Herkules. Ich habe ihr zwar versprechen müssen, Dich nicht zu zerbrechen, gib aber auf deine Glieder Acht, denn wenn ich in die Hitze komme — Rabe. Der Mensch ist verrückt! Wo ist sie? 2cb will sie sehen. Herkules. Aber sie will Dich nicht sehen, (tzr geht ihm ganz nahe an den Leib.) Vorwärts, marsch! Rabe. Du sollst hinausmarschiren! Herkules. Sage das noch einmal, sage eS noch öfter, denn dein Gekrächze unterhält mich! Du willst also, daß ich Gewalt brauche? (Sr packt und schüttelt ihn.) Du willst aijo, daß die Fremden, die Hieherkommen, deine Ruinen besuchen? (Er schleudert ihn gegen die rechte Seite.) Rabe. Rübre mich nicht mehr an oder rch schreie! Pinselb. (guckt heraus). Wer balgt sich denn da herum? Noch immer der Herkules! (Er verschwindet schnell.) Herkules (zu Rabe). Jetzt hast Du deinen Theil, jetzt vorwärts hinaus! (Sr drängt ihn gegen die Thür.) Rabe. Ich bin hier zu Hause, ich lasse mich nicht Hinausweisen! Herkules. Du läßt Dich nicht? Warte. Du sollst die Stufen zählen. (Zn, Ringen ver. schwinden sie hinter der Thür.) Rabe (von außen). Zu Hilfe! Zu Hilfe! Pinselb. (tritt aus dem Eabinel). Das ist de Herkules, dessen Leiter ich genommen habe; wahrscheinlich sucht er mich und hat einen Andern erwischt (man hört Rabe fallen), ich rette mich, (Er eilt wieder inS Cabinei) Siebente Scene. Justine (durch die zweite Thür links) Is s vorüber? Herkules. Er ist besorgt. Er liegt am Fuß der Treppe. Mit dem Kopf ist er zum Hausmeister hineingefallen. Schade, daß es nur einen Stock hoch ist. Fünfundzwanzig elende Stufen — dazu braucht man gar keine Kraft. Justine. Stark is schön und Sie sei n sehr stark, Herr Herkules! Herkules. Wie Samson, der der Herkules seiner Zeit war. Aber eine gewisse Delila hat ihn um seine Haare gebracht, in denen seine Kraft lag — Ihnen würde ick gerne die meinen opfern. Wollen Sie meine Delila sein? (Er umschlingt fit.) Justine (weicht ihm cokett auS). Da müßt' ich erst um eine bestimmte Erklärung bitten. Pinselb. (ficht heraus). Der Herkules wird zärtlich. (Er verschwindet wieder) Herkules. Sie werden doch nicht unüberwindlich sein? Justine. So weit meine schwache Kraft Ihnen gegenüber reicht — ja. Herkules (lächelnd). Treten wir in Compagnie, ein Herkules und ein unüberwindliches Frauenzimmer — unser Glück ist gemacht. Justine. Ich will keine Künstlerin wer'n. Herkules. Auch nicht die Frau eines Künstlers? Das klingt verführerisch. Duett-Einlage. lBeide ab in AdolfinenS Zimmer.) Pinselb. l kommt heraus) Es ist klar! Er hat mich gesucht und einen Andern erwischt, jetzt ift'S Zeit, daß >ch mich aus dem Staube mache, ehe er seinen Jrrthum entdeckt. (Er geht gegen die EinganqSthür ) Da kommt schon wieder Jemand. (Er versteckt sich hinter den Eredmzkasten.) Herkules, Pinselberger, (später) ^ Achte Scene. ! Pinselberger. Rabe. He rkul es (kommt wieder herein). Es ist! Rabe (er hat eine große Beule ander Stirn). geschehen! iDer Schlingel! Zum Glück hat mein Hut den Kopf etwas geschützt. Aber ich muß der Sache auf den Grund kommen, warum bebandelt man mich so in meinem Hause? Piuselb. (steht ihn heimlich an) Das ist dasOpfer? Vielleicht auch ein Nebenbuhler. (Er kömmt hervor.) Rabe. Noch Einer? Wer sind Sie? Piuselb. Ich? Rabe. 3a, Sie! Sie sind doch nickt auch ein Herkules? Pinselb. Nein, und Sie? Rabe. Auch ich nicht. Ich heiße Rabe. Pinselb. (für sich) Ter Mann! Rabe. Jetzt weiß ich aber noch immer nicht, wer Sie sind. Pinselb. Ick—ick bin — ein Friseur. Rabe. Ein Friseur? (Kür sich.) Seit wann läßt sich meine Frau srisiren? «Laut.) Haben Sie gekört, wie man mich behandelt hat? Pinselb. Ja. und ick bedauere sebr — Rabe. So etwas ist angenehm, besonders wenn man müde von der Reise kömmt. Ich babe da einen Riesen, einen Goliath getroffen, der mich zwanzig Stufen binab- geworfen hat. Pinselb. Entschuldigen Sie — ft'mf- undzwanzig. Aber Sie haben da eine Beule, Sie muffen ein Geldstück darauf legen und kalte Eompreffen. (Er reicht ihm eine Münze.) Entschuldigen Sie, ich werde erwartet. (Er will fort.) Rabe (nimmt das Geldstück vov seiner Stirne). Jetzt weiß ick nickt, gehört das Ihnen oder mir? Pinselb. (will die Münze nehmen) Es gehört — Rabe. Mir! (Er steckt die Münze ein.) Aber wollen Sie mir nicht im Vertrauen sagen, was hier vorgeht? Pinselb. Mein Herr, Sie haben ein ehrliches Gesicht — als Freund ratbe ich Ihnen, gehen Sle nach Amerika. Rabe. Nach Amerika? WaS soll ich dort? Pinselb. Gehen Sie noch weiter, gehen! Sie bis an'S Ende der Welt, denn Ihre Frau — Rabe. Meine Frau — sie wird dock nicht — Pinselb. (tragisch). Gehen Sie nach Amerika! Rabe. Wäre es möglich, daß meine Frau — ich muß sie sehen — wo ist sie? Pinselb. In ihrem Zimmer mit ihrem Beschützer. Rabe. Ihr Beschützer? Pinselb. Der Goliath. Doch entschuldigen Sie, ick werde erwartet. (Er will fort) Rabe (hält ihn zurück). Sie müssen bleiben! Ich allein bin nicht genug. Sie mns sen mirbelfen, ihnzubesiegen. (Er steht durch s Schlüsselloch in Adolfinens Zimmer.) Da ist sic, und auch er, sie gibt ihm Geld. (Er entfernt sich von der Tbür.) Pmi! Wer hätte ^as gedacht! Pinselb. Sagte ick's nickt? Gehen Sre nach Amerika. Rabe. Nein, und wenn er mich pulve- risirt, ich weicke nickt! Wir wollen mit ihm kämpfen. Pinselb. Entschuldigen Sie, ich werde erwartet. (Er will fort.) Rabe. Ich lasse Sie nicht fort! Verbergen Sie sich in der Küche, ich hier hinter dem Vorhang. (Er stellt sich in s Fenster und schließt den Vorhang.) Pinselb. (thut, als ob er in die Küche ginge, kommt aber zurück). Daß ich ein Narr wäre, ich rette mich! (Schnell durch die Ein- gangsthür ab.) Rabe (hinter dem Vorhang) Die Situation ist sehr düster! Neunte Scene. Rabe (hinter dem Vorhang) Justine. Herkules. Herk. (sie kommen aus Adolfinens Zimmer, er zählt Banknoten). Fünf — zehn fünf zehn — zwanzig. Gut gezählt. (Er schiebt das Geld in seinen Gürtel.) Just. Das war doch leicht verdient. 8 Herk. Zu leicht, Ihre Frau wirft das das Geld weg. Rabe (für fich). Kaum halte ich mich! Just. Eigentlich sollten Sie sich bei mir bedanken, ich Hab' Ihnen anempfohlen. ! Rabe (für sich). Die Schändliche! Herk. Wenn es nur immer so fort ginge! Aber ich muß wieder'hinaus in's bewegte Leben! Ehe ich Sie jedoch verlasse, schönes Kind, hätte ich gerne ein Glas Wein auf Ihre Gesundheit getrunken. Just. Ich Hab' da a Flaschen alten Tokaier, den mein Herr nur selber trinkt — aber bei Ihnen wird an Ausnahm' g'macht. (Sie nimmt eine Flasche auS dem Freden Lasten und reicht ihm ein Glas Wein.) Rabe (für fich). MeinHaus ist der Plünderung preisgegeden. Herk. Auf die Gesundheit Ihres Herrn! (Er trinkt ) Noch eins auf die Gesundheit Ihrer schönen Frau! (Sie schenkt ihm ein, er trinkt.) Noch eins auf Ihre Gesundheit! Just. Aber dann is's genug! (Sie schenkt ihm ein, er trinkt.) Rabe (für fich). Der Kerl sauft wie ein Schwamm. Herk. Jetzt muß ich leider fort, aber ehe ich gehe, geben Sie mir auf den süßen Wein noch etwas Süßeres, einen Kuß! 3«st. (cokett) Mein Wehren nutzt mich nir, denn Sie sein zu stark, also in Gottesnamen. (Sie reicht ihm die Wange.) Herk. Was ist besser, ein Glas Wein oder ein Kuß? Beides. (Er küßt sie wieder.) Rabe (für fich). Und ich muß da zusehen! Just. O mein Gott! Herk. Was ist Ihnen? Just. Der Vorhang hat sich bewegt — sehen S' dort die zwei Füß' — er iS schon wieder da! Herk. Hat er noch nicht genug? (ßr eilt zum Fenster, packt Rabe sammt dem Vorhang und trägt ihn in den Vordergrund.) Just Das muß i der Frau sagen. (Sie eilt in Adolfinens Zimmer.) Zehnte Scene. Herkules. Nabe. Rabe (welcher in den Vorhang verwickelt ist). Ich ersticke! Herk. (macht ihm den Kopf frei). ES ist wirklich derselbe. Rabe. Weißt Du denn nicht, wer ich bin? Herk. Ich weiß nur, daß Du bald gar nicht mehr sein wirst, (tzr nähert sich ihm) Rabe. Halt ein, Barbar! Ich bin Rabe, Frau Rabe's Mann. Herk. Wer Hai Dir das einstndirt? Rabe. Auf mein Ehrenwort, es ist wahr, ich komme soeben von der Reise. Herk. Reise? Wer das glaubte! Wo ist dein Koffer, dein Reisesack, deine Hutschachtel, kurz, deine Bagage? Rabe. Im Bahnhofe — man wird sie sogleich Hieherbringen. Herk. So geh' ihr entgegen. (Er will ihn zum Fenster hinauswerfen.) Rabe (wehrt fich). Nein, nein! Ich bin hier der Herr, ich bleibe! Herk. Du widersetzest Dich? Du selbst hast dein Todesurtheil gesprochen. Rabe. Der Elende trinkt meinen Wein, verführt meine Frau und will mich ermorden! (Er läuft um den Tisch herum, Herkules ihm nach.) Komm' mir nicht in die Nähe, ich wehre mich, und sollte ich Dich beißen. (Herkules verfolgt ihn, Rabe läuft in s Cabinei links und sperrt schnell zn.) Herk. Für mich gibt e« weder Schloß noch Riegel! (tzr schlägt die Thür mit einem Faustschloge ein und folgt ihm.) Rabe (von innen). Verführer! Räuber! Mörder! Herk. (kömmt aus dem Eabinet, er trägt Rabe auf dem Rücken) Schreien kannst Du. aber nicht hier!
    Der Koffer gebt auf und zn — der Zudringliche ist verschwunden — wahrscheinlich is er da hinein — wart' nur! (Sie schließt den Koffer schnell ab und steckt den Schlüssel ein.) So, seht Hab' ich dich. (Sie ruft in Adolfen- Zimmcr.) I bitt', kommen S' a bisserl heraus! Vierzehnte Scene. Adolsine, Justine, später Herkules. Adolsine (aus ihrem Zimmer). WaS gibt's denn wieder? Justine. Rathen S', wo er is. Adolfine. Fort, so hoffe ich wenigstens. Justine. Kein' Idee! Da drinnen im Koffer, i bab' 'n hinein g'sperrt! Adolsine. Und wenn mein Mann kommt? Herkules (kommt durch die zweite Thür rechts) Da bin ich wieder, ich wußte cs ja. daß Sie mich bald brauchen werden. Justine. Er is da d'rin! (Sie bezeichnet den Koffer.) Herkules. In diesem Koffer? Also schon fertig gepackt. Ich werde ihn gleich erpediren. Adolsine. Sie sollen ihn forttragen, aber nicht beschädigen. Herkules. ES steht ja nicht »gebrechlich« darauf. Ader wenn Sie befehlen, will ich ihm nichts zerbrechen, nicht einmal den kleinen Finger, er soll ganz weich fallen, ich trage ihn schnurgerade in die Donau. (Er hebt den Koffer auf.) Justine. Ersaufen? Na, tragen S' ihn zu seiner Frau, da gibt's mehr Jur. Herkules (wirft den Koffer zu Boden! man hört Rabe ächzen) Der Kerl ist verheiratet? Justine. Ja, er loschirt in der Tbor- straße Nr. 17 und heißt Pinselberger. Adolsine. Justine hat Recht. Tragen Sie ihn zu seiner Frau, er verdient seine Strafe. (Man hört wieder ächzen.) Herkules. Hören Sie ibn fingen? Justine. Es scheint, daß er sich nicht recht behaglich fühlt. Herkules. Stöhne nur, es soll noch besser kommen. Adolfine. Beeilen Sie sich, sonst erstickt er am Ende. Herkules. Wie sagten Sie, Nr. 17? Justine. In der Thorstraßen, fragen's nur um die Frau von Pinselberger, sie wird a rechte Freud' haben, vielleicht krieg'ns a gutes Trinkgeld. Herkules. Aufgepaßt! (Er hebt den Koffer auf.) Die Erpedition leister aber keinen Schadenersatz — Justine. Wre er den Koffer aufdebt, als ob's aPillenschachterl war'! Gott, stark «s doch schön! Herkules. So, mein Lieber, jetzt wollen wir uns auf die Reise machen. (Er schaukelt den Koffer auf seinem Rücken.) Es ist ein bischen stürmisch, werde mir ja nicht ieekrank. (Er stößt absichtlich an die Thür- schwelle an.) O weh, wir sind an eine» Felsen angefahren, keine Reise ohne Abenteuer! (Ab.) liö. Der Koffer muß leicht sein, wird leer aus die Bühne gebracht und auf eine Versenkung gestellt, durch welche Rabe in den Koffer kömmt. Nach den Worten: .Was gibt es da?- verläßt Rabe durch dir Versenkung den Koffer und begibt sich hinter die Eoulissen. von wo aus er ächzt und stöhnt. Nachdem Rabe den Koffer verlassen. wird das untere Brett festgemacht, damit es sich nickt öffnet wenn Herkules den Koffer schüttelt. Fünfzehnte Scene. Adolfine, Justine, spater Pinselberger. Adolfinc. Dein Einfall war sehr gut, Justine, seine Frau wird ihn nun überwachen und hübsch zu Hause behalten. Justine (lachend). Vielleicht bringt sie ihn um, dann haben wir ihn ganz los. Pinselb. (tritt schnell durch die zweite Thür rechts ein. Für sich). Der Goliath ist über die Treppe hinab — die Luft ist also rein. (Laut) Angebetetcs Weib! Ndolfine (schreit auf) Justine (ebenfalls). Adolfine. Es ist unerhört! Justine. Aber schon oft dagewesen! Pinselb. Ick Hab' 's ja gesagt, ick komme immer wieder! Adel fine Wie sind Sie denn aus dem Koffer gekommen? Pinselb. Aus dem Koffer, ich? Welcher Koffer? Adolfine. Der Koffer, den Herkules jetzt zu Ihrer Frau trägt. Pinselb. Herkules tragt einen Koffer zu meiner Frau? Justine. Mit dem Manne, in dem e»n Koffer steckt? Adolfine. Das beißt, den Koffer, in dem ein Mann steckt. Pinselb. Ick verstehe kein Wort. Justine. Sie waren's also nit? Pittselb. Ab, ick begreife —wahrscheinlich steckt der Andere in dem Koffer. Justine. Welcher Andere? Pinselb. Das Opfer! Aber wenn meine Frau erführe — Justine. Sic soll Alles erfahren! Pinselb. Das wäre himmelschreiend! Sie wäre im Stanöe mir Vitriol in's Gesicht zu schütten! Adolfine. Und sie hätte ganz Recht. Pinsclb. Ich muß nack Hause eilen, um vorzubeugen, ich muß die Lunte abschneiden, ehe fick die Bombe entzündet nnd platzt. (Er eilt ab.) Sechzehnte Scene. Adolfine, Justine, später Herkules. Justine (lachend). Wie sich der vor seiner Frau fürcht't. Ja, ja, den schuldigen Mann geht halt immer 's Grausen an. 12 Herkules (eintretend). Ein schöner Auftrag! Adolfine (geht ihm entgegen). Sie sind schon wieder da? Haben Sie Frau Pinselberger getroffen? Herkules. Ja wohl, aber sie hat mich empfangen wie ein wüthender Hund! Ich habe die Bagage hingebracht, ihr zu Füßen gelegt, den Koffer aufgeuiachtund denMchul- digen herausgezogen. »Madame, sagte ich, »da haben Sie Ihren werthgeschätzten Herrn Gemal.« »Dieser schwarze Klumpen mein Mann,«schrie sie, und darin hatte sie Reckt, denn der Kerl war ganz schwarz geworden. »Ich we,ß nicht,« wer das ist, schrie sie, »tragen sie ihn wieder fort.« Justine. Und was hat er gesagt? Herkules. Gar nichts, er hat sich nur beflissen, wo möglich noch schwärzer zu werden. Ick fürchtete, daß ihn der Schlag treffen würde, holte schnell Essig aus der Küche und hielt ihm ihn unter die Nase; er sing an zu niesen und ich machte mich aus dem Staube. Adolfine. Warum so schnell, jetzt werden wir gar nicht erfahren, wie sie ihn ausgenommen hat. Herkules. Ich bin zwar ein Mann, ein starker Mann — Justine (unterbricht ihn) Und stark ist schön! Herkules. Aber wenn ein hageres, dürres, gelbes Weib wie die Frau von Pin- selbcrger, in Wutb geräth. da mag ich nicht dabei sein. Mit ihm soll sie machen, was sie will, er verdient es; warum schleicht er sich in fremde Häuser wie ein Dieb. — Am Ende ist er ein Dieb! Justine. Glauben Sie? Herkules. Dem Kerl trau' ich Alles zu, er nt zu zudringlich. Justine. A Dieb! Jetzt furcht'i mich aber wirklich. Herr Herkules, bieiben's bei uns! Adolfine. Am Ende wird es das Klügste sein, da mein Mann nicht kömmt. Wo er nur stecken muß? (Zu Herkules.) Ja, ja, bleiben Si< da! Herkules. Um der Schönheit gefällig zu sein — Alles! Aber in diesem Eostüm— es ist zwar sehr hübsch für meinen Beruf, aber für's häusliche Leben- Adolfine (zu Justinen). Gib ihm meines MannesSchlafrock, oder was Du sonst findest. Justine. Gleich. (Sie geht in Adolfinene Zimmer und bringt einen Schlafrock und eine griechische Mütze.) Adolfine (zu Herkules). Brauchen Sic sonst noch etwas? Herkules. Ich kann nicht leugnen, denn obwohl ich eigentlich eine mythische Figur bin, habe ich doch menschliche Bedürfnisse, und seit das Morgenrotb die Sterne verscheuchte, habe ich nichts gegessen. (Für sich.) Ich kann doch nicht geradezu sagen, daß ich hungrig bin. Adolfiue ,zu Justinen). Bringe bas Nö. thige. (Sie geht in ihr Zimmer.) Justine. Ich will in der Küchel Alles zusammenpacken, was gut ist — Hunger soll'« S' bei uns nit leiden Sie könnten sonst Ihre Kraft verlieren und stark is schön! (Ab.) Siebzehnte Scene. Herkules, (später) Justine. Herkules (zieht den Schlasrock an). Ju diesem Hanse gefällt's mir. Man bekömmt Alles, was man wünscht, und hat wenig dafür zu tbnn. Ach, wenn ich da ein Nest bauen könnte! Das wäre viel hübscher, als auf dem Straßenpflaster seine Kraft bewundern zu lassen. Das große Publicum ist sehr launenhaft. Die Kleine da im Hause, die mich immer so bewundernd ansieht, wäre mir Publicum genug. (Er besieht sich.) Jetzt seb' ich aus wie rin Pascha, nur die Oda- lisken fehlen. Justine (kömmt mit Speisen und Weinr. So, jetzt lassen Sie sich's schmecken. Herkules. Doppelt, weil Ihre Hände mich versorgen. (Für sich.) DaS war H"t « 18 gesagt. Jetzt eine kleine Kraftproduction, i soll man nicht sagen, daß unser Zeitalter das wird sie vollends verblüffen. (Er hebt demoralisirt ist. mit jeder Hand einen Stuhl auf, hält die Stühle öann mit gestreckten Armen vor sich, und setzt sich zum Tisch.) Nicht ohne Sie, allein würde es mir nicht schmecken. Justine. Ja, das Alleinsein ist bitter! Herkules. Bitte, setzen Sie sich zu mir. Justine. Wer weiß, ob's der Frau reckt is — aber sie braucht Ihnen, da wird's nir sagen. (Sit setzen sich zum Tisch und essen und trinken während dem folgenden) Duett oder Trinklied. (Man klingelt.) Justine. Es kommt wer. (Sie geht hinaus.) Herkules. Gerade jetzt, wo wir uns so gut unterhalten. (Er ruft hinauf Wir sind nicht zu Hause! Achtzehnte Scene. Herkules, Justine mit Rabe (der als Dienstmaun verkleidet ist. Er trägt eine andere Perrücke und falschen Bart). Justine. Ein Dienstmann bringt an Brief für die Frau. (Zu Rabe.) Von wem is denn der Brief? Rabe (verstellt auch die Stimme). Vom Herrn Rabe. Justine. Warum kommt er denn nit selbst? Rabe. Darum habe ick ihn nicht gefragt. (Justine nimmt chm den Brief ab.) Warten S' da. (Sie geht in Adolfinens Zimmer.) Herkules (essend. Für sich). Ick hoffe, daß der Rabe noch lange ausbleibt, sonst müßte ick ausfliegen, und dazu habe ick leine Lust. Rabe (für sich). Der Kerl frißt schauderhaft! Und meinen Schlafrock trägt er auch, und meine neue griechische Mütze. Was sehe ick, zwei Gedecke! Meine Frau hat mit ihm zu Tisch gesessen. — Dann Herkules (bittet ihm ein Glas Wein an). Dienstmann! Einen Schluck? Rabe (für sich). Er bietet mir von meinem Weine an! (Laut.) Danke! Herkules (trinkt das Glas selbst aus). Nickt? Auch gut. Sogar sehr gut. — Apropos — will der Rabe vielleicht wieder nach Hause stiegen? Rabe. Würde Sie das geniren? Herkules. Gewiß! Teufelsmäßigsogar! Rabe (für sich). Er läugnet es nickt einmal! Herkules. Wie soll es mich nicht ge- niren? Wenn er nicht da ist, werde ick gehätschelt, mit Aufmerksamkeiten überschüttet, und zwar von zwei Seiten. Rabe (für sich). 2ck könnte wüthend werden. Herkules. Erstens die Kammerkatze, das ist der Braten. Rabe (für sich). Der Elende betrügt meine Frau! Herkules. Zweitens die Frau, daS ist der Salat — das Pikante. Rabe (für sich). Ick muß den Kerl umbringen! (Er nähert sich dem Tische und ergreift ein Messer.) Herkules. Wahrscheinlich mochten Sie fick ein Stück Brod abschneiden? Rabe. Nein, Fleisch will ick haben. (Für sich.) Sein Fleisch! (Adolfine und Justine treten rin. Herkules steht auf.) Neunzehnte Scene. Adolfine, Justine, Herkules, Rade. Adolfine (mit einem Brief in der Hand) Ick begreife meinen Mann nickt, am Ende ist er verrückt geworden! Er sagt, ick hätte ihn zur Tbüre, dann zum Fenster hinauswerfen lassen. (Justine und Herkules tragen den Tisch mii den Speisen in den Hintergrund.) Herkules (im Dorübergthen leise zu Adol- / 14 firikn). Trau'n Sie nicht, das ist wieder Lug und Trug. Adolfine. Aber es ist die Schrift meines Mannes. Herkules. Ich werde doch nicht den Unrechten erwischt haben? Justine. Ich fürchte fast! Am End' hat er n Herrn 'nausg'worfcn? Herkules. Aber wie konnte das geschehen sein? Adolfine. Mein Mann wird dasRätb- sei lösen. (Zu Rabe.) Wo kann ich ihn sprechen, wo ist er? Rabe. Das darf ich nickt sagen, er hat es verboten. Zwanzigste Scene. Vorige Pinselberger (auch als Dienst- mann verkleidet) Pin selb. Wohnt Frau Rade hier? Justine. Da regn'tS Dienstmänner. Adolfine. Ick bin Frau Rabe, wer schickt Sie? Pinselb. Herr Rabe. Rabe (für sich). Oho! Pinselb. Er hat seine Ursachen, nicht nach Hause kommen zu wollen und ist im Gasthause abgestiegen, ich soll Sie zu ihm fuhren. Adolfine. Kommen Sie! (Sie will fort.) Rabe (vergißt sich). Geh' nicht, Adolfine. das ist eine Falle. Adolfine. Sie dutzen mich? Rabe. Dein Mann ist nicht im Gasthause, er ist hier! (Er wirst dir Perrückr und den Bart weg.) Adolfine. Mein Mann! Bist Du endlich da! (Sir will ihn umarmen.) Herkules. Der gute Rabe! (tzr will ihn umarmen.) Rabe. Zurück! Schändliches Paar! Pinselb. (für sich). Jetzt ist's Zeit zum Abfahren! (Sr will fort.) Herkules. Halt! Mein Lieber, Du kommst mir verdächtig vor, weise Dich aus, wo find deine Marken? Pinselb. MeineMarken? (Für sich.) Ich fürchte, er wird mich markiren. Herkules. Du kömmst mir verdächtig vor, und um zu sehen, was darunter steckt, hebe ich den Deckel auf. (Er nimmt ihm die Perrücke ab. an der der Bart hängt) Adolfine. Herr Pinselberger! Rabe. Der Friseur! Justine. Schon wieder der? Pinselb. Ick bin es nicht, ich sehe ihm nur ähnlich. Herkules (nimmt die Mütze ab und zieht den Schlasrock aus). Jetzt will ich der Geschichte ein Ende macken. (Zu Pinselberger.) Du bist Schuld, daß mich diese schöne Dame umsonst bezahlt hat, ich habe einen Unrechten erwischt, und zwar den Heim vom Hause. Rabe. So war die Geschichte? Adolfine. Freilick. Herkules (zu Rabe). EhrwürdigerMann, Du bist zum Fenster hinausgeflogen. Das Geringste, was ich zu deiner Satisfaction thun kann, ist—diesen auch hinauözuwerfen. Pinselb. Mich? Herkules. Dich! Pinselb. Das sind ja Mordgedanken! Herkules. Oder ziehst Du es vor, selbst hinauszuspringen? Pinselb. Ich will lieber durch die Thür fort. Herkules. Springe, oder ich werfe Dich hinaus. (Er dringt aus ihu ein.) Pinselb. Nein, nein, da spring ich lieber! (Geht zum Fenster.) Herkules. So springe! Auf was wartest Du noch? Pinselb. Ich warte, dis ein Heuwagen vorüberfährt. Herkules. Du willst also nicht? (Er will ihn packen.) Pinselb. Ja, ja, ich will schon. (Steigt aus'S Fenster.) Herkules. Eins — zwei — Adolfine. Genug—ich bitte um Gnade 15 für ihn, die ausgestandene Angst sei seine Strafe. Rabe. Dein Mitleid ist sehr zur Unzeit. Jetzt finge es ent an unterhaltlich zu werden. Pinselb. (zu Adolfinen). Sie sind nickt nur schön, sondern auch gut. (Er kniet vor ihr.) Rabe. Jetzt fängt er von Neuem an, und noch dazu in meiner Gegenwart! Herkules (nähert sich Pinselberger). Aber nimm Dich in Acht, alter Habn (er hebt ihn beim Rockkragen in die Höhe), sonst bringe ick Dich wieder zu deiner Henne. (Er schiebt ihn aus die andere Seite.) Pinselb. Zu meiner Frau? Sie würde mich für die Dauer meines Lebens entstellen. Herkules. Es wäre auch Schade um deine Schönheit. Rabe (zu Herkules). Wie kann ich Ihnen danken? Herkules (nimmt eine akademische Stellung an. welche Rabe nachahmt). Herr Rabe, ich verlange nur Eins — behalten Sie mich im Hause. Rabe. In meinem Hause? Als was? Justine. Als meinen Mann, nit wahr, Herr Herkules, Sie heiraten mich? Herkules. Um der Schönheit zu deinen, thue ich Alles! (Leise zu Rabe.) Wenn ich bemerke, daß sich Ihrer Frau ein Courmacher naht, so zermalme ich ihn! (Er drückt ihm die Hand) Rabe (für sich). Einstweilen zermalmt er mir die Finger. (Laut.) Gut, mein starker Mann, ich behalte Sie im Hause, er kann die Zimmer putzen. Herkules (leise zu Adolfinen,. Ick werde Ihren Mann bewachen, und wenn er strauchelt — zermalme ick ihn. Adolfine. Ich bin mit meinem Manne vollkommen einverstanden, Sie bleiben im Hause. Pinselb. Er bleibt im Hause! (Zu Adolfinen.) Leben Sie wohl auf ewig! (Er stürzt fort.) Herkules (zu Justmen). Du kannst stolz sein, kleine Katze! Du bekommst einen Mann, dessen Stärke jeder Mensch fürchtet. Justine (für sich). Der aber auS Liebe zu nur so schwach werden soll, daß ich'« um den kleinen Finger wickeln kann. (Gruppe) (Der Vorhang fällt) Ja der Wallishausser'scheu Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien find zu haben: Der Brasilianer. Posse mit Gesang in einem Act. Nach dem Französischen von Hohenmarkt. 7" 8 Sgr. ad. 40 Nkr. Kopf und Herz. Original-Lebensbild mit Gesang und Tanz in drei Acten von Theodor Flamm. t 2 Sgr. od. 60 Nkr Aer Hm MMM M sei»e Ämlie Charakterbild mit Gesang in drei Acten von Friedrich Kaiser. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Ein ernst» r Hrirats-Antrag. Lustspiel in einem Act von Sigmund Schlesinger. 7'/, Sgr. od. 35 Nkr. Ein Musikant, oder: Die ersten stedanken. Komisches Charakterbild mit Gesang in drei Acten von Ludwig Gottsleben. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Druck und Papi« von Leopold Lomin« in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt, und nur zu beziehe« durch den Verfasser. Das Herzbünkerl. Charakterbild mit Gesang in einem Acte voll Alois Berla (3n Fürst's Singspielhalle in Wien dreißigmal ausgeführt.) Personen. Kebl er, Weinbauer im Gebirge. Kordel, skia Weib. 3oses, t Söhar. Michel. j Rannt, Rebler - Mündel. Erste Scene. (Musik.) Michel (rin junger Bursch, bäuerisch gekleidet, Schlafhaube, hohe Stiefel rc. rc.). Lied. Dn Himmel is blau, und die Gunn recht warm scheint, Es fingen die Gögerln im Wald so schön heunt, Es glanzen die WieSna und draußten am Feld Da schreit a der Gugu, daß schon Alles hellt. Mur i, i bin z'wieder, i schleich hin und her, Es is mir halt allaweil 's Herz so viel schwer; Denn seit meiner Kindheit geht'S ma net auS'n Sinn. (Seufjklld.) Daß t —daß t — (Mit komischem Schluchzen.) Daß i so a auschiacher Fer wor'n bin. AHund is a Hund, is als Vieh gar a treu'S, AKatz iS aKatz, ob's jetzt schwarz iS, ob weiß, A OchS bleibt a Ochs, is er braun oder g'fieckt, Und vor viele Ochsen hab'n d'Leut' gar Respekt. Str 20» 2 Z aber bin kumma als Mensch auf die Welt. Und da sag'n d'Leut, daß ma zum Menschen was fehlt. Und weil ma was fehlt, d'rum is 's kumma dahin, Daß i — daß i — Daß i so a auschiacher Fer wor'n bin. (Schluchzt laut und wischt sich zu wiederholten Malen mit der verkehrten Hand über da- Gesicht.) Zweite Scene. Voriger. Nanni (aus der Seite rechts). Nanni (tritt auf. sieht Michel an und sagt verwundert). I. Michel, was siech i? Du zahnst! Michel (erfreut). Die Nanni, mein'm Patern sein Münde!. (Trocknet sich die Augen.) Es is schon wieder guat! (Lacht aus Nanni. kommt dabei aber wieder in s Weinen.) Nanni (geht zu ihm, lehnt sich aus seine Schulter und sagt herzlich). No, Michel, geh' sag', was is Dir denn g'scheh'n? Zs Dir leicht der Zodel nackig'rennt und bat Di g'stößcn! Michel (dem durch Nanni'S Nähe ganz wohl wird). Der Zodel g'stößen? — Ah na — i und der Zodel soan ja gnati Freund, der thuat ma nir, aber die Menschen! Nanni. No, was thuan Dir denn die Menschen? Michel. Sie sag'n, i bin a Fer! — Nanni (ärgerlich). Dös muaßt net glauben, es is net wabr. Michel, 's muaß do so sein, der Schul- master hat g'sagt, er kinnt a Zurament d'rauf ablegen! Nanni. Es iS dalog'n, döS sag' i, und i leg' a a Zurament d'rauf ab. und der liabe Herrgott is mei' Zeug''! — Michel. Z dank' Dir, Nanni, aber mit der Zeugenschaft richten wir nir. denn eS gibt nur oan Herrgvd, und beim G licht verlangen'- zwoa Zeugen! Nanni. Z hab's a nur g'sagt, um Dir z'beweisen, daß der Schulmastcr Unrecht hat, wenn er sagt, Du bist a Fer; Du bist nur a bisserl z'gutmüathi und d'rum trau n sie d' Leut' und hängen Dir öfters a Klampfe! an. Michel (entzückt). Nanni, i dank' Dir, denn Du bist das oanzige G'schöpf auf der Welt, was's guat mit mir moant! Nanni. Michel, vergiß dein'n Dada und bei' Muada nöd! Michel. Ah, die scheren sie nöd um mi, die hab'n nur mein Brüdern, in Seppel, gern, oder Zosef, wie s 'n setzt hoaßen; seit dem er z'Wean auf an'n G'studirten studirt. Der Zosef is ehner Alles, von dem reden's beim Tag und tramen'S bei der Nacht; 's ganze Geld, was mit'n Weinbau verdeant wird, Werfen s erm aum Buckel auffi; Gäns, Anten, Kas und Butter schi- cken's ihm in d'Stadt nach, wann aber i a paar Kreuzer auf a Packet Tabak hab'n will, so schreit glei' der Dada: Geh' ma aus'n Weg, sunst fängst a Packel, daß D' dein'n Schädel vom Erdboden aufklauben kannst! Nanni. No, no, tröst Di'! Michel. Ah i, mach'ma schon bald nir mehr d'raus — soll's geb'n, wiaS geht; i arbeit' in 'n ganzen Tag wie a Roß und nachher schlaf i bei der Nacht und tram' von 'm Aschenbrödl! Nanni. Von was troamst— wer is 's denn's Aschenbrödl? — Michel. 'S Aschenbrödel? DöS is das sauberste Dirndl im ganzen Ort. Nanni (böse) WaS? Du troamst von anrr Dirn? — O Du GauSrabl Zrzt schau i Di mein Lebtag nöd mehr an! Micket. Aber, Nanni, was greinst denn? Z bin ja selber so a Asckenbrödl! Nanni (lachend). Aha— Du sind st, daß Dir das Aschenbrödl gleickschaut? Mrchel. No und »via, i Hab' nur a wcngl größere Füaß! (Zeigt auf seine Küß) Aber sunst soan ma ganz gleich! z Na uni. Schab', daß Di' koa Prinz heiraten kann. Michel. No,'s müaßt g'rad koa Prinz sein, es thuat's a Prinzessin a! (Lacht.) Nanni. A Prinzessin? Und wia müßt kenn die ausschau'n? Michel. G'rad a so wia Du! Nanni (betroffen). Wia — a — i! Michel. No freili; Du bist sauber wia a Prinzessin, und i woaß, daß da mein Dada a paar tausend Gulden aufzähl'n muaß, wann sein' Vormundschaft gar is und — Nanni (ihn unterbrechend). Sei stad, Michel, da kummt der Dada und Muada! Dritte Scene. Porige. Redler (ein alter dicker Weinbauer, kommt mit einem Brief aus dir Scene). Entree-Lied. Noa, iS dös a Stolz für mi, gar nöd zum sag'n, Wann i kann oan Brie» von mein'« Sühn umatrag'n! Den les' i im Wirthsbaus dem Baucrn- volk vür. Da stecken's die Schädeln z'samm voll Neu- bcgicr. Da thoan'S nachhat sckau'n, daß der Bua so viel woaß, Daß - Lateinisch und Griechisch erm is nur a G'spaß. D rauf thoan'S gratulir'u—ich schau glück- seli' drein. 3rzt wia soll denn der Bua nöd mein Herzbünkerl sein? ES kost' das Studir'n mi a Sündmarter- «eld, Dafür aber soan ma in Kurzem a g'stellt. Mein Sühn wird a Doctor, a g'wichtiger Mann, 3 fang' nachhat selber d'Prozeß für erm qn; Und später da kimmt'S a wohl gar no dazua, Daß'S Oan für'n Landtag wähl'n, das is mei' Bua; Z'letzt kimmt er als Reichsrath auf Wean gar no 'nein.— Jrzt wia soll denn der Bua nöt mein Herzbünkerl sein? Vierte Scene. Vorige. Kordel. Kordel (hereineilend). Alter! Du host oan Brief von mein'n Josef kriagt? Rebler. Don deinen Josef? dös iS mein Josef! — Kordel. Red' net so dalket, i bin sein' Muada, i hab'n gebur'n! — Rebler. Und i bin sein Dada! I hab'n erzog'n, mir sieht er gleich und i lajsn studir'n! Kordel. No wegen meina, gib mir nur jetzt den Brief! Rebler. Zweng wem denn?— Du kannst ja gar nöd lesen. Kordel (nimmt ihm dm Brikf). Aber küssen kann i ihn, was mein Bua. mei' Herzbünkerl schreibt? (Küßt den Brief.) Rebler (nimmt ihr wieder den Brief). G»b her! — Kordel. No so sag' ma wenigstens, was der Josef schreibt! _ Rebler. Er laßt uns Alle schön grüßen, und es gang erm gut, aber er muaß hoam weg n der Militärpflichtigkeit, d rum kimmt er heunt no z'HauS! Kordel. Er kimmt! U mein God, wo Hab' i denn mein'n Kopf! (Greift aus ihren Kops.) Ah, das iS er! Hab' schon g'mant, er iS weg vor lauter Freud! Rebler. Ja, i that mi schon a g'freua. aber eS iS do a Teurelg'schicht, daß der Josef im besten Studir'n hoam muaß. Kordel. Und zweng was? — 'Weg'n der Stellung zum Militär! Wann's 'n nur net g'halten, eS woar mein letzt'S End'! 4 Rebler. Plausch net so dumm, sie linnen den Josef gar nöd g'halten, als Student is er frei! Kordel. Wann seine Zeugniß guat soan! — Rebler. No glaubst leicht, daß dös nöd der Fall is, die Zeugniß müaffen guat sein, i Hab' ja schon zwoa Weingarten deßweg'n verkauft. Uebrigens wer'n ma Alles seg'n und hör n, wann der Josef da is! He — Michel! — Michel. Was will der Vada? Rebler. Dös G'wachst sagt zu mir Vada! — Kordel, meiner Seel', den Buam kann i da ewi nöd verzeig'n! Kordel (ärgerlich). No, was kann denn i dafür, daß der Bua so schlecht g'rarhen is? Trag mir'n do net all'weil nach! Michel. Fürcht' si' d'Muada nöd, der Vada hat mi der Muada nöt Nachtrag'«, wia i ganz kloan war, und irzt tragt er höchstens in Seppel auf die Hand'. Rebler. Strohschädel, halt's Maul, oder — (Eilt auf ihn zu.) Kordel (dazwischentretknd). No, no, gib an'n Fried', der Michel is amal unser Fleisch und Bluati Nanni (freudig). Ja, Mahm, nehmt's eng nur um den Michel an, er is gar a armer Hascher und lhuat koan Menschen uir Harb's an! Michel (weinerlich). Noa, i bin froh, wann's mir nir thoan! Rebler. A Ruah bitt' i mir aus! (Alle ichweigen, Rebler fährt fort.) Du, Michel, heunt laß alle Arbeit steh'n und ziagst glei' dein Sonntagsg'wand an, es kimmt der Josef hvam und den müaffen ma orndli empfangen. Du, Kordel,' richt' was Fcin's zum Essen her und Du, Nanni, wirfst Di' a in die Wichs. Nanni. Weg'n Josef? Oho, Herr Vormund, i denk', wann i 'n Josef in dem G'wand net guat gnua bin, so brauch' i n gar net z'seg'n! Rebler. Dummheiten, da g'schieht ja nöd allani wegen 'n Joses, g'schieht al weg'n die Leut' im Ort, die seg'n soll'n, daß mir auf'n Josef sein Stand was halten. Nanni. Thua der Vormund, was'n g'freut, i bleib', wia i bin! Kordel. Aber Nanni — Michel (für sich). Das iS g'sckeidt,Juche! Rebler (beleidigt). Ah! da sckaut's, was der kecke Bursch' treibt, er untersteht si' und jnchazt vor meiner! Michel (verlegen). Nöd Harb sein, Vada, i Hab' — i bin — (Man hört von außen Posthornklang und Peitschenknall ) Alle (zum Fenster eilend), 's Herzbünkerl! Rebler. Er is schon da! (Eilt auch zm Thür.) Fünfte Scene. Vorige. Josef (im Studentenhabit kommt durch die Mitte). Gesang. Josef. Herr Vater, grüß' Gott! und Frau Mutter, Du auch! Gebt mir g'schwind an Kuß Wie'S bei uns ist Brauch! Der Josef is da, . Jeder sagt's, der ihn kennt, Der Josef, das ist Der fidelste Student! — (Sie umarmend.) Herr Vater, Frau Mutter, Grüß Gott allerseits! Und sagt's mir, daß eng jetzt Vom Herzen auch g'freut's, D'rum reicht mir nur g'schwind Alle zusammen die Hand', Denn ick bin ein fescker, Ein flotter Student! — Kordel. Josef, mein Kind! (Umarmt ihn ! Rebler (entreißt ihr ihn). Gib mir'n her, mein » lieb'n Buam! sKüßt ihn.) Grüaß Di' God, mir hab'n Di' so fruab uo gar nöd verwart! Josef. Grüß Euch Gott alle mitein- 5 ander. — Abrr was seh' ich? Das ist ja die — die Nanni, meine Jugendfreundin! (Tritt zu Nanni.) Kordel (entzückt). Was er für a noblige Sprach hat, hast'n g'bört, Alter? Er red't wie a Graf! Josef. Nun, Du gibst mir keinen Kuß? Nanni. Noa, Josef, zum Busseln soan mir Zwoa schon z'alt! Josef (lachend). Zu alt? Ich denke, wir sind g'rade in dem rechten Alter zumKüssen! Kordel. Hörst'n, Alter, was er für G'spaßeteln machen kann. Nanni. Da gib liaba dein Bruadern a Bussel, i moan, dem solltest nach die Eltern am ersten dein' Lieb' zeig'n. — Josef. Der Michel? Ja richtig, auf den hätt' ich bald vergessen! (Reicht Michel die Hand.) Grüß Dick Gott, Bruder! — Michel. Grüaß Di'a God!— (Will ihn küssen.) Josef (bemerkt es nicht und wendet sich ab.) Michel (wischt sich den Mund ab und sag für sich). Er mag mi nöd busseln, hat'S g'wiß derkennt, daß i mi' heunt no nit g'waschen Hab'! Rebler. Jetzt kimm, Josef, setz' Di'nieder und erzähl', wias Dir ganga is? Warst recht fleißig? Josef. Na, so passabel, Vater, allzuviel Hab' ich nicht gelernt! Kordel. Noa, was der liebe Kerl bescheiden is! Josef. Vor Allem bitt' ich Euch, bringt mir ein kleines Frühstück, ich bin hungrig und durstig! (Wirst sich nachlässig in einen Stuhl) Rebler. Alte! hörst net? Was z'essen! Kordel. Na ja, geh' schon! (Will ab, kommt aber wieder zurück, saßt Zosess Kopf mit beiden Händen, küßt ihn und rust selig.) O Du mein Hcrzbünkerl Du! No wart, glei' sollst was z'essen kriag'n. (Läuft ab.) Rebler. Und Du, Michel, hos Wein aus'n Keller! Michel. Ja Vada! (Geht, kehrt wieder um und kommt zu Joses.) Josef. Nun, Michel, willst Du was? Michel. Ja. i möcht' — (Schwankt, fährt sich wieder über den Mund und sagt für sich:) I wir mi do früher a wengl waschen! (Geht ab.) Nanni (will ihm folgen). Josef. Nanni! Du gehst fort? Bleib' doch! — Nanni. I — i — muaß der Mahm helfen! (Läuft schnell davon.) Sechste Scene. Rebler. Josef. Josef. Vater, sagt mir doch, was hat denn das Mädchen? Rebler. Laß's geh'n, die dalkete Dirn, und sag' mir lieber vor all'n Andern, wia stets mit deini Zeugniß? Josef. Aufrichtig gesprochen, lieber Vater, es steht nicht zum Besten damit! Rebler (erschrocken). Was sagst? Mi trifft der Schlag! Josef. Na, na, gar so arg müßt Ihr Euch die Sache nicht vorstellen, ich habe g'rade keine schlechten Zeugnisse, aber um vom Militärdienst befreit zu sein, müßte ich durchwegs Eminenzen haben, und das ist nicht der Fall! Rebler. Da soan g'wiß deine Professors schuld; aber warum hast mir denn net g'schrieben? I hätt' ja die Herren g'schmiert, hätt' Dir Geld g'schickt, so viel nothwendig war g'weßt. Josef. Lieber Vater, mit dem sogenann- ten Schmieren geht's jetzt nicht mehr, wer heutzutage in Oesterreich gute Zeugnisse haben will, der muß auch gut lernen, sonst fällt er durch. Rebler. So war also der Dünkel Geld, den dein Studirn kost' hat, beim Fenster 'nausg'worfen? Josef. Das nicht, was ich gelernt habe, wird mir jederzeit nützen. Rebler. Aber was nutzt's, wann'SDich zum Militär nehmen? Josef. Nun, so werde ich als Oesterreicher meine Pflicht thun wie jeder Andere! b Rebler (ganz verzweifelt). Aber das hält' mi net so viel kosten soll'n, das hätt' i billiger haben können. (Aergrrlich.) Josef, das hätt' i net von Dir derwart, auf das Hab' i nöd g'rechent, und meiner Seel', wann Du jetzt der Michel warst — i hauet Dir oani eini! Josef (gekränkt, ausstehend). Vater! Rebler (beschwichtigend). Noa, noa,Josef, sei net Harb — ich Hab' nur sag'n woll'n, daß — Herr Gott, i woaß gar nöd, wo mir der Kopf steht!. Siebente Scene. Vorige. Michel. Michel (bringt eine Flasche Dein und Gläser). Da iS der Wein, und (stellt den Dein aus den Tisch) und jetzt, Bruader,gib mir a Bußl — i Hab' mi' g'rad g'waschen. Josef (lachend). Das war'S, was Du vorhin wolltest! Warum hast Du'S nicht gleich gesagt? Na komm' her, Du — Du Micke! Du! (Küßt ihn.) Michel (freudig). 3 dank' Dir! Und no AanS, Bruada, wannst was willst — so sag'S nur — i bin schon da — denn i Hab' Di ja a gern — Du darfst eS glauben, i geh' für Di' in'S Feuer. Rebler (der immer nachgedacht). Ha — t hab'S! Michel. WaS hat der Vada? Rebler. Du, Josef, sei so gut und geh' auf van Augenblick zu deiner Muada — i Hab' mit'n Mickel waS z'redcn! Josef. Ja, Dater! (Geht ab.) (Nachdem Josef fort ist, sagt Rebler.) Rebler (zu Michel, indem er sich vor ihm hinstrllt). Michel, hör' mi' an! Du bist mein Sohn und i hoff', daß Du dein'n Dadan gern a Freud' machst, wannst kannst. Michel (natürlich). No, dös is do g'wiß! Rebler. So hör', — weil Du mi' in der Wirtschaft unterstützen muaßt, so bist Du vom Militär frei und dein Bruada waar's a — (seufzend) wann sein Zeugniß darnach auSg'fall'n war, so aber muaß er si' stellen. Michel (fast erschrocken). Js's wabr, Dada? Rebler. Ja, es iS so — und das ganze Geld, waS i an den Josef g'wendt Hab', iS auf die Weif so viel als verloren. Michel. Vada. döS iS schreckti'! Rebler. Ja, döS muaß wahr sein. Aber a Hilf gibt'S do no! Michel. WaS denn für oani? Rebler. Du kannst dein'n Bruadern retten und Du wirst eS thuan. wannst dein'n Badern und deiner Muada a Freud' machen willst — Du wirst eS thuan. wann'S wahr iS, was Du zuvor g'sagt hast, daß Du für dein Bruadern in'S Feuer gehen willst! Michel. So red' der Dada! Rebler. Du mußt Di' für'n Josef as- sentir'n lassen! Michel (erschrocken). Ja — i — i soll für erm Soldatinger wer'n? Rebler. Ja, der Josef kann nachhat weiter studier», i wend'S Letzte d'rauf und gib erm nachhat die Nanni zun» Weib, dir Nanni hat a paar tausend Gulden, damit soll er sich einrickten, und wenn er zu was kimmt, so wird er seine Eltern versorg'n und Du wirst g'wiß a nöd leer auSgeh'n! Jetzt red', Michel, willst thuan, was dein Dada von Dir verlangt? Michel (ist ganz bestürzt und sagt für sich) I soll — für erm (bitter) no ja. — an so an'n Feren iS nir verlurn — der iS guat zum Z'sammaschiaßa. (Entschlossen) Noa, i thu'S nöd — denn er wird die Nanni heiraten und i kinnt'S Leben für erm lassen, aber die Nanni — noa. i thu'S nöd — (Nachdenklich.) Er iS mein Bruada, iS den Alten erna Herzbünkerl, und mi' — mi' mög'n'S eh nöd—um mi' kroaht koa Halm. (Wischt sich verstohlen die Angen.) Rebler. So red', Michel, i bitt' Di'! Michel (steht noch einro Augenblick und drakt nach, dann schaut er aus Rebler und sagt:) 7 Ruawi, Dada! (Kür sich ) Sie hab'n mich zwar net behandelt wie Jhner Kind, obwohl i 's bin, wie der Josef. Ja, i geh', i will Ihnen zeigen, daß i a Fer bin, der a Herz im Leib hat! (Laut.) Tröit's eng, Da, da, i wir Soldat, da Fer laßt sich z'samm- schießen, damit eng'S Herzbünkerl bleibt. (Stürzt in großer Erregung ab.) Achte Scene. Rebler (allein). Jnchbe! — Durchg'setzt war'S und irzt nur schleimt zum Josef! (Dkndet sich zum Sehen.) Neunte Scene. Voriger. Kordel. Josef. Nanui. Kordel (mit Speisen) Kumm nur, Josef, jetzt sollst Di' aneffen, daß Dir der Bauch aufspringt! Rebler (lustig).Du, Kordel, trag'S Essen in d'Stub'n eini, wir woll'n uns d'rinnat z'sammsetzen und a paar Glasel Wein auf unser Herzbünkerl sein G'sundh'it trinken. Josef. Was hat denn der Datei? Rebler. Nir, i bin nur froh, daß mir Dich amal wieder bei uns bab'n und nachhat (leist »u Josef) muaß i Di' a in Bezug auf die Nonni was fragen! Kimmt'S nur! (Alle Drei recht- ab. bi- aus Nanni.) Zehnte Scene. Nanni (allein) Der Michel iS g'rad zuvor mit ein'm leichenblassen G'sickt an mir vorbeig'rennt, was muaß erm denn nur sein?J woaß net, mir iS auf oamal ganz angst um den Michel — er wird do nöd krank sein? (Erschreckend ) Da kummt er! Etlfte Scene. Vorige. Michel (durch die Mitte). Michel. Die Nanni — sie is allani, die Nanni — irzt kann i no a paar Mörteln mit ihr reden und nachhat geh' i frisch weg auf's G'moanhaus! (TM vor und sagt.) Grüaß Gott, Nanni! Nanni. Was sagst denn »GrußGott*? Mir hab'n uns ja heunt schon g'sehen! Michel. Hast Recht—nöd »Grüß Gott* hält' i sag' soll'n, sondern »Pfirt Gott*! Nanni (verwundert). Pfirt God! — ja gehst denn furt, und wohin gehst? Michel. Ich geh'in'n Krieg! Nanni. WaS? Michel. I wir a Soldatinger! Nanni (erschrocken). No geh', mach'koant so dalkerten G'spoaß nöd! Michel. Nir G'spoaß! — 's iS Ernst. I geh' in Kriag. weil'- der Dada will, daß i erm a Freud' machen soll. Nanni. Aber red' do g'scheidt, i versteh' Di' ja gar nöd! Michel. Wirst mi' schon vcrsteh'n, wann i furt bin und wannst 'n Josef sein Weib wirst! Nanni. J'm Josef sein Weib? Mir scheint, Du bist narrisch! Michel. Ah na, i biu g'scheidt. wann i a nur a Fer bin — d'rum geh' i ehnda furt, daß i nöd siech, wiast auSschaust, wannst mein' Schwoagerin bist! Nanni. So hör' do auf, — wia kannst denn so waS sag'n? Josef (tritt au- der Sritenthür recht-, wie er die Beiden steht, bleibt er horchend an der Thür). Michel. Nanni, eS iS Alles die Wahrheit, i laß mi' für meinen Bruadern affen- tir'n, und Du heiratS'n, wann er auSg'stu- dirt hat, eS muaß g'scheg'n! — I kann mein'n Bruadern glückli' damit machen, und i bin froh, daß i'S kann, aber bevor i geh', muaß i Di' um waS bitten, Nanni, i stach Di' vielleicht nimmer auf derer Welt, aber 8 Du bist mir an'S Herz g'wachsen, t bin in Di' vernarrt, und d'rum eh' i geh', bitt' i Di', gib mir a herzhaft's Bußl für'S ganze Leben! Nanni. Es iS also wirkli' so? Du gehst! Du opferst Di'— Du, der niamals a frohe Stund' g'habt hast, den's an'n Feren hoa- ßen— Du thuast daö für dein'nBruadcrn? (Mit Gefühl.) Michel, deine Leut' wer'n Dir net danken, aber i will's thuan und d'rum sag' i Dir, i will Di' büffeln, so vielst verlangst, denn i Hab' Di' all'weil gern g'habt, und von irzt an bist Au mir das Liabste auf der ganzen Welt. Michel (schreit). Nanni, iS dös wahr? Nanni. 2a, mein arm'S Aschenbrödl, i bin dein' Prinzessin und wia i majoren bin, so geh' i durch und lauf' Dir nach bis an'S End' der Welt! (Stürzt sich in seine Arme.) Zwölfte Scene. Vorige. Josef (tritt vor). Später Rebler und Kordel. Josef. Nanni! das hast nicht nötbig, denn der Michel bleibt bei Dir, und Ihr Zwei sollt Mann und Weib werden! Michel (erschrocken). Der Josef! Josef. Komm' her, guter Michel! (Schüttelt Michels Hand.) Ich habe gehört, daß Du wirklich für mich in'S Feuer gehen wolltest! Aber daraus wird nichts, das habe ich schon zuvor den Eltern erklärt. Rebler und Kordel (treten von recht» aus die Scene). Michel. Vada, i Hab' nir g'sagt, i kann nir dafür, der Josef — Rebler. Nur ruawi, Michel, Du bist a guater Bursch und dein Bruada hat uns zug'red't und überzeugt, daß ma eigentli' nöd all'weil so war n, wie Du'S verdeant hast! Kordel. Dafür sollst von irzt an unser zweit's Herzbünkerl sein! Josef. Und sollst auch deine Nanni heiraten! Ich aber will meine Pflicht als braver Soldat tbun, und wenn ich zurückkomme, so suche ich mir ebenfalls ein Weib, und dann wollen wir Alle zusammen eine glückliche Familie bilden! Michel. Nanni, Du wirst mein Weib, juchhe! Jetzt soll mia no Oana sag'n, daß i a Fer bin, Du aber, Bruada — Du bist und bleibst unser Herzbünkerl! Schtuhgesang. Alle. Die ganze Familie ist glückli' beisamm', Weil Alle daS Herzbünkerl narrisch gern hab'n, Und wann wir vom Publicum 'S Nämliche hör'n, Dann hab'n wir das Herzbünkerl noamal so gern! (Der Vorhang fällt.) G u d e. Aut dem Theater-Berlage der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1 Barbier, der» von Sevilla. Pantomimische« Ballet in 3 A. von Duport. 1808. 10 kr. 2 Sgr. Barfuß, Baron, oder der Wechselthaler. Eine Zanberoper in 3 A. von I. Perinet. 1804. 40 kr 8 Sgr. B"rmecide«, die» oder die Egypter in Bagdad. Original-Schauspiel in 5 A. v. Weiffenbach. 35 kr. 7'/^ Sgr. Darnhelm» Minna v.» oder das Soldatenglück. Lustspiel in 5 A von G. E. Lesfing. 1807. 50 kr. 10 Sgr. Dathmendi. Große alleg. Oper in 2 A. 1801. 35 kr. 7'/, Sgr. Dauernball» «in» in Wien. Posse mit Gesang in 1 A. (Wiener Th -Rep. Nr. 185.) 30 kr. 8 Sgr Dauernltebe. Eine ländliche Oper in 2 A. Nach einer Anecdote von Spieß frei bearbeitet von L Huber. 1802. 50 kr. 10 Sgr. Baum, der» der Diana. Heroisch-komische Oper in 2 A. 1802. 35 kr. 7'/, Sgr. Danmann» Alex. Beiträge für da« deutsche Theater. Gr. 8.1849. Inhalt : Er darf nicht fort. Schwank in 1 A. — Anmaßend und bescheiden. Lustsp. in 3 A. — Die beiden Aerzte. Original-Lustspiel in 3 A. 1 fl. 20 Sgr. Dayard. Schauspiel in 5 A von A. v. Kotzebue 1802. 60 kr. 12 Sgr. Befreiung» die» von Jerusalem. Oratorium, gedichtet von Heinrich und Matthäus v. Coll.n. Mufik von Abbä Stadler. 35 kr. 7'/, Sgr. Deisel«» Baron, und sein Hofmeister Dr. Eisele in München. Posse mit Gesang in 3 A., s. Feldmann Lustspiele 3. Band. Beispiel, gutes. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen 11. Jahrgang. Bekanntschaft» die» im ParadieSgarten» die Entführung auf dem Himmel und die Verlobung im Elysium. Localposse mit Gesang in 3 Aufzügen von F. Hopp. Mufik v. I. Hopp. 8. 1839. . 75 kr. 15 Sgr. Bekenntnisse eine- Brautpaare-. Zweigrspräch in Versen, s. Feldmann Lustspiele. 5. Band. Belagerung» die, von Apsilon» oder Evakathel und Schnudi. Karikatur in 2 A v. Perinet. 4. Auflage. 1818. Gr. 8 40 kr. 8 Sgr. Delino und Skosaura» Nom-kom. Oper in 3 A. von Voll 1807. 8. 25 kr. 5 Sgr. Denevent» AragiS von. Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A.v. Gleich. 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr. Bergfest, daS. Schauspiel in 5 A. von HenSler. 8. 40 kr. 8 Sgr. Berlichtnge«, Götz von, mit der eisernen Hand. Schauspiel in 5 A. von Fr. Grüner. 1809. 50 kr. 10 Sgr. Beruf, der. Lustspiel in 1 A. von Th. Hell. 8. 1806. 35 kr. 7'/, Sgr. Bestohlenen, die. Lustspiel von A. v. Kotzebue. 1817. 25 kr. 5 Sgr. Besturmnug, die» von Smolensk. Romantische- Schauspiel in 4 A. von I. F. v. Weiffenthurn. Gr. 8. 1833. 80 kr. 16 Sgr. Besuch» der» oder die Sucht zu glänzen. Lustsp. in 4 A von A v. Kotzebue. 1809. 50 kr. 10 Sgr. Betrug und Liebe. Original-Lustspiel in 4 A. 1786 40 kr. 8 Sgr. Bettelstndent» der» oder da-Donnerwetter. Orig - Lustspiel in 2 A. 1834 (fehlt). 2ö kr. 5 Sgr. Bewußtsein» daS. Schauspiel in 5 A. v. Jffland. 1799. 60 kr. 12 Sgr Bianca della Porta. Trauerspiel in 5 A. von Collin. 8. Berlin 1808. 60 kr. 12 Sgr. Biedersinn und Vaterlandsliebe. Ländliche« Lustspiel in 4 A. v. Schildbach. 1809. 35 kr. 7'/, Sgr Bild» das. Trauerspiel in 5 A. von G. v. Hor- wald. 1821. 8. Wiener Original-Auflage. 1 fl. 20 kr. 24 Sgr. Btllet» daS. Lustspiel in 1 A. 1800. 25 kr. 5 Sgr Billets» die beiden. Lustspiel in 1 A. Nach Florian 1833 8 25 kr. 5 Sgr Bittsteller» die. Lustspiel in 1 A., s. Eastelli Sträußchen. 5. Jahrgang. Blatt» da-, hat sich gewendet. Lustspiel in 5 A von Schröder. Aus dem Englischen von Cum- berland. 1804. 50 kr. 10 Sgr Blaubart, der. Lustspiel in 1 A. v. M A. Grand- jean. (Wiener Th.-Rep. Nr 157.) 50 kr. 10 Sgr Blinden, die zwei, von Toledo. Komische Oper in 1 A. 1808. 25 kr. 5 Sgr. Blumen» die. Spiel in Versen von Körner. Gr. 12. geh. Wiener On'g.-Aufl. 20 kr. 4 Sgr Blumen-Rettel» die, oder der Herr Director. Original-Lebensbild mit Gesang in 3 A. von Friedr. Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire 172.) » 60 kr. 12 Sgr Boccaccio. Dramat. Gedicht in 2 A. v. Deinhard- stein. Gr. 12. 1816. 40 kr. 8 Sgr BoleSlaS» oder die Zerstörung von Zunky. Schauspiel in 3 A., s. Rosenau, theatralisches Allerlei Brasilianer, der. Posse mit Gesang in 1 A. Nach dem Französischen v. Hohenmarkt. 40 kr. 8 Sgr Braut» die» in der Klemme. Posse mit Gesang in 1 A. 1807. 25 kr. 5 Sgr i Braut, die. Lustspiel in Alexandrinern und 1 A. von Körner. Gr. 12. geh. Wiemr Originalausgabe. 1819. 25 kr. 5. Sgr. Braut, die stille. Alpensage in 1 A., s. Weiffenthurn Schauspiele. 15. Band. Bräutigam, der, au- Mexiko. Schauspiel in 5 A v Clauren. 8 1824. Dresdener Original. 80 kr 16 Sgr. Bräutigam» der ltcitirte» oder di« Großmama wider ihren Willen. Posse in 1 A. Nach dem Frarzösischen frei bearbeitet von Perinet. 1791. 40 kr. 8 Sgr. Bräutigam, der» ohne Braut. Lustspiel in 1 A. von HrrzenSkron. (G. Wiener Theater-Repertoire Nr. 19 ) 35 kr. 7'/, Sgr Brautkranz, der. Trauerspiel in 5 A. v. Weiffenbach. 60 kr. 12 Sgr. Brautnacht, die. S. Werner Theater. 4. Band. Brautschleier» der. Lustspiel in 1 A, s. Weiffenthurn Schauspiele. 14. Band. Brautwahl» die. Schauspiel in 1 A. v. Jssl'i'd. 1808. 35 kr. 7'/, Sgr Brief, der, a«K Cadtx. Drama in 3 A. von A v. Kotzebue. 1813. 35 kr. 7'/, Sa. Briefbote, der. Oper nach Marsoüier. 8 1808. 25 kr. 5 Sgr. Briefwechsel, der offene. Lustspiel in 5 A. von Jünger. 1784. 40 kr. 8 Sgr. Brigittenau. Balle, iu 14 Bildern von Henry 1832. 10 kr. 2 Sgr. Bröselkart, König. Ar rom. Oper in S A Gei» tenstück zum »Aschenbrödel*. 8. 50 kr. 10 Sgr. Drob, da- tägliche. Charaktergemälde mit Gesang in 3 A. von Alois Berla. (Wiener Theater» Repertoire Nr. 102.) 60 kr. 12 Sgr. Bruder, mein Fräulein. Lustsp. in 1A v A Bergen. (Wiener Th -Rep. Nr. 82.) 30 kr. 6 Sgr. Bruder Morkz, der Sonderling oder die Colomie für die Pelew-Jnseln. Lustspiel in 3 A. von Kotzebue. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Brüder, die barmherzigen. Nach einer wahren, in der Nationalzeitung vom Jahre 1805 auk- bebaltenen Anecdote v.Kotzebue.1803.25kr.5 Sgr. Brüder, dl« plsanischen. Drama in 3 A, s Castelli Sträußchen. 12. Jahrgang. Brüder» die zänkischen. Familrengemäldr in 3 A.) s. Castelli Sträußchen. 1 4. Jahrg. Bruderzwist oder die Versöhnung. Schauspiel in 5 A. von Kotzebue. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Brücke, die, bei Piemont. Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A von Ehrimfeld. 1808. 8. 40 kr. 8 Sgr. Buch III, I. Kapitel. Lustspiel in 1 A. v. Juin «. Flerr. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 176.) 35 kr. 7«/, Sgr. Burg Gölding, die. Romantische« Schauspiel m 5 A., s. Wrissenthurn Schauspiele, 12. Band. Bursche, flotte. Komische Operette in 1 Aufzuge von Josef Braun. Musik von Fr. v. Supp«. sWiener Tb.-Rep. Nr 200.) 35 kr. 7'/, Sgr. Buzzi, Andr. Ritter v. Dramatischer Nachlaß 1866. Miniatur-AuSgab«. V. 373 St. elegant broschirtfi 2,Rth. 1.10 Sgr , gebunden fl. 2.50, Rth. 1 20 Sgr. Enthält: Amuliu«, König der Albaner. Trauerspiel in 5 Auszügen. — Der Eremit au« den Ardennen. Schauspiel e'n 5 Aufzügen. Bürgerfreuden. Ein österr. Bürgergem. mit Chören >n 1 A. von Hensler. 8. 1797. 25 kr. 5 Sgr. Bürgermeister, der. S. Schönstein Hau«theater. Dürgermetsterwahl, die, ln Krähwinkel. Schwank mit Gesang in 1 A. v. Juin u. Flerr. (Wiener Theater»Repertoire Nr. 88.) 35 kr. 7'/, Sgr. Bürgertreue der Vorzeit oder die Bergknappen von Freiberg. Schauspiel in 4 A. Musik von Kauer. 1801. 35 kr. 7'/, Sgr. Bürgschaft» die. Original-Schauspiel in 3 A. 40 kr. 8 Sgr. C, da- hohe. Lustspiel in 1 A. von M. A. Grandiran. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 47.) 35 kr. 7'/, Sgr. Caledonier» die. Trauerspiel von M. Löwrnthal. 8. 1826. 80 kr. 12 Sgr. Eandidaten, drei. Lustspiel in 3 A., s. Feldmann Lustspiele. 2. Band. Eapttel, da- zweite. Singspiel in 1 A. Nach dem Französischen von Fr. Trritschkr. Gr. 8. 1806. 25 kr. 5 Sgr. Eultph, der, von Bagdad. Oper in 1 A. Nach dem Iran», de« St. Just. 1804. 25 kr. 5 Sgr. 6»mpi, I. ck'Ivri. prieme llrrunmutioL in un Xtto. 1805. 20 lcr 4 8^r. Varolu- MagnuH. Lustspiel ln 3 A. v. Kotzebue. 1809. 50 kr. 10 Sgr. Cäsar in Egypten. Ballet in 5 A von Astvlfi 1829. 10 kr. 2 Sgr Cäsar auf Pharmacusa. Große Oper in 3 N., frei nach d. Italienischen. 1808. 35 kr. 7'/, Sgr. Caspar der Lhorrtnger. Historische« Schauspiel in 5 A. Neu bearbeitete 2. Auflage. 1811 50 kr. 10 Sgr. Castelli. I. F., dramatische« Sträußchen 1 — 20 Jahrgang. 1809, 1817 —1835. 16. cart. in Schuber, jeder Jahrg. 1 fl 80 kr. 1 Tb 8 Sgr Inhalt dieser Jahrgänge: -I. Jahrgang 1807 enthält: Haß allen Weibern. Lustspiel in 1 A.» frei nach dem Franz, de« Douillu, in Alexandrinern bearbeitet. — Der kurze Roman oder dir närrische Wette. Lustspiel in 1 A. — Der Ehenstifter oder die beiden Offiziere. Lustspiel in 1 A. — Die spanische Wand, dramatische Kleinigkeit in 1 A., frei nach dem Franz. — Die Ehemänner al« Junggesellen. Lustspiel in 1 A. (Vergriffen.) — — II. 1817. Die Schauspielerin. Lustspiel in 3 A. nach dem Französischen, im Versmaß de« Original«. — Wahnsinn. Drama in 1 A. Ale Seitenstück zu »Nina*, nach dem Franz. »!s ckelir* frei bearbeitet — Abneigung au« Liebe. Lustspiel in freien Versen und 1 A. — Der alte Jüngling Lustspiel in 1 A. nach dem Franz. — Verlegenheiten und Au-wege. Posse in 1 A frei nach dem Franz. (Vergriffen.) -III. 1818. Peter und Paul. Lustspiel in 3 A. Al« Seitrnstück zum »Mädchen von Mariendurg und dem liefländischen Tischler* Nach dem Franz, von Lamarteliere. — Der Rasttag. Lustspiel in 1 A, nach dem Franz, de« Bouilly. — Die beiden Ehen. Lustspiel in 1 A nach Gtienne. — Der Wilddieb, Liedersp. in 1 A. — Der Sie. Lustspiel in 1 A. (Vergriffen.) -IV. 1819. Verkannte Treue. Drama in 3 A. nach Pelletier Dolmerange«. — Die Zeche oder Gastwirth und Bürgermeister in Einer Person. Krähwinkliade in 1 A. nach einer wahren Anecdote. — Narrheit und Narrethei. Lustspiel in 1 A. nach Desaugier«. — Tie hölzerne Uhr. Drama in 1 A. nach Bernard Valville. — Raphael. Lustspiel in Alexandrinern und 1 A. (Vergriffen.) -V. 1820. Czar Iwan. Dramatisirte Anecdote in 2 A. — Die Papageie. Lustspiel in 1 A. Nach dem französischen Vaudeville: »I^«s psroouets ck« In ra^r« Philippe * — Die Bittsteller. Lustspiel in 1 A. Nach Me- lr«ville. — Da- Kammermädchen. Lustspiel in 1 A. Frei nach Longchamp«. — Der Diener seine« Nebenbuhler«. Lustspiel in 1 A -VI 1821. Der Prinz kommt! Lustspiel in 1 A Nach dem Franz, de« Rougemont. — Thomi oder die Stimme der Natur Drama in 2 A., dem Franz, nachgr- bildet. — Der Weibertausch. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, der Herren Dar- tvi« und Achille. — Der Einsiedler im Ler- chenwalde oder die grheimnißvolle Laube Lustspiel in 1 A. Nach einem französischen Vaudeville der Herren Thäaulon u. Capelle. — — VII. 1822. Gleiche Schuld. Gemälde unserer Zeit in 3 A. — Die seltsame Lotterie. Lustspiel in 1 A. — Die Tauben Schwank in 1 A. Al« Seitenstück zu den »Papageien.- — Die Pappe oder die Nein«! Schwester der Geliebten. Lustspiel in 1 A.! Nach Scribe u. Melesville. (Vergriffen.) Castelli. VIII 1823. Der buckelige Liebhaber. Lustspiel in 1 A. Nach einem französischen Vaudeville. — Hochzeits-Fatalitäten. Posse in 1 A. — Das Stelldichein um Mitternacht. Lustspiel in 1 A. Nach dem Französischen »IsebvII« <1e so!«.- — Das Fläschchen Köllnerwaffer oder Denkschrift eines Hußaren- officierS. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe.— Die Verschwornen. Oper in 1 A. -IX. 1824. Gabriele. Drama in 3 A Nach der »Valerie-der Herren Scribe und Melesville. — Die junge Tante. Lustspiel in 1A. Nach Melesville.— Emmi Teelr. Drama in 3 A Nach Pirerecourt. (Vergriffen.) -X. 182S. Der Großpapa. Lustspiel in 1 A. Nach dem Fran». der Herren Scribe und Melesville. — Liebeszunder. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, der Herren Scribe und Delavignr. — Die Zauberlaterne. Lustspiel in 2 A. Frei nach Scribe und Dupin. — Fünf find Zwei, oder Dome- stikenstreiche. Lustspiel in 1 A. Frei nach dem Französischen. (Vergriffen.) -XI 1826. Eheliche Strafe. Lustspiel in 1 A.» in freien Versen. — Der Kuß durch einen Wechsel. Posse in 1 A. Nach Scribe — Urika, die Negerin. Drama in 1 A. Nach dem Französischen. — Gutes Beispiel. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, de« TH4aulon. — Klimpern gehört zum Handwerke Lustspiel in 1 A. Nach Scribe. -XII. 1827 Erste Liebe, oder Jugend- Erinnerungen. Lustspiel in 2 A. Nach dem Franz, de« Scribe. — Tie pisanischen Brüder Drama in 3 A Nach dem Italien, de« Federici. — Zwei Freunde und ein Nock. Posse in 1 A Nach einem franz. Vaudeville. — Da« einsame Haus Lustspiel in 3 A. Nach dem Französischen -XIII. 1828. Der HauStvrann. Charakter- Gemälde in 3 A. Nach Alexander Duval. — Da- Anecdotenbüchlein Lustspiel in 1 A Nach dem Franz, der Herren Scribe uno Delavigne — Der Perruckenmacher und der Haarkünstler. Posse in 1 A. Frei nach dem Franz. —Die beiden Dnennen, dram. Bagatelle in 1 A. v. Franz, de« Brazier nachgebildet. — Der Soldat ganz allein. Komisches Zwischenspiel in 1 A Nach einer Anekdote. -XIV. 1829. Kelva oder die russische Waise, Drama in 2 Abtheilungen. Nach dem Französischen de« Scribe. — Die zänkischen Brüder. Familiengemälde in 3 A. Nach dem Franz^ de« Eollin d'Harleville. — Lully und Quinault, oder die Künstler in Verlegenheit. Lustspiel in 1 A und in Versen. Nach dem Französischen. -XV. 1830. Eine für die Andere. Lustspiel in 3 A — Diana von PoitierS. Geschichtliche« Lustspiel in 2 A. Frei nach dem Franz. — Die in ein Weib verwandelte Katze. Operette in 1 A. Nach dem Franz, der Herren Scribe u Melesville. -XVI. 1831. Johann Hasel oder Umwandlung durch Liebe. Gemälde unserer Zeit in 4 Abtheilungen. Nach dem Fran». de< Thäaulon frei bearbeitet. — Zwei Jahre nach der Hochzeit oder an wem ist die Schuld? Lustspiel rn 1 A. Nach Scribe und MeleS- ville. — Uniform und Schlafrock. Lustspiel in 1 A Nach dem Franz, bearbeitet. Castelli. XVII. 1832. Der Liebe Listgewebe. In- triguenpoffe in 3 A. — Ein Fehltritt. Schauspiel in 2 A. Nach Scribe. — Die Familie Rickeburg. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe (Vergriffen.) -XVIII. 1833. Die Tänzerin und der Quäker. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe. — Die Scheidewand. Lustspiel in 1 A. Nack dem Franz. — Ueberspanntheit oder die entsetzlzche Literatur. Lustspiel in 1 A nach Scribe frei bearbeitet. -XIX. 1834. Der General Lustspiel i» 3 A. — Der eilige Zauderer. Lustspiel in 1 A. in Versen. — Die Schwäbin. Lustspiel in 1 A. (Vergriffen.) -XX. 1835. Das Lustspiel auf der Stiege. Lustspiel in 1 A. — Ein Tag aus dem Lr- «ben Carls de« V. Historische« Gemälde in Versen und in 2 A. — Ein Freund statt einer ganzen Familie. Posse in 1 A — Folgen einer Mißheirat. Gemälde an« dem Leben in 4 A Nach dem Franz. Castelli. Noderich und Kunigunde» Gabriele» Schwäbin» s unter den besonderen Titeln. Cattnat» Marschal» oder da« alte Gemälde Oper in 1A. Nach dem Franz. 1809 20kr. 4 Sgr. Osnersntol», I», «nsiu la Konto io triovto. ICvlockrommo xioenso io clu« >4tti I^o öäu- sie» « ckel8ixr.Uossioi. 1813. (Vergriffen.) Cesar» der kleine, oder die Familie auf dem Gebirge. Schauspiel mit Gesang u. pantom. Auftritten in 3 A. Nach dem Französischen de« Emery frei bearbeitet von Prrinet. Musik von Haibel. 1804 40 kr. 8 Sgr. Charade, die. Lustspiel in 2 A.» s Kurländer'S Almanach. 8. Jahrgang CharlatanS, die, oder der Kranke in der Einbildung. Posse in 3 A von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr ChawanSky, die Fürsten. Dramat. Dichtung v E. Raupach. Gr. 16. 1828. 40 kr. 8 Sgr. Cbilderich, König der Franke». Heroisch Ballet in 5 A. von Coralli. 1830. 13 kr. 2'/^ Sgr Christus am Oelbrrg. Oratorium Mustk von Beethoven. 8. geh. 13 kr. 2'/^, Sgr. 6iro in öubilooio, Oxummo pr« ^lusie» io cluo ^tti 1817. 50 kr. 10 8ssr Clavigo. Trauerspiel in 5 A. von Goethe. 1807. 80 kr. 16 Sgr. Cölestine oder die Festung am Wilgra-Gtrome. Schauspiel in 3 A. Frei nach dem Franz, von F. I. Hassaureck. 1806. 40 kr 8 Sgr. Conrert, das. Lustspiel in 1 A., von P. M ^gr Hofer. (Wiener Th.-Rep. Nr. 48.) 40 kr. 8 Sgr. Corporal» ei« alter. Charaktergemälde in 5 A., von Carl Juin und P. I. Reinhard. Theil- weise nach Dumanoir. (Wiener Thrater-Rep. Nr. 27.) 50 kr. 10 Sgr. Coriolan. Schauspiel in 5 A. von Collin. 1808. 60 kr. 12 Sgr. Corradin oder Schönheit und Herz von Eise«. Musikalisch. Drama in 2 A. 1822. 35 kr. 7'/, Sgr. -Dasselbe italienisch. 1822. 35 kr. 7'/, Sgr. Correggio. Trauerspiel in n A von Oehlrnschlä- ger. 1817. 80 kr. tk Sgr Cortez, Ferdinand, oder die Eroberung v->n Mexiko. Große heroische Oper mit Vrllr: in 3 A. Nach dem Franz, von I. F. Castelli. Zweite Auflage 1819. 35 kr. 7'/, Sgr. Couplets, Wiener. Aus Stücken von Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Doppler, Eberhardt, Elmar, Feldmann, Flamm, Friese, Gotrsleben Grandjean, Grvis, G>ü:>, Gründorf, Haffner, Juin, Kaiser, Kola, Langer, Msgcrle, Merlin, Morländer, Moser, Nesiroy, Schönau und Anderen. Sechs Hefte, » 50 kr. 10 Sgr. Cunegunde, die Heilige, römisch-deutsche Kaiserin. S. Werner Theater, 6. Band Cyrus und Astvages. Oper in 3 Ausz. Frei nach der Oper »Cyrus« res Metastasio, bearbeitet von Matthäus v. Collin. 1818. 35 kr. 7'/, Sgr Czar Iwan. Dramatisirte Anekdote in 2 A., s. Castelli Sträußchen 5. Jahrgang. Dame» die, mit den Camelten. Schauspiel in 5 Aufzügen von Alexander Duma'S Sohn, deutsch von P. I. Reinhard (Wiener Theater-Repertoire Nr 45.) KO kr 12 Sgr. Dank und Undank. Lustspiel in 3 A. Frei nach dem l/ivßx'ut ckss vestouetws. Von Jünger. 1803. 40 kr 8 Sgr. DaS war ich. Ländliche Scene von Hutt. 8. 1825. Ziehe Hurt's Lustsp. 1 Band. (Vergriffen.) 1 fl. 20 kr. 24 Sgr. Das war ich. Eine ländliche Scene. Von Johann Hult. Zweite Auflage (Wiener Theater- Repertoire Nr. 159.) 50 kr. lO Sgr. Degen, der. Militärisches Schauspiel in 3 A. Nach Bourl und Boirie. 1806. 35 kr. 7'/, Sgr. Detnhardstein. Dramatische Dichtungen. 12. 1819. 1 fl 20 kr. 24 Sgr. Einhalt: Das Sonnet. Spiel in 1 A. und in freien Versen. — Mädchenlist. Lustspiel in 1 A. und in Alexandrinern. — Der Witwer. Posse in 1 A. und in freien Versen — Der Rosenstock. Spiel in 1A. und in freien Versen. — Boccaccio. Dramatisches Gedicht in 2 A. Demi-Monde. Don Alex. Dumas Sohn. Deutsch von P. I. Reinhard. 1855. 1 fl. 20 Sgr. Demophoon. Große heroische Oper in 3 A. Nach dem Franz, des Desoiaur, metrisch bearbeitet von I. F. Castelli. 1808. 35 kr. 7'/, Sgr Denkpfennig, der, oder der Wachtmeister. Lustspiel von HenSler. 1795. 8. 25 kr. 5 Sgr. Deserteur, der österreichische. Lustspiel in 5 A., von Hensler. 8. 35 kr. 7'/, Sgr. Deserteur, der. Singspiel. 25 kr. 5 Sgr. Diamant, ein ungeschliffener. Genrebild in 1 A. Nach dem Englischen von Alexander Bergen. (Wiener Th.-Rcp. Nr. 128.) 35 kr. 7'/, Sgr. Diana, Dona. Lustspiel in 3 A. Nach dem Span de« Don Augustin Moreto. v. C A. West. Vierte Aufl (W. Th.-Rep. Nr. 11.) KO kr. 12 Sgr. -Dasselbe, fünfte Auflage. Miniatur- Ausgabe, eleg. brosch. 18K2. 1 fl. 50 kr. 1 Rth. -Dasselbe, elegant in englischer Leinwand gebunden, mit Goldschnitt und reicher Deckrl- u. Rückenverzierung 2 fl 40 kr. 1 Rth. 18 Sgr. Diaua, Dona. Elegant in feine- Kalbleder gebunden, mit Goldschnitt und reicher Deckelund Rückenverzierung. 3 fl. 2 Rth Diana de Lys. Schauspiel in 5 Aufz. von Alex Dumas Sohn, deutsch von P. I. Reinbarr. (Wiener Th.-Rep. Nr. 43.) 60 kr. 12 Sgr Diana von Pottiers. Lustspiel in 2 A, s. Castelli Sträußchen. >5. Jahrgang. Dichter und Lonkünstler durch Ungefähr. Komische Oper in l A. von Jos. R. v. Seyfried 1810. 25 kr. 5 Sgr. Die in ein Weib verwandelte Katze. Operette in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 15. Jahrgang Die von der Nadel. Bilder aus dem Volksleben in 3 Abibeilungen mrt Gesang v. Alois Berla. (Wiener Th -Rep. Nr. 177.) 60 kr. 12 Sgr Diener, der, seines Nebenbuhlers. Lustspiel in 1 A.. s. Castelli Sträußchen. 5. Jahrgang. Diener, ein treuer, seines Herr». Trauersprel in 5 A., von Franz Grillparzer. Gr. 8. 1840. 1 fl. 50 kr. 1 Tb. Dienst und Gegendienst oder Waltron's zweiter Theil. Militärisches Schauspiel nach Meisl u Schildbach. 1804. 60 kr 12 Sgr Dtenstbote, ein jüdischer. Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Carl Elmar. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 168.) 60 kr. 12 Sgr Dienstbote, ein Wiener. Lebensbild mit Gesang in 3 A. von O F. Berg. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 186.) 60 kr. 12 Sgr Dtenstbotenwirthschaft oder Chatouille und Uhr. Charakterbild mit Gesang in 2 A. von Friedr Kaiser. 8. 1852. 60 kr. 12 Sgr Dienstfertige» der. Lustspiel in 3 A. Aus dem Franz. 1781. 50 kr. 10 Sgr Dtenstmann, ein Wiener. Posse mit Gesang in 1 A. von Joh. Schönau. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 193.) 35 kr. 7'/, Sgr Dienstpflicht. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 1801. 60 kr. 12 Sgr. Dinge, die vier letzten. Oratorium in 3 Abtheilungen von Sonnleithner. 1810. 15 kr. 3 Sgr. Diplomat, ein weiblicher, oder was ei« Mädchen aus Bürbern lernt. Original-Lustspiel in 4 A. von Charlotte Baronin v. Grave» (Wiener Th.-Rep. Nr. 63.) 50 kr. 10 Sgr Dir wie mir. Dramatische Kleinigkeit in 1 A. v Sonnleithner. 1820 25 kr. 5 Sgr Oistr urions, lu, cki Oerusulemms. Orumms ssero per ülusies in ckue ^tti. 1817 25 lcr 5 8§r Doctor und Friseur, oder die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 A. von Fr. Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 5.) Zweite Auflage. 35 kr 7'/, Sgr Dom Sebastian. Oper in 5 A Nach dem Franz des Scn'be von Leo Herz 8. 35 kr 7"/, Sgr. Domesttkenstreiche. Posse mit Gesang in 1 A. v. A.Bittner. (Wiener Theater-RepertorreNr. 92.) 35 kr. 7'/, Sgr Domestikenstreiche, s. Fünf sind Zwei Domino, der grüne. Lustspiel in Alerandrinern und 1 A. von Körner. Gr. 12. geh. Wien Original-Auflage. 1829. 25 kr. 5 Sgr Don Juan. Große Oper in 2 Aufz Aus dem Italienischen. Musik von Mozart. Sechste Auflage, ß 1866 35 kr. 7'/. Sgr- Do« Quichotte, der «eu«. Lustspiel in 1 A nach dem Franz, von Alexander Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 72.) 30 kr. 6 Sgr. Donanweibchen, das. Romantisches Volksmärchen mit Gesang. 1. Theil in 3 A. 1836. 2. Theil in 3 A. 1837. 8. Von Hensler. Beide Theile 1 fl. 20 Sgr. Dona Diana. Lustspiel in 3 A. nach dem Span, des Don Ang. Moreto von C A. West. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 11.) Vierte Auflage. 60 kr. 12 Sgr. -Dasselbe. FünfteAuflage. Miniatur- Ausgabe, eleg. broschirt. 1862. 1 fl. 50 kr. 1 Rth. -Dasselbe, elegant in englischer Leinwand gebunden, mit Goldschnitt und reicher Deckel- u. Rückenverzierung. 2 fl. 40 kr. 1 Rth. 18 Sgr. -Dasselbe, elegant in feines Kalbleder gebunden, mit Goldschnitt und reicher Deckel- und Rückenverzierung. 3 fl. 2 Rth. Doppelgänger, der. Lustspiel in 4 Aufzügen, nach A. von Schaden'« Erzählung für die Bühne bearbeitet von Franz v. Holbein. Gr. 8. 1843. 80 kr. 16 Sgr. Oorulie«, Orsillm» in äu« ^tti ckel ölrrestro lEercLttunt« 1824. 35 Icr. 7'/, 8xr. Dorf, daS, im Gebirge. Schauspiel mit Gesang in 2 A. von Kotzebue. Musik von Weigl s«n. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Dorfbarbier, der. Komisches Singspiel in 3 A. v. I. Weidmann. 30 kr. 6 Sgr. Dörfchen, daS friedliche. Singspiel in 1 A. von HenSler. 1803. 8 40 kr. 8 Sgr. Drei Viertel auf eilf. Schwank in 1 A. von M A. Grandjean. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 78.) 30 kr. 6 Sgr. Duell, daS unterbrochene, s. Schönstem HauSth. Duell-Mandat, daS, oder ein Tag vor der Schlacht bei Roßbach. Drama in 5 Au^. von W. Vogel. 8. 1843. 80 kr. 16 Sgr. Duennen, die beiden. Dramatische Bagatelle in 1 A.. s. Castelli Sträußchen. 13. Jahrgang. Dyck Landleben, s. van Dyck E. S. S., oder die Ausstaffirung. Posse in 1 Aufzuge von Earl Juin (Giugno). (Wiener Theater-Repertoire Nr. 121.) 35 kr. 7'/, Sgr. Eckensteher Nante, der Wiener, oder die Informations-Aufnahme mit einem Clienten a«S Krähwinkel. Komischer Act Zweite Auflage mit Bild Geb. (Vergriffen.) 35 kr. 7'/, Sgr. Eduard in Schottland, oder die Nacht eines Flüchtlings. Historisches Drama in 3 A. von Duval, au- dem vom Verfasser mitgetheilten Manuskript frei übersetzt von Kotzebue. 1804. 60 kr. 12 Sgr. Ehe-Doctor, der. Farce mit Gesang in 3 A. Nach einer Posse bearb. v. Joli. 1808. 35 kr. 7' ,Sgr. Ehemann, ein solider. Lustspiel in 1 A. Deutsch von Alexander Bergen. (Wiener Theater-Rc- pertoire Nr. 107.) 35 kr. 7'/, Sar. Ehemänner, die, als Junggesellen. Lustspiel in 1A., s. Eastelli Sträußchen. 1. Jahrg. (Vergriffen- Ehemänner, die, nach der Mode. Komische Oper in 3 A. von I. Ritter von Seyfried. 1804. 35 kr. 7'/. Sgr. Ehen, die beiden. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 3. Jahrgang. (Vergriffen.) Ehenstifter, der, oder dle beiden Officiere. Lustspiel in 1 A., s. Eastelli Sträußch. 1 Jahrg. (Vergriffen.) Ehepaar, das, aus der Provinz. Original-Lustsp. in 4 A. von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr. Ehescheuen, die. Lustspiel in 1 A. von I. F. v Weiffenthurn. Gr. 8. 1833 40 kr. 8 Sgr.. Ehestaudsqualen. Lustspiel in 1 A. und in Alexandrinern v. Deinhardstein. 1820. 40 kr. 8 Sgr. Ehestands-Scenen. 1. Theil Lustspiel in 3 A. 2. Theil oder der Lieferant. Lustspiel in 3 A. Dom Verfasser des »Zwirnhändlers*. 1810. Beide Theile. 1 fl. 20 Sgr. Eher den Tod alS die Sklaverei. Ballet von Caselli. 1771 (Fehlt.) 10 kr. 2 Sgr. Ehre, die, des Hauses. Drama in 5 A. v. Earl Juin und P. I. Reinhard. Nach Leon Battu und Maurice Desoignes. (Wiener Tbeater- Nepertoire Nr. 20.) 60 kr. 12 Sgr. Eichenkranz, der. Ein Dialog von A. W. Jffland. 8. 1801. 13 kr. 2'/, Sgr. Eichenkranz, der. Schauspiel in 4 A. Neu bearb. von Ehrimfeld. 1810. 40 kr. 8 Sgr. Eifersucht, die beschämte. Lustspiel in 3 A. vou I. F. v. Wcißenthurn. Gr. 8. geh. 1833 50 kr. 10 Sgr Eifersüchtigen, die, oder Keiner hat Recht. Lustspiel in 4 A. v. Schröder. 1805. 40 kr. 8 Sgr. Eigensinnige, der. Lustspiel von Stephani 1774 8. 60 kr. 12 Sar. Ei« Freund statt einer ganzen Familie. Posse in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 20. Jahrgang Ein Mädchen ist's und nicht ein Knabe. Lustspiel in 1 A., nach dem Franz, von HerzenS- kron. (Wiener Theater-Revertoire Nr. 20.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr Ein Mädchen vom Theater, s. Mädchen. Ein Mann hilft dem Andern. Lustspiel in 1 A, s. Weiffenthurn Schausp. 15. Baud. Ein Tag aus dem Leben Carl V. Historisches Gemälde in 2 A.. s. Castelli Sträußchen. 20. Jahrgang. Eine Feindin, s. Feindin Eine für dle Andere. Lustsp. in 3 A, s. Eastelli Sträußchen. 15. Jahrgang Eine Nase, s. Nase. Einer von unsere Leut'. Lustspiel mit Gesang in 3 A. von O F. Berg. (Wiener Theater-Rep. Nr. 104.) 60 kr. 12 Sgr Einsiedler, der, im Lerchenwalde oder die ge- heimnißvolle Laube. Lustspiel in 1 A., s Castelli Sträußchen. 6. Jahrgang. Eleganten, die. Posse in 1 A. Nach Moliöre für die deutsche Bühne von H. Zschocke. 1808 40 kr. 8 Sgr. Elias Regenwurm, oder die Verlobung auf der Parforcejagd. Posse mit Gesang in 2 A. von Friedrich Hopp. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 21.) 60 kr. 12 Sgr. Elisabeth, Königin von England. Oper in 2 A Musik von Rossini. 1822. 35 kr. 7'/, Sgr. -Dasselbe italienisch. 1822 35 kr. 7'/, Sgr. Elmar. Theater. Wien. 1856. 60 kr. 12 Sgr. Enthält: Das Mädchen von der Spule. Volks» stuck in 3 A. — Unter der Erde. Charakterbild in 3 A. Entrrike, oder die Zurechtweisung. Kom Oper in 2 A. Nach einem Vaudeville von Sonnleithner. 35 kr. 7'/, Sgr. Emmy TeelS. Drama in 3 A, s. Eastelli Sträußchen. S. Jahrgang. (Vergriffen.) Engländerin, die. Lustsviel m 1 A., s Weissen- thurn Schauspiele. 11. Band. Entdeckung, die unvermuthete. Original-Lustsp in 5 A. von F. L. Huber. 1795. 40 kr. 8 Sgr.. Entführung, die, aus dem Serail. Singspiel inl 3 A Nach Bretzner Mustk v Mozart. Dritte Auflage. 8. 35 kr. 7'/, Sgr^ Entführung, die. Lustspiel in 3 A. von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Lgr. Entführung, die, der Prinzessin Europa, oder so geht eS im Olymp zu. Mythologische Karikatur in Knittelreimen mit Gesang in 2 A von Meist. 40 kr. 8 Sgr Entzifferung, die. Komische Oper in 2 A. Nach dem Italien frei bearbeitet. 1806. 35 kr. 7'/, Sgr. Er bezahlt All«. Lustspiel in 1 A., s. Koch dramatische Beiträge Er compromkttirt seine Frau. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, v. Moreno. (Wiener Tbeater- Repertoire Nr. 74.) 35 kr 7'/, Sgr Er darf nickt fort. Schwank in 1 A, s Baum. Beiträge. Er ist ein Narr. Posse in 1 A, von Morländer. (Wiener Th -Rep Nr 100.) 30 kr 6 Sar Er kann nicht lesen. Posse in 1 A von M. A. Grandjean. (Wiener Theater-Repertoire Nr.88.) 35 kr. 7'/, Sar. Er mengt ffck in Alles. Lustspiel, frei nach Mistr Eentlive von Jünger. 1803. 50 kr. 10 Sgr Er will nicht sterbe«. Dramatischer Scherz in 1 A. von E F. Stir. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 106.) 35 kr. 7V, Sgr. Erben, die. Lustspiel in 1 A. von I. F. v. Weissen- thnrn. Gr. 8. 1833. 1 fl 20 Sgr. Erbprinz, der, oder das Geheimnitz. Schauspiel in 4 A von Ziegler 1801. 8 50 kr. 10 Sgr Erbschaft, die. Lustspiel in 1 A 1796. 25 kr. 5 Sgr. Erbtheil des DatrrS. Schauspiel in 4 A von Jffland. 1802. 40 kr. 8 Sgr. Erbvertrag, der. Dramatische Dichtung in 2 Abtheilungen. Nach einer Erzählung des E F. A. Hvffmann. Von W. Vogel 1828. Gr. 8. 80 kr. 16 Sgr. Lrvols in Orammu por stäumo» in 6u« 4tti. 1803 25 Irr 5 8ffr- Eremit, der, auf Formentera. Schauspiel mit Gesang in 2 A v. Kotzebue. 1810 50 kr 10 Sgr. Eremit, der, aus den Ardennen. Schauspiel in^ 5 Aufzügen, s. Buzzi dramatischer Nachlaß. Erinnerung. Schauspiel in 5 A von Jffland. 80 kr. 16 Sgr Eroberung, die, von Jerusalem. Historisches Drama in 3 A. Nach Eronegk und Demieur von Stegmayer. 8. 1805 35 kr. 7'/, Sgr Ersatz, der. Original-Schauspiel in 4 A. von P. W Vogel 1808. 50 kr. 10 Sgr. Erziehung, die. Original-Lustspiel v. Weidmann 8. 1775 25 kr 5 Sgr. Erziehert«, die. Schauspiel in 4 A, von Paul Foucher. Nach dem Franz, von Mar Stein (Wiener Th.-Rep. Nr 129.) 60 kr. 12 Sar Es bleibt unter «ns. Lustspiel in 4 A v. Schildbach. 8 1807. 80 kr 12 Sgr. Es ist Friede, oder die Aurückkuuft des Fürste«. Vaterländisches Gemälde mit Gesang in 3 A. von Gleich 1806 8. 40 kr. 8 Sgr. Esel, der hyperboräische, oder die heutige Bildung. Drastische« Drama und philosophisches Lustspiel für Jünglinge in 1 A. von Kotzebue 1801. 35 kr. 7'/^ Sar. Esser. Trauerspiel in 5 A. Nach Banks, Brooke, Jone« und Ralph 1803. 50 kr. 10 Sgr. ss'Lstr«, Gabriele. Singspiel in 3 A. Nachdem Franz. v.Fr.Treitschke. Gr. 8.1808. 25kr.5Sar. Etwas Kleines. Ebarakterbild mit Gesang in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr 69 ) 60 kr 12 Sgr Eulenspiegel, der. Alleg. Schauspiel aus dem neunzehnten Jahrhundert, von Weidmann. 1781. 35 kr. 7'/, Sgr. Eulenspiegel, oder Schabernack über Schabernack. Posse mit Gesang in 4 A. v. I. Nestroy. ZweiteAuflage. (Wiener Theater- Repertoirt Nr 32.) 50 kr. 10 Sgr Eulenspiegel als Schnipfer. Posse in 1 A., von Anton Bittner. (Wiener Tkeater-Repertoirr Nr 66.) 30 kr 6 Sgr Euphrostne. Oper in 3 A Nach dem Franz 1806 35 kr. 7'/, Sgr. Euryanth«. Große romantische Oper in 3 A von H v Ehezy. Musik von E M v. Weber 8 Zweite Auflage. 35 kr. 7'/^Sgr. Fadinger Stephan, oder der Bauernkrieg, ^-rigi- naldrama in 5 A. von Weidmann 1781 35 kr 7'/, Sgr Fähnrich,der. Lustsp v Schröder. 8 60 kr. 12 Sgr. Fall» ein seltener, oder die Mutter, die Vertraute ihrer Tochter. Lustspiel in 3 A von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr Familie, die amerikanische. Operette in 1 A Aus dem Franz, des Douilly, von I. R v. Seyfried 1810. 25 kr. 5 Sgr. Familie, die schottische, oder die Stärke der kindlichen Liebe. Große militärische Over in 3 A von H Steche. Musik von Signora Edle» von Eulenstein 40 kr. 8 Sgr Familie, die, auf I«Ie ä« k'rLnee Oper in 3 A. Aus dem Franz, von I F. Eastelli. 1805. 35 kr. 7'/, Sgr. Familie Rickeburg, die. Lustspiel iu 1 A, s. Eastelli Sträußchen. 17. Jahrgang Fanchon, das Leirrmädchen. Vaudeville in 3 A Nach dem Franz de« Bouilly von Kotzebue. Lustspiel mit Gesang. Musik v. Kapellmeister Himmel. 1808. 50 kr. 10 Sgr Aaschtngsnacht, die verhänguttzvolle. Posse mit Gesang iu 3 Aufzügen Mit 1 alleg. Bilde v I. Nrstrov 12 1841 75 kr. 15 Sgr Faschings-Souper, ein. Posse in 1 Aufzuge von Aloi« Berla < Wiener rbeater-Repertoire 179) 35 kr. 7'/, Sgr Faßbinder, der. Singspiel in 1 A Aus dem Franz 1802. 25 kr. 5 Sgr Faßbinder, die beiden, oder Reflexionen und Aufmerksamkeiten. Posse in 3 A., s Feldmann Lustspiele. 6. Band Faust. Trauerspiel v. Göthe, gr 12 Wiener Orig.- Auflage 1823 Armdruster. Vrlinp 1 fl. 20 Egr. Faust. Große romantische Oper in 3 A von I E Bernard 1813 50 kr 10 Sgr- Kaust'- Doctor Hau-käppchen od. dir Herberge im Walde. Posse mit Gesang in 3 A. von Friedrich Hopp 1843. 75 kr. 15. Sgr. Faust'- Mantel. Zauberspiel mit Gesang in 2 A. von A Bäuerle. 8. Wien. 1820. 30 k. 6 Sgr. Fausttn I, Kaiser von Hayti. Posse in 4 A., mit einem Vorspiele: Die Europamüde«, s. Feldmann Lustspiele. 5. Band. Aaustrecht, da-, in Thüringen. Schauspiel mit Gesang nach HaSper a Spada, für die Bühne bearbeitet von Hensler. Musik von Kauer. 3 Theile. 1797. 1 fl. 20 kr. 24 Sar. Februar, der vierundzwanzigste. S. Werner. 6. Bd. keckerivs. eck .4ckolto. Ornm. seriu in ckuv ^tti, 1812 35 Irr. 7'/, 8xr Fehitritt, ein. Schauspiel in 2 A, s. Castelli Sträußchen. 17. Jahrgang. (Vergriffen.) Feindin, eine, und ein Freund. Llosse mit Ges. in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 87.) 60 kr. 12 Sgr Feldman«, Ludw. Deutsche Original-Lustspiele 1. bi» 6. Band. 8. Wien. 1845—1853. Preis eineS Bandes 3 fl. 2 Thr. Inhalt: I. 1845. Der Sohn auf Reisen. Original-Lustspiel in 2 A. — Die Kirschen. Orig.-Lustsp. in 1 A. — Da» Porträt der Geliebten Orig.-Lustsp. in 3 A — Die freie Wahl Ong.-Lustsp. in 1 A. — Tie schöne Athenienserin. Orig.-Lustsp. in 4 A ll 1847 Der Pascha und sein Sohn. Orig.- Lustsp in 5A —Ein Freundschaftsbündnlß. Orig.-Lustsp. in 4 A. — Ursprung de» Korb- arbens. Dramatische Kleiuig'eit nach einer Änecdvtc in 1 A. — Eine unglückliche Physiognomie. Orig.-Lustsp in 3 A. — Drei Candidaten. Ong.-Lustsp. in 3 A. Ilk. 1848. Gin höflicher Mann. Orig.-Lustsp. in 3 A. — Der dreißigste November. Orig.- Lustsp. in 1 A. — Gin Mädchen vom Tbeater. Orig.-Lustsp. in 4 A. — Barou Beisele und (ein Hofmeister Doctor Sisele in München. Localpoffe mit Gesang in 3 A. — Der Lebensretter. Originalpoffe mit Gesang in 3 A. IV. 1849. Der RrchnungSratb und seine Töchter Orig.-Lustsp. in 3 A.— Ter deutsche Michel. oder Familien-Unruben Zeitbild in 5 A. — Kern und Schale. Orig.-Lustsp. in3A., - Ahnenstolz in der Klemme. Schwank in 1 A. — Bekenntnisse eine« Brauipaarrs. Zweigesxräch in freien Versen zur Deklamation. — Da» Narrcnhau» FastnachtS- poffe in 2 A V. 1851 Faustin I, Kaiser von Hayti. Origi- nalposse in 4 >2., mit einem Vorspiele: Die Guropamüden, von Frldmann und Bertram. — Ei» alte- Herz. Lustspiel in 3 A. Die beiden Caprllmeister. Orig.-Lustsp. in 2 A. — Da» Gastmahl zu Lurenhain. Dramatischer Scherz in 1 A. — Der neue Robinson, oder : Da« goldene Deutschland. Orig.» Carnevalsposse mit Gesang in 2 A, von Feltmanu und Bertram. VI 1852. Die beiden Faßbinder, oder: Resterionen und Aufmerksamkeiten. Posse in 3 A. mit Gesang, Tänzen. Einzügen und Spektakeln. — Die EchicksalSbrüder Lustspiel in 4 A. — Die Industrie-Ausstellung, oder: Reiseabenteuer in London. GelegeuheitS- poffe in 3 A. mit Gesang und Tanz in 3 A. — List und Dummheit. Posse mkl GHang und Tanz in 3 A. Feldtrompeter, der, oder: Wurst wider Wurst. Posse in 1 A v. HenSler 1798. 8. 40 kr.^8 Sgr. -Dasselbe als Singspiel von Pennet 20 kr. 4 Sgr. Fenster, da- zugcmauerte. Lustspiel von A. v. Kotzebur. 8. 25 kr. 5 Sgr. Fenster, da- zugemauerte. Komische Operette in 1 A. Nach Ä. v Kotzebue. 1811. 25 kr. 5 Sgr. Ferdinand Raimund, s. Raimund. Ferraudino. 1. Theil, Fortsetzung des Rinaldini. Schausp. in 3 A. v. Hensler 1800 40 kr. 8 Sgr -2 Theil Schausp. in4A. v. Hensler. 1801. (Vergriffen.) 40 kr. 8 Sgr -3. Theil. Schausp. »n 4 A v Hensler. 1801. 40 kr 8 Sgr. Festung, die, an der Elbe. Oper in 3 A. Nach dem Franz, frei bearbeitet von Castelli. Musik von Fischer. 1806. 25 kr. 5 Sgr. F euer und Wasser» oder die Haarlocke. Operette in 1 A. Nach dem Franz, von Seyfried 8. 1803. 25 kr 5 Sgr. Feuerlärm, der, oder Alle- geht nach Wunsch. Lustspiel in 1 A. 1793. ^ 35 kr. 7',^ Sgr. Fiakerin, die schöne. Localer Schwank mit Gesang und Tanz in 3 A. Nach einer ältere» Kriua» steiner'scheu Posse frei bearbeitet v A. E. NaSke. (Wien Theat -Repert. Nr. 37.) (40 kr. 8 Sgr.) Fidelio. Oper in 2 A. Frei nach dem Franz Musik » L. van Beethoven. Neue Auflage 35 kr. 7/. Sgr Fie-ko, der Lalamikrämer. Musikalische« Quodlibet in 2 A Bearbeitet von Gleich. 8. 1813. 40 kr. 8 Sgr. Figaro in Deutschland. Lustspiel in 5 A. von Jfflaud. 1809. 40 kr. 8 Sgr Figaro - Hochzeit, oder der tolle Tag. Lustspiel in 5 A von Jünger. 40 kr. 8 Sgr. Findelkind, daS. Lustsp. in 5 A. 1807 50 kr.lOSgr. Findelkind, ein.Cbaraktrrb m Grs in 1 A. v. Earl Elmar. (Wr. Tbrat.-Nep Nr 177) 30 kr. 6 Sgr. Fttzltputzli, oder die Teufelchen der Ebe. Kom Operette in 1 A. von Earl Juin (Giuzno). 8. 1865. 35 kr. 7'/, Sgr Fläschchen, da-, Kölnrrwasser, oder Denkschrift eine- HußarenoffizierS. Lustspiel in 1 A. s. Castelli Sträußchen 8. Jahrgang. Fledermaus, die. Lustspiel in 1 A. Nach Laug- beiu's Feierabenden bearbeitet von Hensler. 1802 25 kr. 5 Sgr Fleischhauer, der schöne. Lustspiel in 1 A, nach dem Franz von Alrr. Berge». (Wr. Theater- Repertoire Nr. 145.) 35 kr. 7'^, Sgr Florentiner Strohhut, ein, oder Fatalitäten an dem Berlobung-tage. Posse mit Gesang in 3 A. von Carl Juin und L. Flerr. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 35 ) 40 kr 8 Sgr. Flucht, die, au- Liebe. Lustspiel in 5 A. von Jünger. 8 1805. 40 kr. 8 Sgr Flüchtig in der Heimat. Charakterbild mit Gesang in 3 A vou Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 188.) 80 kr 12 Sgr Folgen einer Mißheirat. Geiyäldr au» dem Leben in 4 A., s. Eastrlli Sträußchen 20 Jahrgang. Folter, die, oder der menschliche Richter. Drama von Weidmann. 8. Wien. 1773. 25 kr. 5 Sgr. Fraeeclsca von Foir. Heroisch-komische Oper in 3 A. nach einer franz. Idee frei bearbeitet von I 8. Eastelli. 35 kr. 7V, Sgr. Frau Wirthtn, die. Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 67.) 6Ü kr. 12 Sgr. Frau, die, zweier Männer. Schauspiel in 3 A 'Nach dem Franz, frei bearbeitet von Schulz. 8 1803. 40 kr. 8 Sgr. Frauen-Emancipation. Lustspiel in 3 A. von Dr W. Marchland. 8. Geh. 1840. 80 kr. 16 Sgr. Frauenstand. Lustspiel in 5 A. von Iffland. 8. 1800ß 50 kr. 10 Sgr. Fräulein Bruder, mein. Luftspiel in 1 A. von Aler. Bergen. (Wiener Tbeater-Repertoire Nr. 82.) 30 kr. 6 Sgr. Freiheit in Krähwinkel. Posse mit Gesang in 2 Abtheilungen und 3 A. von Joh. Nestroy. Mit 3 Bildern. 8. 1849. 1 fl. 20 kr. 24 Sgr. Freischütz, der. Romantische Oper in 4 Aufzügen von Friedrich Kind. Musik von Carl Maria Weber. (Neue Auflage.) 35 kr. 7'/, Sgr. Fremde, der. Lustspiel in 5 A. von Iffland. 8. 1301. 80 kr. 16 Sgr. Fremde, die. Schauspiel in 3 A., s. Weifsenthurn Schauspiele, 15. Band Freudenfest, das, einer Dorfgemeinde i« Hun- garn. Ländlicher Gemälde in 1 A 1800. 35 kr. 7' , Sgr. Freund, der, und die Krone. Romant. Gchai^ spiel in 4 A. v. Lembert. Zweite Auflage. lWien.Theat.-Repert.Nr 8.) 35 kr. 7', Sgr. Freunde, die. Original-Schauspiel in 4 A. von Ziegler. 1802. 8 50 kr. 10 Sgr. Freunde, zwei, und ein Rock. Posse in 1 A., s Castelli Sträußchen. 12. Jahrgang. Freundschaft und Argwohn. Lustspiel in 5 A. von Jünger. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Freundschaftbündniß, ein. Lustspiel in 4 A., s. Feldmann Lustspiele. 2. Band. Freundschaftsdienste. Lustspiel in 1 A. von Carl Juin (Guigno). (Wiener Theater-Repertoire Nr. 115 ) 35 kr. 7'/, Sgr. Fridolin. Schauspiel in 5 A von Franz v. Holbein 1808. (Vergriffen.) 50 kr. 10 Sgr. Friede, der, am Pruth. Al» zweiter Theil de« Mädchen« von Marienburg. Schauspiel in 5 A. 8. 1804. 50 kr. 10 Sgr Frink und Compagnie. Charakterbild mit Gesang in 3 A. von A Barry. Musik von Adolf Müller. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 56.) 60 kr. 12 Sgr. Fritz, der lustige, oder: schlafe, träume, stehe auf, kleide dich an und bessere dich. Märchen neuerer Zeit in 2 A von Mei»l 1819. 40 kr 8 Sgr. Frühstück, das. Burschcnstreich in 1 A. 1807. 8 20 kr. 4 Sgr. Fuchs, rin. Posse mit Gesang in 3 Aufzügen, von Carl Juin. (Wiener Theater-Repertoire Nr 73.) 60 kr. 12 Sgr. Fünf sind zwei, oder Domestlkenstreiche. Lustspiel in 1A., s. Castelli Sträußchen, 10 Jahrgang. (Vergriffen.) Fürst, ein. Charakterbild mit Gesang in 3 A. »o» Fr Kaiser. 8 1850. 75 kr. 15 Sgr. (Diese» Verzeichn Druck und Papier »o» L Fürsten, die, der Langobarden. Original-Schauspiel mit Gesang rn 3 A. von Gleich. 1808.8 40 kr. 8 Sgr Fürstengröße. Vaterl. Schauspiel in 5 A. von Ziegler. 1804. 8. 50 kr. 10 Sar. Fürstenrache, die. Original-Schauspiel in 5 A 1803. 50 kr. 10 Sgr Gabriele. Drama in 3 A. Nach der -.Valerie* der Herren Scribe und Melesville. Vo» I. F Castelli. Zweite Auflage. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 164.) 35 kr. 7'/, Sgr. Gallerte-Gemälde, daS. Schauspiel in 5 A. vo» Hensler. 1803. 35 kr. 7'/, Sgr. Galotti, Emilie. Trauerspiel in 5 A. von Lessing. 8. 40 kr 8 Sgr. Gang tn'S Irrenhaus, der. Lustspiel in 1 A, nach dem Franz, v. Herzenskron. Zweite Auslage. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 10.) 35 kr. 7'/, Sgr Garrick in Bristol. Lustspiel in 4 A. von Dein- hardstein. 8. geh. 1834. 1 st- 20 Sgr Gardinenpredigt. Posse in 1 A. Deutsch von Aler. Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 189.) 35 kr. 7'/, Sgr Gasthof, der portugiesische. Komische» Singspiel in 1 A. Au« dem Franz, von Treitschke. 30 kr. 6 Sgr Gastfreund, der. Trauerspiel in 1 Auf,, von Franz Grillparzer, s. dessen goldene« Vließ. Gastmal, das, zu Lurenhain. Dramatischer Scherz in 1 A., s. Feldmann Lustspiele. 5. Band. Geächteten, die. Schauspiel in 4 A von Weidmann. 1826 80 kr. 12 Sgr Gedicht, das, oder die junge Schweizerin. Lustip in 2 A. von I. D Falk. 1800. 25 kr. 5 Sgr Gefahr, di«. Dramatische Situation von Ehrim- ftld. 13 kr. 2'/, Sgr Gefangene, der. Lustspiel in 1 A von Kotzebue 8. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Geflüchtete«, die. Schauspiel in 1 A. von Iffland 35 kr. 7'/, Sgr Geheimniß, das öffentliche. Lustspiel in 5 A nach Gozzi von Götter. 8. 1792. 40 kr. 8 Sgr Geisterseher, der. Neu nach Schiller, al« Schauspiel in 5 A. mit Chören, von Perinet. 1810.8 40 kr. 8 Sgr. Geizige, der. Lustspiel in 5 A. Nach Moliöre für die deutsche Bühne von H Zschokke. 1808 50 kr. 10 Sgr Geldfrage, die. Lustspiel in 5 A., v. Aler Duma« Sohn, deutsch von P. I. Reinhard. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 42.) 60 kr. 12 Sgr Gelehrter, ei« junger. Lustspiel in 1 A., nach dem Englischen v. Alerandcr Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 66.) 30 kr. 6 Sgr Gelübde, die. Lustspiel in 2 A. von Th. Hell. 1806. ^ 35 kr. 7>/, Sgr. General, der. Lustspiel in 3 A., s. Castelli Sträußchen. 19. Jahrgang. (Vergriffen.) Generalprobe, die. Vorspiel v. Schildbach. 1804. 25 kr. 5 Sgr- Geuiestreicke.die. Posse in 4 A. 1802 35kr.7'/,Sgr Gentren sie sich nicht. Original-Lustspiel in 1 A von Holbein. 12. 1826 35 kr. 7'/, Sgr Georgi. Posse ia 1 A. von L. Juliu«. (Wiener Theater-Repertoire Nr 16.) 35 kr. 7'/, Sgr ß wird fortgesetzt.) «pold Sommer in Wie». Der Ehrgey in der Küche Posse in einem Aufzuge, nach Scribe und Mazcres. Don W. Lembert. ^wkite Auslage. Personen: Datei, Küchenmeister und Mundkoch in einem gräflichen Hause. Lrsar, sein Sohn, Koch. Ha send ein, Haushofmeister. Regine, eine Köchin. Laridon, rin Koch Eia Bedienter, Köche, Küchrnju.lgen. DaS Theater stellt eine kleinere Abtheilung der herrschaftlichen Küche vor; an der Seite ein Wind« ofea, in welchem Feuer brennt. Ein Schrank mit Kasserollen, Kochlöffeln und anderem Küchea« geräth nebst einigen Büchern und ein langer Anrichttisch stehen umher, an jeder Sette eine Thür. Durch den offenen Eingang in der Mitte fleht man die große Küche, worin Alle- in voller Thä« tigkrit ist. Erste Scene. Cesar. Regine (durch die Thür links). Cesar. Komm' nur herein, liebes Re- ginchcn, habe keine Furcht. Mein Vater ist "icht zugegen. lht«ln.Atp,Noitt Ri. Lo4. Reg. Wird er aber auch nicht kommenf Cesar. Ich hoffe nicht, denn er hat jetzt alle Hände voll zu thnn mit dem heutigen Tiner; zudem ist dieß mein Arbeitszimmer, hier siehst Du meine Utensilien — mein- Bücher, meine Geräthschaften — i 2 Reg. Wenn dein Vater nur nicht so böse wäre! Cesar. Böse? Böse ist er eben nicht; aber stolz, unmenschlich stolz! Reg. Warum ist er aber stolz? Cesar. Warum? —* Weil er Vatel heißt. Reg. Das ist drollig; Du heißt doch auch Vatel und bist nichts weniger als stolz gegen mich. Cesar. Ja, so heiße ich — Cesar Vatel, nach meinem berühmten Urgroßvater, der auch so hieß. Mein Vater wiederholt mir es täglich. Reg. Aber — was war er denn so Großes, dieser Urgroßvater? Cesar. Ein Koch! Reg. (verwundert). Ein Koch? Cesar. Aber waS für ein Koch! Er hatte das Glück mit dem MarschalkTurenne an einem Tage zu sterben. Mein Vater versichert, daß ganz Frankreich darüber in Verzweiflung gerieth; denn, wie Du weißt, ist mein Vater von Geburt ein Franzose, ich aber bin in Deutschland von einer deutschen Mutter geboren. — So oft mein Vater von dem traurigen Ende dieses berühmten Mannes spricht, und das geschieht täglich einigemal, treten ihm die Thränen in die Augen. — »Doch,* setzt er jedesmal, sich fassend, hinzu, »man muß sich trösten, er ist auf dem Felde der Ehre geblieben!* Reg. Auf dem Felde der Ehre? War er denn auch Soldat? Cesar. Nicht doch! — Sein Feld der Ehre war die Küche. EiueS Tage-, als er eben eine große Tafel zu besorgen hatte, blieb ihm die Post mit Seefischen aus — darüber gerieth der gute Mann in Verzweiflung, denn er glaubte sich entehrt, ein Diner ohne Seefische serviren zu müssen. - Ohne sich lange zu besinnen, zog er seinen Degen und stieß ihn mitten durch sein ehr geiziges Herz. Reg. Nicht möglich! Cesar. Nicht nur möglich, sondern auch gewiß. O es ist eine bekannte Geschichte; Frau von Sevignä spricht sogar in ihren Briefen davon. — Wer Frau von Sevign^ war, wirst Du wohl auch nicht wissen? Reg. Ich habe in memem beben nichts von ihr gehört. V— Sie war^ doch nicht auch — (Stockt.) Cesar. WaS? Reg. (schwankend). Nun — eine berühmte Köchin? Cesar. Warum nicht gar! Die hatte andere Dinge zu thun, als sich um dir Küche zu bekümmern. — Sie war eine vornehme Frau, die den ganzen Tag nichts that, als Briefe schreiben. Reg. Den ganzen Tag? Das muß langweilig sein. Ich an ihrer Stelle würde lieber gekocht haben. Cesar. Das verstehst Du nicht, liebes Kind! Mein Vater meint, sie hätte keine Wassersuppe zu kochen verstanden, aber ihre Briese, waren kräftig und schmackhaft gewesen wie seine besten Saucen. Und mein Vater versteht sich darauf — denn er hat seine Studien gemacht. Reg. Hat er? Cesar. Ja wohl, und ich fürchte fast, er hat sich überstudirt; denn manchmal, im Vertrauen gesagt, manchmal kommt es mir vor, als ob es hier (zeigt auf den Kopfl nicht ganz richtig wäre! Reg. Ja, ja, so kommt eS mir aucb vor! Cesar. Wenn er seinen gelehrten Raptus bekommt, ist kein vernünftiges Wort mit ihm zu sprechen — da wirft er Römer, Griechen, Philosophen und Saucen durcheinander und macht ein Ragout daraus, auS dem der Henker klug werden mag. — Und wenn er bei alledem nur wenigstens ein väterliches .Herz hätte, wenn er sich durch meine Bitten erweichen ließe, in unsere Verheiratung zu willigen — aber wie ich nur davon zu sprechen beginne — gleich ist Sturm im Kalender! Reg. WennDumich wahrhaft liebtest-- 3 Cesar. Ob ich Dich liebe?! Denk' ich nicht unaufhörlich an Dich? Habe ich darüber nicht gestern die Ortolanen verbrennen lassen und ein Trüffel-Consommv versalzen? Ist daS nicht Beweis genug? Reg. WaS hat denn dein Vater an mir auSzusetzen? Cesar. Nichts, als daß Du nur eine bürgerliche Köchin bist, die bei dem Cassirer Seiner Crcellenz dient, der im vierten Stock wohnt, und er der Enkel deS großen Vatel ist, welcher — hör' ich recht? Er ist'S — mein Vater kommt! Reg. (ängstlich). Mein Gott! wenn er mich hier trifft — Cesar. Weißt Du was — sag'ihm, Du wärest gekommen, um ihn um Rath zu fragen; das schmeichelt seiner Eitelkeit, und wenn die gekitzelt wird, vergißt er alles klebrige. Ich mache mich aus dem Staub. (Entflieht.) > Zweite Scene. Regine. Vatel (aus der Mitte). Vatel (nachdeokend). Mein hentigeSDincr will mir nicht aus dem Kopf! — Wenn es mir gelänge — wenn — und es ist da — (deutet auf die Stirne) es ist da — aber das unselige BindungSmlttel fehlt! (Erblickt Re. gine.) WaS seh' ich? Sie hier? (Barsch.) WaS hat Sie hier zu thun, Jungfer? Reg. Ich — ich wollte nur — Vatel (heftig). WaS — was wollteSie? Reg. Mir Ihren gütigen Rath erbitten. Vatel (mit einem Male besänftigt). Meinen Rath? Den habe ich noch Niemanden verweigert, wenn man mich geziemend darum ersucht hat. Wozu nützt uns Ersah, ung und Gelehrsamkeit, wenn wir dem Unwissenden nicht damit unter die Arme greifen wollen. Eröffne Sie mir beherzt Ihr Anliegen. Worin verlangt Sie meinen Rath? Reg. Mein Herr spricht mir da immer von einem Gericht, daS er kürzlich bei einem guten Freunde gegessen hat, und welches er, wenn ich recht verstanden, Mi- nuten-Cotelettes nennt; nun wollt' ich — Vatel (entrüstet). Minuten-CoteletteSl? — Nein, so unwissend kann nur eine bürgerliche Köchin sein! — Oöts1stts8 L I» Minute heißt eS in der Kunstsprache. Reg. Ganz recht; ja, so hat er eS auch genannt. Vatel. Wohlan! (Nimmt ein Buch vom Schrank.) Hier ist mein neuestes Kochbuch, worin ich daS weite Feld der Zusammensetzungen und Combination unendlich bereichert habe. Hier lese Sie meine vorläufige Abhandlung über die verschiedenen Gattungen FiletS — (schlägt da» Buch ans und gibt es ihr) hier Seite 32 — lese Sie — lese Sie laut. (Da er ihre Verlegenheit gewahr wird.) Gerechter Gott! ich glaube gar, Sie kann nicht einmal lesen? Reg. Deutsch wohl — aber hier stehen eine Menge fremde Worte, von denen ich nicht weiß, ob sie böhmisch oder türkisch sind. Vatel. Unglückliche! Sie will eine Köchin sein und versteht nicht einmal die aller- gewöhnlichsten Kunstausdrücke? Weiß Sic nicht, daß Frankreich die Wiege der höhern Kochkunst, die Schule des guten Geschmacks, und diese Sprache aller Sprachen daS Grundelement der göttlichsten aller Künste ist? Ich habe eS tausendmal gesagt und werde eS noch tausendmal wiederholen: so lange man in Deutschland die erste aller Künste nicht nach Principien lehrt, so lange man kein Conservatoire errichtet, so lange muß Deutschland auf den Ruhm, gute Kochkünstler zu bilden, Verzicht leisten. (Ihr daS Buch aus der Hand nehmend, verächtlich) Gebe Sie mir mein Buch zurück, Sie versteht mich doch nicht. Reg. Wenn das, waS darin steht, eben so kauderwelsch klingt, wie das, waS Sie da sagten, möchten Sie wohl Recht haben. (Geht.) Vatel. Gemeine Natur! — Doch halt — noch ein Wort, Jungfer. — Ich bemerke mit dem äußersten Mißfallen, daß Sie sich untersteht, meinem Sohne nachzuschleichen. Reg. (piktet). Nachzuschleichen? Herr Küchenmeister! Vatel. Wir wollen uns nicht echauffi- ren, denn mein heutiges Diner erfordert kaltes Blut, deshalb wollen wir die Sache gelassen abmachen. 3ch wende mich an Ihr Herz und hoffe es nicht von Kiesel zu finden. ES ist ein Vater, der zu ihm spricht, der Sie bittet, seinen einzigen Sohn nicht von seinen Studien, seinen für die Menschheit so wichtigen Geschäften abzuziehen. Der Junge hat Talent und kocht im besten Styl — sein Genie könnte ihn im stolzen Fluge auf den Gipfel des Ruhmes erheben, wenn seine thörichte Leidenschaft zu Ihr nicht Blei an seine Flügel hängte und seine intellektuelle Kraft lähmte. Reg. Was,für eine Kraft soll ich lähmen? — Ei, Herr Küchenmeister, Cesar hat nur rechtschaffene Absichten. Vatel. Das ist's ja eben, was mich zur Verzweiflung bringt! Mein einziger Sohn, der jüngste Sprosse der berühmten Familie Vatel, der mit gewaltigem Zepter zu ebener Erde über die herrschaftliche Küche herrscht — und Sie, die hoch oben im vierten Stock in einer engen, räucherigen Kammer ihre armseligen Suppen kocht — begreift Sie denn nicht, welche ungeheuere Kluft zwischen Ihr und ihm sich auS- dchnt? Reg. (traurig). Leider! Vatel. Nun, wenn Sie das einsieht, so hoffe ich auch von Ihrer Billigkeit, daß Sie klug genug sein wird, den stolzen Gedanken auf den jüngsten Sprossen einer alten, berühmten Familie aufzugebrn. — Doch nun habe ich schon mehr als zu viel Zeit mit Familienangelegenheiten verloren, nun muß ich wieder an mein Diner denken; deshalb mache Sie mir das Vergnügen und gehe Sie Ihrer Wege. (Zuht ein Papier hervor und fieht hinein ) Reg. Aber, Herr Küchenmeister — Vatel. Man störe mich nicht in meinen Studien. Jetzt gehöre ich der Kunst und habe keinen Sinn für irdische Lappalien! (Für sich, indem er in s Papier sieht ) Ganz recht: Die Hasen-Escalope mit Trüffeln, links — der Auflauf ä. In äiplomn- li^U6 Reg. Bedenken Sie nur — Vatel. Unglückliche! Sie wagt cs noch hier zu weilen! Mich in meiner Begeisterung zu stören? Bemerkt Sie den Gott nicht, der mich ergriffen? Reg. Der Himmel steh' uns bei, jetzt kommt der Raptus! Am Ende wäre er noch im Stande, alle Kasserolle umzuwer- fen und das Diner in der Herdasche anzu- richten. Ich gehe und setze meinen Topf an's Feuer. (Lin?s ab.) Dritte Scene. Vatel (ihr nachspottend). Und setze meinen Topf an's Feuer! Welche Gemeinheit! Den Topf an's Feuer setzen! Wahrlich, man könnte sich ärgern, wenn man nicht Geistesstärke genug hätte, mit Verachtung auf das Gewürm herab- znsehen, das im Staube kriecht. (Zeigt aus die Stirne.) Hier glüht es wie in meinen Windöfen. Ein Diner von 60 Couverts — ein Diner, dem alle Gesandten beiwohnen werden — folglich ein diplomatisches Diner — Vatel, heute gilt eS, deinen Ruhm in allen Welttheilen zu verbreiten, denn eS gibt feine Kenner unter den Herreil. — Wenn es mir nur gelänge, den unseligen Pudding ü In 61rixola1n zu Stande zu bringen! Neulich wurde davon gesprochen, als von einem köstlichen Gericht, wozu das Rccept mit dem Tode seines Erfinders verlorengegangen, eS war sogar die Rede davon, einen Preis für den glücklichen Wiederentdecker des Geheim- niffes auszusetzcn. —Wenn es mir gelänge, das Räthsel zu lösen, wenn — aber wie k diese Schwierigkeiten überwinden — denn ich raisonnire also: Der Pudding ist englischen , (ülüpolata. aber italienischen Ursprungs; um nun diese verschiedenartigen Eigentümlichkeiten in einander zu ver- schmelzen, damit der Uebergang nicht zu gewaltsam werde — fehlt mir ein Bindungsmittel, das — (nachdenkend) — ich bin ihm auf der Spur — aber noch bin ich nicht im Klaren — ich hab's und habe es auch nicht! — Doch da ich's für dieß- mal mit dem Pudding noch nicht wagen darf, will ich bedacht sein, mich heute anderweitig selbst zu übertreffen. (Sieht auf die Uhr ) Die große Stunde naht! An's Werk! (Ruft hinaus.) Das sämmtliche Küchenpersonal erscheine! Vierte Scene. Vatel, Cesar, Laridon, Köche und Küchenjungen (aus der Mitte). Datei (nachdem er sich geräuspert, mit Salbung). Meine Herren Köche und Unterköche, und Ihr Küchenjungen, Spießdrehcr und Bratenbegießer! Ihr habt gestern den gan zen Tag gearbeitet, habt die Nacht an euren Oefen durchschwitzt und auch heute des Tages Last und deS Feuers Hitze mit heroischem Muthc ertragen — es ist jetzt an der Zeit Euch zu erklären, warum das Alles geschehen. Se. Ercellenz unser gnädigster Herr Graf geben heute ein großes Diner von 60 Personen, wozu die feinsten Schmecker geladen sind. — Ich habe nicht nö- thig, Euch mehr zu sagen — jeder wird seine Schuldigkeit thun, — Se. Ercellenz rechnet auf Euch und ich nicht minder. Eesar. Das versteht sich. Vatel. Man unterbreche mich nicht! — Der erste Untcrkoch wacht über die Entrees; Monsieur Laridon übernimmt Alles, was am Spieße gebraten wird, und Dir, mein Sohn Cesar, übergebe ich die Aufsicht über alle Ragouts, als dem Höchsten, was unsere Kunst zu leisten vermag, sowie über alle andern Entremets undlroryä'osu- vres. Cesar. Diese Gunst — Vatel. Suche Dich ihrer durch Fleiß und Aufmerksamkeit würdig zu machen. — Ich für meine Person werde überall, sein, immer an eurer Spitze, mitten im Feuer. — Nun an's Werk,, meine Freunde! Der heutige Tag setzt unserem Ruhm die Krone auf. Ich gebe gern zu, daß jedes Volk sein eigenthümliches Volksgericht hat: England ist längst rühmlich bekannt, durch sein Roß- boeuf — Italien ist der klassische Boden der Macaroni, — Deutschland rühmt sich seines Sauerkrautes, um das ich es, beiher gesagt, eben nicht sehr beneide — selbst Spanien ist stolz auf seine ölig, potriäs. — doch alle diese schwachen Hervorbringungen sind Stümperwerk gegen die Meisterwerke der französischen Kochkunst. Beweist heute, meine Freunde, daß Ihr würdig seid, dieser Schule anzngehören. Rasch an s Werk, erklimmet muthig die Stufen des Tempels, wo Euch am Ziele Unsterblichkeit die Lorbeerkrone reicht. Alle. Hinan! hinan! (Wollen fort.) Fünfte Scene. Vorige — Hasenbein. Has. (sie zurückhaltend). Einen Augenblick Verzug, meine Herren. Ehe Sie den Tempel erklimmen, habe ich Ihnen noch ein Wörtchen in s Ohr zu flüstern. Vatel. Ei, Herr Haushofmeister, warum stören Sie uns in unserer Begeisterung? Hasenb. Ich habe es Sr. Ercellenz verschwiegen, und auch Ihnen, Herr Küchenmeister, welche grobe Fehler sich einer dieser Herren gestern zu Schulden kommen lassen, sehe mich aber heute zur Sprache gezwungen, auf daß der Schuldige sich an diesem festlichen Tage nicht abermals vergesse. Vatel. WaS wollen Sie damit sagen; Has. Hch nenne Niemanden, obgleich ich eS könnte. — Gestern waren die Orto- lanen verbrannt und das Trüffel-Consom- mv versalzen. Eesar (für pch). Da haben wir die Pastete! Datei. Und das muß ich heute erst erfahren!? Sie hatten Unrecht, sehr Unrecht, mich nicht gleich davon ln Kenntniß zu setzen. Ohne DiSciplin kann'man nicht herrschen, und die Gerechtigkeit muß ihr Opfer haben. (Mit durchbohrenden Blicken unter Pr tretend.) Ihr habt eS gehört? Man hat gestern die Ortolanen verbrannt. Eesar (für sich). Jetzt wird das Gewit- ter loSbrechen. Datel. Und— oder Schmach!— das Trüffel - Consomms versalzen! — Alles schweigt? Niemand antwortet? — Haben sich etwa die Ortolanen selbst verbrannt, und die Trüffeln sich selbst versalzen? — Ich schwöre eS, daß der verstockte Verbrecher nicht eine Stunde länger in der Küche Gr. Ercellenz bleiben soll. Has. WaS thun Sie, Herr Küchenmeister? Datei. Ich bitte, mir den Schuldigen zu nennen, augenblicklich zu nennen. Has. Das kann ich nicht. — Waö würden Sie sagen, wenn er zu Ihrer eigenen Familie gehörte? Eesar. Warum mischen Sie sich in Familienangelegenheiten, Herr Haushofmeister? Datel (versteinert). Welche Ahnung! — Verstehe ich recht? — wär' eS möglich — mein eigener Sohn —? Has. Nun — freilich — aber — Datel. Mein Sohn der Verbrecher! Mein einziger Sohn! O unglückseligster der Väter! BeklagenSwerther BrutuS! Mein Einziggeborner! — Doch gleichviel —. das Urthril ist gesprochen und ich bin ein große- Beispiel schuldig. (Zu deo Uebrigrn.) Ihr Andern entfernt Euch— ^(Mit hohler Stimm«/) Zu dem, was ich jetzt thun werde, bedarf ich eurer Gegenwart nicht. Lar. (naht sich ihm bittend). Aber, Hen Küchenmeister, bedenken Sie doch — Datel. Hinweg, sag' ich, hinweg! Man lasse mich mit dem Schuldigen und seinem Ankläger allein. (Laridon mit den Urbrigen ab.) Sechste Scene. Datel, Eesar, Hasenbein. Datel (nachdem er mit groben Schritten auf und abgegaugen, blrit vor Eesar stehen und sagt mit Pathor). Es ist also wahr? Du — Du hast das Entsetzliche gethan? Du — mein Sohn? Eesar. Nun ja, ich läugnc es nicht. Ich war gerade an der Arbeit, da hörte ich Re- ginenS Stimme auf dem Hofe, und darüber vergaß ich Ortolanen und Trüffeln. Datel. Sagt' ich's nicht, diese unglückseligste aller Leidenschaften würde ihn noch in'S Verderben stürzen! Has. Sie nehmen die Sache zu hock, Herr Küchenmeister. Datel. Lassen Sie mich, Herr Tafeldecker, Sie haben keinen Sinn für das, waS in meinem Busen vorgeht. Sie wissen nicht, was ich Alles für ihn gethan! — Don Jugend auf habe ich ihn mit den lautersten Lehren unserer welterhaltenden Kunst genährt, obgleich in Deutschland geboren, habe ich ihn doch nach den strengen Grundsätzen der französischen Schule gebildet; er ist so zu sagen in Eafferollen und am Spieß heran gewachsen — und jetzt, da eS seine Pflicht wäre, mich in meinem für die Menschheit so wichtigen Geschäfte zu unterstützen; da er mir helfen sollte in der Wiedcrerfindung deS Puddings ü In Otirpolnt», dieses diplomatischen Gerichts, das mir seit acht Tagen den Schlaf raubt — denkt er an seine unwürdige Liebe, vernachlässigt seine Studien, und sinkt, statt den Gipfel deS Ruhmes zu erklimmen, zum gemeinen Sudelkoch herab. 7 Cäsar. Diese Beschimpfung wegen eines Versehens— ' Batet. Du wagst eö noch, zu widersprechen, Verstockter? — Nun, so falte.denn das Schwert der Gerechtigkeit und treffe den Schuldigen. Ich verstoße Dich! Has. Aber Herr Küchenmeister — Batet. Nichts da — das große Beispiel muß gegeben werden ! (Zu Cäsar.) Lege dein Küchenmesser ab — deine Sckürze — den blendenden Hauptschmnck des Kochkunst. lerS. die schneeige Mütze — lege diese Ehrenzeichen dahin — (Casar thut es.) — Du bist ihrer unwürdig. Ich degradire Dich.— Du bist nicht mehr Hausofficier Sr. Er- celtenz. Cesar. Mir auck recht. Sv bin ich fortan mein eigener Herr! Batet (,» Hasmbria). Sehen Sie das? Hören Sie das, o Hasenbein? Der Verruchte err-thet nicht einmal über seine Schmach! — während sein Urgroßvater — Cesar. Sie »verden doch nicht verlangen, daß ich auch einen solchen Starren streich be-' gehen soll, wie — Batet (außer sich). Narrenstreich!? Ent-: arteter, verworfener Sprosse eines berühmten Geschlechts! Du wagst eS, das glorreiche Andenken deines heldeumüthigen Ahnherrn zu beschimpfen? Wagst es —? Diese Gräuelthat scheidet uns auf ewig! Verbirg Dich vor meinen Augen, fliehe meine Gegenwart, damit ich nicht zu Entsetzlichem verleitet werde. Ich wjlt Dir das Erbtheil deiner Mutter, deren unselige Reize mich verlockten, das reine französische Blut mit deutschem zu vermischen, auszahlen — verbirg Dich und deine Schande in einem Winkel der Erde und wage es nie wieder, Dich Batet zu nennen. Has. Vergessen Sie doch nicht — Batel (plötzlich gelassen). Mein Diner? Das wolle Gott nicht!. Ich danke Ihnen für diese Erinnerung, sie gießt besäuftigen- .des Oel iu das empörte Gemüth. Ehe ich .V-trr sein darf, bin ich Küchenmeister! Hinweg mit häuslichem Jammer, die göttliche Kunst ruft! Folgen Sie mir, damit ich Ihnen den großen Plan mütheil«, nach welchem heute servirt werden soll. (Mit Ha» senbria rechts ab ) ^ . ,-t- Stebente Scene, Cesar (allein). u Prr! heute läuft das Rädchen wieder gewaltig. Was ikaun ich dafür, daß die Liebe keinen Respect vor der Kochkunst hat? Sic ist eine privilegirte Brandstifterin, seit die Welt steht; warum sollte sie sich einiger Ortolanen wegen geniren? —- Und wohl dem, dem sie nur ein Consomms und nicht das ganze Leben versalzt! , ^ Achte Scene.' ^ b) ^ ../iE Regine. Cesar. >' Reg. (den Kopf durch die Thüre links steckend). Bst! Cesar! Bist Du allein? ^ Cesar. Nur näher; wir haben nichts mehr zu fürchten. Reg. Meine Herrschaft ist eben aus« gegangen, um mit einem guten Freunde zu speisen, der diesen Morgen angekommen, und kehrt spat vor Abend nicht wieder. Cesar. Das kommt recht erwünscht. Reg. Ja, wenn Du nur nicht durch das einfältige Diner und deinen zanksüchtigen Vater abgehalten würdest, so hätte ich wohl ein kleines Plänchen — Cesar. Laß hören! Ich bin frei wie die Luft. Reg. Frei? Wie wäre das hente möglich? Cesar. DaS macht mein ungeheures GlüS, das ich tu allen Dingen habe. Mein Vater hat mich eben fortgejagt. Reg. (erschrocken). Fortgejagt? Cesar. Sei ruhig. Es,war nur einer seiner gewöhnlichen Anfälle, fv üwaS gibt sich wieder. —- Nun — dein Wärzchen? Reg. Je nun — weil ich denn heute so ganz frei bin — so habe ich meine gute Freundin LiSchen, die Du kennst — Cesar. Das Stubenmädchen deS Wirth- schastSrathes. Reg. Dieselbe— zum Essen eingcladen — und da wünschte ich wohl, daß Du uns auch mit deiner Gegenwart beehrtest, wenn ich nicht fürchten müßte, daß dein durch die französische Küche deines Vaters verwöhnter Gaumen keinen Geschmack an meiner einfachen Hausmannskost finden würde. Cesar. Halte mir die kräftige Hausmannskost in Ehren, Reginchen! Sie ist, unter unS gesagt, mehr werth als alle unsere Künsteleien. — Topp, ich bin von der Gesellschaft! Reg. Nun, so will ich mich denn recht zusammennehmen. Geschwind, nenne mir dein Leibgericht. Cesar. O, ich nehme mit Allem vorlieb. Reg. Nicht- da, Du mußt dein Leibgericht haben. Cesar. Ach, Himmel! wie rührt mich diese zärtliche Fürsorge! Welche Frau werde ich au Dir haben! Reg. Vorausgesetzt, wenn es nicht außer den Grenzen meiner Kenntnisse liegt. Cesar. Sei unbesorgt. Ich liebe Dich viel zn sehr, um deine Kochkunst durch übertriebene Forderungen in Verlegenheit zu setzen. Ich verlange keine otiekä'oeuvres oder gar diplomatische Gerichte — wie mein Vater den Pudding ä. !u dllripolats. nennt. Reg. Wie sagst Du? Pudding? Cesar. ^ I» Otripolata. Es ist ein englisch-italienisches Gericht, womit mein Vater Seine Ercellrnz gern überraschen möchte — er kann aber das Recept dazu nicht finden. Reg. Nun, sv kann ich'S. Ich will Dich statt der Ereellenz damit überraschen. Cesar. Wäre es möglich! Du wüßtest— Reg. Freilich weiß ich's. O, ich entsinne mich des kauderwälschen Namens, den ich niemals aussprechen konnte, noch recht wohl. Cesar. Du wärest im Besitz dieses gepriesene» Geheimnisses? Durch welchen Zufall - Reg. Das sollst Du gleich erfahren. Ich hatte eine Tante, welche das Recept besaß, das ihr die Ehre verschaffte, von einem englischen Koch entführt zu werden. Cesar. Wäre der Henker! Nun, so beschwöre ich Dich, es Niemanden zu sagen, welchen Schatz Du besitzest, sonst könntest Du mir auch entführt werden. Reg. Da müßte ich auch dabei sein. Rasch ans Werk, damit ich Dich über- zeuge. — Aber meine Küche ist zu Nein — und dann habe ich die nöthigen Ingredienzien nicht zur Hand. Cesar. So mache dein Meisterstück hier. Da ist mein Ofen — auch findet sich hoffentlich Alles, waS Du brauchst. Reg. Um so besser. (Setzt eia Lassnol aus- Feuer und thut Alle- hinein, «a- ihr, so wie fie'S begehrt, von Lesar gereicht wird.) Etwas Rhum — Madeira — Rosinen — durchgeschlagene Kastanien — Maccaroni — geschwind den BlaSbalg zur Hand, damit wir bald fertig werden. Cesar (mit dem Masbalg da- Feuer an- fachend). Ach, welch' ein glückliche- Leben werden wir führen! Während wir für unsere Mägen sorgen, sprechen wir von unserer Liebe! — Die Flamme unserer Herzen kann nie verlöschen, denn eS wird ihr nie an Nahrung fehlen; im Nothfalle braucht man — Reg. Den BlaSbalg! Eine Stimme (von außrn). Regine! Regine! Reg. DaS ist LiSchen! Wahrscheinlich wird sie mir helfen wollen den Tisch decken. Geschwind an meinen Platz; rühre den Brei von Zeit zu Zeit um und lasse ihn über dem Feuer. Ich komme bald wieder. (Links ab.) 9 Neunte Scene. Cesar (allein). Sonderbar! Ich, der ich in der gerühm- ten Schule meines Vaters gebildet bin, muß von einer deutschen Bürgersköchin lernen. Ist das nicht gerade so wie in der Oper»Sargines*, die ick neulich sah? Bin ich in diesem Augenblick nicht ein echter Zögling der Liebe? — Wenn der Brei nur etwas taugt — er sieht verdammt schwarz aus — und der Henker weiß, welch' verbranntem Gehirn dieser verdächtige Mischmasch entsprungen ist. Doch Regine sagt, eS sei gut, und ich glaube ihr Alles auf'S Wort. — Werd' ich nicht ein guter Ehemann werden? Zehnte Scene. Eesar (am Ofen). Vatel und Hasenbein (au- der rechten Seitenthür). Datei (,ine Casserole in der Hand). Nun, Freund Hosenbein, erfreut sich mein Plan Ihres Beifalls? Haf. Ohne Schmeichelei sei eS gesagt, er übertrifft alle Ihre bisherigen Leistungen. Vatel. Das ist mir sehr tröstlich zn vernehmen. Ach, mein Freund, es ist nö- thig, daß der Ruhm mich schadlos halte für häuslichen Kummer. Ich bedarf der Zerstreuung, und habe sie, in Bereitung dieser Escalope von Wachteln gefunden, die, ohne Ruhm zu melden, ein Meisterstück der französischen Kochkunst ist, und welches ich Sie bitte vor Sr. Ercellenz zu placiren. Haf. Soll geschehen. Aber glauben Sie nicht, daß eS Zeit sei, zu serviren? Vatel. Einen Augenblick Geduld. (Geht i» die Mittelthür und ruft.) Monsieur Laridon! Ist die erste Abtheilung geordnet? dar. (in der Küche). Sie erwartet das Commandowort. Datei (»m Tommandoton). Acht gegeben! Jeder auf seinen Posten! (Stimmen in der Küche.) Auf den Posten! Auf den Posten. Vatel (commandirend). Man richte an! Haf. Und ich will mich in den Speisesaal begeben, um die Aufsätze zu ordnen. (Ab.) Eilfte Scene. Vorige ohne Hasenbein. Vatel (vorkommend und Cesar erblickend der noch immer an seinem Ofen beschäftigt ist). Was ist das? Wer kocht noch, wenn ich befehle, anzurichten? — WaS machst Du da. Unglücklicher? Cesar. Mein Mittagsbrot; denn wenn ich gleich verstoßen bin, so folgt doch nicht daraus, daß ich auch verhungen soll. Vatel (mit affeetirter Rührung). Nein, so grausam straft die väterliche Gerechtigkeit nicht. Cesar. Ich bin eben in der Compofition eines Gerichtes begriffen, um daS man mich beneiden wird, und welches ich meiner geliebten Regine verdanke! Vatel. Nenne mir den verhaßten Namen nicht, Unglücklicher! Cesar. Aber — Vater. Schweig, sage ich. Ich bedarf jetzt kaltes Blut. AuS Achtung für den Ruhm deines DaterS bringe mich in dieser großen Stunde nicht aus der Fassung. Der heutige Tag entscheidet über meine Unsterblichkeit. Ich gehe— ich sehe— ich siege — (Pathetisch ab in die Küche.) Zwölfte Scene. Cesar (allein). Jetzt sitzt er auf seinem Steckenpferde! Kein eommandirender General kann mit größerem Stolz auf seine Armee sehen, als ro er vor die Ueberzahl seiner Schüssel hintritt. Meine Mahlzeit macht mir nicht so viel zu schaffen, die Besorgniß abgerechnet, daß diese unsere einzige Schüssel nicht viel taugen, möchte! — (Blickt nach der Kasserolle, die Vatel vorher auf den Tisch gestellt hat.) Alle Wetter! Dort die Escalope von Wachteln — wenn ich — es ist Niemand zugegen — bei der Menge von Schüsseln wird der Raub leicht übersehen, und, welcher Gewinn für unsere frugale Tafel — Ha! ich wage den Pagenstreich — was kann mir geschehen? — Fortgejagt bin ich ohnehin— geschwind die Escalope aufdieSeite geschafft, dann kehre ich zu meinem Pudding zurück. (Läßt seine Kasserolle aus dem Herd stehen, ergreift die seines VatrrS und entflieht damit durch die Thür links.) Dreizehnte Scene. Vatel. Laridon. Vatel. Geschwind, Freund Laridon, meinen Staatsrock. Lar. (holt ihn aus einem Schrank). Hier ist er. Vatel (indem er Jäckchen und Schürze ab« legt und den Rock anzieht). Meinen Hut und Degen — Lar. Hier ist Beides. Datei (seinen Degen betrachtend, mit Sal- bung). Degen des großen Vatel! Theures Erbstück meines berühmten Ahnherrn! (Küßt ihn und steckt ihn dann an.) (Eine ansehnliche Reihe von Köchen und Küchenjungen geht außerhalb mit Schüsseln und Terrinen über die Bühne.) Vatel (die Vorübergehenden mit Behagen betrachtend). Welche Thätigkeit — und zugleich welche Äuhe — welche Ordnung! Wie imponirend sind diese Vorbereitungen! Der Augenblick vor der Schlacht ist ergreifender als die Schlacht selbst. Die Würfel liegen bereit, bald ist der Wurf geschehen. Welch' ein Stand ist der meinige! Niemals Ruhe, denn man will alle Tage essen — und wie karg lohnt uns der Ruhm für so viele Mühe! Der Dichter lebt in seinen Versen fort, der Maler in seinen Gemälden, der Bildhauer in seinen Werken — aber die Meisterstücke der Kochkunst — je vollkommener sie sind — je weniger bleibt von ihnen übrig — und unser Ruhm, vergänglich wie der Appetit, lebt nur in dem Gedächtnisse des Magens, welches noch undankbarer ist als das deS Herzens! — Doch ich bin mir das Zeugniß schuldig, heute Alles gethan zu haben, um meinem Triumph ein dauerndes Andenken zu sichern. Vierzehnte Scene. Hasenbein. Vatel. Has. Was machen Sie, Herr Küchenmeister? Sie stehen da, und wissen nicht, was oben auf der Tafel vorgeht. Vatel. Auf der Tafel? — WaS? Has. Wahrscheinlich haben Sie sich bei Entwurf Ihres Speisezettels »errechnet. Vatel (pikirt). Speisezettel? — Plan, wenn's beliebt. Has. Gleichviel; kurz, es fehlt eine Schüssel — die Tracht ist unvollständig. Vatel. Unvollständig?! Erwägen Sie wohl, was Sie sagen? Eine solche Beleidigung läßt kein Vatel ungestraft auf ihm sitzen. Wo ist mein Entwurf, mein Plan? Has. Auf dem Plane stehen freilich 32 Schüsseln, auf der Tafel stehen aber nur 31 — Vatel. Unmöglich! Has. Gerade die Schüssel im Centrum — die vor Sr. Ercellenz hingrstellt werden sollte — Vatel. Mein Meisterstück -7- meine unvergleichliche Wachtel-Lscalope Hns. Fehlt und ist nirgends zu finden. Vatel (cmßrr sich). Das kann nicht sein! Das wäre mein Tod! Haben Sie Mitleid, beste-Hasenbeinchen— einen Augenblick Geduld! — O, mein Kopf! mein Kopf! Es muß eine Unordnung beim Aufmarsch der Abtheilungen stattgefunden haben — irgend eine falsche Schwenkung— ich eile, ich fliege — ein Blick auf das Ganze, und der Fehler ist entdeckt und verbessert. Erwarten Sie mich hier. O, mein Kopf! mein armer Kopf! (Stürzt ab.) Fünfzehnte Scene. Ha send ein, dann ein Bedienter. Has. Den bringt seine Kunst noch in's Narrenhaus. Er hört und sieht nicht mehr. (Er nähert sich krsars Ofen.) Da steht ja die Cafferolle mit dem gerühmten Gericht — fremd genug sieht das aus. (Zu dem Bedienten, der von außen vorübergeht.) He, Johann, eine Schüssel. (Der Bediente bringt sie, Hafen- dein leert kesari Kasserolle darauf auS.) Geschwind fort damit, auf die Tafel; setz' es auf die leere Stelle, gerade vor Se. Ercel- lrnz. Fort! fort! (Bedienter ab.) Nun, Gott sei Dank! das Unglück wäre abgewendet! Sechzehnte Scene. Hasenbein. Datel. Datei (stürzt außer sich Herrin). Ich bin ein geschlagener, entehrter Mann! Das Gericht ist verschwunden! Has. Nicht doch, beruhigen Sie sich — es ist gefunden. — Datel. HimmelSbote! Has- (zeigt auf Cesark Windofen). Hier stand es! Datel. Wo? da? Has. In dieser Cafferolle. Ich habees auf eine Schüssel gethan, und hinaufgeschickt. Datel. O all' ihr Mächte des Himmels! (Stürzt zu der Kasserolle; für sich.) Die Sudelei der Bürgerköchin auf der Tafel Sr. Ercellenz! Mich tödtet die Scham! Has. Was haben Sie — Datel (mit sich kämpfend). Ich — nichts — aber eilen Sie — fliegen Sie, um zu verhindern — , Has. Da ist nichts mehr zn verhindern, denn die Schüssel ist bereits scrvirt. Datel (außer sich). Servirt?! Ich bin verloren -— entehrt — das überleb' ich nicht! Ha s. Was ficht Sie an? Datel. Der Wurf ist gefallen! Ich kenne das Blut, welches in diesen Adern fließt — ich weiß, was ich der Ehre meines Hauses schuldig bin. (Dumpf.) Gehen Sie, Herr Hasenbein; verlassen Sie mich! Has. Aber Herr Küchenmeist — Datel. Verlassen Sie mich, sage ich — allein muß ich fein — allein! Has. (deutet auf die Stirn, zuckt dir Achseln und geht). Siebzehnte Scene. Datel (allein)., Es sei, mei'nDerhängniß ruft! Wenn ich zurückblicke auf mein ganzes untadelhaftes Leben, so gibt es nach solcher Schmach nur eine Art, cs würdig zu beschließen. Ich war noch jung, als mich, gleich hundert Andern, die unselige Revolution aus dem schönen Daterlande vertrieb. Die ersten Köche Frankreichs trugen die Schätze ihres Wissens in fremde Lande, und entblödeten sich nicht, ihre Kunst zu verunreinigen durch Huldigungen deS rohen Geschmacks der Barbaren, zu denen ihr hartes Geschick sie verwiesen! Nur ich blieb, dem großen Beispiele meiner Ahnen folgend, der reinen Lehre treu — und heute — da mir der schwererrungene Lorbeer grünen ich als Ersten meines Gleichen anerkannt werden sollte — sehe ich mich beschimpft, beschimpft vor den Augen von halb Europa! Denn sitzen nicht oben an der Tafel der Gesandte von Spanien, England, Rußland und Schweden, und sind Zeugen der unvertilgbaren Schmach! Was werden die Dänen dazu sagen? Und die Schweden?! Und ich sollte es überle« 12 den?! Nein! Nein! — Mein Urgroßvater hat mir den Weg bezeichnet, der mir allein noch übrigbleibt — Ich höre seine Stimme — ich sehe seine Hand, die mir winkt — sdru Hut abnehmend und mit hohler Stimme) Datei, mein Urgroßvater! was willst Du mir? Rufst Du mich? Werdet nicht ungeduldig, Ihr Schatten meiner Ahnen, die Ihr aus euren Gräbern aufsteigt, mich zu mahnen an meinePflicht— Ich folgeEuch. (Zieht de» Degen — küßt ihn, wischt ihn mit dem Tuche sorgfältig ab, problrt seine Spitze an dem Finger, und zuckt). Achtzehnte Scene. Datei, Laridon. Lar. (herriostürzend). O Ehre, Herr Küchenmeister — Ehre über Ehre! Datel (düster). Ehre? mir? Lar. Die hohen Herrschaften sind alle entzückt über daS zuletzt aufgetragene Ge. richt. daS vorGe.Ercellenz hingcsetzt wurde. Datel (erstaunt). Ueber — daS letzte? Lar. ES hat allgemeinen Veifall erhalten. Ein Lord hat dreimal davon genommen. Datel. Dreimal? O nobler Lord! Lar. Und hundertmal detheuert, das sei der echte Pudding ü I» Otüpolat», Ihre Geschicklichkeit preisend und Ihren Ruhm laut verkündend! Datel. Meinen — meinen Ruhm? — Wie ist mir denn? — Noch kann ich mein Verdienst nicht recht fassen — wie unbegreiflich doch manchmal der Ruhm ist! Neunzehnte Scene. Vorige. ELsar, Regine. Eesar(p,«t,ine tm Eintreten ). Kommnnr, komm, ich habe dieEaffervll« hier auf dem Ofen stehen lassen — wa- zum Henker! sie ist leer — Reg. Leer? Datel (für sich) Auch daS noch! (Leise z» Lesar) Schweig' still, um GotteSwillen! D« sollst Alles erfahren. Cesar. Aber — Datel. Schweig, sage ich. Willst Du deinen Vater entehren, der schon mit einem Fuße im Grabe stand? Eesar. Da sei Gott für! Aber — Zwanzigste Scene. Vorige. Hasenbein. Has. (mit einem silbernen Teller, worauf ei« Lorberrzweig liegt, zu Batrl). Theurer Freund, ich eile Sie zu beruhigen. Nur Ihre übertriebene Bescheidenheit konnte den glückli chen Erfolg bezweifeln. Se. Ercellcnz sind entzückt, sie lösten eigenhändig diesen Lor- beerzweig von einem westphälischen Schin ken und befahlen mir. Ihnen selben als wohlverdiente Anerkennung Ihres großen Verdienstes zu bringen. Datel (sich tief verbeugend). Diese Ehre — Has. Der Herr Graf von Nordheim wollten Sic mit einem Gehalte von 2VOOfl sogleich in seine Dienste und mit sich narb Copenhagcn nehmen, doch Se. Ercellen; protcstirtcn feierlich dagegen — Datel. O, Se. Ercellenz wissen meine Verdienste zu schätzen. Has. Und als der Herr Graf hörte, daß Ihr Sohn auch ein geschickter Koch sei, beschloß er, diesen mit sich zu nehmen. Datel. Wär' cS möglich?— Nun, Et sar, was sagst Du dazu? Eesar. Ich bin'S schon zusrieden — (aach Regiae« schielend) — wenn nämlich^ Has. Doch besteht der Herr Graf daraus, daß Sie. Herr Küchenmeister, morgen bei ihm einen ähnlichen Pudding » I» Oln» pviutu machen. Datel (verleg,»). Wer? ich — Reg. DaS war also — Eesar (zu Batet). Und Sie sagten uns nicht — 13 Datel (leise). Still, mein Sohn, jetzt ist keine Zeit zu Erklärungen. Cesar (leise). 3m Gegentheil, gerade jetzt ist die rechte Zeit dazu. Wenn Regine nicht meine Frau wird, so behält sie ihr Necept und dann: Adieu Ruhm und Ehre! Datei (leise) Schweig und laste deinen Vater gewähren. (Laut.) Talente macken eine niedere Abstammung vergessen — Verdienste heben Dorurtheile — Rcgine, meine Tochter, komm' zu mir. Reg. (freudig t» ihm). Wäre es möglich, Herr Küchenmeister — Sie willigen ein!? Datel (leise). Vorher sage mir, waS hast Du zu deinem Pudding genommen? Reg. (leise). 3e nun — Maccaroni — durchgeschlagene Kastanien — Datei (schnell einsallrnd) Richtig! — da- ist der Uebergang — da- Bindung-' mittel, da- mir fehlte! Nun ist da- große Geheimntß in meiner Hand! — (Setzt sich de» Lorbeerkraul schnell aus dak Haupt; laut). Nimm sie hin, mein Sohn, sie ist würdig, in unsere berühmte Familie einzutreten, denn sie dringt eine schöne Aussteuer mit. Etnundzwanzlgstee Austritt. Vorige. Köche und Küchenjungen. Datel (zu den tzintretenden). Meine Herren — ich stelle Ihnen hier den Küchenmeister de- Grafen von Nordheim vor. (Alles verneigt sich; zu Lesar.) Und Du, mein Sohn, mache Dich de- hohen Berufe- würdig, zu dem Du erlesen bist; Du gehest in ein Land, dessen Küche noch wenig culti- virt ist — säe au- auf dem fremden Boden den Samen der reinen Lehre, auf daß er schöne Früchte trage auch unterm fremden Klima. Wandle festen Schritte- zwischen dem zu viel und dem zu wenig Gebratenen — sei weise im Gebrauche der Gewürze und lasse Dich ja nicht hinreißen zu der Raserei de- übermäßigen Pfeffern-. — Vergiß nie, au- welchem Blute Du entsprossen bist — und in welche Lage Du >auch gcrathen mögest, so gedenke stet- de- I glorreichen Tode- deine- Urgroßvater- und I de- tadellosen Leben- deine- Vater-. I Der Vorhang fällt. Ende. Au» dem Theater-Berlage der Wallishausserichen Buchhandlung (Joses Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1- Emerike, oder» die Zurechtweisung. Korn. Oper in 2 A. Nach einem Vaudeville von Sonnleithner. 35 kr. 7'/, Sar. Emmy Teel». Drama in 3 A., s. Castelli Sträußchen. 9. Jahrgang. (Vergriffen.) Engländerin, die. Lustspiel m 1 A., s. Weiffen- thuru Schauspiele. 11. Band. Entdeckung, die «nvermuthete. Original-Lustsp. in 5 A. von F. L. Huber. 1795. 40 kr. 8 Sar. Entführung, die, aus dem Serail. Singspiel ln 3 A Nach Brrtzner. Musik v. Mozart. Dritte Auflage. 8. 35 kr. 7'/, Sgr. Entführung, die. Lustspiel in 3 A. von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr. Entführung, die, der Prinzessin Europa, oder so geht e» im Olymp zu. Mythologische Earicatur in Knittelreimen mit Gesang in 2 A von Mei-l. 40 kr 8 Sgr. Entziffern»«, die. Komische Oper in 2 A. Rach dem Italien, frei bearbeitet. 1806. 35 kr. 7'/, Sgr. Er bezahlt Alle. Lustspiel iu 1 A.» s. Koch dramatische Beiträge. Er comuvomittirt seine Fra«. Lustspiel in 1 A. Nacp dem Franz, v. Moreno. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 74 ) 35 kr 7'/, Sgr Gr darf nicht fort. Schwank in 1 A., s Baum Beiträge. Er ist et« Narr. Posse in 1 A, von Mailänder. (Wiener Th.-Rrp Nr. 100.) . 30 kr. 6 Sar Er kan» nicht lesen. Posse in 1 A. von M A. Grandiean.(Wiener Theater-Repertoire Nr.88.) 35 kr. 7'/, Sar Er mengt sich in Alle». Lustspiel, frei nach Mistr Centlive von Jünger. 1803. 50 kr. 10 Sgr Er will nicht sterbe». Dramatischer Scherz in 1 A, von C F Ttir (Wiener Theater-Repertoire Nr. 106.) 35 kr 7V, Sgr Erbe«, die. Lustspiel in 1 A. von I. F. v. Weissen- thurn. Gr. 8. 1833. 1 fl. 20 Sgr. Erbprinz, der, oder da» Gehetmntß. Schauspiel in 4 A. von Ziegler. 1801. 8. 50 kr. 10 Sgr Erbschaft, die. Lustspiel in 1 A. 1796. 25 kr. 5 Sgr Erbtheil de» Dater». Schauspiel in 4 A. vor Jffland. 1802. 40 kr. 8 Sgr Erbvertrag, der. Dramatische Dichtung in 2 Abtheilungen. Nach einer Erzählung de- C F. A Hoffman». Von W. Vogel. 1828. Gr. 8. 80 kr. 16 Sgr. brevl« in l^ bin, Ornmmn lAugien in flu« ^tti. 1803. 25 Icr. 5 8xr. Eremit, der, auf Formentera. Schauspiel mit Gesang in 2 A. v Kotzebue. 1810. 50 kr. 10 Sgr. Eremit, der, au» den Ardennen. Schauspiel in 5 Aufzügen, s. Buzzi dramatischer Nachlaß. Erinnerung. 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Etwa» Kleine». Charakterbild mit Gesang in 3 A von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Reper-! tvir« Nr. 69.) 60 kr. 12 Sgr. Eulenspiegel, der. Alleg. Schauspiel aus dem neunzehnten Jahrhundert, von Weidmann. 1781 , 35 kr. 7'/ Sgr. Eulenspiegel, oder Schabernack über Schaber- l nack. Posse mit Gesang in 4 A. v. I. Nestroy ZweiteAuflage. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 32.) 50 kr. 10 Sgr. Eulenspiegel al» Schnipfer. Posse in 1 A., von Anton Bittner. (Wiener Theater-Repertoire . Nr. 66.) 30 kr. 6 Sgr Euphrosiue. Oper in 3 A. Nach dem Franz. 1806 35 kr. 7'/, Sgr.., Euryanthe. Große romantische Oper iu 3 A. von k H. v. Cbezy. Musik von C. M. v. Weber. 8. Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Fadinger Stephan» oder der Bauernkrieg. Originaldrama in 5 A. von Weidmann. 1781. 35 kr. 7'/, Sgr. Fähnrich,der. Lustsp. v. Schröder. 8. 60 kr. 12 Sgr. Fall» ein seltener, oder die Mutter, die Vertraute ihrer Tochter. Lustspiel in 3 A von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr Familie, die amerikanische. 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Trauerspiel v. Göthr, gr. 12. Wiener Ong. Auflage. 1823. Armbrustrr. Velinp. 1 fl- 2V -8 Fanst. Große romantische Oper in 3 A. von 3 E. Dernard. 1813. 50 kr. 10 Tgr. Faust - Doctor HauSkäppche« od. die Herberge im Walde. Posse mit Gesang in 3 A. von Friedrich Hopp 1843. 75 kr. 15. Sgr. Faust's Mantel. Zauberspiel mit Gesang in 2 Ä. von A. Bäuerle. 8. Wien 1820. 30 kr. k Sgr. Faustt« I,, Kaiser von Hayti. Posse in 4 A, mit einem Vorspiele Die Europamüden» s.. Feldmann Lustspiele. 5. Band. Faustrecht, daS, in Thüringen. Schauspiel mit Gesang nach HaSper a Spada, für die Bühne bearbeitet von Hensler. Musik von Kauer. 3 Theile. 1707. 1 fi. 20 kr. 24 Sgr. Februar, der vierundzwanzigste. S- Werner. 6. Dd. keckerica kck ,4ckolko. Drain, seria m clus Ftti, 1812. 35 lcr. 7'/^ Lt;r. Fehltritt, eln. Schauspiel in 2 A., s. Castelli Sträußchen. 17. Jahrgang. (Vergriffen.) Feindin» eine, und ein Freund. Posse mit Ges. in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 87.) 60 kr. 12 Sgr Feldmanü, Ludw. Deutsche Original-Lustspiele 1 bis 8. Band 8. Wien. 1845—1853. Preis eines Baude» 3 fl. 2 Thr. Inhalt: s. 1845. Der Sohn auf Reifen. Original-Lustspiel in 2 A. — Die Kirschen. Orig.-Lustsp. in 1 A. — Das Porträt der Geliebten. Orig.-Lustsp. in 3 A — Die freie Wahl. Orig.-Lustsp. in 1 A. — Die schöne Athenienscrin. Orig.-Lustsp. in 4 A. II. 1847. Der Pascha und sein Sohn. Orig.- Lustsp. in 5A —Ein FreundschaftSbündmß. O«g.-Lustsp. in 4 A. — Ursprung de« Korb- gebenS. Dramatische Kleinig'eit nach einer Anrcdotc in 1 A — Eine unglückliche Pby- fiognomie. Orig.-Lustsp. in 3 A. Drei Candidaten Orig.-Lustsp in 3 A. lll 1848. Ein höflicher Mann. Orig »Lustsp. in 3 A. — Der dreißigste November. Orig.- Lustsp. in 1 A. — Ein Mädchen vom Theater. Orig -Lustsp in 4 A. — Baron Beisele und sein Hofmeister Doetor Eisrle in München. Localposse mit Gesang in 3 A. Der Lebensretter. Originalposse mit Gesang in 3 A I V. 1840. Der RechnnngSrath und seine Töchter. Orig.-Lustsp in 3 Ä. — Der deutsche Michel, oder Familien-Unruhen Zeitbild in 52» —' Kern und Schale. Orig »Lustsp. in 3 A. Ahnenstolz in der Klemme. Schwank in 1 A — Bekenntnisse eine» Brautpaares. Zweigespräch in freien Versen zur Decla» mation -- Da» NarrenbauS Fastnacht»« poffe in 2 A V. 1851 Fürstin I, Kaiser von Havti Origi- nalposse in 4 A., mit einem Vorspiele: Die Europamüden, von Feldmann und Bertram Ein alte» Herz. Lustspiel in 3 A --- Die beiden Eapellmeister. On'g.-Lustsv in 2 A.— DaS Gastmakl zu Lurenhain. Dramatischer Scherz in 1 2l — Der neue Robinson, oder . Da» goldene Deutschland. Orig » Earnevalsposse mit Gesang in 2 A, von Feldmann und Bertram VI 1852. Dir beide» Faßbinder, oder: Refle- rionen und Aufmerksamkeiten. Poffe in 3 A. mit Gesang, Tänzen, Einzügen und Spektakeln. — Die Schicksalsbruder. Lustspiel iq 4 A. —7 Die Industrie-Ausstellung, oder: Reiseabenteuer in London. Gelegenheit«, Posse in 3 A. mit Gesang und Tanz in 3 A — List und Dummheit. Poffe mit Gesang und Tanz in 3 A. Feldtrompeter, der, oder: Wurst wider Wurst. Poffe in 1 A. v. HenSler. 1798. 8. 40 kr. 8 Sgr. - 7 - Dasselbe als Singspiel von Perinet. 20 kr. 4 Sgr. Fenster, das zugemauerte. Lustspiel von A ». Kotzebue. ß. 25 kr. 5 Sgr. Fcuster, das zugemanerte. Komische Operette kn 1 A. Nach A. v. Kotzebue. 1811. 25 kr. y Sstr. Ferdinand Ratmund, s. Raimund. Aerrandino. 1. Theil, Fortsetzung des Rinaldini. Schausp. in 3 A. v. Hensler. 1800. 40 kr 8 Sgr. — 7—2. Theil. Schausp. in 4 A. v Hensler. 1801. (Vergriffen.) 40 kr. 8 Sgr. — —3. Theil. Schausp. rn 4 A v. Hensler. 1801. 40 kr. 8 Sgr. Festung, die, an der Elbe. Oper in 3 A Nach dein Frauz. frei bearbeitet von Castelli. Musik vou Fischer. 1806. 25 kr. 5 Sgr. Feuer und Wasser, oder die Haarlocke. Operette iu 1 A. Nach dem Franz, von Seyfried 8 1803. 25 kr. 5 Feuerlärm, der, oder AlleS geht nach Wunsch. Lustspiel in 1 A. 1703. 35 kr. 7'/, Sgr Fiakerin, die schöne. Localer Schwank mit Gesang und Tanz in 3 A. Nach einer älteren Kring- steiner'schrn Poffe frei bearbeitet v.A. E. NaSke. (Wien. Thrat.-Rrpert. Nr. 37.) (40 kr. 8 Sgr.) Ftdelio. Oper in 2 A. Frei nach dem Franz. Musik v. L. van Beethoven. Neu« Auflage. 35 kr. 7'/. Sgr. Ftesko, der Salamikrämer. Musikalische» Ouod- libet in 2 A. Bearbeitet von Gleich. 8. 1813. 'ßl. von 40 kr. L ^ Figaro in Deutschland. Lustspiel iu 5 A Jfflaud. 1809. 40 kr. 8 S-r Figaro'K Hochzeit, oder der tolle Lag. Lustspiel 5 A von Jünger. 40 kr. 8 Sgr Findelkind, daS. Lustsp. i« 5 A. 1807. 50 kr. 10 Sgr. Findelkind, rin.Cbarakterb m Ges in 1 A. v Earl Elmar. (Wr. Thrat.-Rep.Nr. 177.) 30kr.6Sgr. Fitzltputzli, oder die Teufelchen der Ehe. Kom Operette iu 1 A. von Carl Juin (Giuano). 8. 1865. 35 kr. 7'/, Sgr Fläschchen, da», Kölnerwaffer, oder Denkschrift eines Hußarenoffiziers. Lustspiel in 1 A, s Castelli Sträußchen 8. Jahrgang. Fledermaus, die. Lustspiel in 1 A. Nach Langbein'» Feierabende» bearbeitet von HrnSlrr. 1802. 25 kr. 5 Sgr Fleischhauer, der schöne. Lustspiel in 1 A„ nach dem Franz, von Aler Bergen. (Wr. Theater- Repertoire Nr. 145.) 35 kr. 7'/, Sgr. Florentiner Ltrohhut, ein, oder Fatalitäten an dem BerlobungStage. Puffe mit Gelang in 3 A. von Carl Juiu und L. Flerr. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 35,) 40 kr. 8 Sgr. Flucht, die» aus Liebe. Lustspiel in 5 A. von Jünger. 8. 1805. 40 kr. 8. Sgr. Flüchtig in der Heimat. Eharaklerbild mit Gesang in 3 A von Friedrich Kaisex. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 188.) 60 kr. 12 Sgr Folgen einer Mißheirat. Gcmäl»e au« dem Leben in 4 A, s. Castelli Sträußchen. 20. Jahrgang. Voller, die, «der der menschliche Richter. Drama vou Weidmann. 8. Wien. 1773. 25 Ir. 5 Gar. Franctsca »o« Fotr. Heroisch-komische Oper in 3 A. nach einer frauz. Idee frei bearbeitet von I F. Castelli. 35 kr. 7V, Ggr. Ara« Wtrthl«, die. Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 87.) 6V kr. 12 Sar. Trau, die, zweier Männer. Schauspiel in 3 A. Nach dem Franz, frei bearbertet von Schulz. 8. 1803. 40 kr. 8 Sgr. Nranen-Emanctpatto». Lustspiel in 3 A. vou Dr. W. Marchland. 8. Geh. 1840. 80 kr. 16 Sgr. Trauenstand. Lustspiel in 5 A. vou Jffland. 8. 1800 50 kr. 10 Sgr. Träulet» Bruder, mein. Lustspiel in 1 A. von Aler. Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 82.) 30 kr 6 Sgr. Treihett in Krähwinkel. Posse mit Gesang in 2 Abteilungen und 3 A. von Joh. Nrstroy. Mit 3 Bildern 8. 1849. 1 fl. 20 kr. 24 Sgr. Tretschutz, der. Romantische Oper in 4 Aufzügen von Friedrich Kind. Musik vou Carl Maria Weber. (Neue Auflage.) 35 kr. 7'/, Ggr Uremd«, der. Lustspiel in 5 A. von Jffland. 8. 1301. 80 kr. 16 Ggr. Fremde, die. Schauspiel iu 3 A.» s. Weiffenthurn Schauspiele, 15. Band. Freudenfest, da», einer Dorfgemeinde in Hun- gar«. Ländliche« Gemälde in 1 A. 1800. 35 kr. 7', Sgr. Freund, der, und die Krone. Rvmant. Schauspiel in 4 A. v. Lrmbert. Zweite Auflage. (Wien. Theat.-Reprrt. Nr. 8.) 35 kr. 7'/, Sgr. Freunde, die. Original-Schauspiel in 4 A. von Ziegler. 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr. Frennde, zwei, und ein Rock. Posse in 1 A., s Castelli Sträußchen, 12. Jahrgang. Frenndschaft und Argwohn. Lustspiel in 5 A. von Jünger. 1804. 40 kr. 8 Sgr. FrenndschaftbündutA, «in. Lustspiel in 4 A, s. Frldmann Lustspiele. 2. Band. Freundschaftsdienste. Lustspiel in 1 A von Carl Juin (Guigno) (Wiener Theater-Repertoire Nr. 115.) 35 kr. 7'/, Ggr. Fridolin. Schauspiel in 5 A von Franz v. Hol- beiu 1808. (Vergriffen.) 50 kr. 10 Ggr. Friede, der, am Pruth. Al« zweiter Theil dr« Mädchen« vou Marienburg. Schauspiel in 5 A. 8. 1804. 50 kr 10 Sgr. Frink «nd Eompaanie. Charakterbild mit Gesang in 3 A. von A Darry. Musik von Adolf Müller. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 56.) 60 kr. 12 Sgr. Fritz, der lustige, oder: schlafe, träume, stehe auf, kleide dich an und bessere dich. Märchen neuerer Zeit in 2 A von Mei-l 1818. 40 kr. 8 Ggr. Frühstück, da». Burschenstretch in 1 A 1807. 8 20 kr 4 Ggr. Fuchs, ein. Posse mit Gesang in 3 Aufzügen, von Carl Juin (Wiener Theater-Repertoire Nr 73.) 60 kr. 12 Ggr. Fünf sind zwei, oder Domestikenstreiche. Lustspiel in 1A., s. Castelli Sträußchen, 10. Jahrgang. (Vergriffen.) Fürst, ei«. Charakterbild mit Gesang ln 3 A von Fr Kaiser. 8. 1850. 75 kr 15 Sgr. (Diese« Verzeichnt Fürsten, die, der Langobarden. Original-Schauspiel mit Gesang m 3 A von Gleich. 1808.8. 40 kr. 8 Sgr. FürstengröAe« Daterl. Schauspiel in 5 A. von Ziegler. 1804. 8. 50 kr. 10 Sar Fürstenrach«, die. Original-Schauspiel in 5 A 1803. 50 kr. 10 Ggr Gabriele. Drama in 3 A. Nach der »Valerie« der Herren Gcribe und Mele«ville. Von I. F Castelli. Zweite Auflage. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 164) 35 kr. 7'/. Sgr Gallerte-Gemälde, da». Schauspiel in 5 A. von Hen-ler. 1803. 35 kr. 7'/, Ggr. Galottt, Emilie. Trauerspiel in 5 A. von Lesfing. 8. 40 kr 8 Ggr. Gang in'» Jrrenba«», der. Lustspiel in 1 A, nach dem Franz, v. Herzen-kron. Zweite Auflage. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 10.) 35 kr. 7'/, Ggr. Garcick tu Bristol. Lustspiel in 4 A. von Dein- hardstein. 8. geh. 1834. 1 fl. 20 Sgr Gardinenpredigt. Posse in 1 A. Deutsch von Aler. Bergen. (Wiener Theater - Repertoire Nr. 189.) 35 kr. 7'/, Ggr Gasthof, der portugiesische. Komische« Singspiel in 1 A. Au« dem Franz, von Treitschke. 30 kr. 6 Sgr Gastfreund, der. Trauerspiel in 1 Aust, von Franz Grillparzer, s. dessen goldene« Vließ. Gastmal, da», zu Lurenhai«. Dramatischer Scherz in 1 A., s. Feldmann Lustspiele. 5. Band. Geächteten, die. Schauspiel in 4 A. von Weidmann 1826 80 kr. 12 Sar. Gedicht, da», oder die junge Schweizerin. Lustsp in 2 A von I. D Falk. 1800. 25 kr. 5 Sgr. Gefahr, die. Dramatische Situation von Chrim- frld. 13 kr. 2'/, Ggr. Gefangene, der. Lustspiel in 1 A. von Kotzebue 8 1801. 25 kr. 5 Ggr. Geflüchteten, die. Schauspiel in 1 A. von Jffland 35 kr. 7'/. Sgr. GeheimntA, da» öffentliche. Lustspiel in 5 A nach Gozzi von Götter. 8. 1792. 40 kr. 8 Ggr. Geisterseher, der. Neu nach Schiller, al« Schauspiel in 5 A. mit Chiren, von Perinrt. 1810.8. 40 kr. 8 Sgr. Geizige, der. Lustspiel in 5 A. Nach Moliüre sur die deutsche Buhne von H. Zschokke. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Geldfrage, die. Lustspiel in 5 A., v. Aler. Duma- Sohn, deutsch von P. I. Reinhard. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 42.) 60 kr. 12 Ggr Gelehrter» ein junger. Lustspiel in 1 A, nach dem Englischen v. Alrrander Bergen (Wiener Theater-Repertoire dir. 66.) 30 kr. 6 Sgr Gelübde, die. Lustspiel in 2 A. vou Th. Heu 1806. 35 kr. 7V. Sgr. General, der. Lustspiel io 3 A., s. Castelli Sträußchen, 19. Jahrgang. (Vergriffen.) Generalprobe, die. Vorspiel v. Schtldbach. 1804 25 kr. 5 Sgr. Geniestreiche, die. Posse in 4 A . 1802. 35 kr. 7'/, Sgr Geniren sie sich nicht. Original-Lustspiel in 1 dl von Holbein. 12. 1826 35 kr. 7'/, Sgr Georgi. Posse in 1 A. von L. Juliu«. (Wiener Theater-Repertoire Nr 16.) 35 kr. 7'/, Sgr. ß wird fortgesetzt.) Druck und Papier von Leopold Somme, in Wir». Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt und nur zu beziehen durch ^ den Verfasser. Chorist und MletmA-el. Postr mit Gesang in einem Acte. Don Alois Berla. In tzürst'S Singspielhalle in Wien mehr als dreißig Male gegeben. ^ Personen: Madame Veigerl, Zimmervermietherin. Juliu- Plärrer, Chorist vei der Oper. Rosi Flott, Balleimädchen. Tini, t ^di' 1 Balletmädchen. Fanny, ^ Simpl icin- Greif, Executor de- WechselgerichtS. (Zimmer der Madame Veigerl, bürgerlich eingerichtet. Links eine Thür, welche in dir Kammer der Rofi führt, recht- eine Thür, welche zu Plärrer- babinet führt.) Erste Scene. Madame Veigerl (ist beschäftigt da- Zimmer »ufjuräumen. Don recht- her hört man Plärrer sei« Stimme in Oktavengängen üben.) Veigerl. Nein, was der Plärrer für an'» prachtvoll » Sttmmstock hat! Zn der Nr. «». Tiafen, da brüllt er wie a brinnender 8öw' und in der Höchen, da pfeift er ordentlich wie a Locomotiv, wann der Zug abfahrt. Er iS heunt fleißig; da wird die Fräula Rosi, meine zweite Asterpartei, wieder an'n Zorn hab'n; die kan'S net aussteh'n, wann der Plärrer in aller Früh sein' Stimm' politirt! Aha, da iS's schon! Zweite Scene. Vorige. Rosi Flott (in einem etwas ballet- artigen Nkgligö, kommt von links und fingt höchst aufgeregt). Nein, eS ist nicht zu ertragen, Früh am Morg'n die Gurglerei! Nimmt'- ka End', so geh' ich klagen, Meiner Seel', auf d' Polizei. Dieser Plärrer, er muß glaub'n: Mit dem schrecklichen Gebrüll Dürft er Ein'm den Morg'nschlaf rauben Aber mir wird S jetzt zu viel! Madame Veigerl, daS sag' ich Ihnen jetzt ein- für allemal, wenn der Herr Plärrer seine entsetzlichen Gesangsübungcn und zwar in aller Früh, wo das Schlafen g'rad am besten schmeckt, net aufgibt, so zieh' ich aus! Mad. Neig. Aber liebe Rosi, Sic sein doch sonst a so a g'scheidte Person, ja, ja, man könnt' sag'n, a g'fingelte — Rosi. Ohne Eomplimente, wann ich bitten darf! Mad. Deig. Schaun's, seh'ns denn net ein, daß ich dem Herrn Plärrer g'rad so wenig seine Erercitien verbieten darf, als ich Ihnen sagen dürft', Sie soll'n sich in Ihrer Kammer net auf die Zehen stcll'n. Rosi. Ich kann mich auf'n Kopf stell'n und 's geht Niemand was an, denn mein Studium stört Niemand in seiner Ruhe! Mad. Veig. Oho, gerade die Tänzerinnen soll'n die Männer oft um ihre Ruhe bringen — Rosi. Kanu sein, aber ich kümmere mich um die Männer nickt mehr. Mad. Veig. Was? Sein Sie also nickt mehr beim Ballet? Rost. Das schon, aber seit mich der erste Mann, dem ich mein Herz schenkte, betrogen hat, seitdem Hab' ich eS aufgeben, mich mit dem Männervelk zu befassen. Mad. Veig. O Fräula Rosi, da sein Sie ganz am Holzweg; g'rad darum, weil Sie betrogen wurden, müssen Sie sich an den Männern rächen und wer hat's denn leichter, als Eine vom Ballet? Die darf nur ihre Augen rollen und ihre Wadcln wurl'n lassen, so wer'n die Männer ganz damisch vor Seligkeit. O, wann ich beim Baller war, Himmel und Erden, die Mannsbilder müßten mir schnebeln — aber so, mit die langa Unterröck. da is'S freilich nir! (Seufzt) Rosi. Lassen wir das! Ich frag' Sie, woll'n Sic mit dem Herrn Plärrer reden, daß er mich mit seiner Siugerei nicht mehr aus dem Schlaf stört? Mad. Deig. Ich — ich Hab' jetzt ka Zeit, muß fort — no, ick werd' schon bei Gelegenheit a Wört'l fallen lassen. Rost. Ich seh' schon, die Alte wird des Hausfriedens wegen dem Plärrer gar nir sagen. Gut also, ich werd' kurzen Prozeß machen und ihm selber meine Meinung sagen. (M.) Dritte Sceue. Vorige. Plärrer (ein junger Mensch in einem HauSboujourl, von rechtS). Lntr leine Kammer ) Rosi. Madam' Veigerl, geh'ns zum Plärrer und halten'- ihn vom Singen ab' Veig. Ja! Sie haben Recht, es könnt — Rosi. Geh'ns dock! — Veig. (ad zu Plärrer). Rosi. Ich werd' den G'ricktsdiener nicht gleich empfangen, sondern früher am schau'n, um zu studieren, waS er für a Geisteskind is, darnach richt' ich mein Benehmen ein! (Ab in ihre Kammer.) 6 Sechste Scene. Greif (rin ältlicher Mann im geeigneten Anzug tritt ein. Backenbart, schwarze Augenbrauen). Lnlrvelied. I war a recht saubcr'S Kind vor fufzig Jahr'n, Mit goldblonde Wuckerln und Aeugerln schön' klar'n, Das Höserl mit Spitzen, das war — no nä — nä — D'rum, bin i wo gangen, san d'Leut blieben stehn; I war a a guat'S Kind, patzwaach war mein G'müth, So daß t glei g'want Hab', hab'ns wo an' eing'führt, Und mit so an'n G'müath, was von Haus aus fatal — Vini jetzta G'richtSdiener — iS das ka Skandal? Jetzt steht man mir'S wohl net mehr an in die Jabr', Daß i amal gar so a herzig'S Kind war; Denn weil meine Stellung mich strenge verpflicht', Daß ich stets erscheinen »maß mit sinster'm G'ficht', Jetzt dann und wann aber, da mirkt man do was, I kann wia a Kind lachen über an'n G'spaß, Aber hört'S der Herr Rath, macht er glei an'n Kravall: »He Gerichtsdiener! (Sr kirrt ja?* Nachher i-'S ein Skandal! Bei alledem glaub' i aber do, daß i zum G'richtSdiener g'bor'n bin, denn schon in meine Buamajahr' Hab' i daS, was i amal d'erwischt Hab', festg'halten und i waaß no wie heunt, daß t a dicke Köchin amal auf der Stiag'n d'erwischt Hab' und gar net mehr Hab' auslaffen woll'n. Mein Vater, der hat mi damals, wia i glaub', zu ana Fensterscheib'n machen woll'n, weil cr g'sagt hat: -.Wart,Kerl, jetzt hau' idi so lang', bis d'Sunn durch di scheint!« Es is ihm der Plan aber net ausg'angen, erst wia i bei ein'« Schuasta in der Lehr' war, da hat'S die Kost g'macht, daß i nach und nach durchsichtig wor'n bin; beim Militär aber Hab' i mi wieder ausg'heilt, ich Hab' so viel Commißbrod in mi einipampft, daß i mir den Spitznamen: der Compagnie- Pampstl erworben Hab', weil ich mich aber auch einer guten Conduit' erfreute, so bin i nach meiner Rückkehr in s Civil als G'richtSdiener ang'stellt wor'n. Jetzt das iS a eigenthümliche Stellung! Ma soll's gar net glauben, wie charmant die Lem' mit mir sein, b'sonderS wann i An'n oder den Ander'n in Schuldenarrest führ'n soll; die nobelsten Herrn haaßcn mich ihren guten Freund', drucken mir d'Hand — ja sie woll'n mir sogar manchmal was in die Hand drucken, das gibt's aber net bei mir — und die feinsten Damen kratzen mir'S Goderl, wann ich ihnen meine Visit' mach', no und thu', was i kann, b'sun- ders wann's an armen Teufel betrifft, der ohne eigenes Verschulden in s Pech g'ra- then is, da red' i oft der Partei so lang zua, bis sie sich erweichen laßt und dem Schuldner a anständige Zahlungsfrist bewilligt. No, jetzt, heut' brauch' ich mich nicht anz'strengen, der Schuldner is a lediger Mensch, is vom Theater, der wird sich net gar so viel kränken und 's nutzet a nir, denn sein Gläubiger, der Schneider will durchaus net mehr warten. Wer'n wir also glei— (ErgehtgegenPlärrer'tThürr.) (In demselben Augenblicke tritt Rost von linkt heraus.) 6 Siebente Scene. Voriger. Rosi. Rosi (schnell). Mein Herr, Sie wünschen? Greif (wendet sich um und sagt). Ein Frauenzimmer. (Grüßt.) Schamer Diener! (Will wieder gegen Plärrers Thür.) Rosi (hält ihn höflich zurück und sagt). Nun, darf ich nicht erfahren, wen Sie hier suchen? Greif. No, wann Sie's durchaus wissen »vollen, ich komm', um den Herrn Plärrer abzuhol'n. Rosi (sich ängstlich zeigend). Mein Gott, Sie sind doch nicht etwan gar —? Greif. Der Gerichtsdiener Simpltcius Greif, so is's! Rosi (ruft). Der G'richtsdiener? (Schreit auf) Ha! (und fällt wie ohnmächtig in Greifs Arme). Greif (erschrocken). No, no, was treiben's denn? Sie — Sie — hörn's net, so kum- men's doch zu Ihnen? Sie is richtig ohn- mächti — auf d'lctzt stirht's mir unter den Händen — wann i nur was riacherts hält' — a Flaschen Kölnerwasser oder an Sligowitz. (Er hält sie mit einem Arm und sucht mit der andern Hand in den Taschen.) Nir Hab' i als den Arrestauftrag — den hab'n schon Manche g'rochen und sein mir abg'fahr'n — i probir's, hilft's net, so schadt's net! (Hält ihr ein Aktenstück unter die Nase.) Sie bewegt sich — ja, so a Dokument wirkt auf die Nerven! Rosi (erhebt sich, fängt zu schluchzen an und will wieder aus ihn Hinfinken). Greif (retirirt). Na — na — bleib'ns steh'n —nur an'nAug'nblick. (Er holt schnell einen Stuhl und setzt ihn hin.) So, jetzt kött- nen's commod z'sammschnappen! Ich mach' dawcil meine Sach' ab. (Er will wieder gegen die Thür.) Rosi (fliegt mit einer Dalletwevdung zwischen ihn und die Thür). Halt, mein Herr, !nur über meine Leiche kommen Sie in das nächste Zimmert Greif. Ah, das ist stark! (Zu Rosi) Meine liabe Frau oder Fräula, i sag's Ihnen, halten's mich net auf, sonst müßt ,ich mich auf d'letzt selber aufhalten — ein » andern Mann is Ihre Bemühung vielleicht recht angenehm, bei mir aber is sie — (sch wichtig). Mißbrauch der Amtsgewalt! Rosi (bittend). Herr Greif, ich will Ihne» g'wiß net länger lästig fallen, aber sperr'nS nur den Plärrer net ein! Greif. Ja was geht's denn Ihnen an, sein Sie vielleicht sein Madel? Rosi. Madel? O, Herr Greif — ich war sein Madel — wie Sie sich so poetisch auszudrücken belieben — jetzt aber Lin ich ihm mehr, ich bin seine Frau! Greif. Was? Sie wär'n die Madam' Plärrer? I Hab' glaubt, Jhna Mann iS ledig? Rosi (seufzend). Vor sieben Monaten war er ledig, seit dieser Zeit aber gehört er mein, und — Greif. Und von heunt' an g'hört « mein, ja, ja, kann Ihnen net helfen, Madam Plärrer, aber trösten's Ihnen, derMann geht Ihnen nicht verloren, i thua'n schon guat aufheb'n! , Rosi (trostlos). Nein — nein — es war' mein Tod! Greif. Ah, bilden's Ihnen so was ml ein, man stirbt net weg'n an'n bisserl Arrest, in jetziger Zeit schon gar net, o conträr, das Einspirr'n is wie a Cur vom Doctor Gollmann; mager kummen's n'cin und wann's außakummen, san's wuzerlfett, wie's Leben schau'nS aus! Rosi. Sie können im Allgemeinen Recht haben, aber wenn Sie meine Lage wüßten! O! (Fängt zu schluchzen an.) Greif. No — wanen's net — i - i — (er sieht sie mitleidig an) kann so waS net sch'n! Rosi. O Sie werden noch mehr sehen, denn wird mein Johann eingesperrt 7 Greif. Er heißt ja Julius! Rosi. Ja richtig, der Schmerz macht mich ganz verwirrt und ich Hab' ja auch Grund dazu. Seh'n Sie, ich war ein arm's Balletmadel, mein Josef aber — Greif. Julius — Rosi. Ja Julius, mein Julius also, ist der Sohn eines — eines — Bankiers! Greif (erstaunt). Was? der Plärrer wär' a Bankierssohn? Er hat ja ka krumpe Nasen? Rosi. Wie ich Ihnen sag', er ist der Sohn eines Bankiers, der ungeheuer reich ist. Greif. Aber wie kann denn a Bankiers- suhn a Chorist sein? Rosi. Aus Liebe zu mir! Er sah mich tanzen, verliebte sich, trug mir seine Hand an, wir heirateten. Da erfahrt auf einmal der Bankier die G'schicht, macht seinem Sohn einen Heidenspektakel, enterbt ihn und verbietet ihm jemals wieder vor die Augen zu kommen. Greis. Schaut's den Bankier an — der muß an dem Tag auf der Bors schlecht speculirt hab'n, weil er gar so schiefrig war. Rosi. Was sollten wir jetzt thun? Geld hatten wir nicht, ebenso wenig die Hoffnung, welches zu bekommen, da wir aber ohne Geld nicht leben konnten, ließ ich mich wieder zum Ballet rngagiren; mein Julius aber wurde Chorist. (Schluchzend.) Nun, Herr Greif, ist das net traurig? Greif. Ja, lustig iS 's grad net, wann man an'n Menschen sieht, der alle Abend dritthalb Stund' lang 's Maul aufreißt und man waß niamals, was er g'sagt hat. Aber trösten's Ihnen, vielleicht is das g'rad guat, wann der Bankierssvhn einkastelt wird, da zahlt nachher der Bankiervater seine Schulden und söhnt sich mit ihm aus. Rosi (wrinrnd). Ach Gott, das is ja g'rad das Entsetzliche. Greif (srhr ergriffen). So wanen's doch net gar a so, Sie wer'n ganz waschelnaß und i kann die ThrLnen ja net auftrückern mit mein'n Tabaktüach'l! (Zieht ein blaue» Schnupftuch hervor und trocknet sich die Augen.) Rosi. Ich muß weinen, denn wissen Sie, was mir bevorsteht? So wie mein Mann eingesperrt wird, löst ihn der Vater nur unter der Bedingung aus, daß er sich von mir scheiden laßt. Greif (sehr erschrocken). Ah geh'ns, hör'n- auf; die Bankiers sein doch sunst net gar so hart gegen 's Ballet. Rosi. O, Sie kennen meinen Schwiegervater net, der haßt die Tänzerinnen, weil ihn eine vor Jahr'n hat aufsitzen lassen. Greif. Er is beim Ballet aufg'seffen? Ja, dann is freili ka Aussöhnung möglich und Sie können schon Recht hab'n, daß der Vater auf Scheidung dringt! Arme Frau, die aus Noth a Balletmadl sein muaß — hab'ns vielleicht a schon Kinder? Rosi. Kinder? (Weiß nicht gleich, wa» fit sagen soll.) Ja — das ist — das heißt — (Sich erinnernd.) Aber Herr Greif, wir sein ja erst seit sieben Monaten verheirat! Greif. Ja so — ich Hab' ganz vergessen — übrigens man muaß an die Zuakunft denken und wissen's was? weil's mir gar so d'erbarmen, so will ich Schritte thuan, daß — Rosi (freudig). Sie lassen den Plärrer laufen? Greif. Das bis jetzt noch net, aber wenn Sie mir Ihr Wort geb'n, daß Jhna Mann net schappirt, daweil ich fort bin, so geh' ich zu sein'm Gläubiger und wcrd' dem Mann so lang in's G'wissen reden, bis er auf a klanweise Ratenzahlung eingeht! Rosi. Mein Wort zum Pfand, Sie edler Mann! (Sie streckt die Arme gegen ihn au» und hebt fich aus einem Fuße io die Höhr.) Greif (der sie wohlgefällig anschaut, für fich). Sie dankt mir auf an'n Fuaß — das soll der Frau Ani auS'n Bürgerstand nachmachen — (Zu Rost.) No, stell'nS Ihnen nur kommod auf alle zwa Füaß, Sie könn« 8 ten mir sunst aus lauter Dankbarkeit in'n Wadelkrampf kriag'n! Rosi. Herr von Greif, Sie sein ein zu guter Mann (fängt wieder zu weinen an) und ich— bin—überzeugt, daß Sie nachJhr'm Tod g'wiß im Himmel drob'n — a Engel wer'n! Greif (sehr gerührt). A Engel? — Ana mit Flügeln? — U mei, das müßt schön sein, vielleicht wir i gar als wirklicher Amtsdiener beim jüngsten G'richt ang'stellt. (Trocknet sich die Augen ) Frau Plärrerin, da hab'ns mein' Hand, für diese himmlische Aussicht auf Avancement soll Ihnen g'hol- fen wer'n! (Hat ihr in größter Aufregung die Hand geschüttelt und eilt durch die Mitte ab.) Achte Scene. Vorige ohne Greif. Gleich daraus Plärrer und Veigerl. Rosi (steht Greif nach und wie er fort ist, bricht fir in ein Gelächter auS). Plärrer (au» der Elke eilend). Fräulein Rost, ich Hab' mit der Frau Veigerl an der Thür g'horcht, Sie find -eine Zauberin. Gchad', daß Sie keine Stimm' hab'n, Sie müßten jetzt gleich mit mir ein Jubelduett singen. Rosi. No seg'ns, Herr Nachbar, wann a Tänzerin auch ka Künstlerin is, wie Sie behaupten, so kann sie doch die Menschen zum Weinen bringen. Deig. Und wia hat der Greif g'weint, ich Hab' rein g'glaubt, eS stoßt ihm'- Herz ab. Plärrer (fingt). »Laßt sie fließen die Thräncn der Wonne, sie gewähren unendliche Lust!« (Spricht.) Jetzt will ich aber gleich schauen, daß ich fortkomm'! Rosi. Was? Fort woü'nS? Das geht net, der brave Mann rechnet darauf, daß ich Sie zurückhalt', bis er wieder kommt! Plärrer. Ah bah, dieser Gefahr setz' ich mich nicht auS! Schnell meinen Hut, mein Frack und dann (fingt) »Fort — fort — zum Kampf!« (Eilt in seine Kammer ab) Rosi. Frau Veigerl, hab'nS g'hört, er will fort, mich blamir'n, das darf nrt g'scheg'n! Deig. Ja, ich kann ihn net z'ruckhaltcn, ich bin überhaupt net gern z'ruckhaltend! Rosi. Und ich allein bin's auch net im Stand, was thu' ich denn nur? Neunte Seene. Vorige. (Man hört von außen Mädchenstimmen lachen.) Deig. Wer kommt denn? (Ttni, Mali, Sidi und Fanny kommen hereiv durch die Mitte ) ««sang. Aber, Rost, no, was is'S denn? Laßt beim Stellwag'n d'runt uns fteh'n, Hab'n wir'S gestern doch verabred't, Auf die Bieglerhütten z'geh'n! Während wir uns n'umerpaffen, Kummen her im schnellsten Lauf, Is'S im Neglige, im tiefsten — Ah, da hört sich Alles auf! Rosi. Ah, meine Kolleginnen! Kinder, das iS g'scheidt, daß's da seid'-! Hört'S mich jetzt nur g'schwind an. Ich Hab' auf unsere Landpartie nach der Bieglerhütten ganz vergessen, weil ich z'Haus was Wich- tig'S zu thun g'habt Hab'. Alle. WaS Wichtig'-? Rosi. Ja, der Chorist Plärrer hätt' soll'n eing'sperrt wer'n und ich Hab' mich für ihn verwendet, Hab' durch meine persönliche Liebenswürdigkeit beim G'richt-- diener intervenirt! Alle (durcheinandrr lachend). Persönliche Liebenswürdigkeit — ui je! s Rosi. No — no — ich weiß schon,! daß Jede von Euch ein Ausbund von! Schönheit is — jetzt werdt's mir dann! Etlfte Sceire. doch erlauben, liebenswürdig z'sein? Alle (lachend). No ja, freili, gar ka Vorige. Greif(tritt durch die Mitte ein und Frag'! bleibt horchend stehen). Rosi. Dank' Euch. Doch um wieder auf den G'richtsdiener z'kommcn, er is fort, um mit dem Plärrer sein'n Gläubiger zu reden, und ich Hab' ihm mein Wort geben müssen, daß der Plärrer während der Zeit net ab fahrt — der Plärrer will aber abfahr'n — darum, Cameradinnen, steht's mir bei, den Plärrer aufzuhalten, denn mein Wort darf nicht gebrochen wrrd'n! Die Mädchen. Das versteht sich — wir helfen — der Plärrer muß dableib'n! Rosi. Da kummt er — schließt eine Kolonne und laßt'S ihn nicht durch! (Die Mädchen geben fich die Hände und rufen:) ^ plaos! Deig. Ich hilf auch mit! (Schließt fich an.) Zehnte Scene. Vorige. Plärrer (vollständig zum Fortgehen angekleidet, den Hut auf dem Kopf, kommt trällernd auS der Seit?. Wie er die Mädchen fleht, ruft er bestürzt). Plärrer. Was ist das? Rosi. Das ist eine Eolonne ähnlich der napoleonischcn Granitcolonne in der Schlacht bei Waterloo und ganz so wie der Kommandant derselben ruf' ich Ihnen zu: Die alte Garde stirbt, aber fie ergibt sich nicht! Halt's, Madeln, vom ersten Regiment Corps de Ballet? Die Mädchen. Ja! So iS's! Rosi. Herr Plärrer, nehmen's Vernunft an. Ich Hab' mich für Sie bei dem Herrn Greif verwendet, er hat mir versprochen, Sie zu retten, wann er aber z'ruckkommt und Sie net mehr findet, muß er ja bös wer'n! Plärter. Hol' der Teurel den alten Narr'n, der sich von Ihnen hat foppen lassen; ich will frei sein und wann das ganze Ballctcorps sich mir entgegenstellt, ich durchbreche dieseEolonne und— (Er will durch.) (In dem Augenblicke tritt Greif vor und ruft ) Halt! Rosi. Der Greif! Er hat Alles g'hört! Plärrer. Sakerlot! Veigerl. Z'spät! Die Mädchen. Ni je! (Kurze Pause ) Greif (mustert die Anwesenden, dann schaut er grimmig aus Rost, die die Augen niederschlägt). No, Madam' Plärrerin, Dero weither Herr Gemal sagt Fräula Rosi zu Ihnen und red't per Sie — san also wahrscheinlich schon g'schied'n wor'n, seit dem ich net da war? Rosi (verlegen). Herr Greif — ich — . Greif. Stad sein, ich Hab' g'hört, wie der junge Herr g'sagt hat — der Teurel soll den alten Narr'n hol'n, der sich von Ihnen hat foppen lassen, und daS ist deutlich gnua. Herr Plärrer, wie Sie scg'n, hat der Teurel den alten Narr'n net g'holt, aber i hol' Ihnen! (Er legt dir Hand auf Plärrer. Verdammt — Sie lassen mich nicht durch! Was fang' ich denn Ntzt an? Plärrer- Schultern.) Plärrer (duckt fich und läuft zu den Mädchen). Kinder, rettet mich! Greif (thm nachlaufrud). Döst hergehst! Die Mädchen (schließen mit der Veigerl -1«» Kreis um Plärrer). Greif. Ah, da schaut's dös Manöver an! DaS ist Widerspenstigkeit gegen ein löbliches Handelsgericht, da steht zwanzig Jahr' Herker d'ranf nach Paragraph 9999! R osi. Herr Greif — edler Mann — Greif. Nir da — i bin ka edler Mann, i bin Erecutor! Rosi. Derzeih'ns, daßi auSCollegialität für ein Theatcrmitglied versucht Hab', Ihr Herz zu rühr'n! Greif. Das iS falsche Vorspiegelung eines nicht vorhandenen ThatbestandeS nach Paragraph 7894. Rosi. I hab'S ja net bös g'meint und — Greif. Gesetzwidrige Handlungen, auch ohne böse Absicht, sein straffällig nach Paragraph 54.868. Rosi (fast «einend). Aber Sie hab'n mir doch versprochen, sich beim Gläubiger des Herrn Plärrer zu verwenden! Greif. DaS ist auch g'scheh'n und der Gläubiger hat sich auf eine wöchentliche Ratenzahlung von zwei Gulden Oest. W. eing'laffen! Plärrer. Zwei Gulden, o Seligkeit! Rosi. Und dieses schöne Werk, waS Ihnen den Dank des Herrn Plärrer für die ganze Lebenszeit erwirbt, woll'n Sie jetzt selber zerstören? Greif. Ja — denn ich Hab'S net für den leichtsinnigen Menschen than, sondern für die Frau und die zukünftigen Kinder! Da er aber ka Frau hat und keine Kinder kriegt, vrxo wird er von Rechtswegen einkastelt! Her da mit ihm! (Die Mädchen nehme« Tänzerstellungen an, ebenso Madame Veigerl und rnsen:) Gnave! Greif. Nir da — der Bankirrvater soll zahl'n! Plärrer (weinerlich). Aber i Hab' ja gar kein » Bankiervater, mein Vater ist ein Hausmeister und der lebt net mehr! Greif. Was? Sein Vater is ka Bankier, sondern a todter Hausmasta? (Zornig ) Jetzt frag' ich — wer spirrt denn nachher 'S Thor auf? Alle. Gnade! Greif. Fräula Rosi, daß Sie in Familienangelegenheiten so lüag'n können, das hätt' ich net glaubt. Wenn der Plärrer wenigstens Jhna Liebhaber wär', das wäre ein erschwerender Milderungsgrund, aber bei gänzlichem Mangel an Beweis, da — Plärrer (stürzt vor und wirst sich zu Roß t Küßen). Fräul'n Rosi, ich liebe Sie nnd ich bin bereit, Sie sogar zu heiraten! Rosi (erstaunt). WaS sag'» Sie? Plärrer. Dießmal die Wahrheit, die Madam' Veigerl kann S bezeugen, daß ich Sie schon lang' im Herzen trag'! ^ Dcig. Ja, i leg' Zeugenschaft ab! Greif. DaS iS erst ein Zeug' — das öffentliche Verfahren aber verlangt zwei Zeugen! Stell'nS den zweiten, oder — Rosi. Halt, Herr Greif! Plärrer, is es Ihnen Ernst mit Ihrem Antrag? Plärrer. So wahr, als ich heunt kein hohes 0 herausbring'! Rosi (nach einer Keinen Pause, verschämt» Dann — Herr Greif — iS mein Herz — der — zweite Zeuge! Plärrer (fingt freudig aus »Linda«)- Himmelslust, nur Du allein —* Greif. Halten Sie'S Maul! Fräula Rost, zukünftige Madam' Plärrer, (zieht eine Schrift hervor) da hab'n Sie die Der- gleichsschrist vom Schneider — der Plärrer iS frei und g'hört schon Ihnen! Alle (rufen). Vivat! (Rosi und Plärrer umarmen fich.) Plärrer. Herr Greif, nehmen Sie meinen Dank und zugleich die Einladung zu unsrer Hockzeit! II Greif. Gut, ich werd' mich einfinben, aber das rath' ich Ihnen, machen's kani Schulden mehr, d^nn wann i a nächstes Mal wieder kommen muaß, nachher nimm i net Ihnen mit, sondern Jhna sauber'S Weiderl und laß'S mei Lebtag net mehr auS! (Er umfaßt Rofi.) Plärrer (trennt Beide, faßt Rotz» Hand und fingt:) ^ Nein, nein, meine Rofi, die lieb' ich zu sehr, Und mach' darum auch keine Schulden net mehr; Wir wollen nur singen und tanzen mit- sam', Uns mit jedem Tag immer lieber noch hab'n, So lang' bis'S heißt: Gerichtsdiener Tod, nun erschein'! Und führ' die zwa deuteln in a besser's Leben ein! Alle (wiederholen). (Der Vorhang fällt.) Ende. » Aus dem Theater-Verlage der Wallisharllstt'schen Buchhandlung (Joses Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Abdallah» oder keine Wohlthat bleibt ««belohnt. Originaldr. in 1 A. v. Weidmann. 20 kr. 4 Ggr. Abencerrage«, die, «nd Zegri», oder die feindliche» Stamme. Ballet in 4 A. von Corally. Franz und deutsch- 1807. 10 kr. 2 Sgr. Abend, der stürmische. Singspiel in 1 A 1803. 35 kr. 7'/, Sgr. Abenteuer, da- letzte. Lustspiel in 5 A von Baurrnfeld. 1834. 8. SO kr. 18 Sgr. Abneigung an- Liebe. Lustspiel in 1 A. s. Castelli Sträußchen. 2. Jahrgang. zDergriffen.) Abraham. Drama mit Musik in 3 A. 1818. 35 kr. 7'/, Sgr. Xbuknr, ossi» I» furnixll» urub» lsssIocirnmmL in <1u« Xtti, <1i k. koinLni I^r» ICusie» cli <7»r»s». 1823. 35 kr. 7'/, 8xr. Achilles. Heroische Oper in 2 A. 1811. Deutsch und italienisch. 40 kr. 8 Sgr. Achilles auf Skyros. Histor.-pantom. Ballet in 4 A von Angiolini. 1808. 10 kr. 2 Sgr. Achmet »nd Zenide. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 1802. 50 kr. 10 Sgr. Xst«!»«!» sä Xlsrnmo. IC«lo8ssr. Adelheid, oder di« Deutsche«. Trauerspier in 5 Akten. 35 kr. 7'7, Sgr. Adelfucht, oder Ehrgeiz «nd Liebe. Lustspiel in 2 A. v. Schröder. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Admtralschtff, das. Singspiel in 1 A. Nach dem Französischen v. Fr. Treitschke. Gr. 8. 1808. 25 kr. 5 Ggr Adolf, der Treue. Sittengrmälde der Vorzeit in 4 A. v. Ehrimfeld. 1808. 8. 40 kr. 8 Sgr. Adolf, der Kühne, Gangraf von Dassel. Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Leop. Huber. 1800. 50 kr 10 Sgr. Adrian, oder Sieg der Lugend. Heroische Oper in 3 A. von I. L Mavrck. 1807. 35 kr. 7V. Ggr. Advoeateu, die. Schauspiel in 5 A von Jffland. 1801. 36 kr. 12 Sgr. Aeneas in Carthago. Heroisch-tragisch-pantomi- mischet Ballet in 5 A von Ferdiu Gioja 1*11. 10 kr. 2 Sgr. Aepfel, die, des Nachbars. Posse in 3 A. von Victor Gardou. Nach d. Franz, von Hohen- markt. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 139.) 60 kr. 12 Ggr Xzxn«»«, I'. vrunun» semisvrio p«r musit» aa r»vvr«a«ot»r8» per I» prim» volt» XI ?onte ä'Xtt»ro 6«I Liun Leotti. 1813. 40 kr. 8 8xr. Ahnenstolz in der Klemme. Schwank in 1 A, s. Feldmann Lustspiele, 4. Band. Atznfra», die. Trauerspiel in 5 A. von -ranz Grillparzer Sechste Auflage, gr. 8 1844. 1 fl. 50 kr. 1 Thlr. Ahufra«, die, im Gemeindestadl, s. Hutmacher und Strumpfwirker. X^o, I', nell' imb»r»2ro ICelostrunua» uivooso in cluv Xtti. 8. 1827. 35 Kr. 7>/, 8gr Alamar der Maure. Oper in 3 A. nach Cuvelir von Castelli. 40 kr. 8 Sgr Alane. Historisch-romantische- Gemälde in 5 A nach Bilderbrck von Guttenberg. Augsburg. 80 kr 12 Sar. Albanesertn, die. Trauerspiel in 5 A v. Mäll- ner. 1821. Gr. 12. Original-Auflage. 1 fl. 20 kr 24 Sgr. Albert der Dar, oder die Weiber von Wei«-- berg. Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Gleich. 1806. 8. 40 kr 8 Sgr. Alberts Rache für Agnes. Historische- Schausp in 4 A. von Ehrimfeld. Fortsetzung v. Aanr« Brrnauerin. 1808. 8. 40 kr. 8 Sgr. Albnrm mein. Lustspiel in 1 A. Nach dem Französischen von Mar Stein (Wiener Theater- Repertoire Nr. 116.) 35 kr. 7'/, Sgr Alceste. Ernsthafte Oper in 3 A. 1810. Deutsch und italienisch. 35 kr. 7A Sgr Alclne. Große« romantische« Ballet in 4 A. Don der Erfindung de- A. Destri«, Musik voa verschiedenen Meistern 1825. 10 kr. 2 Sgr Aline, Königin von Golkonda. Oper in 3 A Nach Viäl und kavier von Treitschke 180i 35 kr. 7'/, Sgr. Alle fürchten sich. Komische Operette rn 1 « nach dem Französischen de- Herrn Hoffmann von Castelli. 1808 25 kr 5 Sgr. All« Mittel gelten. Lustspiel in 1 A nach Scnbe von L. Jmiu«. (Wiener Theater-Repertoire Nr 15.) 35 kr. 7«X Sgr Alles au» Freundschaft. Lustspiel in 1A s «Leiffen- thurn Schauspiele. 15. Band. Alles in Uniform für unser« König. Doll« Lustspiel in 3 A. von Hrn»ler. 1795. 8. 40 kr Alles weist, nichts schwarz, oder der Trauer- schmaus. Ländliche- Original-Lustspiel in 3 « von Hen-ler. 40 kr. 8 Sgr Alle- ans s Spiel gesetzt um einen Mau«. Lustspiel in 5 A Frei au« dem Englischen übersetzt von Wrrthe«. 1787. 50 kr. 10 Sgr Alte Schulde«. Original-Lrden-bild mit Gesang und Tanz in 3 A von Friedr Kaiser. (Wttner Theater-Repertoire Nr. 124) 60 kr. 12 «gr Allzu scharf macht schartig. Schauspiel in 5 A von Jffland 1801. ' 50 kr. 10 Sgr All za toll. Fastnacht-poffr in 1 A. Nach be Englischen von K. v. Graeser. (Wien Theater-Repertoire Nr. 41.) 35 kr. 7V, ^g XloLSv s 6oru Orummu per öäusier in stue Xtti. 30 Icr. 6 8xr. Am Allerseeleutage» oder da- Gebet auf dem Friedhöfe. Original-Dolk-schauspiel in 4 Abtheilungen nebst 1 Vorspiel: Ein gegebene- Wort» von Heinrich Hau-mann. (Wiener Theater-Repertoire Nr 85.) 80 kr 12 Ggr. Am Clavier. Lustspiel in 1 A. Nach dem Französischen frei bearbeitet von M A. Grandjean. Zweite Auflage. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 40.) 35 kr 7'/, Sgr Amazoue», die. Heroische- Ballet von Henry 8 1823 10 kr. 2 Sgr. Ambo-Golo. Original-Poffe in 3 A. von Julius Rosen. (Wiener Tbeater-Repertoire Nr. 166.) 60 kr. 12 Sgr. Amor, der verbannte, oder die argwöhnischen Eheleute. Lustspiel in4A von Ä.v. Kotzebue. 1811 50 kr. 10 Ggr. Amor» Bild. GesellschaftSsp. i» 1 A. von T. 8. Stoll. 1808. 10 kr. 2 Sgr. Amor- Triumph. Alleg. Gemälde mit Chören u Tänzen in Versen und in 1 A. von Mei-l. 10 kr. 2 Sgr. Amor- Zurechtweisung. Lustspiel in 1 A in Versen »o« I. Souuleithner. 16 1815. 20 kr 4 Sgr. ämor, I', irrituto stull« stilsseolt», b»r»u in uo ^tto. 1802. 20 Icr. 4 8xr. Amuliu-, König der Albaner, s. Vuzzi dramatischer Nachlaß. Audrasiek und Jurasiek. Komische Pantomime in 2 A von Kee«. 8. 1807(fehlt.) lOkr. 2Ggr. Auecdotenbnchletu, da». Lustspiel i» 1 As. Castelli Sträußchen. 13. Jahrgang. Anmaßend und bescheiden. Lustspiel in 3 A. s. Baumaun Beiträge. Apollosaal, der. Scherzspiel in 1 A von T. Fr. v. Ehrimfrld. 1808. 20 kr. 4 Sar. ^r»bi, Ali, nell« 6»Ilie, os«i» il triooso stsliu feste ölelostrumm» serio in stu« ^tti sti I- koinLnelli. 1827 30 Icr 6 8zrr. Argonauten, die. Trauerspiel in 4 A. von Kran; Grillparzer, s. dessen goldene- Vließ. Ariadne. Tragi-komischr- Triodrama ». Kotzebue. 1804. 8. 20 kr. 4 Ggr. Ariadne auf Raro». Duodrama 1801. 15 kr. 3 Sgr. Ariadne auf Naro». Trav. iu 1 A. 8.25 kr. 5 Sgr. Arioda«. Heroische Oper in 3 A «ach dem Französischen de« Hoffman» voa I R v. Seyfried. ^ 1804 35 kr. 7'/, Sgr. Arlequiu auf der Insel Liliput oder da- Laternenfest der Ebinesen. Große Zauberpantomime. 1806 10 kr. 2 Sgr . Armand, Graf. Schauspiel mit Gesang in 3 A. Nach dem Französischen von Fr. Treitschke ! Sr. 8. 1808. 40 kr. 8 Sgr. Arme» und Elenden, dl«. Bilder au< dem französischen Volksleben mit Gesang und Tanz in 2 Abtheilungen und 8 Tableaur. Nach Victor Hugo - Roman (I^ss misörubles) frei bear- heitet von Therese Megerle (Wiener Theater- Repertoire Nr. 112.) 60 kr. 12 Sgr. «rmtde. Große Oper in 5 «. 1808 35 kr. 7'/, Sar. «rmida ««d Rinaldo. Melodrama in 4 A. q, . 17S2 35 kr. 7'/. Sgr. rsrua. Romant Ballet von Henry. 8.10 kr 2 Sgr. ^E»ber türkische. Operiu 1 A. Au« dem Franz Musik »o» Jsouard 1804 15 kr Ggr. Arzt wider Wille«, der. Schwank in 2 A., frei nach Meliere von R Graeser. (Wiener Tbeater-Repertoire Nr. 30.) 35 kr. 7'/, Ggr Aerzte, die beide«. Original-Lustspiel in 3A, s. Baumann Beiträge. Aschenbrödel. Zauberoper in 3 A. Nach dem Französischen de« Etienne. 4 Auflage. 1815. (Fehlt.) 35 kr. 7'/, Sgr. Aschenbrödel. Gr. Ballet v. Duport. 8.10 kr. 2 Sgr. Asien-Edelster. Historisch-romantische- Gchansp. in 5 A. von Menner. 1807. 8. 40 kr. 8 Ggr. Atala, oder die Wilde« von Florida. Pantomimische« Ballet in 3 A von B. Henry 181« 10 kr. 2 Sgr. Athenienserin, die schöne. Lustspiel in 4 A , s. Feldmann Lustsp. 1. Band. Atla-shawl und Harra-binde, oder da- Hau- der Confusionen. Posse mit Gesang in 2 A. von Fr. Hopp. Gr. 8. 1849. 75 kr. 15 Ggr. Attila, König der Hunne«. S. Werner Theater 5. Band. d' Aublgny, Elemeutine. Dramat. Gedicht in 4 A. v. F. C. Weidmann. 8.1816. 50 kr. 10 Sgr. Auf dem EiS und beim Ehrkstbau«. Posse mit Gesang in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 154.) 60 kr. 12 Sgr Auf der Bühne «. hinter den Couliffeu. Schwank mit Gesang i» 2 Bildern von Ludwig Gvttr- lcben. (Wrener Theater-Repertoire Nr 96.) 50 kr. 10 Sgr Auf und ab. Lustspiel in 1 A. nach dem Französischen. 1807. 25 kr. 5 Ggr. Augenarzt, der. Singspiel iu 2 A. 1812. 2. Aufl 40 kr. 8 Sgr. August und Gustaviana. Schauspiel in 3 A mit Chören «ud Tänzen von Pennet. 1810. 8. 40 kr. 8 Sgr. Aurora, Gräfiu. Siehe Gräfin. Au- Liebe sterbe«. Lustspiel iu 1 A. Nach dem Englischen von Aler. Bergen. (Wiener Tbeater- Repertoire Nr 123.) 35 kr. 7V, Sgr. Au-nahme, eine, von der Regel. Lustspiel in 1 Anzüge von Al. Berla. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 76 ) 30 kr. 6 Ggr. Au-steuer. Schauspiel in 5 A von Jffland. 1800. 50 kr 10 Ggr Arel «ud Walburg. Tragödie in 5 A. v. Oehlen- schläger 1814. 50 kr. 10 Ggr Babenberger drr letzte. Historr Tragödie in 5 Aufzügen von Heinr Bohrmann 1867. 30 kr. 16 Ggr Baccbu- und Ariadne. Heroische« Ballet von Galtet. Franz, und deutsch 1804.10 kr 2 Ggr. Badecur, die. Lustspiel iu 2 A. von Jünger 1803. 40 kr. 8 Sßr Balboa. Trauerspiel in 5 A. von Colli«. 8. Berlrn 1808 60 kr 12 Sgr «alluacht, die. Große Oper iu 5 A. mit Divertissement, nach dem Französischen des Scribe von Seyfried und Hofmann. Musik v. Ander 8. Wien. 1835. (Dorfmeister.) 35 kr. 7'/, Sgr Bär, mein, und meine Richte. Posse in 2 A., nach dem Französischen von Aler. Bergen. (Wiener Th -Rep Nr. 94.) 35 kr. 7'/. Ggr Barbarei «ud Größe. Trauerspiel iu 4 A. von Ziegler 1810 8 SO k». IS Ggr. Variier, der, vy» Sevilla. Pantomimische« Ballet in 8 A. vv« Duport.. 1868 10 kr. 2 Sgr. Barfaß, Var»«, oder der Wechselthaler. Eine Zaubervper in 8 A von I. Perinet. 186t. , 46 kr. 8 Sgr. Barmecideu, die, oder die Egypter i« Bagdad. Original-Schauspiel in 5 A_ v. Weiffenbach. 35 kr. 7'/, Sgr. Barahelm, Mtaaa v., oder das Toldatenglück. Lustspiel in S A. von G E Lessing. 1867. 40 kr. 10 Sgr Vathmendi. Große alleg. Oper in 2 A. 1801 85 kr. 7'/, Sgr. Bauernball, ei«, i« Wie«. Posse mit Gesang in 1 A. (Wiener Th.-Rep. Nr. 185.) 30 kr. K Sgr Ba«er«ltebe. Eine ländliche Oper in 2 A. Nach einer Anekdote von Spieß frei bearbeitet von . L. Huber. 1802. 56 kr. 16 Sgr. Ba«m, der, der Diana. Heroisch-komische Oper in 2 A. 1862. 35 kr. 7'/, Sgr. Va««a««, Alex. Beiträge für da» deutsche Theater. Gr. 8.1848. Inhalt: Sr darf nicht fort. Schwank in 1 A. — Anmaßend und bescheiden. Lustsp. in 3 A. — Die beiden Aerzte. Original-Lustspiel in 3 A. 1 fl. 26 Sgr. Bayard. Schauspiel in 5 A. von A. v. Kohebue. 1802- «0 kr. 12 Sgr Befreiung, die, von Jerusalem. Oratorium, gedichtet von Heinrich und Matthä»» v. Collrn. Musik von Abb» Stadler. 35 kr. 7'/, Sgr. Betsele» Baron, «nd fei« Hofmeister Dr. Eisele in München. Posse mit Gesang in 3 A, s. Feldmann Lustspiele 3. Band. Beispiel, gntes. Lustspiel in 1 A.,f. Castelli Sträußchen 11. Jahrgang. Bekanntschaft, die, im Paradiesgarten, die Entführung auf dem Himmel «nd die Verlobung im Elysium. Loealposse mit Gesang in 3 Aufzügen von F. Hopp. Musik v. I. Hopp. 8. 1839. 75 kr. 15 Sgr. Bekenntnisse eine» Brautpaare-. Zweigesprach in Bersen, s. Feldmaun Lustspiele. 4. Band. Belagerung, die, von Apsilon, oder Evakathel «ud Tchundi. Caricatur in 2 A. v. Perinet. 4. Auflage. 1818. Gr. 8. 40 kr. 8 Sgr. Beliuo «nd Stosaura, Rom.-kom. Oper in 3 A von Doll. 1807. 8. 25 kr. 5 Sgr. Benevent, Aragl- von. Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A.v. Gleich. 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr. Bergfest, das. Schauspiel in 5 A. von Hen-ler 8. 40 kr. 8 Sgr. Berlichtnge«, Götz von, mit der eisernen Hand. Schauspiel in 5 A. von Fr. Grüner. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Beruf, der. Lustspiel in 1 A. von Th. Hell. 8. 1808. 35 kr. 7'/, Sgr. Bestohlenen, die. Lustspiel von A. v. Kotzebue. 1817. 25 kr. 5 Sgr. Bestürmung, die, von Smolensk. Romantischer Schauspiel in 4 A. von I. F. v. Weiffenthurn Gr. 8. 1833. 80 kr. 18 Sgr. Besuch, der, oder die Sucht zu glänzen. Lustsp. in 4 A. von A. v. Kotzebue. 1809. 50 kr. 10 Sgr. Betrug »ad Liebe. Original-Lustspiel tu 4 A. 1786. 40 kr. 8 Sgr. Gettelstudeut, der, oder da-Donnerwetter. Orig.» Lustspiel »n 2 -. 1834 (fehlt). 25 kr. 5 Sgr. Bewusstsein, dsS. Schauspiel in 5 A. v. Jfstaur. 1799. 60 kr. 12 Sgr Btauca della Porta. Trauerspiel in 5 A. von Collin. 8. Berlin 1808. 80 kr. 12 Sgr. Biedersinn und Baterland-ltebe. Ländliche« Lustspiel in 4 A. v. Schildbach. 1809. 35 kr. 7'/, Sgr Bild, daS. Trauerspiel in 5 A. von E v. Hon- wald. 1821. 8. Wiener Original-Auflage. 1 fl. 20 kr. 24 Sgr Dillet, daS. Lustspiel in 1 A. 1806. 25 kr. 5 Sgr. BilletS, die beiden. Lustspiel in 1 A. Nach Florian. 1833 8. 25 kr. 5 Sgr. Bittsteller, die. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 5. Jahrgang. Blatt» da-, hat sich gewendet. Lustspiel in 5 A von Schröder. Au» dem Englischen von Cum- berland. 1804. 50 kr. 10 Sgr Blaubart, der. Lustspiel in 1 A. v. M. A. Grandjean. (Wiener Th.-Rep. Nr. 157.) 50 kr. 10 Sgr. Blinde«, die zwei, von Toledo. Komische Oper in 1 A. 1808. 25 kr. 5 Sgr Blume», die. Spiel in Versen von Körner. Gr. 12. geh. Wiener Orig.-Aufl. 20 kr. 4 Sgr. Blumen-Stettel, die, oder der Herr Direktor. Original-Lebensbild mit Gesang in 3 A. von Friedr. Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire 172.) 60 kr. 12 Sgr Boccaccio. Dramat. Gedicht in 2 A. v. Deinhard- stei». Gr. 12. 1816. 40 kr. 8 Sgr DoleSlaS, oder die Zerstörung von Auuky. Schauspiel in 3 A.» s. Rosenau, theatralische» Allerlei. Brasilianer, der. Posse mit Gesang in 1 A. Nach dem Französischen v. Hohenmarkt. 40 kr. 8 Sgr. Braut, die, in der Klemme. Posse mit Gesang in 1 A. 1807. 25 kr. 5 Sgr Braut, die. Lustspiel in Alexandrinern und 1 A von Körner. Gr. 12. geh. Wiener Originalausgabe. 1819. 25 kr. 5. Sgr. Braut, die stille. Alpensage in 1 A., s. Weiffen- thuru Schauspiele. 15. Band. Bräutigam» der, an- Mexiko. Schauspiel in 5 A. v. Clauren. 8. 1824. Dresdener Original. 80 kr. 16 Sgr. Bräutigam, der ltcttirte, oder die Großmama wider ihren Willen. Posse in 1 A. Nack dem Französischen frei bearbeitet von Perinet 1791. 40 kr. 8 Sgr Bräutigam, der, ohne Braut. Lustspiel in 1 A von Herzenskron. (S. Wiener Theater-Repertoire Nr. 19.) 35 kr. 7«/, Sgr Brautkranz, der. Trauerspiel in 5 A. v. Weissen- bach. 60 kr. 12 Sgr Brautnacht, die. S. Werner Theater. 4. Banck. Brautschleier, der. Lustspiel in 1 A., s. Weissen- thurn Schauspiele. 14. Band. Drautwahl, die. Schauspiel in 1 A. v. Issianr. 1808. 35 kr. 7'/. Sgr Brief, der, au- Cadix. Drama in 3 A. von § v. Kotzebue. 1813. 35 kr. 7 '/. Sgr Briefbote, der. Oper nach Marsollier. 8- Mo 25 kr. 5 Sgr Briefwechsel, der offene. Lustspiel in 5 A »o» Jünger. 1784. 40 kr. 8 Sgr Brigittenau. Ballet in 14 Bildern von Hrnry- 1832. 10 kr. 2 Sgr Krösekbart» Körtta. Gr. rom Oper in 3 A Seitenstück zum »Aschenbrödel» , 8. 50 kr. 10 Sgr. Brod» da- tägliche. Charaktergemälde mit Gesang in 3 A. von Alois Brrla. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 102.) 80 kr. 12 Sgr. Bruder» mein Fräulein. Lustsp. in 1A v A. Bergen. (Wiener Th-Rep Nr 82.) 30 kr 6 Sgr. Bruder Moriz» der Sonderling oder di« Colonie für die Pelew-Jnseln. Lustspiel in 3 A. von Kotzebue 1801 50 kr. 10 Sgr. Brüder» die barmherzige«. Nach einer wahren, in der Nationalzeitung vom Jahre 1805 auf- behaltenen Anekdote v Kotzebue. 1803.25 kr.5 Sgr Brüder» die pisanische«. Drama in 3 N., s Castelli Sträußchen, 12. Jahrgang. Brüder» die zänkisch««. Familiengemäldr in 3A) s. Castelli Sträußchen. 14. Jahrg. Bruderzwist oder die Versöhnung. Schauspiel in 5 A von Kotzebue. 180t. 50 kr. 10 Sgr. Brücke» die, bei Piemont. Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A, von Khrnufeld, 1808 8. tO kr. 8 Sgr. Buch III» I Capitel. Lustspiel in 1 A. v. Juin u Flerr. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 176.) 35 kr. 7'/, Sgr. Burg Gölding, die. Romantische« Schauspiel in 5 A, s. Weissenthurn Schauspiele, 12. Band. Bursche, flotte. Komische Operette in 1 Aufzuge von Joses Braun. Musik von Kr. v. Supp«. (Wiener Th.-Rep. Nr. 200.) 35 kr. 7'/, Sgr. Buzzi, Andr. Ritter v. Dramatischer Nachlaß 1866. Miniatur-AuSgabt. V. 373 St. elegant broschirt sl. 2,Rth. 1 10 Sgr , gebunden fi. 2 50. Rth. 1 20 Sgr. Enthält: Amulius, König der Albaner. Trauerspiel in 5 Aufzügen. — Der Eremit aus den Ardennen. Schauspiel in 5 Aufzügen Bürgerfreude«. Ein österr. Bürgergem. mit Chören in 1 A. von HenSler. 8. 1797. 25 kr. 5 Sgr. Bürgermeister, der. S. Schönstem Haustheater. Bürgermeisterwahl» die» in Krähwinkel. Schwank mit Gesang in 1 A. v. Juin u. Flerr. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 86.) 35 kr. 7'/, Sgr. Bürgertrene der Vorzeit oder die Bergknappen von Freiberg. Schauspiel in 4 A. Musik von Kauer. 1801. 35 kr. 7'/, Sgr. Bürgschaft, die. Original-Schauspiel in 3 A. 40 kr. 8 Sgr. C» da- hohe. Lustspiel in 1 A. von M. A. Grandjean. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 47.) 35 kr. 7'/, Sgr. Caledonier, die. Trauerspiel von M. Löwentbal. 8. 1826. 60 kr. 12 Sgr. Candidaten» drei. Lustspiel in 3 A., s. Feldmann Lustspiele. 2. Band. Capitel» da- zweite. Singspiel in 1 A. Nach dem Französischen von Fr. Treitschke. Gr. 8. 1806. 25 kr. 5 Sgr. l aliph, der» von Bagdad. Oper in 1 A. Nach dem Franz, de« St. Just. 1804. 25 kr. 5 Sgr. I. ä'Ivri. ^riou« ckruamnutieL m uu ätto. 1805. 20 kr. 4 8xr. Carolus Magnus. Lustspiel in 3 A. v. Kotzebue. »1809. 50 kr. 10 Sgr. ^«sar in Egypten. Ballet in 5 A. von Astolfi. „.1829 10 kr. 2 Sar. ^ as« auf Pharmacusa. Große Oper in 3 A.» ftei nach d. Italienischen. 1808. 35 kr. 7'/, Sgr. Caspar d-r Lhoertnger. Historische« Schauspiel in 5 A Neu bearbeitete ? Auflage. 1Y11 50 kr. 10 Sgr. Castelli. I. F.» dramatisches Sträußchen. 1—.20. Jahrgang. 1809, 1817—1835. 16. cart. in Schuber, jeder Jahrg. 1 fl. 80 kr. 1 Th 8 Sgr. Inhalt dieser Jahrgänge: - I. Jahrgang 1807 enthalt: Haß allen Weibern. Lustspiel in 1 A., frei nach dem Franz, des Bouilly, in Alexandriner« bearbeitet. — Der kurze Roman oder die närrische Wette. Lustspiel in 1 A. — Der Ehenstifter oder die beiden Offiziere. Lustspiel in 1 A. — Die spanische Wand, dramatische Kleinigkeit in 1 A., frei nach dem Franz. — Die Ehemänner als Junggesellen. Lustspiel in 1 A. (Vergriffe«.) — — ll. 1817. Die Schauspielerin. Lustspiel in 3 A. nach dem Französischen, im Versmaß des Originals. — Wahnsinn. Drama in 1 A. Al- Seitenstück zu »Nina», nach dem Franz. »I« 6«lir» frei bearbeitet. — Abneigung aus Liebe. Lustspiel in freien Versen und 1 A. — Der alte Jüngling. Lustspiel in 1 A. nach dem Franz. — Verlegenheiten und Auswege. Posse in 1 A. frei nach dem Franz. (Vergriffen.) -IH. 1818. Peter und Paul. Lustsviel in 3 A. Als Seitenstück zum »Mädchen von Marienburg und dem lieständischen Tischler». Nach dem Franz, von Lamarteliere. — Der Rasttag. Lustspiel in 1 A.» nach dem Franz, des Bouilly. — Die beiden Ehen. Lustspiel in 1 A. nach Etienne. — Der Wilddieb, Liedersp. in 1 A. — Der Sie. Lustspiel in 1 A. (Vergriffen.) -IV. 1819. Verkannte Treue. Drama in 3 A. nach Pelletier Volmeranges. — Die Zeche oder Gastwirth und Bürgermeister in Einer Person. Krähwinkliade in 1 A. nach eiuer wahren Anecdote. — Narrheit und Narrethei. Lustspiel in 1 A. nach Desaugiers. — Die hölzerne Uhr. Drama in 1 A. nach Bernard Dalville. — Raphael. Lustspiel in Alexandrinern und 1 A. (Vergriffen.) -— V. 1820. Czar Iwan. Dramatisirte Anecdote in 2 A. — Die Papageie. Lustspiel in 1 A. Nach dem französischen Vaudeville . »l-88 ksroczuet« cko l» raörs klülipps.» — Die Bittsteller. Lustspiel in 1 A. Nach Me- leSville. — Das Kammermädchen. Lustspiel in 1 A. Frei nach Longchamps. — Der Diener seines Nebenbuhlers. Lustspiel in 1 A. -VI. 1821. Der Prinz kommt! Lustspiel in 1 A. Nack dem Franz, des Rougemont. — Thomt oder die Stimme der Natur. Drama in 2 A., dem Franz, nachgebildet. — Der Weibertausch. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, der Herren Där- tois und Achille. — Der Einsiedler im Lerchenwalde oder die geheimnißvolle Laube. Lustspiel in 1 A. Nach einem französischen Vaudeville der Herren Theaulon u. Capelle. -Vll. 1822. Gleiche Schuld. Gemälbe unserer Zeit in 3 A. — Die seltsame Lotterie. Lustspiek in 1 A. — Die Tauben Schwank in 1 A. Als Seitenstück zu den »Papaäeien.« — Die Puppe oder die /kleine Schwester der Geliebten. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe «.Melesville. (Vergriffen.) Eastelli. VIII. 1823. Der buckelige Liebhaber. Lustspiel in 1 A. Nach einem französischen Vaudeville. — Hochzeits-Fatalitäten. Posse iu 1 A. — Da» Stelldichein um Mitternacht. Lustspiel in 1 A. Nach dem Französischen »I'eekelle äe 8vie.« — Da» Fläschchen Köllnerwaffer oder Denkschrift eines Hußaren- officiers. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe.— Die Derschwornen. Oper in 1 A. -IX. 1824. Gabriele. Drama in 3 A. Nach der »Valerie« der Herren Scribe und Melesville. — Die junge Tante. Lustspiel in 1A. Nach Melesville. — Emmi Teels. Drama in 3 A. Nach Pirerecourt. (Vergriffen.) -X. 1825. Der Großpapa. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, der Herren Scribe und Melesville. — LiebeSzunder. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, der Herren Scribe und Delavigne. — Die Zauberlaterne. Lustspiel in 2 A. Frei nach Scribe und Dupin. — Fünf find Zwei, oder Domestikenstreiche. Lustspiel iu 1 A. Frei nach dem Französischen. (Vergriffen.) — — XI. 1828. Eheliche Strafe. Lustspiel in 1 A., in freien Versen. — Der Kuß durch einen Wechsel. Posse in 1 A. Nach Scribe. — Urika, die Negerin. Drama in 1 A. Nach dem Französischen. — Gute» Beispiel. Lustspiel iu 1 A. Nach dem Franz, des Thöaulon. — Klimpern gehört zum Handwerke. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe. -XII. 1827. Erste Liebe, oder Jugend- Erinnerungen. Lustspiel in 2 A. Nach dem Franz, de« Scribe. — Die Pisanischen Brüder. Drama in 3 A. Nach dem Italien, de- Federici. — Zwei Freunde und ein Rock. Posse in 1 A. Nach einem franz. Vaudeville. — Da» einsame Hau- Lustspiel in 3 A. Nach dem Französischen. -XIII. 1828. Der Haustyrann. Charakter- Gemälde in 3 A. Nach Alerander Duval. — Da« Anecdotenbüchlein. Lustspiel in 1 A Nach dem Franz, der Herren Scribe »«» Delavigne. — Der Perrückenmacher und der Haarkünstler. Posse in 1 A. Frei nach dem Franz. —Die beiden Duennen, dram. Bagatelle m 1A. v. Franz, de« Brazier nachgebildet. — Der Soldat ganz allein. Komisches Zwischenspiel in 1 A. Nach einer Anecdote. --XIV. 1828. Helsa oder die russische Waise, Drama in 2 Abtheilungen. Nach dem Französischen des Scribe. — Die zänkischen Brüder. Familiengemälde in 3 A. Nach dem Franz, de« Collin d'Harleville. — Lully und Quinault, oder die Künstler in Verlegenheit. Lustspiel in 1 A. und iu Versen. Nach dem Französischen. -XV. 1830. Eine für die Andere. Lustspiel in 3 A — Diana von Poitier«. Geschichtliche» Lustspiel in 2 A. Frei nach dem Kranz. — Die in ein Weib verwandelte Katze. Operette iu 1 A. Nach dem Franz, der Herren Scribe u. Melesville. -XVI. 1831. IohakN» Hasel oder Umwandlung durch Liebe. Gemälde unserer Zeit (Diese« Berj«ich»jß wird f»rt-esetzi.) Lmck »» Muckr m» «DGM Kam»« w W« in 4 Abtheilungen. Nach oem Franz, bet Th^aulon frei bearbeitet. — Zwei Jahre nach der Hochzeit oder an wem ist die Schuld? Lustspiel in 1 A. Nach Scribe und Meles- ville. — Uniform und Schlafrock. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, bearbeitet Castelli. XVII. 1832. Der Liebe Listgewebe. Jn- triguenpoffe in 3 A. — Ein Febltritt. Schauspiel in 2 A. Nach Scribe. — Die Familie Rickeburg. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe. (Vergriffen.) -XVIII. 1833. Die Tänzerin und der Quäker. Lustspiel in 1 A. Nach Scribe. — Die Scheidewand. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz. — Ueberspaantbeit oder die entsetzliche Literatur. Lustspiel in 1 A nach Scribe frei bearbeitet. -XIX. 1834. Der General. Lustspiel in 3 A. — Der eilige Zauderer. Lustspiel in 1 A. in Versen. — Die Schwäbin. Lustspiel in 1 A. (Vergriffen.) "-XX. 1835. Das Lustspiel auf der Stieg e. Lustspiel in 1 A. — Ein Tag aus dem Leben Carl« de- V. Historisches Gemälde in Versen und in 2 As — Ein Freund statt einer ganzen Familie. Posse in 1 A — Folgen einer Mißheirat. Gemälde aus dem Leben in 4 A. Nach dem Franz. Castelli. Rodertch und Kunigunde, Gabriele, Schwäbin, s. unter den besonderen Titeln. Cattnat, Marschal, oder da- alte Gemälde Oper in 1A. Nach dem Franz. 1809 20kr. 4 Sgr. Ovnsreotola, In, ossi» I» bootL in trionto ülelockrsnunL xiooosv in äue Xtti. I-a öäu- siv» 4 clel 8ixr. Kosmos 1813. (Vergriffen) Cesar, der kleine, oder die Familie auf dem Gebirge. Schauspiel mit Gesang u. pantom. Auftritten in 3 A Nach dem Französischen des Emery frei bearbeitet von Perinet. Musik von Haibel. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Charade, die. Lustspiel in 2 A., s. Kurländer'« Almanach. 8. Jahrgang. CharlatanS, die, oder der Kranke iu der Einbildung. Posse in 3 A. von Jünger. -1803. 40 kr. 8 Sgr Chawan-ky, die Fürsten. Dramat. Dichtung v. E. Raupach. Gr. 1k. 1828. 40 kr. 8 Sgr. Childerich, König der Franken. Heroisch Ballet in 5 A. von Coralli. 1830. 13 kr. 2'/, Sgr. Christus am Oelberg. Oratorium Musik von Beethoven. 8. geh.' 13 kr. 2'/, Sgr. Oiro io önbilooln, Druiomn vre lAusic» in ckus Xtti. 1817. 50 Icr. 10 8xr. Clavtgo. Trauerspiel in 5 A. von Goethe. 1807 80 kr. 16 Sgr. Cölestine oder die Festung am Wtlgra-Strome. Schauspiel in 3 A. Frei nach dem Franz, von F. I. Haffaureck. 1806. 40 kr. 8 Sgr. Concert, daS. Lustspiel in 1 A, von P. M. Dag- hofer. (Wiener Th.-Rep. Nr. 48.) 40 kr. 8 Sgr. Corporal, et« alter. Eharaktergemälde in 5 A., von Carl Juin und P. I. Reinhard. Theil- weise nach Dumanoir. (Wiener Theater-Rep. Nr. 27.) 50 kr. 10 Sgr. Coriola». Schauspiel iu 5 A. von Collin. 1808. 60 kr. 12 Sgr Den Bühnen gegenüber alsManuscript gedruckt. Er hat das Pulver erfunden. Lustspiel in einem Acte. Nach dem Französischen von Alexander Bergen. Personen: Der Fürst von Piombino. Die Herzogin von Norino. Tagliarini, Haushofmeister des Fürsten. Formoso, ein Friseur. Flore tta, seine Braut. Ein Kammerdiener. Das Stück spielt im Fürstenthum Piombino zu Ende des 17. Jahrhunderts. Ein Salon, drei Mittelthüren, rechts eine Seitenthür, welche in die Gemächer der Herzogin führt, weiter vorne ein Fenster, unweit davon eine Toilette mit einem Spiegel; links allenfalls ein Fenster, ein Schreibtisch und eine Seitenthür, welche in die Gemächer des Fürsten führt. Erste Scene. Herz, (tritt, sich vorsichtig umsehend, aus ihren Gemächern). Niemand hier? Wie erwünscht! Seit dem Tod des armen Cada- mento Hab' ich es nicht gewagt, dieses Zimmer zu betreten. Hier steht sein Schreibtisch — hier traf ich ihn jeden Morgen, ehe der Fürst anfstand. Er ist schon drei Tage todt, und ich habe noch Niemand' rheaiN-Rkpertoire Nr, 20k. gefunden, der ihn ersetzen kann. (Sie seufzt.) Tagliarini hat mir wohl versprochen, den Neffen Cadamento's herzubringen, er soll der Universalerbe seines Onkels sein, vielleicht hat er auch seine Geheimnisse geerbt. Aber wer bürgt mir dafür, daß der junge Mensch verschwiegen ist? Mein Gott, soll ich immer fürchten, immer zittern? (Sie geht zum Schreibtisch.) 3ch will alle Fächer durchsuchen, vielleicht wurde doch irgend wo ein Papier vergessen. (Sie durchsucht den Schreib» tisch.) 2 Zweite Scene. Vorige. Der Fürst. (Der Fürst tritt auS seinen Gemächern, ohne die Herzogin zu sehen.) Seit langer Zeit fühle ich, daß etwas an meinem Hofe fehlt; jeden Tag sage ich mir: »Gewiß, eS fehlt mir etwas, wenn ich nur wüßte was?" Endlich habe ich's entdeckt, mir fehlt ein Bravo, einer, dem man nur zu befehlen braucht, damit er — (Kr macht die Grberde de» krsitchkns ) Alle meine Vorfahren hatten einen, mein Urgroßvater sogar zwei — seine Mittel erlaubten ihm das. Ich will mir auch einen anschaffcn, und habe Tagliarini damit beauftragt. ^ Herz. ES ist nichts zu finden! Fürst (für sich) DieHerzogin hier? Sie dnrchstöbert Eadamento'S Schreibtisch, ich habe mich nicht getäuscht — Eadamento war mein Nebenbuhler. H crz. (wendet sich um). Sie, mein Fürst? Kürst (für sich). Vorsichtig! (Laut.) Sie hier, Herzogin? Herz. Ich — wollte zu Ihnen, Fürst. Fürst, (küßt ihr dir Hand)- Sie find sehr liebenswürdig. (Fürsich.) Sie ist sehr schlau. H erz. Ich wollte Sie anszanken, Ihnen Vorwürfe machen. Fürst. Mir, Herzogin? Herz. Man hat mir gesagt, daß Sie Alles confiScirt haben, was der arme Ea- damento besessen hat. Fürst. Ja, ick hatte ernste Ursachen,— Staatsgeheimnisse. Herz. Er war so liebenswürdig, einer Ihrer Günstlinge. Fürst (lebhaft). DaS heißt der Ihre. Sie haben ihn mir vorgestellt, durch Sie ist er Oberstallmcister geworden, ich kann nicht leugnen, er besaß mein ganzes Ver trauen. Herz (mit vorwurfsvollem Tom) Und doch bemächtigten Sie sich aller seiner Papiere. Fürst. Ich hätte es früher thnn sollen. Herz. Sie sind doch nicht eifersüchtig? Fürst. Ja, ich kann es nicht leugnen, ich liebe Sie so sehr, Herzogin! Ihre Augen sind so feurig, Ihre Zähne so weif, Ihr Haar — Herz, (unterbricht ihn lebhaft). Schmeichler! Fürst. Mit diesen schwarzen Locken haben Sie mich gefesselt. (Die Herzogin will sprechen, er läßt sie nicht zu Worte kommen.) Ich werde den Augenblick nie vergessen, wo ich Sie zum ersten Mal sah. Ich gab einen Maskenball, um mir die Langweile zu vertreiben — ich saß in meinem Fauteuil, und ließ gähnend den Galopp an mir vor überrasen, derZusall wollte, daß der Kami», der Ihre Locken zusammenhielt, zu Boden siel, ein Wald von schwarzen Locken umflof Ihre schöne Gestalt, Sie hatten den Kamin verloren — ich aber mein Herz. Das Uebrige wissen Sie. Herz. Sie haben mich mit Gnaden überhäuft, mich zur Herzogin gemacht, aber wie viele Feinde beneiden mich um Ihr? Gunst. Fürst. Verleumder behaupten, das Sie die Rabcnschwärze Ihrer Haare einem chemischen Prozesse verdanken, daß die wirk liche Farbe Ihrer Locken — ich erröthe — eine Farbe sei. die ich hasse; aber ich habe sie gedemüthigt, ich habe drei Ehemiste» und mehrere berühmte Maler zusammen kommen lassen, welche an den Köpfen und an den Perrücken meiner Rathe Versuche machen mußten. Sie haben nichts j" Stande gebracht. Herz. (s,hr unruhig für sich). WennrS Tagliarini nur gelingt. Fürst. Ich habe die Verleumder alle verbannt, ich hätte gern mehr für Sie ge than — (er macht die Grberde de- Ersteche^ aber eS fehlte mir etwas. (Kür sich) ^ hoffe, daß Tagliarini — (Man hört einen Wagen rollen) I Herz, (lebhaft) Ein Wagen! I Fürst (für sich). Er w,rd eS sein. I 3 Dritte Scene. Vorige. Tagliarini. Tagt, (tritt freudig ein). Ick Hab'ihn — ich Hab' ihn! Herz, (leise). Vorsichtig! Tag!, (erstaunt) Wie? Fürst (leise). Schweigen Sie; wie ungeschickt ! Tagl. (erschrocken). Ack! (Kür sich.) T^er Drft! Fürst (leise). Haben SieEinen gesunden? Tagl. (leise). WaS? Fürst (macht die Keberde de-Erstechen»). Herz, (leise). Wo ist er? Tag!, (leise). Nnten. Fürst (leise). Wo haben Sie ihn gelassen? Tagl. (leise). Unten im Wagen. Fürst (leise). Er soll beraufkommen. Herz, (ittse). Bringen Sie ihn her. Tagl. (ist in großer Verlegenheit, steht ste beide an und sagt sür sich). Daö ist eine angenehme Situation. Herz, (zum Fürsten). Wollen Sie nicht mit mir in den Park gehen, zu meiner Lieb- lingSbank im Fliedergebüsch? Fürst (reicht ihr den Arm). Ich wollte Ihnen gerade denselben Vorschlag machen. Herz, (leise für sich). 3ch muß ihn von bier fortbringen, und mich wieder hiehcr- schleichen. Fürst (im Abgehen sür sich) Bei der ersten Bank lasse ich sie sitzen und komme gleich wieder zurück. (Beide durch dir Mittelthür ab) Vierte Scene. Tagliarini (allein). So geht'S, wenn man allen Leuten dienen soll. Die Herzogin vertraut mir, und bat mich braustragt, ihr einen Ersatzmann für Cadamento zu verschaffen, der Fürst vertraut mir, und hat mir befohlen, ihm einen Bravo ausfindig zu machen, ich habe es versprochen, werde mich aber hüten, mein Wort zu halten. So ein Bravo könnte Einem seine Dankbarkeit auf curiose Art beweisen. Fünfte Scene. Voriger. Ein Kammerdiener führt Formoso herein, und entfernt sich gleich wieder. Fvrmoso hat eine Binde über die Augen, und trägt eine kleine Schachtel unter dem Arm Fjo r M o so (stoßt sich an einem Stuhl). Att! Tagl. Hast Du Dir weh gethan? Form. Nehmen Sie mir einmal die Binde ab, ich bin schon voll blauer Flecken. Tagl. Jetzt kann es geschehen. (Er nimmt ihm die Binde ab ) Form. Hören Sie, mein Alter. Haben Sie mick entführt, damit ich mein ganzes Leben mit Ihnen znbringe? Dann bitt' ich Sie, seien Sie weniger langweilig. Auf unserer Fahrt hieher haben Sie nichts gesagt, als: »Still—leise — still! «(Sehr laut.) Wie viel Uhr ist es? Tagl. Schweigen Sie. Form. Ach! er bringt Abwechslung in die Geschichte; aber der Sinn ist derselbe. Haben Sie mich entführt, damit ich von jetzt an stumm sei? Dann holen Sie sich einen Andern, ick bin Friseur, und wie man weiß, gehören die Friseure nicht zur Race der Stummen. (Sehr laut.) Wo sind wir? Tagl. Leise — in Piombino. Form. In Piombino? Das ist ^Meilen von meinem Laden — aber weshalb sind wir hier? Ich arbeitete heute Morgens ganz ruhig in meinem Laden, und war soeben im Begriff einen Buckligen zu ftisiren. Mit der rechten Seite war ich gerade fer» tig geworden und wollte mich an die linke machen, da brausen Sie herein wie ein Sturmwind und rufen: »Wo ist Giovanni Formoso?« — „Hier!« rufe ick.— »Sind '4 Sie ein Neffe des Herrn Cadamento^« — »Zu dienen.« Kaum hatte ich diese Worte gesprochen, so ergreifen mich drei große Lakaien, schleppen mich in einen vergoldeten Wagen und entführen mich. Tagl. Nun? Form. Der Mensch ist göttlich! Wenn mau die Leute entführt, so sagt man ihnen doch warum. Tagl. (gkheimnißvoll). Sie wird Ihnen Alles sagen. Form. Sie?— Wer ist diese Sie? Tagl. Die Herzogin. Form. Eine Herzogin? — Eine Herzogin hätte mir etwas zu sagen? Machen Sie keine Dummheiten, setzen Sie mir nicht Dinge in den Kopf, die — Tagl. Die Herzogin herrscht wie eine Königin. Form. Sie ist doch nicht Königin — Mutter? Tagl. Nein. Form. Wirklich? Ist sie jung, schön? Tagl. Jung und sehr schön. Form, (reibt sich die Hände). Alle Teufel! Ich danke Dir, mein Alter, daß Du mich entführt hast. Aber schnell, führe mich zu ihr. Tagl. Sie wird gleich hieher zu Dir kommen. Form. Zu mir? — Sie kommt zu mir? — Bin ich denn da bei mir? Tagl. Du wirst fortan dieses Zimmer bewohnen. (Lagliarini link« ab.) Sechste Scene. Formoso (allein). Form, (tritt ganz nahe an die Lampen und sagt zum Publicum). Wenn Sie das jetzt nicht Alle mit angehört hätten, so würde ich es nicht für möglich halten. Eine Herzogin entführt mich, ich soll diesen Salon hier bewohnen! Aber warum nicht, ich bin ein hübscher Junge. Ich bin auch kein dummer Junge, denn ich Hab' sogar etwas erfunden, etwas entdeckt. Da Hab' ich's hier in dieser Schachtel, die mich niemals verläßt, weder bei Tag noch bei Nacht. Bisher hat man mich immer ausgelacht, aber jetzt werd' ich ein großer Herr, jetzt werd' ich mich poussiren. Aber Floretts wird Augen machen — die arme Florett«! Ich habe ihr Versprechungen gemacht, sie hofft sogar auf meine Hand; arme Flo- retta! Aber sic kann doch nicht verlangen, daß ich ihretwegen eine Herzogin — Siebente Scene. Voriger. Die Herzogin. Herz, (im Smtreten für sich). Da ist er! Form, (für sich). Wahrscheinlich meine Herzogin. Sie ist wirklich sehr schön. Herz. (,twaS verlegen). Sie werden verzeihen, mein Herr, es wird Sie überrascht haben — Form. Ich liebe die Überraschungen. (Für sich.) Nur nobel, Formosa, denke, daß Du mit einer Herzogin sprichst. Herz. Ich konnte nicht länger warten. Tagliarini mußte Sie Hieherbringen um jeden Preis. Form, (für sich). Um jeden Preis? — WaS doch die Leideuschaft macht. Herz. Ich ließ Sie entführen, ich bin die Ursache, daß Sie Ihre Kundschaften verlassen — Form. O, ich bitte, was liegt an den Kundschaften — ich werde Ihnen doch die Hälfte eines Buckligen opfern! Herz. Aber jetzt sind Sie da und Sie mrfen mich nicht verlassen. Form. O, Frau Herzogin! Herz. Hören Sie mich, Formoso. Als Ihr Onkel vor drei Tagen starb, war icb - in großer Verlegenheit, wie ich seine Stelle wieder besetzen soll. Form. Wie, mein Onkel? (Für sich ) 3" 'einem Alter, wer hätte das gedacht! 5 Herz. Er nahm ja die Stelle ein, die ich Ihnen bestimme. Form, (für sich). Sie will, daß Alles in der Familie bleibe. Herz. Denken Sie, wie erfreut ich war, daß er Sie zum Erben eingesetzt hat. Form. Ich, sein Erbe? Der alte Spitzbube ! Herz. Achten Sic sein Angedenken. Form. Diese Erbschaft hat mir nichts eingcbracht und kostet mich einen Gulden. Herz. Wie? Form. Ich bekam durch die Post einen unfrankirten großen schweren Brief, der nichts enthielt als seinen Segen und ein Recept. Herz, (freudig für sich). Er hat cS. Form. Ein Rccept! AIS ob ich krank wäre. Herz. Wer tveiß! Form. Sie glauben, daß ich krank bin, Frau Herzogin? O, ich bin ganz gesund, sehr gesund, ich lebe gewiß länger, als die Erbschaft meines Onkels gedauert hätte. Herz. Ihr Onkel konnte Ihnen nicht mehr hinterlassen. Der Fürst hat alle seine Güter confiscirt. Alles kann aber wieder gut gemacht werden, wenn wir uns einigen. Form. O, ich bin schon einig — ganz einig! Herz. Wegen der Welt müssen Sie aber eine Stellung bei Hofe haben. Form. Natürlich! So verlangt cs die Eivilisation. Herz. Ich hatte Ihren Onkel zum Oberstallmeister ernennen lassen. Form. Oberstallmeister? Das wäre ganz gut. Aber ich sag' Ihnen im Voraus, ich kann nicht reiten. Herz. Er bezog einen Gehalt von zwölftausend Lire! Form. Zwölftausend Lire? Dafür re'te ich auch. Ich hin zwar ein Friseur, aber wenn mir das Glück in den Weg kommt, ergreife ich es bei den Haaren. Herz. Ich sehe, wir werden uns verstehen, aber Verschwiegenheit vor Allem. Sie werden von jetzt an dieses Zimmer bewohnen. Diese Thür, zu welcher nur ich den Schlüssel habe, führt in meine Gemächer. Der Fürst steht spar auf, ich werde also jeden Morgen sehr zeitlich zu Ihnen kommen. Form (für sich). Alle Teufel! Schüchtern ist fie nicht. Herz. Vergessen Sie nicht, daß Sie das Schicksal meines Kopfes in Händen haben. (Ab.) Achte Scene. Formoso, später Floretta. Form. Wie? Ihr Kopf steht auf dem Spiel? Wenn's nur nicht auch den meinen kostet. Ah bah! (Er geht aus und ab.) Obcrstallmeistcr — zwölftausend Lire — das Uebrige findet sich. — Arme Floretta, ich bcdaure sie, aber ich muß sie aufgeben. Wenn sie mich nur nicht entdeckt, sic wäre im Staude, einen furchtbaren Scandal zu macken. Sie weiß wohl meine jetzige Adresse nicht, aber sie hat eine Nase — Flor, (von außen). Ich muß hinein! Form. Hab' ich's nicht gesagt, da ist sie schon! O, die Nase kenn' ich! Flor, (tritt ein). Da bist Du also, Du Falscher, Du Ungetreuer! Form. Du bist's, Floretta? Erlaube, daß ich — (Er w ll sie umarmen.) Flor, (schlägt ihn auf die Haud). Zurück! Ich weiß Alles. Form. Alles? —Was? Flor. Ich weiß, daß Du Dich hast von einer Herzogin entführen lassen. Form. Ich? — Wer hat mich so ver, leumdett können? Flor. Heute Morgens ging ich bei deinem Laden vorbei und wollte Dir wie gewöhnlich: »Guten Morgen« sagen. Form, (will sie umarmen). Erlaube, daß ich — Flor, (schlägt ihn auf die Hand). Zurück! 6 Es war Niemand im Laden, als ein halb- frisirter Buckliger, der mir erzählte, daß Du in einem fürstlichen Wagen davongefahren warst. Form. Ein Fürst ist ein Fürst und keine Herzogin. Er hat mich entführen lassen, um mich zum Oberstallmeister zu machen. Flor. Erzähle mir solche Dummheiten nicht. Mein Pathe Antonio ist Gärtner hier im Schlosse, er hat mir ganz andere Dinge erzählt. Ich werde vor sic hintreten und sie fragen, zu was sie meinen Liebhaber entführen läßt, besonders da er so häßlich ist, sie als Herzogin kann doch viel Schönere finden. Form, (für sich). Ich muß sie zu besänftigen suchen, in ihrem Zorn kennt sie keine Grenzen. (Er will sie umarmen.) Erlaube, daß ich — Flor. Zurück! Wenn mir nur der Fürst unterkäme, ich würde ihn fragen, ob eS ihm recht ist, einen so häßlichen Kerl zum Nebenbuhler zu haben? Form, (will ße umarmen). Erlaube, daß ich — Flor. Erlaube, daß ich — (Sie gibt ihm eine Ohrfeige.) Form. Ah! Mamsell Floretts, mode- rircn Sie sich. Sie unterstehen sich einem fürstlichen Oberstallmcister eine Ohrfeige zu geben? Flor. Er butzt mich nicht mehr. Du wärst wirklich Oberstallmcister? Form. Ich bin es, Mamsell, vom Kopf bis zum Fuß. Ich habe zwar noch keine Reiterstiefcl an, denn sie werden erst gewichst. Ich habe auch noch keine Uniform, denn für diese Taille muß sie eigens angefertigt werden, aber ich bin fürstlicher Oberstallmeister. Sic werden also einsehen, daß es nicht mehr so ist, wie eS war. Aber ich werde Sie nicht verlassen. Mamsell Floretts, ich werde Sie versorgen. Meinem Umgänge haben Sie cs zu danken, daß Sie nicht schlecht sristren, ich hinterlaffe Ihnen meinen Laden, setzen Sie das Geschäft fort. Nock mehr — hier diese Schachtel — sie enthält meine Erfindung, Sie wissen, wie sie zu gebrauchen ist, nehmen Sie von nun an meinen Platz in der Geschichte ein, ich hinterlaffe Ihnen meine Unsterblichkeit. Flor, (weinend). Das heißt, Du hast mich betrogen. Du willst mich verlassen, Du willst mich nicht mehr heiraten? Form. Ich werde mich mit Ihnen aus die linke Hand trauen lassen, wie eS bei Hofe gebräuchlich ist. Flor. Jetzt Hab' ich'S genug. Du wirst in deinen Laden zurückkehren und wirst wieder frisiren. Form. Ich frisiren? Ein Oberstallmeister frisirt nicht, der putzt höchstens Pferde! Aber ich höre kommen. Flor, (setzt sich). Um so besser — ich gehe nicht. Form, (für sich). ES ist doch entsetzlich, wenn man so geliebt wird. Wenn die Herzogin kömmt, bin ich verloren! Ein Lakai (zeigt sich im Hintergründe) Der Fürst! ' Form. Floretts, Du kannst nicht bleiben, der Fürst und ich haben unsere kleinen Geheimnisse. (Er gibt ihr die Schachtel.) Nimm das mit und gehe. Flor. Gut, ich will gehen. (Für sich) Aber ich lasse ihn nicht aus den Augen. (Rechts ab.) Form. Endlich! Neunte Scene. Formoso. Der Fürst. Fürst (im Eintreten). Da ist er. Form, (für sich). WaS kann der Fürst von mir wollen. Da hcißt'S vorsichtig sein. Fürst. Bist Du'ö? Form. Ich weiß eS nicht. Fürst. Du weißt nicht, ob Du cs bist? Das ist merkwürdig. (Für sich) Er wird mich nicht kennen, und es ist natürlich, daß er nicht dem Nächstbesten sagen wird: 7 »Ick bin eS.* (Leise.) Ich bin Hector der slkbennndvierzigste Fürst von Piombino. Ich habe Dich entführen lassen. Form, (für sich). Auch er? Fürst. Es fehlt mir an meinem Hofe schon lange ein Mensch wie Du? Form. Wie? Fürst. Da ich nicht sicher war, ob Du einwilligen wirst, habe ich Dich entführen lassen. Wie viel verlangst Du jährlich? Form. Da muß ich erst wissen, was ich zu thun habe. Fürst (etwas ungeduldig). Was Du zu thun hast — dein Handwerk sollst Du ausüben. Form. Ah, jetzt versteh' ich. (Für sich.) Ich soll ihn frisircn. (Laut) Fürst, „rein Talent steht zu Ihren Diensten. Fürst. Ich gebe Dir zwölftausend Lire jährlich. Genügt es Dir? Form. Ob eS mir genügt, sehr! lFür sich ) DaS macht vierundzwanzigtau- send — Fürst. Wir sind also einverstanden. Um diesen Preis gehörst Du mir? Form. Mit Leib und Seele. Fürst (auf« und abgehend, für fichl. Endlich habe ick, was mir fehlte. (Laut.) Wie lange treibst Du dein Handwerk? Form. Seit meinem vierzehnten Jahre. Fürst (für sich). Mit vierzehn Jahren hat er schon angcfangen. Mich sckaudcrt'S. Form. Soll ich mein Eisen zur Hand nehmen? Fürst (für sich). Er kann es gar nickt «warten — ist das ein Tieger! (Laut.) Für den Augenblick habe ick Niemanden, den ich Dir bezeichnen könnte. Ja, wenn Du drei Tage früher gekommen wärest, da hätte es etwas zu tbun gegeben. (Er nimmt kille Prise Tabak) Aber er ist todt. Form, (nimmt zutraulich eine Prise au- der Dose de« Fürsten). Er ist schon todt? Ja, dann komm' ick freilich zu spät (er lacht) der braucht mick nicht mehr. Fürst (für sich). Der Bursche ist auch noch lustig. Form. Bah, um einen mehr oder weniger, es gibt noch Köpfe genug. Fürst (für sich). Das ist ein fürchterlicher Kerl! Form. Durchlaucht, wollen Sie mir vielleicht erlauben, meine Kunst einstweilen an Ihnen zu üben? Fürst (fährt erschrocken zurück). Warum nicht gar? (Formosa will sich ihm nähern.) Komm' mir nicht nahe, ich braucke deine Dienste nickt für mich, nur für Andere. (Für sich.) Ick fürchte mich wirklich, länger mit diesem Menschen allein zu bleiben. (Laut, aber immer in großer Entfernung) Sei nur ruhig, gedulde Dich nur, Du wirst bald etwas zu thun bekommen. Form, (reibt sich vergnügt die Hände). Bravo! Bravo! Fürst. Nicht so laut, cs muß? Alles geheim bleiben. (Formosa will sich ihm nähern.) Komm' mir nicht nahe! (Er nähert sich vorsichtig seiner Thür.) Heute noch sollst Du zu thun bekommen, aber mir darfst Du nicht in die Nähe. Form. Aber Durchlaucht! Fürst (lebhaft). Zurück und schweige! Hörst Du! Sonst gilt's deinen Kopf. (Schnell ab.) Zehnte Scene. Formoso, dann Tagliarini, später Floretta. Form. Jetzt will der auch, daß ich 'chweigcn soll. Hält' er sich Jemand aus dem Taubstummen-Jnstitute geholt. Ta gl. (auS der Thür rechts). Pst! — Formoso, bist Du allein? Form. Ganz allein. Ta gl. (grheimnißvoll). Ich bin's. Form. Das sch'ich. Ta gl. (nähert sich und gibt ihm ein kleines Packet in Briefform). Bon der Herzogin. Form. Geben Sic her. (Für sich) Wahrscheinlich ein Präsent. Das riecht nach 8 Pomade. , (Er öffnet das Packet.) Haare? Eine Locke ohne Medaillon? — Das ist nicbt sehr großmüthig, von einer Herzogin hatte ich mir mehr versprochen. Doch da ist auch etwas geschrieben! (Er liest.) »Dieß ist meine Farbe.« Eine Artigkeit erfordert die andere. (Laut, indem er sich Tagliarini nähert.) Haben Sie keine Schere bei sich? (Er greift in die Tasche.) Ah! ich Hab' ja meine. (Er geht zum Spiegel und schneidet sich eine Locke ab, während dieser Zeit schleicht sich Floretts durch die Mittelthür rechts Herrin und versteckt sich hinter dem Vorhang.) Form, (nähert sich Tagliarini). Hier, geben Sie das der Frau Herzogin und sagen Sie ihr: »Das ist meine Farbe.« Flor, (für sich). Der Schändliche! Ein Diener (tritt ein). Das Frühstück des Herrn Oberstallmeisters ist bereit. Form, (herablassend zu Tagliarini). Gehen Sie! (Zum Diener.) Der Herr Oberstallmeister wird sogleich frühstücken, denn der Herr Oberstallmeister ist sehr hungrig. (Der Diener öffnet die Thür, Formoso stolz ab, der Diener folgt ihm.) Eilfte Scene. Floretta, später der Fürst. Flor, (tritt hervor). Warte, Elender, ich will mich glänzend rächen! Sie sind also schon so weit, daß sie sich Haarlocken schenken? Ich gehe zum Fürsten und entdecke ihm Alles. (Sie will fort, der Fürst tritt aus seinen Gemächern.) Da ist er! (Laut ) Ach, Durchlaucht! Fürst. WaS will die Kleine? Flor. Ich bin ein armes Mädchen, das man betrügt — wie Sie. Fürst. Erkläre Dich deutlicher. Flor. Ich hatte einen Bräutigam, Durchlaucht — Formoso nennt er sich — man hat ihn mir entführt — eine große Dame — Fürst. Ah, das wird interessant. Und die große Dame ist? Flor, (zögernd) Ich weiß nicht — ob ich soll — Fürst. Sprich. Flor. Es ist die Herzogin. Fürst. Die Herzogin von Norino? Flor. Za, Durchlaucht! Sie lieben sich, ich habe Beweise. Sie hat ihm gerade einc Haarlocke geschickt. Fürst. Eine Haarlocke, und mir wollte sie diese Bitte niemals gewähren! (Fürfich.) Ich gehöre Ihnen ja ganz, sagte sie, warum wollen Sie diesen Lockenbau zerstören, der Ihr Auge erfreut? Warte, warte! Mein Tieger soll heute noch zu thun bekommen. Flor. Durchlaucht, wollen Sie sich meiner annehmen? Fürst. Du sollst glänzend gerächt werden. Flor. Und werd' ich meinen Formoso wieder bekommen? Fürst. Du sollst ihn wieder haben (für sich) aber nach der That. (Laut.) Die Herzogin! — Laß uns allein. Flor, (links ab). Zwölfte Scene. Der Fürst. Die Herzogin. Herz, (aus ihren Zimmern). Fürst! Ich komme, Sie um eine Gnade zu bitten. Fürst (listig). Bitten? — Sie haben zu befehlen. Herz. Die Stelle dcS Oberstallmeisters ist seit drer Tagen vacant; ich möchte sie gerne vergeben. Fürst (schnell). Wem? Herz. An einen gewissen Formoso. Fürst. Formoso! (Für sich.) Das ist der Mann mit der Locke. Ah! — Ah! Herz. WaS haben Sie? Fürst. Nichts — nichts! Ich begreife 9 — dieser Formoso soll — ein hübscher Junge sein. Herz. Ich habe es nicht bemerkt. Fürst. Wirklich? Herz, siegt beide'Hände auf seine Achseln und sagt zärtlich). Sie wissen, daß ich nur Augen für Sie habe, Fürst! Fürst. Sie sind anbetungswürdig! (Für sich.) Die Schlange! Herz. Sie haben so viel für mich ge- than, mir jede Bitte erfüllt, bis auf eine — Fürst. Ich weiß — ich hatte nicht den Mutb dazu. Herz. Den Muth? Fürst. In meinem Alter soll ich eine Frau heiraten, wie Sie? Das wäre gewagt. Herz. Fürst, Sie könnten an mir zweifeln? Fürst. Es wäre großer Egoismus von mir wenn ich Sie an mich bände. Ja, wenn mein Traum von heute Nacht wahr würde? Herz. Was haben Sie geträumt? Fürst. Einen fürchterlichen Traum. Ich sah Sie — aber alle Ihre Reize waren verschwunden; diese schönen Augen schielten, die griechische Nase war krumm, die Perlen aus Ihrem schönen Munde waren verschwunden, die schwarzen Rabenlocken ähnelten dem Morgenroth — Herz. Fürst! Fürst. Es war ein Traum. Ich bin erwacht — und Sic stehen ebenso reizend vor mir wie immer. (Man hört Formoso von außen fingen: -Piff! Paff! Puff! mordet sie. Piff. Paff. Puff! tödtet sie.-) Fürst (für sich). Mein Tieger läßt sich hören. (Laut.) Gur, Herzogin! ick werde Ihren Gsinstling nicht vergessen, sondern seine Zukunft sichern. (Pr macht heimlich die Teberdr des ErstechenS.) Herz, (ängstlich für sich.) In welchem Tone er mir das sagt. Fürst. Leben Sie wohl, Theure, Hin Gerichtsdiener- Zweiter ! Schatzmeister. s^ine dürftig mövlirtr Stnbe bei Scheermäusel, Küche, in der Mitte der Erste Tcene. ^i"i srin hübsches junges Mädchen, einfach ge- ^ki et, fitzt vorne an einem Tische und näht, dabet fingt sie:) Ach (Kokt, waS is da für a Leb'«»! Ick arbeit spat und fruah, 'skann gar ka Kleiß'g're nimmer grb'n, Und 'S iS no lang nit gnua! Ich stich d'rauf loS mit aller Macht, rb»-«n.R«ptt,,t„ Nr. ro?. links der Eingang zu einer Kammer, recht» zur Haupteingang.) Es stiegt mir ornd'tli d'Hand, (Und doch quält d'Noth bei Tag m d Nackt UuS Alle mit eiuaud !) (Spricht seufz» ud.) Ack, 's is meiner seel uuumer zum Aushalten; nv, da bab'n in»i's, dee.Kintre lamentiren schon wieder^ l Musik.)*" 2 Zweite Scene. Vorige. Anna mit den Kindern (von links). Die Kinder rufen alle: Mutter, a Brod! Anna. I Hab' selber kann's! Kinder. So geben's uns an'n Kaffee! Anna. Wcrd's net stad sein, öS schlimmen Fratzen; wart's bis der Vater z'Haus kummt, der wird a Geld bringen! Kinder. Oi je! Anna (zu Tini). Du, Tini, bist mit deiner Nähterei no net bald firti? Die Kinder san hungrig! Tini. Aber Frau Muatta,-i Hab' ja heunt erst das Dutzend Nachtjankerln an« g'fangt und Sie wissen, der Pfadler verlangt a feine Arbeit! Anna. Ah was, fein— d'Nachtjan- kerln g'hör'n für d'Nacht, d'Nacht iS finster, also sieht ma net, ob die Arbeit fein oder grob iS! Tini. Das geht net, Frau Muatta! Anna (ärgerlich). Tini, Du bist dein ganzer Vater; der sagt a all'weil: DaS geht net, wann i a Kostgeld von ihm verlang'! Tini. Aber i arbeit' ja ohne Aufhör'n. Anna. Und die Kinder san ohne Aufhör'n hung'ri. I sag' eng's, macht'S mi' net fuchtt' — wenn die Noch net bald a End' nimmt, so geh' i in die Donau! Kinder (rufen). 2n die Donau, ins Freibad, juhe — da geh n ma mit! (Sie springen herum.) Anna. Jetzt Manen die Dalken, i geh' aus Verzwcisiung in'S Freibad! Tini (gutmüthig). Aber Frau Muatta, is 'S denn net guat, daß die armen Patschen Ihnen gar net verstanden hab'n? Anna (zugebend, aber doch ärgerlich). Freili iS 'S besser — i war a nur g'rad in der Rasch — mein Gott, seit der Vater krank war und kan n Platz finden kann — seit der Zeit weiß ma rein nimmer, wo Ein'm der Kopf steht. Tini, i bitt' Di' um Alles in der Welt, was soll denn das noch wer'n? Tini. No vcrzagen's net, Frau Muatta; denken's an das Sprichwort: »Wo die Noth am größten, ist die Hilf'am nächsten.« Dritte Scene. Vorige. Eduard. Eduard (der durch die Mitte eingetreten ist und die letzten Worte gehört hat). Brav, Tini, das iS das rechte Wort, nur net den Kopf verlieren! Tini (freudig aufspringend). Der Eduard! Anna (ärgerlich). No, auf den hab'n wir g'rad g'wart't! (Ruft.) Tini, glaubst, wann der Liebhaber kummt, da kannst glei' zum Faulenzen anfangen? Tini. Aber ein'n Augenblick — Anna. Schau' zu deiner Arbeit. Tini. No ja! (Setzt sich zu ihrer Arbeit.) Eduard. D'Frau Muatta is grantig! No, no — 'S wird schon besser wer'n: »Aus Regen folgt Sonnenschein!* Anna. Geht'S zum Tcurel mit enger« Sprichwörtern — davon wird man nicht satt! Eduard. Aber mit die fünf Gulden, die ich anzunehmen bitt'. (Reicht ihr einen Fünfer.) Da kann man schon a bisserl was ansrichten. Tini (springt auf und drückt Eduard die Hand). O Du lieber Freund, i dank'Dir von Herzen. Kinder (jubelnd). Mir hab'n fünf Gulden! Holloh! Anna (sehr srappirt). Fünf Gulden — mir steigt 'S Blut zu Kopf — i waaß gar nel, was i damit anfangen soll vor Freuden. Kinder. Machen'S an Kaffee, Mutter. Anna. Za, ja. Kinder, öS habt'S Recht! i Entzückt.) Eduard, Du bist g'rad so guat, als dein Vater, der Herr Schadenfroh, sekant iS — no, i dank' Dir vor der Hand und nach der Hand, wannst amal die Tini 3 g'hcirat hast, sollst Du an mir a Schwiegermutter an deiner Seiten hab'n, daß Du Dir keine zweite wünschen wirst. Jetzt kummt'S, Kinder, wir gehn einkaufe». Kinder. Einkäufen? — Holloh, wir geh n cinkaufen! (Sie umdrängen Anna und eile« mit ihr durch die Mitte ab.) Vierte Scene. Tini. Eduard. Tini. Eduard, nimm auch meinen Dank für deine Gutherzigkeit, obwohl ich Dir gesteh n muß, daß mir deine Gabe eigentlich weh' thut, denn — Eduard. Sei net kindisch, Tini, das Geld iS net von mein'm Vater, eS iS von meinem G'halt, — mein Vater, der in Geldsachen keine Rücksicht kennt und außerdem bös iS, daß wir Zwei uns gern hab'n, der wird — Tini (ängstlich). MeinGott, was wird er? Eduard. Erschreck' net, Tini, erwirb in einer halben Stund' kommen, und wegen die fünfzig Gulden, die ihm dein Daker schuldet, nach aufgenommener Schä-I tzung der Einrichtung, die Wohnung ge-> richtlich versiegeln lassen. »Der Esel! z'erst hat er mi'g'schunden und zwickt, Und d'rauf 's ganze G'stcht mit'n Feuerschwamm g'fltckt!* Bei alledem aber geht's mi rdoch so schlecht, Daß mir Niemand nachsag'n kann, i Hab' net Recht, Wann i jetztund auörnf aus bekümmerter Brust: I wär' gar ka Mensch word'n, hätt' i früher das g'wußt! ES wissen wir Menschen zwar doch viel, aber WaßKaner vorher, waS ihm g'schehen kann noch, Und das iS fatal, denn so mancher Mensch würd' D'rauf schau'n, daß sein Leben er darnach arrangirt. Wann Aner zum Beispiel im Juni gibt 'raus A Zeitung und kummt schon im Juli net d'raus, Und sagt bei siebzehn Preßprozeß im August: I wär' ka Redacteur wor'n, hätt' i früher das g'wußt! Tini (wnneud). O Himmel! ! Eduard. Faß' Dich, Tini, eS iS net! Die Thekla iS in einen Menscben verbrennt, so arg, als Du glaubst, ich Hab'bereits ^ Der als Herkules sich um's Geld zeigen mit deinem Vater g'sprochcn; ihr zieht'-! könnt'; heut' daweil zu einer Tant' von mir und Die Thekla bringt Opfer um den Herkules, morgen werd' ich mit meinem Vater reden! Die Thekla sie Heirat' ihn endli' erpreß — und versuchen, sein Herz zu erweichen. ! Doch wie'S nach der Hochzeit ihn fragt ganz Tini. O Du guter Eduard! (Sie um-, pikirt: armen sich.) Fünfte Scene. Vorige. Scheermäusel (durch dir Mitte, ein ältlicher Mann, dürftig gekleidet). Warum er's auf amal net mehr estinurt? Und er sagt : Mein' Alte, i Hab s auf der Brust! Da seufzt halt die Thekla: Hätt' i früher das g'wußt! Lntröe-Lied. 3ch bin a Balbirer! versteh' meine Sach'; Wann i Ein'n balbirr, schimpft mir g'wiß Kana nach: Tini. Vater! (Sir eilt zu ihm und faßt seine Hand.) Scheer m. Töchter! — no, was hast denn? Dil bist ja ganz — (erblickt Eduard) o, iS der junge Herr schon auf den Flü- 4 geln der Liebe hergeeilt, um Dir z'sagen, daß wir heut' Alle mit ananda von Amtswegen verpetschirt wer'n? Eduard. Ich Hab' mir gedacht, es ist besser, ich bereite die Tun vor, daß's net gar z'stark erschreckt! Scheerm. Ah was: a jung'S Madl muaß starke Nerven hab'n — und dann bin i ch ja ein g'schickter Balbierer, i laß ihr halt, so oft'S erschreckt, a paarmal zur Ader! Eduard. Aber Herr Scheermäusel! Scheerm. Nir reden, i bin der Vater, in ihr fließt mein Blut, und i kann mit mein'Blut thuan, was i will! Tini. Aber lieber Vater! Scheerm. Still, ick bin ka Lieber Vater! 3 bin a schiacher Balbierer und das G'schäft macht mi sckiack. — A jed's andere G'schäft is g'scheidter, der Schuster kann seinen Kindern Schuach machen, der Schneider Klader, der Tischler a Einrichtung, der Bäck' kann ihnen Brod backen, der Balbierer aber kann do net seine Kinder einsafinga (einseifen) und balbiern? B'sunders wann's Madl san! doch reden wir von was Andern!—Wo is denn dieMuatter und die Kinder? Tini. Die Mutter holt mit den Kindern waS z'essen! Scheerm. Aha, hat der Muss! Eduard g'wiß wieder a Geld geben? — Das war wohlgethan, mein Sohn, und wir werden Dir noch öfter Gelegenheit geben, die Tugend der Nächstenliebe auszuüben. Tini. Da is d'Mnatter! Sechste Scene. Vorige, Anna und die Kinder (durchdi, Mitte). Anna (trägt einen Korb, die Kinder haben Kipfel in den Händen). Anna. So, da bin i, jetzt will i glei Feuer macken und a Mittagmil kochen, waS wir als Nachtmal verzehren können! Scheerm. Halt, Weib, wart' a Bissel, jetzt wird nir kocht, jetzt wird auSzogen! Anna. WaS? Wie wer'n uns doch net beim helllichten Tag schlafen leg'n? Scheerm. Du verstehst mi net, die ganze Familie, die alten und die jungen Scheermäusel, verlassen diese Wohnung! Anna. Net mögli! Warum denn? Scheerm. Weil der alte Schabenfraß, unser Gläubiger, mit den Leuten vom Han drlsg'richt kommen und in unserer Woh Nlmg enge Sperr' anlegen wird! Anna. Eduard, is das wahr? Eduard. Ja, 's is leider so! Anna. Entsetzlich, ja wo soll'n wir denn mit den Kindern hin? Scheerm. Mach' kein Spectakel, es is sckon für Alles tz'sorgt. Ihr geht's jetzt Alle mit'n Eduard, der Euch bei seiner Tant' unterbringt! Du nimmst die drei Kinder zu Dir, ein's nimm als Kopfpolstcr, mit dem andern deckst Dich zu und das andere wickelst Dir um den Hals, wenigstens verwickelst Dich nit! Anna. 3 muß aber doch den Kindern ihre Wäsch' mitnehmen! Scheerm. Da dazu is ka Zeit mehr. Die Kindswäsch' wiar schon i mitnchmen, i bleib allanig da, i versteck' mich in dem großen Hängkastcn in der Kammer, den ich von inwendig zuaspirr! (Ironisch ) Sein die Herrschaften wieder fort, so pack' i die paar Klanigkeiten in an'n Bünkel, der Eduard kumml, wann's finster iS, von draußen zum Kammerfenster, nimmt den Bünkel und lauft mit dem Bünkel davon! Anna. Wann Euch aber wer sieckt? Eduard. Na, das is nicht zu fürchten, die Wohnung is im Hinterhaus, die Fen ster gehen nach dem kleinen Gaffel, wo nir s Gartenmauern sein! Scheerm. Folglich deliberiren wir net lang — macht's Euch auf den Weg — der Schabenfraß soll Kein's von uns seh'n und mit seinen Bosheiten malträtiren kön nen, also vorwärts! Anna (gani „glücklich)- Na, so kommt's halt, Kinder! (Sie nimmt eins, die andern zwei bei der Hand. Eduard trägt daS kleinste.) Anna. PfirtDiGott, Alter, und kumm' bald" zu uns; kommt's, Kinder, packt's z'samm! Kinder. Pfirt Di Gott, Vater! Tini. Leben's wohl, Vater! Eduard. Adieu, Herr Scheermäusel! Schcerm. (mit Schmerz). Servus, meine Lieben! (Setzt sich zum Tisch und weint.) Alle (durch die Mitte ab, bis auf Scheer- mäusel). (Die Musik spielt etwas piano: »So leb' denn wohl, du stilles Haus.-) Siebente Scene. Scheerm. (allein). Sie sein fort, ick bin allein, als wie der Adam im Paradies vor seiner verhängnißvollen Rippenfellentzündung. 2 muß sag'n, daß i gar net gern da bleib', denn es ist schauderhaft, wann man zuschaucn muß. wie's Ein' das Bißl, was man sich mit Müh' und Plag' verdient hat, wegnehmen, aber i tröst mi halt mit dem Sprichwort: »In der Noth da frißt der Teurel Flieg'n.* Couplet. A Mann, der'S nia zu was hat bracht In seiner Vaterstadt, Weil er bloß wie's Fiakerpferd Sich immer g eackert hat — Net aber listig hat gebangt Den Mantel nach dem Wind — Der Mann hat d'rnm auch jahrelang Gedarbt mit Weib und Kind. Aus amal, da wird ihm die Sach' doch zu viel, »Na guat,* sagt er, »wann's schon net anders geh'n will, So wir i, daß man meine Bitten erhört, An Katzenbuckel macken bis unten auf d'Erd'!« Das iS zwar a verflirte G'sckickt, Wie d'Katz den Buckel bieg'n — Aber, mein Gott, in d er grüßten Roth Da frißt der Teures Flieg'n. Das Turnen is, 's sicht's Jeder ein, Für'n Leib und Seel gesund, D'rum wer'n wir Turnsckul'n auch bald hab'n In Wien auf jedem Grund. Jetzt aber hab'n wir bloß damit. Wir heb',, den G'sundheitssckatz, Die Turnlehrer, 'n guaten Will'n Und alleweil — kan Platz. Da kummt endli Aner auf die Prachtider. A Turnschul' einz'richten, aber net in der Höh', Na — unten im Bauche der Erde — und d'rum Schaut z'krieg'n er das einstige Elpfium! A Turnschul' in an Keller d'runt Da möcht' ma d'Frafen krieg'n — Aber, mein Gott, inder größten Noth Da frißt der Teurel Flieg'n! — Daß's Wasser ohne Balken is — So hoaßt a alter Spruch, I aber sag', das is bei uns Schon fast a alte Lug; Denn d'Scklagbrucken beim Stierböck zeigt Doch täglich Jedermann Daß weg'n dem Bisserl Wasser d'runt — Ob'n viel z'viel Balken san. Und weil so a Holzbrucken iS gar so schön, So krieg'n ma auf dem Platz ka stanerne r'seg'n. Sie wird amal links, amal rechts reparirt Und d'Leut wer'n daweil von die Wag'n niederg'führt! Ka Wiener sagt, daß die Passage Ihm g'fallt — er müaßt's ja lüg'n -— Aber, meinGott, indergrößtenNoth Da friß^ der Teurel Flieg'n! Das bürgerliche SchützencorpS Besteht wohl heut' net mehr, Die Schützen aber, die es gibt, Die laden dock die G'wehr Und zieh'n hinaus in die Gebirg' 6 Da wird waS Zeug halt g'jagt. Obwohl fo Mancher ganz umsunst Sein G'wehr am Buckel tragt, Da san oft so Schützen ganz trostlos, weil sie Herumrennen schußfertig und trotz der Müh' Kan Hasen derwischen, wann's no so gut ziel'n. Und muffen am Wildpretmarkt d'Weidta- schen füll'n. 's iS z'wider, daß der kaufte HaaS Daheim muaß helfen lüag'n — Aber,meinGott, in der größtenNoth Da frißt der Teure! Fliag'n! A Sänger singt das hohe 0, A And'rer 'S tiefe Doch, Bet denen kriagt's Register ne7 So leicht das große Loch; Beim Gänger aber, wo eS net Kommt an d'rauf, wie er singt, Nur waS er singt, da iS d'Gschlcht So schwer oft, daß kaum g'lingt. Er fingt ein Couplet, eine Strophen, die kracht, Und dann wieder eine, die gar nir bald macht, DaS Publicum aber iS doch generoS, Und applaudirt net nur bei die Schlager bloß, Da denk' ich manchmal: Könnt' ich nur In oan fort Schlager krieg'n, Aber, meinGott,in der größten Noth Da frißt der Teure! Flieg'»,! lStach dem Liede links in die Kammer ab.) Achte Scene. Schaben fraß (kommt mit einem GerichtSdieurr und den zwei Schätzmeistern durch die Mitte). Schab, (ein alt>r Mann, wie ein Geizhals auSsthmd, sagt): Nur hier herein, meine Herren, hier logirt mein Schuldner, der Scheermäusel. (Umhrrblickrnd.) WaS, keine Menschenseele zn HanS? Na, da kann man seh'n. was das für leichtfertige Menschen sind, sie gehen fort, ohne die Thür zu sper-> ren — das ganze Mobiliar hätte mir gestohlen werden können. — Meine Herren, schätzen Sie ab, was Sie hier, dann in dieser Kammer und in der Küche finden. (Ein Schätzmeister geht links, der andere recht- ab.) Gerichtsd. Herr Gchabenfraß, ich kenn' den Scheermäusel, er iS ein armer Teufel, aber ein grundehrlicher Mann, dazu hat er ein' Haufen Kinder — ich glaub', Sir sollten ihm dock noch Frist geb'n, bis er zu ein'm Verdienst kommt! Schab, (sich ereifernd). Reden Sie nicht, Herr Erecutor, eS ist ganz umsonst. Keine Minute warte ich länger; mit dem Hausherrn habe ich mich bereits verständigt, die Sachen werden geschätzt, dann werden Sie die enge Sperre vornehmen, bis zum Tage der öffentlichen Feilbietung bleibt der Schlüssel in Händen des Gerichte- und nicht eine Spinne soll mir entkommen! (Zu den Schätzmristeru.) Schon fertig, meine Herren? (Dir Schätzmeister find wieder ausgetreten.) Erster Schätzm. Da kann ma leicht fertig werden. In der Kammer ist höchstens a Werth von lO fl.! Zweiter Schätzm. In der Krickel kaum 5 fl.! Schab, (jammernd). Schrecklich! Alles hat die Bagage verputzt! Na, notiren Sie hier, und dann versiegeln Sie. Herr Ere- cntor, ich erwarte Sie am HanSthore. (Geht zur Mtttelthür, plötzlich besinnt er sich und sagt mehr für sich:) Muß doch selber no<1> Nachsehen, ob wirklich so wenig da ist! (Geht recht- ab.) (Die EchätzMkister und der Gericht-dteuer, die Schabenfraß beim Umhersrhen den Rücken gekehrt, notiren dir Möbel ) Erster Schätzm. Wir sind fertig. Gehen wir, Herr Gerichtsdiener, Eie können die enge Sperre vornehmen, »Gehen ab durch dir Mitte) 7 Gerichtsd. (der ein WachSfitgkl hervorzieht, sagt ,m Anlegen) 's is mir wirkli' recht leid um den Scheermäusel, aber — Pflicht ist Pflicht! — Sperren wir in Gottesnamen! (Geht durch die Mitte ab. — Man hört wie von außen zugesperrt wird.) Neunte Scene. Schwabenfraß (kommt nach einer Pause von recht-). 'S ist fast kein Kuchelg'schirr vorhanden, daS Lumpenvolk, scheint mir, hat gar nie mehr gekocht. Meine Herren! (Sieht verwundert umher.) Ja, wo sind sie denn? Sollten sie denn schon draußen sein? (Eilt zur Mit- telthür und will öffnen, wie er merkt, daß die Thür gesperrt ist, ruft er:) Donnerwetter, die werden doch nicht die enge Sperre bereits vorgenommen haben? (Er klopft an der Thür.) Meine Herren—machen Sie auf! (Horcht.) Verdammt, sie find fort und haben mick eingesperrt. Was thu' ich denn? Sich —ich weiß — das Kammerfenster mündet in die kleine Gasse — da Nettere ich hinaus! (Mt zur Thür link-, diese öffnet fich.) Scheerm. (tritt heraus). Zehnte Scene. Schabenfraß. Scheermäusel Schab, (fährt mit einem Schrei zurück). Ha! der Scheermäusel! Scheerm. (ebenfalls erschrocken). Der Scka- benfraß! Schab, (stotternd). Was— was macht Er in der Kammer? Scheerm. (verwundert). WaS machen denn Sie in dem Zimmer, — fahr'nS ab! Schab, (trostlos). Abfahr'n — ich kann ja nicht! Scheerm. (verwundert), Warum? Schwab. Weil mich der Gerichtsdiener au-Versehen eingesperrt und, wie es scheint, da- Hau- verlassen hat. Scheerm. Was? Ah, das iS net übef — jetzt sein net nur die Sachen, sondern der Schuldner mit sein'n Gläubiger pet- schirt! Hahaha! Schab, (zornig). Lache er nicht, frecher Mensch — er hat sich noch vor'm Gericht zu verantworten, wie er da hcreinkommt. Wahrscheinlich beim Fenster eingestiegen, Er Einbrecher! Scheerm. (lustig). Oho, irren's Ihnen net. I bin net eing'stiegn, s.u eontruirv, i Hab' das Quartier gar no net verlassen g'habt. Schab. Warum? Was wollte er hier? Scheerm. (bei Seite). No wart— den Zufall muß i benutzen! (Er macht eine düstere Miene, verschränkt die Arme, tritt zu Schadenfroh und sagt:) Wissen Sie, warum ich da bin? Schab. Nun? Scheerm. Ich bin ein armer Teufel, ohne Aussicht auf aHilf' — g'wußt Hab' i. daß Ihre Hartherzigkeit mich heut' um da- letzte Bisserl, was i noch g'habt Hab', bringen wird, da Hab' ich aus Verzweiflung den Vorsatz g'faßt, mich hier versiegeln zu lassen und zu verhungern. Schab, (nn wenig erschreckt). Verhungern? Pah! Dummheit! er hat Weib und Kinder — Scheerm. (auffahrend). Erinnern nur Sie mich nicht d ran! Schab, (fährt zurück und sagt ängstlich bei Srite). Wie er mich ansieht, mir wird ganz entrisch — muß doch — zum Schein wenigstens — (Laut.) Lieber Scheermäusel, beruhige Er sich, wir wollen mit einander reden — will sehen, was sich machen läßt, komm' Er mit! Scheerm. Wo wollen'S denn hin? Schab. In die Kammer! Scheerm. Was wollen'- denn d rin machen? Schab. Nu, weil hier die Thür versperrt ist, steigen wir zum Fenster hinaus! Scheerm. (bestimmt) Nein, wir steigen net zum Fenster hinaus! Schab. Warum denn nicht? WaS wist Sr denn hier thun? Scheerm. Hab's schon g'sagt: verhun» gern! Gckab. (ungeduldig) lind ich? Scheerm. Sie verhungern mit mir. Schab. Ist er von Sinnen? Scheerm. Kann schon sein, aber Sie haben die Schuld. Schab, (avgstvoll). Mach er keine Spaße. Ich wist fort! (Acht gegen link- ) Scheerm. (vertritt ihm den Weg. zieht ein großes Rofirmesier aus dem Sach macht es aui und sagt ) Sie bleib'n da — oder ich schneid' Ihnen den Kopf weg! (Fuchtelt hin und der.) . Schab, (fällt in einen Stuhl und ruft:) Ent — setz —li— cher Kerl! Scheerm. Schreiens net, man könnt' Ihnen hör'n und da- darf net g'fcheh'n— Sie muffen verhungern ohne einen Mann» aazer! Schab, (halblaut). Scherrmäusel, lieber Freund, geben Sie Ihren Vorsatz auf, kommen Sie mit mir, ich werde Ihnen noch eine Summe Geld vorstreiken und Sic gewiß nicht prcssiren! Scheerm. Zu spät — jetzt nnA's nir mehr! Wir verhungern gern oder wir fressen einer den Andern auf. Schab. Lieder Himmel! (Bittend.) Scheer- mäusel, Barmherzigkeit, laffen's mich fort! Ich weiß nickt, wie es kommt, aber mich sängt plötzlich zu hungern an. Scheerm. Na, trösten - Ihnen, eS gibt noch a RettungSmöglichkeitl Schab. Welche? Scheerm. Sie warten bis i tvdt bin, nachher können - fort! aber das wird no a weil dauern, denn i Hab' dv nv mehr zu verzehren als wie Sie, machen'S kann Um- stäntz', zieh'n Sie -G'wand aus, sonst friß t Ihnen mit sammt der Schöster! (Schale.) Schab, (verzweiflung-voll, fällt aus dir Knie). Scherrmäusel — Gnade — tch Ihu, was Sie wollen reden Sic, Sie haben m» zn befehlen! Scheerm. (sieht auf ihn herab und sagt:) Sie thun, was ich will — für Ihr armselig'- Leb'n? — Das sein ja Wucherzinsen, und ich bin ka Wucherer, wie Sie! Schab. Erbarmen! (Man hört von linkt ber klopfen.) Was ist das? Scheerm. (für sich). Da- ist der Eduard — jetzt muß ich mich tummeln! (Laut.) Wissen'-, wer draußt an'S Kammerfenstrr vnmpert? 's ist meine Familie, die mich in'- Leben z'rnckruft! Jetzt hör'uS mich an, — da iS Schreibzeug und Papier. (Zeigt auf den risch links.) Wann Sie mir - schrift- lich geb'n, daß Sic mir mit der Schuldforderung warten, bis i wieder auf einen grünen Zweig kommen bin, und daß Sie l nir einznwenden hab'n, wann Ihr Gubn, jder Eduard, meine Tochter heirat't — so lwill ich mein'n Vorsatz aufgrb'n! Schab. Aste-, lieber Gcheermäusel — ich verschreibe meinem Sohn auch einen Theil meine- Vermögen-! (Mt -um Lisch und schreibt.) Himmel — der Hunger! (Gibt ihm da« Papier ) Da. lieberFreund. ich Hab« Alles bewilligt, und da wir jetzt Verwandte werden, so soll aller Groll zwischen unvergessen sein. Meine Hand darauf! (Hält ihm die Hand hin.) Scheerm. (lachend einschlagend). Aha, hat die Hungcrcur gewirkt? Ja, der Hunger is gar ein böser Feind! No, so wo'lln wir um so bessere Freundr wer'n! Eilste Scene. Dorige. (Die Thür wird aufgrsperrt.) Eduard, Gerichtsdiener, Tini, Anna und die Kin der (treten eia). GrrichtSd. Aber, Herr Schabevfraß, das is ja eine ganz vertraete G'Wcht -- 9 bsd' Sie schon an allen Ecken und Enden j 8cht«ißgesang. ' ! Der Mensch glanbt oft glücklich z'jeu», wann Ed narb. Lieder Vater, was is denn er hat Geld, vorgegangen? ^ Und weiß gar net, w i e viel zum Glück ihn» Schab. Nichts, mein Sohn, ich habe mich nur mit deinem zukünftigen Schwier gervater ausgeglichen! Da (führt ihm Tim zu) da baft Du deine Braut! noch fehlt. Denn auf amal kummt's Unglück hinter ihm her, Und legt an's Gebän' seines Glück s enge Tini nnd Eduard. Das Glück! Schecrm. (der mit Anna gesprochen). 3a, § Alte — wir bleiben wieder in unseren vier ^ Wänden und werd'n, wie zu hoffen is — noch > recht glückliche Tag da verleb'n! (Singt.) ^ Sperr'. Dann siehtererftein, daß das wahre Glück g'wiß Nir als die Zufriedenheit mit sich selber is! (Die letzten Zeilen werden von Allen wiederholt.) (Der Vorhang fällt.) Ende. Aus de« Theater-Berlage der Walltshausser'fchen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Corradtn oder Schönheit und Herz von Eise«. Mnfikalisch. Drama in2A. 1822. 35kr. 7'/, Sgr. — — Dasselbe italienisch. 1822. 35 kr. 7'/, Sgr. (Lorreggto. Trauerspiel in 5 A. von Oehlenschla- ger. 1817. 80 kr. 16 Ggr. Cortez, Ferdinand, oder die Eroberung von Mexiko. Große heroische Oper mit Ballet in 3 A. Nach dem Franz, von I. F. Castelli. Zweite Auflage. 1819. 35 kr. 7'/, Sar. Couplets, Wiener. Au« Stücken von Berg, Berta, Bittner, Blank, Böhm, Doppler, Eberhardt, Elmar, Feldmann, Flamm, Friese, Gottsleben, Grandjean, GroiS, Grün, Gründorf, Haffner, Juin, Kaiser, Kola, Langer, Megerle, Merlin, Morländer, Moser, Neftroy, Schönau und Anderen. Sechs Hefte, » 5V kr. IN Sgr. Cnnegnnde, die Heilige, römisch-deutsche Kaiserin. S. Werner Theater, 8 Band E-rns und AstvageS. Oper in 3 Aufz. Frei nach der Oper »CyruS* des Metastasto, bearbeitet von Matthäus v. Eollin. 18l8. 35 kr. 7'/, Sgr Ezar Iwan. Dramatisirte Anecdote in 2 A, s Castelli Sträußchen. 5. Jahrgang. Dame» die, mit den Camelien. Schauspiel in 5 Aufzügen von Alerander Duma's^Sohn, deutsch von P. I. Reinhard. (Wiener Tdeater-Reper- toire Nr. 45.) 6Ü kr 12 Sgr Dank und Undank. Lustspiel in 3 A. Frei nach dem l/inAr»t ct«8 Oostoneliso. Von Jünger 18»Z. 40 kr 8 Sgr. Das war ich. Ländliche Scene von Hutt 8. 1825. Siehe: Hutt'« Lustsp. 1 Band. (Vergriffe u.) 1 fl. 20 kr. 24 Sgr Das war ich. Eine ländliche Scene. Don Johann utt. Zweite Auflage (Wiener Theater- epertoire Nr. 159.) 50 kr. 10 Sgr. Degen, der. Militärische« Schauspiel in 3 A. Nach Bourl und Boirie. 1806. 35 kr. 7'/, Sgr Detnhardstein. Dramatische Dichtungen. 12. 1819 1 fl. 20 kr. 24 Sgr Enthält: Das Sonnet. Spiel in 1 A. und in freien Versen. — Mädchrnlist. Lustspiel in 1 A. und in Alexandrinern. — Der Witwer. Posse in 1 A. und in freien Versen. — Der Rosenstock. Spiel in 1A und in freien Versen — Boccaccio. Dramatische« Gedicht in 2 A Deml-Moude. Von Aler. Duma« Sohn. Deutsch von P I. Reinhard 1855. 1 st. 20 Sgr. Demophoon. Große heroische Oper in 3 A. Nach tem Franz, de« Desoiaur, metrisch bearbeitet von I. F. Castelli 1808 35 kr 7'/, Sgr Denkpfenntg, der, oder der Wachtmeister. Lustspiel von Hen«ler. 1795. 8. 25 kr. 5 Sar Deserteur, der österreichische. Lustspiel in 5 A., von Hen-ler. 8. 35 kr. 7'/, Sgr. Deserteur, der. Singspiel ' 25 kr. 5 Sar. Diamant, ein ungeschliffener. Genrebild in 1 A. Nach dem Englischen von Alerander Bergen. (Wiener Th.-Rep. Nr. 128.) 35 kr. 7'/, Ggr. Diana, Dona. Lustspiel in 3 A. Nach dem Span de« Don Augustin Moreto. v. C A. West. Vierte Aust. (W. Th.-Rep. Nr. 11.) 80 kr. 12 Sgr. -Dasselbe, fünfte Auflage. Miniatur- Ausgabe, elrg brosch. 1862 1 fl. 50 kr. 1 Rth -Dasselbe, elegant in englischer Leinwand gebunden, mit Goldschnitt und reicher Drckel- u. Rückrnverztrrung 2 fl. 4V kr 1 Rth. 18 Sgr. Diana, Dokia. Elegant in feines Kalbleder gebunden, mit Goldschnitt und reicher Drckel- und Rückenverzierung. 3 fl 2 Rth. Diana de Lys. Schauspiel in 5 Autz. von Aler. Dumas Sohn, deutsch von P. I. Reinhard. (Wiener Th.-Rep. Nr. 43.) 60 kr. 12 Sgr Diana von PoitierS. Lustspiel in 2 A, s. Castelli Sträußchen. 15 Jahrgang Dichter und Tonkünstler durch Ungefähr. Komische Oper in 1 A. von Jos. R. v. Seyfried 1810. 25 kr. 5 Sgr. Die in ei« Weib verwandelte Katze. Operette in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 15. Jahrgang Die von der Nadel. Bilder au- dem Volksleben in 3 Abheilungen mit Gesang v. Alois Berla. (Wiener Tb.-Rep. Nr 177.) 60 kr. 12 Sgr. Diener» der, seines Nebenbuhlers. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 5. Jahrgang. Diener, ein treuer, feines Herr«. Trauerspiel in 5 A., von Franz Grillparzer. Gr. 8. 1840. 1 fl. 50 kr. 1 Th. Dienst und Gegendienst oder Waltron'S zweiter Theil Militärische« Schauspiel nach Meisl u Schildbach. 1804 60 kr. 12 Sgr. Dienstbote, ein jüdischer. Charakterbild mit Gesang in 3 A von Carl Elmar. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 168.) 60 kr. 12 Sgr Dtcnstbote» ein Wiener. Lebensbild mit Gesang in 3 A. von O. F. Berg. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 186.) 60 kr. 12 Sgr Dtenstbotenwirthschaft oder Chatoutlle und Uhr. Charakterbild mit Gesang in 2 N. von Friedr. Kaiser. 8. 1852. 80 kr. 12 Sgr. Dienstfertige, der. Lustspiel in 3 A. Au« dem Franz. 1781. 50 kr. 10 Sgr. Dienstmann, ein Wiener. Posse mit Gesang in 1 A. von Joh. Schönau. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 193.) 35 kr. 7'/, Ggr. Dienstpflicht. Schauspiel in 5 A. von Jffland 1801. 80 kr. 12 Sgr. Dinge, die vier letzten. Oratorium in 3 Abthri- lungen von Sonnleithner. 1810. 15 kr. 3 Sgr. Diplomat, ein weiblicher, oder waS ein Mädchen an- Büchern lernt. Original-Lustspiel in 4 A. von Charlotte Baronin v. Grasen (Wiener Th.-Rep. Nr. 63.) 50 kr. 10 Sgr Dir wie mir. Dramatische Kleinigkeit in l A. v. Sonnleithner 1820 25 kr. 5 Sgr. l)istru?.ion«, I», di 6«ru8Llsinm«. örnmm» 8»ero per >lusio» in du« ^tti. l817. 25 lcr. 5 8^r Doctor und Friseur, oder die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gesang in 2 A. von Fr. Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 5.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Dom Sebastian. Oper in 5 A Nach dem Franz de« Scribe von Leo Herz. 8. 35 kr. 7'/, Ggr. Domestikenstreiche. Posse mit Gesang in 1 A. v. A. Bittner. (Wiener Theater-Repertoire Nr 92.) 35 kr. 7'/, Ggr Domestikenstreiche, s. Fünf find Zwei. Domino, der grüne. Lustspiel in Alexandrinern und 1 A. von Körner. Gr. 12. geh. Wien Original-Auflage. 1829. 25 kr. 5 Sgr Don Inan. Große Oper in 2 Aufz Aus dem Italienischen. Musik von Mozart. Sechste Auflage. 8. 1866. 35 kr. 7'/. Ggr- Dou Quichotte, der neue. Lustspiel in 1 A. nach dem Frau,, von Alexander Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 72.) 30 kr. 8 Sgr. Donauweibche«, das. Romantische« Volksmärchen mit Gesang 1 Theil in 3 A. 1836 2 Theil in 3 A. 1837. 8. Von HenSler. Beide Theile 1 fl 20 Sgr. Dona Diana. Lustspiel in 3 A. nach dem Span de« Don Aug. Moreto von C. A. West. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 11.) Vierte Auflage. 60 kr. 12 Sgr. -Dasselbe. Fünfte Au flage. Miniatur- Ausgabe, eleg. broschirt. 1862. 1 fl. SO kr. 1 Rth -Dasselbe, elegant in englischer Leinwand gebunden, mit Goldschnitt und reicher Deckel- u. Rückenverzierung. 2 fl. 40 kr. 1 Rth. 18 Sgr. -Dasselbe, elegant in feines Kalbleder gebunden, mit Gowschnitt und reicher Deckelund Rückenverzierung. 3 fl 2 Rtk. Doppelgänger, der. Lustspiel in 4 Aufzügen, nach A. von Schaden'- Erzählung für die Bühne bearbeitet von Franz v. Holbein. Gr. 8. 1843. 80 kr. 16 Sgr. Dorulie«, vrLillw» io ckue ^tti ckel hluestro häsreuckuot«. 1824. 35 lcr. 7'^ 8ßr. Dorf, das, im Gebirge. Schauspiel mit Gesang in 2 A von Kotzebue. Musik von Weigl sso. 1804 40 kr. 8 Sgr. Dorfbarbier, der. Komische- Singspiel in 3 A. v. I. Weidmann. 30 kr. 6 Sgr. Dörfchen, da- friedliche. Singspiel in 1 A. von HenSler. 1803. 8 40 kr. 8 Sgr. Drei Viertel auf etlf. Schwank in 1 A. von M A. Grandjean. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 78.) 30 kr 6 Sgr. Duell, das unterbrochene, s Schönstem HauSth. Duell-Mandat, da-, oder ein Lag vor der Schlacht bet Roßbach. Drama in 5 Aufz. von W. Vogel. 8. 1843 80 kr 16 Sgr. Duenne«, die beiden. Dramatische Bagatelle m 1 A, s. Castelli Sträußchen. 13. Jahrgang. Dyck Landleben, s. van Dyck E. S. G., oder die Ausstaffirung. Posse in 1 Aufzuge von Carl Iuin (Giugno). (Wiener Theater-Repertoire Nr. 121.) 35 kr. 7'/, Sgr. Eckensteher Raute, der Wiener, oder dt« Informations-Aufnahme mit einem Clienten aus Krähwinkel. Komischer Act Zweite Auflage mit Bild Geh. (Vergriffen) 35 kr. 7'/, Sgr. Eduard in Schottland, oder dt« Rächt eiues Flüchtltng». Historisches Drama in 3 A. von Duval, au- dem vom Verfasser mitgetheilten ^ Manuskript frei übersetzt von Kotzebue 1804. 60 kr. 12 Sgr. Ehe-Doctor, der. Farce mit Gesang in 3 A. Nach einer Posse bearb. v. Joli. 1808 35 kr 7'/, Sgr. Ehemann» et« solider. Lustspiel in 1 A. Deutsch von Alexander Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 197.) 35 kr. 7'/, Gar. Ehemänner,die,als Junggesellen. Lustspielinl A , s. Castelli Sträußchen. 1 Jahrg. (Vergriffen.) Ehemänner, die, «ach der Mode. Komische Oper in 3 A von I. Ritter von Seyfried. 1804. 35 kr. 7'/. Gar. Ehen, die beide». Lustspiel iu 1 A, s. Castelli Sträußchen 3. Jahrgang (Vergriffen) Ehenstifter, der, oder di« Helden Ofstctere. Lustspiel kn 1 A., s. Castelli Stränßch 1 Jahrg. (Vergriffen.) Ehepaar, da-, a«S der Provinz. Original-Lustsp. in 4 A von Jünger. 1803. 40 kr 8 Sgr. Ehescheuen, die. Lustspiel in 1 A. von I. F. v Weiffenthur». Gr. 8. 1833 40 kr. 8 Sgr. Ehestandsqualen. Lustspiel in 1 A. und in Alexandrinern v. Deinhardstein. 1820. 40 kr. 8 Sgr EhestandS-Sceue». 1. Theil. Lustspiel in 3 A 2. Theil oder der Lieferant. Lustspiel in 3 A. Vom Verfasser des »Zwirnhändler-*. 1810. Beide Theile. 1 fl. 20 Sgr. Eher den Lod als die Sclavxrei. Ballet von Caselli. 1771. (Fehlt.) 10 kr. 2 Sgr. Ehre, die, des HauseS. Drama in 5 A. v. Carl Iuin und P. I. Reinhard. Nach L6on Battu und Maurice Desoignes. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 29.) 60 kr. 12 Sgr. Eichrnkranz, der. Ein Dialog von A. W. Jffland 8. 1801. 13 kr. 2'/, Sgr. Eichenkranz, der. Schauspiel in 4 A. Neu bearb. von Ehrimfeld. 1810. 40 kr. 8 Sgr. Eifersucht, dt« beschämte. Lustspiel in 3 A. von I. F v. Weißenthurn. Gr. 8. geh. 1833. 50 kr. 10 Sgr Eifersüchtigen, die, oder Keiner hat Recht. Lustspiel in 4 A. v. Schröder. 1805. 40 kr. 8 Sgr. Eigensinnige, der. Lustspiel von Stephani 1774 8. 60 kr. 12 Sgr. Ein Freund statt einer ganzen Familie. Posse in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 20. Jahrgang Ein Mädchen ist'S und nicht ein Knabe. Lustspiel in 1 A., nach dem Franz, von Hrrzenr- kron. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 20.) Zweite Auflage 35 kr. 7'/, Sgr. Ein Mädchen vom Theater, s. Mädche». Ein Mann hilft dem Ander«. Lustspiel in 1 A, s. Weiffenthur» Echausp. 15. Band. Ein Tag aus dem Leben Carl V. Historisches Gemälde in 2 A., s Castelli Sträußchen. 20. Jahrgang. Eine Feindin, s. Feindin Eine für die Andere. Lustsp. in 3 A, s. Castelli Sträußchen. 15. Jahrgang. Eine Ras-, s. Nase. Einer von unsere Leut'. Lustspiel mit Gesang in 3 A. von O. F. Berg. (Wiener Theatrr-Rep. Nr. 194.) 80 kr. 12 Sgr Einsiedler, der, im Lerchenwalde oder die ge- heimnißvolle Laube. Lustspiel in 1 A, s Castelli Sträußchen. 6. Jahrgang. Elegante«, die. Posse in 1 A Nach Moliöre für die deutsche Bühne von H. Zschocke. 1808. 40 kr. 8 Sgr. Elia- Regenwurm, oder die Verlobung auf der Parforcejagd. Posse mit Gesang in 2 A. von Friedrich Hopp. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 21) 60 kr 12 Sgr. Elisabeth, Königin von Eugland. Oper in 2 A. Musik von Rossini. 1822. 35 kr. 7'/, Sgr. -Dasselbe italienisch. 1822. 35 kr. 7'/, Sgr. Elmar. Theater. Wien. 1856 60 kr. 12 Sgr Enthält: Da- Mädchen von der Spule Volks- stück in 3 A — Unter der Erde Charakterbild in 3 A. Emertke» «der die Zurechtweisung. Kvm. Oper in 2 A Nach einem Daubevillr von Sonnleithner. 35 kr. 7'/, Sgr. Smmy Leel-. Drama in 3 A., s. Castelli Sträuß- chen. 9. Jahrgang. (Vergriffen) Engländerin, di«. Lustspiel rn i A., s Weiffr» thuru Schauspiele. 11. Band Entdeckung, di« «nvermuthete. Original-Lustsp. in 5 A. von F. X. Luder. 1795. 40 kr. 8 Sqr. Entführung, die, a«S dem Serail. Singspiel in 3 A. Nach Dretzner. Mnsik v Mozart. Dritte Auflage. 8. 35 kr. 7'/^ Sgr. Entführung, die. Lustspiel in 3 A. von Jünger 1803 40 kr. 8 Sgr Entführung, die, der Prinzessin Europa, oder so geht eS im Olymp z«. Mythologische Caricatur in Knittelreimen mit Gesang in 2 A von MekSl 40 kr. 8 Sgr Entzifferung, die. Komische Oper in 2 A. Nach dem Italien frei bearbeitet. 1800 35 kr. 7'/, Sgr Er bezahlt Alle. Lustspiel in 1 A., s Koch dramatische Beiträge Sr compromittirt seine Frau. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, v. Moreno. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 74 ) 35 kr 7'/, Sgr. Sr darf nicht fort. Schwank in 1 A, s Baum. Beiträge. Gr ist ein Narr. Posse in 1 A, von»Morländer (Wiener Th.-Rep. Nr. 100.) 30 kr 0 Sgr Sr kann nicht lese«. Posse in 1 A. von M. A. Grandjean.(Wiener Theater-Repertoire Nr.88.) 35 kr. 7'/, Sgr Gr mengt sich in Alle-. Lustspiel, frei nach Mistr. Centlive von Jünger. 1803. 50 kr. 10 Sgr. Sr »tll nicht sterben. Dramatischer Scherz in 1 A, von C F. Stir (Wiener Thraker-Repertoire Nr. 106.) 35 kr. 7V, Sgr. Srben, die. Lustspiel in 1 A von I. F. v. Weissen- thurn. Gr. 8. 1833. 1 fl. 20 Sgr. Erbprinz, der, oder da- Geheimuiß. Schauspiel in 4 A. von Ziegler. 1801. 8. 50 kr. 10 Sgr. Erbschaft, die. Lustspiel in 1 A 1786. 25 kr. 5 Sgr. Srbthetl de- WaterS. Schauspiel in 4 A von Jffland. 1502. 40 kr. 8 Sgr. Srbpertrag, der. Dramatisch» Dichtung in 2 Abtheilungen. Nach einer Erzählung des C. F. A. Hoffman». Von W. Vogel. 1828. Gr. 8. 80 kr. 16 Sgr. l^rools in iH'din, vrnwm» psr Illusion io äuo ^tti. 1803. 25 lcr. 5 8xr Eremit, der, auf Aormentera. Schauspiel mit Gesang in 2 A. v. Kotzrbue. 1810. 50 kr. 10 Sgr. Eremit, der, au- den Ardennen. Schauspiel in 5 Aufzügen, s. Buzzi dramatischer Nachlaß. Erinnern»-. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 80 kr. 16 Sgr Eroberung, die, von Jerusalem. Historisches Drama in 3 A. Nach Croneak und Drmirur von Stegmaver. 8. 1805. 35 kr. 7'/, Sgr. Ersatz, der. Original-Schauspiel in 4 A. von P. W Vogel. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Erziehung, die. Original-Lustspiel ». Weidmann. 8. 1775 25 kr 5 Sgr. Erzieherin, die. Schauspiel in 4 A, von Paul -oucher. Nach dem Franz von Mar Stein (Wiener Th.-Rep. Nr. 129.) 60 kr. 12 Sar. E- bleibt unter uns. Lustspiel in 4 A. v. Schild- hach. 8. 1807. SO kr. 12 Sgr. G- ist Friede, oder dt« Zurückkunft de- Fürste« Vaterländische- Gemälde mit Gesang in 3 A von Gleich 1806 8 40 kr 8 Sgr Esel, der hyperboräische, oder die heutige Bildung. Drastische- Drama und philosophische« Lustspiel für Jünglinge in 1 A. von Kotzebne. 1801. 35 kr. 7'/. Sar. Ssser. Trauerspiel in 5 A Nach Bank«, Brooke, Jone« und Ralph. 1803. 50 kr 10 Sgr stkströ, Gabriele. Singspiel in 3 A. Nachdem Franz v. Fr.Treitschke. Gr. 8.1808. 25 kr. 5 Sgr. Etwa- Kleine-. Charakterbild mit Gesang in 3 A von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 69 ) 60 kr. 12 Sgr Eulenspiegel» der. Alleg Schauspiel au- dem neunzehnten Jahrhundert, von Weidmann. 1781. 35 kr. 7'/, Sgr. Sulenspiegel, oder Schabernack über Schabernack. Posse mit Gesang in 4 A. v. I. Nestroy. ZweiteAuflage. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 32.) 50 kr. 10 Sgr. Sulenspiegel al- Schnipfer. Posse in 1 A., von Anton Bittner. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 66.) 30 kr. 6 Sgr Suphrosine. Oper in 3 A Nach dem Franz. 1806 35 kr. 7'/, Sgr Suryauthe. Große romantische Oper in 3 A von H. v Chezy. Musik von C. M. v. Weber. 8. Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Fadinger Stephan, oder der Dauernkrieg. Originaldrama in 5 A. von Weidmann. 1781. 35 kr. 7'/, Sgr. Fähnrich,der. Lustsp. v. Schröder. 8. 60 kr. 12 Sgr. Fall, ein seltener, oder dir Mutter, die Vertraute ihrer Tochter. Lustspiel in 3 A von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr Familie, die amerikanische. Operette in 1 A Alldem Franz. des Bouillv, von I. R v. Sevfried 1810. 25 kr. 5 Sgr Familie, die schottische, oder die Stärke der kindlichen Liebe. Große militärische Over in 3 A. von H Steche. Musik von Signora Edlen von Eulenstein. 40 kr. 8 Sgr Familie, die, auf Isl« äv Kranes. Oper in 3 A. Aus dem Franz von I. F. Castelli. 1805. 35 kr. 7'/. Sgr Familie Rickeburg, die. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 17. Jahrgang. Fanchon» da- Leiermädchen. Vaudeville in 3 A Nach dem Franz, des Bouillv von Kohrbue. Lustspiel mit Gesang. Musik v. Kapellmeister Himmel. 1808 50 kr. 10 Sgr Fasching-uacht, die verhänanistvolle. Posse mit Gesang in 3 Aufzügen. Mit 1 alleg. Bilde v I. Nestrov. 12. 1841. 75 kr. 15 Sgr Fasching--Souper, ein. Posse in 1 Aufzuge von AlorS Berla. (Wiener Theater-Repertoire 179) 35 kr. 7'/. Sgr. Faßbinder, der. Singspiel in 1 A. Aus dem Franz 1802. 25 kr. 5 Sgr Faßbinder, die beiden, oder Reflexionen «nd Aufmerksamkeiten. Posse in 3 A., s. Frld- maun Lustspiele. 6. Baud. Faust. Trauerspiel v. Göthe, gr. 12. Wiener Orrg.- Auflagr 1823 Armbruster. Delinp 1 fl. 20 Sgr Faust. Große romantische Oper in 3 A von ö L. vernarb. 1813. 5V kr. 1V Sgr. Fnust'A Dortor Hauskäppche« od dir Herberge im Walde. Posse mit Gesang i» 3 A. von Friedrich Hopp 1843. 75 kr. 15. Sgr. Faust» Mantel. Zauberspiel mit Gesang in 2 A. von A. Bäuerle. 8. Wien. 1820. 30 kr. 6 Sgr. Fausti« l, Kaiser von Hayti. Posse in 4 A.» mit einem Vorspiele: Die Europamüden, s. Feldmann Lustspiele. 5. Band. Faustrecht, da», in Thüringen. Schauspiel mit Gesang nach HaSper a Spada. für die Bühne bearbeitet von Hensler. Musik von Kauer. 3 Lbeile 1797. 1 st. 20 kr. 24 Sgr. Februar, der vierundzwanzigste. S. Werner. 6. Bd. beflvrien «-<1 ^cknlfa. l)rnm. ?reri» in clua ^tti, 1812 35 Irr. 7'/, t>"r. Fehltritt, ei«. Schauspiel in 2 A.. s Castelli Sträußchen 17. Jahrgang. (Vergriffen.) Feindin, eine, und ein Freund. Posse mit Ges. in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 87.) 60 kr. 12 Sgr. Feldmann, Ludw. Deutsche Original-Lustspiele. 1 bis 6. Band. 8 Wien. 1845—1853. Preis eine- Bandes 3 fl 2 Thr. Inhalt: I. 1845 Der Sohu auf Reisen. Original-Lustspiel in 2 A. — Die Kirschen. Orig.-Lustsp. in 1 A. — Das Porträt der Geliebten. Orig.-Lustsp. in 3 A. — Die freie Wahl. Orig -Lustsp in 1 A. — Die schöne Atheniensrrin Orig.-Lustsp. in 4 A. II. 1847. Der Pascha und sein Sohn. Orig.- Lustsp. in 5 A. —Ein FreundschastSbünduiß. Orig.-Lustsp. in 4 A. — Ursprung de- Korb- gebrnS. Dramatische Klrinig eit nach einer Anecdotc in 1 A. — Eine unglückliche Physiognomie. Orig.-Lustsp in 3 A. — Drei Kandidaten Ong.-Lustsp. in 3 A III. 1848. Ein höflicher Mann. Orig-Lustsp. in 3 A — Der dreißigste November Orig.- Lustsp. in 1 A. — Ein Mädchen vom Theater. Orig.-Lustsp. in 4 A. — Baron Beisele und sein Hofmeister Doctor Eisele in München. Localpoffe mit Gesang in 3 A. — Der Lebensretter. Originalpossr mit Gesang in 3 A. I V. 1849. Der RechnungSrath nnd seine Töchter. Orig.-Lustsp in 3 A — Der deutsche Michel, oder Aamilicn-Unruhen. Zeitbild in 5 A. — Kern und Schale. Orig.-Lustsp. in 3 A. — Ahnenstolz in der Klemme. Schwank in 1 A. — Bekenntnisse eine- Brautpaare«. Zweigespräch in freien Versen zur Deklamation. — Da« Narrenbau«. FastnachtS- possr in 2 A V. 1851. Faustin I, Kaiser von Hakti. Origi- nalpoffe in 4 A.. mit einem Vorspiele: Die Europamüden, von Frldmann und Bertram. — Ein alte» Herz. Lustspiel in 3 A. — Die beiden Kapellmeister. Orig.-Lustsp. in 2 A. — Das Gastmabl zu Lurenhain. Dramatischer Scherz in 1 A — Der neue Robinson. oder: Da- goldene Deutschland. Orig - karnevalSpossr mit Gesang in 2 A, von Feldmann und Bertram VI 1852 Die beiten Faßbinder, oder: Refle- rionen und Aufmerksamkeiten. Posse in 3 A mit Gesang, Tänzen. Einzügen und Spektakeln — Die Schicks«lsdrüver Lustspiel in 4 A. — Die Industrie-Ausstellung, oder: Resseabrutcuer in London. Gelegenheits- possr in 3 A. mit Gesang und Tan» in AA — List und Dummheit. Posse mit Gesang und Tanz in 3 A. Feldtrompeter» der, oderr Wurst wider Wurst. Posse in 1 A. v. Hensler. 1798. 8. 40 kr. 8 Sgr. -Dasselbe als Singspiel von Perinet. 20 kr. 4 Sgr. Fenster, das zugemauerte. Lustspiel von A ». Kotzebue. 8. 25 kr. 5 Sgr. Fenster, daS zugemauerte. Komische Operette in 1 A. Nach Ä. v Kotzebue. 1811. 25 kr. 5 Sgr. Ferdinand Raimund, s. Raimund. Ferrandino. 1. Theil, Fortsetzung des Rinaldkni. Schausp. in 3 A. v. Hensler. 1Ä0. 40 kr. 8 Sgr. -2. Theil. Schausp. in4A. v. Hensler. 18Ü1. (Vergriffen.) 40 kr. 8 Sgr. -3. Theil. Schausp. in 4 A v. Hensler. 1801. 40 kr. 8 Sgr. Festung, die, an der Elbe. Oper in 3 A. Nach dem Franz, frei bearbeitet von Castelli. Musik von Fischer. 1808. 25 kr. 5 Sgr. Feuer und Wasser, oder die Haarlocke. Overette in 1 A. Nach dem Franz, von Seyfried 8 1803. 25 kr. 5 Sgr. Feuerlärm, der, oder Alles geht nach Wunsch. Lustspiel in 1 A. 1793. ' 35 kr. 7',' Sgr. Fiakerin, die schöne. Localer Schwank mit Gelang und Tanz in 3 A. Nach einer älteren Kring- striner'schen Posse frei bearbeitet v.A. E. NaSke. (Wien. Theak.-Repert. Nr. 37.) (40 kr. 8 Sgr 1 Ftdelio. Oper in 2 A Frei nach dem Franz Musik v. L. van Beethoven. Neue Auflage 35 kr. 7'/, Sgr. FteSko, der. Salamikrämer. Musikalische« Ouod- libet in 2 A. Bearbeitet von Gleich. 8. 1813. 40 kr. 8 Sgr. Figaro in Deutschland. Lustspiel iu ö A von ' Jffland. 1809 40 kr. 8 Sgr Ftgaro'S Hochzeit» oder der tolle Lag. Lustspiel in 5 A. von Jünger. 40 kr. 8 Sgr. Findelkind, da». Lustsp in 5 A. 1807. 50 kr 10Sgr. Findelkind, ein.Charaiterb. m Ges. in 1 A. v Carl Elmar. (Wr. Theat.-Rep Nr. 177.) 30 kr. 6 Sgr Fitzliputzlt, oder die Teufelche« der Ehe. Kom Operette in 1 A. von Carl Juin (Giugno). 8. 1865. 35 kr. 7'/, Sgr. Fläschchen, da», K älnerwasser, oder Denkschrift eine» Hustarenoffizters. Lustspiel in 1 A.. s. Castelli Sträußchen 8. Jahrgang. Fledermaus» die. Lustspiel in 1 A Nach Langbein» Feierabenden bearbeitet von Hensler. 1802. 25 kr. 5 Sgr. Fleischhauer, der schöne. Lustspiel in 1 A., nach dem Franz, von Aler. Bergen. (Wr. Theater- Repertoire Nr. 145.) 35 kr. 7'^, Sgr. Florentiner Ttrohhut, ein, oder Fatalitäten an dem DerlobungStage. Posse mit Gesang in 3 A. von Carl Juin und L Flerr (Wiener Theater-Repertoire Nr. 35.) 40 kr. 8 Sgr. Flucht, die, a»S Liebe. Lustspiel in 5 A. von Jünger. 8. 1805 40 kr. 8 Sgr. Flüchtig in der Heimat. Charakterbild mit Gefang in 3 A von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 188.) 6» kr. 12 Sgr. Folgen einer Mtsib irat. Gemälde au- dem Leben in 4 A.. s. Castelli Sträußchen 20 Jahrgang. Folter, die, »der der menschliche Richter. Drama von Weidmann 8. Wien. 1773. 25 kr. 5 Gar. Franct-ca von Fotr. Heroisch-komisch« Oper m 3 A. nach einer franz. Idee frei bearbeitet von I. S. Castelli. 35 kr. 7V, Sgr. Kran Wtrthi«, die. Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 67.) 63 kr. 12 Sgr. Fra«, die, zweier Männer. Schauspiel in 3 A. Nach dem Franz, frei bearbeitet von Schulz. 8. 1803. -0 kr. 8 Sgr. Franen-Emanctpatto«. Lustspiel in 3 A. von Dr. W. Marchland. 8. Geh. 1840. 80 kr. 16 Sgr. Arauenstand. Lustspiel in 5 A. von Jffland. 8. 1800 50 kr. 10 Sgr. Fränlei« Bruder, mein. Lustspiel in 1 A. von Aler. Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 82.) 30 kr. 6 Sgr. Freiheit in Krähwinkel. Posse mit Gesang in 2 Abtheilungen und 3 A. von Joh. Nestrvy. Mit 3 Bildern. 8. 1849. 1 fl. 20 kr. 2^Sgr. Freischütz, der. Romantische Oper in 4 Aufzügen von Friedrich Kind. Musik von Carl Maria Weber. (Neue Auflage.) 35 kr. 7 V, Sgr. Fremde, der. Lustspiel in 5 A. von Jffland. 8. 1301. 80 kr. 16 Sgr. Fremde, die. Schauspiel in 3 A., s. Weiffenthuni Schauspiele, 15. Band * Freudenfest, da-, einer Dorfgemeinde in Hun» garn. Ländliche- Gemälde in 1 A. 1800. 35 kr 7'^ Sgr. Freund, der, nnd die Krone. Romant. «Schauspiel in 4 A. v. Lembert. Zweite Auflage. (Wien. Theat.-Repert. Nr. 8.) 35 kr. 7', Sgr. Frennde, die. Original-Schauspiel in 4 A von Ziegler. 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr. Freunde, zwei, und ei« Rock. Posse in 1 A., s. Castelli Sträußchen, 12. Jahrgang. Freundschaft und Argwohn. Lustspiel in 5 A. von Jünger. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Frenudfchaftoünduiß, ein. Lustspiel in 4 A., s. Feldman« Lustspiele. 2. Band. Freundschaftsdienste. Lustspiel in 1 A. von Carl Juiu (Guigno) (Wiener Theater-Repertoire Nr. 115.) 35 kr. 7'/, Sgr. Fridolin. Schauspiel in 5 A. von Franz v. Holbein 1808. (Vergriffen.) 50 kr. 10 Sgr. Friede, der, am Pruth. Al- zweiter Theil de- Mädchen« vou Marieudurg. Schauspiel ru 5 A. 8 1804. 50 kr 10 Sgr Frink und Compagnie. Charakterbild mit Gesang in 3 A von A. Varry. Musik von Adolf Müller. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 56 ) 60 kr. 12 Sgr. Fritz, der lustige, oder: schlafe, träume, stehe auf, kleide dich an und bessere dich. Märchen neuerer Zeit in 2 A von Meisl 1819. 40 kr. 8 Sgr. Frühstück, daS. Burschenstreich in 1 A. 1807. 8 20 kr. 4 Sgr Fuchs, ein. Posse mit Gesang in 3 Aufzügen, von Carl Juin (Wiener Theater-Repertoire Nr.73.) 60 kr. 12 Sgr Fünf sind zwei, oder Domestikenstrriche. Lustspiel in 1A., s. Castelli Sträußchen, 10. Jahrgang. (Vergriffen.) Fürst, et«. Charakterbild mit Gesang in 3 A von Fr Kaiser. 8 1850. 75 kr 15 Sgr. Fürsten, die, der Longobarde«. Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Gleich. 1808.8. 40 kr. 8 Sgr Fürstengröße. Vaterl. Schauspiel in 5 A von Ziegler. 1804. 8. 50 kr. 10 Sgr Fürstenrache, die. Original-Schauspiel in 5 A 1803. 50 kr. 10 Sgr Gabriele. Drama in 3 A. Nach der »Lalene« der Herren Scribe und MeleSville. Vou I. F Castelli. Zweite Auflage. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 164.) 35 kr. 7'/, Sgr. Gallerte-Gemälde, daS. Schauspiel in 5 A. von HenSler. 1803. 35 kr. 7'/, Sgr. Galotti, Emilie. Trauerspiel in 5 A. von Lessing. 8. 40 kr 8 Sgr. Gang in'S Irrenhaus, der. Lustspiel in 1 A., nach dem Franz, v. Herzenskron. Zweite Auf- lage. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 10.) 35 kr. 7'/, Sgr. Garrick in Bristol. Lustspiel in 4 A. von Dein- hardstein. 8. geh. 1834. 1 fl. 20 Sgr. Gardinenpredigt. Posse in 1 A. Deutsch von Aler. Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 189.) 35 kr. 7'/, Sgr. Gasthof, der portugiesische. Komisches Singspiel in 1 A Aus dem Franz, von Trritschke. 30 kr. 6 Sgr. Gastfreund, der. Trauerspiel in 1 Aufz. von Franz Grillparzer, s. dessen goldenes Vließ. Gastmak, da-, zu Lurenhain. Dramatischer Scherz in 1 A., s. Feldmann Lustspiele. 5. Band. Geächteten, die. Schauspiel in 4 A. von Weidmann. 1826 80 kr. 12 Sgr. Gedicht, daS, oder die junge Schweizerin. Lustsp. in 2 A. vou I. D. Falk. 1800. 25 kr. 5 Sgr. Gefahr, die. Dramatische Situation von Ehrim» seid. 13 kr. 2'/, Sgr. Gefangene, der. Lustspiel in 1 A. von Kotzcbue 8. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Geflüchteten, die. Schauspiel in 1 A. von Jffland 35 kr. 7'/, Sgr. Geheimntß, da- öffentliche. Lustspiel in 5 A. nach Gozzi von Götter. 8. 1792. 40 kr. 8 Sgr. Geisterseher, der. Neu nach Schiller, als Schauspiel in 5 A. mit Chören, von Pennet. 1810. 8. 40 kr. 8 Sgr. Geizige, der. Lustspiel in 5 A. Nach Moliäre für die deutsche Bühne von H. Zschvkke. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Geldfrage, die. Lustspiel in 5 A., v. Aler. Duma- Sohn, deutsch von P. I. Reinhard. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 42.) 60 kr. 12 Sgr Gelehrter, ein junger. Lustspiel in 1 A., nach dem Englischen v. Alexander Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 66.) 30 kr. 6 Sgr Gelübde, die. Lustspiel in 2 A. von Th Hell 1806. 35 kr. 7'/, Sgr. General, der. Lustspiel in 3 A., s. Castelli Sträußchen, 19. Jahrgang. (Vergriffen.) Generalprobe, die. Vorspiel v. Schildbach. 1804 25 kr. 5 Sgr. Geniestreich», die. Posse in 4 A. 1802. 35 kr. 7'/, Sgr. Geuiren sie sich nickt. Original-Lustspiel in 1 A von Holbein. 12 1826 35 kr. 7'/, Sgr Georgi. Posse in 1 A. von L Julius. (Wiener Theater-Repertoire Nr 16.) 35 kr. 7'/, Sgr. Geprüfte«, die. Lustspiel in 5 A., s. Weissentburn Schauspiele 14. Band. GervinuS, der Narr vo« Untersberg, oder et« patriotischer Wunsch. Posse mit Gesang ir 3 A. von Alois Berla (Wiener Th.-Repert. Nr. 31.) 40 kr. 8 Sgr. Gesaudtschafts-Attach«, der. Lustspiel in 3 A. Nach dem Franz, von Aler. Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 124.) 60 kr. 12 Sgr Geschenk, das. Gelegenheitsstück in 1 A. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Geschwister, die, vom Lande. Lustspiel in 5 A. von Jünger. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Gespenst, das. Romantisches Schauspiel in 4 A. Mit Chören und Gesängen v. Kotzebue. 1809. 40 kr. 8 Sgr. Geständnist, daS. Lustspiel in gereimten Versen m 1 A. v. Kotzebue. 8. Pest. 1817. 25 kr 5 Sgr. Geständnist, daS. Lustspiel in 1 A. Nach dem Italienische n von Ehrimfeld. 1804.25 kr. 5 Sgr. Gewissen, daS. Bürgerliches Trauerspiel in 5 A. von Jffland. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Gewissen, das rächende. Trauerspiel in 4 A. von H. Zschocke, Verfasser deS »Abällinv*, für das k. k. Hoftheater bearbeitet von Kotzebue. 1810. 50 kr. 10 Sgr. Gewohnheiten. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz von Mar Stein. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 125.)j 35 kr. 7'/" Sgr. Gezeichnete, d e» oder Russe und Franzose. Schauspiel in 3 Abtheilungen und 4 A. von C. I. Fvlnes. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 95.) 60 kr. 12 Sgr. Oiorno, I'ultüno, «1i Vramiv» 8eri» per >lu8wL 1827. 35 Irr. 7'/, 8^r. Gisela von Baiern, erste Königin der Magyaren. Historisches Schauspiel in 3 A. v Meisl. Gr. 8. 1825. 35 kr. 7'/, Sgr. Oiulistt» « komso, l'ra^eckiu per lVIrrslo» in tr« ^tti. 1806. 35 kr 7'/, 8^r Gleichen, Ernst, Graf von, Gatte zweier Weiber. Schauspiel in 5 A. von I. Graf von Soden. 8 1791. 80 kr. 16 Sgr Glück durch Unglück. Lustspiel in 1 A v. Schildbach. 1808. ' 30 kr. 6 Sgr. Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder daS Ge- heimntst des grauen Hauses. Posse in 5 A von I. Nestroy Gr 16 1845 75 kr 15 Sgr Goda, oder Männersinn und Wcibermuth. Gemälde der grauen Vorzeit mit Gesang in 3 A. von Gleich. 1807. 8 40 kr. 8 Sgr. Godl, die fesche. Skizzen aus dem Wiener Volksleben mit Gesang in 3 Abtheilungen und 6 Bildern von Ferdinand Heim (Wiener Tbeater- Repertoire Nr. 162.) 60 kr. 12 Sgr. Gouvernante, die. Posse in 1 A von Körner. 12. Geh. Wien. Original-Aufi. 1819. (Vergriffen.) 25 kr. 5 Sgr Gönner, der. Lustspiel in 1 A. von I Sonnleithner. 16. 1815. 25 kr. 5 Sgr Gräfin Aurora. Historisches Lustspiel in 5 A. von E Mautner, s. dessen Lustspiele. Gretfenstein, Schloß, oder Sammtschuh. Ro mantisches Schauspiel von CH Birch-Pfeiser 1833. gr. 16 80 kr. 16 Sgr. Grenadiere, die zwei. Lustspiel in 3 A. 1805. 35 kr. 7'/, Sgr. Grillparzer, Franz. Die Ahnfrau — Ein treuer Diener seine« Herrn. — König Ottokar'« Glück und Ende. — De« Meere« und der Liebe Wellen. — Melustna. — Sappho. — Der Traum ein Leben. — Da» goldene Vließ. — Weh' dem, der lügt, l unter den besondereu Titeln -diese neun Stücke, elegant in 4 Bände gebunden 12 fl 50 kr. 8 Thlr. 10 Sgr. Grisktrcher, Wilhelm, der edle Wiener. Schauspiel mit Gesang in 5 A. von Meißl. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Groizsch, Graf Wipprecht vo«. Nationalschauspiel in 3 A. vo« Verfasser -.Friedrichs mit der gebissenen Wange*. 1790. (Vergriffen.) 50 kr. 10 Sgr Großmama, die. Original-Lustspiel in 4 A. von Ziegler. 1817. 8. 50 kr. 10 Sgr. Großpapa, der. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 10. Jahrgang. (Vergriffen) GrottuS, Hugo. Schauspiel in 4 A von Kotzebue 1804. 50 kr. 10 Sgr. Guise, Mathilde von. Oper in 3 A. Nach dem Franz. 1810. 30 kr. 6 Sgr. Guldenzettel, ein. Originalschwank in 1 A. v. Carl Gründorf.(Wr. Th.-Rep. Nr.70.) 35 kr.7V,Sgr. Gulistan, oder der Hulla von Samarkauda. Oper in 3 A. von Etienne 1806. 35 kr 7'/, Sgr. Gülnare, oder die persische Sclavin. Komische« Singspiel in 1 A. Nach dem Franz, übersetzt von Lippert. 1800. 20 kr. 4 Sgr Gustav, oder die Mtnengräber i« Schweden. Historische« Schauspiel in 5 A. Nach dem Kranz, von I. F. Castelli. 1805. (Vergriffen.) 50 kr. 10 Sgr. Gut, Unrecht. Charakterbild mit Gesang i» 3 A. und einem Vorspiele von Friedrich Kaiser. (Wiener Tb.-Repert. Nr. 81.) 60 kr. 12 Sgr. Gute Rächt, Rosa! Dramatische« Genrebild in 1 A. von Friedrich Kaiser (Wiener Theater-Repertoire Nr 141.) 30 kr 8 Sgr. Gutterre, Don. Trauerspiel in 5 A. Nach Calde- ron's »Arzt seiner Ehre", von West. 1834. 8. 1 fl. 20 Sgr. Haare, rothe. Lustspiel in 1 A. von Grandjean. (WienerTh.-Rep. Nr. 1.) Zweite Auflage 35 kr. 7'/, Sgr. Ha. Sie werd'n mein Schwiegersohn und sonst Kaner. Bitterklee. Ja, aber, was wird denn der Herr Gemal dazu sag'n? Flügerl. Mein Mann? Der wird gar net viel g'fragt — in dem Haus g'schiecht bloß das, was i will; übrigens "um ihn g'rad'nicht vor'nKopfz'stoßen, so können's ja per Pasletan bei ihm anfragen, ob er damit einverstanden is, wann Sie unser Schwiegersuhn werden. Bitterklee (eifrig). Das werd' ich gleich thun, wo is denn der Herr Flügerl? Flügerl. Ja, da müssen's a bisserl warten; er is auf d'Brandstatt gangen, um sich den neuchen Brunn' anz'schau'n, auf den's, wia i hör', a Madl mit Gans aufg'stellt hab'n. Bitterklee. Warum hab'ns denn das Madl aufg'stellt? Flügerl. Warum? Ja, i waaß's net; no, mein Alter wird's schon wissen. Kom- men's daweil in mein Schlafkammer, Sie müssen den Decoct, den's mir vor vierzehn Tagen gegen's Herzleiden geb'n hab'n, untersuchen; mir scheint, es hat sich seit der Zeit, wo Sie g'sessen san und der Decoct g'standen is, der Schimpel ang'setzt. Knm- men's, Herr Bitterklee! (Sie geht mit Bitter- klee nach rechts ab.) Zweite Scene. Sali (allein, die die ganze Scene hinter der Thür mit angehört hat — tritt heraus). Was Hab' i g'hört, der Dürrkräutler soll von meine Eltern der Schwiegersuhn wer'n? Das haaßt also: er soll mi heiraten? Also darum schaut er mi jedsmal durch seine Brillen so an, als wie a Kater an Kanarienvogel? Mein God, mir wird völli ent- 3 risch; i furcht' mi, was thua i denn? Halt, 'sG'scheidteste iS, i lauf' hinüber in das Wirthshaus, wo mein geliebter Peter immer cinkehrt, wann er mit sein'n G'flügel nach Wien kummt. Vielleicht is er da und i kann mi mit ihm berathen, was da z'thun is! Ja, i geh' und zwar gl ei — denn wann der Dürrkräutler wieder herans- kummt, so — (erschrickt.) Mir scheint, da kummt er g'rad'! G'schwind fort! (Eilt durch dir Mitte ab.) Wann aber d'GanS schnadert, da- g'fallt akurat. Und wahrscheinli, weil d'GänS in Rom 's Capitol Mit'n Schnadern gerettet hab'n, darum als Zoll Der Dankbarkeit und als ein nobel'S Präsent Hab'n d'Gäns auf der Brandstatt kriagt a Monument! Dritte Scene. Vierte Scene. Vorige. Simon. Nach dem Liede Flügerl und Bitterklee (von rechts). Simon (ein ältlicher, gutgenährter Mann mit freundlichem, weinrothem Gesichte). Cnlrsetied. Mir Weana beklag'n uns, daß unsere Stadt Nur Stanhaufen und Monumcnter z'weng hat, D rum haben beschlossen im Stadtrath die Herr'n: Daß G'lehrte und Künstler jetzt a auf- g'stellt wer'n. Den Männern von Geist jedoch geht's wie im Leb'n, Daß'- ihnen den -'stimmten Platz ewig net geb'n; Damit aber d'Weanastadt doch wird verschönt, Hab'n d'Gäns auf der Brandstatt kriagt a Monument! 's wird freili a dumme Gans oft mehr geschätzt Als ein g'scheidter Mann, so war's einst und is jetzt; Denn d'Red von ein'm G'scheidten, die finden d'Leut fad, Bitterklee (sehr höflich). Herr Flügerl, wünsch' gu'n Muring! Simon. Ah, san Sie da? Habn's Jhna schon wieder auslassen?No, da wird die Sterblichkeit in Wean wieder zna- nehma! Mad. Flügerl. Aber Simon! Bitterklee (lächelnd). Lassen Sie dem Herrn Flügerl nur seine G'spaß machen, mi g'freut's, daß er gut aufg'legt is, denn der gute Hamur is ein Zeichen von Gesundheit. Simon (heiter). Ja g'sund sa ma und fidel, was Zeug halt! Flügerl. No, Simon, warst auf der Brandstatt? Auf der alten liaben Brandstatt — wiffen'S, Herr Bitterklee, i geh' gar niamal'n mehr auf den Platz, wo L so viel Jahr lang g'festen bin, i man frei, cS stoßt mir die Wehmuth 's Herz ab. Simon. So tramhappert bin i wieder net. D'rum bin i a frischweg Hingängen, und Hab' mir den neuchcn Brunn an- g'schaut. No, i muaß sag'n, es is a reckt a saubers Figürl, das Gansmadl mit der Kupfernasen und mit die Gäns, die links und rechts Wasser speiben. * 4 Flügerl. No, und hast nir g'hört: is daS Gansmadel uns z'Ehren aufg'ftellt, weil wir G'flügelhandlerinnen früher dort g'sessen san? Simon. Na, das is net der Fast und 'S kann a net der Fall sein, denn sunst thäten net die Gans' Wasser, sondern a paar alte Kapäunlerinnen thäten Feuer speiben! Flügerl. Also net, jetzt möcht' i nur wissen, was denn das Monument z'be- deutcn hat! Simon. I had's durchaus net 'rausdringen können, obwohl i den Brunn' von zwa Seiten ang'schaut Hab', 'z'erst vom Sternwirthshaus und nachher vomWirths- haus bei der Eichen! Flügerl. Hast schon wieder biberlt, Du Saufaus! Simon. Frcili hab'i t runken; ü beraü vier Pfiff ung'wasserten Vierundsechziger! Du glaubst gar net, Alte, wia oam (Einem) der ledige Wein schmeckt, wann ma verheirat't is! Bei der G'legenheit Hab' i mi' erinnert, daß Du in deiner Jugend Ganscl- hüterin in Hollabrunn warst, und i Hab' g'seufzt; o, i wollt g'wiß ganz selig sein, wann mein' Alte no all'weil Ganselhüa- terin wär', und da drob'n am Brunn an- g schrauft. Flügerl. O Du Grobian, Du hast nothwendi', so z'reden; wer schafft denn Geld in's Haus, wer erhalt't denn die ganze Wirtschaft? i — die Madam' Flügerl! Simon lich wcr'n! Simon. No jetzt, der Peter hat a saubre Landwirthschast und is mir sunst als a bra, ver, rechtschaffener Mensch bekannt; nimm' Dir'n, i Hab' nir dageg'n. Sali. 3 dank' schön, lieber Vater, aber 3hre Einwilligung nutzt uns nir, weil der Vater von jeher viel z'commod is, als daß er der Muatta widersprechen thät, so kummt'S, daß in unser'm HauS nia das g'schiecht, was der Vater verlangt 1 Simon. Da hat sie Recht! Weil Du aber Recht hast, so wend' Di mit dein'n Peter an dein Muatta, was kummst denn mit der dalkertcn Heiratsg'schicht zu mir? Sali (erschrocken). Sie kummt, die Muatta, i hör' ihr Stimm'! Simon. Also, Peter, aufpaffen, und wann i 3hm ein'n heimlichen Rippenstoß gib, da geht Er mit an Hurrah auf sie loS; g'rad' als wie's unsere Soldaten machen, wann'S Sturm laufen. Achte Scene. Vorige. Mad. Flügerl (durch die Mitte). Flüge rl. Zetzt möcht' i nur wissen, wo das Madl steckt. (Bemerkt Sali.) Da is's ja! No, wo warst denn? (Sieht jetzt auch Peter, der sich hinter Simon zu verkriechen sucht.) Ader, was siech i, der Hendlkramer iS a da? (Mit bissigem Tone.) Was verschafft unS denn die seltsame Disit? (Weil fit keine Antwort kriegt, ruft sie.) No, wird g'redt oder wird nit g'redt? 3 will wissen, wa- der Peter in mein'n Qartier will? Simon. Alte, der Peter is kunnna, um mit der Frau vom HauS, von der Alles abhängt, deren Willen von uns Al- 7 len respectirt wird, weil sie a g'scheidt's, umsichtig'sWeib is, a wichtige Sach' abz'machen. (Zn Sali ) I hab's aufputzt,weil's so was gern hört! Flügerl (scharf). I hoff', daß der Peter bloß in ancr G'schaftssa ch' reden will! Simon. Ja, das wer'n wir gleich erfahren! (Stoßt Prter.) tzosgeh'n! Peter (rafft sich zusammen, stürzt sich auf Madame Flügerl hin und schreit voll Angst). Hurrah! Flügerl (macht einen Satz zurück und stoßt entsetzt einen Schrei auS). Simon (springt dazwischen und reibt gegen Peter auf). (Kurze Pause.) Alle (stehen erschrocken). Simon (ärgerlich). Strohkopf, wie kann man denn so an'n Blaazer loslaffen! Flügerl (die sich setzt, hält sich die Seite). Ah — ah, der Schrecken is mir in alle Glieder g'sahr'n. Peter (stotternd). I Hab' glaubt — der Herr Simon hat g'sagt — Simon. Halt der Peter 's Maul, auf dir Art kann er sein Lebtag net an'S Ziel kumma. I werd' liaber glei' selber reden. (Zu Madame Flügerl.) Du, Crescenz — um kurz z'sein, der Peter is da, um Dich z'bitten, daß d' ihm d' Sali, in die er verbrennt iS und die ihn a wieder gern hat, zum Weib gibst! Flügerl (springt auf). Was? der Händelkramer will die Tochter von ana G'flü- grlhandlerin, die mit die ersten Häuser z'thun hat? DaS iS ja unerhört, i begreif' gar net, wie so a — a Bauernklachel zu der Keckheit kummtl Simon. Was? Bauernklachel sagst? No hörst, CreScenz, wann Du Dich so ausdruckst, da g'spürt ma g'rad net, daß Du mit die ersten Häuser in Verbindung stehst. Flügerl. I nenn' Alles beim rechten Namen nnd nimm mir niamal'n a Blatt vor s Maul, am allerwenigsten, wann i Mit solche Leut' (weist verächtlich aus Peter) z'samm'triffl Sali. Muatta, verzeig'ns, aber der Peter is ja a g'machter Mann, hat Hau- und Hof, i hab'n gern, i siech gar net ein, warum die Muatta gar so geg'n ihn an- angeht. Flügerl. Das kümmert Di' nir, Du g'schnappigs Ding, und ob Du den Menschen da gern hast oder net, das kümmert mi' wieder nir; damit i aber an für allemal an'n Ruh' Hab', so erklär' i feierlichst, der Peter kriegt so wenig mein' Tochter Sali, so wenig als a Aussicht is, daß i, die Crescenz Flügerl, je wieder auf der Brandstatt mein'n Platz kriag. Sali. Was? Erst nachher dürft' mi' der Peter heiraten? Muatta, is das Ihr Ernst? Flügerl. So Hab' i 's net verstanden, aber Ihr könnt's es a so nehmen; wann i wieder auf die Brandstatt kumm, kriegt Dich der Peter zum Weib, daweil aber wird Di' wohl der Herr Bitterklee zur glücklichen Hausfrau machen! Neunte Scene. Vorige. Bitterklee. Bitterklee (der die letzten Worte gehört hat, tritt vor und sagt:) Ja, daö wird er! Grüß Gott, geliebteste Sali! Sali (eilt zu Simon und Peter). Vater, Peter — der will mi' heiraten! Peter (zornig). I trau' mi' eigentli'nöd, aber i hau n nieder! (Droht Bitterster, der zurückweicht.) Flügerl. WaS? Der Mensch untersteht sich das in mein'm Haus? Marsch außi! Sali (zu Simon). Vater, helfen's! — (Sie bittet ihn voll Angst.) Simon (der plötzlich von einer Idee erfaßt ist, sagt bei Seite). Halt, i waaß, was i thual (Laut.) Sali, Du wirst jetzt stad sein. Dein' Muatto iS erstens dein' Muatta, waS sie schafft, mußt Du als Tochter respectir'n, und zweitens is sie a grundg'scheidt's Weib, die allezeit weiß, was recht und gerecht iS! 8 Sali. Aber Vater! Simon (leise und schnell). Sei stad, dumme Mirl, i hilf Dir ja! (Laut.) 's Maul halten, Sali — nir reden —Dein'Muatta will's net, daß D' in Peter heirat'st, folglich haßt's pariren, denn sunst gift sie sich und wird auf d'letzt gar bettliegeri, denn sie is eh' so viel schwach — das arme Weib! Flügerl (raunzend). No, wannst es nur einstegst, Simon! Simon. Ah ja, i mach' freill' manchmal G'spaß, aber im Ernst, da bin i um dein' G'sundheit mehr besorgt, als um die meinige, und aus dem anzigen Grund will i's zuageb'n, daß der BitterM die Sali heirat't! Peter. Aber—Herr Flügerl! Simon. Nir reden, außi sag' i! (Indem er ihn gegen die Thür drängt, sagt er schnell und leise). Wart' der Peter vor der Thür! Peter. Was sag'ns? Simon (laut). Nir sag' i! Marsch! (Er wirft ihn zur Mittelthür hinaus.) Flügerl. Das ist schon recht, Simon! Dafür, daß Di' so um mi' annimmst, kriegst uachst'n Pfingsten a neuch's G'wand. Simon. Is net nothwendig. Also, daß ma weiter reden, der Dürrkrautler kriegt die Sali, aber früher muaß er mir an'n Beweis geb'n, ob er wtrkli' der Mann is, der fich so gut auf's Doctorn versteht, daß i in Betreff der G'sundheit von mein'm liaben Weib ohne Sorgen sein kann! Er soll uns jetzt sein' Kunst zagen, soll mi' amal mag- netiflr'n! Flügerl. Was? Bitterklee (ein wenig verlegen). 3a, das geht net nur gleich im Moment! Simon. Das muaß geh'n und thuat's der Herr Bitterklee net, so glaub' i net an sein Kunst! (Stellt fich einen Stuhl mitten hin und setzt fich.) So, da sitz' i, jetzt fang' der der Herr Bitterklee an, thuat er's aber net (springt auf), so iS er a Strachmacher und t wirs'n ebenfalls -ei der Thür' außi. (Setzt fich und sagt ruhig.) So, jetzt fang' der Herr an. Flügerl. No, so than'S mein'« Alten halt magnetksir'n, weil er schon gar so besorgt is um mi. Sali. Ja, der Vater muaß magnetisirt wer'n. Vitterklee (mit einem Seufzer). So fang' ma halt an! — (Tritt zu Simon, streift mit großer Wichtigkeit die Aermel in die Höhe, trocknet seine Hände am Sacktuche sorgfältig ab, streckt sie über Simon aus und fängt ihn dann vom Kopf herab zu streichen an, zuweilen bläst er ihm scharf in s Gesicht, ganz nach Art der Magnetiseure.) (Leise Musik.) «Simon (verdreht die Augen, macht sie aus und zu, schneidet allerhand Gesichter, zuckt nervös mit den Füßen, hat die Augen geschlossen und zeigt ein lächelndes Gesicht). Bitterklee. Seh'ns, Madame Finger!, wie er lacht — er tramt bereits im elektrischen Schlaf! Flügerl. Meiner Seel', erlacht — wann ma nur wußt, was ihm so Schön's tramt! Simon (wie im Schlaf). Crescenz, Du g'schmackigs Henderl — Flügerl (srlig). Er tramt von mir — ah, is das aber schön! Simon. Kumm' — trink',Alte — und nachher — und nachher — da fing' i Dir's, das G'stanzl — dös g'wiffe — (Singt mit gedämpfter Stimme:) Du bist mein liab's Weiberl Und i bin dein Mann; Und der Dürrkäutler is a Esel, Das stecht ma ihm an! — Flügerl. Was? Sali. Der Vater tramt ja gar net! Bitterklee. Frcili, tramt er — daS sind nur allerhand Phantasiebilder! Simon (macht einen Rumpler und ruft entsetzt) : Na — na — na — i will net — um kan n Preis der Welt — Flügerl. Was will er denn net? Simon. 3 will net Finanzministec wern — zu Hilf — zu Hüf! 9 Bitterklee (bläst ihn an und hält ihm dir Kingerspitzrn an die Herzgrube). Simon (fängt plötzlich zu lachen an). Haha — hahaha! Sali. Muatta, mir fallt jetzt was ein! I Hab' allweil g'hört, daß man die Menschen, die im magnetischen Schlafsan, um die Zukunft befrag'n kann und daß's Einem da über das, was ka Mensch snnst wissen kann, Auskunft geb'n! Bitterklee. Das is so, aber sie geb'n net auf Alles Antwort; wann ich den Herrn Simon jetzt zum Beispiel frag': Sie, Herr Simon, wie befinden Sie sich? Simon. Dank der Nachfrag, es muaß schon guat sein. Bitterklee. Seh'n Sie — da gibt er Antwort — er wird aber gleich schweigen, mann i ihn frag': Herr Simon, w«'n wir bald wieder unser Silbergeld z'seh'nkriag'n? Simon (schnarcht). Bitterklee. Hab' i's net g'sagt? Flügcrl. Wartens, i Hab' aFrag', die mich ungemein interessirt. Du, Simon, welche Numero soll i denn in der nächsten Linzer Ziehung setzen? Simon. Nur die, die außakumma! Flügerl (enttäuscht). Ah, das Hab' i eh g'wußt! Sali. Jetzt will ich um was fragen. Vater, welcher wird mein Mann? Simon. Der Peter! Flügerl. Was? Bitterklee. Oho — Herr Simon, wie wär' das möglich? Gebn's Antwort! Simon. Weil mein Weib g'sagt hat, der Peter kann die Sali heiraten, wann mein Weib wieder ihr'n Platz auf der Brandstatt kriagt! Bitterklee. Das wird aber nicht g'scheh'n! Simon. Es is schon g'scheh'n! Flügerl. Es is schon g'scheh'n? Wieso denn? red', Simon, red'! Simon. Weil die Madame Flügerl a Kapäunlerin iS, wie s ka zweite mehr gibt, so hat die Commune in Anerkennung ihrer Verdienste beschlossen, ihr ein Monument z'sctzen, und weil sic in ihrer Jugend Gan- selhüaterin war, so haben's ihr zu Ehren das Gansmadl auf die Brandstatt postirt! — Es sieht ihr a ganz gleich! Flügerl. Ah — ah, die Ehr'! — Ich bin so gerührt — (Fangt zu schluchzen an.) Sali. Juchhe, die Muatta is auf der Brandstatt, jetzt kann i in nPeter heiraten! Bitterklee. Das is ja aber net möglich — wenn das der Fall wäre, müßte es ja ganz Wien erfahren hab'n! Simon. Wien erfahrt's erst dann, wann die Madame Flügerl g'storben is, bis dahin is das Gansmadl a hamlich's Monument! Bitterklee (wüthend). Sie san a magnetischer Lugenschippel! (Gibt ihm voll Zorn kinenPuff.) Simon (schlagt die Augen auf und sagt ganz damisch). Wo — wo bin i denn — was is denn mit mir g'scheg'n? Flügerl. Simon, is's wahr, is das Gansmadl auf der Brandstatt wirkli mein Monument? Simon. Ja, i waß's net! Flügerl. No, Du hast's ja selber g'sagt im magnetischen Zustand'! Simon (sich wie erinnernd). Ah ja, der Herr Bitterklee hat mi magnetisirt — no, Hab' i wirkli g'schlafen? Fügerl. Freili! Simon. Und i Hab' g'sagt, daß das Gansmadl dein Monument is? Flügerl. Ja! Sali. Der Vater hat a g'sagt, daß der Peter mein Mann wird. Simon. No, nachher kannst Di d'rauf verlassen, was man im magnetischen Zustand aussagt, ist immer die Wahrheit! Bitterklee. Nein, es is d'erlog n! Simon (schlau). Wann'S d'erlog'n is, so Hab' i a net g'schlaf'n und 'n Herrn Bitterklee sein Magnetisirerei ist ebenfalls d'erlog'n! Bitterklee (voll Wuth für sich). Ich bin dem Kerl aufg'sessen; wenn das die Leut' 10 erfahr'«, so lach'ns mich als Magnetiseur aus — es iS also besser, i opser 's Madl, als mein Renommee! (Laut.) Frau Flügerl, die Sach' hat a traurige Wendung für mich g'nommen, i bin wieder «mal a Opfer meiner Kunst — daher tret' ich zurück, um Sie nicht wortbrüchig z'machen, geben's also in Teurels Namen dem Bauernkerl Ihre Sali! Flügerl. No, wann Sie glanb'n, so — (Spricht mit ihm.) Sali (ruft). Peter! Peter! Etlfte Scene. . Vorige. Peter. Sali. Peter, kumm' herein! Peter. I trau mi net! Flügerl. No, kumm der Peter her — mein Monument is sein Glück, da hat Er die Sali mit sammt mein Seg'n! Simon. Und den meinigen ebenfalls! (Er legt Peters Hand in die der Sali). Seid's glückli und wann's auf die Brandstatt kummt's und das Gansmadl anschaut's, so denkt's Euch (Singt:) Wann's d'Leut a net wissen, zu was die steht d'rob'n, So können wir doch den Gedanken nur lob'n, Denn 's Gansmadl, was sich so wunder- liab macht, Hat a Gans und an Ganauser glücklich gemacht. (Alle wiederholen die letzten Zeilen.) Ende. Au« dem Theater-Berlage der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadl, Hoher Markt Nr. 1- Don Quichotte, der neue. Lustspiel in 1 A. nach dem Franz von Alexander Bergen (Wiener Theater-Repertoire Nr. 72.) 30 kr. 6 Sgr. Donauwetbchen, das. Romantisches Volksmärchen mit Gesang. 1. Theil in 3 A. 1836. 2. Theil in 3 A. 1837. 8. Von Hensler. Beide Theile 1 fl. 20 Sgr. Dona Diana. Lustspiel in 3 A. nach dem Span, des Don Aug. Moreto von C. A. West. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 11.)BierteAuflage. 60 kr. 12 Sgr. -Dasselbe. Fünfte Auflage. Miniatnr- AuSgabe, eleg. broschirt. 1862. 1 fl. 50 kr. 1 Rth. -Dasselbe, elegant in englischer Leinwand gebunden, mit Goldschnitt und reicher Deckel- u. Rückenverzierung. 2 fl. 40 kr. 1 Rth. 18 Sgr. -Dasselbe, elegant in feines Kalbleder gebunden, mit Gott>schnitt und reicher Deckelund Rückenverzierung. 3 fl. 2 Rth. Doppelgänger, der. Lustspiel in 4 Aufzügen, nach A. von Schaden'« Erzählung für die Bühne bearbeitet von Franz v. Holbein. Gr. 8. 1843. 80 kr. 16 Sgr. vorulios, Orummg, in äu« ^tti ä«1 lAL63trr> häercLäant«. 1824. 35 Irr. 7'/^ 8xr. Dorf, daS, im Gebirge. Schauspiel mit Gesang in 2 A. von Kotzebue. Musik von Weigl ssn. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Dorfbarbier, der. Komisches Singspiel in 3 A. v. I. Weidmann. 30 kr. 6 Sgr. Dörfchen, da- friedliche. Singspiel in 1 A. von HrnSler. 1803. 8. 40 kr. 8 Sgr. Drei Viertel auf etlf. Schwank in 1 A. von M. A. Grandjean. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 78.) 30 kr. 6 Sgr. Duell, daS unterbrochene, s. Schönstem Hausth. Duell-Mandat, daS, oder ei« Tag vor der Schlacht bet Roßbach. Drama in 5 Aufz. von W. Vogel. 8. 1843. 80 kr. 16 Sgr. Duennen, die beiden. Dramatische Bagatelle in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 13. Jahrgang. Dyck Landleben, s. van Dyck. E. T. S., oder die Ausstaffirung. Posse in 1 Aufzuge von Carl Juin (Giugno). (Wiener Theater-Repertoire Nr. 121.) 35 kr. 7'/, Sgr. Eckensteher Nante, der Wiener, oder die Informations-Aufnahme mit einem Clienten aus Krähwinkel. Komischer Act. Zweite Auflage mit Bild. Geh. (Vergriffen.) 35 kr. 7'/, Sgr. Eduard in Schottland, oder die Nacht eine- Flüchtlings. Historisches Drama in 3 A. von Duval, au- dem vom Verfasser mitgetheilten Mauuscript frei übersetzt von Kotzebue. 1804. 60 kr. 12 Sgr. Ehr-Doctor, der. Farce mit Gesang in 3 A. Nach einer Posse bearb. v. Joli. 1808. 35 kr. 7'/, Sgr. Ehemann, ein solider. Lustspiel in 1 A. Deutsch von Alerander Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 187.) 35 kr. 7'/, Sgr. Ehemänner, die, als Junggesellen. Lustspiel rn 1A., s. Castelli Sträußchen. I.Jahrg. (Vergriffen.) Ehemänner, die, nach der Mode. Komische Oper in 3 A. von I. Ritter von Seyfried. 1804. 35 kr. 7'/. Sgr. Ehen, die beiden. Lustspiel in 1 A., s. Castelli EttLnßchrn. 3. Jahrgang. (Vergriffen.) Ehenstifter» der, oder die beiden Offictere. Lust- sp'el in < A. s. Castelli Sträußch. 1. Jahrg. (Vergriffen.) Ehepaar, das» aus der Provinz. Original-Lustsp. in 4 A. von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr. Ehescheuen, die. Lustspiel in 1 A. von I. F. v Weiffenthur». Gr. 8. 1833 40 kr. 8 Sgr. Ehestandsqualen. Lustspiel in 1 A. und in Alexandrinern v. Deinhardstein. 1820. 40 kr. 8 Sgr. Ehestands-Scenen. 1. Theil. Lustspiel in 3 A. 2. Theil oder der Lieferant. Lustspiel in 3 A. Vom Verfasser des »Zwirnhändlers*. 1810. Beide Theile. 1 fl. 20 Sgr. Eher den Tod als die Sklaverei. Ballet von Caselli. 1771. (Fehlt.) 10 kr. 2 Sgr. Ehre, die, deS Hauses. Drama in 5 A. v. Carl Juin und P I. Reinhard. Nach Leon Battu und Maurice Desoignes. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 29.) 60 kr. 12 Sgr. Eichenkranz, der. Ein Dialog von A. W. Jffland. 8. 1801. 13 kr. 2'/, Sgr. Eichenkranz» der. Schauspiel in 4 A. Neu bearb. von Ehrimfeld. 1810. 40 kr. 8 Sgr. Eifersucht, die beschämte. Lustspiel in 3 A. von I. F. v. Weißenthurn. Gr. 8. geh. 1833. 50 kr. 10 Gar. Eifersüchtigen, die, oder Keiner hat Recht. Lustspiel in 4 A. v. Schröder. 1805. 40 kr. 8 Sgr. Eigensinnige, der. Lustspiel von Stephani. 1774. 8. 60 kr. 12 Sgr. Ein Freund statt einer ganzen Familie. Posse in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 20. Jahrgang. Ein Mädchen ist's und nicht ei« Knabe. Lustspiel in 1 A., nach dem Franz, von HerzenS- kron. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 20.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Ein Mädchen vom Theater, s. Mädchen. Ein Mann hilft dem Andern. Lustspiel in 1 A., s. Weiffenthurn Schausp. 15. Band. Ein Tag aus dem Leben Carl V. HistvrischeS Gemälde in 2 A., s. Castelli Sträußchen. 20. Eine Feindin, s. Feindin. Eine für die Andere. Lustsp. in 3 A., s. Castelli Sträußchen. 15. Jahrgang. Eine Nase, s. Nase. Einer von unsere Leut'. Lustspiel mit Gesang in 3 A. von O. F. Berg. (Wiener Theater-Rep. Nr. 194.) 60 kr. 12 Sgr. Einsiedler, der, im Lerchenwalde oder die ge- heimnißvolle Laube. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 6. Jahrgang. Eleganten, die. Posse in 1 A. Nach Moliöre für die deutsche Bühne von H. Zschocke. 1808. 40 kr. 8 Sgr. EliaS Regenwurm, oder die Verlobung auf der Parforcejagd. Posse mit Gesang in 2 A. von Friedrich Hopp. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 21.) 60 kr. 12 Sgr. Elisabeth, Königin von England. Oper in 2 A. Musik von Rossini. 1822. 35 kr. 7/, Sgr. -Dasselbe italienisch. 1822. 35 kr. 7'/. Sgr. Elmar. Theater. Wien. 1856. 60 kr. 12 Sgr. Enthält: Dar Mädchen von der Spule. Volksstuck in 3 A. — Unter der Erde. Charakter- >ild i» 3 A. Ewerike, oder die Zurechtweisung. Koni. Oper in 2 A. Nach einem Vaudeville von Sonnleithner. 35 kr. 7'/, Gar Emmy Teels. Drama in 3 A, s. Castelli Sträußchen. 9. Jahrgang. (Vergriffen.) Engländerin, die. Lustspiel in 1 A, s Weiffe» thurn Schauspiele. 11. Band. Entdeckung, die unvermuthete. Original-Lustsp in 5 A. von F. Huber. 1795. 40 kr. 8 Sgr. Entführung, die, a«S dem Serail. Singspiel in 3 A. Nach Bretzner. Musik v. Mozart. Dritte Auflage. 8. 35 kr. 7'/, Sgr. Entführung, die. Lustspiel in 3 A. von Jünger 1803. 40 kr. 8 Sgr Entführung, die, der Prinzessin Europa, oder so geht eS im Olymp zu. Mythologische Earicatur in Knittelreimrn mit Gesang in 2 A. von Meisl. 40 kr. 8 Sgr Entzifferung, die. Komische Oper in 2 A. Nach dem Italien, frei bearbeitet. 1806. 35 kr. 7'/, Sgr Er bezahlt Alle. Lustspiel in 1 A., s Koch dramatische Beiträge. * Er compromtttirt seine Frau. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, v. Moreno. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 74.) 35 kr. 7'/, Sgr Er darf nicht fort. Schwank in 1 A., s. Baum Beiträge. Sr ist «in Narr. Posse in 1 A, von Morländer (Wiener Th.-Rep. Nr. 100.) 30 kr. 6 Sgr Er kann nicht lesen. Posse in 1 A. von M A Grandjran.(Wiener Theater-Repertoire Nr.88.) 35 kr. 7'/, Sgr. Er mengt sich in Alles. Lustspiel, frei nach Mistr Crntlive von Jünger. 1803. 50 kr. 10 Sgr Er will nicht sterben. Dramatischer Scherz in 1 A., von C. F. Stir. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 106) 35 kr. 7V, Sgr. Erben, die. Lustspiel in 1 A. von I. F. v. Weissenthurm Gr. 8. 1833. 1 fl. 20 Sgr. Erbprinz, der, oder das Geheimntß. Schauspiel in 4 A. von Ziegler. 1801. 8. 50 kr. 10 Sgr. Erbschaft, die. Lustspiel in 1 A. 1796. 25 kr. 5 Sgr. Erbthetl des BaterS. Schauspiel in 4 A. von Jffland. 1802. 40 kr. 8 Sgr. Erbvertrag, der. Dramatische Dichtung in 2 Ab- theilungen. Nach einer Erzählung de» C. F. A. Hoffmaun. Von W. Vogel. 1828. Gr. 8. 80 kr. 16 Sgr. krools in l^bia, vramina per lAusis», in äus ^tti. 1803. 25 Irr. 5 8^r. Eremit, der, auf Formentera. Schauspiel mit Gesang in 2 A. v. Kotzrbue. 1810. 50 kr. 10 Sgr. Eremit, der, aus den Ardennen. Schauspiel in 5 Aufzügen, s. Buni dramatischer Nachlaß. Griunernug. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 80 kr. 16 Sgr. Eroberung, die, von Jerusalem. Historische« Drama in 3 A. Nach Cronegk und Demieur von Stegmayer. 8. 1805 35 kr. 7'/, Sgr. Ersatz, der. Original-Schauspiel in 4 A. von P. W. Vogel. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Erziehung, die. Original-Lustspiel v. Weidmann. 8. 1775. 25 kr. 5 Sgr. Erzieherin, die. Schauspiel in 4 A., von Paul Foucher. Nach dem Franz, von Mar Stein. (Wiener Th.-Rep. Nr. 129.) 60 kr. 12 Sgr. E» bleibt unter uns. Lustspiel in 4 A v. Schild- hach. 8. 1807. 60 kr 12 Sgr. ES ist Friede, oder die Zurückkunft de- Fürste«. Vaterländisches Gemälde mit Gesang in 3 A. von Gleich. 1806 8. 40 kr. 8 Sgr Esel» der hyperboräische, oder die heutige Bildung. Drastische» Drama und philosophische« Lustspiel für Jünglinge in 1 A. von Kotzebue. 1801. 35 kr. 7'X Sgr. Esser. Trauersviel in 5 A. Nach Bank», Brooke, Jone» und Ralph 1803. 50 kr. 10 Sgr. ä'kgtrs, Gabriele. Singspiel in 3 A. Nach dem Franz v.Fr.Treitschke. Gr. 8.1808. 25kr. 5 Sgr. Etwa- Kleines. Charakterbild mit Gesang in 3 A von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr 69.) 60 kr. 12 Sgr. Eulenspiegel, der. Alleg. Schauspiel aus dem neunzehnten Jahrhundert, von Weidmann. 1781. 35 kr. 7'/» Sgr. Eulenspiegel, oder Schabernack über Schabernack. Posse mit Gesang in 4 A. v. I. Nestroy. ZweitrAuflagr. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 32.) 50 kr. 10 Sgr. Eulenspiegel als Schnipfer. Posse in 1 A, von Anton Bittner. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 66.) 30 kr. 6 Sgr. Euphrosine. Oper in 3 A. Nach dem Franz. 1806 35 kr. 7'/, Sgr. Euryanthe. Große romantische Oper in 3 A. von H. v. Chezy Musik von C. M. v. Weber. 8. Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Fadtnger Stephan, oder der Bauernkrieg. Originaldrama in 5 A.' von Weidmann 1781. 35 kr. 7'/, Sgr. Fähnrich, der. Lustsp. v. Schröder. 8. 60 kr. 12 Sgr. Fall, ein seltener, oder die Mutter, die Vertraute ihrer Tochter. Lustspiel in 3 A von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr. Familie, die amerikanische. Operette in 1 A. Au» dem Franz, de» Bouilly, von I. R. v. Seyfried. 1810. 25 kr. 5 Sgr. Familie, die schottische, oder die Stärk- der kindlichen Liebe. Große militärische Oper in 3 A. von H. Steche. Musik von Signora Edlen von Eulenstein. 40 kr. 8 Sgr Familie, die, auf l8ls äs ?ranes. Oper in 3 A. Aus dem Franz, von I. F. Castelli. 1805. 35 kr. 7'/, Sgr. Familie Rickeburg, die. Lustspiel in 1 A, s Castelli Sträußchen. 17. Jahrgang. Fanchon, daS Leiermädchen. Vaudeville in 3 A. Nach dem Franz, des Bouilly von Kotzebue. Lustspiel mit Gesang. Musik v. Kapellmeister Himmel. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Fasching-nacht, die verhängnißvolle. Posse mit Gesang in 3 Aufzügen. Mit 1 alleg. Bilde v. I. Nestroy. 12. 1841. 75 kr. 15 Sgr. Faschings-Souper, ein. Posse in 1 Aufzuge von Alois Berla. (Wiener Theater-Repertoire 179) 35 kr. 7'/. Sgr. Faßbinder, der. Singspiel in 1 N. Au« dem Franz 1802. 25 kr. 5 »gr^ Faßbinder, die beiden, oder Reflexionen ««v Aufmerksamkeiten. Posse in 3 A.» s Feld- mann Lustspiele. 6. Band. . Faust. Trauerspiel v. Göthe, gr. 12. Wiener Ong- «uflage.1823.Armbruster.Velinp 1 fl. 20 »gr Faust. Große romantische Oper in 3 A von 3 S Bernard. 1813. 50 kr 10 Sgr. Faust'- Doctor HanSkäppche« od. die Herberge im Walde. Posse mit Gesang in 3 A. von Friedrich Hopp 1843. 75 kr 15. Sgr. Faust's Mantel. Zauberspiel mit Gesang in 2 A. von A Bäuerle. 8. Wien. 1820. 30 kr. 6 Sgr. Faustin I, Kaiser von Hayti. Posse in 4 A., mit einem Vorspiele. Die Europamüden, s. Feldmann Lustspiele. 5. Band. Fanstrecht, daS, ln Thüringen. Schauspiel mit Gesang nach HaSper a Spada, für die Bühne bearbertet von Hensler. Musik von Kauer. 3 Theile. 1797. 1 st. 20 kr. 24 Sgr. Februar, der vierundzwanzigste. S. Werner. K. Vd. ?eckerioL eck ^ckolio. Drum. ueris, in ckue 24tti, 1812. 35 kr. 7'/, 8ßr. Fehltritt, ei«. Schauspiel in 2 A., s. Castelli Sträußchen. 17. Jahrgang. (Vergriffen.) Feindin, eine, und ein Freund. Posse mit Ges. in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 87.) 60 kr. 12 Sgr. Feldmavn, Ludw. Deutsche Original-Lustspiele. 1 bis 6. Band. 8. Wien. 1845—1853. Preis eine» Bandes 3 fl. 2 Thr. Inhalt: 1. 1845. Der Sohn auf Reisen. Original-Lustspiel in 2 A. — Die Kirschen. Orig.-Lustsp. in 1 A. — Das Porträt der Geliebten. Orig.-Lustsp. in 3 A. — Die freie Wahl. Orig.-Lustsp. in 1 A. — Die schöne Athenirnserin. Orig.-Lustsp. in 4 A. II. 1847. Der Pascha und sein Sohn. Oritz.- Lustsp. in 5 A. —Ein Freundschaftsbündnlß. Orig.-Lustsp. in 4 A. — Ursprung des Korbgebens. Dramatische Kleinigkeit nach einer Anekdote in 1 A. — Eine unglückliche Physiognomie. Orig.-Lustsp. in 3 A. — Drei Candidaten. Orig.-Lustsp. in 3 A. IN. 1848. Ein höflicher Mann. Orig.-Lustsp. in 3 A. — Der dreißigste November. Orig.- Lustsp. in 1 A. — Ein Mädchen vom Theater. Orig.-Lustsp. in 4 A. — Baron Beisele und sein Hofmeister Doctor Eisele in München. Lvralposse mit Gesang in 3 A. — Der Lebensretter. Originalpoffe mit Gesang in 3 A. I V. 1849. Der RechnungSrath und seine Töchter. Orig.-Lustsp. in 3 A. — Der deutsche Michel, oder Familirn-Unruhen. Zeitbild in 5 A. — Kern und Schale. Orig.-Lustsp. in 3 A. — Ahnenstolz in der Klemme. Schwank in 1 A. — Bekenntnisse eines Brautpaares. Zweigespräch in freien Versen zur Deklamation. — Das Narrenhaus Fastnachts- poffe in 2 A. V. 1851. Faustin I, Kaiser von Hayti. Originalpoffe in 4 A., mit einem Vorspiele: Die Europamüden, von Fcldmann und Bertram. — Ein altes Herz. Lustspiel in 3 A. — Die beiden Kapellmeister. Orig.-Lustsn. in 2 A. — Das Gaftmabl zu Lurenhain. Dramatischer Scherz m 1 A. — Der neue Robinson, oder: DaS goldene Deutschland. Orig.» CarnevalSposse mit Gesang in 2 A., von Feldmann und Bertram. VI. 1852 Dir beide» Faßbinder, oder: Refle- rivnrn und Aufmerksamkeiten. Posse in 3 A. mit Gesang, Tänzen, Einzügen und Spektakeln. — Die Schicksalsbrüder Lustspiel in 4 A. — Die Industrie-Ausstellung, oder: Reiseabenteuer in London. Gelegenheits- poffe in 3 A. Mt Gesang und Tanz in 3 A — List und Dummheit. Posse mit Gesang und Tanz in 3 A. Feldtrompeter, der, oder: Wurst wider Wurst. Posse in 1 A. v. Hensler. 1798. 8. 40 kr. 8 Sgr. -Dasselbe als Singspiel von Perinet 20 kr. 4 Sgr. Fenster, das zugemauerte. Lustspiel von A. v Kotzebue. 8. 25 kr. 5 Sgr. Fenster, das zuqemauerte. Komische Operette in 1 A. Nach A. v. Kotzebue. 1811. 25 kr. 5 Sgr. Ferdinand Raimund, s. Raimund. Ferrandino. 1. Theil, Fortsetzung des Rinaldini Schausp. in 3 A. v. Hensler. 1800. 40 kr. 8 Sgr. -2. Theil. Schausp. in4A. v. Hensler. 1801. (Vergriffen.) 40 kr. 8 Sgr. -3. Theil. Schausp. rn 4 A v. Hensler. 1801. 40 kr. 8 Sgr Festung, die, an der Elbe. Oper in 3 A. Nach dem Franz, frei bearbeitet von Castelli. Musik von Fischer. 1806. 25 kr. 5 Sgr. Feuer und Wasser, oder die Haarlocke. Operette in 1 A.' Nach dem Franz, von Seyfried. 8. 1803. 25 kr. 5 Sgr. Feuerlärm, der, oder Alles geht nach Wunsch. Lustspiel in 1 A. 1793. 35 kr. 7'/, Sgr Fiakerin, die schöne. Localer Schwank mit Gesang und Tanz in 3 A. Nach einer älteren Kring- steiner'schen Posse frei bearbeitet v. A. E. NaSkc. (Wien. Theat.-Repert. Nr. 37.) (40 kr. 8 Sgr.) Fidelio. Oper in 2 A. Frei nach dem Franz Musik v L. van Deethovek. Neue Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Fiesko, der Salamikrämer. Musikalische» Quodlibet in 2 A Bearbeitet von Gleich. 8. 1813. 40 kr. 8 Sgr. Figaro in Deutschland. Lustspiel in 5 A. von Jffland. 1809. 40 kr. 8 Sgr. Figaro'S Hochzeit, oder der tolle Tag. Lustspiel in 5 A. von Jünger. 40 kr. 8 Sgr. Findelkind, das. Lustsp in 5 A. 1807. 50 kr. 10 Sgr. Findelkind, ein. Charatterb. m. Ges. in 1 A. v. Carl Elmar. (Wr. Theat.-Rep.Nr. 177.) 30 kr. 6 Sgr Fitzliputzli, oder die Teufelche« der Ehe. Kvm. Operette in 1 A. von Carl Juin (Giuzno). 8. 1865. 35 kr. 7'/, Sgr. Fläschchen, daS, Kölnerwassrr, oder Denkschrift eines HußarenoffizterS. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen 8. Jahrgang. Fledermaus, die. Lustspiel in 1 A. Nach Lang- bein's Feierabende» bearbeitet von Hensler. 1802. 25 kr. 5 Sgr. Fleischhauer, der schöne. Lustspiel in 1 A., nach dem Franz, von Aler. Bergen. (Wr. Theater- Repertoire dir. 145.) 35 kr. 7'/, Sgr. Florentiner Strohhut, ein, oder Fatalitäten an dem Verlobungstage. Posse mit Gesang in 3 A. von Carl Juin und L Flerr (Wiener Theater-Repertoire Nr. 35.) 40 kr. 8 Sgr. Flucht, dir, auS Liebe. Lustspiel in 5 A. von Jünger. 8. 1805. 40 kr. 8 Sgr. Flüchtig in der Heimat. Cdarakterbild mit Gesang in 3 A von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 188.) 60 kr. 12 Sgr. Folgen einer Mißheirat. Gemälde aus dem Leben in 4 A., s. Castelli Sträußchen. 20. Jadrgang. Folter, die, «der der menschliche Richter. Drama von Weidmann. 8. Wien. 1773. LS kr. 5 Ggr. Francisca von Fotr. Heroisch-komische Oper in 3 A. nach einer franz. Idee frei bearbeitet von I F. Castelli. 35 kr. 7V, Ggr Frau Wtrthtn, die. Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 67.) 60 kr. 12 Ggr. Frau, die, zweier Männer. Schauspiel in 3 A. Nach dem Franz, frei bearbeitet von Schulz. 8. 1803. »0 kr. 8 Sgr. Frauen-Emanctpation. Lustspiel in 3 A. von Dr. W. Marchland. 8 Geh. 1840. 80 kr. 16 Sgr. Frauenstand. Lnstspirl in 5 A. von Jffland. 8. 1800 50 kr. 10 Sgr. Fräulein Bruder, mek«. Lustspiel in 1 A. von Aller. Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 82.) 30 kr. 6 Sgr. Freiheit in Krähwinkel. Posse mit Gesang in 2 Abtheilungen und 3 A. von Joh. Nestroy. Mit 3 Bildern. 8. 1849. 1 fl. 20 kr. 24 Sgr. Freischütz, der. Romantische Oper^in 4 Aufzügen von Friedrich Kind. Musik von Carl Maria Weber. (Neue Auflage.) 35 kr. 7'/, Ggr. Fremde, der. Lustspiel in 5 A. von Jffland. 8. 1801. 80 kr. 16 Sgr. Fremde, die. Schauspiel in 3 A., s. Weiffenthurn Schauspiele, 15. Band Freudenfest, das, einer Dorfgemeinde tu Hun» garn. Ländliche- Gemälde in 1 A 1800. 35 kr. 7' , Ggr. Freund, der, «nd die Krone. Romant. Schauspiel in 4 A. v. Lembert. Zweite Auflage. (Wien.Theat.-Repert Nr. 8.) 35 kr. 7'^, Sgr. Freunde, dt«. Original-Schauspiel in 4 A. von Ziegler. 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr. Freunde, zwei, und ei« Rock. Posse in 1 A., s. Castelli Sträußchen, 12. Jahrgang. Freundschaft und Argwohn. Lustspiel in 5 A. von Jünger. 1804. 40 kr. 8 Sgr. FreundfchaftbündniA, ei«. Lustspiel in 4 A., s. Feldmann Lustspiele. 2. Band. Freundschaftsdienst«. Lustspiel in 1 A. von Carl Juin (Guigno) (Wiener Theater-Repertoire Nr 115.) 35 kr. 7'/, Ggr. Fridolin. Schauspiel in 5 A. von Franz v. Holdein 1808. (Vergriffen.) 50 kr. 10 Sgr. Friede, der, am Pruth. Al» zweiter Theil de- Mädchen» von Marienburg Schauspiel in 5 A 8 1804 50 kr 10 Ggr. Arink und Compagnie. Charakterbild mit Gesang in 3 A von A Barry Musik von Adolf Müller. (Wiener Theater-Repertoire Nr 56 ) 60 kr 12 Sgr Fritz, der lustige, oder» schlafe, träume, stehe auf, kleide dich an «nd bessere dich. Märchen neuerer Zeit in 2 A von Mei-l 1818 40 kr. 8 Ggr.. Frühstück, das. Burfchenstreich in 1 A 1807 8 20 kr 4 Sgr Fachs, ein. Posse mit Gesang in 3 Aufzügen, von Varl Juin (WienerTheaier-RepertoireNr ?3 ) 60 kr. 12 Sgr Fünf sind zwei, oder Domesttkenstreiche. Lustspiel in 1 A s. Castelli Sträußchen, 19 Jahr- gang. (Vergriffen.) Fürst, et«. Charakterbild mit Gesang in 3 A von Fr. Kaiser. 8. 1850. 75 n. 15 Sgr. Fürsten, die, der Langobarden. Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Gleich. 1808.8. 40 kr. 8 Sgr. FürstengröAe. Daterl. Schauspiel in 5 A von Ziegler. 1804. 8. 50 kr. 10 Sgr. Fürstenrache, die. Original-Schauspiel in 5 A 1803. 50 kr. 10 Sgr Gabriele. Drama in 3 A. Nach der »Valerie* der Herren Scribe und Melesville. Don I. F. Castelli, Zweite Auflage. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 164 ) 35 kr. 7'/, Sgr. Gallerte-Gemälde, das. Schauspiel in 5 A. von Hen-ler. 1803. 35 kr. 7'/, Sgr. Galottt, Emilie. Trauerspiel in 5 A. von Lessing. 8. 40 kr 8 Gar. Gang tn's Irrenhaus, der. Lustspiel in 1 A, nach dem Franz, v. Herzen-kron. Zweite Auflage. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 10.) 35 kr. 7'/, Sgr. Gareick in Bristol. Lustspiel in 4 A. von Dein- hardstein. 8. geh. 1834. 1 fl. 20 Sgr. Gardinenpredigt. Posse in 1 A. Deutsch von Aler. Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 189.) 35 kr. 7'/, Ggr. Gasthof, der portugiesische. Komische- Singspiel in 1 A. Au- dem Kranz, von Treitschkr 30 kr. 6 Sgr. Gastfreund» der. Trauerspiel in 1 Auf», von Franz Grillparzer, s. dessen goldene» Vließ. Gastmal, da», zu Lurenhain. Dramatischer Scherz in 1 A., s. Feldmann Lustspiele. 5. Band. Geächteten, die. Schauspiel in 4 A. von Weidmann. 1826 80 kr. 12 Ggr. Gedicht, daS, oder die junge Schweizerin. Lustip in 2 A. von I. D Falk. 1800 25 kr. 5 Ggr. Gefahr, die. Dramatische Situation von Ghrim- feld. 13 kr. 2'/, Ggr. Gefangene, der. Lustspiel in 1 A. von Kotzebue 8 1801. 25 kr. 5 Ggr. Geflüchteten, die. Schauspiel in 1 A von Jffland 35 kr. 7'/, Ggr. GehetmniK, da- öffentliche. Lustspiel in 5 A nach Gozzi von Götter. 8. 1792. 40 kr. 8 Ggr Geisterseher, der. Neu nach Schiller, al» Schauspiel in 5 A. mit Chören, von Prrinet. 1810.8 40 kr. 8 Ggr. Geizige, der. Lustspiel in 5 A. Nach Moliäre für die deutsche Bühne von H Zschokke. 1808. 50 kr. 10 Sgr Geldfrage, die. Lustspiel in 5 A., v Aler. Duma- Sohn, deutsch von P. I. Reinhard. (Wien« Theater-Rrpertoire Nr. 42.) 60 kr. 12 Ggr Gelehrter, ein junger. Lustspiel in 1 A., »ach dem Englischen v. Alerander Bergen. (Wiener Theater-Rrpertoire Nr. 86.) 30 kr. 6 Sgr Gelübde, die. Lustspiel in 2 A. von Th HeU 1806. 35 kr. 7>/, Sgr. General, der. Lustspiel iu 3 A., s Castelli Sträup- chen, 19. Jahrgang (Vergriffen.) Generalprobe, die. Vorspiel o Tchildbach 1801 25 kr. 5 Sgr Geniestreiche,die. Possrin4A 1802. 35kr.7'/,Sgr- Geniren sie sich nicht. Original-Lustspiel in 1 A von Holbein. 12 1826. 35 kr. 7'/, ^gr G-orgt. Posse iu 1 A. von L. Juliu«. (Wstnn Theater-Repertoire Nr. 16.) 35 kr. 7'/, Sgr- Geprüften, die. Lustspiel in 5 A., s. Weiffenthurn Schauspiele 14. Band. Gervtuu», der Starr von Untersberg, oder ein patriotischer Wunsch. Posse mit Gesang ir 3 A von Alois Berla (Wiener Th.-Reprrt. Nr. 31.) 40 kr 8 Sgr GesandtschaftS-Attachö, der. Lustspiel in 3 A Nach dem Franz, von Alex. Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 124.) 60 kr. 12 Sgr Geschenk, das. Gelegenheitsstück in 1 A. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Geschwister, die, vom Lande. Lustspiel in 5 A. von Jünger. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Gespenst, da». Romantisches Schauspiel in 4 A. Mit Chören und Gesängen v. Kotzebne. 1809 40 kr. 8 Sgr. Geständnis, daS. Lustspiel in gereimten Versen in 1 A v. Kotzebue. 8. Pest 1817. 25 kr 5 Sgr. Geständnis, da». Lustspiel in 1 A. Nach den. Italienischen von Ehrimfrld 1804. 25 kr. 5 Sgr. Gewissen, da». Bürgerliches Trauerspiel in 5 A. von Jffland. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Gewissen, da» rächende. Trauerspiel in 4 A. von H. Zschocke, Verfasser de« »Abälliiio-, für da« k. k. Hostheater bearbeitet von Kotzebue. 1810. 50 kr. 10 Sgr. Gewohnheiten. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz von Mar Stein. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 125.) 35 kr. 7'X Sgr. Gezeichnete, dt«, oder Russe und Franzose. Schauspiel in 3 Abtheilungen und 4 A. von C I. Folne«. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 95.) 60 kr 12 Sgr. 6ioroo, l'uitimo, äi ?ompei, vruinmL «sriu vsr lEusie» 1827. 35 irr. 7'/, 8xr. Gisela von Batern, erste Königin der Magyaren. Historische- Schauspiel in 3 A. v. Meist. Gr. 8. 1825. 35 kr. 7'/, Sgr. Oiuiistt» v komvo, l'ruxsälL per ICusionio trv ätti. 1806. 35 Irr 7'/, 8xr. Gleichen, Ernst, Graf von, Gatte zweier Weiber. Schauspiel in 5 A. von I. Graf von Soden. 8. 1791. 80 kr. 16 Sgr Gluck durch Unglück. Lustspiel in 1 A v. Schildbach. 1808. 30 kr. 6 Sgr Gluck, Mißbrauch und Rückkehr, oder das Geheimnis de» grauen Hause». Posse in 5 A von I. Nrstrov. Gr. 16 1845 75 kr. 15 Sgr. Goda, oder Männerfinu und Weibermuth. Gemälde der grauen Vorzeit mit Gesang in 3 A. von Gleich. 1807. 8 40 kr. 8 Sgr. Godl, die fesche. Skizzen au« dem Wiener Volksleben mit Gesang in 3 Abteilungen und 6 Bildern von Ferdinand Heim. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 162.) 60 kr. 12 Sgr. Gouvernante, die. Posse in 1 A von Körner. 12 Geh. Wien. Original-Aufl. 1819. (Vergriffen.) 25 kr. 5 Sgr. Gönner, der. Lustspiel in 1 A. von I. Gonnlrilb- nrr. 16 1815. 25 kr. 5 Sgr Gräfin Aurora. Historische- Lustspiel in 5 A von E Mautner, s. dessen Lustspiele. Grrifeustein, Schloß, oder Sammtschuh. Romantische« Schauspiel von Eh. Birch-Pfeifer 1833. gr 16. 80 kr. 16 Sgr. Grenadiere, die zwei. Lustspiel in 3 «. 1805. 35 kr. 7'/, Sgr. Grillparzer, Franz. Die Ahnfrau. — Ein treuer Diener seine« Herrn. — König Ottokar'« Glück und Ende. — De« Meere« und der Liebe Wellen. — Melustna. — Sappho. — Der Traum ein Leben. — Da« goldene Vließ. — Weh' dem, der lügt, ( unter den besonderen Titeln. -diese neun Stücke, elegant in 4 Bände gebunden 12 fl. 50 kr. 8 Thlr. 10 Sgr. GriSkircher, Wilhelm, der edle Wiener. Schauspiel mit Gesang in 5 A. von Meißl. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Groizsch, Graf Wipprecht von. Natioualschau- spiel in 3 A. vom Verfasser »Friedrichs mit der gebissenen Wange-. 1790. (Vergriffen.) 50 kr. 10 Sgr. Großmama, die. Original-Lustspiel in 4 A. von Ziegler. 1817. 8. 50 kr. 10 Sgr. Großpapa, der. Lustspiel in 1 A.. s. Castelli Sträußchen. 10. Jahrgang. (Vergriffen.) Grotiu», Hugo. Schauspiel in 4 A von Kotzebue. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Gutse» Mathilde von. Oper in 3 A. Nach dem Franz. 1810. 30 kr. 6 Sgr. Guldenzettel, ein. Originalschwank in 1 A. v. Carl Gründorf.(Wr. Th.-Rep. Nr.70.) 35 kr.7'/> Sgr. Gnltstan, oder der Hulla von Samarkand«. Oper in 3 A. von Etienne. 1806. 35 kr 7'/, Sgr. Gülnare, oder die persische Sclavtn. Komische« Singspiel in 1 A. Nach dem Franz, übersetzt von Lippert. 1800. 20 kr. 4 Sgr. Gustav, oder die Mtnengräber in Schweden. Historische« Schauspiel in 5 A. Nach dem Franz, von I. F. Castelli. 1805. (Vergriffen.) 50 kr. 10 Gar. Gut, Unrecht. Charakterbild mit Gesang in 3 A. und einem Vorspiele von Friedrich Kaiser. (Wiener Tb.-Repert. Nr. 81.) 60 kr. 12 Sgr. Gute Rächt, Rosa! Dramatische« Genrebild in 1 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr 141.) 30 kr 6 Sgr. Gutterre, Don. Trauerspiel in 5 A. Nach Calde- rvn'« »Arzt seiner Ehre-, von West. 1834. 8. 1 fl. 20 Sgr. Haare, rothe. Lustspiel in 1 A. von Grandjean. (Wiener Th.-Rep. Nr. 1.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/. Sgr. Hadabah, oder die Eifersucht im Serail. Orig - Lustsp. in 5 A. v. Weidmann 35 kr. 7,/, Sgr. Hadrian, Kaiser. Große Oper in 3 A. Zweite Auflage. 1808. 35 kr. 7/, Sgr. Hafner'» gesammelte Schriften. HerauSgegeben von I. Sonnleithner, mit einer Vorrede und Anmerkungen vorzüglich über die österreichische Mundart. Drei Bände. 8. Wien. 1812. 2 fl. 1 Th. 10 Sgr. Inhalt: I. Lonnes Unusrvursliczuss, oder auf gut chinesisch . E« könnte einem nicht närrischer träumen. — Der steinreiche aber sack- grobe Bernardon. Colombina, die zanksüchtige und Alle» widersprechende Landdame. Hanswurst, der muntere Gärtner bei einer stet« zankenden Frau. — Die reisenden Komödianten, oder der gescheidte und dämische Impresario. Ein Lustspiel von einer Abhandlung. — Der von dreien Schwiegersöhnen geplagte Odoardo, oder Hanswurst und Crispin, die lächerlichen Schwestern von Prag. Eiu Lustspiel von zweie» Abhandlungen. n. Meaära, die fürchterliche Here, oder das bezauberte Schloß des Herrn von Einhörn. Erster Theil. — Der fürchterlichen Here Megära zweiter Theil, unter dem Titel: Die in eine dauerhafte Freundschaft sich verwandelnde Rache. — Der Furchtsame. Ein Lustspiel in 3 Aufzügen. III. Die dramatische Unterhaltung unter guten Freunden. Ein Lustspiel von einem Aufzuge. — Der beschäftigte Hausregent, oder das in einen unvermutheten Todfall verkehrte Beilager der Fräule Fanille. Von zwei Abhandlungen. — Neue Bourlesque, betitelt: Etwas zum Lachen im Fasching; oder: Des Burlins und Hannswurst's seltsame Carnevalszufälle. — Dre bürgerliche Dame oder die bezähmten Ausschweifungen eines zügellosen Eheweibes, mit Hanswurst und Colo mbine, zweier Mustern heutig« r Dienstboten. — Evakathel und Schnudi. Ein lustiges Trauerspiel von zwei Aufzügen. (Diese Stücke stammen aiks der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts, es sind die originellsten Hanswurstiaden der damaligen Zeit und die einzige Sammlung tiefer Art.) Hagestolzen, die. Lustspiel in 5 A. von Jsfland. 1808. 50 kr. 10 Sgr. HaimonSktuder, die vier. Komische Oper in 3 A. von Leuven und Brunswik. Nach dem Franz, von Kupelwieser. Musik von Balfe. 12. 1845. 35 kr. 7'/, Sgr. Hamburg- Befreiung. Schauspiel in 5 A. Nach Rambach von Josefs». 1817. 40 kr. 8 Sgr. Hamlet, Prinz von Dänemark. Trauerspiel in 5 A. nach Shakespeare. 1811. 60 kr. 12 Sgr. Hamlet. Großes Ballet in 5 A. v. Henry. 10 kr. 2 Sgr. Hamlet, Caricatur mit Gesang und in Knittelreimen in 3 A. v. Perinet. 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr. Hammer, I v., Memnons Dreiklang, nachgeklun- aen in Dewajani, einem indischen Schäferspiele; Anahid, einem persischen Singspiele; und Sophie, einem türkischen Lustspiele. Gr. 12. 1823. Geh. 1 fi. 50 kr. 1 Th. Handbillet, ein, Friedrich de- Zweiten, oder Jncogntto's Verlegenheiten. Lustsp. in 3 A. von W. Vogel. 8. 1843. 1 fl. 20 Sgr HanS Helling. Romantische Oper in 3 A. nebst einem Vorspiele von Eduard Devrient. Musik v. Heinrich Marschner. 1865. 35 kr. 7V, Sgr Hans in der Heimat. Lustspiel in 3 A. als Fortsetzung von »Hans in Wien«. Vom Verfasser des »Zwirnhändlers«. 1810. 50 kr. 10 Sgr Hannchen, nichts weniger als ein. Originalsch. in 5 A. 1771. ' 35 kr. 7'/, Sgr. Hanswurstiaden, diverse, s. Hafner gesammelte Schriften. Harald, der Kronenräuber. Historische Oper in 3 A von M. Stegmayer. Zweite Auflage. Gr. 8. 1815. 35 kr. 7'/, Sgr. Haß allen Weibern. Frei nach Bouilly v. Castelli. 1834. Gr. 8. 40 kr. 8 Sgr Haß allen Weibern. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen 1. Jahrgang. (Vergriffen.) Haß und Liebe. Singspiel in 1 A. von Körner Gr. 12. Geh. Wien. Orig. 1810. 25 kr. 5 Sgr. Hauptquartier, daS. Militärisches Schauspiel in 4 A. von Cachä. 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr. Hau-, da- einsame. Lustspiel in 3 A., s. Castelli Sträußchen 12. Jahrgang. Hau- Rohrmann, oder EajuS und Gemprontu-. Original-Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 158 ) 60 kr. 12 Sgr. Häuschen, das, in der Aue. Lustspiel in 1 A., nach dem Franz, von Herzenskron. (Wiener Th.»Repertoire Nr. 24) Zweite Auflage. 35 kr- 7'/, Sgr. Hausdoctor, der. Original-Lustspiel in 3 A. von F. W. Ziegler. Neue Auflage. 8. 1848. 50 kr. 10 Sgr Hausehre, die. Schauspiel in 5 A. von O. A. Hannamann. 1801. 40 kr. 8 Sgr. Hausfrau, die deutsche. Schauspiel in 3 A. von Kotzebue. 1813. 50 kr. 10 Sgr. Hausfreunde, die. Schauspiel in 5 A. v. Jsfland. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Hausfrieden. Lustsp. in 5 A. v. Jsfland. 80 kr. 16 Sgr. Hausgesinde, das. Komische Oper in 1 A. 1814. Zweiter Theil: »Der gebesserte Lorenz.« Posse mit Gesang in 1 A. 1814. Beide Theile 75 kr. 15 Sgr. Hausherren, die drei. Lustspiel in 3 A. v. Doll. 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr. Hausmutter, die deutsche. Schauspiel v. Soden. 8. 1797. 50 kr. io Sgr. HauSplage, die. Lustspiel in 5 A. v. Pelzel. 1774. 40 kr. 8. Sgr. Haustyrann, der. Charaktergemälde in 3 A., s. Castelli Sträußchen 13. Jahrgang. Hausvater, der deutsche. Von v. Gemmingen Ganz neu umgearbeitete Auflage. 8. Mannh. 1790. 40 kr. 8 Sgr. Hedwig. Drama in 3 A. von Körner. 12. Geh. Wien. Orig. 1819. 50 kr. 10 Sgr. Heiderich, Josef, oder deutsche Treue. Wahre Aneedote, als Drama in 1 A. von Körner. Gr. 12 Geh. Wien. Orig. 1819. 25 kr. 5 Sar Heiling, Hans. Romantische Oper in 3 A. »edA einem Vorspiele von Eduard Devrient. 186o. 35 kr. 7'/. Sg»« Heimlich. Lustspiel in 1 A. v. Grandjean. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 2.) 35 kr. 7'/, Sgr.* Heinrich der Vierte. Schauspiel in 5 A. Nach Shakespeare v. Schröder. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Heirat, die, durch die Güterlotterie. Locales Lustsp. in 1 A. v. Meisl. 181?. 8. 25 kr. 5 Sgr Heirat, die, durch ein Wochenblatt. Posse in 1 A 35 kr. 7'/, Sgr. Heirat durch List. Original-Lustspiel in 3 A. v Kaspar. 1805. 40 kr. 8 Sgr. Heirat, die unglückliche. Trauerspiel in 3 A nach Southcrne v. Schröder. 8. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Heirat, die heimliche. Lustspiel in 5 A. von Col- man u Garrik. Neu übersetzt und eingerichtet von Schröder 8. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Heirat durch Jrrthum. Lustspiel in 1 A nach Patrat von Schröder. 8. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Helene. Schauspiel mit Gesang in 3 A Nach dem Franz von Treilschke. 35 kr. 7'/, Sgr. Helena und Paris. Heroisches Ballet in 3 A v. Corally, Franz und Deutsch. 1807. 10 kr. 2 Sgr Hemvel, Krempel und Stempel. Posse in 1 A Frei nach Marion s: »(lrimsbuev, Lsonlm«' anä öruclslmw,« von K. Graeser. (LLiener Theater» Repertoire Nr. 33.) 35 kr. 7»/» Eg*- (Dieses Verzeichniß wird fortgesetzt.) Druck und Papier von Leopold Sommer in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Aus der Vergangenheit. Dranwtet in einem Act von E. Bercorrsin und Lesbazeilles. Deutsch von Alrander Bergen. (Zuerst aufgeführt im k. k. Hofburgtheater.) Personen: Andr6 Norbert. Gabriele, seine Frau. Frau Norbert, seine Mutter. Lucien, sein Bruder. NangiS, Obrist. Margarethe, Kammerfrau. Peter, Gärtner. Ein Diener. Ort der Handlung: Norberts Landhaus in einer Provinz Frankreichs. Ein Gartensalon. Zn der Mitte deS Hintergrundes ein Kamin, ober diesem ein Fenster, recht- und link- zwei Thüren Zwei Sritenthüren. Im Vordergründe links ein Balzac und Fauteuils, rechtem Tisch und Stühle. Auf dem Kamin zwei Blumenvasen und eine Uhr. Thealn-Reperton Nr L10 2 Erste Scene. Margarethe. Peter (mit Blumen). Peter. Sehen Sie sich einmal diese Blumen an. Gibt es in der ganzen Gegend auch nur einen Gärtner außer mir, der so schöne Exemplare aufzuweisen hätte? Marg. Jeder Gärtner glaubt, seine Blumen seien die schönsten; das ist eine Schwäche der Väter — der Gärtner wollte ich sagen. (Sie gibt die Blumen in die Vasen auf dem Kamin) Peter. Wird heute ein Fest gefeiert, daß Alles mit Blumen gescbmückf'wird? M arg. Es ist der Geburtstag unseres Herrn. Wenn man das im Dorfe wüßte, wurden Alle kommen, um ihm Glück zu wünschen. Peter. Jst's wahr, daß der Herr dem Fleischhauer, welcher unten in einem seiner Häuser wohnt, für ein Jahr den Zins geschenkt hat, weil seine Frau krank ist? Marg. Das wundert Sie? Peter. Ja wohl. Man sagt auch, er hätte dem alten Anselm versprochen, seinen Sohn, der zum Militär genommen wurde, loszukaufen — aber ich kann's nicht glauben. Marg. Und doch ist dem so. Peter. Kanu man so gut sein? Ach, wenn man mich doch auch zum Soldaten nehmen würde! Marg. Weshalb? Peter. Damit ich wüßte, ob ich dem Herrn auch so viel werth bin — ob er mich loskaufen würde. Sagen Sie doch, Margarethe — Marg. Ich habe nicht länger Zeit, mit Ihnen zu plaudern, es gibt heute gar viel zu tbun. (Sie geht rechts ab, Peter durch eine der Mittelthüren.) Zweite Scene. Frau Norbert, Gabriele, Andr6 (aus der Thür links). Fr. Nvrb. Es ist Luciens Schrift, öffne den Brief schnell! And. (welcher einen Brief in der Hand hält). Lucien hat wie Ihr daran gedacht, daß beute mein Geburtstag ist. (Er öffnet den Brief und gibt Gabrielen das Couvert, in welchem sich eine Blume befindet.) Gabr. Da ist eine Blume! And. (liest laut). »Mein theurer Bruder! Die Kabylen gönnen uns einige Augenblicke der Ruhe, ich benütze sie, um einen Urlaub zu begehren.« Fr. Norb. Wir werden ihn sehen? And. (liest). »Wenn ich nicht am 15. Mai ankommen kann —« Gabr. Das ist heute! And. (liest), »um Dir persönlich Glück zu wünschen, so soll dieser Brief Dich zuerst begrüßen. Ich schließe eine Blume bei, welche ich für Dich auf unserem letzten Schlachtfelde pflückte.« Der gute Lucien! Fr. Norb. Daran erkenne ich sein warmes Herz! Dritte Scene. Vorige. Margarethe (in großer Auf. regung). Marg. Ach, Herr Andw! And. Was hast Du denn? Du bist ja ganz verwirrt! Marg. Verwirrt — ach nein — aber eö ist — Jemand da — ein Herr — ein Mann — er wünscht Sie zu sprechen — wahrscheinlich Ln Geschäften. And. Heute Geschäfte? Hm! Marg. (leise). Kommen Sie schnell! And. Ah! (Er gibt seiner Mutter den Brief.) Ich komme gleich wieder. (Ab mit Margarethe.) Vierte Scene. Frau Norbert. Gabriele. Fr. Norb. (setzt sich und liest den Brief leise zu Ende). Er entschuldigt sich, daß der Brief 3 nicht an mich gerichtet ist — als ob dieß nicht alleseins wäre. Unsere Herzen find nur Eins. Gabr. Ich freue mich herzlich, meinen Schwager kennen zu lernen! (In diesem Augenblicke 4ritt Andre leise ein, Lucien folgt ihm, bleibt aber an der Thüre stehen.) Fünfte Scene. Vorige. Andr6. Lucien. And. Was gilt die Wette, Mutter — ich glaube, Lucien überrascht uns noch heute. Fr. Norb. (ohne sich umzusehen). Sprächst Du doch wahr! Gabr. In einer Stunde werden wir Gewißheit haben. Wenn er bis dahin nicht kommt, muffen wir die Hoffnung ausgeben, denn dann kommt kein Zug mehr. (In diesem Augenblicke bemerkt sie Lucien und kann einen ganz leisen Ausschrei nicht unterdrücken. Andrö winkt ihr, zu schweigen.) Ar. Norb. (welche gedankenvoll dafitzt, hat nichts bemerkt). Eine Stunde ist lang für ein wartendes Mutterherz. Ach, war' er doch zugleich mit seinem Briefe gekommen! Luc. (eilt in die Arme seiner Mutter). Das Hab' ich ja gethan, liebe Mutter! Fr. Norb. Mein Sohn! Mein Lucien! Endlich seh' ich Dich wieder nach drei langen Jahren! Luc. Meine gute Mutter! (Er kniet vor ihr nieder.) Fr. Norb. Du bleibst doch recht lange bei uns? Luc. Sechs Monate. Fr. Norb. Nur sechs Monate — so kurze Zeit? Luc. Denken wir nur an die Freude des Wiedersehens, liebe Mutter! (Frau Norbert umarmt ihn ) And. Lieber Bruder, da stell' ich Dir Jemand vor, der vor Begierde brennt, den Herrn Lieutenant kennen zu lernen. (Er führt dem rasch Aufstehenden Gabriele zu.) Luc. Das ist wohl deine Frau? And. Ja. Gabr. (reicht ihm die Hand). Lieber Schwager, seien Sie mir herzlich gegrüßt. Fr. Norb. So laßt ihn mir doch! Wollt ihr ihn für Euch allein haben? And. Bist Du schon eifersüchtig, Mutter? Fr. Norb. Ach Lucien, warum hast Du Dir einen Stand erwählt, der Dich tausend Gefahren aussetzt? Ich muß immer für dein Leben zittern. Luc. Es lebt gar Niemand so lang als ein Soldat, liebe Mutter! Die freie Luft, die Bewegung — das macht gesund und stark. Die Soldaten werden sehr alt, liebe Mutter — (für sich) wenn sie alt werden. Gabr. (zu Frau Norbert und Andre). Hört Ihr ihn? Wie gut er spricht! Luc. Du wirst doch bemerkt haben — die meisten Generäle sind sechzig Jahre alt und noch älter. Fr. Norb. Dn mußt Recht haben, wie immer, dein ist das letzte Wort. And. Möchtest Du nicht gleich am ersten Tage mit ihm zanken? Laß mich ihm für seinen Brief und für seine zarte Aufmerksamkeit danken. Hier diese Blume — (er zeigt sie ihm) sie duftet noch so schön! Peter (rritt ein). Man hat Gepäck von der Eisenbahn gebracht. Luc. Das meine, ich werde es in Empfang nehmen. And. Bleibe bei der Mutter, ich werde das besorgen. (Ab.) Sechste Scene. Frau Norbert. Gabriele. Lucien. Luc. (stcht auf. Frau Norbert auch). Aber ich habe noch immer nicht die ganze Familie gesehen. Wo ist mein neuer Neffe? * 4 Gabr. Er schläft. Sobald er erwacht, soll er seinem Onkel pflichtschuldigst vorgestellt werden. Wir haben ihn Lucien genannt. Luc. Tausend Dank! — Ach, welch' selige Tage wollen wir zusammen verleben! A der bald hätte ich vergessen, daß ich eine Bitte an Euch habe. Fr. Norb. Sprich. ' Luc. Mein Obrist, welcher mir zu jeder Zeit ein Freund und Vater gewesen, ist mit mir gekommen. Ich fühle die größte Sympathie für sein edles Herz und hätte mich sehr ungern von ihm getrennt. Ich war daber höchst erfreut, als ich hörte, däß Herr von Nangis mit mir nach Frankreich reisen wollte. Gabr. (schnell). Herr von Nangis? Luc. Kennen Sie ihn? Gabr. Einstens kam er in das HauS meiner Eltern. Fr. Norb. Besitzt er nicht ein Gut in unserer Nähe t Luc. Ja wohl. Denkt Euch, der arme Obrist hatte Urlaub genommen, um seine junge Frau wieder zu sehen; da kam wie ein Donnerschlag die Nachricht ihres plötzlichen Todes. Ihr könnt Euch Herrn von Nangis Verzweiflung denken! Unsere Herreise war sehr traurig, der Anblick seines Schmerzes dämpfte auch meine Freude. Fr. Norb. Schon die Dankbarkeit verpflichtet uns, Alles aufzubieten, um ihn zu zerstreuen. Du mußt ihn uns aufsühren. Luc. Darum wollte ich Dick ja bitten, liebe Mutter! Siebente Scene. Vorige. Andre. And. 0» Frau von Norbert). Du wirst mir ob der Unterbrechung zürnen, Mutter, aber der Pfarrer hat mich gefragt, ob Du ihn empfangen willst? Fr. Norb. Jetzt? Wie unangenehm? Gabr. Wir können ihn doch nicht abweisen, liebe Mntter! Fr. Norb. Du hast Recht! (Seufzend.) Komm', Gabriele, wik wollen ihn im Salon empfangen. Das ist das erste Mal, daß mir der gute Mann nicht willkommen ist. (Links mit Gabriele ab. Lucien begleitet sie bi- zur Thür.) Achte Scene. Lucien. Andrä. Luc. Andrä, deine Frau ist reizend. And. Ich bin auch vollkommen glücklich mit ihr. Luc. Und doch herrscht das Dorurtheil, daß Menschen nie vollkommen glücklich sein können. And. Bald wäre ich eS auch nicht ge« worden. Es freite noch ein Mann um Gabrielen. Ihre Verwandten waren sogar mehr für ihn als für mich eingenommen, allein sie widersetzte sich tapfer und wählte mich. Luc. Wer war dein Nebenbuhler? And. Ich kenne ihn nicht, Gabriele wollte ihn mir aus Zartgefühl nicht nennen. Lue. Sie hatte Recht. Allein ich bin neugierig, deinen Sohn zu sehen. (Sie setzen sich aus den Balzac.) Plaudern wir wenigstens von ihm, bis er erwacht. Wie sieht er aus? And. Bildhübsch! Luc. (lächelnd). Natürlich — Du spielst deine Vaterrolle gut. Er ist ein Engel, nicht wahr? , And. Höre, Lucien! Ich glaubte eben so wenig an die Engel, von welchen Dichter und Mütter sprechen, wie Du. Ich hatte Unrecht — lache nicht — Dein Neffe ist ein kleiner Engel. Mit seinen hl-nden jucken und tiefblauen Augen! Und er ist so gut. er weint niemals — bei meiner Ehre! Luc. Um so besser! Ich als ehrwürdiger Onkel — werde ihm so schöne Geschichten 5 erzählen, daß ich selbst dabei einschlafen werde, das heißt, wenn es der liebe kleine Kerl erlaubt, denn er wird immer sagen: »Weiter, weiter mit der Geschichte!« Ich kenne das — aus meiner Jugend. — Ich will ihn auch reiten lehren. And. Was fällt Dir ein! Er ist ja kaum zwei Jahre alt. Luc. Besorge nichts, Du zärtlicher Vater — einstweilen soll er auf meinen Knien reiten, und wenn Du auch vor dieser Gefahr zitterst, so werde ich ihn auf meinen Armen schaukeln — o ich kann das! Bei einem Feldzuge lernt man so Manches. — Jetzt erzähle mir von Dir. Wie es scheint, bist Dn ein vollkommener Landedelmann geworden. And. Ja, ich schwärme für daS Leben auf dem Lande. Luc. Sage mir, kommen Dir die Tage im Sommer nicht etwas lang vor? Und erst die endlosen Winterabende! And. Mir? Im Gegcntheile, die Stunden werden mir immer zu kurz — kaum geht die Sonne auf, so geht sie auch schon wieder unter, und es scheint mir kaum glaublich, daß von Sonntag zu Sonntag sieben Tage vergangen sind. Es ist ein be> seligendes Gefühl, wenn man auf seinen eigenen Feldern schafft, und sieht, wie die Gaben Gottes gedeihen. Kann es etwas Schöneres geben, als einen Morgen-Spa- ziergaug über duftende Wiesen? Hier und da glänzt ein Thautropfen auf einer bescheidenen Feldblume, und die kleinen Vögel jubeln über die wiedererschienene Sonne! Luc. Du bist ja ein ganzer Dichter geworden! And. Dann Hab' ich noch ein Vergnügen, noch eine Ouelle des Glückes: Ich thuc so viel Gutes, als mir möglich ist, und es ist so leicht. Da helfe ich mit Rath, dort mit That — man kann oft mit einer Kleinigkeit daS Elend verscheuchen und dem Glücke die Thür öffnen. Luc. Du bist immer ein vorzüglicher Mensch gewesen, Andre, und ich bin stolz darauf, dein Bruder zu sein. (Er steht auf.) Das sage ich nicht nur Dir. sondern Allen. Erst gestern sagte ick es zu Jemand, den ich Dir vorstellen will. And. (steht auch auf). Deine Freunde sind die meinen und mir immer willkommen. Luc. Ich habe schon mit unserer Mutter davon gesprochen, er ist sehr betrübt, denn seine Frau wnri^ ihm plötzlich durch den Tod entrissen, und überdieß zu einer Zeit, wo er sie bald wieder zu sehen hoffte. Es ist mein Obrist, Herr von Nangis. And. (bestürzt). Herr von Nangis? Luc. Ja — er ist trostlos, und wir wollen uns Mühe geben, ihn aufzubeitern, nicht wahr? Morgen gleich will ich ihn besuchen — Du kömmst doch mit? And. Ich? — Ich kenne ihn ja nicht! Luc. Aber er kennt Dich — wir haben so viel von Dir gesprochen — komm' mit! And. Nein, Lucien. Es ist besser. Du besuchst den Obrist allein. Luc. Aber — And. Glaubemir, es ist besser so. Auch hätte ich morgen nicht Zeit. Luc. So gehen wir übermorgen. And. Bestehe nicht darauf, Lucien, thue mir'S zu Liebe. Luc. Gut, wir wollen nicht mehr davon 'prechen. Aber Dn wirst ihn mir zu Liebe )och herzlich aufnehmcn, wenn ich ihn hier- herbringe? And. (erschreckt). Du willst ihn hicrher- bringen? Luc. Gewiß! And. Thue das nicht, Lucien! Luc. Wie? Ich achte Herrn von Nangis nicht nur, ich liebe ihn! And. Verzeih', Bruder, Hab' ich Dir wehe gethan? Luc. Sehr! And. Lucien. Du kennst eine Begebenheit meines Lebens, meiner Vergangenheit nicht. Die Erinnerung daran ist mir peinlich. Sie hängt mit Herrn von Nangis zn- 'ammen. Ich kann ihn nicht sehen, (tzr setzt stch w"der.) 6 Luc. Ich bitte Dich, mir zu sagen, warum? (str seht sich zu ihm.) And. Du willst es — wohlan! Vor vier Jahren, ein Jahr vor meiner Verheiratung, lebte ich in Paris. Bei Bekannten lernte ich Frau von Nangis kennen; ihr Mann war damals abwesend. Sie war gesucht, gefeiert, und besaß die Grazie, die verführt, bezaubert und fesselt. Ich Liebte sie, und meine Liebe, die aufrichtiger war als jene der Andern, die sie umschwärmten, rührte sie. Wir waren glücklich, das heißt wir hielten uns dafür, denn wir liebten uns zu sehr, um weiter zu denken, als an die Gegenwart. * Luc. Ich erbebe! And. Die Stunde kam, wo dieser Traum zu Ende ging. Frau von Nangis war romantisch, sehr eraltirt, und unser Bündniß wurde bald eine Kette von beiden für mich. Diese Ausbrüche von Leidenschaft sagten meinem Herzen nicht zu, welches für ein tiefes, dauerndes, aber ruhiges Gefühl geschaffen ist. Als Herr von Nangis damals zurückkehrte, war es für uns Beide kein Schmerz, sondern eine Wohlthat. Aus Schonung für das Andere wollte Keines von uns das Band zerreißen, daS uns drückte, nun that es die Notwendigkeit. Ein Jahr später heiratete ich meine Gabriele, und seit der Zeit fühle ich, daß nur eine geheiligte Liebe glücklich macht, eine Liebe, welche das Tageslicht nicht zu scheuen braucht, nicht vor Entdeckung zittert — Luc. Ich werde Herrn vonNangis allein besuchen und Sorge dafür tragen, daß er nicht hierberkommt. Ein Diener stritt ein). Der Herr Obrist von Nangis wünscht seine Aufwartung zu machen, und fragt, ob ihn Herr Andre Norbert empfangen will. And. (bestürzt). Was kann er von mir wollen? Luc. (zum Diener). Du irrst wohl — der HerrObriftwird mich zu sprechen wünschen? Diener. Nein, Herr Lieutenant, ich habe ihn ganz gut verstanden, er sagte ausdrücklich: »Herrn Andre Norbert.« And. Lucien. dieser Besuch beunruhigt mich. Luc. Welche Thvrheit! Du hast doch Frau von Nangis nicht wieder gesehen? And. Niemals! (Zum Diener.) Ersuche den Herrn Obrist einzutreten. (Diener ab.) Neunte Scene. And. Luc. Nang. (in tiefer Trauer). Nang. Ich wünsche mit Herrn Andre Norbert zu sprechen. And. Der bin ich, mein Herr! Luc. Lieber Obrist— (er reicht ihm die Hand, Nangis thut, als ob er eS nicht bemerkte) wie geht es Ihnen? Nang. Besser — sch danke. (Zu Andre.) Ich wünsche einige Augenblicke mit Ihnen allein zu sprechen, mein Herr! And. Ich bitte sich zu setzen. (ZuLucien.) Verlasse uns, lieber Bruder! Luc. Aber — And. Geh'! Luc. (für sich). Ich bleibe in der Nähe. (Durch die Mittelthür rechts ab.) Zehnte Scene. Nangis. Andr6. Nang. Sie sind wohl derselbe Herr Andrä Norbert, welcher vor vier Jahren hier gewohnt hat? And. (welcher auf einem Stuhl fitzt, Nangis sitzt auf dem Balzac). Ja, mein Herr! Nang. Sie sind derselbe, welcher in Paris das Haus der Frau Vernes besuchte, eitler Verwandten meiner Gemalin? And. Ja, mein Herr, aber ich verstehe nicht — Nang. Sie werden mich verstehen.— Ich bin heute aus Afrika angekommen, wo mich eine Unglücksbotschaft überrascht hatte. 7 And. Mein Bruder hat es mir erzählt, Herr Obrist. Nang. Aber er wird Ihnen nicht erzählt haben, daß ich, zurückgekehrt, in dem Zimmer meiner Frau, wo ich mich meinem Schmerz hingab — einen Brief fand, den sie in einem Buche gelassen hatte. Ich habe diesen Brief gelesen — er ist von meiner Frau geschrieben und an Sie adressirt. (Er zieht den Brief aus der Tasche und reicht ihn Andre.) Sie haben das Recht, ihn zu lesen. And. (ist sehr verwirrt, nimmt den Brief liest ihn aber nicht). Nang. So lesen Sie doch, mein Herr! (Kalt, nachdem Andre gelesen und indem er den Brief wieder nimmi.) Herr Norbert, Sic waren der Geliebte meiner Frau, und ich werde Sie tödten! And. Aber, mein Herr — Nang. Sie wagen es doch nicht zu leugnen? And. (steht auf). Ich stehe Ihnen zu Diensten, mein Herr! Sic werden den Tag und die Stunde fcstsetzen. Nang. (steht auch auf). Entschuldigen Sie, ich habe meine Grunde, zu wünschen, daß die Sache so schnell und so geheim wie möglich abgethan werde. And. Das ist auch mein sehnlichster Wunsch. Nang. Gut, so gehen wir über alle Regeln und Gesetze des Duells hinweg und schlagen wir uns sogleich! And. Es sei! Am Ende meines Parkes ist ein Wäldchen, durch welches Sie kommen mußten — (Nangis bejabt) und wo unsNiemand stören wird. In einer Stunde werde ich Sie dort mit meinem Bruder erwarten, welcher mein einziger Secnndant sein soll. Nang. Ich werde mich dort einfinden. (Dir Sritenthür links öffnrt sich, Frau Norbert und Gabrirle treten heraus.) And. (für sich). O mein Gott! Eilfte Scene. Vorige. Frau Norbert, Gabriele, dann Lucien (welcher durch die Mittelthür rechts eintritt). Frau Norb. Endlich sind wir wieder frei! Wo ist Lucien? (Sie sieht Nangis.) Ein Fremder? Ich bitte um Entschuldigung, mein Herr! And. (verwirrt). Dieser Herr — Luc.(tritt rasch ein,. LiebeMtttter, ich stelle Dir den Herrn Obrist von Nangis vor. Frau Norb. Sie beschämen uns, Herr Obrist, indem Sie uns zuvorkommen. Mein Sohn Andrä würde sich die Freiheit genommen haben — Gabr. Mein Schwager hat uns sä on erzählt, wie viel Dank wir Ihnen schuldig sind. Nang. Meine Damen — Frau Norb. Wir freuten uns auf die Gelegenheit, Ihnen danken zu können. Aber wie konnten wir hoffen, daß Sie selbst und schon heute — And. (schnell). Der Herr Obrist ist gekommen, um Lucien zu besuchen. Luc. Ja, liebe Mutter! Nangis. Un^ ich war soeben im Begriffe fortzugchen. Frau Norb. Ich hoffe, Sie werden uns nicht so schnell verlassen, sondern uns die Ehre erweisen, mit uns zu frühstücken. And. (zeigt seine Unruhe). Nang. Ich bin Ihnen sehr verbunden, gnädige Frau, aber ich muß sogleich fort. Gabr. (für sich). Er wird meinethalben nicht bleiben wollen. Frau Norb. (zu Andre). Vereine doch deine Bitten mit den meinen, Andre, vielleicht gelingt es Dir, den Herrn von Nangis festzuhalten. And. Der Herr Obrist würde uns gewiß eine große Ehre erweisen, und wenn es ihm nicht durchaus unmöglich ist, zu bleiben — 8 Nang. (zu Frau Norbert) ES ist durchaus unmöglich! Frau Norb. Dann will ich nicht länger in Sie dringen; aber versprechen Sic uns, bald wieder zu kommen und oft. And. (für sich). Welche Marter! sLucien beobachtet abwechselnd Andrö und Nangis.) Nang. Auch das ist mir unmöglich, gnädige Frau! Frau Norb. Ich weiß, daß Sie erst kürzlich einen herben Verlust erlitten haben. Ach, mein Herr, auch ich habe einen solchen erfahren und begreife daher den Schmerz Anderer. Ich kann mit Ihnen füblen, mit Ihnen weinen. Kommen Sie zu unS, lieber Obrist, wir werden Ihren Schmerz zu achten wissen. 5lang. Gnädige Frau — Frau Norb. Sagen Sic nicht nein! Sie kennen nur meinen jüngeren Sohn, ich wünsche daß Sie auch meinen Erstge- gcbornen mit Ihrer Freundschaft beehren. Nang. Ick bedaure. Ihnen nicht willfahren zu können, allein ich reise schon morgen nach Afrika zurück. Frau Norb. DaS ist sehr traurig! Lucien (leise zu Aodrv> Er weiß AlleS? And. (ebenso). In einer Stunde schlage ich mich mit ihm. Gabr. (schüchtern zu NangiS). Wir werden Sie also gar nicht mehr sehen? Nang. Ich glaube nicht, Madame! (Er grüßt.) Frau Norb. (zu Nangis). Ich sage Ihnen demnach herzlich Lebewohl! Komm', Gabriele! (Nachdem sich die beiden Damen verneigt, gehen sie rechts ab. Andre folgt ihnen. Im Augenblicke, als Nangis fort will, hält ihn Lucien zurück.) Zwölfte Scene. Nangis. Lucien. Luc. Ick bitte auf ein Wort, Herr/ Obrist! f , Nang. Was wollen Sie mir sagen, Lucien? Luc. Ich weiß, daß Sie sich mit meinem Bruder schlagen wollen, und ich beschwöre Sie — Nang. (schnell). Kennen Sie die Ursache unseres Duells? Luc. Was cs immer sei — Nang. (ernst). Ich frage, ob Sie die Ursache kennen? Luc. (mit niedergeschlagenen Augen). Ja. Nang. Dann wissen Sie auch, daß Alles vergeblich ist. Luc. Herr Obrist, Sie haben mir so oft Ihr Wohlwollen bewiesen, mir so viele Beweise Ihrer Liebe gegeben — ein Vater kann mit seinem Sohn nicht zärtlicher sein, als Sie es mit mir waren — Sie werden sich mit meinem Bruder nicht schlagen. Nang. Weil ich Sic liebe, Lucien, habe ick Sie geduldig angehört; allein ich stehe nicht länger gut für mich — genug davon! (Kleine Pause.) Luc. Sei es! Man hat Sie beleidigt, Herr Obrist, und Sie wollen sich rächen — Sie sind in Ihrem Reckte. Ein Glied unserer Familie hat Sie beleidigt, und wir sind Ihrer Ehre Genugthuung schuldig; lassen Sie mich diese Schuld bezahlen — erlauben Sie, daß ich mich für Andrö schlage. Nang. Was sagen Sie da? Luc. Bin ich nicht Andres Bruder? Nang. Wie können Sie glauben — Luc. (bittend). Andre; ist meiner Mutter Liebling; er hat sie nie verlassen, sie hat keine Minute seine Aufmerksamkeit, seine Sorgfalt, seine Zärtlichkeit entbehrt. Wenn Sie ihn tödten, tödten Sie auch sie. Bei mir ist das anders: Sie ist seit lcnrge gewöhnt, mich nicht um sich zu haben; mick wird sie leichter vermissen — Obrist, erlauben Sie, daß ich mich für meinen Bruder schlage. Nang. Mein Herr, Sie überlegen nickt, l was Sie da sprechen — genug! (Er will gehen). 9 Luc. (hält chn zurück) Hören Sie mich! Rang. Was wollen Sie noch? Luc. Im Namen der Gerechtigkeit — Nang. Gerechtigkeit! Ist Ihr Bruder nicht schuldig? Luc. Aber es sind Jahre darüber vergangen — der Leichtsinn der Jugend — Nang. (ironisch). Wollen wir vielleicht seinem Hofmeister die Schuld beimessen? Luc. Nein, Herr Obrist — aber mein Bruder steht nicht mehr allein da, — er hat Frau und Kind — er hat jetzt neue, heilige Pflichten. Wenn Sie ihn tödten, strafen Sie nicht nur ihn, sondern zwei unschuldige Wesen, die Sie nicht beleidigt haben und denen Sie daher nichts Böses zufügen dürfen. Nang. (legt seinen Hut und seine Reitpeitsche weg). Und Sie wagen es, solche Gründe anzuführen, um mich zu entwaffnen? Ein Mann befleckt meinen Namen und meine Ehre, keine Rücksicht hält ihn zurück — mein LebenSglück kümmert ihn nicht, er tritt es mit Füßen, lächelt vielleicht dabei, und ich soll ihn schonen! Lue. Obrist! ' Nang. Die Stunde ist gekommen, wo ich von ihm Rechenschaft verlange, wo ich mich für ein zerstörtes Leben rächen will, und ich soll zurücktreten, weil dieser Mensch — glücklich ist! Seine Familie soll mir heilig sein! — Ich soll aus Achtung vor seinem häuslichen Glück znrücklretcn — ihn vielleicht noch um Entschuldigung bitten, daß ich einen Angenblick seine Ruhe, seinen Frieden gestört habe! Das ist's, was Sie mir vorzuschlagen wagen? Luc. Aber — Nang. Der Schmerz Anderer soll mich rühren, allein an den Schmerz, den ich leide, denkt Niemand! Glauben Sie denn, daß ich die Frau, deren Herz man mir geraubt hat, nicht geliebt habe? Ick will nicht nur die Beleidigung rächen, sondern auch den Nebenbuhler bestrafen, den ich Haffe, auf dessen Vergangenheit ich eifersüchtig bin. Ja, mein Herr, ich habe meine Frau geliebt. Der betrogene Ehemann ist daher doppelt lächerlich. — Lachen Sie doch! — Als ich sie zurückließ, um sie der Mühseligkeit und der Gefahr des Kriegslebens nicht auszusetzen, glaubte ich, das Herz müsse mir brechen. Als ich in Afrika die Nachricht von ihrem Tode erhielt, wac ich dem Wahnsinne nahe. Als ich heute mein Schloß betrat, schloß ich mich in ihr Zimmer ein wie in ein Heiligthum. Dort gab ich mich meinem Schmerz, meiner Verzweiflung hin. Ich küßte die Gegenstände, die ihre Hände berührt hatten — ich küßte und benetzte mit meinen Thränen das Buch — welches diesen Brief enthielt! — (Er zieht den Brief auS der Tasche.) Als ich ihn gelesen, erfaßte mich ein Schwindel — es ward finster vor meinen Augen, und der erste Lichtstrahl war der Durst nach Rache! Lesen Sic diesen Brief, mein Herr! (Er drückt ihm den Brief gewaltsam in die Hand.) Lesen Sie ihn, ich will cs! (Lucirn liest den Brief und fällt wie vernichtet auf den Balzac.) Begreifen Sie jetzt, warum ich mich rächen will? Luc. Nicht so laut — ich beschwöre Sie! (Er steht auf und vergißt den Brief auf dem Balzac) Nang. Sie haben von Weib und Kind gesprochen, von dem Unglück, welches durch mich über Beide Hereinbrechen könnte — was liegt mir an dem Weh, das sie treffen kann — Ihr Bruder hat mir das tiefste Weh bereitet, und ich hasse ihn so sehr, daß ich kein Gefühl, kein Mitleid kenne. Ich will nur sein Blut! (Durch die Mittel« thür links ab.) Dreizehnte Scene. Lucien. Frau Norbert. Fr. Nord. War das nicht der Obrist von Nangis, der soeben fortging? Luc. (zwingt sich zu lächeln). 3a, liebe Mutter! 10 Fr. Nord. Was ist denn zwischen Euch vorgefallen? Luc. Nichts. Fr. Norb. Ihr sprach't heftig — der Ten eurer Stimmen zog mich hicher. Luc. Eine kleine Meinungsverschiedenheit, weiter nichts. Fr. Norb. So? (Sie beobachtet Lucien genau ) Wenn Du Dich im Spiegel betrachten willst, wirst Du sehen, daß Du sehr bleich bist. Luc. (sich abwendend). Das scheint Dir nur so. Fr. Norb. (faßt seine Hand). Dil zitterst! Luc. Wie kann man um einen Soldaten so besorgt sein! (Er bemerkt den Brief und reißt ihn schnell an sich.) Fr. Norb. (hat es bemerkt). Was ist das für ein Brief? Luc. Nichts — ein unbedeutender Brief an mich. Fr. Norb. Willst Du ihn mir nicht zeigen? Luc. Aber — Fr. Norb. Lucien, Du verbirgst mir etwas — etwas sehr Ernstes. Luc. Du irrst, liebe Mutter! Fr. Norb. So zeige mir den Brief. Luc. Verzeihe, er ist nicht an mich. Fr. Norb. Lucien, wie kannst Du mich so quälen? — Siehst Du denn nicht, wie ich leide? Luc. Beruhige Dich, liebe Mutter! Fr. Norb. Schwöre mir, daß Du mit dem Obrist keinen Zwist hattest. Luc. Ich und der Obrist? Nein — ich schwöre es Dir! Fr. Norb. Und doch klang seine Stimme drohend, und Du bist verlegen. Glaubst Du, ich hätte seine Kälte gegen mich, seine Verlegenheit Gabrielen gegenüber nicht bemerkt? Und als ich ihn bat, zu bleiben, mußte mir sein eigensinniges, ja fast unartiges Ablehnen nicht auffallen? Luc. Er ist so schmerzlich ergriffen. Fr. Norb. Das macht einen Mann von Erziehung Damen gegenüber nichtungezogen. Luc. Du beunruhigst Dich ohne Grund. Fr. Norb. So gib mir den Brief! (Sie will den Brief nehmen, Lucien zieht ihn zurück.) Du weigerst Dich — ich errathe Alles! Der Obrist ist gekommen, um Dich zu fordern! Luc. Mutter! Fr. Norb. Unglückseliger, Du willstDich mit ihm schlagen! Vierzehnte Scene. Vorige. Andrä (durch die Thür rechts). And. (welcher die letzten Worte gehört hat). Was sagst Du da? Fr. Norb. (sehr aufgeregt). Andrö, dein Bruder will sich mit dem Obrist von Nau- gis schlagen! And. Lucien? Fr. Norb. Ja. Er findet, daß er mich durch die Wahl seiner Laufbahn noch nicht genug quält — es genügt ihm nicht, daß ich beständig für sein Leben zittere — nein^ er will Allem die Krone aufsetzen, indem er sich vor meinen Augen duellirt! (Mit Schmerz.) Ich habe immer nur einen Sohn gehabt! And. Halt' ein, Mutter, Du täuschest Dich, Du thust Lucien Unrecht! Luc. (leise, aber gebietend zu Andrä). Andre, ich befehle Dir, zu schweigen! Fr. Norb. Aber da der elende Obrist in mein Haus kommt, um meinen Sohn herauszufordern, so werde ich dieses Duell verhindern. Lucien, ich verbiete Dir, dieses Zimmer zu verlassen! (Sieht gegen den Hin« tergrund) And. Wo willst Du hin? Fr. Norb. Der Obrist kann unseren Park noch nicht verlassen haben, ich will — And. Höre mich, Mutter! Fr. Norb. (gebieterisch mit der Hand abwehrend). Ich will ihn sprechen! Ich lasse mich nicht abhalten! (Durch die Mittelthür rechts ab.) Luc. (hält Andre zurück, der ihr nach will) Halte sie nicht zurück, sie holt ihn nicht mehr ein. 11 Fünfzehnte Scene. AndrH. Lucien. And. Aber ich will nicht, daß Dich die Mutter beschuldigt, während ich — Luc. Wenn sie die Wahrheit erfahren muß — erfährt sie sie noch immer früh genug. And. (drückt Lucien die Hand). Aber was ist denn zwischen Dir und Herrn von Nangis vorgefallen? Luc. Ich wollte das Duell verhindern — die Mutter hat uns bei unserer Unterredung überrascht. Zum Glück glaubt sie, es gehe mich an. And. Und Gabriele — weiß sie etwas? Luc. Nein. And. Armes Weib! Wenn sie das Unglück ahnte, das ihr bevorsteht! Luc. Ruhe, Bruder! And. Ich bin ruhig — aber das Döse muß Böses gebären — dieser Mensch wird mich tödten. Luc. Gehe doch! Ich habe mich schon zweimal duellirt — da stehe ich! — Du kannst Dich doch schlagen? And. (aus dem Balzac sitzend). Ich habe nie eine Waffe in der Hand gehabt. Luc. (für sich). Der Unglückselige — er ist verloren! And. Uebrigens würde ich es auch gar nicht versuchen, Herrn von Nangis zu verwunden — ich habe kein Recht dazu. Ich gehe wie ein Schuldiger auf den Kampfplatz — ich darf ja nicht einmal den Grund angeben, warum ich mich schlage, denn es ist kein ehrenhafter für mich. (Mit Begeisterung.) O, wenn ich mich für eine gute Sache schlüge! — (Düster.) Aber nein, es ist eine Schuld, die ich sühnen muß, und wegen dieser Schuld wird Gabriele, mein reines, unschuldiges Weib, morgen Witwe, und mein Kind eine Waise sein! Luc. Quäle Dich nicht mit diesen düsteren Gedanken! And. (ohne ihn zu hören, steht aus). Du begleitest mich doch? Luc. Kannst Du noch fragen? And. Dank! — Wenn ich allein bin, verwirren sich meine Sinne. Soeben — das vertraue ich aber nur Dir, Dir allein — soeben kam mir der Gedanke, mit Weib und Kind zu fliehen, weit von hier, fern von allen Menschen! Luc. Andr^! And. (bezeichnet das Seitenzimmer). Da drinnen habe ich einige Abschiedsworte an meine Mutter und mein Weib gelassen — ich bitte sie, mir das Leid zu verzeihen, das ich über sie bringe — aber ich hatte nicht den Muth, ihnen mehr zu sagen. — Arme Gabriele! Wenn Du wüßtest, Lucien, welche hohe Meinung sie von mir hat, sie hält mich 'ür besser als die andern Männer — ach Lucien, entdecke ihr nie, warum ich mich geschlagen, lasse ihr den Glauben an mich, erspare ihr den Schmerz der Enttäuschung! Luc. (umarmt ihn). And. Und mein Kind — Du wirst es nicht verlassen? Mache einen ehrlichen Menschen aus ihm, behüte ihn vor den Fehlern, die entehren- (düster) und tödten. Luc. Du bringst Dich und mich um allen Muth. And. Gehen wir. Ich bin gefaßt und verspreche Dir, Du sollst mit mir zufrieden sein. Sechzehnte Scene. Vorige. Nangis (er tritt schnell ein). Nang. (zu Lucien). Ich suche Sie, mein Herr, ich glaube, Sie haben mir meinen Brief nicht zurückgegeben? Luc. Hier ist er. (Er reicht ihm den Brief.) Nang. Ich danke Ihnen. Die Zeit ist aber verstrichen, die bestimmte Stunde ist da, und ich habe keine Waffen- Luc. Wollen Sie von den meinen Gebrauch machen, Herr Obrist? Nang. Es sei! (Lucien verbeugt sich.) 12 Nang. (zu Andre). Ich habe aber auch keinen Secundanten. And. Einige Schritte von hier wohnt ein alter Officier, auf dessen Verschwiegen heit ich bauen kann, und welcher es mir nicht verweigern wird, uns zu begleiten Soll ich ihn holen lassen? Nang. Ich werde es Ihnen danken. And. So wollen Sie sich einen Augenblick gedulden. (Er geht mit Lucien durch die Mittelthür recht» ab.) Siebzehnte Scene. Nang iS, später Gabriele. Nang. Wenn mir Jemand vor acht Tagen gesagt hätte, daß ich mich mit dem Bruder LucienS, meines liebsten Ofsiciers, schlagen würde, so hätte ich es nicht geglaubt. O, es gibt im Leben merkwürdige und schmerzliche Wendungen! Gabr. (tritt rin). Ich fühle mich glücklich, Sie noch hier zu finden, Herr Obrist. Nang. (verwirrt). Ich war im Begriffe zu gehen. (Er geht gegen die Thür.) Gabr. Ah, mein Herr, jetzt lasse ich Sie nicht fort, ehe Sie mich angehört haben. Nang. Madame — Gabr. Ich errathe Alles! Nang. (mit Schreck). Sie wissen? Gabr. Ich weiß, daß Sie mir zürnen. Nang. Ihnen? Gabr. Mir und meinem Mann. Nang. Herrn Norbert — Gabr. Gestehen Sie es nur — als Sie mich wieder erkannten — Nang. Ich — Sie? Gabr. Erinnerten Sie sich, daß das Fräulein Gabriele von Cerney — Nang. Cerney? Gabr. Vor sechs Jahren die Ehre von sich gewiesen hatte, Ihren Namen zu tragen, indem sie die Hand Ihres Neffen auS- schlug. Nang. (für sich). Ich hatte es ganz vergessen, und Sie glaubt — Gabr. Allein vergessen Sie nicht auch, daß ich damals schon meinen Mann kannte und liebte. Ich habe ihn nicht genannt, weil ein junges Mädchen so etwas nicht gerne ausspricht; allein ich sagte Ihnen offen, daß mein Herz nicht mehr frei sei, und ich denke, dieser Grund hätte nichts Bitteres oder Verletzendes gehabt — Sic dürfen mir daher nicht zürnen. Nang. Sie haben Recht. Gabr. Und doch scheint es — Nang. Madame, suchen Sie die Ursache meines Benehmens in nichts Anderem, als in meinem tiefen Schmerze. Gabr. Ist das wahr, was Sie mir da sagen? Nang. Sehr wahr. Gabr. Gut, dann habe ich mich getäuscht und Sie werden bleiben. Nang. Habe ich Ihnen nicht gesagt, daß ich morgen nach Afrika zurückkehre? Gabr. Muß daS sein? Nang. Diese Beharrlichkeit — Gabr. Finden Sie sie nicht natürlich? Sie wlssen also gar nicht, wie sehr wir Alle mit Ihnen fühlen und an Ihrem Schmerz theilnehmen? Die ersten Worte fast, die mein Schwager sprach, als er ankam, waren Worte deS Dankes für die väterliche Zärtlichkeit, die Sie ihm angedei- hcn ließen. Mußte uns das nicht mit Dank für Sie erfüllen? Unsere Mutter brannte vor Begierde es Ihnen zu beweisen. Nang. Madame, ich wiederhole Ihnen — Gabr. Wollen Sie sich nicht setzen, lieber Obrist? Lassen Sie uns freundschaftlich plaudern, ich bitte Sie darum. (Sie setzen sich.) Sie wollen nach Afrika zurück- kchren? Sie werden Ihrem Schmerze nicht entgehen, den lindert nur die Zeit. Was wollen Sie dort allein, ohne Freunde? Ist's nicht besser, Sie bleiben bei uns? Nang. Bei Ihnen? Gabr. O, fürchten Sie nicht, daß unsere 13 Lebensweise Ihre Gemüthsstimmung verletzen wird. Wir führen ein zurückgezogenes, stilles, aber herzliches und gemüthliches Leben. Sie sollen ein Glied unserer Familie ' sein, Sie lieben diese schöne Gegend. Bei Tag werden Sie mit meinem Mann und mir meinem Schwager, den Sie so lieben, Ausflüge machen, die Abende werden Sie in unserem Familienkreise zubringen, unser Geplauder theilen. Manchmal machen wir Musik, manchmal lesen wir; (lächelnd) ich lese vor, Herr Obrist, und es ist mein Stolz, zu sagen, keiner meiner Zuhörer ist noch eingeschlafen. Nang. Wenn Sie wüßten — Gabr. (ernst). Und wenn Stunden kommen, wo Sie von ihr sprechen wollen, die nicht mehr ist — dann kommen Sie zu mir und sagen Sie: »Sprechen wir von ihr.« Ich werde Ihnen antworten: »Weinen Sie, Herr Obrist, ich will mit Ihnen weinen.* Nang. Madame — Gabr. Es soll mir eine heilige Pflicht sein, Ihren Schmerz zu theilen, zu mildern. Ich habe Sie damals wohl nur einmal gesehen. aber ich habe den vortheil basten Eindruck nicht vergessen, den Sie auf mich gemacht. Als Sie kamen und um mich anhielten, mußte ich Ihnen selbst antworten, mein Vater wollte es so. Ich fürchtete diese Unterredung, aber der liebevolle Ausdruck Ihres Gesichtes beruhigte mich sogleich. Ich sprach ohne Scheu und mit voller Aufrichtigkeit: Sie schienen mich zu verstehen, reichten mir die Hand und wünschten mir, ich soll glücklich sein. Ihr Wunsch ist erfüllt worden, ich bin glücklich! Nang. Sie sind — glücklich? Gabr. Ja, sehr glücklich. Und da Ihre Wünsche gewiß sehr aufrichtig waren, so mögen Sie mir genützt haben, wie die eines guten Geistes. Man sagt, daß man sein Ideal nie findet — ich habe es gefunden, und fürchte nur, daß ich meinen Andrv nicht so glücklich machen kann, als er es verdient. Nang. (für sich). Armes Weib! Gabr. Und nicht nur mein Mann ist so gut, auch seine Mutter — Beide verzärteln mich. Ich verlor meine Mutter sehr früh, ich habe sie in meiner Schwiegermutter wiedergesunden. Kurz, ich fühle mich so glücklich, daß ich Gott danke, daß ich nicht abergläubisch bin. sonst müßte ich beständig fürchten, daß es nicht so bleiben kann. Nang. (für sich). Wenn sie wüßte — Gabr. Das Leben, das ich führe, ist so schön, daß ich manchmal wirklich denke: »Sollst denn du allein bevorzugt sein? Auch Dich wird ein Leid treffen!* — Aber nicht wahr, das sind verrückte Gedanken — man kann, man darf glücklich sein ? Und mein Glück ist ja kein egoistisches; es ist meine Pflicht, meinen Mann zu beglücken, und wenn man redlich thut, was man kann, um seine Pflicht zu erfüllen, braucht man ja nichts zu fürchten. Besonders seit der Geburt meines Kindes bin ich ruhig. Ich habe mehr Vertrauen zu Gott als je. Wenn er Einem eine Aufgabe gibt, so gibt er auch die Kraft, sie zu erfüllen, er wird mich schützen zum Wohl meines KindeS. (Sie öffnet die Seitenthür.) Nang. (für sich). Armes Weib! Arnre Mutter! Gabr. (nimmt Nangis bei der Hand und führt ihn zur Thür). Sehen Sie da hinein, da schläft mein Kind — sieht eS nicht ganz seinem Vater ähnlich? Nang. (für sich,. Seinem Vater? (Laut.) Nein, seiner Mutter! Gabr. Wie kögnen Sie daS sagen? (Zie macht ein Medaillon von ihrem Halse los und reicht es Nangis.) Das ist das Porträt meines Mannes; sind das nicht ganz dieselben Züge, derselbe Ausdruck? Sv sehen Sie doch ! (Nangis nimmt das Medaillon mit zitternder Hand und läßt es fallen ) Ach, mein arMes Bild-zerschlagen! Nang. (hebt es aus und reicht eS ihr). Verzeihen Sie! 14 Gabr. Zum Glück bleibt mir das Original, (lächelnd) aber das werd' ich Ihnen nicht anvertrauen. Nang. (für sich, sich abwendend). Genug, genug! Achtzehnte Scene. Vorige. Lucien und Andre (durch die Mittelthür rechts). And. (sicht die Beiden). Sie ist bei ihm! (Laut.) Wir erwarten Sie, mein Herr! (Zu Gabriele.) Liebe Frau, Lucien und ich wollen den Herrn Obrist bis an das Ende des Parkes begleiten — Gabr. Andre, nimm mich mit! And. (für sich). Himmel! Gabr. Ich war so lange nicht beim Pavillon! And. Es kann nicht sein! Gabr. Warum? Das Wetter ist so schön — And. Nein, Gabriele, bleibe bei unserem Kinde! (Sanft.) Zch bitte Dick darum — (ernst) ich wünsche es! (Zu Nangis.) Kommen Sie, mein Herr! Nang. (steht in Gedanken versunken und hört ihn nicht). Gabr. (erstaunt, für sich). Was hat er denn? So hat er noch nie mit mir gesprochen. Neunzehnte Scene. Vorige. Frau Norbert. (Sie ist blaß und erschöpft, und stützt sich einen Augenblick an die Thür.) And. So kommen Sie doch, mein Herr! Fr. Norb. (macht sich bereit, um ihnen den Ausgang zu verwehren). Gabr. (unruhig). Andr^! And. (bewegt). Lebe wohl, Gabriele! Nang. Nein! (Sichtlich mit sich kämpfend. Nach langer Pause zu Gabriele.) Die Herren werden bleiben. Gabr. Wie, mein Herr? (Sie sieht, daß Nangis wankt.) Sie erbleichen, Sie sind unwohl? Nang. (sich beherrschend). Es ist nichts — lassen Sie mich — ich habe das oft — seit meinem Unglück! Zch fühle das Bedürfniß, allein zu sein, allein mit mir selbst — mit Gott — er wird mir die Kraft geben, zu verzeihen! Gabr. (erstaunt). Verzeihen? Nang. (schnell). Dem Geschick, welches so grausam gegen mich war. Fr. Norb. (nähert sich Nangis und will verstohlen seine Hand küssen; er hält sie ab). O mein Herr, wie dank' ich Ihnen! (Sie finkt auf den Balzac.) And. (leise zu seiner Mutter). Du sollst Alles erfahren! Gabr. (zu Nangis). Sie verlassen uns also wirklich? Das betrübt mich — ich bin recht böse auf Sie! Nang. Zürnen Sie mir nickt! — Sie sagten soeben, meine Wünsche hätten Ihnen Glück gebracht. Wohlan denn, ich wiederhole heute: Seien Sie glücklich! (Er drückt Lucien die Hand und geht.) Der Vorhang fällt. Ende. An» dem Theater-Berlage der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1- Geniren sie sich nicht. Original-Lustspiel in 1 A. P von Holbein. 12. 1826. 35 kr. 7*/, Sgr. Georgi. Posse in 1 A. von L. Julius. (Wiener Theater-Repertoire Nr 16.) 35 kr. 7'/, Sgr. Geprüften, die. Lustspiel in 5 A., s. Weiffenthurn Schauspiele 14. Band. Gervinns, der Narr von Untersberg, oder ein patriotischer Wunsch. Posse mit Gesang in 3 A. von Alois Berla (Wiener Th.-Repert. Nr. 31.) 40 kr. 8 Sgr. Gesandtschafts-Attach«, der. Lustspiel in 3 A. Nach dem Franz, von Alex. Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 124.) 60 kr. 12 Sgr Geschenk, das. Gelegenheitsstück in 1 A. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Geschwister, die, vom Lande. Lustspiel in 5 A. von Jünger. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Gespenst, das. Romantisches Schauspiel in 4 A. Mit Chöre» und Gesängen v. Kotzebue. 1809. 40 kr. 8 Sgr. Geständniß, das. Lustspiel in gereimten Versen in 1 A. v. Kotzebue. 8. Pest 1817. 25 kr. 5 Sgr. Geständniß, das. Lustspiel in 1 A. Nach dem Italienischen von Chrimfeld. 1804. 25 kr. 5 Sgr. G ewerbsfreiheit, die Posse mit Gesang in 1 A. von Alois Berla. (Wr. Theat.-Rep. Nr. 2l1.) 35 kr. 7-/2 Sgr. Gewissen, das. Bürgerliches Trauerspiel in 5 A. von Jffland. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Gewissen, das rächende. Trauersp. in 4 A. v. H. Zschocke, Verfasser des »Abällino«, für das k. k. Hofthcat. bearb. v. Kotzebue. 1810. 50 kr. 10 Sgr. Gewohnheiten. Lustspiel in l A. Nach dem Franz, v. Mar Stein.(W. TH.-Rep.Nr. 125.) 35 kr. 7'/,Sg. Gezeichnete, die, oder Russe und Franzose. Schauspiel in 3 Abteilungen und 4 A. von C. I. Folnes. (Wr. Th.-Rep. Nr. 95.) 60 kr. 12 Sgr. 6ivrno, I'ultimo, <11 kompei, Orummn sei in per Ü4U816L. 1827. 35 Irr. 7'/, 8^r. Gisela von Baiern, erste Königin der Magyaren. Historisches Schauspiel in 3 A. v. Meist. Gr. 8. 1825. 35 kr. 7'/, Sgr. Oiulitztt» « komvc», IruAkliia per lLlusio» in tre ^tti. 1806. 35 kr. 7'/, 8^r. Gleichen, Ernst, Graf von, Gatte zweier Weiber. Schauspiel in 5 A. von I. Graf von Soden. 8. 1791. 80 kr. 16 Sgr. Glück durch Unglück. Lustspiel in 1 A v. Schildbach. 1808. 30 kr. 6 Sgr Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder das Geheimnis des grauen Hauses. Posse in 5 A. von I. Nestroy. Gr. 16. 1845. 75 kr. 15 Sgr. Goda, oder Männersinn und Weibermuth. Gemälde der grauen Vorzeit mit Gesang in 3 A. von Gleich. 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr. Godl, diefesche. Skizzen aus dem Wiener Volksleben mit Gesang in3 Abth. und 6 Bildern v. F. Heim. (W. Th.-Rep. Nr. 162.) 60 kr. 12 Sgr. Gouvernante, die. Posse in 1 A. von Körner. 12. Geh- Wien. Original-Aufl. 1819. (Ver- , griffen.) Gönner, der. Lustspiel in 1 A. von I. Sonnleithner. 16. 1815. 25 kr. 5 Sgr. Gräfin Aurora. Historisches Lustspiel in 5 A. von Cd. Mautner, s. dessen Lustspiele. Greifenstein, Schloß, oder der Sammtschuh. Romantisches Schauspiel von Cb Birch-Pfeiser 1833. gr. 16. 80 kr. 16 Sgr. Grenadiere, die zwei. Lustspiel in 3 A. 1805. 35 kr. 7-/, Sgr. Grillparzer, Franz. Die Ahnfrau. — Ein treuer Diener seines Herrn. — König Ottokar's Glück und Ende. — Des Meeres und der Liebe Wellen— Melustna. — Sappho. — Der Traum ein Leben. — Das goldene Vließ. — Weh' dem, der lügt, s unter den besonderen Titeln. -diese neun Stücke, elegant in 4 Bände gebunden 12 fl. 50 kr. 8 Thlr. 10 Sgr. Grisktrcher, Wilhelm, der edle Wiener. Schausp. mitGesang in 5A. v. Meißl. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Groizsch, Graf Wipprecht von. Nationalschauspiel in 3 A. vom Verfasser des »Friedrich mit der gebissenen Wange«. 1790. (Vergriffen.) Großmama, die. Original-Lustspiel in 4 A. von Ziegler. 1817. 8. 50 kr. 10 Sgr. Großpapa, der. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 10. Jahrgang. (Vergriffen.) Grotius, Hugo. Schauspiel in 4 A. von Kotzebue. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Guise, Mathilde von. Oper in 3 A. Nach dem Franz. 1810. 30 kr. 6 Sgr. Guldenzettel, ein. Originalschwank in 1 A. v. Carl Gründorf.(Wr.Th.-Rep.Nr.70.) 35kr.7-/-Sgr. Gulistan, oder der Hulla von Samarkand«. Oper in 3 A. von Etienne. 1806. 35 kr 7'/? Sgr. Gülnare, oder die persische Sclavin. Komisches Singspiel in 1 A. Nach dem Franz, übersetzt von Lippert. 1800. 20 kr. 4 Sgr. Gustav, oder die Minengräber in Schweden. Historisches Schauspiel in 5 A. Nach dem Franz, von I. F. Castelli. 1805. (Vergriffen.) Gut, Unrecht. Charakterbild mit Gesang in 3 A. und einem Vorspiele von Friedrich Kaiser. (Wiener Th.-Repert. Nr. 81.) 60 kr. 12 Sgr. Gute Nacht, Rosa! Dramatisches Genrebild in 1 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 141.) 30 kr 6 Sgr. Gutierre, Don. Trauerspiel in 5 A. Nach Calde- ron's »Arzt seiner Ehre«, von West. 1834. 8. 1 fl. 20 Sgr. Haare, rothe. Lustspiel in 1 A. von Grandjean. (WienerTh.-Rep. Nr. 1.) Zweite Auflage. 35 kr. 7-/, Sgr. Hababah, oder die Eifersucht im Serail. Orig. Lustsp. in 5 A. v. Weidmann 35 kr. 7V, Sgr. Hadrian, Kaiser. Große Oper in 3 A. Zweite Auslage. 1808. 35 kr. 7/, L>gr. Hafner's gesammelte Schriften. Herausgegeben v I. Sonnleithner, mit einer Vorrede u. A nmerkungen vorzüglich über die österreichische Mundart.'3 Bände. 8. Wien. 1812. 2 fl. 1 Th. 10 Sgr. Inhalt: l. Lonnes 11nn8vvur8tiem Franz, von Treitschkr. 35 kr. 7'/, Sgr Helena und Paris. Heroisches Ballet in 3 A. v. Corally, Franz, und Deutsch. 1807.10 kr. 2 Sgr. Hcmpel, Krempel und Stempel. Posse in 1 A Frei nach Martvn s: »Orimshurv, öaxshnrv unck krucksdurv,* von K Graesrr. (Wiener Theat.-Rep. Nr. 33.) 35 kr. 7'/, Sgr. (Diese« Verzeichnis» wird fortgesetzt.) Druck und Papier o»n Leopold Pommer in Me». EM MM >- ''^?^ V->- *'. -r -''^> M- <" 149283 ». - --- ^ ^ L ^ ' - .(.> .. > ( < 'Tfff - - s > '-.H s ^ '' . t'- ?-' ' .s -*"^ .'' V^ s > * ^ ^ , *. . - ^ V »,. . ' . ? ^ -« ^ ^ ^-> ä- ..". ,H4/ -D >, .- ^ - - <.' ' - t . ^ ">- IT'» . 4 '^4^ .s ^ > V -' 7- ' , < >.' V ^ < ^ «t ' ''^ ^*,4 ' 7»^. -< .-V -. -v> -MM 'ME ..^k '- <- * -xc., < '"«. VM OWM ^ - c«' .E'-- *-..' .> 't--' . .,-.. i. ^II6!.!^l) V^ ssien, Vl. QumpenL.orfei'LtraLLe 122 L5Z/-/L/^ a, Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt und nur durch den Verfasser zu beziehen. Die Gemerdsfreiheit. Posse mit Gesang in einem Acte von Alois Berla. Personen: Zangelhofer, Cchloffermeister. Tlni, seine Tochter. Andrea-, Altgeselle. Heinrich, Geselle. Zuckerl, Kaffeesieder. Rosa, seine Krau Riedöckel, Fleischhauer. Barbara, seine Krau. (Bürgerlich eingerichtete Stube bei Zangelhofer, altmodische, aber wohlerhalteue Möbel.) Erste Scene. Ttni (allein) Gleich darauf Zangelhofer. (Don außen her vernimmt man den Gesang der^ in der Werkstätte beschäftigten Schlossergesellrn., welchen sie mit Hammerschlägen auf den Amboß j begleiten.) hinaus« lieber, ssesang von äugen. Schnapp auf und schnapp nieder Mit'n Hammer, daß's kracht! Uns wird daS net z'wider Beim Tag, bei der Stacht, rheckM-AeptNok» Ar «1. VN »LL« , ' » Wir Schlosser, wir pempem, Zs's spat oder fruah. Und dudeln unS lustig A G'stanzel dazu! Tralalala lalala! (Sie dudeln und hämmern ) Tini (die am Fenster steht und schant). WaS der Heinrich für a sauberer Bursch' iS; wie gut ihm da- steht, wann er, die Hematärmel aufg'strickt, den sckwer'n Hammer kräftig schwingt und ihn nachher wieder niedersaufen läßt auf daS glüaterte Eisen, daß ^ikssunken herum« siiag'n als wia die LW«t bei^»Lust« V" - 2 Feuerwerk im Prater! (Seufzt.) Ach, was ich in den Heinrich verliebt bin— i kann's gar net sagen— (Verschämt.) Aber ihm Hab' ich's doch schon g'sagt — (Entschuldigend.) No ja — was hätt' i denn thuan soll'n? Der Heinrich hat unlängst amal die G'le- genheit abpaßt, wo ma allani war'n, da hat er mein'Hand g'fangt, hat mir so sündli in's G'sicht g'schaut und hat mi' auf mein G'wiffen g'fragt: ob ich ihn denn gar net so recht von Herzen gern hab'n könnt' — no und da Hab' ich doch net so schlecht sein und lüag'n können, ich Hab' halt geant- wort': Ja! — D'rauf hat er mir a Bußl geb'n — na, mir scheint, es war'n glei' a paar, i woaß's net mehr recht, denn auf amal is mein Vater kommen und hat mich ang'schrien — was g'schieht denn da — (Den Vater copirend.) Zangelh. (der von der Mitte aufgetreten ist, ruft in derselben Tonart). Was g'schieht denn da? Zweite Scene. Tini. Zangelhofer. Tini (erschrocken). Der Vater! Zangelh. Fahrt schon wieder z'samm? Weiß der Teurel, seit einiger Zeit thut das Madel gar nir Anders, als erschrecken, so oft's mich sieht! Tini. Lieber Herr Vater, das darf Sie nicht wundern, denn Sie kommen immer so auf amal daher und- Zangelh. Auf zwamal kann i net kumma, und warum bist denn früher niemals erschrocken? Ein Beweis, daß Du jetzt a schlecht's G'wiffen hast. Tini. A schlecht's G'wiffen Hab' i net, aber i Hab' a kani eisernen Nerven. Zangelh. Du bist die Tochter von ein'm Schlossermasta, bei der soll Alles Eisen sein, folglich auch die Nerven! Tini. 's Herz auch? Zangelh. Natürlich, das Herz vor Allem. Tini. Na, dann vergessen'S net, daß'S Eisen, wann's in die Glut kommt, so weich wird, daß man'S breitschlagen kann. Zangelh. Was bör' i da? — Tini, i will net hoffen, daß Einer dein Herz in die Gluat bracht und breitg'schlagen hat. Tini (resolut). Was nutzt das ewige Hinternberghalten. Ja, Vater; das hat bereits Einer than! Zangelh. (auffahrend). Wer? Tini. A Schlosser! Zangelh. (sich mäßigend). A Schlosser? No jetzt — so Einer versteht sich wenigstens auf die Eisenmanipulation. Aber wer ist der Schlosser, wie beißt er, wo hat er sein G'schäft? Tini. Er hat ka G'schäft, denn der, in den ich verliebt bin, ist der Heinrich, der seit ein'm halben Jahr in unsrer Werkstatt arbeit'. Zangelb. Der Heinrich? (Urberltgtnd.) No — er is a tüchtiger G'sell', a braver Mensch, der sein'n Mafia in Ebren halt, ka so Räsonnicrer, wie ma'S jetzt bäufig unter die G'sellen find't. Tini. Also hat der Herr Vater nir gegen uns re Lieb'? Zangelh. Das — das muß erst Alles reiflich überlegt werden. Du kennst mich, Tini, i bin ein Mann nach'n alten Schlag, i halt's mit der alten Zeit, wo nir über- hetzt wor'n iS, während eS heutzutage a Massa Leut' gibt, die ohne a Hetz gar net cristir'n können; i gib bei den kommunalen Wahlen meine Stimm' auch immer nur Männern, die sich erst a Weil b'sinnen, eh' sie für das gute Alte was schlechtes Neue- acecptiren, und weil i bei einer Wahlang'le- genheit net nur Sitz und Stimm' bab', sondern sogar gewissermaßen prästdir', so versteht sich'S von selber, daß i die ganze Sach' mit der gehörigen Würde leiten werd', damit Punctum, vor der Hand vertagen wir den Gegenstand und geb'n zu den laufenden G'schästen über. Es wrr'n mich heunt a paar alte Spezi b'suchen, der Kaffeesieder Zuckerl und der Fleisch hacker 3 Riedöckel. Du sorgst für a klani Jausen, Bier, Aufg'schnitt neS, für die Frauenzimmer, die mitkummen, wird a Kaffee kocht; jetzt schau', daß Alles in der schönsten Ordnung besorgt wird. Tini. Ja — ja, Vater; aber waS den Heinrich betrifft, so — Zangelh. Wirst Du jetzt stad sein, Dein ganzes Reden nutzt Di nir! Marsch, in die Küchel! Tini (zägrrt einen Augenblick, dann geht sie, ein wenig verdrießlich an-sehend, nach link- in der Tritt ab). Dritte Scene. Zangelhofer (allein). 2 siech' ihr'S an, daß sie sich gtft't, aber sie traut sich nir z'sag'n und partrt, daS iS die Hauptfach', und der Mann, der das Madl heiratet, der wird mir'S noch danken, daß er durch meine Borsorge a Weib krtagt, wa- sich giftet, aber — parirt! (Geht in dir Sette rechts ab.) Vierte Scene. (ZuckerlundRosa (treten durch die Mittelthür ein. Zuckerl ist ein alter unruhiger Herr mit einem modrrnsrisirten Perrückerl, die silberne Dose in der Hand). Rosa (sehr hübsch, jung, elegant und etwas kokett). Musik. Rosa (beim Eintreten sehr erregt singend). Rein, das ist doch wirklich gräßlich! Was er treibt, der fade Mann: Weil man mich nicht findet häßlich Und mit Sympathie schaut an, Immer thut er mich belauschen Und paßt ans voll' Eifersucht, Sicht er mit an'n Gast mich plauschen, Macht er gleich a Faust und stuckt! Juckers (schnupfend). Dafür bin ich auch dein Gatte, Der geheiratet Dich hatte, Daß Du mir auch treu bleibst ferner, Aber mir net aUfsetzst Hörner! O ich armer Kaffeesieder! Während ich mich setz' nur nieder Zu an'n Tapper, gleich darauf wird Bei der Cassa cokettirt. Rosa. Hör' mir auf mit deine Sachen! Thust mich ärgern nur damit, Weiß nicht mehr, waö ich soll machen, Darum bitt' ich, gib ein'n Fried'! Zuckerl. Und ich leid'S halt net die Sachen! Wo 'st mich ärgerst bloß damit, Wirst schon seg'n, waS ich werd' machen. Wann i net bald Hab' an'n Fried'! Rosa. 2 möckt' nur wissen, waS ich tentir'n soll! Kann denn ich dafür, daß mir die Gäst' im Kaffeehaus, wann ich an der bassa sitz', die Cour machen? Zuckerl. Die (5our kannst Du Dir machen lassen, daS g'hört zum G'sckäft, aber cokettir'n sollst net! Rosa. Mit wem cokettir ich denn? Zuckerl. Mit Alle! Ich waß ja gar net, wer der Bevorzugte ist! Rosa. Gar kana! Ich bin freundlich, laß' mir sagen, daß ich sauber bin und zwar noch viel säub'rcr alS Frau wie früher als Cassierin! Zuckerl(aufbraus»ud». Glaubst, ich Hab' Dick desweg'n g'heirat, daß Du in ein' fort säub'rer wirst? (Will schnupfen und schlägt sich in der Aufregung dir Lose aus der Hand.) Da hab'n ma's, jetzt is der Tabak a beim Teuren (Hebt dir Dose auf ) Rosa. Sichst, das iS die Straf', weil Du mick' immer maltratirst! (2hm schmeichelnd) Geh', Alter, sei gut, schau, ich muß ja mit den Gästen freundlich sein! (Sie strn« chrlt ihm das Kinn ) Zuckerl (sängt zu schmunzeln an). Geh', Du Krokodill — Du! — Du manst'S ja net anfrichti! 1 * 4 Rosa. Meiner See?, i bin Dir g'wiß treu und das, was mir die Gast' verplan dcrn, geht bei ein'm Ohr 'nein und beim ander n 'raus? Zuckerl. Der Teurel soll's hol'n, bei Eassa sau meine Gäst' sehr oft net, bei der Eassa aber in anfort! Rosa. No, jetzt sei mein gut's Mannerl und disputir' net, es kommt wer! Fünfte Scene. Vorige. Riedöckel und Frau. Fr. Ried, (durch die Mitte). (Frau Riedöckel eine stattliche, mit Schmuck über- ladene Person.) Ried, (ein dicker Mann mit rothem Gesicht) Zuckerl (ihnen entgegen). Ah was steck' i? Der Herr von Riedöckel sammt Frau Gemalin! 'gebenstcr Diener! Ried, (mit schallender Stimme). Servus, Zuckerl, is mir a Vergnügen! (Schütte.t ihm die Hand.) Und die schöne Frau is a da! Frau V. Zuckerl! (Will sich ihr nahem.) Barb. (reißt ihn zurück und sagt pikirt) Was geht Dich die schöne Frau an? Das iS in' Kaffeesieder sein' schöne Frau und net die deinige! Ried. No, das woaß i, daß's net die meinige is, sie is ja a schöne Frau! Barb. (gekränkt). O Du Grobian. Du! Rosa (die zu Barbara geht). Giften'SJH nm net, Frau von Riedöckel, wir Frauen müffen's uns g'fall'n lassen, der Meinige malträtirt mich auch in anfort! Barb. Ja, das woas der Teurel, wie die Männer heutzutag -'schaffen san; da war mein erster Mann, Gott tröst'n, a ganz a anderer Mensch; er war zwar net so sauber wia mein zweiter Mann, Gott tröst'n, und a net so tüchtig beim G'schäst, wia mein dritter Mann, Gott tröst'n, aber er hat mi niamals so sekirt als wia mein vierter Mann! Rosa. Gott tröst'n! Barb, (verwundert). Mein'n Vierten? der is ja no net g'storb'n! Ried, (lachend) Na, i bin iro net selig! Rosa. Entschuldigen, i Hab' 'glaubt, der Herr von Riedöckel ist der Fünfte. Barb. Wissens aber, mit was er mi am meisten malträtirt? mit der Eifersucht! Rosa. Ach hör'ns auf! Ried. So sei so gut und bring' mi in an'n schlechten Ruaf. Mit der Eifersucht sekirst ja Du mi, nit i Di! Barb. (aufgeregt). Ja, i bin eifersüchti, weil i Di alle Tag' in der Fleischbank mit die Köchinnen spernzeln siech'! Sic glaub'n gar net, was mir der Mann Alles anthuat, wenn i in der Eassa sitz'. Rosa (lachend). Na trösten's Ihnen, Frau von Riedöckel, mein Mann thuat mir a allerhand an, wann i in der Eassa"sitz'! Zuckerl. No — no — g'spaßl Di net, i muaß eifersüchti sein. Barb. Und i muaß's a! Ried, (lachend). Da is wirkli Schad', daß ös Zwa net mitananda verheirat seid'-, da kunntet'S enk vor Eifersucht auffreffen. Barb. Da hörn's nur, wia gottlos der entsetzliche Mann daherredt — o ich arm'S g'schlagen's Weib! Ried. Is schon guat — später, wann ma z'Haus san. than ma streiten, dös is ja unser anzigi eh'licheFreud'. (GegmdieThür rechts.) Ah, da kummt ja unser Spezi, der Zangelhofer! Sechste Scene. Vorige. Zangelhofer (von recht-) Zangelh. Meine werthen Gäst' sein schon da? DaS is reckt, (SchütteltRiedöckel und Zuckerl dir Hände, dann sagt er zu dm Weibern:) Frau von Zuckerl, Frau von Riedöckel, eS is mir a Ehr'. Barb I Ebenfalls! Zangelh. Dir Jausen wird gleich ftrti sein, vor der Hand aber woU'n wir Mün- 5 ner a klani G'schäftsbesprechung abhalten und da wird's besser sein, wir geh'n in mein Zimmer, wo wir ungestört sein, die Frauen können ja daweil von häuslichen Ang'legen- heiten plaudern, bis mein Tinerl aus der Küchel kummt und Ihnen G'sellschaft leist'! Darf ich also bitten? (Er weist nach recht-.) Ried. Frau von Zuckerl, Ihren Arm! Rosa. Bitte! (Will ihm den Arm reichen ) Barb. (nißt Riedöckel zurück). Nu da, wenn Du ein'n Arm haben willst, da iS meiner! Zuckerl (zu Rosa) Und Du gehst mit mir! Ried, (lachend). No, hört's, öS Zwa seid's schon g'rathen. Alsdann geh'n ma balt! (Zm Abgehen zu Barbara.) Du, wannst mizwickst, so. mcinerSeel' — (Ab. die Andern ebenfalls nach rechts. Zangelhofer folgt.) Siebente Scene. Andr. (ein kräftiger Maun, dessen wulstiges Haar schon grau geworden. Er ist im Arbeitsan« zuge eines Schlossers mit dem Schurzfell, Hemd- ärmeln, sein Erficht ist ein wenig geschwärzt). M us i k (in der das Wuchtige des Schlosserhand- werks charakterisirt sein soll). Andreas (fingt). Als Brautwerber kumm i herein. Und weil der schwarz sein muaß, So bin i a im schönsten Staat: Ganz schwarz vom Kopf bis Fuaß; Mein Nebeng'sell, der hat in d'MasterS- tvchter sich verschont, Und sie — i tenn'S als Practikus — Wär' a schon gern' sein' Braut. Wann sie ihn steht, so wird's so roth, Als lieget'- in der Gluat, Und er seufzt, wia der Blasbalg pfnaust, Es wird ein'm rein net guatt Da Hab' i g'sagt: Mein liaba Freund, WaS nutzt die Seufzerei, Geh' liaba g'schwind zum Mafia und Red' von der Leber frei; Denn An'S wirst do schon wissen lLnst Als Schloffcrg'sell — no, g'wiß: Daß man das Eisen schmieden muaß, So lalig's no glüatert is! DaS is a Regel, die net nur A Schlosser kennen muaß, A Zeder soll, gibt's Wichtig'- z'thuan, G schwind sagen: »Za, i thua'S!« D'rum sagt ja unser Herrgott a Kan'n Menschen, wann er stirbt, Damit er mit'n Laun'l'n net Die Lebenszeit verdirbt! Der G'schäftsmann soll sich tummeln, d' Concurrenz laßt ihm ka Ruah, Der Beamte soll ka Schlafhaub'n sein Wia eh'mal-, gar ka Spur! Der Lehrer soll dazuschau'n a, Daß d' Kinder lernen fest. Denn wann man heunt' a SchasSkop f is, Bei der Zeit — da is s Rest! Die Diplomaten aber soll'n vor All'n Bedenken und das g'wiß: Daß man das Eisen schmieden muaß, So längs no glüatert is! Wenn i so red', kanp Mancher sag'n, was bekümmert sich denn der g'mani Schlosser um Ang'legenheiten und Sachen, die ihn gar nir angeh'n, aber der da- sagt, hat Unrecht! Früher war'n die Zeiten gut und da war der Handwerker lustig, später san die Zeiten schlecht wor'n und der Handwerker hat müssen bekümmert wer'«, also iS eS net mehr als billig, daß sich der bekümmerte Handwerkerauch bekümmert, warum die Zeiten schlecht wor'n sein und wie'S auf die leichteste Art wieder besser wer'n könnten. Wann wo auf aner von unfern Straßen a Lastwagen stecken bleibt, und es greifen die Leut', die g rab' dazu- kumma, alle fest z'samm, so iS der Lastwagen bald wieder flott; er wurd' aber g'wiß stecken bleid'n, wann man zu den Leuten, dieantauchen, saget: Bekümmert- Euck net dad'rum, ihr seid's ja kani Führten t'. Daß übrigens der Schlosser schon hin und wieder a Wvrtt mitrrden kann, dnö 6 bringt schon seine Profession mit sich. Er iS a Mann, welcher in unserer Zeit, wo man's Geld ans Papier macht, sein Geld noch immer aus'n Metall ransz'schlag'n weiß; er is des Weiteren a diplomatischer Mann, denn weil er woaß, daß das Eisen gar a spröde Natnr hat und sich daher eher brechen laßt als biag'n, so bringt er das Eisen auf diplomatische Manier früher schön stad in die Hitz' und nachher laßt er so lang d'rauf loshau'n, bis' g'schmeidig wird daS—das Eisen. Vor Allem aber is der Schlosser a liberaler Mann, denn er macht alle Arten Schlösser, die ang'schafft wer'n — nur ans macht er net — das is das Schloß vor'm Mund, das Schloß macht nur der Schmied, aber net vielleicht der Kupfer-, Stahl- oder Goldschmied, sondernder Schmied, derno nia- malen a solide Arbeit zuweg'n bracht hat— (kräftig) der Ränkeschmied! (Sich umwendend.) Aber, wo steckt mein Speci, der — (Die Thür in der Mitte öffnet fich, Heinrich tritt ein.) Achte Scene. Vorige. Heinrich (ebenfalls im Arbkitsan- zuge, jedoch ohne Schurzfell und ganz reinlich gekleidet). Andr. Ah, da bist ja, und frisch g'waschen bist ertralHast schonRecht, wann ma um a Madel anhalt't, da is 's Wasser a Hauptfach'. Heinr. Ich mein', daß's für Dich auch ka Nebenfach' sein sollt'. Wie kann man denn a Brautwerber sein mit dem G'stcht? Andr. Mein lieber Speci, das verstehst Du net. Weil i nämli' net d'ran glaub', daß Dir da Masta sein' Tochter gibt, d'rum muaß i glei' vom Anfang mit an'n finstern G'stcht d'reinschau'n! Heinr. Hast Du also net viel Hoffnung? Flndr. Aufrichti g'sagt: na; denn i kenn' den alten Zangelhofer; der war schon in der Zeit, wo er und i als G'selten in aner Werkstatt g'arbeit' hab'n, a Dickschädl und das Nebel hat mit die Jahr immer mehr zug'numma! Heinr. Aber auf Dich halt er doch große Stücke? Andr. Kann's a, denn i bin — i kann's mit Stolz sagen — a Arbeiter, wie er net leicht an bessern find't! Heinr. No, nachher brauchst Di' ja nur recht ernstli um mich anz'nehmen und er wird Dir z'lieb einwilligen. Andr. Wir wer'n ja seg'n, was's Neug's gibt. Aber jetzt sei stad, da kummt er. Neunte Scene. Porige. Zangelhofer. Später Tini. Zangelh. (von der Seite rechts kommend, will gegen die Mitte gehen, da bemerkt er die Beiden und bleibt stehen). No was — was wollt's denn Ihr Zwa? Is denn schon Feierabend? Andr. Na; mir gengan a nachher glei' wieder an die Arbeit, vorher aber hab'n wir mir'n Masta was z'reden! Zangelh^Und das is? Andr. Wr hab'n a Anliegen — gelt, Heinrich? Heinr. (verlegen seine Mütze drehend). Za, wir hab'n a Anliegen! Zangelh. Also heraus damit, i Hab' net viel Zeit! Meine Gäst' — (Er blick, nach rechts.) Andr. I will dem Masta die Sach' ausanandersetzen, da müssen wir uns aber do früher a bißl j'sammasetzen! (Nimmt sich einen Stuhl.) Heinrich, gib in n Herrn Masta an'n Sessel, Du kannst steh'n bleib'n, damit'st glei' auf die Füß' bist, wann Di' der Masta vielleicht außifeuert! Heinr. (trägt Zangelhofer einen Stuhl entgegen und steht nun an AndreaS' Seite). Zangelh. (setzt fich etwa- ungeduldig). Also vorwärts, vorwärts! 7 Andr. (steht ihn groß an). Was? Vorwärts sagt der Masta? Der Masta wird doch jetzt net mit uns über Politik reden wollen? Zangelh. Ah Unsinn — i Hab' net im politischen Sinn »vorwärts« g'sagt. Andr. Aha, mehr im romantischen. No, das Wort is sehr romantisch und wann der alte Raimund no lebet, so gebet ihm das Wort »Vorwärts« ein'n prächtigen Stoff zu ein'm Volksmärchen. Zangelh. Laß der Andreas seine Bemerkungen bei Seite, sonst wachsen wir z'samm', denn — Andr. Lieget gar a nir d ran; Alles in der Welt wachst, bis auf die Waselbuben, die wachsen net — Zangelh. Was soll denn das wieder heißen? Andr. Hab' i net Recht? Seit dreißig Jahren siech i die Waselbuben, wann's spazier'n g'führt wer'n, und no alleweil sein's net größer wor'n. Zangelh. (sehr ungeduldig). Wann der Andreas jetzt net glei' von der Sach' red't, weg'n der er da is, so steh' i auf und lassn sitzen. Andr. Als» paß' der Masta auf. I als der Altg'sell' bin vom Heinrich aufg'fordert wor'n, beim Herrn Masta a gut's Wort einz'legen, daß er ihm seine Tinerl zum Weib gibt. Zangelh. (spöttisch). So? muß das glei' sein? Andr. No freili'; der Masta hat zuvor selber g'sagt, daß er net viel Zeit hat und wir woll'n den Masta net aufhalten! Heinr. Ja, ganz g'wiß net! Zangelh. (achselzuckrnd). In dem Fall müssen wir uns halt doch Zeit lassen. (Ernst.) Aufrichtig und vor Allem sei's g'sagt: ich Hab' nir gegen'n Heinrich und find's gar net so übel, daß er mein Schwie- gersuh'n wer'n will, aber — Tini (dir an der Thür links seit einigen Reden horchend sichtbar geworden, eilt nun heraus, fällt Zangelhofer um den Hals und ruft). 0 gnater, liaba Herzensvater! Heinr. (freudig). Die Tini! Zangelh. (erstaunt). Ah, das is stark, jetzt is die da! Andr. (heiter). Ja, wann a Madel heiraten soll, is 's immer gleich da! Zangelh. Aber es nutzt Dich net viel, meine liebe Tinerl, denn der Heinrich kann Dich ja doch nicht eher heiraten, als bis er Meister wor'n is! Andr. No jetzt weg'n dem! Der Heinrich braucht nur das Erbthcil von sein m verstorbenen Onkel zu erheben. ES sein zehntausend Gulden, die ihm auszahlt wer'n wann er ein eig'nes G'schäst an- fangt, und 's Masta wer'n, das iS bald g'scheg'n, wir hab'n ja Gewerbsfreiheit! Zang elh. (fährt plötzlich ganz furchtbar aus). Gewerbsfreiheit — Masta wer'n — so ganz ohne Umstand ? Ah, jetzt san ma schon ferti' miteinanda! (Bestimmt.) Aus der Heirat wird nir! Heinr. Himmel! Tini. Aber Vater! Andr. Ja, was hat denn der Masta? Zangelh. (aufgeregt schreiend). Mein'n Willen Hab' ich und der bestimmt, daß der Mensch niemals mein Tochter kriagt, der sich die G'werbsfreiheit zu Nutze» macht und an'n alten Mafia, wia i ana bin, damit vor'n Kopf stoßt! Andr. Aber er kann ja doch die G' werbS- freiheit net abschaffen! Zangelh. DaS is mir alleseinS. Ich Hab' fünfundzwanzig Jahr' als G'sell arbeiten müassen und volle fünfzehn Jahr' bin 1 mit meiner Alten ganga, bis i 'S als Masta Hab' heiraten kina, und a so a junger Gelbschnabel will das Alles in a paar Woche» abmachen? Andr. Aber das war ja a Unglück für'n Masta, und wir müssen Gott danken, daß der Zunftzwang aufg'hört hat! Zangelh. Der Zunftzwang war was Gut's und i halt d ran fest. Mein' Tochter kriegt nur der G'sell, der wenigsten- 8 zwanz'g Jahr in meiner Werkstatt arbeit't, nachher muß er sein Mastastück machen und erst dann kann er heiraten! Andr. Nachher erst? Das san ja gar zwa Mastastück! Zangelh. (bestimmt). Der Heinrich kennt jetzt mein' Ansicht, d'rum wird er a ein- seg'n, daß mir nimmer bei'nanda bleiben kina. Geh' der Heinrich, er is von der Minuten an net mehr bei mir in der Arbeit! Adjes! Heinr. l bittend). Herr Masta! Lini. Vater, lieber Vater! (Sie weint.) Zangelh. (wüthend). Aus iss, gar is 's! Marsch, fort! Heinr. (nun auch erbittert und dabei gekränkt). Herr Masta, i geh', Ihr habt's mich unglückli' g'macht, daß Ihr mich aber noch davonjagt's als wia an'n schlechten Menschen, das — das is z'viel! (Er stürzt durch die Mitte ab) Tini. Heinrich! (Eilt ihm nach.) Andr. (ebenfalls erbittert). Ja, er hat Recht — das is z'viel und i sag's offen, a so a gußeiserner Zöpfen is mir no gar net Vorkommen, Herr Masta, a i sag's in'nMasta, steck' der Mafia um, denn — Zangelh. Der Andres hat da gar nir z'reden; aber i Hab' z'reden und d'rum sag' ich Ihm ebenfalls auf, denn a Arbeiter, der für dieG'werbsfreiheit schwärmt, der is in meiner Werkstatt net z'brauchen! Andr. (betroffen). Woaas? Ihr schickt's den alten Andres, der durch volle dreißig Jahr bei cnk g'arbeit't hat, fort wie die Dirn' vom Tanz? Jetzt, das hätt' i von an'n alten Masta als mei' ehemaliger Nebeng sell net erwart't, das is die Manier von Schwindlern, denen s gleichgiltig is, ob's heunt' oder morgen zuspirr'n! Zangelh. (wüthend). Wia red't denn der Kerl mit mir? (Schreit.) Wer is a Schwindler? Andr. (schreit). Wer? Inet! Gott sei Dank! Zangelh. Und i no viel weniger! " Andr. I aber schon gar net! Zehnte Scene. Vorige. Zuckerl, Rosa, Riedöckel, Barbara. (Alle von der Seite rechts.) Sie rufen: WaS is denn da für a Spectakel — Die Männer. Zangelhoscr, was hast denn? Zangelh. An'n G'sellen Hab' i, der sich untersteht, mir Grobheiten anz'thuan! Stellt's Enk vor, der Mensch hat die Keckheit, von mir zu verlangen, daß i für die G'werbsfreiheit sein soll! Zuckerl. WaS? für die G'werbsfreiheit? No, daö fehlet uns no — Ried. Wann i nur von der G'werbsfreiheit reden hör', so wird mir schon übel! Zangelh. (höhnend zu Andreas). No als- denn, da hört Er den Ausspruch von zwa G'schäftsleuten, die g'wiß net die letzten am hiesigen Platz' sein! Andr. Der Masta hat frische Mannschaft als Verstärkung krtagt. jetzt wird'S erst recht Ehrensach', daß i mi mit meiner Ansicht net unter d' Füaß krieg'n laß'. Also mit Verlaub, meine Herr'«; weil wir g'rad' davon reden, was hab'n denn Sie geg'n die G'werbsfreiheit einz'wenden? Zuckerl. I wenigstens sehr viel! Früher warn kaum hundert Kaffeefiader in der Stadt, jetzt aber, seit der G'werbsfreiheit, gibt's schon bald mehr Kaffeefiader als Gäst'; muß Einen die Eoncurrenz net z'Grund richten? Andr. Na! Denn sunst, mein liaber Herr von Zuckerl, warn's ja schon mit'n Preis 'runter'gangen und der klani Schwarze, der no allaweil in ana wilden Eh' mit der Cigouripflanzen lebt, kostet der net jetzt no zwölf Kreuzer? Zuckerl, (sich ertiferud). Ah Unsinn, der Kaffee muaß theuer sein, weil der ZinS z'groß is! Andr. Aber Sie zahl'n den ZinS bis Dato, folgli hab'ns'n verdient? Zuckerl. So? und die Herrichtung deö Locals, kost't die vielleicht nir? I Hab' so- gar weg'n'n Aufputz mein Cassierin g'hei- rat, da frag'n aber die Gäste nir darnach, fie raucken mir jetzt 's schöne Local und die schöne Frau an; hätt' mir das g'scheg'n können, wenn net die Concurrenz entstanden wär'? Andr. Frau von Zuckerl, i frag' Ihnen, hat Ihr Herr Gemal a Recht, über die G'werbSfreiheit z'schimpfen, die allani Schuld iS, daß er so a schöne Frau kriagt hat? Rosa (beleidigt). Nein, das Recht hat er nicht! Andr. Seg'n Sie'S! . Rosa. Und t sag' Dir's, Alter, wann Du no amal über die G'werbSfreiheit los- ziagst, so seh' ick das für a persönliche Beleidigung an! Zuckerl (erschrocken). Aber Weiberl — da- iS ja net so — schau — Rosa. Nir da — Du kriagst von mir a ganz'- Jahr lang' ka guat's G'sicht mehr! Zuckerl.AberWeiberl—(Er trippelt ihr nach.) Ried, (ju Andrea-). Jetzt wir i in'n Herrn über die G'werbSfreiheit aufklär'n. Woas der Herr, warum 'S Fleisch all'weil theurer wird? Weil'S z'viel Fteischhacker gibt! Andr. Oho! Eherkönnt' ma behaupten, daß's Fleisch theurer wird, weil ma jetzt weniger Ochsen hab'n, als früher, aber das iS a net die rechte Ursacb', die rechte Ursach', die wissen ma Alle und d'rum brauch' i's net erst z'sag'n, nur das Ant sag' i: die G'werbSfreiheit iS net Schuld und Sie, Herr von Riedöckel, hab'n g'nua G'schäftsgenossen, die für die G'werbS- freiheit san unddie sag'n: unS schenirt'S net, wann And're a zu was kumma; unS schenirt'S net, soll'n d'Andernafett wer'n, mir hab'n gnua Speck! (Haut sich auf deu Bauch.) Barb. I uröcht' nur wissen, ob's wahr iS, wann mein Mann sagt: er muß mit mir grob sein, weil'n die G'werbSfreiheit so gifti macht! Andr. Na, mein beste Frau von Riedöckel. Weil der Herr in der Zunftzeit net selbstständi hat wern'n kina, so hat er Jhna mit sammt'n G'schäft g'heirat, darum iS g'rad' die Zunftzeit 'dran schuld, daß der Herr von Riedöckel grob iS! Darb. Ja, Sie hab'n Recht, i sich'S ein, no, untersteh' Di und red'Di wieder amal auf die G'werbSfreiheit aus. Zuckerl, Ried, und Zangelh. (unter- einander). Ah Larifari, wir wissen schon, was wir wissen, und Der da wird Unart aufklären! Andr A alter lateinischer Satz haßt: Vox populi, vox äei! I wir jetzt zu ihrer Aufklärung die Vox populi fragen. (Tritt vor) Js die G'werbSfreiheit a Nutzen? (Pause — Nach derselben.) Jetzt red't nir mehr! Jetzt geh' i zu denen, die and're Ansichten hab'n, als die Herrn! Hab' die Ehr'! (tzr will gehen.) (Zn diesem Augenblicke eilt Heiurich durch die Mitte herein, Tini folgt.) Etlfte Scene. Porige. Heinrich. Tini. Heinr. Meister— Meister! (Lr si-ht ganz verstört au-.) Alle. WaS iS 'S denn? Zangelh. Wie kann er sich untersteh n, no amal da herz'kommen! Heinr. Scin'S net bös, Herr Meister, imuaß!— G'rad'wie i in der Werkstatt meine Sachen z'samm'packt Hab', bat der Stachbar, der Zinngießer, die Zeitung bracht, in welcher zu lesen iS. daß die Firma Windberger und Comp. Eoncur- g'macht hat! Zangelh. Windberger u. Eompagnie? Wo — wo —? Heinr. (gibt ihm die Zeitung). Da steht -! Zangelh. (lir»t. schreit aus). I bin z'Grund g'richt, fünfzehntausend Gulden sein beim Teure!! (Sr fällt in einen Stuhl.) 10 Tini. Vater! (Sie eilt zu ihm.) Zuckerl. Das is a schöne Bescherung! Ried. Fünfzehntausend Gulden san a ordentlicher Bünckel Geld! Rosa und Darb. Der arme Zange!- Hofer! — Andr. No — no — tröst st' der Masta! Zangelh. (ganz unglücklich) Was trösten! I kann jetzt wenigstens um achttausend Gulden fällige Wechsel zahlen, wo soll i denn das Geld hernehmen? Andr. Da wird a no z'helfen sein. Der Masta hat ja Freund, die'n'rauSreißen kina! Da steh'n glei' a Paar! (Zeigt auf Zuckerl und Riedöckel.) Zuckerl (erschrocken). Oho! Ried, (ebenfalls). Aha! Zangelh. (steht schnell auf). Ja, der Andres hat Recht, i muß die Hilf' meiner Freunde ansprechen; Zuckerl, Riedöckel, Ihr seid alle Zwa Speci von mir, denen ich auch schon zu Zeiten Galligkeiten erwiesen Hab'. Ihr seid's außerdem G'sinnungsge- nossen und habt's mir sogar schon amal bei die kommunalen Wahlen enka Stimm' geb'n, ich kann daher auf Enk rechnen und bin überzeugt, daß Ihr mich net sitzen laßt's. I bitt'Enk also: leicht's mir a jeder viertausend Gulden, welche ich angemessen verzinsen und auf Haus und G'schäft vormerken lass'! No, wollt's mir net antworten? Rosa. So red' doch, Zuckerl! Zuckerl (stotternd). Lieber Freund — bei dieser steigenden Zeit — der Kaffee steigt, der Zucker steigt — Andr. (bei Seite). Und der Masta wird a glei' steigen! Zuckerl. Nachher auftichti' g'sagt: ich müßt' Papiere verkaufen, und meine Frau, die — Rosa. Du, red' Dich net auf mich aus! Andr. Lieber auf die Kinder, dic's net hab'n! Zuckerl. Kurz g'sagt — Zangelh. Du willst mir ka Geld leihen. Zuckerl. Na! Zangelh. (macht eine zornige Bewegung und wendet sich au Riedöckel). Aber Du, Riedöckel, gelt, Du rettest dein' Freund? Ried. No. waast, Zangclhofer, i will Di' net vor'n Kops schlag'n — Andr. Natürli', der Masta is ja ka Ochs — Ried. Aber aufrichti' g'sagt: i Hab' Zahlungen in St. Marr, soll selber Geld aufnehmen, und — Barh, O Du Schmutzian! Ried, (zornig). Misch' Di' net d'rein, Du Zaschen! Zangelh. (gekränkt). So also handeln meine Freund'? Andr. Die G'stnnungSgenoffen! No, Herr Masta, i gratulir' für die Gesinnung. Zangelh. Halt's Maul! Andr. Na, daö thuat der Andres net denn jetzt haßt's reden, und net nur reden es haßt a handeln! I Hab' leider kaGeld sunst gebet i in 'n letzten Kreuzer her, abe da steht der Heinrich, der kriegt zehntau send Gulden, wann erMasta wird, undwei er's Dank der G'werbfreiheita werd'n kann, so wird er glücklich sein, wann der Masta mit ihm in Compagnie geht und die fünfzehutauscnd Gulden als EinlagScapital annimmt. Gelt, Heinrich? Heinr. (froh). Ja, Herr Masta, daS is a prächtige Idee! Zangelh. (ist ergriffen, fährt sich mit der Hand über die Augen, nimmt Heinrich bei der Hand, drückt sie ihm, dann ruft er:) Tini! Tini. Vater! Zangelh. Da steht dein zukünftiger Mann und mein Compagnion. Tini und Heinr. DaS iS herrlich! Juchhe! (Sie umarmen sich.) Andr. Der Masta iS halt do'aSchwindler. denn er zahlt Wucherzinsen für die zehntausend Gulden mit seiner Tochter. Zangelh. Andres, Du bleibst bei mir, gelt? Andr. No Eisen, jetzt müssen ma ja erst recht zum Umateufeln anfangen! Rosa (dir Zuckerl stoßt). Wirst — oder — j 11 Barb. (die Riedöckrl zwickt). Gehst — oder — Zuckerl. 91o ja— Ried. Hör' auf zum Zwicken! Beide. Zangelhofer — wir Habens überlegt, wannst waS brauchst, so — ZangelH. Nir! i Hab' mi' überzeugt, was i vom Zunftgeist zu erwarten Hab', und i will'S daher in Zukunft mit der G'werbSfteiheit halten! Andr. Bravo! und der Masta wird a net mehr schimpfen, wann er steht, daß unter dem Einfluß der G'werbSsreiheit so manche- Schwindelg'schäst entsteht, denn eS geht ihr dabei g'rad so wie der Sunn! Wann ka Sunn scheinet, gebet - ka Unkraut und kani giftigen Pflanzen, aber 'S Brod wachset a net mehr, und 's Brod iS d'Haupt- sach', d rum braucht die Menschheit d'Guun und der« tüchtige Arbeiter die G'werbSfteiheit! Rosa.Herr von Zangelhofer. mir iS leid, daß mein Mann sich so benommen hat, aber sein'S versichert, ich werd'S ihm schon einbringrn! Jetzt setz' ich mich in die Eaffa, und jeder Gast, der bereinkommt, kriegt von mir a zuckersüßes Büffel; schau daßD'weiter- kommt'S, Du grauslicher Ding — (Sie wurstelt den Zuckerl bei der Thür hinaus.) Barb. (zu Zangelhofer). Ich bin leider nit in der Lag' mit mein'n Mann com- mandiren zu können, aber ich verspreche Ihnen, daß ich meinerseits Alles thun werd', um Sie zu rächen! (Gehr zärtlich, aber boshaft ) Komm', mein liebes Manni, gib mi dein'n Arm, von heunt an geh' i Dir nimmer vom G'nack! (Sie schmeichelt ihn im Abgehen. er poltert.) Wirst geh n, wirst auf- hör n — o Du — (Beide ab.) Zwölfte Scene. Tini. Zangelhofer. Andreas. Heinrich. Andr. Go, Kinder, die Lust ist jetzt rein. Jetzt geht- und ruft'S mit mir auS: Die G'werbSfteiheit soll leben! Alle. ES lebe die GewerbSfreiheit! Schtubgesang. Die GewerbSfreiheit hat uns der Zeit geist gekrackt, ES hat Diele schon glücklich und unglücklich g'mackt; Und soll'n mir dabei Alle glücklich auch sein. Verdanken wir- der GewerbSfreiheit ganz allein! (Der Vorhang fällt.) Ende. Aus dem Lhealer-Derlage Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1 Geprüften, die. Lustspiel in 5 A., s. Wriffenthurn Schauspiele 14. Band. Gervtnus, der Narr von Untersberg, oder ein patriotischer Wunsch. Posse mit Gesang ir 3 A. von Alois Berla (Wiener Th.-Repert. Nr. 31.) 40 kr. 8 Sgr. GesandtschaftS-Attach», der. Lustspiel in 3 A. Nach dem Franz, von Alex. Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 124.) KO kr. 12 Sgr Geschenk, das. Gelegenheitsstück in 1 A. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Geschwister, die, vom Lande. Lustspiel in 5 A. von Jünger. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Gespenst, das. Romantisches Schauspiel in 4 A. Mit Chören und Gesänge« v. Kotzebue. 1809. 40 kr. 8 Sgr. Geständnis, das. Lustspiel in gereimten Versen in 1 A. v. Kotzebue. 8. Pest. 1817. 25 kr. 5 Sgr. Geständniß, das. Lustspiel in 1 A. Nach dem Italienischen von Ehrimfeld. 1804. 25 kr. 5 Sgr. Gewissen, das. Bürgerliches Trauerspiel in 5 A. von Jffland. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Gewissen, das rächende. Trauerspiel in 4 A. von H. Zschocke, Verfasser des »Abällino«, für das k. k. Hoftheater bearbeitet von Kotzebue. 1810. 50 kr. 10 Sgr. Gewohnheiten. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz von Mar Stein. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 125.)z 35 kr. 7'/, Sgr. Gezeichnete, d e, oder Russe und Franzose. Schauspiel in 3 Abtheilungen und 4 A. von C. I. Folnes. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 95.) 60 kr. 12 Sgr. 6iornv, l'ultim», cki kompei, Orumina, 8eriu per hlukieu. 1827. 35 Irr. 7'/, 8^r. Gisela von Datern, erste Königin der Magyaren. Historisches Schauspiel in 3 A. v. Meisl. Gr. 8. 1825. 35 kr. 7'/, Sgr. 6iu1iett» « Idomev, TraAeckin per h/luglenin Ire ^tti. 1806. 35 Irr. 7'/, 8^r. Gleichen, Ernst, Graf von, Gatte zweier Weiber. Schauspiel in 5 A. von I. Graf von Soden. 8. 1791. 80 kr. 16 Sgr. Glück dnrch Unglück. Lustspiel in 1 A v. Schildbach. 1808. 30 kr. 6 Sgr. Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder das Ge- heimntß des grauen Hauses. Posse in 5 A von I. Nestron. Gr. 16 1845. 75 kr. 15 Sgr Goda, oder Männersinn und Weibermckth. Gemälde der grauen Vorzeit mit Gesang in 3 A. von Gleich. 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr. Godl, die fesche. Skizzen aus dem Wiener Volksleben mit Gesang in 3 Abtheilungen und 6 Bildern von Fert inand Heim. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 162.) 60 kr. 12 Sgr. Gouvernante, die. Posse in 1 A von Körner. 12. Geh. Wien. Original-Aufi. 1819. (Vergriffen.) 25 kr. 5 Sgr. Gönner, der. Lustspiel in 1 A. von I. Sonnleithner. 16. 1815. 25 kr. 5 Sgr Gräfin Aurora. Historisches Lustspiel in 5 A. von E. Mautner, s. dessen Lustspiele. Gretfenstetn, Schloß, oder Sammtschuh. Ro mantische« Schauspiel von CH. Birch-Pfeiser 1833. gr. 16. 80 kr. 16 Sgr. Grenadiere, die zwei. Lustspiel in 3 A. 1805. 35 kr. 7'/. Sgr. Grillparzer, Franz. Die Ahnfrau. — Ein treuer Diener seines Herrn. — König Ottokar's Glück und Ende. — Des Meeres und der Liebe Wellen. — Melusin«. — Sappho. — Der Traum ein Leben. — Das goldene Vließ. — Web' dem, der lügt, i unter den besonderen Titeln — — diese neun Stücke, elegant in 4 Bände gebunden 12 fl. 50 kr. 8 Thlr. 10 Sgr. Grisktrcher, Wilhelm, der edle Wiener. Schauspiel mit Gesang in 5 A. von Meißl. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Groizsch, Graf Wipprecht von. Nationalschauspiel in 3 A. vom Verfasser »Friedrichs mit der gebissenen Wange«. 1790. (Vergriffen.) 50 kr. 10 Sgr Großmama, die. Original-Lustspiel in 4 A von Ziegler. 1817. 8. 50 kr. 10 Sgr. Großpapa, der. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 10. Jahrgang (Vergriffen.) Grottus» Hugo. Schauspiel in 4 A. von Kotzebue 1804. 50 kr. 10 Sgr. Gntse, Mathilde va«. Oper in 3 A Nach dem Franz. 1810. 30 kr. 6 Sgr. Gnldenzettel, ein. Originalschwank in 1 A v. Carl Gründorf.(Wr.TH.-Rep.Nr.70.) 35kr.7V.Sgr Gnltstan, oder der Hulla von Samarkand«. Oper in 3 A. von Etienne. 1806. 35 kr 7'/, Sgr. Gülnare, oder die persische Sklavin. Komisches Singspiel in 1 A. Nach dem Franz, übersetzt von Lippert. 1800. 20 kr. 4 Sgr. Gustav, oder die Mtnengräber in Schweden. Historisches Schauspiel in 5 A. Nach dem Franz, von I. F. Castelli. 1805. (Vergriffen.) 50 kr. 10 Gar. Gut, Unrecht. Charakterbild mit Gesang in 3 A. und einem Vorspiele von Friedrich Kaiser. (Wiener Tb.-Repert. Nr. 81.) 60 kr. 12 Sgr. Gute Nacht, Rosa! Dramatische» Genrebild in 1 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 141.) 30 kr 6 Sgr. Gutterre, Don. Trauerspiel in 5 A. Nach Calde- ron's »Arzt seiner Ehre«, von West. 1834 8. 1 fl. 20 Sgr. Haare, rothe. Lustspiel in 1 A. von Grandjean. (WienerTh.-Rep. Nr. 1.) Zweite Auflage 35 kr. 7'/. Sgr. Halabah, oder die Eifersucht im Serail. Orig - Lustsp. in 5 A. v. Weidmann. 35 kr. 7V, Sgr. Hadrian, Kaiser. Große Oper in 3 A. Zweite Auflage. 1808. 35 kr. 7'/, Sgr. Hafner'S gesammelte Schriften. HerauSgegeben von I. Sonnleithner, mit einer Vorrede und Anmerkungen vorzüglich über die österreichische Mundart. Drei Bände. 8. Wien. 1812. 2 fl. 1 Th. 10 Sgr. Inhalt: I. Ltinxes Dunsvursticzues, oder auf gut chinesisch: E« könnte einem nicht närrischer träumen. Der steinreiche aber sack- grobe Bernardon. Cvlombina, die zanksüchtige und Alles widersprechende Landdame. Hanswurst. der muntere Gärtner bei einer stet« zankenden Frau --- Die reisenden Komödianten. oder der gescbeidtr und damische Impresario Ein Lustspiel von einer Abbandluna. Der vou dreien Schwiegersöhne» geplagte Odoardo, oder Hanswurst und Crispin, die lächerlichen Schwestern von Prag Ein Lustspiel von zweien Abhandlungen. Herbsttag, der. Lustspiel m 5 A von Jffland 1792 KO kr 12 Sgr Hercules al» Schutzmau«. Lustspiel in 1 A Nach dem Franz von Alerander Bergen (Wiener Theater-Repertoire Nr. 202 ) 34 kr 7'/, Sgr Hercules und AchelouS. Pantomimische« Ballet in 4 A von Angiolini 1810 10 kr. 2 Tgr. Hermann, Germanien» Retter. Ein historische« Melodrama in 3 Aufzügen v. M Ttegmauer Zweite Auflage. 1813. 40 kr. 8 Sgr Heroine, oder die schöne Griechin in Alexandria. Militärische- Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Hcnsler. 1801. 8. 40 k. 8 Sgr Herz, ei« altes. Lustspiel in 3 A, s Feldmann Lustspiele 5. Band. Herzbümkerl, das. Charakterbild mit Gesang in 1 A von Aloi» Berla. (Wiener Theater- Repertoire Nr 203.) 34 kr 7'/, Sgr Hiesel, der bairische. DolkSstück mit Gesang und Tableaur in 3 Abtheilungeu uud 7 Bilder», nach einer Erzählung von Hermann Schmid, frei bearbeitet v. Friedr. Kaiser. (Wiener Th- Rep Nr. 198 ) KO kr 12 Tgr Hildegunde and SigbertSky. Altdeutsche- Rilter- gemälde mit Gesang in 3 A. v. Gleich. 1806. 8. 40 kr 8 Sgr. Hippolyt uud RoSwida. Schauspiel in 4 A. von H Zschocke 1804 50 kr. 10 Sgr Hoang-Puff. Posse in 1 A nach dem Kranz de« Caignsz und Loui- ftei bearbeitet von Her- zen-kron. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 22) Zweite Auflage 35 kr. 7'/, Sgr Hochzeit, die filberue. Schauspiel in 5 A. von Kotzebue. 50 kr. 10 Sgr. Hochzeit, die, deS Gamache. Pantomimische« Balletin2A. 1807. (Vergriffen) lOkr.SSgr Hochzeit, die, des Figaro. Oper in 2 A Alldem Italienischen. Mufik v. Mozart. Vierte Auflage 8 18K5. 35 kr. 7'X Sgr. HochzeitS-Fatalttäteu. Posse in 1 A, s Eastelli Sträußchen 8. Jahrgang Höhen, die. Schauspiel »n 5 A v Jffland. 1802. 50 kr. 10 Sgr Hoffe« uud Harren. Schwank in 1 A, v. M A Grandjean (Wiener Theatrr-Rrpert Nr. 118.) 35 kr 7'/, Sgr Hofmüüer, I Dramatische Versuche 8. 1802. 50 kr 10 Sgr Enthält: Die Geniestreiche Posse in 4 A Die Büraschast. Oriainal-Schausp in 3 A. Holbet«, Fr v Dilettantenbuhne für 182k 1 Jahrgang 12 Geh 1 fl 30 kr 1 Th' Inhalt: Corresponden, zwischen dem Verfasser und dem Regisseur Hchardt-Koch — Volker- Stimme. — Der Vorsatz. — Die Nachschrift. — Genieren Sie sich nicht. Da« Preis- gedicht. — Commentar. Huugerthurm, der. Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A v Gleich. 1805. 8. 40 kr. 8 Sgr. Husfite«, die, vor Naumburg im Jahre ItzST. Schauspiel mit Chören in 5 A von Kotzebue. _ 1804 80 fr 12 Ggr Hut, rin. Lustspiel in 1 A Frei nach Mad Lmilt> <1e Oirurssiu von M A. Graudjean ( Wienei Theater-Repertoire Nr. 48 ) 35 kr. 7«/, Sgr Hutmacher u«p Strumpfwirker, oder die Ahu- frau i« Gemeindestadl. Posse mit Gesang in 2 A von Fr Hopp Musik vom Kapellmeister A. Müller. 1839 Gr 8. 75 kr 15 Ggr Hygea. Vorspiel am Geburtstage eine« guten Vater« 8 1805. 13 kr 2'/, Ggr. Jagd-Abeuteuer. Posse mit Gesang in 2 A. von Friedrich Kaiser (Wiener Theater-Repertoire Nr. 107.) 40 kr. 8 Ggr. Jäger, die. Gittengemäide in 4 A. von Jffland. ' 8 Leipzig. 80 kr. 18 Ggr. Jahre, zwei, nach der Hochzeit, oder au wem ist die Schuld? Lustspiel in 1 A. f. Castelli Sträußchen 18: Jahrgang JahreSzeitr«, die. Nach Thomson. In Musik gesetzt von Josef Haydn 15 kr. 3 Ggr. Jahrhundert, daS neue. Posse (» 1 A. v. Kotzebue. 1809. »5 kr. 7'/, Ggr. Jahrmarkt, der, zu Rauteubruun. Von Kr. Hopp. s. »der Pelzpalatin und der Kachelofen - Jacobiuerclubb, der weibliche. Politische« Lustsp. in 1 A. von Kotzebue. 1807. 35 kr. 7'/, Tgr. JaroSzyuSkt, Severin vo«, oder derDlaumantel vom Lrattnerhof. Genrebild mit Gesang nnd Tanz in 4 A. (al« Seiteustück zu »Therese Krone«-) v. Carl Haffner und I. Pfundheller. (Wiener Th -Rep Nr. 97 ) KO kr. 12 Ggr Jda. Schauspiel mit Gesang in 4 A. von F. v Holbein. 1807 9. 40 kr. 8 Ggr. Jda- uud Marpiffa. Al« travestirte Dekorativ»«- oper iu 3 A. v. Perinet. 1808. 8. 40 kr. 8 Gar. Idee, eine fixe. Lustspiel in 1 A von M A. Grandjean. (Wiener Theater-Rep Nr 138) 34 kr. 7'/, Sgr. Jeannot, oder wer den Schade« hat, darf für den Spott «icht sorgen. Lustspiel in 1 A. » Jünger 1803 25 kr. 5 Sgr. Jerusalem, da- befreite. Große« pantomimischet Ballet in 5 A nach Torq 'Lasso, v. P Sa- mrngv. Musik von W R. Graf v Gailenberg Gr. 8 1828. 13 kr. 2'/. Sgr -Große Oper iu 5 A. Au« dem Franz de- Bavur-Lormian, von I R v. Seyfdied. 1815 (Vergriffen ) 35 kr 7'/, Sgr Illumination, die. Komische« Original-Singspiel in 2 A 1787. 20 kr. 4 Sgr Im Dorf. Ländliche« Charaktergemälde mit Ges und Tanz in 3 Abtheilungeu v Therese Mc gerle. (Wiener Theater-Repertoire Nr 52) 40 kr 8 Sgr. Im zweiten Stoch. Posse iu 1 A., uach dem Vaudeville : »lar r u« ss« 1» lim«,- v. Lembert 8 1845 35 kr 7'/, Sar Immer zu Hause. Lustspiel in 1 A von M A Grandjean (Wiener Tbeater-Rrpert. Nr. 130) 35 kr 7'/. Sgr Indianer, die, iu England. Lustspiel v Kotzebue 8. kt» kr. 12 Sgr Industrie-Ausstellung, die, oder Reiseabenteuer in London. Gelegenbett-poffe iu 3 A, s Feld» mann Lustspiele K. Baud, ln es sso Ouotro. Drniruu» nsr Dltisieu io ssue ^tti. 1807. 35 Icr 7'/, 8zzr Jnka'S, dt«, oder die Eroberung vo» Peru. Ballet iu 4 A v. Corally. 1807. 10 kr. 2 Sa» Juki« und Aariko. Singspiel in 1 A. v Gleich. 1807. 8. 20 kr, 4 Sgr Instinkt, der, oder «er ist Vater zum Kinde? - Nachspiel von Jünger. 1803. 25 kr 5 Sgr Invalide, der. Lustspiel in 3 A. von Heusler. 8 ^ 40 kr. 8 Sgr i Jvcostde, öder die Abenteurer. Komische Oper in 3 A. Nach dem Franz. de«Etienne, von I. R S. Seyfried. 1813. »0 kr. 8 Sgr. Jöhän« Hasel, oder Umwandlung durch Liebe. : Gemälde in 4 Abth., s. CasteÜi, Sträußchen 16. Jahrgang. Johann von PaÄK. Komische Oper in 2 A. Nach ^ dem Franz, von I. R. v. Seyfried. 2. Aust. 1813. 35 kr. 7'/, Sgr. ^ Johanna. Schauspiel mit Gesang. Nach Marsolllkr von I. R. v. Seyfried. 8. 1804. 40 kr. 8 Sgr ^ Johanna d'Arc. Ballet in 4 Aufzügen. 8. 1821. 10 kr. 2 Sgr. ^ Jolantha, Königin von Jerusalem. Orig -Trauerspiel in 4 A. v. Ziegler. 1799 8. 50 kr. 10 Sgr. ^ Josef «nd seine Brüder. Historische- Drama mit Muflk in 3 A. Frei nach dem Franz, de- ^ Alex. Duval, von F. I. Haffaureck. 3. Aust 12. 1820. (Vergriffen.) 35 kr. 7'/, Sar. Josef, Herr, und Fra« Baberl. Posse in 3 A . von Gleich, gr. 8. 1840. 50 kr. 10 Sgr Jphigenia in Aulis. Große Oper in 3 A 1808 35 kr. 7'/, Sgr ItLliLQL, I', in ^lAeri. vrLmm»Awvo8o vvr st-lusies io äuv Ltti. 1817. 35 kr. 7'/, 8xr Jude, der. Schauspiel in 5 A von R. Cumber- land. Aus dem Englischen übersetzt von Brockmann. 1838. 50 kr. 10 Sgr. Jude«, die. Bürgerliche Scene in 1 A. 1807. 15 kr. 3 Sgr. Jüdin, die. Große Oper in 5 Aust. Tert von Scribe, Musik von Halevy. 8. Neue Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Jugend, die, Heinrich- de- V Lustspiel in 3 A Nach dem Franz, von F. H. 1808. 40 kr. 8 Sgr Jngendfehler, die. Original-Lustspiel in 5 A 35 kr. 7'/, Sgr Jugendsünde, ein«. Lustspiel in 1 A. nach dem Franz, von L. Julius. (Wiener Th -Repert Nr. 16.) 35 kr. 7'/, Sgr Julche«, oder liebe Mädchen spiegelt euch! Lustspiel in 5 A. von F. L. Huber. 1808. 40 kr. 8 Sgr. Julie, oder der Blumentopf. Singsp. in 1 A. Nach dem Franz, von Treitschke. 20 kr. 4 Sgr. Jünger. Lustspiele. Jungfer Tant', die. Dolkskomödie mit Gesang in 3 Akten mit 9 Bildern von Alois Brrla (Wiener Th.-Repert. Nr 137.) 60 kr. 12 Sgr. Ännyfran von Orleans. Romantische Tragödie ,n 5 A, von Schiller. 1816. 80 kr 12 Sgr. Jungfrau, die eiserne. Vaterländische- Original- Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Gleich. 1806. 8. 40 kr. 8 Sgr Jungfrau, die, von Wie«. Lokalpoffe mit Gesang in 2 A. 1814. 40 kr 8 Sgr Jungfrauen, dt« zwölf schlafenden. Schauspiel mit Gesang von HenSler. 1 Thl. 3. Aust. 8. 1^01. 40 kr. 8 Sgr Junggesellenwirthschaft, die. Kon, Singspiel in 1 A. Nach dem Franz, von Treitschke. ^ 22 kr. 5 Sgr. AnnglinA, der alte. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Straußchey 2. Jahrgang. lV" griffen.) Junker und Knecht. Charakterbild mit Gesaug in 3 A. von Fr. Kaiser. 8. 1850. 75 kr. 15 Gar Jurist, der, und der Bauer. Lustspiel in 2 A Justvon I. Rautenstrauch 1807. 40 kr. 8 Sgr. tnio, der Verbannte, oder der Straßenränder bei Otranto. Schauspiel in 3 A.. s Rosenau theatralische- Allerlei. Jur, einen, will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Aufz. von I. Nrstroy. (Wiener Th.-Rep Nr. 79 ) (Zweite Auflage.) 60 kr. 12 Sgr Kalaf. Oper in 3 A. Nach dem Franz, von Treitschke. 1807. 20 kr. 7'/^ Sgr Kammerhusar, der. Schauspiel in 1 A 1797. 35 kr 7'X Sgr Kammermädchen, das. Lustspiel in 1 A , s. Castelli Sträußchen 5. Jahrg. Kapellmeister, die beide«. Lustspiel in 2 A.. s. Frldmann Lustspiele 5. Band. Kapitel, da- zweite. Komische« Singspiel in 1 A von Treischke. 1803. Kasperl - neuerrichtete- Kaiserhaus, oder der HauSteufel. Komische Opcr in 3 A von Prrinet. 1803. 50 kr. 10 Sgr KaSpar'S Zögling, oder der Tieg der Bescheidenheit auf der Insel de» Vergnügens. Orig-Schauspiel in 2 A. von Pennet. 1791 50 kr. 10 Sgr Kasparl, der «nrnhige Wanderer. Orig-Feen- märchen in 4 A. von Hen-ler. 1801. 50 kr 10 Lar Kasparliaden, diverse, f. Hafner gesammelte Schriften. Katakomben, die. Trauerspiel in 5 A. von Wolfart. 1812. 60 kr. 12 Sgr Kaufmann, der, von Venedig. Lustspiel in 5 A. Nach Shakespeare für die Darstellung im k. k. Hofburgthrater eingerichtet von C. A. West, gr. 8. 1841. 80 kr. 18 Sgr. Kaufmann von Venedig. Von Schröder. 1804. Kenilworth. Histor.-rvmant. Schaufpiel in 5 A. nach Walter Scott'- Romau von Lembert. 8. 1845. 40 kr 8 Sgr. Kern und Schale. Lustspiel in 3 A., s. Frldmann Lustspiele 4. Band. Kiaktng. Große« pantomimische« Ballet in 5 A. von Titu». Musik von Gvrowrtz. 1822. 10 kr. 2 Sgr. Kind, da- verlorene. Schauspiel in 1 A. von Kotzebue 1806. 25 kr. 5 Sgr Kinder und Narren reden dt« Wahrheit. Lustspiel in 1 A. von Bäuerle. 1806. 8. 25 kr. 5 Lar Kirschen, die. Lustspiel in A., s. Feldmann Lustspiele 1. Band. Kleid» da-, au- Lyon. Lustspiel in 4 A von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sar. Kleinstädter, die französischen. Lustspiel in 4 A Nach dem Franz, de- Picard von Kotzebue l 1803. 80 kr. 12 Sgr. Kleopatra. Trauerspiel in 5 A. von I. Graf v t Goden 8. 1793 50 kr. 10 Lgr Kleopatra und Antonius. Trauerspiel in 4 A gr. 8. 1808. 50 kr. 10 Sgr i Klimpern gehört zum Handwerke. Lustspiel in 1 A.. s. Castelli Slräußchrn 11. Jadrgaug. Kling! Kling! Posse in 1 A. von Morländer i (Wiener Tkeater-Reprrtoire Nr. 82.) 30 kr 6 Lgr Klina-berg» die beide«. Lustspiel in 4 A von Kohebue 1805. 30 kr 10 Sgr. Knabe, der graue. Orig.-Lustspiel in 4 A 1801 Kobold» der. Lustspiel m 4 A. Nack Huterockc und Eolle von Götter. 40 kr 8 Sgr Kock» C. W.» dramatische Beiträge für da« k. k Hofburgtbeater. 8. 1836 2 fl. 1 Tblr. 10 Sgr Inhalt: Da« Testament einer armen Krau Drama in 5 A nach Ducauge. — Er bezahlt Alle. Lustspiel in 1 A. nach M^letvillr. — Die Vorleserin. Schauspiel in 2 A. nach Bayard. Komet, der. Posse in 1 A. 1802. 35 kr. 7'/, Sgr Kolleua«, Marte »o«, oder die deutsche Hausmutter. Orig.-Traurrspiel in 5 A von B. L 1792 40 kr. 8 Sgr. Komödlaute«, die wandernde«. Komische Oper in 2 A. Nack dem Franz von Treischke. 25 kr. 5 Sgr Komödie, die, au« dem Stegreif. Von Jünger. 8 35 kr. 7'/, Sgr Komödie in der Komödie. Lustspiel in 1 A 1790. (Vergriffen.) 25 kr 5 Sgr König Ottokar- Gluck und Gnde. Trauerspiel in 5 A.von Franz Grillparzer. Dritte Auflage, gr. 8. 1852. 2 fl. 1 Tblr. 10 Sgr Köuig und Aebtissln. Trauerspiel in 3 A nebst einem Vorspiel von Alexander Patuzzi. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 14.) 40 kr. 8 Sgr Königin, die, der schwarze» Juseln. Romantische Zauberoprr in 2 A. Nach Wieland frei bearbeitet von Gckwaldopler. 35 kr. 7'/, Sgr Kontrast, der, oder die Grheimnistvolle. Lustspiel in 3 A. von Wcidmaun. 8 50 kr 10 Sgr Kora, die Sonneujungfra«. Earieatur-Oper in Knittelreimen und 3 A. von Perinet. 1813 40 kr. 8 Sgr. Korb, der. Schauspiel in 2 A von Dilg. 1820. 30 kr 8 Sgr. Körbchen, di« drei. Lustspiel in 3 A. von O. A. Hannamaun. 1802. 35 kr. 7'/» Sgr. Körner, Carl Theodor. Dramatische Beiträge 3 Bde. 2. Aufl 1819. 3 fl. 2 Tblr Enthält: I. Band. Earl Theodor Körner« Biograpkie von Amadeu« Wendt. Professor in Leipzig. — Toni. Drama in 3 A — Die Braut, Lustspiel in Alexandrinern und 1 A — Der grüne Domino, Lustspiel in Alexandrinern und 1 A — Der Nachtwächter, Posse in Versen und 1 A — ll. Band. Rosamundr, Trauerspiel in 5 A. — Der vierjährige Posten, Singspiel in 1 A — Dir Gouvernante. Posse in 1 A — Josef Heiderich, oder deutsche Treue, wahrhafte Anekdote, al« Drama in 1 A. — lll Band. Zrinv, Trauerspiel in 5 A — Hedwig. Drama in 3 A —Haß und Liebe, Singspiel in 1 A — Die Blumen, Spiel in Versen Alle diese Stücke auch einzeln unter besonderen Titeln Kosakeu-Offtzter, der. Singspiel in 1 A 1804 -(8thlt j -U K 4 Sgr Kramers Töchterleiu, des. Orig.-Edarakerbstd rn 3A. von Friedrich Kaiscr. (Wiener Theater- Repertoire Nr 83 ) «0 kr. 12 Sgr. Tramper!, Doktor, oder r Bier Bräutigame und 2«e «raut. Posse in 3 «ufz von I A Gleich. 2. Aufl. 8. 1840. 50 kr. 10 Sgr. Kreuz, das, a« der Ostsee. S Werner Theater 4. Band Kreuzbrüder, die. S Werner Theater 2 Band. Kreuzfahrer, die. Schauspiel in 5 A von Kotzebue. 1803. KO kr 12 Sgr Krieg, der häusliche. Oper jlt 1 4l. von I. F Eastrlli. Musik von Franz Schubert. 1yi»2. 35 kr 7'/. Sgr Krones, Therese. Genrebild mit Gesang und Tan, in 3 A. von Earl Haffuer. (Wiener Tbeater- Repertvire Nr. 75.) 12 Sgr. 80 kr Krug, der, geht so lauge zu Wasser, bis er bricht. Lustspiel in 3 A. von Jünger. 1803. 40 rr. 8 Sgr. Krug, der zerbrochene. Lustspiel von H. Kleist 8 1811 80 kr., 18 Sgr Künstler, die. Sckauspiel in 5 A. von Jffland 1802. 50 kr. 10 Sgr. Kur, die homöopathische. Lustspiel in 3 A nach dem franz. Vaudeville: »^lon nmi xrnnckot- von Lembert. 8. 1845. 35 kr. 7'/, Sgr. Kurläuder, F. A. v. Almanach dramatisch«* Spiele für Gesellschaft-theater. 18. 1818 1 st. 50 kr. 1 Tblr. 8. Jahrgang enthält: Shakespeare al« Liebhaber Lustspiel in 1 A —Leichtsinn und Heuchelei Lustspiel in 5 A. — Die Ebaradr. Lustspiel in 2 A. Kust, der, an Ueberbringer. Lustspiel in IR Nach dem Franz, de« Scribe von Herzrnskron (Wr. Th.-Repert Nr. 23.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr Kuß, der» durch einen Wechsel. Posse in 1 A. s. Eastrlli Sträußchen 11. Jahrgang Landmädcheu, das. Lustspiel in 5 A. Nach dem Englischen de« Hrn Wicherlv. 50 kr. 10 Sgr Landwehrkadet, der. Ein vaterländische« Original- Lustspiel in 1 A von Huber. Neujabr«geschenk für Kinder. 1809. 35 kr 7'/, Sgr Lästerschule, die. Lustspiel in A Nach dem Englischen de« jüngeren Sheridan von Schröder. 8 1847. 60 kr 12'/, Sgr. Laune» üble. Schauspiel in 5 A von Kvhebue. ! 1801 80 kr. 12 Sar > Laurette, oder das besiegt« Dorurtheil. Ballet ! in 2 A von Henry Deutsch und französisch 8. 1810. 10 kr 2 Sgr. Laurett«. Ländliche« Divertissement in 2 A 1810 (Vergriffen.) 10 kr 2 Sgr Lazaroni, die. Romantische« Schauspiel mit Gesang in 4 A Musik vom Musikdirektor Kauer 2 Tblr. 1803. 80 kr. 18 Sgr Lear, König. Trauerspiel in 5 A. von Shakespeare. Zur Darstellung im k. k Hofburgtheater eingerichtet von E. A. West. gr. 8. 1840. 80 kr. 18 Sg r. Leben, das, ein Traum. Dramatische« Gedicht in 5 A Nach dem Spanischen de« Ealdrron de la Barea für die deutsche Bükne bearbeitet v West Vierte Auflage 1827. 80 kr. 12 Sgr. Da«selbe Fünfte Auflage Mit einem Vorwort von Heinrich Laube Miniatur-Ausgabe, eieg broschirt. 1 fl 20 Sar. Lebensretter, der. Posse mit Gesang in 3 A. s. Feldmaan Lustspiele 3 Baud Lehrbube«, unsere. Dolk«poffe mit Gesang« Tanz in 3 A von Aloi« Verla. (Wiener Tbeater» Repertoire Nr 185 i 0 kr 12 Sgr. Lelbkosak, der. Oper in 2 A. 8.1805. 20 kr. 4 Sa». Letbkatscher, der alte, Peter des Dritte«. EtM wahre Anekdote v. Kotzebue. 1799. 25 kr. 5 Sgr. Leichtst«« u«d Heuchelei. Lustspiel in 5 A., s. Kurländer Almanach 8. Jahrgang. Leichtsinn und gutes Herz. Lustspiel in 1 A. v. Hagemann. 1802. 35 kr. 7'/, Sgr. Leiden Christi. Oratorium. Leier, die bezauberte. Kölnische Zauberoper in 3 A. v. Gleich. 1809 8 25 kr. 5 Sgr. Leinweber, der. Schauspiel in 1 A. von Kotzebue. 1811. 35 kr. 7'/, Sgr. Leute von der Bank. Eharak erbild mit Gesang in 3 A. von Friedr. Kaiser. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 178Z 60 kr. 12 Sgr. Ltbuffa. Romantische Oper in 3 A. v. Bernard. Musik von Kreutzer. 1823. 40 kr. 8 Sgr. Liebe, blinde. Lustspiel in S A. von Kotzebue. 1807. 35 kr. 7'/, Sgr. Liebe, erste, oder Jugenderinnerungen. Lustspiel in 2 A, s. Castelli Sträußchen 12. Jahrgang Liebe findet ihre Wege. Lustspiel in 4 A. v. I C. v. Zedlitz. 12. 1827. 1 fl. 20 Gar. Liebe, der, Listgewebe. Jmriguenpoffe in 3 A s. EasteUi Sträußchen 17. Jahrgang. (Vergriffen.) Liebe, stumme. Lustspiel in 1 A. v. Ziegler. 1802. 8. 20 kr. 4 Sgr. Liebe um Liebe. Ländliche« Schauspiel in 1 A. v. Jffland. 8. 20 kr. 4 Sgr. Liebe und Geheimuiß. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, v. Sonnleithner. 1807. 25 kr. 5 Sgr LtebeSbrunne«, der. Komische Oper in 3 A Nach dem Franz. »I^e puita ä »mour* von Kuppel- wieser Musik von Balfe. 12. 1845. 35 kr. 7'/, Sgr LiebeSzunder. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen 10. Jahrgang. (Vergriffen.) Liebhaber, der buckelige. Lustspiel in 1 A, s. Castelli Sträußchen 8. Jahrg. (Vergriffen.) Liebhaber, der verwundete. Lustspiel in 1 A Nach Dnpaty und nach einer kleinen Erzählung bearbeitet v. Kurländer. 1839. 50 kr. 10 Sgr Liebhaber, die, im Harnisch. Original-Lustspiel in 4 A. v. Ziegler. 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr. Liebhaber, der doppelte. Lustspiel in 3 A von Jünger 1803. 24 kr. 8 Sgr Liebhaber, der taube. Lustspiel in 2 A Nach dem Engl, des Pilow für « deutsche Theater eingerichtet von Schröder. 1809. 35 kr. 7'/, Sgr. Liebhaber und Nebenbuhler in einer Person. Lustspiel in 4 A. von Ziegler. 1894 Gr. 8 50 kr. 10 Sgr Liebhaber, die, im Verborgenen. Lustspiel in 1 A. von Ebriinfeld. 1804 25 kr 5 Sgr «iebesgeständntß, das. Lustspiel in 5 A. 1793 35 kr. 7'/, Sgr. Lied, «ievergeffenes. Charakterbild in 1 Aufzuge von E. Elmar (Wiener Theater-Repertoire Nr. 181.) 35 kr. 7'/, Sgr. Liesel, die rothe. Charakterbild mit Gesang in 6 Abtkeilungen und 1 Vorspiele unter dem Titel: »Eine Selbstmörderin." Don Bettv U»ung (Wiener Th -Rep. Nr. 127 ) 60 kr. 12 Sgr Limburg, das Schloß, oder die beiden Gefaw gencn. Lustspiel in 2 A Nach dem Franz, de« Marsollier frei bearbeitet. Zweite Auflage 40 kr. 8 Sgr. Lina, oder da- Geheimniß. Oper in 3 A von M. 1810 30 kr 6 Sgr List und Dummheit. Posse mit Gesang in 3 A., s Feldmann Lustspiele 6 Band Localsängerin und Postillon. Posse mit Gesang und Tanz in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wr. Theater-Repertoire Nr. 132.) 60 kr 12 Sgr. Loch, da-, in der Mauer. Komische Oper in 1 A. bearbeitet v. I. Perinrt. Musik vom Musikdirektor Kauer. 1804. 35 kr. 7'/. Sgr. Lohn der Wahrheit. Schauspiel in 5 A von Kotzebne. 1806 60 kr. 12 Sgr. Lohn der Nachwelt. Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A von Gleich 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr. Lonau, die Familie. Lustspiel in 5 A v Jffland 1809 50 kr. 10 Sgr Lorenz, der gebesserte, s. Hausgesinde 2 Theil. Lotterie, die seltsame. Lustspiel in 1 A, s. Castelli Sträußchen 7. Jahrgang. (Vergriffen - Löwenrttter, die. Schauspiel mit Gesang in 4 A. von Gleich. 4 Theile. 1807. 8. 1 fl. 60 kr. 1 Th. 2 Sgr. (Jeder Theil ist ein Schauspiel in 4 A.) Luaffan, Fürst von Gartsene. Prolog in 1 A v. Jffland. 1800. 35 kr 7V, Sgr. Lüge, die edle. Schauspiel in 1 A von Kotzebue. Fortsetzung von: »Menschenhaß und Reue." 1810. 35 kr. 7'/, Sgr Lügner, der, und fein Sohn. Posse in 1 A. Nach Collin d'Harleville. Frei bearbeitet. 1837. (Vergriffen.) 35 kr 7'/, Sgr. Luüy und Quinanlt, oder die Künstler in Verlegenheit. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen 14 Jahrgang (Vergriffen.) Lump, ein. Originalpoffe mit Gesang in 3 A. v. Friedrich Kaffer (Wiener Theater-Repertoire Nr 91.) 60 kr. 12 Sgr Lumpacivagabundns, der böse Geist, oder das ltederliche Kleeblatt. Zauberpoffe mit Gesang in 3 Aufzügen von Joh Nestroy (Wiener, Theater-Repertoire Nr 55.) Dritte Auflage 80 kr 12 Sar Lustspiel, das, ans der Stiege. Lustspiel in 1 A s Castelli Sträußchen 20 Jahrgang Luther, Martin, oder die Weihe der Kraft, s Werner Theater 3. Bände Macbeth. Trauerspiel in 5 A von Stephanie Gr 8 1795. 40 kr. 8 Sgr Macht, die, der Liebe. Original-Trauerspiel rn 4 A von Ziegler. 1817 F 50 kr 10 Sgr Macht de- Schicksal-, oder Mäunertrene ans der Probe. Feenmärchen in 3 A 8 1806 40 kr 8 Sar Machtspruch, der. Original-Trauerspiel in 5 A von Ziegler 1811 8. 50 kr. 10 Sgr Mädchen, das, von der Schule, s Elmar « Theater Mädcken, das, von Marienburg. Fürstliche« Ka» miliengemalde in 5 A von Kralter 1835 8 50 kr. 10 Sgr. Mädckeu, ein, vom Theater. Lustspiel in 4 A, s Feldmann Lustspiele 3 Band. Mädchenlist. Lustspiel in 1 A von Deinhardstein Gr 12 1826 Mädchenfreundschaft, oder sandte. Lustspi 1 m 1 S Gr. 8. 1843. 40 kr. 6 (Diese« Berzetchniß wird fortgesetzt.) Druck und Papier »» Lupoid Ea»»«r N> 35 kr. 7'/, Sgr der türkische Ge« von Kotzebue 1805 25 kr. S Sgr. DeuBühueu gegenüber alS Manuskript gedruckt. EinFrennb. wie er sein soll! Genrebild in einem Acte von Earl Gründorf. Personen. Franz Tuschle r, Kunstdrech-ler, (46 Jahre alt). Leo Mühlberg, eiu junger Maler. Emilie Berger, eine Beamten-waisr (Die Handlung spielt in Wien.) (Einfache- Zimmer — Eine Thür im Hintergründe. — Link» vor der Tbür ein Fenster mit Vorhang. — Recht- und link- Sritenthüren. — Recht- in der dritten Eoulissr ein Kamin, auf )em eine Uhr und zw»i Basen stehen. — Recht- in der ersten Loulisse ein Eßtisch, aus welchem ein Stoß Teller steht und'ein Glas neben einer Sparbüchse. — Link- in der zweiten Loulisse ein fileiderschrank- — Die Thür link- ist in der dritten Eoulisse, die rechts in der zweiten. — Link- oorne ein Tisch mit einem grünen Teppich bedeckt. — Recht- befindet sich eia Gueridon. — Stroh« stühle. — Man sieht an den Wänden verschiedene Rahmen hängen, ohne Gemälde) freundlichen Nachbar! Wie glücklich bin ich doch, diesen Freund gefunden zu haben! den edlen Mann mit de« ausgezeichneten Herzen, den ich wie einen Bruder liebe! — Aber jetzt heißt eS: frisch an's Werk! in die Küche zum Herd, um die Vorbereitungen zum Mittagmahl zu treffen;—ach! da hör' ich die Stimme meine- väterlichen Freundes! rhr klecksen! Leo (lachend). Glaub' mir, daß es darauf uicht ankommt. Franz. Na, sei nur ruhig! Ick und Emilie, wir werden täglich zur Ausstellung hingehen und werden immer vor dem Bilde ausrufen: »Ah! prächtig! süperb! famos! ausgezeichnet! magnifik! göttlich!* — Das wird Effect macken! Nicht wahr, Emilie? Emilie. Ick bin überzeugt, daß es unserer lauten Bewunderung nicht bedarf, um die des Publikums zu erregen. Franz. Mir scheint, ich Hab' schon wieder was Dummes gesagt — na, macht nir, »vir sind ja unter uns, 's kommt also nickt aus der Freundschaft und aus der Familie. — Komm' her, Junge — laß' Dich nochmals umarmen! (Umarmt Leo.) Ich erdrück' Dich noch vor Freude. Wir sind ausgesetzt! wollt' ich sagen: ausgestellt! — Juhe! — Aber jetzt umarme auch die Kinder da. (Stößt Leo gegen Emilie hin.) Leo (bestürzt). Ick? — ich sollte? Franz. Na, natürlich sollst Du; geh' nur! ohne Umstände. — Wenn Du sie umarmst, umarmst Du quasi mich! (Kür sich.) Das muß sie gemerkt haben. (Laut ) Na, wird's — nur frisch d'rauf los! Emilie (verlegen). Sie entschuldigen, es ist die höchste Zeit an's Essen zu decken, ick muß in die Küche, (tzilt in dir Küche) Sechste Scene. Franz. Leo. Franz (ihr nachsrhend) Merkwürdig! wie er kommt, geht sie! — ich Hab' ein rechtes Kreuz mit den Kindern. (Zu Leo.) Jetzt sag' mir einmal aufrichtig, was had't Ihr Zwei gegen einander? 5 Leo (lächelnd). Wir Zwei gegen einander? — Nichts, gar nichts. Franz. Ich sag' Dir aber, Du kannst sie nicht leiden. Gesteh' es nur! Ihr betrachtet Euch immer wie ein Paar Porzellanfiguren, so stumm und starr und stier. Das ärgert mich, das muß anders werden, wenn man zu Dreien Zusammenleben soll, sie — Du — ich; Du — ich — sie; ich — sie — Du — mit einem Worte, wir und sie — so muß das anders werden. Leo. Ich habe nicht die geringste Antipathie gegen Emilie. Ich habe nur eine Art Blödigkeit ihr gegenüber, das ist Alles. Franz. Blödigkeit? — ihr gegenüber? — Du — ein Künstler, ein berühmter Maler, ein Ausgestellter, der bald ein Angestellter sein wird; Du hast Scheu vor ihr? Geh', laß Dich nicht auSlachen. Leo. Es ist mir nicht so spaßhaft zu Muthe, denn eben fällt mir wieder ein, daß ich noch lange, vielleicht immer mit Entbehrungen zu kämpfen haben werde. (Er setzt sich nachdenkend.) Franz (für sich). Aha! er verfällt schon wieder in seinen Spleen. (Laut.) Zu was quälst Du Dich mit solchen ArmenhauSge- danken und Pfründner-Phantasien? Du bist ein junger, genialer Bursche, Du wirst Dich durchbeißen. Leo. Aber dabei die Zähne verlieren. (Sich erhebend.) Ach, warum ward mir nicht ein bescheidenes LoS wie Dir? — Warum erlernte ich nicht wie Du ein bescheidenes Handwerk, das seinen Mann nährt, statt ihn zu verzehren und aufzureiben. In die, sem Jahrhundert der Aufklärung und des Realismus bezahlt die Welt den Arbeiter, den Handwerker, der da arbeitet, um einen behaglichen Lehnstuhl zu verfertigen, besser als den Maler, der die schönsten Fruchtstücke auf todte Leinwand hinzaubert, weil man von diesen nichts herunterbeißen kann. Den Künstler betrachtet man hentzu» tag' wie eine Kuriosität, der man dann und wann einen Blick gönnt, oder wie einen Bettler, dem man ein Almosen hinwirft. Ohne Dich, ohne deine Wohlthaten wäre ich längst verkümmert. Franz. Wohlthaten — Wohlthaten! Was ist das wieder für ein Wort? — Als unser alter Onkel rrä patre8 ging — unser Onkel, der uns Beide erzogen (rine Thränr zerdrückend) der brave Mann, der einen kleinen Schatz und ein großes Herz hatte — in einem großen Ledcrsack, das heißt den Schatz — als dieser gute Onkel starb, setzte er unS Beide zu seinen Erben ein; ich war damals schon ein Mann, Du warst noch eine Spitzmaus, ein furchtsames Kaninchen. Du bedurftest einer sorgfältigen Pflege und Erziehung, und ich kann mich stolz rühmen, daß ich Dich quasi großgesäugt habe, daß ich so zu sagen deine Ammei bin. Wir haben Alles brüderlich ge- theilt — Leo. Und brüderlich angebracht. Franz. Das ist ja natürlich. Leo. Aber Du verdienst das Geld, und ich — Franz. Du erwirbst den Ruhm dazu — den wir auch wieder theilen. Leo (mit Bitterkeit). Den Ruhm? Franz. Etwa nicht? — Hängst Du nicht schon in der Ausstellung? ist da- nichts — noch dazu in einem falschen Licht. Mein Sohn! Wir sind auf dem besten Weg zur Unsterblichkeit, und wenn Du willst, so nehmen wir die kleine Emilie mit. Leo. Wohin? Franz. Nun, in den Tempel der Un« Erblichkeit — es wird ihr auch wohlthnn, einmal ein bischen unsterblich zu sein; apropos, sag' mir einmal, Leo! — Weißt Du, was Liebe ist? Leo (betroffen). Ich weiß nicht, ob ich das chon weiß. Kranz. Ich kannte ste auch nicht, aber letzt — jetzt verspüre ich alle Symptome in mir. Erstens Hab' ich Appetit und Schlaf verloren, ich esse jetzt nicht mehr als zwei Pfund Fleisch täglich, dann kann ich nicht länger als bis 7 Uhr schlafen. Nicht wahr, das ist ein Kennzeichen? 6 Leo. Gewiß. — Weiter! Weiter! Franz. Zweitens: Ich schnarche nicht mehr, — ich, den man sonst in der ganzen Gasse schnarchen hörte, habe jetzt einen so leisen Schlaf, daß mich eine Gelse aufwecken könnte. Das ist wieder ein Symptom! Leo. Ein sehr bedenkliches! — Ferner? Franz. Drittens: Wenn ich beider Dame meines Herzens bin, dann vergehen mir die Beine und es schlottern mir die Augen — wollt' ich sagen umgekehrt! — Leo (ungeduldig). Aber wie heißt die Herzensdame? Franz. Hast Du es noch nicht errathen? — Emilie! Leo (tinsallend). Emilie! (Entfernt sich ein wenig von Franz.) Franz. Nun ja, was hast Du denn? Leo (seinen Schmerz verbergend und sich Franz nähernd). Ich? Nichts — gar nichts. Franz. Aber jetzt, liebster Junge, höre einmal, Du mußt mir einen Gefallen thun — Du — Du mußt ihr meine Leidenschaft verdolmetschen. Leo. Ich? — Ich? Franz. Ja, metsche Du dol! ich hab's schon versucht, babe aber Fiasco gemacht; ich habe mich so in's Thierreich hinein- g'redt, daß ich gar nit mehr aus der Menagerie herausgekommen bin; aber Du — Du — »Was braucht man denn mehr, Um glücklich zu sein? — Das wird ja den Hals wohl nicht kosten! Ein Herz und ein Dach, nur von Stroh ganz allein, Das wird ja den Hals re. re. Aber jetzt laß' ich Euch allein, ich bitte Dich, Freund! reiß' mich heraus, ich verlasse mich ganz auf Dich. (Für sich.) Ick werde indessen dem Herrn Schneegans eine Leetion geben. Diese Faust wird sein Deutschm — wollt' ich sagen — sein Lehrmeister sein! (Ab Mitte.) Siebente Scene. Leo (allein). Endlich ist er fort! Kaum könnt' ich den Schmerz verbergen; — ile, die ich längst im Stillen liebte, sie — für die ich jeden Augenblick mein Leben gäbe, sie hat mein Freund erwählt. — Er ist mir mehr als mein Bruder, mein Wohlthäter, was soll ich thun? — Sein Vevtrauen täuschen, sein Glück stören? — Nein! — er mag glücklich sein. Achte Scene. Leo. Emilie. Leo (einfallend). Ich sollte — Franz. Ja, sei so gut, Dir ist es ja ein Leichtes für deinen Freund, für mich das Wort zu führen; also ich bitte Dich um Gottes willen! — sag' ihr, daß ich ihr Herz, Hand, 600 Gulden österr. Währung Einkommen und ertra noch eine kleine, aber volle Sparbüchse zu Füßen lege, sag' ihr, daß ich außerdem noch 30 Lose zur Silberlotterie habe, die am Faschingdienstag vorigen Jahres abgebalten worden ist, sag' ihr — daß — jetzt weiß ich nichts mehr! 's ist freilich nicht viel, was ich ihr bieten kann, aber es heißt ja: (singend ) (Au« drm bekannten Liede im: »Feste der Handwerker -) Emilie (von links kommend). Das Essen ist fertig. (Leo erblickend, für sich., Er allein?! Leo (für sich). Jetzt Verstellung! Emilie. Ist Herr Tuscblcr fortgegangen? Leo (stotternd) Zu dienen; — er — und ich — ich werde die Gelegenheit, Sie allein sprechen zu können, dazu benützen, — um Sie um Gehör zu bitten. Emilie (betroffen, bei Seite). Was mag er wollen? (Laut.) Sprechen Sie, mein Herr! Leo (sich vergessend, feurig). Wer Sie täglich zu sehen das Glück hat, muß der nicht in Liebe für Sie entbrennen? 7 Emilie (bestürzt bei Seite). Was hör' ich? (Laut.) Mein Herr, ich weiß nicht — Leo (innig). Langst schon wüßten Sie um diese Liebe, wenn nicht Derjenige, dessen Herz Sie getroffen, es vorgezogcn hätte, zu schweigen und zu leiden, aus Furcht Ihnen zu mißfallen! Emilie (noch mehr verlegen). Mein Herr! Für den Augenblick will ich keine Hoffnung geben; will aber auch nicht jede vernichten; ich — ich muß dock erst wissen, wer eigentlich Derjenige ist — Leo (sich plötzlich besinnend). Wie?—Hab' ich JhnendaSnicht gesagt? (Für sich.) Himmel! ich Hab' auf meinen Freund vergessen! Emilie. Nun? Leo (in einen Predigertov übergehend). 3a, wahrhaftig!— ich vergaß Ihnen den Namen dessen zu nennen, der — aber sollte Ihr Herz ihn nicht errathen haben? — ihn, an den Sie schon längst die zärtlichste Freundschaft knüpft, ihn, unfern Freund, unfern Wohlthäter! Emilie (lebhaft). Hör' ich recht?— Er? Leo. Er, unser Gönner, unser zweiter Vater, er liebt Sie! Emilie (für sich). O Himmel! Leo. Er bat mich. Ihnen zu sagen, wie sehr Sie ihm theuer sind. Emilie. Sic haben mir die Neigung Ihres Freundes so warm und innig geschildert, daß ick gerne, reckt gerne dieselbe erwiedere — recht sehr gerne! Leo (für sich). Sie liebt ihn! Emilie. Sagen Sie ihm, daß ich seinen Antrag mit Freuden, mit Dankbarkeit. mit Seligkeit annehme! Leo (für sich). Sie liebt ihn unendlich! Neunte Scene. Vorige. Franz. 8 ranz (au- der Mitte kommend, für sich) Der Herr von Schneegans hat seine Fütterung! (Die Beiden erblickend.) Ah! — bitt' um Verzeihung, wenn ich störe; Ihr seid gerade im Gespräch — Leo. Das eben beendet ist; ich habe in deinem Namen mit Fräulein Emilie gesprochen. Emilie. Ich weiß Alles! Franz (verlegen). So? ah! — ha! — und? — Emilie (sehr lebhaft). Ich nehme Ihren Antrag an. Franz (ganz entzückt). Ah! Leo (mit verbissenem Ingrimm), lind zwar mit Freuden — Franz. Eh!!! — Emilie (mit Beziehung) Mit Dankbarkeit! Franz. IHN! Leo. Und mit Seligkeit!!! Franz. Oh!! Leo. Emilie wünscht nicht- sehnlicher, als Dir ihre Hand zu reichen! Franz. Ist das möglich?! Emilie. Und mein Herz! Franz. Jetzt wird'S mir zu viel! — ich halt eS nicht aus! — Wasser! — Wasser! — ich erstick vor lauter Freud'! (Er finkt entzückt in einen Stuhl und verhüllt sich da- Ge» ficht, um die Thronen zu verbergen ) Leo (leise zu Franz). Meine Mission ist erfüllt! — Leb' wohl! (Er drückt ihm innig die Hände, für sich.) Was mir noch zu thun übrig bleibt, daS weiß ich! (Er grüßt Emilie und geht durch die rechte Seitenthür ab.) Zehnte Scene. Emilie. Franz. Emilie (bei Seite). Jetzt keinen Rückfall!— DaS Opfer muß vollkommen sein! Franz. Emilie! Ist'S denn möglich, daß Sie— Sie mir Ihre Hand reichen wollen und noch dazu mit Freuden und Seligkeit? Emilie. Warum staunen Sie so sehr darüber? 8 Franz.Ah! DaS ist gut!—Ich glaube, wenn man mir sagen würde, daß mich die Kaiserin von Fezz und Marokko heiraten will, könnte ich nicht mehr darüber staunen. Sagen Sie mir, sind Sie aber denn auch wirklich in mich verliebt? Emilie (zaghast betonend). Es ist so, wie Sie vorhin hörten! — Franz (entzückt). Emilie! Miltschi!Mili! Emmi! Emiltschi! Gott! ich finde immer nur ein Wort, um mir mein Entzücken auszudrücken, und das ist: Miltschi! Emilie. Wollen Sie mir eine Freude machen? Franz. Ob ich will?— Was wünschen, was wollen, was befehlen Sie? — Soll ich vielleicht in einer Stund' nach Speising hinaus- und wieder hereinlanfen? Ich bin heut' Alles im Stand! Emilie. Sie sollen unsere Bekannten und Nachbarn sogleich von unserer bevorstehenden Vermälung benachrichtigen, und dann beschleunigen Sic unsere Verbindung so viel als möglich! Franz. Das wünschen Sie auch noch? O Gott! o Gott! Ich werde meine Beine in die Hand nehmen und laufen, ah! — was laufen? — ich werde stiegen, ich werde michhintelegraphiren! (Gcht und kommt wieder vor.) Aber halt, noch Eins! Schwören Sie mir, daß es keine Täuschung ist, daß Sie mir angehören wollen, schwören Sie mir das! Emilie. Wohlan! — ich schwöre Ihnen bei der Erinnerung an meine Mutter, daß ich nie einem Andern angehören werde! — nie! Franz. Ah! Jetzt ist mir um zehn Zentner leichter um's Herz! Emilie. Aber jetzt eilen Sie, eilen Sie! Franz. Ich fliege! Adieu! meine einzige, himmlische Miltschi! (Er stürzt beseligt durch die Mitte ab.) Eilfte Scene. Emilie (allein). Jetzt fühl' ich mich stark, stark gegen mein eigenes Herz! — Ich werde zwar nur die Frau eines einfachen Handwerkers, aber eines Ehrenmannes mit dem besten Herzen von der Welt! Oh! ich werde recht glücklich mit ihm sein! (Sie trocknet sich die Thränen.) Zwölfte Scene. Leo. Emilie. Leo (au- der Seitenthür recht-, in einem Rrisemantel, einen Reisesack in der Hand). In wenigen Stunden bin ich weit von hier. (Emilie erblickend.) Emilie! Jetzt sei stark, mein Herz! (Er legt seinen Reisesack stnkS auf den Tisch.) Emilie. Was sollen diese Reisevorbereitungen bedeuten? Leo (vnlegen). DaS ist — weil — weil ich abreisen muß. Emilie. Sie reisen? — Und wohin? Leo. DaS weiß ich selbst noch nicht. Emilie. Ah! das ist wohl ein Geheim- niß? Weiß Ihr Vetter etwas von dieser Reise? Leo. Er weiß nichts ; er würde sich derselben widersrtzen, deshalb bitte ich Sie ihm nichts davon zu sagen. Emilie! Ah! das heißt, Sie wollen ihm davonlaufen, aber warum? Leo. Das ist ein Gebeimniß! Emilie. Ich hätte aber Lust, Freund Tuschler Alles zu entdecken, da ich weiß, daß ihm Ihre Abreise sehr viel Kummer bereiten wird. Leo. Ich beschwöre Sie, dicß nicht zu thun! Emilie (bittend). Leo! Leo (nähertretend). Halten Sit mich nicht zurück! Emilie (snne Hand ergreifend). Nicht eher laß' ich Sie fort, bis Sie mir Ihr Geheim- niß anvertraut! 9 Leo. Emilie! ich beschwöre Sie, dringen Sie nicht in mich! ich wäre sonst im Stande Ihnen länger zu verschweigen, was Sie nie — nie erfahren dürfen. Emilie (plötzlich entschlossen). Gut, so unterrichte ich Ihren Detter von Ihrem Vorhaben, damit er Sie zurückbalte. Leo (plötzlich). Wohlan denn! — so hören Sie! — Ich geh«, weil ich nicht der Rivale meines Freundes, meines Wohlthä- tns sein kann, ich gehe, weil — weil ich Sie unendlich liebe! Emilie (entzückt). Sie lieben mich? — Sie? — und Sie fanden nie ein Wort? Leo. Nie! Doch jetzt in diesem Augen« blick schwöre ich Ihnen — Emilie (lebhaft). O, halten Sie ein! — Ich gehöre mir selbst nicht mehr an! Franz (von außen singend). »Ein Mädchen oder Weibchen Sucht Papageno sich, Za so ein zartes Täubchen Ist sicherlich für mich!* Emilie. Still — er kommt! (Sie tren- nen sich, und zwar setzt sich Leo neben den Tisch, Emilie neben den Leuchterstuhl.) Dreizehnte Scene. Die Vorigen. Franz (durch die Mitte). Franz '(eintretend, bemerkt Emilie und Leo mcht). Gott! ich könnt tanzen, singen, springen, ich könnt', glaub' ich, in dem Augenblick sogar dichten, wenn mir was einfiele! Ich bin so glücklich! bei allen Bekannten war ich und habe ihnen die wichtige Neuigkeit brcnnheiß mitgetheilt, daß ich meine Adoptivtochter heiraten werde, das heißt mit andern Worten, daß ich'mein eigener Schwiegersohn und zugleich mein eigener Schwiegervater werde und späterhin lwch der Großvater meiner Kinder! (Er de. "»kt nun Bride, die sich abwenden, ihren Schmerz "bergend.) Da haben wir'S! — jetzt sie schon wieder böS auf einander. (Er wirst zornig seine Mütze aus dev Boden und tritt darauf.) Ah! zum Teure!! jetzt Hab' ich'S satt! — diese ewigen Gehässigkeiten! Was habt Ihr Beide gegen einander? — Heraus damit! — jetzt will, jetzt muß ich'S wissen! (Kleine Pause.) Gut! — auch gut! Jbr wollt nicht reden, so könnt Ihr eS auch bleiben lassen — ich frage nicht wieder! Emilie (sich erhebend, bewegt). Die Ursache der Traurigkeit, die Sie zu bemerken glauben — Franz. Ah! das ist gut! — die ich glaube? — Emilie (fortsetzend). Ist allein und einzig die Abreise des Herrn Leo! Franz (erstaunt und hitzig). WaS? — er reist? — warum reist er? — wohin reist er? — wann reist er? — wieso reiit er? — mit was reist er? — Emilie (bewegt). DaS soll er Ihnen selbst sagen! (Für sich.) Luft! Luft! — ick ersticke! (Sie eilt link« ab.) Vierzehnte Scene. Leo. Franz, später Emilie. Franz (ihr nachsehend). Also jetzt ist sie fort! —jetzt kommen wir Zwei zum Tanz! — Sag' mir einmal — warum willst denn Du auSreißen? br? — Leo. Weil ich eben nicht länger hier bleiben mag! Franz. Aber warum magst Du nicht hier bleiben? Leo. Ich wollte schon längst nach Italien gehen, nach Mailand, Rom, Florenz — Franz. Du wirst doch nicht etwa zur Liga schwören wollen? Leo. Du scherzest; ich will eine Knnst« reise machen und auch nachNcapel gehen — Franz. Wegen den Maccaroninudeln vielleicht? Leo. Du bist heute sehr spaßhaft! Franz. Um Dir zu beweisen, daß ich 10 auch ernsthaft sein kann, frag' ich Dich: Hast Du Geld? Leo (ungeduldig). Geld? — Geld? — Kann man denn nicht auch ohne Geld durch die Welt kommen? Franz. Bisher hat sich auf diese Erfindung noch Niemand ein Privilegium genommen! Leo (beleidigt). Mein Pinsel wird mich ernähren! Franz. Na, wünsch' guten Appetit! Bei der Kost wirst Du keine Bantingcur nöthig haben. Leo. Während der Reise werde ich Porträts malen. Franz. Ja, wenn keine Photographen wären! Leo. Sieh, lieber Freund! — ich muß mehr Raum haben; ich habe hier zu wenig Luft und Licht und Platz, mit einem Wort: es ist mir Alles zu enge hier! Franz. Nun gut! — So werden wir ausziehen. Dir zu Liebe thu' ich Alles! — aber wissen muß man es doch! — Also gut, wir übersiedeln, ich weiß eine prächtige Wohnung, im fünften Stock, an der Donau. Famoses Licht, gesunde Luft, herrliches Wasser, prächtige Aussicht! Freibad in der Nähe! es wird Dir dort sehr gefallen! Hab' ich Dir denn je etwas abgeschlagen? Leo. Das ist mir eben nicht recht. Du überhäufst mich mit Wohlthaten, die mich drücken, die mich erniedrigen — Franz (erstaunt). Leo! Leo. Nun ja, weil Du mich denn doch einmal zwingst offen zu sein, so sag' ich Dir: Ich schäme mich von deinen Wohlthaten, von deinem Verdienst zu leben, und immer mehr dein Schuldner zu werden! Franz (ganz entsetzt). Ah! bravo! Das ist ja recht schön! — aber nicht wahr, Leo, das ist nur dein Scherz? Leo (seine Empfindung ntederkämpsend). Mein vollkommener Ernst. Franz. Bravo! — Bravissimo! — So mußt' eS kommen! Du kündigst mir also die Freundschaft auf? Leo. Ich schüttle nur ein Joch ab, das mir unerträglich geworden! Franz. Also meine Freundschaft ist Dir eine Last? Du schämst Dich mit mir zu leben? — na, natürlich! jetzt bist Du ein Künstler, dessen Bild in der Ausstellung prangt, noch dazu im falschen Licht, jetzt schämst Du Dich deiner Gemeinschaft mit einem Handwerker — Geh'! — Du hast ein böses Herz! — ich habe eine Schlange an meinen Brüsten genährt! — Geh', verlorner Sohn! — nimm Hut und Stock und meine Verwünschungen dazu, mach' Dir daraus einen Pack und geh ! — (Er setzt sich und verbirgt das Gesicht.) Leo. Ich will nur noch in mein Atelier, um Pinsel und Palette zu holen, dann werd' ich dieser Stadt den Rücken kehren, für immer! — Emilie (eintretend). Was bedeutet daS? Leo. Leb' wohl! — lebt glücklich! (Er eilt durch die Mitte ab.) Fünfzehnte Scene. Emilie. Franz. Emilie. Was hat es denn da gegeben? Franz (bitter). Eine Scene — unter dem Titel: »Derrath an der Freundschaft!« (Gr steht auf.) Das ist nicht gewesen, seit Kain seinen Bruder mit einem Ziegenhainer erschlug! — Es gibt keine Menschheit mehr! Die ganze Welt verdient in einer zweiten Sündflut zu ersaufen. ^ ! Menschen! Emilie. Mein Gott! Geht das Alles Herrn Leo an? Franz (außer sich). Ha, ihn.- diese» Heuchler, diesen — diesen — ich finde gar kein Wort! — der wird noch einmal enden auf dem — ich will nicht auSreden! — >§ will nie mehr von ihm hören, von ihm, nicht mehr sprechen! l 11 Emilie. Beruhigen Sie sich doch; diese Abreise Leo's ist vielleicht nöthiger, als Sie glauben! Franz (etwa- gelassener). Meinetwegen soll er gehen, wohin er will! — nach China, wenn er Lust hat! — wer hält ihn denn auf? — Gleich soll er 'gehen! — Aber halt! — bevor er geht, muß ich ibm doch seinen Reisesack in (Ordnung bringen, er kann doch nicht als lebendes Bild reisen, da wird er ja arretirt! Ich muß ihm doch Einiges von meiner Garderobe mitgeben! (Er öffnet den Kleiderschrank.) Emilie. Und Sie glauben wirklich, daß Sie ihn nicht mehr lieben? Franz. Lieben? Einen solchen Der- räther? — einen solchen — es fehlt mir schon wieder das Wort! — ich Haffe ihn diesen Judas, bis in's dritte Glied! — (Er nimmt einige Kleidungsstücke aus dem Schrank) Da ist ein ganz neues Bonjourl für den — den — es fehlt mir schon wieder das Wort! — Dieser Treffbnb — dieser schwarze Peter! er glaubt wohl, daß ich mich kränken werde — (,r fingt) tralala! — (für sich) cs geht doch nicht recht mit dem Gesang! — der eiskalte Bösewicht! — ein paar warme Hosen muß ich ihm doch mitgeben! (Steckt eine Hose in den Reisesack, und sofort der Reihenfolge nach alle Gegenstände, die er benennt.) Mich, seinen zweiten Vater, verletzt er so tödtlich! — einen Vatermörder muß ich ihm auch schenken! — Meinen Schlaf raubt mir der Kerl! — eine warme Schlafhauben braucht er auch! — Der Bösewicht raubt meiner Brust den Frieden! ein paar Brustflecke können ihm nicht schaden. — Wie er bisher sein heuchlerisches Herz zu verbergen wußte — ein Dutzend Schmiseln braucht er notb- wendig dazu, (Sr steckt mehrere Chemisetten in Iden Reisesack.) Ich fürchte nur, daß er zu bald wieder kommt! — Manschetten auch! — dann noch zwei Westen, sechs Schnupftücher — und diesen neuen Eaput! Ich sehe ihn vielleicht nie wieder! (Sr steckt bie genannten Dinge hinein.) Emilie (bei Seite). Er beraubt sich ordentlich für ihn! Franz. Ah! Sapperment! Die Socken habe ich vergessen, ich Hab' ein ganzes Dutzend nigelnagelneuer, die will ich noch schnell holen für den Strauchdieb — für den — (will nach rückwärts ab, geht noch einmal vor) für diesen — für diesen Lopez! (Sr geht zürnend in die Thür rechts ab) Sechzehnte Scene. Emilie (allein). Armer Mensch! — er glaubt ihn zu Haffen, er kann eS aber nicht! Jetzt muß ich mich aber beeilen, demjenigen, den ich nie Wiedersehen darf, ein Andenken mitzugeben. (Sie zieht eine Börse aus der Tasche.) Da sind meine kleinen Ersparnisse, die will ich ihm geben; doch, wird er sie nehmen? — wenn er sie zurückwiese, nein, das wäre zu grausam! und doch wär' es möglich! — So ist's besser, ich stecke die Börse in den Reisesack, da wird er sie unterwegs finden. (Steckt die Börse in die Reisetasche.) Ah! Franz kommt zurück! er darf meine Aufregung nickt bemerken; cs ist besser, ich gehe. (Links ab ) Siebzehnte Scene. Franz (allein). (Kommt von rechts, trägt einige Paar Socken und ein Glas mit Hingesottenem.) So. da sind eingesottene eckt französische Hetschepetsch von Hawelka, feinster Onali- tät! Das wird ihm schmecken, — dem — Taugenichts — (er steckt daS Sonfiturenglas in den Sack) und diese warmen Socken werden ihn vor einem Schnupfen bewahren! — ich lege einige Paare darunter und die andern darüber, damit daS Glas nicht zerbricht! (Er steckt einige Paar Socken ganz tief in den Sack hinein.) Was ist denn das? (Sr zieht die Börse heraus.) Eine Geldbörse! (Leise Musik im Orchester.) 12 Schau, schau — er hat Geld und hat mir das verschwiegen, der Finsterling! — (Er zählt das Geld.) Zwanzig Neugulden, das ist wohl verdammt wenig zu einer Reise nach Neapel! Wie wär's, wenn ich ihm den Inhalt meiner Sparbüchse heimlich hinzugäbe? — (Er nimmt die Sparbüchse und zerschlägt sie.) Wart, Kerl! Justament mußt Du mein Erspartes mitnehmen, Du mußt! (Er will das Geld in dm andern Theil der Börse hineingeben, und findet darin ein gefaltetes Blatt Papier.) Schau, auch noch eine Banknote. (Er entfaltet das Papier.) Nein, eS scheint ein Liebesbrief zu sein, schau, schau, das falsche Krokodill! (Lesend.) An Herrn Leo! — Teure!! das ist ja Emiliens Schrift! was kann die ihm zu schreiben haben? (Er steckt mechanisch die Börse in seine Tasche und liest den Brief.) »Leben Sie wohl! Das Glück des Mannes, dem wir Beide Alles verdanken, erfordert es, daß Sie gehen! Vergessen Sie Diejenige, die Ihnen nichts bieten darf, als ihre Freundschaft!* (Sprechend ) Das Wort »Freundschaft* ist von einer Thräne verwischt. Ah! Tcurel, Teurel! — Da geht mir ein ganzer Notizen-Pharus auf! (Die Musik im Orchester hört auf.) O! ich — ich glaubte, die Beiden könnten einander nicht leiden, während sie sich für mich aufopferten! O! ich blinder Maulwurf! o! ich Rhinozeros! — Die Leidenschaft hat mich ganz gcbelisart, und ich bin froh, daß mir noch früh genug die Augen aufgeh'n! aber mir ist gerade so, als ob ich von Jemanden einen Fußtritt auf den Magen erhalten hält ! — Wartet! wartet! jetzt werd' ich mich für Euch opfern! Diese Opferei ist unabänderlich beschlossen! (Er schließt rilig dm Rkisksack.) Schnell den Sack geschloffen, damit sie nicht ahnt, daß ich dahintergekommen bin, wo Bartel den Most holt! Jetzt, Franzl, frisch an s Werk! halt auS, zeig', daß Du ein Deutscher bist! (Rechts ab.) Achtzehnte Scene. Emilie, dann Franz. Emilie. Er ist nicht da? — Desto besser, da hat er gewiß nichts entdeckt; ich bin so unruhig, wenn er am Ende meine Börse gefunden hätte!— Ah! nein! —der Reisesack ist fest verschlossen! — Gott sei gedankt! jetzt bin ich ganz beruhigt! Franz (von innen singend). »Dem Wein, dem Wein, Dem Spiel, den Schönen, Sei unser Herz Allein geweiht!« Emilie (nach rechts deutend). Er ist da drinnen! Franz (innen). Ah! das ist was Delikates. (Singend.) Ich und mein Gläschen sind immer beisammen, Niemand verträgt sich so gut als wie wir! Emilie. Was hat er denn? Franz (innen). Prosit, Franzl, Prosit! — (Singt.) Gluck! — Gluck! — Gluck! Emilie (erstaunt). Er trinkt? Franz (innen). So eine Blume hat der Wein, daß man gar nicht genug d'ran riechen kann! Emilie. Was bedeutet das? Franz (in jeder Hand eine Bouteille tragend). »Treibt mir der Wein dann, DaS Blut oft im Kreis!« O Wonne! — o gute — gute — gute! Hahahaha! (Er trinkt.) Emilie. Der Unglücksmensch ist betrunken ! Franz. Ah! Das geht hinunter — wir in den tiefen Keller! De—de—de—delicat! (Er trinkt) Emilie. Franz! Sie sind wohl nicht bei Sinnen? Wie kommen Sie in einen solchen Zustand? Franz. Ah! die Mili—Million! Auf Ihre Gesundheit! (Er tunkt.) 13 Emilie (ihm die eine Flasche aus der rechten Hand nehmend). Geben Sie mir die Bvuteille! — (Sie trägt fit zum Tisch.) Franz (ausgelassen). Die ist schon leer — die können Sie haben! — (tzr trinkt aus der andern Flasche.) Emilie. Erklären Sie mir doch, Franz, waS soll das Alles bedeuten? Sie trinken doch Wein? Franz. Ah! das ist 'ne dumme Frag'! (Er stolpert.) Aber Mili! Goschi! — Wackeln Sie doch nicht so! wenn Sie wackeln — wa—wackeln — so wackle ich auch! (Er stolpert nach links.) Emilie. Er ist total betrunken! (Un- geduldig.) Reden Sie doch, waS hat Sie denn so — verwandelt? Franz. Die Freude — ick Hab' unsere Verlobung verkündet — und da — da — da — Emilie. Ich glaubte aber, Sietrinken nur Wasser! Franz. Was? Wasser? ich? — pfui Teure!! Wasser! ich bin ja kein — Gänse—rich! — ich mag nur den — da drinnen — den — (Er trinkt) Emilie (entreißt ihm die zweite Bouteille und stellt fie aus dm Eueridon) Man kann nicht ein vernünftiges Wort aus ihm her- auSbringen. (Laut zu Franz.) Also Sie haben mir das Häßlichste aller Laster verheimlicht? Franz. Wenn man um ein Mädel an — anhält (er hält sich an den Tisch an) so wird man ihr dock nicht — die — Schwä — Schwächen auf die Nase bin — binden! ^ahaha! aber jetzt — jetzt sind wir quasi chon Mann und Weib — jetzt — Emilie. Noch sind wir'S nicht! Franz. Ja, — wir sind's! ich schwur — Sie schwuren — wir schwuren — >iese Geschwüre muß man halten! Emilie. Erst müssen Sie den häßlichen Hehler ablegen, den ich erst heute entdeckte! Franz (zärtlich). Madame Tuschler! — ch krieg' das Sodbrennen, geben Sie mir men Penzinger Rachenputzer. Emilie. Was fällt Ihnen ein? Franz. Madame Tuschler! Sie holen den Schnaps—sonst schlag' ich alle Möbel entzwei! Emilie. Welche Rohheit! — ich gehe nicht! Franz (einen Stuhl zertrümmernd). Nicht? gut! Der Tischler will auch le — leben! Emilie (ausweichend). DaS ist ja ein LchreckenSmensch! Franz. Madame Tuschler! — einen Schnaps! — sonst schlag' ich Alles z'samm'! Alles! Emilie. Ich gehe nickt! Franz (zerschlägt einen Teller). Da — der Hafner will auch leben! Emilie. Himmel! was soll ich thun? Franz lauf Emilie zugehend). Weib! Du geh'st nickt? Emilie. Nein! Franz. Dann gehe ich selbst und hole ihn mir! (Er will gehen ) Emilie (ihn aushaltrnd). Sie werden nickt gehen! ich lasse Sie nickt! Franz. Du läßt mich nickt? ich werd' sehen, wer HauS im Herr ist. («ill gehen.) Emilie (sich vor die Thür stellend). Sie bleiben! Franz. WaS? — Gewalt?! — na wart ! — Jetzt Hab' ich'S satt! — Marsch, weg! (Er stößt fie gewaltsam von der Thür weg. Emllie stößt einen Schrei auS ) Neunzehnte Scene. Die Vorigen. Leo (Mitte). Leo (eine Karben-Ehatoutlle rc. rc. tragend, erblickt die Scene und läßt alle Geräthschaften fallen). Um Gottes willen! WaS geht hier vor? (Er eilt zu Emilie, die sich aus dm Stuhl nebm dem Gueridon niederließ.) Franz (bei Seite). Mein Himmel! Leo (zu Kranz tretend). Franz! — Was hast Du gethan? Du hast die Hand erhoben gegen sie, die deine Frau werden soll!? 14 Franz (nüchtern). 3ch kann nichts dafür! der Wein! Leo (erstaunt). Der Wein? Franz. Eine Leidenschaft, die ich vergebens zu zügeln versuchte — die aber stärker ist als meine Kraft. Leo. Ich sah' Dich ja niemals Wein trinken! Franz. 3ch that's im Verborgenen! ich bin ein Elender! Das seh' ich ein — Ihr — müßt mich jetzt verachten! (Emilie erhebt sich.) Leo. Dich verachten? — Nein! — Franz! — Nein! Das thnn wir nicht! — Du wirst den Trunk anfgeben — wirst es deiner Braut zu Liebe thun! — die Dir gerne verzeihen wird! Vor meiner Abreise will ich Euch versöhnt sehen. Emilie! Ihre Hand. (Er ergreift die Hand EmilienS.) Franz, die Deine! (Er nimmt Franzens Hand und legt selbe in die EmilienS.) Alles sei vergeben und vergessen! Franz. Wie — Emilie! Sie könnten mir verzeihen?! (Leo setzt sich stumm an den Tisch.) Emilie. Ich Hab' geschworen, Ihr Weib zu werden und ich werde meinen Schwur halten! Franz. Ich gebe Ihnen Ihren Schwur zurück, weil ich Ihrer nicht würdig bin, und weil ich wohl weiß, daß Sic mir nur vergeben haben aus Dankbarkeit! Emilie! Wollen Sie Ihrem Freunde etwas zu Liebe thun? Emilie. Wenn's in meinen Kräften steht! Franz. O! das ist sehr leicht! Sie sollen statt eines bejahrten Trunkenboldes einen jungen, liebenswürdigen Künstler heiraten! Emilie (betroffen). Einen jungen — Franz. Ja, ich hätte einen solchen Mann für Sie — wollen Sie ihn? Emilie. Ich versiehe Sie nicht — Franz. Ihre Hand, Emilie! (zu Leo) und die deinige! (Er ergreift die Hände Beider.) Leo und Emilie. O Gott! Franz (ihre Hände verbindend). Kinder, liebt Euch und mehret Euch! und versprecht l mir, daß Ihr mir einst die Augen zudrückt! Emilie und Leo (ihn umarmend). Bester Freund! Franz (er drückt Beide an seine Brust). Aber halt! Noch Eins! — ick muß dock meiner Ziehtochter eine Aussteuer mit- ^ geben! Emilie. Eine Aussteuer? Franz. Ja, den Inhalt meiner Sparbüchse, den ick da — in dieser Börse! habe. (Er zieht EmilienS Börse au- der Tasche und gibt ihr selbe.) Emilie (bei Seite). Meine Börse! — jetzt versteh' ick Alles! Franz (leise zu Emilien). Still! — still! — Er liebt Sie! — Der Schmerz hätte ihn getödtet! Emilie (sich an seine Brust werfend). EdleS ^ Herz! (Franz küßt sie aus die Stirne, wendet' sich aber gleich von ihr weg und geht aus die Seite.) Leo (tritt zu Emilie und spricht mit ihr). Franz (für sich). So ist es besser! Aber ich hätte es mir nicht so schwer vorgestellt. So ein Spaß thut doch weh', sehr weh'! Mathilde von Guise. Oper in 3 Auf;. 1810. Mädl, das, aus der Vorstadt, oder: Ehrlich Maytag, der. Ländliches Gemälde i« 4 A. von währt am längsten. Posse in 3 A. von I. Nestroy. Gr. 12. 1845. 75 kr. 15 Sgr. Magnetismus, der. Nachspiel in 1 A v. Jffland. 1810 25 kr. 5 Sgr. Majolino, der Abenteurer. 1. Theil: Schauspiel in 5 A. 2. Theil : Schauspiel in 3 A. 8. 1802. 80 kr. 16 Sgr. Malers, des, Meisterstück. Lustspiel in 2 A., s. Weissenthurn Schauspiel--. 14. Band. Mann, der brave. Kom. Oper in 3 A. von Gleich. 1806. 8. 25 kr. 5 Sgr. Mann, der eiserne. Lustspiel in 1 A. 1785. 50 kr. 10 Sgr. Mann, der gescheideste, auf der Welt. Posse mit Ges. in 1 A. v. Johann Schönau. (Wiener Theater-Rep. Nr. 199) 35 kr. 7 Sgr. Mann, der, von Wort. Schausp. in 5 A. von Jffland, 1801. 60 kr. 12 Sgr. Mann, der, von 4V Jahren. Lustsp. in 1 A. Nach dem Französisch, des Fayan, bearbeitet von Kotzebue. 1805. 25 kr. 5 Sgr. Mann, ein höflicher. Lustspiel in 3 A., s. Feldmann Lustspiele 3. Band. Mann, ein, ohne Herz. Genrebild in 5 A. von Al. Fr. Pann. (Wnr. Th.-Rep. Nr. 50.) 40 kr. 8 Sgr. Männerfeindin, die. Schausp. in 1 A. v. Koch. 18 6. 20 kr. 4 Sgr. Mönnerschönheit. Original - Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Fr. Kaiser. 8. 1850. 75 kr. 15 Sgr. Männerschwäche und ihre Folgen, oder die Krida. Lustsp. in 3 A. v. Hensler 40 kr. 8 Sgr. Mantel, der dreizehnte. Posse in 1 A. v Anton Bitlner. (Wr.Th -Rep. Nr. 98) 35 kr. 7'/, Sgr. Manuscript, das. Lustspiel in 5 A, s. Weissenthurn Schauspiele 13. Band. Mäon. Trauerspiel in 5 A. von H. I. v. Collin. gr. 8. 1811. 60 kr. 12 Sgr Margarethe, Königin von Catanea. Ballet in 3 Auf; von Taglioni 1822. 10 kr. 2 Sgr. Marie, Tochter Karl des Kühnen. Original- Schausp in 4 A. von Menner 1807. 8. 40 kr 8 Sgr. Mariana. Schausp in 5 A. Frei nach Sheridan Krowles, von Treitschke 1838. 75 kr. 15 Sgr. Marillo, die beiden. Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Gleich. 1808. ,8. 40 kr. 8 Sgr Marquis, der arme. Schausp in 2 A. v. Duma- noir und Lafargue. Deutsch von Alerander Bergen. (Wr. Th.-Rep. Nr. 143.) 50 kr 10 Sgr. Marschall, der, von Frankreich. Tragödie in 4 A von Johannes Nordmann gr 8 1857 60 kr. 12 Sgr. Maske für Maske. Lustspiel v Jünger. Leipzig 50 kr 10 Sgr. MaSken, die. Schausp in 1 A. v. Kotzebue. 1803. 25 kr. 5 Sgr Mathilde, Herzogin vou Spoleto. Ballet in 5 A von Astolfi, 8. 1829. 13 kr. 2'/, Sgr. Matrose, der kleine. Oper in 1 A Aus dem Franz. 1806. 20 kr. 4 Sgr. Mauthner, E. Lustspiele 8. 1852.1 sl. 50 kr. 1 Thlr. Inhalt: Das Preislustspiel. Orig.-Lustspiel in 3 A. — Gräfin Aurora. Hist. Lustsp. in 5 A. Hagemann. 1793. 40 kr. 8 Sgr. Medea. Ein mit Musik vermischtes Drama. Musik von Benda. 1806. 25 kr. 5 Sgr. Medea. Tragische Oper in 3 A. Nach dem Franz. von Treitschke gr. 8. (vergriffen.) Medea. Trauerspiel in 5 A. von Grillparzer, s. dessen goldenes Vließ. Meeres, deS, und der Liebe Wellen. Trauersv. in 5 A. von Franz Grillparzer, gr. 8. 1840. 1 fl. 50 kr. 1 Thlr. Megera 1. Theil. Zauberoper in 3 A. v. Perinet. 1816. 8. 40 kr. 8 Sgr. siehe auch Hafner gesammelte Schriften. Meinau, Eulalia, oder die Folgen der Wiedervereinigung. Bürgerl. Trauersp. in 4 A. v. Ziegler. 1807. 8. 50 kr. 10 Sgr. Melone, eine reife. Schwank in 1 A nach Baute Bernard's ?Iutonle attuekemeutL, von K.. Graeser. (Wr. Th.-Rep. Nr. 38.) 35 kr. 7'/, Sgr Melusina. Romantische Oper in 5 A. von Fr. Grillparzer. Musik von Kreutzer. 8. 1833 80 kr. 16 Sgr. Mensch, der, denkt. Lebensbild mit Gesang in 3 Abth. von Fr. Kaiser. (Wiener Th.-Rep. Nr. 150.) 60 kr. 12 Sgr. Mensch» ein empfindlicher. Schwank in 1 A Frei nach Marc-Michel u. Labiche von M A Grandjean. 35 kr. 7'/, Sgr. Mensch, ein liebenswürdiger. Lustspiel in 1 A. Nach dem Französ. von Mar Stein. (Wiener Theater-Repert. Nr. 173.) 35 kr. 7V, Sgr. Menschen, gute, lieben ihren Fürsten. Zeitstück in 3 A. v. HenSler 1799. 8 40 kr. 8 Sgr Mentor, der. Lustspiel in 1 A. nach dem Franz v Lembert. (Wr. Th.-R. Nr. 7.) 35 kr. 7'/, Sgr. Merope. Deutsches Orig-Trauersp iu Versen n. 5 A. von Weidmann. 8. 1772. 50 kr. 10 Sgr. Michel, der deutsche, oder Familienunruhen Zeitbild in 5 A., s Feldmann Lustsp. 4 Bd Milch, die, der Eselin. Posse mit Gesang in 1 A. Nach dem Franz, von Anton Bittner. (Wiener Theat.-Rep. Nr. 6^.) 30 kr. 6 Sgr Milchmädchen, das, von Bercy. Singsp in 2 A Nach dem Franz von Treischke 25 kr 5 Sgr Milchschwestern, die kleinen, in PeterSdorf. Volksmärchen mit Gesang in 3 A von Gleich. 1806. 8. 40 kr. 8 Sgr. Millionär, der. Lustsp. in 4 A von Schildbach 1804. 50 kr 10 Sgr Millionär, ein armer. Orig -Posse mit Gesang in 3 A. von Theodor Flamm. (Wiener Tbeater- Repertoire Nr 182.) 60 kr. 12 Sgr. Milton. Singspiel in 1 A Nach dem Franz, von Treitschke. 25 kr 5 Sgr Minnesänger, der arme. Schauspiel in 1 A von Kotzebue 1811 35 kr. 7 Sgr. Miranda» oder das Schwert der Rache. Heroische Oper in 3 A von Kanne. 8. 1811 35 kr. 7 Sgr. Mission, die geheime. Lustsp in 3 A v. Grandjean (Wiener Theat.-Rep Nr. 3.) 35kr. 7V,Sgr Mißbrauch» der, der Gewalt. Orig -Lustspiel in 5 A. von Weidmann 1778. 35 kr. 7 Sgr. Mißtrauische, der. Lustsp. in Prosa und 5 A. v. Weidmann. 1772. 3S kr. 7 Sgr. Wallishauffer sche Buchhandlung (Josef Klemm) iu Wie». Mißverständnis), das. Lustsp. in 1 A. von I. F. v. Weissenthurm gr. 8. 1833. geh 40 kr. 8 Sgr Mißverständnisse, kleine. Lustspiel in 1 A Nach dem Englischen »o» Alrr. Berge». (Wiener Theater-Repertoire Nr. 187.) 35 kr. 7'/, Sgr. Mittel, alle, gelten. Lustsp in 1 A nach Scribe, von L. Julius. (Wiener Th.-Rep. Nr. 13.) 3S k. 7'/-, Sgr. Mittel, daS letzte. Lustspiel in 4 A. s. Weissen- thurn Schausp. 11. Band. Mitternacht. Singsp in 1 A Nach dem Französ. 1807. 20 kr. 4 Sgr. Möbel-Fatalitäten. Schwank in 1 A. v Anton Dittner. (Wr. Th.-Rep. Nr. 39.) 30 kr. 0 Sgr. Mode, die, oder die häuslichen Zwistigkeiten Lustiges Singsp. 1771. 35 kr. 7 Sgr. Modesitten. Lustsp in 3 A von Gevav. 1801. 30 kr. 10 Sgr. Mohr, der, von Semegonda. 2TH Or.-Schausp. mit Ges. in 3 A von Gleich. 1805.1 fl. 20 Sgr. Mohrtn, die. Schauspiel in 4 A. von Ziegler. 1833. gr. 8. 50 kr. 10 Sgr. Mönch und Soldat. Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Fr. Kaiser, 8 1850. 73 kr 13 Sgr. Mondkönigin, die, oder die bezauberte Schneiderwerkstatt. Große komische Pantomime in 3 A von Kees 1806 10 kr. 2 Sgr. Monte-Cbristo, ein neuer. Orig-Charakterbild in 3 A. von Fr. Kaiser. (Wiener Theat.-Rep Nr. 36 ) 60 kr. 12 Sgr Monte-Ehristo, ein weiblicher. Charakterbild aus dem Pariser Leben in 4 Abth. und 5 A. mit Musik und Tanz von Therese Megerle. (Wiener Theat.-Repert Nr. 49.) 60 kr. 12 Sgr. Montenero, Schloß. Singspiel in 3 A nach dem Fn nz. 1804. 33 kr. 7 Sgr. Montfaucon, Johanna von. Romant. Gemälde a. d 13. Jahrhundert in 5 A von Kotzebue. 8. 1800. 60 kr. 12 Sgr. Montjoye. Schauspiel in 4 A. und einem Nachsp. von Oktave Feuillet Deutsch v. M Saphir. (Wiener Theat.-Rep. Nr. 134 ) 60 kr. 12 Sgr. Moor, Karl. Trauersp. in 5 A. v. Fr v. Scheller. Für da- Theater in der Leopoldstadt, gr. 8. 1808. 50 kr 10 Sgr. Mord, der, in der Kohlmessergaffe. Posse in 1 A. von A Bergen (Wr. Th.-Rep. Nr. 38.) 33 kr 7'/, §gr Moritz, Bruder, der Sonderling. Lustsp in 3 A von A. v. Kotzebne 1801. 50 kr. 10 Sgr in kxitto, Fv.inne Irnzsien in tr« Ftti I.» ps»S8in « lii '?ottnln. In H1u8iea 6i k,»88ini 1825. 35 kr 7 Sgr. MoseS in Egypten. Hist Schauspiel mit Gesang in 4 A. 1810 40 kr. 8 Sgr Mostadhem, oder der Fanatismus. Original- Trauersp in 3A v Weidmann. 33 kr. 7 Sgr Mozart-Geige, die, oder der Dorfmusikant u sein Kind. Charaktrrgemaldr in 3 A. nebst einem Vorspiele von Karl Clmar. (Wiener Th -Rep Nr. 171) 60 kr 12 Sgr. Müller und Schlffmeister. Posse mit Gesang in 2A von Fr. Kaiser. (Wr. Th.-Rep Nr 12.) 50 kr 10 Sgr Mündel, dir. Schausp. in 3 A. v. Jffland 1802. 60 kr. 12 Sgr. Murrkopf, der gutherzige. Lustsp von Goldoni. 1772 33 kr. 7 Sgr Mutter, die, der Makkabäe . S. Werner Theater 7. Band. Mütter, die, oder wie soll man denn euch Mädchen erziehen? Original-Lustspiel in 5 A von Weidmann 1773 50 kr lO Sgr Mvtterglück. Lustspiel in 3 A von Dumanoir Deutsch v Dr. Hanns Hopfen. (Wiener Tb- Rep. Nr. 152 ) 50 kr 10 Sgr Nach dem Balle. Lustspiel in 1 A Frei nach dein Französischen von A Ducqe (Wr. Tb.-Rep. Nr. 110.) 33 kr 7 Sgr Nach Regen folgt Sonnenschein. Orig -Lustspiel in 5 Ä. 1806. 40 kr. 8 Sgr Nach vierzig Jahren. Lustspiel in 1 Aufz v. A. Scholz.(Wr. Th.-Rep. Nr 126.) 35 kr 7'/, Sgr. Nachbarschaft, die. Lustspiel in 1 A Nach dem Franz, »es Picrard von Jffland. 33 kr. 7 Sgr Nachbarschaft, die gefährliche. Lustspiel in 1 A. von Kotzebue. 8. 1809 35 kr. 7 Sgr. Nachbarschaft, die unruhige. Oper in 2 A von Hriisler 8. 1803. 35 kr. 7 Sgr. Nachschrift» die. S. Holbein Dilettantenbühne f. 1826. Nacht» gute, Rosa! Dramatische- Genrebild in 1 A von Fr Kaiser. (Wr. Th.-Rep. Nr. 141.) 30 kr. 6 Sgr Nachtwächter, die beiden, oder ein Spuk i» der FaschingSnacht. Posse mit Gesang und Tanz in 3 A. von Karl Haffner und I. Pfundbeller. (Wnr. Theater-Rep Nr 85.) 60 kr 12 Sgr Nachtwächter, der. Posse in Versen und in 1 A. von Th. Körner, gr 12. Wien. Orig.-Aust. 1819 23 kr. 5 Sgr. Nächte, zwei, zu Valladolid, l rauerspiel in 5A v. Bar. v. Zedlitz 12 1855 1 fl 20 kr. 24 Sgr Namen, eine«, will er sich machen. Lustspiel in 1 A v M A Grandjean (Wiener Theater- Repertoire Nr 103 ) 33 kr. 7'/, Sgr Narr» der vernünftige, oder Keiner versteht den Ändern. Lustspiel in 1 A nach Patrat von Schröder. 8. 1804. 25 kr. 5 Sgr. NarrenhauS, das. Lustsp in 1 A Aus dem Franz von Schildbach 1803 20 kr 4 Sgr. Narrenhau°» daS. Fastnachtsposse in 2 A, siebe Feldmann Lustspiele 5 Band. Narrheit und Narrethei. Lustspiel in 1 A., siebe Castelli Sträußchen 4 Jahrg (vergriffen) Nase» eine, für Ittvtt Pfund. Burleske in 1 A v. C Arram (Wiener Theater-Rep Nr. 120.) 33 kr. 7'/, Sgr. Nase, die lange. Posse mit Gesang in 1 A von Karl Haffner. (Wiener Theater-Rep Nr. 108) 33 kr 7'/, Sgr Natur und Liebe im Streit. Trauerspiel in 3 A. 8 ' (vergriffen) Naturmensch und Lebemann. Charakterbild mit Gesang in 3 A v Fr. Kaiser (Wiener Theater-Repertoire Nr 119 ) 60 kr 12 Sgr Nebenbuhler» die. Lustspiel in 3 A nach Sheridan'« »Rivals an« dem Englischen übersetzt und zur Aufführung eingerichtet von F. C. Hanker (Wr. Th -Rep Nr. 23 ) 30 kr 10 Sgr Neffe, der todte. Lustsp. in 1 A Nach dem Fran . des DlartLiovill« 1804 35 kr 7 Sgr Negersklaven, die Histvr.-rom Gemälde in 3 A von Kotzebue, 1799. 40-kr. 8 Sgr. Wallishausser'sche Buchhandlung (.Josef Klemm) in Wien. Nephtali, oder die Macht de- Glaubens. Groß Oper in 3 A. Nach dem Franz, bearbeitet von I. R. v. Seyfried. 1813. 25 kr. 5 Sgr. Neu-Jernsalem. Original-Zeitbild mit Gesang in drei Acten von Friede. Kaiser (W»r Tbeat. Rep Nr. 215.) 60 kr. 12 Sgr. Neuigkeitskramer, der. Lustspiel mit Gesang in 2 A. 1802. 30 kr. 6 Sgr Neusonntagskind, das. Singfp. in 2 A. v. Perinet. 1804. 8. 40 kr. 8 Sgr. Nichts! Posse mit Gesang in 3 A. v. Fr. Kaiser. (Wiener Theater-Rep. Nr. 122.) 60 kr. 12 Sgr. Nirenreich, das. Romantische Oper in 3 A. 1805. 40 kr. 8 Sgr. Norm«. Lyrische Tragödie in 2 A., gedichtet von F. Romani, übersetzt von Ritter v. Seyfried, Musik von Bellini. 8. Dritte Auflage 1854. (Dorfmeister.) 35 kr. 7'/.^-^. Notcnschreiber, der, oder wo Menschen sind» darbt der Arme nicht. Lustsp. in 3 Ak. v. Hensler. 8. 25 kr. 5 Sgr. November, der dreißigste. Lustspiel in 1 A., siehe Feldmann Lustspiele 3. Band. I«, Fi ?iß-nro 6om«Fin in czuntro ^.tti. 1808. 25 kr. 5 8^r. 1^0220, Fi Telemneo vä ^ntion«, ^ion« lirion vnssin Fi 6. ön«8i, ln lVlu8ien Fi lVlsren- Fnntn. 12. 1824. 20 kr. 4 8^r. Numa Pompilius. O er in 3 A. » Guttenberg. 8. 40 kr. 8 Sgr. Nur ein Stündchen war er fort! Lustsp in 1 A nach dem Franz, des Loreaur von Tb Hell. 1806. 35 kr. 7 Sgr. Nur Eine löst den Zauberspruch, oder wer ist glücklich? Zauberposse mit Gesang in 3Abth. von W. Tnrteltaub. gr. 12. 40 kr. 8 Sgr. Nur keine Protektion. Posse mit Gesang in 2 A von Anton Bittner. (Wiener Theater-Rep. Nr. 84.) 60 kr. 12 Sgr. Nur Mutter. Lustsp. in 2 A. nach dem Franzos, von Alexander Bergen. (Wiener Theater-Rep. Nr. 138.) 50 kr. 10 Sgr. Nur nicht reden! Dramatischer Scherz in 1 A. v. C. F. Stir. (Wr.TH.-Nep. Nr. 80.) 30 kr. 6 Sgr. Nur solid! oder Karnevals-Abenteuer im Lchlos- sergassel. Faschingspoffe mit Gesang und Tanz in 1 A. von Ludwig Gottsleben. (Wiener Theater-Reportoir Nr. 64.) 35 kr. 7'/, Sgr. Nußbaum, der, von Benevent, oder die Zauber- schwestern. Feenballet von Digano. 1830 10 kr. 2 Sgr. Nymphe, die, der Donau. 1. Theii. Fortsetzung des Donauweibchens, von Hensler. 1808. 8. 40 kr 8 kr Oberou, König der Elfen. Oper in 3 A von Giesecke. 1806. 35 kr. 7^ Sgr Obsthändlerin, die, deS Königs Drama in 3 A nebst einem Vorspiele unter dem Titel: Der Wasserträger von Paris. Nach dem Fraiizös frei bearbeitet von 'Therese v. Megerle. (Wr. Theater-Repertoire stir. 30.) 60 kr. 12 Sgr. Octavia. Tranerspiel in 5 A von Kotzebue 1807 60 kr 12 Sgr Oedip zu EolonoS. Lyrische- Drama in 3 A Aus dem Französischen. 1802. 30 kr 6 Sgr Oheim, der. Lustspiel in 5 A. von Jffland. 1808. 40 kr. 8 Sgr. Olga. Lustsp. rn 1 A. nach dem Franz v. L Julius. (Nur. Theat.-Repert. Nr. 17.) 35kr. 7'/. Sgr. Oncle, der, in Livree. Singfp. in 1 A. nach ^em Französ. von Treitschke. 20 kr. 4 Sgr. Onkel Tom. Amerikanisches Zeitgemälde mit Ges. und Tan; in 3 Abth und einem Vorsp. nach Frau Stowe'S Roman: »Onkel Tvm'S Hütte* von Therese von Megerle. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 26.) 50 kr. 10 Sgr. Opferfest, das unterbrochene. Oper von Huber in 2 A. 1803. 50 kr 10 Sgr. Opfertod der. Schauspiel in 3 A von Kotzebue. 8. 1800 40 kr. 8 Sgr. Organe, die, des GehirnS. Lustspiel in 3 A von Kotzebue. 1807. 50 kr 10 Sgr. Oronooko. Tranersp. in 5 A. 1789. 40 kr 8 Sgr. Orpheus. Große Oper in 2 A. Vorr. v. Hammer. 1817. 35 kr. 7 Sgr Othello. Trauerspiel in 5 A von Shakespeare. Für die Darstellung im k. k. Hofburgtheater eingerichtet von C A West gr. 8. geh. 1840. 80 kr. 16 Sgr. Ottavio Pinelli. Pantim. Ballet von Samengo (Vergriffen.) Padmana. Trauerspiel in 5 A. von F. A. Kanne. Mit Vorr. vom Hofrath von Hammer. 1818. 35 kr. 7 Sgr. Page» der kleine, oder daS Ttaatsgefängniß Oper in 1 A. nach dem Franz, von Sevfried 25 kr. 5 Sgr. Pagen, die, des Herzogs von Bendome. Operette in 1 A. Nach Vieux-In-koi's dramatisirter Anekdote v. Sonnleithner. 1808. 20 kr 4 Sgr. Pagenstreiche, die. Posse in 5 A von Kotzebue. '1804. 50 kr. 10 Sgr Palais und Irrenhaus. Charakterbild mit Gesang iu 2 A von Friede. Kaiser. (Wiener Theater- Repertoire Nr 99 ) 60 kr. 12 Sgr. Palmer. Oper in 3 A Nach dem Französ de» Lebrün. 1805. 35 kr. 7 Sgr. vameln fn,nviull». OumeFin in tre ntti in pro«» Fell' nvvnento 6. VoIFoni 1797. 35 kr 7 Sgr. Pamphlet, das. Lustspiel in 1 A. von Grandjran. (Wiener Theat.-Repert. Nr 1) 35 kr 7V» Sgr Papageie, die. Lustsp. in 1 A., s. Castelli Tträup- chen 5. Jahrgang Papagoy, der. Schauspiel in 3 A von A. von Kotzebue 1804. 50 kr 10 Sgr. Partei-Wueh, oder die Macht deS Glauben-. Original-Schauspiel von Ziegler gr. 8. 1839 60 kr. 12 Sgr Partei, eine ruhige. Burleske mit Gesang in 1 Act von I Wimmer. (Wnr Theat. Rep Nr 216 ) 35 kr. 7V. Sgr. Pascha, der, und sein Loh». Lustspiel in 5 A, s Feldmann Lustspiele 2. Band. Pauline. Lustsp. in 3 A. nach Florian v. Schildbach. 8. 1805. 40 kr. 8 Sgr Panline. Schauspiel in 5 A. siche Weissenthurm Schauspiele 13. Band Pedro und Ines. Deutsches Orig -Trauerspiel in 5 A von Weidmann 1771 35 kr. 7 Sgr Pelzpalattn, der, und der Kachelofen, oder der Jahrmark zu Rautenbrunn. Posse mit Ges in 3 A. v. Fr Hopp (Wr Th.-Rep. stir 6.) 50 kr 10 Sgr. Person, eine leichte. Posse mit Gesang in 3 A tb u 7 Bildern v. A. Bittner. (Wiener Theater- Repertoir Nr 144.) 60 kr. 12 Sgr Perrüökenmacher, der, und der Haarkünstler. Posse in 1 A siehe Castelli Sträußchen 13. Jahr-. Wallishauffer'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Peter and Paal. Lustspiel in 3 A. siede Castelli Sträußchen 3 Jahrgang. (Vergriffen). Peter der Große. Histor Orig.-Schausp in 5 A. von Weidmann. 1781. 35 kr. 7 Sgr ^etermännchen, das. Schauspiel mit Gesang in 4 A. Nach der Geistergeschichte von Spieß Bearb. v. HenSler. 2 Thle. 1794. 8» kr. 16 Sgr. Petschaft, da-. Orig.-Schausp. in 5 A v. Ziegler 1800. 50 kr. 10 Sgr Peyrouse, la. Schausp. in 2 A. von A v. Kotze- bue. 1809. 35 kr. 7 Sgr. Pfefferrösel, oder die Frankfurter-Mesie im Jahre 12S7. Schauspiel in 5 A non v . Birch-Pfeiffer 1833. 1 st 2tt Sgr. Phasma. heroische Oper in 2 A 1800. 35kr. 7Sgr. Phönix, der, oder die Prüfung der Herzen. Lyrische» Fest v n Weidmann 1781 35 kr 7 Sgr Physiognomie, eine unglückliche. Lustsp. in 3A. s. Weidmann Lustspiele 2. Band. Pilger, der weiße. Ballet in 3 A. von Gioja. 8. 5 kr. 1 Sgr. Pilgerin, die. Lustspiel in 5 A.» s. Weiffenthurn Schauspiele 12. Band. ?imm»Iion«. 8een» mus etrammutilÄ. 8. 1804 20 Irr 4 s^r. Pistolen» zwei, oder erschossen und lebendig. Posse mit Gesang in 2 A. von Fr. Kaiser. (Wnr. Theat.-Repert. Nr. 18.) 50 kr. 10 Sgr Pizichi. Singspiel al» 2. Theil de« Fagottisten von Perinel (vergriffen), kostest», il, sti öur^os. >IeIostr»mmL eioeoso kves'l» sti 6 linssi, dlusien sti 8 Aler< »- st»nte. 12. ek 1825 20 Irr. 4 s^r Polkwitzer, Lazarus, von Nicolsburg, oder die Landpartie nach Baden. Posse mit Gesang in 2 A. v. Fr. Hopp gr 8. 1849 75 kr. 15 Sgr. Polirena. Trauerspiel in 5 A von Vollin 1804 60 kr. 12 Sgr Porträt, daS, der Geliebten. Lustspiel in 3 A. s Feldmann Lustspiele 1 Baud PortraitS» die beiden, oder er ist schwer zu befriedigen. Nachspiel von Jünger 1804 35 kr 7 Sgr. Posse, eine, als Medizin. Orig.-Posse mit Ges. in 3 A v Fr. Kaiser 8. 1850. 75 kr. 15 Sgr. Posten, zwei. Komisches Singspiel in 3 A Nach dem Franz, von Treitschke 30 kr. 6 Sgr. Posten, der vierjährige. Singspiel in 1 A von Körner, gr. 12. Wiener Orig »Auflage 1819 25 kr 5 Sgr. Postillonstiefel, der lebendige. Zauberpantom in 2 A. von Fr. Keer». 1810 10 kr 2 Sgr Preisgedtcht» daS. S Holdein Dilettantenbübne für 1826. Preislustspiel, das. Orig »Lustspiel in 3 A von Mautner» siebe dessen Lustspiele. Prinz, der, kommt! Lustspiel in 1 A, s bastelli Sträußchen 6. Jahrgang. Proben,' die gefährlichen. Orig »Lustsp in 1 A. von L. Kremer 1806. 20 k» 4 Sgr Prophet, der. Oper in 5 A nach dem Franz de« Scribe von Rellstab Musik von Meverdrer 8. 1866. 35 kr 7'/, Sgr Proteus, der neue. Orig-Lustspiel in 4 A von Linden. 1808 50 kr r. Prozeß, der seltene. Sstiansp in 3 A. nach einer wahren Anrcdote 1802 50 kr 10 Sgr. — -— 2. Tbeil, dramatischer Gemälde in 4 A 1809 60 kr 12 Sgr Prüfung der Treue, oder die Irrungen. Lustsp. in 3 A. von Lafontaine 1806. 50 kr. 10 Sgr. Prüfung der Untreue. Lustspiel in 3 A Nach dem Französische» von F. Hassaureck. 1807 25 kr. 5 Sgr. Prüfung und Frauengeduld. Familiengemälde iu 5 Ä 1793 35 kr 7 Sgr. Puls, der. Lustspiel in 2 A. von Babo. 1809 35 kr 7 Sgr Pumpernickel, RockuS. Musikalische« Quodlide ,n 3 A. von M Stegmayer. 1811. -die Familie-(BeideTble vergriffen.) Pumpkia und Kulikan. Karikatur-Oper in 2 A von Pennet. 1808. 8 40 kr. 8 Sgr. Puppe, die, oder die kleine Schwester der Geliebten. Lustsp in 1 A, s Castelli Sträußchen 7. Jahrgang (vergriffen). Putzmacherin, die hübsche kleine, Lustsp in 1 A von Kvtzebue. 1805. 35 kr 7 Sgr. Purbaum. Dramat. Gedicht von F. Scherer gr. 8. Wien 1836 1 fl. 20 Sgr. PyramuS und Thisbe. Musikalische» Duodrama 1795 15 kr. 3 Sgr Hui z-ro uuu, oder der Mann» der Alles weiß Lustsmrl in 1 A von Guttendrrg 1803 20 kr 4 Sgr Huinto k»liiu liutilinnu Ornmm» serio in am, die falsche. Schausp in 4 A v Kotzebue 1803. 25 kr ch Sgr Schatz, der. Lustspiel in 2 A v E Leffing. 1771 25 kr 5 Sgr Schatzgräber, der. Komische Oper in 1 A Frei nach dem Französischen von Seyfried 1803 25 kr 5 Sgr Schatzgräber, der glückliche. Komisches Singspiel in 1 A von Weidmann 20 kr 4 Sgr. Schauspielernder.Lustsp in3 Aufz v Marinelli. Schauspieler, der, wider Willen. Lustspiel in 1 A von Kotzebnr. 1810 25 kr 5 Sgr. Schauspielers» des, letzte Nolle. Posse mit Ges in 3A v Fr Kaiser. 8 1851 75 kr 15 Sgr Schauspielerin, der, letzte Nolle. Siehe: Ei» Traum — kein Traum Schauspielerin, die. Lustspiel in 3 A, s Eastrlli Sträußchen 2 Jahrgang " (vergriffen) Scheidewand, die. Singspiel in 1 A Nach dem Franz von I F Eastelli 1804 20 kr 4 Sgr Scheidewand» die. Lustspiel in 1 A, s. Eastelli Sträußchen 18 Jahrgang Schetnverbrecken. Schauspiel in 5 A 1794 50 kr 10 Sgr. Scheinverdtenss. Schauspiel in 5 A von Jffland 8 1801 50 kr 10 Sgr Scherz und Gruft. Spiel in Versen von Stoll 1803 35 kr 7 Sgr Scherz, List und Nach«. Singspiel in 2 A von Göthe Musik von Winter 1800 35 kr 7 Sgr Schicksals-Brüder, die. Lustspiel in 4 A, s. Feld» mann Lustspiele 6 Band Lchtffbruch, der, oder die Geben. Lustspiel in 1 A 1789 35 kr 7 Sgr Schlacht» die, bei Fehrbellin. Schauspiel iu 5A von Kleist 1822 80 kr 12 Sgr Schlangenfest, das, in Sangora. Heroisch-kom Oper in 2 A von Hensler Musik v Wenzel Müller 1797 35 kr 7 Sgr Schlenzheim, General, und seine Familie. Schau» spiel in 4 A von Spieß, umgearbeitet von Plümike und Brömel 50 kr 10 Sgr Schmuck, der. Lustspiel in 5 Aufzügen 1779 Schmuck-Kästchen, das» oder der Weg zum Herzen. Schauspiel in 4 A von Kotzebue 1808 60 kr 12 Sgr Schneider, der, als Naturdichter» oder der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 A v Fr Kaiser 8 1851 75 kr 15 Sgr Schneider, der» und sein Sohn, oder Mittel gegen Herzwek. Lustspiel in 5 A Nach Morton 1835 8 60 kr 12 Sgr Tchueiderfamilie» eine arme. Traumgemäldr mit Ges. Tanz u Tableaur in 3 A v I Böbm (WienerTbrater-RepertoireNr 4 ) 40 kr. 8 Sgr. Tchönstein, E.» das Privat» und Haustheater 2 Tble in 1 Bd. Neue Ausgabe 1851. 35 kr 7'/, Sgr Inhalt: Das unterbrochene Duell — Der Bürgermeister. — Einen Spaß will str sich macken — Herr von Schuserl, oder die Landpartie in's Krapkenwaldel Schöpfung» die. Oratorium in drei Abtbeilungen Musis von Joseph Havdn 15 kr. 3 Sgr. Schornsteinfeger» der. Orig »Lustsp in 3 Acten von Hensler. 35 kr 7'/, Sgr Schreiner, der. Origin.-Singsp in 2 Acten 1799 20 kr. 4 Sgr Schreiner, der, Singsp. in 1 Act Nach dem Lstsp. gleich Namen» v A v Kotzebue 8. 1803 25 kr 5 Sgr Schritt, der erste. Lustsp. in 4 A, s Weissen- thurn Schausp 14 Band Schubkarn» der, deS Gssighändlers. Lustsp. in 3 A 1803. 50 kr 10 Sgr. Schuhe, die pücefarbenen, oder die schöne Schusterin. Kom Singsp in 2 A 1808 25 kr. 5 Sgr Schuld, die. Trauersp von Müllner 12. Wien (vergriffen). Schuld, gleiche. Gemälde unserer Zeit in 3 A, s Eastrlli Sträußchen 7. Jahrgang. Schuld, die» einer Frau. Drama in 3 Acten v-n E Girardin Dentsch von Mar Stein (Wnr.. Thrat Rep Nr 161) 10 Sgr oder 50 Nkr Schulden, alte. Orig-Lebensbild mit Gesang und Tanz von Friedr. Kaiser (Wnr. Lkrat Rev. Nr 184 > 60 kr 12 Sgr Schule der Alten, die. Lustsp iu 5 A Au« dem Franz übers v. I F v Mosel 1824 80 kr 16 Sgr Schule, die, der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Eharakterbild mit Ges. in 4 A v Fr Kaiser 8. 1850 75 kr 15 Sgr Sckule, die» der Frauen. Lustsp in 5 A von Molivre, frri, doch getreu übers v Kotzebue 1806 ^ 50 kr 10 Lar Schule der Freigeister. Orig.-Lustsp in 3 A von Weidmann 8 35 kr 7'/, Sgr Sckulgelrkrtr» der. Lustsp in 2 A Nach dem Engl der Mist Eowlen 1782 50 kr 10 Sgr Sckuserl» Herr von, oder die Landpartie in das Krapfenwaldel. Siede Schönstem'» Haus- tbeater Schustrrstöchter» die. Schauspiel iu 2 Aufzügen 1787 50 kr 10 Lar Schutzgrist, der. Dramatische Legende in 6 A nebst 1 A nebst 1 Vorsp v Kotzebue 1815. 60 kr 12 Sgr Schwäbin, die. Lustsp iu 1 A (s Eastrlli Sträußchen 19 Jahrgang ) (vergriffen ) Schwäbin, die. Lustsp in 1 A von I F Eastrlli Zweite Auflage. (Wnr Tbeat Rep Nr. 163) 7'/, Sgr 35 Nkr Schwäger» die. Traurrsp. in 5 A 1780 50kr lOSgr Schwätzer» der. Lustsp iu 5 A Nach Gvldoni 1806 50 kr 10 Sgr Schwätzer, der unterbrochene. Lustsp in 1 A Nach Lonnan von Eontrffa. 1809 40kr. 8 Sgr Lchweizerfamtlte» die. Lvrische Oper in 3 A. Frei nach dem Franz bearbeitet v I F Ea» strlli Fünfte Anflage 1820 40 kr 8 Sgr. Wallishaufser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Schwesterliebe. Lustsp. in 1 Act. Nach dcm Eug- lischen von Alexander Bergen. (Wr. Theat Rep Nr. 133.) 7'/, S^r. vdcr 35 Nkr Schwestern, die, von Prag. Singsp. in 2 A. nach Hafner von I Penner. Zweite Auflage. gr. 8. 1841. 60 kr. 12 Sgr Sclavin, die. Orig.-Schausp. in 1 A. von Wal- don. 35 kr. 7'/^ Sgr. Sclavin, die, in Surinam. Schausp. in 5 A. von Kratter. 1805. 35 kr. 7'/-, Sgr. Sklavin, die, und der großmüthige Seefahrer. Kom. Singsp. 1781. 1782 50 kr 10 Sgr. Scüs, Mond und Pagat. Komisches Zauberspiel in 2 A. von F. Rosenau. 8 1821.40 kr. 8 Sgr. — dasselbe, s. Rosenau. Theatralisches Allerlei. Sekretäre» die beiden. Lustsp. in 1 A v.,Anton Bittner. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 155.) 35 kr. 7'/, Sgr. Seelenadel, Schausp. in 2 A. von I. Cachö. 1805. 25 kr. 5 Sqr. Seelenwanderung, die, oder der Schauspieler wider Willen auf eine andere Manier. Schwank in 1 A. von Kotzcbue. 1816. 35 kr. 7'/, Sgr. Seeräuber, die. Trauersp. in 5 A. v. E. v. Hou- wald. 8. Leipzig. 1831. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Selbstbeherrschung» Schausp. in 5 A. v. Jffland 1810. ' 50 kr. 10 Sgr. Selbstmord, der, oder der unglückliche Lottospieler. Drama in 1 A. v. Weidmann. 20 kr. 4 Sgr. Selim, Prinz von Algier. Trauersp. in 5 A von Jünger. 8, 1804. 40 kr. 8 Sgr. 8en,Iri»i»icke. ^Ikloliiumlnu trn^ico in «ins ^tti ckel 8i^r Kv8si lm Fusion ckol 8i^r. llo88ini. 12. 1823. 35 kr. 7'/, Sgr. Semiramis, die neue. Heroisch-kom. Travestie- Oper in 3 A. von Perinet. 1805. 8. 40 kr. 8 Sgr Servus, Herr Stutzerl! Posse in 1 A. von Carl Juin und Louis Flerr. (Die Grundidee nach dem Französischen. klon Mir, lVlnimieur ?»n- talon) (Wiener Theater - Rep. Nr. 2>) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Severin von Jaroszynski, oder: DerBlauman- tel vom Trattnerhof. Genrebild mit Gesang und Tanz in 4 Acten (als Seitenstück zu »Therese KroneS«), von Earl Haffner und I. Pfnndhellrr. 12 Sgr. 60 Nkr. Shakspeare als Liebhaber. Lustsp. in 1 A., s. Kurländer Almanach 8. Jahrgang Shawl, der. Lustsp. in 1 A. von Kctzebue. 1815. 35 kr. 7'/, Sgr. Sie, der. Lustsp. in 1 A., s. Castelli Sträußchen 3. Jahrgang. Sic hilft sich selbst. Lustsp. in 4 A., s. Wcisscn- tburn schausp. 15. Bd. Sie sind zu Hause. Lustsp. in 1 A Nach De- saugierS bearbeitet. 1808. 25 kr. 5 Sgr. Singspiel, daS. Singsp. in 1 A Nach dem Franz, von Treitschke. 20 kr. 4 Sgr. Singspiel, daS, am Fenster. Kom. Oper in 1 A Nach dem Franz, v. Treitschke. 20 kr. 4 Sgr. -das, aus dem Dache. Kom. Oper in 1 A. Nach dem Franz, v Treischke. 20 kr. 4 Sgr. Sinn, leichter. Lustsp in 5 A. von Jffland. 1800. 60 kr 12 Sgr Siri Brabe» oder: Die Neugierigen. Schausp in 3 A. von Sr. Majestät Gustav dem Dritten. Könige von Schweden. Aus dem Schwedischen übers v. Gruttschreiber. 1794 40 kr. 8 Sgr Sitah Mani, oder: Carl der XII. bei Bender. Histor. Schausp. in 5 A. 1809. 40 kr. 8 Sgr So gibt es denn in der Welt gar keine Ruhe. Original-Lustsp in 2 A 1807. 30 kr. 6 Sgr. So handeln Freunde. Originalgemälde aus dem häuslichen Lebe» in 1 A. 1794. 35 kr.7'/, Sgr. So lohnt sich Kunst. Vorspiel, s Weiffenthurn Schauspiele 12 Bd. Soh«d der, auf Reisen. Lustsp. in 2 A, s. Fcld- mann Lustspiele 1. Band. Sohn, der dankbare. Ländl. Lustsp. in 1 A. von Engel. 1772. 20 kr. 4 Sgr. Sohn» der des, Giboyer. Schauspiel in 5 A. von Emil Rugier. Deutsch von M. Saphir. (Wnr. Thcat. Rep. Nr. 151.) 16 Sgr. 80 Nkr. Sohn, der natürliche. Schauspiel in 4 A. und einem Vorspiele in 1 Aufzuge von Alexander Dumas' Sohn, deutsch von P. I. Reinhard. (Wnr. Theat Rep. Nr. 44.) 12 Sgr. 60 Nkr Sohn, der verlorene. Lustsp in 3 A v. Schiuk. 1794. 50 kr. 10 Sgr. Söhne, die, des Thals» s Werner Theater 1. und 2 Band. Soldat, der im Frieden. Charakterbild mit Gesang, Tanz,. Tableaur ic. in 3 Acten von Friedr. Kaiser. (Wnr. Tbeat. Rep. Nr 146). 12 Sgr oder 60 Nkr. Soldat, der, ganz allein. Komisches Zwiscbensp in 1 A.. s Castelli Sträußchen. 13. Jabrg Soldat, der, von Cherson Lustspiel in 3 A von HenSler. 1790. 8. 35 kr. 7'/, Sgr -der Oesterrcicher in Kehl. Vorspiel in > 1 A. von HenSler. 1797. 8. 35 kr. 7'/, Sgr. Soldatenkind, das. Volksstück mit Ges u Tanz in 2 Abth. und 6 Bildern, nebst einem Vorspiele von Theodor Flamm (Wnr. Theat. Rep Nr. 156.) 60 kr. 12 Sgr Soliman vor Wien. Orig.-Trauersp. in 5 A. von Weidmann 35 kr. 7'/, Sgr Soliman der II oder die drei Sultauinnen. > Singsp. in 2 A. Nach dem Franz von F. Huber. 1807. 25 kr 5 Sgr. Sonnenjungfrau, die. Schausp iu 5 A. von Kotzebue. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Sonnet, daS. Spiel in 1 A. von Drinbardstern gr 12 1816. 35 kr 7'/. Sgr Sonnleithner I.» Taschenbuch für deutsche Schaubühnen und Liebhaberthrater. 16. 1815. br l fl. 20 kr 20 Sgr. Enthält: Der Gönner, Lustsp. in 1 A — TennierS, Lustsp in 1 A — Die Ueberraschuna. Lustsp in 1 A. — Die Zurechtweisung. Lustsp iu 1 A in Versen. — Manuela Razemba oder die Trauringe, Posse in 1 A. Sorgen ohne Roth und Roth ohne Sorgen. Lustsp in 5 A. vonKotzebue 1811.50kr. lOSgr. Spanier, die» in Peru» oder Rolla's Tod. Romantisch s Trauerkp. in 5 A von Kotzebue 1801 60 kr. 12 Sgr. Sparbüchse» die, oder der arme Candidat. Lustsp in 1 A. Wien 1808. 35 kr 7'/, Sgr. Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. (Dieses Nerzeichniß wird fortgesetzt.) Druck und Papin von Leopold Sommer in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Die Wunderkomöüie. Schwank in einem Acte frei nach dem Spanischen des Osrvantss von Dr. Spengel. Personen: Der Bürgermeister. Erster Schreiber. Zweiter Schreiber, früher Schauspieler. Frau Bürgermeisterin. Frau Schreibrrin. Ein Dienstmädchen. Menelau», Sprusippu», Lin zehnjähriger Knabe, Sohn de» Meuelau». Erster Bauer. Zweiter Bauer. Dritter Bauer. Vierter Bauer. Andere Bauern. ) Mitglieder einer wandernden j Schauspielergesellschast. Die Handlung spielt in einem kleinen Städtchen im Bureauzimmer del Bürgermeister». Erste Scene. Der Bürgermeister, ein sehr wohlbeleibter Mann, fitzt vor einem Schreibtische in einem Lehnstuhl in der Mitte der Bühne und vertreibt stch dir Zeit, indem er bald an einer Feder kaut, Theat«-Rtp«rtoin Ni >14. bald die Uhr auszieht, bald den Kopf auf den Arm stützt, die Hände auf den Bauch legt u. dgl- Link» von ihm. mehr im Hintergründe, fitzen dir beiden Schreiber vor hohen Aktenstößen und schreiben. An der Wand recht» steht eine leere hölzerne Bank. 2 Zweiter Schreiber (hält inne und sieht aus die Wanduhr; bei Seite zum ersten Schreiber). Noch immer nicht Mittag! Erster Schreiber (stotternd zum zweiten). Es da—dauert sehr lange. Zw. Schr. (zum ersten). Und keine Minute schenkt er her, der Geizhals. Freilich, der Herr Bürgermeister macht sich's leicht. Er sitzt im Lehnstuhl und hält sich den Bauch, während wir uns die Finger wund schreiben. Erst. Schr. Bitte, nicht so laut, Herr Collega. Ich bin ganz Ihrer Ansicht, der Herr Bürgermeister scheinen hie und da gar nichts zu thun. Zw. Schr. Scheinen! Ja, es scheint nur so, denn in Wahrheit hat er immer genug zu thun, wenn er sich selber trägt. Erst. Schr. Bitte, Herr Collega, seien Sie ruhig, wir könnten uns in Unannehmlichkeiten Hineinreden. Zw. Schr. Ich sage ja nichts mehr und wundere mich auch gar nicht, wenn der Herr Bürgermeister gerne aus seinem Bureau sitzt. Er ruht ja hier aus von seiner Teufelsplage, von seiner Frau. Erst. Schr. So? leben die beiden Ga— Ga—Gatten nicht in Frieden? Zw. Schr. Hie und da, wenn einige Meilen zwischen ihnen sind; sonst aber gewöhnlich wie Hund und Katze. Erst Schr. (indem er die Hände faltet). Du guter Gott, wie danke ich Dir, daß meine Frau sa—sa—sabanft ist wie ein Täubchen! Zw. Schr. Es wird auch der Tauberer darnach sein. Erst. Schr. Ja, Gott sei Dank, ich bin von verträglicher Gemüthsart. Zw. Schr. Der Herr Collega reicht wahrscheinlich auch die linke Wange hin, wenn ihn Jemand auf die rechte schlägt? Erst. Schr. Das gerade nicht, aber — — ich mache mich aus dem Staube. Zw. Schr. Ich wollte, ich könnte mich auch aaS dem Staube machen, aus dem Staube dieser vermaledeiten Acten! (Erschlägt mit der Faust kräftig auf die Acten.) Bürgerm, (blickt langsam um). Was gebt hier vor? Zw. Schr. (zum Bürgerm.). Nichts, gar nichts. Ich blase nur den Staub etwas ab. (Er bläst, bei Seite zum ersten Schr.) Bei uns geht nie etwas vor-, sondern Alles rückwärts. Erst. Schr. (der ängstlich sortschrieb, als der Bürgermeister umblickte, zum zweiten). Ich bitte Sie fußfällig, Herr Collega, schweigen Sie, Sie bringen mich um meine Stelle. Zw. Schr. Ich schweige wie das Grab. (Beide schreiben fort.) Zw. Schr. (hält nach einer Weile inne; für sich) Haha! Das paßt mir ganz angemessen. (Er lieSt auS denjActen und schreibt zugleich nieder) -sowie in Anschlag zu bringen, daß besagter Hinterhuber-besagter Hinterhuber -übel beleumundet ist, im Geschäfte die Hand in den Schooß legt und die Arbeit seinen Genossen überläßt, nichtsdestoweniger aber den Gewinn sich allein zuzuwenden versteht. — (Er steht auf uud tritt zum Bürgermeister.) Da sehen Euer Gnaden, was für schlechte Leute es in der Welt gibt. Besagter Hinterhuber überläßt die Arbeit Anderen und legt die Hände in deu Schooß und nichtsdestoweniger weiß er den Gewinn sich allein zuzuwenden Miserabler Halunke! Bürgerin. Ganz wohl. Aber bedenke Er, daß Er hier nicht Anmerkungen zu machen hat, sondern zu schreiben, respective zu ropiren. Zw. Schr. Euer Gnaden, ich vergaß — Bürgerm. Künftig vergesse Er nicht mehr. Zw. Schr. Ich werde nicht mehr vergessen - (bei Seite) daß der Herr Bürgermeister das Pulver nicht erfunden hat. (Er setzt sich wieder. Man klopft) Bürgerm. Herrin! 3 Zweite Scene. Mellelaus, Speusippus und Knabe treten ein und machen nach allen Seiten demüthige Verbeugungen. SpeufippuS trägt drei zusammenhängende, mit färbigem Tuch überhängte Stangen, welche aufgerichtet, zwei senkrecht und die dritte darüber wagrecht, nothdürftig die Vorderseite eines Theaters ohne Vorhang vorstellen Der Knabe trägt mittelst eine- Stockes ein Reisebündel auf dem Rücken. Vorige. Menel. Erlauchte Herren, unterthänig- fter Knecht! Speusip. Euer ' Gnaden ergebenster Diener! Ergebenster Diener! Zw.^Schr. (für sich). Beim Henker! Das sind ja meine ehemaligen Kunstgenossen, die Schauspielergesellschaft, der ich durchgebrannt bin. Ich werde mich mit den Ac- tenvergraben,verbarrikadiren. (Er stellt Acten herum und verbirgt sich, sorgfältig schreibend.) Speusip. Mit Verlaub! Welchen der Herren habe ich die Ehre als den hochgeehrten Herrn Bürgermeister anzureden? Bürgern«. Ich bin der Bürgermeister. Was wollt Ihr? Speusip. O ich miserabler Tropf! Wenn ich nur ein Quintchen Verstand gehabt hätte, so hätte ich auf den ersten Blick erkennen müssen, daß dieses imponirende Wesen und diese pastetische Gestalt — Menel. (corrigirend). Pathetische, pathetische. Speusip. Pathetische Gestalt niemand Anderem gehören könne als Seiner Gnaden dem Herrn Bürgermeister. Bürgerin. Habt Ihr eine Bitte? Speusip. Ja, wir wollten gebeten haben — Bürgerm, (bedeutet ihnen aus der Seitenbank Platz zu nehmen). Warten! Menel. (zum Bürgermeister). Wir wünschen nur — Bürgerm, (wie oben). Warten! (Mene- laus, SpeufippuS und der Knabe nehmen auf der Bank Platz.) Menel. (zu SpeufippuS). Warten! Speusip. (zu Menelaus). Warten! Menel. (zu Speusippus). Schadet nichts. Ich warte gerne, wenn ich nur meine Rache finde Und diese muß mir werden. O Speusippus, Du langjähriger Genosse meiner Künstlerlaufbahn, wer hätte das gedacht, daß ich noch einmal meine eigene Frau in Anklagezustand versetzen müßte, daß sie, die einzige Repräsentantin aller weiblichen Rollen unseres Theaters vom zarten Mädchen bis zum greisen Mütterchen, sie uns verlassen und Reißaus nehmen würde! Aber Rache, Rache, ihr und noch mehr dem Schändlichen, der sie dazu verleitet, dem nichtswürdigen Betrüger. — Es muß doch ein sehr dummer Teufel sein. Dnrchzugehen mit einer zweiunddreißigjährigen sechsmonatlichen Frau! Etwas Besseres hätte er leicht thun können. Leider sind wir dadurch auf's Trockene gesetzt. Wer soll jetzt die weiblichen Rollen spielen? Willst Du sie übernehmen? Vor drei Monaten erst hat uns Fritz, unser erster Liebhaber, Lampen- Putzer und Heldentenor, verlassen und das wenige Geld, das wir gesammelt hatten, aus Versehen mitgenommen, jetzt geht auch noch meine Frau durch. Es ist himmelschreiend ! Speusip. (zu Menelaus). Tröste Dich, mein Bester. Eine Schauspielerin werden wir bald wiederfinden und einstweilen lassen wir die weiblichen Rollen fort. Aufrichtig gesagt, ich würde Dir nicht einmal rathen, die Sachen dem Bürgermeister anzuzeigen. Denn wenn sie herbeigeschafft wird, mußt Du sie wieder haben. Wie Mancher wäre froh, wenn ihm seine Frau abhanden käme! Menel. Freund! — Du sprichst ein großes Wort gelassen aus. Wir lassen sie laufen. Prosit dem, der sie mitgenommen! Wir lassen sie laufen. 1 * 4 Knabe (zu MenelauS). Nein, ich will meine Mutter wieder haben. Menel. (zum Knaben). Wenn Du brav bist, bekommst Du eine andere. Knabe. Ich will aber die nämliche. Menel. Die hast Tu jetzt lang genug gehabt. Wenn Du nicht ruhig bist- (Er droht ihm, der Knabe macht Geberden des Unwillens; zu SpeufippuS). Wir lassen sie lau- fen. Speusip. (zu Menelaus). Ja. — Also werden wir den Herrn Bürgermeister nur um die Erlaubniß bitten, hier spielen zu dürfen. Menel. Es mag eine schöne Komödie werden ohne Frauensperson. Aber es muß gehen. Ich spreche einen Prolog, daß wir in Anbetracht und in Berücksichtigung des verderbenden Geschmackes, welcher durch die häufige Darstellung von Liebschaften dem Publicum, namentlich des zarteren Alters, zu erwachsen pflege, dießmal ein Schauspiel ohne Liebschaft und Careffen, ganz nach alt- classischem Muster mit möglichst wenigen Personen aufzuführen uns die Ehre zu geben das Vergnügen haben — und wenn alle Stricke reißen, spielen wir »die Wunderkomödie*. Speusip. (lachend). Die Wunderkomödie! Um sich damit prellen zu lasse«, müssen die Leute freilich sehr dumm sein. Menel. Allerdings. Speusip. (unwillig). Ich bin nur begierig, wie lange wir noch warten müssen- Menel. Der Mensch hält ja nur Maulaffen feil und läßt uns zum Vergnügen fitzen. Speusip. Ich will eS wieder probiren. (Er steht aus.) Menel. (zu SpeufippuS). Tu mußt Dich möglichst einfältig stellen. Das schmeichelt solchen Leuten von wegen der Wahlverwandtschaft. Speusip. (tritt zum Bürgermeister). Wenn wir vielleicht tue Gnade haben könnten — Bürgerm. Warten! Speusip. (setzt sich wieder aus die Bank; zu Menelaus). Warten! Menel. (zu SpeufippuS). Warten! — (Kleine Pause.) Knabe (zu MenelauS). Vater! Warum ist denn der Mann so dick? Menel. (zum Knaben). DaS weiß ich nicht. DaS mußt Du ihn selber fragen. Wahrscheinlich geht es ihm nicht schlecht. Knabe. Der muß aber viel essen. Den könnten wir nicht brauchen. Nicht wahr, Vater? Menel. Da hast Du Recht, der fräße uns Alle auf. Wenn ich ihn als Marquis Posa umarmen sollte, brächte ich eS ohne Verlängerung meiner Arme nicht zu Stande. Knabe. Vater! Wenn wir wieder auf die Welt kommen, werden wir auch zwei Bürgermeister. Menel. Ja, das thun wir. Knabe (den Bürgermeister nachäffmd). So sitzt er da! Menel. Brav, Junge! ES steckt Schau- spielcrblut in Dir. Aus Dir kann einmal etwas werden. Dein Ruhm kann die Sonne verdunkeln. Nur hüte Dich, daß Du deinen Vater bei seinen Lebzeiten nicht überflügelst, sonst-prügle ich Dich nach Noten. Knabe. Vater, Du hast selbst oft gesagt, zum Prügeln gehören Zwei, Einer der prügelt, und Einer, der sich prügeln läßt. Menel. Jetzt hast Du wieder Recht. Knabe (aus den zweiten Schreiber deutend, welcher mehrmals heimlich nach dm Schauspielerv geblickt hat). Vater! der Schreiber dort steht gerade so aus wie unser Fritz. Menel. Meiner Seele! ES rst unser Tenor, Dramaturg und Lampenputzer. Er will nickt erkannt sein; dämm versteckt er sich so Der hat nickt im Sinne, mir mein Geld wiederzugeben. Speusip. Potz Blitz! Es ist der Fritz! (ES schlägt ir Uhr ) Bürgerm, (steht auf; zu dm Schreibern) Die Bureauzeit ist auS. (Zu dm Schauspielern welche aufstehm.) Meine lieben Leute, Jhl s müßt ein ander Mal wieder kommen. Wir haben jetzt keine Zeit mehr. Wir müssen zu Tische gehen. Menel. (zum Bürgermeister). Euer Gnaden, Herr Bürgermeister- Bürgerm. Wer seidJhr denn eigentlich? Menel. Wenn es Euer Gnaden nicht übel nehmen, bin ich der halbe Direktor unseres Theaters Die andere Hälfte steht hier und schreibt sich Speusippus. Bürgerm, (lachend). Ein seltsamer Name, respektive sehr lächerlich! Speusip. (zum Bürgermeister). EuerGna- den, Speusippus war ein sehr berühmter Philosoph deS Alterthums, dem ich nach Kräften nachzustreben bemüht bin. Dürgerm. Ich habe doch auch meine Humaniora studirt, aber GpeipsippuS ist mir meinen Lebtag nicht vorgekommen. Erster Schr. Haba! GpeipsippuS! (tzr spuckt mehrmals au« ) SpeisippuS. (Ebenso) Speusip. (zum ersten Schreiber). Speusippus, wenn eS beliebt! Dürgerm. (zuMen,lau«). Und Er nennt sich? Menel. MenelauS. Bürgerm. Haha! Erst. Schr. (lachend). Me—me—me- menelauS! Bürgerm. MenelauS war ja jener berühmte Feldherr, der die Schlacht bei Philipp! gewann, respektive, wenn ich nicht irre, bei Salamis. Menel. Ganz richtig, die Salami« schlacht. Euer Gnaden sind ein sehr belesener und sehr beschriebener Mann. (Heimlich zu Speusippus.) Da können wir noch dicker auftragen. Der merkt nichts. Dürgerm. Ja, in den Wissenschaften habe ich immer meinen Mann gestellt. Ich wundere mich nur über mich, respektive mein Gedächtniß, denn man vergißt viel mit der Zeit und eS ist schon lange her, seit wir auf der Universität studirten. Speusip. (heimlich zu Menelaus). Respektive nicht studirten. Dürgerm. (zum Knaben). .Und der Kleine? (MenelauS führt den Knaben am Ohre vor.) Kuabe. Mich nennt der Vater immer daS Meneläuschen wegen noch nicht vollständig entwickelter LeibeSconstitution. Aber der Vater sagt, ich solle nur wachsen, Jahr ein Jahr aus, so werde ich zuletzt auch noch eine MenelauS. (Bürgermeister und erster Schreiber lachen wieder laut.) Bürgerm, (zum Knaben). Wo ist denn deine Mutter? Knabe. Sic ist uns durchgegangen. Menel. (zum Bürgermeister). Ei bewahre! Euer Gnaden werden doch daS nicht glauben. Sie ist im letzten Dorfe zurückgeblieben, weil sie noch nothwendigc Dinge zu besorgen hat. Sie wird heute noch Nachkommen. Da meint der Junge, sie sei uns durchgegangen. O Du liebe Einfalt! (Lr macht dem Knaben heimlich eine Faust ) Speusip. (zum Bürgermeister). Euer Gnaden sind ganz nachdcnkend geworden. Euer Gnaden werden uns doch nicht böse sein? Bürgerm, (welcher zum Himmel blickt, nach einer Pause). Wenn meine Frau einmal durchgehen wollte! — (Zu den Schauspielern.) Also was wollt Ihr? Wahrscheinlich in unserem Städtchen spielen? Speusip. Ja. Der Ruf von Eurer Gnaden Weisheit und Güte hat unS wie ein Magnet angezogen. Herr Bürgermeister sind ja meilenweit bekannt und ungemein beliebt. Bürgerm. Ich leugne nicht, daß ich mich großer Bekanntschaft, respektive ungemeiner Beliebtheit erfreue. Speusip. Im Vertrauen auf diese ungemeine Beleibtheit- Menel. (corrigirend). Beliebtheit! (Er zieht den Speusippus am Rockflügel weg und stellt sich vor ihn ) Geh' weg. Du machst unS nur Schande. (Zum Bürgermeister.) Mein Col- ege Speusippus will immer daS Richtige agen- 6 Speusip. (demüthig). 3a. Menel. Aber er trifft es in der Regel . nicht. ' Speusip. (ebenso). Nein. ! Bürgerin. Das schadet nichts. Mein ! Schreiber hier ist in dem nämlichen Fall; er verwechselt auch oft die Docale. Erst. Schr. Und die Ca—Consonanten auch. Bürgerm, (dem Schreiber auf die Schulter klopfend). Und doch ist er ein sehr brauchbarer und amtsbeflissener Mann und lebt mit seiner Frau noch heute friedlich und zärtlich wie im Brautstande. Erst. Schr. Wie im Stautbrande — (sich corrigirend) Bautstrande — Straut- sande — Saustande — Bürgerm, (zum Schreiber). Genug, genug! Wir wissen es schon. (Zu den Schauspielern.) Die Erlaubniß in der Stadt zu spielen ist Euch ertheilt und ich wünsche, daß Ihr recht viele Zuschauer bekommen möget. Menel. Möge Euer Gnaden dafür Glück und Segen werden! Speusip. (zum Bürgermeister). Möge eure Frau Gemalin tausend Jahre leben! Bürgerm. Ist nicht nöthig, ist nicht nöthig. Speusip. Der Herr Bürgermeister sind wahrscheinlich nicht verheiratet. Bürgerm. Nur zu sehr. Speusip. Mögen Euer Gnaden alle Wünsche in Erfüllung gehen! Menel. (tritt zur Seite, heimlich zu Speu- sivpus). Wir wollen ihn neugierig machen auf die Wunderkomödie. Vor dem können wir sie spielen, der ist dumm genug dazu. Bürgerm, (zu Menelaus). ^ xropos. Erst. Schr. (zu Menelaus). ^ poxo- poxo. Menel. (zum Bürgermeister). Zu Befehl, erlauchte Herren! Bürgerin. Was für ein Stück wollt Ihr denn aufführen! Menel. Die Wunderkomödie. Bürgerm. Die Wunderkomödie! Was ist der Inhalt? Menel. Verschiedenes, Löwen und Tiger, Krokodile, Hyacinthen, Elephanten, Korallen, schöne Mädchen, Lieb' und Eifersucht, Mord und Todtschlag. Ich kann das Alles leider nicht so genau erklären, denn es geht Alles auf wunderbare Weise zu, auf höchst wunderbare Weise. Bürgerm. Ei! Erst. Schr. Saperment! Saperment! Bürgerm. Und die Handlung? Menel. Die Handlung besteht darin, daß es eigentlich keine Handlung ist. Das ist eben das Wunderbare. Erst. Schr. O Du heiliger Blasius! Bürgerin. Es muß ein sonderbares Stück sein. Ihr macht mich sehr neugierig. Wollt Ihr uns die Komödie, respective ein kleines Pröbchen daraus Vorspielen, so soll es nicht zu eurem Schaden sein. Menel. Wir sind Euer Gnaden unter- thänigste Diener, nur bitten wir zu bedenken, daß dieß mit bedeutenden Schwierigkeiten verbunden ist. Es ist leichter, unsere Wunderkomödie zu spielen, als sie zu sehen. Bürgerm. Das sind ja lauter Räthsel, respective Geheimnisse. Menel. Allerdings. Speusip. (zu Menelaus). Laß mich es sagen. (Zum Bürgermeister.) Das ist nämlich so, meine Herren, die Personen, welche auf- treten, treten eigentlich nicht auf, und wenn sie ablreten, treten sie eigentlich nicht ab, sondern es ist nur ein scheinbarer Auftritt - und nur ein scheinbarer Abtritt und viele i Leute sehen gar nichts von dem, was sic > sehen. Menel. (den Speusippus wegziehend). Laß mich reden. (Zum Bürgermeister, indem er fick - die Hände reibt.) Um Alles nach Gebühr auseinanderzusetzen, muß ich bemerken, daß , unsere Komödie so zu sagen auf übernatürliche Weise vor sich geht. In unserer Ge- t sellschaft befindet sich nämlich die Perle der weiblichen Schönheit, deren Ruhm sich bis an den Indus und Gauges, über alle Meere ! und Welttheile erstreckt, die reizende Rosamunde mit den Rosenfinzern, die den hoch- 7 zuverehrenden Anwesenden jedenfalls vom Hörensagen bekannt sein wirv. (Der Bürgermeister und der erste Schreiber schütteln den Kops. Mrnelau- fährt ohne Unterbrechung fort.) Denn jeder Gebildete Europa's weiß von ihr und in allen feinen Kreisen gilt es bereits als Zeichen der Ignoranz, ihren Namen nicht zu kennen. Ich zweifle daher nicht, daß ihr Ruhm auch zu den lang« und hochgelehrten Ohren der Titel Anwesenden gelangt sein wird, insbesondere des vielweisen Herrn Bürgermeisters. Bürgerm. Im Allgemeinen allerdings Erst. Schr. Ja, im Allgemeinen. Bürgerm. Wenn sie so schön ist, so bringt sie nur gleich hiehcr und laßt uns nicht lange warten. (Für sich.) Denn dann läßt mich meine Alte ohnehin nicht in's Theater gehen. Menel. Ich wiederhole, daß die Darstellung mit Bedingungen verknüpft ist. Rosamunde steht nämlich unter dem Einflüsse des mächtigen Zauberers Tiritariti- tatschi, der sie aus Neid den Blicken der Welt entziehen wollte und für alle unsichtbar machte, über die er Gewalt hat. Denn wie Cicero im ersten Capitel des Homer zu Horatius sagt, eS geschehen mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als eure Schulweisheit sich träumen läßt, Horatio. Rosamunde ist geboren an dem Tage der unschuldigen Kindlein, ihre Mutter starb schon mehrere Jahre vor ihrer Geburt, ihr Vater und endlich auch ihr heißgeliebter Gatte erlagen der Macht des Zauberers. (Der erste Schreiber tritt erschrocken zurück und bekreuzt sich.) Sie aber ist selbst im Witwenstande noch das Musterbild der ehelichen Treue und keiner List des Zauberers gelingt es, sie ihrem einstigen Gatten untreu zu machen. Darum hat der Zauberer auch keine Gewalt über diejenigen, welche selbst der ehelichen Treue anhangen, und für diese ist Resamunde sichtbar in ihrer ganzen Glorie. Wer sich jedoch des GegentheilS bewußt ist, Ehefrauen zum Beispiel, die es mit der Pflicht der Treue nicht genau nehmen, die sehen nichts, weder von ihr noch von den Dingen, die um sie Vorgehen, nichts, nicht den Schein einer blaffen Idee, noch die Idee eines blaffen Schein's. Bürgerm. Nur die Ehefrauen? Oder solche Ehemänner auch? Menel. (lächelnd). Die Ehemänner auch. Bürgerm. Ich frage nicht etwa- Menel. Wir sind überzeugt, Euer Gnaden, wir find überzeugt. Bürgerm. Ich meinerseits bin sehr begierig, die Komödie zu sehen, und ich denke, meine beiden Schreiber- Erst. Schr. Wenn es für das Seelenheil nicht nachtheilig ist — Menel. Nicht im Geringsten. Erst. Schr. Wenn nicht geschossen wird und auch sonst nichts losgeht, kein Feuerwerk, keine Höllenma—Maschine — Menel. Es geht so ruhig zu, als ob gar nicht gespielt würde. Erst. Sckr. In Gottes Namen! Was die Bedingungen betrifft, habe ich ein gutes Ga—Gewissen. Ich sehe außer meiner Frau nie ein weibliches Wesen an und noch weniger mich eine. Speusip. (zum zweiten Schreiber, dem er unterdessen sich genähert hat und von verschiedenen Seiten in'- Gesicht zu sehen versuchte, worauf jener sich immer nach der entgegengesetzten Seite abwendete und irgendwie beschäftigte). Der Herr Collega wird uns doch auch die Ehre geben? Zw. Schr. (tritt entschlossen hinzu). Mit Vergnügen. Speusip. (zum zweiten Schreiber). Der gnädige Herr hat eine merkwürdige Ähnlichkeit mit einem ehemaligen Mitglied« unserer Gesellschaft, das wir den lustigen Fritz zu nennen pflegten. Zw. Schr. (erzürnt). Was? Speusip. (zum zweiten Schreiber) Ich bitte mich nicht mißzuverstehen. Ich sage nicht, daß ich den gnädigen Herrn dafür gehalten habe. Ei bewahre! Das wäre ja unmöglick, der gnädige Herr ist ein ganz anständiger und respektabler Mann, unser 8 Fritz war ein durchtriebenes Subject, ein Strick, ein- Zw. Schr. Meinetwegen war er, was er will. Was geht das mich an? Speusip. Ich bitte sehr um Entschuldigung. Ich sage nur, daß mich eine flüchtige Aehnlichkeit daran erinnerte. Ich dachte, vielleicht ein Verwandter. Zw. Schr. Ich danke für solche Verwandtschaft. Speusip. (bei Seite). Spitzbube! Bürgerm, (zu den Schauspielern). Also anfangen! Zw. Schr. (zu SpeusippuS). Anfängen, Herr Speupatzippus! Speusip. SpeusippuS, muß ich bitten! Zw. Schr. (zu MenelauS). Anfängen, Herr Mcnefloh! Menel. MenelauS ist mein Name. Zw. Schr. MenelauS oder Menefloh! Meinetwegen Mcnewanze! Fangen Sie nur einmal an. Wir wollen zu Tische, wir haben Hunger. Menel. Ich bin bereit. Nur Eines müssen wir vorher erledigen. Umsonst ist der Tod — nnd der kostet das Leben. Speusip. (welcher unterdessen aus einem Reisebündel einen zinnernen Teller mit darauflie- gendrr zusammengefalteter Serviette genommen hat, gibt denselben dem Knaben und spricht heimlich zu ihm). Beim Niedrigsten anfangen! Wenn er einen oder zwei Groschen zahlt, schnell auf die Seite schaffen und statt dessen diesen blanken Thaler hinlegen! (Er gibt ihm einen Thaler.) Auf die Serviette, damit es der Nächste sieht und Schanden halber nicht weniger geben kann. Knabe (zu SpeusippuS heimlich). Das weiß ich schon lange, das bleierne Thalerstück! Zw. Schr. (für sich). Aha, jetzt geht's an's Zahlen. Da muß ich vor Allem meine Börse in Sicherheit bringen. (Er nimmt die- selbe aus der Hosentasche und läßt sie in den Rockärmel fallen, weshalb er diesen Arm im Folgenden erhöht hält, damit sie nicht herausfalle. Der Knabe nähert sich ihm mit dem Teller und macht eine Verbeugung. Zum Knaben.) Q ja. Ich verehre und beschütze die dramatische Kunst. Ich stelle den ganzen Inhalt meiner Börse zur Verfügung. (Er sucht in den Hosen- und Westentaschen und wendet dieselben um.) 3ch bin in Verlegenheit. Sollte ich gerade heute meine Börse zu Hause gelassen haben? Erst. Schr. (zum zweiten). Herr Collega kauften sich doch heute morgen noch Ci— Cigarren, als ich Ihnen begegnete, und wir gingen zusammen in's Bureau. Damals hatten Sie die Börse noch. Zw. Sckr. (zum ersten). Sie wünschen wohl eine von den Cigarren, weil Sie diese Anspielung machen? (Er präsentirt ihm Li- garren.) Sehr gute Qualität! Stinkadores Numero Drei! (Der erste Schreiber lehnt ab ) Aber Sie haben Recht. Ich kaufte mir doch heute morgen erst Ci—Cigarren, als Sie mir begegneten, und wir gingen zusammen in's Bureau. Damals hatte ich die Börse noch. Und jetzt habe ich sie nicht mehr. (Dem ersten Schreiber fest in's Gesicht sehend.) Sie werden sie mir doch nicht gestohlen haben? E r st. Schr. (entrüstet). Pah! Zw. Schr. (findet während deS Suchen- noch eine Münze). Hier ist eine Münze. (Er legt sie aus den Teller. Für sich.) Ein Pfennig! Davon können sie fett werden. (Der Knabe macht viele Komplimente zum Danke, als ob er sehr viel erhalten hätte. Für sich.) Für einen Pfennig sehr viele Complimente! (Der Knabe legt den Thaler an die Stelle de- Pfennigs auf die Serviette. Für sich.) Ah so! Jetzt kommt das Kunststück mit dem bleiernen Thaler. — Gemeiner Kerl! — Ich habe es auch oft gemacht. (Er bringt die Börse wieder in die Rocktasche.) Komm' hervor auS deiner hohlen Gaffe, die Gefahr ist vorüber. (Der Knabe nähert sich dem ersten Schreiber und hält den Teller vor) Erst. Schr. (erschreckt- Für sich.) Einen Thaler! Mein Collega, der nie Geld hat, einen Thaler! Was soll dann der erste Schreiber geben, wenn der zweite schon einen Thaler gibt? Er spottet immer über meine Sparsamkeit und will mich vor dem 9 Bürgermeister zu Schanden machen. Aber es soll ihm nicht gelingen. Lieber drei Tage nichts zu essen, als mich von ihm beschämen lassen! Bezahlt er einen Thaler, so bezahle ich zwei. (Er legt zwei Thaler aus die Serviette. Der Knabe dankt ebenso und tritt zum Bürgermeister.) Bürgerin, (erstaunt. Für sich). Einen Thaler, zwei Thaler für solch' eine Lumperei! Wo haben meine Sckreiber das Geld her. wenn sie es mir nicht stehlen? Oder ist es Malice? Wollen sie mich in Verlegenheit bringen, weil sie wissen, daß ich selten viel Geld bei mir fübre? Ja, ja, sie wollen zeigen, daß der Abstand von ihnen zum Bürgermeister kein sehr großer sei. Ick habe längst ihren Hochmuth bemerkt. Sie könnten sich verrechnet haben. (Laut ) Der Abstand ist sehr groß, respective unermeßlich. — Zwei Ducaten! (Er legt zwei Duca- teu auf den Teller. Der Knabe zeigt eS, vor Freude zappelnd, Menelaus und SpcusippuS.) Speusip. Zwei Ducaten! Mich trifft der Schlag. Menel. Zwei Ducaten! Jetzt wollen wir spielen wie die Götter. Dritte Scene. Frau Schreiberin tritt auf. Vorige. Fr. Schr. (im Kommen). Aber, Herr Bürgermeister, was recht ist, ist recht und was zu viel ist, ist zu viel. Jetzt ist eS halb ein Uhr und mein Mann ist noch nicht zu Hause. Er wird sich bei Ihnen noch zum Krüppel schreiben und wer muß es dann entgelten? Wer anders als ich? Bürgerm, (zur Frau Schreiberin). Seisie ruhig, Frau Schreiberin, er wird sich nicht zum Krüppel schreiben. Wir sind im Be- griffe, die Wunderkomödie anzusehen und wenn die Frau Schreiberin Lust hat, kann sie theilnehmen, respective sich beplatzen. (Die Frau Schreiberin spricht erstaunt mit dem ersten Schreib er, der sie durch Geber den setzen heißt, waS sie endlich thut.) Vierte Scene. Dienstmädchen tritt auf. Vorige. Dienstm. (zum Bürgermeister). Gnädiger Herr! Die gnädige Frau läßt Ihnen sagen, Sic sollen endlich einmal zum Mittagessen kommen, die Gans steht schon auf dem Tische! Bürgerm. Meine Frau steht auf dem Tische? Dienstm. Nein, die Gans, die gebratene Gans. Ich soll der gnädigen Frau sagen- Bürgerm, (unterbrechend). Marsch! Geh nach Hause, Du Gans, und sag' der Gans, sie soll die Gans bei Seite stellen. Dienstm. (drohend). Das werde ich lagen! (Ab.) Fünfte Scene. Vorige ohne das Dienstm. (Die Schauspieler haben unterdessen die drei mit färbigem Zeug behängten Stangen in der Form der Vorderseite eines Theater- ausgerichtet und zwar in einiger Entfernung vom Hintergründe, so daß die Thür des Hintergrundes in die Mitte zu stehen kommt. Der Bürgermeister und der zweite Schreiber nehmen auf den Stühlen der einen Seite, der erste Schreiber und die Frau Schreiberin auf der andern Seite Platz. Die Tische sind von den Schauspielern bei Seite gerückt SeusippuS hält die eine Seitenstange deS Wandertheaters, der Knabe die andere. MenelauS bleibt vor demselben stehen.) Menel. Bevor ich beginne, erlaube ich mir noch einmal die Herrschaften auf die Eigenschaften aufmerksam zu machen, welche die Zuschauer der Wunderkomödie haben müssen. Wer selbst ein Jünger der ehelichen Treue ist, für den ist Rosamunde in ihrer ganzen Glorie sichtbar. Wer aber des Ge- gentheils sich bewußt ist, eine Ehefrau zum Beispiel, die eine von jenen ist-— Bürgerin, und die beiden Schreib, (bestätigend). Eine von Jenen, eine von Jenen! 10 Menel. Eine von Jenen, die es mit der Treue nicht sehr genau nehmen, die sieht nichts, gar nichts, nickt den Schein einer blaffen Idee, nicht die Idee eines blassen Scheines. Bürg erm. (zur Frau Schreiberin). Also Frau Schreiberin, wenn sie Ei ne von Jenen sein sollte, was Gott verhüte, so sieht sie nichts von der ganzen Komödie. Frau Schr. Ich Eine von Jenen! Gott sieh' mir bei! (Zum ersten Schreiber, liebkosend.) Mein lieber Mann, was sagst Du? Ich Eine von Jenen! Wenn das die Bedingung ist, so sehe ich Alles bis auf's kleinste Härlein. Erster Schr. (sie liebkosend). Jch glaub's, ich glaub's. Du warst ja immer meine gute treue Therese. Frau Schr. (ebenso). Und Du mein lieber Nepomuk. Bürgerm, (zu Beiden). Gut, gut! Mit Gottes Hilfe hoffen wir es Alle zu sehen. Menel. (nimmt einen freistehenden Stuhl und stellt ihn vor das Wandertheater). Auf diesem Stuhl wird Rosamunde Platz nehmen und ihn durch einen Zauberschlag in den herrlichsten Thronsessel verwandeln. Löwen und Tieger, Krokodile und Schlangen werden zur Rechten und Linken erscheinen, denn sobald sie winkt mit dem Rosenfinger, ist die ganze Natur ihr unterthan, die Geschöpfe der Erde kommen und gehen auf ihren Befehl. Knabe (zu Speufippus laut). Aber der Pater lügt! Bürgerm, (zu Mrmlaus). Was? Was sagt der Kleine? Menel. Ja der Kleine, ein sehr lieber Kleiner; ist noch nicht 10 Jahre alt und verspricht schon ein großer Schauspieler zu werden. Bürgerm. Er sagte: »DerVater lügt.« Menel. Ja wohl, er hat auch ganz Recht. Nämlich der Vater der Rosamunde. Sie wird auf diesem Stuhle sitzen, wie ich soeben zu erklären die Ehre hatte, aber ihr Vater liegt, liegt hier zu ihren Füeßn, von dem mächtigen Zauberer überwunden. Alles das wird sich später zeigen. Belieben die Herrschaften nur aufzumerken. (Zum Knaben.) Uebrigens sei ruhig, Du Knirps, und sprich nicht mehr dazwischen, daß Du mich nicht irre machst. (Der Knabe hält die Hand vor den Mund.) Bürgerm. Ja so, das ist etwas Anderes. Laß er nur schnell Rosamunde holen, das Andere schenke ich ihm Alles. Menel. Es soll geschehen. (Feierlich.) O Du, der Du die das den Menschen unerklärliche Wandertheater hervorbringende Kraft besitzest, hervorstechender Zauberer Tiritarititatschi, laß den hier versammelten nach Stand und Würden zu verehrende« Anwesenden etwas von deinen wundersamen, bewunderungswürdigen und wundervollen Wundern schauen, o komm, Rosamunde, Du unwiderstehliche, roscnfingerige, rosenarmige, rosenmundige und in jeder Beziehung rosige Rosamunde, damit wir in bewunderndes Staunen zerflossen und aufgelöst in staunende Bewunderung- (Er hält inne und ficht nach der Thüre, als ob es geklopft hätte.) Herein! — Ah, ich sehe, Du hast meinen Wunsch bereits erhört. Rosa- munde! (Er tritt zu der Thür, öffnet dieselbe und stellt sich, als ob er Rosamunden an der Hand vorsührte und diese auf dem Stuhle Plätz nähme. Hieraus beugt er vor dem Stuhle ein Knie und bleibt in dieser Stellung. Große Bewegung unter den Umfitzenden. Der Bürgermeister zieht eine große Brille hervor, setzt sie auf und nimmt sie, da er nichts sieht, wieder ab, um die Gläser mit seinem Taschentuche zu reinigen Der erste Schreiber hält die Hand vor die Stirn, um besser zu sehen. Der zweite Schreiber ruft sogleich ein staunendes »Ah!* Sie erheben sich theilweise von ihren Sitzen. Die Frau Schreiberin finkt auf den Stuhl zurück.) Erster Schr. (bei Seite). O Du gütiger Himmel, ich sehe nichts. Sollte ich einmal unwissentlich meiner Frau untreu geworden sein? (Zu seiner Frau.) Christine! Siehst Du was? Fra uS chr. (verlegen mit zitternder Stimme) Ich?-Warum sollte ich es denn nicht II sehen? Ich habe doch auch meine Augen im Kopfe. Erster Schr. (für sich). Die gute Seele! Sie sieht Alles. Ich werde sie künftig doppelt auf den Händen tragen. — Alle sehen es, ich allein sehe nichts. Fr. Schr. (bei Seite). Heilige Mutter Gottes! Ich habe doch meinem Mann immer die Treue bewahrt, wenn ich mir auch oft im Stillen einen schöneren Gemal wünschte! Ich allein sehe nichts, alle Anderen sehen es. Heilige Mutter Gottes! Zw. Schr. (zum Bürgermeister). Herr Bürgermeister sehen doch Alles? Bürgerm, (welcher wieder mit dem Reinigen seiner Brillengläser beschäftigt ist). Die Gläser sind noch etwas trübe. (Er setzt sie auf.) Ja ja! Eine wundervolle Gestalt! Welche Augen, welche Taille, welche Stirne, welch' schwarzes Haar! Zw. Schr. Blond,Herr Bürgermeister! Bürgerm. Respective blond. Wahrhaftig, eine unwiderstehliche Schönheit! (Für sich.) Verdammte Geschichte! Ich sehe nichts. Menel. (noch kniend, blickt auf). Die Blitze deiner Augen blenden mich. Denn es ist unmöglich, in die Sonne zu sehen. (Er hält die Hand vor die Augen; die Uebrigen ebenso.) Schon eilt die ganze Natur, Dir dienstbar zu sein. Bunte Vögel schwirren um Dich her, Schmetterlinge flattern Dir auf die Schultern und — (er steht auf und richtet die Arme zum Himmel.) Ah. der Himmel sendet seinen erquickenden Thau auf uns ' lle nieder. Es ist das Wasser des Lebens, das den Quellen des Nil entströmt und Jeden erfrischt und belebt, den es berührt. (Alle sehen nach oben, der Bürgermeister fährt mit der Hand über den Kopf, und nimmt die Perrücke ab, als ob es ihm wohl thue.) Und der Thau verwandelt sich in Regen, der in reicher Fülle aus dem himmlischen Born zur Erde quillt. (Er blickt zur Erde.) Schon ist der Loden überschwemmt und es wird unmöglich trockenen FußrS einherzugehen (Alle gehen auf den Fußspitzen und halten sich die Hosen in die Höhe.) Zw. Schr. Ich bin durchnäßt bis ans die Haut. Erst. Schr. Ich auch. Fr. Schr. Meine neuen Stiefletten gehen ganz zu Grunde. Bürgerin, (für sich). Der Teufel hole mich, wenn ich nur einen Tropfen verspüre und die Anderen wollen Alle ersaufen; und doch muß ich so thun, nur um mich nicht zu blamiren. Sollte ich wirklich in der ganzen Gesellschaft der Einzige sein, der-. Ich werde mich künftig mehr in Acht nehmen. Menel. Doch Rosamunde winkt mit dem Rosenfinger und Alles ist verschwunden, die Erde wieder trocken wie zuvor. (Alle setzen sich wieder aus ihrePlätze.) — Dort erscheint eine Herde Mäuse, groß und klein, schwarze und weiße, immer mehr, immer mehr, hier — hier — (zurückweichend.) Fr. Schr.(schreit laut auf und flieht andaS Fenster). Mäuse,Mäuse! Um Gotteswillen, schaffen Sie die Mäuse weg! Ich springe sonst zum Fenster hinaus. (Sie hält die eine Hand an da- Fenster, mit der anderen nimmt sie ihre Röcke zusammen. Die Uebrigen stehen ebensall- auf und weichen scheinbar den Mäusen auS.) Bürgerin. (zu Menelaus). Ja, Herr Me- nelaus, mache er doch dem Fräulein Rosamunde begreiflich, daß sic uns lieber Nachtigallen und Lerchen schicken soll als Mäuse. Eine Maus ist ein böses Ding, respective kein appetitliches Thierchen. Erst. Schr. Ein Glück, daß ich enge Hosen habe! Da kann mir keine durch. Zw. Schr. (als ob rr mit dem Fuße eine Maus wegstoße). Gehst Du weg, Du Vieh? Menel. Und Rosamunde winkt wieder mit dem Rosenfinger und verschwunden sind alle Mäuse. (Alle setzen sich.) Bürgerm. Wahrhaftig fort, Alles fort! Ich sehe jetzt nichts mehr, aber auch rein gar nichts mehr. Erst. Schr. Alle fort. Alle haben sich verkrochen. Ick sehe keine Maus mehr und wenn ich darum geka—köpft werden sollte. Fr. Schr. Wie es nnr so möglich ist! IL Menel. An Stelle der Mäuse schlängelt sich jetzt eine zahme Schlange um Rosa- mundens Schwanenhals, zur Rechten und Linken stehen Tieger und Leoparden — wie die Herrschaften sehen, Alles zahme und friedliche Thierc, und selbst ein indischer Elephant wiegt schmeichelnd hier seinen Rüssel. (Alle machen Geberden des Staunens.) Zw. Schr. (mit den Fingern schnalzend, als ob er ein Thier zu sich herlockte). Komm, komm! (Streichelnd.) Gut, gut! Fr. Schr. Das sind doch wenigstens anständige Thiere. Alles, nur keine Mäuse! (Sie streckt die Hand vor, als ob sie ein Thier berührte, zieht sie aber schnell wieder zurück.) Menel. Und wenn die Herrschaften mehr nach der Mitte sehen wollen, mehr hieher, als ob sie sich selber in's Gesicht sehen wollten, so ist hier eine Anzahl Affen sichtbar, große und kleine, männlich und weiblich, fette und magere. Besonders einer ist bemerkenswerth, ein dickbäuchiger Pavian. Zw. Schr. (zum Bürgermeister). Sehen Euer Gnaden den Pavian, Herr Bürgermeister ? Bürgerin. O ja. sehr gut. Ein drolliges Thier! Menel. Doch Rosamunde winkt wieder mit dem Rosenfinger und auch sie sind verschwunden. — Erschrecken die Herrschaften nicht! Jetzt kommt das größte, haarsträubendste Ungethüm- Sechste Scene. Die Frau Bürgermeisterin (trittdurch die Mittelthür ein und bleibt erstaunt unter dem Wundertheater stehen). — Vorige. Bürgerm. Gott steh' mir bei! Das ist ja, mit Respect zu vermelden, meine Frau. Ja, das ist wahr. Dasist das größte, haarsträubendste Ungethüm. (Zu Menelaus.) Aber, Herr Menelaus, so haben wir nicht gewettet. Löwen und Schlangen kann er erscheinen lassen, so viel er will; aber meine Frau sehe ich mir ohnehin mehr, als mir lieb ist. Die lasse er nur wieder verschwinden. Rosamunde möge winken mit dem Rosenfinger, sie möge winken. Erst. Schr. (für sich.) Gottlob, jetzt sehe ich doch auch einmal eine Figur. (Laut.) Ja, ja, es ist die gnädige Frau, sie ist es. Ganz genau sehe ich sie. Fr. Schr. Ich auch, ich auch. Zw. Schr. Sie ist es, aber nicht die Erscheinung durch Rosamuudens Zauberkraft, sondern in Wirklichkeit, wie sie leibt und lebt. Bürgerm. Ich sage aber, sie ist nicht wirklich. Sie ist Erscheinung so gut wie die anderen Figuren, die ich alle gesehen habe. Fr. Schr. Wir haben sie auch gesehen, nicht bloß der Herr Bürgermeister. Bürgerm, (zu Menelaus) Ich bitte nochmals, lasse er meine Frau wieder verschwinden. Rosamunde möge winken mit dem Roseufinger. Menel. (zum Bürgermeister). Das geht nicht. Rosamunde kann nur verschwinden lassen, was sie erscheinen ließ. Diese hier ist Fleisch und Blut. Bürgerm. Wirklich? (Er trUt zu seiner Frau und berührt mit seinen Fingerspitzen ihre Schulter.) Wahrhaftig! O ich geschlagener Mann! (Zu Menelaus.) Vielleicht verschwindet sie doch. Probir' er es nur. Ich will Rosamunden um den Hals fallen, wenn sie winkt. Fr. Bürgerm. Seid Ihr Alle verrückt oder bin ich es? Was spricht man da von Rosamunde? Heiße ich vielleicht Rosamunde oder die Frau Schreiberin? Bürgerm, (zur Frau Bürgerm.). Sichst Du denn Rosamunde nicht, die hier auf dem Stuhle sitzt? Fr. Bürgerm. WaS? Einen Flegel von Mann sehe ich und diese Narren, weiter nichts. Bürgerm, (ernst fle bei der Hand nehmend) Du stehst Rosamunde nicht? Fr. Bürgerm. Nein, sage ich. 13 Bürgerm. Ha, nun bist Du entlarvt, Du Schlange! Alle. Sie ist Tine von Jenen, Eine von Jenen. Bürgerm, (zur Frau Bürgerm.). Ich habe es längst gemerkt, Dn Krokodil! Alle (schreiend). Sie ist Eine von Jenen, Eine von Jenen. Fr.Bürgerm. Mir steht der Versta nd still. Menel. (bei Seite zu SpkusippuS). Abkratzer,! Speusip. (welcher die drei Stangen zusam- mengrnommen und unter den Arm gefaßt hat)- Abkratzen! Knabe. Abkratzen! (Die Schauspieler entfernen sich rasch aus den Zehen gehend; der Knabe, als der Letzte, dreht beim Abgehen den Zurückbleibevden eine Nase ) Zw. Schr. Da ziehen sie hin, die Gauner, das Geld in der Tasche. Und ich soll noch länger Papierkratzer sein, zehn Groschen den Tag! Ich ziehe wieder mit. ich ziehe mit. (Er nimmt einen Stoß Acten unter den Arm und tritt vor den Bürgermeister.) Herr Bürgermeister, folgen Sie meinem Rath. Suchen Sie Ihren alten Schulmeister wieder auf und lassen Sie sich von ihm all daS Geld wieder herausgeben, daS Sie ihm einst bezahlten. Sagen Sie ihm, Sie seien hier (aus die Stirne deutend) harthörig, re- spective vernagelt. (Er wirft ihm die Acten vor die Füße.) Hier haben Sie Ihre Acten, die können Sie sich selber schreiben. (Geht eilig ab.) Bürgerm. Mit wem sprach dieser Mensch? Erst. Schr. Rosamundens Reize haben ihn bestrickt. Ihr zieht er nach, ihr zieht er nach. Bürgerm. Verlorener Jüngling! Frau Bürge rm. Aber um Alles in der Welt! Wer ist denn Rosamunde? Wo ist Rosamunde? Alle. Sie ist Eine von Jenen, Eine von Jenen. E n Lr-ck und Papt« von L« Fr. Bürgerm. (im höchsten Zorn). Wenn Ihr nochmals sagt, daß ich Eine von Jenen bin — - Siebente Scene. Vorige (ohne die Schauspieler und den zweiten Schreiber). — Eine Anzahl Bauern tritt ein Erster Bauer (im Hereintreten). Was ist es denn? Was gibt es? Zweiter Bauer. Wir hören da den größten Spectakcl. Dritter Bauer. Wir haben gemeint, es wird gerauft. Vierter Bauer. Da hätten wir auch mitgethan. Erster Bauer. Ja so, der Herr Bürgermeister! DaS ist etwas Anderes. DierterBauer. Wennwir des Sonntags unter einander ein wenig deutlich reden, (kr macht die Action des PrügelnS) so werden wir verarretirt und der Herr Bürgermeister macht selber den größten Specta- kel. DaS ist nicht schlecht! Bürgerm, (zu den Bauern). Ruhig! Dritter Bauer. Ja, wenn der Herr Bürgermeister vielleicht mit der Frau Bürgermeisterin ein Wort zu reden hat — Erster Dauer. Ja, da wollen wir nicht stören. Zweiter Bauer. Nein, da gehen wir wieder. Bürgerm. Ruhig, Kinder, ruhig! (Zur Frau Bürgermeisterin.) Besänftige Dich, Frau. Ich werde Dir nachher Alles erklären. (Bri Seite.) Sie ist Eine von Jenen! (Zu den Bauern.) Ruhig, Kinder, ruhig! (Zur Frau Bürgermeisterin.) Komm! Wir gehen zu unserer Gans. (Zu dem ersten Schreiber und der Frau Schreiben».) Ich wiederhole es Euch, ich habe Alles gesehen, Alles — und schön war die Wunderkomödie — daS lasse ich mir nicht nehmen — aber (er zieht ein Taschentuch hervor und trocknet sich den Schweiß von der Stirne) — aber — man schwitzt sehr dabei. (Er reicht seiner Frau den Arm, Alle ab.) d e. spold Gommer in Wien. Au- dem Theater-Verlage der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Abdallah» oder ketneWohlthat bleibt ««belohnt. Originaldr. in 1 A. v. Weidmann. 20 kr. 4 Sgr. Abencerragen, die» «nd Zegris, oder die feindliche« Stämme. Ballet in 4 A. von Corally. Franz, und deutsch. 1807. 10 kr. 2 Sgr. Abend» der stürmische. Singspiel in 1 A. 1803. 35 kr. 7'/, Sgr. Abenteuer» das letzte. Lustspiel in 5 A. von Bauernfeld. 1834. 8. 90 kr. 18 Sgr. Abneigung aus Liebe. Lustspiel in 1 A. s. Castelli Sträußchen. 2. Jahrgang. (Vergriffen.) Abraham. Drama mit Musik in 3 A. 1818. 35 kr. 7'/, Sgr. Okular, 088 IL la samiAlla arada. IVlkIoäramma iu cku« H.tt1, cll ? koinaui. I-s Ltusiea (11 Oaraka. 1823. 35 Irr. 7'/, 8^r. Achilles. Heroische Oper in 2 A. 1811. Deutsch und italienisch. 40 kr. 8 Sgr. Achilles auf Skyros. Histor.-pantom. Ballet in 4 A. von Angiolini. 1808. 10 kr. 2 Sgr. Achmet «nd Zenide. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 1802. 50 kr. 10 Sgr. ^ckelasla «ä ^leranro. iVlelockranima ssrio iu äus ^ttl. 1808. 35 kr. 7'/, 8xr. Adelheid, oder die Deutschen. Trauerspiel in 5 Akten. 35 kr. 7'/, Sgr. Adelsucht, oder Ehrgeiz und Liebe. Lustspiel in 2 A. v. Schröder. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Admiralschiff» daS. Singspiel in 1 A. Nach dem Französischen v. Fr. Treitschke. Gr. 8. 1808. 25 kr. 5 Sgr. Adolf» der Treue. Sittengemälde der Vorzeit in 4 A. v. Ehrimfeld. 1808. 8. 40 kr. 8 Sgr. Adolf, der Kühue, Gaugraf von Dassel. Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Leop. Huber. 1800. 50 kr. 10 Sgr. Adrian, oder Sieg der Tugend. Heroische Oper in 3 A. von I. L. Maveck. 1807. 35 kr. 7 V. Sgr. Advocaten, die. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 1801. 36 kr. 12 Sgr. Aeneas in Carthago. Heroisch-tragisch-pantomi- misches Ballet in 5 A von Ferdin. Gioja. 1811. 10 kr. 2 Sgr. Aepfel, die, deS Nachbars. Posse in 3 A. von Victor Sardou. Nach d. Franz, von Hohen- markt. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 139.) 60 kr. 12 Sgr -4SL8S8, 1'. vrLIQML ssmissrio p«r MUSICL 3g, rgopreskuts-rsi pvr 1» prima volta ^1 koute ä'Xttaro äel 81^a. Loottl. 1813. 40 kr. 8 8xr. Ahnenstolz in der Klemme. Schwank in 1 A., s. Feldmann Lustspiele, 4. Band. Ahnfrau, die. Trauerspiel in 5 A. von Franz Grillparzer. Sechste Auflage, gr. 8. 1844. 1 fl. 50 kr. 1 Thlr. Ahnfra«, die, im Gemeindestadl, s Hutmacher und Strumpfwirker. ^j o, I', nsll' imbararro. Flsloäramma sioeoso iu 6u8 ^tti. 8. 1827. 35 kr. 7/, 8xr. Alamar der Maure. Oper in 3 A. nach Cuvelir von Castelli. 40 kr. 8 Sgr. Alane. Historisch-romantisches Gemälde in 5 A. nach Bilderbeck von Guttenberg. Augsburg. 60 kr. 12 Sgr. Albaneseri«, die. Trauerspiel in 5 A v. Müll- ner. 1821. Gr. 12. Original-Auflage. 1 fl. 20 kr 24 Sgr. Albert der Bär» oder die Weiber von Wetns- berg. Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Gleich. 1806. 8. 40 kr. 8 Sgr. AlbertS Rache für Agnes. Historisches Schausp in 4 A. von Ehrimfeld. Fortsetzung v. Agnes Bernauerin. 1808. 8. 40 kr. 8 Sgr. Album, mein. Lustspiel in 1 A. Nach dem Französischen von Mar Stein (Wiener Theater- Repertoire Nr. 116.) 35 kr. 7'/, Sgr Alceste. Ernsthafte Oper in 3 A. 1810. Deutsch und italienisch. 35 kr. 7/, Sgr. Alcine. Großes romantisches Ballet in 4 A. Von der Erfindung des A. Vestris, Musik von ver schiedenen Meistern. 1825. 10 kr. 2 Sgr Aline, Königin von Golkonda. Oper in 3 A Nach Vigl und k'avmr von Treitschke. 1804 35 kr. 7'/, Sar. Alle fürchte« sich. Komische Operette in 1 A nach dem Französischen des Herrn Hoffmann von Castelli. 1808. 25 kr 5 Sgr. Alle Mittel gelten. Lustspiel in 1 A. nach Scnbe von L. Julius. (Wiener Theater-Repertoire Nr 15.) 35 kr. 7/, Sgr Alles auS Freundschaft. Lustspiel in 1A. s Weiffen- thurn Schauspiele. 15. Band. Alles in Uniform für unser« König. Volks- Lustspiel in 3 A. von Hensler. 1795. 8. 40 kr 8 Sgr Alles weiß, nichts schwarz» oder der Trauer schmaus. Ländliches Onginal-Lustspiel in 3 A. von Hensler. 40 kr. 8 Sgr. Alles auf's Spiel gesetzt um einen Mann. Lustspiel in 5 A. Frei aus dem Englischen übersetzt von Werlhrs. 1787. 50 kr. 10 Sgr Alte Schulden. Original-Lebensbild mit Gesang und Tanz in 3 A. von Friede. Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 124.) 60 kr. 12 Sgr. Allzu scharf macht schartig. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 1801. 50 kr. 10 Sgr. All zu toll. Fastnachtspoffe in 1 A. Nach dem Englischen von K. v. Graeser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 41.) 35 kr. 7'/, Sgr. XtonSo « 6or». OrLmmL psr ölusiva 1a dus ^tti. 30 Irr. 6 8^r. Am Allerseelentage, oder da- Gebet auf dem Friedhofe. Original-Volk-schauspiel in 4 Ab- lheilungen nebst 1 Vorspiel: Ein gegebene» Wort, von Heinrich Hausmann. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 65.) 80 kr. 12 Sgr. Am Clavier. Lustspiel in 1 A. Nach dem Französischen frei bearbeitet von M. Ä. Grandjean. Zweite Auflage. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 40.) 35 kr. 7V, Sgr. Amazonen, die. Heroisches Ballet von Henry. 8 1823 10 kr. 2 Sgr. Ambo-Tolo. Original-Posse in 3 A. von Julius Rosen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 168.) 60 kr. 12 Sgr. Amor, der verbannte, oder die argwöhnischen Eheleute. Lustspiel in4A von A v. Kotzebne. 1811. 50 kr. 10 Sgr. Amor- Bild. Gesellschastssp. in 1 A. von T. L. Stell. 1808. 10 kr. 2 Sgr. Amor» Triumph. Alleg. Gemälde mit Chören u Tänzen in Versen und in 1 A. von Meist. 10 kr. 2 Sgr. Amor» Zurechtweisung. Lustspiel in 1 A. in Versen von I. Sonnleithner. 16. 1815. 20 kr. 4 Sgr. ^mor, I', irritsto clnllv dissteoltL, ?»rs» ia ua ätto. 1802. 20 Irr. 4 8xr. Amuliu», König der Albaner, s. Buzzi dramatischer Nachlaß. Andraßek und Juraßek. Komische Pantomime in 2 A. von KeeS. 8. 1807 (fehlt.) 10 kr. 2 Sgr. Anecdotenbüchlein, da». Lustspiel in 1 A s. Castelli Sträußchen. 13. Jahrgang. Anmaßend und bescheiden. Lustspiel in 3 A s. Baumaun Beiträge. Apollosaal, der. Scherzspiel in 1 A. von T. Fr. v. Ehrimfeld. 1808. 20 kr. 4 Gar. ^rridi, xli, nells O Lilie, os8i» II trionto clell» keclv. öleloclrLmmL 8erio in due ^tti <11 l,. koivLnelll. 1827. 30 Irr 6 8zrr. Argonauten, die. Trauerspiel in 4 A. von Franz Grillparzer, s. dessen goldenes Vließ. Ariadne. Tragi-komischeS Triodrama v. Kotzebue. 1804. 8. 20 kr. 4 Sgr. Ariadne auf RaroS Duodrama 1801 15 kr. 3 Sgr. Ariadne auf NaroS. Trav in 1 A. 8. 25 kr. 5 Sgr. Artodan. Heroische Oper in 3 A. nach dem Französischen des Hoffmann von I. R. v. Seyfried. 1804. 35 kr. 7'/, Sgr. Arleqntn auf der Insel Liliput oder daS Laternenfest der Chinesen. Große Zauberpan- toinime. 1806. lO kr. 2So^. Armand, Graf. Schauspiel mit Gesang in 3 A. Nach dem Französischen von Fr. Treitschke. Gr. 8. 1808. 40 kr. 8 Sgr. Armen «nd Elenden, die. Bilder au« dem französischen Volksleben mit Gesang und Tanz in 2 Abtheilungen und 8 Tableaur. Nach Victor Hugo's Roman (Is.es miserLdles) frei bearbeitet von Therese Mrgerle. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 112.) 60 kr. 12 Sgr. Armlde. Große Oper in 5 A 1808. 35 kr. 7'/, Sgr. Armida «nd Rinaldo. Melodrama in 4 A. 1793 35 kr. 7'/, Sgr. Ars,««. Romant. Ballet von Henry. 8.10 kr 2 Sgr. Arzt, der türkische. Oper in 1 A. Aus dem Franz. Musik von Jsouard 1804. 15 kr. Sgr. Arzt wider Wille«, det. Schwank in 2 Ä., frei nach Moliöre von R. Graeser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 39.) 35 kr. 7'/, Sgr. Aerzte, die beiden. Original-Lustspiel in 3 A., f. Baumann Beiträge. Aschenbrödel. Zauberoper in 3 A Nach dem Französischen des Etienne 4. Auflage. 1815. (Fehlt.) 35 kr. 7'/, Sgr. Aschenbrödel. Gr. Ballet v. Tuport. 8. 10 kr. 2 Sgr. Asien-Edelster. Historisch-romantische- Schausp. in 5 A. von Mennrr. 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr Atala, oder die Wilde« von Florida. Pantomimisches Ballet in 3 A. von B. Henry 1810. 10 kr. 2 Sgr. Athentenserin, die schöne. Lustspiel in 4 A, s. Feldmann Lustsp. 1. Band AtlaSshawl und Harroöbinde, oder da- Hau» der Konfusionen. Posse mit Gesang in 2 A. von Fr. Hopp. Gr. 8. 1849. 75 kr. 15 Sgr. Attila, König der Hunne«. S Werner Theater. 5. Band. d' Aubigny, Clementtnr. Dramat. Gedicht in 4 A. v. F. C. Weidmann. 8.1816. 50 kr. 10 Sgr Auf dem Ei» und beim Christbau«. Posse mit Gesang in 3 A von Friedrich Kaiser (Wiener Theater-Repertoire Nr. 154.) 60 kr 12 Sgr Auf der Bühne «. hinter den Conltffen. Schwank mit Gesang in 2 Bildern von Ludwig GottS- lebcn. (Wiener Theater-Repertoire Nr 96 ) 50 kr. 10 Sgr Auf «nd ab. Lustspiel in 1 A. nach dem Französischen. 1807. 25 kr. 5 Sgr Augenarzt, der. Singspiel in 2 A 1812 2. Aufi 40 kr. 8 Sgr August und Gustaviana. Schauspiel in 3 A mit Chören und Tänzen von Periuet. 1810. 8 40 kr 8, Sgr Aurora, Gräfin. Siehe Gräfin A«S Liebe sterbe«. Lustspiel in 1 A. Nach dem Englischen von Aler. Bergen. (Wiener Theater- Repertoire Nr 123.) 35 kr. 7'/, Sgr Ausnahme, eine, von der Regel. Lustspiel in 1 Aufzuge von Al. Berla. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 76.) 30 kr. 6 Sgr. Aussteuer. Schauspiel in 5 A. von Jfsiand. 1800 50 kr 10 Sgr Arel und Walburg. Tragödie in 5 A v. Oehlen- schläger. 1814 50 kr. 10 Sgr Babenberger drr letzte. Historr Tragödie in 5 Aufzügen von Hrinr. Bohrmann 1867 30 kr 16 Sgr Bacchus und Ariadne. Heroisches Ballet von Gallet. Franz, und deutsch 1804 10 kr 2 Sgr Badecur, dir. Lustspiel in 2 A. von Jünger 1803 40 kr. 8 Sgr Balboa. Trauerspiel in 5 A. von Collin. 8 Berlin 1806. 60 kr. 12 Sgr Ballnacht, die. Große Oper in 5 A. mit Divertissement, nach dem Französischen des Geribe von Seyfried und Hofmann. Musik v. Auber 8. Wien. 1835. (Dorfmeister.) 35 kr. 7'/, Sgr Bär, mein, und meine Richte. Posse in 2 A. nach dem Französischen von Aler. Bergen (Wiener Th.-Rep. Nr. 94.) 35 kr. 7'/, Sgr. Barbarei und Größe. Trauerspiel iu 4 A. von Ziegler 1810. 8. 50 kr. 10 Sgr. Bewußtsein, daS. Schauspiel in 5 A. v. Jfflaud. 1799. KO kr. 12 Sgr. Barbier, der, von Sevilla. Pantomimisches Ballet in 3 A. von Duport. 1808. 10 kr. 2 Sgr. Barfuß, Baron, oder der Wechseltbaler. Eine Zauberoper in 3 A. von I. Perinet. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Darmecide«, die, oder die Egypter in Bagdad. Original-Schauspiel in S A v. Weiffenbach. 35 kr. 7'/, Sgr. Barnhelw, Minna v., oder daS Soldatenglück. Lustspiel in 5 A. von G. E. Lessing. 1807. 50 kr. 10 Sgr. Bathmendi. Große alleg. Oper in 2 A. 1801. 35 kr. 7'/, Sgr. Bauernball» ei«, in Wien. Posse mit Gesang in 1 A. (Wiener Th.-Rep. Nr. 185.) 30 kr. k Sgr Bauernliebe. Eine ländliche Oper in 2 A. Nach einer Anecdote von Spieß frei bearbeitet von 8. Huber. 1802. 50 kr. 10 Sgr. Baum, der, der Diana. Heroisch-komische Oper in 2 A. 1802. 35 kr. 7'/, Sgr. Banman«, Alex. Beiträge für das deutsche Theater. Gr. 8.1849. Inhalt : Er darf nicht fort. Schwank in 1 A. — Anmaßend und bescheiden. Lustsp in 3 A. — Die beiden Aerzte. Original-Lustspiel in 3 A. 1 fl. 20 Sgr. Bayard. Schauspiel in 5 A. von A. v. Kotzebue. 1802. 60 kr. 12 Sgr. Befreiung, die, von Jerusalem. Oratorium, gedichtet von Heinrich und Matthäus v. Collm. Musik von Abbä Stadler. 35 kr. 7'/, Sgr. Betsele, Baron, und sei« Hofmeister Dr. Etsele in München. Posse mit Gesang in 3 A., s. Feldmann Lustspiele 3. Band. Beispiel, gute-. Lustspiel in 1 A.,s. Castelli Sträußchen 11. Jahrgang. Bekanntschaft, die, tmParadteSgarteu, die Entführung auf dem Himmel und die Verlobung im Elysium. Localpoffe mit Gesang in 3 Aufzügen von F. Hopp. Musik v. I. Hopp. 8. 1839. 75 kr. 15 Sstr. Bekenntnisse eine- Brautpaares. Zweigesprach in Versen, s. Feldmann Lustspiele. 4. Band. Belagerung, die, von Apsilon, oder Evakathel und Schnudi. Caricatur in 2 A. v. Perinet. 4. Auflage. 1818. Gr. 8. 40 kr. 8 Sgr. Beltno und Stosaura» Nom.-kom. Oper in 3 A. von Doll. 1807. 8. 25 kr. 5 Sgr. Benevent, AragtS von. Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A.v Gleich. 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr. Bergfest, daS. Schauspiel in 5 A. von HenSler. 8. 40 kr. 8 Sgr. Berltchtnge», Götz von, mit der eisernen Hand. Schauspiel in 5 A. von Fr. Grüner. 1809 50 kr. 10 Sgr. Beruf, der. Lustspiel in 1 A. von Th. Hell. 8. 1808. 35 kr. 7'/, Sgr. Bestohlenen, die. Lustspiel von A. v. Kotzebue. 1817. 25 kr. 5 Sgr. Bestürmung, die, von SmolenSk. Romantisches Schauspiel in 4 A. von I. F. v. Weiffenthurn Gr. 8. 1833. 80 kr. 16 Sgr. Besuch, der, oder die Sucht zu glänzen. Lustsp. tu 4 A. von A. v. Kotzebue. 1809. 50 kr. 10 Sgr. Betrug und Liebe. Original-Lustspiel in 4 A. 1788. 40 kr. 8 Sgr. Bianca della Porta. Trauerspiel in 5 A. von Collin. 8. Berlin 1808. 60 kr. 12 Sgr. Biedersinn und Vaterlandsliebe. Ländliches Lustspiel in 4 A. v. Schildbach. 1809. 35 kr. 7'/, Sgr. Bild, daS. Trauerspiel in 5 A. von E. v. Hou- wald. 1821. 8. Wiener Original-Auflage. 1 fl. 20 kr. 24 Sgr Billet, daS. Lustspiel in 1 A. 1800. 25 kr. 5 Sgr Billets, die beiden. Lustspiel in 1 A. Nach Florian 1833. 8. 25 kr. 5 Sgr Bittsteller, die. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 5. Jahrgang. Blatt, daS, hat sich gewendet. Lustspiel in 5 A. von Schröder. Aus dem Englischen von Cum- berland. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Blaubart, der. Lustspiel in 1 A. v. M. A. Grandjean. (Wiener Th.-Rep. Nr. 157.) 50 kr. 10 Sgr Blinden, die zwei, von Toledo. Komische Oper in 1 A. 1806. 25 kr. 5 G^r Blumen, die. Sviel in Versen von Körner. Gr 12. geh. Wiener Orig.-Aufl. 20 kr. 4 Sgr Blumen-Rettel, die, oder der Herr Direktor. Original-Lebensbild mit Gesang in 3 A. von Friedr. Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire 172) 60 kr. 12 Sgr. Boccaccio. Dramat. Gedicht in 2 A. v. Deinhard« stein. Gr. 12. 1816. 40 kr. 8 Sgr BoleSlaS, oder die Zerstörung von Zunky. Schauspiel in 3 A., s. Rosenau, theatralisches Allerlei Brasilianer, der. Posse mit Gesang in 1 A Nach dem Französischen v. Hohenmarkt. 40 kr. 8 Sgr. Braut, die, in der Klemme. Posse mit Gesang in 1 A. 1807. 25 kr. 5 Sar Braut, die. Lustspiel in Alexandrinern und 1 A von Körner. Gr. 12. geh. Wiener Originalausgabe. 1819. 25 kr. 5. Sgr Braut, die stille. Alprnsage in 1 A., s. Weiffrn- thurn Schauspiele. 15. Baud. Bräutigam, der, auS Mexiko. Schauspiel in S A. v. Clauren. 8. 1824. Dresdener Original 80 kr 16 Sgr Bräutigam» der ltctttrte, oder die Großmama wider ihren Willen. Posse in 1 A Nach dem Frarzöfischen frei bearbeitet von Periurt. 1791. 40 kr. 8 Sgr. Bräutigam, der, ohne Braut. Lustspiel in 1 A ' von HerzenSkron. (S. Wiener Theater-Repertoire Nr. 19.) 35 kr. 7^X Sgr Brautkranz, der. Trauerspiel in 5 A. v. Weiffenbach. 60 kr. 12 Sgr Brautnacht, di«. S. Werner Theater. 4. Band. Brautschleier, der. Lustspiel in 1 A., s. Weiffen» thurn Schauspiele. 14. Band. Brautwahl, die. Schauspiel in 1 A. v. Jfflaad. 1808. 35 kr. 7'/, Sgr Brief, der, auS Cadtx. Drama in 3 A. von » v. Kotzebue. 1813. 35 kr. 7'/, Sgr Briefbote, der. Oper nach Marsollier. 8- 1808. 25 kr. 5 Sgr Briefwechsel, der offene. Lustspiel in 5 A vo» Jünger. 1784. 40 kr. 8 Sgr Ballrt in 14 Bildern von Henry 10 kr. 2 Sgr Bettelstudent, der, oder da-Donnerwetter. Orig.», Brigittenau. Lustspiel in 2 A. 1834 (fe h l t). 25 kr. 5 Sgr. j 1832. (Dieses Derzeichniß wird fortgesetzt.) Druck und Papier »oa Lwpoid Komm« l» Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Neu-Iernsalem. Original-Zeitbild mit Gesang in drei Acten von Friedrich Kaiser. Personen: Diener Alvar Sandor. Baron. Aron Löbenstrin. Banquirr. Sarah, dessen Tochter. Doctor Löbenstrin, Aron- Bruder. Leopold Freiberg, Aron» Zirhsohn. Frümmel. WirthschastSrath. 2 üno», Berthold, TaSpar, Zankratz, s beim Baron. Hor-mann, Stallmeister Rudolf, Förster Iran Chaudron, Koch Fanni. Frömmel'S Tochter. Jonathan Rosenblüh, kdelsteinhändler. Blanmann, Buchhalter bei Aron Löbevstein. bphraim Deigelr», Lehrer. Leib Wölfel, Haufirer. Doctor Wilter. Schroll, Sollicitator. Zwicker, t ». ... Branotuger») » Stiller, ein Käufer. Hammer, Schatzmeister. Jacob, Zimmermeister. Mich., j Miß Mary, Gesellschafterin Sarah ». David, Diener bei Aron Löbenstein. Zosef, Gärtnerbursche. Gin Lommi». Gäste, Dienerschaft. Trödler, Zimmrrgesellen, Musiker, Leute au» dem Publicum. Erster Act. Prachtvoll eingerichteter Salon im Palai» de» Baron» Alvar Sandor, mit einer Mittel- und zwei Settknthürru. Erste Scene. I . Derthold. Die übrigen Diener ' (stehen ÜünoS, Berthold, CaSpar, mehrere ^ Mitte der Bühne, sich leise besprechend, -Md-» Di-n-r, dann Panlr-d. ... Janas (rin aliir Mann in ungarischrr Livrst ktzt an einem Tische im Vordergründe, da» Haupt ° die Hand gestützt). rhi-ucr.Rrpettotkt.Nk. »l». hre Mienen drücken eine ängstliche Erwartung aus). Berth. Ich weiß nicht, 's ist, als ob heut' was Eigens in der Lust stecket, es ist so g'wiß schwül! L 2 Caspar. Der Herr Baron hat sich noch gar nicht sehen lassen, auch nach Kein' von uns begehrt. Pank, (eilt zur Mittelthür herein). Sagt's mir nur, was soll denn das wiederbedeuten? Die Diener. Was? was? Pank. Vor unserm Palais stehen a Menge Leut'. Dienstmänner unter ihnen, mit Schubkarren und Handwagerln; a großer Möbelwagen ist just auch vorg'fabren. Caspar. Was soll das?(Tritt zu Jünos.) Alter, redt's Ihr — Zhr seid ja immer um den Baron! MehrereDiener (ebenfalls zu ZLnos). S o redt's! Jänos (in die Höhe fahrend und sie von sich abwehrend). Laßt mich, mag' ich nit reden, weil ich nicht einmal denken will! (Geht aus und nieder, die Hand an die Stirne drückend, für sich ) Nein! nein! kann nicht sein! wird mich Herrgott nicht erleben lassen solchen Tag! Zweite Scene. Vorige. Frömmel. Fröm. (tritt aus der Seitenthür rechts). Die Diener. Der Herr Wirthschaftsrath! Fröm. (scufzend). Wirthschaftsrath, gewesen! Die Diener (überrascht). Gewesen? Pank. Aber wie so denn? Pank. Na ja, daß der Baron Schulden hat, weiß d'ganze Welt, aber das ist ja ka Schand für ein Cavalier. Frömmel. Es ist.vvrbei mit dem Glanz dieses Hauses! — Es war zwar schon längst kein Geheimniß mehr, daß die Ver- mögcnsverhältnisse unserer Herrschaft zerrüttet sein — Frömmel. Eine reiche Heirat hätte Alles ausgeglichen, eine solche war auch beschlossen — Pank. Mit der Comtesse Waldburg — Frömmel. Sie und unser Baron waren schon von ihren beiderseitigen Eltern für einander bestimmt, auch ihre eigenen Herzen zogen sie zu cinand — Pank. Warum sein's denn hernach doch auseinand' — Jänos (zu den Tiknern) War so: Hochselige Mutter von Baron hat gehabt prächtigen Familienschmuck — Frömmel. Er soll einen Werth von nahe an fünfzigtausend Gulden gehabt haben. Jänos. Bevor sie ist gestorben, hat sie gesagt, der Schmuck — er soll werden Brautschmuck für Comtess' — Na — war Alles gut — Verlvbnngstag schon bestimmt, da bricht vor ein paar Monaten bei Nacht — Gott weiß wie, im Zimmer neben Schlafzimmer von Baron Feuer aus. Pank. Hab' g'hört davon, cs hat aber nicht viel Schaden ang'richt? Jä-nos. Fener nit, aber schleckte Leut', wie war gelöscht das Feuer, war Chatoulle mit Schmuck weg — gestohlen mitten in Wirrwarr! Frömmel. So sagte der Herr Baron! Jänos (aufbrausend). Und so ist Wahrheit! Wer nicht glaubt, den schlag' ich nieder. Frömmel. Dann müßt Ihr den alten Grafen, den Vater der Comtesse, zuerst Niederschlagen, denn dieser glaubte es auch nicht. Wenigstens forderte er den Baron in schonendster Weise auf, ob er nicht in irgend einer dringenden Verlegenheit den Schmuck zur Deckung einer Schuld — Jä-noS (finster). Baron war beleidigt — hat geben ein Wort daS andere — Frömmel. Kurz, auS der Verlobung wurde nichts. Jä-nos. Das is ihm am meisten zu Herz gegangen. Armer Herr ist geworden sehr krank! Pank. Das war noch gut, da hat er wenigstens einmal mehr eingenommen, als er ausgcben hat. Frömmel. Als aber seine Gläubiger erfuhren, daß die reiche Partie sich zerschlagen habe, wurden sie dringend, alle, forderten zugleich — die Güter — das Pa- 3 lais mit seiner ganzen Einrichtung wurde als Pfand erklärt. Pank. Also g'fänd't? — und (ahnend) am End' gar? 3änos. Nein! nein! Wird doch nicht Aergstes geschehen! muß noch Hilf' kom- men! Frömmel. Der Baron hoffte noch Rettung bis zu diesem Momente, für heute neun Uhr ist die Feilbietung angesetzt und — (Man hört eine Thurmuhr neun schlagen.) Hört Ihr? Hört Ihr? 3anvS (trostlos). Neun Uhr! (Sinkt in einen Stuhl und bedeckt die Augen mit den Händen.) Pank, (zu den andern Dienern). 3ttzt wissen wir, wie viel's geschlagen hat! (Man hört die Tritte mehrerer Menschen und verworrene Stimmen außerhalb der Mittelthür ) Frömmel (horchend). Die Kauflustigen eilen die Treppe herauf! — Noch wenige Stunden und diese Räume sind leer! Pank. Kommt'ö! kommt's! (Ab mit den Dienern nach rechts.) Junos (bleibt wie betäubt fitzen). Dritte Scene. J^noS, Brandinger, Zwicker, mehrere Trödler, Stiller und andere Käufer, Schroll, Hammer (drängen sich zur Mcktel- thür herein). Schroll. Der Herr Notar wird gleich da sein! Vierte Scene. Vorige. Aron, dann Wilter. Aron (ein bejahrter Mann, modern und mit Eleganz gekleidet, tritt mit Wilter durch die Mitte ein). Die Trödler (enttäuscht). Noch nicht der Notar? Brand, (leise). Der reiche Löbenstein! will der auch mitlicitiren? Aron (ist indeß mit Wilter in den Vordergrund getreten, leise zu diesem). Schaffen Sie doch fort die Leut'! Wilter (zu den Anwesenden). Meine Her- ren! Die Licitation findet nicht statt! ^iDie Trödler (unwillig). Nit? ^-iÄnnos (freudig aufspringend). Nicht? Zs Nicht? Wilter. 3m Aufträge des Herrn von Löbenstein habe ich einen Ausgleich mit sämmtlichen Gläubigern zu Stande gebracht — der Herr Baron wird rangirt, und bleibt im Besitze seines Eigenthums! 3ä.noS. Was? rangirt? wir — wir bleiben? Wilter (zu den Trödlern). 3ch ersuche Sie also, das Haus zu verlassen. (Brandinger und die Trödler murrend ab.) Frömmel. 3ch muß sogleich zum Baron, ihm zu gratuliren! Aron (zu 3anos> 3st der Herr Baron im Hause? 3»,noS. 3a! 3fi rückwärts im Gartenhaus — hat nicht mitansehen wollen! Aron. Sagen Sie ihm, daß vorüber ist alle Gefahr, und ich lasse fragen, ob ich kann haben die Ehre mit ihm zu sprechen! Melden Sie nur der alte Löbenstein! 3nnos. Hol' ich Herrn Baron! Hai! wird der Freud' haben! (Eilt nach rechts ab.) Wilter (zu Löbenstein). Bedürfen Sie meiner noch? Aron. Nein! lassen Sie sich nicht aufhalten ! 3ch danke Ihnen für 3hre Bemühung! Wilter. ES war mir eine Ehre! 3ch empfehle mich zu ferneren Aufträgen! (Ab durch die Mitte.) Aron (allein). Din doch neugierig, kennen zu lernen den Mann, für den mein Bruder sich so interesfirt hat! (Gegen rechts sehend.) Ah! da ist er wohl! 1 * 4 Fünfte Scene. Aron. Sandor. Sandor seilt in freudiger Aufregung von rechts heraus). Darfich's denn glauben? gerettet? Schon hatt' ich jede Hoffnung aufge geben — da in der letzten Stunde — Aron. Verzeihen Sie, Herr Baron! es war doch Ihre eigene Schuld! Warum haben Sie erst gerufen nach Hilfe, als Ihnen schon ist gelaufen das Wasser bis an den Mund! Sandor. Hatte ich's denn nicht überall bei Freunden und Verwandten vergeblich versucht? Zudem lag ich in letzter Zeit krank, ich darf sagen zum Glücke — Aron. Zum Glücke? Sandor. Ja, denn dadurch wurde mir die Gelegenheit, mit Ihrem vortrefflichen Bruder bekannt zu werden! Aron (kalt). Ja, er wird gerühmt als ein sehr geschickter Arzt! Sandor. Glauben Sie mir, es ist nicht seine medicinische Wissenschaft allein, es ist sein in alle Verhältnisse tief eindringen- der Verstand, seine Begeisterung für die Menschheit, sein warmfühlendes Herz, das eine fast magnetische Wirkung auf den Kranken übt! Er machte mich gesund, nicht dadurch, daß er mir Heilmittel, sondern indem er mir Hoffnung einflößte, nachdem er den wahren Grund meiner Krankheit erkannt! Aron. Hm! Er hat's gemacht bei Ihnen wie bei anderen Kranken, er hat verschrieben, nur hat er dießmal mich empfohlen als Apotheker! Sandor. Er sagte mir, Sie seien der Mann, der mich retten könne, wenn er nur wolle, und er hoffte, daß seine Fürbitte— Aron. Nun ja, er hat mir geschrieben einen sehr langen Brief — Sandor. Aber warum mußte, er denn den schriftlichen Weg wählen? sollte zwischen Ihnen und Ihrem Bruder eine Feindschaft — Aron (rasch). Gott soll verhüten daS Unglück! Sehen Sie, Herr Baron, so oft wir zusammen sind, kommen wir in Streit. Er will mir immer aufdringen seine Ansichten und ich habe doch die meinigen! Meine Ansichten sind gut, denn sie haben mich gemacht zum reichen Mann! — seine Ansichten — (Zuckt die Achseln.) Sandor. Sind allerdings oft ideal! Aron. Er soll gehen mit seiner Idealität auf die Börs' — nicht ein Easimir Eßterhazy-Loos kriegt er dafür — genug, so oft wir haben disputirt miteinand', sind wir gegangen voll Galt' auseinander. Da Hab' ich ihm einmal gesagt: »Bruder Leben, Du bist mir sehr lieb, und wenn ich Dir thun kann einen Gefallen, straf' mich Gott, ick werd's thun!Mber thue mir dafür den einzigen Gefallen und komm' nicht zu mir, sonst könnten wir doch noch einmal werden Feinde. Brauchst Du was, schreib mir und Du sollst es haben! — Er ist gegangen und ich Hab'immergewart', daß werd' kommen a Brief — lang ist gekommen nicht's, bis vor einpaar Wochen, da hat er geschrieben den Brief, aber der hat ausgegeben für zehn! Sandor. Er bat Sie, mein Arrangement zu übernehmen! Aron. Ein Arrangement, waS nur möglich ist, wenn man gleich nimmt eine Vicrtelmillion in die Hand! Aber eS war die erste Bitt', mit der ist mir gekommen der Bruder, d'rumhab' ich's ernsthaft überlegt, und Hab' Ihnen geschickt meinen Leopold! Sandor. Der junge Mann ist Ihnen verwandt? Aron. Nichts ist er mir verwandt! — Er ist gewesen ein armes Waisenkind, was ich genommen Hab' in mein HanS. weil sein Vater mir hat erwiesen einmal einen großen Dienst, dafür Hab' ich ihn gelehrt meine Grundsätze, meine. Gcschäftskennt- nisse — Sandor. Diese bewährte er! Mit allem Eifer warf er sich auf Prüfung meiner Verhältnisse und durchwachte ganze Nächte, 5 um einen Plan auszuarbciten, nacb welchem noch eine Ordnung möglich wäre. Aron. Ich Hab' cingesehen den Plan, er ist gut! Aber Sie müssen auch haben einen Mann, der versteht, nach diesem Plane zu arbeiten. Sandor. Ich glaube einen solchen Mann bereits gefunden zu haben und diesen will ich jetzt als obersten Intendanten einsttzen. Aron. Und wer soll sein der Intendant? Sandor. Eben Ihr Zichsohn! Aron (überrascht und geschmeichelt). Mein Ziehsohn? der Leopold? hochfreiherrlicher Güter-Intendant? Sandor. Wenn Sic kein Bedenken tragen! Aron. Ich habe kein Bedenken, mich wundert nur, daß nicht haben der Herr Baron ein Bedenken, zu so einer Stelle zu berufen den Leopold, der doch ist so viel als ein Sohn von dem Juden Aron Löbenstein. Sandor (aufwallend). Halten Sie denn auch mich für so beschränkt, daß ich einen ehrlichen Mann, von dessen Wissen und Können ich überzeugt bin, wegen seines Glaubens von einer Anstellung ausschlie- jen sollte? Aron (schwkigt anfangs überrascht, blickt Sandor mit dem Ausdrucke innerer Befriedigung an, dann). Verzeihen Sie, Herr Baron, daß ich Sie Hab' gethan in einen Topf mit Andern! (Hält ihm die Hand hin.) Dreh, reu Sie mich, mir zu reichen Ihre Hand! Sandor (reicht ihm die Hand). Aron. Ich werde sogleich herschicken meinen Leopold! — Und was haben Sie mir bieten lassen für Percent? — Sieben von hundert — nicht wahr? — 's bält's 3hnen Keiner gemacht um den Preis, aber ich (drückt ihm dir Hand) ich werd's machen mit sechs drei Viertel! (Rasch durch die Mittklthür ab.) Sandor (allein). Wie sonderbar, daß selbst das, was doch so ganz natürlich und der einfachsten Vernunft klar sein sollte, noch eine freudige Ueberraschung hervor, bringen kann. Doch jetzt sogleich an'S Werk! (Ab nach rrchtS.) Sechste Scene. Fanni (allein; in einer eleganten Frühjahr« tailette, Blumen im Haar und an der Brust, den Strohhut an einem Bande am Arme tragend, hüpft durch die Mittelthür herein). Lied. Nur der Winter lastet schwer Auf der weiten Erde, Doch da kömmt der Frühling her, Daß ihr leichter werde! Leichter hüpft, von Eis befreit, Nun die munt're Welle, Leicht hin in dem Flügelkleid Flattert die Libelle! Leicht hinauf zum Wolkenraum Lerchen singend fliegen, Blüthen all' an Strauch und Baum Leicht im Wind sich wiegen; Jugend ist die Frühlingszeit In des Menschen Leben, D'rnm soll auch, von Sorg' befreit, Leicht die Brust sich heben! Leichtes Herz und leichter Sinn Sie sind noch mir eigen, Erst wenn ich einst älter bin, Mag der Ernst sich -eigen. Bis dahin verschonet mich Mit den weisen Lehren, Denn zum Winter kann ja sich Nie der Lenz verkehren! (Trällert und dreht sich dazu im Tanze ) Siebente Scene. Fanni. Frömmel. Frömmel (tritt von recht« heran«). Fanni! Du singst und springst — heute? 6 Fanni. Warum denn nicht? 's Wetter, was über nnser'm Haus gestanden ist, hat sich ja verzogen, der alte Jänos hat mir's just erzählt! Frömmel. Nun ja, der Herr Baron behält seine irdischen Güter, aber (schein- hrilig die Augen verdrehend) ich fürchte für seine Seligkeit! — Der Glaube scheint ihm Nebensache! Fanni (lachend). Curios! Und er war doch immer von einer Schaar Gläubiger umgeben! Frömmel. Du wirst aufhören zu scherzen, wenn ich Dir sage, daß über uns alle Beamten und Diener ein junger Mensch gestellt wird! Fanni (aufmerksam werdend). Gin junger Mensch? — Jetzt fangt die Sach' auch mich zu interessiren an! Kenn' ich ihn vielleicht? Frömmel. Er ist in der letzteren Zeit öfter in's Haus gekommen. Du wirst ihn wohl gesehen haben! Fanni. Was, doch nicht der Comptoirist mit dem interessanten blassen Gesichte, dem hübschen Backenbarte und den Kohlenaugcn, der Herr Leopold Freiberg? Frömmel (unangenehm überrascht). Du weißt schon seinen Namen? Fanni. Na, ob; von den jungen Männern die an mein' Fenster vorübergehen, such' ich immer die Namen zu erfahren, von den alten nicht, denn die heißen eh' nichts. Frömmel. Es ist gefährlich mit dem Feuer spielen — doch in Bezug auf diesen genügt wohl ein Wort, um dein Herz feuerfest zu machen — er ist ein Jude! Fanni. Und was nachher? Frömmel. Du erschreckst mich! Fanni. Hahaha! Wie ich noch ein Kind war, hat mich wohl, wenn ich einmal schlimm war, uns're alte Margareth damit g'schreckt, daß's gedroht hat, sie holt den Juden, aber jetzt fürcht' ich mich nicht mehr, und wann's erst den holet, dann verkrieche ich mich schon gar nicht. Frömmel. Aber bedenke doch, wohin sollte eine solche Liebe führen? Fanni. 'S ist g'spaßig, daß man von der Lieb' auch noch verlangt, daß's Ein' wohin führen soll! Frömmel (ärgerlich.) Du bist— (gkgen die Mittelthür horchend) aber man kommt! Die Beamten und Hausofficiere sollen sich ja versammeln, um (mit verbissenem Zorne) dem neuen Herrn Intendanten vorgestellt zu werden. Fanni. Ach, könnt' ich dann nicht dabei bleiben? Frömmel. Nein! nein! erwarte mich hier (gegen links weisend) im Nebenzimmer, bis er wieder fort ist, ich dnlde diese Liebelei durchaus nicht! Fanni. Sein's ruhig, Vaterl, an'sVerlieben denk' ich nicht! Mir g'fällt's nur, wenn d'Männer a bißl sich d'Flügel verbrennen, denn, ha, ha, ha! ich kann gar nicht sagen, wie lächerlich mir in dem Zustande die g'strengen Herren der Schöpfung Vorkommen, wann's so (imitirend) die Augen verdreh'» — graziöse Haltungen annehmend — seufzen, hahaha! Ick begreif' gar nicht, wie man sich in solche Caricaturen der Männerwürde ernstha ft verlieben kann. (Ab nach links ) Achte Scene. Frömmel. Horsmann. Rudolph. Jean. Berthold. Caspar. Jänos. (Kommen nach und nach durch die Mitte.) Horsmann (zu Frömmel). Was? eine neue Führung? Ein Anderer als Sie soll die Zügel in die Hand nehmen? Und wir sein doch mit Ihnen recht gut g'fahren! Jänos (für sich). Ja, bis der Wagen ist g'steckt im Sumpf! Rud. Unter uns war immer ein gutes Einvernehmen. Frömmel. Ja, Alles in Liebe und Güte, das war mein Princip — »Leben und leben lassen* mein Wahlspruch — 7 Neunte Scene. ' Vorige. Leopold Freiberg. Leop. (in einfacher, anständiger Kleidung, tritt, Schriften unter dem Arme tragend, von rechts ein). Guten Tag, meine Herren! (Legt die Schriften auf den Tisch.) Jänos. Lervus, uram! Die Uebrigen (erwidern den Gruß kaum, und sehen Leopold mit einem gewissen Trotz an). Leop. Der Herr Baron hat mich beehrt mit dem Vertrauen, die ganze Verwaltung seiner Besitzungen zu leite» und mir gegeben unbeschränkte Vollmacht! Ersparen Sie mir über die Weise zu sprechen, wie bisher gewirthschaftct worden ist, aber das sage ich Ihnen, von nun an muß es anders — ganz anders gehen! Die Beamten (unter sich murrend). Anders gehen? Wie meint er das? Horsm. (trotzig zu Leopold vertretend). Was Verstehen s dann unter dem »anders 'gehen?* Soll ich vielleicht die Pferd' drcs- siren, daß's nur auf zwei Fußen gehen, damit die Hufeisen erspart werden? Leop. Lassen Sie sie gehen ans allen Vieren, aber sehen Sie, daß Sie nicht zu hitzig werden, denn wenn die Pferde all' den Hafer fressen, den Sie sich liefern lassen — Horsm. Nh was, waS ein Pferd braucht, das muß ich vcrsteh'n. Wir haben keine polnischen Judengäul', die mit Strohg'hack g'füttert werden! Leop. Wir wollen aber auch nicht, daß der Stallmeister sich selbst vom Pferdefutter mästet! Verstehen Sie mich! (Tritt von ihm weg zu Jean.) Sie sind der Koch? Jean, 6kaiiäron, L votrs Service, wovsieur! Leop. Ein Franzose! hm! Hören Sie, was in der französischen Küche ausgekocht worden ist, ist ost theuer zu stehen gekommen. Künftig werden die Rechnungen genauer geprüft werden. (Zu Rudolf.) Und Sie, Herr Förster — R u d. (spöttisch). Na, finden's, daß bei mir vielleicht auch z'viel auf'gangeu? Leop. Aufgegangen ist in den Wäldern weniger als verschwunden. So viel hundert alte Stämme sind fort, man weiß nicht wohin — Rud. (aufbegehrend). Was soll daS?! Herr, wenn Sie glauben, daß Sie sich in meine Forstwirthschaft mengen können, dann sein's auf'n Holzweg! Das laß' ich mir nicht gefallen! Horsm. Ich auch nicht! Jean. L!i moi! Ick lassen mir nit guck' in jeder port! Horsm. Von Ihnen lassen wir uns den Futtersack nicht höherhängen. Mehrere Diener. So aKnickerei, das ging uns noch ab! Wieder andere Diener. Wir sein beim Herrn Baron im Dienst, nicht bei Ihnen — (Treten mit einer drohenden Haltung dicht an ihn.) Leop. (scheu zurücktretend). Was wollen Sie mir thun? Jünos (rasch zwischen Leopold und die kindringenden Diener tretend). Zurück! Der Herr steht da statt Herrn Baron selber, laß' ich ihm nichts geschehen! Leop. (ermuthizt). Ich hab's gut gemeint mit Ihnen, allem da Sie mir aber so cntgcgcnkommen, werd' ich Gebrauch machen von meiner Vollmacht! Reden werd' ick nicht mehr mit Ihnen. Sie werden erhalten meine schriftlichen Wessungeu! Horsm. Aha! kann mir's denken! Die alten treuen Diener sollen fort! (Zu den Uebrigen.) Er wird a paar von seine Leut' haben, die er nnterbringcn will! Rudolf. Na, ja, die Stämm' in mein Wald waren ihm deswegen z'wcnig, weil er den Stamm Israel nit d'runter gefunden hat! HorSm. Für a Dettlerwirthschaft taugen Leut' wie wir sein nit! (Mit Hohn zu Leopold.) Jetzt ist der Baron erst in den rechten Händen. (Ab durch die Mitte.) 8 Rud. Jean. Die übrigen Beamten (folgen ihm unter höhnischem Lachen). Leop. (empört). Welche Rohheit! — Gut daß sie gegangen sind. Und Ihr (zu den Dienern) Ihr seid ohnehin ausbezahlt! Der Herr Baron will nur mehr zwei Diener behalten, seinen alten JLnos — JLnos. Ja, behalt er mich? Na, war' ich eh' nit gegangen! (Ab rechts.) Leop. Und Ihr (zu Pankratz) könnt auch bleiben, Ihr Andern fort! Die Diener (entfernen sich murrend durch die Mitte). P a n k. (bleibtüberlegend stehen). Hm! hm! hm! Leop. Nun, was habt Ihr? Pank. Hm! bis jetzt waren sechs Bediente im Haus, 's hat keiner was z'thun g'habt, das soll ich jetzt Alles allein richten? Ich weiß nicht ob ich diese Ueberbür- dung aushalten kann. (Ab nach rechts.) Leop. (geht aufgeregt auf und nieder). Frömmel (für sich). Teure!! Er geht scharf d'rein! Da heißt's schlau cinlenken! (Sich Leopold nähernd, laut) Sie haben tüchtig ausgemustert. Es war aber auch an der Zeit, denn ich sag' Ihnen, diese Leute — Leop. Hätten Sie schon längst nicht mehr dulden sollen! Frömmel. MeinHimmcl! ich seh's ein, ich war mitunter zu gut! Aber ein Gefühl der Menschlichkeit — Leop. Sagen Sie der Brüderlichkeit, denn Sie waren Bruder im Spiel, Sie mußten nachsichtig gegen die Betrügereien Ihrer Untergebenen sein, damit diese Ihre Unterschleife nicht aufdeckten — kurz und gut — in Beziehung auf Sie hat der Herr Baron bereits gefaßt seinen Entschluß! Fröm. (erschreckt). Und dieser Entschluß? Leop. Sie augenblicklich zu entlassen! Frömmel (zurücktaumelnd). Ent—lassen? Knall und Fall? (Sich fassend für sich.) Aber das ist wohl nur ein Schreckschuß, dem Menschen wird doch auch noch beizukvm- mcn sein! (Laut.) Herr Freiberg, ich bitte Sic, wirken Sie vermittelnd ein! Ich werde ganz besonders erkenntlich sein, Sie wissen ja, eine Hand wäscht die andere! Leop. Ja,wo beide Hände schmutzig sind! Meine Hand ist rein und ich will sie rein erhalten! Gehen Sie! indem Sie mich bestechen wollten, haben Sie mich pe rsön- lich beleidigt, ich will nichts mehr mit Ihnen zu thun haben! (Wendet sich von ihm ab. setzt sich an den Tisch und beginnt in den Schriften zu lesen.) Frömmel. Gehen? schmählich hinausgewiesen? Was beginne ich? Zehnte Scene. Vorige. Fanni. FaNNi (tritt auS der Seitenthür links und winkt Frömmel). Frömmel (sie erblickend, für sich). Ha, meine Tochter! Wenn Sie — (Tritt zu ihr zurück; leise.) Weißt Du? Fanni (leise). Ich Hab' Alles g'hört! Nur kein Angst! Mit dem (aus Leopold wei- send) spiel' ich mich nur! Frömmel (leise) Du hoffst? Fanni. Lassens mich nur ein Augenblick mit ihm allein. Frömmel (leise). Nun denn, ich warte im Vorzimmer, für Dich kann keine Gefahr sein, Du weißt, wen Du vor Dir Haft, und wenn dieß Eisen (auf Leopold weisend) glühend wird, dann komm' ich, um es zu schmieden! (Ab durch die Mitte.) Fanni (bleibt eine kurze Zeit überlegend im Hintergründe stehen, drückt dann durch eine Geberde aus, dah sie ihren Plan entworfen habe, geht dann einige Schritte weiter vor und bleibt mit zu Boden gesenkten Augen stehen, schüchtern). Ew. Gnaden! Leop. Was ist? (Sieht sich um und fährt überrascht vom Sitze auf.) Ha, Fräulein! Sie — Sie — hier? Fanni (stellt sich ebenfalls überrascht und erschreckt). Sic da? — Verzeihen Sie, ich habe geglaubt, der Herr Baron — Leop. (befremdet). Sir wollen den Herrn Baron besuche»? 9 Fanni (rasch). Nur als Bittstellerin! Leop. Dann beneide ich den Herrn Baron, denn eine Seligkeit muß es sein, Ihnen eine Bitte zu gewähren! Fanni (für sich). So?—Na wart'nur! (Laut.) Hm! Wer weiß, ob Sie, wenn Sie wirklich in der Lag' waren, mir zu helfen, sich nicht doch b'sinnen werden? Leop. (rasch). Nicht einen Augenblick! Ich schwör' eS Ihnen! Fanni. Sie schwören? Und haben noch nicht g'hört, um was ich bitten will! Leop. Weil Sie gewiß von mir nichts verlangen werden, was ich nicht als ehrlicher Mann erfüllen könnte. Fanni. Sie wissen wohl, wer ich bin? Leop. Nock nicht! Fanni. Ich bin (ihm dabei scharf in- Auge sehend) die Tochter vom bisherigen WirthschaftSrath — Leop. (erschreckt einen Schritt zurücktretend). Sie die Tochter des Herrn Frömmel? Frömmel. Mein Vater ist mir g'rad' ganz verstört auf der Stiege begegnet, hat mir nur zugerufen: »Ich bin entlassen!* und ist fort! Sagen Sie mir, ist's denn wahr, wirklich wahr? Leop. (abgewendkt). Ja, es ist so! Fanni. Wirklich? — So hat der neue Intendant, von dem ich schon g'hört Hab', so unbarmherzig — Leop. Fräulein! Der neue Intendant bin ich! Fanni. Sie?! — Und Sie machen mein' Vater, machen mich so unglücklich? lWieder heiter.) Aber nein! Sie haben mir ja grad' vorhin g'schworcn, daß Sie mir keine Bitt' abschlagen! Leop. (rasch). Vorausgesetzt, daß ich sie als ehrlicher Mann erfüllen kann. Fanni. Und das könnten Sie io dem Fall nicht? Warum nicht? Leop. Erlassen Sie mir jede Erörterung! Genug, ich selbst habe den Herrn Baron in seinem Entschlüsse bestärkt; mit welcher Miene könnte ich nun vor ihn hin- tretcn und sagen: »Behalte« Sie den Herrn Frömmel doch, weil —* (stockt.) Fanni. Sie reden nicht aus! —Weil? Leop. (feurig). Weil seine Tochter mir erschienen ist wie ein Heller Stern, dessen Lichtglanz meine ganze Seele erfüllt; well ich von einem Glücke träumte — (einhaltend wieder ernst.) Verzeihen Sie, Fräulein, ich 'ehe selbst ein, wie unpassend eine solche Erklärung gerade in diesem Momente — Fanni (für sich,geschmeichelt). So unpassend find' ich's just nicht! Er drückt sich wundervoll aus! (Nach einer Paust laut, zö- gernd.) Und wenn Sie dem Baron das sagen würden — Leop. Dann würde er mir antworten: Herr! Die Eigennützigkeit Anderer hat mich dem Ruine nahegebracht. Sie habe ich gerufen zn Hilfe, und Sie — Sie sind der Eigennützigste von Allen! So würde er sagen, und er hätte Reckt! Ich stünde vor ihm, vor mir selber nicht mehr da als der ehrliche Mann, und glauben Sie mir, der Mann, in dessen Herzen die Ehre nicht über der Liebe steht, betrügt auch da- Mädcken, dem er dieses Herz als ein echt männliches anbietet! — Ich kann also Ihren Wunsch nicht erfüllen, und wenn ich dadurch auch Ihre Neigung verscherze, Ihre Achtung werden Sie mir doch nicht versagen! (Verneigt sich und will ab.) Fanni (M ihm nach). Herr Freibrrg! Elfte Scene. Vorige. Frömmel. Frömmel (tritt wieder durch die Mitte ela). Fanni! Fanni. Mein Vater! (Für sich.) 'S ist wirklich gut, daß er kommt, denn ich (fährt sich mit der Hand über die Stirne) ich weiß selber nicht, wie mir auf einmal ist. Leop. (zu Frömmel). Sie auch hier? Frömmel. Ja! Ich habe mir gedacht, waS meine Tochter vorhatte, als sie auf die Kunde von meiner Entlassung hieher- eilte, e- war vergeblich! (Zu Fanni.) So komm' denn, begleite deinen armen Vater 10 wenn er Dich auch nur dem Elend entgegenführen kann! Fanni (mit wirklichem Gefühl)- Nein, Vater, in's Elend das sollen's nicht! — Ich will — Fromme! (ihr in die Rede fallend). 3a, ich weiß, wozu Du Dich entschließen willst, dem alten häßlichen Hausherrn, dessen Bewerbung Du bisher trotz seines Reichthums mit Abscheu znrückgewiesen hast, dem willst Du nun doch deine Hand reichen? Leop. (aufgeschreckt für sich). Was hör' ich? Fromme! (für sich). Ha! Das packt ihn! (Laut zu Fanni.) Du willst dein Herz verkaufen, deine Gefühle ersticken, um deinen alten Vater nickt am Bettelstäbe zu sehen! (Leise.) So sag' doch ja! Fanni (sich losmachend von Frömmel, leise). Lassens mich! Vor dem Mann (aufLeopold weisend) kann ich nicht Komödie spielen! (Laut.) Geh'n wir. Vater! (Wendet sich mit Frömmel zum Abgchen.) Leop. Bleiben Sie, ich bitte! Frömmel (rasch umkehrend). Bleiben? Leop. Sie besitzen kein eigenes Vermögen? Frömmel. Nicht einen Heller! Wir lebten von meinem Gehalte und wenn mir der entzogen wird — Leop. (nach kurzem Besinnen). Hören Sie mich an! Frömmel (näher kommend). Mit beiden Ohren! Leop. So lange als Sie keinen andern Erwerb finden, werde ich Ihnen monatlich so viel zustellen, als 3hr Gehalt betrug. Frömmel. Was! Sie? Fanni (verletzt). Wir sollen Geld von Zhnen annehmen? Leop. Nennen Sie es nicht so! Meine Anstellung läßt mir noch freie Stunden, in diesen will ich für Ihren Vater arbeiten! Er soll nicht darben, Sie sollen sich nicht einem Ungeliebten verkaufen müssen! (Zu Frömmel.) Also eö bleibt dabei — ich werde Ihnen in jedem Monate den Betrag selbst in'S HauS bringen. Frömmel (leise zn Fanni). Er kömmt in unser Haus, dann komme ich auch wieder in dieß Haus. (Laut.) Herr Freiberg, ich betrachte Ihr Anerbieten als einen Schritt der Versöhnung und werde also Ihren Besuch als dem eines Freundes warten — (Wendet sich zum Abgehen.) (Fanni bleibt noch verlegen im Vordergrund stehen.) Leop. «ihre Hand fassend). Ich werde Sie also Wiedersehen wenigstens in jedem Monate einmal! Fanni. Alle Monate einmal! (DieAugen zu Boden schlagend.) Hm! Sie könnten ja auch, wann's Ihnen leichter fallt — den Gehalt alle vierzehn Tage' — oder alle Wochen — oder — als ein Diurnum täglich (ihn lächelnd anblickend) na! wieSie stch's halt eintheileu. (Eilt rasch Frömmel nach, leise zu diesem.) Geh'n wir, Vater, sonst — (mit einem Seufzer auf Leopold zurückweisend ) geh ich hier zu weit! (Zieht Frömmel mit sich durch die Mittelthür fort.) Verwandlung. Zwölfte Scene. (Platz in der Stadt, den Hintergrund nimmt ein noch nicht unter Dach gebrachte-, fliit Gerüsten umgebenes, großartiges Gebäude ein- Vor demselben eine Auszugmaschine, Steine und unnöthige Balken.) Jacob, Matz, Michel. Andere Zimmergesellen. (Jacob, ein schöner junger Mann mit beinahe bis auf die Schulter herabhängenden schwarzen Locken, daS Schurzfell vorgebunden, die Aermel des blendend weißen Hemdes bis über die Ellbogen hinaufgestreift, ein mächtige- Zimmrrbeil in Händen, sicht bei einem halbzugehaurnen Balken, arbeitend und nur während der Ruhepuncte sin« gevd. Die Zimmergesellen find ebenfalls bet der Arbeit beschäftigt.) IL Lied mit Chor. Jacob. Die Tanne, die ihr Haupt so stolz Trug über ihres Gleichen, Da liegt sic nun, ein todtes Holz, Gefällt von mächtigen Streichen; Doch soll vom Tode sie ersteh'n, Muß sie sich neu gestalten, D'rum sollt Ihr sie als Sparren seh'n, Des HanseS Giebel halten. Chor (arbeitend). D'rum Hieb auf Hieb und Schlag auf Schlag, Bis sie zum Bau sich fügen mag! Jacob. Die neue Zeit braucht neue Form, D'rum muß noch Manches fallen, Auf daß nach eines Meisters Norm Crsteh'n des Tempels Hallen, Und was wie eingewurzelt scheint In mächt'ger Felsen Spalten, Heraus damit und sckafft vereint Das Neue aus dem Alten. D'rum Hieb auf Hieb und Schlag auf Schlag, Bis eS zum Ban sich fügen mag. (Chor wir oben.) (Jacob läßt das Beil ruhen und trocknet sich den Schweiß von der Stirne. Matz stellt sich vor ihm hin und sieht ihn kopfschüttelnd an.) . Jacob. Nun, was gafft Ihr mich so an? Matz. Weil ich Ihnen nicht begreif', Sie sind doch der Meister — hätten'S nicht nöthig und arbeiten da, daß Ihnen der Schweiß von der Stirne lauft. Jacob. Ha! mir ist die Arbeit keine Plage, sondern eine wahre Lust! Matz. Das könnt' ich wieder weniger sagen! Jacob. Jst'S denn nicht ein eigener Genuß, von so einem stattlichen Gebäude sagen zu können: »Das ist mit auch mein Werk!* eS zu betrachten wie der Schöpfer die Welt, und zu finden, daß eS gut seil Matz. Ich sag', eS ist nicht gut! Da- Haus ist mir ein großer Schaden! Jacob. Euch? warum? Matz. Weil's mir nit g'hört, sondern ein' reichen Juden. Jacob. Der mir und Euch allen Arbeit verschaffte! Matz. Ja, so sein'S, 's Geld haben sie, und die Arbeit lassen'S unS! Jacob. Und für die Arbeit einen Theil ihres Geldes! Ihr solltet Euch darüber freuen, daß sie jetzt auch eigene Häuser bauen lassen dürfen! Matz. Na ja! Ich weiß, mit'n Meister ist schwer über so etwas zu reden — über den Punct versieben wir unS nie! Jacob. Weil zum gegenseitigen Verstehen auf beiden Seiten Verstand sein muß! Aber in eurem Gehirn haben sich die Vor- nrtheilc so verknöchert, daß kein Lichtstrahl durchdringcn kann! Matz. Na, 'na, werden'S nur nicht gleich wieder bös! Wir wissen ja, daß Sie sich nit oum die Juden annehmeten — wann's nit mitunter auch Jüdinnen gebet! Jacob (auffahrend). Was wollt Ihr damit sagen? Matz. Hahaha! A bißl a Licht is unS doch anfgangen! Die Tochter vom alten Löbenstein schaut jetzt so oft am Zimmerplatz nach! Jacob. WaS geht das Euch an? Matz. Na, das wissen wir schon, daß'S uns nichts angeht—und wann'S die hübsche Jüdin just nicht so genau nimmt, ob Alles ganz koscher ist — Jacob. Spart Euch eure rohen Späße für eures Gleichen — daS Fräulein will ich damit verschont wissen! — Und nun ein Ende mit dem Geplauder! An die Arbeit! (In dir Scmr links srhrnd.) Dort werden die letzten Dalken gebracht, die noch auf den Hintertract gehören. Rasch angefaßt! Wir müssen heute noch zu Ende kommen! (Ab mit allen Gesellen nach link-.) 12 Dreizehnte Scene. Sarah,Miß Mary, Aron, Ephraim Beigeles, Diener. Sarah (einfach, aber geschmackvoll gekleidet, tritt hastigen Schrittes mit Miß Mary von rechts auf; erschöpft stehen bleibend). Da sind wir! Aron ! Ephraim j Ein Diener sin reicher Livree geht nach, Shawls und Mantille über dem Arme tragend). Aron (zu Sarah). Sarah, mein Kind, was eilst Du so? Du wirst Dich echauffi- ren und dann wirst Du wieder werden unwohl! Sarah. Sorge nicht, lieber Vater, ich fühle mich neu gestärkt, die Luft ist hier so frei, so rein. Aron. Sonst hätt' ich nicht bauen lassen auf den Platz mein Haus. (Das Gebäude be. trachtend.) Sieh doch! sie sind wirklich fertig geworden mit dem Dachstuhl! Sarah (seufzt). Aron (besorgt). Du seufzest? Sarah, ich bitte Dich, wenn Du wieder hast einen Anfall — Sarah. Nein, nein, mich quält nur ein Gedanke — Aron. So laß ihn los den Gedanken, sprich ihn aus! Sarah. Du weißt, daß ich, seitdem der Bau begonnen, den Platz zum Ziel meiner täglichen Promenaden machte, ich plauderte auch gerne mit den Arbeitern, es intereffirte mich die eigenthümlichen Gebräuche der verschiedenen Handwerke kennen zn lernen. Aron (zu Ephraim). So ist sie! Wo sie nur etwas lernen kann, da zieht sie's hin, das Hab' ich eigentlich Ihnen zu verdanken, Reb Ephraim, Sie waren ihr erster Lehrer und haben, wie mansagt, den Grund gelegt. Ephraim (ein sehr alter Mann mit weißem Barte, schwarzem Rocke und breitkrämpigem Hute, schüttelt den Kops). Aron. Sie wollen dieß nicht zugestehen? Ephraim. Ich werde Ihnen erzählen eine Geschichte: Ein weiser Rabbi hat einmal gesagt, er hat für alle seine Schüler nur vier Namen, die heißen: Trichter, Schwamm, Schaumlöffel und Sieb. Der Trichter das ist der Schüler, in den man kann hineingießen was man will, eS läuft durch; der Schwamm das ist der Schüler, der aufsaugt Alles, ob es ist gut oder schlecht; der Schaumlöffel ist der Schüler, der das Reine läßt absiießen und behält nur das Unsaubere; das Sieb aber ist der Schüler, der fallen läßt die Spreu und behält nur das gute Korn! Und ich sage Ihnen, JhreTochter gleicht dem Schüler Sieb, dazu Hab' aber nicht ich sie gemacht, sondern (mit der Hand nach oben weisend) der große Rabbi, dessen Synagog ist die ganze Welt! Aron. Und ich dank' ihm dafür, so oft ich betracht mein Kind. (Zu Sarah.) Aber Du hast mir noch nicht gesagt den Gedanken, der Dir so weh thut! Sarah (etwas zögernd). Nun so bin ich auf den Zimmerplatz gekommen — der Meister selbst — Aron. 'S ist noch ein junger aber, ganz tücht'ger Mann, er ist erst seit kurzem hier etablirt und macht doch schon Concurrenz allen Zimmermeistern. Sarah. Aber er erzählte mir auch von einem Brauch. Aron. Nun—der ist? Sarah. Wenn die Zimmcrleute den Dachstuhl auf ein Haus gesetzt haben, so sagt er mir, ist es Sitte, daß der Meister selbst bis zum höchsten Giebel hinansteige, dort oben — (erregt und zitternd) einen Maienbaum aufpflanzt, und freistehend — ein Glas auf die Gesundheit des Bauherrn trinkt! (Immer ängstlicher.) Vater! ein Mensch dort oben in der Höhe! ein Fehltritt und — mich schauert — Du mußt es ihm geradezu verbiete». 13 Aron. DaS kann ich nicht! Wenn ein anderer Bauherr sagte, er verbiete sich's aus Besorgniß vor Gefahr, würde man's ihm glauben, wenn ich's sagte, würde cs heißen: der reiche Jude Löbenstein verbietet sich's aus Schmutzerei. Ich kenn' die Welt! Sarah. Was liegt am Gerede der Welt, wenn es sich um ein Menschenleben bandelt? — Vater, erlaube mir, daß ich noch einmal mit dem Meister spreche! Aron. Sprich mit ihm, sag'ihm — daß ich ohnehin gesund bin und nicht re- fiectire auf seine Gesundheit! Sarah (rasch zu Mary). Begleiten Sie mich, Miß Mary! (Eilt nach dem Hintergründe link- ab.) Mary (folgt ihr). Aron (zum Diener). Geh'auch nach mit den Shawls! Es könnte kommen eine rauhe Luft! Diener (ab nach recht-). Aron (zu Ephraim). 3ch kann Ihnen nicht sagen, wie ich besorgt bin für das Kind. Ist sie doch mein Alles — mein Leben, mein ganzer Lurus, aber (kopfschüttelnd) ich weiß nicht, sie kommt mir seit einiger Zeit so verändert vor, früher hat sie geplaudert so munter den ganzen Tag, jetzt ist sie oft stundenlang still — rede ich — so ist's — als hörte sie mich nicht, — fünfmal muß ich oft daö Nämliche sagen, bis sie'S faßt — woher das nur kommt? Ephraim. Ich werd' Ihnen erzählen eine Geschichte: Als die Nachkommen Noah's sich ausgebreitet hatten über der Erde, hatten sie einerlei Sprache, als sic aber angefangen haben zu bauen einen großen Thurm, da hat der Herr verwirrt ihre Sprache, und die oben waren, haben nicht mehr verstanden die, die unten waren, und sie sind gegangen auseinander. Die Geschichte kommt noch vor in jeder Familie. Im Anfänge, so lange die Kinder noch klein sind, reden die Eltern die Sprache der Kinder, und Kinder die Sprache der Eltern, — wenn sie aber größer werden, verstehen die Eltern die Kinder und die Kinder die Eltern nicht mehr, und dakn kommt die Zeit, wo sie gehen auseinander! Aron. Ich und meine Tochter werden nicht auseinandergchcn, denn der Jonathan Rosenblüh auS Brody, den ich ihr bestimmt Hab' zum Mann, wird sich hier etabliren und wird wohnen in meinem Haus. (Sieht gegen rechts.) Gott! da kommt gegangen mein Bruder! Gehen wir! (Will nach links.) Vierzehnte Scene. Vorige. Doctor Löbenstein. Doctor (fast eben so alt als Aron, aber lebhafter in Haltung und Geberden und Sprache, kömmt rasch von rechts). Halt, halt, Aron! heute kommst Du mir nicht auS; mußt einen Augenblick still halten, und wär'S auch nur so lange, bis ich Dir herzlich die Hand gedrückt und Dir für dein gutes Werk gedankt habe! (Faßt Arons Hand und drückt sie.) Aron (verstimmt). Ich Hab' schon einen schönen Dank! Ich Hab' gezogen den Baron aus der Patsche — mein Lepold hat sich geplagt, und nun hat er mir eben erzählt, wie die rohen Leute ihm auf jedes Wort vorgerupft haben den Juden. Doctor. Nun, Du sagst ja selbst: »Die rohen Leut !« Aron. Ah, 'S sind die feinen auch nicht viel anders! Man kann thun, was man will, sie nehmen unsereinen für ihres Glichen! Doctor. Ich will Dir das Derhältniß im rechten Lichte zeigen! Aron. Nun ja — Du — Du — hast das rechte Licht! Doctor. Stelle Dir vor— zwischen uns und den Andersgläubigen war seit Jahrtausenden eine hohe Mauer aufgeführt. Aron. Ja, wirklich ein chinesische Mauer! Doctor. Nun, wir auf unserer Seite haben uns wohl gestemmt dagegen, aber 14 « Du mußt «S doch anerkennen, die drüben haben redlich gegraben und Hauen und Brecheisen angesetzt, bis endlich das mit versteinertem Mörtel zusammengehaltene Gemäuer zu wanken begann und krachend zusammenstürzte! In die Arme hätten sich nun die beiden so lange getrennten Nationen stürzen sollen — Aron. Nun, warum haben sie's nickt gethan? Doetor. Weil, wenn eine Mauer stürzt, der Schutt noch liegen bleibt, und glaubst Du, der Schutt sei nur hinüber gefallen? Es liegt auf unserer Seite auch noch viel Geröll! Aron. Nun ja — jetzt fängst Du wieder an loszuziehen über unsre eigenen Leut', von denen Dir nichts recht ist! Doctor (immer mehr in'S Feuer gerathend). O, ich erkenne und würdige die vortrefflichen Eigenschaften unsres Volkes, die es allein möglich machten, daß es sich, überall verfolgt und unterdrückt, dennoch durch Jahrtausende erhielt. Sie mußten znsam- meneiuVolk bilden, da man den Einzelnen nicht als Bürger anerkennen wollte. Es war die Pflicht der Nothwehr, daß Ihr, so lange Euch jeder andere Weg, zur Bedeutsamkeit zu gelangen, verschlossen war, Geld zu sammeln, und Euch durch dieß zu einer Macht zu erheben suchtet — jetzt aber sind alle Schranken gefallen — Befähigung habt Ihr zu Allem, denn am Himmel der Künste und Wissenschaften prangen Sterne erster Größe, die, aus unserer Mitte emporgestiegen, von der Welt verehrt werden!— Straft doch einmal diejenigen Lügner, welche sagen, daß Ihr nichts versteht, als das Geld an Euch zu ziehen! Aron. Hm! eS gibt doch auch unter unS Arme genug — ich weiß wirklich nicht, wie wir gekommen sind in solchen Verruf! Ephraim. Wie wir sind gekommen dazu? Ich will Ihnen erzählen: »Es waren einmal ein paar Bauersleute, die gehabt haben ein kleines Kind; als ist krank geworden einmal das Kind, haben sie zuerst versucht allerlei Hausmittel — das Kind ist nicht geworden besser — haben sie kommen lassen den Viehhirten, der hat ihm gekocht ä Tränkel, — das Kind ist geworden darauf noch schlimmer — haben se geholt den Dorfbader, der hat wieder eingegeben was Anders, bis das Kind schon ist dagelegen in den letzten Zügen — jetzt sein sie gelaufen zu einem echten Doctor, der ist gekommen und hat noch etwas verschrieben — aber das Kind ist doch gestorben. Da haben die Leut' geschrien: »Der Doctor ist schuld, daß wir verloren haben unser Kind!« Nu, sehen Sie, gerade so geht's, wenn Einer ist in Geldnoth; zuerst geht er zu die Freunde, wenn ihm die nicht helfen, geht er zu die christlichen Wucherer, wenn er dann gekommen ist noch tiefer hinein und ihm schon Niemand mehr was gibt, geht er zum Inden; der gibt ihm noch was, und wenn er hernach doch geht zu Grund, dann sagt er: »Der Jud' hat mich zu Grund' gerichtet!« Doctor. Deshalb befaßt Euch nicht fast Alle ausschließend mit Geldgeschäften, macht auS eurem Gehirn nicht bloß eine Rechentafel, bestimmt eure Kinder nicht alle zum Handel, laßt sic ihre Kräfte auch anders verwerthen. Mit Einem Worte — bleibt Juden nach eurem Glauben, aber seid kräftige dentsche Männer nach eurem Charakter und eurer Haltung! Ephr. (schüttelt da- Haupt). Doctor z» Ephr. Können Sie mir widersprechen? Ephr. Ich werd' Ihnen erzählen eine Geschickt'! Ich habe gekannt Einen von unsere Leut', der hat gehabt einen (die Hand an der Höhe der Brust haltend) so langen schwarzen Bart, — da sind gekommen die Maler, und haben ihn gebeten, er soll ihnen sitzen zum Modell, und haben ihn theuer bezahlt für jede Stund' — hat sich der Mann gedacht, wenn ich schon so gefalle mit meinem Barte, wie werde ich ihnen erst gefallen, wenn ich mir wegnehmen laß' den 15 Bart, und er hat's gethan! Als er aber ist gekommen ohne Bart in ein Atelier, hat ihm gewiesen der Maler die Thur. Sehen Sie, so ein Bart sind die Sitten und Lebensweis' unserer Väter; nehmen wir die weg. so werden wir aufhören zu sein das auserwählte Volk! Fünfzehnte Scene. Vorige. Leib Wölfel. Wölfe! (ein verkommener Zudenbursche in zerrissenen, ihm nirgends passenden Kleidern, einen zerdrückten Hut auf dem wirren Haare, einen Bündel aus dem Rücken, ist während der letzten Rede Ephraims vom Hintergründe rechts gekommen, hat sich scheu bis zu Aron vorwärts g schlichen, befühlt den Oberrock, welchen dieser aus dem Arme trägt, dann sprechend). Baruch habbe! Wollen Se tommcr verkäsen den Nock? Aron (beleidigt). Welche Frechheit? Doctor. Ha haha! (tritt zu Leib, faßt seine Hand und spricht, mit der andern Hand auf ihn weisend, zu Ephraim). Soll daö auserwählte Volk auch künftig noch solche Musterkarten in die Welt schicken? Leib (verwundert). Was gucken mich so an die Raboißcs? Aron (zu Leib). Bursche! warst Du nicht heute Morgens bei mir betteln? Leib. Oßer! Ich Hab'nicht gebettelt! ich Hab' nur a wenig geschnorrt! Aron. Und jetzt gehst Du handeln? Leib. Ewaddc! Sehen Sie, das ist die Unterscheidung zwischen unS und die Goims! Wir schnorren zuerst und dann handeln wir, die GoimS handeln zuerst und dann geh'n sie schnorren! Doctor. Wie nur der Kerl spricht! Leib. Verzeihen Se— es is doch die Loschen, die haben gcschmuest, mei Tate und mei Mamme olewescholem! Doctor. Wie alt bist Du? Leib. Siebzehn Jahre wer' ich auf Jonteff Peissach! Doctor (zu Aron). Das Holz ist noch grün, es läßt sich vielleicht noch formen. Aron (zum Doctor). Was willst Dn Dich befassen mit so einem Burschen? Was geht er Dich an? Doctor. Uns Alle geht er an! Gerade wo wir unter der Jugend — unseres Volkes noch solcheVcrkommenheiten finden, soll Jeder nach seinen Mitteln dahinwirken, den Sinkenden aus dem Schlamme zu ziehen! (Zu Leib.) Steh' gerade! Leib. Ich trau mer nicht! Doctor. Warum nicht? Leib. Wenn ein Schnorrer so gerad' steht vor solche Szrores (sich demüthig ver- neigend), werden Sie mich halten für ein Lahochez! Doctor. Für einen Menschen werden sie Dich halten, und nicht für einen kriechenden Wurm! (Ihn am Kinn in die Höhe richtend.) Gerade steh'! und nun sprich deutsch! Leib. Stellen Se ä Kasche, geb' ich a Tschuwe! Doctor. Sag' mir, was hast Du gelernt? Leib. Wai! Ich bin nicht gekommen viel über's Ales Bels! denn mein Tate war der ärmste in der Kille! — Unser Melamcd hat wohl gesagt: ich hatt' e große Ge- wure und ich könnt' werden a Bocher — der Tate hat aber gemeint, der Melamed wär' a Ehamer und hat gesagt, ich soll lieber kennen lernen die Schaure, dann werd' ich kümmen zu Neschires, und so hat er mich geschickt, wie ich war erst sieben Jahr alt, zu hausiren mit Streifhölzer — 'S ist bis heut' nichts mit die Neschires, und nur der Dalles guckt heraus aus der Löcher- sammlttNg. (Auf die zerrissenen Aermel weisend.) Doctor. Und wenn ich Dich nun in meine Dienste nehm'? Leib (sich kaum fassend vor Freude). WaS? Treiben Sie kein Stuß? Ich — ich—der arme Leib Wölfel soll werden derMeschoreS von so ein Szrorc! Die Kowed! das Nachcs — der Tag ist für mich ä Szimches Toire 16 — Gott, der Gereckte! ich werd' mcschugge! Herumspringend.) Maße! tow! Maße! tow! Doctor. Freu' Dich nicht zu früh, denn ick werde streng sein, aber versuchen will ich's doch an Einem Eremplare, ob nickt auch die Schattenseite unseres Volkes von dem Lichtstrahle der neuen Sonne beleuchtet und belebt werden kann. Folge mir! Ab nach recht-.) Leib. Jo! jo! ich werde folgen in Allem! ich werd' werden so fein, und so nobel, wie die goldbeschlagenen Meschores von die Goims! — Ich werf' weg den Bünkel — (will das Bündel wegwerfen, besinnt sich aber.) Nein! ich werf's doch nit weg — es ist darin ein' alte Manchesterhos — aber tragen will ich's nicht auf dem Rücken — so (hängt daS Bündel über den Arm) als war's a persischer Shwal. So (eine stolze Haltung annehmend) das ist eineNobligkeit— kakesch! Wer mer gut's ginnt! (Geh nach rechts ab.) Aron zu Ephr. Da haben Sie meinen Bruder! Er will anders erziehen unser ganzes Volk, und hat doch nicht erziehen können seinen eigenen Sohn; den hat er, wie er noch ganz klein war, gegeben in ein Institut im Auslande, von wo er noch nicht ist gekommen zurück! Sechzehnte Scene. Vorige. Sarah. Miß Mary. Der Diener. Sarah (vom Hintergründe links mit Miß Mary kommend — noch sehr aufgeregt). Aron. Ah, da ist meine Sarah wieder! (Ihr entgegengkhend.) Nun, hast Du abgehalten den Meister von seinem Wagniß? Sarah (hält sich, fast wankend, an Arons Arm, und verneint nur mit einem Kopfschütteln, fährt sich mit der Hand über die Stirn, bemüht ihre Schwäche zu überwinden). Vergeblich bat — beschwor ich ihn — er sagt — er könn' es nicht unterlassen, schon seiner Gesellen wegen und dann — doch — (sieht gegen den Hintergrund links) da kommt er selbst mit seinen Leuten! Aron (ebenfalls hinsehend). Wahrhaftig! Und wie stattlich sie sich aufgcputzt haben, mir zu Ehren! Siebzehnte Scene. Vorige. Jakob. Matz. Michel. Gesellen. Lehrlinge. Dann Musiker und Volk. Jacob (iu einer netten Blouse, das Schurz« fell umgebunden, ein Barett aus dem Haupte, in einer Hand daS Beil, in der andern ein großes Bouquet tragend, kommt vom Hintergründe links). Matz und Michel (tragen zusammen einen großen Maienbaum). Die Gesellen und Lehrjungen (find sämmtlich in Blousen gekleidet und mit Schurzfell und Beil versehen: sie alle stellen sich im Halbkreise vor dem Gebäude auf). Jacob (tritt zu Aron vor, sein Barett ab- zichcnd). Herr von Löbenstein! Auch unsere Arbeit an dem neuen Gebäude ist vollendet! 's ist eine alte Sitte, daß der Meister seinen Gehilfen bei solchem Anlässe ein kleines Fest gibt! Aron. Nun ja, ja, ich werd's bezahlen! Jacob. Vergeben Sie, wenn ich dieß dankend ablehne. Ich gebe dieß Fest, und feierlicher als bei irgend einer andern Gelegenheit soll cs dießmal begangen werden. Aron. Warum gerade dießmal? Jacob. Weil es Ihr Haus — daS eigene HauS eines Israeliten ist. Wenn man erwägt, wie lange Ihrem Stamme das Recht vorenthalten war, das selbst den Wilden in der Wüste zusteht, nämlich das Recht, seine eigene Hütte für sich und die Seinen aufzuschlagen, so muß man jedes der stattlichen Gebäude, welche jetzt von den Israeliten gebaut werden, als ein Denkmal deS Sieges betrachten, den die Aufklärung über die Finsterniß errungen 17 hat, und wie Ihre Vorfahren an dem Orte, wo sie einen Bund geschloffen, Steine zusammentrugen, so ist ein solcher Steinbau anch ein Zeichen des Versöhnung--, deS Bruderbundes, welchen nach tausendjährigen Kämpfen endlich — endlich Christen und Juden geschlossen haben. Möge Gott segnend walten über diesem Hause und Sie und (mit feurigkm Blicke auf Sarah) die Ihrigen viele Tage des Glückes in demselben erleben lassen! Aron. Danke — danke— (leise zu Sarah) der Mann spricht gut, wahrhaftig! (fährt sich mit dem Sacktuche über die Augen) 's ist mir gestiegen das Wasser in die Augen! Jacob (zu Sarah). Sie, verehrtes Fräulein, werden mich beglücken, wenn Sie mir gestatten, diese Blumen statt meiner an Sie sprechen zu lassen! (Ueberrricht ihr das Bouquet.) Sarah (zögert es anzunehmen). Herr Meister — Aron (zu Sarah). So nimm doch den Strauß, nimm ihn, wenn es schon so Brauch ist; (leise) wenn ich nur wüßte, wie ich ans zarte Weise Revange gebe. Sarah (nimmt den Strauß; zu Aron). Erlaube, daß ich'S thuc! (Zu Zakob.) Ich werde die Blumen zur Erinnerung an dieß Fest bewahren, und damit der heutige Tag sich auch in Ihrem Gedächtnisse erhalte, (nimmt ihr Brustbouquet herab und reicht eS ihm) erwiedere ich Ihre Gabe mit einer ähnlichen! Aron (für sich). Zart! bei Gott, sehr zart! Jacob (die Blumen au seine Brust steckend, zu Sarah). Dank! — tausend Dank! — Nun, Fräulein, verbannen Sie jede Angst, wenn ich hinan zur Höhe steige, Sie selbst haben mich gefeit gegen jede Gefahr. (Wrndet sich zu den Gesellen.) Nun laßt UNS das Gerüst mit'n Maicnzeichen schmücken! Hinauf! hinauf! (Eilt gegen das Hau- ab.) (Zu demselben Momente erscheinen Musiker auf dem Balkone de- HauseS, welche eine festliche Weise Theakr»A«P«toitt Re. 2IS spielen; die Gesellen haben den Mairnbaum an einem Seile befestigt, und ziehen dieß mittelst der Winde bis zur höchsten Spitze de- Dachgerüste- hinauf.) Sarah (von der heftigsten Angst ergriffen, Aron's Arm krampfhaft fassend). Vater — er wagt es — ich bin unfähig, den Anblick zu ertragen! — Laß' mich fort! (Will nach links ab.) (Gleichzeitig strömt aber von allen Seiten Dolk verschiedener Stände heraus, und vertritt so auch Sarah den Ausgang.) Aron (Sarah zurückhaltend). Du kannst nicht fort durch das Gewühl! Mach' kein Aufsehen, bleib' und fasse Dich! Steigt der Mann doch hinauf auf sein eigenes Risico, wir sind nicht betheiligt bei seinem Unternehmen! Jacob (erscheint auf dem Dache des Hause-, tritt auf einen hervorragenden Balken, saßt dm hinaufgezogenen Mairnbaum und befestigt ihn auf dem Giebel). Sarah (sieht ihm während der Beschäfti- gung mit zitternd auSgestreckten Händen zu). Ein Geselle (erscheint hinter Jakob auf dem Dache und hält ihm eine Tasse, worauf eia gefülltes Glas steht, zu) Jacob (nimmt das Glas, schreitet bis auf da- äußerste End« de- Balken- vor, da- Gla- schwingrod). Dem Bauherrn ei» Hoch! (Fanfare) Alle Gesellen (schwing« ihre Mützen). Hoch! Hoch! Jacob. Ein Hoch seiner Tochter, Fräulein Sarah Löbenstein! (Schwingt das Gla- noch höher.) (Fanfare). Sarah (fast außer sich). Gott — er wankt — ich — (Stößt einen Schrei au- und finkt ohnmächtig nieder.) Aron (entsetzt sich zu ihr nirdrrbeugend). Um Gottes willen, Kind! Leute auS dem Volke und Geselle» (eilen zu Sarah und bemühen sich sie aufzurichten). Jacob (hat bei dem Sturze Sarah s das GlaS weggeschleudert, sich von dem Balken auf 2 18 eine rechts flehende Stange des Gerüstes geschwun- gen und ist pfeilschnell herabgeglitten, und zu Sarah eilend). Fräulein! um des Himmels willen! (Kniet bei ihr nieder und ersaßt ihre Hand.) Sarah (schlägt matt die Augen aus, mit frohem Lächeln). Er — er — lebt! Aron (ganz starr). Ja, ich kann nicht begreifen! Ephraim (hat Sarah scharf beobachtet, faßt AronS Arm, zieht ihn von der Gruppe weg, bedeutungsvoll). Ich werde Ihnen erzählen eine Geschichte! . (Der Vorhang fällt.) Zweiter Art. (Geschmackvoll angelegter Garten bei Aron Löben« stein, seitwärts rechts ein Tract des Gebäudes mit einer von Schlinggewächsen umgebenen Veranda, ein Gartentisch und mehrere Stühle.) Erste Scene. Aron bei Sarah, dann Doctor (rechts). Aron (im Morgenanzuge eilt die Stufen der Veranda herab). Endlich bist Du da! und wie langsam! Eile doch — fliege! Doctor. Ist denn die Gefahr so groß? Sarah (fleht sich im Garten um, ihr Blick fällt aus den Doctor, erfreut). Ah, Onkel! (Steht auf, tritt zum Doctor und faßt seine Hand mit ihren beiden Händen.) Lieber Onkel! Wie dank' ich Dir, daß Du gekommen bist! Doctor. Ich werd' nicht kommen, wenn mein liebes Nichtchen meiner Hilfe bedarf! (Führt sie zu einem Stuhle, sauf welchen sie sich nieder- läßt.) Wir wollen einmal sehen! (Setzt sich neben sie und befühlt ihren Puls.) Aron (für sich). Er fühlt den Puls. Gott, was wird er daraus nehmen! (Näher zum Doctor tretend.) Nun, was sagst Du! wirst Du sie wieder machen können frisch und gesund? Doctor. Ich hoffe noch! Aron. Nun! so geh' nur rasch au die Arbeit,curire geschwind!! denn sieh', ich gäb' doch Alles d rum, wenn sie könnt' hergestellt sein bis ultimo! Doctor (lächelnd). Du willst auf Termin accordiren? Warum? Aron. Nun, es ist doch zwischen mir und meinem alten Geschäftsfreund'Roscn- blüh schon seit einem Jahre ausgemacht, daß am Letzten dieses soll sein die Vermä- lung uns'rer Kinder — Sarah (fährt wie von einem Stiche getroffen vom Sitze aus, sinkt aber sogleich wieder mit geschlossenen Augen zurück, die Hand an ihr Herz gepreßt). Doctor (erschreckt). Um Gottes willen! Sarah! Aron. Allgerechter! Sie stirbt! (Eilt auf ihre andere Seite und richtet ihr daS Haupt aus.) Sarah! Thu' mir das nicht an! ich beschwöre Dich! Doctor. Was war's denn? Sarah. Es ist Nichts, nur ein Anfall von Krampf, aber (zu Aron) ängstige Dich nicht, und— wenn Du so gütig sein willst, pflücke mir dort ein Pfeffermünzblatt! Aron. Ja, ja, sag' nur, was Du willst, Alles sollst Du haben. (Eilt zu einem Blumen- beete und pflückt eine Menge Blätter.) Sarah (leise zum Doctor). Wenn ich nur mit Dir allein sprechen könnte! Doctor (erstaunt, für sich). Mit mir allein? Was hat sie nur? Aron (kommt mit den gepflückten Blättern wieder zurück). Da! ich glaub', es werden sem die rechten! (Sie dem Doctor hinhaltend.) Sieh' Du an die Blätter, sag', ob sie sind officiell! , Doctor. Osficinell, willst Du sagen! (Die > Blätter betrachtend.) Ja, ihrGeruch wirkt stärkend! (Zu Sarah, ihr die Blätter reichend.) Nimm! (Dann mit Aron etwas bei Seite tretend, : leise.) Höre mich an! Du kannst deine Aengst- I lichkeit nicht beherrschen, das wirkt nach- > theilig auf die Kranke — laß mich mit ihr allein. 19 Aron. Gut! Ich thu', was Du vorschreibst! Sarah, ich geh'! ich vertraue Dich ganz meinem Bruder, vertrau' auch Du ihm — laß ihn thun einen Blick in all' deine Zustände, nimm ein, was er Dir gibt an Pulver und Mirturen, und werd' mir gesund! thu' mir's zu lieb'! (Fast weinend zum Himmel blickend.) Gott! laß sie nicht sterben— sie braucht nicht zu sterben, sie hat zu leben! (Ab in's Haus) Doctor. Nun, liebe Nichte, dein Wunsch ist erfüllt. (Setzt sich wieder zu ihr.) Sarah (sich wieder zu ihm wendend). Onkel! Es gibt keinen Menschen als Dich, dem ich mich in meiner Seelcnangst anvertrauen kann. Habe Du Erbarmen, gib Du mir Trost und Rath, denn, ach, ich bin so unglücklich. so namenlos unglücklich! Doctor. Durch den Gedanken an deine Dermäluug? Diese ist doch seit Zähren beschlossen — ich hörte Dich selbst darüber ruhig sprechen. Sarah. So langeich die ganze furchtbare Bedeutsamkeit dieses Schrittes uichl erkannte!— Wie Du weißt, ist es in manchen unserer Familien Sitte, daß die Väter die Verbindungen ihrer Töchter schon beschließen, so lange diese noch Kinder sind, so war auch ich kaum zehn Jahre alt, als mein Vater mit mittheilre, daß er meine Hand dem Sohne eines reichen Kaufherrn zugcsagt habe — ich kannte diesen nicht, aber meinem kindischen Herzen machte rS Freude, mich als Braut zu wissen, ich widersprach also nicht — ja ich gewöhnte mich an den Gedanken — Doctor (sie schärfer in's Auge fassend). Und seit wann erscheint Dir dieser Gedanke so fürchterlich? Sarah (schlägt die Augen zu Boden, zögernd). Seit — (Sie erhebt die Augen, ihr Blick richtet sich gegen die Scene links, unwillkürlich entringt sich ihren Lippen ein Laut der Urberra- schung.) Ach! Doctor (siebetrachtend, erstaunt). Was hast. Du denn? (Sieht ebenfalls gegm links.) Ah! Meister Jakob! (Wendet sich wieder gegen Sarah, welche noch tu ihrer früheren Haltung verharrt, befremdet.) Sarah! (Da fit ihn nicht zu hören scheint, noch lauter.) Sarah! Sarah (erschrickt wie aus einem Traume erwachend, bedeckt mit einer Hand ihre Augen und preßt die Hand an ihr Herz, breitet dann beide Arme gegen den Doctor aus und finkt ihm krampfhaft schluchzend an die Brust). Doctor. Nun, nuu, Kindchen— (Richtet ihr Haupt auf, sieht ihr zuerst in's Auge, wendet dann sein Haupt gegen links und blickt hierauf wieder Sarah an, lächelnd.) Du machst es deinem Arzte leicht, die Diagnose zu stellen. Sarah (verletzt). Onkel! Du lächelst?— Du kannst scherzen in dem Augenblick, in welchem Du mein ganzes Unglück erkennen mußt? Doctor. Unglück? Sarah. Muß ich eS denn mit Worten aussprechen? Doctor (ruhig). Nein! gar nicht noth- wendig! — Du liebst! Sarah. Einen Mann — seines Standes — seines Glaubens! Doctor (wie oben). Ja! die Liebe war die erste liberale Königin, welche den Unterschied der Stände und der Conseffiouen aufhob. Sarah. Deine Ruhe erschreckt mich! Bin ich Dir denn so gleichgiltig, daß Du, indem Du mich schwankend am Rande eines Abgrundes erblickst, mir kein Wort der Mahnung zurufst? Doctor. Ich würde dieß, wenn deinet Neigung sich einem Unwürdigen zugewand hätte, aber der Meister Jakob — ich kenne ihn genau— ist ein ehrenwerther Mann, ein Mensch von den vortrefflichsten Eigenschaften des Geistes und Herzens — daß er nebenbei ein schöner Mann ist, brauch' ich wohl Dir nicht erst zu sagen. Sarah (blickt gegen links, erschreckt). Er har unS erblickt— er kömmt hieher! (Aengstlich.) Laß mich! nur jetzt laß mich fort! ! Doctor (lächelnd). I ch halte Dich nicht zurück! r * 20 Sarah (will wankenden Schrittes gegen das Haus, die Kräfte scheinen fie zu verlassen, sie hält sich an der Lehne eines Stuhles, blickt nochmals gegen link-, dann seufzend mehr für sich). Ich kann nicht! Doctor (hat sie beobachtet, für sich). Da haben wir die Geschichte von Loth'S Weib, sie blickt nochmals nach der Flamme (gegen den Kommenden weisend) und — die Salzsäule ist fertig! Dritte Scene. Vorige. Jakob. Jakob (eine Zeichnung in der Hand tragend, kömmt rasch von links, befremdet zu Sarah). Fräulein! Sie wollen vor mir fliehen? Doctor. Man flleht nur vor dem Gefährlichen! Sarah (im Tone des Vorwurfes). Onkel! Doctor. Ei was! ich muß sprechen,jdenn was für die ganze Welt ein Geheimniß bleiben muß — Euch selbst muß es klar werden! (Zu Sarah.) Höre denn! — so wie Du hat auch der Mann (auf Jakob weisend) mir sein Herz eröffnet, er liebt Dich wie Du ihn! Sarah (bedeckt das Gesicht mit beiden Händen). Jakob (außer sich vor Freude). Wie! Sie — mich? faß' ich's denn? Ist der kühne Traum zur Wahrheit geworden? (Zu Sarah.) O, verhüllen Sie Ihr Antlitz nicht, dessen wundervolle Schönheit nie strahlender leuchten kann, als in dem Augenblicke, in welchem Sie einen Menschen zum Glücklichsten der Erde machen! Sarah! (Will mit ausge- breiteten Armen zu Sarah.) Doctor (rasch dazwischentretend). Halt! halt! (Ernst.) 3hr steht am Vorabende eines schweren Kampfes! Thöricht wäre es, sich im Taumel eines geträumten Sieges in die Arme zu sinken! Erprobt erst euren Muth — eure Kraft — Jakob (düster zu Sarah). Ich weiß, Sie sind Braut! Sarah. Nur nach dem Beschlüsse meines Vaters, nicht nach meiner Wahl! Doctor (zu Sarah). Darum tritt an Dich zuerst der Augenblick heran, in welchem Du beweisen mußt, ob deine Liebe Dir die Stärke verleiht, unwürdige Bande zu zerreißen! Sarah (entschlossen). Dieß werde ich, aber dann? Onkel, kannst Du den Satz vollenden? (Muthlos das Haupt senkend.) Es bleibt ein Kampf um Unerreichbares! Jacob (feurig). Lassen Sie uns nicht verzweifeln! Der Gott, der aus dem Chaos die herrliche Welt erstehen ließ, wird auch den verworrenen Geistern der Menschen sein »Es werde Licht!* zurufen. Ich habe Muth, für das höchste Gut meines Lebens jeden Kampf zu bestehen — wollen Sie mir als treue Verbündete die Hand reichen? (Hält ihr seine Hand hin.) Sarah (nach einem inneren Kampfe). 3a, doch nur zum Gelöbnisse, daß diese Hand niemals einem Anderen gehören soll! (Reicht ihm die Hand.) Jakob (bedeckt ihre Hand mit Küssen). Vierte Scene. Vorige. Ephraim (tritt vom Hintergründe links auf, erblickt die Gruppe, der Stock entfällt seinen Händen, die er weit ausgebreitet gegen Himmel hält). Doctor (durch das Geräusch aufmerksam gemacht, sieht sich um). Was ist's? Sarah (erschreckt ihre Hand zurückziehrnd, leise). Meister Ephraim! Doctor (zu Ephraim). Nun, was stehen Sie denn da wie versteinert? (Lächelnd.) Haben Sie keine Geschichte zu erzählen? Ephraim (zu Sarah). 3hr Vater hat mich geschickt auf die Eisenbahn, weil ihm ist worden tclegraphirt, daß heut' soll ankommen 3hr Verlobter, der Herr Jonathan Rosenblüh. Sarah (schreckt zusammen). Und ist er wirklich—hier? 21 Ephraim. 2«— ich Hab' ihn begrüßt im Namen des Hauses Aron Löbenstein. Doktor. Herr Meister, eine Familien- Angelegenheit! Jakob. Ich verstehe! (Zu Sarah sich ehr. erbietig verneigend.) Fräulein! Ich sehe Ihren weitern Bescheiden entgegen! (Ab nach links) Fünfte Scene. Vorige. Aron. Aron (kömmt hastig auS dem Hause zu Ephraim). 2ch Hab' Sie kommen gesehen vom Fenster — aber allein? Ephraim. Herr Rosenblüh wird mir folgen auf der Fers'! Aron (erfreut). Also pünktlich eingetroffen! — Sarah! hast Du gehört? Aber, sag' mir, fühlst Du Dich stark genug für die Freude! Sarah (mit mehr Festigkeit). Ja—ich will ihn sehen. Aron (mit Zufriedenheit betrachtend). Wahrhaftig! Du warst vorhin so schwach—hast kaum gehen können auf deinen Füßen — und jetzt stehst Du so aufrecht. (Zum Doctor.) Bruder! Ich fang' an Respekt zu bekommen vor deiner Heilmethode! (Horcht.) Aber — ein Emnforta bel (gegen den Hintergrund links seheodf Er steigt aus, er ist's, er muß es sein, — auf hundert Schritt erkennt man, daß er ist mein alter Rosenblüh in neuer Auflag'! (Eilt gegen den Hintergrund.) Sechste Scene. Vorige. Jonathan. Rosenblüh. Jonathan (ein noch junger Mann mit einem abgemagerten braungrlben Gesichte, kurzem schwär« zen Vollbarte und immer scheublickenden Augen, in einem langen schwarzen Rocke und bis an die Knie reichenden Stiefeln, tritt von links aus). Aron. Gott'S Willkomm'! Gott'SWillkomm' ! Jonathan. Herr Aron Löbenstein? Aron. Ja, der bin ich! Jonathan (verneigt sich). Aron. Was macht Ihr Vater? Jonathan. Er läßt Sie grüßen nnd Ihnen sagen, wenn Sie zu fordern haben an Schirach Mosheim, sollen Sie sich beeilen — es kömmt ihm faul vor! Aron. Danke für den Wink! Aber kommen Sie. (Will mit ihm vorwärts.) Jonathan. Wenn Sie Kleesamen können brauchen mit 18'/, loco, kann mein Vater stellen eine große Partie! Aron. 18/,? Was fällt ihm ein? 16/, läßt sich reden! Aber davon auf dem Comptoir! Jetzt lassen Sie sich vorstellen meiner Tochter! (Faßt ihn an der Hand.) Jonathan. Ich brenne vor Verlangen! (Geht einen Schritt vorwärts, bleibt aber wieder stehen.) Noch Eins! Auf die Kalbfelle kann der Vater nicht rcflectiren! Aron. Nicht? Wird ihm leid sein! — sind im Steigen begriffen! Aber jetzt zum Hauptgeschäft! (Führt ihn zu Sarah.) Sarah! mein Leben, hier führ' ich Dir auf den Herrn Rosenblüh, jede Ader ein Geschäftsmann — er macht in Edelsteinen. Sarah (verneigt sich). Jonathan (zu Sarah). Mein Vater hat bewiesen, daß er kennt meinen Geschmack, indem er gerade Sie hat gewählt zu meiner Braut! Aron (zu Sarah). Nun hast Du kein Wort für deinen Zukünftigen. Erwid're doch das Eompliment! Reich' ihm die Hand zum Gruß, nnd biet' ihm die Stirn zum Kuß. Jonathan (nähert sich Sarah). Sarah (tritt mit dem Ausdrucke des Wi» derwillens zurück). Herr Rosenblüh, ich würde be auern, wenn Sie kein anderes Geschäft zur Herreise bewogen hatte, als Ihre pro- jectirte Vermälung! Jonathan. Gott! Geschäfte die schwere Masse! Ich habe Aufträge aller Art, die ich effectuirensoll— vor Allem Steine zu einem Schmuck für eine russische Gräfin — dann 22 Pfandbriefe zu vcrwerthen für polnische Cavaliere— dann — mit einem Wort' — die Zeit wird mir werden viel zu kurz. Sarah. Um so rascher lassen Sie uns unsere Angelegenheit erledigen. Aron. Was gibt's da noch zu erledigen? Ist doch schon Alles fest abgemacht, und Du hast nichts zu sprechen, als das »Ja«. Sarah. Das nie über meine Lippen kommen wird. Aron (erschreckt). Was ist das? ) . Jon. (zurückprallend). Wie heißt? kH' Ephr. (die Hände zusammenschlagend). t §> Gott über die Welt! 1«? Sarah (mit sichtbarer Aufregung, doch mit Festigkeit zu Jonathan). Ich danke Ihnen für die mir zugedachte Ehre — aber — (die Worte beinahe herausstoßend) ich kann, — ich werde Ihre Gemalin niemals werden! (Wendet sich und sinkt erschöpft in einen Stuhl) Aron, Jonarhan und Ephraim (stehen starr vor Schreck). Jon. (nach einer Pause). Sie kann — werd' nicht —? (Tritt zu Aron.) Herr Löbenstein! Sie sind der Aron Löbenstein, der bekannt ist in der ganzen Welt, als der solideste Geschäftsmann, von dem ein Wort mehr gilt als hundert Verschreibungen von Andern? — Sind Sie's oder sind Sie's nicht? Aron (sich aufrichtend und mit der Hand an seine Brust schlagend). Noch bin ich's! — und ich werd' beweisen, daß ich's bleib'. — WaS kümmert Sie das, was da schwätzt so ein närrisches Kind? Sie haben sich zu halten an mich! und an dem Tage, an welchem ich Ihrem Vater zugesagt Hab', ihm zu stellen die Schwiegertochter loeo Wien, werd' ich sie stellen. Jon. (befriedigt). Ist gut! Ich Hab' Sie im Wort und kann sein ruhig) Aber jetzt (sieht nach der Uhr) muß ich zu Wolf Proßnitzer, dem Steinschneider — ich treff' ihn nur um die Stund' — Aron. Lassen Sie sich nicht aufhalten — machen Sie Ihre Gänge — und wenn Sie werben zurückkommen, sollen Sie reden hören meine Tochter ganz anders. Jon. 'S muß nicht beut' sein! Sie haben noch Luspiro bis ultimo, dem entgegensehend ich mich empfehle hochachtungsvoll (verneigt sich, zieht dann ein Notichüchlein hervor und geht, in diesem lesend, nach dem Hintergründe rechts) Schmuel Alples am hohen Markt, Jolua Fleckeles, Salzgries, Sun- nensteinSohn, Leopoldstadt— (Ab). Aron (eilt zu Sarah, heftig ihre Hand fassend). Jetzt, Sarah, rede! Sage, Du hast nur so gesprochen, weil Du glaubst — Du mußt Dich zieren — oder daß Du nur gemacht hast einen Scherz, kurz, sage was Du willst, nur die Worte: »Ich werd' nicht« will ich nicht mehr hören von deinem Munde. Sarah. Dann, Vater, führe mir den Menschen nie vor die Augen. Aron (zitternd vor Zorn). Du bleibst dabei? (Sich mühsam beherrschend, wieder gefühlvoll.) Sarah, Du weißt, Du bist mein Augapfel, mein Leben! Ich gäb' für Dich mein Blut — aber — (wieder strenge) als Du wirst ungehorsam in dem einen Punkt, Sarah! ich kann Dich auch reißen aus meinem Herzen, ich kann Dir geben meinen Fl . . Sarah (gleitet entsetzt vom Stuhle herab, so daß sie kniecnd zu seinen Fgßcn liegt, ausschreiend). Vater! Ephr. (tritt rasch zwischen Beide; zu Aron.) Halten Sie ein! Ich werd' Ihnen erzählen eine Geschichte! Aron. Gott, kommen Sie mir jetzt nicht mit Ihren Geschichten. Ephr. Sie müssen sie hören! Ein frommes Mädchen ist gegangen in den Wald, und sie hat gedürstet, da kam ein Mann und sie hat ihn gebeten, ihr zu zeigen eine Quelle, daß sie sich labe; — der Mann aber hat gesagt: »Nimm' eine saftige Frucht vom Strauch, sie wird Dich erquicken —« nnd dabei hat er gepflückt schöne, glänzende Beeren, und hat sie ihr gereicht und sie hat gegessen — cs waren aber Tollkirschen, da ist gefahren der Wahnsinn in ihr Gehirn und sic hat äuge- 23 fangen zu lästern Gott — und Gott hat es gehört, und sein Blitz ist herabgeznckt, aber nicht auf die Wahnsinnige, sondern auf den Mann, der ihr gereicht hat die verderbliche Frucht! Aron. Was wollen Sie damit sagen? Ist meine Tochter wahnsinnig? oder har sie phantasirt im Fieber? (Zum Doctor.) So gib Du ihr ein Medikament! Ephr. (sich rasch vor Sarah stcllrnd und mit beiden Händen den Doctor abwehrend). Tollkirschen wird er ihr geben, und er hat sie ihr schon beigebracht! Aron zum Doctor. Wie? Du — Du bist schuld, daß mein Kind sich auflehnt gegen meinen Willen? Sarah (sich wieder erhebend). Nein, Vater, mein eigenes Herz lehnt sich auf! Ephr. Legen Sie Schiewe an, Herr Lö- benstcin! legen Sie Schiewe an! Sie haben verloren Ihr Kind! Aron (erschreckt). Was sagen Sic? Ephr. Ich werd' Ihnen erzählen eine ganz kurze Geschickte: »Als ich gekommeu bin vorhin, Hab' ich gesch'n — (auf Sarah weisend) die Taube, und der Marder ist ge- standen mit glühenden Augen vor ihr, und der gelehrte Herr Bruder hat ihn nicht abgewehrt. Aron. Versteh' ich recht?— ein Mann? Ephr. Ja, ein Mann (betonend) von den Andern! Aron (entsetzt). Ein Ehrist! — Sarah, sprich! leugne!— straf' ihn Lügen!— Du schweigst? — damit ist Alles gesagt (zum Doctor.) Und Du weißt davon? (Tritt mit ihm bei Seite, leise.) Sag' mir, ist eS eine noble Bekanntschaft, vielleicht ein Graf — ein Fürst? Doctor (ganz ruhig) Nein — ein ehrlicher Handwerker — der Meister Jakob. Aron (zurückfahrend). Ein Handwerker! — Meine Tochter — daS einzige Kind von Aron Löbenstein und Eompagnie. (Sich selbst beschwichtigend). Aber was werd' ich mich erzürnen. 'S ist doch lächerlich! (Mit Stolz.) Für eine Sarah Löbenstcin ist ein Handwerker gar kein Mann. (Verächtlich.) Ein Spielzeug kann er gewesen sein für sie! Doctor. Dann wäre deine Tochter eine herzlose Eokette und ich würde mich mit Verachtung von ihr wenden, aber ihre Liebe! — Aron (wieder zornig). Sprich' nicht mehr davon!— sprich' Du überhaupt gar nichts, kein Wort! — keine Sylbe— keinen Laut wist ich von Dir hören! Du hast den Kopf meines Kindes verschroben und Ihr Her; abgewendet von ihrem Vater. Handelt so ein Bruder?— Nein — daS bist Du nicht, Du bist nicht der Sohn meines Vaters — mein Feind bist Du! Doctor (im Innersten verletzt). Aron! Aron (srhr ernst). Das Wort, vor dem ich mich so lange gefürchtet, cs ist ausgesprochen! — (Kalt.) Sie entschuldigen, Herr Doctor. Wichtige Angelegenheiten zwingen mich, Sie zu ersuchen, mein HauS zu verlassen. Doctor. Ich sehe, jetzt ist jede Verständigung zwischen unS unmöglich. Ich verlasse Dich! (Will fort.) Sarah (rill zum Doctor und hält ihn zurück). Onkel! bleibe! — Entzieh' mir deinen Schutz nicht! Aron (empört zu Sarah). Bei ihm suchst Du Schutz? — gut — gut — kannst auch mit ihm gehen — ich halte Dich nicht auf — geb' — geh'! (Sich zu Ephraim wendend leise.) Sie wird doch nicht gehen? Ephr. (leise zu Aron). Sie sind zu aufgeregt und eS steht geschrieben: »Nicht im Sturm erschien der Ewige!* Lassen Sie mich sanft sprechen zu ihr — sie soll mir folgen, wie Rebecca gefolgt ist dem ältesten Knechte Abrahams! Aron (leise). Gut, machen Sie ein Ende der Geschichte! weiß Gott, ich bin schon alterirt, so sehr, daß ich nichts werd' taugen auf dem Comptoir! Reden Sie mit ihr — aber bringen Sie sic zurück! — Hören Sie — auf die Seele bind' ich's Ihnen, bringen Sic sie zurück! (Ab in s HauS.) 24 Ephraim (tritt zu Sarah sanft). Sarah! Höre« Sie auf meine Worte! Sarah (sich abwendend). Ich weiß, waS Sie sprechen wollen! Wie eine Selavin gekettet an einen Ungeliebten, soll ich mich mit diesem auf die Galeere des Brautgemaches schleppen lassen? Nimmermehr! Ich fühl's, es gibt auch eine Gränze für kindlichen Gehorsam! Ephraim (drohend). Auch die väterliche Liebe! Sarah! wenn statt des Vaters Seen sein Fluch — Sarahssich eingeschüchtert an den Doctor schmiegend). Onkel! rette mich! Ich seh' es kommen! Stürmen und drängen werden sie in mich im Hause meines Vaters, zerren an meinem Herzen, um es zu beugen — und — es wird brechen. Doctor. Ja, die Pflicht des Arztes fordert mich auf, ein Menschenleben zu retten! Komm', mein Kind, ich will Dir ein Asyl bieten, bis in diesem Hause die Vernunft und mit ihr die Ruhe wieder eingekehrt ist. (Wendet sich mit Sarah zum Abgehen.) Ephraim (aufschreiend). Sarah — Sie geht! (Verzweifelt die Arme gegen das Haus streckend.) Vater! zerreiße deine Kleider, dein eigener Bruder stiehlt dein Kind, um es zu opfern dem Molech! (Sinkt erschöpft an den Stufen der Veranda nieder.) Sarah (ist mit dem Doctor bereits in dem Hintergründe, sie wirft noch einen schmerzlichen Mick aus das Haus; während sie mit dem Doctor dasteht) (fällt der Verwandlungsvorhang.) Verwandlung. (Ein Theil des Parkes beim Schlosse deS Barons, tn der Mitte des Hintergrundes ein niederer Hügel, auf welchem eine Einsiedelei unter Tannen- bäumkn steht, Stufen aus unbehauenen Steinen führen zu der Thür derselben, die ganze Parkanlage erscheint etwas verwildert.) Siebente Scene. Josef und einige Gärtnerbursche, Leib Wölfel, dann Fanni. Josef und die Gärtnerlehrlinge (find bei Blumenbeeten beschäftigt). Leib Wölfel (in einem netten Gartenge- wände, die Haare glattgekämmt, kommt, in jeder Hand eine Gießkanne tragend, von rechts). Josef. Bist Du auch da, kleiner Mansche!? Leib (beleidigt, die Gießkannen niederstellend). Leib Wölfel heiß ich, und wenn mich Einer nennt »Manschel«, könn' er bekommen cn Klapp in's Ponem! Josef. Was? Ich glaub' gar. der Jud' wird käwig! Mehrere Lehrlinge (hinzueilend). Oho! Wir sein da! (Wollen gegen Leib.) Leib (aufschreiend). Sie wollen gehen Leib zu Leib, (hebt schnell wieder die Gießkanne aus) aber ich habe geladen mein Gewehr! (Fangt an rechts und links zu spritzen.) I osef (zurückspringend). Verfluchter Kerl! Die übrigen Jungen. Wart', dafür wirst ausg'zahlt! (Wollen wieder über ihn.) Leib (fortwährend spritzend und schreiend). Wai! zu Hilf'! Sie wollen mich macken! Zu Hilf'! Fanni (kömmt, einen Hut auf dem Kopfe und ein Körbchen am Arm von rechts). Aber Buben, waS treibt's denn? Die Jungen (ablassend). Die Fräulein Fanni! Leib (für sich). Die Kalle vom Herrn Intendanten. (Laut zu Fanni.) Ich känn nir davor — der — (auf Josef weisend) hat angefangen! Iosef. Ich Hab' nur ein'n Spaß g'macht. Leib. Wie heißt, ä Spaß über mein Jüdischkeit! Ich leid's nicht. Ja, ich bin ä Jüd, und ich bin stolz darauf, daß tch's bin. Fanni (lachend). Warum? 25 Leib. Darum! Wenn ich nicht bin stolz, bin ich doch ä Jüd' — bin lieber gleich stolz. Fanni. Recht hast^- und ihr (zu den andern Burschen) laßt ihn mit Ruh', sonst sag' ich's dem Herrn Freiberg — Ihr wißt — daß er die ewigen Hetzereien nicht leid't! Josef (abgehend). Na ja, er soll sich halt seinen Lcibjuden in Baumwoll' wickeln lassen! (Ab nach rechtk.) Die übrigen Jungen (entfernen sich ebenfalls). Fanni (zu Leib). Du därfst vom Glück sagen, daß sich der Doctor um Dich so annimmt! Leib. Ja — er hat einmal seine Passion an mir! — Er sagt immer, er will machen aus mir ein Menschen! Hab' ich doch gedacht, dafür hatt' schon gesorgt der Tate und die Mamme, aber der Doctor sagt, ich soll nir mehr schachern geh'n, sondern lernen Geld zu verdienen durch Arbeit, darum hat er mich gegeben in die Lehr zum Gärtner vom Herrn Baron! Fanni. Und bist gern gegangen in die Lehr' daher — zu ein'm Christen! Leib. Ist doch besser for mich zu sein in der Arbeit bei ein Christen. Warum? darum? AmSchabbeS arbeit' ich nicht, am Sonntag laßt er nicht arbeiten, Hab' ich zwa Feiertag — heißt ä Geschäft! Fanni. Fällt Dir d'Arbeit dann so schwer? Leib. Die Arbeitfallt mir nicht so schwer als das Reden! Der Doktor will immer, daß ich mir soll abgcwöhnen die hebräischen Wort, und soll reden wie and re Leut' — nu ich streng mich auch an — nebbich! Fanni (lachend). Ich hör s! — Was soll nun das wieder heißen: »Neppich?« Leib. »Nebbich!« davor find' ich in's Deutsche kein rechtes Wort, ich känn's nur erklären durch eppes ein Beispiel! Geben Sie Acht! — (Nachdenkend) nebbich! — nun wenn Einer z. B. hat liegen zehntausend Gülden in Pest-Losonczer Aktien! daS ist nebbich! Fanni (steht in die Scene links). Aber still, da kommt (erfreut) Er! — Leib. (verschmitzt lachend). ErlHähähä! Nu, ich werd' gehen aus dem Weg'. Fanni. Warum denn? Leib, (vertraulich). Nu, weil ich doch weiß, daß Sie werden sein wollen allein mit dem »Er« — hähähä! der Intendant, und ich will ihm nicht verderben die Freud', ist er doch auch von unsre Leut'. — (Er eilt nach links ab.) Neunte Scene. Leopold. Fanni. Parkbesucher. Leopold, (sie erblickend). Ha, Fanni! Sie hier? und allein? Fanni (vorwärts kommend). Der Vater sitzt oben in der Einsiedlerhütten — Leopold. Wie gewöhnlich — Fanni. Er hat g'sagt, ich soll ihn Abends abholen, ich bin aber mit Fleiß a bißl früher kommen! O! ich hätt' Ihnen so viel zu sagen, so viel! Leopold. Sie ängstigen mich fast! Was ist denn? Fanni. Ach! der Vater ist seit einiger Zeit so schlecht auf Ihnen z'sprechen — er hat immer g'hofft, daß Sie ihn wieder anstellen und weil das nicht geht, so sagt er, er wollt' auch gar nichts mehr von Ihnen annehmen — und — denken'- Ihnen nur — er redt davon — daß er mit mir fort- reiscn will — Leopold (erschreckt). Fort? Sie fort? Fanni. O, ich geh' ihm nicht und wenn er zehn Locomotiv'anspannt, aber besprechen möcht' ich mich mit Ihnen! (ES gehen einige Personen über die Bühne ) Fanni. Da haben wir'S. Nicht ein' Augenblick ist man ungestört, S'ist recht z'wider, daß der Park für alle Leute offen steht. Leopold. Nur bis zu einer gewissen 26 Stunde — wenn das Glockenzeichen gege- > den ist — > Fanni. Za, dann müssen wir — der > Vater und ich — auch fort — und's Gitterthor wird g'schlossen. — Leopold (ihre Hand fassend, vertraulich). Und wenn rch Ihnen nun einen Schlüssel geben würde. Fanni (etwas befremdet). Sie meinen — ich — ich soll — später — daher? — Leopold (eindringlich). Fanni, auch ich habe Ihnen Wichtigeres mitzutheilen, als Sie vermuthen — Sie allein dürfen es erfahren — und ich kann Sie immer nur in Gegenwart Ihres Vaters sprechen. Fanni. Na ja — der Vater ist schon so — und da müssen's jedes Wort ans d'Wag legen, aber (ihn freundlich ansehend), ich versteh' auch das, was z'verschlucken und kann auch mit den Augen hören! Leopold. Liebes, himmlisches Mädchen! (Dill seinen Arm um sie schlingen; es gehen wieder Leute über die Bühne.) Leopold (zieht, die Leute bemerkend, seine Hand rasch zurück). Fanni (siH umsehend, ärgerlich). Das dumme Volk, findt's denn kein' ander n Weg? Leopold. Ach, nur einmal ein Viertel- stundchen mit Ihnen allein! Fanni. Hm! wanns auch nur a halbe Stund' war —aber — so— (Sieschüttelt be- denklich das Haupt.) Leopold. Haben Sie denn kein Vertrauen zu mir? Fanni (seine Hand mit ihren beiden Händen fassend). Ja — ja, Ihnen 'trau ich nichts Unrechtes zu und — (entschlossen) ei was! a Tugend, die a Schildwach' braucht, ist's Schilderhaus nicht werth. Leopold (hastig). Sie werden also kommen? Fanni. Ja — aber licht muß noch sein! Der Vater geht von da ans immer in's Kaffeehaus und ich geh' sonst zur Nachbarin auf ein' Plansch — na — und ich mein' — 's wird doch ka Sund' sein, wenn ich einmal statt zur Nachbarin zu ein Nachbar geh' — aber (mit dem Finger drohend) nur auf-ein Plausch. Zehnte Scene. Vorige. Frömmel. Frömmel (tritt in diesem Augenblicke aus der Einsiedelei, bemerkt die Anwesenden, macht anfänglich eine drohende Bewegung, beherrscht sich aber und schreitet leise die Stufen herab). Leopold (ohne Frömmel zu bemerken). So hören Sie! (Zieht einen Schlüssel heraus.) Dieser Schlüssel öffnet das Thürchen in der Mauer gleich neben dem Schlosse, und führt in den vorderen Theil des ParkeS — Frömmel (macht eine freudige Bewegung und streckt den Kopf weiter vor). Leopold. Ich werde dem Laubgange neben dem Chiosk — Fanni. Ja, weiß's schon, dort ist's recht schattig, b' sonders wenn d'Sonn' schon Untergängen is. Leopold. Dort werd' ich Sie erwarten. Fanni. Na, so gcben's den Schlüssel nur her! Leopold (gibt ihr den Schlüssel). Hier! Sie machen mich selig! (Küßt ihre Hand.) Frömmel (hat, als Fanni den Schüssel nahm, eine freudige, zustimmende Bewegung gemacht und kommt jetzt, als ob er nichts wahrgenommen hätte, ganz unbefangen nach dem Vordergrund). Fanni (ihn bemerkend, ihresHand rasch zurückziehend. leise). Der Vater! F r ö m m e l (freundlich zu Fanni). Ah, mein Kind, bist Du schon hier? Fanni (noch etwas verlegen). Ja, just bin ich 'kommen! Frömmel (zu Leopold). Guten Abend, Herr Freiberg! Leopold. Gleichfalls! Hier (aufdie Einsiedelei weisend) weiß man Sie doch immer zu treffen. Von morgen an werden Sie sich ^ aber dennoch ein anderes Plätzchen wählen müssen! 27 Frömmel (befremdet). Ein anderes Plätzchen, warum? Leopold. Weil dem Baron ein vortheil- haster Antrag gemacht wurde, diese Hälfte des Parkes zu verkaufen. Frömmel (mit sichtbarem Schreck). Der — verkaufen? Leopold. Ja, ein Bauunternehmer hat soeben eine schöne Summe dafür erlegt. Frömmel. Hat erlegt? Also abgeschos- scn? Leopold. Ja wohl — noch heute wird die Parzelle abgcgränzt ^uid eingeplankt. (Sich entfernend.) Ah, gerade fällt mir ein, daß ich es übernahm. (Sieht sich im Parke um.) Elfte Scene. Vorige. Leib. Leib (eriHemr wieder im Hintergründe mit einer Gießkanne). Leopold. He! Junge! komm her! weißt I Du den Zimmerplatz des Meister Jacob? Leib. Nicht werd' ich ihn wissen! hat mich doch der Herr Doctor ost hingcschickt mit Brief! Leopold. Nun gut, so geh' dann sogleich hin und bitt' ihn hieher, es gibt eine Arbeit — Leib. Werd' ich gleich in die Hand nehmen die Füß' und laufen! (Will fort) Frömmel (an dem man eine immer steigende Aengstlichleit gewahrt; zu Leib). Warte, mein Junge! Nur einen Augenblick Geduld — ich —ich werde Dich bitt'n, gleichzeitig für mich eine Bestellung auszurichten — kannst ein Trinkgeld verdienen (Trocknet sich den Schweiß von der Stirn, dann zu Leopold.) Also, diese Einsiedelei? Leopold. Wii d morgen mit dem Frühesten niedergerissen. Frömmel. Morgen schon? (Für sich.) Dem muß vorgcbcugt werden. Zwölfte Scene. Vorige, Ephraim, Jonathan. Ephraim (tritt zitternd und fast erschöpft, auf seinen Stab gestützt mit Jonathan von linkö auf, Leopold erblickend). Ah, da sind Sic sa, Herr Leopold! Gott sei gepriesen, daß ich getroffen Hab' Sie! Leopold. Was ist vorgefallen? Ephraim (jammernd). Öh! Sarah! Sarah! Jonathan (mürrisch). Mit all' dem Wehklagen ist nichts gerichtet! Ephraim (traurig den Kopf schüttelnd). Die Klagen Jeremias haben auch nichts gerichtet, aber geklagt hat er doch! Jonathan. Gehandelt muß werden, gehandelt! Leib (leise zu Fanni). Das ist auch einer von unsere Leut'! Fanni. Glaubcn's! Leib. Nu, sagt er doch: »Gehandelt muß werden!* Jonathan (zu Leopold). Sie müssen wissen, ich bin Jonathan Rosenblüh, der Edelsteinhändler! Frömmel (wird aufmerksam). Jonathan (zu Leopold). Ich bin gekommen, um eine hier bestellte Partie Juwelen zu kaufen und zugleich zu heiraten Löbcnstein's Tochter; aber ein böser Geist will mir vereiteln beide Geschäfte. Meine Commissionäre — haben nur aufgetrieben lauter Povel! ich könnt' mir reißen die Haare auS dem Bart! (Gcht vom Sphraim weg auf die andere Seite der Bühne, «o er sich aus einen Baumstrunk setzt und finster vor sich hinbrütet.) Leopold. Aber noch weiß ich nicht, «aS mit Sarah geschehen? Ephraim. Ich fürchte, der Doctor macht sic zur Maschumode! Fanni. Was? Die Tochter vom reichen Löbeusteiu will er zur Marschandemod machen? 28 Leib (zu Fanni). Verstehen Sie doch deutsch! Maschumod das ist ein Mensch, der nicht mehr glaubt, was er glauben soll! Leopold (zu Ephraim). Und Herr Lö- benstcin? Ephraim. Er hat sie erschrecken wollen und sie gewiesen aus seinem Hause, aber sie ist werklich gegangen mit dem Doctor und das hat den Herrn Löbenstein ganz außer sich gebracht, er hat auf der Börse Unsinn geredet und sie haben ihn gebracht nach Hause ganz krank. Leopold. Ich will sogleich zu ihm! (Will fort.) Ephraim (ihn zurückhaltend). Gehen Sie nicht zu ihm, wenn Sie nicht mitbringcn, was ihn allein kann curiren. Leopold. Und das ist? Ephraim. Seine Tocher selbst! Sie wird noch sein beim Doctor! Ich will zu dem Manne nicht gehen, ich will ihn nicht bitten, denn meine Worte fallen da auf harten Stein, aber Sie — Sie find mit ihm nicht verfeindet — Sie muffen ihn bewegen mit aller Macht der Rede, daß er herausgibt das verirrte Lamm. Leopold. Ich eile sogleich! (Zu Leib.) Vollziehe meinen Auftrag. (ZuFrömmel.) Sie entschuldigen. (Zu Fanni.) Auf Wiedersehen! (Leise.) Auf recht baldiges Wiedersehen! Fanni (nickt ihm freundlich zu, leise). Eh schon wissen! Leopold (zu Ephraim). Kommen Sie! Ephraim. Ja ja! Lassen Sie mich hängen in Ihren Arm! (Thut es.) Ich will zusammennehmen meine letzten Kräfte, ich will rennen, wie das Kameel in der Wüste, wenn der Samum brüllt, und ich will warten an der Thür des Hauses, bis Sie mir herabbringen die entflohene Taube, und sie dann bergen in den Falten meines Gewandes, daß der Geier soll nicht mehr ausstrecken die Klauen nach ihrem Gefieder! (Geht wankrnden Schrittes mit Leopold rechts ab.) Fanni. Mich dauert der alte Löbenstein, denn s' ist doch ein Unglück, daß 'S ihm seine einzige Tochter so abwendig g'macht haben. Frömmelte an der Hand fassend und mehr zur Seite führend, leise im strengen Tone). Jst's ein Unglück für einen Vater? Nun, vor dem Unglücke will ich wenigstens mich elbst bewahren. Fanni (bange). Was meinen's denn? Frömmel. Ein gewisses für heute verabredetes Stelldichein! Fanni. Vater! Frömmel. Ich Hab' Alles g'hört und gesehen! Aber das Stelldichein stell' ich ein! Her mit denf Gartenschlüffel! Fanni (zögert). Frömmel (dringender). Her damit, oder 'oll ich Dich vor Allen laut beschämen? (Drückt ihr heftig die Hand.) Fanni (ihm ihre Hand entziehend). Zerdru- cken's mir nur die Finger nit! Na da — (gibt ihm den Schlüssel) da ist er! Frömmel (für sich). Gottlob! (Steckt rasch den Schlüssel ein, dann zu Fanni.) Und nun geh' nach Hause, rasch! Ich will's! Fanni. Na ja, ich geh' schon! (Im Ab- gehen für sich.) Gar kein unschuldiges Vergnügen gnnnt er mir! (Ab nach rechts.) Leib (zu Frömmel). Sie haben gehört, ich muß jetzt gehen zum Zimmermeister, wenn Sie also auch zu bestellen haben eppes! Frömmel (etwas verwirrt). Ja — ich wollte — (für sich, auf Jonathan blickend). Zuerst muß ich noch mit Dem — (Laut zu Leib.) Ich wollte einer Dame einen Blumenstrauß schicken, pflücke also schnell einige Blumen, dann komm' wieder her, damit ich Dir die Adresse gebe. Leib. Und ä Trinkgeld? Frömmel. Nun ja, doch ja! (Drängt ihn fort.) Geh' nur! Leib (geht zu einem Blumenbeete im Hintergründe, pflückt Blumen und bindet sie zum Strauß). Frömmel (fleht sich vorsichtig um und tritt dann zu Jonathan). Herr Rosenblüh! Jonathan (auS seinen Gedanken aufwachend). Was soll'-? 29 Frömmel. Sie scheinen sehr bestürzt! Jonathan. Nicht werd' ich sein bestürzt, wenn s o ein Geschäft in die Brüche geht — so ein Geschäft — die Steine, die ich schicken sollt' nach Rußland! An ein Tag hätt' ich verdient zehntausend Gulden, wenn ich gefunden hält', was ich brauch'! Frömmel. Hm! Vielleicht ließ sich's doch noch finden! Jonathan (rasch aufstehend). Es ließ sich? Reden Sie im Ernst? Frömmel (geheimnisvoll). Es hat nur ein eigenes Bewandtniß, man müßte sich verständigen (sich nach Leib umsehend), doch nicht hier! Erwarten Sie mich im Kaffeehaus links an der Ecke! Ich werde gleich dort sein! Jonathan. Gut! gut! Leben Sie wohl! (Leise.) Lassen Sie mich nicht zu lange warten! (Ab nach rechts.) Frömmel (zu Leib, sehr freundlich). Ah! Du bist schon fertig! (Das Bouquet betrachtend.) Recht hübsch zusammengestellt. (Kneipt ihn in die Wange.) Du hast Geschmack, lieber Junge! Leib (für sich). Was streichelt er mir die Back? Schaut' er mich doch sonst immer an wie der Rabbi die Ehajer! Frömmel. Sollst Dich nicht umsonst geplagt haben. (Zieht ein Portemonnaie heraus und öffnet es absichtlich vor Leib s Augen.) Leib (guckt gierig hinein). Gott's Wunder! Sie haben silberne Zwanziger! (Wischt sich die Augen.) Frömmel (ihn beobachtend). Mir scheint gar, Dir gehen die Augen über! Leib. Es ist vor Freud', weil ich schon lang' nicht Hab' gesehn so ä Geld — in mein' Sack haben gescheppert immer nur ä paar Papierzehner! Frömmel (eine Goldmünze hervorziehend). Und was sagst Du erst zu diesem Goldfuchs? Leib (noch mehr überrascht). Ä Dukaten? Wahrhaftig, L Dukaten! Frömmel. Nun, wie wär's, wenn Du den verdienen könntest? Leib (außer sich vor Freude). Masel tow! — Ein' Dukaten? — ich? — Sie stehen auf 6 — 45. (Hastig.) Reden Sie! Was soll ich thun? Soll ich laufen barfuß nach Baden? Soll ich klettern auf ein' Thurm und holen die Wetterfahn ? Soll ich Porzelbäum' schlagen? Ich thu Alles, sagen Sie nur, was soll ich thun? Frömmel. Nichts sollst Du thun! Leib. Nichts? Das werd' ich treffen, wenn Sie mir lassen die nöthige Zeit. Frömmel. Versteh' mich recht! Ich möchte gerne morgen noch die ersten Frühstunden hier zubringen. Leib. Bringen Sie sie zu! Frömmel. Wie kann ich das, wenn heute noch die Zimmerleute kommen und die Planken setzen? Leib. Ist wahr! Dann ist vernagelt die Welt mit Bretter. Frömmel. Du könntest dieß verhindern, wenn Du heute nicht mehr zu dem Meister Jacob gingest. Leib. Nicht hingeh'n? Hm! hat doch befohlen der Herr Intendant! Frömmel. Ei was! Der will Alles überstürzen. — Wie, wenn der Meister keine Zeithätte? Der Abend bricht ohnehin schon an, oder wenn Du sagtest, Du habest ihn nicht getroffen? Leib (den Kopf wiegend). Hm! hm! hm! Känn ich dem Herrn Intendanten sagen, daß Sie mir geschafft haben, nicht zu gehen? Frömmel Nein! nein! Das muß unter uns bleiben, dafür zahl' ich Dich ja. (Läßt wieder den Dursten funkeln.) Sieh' Dir nur eimnal den Ducaten an! Leib. Wie er blitzt, ich werd' völlig blind! CnrioS! Die Leut' blenden die Finken, damit sic singen und die Menschen, damit sie schweigen. Frömmel (dringender). Ich gtb' Dir zwei Ducaten! Und wenn ich morgen sehe, daß Du meinen Wunsch wirklich erfüllt hast, sollst Du noch zwei erhalten, aber entschließ' Dich schnell! 30 Leib (wieder hinsehend). 3ch werd ganz schicker, thun Sie's weg — thun Sie's weg! (Will mit der Hand abwehren, streckt sie aber verlangend aus.) Sie sehen doch, wie ich abwehr'! Frömmel. Ha! ha! Zch seh's! Nun da hast Du. (Drückt ihm die Ducaten in die Hand.) Leib (fast erschrocken). 3ch hab's! (Aus seine Hand blickend.) Ewadde, ha' ich's! Frömmel. Nun Versuch s, ob Du mir's wieder zurückgeben kannst. Leib (ganz schwach). 3ch— ich känn's nicht. Jst's doch, als wären sie mir gewachsen ins Fleisch! (Sie wonniglich betrachtend.) Zwei Ducaten mein! 3ch bin ä Koozen, ä reicher Mann, a Millionär! Frömmel. Also abgemacht! Du gehst nicht hin. Eine Ausrede findet sich leicht! Leib. Ä gute Ausred' ist ein Thaler werth, werd' ich sie doch finden um zwei Ducaten! (Es wird die Gartenglocke geläutet.) Mehrere Leute (eilen von links nach rechts über die Bühne). Frömmel. Die Glocke, welche das Publicum mahnt, den Garten zu verlassen. Ich muß nun auch fort! Also adieu! Morgen erhältst Du den Nachtrag! (Eilt nach rechts ab.) Dreizehnte Scene. Leib Wölfel (allein). Leib, (noch immer das Geld betrachtend). Zwei Ducaten! wenn sie nur sein eins davon ä Männ'l und 's andere ä Weibel, daß sie wachsen und sich mehren. Die Masse Geld für gar nichts! — (Nachdenklich.) Für gar nichts ? Soll ich doch sein a falscher Diener gegen meinen Herrn, ist das gar nichts — hm! wegen dem biß'l Ungehorsam werd' Gott auch nicht gleich machen ä Gesercs! (Wieder bedenklich.) Aber der Herr Frömmel, warum will er, daß g'rad heut' Niemand kommt daher? Ich Hab' doch schon gehört — das er ist ä Ehochem aus der Manischtanno! Washatergeschnürestsoheim- lich? —Er Hateppes vor! Ewade! er hatund mir— (sich ängstlich umsehend) mir cholcmt etwas vom Satan ! (Sich wiederbrschwichtigend.) Was geht's mich an? — weiß ich doch nichts! Was können sie mir thun? — Nirkönnen sie mir thun. (Plötzlich sehr ernst.) Aber — der Herr Doctor! — hat er nicht gesagt: »Leib,* hat er gesagt, »merk Dir, die größte Schaud', die uns nachsagen die Goems, ist die, daß sie sagen: der Jüd ist vor Geld zu haben zu llem! Laß Dir nie bestechen,* hat er gesagt, »laß' Dich nir kaufen, und jetzt (da« Geld besehend), ist mir doch, als hätl' ich verschachert mich selber. — Es rührt sich was in mir, ich fühl' ä Beißen dahier (aufs Herz deutend) es kommt mir doch vor, als wär' ich mehr werth als zwei Ducaten (in der Richtung sehend, wohin Frömmel abgegangen ist). Schuft! er hat mich betackelt! Uud das Lumpengeld! (Will die Ducaten wegwerfen, besinnt sich aber wieder.) Wegwerfen werd' ich die Gottesgab' nicht, aber das Ehrgefühl, das der Doctor hat aufgeweckt in mir — das werf' ich auch nicht weg! — Ja — ja — ich will bleiben ein ehrlicher Borsch'— ja, ichwill'S — ich werd's — ich bleibs, so wahr als — nun, ich will mich aber nicht selbst beschrei'n, sonst wird gerade nichts daraus! Wie ich noch war a ganz kleines 3ingel, und die Leut' in der Gassen haben gesagt: Gott! was wird da für ä schaines Jüngel!* hat die Mamme immer gehalten den Daumen ein, und hat gesagt: »Nur nir beschrein!* Und wir haben noch oft genug Ursach' bei so manchen freudigen Aussichten zu rufen: »Mer soll nir beschrei'n!* Couplet. Zusamm' kömmt ein Deutschmeister und ein Franzos, Sie waren einst Szonim, die Freindschaft war groß; Jetzt aber — jetzt wollen Sie Alles vergessen, 31 Ä Scheffel Salz thun sie gleich miteinander essen, Auf ewige Freundschaft, sie geben sich die Hände, Na — nun hat der Hader für ewig ein Ende, Die Dauer der Eintracht, auf die ist zu bauen, Kein Mensch wird entgegen zu treten sich trauen, S'G'schäft kömmt in's Blühen jetzt bei allen Zwei'n, Aber nur nir beschrei'n! Aber nur nir beschrei'n! 2 . Für d'Oper ist, baut word'n ä ganz neues HauS, S'schaut wie ein Palast von ein König fast aus, Auch einen Direktor kriegt eS. einen neuen, Was der Alles thun wird, die Leut' zu erfreuen! Er wird nicht bloß wällische Opern aufführ'n, Auch das, was im Vaterland' sie com- poniren, S'Ballet, das wird tanzen, so leicht wie die Feen, Kein' alte Choristinnen sein mehr zu seh n, Und heiser wird niemals a Sängerin sein. Mer soll nir beschrei'n! Mer soll nir beschrei'n! 3. 3m Theater wird aufg'führt L ganz neues Stück, Der erstehet g'fällt nun, das ist ein Glück, Im zweiten Act thun noch die Leut applaudiren, Der Komiker muß die Couplet- re- pctiren, Der Dichter — er glaubt — eS wär' nun schon am Ziel er, Vergnügt sein jetzt auch schon der Dircctor und Spieler, 'sist nur noch ein Act mehr, der wird auch gefallen, Da wird erst vom Beifall daS« Haus wiederhallen, Und s'wird einGesereS, einsehr großes sein. Mer soll nir beschrei'n! Mer soll nir beschrei'n! 4. Das Höchste, was war vom Civil nur' erreicht A Portfenille, was Minister heißt, hat man jetzt gleich Kaum ist's Einer worden, da heißt'S — der wird retten, 's kümmen Deputationen her aus allen Städten — Schwarz angezogen mit weiße Cravatten thun'S rennen, Um zum Ehrenbürger ihn gleich zu er« nennen, Er kann tapezieren die Wand mit Diplomen, Kai 3ahr noch — da ist man dahinter gekommen, Daß sein System morsch ist — eS stürzt mit ihm ein, Ja mer soll nir beschrei'n! Mer soll nir beschrei'n! Vierzehnte Scene. Verwandlung. Da- Innere der Einsiedelei; die Lände au- Baumstämmen zusammengefügt — im Hinter« gründe eine Thür, recht- ein Fenster mit einem Balken — im Vordergründe link- eia Tisch au- rohrm Holze und zwei Strohstühle; an der Rück» wand recht- neben der Thür ein Bett mit einer Strohmatte, link- ein Kachelofen, am Boden ring- um diesen Quadersteine. E- ist im Anfang ganz finster. Frömmel. Jonathan. Fromme! (tritt zuerst durch dir Thür her- 32 ein, eine Laterne unter dem Rocke tragend, zurücksprechend). Folgen Sie nur, wir sind an Ort und Stelle! Jonathan (tritt ebenfalls ein — scheu um sich-blickend). Wohin führen Sie mich? Frömmel (Müßt die Thür). Jonathan. Sie sperren die Thür zu? Frömmel (eilt zum Fenster und schließt den Balken). Auch das Fenster. Sie fürchten doch nicht, daß ich Sie in schlechter Absicht in einen Hinterhalt locke ? Jonathan. Ich fürcht' nicht! Aber ich bemerk' Ihnen nur, daß ich auf Reisen immer einen Revolver bei mir trage. Frömmel. Hier ist er überflüssig, wie Sie sich bald überzeugen werden. (Geht zum Tisch, zieht ein Feuerzeug hervor, brennt die Kerze in der Laterne an und leuchtet dann mit derselben umher.) Sehen Sie sich um. Jonathan. Eine Hütte aus eitel Baumstämmen? Frömmel. Die Einsiedelei im freiherrlichen Parke. Jonathan. Und hier soll ich finden, was ich suche? Frömmel. Vorausgesetzt, daß Sie kein Mann vieler Scrupcl sind. Jonathan. WasScrupel? Was ich brauchen kann, daS kauf ich! Frömmel. Und forschen nicht erst nach, ob der Verkäufer auch das Recht des Besitzes unumstößlich beweisen kann? Jonathan. Da hätt' ich viel zu thun! Frömmel. Sie könnten aber leicht wegen verdächtigem Ankauf — Jonathan. Was mir verdächtig scheint, bleibt nicht im Land, ich habe meine Wege! Frömmel (auSforschend). Wenn Sie also die Steine, deren Sie so dringend bedürfen, erhielten — Jonathan. So bin ich damit noch heute auf der Eisenbahn und verlasse den Waggon erst jenseits der russischen Gränze; fragen Sie also nicht lange — haben Sie die Waare, fo zeigen Sie sie — ich frage nicht, woher Gie'S haben — Frömmel. Noch Hab'ich's nicht! Ich bin nur in der Lage zu wissen, wo ein Schatz begraben liegt. Hören Sie mich! — Vor einigen Wochen stürzte ein mit der Ausbesserung der Schloßmauer beschäftigter Arbeiter vom Gerüste. — Niemand als ich war in der Nähe. Ich sprang ihm bei, doch schon rang er mir dem Tode — und da — in der letzten Angst entdeckte er mir — daß er während eines im Schlosse ausgebrochenen Brandes den Familienschmuck gestohlen und ihn noch während derselben Nacht hier geborgen habe. Jon. Hier? wo? Ich will sehen — redlich schätzen und dann (hält ihm die Hand hin) Halbpart! Frömmel. Baar auöbezahlt? Jon. Baar — sogleich! Frömmel (schlägt ein). Gut! Halbpart! An die Arbeit! Ich habe schon Werkzeuge herbcigeschafft und indcß hier verborgen! (Geht zu dem Strohlager und zieht unter demselben die Werkzeuge hervor.) Ein Stemmeisen — eine Haue — Stricke. Nun rasch! Setzen Sie die Laterne hier auf den Boden! Jon. (thut es> Machen Sie kein Geräusch! Frömmel (hat sich auf de» mit Quadern belegten Raum vor den Ofen gekniet und ist bemüht. den Steinkitt zu lösen). Es geht leichter, als ich dachte! Der Kitt ist noch nicht verhärtet — nur das Stemmeisen eingesetzt. (Thut es.) So! er gibt nach! Jetzt treten Sie mit dem Fuß auf das Eisen! Ion. (thut es). Frömmel. Ha! er hebt sich! Schnell den Strick daruntergeschoben. (Schiebt den Strick unter den aufgehobenen Stein.) Und NUN ziehen Sie an einem — ich am andern Ende — (Steht auf und faßt ein Strickende an.) 3vN. (thut desgleichen). Beide (ziehen mit gewaltsamer Anstrengung den Stein vollend- in die Höhe und legen ihn dann sachte um, wornach sich eine Vertiefung im Frommes. Es ist gelungen! l Nimmt die Laterne und leuchtet hinab.) Da liegt das Etui! Ion. (beinahe zitternd vor Girr). Lassen Sie sehen! lassen Sie sehen! (Faßt d!e La. tcrne und zieht Fromme! zum Tische vor.) Fromme! (reißt da? Etui auf, ein Schmuck mit blitzenden Sinnen glänzt ihnen entgegen). Jon. (fast starr vor Staunen). Gott, das Gestein! Wie's blitzt! wie's leuchtet, das Kerzenlicht erbleicht vor dem Glanz! (Beide Hände darüber breitend.) Mein! mein! Fromm el. Halt! halt! Noch nicht! Erst den Preis! (Will das Etui an sich ziehen.) Jon. Lassen Sie! ich zahl'! ich zahl'! (Reißt ein große- Portefeuille aus der Brust- lasche und aus demselben mehrere Banknoten, wirft sie auf den Tisch, bemächtigt sich dann rasch de- Etuis, welches er an die Brust nimmt und den Rock darüber zuknöpft, und will gegen die Thür) Frömmel (hat die Banknoten ergriffen und gezählt, enttäuscht). Was? nnr fünftausend Gulden? Jon. Genug für gestohlenes Gut! (Äst bereits nahe an der Thür.) Frömmel. Nicht von der Stelle, Schuft! Ich erwürge Dich! (Eilt ihm nach, in demselben Augenblicke ertönt ein von außen geführter schwerer Schlag gegen die Thür.) Frömmel (bleibt mitten im Lauft, wie vor Schreck gelähmt, stehen). Um Gottes-r willen! 1 -s- Jon. (von der Thür zurückprallend)> H WaS war das? (Steht ebenfalls starr.)! Z (Die Schläge wiederholen sich kräftiger.) / Ion. (mit vor Angst gedämpfter Stimme zu Frömmel). Löscht» Sic das Licht aus! Frömmel. Ja, vielleicht ist ein Entkommen möglich. (Kehrt eilig zum Tische zu. rück und bläst das Licht in der Laterne aus, dabei gegen den Fensterbalken blickend.) Dort durch s Fenster! (Reißt den Fensterbalken auf und zieht einen Stuhl an die Wand, auf welchen rr steigt, um zur Höhe des Fensters zu gelangen.) «r Fünfzehnte Scene. Vorige. Jacob. Leib Wölfel. (3n demselben Augenblicke stürzt auf den letzten schlag die Thüre ein, auf der Schwelle zeigt sich Jacob im Arbeitergrwande, daS Beil in der Hand, von dem von außen einfallenden Mond- lichte beleuchtet.) Jon. (bückt sich rasch auf den Bodenl und will so durch die Thüröffnung an Jacob vorbei entfliehen). Jacob (bemerkt ihn, reißt ihn am Rockkragen empor und schleudert ihn mehr gegen den Vordergrund). Zurück! Frömmel (hat indessen die Fenster- brüstung erreicht und will durch das Fenster schlüpfen). Leib (steckt von außen den Kopf und eine Laterne durch das Fenster). 8eIroIem rcleioliem, keb Trommel! Fr öm m e l (prallt zurück). Teufel! Ion. (hat sich wieder ausgerafft, mit vor Wuth verzerrten Zügen zu Jacob). Laßt mich, oder ich schaff' mir Dahn! (Zicht einen Re. volver hervor und legt aus Jacob an.) Leib. Wai, es wcrd' geschossen! (Läßt die Laterne am Fenster stehen und verschwindet von demselben.) Jacob (unerschrocken zu Jonathan). Drucke los, draußen stehen meine Leute, den Mörder zu fassen. Jonathan serbebt und läßt die Hand mit dem Revolver finken). Jacob (geht, den Blick fest auf Jonathan gerichtet, bi- dicht an ihn). Jonathan (wendet scheu und verstört scin Antlitz ab). Jacob (faßt ihn am Arme und nimmt ihm ruhig den Revolver auö der Hand). Jetzt gebt den Raub heraus! Jonathan (wieder frech). Raub?—Wie heißt geraubt? Ich Hab' gemacht ein Handel! Jacob. Leugnet nicht— die Baumstamm ticscr Hütte sind nickt sc tickt an 3 lheatrr.Rcprrtoirt Nr. 21 ü. 34 cinandergefügt, daß ich nicht durch die Spalten euer ganzes Treiben hätte belauschen können. Jonathan (zieht das Etui heraus und reicht es Jakob). Nehmen Sie, aber nun haben Sie Erbarmniß! (Sinkt in die Knie.) Frömmel (ebenfalls in die Knie sinkend). Gnade! Schonung! Sechzehnte Scene. Vorige. Leib W ölfei. Sandor. Doctvr. Leopold. Leib (zieht den Baron an der Hand zur Thür herein, auf die Knieenden weisend). Sehen Sie, Herr Baron, ein paar hübsche Knie- stückc! Sandor (in Aufregung vorwärts kommend). Ist's wahr, was der Junge mir berichtet — der Schmuck meiner Mutter? Jacob (reicht ihm das geöffnete Etui). Ist hier! Sandor (ergreift das Etui, zum Himmel blickend). Himmel, wie soll ich Dir danken? Frömmel (sich aus den Kniecn zum Baron schleppend). Indem Sie Gnade für Recht ergehen lassen, Herr Baron! Ich Hab' doch den Schmuck zu Tag gebracht— einen Werth von 50.000 Gulden. Sandor Zahlen sprechen den Werth nicht aus, den er für mich hat. Meine Ehre ist gerettet, dieß verdank' ich (zu Jacob) Ihrer Entschlossenheit, Ihrem Muthe.— Jacob (ablehnend). Vor Allem der Ehrlichkeit dieses Jungen (aus Leib weisend), der sich nickt verkaufen ließ. Leib. Nein! (Zu Frömmel.) Zwei Dukaten haben Sie mir gegeben. Ich spür'S — ich bin mehr werth! Ich behalt' die Waare, behalten Sie Ihr Geld. (Wirft ihm die zwei Ducaten in's Gesicht.) Doctvr (tritt freudig vor). Komm' her, Bursche, gib mir einen Kuß! (Küßt Leib.) Tu bist ein ganzer Kerl! Jonathan (ist ausgestanden, tritt zum Doctor, leise). Heu, Sie werden mir durchhelfen, sind wir doch von einem Stamm! Doctor (entrüstet). Wcr's mit seinem Volksstamme ehrlich meint, muß die faulen Zweige desselben nicht schonen, sondern vernichten! (Stößt Jonathan zu Frömmel.) Geh', jüdischer Hehler mit dem christlichen Stehler! — Euer Glaube ist derselbe. Frömmel (für sich). Ich bin verloren, doch (sein Blick fällt auf Leopold, einen Gedanken fassend) er hier? (Eilt zu Leopold, leise.) Herr Freiberg, bitten Sie für mich — ich weiß — Sie lieben meine Tochter, wenn Sie sie heiraten wollen, ick habe nichts dagegen! (Für sich) Dabei riskir' ich nichts! Leopold (zu Sandor. bittend). Herr Baron! Das Verbrechen blieb doch beim Versuche! Saudor. Und zu freudig ist meine eigene Stimmung, als daß ich die volle Strenge üben könnte. (Z„ Frömmel und Jonathan.) Ich will Euch nicht überliefern, aber fort — fort von hier! Doctor (zu Jonathan). Bis morgen wollen wir schweigen, laßt Ihr Euch aber beim Anbruch des Tages noch innerhalb dieser Stadt blicken, dann — Jonathan (hastig). Verlieren wir keine Zeit mit Reden — um halb zehn geht noch ein Train auf der Nordbahn — fort — fort - (Gilt ab.) Frömmel. Ja fort — fort! (Eilt mit Jonathan ab ) Doctor. Sie sind fort — wir bleiben und so ist die rechte Unterscheidung her- gestellt. Die ganze Welt soll endlich keinen Unterschied mehr kennen zwischen Juden und Ehri steu — sondern nur zwischen ehrlichen Leuten und Schurken. Leib (mit Stolz bis an die Rampe vortw tend, zum Publicum). Haben Sie schon gesehen einen ganzen Kerl? (Sich in die Brust schlagend.) So schaut er aus! Gruppe. (Der Vorhang fällt.) 3- Dritter Äct. (Bureau deS Aron Löbrnstcin, eine Mittel- und zwei Seitenthüren, im Vordergründe rechts ein großer Schreibtisch mit Briefen. Zeitungen, Schriften und Büchern ganz bedeckt — links ei« Tisch — an demselben ein Divan und Fauteuils, an den Wänden Bücherkästen und Landkarten.) Erste Scene. Aron. Blaumann. Aron (noch im Schlafrocke, doch ganz derangirt. im Antlitze die Spuren von einer durchwachten Nacht, die Haare wirr, sitzt am Schreibpulte, das Haupt in eine Hand gestützt, in der andern die Feder, jedoch ohne zu schreiben). Blauin. (sieht hinter ihm, Schriften unter dem Arm und in den Händen haltend). Aron. Bin ich denn nock der alte Aron Löbenstcin, der ich sonst war? (Steht auf und wendet sich gegen Blaumann.) Sagen Sie, bin ich'S oder bin ich'S nicht? Sie sind lang in meinem Hause, Sie haben mich oft gesehen in kritischen Momenten; bin ich nicht immer ruhig gestanden mitten im Sturme? Blaum. 2a, das Zeugniß muß Ihnen Jeder geben. Aron. Warum jetzt nicht mehr? — O! (schmerzlich) mein Kopf, eS brennt und siedet darin, wenn Gott nicht hilft, ich kann mir nicht helfen! (Sinkt auf den Stuhl zurück) Blaum. (sich ängstlich umsehend). Bedenken Sie dock, daß eine ähnliche Aeußerung, die Sic gestern auf der Börse laut werden ließen, den Sturm herabbeschwor, gegen den wir jetzt zu kämpfen haben. Ich stand neben Ihnen, als eben die telegraphische Depesche bekannt wurde, daß das Londoner Haus Gladstonc gefallen sei — Aron. Za, ja, ZameS Gladstone. Blaum. Man besprach eben, welche Folgen der Sturz dieses HauscS für den hiesigen Platz haben könne — fragte Sie — ob Sie auch verlören — und Sie — ick habe Sie nie so gesehen — Thränen in den Augen riefen Sic: »Ich — ich Hab' mein Alles verloren!* Aron. Ach! ich dachte an mein Kind! Blaum. Ihre Worte fanden aber eine andere Auslegung — schon Nachmittags war in der Stadt das Gerücht verbreitet. Aron Löbenstcin werde seine Zahlungen einstellen! Aron (wieder in kaufmännischem Stolze auflodernd). Wer wagt dieß zu sagen? Wir werden zeigen, daß fest steht unser Haus. (Geht wieder zum Schreibtische und sieht in einer Kiste nach.) Baarvorrath l50.000 fl., an- gemeldete Auszahlungen 80.000 fl. Blaum. (ZS haben aber noch gestern viele Parteien ihre eingelegten Kapitalien gekündet, die Wechsel, welche auf Sicht lauten, werden gewiß heute alle präsentirt, da das Mißtrauen einmal erweckt ist — geschieht dieß — so langt der Baarvorrath nicht aus! Aron (wieder auf-und niedergehend). Sie haben Recht, wir müssen nnö an Geschäftsfreunde wenden — ich werde sogleich Briefe — (Eilt zum Schreibtische.) Zweite Scene. Vorige. Leopold. Leopold (eilt von links Herrin), llm deö Himmels willen, was geht hier im Hause vor? Aron (sich rasch zu ihm wendend). Ah, Leopold, kömmst Du endlich? Tu warst gestern bei meinem Bruder — wie Ephraim mir erzählt hat, waS sprach er — sag' mir jedes Wort — Leopold. Davon später — Aron (entrüstet). Später davon? Von was willst Tu reden sonst? Leopold. Ich komme eben vom Grafen Waldburg, dem der Baron den aufgcfuu- dcnen Schmuck durch mich übersandte — 3 * Aron. Gott, was kümmert mich der Graf! Leopold. Er läßt Ihnen durch mich sagen, daß er mit Ihnen eines Geschäftes wegen in Unterhandlung treten wolle. Aron. Stehe zu Diensten, aber nur heute, heute soll er mich lassen in Ruhe. Leopold. Aber was ist's denn, als ich in's Hans trat, da fand ich die Stiege, welcbe zum Comptoire fuhrt, vollgedrängt von Menschen, ich,hörte Aenßerungen, die mich entsetzten. Blaum. (zu Aron). Da hören Sie's, es ist, wie ich befürchtet — Leopold. Ich mußte umkehren und hier — (gkgcn links weisend) Über die Sci- tentreppe — Blanm. Man muß die Cassa sogleich öffnen. (Sieht auf seine Uhr) Aron (zu Maumann). Ja, ja, zahlen Sie aus, zahlen Sie aus, was vorkömmt! Ich werde im Comptoire das Weitere verfügen. Blaum. (ab nach rechts). Leopold «dringend). Aber sprechen Sie doch — ist denn wirklich eine Gefahr? Aron. Fragst Du noch? — Ich denke doch, Du solltest kennen alle meine Verhältnisse. Leopold. Ja, ich weiß, daß Sie dreifache Deckung für alle Forderungen bieten können, aber für ein Haus wie das Ihrige wäre auch eine momentane Verlegenheit von den nachtheiligsten Folgen. Aron. Sie wird nicht eintreten, denn Aron Löbenstcin will wieder ganz sein Aron Löbenstein. (Geht in erzwungener aufrechter Haltung nach rechts ab.) Leopold. Es ist gut, daß er nicht weiter in mich drang, hätt' ich ihm jetzt erzählt, bei welcher That wir den Bräutigam seiner Tochter ertappten, so hätte er seine Fassung gänzlich verloren. Doch jetzt will ich zum Baron. (Wendet sich gegen links.) Dritte Scene. Vorige. Fanni. Fanni (in Reisckleidung, unter jedem Arme Schachteln und Kleidcrbüudel tragend, stürzt athemlos durch die Seitenthür links herein). Ah, da ist er! Leopold (fast erschreckt). Mein Gott, Fanni! Sie hier? Fanni (läßt ihr ganzes Gepäck fallen und eilt an seine Brust, nach Athem ringend). Ach, weil ich Ihnen nur g'troffen Hab'! Wo Hab' ich Ihnen schon überall g'sucht, in Ihrer Wohnung, in der Kanzlei — dort hat mir der kleine Leib g'sagt, daß Sie dahier seien — und endlich — endlich — Leopold. Kommen Sic doch zu sich — sprechen Sie, was ist geschehen? Fanni (noch immer ganz erschöpft). Luft — Luft — ich bin noch ganz außer mir! Stellen's Ihnen vor — was mein Vater schon lang droht hat — heut' hat er's wahr macken wollen. Leopold. Was denn'? Fanni. Das mit der Abreis! Gestern spät Nachts ist er ganz rabbiat z'Haus kommen — schreit mir zu: »Einpackeii, wir verreisen!« — die ganze Nacht Hab' ich packen müssen, heut' Früh kommt richtig der Wagen vorg'fahreu, mir war's, als ob seine Räder mir über d'Brust gingen, denn (dem Weinen nahe) ich sollt' ja Ihnen nicht mehr sehen! Aber (wieder heiter) »daS gibt's nicht!« Hab' ich mir dacht und Hab' g'macht, als ob ich die Sachen da in den Wagen bringen wollt', bin aber bei ciuein Thürl hinein und beim andern wieder heraus, durch ein Durchhaus durch und — (ihm jwicder um den Hals fallend) jetzt Hab' ilb Ihnen und jetzt bringen's mich auch nicbl mehr los — machen's mit mir, was's wollen! Leopold (sie innig an'ö Herz drückend) Wie entzückt mich dieser Beweis Ihrer Licke! 37 Fa 11 IN (sich wieder sanft von ihm losmachend). Warten'S! Entzückt wollen wir a bißt später sein! Jetzt ist das Nothwen- digste, daß wir über legen, was wir zuerst attsangen. Leopold. Aufrichtig gesagt, setzt mich die Beantwortung dieser Frage augenblicklich in Verlegenheit! Wo soll ich Sie zunächst hinbringen? Fanni. Nur wohin mich mein Vater nicht find't! Sagen'S mir, wär's Ihnen denn nicht g'fällig, mit mir durchz'geh'n? Leopold. Nein — nein — das ist nicht möglich! — Wohin auch? Fauni. Das war' mir touts mems! Wanu'S nur in ein Land wäre, wo unser Eine auch Ein' von die Ihrigen heiraten dürft', sonst glaub' ich, werden wir alle Zwei so alt, daß uns das Heiraten gar nicht mehr g'freuen wird. Oder — könnten vielleicht Sie sich entschließen — (Stockt.) Leopold. Wozu? Fauni. Na, ich mein' nur — was lieget denn daran, wann's nicht mehr zum auserwählten Volk g'hvreten — mein Auserwählter kleideten's ja doch! Leopold (fix wieder an sich ziehend), llnd Ihre Wahl soll von keiner Seite beanständet werden, selbst von Ihrem Vater nicht, wenn er mir gegenübersteht! Doch darf er Sie jetzt nicht schutzlos treffen und ich bin gerade heute so vielseitig von Geschäften in Anspruch genommen. (Bleibt nachdenklich stehen.) Fanni (etwas unwillig). Aber daß doch die Männer neben ihrer Lieh' noch immer and're G'schäfte haben! Ich, ich Hab', seit ich Ihnen kenn' — kein G'schäft g'habt — als zu lieben. Leopold (einen Gedanken fassend). Ja, so ging's, Sie könnten einige Tage hier in diesem Hause selbst bleiben. Fanni. Wie ist das möglich? Ich kann mich doch nicht unsichtbar machen. Leopold. Es genügt, wenn Sie sich unkenntlich machen! Fanni (in toller Lonne). A Maökerad'! Da bin ich dabei! Ich weiß schon, wie man dabei umgehen muß, wie man sich alt schminken oder mager ausschoppeu kann. Reden's nur, als was soll ich denn auf- treten? Leopold. Geben Sie Acht! Herr Löbenstein hat auf Zurathen des alten Ephraim vor einigen Wochen beschlossen, für seine Tochter eine Gesellschafterin aus ihren Glaubensgenoffinncn in s Haus zu nehmen — ich selbst sollte deshalb an eine ihm empfohlene Witwe eines Rabbi in der Provinz schreiben — aber ich kam bisher nicht dazn — nehmen wir aber au, ich hätte geschrieben, und wenn nun Sie — Fanni. Hahaha! als alte Jüdin? Leopold. Trauen Sie sich zu, eine solche vorzustellcn? Fanni (sogleich im jüdischen Dialect). Was werd' ich mir nicht zutrauen? Ist oft doch gekümmen zu uns die alre Rachel zu kaufen eppeS von alte Kleider und Hasenbälg', und Hab' mir oft den Stuß gemacht zu mauscheln mit ihr ä ganze Stund'! Leopold. Hahaha! Vortrefflich! doch die Kleidung? Fanni (wieder in ihrer gewöhnlichen Sprach- weise). Die werd' ich mir schon z'sammen- stellen. Aber wo mach' ich dann mei Toilctt'? Leopold (gegen links weisend). Hi;r gleich neben der Stiege befindet sich ein Garderobezimmer — begeben Sie sich dorthin und — Fanni. Und so weiter und so weiter. (3n die Hände klatschend.) Der Einfall ist himmlisch! Leopold (horchend, ängstlich). Still! ich höre kommen!' Fanni. G'schwind fort! (Rafft schnell die Schachteln und Bündeln vom Boden auf.) Leopold (ist ihr dabei behilflich). Fanni. Nur Alles mirg'nommen, und vor Allem mein' guten Humor nit vergessen,, dann kann's um mich stürmen und wettern, ich hilf mir schon durch! (tzgt nach links ab.) 38 Leopold (allein). Es geht! Herr Löbenstein ist heute nicht in der Stimmung, Aufwartungen entgegen zu nehmen — sie kann also ungestört ans Ihrem Zimmer bleiben, und bis ich nur wieder freie Zeit gewinne — Vierte Scene. Leopold. Leib. David. David (tritt mit Leib aus der Seitenthür rechts). Herr Freiberger, der junge Herr sucht Sie! (Ab.) Leib (in einem schwarzen Anzuge mit weißer Cravatte. in seiner Haltung gezwungen elegant). Leopold (zu Leib). Nun, hastDn dem Baron den Erfolg unserer Sendung berichtet, wie ich Dir anfgetragen? Leib. Ja — ich Hab' ihm erzählt, daß wir alle zwei Beide sein gewesen bei dem Herrn von Ercellenz, dem Grafen Waldburg, weil er doch gewöllt hat, daß Sie sollen überbringen den Schmuck, und ich soll Sie begleiten als Schmuckträger. Leopold. Ja, damit Du bezeugen könnest, auf welche Weise der Schmuck wieder znm Vorschein gekommen sei. Leib. Aber was sagen Sie, Herr Intendant, zu meinem Benehmen im Salon vom Grasen? — Was, Hab' ich mir nicht benommen mit einer Etiquetl' als wär'ich ä Champagnerbouteille? Leopold. Nun, es ging an! Du machst Fortschritte! Leib. Wissen Sie, woher das kommt? Don dem schwarzen Frack kommt's und (auf die Lravatte weisend) von dem weißen Halsumschlag, den mir der Baron hat eigens kaufen lassen für die Mission! — Da steckt der Anstand d'rin' — hätten Sie mich sehen sollen, wie ich jetzt gegangen bin durch die Straßen, was gegangen? heißt geschwebt! — Alle Schicks'che haben mir angelächclt! Und nu — nu Hab' ich mir noch gekauft ein' Zwicker, was man heißt ein mon onols! (Zieht den Zwicker ans der Westentasche und drückt ihn in s Auge.) Ntt, bin ich unausstehlich, wollt' ich sagen unwiderstehlich — der pure Eavalier — Sie können mich gleich hinstellen vor's Kaffeehaus von Daum! (Nimmt eine graziöse Haltung an.) Leopold. Werde mir nur kein Geck — denn von der Sorte haben wir Vorrath genug am Lager. Aber sprich, hast Du dem Baron genau berichtet? Leib. Ja, ich habe ihm erzählt, wie der Graf ist dagestanden ganz paff — und wie die Comtcffe hat geweint und gesagt: »Vater, was werden Sie für eine Antwort geben?« Leopold. Und der Graf sagte darauf: »Die Antwort, die ich jetzt geben mnß, läßt sich durch keinen Dritten bestellen!« Leib. Darauf ist er aus- und abgegangen, so (geht nachdenkend mit verschränkten Armen auf und nieder) dann ist er wieder stehen geblieben vor sie! — (Bleibt vor Leopold stehen und ahmt den Ton nach.) Der Baron wurde rangirt durch Herrn Löbenstein. Sagen Sie diesem, daß ich jetzt ein Geschäft mit ihm machen will und nun — (nickt vor- nehm mit dem Kopfe und macht mit der Hand eine entlassende Bewegung). A, so hat cr's gemacht — was wohl heißen soll auf aristokratisch: »Soliolenr aleiolrem.* Leopold (gegen links horchend). Still! ich höre Schritte. — (Für sich.) Sollte sie schon? — Leib (ebenfalls horchend). Ich hör' ä seidenes Geräusch! Fünfte Scene. Vorige. Fanni. Fanni (mit gemachter Korpulenz in einem etwas altmodischen Seidenkleide, die Stirne mit einer Spitzenbinde bedeckt, so daß man gar keine Haare sieht, eine bunt bebänderte Haube darüber; Hornbrillen vor d»n Augen, den Oberleib fortwährend nachlässig wiegend, tritt von links ein). Gott gerechter! Ich steig' aus der Kalcsch 39 und ist Niemand da for die Empfänglich- s keit! Ich weiß nicht, bin ich da recht bei , Aron Lübenstein oder bin ich's nicht? ' Leopold (mühsam das Lachen unterdrückend, j für sich). In der That, unkenntlich! (Laut.) Ja, Madame! Ich habe wohl die Ehre — Fanni. Ist auf der Seite von mir die Ehr'! Ich heiße Esther SchmankeleS und Hab' gekriegt ein geschriebenen Brief nach Nikelsborg — Leopold. Ich weiß davon und habe die Ehre, Sie im Namen des Hausherrn zu ^ begrüßen. Fanni (hält ihm vornehm thuend die Hand zum Kusse hin). Leopold (küßt ihr die Hand, leise». Recht gut. fallen Sie nur nicht aus der Rolle! Leib (Fanni betrachtend). Die soll sein ^ die neue Gesellschafterin? Ich hätt' Sie, doch nur gekauft für sehr übertragen! Leopold (ju Fanni laut)^ Sie werden wohl sehr ermüdet sein von der Reise? Fanni. Gott! meine Feinde sollen fahren von Nikelsborg bis daher in ein Lohn- kutscher! Js das gewesen ä Gchumpel und Gerumpel und ich besitz' doch Nerven! — (Matt.) Ich Hab' wahrhaftig die Ukraine! (Läßt sich erschöpft in einen Fauteuil nieder.) Leopold. Wenn es Ihnen gefällig ist, sich auf Ihrem Zimmer auszurnhen — es steht bereit! Leib, begleite dann die Dame hinaus! Leib (für sich). Ich soll die Alte? Heißt ä Geschäft! sZanni (leise in ihrer gewöhnlichen Sprach» weise zu Leopolo). Sie, wann der (auf Leib weisend) nur uicht kennt, daß ich keine Echte bin — denn der ist in der Woll' g'färbt. Leopold (leise). Seien Sie ohne Sorgen — suchen Sie ihn nur iu Rcspcct zu halten! (Laut.) Jetzt entschuldigen Sie, daß ich mich empfehlen muß — ich werde Herrn Löbenstciu von Ihrer Ankunft in Kenntniß setzen. (Verneigt sich vor ihr, dann zu Leib.) Leib, mache Du die Honneurs! (Leise zu ihm.) Ich bitte Dich, benimm Dich mit Manier (gibt ihm den Schlüssel), begleite sie bis zur Thür, daun entferne Dich. (Sich wieder gegen Fanni wendend und tief verneigend.) Madame, auf das Vergnügen, Sie wieder zu sehen! (Ab nach rechts.) Sechste Scene. Fanni. Leib. Leib (für sich). Er wird mir sagen, wie ich mich soll benehmen, bln ich doch gegangen vom Baron zu der Erccllenz — und von der Ercellenz wieder zum Baron — heißt doch sich bewegen in der Nristo- kratichkeit. Fanni. 'S ist doch suprement, daß nicht kömmt zu geh'n Herr Löbenstein selbst, mir zu machen seilt Compliment. Leib. Verzeih'« Se, er hat — glaub' ich, gekriegt ein' klein' Klaps auf der BörS — er soll sein bestürzt — Fanni (gleichgiltig). Hm! was wird's schaden dem reichen Löbcnstein! Leib. Nu wissen Sie — 's ist so eine eigene Sach' mit der Börse, sie kömmt mir wieder vor wie ein photographisches Atelier! Alle Augenblicke ist Einer fertig! Fanni. Hähä! Sie haben Witz! Sie gefallen mir! Leib (für sich). Ist mir leid, daß ich nicht kann sagen: »Gleichfalls.* Fanni. Wer sind Sie? Leib. Weiß ich's selber? Ich bin so ä Tender!, wer mich nimmt, der hat mich! Fanni. Sie sollten doch etwas suchen zu thun für Ihre Cultur! Wenn Sie wollen, werd' lch Ihnen gehen an die Hand — mein Mann ist gewesen ä großer Dalsen und ich Hab' gelesen seine Bücher, die waren voll Aesthetigkeit. Ich werd' Sie machen znm Studenten. , Leib (für sich). Sie wird mich machen! s Soll ich anfangen mit der Antiquität? > Faniui. Sie werden doch wissen, was >' das heißt: »ä Student!* 40 Leib. Nicht werd's ich wissen. Ä Student, das ist das gerade Gegentheil von einer Tänzerin. Fanni. Wie heißt? Leib. Ä Student zeigt, was er weiß, und ä Tänzerin weiß, was sie zeigt. Fanni (verschämt sich abwendend). Schmock, aS Sie reden solchen Stuß, sollten Sie lieber lernen etwas Ernstliches? Sie wissen vielleicht noch nicht einmal, wie viel Tag hat das Jahr? Leib. Ich werd' nicht wissen das? Fanni (aufstehend). Nu. wie viel hat's? Leib. Dreihundert und sechzig Tag! Fanni. Chamer, der Sie sein! Dreihundert fünfundsechzig hat's! Leib. Sie werden mir's sagen. Ich weiß's besser. Das Jahr hat von Hans ans nur dreihundert sechzig Tag — die andern fünf Tag' gibt uns der Herrgott als Rabbat, weil wir schon so lang nehmen bei ihm! Fanni. Wie steht's mit Ihrer Geogra, phie? — Wo liegt z. B. par erempls China? Leib. In der Apothek' und ist gut für's Fieber. Fanni. Gar nichts weiß er. China ist ein band in Asien, und Nangking — Leib. Werd' verwett d't zu Hosenstoff. Fanni. Wir werden lesen miteinand' die Weltgeschichte. Leib. Lassen Se mir aus — wie werd' ich anfangen zu lesen ä Geschieht', wo der, der's anfängt, selber nicht weiß, wie sie ausgeht. Und überhaupt werd' ich Ihnen sagen, die Geschicht' ist die unnützigste aller Wissenschaft! Warum? Darum! weil's da heißt: Alles wiederholt sich in der G'schicht'. — Warum soll ich studiren, was geschehen ist, wenn ich's doch selber erleben kann, wenn sich's wiederholt? Fanni. Es gibt Maißes, die sich niemals werden begeben wieder — ich werd's Ihnen beweisen. Leib. Sie wird mir's beweisen — na, lassen Sie einmal hören. Duett. Fanni. Als unsere Leut'zogen einst durch die Wüst', Wo nirgends ein Wirthshaus war, Da fiel, als man hungrig geworden ist, Herab eine Wachtelschaar. Leib. Heißt ä Wunder! Wird einer a Lieferant Und ist dabei nur nicht faul, So fliegen von selber ihm, wie bekannt, Die bratenen Vögel ins Manl. Fanni. Als ist einmal gegangen in der Schlacht Der Feldmarschall Herr Josna, Da rief er, damit es nicht werde Nacht: »Steh' still, Sonn'!« und sie stand da! Leib. Auch wir haben erlebt etwas AehnlichcS schon Im Felde inGianchem Land, 'S gibt Milchomcn, da steht nicht bloß still die Sonn', 'S steht still Ein' m der Verstand. F anni. Als Simson einst die Filister bekriegt, Wandt' D lila ab die Gefahr; Sie schnitt dem Herrn Simson gar geschickt Im Schlafe ab seine Haar! Leib. Das trifft vom Ballet jede Tänzerin, Man merkt es oft zu seinem Verdruß, Weil man, geht man öfter nur zu ihr, Ganz sicher auch Haar' lassen muß. ^lLeib. D'rum laßt mich nur aus mit §1 der Weltgeschichte §iFanni. Vor Allem mußt lernen die Weltgeschichte Fanni. Da lernt man, was man noch gar nicht weiß. Leib. Nur Altes — es gibt einmal gar nichts Neu's. L§iFanni. Es gibt — 2-Zrjtzeib. Es gibt nicht — 4 ! Leib. Sie wird mir sagen. Fanni. So laß Dir nur sagen. Beide (wir oben). Repetition. Fanni. Als Rom einst beherrschte ein schlechter Regent, Hat Brutus sich blöde gestellt, Und doch zeigt er sich dann im rechten Moment Als g'scheitestcr Mann von der Welt. Leib. Bei uns gibt es Manchen, der stellt sich gescheidt, Geht wie ein Weltweiser herum; Doch ist's zu beweisen gekommen die Zeit, Dann ist er entsetzlich dumm. Fanni. Um treu zu erhalten das Volk seinen» Gott, Der Moses sich nicht lang besann. Damit er schnell kriege die rechten Gebot', Stieg schnell einen Berg er hinan! Leib. G'rad so wie der Moses sie'S machen noch jetzt, 'S kömmt öfter etwas über zwerg, Und wollen sic machen ein weises Gesetz, Dann stehen die G'wissen am Berg. Fanni. Als Jacob war in seine Rachel verliebt, Da diente er vierzehn Jahr', Damit Vater Laban zum Weib sie ihm gibt. Solch' Liebe und Treue ist rar. Leib. Hat in jetziger Zeit oft ein Practikant A Braut, 's war a schönes Paar, Doch bis als Beamter er kriegt ihre Hand, Dazu braucht er vierzig Jahr'! Beide (wie oben). Siebente Scene. Aron. David. Aron (kömmt von rkcht-, hat den Schlafrock mit riiikm gcwöhnlichkn Rocke vertauscht, er ist völlig erschöpft, so daß er sich während de- Ge« hrns manchmal an den im Zimmer stehenden Mö« beln halten muß, stützt daSHaupt nachdenkend in die Hand). Bis Mittag langt dcrDorrath, komm »vaS will! — Inzwischen kömmt Blau- mann zurück von den Eincassirungcn — der Leopold ist auch gegangen beizuschaffen Geld, wir »verden aushalten — ja — ja — es wird vorüber gehen. (Er hat die letzten Worte nur mehr gemurmelt und ist dem Ent» schlummern nahe.) Achte Scene. Aron. David. Ephraim. Ephraim (ein dicke- Buch unter dem Arme tritt dnrch tie Mitte ein). David (eine Tasse mit dcm Flühstückservice tragend, folgt ihm, stellt die Tasse auf den Tisch und entfernt sich dann wieder dnrch die Mittelthür). Ephraim (für sich). Zum Frühstück! — Heute — Gott sei'S geklagt! — sind »vir nur zu Zlvcien. (Tritt zu dem Tisch, legt da- Buch auf denselben, nimmt die Kasfeeschalrn und stellt eine vor Aron. eine vor seinen Platz und setzt sich dann ihm gegenüber ) Aroil (durch das Geräusch ans seinem Halb« schlummer erweckt). Ah! daS Frühstück! (Blickt auf. sieht Ephraim starr an.)NurSie, Ephraim? Und der Platz? (Aus dm zwischen seinem und Ephraim- Stuhl stehenden Stuhl weisend.) Er »st leer! - Wie Hab' ich »nick sonst gefreut, wenn ich um die Zeit bin gekommen herüber — da ist sie schon gestanden iin Mor- genanzng — ist mir geflogen entgegen — hat mich geküßt und gesagt: Guten Morgen, Vater! und der Morgen »v ar gut! dann hat sic mir eingeschenkt die Tasse! — 42 Ephraim. Erlauben Sie, daß heute ich's thue! (Schenkt den Kaffee rin und reicht eine Tasse Aron) Aron (ohne die Tasse zu nehmen, Ephraim starr anschend). Sie?! (Sich abwendend, für sich.) Statt des jugendheitern Gesichtes meiner Sarah das welke Greisenantlitz — cs überfröstelt mich, als reichte mir der nahe Tod den Trank. (Schiebt die Tasse wie mit Ekel von sich.) Ephraim. Sie wollen nichts nehmen zu sich? Aron. Ich kann nicht! (Fährt sich mit der Hand über die Stirne und stützt dann das Haupt wieder in die Hand.) Ephr. Herr Löbcnstein, fassen Sie sich! Ist Ihre Tochter nicht hier, so Hab' ich gebracht eine Gesellschaft, die Sie soll trösten. (Erhebt daS Buch.) Aron. Ein todtes Buch fürs frische Leben! Ephr. (feierlich auf das Buch weisend). Das Buch ist nicht todt, es hat gelebt vor uns, und wird leben für alle Zeiten! (Setzt sich und schlägt das Buch auf.) Ich werd' Ihnen lesen eine Geschichte von Hiob, deß Haus ist nmgeworfen worden vom Sturme und hat erschlagen all' seine Kinder. (Liest.) Da stand Hiob auf, zerriß sein Kleid und raufte sein Haupt, und fiel ans die Erde und betete an und sprach: Nackt bin ich gekommen vom Mutterleib und nackt werd' ich dahinfahren. Der Herr hat's gegeben, der Herr hat's genommen, der Name des Herrn sei gelobt! Aron (trostlos vor sich hinstarrend). Hätt' sie der Herr genommen, dann sprach' ich wie Hiob: »Der Name des Herrn sei gelobt!« Aber lebend hat sie verlassen ihren Vater — und dafür kann ich Gott nicht preisen! Ephr. (liest). Hören Sie, was hier steht im Capitel 5, Vers 24. (Liest wieder.) »Du wirst erfahren, daß deine Hütte Friede hat, und wirst versorgen deine Behausung!« Aron. Ja, wäre der Friede da, ich wollt' aufgeben mein Geschäft, wie ich schon lange hätte sollen thun, und nur leben meinem Kinde. Aber ich war noch nicht zufrieden mit dem sicheren Besitz, für sie wollt' ich gewinnen »och mehr, Hab' mich eingelassen in Spekulationen und nun — (Läßt traurig das Haupt sinken.) Ephr. (steht auf). Nun, wann wieder da sein wird der Friede, dann sind Sie auch zufrieden mit dem, von dem Sie sagen können: »Ich hab's!« und sagen Sie nicht mehr: »Hätt' ich noch das oder das!« (In singendem Tone mit leiser Musikbegleitung.) Zwei Vögel fliegen durch jedes Land, Sie heißen: »Hab' ich« und »Hätt' ich!« Fromm sitzet der »Hab' ich« Euch auf der Hand, Der »Hätt' ich« der fliehet Euch stätig. Ein »Hab' ich« erfreuet seinen Herrn Und kann besser ihm wohl nützen Als tausend »Hätt' ich«, die hoch und fern Auf Dächern und Bäumen sitzen. Der »Hab'ich« legt ihm manch' gold'nes Ei Und singt: »Sei zufrieden! Sei zufrieden!« Er treibt sein Handwerk fröhlich dabei Und Schlaf erquicket den Müden; Doch wer einen »Hätt' ich« in s Auge faßt Und mit Begier nach ihm strebet, Der hat nicht Ruhe, der hat nicht Rast, So lang' er auf Erden lebet. Er rennet und keucht bis an seine Gruft Durch Berg und Thal auf und nieder, Und immer rauscht in der hohen Luft Der Vogel mit goldenem Gefieder; D'rum lass' sich jeder verständige Mann An seinem »Hab' ich« genügen, Und lacht ihn manchmal ein »Hätt'ich« an, So laß er nur ruhig ihn fliegen. Aron (ist während dieses Gesanges ermatte ringeschlummrrt). Ephr. (blickt aus Aron, bemerkt, daß er schläft, macht eine Bewegung, durch welche er sich selbst Schweigen gebietet; streckt, wie segnend, die 43 Hände über ihn und schleicht dann leise zur Mit- tclthür zurück, durch welche er abgeht. Die Musik, welche das Lied begleitet, währt noch bis zur Mitte der nächsten Scene fort). Neunte Scene. Aron, Sarah, Doctor. Sarah (eilt zur Mittklthnr links herein erblickt den Schlummernden, bedeutet dem ihr folgenden Doctor, sich leise zu verhalten, geht dann vor, sieht nochmals auf Aron und stürzt von Rührung überwältigt vor ihm auf die Knie, faßt seine herabhängende Hand und bedeckt sie mit Küssen). Doctor (geht leise bis zur Mittelthür, an welcher er beobachtend stehen bleibt). Aron (erwacht, sieht die vor ihm Kniende, welche ihr Haupt noch über seine Hand gebeugt hat. anfangs nicht begreifend). Was ist? Wer liegt zu meinen Füßen? Thränen auf meiner Hand? (Ahnend.) Mein Gott! (Richtet mit beiden Händen Sarah s Haupt empor, blickt ihr in's Gesicht, fährt in freudigem Schreck in die Höhe, ausschrei end) Sarah! (und sinkt wieder auf den Stuhl zurück.) Sarah (erhebt sich rasch, sinkt an Aron s Brust, ihn mit beiden Armen umschlingend). Vater! Vater! Komm' zu Dir! Ich bin wieder bei Dir und nie — nie mehr will ich Dich verlassen! Aron (sich, Sarah umschlungen haltend, zugleich mit ihr erhebend, in höchster Freude). Nie mehr? Ich Hab' Dich, ich behalt' Dich/ Sarah! Mein Leben! (Sie noch inniger und fast ängstlich an sich drückend.) Ich laß Dich nimmer fort! Nein, nein! Kein Mensch soll mir rauben mein Kind! War's doch, als Du fort warst, als war' mir gerissen weg ein Stück von meinem Herzen! (Sie zürnend und zärtlich zugleich von sich drängend.) Du böses Kind, warum hast Du mir gemacht den Schmerz? Sarah. Vergib, Vater! Ich mußte dein Haus meiden, so lange Du mich zwingen wolltest, meine Hand jenem Verächtlichen zu reichen. Aron (wiederernst). Und meinst Du, Du habest gebeugt meinen Willen? Du kennst mich, daß Niemand das vermag! Warum kamst Du heute noch zurück? Sarah. Weil ich weiß, daß ich hier Herrn Jonathan Noscnblüh nicht mehr sehen werde. Aron (erstaunt). Nie mehr sehen, warum? Doctor (tritt vor). Weil er — Aron (ihn zürnend anblickcnd). Du auch hier? Doctor. Ich habe Dir deine Tochter zurückgcführt! Aron (in ktwas versöhnt). Nun, um des- senwillen will ich Dich anhöreu. WaS weißt Du von Jonathan? Doctor. Daß er auf der Flucht in seine Heimat ist! Aron. Auf der Flucht? Doctor. Um dem Criminalgerichte zu entgehen! Aron (znrückfahrcnd). Dem Cri—mi— nal? Doctor. Ja, ja! Ich selbst war Zeuge, als er im Hanse des BaronS sich an dem Diamantenraubc bcthciligcn wollte. Aron. An einem Raube? Zehnte Scene. Vorige, Ephraim. Ephr. (tritt wicdcr aus der Mittrlthür heraus und bleibt freudig überrascht an derselben stehen). Sarah! Sie hier? (Eilt vorwärts, er- blickt den Doctor, diesem einen finstern Blick zuschleudernd.) Doch — auch dieser? Aron (zu Ephraim). Danken Sie ihm, wie auch ich ihm danke, daß er verhütet hat ein großes Unglück. (Gcht zum Doctor und reicht ihm die Hand.) 44 Elfte Scene. Vorige. Blaumann. BlattM. (stürzt bestürzt von rechts herein). Herr Löbenstein! Aron. Was ist's? Was sehen Sie aus so bestürzt? Blaum. Der Scontist, den ick eincas- siren schickte zu Horschberg und Sohn, kam eben zurück! — Aron (gespannt). Nun, und — Blaum. Er hat das Comptoir geschlossen gefunden. Horschbcrg hat den Concurs angemeldet. Aron. Allmächtiger! Und wir haben gerechnet auf das Capital. Können noch fortgesetzt werden die Auszahlungen? Blaum. Im Augenblicke noch. Ich gab dem Cassier einen Wink, langsam vorzugehen; er sagte mir, noch eine Stunde lang könn' der Schein gerettet werden, später — (Zuckt die Achseln.) Aron. Der Leopold ist gegangen zu meinen Freunden, er wird — Zwölfte Scene. Vorige. Leopold Leopold (tritt von links herein). Aron (ihn erblickend). Du kömmst — Leopold (niedergeschlagen). Mit leeren Händen! Aron. Um GotteS witten! — Meine Freunde, die ich nie habe stecken lassen in Verlegenheit, sie wollen mir — mir, dem Aron Löbenstein, nicht erweisen einen Gegendienst? Leopold. Manche von ihnen können cö nicht, der Sturz deS mächtigen Londoner Hauses hat auch sie empfindlich berührt, sie haben Mühe, sich selbst zu behaupten, Andere — Aron. Nun Andere? Leopold. Wollen nicht! Denn so verbreitet haben sich die Gerüchte, daß man Sie bereits für einen verlorenen Mann erklärt. Aron. Erklärt man mich dafür, dann bin ich's! Zn einer Stunde mnß ich mich als — insolvent erklären! Die Stunde überleb' ich nicht! (Sinkt in rinrn Stuhl.) Sarah (rilt zu ihm). Vater! Leopold (zu Aron tretend). Ermannen Sie sich! Wenn auch das Aergste geschehen sollte, so werden Sie als Ehrenmann hcr- vorgehen! Ihre ausständigen Forderungen — Aron. Was helfen mir die, wenn sie nicht im Augenblicke einzutreiben sind! Hätte ich nicht übernommen das Arrangement des BaronS, so läg' die Summe in meiner Casse, die jetzt erst in Zähren eingehen wird, — bis dahin kann ich sein ein ruinirter Mann. (Zu Sarah.) Sarah! Du bist zurückgekehrt zu deinem Vater, — willst Du mit ihm betteln gehen? (Umschlingt sie und legt traurig sein Haupt an ihr Brust.) Dreizehnte Scene. Vorige. Jacob. Jacob (noch außerhalb der Skitenthür rcchtö). Ich muß mit dem Chef sprechen! Sarah (freudig bebend). Gott! welche Stimme! Aron. Wer ist?— Jacob (tritt rasch von rechts ein). Entschuldigen Sie — Aron (zornig). Wie können Sie sich unterfangen — Ephraim (will Sarah mit sichfortzirhen). Fliehen Sie — ich beschwöre Sie — Sarah (ihm unwillig ihre Hand entziehend). Ich würde nur dem Befehle meines Vaters gehorchen. Jacob (zu Aron). Ich komm' nur in einer Geschäftsangelegenheit und hoffe, daß Sie als ein bewährter Geschäftsmann ohne jede Nebenrücksicht mich anhürcn werden. Aron (ist aufi,kstanden, mit ruhigem Ernst). > Sagen Sie: »Meine Tochter kann nickt Nun — was steht zu Diensten? jdie Ihrige werden,« so füge ich mich die- Iacob (ganz gleichgiltig scheinend). Ich sem Bescheide, habe, seitdem ich mich hier ctablirte, Glück! Aron. Nun denn, — ich sag' Ihnen, bei meinem Handwerke gehabt und mir was Sie wissen sollten, ohnedem: »Meine eine Sllmme von 30.000 Gulden erübrigt ^ Tochter kann nickt die Ihrige werden !« — (Zieht eine große Brieftasche heraus.) So WaS also dann? ein Geld will man doch nicht brach liegen lassen, ich wollte daher Sie fragen, unter welchen Bedingnissen Sie das kleine Capital in Ihr Geschäft nehmen wollten? Aron (überrascht zu Leopold leise). Cr bietet mir Geld in diesem Momente? Leopold (m Aron. kalt). Zögern Sie nicht, cs anzunehmcn. Aron (leise). Nein! So kann ich nicht! (Tritt zu Jacob, ihn fest in'S Auge fassend). Herr, wissen Sic, auf welchem Punkte ich stehe? Jacob (zögert etwas mit der Antwort, aber mit Offenheit). Ich will nicht lügen. — Ich habe etwas von einer augenblicklichen Verlegenheit vernommen, in der Sie sich befinden sollen — Aron. Und wenn ich Ihnen sage, daß cö wirklich ist so? Jacob (fast heiter). Nun, dann komme ich ja eben zur reckten Zeit, um ein gutes Geschäft zu machen! Aron (nicht begreifend). Ein gutes Geschäft mit einem schwankenden Manne? Jacob. Weil man Freundschaft nie billiger kauft, als (sich achtungsvoll gegen Aron verneigend) wenn rdle Menschen in Noth sind! Aron. An meiner Freundschaft ist Ihnen gelegen? (Unwillig.) Herr, schmeicheln Sie nicht dem Reiter — wenn Sic's abgesehen haben auf's Pferd! — Ich weiß Alles! Jacob (feuriger). Eben deshalb, Herr Löbcnstcin, muß eS zu einerVerständigung zwischen unö kommen! Ja — ick liebe Ihre Tochter — aber das schwöre ick Ihnen bei Gott und meiner Ehre, daß mir nichts fcrncrliegt als der Gedanke, ein Kind vom Herzen seines Vaters zu reißen. Jacob. Dann habe ich nur eine Bitte! Gönnen Sie mir daS Glück, auf daS Schicksal der Geliebten, wenn sich'S düstergestalten sollte, hilfreich einwirkcn zu dürfen. (Keuri- gcr.) Herr Löbenstein, Sie sind bekannt als ein Millionär; aber Ihr Geschäft — die Tagesgeschichte liefert traurige Beispiele, es gleicht einem Schiffe, das ohne Compaß seinen Lauf nur nach dem Sterngange richtet; wenn die Sterne sich in Wolken hüllen, dann kann ein Augenblick es an Riffe schleudern und zerschellen. Aron (traurig vor sich hinschend). Wahr! Wahr! Jacob. Mein Handwerk aber, es hat wenn auch nicht einen goldenen, so doch einen sicher n Boden; mein Schicksal ist nicht vom Glück, sondern vonmeinemcige« ncn Fleiße abhängig, und mein Haus, ich kann cs mit stolzer Beruhigung sagen, bietet nickt nur mir, sondern auch den Sckutz- bedürftigen ein sicheres Obdach! — Wenn also, was Gott verhüten wolle! — wenn ein vernichtender Schlag Sie träfe, dann. Herr Löbcnstcin, — erlauben Sie, — daß ich mein Hauo für Sic und Ihre Tochter einrichte, ich zimmere mir eine andere Hütte, und süßer als in einem Palaste werde ich unter dem Brettcrdache schlummern, wenn ich deS Tages über mit freudigem Fleiße gearbeitet habe, um Ihr Leben zu verschönern. Sarah (vom Gefühlt hingerissrn, macht cine Brw.guug. als wcnn sie Jacob au die Brust rilcn wollte). Aron (bemerkt es rasch, leise). Sarah! ich bitte Dich — wie kannst Du Dich von einem Gcfühle — Sarah (leise zu Aron> Vater! glänzen dock in deinen Augen Thränen! 46 Aron (sich rasch die Augen trocknend; fast ärgerlich leise zn Sarah). Weißt Du, Über was ich weine? (Für sich auf Jacob hinblickend.) Wenn der Mensch nur nicht so reden könnte, er war' im Stande, mich selbst zu verführen: (Sich beherrschend.) Nimm Dich zusammen, Alter! (Zum Doctor.) Bruder, ich bitte Dich, begleite fiel (Auf Sarah weisend.) Auf ihr Zimmer — bleibe bei ihr — ihre Gegenwart könnte mich stören in Geschäftsangelegenheiten ! Doctvr (zu Sarah). Ja, komm' mit mir, bis das Gewitter sich verzogen. (Ab mit Sarah durch die Mitte.) Jacob. Nun sprechen Sie, kann ich mein Geld bei Ihnen anlegen? Aron. Ich von Ihnen? (Nach kurzem Besinnen, entschlossen.) Ja, von Ihnen (reicht Jacob die Hand) nehm' ich das Geld an. (Zu Leopold.) Die Auszahlungen müssen heute fortgesetzt werden, vielleicht schlagen wir dadurch nieder die Gerüchte! (Immerfort überlegend.) llnd UM noch mehr zu retten den Schein, als ob war' gar keine Gefahr, gcb' ich heut' Abend eine Soiree in meinen Salons. — (Zu Leopold.) Du wirst einladen den Baron — den Grafen, kurz Alles, was wir haben von vornehmen Bekanntschaften, das wir brauchen die Geschäftswelt. — (Zu Jacob.) Folgen Sie mir auf's Comptoir — ich werd' Ihnen geben die Empfangsbestätigung und Dir (zu Leopold) die weitern Aufträge Kommt! kommt! (Ab mit Jacob und Leopold nach rechts ) Dreizehnte Scene. Ephraim (allein). Ephr. (bekümmert das Haupt schüttelnd). Er will retten den Schein, er will verbergen die Armuth! Er will noch immer gelten für reich! Da könnt' ich Ihnen erzählen eine Geschichte. »Es war ein armer Mann, der nichts gehabt hat als Kummer und Sorg'! Der ist einmal gegangen in den Keller, um Holz zu hole», da kommt ihm entgegen ein kleines winziges Geschöpf, wie ein Kind, ganz nackt. Erstaunt fragt der Mann: »Werbist Du?« — »Ich bin,« antwortete das unheimliche Wesen »der Dalles.« Da faßt Zorn den Mann und er schreit: »Wirst Du gleich gehen aus meinem Hause!« Hat geantwortet der Dalles: »Ich war' schon gegangen längst, aber ich kann doch nicht fortgehen nackt? Schaf mir Kleider und ich geh'!« —Der Mann nimmt sein letztes Geld und kauft ein Gewand für das Kind. Als er aber gekommen ist nach Haus, da war der Dalles gewachsen so groß, daß er gar nicht mehr hinein gekonnt in die Kleider, da ist der Mann geworden ängstlich, hat Geld geborgt und hat gekauft dafür andere größere Kleider, doch als er nach Haus gekommen am nächsten Morgen, da war das Kind geworden zum Riesen, und als der arme Mann zuletzt bat verkaufen wollen seine Hütte, nur um den Dalles zu bekleiden, da war der nackte Riese so stark geworden, daß er die Mauer sprengte und das Haus da lag in Trümmern! Seine Noth verdecken wollen vor der Welt, heißt sie nur größer und größer machen; lieber sie zeigen aller Welt, als sie noch ist ganz klein. Aber so sind auch in der Geschäftswelt Manche von unsre Leut', und das soll sein die neue — die bessere Zeit für uns? Mag der Doctor schwärmen von ein' neuen Jerusalem, ich lass' mir's nicht nehmen, es war doch besser früher in unserem alten Jerusalem. Lied. Als Hamau einst Minister war Beim König AhaSoer, War er sehr stolz, verlangt sogar, Daß man ihn göttlich ehr'; Doch Mardachai, der alte Jud'. Der grüßte Haman nie, Er wußte ja, der meint's nicht gut, D'rum beugt' er nie das Knie, Und wenn er selbst um s Leben käm', Das war in Alt-Jerusalem. 47 Doch gibt es jetzt Manchen, der jede Er'llenz Verfolgt katzenbuckelnd und voll Referenz; Zehnmal abgewiesen noch antkckambrirt, Sogar den Lakaien submissest hofirt, Weil gern er ein Bändchen in's Knopfloch bekam', So macht man 's im neuen Jerusalem. Als Salomon durch seinen Geist War weit und breit bekannt, Da kam zu ihm auch hingercist Aus einem fernen Land'; 'die Königin gar wunderhold Und gab ihm zum Geschenk Ein hundcrtzwanzig Centner Gold, Daß Ihrer er gedenk', Und bat noch schön, daß er das nahm', Das war in Alt-Jerusalem. Wann jetzt an ein Juden, der reich und gescheidt. Sich Könige wenden von nah' und von weit, Schenkt ihm einer Geld? nein! ganz au eontrair, Sie kommen zu ihm, damit er Geld geb' her, Und daß er ein Anleh'n ein neues über- uehm', So geschiehtes im neuen Jerusalem! Als einst Eliah' der Profet Sah', wie das Volk bethört, Statt Gott, zum Baal dem Götzen bet', Da war sein Herz empört, Er griff die Götzenpriester an, Fünfhundert an der Zahl, Am Bache Kidron er sodann Sie schlachtet allzumal, Damit daS Volk zur Einsicht käm', Daö war in Alt-Jerusalem! Wenn jetzt in der Zeit, die man heißt aufgeklärt, So Manches dem Volke den Judenhaß lehrt, Der ist auch ein Baaldiener (achselzuckrnd) wir lassen ihn reden, Doch er, wenn er könnte, von un'sre Leut' jeden Gleich fressen, daS wäre dem Manne angenehm, Solche Leute gibt's im neuen Jerusalem! (Ab.) Verwandlung. (Bei offener Bühne. Saal im Hause Aron Lö- benstcin s, reich meublirt. mit Lustern und Kandelabern beleuchtet, die Rückwand bildet eine um einige Stufen höher liegende Terrasse, welche reich mit Blumen bestellt, die Aussicht auf die an fangS noch in Dämmerung gehüllte Stadt bietet, neben der Terrasse Büffets mit Blumenvascn und glänzenden Serrien. Man hört anfangs aus dem Nebrnsalon Musik ) Vierzehnte Scene. Aron. Leopold. Aron (kömmt, einen offenen Brief in der Hand haltend, in freudigster Auflegung von rechts). Leopold (folgt ihm). Aron. Jst's denn wahr? Jst's dem wahr? Ich kann'S noch nicht glauben, ich muß ihn lesen noch einmal. (Beginntzu lesen.) Lieber Herr Löbenstein! (Fährt sich mit der Hand über die Augen, zu Leopold.) Lies Du, lies deutlich und vernehmlich jedes Wort. (Gibt ihm den Brief.) Leopold (beginnt zu lesen). Lieber Herr Löbenstein! 48 Fünfzehnte Scene. Vorige. Doctor. Sarah. Ephraim (treten von links in festlicher Toilette ein, bleiben aber, von den Anwesenden unbemerkt, mehr zurück). Leopold (lesend). Ich weiß, daß Sie die sämmtlicken Schulden des Barons Alvar haar ausgeglichen haben; — das Ihnen bekannte Ereigniß hat mich belehrt, wie schwer ich demselben Unrecht gethan, und ich halte cs deshalb für meine heiligste Pflicht, dasselbe zu sühnen. Mein zukünftiger Schwiegersohn soll keinen andern Gläubiger haben als mich; sind Sie daher geneigt, mir die Schuldverschreibung des Barons abzutreten, so ist mein Banquier angewiesen, Ihnen allsogleich den vollen Betrag baar auszubezahlen. Aron. Baar — baar ausbezahlen. Eine Summe von mehr als zweimalhun- derttausend Gulden fließt morgen in meine Easse! Ich stehe wieder fest und kein Mensch kann sagen, daß er bei Aron Löbenstein auch nur hat warten müssen eine Minute, um zu bekommen sein Geld! (Wendet sich und erblickt den Doctor und Sarah.) Ah, Ihr da, wißt Ihr schon? Doctor. Weißt Tu aber auch, wem Du eigentlich die Rettung zu verdanken hast? Aron. Nun, wem? dem Grafen? Doctor. Der aber diesen Entschluß nie gefaßt hätte, wenn nicht ein Anderer mit eigner Lebensgefahr den vermißten Schmuck den Räuberhänden entrissen hätte. Aron. Und dieser Andere? Doctor. Nun, der Meister Jacob! Aron (überrascht). Meister Jacob! (Vor sich hinsprechend ) Er — er, der gesprochen bat den ersten Segensspruch über mein Haus, der mir geboten hat seine ganze Habe, als geholfen keiner meiner Freunde und jetzt — er, immer wieder er. Sarah (eilt zu Aron, sich an seine Brust schmiegend). Vater, begreifst Du nun, daß ein guter Genius ihn geführt hat in unsere Nähe und daß ich — komm' auch, was da wolle — sein Bild nicht aus dem Herzen reißen kann? Aron. Nun ja, wir wollen ihm bewahren die Dankbarkeit, aber was dein Herz betrifft — Sarah (mit bittend erhobenen Händen zu Aron). Vater, das Eine versprich mir, nie auch nur mit einem Worte irgend einer Verbindung zu erwähnen, die ich eingehen solle. (Zieh traulich an ihn schmiegend.) Lass'mich bei Dir bleiben, ich will Dir in allem Andern eine folgsame Tochter sein, will suchen — mich Dir zu erhalten, — Dir zu leben — so lange es mit gebrochenem Herzen möglich ist zu leben. (Bricht in Thränen anS. Aron. Sarah! droh' mir nur nicht mi dem Sterben, Du weißt, ich ertrag' es nicht (Drängt fie sanft von sich, dann sie betrachtend, für sich.) Aron, es gilt zu retten daS Leben deines Kindes! (Geht auf und nieder, dann gleichsam den Gedanken von sich abwkhrend.)Nein, nein! ich sollte? — nein! (Blickt wieder auf Sarah.) Sie wird vergehen im ewigen Schmerz — und wenn durch einen Schritt — (Einen Entschluß fassend und gegen Himmel blickend.) Gott im Himmel, vergeb' mir! Du wirst ja doch auch noch ihr Gott bleiben — ich — ich kann sie nicht sehen Hinsterben in langsamer Qual! (Zu Sarah ) Sarah! ich weiß, ich seh's klar — deine Liebe ist dein Leben und Du sollst nicht sagen können, mein eigener Vater hat untergraben mein Leben! (Mit fortwährender Selbstüberwindung, ohne Sarah anzuschen.) Es gibt nur einen Weg, der es möglich macht, Dich zu verbinden mit dem Mann deiner Liebe — und dieser Weg — Ephraim (mit Entsetzen vortretend). ES wäre — die Veränderung ihres Glaubens! Sarah! wenn Sie thun den Schritt, dann hat Ihr Vater das Recht, Ihnen zu fluchen, er hat daS Recht, Sie gänzlich zu enterben. Aron (mit Festigkeit). Aber der Vater — er wird keinen Gebrauch machen von dem Rechte. 49 Ephraim (erstaunt). Nicht? nicht? Schmäh Isrvel! Aron (eilt zu Sarah und zieht sie an seine Brust, mit innigster Zärtlichkeit). Nein! Sarah! ick saqe Dir's, Tu sollst bleiben, mein liebes Kind — mein Haus soll bleiben das deine — wenn auch, wenn ich im Tempel für Dich bete, Du in der Kirche flehest um Segen für deinen alten Vater! Ich denk', es sind doch nur zwei Postanstalten — in welcher von ihnen man abgibt den Brief — er kommt doch (gegen Himmel weisend) an seine Adresse! Kannst Du Dich also entschließen? Sarah (mit frommer Ueberzeugung). Nein! Aron (überrascht). Nein? Ephraim (begeistert). Ick Preise Dich, Herr, sie bleibt treu meinen Lehren! (Will Sarah umarmen ) Sarah (von ihm zurücktretend). Nicht Ihren Lehren. Sie lehrten mich die hassen — die eines andern Glaubens sind — ick acht' jeden Glauben, und eben darum will ich meinen Glauben nickt ändern, um mich nicht selbst verachten zu müssen. Ick weiß, daß es nu» Einen Gott gibt, der derselbe ist für Alle, aber begreifen läßt er sich von Keinem. Wie könnte auch daS kleine Menschenherz den fassen, den kaum alle Ster- nenwcltcn fassen? Nur ein Abglanz seiner Herrlichkeit fällt schon in's zarte Kindcsherz — das ist der Glaube, wie ihn der Mensch empfängt in seiner ersten Lehre — der Glaube, der mit ihm wächst, der Glaube, der ihm zur Seite steht wie ein schützender Eherub — der Glaube ist der Gott des Menschen und das Göttliche in ihm! Wenn ich nun, und wär's um dcS höchsten Erdcnglückes willen, gegen meine Ueberzeugung den Glauben wechsle, so Hab' ick mich deS Göttlichen in mir selbst cmäußert! Wie könnte ein Mann an die Dauer meiner Liebe glauben, wenn ich meinem Gotte selbst die Treue gebrocken? Aron (zum Dortor). Ich habe mich zu etwas entschlossen, worüber sic mich nun rhtattk.Rtpnioitt Nr. rrs. selbst beschämt! Ab»r Gott im Himmel, was wird nun geschehen? Doctor. Ja, nun würden zwei Men- schcnherzen blutend vergehen in unendlichem Weh — weil Meusckensatzungen trennen, was Gott selbst dazu geschaffen hat, sich zu verschmelzen in Eines. Aron. Bruder! Du kannst nicht begreifen meinen Schmerz, denn Du — nun Tu bist wohl auch Vater — aber so geliebt hast Du dein Kind doch nicht, wie ich daS meine! Doctor (lächelnd). Nicht? nicht? Aron. Du hast es doch vermocht über Dich, deinen Sohn schon in der Kindheit von Dir zu geben. , Doctor. Ja, ich brachte dieses Opfer, weil ich schon damals wußte, daß die Zeit kommen müsse, in welcher wir allen andern Bürgern des Staates gleichgestellt würden, deshalb entzog ich ihn unseren Kreisen und sandte ihn als Kind in ein band, wo Gleichberechtigung schon herrschte Er sollte mir kein Geldmcnscb — kein Stubengelehrter werden, zum tüchtigen Handwerksmann ließ ich ihn bilden. Aron (erstaunt). Znm HandwerkSmann? Doctor (mit Daterstolz) Und er ist's geworden! — Ein gesunder Geist wohnt nun in seinem starken Körper, männlicher Math in seinem Herzen, der, das ich Hab' erprobt, auch der edelsten, uneigennützigsten Liebe fähig ist. Aron. Du sprichst ja fast, als hättestDu ihn gesehen in jüngster Zeit, und warst doch nicht verreist? Doctor. Nun — vielleicht ist er hier- hergekommen! Aron. Hierher? — Und Du hast ihn nicht eingeführt in mein Haus? Doctor. Ja — das Hab' ich, beim — (Eilt zur Seitenthür links.) Jacob! Aron (ahnend). Mein Himmel! Sarah (freudig aufslammend). Gott! Er? 4 50 Sechzehnte Scene. Vorige. Jacob. Jacob (tritt aus der Scitenthür rechts). Doctor (saßt Jacobs Hand, führt ihn vor). Dein Onkel! (Auf Aron weisend.) Aron (hoch erfreut). Wirklich? — Wirklich? — Er mein Neffe? (Die Arme weitausbreitend.) Neveu, an meine Brust! (Umarmt ihn innig.) Hat mir doch gefallen der Mensch immer — und ist er doch ein prächtiger Mann — und — (mit Stolz) er ist doch von den Unfern! Siebzehnte Seene. Vorige. Leib Wölfe l. (Man hört außerhalb der Scene links daS Geschrei Fanni's und Frömmel's drohende Stimme.) Alle (sich erstaunt gegen links wendend). Was geht hier vor? Leib (stürzt athemlos von links herein). Herr Intendant! Sind Sie da? Gut, daß Sie da sind? (Jacob erblickend.) Meister Jacob, Sie sind da! Gut, daß Sie da sind! Jacob (zu Leib). Aber so sprich doch! Was gibt's? Leib. Geben? Nichts! Aber nehmen! Der Herr Frömmel! Leopold (erschreckt). Frömmel? Leib. Er will schon wieder stehlen einen alten Schatz! Ich bin gestanden oben an der Thür mit der neuen Gesellschafterin. Aron. Neue Gesellschafterin, ist sie denn schon hier? Leib. Freilich — hat sie mir doch schon beigebracht die ganze Weltgeschichte! Aber wie ich jetzt geh' über die Stieg', seh' ich den Herrn Frömmel, der sie will herabziehen mit Gewalt! (Man hört abermals und dießmal näher Fanni's Hilferufe.) Leopold. Gott.. Fauni! Es gilt sie zu befreien! (Eilt nach links ab.) Jacob. Ha! da bin ich auch dabei! (Folgt ihm) Aron (nicht begreifend). Ja, was geht denn vor in meinem Hause? Leib. Fanni hat er gesagt! heißt sie doch Esther! Achtzehnte Seene. Vorige. Jacob. Frömmel. Leopold. Fanni. Jacob (hält Frömmel kräftig an der Hand und zieht ihn zur Seitenthür links herein). Nur hier herein, meine Herren! Wir haben uns ja schon einmal gesehen. Fanni (fast ohnmächtig mit zerstörtem Kopfputze wird von Leopold links hereingcführt). Leopold (zu Fanni). Erholen Sie sich vom Schreck! — Niemand soll Sie mir entreißen. (Läßt sie aus ein Fauteuil niedergleiten) Aron. Aber werd' ich nun endlich erfahren — Frömmel (zu Jacob). Lassen Sie mich los! Mit dem Herrn vom Hause will ich sprechen! (Reißt sich los und tritt zu Aron.) Herr von Löbenstein! Sie werden nicht dulden, daß Ihr Haus ein Schlupfwinkel für entlaufene Dirnen würde. Sie werden einem bekümmerten Vater seine Tochter nicht vorenthalten. Aron (erstaunt). Ihre Tochter? Leopold. Vergeben Sie, daß ich auf kurze Zeit das in Ihrem Hause in Sicherheit brachte, was mir der Herr Frömmel gestern zugesagt und heute wieder wortbrüchig entziehen wollte. Frömmel. Was — was Hab' ich zugesagt? Leopold. Sagten Sie nicht, daß Sie, wenn ich Ihre Tochter heiraten wollte, nichts dagegen haben würden? 51 Frömmel. Sie? — meine Tochter heiraten? — Das können Sie nicht! — Sie sind ein Jude! Aron. Wer sagt Ihnen denn, daß der (auf Leopold weisend) ein Jude ist? Frömmel (ganz erstarrt). Mein Gott! Alle Welt! Aron. Hat geglaubt, er müsse sein ein Jude, weil ich ihn behandelt Hab' wie meinen Sohn und ich — hahaha — ich hab's die Welt glauben lassen — weil es unter uns Gewisse (ans Ephraim blickend) gibt, die an meiner eigenen Strcnggläubigkeit gezweifelt hätten, wenn's Ihnen war' bekannt geworden, daß ich in meinem Hause aufzieh' ein Christenkind. Ephraim (mit Entsetzen). Er! (Auf Leopold weisend.) Ein Christ? (Wendet sich mit Scheu von ihm ab.) Frömmel (zu Aron). Aber wer ist — Aron. Er ist der Sohn eines braven Granzsoldaten, der mich, als ich vor zwanzig Jahren auf einer Reise nach Kroatien von einer Räuberbande überfallen wurde, muthvoll hat errettet, aber selber dabei einen Stich mit einem Handschar hat erhalten in die Brust, an dem der arme Mann Tags darauf ist geblieben — ihm könnt' ich's nicht vergelten, was er an mir gcthan; wollt' ich's vergelten an seinem Kinde! Leopold. Und aller Welt will ich'S dankbar erzählen, daß ich das, was ich bin, der Erziehung im Hause eines jüdisches Wohlthäters verdanke, und segnen sollen einst noch meine Kinder — Aron (zu Leopold). Sieh erst, daß Du solche bekommst. Mir scheint, den Fond zu der Unternehmung hast Du schon aufgetrieben. (Mit einem Blick auf Fanni.) Leopold (zu Frömmel tretend). Und NUN, Herr Frömmel, frag' ich Sie, wollen Sie Wort halten? (Ihn etwas bei Seite ziehend,! leise.) Ich habe mein Wort gehalten und geschwiegen, soll ich jetzt sprechen? Frömmel (erschreckt, ihm rasch mit der Hand auf den Mund fahrend, leise). Pst! Pst! (Laut, seine Angst und Verlegenheit mühsam verbergend.) Ich — bei so bewandten Umständen — und ich — zärtlicher Vater — Lebensglück meines Kindes (mit hervorbre- chendem Zorn) heiratet Euch — ich geb' Euch meinen Segen — aber nun fort! fort! (Eilt durch die Seitenthür ab.) Fanni (hat sich erholt, springt rasch vom Sitze auf und fliegt an Leopolds Brust). Heiraten! Da hört jede Ohnmacht auf! Heiraten! ich Dich! Du mich? Wann denn schon? Leopold (mit Fanni zu Aron tretend). Wenn mein Ziehvater es gestattet! (Bittend.) Herr Löbenstein! Aron. Gott, jetzt kommt mir wieder eine Liebesgeschichte und ich — (auf Sarah und Zacob blickend) habe da noch nicht auf- gearbeitet! Sarah (sich an ihn schmiegend). Vater !t Jacob (bittend). Theuerster Onkel!I d. Fanni (ebenfalls zu Aron eilend).? Gut sein! Sie sein gar so ein alter! eA lieber Herr! ' Aron (der sich ihrer kaum erwehren kann, sie von sich drängend). Laßt mich doch erst zur Besinnung kommen — aber was denn Besinnung? Gibt'S noch waS zu besinnen? Da steh' ich alter Jude (auf die beiden Paare weisend) zwischen dem jungen Judenthume und dem jungen Christenthume — nein! nein! ich will nicht zwischen Euch stehen, ! schließt Euch eng aneinander, damit ich Euch gemeinsam geben kann meinen Segen! (Tritt etwa- zurück und breitet beide Arme seg« nend über die Paare aus.) Doctor(zu Ephraim). Nun, was sehen Sie so düster d'rcin, nehmen Sie nicht Antheil an der Freude? Ephraim (das Haupt schüttelnd). Wie soll ick? Der Jude ist ein Christ und der Christ sein Jude, und man kann sie nicht unterscheiden von einand' — in die Zeit find' ich mich nicht mehr hinein — ich geh', um mir zu bestellen einen Platz am guten Orte! (Ab nach links.) 52 Doctor. Wohl uns, daß die Zeit gekommen ist, wir dürfen nicht mehr trauern an dem Tage, an welchem einst Jerusalem zerstört wurde, denn wir haben uns wieder ein neues Jerusalem erobert — schweben auch hie und da noch Nebel — die Sonne ist im Aufgang und wird sie alle zertheilen! Freuen wir uns des Morgenrothes, das heranbricht, und grüßen wir die Königin des Lichts, unter deren Scepter allein das Land zum gelobten Lande wird! (Die Stadt im Hintergründe erscheint im Strahle der Morgensonne) (Tie Gesellschaft tritt zu beiden Seiten heraus.) (Allgemeiner Zubelruf. Die Musik fällt ein.) (Der Vorhang fällt) Ende. - sn'z '' ^ KM- ^ K ^ ^ ^ , ''' ' ' ^ ^ ^ «°M'- . - . < . - ^ K ^ 'KM M-L - - Druck und Papin von iropold Eommrr In Wirn. Den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt und nur zu beziehen durch den Verfasser. Eint ruhige Partei. Burleske mit Gesang in einem Acte von I. Wimmer. Personen: Sebastian Kiesel. Glasermeister in der Dorstadt. Kathi, sein Weib. Resi, beider Tochter. Eduard Klein. Eisenbahn-Ingenieur. Mali. Rests Freundin und Nachbarin. Blumen au, Schauspieler. Fräulein Bertha. Die Handlung spielt in Kiesels Wohnung. - Rechts und links vom Zuseher auS angenommen. lSehr bescheiden eingerichtete Wohnung bei Kiesel. Thüre rechts in den anstoßenden Glaserladen Thüre links in ein Kabinet, Mittelthür in die Küche führend. — Einrichtungen: Ein Schubladen kästen, auf dem ein Schreibzeug steht, ein Tisch. Sesseln.) Erste Scene. Resi (ist mit dem Aufräumen des Zimmers beschäftiget, sie kehrt mit einem Besen den Fuß boden, hält dann inne, lehnt sich schwärmerisch an den Besenstiel und seufzt). Ach, wieder sind drei Wochen vergangen, seit mir mein Eduard, der jetzt schon vier Jabre von Wien ^g ist, geschrieben hat, daß er in ein paar Tagen hier anznkommen hofft, und noch immer ist er nickt da! O Eduard! o theu- m Eduard! könnt' ich dich endlich an mein Herz drücken! (Sie umarmt den Besenstiel. Man hört die Klingel de- Gassenladens.) Ob man lhiaiu-Repittoin Nr. 21S. denn einen Augenblick ruhig schwärmen kann! (Wirft den Besen weg und eilt gegen die Thür rechts.) Zweite Scene. Vorige. Mali (einen Brief in der Hand, ihr entgegen). Mali. Grüß' di Gort, Resi; da schau her. was ick für dick Hab'. (Hält den Brief in die Höhe) Resi. Ein Brief für mich? Mali. Ja, ein Dienstmann hat'n zu 1 uns in den Laden bracht und hat g'sagt: Ein junger Mann, der g'rad mit der Eisenbahn ankommen is, hat ihm ihn auf'n Nordbahnhof übergeben. Resi. Der ist von ihm! der ist von ihm! Mali. Das Hab' ich mir auch gleich gedacht, daß er von dein'Techniker is. Der Commissionär hat auch g'sagt, daß ich dir'n so geben soll, daß deine Eltern nichts erfahren davon, und weil ich dein Vätern Hab' fortgehn g'seg'u, so bin ich gleich herüber. — Resi. G'rad is's recht, der Vater is net z'Haus und die Mutter räumt drauß' in der Küchel herum. (Nimmt den Brief und liest schnell die Adresse.) »An Fräulein Therese Kiesel, abzugeben, im Elefantengewölbe, in der Zwirngasse Nr. 20.« Mali. Aber ich bitt' dich, du bist ja bei der Adreß' schon gauz verwirrt. Es heißt ja, »abzugeben im Zwirngewölbe in der Elefantengasse.« Resi (erbricht den Brief und liest). »Angebetete Therese! Ich schwimme in einem Meere von Seligkeit. In ein paar Stunden bin ich bei Dir!« (Sprechend.) Is das eine Lieb'! Er schwimmt durch's Meer zu mir! (Lesend.) »Bin ich bei Dir und werde in deinen Armen liegen! — Durch einen glücklichen Zufall ist es mir gelungen, meine Fähigkeiten zu zeigen und hierdurch die Gunst meiner Vorgesetzten im Sturme zu erobern!« (Spricht.) Ach, auch meine Gunst hat er im Sturme erobert! Mali. Les' nur weiter! Resi. (lesend). »Meine definitive Anstellung ist mir nun sicher. Ich fahre nach Wien, um mich dem Eisenbahndirector vor- zustelleu, und aus seiner Hand das Decret als Ingenieur zu empfangen. — Ich sende diese Zeilen vom Bahnhöfe ans an Dich, damit Du, theuere Therese, von meiner Ankunft unterrichtet bist. Den Brief habe ich deshalb in das Gewölbe deiner Freundin adrcssirt, damit deine Eltern nichts erfahren und daher desto mehr überrascht sein werden, wenn ich heute noch komme 2 und um die Hand meiner grenzenlos geliebten Therese anhalteu werde. Detn in Sehnsucht nach Dir vergehender Eduard Klein!« (Küßt den Brief.) Er kommt! (Verwirrt.) Er wird sich heute noch meinem Vater vorstellen, er wird beim Eisenbahndirector um meine Hand anhalten und von mir das Decret empfangen. Mali. Na, ich gratulire dir vom Herzen zu dein' Glück; Verdruß hast müssen g'nug ausstehen wegen der Bekanntschaft! Resi (seufzend). Und wie viel! Du weißt ja wie die Väter sind. Mali. O Gott! sag' mir das net. Was muß ich aussteh'n wegen mein klein' Me- diciner! Barbaren sind diese Väter, die einen jeden wissenschaftlichen Umgang verbieten woll'n. Resi. Aber jetzt Gottlob sind wir nahe dem Ziele unserer heißesten Wünsche! O, ich Hab s immer g'sagt, mein Eduard ist ein ehrliches Herz. Er is mir durch vier Jahr treu geblieben, ohne daß er mich gesehen hat. Mali. O,mein kleiner Mediciner bleibt mir gewiß auch treu bis in den Tod! Resi. Das ist Alles recht schön, aber so wie ein Techniker so liebt keine Facultät! Die Mediciner möchten cin'm vor lauter Lieb' tranchir'n; ein Jurist, der hängt ein'm, wenn man ein' Andern nur anschaut, gleich an Prozeß an Hals; so ein Filosvf fangt mitten in der heißesten Umarmung von Plato zu reden an, aber ein Techniker, der liebt halt technisch, das heißt praktisch! Mali. Dein Vater wird Augen machen, wann der kommt und um Dick an- halt! Vielleicht kennt er'n gar nicht mehr, daß er sich während die vier Jahr' so verändert hat. Resi. Das is schon möglich! (Man hört die Klingel im Glaserladen.) Der Vater kommt. Geh' mit mir zu der Mutter, Du kannst dann gleich durch die Küchel 'naus! daß d' Dich aber nicht verschnappst. Mali. A, glaubst denn, ich bin so a heuriger Has? (Beide durch die Mitte ab.) 3 Dritte Scene. Kiesel, Glasermeister (tritt ärgerlich von der Straße kommend durch die Thür rechts ein). Entrve-Lied. Bei derer Zeit a Glas'rer z'sein, Da g'hört a Mag'n dazu; Die Leut' hau'n keine Fenster ein, Denn's herrscht die größte Ruh'! Und bis's amal den Glas'rer hvl'n, A Tafel einzuschneiden, Da sind's ganz g'wiß schon alle g'schwoll'n Und thun am Rheuma leiden. So lang sich's thut, vcrpappen sie Die Fenster mit Papier, Und picken sehr oft vm-ü-vm »Obst hergehst« und Shakespeare. (Bei derer Zeit a Glaserer z'sein, Da g'hört a Mag'n dazu!) Die Krügeln und die Flaschen gar, Das is a Elend schon; Da brauch' ich oft im ganzen Zahl Ka Dutzend mehr davon! Denn so was, das kauft Keiner mebr Beim Glaserer, o Kummer! Weil damit rennen jetzt auf Ehr' A Million Crovaten umer! Und trotz Bonton und großer Grace Und allem Schliff der Welt, Kauft Keiner mehr a g'schliff'nes Glas, Denn's fehlt dazu das Geld! (Bei derer Zeit a Glaserer z'sein, Da g'hört a Magen dazu!) Wieder ein Gang umsonst g'wesen! Was nutzt einem auch ein G'schäftsgang bei dem G'schäftsgang? Von ein Geld wo kriegen, is gar kein Red', das heißt vom Geld ist überall sehr viel die Red', nämlich, daß Niemand eins hat. »Glück und Glas, wie bald bricht das,« sagt ein altes Sprichwort; vom brochenen Glück spür' ich wohl sehr v'el, aber vom brochenen GlaS schon beinah' gar nichts. Die Leute werden alle Tag ruhiger und überlegender! Daß Einer aus Zorn ein paar Fenster z'ammhaut, kommt gar nicht mehr vor; da fehlt's Geld dazu; heutzutag, wann Einer zornig is, haut er sein Weib, das kost' nir. — Aber wo is denn die Meinige? (Ruft). Kathi! Kathi! wo steckst denn? Vierte Scene. Voriger. Kathi. Kies. Warum is denn Niemand im Laden? Kathi. Die Rest war bis jetzt muner da im Zimmer und hat aufgepaßt! Kies. Ah! was nutzt das Aufpaffcn, wann kein Mensch kommt. Das Geschäft geht täglich miserabler. (Zündet sich eine Zi- garre an, die keine Luft hat, und mit der er sich während des Folgenden immer plagt.) Elend fteht's mit uns! Kathi (seufzend). Za leider! Kies. Du hätt'st soll'n strenger sein gegen mich, wie s noch besser 'gangen is, Du hätt'st mich zur Ordnung zwingen, und wenn's im Guten nicht gangen wär', sogar hau'n soll'n! (Immer zorniger.) Warum hast mich nicht g'haut! Kathi. Aber schau, Sebastian — red' doch nicht so! Kies. Das war immer dein Fehler, daß Du zu gut mit mir warst. Jetzt sein wir zwanzig Jahre verheiratet, betreiben das G'schäft zwanzig Jahr', haben uns zwanzig Jahr' plagt, und was hab'n wir jetzt? Nir — gar nir — als eine Tochter. Wir sind ein paar alte Eseln, die aber nit anmal am Berg steh'n, sondern mit dencn's schon sehr bergab geht. (Die Zigarre malträ» tirend.) Ja, Schläg' hätt' ich verdient, dafür verdient, daß ich unsere paar Gulden, anstattz'ammz'halten, an Leut' ausg'lieh'n Hab', von denen wir vielleicht unser Lebtag nir z'ruckkrieg'n! t » 4 Kat hi. Mein Gott, wer hat das wissen können? Kies. Ich hätt's wissen sollen!' Jetzt fitzen wir d'rin in der Patsch, und wann ich nicht ohnedem ein Esel wär', so hätt' ich müssen schon lang vor lauter Kummer grau wer'n. (Man hört die Klingel des Gassenladens.) 's kommt wer! (Läuft durch die Thür rechts ab.) Kathi. Der arme Mann, jetzt geht's ihm in Kopf; freilich hätten wir in unseren jüngern Tagen mehr sparen soll'n, aber jetzt ist's leider net mehr zu ändern. (Man hört die Klingel.) Kies, (kommt höchst aufgebracht zurück). So geht's, wenn man ein Waarenlager ganz zusammenschmelzen lassen muß! Jetzt Hab' ich der Kundschaft net einmal a paar Flaschen geben können. Kathi. Aber, schau, gib' Dir selber — Kies. Ich soll mir selber a paar geben,? Kathi. Ach, das Hab' ich ja net so g'mei'nt! Ich mein',Du sollstDir selber nicht immer gute Lehren geben — sondern sollst handeln, sollst schau'n, daß wir das rückständige Geld hereinkricg'n! Kies. Ja, das werd' ich auch thun — von der Früh bis auf d'Nacht thu' ich von nun an nir mehr als Geld eintreib'n! Grob werd' ich sein, furchtbar grob! ich geh' eigens zu einem Sollicitator in d'Lehr'! Kein Erbarmen wird's geben. Ich pfänd' den Leuten die Hühneraugen von die Füß' weg! Ich versiegle kleine Kinder, ich leg' an Witwen und Waisen die engere Sperre an, ich — ich muß zu mein' Geld kommen! Kathi. Schau halt, Sebastian, thu' dein Möglichstes! Kies, (zornig). Wirst schon wieder so gut fein mit mir? Kathi. Du, Sebastian, wie viel Uhr ist's denn? Kies, (verlegen) Wie viel Uhr? (Kehrt Kathi den Rücken zu, stellt sich unter die Thür rechts, hält die Hand über die Augen und schaut angestrengt). Halb zehn! (Bei Seite.) Das is a Glück, daß der Uhrmacher vis-ü-vm wohnt, denn bis in s Versatzamt könnt' ich net auf mein' Uhr schau'n. Kathi (bindet ein Tuch um und nimmt einen Korb). Da ist's Zeit zum Einkäufen. Geh', gib' mir a Geld. Kies, (verwirrt, zieht furchtbar an seiner Zigarre, preßt und quetscht sie und visitirt dabei alle Säcke). A Geld — willst! — Ich weiß nicht, essen wir denn heut' was? wo ist denn nur? — aber gar kein Luft — ich Hab' schon g'essen. Kathi. Hast kein Geld? Kies. Mir scheint nicht, ich muß nur nochmal schau'n! Kathi (etwas ärgerlich). Ich bitt Dich, laß' geh'n! Ich werd' halt schau'n, daß ich derweil so was krieg! Kies, (wüthend). Keinen Knopf Geld im Haus, 's kommt immer schöner! 's nächste Mal können wir keinen Zins mehr zal'n, müssen vielleicht wo z'Bett geh'n! (Plötzlich.) Mir fällt was ein — zu was brauchen wir das Cabinet? Unsere Tochter soll bei uns heranst im Zimmer schlafen —, sie wird verlassen! Kathi. Wer, unsere Resi? Kies. Die Kammer! ein Zimmerherr wird g'nommen. Kathi. (schnell). Ja, thun wir daS! Kies, (vorwurfsvoll). Kathi, Du gibst gar zu g'schwind Recht! Mit Zimmerherr'n sind schon allerhand — das kommt mir verdächtig vor — Kathi. Ah — bild' Dir so was nit ein! Kies. Ja, Alter schützt vor Zimmerherr'n nicht! (Alles Folgende mit großer Hast sprechend und handelnd.) Sechs bis acht Gulden tragt's doch monatlich, vielleicht kommt heute Jemand, von dem wir ein D'rangeld kriegen, gib' mir g'schwind a Papier! Kathi (legt Tuch und Korb wieder ab, nimmt aus einem Schubladenkasten Papier u>d legt es auf den Tisch). Da ist's. Kies. So, das Tintenzeug! Kathi (stellt das Tintenzeug auf den Tisch). Kies, (besteht das Tintenzeug). Die Tint'u 5 is ja ganz cingetrocknet. G'schwind a Wasser! Kathi (schüttet ans einem Glase etwas Wasser in die Tinte). Kies. So, ein bißl nmrühren! (Nimmt in der Eile die Zigarre auS dem Munde und rührt damit um.) Sakerlot, plag' ich mich so lang mit dem Zigarri und jetzt is's hin! (Schickt sich zum Schreiben an, und zwar mit den selten schreibenden Personen eigenthümlichen Umständlichkeiten.) Also, schreiben wir.(Schreibt-) »Hier — ist — ein — Kam —,* (aufhö- rend.) Jetzt weiß ich nicht — schreibt man Kamminet mit einem M oder mit zwei? Nehmen wir zwei, auf eiu M kommt's mir net an. (Schreibt.) Kamminet — zu — verlassen — (Sich unterbrechend.) Jetzt weiß ich wieder net, soll ich schreiben, nähere Auskunft oder weitere Auskunft? Kathi (die ihm beim Schreiben zufi.ht). Das is ja alleseins! Kies. Ah, das is net alleseins. Ich glaub', es wird den Leuten lieber sein, wenn's die Auskunft näher haben. — (Schreibt.) Also: »Nähere Auskunft — all- hier im Glasergewölb — Allhier!« (Legt die Feder y>eg.) Jetzt muß ich's uochmal lesen: »Hier ist ein Kammi—* Ah verflucht, laß' ich das net aus — da hätt's g'heißen: »Hier ist ein Kamin zu verlassen!* (Bessert den Zettel aus.) So, jetzt g'schwind mit dem Kittvor'sG'wölb picken. (Rechtsab.) Kathi. So weit haben wir's schon 'bracht, daß wir ein Cabinct verlassen müssen. In meinen jungen Jahren Hab' ich keinen Zimmerherrn g'habt und jetzt — Kies, (wieder hereinstürzend). So, pickt schon! Und jetzt passen wir auf, ob wer anbcißt! (Beide scheu zur Thür recht- hinaus.) Lest schon Einer! — no, kommen's nur herein! — jetzt stch'n gar Zwei dabei! — die lachen! Gar dumm — wie man über ein verlassenes Cabinet lachen kann! — Ah, da schau her, die noble Dam', die jetzt — mir scheint gar, sie kommt herein! richtig! (Man hört die Klingel.) Kath. Ah, a Zimmerfrau, da wird nir d'raus. Warum hast denn nicht gleich auf's Zettel g'schrieben, für einen soliden, aber einzelnen Herrn! Kies. Sei still, sie kommt schon! (Man hört die Klingel de- Gassenladens.) Fünfte Scene. Voriger. Fräulein Bertha (durch die Thür rechts). Bertha. Bei Ihnen ist ein Cabinet zu verlassen. Wo ist es denn? Kathi (wirft Kiesel wütheude Blicke zu). Kies, (ganz verwirrt zu seiner Frau.) Ja, wo ist es denn? (Zu Bertha auf die Thür links zeigend.) Bitte, hier wollen Sie nur hineinspazieren. (Bertha geht zur Thüre links, Kiesel will ihr nach.) Kathi (Kiesel bei den Rockschößen packend). Da bleibst! Kies. Na, ich Hab' ihr ja nur das Cabinet zeigen wollen! Kathi. Mir scheint, Du bist verrückt! Ich sag' Dir jetzt in vollem Ernst: Frauenzimmer kommt mir kein's in'SHaus. Kies. Aber schau— wann ich das auch immer g'sagt hätt' — Bertha (wieder aus dem Cabinet kommend). DaS Cabinet wär'nicht übel, aber wo ist denn der Eingang? Kathi (pickirt). Hier, bitte, -und auch der Ausgang! Bertha. Also kein separirter Eingang? Kies. Nein, leider — (schnell seine Frau ansehend, bei Seite.) O sapperment — jetzt sag' ich gar »leider —* Bertha. Dann thut es mir recht leid, aber ich brauche ein Cabinet mit ganz sepa- rirtcm Eingang. Adieu! (Durch dir Thür recht- ab.) Kies, (complimentirend). Habe die Ehre mein Compliment zu machen. (Will ihr nach.) Kathi (reißt ihn zurück). Obst da bleibst! Kies. Ich hab's nur begleiten wollen, so a Fräul'u is ja daö schon gewohnt! (Zur 6 Thür rkchts hinein.) Ab, da schau her, da kommt schon wieder wer! (Man hört die Klingel.) Sechste Scene. Vorige. Blumenau. Blum, (schäbig, aber auffallend gekleidet- Das Prototyp eines echten Schmier-Komödianten, spricht und gesticulirt stets im hohen Pathos)- Guten Morgen, verehrungswürdiges Publicum ! Ich gehe wohl hier recht, wegen der Stube, die zu vermiethen? Kies. Gehorsamster Diener! Ich bitte, das Cabinet is hier. (Oeffnet die Thür links.) Blum. Recht hübsch. Liegt cs gegenOsten? Kies. Nein, es liegt gegen'» Hos zu. Blum. Ganz recht. Ich habe derlei Stübchen lieben gelernt, die entfernt sind vom Geräusche der Welt. Kies. O Gott — Geräusch habcn's hier gar keins. Das G'wölb' is gar da draußen, (seufzend) und auch immer still! Blum. Sehr schön. Sie werden auch an mir einen sehr ruhigen Miethsmann bekommen. Mein Name ist Blumenau. Ich bin Schauspieler. Ich komme von Krems und bin für Meidling gewonnen. Ich werde Sie nicht im Geringsten incommo- diren, denn ich bin sehr wenig zu Hause. Vormittags bin ich entweder auf der Probe oder im Cafö; nach dem Theater geh' ich kneipen, und sodann wieder ins Caf6. — Sie- werden mich daher nicht viel zu Gesicht bekommen. Kies. O, ich bitte, richten Sie sich das ein, wie Sie wollen, ich geb' Ihnen einen Schlüssel zu meiner G'wölbthür' — da brauchen Sie keinen Hausmeister. Blum. Herr, Sie erdrücken mich durch Ihre Güte. Kathi (ungeduldig im Hintergründe hin- und hlrtrippelnd). Wenn er lieber was d'ran- gäbet, das könnt' er später erzählen. Blum. Wenn ich Nachts nach Hanse komme — liege ich — Kies. O, das Bett is sehr gut. Blum. Nein — nein! da liege ich dem Studium meiner Rollen ob. — Sie müssen wissen, ich spiele Helden und Heldenliebhaber. — Uebermorgen z. B. gebe ich als Antrittsrolle den Ritter Hugo von Löwen- klau in dem Trauerspiele: »Der blutige Harnisch,« oder: »Der Doppelmord in Zwettel.« Da sollten Sie mich sehen in der Scene zwischen mir, meinem Nebenbuhler und meiner treulosen Geliebten. (Setzt sich in Positur, declamirt und agirt, und richtet die Reden je nach dem Inhalte derselben abwechseld an Kiesel un» Kathi.) „Hier also, an dieser Stelle muß ich Cnch treffen! Nnn denn, so beginnt euer schändlich abgekartet Spiel! Deine Stirne ist frech genug hierzu, Bube—" Kies, (bemüht sich seine Stirn zu betrachten, bei Seite). Meine Stirn ist ihm nit recht! Blum. Und auch Dirwird's nicht schwerfallen, arglistig, falsches Weib! Kies. Erlauben Sie, es fallt uns sehr schwer, das Cabinet zu verlassen. Blum. Schweig'! Und Du spar' das Gewinsel um das Leben deines Buhlen! Kathi. Ich Hab' gar nir g'redt! Blum. O, hast Du kein Gedächtniß mehr für die Tage unserer .Liebe? O, könntest Du mir den Glauben in das blutende Herz pflanzen, daß Du mich nur eine Stunde wahr und innig geliebt hast! Wonne wär's sodann für mich zu sterben in dem Augenblicke, als Du dieß aussprechen würdest — mit deinen rosigen Lippen, die sich so oft mit den meinen zum Kusse vereinten — Kathi. Was lügen's denn? Kies. Sic — Verleumdungen — Blum. Noch einmal, schweig' — elender Gauch — sonst durchbohre ich Dich! Kies, (macht ein paar Schritte zurück). Blum. Nicht von der Stelle, feige Memme! Kathi. Mir scheint, ^der hat was^or! Blum. (Kathi am Arm fassend). O versuch' es nicht, mich zu täuschen. Schon lange haben es deine Wangen verlernt, sich schamrotst zu färben. (Mit steigendem 7 Asfecte ) Höre denn, feige Dirne, ich bin gekommen, um mich zu rächen, blutig zu rächen! Kies. Zuerst haben Sie ja g'sagt, Sie sind weg'n ein Cabinet kommen. Blum, (schleudert Kathi weg). Weg von mir! Ich schaudere zurück vor Dir wie vor einer giftigen Natter! Bereite Dich zum Tode vor, mein Mordstahl soll dein elendes Leben enden! Kies. Was? Mord? zu Hil — Blum, (auf Kiesel zustürzend und ihn würgend). Ha, Du stirbst zuerst von meiner Hand, dann ich, dann sie! (Sich verbessernd.) Zuerst stirbt sie, dann ich, dann Du! (Ebenso.) Nein, zuerst stirbst Du, dann sie, dann ich! Kies, (der sich losmachen will). Sterben's so oft Sie wollen, aber nur loslassen! BlttM. (dessen Afsect den höchsten Grad erreicht). Stirb', Verruchter! Kathi. Zu Hilfe, der bringt mein Mann um! Blum, (plötzlich Kiesel loslassend und trium- phirend lächelnd). Was sagen Sie dazu, ist das nicht erschütternd? Kies, (nach Luft schnappend). O beinahe Gehirn erschütternd! Blum. War meine Leistung nicht hinreißend? Kies. Hin- und herreißend! Kathi. Das nennen Sie eine Leistung? Das heißt ja ein' Menschen nmbringen. (Leise zu Kiesel.) Du hörst, mit dem is's nir! Kies, (zu Blumenau). Ja, also wegen dem Cabinet, das wird für Ihnen — Blum. O, ganz passend, ganz passend. Ich fühle mich jetzt schon ganz heimlich. (Geht gegen das Eabinet und besieht sich dasselbe.) Kies. Aber ich habe mich sehr unheimlich g'fühlt, erstens wird's Ihnen a biß! z'klein sein — Kathi (zu Kiesel). So mach' nicht so viel G'schichten mit dem da. — Erstens probirt der vielleicht alle Tag so a Roll' mit uns, und zweitens scheint mir, ist da net einmal — (Pantomime des Gkldgebens) a D'rangeld z'erwarten. Kies, (zu Blumenau). Ja, also Sie lassen- wir — Blum, (schnell kinsallend). Ganz gut, lassen wir es so. Ick bin entzückt, bei einem so kunstsinnigen Ehepaar zur Miethe wohnen zu können. (Nimmt seinen Hut.) Also auf baldiges Wiedersehen! Kies. Ja, Sie Verehrtester! Blum, (läßt Kiesel nicht zu Worte kommen und geht während des Folgenden gegen die Thür rechts). Keine Umstände, Verehrtester. Ick werde sogleich einziehen, dann spiele ick Ihnen eine Scene aus dem Schauspiele: »Die Parteiwuth —« Kies. Das wissen wir ohnehin, daß Sie eine wüthende Partei sind. Blum. Ich kann Sie nur nochmals versichern, daß Sie an mir einen sehr ruhigen, harmlosen Miethömann bekommen werden. (Ab.) K i e s. (Blumenau nachrufend). Sie hören's, mit dem Cabinet is's nir! (Zu Kathi.) Er hört mich gar nicht mehr. Das is ein Kerl Kathi. Weilst aber a net gleich mit der Wahrheit heransz'ruckt bist, da sag' i halt glei, nir i's! Kies. Das können wir no alleweil sagen, wann sich wer Anderer find't. Kathi. Das is wohl wahr, D'rangeld hat er kein's geben. Ja, aber jetzt is's die höchste Zeit, daß i znm Einkäufen schau. Kies. Zum Einkäufen —? Mit was denn? Kathi. Ja leider! Ich muß halt schauen, daß ich derweil sowas krieg'. (Seufzend.) Das is a Elend! Du, hörst, wann derweil vielleicht wieder ein Frauenzimmer kommt, daß d' Dich nicht unterstehst — (Ab.) Siebente Scene. Kies, (allein). Is schon recht. (Pustend.) Ich bin noch ganz echauffirt von dem Auftritte mit dem verrückten Kerl! — So geht's, wann man sich einschränken muß! 8 Mich tröst' nur der Gedanken, daß ich net der Einzige bin, sondern daß sich heutzu- tag, womannurhinschaut, Alles einschränkt. L o u p t e 1. Ein lediger Herr, der zu Haus menagirt, Dem hab'n schon seit Jahr'n seine Haushaltung g'führt Zwei Schwestern, a Tant' und a Köchin, die z'samm' A Alter von 3000 Jahr' jetzt g'rad' hab'n. »So viel zur Bedienung, das thut's nimmermehr, Die Zeiten sind schlecht!« ruft da plötzlich der Herr. Und hält sich a zwanzigjährig's Stuben- mädl allein, Ja, es schränkt sich halt Jeder bei derer Zeit ein. Ein Chef, der hat, wie er noch war subaltern — Zur Cur sich verschrieben von nah' und von fern Min'ralische Wässer verschiedener Art, In hundert und Hunderten Plützern verwahrt. Doch d'Zeiten sein schlecht, 's heißt auf's Geld sein bedacht — D rum selbst jetzt ein' Plutzer nach'm andern er macht, Weil's Kaufen der Plützer zu theuer thut sein — Ja, es schränkt sich halt Jeder bei derer Zeit ein. »Wenn einstens ich eine Verbindung geh' ein — Da muß es ein Feldmarschall mindestens sein!« Sv sprach eine Fränl'n oft — als jung sie noch war, Das sein jetzt wohl freilich schon etliche Jahr'. Die Fränl'n, die is heut' zwar noch ohne Gemal, Doch hat sie getroffen bereits eine Wahl. Ihr Geliebter thut G'frciter beim Fuhrwesen sein, Ja es schränkt sich halt Jede bei derer Zeit ein. -»I sich's schon — Du hast mich jetzt gar nimmer gern —* Den Vorwurf muß oft von sein' Weib ein Mann hörn'n. »Vor 20 Jahren hast Du mir geben mehr Küß' In einer einzigen Stund als's ganze Jahr jetzt gewiß!« »'S is wahr,« sagt der Mann d'rauf, »Hab' oft Dich geküßt, Doch scit20Jahr'nVieles anders wor'n ist, D'rum thu' mit die Busseln so sparsam ich sein, Denn es schränkt sich ein Jeder bei derer Zeit ein.« A Witwe, die nimmer ganz jung schon mehr iS, Doch Werthpapier' lieg'» hat im Kasten ein' Riß — Die halt't sich a Wohnung, die durchaus net z'groß, Doch will sie begnügen mit der Hälfte sich bloß. — »Ach,« meint sie, »die Zeiten sind einmal zu schwer, Für mich so 'ne Wohnung, das thnt's nimmermehr. Aufs Monat nehm' ich einen Zimmerherrn 'nein — Ja, es schränkt sich halt Jede bei derer Zeit ein. 9 Der Adolph und d'Laura, die sitzen bei- sann»? — Und sag'n sich einander, wie gern sie sich hab'n; Doch niemals brennt d'Lampen, 's zündt's d'Laura nicht an, Sie sagt, daß man's Oel kaum erschwingen jetzt kann. »Ah,« denkt da der Adolph und sagt's auch oft laut — Indem er die Laura voll Liebe anschaut: »Das wird einst a Hausfrau, a sparsame sein, Die schränkt sich schon jetzt alscr lediger ein.« (Jn's Cabinrt ab.) Achte Scene. Eduard Klein (durch die Thür rechts. Ein eleganter junger Mann mit Dollbart, schwarzem Frack, einen Ueberzieher über dem Arm). Wie freundlich lächeln mir diese bescheidenen Räume entgegen, in denen ich die seligsten Stunden mit meiner Therese verlebte, und an die sich nun glückliche Jahre knüpfen sollen. (Sieht sich um.) Aber Niemand da? Ah, da kommt ihr Vater! Neunte Scene. Voriger, Kiesel (schießt durch die Thür link- herein; bei Seite). Da is schon wieder wer! Sapperment, das wär' ein nobler Zimmerherr! (Zu Klein.) Habe die Ehre! Klein (bei Seite). Er scheint mich nicht mehr zu kennen; desto besser. (Laut.) Sie erlauben, mein Herr, ich hätte ein paar Worte mit Ihnen zu sprechen! Kies. Ah, ich weiß schon. Klein (bri Seite). Wie, sollte er doch schon erfahren haben? (Laut.) Es handelt sich nämlich — Kies. Weiß schon — bitte spazieren'S nur da hinein (nach links zeigend) und schaun's Jhnen's an! Klein. Aber entschuldigen Sic — üb kenne sie ja. Kies. Ich mein halt, schaun's Jhnen's an, ob's Ihnen g'fallt, ob Ihnen die Einrichtung recht is? Klein. Ich brauche gar nichts mit ihr zu bekommen, sie allein ist mir Alles, AlleS! Kies. Na ja — recht schön! Klein Sie soll mir gehören auf ewig! Kies. Das ist reckt schmeichelhaft für mich, aber probieren Sie's doch früher. Klein. Aber, mein Herr, ich verstehe Sie nicht. Ich, der sich schon so lange darnach sehnt, der endlich in Besitz kommen kann — Kies. Wir gäberten's auch gar net her, wann's uns besser zusamm'ging. Klein. Wie, also bloß deshalb, weil ich eine Stellung habe? Kies. Na ja, man muß ja doch schauen, daß man wem Anständigen kriegt. Es war auch schon ein Anderer da. Klein (erstaunt zurückprallcnd). Wie? Kies. Nein, nein, fürchten's Ihnen net, Sie kriegen's schon — das war a Schauspieler, aber mit dem is's da (Pantomime) net recht richtig! — Klein (immer bei Seite). Sollte es möglich sein? Sie einer Untreue fähig — sie, die mir noch vor Kurzem Briefe geschrieben voll der innigsten, aufopferndsten Liebe? Kies, (auf Klein'- Monolog nicht achtend, geht gegen die Thür rechts zu, bei Seite und gleichzeitig mit Klein). Ich werde gleich das Zettel herunternehmcn, damit, wann der verrückte Ding vielleicht nochmal zurückkommt — Klein (lebhaft auf- und abgehend, laut). Nein, nein — es kann und darf nicht sein! Kies, (zurücktretend zu Klein). Aber beru- higen'S Ihnen nur! (Bei Seite.) Nein, wie der in die Kammer ring'sprengt is! 10 Zehnte Scene. Blumenau. Vorige. (Nachdem man während der letzten Worte die Klingel gehört, tritt Blnmenan durch die Thür rechts ein. Er trägt einen Harnisch, ein großes Ritterschwert, ein Paar eiserne Handschuhe, eine lange Pfeife und unter dem Arme einen Stiefelzieher.) Blum. So, mein Verehrungswürdig- ster, hier bin ich! Kies, (bei Seite). Jetzt hat den der Teu- rel schon wieder da! Mir scheint, der will richtig einziehen! Blum. Ich bin da, um Besitz zu nehmen! Klein (Blumenan fixirend). Also Sie sind Derjenige? Blnm. Ja, ich bin's, Blumenau ist mein Name, erster Held und Liebhaber! Klein. Hier sind Sie aber in letzterer Eigenschaft nicht am Platze, da werd' ich mir erlauben, ein Wort dareinzu sprechen! Kies, (bei Seite). Jetzt geht's gut, die fangen vielleicht wegen dem Cabinet zum Raufen an, ich muß nur schau'n, daß der sein Tranchirmesser hergibt. (Zu Blumenau.) Ich bitt,' legen's ab. (Will ihm alle Geräth- schasten abnehmen. Blumenau behält das Schwert zurück.) Blum, (zu Kiesel). Sie entschuldigen, dieses Schwert bleibt an meines Seite. (Zu Klein.) Herr, wie können Sie behaupten, daß ich als Liebhaber nicht am Platze sei? (Mit dem Schwerte agirend ) Herr, ich war an den renommirtesten Bühnen Deutsch- lands engagirt. — In St. Pölten war ^ ° ich der Liebling des Publikums, in Stadt Steyer hat man mich vergöttert, in Znaim hat man mir Gurken, will ich sagen Kränze geworfen, und in meinem letzten Engagement in Krems hat mir die Bevölkerung einen Fakelzug gebracht. Klein (heftig und laut). Mein Herr, ich spreche jetzt nicht von Ihren theatralischen Leistungen, sondern davon, daß Sie sich hier in dieses Haus, in diese Familie eindrängen, daß Sie mir mein Theuerstes — Blum. Ach, ich finde.die Sache ganz billig. Klein. So, das nennen Sie billig? Ach, das ist ja schändlich von Ihnen. Blum. Herr, nehmen Sie dieses Wort zurück — oder — (das Schwert zuckend) mein Flamberg — Kies. (Blumenau abhaltend). Fuchtcln's net so herum da, sag' i! (Zu Klein besänftigend.) Aber schaun's, der Herr war schon früher da! Klein (entrüstet zu Kiesel). Hahaha! Sic also, der Besitzer dieses Kleinods, wollen den Vermittler machen? Sie spielen da eine elende Rolle. Blum, (auffahrend). Meinen Sic mich mit der elenden Rolle? (Mit affcctirter Ruhe.) Doch gib dich zur Ruh', bewegt Gemüth, und laß' dieß tolle Treiben! (Zu Klein.) Mein Herr, um Ihnen einen Beweis meiner chevaleresken Gesinnung zu geben, mache ich Ihnen einen Vorschlag. Theilen wir uns in der Sache. Ich bin ohnehin häufig nicht zu Hause — Klein. Die Schamlosigkeit geht zu weit! Mein Herr, Sie scheinen für das Irrenhaus reif zu sein — nur das kann mich abhalten Sie — Blum, (macht eine furchtbare herausfordernde Position). Eilfte Scene. Vorige. Rcsi. Resi. (ist während der letzten Worte durch die Thür links herein gestürzt, freudig). Die Stimme! Das is ja— (Auf Klein zueilend ) Eduard! Klein (Resi umarmend). Resi! — Vor Allem erkläre mir, sollte es denn mögliä) sein, daß Du einer Untreue fähig bist, daß dieser Herr da Ansprüche auf Dich hat? 11 Resi (verwundert und lachend). Der Herr — hahaha! den kenn' ich ja gar nicht! Blum. sz„ Klein). Herr, ich verstehe Sic nicht, welche Ansprüche sollte ich an dieses übrigens unendlich liebreizende Fräulein haben? Ich bin hier, weil ich dieses Cabinet gemiethet, und weiters nichts. Klein. Also — Sie haben nicht um die Hand dieses Fräuleins angehalten? Kies, (der dcn Reden mit Staunen zuge- hört, Klein winkend). Sie, kommen's a bißl näher! (Klein beim Arm nehmend und ihm längere Zeit in's Gesicht schauend.) Mir geht ein Licht auf! Sie sind ja gar — der Vollbart — Sie haben also nicht von der Kammer g'redt? Klein (nimmt Kiesel bei der Hand). Nein, lieber Herr Kiesel, ich habe von Ihrer Tochter, von meiner angebctetcn Therese gesprochen, um deren Hand ich hiermit bei Ihnen nochmals anhalte. Zum Beweise, daß unsere Zukunft eine gesicherte sein wird, lesen Sie hier! (Zieht eine Schrift aus der Tasche.) ES ist mein AnstellungSdecret als Eisenbahn-Ingenieur. Kies, (das Papier ansehend, erstaunt). Also richtig! der ausbatzte Techniker — O. ich bitt', der liebe, charmante Ingenieur! Klein. Dem Sic nun nicht mehr gram sein werden — nicht wahr? Kies. (Klein die Hand gebend). O nein, net im Mindesten. Jetzt laß' i mir's g'fall'n! Zwölfte Scene. Vorige. K a t h i. Kathi (während sich Klein und Rest «marinen, tritt Kathi durch die Mittelthür ein und läßt aus Verwunderung über die Gruppe den Einkaufkorb fallen). In, was is denn das? Blum, (der die ganzen Vorgänge mit theatralischen Geberden betrachtet hat). Ist das eine Scene, nicht wahr— würdige Matrone? Kies. Was das is? das is der Herr Klein, der unsere Tochter wor'n is, und um den Ingenieur anhalt? Kathi. Der Herr Klein? Blum. Ja wohl, Ihr Eidam! Klein (Frau Kiesel die Hand küssend). Mutter! Blum. (Fr. Kathi enthusiastisch umarmend). Mutter! (Zieht seine Ritterhandschuhe an.) Resi, Klein und Kathi (stellen sich in eine Gruppe und sprechen mit einander). Kies, (zu Dlumenau). Also, das Cabinct könncn's haben, aber nur keine — Blum. Bravo — wackerer Patrizier! Also cingescblagen, die Stube g'hört mir! (Haut mit dem Ritterhandschuh furchtbar inKie- sel's Hand.) Kies, (die Hand wegrcißcnd). Auh weh! Segens, Sie fangen schon wieder an! Blum. Betrachten Sie diesen ' Hand, schlag als D'rangabe. Kies, (zu seiner Frau). Siegst es, Fran, jetzt iS Alles verlassen! — Wir Habens Cabinet verlassen, die Resi verlaßt uns! Blum. Aber ich Sie nie! Ich bleibe bei Ihnen! (Kiesel mit Emphase umarmend und ihn dabei mit den Ritterhandschuhen auf dcn Rücken klopfend.) Kies, (windet sich los). Au weh! Blum. Nun aber (auf das Brautpaar zeigend) der schöne Bund geschlossen ist. erlauben Sic mir, daß ich Ihnen eine Scene Vorspiele aus dem Schauspiele: »Die Schreckenshochzcit um Mitternacht,« oder: »DieTodtengerippc von Atzgcrsdors!« Kies, und Kathi (fallen vor Blumenau auf das Knie nieder, zugleich). Nein, nur keine Scene mehr! Wir wollen eine ruhige Partei! (Lustige Musik, der Vorhang fällt.) Ende. Aus dem Theater-Berlage der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1 Mädchenfreundschaft, oder der türkische Gesandte. Lustspiel in 1 A. von Kotzebue. 1805. 25 kr. 5 Sgr. Mädl, das, auS der Vorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Posse in 3 A. von I. Nestroy. Gr. 12. 1845. 75 kr. 15 Sgr. Magnetismus, der. Nachspiel in 1 A. v. Jffland. 1810. 25 kr. 5 Sgr. Majolino, der Abenteurer. 1. Theil: Schauspiel in 5 A. 2. Theil: Schauspiel in 3 A. 8. 1802. 80 kr. 16 Sgr. Malers, des, Meisterstück. Lustspiel in 2 A., s. Weiffenthurn Schauspiele. 14. Band. Mann, der brave. Kom. Oper in 3 A. von Gleich. 1806. 8. 25 kr. 5 Sgr. Mann, der eiserne. Lustspiel in 1 A. 1785 50 kr. 10 Sgr. Mann, der aescheideste, auf der Welt. Posse mit Ges. in 1 A. v. Johann Schöna». (Wiener Theater-Rep. Nr. 199.) 35 kr. 7 Sgr. Mann, der, von Wort. Schausp. in 5 A. von Jffland, 1801. 60 kr. 12 Sgr. Mann, der, von 4V Jahren. Lustsp. in 1 A. Nach dem Französisch, des Fayan, bearbeitet von Kotzebue. 1805. 25 kr. 5 Sgr. Mann, ein höflicher. Lustspiel in 3 A., s. Feldmann Lustspiele 3. Band. Mann, et«, ohne Herz. Genrebild in 5 A. von Al. Fr. Pann. (Wnr. Th.-Rep. Nr. 50.) 40 kr. 8 Sgr. Männerfeindin, die. Schausp. in 1 A. v. Koch. 18 6. 20 kr. 4 Sgr. Männerschönhett. Original - Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Fr. Kaiser. 8. 1850. 75 kr. 15 Sgr. Männerschwäche und ihre Folgen, oder die Krida. Lustsp. in 3 A. v. Hensler 40 kr. 8 Sgr. Mantel, der dreizehnte. Posse in 1 A. v. Anton Bittner. (Wr.Th.-Rep. Nr. 98) 35 kr. 7'/, Sgr. Manuskript, das. Lustspiel in 5 A., s. Weissen- thurn Schauspiele 13. Band. Mäon. Trauerspiel in 5 A. von H. I. v. Collin. gr. 8. 1811. 60 kr. 12 Sgr. Margarethe, Königin von Catanea. Ballet in 3 Aufz. von Taglioni. 1822. 10 kr. 2 Sgr. Marie, Tochter Karl deS Kühnen. Original- Schausp. in 4 A. von Menner. 1807. 8. 40 kr 8 Sgr. Mariana. Schausp in 5 A. Frei nach Sheridan KnowleS, von Treitschke. 1838. 75 kr. 15 Sgr. Martllo, die beiden. Schauspiel mit Gesang m 3 A. von Gleich. 1808. 8. 40 kr. 8 Sgr. Marquis, der arme. Schausp. in 2 A. v. Dumas noir und Lafargue. Deutsch von Alexander Bergen. (Wr. Th.-Rep. Nr. 143.) 50 kr. 10 Sgr. Marschall, der, von Frankreich. Tragödie in 4 A. von Johannes Nordmann. gr. 8. 1857. 60 kr. 12 Sgr. Maske für Maske. Lustspiel v. Jünger. Leipzig 50 kr. 10 Sgr. MaSken, die. Schausp. in 1 A. v. Kotzebue. 1803. 25 kr. 5 Sgr. Mathilde, Herzogin vou Spoleto. Ballet in 5 A. von Astolfi, 8. 1829. 13 kr. 2'/, Sgr. Matrose, der kleine. Oper in 1 A. Aus dem Franz. 1806. 20 kr. 4 Sgr. Mauthner, E. Lustspiele 8. 1852.1 fl. 50 kr. 1 Tklr. Inhalt: Da- Preislustspiel. Orig.-Lustspiel in 3 A. — Gräfin Aurora. Hist. Lustsp. in 5 A. I Mai, der erste, oder der reiche Poet. Frühlingsgemälde v. Reil. 12. geh. 1816. 40 kr. 8 Sgr Mathilde von Guise. Oper in 3 Aufz. 1810. Maytag, der. Ländliches Gemälde in 4 A. von Hagemann. 1793. 40 kr. 8 Sgr. Medea. Ein mit Musik vermischte» Drama. Musik von Benda. 1806. 25 kr. 5 Sgr. Medea. Tragische Oper in 3 A. Nach dem Franz. von Treitschke. gr. 8. (vergriffen.) Medea. Trauerspiel in 5 A. von Grillparzer, s. dessen goldenes Vließ. Meeres, des, und der Liebe Wellen. Trauersp. in 5 A. von Franz Grillparzer, gr. 8. 1840. 1 fl. 50 kr. 1 Thlr. Megera 1. Theil. Zauberoper in 3 A. v. Perinet. 1816. 8. 40 kr. 8 Sgr. siehe auch Hafner gesammelte Schriften. Meinau, Eulalia, oder die Folgen der Wiedervereinigung. Bürgerl. Trauersp. in 4 A. v. Ziegler. 1807. 8. 50 kr. 10 Sgr. Melone, eine reife. Schwank in 1 A. nach Bayle Bernard's platonio Attachements, von K.. Graeser. (Wr. Th.-Rep. Nr. 38.) 35 kr. 7'/, Sgr Melusin«. Romantische Oper in 5 A. von Fr. Grillparzer. Musik von Kreutzer. 8. 1833 80 kr. 16 Sgr. Mensch, der, denkt. Lebensbild mit Gesang in 3 Abth. von Fr. Kaiser. (Wiener Th.-Rep. Nr. 150.) 60 kr. 12 Sgr. Mensch, ein empfindlicher. Schwank in 1 A Frei nach Marc-Michel u. Labichevon M A. Grand- jean. 35 kr. 7'/, Sgr. Mensch, ein liebenswürdiger. Lustspiel m 1 A. Nach dem Französ. von Mar Stein. (Wiener Theater-Repert. Nr. 173.) 35 kr. 7V, Sgr. Menschen, gute, lieben ihren Fürsten. Zeiistück in 3 A. v. Hensler. 1799. 8. 40 kr. 8 Sgr Mentor, der. Lustsvicl in 1 A. nach dem Franz. v. Lembert. (Wr. Th.-R. Nr. 7.) 35 kr. 7'/, Sgr. Merope. Deutsches Orig.-Trauersp. in Versen u. 5 A. von Weidmann. 8. 1772. 50 kr. 10 Sgr. Michel, der deutsche, oder Famtltenunruhen Zeitbild in 5 A., s. Feldmann Lustsp. 4. Bd' Milch, die, der Eselin. Posse mit Gesang in 1 A. Nach dem Franz, von Anton Bittner. (Wiener. Theat.-Rep. Nr. 68.) 30 kr. 6 Sgr. Milchmädchen, das, von Bercy. Singsp. in 2 A. Nach dem Franz, von Treischke. 25 kr. 5 Sgr. Milchschwestern, die kleinen, in PeterSdorf. Volksmärchen mit Gesang in 3 A. von Gleich. 1806. 8. 40 kr. 8 Sgr. Millionär, der. Lustsp. in 4 A. von Schildbach 1804. 50 kr 10 Sgr. Millionär, ein armer. Orig.-Poffe mit Gesang in 3 A. von Theodor Flamm. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 182.) 60 kr. 12 Sgr. Milton. Singspiel in 1 A. Nach dem Franz, von Treitschke. 25 kr. 5 Sgr Minnesänger, der arme. Schauspiel in 1 A. von Kotzebue. 1811. 35 kr. 7 Sgr. Miranda, oder daS Schwert der Rache. Heroische Oper in 3 A. von Kanne. 8. 1811. 35 kr. 7 Sgr. Mission, die geheime. Lustsp.in 3 A. v. Grandiean (Wiener Theat.-Rep Nr. 3.) 35 kr. 7'/, Sgr. Mißbrauch, der, der Gewalt. Orig -Lustspiel in 5 A. von Weidmann. 1778. 35 kr. 7 Sgr. Mißtrauische, der. Lustsp. in Prosa und 5 A. v. Weidmann* 1772. 3S kr. 7 Sgr. Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Mißverständniß, das. Lustsp. in 1 A. von I. F. v. Weissenthurm gr. 8. 1833. geh. 40 kr. 8 Sgr. Mißverständnisse, kleine. Lustspiel in 1 A. Nach dem Englischen von Aler. Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 187.) 35 kr. 7'/, Sgr. Mittel, alle, gelten. Lustsp in 1 A. nach Scribe, von L. Julius. (Wiener Th.-Rep. Nr. 15.) 35 k.. 7'/, Sgr. Mittel, daS letzte. Lustspiel in 4 A. s. Weifst n- thurn Schausp. 11. Band. Mitternacht. Singsp. in 1 A. Nach dem Französ. 1807. 20 kr. 4 Sgr. Möbel-Fatalitäten. Schwank in 1 A. v. Anton Bittner. (Wr. Tb.-Rep. Nr. 59.) 30 kr. 0 Sgr. Mode, die, oder die häuslichen Zwistigkeiten Lustiges Singsp. 1771. 35 kr. 7 Sgr. Modesitten. Lustsp. in 5 A. von Gevay. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Mohr, der, von Semegonda. 2TH. Or.-Schausp. mit Ges. in 3 A. von Gleich. 1805.1 fl. 20 Sgr. Mohrin, die. Schauspiel in 4 A. von Ziegler. 1835. gx. 8. 50 kr 10 Nase, eine, für 1VVV Pfund Burleske in 1 A v. E Arram. (Wiener Theater-Rep Nr. 120.1 35 kr 7'/, Sgr. Nase, die lange. Posse mit Gesang in 1 A. von Karl Haffnrr. (Wiener Theater-Rep. Nr. 108) 35 kr 7'/, Sar Natnr und Liebe im Streit. Trauerspiel m 5 A 8 (vergriffen) Naturmensch und Lebemann. Charakterbild mit Gesang in 3A. v. Fr. Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire 8ir 119 ) 60 kr 12 Sgr Nebenbuhler, die. Lustspiel in 5 A nach Sheridan'« »Rival«' aus dem Englischen übersetzt und zur Aufführung eingerichtet von F. C. Hankrr (Wr Th -Rep Nr. 25.) 50 kr 10 Sgr. Neffe, der todte. Lustsp. in 1 A Nach dem Fran . des lllarlLinville 1804 35 kr 7 Sgr Negersklaven, die Histor.-rom Gemälde in 3 A von Kotzebue 1799. 40 kr. 8 Sgr. Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Nephtali, oder dte Macht des Glauben?. Große Oper in 3 A. Nach dem Franz, bearbeitet von I. R. v. Seyfried. 1813. 25 kr. 5 Sgr. Neu-Jerusalem. Original-Zeitbild mit Gesang in drei Acten von Friedr. Kaiser. (Wnr Theat. Rep. Nr. 215.) 60 kr. 12 Sgr. Neuigkeitskramer, der. Lustspiel mit Gesang in 2 A. 1802. 30 kr. 6 Sgr Neusonntagskind, das. Singsp. in 2 A. v. Perinet. 1804. 8. 40 kr. 8 Sgr. Nichts! Posse mit Gesang in 3 A. v. Fr. Kaiser. (Wiener Theater-Rep. Nr. 122.) 60 kr. 12 Sgr. Nirenreich, das. Romantische Oper in 3 A. 1805. 40 kr. 8 Sgr. Norm«. Lyrische Tragödie in 2 A.» gedichtet von F. Romani, übersetzt von Ritter v. Seyfried, Musik von Bellini 8. Dritte Auflage 1854. (Dorsmeister.) 35 kr. 7'/, Sgr. Notenschreiber, der, oder wo Menschen sind, darbt der Arme nicht. Lnstsp. in 3 Ak. v. Hensler. 8. 25 kr. 5 Sgr. November, der dreißigste. Lustspiel in 1 A., siehe Feldmann Lustspiele 3. Band. ^022«, I«, 61 ?i^aro. Vvintzliin in czuntro 1808 25 lcr. 5 8ß-r. dioLre, tli Teleumco «ä ^utlop«, ^ions lirien. vossia cli 6. öussi, In Numes, sti ^lereL- llsntL 12. 1824. 20 Irr. 4 8ß-r Numa Pompilius. O:er in 3 A. v. Guttenberg. 8. 40 kr. 8 Sgr. Nur ein Stündchen war er fort! Lustsp. in 1 Ä nach dem Franz, des Loreaur von Th. Hell. 1806 35 kr. 7 Sgr. Nur Eine löst den Zauberspruch, oder wer ist glücklich? Zauberpoffe mit Gesang in 3 Abth von W. Tnrtcltaub. gr. 12. 40 kr. 8 Sgr. Nur keine Protektion. Posse mit Gesang in 2 A. von Anton Bittner. (Wiener Theater-Rep. Nr. 84.) 60 kr. 12 Sgr. Nur Mutter. Lustsp. in 2 A. nach dem Französ. von Alerander Bergen. (Wiener Theater-Rep. Nr. 138.) 50 kr. 10 Sgr. Nur nicht reden! Dramatischer Scherz in 1 A. v. (5. F. Stir. (Wr.TH.-Rep. Nr. 80.) 30 kr. 6 Sgr. Nur solid! oder Karnevals-Abenteuer im Schlos- sergassel. Faschingsposse mit Gesang und Tanz in 1 A. von Ludwig GottSleben. (Wiener Theater-Repertoir Nr. 64.) 35 kr. 7'/, Sgr. Nußbaum, der, von Benevent, oder die Zauberschwestern. Feenballet von Bigano. 1830. 10 kr. 2 Sgr. Nymphe, die, der Donau. 1. Theil. Fortsetzung des Donauweibchens, von HenSler. 1808. 8. 40 kr. 8 kr. Oberon, König der Elfen Oper in 3 A. von Giesecke. 1806. 35 kr 7'/^ Sgr Obsthändlerin, die, des Königs Drama in 3 A. nebst einem Vorspiele unter dem Titel: Der Wasserträger von Paris. Nach dem Frarizös. frei bearbeitet von 'Therese v. Megerle. (Wr. Tbeater-Repertoire Nr. 30.) 60 kr. 12 Sgr. Octavta. Trauerspiel in 5 A. von Kotzebue 1807. 60 kr. 12 Sgr. Oedip zu Eolonos. Lyrisches Drama in 3 A Alldem Französischen. 1802. 30 kr. 6 Sgr. Oheim, der. Lustspiel in 5 A. von Jffland. 1808. 40 kr 8 Sgr. Olga. Lustsp ln 1 A. nach dem Franz v. L. Julius. (Wnr. Theat.-Repert. Nr. 17.) 35 kr. 7'/, Sgr. Oncle, der, in Livrve. Singsp. in 1 A. nach dem Französ. von Treitschke. 20 kr. 4 Sgr. Onkel Tom. Amerikanisches Zeitgemälde mit Ges. und Tanz in 3 Abth. und einem Vorsp. nach Frau Stoa e's Roman; »Onkel Tom'-Hütte* von Therese von Megerle. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 26.) 50 kr. 10 Sgr. Opferfest, das unterbrochene. Oper von Huber in 2 A. 1803. 50 kr. 10 Sgr. Opfertod der. Schauspiel in 3 A. von Kotzebue. 8. 1809. 40 kr. 8 Sgr. Organe, die, des GehirnS. Lustspiel in 3 A. von Kotzebue. 1807. 50 kr. 10 Sgr. Oronooko. Trauersp. in 5 A. 1789. 40 kr. 8 Sgr. Orpheus. Große Oper in 2 A. Vorr. v. Hammer. 1817. 35 kr. 7 Sgr. Othello. Trauerspiel in 5 A. von Shakespeare. Für die Darstellung im k. k. Hofburgtheater eingerichtet von C. A West. gr. 8. geh. 1840 80 kr. 16 Sgr. Ottavio Pinelli. Pantim. Ballet von Samrngo. (Vergriffen.) Padmana. Trauerspiel in 5 A. von F. A. Kanne. Mit Vorr. vom Hofrath von Hammer. 1818. 35 kr. 7 Sgr Page» der kleine, oder daS StaatSgefängniß Oper in 1 A. nach dem Franz, von Seyfried. 25 kr 5 Sgr. Pagen, die, des Herzogs von Vendome. Operette in 1 A. Nach Vieux-In-koi's dramatisirter Anekdote v. Sonnleithner. 1808. 20 kr. 4 Sgr Pagenstreiche, die. Posse in 5 A von Kotzebue 1804. 50 kr. 10 Sgr Palais und Irrenhaus. Charakterbild mit Gesang in 2 A von Friedr. Kaiser. (Wiener Tbeater- Repertoire Nr. 99.) 60 kr. 12 Sgr. Palmer. Oper in 3 A. Nach dem Französ de- Lebrün. 1805. 35 kr. 7 Sgr. vumsla iLiioiuII». 6oms<1iL in tre ntti in ziross liell' avroento 6. VoIUoni. 1797. 35 kr. 7 Sgr Pamphlet» das. Lustspiel in 1 A. von Grandjean (Wiener Theat.-Repert. Nr. 1.) 35 kr. 7'/, Sgr Papageie, die. Lustsp. in 1° A., s. Castelli Sträup- chen 5. Jahrgang Papagoy, der. Schauspiel in 3 A von A. von Kotzebue. 1804. 50 kr 10 Sgr. Partei-Wu.h, oder dte Macht des Glaubens. Original-Schauspiel von Ziegler, gr. 8. 1839 60 kr. 12 Sgr Partei, eine ruhige. Burleske mit Gesang in 1 Act von I. Wimmer. (Wnr Theat. Rep Nr 216.) 35 kr. 7'/, Sgr Pascha» der, und sein Sohn. Lustspiel in 5 A, s Feldmann Lustspiele 2. Band. Paultne. Lustsp. in 3 A. nach Florian v. Schildbach. 8. 1805. 40 kr. 8 Sgr Pauline. Schauspiel in 5 A. siehe Weissenthurm Schauspiele 13. Band Pedro und Ines. Deutsches Orig -Trauerspiel in 5 A. von Weidmaun 1771. 35 kr. 7 Sgr Pelzpalatin, der, und der Kachelofen, oder der Jahrmark zu Rautenbrunn. Posse mit Ge> in 3 A. v. Fr. Hopp. (Wr. Th.-Rep. Nr. 6) 50 kr 10 Sgr Person, eine leichte. Posse mit Gesang in 3 Artd u. 7 Bildern v. A. Bittner. (Wiener Theater- Repertoir Nr. 144.) 60 kr. 12 Sgr. Perrückenmacher, der, und der Haarkünstler. Posse in 1 A siehe Castelli Sträußchen 13. Jabrg WaUishaufser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Peter und Paul. Lustspiel in 3 A. siehe Castelli Sträußchen 3. Jahrgang. (Vergriffen). Peter der Große. Histor. Orig.-Schausp in 5 A. von Weidmann. 1781. 35 kr. 7 Sgr. etermännchen, das. Schauspiel mit Gesang in 4 A. Nach der Geistergeschichte von Spieß. Bearb. v. Hensler. 2 Thle. 1794. 80 kr. 16 Sgr. Petschaft, das. Orig.-Schausp. in 5 A. v. Ziegler. 1800. 50 kr. 10 Sgr. Peyrouse, la. Schausp. in 2 A. von A. v. Kotze- bue. 1809. 35 kr. 7 Sgr. Pfefferrösel, oder die Frankfurter-Messe im Jahre 1ÄS7. Schauspiel in 5 A. non C . Birch-Pfeiffer 1833. 1 fl 20 Sgr. Phasma. heroische Oper in 2 A. 1800. 35 kr. 7 Sgr. Phönix, der, oder die Prüfung der Herzen. Lyrisches Fest v n Weidmann. 1781. 35 kr. 7 Sgr Physiognomie, eine unglückliche. Lustsp. in 3 A. s. Feldmann Lustspiele 2. Hand. Pilger, der weiße. Ballet in 3 A. von Gioja. 8. 5 kr. 1 Sgr. Pilgerin, die. Lustspiel in 5 A., s. Weiffenthurn Schauspiele 12. Band. ?iinmuIions. 8eenu mus. clrammuiic:» 8. 1804. 20 kr. 4 s^r. Pistolen, zwei, oder erschossen und lebendig. Posse mit Gesang in 2 A. von Fr. Kaiser. (Wnr Theat.-Repert. Nr. 18) 50 kr. 1^) Sgr Pizichi. Singspiel als 2. Thtil des Fagottisten von Pennet (vergriffen). ?ocie8tL. il, cii kur^o». >lolocjrnmmL ^iooo8v. ?oe8iL cii 6 öussi, ^lusiea cli 8 ssleroL- äunto. 12. ek. 1825. 20 kr. 4 8z(r Polkwitzer, LazaruS, von Nicolsburg, oder die Landpartie nach Baden. Posse mit Gesang in 2 A. v. Fr. Hopp gr. 8. 1849. 75 kr. 15 Sgr. Polireua Trauerspiel in 5 A von Collin. 1804. KO kr. 12 Sgr Porträt, daS, der Geliebten. Lustspiel in 3 A. s Feldmann Lustspiele l. Baud. Portraits, die beiden, oder er ist schwer zu befriedigen. Nachspiel v n Jünger. 1804. 35 kr 7 Sgr. Posse, eine, als Medizin. Orig -Posse mit Ges. in 3 A. v. Fr. Kaiser. 8. 1850. 75 kr. 15 Sgr. Posten, zwei. Komisches Singspiel in 3 A Nach dem Franz, von Treitschke. 30 kr. 6 Sgr. Posten, der vierjährige. Singspiel in 1 A. von Körner, gr. 12. Wiener Orig.-Auflage 1819. 25 kr. 5 Sgr Postillonstiefel, der lebendige. Zauberpantom. in 2 A. von Fr. KeerS. 1810. 10 kr. 2 Sgr. Preisgedicht, das. S. Holbein Dilettantenbühnr für 182k. Preislustspiel, daS. Orig.-Lustspiel in 3 A. von Mauiner, siehe dessen Lustspiele. Prinz, der, kommt! Lustspiel in 1 A , s. Castelli Sträußchen K. Jahrgang. Proben, die gefährlichen. Orig.-Lnstsp. in 1 A von L. Kremer. 1806. 20 kr 4 Sgr Prophet» der. Oper in 5 A. nach dem Franz, des Scribe von Rellstab. Musik von Meyerbrer 8. 18KK. 35 kr 7'/, Sgr. Proteus, der neue. Orig-Lustspiel in 4 A von Linden. 1808 50 kr r. Prozeß, der seltene. Schausp. in 3 A. nach eine wahren Anecdote. 1802. 50 kr. 10 Sgr — — 2. Theil, dramatisches Gemälde in 4 A , 1809 KO kr. 12 Sgr Prüfung der Treue, oder die Irrungen. Lusts in 3 A. von Lafontaine. 1806. 50 kr. 10 Sgr. Prüfung der Untreue. Lustspiel in 3 A. Nach dem Französische« von F. Haffaureck. 1807 25 kr. 5 Sgr Prüfung und Frauengeduld. Familiengemälde iu 5 Ä. 1<93. 35 kr. 7 Sgr. Puls, der. Lustspiel in 2 A. von Babo. 1809 35 kr. 7 Sgr Pumpernickel, RochuS. Musikalisches Ouvdlide iu 3 A. von M. Stegmayer. 1811. -die Familie-(BeideThle. vergriffen.) Pumphia und Kulikan. Karikatur-Oper in 2 A von Perinet. 1808. 8. 40 kr. 8 Sgr. Puppe, die, oder die kleine Schwester der Ge liebten. Lustsp. in 1 A, s Castelli Sträußchen 7. Jahrgang (vergriffen). Putzmacherin, die hübsche kleine, Lustsp. in 1 A von Kotzebue. 1805. 35 kr. 7 Sgr Purbaum. Tramat. Gedicht von F. E «cherer. gr. 8. Wien. 183K. 1 fl. 20 Sgr. Pyramus und Thisbe. Musikalisches Duodrama 1795. 15 kr. 3 Sgr. Hui pro czuo, oder der Man«, der Alles weiß Lustspiel in 1 A von Guttenderg. 1803 20 kr. 4 Sgr HuintolUdi« kutäliano viamm» serio in cluo ^tti cii R,o8si. 1811 20 kr. 5 Sgr Quichotte, Don, Ritter. Romantische komische Oper in 3 A. v Hensler. 1802. 8 40 kr 8 Sgr Quichotte, Don, der neue. Lustsp in 1 A nach dem Französischen von Alexander Bergen (Wr Theater-Repertoire Nr 72.) 30 kr K Sgr Rache» die. Trauersp. in 4 A nach Aouug 1795 50 kr 10 Sgr Rache für Weiberraub. Gemälde der Barbarei de« eilften Jahrhund, rts in 4 A von Ziegler 1807 8 50 kr 10 Sgr Rache, die, der Diaua. AnacreontischeS Divertissement in 2 A v. Bigano Jtal u deutsch 1807. 10 kr 2 Sgr Radicalcur, die. Lustsp in 3A v. I K v Weissenthurm gr 8 1833 KO kr 12 Sgr Rafaele. Dramatisches Gedickt in 4 Abtdeilungen von Rudolph Hirsch 8. 1836 KO kr 12 Sgr. Raul der Blaubart. Heroische Oper in 3 A Nack dem Französischen von D Schmidler 1804 35 kr. 7 Sgr Raphael. Lustspiel in Alexandrinern in 1 A siebe Castelli Sträußchen 4 Jahrgang Rasttag, der. Lustsp in 1 A s Caüelli Sträußchen 3 Jahrgang (vergriffen) Rastelbinder, der, oder 10.800 Gulden. Posse mit Gesang in 3 A. von Fr Kaiser 8 1850 75 kr. 15 Sgr Räuber, die, oder die schwere Wahl. Drama in 1 A von Weidmann 8 20 kr. 4 Sgr Räuber» die, auf Maria Eulm, oder die Kraft des Glaubens. Gemälde a d vaterl Geschichte in 5 Handlungen von H Cuno 8 mit Titel- kupfer dritte Auflage 1835 80 kr 1k Sgr. Räuber» der, aus Racksucht. Lustspiel in 3 A v HenSler 40 kr. 8 Sgr Wallishaufser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Räuberbraut, dte. Posse mit Gesang nnd Tanz in 3 A. und 9 Bildern von Carl Elmar. (Wr. Theater-Rep. Nr. 148.) 60 kr. 12 Sgr. Räuberhöhle, die. Schausp. mit Gesang in 3 A. 1803. 30 kr. 6Sgr. Ravelli, Dittoria, der weiblicheRinaldo. Schauspiel in 2 A. v. Perinet. 8.1808. 40 kr. 8 Sgr. Razemba, Manuela, oder die Trauringe. Posse in 1 A. v. Sonnleithner. 16. 1815. 25 kr. 5 Sgr. Rechnungsrath, der» und seine Töchter. Lustsp. in 3 A siehe Feldmann Lustspiele 4. Band Recidiv, das. Lustspiel in 3 A Frei nach Mari- vanr von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr. Redoute, die schwarze. Komisches Singspiel in 3 A. 1807. 40 kr. 8 Sgr. Redoute und Narrenhaus. Schwank in 1 A und 2 Bildern von C. F. Stir. (Wiener Theater- Repertoir Nr. 113.) 35 kr. 7'/, Sgr Regen und Sonnenschein. Lustspiel in 1 A von Leon Gozlan. Deutsch von Aler Bergen. (Wr. Theater-Rep. Nr. 135.) 35 kr. 7'/, kr Regenwurm» Elias, oder die Verlobung auf der Parforcejagd. Posse mit Gesang in 2 A von F Hopp (Wiener Theater-Rep. Nr. 21.) 60 kr. 12 Sgr. Regulus. Tragödie in 5 A. von Collin. 1802. (vergriffen.) Rehbock, der, oder die schuldlosen Schuldbewußten. Lustsp. in 3 A von Kotzebue. 1815. 50 kr. 10 Sgr Reise, die, nach Amerika. Schauspiel in 1 A s Weiffenthurn Schauspiele 11. Band Reise, die, nach der Stadt. Lustspiel in 5 A v Iffland. 1801. 60 kr. 12 Sgr Reisenden, die. Orig.-Lustspiel in 1A von Pape 1788 25 kr. 5 Sgr. Rekrut, ein, von 18LS. Volksstück mit Gesang in 3 Abth. v. O F Berg. (Wiener Theater- Rep. Nr. 54) 60 kr. 12 Sgr. Rekrutirung, die, im Krähwinkel. Burleske mit Gesang in 1 A von Theodor Flamm. (Wr. Theater-Rep Nr. 101.) 35 kr. 7'/^Sgr l Repressalien. Schauspiel in 4 A. von Ziegler 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr. Reue versöhnt. Schauspiel in 5 A von Iffland 50 kr 10 Sgr Reuß, Heinrich, von Plauen, oder die Belagerung von Marienburg. Trauerspiel in 5 A von Kotzebue 1810. 60 kr. 12 Sgr Revers, der. Orig.-Lustspiel in 5 A. von Jünger. 1803 50 kr 10 Sgr Riesenburg, Konrad von. Schauspiel mit Gesang in 4 Ä von Schuster. 1806. 8. 40 kr 8 Sgr Rinaldo Rinaldini» der Räuberkauptmann. Schauspiel. 1 Theil in 4 A 2. Theil in 3 A 3 Tbeil in 4 A von Hensler 1808. 8. 1 st. 20 kr. 24 Sgr Ritter^ Wiltbald, oder das eiserne Gefäß. Von Hensler. 40 kr. 8 Sgr Robert, Pächter. Komische Oper in 1 A Frei nach Valville v Seyfried. 1803 15 kr. 3 Sgr Robert, der braune, und das blonde Nantche«. Fürstengemälde in 4 A von Hensler 8. 1796. 35 kr. 7 Sgr. Robert der Teufel. Große romantische Oper in 5 A aus dem Franz de- Scribe u Delavigne Musik von Meyerbeer 8 Nrue Auflage 35 kr 7'/, Sgr Robinson, der neue, oder das goldene Deutschland. Karnevals-Posse mit Gesang in 2 A. s. Feldmann Lustspie e 5. Band. Roderich und Kunigunde, oder der Eremit vom Berge Prazzo, oder die Windmühle auf der Westseite, oder die lang verfolgte und zuletzt doch triumphirende Unschuld rc. re. Dramatischer Gallimathias von Castelli. 8. 1821. 40 kr. 8 Sgr Roma«, der kurze, oder die närrische Wette. Lustspiel in 1 A., siehe Castelli Sträußchen 1. Jahrgang. (Vergriffen.) Roman, der, eines armen jnngen Mannes. Schauspiel in 5 Aufzügen und 4 Tableaur von Octave Feuillet, bearbeitet für die deutsche Bühne von C. Juin u P I. Reinhart. (Wr Theater-Rep. Nr. 51.) 60 kr 12 Sgr Romani, Sophie, oder was vermag ein Schurke nicht! Schauspiel in 3 A von Hensler. 50 kr. 10 Sgr Romeo und Julie. Trauerspiel in 5 A. v Shakespeare. Zur Darstellung im k k. Hofburgtheater eingerichtet vou C. A West. gr. 8. 1841. 80 kr 16 Sgr Romeo und Julie. Quodlibet von Charaktere mit Gesang in 2 A 1808. 40 kr 8 Sgr Rosamunde. Trauerspiel in 5 A vou Tb Körner 8. 60 kr. 12 Sgr Rosamunde. Oper in 3 A Frei nach dem ranz von I. R von Senfried. 1810 30 kr. 6 Sgr Rose, die rothe und die weiße. Historische Oper in 3 A. Nach dem Franz von I. F. Castelli 1810 30 kr 6 Sgr. Rosenau, Ferd. Theatralisches Allerlei für Volksbühnen. 1 Band 8 1821 80 kr. 16 Sgr Inhalt: Scüs, Mond und Paaat Komisches Zauberspiel in 2 A — Justinio der Verbannte, oder der Straßruräuber bei Otranto. Schauspiel in 3 A. — Boleslas oder die Zerstörung von Zunky. Schausp in 3 A Rosenstock, der. Spiel in 1 A. und in Versen von Deinhardstein. gr. 12 1826 35 kr. 7 Sgr. Rübezahl. Schauspiel in 1 A von Kotzebue 1804 25 kr 5 Sgr. Rückfahr«, die, des Kaisers. Schauspiel in 1 A von E. Veith 8 1814 20 kr. 4 Sgr Russe, der, in Deutschland. Lustspiel in 4 A von Kotzebue. 1807 50 kr. 10 Sgr Ruthars Abenteuer, oder die beiden Sänger. Romant.-kom. Oper in 3A 1808 40 kr. 8 Sgr 8»dino. Oiulio Prione- oroion per mugie» in 2 ^ 8. 1805. 35 Irr 7 8^r Sachs, Hans. Dramatisches Gedicht in 4 A von Deinhardstein 8. Wien 1829 (vergriffen) Salem. Lyrische Tragödie in 4 A von I F Castelli 1810 25 kr 5 kr Salisbury, Adelheid von. Trauerspiel in 3 A v Schröder 1804 8 40 kr. 8 Sgr Sammtrock, der. Lustspiel mit Gesang in 1 A Nach Kotzebue 1810 25 kr 5 Sgr Samariterinnen. Heroische Oper iu 3 A v Mar- mvntel 1806 25 kr 5 Sgr Samson. Oratorium Nach Milton zu Händel « Musik frei übersetzt von I F von Mosel 10 kr 2 Sgr Wallishauffer'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. (Dieses Verzeichniß wird fortgesetzt.) Druck und Papier von Leopold Sommer in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Was ein Weib kann. Volksstück mit Gelang in drei Acten. Don Friedrich Kaiser. P -' I « Schrlmhofer, rin reicher Landnurth. Conrad Schilfner, Gärtner. Lori, sein Weib. Protzer, Bürgermeister rinrr Dorfgemeinde. Schnürbergrr, Wirth. Hellmann. Kleinbrod, Bäckermeister. Hufnagel, Schmied. Schnitterich, Chirurg. Dütmann, Krämer. Caspar, Gemeindediener. Der Hagenbauer. Trau Margrrth. Krau Kordel. Hann-, j Dronl. I Schrlmhofer- Dienst. neu: Klampsmaier, Zithrrschläger. Sali, Dolk-sängerin Jenni, i Bertha, f Ottilie. > Rosalinde^ Schöberl. ) Brettheim, ! Georg, ! Nager, Dorfnotar. Mathia-, Bernhard, Resi, Köchin. Gäste, Musikanten, Jäger, Volk Mitglieder einer Singspielhalle. Gäste. Gärtnerbursche. Erster Lct. Zimmer im Gärtnerhause, mit einer Mittel« und einer Seitenthür; recht- neben der Mittelthür be«! findet fich ein breites, offen stehende- Fenster, aus> dessen Brett mehrere Körbe mit Gemüsen stehen-j An der Seitenmand link- Gestelle mit Blumen«! topfen, im Vordergründe recht- rin Tisch und! Stühle. > cht«ttt>Ueper«»tre Ne. R>7. Erste Scene. Mathias. Bernhard. Schnürberger. Resi und andere Kunden. Resi und verschiedene Kunden (stehen außerhalb de- Fenster-). Bernh. (steht am Fenster). Slbnürb. (bei den Gemüsekörben im Zimmer). 1 2 Math, (beschäftigt sich am Blumengestelle mit dem Aufbinden der Blumen). Rest. Nein! — Kein' so ein' Salat därs ich nimmer z'Haus bringen! Schnürb. Ja, 's ist All's bei Euch schlecht! Den Kohlrabi, den ich kauft bab', hat keiner von meine Gäst' essen wolle»!! Lernh. Da ist der Grund d'ran Schuld! Schnürb. Redt's nit! Der Grund ist in eurem Garten so gut wie in ein' andern, aber wie er bearbeitet wird — daran liegt's! — Wann der Gärtner statt den Pflanzen nur sich selber begießt — (mit der Pantomime des Trinkens) dann kann freilich nichts gedeihen! Rest. Und d'schvnsten Kundschaften verlieren sich! Ich war heut' 's letzte Mal da! (Verschwindet vom Fenster ) Die andern Kunden (entfernen sich ebenfalls). Schnürb. Mich seht's auch nimmer! Ist man dahier auf'n Land und muß in d'Stadt h'neinfahren, wenn man ein' ordentliche Zuspeis will — 's ist a Schand' und a Spott! (Ab durch die Mitte.) Math, 's kommt aber auch bei uns nichts recht fort! Wie soll's auch anders sein? Mit'n Dünger wird g'spart — der Brunn gibt oft taglang ka Wasser und 's g'schieht nichts dafür — Bernh. (spöttisch). Unser Herr will halt sei Sach' in's Trockene bringen! Math. Er selber ist fast nie beim G'schäst, und wy der Herr nit dabei ist, sein d'Knecht faul — das ist ein' alte Wahrheit! Bernh. Und was wahr ist, muß wahr bleiben! D'rum machen wir jetzt Feierabend! Ziehen »vir uns an und geh'»» wir zum Heurigen! (Ab mit Mathias durch die Seitenthür rechts.) Zweite Scene. Lori (allein). Lori (in ländlicher Tracht, ein färbiges Tuch über dem Kopf, aus dem Rücken eine Butte voll Blumenstöcke, tritt durch die Mitte ein, setzt während des Ritornells die Butte auf den Tisch ab und trocknet sich den Schweiß von der Stirne). Lied. Mei G'schäst — ich kann sagen, es ist in der Blüh', (auf die Blumen weisend) Und doch tragt's so wenig ein bei aller Müh'! Da renn' ich oft stund'weit, und thu', was ich kann, Und bring' doch des Tags ka Basili- stöckl an! D'Leut' könnten's für's Fenster doch brauchen i»n Haus, Denn 's schaut bei den Meisten ja eh nir heraus! Aber 's kaufen halt Viele nir ab von mein' Kram — Vermuthlich »veil's selber z'viel anbaut schon hab'n! Ein s schad't mir am meisten: daß d'rin in der Stadt Man gar so viel nachg'machte Blumen schon hat; Manche Braut sogar tragt, wenn sie geht zum Altar, Im Jungsernkranz nachg'machte Blumen im Haar! Das sollt' nit erlaubt sein, daß selbst dem lieb'n Gott In's Handwerk därs' pfuschen a Mar- schandemod'! Denn find't nur am Künstlichen d'Welt ihr Behag'n — Muß d'Mutter Natur auf d'letzt Crida ansag'n! (Während sie die Blumenstöcke aus der Butte nimmt und auf den Tisch stellt.) Ich Hab' nie begriffen, daß's eigene Leut' gibt, die man »Naturforscher« nennt, denn, Hab' ich denkt, die Natur liegt ja da wie ein offenes Buck für ein' Jeden, was braucht man da erst viel z forschen? Aber seitdem ich öfters 3 in die Stadt hineinkomm', so seh' ich, daß d' wahre Natur dort oft so versteckt und und verrammelt wird,daß's wirklich a lang's Forschen braucht, bis man nur d'raufkommt! — Man darf nur so a Modedam' an- schau'n, bei der oft Alles künstlich ist, Haar, G'sichtsfarb', Zähn' und noch a Menge and're Sachen — was hält' bei so Einer ein Naturforscher nit für ein' Arbeit, bis er auf d'Natur kommet? Und erst die Stadtherrn! — O Du mein Gotl! -- o Du mein Gott! — Aber d'Männer anf'n Land beraußt sein ah nit viel anders! — Wer kennt denn ihre wahre Natur, so lang's noch ledig und verliebt sein? Davon könnt' ich a Likdl singen! (Bleibt nachdenkend stehen.) Dritte Scene. Lori. Sckelmhoser. Schelmh. (kii, alter, aber noch rüstiger Mann, dessen Kleidung, obwohl bäurisch, doch Reichthum und Gefallsucht verräth, tritt hastig durch dir Mitte rin — tief Athen, holend). Ah! ich Hab' schon kein' Athem mehr! Lori (sich nach ihm umsehend). 3hr da, Schelmhofer? Lös' ick vielleicht von Euch a Geld? Schelmh. (vorwärts kommend). Hätt's schon ein's lösen können! — (fir freundlich anblinzelnd) wärt's zu mir hineinkommen! Lori (spöttisch). Ist wahr! — Recht schad', daß mir das nit eing'fallen ist! Schelmh. Aber da rennt's vorbei so g'schwind, daß ich Euch gar nicht Hab' einholen können, obwohl Ihr die schwere Butten auf'n Buckel tragen habt's! Lori. Hm! Ihr tragt's halt noch a schwerere Last auf'n Buckel! Schelmh. Ich? — Was denn? Lori. Eure Jahr ! Schelmh. (gekränkt). Wann Ihr mir nur nicht immer z'verstehen gebct's, daß ich alt bin! — Ich beweis' Euch'S doch, so oft ich Euch seh', daß ich mich noch jung — sehr jung fühl'! Lori. Ja, 's schaut schon fast so aus, als ob Ihr Euch erst d'Hörner ablaufen müßt'S! Schelmh. Ich? Da müßt' ick erst Hörner haben, ich war nie verheirat't! Lori. Das ist noch schön von Euch! Schelmh. Warum? Lori. So habt's doch Keine unglücklich g'macht! Schelmh. Meint's, wegen der Treu'? Ha ha hal damit hätt's wohl a G'frett g'habt. aber wißt's woher das kommt? — Weil ich halt nie an die Rechte kommen bin! — (Will sie am Kinne fasten.) Lori (schlägt ihn derb auf die Hand). Schelmh. Au weh! (Rribt sich dir Hand.) Lori. Da seht's, daß's g'rad bei mir an die Unrechte kommen seid's! Sckelmh. (etwas gereizt). Mich schlagt's aus d'Hand? — Hätt's lieber euren Mann aus d'Hand g'schlagen, wie er's Euch antragen hat, dann wärt's Ihr nit an den Unrechten kommen! Lori. Ich Hab' mich bei Euch noch nickt über mein' Mann beschwert! Schelmh. Wär' auch überflüssig, daß Ihr erst das erzählt, was schon die Spatzen auf'n Dach singen! Er vernegligirt Euch und sei G'schäst — 'S Wirthshaus ist ihm lieber als sei eigenes Haus! — Ich seh's ja! Wenn ich auf d'Kegelbahn komm', wer ist da? Euer Mann! — Sitz ich beim Buschenschenk, wer kommt? Euer Mann! Bin ich noch spät in der Nacht im G'meind'- wirthShaus, wer halt' mit mir am längsten aus? Euer Mann! Lori. Ja, ich fürcht' selber (von seitwärts einen verächtlichen Blick auf ihn werfend), di schlechte G'sellschaft wird ihn noch ganz verderben! Schelmh. (ohne die Anspielung zu fühlen) So ist's! —Er will's noch uns ledigen Leuten gleich thun — überall dabei sein, wo's fidel hrrgeht — beim Zithernspiel — wann die Brand-Sali jodelt! 1 * Lori (plötzlich aufmerksam werdend). Brand- Sali? — Den Nam' hör' ich zum ersten Mal! — Wer ist die? Schelmh. (für sich). Ah, das packt! (Laut.) Na — Ihr werdet doch schon von dem Tiroler Zithernspieler, dem Klampfmaier g'hört haben, der sich jetzt bei uns im Ort probucirt? Lori. Ja — aber von der Brand-Sali nichts! — Wer ist denn die Person? Schelmh. Na — sie ist — wie soll ich sagen? — die Civil-Eb' vom Klampfmaier! A hübsche runde Dirn', auch a Tirolerin, macht aber ein'AuSnahm' von ihren Landsleuten, sie ist sehr tolerant! Lori. Und mir so einer herg'loffenen Dirn' soll mein Mann --? Schelmh. Hm! sie beißt deswegen die Brand-Sali, weil's die Köpf' von allen Männern in Brand steckt! —Warum habt's den Kopf von eurem Manu nit veraffecu- riren lassen! Lori (heftig). Weil er nit wie der eirrige mit Stroh deckt ist! — Mei' Mann! —'s ist nicht wahr — 's ist nicht möglich! Schelmh. Na, werd's ja sehen, ob er heut' vor Mitternacht z'Haus kommt! — Heut ist ja große Production oben beim »blauen Schnepfen« — ich Hab' ihn g'rad' bingeh'n g'seh'n! Lori (unruhig, für sich). Er geht dorthin — zur Musik— und mich laßt er mit allem Kummer und Sorgen allein! Vierte Scene. Vorige. Conrad. Conrad (tritt durch die Mittelthür ein). Lori (ihn erblickend, freudig). Ah! da ist er ja! (Eilt aus ihn zu.) Du kommst doch z'Haus? — zu mir? (Saßt seine Hand.) Schelmh. (für sich). Muß ihn der Teufel g'rad' jetzt herführen! (Laut, etwas verlegen.) Ihr kommt's? — so zeitlich? Conrad (Schelmhofer finster ansehend). Komm' ich vielleicht ung'lcgen? Lori (für sich, erfreut). Er eifert! (Laut.) Aber Conrad! Du wirst doch nicht glauben — Conrad. Von Dir nichts Schlecht's! — Aber der Herr Schelmhofer — (strenge zu diesem) warum kommt'- g'rad', wenn ick nit z'Haus bin? Schelmh. (mit steigender Verlegenheit). Ich — ich Hab' just auf Euch warten wollen! Conrad. So? Und warum habt's mir denn über'n Zaun zug'rufen, ich sollt' nur g'wiß zum »blauen Schnepfen« gehen, Ihr werd'tS auch gleich Nachkommen? Schelmh. (räuspert sich und winkt ihr, zu schweigen). Na ja — ich habe wirklich hingehen wollen, aber da Hab' ich euer Weiberl g'sehn, und Hab' Euch nur entschuldigen wollen, wenn Ihr vielleicht länger auS« bleibet! Conrad. Ich brauch' Kein', der mich ausbitt' — Lori. Mein Mann kann hingeh'n, wo er will, und bleiben, so lang er will! (Zu Conrad, herzlich.) Aber gelt! heut' bleibst schon z'Haus? Conrad. Davon nachher — wann wir allein sein! (Zu Schelmhofer.) Hört's — ich will mit mein' Weib allein sein! Schelmh. Na — na! werft's mich nur nicht gleich bei der Thür hinaus! — Wär' ja doch möglich, daß Ihr einmal auch an mei Thür klopfen müßt'S! — wer weiß (betonend) was vielleicht schon nächsten Tag- Lori (ängstlich). Was meint er denn? Conrad (ärgerlich, für sich). Weiß's der auch schon! Schelmh. (zu Lori). Na, braucht's nicht zu erschrecken! — WaS auch kommt — ich bin noch da! bin a guter Kerl — bei mir brauchl's nur a gut's Wort — (mit lü. strrnem Augrnblinzeln) ein freundlicher Blick und ich bin da beim Dasein! — (Zu Conrad ) Also yerfcherzt's eö nit mit eure gu- 5 tkn Freund, verstanden? B'hüt'Euch Gott! (Im Abgehen. für sich.) Hab' mich doch noch auf ganz honette Weis herausg'wutzelt! (Ab durch die Mitte.) Lori. Was soll's denn? — Red' — was steht uns bevor? Conrad. Pah! 's ist nit so arg! — Mich gift's nur, daß der Gerichtsbot' plaudert haben muß! Lori (immer ängstlicher). Du hast was mit'n G'richt z'thun? — Warst am End' wieder bei einer Rauferei dabei? Conrad. Nein — seit ich verheirat't bin, Hab' ich das aufgeben —ich Hab' Dir'S ja versprechen müssen — Lori. Ja, Du warst a leichtsinniger, wüster Bursch' — alle Leut' haben mir abg'rathen. Dich z'nehmen — aber ich Hab' g'wußt, daß dein Herz im Grund' gut ist, und Hab' mein' Stolz d'rin g'funden, daß Du g'rad' mir z'lieb Dich ganz z'ändern versprochen hast! Conrad. Na ja! — ich will'S ja auch! — Aber so mit Ein' Ruck kann man den alten Adam nickt auszichen! — Und so — siehst — Hab' ich'S Dir verschwiegen, daß ich vor unserer Heirat noch allerhand kleine Schulden g'habt Hab' — da a paar Gulden — dort a paar Gulden — die Hab' ich alle auf einmal los sein wollen, und Hab' mir deswegen von mein' Göden, dem alten Hagenbaucrn, hundert Gulden auSg'liehen! Lori (erschreckend). Hundert Gulden! Und die hast noch nit zahlt? Conrad. Na — ich Hab' mir denkt, 's hat ka G'fahr — aber 'S war vor ein acht Tagen — da stellt mir der G richtSbot' den Wisch zu! (Zieht eine Schrift hervor und hält fit ihr hin ) Lori (liest). »Binnen drei Tagen zu zahlen bei — (erschreckend) bei sonstiger Exekution!« — Erecution! — Um Gotteswillen! Conrad (lachrnd). Ha ha! meinst am Cnd' gar, s o ein' Erecution! (Mit der Pantomime de- Aushängen-.) Narrerl! Erecution ^ weißt denn nicht, das ist so, wie wenn man mit der Steuer im Rückstand' ist — sie legen ei'm halt ein' Soldaten in s Haus — Fünfte Scene. Vorige. Nager. Nager (in städtischer, aber sehr abgenützter Kleidung und mit kupserrothem Gesichte, ist während Conrad- letzter Rede durch die Mitte ein- getreten, den Kopf schüttelnd). ^lehUSHULM! — NscsnnHus.m! Lori (sich überrascht umseheud). Was quakt denn da? Conrad (Nager erblickend). Ah der Herr Doctor! Lori. Doctor? Ich Hab' glaubt, 's ist a Labfrosch vom Garten h'rcing'hupft! — Aber was will denn a Doctor bei unS? — 's ist ja Niemand krank! Conrad. Ah — Du glaubst, 'S wär' a Bader — aber der Herr ist so ein' Art Advocat — ich Hab' sei Bekanntschaft im WirthShaus g'macht — Nager. Ja — dort Hab' i so quasi meine Kanzlei aufgeschlagen — da wissen mich die Bauern auS der Umgebung zu treffen, ich consultire dort, pactire, informire, concipire- Lori. Na, da machen'- eS halt doch so wie unser Bader — Nager. Wie so? Lori. Weil der auch die Dauern im WirthShaus barbirt! Nager. Hä hä! Nu — manchmal nehm' ich einem wohl auch das Rauhe ab, und setz' ihm das Messer an den Hals — (zu Conrad) aber ich hoffe — Ihr werdet cs nicht so weit kommen lassen! Eonrad (verwundert). Ich? — was können denn Sie von mir wollen? Nager. Ich führe diese 0nu8L (auf die Schrift in Conrads Händen weisend) nomine Hagenbaner! — Seid froh, daß es so ist — ick bin kein Wehrwolf — lasse mit mir reden! 6 Eonrad. Also wollen's nicht auf der Erecution bestehen? Lori. Das war' g'scheidt! — Denn seh'ns, wenn man so ein' Mann ins Haus kriegt — Nager. Mann in's Haus? Hä hä hä! In oontrurio! Ihr wurdet einen Mann aus dem Hause kriegen, und zwar (seine Hand aus Conrads Schulter legend) den Mann! Lori (heftig erschreckt). Um Gotteswillen! (Conrad umklammernd.) Conrad! Sie wollen Dich einsperren! Nager (zieht Schriften hervor). Pfändung — hier Schatzung — hier ist Personal- arrcst — Lori (zusammenbebend). Meiner Seel'! das fahrt mir in d'Kniee! — (Wankt.) Mir ist, als ob ich nimmer stehen könnt' —! Nager. Thut nichts! Ihr sollt ja sitzen! Lori (entrüstet zu Nager). Spaßen's jetzt nicht! — 's ist ja niederträchtig! Sein a guter Freund von mein' Mann und unternehmen so was gegen ihn! Nager (achselzuckend). Ist mein Geschäft! — Ich muß doch leben! Lori (verächtlich). Ich seh' just nit ein, zu was das uothwendig ist! Nager. Der Hagenbauer hat mich bezahlt, daß ich die nöthigen Schritte mache — gut— hab's gethan! — Zahlt jetzt Ihr mich, so vermittle ich wieder. Gebt mir für meine Bemühung fünf Gulden, dann steckt noch ein paar Gulden ein, und geht mit mir zum »Schnepfen* — Lori (für sich). Zum »Schnepfen«? wo sie spielt? (Laut.) Warum g'rad' dorthin? Nager. Dort treffen wir den Hagenbauer — mit dem wollen wir bei einer Flasche Wein einen Vergleich schließen — er soll Euch noch eine Frist von einem halben Jahre geben — na! während der Zeit — Conrad. Laßt sich verdienen—z'samm- sparen — o! in ein' halben Jahr! Nager. Nun — so knöpft eure Taschen auf! (Hält dir offene Hand hin.) Eonrad (wieder herabgestimmt). Ja so! muß das gleich sein? Nager (strenger). Ich arbeite nie auf Puff! Eourad (mit Lori etwas bei Seite tretend, leise zu ihr). Hast Du vielleicht a paar Gulden z'Haus bracht? Lori (leise). Ich Hab' in der Stadt nit einmal so viel eingenommen, daß ich mir z'Mittag hätt' a Schalen Suppen kaufen können! , Conrad. Arm's Weib! Und ich Hab auch ka luket's Sechserl mehr! — Der Schelmhofer hat zwar g'sagt — Lori (fkst). Nein! — nein! dem därfft nicht kommen! — dem nicht! Ist das die einzige Schuld, die Du mir bisher verschwiegen hast? Hast sonst nir am G'wiffcn! Conrad (sie ansrhend). Gewiß nicht! Lori. Die Brand-Sali! Conrad (ruhig). Was soll's mit der? Lori. Der Schelmhofer hat mir g'sagt, daß Du und sie- Conrad. Ter schlechte Kerl! Mich will er verdächtigen, und er selber-! Lori. Schau, alles And're verzeih' ich Dir — in allen andern Sachen will ich Nach schaffen, aber Eiu's sag' ich Dir, wenn ich waS Schlecht's von Dir erfahr' — Conrad. Das sollst nie — niemals! — Ich schwör Dir's! — so wahr als Gott im Himmel ist! Lori. Na — ich will Dir glauben! — und Du (löst ihre Ohrgehänge ab und reicht sie ihm) nimm das! Conrad (zögernd). Deine Ohrg'häng' ?! Das Letzte, was D' noch von Werth hast? — und — sie sein von deiner seligen Mutter — Lori. Nimm' und bring' die Sach' in Ordnung! Conrad (ihr um den Hals fallend). Lori! Du bist ein Engel! (Ans die Ohrgehänge weisend.) Da schaut's her, Ohrgehänge gibt mei Weib her! Nager. Das verkaufen wir, damit läßt 7 sich Alles richten. (Zu Conrad, sich in seinen Arm hängend.) Freut mich wahrhaftig, daß wir so arniealitor Arm in Arm zu einem Glase Wein gehen können! (Zu Lori.) Adieu, Weibchen! Eonrad (bereits im AbgehenGnoch zurück- sprechend). Gleich bin ich wieder da! Wie die G'schicht' abg'macht ist! B'hüt' Dich Gott derweil! (Ab mit Nager durch die Mitte.) Lori (allein). Wann er nur nit g'ratr dorthin müßt, wo sic — 's will mir doch nickt recht aus'n Kopfgeh'n! — Sehen möcht' ich die Tirolerin! Hm! ich könnt's wohl! — Gehen ja and're Weiber auch mit ihren Männern in's Wirthshaus! — Mei Mann hat mir das noch nie antragen! — sollt' er sei Ursach' haben? (Aergerlich.) Pfui! schon wieder solche Zweifel! Aber ich könnt's ja los werden, wenn ich mich überzeuget! — (Nachdeckend.) Ja, so ging's — wenn er länger ausblcibr, so lass'ich mich von unfern Jung' hinführen — ich sag', d'Nngst hält' mich nicht z'Haus g'litten — (Entschlossen.) Ick thu'S! Ich will nickt bloß mein' Ohren trauen, die glauben immer nur das, was and're Leut' reden, die Augen aber, die glauben nur, was's selber sehen! — Und d'rum — sehen — mit eig'nen Augen sehen! 's bleibt dabei. (Ab nach rechts.) Sechste Scene. Verwandlung. tGasthaus-Garten — recht- da? ebenerdige Gebäude mit einer Thür und mehreren beleuchteten Fenstern. Zm Garten zu beiden Seiten eine Reihe von Tischen, auf deren jedem ein Leuchter mit einer Glasglocke steht — im Hintergründe zieht sich quer eine Planke über die Bühne, in der Mitte derselben eine breite, offen stehende Thür.) Klampsmaier (allein). Klampfm. (ein stämmiger Mann im Tiroler Costüme, dir Zither unter dem Arme, tritt durch die Mitte ein). Lied. D'Leut woll'u durchaus das Alte nit, D'rum hört man so viel Schreier, Die immer woll'u a neues Lied, Und nit die alte Leier! Ein neues Lied! leicht ließ sich wohl So was zusammenleimen, Doch Ein's ist schwer dabei: Es soll Sich halt auch Alles reimen! 's singt mancher uns a Liedl vor, Doch 's geht uns halt nit recht in'S Ohr, Und 's Volk singt'S auch nit nach im Chor— Denn 'S kommt z'viel Ungereimt'- d'rinn vor! Ein And'rer stimmt ein G'sangcl an, Was ei'm wohl g'fallen könnte, Doch laßt zum Schluß es kalt sodann, ES fehlt halt die Pointe! Ein Dritter hat ein' Stoff sich g'wählt. Der ist an sich sehr mager, Doch das verzeiht ihm gern die Welt, Kommt nur zum Schluß ein Schlager! D'rum wer was singt, der denk' ja nit, Daß man so leicht ist z'ftied'n damit, Bei All'n, was g'sungen wird und g'schteht, Ist d'Hauptftag': »Was ist's End' vom Lied!* 2a, was haben uns're Compositeure schon Alles componirt — was haben wir schon All's g'sungen — und was ist'S End' vom Lied? Daß wir jetzt wieder zu ein' Lied z'ruckgreifen, waS schon vor mehr als hundert Jahren ein branntweinbegeisterter Volks- sänger g'sungen hat: »O Du lieber Augustin! Alles ist hin —- 's Geld ist hin u. s. w.* Wie will ein Männergesangverein, und wann er zwölfhundert Sänger -'gleich fingen laßt, durchdringen, wenn daS Lied von Hunderttausenden unisono geplärrt wird? 8 — 3a, der Harfenist Augustin, der war der echte Zukunfts-Musiker, der sein Lied für kommende Geschlechter berechnet und vorgearbeitet hat, — erst wir wissen die Bedeutsamkeit zu würdigen! And'rc Lieder, wie z. B.: »Was ist des Deutschen Vaterland,« oder »Sie sollen ihn nicht haben,« werden schon längst nicht mehr zeitgemäß, — von »Frent Euch des Lebens« wird ka Red' mehr sein, und nur das »'s Geld ist hin!« wird noch wiederhallen von Börse zu Börse! — D'rum find' ich's auch sehr löblich vom Wiener Gemeinderath, daß er schon daran gedacht hat, auch dem »lieben Augustin« ein Monument zu setzen. Wahrscheinlich wählen's dazu g'rad' den Platz vor der Markthalle; bei der feierlichen Enthüllung stimmt hernach die Finanz-Section in ergreifender Weise das Lied an: »'s Geld ist hin!« und kein Aug' wird trocken bleiben! (Seufzend.) Ich werd' mich schier auch für den Chor engagiren lassen! Ich geh' einer schauerlichen Krisis entgegen — meine erste Kraft will von mir geh'n — die Sali! und da trifft's vollständig zu: »Ich wollt' noch vom Geld nichts sag'n — Hätt' ich nur die beim Kragn!« (Setzt sich an den ersten Tisch rechts und beginnt seine Zither zu stimmen.) Siebente Scene. Klampfmaier. Schnürberger, dann ein Kellner. Schnürb. (tritt aus dem Hause). Ahseid's schon da mit eurem Instrument? Klampfm. Nie ohne dem! Ich bin ein bescheidener Virtuos — ich geh' nie ohne Zithern an eine Production! Aber ich muß heut' andere Saiten aufzieh'n — die Verstimmung ist zu groß bei mir! Schnürb. Ihr verstimmt? Das begreif' ich nicht! Ihr verdient's doch spielend so viel Geld! Klampfm. Mehr für Euch als für uns! — Ihr seid's durch uns in d'Höh' kommen! Scknürb. Na ja — ich laug ns nit! — Früher Hab' ich nur solide Musik bei mir spielen lassen — na, da sein höchstens die Handwerksleut' aus'n Ort zu mir kommen; seitdem aber die Sali mit ihren kecken Vierzeiligen loslegt, kommen oft sogar d'schönsten Leut' aus der Stadt zu mir h'rausgefahren! Klampfm. Ja, man muß halt dem Geschmack des feineren Publicums Rechnung tragen! Schnürb. Wenn uns nur heut' 's Wetter kein' Strich durch d'Rechnnng macht! (Streckt die Hand prüfend aus.) 's thut alleweil a bißl Nebel reißen! Klampfm. Hm! Eure Gäst' sein's g'wohnt, daß's, wann'S auS'n Wirthshaus fortgehen, der Nebel reißt, so wird er's beim Kommen auch nit scheniren! D'Haupt- sach' ist, daß wir beiter sein — ich und die Sali! Also sorg'ts für ein' guten Trunk! Schnürb. Alleweil durstig! Ha ha! müßt's ja sonst ka Musiker sein! (Rust zur Thür hinein.) G'schwind' a paar Krügeln — (Geht hinter dem Hause ab.) Ein Kellner (bringt zwei Krüge, die er auf Klampfmaier'- Tisch stellt und entfernt sich dann wieder). Achte Scene. Klampfmaier. Sali. Sali (in einem theatralisch aufgeputzteu Tiroler Kostüme tritt, noch fortwährend coquett an demselben musternd, aus dem Hause). Klampfm. (thut einen kräftigen Zug aus dem Kruge, dann beide Arme auf den Tisch stemmend). Sali! Sali. Na? Klampfm. Setz' Dich daher, Sali! Lass noch einmal reden mit Dir! Sali (sich zu ihm setzend). Na — was soll's? 9 Klampfm. Bleibt's dabei? Willst wirklich unser Derhältniß auflösen? Sali. Ich Hab' Dir's g'sagt — heut' noch und dann — Tirolerin gewesen! Ich folg' dem ehrenvollen Ruf'! Klampfm. Als Tänzerin bei einem Schnackerl-Theater in Böhmen! Sali. Ist doch a Theater! — Der Principal hat mich neulich tanzen sehen — und hat mir den Antrag g'macht, mich als spanische Tänzerin auftreten zu lassen! Ich Hab' zug'sagt, und wcrd' jetzt Sennora? Klampfm. (höhnisch). Ha ha ha! als englische Reiterin Hab' ich Dich kennen g'lernt — ich Hab' Dich ins Tirol ische übersetzt, und jetzt gehst ins Böhmische als spanische Tänzerin! So eine Vereinigung von verschiedensten Nationalitäten in ein' Körper bringt nit bald wer z'samm! Sali. Hm! In der Abwechslung liegt's Vergnügen! — Warst ja Du auch nicht immer a Tiroler! Klampfm. (finster). Red' nichts von meiner Vergangenheit! Der Mensch ist einmal a Ball'n, den 's Schicksal bald da — bald dorthin wirft; — 's kommt nur d'rauf an, daß man elastisch g'nug ist, um, wenn man noch so fest um d'Erd' g'hant wird, sich wieder in d'Höh' z'schnellen! — So Hab' ich's g'macht! Ich Hab' den glücklichen Einfall g'habt, daß wir als Tiroler herumziehen sollen — Hab' meine letzten paar Gulden d'ran g'wendt, um uns bei ein' Tandler die G'wandeln z'kaufen, haben die Liren; als DolkSsänger kriegt — verdienen a hübsch' Geld- Sali. Das heißt: ich verdien' viel! Probir's einmal allein mit deiner Zither! kein' Hund lockst hinter'n Ofen hervor, aber wenn ich sing' und nachher mit'n Teller sammeln geh', da fliegen nur die Zehnerln, ja sogar Gulbenzetteln, ich bin die Einnehmende, und ich weiß nickt, warum ich mit Dir theilcn soll? Klampfm. Willst Alles für Dich allein haben? Scham' Dich! wann ich auch so wär' —! Sali. Dann bist auch noch grob mit mir! Klampfm. Dafür erlaub' ich, daß And re mit Dir höflich sein! — Ich druck' Augen g'nug zu, und doch — doch Hab' ick Dich gern — ich bin so gewöhnt an Dich! Also schau — bleib' bei mir! Sali. Nein — 's steht fest! (Mit falschem Pathos.) Johanna geht — und nimmer kehrt sie wieder! Klampfm. (stürzt seinen Krug aus und stößt ihn heftig auf den Tisch). So geh in drei Teufels Namen! — Ich wcrd' ohne Dich auch nock leben können! — A Kerl wie ich-! Neunte Scene. Vorige. Kleinbrod, Hufnagel, später Schnitterich, Protzer, Schnürberger. Kellner- Andere Gäste. Kleinbrod (von links) und Hufnagel (von rechts im Hintergründe kommend, begegnen sich am Eingauge) Sali (sie bemerkend, zu Klampfmaier). Sei still! 's kommen Leut', und die brauchen nvchnichtS vonunser'mZerwürfniß z'wissen! Kleinbr. Ah, Meister Hufnagel! Ser» vus! Auch a bißl zur Musik? Hufn. Was will man macken? Dlc Zeit ist schlecht, also muß man sich'S vertreiben? Kleinbr. So ist's! Wann ich in mein' Bäckerladen den ganzen Tag das Gejammer anhören muß, daß's Brod immer kleiner wird, zahl' ich am Abend gern was dafür, um a lustig's Liedel z'hören! Scknürb. und Kellner (kommen wieder). Kleinbr. (zu Schnürberger). He! Schne- pfenwirth! a Maß G'rcbelten! (Setzt sich mit Hufnagel zu dem «weiten Tische rechts) Scknürb. Kommt schon! Protzer (kommt in städtischer Kleidung und etwas aufgeblasener Haltung vom Hintergründe links). 10 Schnürb. (ihn erblickend). Ah! der Herr Bürgermeister! (Geht ihm mit abgezogenem Käppchen entgegen.) Protz er. Nur kein Aussehen! — Hab' viel g'hört, daß bei Euch lustig hergehn soll — thut mir auch wohl nach den schweren Amtssorgen — aber ich will möglichst tsolirt vom Volk — versteht s — Schnürb. Ganz, wic's g'sällig ist — (Auf einen Tisch mehr im Hintergründe links weisend.) Wenn's vielleicht dahier g'sällig ist — Protz er. Ja — ja — ich will nicht, daß mir das Volk jed's Krügel nachrecknet! Nur Amtsgeheimniß! (Geht zu dem Tische links.) Schnitt, (tritt durch das Eingangsthor/ von rechts kommend, ein) Mehrere andere Gäste (theils Bauern, theils Städter kommen nach und nach und nehmen an den Tischen im Hintergründe Platz). Hufn. (Schnitterich erblickend). Ah! da kommt ja der Bader auch! (Hält ihm sein Glas entgegen.) Servus, Pflasterschmierer! Schnitt. Sagt's lieber »Pflastertreter*, das bin ich! bei dieser Geschäftsstockung! Mei beste Patientin, die Baronin ausn Schloß, hat sonst wenigstens d'Wo- chen einmal die Migraine kriegt, jetzt, sagt sie, könnt' fie's nimmer thun — aus Ersparungsrücksichten ! Der Weber, der so lang miselsüchtig war, hat sich aus Ueber- druß aufg'hängt, ja wohin kommt dann der Arzt, wenn sich Jeder gleich selbst hilft? (Setzt sich zu Hufnagel.) Hufn. Ja, sterben ohne ärztliche Hilf', das ist offenbar Curpfuscherei! Kleinbr. Ja, die Zeiten sein halt schlecht! (Zu einem Kellner.) Laßt's mir ein' Antel braten! Bis das fertig ist, machen wir a Partie! D'Karten Hab' ich mitbracht! (Zieht ein Spiel Karten heraus und mischt sie.) Zehnte Scene. Vorige. Eonrad. Nager. Nager und Eonrad (treten, von links kommend, durch die Mitte ein). Hufn. (Conrad zurufend). Ah! Schilfner! gut daß's kommr's! Da haben wir unfern vierten Mann beim Spiel! Eonrad. Ich dank'! Ich thu' heut' nit mit! (Sieht sich ringsum, leise zu Nager.) Der Hagenbauer ist nicht da! Nager (leise). Er ist vielleicht iu der Stube d'rinn! Wartet, ich will einmal Nachsehen! (Geht in s Haus ab.) Kleinbr. (steht auf und tritt mit den Karten in der Hand zu Conrad). Na, Schilfner! werd's doch heut' kein' Ausnahm' machen! Conrad. Ich Hab' heut' kein Geld zum Spielen, verschonr's mich! Kleinbr. Na, zwingen werden wir Euch nicht! (Wieder zum Tische zurückkehrend.) Was muß denn dem heule über's Leberl g'loffen sein! (Setzt sich und spricht leise mit den Andern, dabei aus Conrad weisend. )l Eonrad (mehr im Vordergrund aus und niedergehend, für sich). Wann der Hagenbauer nit kommt, oder wenn er nicht nachgebet! — Jn's Arrest! — Mir lauft's ordentlich kalt über'n Buckel und doch treibt's mir den Schweiß über d'Stirn! (Trocknet sich die Stirn ) Nur schon G'wißheit! (Bemerkt, daß die Blicke der Andern auf ihn gerichtet find ) Was schau'n denn die mich an? — Sie brauchen nit z'merken, was in mir vorgeht! (Sich zur Heiterkeit zwingend und gegen Klampf- maier wendend.) Ah! Ihr seid's auch schon da? Warum denn so stad? — Spielt's was Lustig's auf! Mehrere Gäste (Klampsmaier zurufend). Ja spielt's! singt's! Conrad (setzt sich an Klampfmaier's Tisch)- Fangt's an, wann ich a Zither hör', vergeh'« mir die Grillen noch am ersten! Gäste. Anfängen! Anfängen! (Pochen > Sali (steht auf, zu den Gästen). Al>0 - sperrt's d'Ohren auf! a neu's Lied. 11 KlampflN. (fängt an dir Zither zu spielen). Sali (in der Mitte der Bühne, fingt, beide Hände am Brustlätze und sich nach dem Rhythmus bewegend). Lied. Sich gar nichts vcrgnnncn Und alleweil spar'n, Wer das thut, der halt sich Nur selber zum Narr'n! Zu was thäl' die Sonn' sich Am Morgen erheb'n, Wenn nicht, daß der Mensch soll Zn Tag hinein leb'n? Und will man ja einmal Noch fleißiger sein, So lebt man a bisserl Zn d'Nacht noch hinein! (Jodler.) Wer alleweil a Flammerl Hat brennen im Hcrz'n, Erspart bei der Nacht sich A halbet'S Pfund Kerz'n. Ich Hab' mir mein Wahlspruch, Nach dem ich leb', g'wählt, Der taugt just für die Und für d'andere Welt! Nur luftig gelebt und Dann selig vcrstorb'n. Dann hat man dem Teufel Die Rechnung verdorb'n! (Jodler ) Alle Gaste (stimmen die letzte Strophe im Chor mit an, klatschen in die Hände und bewegen sich zum Theil nach dem Tacte). Eilfte Scene. Vorige. Schelmhofer. Hagenbauer. Nager. Schelmh. und Hagenh. (treten aus dem Hause.) Nager (folgt ihnen) Eonrad (Hagenbauer erblickend, für sich). Da ist er! Schelmh. (bereits etwas weinselig, soaleilb auf Sali zugehend). Jetzt ist'S recht! Wir warten alleweil d'rinn in der Stub'n, und derweil geht's hcraußt schon los! — Na, grüß' Gott, schöne Zillcrthalerin, Puster- thalerin oder Emmenthalerin! — Alleseins! a Thalerin bist und d'rum hast auch die Thaler am liebsten! Was? — Na, sollst ein' verdienen, aber i will mei Leibstückel! Was kost's? (Hieht eine Hand voll Sil- berthaler aus der Tasche.) Hufn. (ist auch ausgestanden und hinzuge- treten). Meiner Seel'! Maria Theresia- Thaler! Spiel'n wir um ein'! Sckelmh. Mit Euch? — Nein! — Ich spiel' nur ein Spiel — (einen Arm um Sali's Taille legend) 's Damenziehen! (Zu Sali.) Komm' her! — setz' Dich da zu mir! Sali (macht sich los). Hab'eh schon mein Platz! (Geht zu ihrem früheren Sitze.) Schelmh. (Conrad erblickend). Ah! beim Gärtner! (Spöttisch.) Verlegt sich der jetzt auf die Alpeng'wächs? Eonrad (aufstehend). Nein! die laß' ick den alten Steinböcken! Ich bin weg'n was Andern da! (Geht zu Nager und spricht leise mit diesem.) Schelmh. (für sich) Kann mir's schon denken! (Zu Hagenbauer.) 's bleibt also bei unsrer Verabredung! Ihr gebt's nit nach! Hagenb. (l,jse). Ka Haar breit! Ich wär' nit so weit gangen, wann er früher beten hätt'—aber so gar nichts dergleichen thun — Schelmh. (leise). Ja, den muß man erst marb machen! Hagenb. (leise). Das will ich, schon wegen sein' braven Weib! Schelmh. (leise). Wegen der will icb's ja auch! Ich will ja den Leuten helfen, aber 's Bitten muß er lernen, mich bitten! Also laßt's ihn nur recht dunsten! —Setzen wir uns derweil daher! (Geht mit Hagenbauer zu dem ersten Tische links, an welchen sie sich setzen.) 12 Conrad (leise zu Nager). Zum Teufel! daß ihn der Schelmhofer nit auslaßt! Nager (leise). Thut nichts! Ich will's schon so richten, daß Ihr mit eurem Gegner allein reden könnt! (Geht mit ihm zum ersten Tische links, auf die zwischen Hagenbauer und Schelmhofer noch leer stehenden Stühle weisend.) Ist's erlaubt? Schelmh. Keine Umstand ! Wir haben kein' b'steckten Tisch! Nager (zu Conrad). So gründen wir hier eine Niederlassung. (Weist Conrad den Sitz neben Hagenbauer an, während er sich neben Schelmhofer setzt.) Aber Wein her! — zwei Maß! (Zu Hagenbauer und Schelmhofer.) Nicht wahr, Ihr haltet mit uns? (Cin Kellner bringt sogleich zwei Flaschen und Gläser.) Schelmh. Ich — mit ein' Advocaten halten? Nur keine Beleidigung! Nager. Ich meine, Ihr macht mir das Vergnügen, mit mir ein Gläschen zu trinken. Schelmh. Trinken? ja! — Aber zahlen lassen? Das gibt's nicht! Ich bin der Schelmhofer! Versteh'ns? Und immer der, der aufspieleu laßt! Warum? weil ich (wieder auf seine Tasche klopfend) all'weil d' Musikanten bei mir Hab'! (Schenkt alle vier Gläser voll.) Also trinkt's! Stoßt's an! (Mit Nager anstoßend.) Der Schelmhofer soll leben! (Trinkt selbst wiederholt — die Wirkungen des WeineS werden immer mehr sichtbar.) 3st a guter Kerl — der Schelmhofer! was? Conrad (wendet sich von Schelmhofer ab, und gegen Hagenbauer, leise zu diesem.) Hagenbauer! Ich hatt' gern a Wort mit Euch allein g'redt. Hagenb. So! — wollt's vielleicht zahlen? Conrad. Wollen? — Mein Gott! g'wiß, aber jetzt kann ich halt nit! Hagenb. Nachher ist's Schad' um jed's Wort. Nager (zu Hagenbauer). Nun seht, Hagenbauer! Ich denke, wenn Ihr ihm etwas Luft ließet — Hagenb. Was Luft lassen? Er ist eh luftig g'nug! — Und ich brauch' Geld! Schelmh. Geld! —Wer braucht Geld? Ich bin da! — Nur sagen! (Zieht eine große Brieftasche hervor und öffnet sie.) 3ch Hab' just heut' für die Kornlieferung dreitausend Gulden eing'nommen und weiß noch nicht, zu was ich's verwenden soll. Klampfm. (ist von seinem Tische zu dem Schelmhoser's getreten, und sieht aus die Banknoten). Schelmh. (die Banknoten noch mehr her- ausziehend und aus den Tisch hinhaltend). Lauter nagelueue Hunderter! Conrad (wirst einen Blick darauf, dann sich abwendend, für sich). Mit Ein' wär' mir g'holfen. — Aber nein! — nein! (Wendet sich ab ) Schelmh. Schöne Bildeln, nit wahr? Klampfm. Wunderschön! — So was hätt'n wir ah nit, wann der Guttenberg nit die Druckerei erfunden hätt', 's muß den Mann noch im Grab' freuen, daß sei Kunst so ein' edle Bestimmung g'funden hat. Nager (leise zu Schelmhofer). Woll't Ihr vielleicht dem Schilfner auS der Verlegenheit helfen? Schelmh. Unterhändler sein ausg'schlos- sen! Hat der Schilfner nit selber a Maul? Conrad (aus seinem Brüten aufwachend). Was ist's? Nager (leise zu Conrad). 3ch habe für Euch ein gutes Wort eingelegt. Conrad (heftig). Beim Schelmhofer? eh ich dem komm' — eher — Schelmh. (höhnend). Eher laßt's Euch einsperren! — Na, Geschmackssache! (Steckt die Brieftasche ein.) Conrad (in die Höhe fahrend). Schelmhofer! Schelmh. Na, habt's ja Recht! — Im Schuldenarrest sind'ts vielleicht a beff're G'sellschaft, als euer g'wöhnliche? Conrad (immer aufgeregter). Spott leid' ich nit! — Meiner Seel'! (Langt nach dc>» Glase.) 13 Nager (faßt Conrads Arm und drückt ihn wieder auf den Sitz zurück). Wenn Ihr heftig werdet, macht Ihr selbst jede Vermittlung unmöglich! Conrad. Bei dem brauch' ich ka Vermittlung! Schelmh. (zu Nager). Nein, eurc nit! Wenn er einmal sitzt, wird vielleicht sein Weibcrl vermitteln! Hahaha! a hübsch's Weib ist auch a Capital! Conrad (außer sich). Was war das? Wer red't so von mein' Weib? Nager (will ihn zurückhalten). Schilfner! Conrad (reißt sich von ihm los). Laßt's mich! — dem Kerl muß ich sein Schandmaul stovfen! (Erhebt den Stuhl.) Schelmh. (auch aufspringend) Was? Kerl? Ich — a Kerl? — Mein' Stock! (Ergreift den Stock.) Nager, Schnürb. (werfen sich rasch zwischen beide). Halt! halt! — ka Spec- takel! ^ Sali (erschreckt von ihrem Sitze auf» E springend). Um Gottcswillen! 's gibt G'rauf! (Eilt in's Haus ab.) A (Mehrere Gäste flüchten auch in s Haus ) Kl ei Nb., Hufn. (andere Gäste springen zwischen die Streitenden). Was gibt's? Auseinander! Schnitt. Nein! an einander! so gibt's wenigstens blutige Köpf' z'verbinden. Protzer (drängt sich durch die Menge, mit Würde). Platz für die Obrigkeit! Alle. Der Herr Bürgermeister! Protzer (zu Eonrad). Seid's schon wieder der alte Raufbold? Conrad (stellt den Stuhl nieder). Herr Bürgermeister! Wann Sie g'hört hätten! Schelmh. (auf Eonrad weisend). Er hat ang'fangt! Protzer. Kann mir'S denken. Aber — der G'scheitere gibt nach! (Zu Schelmhofer.) Ergreift die Gelegenheit, für den G'schci- tern zu gelten! Schelmh. (bereits mit schwerer Zunge). Sehr — sehr schmeichelhaft! Herr — Herr Mürgerbeistcr — Beisimürg — Beiger- mürster! (Gerührt.) Müsterbeiger! Ich — ich bin a guter Kerl! — Frieden mit der ganzen Welt! (Zu Conrad.) Schilfner! Ich — ich will Euch ja Bruder sein! Schwager! — was wollt's? (Will ihn umarmen.) Gebt's mir a Bussel! Conrad (sich mürrisch abwendend). Schon gut! schon gut! Protzer (zu Schelmhofer). Schaut's nur, daß's z'Hans kvmmt's! 'S ist schon spät! Schelmh. Spät? — O wegen dem! Ich — ich halt aus! — aber heut'! — sollt's Recht haben! — 's ist a starker Nebel und ich — muß noch durch daö kleine Waldl — und die Bäum' weichen nit aus — bei dem Nabel — Nebel! Schnürb. (bemüht, ihn fortzubringen). Na, gebt's nur, geht's! Schelmh. Ist mir a Vergnügen! (Sich vor Protzer verneigend.) Bürgermeister! — Ehre gehabt zu haben! (Zu Schnürberger.) Schnipsen — Schnepfenwirth! ich zahl' morgen — gutes Haus — Schelmhofer! WaS? B'hüt Gott, Hufnagel! ^äis8,Bäck'! (Beurlaubt sich, schwerfällig dem Ausgange zuge- hend, von allen Gästen, dann ab.) Protzer. So! Ruhe, Ordnung und Sicherheit herg'stellt. (Zu Schnürberger.) Aber, wo ist denn die Sängerin hinkommen? — Das scheint mir eine charmante Person zu sein! Schnürb. Sie hat sich ins Zimmer g'siüchl — wann's vielleicht g'fällig ist — (Oeffnet die Hausthür.) Protzer. Ja, sie soll uns d'rinn was zum Besten geben, wie sagt man doch? L !u ouinsrs, — da muß sie sich noch besser ausnehmen! (Ab in s Haus.) Kleinb., Hufn., Schnitt, (und die übrigen Gäste begeben sich auch in'S HauS). Schnürb. (zu Eonrad). D'ganze Unterhaltung hab't Ihr g'stört! Hagenb. Wart's nur! Ich will ihn schon dasiger machen. (Zu Nager.) Doctor! Ihr wißt's, was z'g'schehen hat. (Mit Schnürberger in s Haus ab.) 14 Nager (zu Eonrad). Die Unterhandlungen haben sich zerschlagen—schreibt Euch's selbst zu, wenn jetzt die Feindseligkeiten eröffnet werden! (Ab ins Haus.) Eonrad. Jetzt ist Alles verdorben! Ka Hilf mehr! (Sinkt an den Tisch links.) Klampfm. (hat fortwährend Schelmhofer im Auge behalten, sich jetzt rasch zu bonrad wendend). Weil's a Narr seid's! Der Schclm- hoser hätt' Euch geben, so viel's wollt'S! Eonrad. Von dem kann ich nichts entnehmen! Klampfm. Vielleicht, weil er ein Aug' auf euer Weib hat? — G'rad die Dummheit von so ein geckenhaften Esel müßt's Euch z'Nutz machen! Zahlen soll er, und nichts davon haben! — Auf euer Weib konnt's Euch ja verlassen? Evnrad. Dumme Frag'! So a Weib wie die Meinige! Klampfm. (immer dringender). Und von dem Weiberl wollt's Euch fort reißen lassen? — Schilfner! Ihr seid's kein Augenblick mehr sicher — noch heut' Nacht — ja, von da weg können's Euch abholen! Der Schelmhofer hat Frieden mit Euch g'schloffen — geht's ihm nach — red'ts ihn an! — Thut's es euer'n Weib z'Lieb! Eonrad (sich ausraffend). Ja — ich muß mich überwinden — mein Weib z'Lieb! — s ist kein anderer Ausweg! — In Gottes Namen! — Ich probir's! (Eilt rasch durch die Mitte nach links ab ) Klampfm. (sieht ihm gespannt nach und will ihm folgen). Klampfm. (anfangs etwas verlegen). Ach — (sich rasch fassend) ich Hab' just bemerkt, daß auf meiner Zither (nimmt dieselbe vom Tische) a Saiten g'rissen ist und ich Hab' kein' and're bei mir! Schnürb. So geht'- g'schwind zum Kramer hinüber! Klampfm. (rasch). Ja — ja — zum Kramer! da muß ich gleich hin! Wenn ich nur d'rechte Saiten find'! Ich bin gleich wieder da — (Zu Sali.) Unterhalt derweil d'Gast'! (Schnell durch die Mitte nach links ab.) Dreizehnte Scene. Vorige. Hufnagel. Kleinbrod. Hagen bauer (kommen aus dem Hause), dann Lori (einGärtnerjunge). Hagenb. (zu Sali). Ja, was ist's denn a so? — kriegen wir bald was zu hören? Sali. Wart'S nur noch a bissel! a Saiten ist g'rissen! Hufn. Und uns reißt die Geduld! Wir sein wegen der Musik Herkommen—wann'S mit der nichts ist, so geh'n wir in ein anders Wirthshaus! Kleinbr. Ja — ein'n bessern Wein kriegen wir bald wo — (sir wollen gehen.) Schnürb. (sie zurückhaltend). Aber so bleibt's doch! — der Klampfmaier muß ja gleich— (Sieht gegen den Eingang, überrascht.) Wer kommt denn da? Ein Gärtnerjunge (mit einer Laterne, erscheint zuerst am Eingänge). Lori (ein Luch über Kopf und Brust ge- Zwölfte Scene. Klampfmaier, Schnürberger, Sali. ^ ^ i. ! t treten aus dem Hause). Schnürb.) Sali (zu Klampfmaier). Wo bleibst denn? Die Herren wollen, daß ich was sing' — Schnürb. Und Ihr steht's da Heraußen! schlagen, folgt ihm, am Eingänge stehen bleibend) So! Du kannst jetzt schon wieder z'Haus gehn! Der Junge (entfernt sich). Schnürb. Was der tausend! Die Frau Lori! Hufn. Die auch einmal in ein'Wirthshaus z'seh'n? Lori. Wundert'S Euch später! Aber jetzt sagt's mir: ist mein Mann noch da? 15 Hufn. Erst war er noch da! Kleinbr. D'rinn in der Stuben ist er nicht! (Zu Sali.) Habt's Ihr ihn nicht g'seh'n, Sali? Lori (nun erst auf Sali aufmkrksam werdend). Das — das'ist die Sali? — Die Brand-Sali? (Tritt näher zu ihr und sieht sie scharf an.) Sali (beleidigt). Na! die Frau bohrt sich ja mit ihren Augen fast in mein G'sicht hinein! — Was habt's denn? Lori (sich bemeisternd). Nichts! nichts! Ich Hab' nur schon so viel von Euch g'hört — nehmt's mir's nicht übel! Sali (lachend). Fallt mir nit ein! Ha, ba, ha! Daß d'Weiber von jungen Männern und d'Madeln von säubern Burschen alle mich so anschau'n, als ob's mich von der Erden wegfeuern wollten, das ist mein Stolz! 's zeigt, daß ich ihnen g'fährlich bin! Lori (sich von ihr abwendend, verächtlich). Mir nicht! (Wieder zu den Männern, besorgt.) Aber wo ist denn mein Mann? — A-'Haus ist er nicht 'gangen, sonst müßt ich ihn be- gegn't haben! (Hageabauer erblickend.) Ah — Ihr da? (Faßt ihn an der Hand und zieht ihn bei Seite.) Hat er mit Euch g'redt? Hagenb. Hm! g'redt hat er wohl! Lori. Und Ihr? — Nit wahr, Hagen- bauer! Ihr habt's ihm noch ein Aufschub 'geben? Hagenb. (hart). Nein! Das Hab' ich nicht 'than! Lori (erschreckt). O mein Gott! (Flehend.) Aber, wann jetzt ich Euch bitt' — Hagenb. (laut, noch mürrisch). Warum seid's denn nicht früher zu mir kommen? Lori. Ich hab's ja selber erst heut' erfahren und jetzt will ich sorgen, daß g'wiß zahlt wird! Hagenb. Wollt'S vielleicht Ihr den Schelmhofer bitten? Euer Mann hat d' Nasen z'hoch tragen! Lori. Da hat er Recht g'habt! dem darf er — darf ich zu kein'Dank verpflicht' sein! Hagenb. So? dem nit?—Undmir- ? Lori. Ja! (Seine Hand mit ihren beiden Händen fassend.) Euch wollt' ich gern dankbar sein — mein Lebtag! Denn Ihr seid's ein Ehrenmann! Hagenb. (etwas geschmeichelt). Na — das will i wohl meinen! Lori. Ihr thut's wohl a biß'l schiefrig, aber da drinn (ihre Hand auf sein Herz legend, einschmeichelnd) seid's doch nit a so! Hagenb. (freundlicher). So? —meint's? Kleinbr. (ebenfalls lachend, zu Lori). Gärtnerin! Gärtnerin! Ich verrath's euren Mann! Hagenb. (in den Scherz eingehend). Ha, ha, ha! Seid's mir vielleicht neidig, daß d'Frau Lori wegen meiner Herkommen ist? Ja — Ha, ha, ha! ich bin schon so a Tausendsassa! (Legt Loris Arm unter den srinigen und führt sie zum Tische links.) Hufn. (hinsehend). Ah sackerlot! das ist stark! Hagenb. Ha, ha! das gist's! (Leise zu Lori.) Ich werd' Euch was sagen! Ich ged' nach — ich lass' Euch daS Geld noch aus a ganz's Jahr' — Lori (wieder seine Hand ergreifend, freudig). Za? — ja? Hagenb. (leise). Aber unter einer Bedingung! Lori. Und die ist? Hagenb. Daß's mir da — vor denen (auf die Anwesenden weisend) a Bussel gebt's! Lori (heiter, leise). Vor den Leuten? ja — g'rad vor den Leuten ist'S nichts Un- recht's—aber ich Hab' euer Wort! (Hältihm die Hand hin.) Hagenb. (schlägt ein). Mei' heilig's Ehrenwort! Lori. Na dann — aus Dankbarkeit — a Buß'l in Ehren! (Küßt ihn.) Hufn. Himmeltausend! Kleinbr. Million Heiligenftritzel! Sali (schnippisch). Die hatUrsachg'habt, daß's mich so ang'schaut hat! Hagenb. (sich stolz aufrichtend). Ha, ha, ha! (Tritt zu den Urbrigeu.) Na, waS sagt'S denn a so? 16 Hufn. Uns geht's nichts an, aber (fikht grgen dm Eingang) 's ist nur d'Frag', was der dazu saget — (wkist auf dm Kommenden) wann er's g'sehen hätt'! — Vierzehnte Scene. Vorige, Conrad. Conrad (tritt, finster vor sich hinsehmd, durch die Mitte ein). Lori (ihn erblickend, zu Hufnagel). Wann s der g'sehen hätt'? (Rust dem Kommenden heiter zu.) Conrad? Conrad (aufblickend, erstaunt). Lori! Du — dahier? Lori Za — und da — da schau her! (Küßt Hagenbau.er.) Errath'st jetzt? Conrad (errathrnd, freudig). Hagenbaner! 3l>r-? Hagenb. (winkt ihm zu schweigen). 3a — ich Hab' heut' an guten Tag! Conrad (eilt zu ihm und drückt ihm die Hand). Mehr sag' ich jetzt nicht! Hufn. (verwundert). Da kenn' sich der Teufel auS! Lori (zu Lonrad). Aber sag' mir nur, wo bist denn jetzt g'wesen? Conrad (ärgerlich, leise). Ah! Zch Hab' was gethan, was mich jetzt reu t! — Zch erzähl' Dir's schon! (Sich ausheiternd.) Aber jetzt ist ja Alles gut! und weil Du schon da bist, sollst auch da bleiben, sollst auch einmal ein' Unterhaltung g'nießen! Die Uebrigen (klatschend). Za — ja— dableiben! Hagenb. (zu Lori). Bleibt's, Weiberl! mir z'Gfallen! — heut' tractir' ich Euch! (Nimmt ihren Arm und führt sie zum Tische links, zu Schnürberger.) A Flascherl ein' Süßen für's Weiberl und a bißl a Backerei! Schnürb. Ah! jetzt fangt's erst an schön z'werden! Ich werd's den andern Gästen d'rinn auch sagen! (Ab in s Haus.) Hagenb. (zu Conrad). Na, Ihr dürft's schon auch mithalten! — Aber werdt's nur nicht am End' auch mit mir raufet! Conrad. Nein — nein! mit Euch g'wiß nit! (Alle Drei setzen sich.) Fünfzehnte Scene. Vorige. Schnitterich. Nager. Protzer. Mehrere andere Gäste (kommen an« dem Hause), daun Klampfmaier. Schnürb. (zu den ihm Folgenden). Bitt' nur wieder Platz z'nehmen! (Zu Sali.) Mischt's nur d'Gesellschast a bißl auf! (Gegen den Eingang sehend.) Ah — da kommt der Klampfmaier auch z'ruck! Klampfm. (eilt fast athemlos durch die Mitte herein). Ja — da bin ich! — war nur — beim Krämer — (Athmrt tief ans.) Sali. Na, na! — Du kannst ja kaum pfnausen! Klampfm. Bin so g'schwind' g'loffen; aber jetzt —lustig aufg'spielt! Sing', Salis sing'! — ich spiel'! (Setzt sich rasch an den Tisch recht- und macht ans der Zither einige unsichere Griffe.) Conrad (steht auf und tritt zu Klampfmaier). Spielt's was Sauber's! — Mein' Weib z'Ehren! (Leise.) Aber was Solid's! — versteht's? Sali (schnippisch). Na ja, wegen der werden wir uns Halt s Maul verpappen! Conrad. Zch b'stell's und ich zahl's! (Wirst einen Silberthaler aus dm Tisch.) Sali (überrascht). Ein Thaler?! Hufn. (der am Tische steht). Na — der hat heut' d'Spendirhosen an! (Besieht den Thaler.) Und das ist ja — wie der Thaler, den früher der Schelmhofer — Conrad (für sich, bereuend). Das hätt' ich Nit thun sollen! (Laut zu Hufnagel.) Na? werden vielleicht für'n Schelmhvfer Ertra- thaler g'schlag'n? — Der ist der meinige! (Zu Klampfmaier.) Aber jetzt fangt's an! (Geht zu seinem Tische zurück.) Klampfm (greift wieder in dir Saiten, t7 plötzlich ängstlich aushorchend). Was ist daS? — hört's nichts? — Draußen —! (Man hört von außen, immer näher kommend, laute- verworrenes Reden — Rufe: »Auf - Amt!- — »Bürgermeister!- u. dgl.) Alle (springen von ihren Sitzen aus). Was gibt's denn? — Schaur's doch nach! Schnürb. und einige Gäste (eilendem Eingänge zn, hinaussehend). Schnürb. Das ist ja, als ob's ganze Dorf in Aufstand war'! Jäger — Soldaten! — Sie kommen daher —! Sechzehnte Scene. Vorige. Ortswächter Caspar. Einige Soldaten. Jäger. Krämer Dütmann. Bauern und Bäuerinnen (drängen zum Eingänge). Caspar (hastig). Der Herr Bürgermeister da? — Wo ist der Herr Bürgermeister? Protzer (aufstehend und in die Mitte der Bühne! tretend). Was gibt'S dcnn wieder! Caspar. Gräuliche Schauertbat! Unerhörtes Ereigniß! — Mord und Raub! — Der Schelmhofer- Alle (erschreckt). Ter Schelmhofer? Klampfm. (hastig). Ist er todt — ? Caspar. Er sagt »nein« — aber man kann sich nicht darauf verkästen, denn er ist fast gar nicht bei D'sinnung! Protz er (zu Caspar). Aber so macht es nur kurz! — Was ist's mit ihm? Caspar. Der Jäger ist mit sein'Jung' durch's Waldl g'gangen! — hört schrei'n — wer liegt da? — der Schelmhofer! — er macht Lärm — Protzer. Wer? der Schelmhofer? Caspar. Nein, der Jäger! — Wir auch hin — ich beutel ihn — Protzer. Den Jäger? Caspar. Aber nein! der Schelmhofer! sein' erst's Lebenszeichen war, daß er nach der Brust g'griffen hat! Nager. War er dort verwundet? lh«a>n.Rkper 1 »irt Nr. -17. Caspar. Nein! aber g'fehlt hat ihm was! — Sei Brieftaschen! Nager (zu Protzer). Ja, ja — eine Brieftasche hatte er bei sich — Hagenb. Und dreitausend Gulden d'rinn! Caspar. War nichts mehr davon z'fin- den! Ich beutel ihn nochmals — frag': »Was ist g'schehen?« — Er bringt aber nur ein Wort heraus — Mehrere (zugleich). Und das Wort! Caspar. »Der Schilfner!« Conrad (entsetzt). Was?'— ich?! Lori. Um Gotteswillen! Conrad! Caspar. Dann ist er wieder ohnmächtig dagelegen! Ich Hab' ihn in sein Haus tragen lassen — Schnitt. Da muß ich hin! — Gott sei Dank! einmal ein Patient! (Eilt durch dir Mitte ab.) , Protzer lbedenklich). »Der Schilfner«, hat er g'sagl? Hm! hm! hm! Nager. Ja wohl! sehr hm! hm! bm! Wenn man bedenkt, daß besagter Schilfner in dringender Geldverlegenheit war! Nager. Er war mit dem Arrest bedroht — Protzer. Und vorher war er schon im Streit mit'm Schelmhofer — hat den Stuhl gegen ihn aufg'hoben! Klampfm. Und dann ist er ihm nackg'gangen. Protzer und Nager. Nachgegangen?! Schnürb. Ja — keiner von meine Gäst' hat's Local verlassen, als der Schilfner und der Klampfmaier — Klampfm. (rasch). Ick war beim Kramer! fragt's nach! Dütm. (hervortretend). Ja — ja, der war bei mir! Nager. Hier ist also das Alibi bewiesen — Hufn. Und der Silberthaler — (Nimmt den noch auf den Tisch liegenden Thaler.) Ick) laß'mir's nit nehmen —'S r (Sämmtlicbe Reden folgen nun sehr rasch aufeinander.) sr ist der nämliche, mit dem der Schelmhofer vorhin prahlt hat — Sali. Den — den hat mir der Sck'ilfner g'rad' geben. Kleinb. Und früher, wie ich ihn zum Spiel eing'laden Hab',hat er g'sagt, er hat ka Geld. Nager (zu Protzer). Bürgermeister! das ist ein Anhaltspunkt! Protzer. Na, so Haltens Ihnen an. ^ Nager (hält Conrad den Thalrr hin). Sagt, woher ist der Thaler? Conrad (wollte aus die früheren Aussagen immer antworten, ohne zum Worte zu kommen, endlich steht er wie betäubt). Lori (zu Conrad). Aber Mann! — um Alles in der Welt! — so red' doch! Conrad (aus seiner Betäubung aufwachend). Ick — ich weiß nit, wie mir ist — g'rad als wann Schlag auf Schlag gegen mei Stirn' g'führt wurd'! Protzer (zu Conrad). Redt's! (Wichtig.) Woher — ist — der — Thalerd Conrad. Ja — der — ick g'steh's — der ist vom Schelmhofer! (Allgemeiner Aufschrei des Entsetzens, Alle weichen mit dem Ausdrucke des Abscheues von Conrad zurück.) Lori (zu Conrad). Vom Schelmhoferd Du sagst selber — Die Gäste. Er ist's! er hat's gethan! Caspar (schreiend). Patroulle! packt's chn! (Die Soldaten treten näher.) Lori (außer sich, springt vor Conrad und breitet, wie zum Schutze, ihre beiden Arme aus). Nu anrühren! Wer — wer halt' mein Mann für ein Dieb — für ein Räuber? Ist denn Niemand, der sich um ihn annimmt? (Zu Hufnagel und Kleinbrod eilend.) Männer! Ihr kennt ihn doch — seid alle Tag mit ihm beisammen — seid's seine Freund'! Hufn., Kleinb. (ziehen sich achselzuckend zurück). Lori (zu Nager). Dvctor! Sie haben sich ja um ihn annehmen wollen. Thun Sie's! — Sie sein a Rechtsg'lehrter — auf Ihr Wort wird man geben, reden's — reden's nur a Wort! (Nager zieht sich zurück.) Lori (sich verächtlich von ihm abwendend). Ja so! der hört nichts, wenn man nicht dazu mit dem Geldbeutel klingelt. (Eilt von ihm weg zu Hagenb.) Aber Ihr, Hagenbauer — Ihr wart's erst so gut, so freundlich — er ist euer Göd'. Hagenb. (zuckt mit dem Ausdrucke des Bedauerns die Achsel). Lori (fast bis zur Wuth gesteigert). Achselzucken — nichts als Achselzucken! (Eilt zu Protzer.) Aber Ihr, Bürgermeister! — Ihr werdt's doch nicht bloß nach dem Schein — Protzer (auf den Thaler weisend). Das ist kein Sckein, sondern ein Harrer Thaler! Uebrigens g'hört der Fall nicht vor's Bürgermeisteramt, sondern vor's G'richt. (Den Soldaten einen Wink gebend.) Dorthin führt's ihn! (Die Soldaten wollen konrad ergreifen.) Conrad (in Zorn aufslammend). Lebendig nicht! Wer mich anrührt! — (Nimmt eine drohende Haltung an.) Lori (in neuer Angst, zu Sonrad). Conrad! Mach's Nebel nit ärger. Kein' Widerstand. (Zu Protzer.) Eins noch — nur Eins! Laßt's mich noch a Wort mit mein' Mann reden. Protzer. Mein'twegen! Lori (zieht Conrad zu sich in die Mitte der Bühne). Conrad! jetzt red', als ob s d' vor Gott stund'st — bist unschuldig? —ja oder nein? Conrad (die Hand wie zum Schwur erhebend). Ja — ja, Gott ist mei Zeug'! Lori (zwar erschöpft, doch beruhigt). Dann geh' auch — in Gott's Namen — auf's G'richt! Conrad. Aber Du siehst ja, Alles ist gegen mich — der Schein, die Umständ', die Leut' — für mich Hab' ich Niemanden! Lori (wieder energisch sich aufrichtend). Du bast mick — dein Weib! Und wenn die Holl' mit allen Teufeln gegen Dich ist ich nimm's auf mit ihnen! (Faßt ihn an der Hand, zu den Soldaten.) Da ist mein Mann! — er wird Euch ruhig folgen, führt's ihn auf's G'richt, aber wo der Mann ist — g'hört 's Weib auch hiu! — ich geh' mit! Caspar. Was? Ihr? Lori. Ick geh' mit! (Stellt sich mit Lon- rad mitten unter die Soldaten.) Ich will den Männern zeigen, was ein Weib kann. Vorwärts! Marsch! (Während sie sich zum Abgehrn wenden, fällt rasch drr Borhang.) Zweiter Äct. (Platz im Dorfe, rings von Häusern umgeben. Im ersten Hause rechts Kleinbrod's Bäckerladen, im zweiten Schnitterich's Officin mit als Schild angebrachten Barbierbeckrn, links im ersten Hause eine Schenke, ein Tisch und einige Stühle vor derselben, links im zweiten Hause Hufnagel s Schmiede mit einem Vorbaue, unter welchem ein Amboß steht, und Eisenstangkn, Hammer, Zange und andere Werkzeuge liegen. Im Hintergründe rin einstöckiges Gebäude, über dessen Thorr eine Tafel mit drr Aufschrift: »Bürgermeister» Amtangebracht ist. In der Mitte drr Bühne steht ein Röhrbrunncn, von einem steinernen Wasser» decken umgeben.) Erste Scene. Fr. Margareth, andere Weiber und Mägde (steh«, mit Krügen und anderen Wasser» gefäßen am Brunnen). Hufnagel (in Hemd» ärmeln und Lederschurz unter dem Vorbau seine- Hauses arbeitend). Einige Bauern (fitzenbei Biergläsern vor dem Wirthshause). Caspar (ein Zeitungsblatt in den Händen haltend, bei den Baueru.) Kleinbrod, Fr. bordel. Kleinbr. (drängt bordel aus seinem Laden). Jetzt Hab' ich der Frau AüeS erzählt, was ich selber von der G'schichl' weiß — damit wird 's doch ein Tag auskommen? Cordel. Ja, ja, wißt's, 's ist nur, da* mit man, wenn man heimkommt, was Neu's z'erzählen hat Dank für d'Auskunft! (Geht nach links ab.) Kleinbr. (auf drr Schwelle seine- Ladrns stehenbleibend). D' Lungen red' ich mir bald § heraus. Da kauft so eine Alte um zwei .Kreuzer a Semmel, und will dazu um fünf 'Gulden Neuigkeiten! Huflt. (mit der Arbeit innehaltend). Sie braucht's halt weiter! Denn wie a gute Heun' alle Tag ein Ei, so muß a richtig'S alt's Weib alle Tag' ihre Neuigkeit legen! Und die G'schicht allarmirt halt' die ganze Umgegend, Jeder will was G'nauer's wissen! Caspar. Aber zu was sich da auf's G'red verlassen? Da kaust man sich a Zeitung, die nur ein' Kreuzer kost', da steht Alles d'rinn', was ein guter Staatsbürger z'wissen braucht, und was d'rinn' sieht, muß wahr sein! (Wichtig.) S' ist ja ein of- ficinelleS, inspiritirtes Blatt! Klein br. (auf den Platz heraustretend). Und da drinn' steht schon was von dem Vorfall in unserem Ort? (5aspar. Freilich! Unser Orr erhalt' dadurch eine gewisse histerische Berühmtheit! Hnfn. (aus seiner Werkstätte tretend). Merk- würdig! Jetzt kommt doch schon Alles in die Zeitung! Caspar. Na, wann was im Wald' mitten unter die Bäum' g'schieht, ist's doch natürlich, daß'S in die Blätter kommt! Kleinbr. Aber so lesi's doch, was sicht denn d'rinn ? Margr. und die übrigen Weiber (verlassen sogleich den Brunnen und drängen sich herbei). Ja, ja, lesi's! Caspar (lieft). »Das naheliegende Ort Knüppling war der Schauplatz eines ent schlichen Verbrechens. Herr Schelmhofer, ein allgemein geachteter —* (Niest.) Hufn. Helf Gott, daß'S wahr ist! 1 * ro Sa spar (liest). »WirthschastSbefitzer wurde meuchlings erschlagen, mit zerschmettertem Haupte-* . Hnfn. Aber das ist ja nicht wahr! Caspar. Muß wahr sein! Da stehr's schwarz auf weiß! Hu fn. Laßt's mich aus mit dem Schwarz- Weißen. Der Bader hat g'sagt'- Casp. Gilt Euch der Bader mehr als einofficinelleSBlatt? Dafleht's! Punctum! (Liest.) »im nahen Wäldchen gefunden; der Thätigkeit der Behörde« (sich in die Brust wer. send) Spann'st was? DaS sein wir! (liest) »gelang es, noch am selben Tage des Thä- ters in der Person deS übel beleumundeten K. Sch.« (spricht) daS soll heißen: Konrad Schilfner. Hufn. Aber warum drucken'S denn nur die Anfangsbuchstaben hinein und nicht den ganzen Namen? Caspar. Das ist das abgekürzte Gerichtsverfahren! Marg. Also der Gärtner richtig der Thäler? Caspar (auf- Bla!t weisend). Daiteht's. Dre Werber (untereinander). Nachher ist's g'wiß! Kleinbr. Ja sei' Leben nichts einnehmen, viel ausgeben, bei der Zeit! Zü) Hab' mtt's all'werl dacht, daS führt zu nichts Gutem. Husn. Ick sag'S ja, man muß sich jetzt von seinen heften Freunden daS Schlechteste erwarten! (Seht gegen seine Werkstätte.) Kl.'inbr. 2st das a Zeit! (Seht gegen seinen La?en.) Margr. (will zum Brunnen zurück, gegen den Hintergrund recht- sehend.) Ha! da kommt Einer, der was Sicher's weiß! Mehrere Weiber. Der Bader! Caspar. Der kommt vom Schelmhofer! Zweite Scene. Vorige. Schnitterich. Klampfmaier. Hagenbauer. Mehrere andere Ortsbewohner (vom Hintergründe recht- kommend). Schnitt, (mit Klampfmaier zu den ihm Folgenden). Aber so laß'ts mich doch! Merkwürdig! wo ich mich jetzt sehen laß', bild't sich ein förmlicher Auflauf! Margr. und die andern Weiber (ihn von der andern Seite anfallend). Bader! Doctor! Wie geht'S ihm? Lebt er noch? Schnitt, (sich ihrer kaum erwehren könnend). O je! jetzt kommen d'Weiber auch noch! — Zerreißt's mich nur nicht. Caspar (hmzutretend). Ruhig! Platz da! Mir wird der Herr Bader zuerst referiren, damit ich dann sein Bulletin zu höheren Ohren bring', Wehrt die Leute von Schnitterich ab.) Klampfm. (während dessen zu Schnitterich leise) Folgt' Smein' Rath! Schildert'- sein' Zustand recht g'sährlich — um so größer ist hernach euer ärztlicher Triumph! Die Anwesenden (sich wieder an, Schnitterich drängend). So redt's doch! — Wie geht'S ihm? Kleiubr. Wird er aufkommen? Husn. Oder wird er sterben? s Schnitt, (wieder bemüht, sich lo-zumachen). Na ja! ja! Wenu's es durchaus wissen wollt'S — der Schelmhofer wird sterben! Alle (entsetzt). Sterbe»?! Dritte Scene. Vorige. Lori. bori (ist «ährend der letzten Reden »om Hia« tergrunde links gekommen, eilt nun hastig j> Schnitterich vor. seine Hand fassend). Was sag'ts? Alle (überrascht). Die Schilfnerin! Margr. (Lori mit einer gewissen Scheu ao> blickend und vor ihr zurückweichrnd. leise zu de» übrigen Weibern). Nein! wie sich die noH vor den Leuten zeigen kann! (Die Weiber ent- 2! stritt» fich, unter Kopfschüttelu leise mit einander sprechend, nach verschiedenen Richtungen.) Lori (zu Sänit'erich). Was habt'sg'sagt? — der Schelmhofer — sterben? daS kann nicht wahr sein! — die GerichtSärzt' haben ja erklärt — Schnitt. Was versteh'« die G'richts« ärzt ? — Ich sag' Euch und ich leg' ein' Eid d'rauf ab — er wird sterben! Hufn. Und meint's, schon bald? Schnitt. Ja, wann? — daS weiß ich nicht! — Aber sterben wird er — einmal! Die Uebrigen (lachend). Ah so! ha da ha! Kleinbr. (ärgerlich). Dummer Kerl! ein' so aufsitzen lassen! Caspar. Mir gegenüber kein Spaß! Ich frag' von AmtSwegen! — Wie steht's mit dem Schelmhofer? Schnitt. Immer im Gleichen! — Er ist heut' noch so schlecht wie gestern! Casvar. Gut! Ich werd' den Herrn Bürgermeister gleich von der Schlechtigkeit de- Schelmhofer in Kenntniß setzen! (Ab in» Bürgermeisteramt.) Schnitt, (zu den Ortsbewohnern). Und Ihr laßt's mich jetzt in Ruh'! Statt daß's Euch um fremde Krankheiten kümmert's, schauts lieber, daß'S selber krank werd't's, .dann bin ich für Euch zu sprechen! (Ab in seine Officin.) Die Ortsbewohner und Bauern (entfernen fich auch nach versch ebenen Richtungen) Hufn. (zu Lori, mit qrnttssener Zurückhaltung). Na — und wie ist- denn der Frau Lori gangen — d'rinn' in der Stadt? Kla mpfm.(aurh'l.nd). Ihr babt'S wohl Schritt' g'mackt, um euren Mann bei G'richt weiß' z'waschen? Lori. Ich hab'S probiert! — Aber ich laß's künftig bleiben! — Ich könnt' mir bei der Wäsch' nur selber d'Händ' verbren- . den — am End' haltet'n's mich für mitschuldig! Klampfm. (rasch). Also ist euer Mann > schon für schuldig befunden? 1 Lori. Abg'urtheilt noch nicht! aber die Herren vom G'ricbt' haben mir g'sagt, eS ' stellet sich klar heraus (läßt während de- Fol. ' gendcn ihre Blicke scharf prüfend über alle Anwesenden gleiten) daß niemand Anderer der Schuldige sein kann, als er! Klampfm. (freudig). Niemand Anderer? (Sich fassend.) Nein! — 's kann auch niemand And rer sein! Lori (zuckt — einen durchdringenden Blick auf Klampfmaier werfend — zusammen, beherrscht fich aber schnell; wieder ganz gleichgiltia)- Das Hab' ich nur wissen wollen und seit ich'S weiß, geht mich die G'schicht' gar nichts mehr an! Hat er sich die Suppen einbrockt, so soll er's auch allein auSessen! Hagenb. (befremdet). Hort'», daß Ihr die Sach' gar so auf d'leichte Schulter nehmt'-- ' Lori. Meine Schultern haben lang genug schwer tragen! — Ich bab' Alle- er- duld't — aber ich Hab'S dem Conrad g'sagt: -.Einmal waS Scklecht's von ihm erfahren — dann ist's aus! * Der Fall ist eintreten — und ich sag' mich loS von ihm! Kleinbr. (zu Lori). Glaubt's aber, daß's so allein von euern Häusel und Garten werd'S leben können — bei der Zeit? Lori. Häusel und Garten? ha ha ha! daS wollen'S ja pfänden — zur Sicherstellung von die dreitausend Gulden! (Leicht, finnig.) Na! ist mir jetzt schon alleSeino! Hagenb. Mir nickt! Da muß ich schauen, daß ich mit meiner Forderung voraus komm'! (Abnach rechts.) Hufn. (zu Lori). Aber was wollt - denn ankangen? Lori Ah waS! ich werd' schon aG'scbäft finden, bei dem ick mich nicht so plagen muß, wobei mir noch Zeit bleibt, meine jungen Jahr' z'g'nießen! Hu in. Geld brauchen, habt's denn das? aber b'sonders viel Damen, und wenn 2hr- Lori. Was? — ich a Dam'? werd' ick denn das z'wegen bringen? Klampfm. O! nichts lern t a Frau'n- zimmer leichter, als a Dam' z'spielen! Lori. Na, 2hr werd's mir wohl an d'Hand geh'n, mich a biß'l abrichten? nit wahr? 2ch werd' recht fleißig zu Euch kommen und zu eurer Sali — Klampfm. Thut's das, ich gründ' ohnehin auch eine Theaterschul'! Lori. Tbcakerschul"? was ist das? Klampfm. Das ist ein Znstitut, wo den Kunstelevcn Alles das beigcbracht wird, was's wollen — ich leb', wie ich will! — ja, 4ch will jetzt erst recht zum leben anfangen! Klampfm. Recht so! die Mittel dazu habt's — 2ugend und Saubrigkeit — Lori. Und mein' Humor! Klampfm. 2ch? nein! (Arm timend.) Ich Hab' gar kein's. 2ch gründ' mein Unternehmen auf lebendige Aktien, nämlich- auf hübsche weibliche Mitglieder, wenn solche zu mir in d'Schul' geh'n, kommen's mir nurG'lezenheit, dann sollt's sehen, was für Spaß ich ausfnhren kann — rein zum Kranklachen! Klampfm. Dann wär't 2hr für mein neues Unternehmen eine sehr vortheilhafte Acquisition! Lori (gespannt). Neu's Unternehmen? Laßt's doch hören! Klampfm. Wißt's, meiner Sali kommt ihr bisheriger Wirkungskreis zu klein vor — sie weiß, daß's mir unentbehrlich ist, und sobald Eine das weiß, will's Sprüng' machen — deswegen hat sie als Tänzerin zum Theater wollen, und ich bab' sie nur durch das Versprechen erhalten können, daß ich selber ein' Anstalt begründen will, die wenigstens das Mittelding zwischen Harfenistentisch und Theater ist — nämlich eine Singspielhallc — dazu brauch' ich Gebt'sauf jeden Fall in Eurs. Lori. 2a so. 2hr meint's, euere Schülerinnen müssen Euch zahlen? Klampfm. Versteht sich! Entweder selber zahlen, oder 2emanden finden, der 's Lehrgeld zahlt. Na, Euch wird das nicht schwer fallen, 2hr dürft's nur dem Schelmhofer a gut's Wort geben. Lori (aufmerksam). Dem Sckelmhofer? Was wißt 2hr von dem? Klampfm. Na. er ist Publicus von mir g'wesen, ich ihn jetzt, seitdem er liegt, alle Tag'. Lori. So, 2hr besucht ihn? Klampfm. Und da hat er mir erzählt — Lori. Euch — erzählt? Und mir ist doch g'sagt worden, daß er noch gar nicht im Stand' wäre, über das, was ihn betroffen hat, gehörige Auskunft z'geben. ein täglicher d'rum b'such' 23 Klampfm. (hnmlich). Ja, wie die Commission kommen ist, hat er sich ganz betäubt g'stellt, weil er noch kein' Auskunft geben will, bevor er mit Euch g'red't hat, er bat mir aufgetragen, Euch z'sagen, Ihr sollt's nur zu ihm kommen — Lori (bedenklich). Ich — zn ihm? zum Schelmhofer?! Klampfm. Er muß Euch helfen und er wird's thun, er hat mir'S selber g'sagt. Lori. So? (Entschlossen.) Ja, er soll mir helfen. Jetzt hören alle Bedenklichkeiten auf. Führt's mich nur gleich zu ihm, jetzt nebm' ich von ihm Geld auf, und nachher komm' ich gleich zu Euch! Laßt's was Herrichten, ich will mein' Einftand zahlen und dabei muß's lustig hergeh'n! Ich will mir Alles, was g'scheh'n ist, auö'n Kopf schlagen! Man lebt nur einmal! Klampfm. Bravissimo! Ihr seid's ja schon ein wabr's Genie von einer freien Künstlerin! Na. kommt's! (Nimmt ihren Arm unter den (einigen.) Wenn zwei Leut', so wie wir, Arm in Arm geh n, dann muß 's G'schäft in d'Blüh' kommen! (Wendet sich mit ihr zum Abgehrn.) Vierte Scene. Vorige. Margrcth. Weiber, dann Kleinbrod. Margr. (tritt wieder von rechts hervor. Klampsmaier und Lori erblickend, schlägt sie die Hände zusammen und winkt nach rechts und links V Andere Weiber (treten theil- zu beiden Seiten heraus. theilS erscheinen sie an den Fen» stern der Häuser, alle mit Zeichen deS Staunens und der Entrüstung). Lori (erblickt die Weiber und will ihren Arm ^on Klampsmaier loSmachen, leise zu ihm). Schaut's nur — die Leut'! Klampfm. (leise zu Lori). Aha! sie mo- quiren sich. DaS »st g'rad' recht! Wenn man eine öffentliche Persönlichkeit ist, muß man den Lcutcu was z'reden geben. Alleseins, ob's was Gut's oder was Sckleckt's ist, es ist a Reklame und begründet dicPo- pulärität! Also nur fest ausgetreten mir einer Liegtmirnichtsd'ran-Phvstognomie, so fordertman sein Jahrhundert in die Schranken! (Geht mit Lori nach dem Hintergründe rechts ab.) ^ Fünfte Seene. Verwandlung. (Zimmer in Schelmhofer'S Hause, altmodisch reich möblirt, mit «einer Mittel-und zwei Seitenthüren, rechts ein Sofa mit daraufliegenden Kiffen und Decken, daneben ein Tischchen, woraus eine Arz« neiflasche und ein GlaS mit einem Silberlöffel steht, links ein anderer Tisch und Stühle) Schclmhofer. HannS. Schelmb. (im Schlafrockr, den Kops mit einem Tuche umwunden, tritt ganz rüstig auS der Seitenthüre rechts). Hanns (folgt ihm). Schelmh. Geh', Hanns'l, laß' Dir jetzt dein Essen bringen, mich hungert. Hanns (geht zur Mittelthür und ruft hinaus) Mei Essen, V'ronl'! (Kehrt zurück.) Aber, Herr, ich begreif' Euch nit'. Schelmh. Dafür bin ich der Herr, Du der Knecht. Und das ist der Unterschied. Ein Herr darf Unbegreifliches verlangen, aber thun müssen, was man nickt begreifen kann, das ist der Stempel der Knechtschaft. Aber red', was kannst Du nicht begreifen? Hanns. Na, daß's Ihr ang'schafft habt's, daß für mick alle Tag' recht gut und recht viel' kocht wird, für mich alle Tag' a Flaschen Wein 'rauftrag'n laßt's — Schelmh. Natürlich! Du bist mein Krankenwärter, der Tag und Nacht bei mir sein muß, solche Leut' brauchen was zu ihrer Stärkung. Hanns. Wär' schon recht, aber wann nachher 's Essen kommt — Schelmh. Nachher kost' ich'S z'erst, damit ich mich überzeug', ob für meine Leut' ordentlich 'kocht wird — das ist väterliche Fürsorg'! — Aber still! Mt gegen die Mittel, thür) ich hör' schon das Tellergerassel! (Hine Hand in dir Gegend de- Magens legend.) Au weh! — Mei' Magen bellt schon förmlich, wenn er daS hört! (Setzt sich aus das Sofa und lehnt den Kopf auf das Kiffen.) Sechste Scene. Vorige — Dronl. Vronl (eine alte Magd, tritt durch die Mitte et», auf einem Brette eine Schüssel mit einer gebratenen Gans. Kuchen, eine große Flasche Wein und eine Taffe mit Suppe tragend). So, Hanns! da ist euer Mittagmal! (Stellt da- Brett aus den Tisch links.) Hanns (für pch). Mei MittagSmal! wär' z'wünschen! Dronl (nimmt die Suppentaffr und trägt fie zu Schelmhofer) Und da ist eure lam're Suppen, wie's der Bader erlaubt hat. Schelmh. (mit matter Stimme). Stell' ste's nur daher! (Auf den Tisch neben dem Sofa weisend ) Ich glaub' kaum, daßich'sanrübren werd'! Mir schmeckt noch kein kleiner Bissen! HannS (für sich). Aber d'großen! Vronl (zu Hanns). Laßt's Euch's schmecken, Hanns! (Ab durch die Mitte.) Hanns. Ja — an Appetit fehlt'S nicht! Setzt sich an den Tisch rechts und beginnt die Gans zu zerlegen ) Schelmh. (ist sogleich, nachdem Dronl ab- gegangen, zur Mittelthür geeilt, hat dm Riegel vorgeschoben und tritt nun zu Hanns, den er am Kragen saßt und vom Sitze wrgschleudert). Kerl! ich glaub' gar, Du willst vor mir essen! (Beginnt während des Folgenden mit Hast zu essen, schenkt sich wiederholt ein und trinkt- Hanns (ihn betrachtend, für sich)- DaS nennt er kosten! (Laut.) Aber, Herr! sagt's mir nur, warum macht's denn vor den Andern aG'heimniß d'raus, daß'S so ein' Vih- hunger babt'S? — warum laßt's Euch vom Bader ganze Maßflaschen Mediein verschreiben, und trinkt's dafür Wein? — warum —? Sckelmh. (fortwährend essend). Ein Narr fragt in ein' Tag zehnmal mehr', als zehn Gelehrtem zehn Jahren beantworten können! Hanns (verdrüßlich). Ich glaub' schon gar nicht, daß Euch was Rechts fehlt! Schelmh. Willst Du g'schciter sein, als der Bader? Der hat einmal das Parere abgegeben, daß zwar an mein' Kopf auswendig nichts z'sinden wäre, daß aber doch eine Erschütterung des Gehirns zu befürchten — Hanns (für sich). Ja, roglich war's schon allweil! Schelmh. Ich bin also nach ärztlichem Befund' noch immer gefährlich krank — und ich will's sein! Hanns. Ja, ja — (auf den Mund deutend) Ihr habt's waS Fressendes im G'stckt! Schelmh. Und wann Du Jemanden ein Wort von meinen Diätfehlern sagst, so kannst dein' Buckel schmieren! HannS. Nein, nein! ich sag' nichts! Schelmh. Recht so! — denn 's wär' mir leid um Dich — bist sonst a braver Kerl — ich laß' nichts auf Dick kommen! Hanns. Besonders vom Essen! (ES wird an der Mittelthür gepocht.) Schelmh. (vom Sitze aufspringend). Herrgott! es kommt wer! Hanns. Soll ich aufmachen? Schelmh. Ja — aber laß' Dit Zeit! Hanns (geht langsam gegen die Mittelthür). Schelmh. (nimmt schnell die Flasche Wein vom Tische, trägt fie ans den Tisch neben dem Sofa, nimmt von diesem die Medicinflasche, stellt fie auf den Tisch rechts, eilt dann wieder znm Sofa und wirft fich auf dasselbe). So! jetzt kannst schon anfmachen! Siebente Scene. Vorige — Klampfm. Hanns (öffnet die Mittelthür). Klampfm. (tritt ein). Schelmh. «h! Ihr seid'S. Klampf- meier? (Setzt sich wieder auf) Klampfm. Za — und nit allein! (Tritt zu Schelmhofer. leise.) Die Lori ist wieder z'ruck' und wart' unten! ScdelNth. (hoch erfreut, will mit beiden Füßen au- dem Bett springen). Was — die Lori?! — das ist mir jetzt durch alle Glieder g'fahr'n! Klampfm. (ihn wieder auf sein Lager zu- rückdrücknid. leise). Vst! pst! Nit so hitzig! laßt's früher mit Euch reden! (Setzt sich auf einen Stuhl neben dem Sofa und spricht leise mit ihm fort ) Hanns (für sich). Den Augenblick muß ick mir z'Nutzen machen! heut' hat er doch noch was übrig lassen! — Wenigstens a GlaSlWein will ich mir vergunnen! (S henkt iich aus der Medicinflasche ein Glaz voll und lent e-hastig — dann sich schüttelnd. (Prr! was ist denn das? (Besicht die Flasche — und ficht dann auf Schelmhofer, für sich.) O der Haupt- spitzbub'! (Sichwiederbeutelnd.) OpfuiTeurel! pfui Teure!! da muß ick was Süßes d'raus rssrn! (Nimmt rin Stück Kuchen und verzehrt es.) Klampfm. (leise zu Schelmhofer). Ihr ver- derbt'sAlles,wann'sEuck jetzt schon verrath's. Schelmh. Nun, ich will mich z'sammen nehmen — noch immer den g'fährlich Kran- len spielen! Klampfm. Das müßt's, denn wie's bekannt wird, daß Euch eigentlich gar nichts fehlt, so kriegt's gleich a Vorladung in d'Stadt hinein, wegen der Aussag' — Schelmh. Und das ift's, auf was ich mich fürcht' — eS ist so ein' eigene Sack' mit so einer Aussag' — b'sonderS wann man selber nicht recht weiß, was man aus- sagen svll. Klampfm. Aber Ihr braucht's ja nur d'Wahrheit z'sagen! Schelmh. D'Wahrheit ist aber, daß ich an dem Abend ein' solchen Rausch g'habt bab'. daß ick selber nicht g'wußt Hab', ob ich ein Mandel oder a Weibel bin- Klampfm. (immer eindringlicher). Aber 2hr wißt'S dock, daß Euch der Sckilfner nachgangen ist — Schelmh. Ja — das weiß ich, und daß er mich ganz kurz anq'redt Hit, ich soll ihm hundert Gulden leihen, das weiß ich auch! Klampfm. Ihr habt's ihm's aber nicht geben — Schelmh. Nein, ich Hab' ihm g'sagt, ich werd' ihm's am nächsten Tag in's Haus bringen — »Nein! — nein!* sagt er d'raus, »dann könnt's z'spät sein — gebr's mir's gleich!* — »Nein!* sag' ich d'ranf, — »wann ich'S hergeb', muß euer Weib dabei sein! — »Aber* — sagt er d'raus — »ick brauch' jetzt Geld — jetzt!*— »Na,* sag' ich d'raus »da habt's derweil a paar Thaler als Drangab'* — und geb' ihm's auch — »aber jetzt* — sag' ich — »laßt'- mich in Ruh' — bei der Nackt zieh ich mei Brieftaschen nicht heraus!* — Mit den Worten Hab' ich ihn steh'n lassen — Klampfm. Aber er ist Euch doch nach gangen — Schelmh. Das weiß ich nicht — ick weiß nur, daß ich weitertorkelt bin — und auf einmal — ein' Schlag, der mir denHur bis aufn Hals antrieben hat — ich fall' -ich g'spür' a Hand, die sich auf mei' Maul legt — ein' and re — die da — (auf die Brusttasche weiseud) 'rumgrabbelt — mir sein d'Sinn' vergangen, und — weiter weiß ich gar nichts — aber rein gar nichts mehr! Klampfm. (erregt vom Sitze aufstehrnd). Aber das ist ja schon g'nng, Ihr dürft'S nur noch dazu sagen, daß Ihr glaubt, der Sckilfner hat Euch das otban — Sckelmh. Aber das ift's ja g'rad, daß ich daS selber doch nicht reckt glauben kann. Klampfm. Nicht? (Höhnend.) Na — sagt's daS vor Gericht — vielleicht macht's dadurch den Schilfner frei — was Ihr aber dann, wann er frei ist — bei der Lori erreicht's- Sckelmh. Hm! 'S iS wahr —der Kerl ist eifersüchtig wie a Türk' — ich hält' ihm beleihest verschafft, aber ich selber dürft' mir doch ka Freiheit herauSnehmen! Lassen wir ihn lieber noch a Weil' dunsten — 26 Klampfm. Das ist vernünftig! Je länger der Mann dunst't, desto marbcr wird das Weiberl! — Sie wird Euch um Geld kommen - ich werd' schon machen, daß sie Euch oft um Geld kommt — Schelmb. Da muß ich ihr aber doch zeigen, daß ich mich schon leichter fühl' — Klampfm. Nack und nach! — Nnr nach und nach! — dann wird eure Groß- muth einerseits — ihre Dankbarkeit andrerseits — na — Ihr versteht's! Schelmh. Ja — ja — cs wird eine Vermischung der edelsten Gefühle! Klampfm. Ja — b'sonders wenn's vor ihr Medicin triukt's! — (Horchend.) Still! mir scheint, ich hör's schon draußen reden! Schelmh. Ja— sic ist's! (Will sich wieder aufrichten.) Klampfm. sjh„ niederdrückend). Still, liegen bleiben! 'schön hüten! Schelmh. Wann ich mich nur nicht vergiß! Klampfm. Dafür soll euer Krankenwärter sorgen! (Ruft.) He! Hanns! Hanns (hat während der vorhergehenden Scene durch seine Geberdrn eine zunehmende Ueb- lichkeit gezeigt und fitzt nun, beide Hände aus den Magen gelegt, in verkrümmter Stellung am Tische links). Was wollt's denn? Klampfm. Im Zustand deines Herrn dürfte heut' eine Krisis eintrcten — Hab' also ein achtsam's Aug' auf ihn — Hanns (mit saurem Gesicht). Ich? — acktsam's Aug'? — o Gott! — mir — mir wird selber grün und gelb vor den Augen — ich — (aufstehend und wankend) ich kann ihm bei seiner Kriris nicht bcisiehen — ich Hab' meine eigene! — (Sich krüm- mend.) O Gott! o Gott! — Vronl! ein' Ka- millenthee! (Mt durch die Mitte ab.) Klampfm. (ihm verwundert nachsehend). Was ist denn ^em Burschen? Sckelmh. Ha ha ha! kann mir's denken! Gr hat von meiner Medicin g'naicht und die ist gegen die Eongestioueu nach'n Kopf! Klampfm. (nach der Mittelthür sehend, rasch, leise). Still! still! liegen bleiben! schwach sein! Achte Scene. Vorige. Lori. Lori (erscheint unter der Mittelthür). Herr Schelmhofer! S chel m h. (mit ganz matter Stimme). Grüß' Eng Gott, Frau Lori! Klampfm. (leise zu Lori). Bringt'S euer Anliegen nur vor — ich Hab' schon vor- g'arbeit' — ich geh derweil z'Haus, Alles Herrichten — Lori. Und ich soll da — bei ihm allein? Aber — er ist ja so schwer krank! Klampfm. Versteht sich — Ihr lost nur den Krankenwärter in sein' Dienst ab! (Zu Schelmhoser.) Ist Euch die Krankenwärterin nicht recht? — was? — Ich glaub', die könnt' den Krankesteu wieder ausbrin- gen! — Na! gute Verrichtung! (Ab durch die Mitte.) Lori (tritt zu Schelmhoser). Na, wie geht's Euch denn? (Sieht ihn mit einem durchdringenden Blicke an.) Schelmh. (unruhig werdend, für sich). O Gott! die Augen! g'rad' als ob ich unter zwei Brenngläscrn lieget! Lori. Na — ich find', Ihr seht's recht gut aus! Schelmh. Auswendig, Frau Lorll — aber einwendig — (Seufzend.) O Gott! Lori (fich von ihm abwendend, für sich). Er ist kerng'sund, das Hab' ich weg! Aber vor mir soll er sich nicht lang verstellen! (Laut.) Man hat mir euren Zustand schon so g'schil- dert, als ob Ihr jeden Tag der Auflösung entgegenginget's! Schelmh. Auflösung? Ah nein! das kann mir nit paffiren — dagegen Hab' ich a Mittel — Lori. Was denn? Schelmh. Ich lass'mich nie in ein' 27 Landtag wählen! — Liber jetzt — setzt's Huck — nah' — recht nab' zu mir! Lori (nimmt sich einen Stuhl und setzt sich in einiger Entfernung von ihm). Ich Hab' mit buck in einer ganz eignen Ang'legenheit z'rcden —das heißt, wenn'sEuch nit z'stark anstrengl — / Schclmh. Wenn auch! — für buck streng' ich mich mit Vergnügen an! — Ihr wollt's wahrsckeinlich wegen eurem Mann bitten? Lori. Daß er bald wieder frei wurd'? Gott soll bewahren! Ich erschreck'völlig vor dem Gedanken, wieder mit ihm leben z'müssen! — Mit so ein' Menschen —! Schelmh. Der sich das nächtliche Ueber- fallcn ang'wöhnt hat! — Ihr wär't am bnd' selber davor nit sicher! Lori. Ein' Raub begeh n! und gleich so viel! — Sagt's mir, wißt's denn genau, wie viel in eurer Briestaschen war? Schelmh. Versteht sich! Ick Hab' mir ja noch, wie ich die dreitausend Gulden cin- q'nommen Hab', weil'S lauter hohe Banknoten waren, die Nummern aufg'schrieben! Lori (lebhaft). Habt's das? —Wo habt's den Zettel? Schelmh. Es ist gar ka Zettel — 's ist so a klein's Schiefertaferl, was mit in der Brieftaschen einbunden war — da Hab' ich's derweil d'rauf kratzelt. Lori. In der nämlichen Brieftaschen die Euch g'stohlen worden ist? (Aergerlich.) Ta habt's was Sauberes davon! Schelmh. Ick Hab' davon, daß Ihr mir kommen scid's! — Da ist doch was Saubers? (Zärtlich.) O Lori! Weiberl! (Richtet sich etwas auf.) Lori (mit dem Stuhle noch weiter wegrückcnd, aber coquett). Na — na — na! Wie wird Euch denn? — Schelmh. (für sich). Hab' mich ver- gefsen! (Sinkt wieder zurück, mit matter Stimme.) Ach! seht's! so geht's mir immer! Manchmal reißt's mich so in d'Höh' und da —da muß ich g'schwind' d'rauf einnehmen 5 (Sehr schwach.) Wann nur — der Hanns da wär' — daß er mir die Medicin- Lori. Na — Medicin eingeben — das will ich schon tbun! (Steht auf.) Schelmh. (erfreut, aber noch sich schwach stellend). Ja? Ja? Lori. Na — ich (ihn freundlich anblickend) kann Euch doch nicht verschmachten lassen! (Tritt zum Tische rechts, auf die Weinflasche weisend.) Ist's die? Schelmh. Ja — ja! Lori. Wie viel müßt's denn immer davon einnehmen? Schelmh. (kläglich). Alle halbe Stuud' ein Pfiff — will ich sagen: zwei Eßlöffel voll — schenkt'S nur 'S GlaSl voll — da- mit's ausgibt! Lori (schenkt ihm daS Glas ein, riecht dazu, für sich). Das ist ja — purer Wein! — Na wart'! Mich wirst lang foppen! (Wendet sich wieder zu ihm und hält ihm das Glas an den Mund.) So — trinkt's nur! — Ist's recht bitter? Schclmh. (nachdem er sich wieder aufgerichtet und da- Glas geleert hat). Bitter? O — wenn Ihr mich trinken laßt's, wird selbst ein Kramperlthee zum Syrup! Lori. Mir scheint, euer Verband (auf sein Kopftuch weisend) hat sich verschoben — ich will nach eurer Wunden jeden — (Nähert ihre Hände seiner Stirne.) Schelmh. (feurig ihre Hand fassend). Mei Wunden! die ist nicht da — sondern da! — (Zieht ihre Hände an sein Herz, wie elektrifirt in die Höh?sahrrnd.) Ha! wie das durch und durch kruselt! — Weib! Engel! — (Will sie umschlingen.) Lori (entzieht ihm rasch ihre'Hand und eilt von ihm weg). Mir scheint — Euch packt 'S Wundfieber! Schelmh. (für sich). Hab' mich schon Wieder vergessen! — Aber der Teufel Hall s auch aus! (Legt sich wieder.) Frau Lori! Ich bitt' Euck — redt'S von einer trockenen Ge- schäftssach' — (Für sich.) Vielleicht kühlt mich daS ab! 28 Lori. Na — der Mampfmaicr wird Euch wohl g'sagt haben — Schelmh. Daß Ihr Euch der Oeffent- lichkett widmen wollt's — ja! Lori. Aber dazu brauch' ich halt für « Anfang Geld — viel Geld! Schelmb. Macht m'r! Ich streck' vor! was braucht'S denn? Lori. Ich brauch' — aber erschreckt'- nur nicht! — Hundert Gulden — nota- dvnv in Silberzwanznern! Schelmh. In Silberzwanzigern? Na hört's, ich Hab' wohl g'lcsen, daß die Opern- sängcrinnen fich so aufs Silber capriciren — aber für a Singspielhallerin braucht'S doch nit so viel Metall! Lori. Ich muß's haben und wann Ihr mir die G'sästigkeit nit erweisen wollt'S — Schelmh. (rasch). Nein — nein! ich will Euch auf jede Art g'fällig sein — Ihr sollt'S es haben — ich schick' Euch's gleich nachher in's Haus - aber (wieder zärtlich) kommt'S doch a biß'l näher! Lori (etwas näher kommend). Wenn s mir versprecht'-, brav z'sein! — Nit rühren! Ich könnt's ja vor Gott und der Welt nit verantworten, wann ich d'Schuld wär', daß's noch schlechter wurd's, als's eh' schon seid'-! Schelmh. Nein, Weiberl! — Ihr macht'S mich .eher g'sund! — Sagt's mir — jetzt, wo's so viel als Witwe seid's — und wo's ein' ganz neuen Stand wählt's — da braucht'S doch wen, der,Euch mit Ratb und That an die Hand gebt — einen Beschützer — Eurmacker — Curator, will ich sagen! Habt's Euch denn schon um- g'schaut um so ein Freund? Lori (mit gesenkten Augen). Hm! Ick mein', der wird sich schon finden! — Der Klampfmaier hat mir im Hergeh'n g'sagt, er wollt' heut' noch and re Frauenzimmer, die er für sein Unternehmen ang'worben hat, einladen und Herren werden auch kom» men — Stadtherren sogar — und da meint der Mampfmaier — Sckelmh. (heftig auffahrend). Der Mampf, maier ist a Lump! — Davon hat er mir nichts g'sagt! Lori. Ich sag' Enck's ja — und (mit einem herausfordernden Blicke) 's ist recht schad', daß Ihr noch so übel d'ran seid'S — Schelmh. (entzückt). Was? — Ihr — Ihr bedauert's das? — Ihr hatt'S gern, daß ich auch dabei wär? — Lori! Schatzerl! redt's — um Astes in der Welt — redt'S! — Nur ein Wort! — Ihr wollt's —? Lori. WaS nutzt'S, wenn i will? Ihr seid's ja doch noch zu schwach, als daß Ihr — bis heut' Abend — Schelmh. Bis heut' Abend? — bis dahin muß ich g'sund sein — ich brauch' a Roßcur! — Ick sauf die ganze Medicin auf einmal aus! (Trinkt aus der Flasche.) Lori (verräth, während er trinkt, heimlich ihre Freude, daun aber dir Besorgte spielend). Schelmhofer! halt's ein! — ick bitt' Euch! — Ihr werd's auf d'letzt zu g'sund! Schelmh. (vollends vom Sofa aufspringend). 3a — der Gedanken — euer Freund — ich strotz' bereits vor G'sundheit — (Will auf sie zu.) Lori (schnell gegen die Mittelthür retirirrnd). Den Freund — den ich mir ausg'sucht Hab' — den — Schelmh. Den? — den? Lori. Den hoff' ich — heut' Abend auf, führen z'können! — Also — baldige Besserung — Adieu! — (Wirft ihm eine Kußhand zu) Bah! — Heut'Abend! (Eilt ab.) Schelmh. (allein). Sie rennt fort? — nnd ick — ich soll noch den Kranken spie, len? Nein! (Reißt das Tuch vom Kopie.) Ick bin g'sund — stark — mit zehn Büffeln nehm' ick's auf! — Ick wist ausgeh'n! (Ruft.) Hanns! Vronl! Mein' Bratelrock! meine Stiefel! Teufel! Wo steckt daS Volk? — (Schreiend) Hanns! Vronl! Hiinmel- tausendsappermcnt! 29 Neunte Scene. Schelmhofer, Hanns. Vronl, Schnit- terich. Hanns l (rllen durch die Mittelthür her» Vronl . rin). Was gibt's denn? Schnitt. I Gchelmh. Anziehen will ich mich! — Weg mit dem Spitalkittel! (Reißt fich den Zchlafrock herab.) Hanns j (durch sein Treiben erschreckt). Vronl § Um Gotteswillen! Herr —! Schnitt. Er ist im Delirium! — packt'S ihn —! Hanns i (wollen auf Schelmhofer zu). Vronl j Herr Schelmhofer! Schnitt. 3u's Bett! Ins Bett! fA Schelmh. (wirft deu Schlafrock über Vronl und Hanns). 3a — g'schwind in's Bett! (Schleudert Schnitterich auf da- Sofa.) Ha, ha. ha! bleibt's 3hr liegen! — 3ch Hab' a Hausmittel braucht — ich bin curirt! 3ch geh' zur Musik! zum Tanz! Heißa! 3uhe! (Eilt durch die Mitte ab.) Schnitt, (rafft fich wieder auf). Er ist wahnsinnig — er hat das Llisimn tremens! holt ihn ein! — Einen spanischen 3anker! — Kommt's kommt'S! (Eilt ebenfalls durch die Mitte ab.) HannS und Dronl (nochvomSchlafrocke nicht ganz losgekommen, eilen ihm nach). Zehnte Scene. Verwandlung. (Laazsaal im WiUhshause »zum blauen Schnepfen-, rückwärts eine Glaswand not einer Hauptthür, durch welche man in den Garten steht, rechts und link- Seiten! hüren. Dir Wände sind mit Tannen» reisig und farbigen Papierketten behängen, zwi» schen welchen ewige ordinäre Wandleuchter mit brennenden Kerzen angebracht find. Bänke und Etühle verschiedener Art stehen rings umher. An der Hinterwand ein Klavier.) Schnürberger. Klampfmaier. Klampfm. (in einem ihm nicht ganz Pas» senden abgetragenen schwarzen Anzüge mit ungeheurer weißer kravatte und wollenen weißen Handschuhen, einen Klaque-Hut unter dem Arme, tritt mit Schnürberger aus der Seitrnthür links). Schnürb. (aus die Wandverzierungen weisend). Da seht's, wie ich Euch den Saal Hab' richten lassen — g'rad' so wie im Fasching! Klampfm. (geringschätzend) 3a — schSn g'nug für ein' Bauernfasching! Aber was ich heut' veranstalt', wird mehr erotisch — mehr orientalisch — mehr Bairam als Fasching! Schnürb. Was manl's damit? Klampfm. (ihn imitirend) »Wasmant's damit?* — G'wöhnt's Euch jetzt ein' andern Ton gegen mich an! — 3ch bin nimmer der Zitberschlager — ich (fich in die Brust werfend) bin jetzt Direktor! — Schnürb. Aha! d'rum seid'S auch schon ganz schwarz! Klampfm. 3a —ich Hab' mein' Natio- nalitäts-Costume mit dem cosmopolitischen Frack vertauscht, denn mein' 3nstitut soll nicht nur für eine Nation, sondern für die Welt — wenigstens für die halbe Welt, erricht' werden! — d'rum muß's nobel her» geh'n! nur feine Bildung — sonst hust' ich auf'S ganze Krippelg'spiel! Scknürb. Also wird sich hem' a feine G'sellschaft dahier z'sammfinden? Klampfm. Na ob?! 3ch Hab'ein' Agenten g'sagt, er soll mir Alles zuschicken, was von renommirren Künstlerinnen just vaci- rend ist — und 's haben sich schon a paar Dutzend g'meld't — lauter renommirte! Schnürb. Und werd's da gleich Komödie spielen? Klampfm. Nein! — Vor der Hand werdeu's nur alle probirt — zu dem Zweck arrangir' ich geschlossene Kränzchen, zu denen Zeder Zutritt hat, der woS zahlt — nur die Damen sein frei! Schnürb. Aber g'cssen und'trunken wird doch auch werden? Klampfm. Versteht sich! — 'S kommen ja auch die Kunstfreund' und Gönner — die gönnen sich uud Andern was! Schnürb. Schaut's nur, daß d'Gäsi' brav zehren, dann sollt's 3hr und euer Sali zechfrei sein! (Ab nach links.) Klampfm. (allein). 3a — ich frei aus- geh'n— And're die Zech' zahlen! das ist's, auf waS mei ganze Spekulation g'richt ist! 30 Etlfte Scene. Klampfmaier. Sali. Sali (in einem nicht ganz modernen Seiden- kliide, eine Coiffure mit Federn aus dem Kopfe, tritt aus der Seitenthür rechts). Klampfm. Ah, die Sali! (Ihr entgegen« gehend.) Grüß Dich Gott, Direktrice! Ha! — gelt? das klingt halt a bißl schön! »Direktrice!« Sali. Ja, wann man nur auch darnach ausschauet! Du hast mir zwar verspreche«, daß wir bald auf ein' noblen Fuß leben werden, aber (auf ihr Kleid weisend) das Fabnl, was d' mir da kauft hast, ist mir noch kein' Ersatz für die glä nzenden Aussichten, denen ich entsagt Hab'! Klampfm. Ich Hab' mein' G'lüftl auch nit beim Gunkel machen lassen — ich hab's beim Dorfschneider, noch dazu auf Puff g'nommen — und so ist's recht — mit Schulden ansangen, das nennt man bescheiden auftreten; —erst bis 'sG'schaft in Schwung kommt, dann — — aber (horchend) ich hör' Wägen Vorfahren! (Geht zur Glaswand und sieht gegen den Hintergrund links.) Aha! meine künftige Trupp' ruckt an! (Oeffnet die Mittelthür weit und ruft hinaus.) Nur da herein, Schätzerin! nur herein! Zwölfte Scene. Vorige. Jenni, Bertha, Ottilie, Rosalin de, mehrere andere Mädchen (sämmtlich in auffallender, aber ziemlich geschmackloser Weise geputzt, eilen lärmend zur Mittelthür herein und umringen sogleich Klampfmaier). Alle. Na — da sein wir! Bertha. Warum Haben s uns denn so weit da heraus -'stellt? Ottilie. Ist mein Schani noch nit da? Rosal. Was haben wir denn für a Musik? Mehrere Andere, 's wird dock tanzt auch? Klampfm. (bemüht, sich von ihnen loszumachen). Kinder! Kinder, zerreißt's mich nur nicht! So viel Interpellationen z'gleich bringen ein'um! — baßt's mich doch erst Revue halten! Stellt's Euch der Reih' nach auf! — (Stellt sie Alle in eine Reihe.) So! Und jetzt! — (Zu Sali.) Direktrice, deinen Arm! Lali (hängt sich in seinen Arm). Was willst denn? Klampfm. Wir wollen die Reihen ab« gehen! (Nimmt eine Feldherrnmienr an und geht mit Sali an den Mädchen vorüber, bei einzelnen stehen bleibend und sie herablassend ansprechend.) Ah, Fräulein Bertha! rühmlichst bekannt durch ihren decolletirten Liedervortrag! — Ha! Ottilie! die Perl'vom Sperl! (Zu Jenni) Ooock evsninK, tisnr oftilä! Jenni. Was sagen's? Klampfm. Sie können noch nicht englisch? Und ich Hab' Ihnen doch schon so oft beim »Engländer« troffen! — (Weiter gehend.) Ah, Rosalinde! — würdige Schü- leriu Humboldt's — Rosal. Wie meinen's das? Klampfm. Weil sie sich, wie er, ganz dem »Universum« gewidmet haben! (Nachdem er die Reihe entlang gegangen, stehen bleibend und Alle wohlgefällig betrachtend; zu Sali.) Ist das a schöne Trupp'! — Lauter gediente Leut'! — Die schaaren sich jetzt um meine Fahne; da müssen wir siegen! Wir concentriren uns jetzt da heraus) aufn Land und wenn mir gehörig einerercirt sein, dann geht's gegen die Stadt loS! — Wir etabliren eine Monstre-Singspielhallc, jede von Euch soll in ihrem Fach Beschäftigung finden, entweder im Singen oder im Spiel oder in der Halle! — Aber jetzt eine vertrauliche Mittheilung! Alle (wieder nähertretcnd). Was denn? — was denn? Klampfm. Es wird heut' noch eine Recrutin in unsere Compagnie einrangirt! Alle (neugierig). A Recrutin? Klampfm. Ja, ein junges in unsrer Kunst noch unerfahrenes Weiber! — ob's was kann, das weiß ich noch nit — 31 Sali. Aber ich hoff', daß unter meiner^ Anleitung schon was aus ihr werden wird ! Bertha. Na, wenn sie uns keine An. beter wegfischt, so wollen wir's unter uns dulden! Klampfm. Seid's ruhig! — Mit dem Artikel ist sie bereits versehen! Aber! (sicht gegen die Glaswand, hinter welcher mehrere Gäste sichtbar werden) mir scheint, da kommen schon eure Verbündeten! Alle Mädchen (sehen sich rasch^ ^ nach dem Hintergründe um). i — Bertha. Ha! mein Baron! IT» 2!! Ottilie. Der Schani! R 0 sa l. Mein Friseur-Schorschel! Ienni. MeinvierstöckigerHaus- herrnösohn! Dreizehnte Scene. Vorige. Jean. Georg. Scküberl. Bartheim. Mehrere andere Städter, dann Kleinbrod, Hufnagel, Protzer, Schnürbcrger. Kellner. Jean, Georg, Schöberl, Bartheim, Städter (sämmtlich Rou^s ordinärer Sorte, auffallend durch ihre Kleidung, keck in ihrem Benehmen, treten durch die Mitte ein und eilen sogleich jeder auf eine- der Mädchen zu, dasselbe in vertraulicher Weise, den Hut auf dem Kopfe behaltend, begrüßend). Jean. Servus, Tilli! - ^ Georg. Da bin ick, Roserl! Rosal. Hast beut' srüber 'sGe- wülb zng'sperrt? Schöberl. Warum hast denn nit g'wart, bis ick Dick mit mein' Zeuge! abhol'? Barth. Heut' kann's schön werden, laut muß's umgeh n! Klampfm. (bemüht das allgemeine Ge surre zu überschreien). Meine Damen! Meine Herren! Crlauben's, daß wir auch auf der Welt sein! Z K r- 2. r» ^ v 3, S S Jean. Ah — derKlampfmaier! Servas! Georg (Sali betrachtend). Und die Brand- Sali! Ui! wie haben's denn die ang'legt? Schöberl (zu Sali tretend). Grüß' Dich Gott, Alplerin! (Will sie am Kinn fassen.) Sali (affectirt). Ich glaub', Sic könnten sehen, daß sick unsere Verhältnis geändert haben! — 's ist nicht mehr so wie eh'dem! Klampfm. (sie am Kleide zupfend, leise zu ihr). Sali! thu' nit so dick! (Laut zu Scho- berl.) Sie will nämlich sagen, daß von jetzt an in unsere Cercles ein noblerer Ton ein- g'sührt wird. (Käst grob.) Also Rest mit dem »Du!*, vor Allem aber heißt's (mit der Pantomime des GeldzählenS) setzen! 's ist ein g'schlossenes Kränzchen! Georg. Na! mit dem sein wir g'stellt! (Gibt ihm Geld.) Schöberl. Man kommt wohlfeiler d'raus, als wann's ei'm alle Augenblick 'S Teller unter d'Nasen reiben. (Gibt ihm auch Geld.) (Die Uebrigen zahlen auch.) Klampfm. (das Geld einsteckend). So. das Budget ist gedeckt — und jetzt thun die Herrschaften, als wann's z'HauS wären. Jean (Ottilie den Arm reichend). He da! Wirthshaus! (Schnürberger, Kellner eilen von link- herbei.) Schnürb. Gleich soll Alles da sein! (Zu den Kellnern.) Nehmt's d' Füß in d' Händ'! (Die Herren und Mädchen setzen sich theilS an die runden Tische, theils gruppiren sie sich um das Buffet, essen, trinken, stoßen mit den Gläsern an rc., so daß da- Ganze ein bunt bewegtes Bild gibt. Die Kellner, Schnürberger gehen fortwährend bedienend ab und zu. Kleinbrod, Hufnagel, einige Bauern erscheinen außerhalb der Glaswand und sehen zuerst nur neugierig herein.) Klampfm. (sie bemerkend, zu Sali). Aha! uns're eh'maligen Stammgäst'. Ich ließ'S gern herein, aber ich weiß nit, ob sie sich auch in so ein' Cercle bewegen könnten. (Protzer tritt durch die Mitrelthür em.) Klampfm. Ah — der Herr Bürgermeister auch? (Geht ihm entgegen.) Protzer (zu Klampfmaier). Na, ich muß doch nachschauen! — 's ist ja 's ganze Ort 32 aufg'rebellt — so viel' Wägen vor dem WirthShauS — Klampfm. Ja 's ist immer viel G'fahr ^ bei so ein' Unternehmen! Aber Sie sehen hier, wie sich die Gesittung der Residenz auch aufs Land verpflanzt. (Aus die Anwe- senden weisend.) Schau'ns Ihnen einmal die Plantage an! Ich Hab' für die besten Ableger g'sorgt. Proper. Na, ick bin nicht da, um Eud^ z'gcniren — ich will euer ruhiger Zuschauer! sein. (Geht zu einem der im Vordergründe recht- stehenden Tische und setzt sich an denselben.) Klampfm. (seife zu Sali). Leist der Obrigkeit G'sellschaft. damit's d'Augen nit gar überall hat. (Sali geht zu Protzer und setzt sich neben ihn.) Vierzehnte Scene. Vorige. Hellmann. (Hellmann, rin Mann in mittleren Jahren, mit eleganter Einfachheit gekleidet, tritt durch die Mit- telthür ein und steht sich im Saale um.) Klampfm. (ihn erblickend, für sich). Wer ist denn das? Der kommt mir nicht vor wie ein gewöhnlicher Volkssänger-Habitnö. (Geht auf ihn zu. barsch.) Sie erlauben! Dahier ist a g'schlossene G'sellschaft! Hellm. (ihn scharf ansehend) Und Sie find wohl der Arrangeur? Klampfm. 2a. Direktor Klampfmaier — aufz'warten! Hellm. Ah! ist mir lieb, Sie zu treffen — tch war eben hier im Orte zum Besuch' und hörte, daß hier eine Unterhaltung stattfinde. (Etwas leiser.) Wär' es denn für mich nicht möglich, daran Theil zu nehmen? Ich bin ein Freund von derlei Soireen und verlange es nicht umsonst! (Drückt ihm eine Banknote iu die Hand.) Klampfm. (besteht da- Geld, für sich). K Zehnerbanknoten! dafür thu'n sich alle geschloffnen Kränzchen auf. (Laut, sehr Höf. sich.) O — Euer Gnaden — Standespersonen! bitte — ist mir eine besondere Ehr'! (Führt ihn zu einem Tische link-.) Bitk' nur Platz z'nehmen,'s wird gleich ang'fangt. Hellm. (setzt sich). Lassen Sie sich in Ihrem Arrangement nicht weiter stören! Künfzehnte Scene. Vorige. Lori. Lori (in einem einfachen, aber mehr städtischen Kleide, tritt au- der Seiteuthür rechts). Klampfm. (fie erblickend und in dir Hände klatschend). Ah Bravo! meine neueste Errungenschaft! (Gegen die Gesellschaft ge- wendet.) Meine Damen! Begrüßen Sie Ihre jüngste Eollegin! (Faßt Loris Hand und führt fie in die Mitte der Bühne.) Hier Leo» nore! aber nicht die, die nm's Morgenrotd g'fahren ist! (Die ganze Gesellschaft drängt fich sogleich nach dem Vordergründe, di« Herren drücken ihre Zwicker io die Augen und begal- f n Lori.) Nit übel! Auf Ehr'! Hübsches G'wachS! Bertha (mit einem Ehampagnerglase in der Hand, tritt zu Lori). Na — auf gute Cameradschaft! Zenni (ihr ebenfalls ein GlaS Wein hin haltend). Trink' mituns Bruder-oder Schwe- sterschast! Mehrere Mädchen. Ja, ja, wir sein alle auf Du und Du! Lori (durch diesen Empfang doch etwa- verwirrt, die dargebotenen Gläser zurückweisend). Dank! Dank —! (für fich ) Die G'sell schüft! — und mit denen-?! (Sich ermahnend, für sich.) Aber 's muß sein! Bertba (zu den übrigen). Mir scheint gar, die will die Schüchterne spielen? — Na, die wird's weit bringen! Lori (sich wieder ganz heiter stellend). Na — nehmt'S mir'S nicht übel, daß ich im Anfang a biß'l baff war — Ha, ha, ha! erstes Debüt! — Jugendliche Anfängerin! — Äir werden schon vertrauter werden miteinander! Hellm. (überrascht von seinem Sitze auf- stehend). Täuschen mich meine Augen? — Nein — nein! sie ist's wirklich! Lori (sich ebenfalls überrascht nach ihm umskhend.) Die Stimm ! — lHellmann er» blickend und wie beschämt die Augen zu Bode» schlagend,. Gnädiger Herr — ! Klampfm. ! ^ . Die Mädchen » (ktstaunt). Wasrstdas? Hellm. (auf Lori zusehend und ihre Hand fassend). Meine niedliche Gärtnerin, die meine Blumen-Etagöre immer so blühend ausstattete — und Sie — hier? Lori (wir oben). Ja — ich — man hat mir g'sagt — mei Stimm' — und dann — Verhältnisse — Klampfm. (nähert sich ihr) Also eine alte Bekanntschaft? Lori. Ja — der gnädige Herr war mei beste Kundschaft in der Stadt — (Leise zu Klampfmaier). Sagt's ihm nicht s von der G'schicht mit mein' Mann! Hellm. (zu Lori). Nun, liebes Weibchen! Da ich weiß, daß Sic sich auch bei dem Unternehmen des Herrn Klampfmaier betheiligt haben, werde ich die Gelegenheit suchen, Sie reckt oft bewundern zu können! Aber Sie müssen mir doch erzählen — (Zieht sie mit sich an seinen Tisch und spricht leise mit ihr fort.) Klampfm. (leise zu Sali). Teufel! Teufel! — Da kommt was auf! Ist sie deswegen immer so fleißig in d'Stadt g'wan- dert mit ihren Blumen? Sali. Und da heraust hat's die Ehr- same g'spielt! — Na — denkt Hab' ich mir's eh! Ha, ha, ha! Klampfm. (leise). Am End' hat sie i>ch den ».gnädigen Herrn« daher b'stellt? Aber das darf ich nickt dulden — ich Hab' and're Plän' mit ihr! (Tritt zu Lori und Hellmann, laut zu Letzterem.) Sö — mei lie- ber gnädiger Herr — oder was's sein wol- lcn! Das leid ick uit, daß Sie da eine von einen Damen gleich für sich in Beschlag l Thtarn' Nr. 217. nehmen wollen! — Ich bin verantwortlich für die Moralität meiner Mitglieder! Mir geht nichts über die Beobachtung des Anstandes, und 's kost' mich ein Wort zu den Herren (aus die übrigen Herren weisend) so Werden s außig'wutzelt! Hellm. Ich glaube nicht gegen den Anstand verstoßen zu haben, indem ich mit der Madame einige Worte wechselte. Klampfm. Ab was! Sie hat was Anders z'thun, als Wort' z'wechseln, sie soll heut' die erste Prob' von ihrem Talent ab« legen, deshalb ist dieses Comitv (auf die Mädchen weisend) von Fachmännern versammelt. (Zu Lori.) Ich Hab' Ihnen a Lied geben, haben Sie's g'lernt? Alle. Ja, ja, a Lied, a Lied! Klampfm. Na also, nur heraus damit — und 'Sie (zu den anderen Mädchen) fallen dann im Chor ein. (Klatscht in die Hände.) Also aufgepaßt! Lori (fingt). Lied. Beim Trinken muß man b'hutsam sein, Denn Alles kommt gleich auf beim Wein! Der Mich! ist sonst a guter Bua, Laßt Gott und d'ganze Welt in Ruh', Dcrsteht's, sich immer so zu stell'«, Als kunnt' er nit bis fünfe zähl'n! Doch bringt ihn in d'Schenken. Da werd's daran denken, A Seite! nur 'trunken, Da springen ihm d'Funken Heraus bei den Augen, Nir thut ihm mehr taugen, Fangt an z'raisonniren, Mit Jedem z'disputiren, Ob's Bub' oder Mädel, Mit blutigem Schädel Thut d'G'sellschaft sich trennen, Da tbun'S erst erkennen. Daß in dem Michel, wann man 'n neck t, Der Teufel selber d'rinnen steckt! Ja, beim Trinken muß man b'hutsam sein, Denn Alles kommt gleich auf beim Wein! Chor. Ja, beim Trinken rc. rc. r 34 Lori. A Herr, der immer d'Aug'n ver« dreht, Und von Enthaltsamkeit nur red't, Er thut vom Mäßigkeitsverein, So hör' ich, auch ein Mitglied sein, Und geht in's Wirthshaus er zum Wein, Sckleicht er zur hinter'n Thür hinein. In d'dunkelsten Ecken Thut er sich verstecken, (Jmitirend.) Denn d'G'sellschaftgenirtihn. »A Pfiffer'l! Frau Wirthin, »Ich trink' niemals, weiß sie's, »Nur heut', weil's so heiß iS!« Ein' Pfiff, noch ein' zweiten Läßt «'unter er gleiten; Doch 's wird all'weil schwuler, In der Küchel ist's kühler, Tort steht die Frau Wirtbin Und die intereffirt ihn; A Busserl thut er gar degehr'n, Und wer dächt' das von dem guten Herrn?! Ja, beim Trinken muß man b'hutsam sein, Denn Alles kommt gleich auf beim Wein! Chor. Ja, beim Trinken rc. rc. Lori. A Dirndel gar so g'schamig thut, In d'Wangen schießt ihr gleich das Blut, Wann's freundlich anschaut' nur a Mann, Und grüßt sie einer und redt's an, Da schlagt's so tief die Augen nied'r, Als suchet's was in ihrem Mied'r! Nach'n Tanz war's, am Kirta, An Durst hat's just g'spürt da, Mit'n Nachbar sein Hannes Hat's tanzt, na, der kann es! D'rauf thut er im Garten Mit'n Glas ihr aufwarten; Sie thut mit den Lippen Zwar nur daran nippen, Doch 's wird ihr, nit z'laug'nen, Ganz wirblich vor n Aug'nen! Und wie er sie g'ftagt hat, Ob's 'n gern hat, hat's »ja« g'sagt, Und was 's ihm sonst noch g'sagt hat heut', Ihn hat's wohl g'freut, sie hat's bereut! Ja, beim Trinken muß man b'hutsam sein, Denn Alles kommt gleich auf beim Wein! Chor. Ja, beim Trinken rc. rc. Alle Herren (stimmen, in die Hände klatschend, auch mit ein). Sechzehnte Scene. Vorige. Schelmhofer. Musiker. Hufn., Kleinbr. und Bauern (haben ich während des Liedes auch in den Saal geschlichen). Musiker (find mit ihnen eingetreten und haben sich aus eine im Hintergründe rechts befindliche Tribüne postirt). Schclmh. (eilt gegen den Schluß des Liedes herein, steigt hinter dem die Sängerin umgebenden Kreis auf einen Tisch um sie über die Köpfe der Anwesenden sehen zu können). Klampfm. (nach Beendigung des Liedes, entzückt, Beifall klatschend). Lruvo! druvi! M8! kora! da ea^o! Außa! — Mit der Hab' ich ein Fang g'mackt! Die übrigen Herren (stimmen in de» Applaus und das Bravorufen mit ein). Skbelmh. (zieht aus' beiden Rocktasche» Bouquette und Kränze heraus und boyrbardirl mit denselben Lori). Alle Anwesenden (sich überrascht umst- hend). Was ist das? Klampfm. Wer urast denn so mit der Zuspeis? Alle (Schelmhofer erblickend, erstaunt). Der Schelmhofer! Schelmh. (springt vom Tische herab u»d tritt vor). 3a — ich bin's — in ganzer Le bensgröße! Protzer, Hufn., Kleinbr. und Sali Und ganz g'sund? Protzer. Euer Kopf —? Schelmh. Alles g'heilt! — Ich g'spür gar nit mehr, daß ich ein'Kopf Hab'! Protzer (zu ihm tretend). Das wird der Behörde sehr angenehm sein, denn ich Hab g'rad wegen Euch ein' amtliche Zuschrift — (Sucht in der Rocktasche.) 35 Schelmh. Amtliche Zuschrift? — Soll mir wieder übler werden? — Nichts davon! Protzer (zu Schclmhoftr). Aber seid's doch nur ein' Augenblick g'scheidt! Schelmh. Nein! was der Bürgermeister Alles verlangt! (Ungeduldig). Was ist's denn in Teufelsnamen? Protzer. Mir wird da g'scbrieben, ich soll dahin wirken, daß Ihr, sobald Ihr nur das Bett verlassen könnt's, sogleich in d'Stadt zum G licht kommen sollt's — wegen der Aussag' — das G licht wart also — Sckelmh. Wart's? — das ist g'scheit, so lauft's mir nit davon und ich kann mir Zeit lassen! Oder glaubt's, ich werd' gleich jetzt fort? Klampfm. (leise zu Schelmhofer). Nein! jetzt dürst's nit fort! — 's ist Einer da, der Euch bei der Lori auSstecken möcht'! Schelmh. Mich? — ausstechen? — das gibt's nit! Ick weiß, woran ich bin, und d' ganze Welt soll's wissen, woran's ist! (Geht zu Lori.) Lori! Ihr habt's g'sagt, daß's hofft's, heut' noch der ganzen G'sell- schaft den Mann vorstellen zu können, den Ihr Euck zu eurem Freund und Beschützer g'wählt habt's! Lori. Und da Derjenige, (Schelmhofer schlau zulächelnd) an den ich dabei denkt Hab', sich wirklich da eing'funden hat, so will ich's auch! Klampfm. Das muß aber auf eine demonstrative Art g'sckehen! — Laßt's nur mich das verarraugireu! lt' noch, aber ich bin noch nicht mit mir selber einig, nach welcher Richtung — na, ich laß' Ihnen's schon sagen. Hellm. Wohl! also ackisu! (Geht schnell durch die Mittellhür ab ) Klampfm. (zu Lori). Aber das g'fallt mir! Sie machen da Alles ab, ohne mich z'fragen, ob ich auch damit einverstanden bin? Sie thun ja g'rad, als ob für Ihnen a Director der Niemand war'! Lori. A paar Tag müßt's mir Urlaub geben, ich bring's schon wieder ein, 's ist ja nur, so lang mei Mann da ist — das wird so lang nicht dauern. Klampfm. Wann er aber am End' ganz freig'sprochen wurd'? Den Anschein hat's, sonst ließ man ihn nicht jetzt schon auf freiem Fuß! Lori. Ich begreif' das selber nicht, nach dem, was ich in der Stadt g'hört — (Wie plötzlich von einem Gedanken durchzuckt.) Aber — ja — deswegen — und wegen nichts Ander'n habeu's es than — sie hoffen ver- 39 mutblich g'rad' auf die Art g'schwindcr zu ein' vollständigen Beweis seiner Schuld zu kommen! Klampfm. (neugierig). Zu ein' Beweis? — wie das? Lori. Man hat mir in der Stadt g'sagt, das Einzige, was noch für den Conrad sprechet, wär' der Umstand, daß man bei ihm gar nichts von dem G'stohlenen g'funden hätt' — Klampfm. Das ist gar nichts! Er kann's derweil wo versteckt — vergraben haben — Lori. DaS ist's! Seht's, d rum laßt man ihn frei — aber ich wett' d rauf, daß man ihn heimlich auf Schritt und Tritt bewachen — daß man auf einmal sei Haus durchsuchen wird — und wann sich dann dort irgend was von dem find't, was dem Schelmhofer g'stohlen worden ist — Klampfm. (rasch aus den Gedanken eingehend). Ja dann — dann freilich helfet ihm kein Gott mehr heraus! Und gut wär's, wann die fatale G'schicht' einmal ganz abgeschlossen wär' — na ja! es könnten am End' noch ganz unschuldige Leut' in ^Untersuchung kommen. (Es wird an der Mittrlthür gepocht.) Lori (erschreckt). Um Gotteswiken! am End' — ist er's! Klampfm. Ihr Mann? Warum nit gar! Der klopfet nit erst an. (Ruft.) Herein! Dritte Scene. Vorige. Ein Diener. Ein Diener (eine kleine Chatouille tragend, tritt durch die Mitte ein). Madame Schilfner hier? Lori. Ja — die bin ich! Diener. Mein Herr beauftragte mich, Ihnen dieses Reise-Necessaire zu übergeben! Lori. Ah — weiß's schon! Nur her da- Schwere wegen zur Erde fallen.) Herrgott! hat das a G'wicht, das dürft' rein mit Blei g'füllt sein!- — Was ist denn da Alles d'rinn? Klampfm. Na, was man halt auf der Reis' braucht — Barbierzeug — Stic- felzieher — Diener (kin versiegeltes Papier hervorziehend und es Lori übergebend). Hier ist der Schlüssel zu dem Kästchen! — Doch ich soll noch eine Post — Lori. Ja so! (Stellt die Chatouille auf den Tisch, tritt mit dem Diener mehr in den Hintergrund und bespricht sich leise mit diesem). Sali (leise zu Klampfmrier). Ich begreif' nicht, daß Du sie so leicht fortgehen laßt — erst hast than, als ob Dir gar so viel an ihr lieget — Klampfm.'Na ja —ich Hab' denkt, wann ick Dich und sie z'sammspannet, hätt' ich a hübsche Zugkraft — aber ich seh' schon, die (auf Lori weisend) geht nur einspännig und d'rum ist's mir auch recht, daß's mir auf a Zeit auS'n Weg kommt, aber vor der Hand braucht das Niemand z'wiffen — — lassen wir nur alle Leut' bei dem Glauben, daß sie heut' noch auftreten wird — Diener (zu Lori). Sehr wohl! (Ab durch die Mitte.) Lori (kommt wieder in dm Vordergrund). Jetzt muß ich doch nachschauen, was er mir eigentlich g'schickt hat — (Nimmt aus dem Papiere ein kleine- Schlüsselchen, womit sie die Chatouille öffnet, überrascht.) Was seh' ich? — da — in dem Fach lauter Geld —! Klampfm. Na ja —das ist das eigentliche Necessaire! Lori. Aber schaut's nur — Alles schickt er mir in Zwanzigern! Klampfm. (hinsehend). Meiner Seel'! — Ihr Freund muß ein Ausländer sein! Sali (ebenfalls hinsehend). Alles in Rollen! — (Zu Lori ) Na — solche Rollen werden S i c vielleicht noch am besten zur Geltung bringen! Lori (betrachtet fortwährend das Geld, doch den Kopf schüttelnd). Hm! hm! hui! Mü! (Nimmt die Chatouille, läßt sie aber ihrei^ unzufrieden 40 — 's sein hundert Gulden — Alles in Zwanzigern! hm! (Schüttelt wieder den Kops.) Klampfm. Na — was hm'sens denn a so? — Ich glaub' gar, die Silberzahlung steht Ihnen nit an? Lori. Sie paßt auch nit zu mein' Vorhaben! — Wißt's — ich will kein' Wagen im Ort nehmen — da kommt's auf, wohin ich mich g'wend't Hab'—ich will wenigstens a paar Stund' weit z'Fuß geh n — aber mit dem schweren Kastel — nein! nein! 's ist auch wegen der Sicherheit — bei Nacht — Klampfm. 3a, ja — 's gibt schlechte Leut' — Lori. D'rum thät's mir ein' rechten G'fallen, wenn's mir das Geld in Banknoten umwechseln könnt'st — Klampfm. (nachfinnend). In Banknoten? Lori. Ja, wo möglich in große, die nähet ich mir in's Kleid ein, und wechslet mir's erst, wann ich an Ort und Stell' bin, in kleinere um. Klampfm. (wie oben) Erst wenn's an Ort und Stell', also weit weg von da sein? Lori. Na ja, für das, was ich unterwegs brauch', Hab' i schon a paar Gulden ertra. (Dringender ) Also schaut'S nur, daß's eS g'schwind möglich macht's, ich laß' Euch dafür 's Agio. Klampfm. Hm! da müßt' ich halt schauen, ob der Wirth im Haus so a Banknoten hat, geben's mir nur das Silbergeld. Lori. Da, da! (Gibt ihm die Geldrollen.) Aber macht's nur g'schwind, denn ich Hab' ka Ruh' und ka Rast mehr. Klampfm. Na, ich will daS Meinige für Ihr Fortkommen thun. Warren's nur, ich bin gleich wieder da, ich geh' nur in d' Wirthsstub'u hinunter. (Ab in die Seitenthür rechts.) Sali. Sie können rein von Glück sagen, daß's gleich so ein' Freund g'funden haben, der nur gleich so mit denHundertern da ist. Lori. Na, wenn man sich schon an'Freund halt', muß's Einer sein, der für ein' was thun kann, darin liegt ja für die meisten Leut' der Begriff von Freundschaft. Sali. Und das ist der Unterschied zwischen ein'Freund und ein'Liebhaber; wenn Eine mehr als ein' Liebhaber hat, so ist's abscheulich; mit die Freund' ist's anders. Da paßt das Sprichwort: Ein Feind ist z'viel, hundert Freund' noch z'wenig. Vierte Scene. ' Vorige. Klampfmaier. Klampfm. (kommt wieder aus der Seiten- thür rechts). Lori (rasch auf ihn zugehend). Was ist's? baben's so a Banknoten kriegt? Klampfm. (sich vorsichtig umsehend). Ja, zum Glück hat der Wirtb ein' Hunderter g'habt. Lori (hastig). Nur her damit, her! Klampfm. (ihr die Banknote gebend). Da! (Sieht sich wieder ängstlich um.) Lori (die Banknote besehend, erfreut). Richtig! Ein Hunderter! Ich dank' Euch! Damit habt's mir wirklich ein' großen Dienst erwiesen. Klampfm. (mehrängstlich). Aber stecken's es nur gleich ein, damit's Niemand sicht. Lori (ihn fixirend). Warum denn? Klampfm. Na, s'ist nur wegen Ihrer eigenen Sicherheit; s' soll Niemand wissen, daß'S so viel Geld bei sich tragen. Stecken Sie's ein, stecken Sic's ein! Lori (die Banknote in ihren Busen steckend). So, da heraus verlier' ich's nicht. Ich halt' d'Hand d'rauf. Kl amp f m. (drängend). Und jetzt machen's, daß's baldfortkommen (gegen das Fenster st hend), es fangt schon an dump'rig z'werden. Lori. Ja, aber ich kann doch nicht so, wie ich da bin — (Auf ihren Anzug weisend, dann zu Sali.) Wann's a grvß's Umhängtü 41 chel hatten, in das ich mich recht einmummeln könnt', mein Freund wird's Ihnen schon zahlen. Sali. Damit kann ich Ihnen schon aushelfen. (Geht zu einem Schranke und sucht unter den Kleidungsstücken.) 8ori (zu Klampflmaier). Und noch was, aufdashätt' ich bald vergessen. MeinMann wird ins Haus wollen, dieGärtnerg'hilfen Hab' ich alle entlassen, 's Haus steht leer — Klampfm. (wieder einen Gedanken verfolgend). 's Haus steht leer? Lori. Ich Hab s zug'sperrt und den Schlüssel bei mir. (Zieht einen Schlüssel au« dem Sacke ) Da, gebt's ihn mein' Mann, sonst müßt' er den Schlosser holen. Klampfm. (rasch) Ja, geben's nur her, ich werd's schon b'sorgen. (Nimmtden Schlüssel und steckt ihn zu sich.) Sali (hat indrß ein großes Tuch aus dem Schranke genommen und kommt mit demselben wieder vorwärts). Da, nehmen's das Plaid, da können's Ihnen ganz d'rein einmachen. Lori (nimmt das Tuch und wirst es um die Schultern)- Ich dank' Ihnen derweil — Kl am p fm. Nit Ursach'! (Drängend.) Aber machen'sIhnen jetzt aufdenWeg! (ZuSali.) Gib Du ibr noch a Stück! Weg 's G'leit, denn ich — ich muß erst das Programm der heutigen Festvorstellung entwerfen, und Du weißt, was das für ein' Arbeit ist — ein Programm! Lori. Laßt's Euch nicht stören! Lebt's wohl — Ihr follt's bald von mir erfahren! sZu Sali.) Kommen's! kommen's! Nurfort! (Rasch mit Sali durch die Mitte ab.) Fünfte Scene. Klampfmaicr (allein). »Erstes Auftreten der Frau Lori Schilf- ner.« — Diese Worte Hab' ich selber in Hracturscbrift auf die Annonce meiner heute zu gebenden Wohlthätigkeits-Vorstellung 8 setzt — dieBilleten sein reißend abgaugen, und jetzt fehlt grad die, wegen der alle Leut' kommen. Das wird auf d'letzt ein Spec- takel geben! — aber nein! es handelt sich nur um eine passende Entschuldigung gleich im Anfang! — ist nur erst der Anfang g'macht, dann nimmt das Concert seinen ruhigen Fortgang — aber der Anfang, das ist eben das Schwerste, und darum muß man sich in so manchen Angelegenheiten, die zu keinem Resultate führen, damit trösten, daß man wenigstens den Anfang g'macht hat! Lied. »Wir brauchen ka Wachmannschaft vom Militär, 's Civil stellt die Ruhe und Ordnung schon her!« So hat's einmal g'heißen, — und wirklich eS wird A Stadtwach' aus Bürgern g'schwind organisirt; Man schafft für sie Säbel und Blouscn auch an, Und Kappeln mit'n Stadtwappen oben daran, Kurz Alles war prächtig auf'n Glanz Hergericht' 's hat mehr als fünftausend Guld'n kokt' schon die G schicht' — Zwar ist'ö gleich d rauf aufg'löst word'n schon über Nacht Aber — wenigstens hab'n wir den Anfang gemacht! DaS Töchter! ist kaum noch a fünfzehn Jahr' alt, Und 's möchl'S die Mama schon verheiraten bald. Sie führt's in die Welt ein — auf Bäll', in d'Redout', Ist glücklich, wenn Einer ihr d'Cur machen thut - Zuletzt kommt ein reicher Herr öfters in s Haus — D'Mama schreit ihr Töchter! als Braut schon jetzt aus! 42 Zwar nach ein paar Monaten laßt sich der Herr — Man weiß nicht warum? — nimmer seh n bei ihr mehr — Das Töchter! ist nicht unter d'Hauben gebracht — Aber wenigstens bat sic den Anfang gemacht. — .EinEnd' soll jetzt haben Ue Protection, Nur wahres Verdienst finde künftig' sein Lohn!* Das ist jetzt der Grundsatz! — Wir sehn's m der Stadt, Seit'n Eingang zum Graben erweitert man hat, Und der Stockimeisen — 's Wahrzeichen von Wien, Muß, weil man das Haus wegreißt — rückwärts sich zieh'n — Erspart ist für künftig gewiß mancher Bock, Wird z'ruckgesetzt so ein vernagelter Stock — Und wird's auch mit Allen zu Stand nit gebracht — Na wenigstens ist doch ein Anfang gemacht. (Ab.) Sechste Scene. Verwandlung. (WirthshauSgarten wie zum Schlüsse des ersten Actes, jedoch nur mit farbigen Lampions beleuchtet, am Eingänge rückwärts ein Cassentisch, an welch em ein Billcten-Vcrkäuser fitzt. An den Tischen im Hintergründe fitzen bereits Gäste, unter denselben auch Ottilie, Rosalinde, Bertha, Jenni, Schöberl, Georg, Jean. Die Tische im Vordergrund werden erst nach der Verwandlung gestellt. Schnürberger und Kellner gehen bedienend ab und zu.) Schelmhofer. Hufnagel. Klein- brod. Schnitterich. Conrad (letzterer durch eimx Perrücke, falschen Bart, weiten Ober- rock und tief in die Augen gedrückten breitkräm- gen Hut unkenntlich, treten durch die Mitte ein), später Hel lmann. Schelmh. (beim Eintritt Geld auf den Casscntisch werfend). Da ist für uns Alle! — Wann ich mich recht gut unterhalt', kommt's mir auf ein' höher'n Betrag nicht an! Conrad (sich unter den Anwesenden um sehend, leise zu Schelmhofer). Sie ist noch nicht da! Schelmh. (mit den Uebrigen mehr in den Vordergrund tretend, zu Eonrad). Sie wird schon kommen! Steht ja mit ellenlangen Buchstaben auf dem Zettel! — Aber wenn's kommt, bleibt's nur im Anfang ruhig! Conrad. Ruhig? wenn ich mei Weib da als Bierhaus-Sängerin sehen muß? Schelmh. Müßt's es ja nt gleich sehen! (Zu den Uebrigen.) Setzen wir unS daher! (Aus einen Tisch im Vordergründe weisend.) Den Tisch habe ich für uns b'stecken lassen. (Zu Conrad.) Ihr »'etzt's Euch so! (Auf einen Stuhl deutend, welcher mit der Lehne der Mitte der Buhne zugekehrt ist.) Conrad. Aber da sitz' ich ja mit dem Rucken gegen die andern Tisch — Schelmh. Das sollt's auch! Solang euer Weib sich als bloße Sängerin produ- cirt, seid's ihr diese Rücksicht schuldig — wann sie aber mit ihrem neuen Freund zu caressiren anfangt, das ist dann das Signal für Euch und für uns, die wir eure Bundesgenossen sein wollen — (Zu den Uebrigen.) Ihr habt doch eure Hinterladungsscheckeln bei Euch? Hufn. und Kleinbr. (leise). Versteht sich! (Lassen die unter ihren Röcken verborgenen Geißeln zum Theile sehen.) Schelmh. Gut! —Aber mein Karbatsch (läßt einen mehrriemigen Striegel sehen) ist noch besser, der schlagt und repetirt! Alle (setzen sich). Schelmh. So! da sitzt der Bund der Verschwornen! Aber um in die gehörige Stimmung zu kommen — (Ruft.) Hc da! Wein her! Ein Kellner (bringt einige Flaschen Wein). Hcllm. (kommt vom Hintergründe, zahlt bei der Casse, geht gegen den Tisch im Vordergründe rechts und setzt sich mit dem Rücken gegen den Tisch, an welchem Conrad fitzt). 43 Kleinbr. (Htllmann erblickend, zu den Uebrigen. leise). Da schaut's, der gute Freund ist schon da! Conrad. Wo? (Will vom Sitze auf» springen). Schelmh. (ihn sogleich wieder nieder- ziehend). Still sitzen bleiben! — Nit umschauen! sonst kriegt sei Buckel ein' Ahnung! Auch nit umschatten, wenn euer Weib kommt— bis ich zur Attaque commandir'! Schnürb. (kommt zu Schelmhofer'S Tisch). Guten Abend, meine Herren! Schelmh. Na, was ist's denn? — Wird noch nit bald ang'fangt? Schn ü rb. Den Augenblick! Der Klampf- maier will nur noch a biß! warten, weil der Herr Bürgermeister auch versprochen hat z'kommcn! Schelmh. Was geht uns der Bürgermeister an? Der hat bei solchen Wohlthä- tigkeitög'schichten immer sein freien Eintritt — wir zahlen! Kleinbr. Und darum wollen wir auck was dafür hören! — Anfängen! Mehrere Gäste. Anfängen! (Klopfen an die Gläser, klatschen, pochen u. dgl.) Siebente Scene. Vorige. Klampsmaier. Klampfm. (wieder im schwarzen Anzüge kömmt aus dem Hause und besteigt eine Treppe, auf welcher ein mit zwei Leuchtern versehener Lisch steht). Älle (ihn erblickend). Pst! pst! Ruhig! Schelmh. (zu den Uebrigen). DerKlampf- maier allem? — Was ist das wieder? Klampfm. (sich ceremoniell nach allen Sei» tcn verneigend). Hochverehrter Adel! löbliches Militär und sonstiges respectirliches Publicum! Mehrere Gäste. Na, was ist's denn? Klampfm. Zu meinem ungemeinen Bedauern Hab' ich die Ehre anzuzeigen, daß das Programm der Vorstellung wegen un» vorhergesehenen Hindernissen — (Allgemei, nrs Grmurrr.) Schelmh. Aber ob's denn einmal ein Programm ohne Hinterfüff' gebet! Klampfm. (sortfahrend). EineAcndernng erleidet. Die angekündigte Sängerin Madame Leonore Schilfner — Eonrad (mit gepreßter Stimme). Was ist — ? Schelmh. (legt ihm rasch die Hand auf den Mund). Ich halt euer Maul! St! (Laut zu Klampsmaier ) Na — was ist's mit der Lori? » 3 , -- ^ «2^ S 2 ^ Klampfm. Sie ist — wegen plötzlicher Heiserkeit — verhindert mitzuwirken! (Allgemeine Aeußerung deS Unwillens.) Conrad (ängstlich, leise). Krank? — Mei Weib? Sckelmh. (leise). Kränkt's Euch nit über die Krankheit! — sie muß doch Herkommen! — Nur sitzen bleiben! Hufn. (aufstehend, zu Klampsmaier). Was? und wir sein nur wegen ihr wohlthätig g'wesen — Kleinbr. Und jetzt wären wir um>^§ unser Geld 'prellt? Schnitt. Warum habt Ihr mich nicht rufen lassen? Ohne Arzt gibt's ka Heiserkeit! Georg. Das ist ein' Ausrcd! Zcan. Die Faren kennen wir schon! Schöb. t 's Geld z'ruck- Mehrere Gäste s geben! Klampfm. (vergeblich bemüht, sich der Andrängenden zu erwehren). Aber meine Herren! — verehrte Publikümer! — Mein schwarzer Frack! — So a G'riß war nie um mich! Schelmh. (zu Sonrad leise). Das ist eine abg'machte G'schickt — der Klamp'maier hat plauscht! — (Laut zu den Gästen.) H-^lt ! Laßt's mich den säubern Arrangirer tr.in» chir'n! (Faßt Klampsmaier am Kracke.) Lnmp! Du steckst mit ibr unter einer Decken! Klampfm. Aber nein! ich kann nicht- dafür! Z.L L« ^ Z' 'S.» 44 Schelmh. Sie muß her — sic braucht nit z'stngen — seh'n soll sie sich lassen — ich schick' ihr ein Wagen! Kost's, waS's kost! Klampfm. 's ist Alles umsonst! Laßt's mit Euch reden! Die Gäste. Nichts reden! Her soll's, daher! Wir lassen uns nit foppLn! Achte Scene. Vorige. Lori. Lori (in einfacher ländlicher Tracht, kommt vom Hintergründe und tritt mitten unter die Streitenden). Ja, was treibt's denn da? Alle (erstaunt zurückweichend). Da ist's — die Lori! Klampfm. (starr vor Staunen). Sie — da?! (Für sich.) Jetzt kenn ich mich gar nicht mehr aus! Eonrad (sich umwendend). Ha — sie! ix. Schelmh. (eilt rasch zu Conrad und ^ wendet ihn wieder um, leise). Draht's Euch ^ um! — jetzt könnt's Euch doch noch überzeugen! Conrad (leise). Ja — ja! überzeugen! (Setzt sich wieder mit dem Rücken gegen Lori.) Schnitt, (zu Lori). Sagt's mir nur was Euch fehlt! Lori (in größter Heiterkeit). Mir — mir fehlt gar nichts mehr! Mich hat's wohl a biß'l im Hals kratzt, als wann ich ein' Kapuziner g'schluckt hatt' — aber da saus Hellmann blickend) hat mir mein lieber freund sagen lassen, daß er herkommt, und so was curirt manche Heiserkeit! Klampfm. (leise zu Lori). Aber euer Mann ist auch da! Lori (leise). Der wird mich nicht lang geniren! Für den Hab' ich schon g'sorgt! (Nach dem Hintergründe weisend, wo bereits außerhalb de- Garten- Caspar und einige andere Wachen sichtbar werden.) Da schaut's nur! Klampfm. (für sich, erfreut). Ha! 'der Wächter! Triumph! Lori (ist indeß zu Htllmann getreten, drückt ihm die Hand und setzt sich neben ihn). Schelmh. (leise zu Conrad). Sie sitzt schon neben ihm! (Hufnagel, Kleinbrod und Schnitterich auch zum Tische winkend, leise.) Con- centriren wir uns! — Die Hand am Schecke!! gleich wird's zum Losschlagen kommen! Neunte Scene. Vorige. Protzer. Zwei Beamte. Caspar. Wäckter. Caspar und Wächter (bleiben außerhalb des Gartens). Protzer (tritt mit den zwei Beamten ein. welche aber im Hintergründe verweilen, während er vorwärts geht). Schnürb. (zu Protzer). Ah, Herr Bürgermeister, so spät gcben's uns die Ehre? Protzer. Ja — leider! Ich Hab' ja niemals a Ruh'! G'rad' Hab' ich mich anzogen g'habt, um daher z'geh'n — kommt mir vom G'richt die Weisung, daß im Gärtner sein Haus noch einmal a Durchsuchung vor- g'nommen werden soll, wo ich dabei sein müßt' — Klampfm. (für sich). Bravo! — (Lautzu Protzer.) Na —und ist wasg'funden worden? Protzer. Ja! Conrad (mit gedämpfter Stimme, erschreckt!. Was!! Schelmh. (leise zu Conrad). Still! still! Lori (steht rasch auf und eilt zu Protzer) Und was — was haben's g'fundcn? Protzer. WaS — was wir bei der ersten Haussuchung entweder nit bemerkt haben, oder was noch gar nicht dort war! — hinter ein' Kasten ist (zieht Schelmhoser s Brieftasche hervor) die Brieftaschen g'steckt! (Zu Lori.) Kennt Jhr's? — hat's eurem Mann g'kört? Lori (in höchster Freude, sich nicht mehr de herrschend). Nein! — nein! fragen's den 45 Schelmhofer! (Eilt zu Hellmann, leise.) Hören's! Die Brieftaschen ist da — jetzt wird Alles — Alles gut! (Legt in ihrer Freude ihren Arm »im Hellmann'8 Schultern und flüstert leise ihm zu.) Schelmh. (bemerkt dieß. leise zu Eonrad). Ha. jetzt wird's Zeit! (Zu den Uebrigen.) Nicht Euch! Conrad (ängstlich leise zu Schelmhoser). Aber was ist's denn mit der Brieftaschen, ich begreif nicht — Protz er (ohne zu Schelmhoser zu gehen- sondern nur die Brieftasche hinhaltend). Schelmhofer! Kennt Jhr's? Schelmh. (steht auf die Brieftasche, leise für sich). Teufel! das ist — Lori (in freudiger Erwartung schmiegt sich noch mehr an Hellmann). Schelmh. (sieht wieder auf Lori) Ha, Scandal! (Rasch, leise zu Eonrad ) Sie umarmt ihn, d'reinschlagen! Conrad (ohne sich zu rühren). Sagt's nur, was ist's denn mit der Brieftaschen? Schelmh. (leise, dringend). Das hat später Zeit, schaut's Euck um! (Wendet ihn ge- gen Lori und Hellmann.) Conrad (erblickt die Truppe, wirft, Alle- vergessend, Hut und falschen Bart ab, schreiend). Lori — Weib! Protzer, Schnürb. und einige Gäste (erstaunt). Der Schilfner! Conrad. Ja, ich bin's, und der, der mein Weib verführt hat, der sott- (Faßt ein am Tische liegendes Messer und eilt gegen Hellmann's Rücken zu.) Schelmh., Hufn. u. Kleinbr. (ziehen ihre Peitschen und Striegel heraus und folgen ihm). Schelmh. (im Nacheilen). Ja. der soll — Hellm. (steht auf, wendet sich um, ruhig lächelnd zu Eonrad). Was soll ich? Conrad (bleibt, Hellmann's Gesicht erblickend, wie vom Blitze getroffen, starr stehen, das Messer entsinkt seiner Hand). Mein Gott! Herr Gerichtsrath! Schelmh., Hufn. und Kleinbr. (lassen auch die Hände mit den Schlagwerkzeugen staken, erschreckt). Gerichtsrath! (Ziehen sich ganz kleinlaut wieder zu ihren früheren»» zu Plätzerück ) Schelmh. (leise). Schmählicher Rückzug! Hellm. (zu den erstaunten Gästen). Ja, ich bin der Rath, welcher diesen Mann (auf Lonrad weisend) nach seiner Verhaftung zuerst vernommen hat, ich stellte es mir als wichtigste Aufgabe, den wahren Tbäter zu erforschen. Klampfm. (anfangs erschreckt). Wahren Thäter? (Sich fassend, laut.) Aber da ist doch jetzt kein Zweifel mehr, die leere Brieftaschen im Schilfner'schen Haus — Hellm. (nimmt die Brieftasche aus Protzer's Hand und tritt zu Schelmhoser). Tagt, kennt Ihr dieses Portefeuille? Schelmh. Portefeuille?Hah', Gott sei Dank, nie eins g'habt, hält' mir zwar auch g'stohl'n werden können, aber die Brieftaschen, ja — die ist die meinige! Hellm. (öffnet die Brieftasche und weist auf ein in dieselbe gebundenes schwarzes Täfelchen). Und was bedeuten diese Ziffern? Schelmh. Das — das sein die Nummern von den Banknoten, die einmal d rinn waren. Lori. Die Nummern von den Banknoten? (Eilt hin.) Lassen's sehen. (Zieht die Banknote aus ihrem Busen.) Da — da steht eine von den Nummern d'rauf. Hellm. (die Banknote betrachtend). Wahrhaftig! Und von wem haben Sie diese Banknote? Lori. Vom — Klampfmaier! Alle (erstaunt). Vom Klampfmaier? Hellm. (zu Klampfmaier). Sprecht, woher habt Ihr - ? Klampfm. (sich das Sacktuch unter die Nase haltend) Entschuldigen — ich — ich Hab' so a stark's Nasenbluten. (Will fort.) Hellm. (hält ihn zurück). Bleibt! — Ich bedarf eures Geständnisses nicht, denn während Ihr mit dem Schlüssel, den Euch diese Frau (auf Lori weisend) gegeben, Euch in deS Gärtners Haus geschlichen— Klampfm. Ich — in'S GärtnerhauS? Was thät denn ich —? Hellm. Läugnet nicht! Ich ließ Euch beobachten! 46 Klampfm. O, zu viel Aufmerksamkeit! Hellm. Jndeß wurde bei Euch auch eine Hausdurchsuchung vorgenommen und im Eamine (zieht einen Pack Banknoten her« vor) fanden sich diese Banknoten! Schelmh. (erfreut). Meine — meine Banknoten! Klampfm. Die muß wer And'rer hin- g'legt haben, denn ich — (Zu Schnürberger und Protzer sich wendend.) Na, Sie können s bezeugen, ich war damals — nicht wahr, Sie wissen sich z'erinnern — beim Kramer — Saiten holen — Hellm. Za, ja! Euer Weg führte Euch vorüber, aber die Ladendiener sagten eben aus, daß Ihr mit der Saite nicht sogleich bieder zurück, sondern gegen das Wäldchen geeilt — Klampfm. Na ja — sehen's — der Sckelmhofer — er bat ein' Rausch g'habt,, ich — ich bab' ihm das Geld nur aufhe- ben wollen — schelmh. (zu Klampfmaier). Zhr wart's ja gar b'sorgt um mich! Na, ein' G'fällig- keit ist der andern werth. (Z» Hellmann.) Er hat meine Banknoten aufg'hoben, sein's so gut, heben'ö mir dafür ihn gut auf! Hellm. (winkt den rückwärtsstehenden Beamten). Einer der Beamten (tritt vor zu Klampfmaier). Kommt mit uns! Klampfm. Ich? — entschuldigen — Wohlthätigkeits-Vorstellung — persönliche Leitung — Caspar (tritt auch ein und faßt ihn am Arme). Klampfm. (im Abgehen, sich noch sträubend). Aber ich bitt', muß's denn gleich sein? — Auf Ehre! ich komm' morgen — aber wann ich Zhnen schon mein Ehrenwort geb'. (Wird trotzdem abgesührt.) Conrad. Und ich — ich bin also ganz frei? — Mei Unschuld bewiesen? (Zu Hellmann.) Herr Rath! wie soll ich Zhnen danken? Hellm. Ich habe meine Pflicht gethan, wer weiß, ob es mir aber so rasch gelungen wäre, der Wahrheil ans die Spur zu kommen, wenn ich nicht (seine Hand auf Lori s Schultern legend) einen so vortrefflichen Agenten zur Seite gehabt hätte — Conrad (zu Lori). Lori! — Also deß- wegen — Lori. Hab' ich mich beim Klampfmaier engagiren lassen — der Kerl ist mir gleich verdächtig Vorkommen, deswegen Hab' ich mich in sein Treiben g'mischt — ich bin da zwar in a saub re Sippschaft hineinkommen — aber wenn Ein' a Diamant in den Straßenkoth fallt, so muß man sich auch da hinuntcrbucken, um ihn herausz'holen, na — und Du — (Conrad umschlingrnd) Du bist für mick — trotz aller Ung'schliffenheit, doch a Diamanterl! Conrad. Halt' mich fest in dein' Armen, denn Du bist's Gold, in das ich H'faßt sein will! Sckelmh. (für sich). Zetzt heißt's gute Mien' zum bösen Spiel machen! — Nur immer als nobler Kerl handeln. (Laut.) Nein! wie mick das g'freut, daß Zdr (zu Lori) euren Conrad wieder habt's! Lori. Und Zhr — eure Banknoten! Sckelmh. Die g'freu'n mich nur, weil ich Euch jetzt ein' Finderlohn geben kann! (Nimmt einen Büschel der Banknoten und gibt sie Lori.) Da — da habt's, rangirts Euch und wenn mir wieder was g'sckieht, wend' ich mich an kein' andern Agenten, als an die da! denn wie die agiren kann, davon haben wir den Beweis. Aber jetzt — d' Gläser zur Hand! — Hock der weibliche' Agent! Hock das Braut — (Sich besinnend.) Za so — wir haben heut' gar ka Brautpaar! Also — ausnahmsweis: Hoch das getrennte und wieder vereinigte Ehepaar! Hoch! (Allgemeiner Jubelrus, der Vorhang fällt ) 8u» dem Theater-Berlage der Wallishausser'scheu Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1- Geprüfte«, die. Lustspiel in 5 A., s. Weiffenthurn Schauspiele 14. Band. GervinuS, der Narr von Untersberg, oder ein patriotischer Wunsch. Posse mit Gesang in 3 A. von Alois Berla (Wiener Th.-Repert. Nr. 31.) 40 kr. 8 Sgr. GesandtschaftS-Attachö, der. Lustspiel in 3 A. Nach dem Franz von Alex. Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 124.) 00 kr. 12 Sgr Geschenk, das. Gelegenhritsstück in 1 A. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Geschwister, die, vom Lande. Lustspiel in 5 A. von Jünger. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Gespenst, daS. Romantisches Schauspiel in 4 A. Mit Chören und Gesängen v. Kotzebue. 1809. 40 kr. 8 Sgr Geständniß, das. Lustspiel in gereimten Versen ur.1 A. v. Kotzebue. 8. Pest 1817. 25 kr. 5 Sgr. Geständniß, das. Lustspiel in 1 A. Nach dem Italienischen von Ehrimfeld. 1804. 25 kr. 5 Sgr. Gewissen, das. Bürgerliches Trauerspiel in 5 A. von Jffland. 1808. . 50 kr. 10 Sgr. Gewissen, das rächende. Trauerspiel in 4 A. von H. Zschocke, Verfasser des »Abällino*, für da» k. k. Hofthratrr bearbeitet von Kotzebne. 1810. 50 kr. 10 Sgr. Gewohnheiten. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz von Mar Stein. (Wiener Theater-Repertoire Nr 125.) 35 kr. 7'/^ Sgr. Gezeichnete, die, oder Russe und Franzose. Schauspiel in 3 Abtheilungen und 4 A. von C. I. Folnes. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 95.) 60 kr. 12 Sgr. Oivruo, I'ultimo, cii t^vnrpei, Dr»inmu seria per ^lusie», 1827. 35 Irr. 7'/, 8^r. Gisela von Baiern, erste Königin der Magyaren. Historisches Schauspiel in 3 A. v. Meisl. Gr. 8. 1825. 35 kr. 7'/, Sgr. Oiulivtt» k Homeo, l'rrl^eülL per »uslouiv tre ^tti. 1806 35 kr 7'/, 8^r Gleichen, Ernst, Graf von» Gatte zweier Weiber. Schauspiel in 5 A. von I. Graf von Soden. 8 1791. 80 kr. 16 Sgr. Glück durch Unglück. Lustspiel in 1 A v. Schildback. 1808. 30 kr. 6 Sgr. Glück, Mißbrauch und Rückkehr, oder das Ge- heimniß des grauen HauscS. Posse in 5 A von I. Nestrov. Gr. 16 1845. 75 kr. 15 Sgr. Goda, oder Männersinn und Weibermutb. Gemälde der graneu Vorzeit mit Gesang in 3 A. von Gleich. 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr. Godl, die fesche. Skizzen aus dem Wiener Volksleben mit Gesang in 3 Abtheilungen und 6 Bildern von Ferdinand Heim. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 162.) 60 kr. 12 Sgr. Gouvernante, die. Posse in 1 A von Körner. 12. Geh. Wien. Original-Aust. 1819. (Vergriffen.) 25 kr. 5 Sgr. Gönner, der. Lustspiel in 1 A. von I. Sonnleithner. 16. 1815. 25 kr. 5 Sgr. Gräfin Aurora. Historisches Lustspiel in 5 A von E. Mautner, s. dessen Lustspiele. Greifenstcin, Schloß, oder Sammtschuh. Romantisches Schauspiel von CH. Birch-Pfeifer 1833. gr 16. 80 kr. 16 Sgr. Grenadiere, die zwei. Lustspiel in 3 A 1805. - r . sr— /T,"» I Grillparzer, Franz. Die Ahnfrau. — Ein treuer Diener seines Herrn. — König Ottokar's Glück und Ende. — Des Meeres und der Liebe Wellen.— Melufina. — Sappho.— Der Traum ein Leben. — Das goldene Vließ. — Web' dem, der lügt. s. unter den besonderen Titeln. -diese neun Stücke, elegant in 4 Bände gebunden 12 fl. 50 kr. 8 Thlr. 10^ Sgr. GriSkircher, Wilhelm, der edle Wiener. Schauspiel mit Gesang in 5 A von Meißl. 1804. 40 kr. 8 Sgr. Groizsch, Graf Wipprecht von. Nationalschauspiel in 3 A. vom Verfasser »Friedrich» mit der gebissenen Wange*. 1790. (Vergriffen.) 50 kr. 10 Sgr. Großmama, die. Original-Lustspiel in 4 A. von Ziegler. 1817. 8. 50 kr. 10 Sgr. Großpapa, der. Lustspiel in 1 A.. s. Castelli Sträußchen 10. Jahrgang. (Vergriffen.) Grotius, Hugo. Schauspiel in 4 A von Kotzebue 1804 50 kr. 10 Sgr. Guise, Mathilde von. Oper in 3 A Nach dem Franz. 1810. 30 kr. 6 Sgr. Guldenzettel, ein. Originalschwank in 1 A v. Carl Gründorf.(Wr.TH.-Rep.Nr.70) 35kr.7'/,Sgr. Gulistan, oder der Hulla von Samarkand«. Oper in 3 A. von Etienne. 1806. 35 kr. 7'/^ Sgr. Gülngre, oder die persische Sclavin. Komisches Singspiel in 1 A. Nach drin Kranz, übersetzt von Lippert. 1800 20 kr. 4 Sqr. Gustav, oder die Minengräber in Schweden. Historische« Schauspiel in 5 A. Nach dem Franz, von I. F. Castelli. 1805. (Vergriffen.) 50 kr. 10 Sgr. Gut, Unrecht. Charakterbild mit Gesang in 3 A. und einem Vorspiele von Friedrich Kaiser. (Wiener Tb.-Rrpert. Nr. 81.) 60 kr. 12 Sgr. Gute Nacht, Rosa! Dramatische-Genrebild in 1 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 141.) 30 kr 6 Sgr. Gutierre» Don. Trauerspiel in 5 A. Nach Calde- ron's »Arzt seiner Ehre*, von West. 1834. 8. 1 fl. 20 Sgr. Haare, rothe. Lustspiel in 1 A. von Grandjean. (WienerTh.-Rep. Nr. 1.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Ha^abah, oder die Eifersucht im Serail. Orig.- Lustsp in 5 A. v. Weidmann 35 kr. 7V, Sgr. Hadrian, Kaiser. Große Oper in 3 A. Zweite Auflage. 1808. 35 kr. 7'/, Sgr. Hafner'S gesammelte Schriften. Herausgegeben von I. Sonnleithner, mit einer Vorrede und Anmerkungen vorzüglich über die österreichische Mundart. Drei Bände. 8. Wien. 1812. 2 fl. 1 Th. 10 Sgr. Inhalt: I. Lnnxes ULnsn ursticzues, oder auf gut chinesisch . E« könnte einem nicht närri- (cher träumen. — Der steinreiche aber sackgrobe Beruardon. Colombina, die zanksüchtige und Alles widersprechende Landdame. Hanswurst, der muntere Gärtner bei einer stetzankenden Frau. — Tie reisenden Komödianten, oder der gescheidte und dämische Impresario. Ein Lustspiel von einer Abhandlung. — Der von dreien Schwiegersöhnen geplagte Odoardo, oder Hanswurst und Crispin, die lächerlichen Schwestern von Prag. -«in iw,i,n »hhandlunaen. 11. Megära, die fürchterliche Here, oder daS bezauberte Schloß des Herrn von Einhorn. Erster Theil. — Der fürchterlichen Here Megära zweiter Theil, unter dem Titel- Die in eine dauerhafte Freundschaft sich verwandelnde Rache. — Der Furchtsame. Ein Lustspiel in 3 Aufzügen. III. Die dramatische Unterhaltung unter guten Freunden. Ein Lustspiel von einem Aufzuge. — Der beschäftigte Hausreaent, oder das in einen unvermutheten Todfall verkehrte Beilager der Fraule Fanille. Von zwei Abhandlungen.— Neue Bourlesque, betitelt . Etwas zum Lachen im Fasching; oder: Des Burlins und HannSwurst's seltsame Carnevalszufälle. — Dre bürgerliche Dame oder die bezähmten Ausschweifungen eines zügellosen Eheweibes, mit Hanswurst und Kolombine, zweier Mustern heutiger Dienstboten. — Evakathel und Schnudi. Ein lustiges Trauerspiel von zwei Aufzügen. (Diese Stücke stammen aus der 1. Hälfte des 18. Jahrhunderts, es sind die originellsten Hanswurstiaden der damaligen Zeit und die einzige Sammlung tiefer Art.) Hagestolzen» die. Lustspiel in 5 A. von Jffland 1808 50 kr 10 Sgr. Haimonskinder, die vier. Komische Oper in 3 A von Leuven und Brunswik Nach dem Franz von Kupelwieser. Musik von Balfe 12. 1845. , 35 kr. 7'/. Sgr. Hamburgs Befreiung. Schauspiel in 5 Ä Nach Rambach von Joieffy. 1817. 40 kr. 8 Sgr. Hamlet, Prinz von .Dänemark. Trauerspiel in 5 A nach Ldakespeare. 1811. 60 kr. 12 Sgr. Hamlet. Großes Ballet in5A.v. Henry. 10 kr. 2 Sgr Hamlet, Caricatur mit Gesang und in Knittelreimen in 3 A. v. Perinet. 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr. Hammer, I v., MemnonS Dreiklang. nachgeklungen in Dewajani, einem indischen Sckäfer- Ipielr; Anahid, einem persischen Singspiele; und Sophie, einem türkischen Lustspiele. Gr. 12. 1823. Geh. 1 fl. 50 kr. 1 Th. Handbillet, ein, Friedrich des Zweiten, oder Jncogutto's Verlegenheiten. Lustsp. in 3 A von W Vogel. 8. 1843 1 fl. 20 Sgr. HauS Heiling. Romantische Oper in 3 A. nebst einem Vorspiele von Eduard Devrient. Musik Heinrich Marschner. 1865. 35 kr 7V, Sgr Hans in der Heimat. Lustspiel in 3 A als Fortsetzung von »HanS in Wien-. Dom Verfasser de« »Zwirnhändlers-. 1810. 50 kr. 10 Sgr Hannche«, nichts weniger als ein. Originalsch in 5 A. 1771. ' 35 kr. 7'/, Sgr. Hanswurstiaden, diverse, s. Hafner gesammelte Schriften Harald, der Kronenräuber. Historische Oper in 3 A von M. Stegmayer. Zweite Auflage Gr. 8. 1815. 35 kr. 7'/, Sgr. Haß alle» Weibern. Frei nach Bouilly v. Castelli 1834 Gr 8. 40 kr. 8 Sgr. Haft allen Weibern. Lustspiel in 1 A, s. Castelli Sträußchen 1. Jahrgang. (Vergriffen.) Haß und Liebe. Singspiel in 1 A. von Körner Gr. 12 Geh. Wien. Orig. 1810. 25 kr. 5 Sgr. Hauptauartter, daS. Militärisches Schauspiel in 4 A von CachS 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr. (Diese« Lerzrichni Haus, das einsame« Lustspiel in 3 A.» s. Castelli Sträußchen 12. Jahrgang. Haus Rvhrmann, oder Eajus und LemproniuS. Original-Charakterbild mit Gesang in 3 A von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 158.) 60 kr. 12 L-gr Häuschen, das, in der Aue. Lustspiel in 1 Ä. nach dem Franz, von HerzenSkron. (Wiener Th.-Repcrtoire Nr. 24) Zweite Auflage 35 kr. 7'/^ Sgr. Hausdoctor, der. Original-Lustspiel in 3 A von F W. Ziegler Neue Auflage. 8. 1848. 50 kr. 10 Sgr Hausehre, die. Schauspiel in 5 A. von O A Hannamann. 1801. 40 kr. 8 Sgr Hausfrau, die deutsche. Schauspiel in 3 A. von Kotzebue. 1813. 50 kr. 10 Sgr. Hausfreunde, die. Schauspiel in 5 A. v. Jffland 1808. 50 kr. 10 Sgr Hausfrieden. Lustsp. in 5A. v. Jffland. 80 kr. 16 Sgr HauSgesinde, das. Komische Oper in 1 A 1814 Zweiter Theil . »Der gebesserte Lorenz - Posse mit Gesang in 1 A. 1814. Beide Theile 75 kr 15 Sgr. Hausherren, die drei. Lustspiel in 3 A v Voll 1807. 8 40 kr. ^ Sgr Hausmutter, die deutsche. Schauspiel v. Soden. 8 1797. 50 kr. 10 Sgr Hausplage, die. Lustspiel in 5 A v Pelzel 1774 40 kr 8. Sgr. Haustyrann, der. Charaktergemälde in 3 A , s Castelli Sträußchen 13. Jahrgang Hausvater, der deutsche. Don v Gemmingen Ganz neu umgearbeitele Auflage 8 Mannb 1790. 40 kr. 8 Sgr Hedwig. Drama in 3 A von Körner. 12. Geh. Wien. Orig. 1819. 50 kr. 10 Sgr Heiderich, Josef, oder deutsche Treue. Wahre Anecdote, als Drama in 1 A. von Körner. Gr 12 Geh. Wien. Orig. 1819. 25 kr. 5 Sgr Helling, HanS. Romantische Oper in 3 A. nebst einem Vorspiele vou Eduard Devrient. 1865. 35 kr 7'/. Sgr Heimlich. Lustspiel in 1 A. v. Grandjean. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 2.) 35 kr. 7'/, Sgr Heinrich der Vierte. Schauspiel in 5 A. Nach Shakespeare v. Schröder. 1804 40 kr 8 Sar Heirat, die, durch die Güterlotterie. Locales Lustsp in 1 A v. MeiSl. 1817. 8. 25 kr. 5 Sgr Heirat, die, durch ein Wochenblatt. Posse in 1 A 35 kr. 7'/, Sgr. Heirat durch List. Original-Lustspiel in 3 A v. Kaspar. 1805. 40 kr. 8 Sgr Heirat» die unglückliche. Trauerspiel in 3 A nach Soutkerne v. Schröder. 8. 1804 40 kr 8 Sgr. Heirat» die heimliche. Lustspiel in 5 A vou Col» man u. Garrik Neu übersetzt und eingerichtet von Schröder 8. 1804 40 kr. 8 Sgr. Heirat durch Jrrthum. Lustspiel in 1 A nach Patrat von Schröder. 8. 1804 40 kr. 8 Sgr H?kene. Schauspiel mit Gesang in 3 A Nach dem Franz von Treitschke. 35 kr. 7'/, Sgr Helena und Paris. Heroisches Ballet in 3 A v. Corally, Franz und Deutsch 1807. 10 kr. 2 Sgr Hempel, Krempel und Stempel. Posse in 1 A Frei nach Martvn'S. »krimsknrv, öuLÄkuu nnck ljrLcishLw." von K Graeser (Wiener Theater-Repertoire Nr 33 ) 35 kr 7'/, Sgr ß wird fortgesetzt) Druck und Papier von Leopold Somme» in Wie». Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Ein empfindlicher Mensch. Schwank in einem Acte. Frei nach LLare-LILoLsI und I^adieLs von M. A. Grandjean. Personen: Kühlmayer, Partikulier. Gäcilie, dessen Tochter. Federweiß, dessen Freund. Hann- ObenauS. Florian, Diener bei Kühlmayer. Ort der Handlung: Auf Kühlmayer'S Landhaus«, einige Stunden von Wien. Salon eines Ländhauses; Mittelthür; Seitenthüren links und rechts in den Loulissen; Fenster zur Rechten, daneben ein Bücherschrank; vorn rechts ein Gu^ridon, ein zweiter, kleinerer links an der Mauer; Gemälde in Rahmen; Stickarbeit auf dem Guäridon rechts; durch die Mittelthür fleht man nach dem Garten. (Links und rechts vom Zuschauer genommen.) Erste Scene. Florian. Dann Federweiß. Später Kühlmayer. Flor, (fitzt an dem Gueridon rechts und liest die Zeitung). »Meine Herren, vergessen Sie Thuter-Repettoir« Nr. SIS. nicht, diese Vorlage ist ein. Prüfstein für den wahren Liberalismus. Wer nicht für uns ist, der ist wider uns!* (Spricht.) Der sagt'S ihnen ordentlich! (Lie-t.) »Kein Zaudern mehr, die Entscheidung drängt, denken SicanSeneca: »Bis clat, Hui eilo äst..* (Spricht.) Hm, das verdammte Lateinische! 1 2 WaS heißt denn das jetzt wieder: Bigdat?.. Ich gib' eher keine Ruh', bis ich das weiß Ich bin halt so ein wißbegieriger Mensch. Federw. (durch dir Mitte). Florian! Flor, (ohne sich zu erheben). Kuß' die Hand, Herr von Federweiß! (Für sich.) Bi8 dat? Vielleicht »1Ü8 dato« oder so was. Federw. Wo ist denn der Herr? Flor. In seinem Zimmer! (Ruft laut.) Gnä' Herr! Gnä' Herr! Kuhlm. (hinterdenCoulissen).Was gibt's? Flor, (zu Federweiß). Hör'n S'! der Herr ruft Ihnen! Kuhlm. (inderLoulisse). Ist Jemand da? Flor, (ruft zurück). Der Herr von Fedei- weiß! Federw. Ist das die heutige Zeitung? (Langt darnach.) Flor, (ohne die Zeitung loszulassen). Ich bitt', Herr von Federweiß, was heißt denn »1)18?« Federw. 813? .. das heißt so viel wie da aapo. Flor. Ah! (Sieht ihn an, ohne zu verstehen.) Und was heißt da oajio? Ktthlm. (aus seinem Zimmer, eine Haus- mütze aus dem Kopse). Grüß' Dich Gott, lieber Federweiß! Was bringt Dich so früh zu mir herüber? Flor, (zu Kühlmayer). Gnä' Herr, wo steht denn der lateinische Lerikon? Kühlm. Das Lerikon sagt man. Flor. No also, das? Kühlm. Dort im Bücherschrank! Aber zu was brauchst denn Du das? Flor, (geht nach dem Bücherschrank, und sucht dort). Weil ich halt ein wißbegieriger Mensch bin. Federw. (zu Kühlmayer). Ick komme Abschied zu nehmen. Kühlm. Abschied? Will Du verreisen? Federw. Ja, übermorgen. Kühlm. Warum uicht gar! Wohin? Flor, (tritt herzu). Gnä' Herr, wo steht denn der Ler— das Lerikon? Kühlm. Ganz unten rechts. (Zu Feder- weiß.) Wohin willst Du? Federw. Nach Italien. Kühlm. Nach Italien? ohne mich? Wir wollten ja zusammen reisen. Vsdsr Napoli 6 poi morir — Flor, (nimmt ein.Buch aus dem Schrank). Ah, jetzt Hab' ich's! (Setzt sich und schlägt nach) Kühlm. (wieder zu Federweiß). Nein, nein, das geht nickt so, lieber Freund. Wir reisen zusammen. Federw. Ja, ja, das kenn' ich schon. Seit zwanzig Jahren warte ich auf Dich — Du kommst nie dazu — Kühlm. Zwanzig Jahre? Warum nickt gar! Ja ja, Du hast doch Recht, vor zwanzig Jahren haben wir das erste Mal davon gesprochen. Wir waren damals beide noch Garxons. Federw. Richtig. Die Pässe waren genommen, die Koffer gepackt — auf einmal verliebt sich Freund Kühlmayer Knall und Fall, heiratet — Kühlm. Na. und so wurde nichts aus der Reise. Natürlich in den Flitterwochen... Federw. Schon. Ich habe gewartet — ein Jahr lang. Da war wieder ein Hin- deruiß — Kühlm. Das erste Kind — da kann ich nichts dafür. Federw. Na, ich doch nicht? Flor, (der emsig gesucht hat). Na, bis man das 1)i8 findet — ah — da steht's: ki.i — zweimal . . . Federw. Du begehrst also wieder Aufschub. Ich warte abermals. Du wirst Vater eines Töchterleins. Gut. Ich interpellire Dich neuerdings. Es soll Ernst werden. Ick nehme neue Pässe. Da bekommt die Kleine ihren ersten Zahn Abermals heißt es: Warten wir noch! Ich warte. Und so ging's fort. Warte — nur bis meine Kleine laufen kann. Warte, bis meine Kleine aus der Pension kommt — und so weiter. Heute sagst du mir vielleicht: Warte, bis meine Kleive einen Mann hat. Kühlm. Richtig — so lange warte noch. Federw. Bist Du gescheckt? 3 Flor, (suchend). DaS verfluchte äat steht nirgends. Kühlm. Unter uns — der Mann ist schon gefunden. Federw. Oho? Kühlm. Alles in Ordnung. Ich erwarte stündlich einen Brief von ihm. (Ruft.) Florian! Flor. (laut). Ja! (Mürrisch.) Man hat keine Ruh! Da soll ein wißbegieriger Mensch was lernen! Kühlm. Ist kein Brief für mich da? Flor. Ja, gnä' Herr! Kühlm. Wo ist er denn? Flor. In meiner Rocktasche. Kühlm. So gib ihn her. Flor, (ohne sich vom Platz zu rühren). Rechts, wo die Pfeifen steckt. Kühlm. (nimmt den Brief aus der bezeich- neten Tasche). Aha! (Oeffnet ihn.) Richtig, ist schon von ihm. Flor, (mürrisch). Wenn das nicht anders wird, geh ich. (Laut.) Gnä' Herr! Kühlm. (während er liest). Nun? Flor, (trocken). Ich nehm den Lerikon mit hinaus. Kühlm. Sckon gut. Flor, (brummend). Gar kein Ruh hat man, das ist wirklich z'wider. (Mitte ab.) Zweite Scene. Federweiß. Kühlmayer. Federw. (Florian nachsehend). Der hat heute wieder seinen brummigen Tag. Du läßt ihm aber auch Alles hingehen. Kühlm. S'ist wahr — aber Du weißt ja — ich betrachte Florian nicht als bloßen Diener — ich Hab' ihn aus der Tanse gehoben, s'ist ein armer Teufel, der nichts als Peck gehabt hat. Man muß ihn schonen. (Hat den Brief zu Ende gelesen.) Bravo! Lieber Fedcrweiß, der Bräutigam kommt noch heute und macht seinen Antrag. Federw. Weiß Eäcilie davon? Kühlm. Noch nicht. Aber sie kennt ihn. Es wird eine gute Partie — Federw. Wie heißt der Zukünftige? Kühlm. Breit — Dr. Breit, Advocat, mein Rechtsfreund. Heute Verlobung, in 14 Tagen Hochzeit — dann bin ich frei, dann geht's auf Reisen. O, ich freue mich wie ein Kind! Venedig, Gondelfahrt, Dogenpalast, ponto äi rialto, oli dsllrr Italia — dießmal wird's Ernst! Federw. Kann ich mich darauf verlassen? Kühlm. Gewiß! Federw. Du, das sag' ich Dir aber, wird wieder nichts daraus, dann — Kühlm. Es wird, es wird — kaufe nur indeß einen Bädeker. Federw. Adieu, lieber Alter! (Frderwriß durch die Mitte ab.) Dritte Scene. Kühlmayer, dann Cäcilie. Kühlm. Mein Schwiegersohn kann in einer Stunde hier sein —jetzt muß ich noch geschwinde meine Tochter vorbereiten. Eäcilie (von rechts eintretend). Papa — hast Du den Schlüssel zum Speiseschrank? Ich möchte gern Maccaroni herausnehmen. Kühlm. (beiSeite). Maccaroni! Schon wieder mahnt es mich an Italien. O Maccaroni, über ein Kleines werde ich euer Vaterland sehen! Cäcilie. Den Schlüssel, Papa! Kühlm. Lassen wir das jetzt, mein Kind — ich habe über ernste Dinge mit Dir zu sprechen. (Setzt sich.) Cäcilie. Du bist so feierlich! Kühlm. Cäcilie! Meine Tochter! Du kennst die Bestimmung der Jungfrau — Du bist an dem entscheidenden Wendepunkte angclangt, wo die Jungfrau zur Hausfrau werden soll, oder, um es mit einem Worte zu sagen: Du sollst heiraten. 4 Cäcilie. Heiraten? Kühlm. Erschrickst Du vor dem Gedanken? Cäcilie. Warum? Wenn er hübsch ist- Kühlm. Wer? Cäcilie. Mein Zukünftiger. Kühlm. Der Znküntftige ist gegenwärtig zwar nicht mehr so ganz jung, aber nicht die Aeußerlichkeiten find es, die das Glück der Ehe begründen. Cäcilie. Mir wird bange, Papa — Kühlm. Warum? Cäcilie. Bei deiner umschreibenden Beschreibung. Sag' es gerade heraus, er ist alt, häßlich, schnupft Tabak, hat eine Glatze und den Rheumatismus ebenso wie dein unausstehlicher Rechtsfreund, der Dr, Breit — Kühlm. (betroffen). Dr. Breit — nun der — ' Cäcilie. Papa! Kühlm. Was? Cäcilie. Nein, s'ist nicht möglich— E r wird's doch nicht sein sollen? Kühlm. Und wenn er es nun sein sollte? Cäcilie. Den nehm' ich nicht! Kühlm. Cäcilie! Cäcilie. Nein, Papa, das kannst Du nicht verlangen. Er ist ein guter Fünfziger. Kühlm. Ein guter Fünfziger ist doch besser als ein schlechter Zwanziger — Sei vernünftig, Cäcilie — sieh, der Doctor kann jeden Augenblick kommen — die Sache muß richtig werden — ich Hab' auch dem Federweiß schon versprochen — Cäcilie. Herr Federweiß! Was hat der dabei zu thun? Kühlm. Das ist eine aparte Geschichte — nämlich so — Vierte Scene. Kühlmayer. Cäcilie. Florian. Dann Obenaus. Flor, (durch die Mitte). Gnä' Herr! Kühlm. Was gibts? Flor. Es ist ein Herr du, er will mit Ihnen sprechen — der Herr — Kühlm. Wo ist er denn? Flor, (gibt ihm eine Karte). Da steht'S d'rauf. Kühlm. (dieKarte lesend). Hanns Obenaus. — Mir ganz unbekannt. Flor. Er hat's pressant, sagt er. Kühlm. So soll er kommen. Flor, (hinausrnfend). Sie! — Sie sollen hereinkommen. (Obenaus erscheint an der Thürschwelle und bleibt dort stehen.) Na, da ist der Herr! Obenaus (zu Florian). Was ist denn das für eine Manier? (Halblaut.) Tölpel! (Tritt ein. Kurzer Gehrock, Sommerhut, weiße- Gilet, schwarze hravate, weiße Handschuhe, ein leichtes Spazierstöckchen in der Hand.) Kühlm. (tritt vor und nimmt seine Mütze ab). Sie wünschen mich zu sprechen, mein Herr? Obenaus. Herr Kühlmayer? Kühlm. Der bin ich. Obenaus (grüßend). Sehr erfreut. (Bemerkt Läcilie.) Fräulein Tochter vermutblich? Erlauben Sie, daß ich der Schönheit meine Huldigung zu Füßen lege. Cäcilie (sich verbeugend). Mein Herr! (Bei Seite.) Er ist sehr artig. (Setzt sich zum Gueri- don und beginnt zu sticken.) Kühlm. Darf ich fragen, weshalb — Obenaus. Ja wohl, mein Herr. Ich komme eigens von Wien aus zu Ihnen, per Eisenbahn, Betteltrain — drei Stunden gefahren, niederträchtig! Kühlm. (ihn unterbrechend). Entschuldigen Sie — 5 Obenaus. Zur Sache. Ich wollte mich beeilen, Ihnen eine — Hiobspost zu überbringen. Kühlm.jCäcilie und Flor. Ach — was denn? Obenaus. Es war vor ungefähr sechs Wochen, an einem schönen Maiabende — die Sonne vergoldete mit ihren letzten Pur- purstrahleu den reinen Horizont — Kühlm. Aber ich bitte — Obenaus. Hören Sie nur —da geh' ich so die Praterstraße entlang. Ich war eben beim Cafä Spärlich — kennen Sie das Cafä Spärlich? Links, gegen Ende, nahe beim Pratcrstern. Kühlm. Ja, ja, ich weiß. (Setzt seine Mütze wieder aus.) Obenaus (fixirt ihn einen Augenblick befremdet mit gereizter Miene und setzt mit Ostrn- tatioa seinen Hut wieder auf). Auf einmal läuft ein Bekannter rasch an mir vorüber, ich nehme meinen Hut ab (nimmt den Hut ab mit Nachdruck) nehme artig den Hut ab, verstanden? Kühlm. Ja, ja — aber ich verstehe nicht — Flor, (beiseite). Plaudertasche! Obenaus (bemerkend, daß Kühlmayer die Mütze ausbehält, setzt seinen Hut wieder auf). Zum Schluß. Ich nehme also, wie gesagt, meinen Hut ab, der Mensch aber, statt meinen Gruß zu erwidern, thut nichts dergleichen und geht weiter. Flor. Hm, das ist freilich curivs. Obenaus (zu Florian). Mein Freund, ich erzähle hier nicht für Domestiken. (Zu Kühlmayrr.) Dieser Grobian geht also weiter Kühlm. Ja, sagen Sie mir nur — Obenaus. Ich kehre um, gehe ihm nach, erwische ihn just vor der rothen Sterngaffe, nehm' ihn beim Kragen und was sehe ich — Kühlm. Na, Ihren Bekannten — was weiter? Obenaus. Nein, einen Unbekannten — ich hatte mich geirrt. Kühlm. Ah so! (Für sich.) Was geht denn das Alles mich an? Obenaus.»ErlaubcnSie,* sag' ich, »ich habe die Ehre gehabt Sic zu grüßen, vor dem Cafe Spärlich.« — »Ich kenne Sie ja gar nicht,« sagt er. Kühlm. Da hat er ja Recht gehabt. Obenaus (fortfahrrnd). »Ich kenne Sic auch nicht, sag' ich, aber ich habe Sie gegrüßt — grüßen ist Höflichkeit, danken ist Schuldigkeit — wollen Sie die Güte haben, Ihr Schuldigkeit zu thun,« sag' ich. Und Er? »Lassen Sie mich in Ruhe,« sagt er, »SieHanns Dampf Sie — sagt er. »Flegel« sag' ich! Kühlm. O! Obenaus (mit Nachdruck). Ja, ein Mensch, der Bildung hat, benimmt sich nicht so. Cäcilie (für sich). Ein origineller Kauz! Obenaus (lebhafter werdend). Kurz, er sagt mir auch etwas, ich natürlich bleibe ihm nichts schuldig, sage ihm endlich wer ich bin, er will mich arretiren lassen, großer Auflauf, Finale, ich mache mich aus dem Staub. Kühlm. Aber wie komm' ich denn dazu? Obenaus. Warten Eie nur. (Pikirt.) Jndeß, wenn Ihnen meine Gegenwart unangenehm ist, so entschuldigen — Flor. Ah, die G'schicht g'fallt mir. — Obenaus (ironisch). So? freut mich. (Für sich ) Merkwürdiger Kerl! (Laut zu Kühl- mayer.) Acht Tage später — es war am 28. Mai oder am 27., nein, es wird doch am 28. gewesen sein — Kühlm. Aber das thut ja nichts zur Sache. Obenaus. Warten Sie, es war am 29., ja, ja, am 29. -- an einem Mittwoch, schon recht. Kühlm. (für sich). Der bringt mich um. (Wirft sich auf rinen Stuhl.) Obenaus (sieht ihn befremdet an, holt dann einen Stuhl herbei und setzt sich neben Kühlmayer). Am 29. Mai also — bekomm' ich eine Vorladung — der bewußte Herr 6 hatte mich wegen Ehrenbeleidigung geklagt. — Wie gefällt Ihnen das? Kühl IN. (achselzuckend). Hm! (Stehtausund grht auf und ab). Flor, (stellt ein Knie auf den von Kühlmayer verlassenen Stuhl und neigt sich zu Obenaus). Na, und wie war's denn nachher? Oben aus (aufstehend). Haben Sie — draußen nichts zu thun? (Zu Kühlmayer.) Ihr Diener da benimmt sich etwas stark — familiär. Kühlm. (sanft zu Florian). Florian, sei nicht so neugierig. Flor. Ich bin nicht neugierig, ich bin nur wißbegierig. (Florian trägt Obenaus' Stuhl nach dem Hintergründe und kommt dann wieder vor.) Kühlm. (begütigend zu Obenaus). Nehmen Sie's nicht übel —, wissen Sie, ich Hab' ihn aus der Tanfe gehoben und deswegen — Obenaus (spitzig). Darf er sich Alles erlauben? — Schön. (Fortfahrend.) Also, wie gesagt, Ehrenbeleidigung, ich der Höfliche, Ehrenbeleidigung. Was war zu thun, vor allem Andern — (Bemerkt, daß Florian hinter ihm steht und neugierig zuhört; er blickt nach Kühlmayer, nachdem dieser schweigt, wechselt er mit unwilliger Geberde den Platz und fährt, zu Kühlmayer gewendet fort) Vor allem Andern einen Dertheidigcr suchen. — Mir wird einer empfohlen — ich nehme ihn auf gut Glück. (Kühlmaycr trommelt ungeduldig auf der Fensterscheibe.) Obenaus (pikirt). Wenn ich Sie langweile, geh' ich fort. Kühlm. Meinetwegen, fahren Sie fort. Obenaus. Soll das ein Witz sein? Ich habe keine eigene Equipage bei mir. Kühlm. Aber mein Gott — erzählen Sie nur. Obenaus. Warum trommeln Sie denn am Fenster? Küblm. S' ist so meine Gewohnheit. Also bitte — Obenaus. Die Sacke kommt zur Verhandlung. Mein Vertheidiger ergreift das Wort — dieser Schafskopf, entschuldigen Sie — ich habe meine Ursachen — dieser Schafskopf — (Hält inne, da er bemerkt, wie Kühlmayer mit den Fingernägeln auf seinem Rockärmel kratzt.) Kühlm. Nun — Obenaus (scharf). Ich warte nur, bis Sie mit dem (imitirt das Kratzen) fertig sind. Kühlm. Es war ein Tropfen von einer Millykerze. Obenaus (für sich). Der Mann hat gar keine Lebensart. (Fortsahrend. ) Dieser Schafskopf, mein Advocat, legt los, citirt alle möglichen Paragraphe, mischt lateinische Brocken drein. — Flor. Lateinisch? Hat er vielleicht auch gesagt: Lm äat, Hui oito äut? Cäc ilie (lacht). DerKlorian wird klassisch! Kühlm. (zu Florian). Wo hast Du denn das her? Flor. Weil ich halt ein wißbegieriger Mensch bin. Obenaus. Auf einmal aber wendet er sich gegen mich, zeigt so mit dem Finger nach mir — und sagt: Hoher Gerichtshof, — ein mildernder Umstand ist bei meinem Clienten sein cholerisches Temperament. Er kann nichts dafür, das liegt im Blut — er ist immcrso; er ist ein empfindlicher, zuwiderer, unausstehlicher, unverträglicher Patron, nimmt gleich Alles übel, er ist ein Streithammel erster Classe und so fort eine halbe Stunde lang — »milderndeUmstände.« — Im Auditorium allgemeines Höllengelächter — Alle (lachend). Hahahaha! Cäcilie (bei Seite). Ich glaub's wohl! Obenaus (beleidigt). Ich lasse mich aber nicht auslachen, von Niemand !! Kühlm. (der bis dahin herzlich gelacht hat, unterbricht gewaltsam seine Heiterkeit und endet mit einem gezwungen verlegenen Lachen). Obenaus. Mein Gegner erklärt sich j mit diesem Erfolge zufrieden und verzeiht 7 mir — Er verzeiht mir! — und die Geschichte war aus. Kühlm. Na, seien Sie froh! Obenaus (indignirt). Froh! Ich bin gerichtlich blamirt, provvcirt, öffentlich iu- sultirt! froh soll ich sein! Ich mar wüthend. Kühlm. Aber — Obenaus. Zahl' ich einen Vertheidiger dafür, daß er mich zum Gespött der Menschheit macht? Am andern Tag war die Gerichtsverhandlung in allen Blättern unter dem Titel: »Ein empfindlicher Mensch,« durchschossen — mein Name, Hanns Obenaus, durchschossen, meine Epitheta, z. B. Streithammel — durchschossen. Das war ein Fressen für diese Journalisten! Ein Gaudium fürs Publicum — in allen Kaffeehäusern haben sich die Leute das Zeug laut vorgelesen. Kuhlm. (fängt unwillkürlich wieder an zu lachen, hält aber aus Scheu vor Obenaus plötzlich inne). Obenaus. Wild wie ein angeschossener — durchschossener Tiger laufe ich zu meinem Herrn Advocaten. Nicht daheim. Um mich abzukühlen, gehe ich in's kalte Wasser, zum Holzer in den Prater. Wen treff' ich da — was glauben Sie wohl? Kühlm. tleise zu Florian). Laß' Du mir bald wieder so einen Menschen herein! Flor, (kbrnso). Aber so lassen S' ihn erzählen, er ist g'spaßig. Obenaus. Sie errathen es nicht? Den Herrn Advocaten. Eben steht er auf der Gallerte, — und sieht in die kühle Flut hinab. Ich stürze auf ihn los mit einem Blick, der ihm Alles sagt. Er weicht betroffen zurück, gleitet auf der nassen Treppe aus, Plautz, da fällt er rücklings in's Wasser. Die Wellen schlagen über ihm zusammen. Cäcilie. Ach, mein Gott! Kühlm. Ertrunken! ObenauS. Bewahre! Ein schwerer Fall darf einen Advocaten nicht gcniren. Der rechte Arm war verstaucht, die Partie unterm Rückgrat etwas lädirt, ein paar Eon- tusionen am Hinterkopf, ein tüchtiger Rheumatismus, sonst nichts. Kühlm. Sonst nichts? Obenaus. Was konnte ich dafür? Aber er tbat mir leid, mein Zorn war verraucht, ich bin ein guter Mensch, an seinem Krankenbett haben wir uns versöhnt. Ich frot- tire ihn eigenhändig mit Flanell. Jetzt ist er erst ein geriebener Advocat. Nun wissen Sie die ganze Geschichte. Somit habe ich die Ehre, mich zu empfehlen. (Nimmt zum Gruße gegen C-äcilie den Hut ab.) Mein Fräulein! (Bemerkt, daß Kühlmayer seine Mütze nicht abnimmt, setzt also seinen Hut wieder auf und grüßt Kühlmayer mit der Hand.) Herr von Kühlmayer! (Will abgehen.) Kühlm. (bei Seite). Jetzt möcht' ich aber denn doch wissen — (Ruft Obenaus zurück.) Entschuldigen Sie, mein Herr — Obenaus (sich umwendend). Sie wüm schen? Kühlm. Sie kommen da eigens zu mir, erzählen mir Ihre Rencontres zu Land und Wasser — was wollen Sie damit? Obenaus. Was ich will? Ah sapperment, Sie haben Reckt. Ich habe etwas sehr Wesentliches vergessen. (Lachend.) Mein Advocat istJhr zukünftiger Schwiegersohn! Kühlm. und Cäcilie. Dr. Streit! ObenauS. Derselbe! Flor. Jetzt wird's erst recht g'spaßig. Kühlm. Und Sie erzählen mir die Sacke so heiter, so kaltblütig—Ungeheuer! Obenaus. Hab' ich rhu in's Wasser geworfen? ... Na also. Gestern Abends saß ich an seinem Schmerzenslager — da gab er mir eine Botschaft für Sic — seine letzten Worte waren — Cäcilie. Seine letzten Worte — Kühlm. Also ist er doch gestorben? Obenaus. Warum nicht gar — Seine letzten Worte von gestern Abends meine ich. Sie lauteten: Lieber Obenaus! Thun Sic mir die Freundschaft, meinen Schwiegervater zu benachrichtigen — ich kann jetzt nicht zu ihm hinauskommen — Sie sagen ihm warum und entschuldigen Sic mich. 8 Und so, Herr von Kühlmayer, hatte ich das Vergnügen, Ihre Bekanntschaft zu machen. Kühlm. Der arme Doctor! Ich werde ihm schreiben, das wird ihm Balsam sein. Obenaus. Ja, aber schreiben Sie den Brief auf Flanell.-Wenn Sie mir ihn anvertrauen wollen, so nehme ich ihn gleich nach Wien mit. Kühlm. Danke. In zwei Minuten bin ich wieder da. (Links ab.) Flor, (zu Obenaus, ihn beim Rockärmel zupfend). Sein S' so gut, sagen S' mir nur Eins: Ist der Doctor mit dem ganzen G'wand in s Wasser g'fallen? Obenaus (zornig). Ja! Was befehlen Sie sonst noch? Flor. Mit dem ganzen G'wand? Das ist ein erschwerender Umstand! (Mitte ab) Fünfte Scene. Obenaus. Cäcilie. Obenaus. Das ist ja ein Rinozeros, dieser Mensch! Cäcilie (sich schüchternd nahend). Mein Herr! Obenaus (seinen Hut abnehmend). Mein Fräulein! (Für sich.) Die Braut! Jetzt kommt die Wehklage um den Gefallenen — Deklamation mit Thränenbegleitung. Cäcilie. Sagen Sie mir aufrichtig — ist der Doctor bedenklich krank? Obenaus. Wahrhaftig nein, auf Ehre. Vielleicht in sechs Wochen schon plaidirt er wieder . . Aber, nicht wahr, Fräulein, Sie zürnen mir, Sic verabscheuen mich? Cäcilie (lebhaft). O nein! Obenaus. Dock, doch — Ihre Hochzeit wird verzögert — Cäcilie. Gottlob! Obenaus. Ah! Cäcilie. Ich bitte Sic, ein Fünfziger hat eine Glatze, den Rheumatismus — Obenaus. Leider — vom Wassersall — Cäcilie. Nein, schon früher — Obenaus. So? schon früher? Das freut mich. Cäcilie. Ich möchte doch einen Mann, der mir gefallen könnte! Obenaus (für sich). Wie sie das sagt! Cäcilie. Und insoferne also — Obenaus. Ist es Ihnen nicht ganz unerwünscht, daß der Doctor (macht die Gc berde des Hinabpurzelns) — desto besser. Es war mir sehr angenehm, Ihnen eine kleine Gefälligkeit zu erweisen. Cäcilie (mit tiefer Reverenz). Mein Herr! Obenaus (ehrerbietig zurückgrüßend). Mein Fräulein — (Cäcilie geht nach rechts; bei Seite, sich nach links wendend.) Das Mädchen ist — ganz charmant! Cäcilie (bei Seite). Gar nicht Übel der junge Mann. (Laut, mit neuerlicher Derbeu gung.) Mein Herr! Obenaus (wieder mit höflichem Gruße) Mein Fräulein — (Cäcilie rechts ab.) Sechste Scene. Obenaus. Obenaus (allein, Cäcilien nachblickend) Das ist ein Frauenzimmer, die einen Hagestolz auf andere Gedanken bringen könnte. Wenn ich's nicht verschworen hätte, zu heiraten, ... daS Alter wäre just passend. Ich bin erst 36, sie ist vielleicht schon 20. — Pah, dumm's Zeug! (Sieht nach der Uhr.) Er braucht aber lang mit seinem Brief . . Fünfzehnmal Hab' ich schon einen Anlauf zum Ehestand genommen, füuszehnmal ging die Heirat zurück. Immer war der Schwiegervater schuld. Ich habe Pech, immer treff' ich auf so heikliche, pedantische, milzsüchtige alte Herren, die man nicht schief ansehen darf — Mit solchen Leuten kann ich nicht reden — (unterbricht sich mit einer Geberde der Ungeduld) die zwei Minuten nehmen ja kein Ende. Was glaubt denn der da 9 drinnen? Wie lange soll ich denn noch warten? (Fortfahrend.) lind ich bin doch eine gute Haut, ein gemüthlicher Kerl, das kaun ich mir nachsagen. (Unterbricht sich abermals zornig.) Aber der meint wirklich, ich bin sein Dienstmann! Ich mache mir die Muhe, ihm eine Botschaft zu bringt n, keine angenehme, aber das ist alleseins — und er läßt mich doch passen. Jetzt zähl' ich bis zwanzig — wenn er dann noch nicht fertig ist — geh' ich. (Zählt.) Eins, zwei, drei — den möcht' ick aber wirklich schreiben sehen — s' ist infam — vier, fünf, sechs, sieben, acht — ich glaub', er thut mir's zu Fleiß — na, das ginge mir noch ab — (Seht heftig den Hut auf.) Er soll sich einen andern Briefträger suchen. Empsehl' mich — ServuS! (Geht, derb auftretend, durch die Mitte ab und wendet sich dann rechts.) Siebente Scene. Kühlmayer. Dann Fcderwciß. KÜhlM. (von links, seinen Brief in der Hand). Mein Herr, ich bitte tausendmal um Ver- gebung — Ja, wo ist er denn? (Sieht durch s Fenster.) Meiner Treu, da geht er fort; was thn' ich mit dem Brief? Federw. (durch die Mitte von links kommend). ^ propog, lieber Freund, hast Du nicht den letzten EisenbahN'Courier? Kühlm. Wozu? Federw. Ich will Nachsehen, wann der Schnellzug nach Triest abgeht. Kühlm. Nack Triest? Ja so—ich kann nicht reisen. Federw. Na. hörst Du, jetzt Hab' ich's satt! Kühlm. Die Heirat ist vor der Hand in'S Wasser gefallen — vielleicht in drei Monaten — der Teufel soll den Herrn ObenauS holen. Federw. ObenauS—Hanns Obenaus! Kühlm. Haunsober Mickel — ick weiß nicht mehr. Er war eben da bei mir. Kennst Du ihn? Federw. Freilich. Er hat zwei Jahre bei mir gewohnt. Ein ganz netter Mensch, pünktlicher Zahler. Schade, daß er schon fort ist. Kühlm. Warum? Federw. Hm, eine Idee, die mir schon lange im Kopf herumspukt. — Ich dachte an Cäcilicn — Sie und er — die Partie wäre nicht schlecht. Kühlm. Lass' mich auö! Mit dem Speiteufel ! Federw. Warum nicht gar! Ich kenne den Obenaus besser. Es gibt keinen prächtigeren Menschen als den. Er ist die gute Stunde selber. Kühlm. Geh'weg! Das sieht man ihm nicht an. Und hat er eine anständige, sociale Stellung? Federw. Freilich. Er hat ein großes, schönes HauS in Mariahilf. Kühlm. Der tausend — da ist mir leid, daß ich ihn nicht zum Frühstück eingeladen habe — (Sich unterbrechend.) Ja aber, Dr. Breit — Federw. Laß ihn laufen. Kühlm. Es geht nicht — er hat den Rheumatismus. Bah! ick kann meine Tochter nicht ein Vierteljahr warten lassen — Federw. Und mich auch nicht. Denk' an Italien. Indier Monaten haben wir — Oktober, da ist's wieder nichts mit der Reise. Kühlm. Du hast Recht. — Dießmal muß eS sein. Meine ewige Sehnsucht nach dem ewigen Rom muß gestillt werden! (Sich besinnend.) Aber was hilft daS Plaudern, der Herr Obenaus ist nun fort, nicht mehr zu haben! 10 Achte Scene. Kühlmayer. Federweiß. Obenaus. (Obenaus erscheint unter der Mittelthür.) Kühlm. Federw. Da ist er wieder! Obenaus (frostig zu Kühlmayer). Mein Herr, wie Sie bemerkt haben werden, war ich fortgegangen. Kühlm. Ja — mir war leid. Obenaus. Die zwei Minuten haben mir zu lang gedauert. Es har mich aber wieder gereut. Sind Sie jetzt fertig mir dem Brief? Kühlm. Ja — hier ist er. Obenaus. Na, her damit. Ich habe mir gedacht, wenn Sie ihn auf die kleine Post geben, ist der Doctor längst gesund, ehe er den Brief kriegt. Federw. Siehst Du, wie gemüthlich er ist. Hab' ich's nicht gesagt? Obenaus (Federweiß bemerkend). Ach mein lieber Herr von Federweiß! das freut mich! — Haben Sie noch immer denselben Hausmeister wie damals, diesen Erzlümmel ? (Zu Kühlmayer.) Herr Kühlmayer, Herr von Kühlmayer, somit habe ich die Ehre — (Grüßt abschiednehmend.) Kühlm. (zu Federweiß). Soll ich ihn aufhalten? Federw. Wie Du willst! Kühlm. (ruft Obenaus nach, welcher bereits der Thür zuschreitet). Herr von Obenaus! Obenaus (wendet sich um). Sie wünschen? Kühlm. (herzlich) Bleiben Sie doch — darf ich Sie zu einem kleinen Frühstück ein- laden? Kalten Rehbraten, ein Restchen von gestern Abends. Obenaus (sarkastisch). O, Sie werden mit dem »Restchen« von gestern wohl allein fertig werden. (Halb für sich.) Hm, Rehbra- ten von gestern , im Juli, stinkt wahrscheinlich schon. Federw. Machen Sie uns doch das Vergnügen, lieber Freund. Obenaus. Danke sehr — Kühlm. Ich hätte Sie wohl schon vor acht Tagen einladen sollen? Obenaus. Nun, das heißt — Kühlm. Wenn Sie mir einen Korb geben, muß ich glauben, daß Sie empfindlich find. Obenaus (lebhaft). Ich empfindlich? Lächerlich! — Ich bleibe. Kühlm. Das laß ich mir gefallen, nur gemüthlich! nur gemüthlich! (Schlägt Obenaus mit der flachen Hand leise auf den Bauch.) Obenaus (weicht zurück. Bei Seite). Der Mann hat aber ein Benehmen — Kühlm. (zu Federweiß). Er scheint wirklich eine gute Haut! Federw. Na, siehst Du! Obenaus (beiseite). Was haben denn die Zwei zu flüstern? Das geht gewiß mich an. Kühlm. (zu Federweiß leise). Sondire ihn ein wenig — ich werde indeß mit Cä- cilien sprechen. Obenaus (bei Seite) Noch immer! Das ist denn doch eine Unart — (Laut.) Ich genire vielleicht! Kühlm. Bitte, nicht im Geringsten. Ich lasse Sie einen Augenblick mit meinem alten Freund Federweiß allein. — Er hat mir sehr viel Gutes von Ihnen gesagt, ich habe jetzt volles Zutrauen — gewiß, volles Zutrauen. (Geht rechts ab, von Federweiß bis zur Thür begleitet.) Obenaus (verdutzt und pikirt, während er Hut und Stückchen aus den Guäridon links legt) Zutrauen? Jetzt? Was hat er denn früher von mir geglaubt? War ihm angst, daß ich ihm silberne Löffel stehle? Neunte Scene. Federweiß. Obenaus. Obenaus (rasch zu Federweiß). Lieber Federweiß — aufrichtig gesagt, ich möchte lieber fort vou hier! II Federw. Warum nicht gar, Freund! Kühlmayer wäre tief gekränkt. Sie gefallen ihm so gut. Obenaus. Hm! Scheint mir nicht. Er ist so lauernd, so sarkastisch — Federw. Kühlmayer — sarkastisch? Obenaus. O, sehr! Federw. Aber — der beste Mensch von der Welt — herzlich offen, ohne Umstände. Obenaus. Aufd»e Art so wie ich. Federw. Ja wohl, sehen Sie und eben diese Uebereinstimmung der Gemüther hat mich auf eine Idee gebracht — ObenauS. Die wäre? Federw. Unter uns — denken Sie nicht an's Heiraten? Obenaus (argwöhnisch). Warum fragen Sie mich das? Federw. Es wäre Zeit, lieber Freund! Sie sind ein starker Dreißiger. Was — 36 — nicht wahr? Obenaus. Na, und — Federw. Noch ein paar Jahre und Sie gehören in's alte Eisen. ObenauS (gereizt). Herr — Fcderweiß, Ihre Anspielungen sind zwar unendlich schmeichelhaft und zart — Feder w. Hören Sie — hier im Hause ist ein Mädchen. Obenaus. Die Tochter? habe sie schon gesehen. Federw. Nun, was sagen Sie zu der? Obenaus. Herr Federweiß! Federw. Ich habe keine Vollmacht zum Ehestifter — doch unter uns, Papa Kühlmayer hat Sie gern. ObenauS (ironisch). Kann mir'S denken! Federw. Ja, und ich meine, wenn Sie einen Schritt thu« wollten — er hätte nichts dagegen. Obenaus (erstaunt), ^inen Schritt? Wie? Sprechen Sie im Ernst? Federw. Versteht sich. Obenaus (freudig). Was! heiraten sollt' ich —nach fünfzehn verlornen Feldzügen? Kreuz Schock Schwcrenoth noch einmal! Federw. Wie kommen Sie mir denn vor? Obenaus (aufgeregt). Wie ein Narr! Macht nichts! Sie ist wunderlieb, zum Küssen, beim ersten Blick war mein erster Gedanke: Kreuz Schock Schwerenoth — (Plötzlich in einem andern Ton.) Leihen c mir eine weiße Cravalte. Federw. Wozu? Obenaus. Damit ich meinen Antrag machen kann. Federw. Oho — nur Zeit gelassen. Also das Fräulein gefällt Ihnen? Obenaus. Enorm! Die Töchter gefallen mir meistens, nur die Schwiegerväter— Federw. O, mit dem Kühlmayer werden Sie sich sehr leicht verstehen. Obenaus. Na, an mir soll's nicht fehlen. (Nimmt Federwciß bei beiden Händen.) Lieber, guter Federweiß! Sie sind ein edler FreuBd. Sehen Sie, mir ist recht leid, daß ich von Ihnen weggezogen bin. Haben Sie jetzt nichts leer im Hause? Federw. Ja, eine Garyon-Wohnung. Obenaus. Sehr schön ... die nehm' ich nicht. Federw. Verstanden! Also ist es Ihnen recht, wenn ich mit Vater Kühlmayer spreche? Obenaus. Natürlich. Sagen Sie ihm, ich kenn' zwar schon seine Mucken, ich weiß, daß er ein alter dickköpfiger Brummbär ist — Federw. Was? Obenaus. Aber das macht nichts. Wenn er mir nur seineTochter gibt. (Schiebt Federweiß hinaus.) Vorwärts, Freund Feder- weiß, reden Sie nur gleich mit ihm! (Feder- weiß rechts ab.) Zehnte Scene. Obenaus, dann Florian. Obenaus (allein). Heiraten soll ich — merkwürdige Fügung des Zufalls! Das Alles bloß darum, weil mir der in der Pra- tcrstraße nicht gedankt hat — Wie dank' 12 ich ihm jetzt dafür. Und der arme Dr. Breit — gestern Hab' ich ihn aus dem Bett gehoben, heut' heb' ich ihn aus dem Sattel. Das ist eigentlich nicht schön von mir. Pah, warum ist er fünfzig Jahre alt. Ich — 36 — man sieht mir's aber nicht an — da ist noch jugendliche Glut, Flamme, Feuer; mich kann man noch um meiner selbst willen lieben, Gott sei Dank, ich hab's nicht nö- thig, auf mein Geld zu pochen — Flor, (von rechts kommend, tippt Obenaus pfiffig lächelnd in die Seite). Na, ich gratulire — Obenaus (für sich). Sckon wieder der Kerl! Flor. Sie werden unser Schwiegersohn. Obenaus. Hm? Flor. Die da drinnen sind schbn im Reinen. Schönes Haus in Mariahilf — nicht wahr? Wird sich machen! Obenaus (kin wenig pikirt). Wegen dem Haus? Und wo bleib' ich? Flor. Es soll achttausend fünfhundert Gulden Zins tragen — ist noch zehn Jahre steuerfrei. Ist das wahr, Sie? Obenaus (heftig für sich). Mau tarirt mich, man schätzt mich ab — ich bin bloße Realität! Flor. Sie sollen mehr haben als der Dr. Breit, meint der Herr von Federweiß. No, nachher ist's schon gut. Obenaus (für sich). Das ist gemein, sehr gemein! Flor, (ihn wieder anstoßend). Sic sind doch ein Mordkerl, Sie! (Durch die Mitte ab.) Obenaus (geht mit langen Schritten auf und nieder). Man verschachert mich, man sieht mir in den Sack, in die Zinsfassion! Pfui, und noch einmal pfui! (Mit Würde.) Es ist aus — Obenaus, Alles aus! (Geht majestätisch nach dem Hintergründe und betrach« trt die Kupferstiche an der Wand.) Eilfte Scene. Obenaus, Kühlmayer, Cäcilie und Feder weiß (kommen von der rechten Seite). Kühlm. (leise zu Läcilien). Es freut mich recht, liebe Tochter, daß Du meiner Ansicht bist. Flederw. (leise). Also Alles wäre in Richtigkeit — ich werd' ihm die frohe Botschaft bringen. (Nähert sich Obenaus.) Kühlm. Na, ich bin recht froh. (Zu seiner Tochter, während er ein Zeitungsblatt ans der Tasche zieht.) Setzen wir uns. Cäcilie — nimm' deine Stickerei — thue nichts dergleichen! ich werde mich in den Leitartikel vertiefen. Nur Politik! (Sie setzen sich zu bei- den Seiten des Guöridon.) Federw. (zu Obenaus). Lieber Freund! Gar kein Anstand — machen Sie nur Ihren Antrag. Obenaus. Sehr wohl. (Nähertsich Kühl- mayer.) Kühlm. (leise zu Täcilien) Er kommt. Schlage die Augen nieder! Obenaus (zu Kühlmayer). Herr von Kühlmayer — Kühlm. (zu Obenaus, aufstehend). Herr von Obenaus — Obenaus. Sagen Sie mir gefälligst —« das da hinten ist ja doch wohl eine Partie vom L.LAO LiluMors? (Die drei andern Per- sonen wechseln verwunderte Blicke.) Obenaus (da er keine Antwort erhält). Wunderbare Gegend! Kühlm. (zu Läeilien). Er genirt sich vor Dir — geh' fort? Cäcilie < lebhaft, ausstehend). Wie Dil glaubst, Papa! (Läßt ihre Stickerei liegen und geht rechts ab.) Federw. (leise zu Obenaus). Das Mädchen ist draußen — also ohne Scheu, heraus damit! Obenaus (zu Kühlmayer). Herr von Kühlmayer! 13 Kühlm. Nun, mein Geehrtester — Oben aus. Waren Sie schon in Italien? — Nein? Kühlm. Noch nicht, aber — (Zu Feder« weiß.) Geh' hinaus, Du genirst ihn. Federw. (leise zu ObenauS). Schämen Sic sich, Sie Hasenfuß! (Durch die Mitte ab.) Oben aus (fortfahrend). Ich besitze — auch einige sehr hübsche Studien aus Ober- Italien — Aquarelle — Kühlm. (mit Würde). Fedcrweiß ist fort. Wir sind allein. Junger Mann, ich bin bereit Sie anzuhören. Obenan s. O, ich bitte sehr. (Geht zum Bücherkasten.) Sie haben ja da eine recht hübsche Bibliothek — Wo lassen Sie Ihre Bücher einbinden? Kühlm. (verdutzt). Entschuldigen Sie— ich meinte — ich habe erwartet — Feder- derweiß sagte mir — Oben aus (kalt). Was? Kühlm. (noch mehr betroffen). Ah — nichts! Oben aus. Schön. (Steckt die Hände in die Laschen und geht, ein Liedchen summend, auf und nieder.) Kühlm. (für sich). Mir scheint, jetzt genire ich ihn. Da wird man ja ganz konfus! (Geht hastig durch dir Mitte ab.) Zwölfte Scene. Obenaus, dann Cäcilie. Obenaus (allein). So, alter Schacherer, Realitätenschätzmeister, Seelenverkäufer! Die Lektion war Dir gesund. Jetzt kannst Du deinen Rehbraten von gestern allein spei- >en. (Während er spricht, nimmt er Hut und Spa« zierstückchen und zieht die Handschuhe an.) Cäcilie (von rechts kommend, bei Seite). Jetzt muß er sich doch schon erklärt haben. (Bemerkt ObenauS.) Ah — verzeihen Sie — ich will nür meine Stickerei holen. Obenaus. Mein Fräulein, ich freue mich sehr, daß ich Gelegenheit finde, Sie nochmal zu sprechen — Cäcilie (bei Seite). Er ist ganz besangen. Obenaus. Somit habe ich die Ehre, mich Ihnen achtungsvoll zu empfehlen. Cäcilie. Wie? Sie wollen fort? Obenaus. Ja, — ich muß daheim Nachsehen — in Mariahilf — Sie wissen ja, ich lasse just die Fenster anstreichen — Cäcilie. Und deswegen? (Pikirt.) Ick kann Sie nicht zurückhalten, mein Herr! Obenaus. Sie werden mich nichtschwer vermissen — man har meinen Werth bei Ihnen überschätzt, das Haus trägt nur sechstausend Gulden — ist auch nur mehr sechs Jahre steuerfrei. Cäcilie. Wie meinen Sie? Obenaus. Das werden Sie bald wieder finden, und — noch mehr — Sie können ein Stadthaus verlangen — am Kohlmarkt, wenn Sie wollen. Cäcilie (bei Seite). Was soll denn das heißen? Obenaus. Und ich vergönne es Ihnen, aus Ehre, seien Sic glücklich, heiraten Sie den Trattnerhof, es wird mich freuen. Cäcilie. Aber ich bitte Sie — Obenaus. Ja, im Trattnerhof sind die Zinsungen sehr hoch,'nie etwas zu haben-- in meinem Hause stehen jetzt zwei Wohnungen leer. Cäcilie. Sie haben ein Haus? Obenaus. Na, das wissen Sie ja. in Mariahilf. Cäcilie. So? das war mir unbekannt. Obenaus (überrascht). Unbekannt? Wahrhaftig? auf Ehre? Cäcilie (lachend). Nun, ja doch. ObenauS (lebhaft). Schwören Sie! Cäcilie. Aber wenn ick schon sage, — Obenaus. Ich glaube Ihnen. — ja. Ihnen glaube ich, Fräulein, aber schwören Sie es — bei den Gebeinen Ihres Vaters, ja so, der lebt noch, also schwören Sie auf was Sie wollen. Cäcilie. Nun denn, ich schwöre! l4 Obenaus (entzückt). Engel! Sie hat es nicht gewußt! — Du hast es nicht gewußt! (Umarmt sie rasch.) Cäcilie (zurückmnchtnd). Aber mein Herr! Obenaus. Verzeihung — es geschah im Freudenrausch — Jetzt mach' ich meinen Heiratsautrag. Cäcilie. Ich dachte, Sie hätten schon— Obeuaus. Nein, ich habe mich mit dem Papa in ein Gespräch über — Italien verwickelt, und — ua, lassen wir das. Ehe ich aber den officiellen Schritt bei dem Vater thue, appellire ich an die Tochter (Nimmt Stellung.) Mein Fräulein, ich bin — 32 Jahre alt. (Bei Seite.) Bleiben wir bei 32. (Laut.) Ich habe Gemüth — mein Inneres ist pures Gold, ein Goldbcrgwerk. Mein Aeußeres, wie Sie sehen, annehmbar, Finanzen, um auch davon zu reden, bestens bestellt, lassen Sie mich hoffen, daß die gemeinsamen Angelegenheiten zwischen uns auf keine Schwierigkeiten stoßen. Cäcilie (verlegen)- Mein Herr, in der Tbat... Oben aus. Was sagen Sie? Cäcilie. Nichts! (Sieht vor sich nieder.) Obeuaus (für sich). Nichts! Das kann ich mir nach Belieben auslegen. (Laut.) Ist es mir gelungen, mein.Fräulein, auf Sic einen Eindruck hervorgebracht zu haben? Cäcilie (eingeschüchtert). Sprechen Sie mit dem Papa — Obeuaus. Sie weichen mir aus? Cäcilie. Wenn der Papa befiehlt, daun meinetwegen — Obeuaus. Befiehlt? Also nur gezwungen? Cäcicie. Sie quälen mich — Obenaus. Nur ein Wort, ein Wort der Ermunterung, mein Fräulein, ohne Ziererei, ich kann das nicht leiden. Sehen Sie, ich mache keine Umstände, ich sag' es Ihnen so oft Sie wollen, so laut Sie wollen: Sie gefallen mir, ich liebe Sie, ick liebe Sie! Was wollen Sie mebr? Cäcilie. Was soll ick Ihnen sagen? Ich kenlie«S>e ja kaum. Obenaus. Macht nichts! (Nimmt wledrr Stellung.) Ick bin sechs — hm, zweiunddreißig Jahre alt — (unterbricht sich) und — ich liebe Sie! Cäcilie (lächelnd). Nicht so laut! — Sie suchen hier durchaus ein Echo, wie mir scheint. Obenaus. Es antwortet aber keines. Cäcilie. Von da aus ist kein rechter Wiederhall. (Zieht sich nach der Thüre rechts zurück.) Vielleicht geht's hier — Versuchen Sie's noch einmal — Obenaus (ruft). Ich liebe — Sie! (Kühlmayer tritt durch die Mitte rin.) Cäcilie. Der Papa! (Schlägt rasch die Thür hinter sich zu und verschwindet.) Dreizehnte Scene. Obenaus. Kühlmayer. Obenaus (wirst Küsse nach der Thür zu) Engel! Fee! Goldkind! Du bist mein, ich bin dein — Errungen, bezwungen! Kühl M. (Obenaus betrachtend). WaS macht er denn da? (Rust.) Herr von Obenaus! Obenaus (preßt ihn an sich). Papa Kühlmayer, Ihre Tochter ist ein Engel, sie ist zu gut für mich, aber macht nichts — geben Sie sie mir zur Frau — hören Sie, geben Sie sie mir! Kühlm. Aber lassen Sie mich los! ObenauS. Geben Sie sie mir? Kühlm. Nun ja, ja! Obenaus (läßt Kühlmayer loS). Gott sei Dank, diese Formalität wäre erfüllt. Kühlm. Aber wie kommen Sic mir denn vor? Früher vor zehn Minuten — Obenaus. -»Ein Augenblick kann Alles umgcstalten,« sagt Schiller. Also abgemacht. Bringen wir nur gleich alle Stipulationen ins Reine. Kühlm. Wie Sie wollen. Ziehen wir die Lincamente eines provisorischen Ehekontrakts. 15 Oben aus. Wird bald geschehen §ein. Was mich anbelangt, mir ist Alles recht! Kühlm. Na, der Ordnung wegen sprechen wir davon. (Für sich.) Er ist wirklich ein seelenguter Mensch! (Laut, schlägt Obenan« auf den Bauch.) Sic Hitzteufel, Sie! Obenaus. Na! (Für sich.) Das ist seine Paffion. Na, so mach' ich ihm auch die Freude! (Schlägt Kühlmayer hintereinander rin paar Mal auf den Bauch.) Sehen Sie, Schwiegerpapa. s' hat sich gemacht! Kuhlm. (lachend, macht es ebenso). Freilich, Sie Rappelkopf! Obenaus (für sich). Es ist wirklich ein prächtiger alter Herr. (Gibt ihm abermals drei lkist Schläge aus den Bauch.) Also reden wi> jetzt vom Eontract. Kühlm. Ich stelle vor Allem den Grundsatz auf . . . Obenaus. Pardon—Sie kennen mick noch gar nicht. Hören Sie in Kurzem mciuc Biographie. Meiu Pater war einfacher Schuhmacher. Kühlm. Oh, daS macht nichts. Obenaus (gereizt). Glauben Sie vielleicht, ich schäme mich darum? Ein Schuhmacher, ein Schuster, wenn Sie wollen, ja das war mein Pater. (Weiter erzählend.) Wir stammen eigentlich aus Schwaben. Mein Großvater nt von dort nach Wien eingewandert. Er war Messerschmied. Kühlm. (gähnt). So? Obenaus. Es war uock unter Kaiser Joseph. Mein Großvater war damals 20 Jahre alt. Kühlm. (gähnt). 3a. ja. Obenaus. Das scheint Sie nicht zu imeressiren. Kühlm. O, bitte recht sehr. Obenaus. , Pon mütterlicher Seite stammt meine Familie — (Kühlmayer gähnt wieder. Obenaus hält gäh inne.) 3ck bin fertig. Sie haben das Wort. Kühlm. (beiSeite). WaS hat er denn schon wieder? (Laut ) Also —waS ick sagen wollte, ja — Sie haben cinHaus, heißt eS? ObenauS (für sich). Schon wieder! (Laut.) Ja, ich habe ein Haus in Mariahilf. Aber reden wir nicht mehr davon. Kühlm. Warum denn nicht? Ich weiß gar nicht, wie Sie mir Vorkommen — Wie viel Stock hock ist daS HanS? Obenaus (für fich). Er gibt keine Ruhe! (Laut, heftig.) Zwei! Kühlm. Nur? Obenaus. Ich lasse noch drei Stockwerke darauf bauen, dürfen eS nur sagen. (Geht ärgerlich auf und nirder.) Kühl. Mir scheint, Sic ärgern sich schon - wieder. ObenauS. Fällt mir nickt ein. Kühlm. DaS Haus ist schuldenfrei? Obenaus (kurz). 3a. Kühlm. Solid gebaut? Obenaus. Lauter Quadern. Stammt noch aus den Römerzeiten. Achtzehn Fenster Gassenfront, noch 6 Jahre steuerfrei, Zins- erträgniß 6000 Gulden. So. Aber jetzt reden wir von etwas Anderem. Kühlm. Aber warum denn? Obenaus. Warum? Warum? ... 3ck, wenn ick eine Tochter zu verheiraten hätte, ick würde mich schämen, so zu inquiriren, wie, wie ein Maurerpolier. Das ist schmutzig, ordinär, pfui! Kühlm. Was? Obenaus (trocken) Nichts! Kühlm. (für sich). Na, da hört aber dock Alles auf. Obenaus. Genug — ick liebe 3bre Tockter — ick macke alle möglichen Eon- ccssionen — Kühlm. 3ch brauche keine Concessionen von 3hneu, reden Sie nicht so curios! Obenaus. burios? O, ich bin sehr geschmeichelt, daß ick so frei sein darf, Ihre Tochter als Hausfrau hemizuführeu, wohlgemerkt, als Hausfrau .in Mariahilf". Kühlm. Na, hören Sie, wenn Sie gar nichts hätten, würd' ick sie 3hnen nickt geben, das ist sicher. Obenaus. Danke, daS ist doch aufrichtig gesprochen. Wenn also Einer käme, der zwei Häuser hätte, dann, was dann? 16 Kühlin. (ärgerlich). Ah, so lassen Sie mich aus mit Ihren Dummheiten! Oben aus. Ruhig, Herr Kühlmayer, ruhig! Kühlm. Ah, der Teufel soll bei Ihnen nicht in die Hitze kommen. (Bei Seite.) Ich babe mich ganz echauffirt! Uf! (Zieht seinen Rock aus und legt ihn über einen Stuhl links.) Obenaus (bei Seite). Was? Er zieht den Rock aus. . So? Na warte, das kann ich auch! (Zieht seinen Rock aus und legt ihn rechts aus einen Stuhl, nahe am Gueridon.) Kühlm. Schau — ist Ihnen auch so warm? Obenaus. Im Gegentheil—aber — gleiches Recht für Alle — wie Du mir, so ich Dir. Kühlm. (für sich). Ist schon wieder beleidigt. Obenaus. Also — sprechen wir weiter — vom bewußten Haus. S' ist ordinär, wie gesagt, d'rum macht sich's besser in Hemdärmeln. Nur kurz, Herr Groß-Inqui- sitor-Maurerpolier. Kühlm. (achselzuckend). Narr! (Ruft.) Florian! Feder und Tinte. Obenaus (für sich). Wenn er nur das Fenster zumachen wollte! Es zieht! (NieSt sehr stark. Zu Kühlmayer, welcher schweigt.) Danke! (Sehr laut.) Mein Herr, ich habe mich bedankt. Kühlm. (ebenso). Was? Weil ich nicht zur Genesung gesagt habe? (Zornig ) Nun also: Zur Genesung! Und noch einmal : Zur Genesung ! (Bei Seite.) Hol' Dich der Guguck! (Laut.) Sind Sie jetzt zufrieden? Vierzehnte Scene. Obenaus. Kühlmayer. Florian (durch dir Mitte). Flor, (mit Schreibgeräth). Da ist das Tintenzeug. (Für sich.) Was? Alle Zwei in Hemdärmeln? (Legt ebenfalls seine Zacke ab, währAd Kühlmayer das Tintenzeug und Papier auf den Guöridon rechts stellt.) Kühlm. (zu Obenaus). Also wenn's gefällig ist, mein Herr — hier ist die Feder! (Präsentirt ihm die Feder.) Obenaus. Sehr gern. (Geht nach dem Gueridon.) Sie sehen, ich mache alle möglichen Conceffionen. Kühl, (von der andern Seite sich dem Guöri« don nähernd). Schön, schön! Schreiben Sie.. . (Bei Seite.) Verdammter Zugwind, das ist nicht auszuhalten. (Zieht den Rock an.) Obenaus (der sich gesetzt hat). Ich stehe zu Befehl. (Bemerkt, daß Kühlmayer dm Rock angelegt hat. Für sich.) Ah, er zieht stch wieder an. (Laut.) Einen Augenblick. (Stehtaus und zieht selben Rock an.) Flor, (bei Seite). WaS thun denn die eigentlich? Kühlm. (zu Obenaus) Ah — ist Ihnen kühl? Obenaus. O nein, sehr warm. (Setzt sich wieder. Florian zieht seine Jacke wieder an.) Kühlm. (setzt fich auf die andere Seite des Gueridon und schreibt). Sagen wir also, ein Haus mit einem Bruttoerträge, nicht wahr — Obenaus (verdrießlich). Brutto, ja. Kühlm. Von jährlich sechstausend Gulden circa. Obenaus. Wenn Sie eS ganz genau wissen wollen, 5960 Gulden. Kühlm. Sonst besitzen Sie nichts? Obenaus (wie oben). Da — in meinem Portemonnaie. (Zählt.) 8 Gulden 75 Kreuzer — darunter 2 Silberseckser. (Kühlmayer seufzt ungeduldig.) Kühlm. Ich bestimme meiner Tochter als Heiratsgut meine Landwirthschaft nebst Herrenhaus, Aeckcrn und Waldungen in Steiermark im Bruttoerträge von jährlich 8000 Gulden. Obenaus. Halt — das geht nicht! Kühlm. Wie? Obenaus. Mein Einkommen präsentirt jährlich 6000 Gulden, genau genommen 5960 Gulden, ich nehme von der Gegenseite nicht einen Kreuzer mehr. 17 Kühlm. Aber. Obenaus (scharf). Nicht einen Kreuzer! Kühlm. Sagen Sie mir — darf ich vielleicht meine Tochter nicht dotiren, wie ich will? Obenaus (hitziy). Nein! Kühlm. (heftig). Ja! Obenaus. Nein, sag' ick. Kühlm. Ja, sag' ich. Flor, (der sich leise hinter den Gueridon zu Obenaus geschlichen hat) Aber sein S' nickt so dalkert, nehmen's was S' kriegen! Obenaus (ihn grimmig mit der Hand zurückweisend). Marsch! (Steht auf; zu Kühl- mayer.) Nicht einen Kreuzer. Ick lasse mick nicht demüthigen. Kühlm. (wüthend). Na, das wäre ein Schwiegersohn! So ein Stachelschwein! Obenaus (gereizt). Was hat er gesagt? (Zu Florian.) Was hat er gesagt? Flor, (lachend). Stachelschwein! Obenaus. Lümmel! (Gibt ihm einen Stoß in dir Rippen.) Flor, (hält sich die Seite.) Au weh! au web! Kühlm. Das ist zu stark! Flor, (sich die Seite haltend). 2a, das ist zu stark. Sechzehnte Scene. Cäcilie. Obenaus. Obenaus. Adieu, sechzehnter Schwie« gervater! (Stürzt aus Cäcilien zu, welche zögernd stehen bleibt.) Mein Fräulein, ich liebe Sie — leben Sie wohl — aus ewig! Cäcilie. Was ist denn nur vorgefallen? Obenaus. Man hat mich beschimpft — Ihr Herr Vater hat mich ein — Stachelschwein genannt — ein Stachelschwein! Cäcilie. Ach, das war nicht so arg gemeint! Obenaus. Cr muß das Wort zurück- nehmen! Cäcilie. Bleiben Sie — ich will diplomatische Unterhandlungen versuchen. Erwarten Sie mich hier. Ja? Obenaus (heftig). Nein — er muß — Cäcilie. Ich bitte darum. Obenaus (schwächer). Cr muß aber das Wort zurücknehmen. Cäcilie. Also — Sie warten! (Schnell links ab.) Fünfzehnte Scene. Vorige. Cäcilie (von rechts). Cäcilie. Was ist denn geschehen ? Kühlm. Der Herr — Herr Obenaus — theilt Püffe aus — in meinem Haus — Armer Florian! Da, mein Herr (zerreißt das Geschriebene) — aus ist's zwischen uns! AuS! Cäcilie (bei Seite). O mein Himmel! Kühlm. Kvmn', Florian. (Zu Läcilie.) Auf dein Zimmer, Cäcilie! (Kühlmayer und Florian links ab.) Siebzehnte Scene. Obenaus. Dann Federweiß. ObenauS. Sie ist ein Engel! Nein, sie ist seine Tochter — nein,-sie kann nicht seine Tochter sein — ganz ein anderer Charakter! Kann des Habichts Kind eine Taube sein? Naturgeschichte, gibt cS solche Abnormitäten? Federw. (von links). Lieber Freund — ich habe eine unangenehme Mission zu erfüllen; Herr Kühlmayer — Obenaus. Nimmt er das Wort zurück? Federw. Er läßt Sie ersuchen, sein Haus recht bald zu verlassen. Obenaus. Sehr gut. Soll geschehen! Adieu! (Umkchrend, bei Seite.) Aber — Sie — 2 IhratN'Rt»n 1 oin Ni. 218. 18 der Engel hat mich gebeten, sage gebeten, zu warten — ich kann nicht fort. Federn». Ich habe das Möglichste ge» than, ihn zu beschwichtigen, umsonst. Er ist wüthend — Obenaus. Edler Freund! Sie sind zu gütig. (Setzt sich zumGueridon) Wirklich so , herzensgut. Ich habe immer eine Freude, wenn ich Sie sehe. Federw. Lieber Obenaus — Sie haben mich wohl nicht gut verstanden? Obenaus. O ja, ganz gut. Ich soll — — (macht die Geberde des Hinausgehens) aber — es geht nicht, ich kann nicht — ich kann nicht! Federw. (für fich). Es thut ihm leid. Ist doch eine gute Seele. Der Kühlmayer kommt gleich so in die Hitze — Obenaus (da Cäcilie eintritt). Ha, sie kommt, der Friedensengel! Obenaus (auffahrend). Abbitte — einem Bedienten! Was ihm einfällt! Federw. DaS ist wirklich viel verlangt. Cäcilie. Es ist des Vaters Ultimatum. Obenaus. Abbitte? Es hat das Wort wiederholt — (Zu Federweiß.) Stachelschwein! — Cäcilie. Vielleicht entschließen Sie sich doch — Obenaus (entschieden). Nein, ich darf nicht. (Bei Seite zu fich selbst sprechend.) Oben- aus, Du darfst nicht! Federw. Recht haben Sie — also — gehen wir zusammen? Obenaus. Ich komme gleich. (Federweiß geht durch die Mitte ab, mit Läcilien lebhaft sprechend.) Neunzehnte Scene. Obenaus. Cäcilie, dann Florian. Achtzehnte Scene. Obenaus. Federweiß. Cäcilie. Cäcilie (zu Obenaus). Mein Vater läßt Ihnen sagen — Obenaus (steht auf). Er nimmt das Wort zurück? Cäcilie. Nein. Obenaus. Nein? Auch gut. (Zieht seine Handschuhe an.) Cäcilie. Sie haben dem armen Florian einen Stoß gegeben. Obenaus. War nicht so arg. Federw. (zu Obenaus). Ja, der Florian ist ihm an's Herz gewachsen. Den darf man nicht anrühren. Cäcilie. Mein Vater will sich indeß mit Ihnen versöhnen. Obenaus. Ah! Cäcilie. Unter einer Bedingung. Obenaus. Bedingung? Lächerlich! Cäcilie. Sie sollen dem Florian Abbitte leisten. Obenaus (beiseite, nach links zu gehend). Arme Kleine! es thut ihr leid, mir auch, aber — es muß geschieden sein! (Laut, fich Läcilien nähernd.) Fräulein Cäcilie, ich danke Ihnen vielmals — Cäcilie (senkt den Kopf). Herr Obenaus — Obenaus. Ich bedauere lebhaft, daß Ihr Herr Vater durch seine Insolenz — Cäcilie. Wie? Obenaus (gerührt). Cäcilie! Sie denken besser von mir als er — Nicht wahr? Wir scheiden — nicht für immer. Wenn Menschen von einander gehen, so sagen sie — auf Wiedcrseh'n! Cäcilie (mit einer Verbeugung). Auf Wie« derseh'n! (Bricht in Thränen aus.) Obenaus (entzückt, schließt sie in die Arme). Sie weinen? Du weinst? Sie weint — um mich! (Umarmt sie nochmals.) O, o! (Plötz- lich.) Sapperment, Ihr Vater soll verlangen was er will — aber nur etwas Anderes! Ich lasse mir meinetwegen zwei Stockzähne ausreißen, oder den Bart auf einer 19 / Seite abrasiren, ich spaziere acht Tage lang auf der Simmeringer Heide herum, ich gehe mit GypSfiguren hausiren, ich lasse mein Haus himmelblau anstreichen, Alles, Alles thu' ich, aber nur nicht abbitten! Cäcilie (im Tone deS Vorwurfes). O — Sie baden mich nicht lieb! Obenaus (schwankend). Wenn Sie mir so kommen! (Wieder resolut.) Nein, nein, nein! Cäcilie. Wir wären gewiß recht glücklich geworden. Obenaus. ^nd wie glücklich — Cäcilie. Wenn Sie doch nachgeben wollten. Obenaus. O —! (Kür sich.) Obenaus, sei stark! Cäcilie (flehend). Ich wäre Ihnen so dankbar! Mein Lebelang würd' ich an dieses Opfer denken! das Sie mir zu Liebe bringen. Obenaus (mit Ueberwindung). Cs sei! (Heftig.) Wo ist der Elende? Cäcilie. Sie geben nach? Obenaus. Ich verspreche nichts — ich kenne mich — aber ich will's versuchen. Rufen Sic den Kerl. Cäcilie. Florian! Obenaus. Aber das sage ich Ihnen — Cäcilie (schmeichelnd). Mir zn Liebe! — da ist er. (Florian tritt ein.) Flor. Fräulein Cäcilie haben gerufen? Zwanzigste Scene. Cäcilie allein. Dann Florian. Später Obenaus. Cäcilie. Was macht er denn? Er läuft ihm nach! Jetzt sind sie im Garten! O — kreuz und quer durch die Blumen! O weh, die armen Melonenbeete! Herr Obenaus! Florian! Sind denn beide verrückt geworden? Ah, sie laufen zurück! Florian! Flor, (von rechts zurückkommend im Laufe). Zu Hilfe — er erwischt mich! (Fällt lintt aus einen Stuhl) Cäcilie. Aber fürchte Dich nicht — er will ja nur — (Obenaus kommt von rechts und nähert sich Florian.) Florian. Da ist er! (Springt heftig auf, durchläuft die Bühne und verschwindet rechts.) Obenaus (auf den Stuhl finkend, auf welchem Florian saß). Uf! ich kann nicht mehr! Cäcilie (bei Seite) Armer junger Mann! (Laut.) Erholen Sie sich doch — Sie find ja ganz außer Athem. Obenaus (schnaufend). Sie sehen — Fräulein Cäcilie — mein guter Wille — aber so komme ich nicht zu einer Abbitte, der Kerl ist zu flink. Cäcilie. Warten Sie — Florian ist gewiß in der Nähe — ich werde ihm die Sache erklären und' schicke ihn daun her. Jst's so recht? (Rechts ab.) Einundzwanzigste Scene. Obenaus (macht ein paar Schritte gegen Florian). Da her — zu mir! Obenaus. Dann Florian. Flor. Nicht um die Welt! (Kehrt um und läuft durch die Mitte ab.) ObenauS. Was? Er läuft davon, wenn ich mich schon zu einer Abbitte herablaffen will! Infam! Aber wart, ich erwische ihn schon! (Eitt heftig Florian nach.) Obenaus. Mein letzter Athemzug ist — Cäcilie!.... Aber schnell soll er kommcn, schnell, meine versöhnliche Stimmung ist bereits im Abnehmen. Wenn sie nicht wäre — ich nähme am liebsten diesen Stock (ergreift sein Spazierftöckchen und schwingt es wüthend in der Lust) und haute den Schlin- * 20 gel so recht mit Wonne, bis — (Florian tritt ein — Obenaus senkt rasch den Stock) Ruhig, Obenaus! Flor. Fräulein Cäcilie hat mir gesagt— Obenaus. Was? Flor. Sie wollen. . . (deutet stumm auf das Spazierstöckchen, welches Obenaus in de* Hand hält). Obenaus. Nur näher! Flor, (wiederholt die Geberde). Obenaus (mit dem Fuße strampfend). Näher, sag' ich! Flor. Thun' S' eher das Staberl weg! Obenaus. Ja so — (Den Stock wegle- gend und sich zur Freundlichkeit zwingend.) Mein guter Florian! (Für sich.) Wie mich der Flegel impertinent anstarrt! (Laut.) Ich habe Dir vorhin wehe gethan. Flor. Ja, sehr! Obenaus. Hm! (Mit Ueberwindung.) Ich bin geneigt — (Für sich mit einer bezeichnenden Geberdr.) Das Gesicht ist so einladend zum — (Laut.) Ich wäre geneigt — mick zu entschuldigen — Flor, (mit Würde). Das g'hört sich auch. Obenaus (packt ihn beim Kragen). Was! Impertinent auck noch! Ich schüttle Dir die Seele aus dem Leibe! Flor. Zu Hilfe! Er bringt mick um! Zweiundzwanzigste Scene. Vorige. Kühlmaycr. Cäcilie. Federweiß. (Die beiden Ersteren von links, letzterer durch die Mitte.) Alle Eintretenden. Was gibt's? Obenaus (für sich). Verflucht! (Schnell, leise zu Florian ) Zehn Gulden geb' ich Dir, lächle! Flor, (lacht). Hi, hi — Ha ho! Ha! Obenaus. Ich war eben im Begriffe mich zu entschuldigen Nicht wahr? (Leise.) Lächle! Flor. Ja ja! Ja ja! Kühlm. Ah —! Das möcht' ich auch mit ansehen. Also nur weiter. Flor. Nein, nein, ich Hab' schon genug. Kühlm. (sitzt sich). Also anfangen! (Läutet.) Der Vorhang geht auf! Obenaus (für sich). Er verhöhnt mich! Federw. (zu Obenaus). Ich thäte es nicht an Ihrer Stelle. Cckcilie (von der andern Seite). Thun Sie es, um meinetwillen. Kühlm. Ich wette um zehn Gulden, daß er's nicht thut. Obenaus. Gilt! Jetzt justament! (Stellt sich in Positur.) Mein guter Florian — wenn ich Ihnen weh getban habe, so ist dieß geschehen, weil es — geschehen ist. Kühlm. Das ist keine Entschuldigung. Obenaus. Nicht? Florian! gib' mir die Hand. (Florian gibt ihm schüchtern die Hand. Obenaus drückt sie heftig.) Flor. Au weh! Obenaus. Du fühlst, wie sehr es mick schmerzt. Ja, eS thut mir leid, (schnell und heftig) sehr leid, unendlich leid! (Zu Cäcilirn.) Mein Liebchen, was willst Du noch mehr? Kühlm. Bravo! Federw. Ich hätt' es nicht gethan. Obenaus (heftig zu Federweiß). Sie ha< beu hier gar nichts zu Hetzen, verstehen Sie mich? Federw. Nu, nu! Cäcilie (zu Obenaus). Sie haben sich wacker gehalten. Ich danke Ihnen. Obenaus (würdig zu Kühlmayer). Herr Kühlmayer, nun aber geben Sie mir — Kühlm. Meine Tochter. Jetzt, ja! Obenaus. Und — Kühlm. Was noch? Obenaus. Zehn Gulden. Sie haben gewettet. Kühlm. (lachend). Ja so. Muß es gleich sein? Obenaus. Ja. Kühlm. (gibt ihm das Geld). Ehrlich verdient. Obenaus (gibt es heimlich Florian). E'ü — auch ehrlich verdient. 21 Kü hlm. (ObenauS und Cäriliens Hände vereinigend). So! Seid glücklich! In vierzehn Tagen Hochzeit, und dann (zu Federweiß) auf nach Italien! Flor. Geh' ich mit? Kühlm. Nein. Oben aus. Florian — Du kommst zu mir. Kühlm. Er ist wirklich ein guter Mensch! Flor, (^u Obenaus, auf daS erhaltene Geld zeigend). Aber ich thu's nicht ohne Diäten! Obenaus. Zugestanden. Aber ich bin ganz gebessert! Flor, (halb bei Seite zum Publicum)- Das kennen wir schon. Morgen sangt er accurat wieder so an wie heut'. Kommen S' nur her — Sie werden sich überzeugen! Der Vorhang fällt. Ende. >«r dem Theater-Berlage d«f Wallishauffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Emerike, oder die Zurechtweisung. Kom. Oper in 2 A. Nach einem Vaudeville von Sonnleithner. 35 kr. 7'/, Sgr. Emmy Teels. Drama in 3 A., s. Castelli Sträußchen. 9. Jahrgang. (Vergriffen.) Enge Sperre, oder die Hunqercur. Schwank mit Gesang in 1 A. v Alois Aerla. (Wr. Theater- Repertoire Nr. 207.) 35 kr. 7'/, Sgr. Engländerin, die. Lustspiel in 1 A., s. Weiffen- thurn Schauspiele. 11. Band. Entdeckung, die «nvermuthete. Original-Lustsp in 5 Ä. von F. X. Huber. 1795. 40 kr. 8 Sgr. Entführung, die, aus dem Serail. Singspiel in 3 A. Nach Bretzner. Musik v. Mozart. Dritte Auflage. 8. 35 kr. 7'/, Sgr. Entführung, die. Lustspiel in 3 A. von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr. Entführung, die, der Prinzessin Europa, oder so geht es im Olymp zu. Mythologische Caricatnr in Knittelreimen mit Gesang in 2 A von Meist. 40 kr. 8 Sgr Entzifferung, die. Komische Oper in 2 A. Nach dem Italien, frei bearbeitet. 1806. 35 kr. 7'/, Sgr Er bezahlt Alle. Lustspiel in 1 A., s. Koch dramatische Beiträge. Er compromittirt seine Frau. Lustspiel in 1 A Nach dem Franz, v. Moreno. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 74.) 35 kr. 7'/^ Sgr. Er darf nicht fort. Schwank in 1 A., s. Baum. Beiträge. Er hat das Pulver erfunden. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, von Alexander Bergen. (Wr. Tbeat.-Rep Nr 206.) 35 kr. 7 '/, Sgr. Er ist ein Narr. Posse in 1 A, von Morländrr. (Wiener Th.-Rep. Nr. 100.) 30 kr. 6 Sgr Er kann nicht lesen. Posse in 1 A. von M. A. Grandjean.sWiener Theater-Repertoire Nr.88.) 35 kr. 7'/, Sgr. Er mengt sich in Alles. Lustspiel, frei nach Mistr Centlive von Jünger. 1803. 50 kr. 10 Sgr. Er will nicht sterben. Dramatischer Scherz in 1 A. von C. F. Stir. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 106.) 35 kr. 7'/, Sgr. Erben, die. Lustspiel in 1 A. von I. F. v. Weissenthurm Gr. 8. 1833. 1 fl. 20 Sgr Erbprinz, der, oder das Gehcimniß. Schauspiel in 4 A von Ziegler. 1801. 8. 50 kr. 10 Sgr. Erbschaft, die. Lustspiel in 1 A. 1796. 25 kr. 5 Sgr. Erbtheil des VaterS. Schauspiel in 4 A. von Jffland. 1802. 40 kr. 8 Sgr. Erbvertrag, der. Dramatische Dichtung in 2 Abth. Nach einer Erzählung des C. F. A. Hoffmann. Von W. Vogel. 1828. Gr. 8. (Vergriffen.) Lreols in l,)dirt Orammu psr blumva in du« ^tti. 1803. 25 Irr. 5 8^r. Eremit, der, auf Formentera. Schauspiel mit Gesang in 2 A. v. Kotzrbue. 1810. 50 kr. 10 Sgr. Eremit, der, aus den Ardennen. Schauspiel in 5 Aufzügen, s. Buui dramatischer Nachlaß. Erinnerung. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 80 kr. 16 Sgr Eroberung, die, von Jerusalem. Historisches Drama iu 3 A. Nach Cronegk und Demieur von Steginaner. 8. 1805 35 kr. 7'/, Sgr. Ersatz, der. Original-Schauspiel in 4 A. von P. W. Vogel. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Erziehung, die. Originab-Lustspiel v. Weidmann. 8. 1775. 25 kr. 5 Sgr. Erzieherin, die. Schauspiel in 4 A., von Paul Foucher. Nach dem Franz, von Mar Stein (Wiener Th.-Rep. Nr. 129.) 60 kr. 12 Sgr. Es bleibt unter uns. Lustspiel in 4 A. v. Schildbach. 8. 1807 60 kr. 12 Sgr. Es ist Friede, oder die Zurückkunft deS Fürsten. Vaterländisches Gemälde mit Gesang in 3 A von Gleich. 1806 8. 40 kr. 8 Sgr Esel, der hyperboräische, oder die heutige Bit düng. Drastisches Drama und philosophische*. Lustspiel für Jünglinge in 1 A. von Kotzebu^ 1801. 35 kr. 7XSg» Esser. Trauerspiel in 5 A. Nach Banks, Brooke. Jones und Ralph 1803. 50 kr. 10 Sgr d'L8tr«, Gabriele. Singspiel in 3 A. Nach dem Franz. v.Fr.Treitschke. Gr. 8.1808. 25 kr. 5 Sgr. Etwas Kleines. Charakterbild mit Gesang in 3 A von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 69 ) 60 kr. 12 Sgr. Eulenspiegel, der. Alleg. Schauspiel aus dem neunzehnten Jahrhundert, von Weidmann. 1781. 35 kr 7'/. Sgr. Eulenspiegel, oder Schabernack über Schabernack. Posse mit Gesang in 4 A. v. I. Nestroy. ZweiteAuflage. (Wrener Theater-Repertoire Nr. 32.) 50 kr. 10 Sgr. Eulenspiegel als Schnipfer. Posse in 1 A., von Anton Bittner. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 66 ) 30 kr. 6 Sgr Euphrosine. Oper in 3 A Nach dem Franz. 1806. 35 kr. 7'X Sgr. Euryanthe. Große romantische Oper in 3 A von H. v Chezy. Musik von C. M. v. Weber. 8. Zweite Auflage. 35 kr 7'/, Sgr. Fadinger Stephan, oder der Bauernkrieg. !)rigi- naldrama in 5 A. von Weidmann 1781. 35 kr. 7'/, Sgr. Fähndrich,der.Lustsp.v. Schröder. 8.60 kr. 12 Sgr. Fall, ein seltener, oder die Mutter» die Vertraute ihrer Tochter. Lustspiel in 3 A von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr. Familie, die amerikanische. Operette in 1 A Aus dem Franz, des Bouilln, von I. R. v. Seyfried. 1810. 25 kr. 5 Sgr. Familie, die schottische, oder die Stärke der kindlichen Liebe. Große inilitärische Oper in 3 A. von H. Steche. Musik von Signora Edlen von Eulrnstein. 40 kr 8 Sgr Familie, die, auf lsle de b'rLnee. Oper in3A. Aus dem Franz von I. F. Castelli. 1805. 35 kr. 7'/, Sgr. Familie Rickeburg, die. Lustspiel in 1 A, s Castelli Sträußchen. 17. Jahrgang Fanchon, das Leiermädchen. Vaudeville in 3 A. Nactz dem Franz, des Bouilly von Kotzebue Musik von Capellmeister Himmel. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Faschingsnacht, die verhängnißvolle. Posse mit Gesang in 3 Auszügen v. I. Nestroy 12. 1841. 75 kr. 15 Sgr Faschings-Souper, ein. Posse in 1 Aufzuge von Alois Berla. (Wiener Theater-Repertoire 179) 35 kr. 7'/, Sgr. Faßbinder, der. Singspiel in 1 A Au» dem Franz. 1802. 25 kr 5 Sgr. Faßbinder, die beiden, oder Reflexionen und Aufmerksamkeiten. Posse in 3 A., s. Feldmann Lustspiele. 6. Band. Wallishauffer'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Faust. Trauerspitl v. Göthe, gr 12. Wiener Orig.- Auflage. 1823. Velinp. 1 fl. 20 Sgr Faust. Große romantische Oper in 3 A von I. C. Beruard. 1813. 50 kr. 10 Sgr. Faust's Doctor Hauskäppchen od. die Herberge im Walde. Posse mit Gesang in 3 A. von Friedrich Hopp 1843. 75 kr. 15. Sgr. Faust'S Mantel. Zauberspiel mit Gesang in 2 A. von A Bäuerle. 8. Wien. 1820. 30 kr. 6 Sgr. Faustin I, Kaiser von Hayti. Posse in 4 A., mit einem Vorspiele: Die Europamüden, s. Feldmann Lustspiele. 5. Band. Faustrecht, daS, in Thüringen. Schauspiel mit Gesang nach HaSper a ^pada, für die Bühne bearbeitet von Hensler. Musik von Kauer. 3 Theile. 1797. 1 fl. 20 kr. 24 Sgr. Februar, der vierundzwanzigste. S. Werner. 6. Bd. VeckerieL eck ^ckvlto. Drum, seriu in ckue 1812. 35 kr. 7'/^ 8^r Fehltritt, ein. Schauspiel in 2 A., s. Castelli Sträußchen. 17. Jahrgang. (Der griffen.) Feindin, eine, und ein Freund. Posse mit Ges. in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 87.) 60 kr. 12 Sgr. Feldmann, Lrop. Deutsche Original-Lustspiele. I. bi« 6. Band. 8. Wien. 1845—1853. Preis eines Bandes 3 fl. 2 Thr. Inhalt: I. 1845. Der Sohn auf Reisen. Original-Lustspiel in 2 A. — Die Kirschen. Orig.-Lustsp. in 1 A. — Das Porträt der Gellebten. Orig.-Lustsp. in 3 A. — Die freie Wahl Ong.-Lustsp. in 1 A. — Die schöne Athenlenserin. Orig.-Lustsp. in 4 A. II. 1847. Der Pascha und sein Sohn. Orig.- Lustsp. in 5 A. —Ein Freundschaftsbündniß. Orig.-Lustsp. in 4 A. — Ursprung des Korb- grbens. Dramatische Kleinigleit nach einer Anekdote in 1 A. — Eine unglückliche Physiognomie. Orig.-Lustsp. in 3 A. — Drei Candidaten. Ong.-Lustsp in 3 A. III. 1848. Ein höflicher Mann. Orig.-Lustsp. in 3 A. — Der dreißigste November. Orig.- Lustsp. in 1 A. — Ein Mädchen vom Theater. Orig.-Lustsp. in 4 A. — Baron Beisele und sein Hofmeister Doctor Eisele in München. Localpoffe mit Gesang in 3 A. — Der Lebensretter. Originalpoffe mit Gesang in 3 A. I V. 1849. Der RechnungSrath und seine Töchter. Orig.-Lustsp. in 3 A.—Der deutsche Michel, od. Familien-Unruhrn. Zeitbild in 5 A.—Kern und Schale. Orig.-Lustsp. in 3 A. — Ahnenstolz in der Klemme. Schwank in 1 A. — Bekenntnisse eine- Brautpaares. Zwrigespräch in freien Versen zur Deklamation. — Das Nar- renhau». Fastnachtsposse in 2 A. V. 1851. Faustin I, Kaiser von Hayti. Origi- nalpoffe in 4 A., mit einem Vorspiele : Die Europamüden, von Feldmann und Bertram. — Ein alte« Herz. Lustspiel in 3 A. — Tie beiden Caprllmeister. Orig.-Lustsp. in 2 A. — DaS Gastmahl zu Lurenhain. Dramatischer Scherz in 1 A. — Der neue Robinson, oder: DaS goldene Deutschland. Orig.» Carnevalspoffe mit Gesang in 2 A., von Frldmann und Bertram. VI. 1852. Die beiden Faßbinder, oder: Reflr- rionen und Aufmerksamkeiten. Posse in 3 A. mit Gesang, Tänzen, Einzügen und Spektakeln. — Die Schicksalsbrüder. Lustsp. in 4 A. — Die Industrie-Ausstellung, oder Reiseabenteuer in London. Gelegenheitspoffe mit Gesang und Tanz in 3 A. — List und Dummheit. Posse mit Gesang und Tanz in 3 A. Feldtrompeter, der, oder: Wurst wider Wurst. Posse in 1 A. v. Hensler. 1798. 8. 40 kr. 8 Sgr. -Dasselbe als Singspiel von Pennet. 20 kr. 4 Sgr. Fenster, das zugemauerte. Lustspiel von A v. Kotzebue. 8. 25 kr. 5 Sgr. Fenster, daS zugemauerte. Komische Operette in 1 A. Nach Ä. v. Kotzebue. 1811. 25 kr. 5 Sgr. Ferdinand Raimund, s. Raimund Ferrandino. 1. Theil, Fortsetzung des Rinaldini. Schausp. in 3 A. v. Hensler. 1800. -2. Theil. Schausp. in4A. v. Hensler. 1801. (Vergriffen.) -3. Tbeil. Schausp. in 4 A v Hensler. 1801. 40 kr. 8 Sgr. Festung, die, an der Elbe. Oper in 3 A Nach dem Franz, frei bearbeitet von Castelli Musik von Fischer. 1806. 25 kr 5 Sgr. Feuer und Wasser, oder die Haarlocke. Operette in 1 A. Nach dem Franz, von Sevfried. 8 1803. 25 kr! 5 Sgr. Feuerlärm, der, oder Alles geht nach Wunsch. Lustspiel in 1 A. 1793. ' 35 kr. 7'/. Sgr Fiakerin, die schöne. Localer Schwank mit Gesang und Tanz in 3 A. Nach einer älteren Kring- steiner'schrn Posse frei bearbeitet v A. E. NaSke. (Wien. Theat.-Repert. Nr. 37.) 40 kr. 8 Sgr Fidclio. Oper in 2 A. Frei nach dem Franz Musik v. L. van Beethoven. Neue Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Fiesko, der Salamikrämer. Musikalisches Lluod- libet in 2 A. Bearbeitet von Gleich. 8. 1813. 40 kr. 8 Sgr. Figaro in Deutschland. Lustspiel in 5 A von ' Jffland. 1809. 40 kr 8 Sgr. Figaro'S Hochzeit, oder der tolle Tag. Lustspiel in 5 A. von Jünger. (Vergriffen) Findelkind, daS. Lustsp. in 5 A 1807. 50 kr. 10 Sgr. Findelkind, ein. Charakterb. m Ges. in 1 A. v Carl Elmar. (Wr. Tbeat.-Rep Nr 177.) 30 kr. 6 Sgr. Fitzliputzli, oder die Teufelchen der Ehe. Kom. Operette in 1 A. von Carl Juin (Giuzno). 8. 1865. 35 kr. 7'/, Sgr. Fläschchen, daS, Kölnerwaffer, oder Denkschrift eines HußarenoffizierS. Lustspiel in 1 A, s. Castelli Stränßchen 8. Jahrgang Fledermaus, die. Lustspiel in 1 A. Nach Langbein'« Feierabenden bearbeitet von Hensler. 1802. 25 kr. 5 Sgr. Fleischhauer, der schöne. Lustspiel in 1 A, nach dem Franz, von Aler. Bergen. (Wr. Theater- Repertoire Nr. 145 ) 35 kr. 7'/, Sgr. Florentiner Strohhut, ein, oder Fatalitäten an dem VerlobungStage. Posse mit Gesang in 3 A. von Carl Juin und L. Flerr (Wiener Theater-Repertoire Nr. 35.) 40 kr. 8 Sgr. Flucht, die, au- Liebe. Lustspiel in 5 A. von Jünger. 8. 1805 40 kr. 8 Sgr Flüchtig in der Heimat. Charakterbild mit Gesang in 3 A von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repert Nr. 188.) 60 kr. 12 Sgr. Folgen einer Mißheirat. Gemälde aus dem Leben in 4 A., s. Castelli Sträußchen. 20. Jahrgang. Wallishauffer'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Folter, die, oder der menschliche Richter. Drama! Fürsten, die, der Longobarden. Original-Schau von Weidmann. 8. Wien. 1773. 25 k> 5 Sgr. Francisco von Foir. Heroisch-komische Oper in 3 A nach einer franz. Idee frei bearbeitet von I F. Castelli. 35 kr. 7'/, Sgr. Frau Wtrthin, die. Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 67.) 60 kr. 12 Sgr. Frau, die, zweier Männer. Schauspiel in 3 A. Nach dem Franz, frei bearbeitet von Schulz. 8. 1803. -0 kr. 8 Sgr. Frauen-Emancipation. Lustspiel in 3 A. von Dr W. Marchland. 8. Geh. 1840. 80 kr. 16 Sgr. Frauenstand. Lustspiel in 5 A. von Jffland. 8. 1800 50 kr. 10 Sgr. Fräulein Bruder, mein. Lustspiel in 1 A. von Aler. Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 82.) 30 kr. 6 Sgr. Dreiheit in Krähwinkel. Posse mit Gesang in 2 Abtheilungen und 3 A. von Joh. Nestroy. Mit 3 Bildern. 8. 1849. 1 fl. 20 kr 24 Sgr. Freischütz, der. Romantische Oper in 4 Aufzügen von Friedrich Kind. Musik von Carl Maria Weber. (Neue Auflage.) 35 kr. 7'/, Sgr. Fremde, der. Lustspiel in 5 A. von Jffland. 8. 1801. - 80 kr. 16 Sgr. Fremde, die. Schauspiel in 3 A., s. Weissenthurn Schauspiele, 15. Band Freudenfest, das, einer Dorfgemeinde in Hun- garn. Ländliches Gemälde in 1 A. 1800. 35 kr 7'^ Sgr. Freund, der, und die Krone. Romant Schauspiel in 4 A. v. Lembert. Zweite Auflage. (Wien.Theat.-Repert.Nr. 8.) 35 kr. 7',, Sgr. Freund, ein, wie er sein soll. Genrebild in 1 A v. Carl Gründorf. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 212.) 35 kr. 7'/. Sgr Freunde, die. Original-Schauspiel in 4 A. von Ziegler. 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr. Freunde, zwei, und ein Rock. Posse in 1 A., s Castelli Sträußchen, 12. Jahrgang. Freundschaft und Argwohn. Lustspiel in 5 A. von Jünger. 1804. 40 kr. 8 Sgr. FreundschaftSbündniß, ein. Lustspiel in 4 A., s. Feldmann Lustspiele. 2. Band. Freundschaftsdienste. Lustspiel in 1 A. von Carl Juin (Giugnv). (Wiener Theater-Repertoire Nr. 115.) 35 kr. 7'/, Sgr. Fridolin. Schauspiel in 5 A. von Franz v. Holbein 1808. (Vergriffen.) Friede, der, am Pruth. Als zweiter Theil des Mädchens von Marirnburg. Schauspiel in 5 A. 8. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Frink und Compagnie. Charakterbild mit Gesang in 3 A v A. Darry. Musik von Adolf Müller. (Wr. Tbeater-Rep. Nr. 56.) 60 kr 12 Sgr. Fritz, der lustige, oder: schlafe, träume, stehe auf, kleide dich an und bessere dich. Märchen neuerer Zeit in 2 A. v. MeiSl 1819 40 kr. 8 Sgr Frühstück, das. Burschenstreich in 1 A 1807. 8 20 kr 4 Sgr. Fuchs, ein. Posse mit Gesang i» 3 Auf;., v Carl Juin. (W. Th.-Rep Nr. 73.) 60 kr. 12 Sgr Fünf sind zwei, oder Domestikenstreiche. Lustspiel in 1 A. s. Castelli Sträußchen, 10 Jahrgang. (Vergriffen.) Fürst, ein. Charakterbild mit Gesang in 3 A von Fr. Kaiser. 8. 1850. 75 kr. 15 Sgr. spiel mit Gesang in 3 A. von Gleich. 1808.8. 40 kr. 8 Sgr. Fürstengröße. Vaterl. Schauspiel in 5 A von Ziegler. 1804. 8. 50 kr. 10 Sgr. Fnrstenrache, die. Original-Schauspiel in 5 A. 1803. 50 kr. 10 Sgr. Gabriele. Drama in 3 A. Nach der »Valerie« der Herren Scribe und Melesville. Don I. F. Castelli. Zweite Auflage. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 164.) 35 kr. 7'/, Sgr. Gaüerie-Gemälde, das. Schauspiel in 5 A. von Hensler. 1803. 35 kr. 7'/, Sgr. Galotti, Emilie. Trauerspiel in 5 A. von Lessing. 8. 40 kr. 8 Sgr. Gang in'S Irrenhaus, der. Lustspiel in 1 A, nach dem Franz, v. HerzenSkron. Zweite Auflage. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 10.) 35 kr. 7'/, Sgr. Gänsemädchen, das, auf der Brandstatt Posse mit Gesang in 1 A. v. AloisBerla. (Wr. Th.-Rep. Nr. 209 ) 35 kr. 7'/, Sgr. Gardinenpredigt. Posse in 1 A. Deutsch von Aler. Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 189.) 35 kr. 7'/, Sgr. Garrick in Bristol. Lustspiel in 4 A. von Dern- hardstein. 8 geh. 1834. 1 fl. 20 Sgr Gasflamme und Schusterkerze. Volksbild mit Gesang in l A. von Alois Berla. (Wnr. Th.- Rep. Nr. 213) 35 kr. 7'/, Sqr Gasthof, der portugiesische. Komisches Singsptel in 1 A. Aus dem Franz, von Treitschke. 30 kr. 6 Sgr. Gastfreund» der. Trauerspiel in 1 Aufz. von Franz Grillparzer, s. dessen goldenes Vließ. Gastmal, das, zu Lurenhatn. Dramatischer Scherz in 1 A., s. Feldmann Lustspiele. 5. Band. Geächteten, die. Schauspiel in 4 A. von Weidmann 1826 80 kr. 12 Sgr. Gedicht, das, oder die junge Schweizerin. Lustsp in 2 A. von I. D. Falk. 1800 25 kr. 5 Sgr. Gefahr, die. Dramatische Situation von Ehrim- feld. 13 kr. 2'/, Sgr. Gefangene, der. Lustspiel in 1 A von Kotzebue 8 '1801. 25 kr. 5 Sgr. Geflüchteten, die. Schauspiel in 1 A. von Jffland 35 kr 7'/, Sgr Geheimniß, daS öffentliche. Lustspiel in 5 A nach Gozzi von Götter. 8. 1792. 40 kr. 8 Sgr. Geisterseher, der. Neu nach Schiller, als Schauspiel in 5 A. mit Chören, von Perinet 1810.8. 40 kr. 8 Sgr. Geizige, der. Lustspiel in 5 A. Nach Molitzrr für die deutsche Bühne von H. Zschvkke. 1808. 50 kr. 10 Sgr Geldfrage, die. Lustspiel in 5 A., v Aler. Dumas Sohn, deutsch von P. I. Reinhard. (Wiener Theater-Repertoire Nr 42.) 60 kr. 12 Sgr Gelehrter, ein junger. Lustspiel in 1 A, nach dem Englischen v. Alerander Bergen. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 66.1 30 kr 6 Sgr Gelübde, die. Lustspiel in 2 A. von Tb Hell 1806. 35 kr. 7'/, Sgr. General, der. Lustspiel in 3 A., s Castelli Sträußchen. 19. Jahrgang. (Vergriffen.) Generalprobe, die. Vorspiel v. Schildbach. 1804 25 kr. 5 Sgr Geniestreiche, die. Posse in 4 A 1802. 35kr. 7'/, Sgr Wallishaufser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. (Dieses Verzeichuiß wird fortgesetzt.) Druck und Papi« »o« Leopold tzouuu« in Wir». Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt, und nur zu beziehen durch den Verfasser. Aufgesessen! Schm mit Gesang in einem Acte vou Alois B erla. Persouen: Specht!, ein Wucherer. Josef, sein Neffe. . Leni, Handarbeiterin. Ranzerl, ein Schuldner , ! > - Dir Handlung spielt in Sprchtl'S Wohnung. I schau', daß mi Aner Heirat' und daß i krieg' an Mann. A Mann wär' für mich der einzige Rettungsanker—weil i sunst keinen Anker Hab'. — Bei mir hätt's a Mann gut, er brauchet nie z' Fuß geh n, weil ich ihn im» mer auf'n Händen umtrag'n thät. — ES dürft' ihm bei mir a's Leben nit sauer wer'n, weil ich ihn allweil mit süße Bufferl'n spicken thät. Uud bei all' dem mag mi halt do kaner. — Nur Aner, der thut a so, als wann er mi gern hätt' und geht a alle Tag' bei meine Fenster vorbei und wünscht mir öfters, wann i gar nir z'cssen Hab', an r-ratn-RepeUoke Nr. il». Erste Scene. Leni (Sntröelied). Eine Handarbeiterin bin i und Fidel und heiter jede Stund'. Obwohl mi oft der Hunger quält, Der letzte Kreuzer mir oft fehlt, So denk' ich mir und tröst' mich halt, Es gibt im Leben g'wiß jung und alt, So Menschen gnug auf derer Welt, Denen fehlt — das liebe Geld. Für mi gibt's nur a Mittel, waS mi No retten kann, 2 guten Appetitt, so daß i vor lauter Freud' glei was Warm's im Mag'n Hab' — was nutzt das aber Alles, heiraten kann er mi do net, weil i ka Geld Hab'und er, —scheint mir—hat a nit viel mehr als wie i, und weil uns das Wenige viel zu wenig is, so muß man halt in Gottesnamen warten, bis wir amal mehr hab'n. — Mir hat mei Mutter, wie's g'storben is, nir hinterlassen, als wie a Bettbüchl mit an Silberbeschläg', mei Vater sei' silberne Sackuhr und a goldenes Ehringl, — und das Hab' i Alles, wie mei Großmutter krank war, da beim Herrn von Speckt versetzt. — Auf Alles z'samm' Hab' i nur 5 Gulden kriegt, und die 5 Gulden bring' i halt mei Lebtag nil z'samm, daß ich mir die Sachen auslösen könnt.' — Heut' is g'rad der Tag, wo die Sachen verfallen soll'n. — D rum bin i nur g'schwind her, daß i den Herrn von Speckt bitt', daß er no a 14 Tag' wart', bis dorthin wir ich's do auslösen können. Zweite Scene. Vorige. Speckt (von links). Leni. Sckön guten Morgen, Herr von Specht. Specht. Ah, Mamsell Leni, na was bringen denn Sie mir? Leni. Ich komm' mit einer sckönen Bitt', Herr von Specht. Specht. Mit einer Bitt' ? — Na, heraus damit. Leni. Lieber Herr von Speckt, vor drei Monat, wie mei Großmutter krank wor'n is,hab' ichbei Ihnen a silberne Uhr, an Eh'- ring und a Betbuch versetzt. Sie haben sich d'rüber a Verkaufsschrift geben lassen, und weil heut' der Tag' is, wo ich's auslösen soll und i heut' no nit das Geld beisamm' Hab', so thät ich Ihnen reckt schön bitten, wann Sie noch 14 Tag warten thäten. Speckt. Thut mir leid, kann nit sein, was g'schrieb'« is, bleibt g'schrieb'n. Leni. Herr von Specht, schaucn's, es sein Andenken von meine Eltern, wann i das Bißl, was i von ihnen Hab' verlier, so verlier' i mein Verstand. — Specht. Wenn Ihr Verstand nit mehr werth ist. als die Effecten, dann haben sie nickt viel verloren, wenn Sie ihn verlieren. Leni. Lieber Herr von Specht, sind Sie barmherzig. Specht. Was barmherzig, ich Lin Geschäftsmann und will meine Ordnung haben. — Aber Ihr kennt keine Ordnung, und macht's nur Versprechungen. Im Anfang, da ist man euer Lebensretter, wenn man aber sein Recht begehrt, dann ist man ein Geizhals, ein Wucherer, — kann ick was dafür, daß die Leute leicktsinnig sind, und Alles verschwenden? Leni. Aber i Hab' ja nir versckwendt. Ich Hab' die paar Gulden für meine kranke Großmutter braucht — is das versckwendt? Specht. Was denn sonst, die Großmutter ist ein altes Weib, was schon lange genug g'lebt hat, zu was die Verschwendung, für Sie noch Geld ausgeben? Leni. Herr von Specht, wann Sie mein' Großmutter kennen thäten, was das für ein liebes gut's Weib is. Specht. Nein, nein, ick will sie gar nicht kennen. Für mick grbt's nichts Schrecklicheres als ein altes Weib. Mein Neffe, der hat auch so eine alte Großmutter, von der er mir immer erzählt, daß sie so eine liebe alte Frau wäre. Aber ich will nickts wissen von ihr. Leni. Also net amal ihre eigenen Verwandten woll'n Sie seg'n? Specht. Die Verwandten schon, aber nur kein altes Weib. Leni. Aber fürchten's Ihna denn nit dö Sünden? Das Alter soll man ebren, steht in der Bibel. Specht. Reden Sie nicht so dumm: das Alter soll man ehren! Ich bin auck alt und keinMensch auf dieser Welt ehrt mich. Leni. No, aber Jhner Neffe wird Ihnen doch ehren? Speckt. Mein Neffe ist ein Lump, der hat keine Ehre. — Daß wir aber wieder aus r. 3 unser Geschäft zurückkommen, wennSiebis heute Abend sieben Ubr Ihre Effecten nicht auslösen, so sind sie mein Eigenthum. Haben Sie mich verstanden — bis Abends sieben Uhr. Jchhabedie Ehre, adieu! (Links ab.) Leni (allkin — weint und stellt sich zu der Thür, durch die Specht abgegangen ist). Herr Speckt! Dritte Scene. Vorige. Josef. Entr^elied. I bin schon teufelsfucktig, ja i bring' mi no nm, Tenn mir wird schon das Leben ohne Geld blunzendumm! Mir geht's schon a Zeit her erbärmlich und schlecht, Daß i lieber statt ein' Mensch a wildes Thier sein möckt'. Was Hilst a'm das Leben, wann am's Elend so quält, Denn derMensck ohne Geld — iSa Narr auf der Welt. Wann's no lang a so fortgeht, so g'sckickt was, i glaub', I geh' nack Berlin und erstick' dort im Staub; Oder i geh' nack Griechenland g'schwind in an Lauf Und setz' dort die griechische Krone g'schwind auf. Denn was nutzt a'm daS Leben, wann am's Elend so quält, Ja derMensck ohne Geld—is a Narr auf der Welt. Leni. Was siech i, das is ja der junge Mensch, der mir alleweil an guten Appetit wünscht. Josef. Seb ick reckt, das is jad'Mam- sell Leni? Ja, wes woll'n denn Sie da in mein' Onkel sein' Zimmer? Leni. Was hör'i da, Herr Specht is Jhner Herr Onkel? Josef. Ja, mei' Vater hat leider das Unglück g'habt, den säubern Herrn als Brüdern zu krieg'n. Leni. So heißen Sie Ihren Herrn Onkel a Unglück? Josef. Ganz natürlich, mir ging's ja nit so schleckt, wann ick an andern Onkel hätt'. — Wie mein Vater g'storben is, habeu's meinen Herrn Onkel zum Vormund g'macht. Und der hat nichts Eiligeres zu thun gehabt, als mir die 3000 fl., die mir mein Vater hinterlassen hat, zu unterschlagen. Freilich hat er sich ausgewiesen, daß er das Geld zu meiner Erziehung braucht hätt', derweil hat er mi gar nit erzog'n, denn ich bin von selbst g'wacksen und mit fünfzehn Jahr' Hab' i nit amal g'wußt, daß es zweierlei Leut' auf der Welt gibt. Und von Lesen, Schreiben und Rechnen Hab' i sonst nir g'wußt. als daß Null für Null aufgeht. Leni. A warum net gar! Josef. In der Geografie war i so schleckt bewandert, daß ich mit der Ein- theilung der Länder umgangen bin, als wann iaFranzos wär'. Und von der Mythologie Hab' i sonst nir g'lernt, als daß der Jupiter auf d'Madeln 'gangen is, als wir i. —In der Naturgeschichte Hab'i'glaubt, die Eisbären reden russisch. Und was die Rechtschreibung betrifft, Hab' i glaubt, daß sie 36mal anders ist — weil wir36 deutsche Staaten haben und in jeder a anders Recht ist. — In mein Kopf hat damals noch a so a große Finsterniß g'herrscht, daß i nir braucht hätt' als an g'spitzten Hut und der Tiroler wär' fertig g'west. Leni. No und haben's das später nach- g'holt, was Sie versäumt haben? Josef. Freilich! Ick Hab' fleißig in dem großen Namenbüchel der Erfahrung studiert, wo jeder Tag sein eigenes Blattl har. jede Wochen a Eapitel und jedes Jahr ein anderer Band ist, und i kann Ihnen versickern, 1 * 4 daß mir bei dem Studieren der Kopf bedeutend ausgangen is. Leni. No, und was haben'ö denn g'lernt? Josef. G'lernt Hab' ich eigentlich nichts, als das, was der Mensch braucht, wann er nir g'lernt hat. Leni. Und was haben's denn für a Beschäftigung? Josef. Gar keine. — I bitt' Ihnen, was soll man denn jetzt, wo die Geschäfte so schlecht gehen, für a G'schäft anfangen? In die Aemter is nirgends a Platz. — Bei die Eisenbahnen nehmen's mi nit amal als Bahnwächter, weil ich mit die Wechsel schon zu viel Malhör g'habt habe. Fotograf kann ich nicht werden, weil für mi ni a günstige Sonn' scheint. — Kurzum für mich ist mrgends a Platz, net amal im Schuldenarrest. — Wann i mein Erb- theil, meine 3000 fl. hätt', dann wußt' i schon, was i anfanget. Leni. Was denn? Josef. Zuerst thät ich einer armen braven Handarbeiterin meine Hand reichen, thät's heiraten und fanget mit ihr an klan Früchtenhandel an. — Aber dazu brauchst i a Geld, denn bei an Früchtenhandel is der Kukurutz die Hauptsache. Leni. Wann nur Ihr Onkel nit gar so hartherzig wär'. Josef. O, i wir ihn schoch noch wach (weich) machen. Leni. Mi hat von ihm nir so g'schmerzt, als daß er meine Großmutter haßt. Josef. Ja, das ist sei schwache Seiten — Leni. Er gift sich, daß sie alt ist. Josef. Als wann's a junge Großmutter geben könnt', er macht's aber meiner alten Großmutter a nit anders. — Kurzum, wie er von an alten Weib was hört, wird ihm nit gut, das macht bei ihm's schlechte Gewissen, denn er hat schon so viel am G'wiffen, daß er a jed's alt's Weib für a Her anschaut. Leni. Ja, das Hab' i bemerkt, d'rum ist a meine letzte Hoffnung verlor'n, i Hab' mir vorg'nomuien, weil er mir meine Sachen aufhält, daß ich mei Großmutter zu ihm bitten schick'. Josef. Halt, Leni, da fallt mir eine herrliche Idee ein — Sie müssen mir aber dazu behilflich sein, kommen's g'schwind mit zu meiner Großmutter. Leni. No, und was g'schieht denn? Josef. Wir Hetzen ihm a paar alte Weiber am Hals — vielleicht wird er dann wachherzig und bringen ihn vielleicht in's menschliche G'leis — Leni. I glaub' bei dem Tyrann' wird nir mehr nützen. Josef. Das kann man net wissen, er ist so abergläubisch und sein Furcht vor die alten Weiber is no das einzige Mittel, mit was wir'n schrecken können. — Und soll'n mir den Alten bekehren, dann, Leni, wird augenblicklich g'heirat'. (Beide durch die Mitte ab.) Vierte Scene. Specht. Ranzerl (kommen von links). Specht. I hab's Ihnen gesagt, und dabei bleibt's. Ich kann Ihnen nicht helfen, daß Sie gepfändt' worden sind, — hätten Sie mich bezahlt, so hätt' ich Ihnen nir wegnehmen können. Ranzerl. Aber lieber Herr von Specht, lassen's mir doch nur das Nothwendigite, daß ich mit meiner Familie eine Schlafstelle Hab'. Specht. Leg'n Sie sich aufs Stroh. Ranzerl. Aber meine armen Kinder. Specht. Was kümmern mich Jbre Kinder; zu was brauchen arme Leut' Kinder, das ist ein Luxusartikel. Ranzerl. Das ist ein schrecklicher Mensch. Herr Specht, ich nehm' mir's Leben. Specht. Aber früher müssen Sie mich bezahlen. — Und was seh' ich! — Sie haben ja noch einen ganz neuen Rock an. Zu was braucht ein armer Teufel so einen hübschen Rock? — Versetzen Sie den Rock, haben Sie gleich Geld. 5 Ranzerl. Aber das ist mein einziger, den ich habe — Speckt. Was liegt daran, ein Vater maß für seine Kinder Alles opfern. Ranzer!. Aber ich kann doch nicht in die Hemdärmel auf die Straßen geb'n! Specht. Nun warten Sie, ick will Ihnen zeigen, daß ick nickt so herzlos bin, wie die dummen Leut' sagen. Da schau'n Sie den Rock an, den ich am Leib bade, er ist wohl schon etwas mitgenommen, aber ich will ihnen diesen leihen, damit Sie den Ihrigen versetzen können. Ranzerl. O, Sie sind zu gütig! In Gottesnamen, was thut nicht ein Vater für die Seinigen (zieht seinen Rock aus), hier geben Sie mir zehn Gulden d'rauf. Spechtszieht seinen Rock aus und gibt ihn Ranzerl und zieht den guten Rock an). Aufwie lang? Ranzerl. Auf ein Monat — bitte — Specht. Also zehn Gulden auf ein Monat, macht Interessen die Wochen einen Gulden. 4 Gulden, 5 Gulden und 50 kr. sind Sie mir noch rückständig, so bekommen Sie noch 50 kr. heraus, so, da sind die 50 kr. Leben Sie wohl! Ranzerl. Herr von Specht, ist das Ihner Ernst? Specht. Glaub'n Sie vielleicht ich mach'n Spaß? Nein, ich mache Geldgeschäfte. Ranzerl. Sie geben mir 50 kr. und ziehen meinen Rock an? Specht. Nun, Sie hab'nja den meinen an, wofür ich nicht einmal für das Abtragen etwas gerechnet habe. Ranzerl. Herr Specht, Sie bringen mich zur Verzweiflung. Specht. Verzweifeln SiewoSie wollen, aber hier ist nicht der Platz dazu, das Geschäft ist in Ordnung abgemacht und jetzt gehen Sie Ihren Weg und machen Sie mir kein Aufsehen hier, sonst ruf' ich den Hausmeister. Adieu! Ranzerl. Ja, ich geh'. Aber das sag' ich Ihnen, unser Herrgott wird Sie.dafür strafen. Je größer die Sünden, desto größer die Strafe. Ja, ja, schau'n Sie mich nur an mit Ihren Wolfsblicken, der Teufel muß Sie über kurz oder lange holen, Sie alte Wuchererseele. (Geht in der Mitte ab.) Specht. Geh'zu, du Dummkops! Haha- ha, wie wär' denn ich schöner zu einem neuen Rock gekommen? (Setzt sich zum Tisch.) Was die Leute Alles zu die Sünden rechnen, das is zu dumm; was kümmern mich die Sünden, Geld is die Hauptsache (Es wird geklopft.) Herein! Wer kommt denn schon wieder? Fünfte Scene./ Josef. Leni (treten als alte Weiber ein). Specht. Na, was ist das, zuerst wird geklopft, dann kommt Niemand? (Er sieht sich um und erschrickt.) Um Gotteswillen, was ist das? (Setzt sich nieder.) Leni. Hahahahaha! Josef. Hihihihihi! Specht. Gräßliches Gelächter, als wie die Heren. Was wollen Sie? ' Leni. Ich bin die Großmutter von der Leni, der Handarbeiterin. Josef. Und ich bin die Großmutter von Josef, von Ihrem Neffen. Specht. Das is eine saubere Visit! Zwei Großmütter! Leni. Aber der Herr Specht schaut nit zum Besten aus, nit wahr, Frau Stritzel- hoferin? Josef. Nein, wie a G'spenst schaut er aus, Frau Grammelgruberin. Specht. Was kümmert euch mein Aussehen? Leni. Na wissen's, Frau Stritzlhoferin, er is ja schon a alter Mann. Josef. A na, Frau Grammelgruberin, 's Alter macht's net aus, aber 'S schlechte Leben. Leni. Vergunnt er sich nir, Frau Stri- tzelhoferin? Josef. Freilich nit, Frau Grammelgrn- 6 berin. I wa'ß von mein Josef, er schaut nur auf's Geld. Leni. Was nutzt ihm denn das Sündengeld, wann er stirbt, muß er's doch da lassen. Specht. Still mit dem alten Weiber- geplaudcr. Josef. Sieht d' Frau Grammelgru- berin, vom Sterben will er nir wissen. Leni. Ja, Frau Stritzelhoferin, es hilft ihm do nir, amal muß er dv geh'n, wir alte Weiber kennen das gut, daß er's nit mehr lang mitmacht — nit wahr, Frau Stritzelhoferin? Iosef. Freilich, Frau Grammelgrnberin, es schaut ihm eh' schon der Tod beim G'nack außa. (Wartet Specht mit Tabak auf.) Js vielleicht a Pris gefällig? Specht. Ich danke. Leni. Sie erlanb'n schon, daß wir Platz nehmen. Setzen's Ihnen, Frau Stritzelhoferin. Josef. Ja, uns alten Frauen thut's Sitzen wohl; nit wahr, Frau Grammel- gruberin? (Setzen sich beide zu Specht.) Specht. So, jetzt kann's mir gut geh'n. Leni. Weil wir g'hört hab'n, daß Sie die alten Weiber so gern hab'n. — Josef. So san wir so frei Ihnen eine Visite zu machen. Leni. Ja, wirwer'n jetzt öfters kommen, vielleicht alle Tag'; nit wahr, Frau Stritzelhoferin? Josef. Ja, so lang, bis sie amal mit unS geh'n, — göln's, Frau Grammelgrn- berin? Specht. I geh' mit keine Heren. Leni. Wann Sie g'rad Heren wollen, die können wir schon sein. Josef. Ja, ja, i her a mit, wann's gefällig is! Leni. Wkr alten Weiber wir sag'n tausend Jahr in die Zukunft hinein, und wisscnund seg'n recht gut, waS mit'nHerrn für a End' nimmt. Josef. Und sogar Ihren Urtheilsspruch hören wir, wie am jüngsten Tag der Rich, rer zu Ihnen spricht, wer seinen Nebcn- menschen schind't, der soll tausendfach geschunden werden. Leni. Werft's ihn in's Höllenfener, wird's heißen! Joses. Und laßt ihn braten w>L a Leberwurst, den Bösewicht. Leni. Oder steckt's ihn in ein' Höllenkeffel. Josef. Und sied's ihn wie a heiß abgesottenes Lämmernes, den Wucherer! Leni. Legt's ihn unter das centncr- schwere Rad! Josef. Und fahrt's langsam über ihn, als wie der Posttrain nach Baden. Leni. Und weil er bei Lebenszeiten den Leuten d'Haut abzogen hat, so wern's ihm a d' Haut abziegen. Josef. Und wer'n ihn in Rauchfang hängen und wer « ihn selchen als wie eine Ochsenzungen. Specht. Um GottcSwillen still, sag' ich, oder i stirb! Josef. Da wer'n wir Ihnen früher a Todtenlied singen. Beide (fingen). Weil Du hast im ganzen Leben Keiner Seel' an Fried' gegeben, So wird man Dich wegen deinen Sünden An das Höllenfeuer binden Und alle Heren, alle Truden Müssen Dich mit ihren Knuten So lang martern weg'n dem Geld, Was D' verdient hast auf der Welt. Specht. Liebe Weiber, habt's Erbarmen. Marterr's mich nit zu Tod und sagt's, waS soll i thun, daß i die Sünden von mir losbring'? Leni. Das Allererste ist, daß Du der armen Leni ihre versetzten Sachen gibst. Josef. Und das Zweiteist, daß Du dem armen Josef sein Erbtheil gibst, waS Du ihm unterschlagen hast. Leni. Alter Sünder, fürcb'st Dich nit der Sünden, daß Du das Bißl, was meine Leni von ihren Eltern kriegt hat, ihr z'ruck- halt'st? 7 Josef. Fürch'st Dich nit der Sünden, daß Du dem armen Josef seine 3000 fl. aufhalt'st? Gib's her und wir wollen beten für Dich, daß Dir verziehen wird. Specht (greift in die Tischladt). Ja, ja, i gib Alles her. — Sv, da is der Leni ihr Sachen. (Greift in eine Brieftasche.) Und da sein die 3000 fl. Erbtheil für'n Josef. Josef. Juchhe, Leni, jetzt wird g'hei- rat't! (Entkleiden sich.) Specht. Was iS denn das? Ich bin geprellt! Das kost' mir's Leben. Josef. Wir fangen aber jetzt erst recht zum Leben an. Leni. Schauen's, lieber Herr Specht, verzcihen's uns, wir haben uns nit anders z'hrlfen g'wußt. Specht.Ich alterEsel bin aufgesessen. SchsuMang. 2°s«f. Lieber Herr Onkel, i bitt' sein'S nit bös Und machen Sie weg'n der G'schicht' ka Getös, Wann's amal sterben, so nehm'n wir uns (vor) vur, Wir drücken Ihnen allzwa die Aeuger'ln gut zur. Leni. Sie haben, lieber Onkel, an daS nicht gedacht, Daß Sie zwa Liebsleut' jetzt glücklich hab'n g'macht; Wann Sie amal stcrb'n und Sie haben'- erreicht , Als Weiber als alte geh'n wir mit der Leicht. Alle Drei. Der Herr Onkel is aufg'seffen, das is a G'spaß, Der Herr Onkel iS g'fallen durch den Sitzer ind'Fraß. Wir wünschen nur. wenn wo a Wucherer wär', Daß jeder so aufsttzcn thät, als wie der. Ende. Theater-Berlage der Wallishauffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, s,>> rr Markt Nr. 1- Instinkt, der, oder wer ist Vater zum Kinde? Nachspiel von Jünger. 1803. 23 kr 5 Sgr Invalide, der. Lustspiel in 3 A. von Hrnslrr. 8 40 kr. 8 Sgr Joconde, oder die Abenteurer. Komische Oper in 3 A. Nach dem Franz, des Ctienne, von I. R. v. Seyfried. 1815. 40 kr. 8 Sgr. Johann Hasel, oder Umwandlung durch Liebe. Gemälde in 4 Abth., s. Castelli, Sträußchen 1«. Jahrgang. Johann von Paris. Komische Oper in 2 A. Nack dem Franz, von I. R. v. Seyfried. 2. Aust. 1813. 35 kr. 7'/, Sgr. Johanna. Schauspiel mit Gesang. Nach Marsollier von I. R. v. Seyfried. 8. 1804. 40 kr. 8 Sgr Johanna d'Arc. Ballet in 4 Aufzügen. 8. 1821. 10 kr. 2 Sgr. Jolantha, Königin von Jerusalem. Orig.-Trauer- spiel in 4 A. v. Ziegler. 1799 8. 50 kr. 10 Sgr. Josef und seine Brüder. Historische- Drama mit Musik in 3 A. Frei nach dem Franz, des Aler. Duval, von F. I. Hassaureck. 3. Aufl. 12. l820. (Vergriffen.) Josef, Herr, und Frau Baberl. Posse in 3 A von Gleich gr. 8. 1840. 50 kr. 10 Sgr Jphigenia in AuliS. Große Oper in 3 A. 1808. 35 kr. 7'/, Sgr. Isidor und Olga oder die Leibeigenen. Trauerspiel in 5 Aufzügen von C Rauvach Gr 16 Wien 1828. (Vergriffen.) Italien», I', in^l^eri. Drumm»ßioeoso r>«r iUusiea in ckus Xtti. 1817. 35 kr 7'/, kxr. Juan Don. Große Oper in 2 A. Nach dem Italienischen de- Abate da Ponta. Musik von Mozart. 35 kr. 7'/, Sgr. Jnde, der. Schauspiel in 5 A von R. Cumber- land. Aus dem Englischen übersetz» von Brockmann. 1838. 50 kr. 10 Sgr Jnde«, die. Bürgerliche Scene in 1 A. 1807. 15 kr. 3 Sgr. Jüdin, die. Große Oper in 5 Auf». Tert von Scribe, Musik von Halevy. 8. Neue Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Jugend, die, Heinrichs des V Lustspiel in 3 A. Nach dem Franz, von F. H 1808. 40 kr. 8 Sgr. Jugendfehler, die. Original-Lustspiel in 5 A 35 kr. 7'/, Sgr. Jugendsünde, eine. Lustspiel in 1 A. nach dem Franz, von L. Julius. (Wiener Tb.-Repert Nr. 16.) 35 kr. 7'/, Sgr. Iulchen, oder liebe Mädchen spiegelt euch! Lustspiel in 5 A. von F. L. Huber. 1808. 40 kr. 8 Sgr. Julie, oder der Blumentopf. Singsp. in 1 A. Nach dem Franz, von Treitschke 20 kr 4 Sgr. Jungfer Taut', die. Volkskomödie mit Gesang in 3 Akten mit 9 Bildern von Alois Drrla (Wiener Th.-Repert. dir 137.) 60 kr. 12 Sgr. Jungfrau von Orleans. Romantische Tragödie in 5 A, von Schiller. 1816. 60 kr. 12 Sgr. Jungfrau, die eiserne. Pa'erl. Orig.-Schausp m Grs. i» 3 A. v. Gleich >806.8. 40 kr 8 Sgr Jungfrau, die, von Wien. Lokalpoffe mit Gesang in 2 A 1814. 40 kr. 8 Sgr. Jungfrauen, die zwölf schlafenden.Schauspiel mit Gesang von Hensler. 1. Thl. Dritte Aust. 8. 1801. 40 kr. 8 Sgr Junggesellenwirthschaft, die. Kom. Singspiel in 1A. Nach dem Franz. von Treitschke. 25kr.5 Sgr Jüngling, der alte. Lustspiel in 1 A., s. Castell Sträußchen 2 Jabrgang. (Vergriffen.) Junker und Knecht. Charakterbild mit Gesang in 3 A von Fr. Kaiser. 8. 1850. 75 kr. 15 Sgr. Jurist, der, und der Dauer. Lustspiel in 2 A. von I. Rautenstrauch 1807. 40 kr 8 Sgr. Justinio, der Verbannte, oder der Ltraßen- räubcr bei Otranto. Schauspiel in 3 A, s Rosenau theatralisches Allerlei. Jur, einen, will er sich machen. Posse mit Gesang in 4 Aufz. vo»J. Nestroy. (Wiener Tb.-Rep. Nr. 79.) Zweite Auflage. 60 kr. 12 Sgr Kalaf. Oper in 3 A. Nach dem Franz, von Treitschke 1807. 35 kr. 7'/, Sgr Kammrrhusar, der. Schauspiel in l A. 1797. 35 kr 7'/, Sgr. Kammermädchen, daS. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen 5. Jabrg. Kapellmeister, die beiden. Lustspiel in 2 A., s. Feldmann Lustspiele 5. Band. Kapitel, das zweite. Komisches Singspiel in 1 A von Treischke. 1803. Kasperl s neuerrichtetes Kaffeehaus» oder der HauStcufel. Komische Oper in 3 A von Perinet. 1803. 50 kr 10 Sgr KaSpar's Zögling, oder der Lieg der Bescheidenheit auf der Insel deS Vergnügens. Orig.-Schauspiel in 2 A. von Perinet 1791. 50 kr. 10 Sgr Kasparl, der unruhige Wanderer. Orig.-Feen- märchen in 4 A. von Hen-lrr. 1801. 50 kr. 10 Sgr Kasparliaden, diverse, s. Hafner gesammelte Schriften. Katakomben, die. Trauerspiel in 5 A von Wolfart. 1812. 60 kr. 12 Sgr. Kaufmann, der, von Venedig. Lustspiel in 5 A. Nach Shakespeare für die Darstellung im k k. Hofburgtkeater eingerichtet von C. A. West gr. 8. 1841. 80 kr. 16 Sgr. Kaufmann von Venedig. Lustspiel in 4 A Von Schröder. 1804. (Vergriffen.) Kauffungrn, Kunz von. Schauspiel mit Gesang in 3 A von Gleich 8. 1808. (Vergriffen > Kenilwortb. Histor.-romant Schauspiel in 5 A nach Walker Scott's Roman von Lrmbert. 1845. 40 kr 8 Sgr. Kern und Lchale. Lustspiel in 3 A, s. Feldmann Lustspiele 4. Band. Kiaking. Große« pantom Ballet in 5 A von Titu«. Musik von Gnrorvetz. 1822. 10 kr. 2 Sgr. Kind, daS verlorene. Schauspiel in 1 A von Kotzebue. 1806. 25 kr. 5 Sgr. Kinder und Narren reden die Wahrheit. Lustspiel in 1 A. v Bäuerle 1806. 8 25 kr. 5 Sgr. Kindsmädeln, die. Poße mit Gesang in l A. von Alois Verla (Wn. Th-Rep.) Nr loi 7'/, Sgr. 35 kr. Kirschen, die. Lustspiel in A. s. Friemann Lustspiele 1 Band Kleid, daS, aus Lnon. Lustspiel in 4 A von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr. Kleinstädter, die französischen. Lustspiel in 4 A Nach dem Franz, des Picard von Kotzebue 1803. 60 kr. 12 Sgr. Kleopatra. Trauerspiel in 5 A. von I. Graf v. Loden. 8. 1793 50 kr. 10 Sgr. Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Kleopatra und Antonius. Trauerspiel in 4 A gr. 8. 1808. 50 kr. 10 Lg. Klimpern gehört zum Handwerke. Lustspirl i» 1 A . s. Eastelli Lträußchrn 11. Jahrgang Kling! Kling! Possr in l A von Morländrr (Wiener Theater-Repertoire Nr 62.) 30 kr K Lgr. Klingsberg, die beiden. Lustspiel in 4 A von Kohrbue 1805. 50 kr. 10 Sgr. Knabe» der graue. Orig.-Lustspiel in 4 A 1801 Kobold» der. Lustspiel in 4 A. Nach Hauterocbr und bolle von Götter. 40 kr. 8 Sgr. Koch, v. W.» dramatische Beiträge für da- k. k Hofburgtkeater. 8. 1830. 2 fl. 1 Tklr. 10 Lgr Inhalt: Da- Testament einer armen Frau Drama in 5 A. nach Ducauge. — Er bezahlt Alle. Lustspiel in 1 A. nach Melr-ville. — Die Vorleserin. Schauspiel in 2 A. nach Vavard Komet» der. Possr in 1 A 1802. 35 kr. 7'/, Sgr Kollenau» Marie von, oder die deutsche Hausmutter. Orig.-Trauerspiel in 5 A. von B. L 1792. 40 kr. 8 Lar. Komödianten» die wandernden. Rom. Oper in2A Nach dem Franz von Treitschke. 25 kr. 5 Lar. Komödie» die» au» dem Stegreif. Lustspiel in 1 A Von Jünger. 8. 1807 35 kr. 7'/, Lar Komödie in der Komödie. Lustspiel in 1 A l790 (Vergriffen.) König Ottokars Glück und Gnde. Trauerspiel in 5 A. von Franz Grillparzer. Dritte Auflage, gr. 8. 1852 2 fl. 1 Thlr. 10 Lar. König und Aebtiffin. Trauerspiel in 3 A nebst elnem Vorspiel von Alexander Patuzzi. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 14 ) 40 kr. 8 Sgr. Königtu, die, der schwarzen Inseln. Romantische Zauberoprr in 2 A. Nach Wieland frei bearbeitet von Lkbwaldopler. 35 kr 7V» Lgr. Kontrast» der, oder die Geheimnißvolle. Lustspiel in 3 A von Weidmann. 8. 50 kr. 10 Lgr. Kora» dir Sonnenjungfrau. Earicatur-Oper in Knittelreimrn und 3 A von Pennet. 1813. 40 kr. 8 Lgr. Korb, der. Schauspiel in 2 A. von Tilg. 1820 30 kr. 8 Lgr. Körbchen, die drei. Lustspiel in 3 A von O. A. Hannamann 1802. 35 kr. 7'/, Lgr. Kör«er»EarlTheodor.Dramatischr Beiträge 3 Bdr. Zweite Wr Orig-Aufl 1819. 3fl. 2 Tklr. Enthält: l. Band Earl Theodor Körner- Biographie von Amadeut Wendt» Professor in Leipzig. — Toni. Drama in 3 A — Die Braut, Lustspirl in Alerandrinern und I A. — Der grüne Domino, Lustspiel in Alexandrinern und 1 A — Der Nachtwächter. Posse in Versen und 1 A II Band Rosamuude, Trauerspiel in 5 A — Der vierjährige Posten, Singspiel in 1 A — Die Gouvernante, Possr in 1 A. Josef Hridrrich, oder deutsche Treue, wahrhafte Anekdote, al- Drama in 1 A. III. Band. Zriny, Trauerspiel in 5 A Hedwig. Drama in 3 A - Haß und Liede, Lingspiel in 1 A Tie Blumen, Spiel in Versen Alle diese Stücke auch einzeln unter besonderen Titeln Xosakrn-Offizier, der. Singspiel in 1 A 1804 (Vergriffen.) Krämers Löchterletn» deS. Orig.-Eharakerbild in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 83 ) 60 kr. 12 Lgr. Kramperl» Doktor, oder : Vier Bräutigame und 1 eine Braut. Posse in 3 Aufz von I. A Gleich. 2. Aufl 8 1840. 50 kr. 10 Sgr. Kreuz» das, an der Ostsee. S. Werner Tbeat 4 Bo. Kreuzbrüder» die. S. Werner Theater 2 Band Kreuzfahrer» die. Schauspiel in 5 A von Kotzrbue 1803. 80 kr. 12 Lgr. Krieg, der häusliche. Oper in 1 A. von I. F Eastelli. Musik von Franz Schubert. 1882. 35 kr. 7'/, Sgr. Krone», Therese. Genrebild guit Gesang und Tanz in 3 A. von Earl Haffnrr. (Wiener Tkraker- Rrpertoire Nr. 75.1 12 Lgr. 80 kr Krug» der» geht so lange zu Wasser» bis er bricht. Lustspiel in 3 Ä. von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Lgr. Krug» der zerbrochene. Lustspiel von H. Kleist 8. 1811 80 kr 16 Lgr Künstler» die. Schauspiel iu 5 A von Jffland. 1802. 50 kr. 10 Lgr Kunz von Kauffungen. § Kauffungen Kur, die homöopathische. Lustspiel «n 3 A nach dem franz. Vaudeville: »^lan nini xrLncket» von Lembert. 8. 1845. 33 kr. Lgr Knrländer» A. A. v. Almanach dramatischer Spiele für Gesellschaft-thrater. 16. 1818. 1 fl. 50 kr 1 Tklr. 8. Jahrgang enthält : Shakespeare als Liebhaber. Lustspiel in 1 A. — Leichtsinn nnd Heuchelei. Lustspirl in 3 A. — Die Eharade. Lnst- spiel in 2 A. Kuß, der, an Ueberbringer. Lustspirl in 1 A Nach dem Franz, de« Lcribe von Herzen-kron. (Wr Th.-Repert Nr. 23.) Zweite Auflage 35 kr. 7'/. Lgr. Kuß» der, durch einen Wechsel. Posse in 1 A, s. Eastelli Sträußchen 11. Jahrgang Landmädchen» daS. Lustspiel in 5 A. Nach dem Englischen de« Hrn. Wicherley. 50 kr 10 Sgr. Landwehrkadet» der. Ein vaterländische- Original- Lustspiel in 1 A von Huber. Neuiahr-gesckenk für Rinder 1809 33 kr 7'/, Sgr. Lästerschule, die. Lustspiel in A Nach dem Englischen de- jüngeren Sheridan vo.i Schröder. 8. 1847. 60 kr. 12' » Lgr. Laune» üble. Schauspiel in 5 A von Kotzrbue. 1801. 60 kr 12 Sgr Laurette» oder daS besiegte Vorurthetl. Ballet in 2 A. von Henrv. Deutsch und französisch. 8. 1810 10 kr. 2 Lgr. Lauretta. Ländliche- Divertissement in 2 A 1810 (Vergriffen.) Lazaroni, die. Romantische- Schauspiel mit Gesang in 4 A Musik vom Musikdirrctor Kauer. 2 Tble. 1803. 80 kr. 16 Sgr Lear, König. Trauerspiel in 3 A. von Shakespeare. Zur Darstellung im k. k Hofbnrgtb einger von E A. West gr 8. 1840 80 kr. 16 4gr Leben, das» ein Traum. Dramatische- Gedicht in 5 A Nach dem Lpanischrn de- Ealderou de la Barca für die deutsche Bühne bearbeitet v West Vierte Auflage 1827. 60 kr 12 Lgr. -Da-selbr. Fünfte AuflDr Mit einem Vorwort von Heinrich Laube Miniatur-Ausgabe. eleg broschirt 1 fl 20 Lgr. Wallishonsier'sche Pnchhondlnng (Josef .Klemm) in Wien. Lebensretter, der. Posse mit Gesang in 3 A., s. Fcldmann Lustspiele 3 Band. Lehrbuben, unsere. Dolkspoffe mit Gesang u. Tanz in 3 A. von Alois Berla. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 165.) KU kr. 12 Sgr Letbkosak, der. Oper in 2 A 8.1805. 2V kr 4 Sg. Leibkutscher, der alte, Peter deS Dritten. Eine wahre Anekdote v. Kotzebue. 1799. 25 kr. 5 Sgr. Leichtsinn und Heuchelet. Lustspiel in 5 A, s. Kurländer Almanach 8. Jahrgang. Leichtsinn und gutes Herz. Lustspiel in 1 A. v. Hagrmann. 1802. 35 kr. 7'/, Sgr. Leiden Christi. Oratorium. 15 kr. 3 Sgr. Leier, die bezauberte. Komische Zauberoper in 3 A. v. Gleich. 1809 8. 25 kr. 5 Sgr Leinweber, der. Schauspiel in 1 A. von Kotzebur. 1811. 35 kr. 7'/. Sgr. Leute von der Bank. Charaklrrbild mit Gesang in 3 A. von Friedr. Kaiser. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 178.) KU kr. 12 Sgr Ltbussa. Romantische Oper in 3 A. v. Dernard. Musik von Kreutzer. 1823. 40 kr. 8 Sgr. Liebe, blinde. Lustspiel in 3 A. von Kotzebue. 1807. 35 kr. 7'/, Sqr. Liebe, erste, oder Jugendertnnerungen. Lustspiel in 2 A, s. Castelli Sträußchen 12. Jahrgang Liebe findet ihre Wege. Lustspiel in 4 A. v. I. C. v. Zedlitz. 12. 1827. 1 fl. 20 Sgr. Liebe, der, Listgewebe. Jntriguenpofse in 3 A, s. Castelli Sträußch 17.Jahrg. (Vergriffen.) Liebe, stumme. Lustspiel in 1 A v. Ziegler. 1802 8. 20 kr. 4 Sgr. Liebe um Liebe. Ländliche« Schauspiel in 1 A. v. Jffland. 8. 20 kr. 4 Sgr Liebe und Geheimniß. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz.».Sonnleithner. 1807. 25 kr. 5 Sgr. Liebe-brunnen» der. Komische Oper in 3 A Nach dem Franz, puits ä'ruuour" von Kuppel- wieser. Musik von Balfe. 12. 1845. 35 kr. 7'/, Sgr Liebeszunder. Lustspiel in 1 A, s. Castelli Sträußchen 10. Jahrgang. (Vergriffen.) Liebhaber, der buckelige. Lustspiel in 1 A, s. Castelli Sträußchen 8. Jahrg. (Dergriffen.l Liebhaber, der verwundete. Lustspiel in 1 A. Nach Tupaty und nach einer kleinen Erzählung bearbeitet v Kurland». 1839. 50 kr. 10 Sgr. Liebhaber, die, im Harnisch. Original-Lustsprrl in 4 A. v. Ziegler. 1802. 8. 50 kr 10 Sgr. Liebhaber, der doppelte. Lustspiel in 3 A von Jünger. 1803. 24 kr. 8 Sgr. Liebhaber, der taube. Lustspiel in 2 A. Nach dem Engl, de« Pilow für'« deutsche Theater eingerichtet von Schröder. 1809. 35 kr. 7'/, Sgr. Liebhaber und Nebenbuhler in einer Person. Lustspiel in 4 A. von Ziegler. 1834. Gr. 8. 50 kr. 10 Sgr Liebhaber, die, im Verborgenen. Lustspiel in 1 A. von Ebrimseld 1804 25 kr 5 Sgr. LtebeSgeständntß, da-. Lustspiel in 5 A. 1793 35 kr. 7'/, Sgr. Lied, ein vergessene-. Charakterbild in 1 Aufzuge von E. Elmar. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 181.)^ 35 kr. 7'/, Sgr. Liesel, die ro^e. Charakterbild mit Gesang in 8 Abtheilungen und 1 Vorspiele unter dem Titel : .Eine Selbstmörderin - Von Betty Joung ,Wnr. Th.-Rep. Nr. 127.» «0 kr. 12 Sgr. Limburg, da- Schloß, oder die beiden Gefangenen. Luflspirl in 2 A Nach dem Franz, de« Marsvllier frei bearbeitet. Zweite Auflage. Gr. 8. 1843. 40 kr. 8 Sgr. Lina» oder da- Geheimnist. Oper in 3 A. von M 1810 30 kr. « Sgr. List und Dummheit. Posse mit Gesang in 3 A, s. Feldmann Lustspiele 6. Band Localsängerin und Postillon. Posse mit Gesang und Tan, in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wr. Theater-Repertoire Nr. 132.) «0 kr 12 Sgr. Loch, da-, in der Mauer. Komische Oper iu 1 A. bearbeitet v I. Perinrt. Mnsik vom Musikdirektor Kauer. 1804. .05 kr. 7'/, Sgr. Loh» der Wahrheit. Schauspiel in 5 A von Kotzebue. 180K KO kr. 12 Sgr Lohn der Nachwelt. Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Gleich 1807. 8 40 kr 8 Sgr. Lonau, die Familie. Lustspiel in 5 A. v. Jffland 1809 50 kr. 10 Sgr. Lorenz» der gebesserte, s. Hau-gesinde 2 Theil Lotterie» die seltsame. Lustspiel in 1 A, s. Castelli Sträußchen 7. Jahrgang. (Vergriffen ) Löwenritter, die. Schauspiel nnt Gesang in 4 A. von Gleich. 4 Tbeile. 1807. 8. 1 fl. «» kr. 1 Th. 2 Sgr. (Jeder Theil ist rin Schauspiel in 4 A.) Luassan, Fürst von Garisene. Prolog in 1 A v. Jffland 1800 35 kr. 7'/, Sgr. Lüge, die edle. Schauspiel in 1 A von Kotzebue. Fortsetzung von: .Menschenhaß und Reue." 1810. 35 kr. 7'/, Sgr Lügner, der, und sein Sohn. Posse in 1 A. Nach Collin d'Harleville Frei bearbeitet. 1837. «Vergriffen.) Lull» und Ouinault, oder die Künstler i« Verlegenheit. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen 14. Jahrgang «Vergriffen.) Lump, ein. Originalpoffe mit Gesang in 3 A. ». Friedrich Kaiser (Wiener Theater-Repertoire Nr 91 ) «0 kr. 12 Sgr Lumpactvagabundu-, der böse Geist, oder da« liederliche Kleeblatt. Zauberpoffe mit Gesang, in 3 Aufzüge» von Joh. Nestroy. (Wiener, Theater-Repertoire Nr. 55.) Dritte rrbcs- serte Auflage. «0 kr. 12 Sgr. Lustspiel, da-, auf der Stiege. Lustspiel in 1 A s Castelli Sträußchen 20 Jahrgang Luther, Martin, oder die Weibe der Kraft, s Werner Theater 3 Bände Macbeth. Trauerspiel in 5 A von Stephanie Gr 8. 1795. 40 kr. 8 Sgr. Macht» die, der Liebe. Original-Trauerspiel in 4 A von Ziegler 1817. 8 50 kr 10 Sgr Macht de- Schicksal-, oder Männertreue aas der Probe. Fcenmärchen in 3 A 8 1806 40 kr. 8 Sgr Machtfpruch, der. Original-Trauerspiel in 5 A von Ziegler 181«. 8. 50 kr. 10 Sgr. Mädchen, da-, von der Schule, s. Elmar« Theater Mädchen, da-, von Martenbnrg. Fürstliche« ssa« miliengrmälde in 5 A von Kratter. 1835. 8 50 kr. 10 Sgr Mädchen, ein, vom Theater. Lustspiel in 4 A, s. Feldmann Lustspiele 3 Band. Mädchenlist. Lustspiel in 1 A von Deinhardstem Gr 12 182k. 35 kr. 7'/, «gr Wallishaufftr'sche Buchhandlung (Zosef Alemm) in Wien. Mädchrufrrnndschaft, oder der türkische Gesandte. Lustspiel in 1 A von Kotzebue. 1805. 25 kr 5 Sgr. Mädl, daS, aus der Dorstadt, oder: Ehrlich währt am längsten. Posse in 3 A. von I Nestrov. Gr 12' 1845. 75 kr 15 Sgr. Magnetismus, der. Nachspiel in 1 A v Isfland. 1810 25 kr 5 Sgr. Majolino, der Abenteurer. 1 Theil: Schauspiel in 5 A. 2 Tbeil: Schauspiel in L A 8 1802 80 kr 18 Sgr Maler», deS, Meisterstück. Lustspiel in 2 A. s. Weissenthurn Schauspiel- 1t. Band Manu, der brave. Koni. Oper in 3 A von Gleich. 180«. 8. 25 kr. 5 Sgr. Mann, der eiserne. Lustspiel in 1 A 1785 50 kr 10 Sar. Mann, der gescheideste, g^f dvr Welt. Posse mit Ges »a 1 A v Iobann Schönau. (Wiener Theater»Rep. Nr 199 ) 35 kr 7 Sgr Mann, der, von Wort. Tchausp. in 5 A. von Iffland. 1801. «0 kr. 12 Sar Mann, der, von HO Fahren. Lustsp in 1 A. Nach dem Französisch de« Fanan, bearbeitet von Kotzebue 1805 25 kr. 5 Sgr Mann» ein höflicher. Lustspiel in 3 A, s. Feldmann Lustspiele 3 Band. Mann, ei«, ohne Her». Genrebild in 5 A von Al Fr. Pann. (Wnr Tb -Nep. Nr 50 - 40 kr. 8 Sgr. Männerfeindin, die. Schausp. in 1 A v. Koch. 18 8 20 kr. 4 Sgr. Männerschönheit. Original - Ebarakterbild mit Gesang in 3 A. von Fr Kaiser. 8 1850 75 kr. 15 Sgr. Männerschwäche «ad ihre Folge«» oder die Krida. Lustsp. in 3 A. v Hen«ler 40 kr. 8 Sgr Mantel, der dreizehnte. Posse in 1 A. v Anton Bittner. (Wr.Tb -Rep. Nr. 98- 35 kr 7'/, Sgr Manuscrtpt, da». Lustspiel in 5 A, s. Weiffen- thurn Schauspiele 13. Baud. Mäon. Trauerspiel in 5 A. von H 3. v. Eollin gr. 8. 1811. 60 kr. 12 Sgr Margarethe, Königin von 15at«nra. Ballet in 3 Auf, von Taglioui 1822. 10 kr. 2 Sgr Marte, Tochter Karl deS Kühnen. Original- Tchausp. in 4 A von Mrnner 1807. 8. 40 kr 8 Sgr. Mariana. Schausp in 5 A. Frei nach Sbrrida« Kuowle«, von Treitschkr 1838. 75 kr. 15 Sgr. Martllo, die beiden. Schauspiel mit Gesang in 3 A von Gleich 1808. 8. 40 kr 8 Sgr Marquis, der arme. Schausp in 2 A » Duma- uoir und Lafargue. Deutsch von Alerander Bergen (Wr. Th.-Rep Nr 143 - 50 kr 10 Sar. Marschall, der, von Frankreich. Tragödie in 4 A von Johanne« Nordmann gr 8 1857 80 kr. 12 Sar. Marke für MaSke. Lustspiel v Jünger. Leipzig 50 kr 10 Sgr MaSke«, die. Schausp in 1 A. v Kotzebne 1803 2» kr. 5 Sgr Mathilde, Herzogin »ou Lpoleto. Ballet in 5 « von Astolfi, 8. 1829 13 kr 2'/, Sgr. Matrose, der Nein«. Oper in IN Au« dem Fran, 1806. 20 kr 4 Sgr Manthnrr, E.Lnsispiele 8 1852.1 ft. 50 kr 1 Thlr. Inhalt: Da« PreiSlufispiel Orig »Lnstspiel in 3 AGräfin Aurora. Hist. Lustsp in 5A Mat, der erste» oder der reiche Poet. Frübling«- gemälde . Neil 12 grb 1816 40 kr 8 Sgr Mathilde von Guise. Oper in 3 Auf, 1810. Mantag, der. Ländliche» Gemälde iu 4 A. von Hageinanu. 1793 40 kr. 8 Sgr Medea. Ein mit Musik vermischte« Drama. Mnsik von Benda 1808 25 kr. 5 Sgr Medea. Tragische Oper in 3 A. Nach dem Franz von Treitschkr gr 8 (vergriffen.) Medea. Trauerspiel in 5 A. von Grillparzer, s. dessen goldene- Dlirß. MeereS, de-, und der Liebe Wellen. Trauersp io 5 A von Franz Grillparzer gr. 8. 1840. 1 ft 50 kr. 1 Tblr Megera 1. Theil Zauberoper in 3 A. v. Periuet 1818. 8. 40 kr. 8 Sgr siehe auch Hafner gesammelte Schriften. Meinau, Eulalia, oder die Folgen der Wiedervereinigung. Bürgerl. Trauersp iu 4 A. v. Ziegler. 1807. 8. 5t» kr 10 Sgr Melone» eine reife. Schwank in 1 A nach Banle Brrnard'« »ttsekonloot«, von K.. Sraeser lWr. Tb.-Nep Nr 38.) 35 kr. 7'/. Sgr Melnfiua. Nomantische Oper in 5 A von Fr. Grillparzer Musik von Kreutzer. 8. 1833 80 kr 16 Sgr Mensch» der, denkt. Lebensbild mit Gesang in 3 Abth von Fr. Kaiser. «Wiener Tb.-Nep Nr 150 - 80 kr. 12 Sgr Mensch, ei» empfindlicher. Schwank in 1 A Frei nach Marc-Michel « Labiche von M A Grand jean. 35 kr 7',, Sgr. Mensch, et« liebenswürdiger. Lustspiel in 1 A Nach dem Fraozös. von Mar Stein. (Wiener Tdeatrr-Neprrt. Nr 173 - 35 kr. 7'., Sgr. Mensche«, gute» liebe» ihren Fürsten. Zeitstück in 3 A v Hen«ler 1799 8 40 kr. 8 Sgr Mentor, der. Lustspiel iu 1 A. nach dem Franz v. Lrmbert «Wr Th.-N Nr. 7.) 35 kr. 7'/, Sgr. Merope. Deutsche« Orig.-Trauersp in Derfru «. 5 A von Weidmann. 8 1772. 50 kr. 10 Lgr. Michel, der drntsche, oder Familiennnrube« Zeitbild iu 5 A.. s Feldmann Lustsp. 4 . Bd Milch, die, der Eselin. Posse mit Gesang iu 1 A. Nach dem Frau, von Anton Bittner «Wiener Tdeat-Nep Nr. 88.) 30 kr 8 Sgr. Milchmädchen, daS, von Bercv. Sillgsp in 2 A Nach dem Fran, von Treischke 25 kr 5 Sgr Mtlchschwester«, die kleine«, in PetrrSdorf. Bolk«märchen mit Gesang in 3 A von Gleich. 1808. 8 40 kr. 8 Sgr. Millionär, der. Lustsp in 4 A von Schildbach 1804 50 kr 10 Sgr Millionär, ein armer. Orig »Posse mit Gesang in 3 A von Tbeodor Flamm «Wiener Thrater- Nepertoire Nr 182 - 80 kr 12 Sgr. Milton. Singspiel in 1 A Nack» dem Franz, von Treitschkr 2 » kr 5 Sgr Minnesänger, der arme. Schauspiel iu 1 A von Kotzebne 1811 35 kr 7 Sgr. Mtranda, oder da« Schwert der Nach». Heroische Oper in 3 A von Kanne 8. 1811. 35 kr 7 Sgr. Mission» dir geheime. Lustsp in 3 A v Graudjeau «Wiener Tbrat-Nrp Nr. 3 ) 35kr 7',, Sgr. Missbrauch, der, der Gewalt. Orig »Lustspiel ,n 5 A von Weidmann 1778 35 kr. 7 Sgr. Misstrauische, der. Lusikp in Prosa und 5 A ». Weidmann 1772 35 kr. 7 Sgr. Wallishauffer'sche Buchhandlung (Zosef Klemm) iu Wien. Mifiverständnifi, das. Lustsp. in 1 A. von I F. v. Weiffentburn. gr. 8. 1833. geh. 40 kr. 8 Sgr. Mißverständnisse» kleine. Lustspiel in 1 A Nach dem Englischen vo» Alrr. Bergen. (Wiener Tbeater-Repertoire Nr 187.) 35 kr 7'/, Sgr. Mittel, alle, gelten. Lustsp in 1 A »ach Scrive, von L. Julius. (Wiener Tb - Nep. Nr. 15^) 3.1 k 7'/, Sgr. Mittel, das letzte. Lusttpiel in 4 A. s Weiffcu- thurn Schansp. 11 Band. Mitternacht. Sngsp. in 1 A. Nach dem Francs. 1807. 21» kr. 4 Sgr. Möbel-Fatalitäten. Schwank in 1 A. v. Anton Bittner. (Wr. Tk.-Rrp. Nr. 19 ) 30 kr. «»Sgr. Mode, die, oder die häuslichen Zwistigkeiten Lustiges Singsp, 1771. 31 kr 7 Sgr. Modesitten. Lustsp. in 1 A. von Gevav. 18»1. 1» kr. IN Sgr Mohr, der, von Scmegonda. 2 Tb Or.-Schausp. mit Grs. in 3 A. von Gleich. 1801.1 st 20 Sgr. Mohrin, die. Schauspiel in 4 A von Ziegler 1831. gr. 8. 10 kr 10 Sgr. Mönch und Soldat. Ckarakterbild mit Gesang in 3 A von Fr. Kaiser, 8. 1810. 75 kr 11 Sgr. Mondkönigin, die, oder die bezauberte Schneiderwerkstatt. Große komische Pantomime in 3 A von Kee« 1806. 10 kr. 2 Sgr. Monte-Cbristo, ein neuer. Orig.-Ebarakterbild in 3 A. von Fr. Kaiser. (Wiener Theat.-Rep Nr. 36 ) 60 kr. 12 Sgr Monte-Ehrtsto, ein weiblicher. Charakterbild an- dem Pariser Leben in 4 Abth. und 1 A. mit Musik und Tanz von Therese Megerlr (Wiener Theat.-Repert Nr. 49.) 60 kr. 12 Sgr. Montenero, Schloß. Singspiel in 3 A nach dem Franz. 1804. 31 kr. 7 Sgr. Montfaucon, Johanna von. Nomant Gemälde a. d. 13. Jahrhundert in 1 A von Kotzebue 8. 1800. 60 kr. 12 Sar. Montjoye. Schauspiel in 4 A. und einem Nacbsp. von Oktave Feuillet Deutsch v. M. Saphir. (Wien r Tbeat.-Rep. Nr 134 ) 60 kr. 12 Sgr. Moor, Karl. Trauersp. in 1 A. v. Fr v. Schüler. Für das Theater in der Leopoldstadt. gr. 8. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Mord, der, in der Kohlmessergasse. Posse in 1 A von A Bergen (Wr. Th.-Nep. Nr. 18) 35 kr 7'/, Sgr Moritz, Bruder, der Sonderling. Lustsp in 3 A von A. v Kotzebue 1801. 5» kr 10 Sgr !5lo»4 in k^^ittn, Orions trnzsio» in tr« Ktti I.» pnomn ^ eii Dottnl«, In iUumo» cii ltosmini 1825. 35 kr 7 Sgr. Mose- in (Ägypten. Hist Schauspiel mit Gesang in 4 A. 1810 40 kr 8 Sgr Mostadhem, oder der Fanatismus. Original- Trauersp in 1 A v. Weidmann. 31 kr. 7 Sgr Mozart-Geige» die, oder der Dorfmusikant u sein Kind. Charaktergrmälde in 3 A nebst einem Vorspiele von Karl Elmar «Wiener Tb-Nep Nr 171) 60 kr 12 Sgr Müller und Schissmeister. Posse mit Gesang in 2A von Fr. Kaiser «Wr Tb Nep Nr 12 » 1>»kr 10 Sgr Mündel, die. Schausp. in 1 A v Jffland 1802 60 kr 12 Sgr. Murrkopf, der gutherzige. Lustsp von Goldoni 1772 31 kr 7 Sgr. Mutter, die, der Makkabäer. S. Werner Theater 7. Band Mütter, die, oder wie soll man denn euch Mädchen erziehen? Original-Lustspiel in 5 A. von Weidmann 1773 50 kr 10 Sgr. Mutterglück. Lustspiel in 3 A von Dumanorr. Deutsch v Dr Hann- Hopfen. (Wiener Th.- Nep Nr 112.) 50 kr 10 Sgr. Nach dem Balle. Lustspiel in 1 A. Frei nach dem Französischen von A Ducqe. (Wr. Tb.-Nep Nr 110 ) 31 kr 7 Sgr Nach Negen folgt Sonnenschein. Orig -Lustspiel in 5 A 1806. 40 kr. 8 Sgr Nach vierzig Jahren. Lustspiel in 1 Aufz v A Scholz.fWr. Th.-Nep. Nr. 126 ) 35 kr 7'/, Sgr. Nachbarschaft, die. Lustspiel in 1 A Nach dem Franz, des Piccard von Jfflaud. 35 kr 7 Sgr Nachbarschaft, die gefährliche. Lustspiel in 1 A. von Kotzebue 8. 1809. 31 kr. 7 Sgr. Nachbarschaft, die unruhige. Oper in 2 A von HenSler. 8. 1803. 35 kr. 7 Sgr. Nachschrift, die. S. Holbein Diletkantenbübne f. 1826. Nacht, gute, Rosa! Dramatische« Genrebild in 1 A von Fr Kaiser (Wr Th.-Nep Nr 141.) 30 kr. 6 Sgr Nachtwächter die beiden, oder ein Spuk in der FaschingSnacht. Posse mit Gesang und Tanz in 3 A von Karl Haffner und I Pfundheller. (Wnr. Tbeater-Rep Nr 81) 60 kr 12 Sgr. Nachtwächter, der. Posse in Versen und in 1 A. von Th Körner, gr 12 Wien. Orig.»Aust. 1819 25 kr 5 Sgr. Nächte, zwei, zu Balladolid. Trauerspiel in 5 A v. Bar v Zedlitz 12 1855 1 st 20 kr. 24 Sgr. Namen, einen, will er sich machen. Lustspiel in 1 A v M A Grandjran. (Wiener Theater- Repertoire Nr 103 ) 35 kr 7 V, Sgr Narr» der vernünftige, oder Keiner versteht den Ändern. Lustspiel in 1 A nach Patrat von Schröder. 8 1804 25 kr 5 Sgr NarrenhauS» da-. Lustsp in 1 A. Au« dem Franz von Schildbach 1801 20kr 4 Sgr. Narrenhau', da». FastnachlSpoffe in 2 A, siehe Feldmann Lustspiele 5. Band. Narrheit und Rarrethei.. Lustspiel in 1 A., siehe Castelli Sträußchen 4 Jahrg (vergriffen) Nase eine» für lOtt« Pfund. Burleske in 1 A v E Arram «Wiener Tbeater-Rep Nr. 120.) 35 kr 7'/, Sgr. Nase, die lange. Posse mit Gesang in 1 A von Karl Haffner. (Wiener Tbeater-Rep Nr 108) 35 kr 7'/, Sar Natur und Liebe im Streit. Trauerspiel ln 5 A. 8 (vergriffen) Naturmensch und Lebemann. Charakterbild mit Gesang in 3A v Fr Kaiser (Wiener Tbea- trr-Repertoire ")lr 119 > 60 kr 12 Sgr Nebenbuhler, die. Lustspiel in 5 A nach Sbrri- dans .Rival« au« dem Englischen übersetzt und zur Auisuhtung eingerichtet vo» ^ Hanker. Tb-rstep Nr. 2 » » 10 kr 10 Sgr Neffe» der todte. Lustsp in 1 A ?iach dem Fran . de« 5lurt-tinriIIe 1804 35 kr 7 Sgr Negersklave«, die Histor-rom Gemälde in 3« von Kotzebue 1799. 40 kr 8 Sgr. Wallishausier'sche Buchhandlung (Joses Klemm) in Wiep. Nephtalt, oder die Macht de- Klauben-. Groß« Oper in 3 A. Nach dem Franz, bearbeitet von 1 R v. Seyfried 1813 25 kr 5 Sgr Neu-Ierusalem. Original-Zeitbild mit Gesang in drei Acten von Friedr Kaiser (Wnr Tbeat. Rep Nr 21k») 80 kr. 12 Sgr Neuigkeit-kramer, der. Lustspiel mit Gesang in 2 A. 1802. 30 kr K Sgr Neusonntagoktnd, daS. Siugsp. in 2 A. v. Pennet 180» 8. 40 kr. 8 Sgr. Nicht-! Posse mit Gesang in 3 A v Kr. Kaiser. (Wiener Theater-Rep. Nr. 122.) 00 kr. 12 Sgr. Nirenreich, daS. Romantische Oper in 3 A. 1805 40 kr. 8 Sgr Norma. Lyrische Tragödie in 2 A, gedichtet von F Romani, übersetzt von Ritter v. Seyfried, Musik von Bcllini 8 Dritte Auflage 1854. iDorfmeister.) 35 kr 7',, Sgr. Notenschreiber, der» oder wo Menschen sind, darbt der »Arme nicht. Lustsp. in 3 Ak v Hentlrr. 8 25 kr. 5 Sgr. November» der dreißigste. Lustspiel in 1 A . siehe Frldmann Lustspiele 3 Band. d>'o/.Lk>, lo, eli b'izx»ri» Ooinssti» in ezuutro ^tt> 1808 25 lcr 5 d^z-r. Xorro, sti lolomsro ost ^ntioiE. ^ 2 ion« liric« css O vmuii, I» 5lu«i,u eli 5lsr->. Guttenbrra 8. 40 kr. 8 Sar. Nur ein Stündchen war er fort! Lustsp in 1 A nach dem Franz, de- Loreaur von Tb. Hell. 1800 3s kr 7 Lar. Nur Eine lö-1 de« Zauberspruch» oder wer ist glücklich? Zauberpoffe mit-Gesang in 3Adtd von W. Tnrteltaub gr. 12. 40 kr 8 Sgr. Nur keine Protektion. Posse mit Gesang in 2«. von Anton Bittner (Wiener Tbeater-Rep. Nr 84 ) «0 kr. 12 Lar. Nur Mutter. Lustsp in 2 A. nach dem Franzos, von Alerander Bergen Sgr Papageie, die. Lustsp in 1 A, s. tSastelli Dlräup- chen 5 Jahrgang Papagoy, der. Lchauspiel in 3 A von A von Kotzebue 1804 50 kr 10 Sgr. Partei-Wu»h, oder die Macht de-Glauben-. Original-Schauspiel von Ziegler gr. 8 1839 80 kr 12 Sgr Partei, eine ruhige. Burle«kc mit Gtsana in 1 Act von 3 Wimmer (Wnr Tbeat Rep Nr 216 » - 35 kr 7'/, Sgr. Pascha, der, uud sein Lob^. Lustspiel in 5 A, s. Feldmann Lustspieli 2 Band. Paultue. Lustsp. in 3 A. »ach Florian v Schilddach. 8. 1805. 40 kr. 8 Sgr Paultne. Schauspiel in 5 A siehe Weissenthurm Schauspiele 13 Band Pedro und Ine-. Deutsche« Orig -Trauerspiel in 5 A von Weidmann 1771 35 kr 7 Sgr Prlzpalatin, der» und der Kachelofen, oder der Iahrmarki zu Nauteubruu«. Posse mit Ge» in 3 A v Fr Hopp (Wr Td.-Rep Nr 8) 50 kr 10 Sgr. Person, eine leichte. Posse mit Gesang in 3 A.th. u 7 Bildern » A. Bittner (Wiener Theater- Repertoir )lr 144.) 80 kr 12 Sgr. Perruckenmacher» der, und der Haarkünstler. Posse in 1 A siebe Castelli Sträußchen 13. Iahrg. -, 40 kr 8 Sgr. ^lga. Lustsp u» 1 A nach dem Franz v. L Iuliu« (Wnr. Theat -Reprrt Nr 17.) 35 kr 7'. Sgr WaUishausser'sche Buchhundlung (Josef in Men. Peter und Paul. Lustspiel in 3 A. siede ssastelli Sträußchen 3 Jahrgang, (Vergriffen) Peter der Große. Histor Orig.-Schausp in 5 A. von Wiidmann 1781, 35 kr 7 Sgr, Petermännchen, das. Schauspiel mit Gesang in 4 A, Nach der Geistergeschichte von Spieß Brarb. v, Hrnsler 2 Tble 179t 80 kr 1k Sgr. Petschaft, daS. Orig.-Sckansp. in 5 A, v. Ziegler, 18l»N, 50 kr, 10 Sgr, Peyrouse, la. Schausp in 2 A von A v, Kotzr- bue, 1809 35 kr, 7 Sgr, Pfefferrösel, oder die Frankfurter-Meffe im Jahre Schauspiel in 5 A non E . Birch-Pfeiffer 1833. Ist 2» Sgr. Phasma. heroische Oper in 2 A. 1800. 35kr. 7 Sgr. Pkönir, der, oder die Prüfung der Herzen. Lyrisches Fest v n Weidmann, 1781, 35 kr 7 Sgr Physiognomie» eine unglückliche. Lustsp. in 3 A. s Weidmann Lustspiele 2. Band, Pilger, der weiße. Ballet in 3 A. von Gioja, 8. 5 kr. 1 Sgr. Pilgerin, die. Lustspiel in 5 A,, s, Weissenthurn Schauspiele 12. Band, ?iinm»Iione »"»von» mu» 6r»nim»tie» 8. 1804. 20 Irr, 4 8Av Pistolen, zwei, oder erschossen und lebendig. Posse mit Gelang in 2 A. von Fr. Kaiser. (Wir Tbeat -Repert, Nr. 18.) 50 kr, 10 Sgr Pizicht. Singspiel als 2. Theil de« Fagottisten von Pennet (vergriffen), sto6««t», il. 61 kur^«8 Hä«lo6r»mn>» i-iooo«« Poem» 61 6. v»88l, Alu.iien 61 8 Dlsre»- 6»nte, 12. el> 1825 20 Irr, 4 «zxr Polkwitzer, LazaruS» von Nicolsburg, oder die Landpartie nach Baden. Posse mit Gesang in 2 A v. Fr Hopp gr 8, 1849, 75 kr. 15 Sgr. Polirena Trauerspiel in 5 A von Eollin 1804 KO kr. 12 Sgr Porträt, daS, der Geliebten. Lustspiel in 3 A. s Feldmann Luitspiele 1 Baud PortrattS, die beiden, oder er ist schwer zu befriedigen. Nachspiel von Jünger 1804. 35 kr 7 Sgr. Posse, eine, alS Medizin. Orig -Posse mit Ges. in 3 A, v. Fr Kaiser 8. 1850. 75 kr, 15 Sgr, Posten, zwei. Komisches Singspiel in 3 A Nach dem Franz, von Treitsckkr 30 kr. K Sgr. Posten, der vierjährige. Singspiel in 1 A, von Körner, gr, 12, Wiener Orig-Auflage 1819 25 kr. 5 Sgr. Postillonstiefel, der lebendige. Zauberpantom in 2 A, von Fr. Keer«. 1810 10 kr 2 Sgr. Preisqedicht, das. L. Holbein Dilettantenbübne für 182k, Preislustspiel» daS. Orig.-Lustspiel in 3 A, von Mauinrr, siebe dessen Lustspiele. Prinz» der, kommt! Lustspiel in 1 A. s ssastellt Sträußchen K, Jahrgang. Proben, die gefährlichen. Orig »Lustsp in 1 A von L Kremer 180K. 20 kr 4 Sgr Prophet, der. Oper in 5 A nach dem Franz de« Scribe von Rrllftab Musik von Mevrrbeer 8 18KK 35 kr 7'/, Sgr, ProteuS» der neue. Orig-Lustspiel in 4 A von Linden. 1808 50 kr r. Prozeß, der seltene. Schausp in 3 A. nach eine wahren Anekdote 1802 50 kr lOSgr^ — — 2 Tbeil, dramatische- Gemälde in 4 A 1809 KO kr 12 Sg. Prüfung der Lreue, oder die Irrungen. Luftip in 3 A. von Lafontaine 180 K. 50kr 10 Sgr Prüfung der Untreue. Lustspiel in 3 A Nach dem Französische» von F. Hassaureck, 1807 25 kr. 5 Sgr Prüfung und Frauenqeduld. Familiengemälde in 5 Sl. 1793 35 kr 7 Sgr Puls, der. Lustspiel in 2 A von Bado. 1809 35 kr 7 Sgr Pumpernickel, RochuS. Musikalische« Quodlibet >» 3 A. von M. Stegmaver, 1811 -die Familie-< Bride Tble vergriffen, Pumphla und Kulikan. Karikatur-Oper in 2 A von Perinet 1808 8 40 kr. 8 Sgr Puppe, die, oder die kleine Schwester der Geliebten. Lustsp in 1 A, s vastelli Sträußchen 7. Jahrgang (vergriffen) Putzmacherin, die hübsche kleine» Lustsp in 1 A von Kotzrbue, 1805. 35 kr 7 Sgr Purbaum. Dramat Gedickt von F. V Sckerrr gr 8 Wien 183k 1 st. 20 Sgr. Pyramus und LbiSbe. Musikalische- Tuodrama 1795 15 kr 3 Sgr t^ui pro czun. oder der Mann, der "Alles weiß Lustspiel in 1 A von Guttenberg 1803 20 kr 4 Sgr l^uinto p»liio liutiliuuo I)r»mm» »«-rio in 6u«- 24tti 6i 1811 20 kr 5 Sgr Quichotte, Don, Ritter. Romantische komische Oper in 3 A v Hrn«lrr 1802 8 40 kr 8 Sgr Quichotte, Don» der neue. Lustsp in 1 A nach dem Französischen von Alerander Bergen (Wr Theater-Repertoire Nr 72 ) 30 kr 8 Sgr Racke» die. Trauersp in 4 A nach Poung 1795 50 kr 10 Sgr Rache für Weiberraub. Gemälde der Barbarei de« eilften Jahrbundrrt« in 4 A von Ziegler 1807 8 50 kr 10 Sqr Rache, die, der Diana. Anarreontische« Divertissement in 2 A v Vigano Jtal u deutsch 1807 10 kr 2 Sgr Radicalcur, die. Lustsp in 3A v I F v Weis- sentburn gr 8 1833 KO lr 12 Sgr Rafaele. Dramatische« Gedickt in 4 Abtbeilungrn von Rudolph Hirsch 8 183K KO kr 12 Sgr. Raul der Blaubart. Heroische Oper in 3 A Nack dem Französischen von D ^ckmidler 1804 35 kr 7 Sgr Raphael. Lustspiel in Al--randrinrrn in 1 A siebe ssastelli Sträußchen 4 Jahrgang Rasttag, der. Lustsp in 1 A s ssastelli Sträußchen 3 Jahrgang lvergriffen» Rastelbinder, der, oder IO cNr 4 ) 40 kr. 8 Sgr. Schönstetn, G.» da» Privat- und Haustheater 2 Thle in 1 Bd. Neue Ausgabe. 1851 35 kr 7'/. Sgr Inhalt: Das unterbrochene Duell — Der Bürgermeister — Einen Spaß will sie sich machen — Herr von Schüfe« l» oder die Landpartie in'» Krapfenwaldel. Schöpfung, die. Oratorium in drei Abteilungen. Musik von Joseph Haydn 15 kr. 3 Sgr. Schornsteinfeger, der. Orig »Lustsp in 3 Acten von HenSler 35 kr. 7'/, Sgr Schreiner, der. Origi».-Singsp in 2 Acten 1799 20 kr 4 Sgr Schreiner» der, Singsp. in 1 Act. Nach dem Lftsp. gleich Namen» v A v. Kotzebue 8. 1803 25 kr 5 Sgr Schritt, der erste. Lustsp in 4 A. s Weiffen- tharn Schausp. 14 Band Schubkarn» der» des Efstghändlers. Lustsp. in 3 A 1803. 50 kr 10 Sgr. Schuhe, die pücefarbenen, oder die schöne Schusterin. Kom Singsp. in 2 A. 1808 25 kr 5 Sgr Schuld, die. Trauersp. von Müllner 12. Wien (vergriffen) Sckuld, gleiche. Gemälde unserer Zeit in 3 A, s Castelli Sträußchen 7. Jahrgang. Schuld, die, einer Frau. Drama «n 3 Acten von E Girardin Deutsch von Mar Stein (Wnr. Theat Rep Nr 161) 10 Sgr oder 50 Nkr Schulden, alte. Orig-Lebensbild mit Gesang und Tanz von Friedr. Kaiser (Wnr. Theat Rep Nr 184 ) «0 kr 12 Sgr Schule der Allen, die. Lustsp iu 5 A Aus dem Franz übers v. I F v Mosel 1824 80 kr 18 Sgr Schule, die, der Armen, oder. Lwel Millionen. Original-Ckarakterbild mit Ges. in 4 B v Ir Kaiser 8. 1850 75 kr 15 Sgr Schule» die» der Frauen. Lustsp in 5 A von Moliöre, frei, doch getreu übers v Kotzebue 1806 50 kr 10 Sgr. Schule der Freigeister. Orig.»Lustsp in 3 A von Weidmann 8 35 kr 7'/, Dgr Schulgelekrte, der. Lustsp in 2 A Nach dem Engl der Mist Cowlrv 1782 50kr lOSgr Schuserl» Herr von» oder dir Landpartie in das Krapfenwaldel. Siebe Schönstem'» Haus» theater Schusterstöchter, die. Schauspiel iu 2 Aufzügen 1787 50 kr 10 Sgr. Schutzgeist» der. Dramatische Legende in 6 A nebst 1 A nebst 1 Dorsp v Kotzebue 1815 60 kr 12 Sgr Sckwäbin, die. Lustsp iu 1 A (s Castelli Sträußchen 19 Jahrgang.) (vergriffen) Schwäbin» die. Lustsp in 1 A von I F Castelli Zweite Auflage. sWnr Tbeat Rep Nr 183 ) 7'/, Lgr 35 Nkr Schwäger, die. Trauersp. in 5 A 1780 50 kr lOSgr Schwätzer» der. Lustsp iu 5 A. Nach Goldoni 1806 50 kr 10 Sgr Schwätzer, der uurerbrochene. Lustsp in 1^ A 4!ach Lonnav von Coutessa 1809 40kr. 8Sgr Lchweizerfamilie» die. Lvrische Oper in 3 A Frei nach dem Franz bearbeitet v 3 F ^Castelli Fünfte Auflage 1820 40 kr 8 Sgr. Wallishausskr'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. (Dieses Nerzeichniß wird fortgesetzt.) Druck und Papier von Leopold Lommer in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt und zu beziehen nur durch _den V erfasste: Wien, Stadt, Bäckerstraße Nr. 6. Zur Statistik der Frauen. Komisches Genrebild (Original) in einem Allhage von s Dr. Märzroth. Personen: Dr. Zähler. Privatgelehrter (SS Jahre alt). Herr v. Bergauer (4V Jahre alt). Tante Julie (45 Jahre alt). Laura, ihre Nichte (IS Jahre alt). Rath Derkhrtm. deren Vater (SO Jahre alt) Kleiner Talon mit Mittel« und Seitenthüren. Diener gehen von Zeit zu Zeit ab und zu mit Erfrischungen nach und aut der Thüre link- zur Tdüre recht- und umgekehrt) Erste Scene. Dr. Zähler und Tante Julie. (Beide, wie die übrigen Mitspieleuden, saloumäßig gekleidet. au- der Thüre link- kommend.) Tante Julie. Sie haben Recht, Herr Doetor, eS ist sehr heiß da drinnen .. . (Sie fächelt mit dem Fächer.) Dr. Zähler (wischt sich den Schweiß von der Stirne). Man plaudert auch zu Zweien weit angenehmer, als im Angesichte einer ganzen Gesellschaft. Setzen wir unS, plaudern wir ... Tante Julie (komisch verschämt). WaS würdc man von uns denken, wenn wir, die wir unS so heimlich absentirten, hier so bet einem töto-L-tsts getroffen würden! — Dr. Zähler (mit einigem Patho-). Ach! mein Fräulein, was kümmert unS die Welt! (Lr ergreift ihre Hand.) Tante Julie (affectirt schüchtern). Sie setzen mich in Verlegenheit! Dr. Zähler. Entziehen Sie sich mir nickt! Ich weiß, Sie sind mir gut! t 2 Tante Julie. Ich leugne es nicht. Sic gefallen mir . . . recht sehr ... und wir Alle sind Ihrem Freunde Bergauer sehr dankbar, daß er Sie bei uns einsührte, Dr.Zähler (strif verbindlich). Wenn Jemand dem Bergauer verpflichtet ist, so bin ich es. (Er verbeugtfich und faßt ihre Hand.) (ES geht eben langsam ein Diener durch den Saal.) Tante Iulie (zu dem Diener, ärgerlich). Ein bischen schneller, Jean! Der Thee wird kalt. (Diener links durch die Thüre.) Tante Julie (zu Dr. Zähler, komisch böse). Ach, Sie wissen nicht, was diese Dienstboten für böse Plappermäuler sind! Dr. Zähler. Sollen sie plaudern! (Er küßt ihr die Hand.) Taute Julie (lächelt ihm verschämt zu). Zweite Scene. Vorige. Bergauer. Bergauer (tritt rasch au- der linken Sei. tenthür, bleibt bei dem Anblick der Briden lustig verwundert stehen). Tante Julie (stößt den Schrei eines über- raschten Mädchen- au- und eutzieht sich dem Dr. Zähler). Dr. Zähler Gleise zu Tante Julie). Ich warte hier auf Sie. Ick muß Sie sprechen Tante Julie (rasch, etwa- hüpfend, durch die Mittelthüre ab). Dritte Scene. Vorige ohne Tante Julie. Bergauer (Dr. Zähler mit großen Augen ansehend, nach einer Pause). Höre, Freund, Du bist ein kurioser Kauz! Tr. Zähler (verdrießlich). Laß' mich in Ruhe! War da im schönsten Zuge, und da polterst Du dazwischen! Jetzt muß ick den Faden mit der Alten nochmals spinnen! Bergauer (kurz). ES ist nickt meine Sache, den Geschmack meiner Freunde zu kritisiren, aber ich gedenke darüber zu wachen, daß sie mich nicht blamiren. Dr. Zähler (setzt sich gleichgiltig nieder, wobei er ein Notizenbuch au- der Tasche zieht, zu Bergauer). So! Darf ich fragen, wie Du das meinst? Bergauer (ärgerlich). Und ich werde nicht zugeben, daß Du mir Schande mackst! . .. Sage, wem verdankst Du, daß Du dieses anstäudige Haus besuchst? Dr.Zähler (ruhig). Dir, lieber Freund. Bergauer. Gut. Und wer führte Dick vor sechs Wochen bei den Friedheim'schen ein? — Dr. Zähler(wie obeu). Du, wieder Du! Bergauer. Uud weißt Du, waS man mir gestern nach meiner achttägigen Abwesenheit dort von Dir erzählte? Dr.Zähler (ruhig lächelnd). Nun, ich kann mir's denken. Bergauer (entrüstet). Du kannst Dir's denken! Dein Gleichmuth ist der Stempel der— Demoralisation! Dr. Zähler. Oho! Bergauer (leidenschaftlich). Ist daS vielleicht honett, daß Du bei den Friedheim- schen den beiden Fräuleins die Eour schneidest, und, als Sie Dir wohlwollend entgegen gekommen waren, plötzlich einfach wegbleibst? Dr.Zähler (ruhig). WaS ich w i s s e n wollte, wjußte ich, und damit war meine Mission in diesem Hause zu Ende. Bergauer. Deine Mission zu Ende!! Mensch, Du scheinst mir ein Ungeheuer zu sein! Dr. Zähler. Du bist ein Narr! Dir sehlt alle und jedwede wissenschaftliche Grundlage! Bergauer. Mir scheint, Du bist verrückt! . . Und kaum habe ick Dick hier beim Rath Werkhcim eingeführt, so zeigen sich schon Spuren, daß Du dein Metier als Don Juan auch hier fortzusetzen gedenkst. Fräulein Laura sprach von Dir zu mir in einer Art, welche darauf schließen läßt, daß Du ihr bereits süße Lügen in s Ohr geflüstert . . . 3 Dr. Zähler (grschmrichtlt) So? Ich habe Eindruck auf daS schöne Kind gemacht? Bergauer. Und nun komme ich dazu, wie Du wieder der — alten Tante den Kopf verrückst?! Dr. Zähler (stch lächelnd die Hände reibend). 3a ich betreibe meine Sachen mit Emsigkeit! Bergauer (ergrimmt). 3ch sage eS Dir ganz in Ruhe, ich bin gar nicht zum Spaße aufgelegt!.. (Vor ihn hiutretend, mit Bürde) Hast Du ernste Absichten auf Fräulein Laura? Dr. Zähler (nach einigem Bedenken). Wie Du e- meinst, — nein! Bergauer. Oder auf — Tante Julie? Dr. Zähler (rasch). Nein, gewiß nicht! Bergauer. Was soll dann dein Benehmen gegen Beide? — Gedenkst Du etwa auch hier den säubern Spaß so lange zu treiben, bis Du. wie bei den Friedheim- scheu, plötzlich 8uus lu^ou wegdleibst? Dr. Zähler (ruhig). Auf das wird- wohl hinauskommen, so leid eS mir thut, aber... mir fehlt die Zeit... Bergauer. Dir fehlt die Zeit!! — Ist'- bei mir nicht richtig, oder bei Dir?.. (Auf. und abgehend.) Aber geschieht mir recht! Warum leistete ich deiner Bitte Folge. Dich, der Du Zeitlebens ein Stubenhocker warst, in feinere Zirkel einzuführen! Das aber ist das letzte Haus, da- Du durch mich kennen lernst, dessen sei gewiß! Ich bitte mir übrigen- mehr Dank um Dich zu verdienen geglaubt! Dr. Zähler. Nun, ich will Dir versprechen, daß ich meine Angelegenheiten in diesem Hause mit weniger Eclat zu Ende bringe, wie bei Friedheim-. Ich kann auch feinere Lösungen herbeiführen. Bergauer. Lösungen? — Wozu da- Knüpfen von Verbindungen?. .. Ich de« greise Dich nicht!... Aber so wird da-nicht fortgehen, mein sauberer Doctor! Du wirst bald da- Renommöe in diesen Kreisen erworben haben, da-Du in anderen bereit- rrrangst!... GlaudstDu, ich hatte wenig zu thun, deinen Ruf niederzukämpfen. der Dir in jede-feinere HauS den Eingang verschloß ?! Dr. Zähler. Mein Ruf! Da bin ich wirklich neugierig! Bergauer. Dein Ruf. daß Du seit Jahr und Tag mit allen Stubenmädchen, KaffeehauSdamen und Trafikmädchen unserer Stadt der Reihe nach Liaisons hattest. Dr. Zähler. Ah so! Bergauer (spättisch). Fällt Dir daS jetzt ein? Du wirst Dich aber vielleicht auch daran zu erinnern so gütig sein, daß ich. bevor ich deinen Wunsch, Dich in die Ervme der hiesigen Gesellschaft einznführen, zur Bedingung stellte, wenigsten- 6 Monate vorher, mit deinen früheren Bekanntschaften in der untern Damenwelt entschieden zu brechen! Dr. Zähler. Und that ich- nicht? Bergauer. ES ist wahr, und ich muß Dir offen gestehen, daß ich nicht glaubte, es werde Dir so leicht werden, deinem gewohnten Umgänge zu entsagen. Ich weiß sogar, daß so manches Mädchen deiner früheren Bekanntschaft wüthend über Dich sei. der Du nun thust, als wären diese armen Geschöpfe gar niemals für Dich gewesen! — Dr. Zähler (mit behaglicher Ruhe). Meine Mission bei diesem Theile der weiblichen Gesellschaft war erfüllt. Bergauer (faßt iha a» beiden Schultern und steht ihn staunend au). Deine Mission?! Dr.Zähler. Ich sehe schon, ich muß Dir Aufklärung geben. — Vor Allem muß ich deinem Gedächtnisse nachhelfen. Du weißt, mein Liebling-fach ist die Statistik. Bergauer. WaShat hier die Statistik zu thun? Dr. Zähler. Sehr viel! Habe nur ein klein wenig Geduld, («it Selehrtrnpath»«.) Die Statistik ist die Wissenschaft der Wissenschaften, sie ist der Schlüssel zu den Geheimnissen aller übrigen. Ihr gehört die Zukunft, vor den Stufen ihre- Throne- werden sich einst alle übrigen Wissenschaften wie Vasallen vor ihrem Könige beugend vereinen... 1 * 4 Berg auer. Laß'mich in Ruhe mit deinem wissenschaftlichen Parorysmus. Das paßt hier wie eine Faust auf ein Auge! Es handelt sich um den Augapfel des socialen Lebens, um den veredelnden Verkehr beider Geschlechter, um die feinsten Gefühle des Herzens, und Du plumpst da mit der — Statistik d'rein! So sind denn wirklich alle Gelehrten, selbst die modernen, nichts als Narren! Dr. Zähler. Ruhig, mein heißblütiger Freund! Und doch muß ich bei der — Statistik bleiben, für welche Dir begreiflich der Sinn fehlt. Ich bedauere Dich aufrichtig. Bergauer. In Gottes Namen! Ick will's ertragen! Dr. Zähler (im Kathederton sortsahrend). Seit Jahren mit statistischen Studien beschäftigt, hat mich die moderne sociale Frage darauf gebracht, besonders den Frauen meine Aufmerksamkeit zuzuwenden. (Mitangenehmer Erregung des Gelehrten.) Eine Statistik der Frauen! DaSwäre das Material, um der Lösung der socialen Frage näher zu kommen, als es sonst geschehen möchte! Zahlen sprechen schlagender als alle philosophischen Axiome, und der schönste Schwall von Phrasen. Es ist eine Specia- lität der Statistik, die ich mir da zum Vor, wurf gemacht, und ich bin auf dem Wege Ueberraschendes zu leisten! Das Derhältniß in den Geburten, den Sterbefällen, den Altersstufen, den Heiraten, dem Eölibat, den Verbrechen, den Gesundheitsstaudpunc- ten, den Bildungsgraden, dem Schulbesuch, den Extravaganzen, den Temperamentsfehlern, den Selbstmorden u. s. w. ist bei den Frauen rin ganz anderes als bei den Männern !! Ick habe darüber prachtvolle Aufschlüsse zu geben. Aber ich will den Gegenstand in seinem ganzen Umfange erfassen, ich will in feine kleinsten Details eingehen. Sieh', lieber Freund, mit welcher Gewissenhaftigkeit und Arbeitslust ich mich auf die Sache werfe. Seit mehr als einem Jahre befasse ich mich damit, praktisch aus dem Leben zu eruiren, in welchem Verhältnisse die Ziffer der Lebensjahre des Frauenzimmers, ihres Bildungsgrades und ihrer Nationalität zu der Anzahl ihrer Liebesverhältnisse stehen. Bergauer (hört ihm mit komischem Erstaunen zu). - Dr. Zähler (m seinem Notizenbuche blät ternd). Meine bisher gesammelten Daten sind im hohen Grade interessant! (Liest.) »Von den Mädchen der untern Klaffen sind fünfzehn Procent schon im sechzehnten Jahre verliebt. Im siebzehnten Jahre haben sechzig ein Drittel Procent schon zwei Herzcnsver- bindungen gehabt.Das wächst bis zum zwan- zigstenJahrearithmetischrichtig.Jm einundzwanzigsten bis zum vierundzwanzigsten folgt bei fiebenzig Procent der Frauenzimmer eine rapide Steigerung der Anzahl der Liebesverhältnisse von eins auf zwanzig. Vom fünfundzwanzigsten Jahre sinkt das Derhältniß. Mit dreißig Jahren beginnt eine größere Herabminderung der Ziffer in Bezug der Anzahl derLiebeSverhältniffe.DernatürlicheTriebzur Treue,zurStab ilität tritt immer entschiedener hervor und zwischen dreißig und vierzig Jahren kommen die meisten Fälle vor, in denen Frauenzimmer bei einem Herzensfreunde durch Jahre auSharren und wäre er noch so wenig dessen werth* . . . Höchst merkwürdig sind die Taten, welche Aufschluß geben über den Einfluß der Uniform auf daSweiblicheHerz. (Wieder lesend.) Im Alter von fünfzehn bis siebzehn Jahren macht sich derselbe noch wenig geltend. Dom achtzehnten bis zum dreißigsten aber sind unter den Objec- tenweiblickerFlamme zweiundsechzig einvier- telProcen tMännerin Uniform. -(Aufsehend.j Nicht wahr, Freund, Du staunst über die genauenResultate meiner Studien?!. . . . (Wiedrr in- Notizrnbuch blicktod.) Mit Bezug auf meine Forschungen unter den Frauen aus demVolkefallenbeiLiebeSverhältniffenfünfjig ProcentaufSoldaten.Korporäle, Tambours, fünfunddreißig ein halb Procent auf Herr- schastlickeJäger, Livreebediente, unddieübri genzwanzigProcentaufLeuteinEivilkleidern. Was für ein psychologisch bedeutungsvoller 5 Schluß läßt sichaus diesem statistischen Resultate aufden Einfluß ziehen, den färbiges Tuch nnd Gold-und Silberborten auf da-Herr der Frauen ausüben! (Zu Bergauer.) 3e größer derDerbrauch von färbigem Tucke undglan- zendenBortenineinemLande, desto mathema- tisck sickerer laßt sich die Erregtheit der weiblichen Liebe in diesem Lande feststellen. . .. Du siehst', welche weite Kreise sich aus dem statistischen Puncte in die Gesammtwissen- schaft hinansziehen lassen . . . Bergauer (setzt erzürnt den Hut auf den Kopf). Also wirklick, nur die dumme Statistik ist es, die Dick bestimmte, in die besseren Zirkel der Stadt zu gelangen? Dr. Zähler (ehrlich). WaS sonst? Du weißt, wie selig ick in meiner Stube sitze, und Du kannst Dir denken, wie abgeschmackt mir die Alfanzereien sind, die ich jetzt um der Wissenschaft willen mitmachenmuß! Ich bin eine Art Naturforscher! Kann ich mick da scheuen vor mühseligem Wandern, scklecktem Wetter, vor Gestrüpp und Gewürm!? Bergauer. Du spielst auf die Gesellschaft an! Nun. sie wird sick bedanken bei Dir! Aber da- hätte ich vorher wissen sollen, daß Du nur als—Naturforscher in die freie Welt eintrcten willst! Ich hätte vor Allem die harmlosen Frauen gewarnt davor, daß Du nicktS willst, als sie auf deine statistischen Nadeln zu stecken, um dein Ziffernkabinet zu bereichern.!! — Dr. Zähler (sich vergnügt dir Htnde reibend). Ich glaube mit meinen Studien in diesen Kreisen bald im Reinen zu sein. Dann Adieu, ihr feinen Eirkcl, ihr seht mick so bald nicht wieder! Bergauer (fürsich), Na warte! Ick werde eS Dir vertreiben, mich zum Danke für meine freundschaftliche Protection mit kalter Berechnung zu blamiren ! . . Besonder- die Damenwelt werde ich auf die Marotte diese- SratiftenfereS aufmerksam machen, vor Allem Fräulein Laura, ehe sie Uch in ibn verplempert. Wenn nur der dumme Junge nickt sonst so ein ange- uebmer Mensch wäre! Dr. Zähler. WaS murmelst Du da? Bergauer. Ich .... recapitulirte mir deine — Daten ... Es ist wirklich merkwürdig! Dr. Zähler (freudig). Nicht wahr, Freund! Wie glücklich wäre ich, wenn ich Dich zu meinem Eollaborator gewänne! (Faßt ihn bet der Hand.) Berg au er (macht sich rasch von ihm lo»). O ich danke sehr!.... Ich bin ein zu unwissender Mensch! Dr. Zähler (pedantisch feierlich). Aber ich werde Dich in der Vorrede zu meinem Werke als einen der Förderer meiner Forschungen erwähnen. Bergauer. Bittesehr! Verdiene eS gar nickt, aber ich hoffe, wir reden noch drüber. Ich muß jetzt zum Herrn Rath. (,b zur Thüre link» ) Vierte Scene. Dr. Zähler. Tante Julie. Tante Julie (erscheint in der Mittelthürr. §i« wendet sich zu einem Diener um. der eine groß« Lasse mit Service trägt Eie scheint ihm eine Teilung zu geben). Dr. Zähler (für sich). Ah! Sie kömmt, meine Dulcinea! Bei der Routine, die ick mir erworben, gedenke ich schnell an'S Ziel zu gelangen. Freue Dick, mein Notizenbuch, Dir blühen neue statistische Daten! Tante I u l i e (tritt ein Der Diener hiuter ihr geht nach link- über die Bühne nach der Thüre link»). Dr. Zähler (ihr galant eutgegentretend). Gcköne Julie! Wie soll ick Ihnen für diese Güte danken ! Tante Julie (komisch verschämt). Ach! Sie sind ein böser Mann! Dr. Zäbler (kühn). Holde Dame! kann ick dafür, daß mein Herz mich treibt?! (Br drückt ihre Hand an» Herz.) Taute Julie (freundlich geziert). Nicht so ungestüm! Dr. Zähler tzietzt fi« nB»e« sich auf»S»sa Theuerfte! Wozu lange Umstände macken; Sie wissen eS ja ohnehin, ick — liebe Sie; 6 Tante Julie. O! Sie setzen mich in die höchlichste Verlegenheit! Dr. Zähler (für sich). Keck im Sturmschritt d'rauf los! (Laut, zärtlich.) Ist Jbr Herz frei? Tante Julie (wohlwollend). Sie setzen Einem ja die Pistolen an die Brust! Dr. Zähler. Also, ich darf hoffen? Tante Julie (an der Chemisette zupfend) Bedenken Sic mein—Alter (sich schnell corri. girend), das heißt, daß ich kein flatterhaftes Mädchen mehr bin. Dr. Zähler. Eben weil Sie nicht flatterhaft find ... das ist'S, was mich zu Ihnen zieht. Aber da wir uns verstehen, so wollen wir kein Hehl vor einander haben. Damit Sie mir keine Vorwürfe machen, so gestehe ich Ihnen, daß Sie nicht meine erste Liebe seien. Tante Julie (freundlich nachgiebig). Ach, Sic sind ja kein Kind mehr. Dr.Zähler.Ich habe manchen Jugendstreich hinter mir, vielleicht einem Dutzend Frauenherzen habe ich wehgcthan, aber nun bin ich entschlossen, ein gesetzter Mann zu werden. Sic sehen, ich bin aufrichtig, ... Aber nun, Julie, beichtenauchSie! (Er zieht unvermerkt sein Notizenbuch heraus.) TanteJulie (fürsich). Er meint eS ernst. Ich will ihm zeigen, daß ich Vertrauen mit Vertrauen zu vergelten weiß! Dr. Zähler (zärtlich). Haben Sie schon geliebt? Tante Julie (zu Boden blickend). Ach! Dr. Zähler. Wer war Ihre erste Liebe? Es interessirt mich. Tante Julie (in Erinnerung schwelgend). Ach, es war ein schöner Mann, ein Apollo! Er war erster Liebhaber deS städtischen Theaters ... Dr. Zähler (kalt, dringend). DaS Weitere begreife ich, die Verhältnisse traten dazwischen ... (heuchlerisch, mitleidig). Arme Julie! (Zärtlich). Und ... öffnete sich Ihr Herz nicht wieder! Tante Julie (zu Boden blickend, leise). Dann ward mein Herz von einem... Rittmeister getroffen ... Dr. Zähler (innig). Fassen Sie Vertrauen! Je offener Sic mir Ihre Vergangenheit enthüllen, je mehr fühle ich mich zu Ihnen hingezogen ... Und ... nach dem Rittmeister? ... Tante Julie (abermals zu Dodeu blickend, nur noch leiser als früher). Dann konnte ilb den Versen eines Amtspractikanten meines seligen DatcrS nicht widerstehen . .. Aber, Herr Doctor, (sehr würdig) Alles in Ehren! Dr. Zähler. Wer zweifelt daran, schöne Julie?.. Und. . .nach dem Dichter... Tante Julie (sieht ihn, wie sich besinnend, verdutzt an, für sich). Na. die ganze Reihe meiner Verehrer brauche ich ihm denn doch nicht auf die Nase zu binden! Dr. Zähler (ihre Hand küssend). Nun, Julie? Tante Julie (Aufrichtigkeit heuchelnd). Mehr habe ich nicht zu erzählen. Dr. Zähler (sieht sie verblüfft an). Tante Julie. Warum so erstaunt, mein Freund? Dr. Zähler (aufspringend, für sich). Entweder die Alte hält mich zum Narren, oder neueZiffernschwierigkeiten thürmen sich mir auf! .. . Der Teufel wird sich da herauS- sinden! (Er notirt in sein Buch.) Tante Julie (aufstehend). WaS schreiben Sie da in Ihr Notizenbuch? Darf ich es nicht wissen? . . . Dr. Zähler (rasch, lügend). Ein Gedicht! Ein Gedicht an Julie ... (für sich, aus dem Notizenbuch lesend). »Zwischen 45 bis 50 Jahren, nurdrci Liebhaber, zwei vom Eivil, einer vom Militär* ... ES ist eigentlich ein reiner Unsinn! Tante Julie (freundlich). Werde ich die Verse zu lesen bekommen? Dr. Zähler. Wenn daS Gedicht rein abgeschriebcn ist, werde ich eS Ihnen zu Füßen legen! 7 Tante Julie. Nun will ich mich aber zur Gesellschaft begeben. Adieu, Du böser Mann! Dr. Zähler (küßt ihr die Hand). Tante Julie (links ab). Fünfte Scene. Dr. Z ä h l e r (allein, die Hand vor -Gesicht, nachdenkend). In diesen Kreisen scheint sich ein ganz anderes statistisches Verhältnis hcrauSzustellen!. .. Die Arbeit wird schwieriger, als ich mir dachte. Die Eruirung der Mittelzabl wird mich Schweiß kosten, das merkeich schon. .. Aber ich will ein bischen in den Garten hinaus .. Ich habe mich echauffirt .. Man sollt's gar nicht glauben, wie einem schon der Schein der Leidenschaft warm macht! Das wäre wieder ein Gegenstand psychologischer Untersuchung! (Durch die Thür rrchts ab.) Sechste Scene. Rath Werkheim, seine Tochter Laura. (Beide au- der Thür link-.) Werkheim. Da Du nun weißt, liebes Kind, was für Absichten den Doctor Zähler eigentlich leiten, so wirst Du hoffentlich deine aufkeimenden Gefühle für den Sta- tistenfer unterdrücken. Laura. Väterchen! Din ich denn gar so dnmm? Werkheim. Ich weiß, Du bist ein gescheites Kind... Es ist mir selbst leid um den Doctor, er gefiele mir auch sonst, aber die Infamie, mit der er sich einschlich... Laura. Mein Väterchen, nenne eS nicht so, eS ist nur eine gelehrte Narrheit. Werkheim. Wie Dü willst. Gewarnt aber bist Du, vergiß das nicht, Kind! Laura. Ich vergesse nichts, was Du mir sagst, Väterchen. (Sie küßt ihm dir Hand.) Werkheim (drückt einen Kuß aus ihre Stirn nnd streichelt ihr dir Wange). Nun, mein Kätzchen, laß mich zu meinen Gästen zurückkehren. (Zur Thürr link- ab) Siebente Scene. Laura (allein, die Hand aufs Herz legend, leise, weich). Der komische Mensch hat wirklich Eindruck auf mich gemacht!.... Soll ich dem Zuge meines Herzens folgen?... (Munter, t Ei, wer wird das so schwerfällig nehmen? Ich will ihn ein bischen narren! DaS ist oft ein probates Mittel, um schwerfällige Männerherzen geflügelt zu machen,.... Ah! der StatistiknS naht!. . (Sir setzt sich auf's Sopha, sich wie in Gedanken mit ihrem Bouquet beschäftigend.) Achte Scene. Laura, Dr. Zähler. Dr. Zähler (eintretend, bleibt, Laura erblickend, an der Thür stehen, für sich). Das Fräulein!.. Der Zufall ist mir günstig!. . (Sauren betrachtend.) Weiß Gott, sie ist ein reizende- Geschöpf! . .. (Etwa- linkisch vor- tretend, und sich Laura nähernd.) Laura (aufblickeud). Ah, Herr Doctor! Dr. Zähler (sich auf einen Stuhl neben sie setzend). Die glücklichen Blumen! Laura (lachend). Warum? weil ich sie zerzause? Gelüstet Ihnen nach diesem Schicksal? Bitte zu befehlen!.. Dr. Zähler (aufrichtig, gefühlvoll). Diese schöne Hand vermag nickt wehe zu thnn! Laura. Meinen Sie?.. Haben Sie niemals von schönen — Krallen gehört? Dr. Zähler (ficht ihr innig in die Augen mit Leidenschaft). Fräulein Laura! Laura (neckisch) Ei, das fängt ja wie eine vcritable Liebeserklärung an! Dr. Zähler (für sich, über sich selbst entrüstet). Sie hat Recht! Beinahe hätte ich meine Mission vergessen! (Laut, im Tone der Lonvenienz.) Und wenn eS der Anfang eines HerzenSgeständniffeS wäre? Laura (leicht). Dahl dann können Sie 8 getrost die Fortsetzung daran knüpfen, es wird mich nicht alteriren! Dr. Zähler (etwa« pikirt). So?- Fräulein scheinen, Sie verzeihen schon — Offenheit gegen Offenheit! — Fräulein scheinen an — derlei Dinge gewöhnt! Laura (affectirt leichtfertig). Nun, wundern ie sich darüber? Ich bin neunzehn Iahrealk, dieHerren der Schöpfung aller Art umflattern mich seit einigen Jahren, kann es da an... (spöttisch) »zarten Erklärun- geS* von Seite der Herren Schmetterlinge gemangelt haben?... Sind Sie also im Begriffe, mir eine Liebeserklärung zu machen, nur zu, Herr Doctor, Sie sehen, ich hin bereit, ganz Ohr zu sein. Ist es vielleicht gefällig, sich auf ein — Knie niederzulaffen? Dr. Zähler (fürsich, warm). Sie ist reizend in ihrer Naivetät! Herabgestimmt.) Aber — Routine scheint daS Mädchen doch zu haben! .... Mir scheint, ich ärgere mich darüber!-Lächerlich!. . . (Laut, etwa« gespreizt.) Fräulein Laura Sie spotten meiner, Haben Sie Mitleid mit mir!.. Laura (bagatellmäßtg). DaS kenne ich! Diesen Passus habe ich schon unzählige Male in verschiedenen Tonarten gehört. Dr. Zähler (halb neugierig, halb ärgerlich) Fräulein haben also Ihr Herz schon öfter _verschenkt?... Lckura (fich in die Lippen beißend). Warum soll ich'S leugnen! Jst'S denn eine Schande, der Stimme seines Herzens Gehör zu schenken!? Dr. Zähler (gepreßt). Gewiß nicht! (Für fich.) Zum Teufel, was ärgereich mich denn darüber? Laura (gleichmütig.) Schon in meinem fünfzehnten Jahre hatte mein Klavierlehrer, ein hübscher junger Mensch, Eindruck auf mein junges Herz gemacht .. Dr. Zähler (fich hinter dem Ohre kratzend, mit gerunzelter Stirn). Schon im fünfzehnten Jahre! Laura. Mein Gott, das kam so, ich weiß nicht wie... Dr. Zähler (für fich, ergrimmt). Diesem Clavierlehrer hätte man sollen die Finger abhacken! Laura (für fich). Er ist böse! Warte, es soll noch ärger kommen! (Laut, ruhig.) Aber die Sache verrauchte bald. Mein Cousin, der Lieutenant, damals noch Cadet, wußte mein gefühlvolles Herz bald noch lebhafter zu intereffiren. . ' Dr. Zähler (leidenschaftlich). Ein Cadet! Wie hat man daS zugebcn können? Laura (lächelnd, mit Gleichmuth). Es hat ja Niemand (gtheimnißvoll) etwas davon gemerkt, eine »Liebe, von der Niemand nichts weiß*.. .. Ein Jahr darauf kam Fritz zum Regiment. . . Dr. Zähler (aufrichtig). Gottlob! (Kür fich, fich an die Stirne greifend.) Fast hätte ich meine Statistik vergessen!... Laura (fortfahrend . wobei fie fich an den schlecht verhehlten Empfindungen Dr. Zähler'S weidet). Da ließ Papa mein Porträt in Oel malen. Sie haben es d'rin im Salon gesehen ... Dr. Zähler. Seitdem sind Sie zur Jungfrau entfaltet, die Blüthe ist duftende Rose geworden. Laura (leichthin). Sehr galant, aber das sagte mir der Maler schon damals. Dr. Zähler (total au- der Rolle fallend). Die Maler sind zuweilen unverschämt! Laura. Ach, er war ein liebenswürdiger Jüngling... Dr. Zähler (wie oben). Ein Jüngling noch und schon so.... Laura. Jch seheihnnoch vormir! Dieses blaffe zarte Gesicht, dieses kleine schwarze Schnur- und Spitzbärtchen, diese nachtschwarzen glänzenden Locken, diese melancholischen Augen... ach! ich habe ihn auf richtig geliebt!. .. Dr. Zähler (strht auf und wischt fich den Schweiß von der Stirne, für fich). Sie ist im vollen Zuge, (fast weinerlich) sie läuft meiner Statistik direct in die Arme.... und (er verhüllt fich mit der Hand die Augen) mir ist so ... kurioS dabei... cs kommt mir vor, als wäre mir todtenübel!!.. 9 Laura (so, alr bemerkte sie seine Aufregung nicht). Aber so setzen Sie sich doch zu mir. Ich habe es so gerne, mit einem Freunde von vergangenen Tagen zu erzählen! Oder langweilt cs Sie, lieber Doctor? Dr. Zäheler (sich wieder zu ihr setzend, zer« streut). ImGegentheile... es... es ist mir höchst-höchst interessant-(Für sich.) Warum befällt mich denn jetzt plötzlich die Lust, (grimmig) mein Notizenbuch zu zerreißen?. .. . aber mit Mattigkeit, sich wieder setzend.) Fahren Sie fort, Fräulein, ich. .. höre zu. .. Laura. Leider reiste der Attache am nächsten Tage ab! — (Bedauernd.) 3ch sah ihn nicht wieder! Dr. Zähler (seufzt erleichtert aus). Laura. Bald aber ward sein Bild ans meinem Herzen verdrängt... Dr. Zähler (fürsich, fast außerfich). Jetzt kommt noch Einer!! — Den bring' ich aber um!... Laura (sortsahrend).Auf den Malerfolgtc ein junger Italiener, Attache bei der Gesandtschaft ... Dr. Zähler (rückt unruhig auf dem Stuhle). Laura. Dieser Mensch war Feuer und Flamme... Dr. Zähler (wischt sich abermals den Schweiß von der Stirne und zerpflückt daS Bau quet, daS auf dem Tische lag). Laura. Aber was thun Sie denn? DaS schöne Bouquet' Laura (die nur mehr mühevoll ihre heitere Stimmung zu beherrschen vermag, halb mit dem Schnupftuch vor dem Munde). Der Capitän, der bei uns cinquartiert war — ein Mann von renommirter Schönheit. . . Dr. Zähler (aufspringend, für sich). Nein, es ist mir nicht mehr möglich!. . .DieListe wächst immer mehr und jede Nummer sticht mich wie eine Natter! . . . Ich weiß nicht, was ich will . . . Laura (fortfahrend). Sein Benebmen Dr. Zähler (verlegen). Verzeihen Sie, !war daS ernes CavalierS in der edelsten Fräulein,... meine Hände wußten nicht, i Bedeutung des Wortes, ... ach. seine was sie thun. . . (Bei Seite, fast in Derzweif-! Stimme! Wie melodisch klang sie in mein luag.) Statistik, verlaß mich nicht! ?Ohr. . . Laura (fortfahrend). DenkenSie nur, die ^ Dr. Zähler (nach sichtbarem Kampfe mit, Kühnheit dieses Menschen! .. . Eines Ta- sich, stürzt zu ihren Füßeu). Laura! Halten ges -. ' ^ieein!. . Ich will nichts mehr wlffen. . Dr. Zähler (von Eifersucht gequält) ... es martert mich zu . . . Tode . . . Laura eines Tages. . . ... ich liebe Sie! . . . (Jammernd.) Ich Laura. .. .trifft er mich allein im Ga^weiß nicht, der Wievielte ich bin . . aber kn... bei Allem, was Ihnen theuer ist, lassen Sie Dr. Zähler (mit gesteigerter Leidenschaf), mich der — Letzte sein! . . . . allein im Garten. . . ^ Laura (erfreut ergriffen, für sich). DaS ist Laura. .. ehe ich's mich versah, hatte die Stimme des Herzens! (Laut, liebevoll.) n mich umarmt und einen glühendheißen ^ Stehen Sie auf, mein Frennd . .. Kuß auf meine Lippen gedrückt. .. I Dr. Zähler. Dieser Ton schmilzt alle Dr. Zähler (wirsttinrnnebtnstehendenStuhl!Krusten meiner Manuscriptenseele! . . . aufspringend, zornig). Ich hätte ihm den Laura . . . (Zärtlich.) Können Sie mir gut sein? . . . Sprechen Sie nur das kleine Kragen nmgedreht! Laura. Aber Doctor! Sic sehen ja aus, als wollten Sie die Welt in die Luft sprenkln! WaS ficht Sie denn auf einmal an? . Dr. Zähler (Melken wollend). Ich,. . . "h . .leide an Andrang des BlnteS gegen °en Kopf ... es geht vorüber. .. (Gefaßt, reiche Wörtchen: Za . .. Ick beschwöre Sie! Laura (ihm die Hand reichend, leise gerührt). Nun denn: Ich bin Ihnen von ganzer Seele gut! Dr. Zähler (jubelnd aufspringend). Statistik! Fahre wohl! (Sich besinnend, verl gen 10 bittend, halblaut zu Laura.) Aber die Erinnerung an meine . . . (ärgerlich) ich weiß nicht wie viel — Vorgänger. .. Laura (lachend). Kein wahres Wort daran! Ihre »Mission« war mir bekannt, es war ein Scherz... Dr. Zähler (entzückt sich an Laura s Seite setzend.) Himmlische- Mädchen! (Er beugt sich aus ihre Hand, einen langen Kuß daraufdrückend.) Neunte Scene. Vorige. Tante Julie. Tante Julie (au- der Thür link- kommend erstaunt und entrüstet für sich). Ah! das ist aber doch stark! (Wendet sich rasch, al- wollte sie eilig wieder durch die Thüre zurück. In diesem Moment« treten durch dieselbe rin:) Zehnte Scene. Werkheim, Bergauer, Vorige. Tante Julie (hält die Emgetretenen zurück und deutet mit Zeichen der Empörung auf Dr. Zähler und Laura). Werkheim (vortretend, gutmüthig, ernst). Laura, Haft Du meine Warnung vergessen? Laura und Dr. Zähler (erheben sich rasch). Laura (Werkheim um den Hals fallend). Nein, gutes Väterchen, dein Wort vergaß ich nicht... aber.... Werkheim. Aber.... Laura (lächelnd Dr. Zähler- Hand ergreifend)_ Aber die Verhältnisse haben sich geändert!.. Bergauer (der an Dr. Zähler'- Seite getreten ist, leise, wütbeod zu ihm). Das schwöre ich Dir, dieses Mädchen kommt nicht in deine Statistik!! Tante Julie (Bergauer wegschiebend, leise, entschieden zu Dr. Zähler). 'Die kommen mir nicht so davon, man spielt nicht mit Frauenherzen! Dr. Zähler (sich an Werkheim wendend). Herr Rath! In Gegenwart dieser Zeugen werbe ich um die Hand Ihrer Tochter! Werk he im (seine Tochter aublickend. dann freundlich zu Dr. Zähler). Die Verhältnisse haben sich wirklich verändert! Wir sprechen darüber! Bergauer (zu Dr. Zähler boshaft). Und die Statistik der Frauen!? Dr. Zähler (lächelnd). Ist... nicht durchzuführcn. Bergauer (hat Dr. Zähler da« -totizenbuch au- der Tasche gezogen zu Zähler mit der stummen Frage, ob er das Buch zum Fenster hiaaut- wersen solle, wa- er aus Zähler- lächelnde Bewilligung auch lustig thut). . , Dr. Zähler (küßt Laura dst Hand). « I Tante Julie (sucht bei Mersheim enrr- gische Einsprache zu erheben). * A I Werkheim (wehrt sie mit leichter Hand- vbewegung humoristisch ab). Vorhang fällt Ende. 8u» de« Theater-Berlage der Wallishanfser'scheu Buchhandlung (Josef Klemm), Dien, Stadt, Hoher Marti Nr. 1. Mädchenfreundschaft, »der sandte. Lustspiel iu 1 8 der türkische Ge- vou Kotzebue. 1805. 25 kr. 5 Sgr. Mädl, da», au» der Dorstadt, »derr Ehrlich mährt am längste«. Posse iu S 8. von I Nestrov. Sr. 12. 1845. 75 kr. 15 Sgr. Magnetit««», der. Nachspiel in 1 8 v. Jffland. 1810. 25 kr. 5 Sar. Majolino, der Abenteurer. 1. Tbeil: Schauspiel i» 5 8. 2. Theil: Schauspiel in S 8 8. 1802 80 kr. 18 Ear. Maler», de». Meisterstück. Lustspiel i» 2 8. s. Weiffeathura Schauspiele 1». Band. 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Weiffeu» thuru Schauspiele 13 Baad. Möo«. Trauerspiel tu 5 8. von H. I. v. Svlliu gr. 8. 1811. 80 kr. 12 Sgr. Margarethe, Königin van Eatanea. Ballet iu 3 Ins, v»u Taglivui 1822. 10 kr 2 Sgr Marie, Lachter Karl de» Kühnen. Original» Schausp in 4 8. vou Meuurr. 1807. 8. 40 kr 8 Sgr. Mariana. Schausp iu 5 8. Frei uach Sheridan Kvowlr». vou Treitschke 1838. 75 kr. 15 Sgr Marill», di» beiden. Schauspiel mit Gesang t» 3 8 vou Gleich. 1808. 8. 40 kr. 8 Sgr Margut», der arn»e. Schausp iu 2 8. v. Duma» »vir und Lafargue. Deutsch von 8leraader Berge« (Wr. Th.-Rep. Nr.143 ) 50kr 10 Sgr. Marschall, der, »»« Hr«»kretch. Tragödie iu 4 8 von Johanne» Nordmauu. gr. 8 1857 80 kr. 12 Sgr. Marke für Ma»ke. Lustspiel ». Jiuger. Leipztg ^ 50 kr. 10 Sgr. Ma»ken, die. Schausp. in 1 8. ». Kotzebue 1803 25 kr. 5 Egr Mathilde, Herzogin van Ep»let». Ballet iu ^ 5 « »», 8stv^i. g. 182, 13 kr. 2'/, Sgr. Matr»se, der kleine. Oper i« 1 8 8u< dem > ^ Trau, 180«. 20 kr. 4 Sgr. » «authner, V. Lustspiele 8. 1852.1 st 50 kr. 1 Thlr. W Zuhalt: Da« Preitlustspiel Orig »Lust^tiel iu > 3 8. — Gräfin 8»r»ra. H.st L,stsp. tu 5 8. Mat, der erste, oder der reiche Poet. Frühling«» gemälde Reil 12. geh 1818 40 kr. 8 Sgr. Mathilde van Guise. Oper iu 3 Auf; 1810. Maytag, der. Ländliche» Gemälde iu 4 8. von Hage mann. 17S3. 40 kr. 8 Sgr. Medea. Sin mit Musik vermischte» Drama. Musik vou Beada. 1808. 25 kr. 5 Egr. Medea. Tragische Oper i« 3 8. Nach dem Frau«. vou Trettschkr gr 8. (vergriffen.) Medea. Trauerspiel iu 5 8. »VU Grillparzer, s. dessen goldeue« Bließ. Meere», de», und der Liebe Welle«. Trauersp. iu 5 8. vou Franz Grillparzer, gr. 8. 1840. 1 fl 50 kr. 1 Thlr. Megera 1. Theil Zauberoper i» 3 8 ». Periuet. 1818. 8. 40 kr. 8 Sgr. siebe auch Hafner gesammelte Schriften Meina«, Eulalia, »der die Holge« der Wiedervereinigung. Bürger! Trauersp. tu 4 8 v. Ziegler. 1807. 8. 50 kr. 10 Sgr. Melone» eine reife. Schwank iu 1 8. uach Bavle Beruard'» ?I»tou»e »ttaobemouta, von K.. Graeser (Dr. Th.-Rep. Nr. 38.) 35 kr. 7'/, Sgr Melnstna. Romantische Oper iu 5 8 von Fr. Grillparzer. Musik vou Kreutzer 8 1833 80 kr 18 Sgr. Mensch, der, denk«. Lebentbild mit Gesang iu 3 8bth. von Fr. Kaiser. (Wiener Tb.»Rep. Nr. 150 ) 80 kr. 12 Sgr. Mensch, ei» empsiudltcher. Schwank in 1 8 Frei nach Marc-Michrl u Labichevon M 8. Grand» jeau. 35 kr. 7'/, Egr. Mensch» ei« ltebe«»würdiger. Lustspiel in 1 8. Nach dem Französ. von Mar Stein. (Diener Tbeater-Repert. Nr 173 ) 35 kr. 7", Sgr. Menschen, gnte, liebe, tbre« Fürsten. Zeitstück iu 3 8 ». Henller. 17SS. 8. 40 kr. 8 Sgr. Mentar, der. Lustsriel in 1 8 nach de« Frau,. ». Lembert (Wr. TH.»R Nr. 7.) 35 kr. 7'/. Sgr. Merape. Deutsche» Orig »Trauersp iu Berten u. 5 8 von Weidmann 8 1 772. 50 kr 10 Sgr. Michel» der dentsche, »de, Hamtliennnrnben. Zeitbild i» 5 8.. s. Feldman« Lustsp. 4 vd. Milch, die, der Eselin. Posse mit Gesang iu 1 8. Nach de« Frau» vou 8utou Btttuer. (Wiener Theat »Rep. Nr. 88 ) 30 kr. 6 Sgr. Milchmädchen, da», von Deren. Siugsp in 2 8 Nach dem Franz, vou Lrrischke 25 kr. 5 Sgr Mtlchschwester«, die kleinen, in Peter»d»rf. Bolk»märchea mit Gesang iu 3 8 »o» Gleich. 1808 8 40 kr. 8 Sgr. Mtlli-när, der. Lustsp iu 4 8. vou Schildbach 1804 . 50 kr 10 Sgr Millionär, et« armer. Orig »Posse mit Gesang tu 3 8 von Theodor Flamm (Wiener Theater» Repertoire Nr. 182 ) 80 kr. 12 Sgr. Milt»,. Siugspiel i» 1 8. Nach dem Frauz. vou Treitschkr. 25 kr. 5 Sgr Minnesänger, der arme. Schauspiel i» 1 8. von Kotzebue 1811. 35 kr 7 Sgr. Miranda, »der da» Schwert der Nach«. Heroi» sche Oper in 3 8 vou Kanu« 8. 1811. 35 kr. 7 Sgr. Mission, die geheime. Lustsp in 3 8 ». Graudiea« (Wiener Theat »Rep Nr. 3) 35kr 7V« Sgr. Mißbranch» der, der Gewalt, vrig »Lustspiel tu 5 8 o»u Weidmann 1778. 55 kr. 7 Sgr. Mißtrauische, der. Lustsp. iu Pros« und 5 8». Werdmau». 1772. 35 kr. 7 Sgr. Walli-Hausser'sche Buchhandlung (Joses Klemm) in Wien. Mtßverständntß, da». Lustft». in 1 A. von I. F. v. Weissenthurm gr. 8. 1833. geh. 40 kr. 8 Sgr. Mißverständnisse, kleine. Lustspiel in 1 A. Nach dem Englischen von Aler. Bergen. (Wiener Tdeater-Repertoire Nr 187.) 35 kr. 7'/, Sgr. Mittel, alle, gelten. Lustsp. in 1 A. nach Scribe, von L. Julius. (Wiener Th.-Rep. Nr. 15.) ^ 35 k.. 7'/. Sgr. Mittel, da» letzte. Lustspiel in 4 A. s. Wrifftn- thurn Schausp. 11. Band. Mitternacht. Singsp. in 1 A. Nach dem Francs. 1807. 20 kr. 4 Lgr. Möbel-Fatalitäten. Schwank in 1 A. v. Anton Bittner. (Wr. Th.-Rep. Nr. 59.) 30 kr. 6 Sgr. Mode, die, oder die häuslichen Zwistigkeiten Lustige« Singsp. 1771. 35 kr. 7 Sgr. Modesttten. Lustsp. in 5 A. von Gevay. 1801. 50 kr 10 Sgr. Mohr, der, von Semegonda. 2 Tb. Or.-Schausp. mit Gef. in 3 A. von Gleich. 1805.1 fl. 20 Sgr. Mohri«, die. Schauspiel in 4 A. von Ziegler. 1835. gr. 8. 50 kr 10 Sgr. Mönch und Soldat. Charakterbild mit Gesang iu 3 A. von Fr. Kaiser, 8 1850. 75 kr. 15 Sgr. Mondköntgtn, die, oder die bezauberte Schneiderwerkstatt. Große komische Pantomime m 3 A von Kee« 1806 10 kr. 2 Sgr. Monte-Christo, ein neuer. Orig.-Charakterlnld in 3 A. von Fr Kaiser. (Wiener Theat.-Rep Nr. 36.) 60 kr. 12 Sgr Monte-Christo, ein weiblicher. Charakterbild au« dem Pariser Leben in 4 Abth. und 5 A mit Musik und Tanz von Therese Megrrle. (Wiener Tbeat.-Repert. Nr. 49.) 60 kr. 12 Sgr Montenero, Schloß. Singspiel in 3 A. nach dem Franz. 1804. 35 kr. 7 Sgr. Montfaucon, Johanna von. Romant. Gemälde a. d. 13. Jahrhundert in 5 A. von Kotzrbue. 8. 1800. 60 kr. 12 Sgr. Montjoye. Schauspiel in 4A und einem Nachsp. von Oktave Feuillet. Deutsch v. M. Saphir. (Wiener Theat.-Rep Nr. 134) 60 kr. 12 Sgr. Moor, Karl. Trauersp. in 5 N. v. Fr. v. Schiller. Für da- Theater in der Leopoldstadt, gr. 8. 1808. 50 kr 10 Sgr Mord» der, in der Kohlmessergasse. Posse in 1 A. von A. Bergen (Wr. Th.-Rep. Nr. 58.) 35 kr 7'/, Sgr. Moritz, Bruder, der Sonderling. Lustsp in 3 A. von A v. Kotzebue 1801. 50 kr. 10 Sgr in kxitto, Xriou« trsstie» iu tr« ^tti pl>«8iL 4 cli Tottol», 1» Islusit.» cli k<»8«ini 1825. 35 kr. 7 Sgr. Mose» in Egypten. Hist Schauspiel mit Gesang iu 4 A. 1810 40 kr. 8 Sgr. Mostadhem, oder der Fanatt-mu». Original- Trauersp. in 5 A. v Weidmann 35 kr. 7 Sgr. Mozart-Geige, die, oder der Dorfmustkant u sein Kind. Charaktergemälde in 3 A. nebst einem Vorspiele von Karl Clmar. (Wiener Th-Rep Nr 171.) 60 kr. 12 Sgr. Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang «n 2A von Fr. Kaiser. (Wr. Th.-Rep Nr. 12.) 50 kr. 10 Sgr Mündel, di«. Schausp in 5 A. v. Jffland. 1802. 60 kr. 12 Sgr. Murrkopf, der gutherzige. Lustsp. von Goldoni 1772. 35 kr. 7Sg>. Muttardie, der Makkabäer. S. Werner Theat. 7. Band. Mütter, die, oder wie soll man denn euch Mädchen erziehen? Original-Lustspiel in 5A von Weidmann 1773. 50 kr. 10 Sgr Mutterglück. Lustspiel in 3 A. von Dumanoir. Deutsch v Dr. Hann« Hopfen. (Wiener Th.- Rep. Nr. 152.) 50 kr. 10 Sgr Nach dem Balle. Lustspiel in 1 A. Frei nach dem Französischen von A Ducqe. (Wr. Tb.-Rep Nr. 110.) 35 kr 7 Sgr Nach Negen folgt Sonnenschein. Orig -Lustspiel in 5 Ä. 1806. 40 kr. 8 Sgr Nach vierzig Jahren. Lustspiel in 1 Auf, v. A. Sckol, (Wr. Th.-Rep Nr. 126 ) 35 kr 7'/, Sgr. Nachbarschaft, die. Lustspiel in 1 A. Nach dem Franz, dr« Piccard vou Jffland. 35 kr 7 Sgr Nachbarschaft, die gefährlich«. Lustspiel in 1 A. von Kotzebue 8 1809. 35 kr. 7 Sgr. Nachbarschaft, die unruhige. Oper in 2 A von Hru«ler. 8. 1803. 35 kr 7 Sgr. Nachschrift, die. S. Holbein Dilet'aatenbühne f 1828. Nacht, gute, Stosa! Dramatische« Genrebild in 1 A von Fr. Kaiser (Wr Th.-Rep Nr. 141.) 30 kr. 6 Sgr Nachtwächter, die beiden, oder ein Spuk iu der FaschingSnacht. Poff mit Gesang und Tan, iu 3 A von Karl Haffnrr und I Pfundheller (Wnr. Theater-Rep Nr 85 ) 80 kr 12 Sgr. Nachtwächter, der. Posse in Versen und in 1 A von Th Körner, gr. 12. Wien. Orig.-Luft. 1819. 25 kr. 5 Sgr. Nächte, zwei, zu Valladolid. Trauerspiel in 5A v. Bar. v. Zedlitz 12 1855 1 ft. 20 kr. 24 Sgr Namen» eine», will er sich machen. Lustspiel in 1 A v M L Grandjraa (Wiener Theater- Repertoire Nr 103 ) 35 kr 7'/, Sgr Narr» der vernünftige, oder Keiner versteht den Andern. Lustspiel in 1 L nach Patrat von Schröder. 8. 1804. 25 kr. 5 Sgr Narrenhau», da». Lustsp in 1 A. Lu« dem Franz von Schildbach. 1805. 20 kr. 4 Gar. Narrenhau*» da». Fastnachtsposse in 2 A, fleoe Feldman» Lustspiele 5. Band. Narrheit und Narrethei. Lustspiel in 1 A , siehe Castelli Sträußchen 4 Jahrg. (vergriffen.) Nase, eine, für Pfund. Burle-ke in 1 A v. E. Arram. (Wiener Thrater-Rep Nr. 120.) 35 kr. 7'/. Sgr. Nase, die lange. Posse mit Gesang in 1 A. von Karl Haffner. (Wiener Thrater-Rep Nr. 108) 35 kr. 7'/, Sgr Natur uud Liebe im Streit. Trauerspiel m 5 L. 8. (vergriffen.) Naturmensch und Lebemau». Charakterbild mit Gesang in 3A. v Fr. Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 119 ) 80 kr. 12 Sgr Nebenbuhler, die. Lustspiel in 5 A. nach Sheridan'« »Rival«- au« dem Englischen übersetzt und zur Aufführung eingerichtet von F. 8 Hankrr (Wr.TH -Rep Nr 25 ) 50 kr. 10 Sgr. Neffe, der todte. Lustsp. in 1 A. Nachdem Fran- de« >Iurt»invil!v. 1804 35 kr. 7 Sgr Negersklaven, die Histor.-rom. Gemälde in 3» von Kotzebue. 1799. 40 kr 8 Sgr. Wallishauffer'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Nephtali, oder die Macht de- Glaube«-. Größt j Oncle, der, iu Livree. Lingsp. tu 1 8 «ach de» Oper in 3 A. Nach dem Franz bearbeitet von , Kranzös. von Treitschke. 20 kr - Lgr I. R v. Levfried 1813 25 kr 5 Lgr Onkel Tom. Amerikanische« Zeitgemälde mit Ges. Neu-Jerusalrm. Original»Zeitbild mit Gesang in und Tan; in S Abth und einem Borsp nach drei Acten von Friedr Kaiser (Wnr Tkeat. Frau Ltowe« Roman: »Onkel To»'« Hütte* Nrp. Nr 215) KO kr. 12 Lgr ^ von Therese von Megerle. (Wiener Tdeater» Neuigkett-kromer, der. Lustspiel mit Gesang in Repertoire Nr. 28) 50 kr 10 Lgr 2 8. 1802. 30 kr. 6 Lgr ( Opferfest, da- unterbrochene. Oper von Huber in Ne«sonntag»klnd, da». Lingsp. in 2 A. v. Peri-, 2 A. 1803. 50 kr. 10 Lgr. net. 180«. 8. 40 kr. 8 Lgr. Opfertod der. Lchanspiel iu 3 8. von Kotzedur. Nicht»! Posse mit Gesang in 3 A v. Fr. Kaiser.! 8. 1808. 40 kr. 8 Lgr. (Wiener Tdrater»Rep. Nr. 122.) KO kr. 12 Lgr. Organe, die, de-Gekiru». Lustspiel in 3 8 von Ntreuretch, da». Romantische Oper in 3 8. 1805. j Kotzebue. 1807. 50 kr 10 Lgr. 40 kr. 8 Lgr Orouooko. Trauersp. in 5 8 1789 40 kr 8 Lgr. Norma. Lyrische Tragödie in 2 8.. gedichtet von Orpheu». Groß« Oper iu 2 8 F. Romani, übersetzt von Ritter v Levfrird/ Musik von Brlliui. 8. Dritte Auflage 1854. (Dorfmeister.) 35 kr. 7'/, Lgr Noteuschretber, der, oder wo Menschen sind, darbt der Arme nicht. Lustsp. in 3 Ak v. Hensler 8. 25 kr. 5 Lgr November, der dreißigste. Lustspiel iu 1 8.. siehe Frldmaun Lustspiele 3. Band, kiorre, le, kizxnro Oowellin in ouutro ^ttä. 1808 25 Irr. 5 8xr. 6i Telemnio sä ^ntwvo. Orions lirit-u 6i 6. knssi, ln Istusien 6l ICeron- 6»nt». 12 1824 20 Irr 4 8zxr. Numa Pompilin». Oder iu 3 8. v. Gutteabera. 8. 40 kr. 8 Lgr. Nar ein Stündchen war er fort! Lustsp. iu 1 8. nach dem Franz, de« Loreaur von Th. Hell. 180« 35 kr? 7 Lar. Nur Gine l--1 den Zanbersprnch, oder wer ist glücklich? Zauberpoffe mit Gesang in 3 Abth. von W. Turtrltaud gr. 12. 40 kr. 8 Lgr. Nur keine Protektion. Posse mit Gesang iu 2 8 von Auto» Bittner. (Wiener Tdeater »Rep. Nr. 84 ) 80 kr. 12 Lar Nur Mutter. Lustsp. in 2 8. nach dem Franzos, von Alerander Bergen. (Wiener Theater»Rep. Nr. 138.) 50 kr. 10 Lgr. Nnr nicht reden! Dramatischer Tcherz in 1 8 v. « F. Ltir. (Wr.TH »Rep Nr.80.) 30kr. «Lgr. Nur solid! oder Karneval-»Abentener i« Schlossergaffel. Fasching«poffe mit Gesang und Tanz in 1 8 von Ludwig Gott«lebra (Wiener Tdeater-Repertoir Nr. 84) 35 kr 7'/, Lgr. Nnybaum, der, von Beneveut, oder dir Zauber« schwrsteru. Feenballet von Bigano. 1830 10 kr. 2 Lgr , Dorr ». Hammer. 1817. 35 kr. 7 Lgr. Otbello. Trauerspiel in 5 8. von Gdakespeare. Für die Darstellung im k. k. Hofdurgtheater eingerichtet von C 8 West gr. 8 ged- 1840 80 kr 1k Lgr. Ottavio Ptnelli. Pautim Ballet von Lameugo. (Bergrtsfen.) Padmana. Trauerspiel in 5 8 von F. 8 Kanne. Mit Dorr, vom Hofratd von Hammer. 1818. Kkr. 7 Lgr. Page» der kleine, oder da- Staat-gefüngntß Oper in 1 8. nach de« Franz, von Sevfried. 25 kr 5 Lgr Page«, dle, de- Herzog» von Bendome. Operette in 18. Nach l)ieuu-l»-foi'« dramatistrter Anekdote ». Lvunleitbner. 1808 20 kr. 4 Lgr Pagenstretche, die. Posse in 5 8 von Kotzebue 1804. 50 kr. 10 Lgr Palat» uud Irrenhan» Charakterbild mit Gesang iu 2 8 von Friedr. Kaiser. (Wiener Tdeater» Repertoire Nr. 99.) 80 kr. 12 Lgr Palmer.»Oper iu 3 8. Nach de» Frauzis. de« Lebrun 1805. 35 kr. 7 Lgr p»mel» f»i eiullu Ce»m«Iiu in tre »tti in prnnn 6sll' »vvnentoÖ Oolstoni 1797. 35 kr 7 Lgr Pamphlet, da». Lustspiel iu 1 8. von Graudjean (Wiener Theat »Repert Nr 1.) 35kr 7'/,Lgr Papageie, die. Lustsi». in 1 8 , s. Castelli Lträuß» ch«a 5. Iahrgang Papagov, der. Lchanspiel in 3 8. von A von Kotzebue. 1804 ^0 kr 10 Lgr Partei »Wnth, oder die Macht de-Glauben«. Original Lchanspiel von Ziegler gr. 8 1839 80 kr. 12 Lgr Partei, eine ruhig«. Bnrle«kc mit Gesang in 1 Act von 3 Wimmer. (Wnr Theat. Rep. Nymphe, die, der Dona». 1. Tbeil. Fortsetzung de« Nr 21k ) 35 kr 7'/» Lgr Donauweidcheu«, von Hen«ler. l808. 8 ^ Pascha, der, und sei« Sohn. Lustspiel in 5 8 . s 40 kr. 8kr > Feldman» Lustspiel« 2. Baad. ^°k"u, König der Glfen Over iu 3 8 von!Panllne. Lustsp. tu 3 8. nach Floria» Lchild» Gieseck». 180k. 35 kr 7',, Lgr Lbftkandlerin, die, de» König» Drama in 3 8. nebst einem Vorspiele unter dem Titel: Der Wasserträger von Pari». Nach dem Franzis, »rei bearbeitet von Tberese » Megerle. (Wr. Tbeater-Rrpertoire Nr. 30.) KO kr 12 Lgr -rtavta Trauerspiel i, 5 8. von Kotzebue 1807 . - «0 kr 12 Lgr ^'btp z, Colono». Lvrische« Drama iu 3 8 8u« dem Französischen 1802. 30kr «Lgr ^kei«, der. Lustspiel in 5 8. von Ifflaud. 1808 » 40 kr 8 Lgr. lustsp. »n I 8 nachdem -rau, «. L. 3»liu«. (»nr. Thea« -Repett. Nr. 17Z 35kr 7'/. Lgr. dach 8 1805. 40 kr. 8 Lgr Panline. Lchanspiel in 5 8. siehe Weissenthurm Lchauspirlr 13. Band Pedro und Ine». Deutsche« Orig »Trauerspiel iu 5 8 . von Weidmann 177 1 35 kr 7 Lgr Pelzpalatin» der, uud der Kachelofen, oder der Iadrmark zu Nantenbrnnn. Posse mit Ges in 3 8. ». Fr. Hopp (Wr Th »Rep Nr. *.) 50 kr. 10 Lgr. Person, eine leichte. Posse mit Gesang iu 3 8 tk. u 7 Bilder» ». 8. Bittner. (Wiener Theater» Repertoir Nr. 144 ) KO kr. 12 Lar Perrnekeamacher, der, und der Haarkünstler. Passe i« 1 8 siehe Castelli Lträußche» 13 Iahrz 1 8 siehe Castelli Lträußche» 13 Wallishausser'sche Buchhandlung (Aosef Klemm) in Wien. Peter und Paul. Lustspiel in 3 A. siebe Castelli Siräußchen 3 Jahrgang (Vergriffen) Peter der Große. Histor Orig.-Schausp in 8 A. von Weidmann. 1781. 35 kr 7 Sgr. st etermännchen, da». Schauspiel mit Gesang in 4 A. Nach der Geistergeschichte von Spieß. Brarb. v. Hen-ler 2 Thle. 1794 80 kr. 18 Sgr. Petschaft, da». Orig-Schausp. in 5 A v Ziegler. 1800. 50 kr. 10 Sgr. Peyrouse, la. Gchausp in 2 A von A. v. Kotze» bue. 1809. 35 kr. 7 Sar. Pfefferrösel, oder die Frankfurter-Messe im Jahre 1LV7. Schauspiel in 5 A von 8 . Birch-Pseiffrr. 1833. Ist 2«» Sgr. Pha»ma. heroische Oper in 2 A. 1800. 35 kr. 7 Sgr. Phönix, der, oder die Prüfung der Herzen. Lyrische» F,st v n Wridmaun. 1781 35 kr. 7 S^. Physiognomie, eine unglückliche. Lustsp. in 3A. s. yrldmann Lustspiele 2. Band. Pilger, der weiße. Ballet in 3 A. von Gioja. 8. 5 kr. 1 Sgr. Pilgerin» dt«. Lustspiel in 5 A., s. Weifsenthurn Schauspiele 12. Band. ?iinmulion«. Leen» mu« llrummuticL 8. 1804. ' 20 Irr. 4 s^r. Pistolen, zwei, oder erschossen und lebendig. Posse mit Gesang in 2 A. von Fr. Kaiser. (Wnr Theat.-Repert. Nr. 18.) 50 kr. 10 Sgr Ptzicht. Singspiel alt 2. Theil de« Fagottisten von Pennet (vergriffen). ?«xie8t», il, <11 Lur^o» Uvlockramin» xiocoso äi 6. öassi, öäusli.« <11 8. lAsre»- clnot«. 12. ed 1825 20 Irr. 4 8str. Polkwitzer, Lazaru», von Rtcolöburg, oder die Eandpartie nach Baden. Posse mit Gesang in 2 A. ». Fr. Hopp gr. 8. 1849 75 kr 15 Sgr. Polirena. Trauerspiel in 5 A von 8ollin. 1804. 60 kr. 12 Sgr. Porträt, da», der Geliebte«. Lustspiel in 3 A. s Feldmanu Lustspiele 1. Baud Portrait», die beide«, oder er ist schwer z» befriedige«. Nachspiel vrn Jünger. 1804 35 kr. 7 Sgr Posse, eine, al» Medizi«. Orig »Posse mit Ges. in 3 A. v. Fr Kaiser 8. 1850. 75 kr. 15 Sgr. Posten, zwei. Komische» Singspiel in 3 A Nach dem Franz, von Treitschke. 30 kr. 6 Sgr. Posten, der vierjährige. Singspiel in 1 A. von Körner, gr 12. Wiener Orig.-Auflage 1819 25 kr. 5 Sgr. Posttllonsttefel, der lebendige. Zauberpantom in 2 A. vou Fr. Keer». 1810. 10 kr 2 Sgr. Prei»g«dicht, da». S. Holdrin Dilettantendühnr für 1828 Prei»lustsptel, da». Orig.-Lustspirl in 3 A. von Maurner, strbe dessen Lustspiele. Prinz, der, kommt! Lustspiel in 1 A. s. 8astrllt Sträußchen 8. Jakrgang. Proben» die gefährlichen. Orig »Lustsp in 1 A. von 8. Kremer 1808. 20 kr. 4 Sgr. Prophet, der. Oper in 5 A nach dem Franz, de» Seribe von Nellstab Musik von Meyrrbrer. 8 1888. 35 kr 7'/, Sgr. Proten», der uene. Orig -Lustspiel in 4 A. vou Linden 1808. 50 kr.r. Prozeß, der seltene. Schausp. in 3 A. nach einer. wahren Hnecdote. 1802. 50 kr. 10 Sgr. — — 2 Tbeil. dramatische» Gemälde in 4 A 1809 80 kr. 12 Sgr. Prüfung der Treue, oder die Irrungen. Lustsp. in 3 A von Lgfontaine 1808. 50 kr. 10 Sgr. Prüfung der Untreue. Lustspiel in 3 A Nach dem Französischen von F. Haffaureck. 1807 25 kr. 5 Sgr. Prüfung und Frauengednld. Familieugtmäld« in 5 A. 1793. . 35 kr 7 Sgr. Pul», der. Lustspiel in 2 A von Bado. 1809 35 kr 7 Sgr. Pumpernickel, Rochn». Musikalische« Quodlieb. in 3 A von M Strgmayer. 1811. -die Familie-(BeideThle vergriffen ) Pnmphia und Kulikan. Karikatnr-Oper in 2 A. von Pennet. 1808. 8 40 kr. 8 Sgr. Puppe, die» oder die kleine Schwester der Ge» liebten. Lustsp in 1 A, s. Castelli Sträußchen 7. Jahrgang (verariffrn). Putzmacherin, die hübsche kleine, Lustsp. in 1 A von Kotzebue. 1805. 35 kr. 7 Sgr Purbaum. Dramat. Gedicht von F. C. Scherer gr 8 Wien. 1838 1 fl. 20 Sgr. Pyramn» und Tht»be. Musikalische» Dnodrama 1795. 15 kr. 3 Sar. t^ui r»ro ouo, oder der Man», der Alle» weiß Lustspiel in 1 A von Gutteuderg 1803 20 kr. 4 Sgr tjuinto kadio Kutilinno Or»mm» »orio in äue ^ttl cti kosai 1811 20 kr 5 Sgr Quichotte, Do», Ritter. Romantische komische Oper in 3 A v Hen»ler 1802 8 40 kr 8 Sgr Qnichotte» Don, der neue. Lustsp in 1 > »ach dem Französischen von Alexander Bergen (Wr Theater-Repertoire Nr 72 ) 30 kr 8 Sgr Rache» die. Trauersp in 4 A nach Aonng 1795 50 kr 10 Sgr Rache für Wetberranb. Gemälde der Barbarei de» rilftrn Jabrbundett« in 4 > von Ziegler 1807 8 50 kr 10 Sar Rache, die» der Diana. Anacreoutische« Divertissement in 2 A » Bigano Jtal n deutsch 1807 10 kr 2 Sgr. Radikalen», die. Lustsp in 3 A » I F v Weis» senthurn gr 8 1833 80 kr 12 Sgr Rafaele. Dramatische« Gedicht in 4 Nbtheilnngen vou Rndolpb Hirsch 8 1 838 80 kr 12 Sgr. Ranl der Blanbart. Heroische Over in 3 A Nach dem Französischen von D Schmidler 1804 35 kr 7 Sgr Raphael. Lustspiel in Alexandriner» in 1 A stehe Castelli Sträußchen 4 Jahrgang Rasttag, der. Lustsp in 1 A s Castelli Stränß« chen 3 Jahrgang lvergriffe») Rastelbinder. der. oder «0.000 Gnlde». Post« mit Gesang in 3 A. von Fr Kaiser 8 1850 75 kr 15 Sgr Räuber, dt«, oder die schwere Wahl. Drama in 1 A von Weidmann 8 20 kr 4 Sgr Räuber, die, auf Maria «nlm, -der dt, Kraft de» Glauben». Gemälde a d vaterl Geschichte in 5 Handlungen von H Cnao 8 mit Titelkupfer dritte Auflage 1835 80kr 18 Sgr Ränder, der» an» Rachsucht. Lustspiel in 3 A » Heu«ler 40 kr 8 Sgr Wallishauffer'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Näuberbrant, die. Posse mit Besaug und Tauziu 3 8 und S Bildern von Carl Elmar. (Wr. Theater-Rep Nr 148) 80 kr 12 Bar Räuberhöhle, die.' Tchausp. mit Besang iu 3 8 1803. 30 kr «Sgr RaveNi, Vtttoria, der weibliche Rinaldo. Schau» spiel in 2 A v. Periaet 8 1808 40 kr 8 Sgr Razemba» Manuela, oder die Trauringe. Posse in 18». Sonuleithurr. 18 181S 2S kr S Sar Rechnnng-rath, der» «ad seine Töchter. Luftsp i» 3 A siehe Frldmauu Lustspiele 4. Baud Recidt», da-. Lustspiel in 3 8 Frei uach Mali» vaur vou Jünger. 1803 40 kr 8 Sgr Redonte» die schwarze. Komische« Singspiel iu 3 8 1807. 40 kr. 8 Sgr Redonte »nd Rarrenhau-. Schwank «u 1 8 und 2 Bilder« vou S. F Etir (Wiener Theater» Repertoir Nr. 113 ) 3Skr 7'^ Sgr. Regen »nd Sonnenschein. Lustspiel i» 1 8 vou Lßon Bozlan Deutsch von Aler Berge» (Wr Theater-Rep Nr 13S) 3S kr. 7'/, kr. Regenwurm, Blta-, oder die Berlobnng ans der Parforcejagd. Posse mit Besang iu 2 8 »oa A Hopp. (Wieuer Theater-Rep. Nr 21) 80 kr. 12 Sgr Regnln«. Tragödie iu 5 8. vou Lolli« 1802 sverariffe«) Rrhbock, der, »der die schnldlose« Schnldbe» wußte«. Lustsp i« 3 8 vou Kvtzebu«. 181S SO kr 10 Sgr. Reise» die» nach Amerika. Schauspiel iu 1 8 s. Wrissruthur, Schauspiele 11. Band Reise» die» nach der Stadt. Lustspiel t» S 8 » Jfflau» 1801 80 kr. 12 Sgr Reisenden, die. Orig »Lustspiel in 18 vou Pape 1788 2Skr S Sgr. Rekrnt, ein, von 18ÜS. Dolk«stück mit Besang i« 3 8dth.» O F Berg (Wieuer Theater- Rep Nr S4) 80 kr. 12 Sgr Rekrntirnng» die, im Krahwinkel. B»rle«ke mit Besang i« 1 8 von Theodor Flamm (Wr. Theater-Rep. Nr. 101 1 SS kr 7'/. Sgr. Repressalie«. Schauspiel tu 4 8. »o» Ziegler. 1802 8 SO kr 10 Sgr. Rene versöhnt. Schauspiel i« S 8 vou Jsslaad SO kr 10 Sgr. Renß» Heinrich» von Planen, oder die Belage» rnag von Martenbnrg. Trauerspiel iu S 8 vv, Kvtzebue 1810 80 kr 12 Sgr Revn-, der. Orig.»Lustspiel iu S 8 vou Jüuger. 1803 -Okr 10 Sgr Rtesenbnra» Konrad von. Schauspiel mit Besaug i« 4 8 »oa Schuster 1808 8. 40 kr 8 Sgr Riualdo Rinaldint, der Räuberbauptmann. Schauspiel 1 Theil in 4 8 2 Theil iu 3 8 3 Theil iu 4 8 von Hen«ler 1808 8 Ist 20 kr 24 Sgr Ritter, Wilibald» oder da- eiserne Gefäß. Bon He»«ler. 40 kr 8 Sgr Robert, Pachter. Komische Oper in 1 8 Frei uach Vulrill« » Levsned 1803 IS kr 3 Sgr Robert, der braune, und da- blonde Rantche«. SÜrstnyemLlde iu 4 8 »o« Henller 8. 1798. 3Skr 7 Sgr. Robert der Teufel. Broße romautische Oper iu S 8. au« dem Franz de« Srride « Delavigue Musik vou Meyer beer 8 Neue 8uflag» 3S kr 7'/. Sgr. Robinson, der uene, oder da- golden« Deutsch» land. Earueval«»Posse mit Besaug in 2 8 s. Feldmaun Lustspie e S. Baud Roderich «nd Knnignnde, »der der Bremit vom Berge Prazzo, oder die Windmühle auf der Westseite» oder die lang »erfolgte «nd znletzt doch trinmphirende Unschuld rc. »c. Dramatischer Ballimalhia« »oa Eastell» 8 1821. 40 kr 8 Sgr Roman, der kurze» oder die närrisch« Wette. Lustspiel iu 18, siehe Lastelli Gträußcheu 1. Jaergaug (Vergriffe») Roman» der» eilre- arme« ja »ge« Manne«. Schauspiel iu S 8ufzügen und 4 Tadleaur von Oktave Fenillet, bearbeitet für die deutsche Bühue vou L. Juiu u P I Reiuhart sWr. TH««ter»Rrp. Nr S1) 80 kr 12 Sgr. Romani, Sophie, oder wo- vermag ei« Schnrk« nicht! Schauspiel i« 3 8 vou Hentler. SO kr. 10 Sgr Rome» und Julie. Trauerspiel iu S 8. v Sha» kespeare Zur Darstellung im k. k Hofburg» theater eingerichtet vou L 8 West gr 8 1841. 80 kr. 18 Sgr. Romeo «nd Jnlie. Quodlibet »o» Lbaraktereu mit Besaug iu 2 8 1808 40 kr. 8 Sgr. Rosamnnde. Trauerspiel iu S 8 vou Th Köruer. 8 80 kr. 12 Sgr Rosamnnde. Oper iu 3 8 Frei «ach dem Franz vou I R vou Sevfried 1810 30 kr 8 Sgr Rose, die rothe und die weiße. Historische Oper iu 3 8. Nach dem Franz vv« I F Lastelli 1810 30 kr 8 Sgr. Rosenau, Aerd. Theatralische« 8llerlei für Volk-» bühueu 1 Baud 8 1821 80 kr 18 Sgr Inhalt: Scü«. Mond uud Paaat Komische« Zauberspiel iu 2 8 — Juftiuio der Verbannte, ober der Straßenränder bei Otraut» Schauspiel iu 3 8 — vole«la«. oder die Zerstörung von Auukv Lchauip i» 3 8 Rosenstock, der. Spiel iu 1 8 uud tu Versen von Deiuhardftei» gr 12 1828 Aökr 7 Sgr. Rübezahl. Schauspiel iu 1 8 »o» Kohednr 1804 2Skr -Sar. Rückfahrt, die» de- Kaiser-. Schauspiel iu 1 8 vou » veith 8 1814 20 kr 4 Sgr. Russe, der, in Deutschland. Lustspiel iu 4 8 von Kotzedue 1807. SO kr 10 Sgr Rnthar- Abentener» oder die beide» Sänger. Roinaut »kom. Oper iu 3 8 1808 40 kr 8 Sgr 8»lriao (Hulio ^uiooe eroieu p«r iuu«eu in 2 ^ 8 180L. 3S Irr. 7 8gr. Sache, Han«. Dramatische« Bedicht tu 4 8 vou Deiuhardfteiu 8. Wien 1829 (»ergriffe») Salem. Lyrische Tragödie i, 4 8 von I F Lastelli 1810 2S kr S kr Salt-bnry, Adelheid von. Irauerspiei tu 3 8 » Schröder 1804 8 40 kr 8 Sgr Sammtrock, der. Lustspiel mit Besaug iu 1 8 Nach Kotzebu, 1810 2Skr SSgr Samartterinne». Heroische Oper tu 3 8 » Mar» moutel 1808 2S kr S Sgr Samson. Oratorium Nach Milt»« zu Häudei« Musik frei übersetzt von Z F vou Mosel 10 kr 2 Sgr. Wallishauffer'sche Buchhandlung (Josef Allemm) in Wien. Tand ln die Auge«. Lustspiel in 2 U Nach dem Französischen von Alexander Bergen (Wiener Tbcater-Rrp. Nr 131 ). 50 kr 10 Sgr. Sappho. Trauerspiel in 5 A von Franz Grillparzer. 1856 Vierte Auflage gr 8 1 fl 50 kr 1 Thlr Laut, König in Israel. Melodrama in 3 A Alldem Französischen von I R von Seyfried 1811 2 Auflage 40 kr 8 Sgr Savoyarden, die zwei. Singspiel in 1 A von Prrinet 8 1792 35 kr 7 Sgr. Savoyarden» die beiden. Singspiel v Schmieder 8 ' 20 kr 4 Sgr. Scham, die falsche. Schausp in 4 A v Kotzebue 1803 25 kr 5 Sgr Schatz, der. Lustspiel in 2 A v E Leffing 1771 25 kr 5 Sgr Schatzgräber» der. Komische Oper in 1 A Frei nach drmFranzösischen v.Seyfrird 1803 25 kr 5 Sgr Schatzgräber, der glückliche. Komische» Singspiel in 1 A von Weidmann 20 kr 4 Sgr. Schauspieler, der. Lustsp in 3 Aufz v. Marinrlli. < Vergriffen.) Schauspieler, der, «ider Willen. Lustspiel in 1 A von Kotzebue. 1810 25 kr 5 Sgr. Schauspielers, de», letzte Rolle. Posse mit Ges in 3A v Fr Kaiser 8 1851 75 kr 15 Sgr Schauspielerin» der, letzte Rolle. Siehe. Ein Traum — kein Traum Schauspielerin, die. Lustspiel in 3 A, s Castelli Sträußchen 2 Jahrgang. (vergriffen). Scheidewand, die. Singspiel in 1 A Nach dem Franz von I F Castelli 1804 20 kr 4 Sgr. Scheidewaud, die. Lustspiel in 1 A, s. Castelli Sträußchen 18 Jahrgang Schetnverbrechen. Schausp«« in 5 A 1794. 50 kr 10 Sgr. Scheinverdienst. Schauspiel in 5 A von Jffland. 8. 1801 50 kr 10 Sgr. Scherz und Grnft. Spiel in Versen von Stoll 1803 35 kr 7 Sgr Scherz» List und Rache. Singspiel in 2 A von Göthe Musik von Winter 1800 35 kr 7 Sgr SchicksalS-Brüder, die. Lustspiel in 4 A . s Feldman« Lustspiel« 6 Band Lchiffbruch, der, oder die Erbe«. Lustspiel in 1 A 1799 35 kr 7 Sar Schlacht» die, bei Fehrbellin. Schauspiel in 5A von Kleist 1822 80 kr 12 Sgr Lchlangenfest, das» in Saagora. Heroisch-kom Over in 2 A von Hen-lrr Musik v Wenzel Müller 1797 35 kr 7 Sgr Lchlenzheini, General, und'seine Aamtlie. Schauspiel in 4 A von Spieß, umgearbeitet von Plümike und Brömel 50 kr 10 Sgr Schmuck, der. Lustspiel in 5 Aufzügen 1779 Schmuck-Kästchen, daS» oder der Weg zum Herzen. Schauspiel in 4 A von Kotzebue 1808 60 kr 12 Sgr Schneider, der, als Naturdichter» oder der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang , s Castelli Sträußchen. 7. Jahrgang. Schuld, die, einer Ara». Drama ra 3 Acte» v»n E. Girardi«. Deutsch »oa Mar Stein (Wnr.. Theat. Rep. Nr 161) 50 Nkr. 10 Sgr Schulde«, ,lt«. Orig-Leb,n»bild mit Gesang »nd Tanz von Friedr. Kaiser (Wnr. Theat. Rev Nr 184.) 60 kr. 12 Sgr Schule der Alteu, die. Lustsp iu 5 A. An» dem Franz übers v. I F ». Mosel 1824 80 kr 18 Sgr Schule, die, der Armen, oder: Zwei Millionen Original-Charakterbild mit Grs. in 4 A v Fr Kaiser 8. 1850. 75 kr 15 Sgr Schule, die, der Araue«. Lustsp in 5 A von Moliöre, frei, doch getreu übers, v. Kotzebue. 1806 50 kr. 10 Sgr. Schule der Areigeister. Orig.»Lustsp in 3 A von Weidmann 8 35 kr 7'/, Sgr Lchulgelehrte, der. Lustsp in 2 A Nach dem Engl der Miß Cowlev 1782 50 kr 10 Sgr. Schuserl, Herr von, oder dir Landpartie tu da» Krapfenwaldel. Siehe Schönst««'» Hau»- theater Schusterstöchter, die. Schauspiel iu 2 Auhügea 1787 50 kr 10 Gar. Schutzgetst, der. Dramatische Leaend« in 6 A nebst 1 A nebst 1 Borsp » Kotzebu«. 1815. «0 kr 12 Sgr Schwäbin, die. Lustsp iu 1 A. (s. Castelli Sträußchen 19 Jahrgang) (vergriffe») Schwäbin, die. Lustsp in 1 A. »va I F Ca stellt Zweite Auflage (War. Theat. Rep Nr 163) 7'/, Sgr 35 Nkr Schwäger, die. Trauersp. in 5 A 1780 50 kr lOSgr Schwätzer, der. Lustsp iu 5 >. Nach Gold»»« 1806 50 kr 10 Sgr Schwätzer, der unterbrochen«. Lustsp in 1 « Nach Loauay von Contessa. 1809 40 kr 8 Sgr Schweizerfamilie» dt«. Lyrische Oper in 5 A Urei «ach dem Franz bearbeitet » I F Ca stellt Zünfte Auflage. 1820. 40 kr 8 Sgr Wallishauffer'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. (Diese- Derzeichniß wird fortgesetzt.) D«Uk und Papta »»» kcopold So»»« t» Wu». Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt, und nur zu beziehen durch den Verfasser. Freigesprochen. Genrebild mit Gesang in einem Act von Alois Berla. Personen: . Suthrrz, na reicher Holjdäadler. Amalie, seine Lachter. O Dr. Julius Haarspalter. Bertheidigrr in Strafsachen. Mausberger, Kleiderputzer. Naai, Dirnstmächen bei Gutherj -in Erpreß. Ort der Handlung- Elegantes Zimmer bei Sucher». Scene. Denn der Sunntag der tröft' mich für all' "ani twelche mit dem Abstauben der Möbel meine Plag; beschäftigt ist). Z' mach' mich da schön gleich für sechs Lied. Wochentag. Immer waschen, stauben, putzen, In Sammet und Seiden, mit Federn am Tag für Tag und Stund für Stund, , Hut Alles bloß, daß d'Herrnleut gut hab'n, Erwart' i mein Liebsten, der mi aufsuchen To a Plag, die rickt' cin'm z'Grnnd. tbut; Lchwarz als wie a Rauchfangkehrer D rum sag' i, für uns Dienstboten wär D' ganze Wochen schaut man auS, 'S größte Malheur, Meiner Seel , wär'nit der Sunntag, Wann amal au an'n Sunntag ka Haltet ich'S schon nimmer auS. j Sunntag nrtwär'. 2 O, wir armen Dienstboten, wir sei,^ Erpreß (ein Packrt zeigend). Da-Packet wirkli zu bedauern und am meisten die! soll i dem Herrn Doctor übergeben. weiblichen Dienstboten, die männlichen hab'nS net so schlecht, mitunter geht's denen sogar sehr gut. — Hat vielleicht der Kutscher von ein' Grafen, der auS verschiedene Ursachen meistens in an Fiaker ohneNumro fahrt, net das prächtigste Leben? Oder der Büchsenspanner von ein der zugleich Diplomat iS sich doch g'wiß net mit dem Spannen der Büchsen abzustrapezir'n, denn sein Herr denkt gar net auf's Jagen der Reh', Hirsche und Hasen, weil er auf dem Feld der grc« ßrn Politik alle Tag seine Jagd hat, wo meistens mit Windbüchsrn g'schoffen wird. — Oder geht's vielleicht so ein' bordlrten Bedienten mit'n weißen Eravatel und mit'n schwarzen Backenbart schlecht, der nir thut, als daß er seiner Gnädigen alle heiligen Zeiten SGebetbnchel nachtragt? — Aber Nani. A Packet? von wem denn? Erpreß. Es iS a fremder Mensch auf mein'n Standplatz kommen und hat mir aufgetragen, das Packet an seine Adreß zu befördern. Nani. No wissen'-, der Herr Doctor hohen Herrn, > iS a guter Freund von meinem Dienstherr», der braucht! er speist fast alle Tag bei unS. Sie können also das Packet da lassen. Erpreß. Ja sebn's, der Fremde hat g'sagt, wann der Herr Doctor net mehr z'Haus i-, so soll ich auf'S LandeSgerickt geh n, wo der Herr Doctor heut ein'n Dieb vertheidigt und da- Packet dort übergeben. Nani. Ah freili, der Herr Doctor wird dort g'rad sich zu so waS die Zeit nehme», lassen'- da- Packet nur da. Erpreß. No wann'- glaub'n, da erspar' wir weiblichen dienstbaren Geister, wir sein-ich ein'n Weg. - Da habn'S also. (Sibt zu beklagen, wir können unsere Herrenleut ihr - Packet.) Pfirt Ihnen Gott. (Ab.) niemals ganz befriedigen; is der Dienstbot^ Nani. Pfirt Ihnen Gott. (Steckt das sauber, so gist sich die Frau, und is ma,^ Packet in die Tasche.) I hält' dem Mann schiach, kann's der Herr net aussteh'n.Uebri-Iden Weg g'rad net zu ersparen braucht, gens der Platz, den i jetzt bab', is g'rad net der aber der Doctor iS der Liebhaber von rm- scklechteste; mein Gebieter, der Holzhandlri^serer Fräuln und da «nun man schon eR Gutherz, is Witiber, mit dem ließ' sich NebrigeS thnn. schon a Wörtel reden, wann er mich an« hör'n möcht, d'rum glaub' ick, daß ich in dem HauS wohl so lang bleiben werd', bi- ich Heirat, oder bis ich Anspruch auf eine Nationalbelohnung als Muster eine-treuen, fleißigen und tugendhaften Dienstboten Hab. (Wird geklopft.) Wer kommt denn? Herein! Dritte Scene. Vorige. Amalie. Zweite Scene. Vorige. Ein Erpreß. Erpreß. Logirt da der Doctor Julius Haarspalter? Nani. Na, im zweiten Stock; aber er iS jetzt nimmer z'HauS, waS wollen'S denn? Amalie. Nani, bist du denn noch nicht mit dem Aufräumen fertig, eS ist bald Mittag? Nani. Aber Fräulein, ich bab' ja erst angfangt. Amalie. So spät, warum denn? Nani. No, hab'n Sie mich nickt mit» Toilettmackrn so lang aufg'halten? Amalie. Ja richtig, entschuldige, ich bin heute so ungeduldig. Ack! wenn nur der heutige Tag schon vorüber wär'. 3 Nani. Der heutige Vormittag, woll'n die Fräuln sagen, die Gerichtsverhandlung, auf die Sie so große Hoffnungen setzen. Amalie. Ach, jetzt bin ich wieder ganz muthlos, ich hoffe nichts, ich fürchte viel» mehr, daß eS dem armen Julius nicht glücken wird, einen günstigen Erfolg zu erwirken, und Du weißt — Nani. Daß der Herr Vater erst dann in eine Verbindung willigt, wann einmal einer der Geklagten, welche der Herr Doctor zu verthcidigen hat, freigesprocken wird. — No, trösten's Ihnen, liebe- Fräulein, der Herr Doctor iS verliebt und führt also seine Dertheidigung mit Liebe, und waS man gern thnt, daS kommt einem nit schwer an. Amalie. Ah, waS verstehst denn Du davon: Nani. No. verstehn thu' ich freilich nir. aber daß der Herr Doctor ein, was man sagt, samoscS Maulwerk hat, daS weiß ick! Wann ich mich, erinnere, waS er nur Hnen schon Alles vorschwadronirt bat. Amalie. Aber Nani. »vas sind den» da- für Häßliche Ausdrücke? Nani. Warum denn? Schwadrvniren kommt von Schwadron, und a Schwadron iS doch da- Schönste, was es auf der Welt gibt, ob's jetzt Husaren sein oder Dragoner, allrSeinS, wann'S nur Reiter sein, und dn Herr Doctor iS ebenfalls ein Reiter! Amalie. Ein Reiter? Nani. Ja, ein Paragraphen Reiter? Amalie tunwillig). Ah, Albernheiten! Nani. Sein Sie nur nit gleich bös, ich will Sie ja nur a biffel ansheitern, fassen- Rutb, Fräulein, hoffen wir da- Veste, der Angeklagte muß freigesprochrn wrr'n, denn c>n MildcrungSgrund iS schon der, daß er '"n Zeitungsschreiber iS. Amalie (die aas Kemtre getreten) Mein da ist er, er kommt! Nani. Wer denn? Amalie. Julius! Soeben ist er ans de», Wagen gestiegen Nani. Er kommt ang'fahr'n? Das is ein gutes Zeichen, denn wenn er Malheur g'habt hätt', dann war' er g'wiß zu Fuß 'gangen. Vierte Scene. Vorige. Julius (durch die Mitte). Amalie (eilt chm entgege,). Julius, mein Julius! Jul. Amalie, theure, angebetete Amalie, juble mit mir. unser innigster Wunsch ist in Erfüllung gegangen. Amalie. Der Angeklagte ist also — Jul. Freigesprochrn worden! Nun, Geliebte. bist Du mein! (Umarmea sich.» Nani (hebt de» Abstauber). Vivat! Jul. Ich bin deinem Vater, der der Verhandlung beiwohnte. vorauSgecilt, nur um so schnell als möglich die GlückSbot- schaft zu überbringen und die versprochenen Küsse einzucaffiren! Na>n. Da sieht man, wie sich die Herrn Doctoren mit die Erpensen tummeln. Jul. Nun, mein Herzchen, Du zögerst? Amalie. Aber Julius, wir sind nicht allein. Nani. O, ich bitt, genirn - Ihnen net. zahln'S in Herrn Doctor auS, sonst kommt Pfändung, enge Sperr und weiß Gott noH was Alle-. Jul. ilachrud). Die Nani hat Recht, wenn Du noch länger zögerst, so leit' ich den ConcurS ein. Nani. Bei solche Aktiva'- da is hoch» stens ein Vergleichs»,lfahr'n angezeigt. lAmatie und Anliu« küffro fich.) I- schon eingeleitrt; wann ich mit mein'm Liebhaber z'sammkom.u. muß ich ihn fragen, ob er mit so ein'm Derfahr'n ebenfalls einverstanden iS. Amalie. Nun erzähle mir, wie ist es Dir eigentlich gegangen? Jul. Im Aufang batte ich nicht viel Hoffnung, mein Elient, ein armer Kleider- 4 putzer, der beschuldigt war, seinem Hausherrn eine goldene Ankeruhr sammt Kette entwendet zu haben, war durch die ausgestandene Untersuchungshaft während der Zeit von sieben Monaten in einen Zustand der Erbitterung gerathen, welcher mich furchten ließ, daß sein Benehmen mir meine Vertheidigung bedeutend erschweren könnte; dazu hat der Mann ein äußerst unglückliches Erterieur, denn er sieht wirklich wie ein Spitzbube aus; allein die Thatsacke, daß die entwendete Uhr weder bei ihm ge- funden wurde, noch überhaupt irgendwo zum Vorschein gekommen ist, machte es mir möglich, durch eine äußerst subtile Zusammenstellung aller Umstände, welche zu Gunsten meines Clienten sprachen, eine solche Wirkung zu erzielen, daß die Richter sich bewogen fanden, ihn vom Verdacht des Diebstahls freizusprechen. Amalie. Ah, das is schön; nickt wahr, Julius, es muß ein herrliches Gefühl sein, wenn man einem armen Teufel, von dessen Unschuld man überzeugt ist, zu Ehr' und Freiheit verhelfen kann. Jul. (lächelnd). Nun, meine liebe Amalie, überzeugt bin ick von der Unschuld meines Clienten selbst nicht. Amalie. Wie? und doch hast Du ihn verrbeidigt? Jul. Natürlich, denn ich wurde von Gerichtswegen als ex ollo-Vertreter deS Angeklagten aufgestellt, und dann ist ja auch der Erfolg um so ehrenvoller, je mißlicher die Lage ist, in der der Angeklagte sich befindet. Nani. Sein merkwürdige Menschen die Juristen. Jul. Indessen die Sacke ist abgethan, mein Client frcigesprochen, und sollte er nach einiger Zeit wieder in ähnliche Fatalitäten kommen, so bin ich auch wieder gern bereit, seine Vertheidigung zu übernehmen— vorausgesetzt, daß sein Vergehen mir Gelegenheit gibt, mich anszuzcicknen. Amalie. Ack, Julius, was Du da sprichst, will mir gar nicht recht gefasten. Jul. Aber begreifst Du denn nicht, daß ein junger Rechtsanwalt vor Allem seine Carriere im Auge halten muß, und daß — (man hört Gutherz von außen) Guth. Erwarten s mich da, ich hol Sic gleich ab. t Amalie. Der Vater! 'I-! 3 ul. Herr von Gutherz! Nani. Der gnädige Herr! Mnste Scene. Vorige. Gut Herz (ein dicker alter, gut- müthiger Herr, eilt freudig auf JuliuS zu). Guth. Na, da iS er, der Teufelsdoctor; Hab' ich mir'S doch gleich denkt, daß ick ihn da finden werd'; Doctor, Menschenfreund, Apostel der Humanität, kumm in meine Arme und laß Dir a herzhaft'- An- erkennungSbussel anfipappen.sKüßt Juliu« ) Jul. Herr von Gutherz, ich hoffe, daß Sie mit mir zufrieden sind. Guth. WaS zufri/den, närrisch bin ick vor lauter Freud'; ja, ja, Mali, kannst mir's glaub'«, seit der heutigen Gerichtsverhandlung bin i g'rad so wie Du in den Doctor verliebt. Amalie. Vater, das is g'sckeidt! Guth. Gegen eure Heirat Hab' i ancl gar nir mehr eiuz'wenden, Sie wer'n mein Schwiegersohn, und wann i amal Crid.i mack', da müssen - mich ebenfalls ver- tbeidigen. Jul. Ah, Sie und Crida machen! Guth. No in Willens Hab' ich'- bis dato net, aber man kann ja bei der Zelt, wo's Eridamachen modern iS, net wissen. Dürfen nur a paar bissige neue Steuern und dazu a paar milde Winter kommen, wo d'Lent ka Holz brauchen, nacha sau a d'Holzhandler am Holzweg, aber davon woll'n wir jetzt net reden, ick will der Mad nur sagen, daß eS a wahre Passion war, dem Doctor zuz'bör'n, wie er den Verbrecher mohrenweiß g'waschen hat. k Nani. Mit Verlaub, gnä Herr, glau» den Sic auch, daß der Kladerputzcr g'stohl'n hat. Gnth. Dumme ykockeu, im Anfang Hab' i frcili an so an'n starken Verdacht g'habt; daß i mir unwillkürli die Säck zu g'halten Hab', aber nach der Vertheidi- gungSred' Hab' i an dem armen Teufel seiner Unschuld net mehr zweifelt, und das war der Moment, wo ich einen großartigen Plan g'faßt Hab'. 3ul. Einen Plan? Guth. Ja, um den Herrn Doctor eine glänzende Anerkennung seines Talente- zu geben, Hab' ich seinen freigesprochenen Clienten auf die Seiten g'rufen, und Hab' zu ihm g'sagt: bieder Freund, geben Sie da- Kladerputzen auf, Sie sein von heut' an bei mir als Holzverfilderer ang'stellt. Jul. Wie? Sie haben einen Menschen ang'stellt, der de- Diebstahl- angeNagt war? Guth. Bloß darum, weil Sie unS bewiesen hab'n, daß er ein ehrlicher Mensch is, und einen solchen brauch' ich zu mein' G'schäft. 3ul. (mit Angst). Aber Herr von Gut- Herz, da- war — doch nicht ganz zweck- mäßig. Guth. WaS? Sie reden so? Sie, der sich zwei stund'lang abg'plagt hat, die Welt zu überzeugen, daß eS gar keinen rechtschaffeneren Menschen gibt, als derKladerputzer iS, wa- soll ich denn davon denken? 3 ul. (vtrltgeu). Nichts — ich meinte nur — ich glaubte nicht, daß — Gnth. Daß da-, waS ich sag', wahr iS?— Ah! werd' Sie gleich überzeugen, i^cht zur Mittrlthür« und ruft:) Sic! hören'S nit? MauSberger! Ibnen mein' ich — na — waS fragen'- denn noch lang — kommen'- herein! Sechste Scene. Vorige. MauSberger. Mausb. (dürftig gekleidet, schwarze Haare und dicke Augenbrauen, sein Benehmen ist mürrisch). Wünsch' guan Muring. Nani (prallt zurück, für sich). A mein' Godel, is daS a Rauwuzel! Guth. Na, nur näher, Herr MauS« berger. MauSb. Dank schön, i kann net. Guth. Warum denn net? MauSb. Sans net Harb, aber von dem Klima, was im Erimlnal herrscht, bin i no all'weil g'schreckt und trau mi net nacket zu die Menschen — i glaub' sie fürchten sich, daß ich vielleicht waS mitgeh'n laß. Guth. Ah Unsinn, wer wird denn so etwas denken? Mausb. 'S wär' gar kein Wunder, denn im Eriminal lernt man 'S Stehlen; i wenigstens Hab' unfern Herrgod durch sieben Monate dieTäg abg'stohl'n, aber daS wiffen'S, daß i net aus freiem Will'n a Tagdieb wor'n bin. Guth. Nein, lieber MauSberger, wir denken g'wiß daS Beste von 3huen, i, der Herr Doctor — MauSb. (rill auf Juliu» zu). Herr Doctor. gelten'-, Sie wissen -, daß i a ehrlicher Kerl bin, Sie, der sich so plagt hat, daß 'S a die Richter glaub'n soll'n — bini a rechtschaffener Mensch, oder bin is nct? 3 ul. (zögernd). Nun ja — ja — MauSb. (stolz). No alsdann, und der Hausherr Nagt mi' als Dieb an. (Zornig.) Aber wart,' Hausherr, Du wirst spannen, wie i Dir dein G'wand auSklopfen wir, wann st eS aufn Leib hast. — Guth. Aber, lieber Freund — Man - b. (fährt ihn an). Reden - net, wann man den Wurm tritt, so krümmt er sich, jetzt können - 3hnen vorstell'n, was a Kladerputzer im Stand iS, den man sieben Monat lang untersucht hat. Stet das z'ruck- 6 g'zogcne Leb',, gift „»», denn es iS da drin- nat gar net so langweilig, man find't drin« nat die schönsten Leut', aber i bin milchend, daß mir so was hat g'scheh'n kinna, mir, der durch seine ganze Lebenszeit nir Unrechtes g'than hat. höchstens an Rausch Hab' i mir dann und wann andudelt, aber den Hab' i mir jedesmal kauft, bin a net schuld! blicb'n, Hab' a niemals an Andern sein Glas austrunken; — und mi — mi bringt der Hausherr in so cin'n niederträchtigen Perdocht — wart, Hausherr. Guth. Aber so wern's doch amal ruhig, jetzt wo Sic Ihre Ehre wieder Hab «, mein' ich, müßten'S ja kreuzfidel sein. MauSb. Das verstengen Sic not. Guth. Oho! Mausb. Na, Sic san a vermöglirber Mann, hab'n a Famili und die Ehr' oben drein, i aber bin mein Lebtag nir g'weßt, als a armer Teufel, Hab' nir g'habt, als mein'Ehr';— Sie, i frag' Ihnen, wer san denn wir nachher — wann man uns das letzte Hab' und Gut wegnimmt? Guth. Na ja, i begreif Ihre Erbitterung, aber vorbei is vorbei, Sie müssen sich die Sach' aus'n Kopf schlagen. Mausb. Na. der Hausherr kriegt Schläg! ! Guth. Wollen'S neue Fatalitäten haben? Nichts da, Sic sein jetzt in mcin'n Diensten, wann Sie da ihre Schuldigkeit thuan, wannSic dcrWelt zeigen, daß Sie ein Ehrenmann sein, nacher hab n sie den Hausherrn vor der ganzen Welt g'schlag n. Mausb. Ja, wahr is 'S, Recht hab'ns und i wir schon mein'n Mann stellen. Pas- sen's auf, wann i über Ihna Holz komm', nachher — Jul. (schncll). Was? was will er denn mit dem Holz machen? MauSb. No, an Mann will i 'S bringen, verkaufen zu die höchsten Preis, aber nein, 'S Holz iS bei uns eh' schon theuer gnur, wann g'rad a klaner G'werbSmann, oder a Beamter von der Bransch, wo man net leben und net sterben kann, kummt, da wer'n ma mit die Preis a bisserl h'rnnter- geh'n, gelten's, Herr von Gutherz? Guth. Nur ruhig, mein Lieber, Sie ! werden mit meinem Tarif schon z,mieden sein. M ausb. So is 's, alsdann, Herr von Gutherz, geb'n'S mir d' Hand, Sie soll',, seg'n, daß ich's verdien'. Guth.Ich zweifle gar „et dran, da — (Gibt ihm die Hand - Maus b. Ah, jetzt wird mir nach und nach leichtcr. Herr, Sie könncn'S glaub',,, net die Anstcllnng macht'S, daß i g'spür, wie sich so klanweis mein natürlicher Ha- !mur wieder einstellt, na, das macht die Be Handlung, daö Vertrauen, was Sie mir schenken. Guth Recht so, ich laß meine Leut' ordentl, lcb'n, dafür will ich aber auch nur freundliche, heitere Menschen um mich, mit dem G sicht, waö Sic beim Hercinkommcn g'mackt kab'n — mit dem G'sicht könnt' ich Sie net brauchen. Jetzt aber, waS ich sag'n will, Naui, schau, daß die Köchin 'S Essen bald fertig macht. N a n i. Ja, gnä' Herr. i2„, «dg,Heu., j Wann nur der Mensch net so a polizciwi, drig'S G'sicht halt'! sAb - Guth. Und Du, Mali, geh' aus dein Zimmer und nimm dein',, Zukünftigen mit, ich Hab mit meinem neuen Holzver silbercr Geschäftliches abzumachen. Amalie. Komm', Julius. I tt l. Ja. l EiehtM ansberger mit einem mißtrau« schen Bli WaS hat Er denn? Er scheint durch »nein Kommen be« troffen, überhaupt waS schleicht Er denn so so allein hier herum? Er wird doch nicht jetzt schon — waS hat Sr denn hier herum« zufchleichen? MauSb. (bestürzt). I derumschleichen? I schleich ja nit — 8 3ul. Freilich thut er's, hat ihm der Herr von Gutherz befohlen, ihn hier zu erwarten? Red' er die Wahrheit. Mausb. Na, g'wiß net, er iS fortgangen, und i — 3ul. Hätt' auch fortgeh'n soll'n, er ist aber nicht gegangen. Antwort, warum ist er nicht gegangen? Mausb. Aber, Herr Doktor, was san'S denn so — so fuchti — aus mi? Jul. Weil, weil Er mir vorkummt, als hätte ich eine bessere Meinung von ihm gehabt, als Er verdient. Mausb. Aber warum denn? Jul. Ich hätte von dem Mann, der mir doch Dank schuldig ist, mehr erwartet. Mausb. Ja so, Sie san bös auf mi, weil i so a Stock war, und mi net mit an' Wort bei Ihnen bedankt Hab', ja da hab'ns freili Recht, i bin ja g'rad im Begriff mit a paar Wort, die zwar net g'rad schön, dafür aber um so herzlicher g'meint san, mein'n Dank zu sagen. Jul. Ich will keiuen Dank. Mausb. Na, Herr Doctor, i bitt', Sie muffen mi reden lassen, für waS hätt' i mir denn die Ansprach z'samm studirt? lMit Gefühl.) Hochgeehrter Herr Doctor, ich — ich — (Für sich ) So schön, jetzt fallt mir nir ein — Hochgeehrter Herr Doctor, weil, — ah jetzt schaut's das Pech an, vor lauter Schrecken Hab' i Alles vergessen. Jul. Sein ganzes Benehmen zeigt mir, daß mein Verdacht Grund hat. Mausb. Na, na, Wartens, jetzt Hab' i die G'schicht schon bcinander. Hochgeehrter Herr Doctor, ich dank Ihnen für die Wohlthat,dicSie mircrwiesen hab'n,iwir's Ihnen noch auf meinTodtenbett danken, Sie haben wia ein zweiter Vater an m ir gehandelt, und darum erlauben'S ma, daß i Ihnen, weil i z' arm bin, a Honorar zu zahl'n, a Erbstück von mein'm seligen Vätern zum Präsent mach',nehmen's ihn hin denKrono- wetter, der aus ein'm dankbaren Herzen kommt (schluchzend) und mehr kann i ttit sag'n, aber so oft der Kronowetter repetirt. wer'n's wissen, wie viel's bei mir g'schlag'n hat. (Gibt ihm dir Uhr.) Jul. Wie? weil ich ihn wegen einer ge- stohlenenUhr verthcidigte, will Er mir eine Uhr zum Präsent machen? Gestehen Sie, wie kommen Sie zu dieser Uhr? Mausb (verlegen). Ah, die Uhr, die Hab' i schon lang, es is a Erbstück von mein'm Vätern. Jul. Schweig' Er, füge Er nicht Frechheiten auf Frechheiten, Er wagt es mir die Uhr anzubieten? — behauptet, sie sei sein Eigenthum, meint Er wohl, weil ich ihn vcrtheidigt habe, wäre eS mir unmöglich geworden, ihn nun selbst deS Diebstahls verdächtig anzuklagcn? Mausb. (rntsrtzt schreiend). Diebstahl! — Sie — Sir — glauben, ich hätt' — Jul. Diese Uhr gestohlen. Mausb. (mit einem LchreckenSschrei). Ah! das kost s Lcb'n! (Stürzt gegen Julius, plötzlich bleibt er stehen, das Gesicht mit den Händen bedeckend fällt in einen Stuhl und weint.) Zehnte Scene. Vorige. Guthcrz (von links». Amalie svon rechts). Guth. Was gibt'o denn da für ein Spectakel? Amalc. Julius, Du bist ganz verstört! Jul. Herr von Guthcrz, ich habe Ihnen Wichtiges mitzutheilcn, der Mensch, den ich vor Gericht verthcidigte, und dem Sic Ihr Vertrauen schenkten, ist desselben unwürdig, ich selbst erklärt Ihnen jetzt, daß ich stets an seiner Unschuld zweifelte. Guth. Was hör'ich da? Aber. Herr Doctor, Sic haben ihn ja doch vcrtheidigt? Jul. ES war meine Pflicht. Guth. Gegen Ihre Ueberzeugung zu reden? Herr Doctor, das ist nicht möglich. 6 Jul. Seine Schuld war nicht erwiesen, und das Gesetz ist so menschlich, lieber hundert Schuldige zu begnadigen, als einen Unschuldigen irrthümlich zu bestrafen. Amalie. Mein Gott! Guth. Aber Sie sagen, jetzt hätten's Gewißheit. Worauf stutzen Sie denn Ihre Behauptung? Jul. Auf dieses Ooipus äslieli, hier ist die gestohlene Uhr. (Zeigt dir Uhr.) Gttth. (sieht dir Uhr an und sagt heiter). Gehen s, lassen's Ihnen nicht auSlachcn, das ist ja mein Chronometer. 3 ul. Wie? was sagen Sie? — Also hätte er Ihnen die Uhr gestohlen? Gnth. Aber, Doctor, und waS sich i (geht ju MauSberger), der arme Teufel iS ja ganz außer sich. Sie, Herr Holzversilberer, was treib'n'ö denn? Mir scheint gar, Sie sein kopflos? Mau Sb. (verstört). Aber glanb'n's denn net, daß inan da in Kopf vcrliern muß, z'rrst untersuchen's mi sieben Monat ohne allen Grund, und jetzt venutheilt mich meiu eigener Vertheidiger ohne Ursach; na für so a Procedur da dank' .ich. (Steht auf.) Guth. No scin's ruhig, Herr Doctor, ich Hab' dem Mann' die Uhr selber gcb'n, damit er Ihnen seine Dankbarkeit bezeigen kann, so verhalt sich die Sach'; jetzt wer'nS dem armen Teufel die Hand geben, und chm Ihren Verdacht abbitten. Amalie. Ja, Julius, da- mußt Dn. Mausb. (gekränkt). Na, jetzt verlang' i mir's net, Herr von Gntherz, i dank' für den Platz, den Sie mir geboten haben, den i aber net annehmen kann. Guth. Ah, warum denn net? Mausb. Weil i fortgeh'. Guth. Fon? Mausb. (entschirdkn). Ja, i muß jetzt die "hr herschaffen, wegen der i beschuldigt war, i muß's finden, und wann i in den Lauch der Crdcn kriechen sollt, i muß wissen, wo'S iS, und wann i d'rüber in Fransen aufgeh', («ill ab.) Guth. (hält ihn zurück». So warten'S doch! Eilfte Scene. Vorige. Nani (durch die Mittr). Nani. Herr Doctor, um Alles in der Welt, sein'S nik dös, i Hab' ganz vergessen, daß ich Ihnen das Packet übergeben soll. (Gibt ihm das Packet.) A Crpreß hat'S schon vor a paar Stund' bracht. G rad is mir jetzt in d'Hand kommen. Jul. (öffnet r-, nimmt rin Blatt hrrauS und lirst). Cuer Wohlgeborrn! Sie werden heute einen Unschuldigen veriheidigen, »ch bin krank, sonst wäre ich selbst gekommen, um Ihnen die durch mich gestohlene Uhr einzuhändigen. Mein Gewissen ist stärker als die Sorge für meine Zukunft, verzei- Heu Sie mir nnd bitten Sic auch den armen Unschuldigen für mich um Verzeihung. Beifolgend die Uhr, dem Gerichte werde ich mich selbst stellen, («immt dir Uhr heraus.» Guth. No, was iS denn jetzt, ManS- berger, woll'n's jetzt a no fort? Mausb. Ja, jetzt geh' i erst recht fort, jetzt such' ich den Dieb auf, der so ein ehrlicher Kerl iS, und mich ans 'n Verdacht g riffen bat. («ill ab ) Jul. Halt, hier geblieben! Ihm geht erst jetzt ein neuer Verdacht eutgegen, Cr kann schlau genug dazu sein, mir diese Uhr selbst geschicktzu haben. Ist das seine Handschrift? ManSb. Na, Herr Doctor, wann ich so schön schreiben könnt, so war' ich kein Fleckputzer. Ini. Nani, sagen Sie die Wahrheit, wer hat Ihnen das Packet gegeben? Nani. A Crpreß, vor einer Stund'. MauSb. No, seg'n Sie, vor einer halben Stund' war ich noch Afterpartei im to Criminal, wie war's denn möglich, daß ich Ihnen das Packet g'schickt hält'? Gnth. Ja, Herr Doctor, ich bin Zeuge, daß der Mann, den Sie vertheidigt hab'n, kein' Schritt von mir wegkommen iS. Jul. Wann Sie es bezeugen, Herr Schwiegervater, dann muß ich's glauben, und mich freut es. als Zurist, einem ehrlichen Menschen die Hand zu reichen, den ich freigesprochen habe. MauSb. Ich dank' Ihnen nochmals, Herr Doctor, und ich sag' Ihnen, behan- deln's Ihre Clienten alle so, wie Sie mich wegen der Uhr behandelt haben, dann weiß gewiß Zeder, wie viel's beiZhnen g'schlag'n hat, nur bitt'ichZhnen, werden's ka Staatsanwalt. 3ul. Warum nicht? Mausb. Weil Sie zu hitzig wär'n, i sag' Zhnen, wenn Sic Staatsanwalt war n, g'wöhnet sich g'wiß a Jeder 'S Stehlen ab. Kchtust-gi'sattg. Gutherz. " Wir blrib'n jetzt gemnthlich im G'sckäft schön bei'nand'. Mein lieber Mausberger geb'n Sie mir die Hand. Mausberger. Wir bleib'n die alten und ehrlicken Leut, Und wann uns amal 's ganze Leb'n nit mehr g freut, So wird uns do ewig g'freuen alle mitsamm', Daß wir a G'wiffen und a Ehr' in Leib hab'n. Alle. Za das wird uns ewtg g freu'n Alle mitsamm', Daß wir a G'wiffen und a Ehrgefühl hab'n. (Der Vorhang fällt.) Ende. Aut dem Theater-Verlage Wallishansser'schtn Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1 Lebensretter, der. Posse mit Gesang in .1 A, s. Feldmann Lustspiele 3 Band -ehrbuben, unsere. Volk-poffr mit Gesang« Tan; in 3 A. von Alois Berla. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 185 ) " KO kr 12 ,Sgr Leibkosak, der. Oper in 2 A 8. 1805. 20 kr 4 Sg,. -etbkutscher, der alte, Peter des Dritten. Erur wahre Anekdote v. Kotzebue 17SS. 25 kr. 5 Sgr. Leichtsinn und Heuchelei. Lustspiel in 5 A, s. Knrländer Almanach 8. Jahrgang. Leichtsinn und gutes Herz. Lustspiel in 1 A. v. Hageman«. 1802 35 kr. 7'/, Sgr. Leiden Christi. Oratorium' 15 kr. 3 Sgr. Leier, die bezauberte. Komische Zauberoper in 3 A. v Gleich 1809 8 25 kr. 5 Sgr. Leinweber, der. Schauspiel in 1 A von Kotzebue. 1811 35 kr 7'/, Sgr. Leute von der Bank, Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Friedr. Kaiser (Wiener Theater- Repertoire Nr. 178.) KO kr. 12 Sgr Libussa. Romantische Oper in 3 A v. Bernard. Musik von Kreutzer 1823. 40 kr 8 Sgr. Liebe, blinde. Lustspiel in Z A. von Kotzebur. 1807. 35 kr 7/, Sgr. Liebe, erste» oder Jugenderinnerungen. Lustspiel in 2 A. s. Castelli Sträußchen >2 Jahrgang Liebe sindet ihre Wege. Lustspiel in 4 A. v I. C v Zedlitz 12 >827 > fl 2» Sgr. Liebe, der, Listgewebe. Jntriguenposse in 3 A, s. Castelli Sträußch 17. Jahrg (Vergriffen.) Liebe, stumme. Lnftspiel in 1 Ä » Ziegler. 1802 8 20 kr 4 Sgr Liebe um Liebe. Ländliche« Schauspiel in t A. v Jffland 8 2« kr 4 Sgr Liebe und Geheimnis. Lustspiel in 1 A Nach dem Kranz, v.Sonnleithner 1807 25 kr 5 Sgr. Liebesbrunnsn» der. Komische Oper in 3 A Nach dem Kranz »I.»- zniitn st mirmin» von Kuppel- wirser Mnsik von Balse 12 1845 35 kr. 7/. Sgr Liebeszunder. Lustspiel i» t A, s Castelli Slräup» chen 10. Jahrgang (Vergriffen.) Liebhaber» der bnekelige. Lustspiel in 1 A, f. Castelli Sträußchen 8 Jahrg (Vergriffen.> Liebhaber, der verwundete. Lustfpiel in 1 A Nach Tupaty und nach einer kleinen Erzäblung bearbeitet v Kurländer 1839 50 kr 10 Sgr Liebhaber, die, im Harnisch. Original-Lustsptel in 4.A v Ziegler 1802. 8 50 kr 1» Sgr Liebhaber, der doppelte. Lustspiel in 3 A von Jünger 1803. 24 kr 8 Sgr Liebhaber, der taube. Lustspiel in 2 A Nach dem Cngl. des Pilow für « deutsche Tkratrr eingerichtet von Schröder. 1809 .15 fr. 7'/, Sgr Liebhaber und Nebenbuhler in einer Person. Lustfpiel in 4 A von Ziegler 1834 Gr 8 50 kr. 10 Sgr Liebhaber, die, im Verborgenen. Lustspiel in 1 A. von Ehrimfeld 1804 25 kr 5 Sgr Liebesgeständniß, das. Lustspiel in 5 A 1793. 35 kr. 7'/, Sgr "»cd, «,» vergessenes. (Charakterbild in 1 Aufzuge von E. Elmar. (Wiener Theater-Repertoire Nr 181.) 35 kr 7'/, Sgr Liesel, die rothe. Charakterbild mit Gesang in K Abtheilungen und 1 Vorspiele unter dem Titel »Eine Selbstmörderin." Von Betty Aoung (Wnr. Th.-Rrp. Nr. 127.) «0 kr. 12 Sgr. Limburg» das -Schloß, oder dir beide» Gefangenen. Lustspiel in 2 A Nach dem Franz, de- MarsoUier frei bearbeitet. Zweite Auflage. Gr 8 1843 40 kr. 8 Sgr. Lina, oder das Gehrimniß. Oper in 3 A von M 181» 30 kr. K Sgr. List und Dummheit. Posse mit Gesang in 3 Ä, s Feldman» Lustspiele 6. Band Localsäugeri» und Postillou. Posse mit Gesang und Tan» in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wr. Theater-Repertoire Nr. 132.) 80 kr 12 Sgr. Loch, das, iu der Mauer. Komische Oper io 1 A. bearbeitet v I Perinet. Musik vom Musikdirektor Kauer. 1804 35 kr 7'/, Sgr. Lohn der Wahrheit. Schauspiel iu 5 A. von Kotzebur 1806 KO kr. 12 Sgr Lohn der Nachwelt. Original-Schauspiel mit Gesang in 3 A von Gleich 1807 8 40 kr. 8 Sgr. Lonau, die Familie. Lustspiel in 5 A. v. Jffland. 1809 - 50 kr. 10 Sgr. Lorenz, der gebesserte, s Hausgesinde 2 Theil. Lotterie, die seltsame. Lustspiel in 1 A, s. Castelli Sträußchen 7. Jahrgang. (Vergriffen ) Löwenritter, die. Schauspiel mit Gesang in 4 A. von Gleich 4 Tbeile. 1807 8. 1 fl. 80 kr. 1 Th 2 Sgr. (Jeder Tbeil ist ei» Schauspiel in 4 A.) Luassan, Fürst von Garisene. Prolog in 1 A v. Jffland 1800 35 kr 7V, Sgr. Lüge, di, edle. Schauspiel in 1 A von Kotzebue Fortsetzung von: »Mrnschenhaß und Reue." 1810. 35 kr. 7'/, Sgr Lügner» der, und sein Tobn. Posse in 1 A Nach Coilin d'Harleville Frei bearbeitet 1837. (Vergriffen.) Lnlin und Luinanlt, oder die Künstler in Verlegenheit. Lustspiel in 1 A, f Castelli Sträußchen 14 Jahrgang (Vergriffen.) Lump, »in. Originalpoffe mit Gesang in 3 A v. Friedrich Kaiser (Wiener Theater-Repertoire Nr 91 ) k» kr. 12 Sgr Lumpacivagabundus, der böse Geist, oder das liederlich, Kleeblatt. Zauberposse mit Gesang in 3 Auszügen von Joh Nestroy. (Wiener. Theater-Repertoire Nr 55 ) Dritte ->erb,s- sertr Auflage KO kr. 12 Sgr. Lustspiel, das» auf der Stiege. Lustspiel in 1 A. s Castelli Sträußchen 2» Jahrgang Luther, Martin, oder die Weide der Kraft, s. Werner Tbeatrr 3 Bände Macbeth. Trauerspiel in 5 A von Stephanie. Gr 8 1795 40 kr. 8 Sgr Macht, die, der Liebe. Original-Trauerspiel in 4 A von Ziegler 1>»17 8 50 kr 10 Sgr Macht des ^Lchicksal», oder Männertreu» auf der Probe. Krenmärche» in 3 A. 8. 1808 4» kr. 8 Sgr Machtspruch, der. Original-Trauerspiel in 5 A von Ziegler 1811. 8 50 kr. 10 Sgr. Mädchen, das, von der Lchule, s. Elmar« Theater Mädchen, das, von Marienkurg. Fürstliche« Fa» milirngemäldk in 5 A von Krattrr 1835. 8. 50 kr. 10 Sgr. Mädchen, ein, vom Theater. Lustspiel in 4 A, s Feldmann Lustspiele 3 Band. Mädchenltst. Lustspiel in 1 A. von Deinhardstein Gr. 12. 1828. S5 kr. 7'/, Sgr. WalLishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Mädchenfreundschaft, oder der türkische Gesandte. Lustspiel in 1 A. von Kotzrbue, 1805. 25 kr. 5 Sgr. Mädl, das, aus der Dorstadt, oder: Ghrtich währt am längsten. Posse in 3 A. von I. Nestroy. Gr 12. 1845. 75 kr. 15 Sgr. Magnetismus, der. Nachspiel in 1 A. v. Iffland. 181». 25 kr 5 Sgr. Majoltno, der Abenteurer. 1. Theil: Schauspiel in 5 A. 2. Theil: Schauspiel in 3 A. 8. 1802. 80 kr 18 Sgr. Maler-, des, Meisterstück. Lustspiel in 2 A, s. Wrifsenthurn Schauspiele. 14. Band. Mann, der brave. Kom Oper in 3 A von Gleich. 1806. 8. 25 kr 5 Sgr. Mann, der eiserne. Lustspiel in 1 A. 1785. 5» kr 10 Sar. Man«, der gescheideste, auf der Welt. Posse mit Ges. in 1 A v. Johann Schönau. (Wiener Theater-Rep. Nr 199) 35 kr. 7 Sgr. Mann, der, von Wort. Schausp. in 5 A. von Iffland. 1801. 8» kr. 12 Sar Mann, der, von tv Jahre«. Lustsp. in 1 A. Nach dem Franzöfisch der Favan. bearbeitet von Kotzebne 1805. 25 kr. 5 Sgr Mann, ein höflicher. Lustspiel in 3 A, s. Feld- mann Lustspiele 3. Band. Mann, ein, ohne Herz. Genrebild in 5 A von Al Fr. Pann. (Wur. Th.-Rep. Nr 5» > 40 lr. 8 Egr Männerfeindin, die. Schausp. in 1 A v Koch. 18 6. 20 kr 4 Sgr. Mänuerschönheit. Original - Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Fr. Kaiser 8. 185». 75 kr 15 Sgr. Männerschwäche und ihre Folge«, oder die Krida. Lustsp. iu 3 A v Hen-ler40kr. 8 Sgr Mantel, der dreizehnte. Posse in 1 A. v Anton Bittnrr. (Wr.TH-Rrp. Nr. 98) 35 kr 7',, Sgr Manuskript, das. Lustspiel in 5 A, s Weissen- tbuiu Schauspiele 13. Band. rMäon. Trauerspiel i» 5 A von H ). v. Colli» gr. 8. 181t 80 kr. 12 Sgr. Margarethe, Königin von (satanea. Ballet in 3 Ausz von Taglioni 1822. 1» kr 2 Sgr rMarie» Tochter Karl de» Kühnen. Original- Scdinsp in 4 A vo» Menner. 1807 8. 4» kr 8 Sgr Moriana. Schausp in 5 A >>ei nach Lderidan Ri.owle«, von Treitschke 1838 75 kr. 15 Sgr. Marillo, die beiden. Zchau'piel mit Gesang in 3 A. von Gleich 1808 8 40 kr 8 Sgr. Marquis, der arme. Schausp in 2 A v Dnma- »oir und Lafargue. Drillich von Alerander Bergen iWr. Th Rep )i> 143 > 50 kr 1» Sgl Marschall, der, von Frankreich. Tragödie in 4 A vo» Johanne« Nordiiiaiin gr 8 1857 8» kr. 12 Sgr Ma«ke für Maske. Lustspiel v Jünger. Leipzig 50 kr 10 Sgr MaSke«, die. Schausp iu 1A v Rotzedue 1803 2 » kr. 5 Sgr Mathilde» Herzogin vou Spoleto. Ballet iu 5 A von Astolfi, 8. 1820 13 kr 2'/, Sgr. Matrose, der kleine. Oper in 1 A An« dem Franz. 1806 20 kr 4 Sgr Manthner, G. Lustspiele 8. 1852.1 st 50 kr 1 Thlr. Jnbalt: Da« Preillustspiel. Orig »Lustspiel in 3 A Gräfiu Aurora Hist Lustsp. in 5 A. Mai, der erste, oder der reich, Poet. Frühling«- gemälde Reil 12. geh 1818 40 kr 8 Sgr Mathilde von Guise. Oper in 3 Ausz 1810 Maytag, der. Ländliche« Gemälde iu 4 A. von Hagemann 1793, 40 kr. 8 Sgr. Medea. Gin mit Musik verinischlr« Drama Munk von Beuda. 1808. 25 kr. 5 Sgr. Medea. Tragische Oper iu 3 A. Nach dem Krau; von Treitschke gr. 8 (vergriffen.) Medea. Trauerspiel in 5 A. von Grillparzer, s. dessen goldene- Dlieh. Meere-, de-, und der Liebe Wellen. Trauersp in 5 A. von Franz Grillparzer, gr. 8 184» 1 st 50 kr. 1 Tdlr Megera 1. Theil. Zauberoper in 3 A v. Pertuet 1818. 8. 4» kr. 8 Sgr stehe auch Hafner gesammelte Schriften. Meiuau, Gulalia, oder die Folgen der Wiedervereinigung. Bürger! Trauersp in 4 A. ». Ziegler. 1807. 8. 50 kr 10 Sgr. Melone» eine reife. Schwank in 1 A. nach Banle Bernard'« ?I»tonie »ttuelwinsnt«, von K. Graeser.sWr. Tb.-Rrp Nr. 38.) 35 kr. 7'/, Lar Melusina. Romantische Oper in 5 A von Fr. Grillparzer. Mufik von Kreutzer. 8. 1833 - 80 kr 18 Sgr. Mensch, der, denkt. Lebensbild mit Gesang iu 3 Abth. von Fr Kaiser. lWiener Th.-Rep Nr 15» ) 8» kr. 12 Sgr Mensch, ein empfindlicher. Schwank iu 1 A Frei nach Marr-Michel u Labichevou M A. Grand- jean. 35 kr. 7V, Sgr. Mensch, ein liebenswürdiger. Lustspiel in 1 A Nach dem Französ. von Mar Stein. (Wiener Theater-Repert Nr 173 ) 35 kr. 7'/» Sgr. Menschen, gute, lieben ihren Fürsten. Zeitstück in 3 A v. Hen«ler 17SS 8 40 ft 8 Sgr Mentor, der. Lustspiel in 1 A. nach dem Franz v Lembert. iWr Th -R Nr. 7 1 35 kr. 7'/, Sgr Merope. Deutsche« Orig -Trauersp in Versen u. 5 A von Weidmann 8 1772. 50 kr. 10 Lgr. Michel» der deutsche, oder Aamillenunruhen. Zeitbild iu 5 A.. s Feldmaun Lustsp. 4 Bd Milch, die, der Gselin. Posse mit Gesang iu 1 A Nach dem Franz von Anton Blttu>r. (Wiener Theat -Rep ?lr 83 ) 30 kr 8 Sgr. Milchmädchen, da-, vo» Deren. Tingsp in 2 A Nach dem Franz von Trrischke 25 kr 5 Sgr Milchschwestern, die kleinen, in Petersdorf. Volksmärchen mit Gesang in 3 A von Gleich. 1808 8 4» kr. 8 Sgr. Millionär, der. Lustsp iu 4 A von Schildbach. 1801 50 kr 10 Sgr. Millionär, ei» armer. Orig »Posse mit Gesang iu 3 A von Theodor Flamm lWiener Theater- Repertoire Nr 182) 80 kr 12 Sgr. Milton. Liugspiel in 1 A Nach dem Franz, von Treitschke 25 kr 5 Sgr Minnesänger, der arme. Schauspiel iu 1 A von Kotzkbue 1811 35 kr. 7 Sgr. Miranda» oder da- Schwert der Rache. Heroische Oper in 3 A von Kanne. 8 1811 35 kr. 7 Sgr Mission, die geheime. Lustsp in 3 A v. Grandiran ,Wiener Theat-Rep Nr. 3 z 35 kr.7V..Sgr Missbrauch, der, der Gewalt. Orig »Lustspist i» 5 A von Weidmann 1778 35 ft. 7 Sgr Misstrauische, der. Lustsp in Prosa und 5 24 » Weidmann. 1772. 35 kr. 7 Sgr. Wallishauffer sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Uiea. Mißverständniß, da». Lustsp. in 1 A. von I K. v Weissentburn gr 8. 1Ä3. geh 40 kr. 8 Lgr. Mißverständnisse, kleine. Lustspiel in 1 A Nach dem Englischen von Aler. Bergen. (Wiener Tbeater-Repertoire Nr. 187.) ZS kr. 7'/, «gr. ?)tittel, alle, gelte«. Lustsp in l A. nach Scrioe. von L Juliu«. (Wiener Th.»Rep. Nr. 15) 35 kr. 7V, Lgr. Mittel, da» letzte. Luftipiel in 4 A. s. Weissen- thura Lchausp. 11. Band. Mitternacht. Gingsp in 1 A. Nach dem Kranzös. 1807. 2» kr 4 Lgr. Möbel-Aatalitäteu. Lchwauk in 1 A v Anton Bittuer. (Wr. Td.Rep. Nr. 58 ) 30 kr. «»Lgr. Mod«, die, oder die händlichen Zwistigkeiten Luftige« Lingsp. 1771 35 kr. 7 Lgr. Modefittea. Lustsp. in 5 A. von Gevay 1801. 50 kr 10 Lgr. :Nohr, der, von Semegonda. 2TH. Or.-Lchausp mit Grs. in S A. von Gleich. 1805. 1. st 70 Lgr. Mohrt». die. Lchauspiel in 4 A von Ziegler. 1835. gr. 8. »0 kr 1« Lgr. Mönch nnd Soldat. Charakterbild mit Gesang ui 3 A. von Kr. Kaiser. 8 1850 75 kr 15 «gr Mondkönigi«, die, »der dir bezauberte Schneiderwerkstatt. Große komische Pantomime in 3 A von Kre« IE. 1« kr. 2 «gr. Moute-Ebrtsto, ein nener. Orig-Ebarakterbill in 3 A von Kr. Kaiser. (Wiener Ideal »Rep Nr. 38 ) 80 kr. 12 Lgr Monte-Ehristo, rin weiblicher, vdgrakterdild au» dem Pariser Leben in 4 Abtb und 5 A mit Munk und Tau, »on Therese Megrrle (Wie ner Thrat «Reper» Nr. 40 ) 80 kr. 12 «gr Montenero, Schloß. Lingspiel in 3 A nach dem Kran; 1804. 35 kr 7 Lgr Montfancon, Johanna von. Romant Gemätd, a. d. 13. Jahrhundert in 5 A von Kotzedue 8. 1800. 80 kr. 12 Lgr. Montjone. Lchauspiel in 4 A und einem Nachsp. von Oktave KeaiUrt Deutsch v M Lapbir «Wiener Ti>ea«.-Rep Nr. 134 ) «Okr 17 Lgr Moor, Karl. Trauersp. in 5 N. » Kr v Lchtl» Irr Kür da« Theater in der Leopoldstadt. gr 8 1808. 50 kr 10 Lgr Mord, der, in der Koklmessergaffe. Posse in 1A »on A. Bergen (Wr Tb »Rep. Nr. 58 ) 35 kr 7'/, Lgr Moritz, Bruder, der Sonderling. Lustsp in 3 A. von A. v Kotzedue 1801. 50 kr >0 Lgr in Krittln» trnstie » in tro Ktti l^> pttEniu 4 eii Dottttlu, I» lEunio» eii st»>viini 1825 35 kr 7 Lgr Mose» in Egvpte«. Hist Lchauspiel mit Gesang in 4 A 1810 40 kr 8 Lgr. Mostadhem, oder der Kanatiömu«. Original» Trauersp in 5 A v Weidmann 35 kr 7 Lgr Mozart-Geige, die, oder der Dorfmnstkant « sein Kind, Eharaktergemäldr in 3 A. nebst einen, Vorspiele von Karl Elmar «Wiener Tb-Rep Nr 171) 80 kr 12 Lgk Müller und Schissmeister. Posse mit Gesang «n 2A von Kr Kaiser. (Wr Th »Rep Nr 12 ) 50 kr 10 Lgr Mündel, die. Lchausp. in 5 A. v. Issland 1802 80 kr 12 Lgr. Murrkopf, der gutherzige. Lustsp von Goldoai 1772 35 kr 7 Lgr Mutter, die, der Makkabäer L. Werner Tbaat. 7. Band Mütter, dir» oder wie soll mau denn euch Mädchen erziehen? Original-Lustspiel in 5 A von Weidmann 1773 50 kr. 10 Lgr Mutterglüch. Lustspiel in 3 A von Dumano,r. Deutsch v Dr Hann« Hopfen (Wiener Th.» Rep. Nr. 152 ) 50 kr. 10 Lgr. Nach dezn Dalle. Lustspiel in 1 A Krei nach dem Kraritöstsche» von A. Dneqe. (Wr. Tb »Rep. Nr 110 ) 35 kr 7 Lgr. Nach Negeu folgt Sonnenschein. Orig.» Lustsdiel in 5 A 1806. 40 kr 8 Lgr Nach vierzig Jahren. Lustspiel in 1 Auf, v A Tchol»./Wr. Th -Rep. Nr. 12«) 35 kr 7'/, Lgr. Nachbarschaft, die. Lustspiel in 1 A Nach dem Kranz dr« Pierard von Issland. 35 kr 7 Lgr. Nachbarschaft, die gefährliche. Lustspiel in 1 A. von Kotzedue 8. 1808 35 kr 7 Lgr. Nachbarschaft, die unruhige. Oper in 2 A von Henslrr 8 1803 35 kr 7 Lgr. Nachschrift, die. L Holdeiu Dilrtlantenbübne f. 1828 Nacht, gute, Nosal Dramatische« Grnrrbild in 1 A von Kr Kaiser (Wr TH.»Rep Nr 141.) 30 kr 8 Lgr Nachtwächter, die beide«, oder rin Lpnk in der Aaschingdnaebt. Post, mit Gesang und Tanz ,« 3 A von Karl Haffner und 2 Pfuudhellrr «War Theater»Rep Nr 85 ) 80 kr 12 Lgr. Nachtwächter, der. Posse in Verse« und in 1 A »on Tb Körner gr 12 Wie» Orig »Aust 1810 25 kr 5 Lgr Nächte, zwei, zn Balladolid. Iraurrspiel in 5 A v Bar v Zedlitz 12 185-e 1 st 20 kr 24 Lgr Namen» einen, will er stch machen. Lustspiel in 1 A v M A Grandjeau (Wiener Theater» Repertoire Nr 103 ) 35 kr 7'/, Lgr Narr, der vernünftige, »der Keiner »ersteht den Ändern. Lustspi-l in 1 A nach Patrat von «chrödrr 8 1804 25 kr 5 Lgr Narrenban», da». Lusttp in 1 A Au« dem Kran, von «childdach 1805 20 kr 4 Lgr. Narrenkau', da«. Kastuachltpoise in 2 A. stede Keldmaua Lustspiele 5 Band Narrkeit nnd Narrethei. Lustspiel in 1 A . stede Oastelii Lträufchen 4 Iakrg (»ergriffen ) Nase, eine, für tstttt» Pfund. Burle«ke in 1 >. » E Arram «Wiener Idealer Rep Nr. 120.) 35 kr 7'/. Lgr Nase, die lange. Posse mit Gesang in 1 A »on Karl Haffner (Wiener Tbeater.Rep Nr 108) 35 kr 7'/, Lgr Natur nnd Liebe im Streit. Trauerspiel »n 5 ». 8 (verariffrn) Naturmensch nnd Lebemann. Charakterbild mit Gesang in 3A ». Kr Kaiser (Wiener Tbeater-Repertoire Nr 110 1 80 kr 12 Lgr Nebenbuhler, die. Lustspiel in s A nach Lberi» dan» »Rival« au« dem Enalischen übersetzt und „ir Anffudrung eingerichtet von K E. Hanker «B r Id »Rep Nr. 25 » 50 kr 10 Lgr. Neffe, der todte. Lustsp in 1 A Nach dem Kran . de« Xnrtninvill« 1804 3.5 kr. 7 Lgr Negersklaven, die Histor-rom Gemälde in 3 A von Kotzedue 1700 40 kr 8 Lgr Wollishaufskr'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Peter uud Paul. Lustspiel in .1 A. siebe kastelli Sträußchen 1. Jahrgang. (Vergriffen) Peter der Große. Histor. Orig.-Schausp in S A. von Weidmann 1781. 35 kr. 7 Sgr. Petermännchen, da«. Schauspiel mit Gesang in 4 A Nach der Geistergescbichte von Spieß Bearb. v Hen-ler 2 Thlr. 1784 8» kr 18 Sgr. Petschaft, das. Orig.-Schausp in 5 A v Ziegler 180t). 50 kr. 10 Sgr Peyrouse, la. Schausp in 2 A von A v. Kotze- bue. 1808. 35 kr. 7 Sgr Pfefferrösel, oder die Frankfurter-Meffe im Jahre «2N7. Schauspiel in 5 A von st . Birch-Pfeiffer. 1833 Ist 20 Sgr. Phasma. heroische Oper in 2 A 1800. 35kr 7Sgr. Phöntr, der, oder die Prüfung der Herzen. Lyrische« Fest v n Weidmann. 1781 35 kr. 7 Sgr Physiognomie, eine unglückliche. Lnstsp. in 3 2l. s. Feldmann Lustspiele 2. Band Pilger, der weiße. Ballet in 3 A. von Gioja. 8. 5 ^ 1 Sgr Pilgerin, die. Lustspiel in 5 A, s Wklssenthurn Schauspiele 12. Band. ?imliluli,»ov mu» elianiuistio» 8. 1804 20 kr 4 sxsr Pistolen, zwei, oder erschossen und lebendig. Posse mit Gesang in 2 A. von Fr. Kaiser. (Wnr Theat.-Repert Nr. 18.) 50 kr 10 Sgr Ptzicht. Singspiel al« 2. Tbeil de« Fagottisten von Prrinet (vergriffen) l^oeiestü, il, cii stur^on hkeloeirswi»» ?o«ni» cii 6 örmii, ssluiiou cli 8 Istsro»- ,l»nto. 12. ek 182.5 20 kr. 4 «zzr Polkwitzer, Lazarus, von Rlrolsburg» oder die Landpartie nach Baden. Posse init Gesang in 2 A v Fr Hopp gr 8 1848 75 kr 15 Sgr Polirena. Trauerspiel in 5 A von stollin. 1804 80 kr 12 Sgr Porträt, daS, der Geliebten. Lustspiel in 3 A s Feldmann Lustspiele 1 Baud Portrait», die beiden, oder er ist schwer zu befriedigen. Nachspiel von Jünger 1804 35 kr 7 Sgr Posse, eine, al« Medizin. Orig -Posse mit Ges. in 3 21 v. Fr Kaiser 8. 1850 75 kr. 15 Sgr Posten, zwei. Komische- Singspiel in 3 A Nach dem Franz, von Treitschkr 30 kr 8 Sgr Posten» der vierjährige. Singspiel in 1 A von Körner gr 12 Wiener Orig .Austagt 1819 25 kr 5 Sgr Postillonstiefel, der lebendige. Zaubrrpantom in 2 A. von Fr. Kerr«. 1810. 10 kr 2 Sgr Pret-gedicht, da«. S Holbei« Dilkttantenbühne für 182« PreiSlustsptel, das. Orig »Lustspiel in 3 21 von Mautner, siehe dessen Lustspiele Prinz, der, kommt! Lustspiel in 1 A, s stastelli Sträußchen 8. Jahrgang. Proben» die gefährlichen. Orig-Lustsp in 1 A von L.'Kremer. 180«. 20 kr 4 Sgr Prophet, der. Oper in 5 21 nach dem Franz dr« Scridr von Rrllftab Musik von Meverbeer. 8 1888 35 kr 7' , Sgr Proteus, der neue. Orig Lunzpi,l i» 4 21 von :X Linden 1808 50 kr r Prozeß, der seltene. Schausp in 3 A. nach einer wahren Anekdote. 1802 50 kr. 10 Sgr. — — 2 Theil» dramatische« Gemälde in 4 A 1809 KO kr. 12 Sgr. Prüfung der Treue, oder die Irrungen. Lustsp. in 3 2l von Lafontaine 180«. 50 kr 10 Sgr Prüfung der Untreue. Lustspiel in 3 A Nach dem Französischen von F. Haffaurrck. 1807 25 kr. 5 Sgr Prüfung und Fraurngeduld. Familiengemälde in 5 Ä 1793 35 kr 7 Sgr Pul», der. Lustspiel in 2 21 von Dabo. 1809 35 kr 7 Sgr Pumpernickel, Rochus. Musikalische« Quodlior in 3 21 von M Ltegmaver. 1811. — dir Familie-(BeideThlr vergriffen.) Pumphla und Knlikan. Karikatur-Oper in 2 A von Prrinet. 1808 8 40 kr. 8 Sgr. Pappe, die, oder die kleine Schwester der Geliebten. Lustsp in 1 21. s Kastell» Sträußchen 7. Jahrgang (vergriffen). Putzmacherin, die hübsche kleine, Lustsp in 1 A von Kohebue. 1805. 35 kr. 7 Sgr Purbaum. Dramat. Gedicht von F. k Scherer. gr 8. Wien. 183« 1 ft. 20 Sgr. Pyramus und Lbisbe. Musikalische« Duodrama 1795 15 kr. 3 Sgr. l^ui uro uuo, oder der Manu» der Blles weiß Lustspiel in 1 A von Guttenberg. 1803 20 kr 4 Sgr tjuinto ss.il, io ltotilinno Ilrrurna» »erio iu stue Ftti .ti 1811 20 kr 5 Sgr Quichotte, Don, Ritter. Romantisch» komische Oper in 3 21 v Hensler 1802 8 40 kr 8 Sgr Quichotte, Don, der neue. Lustsp in 1 A nach dem Fianzdfischen von Alrrander Bergen (Wr Tbratrr-Repertoirr Nr 72 ) 30 kr 8 Sgr Rache, di«. Trauersp in 4 A nach Pouag 1795 50 kr 10 Sgr Rache für Weiberraub. Gemälde der Barbarei de» eilftrn Jabrkundcrt« in 4 A von Ziegler 1807 8 50 kr. 10 Sgr Rache, dir, der Diaua. Anarreontische« Divrrtls- seiurnl in 2 2t v Vigano Jtal u deutsch 1807 1« kr 2 Sgr Radicalrur, die. Lustsp i» 321 v I F v Weis» s.ntkurn qr 8 1833 «0 kr 12 Sgr Rafaele. Dramatische« Gedicht in 4 Abtbrilungrn »on Rudolph Hirsch 8 183« 60 kr 12 Sgr Raul der Blaubart. Heroische Oper in 3 21 Nach dem Fianzösischen von D Tchmidlrr 1801 35 kr 7 Sgr Rapkael. Lustspiel in Aleraudrinrrn iu 1 A siehe Kastelli Sträußchen 4 Jahrgang Rasttag, der. Lustsp iu 1 A s kastelli Sträußchen 3 Jahrgang (vergriffen) Rastelbinder, der, -der Gulde«. Posse mit Gesang in 3 A von Fr Kaiser 8 1850 75 kr 15 Sgr Räuber» di«, oder die schwere Wahl. Drama >a t 21 von Weidmann 8 20 kr 4 Lgr Räuber, di», auf Maria Eulm, oder dir Kraft de» Glauben». Gemälde a d vatrrl Geschichte >» 5 Handlungen voo H Kuno 8 mit Titel- tapfer dritte Auflage I835 80kr >k «ge „uder, der, aus Rachsucht. Lustspie) in 3 2l r Hen«irr 40 kr 8 Wsttiishaufser sche Pttchhondlun^ (Josef I^lemu») in Wmi. Nephtoli, »der die Mocht des Glaubens. Große! Onrl«, der, in Livree. Lingsp. i« 1 > na» dem Oper in 3 A. Nach dem Franz bearbeitet von I. N v. Seyfried. ISIS. LS kr 5 Lgr. Nrn-Arrnfale«. Oriainal-Zeitbild mit Gesang in drei Arte« von Frtedr Kaiser iWnr Tbeat Rep Nr 215) «>0 kr. 12 Lgr Nentokeitokramer, der. Lnftspirl mit Gesang in 2 4k 1802 3V kr « Lgr Nenfonntagoktnd, das. Lingsp. in 2 A » Pennet 1804 8 40 kr 8Eqr Nichts! Posse mit Grsang in 3 A ». Fr. Kaiser (Wiener Thratrr-Rrp Nr. 122.) 60 kr. 12 Lgr. Nirenretch, das Romantische Oper in 3A 1805 10 kr 8 Lgr Norm«. Lyrische Tragödie in 2 A. gedichtet von F. Romani, übersetzt von Ritter ». Eevfrird, Mont von Belliai 8. Dritte Anflage 1854. (Dorsmristrr.) 3.» kr 7'/, Tge. Notrnschretber, der, oder wo Menschen find, darbt der Ar«, nicht. Lustsp. in 3 Ak » Hrnalrr 8. 25 kr. 5 Lgr November, der dret-igstr. Lnstspirl in I A, firbr Feldman» Luftspielr 3. Hand. ^i urr«, le, «>j d'izk»r«> Omrettin in uuntro .4t4i 1808 2^ lrr. 5.8zxr Xvrne, cli sslsinnt-u oi, I» lli sskoron- llant» 12 1824 20 lrr 4 8^1- Franz-s. von Treitschkr 20 kr. 4 Lgr. Onkel To«. Amerikanische« Zeitgemälde mit Gel nnd Tan, in 3 Abtb und kinem Vorsp. nach Fra, Eto-e's Roma«: »Onkel Tom's Hntte- »vn Tbrrese von Megrrle. (Wiener Tbrater» Repertoire Nr 28 s 50 kr. 10 Lgr Opferfest, das „»«erbrochene. Oper von Huber in 2 «. 1803 5« kr 10 Lgr. Opfertod de». Lchauspirl in 3 A von Kotzrbur. 8 18«»8 40 kr. 8 Lgr. Organe, die, de» Gehirns, Lnstspirl in 3 A von Kodrdue 1807 »0 kr lO Sqr. Oronooko. Tranrrsp. in 5 A 1788 40 kr. 8 Lgr. Orphens. Große Oper in 2 L. Vorr. ». Hammer. 1817. 35 kr. 7 Lgr. OtbeUo. Trauerspiel in 5 A von Ldakespearr. Für die Darstelluna im k k Hofbnrgtheater eingerichtet von st. A West. gr. 8 geh. 1840 80 kr. 18 Lgr. Ottanio Hinein. Pantim Hallet von Lamenqo (Vergriffen.) Hadmana. Trauerspiel in 5 A »ou F. A Kanne. Mit Vorr vom Hofratk von Hammer. 1818. 35 kr 7 Lgr. Hage, der kleine, »der das Ltaatsgrföngntß Oper in 1 A nach dem Franz »ou Levrried 20 kr 5 Lgr. Nnma Hompiltns. Oi er in 3 A v. Guttrnberg 8 j Hagen, die, des Herrag» »on Bendome. Operette 40 kr. 8 mar Nur ei« Ltnndche» war er fort! Lustsp in 1 4t in 1 A. Na» lri«l»-l»-f«in dramatiskrter Anekdote » Gonnleitbner 1808 20 kr 4 Tgr. nach dem Franz, de« Lorraur von Tb Hell i Hagenstreiche, die. Posse in 3 A »o« Kotzebne. 180« 35 kr 7 Dgr. I ,804. 50kr. lO Lgr Nnr Gin« lös« den Zanbersprnch, -der »er ist Haiats nnd renbans. stharakterbiid mit Gesang gküchlich? Zaudervoffe mit Gesang in 3Adld in 2 A »vn Frirdr Kaiser. (Wiener Theater» von W Tnrteltand ar 12. 40 kr 8 Lar Repertoire Nr 0» ) «iO kr. 12 Lgr. Nnr keine Protektion. Posse mit Gesang in 2A Halmer. Oper in 3 A 4!a» dem Franz-s de« von Anton Bittner (Wiener Theater »Rep Lrbrün 180, 35 kr. 7 Lgr Nr. 84 ) «0 kr. 12 Lgr. 1^n««««ln f» «lull» < >»„»-«1«» in Ir« »tti in vr>«n Nnr Mutter. Lustsp in 2 A. »ach dem Frauzös ,1«ll »rv,^-:,t«,«' ti,»l»1,.ni 1787 35 kr 7 Lgr von Alerander Hrrgen «Wiener Tbeater»Rep Hamphlet. das. Lnstspirl in 1 A »on Grandjean Nr 138) fiikr lOGgr Nnr nicht reden! Dramatischer Lchrrz in 1 A » ». F Llir (Wr. Th.-Rrp Nr. 80 ) 30 kr 8 Lgr Nnr solid! »der Karnevals-Abenteuer im Hchlos- sergassel. Faschiugspoffe mit Gesang nnd Dan, (Wünrr Tbeat -Repert Nr 11 35kr.7'/,Lgr. Hapagete, die. Lustsp. in 1 A , s. sta-elli Stränii chen 5 Zabrgan« Hapago», der. Lchauspirl in 3 A »»» A »on Kotzedm 1804 50 kr. 10 Lqr l A von Ludwig Gottsleben (Wiener Hartes «Mneb, »der die Mach« des Glanbrn». Theater-Reprrtoir Nr. «4 ) 35 kr 7'/, Lgr Nuhbaum, drr, von Brnrvent. »der die Aanbrr« schwestrrn. Frrnballrt »on Digaav. 1830 10 kr. 2Egr Nymphe, dle, der Dona«, i Tdeik. Fortsetzung de« D,na,»e,bch,n«. »on Hensle, 18t»8. 8 40 kr. 8 kr nginal Lchauspirl »o« Ziegler gr. 8 1830 KO kr. 12 Lgr Härtel, eine ruhige. Hurlr«lc mit Gesa«« ,n l Aet »vn Z Wimmer (Wur Theat R,p Nr 2l8) 35 kr. 7'/, Lgr Hasch«, der, nnd sei« Lah". Lufispirl iu - A. s ^rldmaun Lnftspirlr 2 Hand. Oberon, König der Glfrn Oper in 3 Ä. »on Hanltne. L»fisp. in 3 A. nach Florian » Lchitd» Girsrcke 1808. 35 kr 7'/, Lgr Dbsthändlertn, die, de» Königs Drama in 3 A nrhfi einem Vorspiele »ntrr dem Titel: Der Wasserträger von Pari« Nach dem Fran,-s frei bearbeitet von 'Therese » Mrarrlr (Wr. ^ Tdrater-Rrprrtoir« Nr. 30) «»Orr l2 Lgr --ctaota Tranrrspiel in 5 A von Kotzebnr 1807 80 kr 12 Lgr. ^»dip 1« volonos. Lvrische« Drama in 3 A An« dem Französlschen 1802 30 kr 8 Lgr. ^bri«, der. Lnftspjrl in '» A »o» Zffland >808 duftsp. ,» l A. «ach dem Franz » L Juli»« Herrnchenmacher» der» nnd der Haarkünstler. Pass, <«nr. Thral »Reprrl Nr 17.) 3.'kr 7'/. Lgr.! in , A iieb, »aßrlli Ltränßchen ,3 .,.,drg Wülli-Hauffkr'schk B»ichha«i^lnng (Josef Klemm) in Wikn. da» 8 180S. 40 kr. 8 Lgr Hanline. Lchauspirl in '» A nehr lüaissenthnrm Lchanspirlr 13 Hand Hede« nnd Ane». DenN'che« Orig »Tranerspial in 5 ss von Weidmann l77> 35 kr 7 Lgr Helzpalattn, der, nnd der Kachelofe», »der der Iahrmark z» Nantrnbrnnn. Posse mit Ges in 3 A » Fr Hovp (Är Tb.»Rep Nr 8 « 50 kr 10 Lgr Her,»», eine leichte. Posir uut Gesang in 3 A td n 7 Bildern » A Hittnrr. (Wirnrr Tbeatrr Rrprrtoir Nr 144 ) 80 kr 12 Lgr Räuberbraut, die. Posse mit Gesang und Tanz in 3 A und S Bildern von Carl Elmar Wr Tbeater-Rep Nr 101 » 35 kr 7'/^ «gr Repressalien. Schauspiel in 4 21 von Ziegler 1802 8 50 kr lO Zgr Reue versöhnt. Schauspiel in 5 A von Jssland 5t» kr 10 Sgr Reuß, Heinrich, von Plauen» oder die Belage rung von Marienburg. Trauerspiel in 5 kl von Kotzebue >810 60 kr 12 Sgr Revers» der. Orig -Lustspiel in 5 A von Jünger 1803 50 kr 10 «gr Riesenburq» Konrad von. Schauspiel mit Gesang in 4 Ä von Schuster 1806 8 40 kr 8 Sgr Rinaldo Rinaldini» der Räuberhauptmann. Schauspiel 1 Tbeil in 4 A 2 Tbeil in 3 A 3 Tbeil in 4 A von Hrn-ler 1808 8 1 st 20 kr 24 Sgr Ritter, Wilibald, »der das eiserne Gefäß. Bon Hensler. 40 kr 8 Sgr Robert» Pächter. Kölnische Oper in 1 A Frei nach Vnlvill« v Sensried 1803 15 kr 3 Sgr Robert, der braune» und das blonde Rantche». Fürstengemälde in 4 A »on Hrnslrr 8 1706 35 kr 7 Sgr Robert der Teufel. Große romantische Oper i» 5 A an» dem Franz de» Srride n Delavigne Musik von Meverdeer 8 2tr»e^ Auflage Robinson» der neue» oder das goldene Deutsch, land. Karneval«»Posse mit Gesang in 2 A s Feldmann Lustspie e 5 Band Roderich und Kunigunde, oder der Eremit vom Berge Prazzo, oder die Windmühle auf der Westseite» oder die lang verfolgte und zuletzt doch triumphirende Unschuld rc. rc. Dramatischer Gallimalbia» von Kastell» 8 1821 40 kr 8 Sgr Roman» der kurze» oder die närrische Wette. Lustspiel in 1 A, siehe Kastell» Sträußchen 1 Jahrgang (Vergriffen) Roman» der, eines armen jungen Mannes. Schauspiel in 5 Aufzügen »nd 4 Tableaur von Octavr Fevillet, bearbeitet für die deutsche Bübne von k Juin u P I Reinhard (Wr Tbeater-Rep Nr 51 » 80 kr 12 Sgr Romani» Sophie, oder was vermag ein Schurke nicht! Schauspiel in 3 A von Hensler 50 kr 10 Sgr Romeo und Julie. Trauerspiel in 5 A v Eka- krspeare Zur Darstellung im k k Hofburg- thrater eingerichtet von k A West gr 8. 184« 80 kr 18 Sgr Romeo und Julie. Quodlibet von kbarakterr mit Gesang in 2 A 1808 40 kr 8 Sgr Rosamunde. Trauerspiel in 5 A von Th Körner 8 60 kr 12 Sgr Rosamunde. Oper in 3 A Frei nach dem ranz von I R von Sensried 1810 30 kr 6 Sgr Rose» die rotke und die weiße. Historische Oper in 3 A Nach dem Franz von I F Kastell, 1810 30 kr 8 Sgr. Rosenau, Aerd. Theatralische» Allerlei für Volksbühnen 1 Band 8 182l 80 kr 18 Sgr Inhalt: Tcü«, Mond und Paaat Komische» Zauderspirl in 2 A — Justinio de: Verbannte» oder der Straßenräuber bei Olranto Schauspiel in 3 A Bolesla» oder die Zerstörung von Zunkv Schausp in 3 A Rosen,tock, der. Spill in 1 A. und in Versen von Deinbardstrin gr 12 1826 35 kr 7 Sgr. Rübezahl. Sc^usptrl in 1 A von Kotzebue 1804 25 kr 5 Sgr. Rülkfabr», die, deo Kaisers. Schauspiel in 1 A von S Veitb 8 >8« 4 20 kr 4 Sgr Russe, der» in Deutschland. Lustspiel in 4 A von Kotzebue 1807 >0 kr 10 Sgr Rutbars Abenteuer» oder die beiden Säuger. :stomant -kom Over in 3 A 1808 40 kr 8 >^gr dinliiin» tiiulio -4^1»»»» oroion z»»-r »nusio» in 2F 8 180» 35 Irr 7 8xr Sach», Hans. Dramatische» Gedicht in 4 A von Deinbardstrin 8. Wien 1820 tvrrgriffen) Salem. Lyrische Tragödie in 4 A von I F kastelli 1810 25 kr 5 kr Salioburn» Adelheid von. Trauerspiel in 3 A v Schröder «804 8 40 kr 8 Sgr Sammtrock» der. Lustspiel mit Gesang in 1 A Nack Kotzebue «8,0 25 kr 5 Sgr Lamariterinne«. Heroische Oper i« 3 A v Marin ontel 180», 25 kr 5 Sgr Samson. Oratorium Nach Milto« zu Händel» M»s,k frei übersetzt von I F von Mosel 10 kr 2 Sgr 35 kr ?'/,-gr Wallishausstr'sche Buchhandlung (Josef ^lemn») in Wikn. (Dieses Berjeichniß wird fortgesetzt.) Druck und Papier »on Leopold Eommer in Wien Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt und zu beziehen nur durch den Verfasser: Wien, Stadt, Bäckerstraße Nr. 6. Mysterien eines Jagdgewehres. Komisches ^ «Original) in einem Avhnge von Dr. Märzroth. Personen: 8«ma Leathrl«, Fabriksbesitzerin Kranz Leathel«, ihr zweiter Gatte. Berndl, Handelsagent. Gla Diener. Erste Scene. läiamer, elegant meubltrt. «echt« und links -lü« zilthsren, tm Htatergrunde eine Doppelglasthüre. ^ die man ln »inm Garten und ln dessen Tiefe aas nahe Berg» sieht.) Franz und Berndl (treten von der Sei. ^chtr rechts aas). Üranz (der die Thür hinter sich zamacht and Neilean derselbe» horchte, etwas leise aad richtig ) Endlich, lieber Berndl, kann ich ^ Wort mit 2dnen sprechen! Haben Sie keinen Brief erhalten? ^i«"ArveN»i»» M». XL Berndl (nickt mit de» Kopfe) Kranz. Warum antwotteten Sie denn nicht? Berndl. Wozu das? Sie gaben mir einen Auftrag, und ich setze voraus, daß Sie von meiner Pünktlichkeit überzeugt seien wie vom Licht der Sonne. Kranz (ftendig erregt). Sie haben also für mich das kleine Geschäftchen gemacht? Berndl (zieht seiar Brieftasche heraus und übergibt Franz eine Huadertguldenvote). Kranz. Hundert Gulden! Auf so viel bade ich nicht gerechnet! . . . Sie sind ein 2 Ehrenmann! (Er umarmt Brrndl.) Ein Anderer hätte gesagt: Die Börsenconitellation war ungünstig! und ich hätte gerade so viel — Differenz bezahlt! -r- Daran dachte ich gar nicht. Wie bin ich doch leichtsinnig! — Berndl (mit affectirter Treuherzigkeit). Berndl ist Gottlob ein ehrlicher Mann! Franz (mit Wärme). Das sind Sie! (Drückt ihm die Hand.) Sie werden mich fragen, warum ich das Ding so —heimlich betrieb und wozu ich das Geld brauche? Berndl (begierig). Wozu Sie das Geld brauchen? Wer wird so dumm fragen, wozu Einer Geld braucht? Wird Einer fragen, wozu athmestDu, wozu brauchst Du Luft? Geld ist Luft, ohne Luft lebt man nicht. Geld ist aber noch weit mehr, es ist Glück, Wissen, Macht, Ehre, und sogar (mit ver. schmitztem Blicke) — Liebe! Wer wird also fragen, wozu brauchst Du Geld? — Franz. Sie sind discret, Sie wollen in mein Geheimniß nicht dringen, aber Ihre Freundschaft für mich macht es mir gewisser, maßen zur Pflicht, Ihnen zu sagen, was mich dazu tri. b, mir Geld zu erwerben, ohne daß—meine Frau etwas davon weiß. Setzen wir uns. (tzr geht früher an die Thür und horcht, dann setzen sie sich an die entgegengesetzte Seite.) Sie werden überhaupt verwundert gewesen sein, als Sie hörten, ick habe die Witwe des reichenFabriksbesitzerS Nöller geheiratet Berndl. Ich habe es auf einer längeren Erholungsreise in Paris vernommen. Franz (vertraulich). Das Ding kam sehr einfach. Ich und Emma kannten und liebten uns schon früher. Ihre Eltern wollten aber nichts davon hören, daß sie mir, einem armen Maler, die Hand reiche. Sie hatte» im Grunde Reckt, was für eine Zukunft hat heutzutage ein Künstler? Berndl. Sie hätten Ihrer Emma höchstens eine Zukunft malen können! Franz. Nöller sah Emma, warb um sie, und sic ward seine Frau, die Frau eines der reichsten Fabriksherren. Berndl l geschäftsmäßig) Er hat mindestens 300.000 fl. hinterlaffen. Franz. DaswarfürmichNebcnsache.. . Berndl (komisch verächtlich). D Sie Schwärmer, Sic! Franz. Die Hauptsache war: Emma frei und unabhängig! Berndl (ärgerlich). Bitte sehr, daS hängt denn doch mit den 300.000 fl. ein bischen zusammen. Täuschen wir uns nicht. Franz. Ich schwöre, ich dachte nickt an daS Lumpengeld. Berndl. Herr, Sie sind...ein Künstler! Franz. Emma hatte meiner nicht vergessen, und so bin ich seit sechs Monaten ihr Mann. Berndl (skufzeud). Sie Glücklicher! Franz. Ja, ick bin glückltck, denn sie ist ein Engel, . . . aber ... Berndl (ueugirrig.) Aber. . . Franz ... eS ist in unserem Verhältnisse etwas,... was mir Unbehagen mackk. was mich drückt . . . Berndl (sichtlich schadrofroh, abrr bald vä- trrlichrS Besorgtst!» asstcttrrud). Ei, ei! Franz. Ich bin einmal für die Kunst geboren, sie ist meine Seele, sie ist mein Glück! Aber obwohl Emma mir niemals zu erkennen gab, daß sie es nicht gerne sähe, wenn ich ausschließlich mick der Staffelei zuwendete, so leitete mich doch von selbst ein gewisser Instinkt, meiner Frau, die in kurzer Zeit bei ihrem seligen Manne umfassende GeschästSkenntniß erwarb, thätig zur Seite zu stehen. Ich führe die Bücher und die Eorrespondenz . . . Berndl (heuchlerisch,. DaS ist ja ganz merkwürdig! Sie, der Künstler, der statt deS Pinsels plötzlich den Rechenstist in der Hand fühlt! DaS ist Pegasus im Joche! Franz (traurig). Fast ist eS leider so! . . . Aber das ist noch nicht Alles. Da ich. waS ich brauche, im Ueberfluffe besitze, so habe ich nicht nothwendig, Emma um ... Geld anzureden, (floster) waS ich auch unter keiner Bedingung thun würde . . . Berndl (bo-haft froh). Freilich, das ist eine fatale Situation! Man braucht doch da und dort einige Gulden, deren Berwen- 3 düng man nicht seiner Frau an das liebe Naschen zu binden gesonnen ist! Man hat doch seine kleinen Passionen. Es wundert mich nur, daß Ihre Frau daS nicht selbst einsieht! DaS will mir nicht gefallen von ihr! Sie weiß eS doch am besten, daß Sie ein feuriger junger Mann sind, und läßt Sie so ä ls. Klausner vegetiren!... (Schüttelt den Kopf.) Franz. Wüßte ich nicht, daß Sie mein und der Freund meiner Emma seien, ich müßte Sie ernstlich zurechtweisen!.... Meine Emma ist die Güte und Liebenswürdigkeit selbst!. . . Berndl. Gewiß, nur will sie nicht, daß ihr Männchen. .. Sprünge mache! (Spot, tisch.) Bleibe hübsch bei der Krippe, daS ist für den Hausfrieden gesund! Franz. Sieärgernmich, aberganz ohne ist eS nickt, waS Sie sagen. (Verdrießlich.) Es fällt ibr gar nickt ein, daß eS mich zum Beispiel treiben könnte, meine Freunde in der Residenz zu sehen, oder die Aus« stellung zu besuchen, wo jetzt ein Bild von mir (melancholisch) aus guter alter Zeit ausgestellt ist, oder (gerührt) meine alte Mutter zu umarmen, die im stillen Kämmerlein sitzt und des— glücklichen Sohnes gedenket! (Er fährt mit der Hand über die Stirn.) Berndl. Uebcrhaupt, warum sollen Sie nickt öfter auf einige Wochen in die Residenz? ES gibt dort hunderterlei Dinge, die für einen jungen Mann, besonders für einen Künstler, Interesse haben. Franz (aufathmmd). Nicht wahr, eS ist nichts Unrechtes, was ick stille wünsche? Berndl. Unrecht? Im Gegentheile. Recht haben Sie, und Ihnen geschieht Unrecht. daS ich ein schreiendes nennen würde, wenn ich nicht wüßte, daß sie auf Ihre — (boshaft) Frau Gemalin kein Fleckchen kommen lassen. Franz. Ach, sie ist so gut, so herzig! Berndl. Darum also trugen Sie mir daS heimliche Geschäft aus?! Darum sind Ihnen die hundert Gulden so willkommen! Ah! jetzt verstehe ich! (Kür sich.) Fuchs Berndl, hat ohnehin den Schwefel gerochen ! Franz (aufstehend. heiter). Nächste Woche habe ich ein paar Tage im Interesse des Geschäftes in der Residenz zu thun. Da brauche ich daS Geld. (Seht rasch au die Thüre recht-.) Emma kommt. Man soll uns nicht beisammen sehen, Sie könnte Verdacht schöpfen. Berndl. Sie haben Recht, Frauen haben Augen wie Dietriche! Sie dringen dem Manne in Herz und Nieren, und hätte er sie in einer Wertheim'schen Caffe verwahrt! (Aufstehrnd). Ick gehe einstweilen in den Garten. (Kür sich, frohlockend im Abgehea.) Er hat Geheimnisse vor ihr! DaS ist der rechte Weg. auf den ich ihn wünsche! (Lurch dir Mittelthür ab.) Zweite Scene. Franz (allem, bleibt «achdenkad stehe»). Ich wußte nie, waS ein — böses Gewissen sei! ... Jetzt kommt mir das Geld hier wie eines vor, an den» die Sünde haftet! (Ur zieht die Huadertguldeanote au- der Westentasche). Sünde? — (Entschied«».) Ja, Franz, denn Du betrügst eigentlich deine Frau, (strroge) Du hast etwas hinter ihrem Rücken vor!... Mit deiner gepriesenen Auf' richtigkcit ist eS zu Ende!.... Aber (sich beredend) — sollt' ich aufhören meine eigenen Bedürfnisse, meine eigenen Wünsche zu haben? Mein männliche-Gefühl empört sich über diese, wenn auch freiwillig einge- gangrne Abhängigkeit! (I» Lff«t auf. und abgehead.) ES sind Ketten, wenn auch vlu- menketten, aber doch immer Ketten!... (Stehen bleibead und schmollend ) Warum denkt Emma nicht selbst daran, daß ich auch meiner eigenen Individualität gerecht werde?!... Nein, eS ist nicht meine Schuld,... und waS begehe ich denn für ein Verbrechen?... (Humoristisch.) Franz, wenn Dich die Ehemänner unserer Zeit sehen würden,wie Du Dich mitsolcheu Skrupeln herum schlägst, sie würden Dich hübsch ver- 1 * 4 höhnen! — Aber hier in der Westentasche verliere ich am Ende noch das Geld, auch kann ich es in meinem Schreibtische nicht aufbewahren, Emma hat auch zudem einen (sich in die Lippen beißend) — zweiten Schlüssel. (Er steht in die linke Ecke de» Zim. mrr«. wo ein Jagdgewehr hängt.) Halt, das ist eine kühne, aber gute Idee! (Er eilt in die Ecke und nimmt da« Jagdgewehr herab.) Mein lieber Hunderter, da wanderst du hinein! Das ist für dich zwar gerade keine feuersichere Casse, aber meine Frau wenigstens kommt di, gewiß nicht in die Nähe, da sie eine Flinte um keinen Preis berührt; um so weniger diese, von der sie weiß, daß sie geladen ist. (Er rollt die Banknote behüt- sam zusammen, bi- fie in den Gewrhrlauf paßt.) Dritte Scene. Voriger, Emma (in der Thür recht« hinter Kränzen« Rücken erscheinend). Emma (hat die letzten Worte gehört und zieht sich ein bi-chen zurück). Franz (steckt die Banknote vorsichtig in den Gewehrlauf). Na, zu fest will ich dich nicht drücken, denn solche BilletS sind gar feiner Natur. (Er hängt da« Gewehr wieder an die Wand.) So! (Er tritt etwa« vor.) 3m Grunde fühle ich mich jetzt etwas — beruhigter. Emma (tritt nun vollend« rin). Franz (stk bemerkend, verlegen freundlich). Ach, Emma! (forschend.) Du suchst mich, mein Engel? Emma (sich in die Lippen beißend). Hältst Du Dich für so — unentbehrlich? Franz (sich ihr schmeichelnd nähernd und fie umschlingend). Emma, kannst Du auch — boshaft sein? Emma (-je sich pjkirt au« seinen Armen lo«- windet). Du entdeckst nachträglich gar hübsche Eigenschaften an mir! Franz (besorgt). Emma, Du bist böse! Emma (sich beherrschend und Harmlosigkeit affertirend). Warum sollte ich zürnen, doch nicht auf — Dich? (Sie sieht ihn forschend an.)! Franz (weicht ihrem Blicke au«). Emma (dir e«triumphirend bemerkt). WaS für einen Grund hätte ich. Dir zu grollen? Ist nicht mein Gedanke — dein Gedanke? Liegt deine Seele nickt klar vor mir, wie ein Spiegel?. . . (Mit Nachdruck.) Hast Du ein Geheimniß vor mir? Franz (frappirt. für sich). WaS ist daS? Emma (ihm näher tretend, mit falscher Freundlichkeit). Nicht wahr, mein guter Franz, Du hast vor deiner Frau kein Geheimniß? Franz (verlegen). Wie kommst Du darauf? Emma (ablenkend). Ach, das ist so ein Einfall, wie er uns Frauen manchmal durch unser wetterwendisches Gehirn fährt!. . .. Franz (athmet auf). Emma (dir e« bemerkt, für sich). Er glaubt sich sicher! Warte! daS Billet. das er dort so sicher Klaubt, es entgeht mir nicht! Franz. Und doch bist Du beute nicht in der besten Stimmung; sprich, was ist Dir? Emma (ausweichend). Nichts, mein Freund, ich habe mich nur mit dem Werkführcr ein bischen geärgert. Franz (auffahrend). Das soll er mir büßen! Ich will ihn gleich tüchtig zur Rede stellen. (Er N>ill fort.) Emma (hält ihn zurück). Er hat'- nickt so gemeint, ich versichere Dich. (Für sich) Da käme der arme Mensch unverdient zu einem Gewitter! Franz. Warum bist Du dann so verstimmt? Emma (nach einer Au«rede suchend). Eigentlich war eS die. . . Köchin, die mich wieder mit ihrer Widerspenstigkeit in Harnisch brachte. Franz (zornig). DaS ist nun schon zum dritten Male, daß Du Dich dieser Pfuscherin wegen aigrirst! Ick schreibe ihr sogleich ihr Zeugniß!.. Emma (ihn abennal« zurückhaltend). wird sich bessern, sie versprach mir'-. (Für sich.) Heute geschähe ihr wirklich Unrecht. Franz (aufmerksam). Aber dann, Emma, offen gestanden, begreife ich nickt... Emma (sich aus einen Stuhl letzend und die 5 Hand an die Stirnr haltend). Mir ist nicht. . . recht wohl!.... Kranz (erschreckt, und sich zu ihr setzend). Emma! Du nicht wohl, und das sagst Du erst jetzt!... Emma (mit Beziehung) Es erfaßte mich erst, als ich hier durch die Thüre eintrat. (Mit «ehmuth ) Bis dahin war ich noch ganz heiter! Franz. So plötzlich kam es? Emma. (Ihn vorwurf-voll anblickrad und mit einem Seufzer.) Wie ein Blitz aus hei> terem Himmel! Franz (zärtlich sich au fit schmitgeud). Fühlst Du irgendwo Schmerz? Emma (tiefstnllig). So eigentlich nicht. Dumpf fühl' ich'S im Kopfe und (fle legt die Hand an'- Herz) hier, (Sie firht ihn dabei traurig an.) Franz (beunruhigt). Du bist krank! Du weißt eS selbst nicht recht! Ich schicke um den Arzt .... (Hr will sich rasch erheben.) Emma (hält ihn zurück). Nicht doch . . ES wird mir schon besser. Franz (sie streichelnd). Gestehe, mein süßes Herz, wie Dir ist . . . Emma (für sich innig). Wie zärtlich er ist! (Sich in die Lippen boißead, mit Bitterkeit.) Dennoch hat er Billete zu verstecken, der Heuchler! — Franz. Emma, so sprich doch zu mir! Emma (sich fassend). Mir ist besser, eS war nur vorübergehend. (Eie erhebt sich ) F t a N z (unterstützt ste dabei). Emma (mit Kälte). 3ck danke Dir. so arg ist eS nicht. Franz (besorgt). Willst Du nichl auf dein Zimmer, um Dich ein bischen zur Ruhe zu begeben? Emma (kurz). ES ist nicht nöthig. Apropos, Franz, eS sind zwei Briefe ge kommen, die sogleich beantwortet werden müssen. Sic liegen auf deinem Tische. Franz (reicht ihr dir Hand). Adieu! Emma (sir streckt ihm etwa- zögernd dir Hand entgegen). Franz (liebevoll ihre Hand fassend). So lächle mich doch an! Emma (zwingt sich zu einem freundlichen Lächeln). Franz (drückt ihre Hand an sriue Lippen und entfernt sich rasch durch dir Thüre rechts). Vierte Scene. Emma, ohne Franz. (Sie firht ihm. in dem gezwungenen Lächeln verharrend, nach, bi- er in der Thüre verschwand, dann hält sie beide Hände vor - Gesicht und bricht in leise- Schluch» zea au-.) Er betrügt mich! (Sie wirst sich auf- Sofa, wo pe einige Sekunden mit dem Tuche vor dem Gesichte verharrt, dann erhebt sie sich stolz und die Augeu trocknend.) Nein, das Weinen Hilst nicht-, eS verhüllt nur den Blick! . . . 3ch will aber klar sehen. 3ch will dem Gespenst«, daS vor mir so plötzlich erschien, direct zu Leibe gehen. Ich will sehen, von wem daS verhängnißvolle Bil» let ist. DaS Weitere wird sich finden. (Sie nähert sich der Wand, an welcher da- Gewehr hängt, und greift energisch darnach, erschreckt aber hält sie iane.) ES ist geladen! (Hält die Hand an dir Brust.) Wie mir daS Herz pocht! .. . (Sich ermothigeud.) Lächerliche Furcht! (Sir will wieder nach de« Gewehre greif«, und hält abermal- zurück.) Es ist doch (mit komischem Verdruß) ärgerlich!... ES nützt nichts, ich getraue mich daS Ding nicht anzurühren! (Verdrießlich vortrttead. moralifiread.) DaS ist die Frucht einer albernen Erziehung, welche un-Frauen alleThatkraft, alles kühne Han» deln benimmt!.Hätte mich meine Mutter nicht reiten, fechten, jagen lassen können? . . . («eich.) Meine gute Mutter! »Gei deinem Manne ein Engel, der ihm milde zur Seite steht, aber kein wetterwil» der Genosse!« . . . Ach, sie «ar ein Sn« gel! . . . Und ich? . . . (Die sich selbst be» lauscheod, leise.) Heute isteS zum ersten Male, daß ich fühle, mir schwinden die Flügel! (Sir seufzt.) 6 Fünfte Scene. Vorige. Berndl. Berndl (durch die GlaSthüre eintretend, mit sichtlicher Befriedigung für sich). Sie ist allein! . . . (Sr tritt mit übertriebenen, geckenhaften Manieren auf Emma za.) Schöne, gnädige Frau! . . . Endlich nach langer Zeit bin ich so glücklich .. . Emma (zerstreut). Sie waren lange nicht bei uns. . . Berndl. Ihr seliger Herr Gemal lebte noch. . . Emma (tiefsinnig). Ich erinnere mich, es war in feinen letzten Stunden . . . Berndl (affectirt gerührt). Wir waren Freunde! . . . Emma (sich zwingend, ihm die Hand reichend). Sie haben doch mir Ihre Freundschaft nicht entzogen? Bern dt (ihre Hand ergreifend und diese küssend, mit lächerlichem Feuer). Ihr Freund bis in den Tod! (Seufzend.) Ach, wenn Sie wüßten! . . . Emma (thetlnehmend). Ist 3hnen etwas passirt? Berndl. Ach, sehr viel ist mir passirt! Während Ihrer Trauerzeit waren Sie bei Ihrer Schwester, und als Sie zurückkehr- ten, befand ich mich auf einer unglückseligen Vergnügungsreise in Paris. Emma (neugierig). Und in Paris . . . Bern dt. ... (vorwurfsvoll) erfuhr ich, daß Ihre—Hand wieder vergeben war! . Emma (pikiri). Dachten Sie, daß ich in s — Kloster sollte? . . . Berndl. O, wie verkennen Sie mich? Sie in'S Kloster, Sie mit allen Gaben beschenkt, um daS Leben, das volle Leben zu genießen! Emma. Nun denn, was hat Sie denn in Paris so.unangenehm berührt? Berndl (schmeichelnd). Warum fruqen Sie mich nicht um Rath? Emma (lachend). Sie waren ja nicht da? . . . Berndl. Ich hätte Ihnen einenMann recommandirt. . . Emma (boshaft). Ei, aurb in diesem Geschäfte »macken Sie?- Berndl (begeistert sortsahrend). einen Mann, der für Sie und Ihr Gesckäft gepaßt hätte, als hätte ihn der liebe Gott eigens dafür geschaffen .. . Emma. Sie macken mich neugierig!. . Wer sollte dieser Wundermensck gewesen sein? Berndl (verschämt sich verbeugend und aut sich deutend). Emma (lachend). Sie sind heute guter Laune! .... Die Geschäfte müssen gut gehen . . . Berndl (ärgerlich). Auf Ehre! Berndl spaßt nickt, wenn es sich um sein — (leiser) gefühlvolles Herz handelt! . . . Emma (kurz und kalt abbrechend). Leider ist daS Alles zu spät. — Dock sagen Sie, waS uns die Ehre verschafft. Berndl (boshaft für fich).Warte, Weibchen, ich setze Dir einen Floh in'S Ohr! (Laut.) Geschäfte mit Ihrem Herrn Gemal . . . Emma. Geschäfte, von denen ich nichts weiß?! Berndl. Bcdaure, aber Ihr Herr Genial trug mir eigens — Stillschweigen auf. Emma (sich in die Lippen beißend). Dann thun Sie Ihre Pflicht! ... Berndt. Sie sind verletzt? — Offen gesagt, Sie sind in vollem Rechte! .. . WaS braucht Ihr Gemal — Geheimnisse vor Ihnen? . .. Aber (bitter) so sind die modernen jungen Männer! Emma (auffahrend). Herr Berndl! Sic sprechen von meinem — Gemal! . . . Berndl. Es fällt mir nicht ein, etwas gegen ihn zu sagen, Gott behüte!(»«ma an- sehend, froh, für sich) Der Floh saugt schon! Emma (mit sich kämpfend, endlich mit Zurückhaltung.) Sie scheinen noch etwa- im Hinterhalte zu haben. . . 7 Berndl. Ich? . . Nicht im Gering» sten! ... Ich habe nur so meine Ansichten über junge Ehemänner, es ist (im Fräsen, tone) Einer wie der Andere! .. . Emma (zur Erde blickend, dumpf). Was ist Ihre Ansicht von den jungen Männern? Berndl (für sich). Aha, sie will mich aus- holen! (Laut ) Die jungen Männer betrachten die Ehe wie eine schwere Kette, die ihre Bewegung hemmt. Sie können sich von ihren Beziehungen zu ihrem früheren Gar^onleben nicht loSmachen. Es zieht sie immer hin zu den Freunden und alten lieben Gewohnheiten! (Mit Nachdruck.) Ging doch dieser Tage ein solcher Ehemann so weit, mich dafür zu interessiren, daß er hinter dem Rücken seiner himmlischen — Frau ein Geschäftchen mache, um mit Hilfe deS Ertrages einige Tage in der Residenz mit— seinen Freunden zubringen zu können. (Fr ficht sie scharf an.) Emma (dir ihm aufmerksam zuhörtk, und endlich leicht aufathmet, lLchelnd).Das ist Alles?! . . . (Ernst.) Aber Sie baden mich doch belehrt! ... Frauen sollen nicht egoistisch fein, und den Mann mit Stumpf und Stengel aus seiner Vergangenheit entwurzeln wollen! — (Aufrichtig ) 3ch danke, lieber Berndl, das will ich mir merken. — Berndl (ficht verwundert aus, daun mit listiger Miror, für fich). O Madame, Sie täuschen mich uicht! Gerade jetzt — beißt der Floh wütheud! . . . Emma (sich befinnrad, für sich). Aber das Billet dort! (Kür sich beflmzt.) Das Billet ändert die Sache!. . . (Lrtdraschaftlich.) Ich muß das Billet haben! (Laut zu Brrudl ) Können Sie mit Gewehren umgehen? Berndl (komisch frappirt). 2ch? ... Mit Gewehren? . . . Emma. Als ein so feiner Sportsman sind Sie doch gewiß auch ein Iagdfreund? Berndl (noch immrr verblüfft). Ein Jagd- freund? .. . Ich? . . . O freilich . . . ich bin ein verfluchter Jäger! .. . Emma. Dann thun Sir mir den Gefallen und nehmen Sic dort das Gewehr von der Wand. Berndl (sieht Emma staunend an). Emma (leicht). 3a, das Gewehr dort. Berndl (schreitet zögernd zur Wand, und greift nach dem Gewehre, sich nach Emma um« sehend). Ist <6 — geladen? Emma. Bringen Sie es nur her. Berndl (hat mit Ueberw'mdung da- Gr« wehr von der Wand genommen und tritt damit vor Emma). Aber was für eine Laune wandelt Sie an? Emma. Haben Sie die Güte, und ziehen Sie das Papier aus dem Lauf, das darin steckt. Berndl (Erschrickt und da- Gewehr rasch vor sich wegdaltend.) Sie meinen den Pfropf! . .. Heraus!? . . . Also geladen?! Emma. Nun so machen Sie, mir liegt daran! Berndl (verlegen, furchtsam). 3ch habe in diesem .. . Augenblicke ... vergessen, wie man. .. Pfröpfe kunstgerecht zieht. .. Ich war schon . .. sehr lange auf ... keiner 3agd ... Emma. Ach, das Papier steckt ja oben auf. Blicken Sie nur hinein. Berndl. In den geladenen Laus soll ich —hineinsehen? (Kür sich ) 3st die Frau verrückt? Emma (flrht vorsichtig tu den Laus). Da haben Sie eS ja, mit dem Finger ziehen Sie eS heraus ... Berndl (verblüfft). Mit dem Finger! — Mein Finger in den Lauf! (Trockaetflch deu Schweiß von der Stirne, für sich). 3ch soll Glied für Glied umkommen! Erst das Auge, jetzt der Finger! Emma (drängend). Zögern Sie nicht! Mein Mann könnte kommen, vorwärts! Bernd l (in Verzweiflung). Machen Sic aus mir, was Sic wollen, nur keinen ... Pfropfzieher! ... Denn am Ende ein (weinerlich) ein Pfropf ist eS doch! Emma (spötisch). Ich glaube gar Sie Archten sich? 8 Berndl (sich Muth machend). Ich? fürchten?. .. DaS sollen Sie gleich sehen! (tzr zieht unter komisch ängstlichen Geberden da-Papier au- dem Gewehr, aufseufzend). Da ist der ver- dämmte Pfropf!.. Wie er sich sträubte!.. Emma (bemächtigt fich mit Leidenschaft de- herau-gezogenen Papier-, da- fie entfaltet, erstaunt). Eine Hundertguldennote! Berndl (der da- Gewehr au die Wand gelehnt, tritt rasch hinzu). Hundert Gulden!?— Lassen Sie sehen, gnädige Frau, ob's eine echte Note ist. (tzr nimmt die State und steht fie genau an, herau-platzeod.) Das sind die hundert Gulden, die ich Ihrem Gemal vor einigen Minuten eingehändigt! Ich erkenne sie an diesem Kaffeefleck hier. — In die Flinte!! — Aber ist der Mann schlau! Emma (froh beruhigt, für fich). Also kein Dillet-dour?!.. Nur dieser kleine Betrug aus Sehnsucht nach seinen Freunden k... Armer Mann, warum dachte ich nicht selbst an das Bedürfniß deines warmen Herzens? ... Aber eine kleine Strafe für das Ge- heimniß schenke ich ihm doch nicht! (Sie tritt stnnend an dir Gla-thür, fich rasch umwendrnd zu Berndl.) Schnell, Herr Berndl! Da fliegt ein Rabe! Schießen Sie ihn herunter!.. Berndl (rntsetzt). Ich?!.. Wie kommen Sie mir doch heute vor?.. WaS hat mir denn der Rabe gcthan?!... Emma (zu ihm tretend, und ihn bi- zur GlaSthüre ziehend). Da hat er sich auf den Baum gesetzt! Schießen Sie! Berndl (fich energisch sträubend). Gnädige Frau! Alles, was recht ist! Aber ich bin.. mir ist jetzt gar nicht schießerlich... mein alter Kopfschmerz... Emma (drohend). Sie schießen, (kokett) wenn Sie mein Ritter sein wollen!... Berndl (blickt fie entzückt an. und tritt dann komisch entschlossen mit dem Gewehr in dm Garten hinau-). In Gottes Namen! Schießen werde ich, aber auf was, da- wissen die Götter!. . . (Er steigt über die Treppe hinab und verschwindet). Sechste Gcene. Emma, Franz und später Berndl und ein Diener. (tz- fällt hinter der Scene ein Schuß) Franz (rasch durch die Thür recht- kommend, erblickt Emma). Hörtest Du nicht soeben schießen? Emma (erkünstelt unbefangen). Ja, auch mir kam eS so vor. Franz. Wer sollte eS wagen, auf unserem Terrain ein Gewehr adzufeuern? (tzr steht nach der Waud, wo sein Gewehr hing, unruhig.) Wer nahm das Gewehr hier von der Wand? Emma (au-weichend). Hing denn hier eine-? Franz (heftig). Das beweist mir, daß Du darum weißt!.. . Machtest Du mich doch unlängst darauf aufmerksam, daß eS hier nicht paffe!-(Dringend.) Hat Jemand mit diesem Gewehr geschossen? Emma. Ich weiß von gar nicht-. Berndl (über und über mit Staub und Koth besudelt, kommt, da- Gewehr in der Hand, durch die Glasthüre). Franz. Berndl!. . .(zu Berndl eilend, lei- denschaftlich). Wer schoß mit dem Gewehr? Berndl (maulmachrrisch). Wer sonst als ich? Franz. Sie! O Sie Uuglückskind! Berndl (ängstlich lauernd). Unglückskind? — Sollt's denn noch erst kommen?! Ist's nicht genug, daß ich während deS Schusses in den Morast stolpere... (tzr steht sich von oben bi- unten an.) Oder (läßt entsetzt da- Gewehr fallen) ist da- ein — Hinterlader, und die Geschichte geht jetzt auf'S Neue lol? Franz (sehr ärgerlich). Aber wer um Alles in der Welt hieß Sie daS Gewehr in die Hand nehmen? Wie komtten Sie so unvernünftig sein, damit zu schießen? Wer gab Ihnen daS Recht, fremde- Eigenthum z» berühren? (Trauernd für ^ch.) Der Hunderter ist beim Teufel! Berndl (zürnend). Lassen Sie mich in 9 Ruhe! Mein Einfall war eS nicht. Die Frau Gemalin dort... Franz (verwundert.) Du, Emma? Ich verstehe nicht!.. . Berndl (mürrisch, sich abftaubend). Sieht sie da plötzlich einen Raben da draußen, und da hilft kein Gott, ich muß vo!en8 rol6U8 darauf schießen!... Ich bin nur froh, daß ich so weggekommen bin!. Franz (leise, aber energisch zu Brandt) Sie haben meine hundert Gulden verschossen! Sie staken im Laufe!.. Sie werden sie mir ersetzen!... Berndl (ebenso). Machen Sie sich nicht lächerlich,.... Diener (durch die Mittrlthür eintrrtrad, zu -ranz). Euer Gnaden, eS ist ein kleines Unglück paffirt. In dem Moment, als hier im Garten ein Sckuß erscholl, erhielt der Gärtnerbursche beim GlaShausc einen Streifschuß, eS ist nur leicht die Haut geritzt. Emma (zu Lrrndl). Aber der Rabe saß ja recht-, und daS GlaShauS ist weitab links!! .. Berndl (vrrjwrifrlt refignirt). Ich schoß, darauf schwöre ich, rechts! Wieso ich den Burschen links traf,, wie ich daS zu Stande brachte, darüber weiß ich keine Auskunft zu geben! (Zum Diener.) Hier, geben Sie daS dem Burschen (rr gibt ihm sein Portemonnaie) und sagen Sie ihm, ich bin unschuldig wie ein Lamm! Franz (zu Smma). Du bist, ich merk' es . schon, in genauer Kenntniß über die geheim- nißvolle Schießgeschichte! Löse mir daS Achsel! Emma (graziö» heiter). Zuerst war dein Grheimniß mit dem Jagdgewehr verbun« örn (fie reicht ihm die Hundertguldrnaote), nun aber heftet sich daS meine daran. (Eie zieht ihuao sich, innig.) Verzeihe mir, daß ick nicht immer daran gedacht, Dir deine Wünsche adzulauschen. Ich verspreche Dir, eS soll anders werden. Von heute an bringst Du >v oft es Dir gefällt, die Zeit bei deinen gründen in der Residenz zu. — Die Reisespesen natürlich kommen auf Haus- haltungsconto! Um Dir aber zu zeigen, wie mir daran liegt, deine Wünsche zu erfüllen, so bitte ich Dich, noch heute eine Jagd zu arrangiren, damit Du mich auch bet diesem Vergnügen an deiner Seite hast. — Herr Berndl, Sie sind zur Jagd geladen! Berndl (deprezirrnd). Ich? Zur Jagd? -ES geht nicht, ich erinnere mich... so eben, daß ich mit (rasch) nächstem Zug abfahren muß!. . (Er richtet fich zum Sehen.) Emma (dm Arm um Kranjm- Nacken legmd). Nicht wahr, jetzt bin ich, wie Du eS wünschtest? Franz. Aber noch verstehe ich die ganze Geschichte mit dem Schüsse nicht!.. Emma (hkitrr verschmitzt). Ich könnte einfachsagen: Das sind die — Geheimnisse des Jagdgewehre-, aber (ehrlich) ich null Dir lieber offen gestehen, daß ich Dich unfreiwillig beobachtete, als Du das Papier in den Gewehrlauf gabst, daß mich dieß — Du verzeihest meiner Schwäche — mißtrauisch machte, daß mir (mit absichtlicher Bon- homir) der gute Berndl, gottlob schließlich die Augen öffnete, indem er mich von deinem kleinen Privatgeschäfte und von den Wünschen deines Herzens in Kenntniß setzte .. . Franz(empört zu B«adl).Also Sie haben mich verrathen! Schämen Sie sich! Berndl (für fich, komisch bmnruhigt). Meine Situation wird immer netter! Emma (fich an Berndl'- Verlegenheit weidend). Du thust dem wackeren Manne unrecht! Er sprach bloß auS Thcilnahme für uns Beide, er setzte sich der Gefahr auS, mißverstanden zu werden, (mit Rachdruck)bloß. um den Keim eines Zwiespalte- zwischen mir und Dir zu ersticken! . . . Franz (versöhnt, herzlich zu Berndl). OSie edler Freund! (Reicht ihm die Hand.) Berndl (keck) Schon gut, lieber Freund! Nur keine rührenden Scenen! . . . (Mi af. sectirter Eerlengröße.) Ich that bloß meine Schuldigkeit! (Leise triumphirend zu Emma.) Die Art meiner Intervention, gnädige 10 Frau, diente nur ein bischen zum Prüfstein für Sie, Sie treten siegreich hervor. Verzeihen Sie mir? Emm a(fikht ihn überrascht an und reicht ihm dankbar die Hand). Berndl (siegesbewußt für sich). SchöneS Weibchen, mit mir kommst Du nicht auf !(Saut zu Franz>Doch da Ihnen, liebster Fr-,nid (,t. war boshaft) nun die »Ferien« bewilligt sind, so könnten Sie vielleicht die Gelegenheit benützen, und mit mir nach der Stadt fahren. Heute ist neues Ballet (dämonisch nach Smma schielend) eine neue reizende Ballerine gastirt heute zum ersten Male. Es wirdein sehr. . interessanter Abend werden . . Nach dem Theater wird sich angenehme Gesell, schaft zu einem Souper finden . . . Emma (die sich anfangs in die Lippe biß, mit vollkommener Unbefangenheit). Das trifft sich ja ganz prächtig, theurer Franz. Zögere nicht, Herrn Berndl's Antrag anzunehmen. Berndl (von Emma'S Ruhe frappirt, sie anstarrend, für sich). Sie ist einverstanden!. . . Da steht mir der Verstand stille! Franz (erfreut). Wenn es Dir recht ist, hcrzliebste Emma, so mache ich mich bereit, Freund Berndl zu begleiten. Emma. Es ist mein Wunsch, aber (zö. gernd) unter einer kleinen—Bedingung . . Franz (rasch). Und die ist? Emma (verschämt, sich an ihn schmiegend, zu ihm aufblickend, halblaut). . . . daß Du — mich mitnimmst. i Franz (sie an sich drückend). Wie I glücklich machst Du mich! Berndl (sich zuknäpfelnd, in hoch« ! sten Aerger)- Ah! Vorhang fällt. Ende. . »' -u '..7. .. 8»ss de» Theater-Berlage der Wallishaufier'scheir Buchhandlung (Joses Klemm), Wien, Stadl, Hoher Markt Nr. 1. Mädchenfrenudschaft, oder der türkische Gesandte. Lustspiel «u 1 A. von Kotzebue. 1805. 25 kr. S Lgr. Mädl, das» aus der Borstadt, oder: Ehrlich «ährt am längste». Posse in 3 8. von 2 Nestroy Gr 12 1845 75 kr. 15 Sgr. Magnetismus» der. Nachspiel in i A. v Jffland. 1810 25 kr. 5 Lgr. Majoltno» der Abenteurer. 1. Theil: Lchauspiel in 5 8. 2. Theil : Schauspiel in 3 A. 8 1802 80 kr. 18 Egr. Malers» des» Meisterstück. Lustspiel in 2 A.» s. Weiffenthura Schauspiele. Id. Band. Mann» der brave. Kom Oper in 3 8 vo« Gleich. 1808. 8. 25 kr. 5 Lgr. Mann» der eiserne. Lustspiel in 1 A. 1785. 50 kr. 10 Tgr. Mann» der gescheideste, ans der Welt. Posse mit Ges. «n 1 8. ». Johaun Gchiaau. (Wiener Theater-Rep. Nr 189 ) 35 kr. 7 Tgr. Man«, der» vo» Wort. Lchausp. ia 5 A. von Jfflaud. 1801. 80 kr. 12 Lar Man», der, von bv Jahre«. Lustsp ia 1 8 Nach dem Franzöfisch. de« Fayan, bearbeitet von Kotzebue. 1805. 25 kr. 5 Lar. Man«, ei« höflicher. Lustspiel in 3 8 , s. Feldman« Lustspiele 3. Band. Mau», et», ohne Her». Genrebild in 5 8 von Al Fr. Paaa (War. Th.-Rep. Nr. 50) 40 kr. 8 Lgr. Männerfeindin, die. Echausp. in 1 8. v Koch. 18 8. 20 kr. 4 Lgr. Männersch-nheit. Original»tsharakterbild mit Gesaug ia 3 8. von Fr. Kaiser. 8 1850. 75 kn 15 Lgr. Männerschmäche und ihre Folge», oder die Krida. Lustsp. iu 3 8 v. Hensler 40 kr. 8 Lgr. Mantel» der dreizehnte. Posse in 1 8. ». 8n»on Bittnrr. (Wr.TH.'Rep. Nr. 98) 35 kr 7V, Lgr Manuskript, da». Lustspiel ia 5 8.» s. Weiffea» thurn Schauspiele 13. Band. Mäon. Trauerspiel iu 5 8 voa H 2. ». Eollin gr. 8. 1811. 80 kr 12 Lgr. Margarethe» Königin von Eatanea. Ballet iu 3 Auf,, von Taglioui 1822. 10 kr. 2 Lgr. Marte, Tochter Karl des Kühnen. Original» Lchausp. in 4 8. »va Menaer. 1807. 8. 40 kr 8 Lgr. Mariana. Lchausp iu 5 8. Frei nach Sheridan Kuvwles, voa Lreitschke 1838. 75 kr. 15 Lar. Marillo, die beiden. Schauspiel mit Gesaug iu 3 8. von Gleich. 1808. 8. 40 kr. 8 Lgr. Marquis» der arme. Lchausp iu 2 8. v. Duma- uoir und Lafargu». Deutsch von Alerauder Bergen (Wr. Th.-Rep. Nr. 143) 50 kr 10 Lgr. Marschall, der, vo« Frankreich. Tragödie iu 4 8. von 2vhaane« Nordmann gr 8 1857. ^ 80 kr. 12 Lar. Marke für Maske. Lustspiel v Zünaer. Leipzig 50 kr 10 Lgr. Maske», die. Lchausp ia 1 8. ». Kotzebur 1803. 25 kr. 5 Lgr Mathilde» Herzogin von Lpolet». Ballet in von Astolfi. 8 1829 13 kr 2'/, Tgr. Matrose, der kleine. Oper in 1 8 8u« dem Frau,. 1806. 20 kr. 4 Lgr. Mauthner»».Lustspiele 8. 1852.1 fl 50 kr. 1 Thlr. Inhalt: Da« Preirlustspiel. Orig.-Luftspiel ia ^ — Gräfin Aurora. Hist Lustsp. iu 58. Mat, der erste, odrr her reiche Poet. Frühli«g<» gemälde ". Reil 12 geh. 1818 40 kr. 8 Lgr. Mathilde von Gntse. Oper ia 3 Auf, 1810 Maytag, der. Ländliche« Gemälde iu 4 8 von Hagemann. 1793 40 kr. 8 Lar Medea. Gin mit Musik vermischte« Drama. Munk von Benda 1808. 25 kr. 5 Lgr. Medea. Tragische Oper iu 3 8. Nach dem Frau» von Treuschke gr 8. (vergriffen.) Medea. Trauerspiel iu 5 8 von Grillparzer, s. dessen goldene« Vließ Meeres, de», und der Liebe Welle». Trauersp. iu 5 8. von Franz Grillparzer, gr. 8. 1840. 1 fl 50 kr. 1 Thlr Megera 1. Theil Zauberoper iu 3 8 ». Pennet 1818. 8. 40 kr. 8 Lgr. flehe auch Hafner gesammelte Schriften. Meina«, »nlalta, oder die Folge« der Wieder »ereinignug. Bürger!. Trauersp iu 4 8 v. Ziegler. 1807. 8. 50 kr. 10 Lgr Melone» eine reife. Schwank in 1 8. nach Banle Bernard'« ?l»tnaie »ttuedsmsot,. von K Grarser.sWr Th.-Rep Nr. 38.) 35 kr. 7'/, Lgr Melusina. Romantische Oper in 5 8 von Fr. Grillparzer Muflk von Kreutzer. 8. 1833 80 kr 16 Lgr. Mensch, der, denkt. Lebenrbild mit Gesang in 3 8bth. voa Fr. Kaiser. (Diener Tb.»Rep Nr 150 l > 80 kr. 12 Lgr Mensch, ein empfindlicher. Schwank ia 1 8 Frei nach Marc»Michel u Labiche vou M 8. Grand- jeau. 35 kr. 7'/, Tgr Mensch, ei» liebensmürdtger. Lustspiel t» 1 8 Nach dem Französ. von Mar Lteiu (Wiener Theater»Repert. Nr 173 ) 35 kr. 7V, Lgr. Mensche», gute, lieben ihre« Fürste«. Zeitstück iu 3 8 v. Heutler. 1799. 8 40 kr. 8 Lgr Mentor, der. Lustspiel iu 1 8. nach dem Fra», v. Lembert. (Wr. Th.-R Nr. 7 ) 35 kr 7'/. Egr Meropr. Deutsche« Orig »Trauersp. iu Denen u 5 8. von Weidmann. 8. 1772 . 50 kr. 10 Lgr. Michel, der dentsche, »de» Familtennnrnhe«. Zeitbild ia 5 8.» s. Feldmana Lustsp. 4. Bd. Milch, die, der Eselin. Posse mit Gesaug iu 1 8. Nach dem Frau», voa Auto» Bittaer. (Wiener Theat »Rep Nr. 84) 30 kr. 8 Gar. Milchmädchen, d«s, vo» Berry. Liagsp. iu 2 N. Nach dem Franz, voa Treischke 25 kr 5 Lgr Mtlchschmestern, die kleinen» in Petersdorf. Dolk«märchen mit Gesang ia 3 8 voa Gleich. 1808 8 40 kr. 8 Egr. Millionär, der. Lustsp. iu 4 8 von Lchildbach 1804 . 50 kr 1» Lar Millionär, ein armer. Orig »Posse mit Gesaug tu 3 8. von Tdeodor Flamm, l Wiener Theater» Repertoire Nr. 182 ) 80 kr. 12 Lgr. Mtlton. Singspiel in 1 A Nach dem Franz, von Treitschke 25 kr 5 Lgr Minnesänger, der arme. Schauspiel iu 1 8 von Kotzebue 1811 35 kr 7 Lgr. Mtranda, oder das Lcknvert der Nache. Heroi» sche Over in 3 A von Kann« 8. 1811. 35 kr. 7 Lgr. Mission, die geheime. Lustsp in 3 8 ». Graudiean (Wiener Theat »Rep Nr. 3) 35kr 7'/, Lar. Mißbrauch, der, der Gewalt. Oria »Lustspiel ,n 5 8. »ou Weidmann 1778 35 kr. 7 Lgr. Mißtrauische, der. Luft sh. iu Prosa und 5 8 . v Wridmauu. 1772. 35 kr. 7 Lgr. Wallishauffer sche Buchhandlung (Aosef Klemm) in Wim. Mtßversiäuduiß, da». Lustsp in 1 A. von I F. v. Weiffenthurn gr. 8. 1833. geh 40 kr. 8 Ggr. Mißverständnisse, kleine. Lustspiel in 1 8. Nach dem Englischen von Nler. Bergen (Wiener Theater-Repertoire Nr. 187.) 34 kr. 7'/, Sgr. Mittel, alle, gelten. Lustsp. in 1 A. nach Tcribe, von L. Julius. (Wiener Th.-Rep. Nr. IS.) 3S k-. 7'/, Ggr. Mittel, da» letzte. Lustspiel in 4 8. s. Wrisse n- thurn Gchausp. 11. Band. Mitternacht. Gingsp. in 1 A. Nach dem Französ. 18V7. SO kr 4 Sgr. Möbel-Fatalitäten. Schmauk in 1 8. v Anton Bittner. (Wr. TH.-Rep. Nr. SS.) 3» kr. 6 Sgr. Mode, die, oder die häuslichen Zwistigkeiten. Lustige« Singsp. 1771. 35 kr. 7 Sgr. Modesitten. Lustsp in 5 8 von Gevay. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Mohr, der, von Temegonda. 2Tb Or.-Schiusp. mit Ges. in 3 8. von Gleich 1805.1 st 20 Sgr. Mohrt«, die. Schauspiel in 4 8 von Ziegler. 1835. gr. 8. 50 kr 10 Sgr. Mönch und Soldat. Charakterbild mit Gesang in 3 8. von Fr. Kaiser, 8. 1850. 75 kr 15 Sgr. Mondköntgt«, die, oder die bezauberte Schneiderwerkstatt. Große komische Pantomime in 3 8 von Kee« 1806 10 kr. 2 Sgr. Moute-Chrtsto, ein neuer. Orig.-Charakterlnld in 3 8 von Fr Kaiser. (Wiener Theat.-Rep Nr 38.) 80 kr. 12 Sgr Moute-Ehrtsto, et« weiblicher. Charakterbild au« dem Pariser Lebe» in 4 Abth. und 5 A. mit Musik und Tanz von Therese Megerle (Wiener Theat.-Repert. Nr. 48.) 80 kr. 12 Sgr. Mouteuero, Schloß. Singspiel in 3 A. nach dem Franz. 1804. 35 kr. 7 Sgr. Montfaucon, Johanna von. Romant. Gemälde a. d. 13. Jahrhundert in 5 8. von Kotzebue. 8. 1800. 60 kr. 12 Sgr. Montjoye. Schauspiel in 4 8 und einem Nachsp. von Oktave Feuillet. Deutsch v. M. Saphir. (Wiener Tbeat.-Rep. Nr. 134) 80 kr. 12 Sgr. Moor, Karl. Trauersp. in 5 8. v. Fr v. Schiller. Für da« Theater in der Leopoldstadt, gr. 8. 1808. SO kr 10 Sgr. Mord, der, in der Kohlmeffergasse. Posse in 1 8 von A. Bergen (Wr. Th.-Rep. Nr. 58.) 35 kr 7'/, Sgr. Moritz, Bruder, der Sonderling. Lustsp in 3 8. von A. v. Kotzebue. 1801. SO kr. 10 Sgr. iu kxitto, Orions tru^ie» iu trs ^tti l!a» VNV8I» K eli Dottnla, ln >Iu8lvL 6i knssini 1825 35 kr. 7 Sgr. Mose» tu Egypten. Hist Schauspiel mit Gesang in 4 8 1810 40 kr. 8 Sgr. Mostadhem, oder der Fanatismus. Original- Trauersp. in 5 8. v. Weidmann. 35 kr. 7 Sgr. Mozart-Geige, die, oder der Dorfmusikant u sein Kind. Charaktergemälde in 3 8. nebst einem Vorspiele von Karl Elmar. (Wiener Th.-Rep Nr. 171.) 60 kr 12 Sgr. Müller und Lchtffmetster. Posse mit Gesang in 2 8 von Fr Kaiser. (Wr. Th.-Rep Nr 12.) 50 kr. 10 Sgr. Mündel, die. Schaust) iu 5 8. v. Jffland 1802 60 kr. 12 Sgr. Murrkopf, der gutherzige. Lustsp von Goldoni 1772. 35 kr. 7 Sgr. Muttrrdte, der Makkabäer. S. Werner Theat. 7. Band Mütter, die, oder wie soll man denn euch Mädchen erziehen? Original-Lustspiel iu 5 8. von Weidmann 1773 50 kr. 10 Sgr Mutterglück. Lustspiel in 3 8. von Dumauoir Deutsch v Dr. Hann« Hopfen (Wiener. Th.- Rep. Nr. 152) 50 kr. 10 Egr Nach dem Balle. Lustspiel in 1 8 Frei nach dem Französischen von 8 Ducqe (Wr. Th »Rep Nr. 110 ) 35 kr 7 Egr Nach Regen folgt Sonnenschein. Orig »Lustspiel in 5 Ä. 1806. 40 kr 8 Egr Nach vierzig Jahren. Lustspiel in 1 Aufz v. 8. Echol, (Wr. Th.-Rep Nr 126 ) 35 kr 7'/, Egr Nachbarschaft, die. Lustspiel in 1 8 Nach dem Franz, de« Piccard von Jffland. 35 kr. 7 Ggr Nachbarschaft, die gefährliche. Lustspiel iu 1 8 von Kotzebue 8. 1809. 35 kr. 7 Egr. Nachbarschaft, die unruhige. Oper in 2 8 von HrnSler 8 1803. 35 kr. 7 Egr. Nachschrift, die. S Holbein Dilettantenbühne s 1826. Nacht, gute, Rosa! Dramatische« Genrebild iu 1 8 von Fr Kaiser (Wr Th.-Rep Nr 141) 30 kr 8 Ggr Nachtwächter, die beiden, oder ein Spuk tu der FafchingSnacht. Posse mit Gesang und Tanz in 3 8 von Karl Haffuer und I Pfundheller (War Theater-Rep Nr 85 ) 60 kr. 12 Egr. Nachtwächter, der. Posse iu Versen und iu 1 8 von Th Körner, gr 12. Wien. Orig - Aust. 1818 25 kr. 5 Egr. Nächte, zwei» zu Dalladolid. Trauerspiel in 5 8 ». Bar. v. Zedlitz 12. 1855. 1 fl 20 kr. 24 Egr Namen» eine», will er sich mache». Lustspiel in 1 8. v. M 8. Grandjeau. (Wiener Theater- Repertoire Nr 103 ) 35 kr. 7'/, Ggr Narr, der vernünftig«, oder Keiner versieht den Ändern. Lustspiel iu 1 8 nach Patrat von Schröder. 8 1Ä)4. 25 kr. 5 Sgr Narrenbau», da». Lustsp. in 1 8. 8u« dem Franz von Schildbach. 1805. 20 kr. 4 Egr Narreuhau*» da«. Fastnacht«posse in 2 8., siehe Feldmanu Lustspiele 5. Band. Narrheit und Narrethet. Lustspiel in 18., siehe Castelli Sträußchen 4 Jahrg. (vergriffen.) Nase, eine, für 10«v Pfund. Burleske iu 1 8 v. G. Arram (Wiener Theater-Rep Nr. 120.) SS kr. 7'/. Sgr- Nase, die lange. Posse mit Gesang in 1 A. von Karl Haffner. (Wiener Theater-Rep. Nr. 108) 35 kr. 7'/, Gar Natur und Liebe im Streit. Trauerspiel t» 5 8 8. (vergriffen.) Naturmensch und Lebemann. Charakterbild mit Gesang in 3 8. ». Fr. Kaiser (Wiener Tbea- ter-Repertoire Nr 118) 80 kr. 12 Egr Nebenbuhler, die. Lustspiel in 5 8. nach Ebenda»'« »Rival«- au« dem Englischen übersetzt und zur 8ufführung eingerichtet von F. « Hanker (Dr Th -Rep Nr. 25.) SO kr. 10 Egr Nesse, der todte. Lustsp in 1 8. Nach dem Fra»' de« >I»rtz»wviIIv. 1804 35 kr 7 Ggr Negersklaven, die Histvr.-rom Gemälde in 3 8 von Kotzebue 1788. 40 kr. 8 Egr. Wallishauffer'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Nephtall, oder die Macht de-Glauben». Größt l Oncle» der, in Livree. Ttngsp. in 1 A nach dem Oper in 3 A. Nach dem Franz, bearbeitet von i Kranzös. von Treitschke. 20 kr - Sgr A R. v. Seyfried 1813. 25 kr 5 Sgr. ^ Onkel Tom. Amerikanische« Zeitgemälde mit Ges. Nen-Jernsalem. Original-Zeitbild mit Gesang in drei Acten von Fr,edr Kaiser (Wnr Theat. Rep. Nr 215 ) 80 kr. 12 Sgr Nenigkeit-krämer, der. Lustspiel mit Gesang in 2 A. 1802. 30 kr. 8 Sgr Nensonntag-kind, das. Siugfp. in 2 A. v. Perinet 1804. 8. Nicht-1 Posse mit Gesang in 3 A und Tanz in 3 Abth und §inem Vorsp nach Frau Stone'« Roman : »Onkel Tom'« Hütte- von Therese von Mrgerle. sWiener Theater- Repertoire Nr. 28.) 50 kr 10 Sgr Opferfest, da- unterbrochene. Oper von Huber io 2 A. 1803 50 kr 10 Sgr. 40 kr. 8 Sgr. Opfertod der. Schauspiel in 3 A. von Kotzebue. v. Fr. Kaiser 8. 1809. 40 kr. 8 Sgr. (Wiener Theater-Rep. Nr. 122.) 80 kr. 12 Sgr. Organe, die, de-Gedirn». Lustspiel in 3 A von Nirenretch, da-. Romantische Oper in 3 A. 1805., Kotzebue. 1807. 50 kr. 10 Sgr. 40 kr. 8 Sgr Oronook». Tranrrsp. in 5 A 1789 40 kr. 8 Sgr. Norm«. Lyrische Tragödie in 2 A, gedichtet von Orpheu-. Große Oper in 2 A. Dorr. ». Hammer. F. Romani, übersetzt von Ritter v Seyfrieds 1817. 35 kr. 7 Sgr Musik von Belliui 8. Dritte Auflage Otbello. Trauerspiel in 5 A von Sbakespearr 1854. (Dorfmristrr.) 35 kr. 7 V, Sg" Für die Darstellung im^ k. Hofburgtheater Notenschreiber, der, oder «o Menschen sind, darbt der Arme nicht. Lustsp. in 3 Ak v HenSler. 8. 25 kr. 5 Sgr November, der dreißigste. Lustspiel in 1 A.. siehe Feldmaua Lustspiele 3 Band, livrr«, le, «1» in ouutro Ftti. 1808 25 Irr 5 8str. Xurro, di Telemuoo ed Fntiop^, Friono lirieu di 6. ö»ssi. l» mluaien di stkeren- duot» 12 1824 20 icr 4 8xr Numa Pompiltu». O: er in 3 A. ». Guttenderg. 8 40 kr 8 Gar. Nar elu Stuudcheu mar er fort! Lustsp. in 1 A nach dem Franz, de« Lorraur von Th. 35 kr 7 Nymphe, die, der Dona». 1 Donauweibcheu«. von eingerichtet von C. A West. gr. 8 geh. 1840 80 kr 18 Sgr. Ottavio Plnelli. Pantim Ballet von Saineugo. (Vergriffen.) Padmana. Trauerspiel in 5 A. von F. A. Kanne. . Mit Dorr, vom Hofrath von Hammer. 1818. 35 kr. 7 Gar. Page, der kleine, oder da- Staat-gefängniß Oper in 1 A. nach dem Franz von Seyfried 25 kr 5 Sgr Page«, die, de- Herzog- von Dendome. Operette in 1 A. Nach Oieux-I»-toH dramatisirter Anekdote v. Sonnleithner 1808 20 kr. 4 Sgr ell. Pagenstretche, dir. Posse in 5 A von Kotzedue 1804 50 kr 10 Sgr Palat- und Irrenbau-. Eharakterdild mit Gesang iu 2 A von Friedr Kaiser. (Wiener Theater- Repertoire Nr 99.) 60 kr. 12 Sgr Palmer. Oper in 3 A Nach dem Frauzös de« _ , ^ Lebrüu 1805. 35 kr. 7 Sgr 80 kr. ^2 Sgr. futiciull» Oomedi» in »tü io oroan dell' »vvlxrnto 0. Ooldoui 1797. 35 kr / Sgr Pamphlet, da». Lustspiel in 1 A von Graadjean iWirner Theat.-Repert Nr. 1.) 35 kr 7'/, Sgr Papageie, dle. Lustsp. in 1 A, s. Castelli Tträup» chen 5 Jahrgang 3 A. von A von Kotzebue. 1804 50 kr. 10 Sgr. Partei-Wnth, oder die Macht de-Glanben«. Original-Schauspiel vou Ziegler, gr. 8. 1839. 80 kr. 12 Sgr Partei, eine rnbtae. Burle«kc mit Gesang t« 1 Act von I Wimmer. (War Theat. Rep. Nr 216 ) 35 kr. 7'/, Sgr. Pascha, der» nnd sein Lohn. Lustspiel iu 5 A. s. 1806 35 kr 7 Dar. Nur Sine lö-1 den Zanberspruch, oder »er ist glnikltch? Zauberpoffe mit Gesang in 3 Abth vou W. Turteltaub. gr. 12. 40 kr. 8 Sgr Nur keine Protektion. Posse mit Gesang iu 2 A von Anton Bittner < Wiener Tbrater-Rep Nr.84 ) Nur Mntter. Lustsp iu 2 A. «ach dem Französ von Alerauder Bergen, iWiener Theater-Rep Nr. 138.) 50 kr. 10 Sgr. Nur nicht reden! Dramatischer Scherz io 1 A. v S. F. Slir. (Wr.Tb -Rep. Nr. 80.) 30 kr 8 Sgr Nur solid! oder Karneval»«Abenteuer im Schlaf« Papagoy, der. Schauspiel in sergaffel. Faschiag«poffe mit Gesang uud Ta», in 1 A. von Ludwig Gottllrbr«. (Wiener Theatrr-Repertoir Nr. 64.) 35 kr 7'/, Sgr Nußbau«, der» von Deuevent, »der die Zanber- schmestera. Feenballet vou Digauo. 1830 10 kr. 2 Sgr Theil. Fortsetzung de« Heutler. 1808. 8 Over 40 kr. Skr i» 3 A von 35 kr 7'/. Sgr Oberon, König der Slfen Giesecke 1808. .... Obsthändlertn, die, de- König-. Drama tu 3 A nebst einem Vorspiele unter dem Titel: Der Wasserträger vou Pari« Nach dem Französ frei bearbeitet von Therese ». Megerle iWr. Theater-Repertoire Nr. 30.) 60 kr 12 Sgr Ortavia Trauerspiel in 5 A. »o» Kotzedue 1807. 80 kr 12 Sgr Oedip zu Colo«»-. Lyrische« Drama in 3A Au« ' dem Französischen 1802 30 kr 8 Sgr Obrim, der. Lustspiel in 5 A. von Jffland. 1808. 40 kr 8 Sgr. ^>«a. Lustsp. ,u 1 L. nach dem Frau» ». L Juliu«. (War. Theat -Rrpert Nr 17.) 35 kr 7',, Sgr Feldmann Lustspiele 2. Baad. Panline. Lustsp in 3 A nach Florian y. Schildbach 8 1805. 40 kr. 8 Sgr Panline. Schauspiel in 5 U siehe Weissenthurm Schauspiele 13. Baud Pedro »nd Ine». Deutsche« Orig »Trauerspiel in 5 A von Weidmann 1771 35 kr. 7 Sgr Pelzpalati«, der, nnd der Kachelofen, »der der Iahrmark« ,n Kantenbrnnu. Posse mit Ges in 3 A » Fr Hopp iWr Th.-Rep. Nr. 8) 50 kr. 10 Sgr. Person, eine leichte. Posse mit Gesang iu 3 Aetb. u 7 Bilder» v. A. Bittner. iWiener Theater- Repertoir Nr. 144.) 80 kr. 12 Sgr Perriitkeumacher, der, «ndder Haarknnstler. Posse in 1 A sieh« Castelli Sträußchen 13 Jahrg. WalliShauffer'sche Buchhandlung (Zosef Klemm) in Wien. Peter und Paul. Lustspiel in 3 A. flehe Castelli Sträußchen 3. Jahrgang. (Vergriffen) Peter der Große. Histor. Orig.-Lchausp in 5 A. von Weidmann. 1781. 35 kr. 7 Sgr. Petermännchen, daS. Schauspiel mit Gesang in 4 A Nach der Geistergeschichte von Spieß. Bearb. v. HenSler. 2 Thle. 1794. 80 kr. 16 Sgr. Petschaft, daS. Orig.-Schausp. in 5 A. v. Ziegler. 1800. 5V kr. 10 Sgr. Peyrouse, la. Schausp. in 2 A. von A. v. Kotzebur. 1809. 35 kr. 7 Sgr. Pfefferrösel, oder die Frankfurter-Meffe im Jahre 1LS7. Schauspiel in 5 A. von C . Birch-Pfeiffer. 1833. 1 fl. 2U Sgr. Pbasma. heroische Oper in 2 A 1800. 35 kr. 7Sgr. Phönir, der, oder die Prüfung der Herzen. Lyrische« Heft v n Weidmann 1781. 35 kr. 7 Sgr Physiognomie, eine unglückliche. Lustsp. in 3A. s. Heldmann.Lustspiele 2. Band. Pilger, der weiße. Ballet in 3 A. von Gioja. 8. 5 kr. 1 Sgr. Pilgerin» die. Lustspiel in 5 A., s. Wriffenthurn Schauspiele 12. Band kinunulione. raus. UrununstieL 8. 1894. 20 Irr. 4 szrr. Pistolen, zwei, oder erschosien und lebendig. Posse mit Gesang in^ 2 A von Fr. Kaiser. (Wnr Theat.-Repert Nr. 18.) 50 kr. 10 Sgr. Pizicht. Singspiel al» 2. Thril de« Fagottisten von Pennet (vergriffen) koUsstü, il, cli vurxos häeloclrLmm» ^ioooso koesi» cli O. Kuss!, 51us!en cli >8. msrc.L- clsote. 12 oll 1825 20 lcr. 4 sjsr Polkwttzer, Lazarus, von Rtcolsburg, oder die Landpartie na» Baden. Posse mit Gesang in 2 A. v Fr Hopp gr 8. 1849 75 kr. 15 Sgr. Polirena. Trauerspiel in 5 A von Collin 1804. 60 kr. 12 Lar. Porträt, das, der Geliebten. Lustspiel in 3 A. s Feldman» Lustspiele 1 Baud Portrait«» die beiden, oder er ist schwer zu befriedigen. Nachspiel vrn Jünger 1804 35 kr. 7 Sgr. Posse, eine, als Medizin. Orig »Posse mit Gef in 3 A. v. Fr Kaiser 8. 1850. 75 kr. 13 Sgr. Posten, zwei. Komische» Singspiel in 3 A Nach dem Franz, von Trritschke 30 kr. 6 Sgr. Posten, der vierjährige. Singspiel in 1 A von Körner gr 12. Wiener Orig »Auflage 1819 25 kr. 5 Sgr. Postillonstiefel, der lebendige. Zauberpantom in 2 A. von Fr. Kerr«. 1810. 10 kr 2 Sgr. Prei-gedicht, das. S. Holhriu Dilettantenbühne für 1826. Preislustspiel, das. Orig.-Lustspiel in 3 A. von Mautner, flehe dessen Lustspiele. Prinz, der, kommt! Lustspiel in 1 A, s. Castelli Sträußchen 8. Jahrgang. Probe«, die gefährlichen. Orig »Lustsp in 1 A von 8. Kremer. 1806. 20 kr. 4 Sgr. Prophet, der. Oper in 5 A nach dem Franz, de« Scribe von RrUstab. Musik von Meyerbeer. 8.1866 35 kr 7'/, Sgr. Proteus, der neue. Orig -Lustspiel in 4 A vrn Prozeß, der seltene. Schausp in 3 «. nach einer wahren Anekdote. 1802 50 kr-10 Sgr. — — 2 Ldeil, dramatische« Gemälde in 4 A 1809 «g fr. 12 Sgr. Prüfung der Treue, oder die Irrungen. Luflsp., in 3 A von Lafontaine 1806. 50 kr. 10 Sgr. Prüfung der Untreue. Lustspiel in 3 A. Nach dem Französischen von F. Haffaureck. 1807 25 kr. 5 Sgr Prüfung und Frauengeduld. Kamiliengemäld, in 5 A 1793. 35 kr. 7 Sgr Puls, der. Lustspiel in 2 A. von Babo. 1809 35 kr 7 Sgr Pumpernickel, Rochus. Musikalische« Quodlib, rn 3 A. von M. Stegmayer. 1811. — — die Familie-(BeideThle vergriffen » Pumphia und Kulikau. Karikatur»Over in 2 A von Perinet. 1808 8. 40 kr. 8 Sgr Puppe, die, oder die kleine Schwester der Geliebten. Lustsp in 1 A, s.baflellr Sträußchen 7. Jahrgang (vergriffen) Putzmacherin, die hübsche kleine, Lustsp. in 1 A von Kotzebue. 1805. 35 kr. 7 Sgr Purbaum. Dramat. Gedicht von F. C Scherer. gr 8 Wien 1836 1 fl. 20 Sgr Pyramus und Lkisbe. Musikalische« Duodrama 1795 15 kr. 3 Sgr. Hui pro ouo, oder der Mann, der Alles weiß Lustspiel in 1 A. von Gutreaberg. 1803 20 kr 4 Sgr Huinto k'Lbin liutiliLno llr»,n,nu »erin in 6ue ^tti cli kos»! 1811 20 kr 5 Sgr Quichotte, Don» Ritter. Nomautische komische Oper in 3 A v Hen«ler 1802 8 40 kr 8 Sgr Quichotte, Don» der ueue. Lustsp in 1 A nach dem Franlöfischeu von Alexander Bergen (Wr Theater-Repertoire Nr 72 ) 30 kr 8 Sgr Rache» die. Trauerst) in 4 A nach Koung 1795 50 kr 10 Sgr Rache für Weiberraub. Gemälde der Barbarei de« eilften Jahrhundert« in 4 A von Ziegler 1807 8 50 kr 10 Sgr Rache, die, der Diana. Anacreontische« Divertissement in 2 A v Bigano Jtal u deutsch 1807 10 kr 2 Sgr Radicalcur» die. Lustsp in 3A v I F v Wers- scnthurn gr 8 1833 60 kr 12 Sgr Rafaele. Dramatische« Gedicht in 4 Abtheilungea von Rudolph Hirsch 8 1 838 80 kr 12 Sgr Raul der Blaubart. Heroische Oper in 3 A Nach dem Französischen von D Schmidler 1804 35 kr 7 Sgr Raphael. Lustspiel in Aleraudrinern in 1 A siebe Castelli Sträußchen 4 Jahrgang Rasttag» der. Lustsp in 1 A s Castelli Sträußchen 3 Jahrgang lvergriffra) Rastelbinder» der, oder lO.OOO Guldeu. Posse mit Gesang in 3 A. von Fr Kaiser 8 1850 75 kr 15 Sgr Räuber» die, oder die schwere Wahl. Drama io 1 A von Weidmann 8 20 kr 4 Sgr Räuber, die, auf Maria Tul«, oder die Kraft des Glaubens. Gemälde a d vaterl Geschichte in 5 Handlungen von H Euao 8 mit Titelkupfer dritte Auflage 1835 80kr 18 Sgr Räuber, der, aus Rachsucht. Lustsptel in 3 A » Hen«ler 40 kr 8 Sgr 18t>8. Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Räuberbraut, die. Posse mit Gesang und Tan« in 3 A und S Bildern von Carl Clmar (Wr Theater-Rep Nr 148) 80 kr 12 Gar Räuberhöhle, die. Schausp mit Gesang in 3 A 1803 30 kr 6 Sgr Ravelli, Dittorta» der «eiblicheRinaldo. Stau» spiel in 2 A v Perinet 8 1808 »0 kr 8 Sgr Razemba» Manuela, oder die Trauringe. Posse in 1 A v Sonnleithner 16 181S 2Ü kr S Sgr Rechuung»rath, der» und seine Töchter. Lustsp in 3 A siehe Feldmann Lustspiele 4 Band Rectdiv, da». Lustspiel in 3 A Frei nach Mari- vaur von Jünger 1803 »0 kr 8 Tgr Redoute, die schwarze. Komische« Singspiel in 3 « 1807 »0 kr 8 Sgr Redouie und Rarrenbau». Schwank in 1 A und 2 Bildern von S F Stir (Wiener Theater- Repertoir Nr 113 ) 3S kr 7'^ Sgr Regen und Sonnensebelu. Lustspiel in 1 A von Leon Gozlan ^Deutsch von Aler Bergen (Wr Theater-Rep Nr 13S) 3S kr 7'/, kr Regenwurm» Elia», oder die Verlobung auf der Parforcejagd. Posse mit Gesang in 2 A von F Hopp (Wiener Tbeater» Rep Nr 21 ) 80 kr. 12 Sgr Regulu». Tragödie in S A. von Collia 1802 (vergriffen ) Rebbeik, der, oder die schuldlosen schuldbewußten. Lustsp iu 3 A von Kotzebue. 181S SO kr 10 Lgr Reise, die, na«d Amerika. Schauspiel in 1 - s Weiffentdurn Schauspiele 11 Band Reise» die, nacd der Stadt. Lustspiel in S L v Jffland 1801 80 kr 12 Sgr Reisende«, die. Orig -Lustspiel in 1 A von Pape 1788 2Skr S Sgr Rekrut» ein, non 18LS Volk«ftü. 1808 25 kr. 5 Sar Schuld, die. Trauersp von Müllner 12. Wien (vergriffen) Schuld, gleiche. Gemälde unserer Zeit tu 3 > . s Castelli Sträußchen 7. Jahrgang. Schuld, die, einer -rau. Drama ra 3 Acteu v»n E Girardtn. Deutsch von Mar Stein (Wnr.. Theat Nep Nr 181) 10 Sgr oder 50 Nkr Schulden» alte. Orig-Lebcn-bild mit Gesang und Tanz von Friedr. Kaiser (War. Theat. Rep. Nr 184 ) 80 kr 12 Sgr Schule der Alten, die. Lustsp. iu 5 A. Au« dem Kranz übers v. I F v. Mosel 1824 80 kr 18 Sgr Schule, die, der Armen, oder . Zwei Millionen Original-Charakterbild mit Ges. iu 4 A v Kr Kaiser 8. 1850 75 kr 15 Sgr. Schule, die, der -raue«. Lustsp in 5 A. vou Moliüre, frei, doch getreu übers v. Ketzebue. 1806 50 kr. 10 Sar. Schule der -reigeister. Orig.-Lustsp in 3 « von Weidmann 8 35 kr 7'/, Sgr Schulgelehrte, der. Lustsp in 2 A Nach dem Engl der Miß Cowlev 1782 50 kr 10 Sgr. Schuserl» Herr von, oder die Landpartie in d«S Krapfenwaldel. Siehe Schönstes«'- Haul- theater Schusterstöchter» die. Schauspiel iu 2 Aufzügen. 1787 50 kr 10 Sar. Schutzgeist, der. Dramatische Legend« in 8 A nebst 1 A nebst 1 Dorsp v Kotzebue. 1815. 80 kr 12 Sar Schwäbin, die. Lustsp in 1 A. (s. Castelli Sträußchen 19 Jahrgang.) (vergriffen. Schwäbin, die. Lustsp in 1 A. von I 8 E- stellt Zweite Auflage. (Wirr. Theat. Rep Nr 183 ) 7'/, Sgr 35 Nkr. Schwäger, die. Trauersp. in 5 « 1780 50kr lOGgr. Schwäger» der. Lustsp iu 5 A. Nach Goldoui 1808 50 kr 10 Sgr Sckwäger» der unterbrochene. Lustsp in 1 A Nach Lvnnav von Contessa. 1809 40kr.8Sgr Schwetzerfamilir» die. Lyrische Oper in 3 A Frei »ach dem Kran, bearbeitet v I 8 2«' stellt Fünfte Auflage 1820 40 kr 8 Sgr Wallishaufser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. (Diese« Verzeichnis wird fortgesetzt.) Druck uad Papier »an Leopold Somme, i" EbU» . Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt und nur zu beziehen durch den Verfasser. Die Einschleichkr. - 4 ^ - 0 - Schwank mit Gesang von Alois Berla Personen: Bieruigl, Hausherr Mali, seine Tochter Fritz Dorn. Künstler. Eduard Schräuferl, Mechaniker. Spinrzi, Südfrüchtrnhändler. Niegelbart, Hausmeister- Wabi, seiae Tochter. lvtude in der Hausmeisterkwohnuag. Link- und rechts Thürea, iu der Mittes ebensalls. Die Ein richtung altvätrrisch. aber wohl erhalten) --— O Erste Scene. Wabi sein hübsches Mädchen, fesch gekleidet, mit einem runden Schleierhütchen oder einem modernen Kederbarett, ein Notenheft unter dem Arm tragend, tritt durch die Mitte rin). lkntreelied. Hausmeisterstochter bin ich nur Und doch von feinem Wesen, Man kann das Wort Nobleß' mir von Der Stirn herunterlesen! Heeta-Nrpatoiu Ar. »« Mein Vater aber macht mir oft Mit seinen grob'n Manieren Recht viel Verdruß, no ja. am End' Muß man sich schon scheniren! (Sie spricht.) Tin schrecklicher Mensch mein Herr ?örv! Wann ich französisch parlir. so sagt er: »Dumme Nocken, red wie Dir der Schnabel g'wachseniS;* wann ich Klavier spiel', verlangt er, ich soll den Hof z'sammkehr'n, und wann er mich gar einen Roman lesen sieht, da schreit er: »Fährst ab mit'n G'schichtenbüchel. stopf Dir lieber die Löcher in deine Strümps!«—Ach '.(fingt): D'rum kränkt es mich oft und betrübt meinen Sinn, Daß ich — ach — a Hausmastas- tochter bloß bin! Uebrigens das Nebel vergeht, wann ich amal Heirat', da heiß ich dann net mehr Mamsell Barbara Riegelbarl, sondern Frau So oder So, aber leider is noch immer blutwenig Aussicht zum Heiraten. Den Südfrüchtenhändler Spinezi. der in unserm Haus sein Laden hat, diesen Le- moniprinzen mag i net und von dem Mechanikus Schräuferl, mein'n erklärten Liebhaber, mag wieder mein elier pdre nichts wissen. Ah es is, auf hausmeisterisch g'sprachen, a rein's G'frött! Zweite Scene. (affertirt) ersuche ich Sit, »neu den Sit meine Nähe! Spinezi. Aber Wabl — Wabi (btlndigt). Was? Wabi? Vergessen Sie nicht, daß ich eine Hausmeisters- tochter bin und daß einer solchen der Titel Fräulein gebührt. Spinezi. Entschuldigen Sie — ick Hab »nick einer Augenblicken in der seligen Augenblick versetzten, wo Sie werden sein meine Frau und — Wabi (zornig). Ich. Ihre Frau? Ich eine Madame Spinezi? Glauben Sie, darum lern ich französisch, fing' vom Blatt und spiel' Klavier nach Noten, um eines Tages die Frau eines Salamimannes zu werden? Das geschieht niemals—niemals, hören Sie — zamam! (Sie eilt in dir Skitt links ab.) Spinezi (ihr folgmd). Aber Fräul n Wabl. Babetta. Barbaraino! (Er rllt ihr nach.) Vorige. Spinezi (durchdie Mitte) -spinezi (ein ältlicher Mensch mit süßlichem «esen). Fräulein Wabl. bslla rsxsrra, ich küß'ns der Handerl! (Erdrückt ihre Hand an seine Lippen.) Wabi (ärgerlich). Sie sei n do? was wol- len's denn? Der Vater is net z'Haus! Spinezi. Ihre liebenswürdige geschätzter Sixnor ?aclre kann bleiben, wo er sein, wann nur Sie sein sen da! (Faßt ihre Hand.) Wabi. Lassen s »nein' Hand aus. das is ka verzuckerte Pomerantschenschaln, an der Sie herumschlecken können. Spinezi. Aber Fräula Wabl. ick, der die 'äringe fasselweis verkaufen und der Emmenthaler unter ein'ne 'fand oder mindestens drei Vierting gar nix herunter- schneidten. Wabi. Alleseins, ob Sie den Emmenthaler Pfund- oder zizerlweis verschleißen, das hat auf meine Gefühle keinen Einfluß. Sie sein mir amal z'wider und darum Dritte Scene. Riegelb. (rin kräftiger Mann im ArbkitS- spenser, einen Anftreicherpiasel in der Hand, tritt ein» ltntröelied. Daß i um zehn»' s'Thor spir zua, Das is so manchen Leuten z'fruak, Und doch gibt's viele Orte g'wiß. Wo noch viel früher zuag'spirt is. Zum Beispiel: Ana, der hat Freund — Wie amal bei ihm d'Noth erscheint — Wann er wo hinkummt noch so fruah, Spirt man ihm vor der Naseu zua. A Fräula, jun»und wunderschön. Der d'Männerherzen offen stehen, Die denkt, weil fie s grad so g'freut: »Mi n Heiraten laß i mir Zettl- Zehn Zahrln später aber, wie's A alte Schachtel worden is. Wie's anklopft nacher spät und fruah, Sperrt man ihr vor der Nasen zua. 3 Auf die Banknoten da thuat steh n: Man darf nur zu der Bank hingeh'n, Die löst sogleich die Notenschein Geg'n bares Silber pünktlich ein. Das lest' ein Fremder und er geht Mit einem Tausender noch spät. Zür die Bank is's Silber doch noch z'fruah, Man sperrt ihm vor der Nasen zua. Za das Zusperr'n is sehr eine kitzliche Sach. Dem Einen sperrt man zu früh zua. dem Andern wieder zu spät. Not amal der Petrus mitn Himmelsschlüssel kann in Leuten mitn Aufsperrn recht thun. viel weniger a Hausmaster in der Wienerstadt. a Hausmastersposten aber is schon das Zwiderste. was's auf der Welt geben kann. Erstens is der Hausmeister im All« gemeinen bei die Parteien g'rad so beliebt, als wie a Iud bei die Tiroler; zweitens verlangt mancher Hausherr, der Hausmeister soll die Parteien für Rösser anschauen und auf ihnen umareiten und drittens wird der Hausmeister schon weg'n a Spirrgeld ang'feindt. Man vergunnt ihm das landesübliche Spirrsexerl net und schimpft, wann er manchesmal a bisserl fest schlaft. Das is aber unrecht in einer Stadt, wo so viele Leut' auf bedeutenden Posten net dazu z'bnngen san, daß'- amal ordntli d'Aua'n aufmachen. Die Leut' wissen überhaupt net mehr, was 's thuan. Wann's 'nausg'spirrt san. da brummen's und wann's eing'spirrt san, da brummen's ebenfalls, jetzt frag' i. ob ma da den Leuten recht thun kann? Aber es is halt schon einmal net anders und man plagt sich ganz umsunst. wann man über die heutige Zeit und die heutigen Leut' viel nachdenkt. — No, wer kummt denn? — Ah, der Hausherr! Vierte Scene. Voriger. Biernigl ldurch die Nitte). Riegelb. (mmml seine Nütze ab) Wünsch gu'n Abend, Herr Hausherr! Biernigl. Na. ist er endlich einmal da? Wo war er den ganzen Tag? Riegelb. No, wo wir i denn g'west sein? Vormittags war i Nr. 79 und Hab' a Partei frisch g'weißingt. nachher war i a bissel in Wirthshaus. z'Mutag Hab' i gessen. Namittag Hab' i ana andern Partei an'n neuchen Herd auf ihre eigenen Kosten g'setzt — weil ihr der Hausherr bloß ein'n alten Schnellsiader bewilligt hat. nachher war i wieder im Wirthshaus und jetzt bin i g'rud im Begriff — Biernißl. Wieder in s Wirthshaus zu geh'n. nutz wahr? Riegelb. Gleich net. Hausherr, aber später! Biernigl. Ja. ja, an ihm habe ich schon einen Treffer gemacht. Den ganzen Tag ist er außer Haus, geht seinen Privatgeschäften nach und läßt das Haus ohne Aufsicht! Riegelb. No. fürcht'sich der Hausherr, daß uns wer's Haus davontragt? Biernigl. Dumme Rede — das Hauwird wohl Niemand stehlen, aber im Haus kann gestohlen wer'n. Riegelb. In unserm Haus? San ja lauter arme Parteien, die hab'n so wenig, daß an- dem andern nix stehl'n kann. Biernigl. Einerlei. dieDiebereien nehmen jetzt ungemein überhand, das Gesindel wagt sich sogar aufs Dach! Riegelb. No. unsre Rauchfäng' san so schlecht, daß's uns g'stohl'n wer'n kunn- ten, bevor unser's der Wind davontragt. Biernigl. Ich verbiete mir seine Bemerkungen und trage ihm ein für allemal auf. seme Geschäfte außer Haus aufzu- geben. Er ist der Wächter des Hauses, er muß ein scharfes Auge haben auf Alles, was im Hause vorgeht, und jeden Menschen, der eintritt, genau observiren, ob er nicht ein Spitzbube ist. Riegelb. Da wird's das Beste sein, i laß' kem'n Menschen herein, der sich net mit an'n Regierungepaß ausweifen kann i* 4 Bi ernigl Jetzt ist überhaupt eine gefährliche Zeit, kurz vorn Zinstag. Wenn jetzt die Parteien bestohlen werden, zal'n sie mir am Ende den Zins nicht. Riegelb. Da kann der Hausherr ganz ruhig sein. Unsere Parteien werden den Zins auf jeden Fall — schuldig bleiben! Biernigl. Sei er so gut und jage er mir keinen Schreck ein. Wenn nicht gezahlt wird — wird gepfändet. Riegelb. (beistimmend). Richtig! aut 0e8ar, aut nikil! sagt der Lateiner Biernigl. Jetzt geh' ich und noch einmal. lasse er sich's gesagt sein, wenn er nicht in Zukunft die Vorsicht selber ist, so nehme ich mir einen andern Hausmeister, ich werde ihm schon auf die Kappen gehen, er leichtfertiger Mensch! (Geht durch di, Mitte ab.) Fünfte Scene. Riegelbart (allein). Hol' Dich der Teuxel, Du kannst mir am allerersten g'stohl'n wer'n! Schaffen s Jhner an Kettenhund an. der alle Leut' in die Wadeln zwickt. Entsetzlicher Hausherr, wann i nur den amal orndlich durchprügeln könnt'. No vielleicht gelingt's mir do no amal. Sechste Scene. Voriger. Wabi. Spinezi. Wabi (au- der Seite link-). Jetzt gkben's amal an'n Fried, Sie z'widerer Ding! Spinezi. Aber Fräulein Wabl! Riegelb. No. no. was gibt's denn? Wabi. Oker pöre, schaffen Sie mir diesenzudringlichen Kästenbratervom Hals. Bis in mein Schlafkaminett hat er mich verfolgt. Riegelb. Was? soweit is er'gangen? Herr Spinezi, a so a Betragen muß ich mir als Vater dieser Wabi ausbitten! Spinezi. Aber Signor Riegelbarten. das Fräulein — Riegelb. (auffahrend). Was — Fräulein — wie können's Ihnen unterstehen, zu meiner Tochter »Fräulein- zu sagen? Wabi. Aber Vater, wie soll er denn sagen? Riegelb. Du bist für ihn und für Jedermann net mehr und net weniger als die Jungfer Wabi. Wabi. Vater, dieser Ausdruck ist zu altmodisch! Riegelb. No. sei so gut und fang' mir a neuche Mod' au! Das könnt' ich brauchen, Du bist die Jungfer Wabi und bleibst'-, bis Du den Herrn Spinezi heirat'st. Wabi. Ich soll diesen Menschen heiraten? — Ha — da müßt' mein Herz a Narr sein! Riegelb. Was? Du stemmst Dich gegen mein'n Willen? Hab' ich Dich desweg'n in's Clavierschlab'n. ins Kochen und in'n Musiverein g'schlckt? Zahl' ich destweg'n schon seit drei Jabr'n der Madam Paperl zwei Gulden monatlich fürs Französischlernen? Wabi. Aber eker pürv, sagen's doch net immer Madam Paperl, sie heißt ja Madame Perroquet! Riegelb. Ah was, Perroquet haßt auf deutsch Papagei und auf wienerisch Paperl — i als Deutscher werd' doch kam Umständ' mit der alten Französin machen? Wabi. i ärgerlich). No ja — 's is schon recht — aber daß's Sie's nur wissen, eh' ich den Spinezi Heirat, eh' geh' ich in- Wasser! Riegelb. Geh' Du nur in s Wasser, wann Dir's Wasser in s Maul laufen wird, nachher wirst schon anderst diskrir'n! Wabi (weinerlich). Aber Vater, warum san's d eno Lar so streng mit mir? Riegelb. A Hausmasta muaß streng sein; wer mich aber zu behandeln maß. der kann darauf rechnen, daß er mitunter amal a a freundlich's G sicht kriagt, zum Beispiel am Neujahrstag! 5 Wabi. Aber Sie sollten doch menschenfreundlicher sein! Riegelb. Das bin i ja eh'! Frag' zum Beispiel den Schneider im dritten Stock, dem sein Famili hat sich vorige Wochen um a klans Kind vergrößert — und i. der Hausmasta, hab's angeh'n lassen, is das leicht net menschenfreundlich? Han? Wabi. No segn's. geg'n alle Andern sein s gut — nur net gegen mich! (Schwel, chelod.) Vater, gehn's — zwingen's mich net zu der Heirat! Riegelb. No ja — Du Schmeichelkatz — wir wer'n schon seg'n! Wabi. Vater! (Küßt ihn.) Spinezi. Aber Signor Riegelbarteu, das sein wider unsre Verabredung! Riegelb. (bei Seite zu Spmeji). Nur ruhig — ma kann so a jung's Madel net über s Knia brechen — wird schon wer'n — spä- ter! (Laut.) Jetzt geh' i in s Wirthshaus — gehn's mit. Herr Spinezi? Spinezi. Za. Riegelb. So is recht, und wann d'Zungfer Wabi nit mehr Jungfer sein will, so nimm i den Schecke! und rarwatsch die Fräuler so lang durch, bis die Fräuler wieder d'Zungfer Wabi ist. Hat Sie mich verstandten? Adieu — i geh'! (Bride durch dir Mitte ab.) Siebente Scene. Wabi (allein). Gott sei Dank, sie san fort, i war schon in einer wahren Todesangst (sich unterbrechend), wieheißt denndasauffranzöfisch? —aha— in einer wahren Anginernen — in — angi agi — go — richtig Agonie heißt's, wert i mich so furcht' vor dem Spinezi. No ja — was thät denn mein Liadhaber, der Mechanikus. dazua sag'n? Der wär' im Stand und erfindet a neue Hinrichtung-- waschin für mich! Ich Hab' ihm heunt. während der Vater im Wirthshaus is, a Rendezvous versprochen. Z bin neugierig, vb er kommt. (Stellt sich zum Fenster.) Achte Scene. Vorige. Mali (durch dt« Mitte). Mali (ängstlich). Wabi, bist Du allein? Wabi. Za, der Vater is grad' in's Wirthshaus ganaen. Mali. Dem Himmel sei Dank! Wabi, Du mußt mir einen Freundschaftsdienst leisten. Wabi. Wann die Hausherrnstochter befiehlt, so muß die Hausmastastochter gehorchen! Mali. Mein Vater, der sich in neuerer Zeit so fürchtet vor Dieben, bleibt jetzt gegen seine sonstige Gewohnheit Abendzu Haus. Nun aber ist mein Geliebter, der Herr Dorn, gekommen und ich weiß nicht, wo ich mit ihm sprechen soll. Ich werd' ihn also da in Eurer Wohnung empfangen. Wabi. Jetzt geht's gut. Fräuln— das— das — geht net — weil — weil — Mali. Weil? Nun was. weil? Wabi. Weil — no, was soll ich's denn verschweigen — i Hab' auch a Herz — auch ein'n Geliebten, den ich hier empfangen macht'. Mali. Einerlei. Mein Geliebter muß. muß da herein! der hat das Vorrecht. — Wabi. Der meinige muß ebenfalls herein! Mali. Der deinige liebt nur die Tochter des Hausmeisters und die ist der Tochter des Hausherrn Rücksichten schuldig! Wabi (aufgebracht). Oomment? Mali. Du schweigst, oder ich intriguire bei meinem Vater so lang, bis er dem deinigen da- Haus verbietet! Wadi (fast wnmud). Aber das is doch schrecklich! Mali. Uebrigens brauchen wir uaS nicht im Weg zu sein! Hier (»ach sink» weisend) ist deine Kammer — (eilt »ur «u. telthür und ruft halblaut): Kommen Sie, Herr Dorn! 6 Neunte Scene. Vorige. Dorn (durch die Milte). Mali (fasit seine Hand). Nur schnell, ein paar Augenblicke will ich Ihnen Gehör geben, dann aber müssen Sie gleich fort! (Sie eilt mit Dorn link- ab.) Zehnte Scene. Wabi (allein). Wabi. No. die Hausherrnstochter a'fallt mir — die muß weiter net verliabt sein! Mir scheint, die is so verliabt als wir ich — das is doch a rechts Kreuz, daß wir Madeln gar so verliabt sein. Elfte Scene. Vorige. Schräuferl. Schräuserl (ein junger, schüchterner Mensch kommt durch die Mitte und sagt höflich): Guten Abend, Wabi! Wabi sfreudig). Der Schräuferl! Grüß Ihnen God! Setzen's Ihnen ein'n Augenblick, Sie haben ja gar kan Athem. Schräuferl. Ja ich bin immer ganz athemlos, wenn ich Sie sehe. Wabi. So, no das wird a schöne Zukunft wer'n, wann Ihnen jetzt schon der Athem ausgeht! Schräuferl. O, wenn ich Sie Heirat', dann athme ich wieder frisch auf. Wabi. Jetzt sagen Sie mir, wann wer'n Sie mich denn heiraten? Schräuferl. Sobald ich das Problem meiner neuesten Erfindung gelöst Hab'. Wabi. Ui je, daweil wer'n wir alle Zwa steinalt! Schräuferl. O nein, die Erfindung is mir schon ganz klar. Ich Hab' eine Maschin' erfunden, die für Ihren Herrn Vater 's Thor aufspertt, um ihm damit ein Präsent zu machen. Wabi. Und zum Dank dafür meine Hand zu gewinnen? O Sie guter Schräuferl, dafür soll'n Sie belohnt werden. Geben Sie mir ein Bussel! (Hält ihm dm Mund hin.) Schräuferl. Gleich, aber vorher muß ich Ihnen die Konstruktion erklär-'n. Wabi. No, so schießen's um! Schräuferl (ganz von seiner Idee eingenommen). Denken Sie sich den Hausthor- glockenHug mit dem Riegel in Verbindung, man lautet am Hausthor, der Riegel schiebt sich z'ruck, das Thor geht auf und lstolz lächelnd) man geht ganz ruhig in's Haus! Wabi (spöttisch). Sehr schön, aber was g'schieht nachher? Schräuferl. Was nachher g'schieht? Nichts! Wabi. Ich mein', wer sperrt denn nachher s'Thor zu? Schräuferl (überrascht). Zusperren? Das Thor zu—? ja, Sie hab'n Recht; offen kann's net bletb'n. (Denkt nach.) Halt, ich hab's. Die Sach' is ganz einfach. Der, der hineingeht, hat ein n Schlüssel, mit dem er — Wabi. A glei aufsperrt und auf die Art braucht man kein'n Hausmeister, aber auch Ihre Erfindung net. Mein lieber Schräuferl, ich seh's schon, mit Ihnen is's nix, bei Ihren Erfindungen kann man hin wer'n. Sie wollen damit immer den Jahrhunderten vorauseilen und kommen in der Gegenwart zu Allem z'spät. D'rum is's das Beste, ich Heirat' nach dem Willen meines Vaters den Südfrüchtenhandler Spinezi! Schräuferl (erschreckend). Aber Wabi, Engel — Licht meines Feuerz — nein — Licht meines Lebens. Sie wer'n mir dock das net anthun? Wabi. Ich muß, wann ich in dem Leben noch unter d'Hauben kommen will! 7 Schräuferl. Nein, nein; ich versprech' Ihnen zu Ihun, was Sie woll' — ich geb' das Erfinden auf, tret' als mechanischer Arbeiter in eine Fabrik, will ganz Geschäftsmensch wer'n, nur heiraten's kein Andern — (Schreit plötzlich auf:) Ha! Wabi. Was schreien's denn so? (Man hört von außen Riegelbart- Stimme:) Kummen's nur mit, Herr Spinezi! Wabi (erschreckt). Himmel, der Vater! Sie können net fort — und die Zwa da drinnen — (eilt zur Thüre link»). Fräulein Mali, mein Vater kommt! Zwölfte Scene. Voriger. Mali. Dorn (von link-). Mali. Schnell hinaus, lieber Dorn! Wabi. Nein — nein — Sie laufen ihm g'rad entgegen! Er is schon an der Thür! G'schwmd hinein in die Kammer! Herr Schräuferl, leisten's dem Herrn G'sellschast, bleiben's aber ruhig, bis wir in'n Vätern expedirt hab'n. (Schräuferl und Dorn werden von den Mädeln nach der Seite link- gedrängt.) Dreizehnte Scene. Mali. Wabi. Riegelbart und Spill ezi (durch die Mitte. Die Mädchen treten in den Hintergrund. Riegelbart und Spinezi Arm in Arm. Riegelbart ist ein wenig betrunken). Riegelb. So, da san ma! Seken's Ihnen nieder, Speci Spinezi; mir kinan - Haus a fitzen UNd trinken! (Er zieht eine Flasche Wein au- der Tasche und stellt sie auf den Tisch.) Es is sogar z'Haus besser, denn weil unser damischer Hausherr durchaus haben will, daß i auf sein alte, wind- schelche Keuschen Obacht gib, so kann i mein' Hausmastapflicht mit mein'n Haus- mastadurft am allerbesten auf die Art vereinigen! (Er setzt sich. Auf dem Tische müssen schon früher ein paar Gläser stehen, die Riegelbart vollschenkt. Sie setzen sich) Spinezi. O daß sein ser Schaden, daß wir nit länger sein geblieben an der Ortcrin. Es war eine seriösen Gesellschaft beisamm'. Der Wächter — Riegelb. A grundg'scheiterMann, man staunt nur, wann man zuhört, wie der Grundwachter von die geheimsten Plan der franzöfischen Regierung unterrichtet is! Spinezi. Und der Sustermeister sein eine tüchtiger Denker! Riegelb. Wann der Schuaster 's Maul aufmacht, so waß ma glei, warum die Eommuye bei ihren Unternehmungen allweil so viel Pech hat. Spinezi. Aber der Geilerer g'fallen mir m'te rekt! Riegelb. Ja, der Geilerer geht gern rückwärts, aber sunst is er ganz der Mann für den Moment, wann amal alle Strick reißen! Spinezi (der seit einigen Augenblicken die beiden Mädchen im Hintergründe bemerkte, welche eifrig mit einander sprechen). Herr Riegelbart, schau Sit Hill! (Weist nach dm Mädchen.) Riegelb. No was — (wendet sich um) das is ;a — meiner Six, die HauSherrns tochter, und i Hab' g'rad zuvor g'sagt, ihr Vater is damisch! (Steht auf und sagt:) Fräula Mali, g'horschamster Deana — was steht denn zu Diensten? Mali. Nichts, lieber Hausmeister. Riegelb. No, was wispeln's denn da mit der Wabi? Mali (verlegen). Ich — ich — Wabi (leise zu Mali). Lassen s mich reden! (Laut.) Lieber Vater, 's is gut, daß's z'Haus kumma san — die Fräula is in Angst — Sie glaubt, es hat sich Jemand in s Haus g'schlichen! Riejgelb. Ah, Dummheit — (verbessert sich) will i sag'n, die Angst is unnöthig! Mali. Ja. der Hausmeister sollte noch schau'n; ich war oben in der Küche und Hab' deutlich g'hört, wie Jemand auf den 8 Zehen über'n ersten Stock nach der Bodenstieg'n g'schlichen ist! Riegelb. Das war höchstens der Schneiderg'sell von Nr. 9, der auf die Köchin von Nr. 14 paßt hat! Mali (bestimmt). Hausmeister, er muß Nachsehen, es ist seine Pflicht, und wenn ermicht geht, so sag' ich es meinem Vater! Riegelb. Aber Fräul'n! Mali. Nein — nein, ich sag's dem Vater! (Sie eilt durch die Mitte ab.) Riegelb. Verflixte G'schicht — dumme Nocken übereinand — geh', Wabi. lauf ihr nach und sag', i kumm den Augenblick! Wabi. Ja, Vater, aber tummeln's Ihnen und nehmen's den Spinezi a mit! (Eilt Mali nach.) Riegelb. (der getrunken hat). Ob denn a Ruah is — kummen's, Spinezi, helfen's mir — und wann mir richti an'n Einschleicher verwischen, so mirken's Ihnen, wie man'n fangen. Das Ersteist, ihm in'n Huat bis über d'Nasen antreib'n, daß er nix steht und a net schrei n kann; das Zweite is, wir führ'n ihn da her, dabei aber hau'n man'n durch, daß er vorSchläg' gar net dazuakummt, uns Widerstand z'leisten. Alsdann vorwärts! Spinezi. Bin schon bereit! (Beide wol- lea durch die Mitte ab. Zn diesem Momente hören fir von link- ein Getöse, wie wenn etwas umgestoßrn wird, und unterdrücktes Schreien ) Spinezi. Ha! Riegelb. Was is das? Spinezi. Herr Riegelbart, ich wette, daß da drinnen auch ein Einschleicher steckt! Riegelb. Ja; wer Anderer kann's eigentli gar net sein! Spinezi. Was thuan wir denn? Riegelb. No, Wartens, die Sach' is ganz einfach! (Grht leise zur Thürr links und sperrt mit dem Schlüssel, der im Schlüssel- loch steckt, zu, dann steckt er den Schlüssel zu sich.) So, da kann Niemand 'raus! Jetzt geh'n wir auf d'Bodenstiab'n und fangen den Andern, von dem die Hausherrns- tochter g'redt hat, und nachher fort mit die Kerls auf die Polizei. Kummen's! (Beide ab durch die Mitte. Es beginnt eine leise melodramatische Musik im Orchester, die Unruhe im Hanse charakterifirend, nach einer kleinen Pause treten Mali und Wabi durch die Mitte ein t Vierzehnte Scene. Mali. Der Plan ist geglückt, die Leut' im Hause drängen alle im Finstern nach der Bodenstiag'n, wo dein Vater Nachforschungen anstellt. Jetzt muß mein Liebhaber schnell aus dem Hause! Wabi. Der meinige ebenfalls! (Sie «len zu der Thüre liakS.) Mali (die die Thüre verschlossen findet, ruft ängstlich): Himmel! Wabi. Was Habens denn? Mali. Die Thür ist zugesperrt! Wabi. Meiner Seel', und der Schlüst sel is weg! Mali (ruft). Herr Dorn, können Sie nicht aufmachen? Dorn (von innen). Nein, theuersteMali, g'rade zuvor wurde die Thüre gesperrt! Wabi. Schräuferl — Sie sein ja Mechanikus — vielleicht können Sie's Schloß aufmachen! Schräuferl (von innen). Ich hab'kemen Schlüssel! Wabi. Da hab'n mir's, jetzt kann er trotz all'n sein'n Erfindungen ka Schloß ohne Schlüssel aufmachen! Mali. Was thun wir denn jetzt? (Sie läuft rathlo- aus und ab.) Wabi (die ebenfalls hin- und herläuft). Ganz g'wiß hat mein Vater zuag'sperrt and nur darum, weil er g'merkt hat, daß wer drin is! Mali (händeringend) Was thun wir denn? Wabi (händeringend). 3 waß's net. (Man hört Geschrei von außen:) Sie haben ihn — sie haben ihn! Fünfzehnte Scene. (Die Thür in der Mitte fliegt auf. Riegelbart und Spinezi führen Birrnigl herein, dem sie den Hut über - Gesicht angetrieben haben.) Riegelb. Nur herein — du Gauner — jetzt woll'n wir amal nachschau'n, was wir für ein'n Vogel' g'fangt hab'n! (Er reißt Birrnigl den Hut vom Kopf und fährt ganz entsetzt zurück.) Ah! Spinezi (ebenfalls erschrocken). DerHaus- herr! Biernigl (der erschöpft und voll Wuth ist). Verdammte Kerls, wie könnt Ihr Euch erstechen, mich so zu tractiren? Riegelb. Herr Hausherr, verzeign's, mir hab'n Ihnen für ein'n Einschleicher g'halten! Was krabeln's denn aber im Finstern auf der Bodenstiag'n herum? Biernigl. Inspicirt Hab' ich — ob Alles sicher ist und dabei faßt man mich ab! Herr Spinezi. Sie ziehen aus — Hausmeister, er ist entlassen! (Geht wütbend hin und her.) Riegelb. Aber Herr Hausherr, neh- men's doch Vernunft an; z'erst schimpfen's, daß i z'wenib Obacht gib und jetzt giften's Ihnen, daß l z'viel Obacht geb'n Hab'! Biernigl. Spitzbuben soll er fangen, nicht mich! Riegelb. No, san's nur stad — ich Hab' außer Ihnen noch an andern Spitz« buam g'fangt. (Geht zur Thür links.) Pas« sen's nur auf! Aber ziag'ns Ihnen z'ruck, der Kerl kunnt außaschiaßen! (Schließ» aus.) Wabi > »< öe« Theater-Berlage WaMshauffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hohn Markt Nr. 1. Nephtali, oder die Macht de-Glaubend. Große j O«cle, der, in Livree. Sillgsp. in 1 8 nach de« Oper in 3 A. Nach dem Franz, bearbeitet von I. R. v. Seyfried. 1813 23 kr. 3 Sgr Nen-Jerusale«. Original-Zeitbild mit Gesang in drei Acten von Friedr Kaiser (Wnr Tbeat Rep. Nr 213 ) 80 kr. 12 Sgr Nentgkeit-kramer, der. Lustspiel mit Gesang in Französ. von Treitschke. 20 kr 4 Sgr Onkel Tom. Amerikanische« Zeitgemälde mit Sei. und Tanz in 3 Abth. und einem Dorsp. «ach Frau Stowe'« Roman: »Onkel Tom'« Hütte* von Therese von Megerlr. (Wiener Theater» Repertoire Nr. 28.) 50 kr 10 Sgr 2 A. 1802. 30 kr. 6 Sgr Opferfest, da- unterbrochene. Oper von Huber ,n Neusonntag-ktnd, daS. Singsp. in 2 A. v. Peri, 2 A. 1803. 50 kr 10 Sgr. net. 1804. 8. 40 kr. 8 Sgr. Opferlod der. Schauspiel in 3 A von Kotzebue. Nicht-! Posse mit Gesang in 3 A. ». Fr. Kaiser.! 8. 1809. 40 kr. 8 Sgr. (Wiener Thrater-Rep. Nr. 122.) 60 kr. 12 Sgr. Organe, die, de-Gehirn-. Lustspiel in 3 A von Nirenreich, da-. Romantische Oper in 3 A. 1803.1 Kotzebue. 1807. 30 kr. 10 Sgr. 40 kr. 8 Sgr. Oronooko. Trauersp. in 3 A. 1789. 40 kr. 8 Sgr. Norm». Lyrische Tragödie in 2 A., gedichtet von Orphe«-. Große Oper in 2 A Dorr. ». Hammer F. Romani, übersetzt von Ritter v. Seyfried, I 1817. 33 kr. 7 Sgr. Musik von Belliui. 8. Dritte Auflage Othello. Trauerspiel in 3 A. vou Shakespeare 1854.. (Dorfmeister.) 33 kr. 7'/, Sgr. § Für die Darstellung im^ k k Hofburgthearer Noteuschretber, der, oder «o Mensche« find, darbt der Arme nicht. Lustsp. in 3 Ak. v. Hen«ler. 8. 23 kr. 5 Sgr. November, der dreißigste. Lustspiel in 1 A. siehe Feldmann Lustspiele 3. Band. Korr«, 1«, äi k'isznro Oomsäi» in ountro ^tti. 1808 23 lcr. 5 8jsr. Korr«, äi l'elemroo sä ^niiop«, ^rion« lirie» ?o««i» äi 6. k»»»i, I» lfiusie» äi 4I«re»- ä»vt» 12. 1824. 20 lcr. 4 8gr. Numa Pomptltn«. Oxer in 3 A. v. Guttenbera 8. 40 kr. 8 Sgr. Rur ein Gtündche« war er fort! Lustsp. in 1 A. nach dem Franz, de« Loreaur vou Th. Hell. 180«. 33 kr. 7Sar. Nur Sine lö-1 de» Zaubersprnch, oder wer ist glücklich? Zauberpoffe mit Gesang in 3 Abth. von W. Turteltaub ar. 12. 4V kr. 8 Sgr. Nur keine Protektion. Posse mit Gesang in 2 A. von Anton Bittner. (Wiener Theater »Rep. Nr. 84.) «0 kr. 12 Sar. Nur Mutter. Lustsp. iu 2 A. nach dem Franzos, von Alexander Brrgeu. (Wiener Thrater»Rep. Nr. 138 ) 30 kr. 10 Sgr. Nur nicht reden! Dramatischer Scher; in 1 A. ». 8. F. Stir. (Wr.TH »Rep. Nr. 80.) 30 kr. 6 Sgr. Nur solid! oder Kar«eval-»Abenteuer im Schlossergaffel. Faschinglpvffe mit Gesang und Tanz in 1 A. vou Ludwig Gott«lebeu. (Wiener Theater-Repertoir Nr. 84.) 83 kr. 7'/, Sgr. Nußbaum, der, von Beueveut. oder die Zauberschwester«. Feenballrt vo» Digano. 1830. 10 kr. 2 Sgr. Numphe, die, der Dona«. 1 . Theil. Fortsetzung de« Donauweibchen«, von Hen«Ier. 1808. 8. 40 kr. 8 kr. Oberon, König der Glfen Oper in 3 A. von Giesrcke 1808. 33 kr 7'/, Sgr kbsthändlertn, die, de- König«. Drama in 3 A. nebst einem Vorspiele unter dem Titel: Der Wasserträger von Pari«. Nach dem Französ. frei bearbeitet von Therese v Megerle. (Wr. Theater-Repertoire Nr. 30.) 60 kr. 12 Sgr. Octavta. Trauerspiel in 5 A von Kvtzedue. 1807. 80 kr 12 Sgr. D'bip z» E,lo»og. Lyrische« Drama in 3A Au« dem Französischen 1802. 30 kr 8 Sgr. ^brtm, der. Lustspiel in 3 A. von Jffland. 18W. 40 kr 8 Sgr ^»8». Lustsp. ,u 1 A. nach dem Franz v. L. Juli»«. (»,r Theat.-Repert. Nr. 17.) 33 kr. 7'/. Sgr eiugerichtet von 8. A. West. gr. 8 geh. 1840 80 kr. 1«Sgr. Ottavio Piuelli. Pantom Ballet von Sameugo. (Vergriffen.) Padmana. Trauerspiel in 3 A. vou F. A. Kanue. Mit Dorr, vom Hofratb von Hammer. 1818. 35 kr. 7 Sgr. Page, der kleine, oder da- Staat-gefängutst Oper in 1 A. nach dem Frauz. von Seyfried. 25 kr. 3 Sgr. Pagen» die» de- Herzog- von Dendome. Operette in 1 A. Nach visux-lu-koi« dramatifirter Anekdote v. Sonnleithner. 1808. 20 kr. 4 Sgr. Pagenstreiche, die. Posse in 3 A von Kotzebue 1804. 30 kr. 10 Sgr Palai« und Jrrenhau«. Charakterbild mit Gesang iu 2 A vou Friedr. Kaiser. (Wiener Theater- Repertoire Nr. 99.) 80 kr. 12 Sgr Palmer. Oper in 3 A. Nach de« Französ de« Ledrüu 1803. 35 kr. 7 Sgr pnmel» funeiullr» Oom«äi» in tr« »tti in pro»» ä«N' »woonto 6 6oläoai 1797. 33 kr. 7 Sgr Pamphlet, da«. Lustspiel iu 1 A. von Graudjran (Wiener Theat.-Repert. Nr. 1.) 35kr.7'/>Sgr Papageie, die. Lustsp. in 1 A, s. Castelli Sträußchen 3. Jahrgang. Papaaoy, der. Schauspiel in 3 A. von A. von Kotzebue. 1804. 30 kr. 10 Sgr. Partei «Wuth, oder die Macht de-Glauben«. Original-Schauspiel vou Ziegler, gr. 8. 1839 80 kr. 12 Sgr Partei, eine ruhige. Burle«kc mit Gesang in 1 Act von I Wimmer. (Wur Theat. Rep Nr 218 ) 33 kr. 7'/. Sgr Pascha, der, und sein Sohn. Lustspiel in 3 A, s Feldman« Lustspiele 2. Baud. Pauliue. Lustsp. in 3 A. «ach Florian v. Schilddach. 8. 1803. 40 kr. 8 Sgr Paultue. Schauspiel iu 3 A. siehe Weissenthurm Schauspiele 13. Baud Pedro und Ine«. Deutsche« Orig »Trauerspiel in 5 A. vou Weidmaua 1771. 33 kr. 7 Sgr Pelzpalati», der, uud der Kachelofen, oder der Iabrmark zu Nantenbrunn. Posse mit Ges in 3 A v. Fr. Hopp (Wr Th.-Rep Nr. 6) 50 kr 10 Sgr. Person, eine leichte. Posse mit Gesang iu 3 A kh. u. 7 Bilder, v. A. Bittner. (Wieuer Theater- Repertoir Nr. 144.) 80 kr. 12 Sgr Perruckenmacher in 1 A acher, der, uud der Haarkiiustler. Posse . siehe Castelli Sträußchen 13 Jahrg WalliShausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Peter und Paul. Lustspiel in 3 A. stehe Castelli Sträußchen 3. Jahrgang. (Vergriffen.) Peter der Große. Histor Orig.-Schausp. in 5 A. von Weidmann. 1781. 35 kr. 7 Sgr. Prtermännchen, daS. Schauspiel mit Gesang in 4 A Nach der Gristergeschichte von Spieß Dearb. v. Hrn-ler. 2 Thle. 1794. 80 kr. 16 Sgr. Petschaft, da«. Orig.-Schausp. in 5 A. v. Ziegler. 1800. 50 kr. 10 Sgr. Peyrouse, la. Schausp. in 2 A. von A. v. Kotze» bue. 1809. 35 kr. 7 Sgr. Pfefferrösel, oder die Frankfurter-Messe im Jahre 1LS7. Schauspiel in 5 A. von Eh. Birch-Pfeiffer 1833. 1 fl 2« Sgr. Phasma, heroische Oper in 2 A. 1800. 35 kr. 7 Sgr. Phönix, der, oder die Prüfung der Herzen. Lyrische« Fest vsn Weidmaun. 1781 35 kr. 7 Sgr. Physiognomie, eine unglückliche. Lustsp. in 3A. s. Frldmann Lustspiele 2. Band. Pilger, der weiße. Ballet ln 3 A. von Gioja. 8. 5 kr. 1 Sgr. Ptlgerin, die. Lustspiel in 5 A., s. Weissenthurn Schauspiele 12. Band. ?immLlione 8esnn n»us ärummstie» 8. 1804. 20 lcr. 4 s^r. Pistolen, zwei, oder erschösse« und lebendig. Posse mit Gesang in 2 A. von Fr. Kaiser. (Wnr. Theat.-Repert. Nr. 18.) 50 kr. 10 Sgr Ptztcht. Singspiel als 2. Theil de« Fagottisten von Perinet (vergriffen). poriestä, il, äi kurios iCelostrnmm» ^ioooso. ?o«8l» 6. kassi, islusiea ä» 8. dlsreL- 6»nt«. 12. et» 1825. 20 lcr. 4 sstr. Polkwitzer, Lazaru«, von Ricol«burg, oder die Landpartie nach Bade«. Posse mit Gesang in 2 A. v. Fr. Hopp gr. 8. 1849 75 kr. 15 Sgr. Polixena. Trauerspiel in 5 A von Eollin. 1804. 60 kr. 12 Gar. Porträt, da«, der Geliebten. Lustspiel in 3 A. s Feldmann Lustspiele 1. Band Portrait«, die beide«, oder er ist schwer zu befriedigen. Nachspiel v n Jünger. 1804 35 kr 7 Sgr. Posse, eine, al« Medizi«. Orig.-Pvsse mit Ges. in 3 A. v. Fr. Kaiser. 8. 1850. 75 kr. 15 Sgr. Posten, zwei. Komische« Singspiel in 3 A. Nach dem Franz, von Treitschke. 30 kr. 6 Sgr. Posten» der vierjährige. Singspiel in 1 A. von Körner, gr. 12. Wiener Orig.-Auflage 1819. 25 kr. 5 Sgr. Posttllonstiefel, der lebendige. Zauderpantom. in 2 A. von Fr. Keer«. 1810. 10 kr. 2 Sgr. Prei«gedtcht, da«. S. Holbriu Dilettautrnbühne für 1826. Prei«lustspiel, da«. Orig.-Lustspiel in 3 A. von Maulner, stehe dessen Lustspiele. Prinz, der» kommt! Lustspiel in 1 A., s. Eastellt Sträußchen 6. Jahrgang. Proben, die gefährlichen. Orig.-Lustsp. in 1 A. von L. Kremer. 1808. 20 kr. 4 Sgr. Prophet, der. Oper in 5 A. uach dem Franz. de«l Sende von RrUstab. Musik von Meyerbrer! 8.1866 35kr 7'/, Sgr l Protru«, der neue. Orig-Lustspiel in 4 A. von! Linden 1808. 50krr.I Prozeß, der seltene. Schausp. in 3 A. uach einer wahren Anekdote. 1802. 50 kr. 10 Sgr — — 2 Tbeil, dramatische« Gemälde in 4 A 1809. 60 kr. 12Sar Prüfung der Treue, oder die Irrungen. Lustsp in 3 A. von Lafontaine 1808. 50 kr. 10 Sgr Prüfung der Untreue. Lustspiel in 3 A Nach dem Französische« von F. Haffaureck. 1807 25 kr. 5 Sgr Prüfung und Frauengeduld. Kamiliengemälde in 5 A. 1793. 35 kr. 7 Sgr Pul«, der. Lustspiel in 2 A. von Bado. 1809 35 kr 7 Sgr Pumpernickel, Rochu«. Musikalische« Quolidet rn 3 A. von M Stegmayer. 1811. - — dt« Familie-(BeideThle. vergriffen ) Pumphta und Kultka«. Karikatur-Oper »n 2 A .von Pennet. 1808 8 40 kr. 8 Sgr. Pappe, die, oder die kleine Schwester der Geliebten. Lustsp. in 1 A , s. Eastell» Sträußchen 7. Jahrgang (vergriffen). Putzmacherin, die hübsche kleine, Lustsp. in 1 A von Kotzedue. 1805. 35 kr. 7 Sgr Purbaum. Dramat. Gedicht von F E. Scherer. gr 8. Wien. 1836 1 fl. 20 Sgr. Pyramu« und Thi«be. Musikalische« Duodrama 1795. 15 kr. 3 Sgr. Hui pro ouo, oder der Man», der Alle« weiß. Lustspiel in 1 A. von Guttenderg. 1803 20 kr. 4 Sgr Huinto kadio liutiliLoo Oramm» »erio in clur ^tti cli stLrssi. 1811. 20 kr 5 Sgr Quichotte, Don, Ritter. Romantische komische Oper in 3A v Hrn«ler 1802 8 40 kr 8 Sgr Quichotte, Don, der neue. Lustsp in 1 A nach dem Französischen von Alexander Bergen (Wr Theater-Repertoire Nr 72 ) 30 kr 6 Sgr. Rache, die. Trauersp iu 4 A nach Aounz 1795 50 kr 10 Sgr Rache für Weiberraub. Gemälde der Barbarei de« eilftrn Jahrhundert» in 4 A von Ziegler 1807 8 50 kr 10 Sgr Rache, die, der Diana. Anacreontische« Divertissement in 2 A v Digauo Jtal u deutsch 1807 10 kr. 2 Sgr Radicalcur, die. Lustsp in 3 A v I F v Weis- senthuru gr 8. 1833 60 kr 12 Sgr Rafarle. Dramatische« Gedicht iu 4 Abthrilungrn von Rudolph Hirsch 8 1 838 60 kr 12 Sgr. Raul der Blaubart. Heroische Oper in 3 A Nach dem Französischen von D Schmidler 1804 35 kr 7 Sgr Raphael. Lustspiel in Aleraudrinern in 1 A stehe Castelli Sträußchen 4 Jahrgang , . Rasttag» der. Lustsp in 1 A s Laäelli Sträußchen 3 Jahrgang (vergriffen) Rastelbinder, der, oder 1V.VVV Gulden. Posse mit Gesang in 3 A. von Fr Kaiser 8 1850 75 kr 15 Sgr Räuber, die» oder die schwere Wahl. Drama iu 1 A von Weidmann 8 20 kr 4 Sgr Räuber» die» auf Maria Tulm, oder dir Kraft de« Glauben«. Gemälde a d vaterl Geschichte in 5 Handlungen von H Lunv 8 um Tittl- kupfer dritte Auflage 1835 80kr 18 Sgr Räuber, der, au» Rachsucht. Lustspiel in 3 A v Hen«ler 40 kr 8 Sgr Waliishaufser'sche Buchhandlung (Aosef Klemm) in Wien. Ränberbraut, die. Posse mit Gesang und Tanz in 3 A und S Bildern von Earl Elmar (Wr Theater»Rep Nr 148) 80 kr 12 Sgr Räuberhöhle» die. Gchansp mit Gesang in 3 8. 1803 30 kr 6 Sgr Ravelli, Dittoria, der weibliche Rinaldo. Schau» spiel in 2 8 v Perinet 8 1808 40 kr 8 Sgr Razemba» Manuela, oder die Trauringe. Posse in 1 8 v Sonnleithner 18 1815 25 kr 5 Sar. Rechnungsrath, der» und seine Töchter. Lustsp. in 3 A siehe Feldmann Lustspiele 4 Band Recidiv» das. Lustspiel in 3 8 Frei nach Mari» vaur von Jünger 1803 40 kr 8 Sgr Redoute, die schwarze. Komische« Singspiel in 3 A 1807 40 kr. 8 Sgr. Redoute und Rarreuhaus. Schwank in 1 8 und 2 Bildern von E F Stir (Wiener Tbeater» Repertoir Nr 113 ) 35 kr 7'/, Sgr. Regen und Sonnenschein. Lustspiel in 1 8 von Löon Gozlan Deutsch vvnAler Bergen (Wr Thrater»Rep Nr 135) 35 kr 7'/, kr. Regenwurm, Glias, oder die Verlobung auf der Parforcejagd. Posse mit Gesang in 2 8. von F Hopp (Wiener Tbrater-Rep. Nr 21 ) KO kr. 12 Sgr. Regulus. Tragödie in 5 8. von Eollin 1802. (vergriffen) Rebbock, der» oder die schuldlosen Schuldbewußten. Lustsp in 3 8 von Kotzebue. 1815. 50 kr 10 Sgr. Reise, die, nach Amerika. Schauspiel in 1 8 s. Weissenthurn Schauspiele 11 Band Reise, die, nach der Stadt. Lustspiel in 5 8 v. Jffland 1801 «0 kr. 12 Sgr. Reisenden, die. Orig »Lustspiel in 18 von Pape. 1788 25 kr 5 Sgr. Rekrut, ein, von 18LS. Volksstück mit Gesaug in 3 Abth » O F Berg (Wiener Theater» Rep Nr 54 ) 80 kr 12 Sgr Rekrutirung, die, im Krähwinkel. Burleske mit Gesang in 18 von Theodor Flamm (Wr.j Theater-Rep Nr 101 ) 35 kr 7V.Sgr Repressalien. Schauspiel in 4 8 von Ziegler. 1802 8 50 kr 10 Sgr. Reue versöhnt. Schauspiel in 5 8 von Jffland. 50 kr 10 Sgr. Reuß, Heinrich» von Plaue«, oder die Belage» rung von Marienburg. Trauerspiel in 5 8 von Kotzebue 1810 80 kr 12 Sgr. Revers, der. Orig.»Lustspiel in 5 8 von Jünger. 1803 50 kr 10 Sgr Riesenburg» Kourad vo«. Schauspiel mit Gesang in 4 8 von Schuster 1806 8 40 kr. 8 Sgr Rtnaldo Rtualdiui» der Räuberbauptman«. Schauspiel 1 Theil iu 4 8 2 Theil in 3 8 3 Tbeil in 4 8 von Henrler 1808 8 1 fl 20 kr 24 Sgr Ritter Wilibald, oder das eiserne Gefäß. Don Hen-lrr 40 kr 8 Sgr Robert, Pächter. Komische Oper iu 1 8 Frei nach Vnlvill« v Seysned 1803 15 kr 3 Sgr Robert, der braune» und das blonde Rantchen. Fürstengemälde in 4 A vor. Hensler 8. 1788. 35 kr 7 Sar. Robert der Teufel. Große romantische Oper in 5 8 au« dem Franz de« Scribeu Delavigue Musik von Meyerbeer 8 Neue Auflage 35 kr 7'/, Sgr. Robinson, der neue, oder da- goldeue Deutsch land. Karneval«»Posse mit Gesang in 2 8 s Feldmann Lustspie r 5 Band Roderich und Kunigunde, oder der Grrmtt vom Berge Prazzo, oder die Windmühle auf der Westseite, oder die lang verfolgte und zuletzt doch triumpkirende Unschuld ,c. »c. Dramatischer Gallimaibia« von Eastelli 8 1821 40 kr 8 Sgr Roman» der kurze, oder die närrische Wette. Lustspiel in 18, siehe Eastelli Sträußchen 1 Jadrgang (Vergriffen) Roman» der, eine- armen-jungen Mannes. Schauspiel in 5 Aufzügen und 4 Tableaur von Octave Feuillrt. bearbeitet für die deutsche Bühne von E Juin u P I. Reinhart (Wr. Theater-Rep Nr 51 ) 80 kr 12 Sgr Romani» Sophie» oder was vermag «iu Schurke nicht! Schauspiel iu 3 8 von Hen«ler. 50 kr 10 Sgr Romeo und Julie. Trauerspiel in 5 8 v Sha» kespeare Zur Darstellung im k k Hofburg» theater eingerichtet von E 8 West gr 8 1841 80 kr 18 Sgr Romeo und Julie. Quodlibet von Ebarakteren mit Gesang iu 2 8 1808 40 kr 8 Sgr. Rosamuude. Trauerspiel in 5 8 von Th Körner 8 80 kr 12 Sgr Rosamuude. Oper iu 3 8 Frei nach dem Franz von I R von Sevfried 1810 30 kr 8 Sgr Rose» die rotke und die weiße. Historische Oper in 3 8 Nach dem Franz von I. F Eastelli 18l0 30 kr 8 Sgr. Rosenau, Ferd. Theatralische« Allerlei für Volk»» bühnen 1 Baud 8 1821 80 kr 18 Sgr Inhalt: Seil«, Mond und Paaat Komische- Aaubrrspiel tu 2 8 — Justinio der Verbannte, oder der Straßenränder bei Otrauto Schauspiel iu 3 8. — Boletla« oder die Zerstörung von Zunkv Gchausp in 3 8 Roseustock, der. Spiel iu 1 A. und in Versen von Deinhardstsiu gr 12 1828 35 kr 7 Sgr. Rübezahl. Schauspiel in 1 8 von Kotzebue 1804 25 kr 5 Sgr. Rückfahrt, die, de- Kaiser-. Schauspiel in 1 8 von G Deith 8 1814 20 kr 4 Sgr Russe» der, i« Deutschland. Lustspiel iu 4 8 von Kotzebue 1807 50 kr 10 Sgr Ruthar- Abenteuer, oder die beide» Sänger. Romani »kom. Oper in 3 8 1808 40 kr 8 Sgr Snbino, Oiulio Prione «roiv» psr musio» >n 2 > 8. 1805 35 lcr. 7 8xr Sachs» Hans. Dramatische« Gedicht iu 4 8 von Drinhardstein 8. Wien 1829 (vergriffen). Salem. Lyrische Tragödie in 4 8 von I F Eastelli 1810 25 kr 5 kr Salisbury, Adelheid von. Trauerspiel iu 3 8 v. Schröder 1804 8 40 kr 8 Sgr. Sammtrock, der. Lustspiel mit Gesang in 1 8 Nach Kotzebue 1810 25 kr 5 Sgr Samariterinnen. Heroische Oper i« 3 8 v Mar» montel 1806 25 kr 5 Sgr Samson. Oratorium Nach Miltva zu Händel'« Musik frei übersetzt von I F von Mosel 10 kr 2 Sgr Wallishauffer'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Band tu dt« Auge». Lustspiel in 2 A Nach dem Französischen von Alexander Bergen (Wiener Theater-Rep Nr 131) 50 kr 10 Gar. Sappho. Trauerspiel in 5 A von Franz Grillparzer. 1858 Vierte Auflage gr 8 1 fl 50 kr 1 Tblr. Saul, König in Israel. Melodrama in 3 A. Alldem Französischen von I R von Seyfried. 1811 2. Auflage 40 kr 8Sgr. Savoyarden, die zwei. Singspiel in 1 A von Perinrt 8. 1792. 35 kr 7 Sgr. Savoyarden» die beiden. Singspiel v Gchmieder. 8 20 kr 4 Sgr. Scham, die falsche. Echausp in 4'A v. Kotzebue 1803 25 kr 5 Sgr Schatz, der. Lustspiel in 2 A v S Leffing. 1771. 25 kr. 5 Sgr. Schatzgräber, der. Komische Oper in 1 A Frei nach demFranzösischen».Seyfried 1803 25 kr 5Sgr. Schatzgräber, der glückliche. Komische- Singspiel in 1 A von Weidmann 20 kr 4 Sgr. Schauspieler, der. Lustsp in 3 Auf, v. Marine! lt. (Vergriffen.) Schauspieler, der, wider Wille«. Lustspiel in 1 A von Kotzrbue. 1810 25 kr 5 Sgr. Schauspieler-, des, letzte Rolle. Posse mit Ges in 3A v Fr Kaiser 8 1851 75 kr 15 Sgr. Schauspielerin, der» letzte Rolle. Siehe, «in Traum — kein Traum Schauspielert», die. Lustspiel in 3 A, s. Castelli Sträußchen 2 Jahrgang. (verariffen). Scheidewand, die. Singspiel in 1 A. Nach dem Kranz, von I. F Castelli. 1804 20 kr 4 Sgr Scheidewand, die. Lustspiel in 1 A, s. Castelli Sträußchen 18 Jahrgang Scheinverbreche». Schauspiel in 5 A 1794. 50 kr 10 Sgr. Scheiuverdienst. Schauspiel in 5 A von Jffland. 8 1801 50 kr 10 Sgr. Scherz und Ernst. Spiel in Versen von Stoll 1803. 35 kr 7 Sgr. Scherz» List und Rache. Singspiel in 2 A von Göthr Musik von Winter 1800 35 kr 7 Sgr. SchtcksalS-Druder, die. Lustspiel in 4 « , s Feldmann Lustspiele 8 Band Schtffbruch» der, oder die Erbe«. Lustspiel in 1 A 1799 35 kr 7 Sgr. Schlacht, die, bet Fehrbellt«. Schauspiel in 5A von Kleist 1822 80 kr 12 Sgr. Schlangenfest, da-, in Taugor». Heroisch-kom Oper in 2 I ' " . Müller 1797 35 kr 7 Sgr Schlenzbeim, General, «nd seine Familie. Schauspiel in 4 A von Spieß, umgrarbeitet von Plümtke und Brömel 50 kr 10 Sgr Schmuck, der. Lustspiel in 5 Aufzügen 1779 Schmuck-Kästchen» da-, oder der Weg zum Herzen. Schauspiel in Schönstei«, G.» das Privat- und Haustheater 2 Thle in 1 Bd. Neue Aulgabe. 1851 35 kr. 7'/, Sgr Inhalt: Da- unterbrochene Duell — Der Bürgermeister — Tinen Spaß will sie sich machen — Herr von Schuserl, oder di« Landpartie in'» Krapkenwaldel. Schöpfung, die. Oratorium in drei Abteilungen. Musik von Joseph Handn 15 kr. 3 Sgr. Schornsteinfeger, der. Orig -Lustsp in 3 Acten von Hensler 35 kr 7'/, Sgr Schreiner, der. Origin.-Siagsp in 2 Acten 1799 20 kr. 4 Sgr Schreiner, der, Tingsp. in 1 Act. Nach de« Lftsp. gleich Namen« v A v Kotzebue. 8 1803 25 kr 5 Sgr Schritt, der erste. Lustsp in 4 A. f Weiffeu- tburn Schausp 14 Band Schubkarn, der, de- Esstghäudler-. Lustsp. in 3 A. 1803. 50 kr 10 Sgr. Schuhe, die pücefarbeneu, oder die schöne Tchu« sterin. Kom Singsp. in 2 A. 1808 25 kr. 5 Sgr Schuld, die. Trauersp. von Müllnev. 12. W»en (vergriffen). Schuld, gleiche. Gemälde unserer Zeit in 3 A, s Castelli Sträußchen. 7. Jahrgang. Schuld, die, einer Frau. Drama in 3 Acten v»n G Girardin. Deutsch von Mar Stein (Wnr. Theat. Rep. Nr 161) 50 Nkr. 10 Sgr Schulde«, alt«. Orig-Lebeu-bild mit Gesang und Tanz von Friedr. Kaiser (Wnr. Theat. Rep. Nr 184.) 60 kr 12 Sgr. Schule der Alte«, die. Lustsp iu 5 A. Au» dem Franz übers v. I F v. Mosel 1824 80 kr 18 Sgr Schule» die, der Arme«, oder: Zwei Millionen. Original-Cbarakterbild mit Grs. in 4 A. v Fr Kaiser 8. 1850. 75 kr 15 Sgr Schule, die, der Frauen. Lustsp iu 5 A. von Moliöre. frei, doch getreu übers, v Kotzebue 1808 50 kr. 10 Gar. Schule der Freigeister. Orig.-Lustsp in 3 A von Weidmann 8 35 kr 7'/, Sgr. Schulgelehrte, der. Lustsp. in 2 A Nach dem Tngl der Mi« Cowley 1782 50 kr 10 Sgr. Schuserl, Herr von, oder die Landpartie tu da» Krapfenwaldel. Sieht Schönstem'- Hau-» theater von Hen-lrr Musik v. Wenzel. Schuster-tächter, die. Schauspiel in 2 Aufzügen ' " 1787 50 kr 10 Sgr. Schutzgetst, der. Dramatische Legende in 8 A nebst 1 A. nebst 1 Vorsp » Kotzebue. 1815 80 kr 12 Sar. Schwäbin, die. Lustsp in 1 A (s. Castelli Sträußchen 19 Jahrgang) (vergriffen) 4 A. von Kotzebue 1808 Schwäbin, di«. Lustsp in 1 A. von I. F. Ca» 60 kr 12 Sgr l stellt Zweite Auflage. (War Tdrat. Rep Schneider, der, al- Raturdlchter» oder der Herr ! Nr 183) 7'/, Sgr 55 Nkr Detter a«S Steiermark. Posse mit Gesang Schwäger, die. Trauersp. in 5 A 1780 50kr lOSgr. m 2A v Fr Kaiser 8 1851 75 kr 15 Sgr Schwätzer, der. Lustsp iu 5 A. Nach Goldom. Schneider, der, uud sei« Sohn, oder Mittel 1808 50 kr 10 Sgr gegen Herzweh. Lustspiel in 5 A Nach Mor» Schwätzer» der unterbrochene. Lustsp in 1 « ton 1835 8 60 kr 12 Sgr s Nach Lonnay von Contessa 1809 40 kr. 8 Sgr Schnetderfamtlie, eine arme. Traumgemäldr mit. Schwetzerfamilie, dir. Lyrische Oper in 3 « Ges, Tanz u Tableaur in 3 A v I Böhm Frei nach dem Franz bearbeitet v. I F Ta- (WienerTheater-RepertoirrNr4 ) 40kr 8Ggr.I stellt Fünfte Auflage. 1820. 40 kr 8 Sgr. Wallishauffer'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Kchwesterliebr. Lustsp in 1 Act. Nach dem Aug- lischeu von Alerander Bergen (Wr Thrak Rep Nr 133.) 7'/, Dar oder ZS Nkr Tchwrster», die» von Prag. Singsp in 2 A. nach Hafner von 2 Prriner. Zweite Aust lagt ar. 8 1841 KV kr 12 Egr Tckavi». die» Orig»Schäusp in 1 A. von Waiden ZS kr. 7'/, Sgr. Srkavi», die» iu Lurinam. Schausp. in s A von Krattrr. 18VS SS kr. 7'/, Sgr. Telavin, die, uud der großmütblge Teefahrer. Krm Singsp. 1781 1782 SO kr 10 Sgr. Leu«, Mond und Pagat. Komische« Zaubrrspirl in 2 A. von F. Rosenau 8 1821.40 kr 8 Lgr. — da«selbe. s. Rosenau Tbratralische« Allerlei Trcretäre» di« beide«. Lustsp. in 1 A v. Anten Bittuer (Wnr Tbeat. Rep Nr. ISS.) SS kr 7 V. Lgr. Lrelenadel, Schausp. in 2 A von I Lach«. 180S 2.', kr S S-r. Leelenwanderuug» die, oder der Schauspieler wider Willen auf eine andere Manier, schwank in 1 A von Kotzrbur. 1810. SS kr 7'/, Sgr. Seeräuber, dir. T auersp iu S A v. A. v Hon» wald. 8. Leipzig 1831. 2 fl 1 Tblr. 10 Sgr. Telbstbeherrschung, dir Schausp. iuSA ». Jffland 1810 SO kr. 1V Egr. Selbstmord, der, oder der unglü«kltche L»tt»spie- ler. Drama in 1 A v Weidmann 2V kr. 4 Sgr. Trlim» Prinz von Algier. Trauersp in S A. von Jünger 8. 1804 . 40 kr 8 Sgr. ^einieamlv». stlolotlrnminu trnstieo io 6u« Xtti siel 8izrr kosni I»» hluoie» äol 8io^r. Konsiai. 12. 182S ZS kr. 7'/, Sgr. Lemirami«, die »eue. Heroisch-kom Travestie- Oper in 3 A von Periuet 180S. 8. 40 kr 8 Egr Lrrvu«, Herr Ttutzerll Posse in 1 A. von Varl Iuiu und Loui« Flerr (Die Grundidee nach rem Französischen . Kon )our, stlovoisur ?»n- tuloo) (Wiener Theater - Rep. Nr 2x) Zweite Auflage. ZS kr 7'/, Egr. reueri» vou Iaro»zv»«ki, oder: Der Blaumantel vom Lrattuerkof. Genrebild mit Gesang und Tau; iu 4 Acten («l« Eeitrastück ;u »Theres« Krone«»), von Varl Haffuer und I Pfuudhrllrr 12 Lgr 80 Nkr. Dhakspear« al« Liebhaber. Lnftsp. in 1 A. s. Knrläuder Almaaach 8 Jahrgang Lhawl, der. Lustsp in 1 * vou K.tzebue 181S. . SS kr. 7'/, Egr. «i», der. Luflsp. in 1 A. s. Castelli Sträußchen S. Jahrgang. E'e hilft sich selbst, Lustsp in 4 «. s. Weiffea- thuru Schausp IS. Bd. «i» sinh zu Hause. Lustsp. iu 1 > Nach De- sangier« bearbeitet 1808 2S kr S Egr. Singspiel, da«. Singsp. i» 1 A Nach dem Franz von Treitschke 20 kr. 4 Egr. Singspiel, da«, am Tenstrr. Kom. Oper iu 1 A. Nach dem Franz, v. Treitschke. 20 kr 4 Egr. — da«, auf dem Dache. Kom. Oper iu 1 A. Nach dem Kranz ». Treischke 2» kr. 4 Egr. «in», leichter. Lnstsp i» S « von Jfflaud 1800. 80 kr. 11 E-r.> Tiri Brahe» oder: Die Reugierigr«. Echausp in 3 A. von Er Majestät Gustav dem Dritten. Könige von Echwedrn. Au» dem Schwedisch,« übers v. Gruttschreiber 1794 40 kr. 8 Egr GitäV Mastk, ober: tztirl der XII bet Bender. Histor Lchausp in 5 A. 180S. tO kr ^Sar To gibt e« den« in der Welt gar keine Ruhe. Orig nal-Lustsp. in 2 A 1807. 30 kr 6 Lgr To haudeln ^freunde. Origioalgemäld« au« dem häuslichen Leben in 1 A. 1794 SS kr 7'/, Egr. To lohnt st» Kunst. Vorspiel, s. Weiffeatburn Schauspiele 12 Bd. Toh», der, auf Neis-a. Lustsp in 2 «. s. Frld- mann Lustspiele 1. Baud. Toh». der daukbaee. Landl. Lustsp in 1 « vou Angel. 1772 » . ^ kr 4 Lgr Tohn, der. de«, Gibover. Schauspiel tu ü A. von Emil e.ugirr. Deutsch von M. Saphir. (War. Thra, Rep. Nr. 1S1 ) 18 Sgr. 80 Nkr Toh», der natürlich«. Schauspiel »U 4 eiuem Vorspiele in 1 Aufzuge von Aleranber Duma«' Lohn, deutsch von P. 3. Reinhard (War. Tbeat Rep Nr. 44.) 12 Sgr. 80 Nkr Lohn, der verlorene. Lustsp. in 3 A ». Schiuk. 1794. SO kr. 10 Sgr Töhue, dt», de« Dkal«, s. Werner Theater 1. uud 2 Baud. Loldat, der i» Ariede». Charakterbild mit Ge- saug. Tanz. Tableaur »c. i» 3 Acten von Friedr. Krtser. (War. Theat. Rep. Nr 148 ) 12 Sgr. oder 80 Nkr Soldat, der, ganz allein. Komische« Zwischensp in 1 A., s Castelli Sträußchen. 13. Jadrg Toldat, der, von Cherson Lustspiel iu 3 A von Heutler. 1790 8. SS kr. 7 V, Sgr — — der Oesterreicher in Kehl. Vorspiel iu 1 A. von Heurler. 1797. 8 SS kr. 7'/, Sgr Toldatenkiud» da«. Bolksstück mit Grs. » Tanz iu 2 Abt», und 8 Bilder», uebst eiuem Vorspiele vou Theodor Flamm (War. Ldeat Rep Nr. 1S8.) 80 kr. 12 Sgr Toliman vor Wie«. Orig-Trauersp iu S A. von Weidmann SS kr. 7'/, Sgr Toliman der ll »der di« drei Lultautnne». Lingsp. in 2 A. Nach de« Frau; von F. L Huber. 1807. 2S kr S Sgr Tonneujuugfra«, die. Schausp iu S A von Kohebue 1801. SV kr. 10 Sgr. Tonart, d»«. Spiel in 1 A. vou Deiabardstr»« -r. 12 1818. SS kr 7'^ Sgr T»«nleith»er I.» Tascheabuch für deutsch« Dchau- bühueu und Llehhabrrtheater. 18. 1815. hr 1 fl 20 kr 20 Egr. Suthält. Der Söaner. Lustsp. in 1 A — Tenuier«. Lustsp. in 1 A — Di« Ueberraschuug. Lustsp in 1 A.— Die Zurechtweisung. Lustsp tu 1 A. iu Verse». — Manuela Razemba oder die Trauringe. Posse in 1 A. T»rge» ohne Roth uud Roth ohne Torgeu. Lustsp iu S A. vou Kotzedur 1811 SO kr. 1V Sgr. Tpa«ie», di«, ln Per«, »der R»va's Tod. Ro» maatisch.« Trauersp i« S A. von Kotzebue 1801. 80 kr. 12 Egr. Lparbüchse, dir, »der der arme Ta»dtd«1. Lustsp i» 1 ». Wien 1808. SS kr 7'/, Egr WalliShauffer'sche Buchhandlung d vou Jffland. 1808. 40 kr. 8 Sgr. Telemach, Prinz von Jthaka 1. Thl. Poffe in Knittelvers, v. HenSler. 8. 1801. 40 kr. 8 Sgr -der travestirte. Carikatur in Knittelversen mit Gesang in 3 A. 1 Thl. 1805 40 kr 8 Sgr Telemach auf der Insel der Calypso, Ballet in 3 A. 1807. 10 kr. 2 Sgr Lell, Wilhelm. Gr. pautom. Ballet von Henry 15 kr. 2V, Sgr Temperamente, die. Kom Oper in 1 A Nach Marsollier von Seifried 8 1803 10 kr. 5 Sar Templer, die, auf Cyperu. S. Werner Theat 2. Bd. Tenniers. Lustsp. in 1 A. vou I. Sonnleithner 1«. 1815 25 kr. 5 Sgr. Testament, das. Lustspiel v. Schröder. 40 kr. 8. Sgr. Testament, das, deS Onkels. Schausp. in 3 A Nach dem Französischen von I. F. Castelli. 1808. 50 kr. 10 Sgr Testament, das» einer alten Fran. Drama iu 5 A von E. W. Koch. Stehe dessen dramat. Beiträge Testamente, zwei. Charakterbild mit Gesang in 3 Aufzügen von Friedrich Kaiser (Wiener Theater Repertoir Nr. 77). 60 kr. 12 Sgr Teufel, der, im Herzen. Lebensbild mit Gesang «n 2 Acten und einem Vorspiele unter dem Titel . DasUnglüikszeichen,von Flamm undWimmer (WirnerTH.-Rep. 190.)12 Sgr. oder 80 Nkr Teufel», des, Lustschloß. Natürliche Zauber »Oper in 3 A von Kotzebue 1802. 50 kr 10 Sgr. Teufelsmühle, die» am Wienerberg. Oesterr Volksmärchen mit Gesang in 4 Akten von Leopold Huber. (Wiener Theater Repertoir Nr. 112). 80 kr. 12 Sgr Teufelsthurm, der, bei Linz Komische Zauber» »per iu 3 A v. Huber. 1804. 50 kr. 10 Sgr Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. (Diese- vrrzeichutß wird fortgesetzt.) Druck und Papi« von Leopold Sommer in Vien.) Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt und zu beziehen nur durch den Verfasser: Wien, Stadt, Bäckerstraße Nr. 6. Marquis. Schauspiel (Driginal) in einem Ausmge von Dr. Märzroth. Personen: Arthur Markland Lippert. Marquis. Malvinr. Ptetro, ihr Bruder. Dundersheim. Theateragent. Earoline, dessen Nichte. Diener. - Erste Scene. (Luxuriös und reich eingerichteter Salon.) Arthur und ein Diener. Arthur (dem Diener einen Brief einhändi« grnd). Dieses Billet trägst Du zu dem Fräulein Malvina. Wenn man dort nach mir frägt, so sagst Du, ich sei seit heute Nacht unwohl. Diener (mit dem Briefe ab). Zweite Scene. Arthur (allein. Er hält die Hand vor die Stirn). 3ch kann nicht anders! . . . (Auf. und abgeheud). Die trüben Gedanken haben sich wieder einmal wie Schlangen um mein Gehirn geringelt. Ich vermag sie nicht loSzuschütteln! (Ersetzt sich in ein Fauteuil.) Und gerade heute, wo mich Malvine zu Tische erwartet, um mich ihren Verwandten, die eigens auS Florenz gekommen, vor. zustellen!. . . DaS arme Mädchen! .. . 1 -kr. r»4 2 Es ist aber besser, ich bade für heute abgesagt. In dieser Stimmung durste ich, konnte ich unmöglich erscheinen. . Malvine ist energisch, sie wird deßhalb nicht außer Fassung gcrathen, sie kennt meine Launen, sie wird ruhig abwarten, bis meine bösen Stunden wieder vorüber sind. (Er stützt den Kopf mit der Hand.) Warum mir nur seit den letzten Monaten mein sonst so heiteres Ge- müth von melancholischen Schatten verfinstert wird?! — Dritte Scene. Lippertund Arthur. Lippert (höchst elegant gekleidet, tritt rasch ein). Da kann ich freilich lange auf der Reitbahn warten, wenn Du hier ganz ge- müthlich daheim hockst! (Er sieht Arthur genau an.) Gemüthlich? Nein, das war der rechte Ausdruck nicht. Du beliebst wieder einmal Grillen zu fangen! Freund! diese Mücken mehren sich bei dir seit einiger Zeit in bedenklicher Art! Du, sonst der Flotteste der Flotten, auf dessen rothen Lippen immer und ewig ein heiteres Lächeln schwebte, dessen Auge immer herausfordernd in's Leben hinausflimmerte, Du bekommst Anlage, weiß Gott, zur Kopfhängerei! .. . Weg mit diesen Wolken von der Stirne! Auf, jage die böse Laune, die ich Dir vom Gesichte lese, zum Teufel! Und gar . . . nun erst denke ich daran — am heutigen Tage, der gewissermaßen der Tag deiner Verlobung mit Malvinen werden soll! .. . Arthur. Eben darum habe ich auch schon absagen lassen. Lippert. Absagen lassen? — Arthur, Du bist krank! . . . Arthur. Es wird wohl so sein, denn aufrichtig gejagt, ich kann mir selbst nicht erklären, weßhalb mich jetzt so die finsteren Gedanken quälen . . . Lippert (sich zu ihm sttzknd, sieht ihn theil» nahmsvoll forschend an und schüttelt den Kopf). Es mag sein, daß ich mich irre, aber mir kommt vor, als wäre der trübe Geist erst seit der Zeit an Dich herangeschlichcn, als der Marquis in deine Gesellschaft kam.... Arrhur (sieht ihn aufmerksam an, als fiele ihm selbst etwas auf). Der Marquis!?. . . Lippert. Ich kann zwar nicht begreifen, wie dieß mit der Liebenswürdigkeit und dem geistreichen Wesen des Marquis Zusammenhängen soll, der, weiß Gott, zur rechten Zeit in unsere Gesellschaft kam, als diese und wir anfingcn von der Blasirtheit angeleckt zu werden, aber sein mysteriöses Wesen, daS manchmal unheimlich wie ein dunkler Schatten auS ihm hervortritt und das schon Manchen von uns, wenn auch nur leicht vorübergehend, wie eine kalte Hand berührte, das scheint mächtiger auf Dich eingewirkt zu haben, der Du feinere Nerven hast als wir Alle. Arthur (nachdenkend). Es ist wahr, Du hast Recht! Zuweilen beschleicht auch mich in der Nähe des Marquis eine Art — Grauen. Ich konnte mir lange keine Rechenschaft darüber geben. Aber seit heute Morgen grüble ich darüber und ich muß mir sagen, daß mir der Marquis in allen Dingen als das verzerrte Spiegelbild meines eigenen Seins erscheint!... Lippert. Es ist wahr. Der Marquis ist in allen Dingen extremer als wir Alle. Wenn wir lustig sind in unserem jugendlichen Uebermuthe, so ist er toll; nehmen wir oft die ernstesten Sachen leicht, so wirst er sie bagatellmäßig und schonungslos in die Luft! Wenn wir schon weit genug gegangen zu sein glauben, so sehen wir unS plötzlich um eine halbe Meile hinter ihm. Er treibt Alles bis an die äußerste Spitze, er übertreibt bis zur Fratze, oft bis zur — Caricatur. Das aber macht eben für uns den Reiz an seinem Charakter aus. Arthur. Ich muß offen gestehen, daß es mir manchmal scheinen wollte, als läge Absicht in seinem Benehmen, die Absicht, stutzen zu machen! Aber er ist so natürlich 3 in seinem ganzen Wesen, er ist so frei von niedrigem Interesse, daß mir eben das Frappante seines Wesens nicht gemacht erscheinen kann. Räthselhaft aber bleibt der Mann immer für mich, denn wenn ich mich oft durch seinen Cynismus, seine Verachtung des Menschengeschlechtes abgc- stoßen von ihm fühlen mußte, so zog es mich doch gleich wieder in unbegreiflicher Weise zu ihm hin. Lippert. Letzteres, denke ich, ist leicht zu erklären. Seine Aufmerksamkeit für Dich, seine aufopfernde Liebe zu Dir hat sich in mancher fatalen und schweren Lage, die Dich bedrohte, manifestirt. Er benahm sich stets wie ein Vater gegen Dich. Arthur (wehmüthig ergriffen). Ach, mein Vater! Lippert (herzlich). Verzeihe, daß ich diesen wunden Punct deines vergangenen Lebens berührte!! Sei doch kein Kind! Was kannst Du für die unglückselige Gestaltung deiner Familienverhältnissc?! Hast Du deine selige Mutter geheißen, einen Mann zu heiraten, der um zehn Jahre jünger war als sie, der aus dem Volke stammte und als Schauspieler eben im Begriffe war seine Carriere zu machen, während sie. aus aristokratischem, reichem Hause stammend, durch diese Mesaliance mit ihrer Familie brach? Kannst Du dafür, daß deine Muk- ter, als sie ihre Frische welken, ihren jüngeren Mann indeß erst in voller Blüthe sah, zu Eifersüchteleien sich verleiten ließ, die dem armen Manne das Leben verbitterten? Arthur. Ach! Dafür konnte ich freilich nicht! Aber daß ich mich im beginnenden Jünglingsalter von meiner armen, schwachen Mutter verführen ließ, ihre Partei zu ergreifen, gegen meinen Vater mich zu erheben, ihm in einer Scene, die mir (finster) niemals aus dem Sinne will! — mit du- benhaftcr Naseweisheit Fantasterei und komödiantenhafte Idealismus vorwarf, daß ich dadurch den vollen Bruch zwischen meinen Eltern hervorrief und den Vater für immer in die Welt hinaustrieb, das, das ist meine Schuld, das ist der schwarze, finstere Punct in meinen Erinnerungen!! Lippert. Sei gerecht gegen Dich selbst! Du hast doch Alles gethan, um Nachricht von ihm zu erhalten. Es war vergebens! Das ist doch nicht mehr deine Schuld! — Mache Dir doch nicht uunöthige Gewissensbisse. Lebt dein Vater, so ist es ein unväterlicher Groll, der ihn seit so langen Jahren von Dir entfernt hält, ist er todt — nun . .. Arthur. Eine dunkle Ahnung sagt mir, er lebt. Aber wenn es Groll ist, der ihn niemals mehr in diesem Leben an mein Herz führen läßt, dann ist dieser Groll mehr als—gerecht!! (Bitter gegen sich selbst.) Du weißt nicht, ich habe Dir dieß früher nicht erzählt, daß ich schon, nachdem ich das Erbe meiner seligen Mutter antrat, als ich eben in Baden-Baden wie toll die Saison ausschlürfte, eines Tages plötzlich meinen Vater in meiner Wohnung traf. Er stellte mir in scharfen, aber väterlichen Worten den Abgrund dar, dem ich durch meine unverantwortliche Lebensweise zueilte. Statt gerührt zu werden, statt mich an die Brust des so lange Entbehrten, des so tief Gekränkten zu werfen, wandte ich mich gereizt, kalt von ihm ab, und um ihm alle Verbindung zwischen mir und ihm abzuschueiden, gab ich. junger Schurke, ihm, meinem Vater, nicht unzweideutig zu verstehen, daß ihm eigentlich doch mehr an meinem Vermögen. das ihm meine Mutter entzogen, liege, wie an mir! (Bon der Erinnerung schmerzlich bewegt.) Traurig sah er mich an: „Arthur, hörst Du die Stimme dei- nesHcrzenS nicht?"frugermich. Jchaber verharrte in meinem Trotz gegen ihn. Stumm verließ er mich, und nun sind cS mehr als zehn Jahre, daß mir der eigenthümliche Ton. in dem mein Vater jen; letzten Worte zu mir sprach, immer wieder in meiner Seele wiederklingt! — (Sein Gesicht mit den Händen bedeckend.) „Arthur, hö.rstDudie Stimme deines Herzens nicht?" — Ach, ich hörte sie nicht!! — 4 Lippert (ergriffen). Du bist ein Selbstquäler! Bedenke aber den alten Spruch: Vorbei ist vorbei! Arthur. Vorbei ist vorbei! Du hast Recht! (Aufstehen^.) Aber ich will ein neues Leben beginnen. Ich werde mich nach meiner Vermälung mit Malvine auf meine Güter zurückziehen, und meiner bisherigen Art zu leben entsagen. Je toller wir eS trieben, seit der Marquis den Ton angibt, je widerlicher wird mir unser ganzes Unwesen! — Lippert. O weh! Ein Büßer! Nun, an der Seite einer so reizenden Gattin, wie sie Dir bevorsteht, läßt sich's schon büßen! Gottlob, die trüben Gedanken haben Dich wenigstens nicht dumm gemacht. Arthur (bleibt mit verschränkten Armen vor sich hinsehend stehen, dann absichtlich leicht hin- geworsen zu Lippert). Hast Du nichts von Carolinen gehört? Lippert (leichtfertig). Du denkst noch an das Mädchen? — Das gute Kind sieht blaß aus, aber es steht ihr ganz hübsch. Arthur (etwas erregt, ohne nach Lippert zu sehen). Sprachst Du sie? Lippert. Vor einigen Tagen. Arthur (gleichgiltig scheinend) Fragte sie nach mir? Lippert. Sie sprach überhaupt nur wenig. Ich theilte ihr mit, daß Du in wenigen Tagen deine Verlobung mit Mal- vinen feiern werdest ... Arthur (unwillig). Wozu war das noth- wenig? Lippert. Ich that's nur, weil ich nichts Besseres zu sagen wußte. Arthur (mit affectirtem Lächeln). Und wie nahm sie die Nachricht auf? Lippert. Ein leichtes, eigenthümlickes Lächeln umzog ihre Lippen, und dann wandte sie sich rasch, ohne ein Wort zu reden, von mir ab. Arthur (die Stirne runzelnd und sich in die Lippen beißend). Sie nehmen es leicht, die guten Mädchen! — Lippert. Danke Gott! Ich hoffe, Du ärgerst Dich doch nicht darüber? Arthur (lachend). Nein, guter Lippert! So weit ist Arthur noch nicht gekommen. Vierte Scene. Vorige. Der Marquis. Marquis (schwarz gelleidet, stolz, feine Manieren. Er trägt sein graue- Haar in Locken, einen eben solchen Dollbart, sein Gesicht ist bleich). Guten Tag, Kinder! Lippert (angenehm erregt). Ach, der Marquis! Gut, daß Sie kommen. Unser Freund hat heute wieder seinen schwarzen Tag. Marquis (auf Arthur zugehend und ihn umarmend). Arthur. Du siehst blaß aus. (Vorwurfsvoll.) Wieder auf daS Ticken der kleinen Unruhe gehört, die man Her; nennt?! — Ich kenne deine Krankheit. Hab' sie auch durchgemacht! Das ist aber nichts weiter als eine Pulsader, die mit der Zeit verhärtet, — dann hören diese Fieberparorysmen auf. — Dacht' ich mir's doch, daß Du am heutigen Tage, wo Du offi- ciell als Malvinens Zukünftiger vor ihre Verwandten treten sollst, wieder von den unsichern Geistern deiner Gefühle beschlichen wirst!—Nichts da, junger Freund! Das Leben ist gar nicht so ernst, als die Philosophen und unser unvernünftiges Herz es machen. Eine Posse ist's und weiter nichts! (An- Fenster schreitend.) Doch da hätte ich vergessen zu der Schönen hinüber zu sehen, die ich, als ich herging, am Fenster sah. DaS war etwas Neues, etwas Pikantes ... Ah! da tritt sie aus dem Hause .. Lippert (hiozutretend). Wahrhaftig, das ist ein superbes Geschöpf! Marquis (lachend zu Lippert). Statt daß Sie hier wie versteinert stehen, nehmen Sie Ihren Hut, und bekümmern Sie sick um die nette Erscheinung. Lippert. Sie haben Recht, Marquis, ich eile dem Püppchen nach, (tzr nimmt rasch Hut und Stöckchen und eilt ab.) 8 Fünfte Scene. Vorige ohne Lippert. Marquis. In dem Manne ist noch Leben! — Arthur, mein theurer Freund, Du bist auf dem Wege zu — versauern!.. Schon wieder auf einem Abwege!! . . . Meinst Du, wenn man daran denkt, sich zu verheiraten, so müsse man seinen alten Menschen ausschälen und in die Rumpelkammer der verblühten Jugend werfen? Das sind die Philisterideen einer gottlob verkommenen Zeit, das heißt sich die alte Kehle abschnciden wollen, weil man eine neue Luft zu athmen bekommen soll! Oder zweifelstDu an derZukunft deines Glückes? Was kann geschehen? Ihr werdet vielleicht finden,daßJhr Euch in einander—g etäusckt hab't! Nun und waS wär's weiter? Bist Du je einer möglichen Täuschung auS dem Wege gegangen? That'st Du nicht recht daran, daß Du Dich dem Leben mit halb- offenen Augen in die Arme warfst? Hauchten Dich auch da und dort zerstörte Illusio- nrn eisig an, hielt Dich doch desto heißer der Arm der Freude umfangen! — Kurz ist das Leben, Arthur, und wer jede Blume mikroskopisch prüft, ob nicht ein kleines Insekt darauf, der kömmt nie dazu, den Duft der Blumen zu riechen. Der Instinkt des Lebens ist eS allein, der uns leitet, aber das — Herz, das sogenannte Herz, ist nichts als eine Altcweiberfabel! Arthur lgeprrßt). Ich muß Dir gestehen, daß mich manchmal vor deiner Philosophie zu — schaudern anfängt . . . verzeihe mir.. . Marquis (Kicht). Sei kein Kind! Das alterirt mich nicht. Du bist jung, in Dir tritt die Periode ein, wo die Geister im Menschen miteinander ringen um die Herrschaft. Ein guter Genius trieb mich um diese Zeit in deine Nähe . . . Arthur (leise für sich). Ein Dämon! Immer deutlicher fühl' ich'S! Marquis. .. damit ich Dich davor be- wahre, daß Du nicht von den Dämonen der Alltäglichkeit in den Sumpf des Philisterhaften hinabgezogcn werdest, denn (mit Liebe) ich liebe Dich, nicht wie einen Freund, sondern als wärest Du mein eigen Kind! Arthur (schwennüthig). Ach! warum weckstDu die Erinnerung an meinen Vater? Wie wohl wäre mir, könnt' ich an seiner Brust meine Kümmernisse der Seele aussprechen!. .. Marquis (spöttisch). Da brecken sie hervor die Keime weibischer Empfindung, die deine Mutter in Dich gepflanzt! — Das ist Unkraut, heraus damit ! Dein Vater! — Glaubst Du, Väter bleibeu in ihren alten Tagen die freundlichen Romantiker, die wir als märchenseligc Knaben in ihnen sahen? Und gerade dein Vater, der Idealist, der (beißend) Musensch wirbler . .. Arthur (ernst, entschieden). MarquiS, es ist von meinem Vater die Rede! MarquiS (einlenkeud). Fällt mir nicht ein, ihm nahe treten zu wollen, aber ich liebe cS, die Dinge nicht nebelhaft herumtanzen zu lassen, sondern herzhaft am Schopfe zu fassen. So viel ich auS deinen kurzen Andeutungen und auS denen Anderer weiß, war dein Vater, wie es sein ursprünglicher Beruf beweist, ein Mann der Phantasie, und ich glaube nicht, daß er Dir, wenn er lebte, jetzt nützlich werden würde als praktischer Rathgeber, der das Leben nimmt,wie eS ist, nicht wiees sein könnte! Wozu wieder diese krankhafte Sehnsucht nach etwas, daS eigentlich nur ein Resultat der PhantaSmagorien wieder deines — Herzen- ist? — Arthur (unangenehm berührt und gedrückt). Du weißt nicht, daß ich mich unwohl fühle, daß ich deßhalb für heute bei Malvinen absagen ließ... MarquiS. So? (Lachend.) DaS wird nur Oel in die Flamme ihrer Liebe gießen! Bis zum morgigen Tage, wenn'S die 6 Dame so lange aushält, brennt Dich ihr Blick schon in lodernde Glut! Arthur. Erlaube, daß ich mich für wenige Minuten in mein Zimmer zurückziche. Marquis (ergreift seine Hand und fühlt ihm den Pul-). Nein, Arthur, es ist nichts. Nur die Aufregung des unglückseligen Herzens. Arthur (zieht sich zurück). Marquis. Ich bleibe hier, um nach einer Weile nach Dir zu sehen, denn weiß Gott, ich (schmeichelnd) habe mich so an Dich gewöhnt, daß ich ohne Dich nickt eine Stunde leben zu können glaube. Arthur (wendet sich um, reicht ihm mit aufrichtigem Gefühle die Hand, und tritt dann durch eine Seitenthür ab). Sechste Scene. Marquis allein. (Gr fleht dem Abgehenden mit verschränkten Ar« men nach, läßt sich daun in ein Fauteuil nieder und verfinkt mit vor die Augen gehaltener Hand in Nachflnneu ) Siebente Scene. Voriger, Wundersheim und ein Diener. Wunders he im (in fadenscheiniger Klei, düng, mit grellfärbigrm Halstuch» und großen, ungeknöpfelten schmutzigwrißen Handschuhen, hat gewaltsam die Thüre aufgerissen, im Eintreten flch nach dem ihm auf dem Fuße folgenden Diener wendend, zu diesem): Wenn Sie glauben, daß ich der Mann bin, der sich irgendwo abweisen läßt, so find Sie sehr bedeutend auf dem Holzwege! Diener. Aber der gnädige Herr ist unwohl ... Wundersheim. „Unwohl" — „sehr beschäftigt" — „durchaus nicht zu sprechen;« ich kenne daS! damit macht man Anfängern im Antichambriren die Ohren hängen, aber Leute von meiner Sorte chreckt man nicht mit derlei leeren Späßen. Diener. Darf ich wenigstens um Ihren Namen bitten, um Sie meinem Herrn zu melden. . Wundersheim. Meinen Namen? Wäre ich ein hübsches Mädchen, würden sie gewiß nicht nach dem Namen fragen! Nicht wahr, darauf ist man eingerichtet? Meinen Namen? (Kür flch.) Ich glaube, er weiß nicht, in welcher Beziehung ich zu Carolinen stehe! (Laut.) Ich bin der Theateragent Wundersbeim. Marquis (der bisher wenig Notiz von Wuvdersheim nahm, fleht auf und erhebt sich, artig zu «underkheim). Darf ich fragen, waS Sie von Herrn Markland wünschen? Wundersheim (gespreizt, aber höflich). Bitte, mit wem habe ich die Ehre? Marquis. Ich schmeichle mir zu Marklands intimsten Freunden zu gehören. Da mein junger Freund wirklich unwohl ist, so bin ich vielleicht an seiner Statt in der Lage. Ihre Wünsche entgegenzunehmen. (Er winkt dem Diener, der abtritt.) Achte Scene. Marquis, Wundersheim. Wundersheim (nach ewiger Ueberlegung). Die Angelegenheit ist etwas heiklicher Na- tur, ich weiß nicht, ob Sie eingeweiht sind. Ich möchte denn doch bitten, mir zu sagen, mit wem ich die Ehre habe ... Marquis. Mein Name ist: Marquis DoloreS. Wundersheim (verbeugt flch). Habe schon pur rsuoinm^s daS Vergnügen! (Kür flch.) Er hat daS Renommöe, den jungen Markland vollends zu Grunde zu richten! Soll ich mit ihm reden? Er soll ein großer Raufbold sein und hat seinen jungen Freund schon auS mancher fatalen Affaire herauSge- fuchtelt. Wie wär's, wenn ich dem gleich die 7 Zähne im Vorhinein zeigen würde? (Laut.) Wenn Sie erlauben, werde ich Ihnen, da Sie es wünschen, mein Anliegen vortragen. (Sie setzen sich.) Wunders heim (in herbem Tone). Es wird Ihnen nicht unbekannt sein, daß es Ihr junger Freund in Herzensangelegenheiten nicht sehr — genau nimmt. Das ist, wer daS Leben kennt, da unddrrt am Platze, aber gottlob, nicht überall. Verstehen Sie mich. Herr Marquis? Marquis (ruhig). Ganz wohl. Bitte fortzufahren. Wundersheim (für sich). Aha, ichbabe ihm schon die Zähncabgebrochen! Wie gut, daß gleich die Sachlage erkannte! (Laut wi, obe» ) 3hr junger Freund hat vor etwa einem Jahre — ich glaube, der Herr Marquis waren damals noch nicht in unserer Stadt, — die Bekanntschaft meiner Schwe- stettochtcr gemacht. Herr Marquis, meine Nichte ist ein Unicum, schön, fein gebildet und brav, der Stolz ihrer Mutter, welche von der Händearbeit dieser Tochter lebt. Diese- Mädchen, im Besitze einer reizenden äußern Erscheinung und eine- bezaubernden Organes, könnte beim Theater ihr Glück machen, aber sie sticht sich lieber die kleinen, lieben Finger wund, und wacht sich die schönen blauen Augen roth, und darbt und entbehrt, als daß sie sich auf den Boden eine- geräuschvollen Lebens begäbe. Sie ist ein duftige- Veilchen in der Einsamkeit! Ihr Freund hat es entdeckt, hat sich an seinem Dufte erquickt, und — Veilchen Ade! — Verstehen Sie mich, Herr Marquis? Marquis (ruhig). Ganz wohl, mein Herr. Fahren Sie fort. WunderSheim (mit Osteutatiou). Eigentlich sollte damit die Geschichte zu Ende sein,wie Ihr junger Freund meint,»ch aber, der Oheim deS jungen Geschöpfes, bin zufällig ganz anderer Ansicht! Reden wir practisch. Er hat ihr die Ehe versprochen, und ... seit einem halben Jahre hört und sieht man von dem Bräutigam nicht- mehr. Niemand von unS ahnte etwas von der Geschichte bis heute, wo ich zufällig in Gegenwatt des armen Kindes von der bevorstehenden Vermälung Ihres Herrn Freundes mit dem Fräulein Dingsda schwatzte. Caroline, ohnehin seit Langem bleich wie eine Lilie, wird noch bleicher und indem wir die Ohnmächtige zu sich bringen, enträrhseln unS die ersten Worte, die halbunbewußt über die Lippen de- armen Kindes kommen, die ganze Situation. Ich wütbe über den Verführer, ich schwöre, ihn zur Raison zu bringen, meine Nickte hält mich ab, aberein Oheim von meiner Sorte weiß, waS er zu thun hat, und (mit Härte) deshalb sehen Sie mich nun hier, Hc,r Marquis! Marquis (ruhig). Die Sache ist mir nickt unbekannt. Als Freund Markland's bin ich, ohne daß er eS weiß, ein Beobachter seines Thuns. Ich kann Ihnen sagen, daß er das Bild Ihrer Nichte in seinem Herzen trägt. — WunderSheim. Aber heiraten wird er eine Andere! — Herr Marquis, wollen Sie mich mit solchem Humor verschonen! ... Die Sache ist sehr ernst, und ich bin entschlossen, bis an s Aeußerste zu gehen! Marquis. Sie sind in Ihrem Rechte. Ich wünsche nur zu wissen, waS Sie eigentlich beabsichtigen. WunderSheim DaS ist sehr einfach. Entweder Ihr Freund heiratet meine Nickte, oder er hinterlegt eine Summe für sie, über die wir unS einigen werden ... Marquis (für sich, verächtlich). Die Krämerseele! (Laut, erust mit Würde.) Hier gibt eS kein „Oder"! WunderSheim (verblüfft). Ick weiß nicht, Herr Marquis, belieben zu scherzen, oder ... ? Marquis (bitter). Glauben Sie denn wirklich, daß alle- feine und recktlicke Gefühl von der Welt verschwunden? Freilich die Art, wie unsere Gesellschaft lebt, läßt daran verzweifln, aber (erust) der Funke 8 des Bessern schlummert bloß und braucht nur geweckt zu werden. Wundersheim (ehrlich). Leider sind die Wecker dieser Gattung nur zu selten! Marquis (entschieden, wohlwollend.) Mein Herr, ich verspreche Ihnen, mich Ihrer Nichte anzunehmen, mein Freund soll als Ehrenmann handeln ... Wundersheim. Herr Marquis — verzeihen Sie ... aber ich weiß jetzt bei Gott nicht ... wie ich mich ausdrücken soll .. . Es ... man ... ist nicht gewohnt ... solche Ansichten in ... Ihren Sphären aussprcchen zu hören! . .. Marquis (schmerzlich lächelnd). Ich kann Ihnen Ihren Unglauben nicht übelnehmen. Doch — nehmen Sie meine Hand! (Eha. rakterstark.) Mein Ehrenwort darauf, daß ich Ihnen gegenüber spreche, wie ich denke! Wundersheim (seine Hand ergreifend und ihm in's Gesicht sehend). Dieser Ton . . . diese Stimme ... alte Erinnerungen tauchen in mir auf! ... Marquis (zurückweichend, kalt). Kommen Sie morgen um diese Zeit. Hoffentlich erhalten Sie gute Nachrichten. (Er verbeugt sich.) Wundersheim (erwiedert die Verbeugung, für sich). Ich weiß nicht, wie es kam, daß mich der Ton dieser Stimme früher auf meine theatralische Vetgangenheit brachte. (Aergerlich.) DaS war wieder ein dummer Streich! (Laut.) Verzeihen, Herr Marquis, eS kreuzen sich oft so viele Gedanken in meinem armen Agentenkopfe, daß ich, weiß Gott, oft Unsinn spreche. Es ist aber nie übel gemeint. — Wenn Sie erlauben, werde ich morgen die Ehre haben. (Er ver- neigt sich. Im Abgehen für sich.) Wie sich Ca- rolinchen freuen wird, wenn sie hört, wie geschickt ich ihre Sache führe! (Ab.) Neunte Scene. Marquis (allein), später Diener. (Geht eine Weile nachfinneud aus und ab; dann klingelt er.) Diener (tritt ein). Marquis (zu ihm). Wenn Jemand kommt, so lassen Sie ihn eintreten, melden Sie ihn aber dann. (Durch die Thür ab, durch welche sich Arthur entfernt hatte.) Diener (will abtreten, da öffnet sich die Thür und hereintreten) Zehnte Scene. Malvine und Pietro. Malvinc (prachtvoll, cokett gekleidet, beunruhigt und pikirt zum Diener). Sein Herr liegt doch nicht zu Bette? Diener. Nein, er hat sich nur in sein Zimmer zurückgezogen. Malvine (rinen Blick mit Pietro wechselnd, zum Diener). Ist Jemand bei ihm? Diener. Der Herr Marquis. Malvine (sich in die Lippen beißend). Melden Sie uns. Diener (mit narr Verbeugung ab nach Arthur- Zimmer). Eilfte Scene. Malvine, Pietro. Malvinc (wirst sich auf einru Stuhl, aufgeregt). Bruder, die Sachen stehen schlecht. Pietro. Mir kömmt eS selbst nicht geheuer vor. Malvine. Der Marquis bei ihm! Er ist der Dämon, der sich zwischen mich und den jungen Freier stellt! Es hat mir immer geahnt! Pietro (roh). Wenn Du das wußtest, warum hast Du nicht alle Künste angewendet, dieses gefährliche Individuum von Arthurs Seite zu drängen? Malvine. Der Marquis ist zu schlau. Und wenn auch Mißtrauen gegen ihn in mir aufwucks, er wußte eS immer wieder durch seine raffinirte Liebenswürdigkeit zu unterdrücken. 9 Pietro. Und wenn Arthur wirklich zurücktritt, wer bezahlt die —Schulden, die wir ü. Conto dieser Heirat gemacht? MalviNe (lächelnd mit Zuversicht). Erwird aber nicht zurücktreten! Pietro (boshaft, verächtlich). Es ist Dir aber in den letzten Zähren schon ein paar Mal passirt, daß Dir ein Fischlein, ehe Du Dich's versehen konntest, von der Angel loöriß! Malvine (ärgerlich). Zst Dir auch schon manches Hühnchen entflattert, bevor Du cs gerupft! Pietro. Nun. Schwester, streiten wir uns nicht^herum. Halten wir lieber ein bis« chen zusammen, wie es guten Geschwistern geziemt. Malvine (reicht ihm die Hand). Die Natur hat uns verbunden, wir sind dem Boden der Noth und des Kampfes mit der Gesellschaft entsprungen. Wir setzen den Krieg fort, gegen diejenigen fort, die sich hoch über unS erhaben dünken, weil ihre Väter und Mütter für sic schon daS Geschäft betrieben, mit dem wir uns leiver noch abplagen müssen! Pietro. Schwester, da spricht wieder der Geist in Dir, der auch in mir lebt. — Du mußt und wirst noch eine Rolle in der Welt spielen! Malvine. Mit Hilfe von Arthurs Stellung und großem Vermögen soll auch Dir dein Platz in der Gesellschaft nicht mehr vorenthalten sein Pietro. Wenn wir nur schon so weit wären! Malvine. Deine Zweifel würden mich ängstigen, wenn ich nicht wüßte, daß Du in dem Momente, wo Du zu zagen scheinst, gerade auf einen Hauptstrcich sinnst! Pietro (lächelnd). Du kennst mich gut. Meine Ansicht in Bezug auf Arthur steht fest. Wir müssen unS um einen Genossen Umsehen, der unS hilft, sonst schlüpft uns der Vogel aus dem Nest. Malvine. Und wer soll der Genosse sein? — Pietro. Wer anders als der Marquis. Malvine. Der Marquis! Er, den wir eben als unseren Gegner fürchten? Pietro. Eben darum. Wenn wir ihn auf unsere Seite bringen, gewinnen wir doppelt. Wir entwaffnen in ihm einen gefährlichen Feind und sind mit Hilfe seiner Ränke deS Erfolges gewiß. Malvine. Dein Gedanke ist kühn, ich möchte ihn—staatSmännisch nennen! Wie aber willst Du von dieser Seite an den Marquis heran, an diesen Menschen, der so aalglatt ist, daß man ihn nicht zu fassen vermag? Pietro. Don jener Seite, von der man alle Menschen überrumpelt, und wenn sie sich hinter die famosesten sogenannten „Grundsätze" verschanzen, von jener Seite, wo der Nerv ihrer— Begierden schlum, merk, wo die Aussicht auf Dort heil selbst den Blick der strengen Tugend verwirrt! Malvine. Du meinst, ich soll die Mienen der Coketterie gegen ihn spielen lassen? Pietro (glnchgiltig). Warum nicht? Malvine (bedenklich). Er ist bereits in einem Alter, wo der — Fuchs die Fallen kennen gelernt . .. Pietro. Da beurtheilst Du die Männer schlecht! Gerade wenn sie sich sicher glauben, gehen sie aml eichtesten in die Schlinge! .. . Jndeß deine Reize ihn attakiren, greife ich ihn mit anderen Waffen an ... Er ist ein leidenschaftlicher Spieler, er trinkt gern gute Weine, er macht Freunden und Freundinnen gerne wertbvolle Geschenke,« ist also einer von denen, die immer Geld brauchen! Das sind die Leute, mit denen man die Welt aus den Angeln rücken kann, um so mehr einen wankelmüthigen Anbeter, wie Herrn Arthur! Malvine. Wie gedenkst Du die Sache anzufangen? Pietro. Das sei meine Sache. Lasse mir freie Hand. Denke nur an die Partie, welche Dir zufällt! . .. St'lle, ich höre des Marquis stolzen Schritt. (Sie sitzen sich, gleichgiltige Mienen annehmend.) 10 Zwölfte Scene. Vorige. Marquis. Marquis (rasch durch die Thür tretend). Malvine (eilt ihm entgegen). WaS macht Arthur? Marquis. Er wird sogleich das Glück haben, Sie zu begrüßen. (Er küßt ihr die Hand.) Malv ine (seine Hand mit cokettem Lächeln festhaltend). Ich war sv besorgt! .. . Aber in Ihrer Nähe, Marquis, fühle ich mein Herz sogleich erleichtert. Marquis. Sie macken mich eitel, Mal- vine!... (Abwehrend.) Ach, meine Zeit ist vorüber! Malvine (lauernd). Sie sind zu klug, und kennen sich zu sehr, Marquis, als daß diese Klage mehr als eine Fräse der Bescheidenheit sein sollte! . . . Sie wissen nur zu gut, welchen Eindruck die schimmernden Eigenschaften eines scharf geschliffenen Männergeistes auf uns Frauen macken! . . . Marquis (scherzhaft drohend) es wird Ihnen nicht gelingen, mich — sorglos zu machen! .. . Sie sind ein viel zu (die Augen niederschlagend) gefährlicher Mann!! . -. (kokett.) Sie sehen, ich bin wenigstens aufrichtig! Marquis. Ich wollte, Malvine, Sie wären — tückisch gegen mich! .. . Diese Aufrichtigkeit, fürchte ich, wird — meinen armen Kopf verwirren! Malvine (ihn mit dem Fächer schlagend). Ich werde auf meiner Hut vor Ihnen sein! Marquis (scherzhaft drohend). Spielen Sie nicht mit dem Feuer, auch daS unter der Asche kann plötzlich lodern!. . .(Für sich.) > Sie wittert etwas! Sie will mich in die Schlinge bringen! Malvine (im SiegrSgefühl zu Pietro leise). Du siehst, eS ist nicht so schwer, seine Schwächen zu benützen! ... Pietro (sich dem Marqui- nähernd, nicht ohne Vorsicht, aber geschäftsmäßig). Erlauben Sie, Herr Marquis, daß ich Sie um eine kleine Auskunft bitte ... Malvine (setzt fich und blättert in einem Album). Marquis. Ich stehe zu Diensten. Pietro. Sie werden begreifen, Herr Marquis, daß eS Bedenken erregen muß, wenn Ihr junger Freund, ohne ernstlich krank zu sein, seinen Besuch absagen läßt, wo eS sich darum handelt, vor den Verwandten seiner Zukünftigen eine Erklärung abzngeben. Marquis (lächelnd zu Malvinen). Sie haben dock ArthNr nicht in dem Verdachte, daß er jemals Ihren Werth vergessen könnte? Malvine (abwehrend). Mein guter Bruder ist von jeher ein Zweifle^ Einer, der am bellen Tage Gespenster sieht. (Sie lacht) Pietro (zum MarquiS). Sie werden eS natürlich finden, daß mir an dem Schicksale meiner Schwester mehr als an meinem eigenen liegt. MarquiS (galant). Wäre daS Fräulein meine Schwester, würde es mir nicht anders gehen... Pietro. Ich kenne die jungen Leute. Sie sind schwankend in ihren Entschlüssen. Der Fall ist, für mich wenigstens, denkbar, daß Arthur durch irgendwelche Stimmungen ... wie soll ich sagen .. . MarquiS (kalt). Sie meinen, daß er seine Absichten auf Ihr Fräulein Schwester ändert? Malvine (beißt fich in die Lippen). Pietro. Nennen wir daS Kind beim Namen. In dem Falle aber würde Malvine sich daS Leben nehmen, und Pietro (finster drohend) würde seine Schwester rücken. MarquiS (lächelnd). Hoffentlich wird'- so tragisch nicht kommen! . .. Aber es scheint, daß Sie noch etwas auf dem Herzen haben. Pietro. Sic kennen nun meine Gorgen. ick aber kenne Ihren Einfluß auf Arthur. Wenn Sie ihn leiten, wird ... 11 Marquis (bo-haft). . .. Alles in Ordnung gehen, meinen Sie. Sie schlagen meinen Werth zu hoch an, und den Arthurs vielleicht — zu nieder! Pietro. Reden wir offen. Beschleunigen Sie Arthurs Dermälung mit Malvine, so erhalten Sie von mir am Tage der Trauung ein Geschenk von 10,000 Gulden. Marquis (anfangs entrüstet, dann ge« schmeidig).3ch weiß mich auf Ihren Standpunkt zu versetzen, Sie denken und handeln als zärtlicher Bmder einer so seltenen Schwester. Seien Sie versichert, daß ich, wenn ich bisher Ihr Feind gewesen sein sollte, davon tief gerührt sein müßte. Pietro (reicht ihm die Hand). Malvine (ebenso). Sie sind der liebenswürdigste Charakter, der mir je vorgekommen. Dreizehnte Scene. Vorige, Arthur. Arthur (in Salontotlette, rasch eintretend, auf Malvine zueilend). Malvine! Malvine (ihm entgegen). Mein Arthur! (Besorgt.) Du bist unwohl? Arthur. Es ist vorüber. Malvine. Ach, wie glücklich bin ich! Marquis (schmerzhaft). Du hast keine 3dee, Arthur. waS man sich schon für Skrupel gemacht! Malvine(ArthurS Hand ergreifend). Wenn ich Dich nickt so liebte! Marquis (wie oben). Freund Pietro sah gar schon pechschwarze Nacht am Himmel seiner Schwester! Malvine. Arthur, nächst Dir liebt mich Niemand so sehr wie mein guter Bruder. Marquis (wie oben). Denke Dir nur, wie eS in des guten Pietro'S heißem Gehirne brodeln mußte, daß er miramTage der Trauung 10,000fi.versprach, wenn ich Dir die Grillen verjagte, die eure Verlobung um einen Tag verschieben könnten. Pietro (rückt unruhig mit dem Stuhle). Arthur (ist sichtlich betroffen). Marquis (heiter). Und ich nahm daS Geschenk an, um (galant zu Malvinen) deiner reizenden Malvine ein kleines Hochzeits- geschcnk zu Füßen legen zu können, waS sonst dem armen Marquis nicht möglich gewesen wäre. M a l v i n e und P i e t r o (athmen etwa« auf). Arthur (in peinlicher Stimmung zu Mal- Villen). Verzeihen Sie, Fräulein, daß ich Ihnen und Ihrem Bruder Sorgen gemacht. Marquis. Wollen wir nicht das kleine Familienfest hier feiern? —(Er läutet.) Diener (erscheint). Marquis (zu ihm). Champagner! Diener (ab). Malvine (vir Arthur zu sich aufS Sopha gezogen, zärtlich). Da Du wieder an meiner Seite bist, sind alle Schmerzen vergessen. Pietro (zum Marquis, leise). Wozu ver- ricthen Sie unser Geschäft? MarquiS (eben so bo-haft). Warum soll er nicht wissen, wie sehr Ihnen daran liegt, daß er Ihr Schwager werde? Pietro (runzelt die Stirne und beißt sich in die Lippe). Zwei Diener (bringen Champagner und Seiäck. Der Tisch muß rasch bestellt sein. Die Diener ab.) MarquiS (entkorkt eine Flasche und füllt die tzläser. Er heb« sein Sla«). CS leben die Verliebten! (Sir trinken ) Pietro. Es leben die — Verlobten! (Hier wird die Thür rasch aufgeworfen und her- eintreten) Vierzehnte Scene. Wundersheim. Caroline, Vorige. Wunderckheim (zur Thüre zurücksehend). Ich habe Ihnen sckonheute einmal gesagt, daß ichnicdtderMann dazubin.sich abweisen zu lassen !(Sich in» Zimmer wendend, etwa» frappirt.) Gesellschaft! — Aber das macht nichts. (Zu Carolinen.) Fürchte Dich nicht, mein gutes Earolinchcn, wir haben ja kein schlech- 12 tes Gewissen! (Dortretend und Karolinen an der Hand führend, die ihm willenlos mit zu Boden gesenkten Augen folgt.) Arthnr (Karolinen erkennend). Caroline! Wunders he im (ruhig, einfach). Entschuldigen die Herrschaften, aber da wir einmal da sind, so ist es gut so. Ich weiß nicht, ob Herr Markland schon davon unterrichtet ist, daß ich beute bereits hier war, um ihn an die Pflichten zu erinnern, die er gegen meine Nichte hier hat. Aber nun weiß er es. Er mag auch wissen, daß der Marquis so freundlich war, sich der Sache annehmen zu wollen. Arthur (halblaut zum Marquis ). Und Du sagtest mir nichts davon? Marquis(cbmso). Ich wollte die Sache ohne Dich abmachen. Solche Lappalien versteht ein Dritter besser zu ordnen. Wnndersheim (fortfahrend). Herr Markland aber könnte vielleicht der Meinung sein, daß ich hier Schritte mit dem Vorwissen meiner Nichte unternahm. Dem ist aber nicht so. Ich erkläre hier ausdrücklich, daß Caroline auf's Tiefste entrüstet war, als ich ihr davon erzählte, was ich auf meine eigene Faust für sie unternehmen wollte. Sie bestand darauf, sie hierher zu begleiten, damit sie Herrn Markland sein Wort zurückgcbe, denn wenn wir auch arm sind, so sind wir doch viel zu stolz, Geschenke anzunehmen, die man uns, um Scandal zu meiden, hinzuwerfen gedenkt! (Zu Larolinkn, zärtlich.) Bist Du nun zufrieden mit mir, Carolinchen? Caroline (hrrvortretend, ohne aufzublicken. in dumpfem Tone, aber entschieden). Ich stelle Arthur hiermit feierlichst sein Wort zurück, das er mir in seliger Stunde gegeben . . . Er ist frei! (Sie bricht in Schluchzen auS und lehnt sich an Wundersheim.) * WUNdersheiM (streichelt ihr liebreich die Wange). Arthur (überwältigt). Caroline! Caroline (seine Stimme erkennend, blickt zu ihm hin, der an Malvinens Seite fitzt, von deren Hand fest gehalten Sie bedeckt ihr Gesicht mit beiden Händen, dann sich mühsam aufrich- tend zu Wundersheim.) Kommen Sie, Onkel, Caroline hat hier nichts mehr zu suchen ... Malvine (sich erhebend und mit Affekts- tion aus Carolinen zugehend, zu dieser). Armes Kind, wie sehr rührt mich Ihr Schmerz! Fassen Sic sich ... Ich will Ihre Freundin sein, weinen Sie Ihren Gram an meiner Brust aus . . . Caroline (Malvinen mit großen Augen betrachtend). Das ist nicht der Ton der Wahrheit, das ist . . . Heuchelei! ... Sie sind, wie ich sehe, diejenige, die mir meinen Arthur entriß, ... Ich werde Ihnen kein Leides wünschen, aber in meine Arme vermöchte ich Sie niemals zu schließen! . . . (Mit Traun.) So ist das liebende Frauenherz, und weil es so ist, ist cs eben ein — Frauenherz. Lassen Sie mich ruhig ziehen, doch schenken (bitter) Sic mir kein Mitleid! Marquis (dazwischen tretend, zu Malvi- neu nicht ohne Ironie). Sie haben sich von Ihrer Seelengröße Hinreißen lassen, Sie sehen, wohin Sie Ihre — Perlen verwarfen! — (Zu Karolinen.) Mein Kind, ich ehre Ihren Schmerz, aber Sie werden begreifen, daß es — wünschenswerth sein muß, diese uns Allen so peinliche Scene—abzukürzen. Caroline (zum Marquis, kalt). 3ch danke Ihnen, mein Herr, für Ihre Erinnerung. (Zu Wundersheim.) Onkel, kommen Sie. — Marquis (sie zurückhaltend). Man soll aber nicht sagen, der reiche Markland habe nicht für die Zukunft eines Mädchens gesorgt, dem er, wenn auch vorübergehend, seine Neigung geschenkt. (Sr übergibt Wun- dersheim ein kleine- Portefeuille.) Hier übernehmen Sie für Ihr Fräulein Nichte eine Summe, die hinreichen wird, gerechte Ansprüche zu befriedigen. Malvine (die sich in Arthur- Arm gehängt, anerkennend, zu ihm). Wie edel bist Dn! Caroline (einen Moment, wie vom Schreck erfaßt, dann sich mit der Hand über die Stirne fahrend). Nein, es ist kein Traum! (Zn wilder 13 Leidenschaft.) Man wirft Carolinen Geld hin und nun soll sie gehen!! (Vorwurfsvoll, mit erschütterndem Tone.) Arthur, habe ich das um Dich verdient? (Sie entreißt Wun. dersheim daS Portefeuille und schleudert es aus die Bühne.) Hier habt Ihr euren jämmerlichen Balsam für alle Wunden! Hier liegt der Moloch, um den Ihr Alle tanzt! . . . Ihr sollt aber wissen, daß es einen größeren Gott gibt als ihn: der Stolz eines gekränkten, liebenden Herzens! — Aber was wißt Ihr von Liebe, von diesem letzten Rest auS dem Paradiese! Euch ist sie, was Euch der Hunger, der Durst ist! Euch ist siezum eitlen Spiel, um zuletzt zum—Spott zu werden! ... O ich wußte, trotz meiner Unerfahrenheit, daß die Liebe nur im Stillen blüht, daß sie nicht in den Prunkgärten der großen Welt gedeiht! Aber daß Du, Arthur ... ach, das ist eS, was mein Herz mit blutigen Krallen erfaßt! ... (Weich.) Konntest Du je vergessen, wie anspruchslos meine Liebe an deiner Brust sich entfaltete, wie ich nur in Dir lebte, wie die ganze Welt mit allen ihren lärmenden Freuden vor dem Glücke verschwand, das mir aus deinem Auge erglänzte! Marquis (mit absichtlich schneidender Kälte zu Karolinen). Genug, mein Fräulein! Daß Sie zurückweisen, waS man Ihnen bietet, ist Ihre Sache. Wenn Sie uns aber Proben Ihres — theatralischen Talentes geben wollen, von dem mir Ihr sachverständiger Onkel erzählte, so ist nur zu bedauern, daß mir der Ort schlecht dazu gewählt erscheint ... Caroline (sich stolz aufrichtrnd). O, ich verstehe Sie, mein Herr! — Meine Art erscheint Ihnen—komödiantenhaft! Die Sprache der Empfindung ist Ihnen die Sprache der Komödie! Sie haben Recht, die wahre, innige Liebe gehört nicht in's wirkliche Leben, sie ist nur die Ausgeburt fantastischer Gcmüther! — Lebe wohl, Ar- thur! (Wist abgkhrn.) Arthur (drr bisher mit sich gekämpft, reißt sich von Malvinen loS, um auf Karolinen lo- t» eilru.) Marquis (saßt ihn am Arm und hält ihn zurück). Keine Schwäche, Arthur! Arthur (sich gewaltsam von ihm loSmachend). Mischen Sie sich nicht weiter in meine Angelegenheiten Herr Marquis! (Carolinens Hand erfassend.) Caroline, habe Mitleid mit mir! Marquis (für sich) Endlich! — Caroline (suchtfich Arthur sanft zu entwinden, unter ausbrechrnden Thränen). Lassen Sie mich, es ist. . . besser so. ' Arthur (zu ihren Füßen). Nein, Du bleibst! Ich lasse Dich nicht! Erbarmen, Caroline! Ma l v ine und Pietro (entfernen sich mit spöttischen Mienen). Arthur (aufstrhend, sich an Wunder-Heim wendend). Oheim, bitten Sie für mich! Wunders heim (zuckt mit den Achseln). Arthur (verzweiflungsvoll). Caroline! Du liebst mich nicht mehr! Caroline (blickt ihn zärtlich an, kämpft mit sich und sinkt an seine Brust). Arthur (den Marquis erblickend, zu diesem). Wenn Sie,Herr Marquis, daS richtige Gefühl haben, so wüßten Sie, daß Sie hier keinen — angenehmen Eindruck machen. Marquis (dir Arme nach Arthur auSbrei- tend, innig). Arthur, hörst Du die Stimme deines HerzenS nicht?! Arthur (ihn anstarrend). Diese Stimme! diese Worte! (Freudig erregt.) Mein Vater! Marquis. An mein Herz, Arthur! — (Umarmung.) Begreifst Du nun die räthsel- hafte Art deS Marquis? Arthur (mit der Hand über die Augen streifend). Wie konnte ich Sie nur einen Augenblick verkennen? Marquis. Vergaßest Du, daß dein Vater einst — »Komödiant* war? WunderSheim. So habe ich mich doch nicht getäuscht! (Auf den MarquiS und sich deu. tend.) Wir waren Collegen an einer und derselben Bühne! Arthur. Verzeihung, Vater! Marquis (Arthur mit dem einen Arm, Karolinen mit dem andern an sich ziehend, neigt sich über Karolinen). Schon um dieser Dulderin willen! (Gruppe. Der Vorhang fällt.) « Aul de« Theater-Derlage WaMshauffer'schell Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Räuberbraut, die. Posse mik Gesang und Tanz in 3 A. und 9 Bildern von Earl Elmar. (Wr, Theater-Rep Nr 148) 60 kr 12 Sgr. Räuberhöhle, die. Schausp mit Gesang in 3 A 1803. 30 kr 6 Sgr Ravelli, Dittoria, der weibliche Rinaldo. Schau» spiel in 2 A v Perinet 8.1808 40 kr 8 Sgr. Razemba» Manuela, oder die Trauringe. Posse in 1 A v. Sonnleithner. 1k 1815. 25 kr. 5 Sgr Rechnungsrath, der, und feine Töchter. Lustip in 3 A siehe Feldmann Lustspiele 4. Band Rectdiv, da-. Lustspiel in 3 A Frei nach Mari» vaur von Jünger 1803 40 kr 8 Sgr Redoute, die schwarze. Komische« Singspiel in 3 A. 1807. 40 kr 8 Sgr Redoute und Narrenhaus. Schwank in 1 A und 2 Bildern von C F Stir (Wiener Theater- Repertoir Nr 113) 35 kr 7'^ Sgr Rege« «nd Sonnenschein. Lustspiel in 1 A von L6on Gozlan Deutsch vonAler Bergen (Wr Theater-Rep Nr 135) 35 kr 7'/, kr Regenwurm» Elias, oder die Verlobung auf der Parforcejagd. Posse mit Gesang in 2 A von F. Hopp (Wiener Theater-Rep. Nr 21) 60 kr 12 Sgr Regnlus. Tragödie in 5 A. von Collio 1802 (vergriffen) Rehbeck, der» oder die schuldlosen Schuldbe- «nstten. Lustsp in 3 A von Kotzrbue. 1815 50 kr 10 Sgr Reise, die, nach Amerika. Schauspiel in 1 A Weiffrnthurn Schauspiele 11 Band Reise» die, «ach der Stadt. Lustspiel in 5 A v Jffland 1801 60 kr 12 Sgr Reisenden, die. Orig »Lustspiel in 1 A von Pape 1788 25 kr 5 Sgr Rekrut» ein, von 18LS. Dolk-stück mit Gesang in 3 Abth. v O F Berg (Wiener Theater- Rep Nr 54) 60 kr 12 Sgr Rekrnttrung, die, im Krähwinkel. Burleske mit Gesang in 1 A von Theodor Flamm (Wr Theater-Rep Nr 101) 35 kr 7'/^ Sgr Repressalien. Schauspiel in 4 A von Ziegler 1802 8 50 kr 10 Sgr Reue versöhnt. Schauspiel in 5 A von Jffland 50 kr 10 Sgr Reust» Heinrich» von Plauen» oder die Belagerung von Marieuburg. Trauerspiel in 5 A von Kotzrbue 1810 60 kr 12 Sgr Revers, der. Orig.-Lustspiel in 5 A von Jünger 1803 50 kr 10 Sgr Riesenbnrg» Konrad von. Schauspiel mit Gesang in 4 A von Schuster 1806 8. 40 kr 8 Sgr Rinaldo Rinaldini» der Räuberhauptmann. Schauspiel 1 Thril in 4 A 2 Theil in 3 A 3 Theil in 4 A von Hrn«lrr 1808 8 1 fi 20 kr 24 Sgr Ritter. Wtltbald, oder das eiserne Gefäst. Don Hrnsler. 40 kr 8 Sgr Robert, Pächter. Komische Oper in 1 A Frei nach Vulville v Seyfried 1803 15 kr 3 Sgr Robert, der braune, und das blonde Nantchen. Fürstengemälde in 4 A von Hen-Ier 8. 1796 35 kr 7 Sgr. Robert der Teufel. Große romantische Oper in 5 A au« dem Franz de« Scridru Delavigne Musik von Mryerbrrr 8 Neue Auflage 35 kr 7'/, Sgr. Robinson, der neue» oder da« goldene Deutschland. Earneval«-Posse mit Gesang in 2 A s Feldmann Lustspie e 5. Band. Roderich und Kunigunde, oder der Eremit vom Berge Prazzo, odee die Windmühle auf der Westseite, oder die lang verfolgte und zuletzt doch triumphirende Unschuld rc. rc. Dramatischer Gallimaihia« von Castell« 8 1821 40 kr 8 Sgr. Roman, der kurze» oder die närrische Wette. Lustspiel in i A , siehe Castelli Sträußchen 1 Jahrgang (Vergriffen.) Roman, der, eines armen jungen Mannes. Schauspiel in 5 Aufzügen und 4 Tablraur von Oetave Frvillet, bearbeitet für die deutsche Bühne von C Juin u P. I. Reinharl (Wr. Theater-Rep Nr 51 ) 60 kr 12 Sgr Romani» Sophie, oder was vermag ein Schurke nicht! Schauspiel in 3 A von Hen«ler. 50 kr. 10 Sgr Romeo «nd Julie. Trauerspiel iu 5 A. v Shakespeare Zur Darstellung im k k Hofburg- theater eingerichtet vou C A. West gr 8 1841 80 kr 18 Sgr Romeo und Julie. Quodlibet von Charakteren mit Gesang in 2 A 1808 40 kr 8 Sgr Rosamuude. Trauerspiel iu 5 A vou Th Körner 8 60 kr 12 Sgr Rosamunde. Oper in 3 A Frei uach dem Franz von I R vou Seyfried 1810 30 kr 8 Sgr Rose, die rothe und die meiste. Historisch« Oper in 3 A Nach dem Franz von I. F Castelli 1810 30 kr 6 Sgr. Rosenau, Ferd. Theatralische« Allerlei für Volksbühnen 1 Band 8 1821 80 kr 18 Sgr Inhalt: Scü«, Mond und Pagat Komische« Zauderspiel in 2 A — Justinio de: Verbannte, oder der Straßenräuber bei Otranto Schauspiel in 3 A — Bolella« oder die Zerstörung von Zuuky Schausp in 3 A Rosenstoik, der. Spiel in 1 A. «nd in Versen von Deinhardsteia gr 12 1828 35 kr 7 Sgr Rübezahl. Schauspiel iu 1 A vou Kotzrbue 1804 25 kr 5 Sgr Rückfahrt die, des Kaisers. Schauspiel in 1 L von 8 Deitb 8 1814 20 kr 4 Sgr Russe» der, iu Deutschland. Lustspiel in 4 A vo» Kotzrbue 1807 50 kr 10 Sgr Ruthars Abenteuer, oder die beide« Sänger. Romant -kom. Oper in 3A 1808 40 kr 8 Sgr 8»dino. Oiulio ^Lloov ervio» p«r musio» w 2 > v. 1805 35 irr. 7 8ssr Sachs» Hans. Dramatische« Gedicht in 4 A vor Deinhardstrin 8 Wien 1829 (vergriffen) Salem. Lyrische Tragödie in 4 A von I y Castelli 1810 25 kr 5 kr Salisbury, Adelheid von. Tranerspiel in 3 A » Schröder 1804 8 40 kr 8 Sgr Sammtroik, der. Lustspiel mit Gesang in 1 A Nack Kotzedur 1810 25 kr S Sgr Samariterinnen. Heroische Oper iu 3 A v Mar- montrl 1808 25 kr 5 Sgr Samson. Oratorium Nach Milten zu Händel» Musik frei übersetzt von I F vo» Mostl 10 kr 2 Sgr Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) iu Wien. Sand in die Auge». Lustspiel in 2 A Nach dem Französischen von Alerander Bergen (Wiener Thrater-Rep. Nr 131) 50 kr 10 Sgr. Sappho. Trauerspiel in S A von Franz Grillparzer. 1856 Vierte Auflage gr 8 1 - 50 kr 1 Tblr. Saul» König tu Israel. Melodrama iu 3 A Au« dem Französischen von I R von Seyfried. 1811 2 Auflage 40 kr. 8 Sgr Tavoyarden» di« zwei. Singspiel in 1 A von Perinet 8. 1792 35 kr 7 Sgr. Savoyardeu» die beiden. Singspiel v Schmieder 8. 20 kr. 4 Sgr Scham, die falsche. Schausp in 4 A ». Kotzebue 1803 25 kr. 5 Sgr Schatz, der. Lustspiel in 2 A v. G Leffing. 1771. 25 kr 5 Sgr Schatzgräber, der. Komische Oper in 1 A Frei uach demFrauzöfischrn »Seyfried 1803 25 kr 5 Sgr Schatzgräber, der glückliche. Komische« Singspiel iu 1 A. vv» Weidmau» 20 kr 4 Sgr Schauspieler, der. Lustsp. iu 3 Aufz v. Martnelli. (Derariffeu.) Schauspieler, der, wider Willen. Lustspiel iu 1 A vou Kotzebur. 1810 25 kr 5 Sgr. Schauspieler«, de«, letzte Rolle. Posse mit Grs. in 3 A v Fr Kaiser 8 1 851 75 kr 15 Sgr Schauspielerin, der, letzte Rolle. Siehe: Ein Traum — kein Traum Schauspielert», die. Lustspiel iu 3 A, f Castelli Sträußchen 2 Jahrgang. (vergriffen) Scheidewand, die. Singspiel in 1 A Nach dem Franz von I F Castelli 1804 20 kr 4 Sgr Scheidewand, die. Lustspiel iu 1 A, s. Castell» Sträußchen 18 Jahrgang Scheinverbreche«. Schauspiel in 5 A 1794. 50 kr. 10 Sgr. Scheiuverdtenst. Schauspiel iu 5 A von Jfflaud 8 1801 50 kr 10 Sgr. Scherz und Ernst. Spiel iu Versen vou Stoll 1803 35 kr 7 Sgr Scher», List und Rach«. Singspiel in 2 A vou Githe Musik von Winter 1800 35 kr 7 Sgr Schicksals-Brüder, di«. Lustspiel iu 4 A , s Feldman« Lustspiele 8 Baud Schiffbruch, der, oder die Erbe». Lustspiel iu 1 « 1799 35kr 7Sar. Schlacht, die, bei Kehrbelli«. Schauspiel in 5A vou Kleist 1822 KO kr 12 Sgr Tchlaugeufest, da«, i» Saugora. Heroisch-kom Oper i« 2 A von Hrntler Musik v Wenzel Müller 1797 35 kr 7 Sgr Schleuzheim, General, und sei»« Familie. Schauspiel in 4 A vou Spieß, umgrarbritrt vou Plümikr und Brimel 50 kr 10 Sgr Schmuck, der. Lustspiel iu 5 Aufzügen 1779 Schmuck-Kästchen» da«, oder der Weg zum Herzen. Schauspiel in 4 A. vou Kotzedue 1806 80 kr 12 Sgr Schneider, der» al« Raturdichter, oder der Herr Detter au« Steiermark. Posse mit Gesang '» 2 A » Fr Kaiser 8 1851 75 kr 15 Sgr Tchneider, der, und sein-Lob», oder Mittel gegen Herzwek. Lustspielen 5 > Nach Mor- tou 1835 8 60 kr 12 Sgr Echneiderfamilie, eine arme. Traumgemälde mit Ges, Tanz u Tablraur iu 3 A v I Böhm (WieuerTheater-NepertoireNr 4 ) 40 kr. 8 Sgr. Dchönstein, G.» da« Privat- und Hau«theater 2 Thle in 1 Bd. Neue Ausgabe. 1851. 35 kr 7'/, Sgr Inhalt: Ta« unterbrochene Duell — Der Bürgermeister. — Einen Spaß will sie sich machen — Herr vou Schuserl, oder die Landpartie iu'« Krapfenwaldel. Schöpfung, die. Oratorium in drei Abteilungen Muflk von Joseph Haydn 15 kr. 3 Sgr. Schornsteinfeger, der. Orig.-Lustsp iu 3 Acten. von Hen«ler. 35 kr 7'/, Sgr Schreiner, der. Origin.-Siagsp. in 2 Acten 1799.. 20 kr. 4 Sgr Schreiner, der, Singsp. iu 1 Act. Nach de« Lstsp. gleich. Namen« » A v. Kotzebue. 8 1803 25 kr 5 Sgr. Schritt, der erste. Lustsp. in 4 A, s Weiffea- thurn Schausp. 14 Baud Schubkar», der, de« Essighändler«. Lustsp. in 3 A. 1803. 50 kr 10 Sgr. Schuhe, die pücefarbeue», oder dir schöne Schu- steriu. Kom Siagsv. in 2 A. 1808. 25 kr. 5 Sgr Schuld, die. Trauersp. vou Müllaer. 12. W»eu (vrrgriffeu). Schuld, gleiche. Gemälde unserer Zeit iu 3 A, s Castelli Sträußchen. 7. Jahrgang. Schuld, die, einer Frau. Drama in 3 Acteu v»u E Gtrardtu. Deutsch von Mar Stei» (Wnr.. Theat. Rep. Nr 181) 50 Nkr. 10 Sgr Schulde«, alte. Orig »Lebcu«bild mit Gesang und Tanz von Friede. Kaiser (Wnr. Theat. Rep Nr 184.) 80 kr 12 Sgr Schule der Alte«, die. Lustsp iu 5 A. Au« dem Franz übers ». I F ». Mosel 1824 80 kr 18 Sgr Schule» die, der Armen, oder: Zwei Mtllioue«. Original-Charakterbild mit Ges. in 4 A. v Fr Kaiser 8. 1850. 75 kr 15 Sgr. Schule, die, der Kraue«. Lustsp in 5 A von Moli-re, frei, doch getreu übers, v. Kotzebue. 1806 50 kr. 10 Sgr. Schule der Freigeister. Orig.-Lustsp in 3 A. vou Weidmann 8 35 kr 7'/, Sgr Lchulgelehrte» der. Lustsp. in 2 A Nach dem Engl, der Miü Cowlev 1782 50 kr 10 Sgr. Schuserl» Herr vou, oder die Landpartie i« da« Krapfenwaldel. Siehe Schöusteiu« Haus» theater Schusterstöchter» dt«. Schauspiel iu 2 Aufzügen. 1787 50 kr 10 Sgr. Schutzgeist, der. Dramatische Legend« in 8 A uedst 1 A. nebst 1 Bvrsp v Kotzebue. 1815. 80 kr 12 Sgr Schwäbin, die. Lustsp iu 1 A (s. Castelli Sträußchen 19 Jahrgang.) (vergriffen) Schwäbi», die. Lustsp in 1 A. von I F Ca stellt Zweite Auflage. (Wur. Theat Nep Nr 183 s 7'/, Sgr 35 Nkr Schwäger, die. Trauersp. in 5 A 1780 50kr lOSgr Schwätzer, der. Lustsp iu 5 A Nach Goldoui. 1808 50 kr 10 Sgr Schwätzer, der uuterbrocheue. Lustsp iu I A Nach Louuay von Contessa 1809 40kr. 8Sar. Schwetzerfamilie, die. Lyrische Oper iu 3 A Frei nach dem Franz bearbeitet v. I F. Ca- stellt Füufte Auflage. 1820. 40 kr 8 Sgr. Wallishausser'sche Buchhandluag (Josef 5^lemm) in Wien, Schwesterlieb«. Lustsp. in 1 Act. Nach dem Englischen von Alexander Bergen. (Wr, Theat Rep. Nr. 133.) 7'/, Lar oder 35 Nkr Schwestern, die, von Prag. Singsp. in 2 A. nach Hafner von I. Perinet. Zweite Auflage. gr. 8. 1841 60 kr. 12 Sgr. Sclavin, die. Orig.-Schausp. in 1 A. von Wal- don. 35 kr. 7'/, Sar. Sclavin, die, in Surinam. Schausp. rn 5 A. von Kratter. 1805. 35 kr. 7'/, Sgr. Sclavin, die, und der großmüthige Seefahrer. Kom. Singsp. 1781. 1782. 50 kr 10 Sgr. Scüs, Mond und Pagat. Komisches Zauberspirl in 2 A. von F. Rosenau. 8 1821.40 kr. 8 Sgr. — dasselbe, s. Rosenau. Theatralisches Allerlei. Secretäre, die beiden. Lustsp. in 1 A v. Anton Bittner. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 155.) 35 kr. 7'/, Sgr. Seelenadel, Schausp. in 2 A. von I. Cach«. 1805. 25 kr 5 Sqr. Seelenwanderung, die, oder der Schauspieler wider Willen auf eine andere Manier. Schwank in 1 A. von Kotzebue. 1816. 35 kr. 7'/, Sgr. Seeräuber, die. Traurrsp. in 5 A. v. E. v. Hou- wald. 8. Leipzig. 1831. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Selbstbeherrschung, die Schausp in 5 A. v. Jffland. 1810. 50 kr. 10 Sgr. Selbstmord, der, oder der unglückliche Lottospieler. Drama in 1 A v. Weidmann. 20 kr. 4 Sgr. Seltm, Prinz von Algier. Traurrsp in 5 A. von Jünger. 8, 1804. 40 kr 8 Sgr. 8emlr»m«6e. MeloärammL trujsieo iu clus ^tti äel Lisr kossi. Musios äsl 8i^r. klossmi. 12. 1823 35 kr. 7'/, Sgr. Semirami», die neue. Heroisch-kom. Travestie- Oper in 3 A. von Perinrt 1805. 8. 40 kr. 8 Sgr. Servus, Herr Stutzerl i Posse in 1 A von Carl Juin und Louis Flerr. (Die Grundidee nach dem Französischen: öou jour, Monsieur ?»n- trston) (Wiener Theater - Rep. Nr 28.) Zweite Auflage 35 kr. 7'/, Sgr. Severin von JaroSzynSki, oder: Der Blaumantel vom Trattnerhof. Genrebild mit Gesang und Tanz in 4 Acten (all Seitenstück zu »Therese Krone««), von Carl Haffner und I. PfundheUrr. 12 Sgr. 60 Nkr. Ghakspeare als Liebhaber. Lustsp. in 1 A, s. Kurländer Almanach 8. Jahrgang. Shawl, der. Lustsp in 1 A von Kotzebue. 1815. 35 kr. 7'/, Sgr. Sie» der. Lustsp. in 1 A., s. Castelli Sträußchen 3. Jahrgang. Sie hilft sich selbst. Lustsp. in 4 A., s. Weiffen- thurn Schausp. 15. Bd. Sie sind zu Hause. Lustsp. in 1 A Nach De- saugier« bearbeitet 1808. 25 kr 5 Sgr. Singspiel, da». Singsp. in 1 A Nach dem Franz, von Treitschke. 20 kr. 4 Sar. Singspiel, da», am Fenster. Kom. Oper in 1 A. Nach dem Franz v. Treitschke. 20 kr. 4 Sar. — — daS, auf dem Dache. Kom. Oper in 1A. Nach dem Franz, v Treischke. 20 kr. 4 Sgr. Sinn, leichter. Lustsp. in 5 A. von Jffland. 1800. 60 kr. 12 Sgr. Siri Brahe, oder: Die Neugierigen. Schausp in 3 A. von Sr. Majestät Gustav dem Dritten, Könige von Schweden. Aus dem Schwedischen übers, v. Gruttschreiber. 1794. 40 kr. 8 Sgr. Sitah Mani, oder. Carl der XU. bei Bender. Histor. Schausp. iu 5 A. 1809. 40 kr. 8 Sgr. So gibt es den« in der Welt gar keine Ruhe. Original-Lustsp. in 2 A. 1807. 30 kr. 6 Sgr. So handeln Freunde. Originalgemälde aus dem häuslichen Leben in 1 A. 1794 35 kr.7'/, Sgr. So lohnt sich Kunst. Vorspiel, s. Weiffeuthurn Schauspiele 12. Bd. Sohn, der, auf Reisen. Lustsp. in 2 A., s. Feldmann Lustspiele 1. Band. Sohn, der dankbare. Ländl. Lustsp. iu 1 A. von Engel. 1772 20 kr 4 Sgr. Sohn, der, de-, Giboyer. Schauspiel in 5 A. von Emil Lugier. Deutsch von M. Saphir. (Wnr. Theat. Rep. Nr 151.) 16Sgr.80Nkr. Sohn, der natürliche. Schauspiel in 4 A und einem Vorspiele in 1 Aufzuge von Alexander Dumas' Sohn, deutsch von P. I. Reinhard. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 44.) 12 Sgr. 60 Nkr. Sohn, der verlorene. Lustsp in 3 A. v. Schink. 1794. 50 kr. 10 Sgr. Söhne, die, des Thal», s. Werner Theater 1. und 2. Band. Soldat, der im Frieden. Charakterbild mit Gesang. Tanz, Tableaur rc. in 3 Acten von Friedr. Kaiser. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 148) 12 Sar. oder 60 Nkr. Soldat, der, ganz allein. Komische- Zwischensp in 1 A., s Castelli Sträußchen. 13. Jahrg Soldat, der, von Cherson Lustspiel in 3 A von HenSler. 1790 8. 35 kr. 7 V, Sgr -der Oesterreicher in Kehl. Vorspiel in 1 A. von HenSler. 1797. 8 35 kr. 7'/, Sgr. Soldatenkind, das. Dolksstück mit Ges. u. Tanz in 2 Abth. und 6 Bildern, nebst einem Vorspiele von Theodor Flamm (Wnr. Theat. Rep Nr. 156.) 60 kr. 12 Sgr. Soliman vor Wien. Orig.-Trauersp. in 5 A. von Weidmann 35 kr. 7'/, Sgr Soliman der ll oder die drei Sultaninnen. Singsp. in 2 A. Nach dem Franz von F L Huber. 1807. 25 kr 5 Sgr Sonnenjungfrau, die. Schausp iu 5 A. von Kotzebue. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Sonnet, das. Spiel in 1 A. von Deinhardstem gr 12 1816. 35 kr 7'/. Sgr Sonnleithner I., Taschenbuch für deutsche Schaubühnen und Liebhabertheater. 18. 1815. br. 1 fl 20 kr. 20 Sgr. Enthält: Der Gönner, Lustsp. in 1 A — Tennier«, Lustsp. in 1 A — Die Ueberraschung, Lustsp in 1 A. — Die Zurechtweisung. Lustsp iu 1 A in Versen. — Manuela Razemba oder die Trauringe, Posse in 1 A Sorge« ohne Roth und Roth ohne Sorge«. Lustsp in 5 A. vonKotzedue. 1811.50kr. lOSgr. Spanier» die» in Peru» oder Rollo'» Tod. Romantisch!« Trauetsp. in 5 A. von Kotzebue 1801 60 kr 12 Sgr. Sparbüchse, die, oder der arme Candtdat. Lustsp iu 1 A Wien 1808. 35 kr 7'/. Sgr. Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. (Diese- Verzeichniß wird fortgesetzt.) ruck und Papier von Leopold Sommer i" Wr«a. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Drei Woche» verheiratet. Schwank in einem Art nach dem FranMschen von Josef Braun (Im k. k. priv. Earltheater mit Erfolg gegeben.) Personen: ö hampfollet. Amalie, dessen Gattin Bechrpont- Kerl Ne, dossen Frau. Anton, Diener. Talon eines Landhauses. Thür im Hintergründe» rechts und links Thürea. Erste Scene. Anton (allein aus dem Hintergrund», zwei Paar Herren» und zwei Paar Damrnschuhe in den Händen, stellt die Schuhe auf'S Parquet). Zwei Paar Stiefel und vier Paar Schuhe, es ist niederträchtig! Ach, wie leid thut eS mir, meinem letztenHerrn den Abschied gegeben zu haben. DaS war ein braver Mann, rin ehemaliger Officier, der für's Vaterland gekämpft und bei der Gelegenheit ein lb«atn»N«ptii»in Re. i>- Bein verloren hatte, das war ein Dienst, — ich hatte täglich nur einen Stiefel zu putzen. — Aber hier, Herr Ebampfollet ! und seine Frau, und außerdem Herr Beche- pont und dessen Gattin, die uns eine Visite gemacht baden, die jetzt schon drei Wo» !chen, seit der Hochzeit meiner Herrschaft, dauert.— Die zwei Herren sind heuteFrüh aus die Jagd gegangen. Na, auf die Stiefel, die die bcimbringeu werden, freue ich mich jetzt schon! Aber wenigstens bleiben sic bis Mittags aus, — und ich habe dis dahin Ruhe. 2 Zweite Scene. Ehampfollet. Anton. Ehampf. (tritt leist ein, er trägt ein Gewehr, daS er in eine Ecke stellt). So, das ist mir gelungen! Anton (bei Seite). Ah! da ist er schon. (Laut, sehr freundlich.) Guten Morgen, gnädiger Herr — (Er trägt zwei Paar Schuhe in s Zimmer rechts ) Ehampf. Still, Unglücklicher! — Anton. Der gnädige Herr gehen also nickt auf die Jagd? Ehampf. Wirst Du wohl leise sprechen, — Marsch! und sage Niemanden, daß Du mich gesehen. . .Ah doch! — Wo ist meine Frau? Anton. Im Garten, gnädiger Herr. Soll ich ihr sagen, daß Sie da sind? — Ehampf. (öffnet ein Fenster). Nein — schweig' — ich werde sie selbst rufen. (Anton trägt die andern Schuhe in's Zimmer rechts.) Ich Hab' mir's gedacht! ibre Schwester ist wieder bel ihr. (Schließt da« Fenster.) DaS ist zu langweilig. Anton. Also soll ick die gnädige Frau rufen? Ehampf. Nein, sag' ich Dir. Laß' mich allein. Gib mir meine Morgenschuhe, — uud putze dann meine Stiefel. Anton (für sich). DaS fünfte Paar! Ich möchte lieber bei einem Baarsüßler im Dienste stehen. Dritte Scene. Ehampfollet (allein). Ich bin meinem Sckwager durckgegangen. Wir waren auf der Jagd im Walde — er ging rechts — ick links, — auf dem Kreuzwege sollten wir Zusammentreffen .ah pah — ich werde ihm sagen, 'ich hätte mick verirrt, — der Kreuzweg sei verloren gegangen, und da er die Gegend bicr nickt kennt— (Mit Kraft) Ack, meine Lage ist eine verzweifelte! (Faßt sich.) Es sind jetzt drei Wochen, daß ich geheiratet habe, meine Amalie ist eine reizende kleine Frau, die ich anbete — Um den Honigmonat in ungestörter Seligkeit genießen zu können, gehe ich auf's Land . . wie reizend malte ich mir das Leben hier ans! — Unter dem schnöden Vorwand verwandtschaftlicher Gefühle kommen Bechepont, mein Sckwager, und dessen Frau einen Tag nach unserer Hochzeit hierher, — sie lassen sich häuslich nieder ... sie finden die Um- gebung charmant, mein Landhaus unüber- trefflich . . . und unsere Gesellschaft sehr liebenswürdig. — Sie geben uns nickt von der Seite.. . eher würde ich glauben meine» Schatten verloren zu haben, als Beche- pont zehn Minuten nickt an meiner Seite zu sehen, meine Situation ist eine entsetz licke .. . Ein Ehemann von drei Wochen — der seiner Frau noch nicht unter vier Augen guten Morgen gesagt hat. Ist das schon einmal dagewesen in der Weltgeschichte? Ich bin ein wahrer Tantalus, auf Eh»'. — Ack, rvasgLb' ick d'rum, wenn ich schon sicher wüßte, daß sie morgen reisten! Aber leider Gottes, es gefällt ihnen zu gut bei mir. Anton. Gnädiger Herr, ick finde die Morgenschuhe nicht — Ehampf. Dummkopf! Bei meinem Bette! — Dock nein — Du hast Neckt, ick nehme den Dummkopf freundlick zurück, Bechepont hat sie genommen. Anton. Soll ich sie holen? Ehampf. Nein, — laß' sie ihm! sonst sagt meine Frau wieder, ich behandle ihre Verwandten schlecht. Geh', ick werde ein wenig schlafen. (Auto» ab.) Mein Herr Sckwager hat mich heute Morgens sehr zeitig geweckt — und gestern bin ich spät zu Bette gegangen, wir waren lange bei' sammen . . in Gesellschaft ... ich konnte meiner Frau nur verstohlen die Hand drücken. Ack! wenn nur sckon die vierundzwanzig Stunden verwandtschaftlicher Liebe, die iss gut? nicht wahr? Champf. Zch halte die Zügel und wäre beinahe vom Wagen gerissen worden. — Zetzt laufen die Pferde auf freiem Felde herum, und müssen erst eingefangen werden. Amalie. So können wir nicht auS- fahren. — Bechep. Gehen wir zu Fuß — paarweise — das ist charmant. — Liebenswürdige Amalie — hier ist mein Arm. Amalie. Angenommen! Komm', Ce- cilie ! Champf. (zu Cecilie). Zst's gefällig? Cecilie (für fich). Allein mit ihm — niemals (laut, lebhaft). Nein, ich danke! Bechep. Wie? Cecilie (fetzt fich aufs Canaps). Mein Unwohlsein nimmt zu. Bechep. Du bist unwohl? Amalie. WaS sagte ich? Die frische Luft wird Dir wohl thun. — Ehampf. (für fich). Bravissimo, mein Mittel wirkt. Cecilie. Ach, es ist nichts, nur vorüber- grhend! aber ich fühle mich zu angegriffen, um viel zu gehen — geht ohne mich. — Amalie. Oh! (Sktzt sich neben Cecilie) Bechep. Es ist so hübsches Wetter. — Cbampf. (für fich). Warte. (Laut.) So, dann bleibe ich auch zu Hause, ich werde über Cecilie wachen. (Setzt fich auf die andere Seite.) Cecilie. O nein, stören Sie sich meinethalben nicht. Champf. Ick kenne die Meierei i„- und auswendig, und ick esse sie nicht gern diese Milch. — Cecilie. Aber ich will nicht — Champf. Doch, doch, ich bin ein sehr guter Krankenwärter. Cecilie (für fich). Wie ihn verhindern? Amalie. Soll ich um einen Arzt schicken? Champf. Ja, das ist gut, einen Arzt, Bechepont soll einen holen, — Du Amalie gehst in die Küche, um einen Thee zu machen,und ich werde bei Ihnen wachen— Cecilie (für fich). Ich darf nicht länger zaudern. (Laut.) Ich danke Euch, meine Freunde, aber Zor wißt wie Kranke sind, ich werde mich nicht eher ruhig fühlen, als bis ich unsernHausarztconsultirt habe. Amalie. In Paris? Cecilie. Za, — ich werde daher keinen Augenblick zögern — ich gehe nach Paris. Bechep. Wie? Amalie. Nach Paris? Champf. (für fich). Sieg auf allen Linien! Cecilie. Noch heute um 2 Uhr geht ein Zug — mit dem reisen wir. Champf. Aber liebste Schwägerin, uns so plötzlich zu verlassen. — Zch weiß mich gar nicht zu fassen (für"fich) vor Freude! A mali e. Aber Du kommst doch morgen wieder? Cecilie. Zch eile, unfern Koffer zu packen. (Für fick )ArmeAmalie, erst drei Wochen verheiratet und schon — Champf. (zuBechep. zärtlich). Ntchtwahr, theuerster Schwager, Du kommst wieder? Bechep. Wenn meine Frau — 10 Cccilie. Bechepont! Hilf mir packen! (Alles außer Champfollet ab.) Zwölfte Scene. Champf. (führt sie zur Thür). Triumph! Triumph! Endlich! endlich! sie reisen! nun fällt ein Alp von meiner Brust! Ich füblc mich so froh. — tralala! — Ich trete in meine Rechte als junger Ehemann. - Die Wolken verschwinden, ich athme ans. Tra- lala! (Tänzelt vergnügt durchs Zimmer.) Dreizehnte Scene. Anton. Champfollet, dann Cecilie. Anton (für fich). Vierzig Franks Trink geld, —- er war doch nicht so übel der Schwager — Champf. (ohne ihn zu sehen). Ich fühle mich so leicht, als wäre mir soeben ein schmerzhafter Zahn gerissen worden. — Anton (für sich). Der Herr tanzt Ballet. Champf. Ah, da bist Du ja! —Nun, bist Du jetzt einmal zufrieden? Anton. Ich? Champf. Du hast jetzt vier Füße weniger. (Pantomime deS Stiefelputzen-.) Anton.Oncin, jetzt thut eS mir erst leid, daß sie fort sind — da sehen Sie. (Zeigt da- Held.) Wenn sie länger geblieben wären, dätte ich gewiß das Doppelte bekommen. Champf. (für sich). Zum Abschied verdirbt er mir noch die Dienerschaft. Anton. Ich muß Ihnen schon sagen, gnädiger Herr, wenn Sie nicht von Zeit zu Zeit Gäste hier haben, so gebe ich Ihnen meinen Abschied. Champf. Anton, Du wirst unverschämt. -lnton. Auf dem Lande habe ick das Reckt dazu. — Achttägige Kündigung. Champf. Ich würde Dich augenblicklich hinauswerfen. — wenn ich nicht ans Dankbarkeit nachsichtig wäre — Du hast mich zu einer Idee begeistert. Anton. Ick habe den gnädigen Herrn begeistert — Champf. Ja, Du Tölpel — hier hast Du fünf Franks. (Cecilie erscheint und sucht nicht gesehen zu werden.) Anton. Schon wieder! Champf. Wir sind quitt, — ich babr deine Idee bezahlt! Anton. Eine Idee ist mehr wertb als zehn Franks. Cecilie (für sich). Was sagt er. eine Idee? Champf. Gut, hier hast Du noch fünf Franks, Du darfst Dir heute einen Rausch holen. Alle Welt soll sich mit mir freuen! — Am Tage meiner Erlösung — von diesen unerträglichen Gästen, — die mir Meine Flitterwochen störten,und mich beinahezum Selbstmorde getrieben hätten. — Glückliche Reise, liebste Gäste, — ick hoffe euch recht bald — nicht wieder zu sehen. (Ab) Vierzehnte Scene. Cecilie. Anton. Cecilie. Seine Flitterwochen gestört — was bedeutet das? Wir reisen ab — und er ist vergnügt, er tanzt — Anton. Befehlen Madame noch etwas? Cecilie. Herr Champfollet hatDirGeld gegeben? Anton. Fünfzehn Franks—rch wundere mich selbst sehr darüber, so — unter ungesagt, er ist sonst sehr schmutzig. Cecilie. Aber er sprach von einer Idee, die Du ihm gegeben — Anton. Ah, ick weiß schon. (Nachdenktnd) Cecilie. Nun? Anton. Meine Geschichte vom Capitän — von der Köchin, die mich fort haben wollte — Cccilie. Und. und —? Anton. Nun, und die sich verliebt in mich stellte, — so daß ich machte, daß ich wegkam. II Cecilie. Und dafür hat er Dir fünfzehn Franks gegeben? Anton. Ja, er sagte, ich hätte ihn begeistert — beeil ic (für sich). Ick verstehe (Laut) Geh' und sage Niemanden — oder nein, warte. (Geht an drn Tisch und schreibt.) Zwei Zeilen an meinen Mann und meine Schwester, nm sie von meinem Plan zn unterrichten. (Schreibt weiter.) Anton (für sich). Was hat denn die nur wieder? soll rch die auch begeistern — , becilie. Gib dieses Billet an meine Schwester, aber vor Allem kein Wort zn Herrn bhampfollet. Anton. Kein Sterbenswörtchen; ich sage ibm ohnedieß nichts mehr. — Eine Idee für fünfzehn Franks, eS ist zu schmutzig (Ab) beeilte (allein) Kein Zweifel, diese Leidenschaft, diese kesrige Liebe waren nichts als eine reine Komödie, um mich zu erschrecken, — und um mich zur Abreise zu zwingen. Also wir genirten Sie, lieber Herr Schwager, wir genirten Sie, gut— wir reisen — aber erst werde ich mich revanchiren. b Ham Pf. (von außen). Schnell, schnell, Du Tölpel! beeilte. Er ist'S! Fünfzehnte Scene. Eecilie. bhampfollet. Eham pf. (zu Anton). Laus, bringe die Koffer herunter und laß' anspannen. (Heiter vortretend.) Das fehlte noch, daß sie am Ende noch den Zug versäumten. (Steht kecilie.plötz. >ich ernst.) Da es sich um die Gesundheit meiner angebeteten Schwägerin handelt— beeilte. Ack, Sie sind'S! bhampf.Ar sich). ES ist eigentlich unrecht von mir, 's ist doch meine Schwägerin — ah was - »ch werde sie später einmal einladen. beeilte (für sich). Sie sollen mich kennen lernen, meinHerrSchwoger. (Laut.) Champ- sollet, ich habe Ihnen wehe gethan, indem ich von unserer Abreise sprach, bhampf. Mir? — Oh! Cecilie. Verstellen Sie sich nicht, Ihr Herz blutet, ich lese es — — Champf. Ja, es blutet allerdings — aber — Eecilie. Nun denn, beruhigen Sie sich, trocknen Sie Ihre Thränen, ich reise nicht, bhampf. Wie? Eecilie. Ich kann nicht, tch habe nicht den Mutb zu reisen — bhampf. (für sich). Alle Teufel! (Klein, laut.) Aber Sie sagten doch vorhin — Eecilie. Vorhin kämpfte die Leidenschaft noch mit der Pflicht — bhampf. Ah! — Bah! — Cecilie. Die Pflicht unterliegt, die Leidenschaft siegt! bhampf. (für fiä,). Was will sie denn? . becilie. Ja wohl, Ebainpfollet, Ihre glühende Liebe hat mich gerührt — Champf. HerrGott!(Kür fich.) Und tue gehört zu den anständigen Damen. Cecilie. Ich wollte schweigen, — Sie fliehen — ich kann eS nicht. — Die Leidenschaft ist stärker als ich, bhampfollet, ich liebe Sie! bhampf. (für sich). Jetzt geht'S gut, daS hat mir noch g'sehlt! becilie. Und ich Thörin wollte adrei- sen, wollte Sie ganz meiner Nebenbuhle, rin überlasten. bhampf. Ihrer Schwester — becilie. Lassen Sie mich vergessen, daß es meine Schwester ist. —Hören Sie mei nen Plan. Sie begreifen, daß wir hier unmöglich länger bleiben können. bhampf. Za wohl, unmöglich. — Sic wollen also doch reisen? Cecilie. Ja, mit Ihnen! bhampf. Was? Was haben Sie da gesagt? Cecilie. Mit Ihnen! Bestellen Sie einen Wagcn, wir wollen fliehen — 12 Champf. Fliehen? Die Geschichte nimmt eine,Wendung. Cecilie. Lieben Sie mich? Champf. Ohne Zweifel — aber Zhr Gatte, Ihr RÜf, Ihre Grundsätze — bedenken Sie —- Cecilie. Kein Bedenken, die Leidenschaft triumphirt. Champf. (für sich). Das hat sie schon zweimal gesagt. Cecilie. Machen Sie sich reisefertig. Champf. Gut, gut, aber wo wollen wir hin? Cecilie. Weit, sehr weit, — so weit als möglich! Ich erwarte Sie in einer stunde auf dem Bahnhof. Champf. Gut! (Für sich ^ Da kann,si? lange warten — Cecilie (nimmt Ihn beider Hand). Don heute ab, Champfollet, sind unsere Existenzen eng mit einander verknüpft — wir sind ein Wesen — ein Werk in zwei Bänden — vereinigt bis in'S Grab. (Bei diesen Worten zieht fie Champfollet bis an » Ca- nape, auf welche» fie sich setzt, indem fie Lhamp- follet zwingt ihr zu Küßen zu fallen.) Bis ins Grad. Sechzehnte Scene. Vorige. Bechepont. Bechep. Was sehe ich? Cecilie. Mein Mann! Champf. Ihr Mann! So! nun sind wir am Fleck. Bechep. Ha! Elende! habe ich Euch in ÜLArslUi ertappt? Cecilie. Höre mich an — Bechep. Ich will nichts hören, fort von hier, Madame, wir beide sprechen uns später. ' . Cecilie. Aber — Bechep. Fort, sage ich! — Cecilie. (für sich). Armer Champfvlkt. aber er hat seine Strafe verdient. (Ab.) Siebzehnte Scene. Beckepont. Champfollet. Bechep. So, jetzt zu uns beiden — Champf. Erlaube! Bechep. Still, Du hast einen Wechsel einzulösen. Champf. Einen Wechsel? Bechep. Einen Wechsel auf dein Le« ben, Ehebrecher. Dein Leben gehört von dieser Stunde an mir. — Ich kann damit thun, was ich will. * Champf. (für sich). Er will mich um- bringen. Bechep. Aber ser ruhig, Feigling, — ich werde Dich nicht lange martern,—ich werde Dich auslöschen, wie man eine Kerze auslöscht — (Bläst chm unter dir Nase.) Pfffft! — so - Champf. Wie eine Kerze, was das für ein dummer Vergleich ist. Bechep. Aber nein, ich werde Dich nicht auslöschen. Champf. (für sich). DaS ist mir auch lieber. Bechep. Vereinigt bis in'S Grab — habt Ihr nicht soeben dieses Duett gesungen — Champf. ES war kein Duett — es war ein Solo, Cecilie sang eS — Bechep. Vereint bis in'S Grab — daS ist euer Programm? — gut — sehr gut. — Ich schließe mich diesem geehrten Anträge an. Champf. Wie meinen Sie daS? Bechep. Höre mich, Du liebst mein Weib. Champf. Ich? — fällt mir gar nickt ein — Bechep. (packt ihn). Du liebst mein Weib, sage ich Dir — wenn Du sie nicht liebst, erwürge ich Dich gleich augenblicklich — also Du liebst mein Weib? — Champf. (brummt). 13 Beckep. Versteh' mich wohl, Du liebs^ sie und wolltest sie mir entführen, nicht wahr? — Champf. Ich erinnere mich nicht mehr — Beckep. Gut. Du sollst sie haben. Ick bin erst vier Jahre mit ihr verheiratet. Auch ich liebe die Veränderung, auck ick kann ein verstuckter Kerl sein, auch ick kann die Frauen anderer Ehemänner verführen — dazu bietest Du mir jetzt die sckönste Gelegenheit. — Champf. Wie, Du wolltest? Beckev. Warum nicht? Du betest meine Frau an, ick liebe sie nickt mehr. Du liebst deine Frau nicht mehr, ich bete sie an. Champf. Was? Beckep. Die Geschickte ist srbr einfach — ein solides Tauschgeschäft, wir tauschen unsere Frauen anS. Champf. Aber ich will nickt tauschen — Beckep. Du wirst. Von heute ab bist Du der Mann meiner Frau. Achtzehnte Scene. Amalie. Mein Herr, von heute ab sind wir einander fremd. Champf. Fremd! — wir haben uns ja kaum kennen gelernt. Amalie. Sie eristiren nicht mehr für mich — ich bin Witwe — Champf. Witwe, bei meinen Lebzeiten ? Bechep. Da erspart sie Trauer anzu« legen. Amalie (weinend). Ah, ein so Uttwür. digeS Spiel mit mir zu treiben — B e che p. (hält Ehampfollet aus, der j» ihr will). Beruhigen Sie sick, trocknen Sie Ihre Thränen, theure Amalie, man wird Sie trösten. Champf. WaS sagt er? Bechep. (küßt ihr die Hand). Ick werde Sietrösten. (Stößt tz hampfollrt zurück, der sich ihr nähern will). Packe deine Effecten. Champf. (für sich). Jetzt wird mir'S zu toll. — A m a l i c (weinend). Ach! Bechep. (küßt sie auf die Wange). ArmeS Weibchen, gehen Sie auf Ihr Zimmer, und wenn er abgereist sein wird. — (Amalie ab.) Vorige. Amalie. Amalie (hat die letzten Worte gehört). Mein Mann, der Mann meiner Schwester? Beckep. Vor fünf Minuten lag er zu ihren Füßen. Champf. Ick werde Dir sagen, Amalie, was — Amalie. Amalie—Mein Herr, ich verbiete Ihnen mich so zu nennen. — Champf. (für sich). So, jetzt fangt Die auch noch an. Amalie. Wie, mein Herr, unter dem ehelichen Dache meine Schwester zu ver» führen — Bechep. Mein armes Weib zum Bösen zu verleiten. — Amalie. Es ist infam — Bechep. Nein, eS geht nickt anders, ich muß ihn doch umbringen. Champf. Ah! Ah! Bechep. Ick versprecke Dir deine Frau vollkommen glücklich zu machen. — Champf. Beckcpont! Bechep. Sie wird sick nicht nach Dir sehnen, gewiß — ick werde Dick vollkom men ersetzen. lGeht durch dieselbe Thüre zu Amalie ) Neunzehnte Scene. Champfollet. Antvu. Champf. (will Bechepont folgen, dieser schlägt ihm die Thüre vor der Nase zu). Sie sind beisammen(will die Thüre öffnen) und einge- scklossen — daS geht nickt - Ick werde durch die andere Thüre — (Will ab — Anton tritt aus.) Anton. Der gnädige Herr wollen zu Madame — 14 Champf. Geh' zum Teufel! Anton.Madame hat sickverbarrikadirt. Champf. Verbarrikadirt? Anton. Wie eine Festung — (sh ampf. Ich werde ihr schreiben — gib' mir daS Schreibzeug — Anton. Hier, gnädiger Herr. Champf. Warte! An t o n. Ich warte.(Seht sich zum Ichrribkn.im selben Augenblicke erscheinen von verschiedenen Seiten Lrcilie, Amalie, Bechepont und belauschen S hamp- sollet) Zwanzigste Scene. Champf. Wie soll ich daS macken? (Schreibt). »Theueri'te Amalie! Dein Adolfo rst nicht schuldig, — seine Liebe zu Dir ist an Allem Schuld.« — Bechep. (zu den Krauen). St! Anton (bemerkt die Eintretendrn). Dh! Champf. Was gibt's? Anton (dem Bechepont winkt). O nichts! Champf. (schreibt). »Die Beckeponts sind sehr nette Leute — aber da wir in den Flitterwochen sind und ick gern allein nrit Dir sein wollte — verfiel ich auf eine Idee — auf ein Mittel, das ick von Anton erfahren, das ich aber bereue angewendet zu haben. — Dein Dich anbetender Gatte Adolfo.« — Noch ein Postscriptum. — »Ich werde die Becheponls nächstes Jahr ein» laden.« (Siegelt den Brief.) Uebergibdießrasch meiner Frau, — schlage die Thüren ein, wenn's nöthig ist. Anton. Ja wohl, gnädiger — Champf. Wenn sie schon abgereist wäre? — (Reicht Anton den Brief.) Bechep. (nimmt den Brief) Sie ist sckon abgereist — Champf.UmGotteswillen! (Wendet sich um.) Amalie, Amalie, Ihr habt gehört? Amalie. Alles, mein Herr! Cecilie. Ihr Betragen ist abscheulich Champf. O, ich war in einer Situation. die mich genug gestraft bat. Bechep. Angeklagter, Ihr seid steige- sprachen. Amalie. Unter der Bedingung, daß Ihr eure Gäste nock sechs Wochen bei Guck behaltet. Champf.MitVergnügen (Kür sich) Ich bin vernichtet! Bechep. (leise). Ruhig, wirreisen morgen. Champf. (schüttelt ihm die Hand). Mein guter Bechepont, aber Ihr kommt 's nächste Jahr? Bechep. Ja wohl, wenn Du einen Palhen brauchst. — Champf. Ich hoffe! Vorhang fällt. AuS »«UI Theater-Berlage der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Schwesterliebe. Lustsp. in 1 Act. Nach dem Englischen von Alexander Bergen. (Wr Theat Rep Nr. 133.) 7'/, Sgr. oder 3S Nkr Schwester«, die, von Prag. Singsp. in 2 A. nach Hafner von I. Perinet. Zweite Auflage gr. 8. 1841 80 kr 12 Sgr Lclavtn, die. Orig.-Schausp in 1 A. von Wal- don. 35 kr. 7'/, Sgr Sklavin, die, in Surinam. Schausp. ni 5 A von Kratter. 1805 35 kr. 7'/, Sgr Sklavin, die, und der großmütkigr Seefahrer. Kom. Singsp 1781 >782 50 kr 10 Sgr Sen», Mond und Pagat. Komisches Zauberspiel in 2 A von F. Rosenau 8 1821 40 kr 8 Sgr. —' dasselbe, s. Rosenau Theatralische« Allerlei Tecretäre, die beiden. Lustsp. in 1 A v. Anton Bittner. (Wnr Tbeat Rep Nr 155.) 35 kr 7'/, Sgr Seelenadel, Schausp. in 2 A von I. Each«. 1805 ' 25 kr S S^r. Seelenwanderung, die» oder der Schauspieler wider Willen auf eine andere Manier. Schwank in 1 A von Kotzebue. 1816. 35 kr 7'/, Sgr Seeräuber, dir. Tiaurrsp in 5 A v E. v Hou- wald 8. Leipzig. 1831 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Selbstbeherrschung, dieSchausp. in5A. v. Jffland. 1810 50 kr 10 Sgr. Selbstmord, der, oder der unglückliche Lottospieler. Drama in 1 A. v Weidmann. 20 kr. 4 Sgr. Selim» Prinz von Algier. Trauersp. in 5 A. von Jünger 8, 1804 40 kr 8 Sgr. *e,„lr»mlile. stlelockrumin» truzsieo in ckus ^tti äel !8isi' liossi ^lusre» clvl 8iß^ Nosmui 12. 1823 35 kr 7'/, Sgr Semirami», die neue. Heroisch-kom. Travestie- Oper in 3 A von Perinet 1805. 8 40 kr 8 Sgr Tervu», Herr Stutzerl! Posse in 1 A. von Earl Iuin und Loui« Flerr. (Tie Grundidee nach dem Französischen: öon jvur, 5lonsi«ur?»n- tulon) (Wiener Theater - Rep. Nr 2^.r Zweite Aussage 35 kr. 7'/, Sgr. Severin von Jarodzyuskt, oder : Der Blaumantel vom Trattnerhof. Genrebild mit Gesang und Tanz in 4 Acten (als Sriteustück zu .Therese Krone«"), von Earl Haffner nnd 3 PfuudheUrr 12 Sgr 60 Nkr. Shakspeare als Liebhaber. Lustsp. in 1 A, s Kurländer Almanach 8. Jahrgang Shawl, der. Lustsp in 1 A von Kotzebue 1815 35 kr. 7'/, Sgr Tie, der. Lustsp. in 1 A , s. Eastelli Sträußchen 3 Jahrgang. Sie hilft sich selbst. Lustsp. in 4 A.» s. Weissenthurm Schausp. 15. Bd. Sie sind zu Hause. Lustsp in 1 A Nach De- saugier« bearbeitet 1808. 25 kr 5 Sgr Singspiel, da». Singsp. in 1 A Nach dem Franz, von Treitschke 20 kr. 4 Sgr Singspiel, da», am Fenster. Kom. Oprr in 1 A Nach dem Franz, v Treitschke. 20 kr. 4 Sgr. — — da», auf dem Dache. Kom. Oper in 1A. Nach dem Franz v Treischke. 20 kr. 4 Sgr. Sinn, leichter. Lustsp. in 5 A. von Jffland. 1800 60 kr. 12 Sgr. Stri Brahe» oder: Die Neugierige«. Schausp. in 3 A. von Sr. Majestät Gustav dem Dritten. Könige von Schweden. Au« dem Schwedische» übers, v. Gruttschreiber. 1794. 40 kr. 8 Sgr Sitah Maut, oder: Carl der Xll bei Bender. Histor Schausp. in 5 A. 1809. 40 kr 8 Sgr So gibt e» denn in der Welt gar keine Ruhe. Origmal-Lustsp in 2 A 1807. 30 kr 6 Sgr So handeln Freunde. Originalgemälde au« dem häuslichen Leben in 1 A. 1794. 35 kr.7'/, Sgr So lohnt sich Kunst. Vorspiel, s Weiffenthur« Schauspiele 12 Bd Loh«, der, auf Reisen. Lustsp. in 2 A, s Feld» mann Lustspiele 1 Band. Sohn, der dankbare. Ländl. Lustsp in 1 A von Engel. 1772 20 kr 4 Sgr Sohn, der, de«, Giboyer. Schauspiel in 5 A von Emil .»girr. Deutsch von M. Saphir (Wur. Theat. Rep. Nr 151.) 16 Sgr. 80 Nkr Lohn, der natürliche. Schauspiel in 4 A uut> einem Vorspiele in 1 Aufzuge von Alexander Duma«' Sohn, deutsch von H. 3 Reinhard (Wnr Theat Rep. Nr. 44.) 12 Sgr. 80 Nkr Loh«, der verlorene. Lustsp in 3 L. v. Sckttuk 1784. 50 kr 10 Sgr Löhne» die, de» Thal», s Werner Theater 1 und 2 Band. Soldat, der im Frieden. Eharakterdild mit Ge sang, Tanz, Tableaur rc. in 3 Acten von Friedr. Kaiser. (Wnr. Theat Rep Nr 148- 12 Sgr oder 60 Nkr Soldat, der, ganz allein. Komische- Zwischensp in 1 A., s Castelli Sträußchen. 13. 3ahrg Soldat, der, von Cherson Lustspiel in 3 A vor? Hen-ler 1790 8. 35 kr. 7'/, Sgr -der Oesterreicher in Kehl. Vorspiel in 1 A. von HenSler. 1797 8 35 kr 7'/, Sgr Soldatenkind» da». Volksstück mit Ges u Tanz in 2 Adth. und 6 Bildern, nebst einem Vor spiele von Theodor Flamm (Wnr Theat Rep Nr. 158.) 60 kr. 12 Sgr Soliman vor Wien. Orig »Trauersp. in 5 A von Weidmann 35 kr. 7'/, Sgr Soliman der II oder die drei Lultantnnen. Singsp in 2 A Nach dem Franz von F. L Huber. 1807 25 kr 5 Sgr Sonnenjungfrau, die. Schausp iu 5 A von Kotzebue 1801. 50 kr, 10 Sgr Sonnet, da». Spiel in 1 A von Deinhardstem gr 12 1818. 35 kr 7'/, Sgr Sonnleithner I., Taschenbuch für deutsche Schaubühnen und Liebhabertheater. 16 1815. dr 1 fl 20 kr 20 Sgr. Enthält: Dtr Gönner, Lnstsp. in 1 A — Tennier«. Lustsp in 1 A — Die Ueberraschung, Lustsp in 1 A. — Dir Zurechtweisung. Lustsp iu 1 A in Versen. — Manuela Razemba oder dir Trauringe. Posse in 1 A. Sorge« ohne Roth und Roth ohne Sorgen. Lustsp iu5 A. vonKotzedue 1811 50kr.10Sgr Spanier, di«, in Peru, oder Rolla » Tod. Ro mantischr« Trauersp. in 5 A. von Kotzebue 1801. 60 kr 12 Sgr. Sparbüchse, die, oder der arme Candidat. Lustsp. in 1 A. Wien 1808 . 35 kr 7'/, Sgr. Wallishausser'sche Buchhandlung (Joses Klemm) in Wien. Spaß, einen, will sie sich machen. S. Schönster« Hausthrater. sperre, enge, oder: Die Hungercnr. Schwank mit Gesang in 1 A von Alois Berla. (Wnr Theat. Rep. Nr 207 ) 35 kr 7'/, Sgr Spiegel. der, oder laß' da- bleiben. Lustsp. in 1 A. von Kotzedue. 1802. 25 kr. 5 Sgr Spiegrlritter, der^ Oper in 3 A. von Kotzebur. 1802 »0 kr. 8 Sgr. Spieler, der. Schauspiel in 5 Arten von Jffland. 60 kr. 12 Sgr. Spieler, die falschen. Lustsp. in 5 A Von Kl»n- ger 1782 50 kr. 10 Sgr. Spröde, die, auf der Probe. Oper in 1 Acte von Dupaty 1805 20 kr. 4 Sgr Spul, Herr, oder-. Echtheit okne Schimmer. Lustsp. in 5 A. 1784 40 kr 8 Sgr 2 tauf, Hieronymuö von, Trauerspiel in 5 A. von Friedr Baron de la Motte Fouq^ Berlin. 1818. 50 kr 10 Sgr. Stelldichein, da-, um Mitternacht. Lustsp. in 1 A.. s. Eastelli Sträußchen. 18 Jahrgang. Sternenjungfrau» die. Romantisch » komisches Märchen mit Gesang und Tanz in 3 Abth. von Earl Haffner. (Wnr. Tbeat. Rep. Nr. 10.) 12 Sgr. oder 60 Nkr Ltrrnenmädchen, da», im Meidlinger Wald. Volksmärchen mit Gesang in 3 A. von Huber 1802. SO kr. 10 Sgr Stiefvater, der. Lustsp. in 1 Acte, nach Laureu- ciu und Marc-Michel von Grandjean. (Wnr. Theat. Rep.) 7'/, Sgr. 35 Nkr. Stiefel, der dämonische. Posse in 1 A von Earl Juin (Giuguo ) (Wnr Thcat. Rep. Nr 118.) 35 kr 7'/, Sgr Nin Stillleben auf dem Laude. Posse in 1 A von Juin und Flerr (Wnr Theat. Rep. Nr 148 ) 7'/> Sgr. oder 35 Ngr. Stolz und Liebe. Lustsp. in 5 A. von Jünger 40 kr. 8 Sgr. Ltradella, Alessandro. Romani Oper in 3 A. von W Friedrich. Musik von Flotow. gr. 16. 1845 35 kr. 7'/, Sgr Strafe, eheliche. Lustsp. in 1 A, s. Castelli Sträußchen 11 Jabrg. Ltrander-, de-, Tochter. Schausp. in 5 A. Frei nach Sheridan Knowlr-, von Fr. v. Treitschke. Wie» 1840 gr. 8 80 kr 16 Sgr Strelltzen, die. Heroische« Schausp in 4 A. uach eiuer wahren russischen Begebenheit, von . Bado. 1808. 50 kr 10 Sgr. Strich» der, durch die Rechnung. Lustsp nach Jünger 40 kr. 8 Sgr Studenten, die, von Rummelsiadt. Genrebild mit Gesang und Tanz in 3 A. von Earl Haffner (Wnr. Theat. Rep Nr 71) 12 Sgr 60 kr. Stumme, der. Lustsp in 1 A. von Kotzedue 1808 35 kr. 7'/. Sgr. Stumme, die, von Portici. Große beroisch»ro» »nautische Over in 5 A Frei nach Scribe und Drlavigne. Musik von Außer 8. (Neue Auflage) 35 kr. 7'/. Sgr Stunde der Vergeltung, die. Ritterschausp. in 5 A. v Schuster. 1807. 8. 40 kr 8 Sgr Ltnrm, der. Heroisch-komische Oper in 2 A. Nach Shakespeare von HenSler. 1788.25 kr.SSgr. Sünder, ei« alter. Lharakterbild mit Gesang ua d Tanz von Vinzenz Pirzel. (Wiener Theater- Neperto r Nr. 142.) 60 kr. 12 Sgr. Tag, der tolle, oder die Hochzeit de« Figaro Lustsp. in 5 A von Jünger 40 kr. 8 Gar Tag und Nacht, große Zaubrrpantomime rn 2 A. 1808 10 kr. 2 Ggr TaliSmau» der. Posse mit Gesang in 3 A von I. Nestrov. 12. Mit einem alleg. illum Bilde 1843 75 kr. 15 Sgr Tancred. heroische Oper in 2 A Nach dem Italienischen v Cbr. Grünbaum. 1818. ^5 kr 7'/, Sgr Li,,»« r««tl. Oi-amm» nsrio per ölusie» io tlu»- ätti 1806 35 kr. 7'/, Ggr Tant', die Jungfer. Dolkskomödle mit Gesauz in 3 Akten mit 8 Bildern Don Alois Berla (Wien Theat. Rep. Nr. 137). 60 kr. 12 Gar! Tante, die junge. Lustspiel in 1 A. s. Eastelli Sträußchen. 8. Jahrgang. Tänzerin, die, und der üuacker. Lustsp in 1 A s. East.lli Sträußchen 18 Jadrgaug Tap», »der wir gewonnen so zerronnen Posse inj 2 A Au« dem Französischen 1783. 25 kr 5 Sgr Tarnov» Gräfin von. Drama in 3 A 40 kr 8 Ggr Taschenbuch. Drama tu 3 A vou Kotzedue 8 j Leipzig. 50 kr. 10 Ggr Tauben, die. Schwank in 1 A, s. Eastelli Straus chen 7. Jahrgang Taubstumme, der, oder der l Historisches Drama in 5 A Nach jvoullv von Kotzedue 1802. 50 kr 10 Ggr Taucher, der. Rom. Oper tu 2 A Musik von S Kreuzer. 1824 30 kr 6 Ggr. Taufschein, der. Lustsp in 1 A Nach dem Franz de« Picai d vou Jffland. 1808. 40 kr. 8 Sgr Telemach, Prinz von Jthaka 1. Tbl Posse »n Knittelvers, v. Henslrr 8 1801. 40 kr. 8 Ggr —- — der travestirte. Earikatur in Knittelversen mit Gesang in 3 A. 1 Tbl 1805 40 kr 8 Gar Telemach auf der Insel der Ealypso, Ballet in 3 A 1807. 10 kr. 2 Ggr Tell, Wilhelm. Sr. pantom. Ballet von Heurv 15 kr. 2'/, Ggr Temperamente, die. Kom Oper in 1 A Nack Marsollier vou Seifried 8 1803 10 kr 5 Sa» Templer, die, aufLyperu G. Werner Theat 2 Äd Teuuier». Lustsp in 1 A. von I. Sonnleithner 1«. 1815 25 kr. 5 Sgr Testament, da-. Lustspiel». Schröder 40 kr. 8 Sgr Testament, da-, de- Onkel-. Schausp. in 3 A Nach dem Französischen von I F Eastelli. 1808 50 kr. 10 Sgr Testament, da-, einer alten Fran. Drama i» 5 « von E W Koch. Siehe deffeu dramat. Beiträ-e Testamente, zwei. Eharakterbild mit Gesang i» 3 Aufzügen von Friedrich Kaiser (Wiener Theater Repertoir Nr. 77). 80 kr. 12 Sgr Teufel, der, im Herzen. Lebensbild mit Gesang«« 2 Arten und eine« Vorspiele unter dem Titel Da-Unglück-zeichen,v»n Klamm undWimmer eug ist, nimmt Papier und schreibt.) Theure Bertha! Ich bin in der Hoffnung, meinen Gatten in deinem wie meinem Interesse umzustimmen, an'S Werk gegangen. Alles umsonst! Dcßhalb habe ich mich entschlossen, ihn zu verlassen und in Zukunft bei Dir zu bleiben. Komme gleich, um mir beim Einpacken behilflich zu sein. Deine Dich liebende Louise. (Rollt da- Brieflein zu» sammea und drückt eS mit den Fingern zu.) So, die Schiffe hinter mir sind verbrannt, jetzt will ich sogleich an'S Packen gehen! (Läutet 1—3mal io kurzen Zwischenpausen.) Achte Scene. Vorige. Ehristof (durch die Mitte). Ehristof. Gnä' Herr, befehlen? Ah — dießmal iS'S die gna Frau! Louise. Ehristof, dieses Billet trag' zu Fräulein Holden, sic wohnt gleich nebenan, Du weißt ja! Christof (wichtig). Alles weiß ich! Louise (gibt ihm das Billet). So gehe und sage deinem Herrn nichts davon, zeig' ihm auch das Billet nicht. Christof. Aha! er darf nir davon wissen, waS darin steht! — Louise. Jetzt nicht — später wird er den Inhalt schon durch mich erfahren! -jetzt geh'! Adieu! (Link« ab.) Neunte Scene. Christof (allein). Christof. Die gnä' Frau schreibt heimliche Brieferln, und der gnä' Herr derf nir wissen!? (Lrebt da« Billet in der Hand ) Aber ich möchte wissen, waS d rin steht, — net wegen meiner, o nein, nur wegen mein' Herrn bin ich neugierig wie ein Gränzbe- amter; die Frau schaut ganz trostlos aus, und selbst mein Erscheinen konnte sie nicht aufheitern. Es muß hinter den Gardinen der Häuslichkeit etwas Besonderes vorgegangen sein. (Betrachtet daS Billet.) DaS Ding ist weder gesiegelt noch gummirt, eS ist, was man sagt, ein offenes Sendschreiben, was zu iS. und zwar bloß mit dem Daumen und Zeigefinger zugedruckt, welche Verschluß Werkzeuge auch mir angeboren sind. Wie wär'S, wenn ich das Briefge- heimniß verletzte, — nein — das schickt sich nicht für einen treuen Diener seines Herrn — aber der Brief iS ja nicht von meinem Herrn, auch nicht für meinen Herrn, sondern vielleicht eigentlich gegen ihn — ah, was, ich riskir's! (Wickelt da» Papier aus und buchstabirt:) The — N — re Bertha! Theure Bertha! Ich bin in der H — (Spricht ganz erstaunt:) Was steht da? (L est weiter.) Ich bin in der — (freudig) «reiner Seel', da steht'S groß und deutlich. (Spricht eine Weile gar nichts.) Das ist ja ein merkwürdig freudiges Ercigniß — ein Ereigniß, was, wenn es in den höchsten Kreisen vorkommt, entweder 21 oder 101 Kanonenschüße zur Folge hat! Und waS sagt denn mein Herr dazu? Dem muß ja förmlich vor Wonne daö G'sicht jünger geworden sein? Ah, waS red' ich denn — fein Glück ist für ihn ja noch Gcheimniß, er soll'S erst später erfahren, denn so waS erfahren die Freundinnen immer zuerst — darum nur g'schwind daS Häuser! zumachen, damit der Staarmatz des Geheimnisses nicht zu plaudern anfangt. (Wickelt daS Papier zusammen und drückt r- mit den Fingern fest.) So, jetzt schaut's ganz so wie früher aus, und mau merkt net daS Mindeste, daß'S offen war. Jetzt nur geschwind zur daneben wohnigen Freundin, der überreich' ich das Privartclegramm, und wann sie'S liest, so schrei' ich inwendig: Hurrah! auswendig aber sag' ich mit höflicher Gelassenheit: Empfehl'mich. Fräul'n, wünsch' gleichfalls, g'horschamster Servilem! (Will durch dir Mitte ab.) s Zehnte Scene. Voriger. Wurm (vonrecht-). Wurm. He, Christof! Christof (bleibt und freudig). TaS is er! Der Glückliche! — Hurrah! das Haus Wurm soll leben, hoch! Wurm. Ja, ist denn der Christof verrückt geworden? Christof. Richtig! — er darf noch nichts erfahren! Wurm. Warum hat er denn so ge- schrien? Christof (verlegen). Warum? Weil — weil — kurz, das geht Sie nir an, wenigstens jetzt nicht, erst später! Wurm. Zum Teufel, wird Er reden, Er infamer Bursche? Christof. Infamer Bursche! Ich? (Gekränkt.) Zch, der ich so a Freud Hab', als wenn's mich selber anging! O, gnä' Herr, das iS net schön von Ihnen! Wurm (zornig). Ueber was bat Er denn eine Freud ? Ich will's wissen, und wenn Er nicht augenblicklich spricht, so ist Er entlassen. Christof. Entlassen? Nein; jetzt, wo'S in dem Haus allerhand Festlichkeiten geben wird, kann ich unmöglich meine Demission nehmen, meine Pässe verlangen! — Gut! ich will reden, aber ich bitt', gnä'Herr, ver» rathen's mich net! Wurm. Nur heraus damit! Christof. Gnä' Herr! Soeben hat die gnä' Frau einen Brief an ihre Freundin geschrieben, der so anfängt: Theure Bertha — ich bin — (blickt umher) nein, eS könnt'- wer hören, kommen'S her — ich werd'S Ihnen lieber in's Ohr sagen! (Flüstert ihm leise in die Ohren ) Wurm (horchtauf, sein Gesicht verklärt sich und er ruft freudig): Christof! Um Alles in der Welt, ist daS wahr? Meine Frau ist — Christian (ängstlich). Pst, pst! Wurm (lnse). Christof! (Spricht ihm in's Ohr, deutet dann: ist- wahr?) Christof (deutet freudig). Ja! Ick sckwöre! W urm (fälltihm vor Entzücken um den Hals). Christof (schreit in einem Ton). Vivat! der alte Wurm soll leben, und die jungen Würmer daneben! Wurm (eilt gegen die Mitte linkt). Christof (hält ihn fest). Gnä' Herr! Wo wollen's denn hin? Wurm. Zu meiner Frau, ihr um den Hals fallen, sie um Verzeihung bitten. Christof. Na, sein's so gut, machen's mich in Ihrem Glück unglücklich! — Sir dürfen ja noch nir wissen! Wurm (kehrt zurück). Ja so! Christof. Das muß Ihnen die gnä' Frau selbst sagen — muß dabei in holder Verschämtheit das Gesicht an Ihrer Brun verstecken! Sehen's so! (Schmiegt sich an ihn ) Wurm (schleudert ihn weg). Ich brauche deine Erklärungen nickt! (Eilt gegen die Thüre link-, findet diese verschlossen ) Christof. Aha! Die gnä' Frau hat fick eingesperrt; sie wird schon 'ranskommen, wenn sie glaubt, daß's Zeit ist. Darum gedulden'S Ihnen; Sie werden Ihr Glülk noch früh genug erfahren. Ick geh' jetzt meine Schuldigkeit zu thun! — Nur das Eine bitte ich mir als Belohnung für treu geleistete Dienste aus: Wann der junge Herr auf die Welt kommt, so geben'S ihm meinen Namen; dann is er der kleine Christof und ich bin der große Christof! (Eilt durch die Mitte ab.) Eilfte Scene. Wurm (allem). Wurm. O, ich kann mich vor Freute nicht fassen; — ich werde ein Kind — mein Kind in meinen Armen wiegen — mein armeS altes Leben wird durch den Glorienschein der Jugend verschönt werden. O, jetzt erst liebe ich meine Frau — und will nicht nur mein Kind, sondern 7 auch sie auf den Händen tragen! Wer kommt? Zwölfte Scene. Voriger. Theobald. Theob. (rin jungrr Mann; durch die Mitte fröhlich rufend). Guten Tag, lieber Onkel! Wurm. Ab, mein Neffe! (Fürfich.) Wie sich der ärgern wird, wenn er hört, daß er um die Erbschaft kommt. DaS muß ich sehen — das Vergnügen kann ich mir nicht versagen! Theob. Nun, Onkel, Sie sehen so vergnügt auS? Wurm. Natürlich! Weil ein großes Glück meinem Hause geworden ist — Theob. Ein Glück? Wurm. Ja, denk' Dir — ich — bin Vater! Theob. (frrudig). Nickt möglich! Wurm(brlkidigt). Was? Nicht möglich?! Theob. Ach nein — ich wollte nur sagen: Welcke Freude — Nun, theurer Onkel, ich gratulire Ihnen von ganzem Herzen! Wurm (verwundert). Du gratulirst? Du ärgerst Dich nickt? Bedenkst Du nicht, daß Du bisher die Anwartschaft auf mei, nen Nachlaß hattest, und daß jetzt deine Hoffnungen zu Nichte geworden sind? Theob. Wie? Sie hielten mich für so eigennützig? (Schmerzlich.) O Onkel, das ist schändlich von Ihnen, und wenn ich Sie nicht so liebte, wenn ich mich nicht wahrhaftig an Ihrem Glücke erfreute, wirklich, ich — würde Ihr HauS nie mehr betreten! Wurm. WaS hör' ich? Du bist also nicht so, wie ich gedacht? (Kreuadlich ) Dann, mein lieber Theobald, dann bitte ich Dick herzlichst um Verzeihung, und um auch Dir eine Freude zu machen, gebe ich Dir nun nebst meiner Einwilligung auch die Mittel, Dich zu verheiraten! Theob. Ach. theurer Onkel, wie gütig sind Sie! Wurm. Ja, Du sollst auch glücklich werden — ich will nur Glückliche um mich sehen. Warte — ich gebe Dir daS Alleschriftlick! (Srtzt sich zum Tische und schreibt). Theob. Onkel, nehmen Sie meinen innigsten Dank! Dreizehnte Scene. Vorige. Ehr istof (mit einem Korbe und einer Kindertrompete in der Hand, auf welcher er bläst). Chrrstof. So — da bin ich — und Hab' gleich die nothwendigsten Gegenstände mitbracht, die der kleine Ehristof brauchen wird! (Bläst wieder.) Wurm. Aber Ehristof, was treibt Er denn für Narrheiten! Ehristof. Jetzt noch nicht, erst wenn der kleine Wurm da sein wird, nachher kann's nett werden bei Ihnen. Wir spielen Soldaten, — wir stürmen Ihr ganzes HauS und wann die Tisch' die Beine hilflos gegen Himmel strecken, die Stühle keine Füße mehr haben, die Fensterscheiben alle zusammen bombardirt und Sie, gnä' Herr, in weiser Vorsicht von einer Stube in die andere, aber entschieden retiriren, nachher wird Frieden geschlossen und Sie zahlen die Kriegskosten. Wurm (lacht). Verrückter Bursche; aber eS freut mick', daß Er so viel Antheil nimmt. — Da hast Du. Theobald, und jetzt komm', ich will Dir gleich Geld geben, damit Du deine Anordnungen für deinen künftigen Hausstand treffen kannst. Komm'! (Beide rechtk ab.) Vierzehnte Scene. Christof (allein). Christof. Ich muß gestehen, wie ick die Spielsachen kaufte, übermannte mich plötzlich ein kindischfreudig Behagen daran, und ich dackte mir, besser wär'S sckon, die Menschen trieben zuweilen ihr Spiel mit solchen Sacken, als wenn sie mit dem Glücke, der Ehre und dem guten Namen 8 ihrer Mitmenschen spielen — kurz, ohne viel Moral zu sieden, glaube ich, so manchem Menschen wär' mit dergleichen Spielsachen prächtig gedient. (Couplet, dann ab.) Fünfzehnte Scene. Wurm. Theobald (von recht-). Wurm. So, mein lieber Neffe, die Sache ist abgethan, und wie ich hoffe, zu deiner Zufriedenheit! The ob. Ach, lieber HerzenSonkel, wie soll ich Ihnen danken! Wurm. Schon gut, schon gut! Und jetzt komm' zu meiner Frau; ich kann den Augenblick nicht erwarten, wo mich ihr Geständniß zum glücklichsten aller Ehemänner macht. (Seht mit Theobald nach rechts.) Sechzehnte Scene. Christof (durch die Mitte). Vorige. Christof. Gnä'Herr, der Mechanikus ist da! Wurm. Freund Schraube— nur herein mit ihm. Er soll sich auch mit mir freuen! Siebenzehnte Scene. Vorige. Schraube (durch die Mitte herein, eilend). Schraube. Liebster, bester Freund, wir haben zwölf neue Hinterlader-Concurrcn- tcn bekommen; eS ist höchste Zeit, ans Werk zu gehen. Was ist eS mit den 3000 fl.? Bedenken Sie Ihre Verluste, die hereingebracht werden müssen! Wurm. Freund Schraube, aus den Verlusten mache ich mir nun nichts mehr, und auch nichts ans den Concurrenten. Das hat sich jetzt Alles anders gestaltet. Schraube (entzückt). Was, Sie verzichten also auf mein Project? Aber bedenken Sie doch, vorne geht s los, wenn — Wurm. Schonen Sie sich, bester Schraube, Ihre Freundschaft wird mir immerlieb und werthsein, aber aufIhr System verzichte ich. Christof. Ja, wir acceptiren jetzt daS System, daß die Menschen mehr werden müssen, nicht weniger! Schraube. Aber ich begreife nicht — Christof. Das ist sehr leicht begreiflich, der gnä' Herr ist Vater! Schraube. Waaaas?! Christof. Und wird sein Geld wahrscheinlich auf was Gescheidteres anwenden, als auf Ihre dalketen Dummheiten. Wurm. Halt's Maul, Christof! Schraube. Sie sind Vater, und deshalb wollen Sie also die 3000 fl. nicht flüssig machen? Wurm. Lieber Freund, Sie werden begreifen — wenn man Familie bekommt — Schraube. Hol' der Guckuck Ihre Familie, es handelt sich jetzt nicht um Ihre zukünftigen Bälge — sondern um meine Hinterlader! Wurm (fährtauf). Was? So sprechen Sie? Solche Worte gebraucht der Mann, den ich seit zwei Jahren vollständig erhalte, der Mann, für dessen Carriere ick Summen Geldes vergeudete, das also ist Ihre gerühmte Freundschaft? Ihre uneigennützige Anhänglichkeit?! Schranke. Ach, was! Sie müssen sich glücklich preisen, wenn ein Genie meiner Qualität stch zu Ihnen heradläßt! Wnrm. Jetzt Hab' ich eS satt! Schändlicher Mensch! Marsch hinaus! Schraube. Herr — Leute meiner Art — die Hinterlader construiren — Christof. Ack, waS! Leute unserer Art — verstehe» sich auch auf Hinterlader! Empfehle mich Ihnen! (Faßt Schraubt Krim Kragen und schiebt ihn rückwärt- hinaus ) Empfehle mich Ihnen! Schraube (während er hinausgebracht wird, ruft wüthend:) Ich werde eine neue Höllenmaschine construiren — ich werde mich rä- 9 chen! (Ab.) Hol' Sie der Teufel — Sie alter, dummer — Achtzehnte Scene. Vorige. Louise (von links). Louise (ist eingetreten und ruft:) Mein Gott! Was geht denn hier vor? Wurm (auf sie zueilrud). Meine Frau! — Ach, Louise, — Louiserl, theures, vielgeliebtes Weib, verzeihe mir, daß ich Dir so oft weh' gethan — jetzt erst sehe ich, wie schändlich mein Benehmen gegen Dich war! Louise (freudig). Was höre ich? Gottfried, Du bist ja ganz anders als sonst — soll das Spaß oder Ernst sein? Wurm. 'S ist mein vollster Ernst! — Von nun an — ich schwöre eS Dir — mein geliebtes Weib, will ich nur meiner Familie leben und Dir nicht eine einzige unangenehme Minute mehr bereiten! Louise. O lieber Mann— Du machst mich ja ganz glücklich! Wurm. Noch lange nicht so glücklich, wie mick der Brief macht, den Du yn die Braut meines Neffen geschrieben hast! Louise. Wie? Bertha wäre mit einem- male Braut? Wurm. Ja, sie ist eS durch deinen Brief! Louise. Durch meinen Brief? Hast Du ihn denn gelesen? Wurm. Nein — aber ich weiß uw daS freudebringeude Geheimniß, welches er enthält! Louise. Ein freudebringendes Geheimniß? Nun, da irrst Du Dich, lieber Gottfried, im Gegentheile, enthält er — Wurm. Aber Louise, warum willst Du denn noch zaudern, mir mein Glück — Neunzehnte Scene. Vorige. Ehristof (durch die Mitte, ihm folgt) Bertha. Ehristof. Fräulein Bertha! Wurm. Nun, Kinder, spannt mich nicht länger auf die Folter; Fräulein Bertha, ich bitte, reden Sie; was hat Ihnen meine Frau geschrieben? Bertha. WaS sie mir geschrieben? Louise, soll ich — darf ich? Louise. Freilich! Bertha. Dann ist es daS. Beste, Sie lesen daS Billet selbst! (Zieht daS Billrthrrvor und reicht eS Wurm.) Wurm. Geben Sie her. (Fängt hastig zu lesen an.) Theure Bertha — ich bin —in der Hoffnung, meinen Gatten (liest leisx weiter, und steht dann mit einem höchst verwunderten Gesichte umher.) 3a, was — das ist, da finde ich nichts — von — (Ruft) He, Ehristof! Christof (tritt zu ihm). Befehlen, gna Herr! Wurm. Ist das der Brief, von dem Du mir gesagt hast? Ehristof (besteht den Brief). Ja, das iS er! Wurm. Da steht ja nichts drinnen von — Ehristof. Ach ja! gleich oben steht's! Sehen Sie — da! (Zeigt auf die Stelle.) Wurm (zornig). O Er Schafskopf, kann Er denn nickt einmal ordentlich lesen? Ehristof. Aber gna' Herr, was weiter drinn steht, geht mich ja nichts an; ich halte mich an den Eingang: Theure Bertha! Ich bin in der — Wurm. Komm' Er 'mal her, ich will ihm jetzt seine Seele aus dem Leibe beuteln. Geh'Er zum Teufel! (Zrrknittrrt zornig den Brief, daun aber steht er auf Louise und sagt freundlich.) Doch halt — eigentlich habe ich doch gar keinen Grund, mich zu ärgern, denn bin ich auch um eine Freude ärmer geworden, so hat doch dieses »Mißverständnis* mir gezeigt, daß eS Menschen gibt, die mich wirklich lieben, und daß ich sehr Unrecht hatte, meine Zuneigung an eigennützige Snbjectc zu verschwenden. 10 D'rum noch einmal, liebes Weib, bitte ich Dich — verzeihe mir! Louise. Erkläre mir doch, lieber Gottfried! Wurm. Später, meine Liebe! Und Du Christof, tröste Dich, deine Eselei hat doch die besten Folgen gehabt. Christof (froh). 3s das wahr, gnädiger Herr? Dann trösten auch Sie fick, denn was nicht is, kann noch werden, und eines schönen TageS schreie ich doch noch ohne »Mißverständniß* aus vollem Halse: Hoch, das Haus, Wurm soll leben und die jungen Würmer daneben ! (Wurm umschlingt Louisr, Theobald Bertha) Gruppe. Ende. La« dem Thealer-Berlag Wallishausier'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadl, Hoher Markt Nr. 1. Peter und Paul. Lustspiel in S A. siehe Castelli Sträußchen 3. Jahrgang. (Vergriffen.) Peter der Große. Histor Orig.-Schausp. in 5 A von Weidmann. 1781. 35 kr. 7 Sgr st etermännchen, das. Schauspiel mit Gesang in 4 A. Nack der Geistergeschichte von Spieß. Bearb. v. HenSler 2 Thle. 1794. 80 kr. 16 Sgr Petschaft, daS. Orig.-Schausp. in 5 A. v. Ziegler 1800. 50 kr. 10 Sgr Peyrouse, la. Sckousp. in 2 A von A. v. Kotze- bue. 1809. 35 kr. 7 Sgr. Pfefferrösel, oder die Frankfurter-Messe im Jahre 1LS7 Schauspiel in 5' A. von Cb Birch-Pfeiffrr. 1833. Ist. 20 Sgr. PhaSma, heroische Oper in 2 A 1800. 35 kr. 7 Sgr. Phönix, der, oder dir Prüfung der Herzen. Lyrische« Fest vrn Weidmann. 1781. 35 kr. 7 Sgr. Physiognomie, eine unglückliche. Luftsp. in 3A s Feldmann Lustspiele 2. Band. Pilger, der weiße. Ballet in 3 A. von Gioja. 8. 5 kr. 1 Sgr. Pilgerin» die. Lustspiel in 5 A., s. Weifsentburn Schauspiele 12. Band. ?immLlivvv. Leen» mus. ckrammatiea. 8. 1804 20 Irr. 4 Er Pistolen» zwei» oder erschossen und lebendig. Posse mit Gesang in 2 A. von Fr. Kaiser. (Wnr Tbrat.-Repert. Nr. 18.) 50 kr. 10 Sgr. Pizicht. Singspiel al« 2. Theil de« Fagottisten von Pennet. (Vergriffen ) ?vä«8tä, il, le-Inciramm» xioevso ?vesirr sti 6. önssi, >Iusi««» 6i 8. Meron- 6nnt^. 12. ob. 1825. 20 Irr. 4 s^r Polkwitzcr, Lazarus, von Ntcolsburg» oder die Landpartie nach Baden. Posse mit Gesang in 2 A. v. Fr. Hopp gr. 8. 1849 75 kr. 15 Sgr. Polirena. Trauerspiel in 5 A. von Collin. 1804. 60 kr. 12 Sgr. Portrat, daS, der Geliebten. Lustspiel in 3 A. s Frldmann Lustspi.le 1. Band. PortraitS, die beiden, oder er ist schwer zu befriedigen. Nachspiel v.n Jünger. 1804 35 kr 7 Sgr Posse» eine, als Medizin. Orig.-Posse mit Grs. in 3 A. v. Fr. Kaiser. 8. 1850. 75 kr. 15 Sgr. Posten, zwei. Komische- Singspiel in 3 A Nach dem Franz, von Treitschke. 30 kr. 6 Sgr. Posten, der vierjährige. Singspiel in 1 A von Körner, gr. 12. Wiener Orig.»Auflage 1819 25 kr. 5 Sgr. Postillonstiefel» der lebendige. Zauberpantom. in 2 A. von Fr. Keer«. 1810. 10 kr. 2 Sgr. I Preisgedicht, das. S. Holbein Dilettantenbühne, für 1826. ! Preislustspiel, das. Orig -Lustspiel in 3 A. von Mautner» siehe dessen Lustspiele. Prinz, der, kommt! Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen 6. Jahrgang. Proben, die gefährlichen. Orig.-Lustsp. in 1 A. von L. Kremer. 1806. 20 kr. 4 Sgr Prophet» der. Oper in 5 A. nach dem Franz, de« Sende von ReUstab. Musik von Meyerbrer. 8. 1866. 35kr. 7' , Sgr.« Proteus, der neue. Orig.-Lustspirl in 4 A. von! Linden. 1808. 50kr. 10 Sgr.! Prozeß, der seltene. Cchausp. in 3 A. nach einer, wahren Anecdote. 1802. 50 kr 10 Sgr. j WciMbmiiskr'sckie Pnckkandlnri Prozeß der seltene, 2. Theil, dramatisches Gemälde in 4 A. 1809. 60 kr. 12 Sgr. Prüfung der Treue, oder die Irrungen. Lustsp. in 3 A. von Lafontaine. 1806. 50 kr. 10 Sgr. Prüfung der Untreue. Lustspiel in 3 A. Nach dem Französischen von F. Haffaureck. 1807 25 kr. S Sgr. Prüfung und Frauengeduld. Familiengemälde in 5 A. 1793. 35 kr. 7 Sgr. Puls, der. Lustspiel in 2 A. von Babo. 1809 35 kr. 7 Sgr. Pumpernickel, RochuS. Musikalische« Quolibet m 3 A. von M. Stegmayer. 1811. 2 Theil die Familie Pumpernickel. Mus. Quodlibet in 3 A. (BeideThle. vergriffen.) Pumphia und Kulikan. Karikatur-Oper «n 2 A. von Perinet. 1808. 8. 40 kr. 8 Sgr» Puppe, die, oder die kleine Schwester der Geliebten. Lustsp. in 1 A, s. Castelll Sträußchen 7. Jahrgang. (Vergriffen.) Putzmacherin, die hübsche kleine, Lustsp. in 1 A. von Kotzebue. 1805. 35 kr. 7 Sgr. Purbaum. Dramat. Gedicht von F. E. Scherer, gr. 8. Wien. 1836. 1 fl. 20 Sgr. PyramuS und Thisbe. Musikalisches Tuodrama. 1795. 15 kr. 3 Sgr. Hui pro ouo, oder der Manu, der Alles weiß. Lustspiel in 1 A. von Guttenberg. 1803 20 kr. 4 Sgr. Huinto?ndio kutilinno Drnmiu» serio in äus ^tti 61 R. 088 I. 1811. 20 kr. 5 Sgr. Quichotte, Don, Ritter. Romantische komische Oper in 3 A. v HenSler. 1802. 8. 40 kr. 8 Sgr. Quichotte, Don» der neue. Lustsp. in 1 A. nach dem Französischen von Alexander Bergen (Wr. Theater-Repertoire Nr. 72.) 30 kr. 6 Sgr. Rache, die. Trauersp. in 4 A. nach Uoung 1795. 50 kr. 10 Sgr. Rache für Weiberraub. Gemälde der Barbarei de« rilften Jahrhundert« in 4 A von Ziegler. 1807. 8 50 kr. 10 Sgr. Rache, die, der Diana. Anacreontisches Divertissement in 2 A. v. Vigano. Jtal u. deutsch. 1807. 10 kr 2 Sgr. Radicaleur» die. Lustsp in 3 A v I F v Wtts- srnthurn gr. 8. 1833. 60 kr. 12 Sgr. Rafaele. Dramatisches Gedicht in 4 Abthrilungen von Rudolph Hirsch. 8. 1836. 60 kr. 12 Sgr. Raul der Blaubart. Heroische Oper in 3 A. Nach dem Französischen von D. Schmidler. 1804. 35 kr. 7 Sgr. Raphael. Lustspiel in Alexandrinern in 1 A. siehe Castelli Sträußchen 4. Jahrgang. Rasttag, der. Lustsp in 1 A. s Castelli Sträußchen 3 Jahrgang. (Vergriffen.) Rastelbinder, der, oder 10.000 Gulden. Posse mit Gesang in 3 A. von Fr Kaiser. 8. 1850. 75 kr 15 Sgr. Räuber» die, oder die schwere Wahl. Drama in 1 A. von Weidmann 8 20 kr. 4 Sgr. Räuber, die, auf Maria Culm, oder die Kraft des Glaubens. Gemälde a. d. vaterl. Geschichte in 5 Handlungen von H. Cuno 8. mit Titel- kupfer dritte Auflage. 1835.80 kr. 16 Sgr. Räuber, der, aus Rachsucht. Lustspiel in 3 A. v. Henrler. 40 kr. 8 Sgr. ? sIofef Klemm) in Wien. Räuberbraut, die. Posse mit Gesang und Tanz in 3 A. und 9 Bildern von Earl Elmar. (Wr. Theater-Rep Nr. 148 ) 60 kr 12 Sgr. Räuberhöhle, die. Echausp mit Gesang in 3 A. 1803. 30 kr 6 Ggr. Ravellt, Dittoria, der weibliche Rinaldo. Schau» spiel in 2 A. v. Perinet 8. 1808 40 kr. 8 Sgr Razemba» Manuela, oder die Trauringe. Posse in 1 A. v. Sonnleithner. 16 1815. 25 kr. 5 Sgr. Rechnungsrath, der, und seine Töchter. Lustsp. in 3 A. siehe Feldmann Lustspiele 4. Band. Recidiv, daS. Lustspiel in 3 A Frei nach Mari- vaur von Jünger. 1803 40 kr. 8 Sgr. Redoute, die schwarze. Komische- Singspiel in 3 A 1807. 40 kr. 8 Sgr. Redoute und Narrenhaus. Schwank in 1 A und 2 Bildern von C F Stir (Wiener Theater- Repertoire Nr 113.) 35 kr 7'/, Sgr. Regen uud Sonnenschein. Lustspiel in 1 A von L^on Gozlan Deutsch von Aler Bergen (Wr. Theater-Rep Nr 135 ) 35 kr 7'/, kr Regeuwurm» Glias, oder die Verlobung auf der Parforcejagd. Posse mit Gesang in 2 A von F. Hopp (WienerTheater-Rep Nr 2t.) 60 kr 12 Sgr Regulus. Tragödie in 5 A. von CoUin 1802 (Bergriffen) Rehbock, der, oder die schuldlosen Schuldbewußte». Lustsp in 3 A von Kotzebue. 1815 50 kr 10 Sgr. Reise, die» nach Amerika. Schauspiel in 1 A s. Weissenthurm Schauspiele 11 Band Reise, die» «ach der Stadt. Lustspiel in 5 A v. Jffland 1801 60 kr. 12 Sgr. Reisenden, die. Orig-Lustspiel in 1A von Pape. 1788 25 kr 5 Sgr Rekrut, ein, von 18S». Volk«stück mit Gesang in 3 Abth. v O F. Berg (Wiener Theater- Rep Nr 54) 60 kr 12 Sgr Rekrutirung» die, ln Krähwinkel. Burletke mit Gesang in 1 A von Theodor Flamm (Wr Tbeatrr-Rep Nr 1011 35 kr 7'/, Sgr Repressalien. Schauspiel in 4 A von Ziegler 1802 8 SO kr 10 Sgr Reue versöhnt. Schauspiel in 5 A von Jffland 50 kr 10 Sgr Reust, Heinrich, von Plauen» oder die Belagerung von Marienburg. Trauerspiel in 5 A von Kotzebue 1810 60 kr 12 Sgr Revers, der. Orig.-Lustspirl in 5 A von Jünger 1803 SO kr 10 Sgr Riesenbura, Konrad von. Schauspiel mit Gesang in 4 A von Schuster 1806 8 40 kr 8 Sgr Rtnaldo Rtnaldini, der Räuberhauptmann. Schauspiel 1 Theil in 4 A 2 Theil in 3 A 3 Theil in 4 A von Hrn-lrr 1808 8 1 fl 20 kr 24 Sgr Ritter Wilibald, oder da» eisern, Gefäß. Sing- spiel in 2 A. von Hen-ler 1784 40 kr 8 Sgr Robert, Päcbter. Komische Oper in 1 A Frei nach Valvillv v Eeyfrred 1803 15 kr 3 Sgr Robert, der braune, und das blonde Rantchen. Fürstrngrmälde in 4 A von Henller 8. 1706 " 35 kr 7 Sgr. Robert der Teufel. Große romantische Oper in 5 A au- dem Franz de- Ecribeu Drlavignr Musik von Meverbeer 8 Neue Au flöge 35 kr 7'/, Sgr. Robinson, der neue, oder da» goldene Deutschland. Carneval--Posse mit Gesang in 2 A s. Feldmann Lustspiele 5. Band. Rodertch und Kunigunde, oder der Eremit vom Berge Prazzo, oder die Windmühle auf der Westseite, oder die lang verfolgte und zuletzt doch triumphirende Unschuld rc. rc. Dramatischer Gallimachia- von Castelli. 8. 1821 40 kr. 8 Sgr Roman, der kurze, oder die närrische Wette. Lustspiel in 1 A , siehe Castelli Sträußchen 1 Jahrgang. (Vergriffen.) Roman, der» eine» armen jungen Manues. Schauspiel in 5 Aufzügen und 4 Tableaur von Oktave Fevillet. bearbeitet für die deutsche Bühne von E Juin u P I Reinhart (Wr. Theater-Rep Nr 51 ) 60 kr 12 Sgr Romani, Sophie, oder wa» vermag ein Schurke nicht! Schauspiel in 3 A von Hen-ler. 50 kr 10 Sgr Romeo und Julie. Trauerspiel in 5 A. » Shakespeare. Zur Darstellung im k k Hofburg- tbeater eingerichtet von C A West gr 8 1841 80 kr 16 Sgr Romeo und Julie. Quodlibet von Cbarakterra mit Gesang in 2 A 1808 40 kr. 8 Sgr Rosamunde. Trauerspiel in 5 A von Th Körner. 8 60 kr 12 Sgr Rosamunde. Oper in 3 A Frei nach dem Franz von I R von Seyfried 1810 30 kr 6 Sgr. Rose, die rothe und die weiße. Historische Oper in 3 A Nach dem Franz von I F Castelli 1810 30 kr 8 Sgr Rosenau, Ferd. Theatralische« Allerlei für Volksbühnen 1 Band 8 1821 80 kr 16 Sgr Inhalt: Scü«, Mond uud Pagat Komische« Zauderspiel in 2 A — Justinio der Verbannte, oder der Straßenränder bei Otranto. Schauspiel in 3 A. — Bole-la- oder die Zerstörung vou Zuuky Echausp in 3 A Nosenstock» der. Spiel in 1 A. und in Versen von Drinbardstein gr 12 1826 35 kr 7 Sgr. Rübezahl. Schauspiel in 1 A von Kotzebue 1804 25 kr 5 Sgr. Rückfahrt, die» des Kaisers. Schauspiel in 1 A von E Veilh 8 1814 20 kr 4 Sgr Russe» der, in Deutschland. Lustspiel in 4 A von Kotzebue 1807 50 kr 10 Sgr Ruthars Abenteuer, oder die beiden Säuger. Romant »kom. Oper iu 3A 1808 40 kr 8 Sgr Lnliinu Oiulio Orions «roie» per rnusio» in 2 ^ 8. 1805 35 kr. 7 8xr Sachs» Hans. Dramatische« Gedicht in 4 A von Demhardstein 8. Wien 1828 (Vergriffen.) Salem. Lyrische Tragödie in 4 A von I F Castelli 1810 25 kr 5 Ggr Salisbury» Adelheid von. Trauerspiel in 3 A » Schröder 1804 8 40 kr 8 Sgr Sammtrock» der. Lustspiel mit Gesang in 1 A Rach Kotzebue 1810 25 kr 5 Ggr Samariterinnen. Heroische Oper in 3 A v Marmornes 1806 25 kr 5 Sgr Samson. Oratorium Nach Milton zu Handelt Musik frei übersetzt von I F vou Mosel 10 kr 2 Ggr Wallishausser'sche Bukbbnndsnnq (Josef Klemm) in Wien. Sand in die Augen. Lustspiel in 2 A Nach dem Französischen von Alexander Bergen (Wiener Theater-Rep. Nr. 131 ) 5V kr. 10 Sgr. Tappho. Trauerspiel in 5 A von Franz Grillparzer. 1858. Vierte Auflage, gr 8 1 fl 50 kr. 1 Thlr. Saul, Trauerspiel in 5 A. von E. Marinelli, 1869. 12. 80 kr. 16 Sgr. Saul» zweite Aufl. 1870. 8. 80 kr. 16 Sgr. Gaul, König in Israel. Melodrama in 3 A Au» dem Französischen von I. R. von Seyfried. 1811 Zweite Auflage. 40kr 8Sgr. Tavoyarden, die z«et. Singspiel in 1 A. von Pennet 8. 1792. 35 kr 7 Sgr. Tavoyarden, die beiden. Singspiel v Schmieder. 8. 20 kr 4 Sgr. Scham, die falsche. Schausp in 4 A v. Kotzebue. 1803 25 kr 5 Sgr. Schatz, der. Lustspiel in 2 A v. E Lrffing. 1771. 25 kr. 5 Sgr. Schatzgräber, der. Komische Oper in 1 A Frei nach demFranzösischen v Seyfried 1803 25 kr. 5 Sgr Schatzgräber, der glückliche. Komische« Singspiel in 1 A von Weidmann 20 kr. 4 Sgr. Schauspieler, der. Lustsp in 3 Aufz v. Marinrlti. (Vergriffen.) Schauspieler, der, wider Willen. Lustspiel in 1 A von Kotzebue. 1810 25 kr. 5 Sgr. Schauspieler», de», letzte Rolle. Posse mit Ges. in 3A v Fr Kaiser 8 1851 75 kr. 15 Sgr. Schauspielert«, der, letzte Rolle. Sieh«. Ein Traum — kein Traum. Schauspielerin, die. Lustspiel in 3 A. s Castelli Sträußchen 2 Jahrgang. (Vergriffen ) Scheidewand, die. Singspiel in 1 A Nach dem Franz, von I F Castelli 1804 20 kr. 4 Sgr Scheidewand, die. Lustspiel in 1 A, s. Castell« Sträußchen 18 Jahrgang Tcheinverbrechen. Schauspiel in 5 A. 1791. 50 kr. 10 Sgr Tcheinverdienst. Schauspiel in 5 A von Iffland. 8 1801 50 kr. 10 Sgr. Scherz und Ernst. Spiel in Versen von Stoll 1803. 35 kr. 7 Sgr. Scherz» List und Rache. Singspiel in 2 A von Göthr Musik von Winter 1800 35 kr. 7 Sgr. Schicksals-Brüder, die. Lustspiel in 4 A, s Feld» mann Lustspiele 6 Band Schiffbruch, der, oder die Erben. Lustspiel in ^ 1 A 1799 35 kr.7S«r., Schlacht, die, bei Aehrbelli«. Schauspiel in 5A., von Kleist 1822 60 kr. 12 Sgr. Schlaugenfest, da», in Taugora. Heroisch-kom Oper in 2 A von Henslrr Musik v. Wenzel Müller 1797 35 kr. 7 Sgr Schlenzheim, General, und seineAamilie. Schauspiel iu 4 A von Spieß, umgearbeitrt von Plümikr und Brimel. 50 kr 10 Sgr Schmuck, der. Lustspiel in 5 Aufzügen 1779 Schumck-Kästchen, da», oder der Weg zum Her-en Lchaus in4 A » Kotzebue 1806 60 kr 12 Sgr ^^u^etder, der, al» Raturdtchter» oder der Herr Ges. Tan» u Tableaur in 3 A v I. Dohm. (WienerTheater-ReprrtoireNr. 4 ) 40 kr. 8 Sgr. Tchönstein, E.» da» Privat- und Han»theaker 2 Thle in 1 Vd. Neue Au-gabe. 1851. 35 kr 7'/, Sgr. Inhalt: Da« unterbrochene Duell — Der Bürgermeister. — Einen Spaß will sie sich machen — Herr von Schuserl, oder die Laud- partie in'» Krap^enwaldel. Schöpfung, die. Oratorium in drei Abtheilungeu. Musik von Joseph Havdn 15 kr. 3 Sgr. Schornsteinfeger» der. Orig »Lustsp in 3 Acten von Hcn«ler. 35 kr. 7'/, Sgr. Schreiner» der. Origin.-Siugsp. in 2 Acten 1799 20 kr. 4 Sgr. Schreiner, der, Singsp. in 1 Act. Nach de« Lstsp. gleich Namen» v A v. Kotzebue. 8. 1803 . 25 kr 5 Sgr. Schritt, der erste.'Lustsp in 4 A, s Weiffea- tburn Schausp. 14 Vaud Schubkarn» der, de» Essighändler». Lustsp. in 3 A. 1803. 50 kr 10 Sgr. Schuhe, die pücefarbenen, oder di« schöne Schn» steri«. Kom Singsp. in 2 Akten 1808. 25 kr. 5 Sgr. Schuld, die. Trauersp. von Müllner. 12. Wien. (Vergriffen.) Schuld, gleiche. Gemälde «userer Zeit in 3 A, s Castelli Sträußchen. 7. Jahrgang Schuld, die, einer Frau. Drama n» 3 Acteu von E Girardtn. Deutsch von Mar Gte»n (Wnr.Theat. Rep. Nr 181) 50 Nkr 10 Sgr. Schulden, alte. Orig »8ebcn«bild mit Gesang uud Tanz von Frtedr. Kaiser. (Wnr. Theat. Rep. Nr 184) 60 kr 12 Sgr. Schale der Alten, die. Lustsp. iu 5 A. Au» dem Franz übers v. I. F v. Mosel 1824. 80 kr 16 Sgr. Schule, die, der Armen» oder: Zwei Millionen. Original-Cbarakterdild mit Ges. iu 4 A v. Friedrich Kaiser. 8. 1850 75 kr. 15 Sgr. Schule, die» der Arauen. Lustsp. iu 5 A vou Moli^re, frei, doch getreu übers, v. Kotzebue. 18o« 50 kr. 10 Sgr. Schule der Aretgetster. Orig -Lustsp in 3 A. von Weidmann 8 35 kr 7'/, Sgr. Tchulgelehrte» der. Lustsp. in 2 A Nach dem Engl der Miß Sowley 1782 50 kr 10 Sgr. Schuserl, Herr von, oder die Landpartie in da» Krapfenwaldel. Siehe Schönstein» Hau»- theater Schustertztöchter» die. Schauspiel in 2 Aufzüaeu. 1787 50 kr 10 Sgr. Schntzgeist» der. Dramatische Legende in 8 A. nebst einem Vorspiel von Kotzebue. 1815. 60 kr 12 Sgr. I Schwäbin» die. Lustsp iu 1 A. (s. Castelli Sträußchen 19 Jahrgang.) (Vergriffen) Schwäbln, die. Lustsp in 1 A. von I. F Castelli. Zweite Auflage. (Wnr. Theat. Rep. Nr 163) 7'/, Sgr 35 Nkr. Schwäger» die. Trauersp. in 5 A 1780 50 kr lOSgr. Lustsp iu 5 A. Nach Goldoai. Detter an» «triermark. Posse mit Sesaua I E«d»ätzer, der. Lustsp iu 5 -e A v Fr Kaiser 8 .1851. 75 kr 15 Sar ! ^80« 50 kr 10 Sgr. ^^wätzer, der unterbrochene. Lustsp in 1 A. Nach Lonnay von Contessa 1809 40kr. 8Sgr. Schwetzerfamtlte, die. Lyrische Oper in 3 A. Frei nach dem Franz bearbeitet v. I. F «a. stellt Fünft« Auflage. 1820. 40 kr 8 Sgr. d^, s„» ... MM.I gegen Herzweh. Lustspiel iu 5 A. Nach Mor ton 1835 8 60 kr 12 Sgr. Schneiderfamilie, eine arme. Traumgemälde mit Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Schwesterliebe. Lustsp. in 1 Act. Nach dem Eng» lischen von Alexander Bergen (Wr. Theat. RkV Nr. 133.) 7'/, Sar. oder 35 Nkr. Schwestern, die, von Prag. Singsp in 2 A. nach Hafner von I. Perinet. Zweite Auflage. gr. 8 1841. kü kr. 12 Sgr. Sclavi«, die. Orig.-Schausp. in 1 A. von Wal» don. 35 kr. 7'/, Sgr. Sklavin, die, in Surinam. Schausp. in 5 A. von Kratter. 1805. 35 kr. 7'/, Sgr Sclavi«, die» und der großmüthige Seefahrer. Koni. Singsp. 1781. 1782. 50 kr 10 Sgr. Scüs, Mond und Pagat. Komisches Zaubrrspiel in 2 A. von F. Rosenau. 8 1821.40 kr. 8 Sgr. — dasselbe, s. Rosenau. Theatralische- Allerlei. Secretäre, die beiden. Lustsp in 1 A v. Anton Bittner. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 155.) 35 kr. 7'/, Sgr. Seelenadel, Schausp. in 2 A. von I. Cache. 1805. 25 kr 5 Sar. Seelenwanderung» die, oder der Schauspieler wider Willen auf eine andere Manier. Schwank in einem A. von Kvtzebue. 1818. 35 kr. 7'/, Sgr. Seeräuber, die. Trauersp. in 5 A v. E. v Hou» wald. 8. Leipzig. 1831. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Selbstbeherrschung, die Schausp. in 5 A. v. Jffland. 1810. ' 50 kr. 10 Sgr. Selbstmord, der, oder der unglückliche Lottospieler. Drama in 1 A. v. Weidmann. 20 kr. 4 Sgr. Seltm, Prinz von Algier. Trauersp in 5 A. von Jünger. 8. 1804. 40 kr 8 Sgr. «einlramlcke. ^lslockrummn trsssioo in ckus ^tti ckel Lissr ko.lu8i«L cksl 8ixr Ra>8«ini 12. 1823 35 kr. 7'/, Sgr. Semiramis, die neue. Heroisch-kom. Travestie» Oper in 3 Acten von Perinet. 1805. 8. 40 kr. 8 Sgr Servus, Herr Stutzerl! Posse in 1 A. von Earl Juin und Louis Flrrr. (Die Grundidee nach dem Französischen: 6on ^jour, ölonsieur?»n- talon) (Wiener Theater - Rep. Nr 28.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Severin von JaroSzynski, oder: Der Blaumantel vom Trattnerhof. Genrebild mit Gesang und Tanz in 4 Acten (als Seitenstück zu »Therese Krone«*), von Earl Haffner und I Pfundhellrr. 12 Sgr. 60 Nkr. Shakspeare als Liebhaber. Lustsp. in 1 A, s. Kurländer Almanach 8. Jahrgang. Shawl, der. Lustsp. in 1 A. von Kvtzebue. 1815. 35 kr. 7'/, Sgr. Sie, der. Lustsp. in 1 A., s. Eastelli Sträußchen 3. Jahrgang. Sie hilft sich selbst. Lustsp. in 4 A.. s. Weiffen» tburn Schausp. 15. Bd. Sie find zu Hause. Lustsp. in 1 A Nach De» saugier« bearbeite:. 1808. 25 kr. 5 Sgr. Singspiel, da». Singsp. in 1 A Nach dem Französischen von Treitschke. 20 kr. 4 Sar. Singspiel, das» am Fenster. Kom. Oper in 1 A. Nach dem Franz, v. Treitschke. 20 kr. 4 Sar. -das, auf dem Dach«. Kom. Oper in 1A. Nach dem Franz v Treitschke. 20 kr. 4 Sgr. Ein«, leichter. Lustsp. in 5 A. von Jffland. 1800. 60 kr. 12 Sgr. Siet Drahe, oder: Die Neugierigen. Schausp. in 3 A. von Sr. Majestät Gustav dem Dritten, Könige von Schweden. Aus dem Schwedischen übers, v. Gruttschreiber. 1794 40 kr. 8 Sgr Sitah Mani, oder: Carl der XII bei Bender. Histor. Schausp. in 5 A. 1809. 40 kr. 8 Sgr So gibt es denn in der Welt gar keine Ruhe. Origmal-Lustsp. in 2 A. 1807. 30 kr 6 Sgr So handeln Freunde. Originalgemälde aus dem häuslichen Leben in 1 A. 1794 35 kr. 7'/, Sgr So lohnt sich Kunst. Dorspiel, s. Weiffentburn Schauspiele 12 Bd. Sohn, der, auf Reisen. Lustsp. in 2 A, f. Feldmann Lustspiele 1. Baud. Sohn, der dankbare. Ländl. Lustsp. in 1 A von Engel. 1772 20 kr 4 Sgr Sohn, der, des, Giboyer. Schauspiel in 5 A von Emil kugier. Deutsch von M. Saphir (Wnr. Theat Rep. Nr 151) 16Sgr.80Nkr Sohn, der natürliche. Schauspiel in 4 A und einem Vorspiele in 1 Aufzuge von Alexander Duma«' Sohn, deutsch von P. I. Reinhard (Wnr. Tbeat Rep. Nr. 44.) 12 Sgr. 60 Nkr Sohn, der verlorene. Lustsp. in 3 A v. Schink 1794. 50 kr 10 Sgr. Söhne, die, des Thals, s Werner Theater 1. und 2 Baud Soldat, der im Frieden. Eharakterbild mit Gesang, Tanz, Tableaur rc. in 3 Acten von Friedr. Kaiser. (Wnr. Theat. Rep Nr 146.) 12 Sgr oder 60 Nkr Soldat, der, ganz allein. Komiiche« Zwischensp in 1 A.. s Eastelli Sträußchen. 13. Jahrg Soldat» der, von Cherson Lustspiel in 3 Avon HenSler 1790 8. 35 kr. 7'/, Sgr -der Oesterreicher in Kehl. Vorspiel in 1 A. von Heusler. 1797. 8 35 kr 7'/, Sgr Soldatenkind, da-. DolkSstück mit Ges u. Tanz in 2 Abth. und 8 Bildern, nebst einem Vorspiele von Theodor Flamm (Wnr. Tbeat Rep Nr. 156.) 60 kr. 12 Sgr Soliman vor Wien. Orig »Trauersp. iu 5 A. von Weidmann 35 kr. 7'/, Sgr Soliman der II oder die drei Lultaniunea. Singsp in 2 A. Nach dem Franz von F. L Huber. 1807. 25 kr 5 Sgr Sonneujungfrau» die. Schausp in 5 A von Kotzrbur 1801. 50 kr. 10 Sgr. Sonnet, das. Spiel in 1 A. von Deinbardsteln gr 12 1816. 35 kr 7Sgr Sonnleithner I.» Taschenbuch für deutsche Schaubühnen und Liebhabertbrater. 18 1815. br 1 fi 20 kr 20 Sgr. Enthält: Der Gönner, Lustsp. in 1 A — Tennier«. Lustsp. in 1 A — Die Ukberraschuua, Lustsp in 1 A — Die Zurechtweisung. Lustsp in 1 A in Verse«, — Manuela Razemba oder die Trauringe Posse in 1 A. Sorge« ohne Noth und Notb ohne Sorge« Lustsp in 5 A. vouKotzebue 1811 50kr.10sgr Spanier, die, in Peru, oder Rolla's Tod. R»' mantischr« Trauersp. rn 5 A. von Kotzedne 1801. 60 kr. 12 Sgr. Sparbüchse» die, oder der arme Candidat. Lustsp in 1 «. Wien 1808. 35 kr 7'/. Lgr Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Spaß, einen, will sie sich machen. S. Schönstem Hau-theater. Sperre, enge, oder: Die Hungercur. Schwank mit Gesang in 1 A von Alois Berla (Wnr Theat Rep. Nr 207 ) 35 kr 7'/, Sgr. Spiegel, der, oder laß' da- bleibe«. Lustsp in 1 A. von Kotzebue 1802. 25 kr. 5 Sgr Spiegelritter, der. Oper in 3 A. von Kotzebue 1802 »0 kr. 8 Sgr. Spieler, der. Schauspiel zn 5 Acten von Jffland. KO kr. 12 Sgr Spieler, die falschen. Lustsp. in 5 A Don Klin- ger. 1782 50 kr. 10 Sgr Spröde, die, auf der Probe. Oper in 1 Acte von Dupaty 1805. 20 kr - Sgr. Spul, Herr, oder» Echtheit ohne Schimmer. Lustsp. in 5 A. 174». »0 kr 8 Sgr Stauf, Hieronymuö von. Trauerspiel in 5 A. von Friedr Baron de la Motte Fouqe Berlin. 1819. 50 kr. 10 Sgr. Stelldichein, da-, um Mitternacht. Lustsp. in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 18 Jahragan. Tternenjungfrau, die. Romant.-komische« Märchen mit Gesang u. Tanz in 3 Abth. von Carl Haff» ner. (Wnr. Tbeat. Rep. Nr. 10.) 60 kr. 12 Sgr. Sternenmädchen» da-, im Meidlinger Wald. Volksmärchen mit Gesang in 3 A von Huber. 1802. 50 kr 10 Sgr Stiefvater, der. Lustsp. in 1 Acte, nach Lauren» cin und Marc-Michel von Grandjean (Wnr Theat. Rep.) 35 kr 7'/, Sgr. Stiefel, der dämonische. Posse in 1 A. von Carl Juin. (Giugno) (Wnr Thcat. Rep. Nr. 118.) 35 kr. 7V, Sgr. Ei« Stillleben auf dem Lande. Posse in 1 A von Juin und Flerr. (Wnr Theat. Rep. Nr 1»9 ) 35 kr. 7V, Sgr. Stolz und Liebe. Lustsp. in 5 A. von Jünger »0 kr. 8 Sgr. Stradella, Alessandro. Romant. Oper in 3 A. von W Friedrich. Musik von Flotow. gr. 16. Zweite Auflage. 1870. 35 kr. 7'/, Sgr Strafe, eheliche. Lustsp. in 1 A, s. Castelli Sträußchen 11. Jahrg. Strander-, de-, Tochter. Gchausv. in 5 A. Frei nach Sberidan Knvwle«, von Fr. v. Treitschke. Wien. 18»0. gr. 8. 80 kr. 16 Sgr Strelitze», die. Heroische- Schausp. in » A nach einer wahren russischen Begebenheit, von Babo. 1808. 50 kr 10 Sgr. Strich, der, durch die Rechnung. Lustsp. nach Jünger »0 kr. 8 Sgr Stndeuten, die, von Rummelstadt. Genrebild mit Gesang und Tanz in 3 A von Carl Haffner > dim Hut in der Hand stehen). Fiaker. Ich küß' d'Hand, Euer Gnaden! (Fürfich.) Jetzt weiß ich nicht— soll ich vor der Frau — Müller. Sie wollen von mireineKuhk bezahlt? Fiaker. Ja — das heißt — wenn Euer Gnaden der Herr von Müller find. Müller. Ja. der bin ich. aber — Sabine. Nun? — 7 Fiaker (verlegen). Euer Gnaden haben vielleicht vergessen, — daß ich Sie am vorigen Samstag — Sabine (fürsich). Samstag?— Da war ick in Stockerau! Fiaker (zögernd). Zn HauS g'führt Hab' — Müller. Mich? Fiaker. Na ja — Ihnen und die Fräul'n — Sabine (schreit). Was? Fiaker (erschrecken). Das heißt — Sabine. Weiter — weiter — Fiaker. Euer Gnaden haben zu wenig Geld bei sich g'habt und haben g'sagtr Na, morgen bring' ich'S Jbm auf seinen Standplatz; aber Euer Gnaden sein halt nit kommen! Müller. WaS. ick?2ch war' mit einem Fräulein — ab. daS ist stark! Fiaker. Ich Hab' nur g'hört, wie der Hausmeister beim Aussperren g'sagt hat: Guten Abend, Herr von Müller, und den Namen Hab' ich mir g'merkt. Sabine (für sich). Der Hausmeister — sein schändlicher Gehilse! Müller. Aber zum Teufel — ich fahre mit keinem Fräulein — ich bin mit kei- nein Fräulein gefahren! Fiaker (devot). Denken s a bisserl nach, Euer Gnaden.es war so aKleine, Mostete! (Türfich)Ui jeb, dieGnädigcmacht Augen! Sabine. Genug! Wie vielbekommt Er? Fiaker. Zwei Guldenzctteln. Sabine (gibt ihm Neid). So — fort — fort — sonst tnfft mich der Schlag! Fiaker (fürsich). Na, der fahrt g'wiß nicht mehr auf Puff! (Laut.) Küß' d'Hand, Euer Gnaden! (Ab) Achte Scene. Müller. Sabine. Sabine (bebend). Schön, mein Herr, sehr schön! Es kommt immer besser! Müller. Mir scheint, heut ist ein Unglückstag. Dinerl, wo hast denn den Kalender — dort stehen's d'rin! Sabine. Ick kenne nur einen Unglückstag, daS war der, an dem ich meine Hand in die deinige gelegt. O. ich armes L^pfer! Müller (für sich). O. hätt' sie'S gcb'n gelassen! Sabine. Wer war das elende Geschöpf. daS Du am Samstag, wo ich in Stockerau geblieben, hierher gebracht? Wer war sie, rede, sprich!- Müller. Dinerl— ich sckwör' Dir's — Sabine. Genug! (Sie klingelt, die Köchin erscheint.) Neunte Scene. Porige. Die Köchin. Köchin. Schaffen Ew. Gnaden? Sabine (fährt sie an). Wo war Sie am Samstag in der Nacht? Köchin (erschrocken). Am Samstag? Sabine. Heraus mit der Sprach', oder ich jag' Sie augenblicklich auS dem Haus. Köchin (schluchzend). Ter gnädige Herr hat mich fortgeschickt — Sabine. WaS?! Müller (gutmüthig). Na ja — ich Hab' ihr g'sagt, sie soll sich unterhalten — Fasching ist, g'wußt Hab' ich, daß Du nickt mehr kommst, — gebraucht Hab' ich sie nickt — Sabine (langsam). Ah, im Gegenthcile — sie war Dir lästig — der Zeuge mußte entfernt werden — (Zur Köchin.) Geb', — fahr' ab! — (Die Köchin ab.) Müller (für sich). ES kommt immer besser! (Laut.) Schau, Weibcrl, daS find lauter Mißverständnisse! Du warst in Steckers» — ich bin in'S Kaffeehaus hinüber- gegangen, ich Hab' mir denkt, daS arme Mädel hat'S ganze Jahr so wenig Vergnügen — 8 Sabine. Still, kein Wort weiter! Und wer die Dame — (mit tiesrr Verachtung) wer dieses Geschöpf im Fiaker war — darauf werd'ich kommen! Müller. Das wär' mir selbst lieb zu erfahren. Sabine (außer sich). Heuchler — Du — Du — ach. mir wird übel! (Sie finkt in einen Stuhl.) Müller (ruhig). Wo hast denn deine Tropfen? (Ruft zur Thüre hinaus.) Liest, einen Essig! Sabine (springt auf). Was Essig — Rache brauch' ich, Rache! Das ist mir Balsam! Müller (ruhig). Den gibt's in der Apotheken nicht. Sabine. Aber bei der Polizei — beim Scheidungsgericht! Zehnte Scene. Vorige. Liese (mit einer sehr großen Flasche). Köchin. Ich bitt' — da ist der Essig! (Leise zu Müller.) Pst! pst! Müller (hört sie nicht). Sabine. Geh', ich brauch' deinen Essig nicht! Köchin (zögernd und leise). Gnä'Herr — Sabine (mit erhabener Stimme). Was gibt'S? Müller. WaS bat Sie denn? Na, so red' Sie! Köchin (ärgerlich). Na.wann's sein muß — draußen steht ein junges Frauenzimmer — eine Fräuln oder was — sie will mit unserm Herrn reden. Sabine. WaS? Müller. Mit mir? Köchin (achselzuckend). 3ch Hab' ste fortschicken wollen, aber sie geht nicht. (Mit einem boshaften Blick auf Sabine). Sie ist sehr sauber — sehr! Sabine. Herein mit ihr! (Köchin ab.) Abermals also ein Belastungszeuge, der Dich gravirt! Müller. 3ch bin ja keine Visitkarte, Binerl! Sabine. Aber Du wirst nicht hier bleiben, ah nein, erblickt sie Dich, so könnte sie leugnen, mit Dir im Einverständnisse — Du gehst hier hinein, in dein Zimmer! (Sie drängt ihn hinein.) Rühr' Dich aber und ich kratz' Dir die Augen aus! Ach! (Sie finkt in einen Stuhl.) Eilfte Scene. Vorige. Minna (eine auffallend gekleidete hübsche Person, tritt, sich nach allen Seiten umse- hend, ein). Minna. Hm! nicht übel! Hier schaut's ganz reputirlich auö! He! ist der Herr von Müller nicht da? Sabine (ausstrhend und Minna vom Kops bi» zu den Füßen messend). Was beliebt? Minna. Ob ihr alter Tyrann zu sprechen ist. frage ich. Sabine. WaS haben Sie mit dem Herrn vom Hause zu thnn — woher kennen Sie ihn? Minna. Woher? Dom Maskenball! (Sabine fährt zusammen.) Was ich mit ihm zu thun Hab? Ich will ihn an sein Der sprechen erinnern. Sabine. Er hat Ihnen also etwas versprochen? Minna (lachend). Oh mehr als etwas, sehr viel! Ich sag' Ihnen, wenn diese Alten verliebt sind, da möchten sie Einem die Stern vom Himmel holen. — Aber wo ist er denn? Sabi ne (bemerkt den im Dortrrten begrif- enru Müller und weist ihn durch eine gebietefrische Geberde ins Zimmer). Wenn Sie ein Anliegen haben, so sagen Sie rS mir. — Minna (lachend). Nein, nein, melden Sie mich nur, wenn da- nothwendig ist. Sabine. Melden? Und wen soll ich denn melden? Minna (etwas zaudernd). Den Debardeur. 9 dem er am Samstag im Sophiensaale seine Adresse gegeben hat. Sabine (starr). Einem Debardeur hat er sich hingegeben? Samstag? Im Sophiensaale? Ach, warum bin ich in Stockerau geblieben! Minna (lachead). Sie sind vermuthlich seine Wirthschasterin? Er hat mir so was erzählt von einer solchen, aber die genirt ihn nicht, hat er g'sagt. Sabine (für sich). Seine Wirthschafte- rin?! Er verläugnct mich also?Na, wart'! (Laut.) Und was wollen Sic jetzt von ihm? Minna. Das geht Sie eigentlich blutwenig an, aber eS ist kein Geheimniß — ich kann's Ihnen auck sagen — der Herr von Müller hat mir versprochen, er will mich anSbilden lassen. Sabine. Sie? Zu was denn? Minna. Zur Localsängerin. Ich Hab' ihm g'sagt, daß ich eine sehr starke, schöne Stimm' Hab', daß in mir ein ungeheures Talent steckt und da hat er g'sagt, ich soll zu ihm kommen, er wird mich durch einen Freund von ihm, der Capellmeister ist, auf seine Kosten anSbilden lassen. Er hat mich auf den Abend bestellt, weil da, wie er sagt, der Capellmeister bei ihm ist. aber ich Hab' keine Zeit g'habt und so bin ich halt früher gekommen. Aber jetzt gehen und rufen Sie mir Ihren Herrn! Sabine. Meinen Herrn? Sie glauben, daß ich einen Herrn habe? Wofür halten Sie mich denn? Minna (verschmitzt lacheud). Für das Faktotum deS Herrn von Müller — für Alles in Allem! Sabine (wüthend). DaS ist zu viel! (Sir eilt auf die Thüre linkt zu uud öffnet die« selbe.) Heraus mit Dir! (Sie sieht Müller her« aut.) Elende, hier haben Sie Ihren Sou- teneur! Minna (laut lachend). Der? Müller (schmunzelnd). Sie ist sauber! Sabine. So nimm' sie Dir — und laß' sie Dir ausbilden! Müller. Ich? Die? Hahaha! Weibi! Minna (fortwährend lachend). Ist daS ein Bauxel! Sabine. Ich höre Schritte — der Doctor kommt — Gott sei Dank, die Stunde der Vergeltung naht! Müller (für sich). Ich bin schon ganz dumm! Zwölfte Scene. Vorige. Hahn. Hahn (im Eintreten, für sich, Minna bemerkend). Alle Wetter, die Minna! Minna. Da ist er ja! Sabine. Wo ist der Doctor! Müller. Er kommt allein? Hahn (winkt schnell und heimlich Minna zu schweigen). Doctor Sonnenthal, meine Gnädige, war nicht zu Hause, daher — Sabine. Daher hätten Sie einen anderen bringen sollen. Herr von Hahn, die Schändlichkeit meines ManneS ist erwiesen — ich habe Beweise — einer davon ist Die! (Zeigt ausMiana.) Hahn (leise zu Minna). Wie kommen Sie denn hierher? Minna (ebenso, lachead, zeigt ihm eine Karte). Mit der Adreß! Hahn (wie oben erschrocken, für sich). Sa- pcrlott, ich habe mich vergriffen! Na, jetzt geht'- gut! Sabine. Denken Sie sich — Minna (sie unterbrechend). Halt — jetzt red' ich! Sabine. Zurück— Sie sprechen, wenn Sie gefragt werden. Hier bin ich — Minna (wie oben). Jetzt die Ueberfiüs- sige! Sabine. Herr von Hahn, retten Sie mich von dieser Unverschämten, sonst — Hahn. Gehen Sie. liebe Minna — Sabine (entsetzt). WaS — Sie kennen diese Person? Also auch Sie? (Mit verzweis. luugivoller Stimme.) ES ist Einer wie der Andere! 10 Minna. Ich will jetzt wissen, wie ich d'ran bin! Sabine (mit bitterem Lachen). Er gehört Ihnen! (Eie reißt ihren Mann zu Minna hin.) Nehmen Sie ihn denn hin! Minna (lachend). Wer ist denn der Sterzl eigentlich? Müller (für sich). Die wird grob! Sabine. Was, Sie wollen ihn jetzt nicht kennen? Glauben Sie. mich können Sie übertölpeln? Minna (plötzlich von einer Idee erfaßt). Ah. mir geht jetzt ein Lickt auf! (Fürsich.) Der Kapellmeister ist's, den er mir versprochen — er wird seiner Alten nichts g'fagt haben. Hahaha! Hahn (für sich). Wenn sie nur fortginge! (Leise zu Minna.) Gehen Sie, Minna, kommen Sie ein andersmal oder — Minna (laut). Ah. das geschieht nicht! Glauben Sie. ich laß mich von dem Cerberus in die Flucht schlagen? Jrtzt bleib' ich erst recht! (Sie setzt sich.) Sabine. Gut denn, so geh' ich! Kommen Sie, Herr von Hahn, begleiten Sie mich! (Mit einem niederschmetternden Blick auf Minna und Müller.) Anderswo treffen wir uns wieder!! (Sie ergreift Hahn» Arm.) Kommen Sie! Minna (aufspringend und Hahn am andern Arme fassend). Oho, der bleibt da! Sabine. Was? Sie machen auch auf diesen Herrn Anspruch? Das ist stark! Minna. Gerade auf ihn! Hahn. So ist'S recht! Sabine (deutet auf Müller). Dort steht Ihre Beute! Minna. Den Krampus mag ick nickt.den kenn'ichnicht. den können Sie sich behalten! Sabine. WaS. nachdem er Ihnen versprochen. Sie ausbilden zu lassen? Minna (sehr lebhaft). Der hat mir gar nichts versprochen, sondern der! (Sie zeigt auf Hahn.) Sabine. Der Herr von Hahn? Müller. Schaut's den an! Hahn. Jetzt geht'S an! ' Sabine (sehr lebendig). Welcher war ans dem Maskenball? — Minna (eben so). Der! Sabine (wie oben). Welcher hat Ihnen einen Capellmeister versprochen? Minna. Der! Sabine. Welcher hat Ihnen ' seine Adreß gegeben? Minna. Auch der! Sabine. So geben Sie der! (Minna gibt ihr eine Karte.) Das ist ja der! (Sie zeigt auf ihren Mann.) Minna. Wer? Sabine. Mein Mann ist es, mein mir angetranter Mann! Müller, leugne noch — da sckau her! Müller (blickt hin). Meiner Treu, — eS ist meine Karte. Minna (zornig aufHahu losgkhend). Was? Sie hätten mich also papierlt? Sie hätten mich gefoppt? Na, warten Sie, das sollen Sie mir — Hahn (sucht sie zu besänftigen). Aber ruhig. Minna, ruhig — ich habe — Minna (ärgerlich). DaS geht mich nicht» an. Ich frage Sie, ist daS Ihre Wohnung? Sabine (stolz). Nein, eö ist die meine! Minna. So sind Sie nur ein simpler Zimmerherr? - Müller. Gott bewahre, er g'hört ja ger nicht her! Sabine (ihren Mann entfernend). Misch Du Dick nickt hinein! Herr von Hahn, jetzt reden Sic! Hahn. Ich gebe mir schon alle Mühe zu Wort zu kommen, aber eS gelingt mir nickt. Die ganze Geschichte beruht — Dreizehnte Scene. Vorige, die Köchin, dann der Hausmeister. Köchin (unter der Lhüre). Ew. Gnaden, der Hausmeister bittet auf ein Wort! Sabine. Herein mit ihm, der kommt mir eben recht! Hausmeister (tritt eia und bleibt «" der Mütze in der Hand rückwärts flehen)- 11 Ich bitr' Euer Gnaden um den Duschen, den zuvor ein Dienstmann gebracht hat! Aha! der ist'S schon! (Seht auf den Tisch zu and will ihn ntkmkn.) Sabine (springt hin und entreißt ihm da- Bouquet). Halt! Das blr»bt da! Dieses evrxus bringt Ihn um seine Stelle! Hinaus — auf der Polizei sehen wir uns wieder! Hausmeister. Wegen meiner! Aber mein' Buschen nimm' ich mit, denn der Herr von Müller wart' schon d'rauf — 'S ist heut' seiner Wirthschasterin ihr Namenstag. Sabine. Welcher Müller? Hausmeister. Na unsere neue Partei, der Pfeifenschneider Müller, der seit Lichtmeß im dritten Stock wohnt. Müller. Siehst eS, Weiberl? Hahn Ein Mißveiiiändniß also! Sabine. Also noch ein Müller hier im Hause? Warum bat Er daS nicht gleich gesagt? Er kann mit seinem Bouquet gehen! Hausmeister (für sich» brummend). Ist daS eine Fee! (Ab.) Sabine (für sich)- In dieser Sache wäre er also unschuldig? Hahn (hat während der Zeit leise uud lebhaft mit Minna gesprochen. Müller fitzt in eiver Scke und schaut zuweilen kopfschüttelnd der kerne zu). Minna (lachend). Jetzt verstehe ich. DaS hätten Sie mir gleich sagen sollen! Sabine. Werde ich endlich jetzt erfahren, wie diese Person hier in'S HauS kommt? Minna (zornig). Ich bin keine Person, daS bitt' ich mir aus und daß ich nicht zu Ihnen gekommen bin, daS kann ich Ihnen schriftlich geben, ebenso daß ich Ihren Herrn Gemal gar nicht kenne. Dieser Herr sauf Hohn deutend) hat Mtr einen Antrag ge macht — den Hab' ich besuchen wollen — der hat mir die -arte gegeben! Sabine. Mir unserer Adreß? Hahn. Gnädige Krau, eS war ein Mißgriff von meiner Seite — ich habe die -arte meines Freundes Müller ganz zufällig erwischt und — Vierzehnte Scene. Vorige. Die -öckin. -öchin. Ener Gnaden, der Fiaker, der zuvor da war, hat mir das Geld zurückgeben und laßt den gnä' Herrn um Verzeihung bitten. Der Herr, der ihm schuldig blieben ist, hat ihn jetzt bezahlt. ES war der Pfeifenschneider Müller aus dem dritten Stock! (Sie legt das Geld auf den Tisch und geht ab.) Müller (für sich, triumphirend). Meine Unschuld liegt klar am Tag, weiß bin ich gewaschen, wie der schönste Pudel am Kranz IosefSquai — Sabine (für sich, zerknirscht). Ich Hab' ihm also unrecht gethan? DaSärgert mich, weil ich blamirt dasteh' — wenn ich ihm nur etwas aufdiSputiren könnte! Hahn (borhaft). Frau Othello — dieß- mal haben Sie an der Tugend Ihres Gatten kein Fleckchen gefunden. Sabine. Sie schweigen! Die Unschuld meines ManneS ist conftatirt, aber Ihre Eonduite ist in meinen Augen für immer und ewig gebrandmarkt und ich muß Sie bitten, künftig unser HauS zu meiden. Hahn. Gnädige Krau, ich unterwerfe mich Ihrem Urtheilsspruch, da mein Freund Müller ohnedieß aufdervon Ihnen gewünschten Scheidung besteht. — (Sr hat Müller leise gestoßen, dieser rickt mit dem Kopfe, blickt ober Sabine ängstlich von der Seite an.) Sabine (erschrocken, fährt auf). WaSsagen Sie? Wer denkt jetzt an Scheidung? Jetzt, wo seine Unschuld erwiesen ist, bleibt Alles beim Alten. Müller (resignirt). Der Hahn hat Recht, ich besteh' jetzt auf unserer Trennung — ich thu'S nicht anders. 12 Müller (für sich). Vielleicht kann ich noch ein klein' Tapper machen! Sabine (weinend und zuletzt schluchzend). Peter, sei g'scheidt. Peter—Du sollst deine Freiheit haben — alle Tag — geh' wie früher in den Circus — halt! (Non einer Idee ersaßt.) Der Circus — dein Nasenstüber — der unglückselige Nasenstüber hastet nock an Dir! Hahn. Auch dieser Umstand hat seine Erklärung gefunden. Ich hörte so eben, es sei der Polizei gelungen, die zwei übermü- thigen Buben, welche seit einigen Tagen förmlich Jagd auf die Nasen alter und respektabler Bürger gemacht, auf frischer That zu erwischen und zur Verantwortung ziehen zu können. Müller (zu der niedergeschlagenen Sabine). Aha! Also auch diese Schmerzen habe ick, wie Du siehst, unschuldig erlitten! B'hüt Dich Gott, Binerl. — Wir müssen — scheiden. Sabine (auf ihn loSstürzeud). Peter! Müller (halb gerührt). Weibi? Hahn (hält ihm den Mund zu). Bestehen Sie auf meiner Verbannung? Sabine. Nein— nein! Sie können wieder kommen — reden Sie ihm zu — (schaudernd) selbst die — dieses Fräulein — Minna. Lassen Sie ihn loS, Herr von Hahn! (Sie nimmt Müller an der Hand und führt ihn Sabine zu. — Zm Tone der Louise in .Labale und Liebe-). Nehmen Sie ihn denn hin, Milady! Freiwillig treten wir Ihnen ab den Mann, den ich nie hätte haben mögen, war' er auch frei gewesen! Müller (für sich). Ich hab'S ja g'wußt — es bleibt beim Alten! Sabine (breitet die Arme au«> Vergessen, vergeben! Gruppe. (Der Vorhang fällt.) Ende. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Mädchenträume. Liederspiel in einer Scene. » Terl von Aetly Honng. Musik von Giovanni von Zaytz. Darstellende Person: Lucie, ein Mädchen von 15—16 Jahren (Die Bühne stellt eia sehr geräumige» Zimmer dar. Za der Mitte desselben ein Tisch mit Büchern und Schreibmaterialien Im Hintergrund» eine spanische Wand; unweit derselben eia große» Schau» kelpferd, an welchem eia ausgestopster Hußar lehnt. Am Kensterbrette Blumentöpfe und unter dem» selben eia kleiner Schemel Eia Divan und auf demselben eine Puppe. Au der Wand häpgt eia sehr großer Spiegel rc. rc.) (Beim Ausziehen de» Vorhänge» fitzt Lucie in der Nähe d^ Arbeitstische». Sie ist einge» schlafen. Ja einer Hand hält fie ein aufgeschlagene» Buch und diese ruht in ihrem Schooße. Die andere Hand hängt schlaff an ihrer Seite vom Stuhle herab. Sie trägt eia Lockeuköpfchen und kurze» weiße» Kleid mit Höschen, hellseidene Schürze mit Achselbändern rc.) Kurzes Melodram: (Die Musik beginnt, ehe der Vorhang in die Höhe geht. Während der Musik und in kurzen Zwischenpausen spricht Lucie wie im Schlafe.) .Ie 8U18 — tu 08 — il S8t— ! (Seufzend.) Seie langweilig, — ah weh'! (Zornig.) 8uivon8, miiver, rin cke sou zasrnin; kuis ä la äanse aux Aai tarnlrour ^veo Rosette il üt un tour. Refrain. O'etait au temps ete. 3. Stropde. Oe roi, ravi, trouva plaisant Os l'ewwsner tout er» ckansant Ils arrivöreirt ä la oour ^Vu son Sandleute. Resi. l Gmanseff. Landvolk beiderlei Geschlechts. Handlung de« Stücke» geht von Mitte September bis Stephani vor sich und spielt iu einem großen Torfe Tirol». Thta»tt-Rtrnt«irc Nk. LLb, I 2 Vorspiel. Hübsche Dorflandschaft, Hintergrund practicabel. Zm Vordergrund rechts ein BauernwirthShauS mit einer Kegelbahn. — Links eine Rasrnbank und in der Mitte deS Hintergründe- eia großer Nußbanm. Recht- vor dem Wirth-hau- rin Tisch, woraus Krüge mit Wein stehen. Erste Lcene. Christi. Mathias, Resi, Nachtwächter Veit (stehen wie alle jungen Bauersleute paar» weise grnppirt. während ältere sich an der Kegel« bahn mit Kegelspiel beschäftigen. Alle- jauchzt, sobald sich der Vorhang hebt). Chor der Bursche. Lustig und fröhlich, Sonntag is heut. Tanz'n und singen Macht uns viel Freud. (Kurzer Tanz- Chor der Mädchen. Wie schön ist die Liebe, Der Tanz und der Wein, Es wird doch im Himmel Auch Tanzmusik sein! Alle. Wie schön ist die Liebe, Der Tanz und der Wein. Es wird doch im Himmel Auch Tanzmusik sein. (Rach dem Chor tritt au- dem Wirth-hau- Stephan Vüchl, der Meßnrrwirth, auf. Cr ist 37 bi- 38 Jahre alt und trägt ein kleine- Backen« bärtchen Costümr: Joppe, rothr Weste mit Geld« knöpfen, schwarze-Hal-tuch mit Ring, grüne Strümpfe mit Schnürschuhen, kurze lederne Hose mit einem im Griffe stehenden Messer an der Seite.) Stephan. Grüß' Euch Gott beinand! Alle/Grüß' Dich Gott. Meßnerwirth! Stephan. Das ist schön, daß Ihr heut Alle bei mir zusprecht's. Mat hi es. Meinst etwa, wir geh'n zum Bergwirth 'nauf? Gott bewahre, das thun wir net. Ja anfangs, wie der Bergwirth bei uns einwanderte. sind wir fleißig bei ihm einkehrt, doch seitdem Du uns g'sagt. daß er nicht zu unserer Kirche g'hört. geht vom ganzen Dorf kein Mensch mehr hin. Resi (ein reicht- Bauernmädrl). Jetzt kann er sein Wein selbst trinken. Und seine Schwester, die setzt so vornehm thnt, wird's dann bald kleiner geben. Denkt Euch nur, neulich hat die Person die Frechheit, und geht, nachdem der Gottesdienst aus war, m unserKirch' hinein. (Zu Stephan.) WeB euer Vater, der Meßner, ein g'scheidter Mann is. so jagt er's nächste Mal 'naus, denn wir woll'n keine Ungläubigen in unsrer Kirche. — Nicht wahr, Ihr Leut ? Alle. Ja, d'Refi hat Recht. Stephan. Ich stimm'Euch vollkommen bei. Und wenn Ihr meinen Rath befolgen wollt, so wird der Bergwirth mit seiner Familie bald d'rauß' sein aus un> serm Ort. Alle. Heraus mit euerm Rath! (Im Hintergrund recht- tritt der Pfarrer auf, bleibt unbemerkt steheu und hört dem Gesprät zu- Der Pfarrer ist 60—63 Jahre alt und dal weiße- Haar. Costüm: langer schwarzer Rait, kurze Hose, schwarze Strümpfe und Schuhe, Slos und Hut ) Stephan. Für s Erste müßt Ihr mir versprechen, daß keiner von Euch bei ihm mehr zukehrt. — Seid Ihr einverstanden? Alle (sehr laut). Ja. Stephan. Für's Zweite darf ihn keiner im Ort mit Fuhrwerk oder sonst etwas Anderem aushelfen. — Einverstanden? Alle. Ja. Stephan. Drittens muß die ganze Gemeinde zum Pfarrer geh'n und red'n, 3 daß die Familie fort muß aus n Dorf. — Wollt Ihr das? Alle. Za. Stephan (bei Seitr). Und ich werd' auch mein Möglichst^ thun, siezu ruiniren. Ehrist l (der immer geschwiegen). Warum seid Ihr denn so bös gegen dieWirthsleut'; sie können ia nichts dafür, daß sie einen andern Glaub'n hab'n als wir. Ich sag' buch jetzt, daß das nicht recht is, was Ihr thun wollt'! Zweite Lcene. Vorige. Pfarrer. um euer Einverständniß fragte. Ihr könnt und dürft das nicht thun. was Ihr vorhin zusagtet, ich, euer Pfarrer, ersuche Euch, alle die bösen Handlungen gegen die Berg- wirthsleute zu unterlassen. — Wollt Ihr das? Alle. Ja, Herr Pfarrer, das woll'n wir. ! Pfarrer. Nun, so geht mit Gott, und bewahrt Euch den schönen Spruch der ! Schrift: »Liebe deinen Nächsten wie Dich selbst.« I Alle. B'hüt Gott, Herr Pfarrer! l Pfarrer. Behüt' Euch Gott! j (Bauern und Bäuerinnrnzu vrrschikdknro Seiten ab.) Dritte Lceue. Pfarrer. Stephan. St ephan. Das is nicht recht von Euch. Herr Pfarrer, daß Ihr mir die Leut' da fortjagt. Pfarrer. Wenn Du ein Unrecht La Pfarrer (tritt vor. zu Christi). Du hast das wahre Wort gesprochen. Alle (erstaunt dir Hüte abnehmend, theilen sich, daß der Pfarrer in die Mitte zu stehen kommt). Der Herr Pfarrer! Pfarrer. Ia. euer Pfarrer, dem keines eurer Worte entgangen ist. (Kleine Pause.) Haben Euch diese eingewanderten Wirthsleute etwas zu Leide gethan, daß Ihr sie so haßt? Oder werdet Ihr dort mtmem Thun und Handeln findest, möchte nicht ebenso gut bewirthet, wie in dieser Dich doch fragen, ob es etwa recht ist. Wirthschaft? Sprecht, weshalb wollt Ihr Samilienglück zu stören und seinem Ne- jene Familie bösartig aus unserm Ort Unmenschen Schaden zuzufügen ? Nein, verdrängen? ! gewiß nicht, darum laß'ab von deinem Bor- Slephan. Wir hab'ns ja so bös nicht haben, sei gefällig und gut gegendenBerg- g'meint. wirth. Pfarrer. SchweiglDu bist Derjenige.^ Stephan. Ich soll mich mit dem Berg- .der den bösen Keim in diese schwachen wirth vertragen? Nein. Herr Pfarrer. Herzen gelegt. Ich habeAlles gehört, waS>das kann ich nichl. deine böse Zunge diesen Leuten vorgepre- Pfarrer. Herzloser Mensch! In dei- digt. Doch der Vorsehung sei Dank, daß nem Innern hat der böse Feind sein La- mich der Weg zur rechten Zeit hier vor- ger aufgeschlagen und wo dieser haust, ist beifuhrte.— Ihr Alle, wie Ihr hier seid,!jedes gute Wort fruchtlos. Doch wenn Du wollt zu eurem Pfarrer gehen? Den Weg je eine schlechte That an diesem Manne könnt Ihr Euch ersparen, denn er steht verübst, so lastet ein ewiger Fluch auf dei- jetzt in eurer Mitte und fragt Euch, ob ner Seele und wenn nicht hier auf Erden, Ihr Ehristen seid? (Paust.) Ihr schweigt?^so wird am Tage der Vergeltung einst die Jetzt war'- am Platze, euer »Za« so aus! Strafe Dich ereilen. (Kirim Paust.) »Wer voller Brust heraus zu schreien, wie vor-lAndern eine Grube gräbt, fällt selbst bin- hm. als Euch dieser verdorbene Bursche ein.« Behüte Dich Gott! (Rrät« ab.) 4 Vierte Scene. Stephan (allein). Stephan (starrt vor sich hin, nach einer Pause). Wer Andern — eine Grube — gräbt — fällt selbst — hinein. Hm. hätt' mich beinah verstimmt, der Herr Pfarrer. (Lacht.) Ach was, Dummheit, laß' Dir die Courage nicht abkauf'n, Meßnerwirth. (Sieht sich vorsichtig um.) Der Bergwirth muß z'Grund geh n, und wenn's nicht anders geht, so brenn' ich ihm sein Haus weg. dann muß er fort. Die Fremden, die hier durchreisen, steigen schon Alle bei ihm ab und jetzt gingen die Leut' vom Ort auch wieder zu ihm hinauf? Nein. Herr Pfarrer, so hab'n wir nicht g'wett'.— Ich sorg' schon dafür, daß ich bald wieder allein Wirth im Dorfe bin. (Lachend in - HauS ab.) Fünfte Scene. DerGmansess (steigt von dem Nußbaum im Hintergrund. — Hat vom Anfang bi- jetzt dort gesessen, ohne jedoch dem Publicum sichtbar zu werden. Tritt in den Vordergrund. — Seff ist ein verwahrloster GemüthSmensch und im gleichen Alter wie der Meßnerwirth. Kostüme im Vorspiel: fleischfarbene Tricot, kurze abgetragene Hose mit ausgelösten Bändern, ein grobrupseueS Hemd mit Hosenträger. Aus dem Kopf eine Zipfelmütze, dir aber da- verworrene Haar nicht ganz bedeckt; an dem HalS hat er an einem Band rin goldene- Kreuzchcn hängen Geht im Vorspiel bloßfüßig). Lnlrvetied. . 2ch geh' umanand Geh' oft kreuz und die quer. Hab' kein' Vätern, kein' Mutter, Hab' gar Niemand mehr. All s meint, i bin dumm. Es is aber net wahr. Ich laß' halt am Glaub'n. Laß mich schimpf'n 's ganz' Jahr. Ich thu g'wiß kein Menschen was. Bin Jedem gut, Doch wenn mich wer schlagen will. Komm' ich in d'Wuth. Zed's schimpft mi ein Trottl, Ein Dalk und ein Depp. Und i bin überall nur Der dumme G'mansepp. Mich haßen's an G'manseff Zm ganzen Revier, Und t leb' ganz verlassen Zm G'manyaus dahier. G'manseff heißen's mich, weil ich niemanden mehr Hab' und von der G'man aufzog'n bin worn. Meine Eltern find g'storb'n. da war i 4 Jahr alt. Ich Hab' noch einen ältern Brüdern g'habt. der g'rad a solch's Kreuzl von meiner Mutter kriegt hat. wie ich da Hab'. (Zeigt aus-Kreuz.) Meinen Brüdern hat ein fremder Kauf, mann angenommen, der g'rad zu der Zeit durch unfern Ort g'reist ist. und hat n weitweit mit fort; ich hab'n seit dieser Zeit nimmer g'seh'n. vielleicht ist er auch schon g'storb'n, mein Bruder. — Mich hat der G'manvor stand zu einem Bauern in d'Kost geben. — Der Meßnerwirth hat mich von jeher schon ausg'lacht und g'schimpft; ich Hab s natürlich leiden müss'n, denn er war a reicher Bua und ich ein armer Teufel. Doch jetzt Hab' ich was g'hört. wie ich da d'rob'n am Nußbaum war. (Aus da« Hau« dtutmd.) Du willst den Bergwirth z'Grund richten, willst ihm sein Haus anzünden? Das gibt's nicht, da bin ich, der G'manseff. auch noch da. Du hast mich schon oft leinen dummen Kerl g'schimpft. jetzt will ich Dir vielleicht doch noch zeigen, daß !ich g'scheidter bin. als Tn glaubt hast. lVon meinem 14. Jahre an war ich bei ! meinem Pflegvater als Knecht, ich war !recht glücklich, denn sein Dirndl und ich ^ find mitsamm' aufg'wachsen und wir hab'n ^uns so gern g'habt. als ob wir G'schwi' istert war n. Später Hab' ich's öfter zum 5 Tanz g'führt und ich weiß nicht, wie's kommen ist. wir waren auf einmal ein Liebespaar, doch kein Mensch hat etwas g'wußt davon. Das Glück hat aber nicht lang dauert, denn mein Dirndl ist krank worden und ist auch bald d rauf g'storben. (Pause.) Seitdem ich mein Dirndl verloren Hab', halten's mich im Dorf für närrisch, weil ich alle Tag das Grab von ihr b'such und a Stückl weinen muß. — Weil's g'laubt haben, ich bin verrückt, haben sie mich als Dorftrottel in's G'manhaus hinein. Das Herz möcht' mir z'springen, wenn ich d'ran denk'. (Pause.) Aber was bin ich so traurig, ich Hab' ja ein Andenken von meinem Dirndl, das Ringer! da. (Zeigt den Ring, dm er am klemm Finger hat.) Das hat sie mir einmal geben in einer traulichen Stund'; das ist mir auch da- Liebste auf der Welt. — Ich mag nichts mehr arbeiten. ich mag keine Leut' mehr seh n, ich bin am liebsten allein, denn geh' ich wo hin. wo Burschen vom Ort sind, so schreien - schon von Weitem: »Da schaut's, da kommt der dumme G'manseff.*spotten und lachen mich aus. Ich find' nirgends mehr Trost, als wenn ich zu dem Feldkreuz am Wald geh', wo mir mein Dirndl das Ringerl und ich ihr ein Röserl geb'n Hab'. Lied. Ich Hab' amal a Ringerl kriegt von meiner Herzensdirn. P Und ich Hab' ihr a Röserl geb'n. g'rad wie's im Sommer bluh'n. Sie hat das Röserl voller Freud' in ihr Betbüchl g'legt Und ich Hab' mir ihr Ringerl glei an mein klein Finger g'steckt. Es war ja kaum a Jahr vorbei, war's Röserl nimmer roth. Und 's Dirndl, das mein All's ist g'west, war d'rob'n beim lieben Gott. Und eh' sie g'storb'n is. hat's noch g'sagt, geh', wein'Dir d'Aug'nnet raus, Wir kommen ja dort wieder z'samm, dort d'rob'n im Vaterhaus. Und komm' ich einst in s Himmelreich, so schau ich gleich um Dich. Und an dem Röserl an mein Herz, an dem erkennst Du mich. (Sinkt während der letzte Takte weinend auf die linksstehende Rasenbank) Sechste Scene. Minna (einfach städtisch gekleidet, hat einen Korb am Arm und führt Röschen, ein Kind von 6 — 10 Jahren, an der Hand. Röschen ist ebenfalls einfach gekleidet. Beide von rechtS). Röschen. Tante! Tante! Da sieh' einmal. da sitzt der arme Joseph und weint; sie haben ihm gewiß wieder etwas zu Leide gethan. Minna.Der arme Mensch ist wirklich zu bedauern, er geht umher wie ein Irrsinniger. Röschen. Tante, erlaubst Du. daß ich ihn anspreche und ibm das Stuck Bro t von mir schenke? (Zieht rin Stück Brot aus der La'che.) Minna. Za. gib' ihm dein Stück Brot und das von mir. (Gibt ihr Geld.) Röschen (geht zu Seff und gibt ihm beides). Joseph, was machst Du da? Hier nimm ein kleines Almosen von mir und meiner Tante Seff (der sich aufrichtet). Ah. mein kleines Engerl is da! Grüß'Di Gott, bist Du ganz allein? Röschen. Nein, meine Tante ist bei mir. Seff (sieht sich um) Ah. die Fräul'n Minna is auch da. Minna. Wir gingeneben vorüber und sahen Dich weinen, da glaubte ich und Röschen Dich aus deinem Dumpssiune zu wecken. 6 Seff. Vergelt's Euch Gott! Ich werd's nie vergessen, was Ihr an mir gethan habt. Minna. Es ist ja kaum der Rede werth, wegen der Kleinigkeit. Doch von nun an soll es Dir besser geh'n. Röschen. Ja. ich will meinen Vater bitten, daß Du den ganzen Tag bei uns sein darfst und daß ich Dir die Hälfte von meinem Früh-, Mittag- und Abendbrot geben darf. Seff. O Du gut's Engerl! Ich weiß nicht, wie mir g'schieht, ich kann's noch gar nicht glauben, daß das Alles wahr ist. was ich da hör'? Minna. Ja, es ist die Wahrheit; komm' nur gleich mit uns. Seff. Aber Fräul'n Minna, schämen Sie sich nicht, mit dem dummen G'manseff z'gehen? Es lachen Sie ja alle Leut' aus. Minna. Laß' sie nur lachen, ich schäme mich nicht. Seff (halb lachend, halb weinend). Ach, Sit glauben gar nicht, wie mir jetzt ist. ich könnt' weinen vor Freud', aber nein, ich lach' — (schmerzlich lachend) denn ich Hab' wieder wahre Menschen g'funden. Da im Orte find lauter Unmenschen, wenn's sehen, daß man unglücklich ist. lachen's ihn aus und machen ihn dadurch noch unglücklicher. als er schon ist. Siebente Scene. Porige. Stephan. Stephan (mit Hut und großem Stock, tritt au- dem Hause. Höhnisch). Ah schau, was für eine vornehme G'sellschaft vor meinem Haus ist; das noble Stadtfräul'n und der dumme G'manseff. Da habt Ihr einen schönen Gesellschafter bei Euch. Natürlich, abgeben thut sich im ganzen Orte Niemand mit Euch, jetzt sucht Ihr buch die Gesellschaft dieses Trottels auf. Minna. Hört Ihr, Meßnerwirth. ich kann Euch aufrichtig sagen, daß mir die Gesellschaft dieses« Menschen, den Ihr einen Trottl schimpft, lieber ist als die eure. Stephan (höhnisch». Za freilich, gleich und gleich g'sellt sich gern. Minna. Ich bitt' Euch, verschont mich mit euren Redensarten; ich Hab' Euch ja nichts zu Leide gethan, daß Ihr so boshaft gegen mich seid. Stephan. Euch haß' ich auch nicht, aber euern Bruder, den Bergwirth! Röschen. Meinen Vater? Er hat Dir doch nichts gethan. Du böser Mann. Stephan. Wenn er mir auch nichts gethan hat. so haß' ich ihn doch, weil er mir alle Fremden. die hier durchreisen, wegnimmt. Minna. Kann da mein Bruder dafür, daß die Fremden sein Gasthaus lieber besuchen, als das eure? Ihr habt doch die Einwohner vom Ort zur Einkehr und seid noch nicht zufrieden. — Aber ich kenne den Wunsch, den Ihr noch in Euch tragt. Stephan. Wirklich? Das glaub' ich kaum. Minna.Eure größte Freude hättet Ihr, wenn mein Bruder wegen Mangel an Besuch seine Wirtschaft schließen müßte. Stephan (lacht spöttisch). Minna. Oder gar gezwungen würde, diese Ortschaft, in die er erst eingewandert, zu verlassen. — Pfui, es ist sehr schlecht von Euch, einen solchen Wunsch zu hegen! S tephan (lacklnt». So. so! Minna. Mein Bruder, dem es gar nicht einfällt, könnte mit weit mehr Recht gehässig gegen Euch sein. Denn Ihr habt ihm zum Trotz diese Wirtschaft gegründet. um ihm seine Gäste zu entziehen. Es gelang Euch auch, natürlich wer! Ihr der Sohn des alten Pfarrmeßners und ein Ortsgebürtiger seid. Seff (der sich Krim Auftritt des Slkpho" in drn Hintergrund gezogen, geht recht- ab). Stephan. Seid nur nicht so bös deshalb. Minna, (halblaut zu Rö«cheu). Komm, 7 Röschen, gehen wir. mir wird ganz un-! heimlich in der Nähe dieses Menschen.! (Wendet sich zum Gehen.) Stephan (hält sie zurück). Halt, schön's Hräul'n, vielleicht können wir doch noch einig werden. Wißt Ihr was, werdet mein Weib und ich will den Haß gegen euern Prüder vergessen. (Will auf sie zu.) Minna. Rühr' Er mich nicht an. Glaubt Ihr. ich will mein Leben mit einem Unmenschen theilen. der nur zum Schlechten, nie aber zum Guten gestimmt ist? Glaubt Ihr. ich will einen Mann zum Gatten, der meinen Bruder haßt? Seht. Meßner« wirth. ich könnte Euch nie lieben, und wenn ich aufrichtig mit Euch sein soll, so muß ich es gestehen, daß ich Euch hasse und verabscheue. Stephan. Ihr schlagt also meine Hand aus. Ihr haßt mich? Das kann euer Ernst nicht sein. Ihr müßt mich gern haben, (schlingt mit Gewalt seinen Arm um ihre Mitte.) ^ Röschen (läuft ängstlich nach recht- ab wo sie aleich daraus mit Seff kommt). ' Minna (sich wehrend). Laßt mich los oder ich rufe um Hilfe. Stephan. Ich laß' Dich so gleich nicht ans. schön's Fräul'n! Minna. Hilfe! Hilfe! ,Dir oben.) Stephan. Es nützt Dir nichts, wenn Du auch noch so schreist. Srff, der am Loden liegt). Armer Mensch! Hintergrund link- über s Praktikabel ob). Stephan (hitzig zu Minna). Und Ihr. stolzes Fräulein, macht jetzt, daß Ihr fortkommt aus diesem Revier, sonst könntet Ihr was erleben, was Euch nicht angenehm wär. Denkt an mich und gebt ja nicht zu nah mehr an meinem Haus vorüber, das rath'ich Euch! (Minna und Röschen find zu Anfang dieser Rede nach link» abgegangen und Stephan ruft ihnen die lrtzteu Sätze noch nach; im Vordergrund zu Seff:) Wart , Dir will ich's austreiben. mich zu schimpfen. Wenn ich der G'manvorstand wär', ich hätt' Dich schon längst aus dem G'manhaus davon- g'jagt, denn da ist's für Dich noch viel z'AUt. An ein Hundshaus würd' ich Dich hangen und g'rad' so dressiren wie einen Hofhund. (Geht rechts hinter dem Hause ab.) Achte Treue. Skff (allein). Skff (richtet sich nach einer Pause auf und weint vor Schmerz, dann aber faßt er den Gednnken zur Rache, wendet sich gegen das Meßnrrwirths« hau» und ruft drohend): Meßnenvirth. das vergeh' ich Dir nie! Du sollst noch an den Hund denktN.(Schlrppt sich hink ndnachlinksab.) Ende des Vorspiels. ^iress (tritt dazwischen und schleudert Stk- Pdan zur Seite). Es nutzt schon was. ich, der G'manseff, bin auch noch da. Stephan. Was? Du hebst deine Hand gegen mich auf? Seff. Ja, weil ich seh', daß Tu ein 'chlechter Mensch bist und g'waltthätig gegen das Fräul'n wirst. Stephan (wüthrnd). Du. Du willst mich einen schlechten Menschen heißen? Erller Art. Ein hübsches Gastzimmer. Im Hintergrund ein großer Cchenktisch mit reinlichen Trivkgeschirrrn und einer Zither. Zn einiger Entfernung davon ist eia großer Ösen mit einer sogenannten »Ofenbank.* Rechts und links im Vordergründe Tische, worauf brennende Lichter stehen. Links ein praktikables Kenster, recht» eine Seitenthür. — (Schlägt Seff mit seinem Stock über die Füße, daß er zusammensiürzt.) Ta merk' Dir's, warum Du das g'sagt hast! Minna und Röschen (wenden sich gegen Erste Lcene. Mathias. Ehristl (und mehrere Bauern fitzen rechts am Tisch und rauchen jeder seine Pfeife). 8 Hanne, die Bergwirthin, eine junge, hübsche Frau, ist mit Bedimen besckäftigt, trägt sich städtisch, jedoch einfach. Reisser, der Dorsbader, tritt ein, ist etwas carikirt gekleidet, 30—40 Jahre alt und hat das Sprichwort: »So im Allgemeinen«). Reisser. Servus, liebe Leut'ln, wie geht's so im Allgemeinen? Alle. Na, es muß schon thun. Reisser. Frau Wirthin, ein Krügl Wein! Hanne (bringt ihm solches). Wohl be- komm's! Reisser. Was Habens denn zu essen so im Allgemeinen? Hanne (gibt ihm den Speisezettel). Hier wäre die Karle. Reisser. So im Allgemeinen werde ich mir etwas Feines heraussucheo. (Liest.) Braten. Enten, Hammelschlägel. (Nach einer klemm Pause, wichtig.) Bringen's mir 'n paar Wursteln mit Kren und ein Brot. Hanne. Thut mir leid, die find nicht mehr da. Reisser. So? Dann bringen's mir 's Brot allein. Aber wie kommt's denn. Frau Wirthin, daß heut der Speiszettel so groß ist? Hanne. Mein Mann befahl mir. wegen dem Vorabend seines Geburts- und Namenstages etwas mehr als gewöhnlich zuzubereiten. Reisser. Richtig, morden ist ja Michaeli so im Allgemeinen. Da halt' ich bald darauf vergessen. Wo is denn der Herr Wirth? Hanne. Er ist eben auf seinem Zimmer und ordnet noch einige Papiere, weil er gesonnen ist, heute Nacht in die Stadt zu fahren, um morgen unser Anwesen in die Brandassecuranz aufnehmen zu lassen. Reisser. Ah. das trifft sich ja famos, da könnt' mir ja der Herr Reul zwei feine englische Rafirmesser mitnehmen. Hanne. Gut, ich will es ihm gleich sagen. Wie sollen sie denn im Preis sein? Reisser. Na, eins um einen Zwanziger. so im Allgemeinen. (Hanne geht rechts ab.) Reisser (zu den Bauern). Ich möcht' doch eigentlich wissen, warum der Berg- wirth so oft in die Stadt fährt. Mathies. Merkst denn gar nichts. Bader? (Heimlich.) Der Bergwirth und der Förster fahr'n g'wöhnlich mitsamm' in die Stadt und sagen z'Haus, sie haben dort allerlei Geschäfte. Doch letzthin hat's der Meßnerwirth dort getroffen, und g'seh'n, daß sie furchtbar theuer spielen! Reisser. So, so! Zweite Scene. Vorige. G'manseff (tritt durch dieMitte ein, geht jetzt in Schuh und Strümpfen, Weste, überhaupt nicht mehr so verwahrlost wie im Vorspiel). Seff. Grüß' Gott beinand! Reisser. Ah da schau, der G'manseff: seit wann bist Tu denn da heroben? Seff. Seit etlichen Tagen. Reisser. Bist also nimmer im G'man- haus? Seff. (setzt sich im Hintergrund aus dir Ofenbank) Na! — Reisser (zu dm Bauern). Sind halt doch gute Leut' bei dem Bergwirth, das beweist, weil sie sich um den armen Teufel angenommen, denn von der Gemeinde aus hatt' er, glaube ich, verhungern müssen. so im Allgemeinen. — Aber halt', jetzt Hab' ich eine Idee. Wißt Ihr, was wir thun? Wenn der Bergwirth kommt, lassen wir ihn leben, weil morgen sein Geburts- und Namenstag ist. vielleicht gibt er dann etwas zum Besten, so im Allgemeinen. Mathias. Und Du mußt eine Red halten, Bader! Reisser. Das ist natürlich, ohne Red' thu' ich's nie. im Allgemeinen. Still! Er kommt — also aufgepaßt, schr»»t's nur Alle hoch! 9 Dritte Scene. Vorige. Reul (der Bergwirth tritt voll recht- auf; ist eia Mann von 30 — 33 Jahren, einfach städtisch gekleidet. Sem Benehmen läßt manchmal innere Unzufriedenheit merken). Reisser und Bauern (sieh'» ans. heb'n die Krüge und schreien). Hoch! Reisser (Rednerisch). Mein lieber Herr Reul, da morgen Ihr Geburts- und Namenstag ist. so erlauben wir uns so im Allgemeinen — Alle. Vivat hoch! Reisser (Siockmd). Da nicht bloß — sondern auch — so im Allgemeinen — Alle. Vivat hoch! Reul. Ich danke Euch vielmals für eure Aufmerksamkeit. Ich lade Euch dann zu einigen Gläsern Punsch ein. Reisser (leise zu den Bauern). Seht! so muß man reden, das wirkt. Vierte Scene. Vorige. Ein Forstgehilse (tritt durch die Mitte ein). Forst ge Hilfe. Guten Abend, Herr Reul. Einen Gruß vom Herrn Förster und ob Sie morgen nicht in die Stadt fahren? Reul. Morgen nicht, aber heute, bis in einer Stunde. Der Weg ist gut und so könnten wir die Nacht durch fahren, um morgen bei Zeiten wieder nach Hause zu kommen. Ich werde ihn bis um 11 Uhr mit meinem Wagen abholen, laß ich ihm sagen. Einen Gruß an den Herrn Förster. Forstgehilf. Werd' es ausrichten. Gute Nacht! (Ab durch die Mitte.) Reul. Seff, komm' her. (Seff steht auf und geht zu Reul). Bis in einer Stunde spannst Du mir meinen schwarzen Hans ein. tränke ihn aber vorher noch. Auch den Tyraß laste von der Kette, der kann auch einmal mit. — Geh' und richte AlleS. Seff. Ganz recht. (Ab durch die Mitte.) Fünfte Scene. Vorige. HanneundMinna (treten von rechts mit einer Bowle Punsch und mehreren Gläsern aus. Reul geht rasch ab. sobald Hanne und Minna eingetreten). Minna. Hier ist der Punsch, den Euch mein Bruder zum Besten gibt. . Hanne (schenkt Jedem ein). Wartet, ich will Euch bedienen. Reisser (trinkt blasend). Was ist denn das, Frau Wirthin. der Punsch ist ja gar nicht frisch kocht? Hanne. Was fällt Euch ein, ich habe ihn eben frisch bereitet. Reisser. Das ist nicht wahr, daß der frisch kocht is. sehn's denn nicht, wie ich immer blasen muß, weil er so heiß kocht ist? Hanne. O Spaßvogel! Heute ist der Bader wieder gut aufgelegt. Reisser. O, das ist noch gar nichts, heut' soll's noch kreuzfidel werden. Gebt's jetzt die Zither her, ich will ein paar Schnaderhüpfeln singen, daß Leben in die Sache kommt, so im Allgemeinen. (Mathias holt die Zither, welche im Hintergrund am Schevktisch steht.) Alle. Ja, fing' was! Reis ser (setzt sich in die Mitte dt« Tisches, fingt und marquirt das Spielen aus der Zither). 1 . Die Stiefel sind z'rifsn. Aber d'Schuh sind noch guat, Kann kein Master vertrag'n. Es verderbat mir's Blut. 2 . Wer in d'Kirchen net geht. Ist a ganz schlechter Christ, Und der is ein Vielfraß, Der zwölf Knödl ißt. 3. Der Kalender wird g'schrieb'n. Und gilt auf ein Jahr, 10 Weg'n dem Wetter, was d rin steht, 3st Alles net wahr. 4. Sehr schlecht find bezahlt Die Herrn Schreiber am G'richt, Daß a Klostersrau tanz'n thut, Schickt fich doch nicht. 5. Papiergeld ist gut, Kannst kein Silber wegschab'n. Wenn man Heiraten will, Muß man a Hochzeit'rin hab'n. 6. Am Absatz zwei Augeubrill'n Und Sporn mitt'n im G'ficht, An Theaterzettel statt an Ofenthürl, Sie, das war' a G'schicht. (All« Bauern haben bei jedem Zwischenspiel tact- mäßig in die Hände geklatscht. — Hanne recht« ab.) Sechste Scene. » Porige. Psesser (Polijeidirner, in ganzer Armatur, ist schon während de- letzten Verse« untrr der Thüre, tritt jetzt mit einer gewissen Amtsmiene vor. Er ist rin alter Veteran, welcher fich sehr wichtig macht, sein ganze« Wesen muß in « Komische fallen). Pfeffer. Za, was ist denn das? Wer hüpft denn da noch so spät Schnöder? Meine Herren, Polizeistund' ist eingetre- teo. Feierabend ist. Reisser. Was — ist's schon so weit? Minna (geht mit einem Gla« Punsch zu Pfeffer). Kan n ich vielleicht mit einem Glas Punsch aufwarten, Herr Pfeffer? Pfeffer. Nein, ich danke, holde Jung, stau, im Dienste darf ich nicht trinken, mein Reglement verbietet es mir. (Trinkt.) (Pfeffer spricht da« Wort »Reglement- so au«, wie e« geschrieben steht.) Minna. Sie sind ja heute furchtbaraufgebracht. Herr Pfeffer. Pfeffer. Da soll der Teufel nicht auf- ebracht sein, wenn man solches Malheur at. wie ich. Alle. Na, was is denn g'scheh'n? Pfeffer. Heut' in der Früh' erwisch' ich einen Handwerksburschen, der bettelt; wie ich das seh', schlag' ich gleich in meinem Reglement nach und finde, daß es mir vorschreibt, alle sicherheitsgefährlichen Individuums zu arretiren. Ich habe ihn mitgenommen und verlange unterwegs sein Wanderbüchl; er hält mir's hin, ich zieh' an, und— Hab' das Futteral in der Hand — (Zieht da« leere Futteral Hera»«.) Reisser (rinfallend). Und das Wanderbüchl? Pfeffer. Hat der Handwcrksbursch' a'habt und ist damit fortgelaufen. Das Autteral Hab' ich noch, aber der Handwerksbursch' ist beim Teufel. Minna. Aber so trinken Siedoch, mein lieber Herr Pfeffer. Pfeffer. Ich dank' Ihnen, schön's Fräulein, ich habe keinen Durst und dann verbietet uns das Reglement im Dienste zu trinken. (Trinkt stark.) Za bei dem Brande von Moskau war es ander-, da halt' ich einen Durst — Alle. Was? Wart Ihr bei dem Brande von Moskau? Pfeffer. Das will ich meinen; ich war der Letzte, der aus der Stadt hinaus ist. Reisser. Geh', das müßt Ihr erzählen. so im Allgemeinen. Alle. Za, ja, erzäblt! Pfeffer lsr^t sich au drn Tisch). Da muß ich mich aber ein wenig niedersetzen, denn die G'schicht greift mich immer zu sehr an. (Räuspert fich einigemal, dann beginnt er ganz wichtig:) Gnes schönen Nachmittags um auf 4 Uhr, wenn man bei uns in Rosenkranz läutet, find wir in Moskau einmarschirt. Es hatte einen furchtbaren Nebel. Meine Kompagnie, weil da die 11 schönsten Leut' dabei waren— (Räuspert sich wieder.) Reifs er («»fallend). So im Allgemeinen — Psesser (fortsahrrud). Wurde in einem fürstlichen Palais einquartirt. Ich sag' Euch, das war ein Leben wie im Paradies. — Die schönsten Betten find da g'standen, mit lauter Pflaumen und Eider- dunen waren's g'füllt, die Zudecken waren so leicht, daß man's hat wegblasen können wie die Kartenblattln. Alle (vrrwundkrt). Ah! Pfeffer. Ja, da habt Ihr gar keinen Begriff davon. Aber das Schönste war schon, wie wir über n Weinkeller kommen find, ich sag'Euch, da hat's Räusche geb'n. daß es eine Schand' war; ich natürlich war der Einzige, der nüchtern geblieb'n ist. denn ich batte von jeher einen Abscheu vor dem vielen Trinken, weil es das Reglement verbietet. (Trinkt stark ) Wie wir dann Alle g'effen und trunken hatten, legten wir uns auf's Stroh Reisser. Was? Ich Hab' glaubt. Ihr habt Betten von Pflaumen und Eiderdunen g'habt? Pfeffer (etwa» k>! trunken). Ja. g'habt haben wir s schon, aber wir haben uns nicht hineinlegen mög'n. weil wir g laubt had'n. wir könnten's schmutzig machen. Ich leg' mich also auf s Stroh; — kaum war ich eingeschlafen, geht's mir furchtbar heiß in die Küß; ich mach' die Aug'n auf und sek', daß meine ganze Bettstatt in Klammen steht. Ich steig' aus mein' Bett heraus, zieh' meine Stiefel an. wasch' und ftifir' mich, häng' mein Tournister um und will zur Thür' hinaus; doch denkt Euch meinen Schrecken.— wie ich die Thür aufmach', schlagt mir eine Flamme entgegen. — zum größten Glück war es zu ebener Erd'. Ich in meiner Angst, wie ich das Feuer seh', reiß' daS Fenster auf und spring' sechs Stock hoch hinunter. (Hat so herumagirt, daß er bei den letzten Worten über den Ltuhl fällt.) Reisser (hebt ihn wieder aus). Sechs Stock hoch! Hast Du Dir nichts gethan? Pfeffer. Gar nichts! Nur den linken Ellenbogen Hab' ich mir ein wenig aufgeschlagen. Ich bin wieder aufg'standen. Hab' mich abputzt (putzt seiurn Rock am linken Arm ab) und bin durch 23 Straßen g'taufen, bis ich endlich ein Thor g'funden Hab'. Die ganze Stadt stand in Flammen. Vor mir und hinter mir find die brennenden Balken umherg'flog'n wie die Schneeflocken. Ich war der letzte Soldat, der aus Moskau hinaus ist. Wie ich zum Thor hinkam, hat schon die ganze Armee g'war- tet und der Napoleon hat g'weint wie ein klein's Kind. Reisser («»fallend). Ja. warum denn? Pfeffer. Weil er glaubt hat. es ist mir was g'scheh'n. (Pfeffer hat bei den letzten Worten geweint in seinem Rausche, den er sichtlich durch da- viele Trinken unter seiner Erzählung bekommen hat) Siebente Scene. Vorige. Veit (der Nachtwächter tritt durch die Mitte rin in seinem ganzen Habit). Veit. Potz tausend! Was ist's denn so? Feierabend. auf 11 Uhr ist's! (Tritt in den Vordergrund und erblickt Pfeffer.) Pfeffer (immer raulchig). Ah. mein Spezi, der Nachtwächter! Veit (verwundert). Was seh ich, mein Herr Collega sitzt ja auch da? Pfeffer. Freilich! Trink ein wenig, Veitl! Veit. Nein, ich kann nicht, meine amtliche Stellung wäre dabei gefährdet. Pfeffer (bietet ihm sein Ala-). Sei nur nicht so ängstlich, wegen dem Schluck wird's mit'n Amt nicht gleich aus se in. Da schluckt das Amt oft viel mehr, und darf kein Mensch was dazu sag'n. Veit. Na, einmal will ich trinken, aber öfter nicht, denn Sie wissen, Herr Eolle- ga. meine amtliche Stellung — 12 Reisser. Na, setz' Dich ein wenig nieder, Veitl. und bleib' a bißl da, so im Allgemeinen. Veit. Aber Bader, bedenk' doch meine amtliche Stellung! (Mathias macht Platz, Veit setzt sich an die r.chte Elke.) Reisser. Was gibt's denn Neues. Veitl? Hat Dir schon lang nichts mehr vom Himmel träumt? Veit. O ja, gestern war ich im Traum Heim Petrus d'roben. Pfeffer (rauschig). Du, Veitl, wie schaut's denn im Himmel aus? Hast meine Selige drob'n nicht g'seh'n? Veit. Ich bin im ganzen Himmel herumkommen aber deine Frau Hab' ich nicht drob'n g'funden. Pfeffer. So? dann is wahrscheinlich — wo anders. Veit. Aber den Schmid-Johann Hab' ich d rob'n g'sehn. Reisser. Was, dem ich sein' Fuß ein- g'richt Hab'? Veit. Za, der Nämliche. Ich steh' g'rad bei der Himmelspforten und unterhalt' mich mit'n Petrus, da reißt's auf einmal mordsmäßig an der Glock'n. der Petrus macht auf, wer steht d'rauß: Der Schmid-Johann! Der Petrus frägt ihn gleich um Stand und Name, um Heimat und Alter. Geht dann hinein in die Registratur und schaut nach, ob der wirklich schon eintreffen darf; der Petrus kommt kopfschüttelnd heraus und fragt ihn nochmal, schaut nochmal nach, kommt dann wieder heraus, und sagt: »Ja, Du Sa- pramenter, Du bist ja um 20 Jahr zu früh da! — Was hat Dir denn g'fehlt?* »Den rechten Fuß Hab' ich mir brachen,* sagt der Schmid-Johann ganz traurig.— »So. so.* sagt der Petrus, »wer hat Dir'n denn eingerichtet?* — »Der Bader Reisser.* — »So, der,* sagt der Petrus und lacht; »ja. da glaub' ich's gern, daß Du um 20 Jahre zu früh da bist. Geh' halt herein!* (Alle lachen.) Reisser (aufspringend, grimmig). Was ist denn das für eine Gemeinheit! Du infamer Nachtwächter! Wie kannst Du Dich denn unterstehen und Dir so was träumen lassen? Pfeffer. Du, Bader, dießmal bist eingangen mit deiner Neugier. Ftsch! ftsch! Reisser. O wart' nur, Veitl, das sollst Du mir büßen. Mich, einen Mann, so herunter zu setzen, der die größte Praxis in der ganzen Gegend hat, so im Allgemeinen, ich ein Bader, dem nie ein Patient stirbt. (Die letzten Sorte schreit er heraus.) Achte Scene. Vorige. Ursula (de« Bader« Weib, tritt L tvmpo ein). Ursula (schreit). Du Mann, Du sollst schnell zum Kramer sein Sohn 'nunterkommen, dem Du heut' in der Früh zur Ader lassen. Er liegt am Sterben, weil Du ihm z'viel Blut g nommen hast. Reisser (iu furchtbarer Verlegenheit). Ja, ja, ich komme gleich. (Nimmt seinen Hut. im Abeilen zu Minna, die im Hintergrund an der Schenke fitzt.) Zahl'n thu' ich morgen. Adjes beisamm! (Ab mit Ursula.) Minna. Ganz recht. Veit Und Pfeffer (rufen ihm nach) B'hüt'DichGott.Du glücklicherBader, dem nie ein Patient stirbt. (Beide lachen. Die Bauern gehen einzeln ab.) Math. Na, wir gengen a! B'hiertGott beinand. Veit und Pfeffer. Adjes, Männer — Adjes. Neunte Scene. Reul und Hanne (treten rechts aus der Seiteuthür. Reul vollständig zum Kortfahrrn gekleidet) Reul. Bis morgen Mittag bin ich längstens wieder zu Hause. Hanne. Bleibe mir ja nicht länger fort, ich bitte Dich, mein lieber Michael. 13 nem Manne etwas Uebles zustoße, mir ist so schwer, so ängstlich um das Herz. Minna.Ach. beängstige Dich doch nicht, liebe Schwägerin! Mein Bruder hat diesen Weg ja schon so oft gemacht. Er wird auch heute glücklich in die Stadt gelangen. (Man härtPeitschengekaall und das Bellen eines Hundrs. Hanne und Minna eilen zum Fenster und winken hinunter.) Hanne (beängstigt). Ich bin so müde, so matt. Minna. Das macht die Aufregung. Wenn Du einige Stunden gut geschlafen, wird alle-wiederanders sein. (Mit dem Licht in der Hand.) Komm, gehen wir zu Bett. Es ist bereits 11 Uhr durch. Hanne. Möge Gott meinen Mann vor Unglück bewahren! (Beide rechts ab. Tie Scene wird finster. Pause. Zehnte Scene. Vorige. G'manseff (durchdie Mitte). Seff. Herr Wirth. es ist angespannt! Reul. Komme schon! Also leb' wohl, liebe Hanne.— (Zu Minna, welchkfich genähert hat:) B'hüt Dich Gott. Schwester! Hanne und Minna. Wir begleiten Dich zum Wagen. Veit und Pfeffer. Viel Glück auf die Reise! Reul.Danke schön. (Reul. Minna, Hanne und Seff ab.) Veit (steht auf). Und ich glaube, es ist bei uns auch Zeit, daß wir uns auf die Reise machen. Ich muß die eilfte Stunde abrufen. Pfeffer (steht auf und kann beinahe vor Rausch nicht stehen)- Und ich muß jetzt noch eine Patrouille machen, mein Re—gle —i ment schreibt mir das vor. — Geh, sei so! gut, Brüderl.und führe mich — schau, ich muß noch eine Pa—pa—troulle halten. Veit. Brav, die hohe Obrigkeit hat einen ordentlichen Rausch. Na so geh halt hkr. (Nimmt ihn am Arm.) 8aß Dich führen. Pfeffer. Hk. Hk. he! gelt. Pu hist schont unddie S-aul-m Minna, so gut und führst mich auf meine Pa — is"d schon IN s Bett 8 ongen, p°-.i°uillk°. Hk. Hk, Hk. heut - wenn! °'s° bm ich ganz allem ,m Hause noch ich kinkn Spi- spi-buben erwische. der ^ ^ mich ein wenig aus die wird schaukn. daßdie hohe Polizei,im diese ^-"bank herlegen. denn um 4 tthr muß Ztst_ ^ o ' ! ,ch so schon wieder aufstehen und wegen P.it. Einen solchen Rausch bat. ^ di- »»->- Stunden mag ich nicht in« Bett Pfeffer. Ich bin furchtbar — 6ehen. (Er lrgt sich aus die Ofenbank. Es de- Veit. B'soffen. weiß schon. (Bereits bei Adagio im Orchester. Seff schläft. Klei. der Thür ) ! P°use- — Dann beginnt das Furioso. Bei dem Pfeffer. He. be. he. — ich halt michr--t l'-is r,°umSchrei -u« slreng an das Reglement. --di Was war denn da«? °b. Rkp«n»in Ni irv der sich bald verheiratete, bekam eine brave Frau und so waren wir einige Jahre hindurch eine glückliche Familie. — Doch mit einem Male war unser Glück zertrümmert, schnell entriß uns der Tod die lieben Eltern und Niemand außer Gott wird wis- sen, was wir durch den Verlust erlitten. Von dieser Stunde an war unsere Heimat verödet und mein Bruder und ich wurden dahin einig, jenen Ort. der uns das Liebste geraubt, zu verlosten und eine andere Wirtschaft zu kaufen. Nicht lange dauerte es. so wurde uns die »Bergwirthschaft« hier in diesem Orte angetrageo. Mein Bruder und der ehemalige Bergwirth machten einen Tausch und so sind wir aus Franken aus- und hier eingewandert. Ursprünglich war hier im Orte nur die Bergwirthschaft; doch während des Umzuges hat sich ein Einheimischer hier eine zweite Wirtschaft gegründet. Wir hatten'einen schweren Stand, denn wir waren fremd und unser Eoncurrent ist aus diesem Ort hier gebürtig. Trotz alledem hatten wir anfänglich Glück. Später, wie es bekannt wurde, daß wir Protestanten sind, blieben die meisten Gäste aus. Nicht genug daß uns die Leute fort blieben, brannte auch noch vor 3 Monaten unser ganzer Hof auf unerklärlich schnelle Weise ab, und nur durch die Hilfe eines Knechtes kamen wir mit dem Leben davon. Fremder. Und hat man keine Ahvuna auf welche Weise das Feuer entstanden? Minna. Wir Alle vermuthen, daß es eine böse Hand gelegt hat, jedoch fehlen uns die Beweise. Fremder. Das ist schlimm. Sechste Scene. Vorige. Hanne. Röschen (von recht»). Röschen. Mein Herr, die Mutter hat Ihr Zimmer schon hergerichtet und ich Hab' auch dazu geholfen. r 18 Hanne. Damit Ihnen der Aufenthalt angenehm wird, Hab' ich ein wenig geheizt. Fremder. Sehr schön, Frau Wirthin! Und Du. meine liebe Kleine, warst auch behilflich dabei? Da werd' ich ja heute Nacht noch einmal so gut schlafen. — Wie heißt Du denn? Röschen. Röschen! Fremder. Ei, das ist ein hübscher Name. Du bist wohl auch recht brav? Röschen. Freilich; denn böse Kinder bekommen vom Christkinde nichts, sagt meine Mutter. Fremder. Richtig, heute kommt ja das Christkind. Was wird es Dir denn bescheren? Röschen (betrübt). Nichts! — Der Da. 1er hat ja gesagt, er habe selbst nichts. Das liebe Christkind hat mir doch heute Nacht im Traute so schöne Sachen gezeigt, die ich alle bekomme, wenn ich recht brav sei, und ich bin doch so brav gewesen. Fremder. Du kleines Närrchen, glaubst Du denn, daß das Christkind lügt, und hält nicht, was es verspricht? Es hat mich ja heute gerade zu Dir hergeschickt, um Dir etwas zu bringen, damit Dir deine Mutter alle die verbrochenen Sachen holen kann. Sieh' her — (zitht eine feine Börse, mit Ducatcn gefüllt, heran-, gibt Röschen ein Goldstück) das gehört Dir. Röschen (freudig). Ich danke schön! Mutter, Mutter, da sieh' einmal diesen Goldkreuzer an. Jetzt aber kaufst Du mir etwas, nicht wahr? Hanne. Ich danke Ihnen für das Geschenk, mein Herr! Fremder. Machen Sie kein Aufhebens. Es ist ja kaum der Rede werth. Röschen. Ach ja! Der Herr hat noch viele, viele solche goldene Kreuzer, ich habe sie ja gesehen. Nicht wahr, die haben Sie alle vom Christkind? Hanne Pfui. Röschen! Nehmen Sie es dem Kinde nicht übel, aber vor Freude weiß es nicht, was es redet. Komm', gehen wir auf unsere Stube, es wird schon spät. Fremder (zu Minna). Wollen Sie mich auch schon verlosten? Minna. Ja. — Wir werden doch morgen noch das Vergnügen haben. Sie bei uns zu sehen? Fremder. Thut mir leid, morgen muß ich in der Nähe hier einen Kauf abschließen, wozu ick gewiß den ganzen Tag brauche. Ich werde erst übermorgen zurückkeb- ren, glaube aber dann auf längere Zeit bei Ihnen mich einzulogiren. Ich werde noch einige meiner Papiere in Ordnung bringen und dann auch zu Bette gehen. Hanne. Nun. so wünsch' ich Ihnen wohl zu schlafen. (Mit RöSchcu rcchts ab.) Minna. Ruhsame Nacht! Fremder ( grht zu Minna, drückt ihr die -vood). Gute Nacht, liebes Fräulein, schlafen Sie süß! (Minna rrcht- ab. Fremder bleibt nachfianrnd stehen.) Röschen (heimlich recht- Herrin schleichend). Nicht wahr, guter Herr, wenn Sie wieder z ,m Christkind kommen, sagen Sie einen schönen Gruß und ich ließ danken, und wenn esnoch viele solche goldene Kreuzerlbat ließ ich es recht schön bitten, meinen Euter auch welche zu schicken, denn meine Mttere weint immer, daß wir so arm sind und dan thut mir so weh. Nicht wahr. Sie sagen dieß dem Christkind? — Gute Nacht! — (Schleicht wieder aus den Zehenspitzen zur Tom recht- ab.) Siebente Scene. Fremder (allein). Ein allerliebster Kind. Überhaupt scheint mir die ganze Familie ehrlich und rechtschaffen zu sein. Das Unglück hat diese Leute schwer heim- gesucht. Gänzlich verlosten von hilfreichen Menschen, werde ich es mir bei meiner Rückkehr zur Aufgabe machen, so viel in memea Kräften steht diese braven Leute §u unterstützen. Hier.kann man wieder deutlich 19 sehen, wie weit man im 19. Jahrhundert noch zurück ist; ihres Glaubens wegen ließ man die Leute hier gänzlich ohne Hilse. Ja so lange es hier noch Menschen gibt, die meinen, nur ihr Glaube sei der allein selig machende, so lange wird der Prote- staut auch nicht, gleich den andern Christen, hier existiren können. Achte Scene. Fremder, Reul. Reul (von rechts, mit einem Licht). Ihr Zimmer ist in Ordnung gebracht. Fremder. Schön, ich werde gleich zu Bett gehen. (Zieht eine Brieftasche mit vielen Banknoten heraus.) Da ich morgen auf einen Ltg verreise, so möcht' ich auch gleich meine Schuldigkeit entrichten. (Beim Oeffnen der Brieftasche fallen ihm einige Banknoten zu Boden.) Reul (wirst einen Blick in die Brieftasche, hebt die Banknoten auf). Fremder. Danke. Reul. Lassen Sie doch das Bezahlen, bis Sie wiederkommen. Fremder. Gut. Doch bitt ich, mich morgen früh wecken zu lassen. (Ziedt die Geldbörse und nimmt etwas heraus.) Geben Sie das dun Knecht dann für seineMühe. (Uebrrgibt es Reul« welcher wieder die volle Börse betrachtet.) Reul (etwas verwirrt), lind wann kom« men der gnädige Herr wieder retour? Fremder (geht an ihm vorüber, im Absehen). Uebermorgen. (Rechts ab.) Reul (folgt ihm mit dem Lichte). (Kleine Pause.) Neunte Scene. StHf (m einer Dinterjopp» durch die Mitte; bläst sich in die Hand). Seff. Husch! Heut'ist'-kalt. Doch glaub' ich wird die Kälten nicht lang mehr an« halten, denn mein kranker Arm (deutet auf den linken Arm) thut mir zu weh' und sobald ich den Schmerz spür, gibt's g'wiß anders Wetter. Seit derselben Nacht, wo ich die Stich' bekommen Hab', bin ich nicht mehr recht beieinander. — lieber zwei Monat' bin ich im Bett g'legen und Alles hat glaubt, ich muß sterben. Doch es hat nicht sein woll'n, es ist auch ganz gut. daß ich noch leb', denn ohne mich wär' der Berg- wirth ein armer, verlorner Mann. So aber Hab' ich mir etwas aufg'hoben, das ihm vielleicht zu seinem ganzen Vermögen Vkrhilft. (Zieht dr- Meßnerwirths Messer ander Tasche.) Es ist das Messer hier, welches der Spitzbub', der angezündet, fallen ließ, nachdem er mich in meinen Arm g'stochen hat. So lang ich im Bett' war. Hab' ich's immer unter mein Kopfkiß g'legt. und kein Mensch hat eine Ahnung, daß ich einen so tüchtigen Beweis bei mir trage. Doch jetzt ist es die höchste Zeit, daß ich meine Anzeige bei Gericht mache, denn sonst kommt die Hilfe bei meinem Herrn zu spät. (Liest am Heft de« Messers.) .Stephan Büchl, Meßnerwirth." Es ist halt dock gut, daß der Name dasteht; ich hätte ihn schon lang anzeigen können, aber ich wart g'rad bis übermorq'n zu seinem Namenstag. ich denk' mir: Hat er mein' Herrn in der Michaelinacht so schön gratulirt, so muß ich ihm am Stephanitag doch auch eine Freud machen. »Wenn ich derG'man« Vorstand wär', ich hätt' Dich schon längst aus dem G'manhaus davoog'jagt. denn da ist's für Dich noch viel z'aut. An ein Hundshaus würd' ich Dich hängen und 'rad so dreffiren wie einen Hofhund," at er damals g'sagt. wie er mich g'schlag'n hat. jetzt ist's eingetroffen, er hat Recht g'habt. Ich war ein ganz guter Hofhund, wenn ich ihn auch g'rad damals nicht ge« bissen Hab', so werd' ich ihn jetzt in kurzer Zeit dafür so beißen, daß er an den Hof. Hund denken wird, («ill zur Mitlr ab.) 2 * 20 Zehnte Scene. Seff. Stephan (tritt L lempo rin). Seff (strikt das Messer schnell in die Tasche neugierig). Was willst denn Du bei uns? Stephan. Das geht Dich nichts an. Seff. Na, ich mein' ja nur, weil Du ein so seltener Gast bist. Stephan. Ich komm' bloß da heraus wenn ich ein G'schäft mit'n Bergwirth Hab'. Seff. O ja, das ist wahr. Was hast denn das vorige Mal bei uns heroben ge than? Kannst Dich nicht mehr erinnern? Stephan. Das ist mir schon aus dem Gedächtniß. Seff. Das kann nicht sein. Weißt nim wer, wie Du in der Michaelinacht bei uns heroben warst? Stephan (verblüfft). Ich? Das hat Dir geträumt. Seff. Nein, ich war schon wach. Kannst Dich nimmer an den Hofhund erinnern, der Dich gepackt hat? Stephan. Ich glaub', Du bist verrückt. Seff. Gott bewahre, ich bin sehr g'scheidt, das wirst gleich seh'n. (Leise zu ihm.) Was hast denn Du in der Stroh scheune damals gethan? Gelt, anzünd't hast? Stephan (mit ruhiger Frechheit). Gut, daß es bloß ein so erbärmlicher Mensch, wie Du bist. sagt. Einem Andern wollt' ich's nicht rathen. mich so zu verdächtigen. Seff. Verdächtigen? Dich? Das will ich ja gar nicht. Ich will ja nur eine kleine Entschädigung von Dir haben für das, daß Tu mich mit dein' Messer da nieder« g'stochen hast. (Zeigt Stephan das Messer, gibt eS aber nicht auS der Hand.) Stephan (für sich). Teufel! (Laut.) Was geht das Messer mich an. es gehört ja nicht mir? Seff. Da irrst Du Dich. Meßnerwirth. nicht gern reden hörst davon, bin schon wieder ruhig. Weißt, ich Hab' bloß glaubt. Du sollst mir's abkaufen. denn ich möcht' mir am nächsten Dreikönigsmarkt ein'n Hut mit einem Spielhahn kaufen, und da hält' ich's Geld dazu gebraucht. Stephan. Das Messer ist mir rein g'stohl'n worden, sonst müßt' ich nicht, nne's da herauf käm'. Seff (vertraulich). Für was verstellst Dich jetzt so? Schau, ich weiß ja doch, daß Du anzünd't hast! Meinst denn Du, ich sag' etwas davon? Wenn ich das woll'n hätt, hätt' ich's ja schon lang thun können. Nein, Gott bewahre, das will ich nicht; ich will bloß einige Gulden von Dir. dann kriegst Du das Messer und mein Wort, daß Niemand, so lang ich leb', etwas davon erfahren soll. Stephan. Du thust mir Unrecht, Seff, ich bin unschuldig. Seff. Za, wenn Du unschuldig bist, dann ist's etwas Anders. Wenn ich das g'wußt hätt', wär' ich schon lang zu G'richt gangen mit dem Messer, die hätten'- dann schon herausbracht, wer eigentlich der rechte Herr davon ist. Jetzt, weil ich weiß, daß Du unschuldig bist, werd' ich's gleich morgen auf's Gericht tragen und die G'schicht erzählen, wie's war. Stephan (sich vrrgrssrnd). *Na, das brauchst auch nicht zu thun. Weißt. Seff, es wär' mir nicht lieb, denn vorgeladen würd' ich doch, weil mein Namen im Heft teht; Du weißt, die Laufereien auf's G'richt Hab' ich nicht gern. Seff tss (durch da-Fenster schauend). Da schau, da kommt g'rad dein' Braut auf's Haus zu. Tie wird eine Freud' haben, wenn's ihren Bräutigam mit zwei solche Bei- ständer kommen sieht. Brigadier. Vorwärts mit dem Arrestanten! (Meßnerwirth wird abgrsührt.) Lkss (schreit ihm triumphirend nach). Meß» nerwirth, d'hüt Dich Gott — siehst, so gratulirt der Hofhund einem schlechten Kerl zum Namenstag! (E-fällt unter Musik dir Drnvandluag-gardine.) Reul. Du hast Recht, Hanne! (Steht auf und geht zum Fenster.) Ich wuß ein bischen an die frische Lust, es ist mir so ängstlich! (Oeffnet da-srlbe. — Kleine Pause.) HtM- mel. was seh'ich! Ist das die Wirklichkeit? Ja, ja, der Meßnerwirth geschloffen in Begleitung zweier Gensd'armen. (Man hört auf der Gaffe rufen:) »Der Brandstifter!* Reul (schreckt rurück): Brandstifter! Sollte vielleicht er Derjenige sein, welcher an meinem Unglück Schuld ist? Siebente Scene. Vorige. Sess (tritt bei den letzten Worten schon ein). Verwandlung (Zimmer bei Reul, im Hintergrund große Fenster mit der Aussicht frei, nur daß jetzt nicht- auf der Bühne steht, al- recht- bei dem Kamin ein Lehn» skss'l) Sechste Scene. Hanne. Reul. Hanne (führt von recht- au- der Seiten« tdür Neul bi- zum Lehnstuhl). Reul (blaß und abgehärmt). Laß mich nur, es geht schon besser heute. Hanne. Komm', setze Dich in den Lehn- stubl und schlage die Gedanken an die Zukunft aus dem Kopfe. Gs wird Alles recht werden. Reul. Du bist mein gutes Weib! Nicht wabr — Hanne? Du verläßt mich nicht? Hanne. Wie könnt' ich das? Reul. Nur Dir und dem Kinde danke ich meine Rettung. Ohne Euch stünd' ich jetzt vielleicht als Mörder vor Gericht. Hanne. Was quälst Du Dich noch mit solchen Gedanken? Es hat sich ja Alles zum Besten gewendet, lieber Michael. Seff. Ja, er. der Meßnerwirth ist's, der Ihren Hof angezündet hat. Reul. Sprich, wem ist es gelungen, das herauszubringen? Seff. Mir. Reul. Was sprichst Du da? Seff. Die Wahrheit. Vorgestern, wie der Meßnerwirth bei uns da war, Hab' ich erst G'wißheit kriegt, daß er der Brandstifter war! Und was hat ihn verrathen? Sein Messer, mit dem er mich nieder- a'stochen: er hat's fallen lassn und ich hab's g'funden; doch will ich Euch jetzt nicht den ganzen Hergang der Sache erzählen, weil das zu lang dauern würde, ich sag' Ihnen bloß, daß ich zu G'richt gangen bin, mein Schwur und daS Messer war n so tüchtige Belege, daß man ihn gleich verhaftet hat. Hanne. Wie sollen wir Dir danken. Du hast uns daS Leben — Reul. Und jetzt unsere Ehre gerettet. Seff. Ich Hab' Euch noch mehr gerettet. Wenn Ihr auch heute ausgepsandet werdt's, in kurzer Zeit bekommt'- wieder so viel, daß Eng ein neues Haus bauen könnt's! Nämlich der Meßnerwirth hat versprochen. Alles zurückzuzahlen, waS 28 Zhr durch den Brand Schaden gehabt habt's. Der Herr Wachtmeister hat es auch gehört und ist mein Zeuge. Achte Scene. Vorige. Röschen. Minna. Röschen. Vater! Da kommen sie schon, die Herren, die uns unser bischen Habe mhmen wollen. Reul. Komm' zu mir, Röschen, und sei gut. Röschen. Aber gelt, Vater, meine Puppen und meine Küche nehmen sie nicht? Reul (da- Weinen verbergend). Nein, Röschen.' Minna. O, daß wir das erleben müssen! (Scff durch die Mitte ab.) Neunte Scene. Vorige. Kommissär (mit Dienstmütze). Actuar. Gerichtsbote (treten durch die Mitte ein). Kommissär, Es thut mir leid. Herr Reul. an Jbr gänzliches Habe den Siegel aolegen zu müssen. Reul. Wo wollen Sie beginnen? Kommissär. Fangen wir bei dem nächsten Zimmer an. (Will ab.) Röschen (eilt zu ihm bittend). Ach, mein lieber guter Herr, nehmen Sie meinen El« tern nicht Alles. Sehen Sie, meine Mutter weint, weil wir gar nichts mehr haben. O haben Sie Erbarmen! Kommissär. Das Kind dauert'mich. Aber e- muß sein. Reul (welcher sich bereits rechts gesetzt hat). Röschen, komm', bleibe bei mir. (Kommissär, Actuar. Bote recht- ab, lassen die Thüre offen stehen ) Stellung: Reul, Hanne. — Röschen, Minna. (Pause.) Zehnte Scene. Vorige. Der Fremde (tritt durch die Mitte, wieder in seinen Reisekleideru. eia. Er will sprechen, sieht aber, daß die Familie, welche ihn nicht bemerkt, in dem Vordergrund in der hoch» steu Bestürzung ist. Er wirft zufällig einen Blick in da- recht- geöffnete Zimmer. Da- Publicum muß bemerken, daß er die Pfäadung-commission dort erblickte. Eilt recht- ab. (Kleine Pause.) Der Fremde (kommt von recht- mit einem Schreiben in der Hand, geht zu Minna und gibt e« ihr). Hier, Fräulein, nehmen Sie das als einen Beweis meines Mitgefühls. (Der Gericht-bote kommt au- dem Zimmer recht- und geht zur Mitte ab.) Minna (öffnet da« Schreiben). Was sth' ich? Michael, sieh' nur her. wir sind gerettet. (Gibt Reul da- Papier.) Reul. Wie. Sie haben Alles bezahlt? Hanne. Was haben Sie gethan? Fremder. Ein gutes Werk! Das Geld, das ich für Sie zahlte, war für meine Verwandten bestimmt. — Ich bin nämlich aus dem Ort hier gebürtig, heiße Franz Koch, bin der Sohn armer Eltern, die ich frübzeitig verlor/ ihr einziges Ver- mächtniß war dieß Kreuzchen, ein Andenken meiner Mutter. Bei dem Tode meiner Eltern war ich 10, mein Bruder 4 Jahre alt. Ich hatte das Glück von einem reichen Kaufmann in der Stadt angenommen und als Sohn im Hause gehalten zu werden. Nach vollendeten Lehrjahren einem unwiderstehlichen Drange folgend, reifte ich nach Amerika, wo ich mich einige Jahre in verschiedenen Staaten aufhielt. Sparsamkeit und Glück krönten meine Unternehmungen mit glänzendem Erfolge. Reich und in großem Ansehen stehend konnte ich doch die Sehnsucht nach meinem Vaterlande nicht unterdrücken, machte deßhalb meine Besitzungen zu Geld und steuerte demselben wieder zv. Ich wollte meineu 29 Bruder, meine Verwandten Wiedersehen, letztere durch einen Theil meines Dermo» gens zu wohlhabenden Leuten machen; doch ich erfuhr, daß selbe meinen Bruder ganz verkommen ließen und ihn schließlich m das Gemeindehaus gaben. Empört über diese Nichtswürdigkeit beschloß ich die für sie bestimmte Summe zu guten Werken verwenden zu wollen. Und hier kam ich eben recht, das erste zu stiften! Alle. Wie sollen wir Ihnen danken? Fremder. Keinen Tank, denn auch ich habe ein Anliegen, und zwar an Sie, Fräulein Minna. Ich habe Sie kennen gelernt als ein braves, gutes Mädchen; vom ersten Augenblicke an war Ihnen mein Herz zugethan. Ich ftage Sie jetzt, ist Ihre Hand noch frei? Minna. Ja. mein Herr! Fremder. Gut denn! So erlaube ich mir bei dem Herrn Wirth um die Hand der Fräulein Minna anzuhalten; vorausgesetzt. daß das Fräulein mein Anerbieten nicht ausschlagen wird. Minna. Ist das die Wahrheit? Fremder. Pure, lautere Wahrheit. Ich biete Ihnen ein schönes, sorgenfreies Leben. Doch bedinge ich mir eine Bitte aus; nämlich die. daß Herr Reul dieß Haus verläßt und mit mir auf me n in der Nähe gelegenes Gut zieht, welches ich gestern käuflich an mich gebracht habe. Dort wollen wir zusammen eine glückliche Familie bilden. Liebe Minna, wollen Sie Ihr Leben mit mir theilen? Minna. Mit Freuden. Doch verheimlichten Sie mir bis jetzt Ihren Namen. Fremder. Ich beiße Franz Koch, bin der Sohn armer Taglöhnersleute von hier und habe weiter nichts von ihnen als dieß Kreuzchen — ein Andenken von meiner Mutter. (Zikht aut der Brust ein kleines goldenes Kreuzchen an einem Bande heraus.) Eilste Scene. Vorige. Sess (tritt Ltewpo durch die Mitte ein und bleibt bei dem Anblick dieses Kreuzchens stehen). Fremder (ohne ihn zu bemerken). Doch jetzt muß ich Herrn Reul ersuchen, mich in das Gemeindehaus zu begleiten. Ich kann nicht länger mehr säumen, ich muß meinen Bruder aufsuchen. (Wendet fich zum Sehen.) Seff. Das ist merkwürdig — Sie haben das nämliche Kreuzl wie ich — (Deutet auf das Kreuz ) Fremder (erstaunt). Wie kommst Du zu demselben? Seff (traurig). Ich Hab' es von meiner Mutter kriegt, eh' sie g'storben ist. Fremder. Hattest Du nicht einen Bruder Namens Franz, der dasselbe Andenken erhielt? Seff. Ja, ja! der Franzl war mein Bruder — ich Hab' ihn recht gern g'habt, er hat fich aber nicht mehr um mich bekümmert. Wer weiß, wo der ist, vielleicht ist er schon g'storben. der Koch Franzl. Fremder. Nein, er lebt — hier steht er vor Dir! I Seff (außer fich). Was? — der — der vornehme Herr wär' mein Bruder? Za, ! ja. der Name und das Kreuz von der Mutter — (Breitet die Arme aus und stürzt ihm entgegen.) Franzl! Fremder (ebenso). Joses! Seff (wrineud). O mein Franzl, weil ich nur Dich wieder habe! —Schau, ich war ganz verlosten, und wenn fich die braven Leut' da nicht erbarmt hätten, wär' ich 'vielleicht noch im G'manhaus. j Fremder. Du mußt jetzt bei mir bler- iben, darfst mich dicht mehr verlosten, Zosef! Seff. Ja. ich geh'recht gern mit Dir. Fremder. Auch die ganze Familie hier > kommt mit mir. denn miste, Fräulein l Minna ist meine Braut! 30 Seff (freudig). Was? Das ist ja ein wahrer Freudentag für uns Alle! Fremder. Wir wollen aber auch jetzt gleich Anstalten zur Verlobung treffen. Minna. Vorher jedoch erlaubt mir eine Bitte. Laßt uns für das Glück, das uns heute zu Theil wurde, dem Weltenschöpfer danken. Fremder. Recht so, meine liebe Minna. Wir wollen auch bitten, daß der Herr unser Vorhaben segne. (Allr knieen in dem Vordergründe.) Stellung: Seff. Reul. Fremder. Hanne. Minna. Röschen. Sobald sie knieen: Verwandlung. (Im Hintergründe sieht man eine freie Gegend. Winterlandschaft. In der Mitte deS Hintergrundes ist eine Brücke, welche aber ziemlich hoch liegt- Auf derselben sieht man den Meßverwirth von links kommend, mit Escorte. — Der Pfarrer, von recht- kommend, steht vor ihm in der Mitte der Brücke und ruft ihm die Worte in das Gedächt- niß zurück:) Pfarrer (laut). WerAndern eineGrube gräbt, fällt selbst hinein! (Das ganze Bild muß einer Begegnung ähnlich sehen. Im Vordergrund spricht:) Röschen (nach kleiner Pause). Dein ist das Reich, die Kraft und die Herrlichkeit in Ewigkeit. Amen! (Musik.) (Der Vorhang fällt langsam.) Ende. Druck »nd Papier »»« öeepold E«mmn ck Lomp. in Wien. Nu» dem Theater-Berlage Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Schwesterltebe. Lustsp. in 1 Akt. Nach dem Englischen von Alerander Bergen. (Wr, Theat. Rep Nr. 133.) 7'/, Sar. oder 35 Nkr. «Schwestern» die» von Prag. Singsp. in 2 A. nach Hafner von I. Pennet. Zweite Auflage gr. 8. 1841 80 kr. 12 Sgr. Selavin, die. Orig.-Schausp. in 1 A. von Wal- dvn. 35 kr. 7'/, Sgr. Selavin, die» in Surinam. Schausp. in 5 A. von Kratter. 1805. 35 kr. 7'/, Sgr. Selavin» die» und der großmüthige Seefahrer. Kom. Singsp. 1781. 1782. 50 kr 10 Sgr. Scü», Mond und Pagat. Komisches Zauberspiel in 2 A. von F. Rosenau 8 1821 40 kr. 8 Sgr. — dasselbe, s. Rosenau TbeatralischeS Allerlei. Secretäre» die beiden. Lustsp. in 1 A v. Anton Bittner. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 155.) 35 kr. 7'/, Sgr. Seelenadcl» Schausp. in 2 A. von 3. Cache. 1805. 25 kr. 5 Sgr. Seelen,vanderung» die, oder der Schauspieler wider Willen auf eine andere Manier. Schwank in 1 A. von Kotzebue. 1816. 35 kr. 7'/, Sgr. Seeräuber» die. T'auersp. in 5 A. v. E. v. Hou- wald. 8. Leipzig 1831. 2 fl. ITHlr. 10 Sgr. Selbstbeherrschung» die Schausp. in 5 A v. Iffland. 1810 50 kr. 10 Sgr. Selbstmord» der, oder der unglückliche Lottospieler. Drama in 1 A. v. Weidmann. 20 kr. 4 Sgr. Selim» Prinz von Algier. Trauersp in 5 A. von Jünger. 8, 1804. 40 kr. 8 Sgr. »emlramllle. lAvloärkullm.» tra^ion in clus ^tti fiel 8issr Ko8si. L.» ^Ivsio» ävl 8ixr Rossini. 12. 1823 35 kr. 7'/, Sgr. Semirami»» die neue. Heroisch-kom. Travestre- Oper in 3 A. von Perinet. 1805. 8. 40 kr 8 Sgr. Servus» Herr Ttutzerl! Posse in 1 A. von Carl Juin und Louis Flerr. (Die Grundidee nach dem Franzöflschrn: von Hour, ölonsiour ?»n- tnlon ) (Wiener Theater » Rep. Nr. 28.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Severin von Jaro»zy«»ki, oder: Der Blaumantel vom Lrattnerhof. Genrebild mit Gesang und Tanz in 4 Acten (al« Geitenstück zu »Therese Krone»"), von Carl Haffner «nd I Pfundbeller. 12 Sgr. 60 Nkr. Shakspeare al» Liebhaber. Lustsp. in 1 A, s. Kurländer Almanach 8. Jahrgang. Thawl, der. Lustsp. in 1 A. von K.tzebue. 1815. 35 kr. 7'/, Sgr. Sie» der. Lnstsp. in 1 A, s. Castelli Etränßchen 3. Jahrgang. St« hilft sich selbst. Lustsp. in 4 A.» s. Meissen- thurn Schausp. 15. Bd. Sie find zu Hanse. Lustsp. in 1 A. Nach De- saugier« bearbeitet. 1808. 25 kr. 5 Sgr. Singspiel» da». Singsp. in 1 A. Nach dem Franz, von Treitschke. 20 kr. 4 Sgr. Singspiel» da», am Fenster. Kom. Oper in 1 A. Nach dem Franz, v. Treitschke. 20 kr. 4 Gar. -da», auf dem Dache. Kom. Oper in 1 A. Nach dem Franz. ». Z>eischke. 20 kr. 4 Sgr. Sin», leichter. Lustsp. in 5 A. von Iffland. 1800. 60 kr. 12 Sgr. Siri Brah«, oder: Die Neugierigen. Schausp in 3 A. von Sr. Majestät Gustav dem Dritten. Könige von Schweden. An« dem Schwedischen übers, v. Gruttschreiber. 1794 40 kr. 8 Sgr Sitah Mani» oder. Carl der XII bei Bender. Histor. Schausp. in 5 A. 1809. 40 kr. 8 S^ So gibt e» den« in der Welt gar keine Rübe. Original-Lustsp. in 2 A. 1807. 30 kr. 6 Sgr So handelu Freunde. Originalgemälde au« dem häuslichen Leben in 1 A. 1794 35 kr. 7'/, Sgr So lohnt sich Kunst. Borspiel, s. Weiffenthurn Schauspiele 12. Bd. Soh«, der, auf Reisen. Lustsp. in 2 A., s. Feldmann Lustspiele 1. Baud. Sohn» der dankbare. Ländl. Lustsp in 1 A von Engel. 1772 20 kr 4 Sgr Sohn, der, de», Giboyer. Schauspiel in 5 A von Emil nugier. Deutsch von M. Sapbir. (Wnr. Theat. Rep. Nr 151 ) 16Sgr.80Nkr Soh«, der natürliche. Schauspiel in 4 A und einen» Vorspiel« in 1 Aufzuge von Aleranter Duma»' Gobn, deutsch von P. I Reinbard (Wnr. Theat. Rep. Nr. "44.) 12 Sgr. 60 Nkr Sohn» der verlorene. Lustsp. in 3 A v Schink 1794. 50 kr. 10 Sgr Göhue» die» de» Thal», s. Werner Theater 1. und 2 Band Soldat» der im Friede«. Charakterbild mit Gesang. Tanz. Tableaur ,c. in 3 Acten von Friedr. Kaiser. (Wnr. Theat Rep Nr 140 ) 12 Gar oder 60 Nkr Soldat» der, ganz allein. Komisches Zwischenkp in 1 A, s Castelli Sträußchen. 13. Jadrg Soldat» der» von Cherson Lustspiel in 3 A von Hen»ler 1790 8 35 k,. 7'/, Lgr -der Oesterreicher in Kehl. Vorspiel in 1 A von Hensler. 1797. 8 35 kr. 7'/, Sgr Soldatenkind, da». Dolksstück mit Ges. u. Tanz in 2 Abtd. und 6 Bildern, nebst einem Vorspiele von Theodor Flamm (Wnr. Theat. Rep Nr 158.) 60 kr. 12 Sgr Soliman vor Wie«. Orig.-Trauersp. in 5 A. von Weidmann 35 kr. 7'/, Sgr Soliman der ll oder die drei Sultaninnen. Singsp in 2 A. Nach dem Franz von F. L Huber. 1807. 25 kr 5 Sgr Sonuenjungfrau» die. Schausp i« 5 A von Kotzebue. 1801. 50 kr. 10 Sgr Sonnet» da». Spiel in 1 A. von Deinhardstem gr 12 1816. 35 kr 7'/, Sgr Sonnleithner I.» Taschenbuch für deutsche Schaubühnen nnd Liebhabertheater. 16 1815. br 1 fl 20 kr 20 Sgr. Enthält: Der Gönner, Lustsp. in 1 A — Tennier«. Lustsp. in 1 A — Die Ueberraschung, Lustsp in 1 A. -- Die Zurechtweisung. Lustsp iu 1 A in Versen, — Manuela Razrmba oder dir Trauringe. Posse in 1 «. Gorge» ohne Noth «nd Noth ohne Sorge«. Lustsp in 5 A. vonKotzedue. 1811.50kr.10Sgr. Spanier» die» in Peru» oder Rolla'» Tod. Romantisch.« Trauersp. in 5 A. von Kotzebue 1801. 80 kr. 12 Sgr. Sparbüchse» die» oder der arme Candidat. Lustsp. in 1 A. Wien 1808. 35 kr. 7'/, Sgr. Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Spa-, eine«, will fi« fich machen. G. Echönstein Hau«th«atrr. Sperre, enge, oder: Die Hungercnr. Schwank mit Gesang in 1 A von Aloi« Berla. (Wnr. Theat Rep. Nr 207.) 35 kr. 7'/, Sgr. Spiegel, der, oder last' da- bleibe«. Lustsp. in 1 A. von Kotzebue. 1802. 25 kr. 5 Sgr. Spiegelritter, der. Oper in 3 A. von Kotzebue 1802 »0 kr. 8 Ggr. Spieler» der. Schauspiel in 5 Acten von Jffland. 60 kr. 12 Ggr. Spieler, die falschen. Lustsp. in 5 A Don Klin- grr. 1782. 50 kr. 10 Sgr. Spröde, die, auf der Probe. Oper in 1 Acte von Dupatv 1805. 20 kr 4 Sgr. Spul» Herr, oder: Echtheit ohne Schimmer. Lustsp. in 5 A. 1794. 40 kr. 8 Sgr Stauf, Hieronymus von. Trauerspiel in 5 A. von Frirdr Baron de la Motte Fouqv. Berlin. 1819. 50 kr. 10 Ggr. Stelldichein, da-, um Mitternacht. Lustsp. in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 18 Jahrgang. Sternenjungfrau, die. Romantisch» komische« Märche« mit Gesang and Tan» in 3 Abth. von Carl Haffner. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 10.) 12 Sgr. oder 60 Nkr. Strrnenmädchen, da-, im Metdlinger Wald. Volksmärchen mit Gesang in 3 A. von Huber. 1802. 50 kr. 10 Sgr Stiefvater, der. Lustsp. in 1 Acte, nach Lanren- cin und Marc-Michel von Grandjean. (Wnr. Theat Rep.) 7'/, Sgr. 35 Nkr. Stiefel, der dämonische. Poffe in 1 A von Carl Juin (Giuguo ) (War. Thcat. Rep. Nr 118.) 35 kr. 7'/. Sgr. Ein Stillleben auf dem Lande. Poffe in 1 A von Juin und Flerr. (Wnr. Theat. Rep. Nr 149) 7'/. Sar. oder 35 Ngr. Stolz und Liebe. Lustsp. in 5 A. von Jünger 40 kr. 8 Gar. Stradella, Alessandro. Romant Oper in 3 A. von W Friedrich. Mufik von Flotow. gr 16. 1845. 35 kr. 7'/, Sgr Strafe, ehrliche. Lustsp. in 1 A, s. Castelli Sträußchen 11. Jahrg. Strander-, de-, Tochter. Gchausp. in 5 A. Frei nach Sheridan Knowle«, von Fr. v. Treitschke. Wien. 1840 gr. 8. 80 kr. 18 Sgr. Streliye«, die. Heroische« Schausp. in 4 A nach einer wahren russischen Begebenheit, von Bado. 1808 50 kr. 10 Sgr. Strich, der, durch die Rechnung. Lustsp nach Jünger 40 kr. 8 Sgr Studenten» die, von Rummelstadt. Genrebild mit Gesang und Tanz in 3 A von Carl Haffner (Wnr. Theat. Rep. Nr. 71.) 12 Gar. «0 kr. Stumme, der. Lustsp. in 1 A. von Kotzebue. 1808 35 kr. 7'/. Ggr. Stumme, die, von Portici. Große heroisch-romantisch« Oper in 5 A. Frei nach Scribe und Delavigne. Mufik von Auber. 8. (Neue Auflage) 35 kr. 7'/, Sgr Stunde der Vergeltung» die. Ritterschausp in 5 A. v. Schuster. 1807. 8 40 kr 8 Sar Sturm, der. Heroisch-komische Oper in 2 A. Nach Shakespeare von Henßler. 1798 25kr.5Sgr. Sünder, et« alter. Charakterbild mit Gesang und Tanz von Dinzenz Pirzel. (Wiener Theater- Reperto r Nr. 142.) 80 kr. 12 Ggr. Tag, der tolle, oder die Hochzeit de» Figaro. Lustsp. in 5 A. von Jünger. 40 kr. 8 Ggr. Lag und Rächt, große Zauberpautomime »a 2 A. 1808. 10 kr. 2 Ggr. Lali-man, der. Poffe mit Gesang in 3 A. von I. Nestroy. 12. Mit einem allrg. illum. Bilde 1843. 75 kr. 15 Ggr. Lancred. heroische Oper in 2 A Nach dem Italienischen v. Ehr. Grüabaum. 1818. 35 kr. 7'/, Ggr. Van«r««». Ornmm» s«rio p«r ICusie» u» <1u« ätti. 1806. 35 kr. 7'/, Ggr. Tant', die Jungfer. Dolkskomödie mit Gesang in 3 Akten mit 9 Bilder«. Don Aloi- Berla. (Wien. Theat. Rep. Nr. 137). 60 kr. 12 Ggr. Tante, die junge. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 9. Jahrgang. Tänzerin, die, und der Quacker, Lustsp. in 1 A, s. Castelli Sträußchen 18. Jahrgang. Tap-, rder wie gewonnen so zerronnen. Poffe in 2 A. Au« dem Französischen 1793. 25 kr 5 Ggr. Tarnov, Gräfin von. Drama in 3 A. 40 kr. 8 Ggr. Taschenbuch. Drama iu 3 A von Kotzebue. 8. Leipzig. 50 kr. 10 Gar. Tauben, die. Schwank in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 7. Jahrgang Taubstumme, der, oder der ^bl>« ct« I Lp««. Historische« Drama in 5 A Nach,'llouUzr von Kotzebue. 1802. 50 kr 10 Ggr. Taucher, der. Rom Oper in 2 A. Mufik von «. Kreuzer. 1824. 30 kr 6 Ggr. Taufschein» der. Lustsp. iu 1 A Nach dem Franz. de« Picaid von Jffland. 1806. 40 kr. 8 Ggr. Telemach, Prinz von Jthaka 1. Thl Poffe m Knittelvers, v. Hen«ler. 8 1801. 40 kr. 8 Sgr. -der travestirte. Carikatnr in Knittelversen mit Gesang in 3 «. 1 Thl 1805 40 kr. 8 Ggr. Telemach auf der Insel der Calypso, Ballet in 3 «. 1807. 10 kr. 2 Ggr. Lell, Wilhelm. Gr. pantom. Ballet von Henry. 15 kr. 2V, Ggr. Temperamente, die. Kom Oper iu 1 A. Nach Marsollier von Geifried 8. 1803. 10 kr. 5 Sgr. Templer, die, auf Cyperu G. Werner Theat. 2. Bd. Tennier». Lustsp. in 1 A. von I. Sonnleithner. 1«. 1815. 25 kr. 5 Ggr. Testament, da-. Lustspiel». Schröder 40 kr. 8. Gar. Testament, da-, de- Onkel-. Echamp. in 3 A Nach dem Fraazöfischen von I. F. Castelli. 1808. 50 kr. 10 Gar Testament, da-, einer alten Fran. Drama in 5 A. von T. W. Koch. Stehe dessen dramat. Beiträge. Testamente, zwei. Charakterbild mit Gesang in 3 Aufzügen von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater Rrpertvir Nr. 77). 60 kr. 12 Sgr. Lenfel» der, im Herzen. Leben«bild mit Gesang in 2 Arten und einem Vorspiele »ntrr dem Titel : Da-Unglü«k-zeich«n,voa Flamm nndWimmer. (WirnerTH -Rep. 190 )12 Ggr. oder 60 Nkr. Lenfel-, de-, Lustschloß. Natürliche Aauber »Oper in 3 A von Kotzrbue. 1802. 50 kr 10 Sgr. Lrufel-mühl«, die» am Wienerberg. Oesterr. Volksmärchen mit Gesang in 4 Akten von Leopold Huber. (Wiener Theater Repertoir Nr. 112). 60 kr. 12 Sgr. Teufel-tburm, der» bei Lin» Komische Zauber» oper iu 3 A. v. Huber. 1804. 50 kr. 10 Tge. Wallishauffer'scht Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. (Diese- Drrzetchniß wird fortgesetzt.) Druck und Parin von -copold komm»: in Dien.) Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Nach der letzten Redoute. Scher) in einem Act von Betty Houng. (Im k. k. pr. Earltheater zuerst mit Erfolg gegeben.) Personen: Dei-Hapvel, Hair-Herr. Susanns, seine Kran. Marie, seine Tochter erster Ehe. Lori-, Gouvernante. Stürmer, Eavallerir-Limteuant. Salon im Hause de- Herrn von Dei-Happel mit Mittel» und Sritevthüren, Divan-, Fauteuil- rc. Erste Lerne. Weishappel. Susanns. (Wei-Happrl sitzt iu einem Fauteuil und hat eine Nummer de- Frrmdenblatte» tu der Hand, worin rr lie-t. Seine Frau liegt nachlässig auf einem Divau und blättert gedankenlo- iu eiuem Album.) WeiSh. 10.734! Eine prächtige Nummer! Wird gekauft, wenn fie noch zu kriegen ist. Susan na. Hörst, Mann, deine Wuth, Jnseratennummern beim Ankauf von Loosen zu benützen, ist wirklich schon lächerlich! WeiSh. Macht nichts, diese Wuth hat mir schon zu mehrmaligen Gewinnen ver- holfen und daS ist die Hauptfach'. Zwei Serien Hab' ich schon gezogen und wem 2 Hab' ich das zu verdankend Der mystischen Korrespondenz im Fremdcnblatt! Schau, Suserl, ich geh' von der Ansicht aus, der Diele huldigen, daß Dummheit und Blödsinn der Frau Fortuna ihre-Nestheckerl sind. — Was gibt's aber am End' Dümmeres, FadereS als solche inserirte Bcklet« Lour? Ich bitt' Dich, Suserl, hör' nur den leidenschaftlichen Liebesausbruch im gestrigen Blatt: »Deine Leiden brechen mein Herz. Grausamer, auf derFolter liegt mein Schmerz, aber mein Blick richtet sich nach himmelwärts, und auf einen Brief poste restante aber noch im März!« Dabei ist die Nummer 8594. Ich Hab' sie gleich Leim Sothen suchen lassen und glücklich noch gefunden! Und nachher das heutige Inserat »An den blauen Atlasdomino mit dem reizenden Füßchen und dem Vergißmeinnichtbouquet von der Rcdoute«. »Noch zauderst Du, ein Rendezvous mir zu gestatten? Grausames Weib, bald bin ich nichts alS ein hohler Schatten!« Puh, Nr. 10.734! Hahaha! Hahaha! Susanns (pttirt). Mein Gott, was gibt'S denn da zum Lachen? Weish. Na, mir kommt'S unsinnig g'spaßig vor. So ein Liebesbrief wird zu allem Möglichen verwendet, nur in den Busen der Geliebten spaziert er nicht, wie er es eigentlich sollte. Ich frag' Dick, Suserl, wann ein Frauenzimmer ein solches Billetdour an ihre Rosenlippen druckt, ob's nicht ausschaut als wie ein Rastelbinder? Jeder Seufzer, den er ausg'stoßen, bleibt ihr mit der Druckerschwärz' picken. Und nachher dieIllusion. Suserl, dieIllu- sion! Gleich unter der numerirten Liebeserklärung steht: »Verlorner Pinsch! mit gestutzten Ohren, geht auf den Namen Burscherl, ist gegen gute Belohnung abzugeben, Nr. 1033 am Iungfernsteg.« Dann ein bisserl weiter unten ist eine Annonce zu lesen: »Gesucht wird ein schön möblirte- Eabinet auf die Dauer von einigen Monaten, bei einer renommirten Madame!« Suserl, diese Illusion! — »Grausame- Weib, bald bin ich nichts als ein hohler Schatten!« Susanns (verdrießlich). Geh' weg, Du vergißt halt, daß Du auch einmal jung warst und Liebesbrief g'schrieben hast! Weish. (eifrig). Freilich Hab' ick das gethan, aber auf rosafarben Papier, das ich 14 Tag früher schon in der Frau Mutter ihre G'würzschachtel g'legt Hab', damit 's ein' G'ruch kriegt hat, und in den Ecken war überall ein Schmetterling oder ein vierblätt'riger Klee. Ich Hab' mir auch Rendezvous erlaubt, aber in keiner Redaktion die Zustimmung g'holt, na, und daß ich unternehmend war in meinen jüngeren Jahren, Suserl, daS weißtDu, — Suserl, das kannst Du nicht läugnen, — eS war vor ungefähr- Susanns (zornig aufstrhkvd). Laß' mich jetzt auS mit deine dummen G'schichten! WeiSH. Jetzt bist wieder Harb! Na ja, für das waS einmal war. gibt halt der Iu-ü propos, mir scheint, Du gift'st Dich, weil ich den Inseratenhelden auslach', der für ein' blauen Atlasdomino schwärmt, und meiner Treu, Du hast auf dem nämlichen Ball auch einen solchen ang'habt. Na, Suserl, daS muß Dick nicht verdrießen. — Aber sapperlot, Du hast ja auch ein Dergißmeinnichtbouquet hg'abt, und waS die klein' Fußcrln anbelangt, Suserl, Du hast einmal ganz verflirt kleine Fußerln g'habt, aber daS ist schon lang her, daß ich mich um das nicht mehr bekümmere; na ja, ein Ehemann bemerkt solche Kleinigkeiten nit mehr! Susanna (bitter). An der eigenen Frau, daS ist wahr, aber desto mehr an den jun gen Madeln auf dem Glacis, wann derWind geht und wenn'- reckt kothig ist. Da steh n die alten Zwetschkenkrampus, die Eh'krüp peln, (zorvig) da stehen'- und gaffen, daß ihnen Wasser in die Augeo uud in die Zähn' laust, und möchten den vergolden, der die Krinolin'aufbracht hat, aber—ihre Frauen zu HauS, könnten Füß haben als wie die Chineserinnrn, da- bemerken sie nickt! Zweite Scene. Weisb. Aber Weibi! Susi! Maust?! Das thun wir Männer ja nur um Vergleiche anzustellen, das sind rein wissenschaftliche Strumpfbandelanschauungen. Und schau, Suscrl, diese Studien sind noch immer zu deinen Gunsten ausgefallen, denn ein Füßerl wie das deinige von Ullllv dazumal — Hab' noch kcin's wieder- g'funden, so sehr ich auch darnach g'sucht bab'. Suserl, geh', laß' mir dein Fußerl anschau'n, ob's noch immer so herzig ist. (str will ihren Fuß betrachten.) Susanns (halb ärgerlich, halb geschmeichelt, zeigt ihren kleinen Fuß, indem sie da» Kleid höchst graziös und kokett in die Höhe hebt). Na, seit »nno dazumal iS er nit viel g'wachsen! Weish. (entzückt). Million, der iS'Dir treu blieben! Schau, Weiberl, daS wär' einmal zu g'spaßig, wann Du diejenige wärst, an die diese ZeitungSphrase gericht' ist — da müßt'ick so ip80 gewinnen, denn Dümmeres könnt's schon nit mehr geben! Ha- baha! Hahaha! Susanns (höchst beleidigt). Na hörst, das ist impertinent! Meinst, eS dürft' sich für mich wirklich kein Mensch mehr inte- ressiren? WeiSH. I versteht sich, — aber Rendezvous — ohne MaSkc und Domino — der hohle Sckatten und — deine Taille, bahaha! Susanns (wüthend). Mann, Du bast heut' einmal wieder deinen medisanten Tag,— Du bist unausstehlich! (Sie gehthef. tig ab.) Weish.'S iS schon richtig, sie ist'S! Armer Teufel, wie leid thät'S dem um seine InsertionSgebühren, wenn er müßt' an wen er seine brennheißen Stoßseufzer richt'! Oh die Weiber, diese Maskenbälle! Schab' daß nickt'S ganze Jahr Fasching ist, das wär' gar so tröstlich für nnS Ehemänner. Voriger. Marie. Marie (kommt durch die Mitte gelaufen). Papa, hier ist die Liste der am letzten Maskenball gezogenen Loose. Ack, hättest Du doch gewonnen! Wie viel Stück hast du denn, Papa? Weish. Zwanzig, Mitzerl. Gib her, ich werd' nachschanen. (Lächelnd, streichelt ihre Wange.) Was möch'st Du denn, daß ich g'winnen sollt ? Marie. Ach, Papa, das prächtige Service! Weish. Zn was brauchst denn Du ei» Service? Marie. Zu meiner Ausstattung, Papa. Weish. Ausstattung? (Lachend.) Hahaha, daS ist prächtig, jetzt denkt der Baurell schon an'S Heiraten! Du hast ja noch keine Aussicht auf einen Mann, Mitzerl? Wann daS deine Stiefmutter hört, gleich mußt wieder d'Hoserln anziehen und mit der Docken spielen! Marie (erschrocken). Um Gotteswille« nicht, Papa! Ich bin schon 16 Jahr und 5 Wochenalt! Ich bitt' Dich, sieh nach bei- nen Loosen — (schelmisch) das Andere wird sich finden. WeiSh. Na ja, ich geh' schon! (Nimm, die Liste und geht kopfschüttelnd ab.) Da-Wei- bervolk! daS Weibervolk! Dritte Scene. Marie (allein, fleht ihm schlau und lächeln» nach). Meinst Du, Papa, ich hätt' wirklich» keine Aussicht auf einen Mann? Oh doch, und noch dazu auf was für einen! Auf einen schönen, auf einen ganz allerlieb — Vierte Scene. Marie, Lieschen (guckt.durch dir Mitte). Lie-chen. Sind Sie allein, gnädigeck Fräulein? 4 Marie. Ja, Lieschen; ach, ich bitte Dich, was bringst Du Venn? Lieschen. Alles geht prächtig, Fräulein Marie. Haben s keine Angst, unser Plan muß gelingen, zu was war' ich denn ein Wiener Stubenmädel? Die gnädige Mama wird, ehe 24 Stunden vergehen, von der grausamen Idee abstehen, Sie erst mit 20 Jahren zu verheiraten, d. h. wenn Sie mich verstehen und mir ordentlich beiftehen. Der Herr Lieutenant ist avisirt von dem, was er thun soll. Heut' ist der entscheidende Tag, an dem die Schlacht geliefert werden soll, also Courage! Es gilt einen Mann, und noch dazu einen von der Ea- vallerie! Marie (entzückt). Ach ja, um den Preis will ich Alles wagen! (Plötzlich sthr kleinlaut:) Aber Fräulein Toris, mein Gott, was wird mit der geschehen? Lieschen. Die balsamiren wir ein und geben's in's Museum. Ick mein'S mit der z'widern Gouvernante sollten's doch ein leichtes Spiel haben. Aber Sie sein halt viel zu g'schreckt. Feuer, Fräulein Marie, Feuer und Energie! Die Geliebte von einem Cavallerieosficier und scheuch? So was gibt's ja gar nit in der Residenz! Du Je, gerl, nehmen's Ihnen z'sammen, ich hör's französisch räuspeln! Marie (entsetzt). O weh! Fünfte Scene. Vorige. Doris (eine altmodisch gekleidete Figur mit enganschlie- ßendem, biö an dm Hal- reichendem Kleid). Doris. qu'e8t es czus äoue, wn etlörs? Sie plaudern mit der Ms äs odnmdrs und vernakläffigen votrs tra- änotion? Marie. Ach, die langweilige Ueber, fetzung! Doris. 0 izusl korreur! Langweilig? ^svas jxnoravts, ik bedauere Sie! (Kalt zu I Lieschen:) Die gnädigeFrau habennakIhnen verlangt. Lieschen (für sich). Jetzt setzt eS eine Fastenpredigt, huh! (Laut Doris imitirend.) Ik gehen son, prsnsr xnräs maäsmoisslis! (Mit einem listigen Blick auf Marie:) Vergessen Sie nichts! Doris (streng). Oommsnl? waS soll sie nit' vergeh? Lieschen. Na, die französische Neber- setzttNg und den (leise und schnell zu Marie) den Lieutenant von der Eavallerie! (Ab.) Sechste Scene. ' Doris. Marie. Doris, etiörs, ich finde täglich mehr, daß Sic sich su viel mit dieser Stubenkatze abgeben; für eine Dsmoisslls von Ihrem Stande paßt eS nicht, mit Leuten ohne Distinction — Marie. Aber ich bitte Sie, Fräulein Doris, mit wem sollte ich denn reden? — ich bin ja ganz allein, habe keine Schwester, keine Freundin — Doris. >lais mon äisn! vou8 avvL ^lackst — Is Lsssin — lss bssnx art8 —l Marie. Gott, die sind mir aber schon fade! Doris (erstaunt). Ms —! ? Marie (ärgerlich). Ja, meiner Treu, ich möchte einmal etwa- Anderes, als mit der Puppe spielen oder lernen — ich möchte eine Gespielin oder (mit komischer Entschlossen» heit) einen Gespielen! Doris (entsetzt). Hvrridls! öpottVLNts- bls! Einen Gespielen? — snfnnt psräu — ich werde mit Ihren Mama sprechen. Marie (heimlich)- Vergiften könnt'ich sie! Doris. Gehen Sie auf Ihr Zimmer jetzt, vollenden Sie Ihre trsäuction! Marie (miteinem Seufzer). Ich wollte, cS wäre meine letzte! (Ab.) 5 Siebente Scene. Drois (allein). Das heiße Blut der Jugend opponirtdem weisen Sinn der Erfahrung! LnLn, wir wollen sehen, wie dem abzuhelfen ist. Achte Scene. DoriS. Susanns (kommtlangsam, ohne die Gouvernante zu bemerken, au» ihrem Zimmer» in der Hand trägt sie einen offenen Brief, worin sie halblaut liest). »Endlich habe ich Ihren Wohnort, Jh- »ren Namen entdeckt. Grausame, die Sie »mich so unendlich gefesselt haben durch »Geist, Witz, durch so viel Liebreiz, daß ick »überzeugt bin, diese herrliche poetische »Seele müße in einem ebenso reizenden »wie jugendlichen Körper wohnen. Jcb »will und muß das Wesen kennen lernen, »das mir so viele Avancen gab, zu ei- »nem Verhältnisse, welches, ick fühle cS, »mick znm glücklichsten aller Sterblichen »machen wird. Forschen Sie nicht nack dem »Verräther, der mir Ihren Namen ge- »nannt, genug, daß ich weiß, ich werde »meiner reizenden MaSke heute nock zu- »flüstern können: Marie WeiSbappel, ich »liebe Dich! Mar Stürmer, Lieutenant!* — Schöne Bescherung! Kein Mensch, als diese zaundürre alte Räthin, die mir immer um meine Eroberungen neidig ist, und die mich auf dem Ball erkannt hat, hat mich oder vielmehr meinen Familiennamen verrathen. Diese Bißgurn! Sie hat mich blamiren wollen und ihm meine Tochter genannt. Mitzi, das Kind, das nie auf einem Ball war — wie unschuldig kommt sie zu der Verdächtigung Wenn ick nur wüßte, w'eichauS der Verlegenheit komm'! (ErblicktDon».) Mademoiselle Doris — Sie sind da? Doris. Ich erwartete die gnädige Frau, um hinsichtlich der Fräulein- — Susanns. Schon gut, — ein andere- Mal; (verlegen) dießmal bin ich's, Mademoiselle Doris, nicht das Kind, die Ihren Rath braucht. Doris helfen Sie mir au- einer Klemme, in die ich leichtsinniger' Weise gerathen bin. Doris. >lon äiöu, czusl MLlkvur? Susanns. Kein Malheur — liebe Doris — aber ein G'frött — die Folgen eines Faftnachtscherzes! Doris, (frostig). Ich dachte mir'S! Susanns. Na» na» verurtheilen Sie mich nicht zu g'schwind.— Zu was wäre denn der Fasching, die Maskenbälle da — wenn nicht, um sich zu amüsiren? Doris. Und dabei zu verlieren la rs- uommös — In räpulLtion? Bedenken Sie, Madame — Ihre Stellung als Mutter— Susan na (vrrdrikßlich). Stiefmutter! Jetzt haben Sie noch gar nichts gehört und thun schon, als ob Sie weiß Gott von waS für einem Verbrechen wüßten. Hören Sie mich und nachher, wenn Sie wollen, verdammen Sie mick oder helfen Sie. Sie wissen, daß uns neulich auf dem Maskenbälle in der Redoute, kurze Zeit nach unserem Erscheinen. eine MaSke ausgefallen ist, die grad so gekleidet und mit den nämlichen Blumen geschmückt war, wie ich. Diese MaSke war am Arm eines bildsau- bern Officier-, der ihr unsinnig den Hof zu machen schien. Kurze Zeit darauf stürzte derselbe Officier auf mich zu, in der Meinung seine ihm im Gedränge entschlüpfte MaSke in mir wiedergefundcn zu haben. Ich Hab' mich an seinen Arm gehängt, während Sie sich mit der alten Räthin unterhalten haben, und so ist der bildsaubere Officier in dem Wahn geblieben, ich wäre seine frühere Dame. Doris. Ach, ich begreife — Susanna. Noch gar nichts! Unsere Unterhaltung ist bald so lebhaft worden, wie ich mir'S nicht gedacht hätte. Der hübsche Officier erklärte mir, daß er die Verwechslung gleich errathen habe, indem seine erste Begleiterin lange nicht so viet 6 Geist und Witz hätte als ich, daß er eine ganze Welt voll Glück für den Moment gäbe, wo er.nuch demaskirt sehen düift', und endlich hat er mich gebeten — ihn such nach dem Balle nicht zu vergessen. Doris (für sich). Verrücktes Weib! Susanna. Ich Hab' ihm die Erlaubniß geben müssen, mir schreiben zu dürfen und im Fremdenblatt Hab' ich fast alle Tag die Versicherung g'sunden, daß er unaufhörlich und mit dem lebhaftesten an mich denkt. Doris. HIam mvn ckisu, wozu soll alle diese Thorheit endlich — führen? Susanna (nosach). Mein Gott, an das Hab' ich nicht im Geringsten denkt, bis heut' dieser unglückselige Brief an mich kommen ist. Denken Sie sich meinen Sckre- «ken, eS muß ihm Jemand verrathen haben, «er ich bin, man hat ihm meine Wohnung genannt, und heut' wird der Unglücksmensch kommen, mich zu besuchen. Doris (entsetzt). Aber daS ist ja alles ganz korribls?! Susanns. Mir kommt- auch so vor. Wüßt' ich nur, wie ich's anfangen sollt', daß er heut' nicht kommt. Liebe Doris — er hat mir g'sagt, wo er logirt — wenn Sie hingehen wollten, um — DoriS (mit beleidigter Würde). Madame — «zusl ick«;«?! Susann«. Aber mein Gott, Sie sind ja alr genug, um — Doris. Um einen Fehler gut zu machen, den eine eben so alte — Susan na. Gut ist'S! Bewahren Sie Ihr Gewissen und wickeln Sie'S in Watta ein, daß nichts g'schieht d'ran. 2ck werd' die Sach' schon allein so abzuwickeln suchen, daß dieselbe eher einem gelungenen Maskenspaß als einer Blamage ähnlich fieht. — (Kür sich.) Mein Mann ist kitzlich »» derlei Sachen, er darf kein Wort davon «fahren! (Laut — bitter.) Aber leid ist mir, daß ich mich mit mein' Vertrauen an eine Person gewend't Hab', von der ich mehr Lartgrfühl — mehr Tact erwartet hält'. Doris (boshaft). Die gnävige Frau erwarteten eben von der Gouvernante äs volle LU« mehr, als sie deren bei so Hecklicht« Dingen vorräthig hat. Susa nna (zornig). Gut! schon gut! wir sind fertig über den Punct. (Sie Ningelt. eia Bedientrr erschrint.) Johann, wer immer kommt, ich bin nicht zu Hause! (Bedienter ab.) Sie. Mademoiselle, werden die Gefälligkeit haben, jedem Besucher daS Nämliche zu sagen. (Sie geht stolz ab ) Doris (sieht ihr ivdignirt nach). Da irren Sie sich, Kuckums eocsuetts, ich werde einige Einkäufe besorgen «t won ubsvuos wird mich jeder Verantwortlichkeit entheben. (Sie geht langsam durch dir Mitte ab.) Neunte Scene. Marie kommt mit Lieschen aus ihrem Zimmer. Marie. Ach, Lieschen, ich sterbe vor Angst! Lieschen. Man stirbt nicht so g'schwind, Fräulein, besonders wenn man verliebt ist. Da lebt man erst recht. (Sie nimmt den Ton der Gouvernante an.) I*6N862MNellHr6, HU6 10U8 86 Klli336! (Lachend.) Sagt nicht so die gelbe Gouvernante, wenn Sie Ihre Lection nicht macken wollen? Marie. Du hast leicht lachen, Dich wird man nicht umbringen. Lieschen. Aber verantwortlich wird man mich machen für alles Geschehene und daS ist noch mehr als umbriugcn. Ein verantwortliches Stubenmädel ist oft eine viel wichtigere Person, als ein ganzes verantwortliches Ministerium und daS ist doch auch nicht zum Umbringen. — Haben Sie nur Muth, ist der Herr Lieutenant erst da, nachher haben Sie auch eine Stütze. Marie. Schöne Stütze! Vielleicht hat er noch mehr Angst als ich. Ach. Lieschen, hätt' ich ihn doch nie gesehen! Warum mußtest Du mich auch stet- aufmerksam auf ihn machen, wenn er an unserm Fen- 7 stern vorüberritt, und so lieb, so ganz entsetzlich lieb nach mir heraufguckte, grüßte und mich mit Augen ansah, die mich tief im Herzen faßten. Lieschen. So ist's recht, jetzt werden Sie poetisch. Ich bleib' bei der Prosa, daS ist immer praktischer. Der Herr Lieutenant war pfiffig, er hat seinen Burschen g'schickt, mir den Hof zu machen, um einen Verbündeten auS mir zu bilden. Und merkwürdiger Weis' ist ihm diese List gelungen, denn der Bursch ist sauber — sehr sauber. Lang hat er mir die Cour g'schnitten und immer noch Hab' ich gedacht, seine Visiten beim HauSthor gingen mich allein an, bis er eines schönen Tages — eS hat damals unsinnig g'regnet und wir haben uns bei der HauSmeisterin unter g stellt — mit einem rosafarben Billet dour hervorrückt von seinem Herrn, daS ich meinem Fräulein übergeben sollte. Na, und so hat sich Ihre Liaison entsponnen, nachdem die weinige schon eine sogenannte alte G'schicht war. Der Herr Lieutenant hätt' sich g'wiß schon bei Ihren Eltern vorg'stellt und um Ihre Hand ang'halten, wann er nicht g'hört hätt', daß Ihre Mama unwiderruflich beschlossen, Sie erst mit 20 Jahren zu vermälen um den etwaigen Stief-Enkeln noch einige Zeit zu entgehen. So ist unS denn kein anderer AuSwcg' blieben, als ein Jur — eine verzeihliche List, um ein glückliches — vielleicht auch zwei glückliche Paare zu macken. Und jetzt trösten Sie sich, Fräulein Marie, eine innere Stimm' sagt mir. eS wird Alles gut gehen! (Man klopft.) Mein Gott, mir scheint, er ist'-! Zehnte Scene. Vorige. Stürmer (tritt vorsichtig durch die Mitte riu). Stürmer. Kann ich - wagen? Lie-chen (lachend). Versteht sich, vorwärts. mutbig attaquirt! Marie (zitternd). Ich möcht' in die Erde sinken! Stürmer. Warum nicht gar, so lauge ich noch nicht drunten bin? (Hr küßt ihr die Hand.) Ich bin zwar nie ein Freund von Quer- und Winkelzügen gewesen, wenn eS gegolten hat ein gewisses Ziel zu erreichen, da ich aber von mehreren Seiten den Charakter von Mariechens Mutter als einen durchaus unbeugsamen schildern hörte; so muß ich wohl zur List meine Zuflucht nehmen, um Ihre Hand zu erreichen, um so mehr, als auch dein Papa, mein süßeS Mädchen, den Jüngern des Mars nicht eben sehr hold sein soll! Marie (naiv). Ja, daS ist unbegreiflich, Mama schwärmt doch so sehr für sie! Stürmer (zu Lie-chen). Nun also, so weit wären wir gekommen, was soll aber nun geschehen? Wir unterwerfen uns pünktlich deinen Anordnungen, kleiner Feldherr. Lieschen (geschmeichelt). Danke. Herr Lieutenant, Sie sollen mit mir zufrieden sein. — Also hören Sie mich an. Wie Sie g'sehen haben, war Niemand im Vorzimmer. Den Johann Hab' ich vorgeblich im Namen der gnädigen Frau in die Stadt g'schickt, Sie bleiben hier im Salon so lang fitzen, bis die Gnädige läut't, auf welche Läuterei ich natürlich nicht kommen werd'. Sie wird hierauf ihr Zimmer verlassen, hieher kommen und Sie finden; Sie fordern eine Erklärung, stürzen sich ihr zu Füßen — in dem Moment tritt Fräulein Marie mit dem Papa auS dem Zimmer, in welchem sie ihn bi- zu diesem Moment festzuhalten suchen muß, und dann — dann muß sich die Sache ohne mein Zuthun, durch Ihre Geschicklichkeit entwickeln. Stürmer. Vortrefflich, ich bin schon im Klaren, wie Alle- auSzuführen ist. Lieschen Sie aber, Fräulein,gehenjetzt zu Ihrem Papa und kommen genau in dem Moment heraus, in welchem der Herr Lieutenant ruft. Stürmer. Ich will und muß endlich klar in dieser Sache sehen! Marie. In Gottesnamen denn! Ach wäre ich doch schon um 14 Tage älter! (Sie reicht Stürmer dir Hand, dieser küßt sie und ruft:) Stürmer. Muth, mein theureS Kind! Frisch gewagt ist halb gewonnen! (Marie geht ab in Wri-Happkl'- Zimmer.) Eilfte Scene. Lieschen. Stürmer. Lieschen. Jetzt will ich auch geh'n, um im Vorzimmer alle Kommenden mit den Worten abzuweisen, eS sei Niemand zu Hause, dann kann Ihre Komödie ohne Unterbrechung zu Ende gespielt werden. Ich empfehl' mich Ihnen, Herr Lieutenant. (Sie macht ihm einen Knix und geht einige Schritte der Thüre zu, dann kehrt sie wieder um ) Nickt wahr, Herr Lieutenant, Sie sind nicht undankbar? Stürmer (lächelnd). Warum, mein schönes Kind? Lieschen. Na, so — wissen Sie — ich denk' — wenn sich Ihre Partie macht, so könnt' sich ja manche andere eben so gut machen, das heißt wenn — Stürmer (fröhlich). Ohne Sorge Lieschen, das ist meine Sache! Lieschen (ebenso). 3a? — Ach, Sie sind ein Engel, Herr Lieutenant, nachher bin ich schon zufrieden! (Sie läuft ab.) Zwölfte Scene. Stürm er (allem, kr wirft sich auf da- Sopha). DaS ist eigentlich doch eine ganz verdammte Geschichte! Leichter war es, denke ich mir, dieselbe einzuleiten, als ein glückliche-Ende herbeizuführen. — Wie, Stürmer, Du willst verzagter sein, als junge Mädchen, die im Vertrauen auf ein fteundlicheS Geschick die Sache wagten? Ah pah, das wäre Feigheit! (Man schellt.) Aha, die gnädige Stiefmama! Jetzt beginnt das Vorspiel der 3ntriguenkomödie. Ich bin neugierig auf daS Gesicht, das sie machen wird, wenn sie mich hier findet, (tz- wird abermal- und heftiger geschellt.) Oh weh, jetzt kommt sie in einen Humor, der eben nicht zum Gelingen unseres Plane- beitragen dürfte. (Man hört von innen Susanna ärgerlich rufen.) Welche Nachlässigkeit, wo steckt sie denn? Stürmer. Sie kommt, Stürmer, nimm Dick zusammen, jetzt geht's los! Einer Kanone ging' ick indessen lieber entgegen! Dreizehnte Scene. Stürmer. Susanna. Susanna (tritt heftig au- ihrem Zimmer, ihr erster Blick fällt auf Stürmer, sie erblaßt und schreit). Heiliger Gott, da ist er sckou! Stürmer (springt auf, verbeugt sich und fragt äußerst lebhaft). Habe ick da- Glück, die Herrin de- Hause- zu begrüßen? Susanna (verlegen, stotternd). Ja ick — da- heißt — Stürmer. Nennen Sie sich Marie Weishappel? Susanna (mühsam). Auch daS, wenn Sie wollen. Stürmer (schnell) Ob ick will! — aber daS ist ja nicht möglich!? Susanna (ebenso). Warum denn nicht? Stürmer (feurig). Weil Sie mir dann schon an den Hals geflogen wären — mick umarmt hätten. Susanna (errötheud). Herr Lieutenant, erlauben Sie mir, daß ich Ihnen sag — Stürmer. Nicht-, al- was Sie mir in Ihren Briefen gesagt haben, daß Sie mich lieben, von mir alle Nächte träumen, daß Sie vor mir noch kein Mann angezo- hat, (für sich) da-wär'nock nickt dagewesen! 9 Susan na (verschämt). Herr Lieutenant — man schreibt so Manches, was man — Stürmer. Weit schöner sagt — weit schöner ausführt! Marie, Maritscherl! Dein Geist, deine Seele, die so überschwänglich reich an allem Herrlichen sind, haben mich bezaubert! (Er stürzt ihr zu Füßen und ergreift ihre beiden Hände, die er abwechselnd küßt.) Du kannst mich nickt länger leiden sehen, daS wäre offenbare Thierquälerei —Marie, — deine Briefe haben mich einen Blick in dein Herz thun lassen, ich habe meine Photogrphie darin gefunden und die Versicherung, daß Du mein wirst! Susa nna (in höchster Angst). Steh'n Sie auf, ich bitt^ Sie! (Für sich.) Mein Gott, ist der Mensch in mich verliebt! «Laut.) Stehen'S auf! (Kür sich.) Gott, wenn mein Mann kommt, diese- unglückselige Fremdenblatt! Stürmer (dringend). Ich hoffe, Du bist Witwe? Für ein Mädchen wärst Du mir zu wollet! Ja Tu bist Witwe, (wild) Du mußt Witwe sein, denn sonst würdest Du nickt grausam ein Gefühl entzündet haben, welche- nur zur Erhörung (dumpf) oder zu Selbstmord führen kann! (Feurig ) Marie, ich lege Dir, meine Hand und eine jährliche Gage von fünf — Susanns (verzweifelt). Genug. Herr Lieutenant, genug! Stehen Sie auf, ick bitt' Sie um Alles in der Welt, steh'n Sie auf! Stürmer (für sich). Recht gern, wenn ich nur dürfte, meine Knie müssen schon blau sein, aber noch ist die Zeit nicht gekommen! Susanns (fast wkineud). Mein Gott, was haben - denn? (Kür sich.) Mir scheint, er ist närrisch! Stürmer (sie wild ansrhend). Was ich habe?! Unglückselige, in mir dämmert der Gedanke, daß Du ein leichtfertige- Spiel mit mir getrieben hast. Weib (er schüttelt ihre Hände) wenn dieß möglich wäre — wenn — Susanns (m Todesangst). Was Ihnen nicht einfällt. (Sie entreißt ihm mit Gewalt ihre Hände und stürzt auf da- Sopha.) Herrgott, daS ist mein Tod! Stürmer (springt aus, reibt sich schnell die Knie, und stürzt ihr von der andern Seite wieder zu Küßen, indem er leidenschaftlich ihre Hände erfaßt). Marie, wenn dem also nicht so ist, wenn Du mir alle diese feurigen Briefe mit Ueberlegung geschrieben hast — warum willst Du mir nicht persönlich deine Liebe gestehen — ? DaS ist viel lohnender. Marie, Du zauderst noch? — (Sr schreit indem er abermals ihre Hände schüttelt:) Ich will und muß aber endlich klar in dieser Sache sehen, Marie! Vierzehnte Scene. Vorige. Majrie, Herr von WeiShappe l, auS dem Zimmer de-Letzten». Lieschen steckt horchend zuweilen ihren Kopf durch die Thür^ linkS). Marie. Wer ruft mich? (Sie erblickt di« Mama und Stürmer und stößt einen Schrei auS). WeiSh. (steht erstaunt io der Lhüre). 10.734!! — Mir scheint die Nummer ist gekommen auf den ersten Ruf! Susanns (in der höchsten Verlegenheit) Ich möcht' in die Erde sinken! Stürmer (für sich). ^ Und ich möcht'auf die Füße kommen! (Laut zu Susanna:) Marie WeiShappel, wirst Du mir endlich sagen- Fünfzehnte Scene. Vorige. DorlS (tritt mit Hut und Mastige versehen durch die Mitte und bleibt im Hintergründe der Bühne stehen, indem fie, wie e4 scheint, empört dem Gespräche zuhört). Marie (schnell). Marie WeiShappel? DaS bin ich! lO Weish. (wüthend). Herr Lieutenant — diese Weishappel, die Sie duchezen (pu-en) ist eine Susann« Weishappel, ist meine Susanns und der zu Gefallen brauchen Sie nicht auf die Knie herumzurutschen.(tzr geht -u Susanns ) Mir scheint, Susi, (wild) Du bist keine Susanna aus der Bibel — Su- serl, nachher weh Dir! «Stürmer (ist aufgesprungen). Was? Sie (zu Susanna) wären nicht Marie Weishappel? Susanna. Gott, das ist mein Tod!! Weish. WaS soll denn das Alles heißen? Doris. DaS sind die Folgen der Maskenbälle. Lieschen. Gott steh' allen Verliebten bei! Stürmer (zu Marie). Ist daS vielleicht wieder ein neues Spiel, das man sich mit mir erlaubt —? Sind Sie wirklich die WeiShappelische? Marie (mit gesenkten Auge). 3a! Stürmer (heftig wild). So muß ich Sie heiraten! Weish. Oho, Herr Lieutenant! Doris. >1» slövs?! Stürmer. Ja, in's Teufelsnamen, ja! Ich bin eS müde mich vonWeibrrn am Narrenseile herumführen zu lassen. Ich muß eine WeiShapplische heiraten, oder daS WeiShapplische Oberhaupt soll Dinge von mir erfahren, (wüthend mit riurm «lick auf Susanna) daß das Geschlecht der WeiS- bappeln zu Grunde gehen muß! (Fährt Marie zornig au.) Waren Sie auf der letzten Redoute?! Marie (erschrocken). Ja! Susanna. l Weishappel.! WaS?! Doris. s Stürmer (wüthend). Trugen Sie einen blauen AtlaS-Domino und ein Dergiß- mcinnichtbouquet? Marie (zitternd mit einem Blick auf dir Mama). Ja! Stürmer (schreit). Haben Sie kleine Füße? Marie (schnell, aber weinerlich). O ja! Stürmer. So find Sie auch eine Schlange! Susanna (für sich). Gott, sie ist ein Engel, sie opfert sich für ihre Stiefmutter! Weish. (geht auf Susanna zu). Hörst, ich versteh' die G'schicht noch alleweil nicht, aber wenn Du die Schuld von dem Spec- takel bist — Sufi — dann gehst Du in dein' Leben auf kein' Ball mehr! — Susanna (entsetzt, für sich). Gott, so couragirt Hab' ich mein Mann noch nie g'sehen! (Zu Stürmer leise.) Hören Sie nur ein paar Wort — Stürmer. Nicht einen Gedanken. Ich will Rache! Marie (leise indem sie ihrem Vater zu Küßen stürzt, schnell). Papa, ich bitte Dich, rette mich vor dem Zorn der Mama, ich liebe den Lieutenant, ich war wirklich auf dem Ball mit Lieschen in dem vorhin angegebenen Eostüm. Heimlich verschafften wir uns die Domino'S und eben so heimlich gingen wir auS dem Hause — («ei«- Happel macht eiur zoruige Grberdr. ) Ach, Papa, bedenk doch, ein Maskenball — ich bin 16 Jahr und 5 Wochen —! Weish. (ebeufollr leise)- Wenn da- deine Mutter erfahrt — Mari« (rutschloffru). Dann spring' ich in's Wasser! Weis ha pp. (erschrocken). Warum nicht gar! Ich sag' nicht-! Stürmer (noch wilder). Sie scheinen WeiShappel der Vater zu sein, erkennen Sie diese- Mädchen als Ihre Tochter an? Weish. Na daS will ich meinen («it einem düsten» Blick auf Susanna) obwohl ihre rechte Mutter nicht Susanna g'heißen hat! Stürmer. Dann geben Sie sie mir zur Frau! Susanna (schnell). DaS wird nicht auf- geführt! n Stürmcr. Gm, so soll er ZhreBriese lesen! t Susanna (erschrocken). Ich fall' um! ^ Weish. (leise). Aba, jetzt kann's loS- ' gehen! Marie (mit niedergeschlagenen Blicken). Ach Papa, eine Eorrespondenz im Fremdenblatt! Weish. (mit zornigem Blick auf Susanna). Nummern —? Marte (mit einem Blick auf die Mutter, zögernd). 10, 7 — 34! Susanna (für fich). Sie ist ein Engel, die Marie! WeiSb. (zu Stürmer). Herr Lieutenant, baden Sie meine Tochter wirklich zum Heiraten gern? Stürmer. Ich bin (mit einem durchboh. renden Blick auf Susanna) in Marte Weis- bappel zum Sterben verliebt! WeiSh. Gut, ich werd' dafür sorgen, daß Sie sie in vier Wochen heiraten! Susanna. WeiShappel! Marie ist ja noch ein Kind — WeiSh. Still sein! — Sie werden sie heiraten, d. h. wenn die Marie Ihnen nimmt, — denn ich bin ein gebornerFeind vou jedem Skandal — damit punctum! Marie (mit komischem brufzer und einem Blick auf di» Mutter). Wohlan — ich füge mich! (Sie geht auf Stürmer zu, dieser umarmt fir, hierauf stürzt sie ihrer Mutter in dir Anne.) Susanna (leise). Mitzcrl, wie werd' ich Dir das Opfer je belohnen können?! Lieschen (frohlockend aus der Thüre tretend). Bravo! gut ist'S gegangen. (Sie geht zuWriShappel und gibt ihm ein Packet Zeitungen ) Die Zeitungen, gnädiger Herr! Weish. Das »Fremdenblatt« wird vom Ersten an abg'sagt. (Halblaut zu ihr.) Du ziehst mit meiner Tochter fort, wann'S verheiratet ist — Du bist mir eine zu g'fähr- lichc Person im HauS — Lieschen. Gnädiger Herr — Doris (tritt vor). Lk disll — was soll ich denn jetzt hier? Lieschen (schelmisch). Sie sollen un- hellen, Fräulein Marie aus dem Brautin den Ehestand zu übersetzen — Marie. DaS ist eine Uebersetzung, die ich mir gefallen lasse! Weish. (lächelnd). Da — (Gibt Marie ein Los«.) Da hast Du dein Service — mein Nummer hat richtig g'wonnen. Und weißt Du, waS für eine? Marie. Nun? WeiSh. Nummer 10.734! Stürmer, l Marie. ! Eine Nummer des Glücks! Lieschen. ! Doris. » llorriblv! Susanna. s O Gott! Ente. Nu« dem Theater-Derlag Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm-, Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Sand in die Auge«. Lustspiel in 2 A Nach dem Französischen von Alerander Bergen (Wiener Tbeater-Rep. Nr. 131.) «SO kr 10Dar. Sapptzo. Trauerspiel in S A von Franz Grillparzer. 18S6 Vierte Auslage gr. 8 1 st SO kr 1 Tblr. Saul, Trauerspiel in 5 A. von E. Marin elli. 1860. 12. 80 kr. 16 Sgr. Gaul, zweite Aust 1870. 8. 80 kr. 16 Lgr. Saul, König in Israel. Melodrama in 3 A Au< dem Französischen von I. R von Seyfried. 1811 Zweite Auflage 40kr 8 Sgr. Savoyarden, die zwei. Singspiel in 1 A von Perinet 8. 1792 3S kr 7 Sgr. Savoyarden» die beide«. Singspiel v Gchmieder. 8. 20kr »Sgr. Scham, die falsche. Schausp in 4 A v. Kotzebue. 1803 2Skr S Dgr Schatz, der. Lustspiel in 2 A v G Leffing. 1771. 2Skr S Sgr. Schatzgräber, der. Komische Oper in 1 A Frei nach deinFranzösischen v.Sevfried 1803 2S kr S Dgr. Schatzgräber, der glückliche. Komische« Singspiel in 1 A. von Weidmann 20 kr 4 Sgr. Schauspieler, der. Lustsp in 3 Aufz v. Marin elli. (Vergriffen.) Schauspieler, der, wider Wille«. Lustspiel in 1 A von Kotzebue. 1810 2Skr SDgr. Schauspieler«, de«, letzte Stolle. Poffe mit Ges in SA v Fr Kaiser 8 18S1. 7S kr IS Sgr. Schauspielerin, der, letzte Stolle. Siehe: Gin Traum — kein Traum Gchanspieleri«, die. Lustspiel in 3 A. s. Castelli Sträußchen 2 Jahrgang. (Vergriffen) Scheidewand, die. Singspiel in 1 A Nach dem Franz von I. F Castelli 1804 20 kr 4 Sgr Scheidewand, die. Lustspiel in 1 A, s. Easteyi Sträußchen 18 Jahrgang Scheinverbrechen. Schauspiel in S A. 1794. SO kr 10 Sgr. Scheinverdienst. Schauspiel in S A von Jfflaud 8 1801 SO kr 10 Dgr. Scherz «nd Srnst. Spiel in Versen von Stoll 1803 34 kr 7 Sgr Scherz, List «nd Stäche. Singspiel in 2 A von Göthe Musik von Winter 1800 3S kr 7 Sgr. Sch«cksal»-Brüder, die. Lustspiel in 4 A. s Feld- mann Lustspiele 6 Band Schiffbruch, der, oder di« Erbe«. Lustspiel in 1 « 1799 SS kr 7 Gar. Schlacht» die, bei Fehrbellin. Schauspiel in SA. von Kleist 1822 60 kr 12 Sgr Schlangenfest, da«, in Tangora. Heroisch-kom Oper in 2 A. von Hen«ler Mustk v Wenzel Müller 1797. SS kr. 7 Sgr. Schleuzheim» General, und seine Familie. Schauspiel in 4 A von Spieß, umgearbritet von Plümike und Brömel SO kr 10 Dgr. Schmuck, der. Lustspiel in S Aufzügen 1778. Ges. Tan; u Tableaur in 3 A v I. Döbin. (WienerTvearer-RepertoireNr 4) 40 kr. 8 Dgr. Schönster«, G.» da« Privat- und HauStbeater 2 Tble in 1 Bv. Neue Ausgabe. 18S1. SS kr. 7'/, Sgr. Inhalt: Da« unterbrochene Duell. — Der Bürgermeister — Einen Spaß will sie sich machen — Herr von Gchuserl, oder die Landpartie in'« Krapfenwaldel. Schöpfung» die. Oratorium in drei Abtbeilungen. Musik von Joseph Havdn IS kr. 3 Sgr Schornsteinfeger, der. Orig -Lustsp in 3 Acten von Hen«ler. SS kr 7'/, Dgr. Schreiner, der. Origin.-Singsp. in 2 Acten 1799. 20 kr. 4 Sgr. Schreiner, der» Dingsp. in 1 Act Nach de« Lstsv. gleich Namen« v A v. Kotzebue. 8 1803 2S kr S Sgr. Schritt, der erste. Lustsp. in 4 A, s Weiffen» tburn Schausp. 14 Band. Schubkarn» der, de« Gssighändler«. Lustsp. in 3 «. 1803. SO kr 10 Sgr. Schutz«, die pncefarbeuen» oder die schöne Schustert«. Kom Gingsp. in 2 Akten 1808. , 2S kr. S Sgr. Schuld, die. Trauersp. von Müllner. 12. Wien (Vergriffen.) Schuld, gleich«. Gemälde unserer Zeit in 3 A.. s Castelli Sträußchen. 7. Jahrgang. Schuld, die, einer Frau. Drama «n 3 Acteu von E Girardi». Deutsch von Mar Stein (Wnr.Theat. Rep. Nr. 181) SO Nkr 10 Sgr. Schulden, alt«. Orig-Lebrutbild mit Gesang und Tan, von Friede. Kaiser. (Wnr. Theat. Rep Nr 184 ) 60 kr 12 Sgr, Schule der Alten, di«. Lustsp in S A. Aut dem Franz übers, v. I. F v. Mosel 1824 80 kr 16 Sgr Schule, die, der Arme«, oder: Zwei Millionen. Original-Cbarakterbild mit Ges. in 4 A. v. Friedrich Kaiser 8. 18.S0. 7S kr IS Dgr Schule, dt«, der Frauen. Lustsp in S A. von Moliäre. frei, doch getreu übers, v Kotzebue. 1806 S0 kr. 10 Sgr Schule der Freigeister. Orig -Lustsp iu 3 A von Weidmann 8 SS kr 7'/, Dgr Gchulgeledrte, der. Lustsp. iu 2 A Nach dem Engl der Miü Cowley 1782. S0 kr 10 Sgr. Schuserl, Herr von» oder di« Landpartie in da« Krapfenwaldel. Siehe Schöustein'« Hau«- tdeakrr Schusterotöchter, die. Schauspiel in 2 Aufzügen 1787 SO kr 10 Dar Schutzgetst, der. Dramatische Legende in 6 A nebst einem Vorspiel von Kotzebue 181S 80 kr 12 Dar Schwäbin, dt«. Lustsp iu 1 A (s Castelli Sträußchen 19 Jahrgang) «Dergriffei») Schwäbin, die. Lustsp in 1 A. vou I F Castelli Zweite Auflage. (War. Theat Rep Nr 183) 7'/, Dgr SS Nkr. Schmuck-Kästchen, da«, oder der Weg zu« Herze» Echaus in4 A v. Kotzebue 1806 60 kr 12 Sgr «etter au« Steiermark. Poffe mit Gesang > b"- «ustsp iu - A. Nach Goldou». >. 2,. ............ L,',' Schneider, der, und fei« S-tzu, oder Mittel Nach «onuav von «oateffa 180» 40 kr. 8 Sgr. gegen Her,web. Lustsp,el ,a S« Nach Mor- Schweizerfamilte. die. Lyrische Oper i, 3 » ton 183S 8 80 kr. 12 Dgr . Frei nach pr» Frau, bearbeitet ». I F Ca- Gchneiderfamilie» eine arme. Traumgrmälde mit! stell» Fünfte Auflage. 1820. 40 kr 8 Dg . WalliShauffer'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Schwesterliebe. Lustsp. in 1 Act. Nack drm Eng» lischen von Alexander Bergt» (Wr Tbeat. Rep. Nr. 133.) 7'/, Sgr. oder 35 Nkr Schwestern» die» von Prag. Singsp. in 2 A. nach Hafner von I. Pennet. Zweite Auflage. gr. 8 1841 60 kr 12 Sgr Tclavin» die. Orig.-Schausp. in 1 A. von Waiden. 35 kr 7 V, Sgr. Tclavin, die, in Tnrtnam. Schausp. in 5 A. von Uralter. 1805. 35 kr. 7'/, Sgr. Tclavin» die, und der grostmüthige Seefahrer. Kom. Singsp. 1781. 1782 5V kr 10 Sgr. Scü», Mond und Pagat. Komische- Zauberspiel in 2 A. von F. Rosenau 8.1821 40 kr 8 Sgr. — da»srlbe. s. Rosenau Theatralische« Allerlei. Secretäre, die beiden. Lustsp in 1 A v. Anton Bittner. (Wnr. Tbeat. Rep. Nr. 155.) 35 kr. 7'/, Sgr. Teelenadel» Schausp. in 2 A. von I. Each^ 1805. 25 kr. 5 Sqr^ Teelenwanderung» die, oder der Schauspieler wider Willen auf eine andere Manier. Schwank in einem A von Kotzebue. 1816. 35 kr. 7'/. Sgr. Seeräuber, die. Trauersp. in 5 A v E. v. Hon- wald. 8. Leipzig. 1831. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Selbstbeherrschung, dieSchausp. in 5A. v. Jffland. 1810. 50 kr. 10 Sgr. Selbstmord, der, oder der unglückliche Lottospieler. Drama in 1 A v. Weidmann. 20 kr. 4 Sgr. Seltm» Prinz von Algier. Trauersp in 5 A. von Jünger. 8. 1804. 40 kr 8 Sgr. ien»lr,,nl«»e. 5lvIo«lrnmm» trnzxivo in 6us -4tti <1el 8>er konsi l^a 5lu»ie» flvl 8ier. klossini. 12. 1823. 35 kr. 7'/, Egr. Temirami», die neue. Heroisch-kom Travrsne- Oper in 3 Acten von Perinet 1805. 8. . 4V kr 8 Sgr Ter»»«, Herr Stu-erl! Posse in 1 A von Varl Juin und Loui« Flerr. (Die Grundidee na» drm Französischen: Kon )vur, 5lousieur k»n- tnlou - l Wiener Theater - Rep. Nr. 28.) Zweite Auflage 35 kr 7'/, Sgr. Severin von Faro»znn»kt, oder: Der Blaumantel vom Trattnerkof. Genrebild mit Gesang und Tanz in 4 Acten sali Eeiteusrück zu .Therese Krone««), von Varl Haffner und I. Pfundheller. 12 Sgr. 60 Nkr. Thaksprare al» Liebhaber. Lustsp. in 1 A, s. Kurländer Almauach 8. Jahrgang Sk-wl, der. Lustsp. in 1 ». von K»Helme 1815. ^ . 25 kr. 7'/, Sgr. ^.ie» der. Lustsp. in 1 A, s. Castelli Sträußchen 3 Jahrgang. Sie hilft stch selbst. Lustsp. in 4 A., s. Weist,n- tdurn Schausp. 15. Bd. Ti« sind ,, Hause. Lustsp. in 1 A. Nach Dr- saugirr« dearderret. 1808. 25 kr. 5 Sgr. Singspiel, da». Linqsp. in 1 A Nach dem Französischen von Treitschke. 2V kr. 4 Sgr. Singspiel, da», am Neuster. Kom. Oper in 1 A. Nach drm Kranz, v. Treitschke. 20 kr. 4 Sgr. -da», auf dem Dache. Kom. Oper in 1A. Nach drm Franz » Treitschke. 2V ^r. 4 Sgr. Sinn, leichter. Lustsp in 5 A. von Jffland. 1800. 6V kr 12 Egr. Siri Drahe, oder: Die Neugierige». Schausp. in 3 A. von Sr. Majestät Gustav dem Dritten, Könige von Schweden. Au- dem Schwedischen übers, v. Gruttschreibrr. 1784. 4V kr. 8 Sgr. Sitab Mani» oder: Carl der XII. bei Bender» Hiftvr. Schausp. in 5 A. 1809. 40 kr. 8 Sgr. So gibt e» denn in der Welt gar keine Ruhe. Original-Lustsp in 2 A. 1807. 3V kr. 6 Sgr. To bandeln Freunde. Originalgemälde au- dem häu«lichen Leben in 1 A. 1794 35 kr. 7'/, Sgr. To lohnt sich Kunst. Vorspiel, s. Wrifsentburn Schauspiele 12. Bd. Sokn, der, auf Reisen. Lustsp. in 2 A, f. Feldman» Lustspiele 1. Baud. Sohn, der dankbare. Ländl. Lustsp. in 1 A von Engel. 1772. 20 kr. 4 Sgr. Sohn, der, de», Giboher. Schauspiel in 5 A. von Emil Augier. Deutsch von M. Saphir. (Wnr. Tbeat Rep. Nr. 151.) 18 Sgr. 80 Nkr. Sohn, der natürliche. Schauspiel in 4 A uud einem Vorspiele in 1 Aufzuge von Alexander Duma«' Sohn, deutsch von P. I. Reinhard. (Wnr. Tbeat Rep. Nr. 44.) 12 Sgr. 6V Nkr. Sohn, der verlorene. Lustsp. in 3 A v. Schink. 1784. 50 kr 10 Sgr. Söhne, die, de» Thal», s. Werner Theater 1 und 2. Band Soldat, der im Frieden. Charakterbild mit Gesang. Tanz. Tableaur re. in 3 Acten von Friedr. Kaiser. (Wnr. Tbeat Rep. Nr 146.) 12 Sgr. oder 60 Nkr. Soldat» der, ganz allein. Komifthe- Zwischensp. in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 13. Jahrg. Soldat, der, von Cherson LuUpiel in 3 A von Hen-ler 1780 8. . 35 kr. 7V» Sgr. -der Oesterreicher in Kekl. Vorspiel in 1 A. von Hen-ler 1797. 8 35 kr. 7'/, Sgr. Soldatenkind, da». Polk-stück mit Ges u Tanz in 2 Abtd. und 8 Bildern, nebst einem Vorspiele von Theodor Flamm (Wnr- Theat. Rep Nr. 156.) 60 kr. 12 Sgr. Toliman vor Wien. Orig »Trauersp. in 5 A. von Weidmann 35 kr. 7'/, Sgr. Toliman der ll. oder die drei Lultaniuuen. Singsp. in 2 A. Nach dem Franz von F. L Huber. 1807 25 kr 5 Sgr. Sonnenjungfrau, die. Schausp in 5 A von Kotzebue 1801. 50 kr. 10 Sgr. Tonnet, da». Spiel in 1 A. von Deinhardstem. gr 12 1818. 35 kr 7'/, Sgr. Lonnleitkner F.» Taschenbuch für deutsche Schau« bübaeu und Liebhabertheater. 16. 1815. br. 1 fl. 20 kr. 20 Sgr. Enthält: Der Gönner, Lustsp. in 1 A — Tennier», Lustsp. in 1 A — Die Ueberra- schung, Lustsp in 1 A. — Die Zurechtweisung. Lustsp in 1 S in Versen, — Manuel» Razemba oder die Trauringe. Posse in 1 A. Sorge« ohne Roth und Roth ohne Sorge». Lustsp in 5 A. vonKvtzedue. 1811 50kr. IVSgr. Spanier» die, ln Peru, oder Rollo'» Tod. Romantische» Trauersp. in 5 A von Kotzebue. 1801. 60 kr. 12 Sgr. Sparbüchse» die, oder der arme Candidat. Lustsp in 1 A. Wien 1808. 35 kr 7'/, .Egr. Wallisbausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wik». Spaß, einen, will sie sich machen. S Schönstes« HauSthearer. Sperre, enge, oder: Die Huugercur. Schwank mit Gesang in 1 A von Aloi« Berla. (Wnr. Theat Rep Nr 207 ) 35 kr 7'/, Gar. Spiegel, der, oder lasi' da- bleibe«. Lustsp in 1 A. von Kotzebue 1802. 25 kr. 5 Dgr. Gpiegelrttter, der. Oper in 3 A von Kotzebue. 1802 »0 kr. 8 Sgr. Spieler, der. Schauspiel in 5 Acten von Jfflanv. 60 kr. 12 Sgr. Spieler, die falschen. Lustsp. in 5 A Von Klin» ger 1782 50 kr. 10 Sgr. Spröde, die, auf der Probe. Oper in 1 Acte von Dupatv 1805 20 kr 4 Sgr. Spul, Herr, oderr Echtheit ohne Schimmer. Lustsp. in 5 A. 1794 40 kr 8 Sgr. Stauf, HieronymuS von. Trauerspiel in 5 A. von Friedr Baron de la Motte Fouqs. Berlin. 1819. 50 kr 10 Sgr. Stelldichein, da-, uy« Mitternacht. Lustsp. in 1 A.. s. Eastelli Sträußchen. 18 Jahrggan. Sternenjungfrau, die. Romant.-komische-Märchen mit Gesang n Tanz in 3 Abth. von Varl Haff» ner. (Wnr. Tbeat. Rep. Nr. 10) 60 kr. 12 Sgr. Gternenmädchen, da-, im Meidltnger Wald. Volksmärchen mit Gesang in 3 A von Huber. 1802. 50 kr 10 Sgr. Stiefvater, der. Lustsp. in 1 Acte, nach Laureu- cin und Marc-Michel von Grandjean (Wnr Theat. Rep ) 35 kr 7'/, Sgr. Stiefel, der dämonische. Posse in 1 A. von Earl Iuin (Giugno) (Wnr Thcat. Rep Nr. 118 ) 35 kr. 7'/, Sgr. Eia Stillleben auf dem Land«. Posse «n 1 A von Iuin und Flerr. (Wnr Theat. Rep. Nr 149 ) 35 kr. 7V. Sgr. Stolz und Liebe. Lustsp. in S A. von Jünger 40 kr. 8 Sgr. Stradella, Alessandro. Romant Over in 3 A. von W Friedrich. Musik von Flotow. gr 16. Zweite Auflage. 1870. 35 kr. 7', Sgr Strafe, eheliche. Lustsp. in 1 A, f. Eastelli Sträußchen 11 Jahrg. Stranders» de-, Tochter. Tchausp. in 5 L. Frei nach Sheridan Knowle«, von Fr v. Treitschke. Wien 1840 gr. 8. 80 kr. 18 Sgr Gtrelt^e«, die. Heroische« Schausp. in 4 A nach einer wahren russischen Begebenheit, von Babo 1808 50 kr 10 Sgr. Strich, der, durch di« Rechnung. Lustsp nach Jünger 40 kr. 8 Sgr Studenten» die, von Rummelstadt. Genrebild mit Gesang und Tanz in 3 A von Earl Haffner. (Wnr. Theat Rep. Nr. 71.) 12 Gar 60 kr Stumme, der. Lustsp in 1 A von Kotzebue 1808 35 kr. 7',, Sgr. Stnmme, die, von Portici. Große herorsch»ro» mantische Oper in 5 A Frei nach Scribe und Delavigne. Musik von Ander 8. Neue Auflage 35 kr. 7'/, Sgr Stunde der Vergeltung» die. Ritterschausp »n 5 A v Schuster. 1807. 8. 40 kr 8 Sar. Stur«, der. Heroisch» komische Oper in 2 N Nach GbakezprarevonHenster. 1798.25kr.5Lqr. Sünder, ei« alter. Ebarakterbild mit Gesang und Tanz vv« Biuzenz Pirzel (Wiener Theater» Reperto r Nr. 142) 60 kr. 12 Sgr. Tag, der tolle» oder die Hochzeit de-Jkgaro. Lustsp. in 5 A. von Jünger. 40 kr. 8 Sgr Lag und Rächt, große Zapberpantomime in 3 A. 1808 von Franz Krr«. 10 kr 2 Sgr Lali-man, der. Posse mit Gesang in 3 A. von I. Nestroy. 12. Mit einem alleg illum. Bilde 1843 75 kr. 15 Sgr Tancrrd. heroische Oper in 2 A. Nach dem Italienischen v. Ehr. Grünbaum. 1818. »5 kr 7'/, Sgr. vrnmmL ssrio p«r IFusie» in cluv E 1808. »5 kr. 77, Sgr. Laut', die Jungfer. Volk«komödie mit Gesang in 3 Akten mit 9 Bildern. Von Alois Berla. (Wien. Tbeat. Rep. Nr. 137) 60 kr. 12 Sgr Laute, die junge. Lustspiel in 1 A.» s. Eastelli Sträußchen. 9. Jahrgang Tänzerin, die, und der Quäcker. Lustsp. in 1 A, s. Eastelli Sträußchen 18. Jahrgang. Lap-, der wie gewonnen so geronnen. Posse in 2 A Au« dem französischen. 1793. 25 kr 5 Sgr Laruov» Gräfin von. Drama in 3 A. 40 kr 8 Sgr Laschenbuch. Drama tu 3 A von Kotzebue. 8. Leipzig. 50 kr. 10 Sar Taubeu, die. Schwank in 1 A.» s. Eastelli Sträup» cheu. 7. Jahrgang Taubstumme, der» oder der sie I Historische« Drama in 5 A Nach Knull^ von Kotzebue 1802. 50 kr 10 Sgr. Laucher, der. Rom Oper in 2 L Musik von E Kremer. 1824. 30 kr 6 Sgr. Taufschein, der. Lustsp. in 1 A Nach dem Franz. de« Picaid von Jfflaud. 1808. 40 kr. 8 Sgr Telemach, Prinz von Jthaka. 1. Thl Posse in Knittelvers.». Hen«ler. 8 1801 40 kr. 8 Sgr -der travestirte. Earikatur in Knittelversen mit Gesang in 3 A. 1 Thl. 1805 40 kr 8 Sgr Telemach auf der Insel der Ealypso. Ballet in 3 A. v. Dauberval. 1807- Franz, und deutsch 10 kr. 2 Sqr Lell» Wilhelm. Gr. pantom Ballet in 4 Acten von Henrv. 15 kr. 2'/, Sgr Temperamente, die. Kvm Over in 1 A »Nach MarsoUter von Getfried 8 1803 10 kr 5 Sqr. Templer, die, auf Cyperu. S Werner Theat 2 Bd. Tennter». Lustsp. in 1 A. von I Sonnleithner. 18. 1815 25 kr. 5 Sgr. Testament, da-. Lustspiel v. Schröder 40 kr. 8 Sgr. Testament, da-, de- Onkelo. Gchau'p. in 3 A. »Nach dem Französischen von I. F Eastelli 1808 50 kr. 10 Sgr. Testament,da-, einer alte» Arau. Drama in 5 A. von E. W. Koch. Stehe dessen dramat Beiträge Testamente, zwei. Eharakterbild mit Gesang in 3 Aufzügen von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 77.) 80 kr 12 Sgr Teufel, der, t« Herzen. Lebentbild mit Gesang in 2 Arten und einem Vorspiele unter dem Titel Da-Unglüch»zeichen,voa Flamm «ndWimmer. (WirnerTb »Rep. 190 ) 12 Sqr. oder 80 Nkr. Tenfel-» de-, Lnstfchloß.Natürliche Zauber»Ov«r Uniform» die. Oper in 2 A. Nach dem Franz schläfer. Schausp m Ges. in 4 A 40 kr 8 Sgr. von Treitschke 35 kr. 7'/, Sar Ton, der, unserer Zeit. Lustspiel, von Jünger.! Uniform und Tchlafrock. Lustsp. iu 1 A f. Castell 50 kr. 10 Sgr.^ Sträußchen 18. Jahrgang Toni. Drama iu 3 A von Tb Körner, gr 12j Unrecht Gut. Charakterbild mit Gesang in 3 A Wien Orig A. 1818 80 kr. 12 Sgr.I und 1 Borsp. von Friedrich Kaiser. < Wiener Tostl. Von W»en nach London. Komische Scenen Tbeater-Repertoire Nr. 81.) 80 kr t2 Sgr von Anton Bittner. (Wiener Theater-Repertoire j Unser Fritz. Schauspiel in 1 A. von Kotzedue. Nr. 147). 30 kr 8 Sgr. 1803 35 kr. 7'/, Sgr. Trauer, die tiefe» Lustsp.in 1 A. 35 kr. 7'/, Sgr 'Unter der Erde, s. Elmar Theater Traum, der» Lustsp in 1 A , s Weiffeuthnrn Untreue, tie, an« Liede. Romant. Oper iu2A. Schauspiel XI Baud. j von Stegmayer. 1805. 8. 40 kr. 8 Sgr. Traum, der, ei« Lebe«. Dramatische« Märchen! Unverhofft. Posse mit Gesang in 3 A. von Job. in 4 A von Franz Grillparzer, gr 8 1840. Nestrov. Mit einem allegorischen Bilde. 12 1 fl 50 kr. 1 Thlr. 75 kr. 15 Sgr. Traum» et«»-— kein Lranm, oder: der Schau- Unvermäklte, die. Drama in 4 A. von A v sptelert« letzte «olle.Poffe mit Gesang in 2 A. Kotzedue 50 kr. 10 Sgr von Fr. Kaiser 8 1851 75 kr 15 Sgr. Urtka, die Negerin. Drama in 1 A. s. Castelli Treitschke, S. F., Singspiele nach dem Französt- Sträußchen 11. Jahrg scheu. 5 Bd«. gr. 8 1808.5 fl 3 Thlr. 10 Sgr Ursprung de« Korbgebe»«. Dramat Kleinigkeit Treue» »erkaennt Drama in 3 A. s Castelli! in 1 A.. s Feldmann Lustspiele 2 Band. Sträußchen 4. Jahrgang i Urthetl. da», de« Part«. Heroisck-pantomimisch Tristan. Trauerspiel in 5 A. mit einem Vorspiel! Ballet von der Erfindung de« Hrn Noverre. von Ludwig Schueegau«. Leipzig 1865.1 1771. 10 kr 2 Sgr 1 fl 50 kr 25 Lgr.j Usa nqui, oder die Patrioten in Tina. Orig - Tri»mph der Treue, oder die Rose der Schönheit, j Trauerspiel in 5 Acten von Weidmann Feru-Ballet von Hearv 1824. 5 kr. 1 Sgr. i 35 kr 7'/, Sgr. Trtnwph» der, de« Vitellin« Madtminn«, oder i Valbrrg, Clise von. Schausp. in 5 A B»u Jff- die Zerstörung von Pompejannm. Ballet in 5 Akten vvu Atigiolinu 1810. 10 kr. 2 Sgr. Tronbadour, der. Oper in 4 A. nach dem Italien. de« S. «ammerauo v H. Proch 35 kr 7'/, Sgr. Tnrtnrell, Tranerspiel in 5 A. von I C. »ou Zedlitz 12 1821. 1 fl W Sgr. land 1808. 60 kr. 12 D^r. Dan Dyck'» Landleben Malerische« Schauspiel v. A Kind 8 Leipzig 1821. 1 fl 20 kr. 24 Sgr. Vater, der, »ou Unaefähr. Lustsp in 1 Act Nach dem Franzöfischeu de« Paiu und Vieil- lard von Kotzedue. 1804. 25 kr 5 Sgr WalliShauffer'sche Buchhandlung (Josef Klemm) iv Wien. Vaterfreude. Vorspiel von Jffland. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Daterfreude. Lustspiel in 1. A. Mit freie, Benützung einer französischen Idee von Erik Neßl. (Wiener Theater-Repertoir Nr. 242) 35 Nkr. 7«/, Sgr Daterltrbe. Lustsp. in 4 A. von Ziegler. Vaterstand. Lustsp. in 4 A. von Ziegler 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr. »Vater unser!" Lebensbild mit Gesang in 3 Av- theilungen und einem Vorspiel von E. Earl. (Wien. Theat.-Rep. 228) 60 kr. 12 Sgr. Veilchenstrauß, der. (Wiener Theater-Repertoir 1«5). 35 kr. 7'/, Sgr. Verbrüderung, die. Schausp. in 1 A. von Inland. 35 kr. 7'/, Sgr. Verbrechen au- Ehrsucht. Familiengem. in 5A. von Jffland. 80 kr. 16 Sgr. Verdacht, der »«gegründete. Lustsp. in 1 A. von Brahm. 1771. 50 kr. <0 Sgr. Dergy» Gabriele v. Trag Ballet in 5 A. von L. Astolfi. 1829. 10 kr. 2 Sgr. Verlassene» die. DolkSdrama in 5 A.» nach dem Französischen frei bearbeitet von Therese Me- grrle (Wiener T-Heater-Repertoir Nr. 109) 80 kr. 12 Sgr. Verläumder» die. Schausp. in 5 A. von Kotzebue. 1811. 60 kr. 12 Sgr. Verlegenheiten und AuSwege. Posse in 1 A. s. Eastelli Sträußchen 2 Jahrgang. Vermächtniß, da-. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 1809. « 60 kr. 12 Sgr. Vermöhluna-feter, die, Albert- von Oesterreich. Orig »Schausp. mit Gesang iu 4 A. von Gleich. 8. 40 kr. 8 Sgr Verrätber, der. Lustsp. in 1 A. von F. v. Holbein. gr. 8. 1845. 35 kr 7'/, Sgr. Verrechnet. Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater Re- pertoir Nr. 93.) 80 kr 12 Sgr. Verschwiegene» der, wider Willen, oder die Aabrt von Berlin nach Pot-dam. Lustsp. in l A.vonA.v Kotzebue. 181S. (Vergriffen.) Verschworenen, die. Oper in 1. A., s Eastelli Sträußchen 8 Jahrgang Verschwörung» die, der Odaliken, oder die Löwenjagd. Singsp von HenSler. 1792 8 50 kr 10 Sgr. Versöhnung, die. Schausp. in 8 A. Nach dem Franz, von I. F v. Weissenthurm, gr. 8.1833. 60 kr. 12 Sgr. Versöhnung und Ruhe, oder Menschenbaß und Reue. 2 Theil. Schausp. in 5 A von Jul. Gtaf v. Soden 8. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Verstand und Leichtsinn. Lustsp. von Jünger. 58 kr. 10 Sgr. Vertrag, der. Lustsp. in 1 A. Nach Marsollier, von Shrimseld. 1805. 20 kr. 4 Sgr. Verwandtschaften, die. Lustsp. in 5 A. 1798. 50 kr 10 Sgr. Veteran, der. Schaust), in 1 A von Jfflaad. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Vetter, der, in Lissabon. Familirngemälde in 3 A von Schröder. 1804 50 kr. 10 Sgr. Vielwisser, der. Lustsp. in 5 A. von Kotzebu«. 1818. SO kr 12 Sar. Vietortne, oder Wohlthun trögt Zinse«. Lustsp. in 4 A von Schröder. 1804. 58 kr. 18 Sgr. Viola. Lustsp. in 5 A. nach Shakespeare »Wa- Ihr wollt" Für die Bühne bearbeitet von Detnhardstriu. 8. 1841. 88 kr. 18 Sgr. Dltest, da- goldene. Dramatische« Gedicht iu 3 Abtheilungen von Franz Grillparzer, gr. 8. 1822. 2 st. 1 Tblr. 18 Gar. Enthält: I. Der Gastfreund. Trauerst), in 1A. — II Die Argonauten. Trauersp. in 4 A. — III. Medea. Trauerst), in 5 A. Dölkergröße, oder» Gr blieb dennoch Vater. Orrginalschaust). mit Gesang von Wehrfeld. 8. 1807. 40 kr. 8 Sgr. Volksbühne. Wiener Tafcheub. lokaler Spiele. HerauSgegeb. von W. Turteltaub. 1839 gr. 12. 1 fl. 40 kr. 1 Thlr. 6 Sgr. Inhalt: Eulenspiegrl von Nestroy. — Ter Waldbrand von Gulden. — Nur Eine Iö«t den Zauberspruch vom Herausgeber. Volkes Stimme, de-, s. Holbein Duettantenbühne für 1828. Vorhängeschloß, da-. Posse in 1 A nach dem Englischen »DK« ?»tlloelc." von Earl Iuiu (Glugnv). (Wien. Theat.-Rep. Nr. 111). 35 kr. 7'/, Sgr. Vorleserin, die. Schausp. in 2 A. Siehe: Koch dramatische Beiträge. Vorlesung, eine, bei der Hau-melsterln. Posse in 1 A von Aler. Bergen. (Wien. Theat.- Rep. Nr. 80 Zweite Auflage.) 30 kr. 6 Sar. Vormünder, die vier. Lustsp. in 3 A. von Schröder. 1805. 50 kr. 10 Sgr. Vormund, der. Schausp. in 5 A. von Jfflaud. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Vorsatz, der. Orig.-Luftip. in 1 A. von Holdem 12. 1826. 25 kr. 5 Sgr. Waaren, die englischen. Posse in 2 A. von Kvtzebue. 1811. 35 kr. 7'/, Sgr Waffenbrüder, die. Gemälde der Vorzeit iu 5 A. nach Kleist - Familie Echroffensteiu vou Fr v. Holbein. gr. 8. 1824. 80 kr. 18 Sgr. Waffenruhe, die, in Thüringen. 1. Thl. Schauspiel mit Gesang in 3 A von HenSler. 1802 50 kr. 10 Sgr Wagen gewinnt. Kom Oper tu 2 A. Nach dem Kraruösischrn von Treitschkr. SO kr. 6 Sgr. Wahl, dt« freie. Lustsp. in 1 A., s. Feldmaus Lustspiele 1. Baud. Während der Ouadrille. Lufp. iu 1 A von Josef Bra»n.(Wr. Theat.-Rep. Nr. 19).) S5kr.7'/,Sg. Wahn und Wahnsinn. Schausp. t» 2 A. »ach MelrSville's : »KU« «nt koU«,* bearbeitet von Lembert. Zweite Auflage. (Wien. Theat.» Rep. Nr. 34.) 48 kr. 8 Sgr. Wahnsinn. Drama iu 1 A, f. Eastelli Sträußchen 2. Jahrgang. Waisenbau-, da-. Singsp iu 2 A. 1811. Viert. Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr Wald, der, bet Hermannstadt. Romaut. Schauspiel in 4 > uach dem Frauzösischr« von 3- F. Weissenthurm, gr. 8. 1833. 80 kr. 18 Sgr. Waldbrand, der, oder Jupiter- Strafe. Kom Ortaiaal-Zaubersp mit Gesang in 2 A vo« I. E. Guldeu. gr. 12. 48 kr. 8 Sgr Waldegg, da- Gut. die Husaren und der Ktn- derstrumpf. Posse mit Gesang in 3 A. »o» F. Hopp. 8. 1848. 75 kr. 15 Sgr. Wallishauser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. (Dieser Derjetchniß wird fortgesetzt.) Druck und Papier V» 2. Sommer St Comp, in Wik«.) (Den Buhnen gegenüber als Manuskript gedruekt.) p:,tcr "Utzraham a Saarta Clara. Geschichtliches Volksstück in sechs Mldern von Friedrich Kaiser. krstet Bild: Augustin und Augustiner. Zweite- Bild: Eine Partie Lrifchaken am Hofe Leopolds l. Dritte- Bild: Im Nefectorio. Vierte- Bild: Die Wiener in Perchtotdsdors. Fünfte- Bild- Auf -er Bastei. Sechste- Bild: Das erste Kirchweihfest zu Mariabrunn. Win,. Ihr.,. .Nr. !30. 1 Erstes Md. und Augustiner. Personen. Abraham a Cavkta Clara, Priester vom Orden der Augustiner. Barfüßer. Laiku», Novize diese- Ordens. d°-°° °°» >,„ «°,°° 8,1»°,', ! «°ch,ch°l, Toliiugrr, Schenkwirth »zum blauen Harnisch-. Eva, sein Weib. Marie, deren Tochter. Schartig. Schwertseger. Lehmann, Töpfer. Spanizek, Tischler. Auausttn. Bänkelsänger. Sali, Kellnerin in Tollinger's Schenke. Handwerker, Studenten, Kellnerinnen, Volk, Straßenjungen Erstes Bild. Spanizek (im böhmischen Dialekte). Isis esu! kann man noch so fleißig sein. Ein mit Bäumen bepflanzter Platz im Kroaten, rinnte einem doch alleweil Wasser in Maul! dörsrl sjrtzt die Dorstadt Spittelberg). Recht- da- tbenrrdige schon baufällige Hau» Tollivger'- mit einem ober der Thür hängenden Schilde »Zum blauen Harnisch-, an da» Hau» anstoßend > zieht sich ein mit einem Thürchen versehener Zaun eine» Blumengärtchen» gegen den Hintergrund. Unter den Bäumen stehen au- rohen Brettern jufommenpesügte Tische, Bänke und Stühle Den Hintergrund nehmen die Festungswerke Wien» ein. Erste Scene. Schartig, Lehmann. Spanizek, mehrere andere Handwerker fitzen in ihren Ar. beit-anzügen an einem Tische vor der Schenke Andere Gäste niederen Stande» fitzen ao den übrigen Tischen. Schartig (seinen Krag leerend und dann> mit dem elben auf den Tisch klopfend). Noch ein Krug! man lebt nur einmal! > Lehm. Und man muß froh sein, daß man nur einmal lebt, denn man hat für! das eine Mal kaum g'nug zum Leben! ^ (Trinkt) Schartig'fzu Spanizek). Ha,ha.ha! hört. Tischler! Mir scheint, Ihrnehmt's Wasser auch lieber zu Eurem Leim, als in'S Maul! ha ha! Die Uebrigen (lachen auch) Spanizek (zu Schartig). Ja, Ihr, was seid Schwertfege, könnt leicht lachen. Euer Handwerk florirt einzige noch in Zeit jetzige — überall is e Krieg — braucht me alleweil Spieß und Sabel! Schartig. Wer weiß, wie längs dauert? Mit'n Franzosen, hör' ich. wol- len s ja Frieden schließen. Lehm. Dafür wird's in Ungarn los- geh n, der Tököly gibt kein' Ruh. und wenn erst der Waffenstillstand mit den Türken abgelaufen ist — Schartig. Fangt mir nur nicht mit dem Politisiren an! Was nutzt's, wenn wir über die (-'schichten reden, die Her« ren oben thun doch waS's wollen. Spanizek. Za, wann mir lasteten auch machen uns, was wollen wir! Steuern soll'n me zahlen, aber wann bleibte man einmal bis Mitternacht auf Wirthshaus, kummt e Rumorwach' und schafft e ab! Lehm. Na — da heraus im Croaten- dörfel passirt ein'm das nicht! Schartig. Ha. ha! weil sich die Rumorwach' da heraus nicht einmal bei helllichtem Tag traut! Spanizek. Zs e wahr. — denn da kummt zusamm Bagage —! na. weiß ich. bin ich tägliche Gast, was heißt meStomm- gast — na — Stammgast! Zweite Scene. Vorige, Tollinger. Marie, Sali. einige andere Mägdt, dann Eva. Toll, (ein Mann von verwildertem Aeußern, tritt, Marien an der Hand nach sich ziehend, au- dem Hause). Sali, die andern Mägdt (etwa- aut fallend geputzt, folgen ihnen). Toll, tbarsck zu Marien). Nur heraus! Da ist dein Platz! Zch duld' das Ver. kriechen und Verstecken nicht langer. Marie sein sechzehnjährige- Mädchen, fast weinend). Laßt mich nur los! Zch thu' ja Alles, was Zhr wollt! Eva (ein Weib über dreißig Jahre alt. mit Cpurea einstiger Schönheit, aber bleich und sichtbar verkümmert, kommt hastig au- dem Hau>>, »u Tollinger). Was soll denn die Marie da heraußen? Toll. Lernen ihr Brot verdienen! — ich fütt're Niemand umsonst. Eva. Ader ist sie denn nicht ohnehin fleißig? hilft sie mir nicht treulich im Hauswesen nnd in derKüch? Toll. Für die Arbeit g'nügt der nächstbeste Trampel. — sie aber brauch' ich für meine Gäst' — Sali s,u Sva). 's wär' auch Schad', wenn ein Mädel mit so ein' lieben G'sich- terl und so einem filigranen Wachsthum ewig hintern Heerd versteckt bleiben sollt' — E v a (zu Sali). Red' Sie nicht drein, wenn Sie nicht g'fragt wird! Sali. Na, versteht sich! Weit vielleicht ich als echt's Wienerkind nicht weiß, was nothwendig ist, um so einer weltvergessenen Kneipen, wie die eurige ist, ein bissel aufz'helfen! Toll, (zu bva, auf Sali weisend). Za, sie ist vom Fach — war schon bei andern Wirthen. und hat noch jeden vorwärts gebracht, sie hat mir den Einschlag gegeben. daßich statt der Kellner, saubere Kellnerinnen halten soll. Eva. Thu', was D'willst — richt Dir's ein, wie Du's für gut befind'st — ich muß mir Alles g'fallen lassen — aber (bittend) die Marie laß' aus dem Spiel! sieh' Dir's doch an! — sie ist fast noch ein Kind, und soll eine Schenkdirn' — Sali. Was liegt d'ran? Wenn unsereins von der Pick' an dient, deswegen können wir's doch noch weiter bringen. Toll. Wenn sie sich nur erst eine Bildung aneignet. Eva. Das soll sie unter dem Volk, was da zusammkommt? Toll. Zst Dir das Volk zu schlecht? — (Mit bitterem Hohne.) Freilich! — Du bist vornehmere Bekanntschaften g'wöhnt! Eva (zuckt zusammen, senkt da- Haupt und preßt die Hand an die Brust). Toll, (für fick). Aha!—da verschlagt's ihr gleich die Red ! — (Laut und streng zu Marien.) Also schick' Dich zu deinem neuen Dienst an, und daß D'mir mit den Gästen fein manierlich bist — Höflichkeit ist die Hauptfach' — merk Dir das, Du Tollpatsch! Sali (faßt Marien an der Hand, zu Tol- linger). Ueberlaßt das Züngferl nur mir — ich werd' ihr schon Alles beibringen. was's noch nicht versteht! (Geht mit Ma- rien zu dcm Tische, an welchem dir Gäste fitzcn.) 1 * 4 Eva (will ihr ängstlich nachkilkn). Mein Kind —! Toll, (hält Eva an der Hand zurück, ltis, und eindringlich). Svllen's die Lent' erfahren, daß sie nur dein Kind ist? Eva (m!t g'prrßtrr Stimmt). Tollinger! hast Du mir nicht geschworen, daß die Vergangenheit vergessen sein soll? Toll, (w'e ob,n>. Dann laß' mich für eine bessere Zukunft sorgen. So kann'- nicht mehr fortgehen — von den paar Kreuzern, die das Volk (auf die Gäste wei. send) bei uns verzehrt, können wir nicht b'stehn — ich brauch' ein' Lockvogel für reichere Gäst, und dazu ist die Marie wie g'schaffen — das wirst heut' noch sehen! (Geht zu den Gästen.) Eva (für sich). Was hat er vor? — Schon seit ein paar Tagen kommen Leut' her, die ich sonst nie g sehen Hab' — er thut heimlich mit ihnen — wenn's auf die Marie abg'sehen wär'? —nein! nein! sie laß' ich nicht opfern, und wenn's mein Leben gelten sollt'! (Geht zu Marien, in d«. ren Näht sie fortwähr, nd bleibt.) Schartig (,u Tollioger). Sagt mir, Wirth! wißt's nicht, ob der zweite Stefansthurm nicht auch bald ausgebaut wird? Toll. Warum fraßt Ihr mich darum? Schartig. Na, ich mein' nur, weil euer Wein g'rad wieder gut g'nug zum Kalklöschen wär', wie der damals bei dem ersten Bau! (Die anderen Gäste lachen.) Toll. Ist er Euch nicht gut g'nug. so kehrt wo anders ein; mir werden heut' ohnehin Bänk und Stuhl' zu wenig werden. (Man hört vom Hintergründe h r da- Zauchzrn einer Volksmenge.) Die Gäste (aufftehend und den Kommenden entgegensetzend). Was ist dkNN los? Spanizek. Iekus! kommt e Harfenist versoffene! Toll. Za. der Augustin — der wird sich heut' bei mir produziren. Sali (mit Stolz). Weil er mich da z'treffen weiß, denn auf mich hat er schon lang ein Ang'! Dritte Scene. Vorige, Augustin, Volk. Straßenjungen. Augustin (in verwahrloster Kleidung, die Har^e aus drin Rücken, kommt vom Hintergründe rechts). Volk, Straßenjungen (folgen ihm jauchzend, rin Thril setzt sich während teS Folgenden an die Tische, die Andern bletden im Halbkreise stehen). AllgUstin (fingt). Lied. Ich mag ernsthaft nit sein. Nur die Musik — der Wein — Und noch was — ich verschluck's — Macht mir all'weil ein' Iu;! Alles, was ich verdient. Durch die Gurgel gleich rinnt, Ist der Strohsack verzett', Leg' ich mich statt in's Bett Halt im Stadtgrab'n zur Ruh. Und die Bruck'n deckt mich zu — Dann steh' ich doch kreuzfidel auf in der Fruah — Ja. 's geht einmal nicht- übern guten Hamur! Was ein echt's Kind von Wien, Ist g'rad so. wie ich bin. Fragt um d' Welthandel nit. Wann's nur Backhändel sieht, Werden Plützer ob'n g'macht. Wird herunt' d rüber g'lacht. Und wenn d' Steuern z'boch sein. Spotten's drüber beim Wein. D'rum ist's leicht zu regier'n, Wenn wir Alles verlier'» — Wir geben den Rock her, und 's Hemet dazua — Ab'r laßt nur den Wienern ihr'n guten Hamur! (Dkn Hut scbwmk» d.) Vivat! der gute Hamur soll leben! 5 Das Volk (in die Hände klatschend). Bravo! bravo! noch ein nenes G'setzel! Augustin. Za, freilich! Ihr glaubt's, a neu's G'setzel ist so leicht g'macht wie a neu's G'setz? — Dazu braucht's Inspiration! (Sali erblickend und ans sie zueilend.) O Sali! laß' mich zuerst in deinem Anblick schwelgen! Sali. Na — 's Anschauen kost nichts — schaut doch die Katz' den Bischof an! Augustin. Aber ich Hab' ja g'sagt: in deinem Anblick schwelgen! — da muß ich Dich zum An schauen und a Halbe Grinzinger zum Schwelgen haben! Also reib' mir ein' Krug Wein her! Sali. Hat Er auch Geld bei sich? Augustin. Zch — a Geld? — Niemals! Und d'ran ist der Kaiser Schuld! Sali. Was? der Kaiser? Augustin. Ja. warum laßt er keine viereckigen Münzen schlagen? — Die runden kugeln so leicht davon! Aber (g,g,n link« sehend) da kommen schon Leut', die für mich zablen werden! Sali (gkgrn link« sehend). Ah! die jungen Herren von der Universität! (Leise zu Toliingkr.) Der reiche Müllerssohn ist auch dabei! Toll, (lnse ju Sali). Was den herzieht. weiß ich! (Laut zu Marien und den Mägden) G'schwind ein Lisch gedeckt — Gläser heraus! Marie, thu' Dich um! Eva (rasck) Zch - ich will schon Alles besorgen! (Marien« Hand sagend.) Komm' nur mit mir — ich will Dich von der Gesellschaft fernhalten! (Ab mit Marieu und dcn Mägden in « Hau« ) Vierte Lcene. Vorige. Baron Fritz von Torske, Anton. Helvetius, andere Studenten (8ritz in reicher Studeutentracht. den Degen an ker Seite. Helvetius. S tu deuten in gewöhnlicher Burschentracht, Anton g^nz ärmlich ge kleidet, jedoch auch einen Schläger an der Seite, kommen von link?.) Fritz (zu den ihn folgenden Studenten) Hierher, Kollegen! wir wollen uns einmal ein absonderlich Gaudium bereiten! (Leise.) Aber vergeßt die Abrede nicht, daß Niemand hier meinen wahren Namen nenne! Helvetius (leise zu Fritz). Sorgt nicht, wir wissen, daß Ihr eine Stelle bei Ho, anstrebt, da wär't Ihr wenig empfohlen, wenn's bekannt würde, daß Zyr eure Vorstudien hier macht! (Erblickt Sali, laut.) Aber seht da! — Die Sali — ans unserer Studenteukneipe! — lZu ihr.) Warum hast Du diesen Platz verlassen? Sali. Ich Hab' g'fürcht. ich könnt' unter den gelehrten Herren gar zu g'scheidt werden. Augustin. Und sie hat eh' schon alle Fakultäten dnrchg'macht. d'rum hat sie die Universität verlassen, und dahier eine öffentliche Anstellung g'sucht. Fritz (zu den Studenten, leise). Aufm eilt e n Wunsch—sie ist mein ebarxs ä'allrnro — Zhr wißt, in welcher Angelegenheit — Anton (mN Entrüstung, für sich). Dann ist sie die Schlange in meinem Paradiese — o, ich könnt'- Helvetius (zu Sali). Du wirst doch auch hier deine alten Freunde nicht vergessen? Du Prachtmädel! (W ll sie umschlin- grn.) Augustin (rasch zwischen Sali und Htlvt- t.u« trrttnd). Hand von der Butten! Das ist die Meinige! Fritz. Ich will doch nicht hoffen, daß der Bänkelsänger es wagt, sich unter uns zu mengen? Augustin. Warum nicht? Zch bin so gut ein Musensohn als die Herren — ich als Poet — Die Studenten. Ha. ha. ha! Poet?! Helvetius. Nun, sieht man auch in seinen Versen keine Füße, so treten da- für (auf Augustin« zerriss,ne Schuhe weilend) an seinen Füßen die Fersen hervor 6 Augustin. Pah! wegen meine ver- - Fünfte Scene, schlupften Schuh? — Za wenn man wie ich den weiten Weg zur Unsterblichkeit Vorige. Eva. Mägde. geht- « . Helvetius. Ha, ha. ha! Er reflectirt Eva. Magde (kommen aus Tassen Weinflaschen sogar auf Unsterblichkeit! und Eläsrr tragend, au- dem Hanse). Augustin. Die ist mir so sicher wie beim Bücken a Semmel— Zch Hab' aLied Anton (für sich). Sie kommt nicht — dicht, das: .ODu lieberAugustin'.'sGeld ich kann noch hoffen! ist hin!* — Das Lied werden erst unseres Tollinger (streng zu Eoa). Wo ist die späten Nachkommen zu würdigen wissen!«Marie? Don mir wird vielleicht kein Beindl mehr« Eva. Sie —sie deckt drinn' in der Stu- übrig sein und die Wiener werden noch oft, den die Tisch' — Anlaß finden zu singen: »'s Geld ist hin!* Tollinger (auffahrend). Weib — ! Fritz. Trägt ihm denn sein Ingenium! (zu Tollinger). Was schadets! In auch etwas Rechtes? .derstube lst s noch traulicher — wir wol« Augustin. Hm! wohl nicht mehr so ^» hinein! . . . — m,p -Komas«' -r-trt o.'n'm läan > Ev a (für sich). Mein twegen ! was Ihr sucht.werdetZhrdoch nicht finden! (Schleicht viel wre ehemals! Jetzt pfuscht ein'm schon Alles in's Handwerk! Sonst, wenn die Leut' was G'spaßig's haben hären wollen, sein's zum Augustin gangen— jetzt aber rennen's zu den Augustinern — Sali. Was? in d'Kirchen? Helvetins. Ah! wenn der Fabelhans predigt, der witzige Pater Abraham — Augustin. Ich wollt', er wär' inAbra« fich während de- Folgendes wieder i'- Hau-.) Fritz (leise zu den Studenten). Macht Mir, daß es bald recht drüber und drunter her« geht, Helvetius (leise zu Fritz) Aha! damit niemand auf euer Thun achte — Fritz (leise). Und das Schreien einer Mädchenstimme vom allgemeinen Gebraust g'schenkt Zch kenn' meine Wiener gar nicht mehr zahl's! Die Gäste (sich erhebend und aufjubrind). Fritz. Wir find anders! Wir wollen Vivat! hoch der Bestgeber! lachen und trinken zugleich! (Zu Tollinger.)! Fritz (zu Anton). Du aber bleib' her- Wie stebt's,Tollinger? Ichhab'Zhm mei-jaußen alsSchildwach' — wenn einPedell nen Besuch ansagen lasten, — hat Er sich «der Universität fich zeigen sollte, avisir' mit Allem vorgesehen? — Mein Leib«! uns! gericht—? ' Anton (für sich). Ich — als Sch'ld- Tollinger (verschmitzt lachend). Ah—«wach? (Laut, mit schlecht verhehltem Trotzt.) versteh'! jung's Lauberl werden! sollt' bedient chon gut! schon gut! Fritz (zu Allen). So nehmt die Gläser Anton (die Hand an die Brust pressend, für und Kruge zur Hand! fich). Der eigen Vater einverstanden! — O mein Gott! Tollinger (gegen da- Hau- gewendet) Hk! Evi! — Marie! — wo bleibt'i denn? — heraus da! Helvetius. Und eine Dirne an die Brust! Die Studenten. Ja! Jeder sein ko- mininum! (Sie ziehen dir Mädchra und Diracv au- dem Volke an sich ) 7 Augustin szu Sali). Das wird heut' wieder a saub're Wirtschaft! begib dich unter meinen Schutz! tWill sie an sichziehen.) Sali (zu Augustin). Der nutzt mir was! Da sein mir die Herren schon lieber! — (Mengt sich unter di» Studenten.) Augustin. Na ja. Du hast halt all's zu viel Tugend, d'rum brauch'st mehr Schildwachen. damitDir'nichts wegkommt! Fritz. Nun laßt uns unter lustigem Gesang unfern Einzug halten !(ZuAugustiu.) Stimm' Er ein Liedel an! Augustin (eifersüchtig auf Salt blickend) Ich— singen? — ja, ich g'spür was von einer Nachtigall in mir— ich könnt' schlagen! Sali. Wenn Er nicht singen will, so thu ich's! Ich kenn' alle Studentenlieder. Die Studenten. Leg' los! wir stim- men ein! Sali (ergreift rin Glas und singt). Lied mlt Chor: (Dualis sot vita Auf der Welt, Hurr« nülü «emper Wohlgefällt? Ist'- nit das Studentenleben? It»! — vere! das ist's eben! Ehor: lta! — vers! das ist's eben! Sali: Nach dem eolls^io Sein wir juenmii, Manchma in otio Auch turilrunüi - Vivat daS Studentenlebeu! lt»! — vers! das ist's eben! Ehor: Vivat das Studentenleben rc. (Wählend des letzten k höret ziehen alle außer Anton tumulutarstch in da- Haut ab ) Anton (allein). Wach' halten? — Die Wach' rufen möcht' ich, wenn nur eine in der Näh' wär'! — Ha! wie der Baron auf dem Herweg' uns Allen seine niederträchtigen Absichten auseinander gesetzt, und geschworen hat, das liebe Kind müßt' heut' noch sein werden — wie die Andern dazu gelacht und ihm ihre Hilf' zugesagt haben! — und ich — ich könnt' nicht d'reinreden, weil sie mich sonst nicht mitgenommen hätten und ich doch dabei sein wollt', um nüthigenfalls-ja was denn? — was kann ich allein gegen die Bande richten? (Entschloss»» ) Ich hab's — die Fenster gehen gegen den Garten — ich stell' mich an eines und wie ich was Unrechtes bemerk', so schlag' ich alle Scheiben ein und schrei: Feuer! Feuer! daß d'ganzeNachbarschaft zusammenlauft! (Will gegen die Gartrnthür.) Sechste Scene. Marie. Anton. Marie (rin Tuch um Haupt und Brust ge» schlungeo. kommt eilig aut dem Nebengärtchrn). Anton (in freudiger Ueberraschung aus- schreiend). O MtlN Gott! Marie (bleibt erschreckt stchrn). Was ist—? (Verschämt die Augen zu Boden schlagend.) Ihr seid da? Anton (hastig). Zu Ihrem Schutz'. Jungfer! gewiß — nur zu Ihrem Schutz'! Marie (verwundert). Vor was soll ich denn geschürt werden? —Die Mutter hat auch so ängstlich gethan — hat mir nur in der Eil' das Tuch umgeworfen — mich Hegen den Garten gedrängt und gesagt: ich soll zur alten Margareth hinübergeh'u und dort bleiben, bis sie mich holt — Anton. Gott lohn' das Ihrer Mutter! sie ist also doch noch brav. Marie. Ja. sind denn die Andern schlecht? Anton. Einer wenigstens ist darunter — Einer — ein wahrer Räuber, der'ö auf Sie abgesehen hat! Marie. Auf mich? (Lächelnd.) Was sollt' er mir denn rauben wollen? — Ich Hab' ,a nichts! Anton (für sich). O unschuldiges Kind! )ch weiß nicht, wie ich ihr s erklären soll? 8 tL-iut.) Wohl Ihr. daß Sie die Gefahr! Wolken oder zwei volle Herzen einander nicht kennt — aber sie 'ist da. die Gefahr!begegnen, laß beide sich entladen, laß sie in bei Gott! sie ist da! —Jungfer, will feurigen Blitzen sich mit einand verständi- gen — dann athmet die ganze Natur wieder frei auf und der klare Gotteshimmel zeigt sich! — Marie! Mein Herz bricht zuerst das Schweigen und zeigt in Flammenschrift die Wort': Ich lieb' — ich lieb Dich! (Stürzt vor ihr in die Knie.) Marie (erschreckt und sich ängstlich umsehrnd). laut, daß es Sie mir vertrauen? Marie (ihn treuherzig anblickend). Ja — Ihr habt etwas Grundehrliches in eurem Gesicht und ich Hab' Euch immer gern gehört, wenn Ihr an Sonntagen^in unfern Hof gekommen seid und so schöne fromme Lieder gesungen hab t. Anton (beschämt). Oh, daß ich das Mein Gott! Ihr schreir so muß! daß ich Ihr nur als ein armer! völlig wiederhallt! Bettelstudent bekannt bin, der sich so sein , Anton. O, laß mein Wort in deinem Stück Brod zu verdienen gezwungen ist. Herzen sein Echo finden! Marie! sag mir: Marie. Glaubt nicht, daß Euch das in'Ich bin Dir gut — ich kann Dich wieder meinen Augen schad't; meine Mutter hat! lieben! mir gesagt, daß die Studenten, die sich ihr, Marie (mit hervorbrechendem Gefühle). Ich Brod erbetteln, oft mehr werth sind!—ich soll das — sagen? und es weiter bringen, als die. die sich! Anton (beseligt aufspringend). Der Blitz Braten und Wein kaufen können. -strahlt früher als der Donner spricht, — Anton. Sie hat Recht und ich wollt'> so sagt's dein Aug' — wenn auch dein auch nicht klagen, — aber— '(etwas »ögernd) Mund noch nicht! (Dill sie an seine Brust der Mensch lebt nicht vom Brod allein—Ziehen.) Marie (fromm). Sondern vom Wort. Marie (sich ihm rasch entzieh,nb). Waö Gottes, sagt der Herr Pfarrer. > thut Ihr, wenn die Mutter— (sieht sich äagst. Anton (sturiaer). Und vom Wort Verglich um — g,gen link« blickend, erschreckt) und Liebe — denn das ist auch ein Gottes- von dorther kommen Leut' — wort! ! Anton. Niemand soll noch um unser Marie (fast ,rschr,ckt). Der — Lieb?'. sGeheimniß wissen! (Gegen dm Hintergrund Anton (wir oben). WasDu den Armen > recht- weisend.) Dorthin —! gibst, das gibst Du Gott — Marie. Ich soll — mit Euch allein ? Marie. Ja, das sagt der Herr Pfar-' Anton (feierlich betdeuernd). Und mit rer auch. ! deinem Schutzgeist, den keines meiner Anton. Wenn Sie also Ihr Herz Worte verscheuchen soll, das schwör' ich einem Armen schenkt, so hat Sie's auch Dir!— komm'— komm! Schäm'Dich Gott geweiht! ° nicht mit. dem Bettelstudenten zu gehen, Marie (verwirrt). Das — das hat der denn (ihren Arm in den seinen legend) Arm in Herr Pfarrer nicht gesagt! — Mein Arm mit Dir ist er ja der reichste Mann Herz —? (Drückt die Hand an-Herz, dann, sich von ganz Wien! (Eilt mit ihr nach dem H.ll- abwendend, für sich.) Ich weiß nicht,'s ist g'rad ^ergründe rrcht- ab.) als ob mein Herz g'hört hätt', daß von ihm g'redt wird — es hat ordentlich gezuckt'? Siebente Scene. !7^!7G'h"d°chf'^-m°ch.'':7rri7 P-"-r Abraham. Fra..r «aikn». einmal so bang! Abraham (ein Mann von imponirendrr Ge. Anton. Das ist die Gewitterschwüle, italt. erscheint in Nachdenken versunken im Hin« die immer intritt, wenn zwei recht schwere k rgrunde links und will gegen rechts zugehrn). 9 Laikus (,in kräftig glbautrr Mann, naht an fünfzig Jahre alt, schrritrt tlnigr Schritte hin- t.r Abraham, crblickt das WirthShau-schild und rnst:) Hochwürden, Herr Doctor! Abraham (sich«, blnbtnd). Keine Faxen! wenn Du mich Hochwürden nennst nnd ich diesen Titel wirklich verdien', kannst Dir den »Doctor* ersparen! Laikus. Ihr seid aber doch erst kürzlich zum wirklichen Doctor worden — Abraham (während des Gespräches mehr vorwärts kommend). Bin ich deshalb mehr als vordem ? Das Häfen (auf die Stirn de», teud) muß voll sein, der Doctorshut ist nur der Deckel d'rauf; aber wie oft wird der Deckel auch auf leere Topf' gesetzt, nur damit die Leut' glauben sollen, 's wär was d'rinn. — Also fort mit dem Schnickschnack von Titulaturen! — Aber warum hast mich angerufen? geholfen, den Kuischuk Mahomed ans Neutra hinauszuschlagen, nun avancir' ich bereits gegen den Fünfziger hinauf — da dacht' ich denn: Willst auch einmal ein gemächlich' Leben führen, und deinen Leih pflegen, so Hab' ich mich denn vor der Hand» als Frater afsentiren lasten. Abraham (unwillig». Da hat man's^ das sind die Motiv', warum solche Leut* graduirt Priester werden wollen, und doch gilt ihnen der ^8iuoä6N3 noch immer mehr als der Oeu8, glauben Kuttenbcrg lag' in der Nähe von Magdburg, denken mehr an eine Eilli statt an's Cilicium, sängen lieber Uzmenaeum statt Hymnen, und nichts ist ihnen so bitter, als der Presbyter. weil sie keinen Beruf, keine Dotation haben! Laikus. Na. zürnt uicht, Pater! ich dacht', Euch könne man schon so was anvertrauen, denn Zhr selber seid ja auch Laikus. Wir haben einen tüchtigen ^ ganz anders, als wie sich männiglich einen Marsch gemacht, zu Fuß nach Mariabrunn Priester vorstellt, und wieder zurück — da Hab' ich Euch nur^ Abraham (die Arme verschlingend). Und auf das Schäntschild aufmerksam machen j wie. aä exemplum — wie stellst Du Dir wollen — ich mein', ein kleiner Labe-leinen Priester eigentlich vor? trunk- j Laikus. Nun. als einen frommen, stil- Abraham (lachend). Man merkt's, daß len Mann, der, nnr um seinemGott zu die- Novize Laikus den Soldatenwams noch nen, sich von aller Welt zurückgezogen nit lang mit der Mönchskutten vertauscht hat — Kat! Hast Dich wohl auch als Landsknecht Abraham. Von aller Welt zurückge- mehr nach Krügen als nach Kriegen zogen?! Ja, wie soll er denn dann auf gesehnt? die Welt einwirken? Kennen muß der Laikus. Da thut Ihr mir Unrecht.; Bauer sein Feld, wenn er es richtig be- Pater Abraham! Das Raufen hat mir!stellen soll; kennen muß der Feldherr den schon auch viel Lust gewährt, und das! Keind mit seinen Schwächen und Stärken, jus emwnieum in den Schlachten hat wenn er ihn besiegen soll; kennen muß mir schier besser gefallen, als das im theo- der Arzt die Krankheit, wenn er's heilen logischen Eollegio. ^soll; und der Priester, der auch ein Bauer Abraham Warum bist alsdann nit!ist, dieweil er die Herzenssaat bestellen blieben, was d' warst, und in s Kloster soll; der auch ein Arzt ist, dieweil er die gangen? ' Zeel' heilen soll; der auch ein Feldherr Laikus. Je nun. Pater! Ich Hab' mich ist. dieweil er den Teufel mit all' seinen strapezirt genug, bin schon als Bub der Schaaren besiegen soll, der soll die Welt Trommel nachgelaufen, Hab' noch ein Stück nit kennen? — G rad der Geistliche muß vom dreißigjährigen Krieg mitgemacht, mehr als irgend ein Anderer mit und in dann demFeldzeugmeisterGrafenSonchec>,der Welt leben, wenn er was Rechtes Itt ausrichten soll, und dessentwegen Hab' ich, wie ich die Kutten angelegt Hab', mir auch nit gelobt, der Welt zu entsagen, sondern erst recht hinauszutreten in die Welt, und auch hinauszuschreien, ja, wenn's gilt, hinauszudonnern, was ich Alles gegen die Welt am Herzen Hab' — und ich mein', so dien' ich meinem Herrgott besser, als wenn ich Tag und Nacht hinter Schloß und Riegel mich mit ihm allein unterhalt'! Laikus. Die Ansicht leuchtet mir ganz ein! Wiss't Ihr aber, wo man Welt und Nolk am besten studiren kann? Glaubt mir, nirgends besser als in einem Wirths- Haus! Abraham. Ha, ha, ha! Als ob ich's dort nit studirt hält'! — War doch mein Pater selber ein Wirth draußen imSchwa- benland; ich Hab' mich als Bub genug herumtummeln müssen in der Schenk« stuben — na, und später, als Student in Ingolstadt, Hab' ich manchen Comerce mit« gemacht, und gelernt, wie man die Menschen zu behandeln hat. wenn's auch im Dusel schon bald aufhören Menschen zu sein! (Man hört au- dem Hause da- Vetobe der trunkenen Menge.) Laikus. Hollah! Mir scheint, da drinnen halten sie auch schon die Metten von Weihnachten! (Die Thüre de« Hause- öffnet sich.) Seht nur, lauterLrunkene, die kaum stehen können! Abraham. Da muß man ihnen die Hand bieten, daß sie den rechten Weg nach Haus finden. Laikus. Das wollt Ihr? Nun. wenn Ihr das zu Stand' bringt, seid Ihr ei». Wundermann! Abraham. Laß mich nur den rechten Moment abpassen! (Tritt mitLaiku- mehr in den Hintergrund.) Achte Scene. Vorige, Schartig. Spanizek, Leh- mann, dann anderes Volk. Lpanizek (stark brnebrit taumelt au- dem Haust) (Schartig. Lehmann, andere NLstefolgen ihm.) Spanizek. Da leid' ich nicht—da duld' ich nit! Satrazene! Schlag' ich d rein! Lehmann (auch nicht mehr nüchtern). Tischler! Wenn's schon ein' Rausch habt's. so seid's g'scheit! Schartig. Kommt's zu Euch! Spanizek. Zu mir? Hab' ich ni; zu thun bei mir! Bleib' ich da! Aber (drohend) wer mir nochmal schimpft auf Landsmann böhmische, schlag' ich Kup ein! (Ergreift einen Stuhl.) Schartig, Lehmann, (andere) Gäste (fallen ihm in dir Arme und ringen mit ihm) Ruhig! Nieder mit dem Stuhl! Abraham (tritt vor. ganz gutmüthig) He, Leut'! Was gibt's denn? Spanizek (riuhaltend). Geistlicher Herr—! Abraham. Was wollt Ihr den noch schlagen? — Mir scheint, es hat ohnehin Jeder von Euch schon seinen Hieb! Spanizek (zu den Andern). Mir scheint, stichelt e! Schartig (trotzig zu Abraham). Was ist's weiter? Wir haben ein paar Krug' trunken — ist das vielleicht eine Sund ? Abraham (ganz ruhig). Nein, sünd' ist's eben nicht. Es steht in der Schrift: »Vinum luetitieat cor tiominw* zu deutsch: »Der Wein gibt ein fröhlich' Ge- müth*. aber mit Manier muß er getrunken werden. Laikus. Ja. seht, ungefähr so! (Ergreift einen der am l«sche ftrh.nden Krüge, und trinkt, dann für sich.) Ah! Das hat wohlgethan! » Abraham (,n len Bürg rn). tlnd dann muß man die Weine kennen, damit man weiß, wann's zu viel ist. Nußdorfer trinken ist schon erlaubt, wenn man aber beim Nlchdorfer zum Nußaustheilen kommt, ist's zu viel! — Brunner trinken mit guten Freunden ist nit unlöblich, wenn aber der Kopf zu einem Krug wird, der zum Brunn geht, bis er bricht, ist's zu viel ; Maurer trinken ist Gott nit zuwl« II der, wenn aber Einer vor lauter Maurer andre Mauer fallt, ist's zu viel! — Petersdorfertrinken ist nit wider das Gebot, wenn aber Einen der Petersdor- fer so hinter's Ohr schlagt, wie St. Peter dem Malchus, so ist's zu viel! — Und das — das wär' bei Euch bald geschehen! (Die Bürger haben zuerst stutzend, dann mit steigender Aufmerksamkeit und Heiterk.it zugehört, zuletzt zu einander sprechend ) Lehmann. Das ist ein lieber Herr! Schartig. Er red't doch mit Sach- kenntniß! Spanizek. Und droht e nit glei mit Höll' und Teubel! Abraham. Jetzt sagt mir aber, um was ist denn eigentlich der Streit Hergängen? Spanizek. Ah! Spotten's alleweil, daß ich bin Böhm, und da leid' ich nit! Abraham «fast mitleidig). Streiten wegen dem, wo Einer geboren ist! — Kinder! Denkt doch, Ihr seid Alle Landsleut' — noch dazu Alle aus einer Vorstadt von Wien geboren. Die Bürger (erstaunt und näher zu ihm tretend). Was? — Wir Alle— aus einer Vorstadt? Abraham. Za wohl! Aus was hat Gott den Menschen gemacht? — Aus Laim! Also sein wir alle von der Laimgruben! Die Bürger (lachen laut aus). Ha, ha, ha! Bravo! (Zzlotschen in die Hände.) Anderes Volk (kommt nach und nach au« der Schenke). Was gibt's dtNN da? (Umstellen Abraham von allen Seite".) Abraham. Ja. der erste Hafnermeister war der liebe Herrgott selber, und die Menschen sein d' Topf', die alle aus gleichem Thon gemacht find. Lehmann. Sein aber doch nit Alle gleich! 's ist ein gewaltiger Unterschied zwischen Hoch und Nieder! Abraham. Das wohl, aber darauf kommt s nit an. sondern auf das, zu was so ein Topf nutz ist. Es steht manches fein glasirte Häferl oben auf einer hohen Stellage — springt aber, wenn man 's an s Feuer setzt; d'rum ist mir das rußige Häferl, in dem meine Suppe kocht, mehr werth, wenn 's auch unten im Herdgrübel steht, und so könnt' Ihr Bürger und Handwerker in euren rußigen Schürzen auch mehr werth sein, als manche vornehme Nichtsthuer in ihren goldgestickten Wämsern. Die Bürger (sich fühlend untereinander). Das ist a Red'! — Hört's zu! Hört's zu! Abraham. Ja. Ihr könu't — Ihr soll t stolz sein auf euer Handwerk, denn das Handwerk ist älter als der älteste Adel. Schon der Adam war ein Schneider. denn er hat seiner Frau Liebsten die nothwendigste Garderobe selber fabricirt — das Steinin eh Handwerk hat Gott selber betrieben, wie er auf dein Berg Sinai die zehn Gebot' in Stein gemeißelt hat — und (zu Cpanizrk gewendet) was soll ich erst zum Tischler sagen? Er mocht der Menschheit Anfang und End' — die Wiege und den Sarg — er macht den Beicht- und Predigerstuhl, und von wem stammt der Tisch des Herrn, als von einem Tischler? Spanizek (b:S zu Thränen gerührt) O ZekuS! is e schöne Red! — Stußt mir fast Herz ab! Abraham. Und so könnt' ich Euch noch hundert Handwerk nennen, aber (sich absichtlich unterbrechend, und seine immer zunehmende Zuhörerzakl mit prüfendem Blicke. betrachtend) ich halt' Euch auf vom Trinken! (Stellt sich, al- ob er fortgrhen wollte.) Spartig, Lehmann (Abrahams beide Hände ergreifend). Nein, Hochwürden! bleibt! Das Volk (ihn umringend). Redet weiter! Wir bitten! Die mehr rückwärts Stehenden. Steigt auf einen Stuhl, damit wir Euch sehen. Abraham (durch das Andrängen gezwungen, steigt ans einen Stuhl, mit plötzlih geän- 12 drrtem Tone). Wer weiß, ob Euch meine weitere Red' auch behagt? (Immer f. uriger.) Ja, das Handwerk ist ehrwürdig, aber nit jeder Handwerker ist der Ehr' würdig Der Burgerstand ist die Stütze von Staat und Thron, aber nit der Burger, der selber wackelt! Die Bürger (stutz nd). Was ist das? — Wqs meint er? » Abraham. Ja. es gibt in Wien Handwerker, die das Wort »Leben* verkehrt lesen, da heißt 's dann: »Nebel*. Es gibt Burger, die schon bei helllichtem Tag seind, wie der Himmel bei Nacht, nämlich sternvoll. Schuster, welche die Kneipe lieber haben, als den Kneip; Schneider, die. statt Stiche zu machen, immer einen Stich haben; Steinmetze, die statt Steinen ihr Geld verhauen; Schmiede, die selten bei der Esse, aber immer beim Trinken seind; Hafner, die viel leere Krüg' machen, aber nur im Wirthshaus; Schwertfeger, die glauben, sie brauchen nichts zu arbeiten, weil s' ohnehin alle Tag' mit einem Sabel nach Haus' kom- men! Und was treiben die Alle für ein Geschäft? Das Seilergeschäft, weil ihr Geschäft immer rückwärts geht, und was wird aus ihren Kindern? — Nichts Gutes, denn wenn der Alte immer im Sumpf steckt und »Qua! Qua!* schreit, können die Jungen nit singen wie die Kanarien! (Hält etwa- erschöpft MN'.) Nennte Scene. Vorige, Augustin. Augustin (tritt au- der Schenk-, für sich) Warum wird denn die Wirthsstuben so leer? (Erblickt Abraham.) Alle Teuxel! Der Pater Abraham! Abraham (wikdrr fortfahrend). Ja. s gibt solche, sag' ich — aber unter Euch Allen ist kein solcher! — Ich sag's — ich behaupt's: kein Einziger! Ihr Alle seid ehrsame Leut' — gute Familienväter! - Wer mich Lügen strafen will, der geh' wieder hinein in die Schenk', — wer aber mir Recht gibt, der geht jetzt ruhig nach Haus zu Weib und Kind und nimmt meinen Segen mit — Amen! (steigt herab) Span izek (sich aufrichtend). Ja — ich gib ich Euch Recht! geh' ich auf zu Haus — zu Mamischka! (Seht stol, ab.) Schartig (zu den Urbrigen). Und wir — bleiben wir vielleicht da? Lehmann. Nein! wir sein Alle ehrsame Burger! Mehrere Andere. Ja — gehen wir — gehen wir! (Die Mützen und Hüte abjit, hend. ,u Abraham.) Vergelt's Gott, Hoch- würden! (Alle gehen fort, nachdem einigt von ihnen Abra- Ham- Hände geküßt haben.) Augustin (für sich). Ah. da muß ich bitten! Der red't uns die Leut' ab — das steck' ich dem Wirth — wir verklagen ihn beim Magistrat als Gewerbstörer. (Ab in« yauS.) Abraham (mit Befriedigung um sich bückend). Na — was Hab' ich gesagt? — Siehst, so muß man das Volk zu packen wissen. Laikus. Ihr lockt die Leute zuerst mit Späßen — Abraham. Und wenn sie an dem Zucker geleckt haben, verschlucken sie auch die bittere Pille, die sie kurirt. Die Leute nennen mich den lustigen Fabelhans — sie wissen nit. wie ernsthaft mir inwendig g'rad dann ist. wenn ich auswendig ungeheuer spaßig erschein'! — Aber ich Hab' mir die Kehle trocken gered't. — Sieh, ob Du nit ein Glas Wasser bekommst. (Setzt sich.) Laikus. Soaleich! (-ür fich ) Jch werd' an der Küchenthür vorsprechen, vielleicht erbettel ich auch einen Krug Wein, («b, hinter da- Hau-.) Mau hört vom Hause her erneuten Tumult der Studenten, dazwischen kreischende Wribrrstimmen) Abraham. Der Augiassttall ist noch nit leer! 13 Zehnte Scene. Abraham. Eva. Eva (mit in Uniirdnung grbrachltn Klkidrrn Nürjt auS dem Haus,) Ich halt's nicht aus! Mein eigner M NN schützt mich nicht vor Ungezogenheiten! Abraham (strht auf und tr.tt ihr rntgegra). Ei Weiberl! was ist's denn? Eva (blickt überrascht ju ihm aus — scheint sich rrst nach und nach sciuer zu entsinnen, fährt mit der Hand über Augen und Ltirne — danu aufschreiend). Gott im Himmel! sth' ich denn recht? — Ihr?! Abraham (sie scher anblickend). Wie ist mir denn? — die Augen — Hab' ich sie nit schon besehen — wie ein paar Lichter, die über einem Abgrund schweben? Eva (in die Knie finkend und beide Händc vor die Augen dinckend). Ja — mein eignes Herz war der Abgrund und meine Augen können nur von dem Feuer der Hüll' ge- leuchtet haben, der ich verfallen war, wenn nicht Ihr mich gerettet hättet. Abraham (sich nun vollends besinnend, über» rascht). Eva! Eva. Ihr erkennt mich noch? Abraham. Ja — ja — steh' auf! (Faßt ihre Hand, zirdt sie in die Höhe und blickt sie mitleidsvoll an.) Du selber bist mehr verblaßt, als die Erinnerung an den schönen Gottesmorgen, an dem ich Dich zum ersten Mal' getroffen Hab'. — Es war vor 14 Jahren — draußen in meinem lieben Mariabrunn. — Ich halt', zum Priester geweiht, meine erste Meß' gelesen und meinen ersten Segen gespendet» mein Herz war so mächtig gehoben, daß es mich nach der Kirchenfeier hinausgedrangt hat in den grünen Wald; es war mir. als ob die ganze Welt in einer freudig feierlichen Sonntagsstimmung wär' — wie ich aber so in stiller Andacht hinschreit' — dringt auf einmal ein greller Mißton in mein Ohr — ich theil' das Gebüsch' — und vor mir — am Rand eine- Abhanges steht — mit aufgelöstem Haar' — die Augen stier zuA Himmel richtend, als ob sie auch gegen ihn einen Fluch schleudern wollt' — eine weibliche Gestalt — mit beiden Händen ein schreiendes Kind haltend — im Begriff' dasselbe — Eva (vkrnichttt). Haltet ein! um Gottes willen! haltet ein! Abraham (sich zu ihr wlndrad und ihre Hand fassend). Du warst es — Du — die unglückselige Mutter — Eva. Die Ihr gehindert habt, ihr eigenes Kind in wilder Verzweiflung zu morden. Abraham. Ich Hab' Dich zurückge- riffen — dein starrer Schmerz hat wieder Thränen und Wort' gefunden und so — bist Du mein erstes Beichtkind geworden. Eva. Ich Hab' Euch bekannt, daß ein fremder Edelmann, der öfter zur Jagd hinausgekommen war. mich, die Tochter eines armen Waldhüters, zuerst durch Schmeichelwort' und dann durch einen vor dem Bilde der Gnadenmutter geschwor'nen Eid, daß er mich zu seinem Weib nehmen will, bethört hatt' — wie ich ihm aber die Folgen meines Fehltritt's entdeckt Hab' — ist er verschwunden und nie mehr zurückgekehrt! — Wohl Hab' ich !rost und Vergebung gesucht in der Kirch' und im Beichtstuhl — aber hart und streng hat mich der Pfarrer angelassen und mir die Lossprechung verweigert, wenn ich nicht zuerst die strengen Kirchenstrafen verbüßt hätt' — Abraham (düster da» Haupt wiegeod). Ja — ja — so sind leider manche Seelen- hirten — sie bedenken nit, daß gerade der Beichtstuhl auS weichem Holz geschnitzt sein soll und daß man ein verirrtes Schaf nit zurückbringt, wenn man ihm mit dem Dornenstecken in der Hand und »Webe! Wehe!" schreiend nachlauft. Eva. Und die Kirchenstraf'! — Ich hab's ja einmal gesehen, wie so ein armes gefallenes Mädel, mit dem Strohkranz auf dem Kopf und der brennenden Kerzen in der Hand vor der Kirchenthür hat stehen 14 muffen, so lang die Mess gedauert hat und sich nicht rühren dürft, wenn auch die Kerzen schon fast ihre Hand verbrannt hat — wie die alten Leut' vor ihr das Kreuz geschlagen und die jungen sie verhöhnt haben — und die Schand' sollt' ich mir anthun — sollt' ich mein' alten Vater erleben lassen? — Nein — nein! Ich Hab's nicht über mich gebracht — ich bin fort aus meinem Vaterhaus — in einer verlassenen Holzschlägerhütten Hab' ich meine Stund' abgewart' — und, wie das Kind, die Ursach^von meinem namenlosen Unglück schreiend Nahrung verlangt hat, die ich, selber halb verhungert,, ihm nicht reichen tonnt' — da bin ich fast wahnsinnig worden! — Mein Beichtvater hat mir gesagt gehabt, daß ich — daß mein Kind verdammt seien für ewig — nun, was sollen die Verdammten — Ausgestoßenen noch auf der Welt? Hin, wo sie hin gehören — in den Abgrund — zuerst das Kind und dann — ich selber! — Aber (wieder aufltbend) Gott hat mich doch nicht aufgegeben, denn er hat mir io dem schrecklichen Augenblick' — Euch zugesandt! (Er. saßt Abraham- Hand und bedeckt sie mit Küssen ) Abraham. Ich Hab' deine Reue gese- hen und Dir vergeben im Namen dessen, der da gesagt hat: »Wer unter Euch frei von Sünden ist, der werf' den ersten Stein auf sie!* — aber ich Hab' Dir befohlen, in das Haus deines Vaters zurückzukehren — Eva. Das Hab' ich gcthan — aber — der Schmerz um mich hat ihm das Herz gebrochen — ich bin allein und hilflos ge- standen mit meinem Kind'; — da hat sich mir mein jetziger Mann genähert — er hat versprochen, für mein Kind zu sorgen, wenn ich ihn zum Mann nehmen und mit ihm«aus der dortigen Gegend fort wollt' — Ich Hab' nachgegeben — wir find daher nach Wien und er hat sich hier die Schenk' eingericht' — Abraham (mit Abscheu). Die Schenk'? — die verrufenste der ganzen Stadt — da — da bist Du die Herbergsmutter?! (Wkudet sich von ihr ab.) Ellfte Scene. Vorige. Augustin. Tollinger. (Augustin, Tollinger erscheinen uotcr der halbge« öffneten Thür de- Hause-.) Augustin (leise). Seh't selber! Tollinger (sieht heraus, leist). Mein Weib — bei ihm?! (Winkt Augustin zu schwel, gen und bleibt, von der Thür gedeckt, horchen) stehen.) Eva. Was könnt' ich dagegen thun? der Tollinger ist mein Mann — und ich mußt' bei ihm bleiben. Abraham. Aber das Kind — Eva! Du hast mir damals versprechen müssen, es zu einem guten, gottgefälligen Wesen !zu erziehen — Augustin (leise zu Tollinger) Was red't er von ein' Kind? Tollinger (leise). Still'! still'! Abraham (zu Eva in strengnem Ton.). Ich forder' jetzt von Dir Rechenschaft über eine Menschenseel' — sag' — was ist aus dem Kind' geworden? Eva. Es lebt noch — und ist da bei uns. Abraham. Dahier? — dahier? Oh. dann wär' es ihm vielleicht besser gewesen! wenn es Gott als unschuldiges Kind zu sich berufen hätt'! Eva. Beurtheilt das Weib nicht nach dem Mann' — ja, wenn's nach seinem Willen ging' — dann — oh! Ihr ahnt nicht, was Ser Elende zu thun im Stand' wär! Tollinger (stürmt wütdend hervor, zu Eva). Was ich zu thun im Stand' bin, das sollst Du spuren! (Hebt die Hand zum Schlage auf.) (Eva schreit erschreckt laut aus und flüchtet aus Abraham- andere Leite.) Abraham (gebieterisch zu Tollinger). Haltet ein! Der Schlag, den ein Mann seinem Weib'versetzt, trifft seine eig'ne Ehr! Iü Tollinger. Ich brauch' eure Predigten und eure guten Lehren nicht! Was hab't Ihr Euch in mein Hauswesen zu mengen? was geht Euch mein Weib und Kind an? Abraham. Zst's Euer Kind? Tollinger. So? sie hat Euch also selber verrathen —? Augustin. Hi, hi. hi! was der hoch- würdige Herr wohl schon längst g'wußt hat! (Zu Tollinger.) Euer Weib ist eine Mariabrunnerin — und der Pater war zu der Zeit als Noviz' auch in Maria« brunn — ist eine recht schöne Gegend in Mariabrunn! Tollinger (sür sich). Die Auslegung kommt mir just recht! (Laut zn Abraham.) Pater! Ihr seht, wie ich — wie die Welt eure zärtliche Fürsorg'deuten könnt' — Ihr thut also bester, wenn Ihr nach dem Mädel keine weitere Nachfrag' stellt — Abraham. Was kümmert mich das Gered' der Welt? (Zu tzva.» Ich wieder« hol' meine Frag': Weib! sag' aufrichtig, als ob Du vor dem Richterstuhl' Gottes ständ'st: hast Du gethan. was ich Dir als einzige Sübne deines Vergehens anfer« legt Hab? hast Du — trotz Allem und Allem — das Herz deines Kindes rein erhalten? Eva. Ja — ja! Ich bab' sie gehütet wie meinen Augapfel — sie ist Jungfrau geworden — aber ein Kind geblieben im Herzen — dafür verpfänd' ich mein See« lenheil! (Man hört vom Hintergründe rech«- her laute Stimmen der Studenten und dos Veklirre zusam« menschlagender -Magen.) Alle (wenden sich überrascht um). Was ist los? Zwölfte Lcene. Vorige, Fritz. Anton, Marie. Studenten, Sali. Mägde, HelvetiuS. Anton (mit dem linken Arm Marien umschlungen haltend, in der rechten Hand den Schläger, mit dem er sich gegen die blanke Klinge Fritzen- vrrtheidigt, kömmt vom Hintergründe recht-). Fritz (vom Wein erhitzt, während de- Kampfe-). Laß' die Dirne los, oder bei Gott! — ^ Eva (Marien erblickend, aufschreieud). ? Um Gotteswillen! Marie! t §> Marie (reißt sich loS, und stürzt zu ^ Sva'S Küßen nieder). Verzeih' mir, Mutter! (Hrlvetiu-, die übrigen Studenten, Sali, die Mägde eilen au- dem Hause heraus.) Die Studenten. Was geht da vor? Auseinander! (Treten zwischen Fritz und Anton.) Helvetius (zu Fritz). Versorgt euern Degen, er darf sich nicht mit einem bürgerlichen kreuzen! .Fritz. Haft Recht! (Steckt den Degen rin.) Für solch Pack gibt's nur die Peitsche! Tollinger. Aber was hat's denn gegeben ? Fritz (zu Tollinger vortreteud) Ah! ist er auch da — Galgentrottel! wofür Hab' ich ihm gestern die zehn Dukaten gegeben? Eisenbart (leise zu Fritz). Schweigt doch! Fritz. Nichts da! — Alle sollen's erfahren. damit sie mir helfen, eure Barake zu demöliren! Die Studenten (stürmisch). Halloh! da sind wir dabei! Helvetius (zu Fritz). Sagt nur, was hat er denn verbrochen? Fritz (zu den Studenten). Ich und er (auf Tollinger weisend) wurden handtlei'ns, daß das niedliche Mädel dort heute nur mir den Wein kredenzen sollt' — meine Hebe sollt' sie sein. — Eva (entsetzt, zieht Marien zu sich empor und umklammert sie mit ihren Armen). Schändlich ! — Niederträchtig! Fritz. Zndeß läßt sie sich in der Stube gar nicht sehen — ich such' sie ans — und treff' sie hinter dem Gartenzaune kosend mit dem Hungerleider! (Auf Anton weisend.) 16 Eva. Marie! — was höre ich? Tollinger (zu Eva). Ha. ha, ha! zu so einem Früchtel hast Du die Dirn' erzogen? Fritz (zu Tollinger). Das Weib geht mich nichts an — mit ihr Hab' ich nichts abgemacht — Er soll mir büßen! (Zu den Studenten.) In Trümmer mit Allem, was im Hause ist! Augustin (Sali au sich ziehend). Halt' Dich an mich, sonst wirst zerbröselt! DieStudenten. Hurrah! darauf und daran! (Einigt wollen gegen da- Hau-, andere werfen die Krüge auf dir Erde, schlagen den Elüh. len dir Füße ab u. s. w )' Tollinger ldie Tumultuirendru über- schreiend). Haltet ein! I ch — ich selber will Gericht halten in mein'Haus, und (zu Fnn) Ihr sollt zufrieden sein mit mein' Urtheil. Fritz. Waswollt Ihr? (Zuden Studenten.) Laßt ab! Die Studenten (halten tune). Tollinger (zu Marien, strenge). Herda zu mir! Maria (ängstlich zu Eva). Mutter! um Gotteswillen, schütz' mich! Abraham. Das arme Weib kann sich selbst Nicht schützen; doch (Marien« Hand fassend) ich will deine Schutzwehr sein! Tollinger. Wollen sehen, ob die Mauer sich nicht stürmen laßt? (Zu d,n Studenten.) Hört! — die Dirn' — sie ist nicht meine Tochter. — Anton. ! NH* eure Tochter? Tollinger. Ich Hab' sie nur aus Barm» Herzigkeit auferzogen. — weil sie aber jetzt, statt mir dankbar z'sein — nur Unglück in mein Haus bringt, so jag'ich sie hinaus! Nehm' sie mit sich, wer will! Eva (aufschretend). Tollinger! Fritz- Ich Hab' mir das erste Anrecht erworben! (Will aus Marie zu.) Anton (springt neben Abraham und hält Fritz seinen Schläger entgegen). Nicht einen Schritt näher, wenn Ihr nicht das Eisen in den Leib haben wollt! Fritz (zu den anderen Studenten). Schasst mir den Betteljungen aus dem Weg! Einige Studenten (fassen Anton an bei. den Armen). Fritz (,n Abraham). Und jetzt gebt auch Ihr das Mädel frei! — Aus dem Wege! Abraham. Ihr seid trunken, und ich bin kein Heu wagen, daß ich einem Wein» wagen ausweichen sollt'! Fritz (wütb.nd). Ha, glaubt Ihr die Kutte schütze Euch? (Zu den Studenten ) Eo> militones! Lupft den Mönch! DieStudenten. Ja, fort mit ihm! (Tollen gegen Abraham.) Dreizehnte Leen*. Vorige — LaikuS. Laikus (eilt in demselben Augenblicke, km große- Schinkenbeia in der Hand haltend, andern Hause). Kreuzschwerenoth— der Pater in Gefahr? (Stäubt.mit d,«n Schinkrnbeine nach recht- und link« Hiebe au-theilrud, die Studenten auseinander.) Die Studenten (schmerzlich aufschrriendj Weh! mein Kopf! meine Nase! Laikus. Ha. ha, ha! das Schinkenbein, das ich erbeutet, thut so gute Dienst' wie Samsons Eselskinnbacken! Fritz (schnaubend zu Abraham). So will ich mit der blanken Waffe — (Zieht den Degen.) Abraham (nimmt rasch den Schläger «Ulk Anton» Hand^und deckt sich kunstgerecht rmt demselben). Nur heran! Fritz («acht einen Ausfall). Abraham*.(varirt und desarm rt Fritz, st daß dessen Degen weit wegfliegt). Fritz (beschämt). Desarmirt! Abraham (heiter). Ha! ich Hab' auf dcr Ingolstädter Hochschul' nit umsonst den Fechtboden besucht. HelvetiuS. Bei Gott! er ist ein tüch' tiger Fechter! Augustin. Natürlich^— als Bettel' mönch! 17 Fritz (zu Abraham). Ich bin in eurer Gewalt — stoßt mich nieder! Abraham. Seid ruhig! Dertheidi- gen darf sich ein Priester, doch Mord soll nie sein Handwerk sein ! (Wirst den Schläger weg) Fritz (etwa» ernüchtert). Vergebt; was nahmt Ihr Euch des Mädchens an? Augustin (leist zu Fritz und den Studenten). No, der Papa wird sich doch um sein Kind annehmen! Fritz l (unter einander) Sein! Die Studenten j —sein Kind! ? Abraham (mitleidig lächelnd). Was zischelt Ihr da ? — Ich sag' sja selber laut: (indem er seine Hand, wie segnend über Marien- Haupt hält) sie soll mein Kind sein! — Ich Hab' sie einmal vom leiblichen Tod errett' — jetzt will ich sie vor Seelentod bewahren! (Zu Marien.) In dem HauS' darfst Du nicht bleiben — komm mit mir! Laikus (leise »n Abraham). Pater! Ihr wollt'mit einem Mädchen über die Straße. — Bedenkt, die Leute! — Abraham. Was liegt daran, daß die Leut' mit Fingern auf mich weisen, wenn Gott seine Hand über mich hält, darauf hoff' ich bei dem, was ich mit dem Kind vorhab'! (Zu Marien.) Komm! komm! (Wrndet sich zum Abgrhen.) Alle Studenten (ziehen unwillkürlich ihre Mützen ab und bilden eine Reihe, durch welche Abraham und Marie dem Hintergründe zuschreiten). Der Vorhang fällt. Zweites Bild. Eine Partie Trischakeu am Hose Leopolds l. Personen : Leopold l., römisch.deutscher Kai'er, Fürstin Rakoczy, Gräfin Aspermonle, deren Schwester, Gräfin Berlep somtesse Eugenie, deren Tochter, Gräfin Hoy o». Gras Strollheim. Graf Plainburg, Baron Friedrich Wilhelm von Tor-ke, schlesischer Edelmann, Baron Fritz, dessen Sohn. Baron Sealvinoni.de- Kaiser- Zahlmeister. Pater Abraham a Sancta Llara. Hofdamen, Hofhrrrrn, Lakaien rc. rc. Zweites Bild. Erste Scene. (Glänzend beleuchteter Saal in der Hofburg zu Dien, recht- und link- offen stehende Thüren, ju blidcn Seiten de- Vordergründe- stehen Arm« (ksstl — mehr gegen die Mctte zwei Spieltische, ^urch rin, Bogenwölbung der Rück« and sieht man noch eine Reihe glänzend beleuchteter Säle.) ^ Fürstin Raköczy, Gräfin Asper Monte (sitzen aus den Armstühlea linke). Graf Strollheim (steht hinter ihnen), Gräfin Berleps. Engenie (fitzea aus den Armstühlen recht-), Fritz (in reichgrsticktem Hofkleide steht neben Eugeniens Stuhl), Seal- 18 vinoni (steht neben dem Stuhle dcr Gräfin Brrlkps), Baron Wilhelm Torske (steht rückwärts bald Sralvinoni, bald Fritz betrachtend). Graf Plainburg — andere Hofh erren und Damen (bilden th,>ls mehr im Hinter erunde Kruppen, theilS wandeln sie in den rückwärtigen Sälen auf und nieder). Gräfin Aspermonte (auf Gräfin Ber- lepS weisiud, leise zu Fürstin Rakoczy). Sikh doch, liebe Schwester, welch' eifriges Gespräch Gräfin Bcrleps mit Scalvinoni führt! Fürstin Rakoczy. Die stolze Spanierin mit dem — Parvenn! Strollheim. Ich begreife vollkommen das Befremden Ew Durchlaucht; — wenn man bedenkt, daß dieser Scalvinoni vor Zähren nicht mehr als ein Kammerdiener war — Gräfin Aspermonte. Der es aber verstand sich bei Sr. Majestät in hohe Gunst zu setzen. Fürstin Raköczy. Die Gunst des Herrschers gleicht der Sonne, welche selbst einen trüben Wassertropfen zur Sonnenhöhe ziehen kann. Strollheim. Ew. Durchlaucht, ich gratulire zu dem brillanten Gleichnisse. Als Kammerdiener noch trüber Wasser- tropfen — Sonnenblick kaiserlicher Huld — jetzt obenan — Freiherr — Scatu- liere Sr. Majestät — Wolkenhöhe! Fürstin Rakoczy. Von welcher der Tropfen wieder zum Staube sinkt, sobald der Wind sich dreht! Strollheim (entzückt). Sobald der Wind sich dreht! Eine sehr geistreiche Bemerkung. Durchlaucht! Gräfin Aspermonte. Vergeht nur nicht, daß er es ist, der am besten weiß, welcher Wind in diesen Regionen weht. Ich betrachte ihn deshalb als eine Art Wetterfahne. Strollheim. Wetterfahne! Superb! (Sprechen lose f»»t,) Scalvinoni fkisr z» Gräfin BrrlrpS. auf Gugenien und Fritz weisend). EvMtksst Engt- nie scheint einen Gefangenen gemacht zu haben. Gräfin Berleps (trist). Die Torskes sind, wie Ihr sagt, von altem Adel? Scalvinoni. Er stammt noch aus der Zeit, als man die Jahreszahl noch mit drei Ziffern bezeichnete. Gräfin Berleps. Und Zhr hofft den jungen Baron in der nächsten Umgebung Sr. Majestät zu poussiren? Scalvinoni. Er wird bald eine Stellung tinnthmen. welche es nicht vermessen erscheinen lassen dürfte, wenn sein' Auge sich zu eurer erlauchten Tochter erhebt. Gräfin Berleps. Nun dann werd' ich ihrem Herzen keinen Zwang anthun. Zweite Scene. Vorige, ein Kammerherr. Ein Kammerherr (kommt vom Hiastr- gründe link-, geht in die Mittr der Bühne vor und Mkldet dann laut). Ihre Majestät unsere Allerguädigste Kaiserin kehren soeben von ihrer Abendandacht zurück. Alle Damen (erheben fi-h). Fürstin Rakoczy. Wir wollen sie khrfuchtsvoll begrüßen. (Zu Strollheim ) Euern Arm. Graf! Strollheim. Diese hohe Auszeichnung. Durchlaucht! (Bietet Ihr den Arm und fü^rt fie mit steifer Leremonie nach dem Hintergründe link- ab 1 Graf Plainburgltnäherv sich den Damen, Die übrigen .bieten ihnen die Arme Hof Herren fund geleiten fie ebenfalls nach dem Hintergründe link-). Fritz (will Gugenien stiaen Arm bieten) Wollt zhr mich beglücken. Comtksse? Gräfin Berleps (z„ Fritz). Entschuldigt. Baron, noch gehört sie unter den Schutz ihrer Mutter. Reich' mir den Arm. Eugenik! Eugenik (reicht der Gräfin Berleps den Arm, wendet sich aber freundlich zu Fritz). Wir kehren bald wieder zurück. Ihr bleibt doch hier? (Ab mit Gräfin Berleps mach links 1 19 Scalvinoni. Mit Virtuosität! Ihr werdet heute den hohen Genuß ha- ^nczt: dein den, ein Solo von Alltrhöchstdemselben Scalvinoni (;» Fritz). Zch wünsche! Scalvinoni. Unmittelbar nach dem- Euch Glück; das neun ich im Sturm er- selben — Zhr werdet dann die sonst obern! sorgenvolle Stirn unsers allergnädigsten Fritz. Keine absonderliche Knust! DieMonarchen mehr entwö.kt finden. Festung capitulirt beim ersten Auslaufe! ! Torske Ah — ich horte, der Kaiser Torske Fsjh). Du bist auf dem be- bat nur eine Passion, die Musik, bläst sten Wege, dein t'ortnno zu machen — ""ch selbst die Flöte, das hast Tu — (auf Scalvinoni wriscnd) dem zu danken! Scalvinoni (;„ Tro-kc). Grasen Pannwitz. meinem einstigen Gön-! eigenmündig vorgetragen zu hören. Dar- ner. welcher Euch. Herr Baron, an mich! "ach bringt ihm, als Meister in der Kunst, adressirte. 'Eure Huldigung dar. TorSkk. Ja. k>» sag,- mir: .Willst .. TsrSkk. M, ich vcrstehk. und bin bei Dn «IwvS bei Hafk durchsrhrn, wrndr ^^^lkgenhk» zi>^>4nin. Dich nur un drn Sl°lvin°nii-di,skr.!'-h''if'-»5>"?»"!>'>E^nuSrvorb-n selbst rin schlaurr Fuchs, kennt auch den : "^n beb Kuiscrö finden, er Hut euie qun en Fuchsbau.. .stattliche ReMseutunz - S-aluinani, sich,-»., „dv.ru,:, ,nd) Scalvinoni. Wer hätt'es gewagt—? sich ihrer Zudringlichkeit nicht immer er-I Strollheim. Se. Majestät selbst, wehren — ich habe dich neulich erfahren.! Scalvinoni. Und dieser Name—? Es mar anläßlich der St. Iosephsfeier. j Strollheim. UeberzeugtEuchmit eige- man hatte die Verfügung getroffen, daß die Festpredigt von einem anderen geistlichen Redner gehalten werde — Pater nen Augen! (Hält das Papikr hin.) Scalvinoni u. d. Damen (drängen sich zu Strollheim, blicken in dak Blatt, dann mit Abraham verfaßte aber dennoch eine solche,, einem Aufschrei des Erstaunens). Abraham a lkeß sie drucken, und legte sie. als die Pro-iSancta Clara! Zession am Augustinerkloster vorüberging. >n die Hände Sr. Majestät selbst. Die Damen (entsetzt,. Affreux! Torske. Frechheit ohne gleichen! Scalvinoni. O, ich weiß, was er in- tendirt! — es ist eben die Stelle eines Hofpredigers unbesetzt — Alle (stehen wie vom Erstaunen gelähmt). Gräfin Aspermonte. Zum Hofcon- ccrte! Strollheim. Zu welchem sonst nur der höchste Adel beigezogen wird. Gräfin Asperm0Ntk(zur Fürstin Raköczt,). Sollten wir nicht vor seinem Erscheinen die Strollheim. Und auf diese sollte der Hofburg verlassen? ordinäre Polterer zu hoffen wagen? Nun,^ Fürstin Ra koczy (leise). Ich bleibe.— darüber kann ich Euch bald beruhigen, i Ein Mann vom Kaiser selbst so auffallend (» gen den Hintergrund sehend.) Ich sehe dort begünstigt, kann meinen Plänen zum Werk- Se. Excellenz den Oberstkämmerer! (Geht, zeug dienen. g-g-n den rückwärtigen Saal) Gräfin Hoyos. So viel ist gewiß, daß Ce. Majestät der Kaiser in neuerer Zeit selten eine seiner Festpredigten versäumt. Scalvinoni. Aber in Bezug auf die Hofpredigerstelle ist bereits ein würdige- rer Kandidat empfohlen — ex soeietate Strollheim (ist iudeß überlegend dage. standen, und glaubt nun da» Rechte gefunden zu haben). Ha! NUN Hab' ich den Schlüssel zu dem Räthsel! Scalvinoni und einige Damen. Ihr meint—? Strollheim. Es wird, wie mir heute äe«u. und Se. Majestät haben die dieß- gesagt wurde, eben ein RcichStagsbeschluß betreffende allerhöchste Resolution für erwartet, durch welchen die Hofnarren heute in Aussicht zu stellen geruht. ! gänzlich abgeschafft werden sollen; um Strollheim (kömmt, fast athrmlo». rin ^nun in unsere Kreise dennochkinigesPlaisir Blatt Papirr in H.mdrn ha!t,nd. N'irdkr in drn zu bringen, hat wohl Se. Majestät auf Er- Dordrrgrund). Meine ho - ho—hohen Da-!satz gedacht, und dieser Pater Fabelhans — men —! Scalvinoni (rrnst da» Haupt schültelad) 22 Lolch'ein kranke liegt dem frommen Sinne Sr. Majestät fern! (Unter der Gesellschaft im rückwärtigen Saale n j»d eine Bewegung b> merkbar— A'le sehen ge^en links.) Strollheim. Wasgibt's denn? (Gegen den Hint.rgnmd links sehend.) Ha! dort kömmt er! Scalvinoni. Wahrhaftig, er ist's! Torske. Nimmt sich ans wie ein Rabe unter Goldfasanen; aber man muß dem keckenMönch gleich imBeginne sein lieber« gewicht fühlen lassen. Strollheim. Ja—heute werde ich einmal meinen Witz leuchten lassen; ich will doch sehen, ob er auch feinere, geist- reichere Wendungen zu repliciren fähig ist! Gräfin Hoyos. Ha. ha. ha! es kann amüsant werden! Ich bilde mir ein. ich war' in der Komödie! (Setzt sich.) (Dir andernDamen setzen sich ebenfalls. Alle Herren theilen sich zu beiden Seiten. dem Kommenden ent« gegrnsehend.) Vierte Scene. Porige. — Abraham. Abraham (kommt in ungezwungener Hal« turg vom rückwärtigen Saale link-, dir ihn IhrilS neugierig, theil- spöttisch Betrachtenden freundlich grüßend). Scalvinoni (ür sich). Nun gilt's den Liebenswürdigen auch gegen den Perhaß' ten spielen. (Geht Abradam entgegen,sehr freund» lich.) Hochwürden, ich schätze mich glücklich, buch in diesen Räumen begrüßen zu können. Abraham. ES wundert Euch wohl, wie i ch hieher komme? Je nun. so gut als der Pilatus ins Credo siaß' ich doch wohl auch in die Hofgesellschaft. Scalvinoni. Oh — Ihr benehmt Euch bereits mit einer staunenswertsten Sicherheit! Al-rahnm. Ich bin giwostnt mich im Hause Gottes zu bewegen, so werd' ich's wohl auch im Hause drs Kaisers t> essen. und mir auf dem Hofpslaster keine Blasen treten. Strollheim (zu Abraham). Nnn.wegen des Blasentretens mögt Ihr sicher sein (auf AbiabamS nur mit Sandalen bekleidete Füße weisend ) Eure Strümpfe machen keine Falten. Abraham. Ja. ich darf nach den Ordensregeln keine Strümpfe tragen, und darüber mokirt sich dann Mancher, der — ganz Strumpf ist! Torske (ans Abraham- Kutte weisend), llud die Schneiderrechnung beläuft sich bei Euch wohl auch nicht hoch? Abraham. Hm! die Menschen sind wie die Bücher; nur ein Narr schätzt sie nach ihrem Einbande. Ich Hab' in manchen Bibliotheken die Werke der größten Gelahrtheit in Schweinsfeder gebunden gesehen, während oft (mit einem Blicke aus TorSke'SGala» kleid) das nichtsnutzigste Zeug in Sammt und Goldschnitt gebunden erscheint Tor-kt (leise zu Scalvinoni). Ich glaube gar, er wagt es, die Hiebe zu pariren. (Lautzu Abraham.) Ihr kenntmichwohl nicht? lSich aufblähend.) Baron Torskt. Herr von und auf Torskenbcrg — habt wohl schon von der Familie gehört? Mein Großvater war General — mein Urgroßvater ein bedeutender Staatsmann — Abraham. Und Ihr selbst — wenn ich fragen darf? TorSke. Ich — ich bekleide keine Stellung. Abraham.Lo?Nun dann erinnert Ihr mich an einen Blinde n. welcher stolz darauf war. daß alle seine Porältern gute Augen gehabt hätten! Gräfin Aspermonte (leise). Ich will doch sehen, ob er auch gegen Dame» so bärbeißig ist. (Laut zu Abraham ) Ich bin Euch wohl vom Sehen bekannt, Pater? denn ich i fromm »huead, bin eine sehr fleißige Besucherin der Kirche. Abraham. Ja. Ihre Majestät die Kaiserin ist eine gar fromme Frau! Gräfin Aspermonte. Wie paßt diese Antwort? 23 Abraham. Nun, wenn die Kaiserin eine neue Haube trägt, lassen sich die Hofdamen auch welche nach demselben Schnitte machen, — und so ist die Frömmigkeit auch nur Mode, welche Alles mitmacht, weil der allerhöchste Hof fromm ist. Fürst. Rakoczy (zu Abraham). Pater, auf ein Wort! Abraham (tritt zu ihr). Ihr befehlt, Durchlaucht?' Fürst. Rakoczy (drutet ans einen Stuhl neben dem ihrigrn). Setzt Euch! Abraham «s.tzt sich). Fürst. Raköczy (leise). Isis wahr, was ich vernommen, daß der Kaiser unlängst Euch rufen ließ, um sich allein mit buch zu berathen? Abraham. Ja — der hohe Herr hat nljch init dem Vertrauen beehrt. Fürst. Raküczi (leise). Dann würde er wohl auch auf Euren Rath achten, wenn Fhr ihm auch vorstellen wolltet, daß der Aufstand in Ungarn beschwichtigt Fünfte Scene. Vorige, Gräfin Berleps, Eugenik Fritz. (Gräfin Berleps, Eugenie, Fritz kommen vom rückwärtigen Saale.) Gräf. Berleps (Abraham erblick, nd-) Seh' tch recht? Pater Abraham! (Kommt mehr vorwärts.) Fritz (erschreckt, für sich). Dieser — hier?! (Bleibt mit Eugenien mehr im Hintergründe, fortwährend bemüht, mit der Rückseite gegen Abraham gewendet zu bleiben.) Abraham (zur Gräfin Berleps). Ah — gräfliche Gnaden! Ihr staunt wohl euren Hausarmen, euren Bettelmann hier zn sehen? Gräf. Hoyos. Was meint er? Gräf. Berleps (lächelnd). Ja, der Pater bettelt oft bei mir, nicht für sich, sondern für die Armen. A b r a h a m (zu G.äfi» Berleps). Und würde, wenn erden Wünschen Tökoly's wollt' morgen wieder an Eure Thür po- bezüglich meiner Schwiegertochter ent-chen,abernichtumwasznholen,son- spräche. — Wollt Ihr dieß? chern — zu bringen. Abraham (nachdenklich). Ja wenn Euer! Gräf. Berleps. Zu bringen?—-mir?. Durchlaucht nur dem Minister sagen! Abraham. Ja, ein armes Tänblein, wollte, daß er statt meiner die Messe liest.!das sich vor den Krallen des Geiers in Fürst. Raküczy. Wie ginge dies, an? meinen Schutz geflüchtet hat. Ein armes. Abraham. Gchts nicht an? — Nun. braves Mädel, das sich ein junger Wüst- dann geht's auch nicht an, daß ein Prie-^ling, ein reicher Müllerssohn als Beute ster sich in Staatsangelegenheiten mischt, ausersehen — Fürstin Raköczy. Aber warum hat! Gräf. Berleps. Es ist entsetzlich, Seine Majestät dann gerade Euch rufen welche Sittenlosigkeit unter dem Burger- lasten? Volke eingerissen ist. Abrakam. Warum? Oh! das kann Abraham. Ich Hab' indeß für sic Un- ich Euer Durchlaucht wohl vertrauen — verstand im Kloster der Himmelpfortne- Fürst. Rak.'.czv(wugi,rig näher, nickend), rinen erbeten — aber sie will nicht von Nun? — doch sprecht leise! ! Almosen leben — will redlich ihr Stuck- Abrabam (der Fürstin beinahe in- O!,r). sein Brot verdienen, aber in einem ehrsa- Weil der Kaiser weiß, daß ich kein alt men Hanse, wo sie sicher vor Verfolgung Weib bin. das Alles weiter erzählt, was , wäre. Da dacht' ich denn, wenn Ihr, Frau er mir anvertrant. (Suht ans. sich tief v.r. Gräfin! sie in Eure Dienst nähmet beugend, laut.) Ich schätze mich glücklich. ! Gräf. Berleps. Ich gedenke meine daß ich Euer Durchlaucht die gewünschte Dienerschaft nicht zu vermehren, meme Auskunft geben konnte. jTochter aber dürfte bald ihr eigenes Haus- 24 wesen gründen — der junge Baron von Torske — (Wtndtt sich z»r Fritz uud Gugenien ) Tretet näher — Eugenie (zu Fritz). Die Mutter bestehlt — (Tritt mit Fritz, d.r sich vergeblich bk« u.üdt sein Antlitz abzuwrnden, vor.) Ädraham (Fritz erblickend, erstaunt). Was sch' ich? — Der Geier — wollt' ich sagen. der Müller-! Fritz (in sichtbarer Verlegenheit, mit gepreßter Stimme). Ihr — Ihr verkennt mich — Abraham Nein, bei Gott! Ihr seid's, mit dem ich gestern — beim blauen Harnisch — im Kroatendörfel — Alle (erstaunt). Kroatendörfel? (Zn diesem Augenblicke ertönt vom Hintergründe recht» der Musik.) Strollheim (mit Dichtigkeit) Hohe Herrschaften, das Concert beginnt! Fritz (ausathmend, für sich). Zum Glück! 1 Nähert sich der Gräfin Kerl.p-.) Fra« Grä- sin, seid überzeugt — ein Mißverstand- niß — GräfinBerlepS (kalt). Ichgönn'Euch Zeit, es aufzuklären. —Komm , Eugenik! (Geht mit Gugenien nach dem Hintergründe recht- ab. Die übrigen Damen und Hofherren Hab,n sich wir früher wieder geordnet und gehe» nach derselben Richtung ab.) Fritz (dringend zu Abraham). Was habt Ihr gkthan? — Widerruft! sagt, eine Ähnlichkeit Hab' Euch getäuscht — Abraham Ost)- Ich bin nit PetruS, der am Hofe das Lügen gelernt hat. Meine Red' ist wahr—und Schmach dem, der die Wahrheit widerruft! (Geht nach dem Hintergründe rechts ab.) Lorske. Fritz, Scalvinoni (bleiben allein zurück). Tvrs ke(noch ganz starr vor Staunen). Ja, was war denn das? — Kroatendörfel — blauer Harnisch — ? Scalvinoni. Eine Schenke, die im übelsten Rufe steht — Lorske (zu Fritz). Und dort — warst Du -? Fritz. Ein Abenteuer — ich erzähl' Euch noch — Scalvinoni (bedenklich). Und Pater Abraham wird es vielleicht dem Kaiser erzählen! Torske. Dann wäre Alles verloren! (Zu Scalvinoni.) Aber könnt Ihr seine Worte nicht entkräften? — Ihr steht ja in der allerhöchsten Gunst — Scalvinoni (sehr ernst). Wer weiß, wie lange noch? Die Fürstengunst ist eine Spitze, auf welcher immer nur Einer Platz hat; wer oben steht, und einen Andern nachklimmen sieht, muß entweder diesen rechtzeitig zurückstoßen oder — selber stürzen! Fritz (ralch zu Scalvinoni). Dann liegt- in eurem Interesse, wie in dem uns'rigen. ihm rasch den Boden zu entziehen. Ich kann Euch ein Gerücht mittheile», zn welchem seine Fürsorge für jenes Mädchen Anlaß gab — Scalvinoni (nachdenkevd). Verdächti- gung ist allerdings ein Gift, doch wirkt es zu langsam, und hat ein Mönch sich erst wo festgesetzt, so greift es nicht mehr an. es müßte schnell, wo möglich beute noch ein bclat herbeigeführt werden, der es den Kaiser bereuen ließe, ihn in diese Kreise gezogen zn haben. Torske. Hm! heute noch? (Bleibt sinnend flkhea.) Sechste Scene. Vorige, Gral Strollheim. Graf Plainburg, einige andere Kavaliere. Pleinburg (kommt, Strollheim»Arm UN- ter dem seinigra haltcad, uud ihn gleichsam mit sich jiehrud, vom Hintergründe rechts). Die anderenEavaliert(solaen). Strollheim (zu Pleinburgj. Was habt Ihr vor? — Mitten unter dem Eoncerte faßt Ihr mich am Arme und entführt mich — 25 Plainburg (lachend). Der Langweile! — denn gesteht's nur! auch Ihr konntet kaum das Gähnen unterdrücken. Strollheim (ängstlich). Pst! pst! — Das Flötenspiel Sr. Majestät. Plainburg. Ist ausgezeichnet, aber unterhaltender wäre ein Spiel (ein Packet Karten hervor,iehend) auf diesen Instrumenten! Seid Ihr geneigt, eine Partie Relan — (,u Tortki und Fritz) die Herren halten vielleicht auch mit. — Torske. Relan?—Ah—das ist wohl, was man in landläufigem Ausdrucke »Tri- schaken- nennt? — Wird diefi auch hier am Hofe gespielt? Scalviuoni. Es wurde gespielt, doch seit Kurzem wird es von Sr. Majestät mit böchst ungnädigem Auge bemerkt. Plainburg. Ha. ha, ha! seitdem der Kaiser in diesem Spiele selbst einmal zweitausend Goldgulden verloren, hält er es für ein höchst verwerfliches Spiel! Scalviuoni. Und ist sogar entschossen, es mit einem eigenen Erlasse im ganzen Lande zu verbieten. Strollheim. Wenn dann bekannt würde, daß wir hier, in den Sälen der Burg selbst — Torskt leinen Gedanken fassend, für sich) Das wäre vielleicht etwas! —(Leise zu Seal- vinoni ) Hört, was ich vorhabt! (Tritt mit ihm und Fritz etwas zurück und bespricht sich leise mit ihnen.) Pltinburg (le^t zu Strollheim). Seid doch nicht so ängstlich, das Verbot ist ja noch nicht veröffentlicht, — müssen wir denn davon wissen? — Also rasch — wollt Ihr ein hundert Ducaten riskiren? Strollheim. Es heißt allerdings, man habe im Spiele am meisten Glück, wenn man dazu genöthiget wird. Plainburg. Nun — ich nöthige Euch ja! Und hört! ich habe gestern in einer Wette tausend spanische Pistolen gewonnen— ich werde sie also auch ganz gleich- giltig verlieren! Strollheim. Eine reizende Aussicht allerdings! Scalviuoni (hat indeß durch Gkberden gezeigt, daß er mit Tortke einveräanden sei). Torske (vortretend laut). Ich könnte jedes Bedenken haben, denn ich kann mich im schlimmsten Fall entschuldigen, daß ich, seit einigen Tagen erst in Wien, von all' den Vorgängen nicht wußte. — Plainburg. So gebt Ihr die erste Bank. Torske. Sehr gerne — aber (befühlt seine Taschen) ich bemerke eben, daß ich meine Börse vergessen habe. — Scalviuoni (zu Torske). Ich stelle Euch die meinige zur Verfügung. (Reicht Torske seine Börse.) Torske. Ich dank'Euch! (Mit Betonung.) Wenn ich gewinne..haben wir beide gewonnen! Plainburg. Also an den grünen Tisch (Geht mit Strollheim und den Kavalieren zu dem Spieltische rechts, an welchem sie Platz nehmen.) Torske (leise zu Scalvinoni). Seht nur, daß Ihr ihn in meine Nähe bringt, und dann — Scalvinoni "(leise). Wie besprochen! Torske (zu Fritz). Mich kennt der Pater nicht, Du aber halte Dich ferne! (Wäh. rend er zum Tischt geht, für sich.) Nur heute Glück! Meine Tasche gleicht bereits einer öden Wüste, so daß ich jeden Dukaten wie ein Mannakorn begrüße! (Setzt sich an den Tisch.) Also ich setz' indeß zehn Ducaten ein. — Plainburg. Jchhalte fünf. (Beginnen zu spielen.) (Die Musik verstummt ) Siebente Scene. Vorige, Fürstin Raküczy, Gräfin Aspermonte, Gräfin Hoyos, Gräfin Berleps, Eugenik. Hof- damen und Hofhcrren (kommen nach und nach vom rückwärtigen Saale wieder in den Vordergrund, unter den letzten) Abraham. Fürstin Na köczy (im Dorwärtsgehcn zu 26 Gräfin Aspcrmontk). Das Flötenspitl war reizend! Gräfin Berleps. Ich verließ deshalb den Saal, denn nach dieser Production, kann man die übrigen Virtuosen gar nicht mehr anhören. Grafik, Hoyos (lä-btlnd, mehr für sich). Wenigstens muß man sich so stellen. Die Damen (nehmen auf den Ärmst,'ihlen links Platz). Gräfin Aspermonte (in Gräfin Brr- levS). Habt Ihr bemerkt, wie gnädig der Kaiser mitten im Spiele dem Augustiner» manche zunickte. Torske (am Spieltische). Ich habe verlo« ren! Noch zehn Ducaten dazu! Plainburg. Ich halte sie! Abraham (kommt in den »ordern Saal). Fritz (welcher sich während de- Vorhergehenden im Hintergründe autgehalten, gibt nun einem Lakai einen Auftrag, dabei auf Torske weisend). Der Lakai (tritt ju TorSke und sagt ihm leise einige Torte). Torske (taut zu seinen Cpitlgenossen). Oh! Entschuldigt — der Oberstkämmerer, Graf Lambert, läßt mich eben zu sich bitten — (Steht auf ) Stroll heim. Laßt Euch nicht abhalten — doch Eure Partie- Torske (wendet sich zu Abraham) Ah! Pa« ter! Ihr sagtet eben, daß Ihr Euch auf dieß Spiel versteht — Abraham. Nun ja — Torske. Oh! seid so freundlich, über« nehmt indeß meine Partie! (Hält ihm die Kart n hiu.) Scalvinoni (geht sogleich auf Ihn zu) Nun, Hochwürden, welchen Eindruck machte das Solo auf Euch? Abraham. Der Kaiser spielt recht gut — Habt Ihr ihn im Flötenspiel' unterrichtet? Scalvinoni. Wie kommt Ihr ans den Gedanken? Abraham. Nun. ich mein', weil Ihr als sein Schatzmeister am besten wißt, wie Ulan (mit der Fing rbewegung eine- Kläten'pir« lrr») immer ein Loch aufmacht, um das andere zuzudecken. Scalvinoni (gezwungen lachend). Ha,ha ha! Immer witzig! (Geht mit Abraham gegen den Spieltisch und bleibt mit ihm hinter Tor-ke's Stuhl stehen.) Torske. Ich wage noch fünf Ducaten Abraham. Ich soll-? Strollheim. Ja, damit keine Unterbrechung stattfindet — Abraham. Entschuldigt! Wie dürste ich —? Torske. Nur auf meine Rechnung — hier liegt mein Geld — vielleicht bringt Etire Hand mir Glück — Plainburg (iu Abraham). Macht doch keine Umstände. Pater! Der Gesellschaft zu Liebe müßt Ihr schon so gefällig sein — Abraham. Aber — Torske. Es wird keine Ausrede angenommen! Setzt Euch! Ich bin ja gleich wieder zurück! (Drängt ihn zUM Tische und drückt ihn auf den Stuhl nieder!) Abraham. Nun dann — in Gottes- namen! aber nur für eure Rechnung! (Mengt die Karten und gibt au-.) Scalvinoni (zu Abraham). Kennt Ihr dicß Spiel? Abraham. Ja wohl! Hab'S während meiner Studienzeit oft in der Burschest- kneipe gespielt — wie Ihr denken könnt', nur um Pfennige — 'S ging aber doch oft heiß her! Torske (für sich). Er ist hier! Eben! recht — ich bin mit meinem Grlde fast zu Ende. > (Beginnt die Karten ou»,vgebea.) Torske (lrist zu Sralviaoni). Er sitzt! Scalvinoni (lrist). Um zu fallen. (Gilt mit Tortke nach dem Hintergründe recht-ab) Plainburg. Ich halte den ganzen Satz! (Vtrft Goldstücke hm.) Abraham (ichläqt eine Karte kräftig aus den Tisch). Spadi!— Gewonnen! (Streift da- Geld zu dem Satze.) Strollheim. Doublirt! (S ht Veld und piklt aus ) Eopi! Abraham (kirir Kalte nach der andern bmschlaqend). Und Ober-Eichel, und — Relnn! (Streift da- sich häufende Gold zusammen, daS Spiel wird immer leidenschaftlicher fortgesetzt.) Eugenik (zur Gräfin BerlepS leise). Mama, der junge Baron Torske blickt so sehnsuchtsvoll nach mir — Gräfin Berleps (teile). Beacht' es nicht! Du darfst nicht mit ihm sprechen, bis ich Aufklärung erhalten — Strollheim (zu Abraham). Nein! Euer Glück im Spiel-! Abraham Mein Glück? —Der Herr, für den ich spiel', gewinnt! (Wieder aus. gebend.) Wer hält? Strollh. Fünfzig Ducaten! 1 sJ^m Plaienb. Ich den Rest der sie Geld Bank! ! rinsetzen.) Achte Scene. Vorige, Kaiser Leopold I., Scal- vinoni, Torske, Gefolge von Würdenträgern. Leopold (die Flöte noch in der Hand hal tend, kommt vom Hintergründe recht?). Scalvinoni (geht ihm tiefgebeugt zur Seile). (Würdenträger, TorSke folgen.) Fürstin Raköczp (zu den Damen). Se. Majestät! Alle Damen (erh> ben sich von ihren Sitzen) Die Spielenden (bemerken, im Spiele vertieft, daS Nahen deS Kaisers nicht). Abraham (in bester Laune, fast mit Stu- dentenmanierrn, die Karten auf den Tisch schlagend). 's ist fast lächerlich, was ich für Blätter in die Hand krieg' — Spadi! Kopi! Denari! Leopold (ist finsteren Blicke- bi- hinter den Stuhl Abraham- getreten und berührt nun seine Schulter mit der Flöte). Abraham (ohne sich umzusehcn). Gleich, gleich! (Z„ dtn Mitspiclenden.) Und wieder gewonnen! (Streift da- Geld znfamm n.) Strollheim, Plainburg (erblicken den Kaiser und fahren erschreckt von ihren Sitzen auf). Ew. Majestät! Abraham. Wie? (Steht auch auf und er. b'ickt den Kaiser, sich ehrfurchtsvoll verneigend). Majestät —! Leopold (in strengem Ton»). Pater! So treff ich Ihn? — Wie Ihm bekannt, sind Wir selbst für den Priesterstand erzogen morden, und kennen die Regeln aller geistlichen Orden. Wir wissen wohl, daß manche derselben das Kasteien vorschrciben, aber vom »Trischaken« ist unseres Wissens nirgends die Rede! Abraham Ew. Maststätgeruhen allergnädigst zu entschuldigen, ich Hab' nicht für mich gespielt — nur aus Eomplaisance — Hab' ich die Partie dieses Kavaliers— (auf TorSke wrisend) übernommen — (Zu Lorske.) Gebt mir das Zeugniß! — Torske (zuckt die Achseln und tritt schwer- gend zurück). Abraham (stutzt). Ihr sprecht nicht? Doch Ihr — (zu Scalvinoni). Ihr l ab't doch gehört — Scalvinoni (tritt mit einer ablehnenden Bewegung zurück). Abraham (für sich). Sie lassen mich im Stich — 's war eine Falle! Leopold (zu Abraham) . Er sieht — niemand spricht für Ihn! (Wendet sich ab.) Abraham (für sich, auf Torske blickend). Er soll sich selber fangen! (Laut zu Leopolds Die Ungnade Eurer Majestät ist ein unbeschreiblich'Unglück. wenn mir aber etwas einen geringen Trost geben kann, so ist's der Gedanke, daß ich — (zieht rin Sacktuch hervor, wendet sich gegen den Spültisch und streift den Haufen der gewonnenen Goldstücke in dasselbe, dann, eS an den Enden zusammenfassend) Mlt solchem Sacktuch viel' Thränen der Ar- muth werde trocknen können. (Wendet sich zum Abgehkn.) Torske (für sich, erschreckt). Wie — er nimmt mein Geld —? Scalvinoni (leise zu T'rSke). Laßt ihn doch! 28 LorSke (leise). Den Teufel auch! (Tritt Abradam in den Weg', leise zu ihm ) Pater, Ihr hab't mit meinem Geld — für mich gespielt! Abraham (absichtlich sehr laut). Richtig, mit eurem Geld — für Euch! da — da habt Ihr — (Will ihm da- Tuch mit dem Gelbe geben, läßt eS aber absichtlich klirrend zu Baden fallen.) Torske (bückt sich rasch, es aufznhtben). Leopold (sich umwendend). Was ist —? Abraham (auf den gebückten Tor-kt wki» s nd). Spricht das nicht für mich? Würde der gnädige Herr solch' Aufhebens ma- chen. wenn ich mein Geld fallen lassen hätt? Leopold (gnädiger). Also doch nur aus Gefälligkeit für einen Anderen? — Tret' Er näher. Pater! Abraham (tritt vor). Ew. Majestät be- fehlen -? Leopold. Selbst falsch berichtet, haben Wir Ihm Unrecht gethan, und eS ist an Uns. dieß Unrecht gut zu machen. (Mit g,. hoben,r Stimme) Pater Abraham a Sancta Clara! Wir ernennen Ihn damit zn Unserem Hosprediger und Gewisscnsrathe. ('Allgemeine Bewegung.) Abraham. Euer Majestät — diese Auszeichnung — Leopold. Er wird sich derselben würdig machen, wenn Er von nun auch die Herren Unseres Hofstaates gebührend herunterkanzelt. — 's thut. leider Gottes, noth! — Und wenn Er sich noch eine Gnade auszubitten hat- Abraham. Nur die Eine. Majestät! Wenn Euer Gewissen meiner bedarf, befehlt über mich zu jeder Stunde des Tages und der Nacht! Wenn aber — (m,t einem Blicke auf Tor-ke und Scalvinoai) gewisse Leute mich zum Spiele haben wollen, geruht mich allergnädigst zu entschuldigen. (Zu den Spielern.) 's ist euer eigener Vortheil, Ihr Herren! wenn ich nicht von der Partie bin. denn Ihr seht, daß ich. selbst für den schlechten Fall, doch immer noch — einen Trumpf in der Hand habe! : verneigt sich tief vor dem Kaiser und geht langsam nach dem Hintergründe ) (Der Vorhang fällt.) Drittes Md. 3m Zlesectorio. Personen: Tantel Lozaru- Springer, Bürgermeister von Wien. Kreih-rr,von Tor-ke, Pater Abradam a Sancta Clara, Krater Laif»-. Gva. Dirttz-uattin. Anton Krl-n er,^Student, Methudi, Meßner, Lehmann. Töpfer. Spanizrk, Tisqlrr, Schartig, bchwrrtfeger, Krau Gertrud. Krau Lisel- Rath-hrreen, Mönche, Diener, Volk. Drittes Bild. (Refektorium im Augustinerkloster, durchau- im gothischen Stile mit Holzgrtäsel, der Hauptringang in der Mitte, recht- eine in da- Kloster, link- rine in dir Kirche führende Thür; — an einem Strebepfeiler link- steht ein Sprisrnschrank mit einer Dopprlthur, an deren oberem Thrilr kleine vergitterte Frnstercheo angebracht find, an dem Strebepfeiler recht- eine etwa- erhöhte Kanzel, zu welcher hölzerne Stufen htnanfnhren. In der Mitte der Büdne, mehr gegen recht-, steht eine lange Tafel, welche mit irdenen Tellern, zinnernen Trinkbechern, sehr einfachen Hßbrstrcken. Weinflaschen. Steinkrügen und Brodlaibrn bedeckt ist) 29 Erste Scene. Methudi. Volk beiderlei Geschlechtes, unter demselben Lehmann. Spanizek. Schartig. Frau Gertrud, Frau Lisel. (Mrthudt im Kirchrndirnkr-Anzugk, den Klingrl- brutel ln drr Hand haltmd. stkht in der Mitte des Vordergrundes, vom Volke umdrängt.) Lehmann. Herr Methudi! ^ Schartig. Zch bitt' um a Meß'! ,Spanizek. Zch um Litanei cllen-VA langes! i-2 FrauGertrud. Zchmöcht'beichtenllT Frau Lisel. Zch brauch ein'Ablaß'. A Methudi (sie nur mühsam abwehrend) Zerreißt's mich nur nicht — zudringliches Volk! Lehmann Aber 's handelt sich ja um unser Seelenheil! Methudi. Za. gelt? jetzt heult's Euch die Seel' au- wegen dem Seelenheil! Ehedem habt's in Saus und Braus, in Haißa und Zuhe in den Tag hineingelebt, und den Herrgott einen guten Mann sein lassen, — jetzt aber (selbst Angst vrrrathrnd und dir Händr wie zum Gebete faltend) Wo die schreck» lichePestilenz schon an die Stadtthore von Wien anklopft, jetzt kriecht's auf alle Viere zum Kreuz! Schartig. Zch will ja nur a Meß'und zahl' dafür mehr, als die Tax ist. Spanizek. Za! — kummte mir nit an auf Sibezehne silberne.— Lehmann. Und ich möcht' beichten,aber nur beim Pater Salesi — wißt's, der kennt schon meine Natur! Frau Lisel. Und ich macht' a halbes Seitel Weihbrunnwasser—ich hab'g'hört, da bei den Augustinern soll's b'sonders kräftig sein! Zch verlang's nit umsonst — (Drückt Methudi Grld m dir Hand.) Metbudi (das Veld rinsteckend. etwas milder). Na. die Frau Lisel ist alleweil a guteKund» schüft, sie soll berücksichtiget werden.Komm' sie in einer Stund' zu mir in die Sakristei —da kriegt s a frisch gesegnetesWeihwasser. Die Uebrigen. Und wir — wir? Methudi. Na. ich will Euch Vorwerken, wann's die Gebühren erlegt's. Alle. Za— ja — (Reichen ihm Geld.) Methudi (tritt von ihnen w»g. da? Geld überzählend, für sich). Hellt' haben wir a gute Lösung g'macht! fünfzehn Gulden — davon gehören zehn für's Kloster und fünfe für mich als Einschreibgebühr! (Theilt das Geld und steckt eS rechts und linls in die Taschen.) Zweite Scene. Vorige, Abraham, Laikus. Abraham (tritt vielgtschäftig durch die Mitte ein. noch zurück hinaussprechend). Die Strohsäck' müssen heut' noch in's neue Spittel — tragt den Leuten Kranwettholz ins Haus zum Räuchern — besser bewahrt, als beklagt. (Tritt vollends ein ) Laikus (folgt ihm). Hört, Pater! Zhr plagt Euch schon höllisch! Abraham. Man muß Vorsorgen und nit erst Anstalten treffen, wenn die Kuh aus'n Stall ist! Alle Anwesenden. Ah! der Pater Abraham! (Mkhrrre küssen ihm die Hände) Abraham (zu den Bürgern). Ah! treffen wir uns jetzt einmal da im Kloster und nicht mehr beim blauen Harnisch? Span izek. O Zekus! Zekus! denk' ich nicht an Trinken — ist mir Magen so übliges! Abraham. Ja, die Sund'tragt ihre Straf' am Buckel wie der Handwerks- Imrsch' sein Ränzel, und wie der Nie>e Goliath mit seinem eigenen Schwert geköpft worden ist, so werdet Zhr nur durch Euere eigene Unmäßigkeit gezüchtiget, man nennt den Oktober das Weinmonat, bei Euch aber waren alle Monat' Weinmonat, und der Ehristmonat steht gar nicht in Eurem Kalender. Frau Gertrud. Oh. Hochwürden! das kann mich nicht angehen! Methudi. Za, der Frau Gertrud kann ichdasZeugnißausstcllen— sie gehtnie aus der Kirchen, ohne an jedem Altar aMeß'.knochen erbettelt Hab' für die Armen — gehört zu haben. - sdavon soll eine kräftige Suppe gekocht Frau Gertrud. Zchhab'.bloßum ZeitUverden, und wenn Du einen Dürftigen zur Andacht zu haben, mein ganzes Greis lerg'chäftvernegligirt—meineKinderhaben heut' nichts Warmes z'effen, aber dafür hoff' ch (dir Hände saltend und die AujkN fromm ver. drehend), daß michderliebeHerrgottverscho« neu und statt meiner mei reiche Mahm sterben lasten wird, damit ich doch einmal was erb'. Abraham (unwillig). Da hört man! — Das Weib hat doch noch g'snnde Glieder. stehst, (gibt ihm ein Päckchen Zettel) so gib ihm so eine Anweisung an unsre Küch'! Methudi. Werd's besorgen! (Tür sich im Abgetan.) Die Suppen für die armen Leut' und ein Stück'l Beinfleisch für mich! — Na ja — 's ist Pflicht, daß man bei der Zeit redlich mit den Armen theilt! (Ab nach recht» ) Abraham (geschäftig auf« und niedergehend). und glaubt, sie hilft sich und den Ihrigen.!Zum Apotheker muß ich auch noch — er wann sie den ganzen Tag in der Kirchen muß Kampfer nnd Kalmus spendiren — hockt und bet', daß ihr die Zähn' roglich dann auf den Holzplatz, wenn ich komm', werden, und alle Weihbrnnnkestel auS-.krieg'ich's Holz billiger— warme Zim- schleckt.— Das hilft nit — das schon mer brauchen die Leut'— gar nit! Nimm die Frau lieber eine Bnt« i Drltt, ten auf'n Buckel statt den Rosenkranz in! ^ die Hand, hilf sie sich selbst zuerst. dann!Dorige. Daniel Lazarus, Springer. wird ihr Gott helfen! Methudi. Jetzt red't der Harpfen« bleiben, so wie der Weg. der un- zur zupfer auch schon von .Kunst'! 33 Augustin. Wann ich nur mei Harpfen noch hatt' — ich wollt' Euch schon zeigen! Aber die Hab' ich schon vorige Wochen versetzt! Oh! wie ich das bereu'! Methudi. Warum? Augustin. Weil ich's sonst heut' versetzen könnt'! — Aber plauscht's nit lang! Macht'-, daß einmal auftragen wird! Methudi. Versteht sich — auftragen! Ich will ihm ein' Anweisung geben — (Zieht einen Zettel hervor und gibt ihm denselben). So! Geh' Er in d' Küchel — Augustin (besieht den Zettel). Was? Nichts als a Suppen? Methudi. Das ist das G'sündeste! Augustin. Aber 's wird doch was d'rin sein? A paar ordentliche Lumpen« strudeln, die sein mei LeidspeiS, wann ich hernach noch ein unterspicktes Rindfleisch mit ein' Nmurkensalat krieg, und a Zuspeis mit Leberwürst. so verlang' ich mir hoch« stenS noch a Kälbernes und ein Gugelhupf! Methudi. Sonst nichts? Augustin. Na. a Stück'l Kas zum Magenschluß' meinetwegen auch noch! Aber jetzt laßt's mich nicht länger warten! — Himmeltausend Sapperment! Rechnet'- mich nicht zu dem g'wöhnlichen Bettler« a'sindel — Ihr seht doch, ich bin ein verschämter Armer! Methudi. Ja. ich seh's! Aber ich kann Ihm nicht mehr anweisen, als die Suppenration — die hol' Gr fich in der Klosterkuchel — guten Appetit! (Ab nach link» ) Augustin (all,in. ihm aachsehead). »Guten Appetit« sagt er, und nachher gibt ein' das schmutzige Volk nichts als a Häferl Suppen! And re Leut' sotten fasten, und sie selber — (Blickt ans d«n risch.) Ha! Was für ein Anblick! Volle Flaschen — und ich Hab' ein' Durst, als wenn ich a ganzes Häringfafsel verschluckt hätt'l (Wieder hi«, blickend.) Wie's mich anlachen! (Macht ein, abwehrende Bewegung gegen die Maschen.) Nicht! — Aufhören mit der Kokettirerei! — Ich halt - nicht aus! — Ein' Schluck muß ich tpea«. N Ihr habt Recht! (Bedeutet die Tänzer und Tänzerinnen, sich zu entfernen, nimmt selbst Sali « Arm und geht mit ihr nach links ab. Die Tänzer und Tänzerinnen ob nach recht« und link« ) Scalvinoni (hat den Brief gelesen, zu Anton). Seine Durchlaucht rühmt eure Verdienste und trägt mir zum Schlüsse auf — (Liest au« dem B iese., .fördert seine Werbung — gebt ihm Geld zur Ausstaf- firung — ich verantwort' es beim Kaiser. * Abraham (zu Scalvinoni). Was sagt Ihr nun? Scalvinoni (sich verneigend). Der Wunsch Sr. Durchlaucht ist mir Befehl! (Au Anton.) Bei wem wollt Ihr Eure Werbung Vorbringen? Anton. Bei Marien, demselben Mädchen. das.bei der alten Försterswitwe — Scalvinoni (überrascht). Bei dieser? ToiSke, WaS hör ich?« gln-b. i--,m Fritz. Bri Marien?! Abraham (mit norm bedeutungsvollen Blickt auf Tor«ke). Ihr auch hier, Baron Torske? TorSke Wie Ihr seht. Herr Prior! und möchte wohl mit Euch ein ernstes Wort sprechen — Abraham. Und ich — mit Euch! (Beide blr»deo, sich mit forschenden Blicken betrachtend. stehen.) Fritz (leise zu Scalvinoni). Baron, unser Plan scheitert — Scalvinoni (leist zu Fritz). Geduld! noch bin ich da! (Säst Anton« Hand, tritt M't ihm etwa« b'i Seite, leise ) Junger Mann, hört meinen Rath! — Prüft, bevor Ihr werbet. Anton (erschrickt. leise). Was wollt Ihr sagen? Scalvinoni (leise). Ihr habt das Mädchen seit sechs Monaten nicht gesehen, wenn sie indeß andern Sinnes geworden? Anton (leise). Unmöglich! Scalvinoni (leise). Ich sag' Euch, sie kömmt öfter allein hieher auf's Schloß — Anton (leise, von Eifersucht erfaßt, auf Fritz blickend). Wo dieser weilt?! — Ihr lügt! Scalvinoni (leise). Wollt Ihr Euch überzeugen? Geht in die Wachstube am Schloßthore — vom Fenster derselben könnt Ihr sie kommen sehen — Anton (leise). Das will ich! Scalvinoni. Ich lasse Euch hinabbe- gleiten und dem Wachkommandanten die Weisung geben! (Winkt einem Diener und spricht leise mit demselben.) Abraham (wendet sich zu Anton). Anton. der Herr Baron will mit mir allein sprechen — Anton (ralch). Ich stör' Euch nicht! (Mit mühsam verhehlter Aufregung.) Ich will indeß beschauen, was Sehenswürdiges im Schlosse ist! (Zu dem Diener.) Kommt! kommt! führt mich hinab! (Ab mit dem Diener über dir Terrasse.) Torske (zu Fritz und Scalvinoni). Wollt auch Ihr uns auf kurze Zeit verlassen? (L.ise zu ihnen.) Ich will erst Herauskriegen, was von dem Pater zu hoffen ist. Scalvinoni (zu Torske). Wie es Euch beliebt! (Ganz gleichgiltig scheinend, zu Abrabam.) Indeß aber könnte man das Mädchen hierher auf das Schloß entbieten. Abraham. Ja — ja — thut dieß! Scalvinoni. Nur ein paar Worte von Euerer Hand, und sie kommt gewiß sogleich! (Zieht ein Portefeuille heraus, nimmt ein Blatt Papier au« demselben, und hält es samme dem Sti'te Abraham hin.) Abraham (nachdem er rasch geschrieben). Schickt ihr nur dieß! Scalvinoni (nimmt da« Blatt, wirft einen Blick auf dasselbe, triomphirend für sich). Mehr bedarf's nicht! (Zu Fritz, laut.) Kommt mit mir! (Indem er mit ihm gegen link« abgeht, leise.) Bald seid Ihr im Hafen, und sollt mir als eurem Lootsen danken! (Ab mit Fritz ) 48 Torske (für sich). Nun gilts die Krallen einzuziehen und mit sammtner Pfote zu streicheln! (Laut.) Nun, Herr Prior! Ihr seht heute einen ganz andern Mann in mir, als der war, den Ihr damals durch Euer« Klostergarten schlüpfen ließt. Abraham. So habt Ihr Euch mit Euern Gläubigern ausgeglichen? Torske Noch nicht — ich war verreist. doch' Hab' ich jetzt ein Vermögen zu gewärtigen, welches mich in den Stand setzt, alle meine Schulden zu tilgen! Abraham (ihn mit prüskndtM Blicke be. trachtend). Alle Schulden, Herr Baron! — Alle? Es gibt auch Schulden, die man mit schwerem Golde nicht bezahlen kann! Torske (für sich). Er bringt mich selbst auf das rechte Geleise! (Laut.) Wenn man nur thut, so viel man vermag! — s'hat wohl Mancher noch von seiner Jugend her etwas zu bereuen — (lachend) vielleicht auch Ihr! Abraham. Ich — ?! Torske (schäckernd seine Hand auf Abraham» Schulter legend). Na — na! Ihr seid doch auch nicht als Mönch aus die Welt gekommen — wart auch einmal jung — lustig — nicht wahr? Ha. ha, ha! Abraham. Wer in seiner Jugend nicht lustig war, hat keine Jugend gehabt. Torske. Und — weil wir nun schon so im traulichen Geplauder sind — sagt. Priar, Ihr wart doch auch einmal verliebt? Abraham (lächend) Was sollt' ich's leugnen? Verliebt werden und die Blattern kriegen muß einmal jeder Mensch; wenn man nur beides übersteht, ohne häßlicheNarben im Gesicht oder (Betonend.) im Gewissen zu behalten. Torske. Da habt Ihr Recht! Aber wißt Ihr, was es für ein Mittel gegen die Blatternarben im Gesichte gibt? Abraham. O ja, während der Krankheit. selbst in der Fieberhitze — beherrscht! Torske. Noch ein anderes! Wenn man Goldplättchen darauf legt, und dieß Mittel macht endlich auch ein narbiges Gewissen wieder glatt. Abraham (mit tinigrr Entrüstung). Ihr meint wohl, man darf einem Geschöpfe, das nichts hat, als seine Unschuld, diese rauben, und sei, wenn man dafür ein paar Goldgülden hinwirft, jeder Schuld quitt?! Torske. Oh — das wär' zu wenig, Prior! Diel zu wenig! Abraham (wieder milder). Ihr seht daselbst ein? ' Torske. Wenn's nur Jeder einsähe, der vielleicht in solcher Lage ist! (Wieder zu. traulich.) Nehmen wir an — (firht sich vor. sichtig um) es hört uns ja Niemand — Abraham (für sich). Er thut g'rad', als ob er mir beichten wollt' — (Laut.) Sprecht, sagt, was Euch das Herz bedrückt! Torske. Ja, ich will euer Urtheil hören! — Also — nehmen wir an — es wäre ein Mann — irgend ein Mann — nehmen wir an — einer von uns beiden — Abraham. Ja, ja, einer von uns beiden! — Sprecht nur! Torske. Der vor so ungefähr 16—17 Jahren — von einer Leidenschaft erfaßt — nun — Ihr versteht mich wohl? Abraham. Ja, ja. ich verstehe Euch! Torske. Kurz — n-schehen ist geschehen — doch daS Vergehen hat einen Zeugen, der, merkwürdiger Weise, als die That geschah, noch gar nicht auf der Welt war. und an den man — ha. ha. ha! doch glauben muß! — Ihr versteht? Abraham. Ja. ich versiehe! Torske. Nun verbieten aber die Verhältnisse. daß der Mann den damaligen Gegenstand seiner Leidenschaft sich ehelich antranen lasse — er selbst kommt unverhofft zu einem großen Vermögen — sein 49 Kind ist arm, es könnte sich aber, wenn es eine reiche Aussteuer erhielte, an der Seite eines Mannes ein Glück begründen — Abraham (lustig). Dann war' der Vater, der nicht sein Aeußerstes aufböte, um an dem Kind gut zu machen, was er an der Mutter verbrach, kein Mann, sondern ein elender Schurke! Torske fersrnit, Abraham- beide Hände fassend). O Prior, wie sreu't es mich, diese Ansicht ans eurem Munde zu vernehmen, denn was Ihr sagt, das wird auch zur That! Abraham. Wenns mich selbst betrifft — (ihn wieder scharf ansehend) ob Andere immer thun nach meiner Red'—? Torske. Ein Schurke, wer nicht handelt, wie Ihr gesagt! An dem Wort' halt' ich fest — doch — (qegm den Hintergrund sehend) da kommt das Mädchen! Neunte Scene. Vorige. Marie, Sali, ein Diener. (Marie, Sali kommen von der Terrasse.) (Diener folgt ihnen, bleibt aber im Hintergründe.) Abraham (Marien dir Arme entgegen» breitend). MüNt! Marie (fr.udig ans ihn zueilend). Ah, Ihr seid doch da!—aber— (sieht sich ängstlich um). Abraham. Was hast Du? — Du kommst mir so ängstlich — fast erschreckt vor — Marie Das bin ich auch! Hört nur — ein Diener bringt mir den Zettel von Euch — ich flieg' daher auf's Schloß — unter der Einfahrt begegnet mir die (auf Sali wkislnd) und ruft mir laut zu: »Geh' Sie nur g schwind hinaus! Ihr Liebhaber wart' schon auf Sie—*. Abraham. Da hat sie ja die Wahrheit gesagt — Marie. In dem Augenblick' hör' ich aber aus der Wachstuben einen Aufschrei — eine Stimm' — (Ängstlich.) Sag t mir nur um Gotteswillen! — Wo — wo ist der Anton? Abraham, lieber die Ungeduld! Sei nur ruhig. Kinderl! Du wirst ihn lang genug haben — denn daß Du's nur gleich erfährst — Du bist Braut! Marie (freudig, doch noch ungläubig). Was? — Was sagt Ihr, Pater? Torske. Ich bestätige die Worte des Herrn Priors, der wohl selbst die Trauung vornehmen wird. Abraham. Freilich — freilich —aber (sich umslhend) wo bleibt er denn? Torske. Der Bräutigam? (Zudem Die» ner, gegen link- w isend.) Rufe ihn herbei! Ich hole die Hochzeitsgäste — (O.ffnrt dl, Seitenthür recht- ) Zehnte Scene. Vorige, Fritz, Scalvinoni. Brautjungfern. Winzermädchen, Stroll- heim, junge Cavaliere. (Vier Brautjungfern treten zuerst an- der Seiten, tdüre link-.) (Strollheim. Scalvinoni, Fritz, Hand in Hand folgen.) (Die Winzerinnea schließ.n sich zuletzt an.) (Die Lavaliere treten gleichzeitig von recht- hrrauS.) Abraham (erstaunt). Welche Vorbereitungen! Aber noch seh' ich den Bräutigam nicht. Scalvinoni (Fritz vorsührend). Ich stell' ihn Euch vor — Herr Friedrich Freiherr von Torske — Marie (aufschrriead und entsetzt zurück» weichend). Wie? Der — der? Abraham. Treibt keinen tollen Scherz! Torske. Es ist heiliger Ernst. Herr Prior! Traut das Mädchen mit meinem Sohne, und erhebt sie dadurch zur Freiin von und auf Torskenberg! Marie. Um Gottes willen! t ,2 ... Abraham. Nimmermehr! ^ 4 50 Torske. Ihr werdet Euch nimmer weigern, wenn Ihr — (zieht die Schrift her. vor and hält fle ihm vor die Augen) dlkß gelesen! Ab ruh am lblickt staneu Auge- auf dir Schritt). Ein Befehl des — Kaisers?! Marie (verzweifelnd). Ich bin ver. loren! Torske (zu Abraham). Nun. werdet Ihr jetzt die heilige Handlung vornehmen? Abraham. Nein! nein! nein! Und wenn der Befehl vom Papst selbst käm' — Scalvinoni. Prior! Ihr lehnt Euch auf gegen euer weltliches und geistliches Oberhaupt! Abraham. Aber nicht gegen Gott! — Und er verbietet s, daß die Zwei ein Ehepaar werden! Torske. Wir wollen doch sehen, ob ein andererDiener Gottes von diesem Verbote weiß! (Zn Cralvlnoni.) Schickt nach dem Pfarrer des OrteS! Abraham (wie von Todr-angst gequält). Es kann — es darf kein Priester sie trauen! (Plötzlich von einem Gedanken ersaßt, für sich.) Ha! — der Tollinger! Hat er mir nicht in seiner Beicht' selbst die Ermächtigung gegeben, von seinem Bekennt- niß im dringendsten Fall' Gebrauch zu machen — der Fall ist da — ich kann s vor Gott verantworten. (Laut zu Tro-ke.) Ein Wort zu Euch allein! (Eilt zu ihm und sogt ihm einige Worte in - Ohr.) Torske tri bebt, wankt, taumelt zu einem Studie und sinkt fast ohnmächtig in denselben). Scalvinoni (zu Tor-ke). Erholt Euch doch! Ich sende nach dem Pfarrer! Torske (sich matt vom Stuhle erhebend, indem er sich mit einer Hand noch auf die Lehne derselben stützt und mit der andern eine abweh- rende Bewegung macht). Nein! nein! der Prior hat wahr gesprochen — kein Priester soll und darf dieses Paar trauen! Fritz. >2 Scalvinoni.! «s. Was sagt Ihr? Strollheim.s » TorSke. Fordert keine Aufklärung — mein Gehirn siedet, und das Mark in meinem Gebein ist erschüttert durch ein Wort!—Laßt mich — laßt mich! (Sich,r. schöpft auf Fritz' Schulter lebend.) Nur Du — komm mit mir! — führ' mich in mein Gemach — ich bedarf der Ruhe! (Ab mit Fritz nach rechts.) Marie (zu Abraham). Pater! Wie soll ich Euch danken, daß Ihr das namenlose Unglück von mir abgewendet habt?(Bedeckt seine Hand mit Küssen.) Abraham (ihr sttne Hand sanft entziehend). Laß nur, mein Kind! Das Gewitter hat sich verzogen, und jetzt soll die Sonn' doppelt freudig scheinen! (Zu den Uebrig-n.) Aber seht doch, wo denn der Anton bleibt. (Dom Hintergründe her ertönt da- Schmettern von Trompeten). Alle. Was ist das? Scalvinoni. Das Werbe-Eommando des Kürassier-Regimentes ruft seine Re- cruten ein! . '! Eilen zu ihm). Scalvinoni« » * - Fritz. Um des Himmels willen! Vater! Scalvinoni. Was überkömmt Euch — Ihr seid leichenblaß! Strollheim (entsetzt). Allmächtiger! Die Leute kamen von Wien — sie haben die Pest mitgebracht! . , Abraham Sorgt nicht. Jch>K,',r°sii.re . Säb.,»,. bab' eine große Sünd' verhüt' — und die Sünd' allein ist die wahre Pest der Menschheit! Eilste Scene. Vorige, Korporal Bügel. Anton, einige Kürassiere. Anton (in der Montur eines Kürassiers). Bügel (Erscheinen auf der Terrasse.) Bügel (zu Anton). Ein Abschiedswort ist Ihm gestattet — doch mach' Er's kurz! 51 Abraham (Anton erblickend, überrascht). Was soll das? Marie (erschreckt) Um Gottes willen — Anton! Du — Soldat? (Will auf ihn zueilrn ) Anton (kalt abwehrend) Dank' Sie mir, Jungfer! Zch steh' Zhr nicht im Weg. wenn Sie zu Ihrem Liebhaber schleicht! Abraham. Was red't der Bursch für Unsinn? Mari e. Ich—zu meinem—Liebhaber? Anton (ohne sie anzusehen. -u Abraham). Pater! s'thnt mir leid, daß auch Zhr Euch getauscht habt in dem Mädel, aber mir ist's noch rechtzeitig g'steckt worden, daß die Marie daher zu dem jungen Baron auf's Schloß kommt — Marie. Ich — zu dem jungen Baron —? Anton. Ich bin auf die Wachstuben, um sie abzupaffen — der Korporal und seine Leute baden mir zugeredet, ich sollt' Einer der Ibrigen werden — ich Hab' kein Ohr für solche Reden gehabt — da aber bab' ich sie kommen sehen — Hab' gehört, wie die Kellnerin, die immer schon mit dem Baron einverstanden war. zu ihr gesagt Kat: .Ihr Liebhaber wartet schon auf 'sie!« (Zähneknirschend.) Hab gesehen wie sie dann die Stiegen mehr hinauf geflogen als gegangen ist. und da Hab' ich nach dem Säbel gegriffen, wollt' ihr nach — aber (auf die Kürassiere weisend) die haben mich abgehalten — Bügel. Ja — »Schlagt Euch die Dirn' aus dem Sinn« — Hab' ich gesagt »und führt den Säbel lieber gegen des Kaisers Feinde!" Anton. Und ich — Hab' den Handschlag geleistet — Marie (beide Händ' in'« Gesicht schlagend). Jesus Maria! Abraham Wahnsinn über Wahnsinn! — Lieb'! Du bist doch der Geist Gottes, warum machst Dn doch die Menschen gar so dumm! (A„ Anton.) Freilich hat ein Liebhaber auf sie ge- wart' — aber der warst Du — freilich ist sie mehr geflogen als 'gangen, denn ich hatt' ihr geschrieben, daß Du da bist— frag den Herrn Baron (auf Scalvinoni weisend) dem Hab' ich den Zettel 'geben! Anton (auf Scalvinoui blickend). DkM — dem? und der Herr war's g'rad. der den ersten Verdacht in mir geweckt — mich auf die Wachstube geschickt hat — Abraham. Das ist ja nicht möglich! Du mußt unrecht gehört haben! (Za Scal- vinoni.) Beweist es ihm doch — Zhr könnt gewiß die Werbung rückgängig machen — denkt an den Brief des Fürsten Schwarzenberg —! Scalvinoni. Die Werbungrückgängig machen? (DkN Brief hervorziehend, mit spöttischem Lächeln.) Der Fürst schreibt: »Fördert seine Werbung und gebt ihm Geld zur Ausstaffirung.« (Zu Bügeln.) Seine Equipirung bezahle ich! Abraham (entrüstet). So legt Ihr den Brief aus? — und ich Hab' Euch doch gesagt — Scalvinoni (wie oben). Ich mach's wie Ihr. ich halte mich an die Schrift. Abraham. Und ich — an den Kaiser! — Er wird in wenigen Tagen zurückerwartet! Scalvinoni. Wartet auf ihn, wenn es Euch (da« versiegelte Schreiben hervorzie- hend und es Abraham überredend) dießSchreiben gestattet. Abraham (b. sieht das Siegel, überrascht). Ans Rom — vom General-Prior? (Neißt daS Couvert ab, entfallet das Schreiben, seine Hände beginnen während des Lesens zu zittern, endlich läßt er eS sinken und blickt Scalvinoni an.) Scalvinoni (steht, eine Hand in die Brust gesteckt und Abraham mit triumphircndem Lächeln betrachtend). Abraham (nach einer kurzen Paus,). Es steht geschrieben: »Gott hat den Menschen nach seinem Bilde gemacht« — wenn man 52 aber Euch ansieht, sollt' man meinen, der Teufel wär' ihn» zum Modell gesessen! Scalvinoni (auffahrend). Pater! Anton (zu Abraham). Lagt, was enthält dieß Schreiben? Abraham. Zch bin meiner Priorswürde entsetzt —Hab' mich sofort nach ^ Empfang dieser Zuschrift als Kaplan nach dem kleinen Kloster im Grazer Münz- ! graben zu begeben, und michden Weisungen! des dortigen Priors zu unterwerfen. ^ Strollheim. Ei, das sieht ja fast einer ' Corrcction ähnlich! Abraham (mit bitterem Lächeln). JamaM denkt wohl, das viele Predigen —das viele! Betteln für die Armen, die vielen Nächte.! die ich in der vergifteten Luft der Spitäler zugebracht Hab', müssen mir schlecht bekommen haben, und darum — ha. ha. ha! schickt man mich - zur Besserung! Anton. Ihr werdet dem Schreiben doch nicht Folge leisten? Abraham (ernst). Gehorsam gegen die geistlichen Obern ist die erste Pflicht meines Ordens! — Den Brief hat der Ge- neral-Prior geschrieben. — Oh! der Mann muß ein feines Gehör haben, denn er schreibt in Rom. was(ausCralvi„oniblickend) in Wien dictirt wird! Marie (in Thräncn ausbrecheud). Ihr verlaßt uns also? Anton. Und ich muß in den Fesseln bleiben. in welche mich nur die Verzweiflung geworfen hat? (Drückt die geballte Faust an die Slrrn und ficht starren Bltck-- vor sich hin.) Abraham (beide betrachtend, für fich). Die armen Kinder! Ich sollt' sie trösten, und mich selbst hat der letzte Schlag so betäubt — (Sich plötzlich wieder aufrichtend ) Was Schlag? Das Schicksal schlägt oft auf den Menschen wie der Stahl auf den Stein, nur damit die leuchtenden Funken herausspringtn! (Zu Marie und Anton gleich am mit einem all.m trotzenden Humor.) Hört mich an! — Ein Schulmeister ruft bei der Prüfung nur die Kinder aus. von denen er weiß, daß sie ihm Ehre machen; — denkt Kinder, (gen Himmel deutend) der ewige Schulmeister in der Lebensschul hat jetzt uns alle Drei zur Prüfung berufen; — wollen wir ihm S ch a n d' machen? sollen unsere Feind' uns anslachen, weil wir, statt zu bestehen, stigezen und stage- zen, oder gar zu weinen anfangen? Ho. ho! Die Freud' machen wir ihnen nit! Wir lassen uns nit werfen — wir beste- hen! (Zu Marie) Du bist noch jung — wart' noch ein paar Iahrln. die Spinnerin am Kreuz hat noch länger auf ihren Ritter warten müssen — (zu Anton) und Du denk' daran, daß Gott den Laim zum ersten Menschen auch hat bearbeiten und kneten müssen, bis ein ganzer Mann d'raus worden ist. und dann hat er ihm erst ein Weiblein gegeben, also laß Dich halt auch noch ein bissel bearbeiten und kneten. und sei dann nicht einer von den Soldaten, die nur am Papier' stehen — sondern steh' auf dem Feld der Gbr'. zeig' Dich als ganzer Mann, dann wird Dir der Herrgott auch dein Weiblein geben. Mit Musik zieht das Heer zur Schlacht, und so wollen auch wir heiteren Muthes den Kampf mit dem Schicksal aufnehmen! Bügel (wischt sich die Augen, dann zu Abre« Ham). Pater! wenn Euch Euer geistlicher General zu stark coujonirt. laßt Euch zu uns transferiren! Hol'mich der Teufel! so einen Feldprediger könnten wir brauchen! Anton (fich ermannend, zu Abraham). Ja, Euere Worte wirken wie Balsam, und die Wunde heilt. Der Kampf mit den Ungläubigen steht bevor, ich will gläubig an den Herrn der Heerschaaren, dem Paterlande meinen Arm leihen. (Zu Mare, ihr die Hand bittend). Marie! sei auch Du stark! Marie. Anton! wirst Du mein Bild treu im Herzen bewahren? Abraham. Er hat ja einen eisernen Küraß drüber, da kann's ja nit heraus! Also macht Euch den Abschied nicht schwer — der Teufel (auf Sralvinoni blickend) will zwar Eueren Bund zerreißen, aber (legt Marien an Anton» Brust) ich Niach's so (breitet segnend sein, beiden Hände »brr sie) ruf', Euch segnend. den Namen Gottes — und nun l.-ßt seh?n, ob er Euch ankann?! Anton, Marie (sinken, sich umschlungen haltend, vor ihm itt die Knie). Abraham (bleibt, jum Himmel blickend, in seiner Stellung). Bügel (ergriffen zu den Soldaten). Habt Acht! zum Gebet! (Legt eine Hand an die Stirn und senkt den Säbel.) Die Kürassiere (legen eine Hand an die Stirne und senken die Säbel). Die Winzerinnen (sinken ebenfalls in die Knie). Der Vorhang fällt. Fünftes Mld. Äuf der Rastet. Pers Johann Sobieski, König von Polen barl, Herzog von Lothringen. GiafRüdigrr von Starhemberg Lbercomman» dant von Vien. Biltof Kolonit». Abraham a Sancta Llara. Latku!». Baroa Tor» kr. Fritz, dessen Sohn Hafner, Stadthauptmanu. Toi lioger. Lestrrrrichtsche und polnische Generale, Officlere denten, türk o n r n. Eva, dessen Wejb. Marie, ihre Tochter. Helvetlu», Student. Schartig, ) Lehmann, f Sp°»I,,,, «°» Di,° Koltschitzky, s Augustin, Bänkelsänger. Sali, Kellnerin. Ein Osficier. bin Adjutant. ad Soldaten. Bürger ton Wien, Mönche, Ctr he Krieger. Fünftes Bild. Kurz vor dem Aufziehen de»Vorhänge» erdröhnt der donnerähnliche Schall einer gesprengten Mine; — der Vorhang geht darauf rasch in die Höhe, und zeigt einen The«l der Bastei mit einer vom Vordergründe recht» sich in einer krummen Linie über die Hälfte der Bühne g gen link» ziehenden gem werten Brustwehr, welche mit Eldanfwürfrn. Palissadea und Faschinen noch mehr geschätzt ist, tm Vordergründe recht» aber sind diese Derthet- dignagsobjecte theilwrisr niedergrrtssea; mehr gegen rückwärt» stehen Kanonen. Link» im Vor- dergrunde sieht man dw Vorsprung von Gebäuden. Zm Hintergründe da» Kahleogebirge. Erste Scene. Stadthauptmann Hafner, Tollin- ger. Scharting. Lehmann. Spani- zek. andere Bürger, türkische Krieger. (Die türkischen Krieger find eben im Begriffe durch die rntstandrue Bresche von recht» auf die Basler 54 zu gelaagkn, dir Bürger .meist mit Pickelhauben und Lrustharnischen gedeckt and mit Hellebarden, Schwertern und Strritkolben bewaffnet, find im Kampfe mit ihnen, Kanonen werden gelöst, ander Tiefe recht- hört man Janitscharevmustk — der Kampf währt unter wüstem Geschrei nur kurze Zeit, die Türken werdeu zurückgeworfen;— über die Bühne werden Verwundete und Gefallene von recht- nach link- auf Tragbahren getragen.) Hafner (mit dem blanken Schwerte in der Hand von der Kampfsrene mehr gegen die Mitte kommend). Denen haben wir den Heimweg gezeigt! An derStellekommensiewohlsobald nicht wieder! (Zu den Bürgern.) Brüder! Ihr habt wacker gerauft, gönnt Euch jetzt Ruhe! Schartig. Ja — so lang's uns Ruh' lassen! heut' haben sie'S gar scharf — Spanizek(mit geballter Faust gegen recht- drohend). Satrazene Lump muselmännische! wullen s haben Wienestadt! Lehmann (mit Stolz). Aber wir sein da! (Bedenklich.) Das heißt, so lang ans Da» sein z'denken ist! Schartig. Nur keine traurigen He. danken! Kommt, was kommt! — Aber lagert Euch jetzt — macht Feuer — kocht g'schwind ad! Die Bürger (stellen während des Folgen, den die Hellebaedrn und Gewehre in Pyramiden« form, bringen Holz, machen Feuer u. f. w. und lagern fich in Gruppen). Tollinger (bleibt, auf seine Hellebarde ge- lehnt, mehr rückwärt- recht- stehen und fleht düsteren Blicke- gegen recht-). Hafner. Ich eile, dem Stadtrichter Be. richt zu geben — bald bin ich wieder bei Euch. (Ab nach link- ) Schartig (zu Tolliager). Na, Tollinger! setzt Euch doch auch zu uns! Lehmann (tritt zu Tollinger und hält ihm seine Feldflasche dm) Macht'- tin' ftsten^Zttg aus meiner Flaschen — gebt mir'n zuruck, wann wir wieder einmal in eurer Schenk' beisammensltzen! Tollinger.Zn meiner Schenk'? (Segen rechts in die Scene weisend ) Dort ist sie gestanden. wo jetzt das Zelt von Kara Mu. stipha steht. Lehmann. Richtig! Sie hat ein andc. res Schild kriegt. Statt »zum blauen Har. nisch" heißt's jetzt »zum goldenen Mond- schein*. Schartig Ja. der Graf Starhemberg hat's für nothwendig g'funden. die Bor- städt' alle niederbrennen zu lassen— (zu Tollin« aer). aber macht's Euch nichts d raus! — Wir alle können - bezeugen, daß Ihr g'rauft habt wie ein Bar — dafür wird Euch die Stadt schon ein neues Haus bauen! Tollinger (in trauriger Ahnung). Ja, sie werden bald anfangen den Grund für mein neues Haus zu graben — (dcutrt gr« gra dir Grdr). Lehmann (zu Tolliger). Kommt's schon wieder mit eueren Ahnungen! — Wenn Euch Gott in Euern besten Jahren hält' zu sich nehmen wollen, so hält' er'S damals than, wie die Pest zuerst an Euerer Thür anklopft hat. Tollinger (gen Hlmmrl blickend) Er hat g'wußt, warum er mich so lang leben laßt; find' ich aber jetzt den Tod für s Later» land, so darf ich hoffen, daß mir viel ver. ziehen wird! (Setzt fich auf ein Mauerslück und bleibt, da« Haupt tu dir Hand gestützt. io Gedanken versunken ) Schartig (leise zu den um ihn Gelagerten). Seit seiner Krankheit ist der Mann tin ganz Anderer! Lehmann (leise). Ich sag', 's ist ihm (auf die Stirn weisend) was zurückgeblieben. « Anton). Aber Du bleibst doch jetzt bei uns? Anton lsi>> mit einem Arm' umschlingend). Wie? Ich sollte heute — heute, wenn der 61 Alles entscheidende Schlag grsührt wird, bei meiner Truppe fehlen? Bin ich Soldat, um nur den Botendienst zu versehen? Sol! ich die Sieger erwarten, statt mit ihnen in die befreite Stadt einznziehen? Nein! nein! Was ich bis jetzt gethan. war' nur eine halbe Lhat, wenn ich dem Kampfe mich entzöge! Ich kehre wieder zurück zum Heere — Abraham. Aber da mußt Du ja gerade mitten durch das Türkenlager? Anton Ichwag's! Gerade heut'wird's leichter gelingen, da der Feind bereits von uns beschäftigt wird! Laßt uns also kurzen Abschied nehmen! (Zu Marie, seine Arme aus- breitcnv ) Meine Geliebte — meine Braut! gib mir den ersten Kuß der Weihe! Marie (zögert VN schämt). Abraham (autmüthig, doch scheinbar UN' willig zu Marie). Na so! — wenn er schon g'weiht sein will — ich Hab' keinen Weih- wedel bei mir! — Und — ich muß ja Nlt Alles sehtll! (Wendet sich ab.) Marie (srürzt weinend an Antons Brust und küßt ihn). Anton! mein Anton! Anton (sie wiederholt küssend). Weine nicht. — Mich beseelt frohe Zuversicht. Abraham tnach einer Pause sich wieder zu den Liebenden wendend). Noch nit fertig? Sonst sind die Soldaten geschwinder mit ihrer Andacht! (Anton am Arme lassend.) Du kommst ja schon ins Feuer, bevor die Schlacht angehl! Anton. Ihr mahnt mit Recht! Ich muß fort! Gehabt Euch wohl, hochwürdi- ger Vater! (Saßt Abraham« Hände.) Abraham (seine Arme ausbreitend). Kannst mir schon auch einen Kuß geben! (Drückt ihn an seine Brust.) Unsere Herzen seind zwei Uhren, die gleich, wenn auch eines unter der Kutten, das andre unterm Harnisch schlagt! (Küßt ihn derb.) So! und jetzt geb Dir Gott sein Geleit! Koltschitzki (saßt Anten« Hand und weiN auf den Minengang). Da hinunter, Bruderherz! Die Türken haben Euch selber den Weg gemacht! Antonssich nochmals grüßend zu Allen wendend). Lebt wohl und harret muthig aus! — Unser Aller Losung ist: Für Gott und Wien! (Steigt den Minengang hinab.) Alle (begeistert). Für Gott und Wien! Siebente Scene. Vorige, Fritz, Studenten, Laikus, Augnstinermönche. Laiktts (im MönchSkleide, aber darüber einen Küraß, eine Pickelhaube auf dem Kopfe und ein Schwert in der Hand, eilt zuerst von links heraus und auf Abraham zu). Ah! da seid Ihr, Herr Prior! — Denn mein Prior seid Ihr noch immer! Abraham (erstaunt). Laikus! wie siehst denn Du aus? Laikus. Erst halb so, wie ich bald wieder ganz aussehen will — ich Halt s nicht aus im Kloster, und dank' Euch, daß Ihr uns aufgerufen, die Zellen zu verlassen! Seht! dort kommen auch die andern Brüder! «Gegen links rufend.) Nur hicher! Führt die Erde aus dem Kloster- garten zu! Augustinermönche (theils mit Krampen und Schaufeln versehen, theils mit Erde gefüllte Schiebtruhen führend, kommen links). Abraham (zu den Mönchen). Grüß Gott, Brüder! Bessert nur dort (auf die Brustwehr weisend) die Lücke aus! Macht Erdwälle zur Brustwehr! Die Mönche (leeren die Erde aus und beginnen zu graben, umgeworfrne Pallisaden aufzurichten u. s. w). Abraham (zu den Weibern). FÜrEuch, Weibsvolk, ist aber jetzt hier kein Platz mehr! Geht heim — näht und zupft Leinwand—richtet Lagerstätten für Verwundete! Nur fort von da! Fort! Eva (zu Marie). Komm'! Wir wollen arbeiten! Marie. Und dabei beten — für ihn! Alle Weiber (folgen ihnen). 62 Augustin (zu Sali). Geh'n wir nit auch mit den andern Weibsbildern? Sali (verächtlich). Du kannst gehen! Ich nicht! — Ich stell' mein Mann! - - (Tritt zu Laikur.) Servus, Kamerad! — 2s ein Glasl g'fällig? (Rricht ihm ihr Gläö. chrn, das sie aus dem Fäßchen gefüllt) Laikus (sie erkennend). Ah — das ist ja meine Schinkenspenderin! (Leert dar Glas.) Gott lohn' Zhr's, saubere Jungfer! Sali. Nur keine Complimenter! (Füllt ihm dar GlaS nochmals.) Augustin (eifersüchtig auf beide blickend). Jetzt karesiirt's gar mit dem kürafsirten Bettelmönch! Mich frißt die Eifersucht — ich thu' mir was an — ich stürz' mich — in den nächsten Keller! Mt nach links ab.) Abraham (ist indkß an die Brustwehr getreten, gibt den Mönchen die Arbeit an, und ergreift zuletzt selbst den Spaten und arbeitet). Fritz (ist mit den vier Studenten wieder ge» kommen, welche sich zu ihren Kollegen gesellten, er selbst bleibt im Vordergründe link'S allein, für sich). Jetzt ist das ganze Kloster völlig geleert! — nun könnt ich's wagen — (Sieht sich vorsichtig um ) Achte Scene. Vorige. Torske. Torske (in einen Mantel gehüllt, kommt vom Hintergründe und schleicht dem Vorder» gründe link- zu Fritz, erblickend.) Da trkff' ich ihn ja! (Klopft Fritz auf die Schulter ) Fritz lsich nach ihm umblickend). Ah, Ihr, Vater? (Leise.) Sprecht leise! Er (auf Abraham deutrud) ist wieder zurück — Torske tauf Abraham blickend). Alle Teu« fel! doch sprich — Du hattest mehrere Tage die Wache im Kloster, — nicht- aufgefunden? Fritz tfartwähreud leise). Nichts! auch nicht eine Spur! Torske. Und er hat sich doch, bevor er nach Graz abreiste, zu mehreren Leuten geäußert, daß er den gefundenen Schatz vermauert habe. Fritz. Im Kloster nicht, sonst hätt' ich an irgend einer Wand einen frischen Anwurf bemerken müsien! Und dann — Torske. Dann hättest Du Dir wohl kein Gewissen daraus gemacht, selbst den Schatzgräber zu spielen. Fritz. Gewissen? — Er hat mich um alle Aussicht gebracht! Torske. Und wir stehen dem Nichts gegenüber! Die Gläubiger haben mein Gut versteigert — Fritz (mitIngrimm). Und ich muß hier den Söldner abgeben, nur um verkästet zu werden! — Den Zustand ertrag' ich nicht länger. (TorSke'S Hand sassrad.) Es muß — es wird anders werden! Torske (ihn erstaunt anskhend). Was hast Du? — Deine Hand bebt! Fritz. ES ist die Aufregung, die jeder entscheidenden That vorangeht! Torske. Was hast Du vor? Fritz (gang leise). Wenn ich im Augustinerkloster auch nicht den Schatz — so Hab' ich doch den Weg zumReichthume gefunden! Torske. Was sagst Du? Fritz. Fragt jetzt nicht weiter! Bleibt hier — Torske. Doch wenn der Feind in die Stadt dringt —? Fritz. So sollt Ihr nicht gefährdet' sein! — dafür bürg' ich Euch! — doch jetzt — ans Werk! sSilt nach link- ab.) Torskt (ihm nachsehend, für sich). Was hat er vor? Helvetius (hat medr im Hintergründe stehend die Sprechenden scharf inS Auge gefaßt. für sich). Was haben die dort heimlich abge« Macht? (Zn die Scene link« sehend.) Dtk junge Baron eilt nun allein dem Kloster zu? — Ich trau ihm nicht! — (Leise zu einigen Studenten.) Folgt mir! (weht mit ihnen nach link- ab.) Laikus (hat indkß einen Feldstecher hervor« gezogen und durch denselben nach dem Hinter« 63 gründe gesehen, freudig aufschreiend). Herr Prior! — Herr Prior! Abraham (zu Laikus eilend). Was hast Du? Laikus (ihm da- Fernrohr reichend). Seht dorthin! — auf die Spitze des Kahlen- berges ! Abraham (fleht durch da- Fernrohr) Wahrhaftig! (Aufjubelnd.) Die rothe Fahne mit dem weißen Kreuze! Alle. Hurrah! Hurrah! Neunte Scene. Vorige, ein Officier, eine Truppe Soldaten. Der Officier (kommt an der Spitze der Soldaten raschen Schritte- unter Trommelschlag und Pseisenklang vom Hintergründe her). Schartig (sie erblickend)- Ah! das sind die vom Regiment Kaiserstein! Die Bürgertden Soldaten rntgkgtnrufknd)- Hurrah! hoch Oesterreich! Die Soldaten (den Gruß eewiedernd). Hoch die Wiener! Officier. Wir sind commandirt diesen Posten zu verstärken ! Bald geht's los! Abraham (noch in die Ferne sehend). Das bhristenheer sammelt sich — aus der Capelle oben tritt ein Priester! — Er segnet die Truppen! Officier (,„ Abraham). Pater, thut desgleichen! Der Kampf kann heiß werden! - Ermuthiget meine Leute durch eine kräftige Ansprach'! Schartig (zu Abraham) 3a — dazu seid 3H r der Mann wie kein Zweiter! Ab?aham. Ich will wohl! (Für sich.) Aber lang salbadern nützt da nichts! 's gilt die Leut' zu frohem Muth zu stimmen! (Laut.) Nun denn! so hört mich an! (Steigt auf einen Hrdbügel) (Dom fernen Hintergründe ertönt Kanonendonner.) Abraham. Soldaten! Die Beicht'kann ich Euch nicht mehr abnehmcn, denn die Geschütz' brummen bereits so laut, daß an eine Ohrenbeicht nit zu denken wär'! Ich will Euch also nur kurz Euere Sünden Vorhalten, diewohl ein Gemeingutoderbesser gesagt ein Gemeinschlecht Eures Standes sein. Ihr flucht vor Allem zu viel—wenn Euch für jeden Fluch, so Ihr aussprecht, nur ein Haarl ausging, so wären eure Schädel schon so kahl wie ein gesottener Kalbskopf, und wenn man bei allen Himmeldonnerwetter», die aus Euern Mäulern nhren, die Glocken läuten lassen wollt', o brächt' man gar nit Meßner genug zu- ammen! — Sagt mir, müßt Ihr denn zu einem »Helf Gott!« das Maul weiter auf- machen, als zu einem »Hol Dich der Teu- el!« — Also legt das ab! — Das gewisse Gebot haltet Ihr auch wie der Äff die heiße Nußschale — aber davon will ich nit reden — 's hilft doch nichts! —Ferner nehmt Ihr lieber Geld, als Jhr's gebt! Gewissermaßen habt Ihr Recht, wenn Ihr ein Geld nie —niemals gebt, nämlich das Fersengeld! Denn die Feigen sind wohl eine süße Frucht, aber die Ledfeigen sein abscheulich! duldet also keine solche unter Euch! Das Wort »Soldat« müßt Ihr von rückwärts lesen, dann heißt's: »Tadlos!« — Hinweg also mit denjenigen Soldaten, die lieber zu Freßburg als zu Preßburg im Quartier liegen! Hinaus mit den Soldaten. die lieber von Muskateller als von Musketen hören! Fort mit den Soldaten, die lieber unter die Decken, als unter die Degen gehen! Nix nutz sein die Soldaten, die lieber mit der Sabindl, als mit dein Sabel umspringen, oder wenn's ein Herz fassen sollen, erst zum Flecksieder gehen müssen! Solche Soldaten sollten beim Kürschner die Hasenbälg' ausklopfen! Ihr aber, nit wahr? schwört mir's. Ihr wollt den Türken den Pelz ausklopfen! Die Soldaten (lustig). Ja — ja! das wollen wir! Wir schwöriP's! Abraham. Nun, so will ich Euch um dessentwillen die Sünden vergeben! Zum Beten habt Ihr jetzt nit viel Zeit, aber Ihr seid ohnedieß gut d'ran, denn andere 64 Leut' haben ihre Patrone im Himmel — Ihr aber habt Eure Patrone in der Tasche — laßt die für Euch sprechen! Haltet zusammen, Bürger und Soldaten! haltet fest zusammen, dann wird so wie Iosua einst der Sonn', Kaiser Leopold heut' dem Halbmond zurufen: „Steh' still!" Amen! Laikus (der fortwährend hinabgesrhea). Da flüchtet sich eine Türkenschaar gegen die Mauer! Officier (zu den Soldaten). Laßt sie nicht heran! — gebt Feuer! (Die Soldaten, Bürger und Studenten elleu an dir Brustwehr und schießen hinab.) Laikus (löst di« Kanone und ladet sie darauf wieder). (Boa unten herauf tönt da- Geschrei: Allah! da- Feuer wird erwledrrt, einzelne Kugeln fliegen auf die Bühne. — Die Mönche werfen Steine hinab u. s. w) Torske (welcher link- gestanden, für sich). Mein Sohn hat da einen sehr unbthagli. chen Platz zum Rendezvous gewählt — ich muß näher an die Brustwehr. (Schleich, sich g> bückt bi- an die Brustwehr und kommt gr> rade hinter Tollinger) Laikus. Ha! sie fangen schon an zu weichen! (s- fallen nur mehr einzelne Schüsse von unten he aus) Tollinger (schreit plötzlich laut auf. läßt seine Waffe finken, preßt die rechte Hand an die Brust, taumelt zurück, und saßt mit der liakra Hand die Schulter de- hinter ihm stehende»» Torske). Torske. Um des Himmels willen! Abraham (eilt auf Tollmgrr't rechte Lette). Was ist-? Tollinger (mit matter Stimme). Aus: auS! oh! — der Schmerz! TorSke. DaS Gewicht erdrückt mich! Abraham. Laßt ihn sanft zur Erde niedergleiten, damit ich seh', ob noch zu Helsen! (Unterstützt auch dea Sinkende»» > Torske (läßt Tollinger aus kiaeu llirdhan f„ nieder). Wenn er mich nur lösliche! l W»ll Tolling.r'- Hand von seinen Schultern lösen ) Tollinger (öffllkt die Augen weit, starrt Tor-ke an. ihn erkennend). Ihr — Ihr, Baron Torske! Torske (erschreckt). Der Mann — mir so bekannt —! Tollt naer (mit immer matter werdender Stimme). Macht gut! — macht gut. was ich nicht mehr vermag—mein Weib—Eva! Torske (ihn nun erkennend). Ha — mein ehemaliger Diener —! Tollinger. Der Euch — vor langen Jahren — auf die Jagden — nach Mariabrunn begleitet hat. und Wach' halten mußt', wenn Ihr—mit dem armen Wald- hütermädel — Torske. Woran mahnt Ihr mich?! Tollinger. An Eure —- an meine Schuld! Iar habt die Unglückliche heimlich verlassen und mir Geld gegeben — sie ab- zufinden — ich that s erst nicht — später erst Hab' ich sie zum Weibe genommen — aber schlecht an ihr —an Eurer Tochter gehandelt — zu spät Hab' ich — bereut! Sühnt Ihr jetzt die Schuld — die meine und die kurige — sorgt für mein Weib, der Ihr den Schwur gebrochen.— (Schmerz. Uch auf.,ödatnd.) Ah — vorbei! — Pater! Guern letzten Segen! (Si-ki leblo- zurück.) Torske (weadrt sich entsetzt ob). Abraham (beugt sich zu Tollinger aieder, eine Hand auf dessen Haupt» dir andere auf des- eu Brust legend — nach eiller Pause). Er hat auSgerungen! Gott sei ihm ein gnädiger Richter! (Erhebt sich, zu Tor-ke.) Baron! Ihr habt srinen letzten Wunsch veraom- mrn — sein Vermächtniß- Torske (unwillig). Ich trete diese Erbschaft nicht an! > Abraham (tritt z> ihm Ulld fahr ihn an o.r Hand). Entsinnt Euch! — dem ^Gkid. da-er tauf Tor-ke weis.>d) hilflos hinter- läßt, habt Ihr am Altäre geschworen —! Tor-ke. Spart Eure Worte! — die Vergangenheit ist abgeschlossen. Abraham («t bttend gefalteten Händen). Ich ditt' — ich beschwöre Euch im Rameu der Himmelskönigin! — 65 Tors ke (spöttisch). Der aus Lindenholz geschnitzten in Mariabrunn ? Abraham (mit furchtbarem tarnst). Frevelt nicht! In diesem Augenblicke klagt Euch der (auf drn Todten weisend) vor dem ewigen Richter an! (Man hört von der linken Seite de- Vordergrundes her eine Mustetensalve.) Alle (auffahrens). Was war das? Officier. Gewehrfeuer im Innern der Stadt? Schartig. Laßt UNs hin! (Wollen gegen links.) Zehnte Scene. Vorige. HelvetiuS. Studenten. Helvetius (stürmt aufgeregt von links heibri). Die Studenten (folgen). Helvetius. Der Derräther hat's gebüßt! Abraham. Von wem sprecht Ihr? Helvetius. Vom jungen Torske! Torske (auffahrend). Torske — Fritz Torske? Helvetius. Von demselben!—Längst schon war mir sein Wesen verdächtig — heut' folgten wir ihm. als er sich heimlich von hier sortschlich, und überraschten ihn — Torske (bebend). Wobei? — Sprecht! — um Gottes willen! — sprecht! HelvetiuS. Als er von einem der türkischen Spione, die sich manchmal in die Stadt schleichen, Geld empfing — Torske. Geld! — wofür? Helvetius. Dafür, daß er ihm mit- theilte. er habe in den Kellerräumen des Augnstinerklosters einen geheimen Gang entdeckt, der bis hinaus in s Lager der Feinde führe, welche auf diesem Wege ungesehen mitten in die Stadt dringen könnten! Alle. Schändlich! — Empörend! — Nieder mit dem Derräther! Iheat.-Neptit. Nr. »SO Torske (verzweifelnd). Aber hört doch auch erst meinen Sohn! Helvetius. Er ist verhört! Torske. Und wo — wo treff' ich ihn? Helvetius. Am Platze vor der Kirche liegt er und der Spion, standrechtlich — erschossen! Torske (schreit laut auf, fährt mit beiden Händen, dem Wahnsinne nahe, nach seinem Kopfe) Todt?! — mein Sohn — todt?! laßt mich — laßt mich — zu seinem Leichnam! (Stürzt nach links ab.) Abraham (gegen Himmel blickend). Den Sohn hat das Standrecht, den Vater aber Gott gerichtet! (Zn einigen Mönchen) Brüder! tragt diese Leich' (auf Tollinger weisend) indeß in unsere Grabkapelle, bis ich seiner Witwe die Trauerbotschaft beigebracht Hab' — (Die Mönche legen Tollinger auf eine Tragbahre und tragen ihn nach links ab.) (Der Dovner der Kanonen wird nun in nächster Nähe gehört, schon während des letzten Schießens auf der Bastei hat sich der Hintergrund mit einer schleierähnlichen Rauchmasse so gedeckt, daß von den Gebirgen nichts mehr zu sehen ist.) Eilfte Scene. Vorige. — Ein Adjutant. Adjutant, (kömmt vom Hintergründe her). Officier. Was bringt Ihr? Adjutant. Gute Botschaft! — Unsere Armee dringt an allen Punkten vor — das Türkenheer weicht bereits — nur ein Theil hält noch die Laufgräben besetzt — Eilt, diese noch zu vertreiben! Officier (zu den Soldaten und Bürgern). Auf! Auf! — Es gilt noch einen letzten Kampf! (Stürmt nach dem Hintergründe voran.) Alle (auch Laikus). Auf! auf! zum letzten Schlag! (Eilen nach dem Hintergründe ab.) (Das Schlachtgebrause — Trompetenschmettern Trommelwirbel und die Schüsse ertönen nahe). 5 66 Abraham (mit dm Mädchm allein gkblie» ben und dm Abcllmden nachsehmd). Der Lai» kus rennt auch mit! — Recht hat er! jahrt's doch mir selber fast in die Füß', und ich möcht' hineilen, wo's gilt, dem Heidenvolk den Garaus zu machen! — Aber unsre Arbeit fangt erst später an. wenn die Verwundeten unserer Pfleg' be»! dürfen— Glaubt mir. es ist wohl ein groß' Verdienst, einen Krieg siegreich zu beenden, aber ein gleich großes ist es, die Wunden, die der Krieg geschlagen, zu heilen! (Dom tiefsten Hintergründe her ertönt Jubel» geschrei. Nictoria! Eieg!) Abraham. Hört Ihr! Hort Ihr! — Die Sieger ziehen in die Stadt! Laßt uns ihnen das Beste entgegenbringen, was un» ser Kloster bieten kann! (Mt mit dm Mö°» chm nach link- ab.) (Die Rauchwolke zertheilt sich, während vom! Hintergrunde her eia Siege-marsch immer näher kommend gehört wird ) Zwölfte Scene. Sobieski zwischen dem Herzoge von Lothringen und dem Grafen von! Starhemberg, die er beide umschlun» gen hält — Bischof Kolonits — polnische und deutsche Generale, Soldaten mit ihren Fahnen und er» beuteten Roßschweisen, Bürger und Studenten hinter ihnen— man sieht inderFerne den ganzen vomStrahl! der Abendsonne beleuchteten Kohlender gentlangdie folgenden Heeres» züge; von links eilen Krauen. Kinder und Greise heraus und jubeln den Ginziehenden entgegen. Star he mb erg (zu dm Bürgern, auf Sobieski und Lothringer» weisend). Bürger! j dankt euern Befreiern, dem edlen Polen» könig Sobieski und Herzog Karl von Lothringen! Allgemeiner Iubelruf. Hoch So» bieSki! Hoch Lothringen! Hoch Starhem» derg! Abraham (kommt e!nm Kelch auf einer lasse tragend mit den Münch.» vom Vordergrund, links — dir Feldherrea erblickend). Das nenn' ich ein Kleeblett, das in Wahrheit Glück gebracht hat! (tritt zu Sobieski vor.) Majestät. Ihr habt die Christenheit befreit, drum sei Euch zum Labetrunk auch Christi Kelch geweiht! Sobieski (ergreift den Becher und erhebt ihn hoch). Ich leere den Pokal auf das Wohl Wien- und seiner tapferen Bürger! Die Soldaten (schwenken dir Fahnen). Alle. Heil Sobieski! Heil! Starhemberg. Laßt alle Glocken läuten — laßt Kreudensalven unfern Sieg verkünden — vor Allem aber laßt uns danken dem, der un- den Sieg verliehen! (Kniet nieder und entblößt das Haupt ) Alle Uebrigen (thun desgleichen). (Die MUitärbaode stimmt das Tedeum an —alle Glocken beginnen zu läuten, dazwischen ertönen I vom Hintergründe die Krrudenschüffe.) Der Vorhang fällt. 67 Sechstes Bild. Das erste .Mchweihsest zu Zlkai ialuuu». Leopold römisch-deutscher Kaiser. Graf Starhemberg. Graf Strollheim. Baroa Scalvinoui. Freiherr voa Torske. ?. Abraham a Saucta Elara- Eva Marir Hofherren, Soldaten, Musiker, Personen: Anton. Laikas. Schartig, Schwertfeger. Lori, seine Frau. Spanizek, Tischler. Lehmann Töpfer. Augustin, Dolkssänger. Sali, Kellnerin. Zager, Bürger, Krämer, Standwirthe, Volk Sechstes Bild. Freier Platz vor der Kirche zu Mariabrunn, link- im Vordergründe der von einem viereckigen steinernen Wasserbehälter umgebene Brunnen, voa Bäumen überschattet, hinter demselben wird der Eingang zum Kirchlein gesehen, den Hintergrund nimmt waldiges Gebirge ein; hinter der Kirche sowohl, als unter den links stehenden Bäumen sind Zelte und Bretterbuden mit Eßwaarm. Bil- dern uad Rosenkränzen, Tüchern und Kinderspiel« zeug ausgestellt. Erste Scene. Schartig, Frau Lori, Spanizek, Lehma»» jeder sein Weib am Arme, anderes städtisches uad ländliche« V 0 l k, Z ägt r. S 0 l- daten. Schaokwirthe. Krämer, Kinder. Musikanten. Bei» Aafziehen des Vorhanges ist die ganze Masse in bunter Bewegung, die Leute stehen theils bei den Kram- und S haubade» und feilschen um Maaren, thei ls b ei den Schankbuden, wo ihnen aus offen liegenden Fässern Wein und Bier ge« schenkt wird; ein großer Theil lagert auf der Erde, Speisen und Getränke vor sich auf ausge» breiteten Tüchern^habend, die Musikanten spielen, einige Jäger und Kauerudirnen tanzen bereits. Das Ganze bietet ein Bild allgemeiner freudiger Stimmung. Schartig^ (arbeitet sich mit seinem Weibe und einigen Kindern mühsam durch - Gedränge). Weib, gib auf die Kinder Acht, daß sich keines verliert. Frau. Lori. Ist das em Gedräng'! Schartig. Za, 's ist schier, als ob man die ganze Wienerstadt da über Mariabrunn ausgebeutelt hätt'! Zch glaub', heut' sein die Kranken gesund worden, um nur da herauszuwandern. Lehmann (kommt mit seine» Weibe von der Kirche her) Guten Morgen, Gevatter Schartig! Schartig. Auch so viel! Mir scheint, Ihr kommt schon aus der Kirchen? Lehmann. Aus der Kirchen? Da 4 * müßt' man erst in die Kirchen hineindürfen! Schartig. Und das darf man noch nicht? Lehmann. Gott bewahr'! Angustin. Das waren leichtsinnige Leut'! Mir ist da) Leben ein zu werth. volles Andenken von Vater und Mutter, als daß ich's so auf's Spiel setzet! — Wer Ihr wißt sein Vaterland wahrhaft liebt, der muß ja. daß die Türken auch in der Gegend so suchen, sich für dasselbe zu erhalten! — schrecklich gewirthschaftet und ein paar Das Hab'ich redlich gethan, und werd'auch Ordensbrüder mitten in der Kirchen maffa- bemüht sein, Wien wieder zu bevölkern, krirt haben, deßwegen ist die Kirchen ge«^ Lehmann. Er? — Wie will Er denn sperrt worden, bis sie auf'S Neue geweiht das anstelle»? ist. und das soll heut' g'schehen. Augustin. Ich Heirat'! (Auf Sali weistod.) Frau Lori, 's ist ein wahres Glück, Da ist meine Braut! daß man die Muttergottes noch rechtzeitig Sali (spröde thuead). Wie kann Er mich von da fortgebracht hat. das Heiden- so aufführen? g'sindel hätt' sonst auch ihr was z'Leid gethan. Schartig. Aber der Prior vom herauß- rigen Kloster hat das Gnadenbild noch rechtzeitig nach Schloß Rabenstein bringen lassen — und heut' erst soll's wieder feierlich auf sein' alten Platz g'stellt werden! Lehmann. D'rum haben sich ja auch (auf die Volksmengewtlseudl so viel' Andächtige dahier eing'funden. (Das Volk jauchjt eben lustig ans.) Augustin. Sei froh! Ich führ' Dich besser auf, als Du Dich selber! Sali (,u den Bürqero). Ich Hab' ihn mir auf meine Hand hoffen lassen, wenn er ein ganz anderer Mensch wird! Augustin. Ich bin auch schon auf » Weg dazu; heut', wie ich mei Harpfen auS'n Versatz g'nommen Hab', Hab' ich gleich andere Saiten aufzogen! Leute ans dem Volke. Na. so spiel' Er — sing' Er was! Augustin. Deßwegen bin ichda! Stellt- mir dort beim Methzelt (in die Ecme recht» weisend) einen Tisch und ein' Stuhl d'rauf! (Einige Bursche eilen uach recht» ab.) AUgUstiN (mit Sali etwa» sretwLrt» tretend). Derweil ich mich producir'. sammel Du 's Geld ein! Denk' Dir. daß Du bald nicht eine Familie Zweite Scene. Vorige. Augustin, Sali. Augustin (wieder seine Harfe am Kücken tragend und Salt am Arme führend kommt vom .... ... h.r, Ah! Do geh.'» schon ^ zu! Da bin ich auch dabei, Landsleut'! Ich " " ^ « » . Hab' mit Euch gelitten und gekämpft-Salt. Er hat'- aoth. daß Er gute Leh- Schartig. Gekämpft? Ha. da. ha! Na «n gibt! Von allem Geld, was Er t»S ja! Er war Einer von den Tapfer»! ckatvverdient hat. tstmchts ubriggeblitben, Augustin. Was? dab' ich nicht, so oft als das Kupfer auf der Nasen! während der Belagerung Wiens Weinl Augustin. Sali! Wirf mir nicht immer ansgetheilt worden ist. um jedes Seite! ^ mei Nasen vor! Da- ist mei Ersparnis für raufen müssen? Bin ich nicht einer der das Jenseits! Denn Gold und Silber Ersten hinansgestürzt in'S feindliche Lager, muß der Mensch zurücklassen, wenn er sobald nur die Türken verjagt waren? stirbt, nur da- Kupfer auf der Nasen Schartig. Da haben Andere waS An-§ nimmt er in's Grab mit. — Aber jetzt ders g leist! — Ach! wie viel von un- nichts mehr vom Grab! (Zu de» Leuten) haben sogar 's Leben verloren! j Kommt- zur Methhütten! (Singend) 69 Nührt s Euch. Ihr Leutel! Und fangt's an zu tanzen, Geh'n auch die Schuh und die Stiefel in Franzen! Lustig gelebt und dann Selig gestorben. DaS heißt dem Teufel Die Rechnung verdorben! lGkht währrnd der lktztkn Drrse mit Sali nach der Mitte recht- ab.) T>üö Volk (folgt ihnen in die Hände klatschend und sich bereit- im Tanze bewegend). Dritte Scene. Abraham. Anton,Volk (im Hintergründe). Abraham (kommt, während die Menge abeilt, vom Vordergründe link- und bleibt dieselbe betrachtend mit verschränkten Armen stehen). Anton (eine Lagermütze auf dem Kopfe und einen Vaurrnmantel über die Schultern geworfen kommt mit Abraham). Abraham. Da skh' Dir nur die Leut' an! — bin merkwürdig Volk — diese Wiener! Tie Pest hat unter ihnen ge» wüthet. der Krieg sie bedrängt, und kaum seind ein paar Monat vorüber, so hängt schon wieder der Himmel voller Geigen! Anton. Gönnt doch den Leuten nach den vielen Schrecknissen ihre Lust. Abraham. Hab' auch nichts dagegen! Ich Hab' lustige Leute gern, denn 's kommt mir fast vor. als ob da Gott selber unter ihnen wär! Anton. Run. Pater! die fröhlichsten Menschen werdet Ihr erst sehen, wenn ich und meine Marie uns wieder in den Armen liegen. Abraham. Nur behutsam! Ihre Lebensflamme ist schon so herabgebrannt, daß ein zn plötzliches Anblasen sie leicht ganz verlöschen machen könnt ! War das doch ein Jammer, wie damals das siegreiche Heer in die Stadt eingezogen ist, und sie Dich nicht dabei gesehen hat. und wie dann erst ein Mann deines Regimentes erzählt hat, daß er Dich vom Pferd Herabstürzen gesehen hätt'- Anton. Wärt'Ihr nach Nußdorf hin- ausgekommen, wo mich diebraven Hauersleut' in ihr Haus getragen hatten, so würdet Ihr mich nicht ganz todt. aber auch nicht ganz lebendig getroffen haben, denn es hat lang gedauert, bis ich nur wieder volle Besinnung erhielt, noch länger bis ich ganz hergestellt war. Abraham. Na. die Marie hoff' ich schneller zu curiren — sie ist mit ihrer Mutter, weil ihr Haus in der Stadt nie- dergebrannt war, wieder da heraus nach Mariabrunn gezogen — hat sich aber nicht recht erholt - aber die Freud' ist das beste Medicament — nur muß man ihr's nach und nach beibrmgen — zuerst in kleinern, dann in größeren Portionen — Na, und (seine Hand aus Antons Schulter legend, lachend) die größte Portion — ha. ha, ha! bist dann Du selbst! Sie werden zu dem heutigenKirchenfestdaher kommen. Vierte Scene. Vorige, Schartig, Lori, Lehmann, Spanizek. mehrere Bürger (kommen wieder von rechts zurück). Schartig (sogleich auf Abraham zugehend). Was seh' ich? Hochwürden! Haltet Ihr wohl heut' die Festpredigt? Abraham (bitter lächelnd). Darf ja noch nit! Gehör' nit zum hiesigen Klerus — bin nur ein Ausreißer vom Grazer Kloster — Lehmann. Aber sein denn eure Feind' auch jetzt noch nicht zur Einsicht kommen, daß Ihr ein würdigerDiener Gottes seid? Abraham. Das haben sie wohl schon früher eingesehen, und mir nit verzeihen können, daß ich eben nur ein Diener 70 Gottes und nit auch ein Lakai der Menschen war, — das war denen Handwerkern, die's unter den Hofherren gibt, nit recht! Schartig. Handwerker?— Unter den Hofherren? Abraham. Ja wohl! Ich Hab' unter ihnen Fischer gefunden, die aber zumeist nur mit faulen Fischen handeln — Schuster, die oft einen Stiefel zusammenreden — Schneider, nämlich Ehrabschneider — Drechsler, die einem eine Nase drehen — Tischler, die fichaber nit mit dem Leimen, sondern Verleumden befassen— Fuhrleut', die einen hinter's Licht führen — Schmiede, die nur Ränke schmieden, und endlich auch Koch', die mir selber die Suppen versalzen haben. Schartig. Ja, das sein halt hartherzige Leut', die nur an sich selber denken! Abraham. O nein! Sie üben.schon auch die Werke christlicher Barmherzigkeit, sie speisen die Hungrigen — mit schönen Versprechungen, und ich selber Hab' g'sehen, wie sie eine Nackte bekleiden, nämlich — die Wahrheit! Fünfte Scene. Vorige, Torske. Torske (in abgktragkmm schwarzen Kleide, ohne Perrücke, das stark ergraute Haar glatt nach rückwärts gekämmt, kommt vom Vordergründe rechts, schreitet, Niemanden der Anwesenden beachtend. dem Brunnen zu, kniet auf der Stufe der Umfassung nieder und betet). Abraham (fleht erstaunt auf Troske s Gebaren, dann leise zu den Bürgern). Mein Gott! — Das ist ja — ? Schartig (leise zu Abraham). Derwahn- finnige Baron! Abraham (erschreckt). Wahnsinnig? (Tritt mit den Bürgern mehr gegen rechts, fortwährend auf Troske sehend.) Schartig (leise). Ja, der Meßner von der Kirchen hat mir erzählt, daß der (auf Troske weisend) seit der Befreiung von Wien sich da heraußt aufhalt — alle Tag' an der verschlossenen Kirchenthür anklopft und fragt: ob die Mutter Gottes noch nicht für ihn zu sprechen ist. — Früher soll er, wenn man ihn abgewiesen hat, sich wie toll geberdet haben, jetzt aber haben ihn, wie ich hör', ein paar geistliche Herren in die Cur g'nommen, und seitdem soll er ruhiger sein. Torske (erhebt sich wieder, nimmt mit beiden Händen Wasser aus dem Brunnen und benetzt damit wiederholt seine Stirn). Abraham (leise zu den Bürgern). Laßt mich mit dem Mann' einen Augenblick allein. Schartig. Wie Ihr wünscht—aber wir seh'n Euch doch noch? Abraham. Ja — ja — geht nur jetzt! (zu Anton) auch Du! Schartig (Anton erkennend). Ah! das ist ja der junge Reitersmann, der uns die Freudenbotschaft— (Zu Anton.) Kommt in- deß mituns, erzählt uns bei einem Glas Wein etwas von dem, was Ihr im Krieg' erlebt — wir hören so was gar z'gern! (Nimmt Antons Arm und geht mit ihm und den Andern nach rechts ab.) Abraham (tritt zu Torske und berührt dessen Schulter). Herr Baron! Torske (erschreckt zusammenfahrrnd). Wer ist — ? (Sieht sich um, bei Abrahams Anblick fast erstarrend.) Ihr — Ihr? Verfolgt Ihr mich? Wollt Ihr wieder einen Blitz vom Himmel herabbeschwören, wie damals? — (Stöhnt laut auf.) Ah! jetzt seh ich das ganze Bild.— (Die Stellen am Boden beze chmnd.) Da der Todte — daJhr und drei Schüsse! Ah! Ah! (Schreiend.) Ich seh ihn! —ich seh ihn! (Eilt wieder zum Brunnen und beugt sichImit dcm^Kopst über die Steinumfassung.) Abraham (ihn zurückhaltend). Was thut Ihr? Torske. Ich brauche das Heilmittel 71 gegen böse Träume, wie es mir Pater Rochus gerathen hat. Abraham. Und worin besieht das Mittel? Torske (verworren). Seht — mein Sohn — Ihr kennt ihn ja? Abraham. Ich Hab' ihn gekannt, wie er noch gelebt hat — Torske. Gelebt hat? — Er lebt noch! — Er ist herausgestiegen aus dem Grab, das sie ihm in ungeweihter Erd' — im Stadtgraben — bereitet — er kommt — alle Nacht, mit der blutenden Wunde hier und hier, (auf Brust und Stirn weisend) wie ich ihn zuletzt gesehen Hab', setzt sich auf mein Bett' und spricht: »Vater! Ihr seid Schuld! Ihr habt mich danach erzogen, daß ich zum Verbrecher — zum Lan- desverrätherwurde!« Und dazwischen tönts wieder, aber mit der röchelnden Stimme Tollinger's: »Sühnt meine Schuld — und die eurige!« Abraham (für sich). O was sein alle Gerichtshöf' der Welt gegen den Einen Richter: »Gewissen!« (Laut ) Und was hat Euch Pater Rochus gegen solche Träume gerathen? Torske. Ich Hab' ihm gebeichtet von dem Schwur, den ich da drinn (gegen die Kirche weisend) vor dem Marien-Altar geschworen und dann gebrochen;—er sagte: Ich sei deshalb in Ungnade bei der Himmelskönigin! (Ganz heimlich.) Es muß auch so sein, denn als ich zum ersten Male wieder in die Kirche kam, war sie gar nicht da, und so oft ich wieder komme, weist mich der Thürsteher ab! Abraham. Aber das Mittel gegen Eure Träume? Torske. Ich soll — sagt Pater Rochus — täglich des Morgens und des Abends aus dem Brunnen, in welchem das Gnadenbild vor mehr als sechshundert Jahren gefunden worden, Wasser schöpfen und damit die Stirne waschen. Abraham (für sich). Ein weiser Rath! Wenn mitten in der Stube (auf das Herz weisend) der Schmutz liegt, soll er die äußern Fensterscheiben (aus die Stirne deutend) putzen! (Laut.) Und was hat er Euch sonst noch gerathen? Torske. Ich soll in seiner Kirche, drüben in Hütteldorf, fleißig Messen bezahlen, damit die Königin wieder zurückkommt, wenn sie erst da wäre, ließ' sich Alles leichter richten. Abraham (sich unwillig abwcndcnd für sich). Hokuspokus und kein Ende! — Vom Wahnsinn' will er ihn heilen, und bringt ihn zu einem noch ärgeren! (Laut.) Nun, und habt Ihr auch fleißig gezahlt? Torske. Ah! wenn ich nur immer Geld genug gehabt hätte — ich hab's zuletzt in Wahrheit zusammen gebettelt, und (traurig) sie kam doch nicht! Aber (wieder hoffnungsvoll lächelnd) jetzt — jetzt, hoff' ich, wird's gehen! Abraham. Warum eben jetzt? Torske (zutraulich). Es ist eine alte Muhme von mir in Schlesien verstorben und hat mich bedacht mit Geld und Edelsteinen — Abraham (zweifelnd). In Wirklichkeit? Torske. Ja — ja, könnt Euch überzeugen! (Zieht ein sorgfältig in ein Tuch ge« wickelte- Etui auS der Tasche, enthüllt und öff« net es.) Abraham. Sind diese Edelsteine echt? — (Will sich näher beugen.) Torske (wendet sich, den Schmuck zu bergen, rasch ar). Nehmt sie mir nicht! — der Pater Rochus will sie — Abraham (für sich). Na, da ist der Schmuck gewiß echt! (Laut.) Und was will er damit thun? Torske (fromm die Augen zum Himmel erhebend). Es soll ein Geschenk werden, welches ich der Himmelskönigin widme! Pater Rochus meint, von mir würde sie's nicht annehmkn, aber durch s e i n e Vermittlung — Abraham (für sich). Aha! ich kenn' das! (Laut.) Baron! wollt Ihr m i r vertrauen ? 72 Torske (ängstlich zurückweichend). Euch? Ihr seid wohl auch ein Priester — aber ein Priester des Schreckens! Abraham. Für den übermüthigen, stolzen Sünder — ja — (milder) aber dem reuigen biet' ich gern meine Hand, und den von der Last erdrückten erheb' ich! — Wollt' Ihr mir den Schmuck in Verwahrung geben? Torske (mißtrauisch, den Schmuck noch mehr bergend). Ellch? — Euch? — nein! der Pater Rochus — die Himmelskönigin — sie käm' am Ende gar nicht wieder. Abraham (für sich). Zu seinem Wohl muß ich in seinen Wahn eingehen! (Laut.) Und wenn ich Euch den Weg weisen will, auf welchem Ihr dem Gnadenbild bei seiner Heimkehr selbst begegnen könnt ? Torske (gleichsam auflebend). Wie? — was sagt Ihr? Sie kommt? und ich— ich könnte sie sehen — selbst ihre Vergebung onflehen? Pater, Ihr könnt dieß möglich machen? Abraham. Ich verbürg' Euch's bei meinem priesterlichen Gelübde! Lorke. Dann —dann nehmt! (Gibt ihm das Etui.) Doch sprecht, wohinsollich gehen? wie Hab' ich mich zu halten? Abraham (gegen den Wald im Hintergründe weisend)- Geht dorthin! Anfdem Waldweg, der sich gegen die Wienerstraße zieht — Ihr werdet bald feierliche Gesänge vernehmen, dann bergt Euch in einem Gebüsche, doch so. daß Ihr die Kommende seht, und wenn sie dann das Bild an Euch vorübergetragen, dann (mit Nachdruck) erinnert Euch lebhaft der Stunde, in welcher Ihr an dem Altar, wo es gestanden, den Schwur geleistet habt, und wenn's dann licht wird in Eurer Seel' und Ihr ohne fremde Zusprach'selbst erkennt, wozu Ihr verpflichtet seid, dann — dann hat Gott selbst mit Euch gesprochen, und der Fluch wird von Euerem Haupt genommen sein! Torske (>n freudigster Hoffnung). DerFluch von meinem Haupt? Die ewige Qual aus dtM Herzen? (Die Hand, faltend ) O Gott! Gott! sprich zu mir! Ich will horchen auf deine Stimme, und thun, was Du befiehlst! (Abrahams Hand fassend.) Pater! wie dank' ich Euch schon für die Hoffnung!— und ist sie erfüllt — dann — dann wollen wir den Altar schmücken mit Gold und Edelsteinen — mit Blumen und Lichtern, und Musik soll tönen und Weihrauch duften, und vom Halleluja die ganze Welt erschallen! (Eilt bei den letzten Worten in den Wald ab.) Abraham (allein bleibend, öffnet das Etui). Es ist wirklich werthvolles Gestein! — (Nachdenken-.) »Mache, daß die Steine Brod werden.« hat der Versucher einmal zu dem Heiland gesagt — der aber hat's damals nit than. — Nun ja! wer wird dem Teufel ein Kunststück vormachen? Wenn aber unser Stifter j etz t auf Erden wär' und säh', an was Alles solche Steine (auf das Etui deutend) gehängt werden, dann würd' er wohl selbst sagen: »Macht, daß diese Steine Brod werden für arme Witwen und Waisen!« Sechste Scene. Abraham, Anton, Eva, Marie. Anton (kommt Arm in Arm mit der sehr dürftig gekleideten Marie von rechts). Eva (folgt ihnen). Anton (freudig zu Abraham). Pater! Wir haben uns schon gefunden! Marie (ganz selig zu Abraham eilend und seine Hand fassend). Wir wollten eben zur Kirchegehen — an der kleinen Waldschenk' vorbei — Anton. Ich war mit den Bürgern d'rinn — seh' die Marie — mit einem Satze war ich draußen — Marie. Den Todtgeglaubten seh' ich mit einem Mal lebendig und freudestrahlend vor mir — Abraham (zu Mari,). Und das hast Du ausgehalten? Marie. Ah! Geschwindelt hat es wohl vor meinen Augen — 73 Eva (zu Abraham). Sie ist fast ohnmächtig zurückgetaumelt — Abraham (zu Eva). In deine Arme? Anton. Nein; mit den meinigen Hab' ich sie aufgefangen — Abraham (für sich). Das Hab' ich mir ohnehin gedacht! Anton. An meinem Herzen ist sie zu sich gekommen! Abraham. Merkwürdig! Zu Dir muß sie kommen, wenn sie zu sich kommen soll! — Nun ja! Ihr soll't ja ein Leib und eine Seel' werden, d'rnm fang't Ihr halt jetzt schon zum Zusammenschmelzen an. (Tnttzu Eva.) Aber Du. arme Witwe! Wie geht's denn Dir? Eva. Pater! Ihr wißt, geliebt Hab' ich meinen Mann nie — Abraham. Ja. sein Tod war eigentlich für Dich das Fest der Kreuzabnahme! Eva. In der letzten Zeit war er freilich ein ganzAnderer, er hat Alles gethan. um uns redlich zu erhalten, und darum Hab' ich ihm verziehen, wie ich Allen verzeih, die an meinem Unglück Schuld waren. Abraham. Allen? — Auch dem alten Torske? Eva. Er war meine erste Lieb' — und, wie er auch an mir gehandelt hat — mir wär's nie möglich gewesen. Rach' an ihm zu nehmen, und wenn er heut meiner Hilf' bedürft', ich würd' sie ihm doch leisten! Abraham. Brav! so handelt eine echte Christin — (Hürsich.) Besonders wenn sie einmal recht verliebt war! Siebente Scene. Vorige, Schartig, Lehmann, Spa- nizek, Augustin, Sali, Volk. Alle (frü;er am Schauplatze Gewesenen eilen von allen Seiten herbei gegen links weisend). Dort! Von dort her! Abraham (sich umsehend). Was ist denn los? Spanizek. Dort von Wienestraß' her, kummen's gefahren prächtige Equipage mit Laufe und Pagi! Schartig (hinsehend). Meiner Treu! Es sein Hofequipagen! Abraham. Sollt' wirklich der Kaiser selbst —? Anton (auch hinsehend). Ja — ja — ich seh' das Sechsgespann! (Zn Marie.) Komm', lass' UNs Hinsehen! (Eilt mit Marie nach links hinter der Kirche ab.) Abraham. Da rennen die jungen Leut' hin — (Zu Eva.) Wir können sie doch nicht allein lassen — unter solchen Umständen müssen die Alten den Jungen folgen. (Ab mit Eva nach links.) Mehrere vom Volke (eilen ebenfalls nach links ab). Sali (zu Augustin) Geh n wir nicht auch dem Kaiser entgegen? Augustin (se ne Kleidung betrachtend). Nein, der Kaiser würd' jedenfalls vor Allem auf mich schauen, und ich bin just nicht in der Hofgala! Sali. Ah! das macht nichts! — Geh n wir nur! (Will ihn mit sich fortziehen. bleibt aber plötzlich überrascht stehen.) Was seh' ich? — Ist das nicht —? Augustin. Ich weiß nicht, was das Madel hat, so oft's an' Soldaten sieht, glaubt's, 's ist ein guter Bekannter!- Geh n wir! (Will fort.) Sali (freudig). Nein — nein! — Er ist's — er ist's wirklich! Achte Scene. Vorige, Laikus. (Laikus in der Montur eine- Artillerie-Unter- officier- kommt von links). Sali. Der Frater Laikus! Laikus. Du da? (Auf Sali zugrhcnd.) Es fratert sich aber nichts mehr (auf seine Kleidung weisend) wie Du siehst! 74 Augustin (für sich). Er dutzt sie! (Zu Laikus. > Erlaubt's —! Laikus(zu Augustin). Halt' Er's Maul! (Wrndkt sich wieder zu Sali.) Sali lzu Laikus). Ihr habt also wirklich Euern Vorsatz ausg'führt, wie Ihr mir damals auf der Bastei — Augustin (eifersüchtig). Eine Bekanntschaft von der Bastei? (Zu Laikus ) Er- laubt's —! Laikus (zu Augustin). Ruhig im Glied! (Wendet sich wieder zu Sali und saßt sie am Kinn.) Augustin (für sich) Mir erlaubter gar nichts und sich selbst Alles! Laikus (zu Sali). Ja. ich Hab' Dir damals gesagt, daß ich nicht im Kloster bleib' — nun, eine Artillerie-Officier hat es bemerkt, wie gut ich die Kanonen zu bedienen versteh' — Sali. Ja, das Hab' ich selber bemerkt — Laikus. Er bot mir die Charge eines Vormeisters an — da warf ich die Kutte weg und schlüpfte wieder in die Montur! Sali. Steht Euch besser! (Ihn wohlge- fällig betrachtend.) Jetzt sieht man erst, was an Euch ist! Laikus. Was an Dir ist, Hab' ich schon längst gesehen, und wenn Du Lust hättest, eine Cantine-Wirthin zu werden, Du Wet- termädel — (Faßt fie um die Mitte.) Augustin. Er armt sie um! (Tr.tt wieder zu Laikus. in drohenderem Tone.) Erlaubt's —! Laikus (lokpoltcrnd zu Augustin). Him- melkreuztausendmillionschockschwerenoth- donnerwetter! Soll ich — (Langt nach dem Säbel) (Schartig. Lehmann treten zwischen beide.) Lehmann (zu Laikus). Ruhig, Freund, ruhig! Schartig (zu Augustin). Nuk keine Reibung zwischen Civil und Militär! Augustin. Mir sagt's das? Sagt's das denen! (Auf Sali und Laikus wkisend.) Laikus (wieder zu Sali). Aber was meinst? Sollten wir unfern Plan nicht lieber bei einem Fläschchen Süßwein besprechen? vorausgesetzt daß Du Geld bei Dir hast, denn ich bin blank — Sali. O, ich bin nicht so schmutzig, wenn Ihr mein Gast sein wollt — (Zieht eine Hand voll Kupfermünzen auS der Tasche.) D'Musikanten sein da! Augustin. Aber das ist ja mein Geld. (Will vor.) (Schartig, Lehmann halten ihn zurück.) Laikus (zu Sali) Na. so komm'! wir wollen Alles in Ordnung bringen und uns dann auf dem Tanzboden als Brautpaar produciren! (Legt Sali's Arm in den skinigen und geht mit ihr nach rechts ab.) Augustin (tritt vor, sieht zurrst sprachlos deu Abgehenden nach, schlägt dir Händen zusammen und fingt dann mit überlauter Stimme). »O Du lieber Augustin, Alles ist hin! 's Geld ist hin — d'Dirn ist hin, Wollt'noch vom Geld nichts sag'n — Hätt' i nur die Dirn beim Krag'n! Alle (lachen). Schartig (zu Augustin). Ha, ha, ha! Recht hüt Er — verfing' Er die Galt'! Augustin. Verfingen? Nein! Vertrinken eher! Lehmann. 's soll uns nicht drauf ankommen. Ihm ein paar Maß zu zahlen, wenn Er lins später ein neues Liedl zum Besten gibt. Schartig (gegen links deutend). Aber seht nur! die Equipage halt' am Klosterthor! Andere. Der Kaiser! Richtig, der Kaiser! Laßt uns hin! (Alle eilen nach links ab.) Nennte Scene. Augustin (allein). Trinken muß ich — ja! denn mein Rachedurst ist so stark, daß er mit der 75 Rache allein gar nicht gestillt werden könnt'! Aber das Volk behandelt seine Sänger wie Kanarienvögel, sie füttern's nicht, wenn's nicht singen — und sing' ich was auf Wien und die Wiener, da fühlt sich bald der, bald der beleidigt, und ich werd' auf d'letzt zum Meistersänger g'sch lagen! — Nein! wenn ich schon was sing', so muß's was sein, was gar kein Mensch in Wien auf sich beziehen kann. — Wir haben jetzt a Menge über das g'hört, wie's in der Türkei zngehn soll — grauslich g'nug geht's zu! — Also gut — besingen wir einmal die türkischen Zustand', da kann sich doch Niemand beleidigt fühlen! Lied. Wenn Staatsdiener nicht recht versteh n. Wie sie ihren Dienst soll'n verseh'n. Da nimmt man sie oben beim Schopf. Und haut ihnen ab gleich den Kopf; Bei uns laßt man solchen ihr' Stell', Und oft avanciren's noch schnell. Denn 'sKöpfen, das könnt' niemals gschehn, Weil da von ei'm Kopf nichts zu seh'n — D'rum. was ich jetzt fing' — im Voraus sag' ich's glei', Das All s gibt'ö tief drunten nur in der Türkei! Ein reicher Mann hat zwar a Frau, Doch nimmt mit der Treu' er's nicht g'nau. Er halt sich noch Mäderln daneb'n. Damit sie versüßen sein Leb'n. Bei denen verbringt er sei' Zeit, Kaust ihnen manch' kostbares Kleid Und schmückt sie mit Edelgestein, Doch d'Frau laßt er taglang allein — Glaubt's, daß so ein Ehmann bei uns z'finden sei? Ka Red'! Die gibt's drunten nur in der Türkei! Ein' großenBazar habn's erricht', Tort kauft man Tabak nach dem G'wicht. Und Sklavinnen niedlich und fein Thun dort die Derkäufrinnen sein; Find t man just an Einer Geschmack, So kauft man sie z'gleich mit'n Tabak, Da find't doch der Käufer ganz gewiß Für's Geld seine recht gute Pris'. Jetzt, das sollt' bei uns g'scheh'n —- das gebet a G'schrei! Den Handel treib'ns unten nur in der Türkei! Der Scheik'Ul-Jslam, der versteht Allein, was gewollt der Profet: »'s ist nöthig,* sagt er, »um -'regier n, 'sVolknieausderFinsternißz'führn*— Und wollt Einer aufsteck'n ein Licht, Schreit'r: »Mahomet leidet das nicht!* Der Scheik-ul-Jslam wär' im Stand Und tbät' noch empören das Land! Könnt' Einer bri^uns das probir'n ? Ah belei! Scheik-ul-Jslams gibt's drunten nur in der Türkei! (Ab »ach rechts.) Zehnte Scene. Abraham, Scalvinoni, Strollheim, Anton, Marie, Eva. (Scalvinoni, Strollheim kommen, jeder in einen Arm Abraham- eingehängt, mit demselben von link- hinter der Kirche her.) (Anton, Marie, Eva folgen ihnen etwa- später, setzen sich aber auf eir.e mehr rückwärt- st'hende Bank recht- und verweilen dort im Gespräche.) Strollheim (zu Abraham). Ihr könnt' mir's auf Eavaliersparole glauben, daß ich förmlich evelmnlirt war. als ich — aus meiner ebame roulaäe steigend — Euer geistreiches Antlitz wieder gewahrte! Scalvinoni Wir haben schon ver- 76 nommen, wie glänzend Euer Patriotismus sich neuerdings bewährt hat — Abraham. Schon gut, meine hohen Herren! (Macht sich von ihnen los, für sich, ans Scalvinoni blickend.) Der ist ja garsyrup- süß! Scalvinoni. Ich bin überzeugt, daß Se. Majestät Euch bald zu sich entbieten wird — Abraham. Nun, dann werd' ich kommen. Scalvinoni (ausholmd). Und wohl die Gelegenheit benützen, um Revanche zu nehmen an denen, die Ihr für Eure Feinde haltet? Abraham. Das werd' ich; wenn ich wieder einmal öffentlich red'. (Streng. O ich werd' all die Falschheit und Sünden dieser Leute öffentlich an den Pranger stellen — Scalvinoni (erschreckt). Ihrwolltet—?! Abraham. Ja, die Sünden, — aber (mit mitleidigem Lächeln) aber nicht die Sünder, denn — zum Denuncianten Hab' ich kein Talent! Scalvinoni (auflebend). Oh! Ihr seid überhaupt ein generöser Charakter, NNd (wieder zutraulicher) WkNN es gilt, dtN durch die Kriegsereignifse erschöpften Staatssäckel wieder zu füllen, werdet Ihr gewiß auch das Eurige leisten — und von dem gefundenen Schatze — Abraham. Ich Hab' Euch gesagt, daß ich diesen vermauert habe, und ich sag' Euch jetzt auch, wo, und erlaub' Euch, davon fortzntraaen. was Ihr könnt. Scalvinonl Wirklich? Wirklich? So sagt nur: wo, — wo? Abraham.Jch Hab'das gangbare Geld, was ich für die antiken Münzen erhielt, zum Bau des zweiten Stocks des Augu- stinerklosters in der Stadt verwendet,— nun, das heißt doch: das Geld vermauern? Nun tragts fort, wenn Ihr könnt'. Scalvinoni (enttäuscht). Auf diese Weise? (Gezwungen lachend) Ihr seid doch immer witzig, Pater! Ha, ha. ha! Sehr witzig! (Mau hört von der Kirche her das Präludium der Orgel.) Strollheim. Die Feier beginnt — Se. Majestät werden sich schon durch den Klostergang in die Kirche begeben haben — ich muß mich auch auf dem Oratorio zeigen! (ZnAbraham.) Pater! Wenn Ihr an meiner Seite Platz nehmen wollt' — Abraham. Ich dank' Euch, Herr Graf! Ich betracht' eine Kirchenfeier nicht als eine Komödie, die ich aus einer Loge anschau'! Strollheim. Nam, mon äisu! Man kann sich doch nicht unter das ordinäre Volk mengen! — Aber wie s Euch beliebt, — nehmt vor der Hand die Versicherung, daß es mich ungemein erfreut hat. nach langer Zeit wieder Eurer froh werden zu können. Scalvinoni (zu Abraham). Wenn Ihr meiner Dienste bedürft, so befehlt, und Ihr werdet Euch überzeugen, daß nur ein Mißverständlich mich als Euren Gegner erscheinen ließ — wahrhaftig, nur ein Mißverständlich! Auf das Vergnügen, Euch bald wieder zu sehen! (Verneigt sich tief, dann ab mit Strollheim in die Kirche.) Abraham (ihnen nachskhend). Der wedelt ja heut' ganz besonders zutraulich! Da muß sich oben der Wind gedreht haben, denn aus dem Knochen im Maul des Hundes kennt man, welchen Braten die Herrschaft gegessen! (Wendet sich nach dem Hintergrund.) Äh — dort! — Er kommt zurück! (Rasch zu Anton.) Anton, führ' die Frauen dort gegen die Laube, seid aber meines Winkes gewärtig! (Anton geht mit Eva und Marie im Vordergründe rechts ab.) Eilfte Scene. Abraham, Torske. (Während der folgenden Scene dauert daS Or- grlspiel in der Kirche fort.) Torske (kommt von einer fast kindischen 77 Freude erfüllt vom Walde her und ans Abra- bain zu). Pater! Pater! Sie kämmt! sie kommt! Ich habe sie gesehen! Vom Waldwege her tönten Posaunen — dann sah ich Fahnen wehen — ich that, wie Ihr geheißen, und trat hinter das Gebüsche, und wie das Gnadenbild an mir vorübergetragen wurde — da fiel durch's Ge- zweige ein Sonnenstrahl auf das Haupt der Heiligen, und mir war's, als ob sie so mild — so freundlich lächelte und mir — inir — (Blickt wehmüthig zur Erde.) Abraham. Nun, was kam Euch da in den Sinn? Torske (in wehmüthigrr Rückerinnerung). Ein Bild vergangener Zeit. Als ich noch ein junger, lebenslustiger Mann vor diesem Bildniß stand — neben mir das arme unschuldige Kind des Waldes, das, vertrauend meinem Schwure — (Plötzlich wie- der verzweiflungSvoll die Hand an seine Stirne pressend.) Oh! oh! Es war als müßt' ich wie ein Räuber mich selbst anfallen, und mir zurufen: »Die Vergangenheit oder das Leben!« Abraham. Und wenn Ihr heute solch' einen Schwur oblegen würdet —? Torske (Abrahams Hand fassend, heftig). Ich würd' ihn halten, denn (wiederfinster vor sich hinskhend) alles Unglück kam seit der Stunde über mich — in meinem Hause waltete kein sorgendes, treues Weib — ich verarmte — und mein Sohn — lebt nur mehr als ein Schreckgespenst — (io seinen Wahn verfallend) das in den Stunden, welche ich so allein verlebe- Abraham. »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei,« sprach der Schöpfer, und wenn Ihr des Vermächtnisses des sterbenden Tollinger gedenkt — er hat Euch reicher bedacht, als Eure reiche Muhme! Torske! (Zieht daS Etui mit dem Schmucke hervor.) Was ist solch todter Schmuck gegen ein lebendes, blührndls Kind? Torske (in welchem jetzt erst dieser Ge« danke erwacht, freudig aufschreiend). ElN Kind?! Ich — ich habe noch ein Kind! Ich stehe nicht allein in der Welt! (Mit den Händen über die Stirn fahrend.) Hat denn der schreckliche Anblick — dort auf dem Kloster- Platze all' mein Denken todt gemacht? (In kindischer Freude.) Ich bin noch Vater! Ich habe eine Tochter! Oh! sagt, wo ist sie? Bring't sie mir! ^ Abraham (im Tone mid.n Vorwurfes). Ihr denkt nur des Kindes?e Nicht auch der unglücklichen Mutter? Torske. Der Mutter, der ich — den Schwur geleistet? (Plötzlich wie erl uchtet.) Za, ich kann meine Schuld sühnen! — Ich kann den Eid erfüllen! Bringt mir Mutter und Tochter! Abraham. Sie sind Euch nahe! Winkt in die Scene rechts.) Zwölfte Scene. Vorige, Eva, Marie, Anton. (Eva tritt mit Marien von r chtS aus.) (Anton folgt, bleibt aber von der Hauptgruppc entfernt stehen.) Torske (zuerst Eva erblickend und zurück, wankend). Eva! — Dein bleiches Antlitz ist das Schuldbuch meines Lebens! Jeder Zug des Grames in demselben eine Hieroglyphe. durch deren Deutung der ewige Richter sein Nrtheil begründen wird! Eva. Ich Hab' Euch vergeben, und bitt' Gott, daß auch er Euch um meiner Leiden willen vergeben mög'! Torske. Ich hoffe auf seine Gnade nur, wenn die schwerste Schuld des Meineids gesühnt ist! Eva! Ein tiefgebeugter, vor der Zeit zum Greise gewordener Mann steht vor Dir, vor derselben Kirche, in welcher er in seiner Jugend Dir geschworen. sich mit Dir durch Priestersegen verbinden zu lassen. Kannst — willst Du ! deine Hand in die meine legen zum Freundschaftsbunde bis zum Lebensende? I Eva (überrascht). Eure Hand — ? 78 Torske. Owillige ein um — unserer Tochter willen — sie soll nicht als ehrloser Sprosse büßen für die Schuld des Vaters. Eva (wendet sich zu Maria, sie umschlingend). Marie! mein Kind! — um deinetwillen! — Begrüß' in dem Manne (auf Torske weisend) deinen Vater! Marie (tritt zögernd ängstlich vorl. Torske (zu Marie). O blick' mich nicht mit so scheuen Augen an —ein neubelebtes Vaterherz schlägt Dir entgegen! Mt auf sie zu und faßt ihr Haupt mit seinen beiden Händen.) Mein einziges Kind! O! ich will für Dich sorgen, Dich pflegen als mein höchstes Erdengut, dein soll sein, was ich besitze — mein Name — mein Vermögen— (Sich entsinnend, rasch zu Abraham, ihm das Etui mit dem Schmucke abnehmend.) Z), gebt her! (Wieder zu Marie.) Nimm dieß als erstes Angebinde! (Schmückt Mariens Stirn und Hals mit dem Geschmeide.) O, ich will Dich noch herrlicher schmücken! Würdig sollst Du erscheinen als eine Tochter des freiherrlichen Hauses derer von Torske, und kein Edelmann des Reiches soll sich schämen, um deine Hand zu werben! Anton (rasch vertretend). Was sagt Ihr? Marie, soll deine Herkunft ein neues Hinderniß — Torske. Wer ist der junge Mann? (Die Orgel verstummt.) Abraham(gkgkn die Kirche sehend). Still'! Der Kaiser mit seinem Hofstaate verläßt die Kirche! Dreizehnte Scene. Vorige, Leopold I., Graf Starhemberg, Strollheim, Scalvinoni, andere Hofherren, alle Bürger, Volk. Leopold (tritt aus der Kirche). Starhemberg (schreitet ihm links zur Seite). Scalvinoni,Strollheim, Hofherren (folgen). Die Bürger, das Volk (kommen theilr aus, theils hinter der Kirche hervor und nehmen den Hintergrund ein). Starhemberg (erblickt Anton). Haidas ist ja — (Zu Leopold.) Majestät, geruht zu gestatten, daß ich Euch den jungen Kriegsmann vorstelle, über den Herzog von Lothringen Euch so Rühmliches berichtet. Leopold (zu Anton). Tret' Er näher. Anton (tritt vor). Majestät! Leopold. Zwei der edelsten Fürsten haben Ihm das ehrenwertheste Zeugniß ausgestellt, Fürst Schwarzenberg und Herzog von Lothringen. Er hat, um den finkenden Muth der Bewohner Unserer Residenz durch frohe Botschaft zu beleben, den kühnen Ritt durch den Strom gewagt, und dafür — knie Er nieder! Anton (läßt sich auf rin Knie nieder). Leopold (jirht d nDegen). Erheben wir Euch in den Ritterstand des deutschen Reiches. (Berührt mit der Klinge dreimal Antons Schulter.) Duldet diesen Schlag und fürder keinen! Anton (sich erhebend, freudig). OMajestät! Leopold. Nicht in Worten, in Lhaten spreche sich Euer Dank aus! (Verargtden Degen) Abraham (welcher während dieses Vorganges seine Freude kaum bemeistern konnte). Hoch unser Kaiser! Hoch Leopold der Große! Alle. Hoch! Hoch! Hoch! Abraham (Antons Hand fassend). Und jetzt komm' her! (Zikht ihn zu Torsk.) Habt' Ihr was gegen diesen Schwiegersohn? Torske (legt während deS Folgenden Mariens und AntonS Hände in einander). Leopold (zu Abraham). Herr Prior! Abraham (nähert sich Leopold, sich verbeugend). Nur Caplan, Euer Majestät unter- thänigst aufzuwarten. Leopold. Wenn Wir Ihn Prior nennen, so ist Er's auch! Zu Unserm Leidwesen find über Ihn unbegründete Klagen an sein Oberhaupt nach Rom gelangt — Cardinal Kolonits aber hat ganz anders über Ihn berichtet, und Er tritt daher von 79 heute an wieder in all' seine Würden, auch in die Unsers Hospredigers. Abraham. Dann,Majestät! wollt' mir gnädigst noch eine Bitt' gewähren. Leopold. Sprech' Er! Abraham. Was an mir geschehen, das zeigt, daß das nichts taugt, wenn über die Priesterschaft, die dahier ihre Pflicht übt, ein General-Prior in Rom entscheidet. Wie kann der Mann bei dem besten Willen, unserm Lande so fern, wissen und beur- theilen, wie w ir uns unserm Volk gegenüber halten sollen? Kennt er das Volk? Nein! Kennt er dessen geistige Entwicklung und Bedürfnisse Mein! Weiß er, was noth thut, um nach den schweren Zeiten, die Oesterreichs Völker durchgemacht haben, den wabren Glauben von eingerissenem Un- und A b er glauben zu reinigen? Nein! Wenn mir nach unserm Einseh'n und Gewissen wirken sollen, darf uns kein Befehl zukommen auS so entlegenem Land', — dürfen wir nicht das Opfer von Verleumdungen werden, die auf dem weiten Weg' von ei« ner Mücke zum Elefanten anschwellen! Darum, Majestät! wollt' mir allergnädigst Urlaub ertheilen, daß ich nach Rom zum Papst selber reis' und unserm Orden die Unabhängigkeit von römischen Verfügungen erwirk'. Leopold. Dieß sei Ihm gestattet, und Unser Schatzmeister soll Euch reichliches Diaticum geben. Abraham (freudig). O, habt Dank, mein kaiserlicher Herr! So tret' ich denn von hier aus sogleich meine Pilgerschaft an, und nicht eher soll mein Fuß wieder die Schwelle meines Klosters betreten, als bis ich meinen Brüdern die Freudenkunde bringen kann: Unabhängig von Rom!(Wendet sich zum Abgthen.) (In demselben Augenblicke aber ertönt Pauken« Wirbel und Posaunenschall vom Hintergründe her, man sieht durch die Lichtung des WaldeS Kirchen« sahnen und den herannahendeu Festzug.) Alle (entblößen die Häupter). (Dir Musik fällt ein.) Der Dorha ng fäll t UN- U-pi«r von 2 Sommer 2 stomp m Wien, Nu- dem Theater-Berlage der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1- Schwesterliebe. Lustsp. in 1 Act. Nach dem Englischen von Alexander Bergen. (Wr. Theat. Nep. Nr. 133.) 7'/, Sar. oder 35 Nkr. Schwestern, die, von Prag. Singsp. in 2 A. nach Hafner von I. Periner. Zweite Auflage. gr. 8. 1841. 60 kr. 12 Sgr Sclavin, die. Orig.-Schausp. in 1 A. von Wal- don. 35 kr. Sgr. Sclavin, die, in Surinam. Schausp. in 5 A. von Kratter. 1805. 35 kr. 7'/, Sgr. Sclavin, die, und der grosimüthige Seefahrer. Korn. Singsp. 1781. 1782. 50 kr. 10 Sgr. Scüs, Mond und Pagat. Komisches Zauberspiel in 2 A. von F. Rosenau. 8 1821.40 kr. 8 Sgr. — dasselbe, s. Rosenau. Theatralisches Allerlei. Secretare, die beiden. Lustsp. in 1 A. v. Anton Bittner. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 155.) 35 kr. 7'/, Sgr. Seelenadel, Schausp. in 2 A. von I. Cache. 1805. 25 kr. 5 S r. Seelenwanderung, die, oder der Schauspieler wider Willen auf eine andere Manier. Schwank in 1 A. von Kotzebue. 1816. 35 kr. 7'/, Sgr. Seeräuber, die. T auersp. in 5 A. v. E. v. Hou- wald. 8. Leipzig. 1831. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Selbstbeherrschung, dieSchausp. in5A. v. Jffland. 1810. 50 kr. 10 Sgr. Selbstmord, der, oder der unglückliche Lottos^ie- ler. Drama in 1 A. v Weidmann. 20 kr. 4 Sgr. Sklim, Prinz von Algier. Trauersp. in 5 A. von Jünger. 8, 1804. 40 kr. 8 Sgr. 8en,Iran,icke. ^lkIoälLinmn. traget) in du« ^tti del Liosr kossi. hlusicL dol 8i^r. kossini 12. 1823. 35 kr. 7'/, Sgr. Semiramis, die neue. Heroisch-kom. Travestie- Oper in 3 A. von Perinet. 1805. 8. 40 kr. 8 Sgr. Servus, Herr Stutzerl! Posse in 1 A. von Carl Iuin und Louis Flerr. (Die Grundidee nach dem Französischen: Kon jour, lVIonsieur kan- tnlon.) (Wiener Theater - Rep. Nr. 28.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Severin von JaroSzynski, oder: Der Blaumantel vom Trattnerhof. Genrebild mit Gesang und Tanz in 4 Acten (als Seitenstück zu »Therese Kroncs«), von Carl Haffner und I. Pfundheller. 12 Sgr. 60 Nkr. Dhakspeare als Liebhaber. Lustsp. in 1 A., s Kurländer Almanach 8. Jahrgang. Shawl, der. Lustsp. in 1 A. von Kotzebue. 1815. 35 kr. 7'/, Sgr. Sie, der. Lustsp. in 1 A., s. Castelli Sträußchen <3. Jahrgang. Sie hilft sich selbst. Lustsp. in 4 A., s. Weissenthurm Schausp. 15. Bd. Sie sind zu Hause. Lustsp. in 1 A. Nach De- - saugierS bearbeite:. 1808. 25 kr. 5 Sgr. Singspiel, daS. Singsp. in 1 A. Nach dem Franz, von Treitschke. 20 kr. 4 Sgr. Singspiel, daS, am Fenster. Kom. Oper in 1 A. Nach dem Franz, v. Treitschke. 20 kr. 4 Sgr. -daS, auf dem Dache. Kom. Oper in 1 A. Nach dem Franz, v. Treischke. 20 kr. 4 Sgr. Sinn, leichter. Lustsp. in 5 A. von Jffland. 1800. 60 kr. 12 Sgr. Siri Drahe, oder: Die Neugierigen. Schausp. in 3 A. von Sr. Majestät Gustav dem Dritten. Könige von Schweden. Aus dem Schwedischen übers, v. Gruttschreiber. 1704. 40 kr. 8 Sgr. Sitah Mani, oder. Carl der XII. bei Bender. Histor. Schausp. in 5 A. 1809. 40 kr. 8 S >r. So gibt es denn in der Welt gar keine Ruhe. Original-Lustsp. in 2 A. 1807. 30 kr. 6 Lgr. So handeln Freunde. Originalgemälde aus dem häuslichen Leben in 1 A. 1794. 35 kr. 7'/, Sgr. So lohnt sich Kunst. Vorspiel, s. Weiffenthurn Schauspiele 12. Bd. Sohn, der, auf Reisen. Lustsp. in 2 A., s. Feldmann Lustspiele 1. Band. Sohn, der dankbare. Landl. Lustsp. in 1 A. von Engel. 1772. 20 kr. 4 Sgr. Sohn, der, des, Giboyer. Schauspiel in 5 A. von Emil kugier. Deutsch von M. Saphir. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 151.) 16Sgr.80Nkr. Sohn, der natürliche. Schauspiel in 4 A. und eine»» Vorspiele in 1 Aufzuge von Alexander Dumas' Sohn, deutsch von P. I. Reinhard. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 44.) 12 Sgr. 60 Nkr. Sohn» der verlorene. Lustsp. in 3 A. v. Schink. 1794. 50 kr. 10 Sgr. Söhne, die, des Thals, s. Werner Theater 1. und 2 Band. Soldat, der im Frieden. Charakterbild mit Gesang. Tanz, Tableaur rc. in 3 Acten von Friedr. Kaiser. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 146.) 12 Sgr. oder 60 Nkr. Soldat, der, ganz allein. Komisches Zwischensp. in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 13. Jahrg. Soldat, der, von Cherson -Luftspiel in 3 A von Hensler. 1790. 8. 35 kr. 7'/, Sgr. -der Oesterreicher in Kehl. Vorspiel in 1 A. von Hensler. 1797. 8. 35 kr. 7'/, Sgr. Soldatenkind, das. Dolksstück mit Ges. u. Tanz in 2 Abth. und 6 Bildern, nebst einem Vorspiele von Theodor Flamm. (Wnr. Theat. Nep. Nr. 156.) 60 kr. 12 Sgr. Soliman vor Wien. Orig.-Trauersp. in 5 A. von Weidmann. 35 kr. 7'/, Sgr. Soliman der II oder die drei Snltantnnen. Singsp. in 2 A. Nach dem Franz, von F. L. Huber. 1807. 25 kr. 5 Sgr. Sonnenjungfrau, die. Schausp. iu 5 A. von Kotzebue. 1801. 50 kr. 10 Syr. Sonnet, das. Spiel in 1 A. von Deinhardstem. gr. 12 1816. 35 kr 7'/, Sgr. Sonnleithner I., Taschenbuch für deutsche Schaubühnen und Liebhabertheater. 16. 1815. br. 1 fl. 20 kr. 20 Sgr. Enthält: Der Gönner, Lustsp. in 1 A — TennierS, Lustsp. in 1 A. — Die Ueberraschung, Lustsp. in 1 A. — Die Zurechtweisung. Lustsp. in 1 A. in Versen, — Manuela Razemba oder die Trauringe. Posse in 1 A. Sorgen ohne Noth und Noth ohne Sorgen. Lustsp. in 5 A. vonKotzebue. 1811. 50kr.10Sgr. Spanier, die, in Peru, oder Rolla's Tod. Romantisches Trauersp. in 5 A. von Kotzebue. 1801. 60 kr. 12 Sgr. Sparbüchse, die, oder der arme Candidat. Lustsp. in 1 A. Wien 1808. 35 kr. 7'/, Sgr Wallishausser'sche Buchhandlung- (Josef Klemm) in Wien. (Dieses Derzeichniß wird fortgesetzt.) Druck und Papi« vou Lwpold Souium L Somp. In Wn«. (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) Der Fuchs in der Schlinge. 6oM0Kl>!3 M8t3l1Mpll083. (Original.) In einem Acte von Wilhelm Cappilleri. Personen: Spin dl, Müller. I Hank, Jägerbursche. Lieschen, seine Mündel. I Die alte Margaret h, dessen Muhme. Ort der Handlung: Eine Mühle in der Nähe eines Dorfes. (Stube in Spiadl's Mühle Zm Hintergründe links eine Thüre, welche über rin paar Stufen nach der Flur führt; neben dieser ein kleines Fenster vergittert, rechts eine Mehltruhe, welche an ihrer Rückwand eine mit einem Schieber versehene Oeffnung haben muß, durch die der Wechsel zwischen dem Darsteller deS Hans und der Hilfsperson stattfinden kann; mit Deckel und Schloß, daran lehnen mehrere gefüllte Säcke aa derselben Seite, nahe der Decke ebenfalls ein Fenster. An der Decke links eine sogenannte Fallthüre nach dem Boden, wohin eine practicable Leiter führt. Rechts und links je eine Seitenthür. Rechts und links vom Schauspieler.) Erste Scene. L ieschen (kommt von rechts). Mein Gott! geht denn der alte Schippe! noch nicht aus? Heut' ist's ja g'rad, als ob er Blei an den Füßen hätt'. (Geht §uchs in der Schlingt. zur Thür links und horcht.) Es rührt sich nichts! und mein armer HanS wird am End' schon am Dach sitzen und passen. (Sieht nach dem Fenster rechts oben.) Der arme Kerl hat gar einen schweren Weg zu mir — auf's große Mühlrad 'nauf 1 krareln ') und dann über die Dächer krall'n'), da g'hört schon ein bissel Liebe dazu — und auch eine ordentliche Katzennatur; ja d rum ist er auch auf den Einfall kommen, daß cs dem Alten nicht auffallen soll, wenn ihn g'rad der Teirel * *) da hat — wie's meistens der Fall ist — seine Nähe allemal mit einem Miauke- zer *) anzuzeigen; — und das Miaukezen kann er jetzt schon so gut, daß ich oft selber mein' — es ist unser großer Kater. Zweite Scene. Vorige. Spindl (mit Hut und Stock). Lieschen (bei Seite). Na endlich! — wo sind's denn so lang, Herr Vormund? Spindl. Wo? in der Kammer; war Dir schon bang' nach mir? Gute Seele Du! (Bei Seite.) Diese Aufmerksamkeit muß belohnt werden. (Küßt sie aus die Stirne.) Da hast ein Bussel °). Lieschen. Ich dank'— deshalb Hab' ich's g'wiß nicht g'sagt. Spindl. Nicht? Lieschen. Nein— auf Ehr' nicht! Ich Hab' nur Angst g'habt, daß der Herr Vormund nicht fortkommt und am End' noch den ganzen Markt versäumt. Spindl. Ei was! Wenn ich etwas versäum' — so bring' ich's wieder ein anders Mal ein. Also behüt' Dich Gott! (Will sie küssen.) Lieschen (tritt zurück). Aber der Herr Vormi nd hat mich ja schon einmal g'küßt. Spindl. Das macht nichts, — desto besser! Lieschen. Für'n Herrn Vormund vielleicht, aber für mich nicht;— ich bin keine Freundin vom Dusselgeben. (Bei Seite ) Das heißt, bei so einem Alten — beim Hans — da lass' ich mir's g'fall'n. ') klettern. — *) kriechen. — ') Teufel. — *) miauen. "') Kuß. Spindl (der ,'en.n Rock besieht). Ah, ah! wie seh' ich denn ans? Geh', List, bürst' mich ein bissel ab, ich bin ganz schmutzig. Lieschen (mährend sie den Rock bürstet) Da nützt das Bürsten auch nichts — schmutzig bleibt der Herr Vormund doch! Spindl. Was? soll das vielleicht eine Anspielung sein — Hab' ich mich schon jemals schmutzig gezeigt? Bin ich nicht immer sehr splendid gegen Dich? Wie lang ist's denn, daß ich Dir dein grünes Kleid roth färben ließ? Lieschen. Na —auf Martini wird'S g'rad vier Jahr'. Spindl. Na also — Du undankbares Mädl — wenn ich nicht wüßt', daß Du nur einen Spaß mit mir machen willst — würde ich's für Ernst halten — und auf Dich recht bös sein. — Da — Du kleiner Goldschatz, D« — (Will sie abermals küssen.) LieSchen (weicht wieder aus). Spindl. Na — was ist denn das? Dein Vormund wird Dich doch küssen dürfen, so oft er will — Lieschen. Ah, das g'rad nicht! — zu dem brauch' ich keinen Vormund. Spindl. Na — na — sei nur gut — wenn Du nicht willst, so macht's nichts, also (gibt ihr die Hand) leb' wohl und schau', daß Dir die Zeit nicht lang wird. Lieschen. O, die wird mir g'wiß nicht lang werden, (bei Seite) dafür wird schon der Hans sorgen. Spindl. Thu' schon beten—oder spiel' Dich mit deinem Vogel da. — Lieschen. Ist schon recht — ich werd' mich schon spiel'n (bei Seite) mit meinem Hans. Spindl. Ich Hab' Dir ja deshalb einen Spatzen g'fangen, damit Du eine kleine Zerstreuung hast. Lieschen. Ja — aber lieber wär's mir, wenn ihn der Herr Vormund nicht g'fangen hätt' — das arme Thier erbarmt mir — dem geht's g'rad so wie mir, ich bin auch immer g'fangen. Spindl. G'fangcn? Das nennst Du g'fangen, wenn ich Dich vor der bösen Welt hüt'? Siehst, so ist'ö auch mit dem Vogel, da macht er Dir Freud', und wer weiß, wenn er frei blieben war', ob ihn nicht längst schon ein Jäger erschossen hätt'. — Lieschen (mit Betonung). O bie Zäger sind keine so bösen Leut'. Spindl. Was? was weißt denn Du, was die Jager für Leut' sind? Lieschen. Na, das wär' nicht übel, wenn ich das nicht wüßte! (Bei Seite.) Wo mein HanS selber ein Jäger ist. Spindl. Und dann, wie gut ist so ein Vogerl — der dreht nur immer 's Köpferl nnd braucht nichts, als ein bissel Aufwartung. Lieschen. Und fressen, was er aber leider bei unS nicht kriegt; — nicht einmal ein ordentliches Futter. Spindl. So — und was sind dann nachher die Regenwürmer, die ich ihm bring'! he? Lieschen. Die kann doch der Vogel nicht fressen. Spindl. So gib ihm ein bissel Gras. Lieschen. Red' der Herr Vormund doch nicht so dumm; ein Körndl g hört für'n Vogel. Spindl. Na, das kann er ja auch hab'n. Lieschen. Na, wo bab' ich denn eins? Wenn ich im Vorhaus nicht immer suchen möcht', dann und wann etwas zu finden, war' der Vogel schon lang hin. Spindl. Was, keine Körndl? eS muß ja g'rad nicht im Ganzen fein, gib ihm's g'maln. Liebchen. Etwa gar ein Mehl? Spindl. Ja, warum denn nicht? Lieschen. Na, jetzt wirb'S mir aber schon z'viel; bitt' Ihnen, Herr Vormund, giften's ') mich nicht, und schaun's, daß fortkommen. Spindl. Was — du schaffst mich fort? Na, ich geh' — leb' wohl — komm' und gib mir ein Versöhnungsbußl. Lieschen. Na, meinetwegen, nehmen's Jhnen's — (Bei Seite.) Sonst bring' ich die Klette so nicht weg, und mein HanS wachst mir noch an s Dach an. Spindl (küßt sie). So — jetzt ist's in der Ordnung. (Sieht auf srknen Hut.) Halt! eher will ick noch meinen Hut auSbürsten. Lieschen. Ah, gebn's zu, was wollen's denn an dem noch bürsten? Der hat ja schon kein einziges Haar mehr — ha, ha. ha! wie der aussieht! Spindl. Was, Du lachst? Der Hut — der ist noch recht sauber — sind kaum eilf Jahr, daß ich mir ihn kauft Hab'. (Sieht durchs Fenster, während er bürstet). Wenn es nur nicht regnet — es sieht so verzogen aus. Lieschen. Wenn sich nur er selber schon verzogen hätt'! Spindl. Geh'. List, bring' mir meinen Regenschirm. Lieschen (geht ab). Spindl. Ick kann doch nicht mir nichts, dir nichts — wenn ein Wetter droht — mich der Gefahr anssetzen und mein Nock verderben. Lieschen (kommt mit rinrm großen rotheu Regenschirm). So, da ist er. Spindl. Ich dank' Dir, aber besser ist besser, ich will lieber auch noch meinen alten Hut nehmen. Geh', Lisi, in der Kammer am Schranke steht in einer Zeitung eingewickelt mein alter Kastor, — hol mir ihn. Lieschen. Was, noch einen älteren? ha,ha,ha!dermußgutauSsckauen! (Links ab.) Spindl. Was denn das dumme Gänschen immer lacht? Mein Sparsystem nennt sie eine Schmutzerei! O Welt, o Welt! (Ocffnrt den Schirm, welcher sehr zerrissen aus- sieht ) Jetzt muß ich einmal sehen, wie denn der ausschaut, s Zufrieden überrascht.) O prächtig! ich Hab' g'laubt, er wäre schon hin. Lieschen (von links mit einem ganz verkrüppelten Hut, dessen Deckel nur mehr an einer Stelle sich sesthält und welchen sie, während sie spricht^ *) ärgern. 4 ganz entfernt). Ha, ha. ha! derhatein G'stcht! voll Falten! (Bei Seite.) Wie der Herr Vormund! (Laut.) Der g'hört in die Ausstellung. Aber Herr Vormund, so einen Hut werden's doch nicht mehr aussetzen — das ist ja kein Hut — (Reißt dev Deckel ganz weg und fleht durch den Lylinder aufdaS Publicum.) sondern ein ordentliches Perspectiv. Spindl (reißt ihr zornig de« Hut weg)-Was Perspectiv? meinen Hut (richtet denselben). Lieschen. Na, meinetwegen! (Hebt den Deckel auf, den fie vorher wegwrrf und gibt ihn Spindl.) Da habn's den Deckel auch dazu. Spindl. Brauch' keinen Deckel, der Kopf soll ausdünsten, das ist sehr g'sund. Lieschen. Schau nur der Herr Vormund, daß er ihm nicht ganz ausdunst. Spindl. Furcht' Dich nicht, dann Hab' ich ja auch noch meinen Regenschirm, der mich schützt. (Man hört draußen auf dem Dache eine Stimme, das Miauen einer Katze nachohmend.) Lieschen (freudig erschreckt). Mein Gott! (Bei Seite.) Das war den Hans sein Miau- kezer. Spindl. Na, was hast denn? Lieschen. O nichts — der Kater. Spindl. Wirst doch nicht vor'n Kater erschrecken, wenn er schreit? Stimme (von außen wie vor). Miau! miau! Lieschen. Aber — Spindl. Na, was geht denn das D'ch an, wenn der Kater miaul — vielleicht will er was — Lieschen. Ja freilich will er was! (Bei Seite.) Dich will er fort haben! Spindl. So — so gib ihm was. Lieschen. Geb'n soll ich ihm was? Jetzt nicht, nachher werd' ich ihm schon was geben, bis der Herr Vvnnnud fort ist. Behüte ihn Gott, Herr Vormund! Spindl. Ja, wegen was willst Du mich denn schon draußen hab'n — Du! du! — das kommt mir verdächtig vor. (Bei Seite.) Wegen waS soll's mich denn weg hab'n wollen? Sollt' am End'-? aber es ist ja Alles zu — und ich sperr' ja zweimal zu. (Sanft zu Lieschen.) Ja warum willst Du mich denn weg hab'n, Du mein liebes Herzerl? (Tätschelt fie an der Wange. Indem das obere Fenster, durch welches später Hans hereinsteigt, geöffnet wird, hört man wie vor die Stimme »miau! miau!* rufen.) Lieschen (erschrickt und zieht sich zurück). Spindl (der sie eben umschlingen wollte). Der Teufel! die verfluchten Katzen! Lieschen. Seit wann kann's denn der Herr Vormund nicht leiden? Früher waren die Katzen dem Herr» Vormund die liebsten Freundinnen. Spindl. Es ist nicht wahr, die Falschheit Hab' ich nie leiden mögen; — und erst die Kater — die mein liebes Licserl erschrecken. iGcht liebevoll auf fie zu und umarmt sie.) Nein! nein! Alle müssen's fort, Du sollst— Die Stimme (wie vor, vor dem Fenster sehr laut). Miau, miau! Lieschen (fährt abermals zurück, bei Seite) Dem armen Kerl wird's schon z'lang! — Spindl (zornig). Heute noch wird Arsenik aufgestreut — der Kater muß hin werden! — Lieschen. Was? Arsenik? (Bei Seite.) Meinen HauS will er vergiften? Spindl. Freilich Arsenik, das ist daS beste Gift. Lieschen.Herr Vormund, kost't das was? Spindl. Na, natürlich! Lieschen. Nachher können die Katzen schon sicher sein. — Spindl. Na, na, nicht so sicher, wie Du glaubst. (Bei Seite.) Verdammte Bestie, so oft ich gerade im besten Zug bin, muß daS Luder ') mich immer stören. (Sieht sich um.) Ich steh den Kater gar nicht. Lieschen. Ja, der laßt sich nicht seh'n, vorn Herrn Vormund hat er Respekt. Spindl. So! meinst Du? und ich bin doch so gut. — Lieschen. Mit mir freilich — aber mit den Thieren nicht. ') Aas. 5 Spindl. Na, ist das nicht alleöeins? Lieschen. Nein, darum möcht' ich lieber eine Katze oder ein Vogerl sein statt ihre Mündel. Spindl. Ja, warum denn? Lieschen. Damit ich Ruh hätt'. — Spindl. Was? sind Dir etwa meine Zärtlichkeiten zuwider? Lieschen. G'rad herausg'sagt: ja! Spindl. Mädl, Mädl! das kann ja dein Ernst nicht sein! hast doch sonst nie so gesprochen, was ist denn jetzt in Dich g'fahrn? Lieschen (fich vergessend). Die Lieb'! Spindl. Die Lieb'? Die Lieb'?zu mir? (MitSelbstbefriedigung.) No waS denn? Sonst ist ja kein anderes Mannsbild da. — Siehst' schau, ich Hab s g'wußt, daß Du nur einen Spaß machst — also Du liebst mich doch— Du— Du — (Geht auf sie zu. faßt sie rasch und stürmisch, indem er sie küßt. Zn diesem Augenblick hört man Geräusch vor dem Fenster, durch welche- bald daraus wieder ein noch lauteres Miau zu vernehmen, während ein Blumengeschirr, herabgeworfen wurde, das dem Vormund auf die Füße fällt, wobei dieser mit einem Schrei erschreckt ausspringt.) Lieschen (erschreckt). Mein Gott! (Bei Seite.) DaS war meinen HanS sein Wurf, der ist g'wiß süchtig '). Spindl. Teufel! was war daS? ein Blumentopf! wo kommt der herg'flogen? Na wart, verfluchter Kater! jetzt will ich dir aber den Garaus geben! ich hol' mein G'wchr und schieß den Satan vom Dach runter, daß er herunter purzeln soll wie eine ang'schossene Tanb'n in der Luft. (Will recht- ab da» Gewehr zu holen ) Lieschen (hält ihn zurück). Halt, halt, Herr Bormund! nicht so jäh' warum denn gleich schießen? (Bei Seite.) Na das wär' nicht schlecht, da möcht' sich mein HanS schön bedanken. Spindl. Laß mich ans! ich muß ihn runtcrfeuern, diesen verfluchten Kater. Lieschen. Was? Sie könnten so ein unschuldiges Thierl erschießen? Pfui! schämen Sie sich ! Ein Mensch, der das kann, der ist gar kein Mensch, — denn wer kein Thier liebt, kann auch keinen Menschen lieben und — (Sich freundlich an ihn schmiegend.) Sie sagen ja immer, Sie hätt'n ein Herz, das noch lieben kann. Spindl (sehr freudig empfindlich). Ja, ja! so ist's auch, — ich liebe — nicht wahr, daS weißt Du! (Will sie umarmen, wird aber von Lieschen sanft zurückgedrängt.) Lieschen. Ja freilich weiß ich's — aber er geht mich nichts an. Spindl. Na gut, ich will den Kater Dir zu lieb am Leben lassen, aber stören soll mich das Thier nicht mehr, ich laß morgen das Fenster zumanern. Lieschen. Was zumauern? Das wär' schön! (Bei Seite.) Wo käm' denn dann mein Hans herein? (Laut.) Zumauern, daß ich nicht einmal mehr ein bissel frische Luft schnappen kann? DaS geht nicht! Spindl. Nicht? Lieschen. Nein! Spindl. Na, so soll's so bleib'n. (Don außen wieder:) Miau! miau! miau! Spindl. Jetzt fangt die Bestie wieder an! Das halt' ich nicht auS vor Zorn, — es ist das Beste, ich geh'. Lieschen. Ja, ja, gehn's — daS ist daS Beste, ich will derweil mich ein bissel niederlegen,.mir ist's nicht gut. Spindl. Hast Recht, leg' Dich nieder; na, so leb' wohl, (küßt sie auf die Stirn) in einer Stund bin ich wieder z'HauS! Lieschen. Na! der Herr Vormund braucht sich nicht z'eil'n, geh' der Herr Vormund nur recht langsam, daß die Lungen nicht strapezirt wird. Spindl (bei Seite). Wie besorgt sie ist! bei dem Mädl kennt man sich nicht aus— ich glaub' immer, Alles ist Verstellung, daß sie mich nicht mag, — sie liebt mich zum Dcrrücktwcrden. — Na, leb' wohl. — (Will sie küssen.) ') zornig. 6 Lieöchcn. ES ist schon gut, geh,,'S nur! Spindl (bei Seite). O Verstellung! derweil möcht'S mir um den Hals fallen. O diese Mad'ln! (Laut.) Ick) geh' schon—ich geh' schon! (Sicht sich um nach ihr.) Ein snßeS Ding das! (Laut.) Na, adje! adje! (Will fit küssen, Liekchen wendet sich ab.) Lieschen. Aber Herr Vormund! (Die Stimme von außen miaut au- allen Kräften, bis Epindl ab ist.) Spitt dl (sehr zornig, hält sich die Ohren zu). Donnerwetter! verfluchter Kater! Der Teufel soll daS ganze Katzengeschlecht holen mit ihrem (ahmt nach) miau! miau! miau! Da könnt' der Mensch rein wahnsinnig werden. Miau, miau! verfluchtes Thier! Adje, Lisi! Miau, miau! (Ist durch die Hin. terthüre obgegangen, man hört zweimal den Schlüssel von außen umdrehen.) Dritte Scene. Lieschen und gleich darauf Hans. Lieschen. Gottlob! draußen wär' er; wenn er nur nicht »»»kehrt und gleich re- tonrkommt.— (Sieht durchs Fenster.) Nana? er bleibt stehen — kratzt sich den Kopf, als ob er waS vergessen hätt'. (G,ht rasch und ruft uach dem Fenster recht- hinauf.) HanS, bleib' noch eine Weil' ruhig, mir scheint, dem Alten ist noch waS eing'fallen. (Seht abermals nach link- zum Fenster.) Na — endlich! jetzt geht er über's Drücke!, — so — jetzt biegt er um die Eck'. — Na so schau, daß Du in'S Kornfeld einmal kommst! — Gott sei Dank — jetzt ist er d rin — Hollah! die Vögcrlu fliegen alle auf— ja, ich glaub's, wann'ö so eine G'ftalt seh n — bleibt keiner sitzen. Jetzt sind wir sicher! — < Klatscht in dir Hände.) Hanö (den Kops durch da- Fenster steckend). Na? — Lieschen. Der Alte ist fort. (Holt die Letter, dir nach dem Poden führt und lehnt sie an ? Fenster, auf welcher HanS herabfleigt) Hans. Gott sei Dank! — ich hätt' schon bald mit den Katzen am Dach einen Krawall kriegt — auS Neid, daß ich so schön miaun kann. Lieschen. Ja, das kannst Du nnd^da- für kriegst Du jetzt ctn recht schönes Busserl. HanS. Hör'mal, daS Hab' Ich auch verdient. (Küßt fle.) Aber wenn der Alte jetzt noch nicht 'gangen wär', — ich weiß nicht, was ich g'macht hätt'; besonders mit dem Liebäugeln— daö Hab' ich satt—! Na, länger darf die G'schicht nicht dauern, entweder— oder! — Ich Hab' keine Lust mehr zu der Krarlerei, — ich gib daS Katersein auf. Lieschen. WaS? DaS Ist dein Ernst nicht, — Du willst nimmer zu mir komme»? Hans. Na — zu Dir will ich immer kommen, aber nicht durch s Fenster. Lieschen. Wann aber kein anderer Weg ist? HanS. WaS, kein Weg! für waS ist denn daS Loch da, wo der Fuchs auS- und einkriecht, he? (Deutet auf die Hlatrrthüre.) Lieschen. Ja freilich! aber Du weißt ja doch, daß eS noch nicht an der Zeit ist; kommt Zeit, kommt Rath. HanS (sich den Ka.f kratzmd). Ei was! ich kann's aber so nickt länger auShalten, daß er Dich immer eing'spcrrt haltet, macht mir nichts, aber — (kratzt pch dra Kops) weißt — der Herr Vormund, — der ist immer so freundlich — und — Lieschen (lacht). Ha, ha, ha! Na— und — und — da bist Du eifersüchtig! — Geh', Du Tschapperl ') — Du (gibt ihm riueu Kuß) Tu bist ja mein HanS — und weißt ja. daß er bei mir nichts auSrichtet, der alte ZwrlschkcnkrampuS *). HanS. Ja freilich, wahr ist'S — waS fürcht' ich mich denn an vordem Plutzer, schädel')? der wird mich da bet meiner ') Hinsaltkpinstl ') Drgrlschrnch. >) Schaftkops 7 Licscrl nicht auS dem Sattel heben, da ist er viel zu schwach — nicht wahr? Lieschen. Na freilich! (Lacht.) Ah d'rum hast Du früher das Blumentöpferl fallen lassen? Du närrischer Bub'. Na — na, sei ruhig—der ist mir nicht g'sährlich. Hans. Ich will Dir's gern glauben, aber es ist so eine Sach', —zum Beispiel dcn5 Dir. Du hält'st am Kirchtag einen recht schönen Lebzelten ') kriegt, schön mit farbigem Zucker verziert! Jetzt kommtEin's und kriegt, weil der Lebzelten so schön aussieht, Gusto d'rauf nnd fangt d'ran zu lecken an, und leckt so lange, bis dann alle Farben weg sind — und der Lebzelten fast ganz dünn ist. — War' Dir das recht? und möcht'Dich der Lebzelten nachher noch so g'freu'n, wenn, wenn er so abznzelt ist? Nicht wahr, nein? Lieöchen. Freilich nicht! HanS. Na, so siehst — und so geht's mir mit Dir — Du bist mein Lebzelten und ich lcid'S nicht, daß der Alte alleweil dran leckt, bis am End dein rotheS Farberl weg ist. Lieschen. Dafür sorg' ich schon, der darf nicht so viel lecken, wie Du glaubst, ich weich ihm so immer hübsch auS. HanS. Na hör — aber er ist ziemlich keck — und wenn ich früher ein Kater g'wesen wär', wär' ich sicher auf seinen Kopf herunter g'spruugen und hätt' ihn» die Augen auökrallt — ja, daS hätt' ich gethan, und ich sag' Dir'S nochmals — lang wart' ich nimmer — und ich hab'S auch schon mit der Frau Muhme besprochen — die will heut' Herkommen und für mich ein Wörtlein reden beim Alten und ihn.fragen, ob er mir deine Hand geben will oder nicht. Lieschen. Was, sie will ihn fragen? Und da kann ich Dir schon die Antwort selber sagen — »Nein!* — HanS. Gut, wenn er nein sagt — dann sagen wir ja! meine Frau Mnhmc hat g'sagt. sie wird ihm schon ein Wörtl sagen, das ihn ein bissel zahm machen werde — was das für ein Wörtl ist, weiß ich nicht — aber so viel mir scheint, muß sie etwas wissen, ein Geheimniß, denn als ich g'fragt Hab', was sie ihm sagen will, hat sie g'meint, daS kann sie nicht verra- then, aber ich soll mich trösten, wenn er nickt gleich einwilligt, so wirst Du doch mein Weib und eher als ich glaub'. Lieschen. Hör' mal, d'ran zweifle ich, und ich fürcht', am End' macht sic's mir schlimmer, als cS jetzt ist; — jetzt sehen wir nnS doch alle Tag, und wenn auch heimlich, aber wir seh'n unö doch, können nnS sprechen, und — HanS. Dann und wann ein Bußl geben. (Küßt fir.) Lieschen. O Gott! wenn nur die Frau Muhme nichts unüberlegt thut, das wär' ein Malheur! Hans. Da laß Dir d'rüber kein graues Haar wachsen, umsonst haben die Nachbarn keinen solchen Respekt vor ihr, wenn'S nicht g'schcit wär, und lieb hat'S mich auch, wie ihren eig'nen Sohn, d'rum nimmt sie sich auch meiner an, und ich glanb'S immer, sie wird durchsetzen, was sie sich vor- gcncmmen hat, daß ich Dich krieg', ja — und recht bald krieg' — sie Hat'S g'sagt, Du mußt mein Weib werden, und vielleicht unter ein paar Tagen schon. — Juhe! Lieserl! DaS wird schön sein, wenn Du mein Weibcrl sein wirst, dann kriegt der Kater auch eine liebe Katz, und vielleicht kommen kleine Katzcrln auch dazu. Lieschen. Geh', red' so waS nicht, wir sind noch nicht so weit, und ich glaub', eS wird nicht so leicht geh n, wie Du glaubst, der Alte wird mich höchstens um so strenger verwahren, und wird dann noch mehr ein Aug' ans mich haben, ich zitt're schon, wenn ick d'ran denk — und so oft er fort- gcht nnd Du da bist, steh' ich trotz meiner Freud' doch große Angst auS! Bei jedem Kracher, der im Porbauö g'schicht, glaub' ich, er ist'S: beut' gar, da er so ohne Wil- ') Ltbknihrn 8 len fortgangen ist; — wenn er nur nicht umkehrt, weil's schon spät ist — und er am End' zurückkommt. O mein Gott! Hans — wenn die Frau Muhme spricht! — aber jetzt darf er Dich doch noch nicht seh'n da — er machet ein Mordspektakel, na, na, das wär' ans! Hans. Sei nur ruhig, jetzt wird er ja nicht kommen. Lieschen. Man kann's nicht wissen. Hans. Na wart! Da fallt mir waö ein, daß Du ruhig bist — ich stell' ein paar Säck' vor die Thür, und wenn er wirklich kommen sollt', so kann er nicht gleich 'rein, nnd ich Hab' Zeit mich zu reteriren. Lieschen. Ja, ja, das ist ein guter Gedanke! Hans. So! (Stellt die Säcke vor die Hin» terthür.) Jetzt soll der Feind kommen, die Baricadc ist fertig — ei, dcr Teirl! jetzt bin ich auch müd'; komm', Liserl. laß' uns wieder setzen nnd ein Bißl plaudern. (Setzt sich auf die Bank.) Lieschen. Na, wart, erst muß ich Dir noch was geben, was ich für meinen Kate aufgehoben Hab'. (Nimmtaus einem Wandschrank einen Topf.) Da hast Du ein G'selchtes ') mit Kraut und ein. Stück Brot (Gibt ihm selbe».) und da eine Flasche Wein vom Alten seinem besten. HanS (der den Topf zwischen die Füße nimmt und die Flasche neben sich zur Erde stellt, essend). Ah, daS schmeckt gut! Lieschen. Na, wcnn'SDir nur schmeckt. Hans (mit vollem Munde). Hm, das ist — (Kanu nicht weiter reden, indem er schluckt) Lieschen (schlägt ihm auf den Rücken). Na, na! Guts, gnts! erstick' mir nur nicht. Hans (wie oben* verneinend). Hm, hm! (Nach einer Paus,.) Das war ein Brock n! der druckt mich jetzt im Magen, als wenn ich den Herrn Vormund g'schluckt hält'. Lieschen (die durch'- Fenster fleht). Der Altel der Alte! mein Gott, g'schwind! ') Rauchfleisch. Hans (springt auf, ohne auf d>nTopf zu achten, der zu Boden fällt und zerbricht). Wohin, wohin soll ich? Lieschen. Wo Du tchon öfters warst, — in die Mehltruhe da hinein. Hans. Ich dank! erst'n Kater nnd nun wieder ein Mehlwnrm. Lieschen (die den Truhendkcktl geöffnet hält). Nun g'schwind hinein! HanS (steigt hinein). Lieschen (läßt schnell den Deckel fallen *). Hans (von innen). Au! Lieschen (nachlehend). O je. jetzt Hab' ich den armen Kerl eingezwickt, aber es schadet nichts, d rinnen ist er, und das ist die Hauptsache. (Sieht übermal» zum Fenster hinaus.) O je, ich bin umsonst so erschrocken — da steht er noch am Steg und schnauft sich aus; nur Schad', daß er nickt später kommen ist, g'rad beim besten Bissen ist der arme Hans g'stört worden. Jetzt schnell die Leiter anf'n alten Platz. (Stellt die Leiter hin, wo sie früher stand uud beschäftigt sich mit dem Aufheben der Stücke de- »erbrochenenGeschirrs.) Da hat er noch ein Stück Fleisch (sieht dir W.inflaschr) und seinen Wein bat er auch steh'n lassen. Wart', daß ihm die Zeit nicht lang wird. (Oeffnet die Truhe und reicht HanS Beides hinein.) Da hast Du deinen Wein und 's Fleisch zur Zerstreuung. (ImAugenblick hört man an der Thüre Geräusch; mit leiserer Stimme:) Pst, red' nichts, der Vormund ist da, rühr' Dich ja nicht, ich wcrdeDich schon bald erlösen. (Macht rasch den Teckel der Tmhe wieder zu.) Vierte Scene. Lieschen. Spindl. Spin dl (dir Thür aufschließend). Himmel! was ist denn das? (Kollert mit einem Schrei sammt den Säcken Kopf und Arme voraus über die Stufen in'ö Zimmer ) *) Worauf sich der Schauspieler durch dir Lefs» nung entfernt und durch dir HilsSperson er» 9 Lieschen (ängstlich vor der Truhe, der fik den Rücken zuwendet, in Bezug auf den Vormund). Da liegt er! Spin dl (sich mühsam erhebend). ZumTeu- fel, was ist denn daS? Hab'n seine G'sel- l en die Säck' daher tragen? ich bin ganz dumm! Lieschen (für sich). Wie gewöhnlich. Spin dl (zu Lieschen). Wie sind denn diese verdammten Säcke daher kommen? Lieschen (für sich). Was sag' ich denn g'schwind? (Laut.) 2ch — ich — ich hab'S hing'stellt. Spindl. Du? Du hast Dir so eine Arbeit g'macht, und wozu? Da muß Dir ja der Satan g'holfen hab'n, wo hättest Du denn sonst so viel Kraft hergenommen? Lieschen. Der Satan? der Satan hat mir nicht g'holfen (bei Seite) aber der HanS. (Laut.) Ich habe einen Ratzen ') g'sch'n und den könnt' ich nicht fangen, weil er da zwischen den Säcken sich versteckt hat — da Hab' ich's dort hinauf g'stcllt — und nachher — Hab' ich ihn kriegt. Spindl (freudig). Hast ihn kriegt! und wo hast Du ihn denn? Lieschen. 2a, jetzt Hab' ich ihn nicht mehr, denn wie ich ihn kriegt Hab' g'habt— Spindl (ihr in die Rede fallend). Hast ihn todtgeschlagen! Lieschen. Nein, — da ist er mir wieder ausgekommen. Spindl. Ah, daS ist Schade! — Na, jetzt geh', Lisi, trag' mir meinen Regenschirm hinein — und meinen Hut — (Will ihr Beide» geben, wo» sie aber nicht nimmt.) Lieschen (verlegen). 2ch dank', Herr Vormund, aber ich kann gar nicht einmal einen Schritt machen, so steckt mir noch der Schreck in den Gliedern. Spindl. Dn armes Kind! Da muß ich wohl selber geh'n. setzt wird, wobei man zu brachten hat, daß die Oeffnung gut verschlossen werde, damit bei nachhrrigrr Hebung de» Deckels diese dem Publicum nicht sichtbar sei. ') Ratte. Lieschen. 2ch werde bitten. Spindl (gcht links ab). Lieschen (ängstlich, hebt rasch den Deckel der Truhe und spricht hinein). Sei nur ruhig, ich werd' schon machen, daß Du nicht zu lange d'rin bleiben mußt. (Schließt den Deckel wieder.) Spindl (zurückkommrnd). Na, war Niemand da? Lieschen. Nein, gar Niemand, — bei der zug'machtcn Thür kann ja Keiner 'rein. Spindl. 2a freilich kann Keiner herein — cs ist wahr — und das ist schon reckt; wenn ich nickt da bin, hat auch Keiner da was zu suchen. Aber jetzt komm', Du hast mir ja noch gar keinen Willkomm geben. (Geht auf sie zu und küßt sie. Man hört einen Schlag auf den Truhendeckrl von innen, worauf Spindl aufhorcht.) Spindl. WaS war das? Lieschen (bei Seite). Mein Gott, der hat sich den Kopf angeschlagen! Spindl. Vielleicht sind gar in derTruhe auch Ratzen! na. das wär'nicht schlecht, daß das ganze Mehl hin würd' — daS muß ich doch — Lieschen (stkllt sich dichter vor die Truhe, bittend). Na, na, Herr Vormund, nur jetzt nicht, schaun's ein anders Mal 'rein, ich furcht' mich — der Ratz könnt herausspringen — und daS halt ich ein zweites Mal nicht aus;— wenn's mich lieb hab'n, Herr Vormund, so lassen'S ihn d'rin, den Ratzen! Spindl. Wenn ich Dich lieb' Hab'? Freilich Hab' ich Dich lieb' — sehr lieb' Dn — Du, mein Leben. (Küßt sie auf die Stirne.) Lieschen. Wissen's was, Herr Vormund, — wenn'S mir einen G'fall'n thun woll'n, so holen'S den Schlüssel, daß wir den Ratzen in der Truhe eing'sperrt lassen. Spindl. Einsperrn? Warum denn? Der kommt so auch nicht aus. Lieschen. Aber ich will'S — und wenn's mich gern haben, so hol'nS mir den Schlüssel. 10 Spindl. Was Du für Launen hast, furchtsames Ding, ich weiß aber nicht, wo jetzt der Schluffe! ist. Lieschen. Gestern Hab ich ihn g'seh'n, — in Ihrer Lad' liegt er. Spindl. Wo? Lieschen. Suchen'S, dann werden's seh'n, wo er liegt, — und daß'S mir nicht ohne Schluss! kommen, — wenn'S mir ihn bringen, dann- Spindl. Na dann? Lieschen. Dann will ich dem Herrn Vormund ein recht ein g'schmalzenes Busserl geben — und wegen meiner zwei! Spindl (entzückt). Wirklich? Du selber willst mir eines geb'n? Auf den Mnnd? Lieschen. Auf den Mund. Spindl. O du süßer Lohn! ja da muß ich gleich — . Aber einen kannst mir im Voraus geben. Lieschen. O nein! nichteinen halben, — nichts — im Voraus gibt eS nichts! Spindl. Na, na, ich werd' ihn schon bringen — und zwar gleich — wart' nur. (Links ab.) Fünfte Scene. Lieschen allein, dann Hans. Den Schlüssel Hab' ich, der kann lang suchen. lGeht zur Thüre und fleht durchs Schlüs* selloch.) Herr Gott, wie der 'rumwirth* schäftet, der wühlt ja wie ein Maulwurf. Jetzt ist s sicher. (Hebt den Deckel der Truhe auf, man hört schnarchen.) Hanö! Mein Himmel, der ist eingcschlafen. (Rüttelt ihn.) Hans, HanS! hörst Du denn nicht? (Die HilsSperson streckt LteSchen di« Beine entgegen, di« bis zu den Knien üben den Rand der Truhe herau-hangea. ') Hans! so hör' doch auf zu schnarchen und werde wach. (Nimmt die Flasche auS der Truhe und hält sie gegen daß Licht.) Ja, da glaube ich es gerne, er hat den Wein ganz auSgetrunken! (Im. ') Wobei daö ^Gesicht dem Publikum nicht sichtbar werden darf. «» mer ängstlicher.) Hanö, Hans! (Läuft zur Thüre links, fleht abermals besorgt durch'-Schlüsselloch.) Der ist noch in der besten Arbeit! Geschwind die Leiter — und dann soll und muß er wach werden. (Nimmt die Leiter and trägt sie nach dem Hintergründe, an daS Fenster zu lehnend, wo HanS hrreingestitgen. Während dem fleht man die Beine in der Truhe sich zurück, ziehen, wobei mit einem Schlag deren Deckel zufällt. ') Lieschen (mit einem Schrei). Ah! was war daS? (Sieht nach der Truhe.) D Du mein Gott! der Deckel ist zugefall'n, am End' ist dem HanS was g'scheh'n, ich zittere am ganzen Leib und trau' mich gar nicht 'rcinznschauen; ei waS! Dummheit! waS wird ihm denn g'scheh'n sein, — da drinnen ist's ja weich zu liegen. (Macht auf. Man hört wieder stark schnarchen.) HanS, HanS! ES ist ihm nichts geschch'n, er schläft noch so gut wie zuvor. Aber zum Teufel, HanS! Hans (Gesicht und Kleider von Mehl bestäubt, erhebt sich und reibt sich schlaftrunken die Augen). Hat man denn gar keine Ruh mitten in der Nacht? Ja, ja, Herr Förster, ich komme schon. LteSchen (ihn stärker rüttelnd). Nichts — Herr Förster — Du bist ja nicht zu Hause, wie kann man denn s o schlafen? Du bist ja in der Mehltruhe bei deiner List. G'schwind heraus, eh'der Vormund kommt. Mein Gott, (beutelt ihn am Kopf) komm' doch zn Dir! HanS. Ja, ja, ich bin ja so bei mir. Lieschen (läuft zur Thüre link- und fleht wie vor durch s Schlüsselloch). HanS (der währenddem langsam au- der Truhe gestiegen und gähnend sich streckt, sieht sich um, dann aus feine Kleidung). 3a, wte seh' ich denn auS? Der reine Mehlsack. Lieschen. Ja bald kommst mir so vor; wie kann man aber auch den ganzen Wein auStrinken? Jetzt geh' aber, geh'! (Drängt ihn fort.) ') Wo abermals der Person« nwe.bsel statt haben muß. 11 Hans (uoch schlaftrunken wie vor, küßt Lieschen). Na! adje! (Will links ab ) Lieschen (erschreckt. HLlt ihn zurück). Halt, Hans! wo willst denn hin? DaS wäre schön! da möchtest Du dem Teufel g'rad in den Rachen laufen. (Führt ihn zur Leiter.) Da geht's heraus. Hast Du denn vergessen, daß dein Weg nicht der gerade ist? Da, da steig' rauf! Hanö. Ah ja so! jetzt bin ich zu HauS! Lieschen. Zu HauS bist Du noch nicht, denn Du mußt erst da hitlauf und über'S Dach dann hinunterkrareln. HanS. Ja leider! Lieschen. Tummle Dich, sonst kommt der Alte und wir sind verloren. Hans (auf der erste« Sprosse der Leiter! stehen bleibend). Ich weiß gar nicht, ich bin so damisch '). Lieschen. Ja freilich! wenn Du eine Maß Wein trinkst, sollst nicht damisch sein! Na behüt' Dich Gott und schau nur, daß Du nicht in den Mühlgraben fällst. Hanö. Da kam' ich g'wiß gleich zu mir; behüt' Dich Gott. (Küßt Lieschen und steigt dir Leiter hinan.) LieSchen (welche wieder an der Tbür links gelauscht). Er ist noch immer im Wühlen. (Zu Hans.) Na, bist schon droben?) Hans (^umFenster hinau-steigend). Gottlob, wenn ich nur auch schon d'runten wär'. (Verschwindet, indem er wie vor miaut ) Sechste Scene. Lieschen (allein, die Leiter rasch wegstellend). Wenn ihm nur nichts geschieht; ich hätte ihm nicht den ganzen Wein geben sollen, wer kann sich aber auch denken, daß er ihn biS auf den letzten Tropfen auStrinken wird — in der Truhe da drin, worin er sich übrigens ganz wohl befunden haben muß. weil er so gut geschlafen bat. ') Betäubt. Spin dl (voa ümcn). Es ist zum Verzweifeln! wo denn der verdammte Schlüssel stecken muß? Lieschen (lacht). Der arme Vormund ist wild wie ein Tieger. Spindl (wie vor — lauter). Himmeldonnerwetter, Kreuzelement! Lieschen (durchs Schlüsselloch). Ha ha ha! da liegt schon Alles auf der Erde; so, jetzt wirft er's wieder in die Lad'. Armer Vormund! wie der sich plagt, der Schweiß läuft ihm schon über'S ganze G'sicht und für waS? nur, daß er ein freiwilliges Busserl kriegt. Da braucht der Hans nicht so umzuwühleu, obwohl er sich's auch schwer genug verdient, und ich weiß nicht, ob der Herr Vormund, wcnn's auf eine Probe an- kam', für mich auf's Dach ging und sich mit dcu Katzen umbalgen thät', — dazu ist er viel zu viel Hasenfuß und dann ist er auch viel zu schwach und zerbrechlich — das G'stell wär' wohl bald aus dem Leim. Da ist'S bei meinem HanS anders, da ist eine Festigkeit. Spitt dl (immer noch hinter der Scene ru- morend). Da möcht' einer ein Narr werden! Siebente Scene. Lieschen. Spindl. Spindl (von links). Glaubst Du, ich kann den Schlüssel finden? Lieschen. Nicht? Spindl. Keine Idee! Das war eine Dicharbeit! Lieschen (mit Bezug). Ich kann mir'S denken! Spindl. Du mußt Dick aber geirrt haben, eS gibt kein Fleckchen mehr, wo ich nicht gesucht hätt' — Alles vergebens! und beinah' möcht' ich glaub'«, Du hast mich ang'logen. Lieschen. Ei, was glaubt denn der Herr Vormund, ich werde mich doch nicht imtersteh'n — ihn für einen Narren — zu halten! __ 12 Spindl. Nein, nein! da ist Betrug dahinter—und ich will ein Busserl hab'n. Lieschen. Jetzt nicht — Sie haben mir den Schlüssel nicht gebracht. Spindl (will sie küssen, Lieschen weicht zurück). Na, na, so geht daS nicht, ich muß meinen Lohn haben! umsonst Hab'ich nicht bis jetzt 'rumgearbeitet. (Will Lieschen mit Gr. walt küssen, diese reißt sich loS und läuft, nachdem er sie erst im Zimmer umhergetrieben, schnell in ihr Zimmer rechts, welches sie hinter sich ab' schließt.) Achte Scene. Spindl, dann Margarethe. Lpindl (bleibt erschöpft vor der Thüre stehen). Na wart'! — und zug'sperrt hat's, — aber ich werd'S schon krieg'n. (Klopft.) List!Liserl! Geh', mack' auf! (Sanft.) Mack' auf! — (Nach einer Pause zornig.) Ob Du aufmachst! Dein Vormund befiehlt'-. Lieschen (von innen lacht). Ha ha ha! Der Herr Vormund befiehlt'S? Der Herr Vormund hat mir nichts zu befehlen, waS nicht recht ist. Spindl (bei Seite). Du g'schnappigs ') Ding, Du? (Laut.) Was ist denn da Un- recht's dabei, wenn ich will, daß Du aufmachst, he? Lieschen. Ja, weil'S bei dem nicht bleibt, wenn ich aufmach' — dann will der Herr Vormund wieder mehr. Spindl (für sich). Wie sie mich kennt. (Laut.) Na, Lieserl, so mach' auf! Schau, ich bin ja nicht so schlimm, Du kennst mich ja, und wenn Du schön folgst, sollst Du von mir waS kriegen, — ich mach' Dir eine heimliche Freud' — wie die Zwetsch, pen ') reif sind, kriegst Tu eine ganze Butte voll — ich schenk' Dir — waS Du willst. Lieschen. Ich brauche gar nicht». — (Au der Mittelthüre wird geklopft.) Spindl. Wer klopft denn? gerade jetzt! (Geht und schließt auf.) ') Vorlautes. ') Zwetschken. Neunte Scene. Voriger. Margarethe (gebeugt, au eiaem Krückrnflock durch die Hintrrthür). Spindl (bei Seite). Alle guten Geister — die alte Margaretb! Marg. Guten Abend, Herr Müllermeister! Spindl. Guten Abend! waS führt denn Euch zu mir, Frau Margareth? Marg. WaS sollt' mich denn herführen — habt Ihr keine Ahnung? Was sollt' mich denn herführen — als die Lieb'? — Spindl (erstaunt). Die Lieb'? (BeiSeite.) Die wird doch nickt um meine Hand anhaltend (Laut.) Die Lieb' — sagt Ihr? Marg. Na, waS denn! Und Euer Herz wird doch nicht von Stein sein? Spindl. O nein, von Stein ist'S nicht, — aber- Marg. Und werden nicht nein sagen, wo ich ja sag'- Spindl. Verzeiht! aber daS ist noch die Frag' — Marg. Werdet gegen die Lieb' meines HanS für Eure Liserl doch nichts einzu- wenden haben? Spindl. WaS? — waS war daS? Die Lieb' Euere- HanS für meine List? Ei, da muß ich bitten! Euer HanS wird doch nicht an meine List denken? Marg. Ja wohl thut er daS — und sehr stark — und ich komm' eben deshalb her, um als seine zweite Mutter für den Sohn meiner Schwester um die Hand Euerer Mündl anzuhalten, die Ihr hoffentlich meinem HanS nicht verweigern werdet — wenn Ihr zurückdenkt — Spindl. Zurückdenkt?— Marg. Ja wohl, an Euere Schuld — zurückdenkt an die verstoßene Schwester, die schöne Anna, deren Sohn der Hans ist, die Lisi, die Ihr — ja, ja. schaut nur weg — die Ihr einmal so unglücklich gemacht, da sie Euren Reden getraut hat und geglaubt, Ihr werdet sie heiraten, wie Ihr 13 cS ihr heilig versprochen habt — und auch gethan hättet. — wenn Ihr nicht ein so schlechter Kerl gewesen wärt! — Aber Ihr habt sie sitzen lassen, weil sich da die Witwe mit der Mühl' vorgesunden, die nur ein paar Thaler mehr g'habt hat. und das arme Mädl, meine Schwester, die so unschuldig wie ein Lamperl war, von nun an verachtet, und von Jedem im Dorfe scheel angeseh'n — wcil's Alle glaubt hab'n, sie muß Euch untreu worden sein, oder sich sonst unehrlich aufgeführt haben, weil Ihr's, der Müller Franzl, steh'n lassen habt. — O, daS kränkt mich heut' noch! Pfui! und da hat die Arme, um sich vor Schande zu retten, den ersten Besten nehme» müssen, der um sie angehalten, ob aber ihr Herz damit einverstanden, darnach dürft' nicht gefragt werden — und so mußt' sie ihr Leben zubringen in trauriger Erinnerung — und d rum ist sie auch früher g'storben, als sie hätt' soll'» — und (weinend) hat den Hans, ihren Sohn, allein zurücklaffen. — O wenn ich d'ran denk', steigt mir die Wuth auf— und — weiß Gott! — ich könnt' lsährt auf ihn lo«) ich könnt' mit guter Lust Euch jetzt noch dafür die Augen auskratzen. Spin dl (springt zurück). Oho! Ich dank' schön! Augen auSkratzen! — sonst nichts? Kratzt wo Ihr wollt, aber meine Augen laßt in Ruh'! M arg. Ruh'! Ruh'! die sollt'Zhr nicht eher haben, diS Ihr nicht Euern Fehler gut gemacht, was Ihr in Euern jungen Jahren verschuldet, — waS Ihr unrecht an der Mntter gethan — sollt' Ihr an dem Sohne recht thun. Gebt dem HanS Euer Mündel — und Ihr seid mit der Verstorbenen versöhnt und Ihr habt dann nichts mehr zu fürchten. Spin dl. WaS geh'» mich die Tobten an! und fürchten? — fürchten brauch' ich mich nicht, am wenigsten vor Euch. — Der HanS kriegt nicht die Lisi. Marg. Und er wird sie doch kriegen. Spin dl (aufgebracht, mit dem Fuße stampfend). Und ich sage: nein, nein, nein! und hun' ertmal nein! Marg. (ebenfalls aufgebracht, mit dem Krü- ckeustock auf den Boden schlagend). Und ich sage: ja, ja, ja! und tausendmal ja! (Stöst wie zu- fällig mit dem Stabe auf Spindel's Fuß.) Spindl (springt in die Höhe). Verflucht! mein Fuß! — Jetzt schau sie, daß sie fortkommt, sie — sie alte Here! Marg. (srhr aufgebracht). Was? was? alte Here — sagt Ihr — ich bin eine Here? Gut — gut — Ihr nennt mich so, — so will ich Euch auch eine sein. Ja, ich bin's und werde als solche bei Euch zuerst mein Herenstückchen machen. — Ja, ja, seht Euch nur vor, — die Lisi wird Hansens Weib — und heute noch ruht sie in seinen Armen; merkt Euch das! das sagt Ench die Here! Und ist das geschehen, dann kommt die Here nochmals zu Euch und wird Euch auslachen, — wenn Ihr dastehen werdet mit langer Nase — und Euch wüthend ärgern, als obJbr bersten möchtet. Der Bursch kriegt die Dirn, verlaßt Euch d'rauf; — ich versprach es Euch! dafür werd' ich sorgen. Ja, ja, Herr Müllcrmei- ster! er schlechter Kerl, er — (geht auf ihu zu, Spiudl retirirt) ja, ja, ja! (höhnisch lachend) hi! hi! hi! hi! hi! das verspricht Euch die alte Here — und sie hält Wort, die alte Here. (Wie vor mit höhnischem Gelächter durch die Hinterthüre ab.) Zehnte Scene. Spindl (allein, der »ine Zeit stumm und starr dagestanden, ruft ihr nach:) Here! Here! und nochmals Here! Ha, also meine Mündel, meine Lisi woü'n sie mir nehmen — und dazu die zweitausend blanken Thaler — die ihr ihr Vater hinter, ließ! Ja freilich, wenn ich nicht wüßt', daß mich das Mädl liebt, wenn ich nicht wüßt'. daß sie fortwährend eingeschlvsscn ist und gar keinen Verkehr hat. — Hab' ich doch alle Knechte und Mägde entfernt und in die andere Mühl' g'schafft, laß deshalb mein Werk da in Ruh', damit daS Mädl 14 nur hier mit Niemanden zusammenkommt. — Das Mädl, sagt sie, wird mit Hans ein Paar. — Lächerlich! hat sie mir doch nie g'sagt, daß sie ihn liebt — nicht eine Sylbe — ha, ha, ha! dumme, einfältige Drohtmg von der Here! ja will's meinen, — daS gefiel ihr wohl, so ein Weib für ihren dummen Hans, der nichts versteht von der lieben Welt, als Böcke schießen — und in den Wäldern umherstreifen wie ein Räuberhäuptling! — Sie sollen mir nur kommen, — ich werd' wohl auf der Hut sein — das Mädl kriegt er nicht — und wenn sie sich beide auf den Kopf stellen; das Mädl ist mein — nnd wird mein bler- den — und wenn — ich sie zur Frau Müllerin macken müßte! Der Bursch aber kriegt sie nicht! (Geht, nachdem er die Hivtrr- thüre abgeschlossen, zur Seitenthüre rechts.) Was sie denn macht, ob sie denn etwa- von der G'schicht gehört hat? (Kl)pst an die Thürr.) Lisi! Lieschen svon innen). Was gibt'S? Spindl. So komm doch nur heraus! Lieschen (steckt den Kopf zur Thüre herauS)- Was will denn der Herr Vormund? Spindl. Komm'dock heran-, so wirst Du's schon hören, was Wichtig'S! Elfte Scene. Spindl, Lieschen (tritt heraus). Lieschen. Na, da bin ich! Was ist denn das Wichtige? Spindl. Hast Du denn nicht g'hört von der Gcschicht? Lieschen (bei Seite). Ich werd'ihm das g'rad auf die Nasen binden. (Laut.) Was denn für eine Geschicht? Spindl (für sich). Sie weiß nichts —^ desto besser! (Laut.) Na, ich meinte eine G'schicht! — Doch dazu ist ein andermal Zeit — eS ist schon spät, und wir woll'n uns vielleicht bald niederlegen. Lieschen. WaS, jetzt? — wir werde« nns doch noch auSschlafen! Spindl. Ja, Du wohl, aber ich nicht, ich muß morgen um vier Uhr auf, wir haben d'runten in der Mühl viel zu thun, und Du weißt, wenn ich nicht Nachschau — Liedchen. Ja, ja! warum Habens denn dann nicht heut' mehr nachgeschant? Spindl. Weil — weil — mir heut so curios zu Muth war — ich weiß nicht — und dann wollt' ich Dich nicht so lang allein lassen. Lieschen. O, ich war gar nicht allein, der Kater war bei mir. der liebe Kater von d'roben. — Spindl. Erinnerst mick schon wieder an das Thier! — Das ist mein Todfeind, wenn ich das Vieh hör', glaub' ich, ich muß auö der Haut fahren. Lieschen. Und ich Hab' daS Miankazen g'rad' so gern. Hans (von außen). Miau, miau! LieS ch en (bei Seite). WaS ist denn daS? Spindl (zornig). Der Teufel auch, da ist der Kater wieder! Lieschen (bei Geile). Oder der Hans. (Laut ) Ach, das freut mich! Spindl. WaS, daS freut Dich, was mich giftet? Lieschen. Aber warum giften Sie sich denn? warum soll's mich denn nicht freuen, wenn der Kater miankazt? HanS (von außen: Miau, miau, miau!) Spindl. DaS ist nicht zum Aushalten! — Lisi, zünd' mir ein Licht an und Dir auch, und geh' schlafen. Lieschen. Dem Herrn Vormund will ich eins anzündcn, ich brauch kein'S; — der Herr Vormund hat Recht, wir geh'n schlafen, das ist daS Gescheiteste, waö wir thun können. (Gähnt.) Ich bin wirklich auch schon recht schläfrig, ich hab'S früher gar nicht g'wttßt. (Zündet das Licht an.) So. da ist das Licht, und jetzt gehn's, Herr Vormund, und legen Sie sich nieder, damit's recht gut auSschlafen. der Schlaf ist g'sund und erhaltet den Menschen und erfrischt; — je zeitlicher man sich niedcrlegt, Hab' ich g'hört, desto länger lebt man. Spindl. Ja, ja! so ist's auch — also 15 gute Nacht, mein Henderl, gute Nacht! (Geht zur Thüre im Hintergrund.) Hab' ich auch gut zugesperrt bald hätt' ich vergessen. (Schließt die Thüre ab, zieht den Schlüssel ab, holt auS einer Lade zwei Dorlegschlösser, die er anhängt, verschließt und deren Schlüssel er ebenfalls mit sich nimmt.) So— und jetzt schlaf' wohl. (Küßt sie auf die Stirn.) Laß'Dir was Schönes träumen. (Ab.) Zwölfte Scene. Lieschen, (später) Hans. Lieschen. GuteNacht! Ja, ja?, ich werd' mir schon was träumen lassen— aber was — wa- sich derHerr Vormund gewiß nicht träumen läßt.— Wo ist denn nur derHanS schon wieder daweile? am End' ist er früher gar nicht fortkommen und ist nur am Dache eingeschlafen — aber daS glaub' ich doch nicht. (Horcht ) Jetzt hör' ich nichts — vielleicht war's dasmal der wirkliche Kater — erst schau'n wir, ob's sicher ist. (Gcht zur Thüre NnkS und schaut durch s Schlüsselloch.) Er hat schon seine Schlafhaube auf— da ist cS sicher. Hans (von außen). Miau, miau, miau! Lieschen (eben so). Miau, miau, miauj! H a n S (am Fenster oben sichtbar). Ist die Luft rein? — Hab' Dir waS Nothwendi- geS zu sagen. Lieschen. Hanö! aber in der Nacht — was ist denn das so NorhwendigeS? Hans. Meine Muhme war da — LicScken. Ja wohl, daö weiß ich — Hans. Und die hat mich hergeschiekt. Lieschen. So, deine Muhme? HanS. Sie hat gesagt — Lieschen. Ich weiß die ganze G'schicht — ich Hab' AÜeS g'hört. Hans. WaS, hast mit ihr g'sprochen? Lie-chen. G'sprochen nicht. HanS. Na, so weißt Du noch nicht die Hauptfach. Lieschen. Na, so erzähl' mir'sg'fchwiud. Hans. Ja, aber doch nicht so? — Laß' mich erst zu Dir hinunter steigen. Lieschen. Mein Gott, Hans! was denkst denn? So spät, das schickt sich ja nicht. Hans. Ei was, in der Nacht gibt's kein G'schick — und ich mnß herunter, denn Du mußt heut noch mit mir. Lieschen (rrstaunt). WaS, heut' noch mit Dir? Bist Du ein Narr word'n — oder spricht noch der Wein aus Dir? HanS. Na, na, im vollen Ernst, — aber lass' mich doch herunter. Lieschen. Na, meinetwegen! aber wart', ich muß nur erst schau'n, ob wir auch sicher sind. (Geht zur Thür links und ficht nochmals durch das Schlüsselloch, gcht rasch wge.)Himmel! HanS. WaS hast denn? Lieschen. Nicht-, nichts! (Bei Seite.) Der Herr Vormund im Neglige — ein recht lieber Kerl! (Laut.) Wart', HanS! (Holt die Letter.) So. jetzt g'schwind— aber still, daß Du keinen Lärm machst, sonst ist's auS — gib Acht, daß Du nicht daneben trittst. HanS (aus der Leiter). Ah — ich kenn' ja die Leiter. Lieschen. Schon recht — aber wennst fällst — HanS. Furcht' Dich nicht. (Springt von der letzten Sprosse 'runter.) Mein herziges Weiberl Du! (Umarmt sie.) Lieschen. Ja, Weiberl! Hätt'st nur g'hört, was der Herr Vormund der Frau Muhme g'sagt hat, als sie mich für Dich begehrt hat. HanS. O ich weiß Alles — aber eben d'rnm bin ick ja da. — Die Frau Mnbme hat mich abgericktet — und bat mir erpli- cirt, wie ich'S machen soll, daß der Alte geprellt wird und daß Du sicher in drei Tagen mein Weib wirst. Lieschen. Ah geh', daS »st ja gar nicht möglich! Hans. O ja, wenn Du Courage hast, dann ist's möglich. Lieschen. Ja, wie denn? HanS. Wennst mit mir durchgehst. — 16 Die Frau Muhme wird gleich da sein, — die wartet d'raußen und führt Dich zu ihr — dort bleibst Du bis morgen Früh versteckt — und in aller Früh fahren wir zu unserm Herrn Vetter, der der Pfarrer in Neudorf ist — der gibt uns den Segen — und nachher ist es gar. Lieschen (freudig). Was, das hat die Frau Muhme g'sagt? Hans. 2« freilich — sie hat das Alles so ausgedacht, der Plan ist von ihr. Lieschen (umarmt Hans). Hans! Hans! da bin ich ja dann dein Weib — nicht wahr? O wie das schön sein wird! Hans. Ja freilich, (küßt sie) Du herziges Ding. Aber jetzt komm' nur, denn die Frau Muhme wird schon warten, es ist schon ganz finster d'raußen. Lieschen. Ja, aber — ich muß mir doch was mitnehmen! HanS. Zu was denn— wenn Du nur dein Herz hast — das Andere kannst Du derweil Alles da lassen, später wirst Du's schon kriegen, wenn wir einmal verheiratet sind, mußt Du Alles herauskricgen, hat die Frau Muhme g'sagt — wir soll'n uns nur auf sie verlassen. Lieschen (traurig). 3a richtig! aber ich kann ja nicht mit Dir, wenn ich auch will. Hans. Ja, warum denn nicht? Lieschen. Warum? Weil ich nicht wie Du über die Dächer krareln kann. Hans. Ja freilich nicht, aber auch daran hat die Frau Muhme gedacht, sie hat g'sagt: das sollst Du so machen — Du sollst mich in dein Zimmer einsperren und dann einen Lärm machen, und wenn der Herr Vormund schaut, was das ist, sollst sagen: ein Dieb ist auf dem Boden — dann wird er hinauf gehen, und wenn er d'roben ist, nehmen wir die Leiter weg, sperren die Thür auf, und Du gehst mit mir 'raus, und bis wer kommt, der ihm herunter hilft, sind wir schon lang auf und davon. Lieschen. Ja, das ist wahr— das ist herrlich! und da hört ihn Niemand, denn es ist weit und breit kein Haus, und in der Nacht kommt auch Niemand vorüber; (kleinlaut) aber die Schlüssel — die — die hat er immer unter dem Kopfkissen. Hans. Na, das ist ja recht, — die nimmst du heraus, während er am Boden nach dem Dieb sucht, und ich nimm derweil die Leiter weg — ja, ja, so ist's gut, willst— so schlag' ein! (Reicht ihr die Hand.) Lieschen. Einschlagen? — nein, das thu' ich nicht, aber ein herziges Busserl kriegst, denn wie sollt' ich denn nicht wollen, Du mein herzlichster Mann! (Küßt ihn.) Hans.(fie umarmend). O du herzliebstes Weiberl! — Also ich schleich jetzt da hinein (zeigt auf Lieschens Stubenthür) Und Du (arg- loS) Du schleichst mir nach. Lieschen. Was fällt Dir denn ein? Hast nicht g'rad g'sagt — ich soll Lärm machen? Hans. Ah ja so! — richtig, Du zünd'st ein Licht an und schrei'st: — Herr Vormund, ein Dieb! — Lieschen. Ja, ja! (Nimmt ihn an der Hand und führt ihn zur Thürr.) Gib nur Acht, es ist finster, daß Du Dich nicht wo an- schlag'st — Hans (gehthinein). Fürcht'Dich nicht, nur gescheidt sein und ein rechtes Spektakel gemacht. Dreizehnte Scene. Lieschen (allein; ihm nachsprechend, indem sie die Thüre hinter ihm schließt). Lieschen. Halt' Dich rechts, denn links steht die Bank mit dem Geschirr. (Don innen hört man ein lautes Gepolter und Geklapper de- Geschirre-.) Lieschen (erschreckt). O Du mein Gott! der hat die Bank umg'worfen — wenn er sich nur nicht weh' gethan hat! Wo Hab' ich denn schnell die Zündhölzchen, daß ich Licht mach' — (Macht Licht.) So — jetzt muß ich aber eher geschwind Nachsehen; (Geht rrchts zur Thüre, ruft hinein mit leiser Stimme:) Hans! Hans! ist Dir was geschehen? Hans (von innen). Mir nicht! — aber dem Geschirr — das ist hin — und ich sitz' auf den Scherben. - Lieschen (für sich). Gottlob! Also kann ich anfangeu, — es ist zwar eine vcrflirte G'schicht' — und eine Courage g'hört dazu — aber ich Hab' ihn lieb und sein Weib muß ich werden— also da liegt nichts daran — für den Preis thu' ich Alles — ja. ja, mein Hans, der Herr Vormund soll geprellt werben. (Sie geht zur Thüre links uns ruft :) Herr Vormund! Herr Vormund! (Horcht.) Herr Vormund! Spindl (von innen). Na, na! was ist's denn? Lieschen. Ein Dieb — Räuber! Mörder! Herr Vormund! Dieb' sind da! Spindl. Wo? Ich komm'schon! — Zch komm' schon! Lieschen (bei Seite). Mir scheint, der fürchtet sich — und kommt am End' gar nicht heraus — das wäre fatal — dann wäre unser Plan umsonst — und wenn er am End' meinen Hans in meinem Zimmer findet— cS wäre schrecklich! (Ruft:) Herr Vormund, Herr Vormund — der Dieb aus dem Boden! — Dieb! Räuber! Spindl (von innen). 3a, ja! Zch komme schon! — wo — wo ist der Dieb? Vierzehnte Scene. Spindl und Lieschen. Spindl (kommt heraus mit Licht, Säbel, zwei Gewehren umgehangcn, und zwei Pistolen in der Schlasroekschnur). Ein Dieb? — Wo? Lieschen (lacht). Ha ha ha! Herje'.wie haben der Herr Vormund sich denn ausgerüstet? Spindl (ärgerlich). WaS lachst denn, Du närrisches Ding? — Wo hast Du den Dieb g'sch'n? FuchS in dn §ch'inz-. Lieschen. G'seh'n Hab' ich ihn nicht, es war ja finster — aber am Boden ist er, das weiß ich g'wiß; — g'schwind— ich werd' Ihnen leuchten! Spindl. Am Boden?—wie kann denn der hinkommen? Lieschen. Vielleicht durch's Bodenfenster! Jetzt zeigen'S, daß Courage haben — steigen's hinauf. Spindl (für sich). Durch's Bodenfenster, das ist ja gar nickt möglich — es wird nur ein blinder Schreck sein, — oder hat sie geträumt, wenn's nicht etwa die Katzen sind, die droben eine Remasuri machen. — Ja, ja! so wird's sein. — aber ich will mich couragirt zeigen. (Laut.) Lisi! nimm' das Lickt da, ich geh' im Finster» hinaus, ich fürckt' mich vor keinem Dieb und Räuber— ha! ich will mich zeigen, und wenn das Blut in Strömen fließen sollt' — der soll an mir seine» Mann finden! (Für sich) Na wart's,ibr Luderskatzen! (Verschwindet iu -cr Bodcnthür.) Fünfzehnte Scene. Lieschen (allein, später) Hans. Lieschen (triumpkirend, in die Hände klatschend). So ist's recht! sehr gut! gewonnen! (Läuft links.) Jetzt nun die Schlüsseln — die Frau Muhme soll leben — die ist die Gescheiteste. (Ins Zimmer Spindl's ab.) (Man hört am Boden raisonniren.) Ha! — wo — wo ist der Dieb — still — oder ich brenne ab — u. s. w. Lieschen (zurülkkommrnd, mit Schlüsseln in der Hand). So, da sind die Schlüssel, jetzt nur g'schwind aufgeschlossen — aber halt! vorher noch dem Herrn Vormund der Rückzug abgesperrt, — daö ist die Hauptsache, sonst wär' Alles umsoust! (Stellt die Leiter weg.) So — und jetzt schnell aufgespcrrt! Na wart', mein lieber Vormund— Du wirst die Augen aufmachen. — jetzt hat die Tyrannei ein End' — und das Vogcrl hat Flügeln kriegt, die ihm die Lieb' hat 2 18 wachsen lassen. (Schlicht die Thür auf.) — So, jetzt noch da aufg'macht (öffnet die beiden Dorlegeschlösser) und NUN ist's offen jetztg'schwind fort. (Ruft in die Thür.) Hans! Hans! Alles ist offen! — Der Fuchs ist im Loch. Hans (kommt heraus mit einem Bündel). Schau? So ist's recht! — und ich Hab' Dir da in der Eil' zusammenpackt, waS ich erwischt Hab'. Na jetzt komm' aber, komm'! cS ist die höchste Zeit. (Drängt sie zur Thür hinaus.) Sechzehnte Scene. HanS (allein). Hans (welcher das ihm hiebei aus der Hand fallende Bündel aufhrbt und die zerstreuten Klei« dungsstücke, die er vorhin auS demselben verlor, bemerkt. — Zwischen der Thürr ruft er dem ab« gehenden Lieschen nach.) Geh' nur lasch vor- auS — ich komm' schon nach. (Mit dem Auf« heben der Gegenstände beschäftigt, während dem ihm der Bündel zu wiederholten Malen herabfällt.) Na zum Teure! lffist denn die Geschicht' verhert? — Ich verlier' ja Alles. — Na. jetzt ist aber keine Zeit mehr — jetzt.heißt'S tummeln; — der wird Augen machen, der alte Schlaukopf! — Es thut mir nur leid, daß ich schon fort muß — hält' ihm gar zu gern noch ein Lebewohl zugerufeu — und ihm eine gute Unterhaltung g'wünscht in seiner Einsamkeit! — (Man hört am Boden umherrumoren und unverständlich« Worte sprechen.) Ha ha ha! Ter arbeitet d'roben herum und will sich auf den Helden Hinausspielen, daß die Lisi seinen Muth loben soll. — Na behüt' dich'Gvtt, du altes HanS, wo ich so oft bin krarelt ein und auS! Jetzt ist'S gar, jetzt hat das Katerspiel ein End'. (Will fort und verliert wieder mehrere Stücke auS dem Bündel, darunter eine Nachthaube, die er, während er die andern Stücke in den Bündel steckt, in der Eile aus den Kops setzt, und rasch zur Thüre will, wo er mit Margarets) zusammenstößt.) Siebenzehnte Scene. HanS. Margarethe. Marg. (schreit). Ah! — HanS. Ah, die Frau Muhme! Marg. (lacht). Wie schaust denn Du aus? zum Erschrecken! Geh' nur, schau daß Du fortkommst, die Lisi hat Angst, daß Dir waS g'scheh'n ist, d'rum bin ich schnell hergelaufen; — geh' nur — geh' — ich komm' gleich nach, — Hab' nur noch dem Herrn Vormund einen Knir zu machen. Hans. Ja, ja, daS wird ihn freu'n. (Rasch ab.) Achtzehnte Scene. Margareth, später Spindl oben Marg. So — der ist auch d'ranßen! Jetzt ist die G'schicht' beisammen, wie ich mir'S g'ivunschen Hab'! DaS hat er davon, der garstige Ding! Jetzt hat er dieSchand', daß ihm daö Mädl mit sein' Schatz durch- g'gangen ist! — Jetzt wird ihn das ganze Dorf auSlachen — denn Mitleid findet er keines — weil ihm'S jeder vergönnt — wie er Niemanden was Gut'S vergönnt und keinen einzigen Freund — nur lauter Feind hat. — Spindl (am Bodm sehr laut). AlleS hau' ick z'samm', wenn ich waS find', waS mir in' Weg kommt — ist des Todes! Marg. Ja, ja, schrei nur — bald wirst nicht mehr schrei'n, denn die Stimme wird Dir auSbleibeu vor Zorn. — Wie lächerlich muß er sich selber Vorkommen! — Mit Säbel und Gewehr ist er d'roben, aber — hat'S Mädl g'sagt ich soll mich nicht fürchten, denn die Flinten sind nicht g'laden — der Hasenfuß hat gar kein Pulver im ganzen HauS, weil er sich selbst fürcht' — hi, hi, hi, hi, — der wird sich 19 giften, wie er schön anfgescffcn ist, der alte Geizkragen '). Spindl (fikht herab und ruft). Ja was ist denn das? List— wer hat denn die .Leiter weggestellt? Lisi! Lisi! Marg. Die Lisi ist nickt da — aber ich. Spindl. Himmel! Verrath! Wie kommt denn die Her' daherein? Marg. (höhnisch). Durch's Scklüsselloch nicht — na — aber durch die Thür, die im Angel offen ist und durch die dein lieb'S Vögerl— die Lisi — ausgeflogen ist — fort — fort — um nie wieder sich in deinem Käfig g'fangenhalten zu lassen — und das Alles hat die Her' gemacht, ja, ja! die Her'! Hi, hi, hi, hi! — Spindl. Aber mein Gott! ich will ja Alles thun — das thun, was Ihr wollt, was billig ist— aber nur herunter laßt mich. — Hilfe! Rettung! Feuer! Dieb! Räuber! Mörder! eine Leiter! Marg. Umsonst! die Leut' hör'n Dich nicht — wie überhaupt auch einen Menschen hören, der so ein erzschlechtcr Kerl ist als wie Dn! Ja! Hi,hi, hi, hi! So. Herr Fuchs, zapple er sich meinetwegen zu Tod,— und werd' er hin vor Aergcr, Herr Fuchs! ') Geizhammel. Jetzt ist er in der Falle. — Ich wünsch' ihm nun eine angenehme Nacht da droben Morgen sind HanS und Lisi ein Paar — und weit aus seinem Krallenbereich— und daS Alles durch die Here. Gute Nackt! jetzt geht die Here,— ihre Sach'hak's in's Reine gebracht. — Gute Nacht— gute Nacht — schöne gute Nackt! (Lachend wie oben.) Spindl. Hilfe! Hilfe! verdammte Here! Lisi! die Leiter! O Tu mein Gott! ist denn kein Mittel, das mich retten könnt'! Marg. Keines! Hi, hi. hi, hi! Spindl (wüthend). Halt! die Here muß ich kriegen — und wenn ich mit ihr durck die Luft fahren muß. Hier der Strick, mein Rettungsseil. — Schnell, der muß helfen — hinunter! hinunter! zu ihr — zu ihr — der alten Here! (Nimmt daS Ende des Seiles drS zum Säckeaufziehen angebrachten FlaschenzugeS und schlingt eS um den Leib; .indem er versucht sich an demselben herabzulassen, bleibt er auf halbem Wege in der Luft baumelnd hängen und zappelt mit den Fützen hin und her.) Hilfe! Hilfe! Hilfe! Marg. Hi, hi, hi, hi! so ist's recht! Jetzt ist der Fuchs in der Schlinge! (Lacht fort im Abgehen.) Während der Vorhang fällt. Ende. Anleitung für Regie und Darsteller. Die Absicht, welche ich diesem Stücke zu Grunde gelegt und thcilS schon durch die Benennung: »Lmuöäia, mötamorpstosL« bezeichnet erscheint, ist hauptsächlich die, dem Schauspieler Gelegenheit zu bieten, sich auf eine ebenso seltene als interessante Weise in der Kunst des raschen WeckselnS von Charakter uns Gestalt dem Publicum zu präsentiren. Nach diesem Sinne besteht das Darstellungspersonale vorhergehender Lomooäiu nur aus einem Herrn, welcher die Rollen Hans und Spindl, und einer Dame, welche die beiden weiblichen Rollen Lieschen und Margarethe zu spielen hat; während eine dritte (Hilfs-) Person, welche mit Hans gleich gekleidet sein muß, bloß in der Scene 1 und 3 nöthig ist. Da diese Doppelrollen keineswegs mit den sogenannten Verkleidungsrollen zu vergleichen oder g ar zu vertauschen sind, indem bei letztere n die Individualität jener Person, die der Schauspieler darzustellen hat, immerhin durchleuchten darf, muß das Streben der Darsteller obgenannter Rollen dahin gerichtet sein, die ihr eigenen beiden Charaktere so heterogen als möglich zu zeichnen, was wohl am leichtesten erreicht werden dürfte, wenn man im Studium derselben genau so vorgeht, als hätte man in zwei ganz verschiedenen Stücken zu thun. Erst wenn die eine Rolle gut mcmorirt, nuancirt und mit dem nöthigen Spiel eingeübt ist, schreite man znm Studium der zweiten. Ist die eben so geistig fixirt, dann versuche man erst eine Probe des Ganzen — wonach das Resultat sicher ein befriedigendes sein wird. Wieder auf das Stück selbst zurückkommend muß bei diesem, wie fast bei keinem andern, hauptsächlich die Phantasie der Zusehcr mitspielen, weshalb es weiter auch noch die Sorge der Darsteller sein soll, diese nach Möglichkeit zu unterstützen und ihr jene Richtung zu geben, welche durch die im Stücke gemachten Bemerkungen bestimmt wird. So muß z. B. die Darstellerin des Lieschen von da ab, wo Hans in die Truhe steigt (Scene 3), sich fortwährend mit demselben scheinbar geistig beschäftigen, und suchen die Aufmerksamkeit des Publikums ebenfalls ihren Blicken folgen zu lassen. Erscheint nun im Augenblicke, wo die Blicke der Zuschauer noch immer nach der Truhe gerichtet sind. Spindl in der Thüre, aus dessen Erscheinen Lieschen erst mit einer Aeußerung des Schreckens aufmerksam macht, so ist der Eindruck großer Ueberraschung des Publicums unausbleiblich. Auf gleiche Weise muß cs auch bei den übrigen Scenen geschehen, und zwar so, daß jedes, mal der Moment, in welchem die Verwandlung vor sich geht, durch den natürlichen Fortgang der Handlung gedeckt werde. Was endlich das rasche Wechseln der Maske und Costüme betrifft, stehen dem Schauspieler so viel Mittel zu Gebote, daß es seiner Genialität überlassen bleibt, die besten hiervon zu wählen. Sollte das Stück mit vier Personen dargestellt werden, fallen selbstverständlich die meisten Bemerkungen weg, und ist dafür um so mehr auf ein gutes, gerundetes Zusammcnspiel zu achten. Was schließlich die in demselben gebrauchte Sprache betrifft, habe ich diese, obwohl sich mehr dem österreichischen Dialekte zuweudend, mit Ausnahme einiger Volksausdrücke, die an geeigneter Stelle erklärt erscheinen, im Ganzen doch so gehalten, daß sie von den betreffenden Darstellern nach Be- lieben mundgerecht gemacht werden kann. Desgleichen können auch Gesangstücke, als: Lieder und Duette, wie Sitte und Geschmack dcS Landes sie jedeSmal bringen, eingelegt werden. Wtth. Cappilleri. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Eine Million! Posse mit Gesang in einem Aufzuge. Non Eduard Dorn. (Im k. k. priv. Theater in der Josefstadt mit vielem Beifalle gegeben.) personell: Adele, Schauspielerin. Felix, ihr Verlobter. Reg ine, Adelens Gesellschafterin. Peter, im Dienste Adelens. Baron Zickwitz aus Prittwitz. Marabou, Professor- Prlzsuß, Vorstand des Perrgrinus» Vereins- Wols«Bär«L ämmel, Geschäftsmann. Dr. Specht, Rechtsanwalt. Die Handlung spielt in einer Residenz. Erste Scene. (Klemer eleganter Salon bei Adele.) Peter und Regine (kommen durch die Mitte). Regine. Also Zwei find schon da! Peter. Jawohl! der Eine heißt — hier ist seine Karte: Baron Zickwitz auf Prittwitz. Reg ine. Und der Andere? Peter. Der nennt sich Pelzfuß— Herr von Pelzfuß! Und sein Name stimmt ganz zu seiner Erscheinung — er sieht aus so fadenscheinig und spindeldürr, als ob er sich eben mauserte. Regine. Ein schönes Aussehen für einen Brautwerber. Peter. Aber ich glaube, bevor unser Fräulein diesen Spatzenschreck nimmt, läßt sie die ganze Erbschaft im Stiche! (ES wird geläutet.) Peter. Hollah! da läuten's schon wieder, vielleicht sind's die Andern. (Ab.) Regine. Also Nummer Eins — ein Baron Zickwitz auf Prittwitz! (Besicht die Karte.) Dieser Name schmeckt so gewissermaßen nach sandigen Steppen um Berlin herum. lheater Repertvir Nr. 2S2. 2 Peter (kommt zurück). Jetzt sind die andern Zwei auch da, das Quartett der Heiratscanditaten ist vollständig. Ich habe alle Mühe, sie im Vorsaale zurückzuhalten, besonders der zuletzt gekommen ist — wie heißt er doch? (Besieht die Karte.) Wolf- Bär-Lämmel, der läuft wie eine hungrige Hyäne vor der Fütterung fortwährend auf und ab, besieht und beguckt sich in allen Spiegeln, dreht und wendet sich wie eine alte Vettel, in die der Heiratsteufel gefahren. Ha ha ha! Regine. Gerade der wird zuletzt vorgelassen. Peter. War auch schon meine Absicht. Reg ine. Und nun eile ich, dem Fräulein zu melden, daß sie da sind! — (Ab.) Peter (reibt sich vergnügt die Hände). Das wird ein Mordsgaudium! Ich komme mir vor wie auf dem Theater in meiner ehemaligen Eigenschaft, als Jnspicient—bevor mich das Fräulein zu sich als Faktotum genommen. Heute wird hier auch eine Komödie aufgeführt, und ich rufe sie vor und sage das Stichwort zum Auftreten. — O, ich war gar eine wichtige Person auf den Brettern, die die Welt bedeuten! Auf meinen Winke mußten nämlich die Könige und Helden, die Diebe und Maitrefsen — die Lumpen und Cavaliere erscheinen. Aber außerdem spielte ich auch Rollen, z. B. den Hahn im Hamlet Und den spielte ich so ganz nach dem Leben, daß der selige Kunst immer sagte »er würde stets durch mich aufgeweckt, wenn ich krähe.«(Ab.) Zweite Scene. Felix und Specht (von rechts). (Felix eine Flasche Champagner und ein Glas in der Hand. Specht hat ebenfalls ein Glas.) Specht (angetrunken). Haha! Wie ich dir säße. Bruderherz. Das einzige Auskunfts- mtttel ist — ausgezeichneter Champagner Felix. Trinke, Bruder! Specht. Sie muß es dahin bringen, daß die Kerls freiwillig auf ihre Hand verzichten. Felix. Zeige mir doch nochmals die Abschrift des Testamentes. Specht. Hier, Freundchen! Es gibt keine andere Rettung für die Million. — Lies nur, lies! Felix (lesend). Vollständig bei Sinnen u. s. w. testire ich Gottlieb Jakob Goldhand nach meinem Ableben. Ich vermache, — folgen die verschiedenen Legate, da ich keinen einzigen lebenden Verwandten mehr besitze, vermache ich mein Hauptvermögen, welches in der englischen Bank angelegt ist und eine Million Gulden beträgt, der Schauspielerin Adele. — Sie war es, die mir meine letzten Lebenstage durch ihr Talent und ihre Kunst erheiterte. — In meiner Absicht liegt es, ihr vollständiges Lebensglück zu begründen und so füge ich zu meinem letzten Willen die ausdrückliche Bestimmung, daß sie sich mit einem meiner Jugendfreunde, die weiter mit Stand und Namen angeführt, sind — vereheliche. — Deshalb verfüge ich, daß an einem bestimmten Lage sich alle vier Freier einfinden und sie ihre Wahl treffen möge. — Sollte sie eigenmächtig eine andere Wahl treffen, so verfallen zwei Dritttheile dieses Vermö- genszumVortheile der vier Jugendfreunde. Specht. Jetzt kommt's! Felix. Nur in dem ausdrücklichen Falle, daß jeder einzelne meiner vier Freunde freiwillig auf ihre Hand verzichtet, verbleibt sie im Vollgenusse des testamentarischen Vermögens und kann zum Manne wählen, wen sie Lust hat. Specht (trinkt). Das ist der Casus fa- talis! Kinder, strengt Euch an, mir soll's Freude machen, wenn ihr sie herumbringt. Hahaha! Felix (bei Seite) Vor allen muß ich Dich herumbringen! Noch ein Gläschen, Bruderherz! Auf ewige Freundschaft und auf das Gelingen unseres Planes. (Sie trinken.) 3 Specht. Brüderchen, ich kann nicht mehr—mein ganzer Corpus Juris wackelt. Hohoho! Wie werde ich mich denn benehmen, wenn die Geschichte losgeht? — Felix. Darum wird es gut sein, Bruderherz, ich übernehme deine Stelle, und Du legst Dich einstweilen auf's Ohr! Specht. Wo denkst Du hin, das geht nicht. Er will mich, hohoho — Er will mich — hahaha! Felix. Beruhige Dich, alter Schwede! Ich werde Dich so treu copiren— daß Du mich selbst fürDich ansehen sollst. ZweiZeu- gen sind nothwendig bei der Hand! Gib mir die Verzichtungsurkunde. Specht (gibt ihm ein Papier). Ganz richtig — durch zweier Zeugen Mund wird allerwegs die Wahrheit rund. Felix. Ja rund — mit Dir geht auch schon Alles rund. — Specht. Mein Brüderchen — es geht doch nicht — dein Cham — Champagner ist zwar sehr gut — aber — Felix. Eine Ueberlistung ist in diesem Falle erlaubt! —Komm zu Bette, altes wackliches Gesetzbuch! Ich will Dich mit dem Rest hier vollends zur Ruhe bringen! (Führt ihn links ab.) Dritte Scene. Adele. Lulree-Lied. 'Ne Million, das ist ein Vergnügen, 'Ne Million ist schon ein Geld — Um 'ne Million kann man schon was kriegen. Eine Million ist 'ne Sach in der Welt! Wie sie rennen, Wie sie laufen, Wie sie brennen, Wie sie schnaufen! Wie sie rutschen auf den Knien Und um meine Gunst sich mühen! Wie gebiegelt, Wie geschniegelt Sie sich wenden Und sich dreh'n! »Ach wie himmlisch, ach wie herrlich »Eine GöEn, eine Fee! »Etwas Schön'res gibt es schwerlich, »Halt mich. Freundchen, ich vergeh! Alles liegt zu meinen Füßen, Alles huldiget der Süßen So verzückt und so von Sinnen Von der Schönheit Zaubermacht! Und all dieß närrische Beginnen Hat 'ne Million gemacht, Ja, eine Million! Eine Million! Eine Million! (Freudig und feurig.) Eine Million, das ist der Magnet, der Alles anzieht! — Man ist reich, schön, tugendhaft, geistreich! — Mit einer Million hat man alle Vorzüge des Herzens, alle Schönheiten des Körpers! Mit einer Million in der Tasche ist der Mensch der Gottheit am nächsten, denn die Welt sinkt zu seinen Füßen und betet ihn an. Was kann sich der Mensch Alles um eine Million kaufen. — Ehre — Tugend Liebe — Freundschaft — Gesinnung —^ Achtung — Vertrauen! O eine Million ist eine schöne Sache, aber um einen wahren Genuß davon zu haben, muß man ein Herz und ein Gefühl haben! — Wenn der Reichthum auf guten Boden fällt, so schlägt er Wurzel und treibt dann die schönsten Blüthen! Das Gefühl eine Wohlthat ausgeübt zu haben, ist das Herrlichste, was das Menschenherz bewegt, — und der dieses Gefühl nicht besitzt — ist und bleibt ein Halbmensch! Das ist mein Glaube und darnach will ich leben, und wenn es sein muß auch sterben. Lustig, froh und nicht engherzig will ich mein Leben genießen an der Seite des Mannes meiner Wahl — und so viel Gutes stiften mit meinem Reich- thume, als ich nur vermag! i* 4 Vierte Scene. Vorige. Felix (in Specht's Maske). Adele. Ach, das ist schön, HerrRechts- anwalt, daß Sie da sind, ich habe noch ei« nige Formalitäten mit Ihnen zu besprechen. Felix (copirt Specht). Hahaha! Stehe zu Diensten, mein kleines Satanchen! Stehe zu Diensten. Adele. Ist Felix nicht bei Ihnen gewesen? ich erwarte ihn hier. Felix (mit natürlicher Stimme). Nun, beim Apollo und den neun Musen! Erkennst Du mich denn wirklich nicht? Adele. Du bist es? Hahaha? Ein guter Scherz! Doch wozu soll diese Verkleidung? — Felix. Das werde ich Dir gleich auseinandersetzen, mein Herzchen!—SiehstDu, wir beide haben keinen Begriff von der Charakteristik dieser vier testamentarisch vermachten Freier. Für unsern Plan ist es aber unumgänglich nöthig, daß wir davon Kenntniß haben. — Ich nehme nun Specht's Stelle ein und empfange sie als solcher— und werde Dir durch hingeworfene Worte, die ich so laut spreche, daß Du sie im Nebenzimmer hören kannst, jeden einzelnen zu schildern versuchen! — Begriffen? — Adele. Sehr wohl, mein Feldherr, das ist ein ausgezeichneter Plan — dafür laß Dich umarmen! Peter (tritt ein). So ist's recht — das sehe ich gern! Fräulein, länger kann ich sie im Dorsaale nicht zurückhalten — besonders der Eine — wie heißt er doch — der Jude-der hat den Satan im Leibe. Er hätte beinahe mit den Andern Streit angefangen, weil sie ihm nicht den Vorrang gönnen, zuerst seine Bewerbung anzubringen! Felix. Jetzt auf deinen Posten, liebe Adele, alles Andere überlaste mir. Spiele schön, denn ein solches Spielhonorar hat Dir noch kein Direktor für eine Rolle bezahlt. Adele. Das ist wahr! Mitunter sind sie mir sogar das Spielhonorar schuldig geblieben! (Rechts ab.) Felix. Nun laste sie der Reihe nach eintreten. Peter. (Mitte ab.) Felix. Hier die Urkunde — Papier — und Tinte, (richtet es zurecht) so! Nun mag der Kampf beginnen. Fünfte Scene. Peter. Wolf. Prittwitz. Vorige. (Alle drei streiten unter der Thür, ohne einzutreten.) Wolf (vordrängend). Aber erlauben Sie! Verzeihen Sie! Peter (ihn zu Malter d) Zuerst kommen der Herr Baron! Wolf. Wie haißt! Was sind das für Vorurtheile? Warum soll ich bleiben der Letzte? Peter. Weil Sie nicht waren der Erste! Wolf. Herr Baron, es nützt Ihnen doch nichts — lasten Sie mich zuerst hinein.—Das Fräulein nimmt keinen Andern wie mich — davor stehe ich Ihnen! Baron. Das wollen wir erst sehen, mein Lieber. Wolf. Nu, Sie werden sehen! Peter (schlägt ihm die Thür vor der Nase zu). Einer nach dem Andern! Zuerst kommen die Christen. Wolf (außen schreiend). Wo bleibt da die Gleichberechtigung? Hast a gesehen? — Felix. Ach, Herr Baron! Sehr erfreut, sehr erfreut! Baron (,in etwas ältlicher, lebenslustiger Bonvivant, etwas geckenhaft). Liebster Doctor, wo ist Sie—wo? Ich brenne vorBegierde Sie zu sehen! Bei meines Vaters Bart! Wenn ich Sie nicht schon liebe — bin ich ein Türke. Felix. Das Fräulein wird sogleich erscheinen. (Gegen die Thür.) Alter Geck — Klingsberg! 5 Baron. Was sagten Sie? Felix. Nichts, nichts, Herr Baron! Baron. Hören Sie, mein lieber Rechtsanwalt, das soll ein Schlaraffenleben geben, wenn Sie mich nimmt! Ich denke Sie mir auch als ein lebenslustiges heiteres Mädchen, die das Leben genießen will. Felix (gegen die Thür, doch nie zu laut). Lumpazius Vagabundus! — Ja das ist sie! So wu ich sie kenne. — Baron. Nun beim dreiköpfigen Cerberus, das ist mir lieb. Felix. Hier kommt das Fräulein! Sechste Scene. Vorige. Adele. Regine. (Beide als Betschwestern, einen Choral z^ Ende singend.) Adele (graues geschloffenes Kleid, einen grünen Schleier im Haar, ein Buch in der Hand, kommt ernst und gravitätisch vor, die Augen zu Boden schlagend, sich verbeugend, einen tiefen Seufzer ausstoßend und die Augen zum Himmel richtend). O Über die sündige Welt! (Setzt sich.) Felix (vorstellend). Herr Baron Zickwitz auf Schnippwitz! Baron. Prittwitz!Prittwitz! (Bei Seite. Die habe ich mir aber anders vorgestellt! Doch thut nichts. Ich werde sie durch meine hinreißende Liebenswürdigkeit und Beredsamkeit schon herumkriegen! (Fällt ihr zu Füßen.) O wie fühle ich mich begeistert! Hier tbront einer Göttin gleich meine Gebieterin in himmlischen Räumen! Ich bin von allen Anbetern allein in Ihrer entzückenden Nähe! Mein Herz will vor Liebe überfließen, himmlisches Wesen! Meine Jugend muß in Seufzern dahinwelken und wenn Sie mich nicht noch heute durch Ihr Jawort beglücken, so muß ich umkommen wie eine junge Knospe, an welcher der Wurm nagt! O sprich es aus, himmlisches Wesen! Soll ich zur höchsten Glückseligkeit auf dieser Erdkugel gelangen, oder in die jammervolle Nacht des Tartarus geschleudert werden? Adele. Owehe! Wehe! dreimal wehe! Regine. Wehe! Adele. Welche sündhafte Sprache führst Du, armer, verführter, alterJüngling! Baron. Was? Adele. Mit Dir soll ich vereint durch s Leben schreiten? An deiner sündigen Seite? Regine. Wehe! Baron (bei Seite). O Du Gerechter! Adele. Doch ja! Es ist Christenpflicht, eine Seele aus den Klauen des Satans zu befreien und darum wähle ich Dich, verlorenes Menschenkindlein — Dich allein von allen Uebrigen! — Ich will Dich befreien aus dem sündigen Pfuhl der Verdammnißund der verderbten Welt! An meiner Seite sollst Du geläutert werden durch das Fegefeuer der Reue und Buße, auf daß Du dereinst eingehen mögest wie ein Lämmlein, schneeweiß und gesäubert von den Schlacken des Bösen, in ein besseres Jenseits. — Amen! Baron (kleine Pause). Mir wird ordent-. lich ganz graulich zu Muthe! (Laut, sich die Stirne trocknend.) Erlauben Sie — verehrteste Zukünftige — daß ich mir noch eine kleine Bedenkzeit ausbitte! — Adele. Was, sündiges Menschenkind, Du willst Dich bedenken? Wehe! Regine. Wehe! Adele. Und wenn Du dahingerafft würdest — über Nacht — mit deinem Sündenpfuhl im Herzen? Bedenke! Betrachte mich! Mein Leben besteht aus Beten, Fasten und Kasteien! Baron (bei Seite). Nun, das fehlte mir gerade noch! (Laut.) Denken Sie doch an das große Vermögen, das Sie geerbt! Welch' ein angenehmes Leben können Sie sich damit bereiten — in Ihren jungen Jahren — wo man das Leben zu genießen erst anfangen soll! Statt dessen rutschen Sie den ganze» Tag auf den Knieen herum. — Adele. Schweige, frevelnder, sündhafter, alter Jüngling. 6 Baron (beiLeite). Ah! Beleidigen thut sie mich auch noch! Adele. Doch Du willst wissen, in welcher Weise ich des Seligen reiche Erbschaft zu verwenden gedenke? Nur zu srommen Zwecken! Dem Pancratins- Derein verschreibe ich 100.000 Gulden, der Persgrinus-Derein erhalt 200.000! Die Gesellschaft der schwarzen Brüder 100.000! Die blauen Schwestern bekommen 100.000! Die grauen Vater erhalten — Baron. Halten Sie ein mit diesem bigotten Farbenkasten! — Und Sie dachten wirklich, daß ich mein Leben an eine Person ketten würde, die ihr Vermögen auf eine solche Art verschleudert und sich und mich durch Beten — Fasten und Kasteien in's selige Jenseits zu be- Siebente Scene. Marabou. Peter. Wolf. Vorige. (Noch unter der Thür.) Wolf. Aber erlauben Sie! Verzeihen Sie! Peter (hält ihn zurück). Es geht nicht, der Herr Toctor war früher hier. Wolf (vordrängend). Verehrtester Schriftgelehrter! Lassen Sie mich zuerst hinein, i — Das Fräulein nimmt keinen Anderen wie mich, seien Sie davon überzeugt! — Einer ist schon abgeblitzt — Sie werden auch abblitzen — so soll ich eh so gesund sein. — Doctor. Bleiben Sie mir vom Leibe, Sie verkleideter Pavian! Peter (dir Thür zuschlagrnd). Sie müssen fördern gedenkt?! — Bei den drei Grazien! noch warten, zuerst kommen die Christen, sei es geschworen, eher— , Wolf (außen). Schon wieder die Adele (rinsallend). O wehe! Christen! Wo bleib'ich? Regine. Wehe? ^ Doctor (pedantisch, gravitätisch, steif in Ton Baron (fortfahrend). Eher bleibe ich! und Manieren, etwas komische Nase, dicke schwarze zeitlebens ein Junggeselle! —Herr Specht, Lockrnperrücke. darunter Kahlkops). Dieser geben Sie mir die Verzichtungsurkunde Mensch hätte mich beinahe aus der Faflung zur Unterschrift! (Er unterschreibt.) So — gebracht! (Reicht Felix die Hand.) Servus, hier steht mein Name mit fetter Schrift'.iHerr College, ist das Fräulein schon Und somit auf Nimmerwiedersehen! Sie > sichtbar? — Sie — (Er sieht sich um.) Nein, es ist i Felix. Gleich wird sie erscheinen! Wie zum Verzweifeln! Diese Jugend, diese! ich gs^de, ist sie noch mit der Toilette Schönheit — und dieses Vermögen! beschäftigt! Prischen gefällig? (ZurThüre.) (Aergkrlich.) Leben Sie wohl. Sie — Sie Gelehrte Scharteke! büßende Frau Venus! (Ab.) ! Doctor. Wie? Adele (nachrufrnd). Wehe! ! Felix. Ach — die verkehrte Käthe — Regine. Wehe! Idas Dienstmädchen hat vergessen, Sie zu (Wir drr Baron ab ist, brechen alle Bier in ein melden, sonst müßte das Fräulein schon schallendes Gelächter aus.) hier sein! Felix. Ich glaubte schon, ich berste Doctor. Sagen Sie mir. Verehrtester vor Lachen! Peter! — Nummer 2 soll! College, was ist das Fräulein für ein eintreten. Wesen? Hat es Verstand — Geist — Peter (ab). iWitz?— Felix. L schwester Du! zur Tbür.) Adele (recht« ab) Du liebenswürdige Bet (Umarmt sie und geleitet sie Felix. Hm — Za! Ich möchte ts beinahe behaupten. daß sie diese Vorzüge besitzt — nur kommen dieselben nicht immer zum Durchbruch! 7 Doctor. Nun— sie wird zu bescheiden sein, um damit zu prunken. Das lieb' ich — das lieb' ich! Bescheidenheit ist die Zierde der Weiber. Felix. Za! Ja! Doctor. Und Verstand ist allen Gütern vorzuziehen! Ein weises Weib ist mehr werth als Gold. Felix. Ja, ja! Doctor. Ich besitze nun eine gehörige Quantität Weisheit. Bei mir kam sie so zu sagen von selbst — sie wuchs mit mir auf—und ohne unbescheiden zu sein, kann ich wohl sagen. Niemand hat so viel Erfahrung und Weisheit — als ich! — Felix. Ja, Ja. (Gegen die Thür.) Pedantischer. alter Theekessel! — Puschen gefällig? Doctor. Danke bestens! Was sagten Sie? Felix. Der alberne Sessel, der mir hier im Wege stand — meinte ich — doch Verehrtester Kollege — hier kommt das Fräulein! Achte Scene. Vorige. Adele. Regine. (Adele im Charakter einen albernen, dummen, boshaften Person, hat ein großes Stück Butterbrod in der Hand, auf dem fie zeitweise mit den Fingern dir Butter vertheilt- Bei ihrem Auf. treten verbeugt sich der Doctor gravitätisch, sie knixt linkisch und bleibt dann plötzlich, ihm starr in s Gesicht sehend, einen Bissen Brod im Munde, wir über etwas außerordentlich frapptrt, stehen.) Felix, (vorstellend). Herr Professor Marabou! Professor der — Doctor (ergänzend). Professor der vier Facultäten — Docent der Weltweisheit und Astronomie —Mitglied der gelehrten Gesellschaft zu — Adele (plötzlich dumm lachend). Hahaha! diese Nase? Ach diese Nase! Hahaha! Nein, so etwas Komisches habe ich in meinem Leben nicht gesehen! Hahaha! Doctor (pikirt). Mein Fräulein, ich sinde es sonderbar, in einem so feierlichen Momente über meine Nase zu lachen! — Soll ich das als einen Mangel an Zuneigung ansehen? Adele. O nein, nein! Im Gegentheil. Sie gefallen mir ja sehr! So einen Komischen — habe ich immer zum Manne gewünscht—überden man den ganzen Tag lachen kann! — (Ernsthaft.) Sagen Sie — tragen Sie diese Nase für alle Tage? Doctor. Mein Fräulein! Adele. Pst! Setzen Sie sich, damit Sie den Schlaf nicht forttragen. (Nöthlgt ihn zu fitzen; er sträubt sich.) Niedersetzen! (Sie drückt ihn gewaltsam aus den Stuhl, fängt dabei boshaft zu weinen an und stampft mit den Füßen.) Niedersetzen! Niedersetzen! Sapperment noch einmal. — So — hübsch folgen! (Plötzlich lachend, sctzt sich auf seine« Schooß.) Hahaha! Wir werden uns schon mit einander vertragen, wenn wir nur erst Mann UNd Frau sind. (Wischt fick die Finge- an seinem Chemiset ab.) Mein zukünftige^ Gemal ist also ein sehr gescheidter Mann? Ich bin auch gescheidt — ich! — Die Leute sagen zwar immer, ich wäre eine alberne Gaus (weint), aber das ist die reine Verleumdung! — Da fragen Sie nur einmal den Herrn Specht — ob ich nicht so gescheidt bin, wie — (plötzlich lachend) hahaha! Jetzt weiß ich nicht wie und was? (Springt auf ) Doctor (wischt sich die Stirne). Gott sei Dank, das ist ja ein reiner Cretin! Und die soll ich zur Frau nehmen? Daß mich Gott bewahre! (WM ausstehen.) Adele (hat einige Schritte gegen das Fenster gethan, fleht sich um). Sitzen bleiben! Nicht vom Fleck rühren — sonst setzt es was! (Drückt ihn aus den Stuhl, sieht ihm starr in s Glficht.) Pst — Pst! Nicht rühren — fttll halten! Ich werd's gleich haben' — Pst! (Schlägt ihn mit der Hand aus die Backe, al^ ob sie eine Fliege weggefangen.) Patsch! da habe ich fie! hahaha! (Plötzlich schreit sie er. freut auf und eilt ans Fenster) Ach! da 8 kommen fiel Meine zwei Hußarenofficiere! (Reißt das Fenster auf.) Doctor (bei Seite). Diese Tugend besitzt sie auch noch? Gepriesen sei der Ewige, daß ich noch zurücktreten kann! (Laut.) Herr College! Geben Sie mir das Papier zur Unterschrift — Ach, da kommt Sie schon wieder! Adele (hat geknixt und in auffallender Weise Kußhände hinausgeworfen). Du — daß Du es nur weißt, mein zukünftiges Männchen —die beiden Hußaren-Officiere, die müssen uns alle Tage besuchen. Doctor. Ja ja! Das versteht sich! (Bei Seite.) Wenn ich nur erst fort wäre — zwanzig Meilen weit. Adele. Ich habe sie gar so gern —- die Hußarenofficiere. Es find nette, liebe, schöne Leute, und man kann sich so -— so — so (erstaunt plötzlich überfeine Perrücke) ach! Was hast Du denn da für eine wun- derschönePelzmütze auf dem Kopfe? (Nimmt ihm dir Perrücke und läuft damit fort.) Hahahü! Doctor (springt empört auf). Daß mich Gottbewahre! (Zu Felix.) Geben Sie mir' das Papier zum Unterzeichnen. So da! (Unterschreibt.) Und nun auf und davon! — Meine Perrücke — meine Perrücke! Adele (spielt damit Fangball). Doctor (erhascht endlich dieselbe und setzt sie verkehrt auf). Da mag Belzebub als Brautwerber kommen, für den wäre das eine paffende Partie! (Wüthend ab. Alle lachen. Adele umarmt Felix und geht in ihr Tabinet) Felix (zu Peter). Nummer 3 mag eio- treffen. Peter (ab). Felix. Ach, ich bekomme noch Seiten- ftiche! Wenn das so fortgeht, halte ich mich nicht zurück und platze laut los! Neunte Scene. Vorige. Peter. Pelzfuß. Wolf(beidrr Thürr). Wolf. Aber erlauben Sie, verzeihen Sie! Peter. Sie müssen noch warten, ich kann Ihnen nicht helfen! Wolf. Herr v. Pelzfuß! Sie werden doch auch abblitzen, ersparen Sie sich die Mühe! Das Fräulein nimmt keinen Andern — wie mich! — Verschwenden Sie die Zeit nicht unnütz! — Pelzfuß. Zurück! Ungläubiger! Peter. Es geht immer der Reihe nach! Sie waren der Letzte, zuerst kommen die Christen! (Schlägt die Thür zu ) Wolf (außen). Schon wieder die Chri- sten! Wo steht das geschrieben? Pelzfuß (lange hagere Gestalt, schwarz ge» kleidet, Schuhe, Strümpfe, im Charakter eines Muckers und Geizhalses, zu Peter). Der heilige Polykarpus beschütze Dich, mein Sohn, die weil Du mich von jenem Ungläubigen befreitest. Ich schenke Dir dafür (greift in die Westentasche, zieht die Hand aber leer herouS) für alle Zeit meinen Segen! — Ach. Herr Doctor! Hoch erfreut. Sie annoch wohlauf und hier zu finden. Der beilige Barnabas beschütze Sie auch ferner! Felix. Danke, danke, gehorsamst! Das Fräulein freut sich bereits wie ein Kind auf Ihre Gegenwatt. (Zur Thüre.) Tar- tüffe! Sie hatten gewiß Langweile, so lange im Vorzimmer zu warten? Pelz fuß. O nein. Verehrtester! Mit dem Beistände des heiligen Rochus, der ein großer Rechner gewesen, berechnete ich dieweilen, wie viel Zins undZinseszinsen aus dem großen Vermögen des Fräuleins wohl zu erlangen sein mochten. Denn schon der heilige Bonifacius sagt in seiner Epistel: »Schere dein Schaflein in der Zeit der Wolle!* Verstanden? Felix (zur Thür). Harpagon! (Saut) Verstehe schon! Das Fräulein wird gewiß auch Zbrer Ansicht sein. Pelzfuß. Das hoff' ich auch — das hoff' ich! —Die Eitelkeiten der Welt bab' ich abgethan. »Alles hat seine Zeit,* sagt der heilige Coloman; jetzt will ick zu erwerben suchen, was das Wichtigste in diesem Leben — und das ist Geld — 9 viel Geld. — Schon der heilige Cyrillus sagt: »Des Goldes rother Schein wirft einen Glorienschimmer um dein arm Gebein!« Darum schließe ich täglich den heiligen Blasius in mein Gebet, daß er mich in meiner Leidenschaft kräftiglich unterstützen möge! Felix (bei Seite). O Du scheinheiliger Spitzbube Du! (Laut.) Ach, mir deucht, ich höre das Fräulein. Zehnte Scene. Vorige. Adele. Regin e(6leibt an der Thür). Adele lim Charakter einer Verschwenderin und flotten Person). Lied. Nur einmal lebt man in der Welt, Drum lustrg drauf und dran! Wofür hätt' ich das bischen Geld. Wenn ich's verthun nicht kann? Tausend Gulden alle Tag Die geb' ich spielend aus!! Und lebe so wie ich nur mag In Jubel, Saus und Braus! Das fesche Leben ist meine Lust. Ein flotter Geist bin ich! So lang noch Atbem in dieser Brust Gibt's etwas And'res nicht. Drum frisch und flott drauf losgeschwelgt Blind in den Tag hinein, Wozu soll mir das bischen Geld. Das trieg'n wir schon klein! Prosa. Luftig. Champagner her! Regine sab). Felix (vorstehend). Herr van Pelzfuß. Adele. Ach — ich bin sehr erfreut! Nun, wie ist es. Herr von Pelzfuß! Ich habe vernommen. Sie solle» viel Geld besitzen — sehr reich sein? Das ist mir sehr lieb! denn mit meinen paar Netscherln werde ich bald fertig sein! ReglNe (kommt mit Champagner und Gläsern). Adele. Vorläufig habe ich meinen Ausgabeetat auf täglich 1000 Gulden festgesetzt — aber ich ahne bereits, daß ich damit nicht ausreichen werde, denn ich liebe es mich beim Geldverbrauch ein klein wenig zu echauffiren — ein klein wenig darüber zu denken, wie man mit Raffinement Geld los wird! — Diesem Vergnügen kann ich jedoch bei meinem derzeitigen Kassenstand nicht huldigen und hoffe daher, daß Ihr Vermögen mich in den Stand setzt, meine Wünsche zu befriedigen, (kredenzt ihm.) Ein Glas Champagner gefällig! (Pelzfußzögert.) Bitte! bitte! (Er nimmt ein Glas.) Der groß, müthige Verstorbene soll leben! — Reg ine. Gnädiges Fräulein, vor der Thüre steht ein armer Handwerksbursche und bittet um eine Kleinigkeit! .Adele. Aber Regine. wie kannst Du nur fragen? — Gib ihm zehn Gulden und ersuche ihn in acht Tagen wiederzukommen, wenn ihm der Weg nicht zu weit sein sollte. Regine. Ja wohl, mein Fräulein! Dann stehen auf der Straße, vor Ihrem Fenster schon wieder ein ganzes Rudel Straßenjungen — Adele (lachend). Und warten sehnsuchtsvoll auf die Banknoten, die ich täglich zum Fenster hinausfliegen lasse! O. das müssen Sie sehen, das ist immer ein superbes Amüsement. — Sage den Herren Gassenbuben. ich lasse mich entschuldigen, die Vorstellung könne heute erst etwas später beginne». ich wäre momentan in Anspruch genommen. Reg ine (gkht ab und kommt jkdoch gleich wieder retour). Pelzfuß (hat erstaunt zugkhört). Heiliger Pancratius, sie wirft das Geld zum Fenster hinaus! Adele. Mein lieber Herr Pelzfuß, Sie bleiben hier zum Diner. Dabei wollen wir alles näher besprechen, unsere Lebensweise u. s. w. — O. Sie sollen eine ganz 10 exquisite und unterhaltende Gesellschaft bei mir antreffen. Nach Tisch machen wir gewöhnlich ein kleines Spielchen. Marcon, Pharao — Landsknecht, manchmal wird auch gezwickt! — Gestern verlor ich 20,000 Gulden! — Doch was thut das! (Anstoßend.) Bacchus der Freudenspender, er lebe hoch! — Pelzf. O heiliger Cyprian! Das schöne Geld! Sie führen ja ein Leben, meinFräu- lein,wie der heidnische König Sardanapal. Adele. Nichts ist ungesunder und ennuyanter, als allein zu essen! Deshalb lade ichmiralleTage 50—60 Personen zuTische — Künstler des Theaters. — Sie — die haben einen Appetit — Pelzf. Vom Theater? Der Stätte Belials! O heilige Lucretia, verhülle dein Antlitz! Adele. Abends wird der Tanzsaal glänzend beleuchtet — da habe ich Ball und da nimmt der Jubel und die Fröhlichkeit nicht früher ein Ende, als bis die Sonne durch die Fenster neugierig hereinschaut. Das nennt man Leben! Pelzf. Davor möge mich die heilige Ursula bewahren! Adele. A propos!— Sie sind doch ein fescherTänzer, nicht wahr? Aber was frage ich auch lange — diese Figur — diese zierlichen Beine— Ihr ganzes Wesen ist ja wie zum Tänzer geboren. Pelzf. (ängstlich). Ich und tanzen! — Wo denken Sle hin? Adele. Verstellen Sie sich nicht — Vorwärts! Ich will Ihnen einen von mir componirtenTanz einstudiren—den müssen Sie lernen, denn es gehört zum guten Ton denselben zu tanzen! Pelzf. O heiliger — Adele. Zieren Sie fichnicht.—Merken Sie gut auf — und machen Sie Alles hübsch nach! — Pelzf. O heiliger Casimir, wie wird das enden? Lied Nr. 3. Adele. Es lebe der Wein! Es lebe die Liebe! Und auch der Gesang! Die edelsten Triebe! So will ich leben Und so will ich sterben: (trinkt) Gluck —' gluck gluck! Prosa. Adele. Lviva! (wirst das Glas zu Boden). Pelzf. (ahmt ihre Schritte nach, zuletzt setzt sie ihm ein Bein, er verliert das Gleichgewicht und taumelt aus das Sopha). Adele (in s kabinet ab). Pelzf. (athemlos). Herr Doctor! Herr Doctor! Ich unterschreibe — ich verzichte auf die Hand dieser verschwenderischen Tochter Pharao s! (Unterschreibt.) So — hier mein Name! Und die eilftausend Jungfrauen mögen mich bewahren jemals wieder mit ihr zusammenzutreffen! (Ab.) Peter (geht ab). Felix. Nun kommt das letzte der verlornen Schafe! — Noch eine Unterschrift und der Sieg ist unser. Eilfte Scene. Vorige. Lämmel. Peter. Peter (öffnend). So—jetzt kommen Sie daran! Wolf (etwas auffallend geputzt). Haste gesehn? Jetzt weil die Christen alle abgeblitzt find — nu komm ich d'ran? Wie? (Dorkommend.) Lon jonr, lieber Herr Doktor! Der Letzte ist ja davongeschlichen wie ein begossenerPudel!—Wo ist das Fräulein? — Mein ist sie — mir gehört sie — sie kommt mir schon gar nicht mehr aus! — Ich hab's doch vorher gesagt, mit dem schönen Wolf - Bär - Lämmel in Con- currenz zu treten ist nicht so leicht! So soll iche so gesund sein, wie sie mich nicht zurückweisen wird! Meiner Unausstehlichkeit II — Unwiderstehlichkeit ist noch jedes schöne Weib zum Opfer gefallen!—Wenn sie mich in's Auge faßt, ist fie paff! — Wo ist fie? — Wo steckt fie? Warum kommt fie nicht? Felix. Gedulden Sie sich nur ein wenig, das Fräulein wird gleich erscheinen! Wolf. Ich Halts nicht mehr länger aus. Jetzt sagen Sie mir, mein lieber Doctor, was ist fie für eine Person? Ist fie fein? Ist sie lieblich? Ist sie zart? Ist sie schön? Ist fie sanft, ist sie gut? — mit einem Worte, ist sie weiblich? Denn sehen Sie, lieber Doctor, in dem Puncte halte ich es mit Schiller, der da sagt: Das ewige Weibliche ist das Unbeschreibliche — was uns zieht in die Höh'! Felix. Hm! hm! hm! Wolf. Was heißt das? Warum wackeln Sie den Kopf? Hat sie Fehler? Felix. Hm! Wolf. Hat sie Eigenheiten? Hat sie Launen? Felix. Hm! Wolf. Ich sage Ihnen, lieber Doctor, eine Braut mit ein er Million — die kann auch Fehler, Eigenheiten und Launen haben — ich nehme sie doch! Felix lgedehnt). Hm! Die Eigenheiten des Fräuleins find ganz absonderlicher Natur! Ihre Schwächen sind nicht weiblicher, sondern männlicher Gattung! Wolf. Männlicher Gattung? Wie ist das zu verstehen? Felix. Ueberzeugen Sie sich selbst! Hier kommt das Fräulein! Wolf. Was — der junge Krieger? Zwölfte Scene. Adele. Regine. Vorige. Adele (im Charakter einer Amazone Sie trägt eine ideale männliche Uniform, halb polnisch, halb französisch Eine brennende Cigarre im Munde, eine Reitpeitsche in der Hand, Sporen, einen Revolver im Gürtel. Zm Auftreten zu Peter und Regine). Millionen Bomben und Granaten! Parbleu! So sollen Euch auch gleich sechstausend Schock Donnerwetter in den Leib fahren, wenn Ihr nicht gehorcht! — Felix (voritellend). Herr Wolf - Bär- Lämmel — Wolf. Das ist fie? Ich habe mir gedacht, das ist ein edler Sprosse des Rinaldo Rinaldini. Felix. Herr Wolf-Bär-Lämmel wünscht auch — Adele. Weiß schon, weiß schon! (Stellt sich dicht vor Lämmei, der einen Schritt zurückweicht.) Tschau! Grüß' Sie! — Sind gekommen — Entschluß gefaßt — mich heiraten wollen —? — Wie? — Ueberlegt — was das heißt? Lämmel (starrt sie an). Adele (schlägt mit der Reitgerte auf den Tisch). Antworten! Wolf. Mi — mi — mit Ihrer gütigen Erlaubniß, ja! — Ich war so frei! Adele. Einverstanden. — Name? Wolf. Meiner? Adele (scharf). Zum Henker, ja! Wolf. Wolf - Bär - Lämmel! Mit Ihrer gütigen Erlaubniß! Adele (männlich lachend). Hahnha! Wie zu diesem Diehnamen gekommen? Wolf (bei Seite). Gott, was fie für ein Gelächter am Leibe hat. (Laut.) Das verhält sich nämlich so: mein Großvater Hai Wolf geheißen, mein Vater Bär und ich bin's Lämmel! Adele. Religion? Wolf (bei Seite). Ich komme mir vor, wie aufm Paßbureau! Einstweilen, mein verehrtes Fräulein, erlaube ich mir noch Jude zu sein; doch will ich Ihnen meinen Taufschein aus dem Altar unserer Liebe niederlegen und auf das Ehristenthum hinübersteigen. (Bei Seite.) Wes kann's mir schaden? — 12 Adele. Muth — Courage haben? Keine Furcht? Wolf. Wer? Ich? Adele. Zum Henker! Wer denn? Wolf. Das versteht sich! Das versteht sich! Ich und keine Courage? — Wolf - Bär - Lämmel hat nie Furcht gekannt' —Zn meiner Vaterstadt—wenn man mich nur von weitem gesehen — ist Alles auseinandergelaufen und hat ge- schrien: »Geht fort — da kommt der drimme Wolf!* Adele. Das ist mir lieb. Können mich heute gleich begleiten — Wolf (freudig). Auf die Promenade? Adele. Warum nicht gar! Habe zwei Duelle, eins auf Pistolen — das andere auf krumme Säbel! Können mir secun- diren! Wolf. Wie? — Was meinen Sie? Adele (ruhig und ernst). Sie können doch mit Säbel und Pistolen umgehen? Wolf. Das heißt, mit krummen Säbeln schwerer. — Wenn s noch gerade wären — aber krumme — krumme — und was die Pistolen betrifft, da ist das bei mir auch eine eigene Sache. — Adele. Also nicht? Nun, das muffen Sie Alles lernen, um mein Mann zu werden. Ich werde Ihnen Unterricht er- theilen. (Zu Regiue.) Bringe die Säbel! Wolf (ängstlich). Aber ich bitt' Sie um Alles in der Welt, bringen Sie nur nicht die krummen, (nachrufend) bringen Sie die geraden! Adele. Reiten, Fechten, Schießen, Raufen das ist meine Leidenschaft, und mein Mann muß mir in diesen ritterlichen Uebungen wenigstens gleich sein. Reg ine (kommt mit jwri krumm,n Säbeln). Wolf. Sind es die geraden? Es sind richtig die krummen! — Das kann schön werden. Adele (dringt ihm einen Säbel aus). Hier nehmen Sie! Und nun legen Sie aus. Wolf (kleinlaut) Wohin soll ich mir legen? Adele. Auslegen sollen Sie sich, in drei Teufels Namen! So — Lämmel (ahmt schüchtern nach) Adele. Auslegen! Wolf (retirirt). Thun Sie mir den einzigen Gefallen? — Adele (barsch). Vorwärts! (Stehen in Parade.) Eins — zwei — drei! (Sie schlägt eine Terz. Wolf dreht sich im Moment ängstlich um und empfängt den flachen Streich über den Rücken.) Wolf (schreit). Vier! — Ich Hab s esagt! — Sie wird mir noch den Kopf erunter schlagen! — Lassen Sie es genug sein des grausamen Spiels! Adele. Mit dem Fechten geht es noch ein wenig schwer — noch keine Sicherheit — zu wenig Kraft! — Wie ist es denn mit dem Reiten? — Ich habe einen wilden Berberhengst gekauft, den sollen Sie probiren. Wolf (bei Seite). Gott soll schützen! (Laut.) Ich gestehe, daß ich in der Reitkunst noch sehr zurück bin, mein Fräulein! (Bei Seite.) Die einzige Reiterei, die ich verstehe, ist die Wechselreiterei! Adele. Aber als Schütze mit dem Gewehr oder der Pistole werden Sie doch hoffentlich etwas leisten, zum Donnerwetter! Wolf. Auch nicht, mein Heldenfräulein, auch nicht; doch ja, ja — einmal Hab' ich in diesem Artikel gemacht — ein Geschäft nämlich! Eine Sendung alter Gewehre und Pistolen habe ich nach Amerika für die dortige Armee verkauft! — Ich Hab' aber — nebich — mein Geld dabei verloren — denn anstatt daß sie losgegangen wären, — die Gewehre nämlich — sind sie zerplatzt! Das wollten sich die Amerikaner nicht gefallen kaffen! — Seit dieser Zeit mache ich nicht wieder in dem Artikel! Nicht um 'ne Million rühr' ich mehr ein 13 Gewehr an. Ich Hab' d rauf geleistet einen alttestamentarischen Eid! — Adele. Parbleu! Sie scheinen also doch ein Hasenfuß zu sein! Nun, da können Sie sich gefaßt machen, wenn'S wieder los geht und Sie ziehen mit mir in den Krieg. Wolf (lächelnd). Schmonzes Berjonzes! — Wohin? Adele. In den Krieg, in die Schlacht. Während unseres letzten Feldzuges diente ich als Volontair! Habe alle Schlachten und Vorpostengefechte mitgemacht! Holte meinen Mann aus dem dichtesten Pulverdampf heraus! Sehen Sie dort die Fliege an der Wand — (Zieht den Revolver, schießt gegen die Wand.) Da liegt sie — mitten durch die Brust geschossen! — Ja das ist mein Element! Unter dem Donner der Kanonen mit Hurrahgeschrei dem Feind entgegen — da lebt man auf, das ist der höchste Genuß meines Daseins! Wie es wieder losgeht, bin ich dabei, und Sie müssen dann mit. Bis dahin werde ich Sie einexerciren! Wolf. Einexerciren?—In denKrieg? — In die Schlacht? — Wo es pufst und kracht? — (Bei Seite.) Meschuggemußt ich sein! (Laut.) Aber verzeihen Sie — warum wollen Sie sich solcher Gefahr aussetzen? — In unserer Zeit — in der Zeit d*r gezogenen Kanonen bedarf man keiner Heldenjungfrau mehr. — Heutzutage sieht man die Jungfrau von Orleans nur noch gern auf dem Theater — bearbeitet von Herrn von Schiller. Adele. Potz Schrappnells und Kartätschen! Geben Sie sich keine Mühe, mich von meinem Entschluß abzubringen! Es bleibt dabei. — Uebrigens — beruhigen Sie sich nur, ich werde Ihnen schon noch die fehlendeCourage beibringen. Wolf. O niemals! Adele. Es wird schon gehen! — Gleich eine kleine Probe! —Hier nehmen Sie! (Gibt Ihm einen blankrn Gulden au- der Tasche.) Wolf. Einen blanken Gulden! Gott, wie lang' Hab' ich keinen geseh'n! — Dazu gehört keine Courage! (Steckt ihn ein.) Ich danke — er soll mir Glück bringen! Adele. Potz Donner! Was thun Sie? Heraus damit! Hier halten Sie den Gulden zwischen Daumen und Zeigefinger. — So! — Wolf. Nun und was weiter! Adele. Stellen Sie sich hieher! — Wolf. Ich steh' schon — was weiter? Adele (stellt sich sechs Schritte vor ihm aus zieht rasch den Revolver.) Nun stehen Sie ruhig und wackeln Sie nicht! -Wolf (schreit). Halt! Halt! Ich wackle schon! Halten Sie ein! Halten Sie ein! Ich will nicht, ich will nicht! (Retirirt mit dem Gesicht gegen die Wand, die Hand mit dem Gulden weit von sich streckend. Bei den letzten Worten schießt Adele. Wolf läßt vor Angst den Gulden fallen und ^-etzt sich schreiend aus einen Stuhl im Vordergrund,.) Adele. Potz Hasenfuß und kein Ende! Wolf (befühlt sich). Ich bin schon ge- .troffen! — Die Kugel muß mir schon irgendwo stecken. Adele (lachend). Ich sehe schon, Ihnen ist keine Courage beizubringen. Wolf (komisch zürnend aufspringend). Nein, es soll mir auch nichts beizubringen sein. Haste gesehen? — Eine Frau, die mir aus Langweile das Geld zwischen die Fingern herausschießt — die könnt' ich brauchen! Haste geseh'n! — Herr Doctor, hier meine Unterschrift! (Unterschreibt.) — So! Haste geseh'n? Und nun schießen Sie meinetwegen die Fliegen von der Nas — und das Geld aus der Hand, wenn Sie wollen! Aber das sag' ich Ihnen — — (herausfordernd) für die Angst und für den Schrecken, den ich ausgestanden, werde ich gegen Sie klagbar werden. Ich verlange Schadenersatz! — Umsonst läßt sich der Lämmel nicht — Adele (zieht den Revolver). Tausend Millionen Donnerwetter! Was ist dafür eine Sprache? (Schießt in dir Lust.) 14 Wolf (fl''gt vor Angst zur Thür hinaus).! seine Freunde. Julius, s Plattkopf, Secretär. Leopold Putzweg, SchuhwichSsabrikantenssohn. Rest, Dienstmädchen bei Emmenthaler. OctaviuS, Klavierspieler- Tini, t Pauline, ! Modistinnen. Louise, f Bertha, Rosa, Kathi, Laura, Jette, Hellmer, Wicht, Greis. Josef, j Carl. > Ferdl, Kellnerbub. Michl, Hausknecht- Diele Tänzer und Tänzerinnen. Modistinnen. Gäste bei Krügler. Kellner. Die Handlung spielt in Krügler'S Gasthau- in Liechtenthal. (Große- Gastzimmer bei Krügler, welche- zum Ball-Lokale hergerichtet ist — mehrere Lustres — einige beleuchtet, durch die Fenster der Hinterwand und der Mittelthür steht man aus die halb- dunkle Straße. Links in der Ecke eine Treppe zum Orchester, eingerichtet mit Notenpulten, Sesseln, ein Llavier u. s. w. Recht- der Schenktisch mit Gläsern, oben vergittert. An beiden Seiten und im Vordergründe Tische, aus einem derselben link- steht ein große- Transparent, worauf mit rothen Buchstaben geschrieben steht: „Heide ist dahir eine gemitlichi Abentundrhaltung. Die Damen stnt vrei." Dabei der Kellner Josef, dasselbe eben beleuchtend. Carl besteckt die Tische mit Tellern u. s. w. Ferdl steht an einem Tisch recht- und putzt Gläser und Eßzeuge. Michl rollt ein Bierfaß von link- zum Schenktisch.) Erste Scene. Krügler (eilig von rechts). No, was is, Josef, mein Transparent schon beleucht'? Josef. Grad' bin ich dabei. Krügler. Das wird an'Mect machen in ganz Liechtenthal, seit drei Tagen schneid' ich schon d'ran aus an der Aufschrift: »Heuleist dahier eine gemächliche Abendunterhaltung ; die Damen sind frei!* Ferdl. Auf unfern heutigen Ball wird'S überhaupt nobel abergeh'n. Krügler. Na, ich glaub's, das beliebte Hausorchester wird die neuesten Kompositionen von Strauß und Ziehrer spiele«. *) Recht- und link- von Zuschauern auS. 3 die Tänze find unter persönlicher Leitung -es Herrn Emmenthaler. Josef. Der rennt heut' schon den gan- zen Tag herum in ein Carrier und holt a Menge Blumen, Papierketten und Lampenreifen zur Decorirung z'samm, damit's nur recht glänzend wird. Krügler (blickt durch das Fenster rechts). Da kommt er grad' die Gaffe daherg flogen — anpackt wie ein Möbelwag'n und laufen thut er wie ein bürgerlicher Frauenkleidermacher! Hahaha! Ferdl. Er is ja ein Schneider! Krügler. Ja, in seiner Werkstatt, aber in unserem Local ist er Künstler und Tanzmeister, und nennt sich auch nett Herr Emmenthaler. sondern auf italienisch Signor Gorgonzola. Josef (lacht). So ein Künstler hat doch schrecklich dalkerte Gusto! Krügler.Pst! da ist er schon! Zweite Scene. Emm. (sehr geschäftig durch die Mitte ein- tretend, er ist vollgepackt mit buntem Papier und Blumenketten, Lampenreisen, Fähnchen und anderen Gegenständen, die zur Decorirung des Saales nöthig). Lntröetied. EMM. (zu den Kellnern). Umschießen, Kellner, nehmt's d'Füß in die Händ'! Den Luster beleuchten, hinaus 's Transparent, Den Stub'nbod'n thut's wichsen mit Jnslat und Saf; An d'Mauer hängt's Ketten und Blumen und Ras. Die Herr n und die Damen, die rucken bald an, 's Lokal muß erglänzen im Festschmuck « sodann s D rum herg'richt muß wer'n und g'sprun- gen und g'rennt, G'schwind, umschießen. Kellner, nehmt- d'Füß in die Händ'! (Hat während des Liedes an die Kellner die verschiedenen Gegenstände abgegeben, Michl trägt das Trankparent zur Mitte ab und befestigt es draußen, so daß es auch herinnen sichtbar ist. Krügler, Carl, Zosef, Ferdl und Emmenthaler hängen die Reise, Blumen und Ketten jetzt und im Verlaufe der Scene an die Wände, beleuchten den Luster, u. s. w) Emm. Ja. umschießen heißt's, ich bin heut' schon so umg'rennt, daß ich g'laubt Hab' ich bin bei der Pferd'eisenbahn an- g'stellt als Handiger und Sattlicher zu gleicher Zeit; her mit den Blumen und Papierketten! Hier war bis um Mitternacht die wilde verwegene Jagd, schwarze Gesellen mit weißen Köchinnen, lauter liebende Paare; bis um eins ist dann Raststunde, für diese Zeit muß das Local in eine Seufzerallee verwandelt werden. (BL- schäftigt sich im Hintergründe wie oben augezeigt.) Dritte Scene. Plattk. (durch die Mitte, für sich). Hier ist ja das Gasthaus »zur Gemächlichkeit«, wo sich der Tanzmeister Emmenthaler aufhält? (Erblickt Emmenthaler.MH, der Beschreibung nach ist's dieser! (Lautzu Emmenthaler.) Sie entschuldigen — find Sie Emmenthaler? Emm. Nein, Gorgonzola! Plattk. (lacht). Sie scherzen! Emm. O nein, bitterer Ernst, Emmenthaler heiß' ich nur als Frauenkleidermacher. als Tanzmeister Hab' ich mich ita- lienifirt und heiß' Gorgonzola; Wissen s, das Wällische klingt besser für ein' Tanzmeister. und ich Hab' dadurch Aussicht, ia's neue Opernhaus zu kommen, wenn's vielleicht doch noch einmal fertig werden sollte. Plattk. Das scheint mir aber nicht der rechte Ort, um sich auf einen solchen künstlerischen Wirkungskreis vorzubereiten. Emm. Na, find - so gut, in dem Local geht's sehr nobel und fidel zu, da kommen lauter Schlüpfer z'samm! Plattk. Also eine Diebshöhlo? Emm. Warum denn net gar ein' Rausch. — Die Schlüpfer find Pflanzen, i* 4 die nur im Wiener Bod'n und am saftigsten auf dem Schotten- und Lerchenfelde gedeihen; der Wiener Schnipfer is bei allen Spitzbübereien dabei das heißt nicht bei Spitzbübereien, die mit lebenslänglichem Kerker und wöchentlichem 7maligen Fasten in Verbindung stehen, denn die Ehrlichkeit wird auch dem größten Schnipfer schon im zarten Kindesalter von den Herren Eltern eintrischackt, sondern bei Spitzbübereien, die aus Hetz, Jux und Gaude^ z'sammg'setzt sind. Der Wiener Schnipfer! findet sich in allen Branchen, d'rum kommt in mein Local oft sogar der Hobe Adel, der geschätzte Mittelstand, auch das löbliche Militär. Jäger, Infanterie, Kavallerie. Husaren mit Dragonern, das htißt mit Kuchel-Dragonern, Hausherren und Hausknecht, alleinstehende ledige Männer und Verdammte, die ewig gepeinigt werden. Plattk. (lacht) Sie meinen Ehemänner? Emm. Ja, die stecken aber gewöhnlich die Eheringe in die Westentasche und geb'n sich für ledig bei dieMadln aus, sonst wären sie ja keine Schnipfer. Plattk. Und vertragen sich diese verschiedenen Bildungsgrade ruhig nebeneinander ? Emm. O sehr gut, recht unterhaltlich ist's den ganzen Abend, aber wahrhaftig gemüthtich wird's erst nach l 2 Uhr, wer sich da ruhig und anständig benimmt, wird außig'worfen. Platt. Wie? Emm. Ja, so um 3 Uhr in der Früh, wavn's zum Grabeln anfangt, die ersten Milliweiber fahr'n und die Laternauslö- scher gehen, da entsteht gewöhnlich eine kleine Debatte, da wird meistens g stritten, wegen einer Dame — so zu sagen. Plattk. Und dann wird gerauft? Emm. Ah bitte, nur etwas animirter, etwas lebhafter wird die Gesellschaft, da fliegt im Zimmer Alles urkomisch durcheinander, Wiener Zeitung, Salzfaffel, Fidibus. Kellnerbub, Pfefferbüchse!, Servietten. Effigkarafindel, Halbgläser, Filzfleckerl. Seffelfüß und Tischfragmente, was einen sehr heiteren Anblick gewährt. Vierte Scene. Vorige. Michel und Ferdl (jeder mit einem Schaffet Wasser). Michl. Da sind zwei Schaffet Wasser! Emm. Nur gleich zum Klavier damit! (Die Beiden tragen dass Wasser auf die Treppe im Hintergründe zum Llavier.) Emm. (zu Plattkopf) Wissen's, die hiesigen ?. Gäste haben gern eine recht laute und starke Musik; und da wird ne- ben'm Klavier links und rechts ein Schaffe! mit kaltem Wasser g'stellt, damit sich der Klavierspieler dann und wann die Hand abkühl'n kann. Plattk. (lacht). Sehr gut. aber ich vergesse ganz den eigentlichen Zweck meines Hierseins. Emm. Ich Hab' mir gleich gedacht, daß Sie nicht wegen der Soiröe gekommen find, denn als ein uns'riger Gast sprechen Sie ein zu reinliches Deutsch, gehören also vermuthlich den höheren Kohlmarktgegenständen an? Plattk Ich bin Secretär des Grafen Lerchenthal. Emm. (bolt rasch einrn Stuhl). Bitte gefälligst Platz zu nehmen! Plattk. (srtzt sich). Danke; ich möchte > Sie um eine Auskunft bitten. Emm. (vrrnrigt sich t'.kf). Plattk. Der Herr Graf hat einen Sohn, einen lebenslustigen jungen Mann, so lebenslustig, daß ihm die Grenzen des Salons zu seinem Amüsement nicht genügen. sein Uebermuth verleitet ihn daher, sich oft unter fremdem Namen in die tausend lustigen Tollheiten des Wiener Lebens zu stürzen. Vorstadtwirthshäuser und Bälle zu besuchen, Liebschaften anzuknüpfen u. s. w. Sie verstehen mich? 5 Emm. Schon begriffen, und wenn's erlaubt wär' einen Herrn Grafen einen Schnipfer zu nennen, —so — Plattk. (fortfahrend). Der Herr Graf, obwohl adelsstolz und sehr auf die strengste Etiquette haltend, hätten im Grunde nichts gegen die Vergnügungen seines Sohnes, so lange dieselben Vergnügungen bleiben, aber da kam ihm unlängst ein Gerücht zu Ohren von einer Liebschaft, welche sein Sohn hier in diesem Gasthause mit einem Mädchen Namens Therese angeknüpft habe, und ans einigen Aeußerungen des jungen Mannes entnahm der Graf, daß derselbe ernstlich in dieses Mädchen verliebt sei; kennenSie vielleicht dieseTherese? Emm. Eine Therese nicht, aber eine Rest ist mir bekannt, die öfter daher kommt und bei mir Köchin ist. Plattk. JhrVormund heißtSchlankel! Emm. Und ist ein zugrundegegangener Fabrikant; das ist schon die Rest, ein sehr solides, braves, sittsames Mädel; sie war lange Zeit Stubenmädchen in einem großen Hotel. Plattk. Der Herr Graf ist nicht so sehr gegen das Mädchen, als gegen dessen Verwandtschaft, ihr Vormund soll nicht im besten Rufe stehen. Emm. Ja, der Schlanke! ist auch ein sogenannter Hauptschnipfer, das heißt er ist am ganzen Grund als ein grundehrlicher Kerl bekannt, der kein' Menschen eineSpennadel wegnehmet,aberverschrieen ist er, daß sich jedes Pintscherl besinnt, ein Stück Brod von ihm anzunehmen. Plattk. Warum? Emm. Weil er kein Geld mehr hat, er war einmal ein reicher Fabrikant, aber halt leichtsinnig, alleweil mit die Freunderln im Dierzeug g'fahr'n, Geld herg'liehn und verschenkt, dumme Spekulationen gemacht, kurz, auf einmal waren die drei Häuser, die er geerbt hat. verputzt, jetzt ist er bei einer Afterpartei z'Bett, und seine Nichte, mein Dienstbot, die Rest, die er hat aufziehen lassen, gibt ihm aus Dankbarkeit so viel zu essen, als sie sich selber vom Maul absparen kann. Plattk. Sie ist also gutmüthig? Emm. O, ein echtes Wienermadl, brav und gut und dabei fesch, sie ist die beste Tänzerin im hiesigen Local, und wenn das beliebte Hausorchester Walzer spielt.'da sollten Sie's flieg'n sehen. Plattk. (Mt auf). Bin überzeugt; — ich höre, der Vormund kommt jeden Abend in dieses Gasthaus? Emm. Ja, wenn er auf der Straßen Feierabend gemacht hat. Den Tag über betteltervordemHausevomSchlossermeister Eisenfest. Wenn Sie ihn sprechen wollen, er fitzt dort den ganzen Tag auf einem Schranken und fingt Lieder, sein Weib, die Frau Regerl. spielt die Harfen dazu, am Abend kommt er aber gewöhnlich daher in s Wirthshaus singen. Plattk. Schicken Sie ihn gefälligst zu mir in s Extrazimmer, ich will ihn ein wenig ausforschen wegen dieser Liebschaft, und wenn sich das Derhältniß bestätigt, wovon ich mich heute selbst überzeugen will, so muß es mit Gewalt verhindert werden; so will's der Herr Graf, denn Sie wissen, junge Leute, erste Liebe, am Ende vielleicht gar Heirat; man soll den Teufel nicht an die Wand malen! (Zstnach recht- gegangen.) Emm. (begleitet ihn) Das sag' ich auch, so oft ich das Porträt von meiner Frau betracht', was in mein' Zimmer an der Mauer hängt, ich weiß am besten, wie sich ein Mensch verheiraten kann. Plattk. (in der Seitenthür recht- ab). (Man hört aus der Gaffe lustige- Gelächter und Geschrei.) Emm (für sich). Aha, da rückt's schon an das leichte Geschütz, die Marchand- modmadl'n! (Gilt zur Mittelthür, die Eiatre- trnden becomplimrntirend.) 6 Fünfte Scene. Tini, Pauline, Louise, Bertha, Rosa, Kathi, Laura, Jette (treten laut lachend und durcheinander plaudernd ein, ihnen folgen mehrere junge Stutzer, Kadetten u. s. w-, welche ihnen eifrig die Lour machen). Die Mädchen 1 durcheinander). Heut' wird's a Jux! Ich g'freu mich schon auf's Tanzen! Jetzt laß' ich kein' Walzer aus! Bis morgen in der Früh bleiben wir da! Ein Cancan wird losg'lafsen, das wird a Passion! (u. s. w.) Krügler (und die Kellner find gleich auf die Angekommenen zugcstürzt, umringen fie mit tiefen Komplimenten uns sprechen in den Tumult hinein). Hab' die Ehre! Untert hänigster Diener! Wünsch' guten Abend! Mit was kann ich dienen, Bier oder Wein gefällig! (Nachdem sich der Lärm etwas gelegt.) Emm. Ailou 60wplini6llt, Ug-äomol- 861168 ! Tini (zu Emmenthaler). Signor Gorgonzola, nehmen's unsere Mantissen und Hüt' und tragen Sie's in die Garderob'. Emm. Mit Vergnügen! Machen's Ihnen commod zum Ball; ziehen's Ihnen aus. meine Damen. Alle Mädchen. Da ist mein Hut! mein Sbawl, mein Mantiss. mein Tuch, mein Jopperl, mein Mantel u. s. w.(Alle werfen die genannten Gegenstände lachend in die Arme Emmenthaler's, so daß derselbe ganz tingehüllt in die Seitenthür links abgeht.) Krügler (auf den Tisch links im Vordergründe weisend). Der Tisch ist für die Herrschaften besteckt, bitte! (Die ganze Gesellschaft setzt sich zum Tisch, die Herren geben Krügler und den Kellnern leise Aufträge, es wird Bier, Wein. Braten gebracht.) Sechste Scene. Hellmer, Wicht. Grcif(durchdieMitte). Hellmer (lustig, doch heimlich zu Greif und Dicht). Heut' lassen wir s fidel abergeh'n, der letzte Knopf muß springen; ich Hab' ein G'schäft ausspeculirt, was uns morgen alles wieder einabringt. Wicht und Greif. Was für a G'schäft, red', Natzl! Hellmer. Der Hausherr über die Gassen ist reich und hat's meiste Capital im Haus, den müssen wir morgen bei der Nacht um ein paar Tausender leichter machen. Wicht und Greif. Gilt schon! Hellmer. Wenn's g'rath't, steht übermorgen ein frecher Einbruch in der Zeitung. und wir sind in Trippstrill. Wicht. Wie führ'n wir's aber aus? Aellmer. Das wer' ich Euch gleich erklären, setzen wir uns auf ein' ungenirten Tisch, öß paßt's gut auf, und dabei trinken wir auf ein'n glücklichen Ausgang. (Laut.) Wirth, a Maß vom Besten! Krügler. Glei', gnä' Herr! (In die Schenke, bringt den Wein ) Siebente Scene. Octavius und mehrere Musikanten M Instrumenten durch die Milte, die Musikanten sammeln sich auf der Treppe). Octavius (zu dem rechts eintretenden Emmenthaler). Guten Abend, Herr Emmenthaler! Emm. (eilig). Servus, Octavius, setzen's Ihnen zum Clavier und schmiern's Ihnen die Händ' mit Jnslat ein, es geht glei' los! (Octavius setzt sich zum Klavier, man hört die Musiker während der folgenden Scene leise ihre Instrumente stimmen. Es kommen immer Gäste, Mädchen mit ihren Tänzern u. s. w.) Achte Scene. Alfred, Paul, Julius (durch die Mitte). Paul. Wahrhaftig, Alfred, ich begreife nicht, was Du für ein Vergnügen daran findest, Dich hier in den Vorstadtwirths- häusern herumzutreiben. Julius. Du, der reiche Cavalier, der Graf Lerchenthal! Alfred. Um alles in der Welt, ver- rathe mich doch nicht. Hier heiße ich schon seit Wochen Alfred Springer, und bin ein — 7 - Hausherrnssohn aus der Vorstadt, wenn die Leute hier meinen wahren Stand erführen, so würden sie sich vielleicht in langweiliger Ehrerbietung vor mir zurückziehen, und ich liebe diese Ungenirtheit, diese Frische, diese fidele Keckheit, die im Wiener Volke liegt, und die ich natürlich in unseren Salons nicht antreffen kann. (Haben sich unterdessen alle Drei an den ersten Tisch rechts gesetzt. Krügler, dem Julius einen Auftrag gegeben, bringt Wein.) Paul. Wenn Dich der Reiz der Abwechslung fesselt, dann verstehe ich nicht, warum wir seit vier Sonntagen immer dasselbe Gasthaus hier in Liechtenthal besuchen. Alfred. Das hat seinen guten Grund, ich will hier gesehen werden, recht deutlich gesehen, und ich gebe sogar Vieles darum, wenn ich einen Affront herbeiführen könnte, der meine Anwesenheit hier recht auffallend markirt. Paul und Julius (erstaunt). Warum denn? Alfred. Damit die Aufpasser irregeführt werden, die Spione, welche mir überall nachschleichen und meinem Papa mein ganzes Thun und Treiben hinter- bringen. Der Vater darf vorläufig den eigentlichen Grund nicht kennen, warum ich seit vier Wochen mit solcher Leidenschaft hierher in s Liechtenthal laufe, das war bis jetzt auch für Euch ein tiefes Geheimniß, aber nun will ich Euch das Räthsel lösen. Paul und Julius. Nun? Alfred. Habt Ihr im Hause vi8-ü-vis das schöne Mädchen schon bemerkt? Paul. Im ersten Stock? . Julius. Die Tochter des reichen Lebzelters Picksüß? Alfred. Dieselbe, — die ist meine Flamme, die mich verzehrt, seit einem Monat kenn' ich sie — und sehe sie alle Tage am Fenster, aber gesprochen habe ich sie nur einigemale ganz flüchtig, das Mädchen wird sehr streng bewacht, um sie daher zu versichern, daß ich sie grenzenlos liebe, und nur sie allein meine Frau wird, bleibt mir kein anderes Mittel, als Tinte und Feder, und regelmäßig alle Freitag bekommt sie einen brennenden Liebesbrief von mir. Paul. Warum nur an Freitagen? Alfred. Weil es in Wien gebräuchlich ist, daß an Freitagen die Bettler in die Häuser dürfen und ich meine Briefe durch einen Bettler besorgen lasse, der an Freitagen beim Lebzelter um ein Almosen fleht, und bei der Gelegenheit meiner geliebten Therese den Brief in die Hände spielt. Julius (lacht). Ein origineller Liebes- bote! Alfred. Ein heruntergekommener Fabrikant Namens Schlankel. Er hält sich fast immer in diesem Wirthshause auf, auch seine Nichte kommt bei Soireen hierher, wißt Ihr, das hübscheDienstmädcheu? Paul. Der schwarze Lockenkopf, mit dem Du gewöhnlich tanzest? Alfred. Dieselbe. (Blickt durch - Fenster rechts.) Ich glaube sie kommt soeben die Straße herauf! (Spricht mit den Andern weiter.) Emm. (der im Hintergründe arrangirte, zu dm (Musikanten, die sich aus dem Orchester unterdessen vollständig gesammelt haben). Meine Herrn Musici, machen's a bißl ein' musikalischen Lärm, damit die Leut' auf der Gassen aufmerksam werden, und hereinkommen; spie^ len's ein' Walzer. (Da- Orchester spielt einen Walzer; nach dessen Melodie fingt Resi da- Entröelied) Neunte Scene. Resi (durch die Mitte). Lnlröetied. i. Tanzen und singen, ja das g'hört zum Leben, Schöneres kann's auf der Welt nichts mehr geben. — 8 Ich schwing' fesch mein Röckl und mach' meine Pas, Tanz Polka und Walzer und Schieberisch a, Z bin von Liechtenthal bis nach Paris Der fescheste Kerl schon gewiß. 2 . Und kommt der Cancan erst und geht's erst a so, Da spitzen die Männer, schreien Bravo, Bravo! Und hast es net g'segn und fixt es net a. Es geht grad, als wann.ma im Ringel- g'spiel war.' Und g'flog'n wird im Saal, das versteht sich per se, So flott, daß der Staub fliegt in d' Höh'! 3. Strafe mit Chor der andern Mädchen, welche Rest umgeben und ihr die Hände schütteln. Resi und die Mädchen: Za tanzen und fingen, ja das g'hört zum Leben, Schöneres kann's auf der Welt nicht'smehr geben! Ich schwing' fesch mein Röckl und mach' meine Pas, Tanz Polka und Walzer und Schieberisch a — Zch bin von Liechtenthal bis nach Paris (Chor: Sie ist u. s. w) Der fescheste Kerl schon g'wiß! Resi (umarmt die Mädchen als Begrüßung. indem sie ruft): Tschau! Mädeln! Servus! Servus! Die Mädchen. Guten Abend! Rest! (Nach einem kleinen Nachspiel schweigt die Mufik.) aber ich brauch ein ordentliches Bufferl wie ein Bissen Brod, sonst verschmacht ich; seit gestern Abend Hab' ich Dich schon net mehr g'sehn. Resi. Und ist das so lang? Leopold. O, für mich einegut gemessene Ewigkeit, mit ein' großen Gupf obendrauf — in die Stunden, wo ich nicht bei Dir bin. leb' ich nicht, da geh, ich maustodt herum, und wenn's mich mit einer Militär- mufik begraben thäten, ich bemerket's gar nicht! Resi (lacht). Du bist ein Narr! Leopold. O. da gibt's nichts zum Lachen — mein Zustand ist wirklich sehr bedenklich. —Dich, meine Resi, einen ganzen Tag nicht zu sehen, jetzt im Sommer, wo die Tag so lang sind — das halt ich net aus. und wenn deine Frau, die Bis- gurn, noch lang so bockbanig bleibt — ein Liebesverhältniß in ihrem Hause nicht dulden will und ich wegen dem nicht zu Dir aufBesuch kommen darf, so weiß ich nicht, wie ich mir helfen soll vor Sehnsucht! Resi. Leg'Dir ein' kaltenjUmschlag aufs Hirn, das wird deinen sogenannten Kopf wieder abkühlen, denn wennst auch damit durch den Plafond fährst. — wegen dem kommst doch nicht ins Haus. Leopold. O, das werden wir schon sehen, ich Hab' noch ein Idee, wenn mir die ausgebt, so kann ich täglich ein paar Stund' bei Dir sein, und deme Frau wird nichts dagegen haben, ich sag' Dir nicht, was das für ein Plan ist, aber morgen wirst Du's vielleicht schon sehen. Zehnte Scene. Vorige. Leopold Putzweg (ist während des Gesanges heretogekommea und hat Rest entzückt betrachtet; er stürzt jetzt vor und wehrt die Mädchen von Rest ab). Leopold. Jetzt komm ich! Die Mädeln stehn auf deinen Busseln net so an, Etlfte Scene. Vorige, Alfred, der mit Julius und Paul (promeuirt im Hintergruude und die Mädchen betrachtet, welche zahlreich mit ihren Tänzern, Soldaten u. s. w. aakommru, eilt jetzt lebhaft in dm Vordergrund). 9 Julius. Was ist Dir. Alfred? Alfred. Im Extrazimmer Hab' ich den Secretär meines Vaters, unfern Hausspion' gesehen! Paul. Verwünscht! Alfred (lacht). Im Gegentheile sehr erwünscht, er kommt hieher, und soll er meinem Papa erst recht falsche Nachrichten bringen. Zwölfte Scene. Vorige, Emm. (rasch vorkommend und in die Hände klatschend). Emm. Anstellen, meine Herren und Damen, der Tanz geht augenblicklich los! Alle Mädchen (springen von den Sesseln auf, klatschen in die Hände und rulen): Endlich einmal! Das ist g'scheidt! Vorwärts! Vorwärts! (Die Herren wählm jeder ein Mädchen, die Paare stellen sich im Kreise aus.) Plattk. (ist in den Vordergrund gekommen und steht recht- in der Ecke, sich hinter den Tänzen» verborgen haltend, um von Alfred nicht be« merkt zu werden). Alfred (Lachend zu Julius und Panl, indem er heimlich auf Plattkopf zeigt, halblaut). Da ist er schon! (Laut und auffallend:) Fräulein Therese, darf ich bitten um den ersten Tanz! Resi (verneigt sich). Mit Vergnügen! Alfred (laut und feurig, indem er Rest an der Hand faßt). O wie glücklich wäre ich, wenn dieser Tanz durch s ganze Leben dauern würde! (Küßt ihr mehrere Male die Hand und drückt dieselbe an sein Herz, indem er sich mit Resi zum Tanz stellt.) Leopold (hat mit eifersüchtig aufgeregten Geberdrn jede Bewegung Rest'- und Alfreds verfolgt und bricht jetzt los). Das ist zu viel! Rest! Rest! (Will auf Rest Hinstürzen.) Paul und Julius (halten ihn mit Gewalt zurück). Machen Sie kein Scandal! Leopold (schreiend). Wir waren schon verengagirt! Emm. (in die Hände klatschend). Ln avant! (Die Musik beginnt — ein lebhafter Tanz fängt an, Rest und Alfred tanzen in sehr grotesker Weise. — Leopold von JuliuS und Paul gehalten ist links auf einen Sessel gestiegen und schreit immer mit wüthenden Gesten). Wir waren schon verengagirt! Wir waren schon verengagirt! (Gin Theil der Gäste lacht ihn aus.) Plattk. (strht rechts und blickt, die Hände reibend, aufmerksam nach Resi und Alfred; die übrigen Anwesenden stehen im Kreise und auf Sesseln, den Tanz durch Händeklatschen begleitend — der Tanz endet mit einem Tableau, die Paare gruppiren sich — Alfred und Rest in der Mille der Bühne, Alfred hält Rest im Arme und küßt sie ) Plattk. (für sich). Kein Zweifel mehr, das Mädchen ist seine Geliebte! (Der Vorhang fällt rasch.) LrW i-'r ^>»-,- „NL ^ -:r - »,-t 1!-^ ^ .AN,^r:-Ä M'idl'kf; «-rti» / :,-! ^-,»r.,,-Mi ?-.ru ..?. iV,', . -.UM t'jj r,»». ?, / wn." ' ^' <>>>!.' . . -r;u ? <> ,.. .' W ! - ...2 „ «i« 7 u Zweites Bild. Ein Hauptschuipser oder Vagabund und Ehrenmann. Personen: Echlankel. Vagabund und Bettler, ehemals ein reicher Fabrikant. Reger!, sein Weib, Harfenspielerin. Franzl, Poldl, Prterl, Lisi, Katherl, Milli, Zündhölzchen- buben, Blumen» ^ Verkäuferinnen, ihre Kinder. Eisen fest, Schlossrrmrifter. Martin, Geselle bei Eisenfest. Fleckelbergrr, Sagfeiler. Miss, Fiaker. Nadl l Toni,' j Schusterbuben. Emmenthaler. Tini. Pauline. Louise. Bertha. Rosa. Laura. Sofie. Spaziergänger, Oebstlerinnen, Gassenbuben, kleine Mädchen, Schlossrrgesrllev und Lrhrjunge u. s. w. (Die Handlung spielt auf offener Straße um einen Tag später als das erste Bild. Straße. Linkten Vordergründe daS ebenerdige Haus des Schlossrrmeisters Etsensest, durch die Fenster und die offene Thür sieht man die Gesellen an der Arbeit. Ober der Thür ein Schild mit der Aufschrift: »Zgnatz Eisenfest, Schlossermeister.- Rechts im Vordergründe ein kleines verwahrlostr-Hau-mit einer geschlossenen Thürr und einem offenen Fenster; vor demselben eine Steiobauk, hinter diesem Hause läuft rin vier Fuß hoher Schranken bis in die Mitte der Bühne. Auf demselben fitzt Schlanke!. Seine ganze Erscheinung macht den Eindruck eines vollständig herabgekommenen Menschen, der Rock ist mit den verschiedenartigsten Klecken ausgenäht, ausgefranstr Hosen hängen um die Beine, der eine Fuß steckt in einem Schuh, der andere in einem Pantoffel- Auf der Erde steht rin zerknitterter Eylinderhut. Auf der untern Sprosse deS Schranken- fitzt Frau Regerl, vor sich eine Harfe, auf -er pe spielt; um die Beiden herum, links und recht- und rückwärts stehen Handwerksleute, Gassenbuben, Mädchen u. s. w. und hören dem Gesang von Schlankel und Reger! zu, den gänzlichen Hintergrund bilden Bäume und ferne Häuser — sowie Obststände, bei welchen die Verkäuferinnen fitzen, Spaziergänger wandeln fortwährend vorüber, kaufen an den Ständen u. s. w- Voran links fitzt der Eagseiler Flkckenberger aus seiner Werkbank und seilt an einer Säge, die Musik, welche nach dem ersten Bilde sortdauerte, geht in die bekannte Melodie eines BänkelsängerlirdeS über ) II Erste Scene. Schlanke! und Regerl (fingen m Bänke!» säagrrweise, Reger! spielt die Harfe dazu). Duett. 1 . Sie liebten beide sich voll Glut und Feuer, Und theilten froh mitsammen Lust und Schmerz. Er küßte sie und hat damit bethöret, t Der Jungfrau reines, unfchuldvolles! rep. Herz! 2 . rep. Das Mädchen kapricirt sich auf den Jüngling. Die Eltern hatten ihre liebe Noth — Und weil sie nicht den Jünglings wollte meiden, s So schlug sie einst ihr guter Vater i todt. ! 3. Und die Moral von der Geschichte. Ein jeder Jüngling darf es sicher glauben: O Männer, liebet ja kein Mädchen i Wenn's ihre Eltern nicht erlauben! j (Die Umstehenden lachen und applaudiren. — Die Buben schreien Bravo! Außa! Außa!) schlanke! (steigt von dem Schranken, geht unter den Leuten mit dem Hute absammeln und verliert fich dabei links im Hintergründe). Zweite Scene. Elf. (zum AuSgehen angekleidrt mit Hut und Stock au- seinem Hause links, in die Werkstatt zurücksprechend). Seid's fleißig. Leut', daweil ich aus bin, ich muß nur ein' Sprung zum Gisenhändler nüber machen. (Will nach dem Hintergründe ab.) Regerl (hat die Harfe an den Schranken gelehnt und kommt eilig aus Eisenfejt zu, ihn auf» haltend). Herr Eisenfest, ich hatt' a schöne Bitt'! Eis. Nur g'schwind' Frau Regerl, ich Hab net lang Zeit. Regerl. Gleich werd' ich fertig fein, mein Mann sammelt jetzt ab und wenn er a paar Kreuzer hat, so verliert er sich ins Wirthshaus — drum ist jetzt die beste Gelegenheit. Eis. (ungeduldig). Außa mit der Färb'! Regerl (gesprächig). Heut'Nacht kommt ins Wirthshaus bei der Gemüthlichkeit, wo alle Tag die großen Raufereien find, ein nobler Herr zu mein' Alten und sagt ihm, daß ein junger Graf bis über die Ohren verliebt ist in die Refi, von der er der Vormund ist. — In der Früh kommt der Mann heim mit einem haushohen Rausch und redt von nichts' als daß die Rest jetzt einen reichen Grafen zum Geliebten hat, und er als Vormund wieder nobel versorgt ist — weil er zwischen dem reichen Grasen und dem armen Dienstmadl eine Heirat zu Stand bringen will. Eis. Das wär' ja g'scheidt! — Regerl. Wenn's der Fall wär', freilich — aber 's ist ja gar kan Red.' — Heut' z'Mittag war der Herr, a Secretär, glaub' ich, ist er bei dem jungen Grafen sein' Vater, wieder da, — und hat g'sagt, mein Mann soll am Abend um sechs Uhr zum Grafen Lerchenthal kommen, er will mit ihm wegen derer Liebsg'schicht reden — Eis. Na vielleicht ist der alte Graf auch einverstanden mit der Heirat? — Regerl. Ja umkehrt is a g'fahrn, der alte Graf ist springgiftig und will mein' Mann aufbieten, daß er als Vormund seiner Nichte das Verhältniß streng untersagt — aber da liegt mein' Mann nix d'ran, er kennt zwar den jungen Grafen noch net — aber wenn er ihn erwischt, sagt er, da wird er ihm schon so lang zupfeifen, bis er's Madel Heirat' — Eis. (lacht). Das is a Hauptschnipfer! Regerl. In einer halben Stund' geht er zum Grafen hin — und heut is s letzte Mal, hat er g'sagt — daß er bettelt und fingt für die Leut, die Refi muß augenblicklich aus'm Dienst und z'Haus geh'n, es schickt fich nicht, daß die Geliebte von ein' Grafen Wasser tragt und Schaffet 12 reibt — und lauter solche Gslereien redt er z'samm — Gis. Und was soll ich da machen? Regerl. Den Kopf sollen's ihm ordentlich waschen, Herr von Eisenfest. Sie find ein Ehrenmann und der einzige Mensch, vor dem mein Mann ein Respect hat — weil Sie uns seit zwanzig Jahren so viel Gutes erwiesen haben. — Gis. Wenn das Reden bei dem Mann nur was nutzet — aber Alles, was ich ihm sagen kann, Hab' ich ihm in die zwanzig Jahren sckon tausendmal g'sagt und er ändert fich doch nicht — Regerl. Ich werd' nochmals probirn, ihm seine verrückten Ideen aus dem Kopf z'treiben, aber ich weiß es gibt einKrawall! Eis. (nach dem Hintergrund gehend). Ra, wenn er ein Spectakel macht, nacher bin ich schon da — verlassen's Ihnen nur auf mich, Frau Regerl — Adieu! (Nach dem Hin. Irrgruvde llnkS ab.) Regerl. Küßt'd'Hand, HerrvonEisen- ^est! (Nimmt die Harfe.) Dritte Scene. Franz, Poldl, Peterl (an Schnürt Zündhälichmkästibm umgehängt — dann Lisi, Hat Herl, Mili mit runden Dtckelkärbchm, worauf Blumrnsträußchm liegen, auS dem Hintergründe link» springend und schreiend). Holloh! Juche, Vivat, Eljen! Regerl (hat die Harfe untern Arm genommen und geht nach dem Hause rechts) Was macht's denn für ein Lärm, Kinder? Jranzl. Der Vater hat gesagt, wir sollen vorausrennen und in einfort Vivat und Eljen schrein! Peterl. Jetzt wird's nobel bei uns, sagt er! Poldl. Ich muß ihm bei die Schlosser- gesellen ein Spiegel und a Bürsten aus- leihen, daß er fich sauber z'sammrichten ?anll. (Läuft in die Schlossrrwerkstätte linke.) Lisi (jubelnd). MirkautteraCrinolin — Kat Herl (ebenso). Und ich krieg am Kopf so a nobles Lampenteller und hin't a großmächtig's Knödel! — Regerl. Oe-kommt's mitsammt euerm Vater noch einmal Alle in Kaiser Josef sein Gugelhupf — marsch ins Zimmer eini! (Geht in daS HauS recht- ab, die Kinder folgen ihr Holla und Eljen schreiend.) Vierte Scene. Schlanke! (in äußerst freudiger Aufregung auS dem Hintergründe linke). So ist's recht Kinder, schreit's nur recht Vivat undEljen! Schlanke!. Servus. Fleckelberger, hast schon g'hört, ein alter Schwalischer hat mich bitten lassen. (Zu Poldl, der mit einer Kleiderbürste und einem kleinen Handspiegel auS dem Hause linke tritt.) Leg den Spiegel und die Bürsten auf die Bank und schau nachher, daß d' wo a Krügel Kölnerwasser kriegst, damit ich mich salonmäßig anparfümiren kann. (Poldl hat Spiegel und Bürste aus dir Bank vor dem Hause recht- gelegt und läuft in das Haus ab; Siblankel, der während verfolgenden Scene in fortwährender GeschästSthätigkeit ist, stellt seinen Hut auf die Bank, nimmt den Spiegel und ordnet cokett Haare, Travate u. s. w ) Fleckelb. Du bist ja ganz außer Dir— Schlanke! (blickt in den Spiegel und ordnet fich die Haare). Ja. jetzt bin ich ganz ein anderer Mensch geworden — mit der Bettlerei hat's jetzt ein Ende, es war auch schon die höchste Zeit, mich hat's Betteln gar net recht gefreut — wirklich gar kein Animo Hab' ich mehr g'habt zum Betteln. (Legt dm Spiegel auf die Baak, nimmt ein zerrissene- Sacktuch auS der Tasche uad glättet damit seinen zerknitterten Hut) Fleckelb. Warum denn auf einmal? Schlanke!. Mir san die aufgeblasenen Manieren von die Leut' so z'wider — die G'schichten und die Sachen. — Mancher glaubt man soll ihn erst recht schön bitten, er möcht a Bisl was hergeben — so noth- wendig will man fich auch net stellen — als wann man gar so drauf anstund auf die paar Reisch, so laßt man d' Leut' halt 13 laufen oder so a Kerl wirst eim's Geld hin, als wenn er Ein'm was schenket. Fleckelb (lacht). Das thun d' Leut ja auch! Schlanke! (bürstet seinen zerrissenen Rock und bläst mit komischer Delikatesse Flanmen und Stäubchen von den geflickten Aermeln). Net wühl is, sie zahln den Kunstgenuß — wir fingen an um ihna Geld — aber jetzt Hab' ich und mein Weib anderthalb Stunden Duett g'sungen miteinander — was hab'n wir g'löst — dreißig Kreuzer, 's is a reine Bettlerei. Fleckelb. Sei froh, daß dasGeld hast! Schlankel. Ich saget noch nix, wenn man sich um das Geld noch manchmal ein guten Tag anthun könnt', aber der Gulden wein ist net zum Trinken, die Brathändeln find a net mehr gut, die Zuckererbsen find noch net da, und an Spaigel Hab' ich mich abgessen. Fleckelb. (ironisch). Und mit Kapaunern Warten s ein Bettelmann nicht auf in die Häuser. Schlankel. Ui, in die Häuser geh' ich schon gar nicht, da geben's, einem so ordi när'n Rernken Brot und eine aufgewärmte Zuspeis, mir widersteht's — ich müßt's höchstens ein' Bettelmann schenken. Flkckelb. (steht aus und sein Werkzeug zu« sammenpackind sagt er lachend). Narrendattel! Schlankel. Wenn ich noch denk' an mein ehemalige Kost! Ich hör' noch den SpeisenkeUner von der .blauen Flaschen*, wie er sagt : Hab' die Ehr'. Herrvon Schlau« kel, ein schöner Rostbraten ist fertig. Beef« steak mit Eroäpsel — 's Schöpserne ist delicat, auch's Kälberne von der Nieren ist heut ausgezeichnet. (Schnalzt mit der Zunge.) Fleckelb. (hat seine Werkbank üb,r dir Achsel genommen und kommt vor) Du hast überhaupt noble Gusto nicht nur beim Essen allein, gestern am Abend zum Beispiel Hab' ich Dich', ein'm säubern Madel nachsteigen g'sehen — mir scheint — mir scheint (droht mit dem Kluger). Schlankel (den Unschuldigen spielend, mit! verlegenem Lächeln). Nein — auf Ehr — meiner Six — Du wirst doch nicht glauben — was fällt Dir denn ein? Fleckelb. (schüttelt zweifelhaft dm Kopf)' Na. ich weiß nicht — Schlankel. Nein! nein! nein! Was Hab' ich denn sagen wollen —ja richtig, die Rest muß augenblicklich z'Haus kommen, gleich werd ich's hinschicken mein Weib. — Aber Du, Fleckelberger, weißt, wenn mein Weib da ist. mußt solche Sachen nicht reden. Du weißt wie die Weiber find — wenn eine Frau ein hübschen Mann hat. so bild't sich so a Frau gleich allerhand ein, und ich bin ganz unschuldig. (Harmlos.) Na ja. so a jungs Mädl geht oft allein auf d' Nacht, sie fürcht' sich in der Finster — man spricht ein paar Worte auf sie, man begleit' sie zu Haus — mußt nichts sagen. Fleckelberger - mußt nichts sagen — (Ruft)Regmerl! Reginerl! (Schnell fin das Hau- rechtS ab.) Fleckelb. (für sich). DerSchnipfer hat's faustdick hinter die Ohren. (In dre erste Lou« iisse recht» ab.) Fünfte Scene. Emmenthaler (umringt von den Mädchen), Tini, Pauline. Louise.Bertha, Rosa, Kathi, Laura, Jette (kommen au» dem Hintergründe link»). Alle Mädchen (verschiedenfarbige Briefe in dm Händen und durcheinander sprechend)- Lieder Emmenthaler. find's so gut — ha- ben's die Güte — thun's mir die Freundschaft — find's so gefällig — ich bitt' Sie recht schön u. s. w. Emm. Aber, meine Damen. Sie schaun meine Hosensäck' fürBrieskafteln und mich selber für einen Postillon d'amour an! Tini. Sind's nicht bös.*daß wirJhnen auf der Gaffen anfallen als wie die beiden Graseln, aber bei der Arbeit darfen wir unsere Liebesangelegenbeiten nicht verhandeln, sonst macht uns die Madame em Mordspectakel! — 14 — Louise. Mein Brief g'hört für den saubem Kadetten, Sie wissen's eh! Emm. Ich weiß—ich weiß.Ihre Liebe war nie platonisch, sondern immer streng militärisch. Geben's die Liebesbrieferl her, meine Damen, ich werd' sie an die Stamm - gäst' von der Gemächlichkeit besorgen und allenfallsige aütige Aufträge auf das Prompteste erledigen — Tini (ihm ihren Brief überreichend). Fra- gen's mein Gustav, ob^er mich am Sonntag zum Schwender führt. Jette (wie oben). Der Jean soll mir seine Fotografie schicken. Bertha (ebenso). Mein' Carl laß ich sagen, ich macht'wieder einmal den Ziehrer hören! Laura (ebenso). Mein Fritzel soll Karten nehmen ins Kärntnerthor! Kathi (ebenso). Und ich macht' mit'n Josef in die Knödelhütten gehn! Alle Mädchen. Bis morgen müssen wir Antwort haben! Emm. Ich werde ganz Auskunftsbureau für Liebesdienstsuchende aller Gattungen sein. (Au- dem Hause rechts hört man die streitenden Stimmen von Schlanke! und Frau Regerl.) Schlankel. Die Refi muß z'Haus kommen, ich bin Herr im Haus — und kann daher befehlen, was ich will. Regerl. Ja versteht sich! das werden wirschen. (Sie streite» unverständlich fort.) EMM. (blickt durch daS offene Fenster). Herr Schlankel macht sein Weib wieder ein Krawall! Alle Mädchen. Hören wir zu! Schlankel. Ich geh' jetzt zum Grafen hin und wannst Dich am Kopf stellst! Regerl. Probir's nur, ich werd' Dich schon koramifirkN. (Streiten fort.) Emm. Wenn ich die Frau Regerl hör', so glaub' ich. meine Frau discurirt mit mir! Die Mädchen (lachend). Das ist wahr! (Aus dem Hintergründe wie au- den ersten Lou» rlisseu link- und recht- kommen eine Menge Leute, durch den Lärm herbeigelockt, und versammeln sich um das Hau- rechts. — Aus der Schlaffer» Werkstatt die Gesellen und Lehrjungen, von rückwärts der Fiaker Wiff und die Schusterbuben Natzl und Toni.) Sechste Scene. Natzl und Toni. Ui, da gibt's a Hetz! Wiff. Die Bettelleut streiten! (Man hört im Hause Geräusch von zerschlagenem Geschirr.) Schlankel (schreit). Au weh, mein Kopf! Emm. Jetzt hat ihm sein Weib ein Fleischhäfen ins G'sicht g'worfen. Natzl (blickt ins Fenster). Er bind' sich a Tüchl um'n Kopf! Wiff. Daß ihm der Ulmer net auseinanderfallt. (Gelächter, man hört drinnen wieder Geschirr zerbrechen.) Schlankel. Ah! das ist jetzt schon das zweite Häfen! (Draußen Gelächter.) Regerl. Du bist net anders zu curiren! Natzl. Machen wir ihm a Katzenmusik. (Pfeift.) Toni. Gilt schon, pfeifen ma's aus. (Die beiden Buben lassen schrille Pfiffe tönen.) Wiff. Ich bin der Kapellmeister von der Banda. (Pfeift ebenfalls; Gelächter.) Emm. Das sind kecke Schlüpfer! Siebente Scene. Elf. (eilt au- dem Hintergründe links). Was gibt's denn da? Martin. Der Schlankel und sein Weib busseln sich ab. (Gelächter.) Eis. Ah, der Schlankel is rebellisch worden! — Na wart! Du paß auf — Dir werde ich jetzt die Leviten lesen! Wiff. Recht ist's, Herr Eisenfest, machen'-ihm ein rechten Scandal! Natzl und Toni (vor Freude springend). Das wird a Hetz! Alle. Da kommt er grad heraus! — 15 Achte Scene. Schlanke! (erscheint unter der Thür, um den Kops ein Tuch gebunden, mit einem blauen Auge, rothaufgelaufener Nase, ruft zurück). Und justa- ment geh ich zum Schwalischer! Regerl. Geh zu und nimm das auch mit. (Wie sich Schlanke! zum Gehen wendet, fliegt ihm aus der Thür ein Häfeu nach.) (Die Versammelten brechen in ein lautes Halloh und Gelächter aus.) Gis. (der ernst geblieben ist, tritt Schlanke! entgegen). Halt! Schlanke!. Laffen's mich fort, ein alter Schwalischer hat mich bitten lasten. Eis. (streng). Sie bleiben da, sag' ich! Alle. Ja dableiben! dableiben! Natzl und Toni. Hierbleiben! Hierbleiben muß er! Eis. Es ist die höchste Zeit, daß ich wieder einmal deutlich red' mit Ihnen. Schlankel(für sich). Der wird mir jetzt glei wieder die Red' halten, die er mir seit zwanzig Jahren täglich vordeclamirt, ich weiß auswendig, was jetzt kommt! Elf. (der mit einigen Leuten gesprochen). Das ist ja a Schand' und a Spott mit Euch — es muß Einem, meiner Sees, die Galt aufsteigen, wenn man solche Leut' steht ohne Ehr' und Reputation! Alle. Wahr is! Schlanke! (bei Seite). Jetzt kommt was von einer dahergeloffenen Bagasch — Eis. Der ganze Grund hält sich darüber auf— links und rechts find lauter ehrenbrave Leut' und mitten logirt so a dahera'loffene Bagasch! Alle. Recht hat er! Schlanke! (bei Seite). Jetzt kommt was vom elenden Tagdieb! Gis. Alle Leut am Grund find thätig und fleißig und arbeitsam und so ein starker Mensch hat seine graden Glieder, und ist nichts als a Taadieb, ein elendiger! — Alle. Bravo! sehr gut! Schlanke! (bei Seite). Jetzt kommt was von ein Hausknecht! Eis. Schämen thät' ich mich, wenn ich soeing'sunder, riegelsamerMannwär', und macht' den ganzen Tag umalauln, ich ginget lieber als Hausknecht wohin! Alle. Recht hat er, wahr is! Schlanke! (bei Seite). Jetzt kommt was von bratene Vögeln! Eis. Aber vom Arbeiten woll'n solche Leut' nicht's misten, da leben's lieber alla cavallo in den Tag hinein und glauben, es fliegen ihnen die bratenen Vögel ins Maul. Alle. Bravo! Ausgezeichnet! Schlanke! (bei Seite). Jetzt kommt was von an Hackstock! Eis. (immer aufgeregter). Zu so ein' Faulenzer, zu so ein Vagabunden kann man aber sagen, was mau will — es ist grad als wenn man zu ein Hackstock redet! Alle. Sehr gut! Schlanke! (bei Seite). Jetzt kommt was von die b'soffenen Wirthshausbrüder! Els. So ein Menschen kost's nur ein Lacher, wenn's manchmal wegen seiner Faulheit z'Haus net z'sammgeht — und statt daß so ein Mann desto fleißiger dazuschauen sollt', da setzt er sich zu die andern Männer ins Wirthshaus, und da wird Karten g'spielt und kritisirt — ein Krügel nach dem andern abig'schütt' und eher is kein Ruh, als bis Alle miteinander ein großen Familienrausch haben, die b'soffenen Wirthshausbrüder! Alle. Bravo! Bravo! Schlanke! (bei Seite). Jetzt kommt was von Hopfen und Schmalz! Eis. Wenn ich mich wiederholen wollt' so könnt' ich Ihnen noch mehr sagen, aber 's is Schad'um ein jedes Wort, denn bei so einem Kerl da is Hopfen und Schmalz verloren. (Hat sich in immer größeren Zorn hin- eingesprocdkn und eilt jetzt wüthend in sein HauS links ab.) Alle (applandiren und rufen). Bravo! Bravo! Herr Eisenfest! Natzl. Der hatihm's geignet! Schlanke! (ebenfalls, wie Eisenfest ad ist, in Zorn auSbrtchead). Sv geht das seit — 16 — zwaozib Jahren fast alle Vormittag und Nachmittag! WaS mir der Lump schon für Sottisen angethan hat, das glaubt gar kein Mensch, wenn man's Jemand erzählt. Herentgegen sag' ich a, zwanzig Jahr' Hab ich jetzt ruhig zug'schaut, weil ich mir denkt Hab, der Kerl wird doch einmal anders werden, aber weil ich seh — es nutzt nix und er hat einmal kein Einsehen und er wird einmal nicht anders — und was man thut — und was man sagt — nix ist recht — jetzt werd' ich andere Saiten ausziehen. (Nach dem Hause liukr drohend:) Du kommst mir noch einmal, wenn ich jetzt beim Grafen war und wieder reich und nobel bin, Du kommst mir nochmal und machst mir ein Scandal — nachher werd' ich mit Dir reden, aber aus einem andern Ton. (Macht pantomimisch heftige- Prügeln und ruft auS .) So! und so! Und so! — (Hat sich ebenfalls in immer größeren Zorn gebracht und eilt mit den wüthendsten AuSrusen:) Wart, Du Dickschädel! wart, Du Dickschädel! wart. Du Dickschädel! (Immer nach dem Hause link- drohend in den Hintergrund ab.) Alle Anwesenden (lachen ihm höhnisch nacb). Gruppe. Drittes Bild. Wäscher-Lori und Deutschmeister-Scham. Personen. Die Wäscher.Lori. Der Deutschmeister-Schani- Emmrnthaler. Lordula, seine Frau, Inhaberin eine-Modisten- geschäfteS. Thrcla, beider Tochter. OctaviuS, L.avirrlrhrer. Rest, Dienstmädchen. Tivi, ^ Paaline, s Modistinnen bei Frau Lordula. Louise, t Bertha. j Katht, t Laura, ! Modistiuueu bei Frau Lordula. Jette, s Putzweg, SchuhwtchSfabrikant. Leopold, sein Sohn. Brauser. Ztegeuheia. t Lüftl, s Studenten und Freunde Leopolds, «agl, j Hutschenpserd- Lin Briefträger. Nachbarn, Nachbarinnen a. s. w. Zum Schluß: Großes Ensemble-Quodlibet. Sreur in Lmmrnthaler'S Dohaaag. 17 GroßrS Zimmer bri Emmenthaler, Mittel- und Seitenthüren. ES ist Abends, an einem runden Arbeitstische links, auf welchem mehrere Lampen stehen, die da- ganze Zimmer beleuchten, der mit farbigen Putzwaaren, Bändern, Stoffen u. s. w. bedeckt ist, fitzen Tini, Pauline, Louise, Bertha, Rosa, Kathi, Laura. Jette mit der Arbeit beschäftigt. In den Ecken de- Hintergründe- große Stellagen, aus welchen ebeasall- Damrvhüte und Putzwaaren hängen. Erste Scene. (Beim Aufziehen de- Vorhänge- lachen alle Mädchen laut durcheinander, rufend l) Das ist köstlich! Sehr gut! Famos ! Zweite Scene. Rest (eilig au- der Seitenthür recht-). Still UM Alles in der Welt, wenn Ihnen die Frau hört! sie ist grad' wieder in einer Rage, daß man glaubt, sie wird jetzt und jetzt beim Rauchfang außifahr'n! Tini. Wie gewöhnlich über ihr'n Mann; der arme Mensch kann gar nichts dafür, der Herr steht zufällig beim Fenster und schaut hinab, drunten geht g'rad so zufällig ein junges frisches Mädchen auf und ab und schaut herauf, und er kratzt sich unglücklicher Weise die Nasen, die Frau bemerkt's. und eifersüchtig wie sie ist. halt' sie das für ein verabredetes Zeichen, was der Herr dem Wäschermädel gibt, springt's von der Jausen auf und die Strafpredigt geht an! Dritte Scene. Briefträger (durch die Mitte, einen Brief in der Hand, die Adresse lesend). Theresia Striegler! Resi. Das bin ich! Briefträger (ihr den Brief gebend). Sie haben einen Brief! Schamster Diener! (Ab.) Resi (hat den Brief rasch geöffnet, liest). Reizende Resi! Schönste der Schönen! und als Unterschrift bloß ein L., daS ist von mein' Leopold. Alle Mädchen. Was schreibt er denn? Resi. Pst! die Frau darf nichts hören; Sie wissen, die ist wie eine Furie hinter allen Lieb'Sg'schichten her. den ganzen Tag Hab' ich schon nicht aus dem Haus und mit mein' Poldl red'n können, darum schreibt er mir jetzt. vim. rhkatri-Ntp Sk. »»4. Louise. Lesen's laut, ich Hab' d'Liebs- brief für mein Leb'n gern. Resi (liest). »Seit einem ganzen Tag, der mir zu ein' Schaltjahr geworden ist, habe ich Dich nicht mehr gesehen, obwohl ich heute schon 10 Stunden bei eurem Fenster auf- und abgegangen bin. Jetzt reißt mir aber die Geduld, ich muß in deiner Nähe sein und geht's wie der Well'. (Spricht.)Was erfür hübscheAusdrück' hat! (Liest.) Du hättest Dich gewiß auf eine Diertelstund' frei gemacht, wenn es möglich gewesen wäre, aber Dn hast mir schon oft gesagt, deine Frau ist ein Drache, sie darf nichts merken, daß wir ein Liebes- verhältniß mit einander haben, darum bin ich auf einen Plan gekommen, ich werde mich nämlich unter irgend einem Vorwand, nicht als das, was ich bin. sondern in andern Kleidern als unscheinbares Wäschermädl heute noch in deinem Hause einfinden, die Tochter unserer Milchfrau, welche für die Leut' wascht und allgemein die Wäscher-Lori heißt, hat mir ihr ganzes G'wand geliehen. Du wirst mich also heut' noch als Wäscher- Lori bei Dir sehen. Ich kann so, ohne den Verdacht deiner Frau zu erregen, immer ein paar Stunden in deiner lie den Nähe sein und Dich für die Leiden tröst en. welche Dir die Bisgurn, deine Frau, bereitet. Mit aller Achtung und Liebe L.* (Alle Mädchen außer Rest brechen in laute- Gelächter au- und rufen:) Düs wird a Hetz, als Wäschermädel kommt er. und heut' noch Tini. Der Schlüpfer iS vielleicht schon draußt! Resi. Mir geht ein Licht auf. das Wäschermädel, was zuvor bei unserm Haus auf und ab patrollirt is und immer heraufg'schaut hat, war er! 2 18 Pauline. Schon möglich, da wird er auch bald da sein. Resi. Wenn nur die Frau nichts bemerkt. Louise. Wie denn? Wir verrathen nichts und kein anderes Frauenzimmer weiß davon, denn unsere Fräul'n ist im andern Zimmer und hat nichts davon g'hört! Tini. O, die thät' auch nichts davon sagen, die muß sich selber hüten vor der Mutter, daß die nicht aus ihren Techtl- mechtl mit ihr'm Klavierlehrer kommt. (Man hört draußen eine Glocke.) Resi. Pst! die Thürglocken geht, es ist der Klavierlehrer! Vierte Scene. Oc ta v iu s (durch die Mitte). Guten Abend, meine Damen; ist Fräulein Thecla zu Hause? Fünfte Scene. Thekla (aus dem Seitenzimmer links). Hier, lieber Octavius! Octavius. Theuerstes Fräulein Thecla! (Eilt aus Thecla zu und küßt ihr stürmisch die Hände.) Thecla. Ich Hab' Ihren Fußtritt schon auf der Stiege erkannt. Kommen Sie zum Klavier. Mache Licht im Zimmer, Refi! (Octavius und Thecla links ab ) Resi. Gleich! (Geht schnell zu einem Tisch rechts, auf welchem eine erleuchtete Lampe steht, legt eiligst den Brief, welchen sie noch in der Hand hat, auf den Tisch, ergreift die Lampe und folgt Thecla.) Sechste Scene. Kordula (hinter der Scene rechts). Ich sag' Dir's jetzt zum letzten Mal, wenn mir das noch einmal geschieht, so laß ich mich von Dir scheiden. Siebente Seene. Emm. (im Schlafrockk und Zipfelmütze, eine lange Pfeife in der Hand, kommt zornig aus der Thür recht?, zurückrufend.) lind ich sag' Dir's, wenn Du noch nicht bald aufhörst, so werd' ich mich mit bewaffneter Macht umgeben, Du weißt, in unserm Haus ist ein Deutschmeister einquartirt. Achte Scene. Kordula (ebenfalls zornig, auS der Thür rechts). Wegen meinerein ganzes Bataillon, wann mir als Ehegattin nahe getreten wird, so fürcht' ich den Satan nicht. Mit dem Wäschermädel, was unten auf und ab marschirt, ist es nicht recht richtig; sie hat auf Dich g'schaut. Emm. Unsinn! eben so gut könnt' ich sagen, der junge Pflastertreter, der fast den ganzen Tag auf der Wacht g'standen ist, hat mit Dir cokettirt! Cordula. Das ist auch möglich, aber Du hast Dich wegen meiner nicht zu fürchten! Emm. Wegen mir brauchst Du auch keine Trema zu haben, und jetzt laß mich in Ruh', ich Hab' nicht einmal noch mein Jausenpfeifchen rauchen und die Zeitung lesen können. Wo ist denn ein Fidibus? Ah, da! (Nimmt den Brief, welchen Refi aus den Tisch legte, dreht ihn zusammen, zündet ihn an der Lampe an und dann die Pfeife.) Cordula (für sich). Der Mann ist mir nicht zu g'scheit', da gibt's ein Techtlmechtl, ich Paß' auf wie eine Haftelmacherin. Was verbrennt er denn da für ein' Brief? Ein rothes Siegelack ist d'rauf, das ist ein Liebesbrief. (Emmenthaler wirft das halbverbrannte Papier aus den Boden, tritt es aus und setzt sich dann mit dem Rücken gegen Eordula zum Tisch rechts, zieht eiue Zeitung aus dem Sacke, liest.) Cordula (ist schnrll hinzugetreten und bat orn Brief vorsichtig rasch aufgehoben). Die Hälfte ist verbrannt, aber es steht noch genugda! (Liest.) »Du hast mirschon öfters gesagt, deine Frau ist ein Drache, sie darf IS nichts merken, daß wir ein Liebesverhält- niß mit einander haben, darum bin ich auf einen Plan gekommen; ich werde mich nämlich unter irgend einem Vorwand nicht als das, was ich bin, sondern in anderen Kleidern als unscheinbares Wäschermädl heute noch in deinem Haufe einfinden. Die Tochter unsrer Milchfrau, welche für die Leut' wascht und allgemein die Wäscher-Lori heißt, hat mir ihr ganzes G'wand geliehen, Du« wirst mich also heute noch als Wäscher-Lori bei Dir sehen, Ich kann so ohne den Verdacht deiner Frau zu erregen, immer ein paar Stunden in deiner lieben Nähe sein, und Dich für die Leiden trösten, welche dir die Bisgurn, deine Frau, bereitet. Mit aller Achtung und Liebe. L.« (Sie hat mit immer steigender Wuth gelesen, der Brief zittert in ihren Händen, außer sich bei Seite.) Wasser, Luft, Erde, vers linge mich! (Sich fassend) Aber nein, nein, gleich geh' ich nicht los, ich will die Person erst ab- warten, aber mein Mann werd' ich ein' klein' Deuter geben. (Tritt hastig an Cm menthaler heran, schlägt ihn auf die Schulter und ruft laut.) Emmenthaler! Emm. (springt erschrocken auf). Was gibt's? Cordula. Ein L. gibt's; eine Leopoldine, eine Laura, eine Lennerl oder Lori kommt in's Haus, da steht's schwarz auf weiß. Neunte Scene. Resi (tritt aus dem Zimmer links und sieht den Brief in Cordula'S Hand). Mein Brief! Emm. (erstaunt zu Cordula), klnd was gibt's weiter? Cordula. Nichts, ich werd' schon dafür sorgen,daß nichts Weiteres gibt, aber reden muß ich mit der Person, die den Brief g'schrieben hat, kurios reden. Resi (bei Seite). Mein Poldl kommt in ein' gräßliche Wäsch'! (Man hört draußen die Thürglocke.) Cordula. Die Thürglocke geht, sie wird'ssein, ich werd'sie selber empfangen. (Bei Seite.) Aber glei werd'ich nicht massiv, die Sottisen kommen erst später. (Hastig durch die Mitte ab.) Emm. Da kennt sich der Teufel aus! < Die Mädchen lachen heimlich und stecken flüsternd die Köpfe zusammen, indem sie neugierig nach der Thüre blicken.) Zehnte Scene. (Leopolds und Cordulas Stimmen draußen) Leopold. Schamer Diener! Hab die Ehr', bin ich hier recht beim Herrn von Schmerzenreich? Cordula, (in freundlich gereiztem Ton). Ja, hier kommen's schon zurecht, bitte nur hereinzuspazieren. Eilfte Seene. Leopold (erscheint in der Mittelthür in der Tracht eines Wäschermädchens in kurzem Rock, weißen Aermeln, mit bloßen Armen, weißer Schürze, blauen Strümpfen, ein gelbes Tuch um den Kopf geschlungen u. s. w. hinter Cordula). Leopold (sehrlebhaft). SchamerDiener! — Hab die Ehre — mein Compliment — wünsch guten Abend allerseits. Resi (bei Seite). Er ist's! Leopold (erblickt Resi und ruft laut und freudig).' Sie is! — sie is! — Resi — Resi, meine liebe, liebe Resi! (Stürzt auf Resi zu, umarmt und küßt dieselbe feurig.) Cordula (bei Seite) Aha, die Resi ist der Vorwand! Leopold (zu den Ucbrigen). Nix für ungut, daß ich so unbekannter Weis' da- hereinkomm und mir nix dir nix der Resi um den Halsfall, aber die Freud' ist dran Schuld, die Resi ist mein' entfernte Schwester und ich ein entfernter Bruder, eine entfernte Godel von ihr. — Sie werden also schon verzeihen, daß ich so frei bin, aber mein Herz treibt mich dazu an, denn ich bin vom Land und wir Land- 3 * 20 modln haben halt schon so kühlvarme Herzen. (Küßt fik wieder.) Emm. Ich weiß net, das Madel kommt mir so bekannt vor! Eordula. Ah. das glaub' ich! (Zu den Mädchen.) Feierabend ist, Mädeln, im Vorzimmer liegen euere Mäntel und Hüt', zieht's Euch an — und geht's z'Haus. Ti)li (halblaut zu de» Mädchen). Wir bleiben im Vorzimmer. (Die Mädchen nicken bejahend und entfernen sich durch die Mitte.) Cordula. Du Refi gehst in d'Kuchel und richtest das Nachtmahl. (Refi will gehen.) Leopold (rasch). Da geh ich mit! Cordula (entschieden zu Leopold). Sie bleiben da! Ich Hab' mit Ihnen zu reden, ganz allein zu reden, drum schick ich Alle fort! Leopold. Aber — Cordula (streng). Still, sag'ich! — Du, Emmenthaler, gehst ins Zimmer und rührst Dich nicht vom Fleck — Marsch! (Deutet nach rechts.) Emm. (bei Seite). Mir scheint, da gibt's ein'Krawall,ichhorchbeiderThür.(Rechtsab.) Nesi (eilig und halblaut zu Leopold). Courage! wenn sie's zu arg macht, komm' ich als Arrieregarde. (Durch die Mitte ab.) Leopold (kennt sich nicht aus). Was soll denn das heißen? (Pause.) Zwölfte Scene. Leopold — Cordula (hatanderThür rechts wir an der Mittelthür gelauscht, ob Alles ruhig ist, endlich kommt fir vor, faßt Leopold an der Hand und spricht in ernstem Ton). Jungfer Godl! hören'S mich an—die ganzeLebens- a'schicht, die Sie uns früher erzählt haben, ist von A bis Z erlogen — Sie geben sich wegen einem Liebesverhältniß für eine Jungfer Godl aus, und find keine — Leopold (bei Seite). Sie weiß alles! Cordula. Seit 2 Stunden gehen Sie bei unsere Fenster auf und ab und coket» Liren herauf, mit meinem Mann kokettirten Sie, und wegen meinem Manu find Sie auch da. Leopold (bei Seite). Sie weiß gar nichts! Cordula. Mein Mann ist schwach wie alle Männer, wär' er so charaktervoll wie ich, ich thät' gar kein Wort verlieren. Den ganzen Tag geht ein junger Herr um's Haus herum und sucht was mit die Augen, — ich weiß schon was er sucht, mich sucht er, — aber wie gesagt, ich bin eine charaktervolle, honette Frau und Hab' d'rum höchstens ein wenig hintern Vorhang 'nunter z'g'schaut — Leopold (von einer Zdee ersaßt, bei Seite)- Eine Idee! Cordula (streng). Sie find aber so keck, sogar hieher ins Zimmer zu kommen, um in der Nahe von meinem Mann zu sein. Nicht wahr, Sie wundern sich, daß ich das Alles weiß, und so genau weiß?—Wenn's nicht so ist, so reden's! Leopold (bei Seite). Jetzt, Frechheit, steh' mir bei! Cordula(noch strenger). Reden's sag'ich, wenn's nicht so ist! Leopold (sich gedeimnißvoll umblickend). Es ist so — ich bin keine Jungfer Godl — Sie haben auch vollkommen recht, daß Sie so bös find auf mich, stundenlang geh ich schon ums Haus herum und schau auf die Fenster. Abends ist auch schon — die Gaslatern haben's grad angezündet — ich kann mir's denken, in was für ein' schlechten Licht ich da g'standen bin. — Cordula. Na, ob! Leopold. Aberichbin.wie gesagt, keine Jungfer Godl — O nein, ich bin ganz wer Anderer, ein Jemand, den Sie heute stündlich, ja minütlich g'sehen haben. — Werfen's nur ein' Blick auf meine Augen, auf mein Mund, auf meine Nase und das G'ficht wird, das G'sicht muß Ihnen einfallen! Cordula (steht ihn genau an). Bekannt find mir die Züg' — ich möcht' beinah' sagen — Sie schauen aus — Leopold (rasch). Wie der junge Mann, 21 der heut' den ganzen Tag auf und ab ge« gangen ist, und wie Sie selber sagen, mit alle zwei Augen sucht, ich heiß Isidor Lindenblüh, ich — ich bin der junge Mann — Cordula (überrascht). Sie wären — Leopold (geheimnißvoll). Pst! der Herr Gemal darf nichts davon erfahren, ich habe diese Verkleidung gewählt, damit er nicht den geringsten Verdacht schöpfen kann, daß ich in seine Frau so rasend verliebt bin — Cordula (geschmeichelt). Schnipfer! Leopold (feurig). Jetzt bin ich da, und jetzt bleib' ich da; und zu Dir bin ich gangen, denn zuDirhat's mich g'freut — und jetzt geh' ich net mehr fort, außer Du gehst mit mir! — Cordula (erstaunt). Wohin denken Sie? Leopold Wohin? das weiß ich noch nicht — aber jedenfalls an einen stillen ländlichen Ort. für die Liebe geeignet, nach Gumpoldskirchen, nach Gablitz, nack Stockerau, ins Lerchenfelb, wo in die Häuserkörbeln die Pommeranzen blühn, oder nach Breitensee, wo die Rwsenknödln wachsen. Cordula. Es ist nicht möglich! Leopold (dringmd). Wenn Du schon nicht mit mir gehst, so gestatte mir wenigstens, daß ich täglich in dieser Kleidung ein paar Stunden ins Haus kommen darf (Emmenthalrr'S Kops erscheint an der Thür rechts.) Cordula. Das eher! Leopold (entzückt). Sie willigt ein! O ich glücklicher Kerl! Emm. (erstaunt, für sich). Kerl? Leopold. Ich kann die Wonne gar nicht fasten, zum Beweis der Wahrheit einen Kuß! Cordula. Da, junger Mann. (Neigt sich zu ihm, er will sie küssen.) Dreizehnte Scene. Emm. (stürzt wüthend zwischen beide » schreit) Bagasche! Cordula und Leopold (fahren entsetzt aus einander). Cordula. Mein Mann! Leop. Ui Jegerl! EMM. (wüthend zu Cordula). Bin ichDik endlich auf deine G'schichten kommen? Das Wäschermädel ist also ein Mann und Du hast ein schmutziges Derhältniß mit ihm? Cordula. Unfinn — ich, eine Mutter mit einer erwachsenen Tochter — Leop. (bei Seite). Erwachsene Tochter? Emm. (zu Leopold). Und Sie, Mord- schnipfer, Sie haben meine Frau küssen wollen? Behaupten Sie vielleicht auch, daß da keine Liebschaft dabei ist? — Leop. Ja — Sie haben schon Recht — eine Liebschaft ist dabei — aber nicht eine Liebe zu ihrer Frau, nein, eine glühendheiße Liebe zu Ihrer erwachsenen Tochter. Cordula. Was? Leop. Nur eine Ausrede! (Zu Emmenth.) Ja, ich liebe Ihre erwachsene Tochter so glühendheiß, wie alle erwachsenen Töchter, darum Hab' ich die Mutter auch um die Hand der Erwachsenen gebeten, sie hat eiugewilligt, in 14 Tagen soll Hochzeit sein, nnd zum Beweis der Wahrheit Hab' ich einen Kuß verlangt. Emm. Das kann ich glauben und bleiben lassen auch. Leop. Wenn Ihre Tochter da wäre, dann könnten Sie's selber fragen, ob das Derhältniß nicht besteht. Vierzehnte Scene. (Thecla und Octavius, den Hut in der Hand, find, während der letzten Rede auS der Thür links getreten, OctaviuS sich verabschiedend, küßt Thecla die Haud). EMM. (erblickt Thecla). Da ist fie. Leop. (erschrocken bei Seite). Oh verflucht! EMM. (führt Thekla vor Leopold). Thecla, schau' Dir dieses Mädchen an, es ist ein Herr und dein Geliebter, der sich in dieser Verkleidung hereingeschlichen hat), — er will um deine Hand anhalten und in 14 Tagen Hochzeit machen! 22 Octavius (drr erstaunt zugrhört, stürzt wüthrud auf Leopold vor). Das ist unmöglich, denn heute noch breche ich ihm den Hals. Leop. (bei Seite). Der auch! Octavius (zu Thecla). Thecla —Thecla — theclariren Sie sich — ist dieser Mensch wirklich Ihr Geliebter? Leopold (deutet ihr ja zu sagen). Thecla. Nein, ich kenne ihn nicht! Octavius. Also ein frecher Eindringling. der mir meine Geliebte rauben will. Cordula. t Wie? Emm. (erstaunt). ? Was? Leop. s Wann? Octavius. Es ist heraus — der Zufall hat mich gezwungen, es vor der Zeit zu sagen — ja, ich liebe Ihre Tochter und Niemand darf mir sie entreißen — gleich dieser Bursche hier soll fühlen — Leop. (retirirt schreiend). Aushalten — aushalten — ich bin gar kein Bursch — ich bin die Wäscher-Lori, ich bin ein Mädl. Emm. Das ist gar nichts als eine da- hergeloffene Personage, die ich gleich über die Stiege expediren werde. Alle. Ja, fort, hinaus! dort ist die Thür! Emm. Ueber die Stiegen hinunter! Octavius. Vorwärts! Marsch! (Drängen Leopold gegen die Thür.) Fünfzehnte Scene. (In der rasch geöffnrten Thür erscheint Rest in der Uniform eines DiutschmeisterS mit einem Schnurbart, ihr folgen die Mädchen Tini, Pauline, Louise, Bertha, Rosa, Kathi, Laura, Zette.) Resi (laut im Conrmandotone). Halt, ganze Compagnie! Emm. (läßt Leopold los). Unsere Einquar- tirung! Octavius (ebenso). Ein Deutschmeister! Resi (tritt vor). Ja, der Schani bin ich, wann's nix dawider haben, vom Regiment Deutschmeister Hoch und Nieder — und das ist die Wäscher-Lori — meine eiserne Partie. (Umschlingt Leopold schützend.) Cordula (wüthend). Also doch! Resi (streng zu Lordula). Kein Maun- getzer! — Sie sind ein hantigs Weiberl, wenn Sie auf ein Menschen was reden, so muß er gleich ein Stamperl Unblachten darauf trinken, daß ihm not schad't. (Zu Oc' tavius.) Und Sie gagelbamener Clavier- klampferer mit'n viereckigen Notenkopf, sprageln's die Eiserling aus. wie's wollen, aber bei meiner Partie heißt's: Not einmal rührt Dich an, sonst Werden s dem Erdboden gleich g'macht auf Ja und Nein — und jetzt schwenk wer ab. — (Lommandirt:) In Reihen links und rechts aufmarschirt! (Dir Anwrsrndtll treten recht- und links zurück.) Präsentirt! (Gkht, Leopold umschlungen haltend, nach der Thür während alle Anwesenden sich verbeugend sagen.) Hab' die Ehre, gute Nacht, empfehl mich! (geht die Thür auf. Putzweg tritt ein, ihm folgen Brauser, Ziegenhain, Lüftl, Nagl, Hutschenpserd.) Sechzehnte Scene. Putzweg (Leopold erblickend, ruft laut). Da ist der Bub! Leop. Mein Vater! P UtzW e g (breitet die Arme auS). Poldl, mein Sohn! Alle (außer den Angekommeoen sehr erstaunt). Was? Putzweg. Ja. mein Sohn ist er — wann er auch in dem Gewand ausschaut wie meine Tochter — das sind lauter Bekannte. die mir g'holfen haben, mein Buben suchen, die Wäscher-Lori hat mir Alles verrathen und ich bin her und will das Madl sehn, wegen derer mein Sohn solche Dummheiten macht. Leop. (führt Rrfi vor). Da ist meine Geliebte! Putzweg (erstaunt). Der Deutschmeister? Resi. Nein, der Dienstbot von dahier, die Köchin Resi! Der Deutschmeister in 23 unfern Haus hat mir die Montur und den Maskenbart geliehen, denn ein Soldat war schon nothwendig, um den Poldl wieder herauszubringen, die Gnädige da hätt' ihn bald am Kraut verspeist. Emm. (zu Leopold). Und jetzt thu ich's! Solche Scandale dulde ich nicht in mei» nem Haus! Quodlibet. Ehor. Gleicht das Leben nicht fürwahr Der Maskerade auf ein Haar. Wie das Leben wechselt so bunt und wild Dieß Wogen schnell das Bild! Emmenthaler (zu Refi). Ich will einmal wissen, Eh gib ich ka Ruh. Was er von Dir woll'n hat, Auf d' Nacht noch dazu, Drum soll er g'schwind reden, Eh süchtig i wir. Und ihn an der Längst Außi wirf bei der Thür. Resi. . Brüderlein fein! Brüderlein fein! Müßt ihm ja nicht böse sein, Er hat ja von mir nichts wissen wollen. Als ich hätt' ihn küssen sollen, Brüderlein fein u. s. w. Emmenthaler. Ja die jungen Herr n, Die möchten Alles gern, Glaub'n, sie dürfen allweil Hafer! sagen, D'rum wird er voll Schmerzen Ohne Gnad' und Herzen Bei der Thür da jetzt gleich draußen lieg'n! Ehor. Drum wird er voll Schmerzen Ohne Gnad' und Herzen Bei der Thür da jetzt gleich draußen liegen. Putzweg. Halt, i laß mit mein' Sohn nit so herumwerfen, ich gib meine Einwilligung zur Heirat. Leop. Vivat! (Umarmt Refl.) Resi (zu drn Mädchen). Holt's nachher mein Vormund, daß er auch seine Zustimmung gibt. Putzweg. Heut noch wird Verlobung g'feiert — Da sind hundert Gulden auf ein flottes Souper. (Gibt Emmenthaler seine Brieftasche.) Ehor. Hoch soll die Großmuth, Hoch soll die Großmuth leben, sie lebe hoch rc. Resi. rui dia da — ti68ka tiollca promm ti! rui dia da — dsi mi kudit8elllro pro- 8im ti! Emm. (hält die Brief tasche empor). Na so segn's! Ehor. Na so segn's, na so segn's. Fein manierlich in der Still, Es geht Alles, wenn man will. Na so segn's, na so segn's, Fein manierlich in der Still. Es geht Alles, es geht Alles, Wenn man will! Ehor (die beiden Liebenden umringend). Ja, möget Ihr froh und glücklich sein, Die Ihr Euch liebt so warm und rein. Möget Ihr froh und glücklich rc. Emmenthaler (zu Leop). Spielen Sie jetzt nimmermehr eine solche Lori! Ehor. Lori! Lori! Emmenthaler. Sonst erwisch' ich Jhna einmal bei die Ohri! Ehor. Bei die Ohri! Resi. Folget der glücklichen Braut Mit Gesang und mit Klang. Tanz und Saitenspiel Würzt der Stunden viel. Ehor. Folgt der glücklichen Braut rc. 24 Quartett. Auf der Simmeringer Had' Hat's an' Schneider verwaht, 's g'schicht dem Schneider scho recht, Warum naht er so schlecht! Warum, warum. Warum naht er so schlecht. Resi. Welche Seligkeit strömt durch meine Brust Und erfüllt mein Herz, Füllt mein Herz mit Götterlust! Alle. Weil wir heut' so froh und lustig sein, A gern fingen than. D rum lassen wir unsre Stimme erschallen In diesem Haus, San mit ein' Wort so frei Bei Allem gern dabei, Singen und jodeln glei, Wenn uns nur der Frohsinn lacht, Dann ist ja unser Glück So schon gemacht! Unser Glück schon gemacht! Gruppe. (Schluß der erstell Abtheilung. Viertes Bild. Sch nipser und Diebe. Personen. Schlanke!. Putzweg. Resi. Leopold. Alfred. Hellmer. Emmenthaler. Wicht. Cordula. Greif. Tini. Schlau. Pauline. Boxl, Gewölbwächter. Louise. Brauser. Bertha. Ziegenhaiu. Rosa. Lüstl. K a t h i. Nagl. Laura. Eine Militär-Patrouille. Zette. Die Handlung spielt zwölf Uhr Nacht- vor der Wohnung Emmenthaler'-. Straße. — Es ist Nacht. Recht- läuft die Seite eine- einstöckigen Gebäude-, die Fenster drö ersten Stocke- find geöffnet- Ober dem Thore ein Schild mit der Aufschrift: „Picksüß, Lebzelter " Links ebenfalls ein einstöckige- Ge» bäude mit erleuchtetem ersten Stocke, ober dessen offenem Thore eine Tafel mit der Aufschrift: ^Emmenthaler, Damenschneider." Ein kleine- Gebüsch im Vordergründe. — Der Mond steht im vollen Glanze am Firmament. 25 Erste Scene. (Beim Aufziehen des Vorhanges kommt auS dem Hause links Schlankel, welcher Rest, die noch in der Uniform ist, gewaltsam an der Hand nach sich zieht — ihm folgen Leopold, ebenfalls noch im Wäschermädchen «Kostüme, dann Emmenthaler, Cordula, Putzweg, Brauser. Ziegenhain, Lüftl, Nagl, Hutschenpferd.Tini,Pauline,Louise, Bertha, Rosa, Kathi, Laura, Jette, jede- der Mädchen einm Leuchter mit brennender Kerze in der Hand, damit während der folgende» Sceoeo die Bühne hell ist.) Alle ftumultuarisch durcheinander rufend). Was ist denn geschehen? Das ist ja ein Scandal! Der Mann hat ein Rausch! — Schafft's ihn fort! Schlankel (zu Rest). Fort von da — aus der Heirat wird nichts! Resi. Aber Vormund! Leopold. Was soll denn das heißen? Emm. Ja ich bitt' auch um eine Abschrift! Wir unterhalten uns jetzt schon die halbete Nacht, feiern die Verlobung, die Rest schickt fort um Ihnen in's Wirths« Haus, damit Sie als Vormund auch Ihre Heiratsbewilligung geben. — auf einmal stürzen Sie bei der Thür herein, schreien hellsaut: »Aus der Heirat mit dem Haus- herrnssohn wird nichts!« — und schleppen das Mädel hinaus. Schlankel (mit gekreu,ten Armm, vornehm). Glauben Sie. meine Nichte hat's noth- wendig, daß sie den nächsten besten Haus- herrnssohn, der daherg'loffen kommt, gleich Heirat'? Leopold (empört). Was daherg'loffen? Putzw. (ebenso). Sie müssen sich eine Ehre daraus machen, wenn Sie in eine solche Verwandtschaft kommen, wir sind angesehene Schuhwichsfabrikanten! Schlankel. Pfui Teufel! Leopold und Putzw. (zornig). Was? Schlankel. Thät mir grausen vor so einer Verwandtschaft! Leopold und Putzw. Da hört sich Alles auf! Emm. Glauben denn Sie, um Ihre Nichte wird ein Baron kommen oder ein Graf? Schlankel. Ist schon da der Graf! Rest. Was, Vormund? Schlankel. Ein junger Graf wünscht Dich zu besitzen. Rest. Wer hatJhnen denn das g'sagt? Schlankel. Mein Freund, der alte Graf, hat mich bitten lassen, und hat mir g'sagt, daß Dich sein junger Graf zu besitzen wünscht. Leopold (auf Schlankel weisend). Der ist verrückt! Schlankel. Das meint der alte Graf auch, darum hat er mich ersucht, ich soll dem jungen Grafen diese Idee ausreden, aber da werd' ich mich hüten. Leopold. Sie wollen — Schlankel. Wenn ein junger Graf einmal in der Liebe ist. so muß man einen jungen Grafen nichr stören in seiner Liebe. Leopold. Aus dem red't der Rausch! Emm. Nein, zufällig ist er nüchtern, gestern im Wirthshaus Hab' ich selber mit Bestimmtheit g'hört, daß ein Graf unter einem falschen Namen auf den Ball kommt, weil er in die Rest verliebt ist. Leopold (eifersüchtig). DasiftderNäm- liche, der mit Dir getanzt hat. — Rest, Rest, jetzt geht mir ein Licht auf! Du hast mich gestern fitzen lassen, obwohl wir schon verangaschirt waren, ich laß' mich aber nicht foppen, und so gern als ich Dich g'habt Hab', jetzt is aus! Ich laß' mir jetzt mein' Frack und meine Hosen holen und geh' dann fort auf immer. (Läuft in das Haue links ) Putzw. Recht hat der Bub', aus i's's mit uns! (Leopold nach, ab.) Resi (verzweifelnd). Poldl! Poldl! (Eilt weinend in da- Haus links.) Emm. Da haben wir den Palawatsch! Cordula. Das muß heut' Nacht noch 26 ausg'glichen werden, kommen's mit in -'Gesellschaft! Schlankel (vornrhm). Ich ginget mit, aber die Gesellschaft ist mir zu gemischt! Cordula. Wir können dort ruhig über die Sachen reden! Schlankel (hat Augengläser aufgesetzt, stolz vor sich hioblickend). Wenn die Gesellschaft nicht so gemischt wär', aber so ist mir die G'sellschaft zu g'mischt. Cordula. Aber es find ganz anständige Leut! Schlankel. Ich kann's halt einmal nicht leiden, wenn eine Gesellschaft so gemischt ist. Cordula. Sie werden sich sehr unterhalten! Schlankel. Wenn eine Gesellschaft so gemischt ist, das ist halt sehr schenant. Emm. (zornig zu Cordula). Laß' ihn geh'n den Schafskopf! Schlankel (achselzuckrnd). Sie bedienen fich so gemeiner Ausdrücke, weil Sie halt ein Mann find, der keinen Charakter halt besitzt. Emm. Ein Mensch, der glaubt, daß ein reicher Graf ein armes Dienstmadl heiraten wird, der ist bei mir ein Esel! Schlankel. Da kann man sehen, was das ist, wenn ein Mann keinen Charakter nicht besitzt. Emm. Geh'n wir z'Haus und sind wir froh, daß er nicht in unserer Gesellschaft ist, der Lump! Schlankel (achselzuckrnd mit Bedauern). Wenn ein Maun keinen Charakter nicht besitzt! Cordula (zu Hmmenthalrr im Abgehkn). Du hast Recht, er ist ein Vagabund! (Die Gesellschaft wild durcheinander im Abgrhen). Ein Landstreicher! Ein Säufer! Ein Faulen- zer! Ein elender Mensch! Ein erbärmliches Subject U. s. W. (Alle ab.) Schlankel (allein). 'S ist merkwürdig, daß manche Menschen gar keinen Charakter nicht besitzen! Zweite Scene. Alfred (einen großen Blumenstrauß in der Hand, rasch auS der ersten Loulisse rechts). Alfred. Ah. lieber Schlankel! Schlankel. Ah, lieber Springer! Alfred (eilig). Ich suche Sie schon den ganzen Tag. Sie haben mir immer meine Liebesgeschäfte besorgt. Schlankel. Das ist jetzt aus, ich zieh' mich z'rück, meine Nichte macht eine reiche Partie, ein junger Graf geht mit ihr! Alfred. Gratulire! aber nur heute Nacht sind Sie mir noch behilflich. Heute ist der Geburtstag meiner geliebten Therese, die ganze Familie ist in dem rückwärtigen Salon versammelt und feiert das Geburtstagsfest. (Deutet aus den ersten Stock des HauskS rechts.) Hier im vorderen Tract ist das Schlafzimmer meiner Therese, die Fenster find wegen der großen Hitze offen, kein Mensch befindet fich in diesem Theil des Hauses und deshalb Hab' ich meinen geheimen Kriegsplan! Schlankel. Ui je! Alfred. Hier in diesem Blumenstrauß steckt ein Gedicht, welches ich selbst für den Geburtstag meiner Therese verfaßt habe, nun möchte ich gerne, bevor Therese in s Zimmer tritt, diesen Strauß auf ihr Bett legen, und dieses Wagestück müssen Sie vollbringen. Schlankel (deutet auf den ersten Stock). Ich bin aber ka Katz oder a Fledermaus! Alfred. Darum müssen Sie eine Leiter besorgen; wenn Alles ruhig ist, dann treffen wir hier zusammen, und Sie steigen ein. Es kommen Leute, trennen wir uns jetzt. (Zn die erste Coulisse linkt ab.) Schlankel (allein). Heut' thu' ich wegen meiner noch mit. aber merkwürdig ist's, was so ein bürgerlicher Liebhaber für tölpelhafte Ideen hat, mein Schwiegersohn, der Graf, kommt gewiß nicht auf solche Gedanken! (In den Hintergrund ab ) 27 Dritte Scene. Hellmer, Wicht und Greiflaus der erste» Eoulissr rechts) Hellmer. Jetzt wird der Plan ausgeführt. den ich Euch gestern g'sagt Hab', eine bessere Gelegenheit kommt nicht mehr, da ist das Haus von dem Lebzelter Pick- süß, die ganze Familie ist im hintern Tract beisammen, d'rum steigen wir in dem vorderen Tract im ersten Stock ein. Wicht. Ist da was z'haben? Hellmer. Na, i mein's, da ist das Schlafzimmer, wo die Silberkästen und der Schmuck von der Tochter steht; Leitern zum Einsteigen kriegen wir ganz in der Näh', in der vorigen Wochen war im Wirthshaus daneben ein großes Feuerwerk. da liegen noch a zehn Feuerleitern im Garten. Finster ist's, es kann uns kein Mensch sehen, wenn wir s holen. Greif (halblaut). Stad sein, dort seh' ich zwei Gewölbwächter um's Eck kommen. Wicht. Die dürfen uns nicht beisammen sehen. Hellmer. Verschwinden wir! (AlleDrei schnell iu den Hintergrund.) Vierte Scene. Schlau und Vo^el laus der erstell Eoulisst recht-). Schlau. Wie g'sagt, Freund Boxel, heut' Nacht müssen wir zeigen, daß wir G'wölbwächter aus dem ? find, ich habe drei gerichtsbekannte Einbrecher durch die Gassen schleichen sehen, da heißt's auf- Passen. Boxl. Um die Zeit kommt meistens die Patrouille vorbei, ich werd's auf- halten. Schlau. Recht is, derweil patrouilli« ren wir selber in der Gassen auf und ab. (Beide in den Hintergrund ad.) (Der Mond wurde im Verlause dieser Cceor von Wolken bedeckt, e- ist fast gan; finster.) Fünfte Scene. Alfred (au- der ersten Loulisse link- mit dem Bouquet). Die Luft ist rein, wenn jetzt nur der Schlankel käme. Ach, ich höre Schritte, er wird es sein. (Bleibt stehen und horcht.) Sechste Scene. Hellmer (aus dem Hintergründe für sich selbst halblaut). Die Gewölbwächter find fort, den Wicht und den Greif Hab' ich mit den Leitern herabb'stellt, sie müssen schon da sein. Dort in der Finster steht eine dunkle Gestalt, das ist Einer von dieZwei! Pst! Pst! Alfred (für sich). Er ruft, das ist der Schlankel! (Halblaut.) Pst! Pst! Hellmer. Jetzt in's Schlafzimmer! Ist die Leiter besorgt? Alfred. Ich habe keine Leiter. Hellmer. Hab'ich denn nicht gesagt, im Wirthshaus stehen vom letzten Feuerwerk a Stuck a zehn Leitern? Alfred. Da weiß ich ja gar nichts davon? Hellmer. Also da bleiben, ich werde a Leiter hol'n! (Iu den Hintergrund ab.) > Alfred. Gut! (All«».) Der Mann scheint etwas benebelt zu sein, sonst könnte er unmöglich schon wieder vergessen haben, daß er hatte die Leiter besorgen sollen. Siebente Scene. Alfred. Wicht (aus dem Hintergrund, für sich). Der Hellmer hat uns herb'stellt, der Greif ist schon voraus. (Erblickt Alfred.) Ja. dort ist er! Pst! Pst! Alfred (für sich). Er kommt schon. (Laut.) Wo ist die Leiter? Wicht. Ich habe keine. Alfred. Unfinn! Jetzt ist er eben darum fortgegangen! Wicht. Ich weiß, daß ich's besorgen soll, aber ich kann in der Finsterniß die Leiter nicht finden. Alfred (ärgerlich). Schafskopf! Warten, ich werde eine Leiter holen. (Hinten rechts ab.) 28 Wicht (allein). Der Greif muß seiner Sache sehr sicher sein, weil er so grob ist! Achte Scene. Wicht, Schlanke! (aus dem Hintergrund linkS). Schlanke!. Jetzt ist Alles mäuserlstad, jetzt wär' die beste Gelegenheit. Wicht. Pst! Pst! da find die Fenster! Schlanke! (für sich). Aha. da ist er schon, der Springer! (Laut.) Also, woll'n wir einsteig'n beim Fenster? Wicht. Freilich, nur die Leiter her! Schlanke!. Die muß man zuerst suchen! Wicht (bri Seite). Er hat's auch nicht g'funden. (Laut.) Warten, vielleicht seh' ich jetzt eine Leiter! (In den Hintergrund links ab.) Schlanke! (für sich allein). Ich mußt wohl a Leiter, aber die ist gar in der andern Gaffen ganz am End'! Neunte Scene. Schlanke!, Greis (aus dem Hintergründe rechts). Ich Hab' mich verspätet, der Wicht wird schon warten! Pst! Pst! Schlanke!. Pst! Pst! Da steh' ich. Greif. Wird noch was zu machen sein? Schlanke!. Jetzt ist der beste Augen- blick, kein Mensch ist im Schlafzimmer. Greif. Also die Leiter anlegen! Schlanke!. Nur her damit! Greif (verwundert). Ja, soll sie denn selber dahergehen? Ich Hab' glaubt, sie ist schon hier? Schlanke! (bei Seite). Den Kerl macht die Liebe ganz verwirrt! (Laut.) Warten, ich werd' a Leiter holen! (Ab in den Hinter- grund.) Greif (für sich). Wenn der Wicht nur bald a Leiter find't, sonst ist das Geburtstagsfest früher aus. Zehnte Scene. Greif und Schlau (aus dem Hintergründe) Schlau (für sich). Da rennen die verdächtigen Gestalten in ein' fort auf und ab. Ich Hab' also Recht g'habt, da ist ein Diebstahl im Zug, es ist gut, daß ich auch mein' G'wälbwachter-Collegen ersucht Hab', er soll aufpaffen. Greif. Pst! Pst! Schlau. Aha! er paßt schon! Pst! Pst! Greif. Keine Zeit verlieren. Schlau. Hast gut Acht geben? Greif. Im hintern Tract ist noch alles beisammen, derweil machen wir im Schlafzimmer unfern Fang! Schlau. Also im Schlafzimmer werden wir's fangen? Greif (unschuldig). Versteht sich, nicht so langweilig, g'schwind hinaufsteigen. Schau. Auf die Mauer? Greif. Nein, auf die Leiter! Schlau. Die Hab' ich ganz vergessen. Greif. Du mußt' ein Rausch haben. Schlau. Ich werd' um a Leiter schauen. Greif. Allein bist Du nicht verläßlich, ich suche mit Dir. (Beide in den Hintergrund ab.) Eilfte Scene. Hellmer (aus der ersten Loulisse mit einer Leiter). Nach langem Suchen Hab' ich endlich a Leiter g'funden! Jetzt hilf aber! Niemand da, wo ist er denn? Zwölfte Scene. Hellmer, Alfred (mit einer Leiter und dem Strauß au- dem Hintergrund). Dü blN ich schon! Hellmer. Wie kann man denn fort- gehen von da? Alfred. Nun, eine Leiter Hab' ich geholt! 29 Hellmer. Gar dumm, ich Hab' auch eine, ich lehn's da an's Fenster! (Lehnt die Leiter an'S Fenster.) Als red (hat seine Leiter hingkstellt). Gut, ich halte. Hellmer. Hellmer (steigt rasch hinaus). Gleich bin ich d'rin! Alfred. Das Fenster ist ohnehin offen! Za wohl, 's ist ganz commod! Jetzt heißt's aufpassen, daß uns Niemand überrascht! (Ist in's Fenster gestiegen und verschwindet.) Alfred. Ich gebe schon Acht. (Für sich.) Wenn er mir sagt, daß Niemand in der Nähe ist, so reich' ich ihm den Blumenstrauß hinauf; wie wird Therese freudig erstaunt sein, wenn sie plötzlich mit Licht in's Zimmer tritt und auf ihrem Bette dieß Liebeszeichen findet, sie wird glauben, ein unsichtbarer guter Genius hatte ihr's hingezaubert! He llmer (erscheint mit einer Ehatoulle am Feuster). Pst! Pst! Alfred. Nun. was ist's? Hellmer. Frag' nicht lang, komm' her! Alfred (stutzt, bet Seite). Er spricht gar dumm mit mir! Hellmer. Ich Hab' der Lebzelterstochter ihre Ehatoulle erwischt, sie ist ganz mit Schmuck ang'füllt! Alfred (bei Seite). Mir geht ein Licht auf! Hellmer (ungeduldig die Ehatoulle heraus- laugend). Steig' auf die Leiter und nimm! Alfred (hat rasch die Letter erstiegen). Gib! (Reiht ihm die Ehatoulle au- der Hand, steigt herab.) Hellmer. Halt's fest und trag' die Leiter zum ersten Fenster, dort steht der Silberkasten. den räum' ich aus, so lang's lloch Zeit ist! (Verschwindet vom Feuster.) Alfred. Schon gut! (Legt die Leiter auf den Boden; für sich.) Jetzt im Stillen die Hausleut' g'holt. — (Lauscht.) Halt, es regt sich etwas; der Dieb scheint Kameraden zu haben; schnell in das Gebüsch! (Verbirgt sich hinter da- Gebüsch im Vordergründe link-.) Dreizehnte Scene. Wicht (mit einer Leiter und Blendlaterne au- dem Hintergründe). Die Nacht ist so sill- ster, daß nur ein Kater sieht, ich Hab'über doch a Leiter erblickt. Vierzehnte Scene. Greif (mit einer Leiter au- dem Hintergrund)' Die hätt's schon früher sehen sollen, jetzt Hab'ich selber eine g'funden. (Lehnt, sie an eia Fenster.) Wicht. So steigen wir bei zwei Fenstern ein. (Legt seine Leiter ebenfalls an) Greif (ist auf seine Leiter gestiegen). Kein' Lärm machen — das Fenster ist offen. (Blickt hinein.) Wicht (steigt auf seiner Leiter hinaus)- Der Hellmer wird schon da sein. Greif (singt hinein). Ja, er ist's schon — komm nur nach! Wicht. Bin schon drin. (Steigt hinein, die Blendlaterne hat er auf der Erde stehen lassen, doch so, daß daS Licht au die Wand fällt.) Alfred (erscheint mit dem Kopf über dem Gebüsch, für sich). Der Lebzelter wird mir dankbar sein, wenn ich die Diebe plötzlich festhalten lasse. Ah, da kommt noch ein Spießgeselle von den Gaunern! (Verschwindet hinter dem Gebüsch.) Fünfzehnte Scene. Schlau (mit einer Doppelleiter, die er über deu Kopf gestützt hat, und mit einer Blendlaterne au« dem Hintergrund). Eine Doppelleiter Hab' ich g'funden, da kann meinCollega hinauf, wenn er keine erwischt. Bravo! — Dn steh'u schon drei angelehnt — dort oben stehlen's als wie die Raben. — Na wart's- ös Vögerl! (Stellt die Dopprlleitrr zwischen die angckrhnten, indem er die Blendlaterne hinstellt. Z 30 Sechzehnte Scene. Schlanke! (mit einer Leiter, von hinten). Endlich bin ich da; bis man durch die lange Gaffe herabkommt, derweil vergeht die halbe Nacht — ^ Schlau (lauscht). Ah. mem HerrCol- lega red't da mit sich selber! Pst! Pst! Schlanke!. Bin schon da, in derGassen Hab' ich a Leiter g'funden. Schlau. Gar nicht nothwendig — ich Hab eine doppelte. Schlanke!. Da stell' ich die meinige weq. lThut es.) Schlau. Ich nimm die Blendlaterne sür mich und steig' hinauf. (Thut es.) Schlankel. Da steht auch eine Blendlaterne für mich! (Nimmt die Laterne, welche Wickt hingellellt) Schlau (ist auf die erste Sprosse gestiegen). Nur langsam auf der andern Seilen aufi- steigen. Schlankel. Wenn wir zwei Frauen« zimmer und weiß angestrichen wären, so müßten uns die Leut' für Nachtwandlerinnen halten. Schlau (leise). Nicht so viel plauschen! Schlankel (ebenso). Ich red' so kein' Ton! (Beide find, ohne sich zu sehen, an den beiden Seitm der Doppellriter emporgestiegen — jetzt oben angelangt, halten fie sich die Blendlaternen entgegen, dieselben beleuchten ihre Gesichter — Beide schreien zugleich:) DH! Schlau (schreiend). Sie find nicht mein Freund! Schlankel. Sie find der meinige auch nicht! (Steigen schnell von der Leiter.) Schlau (packt Schlankel an der Brust). Das glaub' ich, weil Sie ein Dieb und ich eivG'wölbwächter bin! (Rust.) Boxl! Boxl! Schlankel (packt Schlau, auch schreiend). Mir scheint, der Kerl beleidigt mich! (Au- den drei Fenstern hört man Lärm von Hellmer, Wicht und Greif.) Schlau (zu Schlankel, der sich wehrt). Nicht mucksen, der Arm der Gerechtigkeit hat Euch beim Kragen! (Schreit.) Boxl! Boxl! Zu Hilf! Patrouille! Siebzehnte Scene. Vorige (am ersten Fenster erscheint Hellmer, am dritten Wicht und Greif). Abfahren! (Steigen ebenfalls auf die Leiter.) Achtzehnte Scene. Boxl (mit einer Militärpatrouille auS dem Hintergründe rechts, eine Laterne in der Hand, ruft). Mir nach — daher, packt's z'samm', was Ihr find't! Wicht, Greif und Hellmer (find über die Leiter herabgekommen und wollen entfliehen, find aber von den Soldaten gepackt, welche durcheinander rufen). Holt, Ihr Lumpen! Nicht gemuckst, still gestanden! Schlau und Schlankel (halten sich noch immer an der Brust gepackt und schütteln sich). Schlau. Dem bind's die Händ'! (Schlankel wird von den Soldaten gepackt, die ihm die Hände binden.) Schlankel. Was ist denn das für eine Manier? Das lasse ich mir nicht gefallen! Boxl (ist hinter daS, Gebüsch getreten und führt Alfred am Kragen packend hervor). Der hat sich verstecken wollen! Alfred. Ich bin unschuldig! Boxl. Das sagen die Schnipfer alle. Schlau. Vorwärts, Gesindel! Alfred, Schlankel, Wicht, Hellmer, Greif (wehren sich und schreien durcheinander). * Hellmer, Wicht. Greif. Auslassen, sag' ich! Alfred. Ich bin kein Dieb! Schlankel. Ich geh' auf die Polizei. Boxl, Schlau. Ja, fort auf die Polizei! (AuS dem Hause link- kommen Emmenthaler, Lordula, Resi, Leopold, Putzweg,Brau- ser, Ziegenhain, Lüftl, Nagl, Hutschen- pferd, Tini, Pauline, Louise, Bertha, Kathi, Laura, Jette, jede- Mädchen mit einem Lichte.) Alle (rufend). Was ist geschehen? So ein Lärm! Ist denn Feuer? Dieb' haben's g'fangt! (Unter allgemeinem Tumulte fällt der Vorhang.) Fünftes Mtd. Eine Sitzengelasseue. Personen. Fräulein Genovefa Ristori, ehemals erste tragische Schauspielerin in der Provinz, jetzt Hau-, befitzerin- Michael Schlanke!. Sebastian, Hausmeister bei Frl. Genovefa- Scene: Bei Frl. Genovefa Ristori am frühen Morgen des nächsten Tages. Ziemlich elegante- Zimmer bei Frl. Genovefa Ristori, Mittel« und Seitenthüren — Fenster mit Vorhängen und Blumen. — An der Hinterwand Theaterzettel mit den großgedruckten Aufschriften: Medea, Sappho, Klhtämnrstra; über denselben hängen große Lorbeerkränze. — Links und rechts Tische und Stühle. — An dem Tische links, der mit Kaffeegeschirr gedeckt ist, fitzt Frl. Genovefa Ristori in phantastisch antikem Costüme, ein rothes Tuch über die Achsel geschlungen, um den Arm eine» goldenen Reifen, Blumen im Haare, breite Spangen an den bloßen Armen u. s. w., sie spricht immer im tragisch getragenen Tone. Erste Scene. Sebastian (durch dieMitte). Küß' dieHand Fräulein! Genovefa (eine Schale in der Hand, Kaffee schlürfend). Guten Tag, Hausmeister. Sebastian. Sind's nicht bös, daß ich schon so zeitlich in der Früh komme, aber 's ist was Nothwendig's — Sie haben ein Cabinet zu verlassen und da müßt ich Ihnen a Partei. Genovefa. Ich nehme nur einen soliden Herrn in's Cabinet, wenn es also ein Mann ist — Sebastian. Na, was für ein Mann, da könnt' ich Ihnen a ganze Ritterg'schich- ten erzählen — ich bin einmal Hausmeister bei ihm g'wesen, wie er noch drei Häuser g'habt hat — und der reiche Fabrikant Schlanke! war — Genovefa (fährt hastig vom Sitze empor und frägt in Erregung). Misko Schlankel? Sebastian. Ja, so nennt er sich — kennen ihn Ew. Gnaden? Genovefa (ihre Aufregung bekämpfend). Vielleicht, vielleicht — was ist es mit dem Mann? Erzählen Sie! Sebastian. Na so hören's mich an- — Ich laß' heut Nacht um halber eins a Partei herein und will grad wieder zusperren, da hör' ich ein Spectakel von der Weiten— ich horch natürlich, auf einmal kommt in ein Karriere ein Mann daher. Der Mondschein fällt ihm gerad ins Gesicht und ich erkenn' mein'ehemaligen Hausherrn Schlankel — ich ruf' ihn an, er steht mich, stürzt nur g'schwind in unser Einfahrt, schlagt das Hausthor zu und fallt erschöpft auf d' Erden. 32 Genovefa. Weiter! Weiter! Sebastian. Gleich darauf hör' ich a Menge Leut' beim Hausthor vorbeilaufen, der Schlanke! hat sich erholt und sagt: »Das ist die Patrouille, die mir nachrennt, ich bin ihnen auskommen, weil's mich haben festnehmen und einsperren wollen!« Genovefa. Wie? Sebastian. Sie haben ihn für ein' Dieb g'halten, und er hat mir später auch erzählt, warum, das ist aber Nebenfach', die Hauptfach' ist. daß er jetzt in Sicherheit kommt, z' Haus darf er nicht gleich, dort werden's ihn suchen, bei mir bleiben kann er auch nicht, denn ich Hab' kein Platz — bis also die G'schicht a bißl verraucht ist — muß er ein anderes Quartier beziehen — und zwar das Cabinet. — Genovefa. Schicken Sie den Mann herauf — aber sagen Sie ihm meinen Namen nicht. Sebastian. Kein Sylben — er wird Ihnen gar keine Ungelegenheiten machen — er ist so ehrlich wie ein neugeborenes Kind, freilich hat er a bißl verneglischirt ausg'schaut, aber da Hab' ich abg'holfen — er hat sich waschen und rafiren, ein ordentlich's Gewand von mir anlegen und mein' neuen Hut aufsetzen müssen. Genovefa (die ausgeregt mit großen tragischen Schritten aus und ab ging, jetzt ungeduldig mit dem Fuße stampfend). Fort — fort — den Mann herbei — nur schnell! Sebastian. Gleich! Gleich! Der Schlankelpommt gleich frisch. (Eilig durch die Mitte ab.) Zweite Scene. j Genovefa (allein, in höchster Extase im Zimmer aus und abschreitend). Gr kommt! Gr kommt! — er läuft mir selber in die Hände, wie er vor zwanzig Jahren treulos geflohen von mir.—O, vor Gensd'ar- men hast Du Dich geflüchtet und hier rennst Du der Hölle in den Rachen! Er war so zu sagenj meine erste Liebe, und für ihn hat dieses Busens Flamme nur geglüht, ich war bereit ihm Alles aufzuopfern — und er — er ließ mich gehen — er ließ mich stehen — er ließ mich laufen! — Er ließ mich fitzen! — Oh, ich weiß nicht, wie ich's nennen soll, das Unsagbare! — (Mit tragischer Gewalt.) O, von diesem Tage an haßte ich die Menschheit grenzenlos — und ich ließ es ihr auch fühlen — ich ward zur ersten tragischen Schauspielerin in Krems! — O, ich habe fie oft zischen hören, die giftige Natternbrut, doch Hab' ich aufgejauchzt, wenn fie zerknirscht, vernichtet aus dem Schauspielhause floh'n. — In Krems, St. Pölten, Stockerau und derlei wüsten Orten, fie paßten für mein gramzerrissenes Herz — und niemals wäre ich zurückgekommen, hätt' nicht des Oheims Testament mich hergeführt — das mich zur Erbin dieses Hauses machte — doch, ha! ich höre auf der Treppe schon den Schritt des Unglückseligen; ha, schreite Du nur stolz, im nächsten Augenblicke sollst Du zerschmettert mir zu Füßen liegen, er soll vor meinem Antlitz schaudern, als hält' er das Medusenhaupt gesehen! — (ES wird geklopft, fie wendet sich tragisch ab von der Thür und indem fie mit dem Tuche daS Gesicht verhüllt, ruft fie laut!) Herein! O nur herein! Dritte Scene. Schlanke! (in langem Rocke, anderer Hose und Weste, Lravatte, einen Hut in der Hand, tritt rasch durch die Mitte ein). Hab' die Ehre — mein Kompliment — unterthänigster Diener — wünsch' guten Morgen. Genovefa (wendet sich ihm plötzlich tU' schlägt da-Tuch zurück und schreit). Ungeheuer! Schlanke! (aufschreiend). O verflucht! (Will schnell wieder zur Mitte hinaul.) Genovefa (hält ihn amRockschößelzurück). Halt! elender Feigling! so kommst Du mir nicht weg! Nicht wahr? — das hofftest Du nicht hier zu finden. Schlanke! (bei Seite, verblüfft). Nein, 33 aufEhre nicht, ich such' ein Männerzimmer, was erst zu verlassen ist. und find' ein Frauenzimmer, was ich schon lang verlassen Hab'. Genovesa (entreißt ihm den Hut). Nur her den Hut — Du bleibst hier und wirst mir Rede stehen. (Stellt dm Hut auf dm Tisch liaks.) Schlanke! (bei Seite, in ängstlicher Verlegenheit). Sie hat mir dem Hausmeister seinen neuen Eylinder abgenommen. Genovesa (betrachtet ihn verächtlich mit unterscklageven Armen und spricht mit zornigem Blick). Jetzt steht er da schneebleich — und bebt und zittert, denn er we.ß, was ihn erwartet. — Schlanke! (bei Seite). Wenn ich dem Hausmeister sein' neuen Eylinder nicht dring', so macht er mir ein Eselsspectakel. Genovefa (wie früher). Er möchte in die Erde sinken — möchte fliehen, doch ist sein Fuß wie angewurzelt. Schlanke! (bei Seite). Wenn ich dem Hausmeister sein Cylinder hält', so wär' ich auf ja und nein fort! Genovefa. Kannst Du deine schnöde That vertheidigen. so rede,Unglückseliger! Schlanke! (verlegen und immer nach dem Hut blickend). Sein's nicht b 's. daß ich Ihnen a Weil nicht besucht Hab' — aber das schlechte Wetter — Genovefa. O nicht diesen kalten Ton voll Prosa! Schlanke! (bei Seite). Ich muß nur so g'schwollen daherreden wie sie selber, sonst kann ich da selber alser ganzer nicht fort. Genovefa (sich ihm nähernd). Nicht wahr, Du fürchtest meinen Zorn — Du Ungeheuer, Du wilst auch nie ein süßes Wort aus meinem Mund mehr hören, — die Zeit ist längst vorbei, wo wir gekost, wo wir geschäkert haben. Schlanke! (in demselben tragi'chen Ton Vit Genovefa,. Za. diese g schäkerte Zeit ist längst vorbei — lassen Sie mich fort. Fräulein, und reißen Sie die alten Wunden nicht mehr auf. — Es ist wahr — Wim Ihmler-Aep. Nr' S34. ich habe Sie geliebt vor zwanzig Jahren mit der ganzen Glut eines unzurechnungsfähigen Jünglings — aber eben diese grenzenlose Unschuldigkeit war mein, Verderben. Man führte mich eines Tages auf die Nacht zu einer Wittfrau mit ein Eckhaus. ich wurde von ihr zum Nachtmahl geladen und da — da — da hat man meine Unerfahrenheit mißbraucht, man hat mich mit acht Krügel Märzen frisch vom Zapfen betäubt — man hat mich mit einem Dutzend neue Jagerhäringe auf silberne Schüsseln verblendet, man hat mein offenes Herz mit einem Aepfelstrudel gestopft — ich Hab' das Eheversprechen, und wie halt schon oft über ein' Menschen was kommt — in einer Wochen war ich verheirat'. Genovefa. Also darum warst Du so plötzlich, so spurlos verschwunden?(Jhn hkftig an der Hand fass nd.) Doch wie s auch sei. Du mußt jetzt bleiben. Schlanke! (reißt sich ängstlich los). Nein, das kann nicht sein, die Liebe thät mich wieder packen, denn die macht keinen Unterschied in Alter, Rang und Stand — die Liebe existirt — wohin man schaut — Liebhaber — Spatzen und Krainerbubn gibt's in der ganzen Welt, und wahr is, was der Dichter so schön sagt: »Wenn die Liebe nicht war', Wär' da- Leben so schwär * Genovefa (bki Sritk. sanfter). Er ist noch der alte Schwärmer. Schlanke! (bn Seite, nach dem Hut blickend) Auf die Art — werd' ich gleich beim Hut sein! Genovefa. Was starrst Du plötzlich so vor Dich hin? Schlanke! (starrt vor sich hin und spricht wie im Traume schm-rztich). Wieder MUß ich fort — und wieder hinaus und wiederum z' Haus und wieder durchweinen meine Nächte und es sind so endlos, schmerzvoll lange Nächte jetzt. — O. ick könnt' mit Gusto verzweifeln — fast glänzt der Lauf von der Pistolen, die ich mir gekauft, wie ein Befreiung--, wie ein Hoffnungsstrahl. 3 34 Genovefa (gespannt horchend). Was sagt er? Schlanke! (wie vorhin^. Mein Herz ist ein Wirthshaus, wo die Verzweiflung einkehrt, wie in der vergangenen stürmischen Nacht Wind und Regen hat an's Fenster geschlagen — lausend Gedanken find durch meinen Kopf g'fahren, wie Feuer, wie Feuer war's in meinem Hirn, es riß mich gewaltsam vom Lager empor — mein Blick fiel auf die Pistole — meine Hand ergreift das Pulver — Genovefa (erschrocken einen Schritt vor- trctend). Ha! Schlanke! (ihre Hand fassend, in beruhigendem Toue). Es war persisches Pulver!— Genovefa (athmet erleichtert auf). 3a so! Schlanke!. Da war's, als hätte Morpheus seine Mohnkörner auf's Lager gestreut und ruhig schlief ich ein — da mit einem Male wird's hell und licht in meinem Kopfe, wie dieß früher nie der Fall gewesen, es faßt mich ein Gefühl so ungewohnt, als herrlich — mir ist's als brannt in meinem Innern ein Feuer aus Bengalen, bald grün — bald rosenfarbig, bald orangcngelb, und Liebesfrühling wird in meinem Herzen und so warm und sonnig wie im Wonnemonat Mai der Liebe — d'rum Hab ich aufgejubelt laut und auf einmal ist ihr Bild vor mir g'standen, ihr Bild — nicht Fotografie — nicht Oelge- mälde, nein. Sie selber, meine Genovefa. Genovefa. Ich — Schlanke! (in höchster Schwärmerei). Ach, Du warst so hold wie Frühlingssonnenschein, Du warst so rein wie Gletschereis hoch oben auf den Bergen — Du warst — Ach, was warst Du Alles und was bist Du jetzt? Ein Weib zwar noch — doch nicht mein Weib — und d'rum für mich auf immerdar verloren! (Schlägt die Hände vor « Gesicht.) Genovefa (nähert sich ihm und spricht in zärtlichem Tone). Misko! theurtk Misko! Schlankel (stürzt wie verzweifelt nach dem Tische links, ergreift mit der Hand rückwärts langend schnell den Hut und indem er schmerzlich aufschreit): Oh, Genovefa, warum bin ich geboren! (wankt er hastig durch die Mitte ab) Genovefa (die immer sanfter wurde, wie aus einem Traume erwachend, begreift jetzt plötzlich die Absicht Schankel's und ruft mit der Hand nach der Thür drohend). Oh, jetzt versteh' ich, — Schnipfer! — (Der Vorhang fällt rasch.) Sechstes Md. ^raf, Bettelmann, Lebzelter und Schnhwichssabrikant, oder: Alle sind einig. Personell: Graf Lerchenthal Ichiankri. Rrgerl Franzl. Poldl- Frrdl. Peterl. Katherl. Lisi. Mili. Leopold Putzweg. ' Resi. Emmenthaler. > Picksüß, Lebzelter. Therese, seine Tochter. Tini. Pauline. Dir Handlung spielt in Schlanke!'- Wohnung Louise. Bertha. Rosa. Laura. Sophie. Düster, Grundwächter. Wasch el. Greißler Schlüpfen, Schuster. Plauscherl, Tabakkrämer Frau Geschwader, Kräutlerin. Frau Pantsch, Milchweib. , Frau Bissig, Dienstzubringerin. < Lotti, > Wawi, I Parteien. Zette, ' Fabrikmädchen. Betti, 1 Eva, > am Vormittag desselben TageS. Aermliches Zimmer bei Schlanke!. In der Mitte der Hinterwand em großes Fenster, durch welches man auf die Straße steht. Recht- neben dem Fenster die allgemeine tzingangsthür. Seitenthür. In der Hcke recht- steht ein Kleiderstock, auf demselben hängt ein langer Mantel, oben daraus eia runder Hut, so daß es ungefähr einen vermummten Mann darstellt. Link- ein ordinärer Tisch und Stühle, um den Tisch hemm fitzen die Kinder: Franzl, Poldl, Peterl, Katherl, List, Mili und essen au- Häferln. Erste Scene. Waschet, Plauscherl, Schlüpfen, Frauen Gschwader, Bissig, Pantsch, Wawi, Betti, Eva, Jette, in ihrer Mitte Frau Regerl. Alle ljll Frau Reger!). Redtn's, Frau Regerl!Js wirkli so? Js der Herr Schlanke! eing'sperrt word'n, wo ist er denn? i Regerl. Aber ich bitt eng' Leut, macht's mich nur nicht närrisch, seil der Früh um sieben kommen die Parteien vom ganzen Haus in mein Zimmer und schreien mir die Ohren voll. Waschel. Sie möchten halt gern wissen, ob das wahr ist. daß der Herr Schlanke! is ! eing'sperrt worden? 3 * — 36 Pantscherl. Die Patrouill' hat bei der Nacht in unsrer Gaffen a ganzeBande Dieb' g'fangt. Regerl. Sie werden doch nicht mein'n Mann für'n Staßenrauber anschau'n? Schlüpfen. I red' nix, aber der Schlanke! is die ganze Nacht nicht z'Haus kommen, und das is halt alleweil verdächtig. Fr. Gschwader. Die Leut' sagen, einer von die Dieb soll in unserm Haus wohnen. Plauscherl. Wenn wir den Grasel erwischen, so geht s ihm schlecht. Schlüpfen. Ich richt' mein'n Knieriem her! Fr. Pantsch. Ich mein'n Besen und Bartwisch! Fr. Gschwader. Ich den Fliegenpracker. Fr. Bissig. Die Ruthen wird ein- g'wacht. Plausch erl. Wie Jemand beim Tag etwas bemerkt, nur gleich ein'Lärm machen. Alle. Ja! ja! Waschet. Und bei der Nacht müssen 5 bis 6 Parteien auf der Wacht stehen! Schlüpfen. Rechtis! wir gehen augenblicklich zum Hausherrn und bitten um d'Erlaubniß, daß wir heut' Abend schon Posten ausstellen dürfen. Alle. Ja, gehen wir, wir müssen den Dieb erwischen, der kriegt seine Schläg', auf die Polizei wird er g'führt u. s. w. (Alle tumultarisch ab.) Zweite Scene. Regerl und die Kinder. Regerl (für sich). So ein Scandal im ganzen Haus, weil mein Mann heut'Nacht nicht z'Haus kommen ist, der liegt g'wiß andern Leuten im Weg. unter ein' Lisch oder in der Rinnsal; hundertmal wenigstens Hab' ich schon beim Fenster außi- g'schüUt. (Blickt wieder durch da- Fenster.) Dü kommt ja der Schneider Emmenthaler in ein'n Carrier auf unser Haus zu, der bringt was von mein'n Mann, das dürfen meine unschuldigen Hascherln nicht hören. Geht's in d'Ka.umer eini, Kinder, und halt's eng ruhig, enger Einbrennsuppen habt's a schon gessen. (Die Kinder durch die Seitenthür rechts ab.) Dritte Scene. Regerl, Emmenthaler (durch die Mitte). Emm. Guten Morgen, Frau Regerl. ich muß nur g'schwind fragen, ob der Herr Gemal vielleicht schon nach Hause gekommen ist? Regerl. Seit gestern am Abend nicht. Emm. Da wird er noch beim Gabelfrühstück sein, um Mitternacht war er in Gesellschaft mehrerer Herren vom Militär, hat sich aber plötzlich aus dem Zirkel entfernt, und ist auf- und davong'loffen. Regerl. Warum denn? Emm. Die G'sellschaft war ihmz'wi- der, er is nämlich von einer Patrouill' arretirt worden. Regerl (rrschrrckt, die Hände zusammen- schlagend). Also, wirklich? Emm. Erschrecken Sie nicht, Frau Regerl, der Schlankel ist davong'rennt, und dem andern Herrn, der mit ihm arretirt is worden, sind's auf der Polizei d'rauf- kommen, daß er der junge Graf Lerchenthal und ganz unschuldig ist, er ist entlassen worden, und der Kavalier ist gleich in der Früh in einer sehr wichtigen Angelegenheit wegen der Rest zu mir kommen. Regerl. Will er's wirklich heiraten? Emm. Nit einmal denken! Er hat mir erzählt, wie er vom Bezirksgericht z'Haus kummen ist, so hat sein Papa, der alte Graf, auf ihn g'wart, und der hat ihm mitgetheilt, daß er eine Unterredung mit dem Herrn Schlankel g'habt hat; dem jungen Grafen ist jetzt nichts mehr übrig g'blieben, als reumüthig einzugestehen, daß er den Secretär absichtlich irregeführt hat. aur die Resi gar nicht denkt, sondern in eine Therese verliebt ist-- sein Vater, — 37 — der alte Graf, war zufrieden, und wann der Therese ihr Vater, der alte Lebzelter, auch einverstanden ist — Regerl. So gibt's eine Hochzeit. Emm. Ja, und zwar eine doppelte; der Graf will seine Hochzeit mit dem jungen Schuhwichsfabrikanten Putzweg an einem Tag feiern und wird heute noch Herkommen, um den Herrn Schlankel zu bitten, die Heiratsbewilligung zu geben — es wird aber schwer gehen, mit dem Herrn Gemal ein vernünftiges Wort zu reden, denn er hat wieder ein'n fürchterlichen Rausch, wie ich vor einer Stund' g'sehenhab'. Regerl (blickt zum Fenster hinaus). Da kommt er grad' daher! EMM. (blickt ebenfalls h naus). Gr fecht't mit die Hand' in der Luft, und rennt, was er kann, denn er glaubt in sein' Schweigel, die Patrouill' ist hinter ihm und arretirt ihn^ls schweren Verbrecher. Regerl. Geh'n Sie ihm ans dem Weg. in sein' Rausch schlagt er gern aus, dort is a Kammerl! (Deutet links) Emm. Bin schon d'rin! (Schnell links ab.) (Regrrl zieht sich in den Hintergrund rechts zurück, so daß sic Schlankel nicht bemerkt.) Vierte Scene. (Man sieht Schlankel am Fenster vorbeilau' fen und hört ihn schon draußen schreien:) Der- rathen! Verrathen! (St'rzt zur T üre herein, betrunken, wank>nd, das Gesicht geröthet, der Anzug in Unordnung, er läßt an der Thür den Hut fallen und ruft verzweiflungsvoll :)GtNsd'armen wachsen aus der Erde, losgelassen das Bezirksgericht! Alte Jungfern, sitzengelassene Geliebtinnen tauchen aus der Vergangenheit empor, ich kann's nicht länger ertragen mehr, ich halt's nicht länger aus. (Sinkt erschöpft auf die Erve mit dem Kopf aus einen Sessel link« ) Regerl. Um Alles in der Welt, was machst denn für ein Lärm? Schlankel (springt auf und schreit). Zurück! zurück, schreckliches Weib! Du bist mein Unglück, Du bist die Genovefa! Regerl. Warum nicht gar die Hirschkuh; ich bin die Regerl undDu der Michel! Schlankel (sich sammelnd) Ja, richtig! Du heißt Regerl und ich heiß auf ungarisch Misch ko; ich muß mich erst versammeln, ich bin ganz verstreut. (Erblickt den Mantel und Kleiderstock und stößt einen lauten Schrei aus.) Ah, dort steht ein Zivilwacht- mann im Winkel, der will mich arretiren. Regerl. Was fallt Dir denn ein. das ist dein Regenmantel und dein alter Hut. Schlankel (sich fasst nd). Richtig! ich Hab' glaubt, es ist ein Vertrauter! Regerl. Da g'hört doch was dazu! Schlankel. O, das ist noch nichts, mein Zustand ist oft so schrecklich, daß ich g'rad unser alt's Milliweib für ein'n Grundwachter ang'schaut Hab', ich seh' nichts vor mir als rothe Nasen mit Dreispitz und Haslinger in der Hand, nichts als schwarze Herrn mit gelbe Adler auf der Brust. (Schrit) Ah! (Und klammert sich ängstlich an Regerl, indem er zusammenschnappt.) Regerl. Du bist ja unschuldig, warum schnappst denn nachher alleweil z'samm'? Schlankel (richtet sich bastig auf). Halt! Genug, Madam.ichkann in mein'Zimmer z'sammschnapp'n, wie ich will, und jetzt laß mich allein, Alte, ganz allein, hörst Du, ich hab'mit mir was z'reden, was kein Weib zu wissen braucht. Regerl (bei Seite). So ein'n Rausch hat er schon lang nicht heim g'bracht! (Schnell rechts ab.) Fünfte Scene. Schlankel (allein, sucht sich mühsam zu fassen und sagt mit weinerlichem Gesichte). Mir ist todtenübcl, mir ist miserabel vor lauter Trema, das Entsetzen greift mir das Hirn an, der Schrecken dreyt mir den Magen um, ich bin so weiß im G'ficht als wie a Primsenkas. und Hab' so nasse Augen wie ein Emmenthaler. ich zitt're wie ein Zwetschkenlaub. Ist denn kein Schalerl Kaffee mit a zwei, drei Kipfeln da? (Ist 38 zum Tisch gcwankt, greift nach einem Häferl und wirft ein Geschirr herunter, welches am Boden zerbricht, er schreit auf.) Äh! < Sich erholend.) Es ist nichts, Regerl, der Schrecken hat mich nur so kindisch g'macht, daß ich gleich um ein'n Suzel schreien werd'. O, ich wollt' ich wär' die Madam Hofzinscr, daß ich verschwinden könnt'; ich wollt', daß ich nicht ich wär', ich saget zu mir selber: Geh' mir aus den Augen, Du stehst vor mir da wie a dalketer Bub! Pfui! Pfui! und nochmals Pfui Teufel! ich schämet mich an deiner Stell', Du Haderlump! So tief bist gesunken, daß Dich die Leut' für ein'n Dieb ansehen, sie werden kommen, sie werden Dich packen, sie werden Dich binden. (Äufschreirnd.) Ah, wer schleicht da hinter mir?! (Erholend.) Mir ist todtenubel. Ja, sie werden mich fassen und ich werd' im tiefsten Kerker, unter Kröten und Adach- seln so z'sammg'hockerlt in Springeisen fitzen, bei Wasser und Brod — bei Wasser! Wasser! gräßlich! und das Hab' ich doch nicht verdient, daß ich wie ein Dieb behandelt werd'; ich bin a Schnipfer, ja a Hauptschnipfer sogar, aber ich war noch nie ein Dieb, ich bin ein Schnipfer, aber ich Hab' noch kein'Menschen was gestohlen: Ich bin ein Schnipfer, aber g'stohlen Hab' ich noch nie, g stöhlen Hab' ich nie—g'stoh- len Hab' ich Nie! (Wankt vor sich hinsprechend und brinahk weinend in die Seitenthür nchts ab.) Sechste Scene. Alfred im lichten Sommeranzugt, Leopold mit einem kleinen Schnurrbärtchen, in eleganter schwarzer Kleidung durch die Mitte, E't. MtN- thaler aus der Seite links. Alfred. Jetzt rasch an's Werk. Leopold. Der Vormund wird nicht einwilligen. Alfred. Nur Courage. Wie Sie sagten, hat er Ihnen heute Nacht die Hand seiner Mündel aus Uebcrmuth verweigert, er würde es aus Eigensinn vielleicht zum zweiten Male thun, darum müssen wir seine Einwilligung durch eine List erzwingen. Emm. Recht is. führen wir einen Schni- pferstreich aus. Leopold. Aber wie? Alfred. Er hält mich für seinen Spießgesellen, einen schlauen, abgefeimten Gau- uer, der ihm die Liebesgeschichte mit der Tochter des Lebzelters nur vorgespiegelt hat. um an ihm einen unbewußten Gehilfen beim Einbruch zu haben. Ich sage ihm, daß ich heute Nacht ebenfalls der Polizei entkommen bin, am Morgen seine Mündel gesehen, eine glühende Leidenschaft für sie gefaßt und sie von ihm zum Weibe begehre, weigert er sich, so drohe ich ihiwmit meiner ewigen Rache, die ihn sicher einmal verderben wird. Leopold. Ich weiß aber noch immer nicht, warum Sie mir gerochen haben, das kleine Schnurrbartel aufzupicken, und ein schwarzes G'wand anzuziehen. Alfred. Das geschah, damit Sie für Herrn Schlankel unkenntlich sind, er hat Sie heute Nacht nur in Mädchenkleidern gesehen, hinter Frack und Schnurrbart wird er Ihre Person nicht herausfinden, und desto eher glauben, daß Sie der Graf Lerchenthal sind. Emm. (lachend). Der soll — Alfred. Meine Person vorstellen, ich erzähle dem Vormund zugleich, daß der GrafLerchenthal in dieses Haus gekommen sei, und heute noch um die Hand Theresens anhalten wird, das ist die volle Wahrheit; der Schlankel wird es aber anders deuten, glücklich darüber sein, endlich seinen Lieblingswunsch erfüllt zu sehen, mit dem jungen Grafen zusammen zu kommen, und wird Ihnen seine Mündel an den Hals werfen. Leopold. Die Täuschung wird aber endlich doch aufkommen. Alfred. Nicht eher, als bis er seine Einwilligung gegeben hat. und nicht mehr zurück kann. 39 Siebente Scene. Rest (riliy durch die Mitte in gewöhnlichen Kleidern). Mir brummt der Kopf vor Ungeduld, ich kann nicht z'Haus bleiben, ich muß wissen, was da g'schieht. Alfred. Das sollen Sie bald erfahren, wir führen eine kleine Komödie auf, bei der Sie Mitwirken können, erwarten Sie mich dann auf der Straße, ich werdeJhnon da- Stichwort sagen, nach welchem Sie auf der Scene zu erscheinen haben. (Zu Leopold.) Also auf glückliches Wiedersehen! (Seite rechts ab.) Achte Scene. Emm. Derweil erfür ihnarbeitet, werd' ich nachschauen, ob vielleicht in seiner Angelegenheit auch etwas zu machen ist. wenn es gelingt, und er kriegt heute noch von seiner Lebzelterischen die Verlobungs- dusserln, nachher arrangir' ich am Abend im Liechtenthal eine gebildete Soiröe. (Mitte ab.) Leopold. Ich muß auf meinen Posten, den mir der junge Graf angewiesen hat (Zu Refi, indem er sie küßt.) Leb'wohl, Theres, Lherefiopel, Resedo, Rosina, Rosinante. (Links ab.)j Resi (allein). Was der gute Kerl jetzt für eine Freud' hat, und er war schon m einer fürchterlichen Desperation, weil er g'laubt hat, er wird mich nie zur Gattin erhalten. Der junge Graf hat ihm aber ein' guten Rath g'wußt. So is' immer, wenn sich ein Mensch oft gar nicht mehr auskennt in der Welt, so fallt ihm aus den Wolken eine gute Zdee vor die Füß' und das ist viel werth bei einer Zeit, wo man so a Menge Sachen sehen und hören muß, über die Einem oft Hören und Sehen ver- 1 . EinDichter, ein junger, der schreibt Trauerspiel' Und Drama und Schauspiel' und auch Vaudevilles, So schön find die Stuck, so voll Jammer und Noth.» Wann Aner den Zettel lest, zahnt er sich z'Tod; Doch können die Stücke auch noch so schön sein, Jn's Drama und Schauspiel geht halt kein Mensch h'nein. Jetzt probirt er sein Glück und schreibt andere Stück'. Er schreibt also ein sogenanntes Volksstück, aber bei der Ausführung ist's schauderhaft. Und — und wie der Vorhang fallt, sagt nur ein Einziger Bravo! und bei dem stellt's sich später heraus, daß der Herr aus dem Schlaf g'redt hat. Am andern Tag ist eine Operette, wo die griechischen Mythologie-Damen bloß gestellt werden, mitten im August ein übervolles Haus und grenzenloser Beifall. DerDolks- dichter sieht das und denkt sich: Ah, das muß man jetzt dichten, ich schreib' Operet« ten-Texte, da mach' ich jetzt eifrige Studien, zu diesem Zweck werd' ich jetzt Schwimmmeister und laß mich in ein'Bad engagiren. (Singt.) Denn was jetzt florirt und was g'fallt als ganz g'wiß, Sieht man nur in der Schwimmschul', wann Damenstund' is. 2 Da sitzen im Wirthshaus die Männer beinand' Und politisiren auf Mord und auf Brand, Und kommt gar ein Krieg aus, und geht's endlich los, Da kann jeder Gast gleich das Kriegführ'n famos, An Scharfblick und Schlachtplan' is Jeder sehr reich, A zwölf Dutzend Herren schrei'n immer zugleich! Und is das schon a G'frett, was a Einzelner red't! 40 Der Einzelne schreit: Nein, meine Herren, es ist nicht genug, daß wir eine tapfere Armee haben, wir brauchen auch die gehörigen Waffen.-wie sie der neue Zeitgeist erfordert. Neue Kanonen, die zwanzigmal feuern in derMinute, undGeschütze müssen erfunden werden, wo ein einziger Schuß den Feind reihenweis niederstreckt, nachher wird unser Vaterland den Siegeskranz erringen! Der Patriotismus ist gewiß eine schöne Sache, aber es gibt doch kein wahrhaft edles Gefühl, was nicht vereint mit Menschlichkeit ist, darum, wenn ich einen Mann so reden hör', so zuck' ich die Achseln. denn s!mgt) Ich weiß nicht bestimmt, was das eigentlich ist. Aber daß der kein Mensch is. das weiß ich ganz g'wiß! 3 . Schaut man bei die Damen die neuen Hüt' an, Ist hinten und vornan dem Hüterl nix dran, Man weiß nicht, verdecken das Hüterl die Haar. Oder die Damen sind bloßkopfet gar; Und gar jetzt im Herbst, bei dem Nebel und Reg'n. Da friert mich, wenn ich so a Huterl begeg'n! O Damen, seid's g'scheit, das geht wirklich zu weit. So eine recht moderne Schönheit ist meinerTreu nicht mehr schön! Früher einmalhatman sohaushobeg'schlos- sene Hüt' tragen, vorn mit Blumen und vor die Haar ein qroßmächtigenSchopf. nachher haben's in Paris die ungarischen Hüt' erfunden, die 6oIia8ek «1i liewälio, die waren schon kleiner ums G'spüren, fetzt tragt man aber hinten so kleine Dessertteller mit Lusterglas-Tropfen. und ich wett', es kommt noch die Mode auf. ganz unsichtbare Hüte zu tragen, da geht man nachher in den Marchandmodladen hinein, legt zehn Gulden auf die Budel. die Mar- chandmod macht's mit dem Finger so, und (singt) Wir brauchen kein' Hut mehr, kein Knö« - del, kein' Schopf! Da tupft uns d'Modistin vorn auf den Kopf! (Rep.) Neunte Scene. Alfred (im Seitenzimmer rechts, während sich die Thür öffnet). Mit einem Wort, Therese muß meine Frau werden. Schlankel (schreiend). Haben's sonst keine Schmerzen? Alfred (streng). Ruhig, sag' ich! (Tritt rasch ans der Thür, welche offen bleibt.) Es war mein letztes Wort — ich gehe, aber merken Sie noch einmal genau auf (spricht drohend in s Zimmer hinein). Ich entferne mich nicht zehn Schritte weit, denn ich weiß bestimmt. daß jetzt der Graf Lerchenthal hier im Hause ist und, heute noch um Theresens Hand anhalten wird. Er ist hübsch, er ist reich, er ist vornehm und in das Mädchen bis zum Wahnsinn verliebt, (laut und drohrnd) ich aber auch, und wenn Sie es wagen, mir den hochgebornen Gecken vorzuziehen, dann sollen Sie meinen Zorn kennen lernen, ich werde Sie vom Fenster aus beobachten, und wenn Sie nur die kleinste freundliche Geberde gegen ihn machen, dann zittern Sie vor mir, dann zittern Sie vor meiner Rache! (Rasch durch die Mitte ab.) Zehnte Scene. Schlankel (von links, aufgeregt) Wie ist mir denn? Ich bin mit dem Kopf in ein Schaffet kalt's Wasser g'fahr'n; mein ganzer Schwindel, meine ganze Angst ist weg. Jetzt seh ich's erst, was ich für ein unschuldiger Mensch bin und ich Hab' mich selber im ungerechten Verdacht g'habt. Pfui Teufel! das war nicht schön von mir! Er ganz allein ist verschlechte Kerl, der mich heut' Nacht über'n Daumen gedreht hat, und jetzt will er gar mein Mündel — die Dieb werden heut zu Tag wirklich schon zu keck, da ist aber nur der Fortschritt d'ran Schuld—wir haben einbruchsichereCassen, weil aber die Dieb bei ein' Einbruch so sicher sind, so haben wir auch einbruchsichere Dieb, und d'rum werden die Kerle so keck — will der freche Gauner ein Mädel, um das sich ein junger Graf die Finger abschleckt, den Grafen soll ich hinauswerfen. und den Dieb soll ich als Quasi- Schwiegersohn nehmen, ein Graf und ein Dieb, das ist ein Unterschied wie a Baßgeigen und a Zwetschkenknödel, und wann ich den Grafen erwisch, so muß ihn die Resi ung'schauteonehmen — aber der Eß- zeugdieb hat ja g'sagt. der Graf ist im Haus — vielleicht in mein'Quartier — vielleicht schon dort imZimmer! (Eilt gegen die Thür links.) Eilfte Scene. Leopold (tritt heraus) Herr Schlankel! Schlanke! (erregt, für sich). Er is — er is — er is! — der Graf! der Graf! (Zu Leopold.) O mein liebster Graf von Ler- chenftls! (verbessernd) von Liechtenthal! von Lerchenthal! (Küßt ihm beide Hände.) Leopold. Kennen Sie mich denn als Graf? Schlankel (eifrig) Oversteht sich, im Wirthshaus bei der Gemüthlichkeit Hab' ich Ihnen schon hundertmal g'sehen, und ein' Grafen kennt man aus Tausenden heraus! Sie haben immer ein schwarzen Frack, ein gebügelten Hat und geputzte Stiefeln g'habt. — Sie haben ein so schönes Deutsch g'red, daß Ihnen im Liechtenthal 's zehnte mal nicht verstanden haben. — Sie haben immer den besten Kalbsbraten g'gessen oder Gollasch mit Nockerl und nichts war Ihnen gut genug. Sie haben dem Zählkellner immer zwei Kreuzer Trinkgeld gegeben. —Sie haben mit die Damen Schieberisch tanzt und mit die Herren Vierzeilige dudelt. — Sie haben — mit ein Wort — das kennt man gleich, waS a bißl a Graf is! Leopold (bei Seite). Jetzt das Zeichen. (Geht zum Fenster und gibt, von Schlankel unbemerkt, ein Zeichen zum Fenster hinaus, Alfred erscheint draußen und blickt herein). Schlankel (bei Seite). Der Schwali- scher muß nur sein schwalischersches Ehrenwort geben, daß er die Resi heiratet, was man sagt auf?atroll' ä'konneur— und das jetzt gleich. (Wendet sich zu L opold und erblickt Alfred, der mit unteraeschlagenen Armen und finsteren AuaeS aut Schlankel blickt.) Holla! Der Eßzeugdieb schaut nach, ob ich den Grafen schon außig'worfen Hab' — na wart. Du Grasel. Du sitzt mir schon jetzt auf, ich werd' setzt solcheGeberden machen, damit der Räuber glaubt, ich bin mit dem Grafen katzengrob und was ich red, — das hört er nicht durch's Fenster! Leopold. Herr Schlankel. ich wollte— Schlankel (eifrig). Bei mir um die Hand meiner Mündel anhalten. - (Hält hm die geballten Fäuste unt.r dir Nase, schüttelt ihn an der Brust und den Händen aewalt'am und spricht dabei äußerst freundlich.) Sie kritgkN's — Sie kriegen's. und die andere Hand noch dazu (weist mit der Hand nach der Thür, als schaffte er Leopold hinaus) Sie müssen jetzt gleich dableiben — ich laß Ihnen gar nicht mehr bei der Thür hinaus. (Streift die Ak.mel auf.) Es ist ja so selten, daß so ein lieber, scharmanter nobler Herr zu mir kommt. (Hebt die Hand wie zu einer Ohrfeige.) Wenn ich so ein' säubern jungen Menschen sieh, da möcht' ich ihm gleich ein Buhl geben. (Schüttelt ihn heftig an der Brust.) O, sa- gen's mirdoch, mit was ich Ihnen a Freud' machen kann. Sie lieber. Sie guter. Sie braver Herr von Lerchenfeld! Leopold (macht sich los). Sie sind zu exaltirt! Alfred (verschwindet vom Fenster). Schlankel (freudig). Aus Freud' — aus Freud' — aus lauter Freud'! Sie glauben gar nicht was mir Ihr Antrag für ein Vergnügen macht. — Wenn jetzt mein 42 Mündel da wär', so müßt' sie augenblicklich mit Ihnen z' Haus geh'n als Ihre frisch verlobte Braut. Resi (ist während der letzten Rede in der Thür de- Hintergründe- erschienen und ruft jetzt freudig). Wirklich? Schlankel. Da ist sie wie gerufen — als wenn sie Jemand hereing'schickt hält' — da, Refi — da steht dein Bräutigam — gib ihm a Pa ar Dutzend Büffeln — und feiert's eure Verlobung! Nein, wie mich das g'freut, das kann ich gar kein' Menschen sagen — jetzt hol' ich erst den Grundwächter und alle Parteien vom Haus, die müssen mir de» gefährlichen Menschen mit Scheckeln und Fliegenprackern ordentlich durchtrischacken. — Jetzt geht Alles prächtig z'samm — z' Mittag ist ein großes Souper, auf die Nacht ist Verlobung. die Refi wird eing'sperrt — der Dieb ist eine glückliche Braut — der Graf kriegt Fünfundzwanzig —ich werd' wieder ein reicher Mann durch diese Mesalliance! iKüßt Leopold und ruft.) D Königin, das Leben ist doch schön! Zwölfte Scene. Leopold. Resi. Refi (Leopold umarmend). Endl'ch haben! wir uns alle Zwei! , Leopold. Das ist noch nicht bestimmt. Dreizehnte Scene. Krau Regerl mit den Kindern Franzl, Poldl, Peterl, Katherl, Lisi, Mili (au- r-cht-). Regerl (welche die Worte Leopold- gehört). O ja. mein Alter muß jetzt die Hkirats- dewilligung schon halten, wenn's auch aufkommt, daß Sie der Schuhwichsfabrikant find — sonst hat er s mit mir z'thun — Vierzehnte Scene. Alfred. Picksüß. Therese. dann Tini, Pauline, Louise. Bertha. Rosa, Laura, Sophie ldurch die Mitte). Emmenth aler. Alfred. Kommen Sie. theure Therese, damit ich meinem Freunde unser Glück mittheile. Emm. (zu Leopold). Er hat's schon die Lebzelterische, ich bin zum Herrn von Picksüß hin, Hab' ihm die ganze nächtliche Lieb'sg'schicht erzählt. Picksüß. Und weil ich solche G'schich- ten hinter mein' Buckel nicht brauchen kann, mein Madel den Herrn da gern sieht und der Graf ein solider, gebildeter Mensch ist- Emm. So hat der Herr Lebzelter das liebende Paar zusammengeben, — jetzt brauchen wir nur noch die officielle Bestätigung für dieses Brautpaar! (Zeigt auf Leopold und Refi ) Alle Madeln aus mein' Ateliersind von der Neugierde hergetrieben worden, um zu sehen, wie die Resi und ihr Poldl in die sicheren Häfen des Ehestandes einlaufen. (Lärm außer der Thür: Do ist der Dieb? der kriegt seine Schläg l Her mit ihm! u. s. w) Regerl. Da kommt der Schlankel schon! Fünfzehnte Scene. Schlankel und Düster und mehrere Männer und Frauenzimmer der ersten Scene. (Dieselben sind alle mit Stöcken und Schciktln. Besen u. s. w. bewaffnet, andere sehen durch die Fenster herein.) Schlankel (mit einem Kliegenpracker). Nur mir nach, meine Herrschaften! (Alls Alfred zeigend.) Da ist der Eßzeugdieb, der heut' Nacht beim Lebzelter einbrochen hat! (Alle dringen aus Alfred ein.) Picksüß. Erlauden's mir. das ist meiner Tochter Bräutigam und kein Einbrecher. Düster (zu Schlankel streng). Sie mole- stiren die Behörde ganz unnöthigerweise- lAuf Alfred drut.nd ) Dieser Herr war heute Nacht schon bei uns, das Gericht M 43 genaue Erkundigungen ein. und es hat sich herausgestellt, daß dieser Herr kein Mitglied der Gaunerbande, sondern der Graf Lerchenthal ist. Schlanke! tauf Alfred zustürzend). Wer find Sie? Alfred. Graf Lerchenthal! Schlanke!. Das ist ja nicht möglich! (Zu Leopold ) Wer wärendennnachherSie? Leopold (den Schnurrbart abnehmend). Der Schuhwichsfabrikant Putzweg! Schlankel (verblüfft). Ah, das sind Schlüpfer! Leopoldau Schlankel). Verzeihen Sie uns die kleine Täuschung. Sie werden Ihre Einwilligung nie zu bereuen haben — in meinem Geschäft will ich Ihnen Gelegenheit geben, wieder in geordneten Verhältnissen zu leben. Schlankel (reicht Leopold und Alfred die Hände). Na, wegen meiner, ich verzeihe Euch allen Zweien — daß Zhr solche Schlüpfer wart's — ich bin ja selber einer und wir müssen's sein — denn wie fad wär's Wiener Leben, gebet's keine Wiener Schnipfer! Gruppe. Ende. Au« dem Theater-Derlag der Wallishauffer'schtn BuchhaMung (Josef Klemm), Wien. Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Stäuberbraut, die. Posse mit Gesanq und Tanz in 3 A und S Bildern von Carl Elmar. sWr. Tbeater-Rrp Nr. 1t8.) KO kr 12 Sqr. Räuberhöhle, die. Schausp mit Gesanq in S A. 1803 30 kr K Sqr. Stavetlt» Dittorta» der weiblicheRinaldo. Scbau» spiel in 2 A. v Perinet 8.1808 40 kr 8 Sqr. Razemba» Manuela» oder die Trauringe. Posse in 1 A. v Sonnleithner. 18 1815 25 kr. 5 Sqr. RechnungSrath» der» und seine Töchter. Lnstsp. in 3 A siebe Feldmann Lustspiele 4. Band Stecidiv, da-. Lustspiel in 3 A Frei nach Ma i» vaur von Jünger 1803 40 kr 8 Sqr. Stedoute» die schwarze. Komische« Sinqspirl in 3 A 1807 40 ks. 8 Sqr Stedoute und Narrenhaus. Schwank m 1 A und 2 Bildern von C. F Stir (Wiener Theater- Repertoire Nr 113 ) 35 kr. 7'/, Sqr Rege« und Sonnenschein. Lustspiel in 1 A von L^on Gozlan Deutsch von Aler Bergen sWr. Theater-Rrp Nr. 135 ) 35 kr 7'/, kr Regenwurm, Slias» oder die Verlobung auf der Parforcejagd. Posse mit Gesang in 2 A von F Hopp (Wiener Theater-Rep Nr 21 ) KO kr 12 Sqr Regulus. Tragödie in 5 A. vou CoUin 1802 (Vergriffen) Rehbock» der» oder die schuldlosen Schuldbewussten. Lnstsp in 3 A vou Kotzebue. 1815. 50 kr. 10 Sqr. Reise» die» nach Amerika. Schauspiel in 1 A s. Weiffentburn Schauspiele 11. Band. Reise» die, nach der Stadt. Lustspiel in 5 A. ». Iffland 1801 60 kr. 12 Sqr. Reisenden» die. Orig »Lustspiel iu 1 A von Pape. 1788 25 kr 5 Sgr. Rekrut» ein» von 1851). Dolk«stück mit Gesang in 3 Abth. » O F. Berg (Wiener Tbeater» Rep Nr 54 ) «0 kr. 12 Sgr. Rekrntirnng» die» iu Krähwinkel. Durleeke mit Gesanq in 1 A von Theodor Flamm (Wr. Tbeatrr.Rep Nr. 101.) 35 kr 7'/. Sgr. Repressalien. Schauspiel in 4 A vou Ziegler. 1802 8 50 kr 10 Sgr. Reue versöhnt. Schauspiel in 5 A von Jffland. 50 kr. 10 Sgr. Reust» Heinrich» vou Plauen» oder die Belagerung von Marienburg. Trauerspiel iu 5 A. von Krtzrbue 1810 80 kr 12 Sgr. Revers, der. Orig.-Lustspirl in 5 A von Jünger. 180» 50 kr 10 Sqr Riesenbnrq, Konrad von. Schauspiel mit Gesaug in 4 A von Schuster 1806 8. 40 kr 8 Sgr. Rinaldo Rinaldiui» der Räuberhauptmann. Schauspiel 1 Tbeil in 4 A 2 Theil in 3 A. 3 Theil in 4 A von Hen«lrr 1808 8. 1 fl 20 kr 24 Sgr. Ritter) Wilibald» oder das eiserne Gefäst. Singspiel in 2 A. vvn Hen«ler 1784. 40 kr. 8 Sgr Robert, Pächter. Komisch« Oper in 1 A Frei nach Volvili« » Seyfried 1803 15 kr 3 Sgr Robert» der braune» und das bloude Rantcheu. Fürstrnqemälde iu 4 A von Hea«ler 8. 1798 35 kr 7 Sgr. Robert der Teufel. Große romantische Oper iu 5 A au« dem Franz de« Ekribe « Delavigne Musik vou Meyerbeer 8 Neue Auflage 35 kr. 7'/. Sgr. Robinson» der neue» oder da» goldene Deutsch* land. Carneval«» Posse mit Gesanq in 2 A s. Frldmann Lustspiele 5 Band Roderich und Kunigunde» oder der Gremitvom Derne Prazzo, odee die Windmühle auf der Westsei'e» oder die lang verfolgte und zuletzt doch triumpbirende Unschuld ,c. rc. Dramatischer Gallima hia« von Castelli 8 1821 40 kr. 8 Sqr. Roman» der kurze» oder die närrische Wette. Lustspiel in 1 A , siehe Castelli Sträußchen 1 Jahrgang. (Vergriffen) Roman, der, eine» armen junge« Mannes. Schauspiel in 5 Aufzügen und 4 Tableaur vou Octave Fevillet. bearbeitet für die deutsche Bühne von C Juin u P I. Reinbart (Wr. Theater-Rep Nr 51 ) KO kr. 12 Sqr Romani, Sophie, oder was vermag et« Schurke uichtl Schauspiel in 3 A von Hentler. 50 kr 10 Sgr Romeo und Julie. Trauerspiel in 5 A. v Shakespeare Zur Darstellung im k. k Hofburg- tbeiter eingerichtrt von C A. West qr 8 1841 80 kr 1K Sqr Romeo und Julie. Quodlibet von CKgrakt ren mit Gesang in 2 A. 1808. 40 kr. 8 Sqr Rosamunde. Trauerspiel in 5 A von Tb Körner 8. «Okr 12 Sqr Rosamnude. Oper in 3 A Frei nach dem Franz von I R von Gevfrird. 1810 30 kr. 8 Sqr Rose» die rothe und die weiste. Historische Oper in 3 A. Nach dem Frau, von I. F Castelli 1810 30 kr KSqr Rosenau, Ferd. Theatralische« Allerlei für Volksbühnen 1. Band 8 1821. 80 kr 18 Sgr Inhalt: Srü«. Mond und Paqat Komisch,« Zauberspiel in 2 A. — Justinio der Verbannte, oder der Straßenränder bei ' Otrauto. Schauspiel in 3 A. — Bolr«la« oder die Zerstörung von Zunky. Schausp in 3 A Rosenskoek, der. Spiel in 1 A. und in Versen vou Drinhardstei« gr. 12. 1826 »Skr. 7Sgr. Rübezahl. Schauspiel in 1 A vou Kotzebae. 1804 25 kr 5 Sqr. Rückfahrt, die» des Kaisers. Schauspiel in 1 A vou E. Deikh 8 1814. 20 kr. 4 Sgr Russe, der, tu Deutschlaud. Lustspiel iu 4 A vou Kotzebve. 1807. 50 kr. 10 Sgr Ruthars Abenteuer» oder die beiden Säuger. Romant.-kom. Oper in 3 A 1808 40 kr. 8 ^gr Ladino 6iulio >rioo« «roie» p«r muoioa in 2 > 8. 1805. 35 kr. 7 Lssr Sachs» Hans. Dnnnatische« Gedicht tu 4 A von Deinhardsteiu. 8. Wie» 1829 (Vergriffe« ) Salem. Lyrische Tragödie tu 4 A vou I. S Castelli 1810 25 kr 5 Sgr Salisbury, Adelheid »o«. Trauerspiel tu 3 A v. Schröder. 1804 8. 40 kr 8 Sqr Sammtrock» der. Lustspiel mit Gesang in 1 A Nach Kotzebur 1810. 25 kr 5 Sqr Samaritertune«. Heroische Oper iu 3 A » Mar- moutrl 1808. 25 kr 5 Sqr Samson. Oratorium. Nach Miltou zu Händel« Musik frei übersetzt »ou I F oou Mosel 10 kr 2 Sgr. Wallishaufser'sche Buchhandlung (Josef Kle«m) in Wien. Saud in die Auge». Lustspiel ia 2 A. Nach dem Französischen von Alexander Bergen (Wiener Theatrr-Rep. Nr 131 ) 50 kr. 10 Sgr. Sappho. Trauerspiel in 5 A von Franz Grill parzer. 1856 Vierte Auflage, gr 8 1 st 50 kr 1 Thlr. Gaul, Trauerspiel in S A. von E Marinelli, 1869. 12. 80 kr. 18 Sgr. Gaul, zweite Aust 1870. 8. 80 kr. 16 Sgr. Gaul, König in Israel. Melodrama in 3 A Alldem Französischen von I. R von Seyfried. 1811 Zweite Auflage 40kr 8 Sgr. Gavoyarden, die zwei. Singspiel in 1 A. von Perinet 8. 1782 35 kr 7 Sgr Savoyarden, die beiden. Singspiel v Schmieder 8. 20 kr. 4 Sgr Scham, die falsche. Srdausp in 4 A v. Kotzebue. 1803 25 kr. 5 Sgr Schatz, der. Lustspiel in 2 A v E Leffing. 1771 2"> kr. 5 Sgr Schatzgräber, der. Komische Oper in 1 Ä Frei nach dem Französischen v Seyfried 1803 25 kr. 5 Sgr Schatzgräber, der glückliche. Komisches Singspiel in 1 A von Lleitmano 20 kr 4 Sgr Tchauspieler.der. Lustsp in3 Aufz. v. Marinelli (Vergriffen.) Schauspieler, der, wider Wille». Lustspiel in 1 A von Kotzebue. 1810 25 kr 5 Sgr Schauspielers, de-, letzte Rolle. Poffe mit Ges ia 3A v Fr Kaiser 8 1851 75 kr 15 Sgr Schauspielerin, der» letzte Rolle. Siehe: Ein Traum — kein Traum Schauspielerin, die. Lustspiel in 3 A, s. Castelli Sträußchen 2 Jahrgang. (Vergriffen.) Scheidewand, die. Sing'piel in 1 A Nach dem Franz von I F. Castelli 1804 20 k' 4 Sgr Scheidewand, die. Lustspiel ia 1 A. s. Castelli Sträußchen 18 Jahrgang Schrinverbreche». Schauspiel in 5 A 1791 SO kr. 10 Sgr Scheinoerdienst. Schauspiel in 5 A von Jfflantz 8 1801 50 kr. 10 Sgr. Scherz und Ernst. Spiel ia Versen vou Stoll 1803 35 kr 7 Sgr Scherz, List und Rache. Singspiel in 2 A von Göthe Mnfik von Winter 1800 35 kr 7 Sgr Schtcksal-.Brnder, die. Lustspiel in 4 S , s Feld, mann Lustspiele K Baad Schiffbruch, der, oder die Erben. Lustspiel ia 1 A 1788 35 kr 7 Sar Schlacht, die, bet Fehrbelli». Schauspiel in 5A von Kleist 1822 60 kr 12 Sgr. Schlaugenfrst» da», i» Sangora. Heroisch-kom Oper iu 2 A von Hensler Musik » Wenzel Müller 1787 35 kr 7 Sgr ^ Schlenzhetm, General» und seine Familie. Schau» j spiel ia 4 A von Spieß, umgearbeitet von Plümike und Bröwel. SO kr 10 Sgr Schmuck» der. Lustspiel ia 5 Aufzügen 1778. Schmuck.Kästcheu, da», »der der Weg zum Herzen Schaus in 4 A v.Kotzrbur 1806 60 kr 12 Sgr Schneider» der, al» Raturdichter, »d«: der Herr Vetter an» Steiermark. Poffe mit Gesang in 2 A v Fr Kaiser 8 » 851 75 kr 15 Sgr Schneider, der, und sein Sah», »der Mittel gegen Herzwetz. Lustspiel ia 5 N Nach M»r» ton 1835 8 60 kr. 12 Sgr. Schuelderfamttl», »tue «rme. TraumgemLld« «it Ges.. Tanr u. Tableaur in 3 A. ». I. Böhm. (WienerTheater-RepertoireNr. 4.) 40 kr. 8 Sgr. Schönstein, E.» da« Privat- und HauSthearer 2 Thle in 1 Bs. Neue Ausgabe. 1851. 35 kr. 7'/, Sgr. Inhalt: Da- unterbrochene Duell. — Der Bürgermeister. — Einen Spaß will sie sich machen. — Herr von Schüfet l, oder die Landpartie in'« Krap'enwaldel. Schöpfung, die. Oratorium in drei Abteilungen. Musik von Joseph Handn. 15 kr. 3 Sgr. Schornsteinfeger, der. Orig.-Lustsp. ia 3 Acten von Hensler. 35 kr. 7'/, Sgr. Schreiner, der. Origin.-Singsp. in 2 Acten 1799. 20 kr. 4 Sgr. Schreiner, der, Singsp. in 1 Act. Nach dem Lstsp. gleich Namen« v A v. Kotzebue. 8. 1803 25 kr 5 Sgr. Schritt, der erste. Lustsp. in 4 A, s Weissen- lburn Schausp. 14. Band Schubkarn, der, de- Essighändler-. Lustsp. in 3 A. 1803. ' 50 kr 10 Sgr. Schuhe, die pücefarbene«, oder die schöne Schn» steriu. Kom Singsp. in 2 Akten 1808. 25 kr 5 Sgr. Schuld, die. Trauersp. von Müllner. 12. Wien. (Vergriffen.) chuld, gleiche. Gemälde unserer Zeit in 3 A., s Castelli Sträußchen. 7. Jahrgang. Schuld, die, einer Frau. Drama »n 3 Acten von E Girardi». Deutsch von Mar Stein. (Wnr.Theat. Rep. Nr 161) 50 Nkr. 10 Sgr. Schulden, alte. Orig »Lebensbild mit Gesang und Tanz von Frirdr. Kaiser (Wnr. Theat. Rep. Nr 184.) 60 kr 12 Sgr. Schule der Alten, die. Lustsp iu 5 A. Au- dem Franz übers, v. I. F. v. Mosel 1824. 80 kr 16 Sgr. Schule, die, der Armen, oder: Zwei Millionen. Original»Cbarakterdild mit Ges. in 4 A. v. Friedrich Kaiser. 8. 1850. 75 kr 15 Sgr. Schule, die, der Frauen. Lustsp in 5 A vou MoliLre, frei, doch getreu übers, v. Kotzebue. 1806 50 kr. 10 Sgr. Schule der Freigeister. Orig.»Lustsp in 3 A. von Weidmann 8. 35 kr. 7'/, Tgr. Schulgelehrte, der. Lustsp. in 2 A Nach dem Engl, der Miß Cowlry 1782 50 kr 10 Sgr. Schuserl, Herr von, oder die Landpartie in da» Krapfeuwaldel« Siehe Schönstem'« Hau«- ) theater ! Tchuster-töchter, die. Schauspiel in 2 Aufzügen. ! 1787 50 kr 10 Sgr. Schutzgeist, der. Dramatische Legende in 6 A. nebst einem Vorspiel von Kotzebue. 1815. 80 kr. 12 Sgr. Schwäbin, die. Lustsp ia 1 A. (s. Castelli Sträußchen 19 Jahrgang.) (Vergriffen) Schwäbin, die. Lustsp in 1 A von I. F Castelli. Zweite Auflage. (War. Theat. Rep. Nr 163) 7'/, Sgr. 35 Nkr Schwäger, die. Trauersp. in 5 A 1780.50 kr lOSgr Schwätzer, der. Lustsp iu 5 A. Nach Goldoai. 1806. SO kr 10 Sgr. Schwätzer, der «uterbrocheue. Lustsp tu 1 A Nach Lonnay von Contessa 1809. 40kr. 8Sgr. Schwetzerfamtlte, die. Lyrische Oper in 3 A. Frei nach de« Franz bearbeitet ». I F. Castelli Fünft» Auflage. 1820. 40 kr.hSgr. Walli-Hauffer'sche Buchhaodltmg (Josef Klemm) io Wien. Schwesterliebe. Lustsp. in 1 Aet. Nach dem Englischen von Alexander Bergen. (Wr. Theat. Rep Nr. 133.) 7'/, Sar. oder 35 Nkr Schwestern, die, von Prag. Singsp. in 2 A. nach Hafner von I. Perinet. Zweite Auflage. gr. 8. 1841. KO kr. 12 Sgr Tclavin, die. Orig.-Schausp. in 1 A. von Wal- don- 35 kr. 7'/, Sgr. Selavin, die, in Surinam. Schausp. in 5 A. von Kratter. 1805. 35 kr. 7'/, Sgr. Sklavin, die, und der großmüthige Seefahrer. Kein. Singsp. 1781. 1782. 50 kr. 10 Sgr. Gcüs, Mond und Pagat. Komisches Zauberspiel in 2 A. von F. Rosenau. 8 1821.40 kr. 8 Sgr. _ dasselbe, s. Rosenau. Theatralisches Allerlei. Sekretäre, die beiden. Lustsp in 1 A v. Anton Dittner (Wnr. Theat. Rep. Nr. 155.) 35 kr. 7'/, Sgr. Seelenadel, Schausp. in 2 A. von I. Cache. 1805. 25 kr. 5 S r. Seelenwanderung, die, oder der Schauspieler wider Willen auf eine andere Manier. Schwank in einem A. von Kotzebue. 1818. 35 kr. 7'/, Sgr. Seeräuber, die. Trauersp. in 5 A. v. E. v. Hou- wald. 8. Leipzig. 1831. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Selbstbeherrschung, die Schausp. in 5A. v. Jffland. 1810. 50 kr. 10 Sgr. Selbstmord, der, oder der unglückliche Lottospieler. Drama in 1 A. v. Weidmann. 20 kr. 4 Sgr. Selim, Prinz von Algier. Trauersp in 5 A von Jünger. 8, 1804. 40 kr. 8 Sgr. Sviutrarnlüe. Ueloclruinmu tru^ieo in clus ckel 8>^r U-ossl Unsren äel 8i^r. Ilossrni 12. 1823. 35 kr. 7'/, Sgr. Gemiramis, die neue. Heroisch-kom. Travestie- Oper in 3 Acten von Prrinrt. 1805. 8. 40 kr. 8 Sgr. Servus, Herr Stutzerl! Posse in 1 A. von Carl Juin und Louis Flerr. (Die Grundidee nach dem Französischen: Lou jour, Uonsisur?»n- tnlon.) (Wiener Theater - Rep. Nr. 28.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Severin von Jaroszynskt, oder: Der Blaumantel vom Trattnerhof. Genrebild mit Gesang und Tanz in 4 Acten (als Seitenstück zu »Therese Krones«), von Carl Haffner und I. Pfundheller. 12 Sgr. 60 Nkr. Shakspeare als Liebhaber. Lustsp. in 1 A., s. Aurländer Almanach 8. Jahrgang. Ghawl, der. Lustsp. in 1 A. von Kotzebue. 1815. 35 kr. 7'/, Sgr. Sie, der. Lustsp. in 1 A., s. Castelli Sträußchen I. Jahrgang. Sie hilft sich selbst. Lustsp. in 4 A., s. Weissrn- thurn Schausp. 15. Bd. Sie find zu Hause. Lustsp. in 1 A. Nach De- saugierS bearbeite!. 1808. 25 kr. 5 Sgr. Singspiel, daS. Singsp. in 1 A. Nach dem Französischen von Treitschke. 20 kr. 4 Sar. Singspiel, daS, am Fenster. Kom. Oper in 1 A. Nach dem Franz, v. Treitschke. 20 kr. 4 Sgr. -das, auf dem Dache. Kom. Oper in 1 A. Nach dem Franz, v. Treitschke. 20 kr. 4 Sgr. Sinn, leichter. Lustsp. in 5 A. von Jffland. 1800. KO kr. 12 Sgr. Sirk Brahe, oder: Die Neugierigen. Schausp. in 3 A. von Sr. Majestät Gustav dem Dritten, Könige von Schweden. Aus dem Schwedischen übers, v. Gruttschreiber. 1784. 40 kr. 8 Sgr. Sitah Mani, oder: Carl der XII. bei Bender. Histvr. Schausp. in 5 A. 1809. 40 kr. 8 S>>r So gibt es denn in der Welt gar keine Ruhe. Original-Lustsp. in 2 A. 1807. 30 kr. 6 Sgr. So handeln Freunde. Originalgeinälde aus dem häuslichen Leben in 1 A. 1794. 35 kr. 7'/, Sgr. So lohnt sich Kunst. Vorspiel, s. Weiffenthurn Schauspiele 12. Bd. Sohn, der, auf Reisen. Lustsp. in 2 A, s. Frld- mann Lustspiele 1. Band. Sohn, der dankbare. Ländl. Lustsp. in 1 A. von Engel. 1772 20 kr. 4 Sgr Sohn, der, des, Giboyer. Schauspiel in 5 A. von Emil v.ugier. Deutsch von M. Saphir. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 151.) 16 Sgr. 80 Nkr. Sohn, der natürliche. Schauspiel in 4 A. und einem Vorspiele in 1 Aufzuge von Alexander Dumas' Sohn, deutsch von P. I. Reinhard. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 44.) 12 Sgr. 60 Nkr Sohn, der verlorene. Lustsp. in 3 A. v. Schink. 1794. 50 kr. 10 Sgr. Söhne, die, des Thals, s. Werner Theater 1 und 2 Band. Soldat, der im Frieden. Charakterbild mit Gesang, Tanz, Tableaur rc. in 3 Acten von Friede. Kaiser. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 146.) 12 Sgr oder 60 Nkr Soldat, der, ganz allein. Komisches Zwischensp. in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 13. Jahrg Soldat, der, von Cherson Lustspiel in 3A.von Hensler 1790. 8. 35 kr. 7'/, Sgr -der Oesterreicher in Kehl. Vorspiel in 1 A. von Hensler. 1797. 8. 35 kr. 7'/, Sgr Soldatenktnd, daS. Bolksstück mit Ges. u. Tanz in 2 Abth. und 6 Bildern, nebst einem Vorspiele von Theodor Flamm (Wnr. Tkeat. Rep Nr. 156.) 60 kr. 12 Sgr. Soliman vor Wie«. Orig.-Trauersp. in 5 A. von Weidmann. 35 kr. 7'/, Sgr Soliman der ll. oder die drei Sultaninnen. Singsp. in 2 A. Nach dem Franz von F. L. Huber. 1807. 25 kr. 5 Sgr Sonnenjungfrau, die. Schausp in 5 A von Kotzebue 1801. 50 kr. 10 Sgr. Sonnet, das. Spiel in 1 A. von Deinhardstem. gr. 12. 1818. 35 kr. 7'/, Sgr Sonnleithner I., Taschenbuch für deutsche Schaubühnen und Liebhadertheater. 16. 1815. br. 1 fl 20 kr. 20 Sgr. Enthält: Der Gönner, Lustsp. in 1 A — TennirrS, Lustsp. in 1 A. — Die Überraschung, Lustsp. in 1 A. — Die Zurechtweisung. Lustsp. in 1 A. in Versen, — Manuela Razemba oder die Trauringe. Posse in 1 A Sorge« ohne Roth und Roth ohne Sorge«. Lustsp. in 5 A. von Kotzebue. 1811.50 kr. 10 Sgr Spanier, die, in Per«, oder Rolla'S Tod. Romantisch,- Trauersp. in 5 A. von Kotzebue. 1801. 60 kr. 12 Sgr. Sparbüchse, die, oder der arme Ca«didat. Lustsp in 1 A. Wien 1808 35 kr 7'/, Sgr. WalliShausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Tpaß, einen, will sie sich machen. S. Schönstein Haustheater. Sperre, enqe, oder: Die Hungercur. Schwank mit Gesang in 1 A, von Alois Berla. (Wnr. Theat Rep. Nr. 207.) 35 kr. 7'/, Sgr. Spiegel, der, oder laß' daS bleiben. Lustsp. in 1 A. von Kotzedue. 1802. 25 kr. 5 Sgr. Tpiegelritter, der. Oper in 3 A. von Kotzedue. 1802. 40 kr. 8 Sgr. Spieler, der. Schauspiel in 5 Acten von Jffland. 60 kr. 12 Sgr. Spieler, die falschen. Lustsp. in 5 A Von Klin- ger 1782. 50 kr. 10 Sgr. Spröde, die, auf der Probe. Oper in 1 Acte von Dupat». 1805. 20 kr. - Sgr. Spul, Herr, oder-Echtheit ohne Schimmer. Lustsp. in 5 A. 1794. 40 kr. 8 Sgr Stauf, Hieronymus von. Trauerspiel in 5 A von Friedr. Baron de la Motte Fouq«. Berlin. 1819. 50 kr. 10 Sgr. Stelldichein, das, um Mitternacht. Lustsp. in 1 A.. s. Castelli Sträußchen. 18 Jahragan. Sternenjungfrau, die. Romant.-komisches Märchen mit Gesang n Tanz in 3 Abtb. von Carl Haff- ner. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 10.) 60 kr. 12 Sgr. Sternenmädchrn» das, im Meidlingcr Wald. Volksmärchen mit Gesang in 3 A von Huber. 1802. 50 kr. 10 Sgr. Stiefvater, der. Lustsp. in 1 Acte, nach Lauren- rin und Marc-Michel von Grandjean. (Wn>. Theat. Rep.) 35 kr. 7'/, Sgr. Stiefel, der dämonische. Posse in 1 A. von Carl Juin. (Giugno.) (Wnr. Thcat. Rep. Nr. 118.) 35 kr. 7'/, Sgr. Cin Stillleben auf dem Lande. Posse in 1 A von Juin und Flerr. (Wnr. Theat Rep. Nr 149 ) 35 kr. 7 V. Sgr. Stolz und Liebe. Lustsp. in 5 A. von Jünger. 40 kr. 8 Sgr. Ttradella, Alessandro. Romant Oper in 3 A. von W Friedrich. Musik von Flvtow. gr. 16. Zweite Auflage. 1870. 35 kr. 7'/, Sgr Strafe, eheliche. Lustsp. in 1 A, s. Castelli Sträußchen 11. Jahrg. Stranders, des, Tochter. Schausp. in 5 A. Frei nach Sheridan Knowles, von Fr. v. Treitschke. Wien. 1840. gr. 8. 80 kr. 16 Sgr. Strelitzen, die. Heroische« Schausp. in 4 A. nach einer wahren russischen Begebenheit, von Babo. 1808 50 kr. 10 Sgr Strich, der, durch die Rechnung. Lustsp nach Jünger. 40 kr. 8 Sgr. Studenten, die, von Rummelstadt. Gcnrebild mit Gesang und Tanz in 3 A. von Carl Haffner (Wnr. Tbeat. Rep. Nr. 71.) 12 Sgr. oO kr Stumme, der. Lustsp in 1 A. von Kotzedue 1808. 35 kr. 7'/, Sgr. Stumme, die, von Porttci. Große hrro sch-ro- mantische Oper in 5 A. Frei nach Scribe und Dclavigur. Musik von Auber. 8. Neue Auflage 35 kr. 7'/, Sgr. Stunde der Vergeltung, die. Rittcrschausp. in 5 A. v. Schuster. 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr. Sturm, der. Heroisch-komische Oper in 2 A. Nach Sdakespeare von Hentler. 1798.25 kr. 5Sgr. Sünder, ein alter. Cdarakterbild mit Gesang und Tanz voa Vinzenz Pirzel. (Wiener Theater- Reperto r Nr. 142.) 60 kr. 12 Sgr. Tag, der tolle, oder die Hochzeit des Figaro. Lustsp. in 5 A. von Jünger. 40 kr. 8 Sgr. Tag und Nacht, große Zauberpantomime in 3 A. 1808. von Franz Kers. 10 kr. 2 Sgr. Talisman, der. Posse mit Gesang in 3 A. von I. Nestroy. 12. Mit einem alleg. illum. Bilde 1843. 75 kr. 15 Sgr. Tancred. heroische Oper in 2 A. Nach dem Italienischen v. Chr. Grünbaum. 1818. ^5 kr. 7'/, Sgr. 1'i»i»»-r««ll. OrunullL ssrio per Olusiea in clue ätti. 1806. 35 kr. 7'/, Sgr. Tant', die Jungfer. Volkskomödie mit Gesang in 3 Akten mit 9 Bildern. Von Alois Berla. (Wien. Tbeat. Rep. Nr. 137). 60 kr. 12 Sgr. Tante, die junge. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 9. Jahrgang. Tänzerin, die, und der Öuäcker. Lustsp. in 1 A , s. Castelli Sträußchen 18. Jahrgang. Laps, der wie gewönne» so zeronnen. Posse in 2 A. Aus dem Französischen. 1793. 25 kr. 5 Sgr. Tarnov, Gräfin von. Drama in 3 A. 40 kr. 8 Sgr. Taschenbuck. Drama iu 3 A. von Kotzebue. 8. Leipzig. 50 kr. 10 Sgr. Tauben, die. Schwank in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 7. Jahrgang. Taubstumme, der, oder der cte I'Lpe« Historisches Drama in 5 A. Nach Loull.v von Kotzebue. 1802. 50 kr. 10 Sgr. Taucher, der. Rom. Oper in 2 A. Musik von E. Kreuzer. 1824. 30 kr 6 Sgr. Taufschein, der. Lustsv. in 1 A Nach dem Franz des Pica d von Jffland. 1808. 40 kr. 8 Sgr Telemach, Prinz von Jthaka. 1. Thl. Posse in Knittelvers, v. HenSler. 8. 1801. 40 kr. 8 Sgr. -der travestirte. Carikatur in Knittelversen mit Gesang in 3 A. 1 Thl. 1805. 40 kr 8 Sgr Telemach auf der Insel der Calypso. Ballet in 3 A.*v. Dauberval. 1807- Franz, und deutsch 10 kr. 2 Sgr Tell, Wilhelm. Gr. pantom. Ballet in 4 Acten von Henry. 15 kr. 2'/, Sgr Temperamente, die. Kom Oper in 1 A Nach Marsollier von Seifried. 8. 1803. >0 kr 5 Sgr. Templer, die, auf Cypern. S. Werner Theat. 2. Bd Lenniers. Lustsp. in 1 A. von I. Sonnleithner. 18. 1815. 25 kr. 5 Sgr. Testament, das. Lustspiel v. Schröder. 40 kr. 8. Sgr Testament, das, des Onkels. Schausp. in 3 A Nach dem Französischen von I. F. Castelli. 1808 50 kr. 10 Sgr. Testament, daS, einer alte« Frau. Drama in 5 A von C. W. Koch. Stehe dessen dramat Beiträge Testamente, zwei. Charakterbild mit Gesang iv 3 Aufzügen von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Rrp>rtoire Nr. 77.) 60 kr. 12 Sgr Teufel, der, im Herzen. Lebensbild mit Gesang in 2 Acten und einem Vorspiele unter dem Titel . DasUnglückszeichc«,vonFlamm undWimmer (WirnerTH.-Rep. 190.) 12 Sgr. oder 60 Nkr Teufels, deS, Lustschloß.Natürliche Zauber-Oper in 3 A von Kotzebue. 1802. 50 kr. 10 Sgr. TeufelSmuhle, die, am Wieuerberg. Oesterr Volksmärchen mit Gesang in 4 Akten von Leopold Huber. (Wiener Theater Repertoire Nr. 112.) 60 kr. 12 Sgr. Teufelsthurm, der, bei Liuz. Komische Zauberoper i« 3 A. v. Huber. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Thaukmar, der Etsenarm. Skizze der rauheu Zeit, in 5 A. 1806. 35 kr. 7'/, Sqr. Theater, zum ersten Male tm. Posse in 1 Akt. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater Repertoire Nr. S.) 35 kr 7'/, Sar Thekla, die Wienerin. Vaterl. Schauspiel rn 5 A. »- ZiegUr. 18 >8. 8- 50 kr. 10 Sgr. Lheophana. Trauersp.el in 5 A. Nach Bado. 1815. 35 kr. 7'/, Sgr. Lhomi, oder die Stimme der Natur. Drama in 2 A.. s. Castelli Sträußchen 6 Jahrgang. Lhorringer, Caspar der. Hist. Schauspiel in 5. A »on GrafTörrnig Scef.ld. Zweite Ausl. 8. 1811. 50 kr. 10 Sgr. Lhnrm, der rothe. in Wien. Original-Sckausp. mit G sang in 3 A.v. Gleich. 180^.8.40 kr.'8 Sgr. Thurueisen. Albert von. Bürgerliche» Trauersp. in 4 A. v. Jfflai b. 1811. 40 kr. 8 Sgr. Tischler, der lieständische. Lustsp. in 3 A Nach d.m Franrösilchen 1812. 2 Aust. 40 kr 8 Sgr. LttuS, der Gütige, ernsthafte Oper in 2 A. Nach dem Italien sll)>n. 181 l. 35 kr. 7'/, Sgr Titus Manlius TorquatuS. Tragödie v. I. Paffy. gr. 8. 1816. 35 kr. 7'/, Sgr. Lachter, die, des Kapitäns. Schauspiel in 3 Akten, nach dem Fra, zöfiicheu von C. Gärtner. (Wiener Thcaier Rep. Nr. 13.) 35 kr. 7'/, Sgr Lachter, die, Pharaonis. Lustspiel in 1 Alte von Kotzedue. 8. 1811. 35 kr. 7'/, Sgr. Lachter, die, dankbare. Originaldrama in P osa in 1 Alte 1773. 35. kr 7'/, Sgr. Tächter, die erwachsenen. Lustspiel in 3 A. nach dem Fianz. de» Picca»d, von Jffland. 1807. 50 kr. 10 Sgr. Lodtrnfackel, die, oder die Höhle der Siebenschläfer. Schau ip. m. G s. in 4 A 40 kr. 8 Sgr. La«, der, unserer Zeit. Lustspiel, von Jünger. 50 kr. 10 Sgr. Laut. Dramain 3 A. von Th Körner, gr. 12. Wien. Orig. A. 1816 60 kr. 12 Sgr. Lastl. Won Wien uach London. Komische Scenru von Anten Bitluer. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 147). 30 kr. 6 Sgr Lrauer, die tiefe, Lustsp. in 1 A. 35 kr. 7'/, Sgr. Lrau«, der, Lustsp. iu 1 A., s. Weisseuthurn Echauipiel XI. Band. Trau», der, ein Lebe«. Dramatische» Märchen tu 4 A von Franz Grillparzer, gr. 8 1840 1 fl. 50 kr. 1 Thlr. Traum, ei«, — kein Traum, oder, der Schauspielerin letzte Nolle Posse mit Gesang in 2 A von Fr. Kaiser. 8. 1851. 75 kr. 15 Sgr. Trettschke, G. F., Singspiele nach dem Französischen. 5 Bde. gr. 8. 1808. 5 fl. 3 Thlr. 10 Sgr. Treue, verrannte. Drama iu 3 >., s. Castelli Sträußchen 4. Jahrgang. Lrista«. Traueripiel in 5 A. mit einem Vorspiel von Ludwig Schuregan». Leipzig 1865. 1 fl 50 kr 25 Sgr. Triumph der Treue, oder die Rose der Schönheit. Feen-Ball« von Henry. 1824. 5 kr 1 Sgr Triumph, der, des Vitellins Madtmtuus, rder dir Zerstörung von Pompejannm. Ballet »n 5 Allen von Aligiolini. >810. 10 kr. 2 Sgr Troubadour, der. Oper in 4 A nachdem Jtali>n. de» S. Cammerano ». H Proch. 35 kr. 7'/, Sgr. Turturell, Traue,spiel iu 5 A von I. C. von Zedlitz 12. 1821 Ist. 20 Sgr. U. A. W. G. oder die Einladungskarte. Schwank in 1 A. von Kotzedue. 1808. 25 kr. 5 Sgr. Ubaldo, Schauspiel in 5 A. Nach dem Trauersp. gl'ichen Namen» de» Herrn A. v Kotzedue. 1809. 50 kr 10 Sgr. Ueberall Diebe. Original-Schwank i r 1 Akte, von C.F. Stir. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 53.) 35 kr. 7'/, Sgr. Ueberraschung, die. Lustspiel in 1 A. von Lonn- llitdnrr. 12. 1815 20 kr. 4 Sgr. Ueberraschung, die. Originallustspül in 1 A. von W idmaun. 20 kr. 4 Sgr. Ueberspanntheit, oder die entsetzliche Lite» atur. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen 18. Jahrgang. Uhr, die, und die Mandeltorte. Lustspiel iu 1 Akt von Kotzedue. 15 kr. 3 Sgr Uhr, die hölzerne. Drama in 1 A. s. Castelli Sträußchen 4. Jahrgang. Um sechs Uhr ist die Verlobung. Lustspiel in 5 A. Nach dem Englischen des Fielding von Schröter. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Unbedeutende, der. Posse mit Gesang in 3 A. von Joh. Nestroy. 8. 1849. 1 fl. 20 Sgr. Unbekannte, der. Schausp. in 4 A. von Hrnslcr 1803 50 kr. 10 Sgr. Ungarin, die schöne, oder das Pasquill. Lustjp. in 1 A. von HrnSler. 1798. 8. 35 kr. 77, Sgr. Ungeduldige, der, Orig.-Lustsp in 5A. v. Weidmann. 35 k». 7 7» Sgr Ungetreue, der eifersüchtige, Lustip. in 3 A. von Schröder. 50 kr. 10 Sgr. Unglückliche«, die, Lustsp. in 1 A. von Kotzedue 1810. 30 kr. 6 Sgr. Uniform, die. Oper in 2 A Nach dem Franz. von T>ei>schke. 35 kr. 77, Sgr. Uniform und Schlafrock. Lustsp. in 1 A. s Castelli Sträußchen 18. Jahrgang. Unrecht Gut. Charakterbild mit Gesang iu 3 A, und 1 Vorsv. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 81.) 60 kr. 1t Sgr. Unser Tritz. Schauspiel in 1 A. von Kotzedue. 1803 35 kr 7'/, Sgr. Unter der Erde, s. Elmar Theater. Untreue, t ie, aus Liebe. Romant. Oper in2A. von Stegmayer 1805 8. 40 kr. 8 Sgr. Unverhofft. Posse mit Gesang in 3 A. von Joh. Nestroy. Mit einem allegorischen Bilde. 12. 75 kr. 15 Sgr. Unvermählte, die. Drama in 4 A von A. v. Kotzedue 50 kr. 10 Sgr. Urika, die Negerin. Drama in 1 A. s. Castelli Sträußchen 11. Jahrg. Ursprung des Korbgebens. Dramat. Kleinigkeit in 1 A., s. Feldman» Lustspiele 2. Band. Urtheil, das, de- Paris. Hervisch-paniomim sch. Ballet von der Erfindung de« Hrn. Noverre. 1771. 10 kr. 2 Sgr. Usanqui, oder die Patrioten in Stua. Orig - Trauerspiel in 5 Acten von Weidmann 35 kr. 7'/, Sar. Valberg, Elise von. Schausp. in 5 A. Don Jffland. I808. 60 kr. 12 Sgr. Van Dyck' Landleben Malerische« Schauspiel ». Fr Kind 8. Leipzig 1821. 1 ft. 20 kr. 24 Sgr Dairr» der» von Ungefähr. Lustsp. in 1 An Nach dem Fra»zöüich»u de« Pain und Dielt» lard von Kotzedue. Ir.04. 25 kr. 5 Sgr. Wallishauffer'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. (Diese- Vrrzetchuiß mied fortgesetzt.) Druck und parire von 2 Eom urr ck- Comp in ll'ien.) Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Die Sanduhr. Schauspiel in einein Aufzuge von Edvard Mautner. (Am k. k. Hofbnrgrheater mit Erfolg gegeben.) Personen: Hermann. Louise. Wilhelm Rustan- Ort: eine große Hauptstadt. Zeit: die Gegenwart. Großes Studierzimmer, im Hintergründe Bücherkästen. Mittelthüre. Rechts im Vordergründe ein Fenster, neben demselben, etwas weiter zurück, eine Portiere, hinter welcher eia Zimmer angenommen wird. Zm Vordergründe rechts neben dem Fenster eine Chaiselongue. Zn der Mitte des Zimmers rin großer Schreibtisch, auf dem sich Bücher, eine Cassette mit zwei Pistolen nebst Zugehör u. s. w. befinden- Neben dem Schreibtisch rechts und Links Fauteuils- Zm Vordergründe links ein Kamin, in dem Helles Feuer brennt. Neben dem Kamin rin Fauteuil, vor demselben auf dem Boden rin Tigerfell- Uebrr dem Kamin ein Trphäe aus modernen und mittelalterlich europäischen und außereuropäischen Waffen. Aus dem Kaminfimse allerlei Antiquitäten, unter welchen sich eine Sanduhr befindet. Vollständige Kamingarnitur mit Holzkorb, Feuerschürer u. s. w. Das Ganze reich, aber ernst, zugleich auf den Gelehrten und Weltmann hindeutend. Erste Scene. Hermann (am Schreibtisch mit Papieren beschäftigt. Er nimmt Briefpackete aus den Fächern 2 des Tisches und wirst sie ia'8 Kaminfeuer). Wie sie lodern! Da nimm dein Eigen zurück, gieriges Element, und verzehre es! Wie die rothen. Flammenzungen an ihrer Beute emporlecken! Briefe, Haarlocken, welke Blumen, vergilbte Handschuhe, der ganze Trödel, den man übereingekommen ist, Liebe zu schelten! — Da verknistert diese Liebe, die keine war, und die mich um mein Alles betrogen hat! — Auch diese Briefe, auch dieses Bild? — Nein! diese Liebe, die erste und letzte, die einzig wahre — diese Liebe, für die ich sterbe — soll mich überleben! (Zum Kamin gehend, die Sanduhr nehmend und betrachtend.) Ist Noch Sand in der Urne? Nicht viel! aber eine Stunde wird es doch noch dauern, bis Körnchen auf Körnchen hinabgefloffen ist! — Eine Stunde! — Winziger Meilenstein an der endlosen Heerstraße der Ewigkeit! So sei's denn — eine Stunde! — Und nun fließt dahin ibr letzten Sand- körner meines Lebens! (Stellt die Sanduhr aus den Schreibtisch, nimmt die Pistolen aus der Kassette und ladet sie sorakältig.) Eine Kugel für mich und eine für Zena! Diesen Liebesdienst bin ich dem Thiere schuldig; habe ich es nicht meinem Gastfreunde in der Wüste versprochen, als er mir das herrliche Pferd, das schönste seines Triebes, schenkte, daß es keinen andern Reiter tragen solle, ols mich!? — Du siehst wohl, armer Zena, daß ich Wort halten muß! So — Alles fettig! (Legt die Pistolen in die Kassette und klmgelt ) Zweite Scene. Voriger. Rust an (von links und bleibt schweigend nnt über der Brust gekreuzten Armen vor demselben stehen). Hermann. Was macht der Knabe? Ru st an. Er schläft, Herr! Hermann. Es ist gut; und der Auftrag. den ich Dir gab? Ruft an. Ist bestellt, Herr! der Freund meines Gebieters wird sogleich erscheinen. Hermann. Rustan, ich reise — Rustan. Wohl, Herr, so willäch Zena satteln! Hermann. Nein, Rustan, bei uns reist man nicht wie in deiner glühenden Heimat, ich bedarf Zena's nicht, ich kann selbst Dich nicht mit mir nehmen. Rustan. Mein Gebieter ist unzufrieden mit Rustan? Hermann. Nein, guter Rustan —ich bin zufrieden mit Dir; Du bist treu wie Stahl — aber ich reise zu weit, zu weit! ich kann Dich nicht mit mir nehmen! Rustan. Und was soll aus armen Rustan werden, wenn sein Herr ihn verstößt? Hermann. Dafür ist gesorgt! Du kannst, wenn Du willst, in dein Sonnenland zurückkehren, oder wenn Du hier bleiben willst, so wird Dir der Freund, den ich erwarte, ein guter Herr sein. Rustan. Rustan dient keinem andern Herrn! Als der Tiger im Jungyle schon zum Sprunge ansetzte, da pfiff die Kugel seines Herrn und Rustan lebte weiter! Hermann (auf ein Tigerfell, das eine Chaiselongue bedeckt, deutend). Und da liegt nun dein grimmiger Gegner und Du hast die Genugthuung ihm täglich das Fell auszuklopfen, damit die Motten nicht hineinkommen. Eigentlich eine edle Rache! Doch wie Du willst! Du kehrst also in deine Heimat zurück! Es soll Dir dort an nichts fehlen! Ich spreche Dich noch, bevor ich reise. Jetzt will ich nach dem Knaben sehen. Wenn mein Freund kommt, so bitte ihn, mich hier zu erwarten. (Links ab.) Rustan Mein Herr reift weit, sehr weit — und Rustan soll ihn nicht begleiten! — Rustan, von dem er sich nie getrennt hat. soll.nach Hause zurückkehren! — Was hat das zu bedeuten? — (Be- trachiet sinnend die offene Pistolen-Lassette.) 3 Dritte Scene. Vorige. Wilhelm. Wilhelm. Wo ist dein Herr, Rustan? Ru ft an. Er läßt seinen Freund ersuchen, ih i hier zu erwarten; er wird sogleich kommen. Wilhelm. Es ist gnt, Rustan! ich werde warten. — Geh'! (Da Rustan zö- stkhen bleibt.) Nun? was gibt's noch, Rustan? Rustan. Herr, mein Gebieter will reisen. Wilhelm. So? Nun. das ist eben nichts Besonderes! Seit vielen Jahren ist ja sein Leben ein rastloses Wandern. Rustan Er will Rustan nicht mit sich nehmen. Wilhelm. Das ist in der That auf« fallend! Rustan. Herr! lasten Sie meinen Gebieter nicht reisen; er will weit fort, sehr weit! (Hrgreift seine Hand, führt ihn zum SchnMscb und zeigt ihm die offene Pistolen- bassette.)So Weit! (Durch die Mitte ab.) Wilhelm (allein). Was ist das? Sollte die Anhänglichkeit dieses treuen Burschen d'- Wahrheit errathen? — Hermann ist nicht gl-.cklich, das weiß ich seit Jahren, wenn er sich auch nie aussprach! (Die Pistolen betrachtend.) Diese Pistolen sind schon geladen — also handelt es sich nicht um ein Duell! — Nun, ich werde ja hören! (Tritt in den Hintergrund.) Vierte Scene. Voriger. Hermann (von lnk«). Hermann. Der Knabe schläft noch immer! Wenn ich in sein bleiches Gesicht sehe, tritt eine unbestimmte Erinnerung vor meine Seele, süß und schmerzlich zugleich! Sein Anblick ergreift mich wunderbar ! — Seltsam! die letzten Stunden mei- nes Lebens gehören einem armen, unbekannten Knaben, den ich an der Schwelle meines Hauses verwundet und blutend unter den Rädern eines vorübersausevden Wagens hervorriß. den ich verband und pflegte! — Nun, ich hätte diese Stunden leichtschlechterverwenden können! — Wenn ich leben könnte, ich würde Dich erziehen, armer Knabe, ich würde Dich zu einem Manne machen, zu einem besseren, als ich war! Aber die Woge deines Schicksales hat Dich in ein leckes Schiff geschleudert, das sinken muß! Sieh' zu, wie Du an's Land kommst! (Wilhklm bemerkend.) Ah, da bist Du ja, Wilhelm! Wilhelm. Du hast mich ersuchen lassen, zu Dir zu kommen. Hermann. Ja, und ich danke Dir, daß Du kamst — ich bedarf deiner und zähle auf Dich! Wilhelm. Du weißt, daß Du es kannst! — Dein Rustan sagte mir, daß Du verreisen willst? Hermann. Ja, in einer Stunde! So wie das letzte Sandkorn hinabgeflosten ist auf den Grund dieser Urne. — Eben deß- halb ließ ich Dich bitten, zu mir zu kommen. Ich habe verschiedene Anordnungen zu treffen. Wilhelm. Und wohin will denn der nimmermüde Ahasver? Ist es doch kaum eine Woche her. daß Du in dieser Stadt ankamst, wie Du sagtest, um mich nach Jahren wieder zu sehen. Und ich zählte auf ein langes, langes Zusammensein! Und jetzt wolltest Du schon wieder fort? Hermann Ich muß! Wilhelm. Gibt es denn wirklich noch eine Scholle bewohnter oder unbewohnter Erde, die dein Fuß noch nicht betreten hat? Die glühende Sonne des Aequators hat deinen Scheitel gesengt, und einen Winter lang bist Du auf deinem Schiffe der Gefangene des Polareiseß gewesen. Du solltest Dir doch endlich Ruhe gönnen! Hermann. Das will ich eben! Es ist meine letzte Reise! — Doch höre mich: Vor allem wälze ich eine Last auf deine Schultern. i * Als ich vor einigen Stunden nach Hause ging, gerieth ein armer kleiner Junge dicht vor meinem Thore unter die Räder eines Wagens. Ich riß ihn noch rechtzeitig hervor, um ihn vor einer vielleicht tödlichen Verletzung zu bewahren. Wilhelm. Der Junge hat Glück, gerade vor dem Hause eines Arztes überfahren zu werden. Hermann (bitter). Eines Arztes, der seine Kunst seit Jahren nicht mehr ausübt, der zu reich ist, um der Menschheit dienen zu dürfen! Doch gleich viel! — Ich ließ den zum Glück nur leicht verwundeten, aber durch den Schreck bewußtlosen Knaben in meine Wohnung bringen, ich verband und pflegte ihn, ich forschte nach seinen Eltern — er rief aber nur immer nach seiner Mutter, ich suchte die Wohnung derselben von ihm zu erfahren — seine Erinnerungen sind schwankend undunbestimmt! Wilhelm. Ich verstehe, Du willst deine Abreise wegen dieses Knaben nicht aufschieben und willst mir die Sorge für denselben übertragen. Hermann. Du hast hier deinen eigenen Herd, ich bin ein unsteter Wanderer! — Deine Frau wird den Knaben pflegen, deine Kinder werden seine Spielgenossen sein, bis Du seine Mutter ausge- sorscht hast. Du wirst den Knaben seiner Mutter zurückgeben. Fast beneide ich Dich um diesen Moment! Wilhelm. Und wenn ich seine Mutter nicht finden kann, wenn er absichtlich verloren ward — ? Hermann. Dann wirst Du weiter für ihn sorgen, wie Du es am besten findest. Ich werde Dir die nöthigen Mittel dazu zurücklasscn. Das ist das Eine! — Ist es abgemacht? Wilhelm. Nun ja denn! Was weiter? Hermann. Du wirst Dich meines Ru- stan annehmen. Er will in seine Heimat zurückkehren. Gehe dem armen Burschen mit Rath und That an die Hand, daß er nicht betrogen und ausgeplündert wird. Er ist arglos wie ein Kind, aber muthig wie ein Löwe und treu wie ein Hund! Ich hätte ihn Dir gern überlassen, aber er will keinem anderen Herrn dienen als mir! Wilhelm. Gut! und weiter? Hermann. Das versiegelte Packet enthält mein ganzes Vermögen in Banknoten und Werthpapieren. Nimm es zu Dir! Wenn Du das Packet nach meiner Abreise erbrichst, wirst Du darin meine Anordnungen über die Anlage und Verwendung dieser Gelder finden, und ich bitte Dich, dieselben genau auszuführen. — Du versprichst es mir? Wilhelm. Das klingt ja fast wie ein Testament? Hermann. Vielleicht ist es auch eines! Man pflegt manchmal sein Testament zurückzulassen, wenn man weite und gefährliche Reisen unternimmt. Wilhelm. Und wohin soll ich Dir schreiben? Hermann. Das wird sich schwer bestimmen lassen, ich will den oft gescheiterten Versuch wagen, von Egypten aus durch das afrikanische Festland zum Cap der guten Hoffnung vorzudringen. Du weißt, die Posten zeichnen sich in Central-Afrika nicht durch besondere Regelmäßigkeit aus. Ich fürchte, wir werden für die nächste Zeit auf jede Korrespondenz verzichten müssen. Wilhelm (fürsich). Er will sich tödten. (Laut.) Hermann, ich weiß wohin Du reisen willst! (Pause.) Hermann.Wenn Du es wirklich weißt, da weißt Du auch, daß ich gewiß meine guten Gründe zu dieser Reise haben muß, und daß es vergebliche Mühe wäre, mich von derselben abhalten zu wollen. Wir sind beide — Männer! Das genügt! Wilhelm. Ein Recht habe ich, Hermann, und dieses Recht nehme ich jetzt in Anspruch ! — Wir sind Freunde seit unserer frühesten Kindheit, wir haben als Knaben zusammen gespielt, wir haben als Jünglinge zusammen gestrebt, gerungen, genossen und 5 gedarbt! Wir haben uns derselben Wissenschaft geweiht und wir fragten gemeinschaftlich mit dem Scalpell in der Hand die stummen Leichen des Secirtisches um das ewige Geheimniß des Lebens! Dann als eine unerwartete Erbschaft Dich plötzlich wie mit goldenem Wolkenbruche überschüttete, als ein glänzendes Leben Dich in seinen Wirbel riß, da zog ich mich wohl eine Zeit lang zurück; aber alsDu mich aufsuchtest, als Du mir mit der alten Freundschaft entgegentratest, als Du mich beschworst mit Dir zu reisen, da nahm ich — der damals Unbemittelte — deine hochherzige Einladung ohne falsche Scham, ohne langes Zögern an. Ich nahm sie an, mehr um deinet- als um meinetwillen, denn Du schienst mir trotz deines Reichthums nicht glücklich! — Du warst ernst, traurig, unruhig und rastlos! — Wir sahen endlich als Männer dem Tode gemeinschaftlich auf blutigen Schlachtfeldern in s Auge, auf die uns der Drang des Wissens und die Stimme der Menschlichkeit gerufen, und athmeten zusammen die giftgeschwängerten Miasmen überfüllter Spitalbaraken. — Und nun wolltest Du von mir ziehen? —Ohne mir auch nur zu sagen, was Dich forttreibt? — Das ist unmöglich, Hermann! Hermann. Verlange es nicht zu wissen, um meinetwillen nicht, um der Erinnerung willen nicht, —dieDu mir bewahren sollst! Wilhelm. Ich verlange es zu wissen, ich muß es wissen! — Ich will, wenn sie alle Dich verurtheilen, sagen können: »Er war doch kein gewöhnlicher Mensch! Das Leben, das er wegwarf wie eine faule Frucht, war doch kein werthloses!« Hermann. Es ist ein verfehltes und elendes — ja — schlimmer als das — es ist ein bestecktes! Wilhelm. Hermann! Du bist von Sinnen! Hermann. Leider bin ich es nicht! Du glaubst mein ganzes Leben zu kennen, aber Du irrest. Ein dunkler Punct ist in meinem Leben, den ich selbst Dir verbarg. — eine brennende Wunde, die ich selbst vor der zarten Berührung deiner Freundschaft bewahrte! — Du verlangst Wahrheit — Du hast einRecht auf dieselbe —wohlan! Dusollst sie hören; dann magstDu richten! Wilhelm. Niemand darf richten! Hermann. Du erinnerst Dich anLouise? Wilhelm. Ja, flüchtig! Du sprichst doch von dem reizenden Geschöpfe, das zur Zeit, als Du dein Doctorexamen machtest, deine Geliebte war? Hermann. Sie war mein Weib, wenn auch unsere Verbindung der Weihe entbehrte, die Staat und Kirche verleihen. Ein schlichtes Kind aus dem Volke verband sie mit der berauschenden Schönheit, die Du kanntest, einen klaren, Hellen Verstand, einen festen, energischen Willen und ein stolzes, och! nur zu stolzes Herz, das ich erst vollständig erkannte, als es zu spät war, als ich es durch meine eigene Schuld für immer verloren hatte! Wir liebten uns und es bestand eine stillschweigende Ueber- emkunft zwischen uns, daß der Bund unserer Herzen auch der Welt gegenüber durch die Ehe legitimirt werden solle, sobald ich dem Weibe meiner Wahl eine sichere Existenz zu bieten hätte. Sie vertraute mir arglos und ich — ich habe sie verrathen — vielleicht — gemordet! Wilhelm. Hermann, das ist nicht möglich! Hermann. Es ist die Wahrheit! Das Unglück meines Lebens ist jene verhäng- nißvolle Erbschaft eines Onkels, die mir unerwartet zufiel, und deren Du erwähntest. Ich war jung und empfänglich, eine Welt des Genusses stürmte überwältigend auf, mich ein. Louisens Liebe und die Wissenschaft genügten mir nicht mehr, ich stürzte mich kopfüber in den brausenden Strom des Lebens, des Vergnügens!— Um jene Zeit lag die ganze Männerwelt unserer Stadt ein er aus ländisch en Künstlerin zu Füßen. Du erinnerst Dich noch des genialen dämonischen Weibes mit den tod- und wahnfinn- bringendenAugen, mit dem Lächeln des Ab- 6 grundes auf den Lippen. Sie war die Melusine des Märchens! Wer sie gesehen, der war ihr verfallen mit Leib und Seele! — Auchichsahsie und glaubtefiezulieben. Ich hielt den Rausch der Eitelkeit, der Sinnlichkeit, der Kunstbegeisteruog für Liebe! Ich näherte mich ihr, und sie verschmähte es nicht, den reichen jungen Mann an ihren Triumphkarren zu spannen, — ichverstrickte mich fester und fester in ihre tödtlicken Netze, und als sie unsere Stadt verließ, war zwischen uns verabredet, daß ich ihr folgen solle. Wilhelm. Unglücklicher! und Louise? Hermann. Verblendet von meiner Leidenschaft beschloß ich mit ihr zu brechen! Und ich hatte den frevelhaften Muth, diesen wahnsinnigen und verbrecherischen Entschluß auszuführen. Sie schien mich nicht zu verstehen, als ich ihr sagte, daß wir uns trennen, für immer trennen müssen. Sie starrte mich wie geistesabwesend an, und erst als ich es wagte, ihr eine Schrift anzubieten. die ihre Zukunft für immer ficher- stellen sollte, da erwachte sie aus ihrer Erstarrung! Sie sah mich mit einem Blicke an, den ich nie vergessen werde, mit einem Blicke, der mich brandmarkte wie glühendes Eisen! In der nächsten Secunde aber lag das schmähliche Dokument zerrissen zu meinen Füßen, das eine Wort »Elender!« kam zischend über ihre Lippen, dann wandte sie sich mit einer unbeschreiblichen Geberde von mir ab und ging, ohne auch nur einen Blick zurückzuwersen! Wilhelm. Und Du hieltest sie nicht zurück? Hermann. Einen Tag lang kämpfte mein Stolz den ungleichen Kampf gegen meine wiedererwachte Liebe! Das Bild der schönen Melusine war wie weggelöscht aus meinem Herzen — ich dachte nicht mehr an sie—nicht mehr daran, daß sie mich erwarte! — Aber mein Stolz ließ mich auch zögern, mich vor Louisen, die mich beschimpft hatte, zu dcmüthigen, sie um Verzeihung anzuftehen! Und als endlich mein Stotz gebrochen war, als endlich meine Liebe gesiegt hatte, als ich zu Louisen hinstürzte, um ihr auf meinen Knieen die Beleidigung abzubitten, die ich ihr zugefügt, da war sie spurlos verschwun- deu. — Ich habe sie nie wieder gesehen. Wilhelm. Armer Freund! Hermann. Und doch! und doch! Ich habe sie wieder gesehen, nur zu oft! zu oft! — Allnächtlich kann sie zu mir — in den langen dunkeln Locken Schilf und Schlamm — das weite nasse Gewand dicht an den schönen Körper geschmiegt; — aber die Augen fehlten — die süßen, treuen Augen, die ich so oft geküßt, die hatten die Fische und Krebse ausgehöhlt! — So trat sie vor mich und von ihren blauen Lippen zischte wie damals das eine Wort »Elender!« — Und wenn ich dann mit gesträubtem Haar und in kalten Schweiß gebadet erwachte, sah ich noch immer die blauen Lippen, und die sternlosen gräßlichen Augenhöhlen und hörte es noch immer zischen: »Elender! Elender! Elender!«- Wir verließen die Stadt, wir begannen unsere Reisen. — Du begriffst damals meine fieberhafte Aufregung, meine seltsamen planlosen Kreuz- und Luerzüge durch Deutschland, durch Europa nicht. — Ich suchte sie! Ich hätte die Erde aufpslügeu und den Ocean austrocknen mögen, um sie zu finden; denn ich liebte sie, wie ich sie nie geliebt, glühend, tödtlich, mit der Verzweiflung der Reue! — Bald war ich überzeugt, daß sie todt sei, bald hoffte ich, daß sie noch lebe, da man ihre Leiche nicht gefunden hatte. Dann verdoppelte ich meine Anstrengungen, sie zu finden. Die rücksichtsloseste Verwendung des Geldes, die rastloseste Thätigkeit waren vergeblich! Sie blieb mir verloren! — Endlich, als ich die Hoffnung aufgegeben hatte, sie zu finden, begann ich meine großen Reisen in ferne Welttheile. — Ich suchte anfangs Vergessen und dann den Tod! Ich fand nicht das Eine und nicht den Anderen! — Jenes schreckliche Traumbild aber blieb mir treu, ja es verfolgte mich bald am Hellen 7 Tage' Auf den braunen Pulverwolken der Schlachtfelder kam es herangezogen, — der eherne Mund der Geschütze brüllte mir das Wort entgegen »Elender!- Es tönte mir von den bleichen Lippen des Sterbenden, dessen zerschmettertes Haupt ich stützte, — ich hörte es im Donner der stürzenden Lawinen und im Brausen des sturmem- pörten Meeres, das an die Eichenrippen meines Schiffes pochte! — »Elender! Elender! Elender!«-Begreifst Dn jetzt, daß ich reisen muß? — Wilhelm. Nein und tausendmal nein! — Ich willDir die Gemeinplätze ersparen, die. so wahr sie auch sind, auf Dich ohne Wirkung bleiben würden. Aber ich fageDir Eines: Mache an der Menschheit gut. was Du an der Einzelnen verbrochen! Schaffe! wirke! nütze! Hermann. Ja, schaffe, wirke, nütze, wenn der Wahnsinn Dir wie mit glühenden Krallen in das Gehirn greift! — Ich habe Dir nicht Alles gesagt. — Seit einiger Zeit hoffe, wünsche ich. daß sie todt sei! denn ein entsetzlicher Gedanke überkam mich plötzlich — »Wie wenn sie lebte, arm und darbend und entwürdigt durch die Noth?!« — Als ich diesen Gedanken zum ersten Male dachte, da lud ich wie heute meine Pistolen. Aber als ich die kalte Mündung an meinen Schläfen fühlte, da erwachte noch einmal in mir die Hoffnung, der Jn- ftinct des Lebens siegte noch einmal! — Ich gab mir ein Jahr Frist, um sie wieder zu finden, oder um sie als todt zu beweinen! — mit dem letzten Sandkorn, das in dieser Urne auf den Boden fließen wird, ist diese Frist abgelaufen. — ich bin im Zweikampf mit dem Schicksal besiegt, ich habe das hohe Spiel verloren und muß meine Schuld bezahlen. Wilhelm. Wie soll ich deine Sophismen bekämpfen, deine Trugschlüsse widerlegen? — Hermann. Versuche es nicht, denn es wäre vergeblich! — Wenn ich arm gewesen wäre, wenn ich hätte arbeiten muffen, um zu leben, vielleicht wäre es anders gekommen, vielleicht hätte ich vergessen können ! — Ich konnte es nicht, — ich war der Galeerensträfling des Reichthums, seine schwere goldene Kette klirrte mir am Fuße, sein Nessushemd brannte mir am Leibe, und nur mit dem Leben zugleich kann ich es von mir streifen! Wilhelm. Hermann! was kann ichDir noch sagen? Schenke dem Freunde einen Monat, eine Woche, einen Tag! Alles kann sich wenden in einem Augenblicke! Hermann (die Sanduhr betrachtend) Noch eine Viertelstunde! Wilhelm (das versiegelte Packe: vom Schreibtische nehmend). Nun wohl denn! Hermann. Du verstehst mich! ich danke Dir! —Wenn Du glücklicher bist als ich, wenn Du Louisen finden solltest, so ist der Inhalt dieses Packetes ihr Eigenthum. Vielleicht kannstDu sie bewegen, das Der- mächtniß des Todten anzunehmen. Meine Sammlungen, meine Bücher und Waffen behältst Du zum Andenken an mich. Solltest Du den Beweis von Louisens Tode erlangen, so thue mit meinem Vermögen, was Dir gut dünkt! Wilhelm. Das thue ich jetzt schon! (Wirft das Packkt in s Kaminfkuer.) Hermann. Wilhelm! Was bedeutet das? Was beginnst Du? Wilhelm (das Semr schürend). Ich rette Dich! Hermann. Ich verstehe Dich nicht! Wilhelm. Wirklich? Du verstehst mich nicht? — Es ist ein verzweifeltes Mittel, aber es gibt kein anderes! — Jetzt stirbst Du nicht mehr wie der Held der Tragödie — jetzt stirbst Du wie der Spieler, der sein letztes Goldstück verloren hat! —Du gehst nicht mehr aus dem Leben, weil Du seine Last nicht ertragen willst, sondern weilDu ein Bettler bist, und nicht die Kraft und den Muth zur Arbeit besitzest! — Wie erbärmlich! wie trivial das wäre! So schleichen sich täglich Dutzende elender Bur- 8 scheu aus der Welt hinweg — so kannst Du nicht scheiden! Hermann. Wilhelm! Wilhelm. Ja, Du hast Recht! wärest Du arm gewesen, so wäre Alles anders gekommen. Nun wohl, jetzt bist Du arm, jetzt sollst Du es wieder kennen lernen das heilige Ringen um das tägliche Brot, wieder hinabtauchen in das kräftigende Stahlbad der Entbehrung, den Segen der Arbeit erfahren und dein besseres Ich wiederfin- den! — Du darfst nicht sterben; denn vielleicht lebt Louise, vielleicht findest Du fie in Noth und Entbehrung, — Jetzt kannst Du ihr nicht mehr — sterbend — wie einst — lebend — Gold vor die Füße werfen, —jetzt mußt Du, wenn Du fie findest, für fie arbeiten, für sie kämpfen und entsagen! — Und jetzt wirst Du fie finden!! Hermann. Ich muß mich fasten, sammeln! — Wilhelm. Thue es! Ich laste Dich allein! ich will deinen kleinen Pflegling! sehen. — Hermann, ich lasse Dich hier allein, mit einem ganzen Arsenal des Todes! — Da auf dem Tische liegen gespannt deine sicheren Pistolen. — Aber, und das vergiß nicht — dort im Kamine verkohlen die letzten Spuren deines Vermögens! — Ich habe die goldene Kette, dieDir an den Füßen klirrte, gesprengt, das Nestushemd, dasDich brannte, Dir vom Leibe gerissen! Stirb jetzt, wenn Du den Muth dazu hast, das heißt, wenn Du feige genug dazu bist! (Links ab.) Hermann (allein). Und warum sollte ich nicht thun, was ich thun wollte? — Sind die wohlerwogenen Entschlüsse eines Mannes leichte Federn, daß man fie wegblasen kann mit dem Hauche des Mundes? — (Eine Pistole ergreifend.) „Stirb! wenn Du feige genug dazu bist!" — (Die Pistole weglegend und die Sanduhr betrachtend.) Noch ist nicht aller Sand auf dem Boden der Urne, noch drängen sich langsam finkend Hunderte und aber Hunderte von Körnern! — Die Armuth ü — Ich kannte fie! — Sie war mir eine treue Gefährtin in den schönen Tagen der Jugend — fie gab mir gute, redliche Rathschläge — sie erfüllte meinen Geist mit hohen Gedanken, und Entwürfen, und mein Herz mit edlen Empfindungen und muthigen Entschlüssen! — Darf ich fie zurückweisen die erprobte Freundin, wenn fie wiederkehrt und mir vertrant zuwinkt? — Mit ihr flohen mein Glück und meine Ruhe! — Sollten fie mit ihr zurückkehren? — Es regt sich etwas in mir wie Trotz, ihr in das strenge Auge zu schauen, mit ihr Leib an Leib zu ringen! Ist mein Tod, der nur ein Verbrechen gewesen wäre, nicht plötzlich zu einer Banalität, einer Gemeinheit herabgesunken? Darf man ein leeres Herz, das das süße Gift des Reichthums angefressen und ausgehöhlt hat. mit Pistolenkugeln plombi- ren, um es zurRuhezubringen? — „Stirb! wennDu feige genug dazu bist!" — Diese Worte drängen sich zwischen meine Schläfe und die Mündung der Pistole! — Hat er mich wirklich mit diesen Worten zum Leben verdammt? — Und Louise, wenn fie lebte, wenn ich sie fände, wenn sie meiner bedürfte! — O! ein ganzes langes Leben wäre nicht lang genug — zur Sühne!! Fünfte Scene. Vorige. Rustan. Rustan. Herr, eine Frau ist draußen, die Mutter des Kindes! Hermann. Führe sie hierher! —Doch halt! — einen Augenblick! — (Für sich.) Ich bin noch nicht gefaßt genug, ein fremdes Gesicht zu sehen! — (Za die Thüre links rufend:) Wilhelm! Sechste Scene. Hermann. Rustan. Wilhelm (von links). Wilhelm. Du riefst mich — Hermann. Ja! die Mutter des Knaben kommt! Ich bitte Dich, empfange Du 9 sie; ich bin zu aufgeregt! — Aber laß' sie nicht zu dem Knaben eintreten, der Schlaf des kleinen Verwundeten darf nicht unterbrochen werden, es könnte ihm schaden. Sobald er erwacht, will ich die Mutter rufen. (Zu Rustan.) So, laß die Frau eintreten. — Ich sehe nach dem Knaben! (Links ab. Rustan in der Mitte ab.) Wilhelm (allein). O über das ewige Geheimniß des Menschenherzens! — In seinem Geiste rollen die verhängnißvollen Würfel um sein Leben, und er denkt daran, den Schlaf eines unbekannten Knaben zu schützen! —Aber ein edles und starkes Herz muß es doch sein, daß es so selbstvergessen schlägt!! Siebente Scene. Wilhelm. Louise (durch die Mitte). Louise shereinstürzend). Mein Kind! mein Kind! wo ist mein Kind?- Wilhelm. Beruhigen Sie sich, liebe Frau! Ihr Kind lebt, die Verletzung ist nicht gefährlich. — es wird sich bald erholt haben. Louise. Mein süßer Knabe lebt! —O mein Gott! ich danke dir! — Wo ist er? führen Sie mich zu ihm! — ich muß ihn sehen! ihn umarmen! — O schnell! schnell! — Um Gottes Barmherzigkeit willen, führen Sie mich zu meinem Kinde! Wilhelm. Sie müssen sich eine kurze Zeit gedulden! Der Knabe, vom Schrecke mehr als von einer leichten Verletzung angegriffen, schläft, und der Arzt hat ver> boten, ihn unter irgend einem Vorwände zu wecken. Louise (snnen Arm ergreifend). Sie wollen mich täuschen! Mein Knabe ist schwer verwundet, ist vielleicht todt! — Bei allem. was Ihnen auf Erden heilig ist. sagen Sie mir die Wahrheit! spielen Sie nicht mit der tödtlichen Angst, mit der Verzweiflung einer Mutter! Wilhelm. Ich schwöre Ihnen, daß ich Ihnen die Wahrheit sagte! Und ich will Sie vollständig beruhigen! Aber Sie müssen mir versprechen, daß Sie sich beherrschen wollen, daß Sie durch keinen Laut Ihre Anwesenheit verrathen werden. Die rasche Genesung Ihres Knaben hängt davon ab. Louise. Ich werde stark sein! Das Unglück ist eine gute Schule der Selbstbeherrschung! Wilhelm. Nun wohl! so treten Sie hier an diese Thüre und blicken Sie in das anstoßende Zimmer! . Louise (tritt an die Thür, schlägt die Portieren zurück und blickt in's Zimmer links). Er ist es! wie blaß er ist! und doch — er lächelt! er streckt die Arme aus — nach mir! Er murmelt etwas im Traume — meinen Namen!—O mein Gott! ich danke Dir! ich danke dir! — Ludwig! mein süßer Ludwig! Wilhelm. Stille! stille! — Noch eine kurze Frist dieses erquickenden Schlummers und Sie können Ihr Kind genesend in Ihre Arme schließen. Louise Ourücktrrkend). O, Sie find gut und freundlich! Jch danke Jhnen! Ich danke Ihnen! —Wer ist der Mann, der sich über meinen Knaben beugte — ich konnte sein Gesicht nicht sehen. Wilhelm. Es ist der Herr dieses Hauses. ein Arzt und zugleich der muthige Retter, der Ihren Knaben mit eigener Gefahr unter den Hufen der Pferde hervorriß, der menschenfreundliche Samariter, der ihn verbunden hat. der ihn seit Stunden pflegt und wartet, als ob es sein eigenes Kind wäre! Louise. Ein edles Herz! Wilhelm. Das ist er! Louise. O, wie will ich ihm danken, wie will ich seine Kniee umklammern! Wie will ich seine Hände mit meinen Thronen benetzen! Er hat mir mehr als das Leben geschenkt! Er muß glücklich sein! Seine muthige und menschenfreundliche That 10 — muß ihm Glück bringen! O gewiß, ich fühle — ich weiß es! Wilhelm. Hoffen wir es! Doch Sie find erschöpft und angegriffen, liebe Frau! bleiben Sie fitzen, ruhen Sie aus! (Für sich.) Wo habe ich dieses Gesicht schon gesehen? (Laut.) Sie sind fremd in dieser Stadt? Louise. Das Unglück ist überall fremd! Wilhelm (für sich). Auch diese Stimme klingt mir bekannt! (Laut.) Verzeihen Sie, wenn ich Fragen an Sie richte, die Ihnen vielleicht unbescheiden erscheinen mögen. Aber ich frage nicht aus müßiger Neugierde. Ich nehme einen ernsten und tiefen Antheil an Ihnen. Lebt Ihr Gatte? Louise (ihr Gesicht verhüllend). Mein Gatte! Wilhelm (für sich). Kein Zweifel — sie ist's! Louise. Ich beschwöre Sie, fragen Sie mich um nichts! Ich bin fremd hier, bin erst seit einigen Wochen hier angekommen. Ich bin arm und lebe von der Arbeit meiner Hände. Ich vermeide jede Berührung mit den Menschen, und lebe nur in meinem Kinde, das meine ganze Welt ist! Geben Sie mir meinen Knaben wieder, lassen Sie mich dem edlen Manne danken, der ihn gerettet hat, und lassen Sie mich dann wieder zurücktauchen in das Meer des Ver- gessens! Wilhelm. Und wie nun. wenn Sie hier eine Pflicht zu erfüllen hätten? Louise. Ich verstehe Sie nicht! Wilhelm. Sie erkennen mich nicht wieder. Louise? Louise. Sie wissen meinen Namen? Wo bin ich? Wer sind Sie? Wilhelm. Ein Freund des Mannes, den Sie geliebt haben! Louise. Mein Herr —! — Wilhelm. Und wenn der Mann, der gegen Sie so schwer gefehlt hat. bereute— wenn er Sie noch liebte — könnten Sie ihm verzeihen? Louise. Nie! nie! — Ich könnte ihm vielleicht verzeihen, daß er mich um eine Andere verlassen hat; aber wenn Sie ihn kennen, dann wissen Sie auch Alles, was vorgefallen ist, dann wissen Sie auch daß er mich beschimpft hat,—daß er es wagte, mir Geld zu bieten! — Das hat uns getrennt — unwiderruflich! für immer! — darum floh ich. darum verbarg ich mich vor ihm! Sein Geld ist die unübersteig- bare Scheidewand, die sich zwischen uns erhebt! Letzte Scene. Vorige. Hermann (von links). Hermann. Der Knabe ist erwacht. Louise (auf Hermann zutretend). Wer Sie auch sein mögen, mein Herr, wenn der Segen einer armen Mutter- (ihn er. kennend) O, mein Gott! — träume ich?! — bin ich wahnsinnig? — Es ist nicht möglich! und doch — — Er ist's! er! — (Taumelt und hält sich am Lehnstuhle fest.) Hermann (zu ihren Süßen) Louise! Louise (sich mühsam fassend). Stehen Sie auf, mein Herr! Sie haben meinen Knaben gerettet — ich danke Ihnen! — O, ich danke Ihnen! — Aber nun geben Sie mir mein Kind zurück und dann lassen Sie mich fort! O fort! fort von hier! Hermann. O Lomse! nur ein Wort, nur einen Blick! Louise (rilig). Nun wohl, mein Herr! ich verzeihe Ihnen — aber jetzt sind wir quitt — nicht wahr? Jetzt muß ich fort — o fort! fort! Hermann. Louise — ich habe gefehlt, schwer gefehlt; aber wenn Du wüßtest, wie ich gebüßt, wie ich gelitten habe! Ich habe nur Dich geliebt, von der ersten Stunde an. da ich Dich sah! Was ich that. war das Verbrechen eines Fieberkranken, eines Wahnsinnigen! Jenes unselige Weid hatte mein Gehirn verwirrt, meine Phantasie entflammt, meine Sinne gefesselt! Mein Herz hat nie besessen! Dich. Dich n allein liebte ich. — ich suchte Dich mit fieberndem Hirn, mit pochenden Pulsen, in Angst und Verzweiflung! Und jetzt, da ich Dich endlich nach Zähren gefunden — sollte ich Dich wieder lasten?! — Nein. Louise, ich laste Dich nicht! ich halte Dich fest! und keine Macht der Erde soll Dich mir entreißen! Louise. Umsonst! umsonst! Hermann. Umsonst? Dieß Kind, Louise — Dein Kind — Du bist nicht frei? Du bist vermält? O sprich! O sprich doch, Louise! Louise. Vermält? ich vermält? Und Sie können glauben, ich hätte weiter gelebt. wenn ich nicht weiter hätte leben müssen? Zch wollte sterben, als ich beschimpft und zertreten von Ihnen ging. Da fühlte ich. daß ich nicht sterben dürfe, daß ich kein Recht dazu habe! Hermann. Louise! sprichst Du wahr? Verstehe ich Dich recht? Mein Kind! — Und Du kannst noch von Scheiden sprechen!? — Mein Kind! mein Kind! Louise. Nein, nicht Ihr Kind, nur das meine! denn Sie haben es verleugnet, ehe Sie noch seine Existenz ahnten, Sie haben sich aller Rechte auf dieses Kind begeben! Zch habe gedarbt und gearbeitet, um es zu erhalten. Nacht für Nacht und Stich für Stich ging meine rastlose Nadel, um Brod zu schaffen, ehrliches Brod für mich und meinen Knaben! Und ich durfte nicht weinen, auch wenn mir das Herz zerspringen wollte vor Weh —denn wenn meine Äugen trübe geworden wären, so hätten wir beide hungern müssen! —Und dieses Bewußtsein sollte ich mir durch Zhr Gold abkaufen lassen? nein! o nein! Niemals! niemals! Hermann. Sei barmherzig. Louise! Zetzt kannst Du mich nicht verlassen! Du bist mein Weib, die Mutter meines Kindes — Du hast es selbst gesagt! Zetzt halte ich Dich, ich halte Dich durch das Kind!! Louise. Nein! nein! Sie haben mich zu tödtlich beleidigt. Zch kann nicht! Hermann. Louise—! O Wilhelm! Wilhelm! Warum hast Du mich nicht sterben lassen? Louise. Sterben? Er wollte sterben? Wilhelm. Ja. er wollte sterben um Sie — da vernichtete ich sein Vermögen — dort im Kamin verglimmt die Asche desselben! So zwang ich ihn durch den Stolz des Mannes zu leben! — Er ist jetzt arm, er wird arbeiten und schaffen und in der Arbeit seine verlorne Seelenruhe wieder finden! Louise (für fick). Arm! arm! Wilhelm. Ich sagte ihm: »Lebe und hoffe!« — Sie aber sagten ihm: »Lebe und verzweifle!« — Wenn Sie in dem, was sich heute ereignet hat, nicht das Walten der Vorsehung erkennen, so gehen und nehmen Sie das Kind mit sich, das zweifach sein Eigen ist, dem er das Leben gegeben und erhalten hat! Nehmen Sie es und freuen Sie sich, daß Sie sich an dem Manne rächen konnten, den Sie geliebt haben, der schuldig war und der jetzt nur unglücklich ist! Louise..So ist es wahr, wirklich wahr? Dieser verhaßte Reichthum, der zwischen uns trat, der Dich aus meinen Armen riß, ist in Rauch verflogen? Zch verkaufe mich nicht, .wenn ich Dir wieder angehöre? wenn ich Dir sage, daß ich Dich noch immer liebe, daß ich trotz Allem nie aufgehört habe Dich zu lieben!? Du bist arm, wie Du warst — arm wie dein Kind — arm wie ich? — Hermann. Ein Bettler. Louise! — Aber reich wie kein König, wenn Du ver- z-idst! ' Louise (in seinen Armen). Hermann! Hermann. Louise! mein Weib! Wilhelm (die Sanduhr nehmend und betrachtend). Das letzte Körnchen Sand ist hinabgeflossen!! — Hermann. Zerschlage die Sanduhr, Freund! Die Minute zählt für ein Leben!! (Der Vorhang fällt.) »v« btm Theater-Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt. Hoher Markt Nr. 1 Gand in die Angen. Lustspiel in 2 A. Nach dem Französischen von Alexander Bergen. (Wiener Theater-Rep. Nr. 131.) 50 kr. 10 Sgr. Sappho. Trauerspiel in 5 A. von Franz Grillparzer. 1856. Vierte Auflage, gr 8. 1 st. 50 kr. 1 Thlr. Saul, Trauerspiel in 5 A. von E. Marineili. 1869. 12. 80 kr. 16 Sgr. Saul, zweite Aufl. 1870. 8. 80 kr. 16 Sgr. Saul, König in Israel. Melodrama in 3 A. Aus dem Französischen von I. R. von Seyfried. 1811. Zweite Auflage 40kr. 8 Sgr. Savoyarden, die zwei. Singspiel in 1 A. von Perinet. 8. 1792. 35 kr. 7 Sgr. Savoyarden, die beiden. Singspiel v. Schmieder. 8. 20 kr. 4 Sgr. Scham, di« falsche. Schausp. in 4 A v. Kotzebue. 1803. 25 kr. 5 Sgr. Schatz» der. Lustspiel in 2 A. v. E Lessing. 1771. 25 kr. 5 Sgr Schatzgräber, der. Komische Oper in 1 A. Frei nach demFranzösischen ».Seyfried. 1803. 25 kr. 5 Sgr Schatzgräber, der glückliche. Komisches Singspiel in 1 A. von Weidmann 20 kr. 4 Sgr. Schauspieler, der. Lustsp. in 3 Aufz. v. Marinelli. (Vergriffen.) Schauspieler, der, wider Willen. Lustspiel in 1 A. von Kotzebue. 1810 25 kr. 5 Sgr. Schauspielers, des» letzte Rolle. Posse mit Ges in 3 A. v Fr. Kaiser. 8. 1851. 75 kr. 15 Sgr. Schauspielerin, der, letzte Rolle. Siehe: Ein Traum — kein Traum. Schauspielerin, die. Lustspiel in 3 A, s Eastelli Sträußchen 2. Jahrgang. (Vergriffen.) Scheidewand, die. Singspiel in 1 A Nach dem Franz, von I. F. Castelli. 1804 20 kr. 4 Sgr. Scheidewand, die. Lustspiel in 1 A.. s. Castelli Sträußchen 18. Jahrgang Scheinverbrecken. Schauspiel in .5 A. 1794. 50 kr. 10 Sgr. Scheinverdienst. Schauspiel in 5 A von Jffland. 8 1801 50 kr. 10 Sgr. Scherz und Ernst. Spiel in Versen von Stell 1803. 35 kr. 7 Sgr. Scherz, List und Rache. Singspiel in 2 A. von Göthe. Musik von Winter. 1800 35 kr. 7 Sgr. Schicksals-Brüder, die. Lustspiel in 4 A., s Feldmann Lustspiele 6. Band Schtffbruch, der, oder die Erben. Lustspiel in 1 A. 1799 35 kr. 7 Sgr. Schlacht, die, bet Fehrbellin. Schauspiel in 5A , von Kleist. 1822 60 kr. 12 Sgr. Schlangenfest» das, in Sangora. Heroisch-kom Oper in 2 A. von Hensler. Musik v. Wenzel Müller. 1797. 35 kr. 7 Sgr Schlenzheim, General, und seine Familie. Schauspiel in 4 A von Spieß, umgearbeitet von Plümike und Brömel. 50 kr. 10 Sgr > Schmuck, der. Lustspiel in 5 Aufzügen 1779 Schmuck-Kästchen, das» oder der Weg zum Herzen Schaus. in 4 A. v.Kotzebue. 1806.60 kr. 12 Sgr Schneider, der, als Naturdichter, oder der Herr Vetter aus Steiermark. Posse mit Gesang in 2 A. v. Fr. Kaiser. 8. 1851. 75 kr. 15 Sgr. Schneider, der, und sein Sohn, oder Mittel gegen Herzweh. Lustspiel in 5 A Nach Morton. 1835. 8. 60 kr. 12 Sgr. Schneidersamilie, eine arme. Traumgemälde mit Ges., Tanz u. Tableaur in 3 A. v. I. Böhm. (WienerTyeater-RepertoireNr. 4.) 40 kr. 8 Sgr. Schönstein» E.» das Privat» und Hausthealer 2 Thle. in 1 Bv. Neue Ausgabe. 1851. 35 kr. 7'/, Sgr. Inhalt: Das unterbrochene Duell. — Der Bürgermeister. — Einen Spaß will sie sich machen. — Herr von Schuserl, oder die Landpartie in's Krapfenwaldel. Schöpfung» die. Oratorium in drei Abtheilungea. Musik von Joseph Haydn. 15 kr. 3 Sgr Schornsteinfeger, der. Orig.-Lustsp. in 3 Acten von Hensler. 35 kr. 7'/, Sgr Schreiner, der. Origin.-Singsp. in 2 Acten 1799. 20 kr. 4 Sgr. Schreiner» der, Singsp. in 1 Act. Nach dem Lstsp. gleich. Namens v. A. v. Kotzebue. 8. 1803 ' 25 kr. 5 Sgr. Schritt, der erste. Lustsp. in 4 A., s Weissen- tburn Sckausp. 14 Band Schubkarn, der, des Essighändlers. Lustsp. in 3 A. 1803. 50 kr 10 Sgr. Sckuhe, die pücefarbenen» oder die schöne Schusterin. Kom. Singsp. in 2 Akten 1808. 25 kr. 5 Sgr. Schuld, die. Trauersp. von Müllner. 12. Wien. (Vergriffen.) Schuld, gleiche. Gemälde unserer Zeit in 3 A., s Castelli Sträußchen. 7. Jahrgang. Schuld, die, eiucr Frau. Drama »n 3 Acten von E Girardrn. Deutsch von Mar Stein. (Wnr.Tkeat. Rep. Nr 161)50 Nkr. 10 Sgr. Schulden, alte. Orig.-Lebcnsbild mit Gesang und Tanz von Fnedr. Kaiser. (Wnr. Theat. Rep. Nr 184.) 60 kr. 12 Sgr. Schule der Alten, die. Lustsp. iu 5 A. Aus dem Franz, übers v. I. F v. Mosel 1824. 80 kr. 16 Sgr. Schule, die» der Armen, oder: Zwei Millionen. Original-Cbarakterbild mit Ges. in 4 A v. Friedrich Kaiser. 8. 1850. 75 kr 15 Sgr. Schule, die, der Frauen. Lustsp in 5 A. von Molivre, frei, doch getreu übers, v. Kotzebue. 1806 50 kr. 10 Sar Schule der Freigeister. Orig.-Lustsp. in 3 A von Weidmann. 8. 35 kr. 7'/, Sgr. Schulgelehrte, der. Lustsp. in 2 A Nach dem Engl, der Miß Cowley. 1782. 50 kr. lOSgr. Schuserl, Herr von, oder die Landpartie in das Krapfenwaldel. Siehe Schönstem'- Haus- tbeater SchusterStöchter, die. Schauspiel in 2 Aufzügen. 1787 50 kr. 10 Sgr. Schutzgeist, der. Dramatische Legende in 6 A. nebst einem Vorspiel von Kotzebue. 1815. 60 kr. 12 Sgr. Schwäbin, die. Lustsp in 1 A (s. Castelli Sträußchen 19 Jahrgang) (Vergriffen) Schwäbin, die. Lustsp in 1 A. von I. F. Castelli. Zweite Auflage. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 163 ) 7'/, Sgr. 35 Nkr. Schwäger, die. Trauersp. in 5 A 1780.50kr lOSgr. Schwätzer, der. Lustsp. iu 5 A. Nach Goldoni. 1806. 50 kr 10 Sgr. Schwätzer, der unterbrochene. Lustsp in 1 A Nach Lonnay von Contessa. 1809. 40 kr. 8 Sgr. Schweizerfamilie» die. Lyrische Oper in 3 A. Frei nach dem Franz bearbeitet v. I. F Castelli Fünfte Auflage. 1820. 40 kr. 8 Sgr. WalliShausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. 35 kr. 7'/, Sgr. -chausp. in 5 A. 35 kr. 7 V, Sgr Schwesterliebe« Lustsp. in 1 Act. Nach dem Englischen von Alexander Bergen. (Wr. Theat. Rep. Nr. 133.) 7'/, Sar. oder 35 Nkr. Schwestern, die, von Prag. Singsp. in 2 A. nach Hafner von I. Perinet. Zweite Auflage. gr. 8. 1841. 60 kr. 12 Sgr Sclavin, die. Orig.-Schausp. in 1 A. von Wal don. Sklavin» die» in Surinam von Kralter. 1805. Sklavin, die, und der großmüthige Seefahrer. Rom. Singsp. 1781. 1782. 50 kr 10 Sgr. Scüs, Mond und Pagat. Komisches Zaubcrspiel in 2 A. von F. Rosenau. 8.1821.40 kr. 8 Sgr. — dasselbe, s. Rosenau. Theatralisches Allerlei. Sekretäre» die beiden. Lustsp in 1 A v Anton Dittner. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 155.) 35 kr. 7'/, Sgr. Seelenadcl» Schausp. in 2 A. von I. Cach«. 1805. 25 kr. 5 Sri. Seelenwanderung, die, oder der Schauspieler wider Willen auf eine andere Manier. Schwank in einem A. von Kotzebue. 1816. 35 kr. 7'/, Sgr. Seeräuber, die. Trauersp. in 5 A. v. E. v. Hou- wald. 8. Leipzig. 1831. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Selbstbeherrschung, dieSchausp. in5A. v. Jffland. 1810. 50 kr. 10 Sgr. Selbstmord, der, oder der unglückliche Lottospieler. Drama in 1 A. v. Weidmann. 20 kr. 4 Sgr. Selim» Prinz von Algier. Trauersp in 5 A. von Jüngrr. 8, 1804 40 kr. 8 Sgr 8kii,lr«n»lcke. ^leloärummrr tra^ie« in clue ^tti . ,__ _^.... clel 8iz(r. ko.88i. ICusieL cksl Ilossini.' Soldat, der, von Cherson Lustspiel in 3 A^on 12. 1823. 35 kr. 7'/, Sgr. Hensler. 1790. 8. 35 kr. ^3.r. SemiramiS, die neue. Heroisch-kom. Travestie- Oper in 3 Acten von Perinet. 1805. 8. 40 kr. 8 Sgr. Servus, Herr Stutzer! l Posse in 1 A. von Earl Juin und Louis Flerr. (Tie Grundidee nach dem Französischen. Lon^jvur, ^Icmsieur?sn- tslon.) (Wiener Theater - Rep. Nr. 2».) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr Severin von JaroSzynSki, oder: Der Blaumantel vom Trattnerhof. Genrebild mit Grsang und Tanz in 4 Acten (als Sritenftück zu »Therese KroneS«), von Earl Haffner und I. Pfundhellrr. 12 Sgr. 60 Nkr. Shakspeare als Liebhaber. Lustsp. in 1 A, s. Kurländer Almanach 8. Jahrgang. Thawl, der. Lustsp. in 1 A. von Kotzebue. 1815. 35 kr. 7'/, Sgr. Tie, der. Lustsp. in 1 A., s. Castelli Sträußchen 3. Jahrgang. Sie hilft sich selbst. Lustsp. in 4 A.. s. Weiffen- tburn Schausp. 15. Bd. Tie sind zu Hause. Lustsp. in 1 A Nach Te- saugiers bearbeite!. 1808. 25 kr. 5 Sgr. Singspiel, daS. Singsp. in 1 A. Nach dem Französischen von Trritschke. 20 kr. 4 Sar. Singspiel, das» am Fenster. Kom. Oper in 1 A. Nach dem Franz, v. Treirschke. 20 kr. 4 Sgr. -das» auf dem Dache. Kom. Oper in 1 A. Nach dem Franz, v. Treitschke. 20 kr. 4 Sgr. Sinn» leichter. Lustsp. in 5 A. von Jffland. 1800. 60 kr. 12 Sgr. Siri Drahe, oder: Die Neugierigen. Schausp. in 3 A. von Sr. Majestäl Gustav dem Dritten, Könige von Schweden. Aus dem Schwedischen übers, v. Gruttschreiber. 1794. 40 kr. 8 Sgr. Sitah Mani, oder: Carl der XII. bei Bender. Histor. Schausp. in 5 A. 1809. 40 kr. 8 Sgr. So gibt es denn in der Welt gar keine Ruhe. Orig nal-Lustsp. in 2 A. 1807. 30 kr. 6 Sgr. So handeln Freunde. Originalgemälde aus dem häuslichen Leben in 1 A. 1794. 35 kr. 7'/, Sgr. So lohnt sich Kunst. Vorspiel, s. Weissenthurm Schauspiele 12 Bd. Sohn, der, auf Reisen. Lustsp. in 2 A., s. Feldmann Lustspiele 1. Band. Sohn, der dankbare. Ländl. Lustsp. in 1 A. von Engel. 1772. 20 kr. 4 Sgr. Sohn, der, des, Giboyer. Schauspiel in 5 A. von Emil Lugier. Deutsch von M. Saphir. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 151) 16 Sgr. 80 Nkr. Sohn, der natürliche. Schauspiel in 4 A. und einem Vorspiele in 1 Aufzuge von Alexander Dumas' Sohn, deutsch von P- 3. Reinhard. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 44.) 12 Sgr. 60 Nkr. Sohn, der verlorene. Lustsp. in 3 A. v. Schrnk. 1794. 50 kr. 10 -Lgr. Söhne, die, des Thals, s. Werner Theater 1. und 2. Band. . Soldat, der im Frieden. Charakterbild mit Gesang, Tanz, Tableaur rc. in 3 Acten von Friede. Kaiser. (Wnr. Theat. Rep. Nr 14b.> 12 Sgr. ober 60 Nkr. Soldat, der, ganz allein. Komisches Zwischenzp. in 1 A., s. Castelli Sträußchen. Jahrg. der Oesterreicher in Kehl. 1 A. von Hensler. 1797. 8. 35 kr. ? /» ^3^- Soldatenkind, das. Volksstück mit Ges. " in 2 Abtv. und 6 Bildern, nebst ein"" spiele von Theodor Flamm (Wnr- Rep. Nr. 156.) 60 kr. " ^«r. Soliman vor Wien. Orig.-Trauersp. in 5 A. von Weidmann. 35 kr. 7'/» ^8* Soliman der II. oder die drei Sultan!""*"' Singsp. in 2 A. Nach dem Franz F. x Huber. 1807. 25 kr. 5 ^3*- Sonnenjungfrau» die. Schausp. in 5 A- Kotzebue. 1801. 50 kr. 10 ^3^- Sonnet, daS. Spiel in 1 A. von Teinhardl^"- gr. 12 1816. 35 kr. 7'/, «3*. Sonnleithner I., Taschenbuch für deutsche Sch")'' bühnen und Liebhaberthcater. 16. 1815. 1 fl. 20 kr. 20 Sgr. Entbält: Der Gönner, Lustsp. in 1 A — TennierS, Lustsp. in 1 A. — Die Ueberra- schung, Lustsp. in 1 A. — Tie Zurechtweisung- Lustsp in 1 A. in Versen, — Manuela Razemba oder die Trauringe. Posse in 1 A. Sorgen ohne Noth und Noth ohne Sorge«. Lustsp in5 A. vonKotzebue. 1811.50kr.lOSgr. Spanier» die, in Peru, oder Rolla's Tod. Ro- - mantischcs Trauersp. in 5 A. von Kotzebue. 1801. 60 kr. 12 Sgr. Sparbüchse» die, oder der arme Candidat» Lustsp. in 1 A. Wien 1808. 35 kr. 7'/, Sgr. Wallishauffer'sche Buchhandlung (Zosef Klemm) in Wien. Spaß, einen, will sie sich machen. S. Scho »stein Haustheater. - Sperre, enge, oder: Die Hungercur. Schwank mit Gesang in 1 A. von Alois Berla. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 207.) 35 kr. 7'/, Sgr. Spiegel, der, oder laß' das bleiben. Lnstsp. in 1 A. von Kotzebue. 1802. 25 kr. 5 Sgr. Spiegelritter, der. Oper in 3 A. von Kotzebue. 1802. 40 kr. 8 Sgr. Spieler, der. Schauspiel in 5 Acten von Jffland. 60 kr. 12 Sgr. Spielvr, die falschen. Lustsp. in 5 A. Von Klin- ger 1782. , 50 kr. 10 Sgr. Spröde, die, auf der Probe. Oper in 1 Acte von Dupaty. 1805. 20 kr. 4 Sgr. Spul, Herr, oder: Echtheit ohne Schimmer. Lustsp. in 5 A. 1794. 40 kr. 8 Sgr. Stauf, Hieronymus von. Trauerspiel in 5 A. von Friedr. Baron de la Motto Fouq«. Berlin. 1819. 50 kr. 10 Sgr. Stelldichein, das, um Mitternacht. Lustsp. in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 18 Jahragan. Sterncnjungfrau, die. Romant.-komisches Märchen mit Gesang n. Tanz in 3 Abth. von Carl Haff- ner. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 10.) 60 kr. 12 Sgr. Sternenmädchc», das, im Meidlinger Wald. Volksmärchen mit Gesang in 3 A. von Hube.. 1802. 50 kr. 10 Sgr. Stiefvater, der. Lustsp. in 1 Acte, nach Lauren- cin und Marc-Michel von Grandjean. (Wnr. Theat. Rep.) 35 kr. 7'/? Sgr. Stiefel, der dämonische. Posse in'1 A. von Carl Juin. (Giugno.) (Wnr. Theat. Rep. Ne. 118.) 35 kr. 7'/, Sar. Ein Stillleben auf dem Lande. Posse in 1 A von Juin und Flerr. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 149.) 35 kr. 7V- Sgr. Stolz und Liebe. Lustsp. in 5 A. von Jünger. 40 kr. 8 Sar. Stradella, Alessandro. Nomant. Oper in 3 A. von W. Friedrich. Musik von Flotow. gr. 16. Zweite Auflage. 1870. 35 kr. 7'/, Sgr. Strafe, eheliche. Lustsp. in 1 A., s. Castelli Sträußchen 11. Jahrg. Stranders, des, Tochter. Schausp. in 5 A. Frei nach Sheridan Knowles, von Fr. v. Treitschke. Wien. 1840. gr. 8. 80 kr. 16 Sgr. Strelitze«, die. Heroisches Schausp. in 4 A. nach einer wahren russischen Begebenheit, von Babo. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Strich, der, durch die Rechnung. Lustsp nach Jünger. 40 kr. 8 Sgr. Studenten, die, von Rummelstadt. Genrebild mit Gesang und Tanz in 3 A. von Carl Haffner. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 71.) 12 Sgr. vO kr. Stumme, der. Lustsp. in 1 A. von Kotzebue. 1808. 35 kr. 7'/. Sgr. Stumme, die, von Portici. Große heroisch-romantische Oper in 5 A. Frei nach Scribr und Delavignr. Musik von Auber. 8. Neue Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Stunde der Vergeltung, die. Ritterschausp. in 5 A. v. Schuster. 1807. 8. 40 kr. 8 Sar. Sturm, der. Heroisch-komische Oper in 2 A. Nach Shakespeare vonHcnSler. 1798.25 kr. 5Sgr. Sünder, ei« alter. Charakterbild mit Gesang und Tanz von Vinzenz Pirzel. (Wiener Theater- Reperto r Nr. 142.) 60 kr. 12 Sgr. Tag, der tolle, oder die Hochzeit des Figaro. Lustsp. in 5 A. von Jünger. 40 kr. 8 Sgr. Tag und Nacht, große Zauberpantomime in 3 A. 1808. von Franz Kers. 10 kr. 2 Sgr. Talisman, der. Posse mit Gesang in 3 A von I. Nestroy. 12. Mit einem alleg. illum. Bilde 1843. 75 kr. 15 Sgr. Tancred. heroische Oper in 2 A. Nach dem Italienischen v. Chr. Grünbauin. 1818. -15 kr. 7'/, Sgr. OrnmiNÄ 86iio lVlnmoa, in Zue ^.tti. 1806. 35 kr. 7'/, Sgr. Tant', die Jungfer. Volkskomödie mit Gesang in 3 Akten mit 9 Bildern. Von Alois Berla. (Wien. Theat. Rep. Nr. 137). 60 kr. 12 Sgr. Tante, die junge. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 9. Jahrgang. Tänzerin, die, und der Ouäcker. Lustsp. in 1 A., s. Castelli Sträußchen 18. Jahrgang. Taps, oder wie gewonueu so zeronneu. Posse in 2 A. Aus dem Französischen. 1793. 25 kr. 5 Sgr. Tarnov, Gräfin von. Drama in 3 A. 40 kr. 8 Sgr. Taschenbuch. Drama iu 3 A. von Kotzebue. 8. Leipzig. 50 kr. 10 Sgr. Tauben, die. Schwank in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 7. Jahrgang. Taubstumme, der, oder der ^dliv clv l'blpee. Historisches Drama in 5 A. Nach övullze von Kotzebue. 1802. 50 kr. 10 Sgr. Taucher, der. Rom. Oper in 2 A. Musik von C. Kreuzer. 1824. 30 kr. 6 Sgr. Taufschein, der. Lustsp. in 1A Nach dem Franz. des Picard von Jffland. 1808. 40 kr. 8 Sgr Telemach, Prinz von Jthaka. 1. Thl. Posse in Knittelvers, v. Hensler. 8. 1801. 40 kr. 8 Sgr. -der travestirte. Carikatur in Knittelversen mit Gesang in 3 A. 1 Thl. 1805. 40 kr 8 Sgr Telemach auf der Insel der Calypso. Ballet in 3 A. v. Dauberval. 1807- Franz, und deutsch. 10 kr. 2 Sgr. Teil, Wilhelm. Gr. pantom. Ballet in 4 Acten von Henry. 15 kr. 2'/, Sgr. Temperamente, die. Kom. Oper in 1 A. Nach Marsollier von Seifried. 8. 1803. 10 kr. 5 Sgr. Templer, die, auf Cypern. S. Werner Theat. 2. Vd Tenniers. Lustsp. in 1 A. von I. Sonnleithner. 16. 1815. 25 kr. 5 Sgr. Testament, das. Lustspiel v. Schröder. 40 kr. 8. Sgr. Testament» das, des Onkels. Schausp. in 3 A. Nach dem Französischen von I. F. Castelli. 1808. 50 kr. 10 Sgr Testament, das, einer alte« Frau. Drama in 5 A. von C. W. Koch. Siehe dessen dramat. Beiträge. Testamente, zwei. Charakterbild mit Gesang in 3 Aufzügen von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 77.) 60 kr. 12 Sgr. Teufel, der, im Herzen. Lebensbild mit Gesang in 2 Acten und einem Vorspiele unter dem Titel . DasUnglückszeichen,vonFlamm undWimmer. (WienerTH.-Rep. 190.) 12 Sgr. oder 60 Nkr Teufels, des, Lustschloß. Natürliche Zauber-Oper in 3 A. von Kotzebue. 1802. 50 kr. 10 Sgr. Teufelsmühle, die, am Wienerberg. Oesterr. Volksmärchen mit Gesang in 4 Akten von Leopold Huber. (Wiener Theater Repertoire Nr. 112.) 60 kr. 12 Sgr. Leufelsthurm, der, bet Linz. Komische Zauberoper iu 3 A. v Huber 1804. 50 kr. 10 Sgr Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Thankmar, der Eisenarm. Skizze der rauheu Zeit, in 5 A. 1806. 35 kr. 7'/, Sgr. Theater, zum ersten Male im. Posse in 1 Akt, von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater Rep. Nr. 9.) Zweite Auflage 35 kr. 7'/? Sgr. Thekla, die Wienerin. Baterl. Schauspiel rn 5 A. v. Ziegler. 18l8. 8. 50 kr. 10 Sgr. Theophana. Trauerspiel in 5 A. Nach Babo. 1815. 35 kr. 7'/, Sgr. Thomi, oder die Stimme der Natur. Drama in 2 A., s. Castelli Sträußchen K. Jahrgang. Thorringer, Caspar der. Hist. Schauspiel in 5. A. von GrafTörring-Seefeld. Zweite Auflage. 8. 1811. 50 kr. 10 Sgr. Thurm, der rothe. in Wien. Original-Schausp. mit Gesang in 3 A.v. Gleich. 1805.8.40 kr."8 Sgr. Thurneisen. Albert von. Bürgerliches Trauersp. in 4 A. v. Jffland. 1811. 40 kr. 8 Sgr. Tischler, der liefiändische. Lustsp. in 3 A. Nach dem Französischen 1812. 2. Aufl. 40 kr. 8 Sgr. Titus, der Gütige. Ernsthafte Oper in 2 A. Nach dem Italienischen. 1811. 35 kr. 7'/r Sgr Titus Manlius Torquatus. Tragödie v. I. Passy. gr. 8. 1816. 35 kr. 7'/, Sgr. Tochter, die, des Kapitäns. Schauspiel in 3 Akten, nach dem Französischen von C. Gärtner. (Wiener Theater Rep. Nr. 13.) 35 kr. 7'/, Sgr. Tochter, die, Pharaonis. Lustspiel in 1 Akte von Kotzebue. 8. 1811. 35 kr. 7'/, Sgr. Tochter, die, dankbare. Originaldrama in Prosa in 1 Akte 1773. 35. kr. 7'/, Sgr. Töchter, die erwachsenen. Lustspiel in 3 A. nach dem Franz, des Piccard, von Jffland. 1807. 50 kr. 10 Sgr. Todtenfackcl» die, oder die Höhle der Skeben- schläfe.. Schausp. m. Ges. in 4 A. 40 kr. 8 Sgr. Ton, der, unserer Zeit. Lustspiel, von Jünger. 50 kr. 10 Sgr. Toni. Drama in 3 A. von Th Körner, gr. 12. Wien. Orig. A. 1816. 60 kr. 12 Sgr. Tostl. Von Wien nach London. Komische Scenen von Autvn Bittner. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 147). 30 kr. 6 Sgr. Traue., die tiefe, Lustsp. in 1 A. 35 kr. 7'/, Sgr. Traum, der, Lustsp. in 1 A., s. Weiffenthurn Schauspiel XI. Band. Traum, der, ein Leben. Dramatisches Märchen in 4 A. von Franz Grillparzer, gr. 8. 1840. 1 fl. 50 kr. 1 Thlr. Traum, ein, — kein Traum, oder: der Schauspielerin letzte Rolle.Poffe mit Gesang in 2 A. von Fr. Kaffer. 8. 1851. 75 kr. 15 Sgr. Treitschke» G. F-, Singspiele nach dem Französischen. 5 Bde. gr. 8. 1808. 5 st. 3 Thlr. 10 Sgr. Treue, verkannte. Drama in 3 A., s. Castelli Sträußchen 4. Jahrgang. Tristan. Trauerspiel in 5 A. mit einem Borspiel von Ludwig Schneegans. Leipzig 1865. 1 fl. 50 kr. 25 Sgr. Triumph der Treue, oder die Nose der Schönheit. Feru-Ballet von Henry. 1824. 5 kr. 1 Sgr. Triumph, der, des Vitellins Madiminus, oder die Zerstörung von Pompejanum. Ballet in 5 Akten von Äligiolini. 1810. 10 kr. 2 Sgr. Troubadour, der. Oper in 4 A. nach dem Italien, de« S. Sammerano v. H. Proch. 35 kr. 7'/, Sgr. Lurturell, Trauerspiel in 5 A. von I. C. von Zedlitz. 12. 1821. 1 fl. 20 Sgr. U. A. W. G. oder die Einladungskarte. Schwank in 1 A. von Kotzebue. 1808. 25 kr. 5 Sgr. Ubaldo, Schauspiel in 5 A. Nach dem Trauersp. gleichen Namens des Herrn A. v. Kotzebue. 1809. 50 kr. 10 Sgr. Ueberall Diebe. Original-Schwank in 1 Akte, von C.F. Stir. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 53.) 35 kr. 7'/r Sgr. Ueberraschung, die. Lustspiel in 1 A. von Sonnleithner. 12. 1815 20 kr. 4 Sgr. Ueberraschung, die. Originallustspiel in 1 A. von Weidmann. 20 kr. 4 Sgr. Ueberspanntheit, oder die entsetzliche Literatur. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen 18. Jahrgang. Uhr, die, und die Mandeltorte. Lustspiel in 1 Akt von Kotzebue. 15 kr. 3 Sgr. Uhr, die hölzerne. Drama in 1 A. s. Castelli Sträußchen 4. Jahrgang. Um sechs Uhr ist die Verlobung. Lustspiel in 5 A. Nach dem Englischen des Fielding von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Unbedeutende, der. Posse mit Gesang in 3 A von Joh. Nestroy. 8. 1849. 1 st. 20 Sgr. Unbekannte, der. Schausp. in 4 A. von Hensler. 1803. 50 kr. 10 Sgr. Ungarin, die schöne, oder das Pasquill. Lustsp. in 1 A. von Hensler. 1798. 8. 35 kr. 7'/, Sgr. Ungeduldige, der, Orig.-Lustsp. in 5 A. v. Weidmann. 35 kr. 7'/^ Sgr. Ungetreue, der eifersüchtige, Lustsp in 3 A von Schröder. 50 kr. 10 Sgr. Unglücklichen, die, Lustsp. in 1 A. von Kotzebue 1810. 30 kr. 6 Sgr Uniform, die. Oper in 2 A. Nach denl Franz. von Treitschke. 35 kr. 7'/, Sgr Uniform und Schlafrock. Lustsp. in 1 A. s. Castell Sträußchen 16. Jahrgang. Unrecht Gut. Charakterbild mit Gesang in 3 A und 1 Borsp. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 81.) 60 kr. 12 Sgr. Unser Fritz. Schauspiel in 1 A. von Kotzebue. 1803 35 kr 7'/, Sgr. Unter der Erde, s. Elmar Theater. Untreue, tie, aus Liebe. Romant. Oper in2A von Stegmayer. 1805 8. 40 kr. 8 Sgr. Unverhofft. Posse mit Gesang in 3 A. von Joh. Nestroy. Mit einem allegorischen Bilde. 12 75 kr. 15 Sgr Unvexmählte, die. Drama in 4 A von A. v. Kotzebue. 50 kr. 10 Sgr. Urika, die Negerin. Drama in 1 A. s. Castelli Sträußchen 11. Jahrg. Ursprung des Korbgebens. Dramat. Kleinigkeit in 1 A., s. Feldmann Lustspiele 2. Band. Urtheil, daS, deS Paris. Heroisch-pantomimisch. Ballet von der Erfindung des Hrn. Noverre. 1771. 10 kr. 2 Sgr Usanqui, oder die Patrioten in Tina. Orig - Trauerspiel in 5 Acten von Weidmann. 35 kr. 7'/, Sgr. Dalberg, Elise von. Schausp. in 5 A. Don Jff- land. 1808. 60 kr. 12 Sar. Van Dyck' ' Landleben Malerische- Schauspiel v. Fr Kind. 8. Leipzig 1821. 1 fl. 20 kr. 24 Sgr. Vater, der, von Ungefähr. Lustsp. in 1 Acl Nach dem Französischen des Pain und Dieil- lard von Kotzebue. 1804. 25 kr. 5 Sgr. Wallishauffer'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Daterfreude. Vorspiel von Jffland. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Daterfreude. Lustspiel in 1. A. Mit freier Benützung einer französischen Idee von Erik Neßl. (Wiener Theater-Repertoir Nr. 242) 35 Nkr. 7'/, Sgr. Daterltebe. Lustsp. in 4 A. von Ziegler. Daterstand. Lustsp. in 4 A. von Ziegler 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr. »Vater unser!* Lebensbild mit Gesang in 3 Abtheilungen und einem Vorspiel von E. Carl. (Wien. Theat.-Rep. 228) 60 kr. 12 Sgr Veilchenstrauß, der. (Wiener Theater-Repertoir 105). 35 kr. 7'/, Sgr. Verbrüderung» die. Schausp. in 1 A. von Jffland. 35 kr. 7'/, Sar. Verbrechen aus Ehrsucht. Familiengem. in 5 A. von Jffland. 80 kr. 16 Sgr. Verdacht» der «„gegründete. Lustsp. in 1 A. von Brahm. 1771. 50 kr. ^0 Sgr. Vergy» Gabriele v. Trag. Ballet in 5 A. von L. Astolfi. 1829. 10 kr. 2 Sgr. Verlassene» die. Volksdrama in 5 A.» nach dem Französischen frei bearbeitet von Therese Me- gerle. (Wiener Theater-Repertoir Nr. 109) 60 kr. 12 Sgr. Verläumder» die. Schausp. in 5 A. von Kotzebue. 1811. 60 kr. 12 Sgr. Verlegenheiten und Auswege. Posse in 1 A., s. Castelli Sträußchen 2. Jahrgang. Vermächtnis, das. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 1809. 60 kr. 12 Sgr. Dermählungsfeier, die, Alberts von Oesterreich. Orig.-Schausp. mit Gesang iu 4 A. von Gleich. 8. 40 kr. 8 Sgr. Verräther, der. Lustsp. in 1 A. von F. v. Holbein. gr. 8. 1845. 35 kr. 7'/, Sgr. Verrechnet. Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater Re- pertoir Nr. 93.) 60 kr. 12 Sgr. Verschwiegene, der» wider Willen, oder die Fahrt von Berlin nach Potsdam. Lustsp. in 1A. von A.v. Kotzebue. 1815. (Vergriffen.) Verschworenen, die. Oper in 1. A., s Castelli Sträußchen 8. Jahrgang Verschwörung, die, der Odaliken, oder die Löwenjagd. Singsp. von Hensler 1792. 8. 50 kr 10 Sgr. Versöhnung, die. Schausp. in 3 A. Nach dem Franz, von I. F. v. Weissenthurm, gr. 8. 1833. 60 tr 12 Sgr. Versöhnung und Ruhe, oder Menschenhaß und Reue. 2. Theil. Schausp. in 5 A von Jul. Graf v. Soden. 8. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Verstand und Leichtsinn. Lustsp. von Jünger. 50 kr. 10 Sgr. Vertrag, der. Lustsp. in 1 A. Nach Marsollier, von Chrimfeld. 1805. 20 kr. 4 Sgr. Verwandtschaften, die. Lustsp in 5 A 1798. 50 kr. 10 Sgr Veteran, der. Schausp in 1 A. von Jffland. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Vetter, der, in Lissabon. Familiengrmälde in 3 A. von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Sgr Vielwisser, der. Lustsp. in 5 A. von Kotzebue. 1818. 60 kr. 12 Sgr. Victorine, oder Wohlthun trägt Zinsen. Lustsp. in 4 A von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Viola. Lustsp. in 5 A. nach Shakespeare »Was Ihr wollt.* Für die Bühne bearbeitet von Deinhardstein. 8. 1841. 80 kr. 16 Sgr. Vließ, daS goldene. Dramatisches Gedicht in 3 Abtheilungen von Franz Grillparzer, gr. 8. 1822. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sar. Enthält: I. Der Gastfreund. Trauersp. in 1 A. — II. Die Argonauten. Trauersp. in 4 A. — III. Medea. Trauersp. in 5 A. Völkergröße, oder: Er blieb dennoch Vater» Originalschausp. mit Gesang von Wehrfeld. 8. 1807. 40 kr. 8 Sgr. Volksbühne. Wiener Taschenb. lokaler Spiele. Herausgegeb. von W. Turteltaub. 1839 gr. 12. 1 fl. 40 kr. 1 Thlr. 6 Sgr. Inhalt: Eulenspiegel von Nestroy. — Der Waldbrand von Gulden. — Nur Eine löst den Zauberspruch vom Herausgeber. Volkes Stimme, des. s. Holvein Dilettantenbühne für 1826. Vorhängeschloß, das. Posse in 1 A. nach dem Englischen »DIis ?Lälook,* von Carl Juin (Gtugno). (Wien. Theat.-Rep. Nr. 111). 35 kr. 7'/, Sgr. Vorleserin, die. Schausp. in 2 A. Siehe: Koch dramatische Beiträge. Vorlesung, eine, bei der Hausmeisterin. Posse in 1 A. von Aler. Bergen. (Wien. Theat.- Rep. Nr. 60. Zweite Auflage.) 30 kr. 6 Sgr» Vormünder, die vier. Lustsp. in 3 A. von Schröder. 1805. 50 kr. 10 Sgr Vormund, der. Schausp. in 5 A. von Jffland 1801. 50 kr. 10 Sgr. Vorsatz, der. Orig.-Lustsp. in 1 A. von Holdem 12. 1826. 25 kr. 5 Sgr. Waaren, die englischen. Posse in 2 A von Kotzebue. 1811. 35 kr. 7'/^ Sgr. Waffenbrüder, die. Gemälde der Vorzeit in 5^ A. nach Kleists Familie Schroffenstein von Fr. v. Holbein. gr. 8. 1824. 80 kr. 16 Sgr. Waffenruhe, die, in Thüringen. 1. Thl. Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Hensler 1802. 50 kr. 10 Sgr. Wagen gewinnt. Kom. Oper in 2 A. Nach dern Französischen von Treitfchke. 30 kr. 6 Sgr. Wahl, die freie. Lustsp. in 1 A., s. Feldmann Lustspiele 1. Band. Während der Quadrille. Lufp. in 1 A. von Josef Braun.(Wr. Theat.-Rep. Nr. 191.)35kr. 7'/,Gg. Wahn und Wahnsinn. Schausp. in 2 A. nach MeleSville'S: »Lite «8t loUv,* bearbeitet von Lembert. Zweite Auflage. (Wien. Theat.- Rep. Nr. 34.) 40 kr. 8 Sgr» Wahnsinn. Drama iu 1 A, s. Castelli Sträuß- Waisenhaus,das. Singsp. in 2A. 1811. Vierte Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Wald, der, bei Hrrmannstadt. Romant. Schauspiel in 4 A nach dem Französischen von I. F. Weissenthurm, gr. 8. 1833. 80 kr. 16 Sgr. Waldbrand, der, oder Jupiters Strafe. Kom Original-Zaubersp. mit Gesang in 2 A. von I. E. Gulden, gr. 12. 40 kr. 8 Sgr. Waldegg, daS Gut, die Husaren und der Kinderstrumpf. Posse mit Gesang in 3 A. voir F. Hopp. 8. 1846. 75 kr. 15 Sgr Nallishauser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. (Dieses Nerzeichniß wird fortgesetzt.) Druck und Papier von L. Sommer L Comp, in Wien.) Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Ein Zimmerherr. Posse in einem Act von Carl Iuin. Personen. Turteltaub. Mumler, Privatier. Ernestine, seine Frau. Zulie, Stubenmädchen. August, Bedienter. Diknstmänncr. Salon. Thüre im Hintergrund. Seitenthüren rechts und links. Lanapö- Sesseln. Trumeau. kästen im Hintergründe links. Auf einem Gueridor zwei Couverts mit Eiern- Butter, Sardinen rc. rc. Ein Tisch vor dem Canaps. Schreibzeug. Erste Scene. August. Ernestine. Hierauf Mumler. August (der eben fertig ist den Tisch zu decken). Gnädige Frau, das Frühstück ist servirt. Ernest. (eiutretend). Schon gut! Ich habe keinen Appetit. — Sagen Sie es meinem Manne. August. O, der gnädige Herr ist schon sehr zeitlich ausgegangen. Mumler (eintretend). Da bin ich schon! (Zieht seinen Rock aus, den Schlasrock an und umarmt seine Frau.) Guten Morgen, liebes Weibchen! Ich bin ein wenig lang ausgeblieben. nicht wahr? Dafür soll Dir das Frühstück recht schmecken Eruest. Ich habe keine Lust auf diese Sachen. (Zu August.) Schaffen Sie mir Chocolade an! August. Und für den gnädigen Herrn? Mumler. Nichts, ich werde nur Sardinen effen. (August ab. Mumler ißt und trinkt während der ganzen Scene) 3ch war heute schon bei meinem Sollicitator, um mich wegen eines gewissen Turteltaub zu erkundigen, den ich heute früh pfänden ließ. Ernest. Pfänden? Du pfänden? Mumler (verlegen. ) Mein Gott, soll sich denn der Mensch gar keine Vergnügen erlauben? (Sich sammelnd.) Die ganze Schuld trägt Blaumeier, der geriebene Farbenhändler au unserer Straßenecke, dem ich öfters Wechsel escomptire m 20 bis25 Percent — bloß aus Freundschaft! 2 Ernest. Freundschaft? — Das ist doch Wucher! Mumler (verlegen). Gott behüte! — Das ist nur ein Geschäft. — Das Geld ist eine Waare wie — wie Butter. Siehst Du, wenn wenig Butter am Markte ist, wirst Du sie theurer zahlen müssen, als gewöhnlich. — Also vor drei Monaten empfiehlt mir Blaumeier seinen Freund Lurteltaub, der 600 fl. braucht. Er war sehr in der Klemme, srxo die Butter im Steigen; ich gab ihm daher das Geld zu 25 Percent. Ernest. (aufgebracht). Dieß ist unmenschlich! — Mumler (einfallend). Dumm gewesen, daß ich früher keine Erkundigungen über ihn eingezogen. Ich glaubte, dieser Turteltaub sei ein Kaufmann, Fabrikant; oder irgend ein Mensch, der zur gebildeten Klasse gehört, und nun erfahre ich, daß er nur ein Künstler ist, — ein Maler; — da er am Verfallstabe nicht zahlen konnte, ließ ich ihn heute pfänden. Ernest. (ärgerlich). Recht schön! Mumler. Nicht schön! Wie ich höre, nichts als Statuetten von Bronze, Alabaster und Pfefferkuchen. Ernest. Welche abscheuliche Handlungsweise! Mumler. Das kommt nur Dir so vor. Du bist seit den zwei Monaten unserer Dampfschiffsreise so aufgeregt, so nervös. — Ich warnte Dich doch, als wir Nachts io Krems ausstiegen: »Laß die Leute vor- auspasfiren,«! Du aber hörtest nicht, — und pums, lagst Du in der Donau. Ernest. Und Du sähest zu, statt Dich vachzustürzen. Mumler. War denn an einem Opfer nicht genug? Ernest. Du kannst doch schwimmen? Mumler. Ja wohl! Aber in der Angst hatte ich darauf vergessen; und dann mußte ich die Parapluies halten, denn die wären naß geworden. Ernest. Zum Glück rettete mich ein edler Unbekannter. Mumler. Und legte die ganz Durchnäßte — Ernest. An dein treues Herz. Du begannst hierauf, statt meinen Retter aufzuhalten, die Koffer zu zählen — Mumler. Ja wohl, weil bei solchen Gelegenheiten leicht gestohlen wird. Ernest. Als ich zu mir kam, war er verschwunden, und wirhabenihn nicht mehr zu Gesichte bekommen. Mumler. Wie könnten wir ihn auch erkennen? Es war stockfinstere Nacht! Er müßte nur noch immer in der nassen Kleidung herumgehen. (Stößt «neu Schm aus.) Ah! — Ernest. Was ist's? Mumler. Nichts! Mein Rheuma in dem Ellbogen. August (eintretend). Die Chocolade! Ernest. Ich habe keinen Gusto mehr. Fort damit! Mumler. Gib sie her; Sardinen mit Chocolademuß sehr pikant sein. (August ab.) Ernest. Hab' ich Dir schon gesagt, was mir gestern pasfirt ist? Mumler. Nicht ein Wort! Ernest. Ich ging meinem Hectorl zu Liebe spazieren, — an der Ringstraße, da war mir immer, als ob mir ein Schatten folgte. Mumler (steht auf und steht seine Krau ängstlich an). Höre, Ernestine, laß Dir den Doctor holen, Du bist fürchterlich krank. Du fantasirst von einem Schatten auf der Ringstraße. Ernest. Beruhige Dich nur! (Er seht sich wieder.) Der Schatten war von einem Unverschämten, der mich verfolgte, um mich in der Nähe zu besehen. — Plötzlich höre ich ein durchdringendes Geheul — der Tölpel hatte meinen Hund getreten. Ich cuse wüthend aus: Können Sie nicht Acht geben. Sie Ungeschickter? — Der Fremde, oarüber aufgedrc.cht, schreit— oDu kannst es nicht erratheu — 3 Muml. (mit Ruhe). Nein — Ernest. (zögernd, dann im Aufstehen her» ausstoßend) Gans! Muml. Gans!? Dieser Ausdruck war wohl gewählt — Ernest. (zornig). — Was? Muml. (ruhig fortfahrend). War Wohl gewählt, um Dich recht zu beleidigen. Ernest. Auf den Lärm liefen die Leute zusammen, ich hatte nur noch Zeit, ihn auf den Arm zu nehmen — Muml. (verwundert). Den Fremden? Ernest. (ärgerlich). Meinen Hector — und nach Hause zu eilen, um in eine fürchterliche Ohnmacht zu fallen. Muml. Der arme Hund dauert mich recht sehr. August (eintretend). Ein Herr wünscht vorgelafsen zu werden. (Gibt ihm eine Karte.) Muml. (liest). Turteltaub? Maler der jonischen Inseln. Mein Schuldner! Ernest. (verwundert). Maler der jonischen Inseln?! Was heißt das? Muml. Das ist so ein Künstleranhängsel, das Bild wird wahrscheinlich sein Gesellenstück gewesen sein. Erne st. Meisterstück willst Du sagen. Muml. Vielleicht will er zahlen! Laß ihn eintreten. (August ab.) Ernest. Ich will unterdessen sehen, was mein Hectorl macht. (Ab.) Zweite Scene. Turteltaub. Voriger. Turtelt, («scheint an derThüre, thut sehr verlegen und grüßt einigemal). Ergebenster Diener! — Muml. Treten Sie doch näher. Turtelt. Bitte! Muml. (offerirt ihm einen Stuhl). Wollen Sie nicht Platz nehmen? Turtelt, (immer verlegen scheinend). Bitte - ich bin Ihr Schuldner — und überhaupt kein Freund vom Sitzen — als Maler — Muml. Was bringt Sie denn zu mir? (Deutet ihm nochmals, sich zu setzen) (Sie setzen sich.) Turtelt. Sie waren so gütig, sich diesen Morgen nach meinem Befinden erkundigen zu lassen. Muml. Nach Ihrem Befinden? das muß ein Jrrthum sein. Turtelt. Wegen meines Wechselfiebers, und ich bin so frei, Ihnen persönlich zu melden, daß bereits eine heilsame Krisis eingetreten ist. Muml. Ihre Laune zeigt mir an, daß Sie kommen, um mich zu bezahlen, mein verehrter Künstler! Turtelt. Bitte, das Zahlen gehört in der Regel nicht zu den Künstlerlaunen. Ich will daher auch keinen Auswürfling machen. Die Krifis bestand nur in der Pfändung; nur durch sie wurde ich so aufgeräumt! Muml. Diese sollen Sie bald los werden. Solch' ein berühmter Künstler wird doch diese Bagatelle auftreiben! — Waren Ihre Bilder schon in einer Ausstellung? Turtelt. Zn einer? O ich bitte, meine Bilder haben alle möglichen Ausstellungen erlebt — nur (ochse lzuckcnd) einen Käufer! Muml. Und die jonischen Inseln. Wo sind die? Turtelt. Im jonischen und ägäischen Meere Muml. Ihr Gemälde, — das wird doch ein Kunstmäcen gekauft haben? Turtelt. Ja. das prangt bereits als Schild — bei einem Zibebenhävdler. Muml. (enttäuscht). Was? Sie sind Schildermaler? Turtelt. Nur jetzt. Aus Noch! Muml. (steht auf). Und ich dachte, Sie hätten die jonischen Inseln porträtirt, damit die Engländer, wenn sie dieselben hergeben, noch eine Abschrift davon haben. (Er entzieht Turteltcmb, der ebeufalls aufgestcmden, dm Stuhl.) Was wollen Sie denn hier? Turtelt. Sie waren heute früh so l * 4 gütig, eine Pfändung ohne richterliches Unheil vornehmen zu lassen — um mich zu schrecken — falsches Manöver — ist bei mir vergebens — (mit Stolz) denn Gott fei Dank, ich bin — Muml. (erschrickt) Gesetzkundig? Lurtelt. Durch daS öftere Pfänden; (Mumler weicht zurück) habe aber immer redlich gezahlt, wenn ich zu Gelde kam. — Wie gejagt, Ihre Pfändung ist ungiltig, da ich aber ein ehrlicher Mensch bin', will tch Ihnen bis zur Rückzahlung meiner Schuld meine Modeln freiwillig als Pfand zur Ausoewahrung in Ihr Haus geben. Muml. (freundlich jchmunzelnd). Ha! der Vorschlag ist annehmbar. (Deutet auf die Lhüre links.) Ich habe hier gerade eine leere Kammer — Lurtelt. (öffnet die Thüre). Darf ich sie besehen, um zu.sehen, ob meine Möbel ordentlich placirt werden können? (Sieht hinein.) Schön, sehr schön! Ein Kamin! Er raucht doch nicht? Muml. Nein! Lurtelt. Nun denn, ich übergebeAlles Ihrem Schutze, sogar mein neues Gemälde, welches ich künftiges Jahr malen werde. Muml. (bestürzt). Künft — Lurtelt. (fortsahrend und einfallend). — igt Woche wollte ich sagen, dann mein Bett, Kleider, Wäsche, Strupfen, Stiefelzieher, Rastrzeug — Muml. Schön! Schön! Lurtelt. Nur bitte ich um die Erlaubnis. daß ich dann und wann Herkommen darf, um mich zu rasiren. Muml. Wie? Rafiren? Lurtelt. Ferner um die Wäsche zu wechseln — Muml. Wie? die Wäsche? Lurtelt. Seien Sie unbesorgt, ich werde Sie nicht oft belästigen; ich wechslein der Regel nur dreimal in der Woche, und höchstens ausnahmsweise zweimal des Lages. Muml. Nun, wenn's schon nicht anders ist! Lasten Sie vor Allem Ihre Möbel holen. Turtelt Entschuldigen Sie, das müssen Sie thun; Sie sind ja der Pfändende. (Gibt ihm einen Schlüssel.) Hier ist mein Zimmerschlüssel —. Noch etwas — ich bin noch -en Zins schuldig. Muml. Den Zins? Lurtelt. Ohne Zahlung desselben folgt mein Hausherr die Möbel nicht aus — nehmen Sie keinen Anstand, eS ist ein Bagatell — LOO fl. — Muml. Das ist viel! Lurtelt. Onein! Wenn ich zur vorletzten Zinszeit mit dem Zinszahlen nicht so voreilig gewesen wäre, könnten es schon 200 fl. sein. Uebrigens verlieren Sie nichts dabei, Sie haben daS Pfand in Händen. — Muml. Meinethalben auch das noch — aber ich lasse augenblicklich Ihre Möbeln holen. (Ab.) Dritte Scene. Turtellaub (allein, hierauf) Ernestine. Ich habe sehr gut gethan, dem Rathe meiner Geliebten zu folgen und mich in dieses Haus einzunisten. DreiMsnate brauche ich Frist und dann bin ich ein gemachter Mann, bis dahin bin ick 40 Jahre alt, und kann laut Testament frei über die Erbschaft meines Oheims verfügen. — Mit meinem Gläubiger werde ich schon fertig, er ist bornirt, aber mit dessen Frau! — !— Ah pah! Ich folge AmalienS Rath, und mache ihr auf Leben und Tod die Eour, wenn ich mich nicht anders im Hause erhalten kann. — Jetzt will ich einmal meine neue Wohnung genauer besehen (HatdieThüre geöffnet und dieWohnung gemustert) Parquetten — Spiegel — meine Möbei werden recht gut dazu passen. Ernest. (ruft in der Coutiffe). August. August! Turtelt. Diese Stimme! (yrschließtleb« hast die Lhürr. Ernestine ersannt von recht--) Element! die Dame von der Ringstraße. (Verneigt sich demüthig und schwelgend ) ( Kieme Pause) Ernest. (ihnerkennend). Wie, mein Herr, Sie — hier? Sie wagen es nach Ihrem gestrigen Benehmen? Turtelt, (schnell für sich). Jetzt heißt es Alles auf's Spiel gesetzt. (Laut.) Meine Gnädige, ich habe mich gestern gar nicht benommen, denn es war ebenso ungeschickt als strafbar, daß ich nicht Acht gab, wohin ich meinen Fuß setzte. Ernest. Auf meinen armen Hund — auf Hector. Turtelt. Hector schreibt er sich — schöner Name! — Wenn ich auch ein Verbrechen beging, dieses kleine Wesen zu treten, so erwägen Sie. wie oft schon große Männer getreten wurden, und nicht einmal darüber klagen durften. Wenn Sie eine Fürbitte bei ihm einlegen, wird er mir gewiß verzeihen; er hat gewiß ein edles Herz, der Monsieur Hectorl, besonders, wenn Sie ihm sagen, meine Gnädige, daß ich gar nicht die Schuld war. Ernest. (verwundert). Sie nicht? Wer sonst? Turtelt. Sie selbst! («ri Seite.) Ich wage Alles. (Laut.) Ihre Schönheit — in deren Betrachtung versunken — Gr ne st. (höhnisch und schnell einfallend). Und um mir recht zu huldigen, bedienten Sie sich wahrscheinlich eines pöbelhaften Ausdruckes gegen mich und schrieen mich an — (zögernd) Gans! — Turtelt, (ver'weiflungsvoll) Ach, welch' ein unglückseliges Mißverständniß! — O. wie können Sie mir so wenig Bildung Zutrauen ! Ich weiß. was man den Frauen schuldet — und besonders den schönen Frauen. Als ich dieses arme Thier zu Ihren Fuüen wie todr ausgestreckt liegen sah. — da wollt' ich ausrufen — ganz und gar ist es mit ihm und Da bist sein Mörder! Aber bei dem Worte ganz fiel ein zürnender Blick aus diesen Himmelsaugen auf mich — und eine Mundsperre bemächtigte sich meiner, als ob ich ein russischer Journalist wäre. Ernest. Wirklich? Turtelt. Ach, ich hatte in diesem Augenblick nur einen Wunsch — (deutet auf sie) dieses Feenfüßchen besessen zu haben! Ernest. Warum? Turtelt. Wegen Hector! Wenn Ihr Fuß ihn getreten hätte, so wäre dieß so zart gewesen, als wenn sich ein Schmetterling auf einer Blume wiegte! Ernest. (bei Seite). Er versteht es, artig zu sein. Ich habe ihm unrecht ge- than. Turtelt. Ihr schnelles Verschwinden machte es mir heute zur heiligsten Pflicht, mich bei Ihnen zu entschuldigen, und mich nach dem Befinden des theuren Patienten zu erkundigen. Ernest. Wie. mein Herr? Deshalb sind Sie gekommen? Turtelt. Bloß deshalb! Ernest. Er ist noch immer leidend. Turtelt, (schmerzhaft). Oh! — Ich empfehle Ihnen meinen Freund, den Thierarzt Müller — Ernest. Ich habe kein Vertrauen zu einem Fremden — Turtelt. Ich garantire Ihnen. — Er hat mich schon zweimal gerettet. Ernest. Es wird sich schon geben. Turtelt, (nimmt ein Stück Zucker non der Tasse, odne daß sie es merkt). Durfte ich ihm wohl dieses Stückchen Zucker anbieten, um sein Leiden etwas zu versüßen. Ernest. Ich danke Ihnen, er frißt keinen Zucker, um sich die Zähne nicht zu verderben ? Turtelt, lübkrrascht). Ah! Wie vernünftig dieses Thier ist. jBkißt Zuckkr ad.) Manche Menschen sind es nicht und naschen Zucker. Ernest. Mein Herr, ich danke Ihnen für Ihre Aufmerksamkeit; jetzt aber will ich Sie nicht länger Ihrer gewiß kostbaren Zeit berauben. 6 Turtelt, (bei Seite). Sie schickt mich fort — und meine Möbel werden gleich hier sein. (Laut.) Wie alt. wenn ich fragen darf — Ernest. (überrascht). Wer? Turtelt. Unser Hector! Er ne st. Sieben Monate! Turtelt. Sieben Monate! Das sind die glücklichsten Jahre — er kennt noch nicht die Verhängnisse des menschlichen Lebens. Ern est. Aber mein Herr! — Vierte Scene. Vorige. Mumler. August. Julie. Dienstmänner. Muml. (von außen). Nur hierher damit. (August, Julie und Dieristmänner mit Möbeln beladen, tragen sie in das Zimmer links.) (Zu den Dieustmännern:) Geben Sie Acht, daß Sie nichts zerbrechen — Ern est. (leise zu ihrem Manne). Was bedeutet das? Muml. (ebenso). Ich habe ein famoses Geschäft gemacht. Ich werde Dir dieß später erklären. (Laut zu Turteltaub:) Ihre Miethe habe ich bezahlt, aber der Hausmeisterin waren Sie Loser auch noch an Spergeld 13 Gulden schuldig. (Kneipt ihn schmerzhaft.) Turtelt. O das macht nichts. Die 13 Gulden überlasse ich Ihnen statt Interessen. — Sie erlauben, daß ich nachsehe! (Ab.) Fünfte Scene. Mumler. Ernestine. Erne st. Du hast Möbel gekauft? Muml. Keine Idee! Sie gehören diesem Herrn, meinem Schuldner Turteltaub, einem ungemein rechtlichen Mann, der mir all sein Hab und Gut freiwillig als Pfand überließ. Ernest. Und wo wird er wohnen? Muml. Was kümmert das mich? Er kommt höchstens dann und wann her sich zu rafiren, oder Wäsche zu wechseln. Ernest. Wie? Hier? Du erlaubst einem Dir gänzlich fremden Manne Zutritt in das Haus? Ich begreife Dich nicht. Muml. Was kann denn geschehen? iJch Hab' ja das Pfand dafür in der Hand. Eruest. (abgkhtnd). Du verdientest wirklich kategorisch für deinen Leichtsinn gestraft zu werden. (Gehtärgerlich auf ihr Zimmer.) Sechste Scene. Mumler, dann Turteltaub. Muml. Sieärgertsich!—dieFrauen verstehen doch gar nichts vom Geschäfte. — Sein Mobilar ist werthvoller, als ich dachte. Turtelt, (im Hlraustretcn zurücksprechend) Den Kopf des Bettes bitte ich etwas höher und drei Kissen als Unterlage. Muml. (verwundert). Drei Kissen? (Mit langem Gesichte). Sie wollen doch nicht hier schlafen? Turtelt. O nein! höchstens — wenn es zu spät ist. in einem Gasthof anzuläuten! (Mumler entfernt sich etwas ärgerlich von ihm.) Uebrigens bringen Sie mich selbst auf eine gute Idee. Du mein Bett schon hier ist, warum soll es unbenützt bleiben? Muml. Oho, das geht nicht? Ich nehme keine Afterpartei. Turtelt. Bitte! Afterpartei nennt man solche Leute, die bei Jahresparteien zur Miethe wohnen. Ich aber werde Sie niemals durch Zinszahlen beleidigen — (nach einer kleinen Pause) denn ich werde Ihre Güte nur ein paarTage mißbrauchen. Jetzt bitte ich die gutenL eute zu bezahlen. Muml. Ich? Turtelt. Nun ja! Sie haben doch die Möbel transportiren lassen. Dienstm. Wir bekommen 3 fl. — Muml. Das ist zu viel! 2 fl. ist genug. (Seine Brieftasche öffnend, die voll Banknoten ist.) Turtelt, (nimmt ihm eine Fünfrrbanknote weg und gibt sie den Dienstmännern). Ja wohl, da habt Ihr 2 fl. für die Arbeit — 7 Dienstm. Aber — Turtelt. Und 3 fl. Trinkgeld! Dienstm. KüßdieHand! (Dieselben ab.) Muml. (ganz erstarrt). Erlauben Sie mir — Turtelt. Ich bitte, mir nur Alles aufzurechnen. Muml. Ah, das ist doch zu toll! Turtelt. Dann erlaube ich mir noch eine Frage, welche die Lebensart erfordert. Um wie viel Uhr speisen Sie Mittags? Muml. (verwundert). Um wieviel Uhr? Turtelt. Sie speisen doch Mittags? Muml. Natürlich! — Aber was kümmert das Sie? — (Sich besinnend.) Ich verstehe! Sie wollen nicht stören. — Turtelt. Richtig! Muml. Um zwei Uhr! Turtelt. Dann werd'ich immer Punkt auf 1 hier sein, damit ich nicht störe, wenn schon angerichtet wäre. Muml. (wüthend). Herr, das geht zu weit! Ich bin kein Wirthshaus! Turtelt. Aber Verehrtester Gönner! Glauben Sie ja nicht, daß ich so zudringlich wäre, wenn es nicht die Ehre Ihres Hauses erfordern würde. Muml. Die Ehre meines Hauses? Turtelt. Natürlich! wenn ich hier bloß schlafe, bin ich eine Afterpartei, und Sie. der reiche Hausinhaber, würden deß- halb im ganzen Stadttheile — als Geizhals— als Wuchererverschrieen; aberwenn ich hier speist, so beherbergen Sie nur einen Freund, und kein Mensch argwohnt, daß Sie mich pfänden ließen. — (Ihn umarmend.( Sehen Sie, wie delicat ich für Ihren Ruf sorge! Muml. l der sich losgewunden). Zuviel! Zu viel! — Ich werde zuvor mit meiner Frau darüber sprechen. (Für sich.) Sie muß ihn aus dem Hause schaffen, denn ich bin ihm gegenüber zu ohnmächtig, das sehe ich schon. (Ab) Siebente Scene. Turteltaub (allein). Der Plan meiner Geliebten realistrt sich ausgezeichnet. Ich werde hier wie ein Fürst wohnen. — Das Schwerste ist überstanden, die Theilnahme der Frau zu erringen, um so mehr, da sie über mich so aufgebracht war. Aber die Frauen können den alltäglichsten Galanterien nie widerstehen. Achte Scene. August. Julie. Turteltaub. Julie. Mein Herr, alles ist geordnet. Turtelt. Danke, meine Kinder, danke! Wie heißt ihr denn, meine Lieben? Julie. Ich heiße Julie. Turtelt. Das Hab' ich mir gleich gedacht. — Die Julies find alle hübsch! Julie, (kmxcnd). Zu gütig! Turtelt. Wenn ich einmal einen Sohn bekomme, muß er Julie heißen. — Und Sie? Aug. Ich heiße August. Turtelt. Das Hab' ich mir gleich gedacht. Aug. Wie? Turtelt. Weil Juli und August gewöhnlich nebeneinander sind. Wollt Ihr mir nicht erlauben, jedem von Euch 3 fl. anzubieten? . Beide (das Geld nrhmmd). Danke,Euer Gnaden! Turtelt. Da ich mit Hrn. v. Mumler in Geschäftsverbindungen getreten bin, werde ich wahrscheinlich längere Zeit im Hause bleiben. Aug. O, das fteut uns sehr! Turtelt. Darum werde ich Sie in meine Gewohnheiten einweihen. So z. B. kann ich nicht ohne ein kleines Nachtlicht schlafen. Aug. Ich werde Ihnen die Lampe des Herrn geben. 3 Turtelt. Ah, das geht nicht — und er? — Aug. Ah, er kann auch ohne Licht schlafen — bei ihm ist es nur Gewohnheit. Turtelt, (zu Julie). Sie aber muß ich vor Allem bitten, meiner verwaisten Kleidung und Wäsche eine Visite zu machen — das heißt gelegenhMich! Julie. O sogleich! Ich hätte zwar etwas Dringendes für die Gnädige zu sticken, aber das kann sie selbst thun. Beide. Euer Gnaden haben stets den Vorzug. Turtelt, (für fick). Ein paar recht gutgesinnte Dienstboten. (Zu August.) Hier haben Sie noch 2 fl. — Aug. (frrudig). Das ist zu viel. Euer Gnaden! — Turtelt. Und holen Sie mir bei der Blumenhändlerin ein Bouquet Diolen! Aug. (mit langem Gesicht). Ah so! (Ab.) Turtelt, (streichelt Juliens Hand). Apropos! Sie haben doch keinen Liebhaber? Julie, (verlegen). Aber Euer Gnaden! Turtelt. Wär' auch überflüssig !(Strei. chelt ihr die Hand.) Bei einer Julie spiele ich immer selbst den Romeo! (Will sie um. schlagen.) Jul. (sich loswindend, schamhaft). Ach! Ich verstehe Euer Gnaden nicht! Aber Sie sind schlimm! (Rennt in sein Zimmer ab.) Turtelt. Unverdorbenes Kind der Natur! — Neunte Scene. Turteltaub. Ernestine. Ernest. (von rechts, auf der Schwelle zu- nEpreckend). Sei nur ruhig! Ich will deinem Willen folgen — so unangenehm mir der Auftrag ist. Turtelt. Meine hübsche Hausfrau! — Ach, gnädige Frau! Sie sind so gütig, mich in meiner Einsamkeit zu beehren? Ernest. Mein Herr, ich komme nicht, um Ihnen eine Visite zu machen — Turtelt, (für sich). Element! Welch' eisiger Ton! Ernest. Mein Mann schickt mich, um Sie fragen zu lassen —> Tnrtelt. Ob ich etwas bedarf? (Lebhaft.) Sie sind hier — und es wäre unverschämt, imBesitze des höchsten Glückes noch etwas zu wünschen! Ernest. Mein Herr! (Bei Sette.) Bei seinem feinen Benehmen versetzt mich mein Auftrag in Verlegenheit. Turtelt, (begeistert) Sprechen Sie, meine Gnädige, ich höre mit allen meinen Ohren — o nein, weit mehr, — ich schlürfe Ihre Worte. Ernest. (bei Seite.) Er dauert mich fast. (Laut, etwas verlegen.) Mein Mann meint— (Sie zögert.) Das heißt'— es ist seine Ansicht — daß sich Ihre Anwesenheit hier nicht in die Länge ziehen dürfte. Turtelt, (bei Seite). Was? Ich soll wieder fort? — Nein — nein — diese Wohnung muß ich um jeden Preis erhalten. (Laut.) Wie? Meine Gnädige, Sie können so grausam sein, solch'eine Marschordre zu contrasigniren? — O, das ist himmelschreiend! (Verbirgt sein Gesicht in sein Taschentuch.) Ernest. (verwirrt). Mein Wunsch ist es nicht! Turtelt. Nicht? Nicht? O. eine Frau erfüllt nie den Wunsch eines Mannes, wenn er nicht von ihr ausgegangen ist. -(Losbrechend und eklatant.) O, so liebet doch leine Frau! Zertretet selbst Hectorn, um sich ihr nähern zu können! Ernest. (erstaunt). Wie? Turtelt. So wissen Sie denn Alles? — Ja, meine Gnädige! daß ich den Hector mit dem Absatz trat, war Vorsatz, um mir den Vorschub zu verschaffen, mich Ihnen nähern zu können. Ernest. Ist es möglich? Turtelt. Ich lieh mir Geld aus, um nur die Seligkeit zu erlangen, einst von dem Manne meines Ideales gepfändet zu werden. — Ich gab meine Möbel hierher 9 im Pfand, nur daß ich auch die Wonne genieße, in Ihrer Nähe athmen zu können! (Schlürft Athem.) O, wie gut athmet es sich hier! Er ne ft. Ist dieß wirklich Wahrheit? Turtelt. Sie fragen noch!? Gibt es eine erste Liebe ohne Wahrheit? Ernest. (läckrlnd) Erste Liebe! Turtelt. O. Sie werden doch nicht glauben, daß ein Mann von 26 Jahren schon geliebt hat? Ernest. (lachendt. 26 Jahre? Und Ihr Taufschein? Wie viel weiset dieser aus? Turtelt, (etwas verlegen). Der geht etwas zu früh! — Aber wenn ich auch so alt wie Methusalem wäre, so würde ich Sie doch lieben, so lange Sonne, Mond und Sterne scheinen! Ernest. (nickend). Und wenn diese erli- schen? Turtelt. Dann liebe ich Sie noch bei Gasbeleuchtung und Laternenschein! Ernest. Woher kommt aber die Heftigkeit dieser Liebe, da Sie mich erst seit gestern kennen? Turtelt, (schmerzhaft). Seit gestern? < Eklatant.) O, so liebet doch eine Frau — folgt ihr auf Schritt und Tritt seit sechs Monaten — sie bemerkt es nicht! — Ernest. Ach mein Gott! —Dieser Brief, den ich vor 14 Tagen erhielt — Turtelt. Ah, Sie haben einen Brief empfangen? (Plötzlich.) Er ist von mir! Ernest. Wie? Turtelt. Kann er denn von jemand Andern sein? — oder habe ich einen Nebenbuhler? Ernest. Was fällt Ihnen ein! — In diesem Briefe wagten Sie aber von Ihrer Liebe in den leidenschaftlichsten Ausdrücken zu sprechen. Turtelt. Jawohl! — Das Feuer der Jugend — und der ersten Liebe! — Ernest. Sie drohten, wenn ich Ihnen nicht antwortete, sich im Ernste zu erschießen. Turtelt. Jawohl! denn das ist nur ein Spaß für mich! — (Bei Seite.) Teufel, mein Rival ist hitzig! Ernest. Ich antwortete nicht — und Sie leben noch?! Turtelt. Nein! Ernest. Wie? Turtelt. MeinLeben ist ärger denn der Tod! So hören Sie Alles! Ich hatte eine Pistole — aber ohne Zünder — ich versetzte daher die Pistole, um mir Kapseln zu kaufen — nun aber durch Ihre Grausamkeit gezwungen, eile ich — (will sort- stürzen). Ernest. (erschreckt). Halten Sie ein — mein Gott, die Pistolen sind Heuer so gefährlich. — Turtelt. Ja, man hat neuerer Zeit Beweise — Ernest. Bleiben Sie! Ich will es! (Sanft.) Herr von Turteltaub! Turtelt. Gustav heiße ich! (Zärtlich ) BegustPien Sie mich, wenn ich leben soll! Ernest. Nun denn, Herr Gustav, versprechen Sie mir, Ihr Leben zu bewahren. Turtelt, (gekränkt). Nur mein Leben wünschen Sie? — O verlangen Sie etwas Werthvolleres —mein Vermögen—mein — mein Alles! — Nun denn, ich lebe nur fort, wenn Sie mir versprechen, daß wir Drei eine Familie bilden. Ernest. Was denken Sie? Turtelt. So gehe ich.— (Verzweifelnd.) Ernest. Mein Gott! ist es gar so pressant? Turtelt. Aber Sie mache ich verantwortlich der Welt und meiner Familie gegenüber für das Unheil, welches Sie auf mein Haupt beschworen! Ernest. Welches Unheil? Turtelt. Ohne Möbel, ohne Wohnung, — werfen Sie mich hinaus auf das hartherzige Pflaster von Wien. Die Verzweiflung wird mich packen, nichts bleibt mir mehr übrig, — ich stürze mich — Ernest. (abwehrrnd). Mein Gott. Turtelt, (dumpf). Ob schön, ob Regen 10 — In einen Strudel von Verführungen, um gänzlich unterzugehen im Pfuhl der bösen Leidenschaften! (Weich.) Leben Sie wohl — ewig wohl. — (Falscher Abgang.) Sie lassen mich doch nicht gehen? Ernest. Nein, bleiben Sie, Gustav!— ich werde mit meinem Manne reden, und wenn Sie mir versprechen, vernünftig zu sein — Turtelt, (schmerzhaft). Wie kann ich das? — da ich liebe! Zehnte Scene. Vorige. August und Julie. Avg. (mit einem Bouquet). Hier ist das Bouquet! Ernest. Blumen! für wem? Turtelt. Erlauben Sie! (Ihr den Strauß präsentirend). dem Frühlinge seine Geschwister zu präsentiren! Ernest. (nimmt den Strauß und legt ihn aus den Gueridon). Ei, wie galant! So aufmerksam verstand mein Mann nie zu sein. Turtelt. O die Ehemänner verstehen Vieles nicht, wonach ein weiblich Herz sich sehnt! Jul. (tritt mit einer Pavtalon, Rock und Gilet ein). Ach, Euer Gnaden! In Ihrer Wäsche muß gar nicht nachgesehen worden sein, die Strümpfe — (Turtrltaub hustet wäh. rend ihrer letzten Worte, daß fir nicht hörbar werden sollen), stnd voll Löcher. Turtelt, (leise und rasch zu ihm). Still! Sie bringen meine ganze Poesie um. Avg. (hat Julien daS Beinkleid weggenom« men). Da ist eine ganze Nath offen. Jul. (aus den Rock deutend). Und hier fehlen mehrere Knöpfe. Turtelt, (halb laut). Wenn Sie nicht schweigen, maffacrire ich Sie! Ernest. (hat Julien das Gilet weggenom« meu). Hier find auch die Taschen zerrissen. Turtelt. Die Nachwehen vom Neujahr. Von dem ewigen Geldausgeben, — natürlich! Ernest. Julie, schnell einen Faden — eine Nadel! Turtelt. Wie, meine Gnädige!? Sie wollen sich selbst bemühen! O,dann werde ich diese Weste nicht mehr anziehen, son» dern sie auf meinem Busen tragen — als Reliquie! Jul. (sucht in dem Möbel). Ich finde keine Knöpfe. Ah pah! Ich werde welche von dem Rock unsers gnädigen Herrn abtrennen. (Thut es.) Turtelt. Ich weiß gar nicht, wie ich danken kann. Aug. (setzt sich nach Schneiderart auf die Erde und näht). (Ernestine näht an der Weste, Julie am Rock.) Turtelt, (zu Ernestine). Ach. ich Glücklicher! Ich sehe den ersten Engel, der flickt, (deutet auf Julie, für sich.) Die Kleine ist auch nicht bitter. ' - (Man hört läuten.) Ernest. August, man läutet! Aug. Es ist Niemand — nur der gnädige Herr! Jul. lnachsprechend). Ja, nur der gnädige Herr! (Man hört heftiger länten). Turtelt. Ich glaub', der Herr hat nochmal geläutet. Aug. (phlegmatisch). Ich glaub' auch. Jul. Wenn's was Pressantes ist, wird er fich's schon selbst holen. Eilfte Scene. Mumler. Vorige. Muml. (tritt wüthend rechts ein). Julie, — August — Wo steckt denn das Volk? — (Sie erblickend und perplex zurückweichend.) Ja, was treibt Ihr denn? In meinem Salon eine Schneiderwerkstätte? (Schreit sie an.) Was macht Ihr denn? Jul. Wir bessern unfern Zimmerherrn aus. Muml. Na. das kann ihm nicht schaden! II Turtelt, (für sich). Ich danke. Muml. (bemerkt seine Frau). Was? Und Du auch?! Ernest. Freilich, bei einer pressanten Arbeit darf eine ordentliche Hausfrau nicht müßig sein. Muml. (bei Seite). O WienerZeitung! O Wucherprocent! (Zu Turteltaub, den er erst sieht.) Herr, warum haben Sie sich nicht gleich eine Nähmaschine mitgebracht? (Rennt zu seiner Frau.) Hast Du ihm denn nichts gesagt? Ernest. (verwirrt). Ja — nein —nein. Muml. (rasch zu Turteltaub). Düs duld' ich nicht — das duld' ich nicht! Ernest. (für sich). Jetzt kann nur meine List ihn retten. (Steht auf.) Muml. (wüthend.) Nicht eine Minute sollen Sie länger in meinem Hause bleiben — als—- Ernest. (leise und rasch zu Mumler). Th» rann! Er ist mein Retter! Muml. (verdummt). Ah! (Laut zu Turtel« taub ) Aber Mittags werden Sie mir wohl die Ehre schenken? Turt. Bitte! (Für sich) Was heißt das? Ernest. (leise zu Mnmler). Hüte Dich aber, davon zu reden. Die außerordentliche Bescheidenheit dieses Mannes erlaubt es nicht, seine edle That zu gestehen. Muml. Merkwürdig! Sonst merkt man seine Bescheidenheit nicht. Ernest. (während sie da- Gilkt schwingt, fällt rin Billet au- der Tasche. Sie bemerkt es, (für sich.) Was ist das? Bückt sich schnell.) Die Handschrift meiner Cousine! — (Sit schleicht unbemerkt ab ) Muml. (zu der Dienerschaft). Marsch mit mrem Kram in das Vorzimmer! (Julie und August ab) Zwölfte Scene. Mumler. Turteltaub. Muml. Verzeihen Sie. lieber Freund, daß ich etwas barsch mit Ihnen war. aber ich leide sehr häufig an Aufwallungen an das Gehirn. Turtelt. Unglaublich! —»Entsetzlich wollt' ich sagen. Muml. Ja — und da — bin ich so gereizt — Turtelt. O, ich mache mir die größten Vorwürfe, daß ich durch meine Ungelegenheit — Muml. Trösten Sie sich, es ist schon vorüber! Heute Mittags wollen wir bei einer Flasche Grinzinger über meinen An- ifall lachen, und recht viel von Krems reden. Turtelt, (erstaunt). Von Krems? Für sich.) Von Krems? Was ist denn dort Merkwürdiges—außer derSimandl-Bru- derschast? (Laut.) Sie sprechen gern von Krems? Muml. Sehr gern! Besonders mit Ihnen. Bin ich nicht von dorther Ihr Schuldner? (Bei Seite.) Das wird doch zart genug angespielt sein! Turtelt, (erstaunt). Sie sind mein Schuldner? (Sich fassend.) Ja richtig! Auf das hätte ich bald vergessen. (Bei Seite.) Er muß närrisch geworden sein. (Laut.) Wie wär's, wenn wir uns jetzt gegenseitig ausglichen? Wollen Sie mir nicht meinen Wechsel geben, und — Muml. Das wäre doch zu viel; aber meine Frau — Turtelt, (einsallend). Wollen Sie mir geben? Ach Sie find zu gastfreundlich! Muml. Nein — lasten Sie mich doch ausreden. Meine Frau wird die bewußte Angelegenheit am besten ansgleichen, da Sie schon mit mir nicht gerne davon sprechen. Turtelt, (ihn umarmend). Wie Sie befehlen, mein Freund! Muml. (Stößt einen Schrei aus, und zieht sich zurück.) Ach! — Turtelt. Hab'ichJhnen wehe gethan? Muml. (reibt sich sanft die Ellbogen). Ja — an meinem kranken Aermel — Arm. Ich habe nämlich das Rheuma im Ellbogen. 12 Turt. Das Rheuma! O, das ist ein böses Nebel! (Für sich.) Ich disputir' ihm einen Badeort hinauf, dann bleibt mir das Quartier ganz allein. (Laut.) Hat oft sehr bedenkliche Folgen! Muml. Ah pah! Turtelt. Bitte! Ich hatte einen Freund, der auch so unglücklich war — (Wischt sich eine Thräne auS.) Das Rheuma wurde immer ärger; um sich im Schmerz zu betäuben — ergab er sich dem Trünke — und — Muml. (ängstlich). Und — ? Turtelt. Bekam dadurch die Wasserscheu! Muml Entsetzlich! Turtelt. Ich kann Ihnen nur meinen Freund, den Doctor Schwefel, auf's dringendste anrathen, der hat eine ungeheuere rheumatische Praxis, er leidet selbst schon zwanzig Jahre daran. Muml. snachünnknd). DoctorSchwefel? — Wohnt der nicht gleich an der Ecke? Turtelt Ganz richtig! Muml. Sie haben mir eine solche Angst gemacht, daß ich gute Lust hätte, gleich hinzugehen. Turtelt. Gehen Sie — versäumen Sie keine Minute, und sagen Sie nur, ich schicke Sie! Muml. Ich will Ihnen folgen! — Wo ist denn mein Rock? (Er nimmt ihn vom Skssel, zieht den Schlafrock ans, und den Rock an.) Sie entschuldigen doch! Turtelt Bitte recht sehr! Thun Sie, als ob Sie zu Hause — ah, ganz allein wären. Muml. (will zuknopsen). Wo sind denn meine Knöpfe? Turtelt, (für sich). An meinem Rock bereits! Muml. Ahpah! Ich kann ohne Knöpf' auch zum Doctor gehen. (Stürzt ad.) Turtelt, (allein). Bravo! Nun bleibe ich sicher allein der Herr der Wohnung. DoctorSchwefel empfiehlt jedem Patienten die Badener Bäder, ganz gleich, ob er, gichtleidend oder hectisch ist, denn er hat zwei Häuser in Baden, die er auf's Beste zu vermiethen sucht. Dreizehnte Scene. Ernestine (an ihrer Tbüre lauschend). Turteltaub. Turtelt, (einige Schritte gegen sein Zimmer machend). Vor Allem will ich jetzt in meinen Nippsachen Nachsehen, ob nichts zerbrochen ist. Ernest. (lauschend. Er ist allein! (Halb laut und heimlich.) Gustav! — Turtelt, (rasch sich umwendend). Meine Gnädige! Ernest. (halb laut und heimlich). Sindwir allein? (Sich vorsichtig umsehend.) Kein Der- räther in der Nähe? Turtelt, (für sich). Was soll das? (Laut.) Niemand! Den Herrn Gemal habe ich seines Rheuma halber zum Doctor Schwefel geschickt, er wird sobald nicht kommen. Ernest Das ist schon gut, denn ich habe Ihnen höchst Wichtiges zu vertrauen. Turtelt. Sie machen mich überglücklich! Ernest. ( hat von dem Möbel einen Strehn Wolle genommen). Helfen Sie mir die Wolle abwickeln. Turtelt, (perp ec). Ist das — Ernjest. Ich werde unterdessen einige (seiend) für das Glück meines Lebens höchst wichtige Fragen an Sie richten. (Sie setzt sich auf das Canapv, er hat die Wolle an beiden Händen, uns da er höher steh), als sie, so drückt sie ihn so lange nach und nach nieder, bis er vor ihr kniet.) Turtelt. O fragen Sie. meine Gnädige! Jede Frage von Ihnen macht mich selig. Ernest. Nun denn, ist eS wahr, daß Sie mich lieben? Turtelt. Ach! Sie beginnen Ihr Examen mit einer Grausamkeit! — Kann ein Mann glühender lieben wie ich!? O, könnteichIhnendiellnendlichkeitdieserLiebe beweisen! — (Sie drückt ihn etwas niederer.) O, wäre ich mit Ihnen in einer Sandwüste, lie wurde mir zum Paradiese. Ernest. Und wird diese Liebe wirklich ewig wahren? Lurtelt. Länger als ewig! Bis zur Aufnahme der Silberzahlung, bis an das Ende der Welt! Ernest. Ich traue Ihrem Schwure! (Schwärmerisch.) Darum wage ich eine Bitte an Sie, die aus dem Innersten meiner zitternden Seele kommt! Lurtelt. O, sprechen Sie! Welches Glück für mich! (Mit Emphase.) 2ch habe noch nie eine Seele zittern gesehen. Ernest. (im gewöhnlichen Ton). Halten Sie Ihren Arm gerade, damit Ihnen die Wolle nicht herabsällt. Lurtelt. (enttäuscht). Wa — Ernest. (schwärmerisch). Verachten Sie ein Weib nicht,' das seine Gefühle nicht mehr länger verbergen kann. (Sichschamhaft abwendend und heimlich lachend.) Lurtelt. Sie — Sie soll ich verachten, für die ich mein Leben blindlings in die Schanze schlagen würde. Befehlen Sie, daß ich ins Wasser springen soll, und mit Vergnügen geh'ich dann sürSie ins Feuer. (Sie druckt ihn gänzlich nieder, daß er kniet.) Ernest. Nun denn, die Worte Ihrer Liebe haben in meinem Herzen einen tiefen Wiederhall gefunden — das Band der Sympathie hat unsere Seelen vereint! — Ach, warum haben wir uns nicht schon vor Zähren begegnet! Turtelt, (der sich immer auf einem Knie schaukelt und dann mit demselben abwechselt). Weil damals noch keine Ringstraße war! Ernest. Sie verstehen mich nicht. — Warum fesseln mich eherneKetten an einen Andern! Lurtelt. (herabgestimmt). Ja, das ist recht Schad'! (Für sich.) Leusel! Sie wird sich doch nicht im Ernst in mich verlieben? Ernest. Aber auch das Eisen zertrümmert die Allmacht der Liebe! Lurtelt. (phlegmatisch). Za wohl! sa wohl! (Bei Seite.) Wo soll denn das hinaus? Ernest. Haben Sie Muth? Turtelt. O. diese Frage! Ich Hab' kein Manöver aus der Schmelz ausgelassen und nie gezittert, wenn noch so stark geschossen wurde. Ernest. Nun denn! dann soll auch die Ehe, dieser giftige Samumhauch, der die zarten Keime unserer jungen Liebe zu vernichten droht, kein Hinderniß sein! Lurtelt. (greift sich an's Knie). Diesen Schmerz — Ernest. Wie? Lurtelt. Wollen wir im Stillen ertragen. Ernest. Wie? Im Stillen? Hast Du nicht den Muth, der Welt laut zu verkünden, was dein Herz leise spricht? Turtelt, (für sich). Element! Was Hab' ich da angefangen? Sie ist liebes- närrisch geworden. (Laut.) Za, ja. Alles — aber. — (Will aufsteheo, fie drückt ihn wieder nieder.) Ernest. Nun denn, so höre! Vierzehnte Scene. Vorige. Mumler (erscheint anderThüre, fie bemrrtt ihn sogleich). Muml. (zurückprallend). Donnerwetter! Mein Zimmerherr auf dea Knieen vor meiner Frau! Sogar meinen Fußboden nutzt mir der Mensch ab! Ernest. (leise). Mein Mann kommt wie gerufen! (Sie hat während der Zwischen» rede die Wolle geordnet.) Ich will deine Treue lohnen! Du sollst von heute an mein Herr, mein König sein. (Setzt ihw dir «olle auf.) Und meine Liebe sei deine Krone! Nimm fie hin zum Lohne! Muml. Was hör' ich da? die red't in Versen, um mich in Prosa zu betrügen. Lurtelt. (erblickt Mumler). Ihr Mann! (Springt aus und wirft die Wolle weg.) (Leise zu ihr.) Zhr Gemal ist hier! Er liest, (ihn nicht hören wollend). Mit Dir will ich flikhen bis an das Weltenende! Turtelt, (leise und doch schreiend). Ihr Gemal! Erneft. Dort wollen wir kosen und tändeln! Turtelt, (verzweifelt). Herr Gott, taub ist sie auch schon aus Lieb' geworden! (Leise und doch schreiend.) Ihr Gemal! Erneft. Was kümmert mich mein Mann mehr! Muml. (vorstürzend). Was? Ich kümmere Dich nichts? Ist das der Lohn für so viel baar gezahlte Marchand des- Modes-Contos? Turtelt. Ereifern Sie sich nicht, Herr von Mumler. Wir haben nur eine Scene aus einem neuen Lustspiel studirt. Muml. Das glaubt der Teufel! Erneft. Du hast Recht! — Warum auch verhehlen, was doch an's Licht der Sonne kommen muß? — (Zu ihrem Mannr.) Sechs glückliche Jahre der Ehe verlebte ich in dem Wahne, nur Dich zu lieben, heute beweist mir dieser Herr, daß es nur Täuschung war, und daß ich nur ihn lieben kann. Turtelt, (zu Mumler). Das steht nämlich in unserm Lustspiel! Erneft. Wie, Gustav? — Was willst Du ferner leugnen. — Hast Du mir nicht ewige Liebe geschworen? Turtelt. Ja — das heißt nein — (Bei Seite.) Ich werde noch verrückt! Erneft. Schäme Dich — Du hast keinen Muth — Du bist kein Mann! Turtelt. Nein! Erneft. Aber ich habe Muth! Willst Du mit mir nicht fliehen, so fliehe ich mit Dir! (Sie will auf ihu los, er entflieht.) Turtelt, (schreit auf und entfernt sich Von ihr). Ah! — Sie ist total verrückt geworden! Muml. Das ist sie nicht, mein Herr Lurteltaub! Sie haben so lange gegirrt, bis sie sich vergessen hat. — (Ernst.) Aber das thut nichts! Mein Entschluß ist gefaßt! Unwiderruflich gefaßt! — Turtelt, (für sich) Ah, jetzt kommen die Pistolen im Ernst daran! Muml. Sie haben mir die Liebe meiner Frau geraubt — dafür will ich Rache nehmen — Rache an Ihnen — auf die fürchterlichste Art. — Turtelt, (resignirt). Bestimmen Sie Ort und Stunde. Muml. Sogleich! Turtelt. Wre's beliebt! Muml. (nimmt seine Frau bei der Hand und führt sie ihm zu). Nehmen Sie meine Frau mit — ich will von ihr nichts mehr wissen! Turtelt, (steht mit offenem Munde da) Wa — as? — (Plötzlich zornig.) (Kein Quartier? und noch dazu eine fremde Frau auf dem Hals? Da wäre mir ein Duell auf Leben und Tod lieber! Muml. Duell? O nein! Meine Be- griffevon Ehre find noch nicht so übergeschnappt. daß ich mir wegen einer untreuen Frau noch ein paar uncurable Löcher in den Frack schießen lassen soll! Ich sag' weiter nichts, als — (Rennt zur Thüre und öffnet fie.) Empfehl' mich Beiden! — Turtelt, (rennt ihm nach, und zieht ihn zurück; die Thür fällt wieder zu). Aber wer- thester Herr von Mumler! Ich will Ihnen Alles gestehen! Muml. Daß Sie meine Frau lieben? Turtelt. Keine Idee! Erneft. Wie? Haben Sie nicht selbst gesagt, durch mich würde eine Sandwüste zum Paradiese? Schwuren Sie mir nicht wirklich Liebe? Turtelt, (sich den Schweiß abwischend). Ja, ja — ich schwur Liebe — aber nicht aus Liebe — sondern — Herr Gott, es muß heraus! — um die Gunst Ihrer Frau zu erhalten, und dadurch sicher auf mein Quartier rechnen zu können. Muml. Was? Erneft. (lacht). Ha, ha. ha! Endlich 15 Hab' ich ihn zum Reden gebracht! So ist es, mein lieber Mann! Ich stellte mich in diesen Herrn nur deshalb verliebt, um ihn zum wahren Geständniß seiner Cour- machung zu bringen, und ihn von der Eitelkeit zu befreien, daß die Theilnahme einer Frau an dem Schicksale eines fremden Mannes noch nicht Liebe ist. Turtelt. Also Sie lieben mich nicht? Ah, das ist abscheulich! — Betrug! (Zu Mumlrr.) Rächen Sie mich! Ern est. Uebrigens ist der Herr so ziemlich unschuldig'! Turtelt, (verschämt). O nmne Gnädige! — Auch das wissen Sie? tzrneft. Denn eineDame hat ihm den Rath gegeben, mir den Hof zu machen, um sicherer sein Quartier zu erhalten. Turtelt, (aufmerksam ). Sie ist eine Clairvoyante! Ernest. Das nicht! Aber dieser Brief von meiner Cousine Amalie, Ihrer Geliebten, den ich in Ihrer Westentasche gefunden, hat mir die nöthige Aufklärung gegeben. (Sie gibt den Brief ihrem Manne, der ihn durchfliegt.) Turtelt. Was? Meine Cousine-ist Ihre Geliebte? Ah! Alsojauch im Westen schon Verrath? — Muml. Liebes Weibchen, kannst Du mir verzeihen? Ernest. Vom Herzen gerne! Aber in Zukunft biete dein Haus keinem fremden Manne mehr an, bei einem andern könnte die Sache doch gefährlich werden! (Mt einem Blick auf ihn.) Turtelt, (sich verneigend). Sehr verbunden, meine Gnädige! Muml. (zu seiner Frau). Wir ziehen augenblicklich nach Baden, wie es mir Doctor Schwefel angerathen, und Ihnen, künftiger Herr Cousin, überlaste ich unterdessen meine Wohnung für die gute Lehre. Turtelt. Also doch durchgesetzt! Eine Wohnung um jeden Preis, oder richtiger ohne Preis! Ende. Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Thankmar, der Eisenarm. Skizze der rauhen Zeit, in 5 A. 1806. 35 kr. 7'/, Sgr. Theater, zum ersten Male im. Posse in 1 Akt, von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater Rep. Nr. 0.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/? Sar. Thekla, die Wienerin. Vaterl. Schauspiel in 5 A. v. Ziegler. 1818. 8. 50 kr. 10 Sgr. Theophana. Trauerspiel in 5 A. Nach Dabo. 1815. 35 kr. 7'/, Sgr. Thomi, oder die Stimme der Natur. Drama in 2 A., s. Castelli Sträußchen 6. Jahrgang. Thorringer, Caspar der. Hist. Schauspiel in 5. A. von Graf Törring-Seefeld. Zweite Anklage. 8. 1811. 50 kr. 10 Sgr. Thurm, der rothe, in Wien. Original-Schausp. mit Gl sang in 3 A.v. Gleich. 1805.8.40 kr.'8 Sgr. Thurncisen. Albert von. Bürgerliches Traue rsp. in 4 A. v. Jfflaud. 1811. 40 kr. 8 Sgr. Tischler, der liefländische. Lustsp. in 3 A. Nach dem Französi'chen 1812. 2. Aust. 40 kr. 8 Sgr. Titus, der Gütige. Ernsthafte Oper in 2 A. Nach dem Italienischen. 1811. 35 kr. 7'/^ Sgr. Titus Manlius Torquatus. Tragödie v. I. Passy. gr. 8. 1816. 35 kr. 7'/, Sgr. Tochter, die, des Kapitäns. Schauspiel in 3 Akten, nach dem Franrösischen von C. Gärtner. (Wiener Theater Rep. Nr. 13.) 35 kr. 7'/, Sgr. Tochter, die, Pharaonis. Lustspiel in 1 Akte von Kotzebue. 8. 1811. 35 kr. 7'/, Sgr. Tochter, die, dankbare. Originaldrama in Prosa in 1 Akte 1773. 35. kr 7'/, Sgr. Töchter, die erwachsenen. Lustspiel in 3 A. nach dem Franz, des Piccard, von Jffland. 1807. 50 kr. 10 lsgr. Lodtcnfackel, die, oder die Höhle der Siebenschläfer. Schausp. m- Ges. in 4 A. 40 kr. 8 Sgr. Ton, der, unserer Zeit. Lustspiel, von Jünger. 50 kr. 10 Sgr. Toni. Drama in 3 A. von Th. Körner, gr. 12 Wien. Orig. A. 1816. 60 kr. 12 Sgr. Tostl. Von Wien nach London. Komische Scenen von Anton Bittner. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 147). 30 kr. K Sgr. Trauer, die tiefe, Lustsp. in 1 A. 35 kr. 7'/, Sgr. Traum, der, Lustsp. in 1 A., s. Weisseuthurn Schauspiel XI. Band. Traum, der, ein Leben. Dramatisches Märchen in 4 A von Franz Grillparzer, gr. 8. 1840. 1 fl. 50 kr. 1 Thir. Traum, ein, — kein Traum, oder , der Schauspielerin letzte Stolle. Posse mit Gesang in 2 A. von Fr. Kaiser. 8. 1851. 75 kr. 15 Sgr. Treitschke, G. F., Singspiele nach dem Französt» scheu. 5 Bde. gr. 8. 1808. 5 fl. 3 Thlr. 10 Sgr. Treue, verkannte. Drama in 3 A., s. Castelli Sträußchen 4. Jahrgang. Tristan. Trauerspiel in 5 A. mit einem Vorspiel von Ludwig Schneegans. Leipzig 1865. 1 fl. 50 kr. 25 Sgr. Triumph der Treue, oder die Stose der Schönheit. Fren-Ballel von Henry. 1824. 5 kr. 1 Sgr. Triumph, der, des Diteüius Madimiuus, oder die Zerstörung von Pompejannm. Ballet in 5 Akten von Aligiolini. 1810 10 kr. 2 Sgr. Troubadour, der. Oper in 4 A. nach dem Italien, de« E. Cammerano v. H. Proch. 35 kr 7'/, Sgr. Turturell, Trauerspiel in 5 A »on I. C. von Zedlitz. 12. 1821 1 fl. 20 Sgr. U. A. W. G. oder die Einladungskarte. Schwank in 1 A. von Kotzebue. 1808. 25 kr. 5 Sgr. Ubaldo» Schauspiel in 5 A. Nach dem Trauersp. gleichen Namens de- Herrn A. v. Kotzebue. 1809. 50 kr. 10 Sgr. Ueberall Diebe. Original-Schwank in 1 Akte, von C.F. Stir. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 53.) 35 kr. 7V- Sgr. Ueberraschung, die. Lustspiel in 1 A. von Sonnleithner. 12. 1815 20 kr. 4 Sgr. Ueberraschung, die. Originallustspiel in 1 A. von Weidmann. 20 kr. 4 Sgr. Ueberspanntheit, oder die entsetzliche Literatur. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen 18. Jahrgang. Uhr, die» und die Mandeltorte. Lustspiel in 1 Akt von Kotzebue. 15 kr. 3 Sgr. Uhr, die hölzerne. Drama in 1 A. s. Castelli Sträußchen 4. Jahrgang. Um sechs Uhr ist die Verlobung. Lustspiel in 5 A. Nach dem Englischen des Fielding von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Unbedeutende, der. Posse mit Gesang iy 3 A. von Joh. Nrstroy. 8. 1849. 1 st 20 Sgr. Unbekannte, der. Schausp. in 4 A. von Hensler. 1803. 50 kr. 10 Sgr. Ungarin, die schöne, oder das PaSqutll. Lustsp. in 1 A. von HenSler. 1798. 8. 35 kr. 7'/, Sgr.» Ungeduldige, der, Orig.-Lustsp. in 5 A. v. Weidmann. 35 kr. 7'/, Sgr. Ungetreue, der eifersüchtige, Lustsp. in 3 A. von Schröder. 50 kr. 10 Sgr. Unglücklichen, die» Lustsp. in 1 A. von Kotzebue. 1810. 30 kr. 6 Sgr. Uniform, die. Oper in 2 A. Nach dem Franz. von Treitschke. 35 kr. 7'/- Sgr Uniform und Schlafrock. Lustsp. in 1 A. s. Castell Sträußchen 1k. Jahrgang. Unrecht Gut. Charakterbild mit Gesang in 3 A. und 1 Vorsv. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 81.) 60 kr. 42 Sgr. Unser Fritz. Schausriel in 1 A. von Kotzebue. 1803 35 kr 7'/, Sgr. Unter der Erde, s. Elmar Theater. Untreue, tie, aus Liebe. Romant. Oper in2A. von Stegmaprr 1805 8. 40 kr. 8 Sgr. Unverhofft. Posse mit Gesang in 3 A. von Joh. Nestron. Mit einem allegorischen Bilde. 12. 75 kr. 15 Sgr. Unvermählte, die. Drama in 4 A. von A. v. Kotzebue. 50 kr. 10 Sar. Urika, die Negerin. Drama in 1 A. s. Castelli Sträußchen 11. Jahrg. Ursprung des Korbgedens. Dramat. Kleinigkeit in 1 A., s. Feldmann Lustspiele 2. Band. Urtheil, daS, des Parts. Heroisch-vanlomim sch. Ballet von der Erfindung des Hrn. Noverre. 1771. 10 kr. 2 Sgr. Usanqui, oder die Patrioten in Stna. Orig - Trauerspiel in 5 Acten von Weidmann 35 kr. 7'/, Egr. Dalberg, Elise von. Schausp. in 5 A. Don Jffland. 1808. 60 kr. 12 Sgr. Dan Dyck', Landleben Malerische« Schauspiel v. Fr. Kind. 8. Leipzig 1821. 1 fl. 20 kr. 24 Sgr. Vater, der, »an Ungefähr« Lustsp. in 1 Act. Nach dem Französischen de« Pain und Viril- lard von Kotzebue. 1604. 25 kr. 5 S-r WalliShauffer'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. (Diese- Ber-eichniß wird fortgesetzt.) Dnut »nd Patzt« »an 8. Eanun« L Larnv. i» Wien.) (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) Vas Bnesgrhrimniß. Lustspiel in einem Atte von Hanö Max. Personen: Fr eih err von Waldheim Gäcilie, seine Gattin. Ernestine, ihre Schwester. Freiherr von Löben. Ort der Handlung: Das Landgut des Freiherrn von Waldheim. Marie, Kammermädchen. *) Johann. Kammerdiener Michel, Reitknecht. bei Waldheim. (Ein vornehm eingerichteter Gartensalon mit einer Glasthüre und Bogenfenstern in der Mitte, welche die Aussicht in den Garten gewähren. Rechts und links Seitenthüren. An der Wand des Hintergrundes hängen zu beiden Seiten der Mittelthür und der Fenster viele Kupferstiche und Bilder in Rahmen.) Erste Scene. Johann (ist beschäftigt die Bilder anzu- ordnen). Diese Bilderstürmerei derBaronesse ist — um mich so bildlich auszudrücken — der Wurm, der an meinem Leben nagt. Jetzt muß ich diese kupfrige Menagerie schon zum fünften Male in diesem Sommer anders rangiren. Die Baronesse verfolgt und straft mich mit diesem Aufhängen. weil ich den Herrn Hauptmann von Bolle mehr protegire, als den Baron von Frankenstein, den erklärten Liebhaber der Baronesse. Aber kann ich denn anders? Der Herr Hauptmann ist beim Kommen stets freundlich und drückt mir beim Gehen einen blanken Silbergulden in die Hand; der Herr Baron Frankenstein dagegen ist stets barsch und mürrisch und speist mich beim Fortgehen mit einem vornehmen Kopfnicken ab. Doch Geduld, mein despotisches Fräulein, auch Ihre Stunde wird schlagen und Johann wird sich rächen. So, die Maus hängen wir neben den Löwen. (Thut ks.) Ich werde der Baronesse diese *) Dir Rollr drS Johann brhält immrr eine Beimischung von Humor und darf nicht als »Jntriguant- aufgrfaßt werden. 1 äsopische Fabel auslegen. Ich bin nicht so unbedeutend, wie sie glaubt. Ich habe bis Tertia studirt. So — und jetzt dieses Kätzchen neben das Füchslein. (Thut es.) Diese zarte Anspielung gilt unserer falschen Kammerkatze Marie. Die Katze ist sie, das Füchslein bin ich. Bei Lebzeiten des alten Herrn Baron, dessen Factotum ich war, stand ich Dir zu Gesichte, jetzt aber schnüffelt deine hochtrabende Nase nach dem Herrn Förster. Denke an das Kätzchen, das sich unter die Füchse mischte! Seit sich der junge Baron verheiratete, ist mein diplomatischer Einfluß in diesem Hause zu Ende. Die Frau Baronin hat, um mich so bildlich auszudrücken, meine Position social untergraben und Alle. Alle hassen sie mich und arbeiten an meinem Sturze. Aber ich will mich bei nächster Gelegenheit fürchterlich rächen! Zweite Scene. Michel. Johann. Michel tritt rasch auf, er hat eine lederne Tasche umhängen und einen Brief in der Hand.) Michel. Hier, Herr Johann, ein Brief an den gnädigen Herrn Baron. Johann (besieht die Adresse und steckt den Brief ein). So; jeder an den Herrn Baron gerichtete Brief muß nach seinem ausdrücklichen Befehl wohl verwahrt und Niemanden in die Hand gegeben werden. Weiter nichts? Michel. Nichts. Es war gerade, als sollte der Brief den Haupttreffer der Staatslotterie bringen, denn Alle fielen sie über mich her. Johann. Wer fiel über Dich her? Michel. Die Baronesse Ernestine und die Kammerjungfer Marie, weil beide mit Sehnsucht Briefe erwarten. Johann. Frauen find immer neugierig. Michel. Die Jungfer Marie war mir gar auf halbem Wege nach Zirlingen entgegen geeilt. Johann. Du hast aber als wackerer Bursche widerstanden, obschon Dir die Frauen auf halbem Wege entgegenkamen? Michel. Mich verdroß die Neugierde der Jungfer Marie; und weiß der Herr- Johann warum? Johann. Warum? Michel. Weil die Jungfer unser Einen über die Achsel anschaut. Früher, wo sie noch Ihre Frau, Herr Johann, hätte werden sollen, war sie mit uns Allen recht freundlich; seit sie aber mit dem Herrn Förster eine Liebschaft angefangen hat, trägt sie die Nase hoch. Johann. Wird sie nicht lange hochtragen. Die Geschichte mit dem Förster hat noch einen Haken, um mich bildlich auszudrücken. Michel. Hab' auch schon was davon gehört. Johann. Was hast Du gehört? Michel. Der Herr Förster suche Geld und der Vater der Jungfer Marie, der alte Brauer im Buchthal, wolle keines hergeben, weil er überhaupt seine Tochter an keinen Beamten, sondern an einen ehrlichen Gewerbsmann verheiraten möchte. Johann. Recht hat der Alte, jeder bleibe bei seinem Leisten. Michel. Doch die Baronesse, so erzählte der Kutscher Franz, dem's die Frau Köchin gesteckt hat. hat auf Bitten und Weinen der Marie unfern Herrn Baron dahin gebracht, daß er dem Brauer in Buchthal schrieb, um in die Heirat mit dem Herrn Förster zu willigen. Johann. Michel. Du bist kein gewöhnlicher Reitknecht, Du bist zu etwas Höherem geboren. Michel (schmunzelnd). Der Herr Johann hat Recht. Seit meiner frühesten Jugend habe ich auch immer Drang nach Höherem verspürt und mein Vater — seliger — hat immer gesagt, der Bursch hat Grütze im Kopf und wird eine gute Karriere machen. Nun. mach' ich vielleicht nicht täglich Karriöre auf der Apfelstute? Laß ich 3 nicht die größten Herrn täglich aufsitzen? Und mir wär's ein Leichtes, diesen Förster für den Herrn Johann aus dem Sattel zu heben. Johann. Oho. oho, junges Füllen, nicht so laut gewiehert, um mich bildlich auszudrücken. Der Brief, die Neugierde der Jungfer Marie — das Ding mag seine Richtigkeit haben, und dieser Brief könnte — (bei Seite) Gelegenheit zur schönsten Rache bieten. Ich danke Dir, Michel, Du hast mir vielleicht einen guten Dienst erwiesen. Michel. Soll mich freuen, doch jetzt muß ich meine Apfelstute in den Stall bringen. Adies, Herr Johann! (Ab.) Johann. Grüß' Gott, Michel! Dritte Scene. Johann (allkin). Ein wackerer Junge, dieser Michel. (Pause.) Es bemächtigt sich meiner eine kannibalische Neugier, ich möchte wissen, von wem der Brief und was darin steht. (Zieht den Brief aus der Lasche und besieht ihn nach allen Seiten.) Diese Briefe haben so eine impertinente Undurchsichtigkeit. daß man mit dem besten Wissen und schlechtesten Gewissen nichts lesen kann. Vierte Scene. Johann. Marie (hat sich schon bei dem letzten Worte herzugeschlichen und klopft Johann auf die Schulter). Marie. Bravo, Herr Johann! Sie rechtfertigen die Neugierde der Männer auf die schönste Art! Johann (steckt den Brief rasch ein). Sieh' da, Jungfer Marie! Pfui, wie haben Sie mich erschreckt. Marie. Das ist das nagende Gewissen. Johann. Nagendes Gewissen! Was Hab' ich denn verbrochen? Marie (mit Beziehung). Vielleicht erbrochen. Johann. Jungfer Marie, ich verbitte mir solche Scherze. Uebrigens kümmert Sie der Brief gar nichts. Marie. Vielleicht mehr, als Herr Johann glaubt. Johann. So? Marie. Der Brief ist gewiß von meinem Vater, und enthält die Entscheidung meines Lebensglückes. Johann. So! (Bei Seit,.) Michel, Du bist ein guter Agent. Marie. Der Brief ist doch an den Herrn Baron gerichtet? Johann. Errathen. Marie. So enthält er gewiß die Antwort auf einen Brief, den unser gnädiger Herr an meinen Vater geschrieben, damit er — (bei Seite) doch das darf ich Johann nicht sagen. Johann. Wohl möglich. Marie. Ach, mein lieber Herr Johann, bitte, lassen Sie mich den Brief nur an- sehen! Johann (für sich). Schlange! (Laut.) Darf nicht sein. Marie. Der Herr Johann find recht grausam. Johann. GanzTyrannvonSyrakufien, um mich bildlich auszudrücken, gegen die Jungfer und das ganze Frauengeschlecht. Für fick.) Der Gedankeistgottvoll. Warte, Eva. Du sollst mir in den sauren Apfel beißen. Marie (weinkrlich). Ich sterbe vor Neugierde und Ungeduld. Johann. Die Jungfer stirbt nicht so flink. Man hat überhaupt kein Beispiel, daß ein Frauenzimmer aus Neugierde gestorben wäre. Marie. Aber ich bitte Sie, Herr Johann, nur die Adresse, nur das Post- pichen. Liebster, goldenster Herr von Johann! Johann (pkrfiflirknd). Lieber, goldenster etcetra etcetra. Darf nicht! Marie. Ich versprech' es hier feierlich, nie mehr neugierig zu sein. Doch nur die- i * 4 ses einzige Mal seien Sie gnädig, Herr Johann. Johann. Nun gut, ich lasse Gnade für Recht ergehen, aber den Brief geb' ich nicht aus der Hand. (Kür fick.) Zum Henker, wie heißt denn geschwind das Nest? (Laut.) Der Brief ist von- Marie (rasch). Buchthal! Johann (thut, als würde rr lesen). Richtig »Buchthal«. Marie (für sich). Also wirklich! Johann. Das Siegel stellt ein Bierfaß vor, (für fick) eigentlich einen Bienenstock — einerlei! (Zeigt idr das Siegel, doch etwas aus der Ferne.) Da, die Jungfer kann es selbst sehen. Marie. Ja, ein Bierfaß, des Vaters Siegel. Johann. Wahrscheinlich Ihr Familienwappen. Nun die Jungfer die Gewißheit hat, bitte ich UM Ruhe.(Steckt den Briet ein.) Marie. Nicht doch. Herr Johann, zuckersüßefter Hnr Johann, nur ein bischen, ein ganz klein bischen in den Brief gucken. (Nähert sich Johann.) Bitte, bitte! Johann. Bleib' die Jungfer mir sechs Schritt vom Leibe, dann soll Sie noch etwas erfahren. Marie, «drängt sich sehr nahe an ihn UN, macht dann sechs kleine Schritte, indem sie laur zählt). So! Johann. Aber wie sich die Jungfer nur ein Haar breit von der Stelle rührt, erfährt sie gar nichts. Marie. Ich bin ganz eingewurzelt. Johann (für sich). Sie soll es auch bald wirklich sein. (La, t.) Ich sehe kaum etwas — und die verdammt schlechte Schrift — (Siebt in den Brief.) Marie (vergiht sich und spring» herzu. Johann ergreift den Stuhl und dält ihn ihr vor). habe bessere Augen — und — Johann. Gleich wurzle die Jungfer, sonst erfährt Sie gar nichts. Marie (tritt zurück). Nu, nu, ich wurzle schon! Johann (liest gleichsam mühsam). So wi—will i—ch do—ch nicht (rasch) znge- ben, daß meineMa—ma—rierieMarie—- Marie. O Gott, wa — was — nicht zugeben? Wie wird mir! ich finke! (Wankt.) Johann, (rückt ihr den Stuhl zu). Hier steht ein Stuhl, bitte nur zu sinken! Marie (kömmt bald zu sich und springt rasck auf). »Nicht zugeben!* — Ich Unglückliche! ^Schluchzt.) Johann. Heißt auf gut deutsch: »wird nichts d'raus.-Bedaure die Jungfer sehr; das find die Folgen der Neugierde. Marie (schluchzt heftiger). Früher oder später! Kommen mußt' es doch! O Gott, ich armes unglückliches Mädchen! (Weinend ab.) Fünfte Scene. Johann (allein). Da läuft sie fort! Ich bin doch ein schlechter Kerl, ein Caligula, um mich bildlich auszudrücken; aber es geschieht ihr schon recht, Rache habe ich geschworen und Rache mußt' mir werden. Ah, die Frau Baronin. Schnell an die Arbeit! (Ist mit den Bildern beschäftigt.) Sechste Scene. Cäcilie. Johann. Cäcilie (tritt rasch auf). Johann, die Post? Johann. Ist da, Frau Baronin! Cäcilie (rasck). Briefe? Johann. Einer. Cäcilie. An wen? Johann. An Herrn Baron. Cäcilie. Zeigen Sie. Johann. Darf nicht. Cäcilie. Warum? Johann. Weil es mir der Herr Baron ausdrücklich untersagt hat Cäcilie (für sich). Ich täusche mich nicht. Dieser strenge Befehl, die häufigen Jagden. 5 der lebhafte und geheimnißvolle Briefwechsel — oh — Johann (für sich). Johann, hier hast Du mit Neugierde und Eifersucht zu thun, paß' gut auf! Cäcilie. Doch mir dürfen Sie den Brief zeigen. Johann. Der Herr Baron befahlen ausdrücklich: niemandem. Eäcilie. Ich aber befehle Ihnen — Johann. Vordem befahl der Herr Baron. ^ Eäcilie. Mit solchen Grundsätzen werden Sie nicht lange Kammerdiener bleiben. Johann. Gnädige Frau Baronin sprechen da ein wahres Wort, denn schon lange fühle ich meinen Sturz herannahen; doch will ich als braver Kammerdiener stehen und fallen. Ich bin eine Eiche — um mich bildlich auszudrücken, die eher .bricht, als sie sich beugen läßt. Eäcilie. Der Baron mag ihn auch nicht mehr. Johann. Sei's darum, ich weich e doch nicht von der Bahn der Pflicht. Cä cilie. Johann, seien Sie nicht so albern. Johann. Frau Baronin verstehen Mich Nicht (Will fort.) Eäcilie. Wohin? Johann. Mein angegriffenes Bewußtsein in freier frischer Luft zu stärken. Eäcilie. Da. (gibt ihm Geld) stärken Sie lieber Ihr Bewußtsein wo anders. Johann. Ich nehme diese milde Gabe, doch der schnöde Klang des Mammons, um mich bildlich auszudrücken, schüchtert die Stimme meines Gewissens nichtein. Ich küsse die Hand, gnädige Frau Baronin. Warum stellen Sie mein Gewissen, mein Pflichtgefühl auf so harte Probe? O Frau Baronin, schonen Sie mein Dasein, rauben Sie mir nicht den Glauben an eine Vergeltung, an eine-(Mit cankirter Rührung.) Ich kann nicht! Eäcilie. Sie find ein Thor, ein alberner Schwärmer! Johann. O gnädige Frau Baronin, Sie verstehen mich nicht. Bin ich eia Schwärmer, dann bin ich's aus Grundsatz! Eäcilie (in he'tiger Ungeduld). Genug des Faselns, ich will den Brief Johann. Er ruht an meiner Brust, ich darf ihn nicht zu oft herausnehmen, sonst verduftet er. Eäcilie. Eine neue Faselei! Johann. Ja. gnädige Frau Baronin, er verduftet wie eine geknickte Blume, um mich bildlich auszudrücken, denn er ist ganz »Patschuli«, ganz mil'.e lleurs! Eäcilie (für sich). Ha. meine Ahnung, der Brief ist von Damenhand! (Laut.) Hier, Johann. (Gibt ihm Geld.» Johann (bei Seite). Dieses Postgefäll' gefällt mir. Eäcilie. Nun, lieber Johann, zeigen Sie mir den Brief, nur für einen Augenblick. Johann. Ich küß' die Hand. Wer kann Ihnen, gütige Frau Baronin, länger widerstehen? Ich wage Alles für Sie. (Zieht den Brief vorsichtig heraus, indem er iha unter komischen Geberden zur Nase fuhrt, als wenn er einen Wonlgeruch einsöge.) NelNt Ambra! Allein ich muß die gnädige, edelste Baronin bitten, mir den Brief nicht zu entreißen, ich werde selbst herauslesen, was sich herauslesen läßt, ohne das Siegel zu verletzen. Eäcilie. Aber um Gottes willen rasch! Zu Ihrer Beruhigung setze ich mich hieher. (Nimmt an einem kleinen Nähtischchen link- Platz Kür sich.) Arme Eäcilie, was wirst Du hören! ? Johann. Das Postzeichen ist WmS- bach — (Tritt zu CäcMe.) Frau Baronin können es selbst sehen. Cäcilie. Gut — gut — den Inhalt! Johann (buchstabirt ähnlich, wie in den irühern Scenen). Lieb — ster A — dolf! E äcilie (für sich). Ah —also schon so weit! Johann. Jetzt aber wird's schwerer. Cäcilie. Nun weiter — weiter! Johann. Die Lie — Lie — be — de — Liede! Eäcilie (schreit). Liebe! 6 Johann. Entschuldigen, gütige Frau Baronin, kann auch Livree heißen. Eäcilie (aufgebracht). Liebe. Liebe muß es heißen! Johann. Wie Frau Baronin befehlen. (Für sich.) Desto besser; süßer Rachegott, verlaß mich nicht! Eäcilie. Weiter gelesen! Johann (wie oben). Ein — ein treu — er— (für sich) das trifft sich herrlich! (Laut.) Gefährt — e — e — r! Eäcilie. Treibt er mit mir Possen? Gefährte muß es heißen! Johann. Zu Befehl! Gefährte — muß es heißen (liesyzuent — ent—ent— da kommt ein großer Bug, führ — führ— Eäcilie (fällt rasch rin). Entführen! Johann. Entschuldigen, gnädige Frau Baronin! (Schlägt sich auf drn Mund, für sich.) Hol' mich der Teufel, das Wort steht großmächtig drin! Eäcilie (für sich). Wie wird mir. ich unglückliche, verlassene Frau—Oh! (Laut.) Genug. Johann. (Gibt ihm Geld.) Da. nehmen Sie. (Sich die Augen mit dem Taschentuch verhüllend ab. links durch die offene Seitenthür.) Johann. Ich küß'die Hand, gnädigste Frau Baronin! (Pause.) Das war doch ein wenig zu stark! Deine Gebieterin so zu mystificiren. Das war ein kannibalisches Uriasconcept. Hat's verfangen, desto besser. Diese Frau ist die Wurzel all' des Ungemachs, das über mich hereingebrochen. Seit sie dasHaus betreten, bin ich zurNull herabgesunken. sie hat mich um die Gunst meines Herrn gebracht. Doch da kommt Baronesse Ernestine eilig hieher, gewiß sucht sie mich, auch sie soll ihren Theil bekommen! Nur Rache! Immer Rache! '(Für sich.) Geht's aus diesem Register? Eva die dritte! Ernestine. Zeigen Sie mir den Brief. Johann (zieht den Brief aus der Tasche und zeigt ihn von weitem). Doch darf ich ihn nickt aus der Hand geben. Ernestine. Warum? Johann. Weil es der Herr Baron ausdrücklich verboten hat. Ernestine. Aber lieber Johann! Johann (für sich). Eine mir bekannte To^lrt. (Laut.) Darf nicht. Ernestine. O. wenn Sie wüßten, mit welcher Ungeduld ich einen Brief erwarte! Johann. Wohl möglich, doch ich darf nicht. Ernestine. Hätt' ich nur die Gewißheit. daß der Brief von — Johann. Don? Ernestine. Baron Adolf aus Waldbach. Johann (für sich). Dießmal trifft das Postzeichen. (Nachdem er den Brief besehen.) In der Tbat, der Brief trägt das Postzeichen „Waldbach" — Ernestine. O guter, lieber Johann! Hier — (gibt ihm Geld) nur einen Blick auf die Adresse. Johann (fürfich). Das paßt in meinen Kram, — (zeigt den Brief, ohne ihn aus der Hand zu geben, sieht sich nach der offen gebliebe- benen Seitenthür links um) doch kbkN kommt eilig die Frau Baronin hieher. Ernestine. Kommen Sie. kommen Sie! (Zerrt Johann in die Seitenthüre nach rechts.) Johann (bei Seite). Sie reißt mich in ihr eigenes Verderben! (Bride ab, rechts.) Achte Scene. Eäcilie (allein). Siebente Scene. Johann. Ernestine (kommt aufgeregt aus dem Garten durch die Mitte). Ernestine. Vor Kurzem kam ein Brief an meinen Schwager. Johann. Zu dienen, Baronesse! (Kommt aus ihrem Zimmer link-, dessen Thüre früher offen geblieben war. Sie ist verstört, Unruhe in ihrem ganren Wesen bemerkbar.) Wo ist Johann? Ich muß — muß — den Brief noch einmal sehen. Gewißheit haben, ich muß. (Pause.) Eäcilie. kannst Du noch zweifeln? Das strenge Verbot 7 Adolfs, mir feine Briefe zu zeigen — seine Verschlossenheit! — Nein, nein, ich bedarf keines weiteren Beweises. Adolf hat mich verrathen!—Seine Liebkosungen, seineSchwüresind nurLüge und Falschheit! (Hält sich am Tischr links und finkt allmälig in'ö Fautkml.) Und warum das mir? — was that ich ihm — liebe ich ihn nicht mit Zärtlichkeit, Hingebung und Treue? (Sie weint.) Er will mich verlassen — er liebt eine Andere, er will den Gegenstand seiner Liebe-entführen! Schrecklicher Gedanke, ich überleb' es nicht— entführen! (Dcrhüllt sich schluchzend daS Gesicht und bleibt in dieser Stellung, gegen links abgewendet, regungslos am Tische fitzen). Neunte Scene. Ernestine. Cäcilie. (Ernestine tritt von rechts leise auf und setzt sich, ohne Cäcilie zu bemerken, an daS Arbeitstischchen rechts, von Cäcilie abgewendet, nieder. Ihr Aussehen verräth Schmerz und Trauer.) Ernestine (seufzt). Ach! Eäcilie (ebenso). Oh! — Ernestine. Wer das gedacht hätte! Eäcilie. Seine Schwüre! Ernestine. O Männer! Eäcilie. O Ehemänner! Ernestine (fängt an zu weinen). Cäcilie (ebenso). O ich armes betrogenes Weib! Ernestine (bemerkt Cäcilie und wendet sich gegen sie). Eäcilie! Eäcilie (vor sich hin). Ah — er liebt mich nicht! Ernestine (ebenso). Ah, er liebt mich auch nicht! Doch wer? Eäcilie. Adolf! Ernestine. Mein Schwager — Adolf? Eäcilie. Ja, Adolf — er hat mich verrathen. Ernestine. Verrathen?! Eäcilie. Ja, treulos verrathen. er liebt eine Andere, er — er — o, es ist schrecklich! (Weint) Ernestine. Was — was sprich! Eäcilie (stürzt an Ernestinens Brust). Er will sie entführen. (Weint) Ernestine. Entführen? Woher weißt Du das? Cäcilie. Ein Brief — Ernestine. Wo ist er? — zeig'! Cäcilie. Johann hat ihn, er ist an meinen Gatten gerichtet. — Ernestine. Du meinst doch nicht den Brief, der heute Morgens kam, und den mir Johann soeben aufmeinemZimmer vorwies? Eäcilie. Denselben — er ist — Ernestine (untcrbrcchknd). Vom Baron Adolf aus Waldbach. Cäcilie. Aus Waldbach ist er allerdings, doch nicht vom Baron Adolf, sondern von einer Dame. Ernestine. Einer Dame? Du scherzest, Eäcilie. Cäcilie. Mir ist heute wahrhaftignicht scherzhaft zu Muthe. Ernestine. Nein, meine liebe Eäcilie, dießmal hast Du schlecht gesehen, es war Baron Adolfs Schrift. Du bist eifersüchtig. und siehst daher lauter Schreckbilder. Cäcilie. Eifersüchtig? Ja, nenne mich immerhin so. Eifersucht ist die Wirkung wahrer Liebe! Ernestine. Wenn ich Dir aber versichere, daß der Brief nicht von Damenhand. sondern daß er von Adolf ist — und die Entscheidung meines Schicksals, die Gewißheit meines Unglücks enthält — Cäcilie. Du erschreckst mich, Schwester — deines Unglücks! Ernestine. Ja, dieser Brief enthält, was ich längst besorgte, die Erklärung Adolfs, daß er aus Rücksicht für seine Anverwandten mich aufgeben müsse! Eäcilie. Du lasest also den Brief? Ernestine. Nein, nur die Adresse. Doch ließ sich Johann bestechen, und las den Brief, ohne ihn zu verletzen. Eäcilie. Dasselbe that er auch bei mir. Ernestine. Nun, siehst Du, so bist Du die Betrogene. 8 Eäcilie. Mit nichten, Du bist es, — doch um der Sache ein Ende zu machen, laste ich augenblicklich Johann rufen, dann wollen wir ja sehen. (Zieht die Glocke.) Zehnte Scene. Vorige. Marie. Marie (tritt schluchzend auf). Frau Baronin befehlen? Eäcilie. Johann soll augenblicklich kommen! Marie (schluchzend). Sehr wohl. (Will ab.) Eäcilie. Warum weinst Du. Marie? Marie. O gnädige Frau Baronin, mit mir ist es aus. ich bin das unglücklichste Geschöpf unter der Sonne! Eäcilie. Wie so? Marie (schluchzt). Aus meiner Heirat mit dem Herrn Förster wird nichts, der Vater will es nicht zugeben. Eäcilie. Und wie erfuhrst Du das? Marie. Heute Morgens kam ein Brief von meinem Vater an den Herrn Baron, und darin stand Alles! Eäcilie. So! Du liest also die Briefe meines Gatten? Marie. Nicht doch, gnädige Frau Baronin', ich will ja gern Alles bekennen — aber verrathen Sie mich nicht! (Küßt der Baronin die Hand.) Ernestine. Närrin! Heute kam nur ein einziger Brief, und der ist von Baron Adolf von Waldbach. Eäcilie (heftig eiafallend). Von einer Dame. Marie. Halten zu Gnaden, Frau Baronin, von meinem Vater, dem Brauer in Buchthal. Eäcilie. Und woher weißt Du, was der Brief enthält? Marie. Johann sagte es mir — Eäcilie. Schon wieder dieser Johann! Marie. Johann sah stanz vorsichtig in den Brief und las nur einige Worte heraus, doch sie waren hinreichend, um mich unaussprechlich unglücklich zu machen. Eäcilie (für sich). Der Spitzbube! Ernestine. Nein, nein, Marie, beruhige Dich, der Brief ist nicht von deinem Vater, sondern von Baron Adolf aus Waldbach. ^ Marie. Ach nein, meine gnädigste Ba- i roneste. Sie wollen mich nur trösten, aber >was meine Augen sahen, glaubt mein Herz. — Ach! ach! Ich bin unglücklich! Unaussprechlich unstlücklich! Eäcilie. Närrisches Ding! Geh' und rufe Johann, er soll augenblicklich wieder Herkommen. Marie. Sehr wohl. Euer Gnaden, aber deswegen bin ich doch unglücklich! (Ab.) Eilfte Scene. Vorige (ohne Marie). (Ein Schuß hinter der Scene.) Eäcilie. Ein Schuß! (Zwei schnell aufeinander folgende Schüsse wie aus einer Doppelflinte.) Das ist Adolf— das Signal seiner Rückkehr von der Jagd. (Sieht nach der Uhr ) Doch wie? Kaum zwei Uhr und schon zurück? Ernestine (läuft durch das Gartenfeoker). Felix und Diana laufen voraus, er ist's. Eäcilie. Komm', liebe Schwester, er darf mich hier nicht sehen. (Beide rechts ab.) Zwölfte Scene. Baron v. Waldhein. Baron v. Löben. (Beide im Zagdcostüm. Erster» sehr elegant, ley> terer sehr bizarr gekleidet.) Johann (trägt da» Jagdgeräthe). Wald heim (wirft seine Kappe und Jagd, tasche ab und sieht sich unruhig um, geht dann rasch auf und ab für sich). Unbegreiflich. Sie kommt mir also nicht entgegen! (Laut zu Johann.) Wo ist meine Frau? Johann. Auf ihrem Zimmer. Herr Baron! Waldheim. Meinen Rock! 9 Johann. Sogleich. Herr Baron. (Ab, krhrt bald mit drin Rocke zurück, den Walddeim wechselt.) Löden (wirst sich unrubiq in ein Fauteuil). ?ar liiou? So eine herrliche Jagd durch die Laune eines verliebten Ehemanns gestört! Wald heim. Ich bitte Dich, Löben, höre einmal auf mit deinem ewigen Ge- winsel; den ganzen Weg mußt' ich es schon hören. Löben. Wirst's noch länger hören müssen. Drei Stunden bin ich auf dem Ansland, ohne einen Schuß zu thun; keine Spur von einem Wilde. Auf ihn kamen die schönsten Hasen und Böcke heran und er steht da an den Baum gelehnt, sieht in's Blaue und seufzt: Eäcilie und immer wieder Eäcilie- Waldheim. Höre, Löben, Du wirst mich noch ernstlich böse machen! Löben (odne darauf zu achten). Ilnd wie ich nun endlich zwei Hasen hinpelze, seufzt er wieder »Eäcilie«, stößt in s Horn und aus war's mit Hasen und Jagd. Waldbeim. Dir stecken ewig nur die dummen Hasen im Kopfe. Löben. Und Dir ewig nur deine geliebte Eäcilie. Wald heim. Ach was! Du bist ein alter Hagestolz, kennst die edleren Gefühle — Löben (tinfallknd). Eines bis über die Löffel — Ohren wollt' ich sagen — verliebten Ehemannes nicht. Waldheim. Ich will nicht leugnen, daß ich meine Eäcilie von Herzen liebe, daß ich sie vergöttere, doch ist's nicht diese Liebe, die stete Sehnsucht nach ihr. die mir jedes Vergnügen verleidet, die mich von Wald und Jagd nach Hause treibt, sondern meine Unzufriedenheit, meine Unruhe. erzeugt durch die sichtbar zunehmende Gleichgiltigkeit meiner Frau, durch den Mangä an Eifersucht — durch — Löben. Du bist ein Narr! Deine Frau kalt, gleichgiltig — es ist zum Lachen! Waldheim (im vorigen Tone). Wenn Du erst drei Monate verheiratet wärst, wie ich, und wenn deine Gattin, die Du auf den Händen trägst, schon im zweiten Monat anfinge, sich mehr um die Haus- wirthschaft, um Küche und Speisekammer als um ihren Gatten zu kümmern, wenn deine Frau all' die tausend zarten Aufmerksamkeiten nur für den schuldigen Zoll ihres Gemals hinnähme, wenn deine Gattin keinen Schatten von Eifersucht merken ließe, — hörst Du. Löben — keinen blassen Schatten von Eifersucht; eine Frau, die ich vom ganzen Herzen liebe, die ich vergöttere, keine Eifersucht! Kann man da noch an eine Liebe glauben? Löben. Deine Frau hat vollkommen Recht, vollkommen, und wenn ich deine Frau wäre, machte ich's ebenso. Warum trägst Du sie zu viel auf den Händen? Deine Frau hat einmal die Gewißheit deiner Liebe und damit Holla! Willst Du sie aber durchaus eifersüchtig machen, so werde ich dir ein Recept dazu verschreiben. Reise, correspondire. sprich bei guten Freunden ein. die schöne Weiber und Töchter haben. Lasse Dich zu Bällen, Landpartien rc. ohne deine Frau laden. Tändle bisweilen mit deiner reizenden Schwägerin. erweise ihr kleine Aufmerksamkeittu. küsse sie bisweilen, lasse Dich dabei von deiner Gattin überraschen rc. rc. Lebst Du nur acht Tage nach diesem Recepte. Freund, dann erwacht in deiner Gattin eine weiland othellische, eine noch nie da- gewesene Eifersucht! Wald heim (nach einer kleinen Paust). Ja, ja, Freund Löben, Du hast Recht; ich selbst bin dis jetzt Schuld gewesen an diesem unerschütterlichknDertrauen meiner Gattin! Zwar distDu als herz-und liebloserHage- stolz nicht ganz kompetent in derlei Ehe- standsangelegenheiten, doch ich bin sofort entschlossen, deine Rathschläge zu befolgen. Morgen will ich damit beginnen. Löben. Morgen, morgen! Warum nicht gleich? 10 Wald heim. Nun gut, hier hast Du meine Hand. Löben, noch heute, gleich soll der Anfang gemacht werden! Dreizehnte Scene. Vorige. Johann.* Johann (übergibt Waldheim einen Brief). Dieser Brief. Herr Baron, kam heute Morgen. Wald heim. Sie haben ihn doch Niemand gezeigt, wie ich Ihnen befohlen? Johann. Niemand, Herr Baron! Wald heim (bei Seite). Ich will meine liebe Eäcilie überraschen, und für sie die Marchandemode - Rechnung berichtigen. Laut zu Johann.) Gut, Sie können gehen. Johann (im Abgehen für sich). Jetzt glaubte ich etwas zu erfahren, doch der Herr Baron ist gar nicht neugierig. (Ab.) Waldheim, (für sich) Aber warum kommt sie nicht, mich zu begrüßen? (Will ab.) Löben (hat sich während dieser Scene eine Kigarre angrzündet und ein Buch aus s.iner Waidtasche geholt und setzt sich nieder, springt aus und hält ihn zurück). Wohin? Waldheim. Ich — ich wollte nur — Löben (spöttelnd). Ich — ich wollte nur zu meiner Frau, nicht wahr? Waldheim. Nicht doch, Löben, ich wollte nur fragen, Nachsehen. (Pause.) Sonst, wenn ich heimkam. sprang mir Eäcilie freundlich und herzlich entgegen, doch heute — vielleicht ist sie unwohl, vielleicht — Löben. Mit dem ewigen Vielleicht! Sind das deine schönen Vorsätze? Du bleibst jetzt hier sitzen, neben mir. (Zwingt ihn, orbkn dem Fautcuil Platz zu nehmen.) So—und ich leseDirdiehöchstinteressante und wunderbare Geschichte eines Bärenjägers VP. Wald heim (steht auf). Ach, was kümmert mich dein Bär! Eäcilie ist vielleicht ernstlich krank. Löben. Nein — hier bleibst Du fitzen. Bist Du ein Bär — Mann, wollt' ich sagen! Wald heim. Ich verspreche Dir feierlich. nicht zu meiner Frau zu gehen, doch dort im Garten sehe ich Ernestinen, die will ich um Cäcilien fragen. Löben. Deine schöne Schwägerin Ernestine? Das ist ein Anderes, da bast Du gleich die beste Gelegenheit, die Eifersucht deiner Frau Gemalm auf eine rationelle Weise anzubahnen. Waldheim. Auf Wiedersehen! (Ab.) Löben. Adieu! Doch mir keinen Bären aufbinden! Hörst Du? Sonst — Vierzehnte Scene. Eäcilie. Löben. Löben (nähert sich Läcilien). Frau Baronin, ich grüße Sie herzlich. (Indem er ihre Hand ergreift.) Aber wie? Ihre Augen ge- röthet? Sie haben geweint? Eäcilie. Sie sehen in mir die unglücklichste Frau unter der Sonne! Löben. Bewahre Gott! Was istJhnen begegnet, Baronin? Eäcilie (steht aus). Ich bin verrathen, verstoßen! Löben (erschrocken). Verrathen? Von wem? Eäcilie Von meinem eigenen Gatten! Löben. Don Ihrem Gatten? Sie von Ihrem Sie bis zur Raserei liebenden Gatten? Eäcilie (weint). O der Falsche! Ich weiß, Sie sind mein Freund, Löben! Löben (ergreift gerührt ihre Hand und küßt sie). O meine liebe, gute Frau Baronin, Sie brechen mein Herz! Reden Sie, was ist geschehen? Eäcilie. Adolf erhielt heute Morgen einen Brief — Löben. Ganz recht, und dieser Brief? Eäcilie. Ist ein Liebesbrief, enthält eine Verabredung zu einer Entführung. Er liebt eine Andere! Löben. Eine Andere? Nein, nein, Frau Baronin, das ist nicht möglich! 11 Eäcilie (bricht in Thräorn aus). D ich arme, unglückliche Frau! Löben. Beruhigen Sie sich, liebe Baronin. Sie sind gewiß falsch berichtet. Eäcilie. O, ich weiß Alles! (Rasch.) Sahen Sie den Brief? Löben. Wenn es jener ist, denIohann übergab — Eäcilie. Derselbe. Löben. Den sah ich. Eäcilie. Und lasen ihn? Löben. Nein. Kaum hatte ihn Adolf erhalten, steckte er ihn ganz gleichgiltig in die Tasche und fragte besorgt nach Ihnen, liebe Baronin! Eäcilie (aufgeregt). Steckte ihn ganz gleichgiltig in die Tasche? Verstellung! Selbst dem treuesten Freunde vertraut man derlei Dinge nicht an. Er fragte besorgt nach mir, nun ja, wahrscheinlich befürchtete er, daß seine Missethat entdeckt würde. O, ich weiß genug, leben Sie wohl, leben Sie wohl! (Rasch ab.) Fünfzehnte Scene. Löben (allein — sieht ihr erstaunt nach). Hol' mich der Fuchs, wenn ich ein Wort von diesem Durcheinander versiehe! Ich suche Waldheim auf. einer von beiden ist auf einer falschen Fährte, das steht fest! (Will ab ) Sechzehnte Scene. Ernestine. Löben. Ernestine (vertritt ihm den Weg). Nur auf ein Wort. Herr Baron! Löben. Ah, sieh' da, Fräulein Ernestine! (Erblickt ihr verstörtes Aussehen.) Doch warum denn auch so aufgeregt? Ernestine. Hat mein Schwager den Brief schon gelesen? Löben. Was? Schon wieder der ver- hängnißvolle Brief! Ernestine. Nicht wahr, verhängniß- voll, o, es schwebte mir längst im Geiste vor. Also wahr? Eine entschiedene Antwort von Adolf? Löben. Sie sprechen doch von Baron Adolf von Frankenstein, Ihrem bestimmten Bräutigam, nicht wahr? Nun, was ist denn geschehen? Ernestine. Was geschehen? Und das fragen Sie, der Zeuge war, wie mein Schwager den Brief gelesen, worin Baron Adolf ausdrücklich erklärt, mit mir für immer zu brechen? (Weint.) Ich Unglückliche! Löben. Wer? Ich? Ich war Zeuge — wie Ihr Schwager — bin ich denn in ein Irrenhaus gerathen? Entschuldigen Sie mich. Baronesse, ich weiß gar nichts von dem Briefe! Ernestine. Nichts? O, so muß ich gleich zu Waldheim selbst! (Läuft ab.) Löben (ficht ihr erstaunt nach). Das ist stark! Das ist wirklich ein reines Tollhaus! Siebzehnte Scene. Marie. Löben. Marie (stürzt auf Löben zu). Herr Baron, gnädiger Herr Baron! Nicht wahr, unser Herr Baron hat schon den Brief gelesen, den ihm Johann übergab? Löben (für sich). Wieder eine Wahnsinnige. (Entrüstet, laut.) Was wollen Sie? Marie (erschrickt). Entschuldigen. Herr Baron, dieser Brief — Löben (heftig). Nun was ist's denn mit diesem verwünschten Brief? Marie (ängstlich zurückweichend). Ach» Herr Baron, Sie sind so grimmig — ich fürchte mich — mir bricht das Herz! (Schluchzt.) , Löben. Jetzt bricht der wieder das Herz! Hol' euch Alle der Teufel mit sammt euren gebrochenen Herzen! (Er geht heftig 12 auf und ab.) Na, beruhigen Sie sich nur — von wem ist denn der vermaledeite Brief? Marie. Ach. Herr Baron, der Brief ist von meinem Vater! Löben (unterbricht fir rasch). Wer ist Ihr Vater? Marie. Der Braumeister in Buch- tbal. Löben! Jetzt ist der Brief wieder von einem Braumeister! Marie. Ja, und er enthält mein Unglück. meinen Tod — o ich armes, unglückliches Geschöpf! Löben. Lasten Sie mich, ich weiß gar nichts! (Marie schluchzend ab.) Löben (steht durchs Fenster). Heda! Waldheim, Waldheim, komm' da herein! Nasch! Rasch! (Läuft zur Thür.) Achtzehnte Scene. Löben. Waldheim. Löben (jtrrt Waldheim au- dem Garten in Heu Talon). Jetzt beichte schnell, wenn Du nicht willst, daß ich ein Narr werden soll! Wald heim. Aber Löben, was Haft Du denn? Löben. Jetzt schnell heraus mit dem Brief, mit dem Satansbrief! — Waldheim. Zum Henker, was für ein Brief? Löben. Den Dir heute Johann übergab! Wald heim. Ah! (Sich befinnmd, zieht den Kries au- der Tasche.) Löben (bei Seite). Der Spitzbube! nicht gelesen? (Laut.) Ja — wer's glaubte! Waldheim. Ich finde es wahrlich sonderbar, daß ein Brief von — Löben (entreißt ihm den Brief). Von — von — einer Dame! Waldheim. Einer Dame? Laß sehen. (Lacht, indem er den Brief, d.n Löben hält, von ungefähr anfieht.) Hahaha! diese Schrift — richtig — ein Brief von meinem Freunde, Bacon Adolf von Frankenstein aus Waldbach! Löben. Ja. lach' nur zu! Der Brief ist von einer Damenhand und enthält den Beweis deiner schändlichen Verrätherei an deiner edlen, lieben Gattin! Es ist empörend, mich so zum Narren zu halten. Von mir läßt sich der Spitzbube ein Eifer- suchtsrecept verschreiben und ist selbst ein Don Juan in Folio! Wald heim. Wer wagt das zu behaupten? Löben. Deine Frau selbst! Waldheim. Meine Frau? Löben. Ja. und tausendmal ja! Sie sagte mir, dieser Brief sei ein Beweis deiner Treulosigkeit. Du habest ein Verhältniß mit einer Andern, und der Brief enthalte zugleich die Verabredung zu einer Entführung und so weiter, und so weiter! Wald heim. Wie kömmt nur meine Frau auf so tolle Ideen, ohne den Brief gelesen zu haben? Löben. O die Eifersucht der Weiber grenzt an Hellseherei! Wald heim (steht den Brief an). Löben, Du glaubst also, daß meine Frau (freudig) eifersüchtig? Löben. Wie ein Türke! die eifersüchtigste Frau unter der Sonne! Der Mohr von Venedig ist nur ein dummer Zunge dagegen! Waldheim (entzückt). Löben, Löbchen. Herzens - Gold - Barönchen, meine Frau eifersüchtig! meine Frau ein venetianifcher Mohr! Komm an mein Herz, das ist die schönste Stunde meines Lebens! (Tanzt wie ausgelassen im Zimmer herum) Löben. Noch ein Wahnsinniger! Jetzt fehlte noch, daß ich auch wahnsinnig würde, dann ist die ganze Villa ein Tollhaus! Waldheim (wie früher). Sie liebt mich. Cäcilie liebt mich! Löbchen. laß' Dich umarmen! (Thut es.) Lüden. I, zum Kuckuk. erdrücke mich nur nicht. Jetzt aber denke daran, wie Du 13 Dich da herauswickelst, den Brief bekommst Du nicht mehr in die Hand. (Steckt dev Brief zu sich.) Waldheim. Wohlan, thu', was Du willst. Zch für meinen Theil bin der Glücklichste unter der Sonne! Neunzehnte Scene. Cäcilie (im Reisecostüm, fit ist tief verschleiert). Vorige, (dann) Johann. Waldheim. Ah. Cäcilie— an mein Herz, himmlisches Weibchen! Cäcilie. Fort, treuloser Derräther! (Zieht an der Glocke.) Johann (tritt auf). Frau Baronin! Cäcilie. Geschad. wie ich befohlen? Johann. Zu dienen, Frau Baronin. Anton ist vorgefahren. C äcilie (zu Johann). Gut, so folgen Sie mir! (Will fort.) Wald heim (vertritt ihr den Weg). 11m Gotteswillen, Cäcilie. was willst Du beginnen? Cäcilie (wehrt sich mit gebrochener Stimme). Laß mich fort, mit einem treulosen Gatten kann ich nicht leben, ich gehe zu meiner Mutter! Waldheim. Cäcilie. Du bist im Jrr- thum, ich sage Dir, ich bin unschuldig — ich liebe nur Dich, liebe Cäcilie! Gleich wird sich Alles aufklären! Cäcilie. Aufklären? Löben. Ja. ja, aufklären, beruhigen Sie sich nur, Frau Baronin! Johann (bei Seite). lind das ist alles mein Werk. Bin ich einJntriguant, was?! Zwanzigste Scene. Ernestine. Vorige. Ernestine (tritt rasch Herrin, zu Löben). Lassen Sie Cäcilie nicht fort, sie weiß nicht, was sie thut; zeigen Sie mir den Brief Adolfs, den Sie heute erhalten, und alle Qualen sind zu Ende! Einundzwanzigste Scene. Marie. Vorige. (Marie eilig zu Waldheim's Füßen.) Marie. Guter, gnädigster Herr Baron, von meinem Vater ist der Brief. Waldheim. Was will denn diese Person? Marie. Gnädigster Herr Baron, der Brief, der Brief! — Waldheim. Nun, nun reißt mir die Geduld! Welcher Schurke hat nur alle diese verdammten Mißverständnisse her- beiaeführt? Johann (stürzt ,u Waldheims Füßrn). Herr Baron, ich will — Alles! — Waldheim. Schweig'! Johann. Aber ich bin ja — ich — Waldheim. Ich will nichts hören! Johann (stkbt auf. bei Seite). Sonderbar! Ernestine. Lieber, guter Schwa- ^ !ger, lesen Sie doch den Brief! ZI Marie. O, ich bitte, bitte. Herr Baron, den Brief. ^ I Cäcilie. So sei's, so lesenSieJhre ?! eigene Schande, Ihr eigenes Urtheil. dann— Wald heim. Den Brief übergab ich unerbrochen meinem Freunde Löben. (Zu Löben) Nun ist es Zeit, Löben, lies! (Allgemeine Spannung.) Stellung. Cäcilie. Waldheim. Ernestine. Marie. Löben. Johann. (Im Halbkreise.) Ernestine, Cäcilie und Marie (nach einander vor). Löben (zieht den Brief aus der Tasche und zeigt ihn Johann). Ist das der NÜM- ^ liche Brief, der heute Morgen kam? ? / Johann (stotternd). Zu dienen, Herr Z I Baron! - / Ernestine. Der Brief Adolfs! — H! Cäcilie. Der Brief jener dewuß- §I ten Dame!— Z! Marie. Die Brief mit dem Bier- ^ faß!- 14 Löben (erbricht den Brief feierlich und schüttelt daraus eine Menge Streusand). Johann (bei Seite). Aha! die ein- ^ / gestreuten Hindernisse! Löben (liest). „Liebster Adolf!" Cäcilie. Also wahr! Ä Ernestine (zu Cäcille). Siehst Du, Schwester! Fs Marie. Was hör' ich! Nichts für Lumich! Löben. Meine Damen, ich bitte mich nicht zu unterbrechen, sonst kommen wir nicht zu Ende. Also. (Liest:) „Liebster Adolf! Ich bedauere „sehr, daß ich verhindert heute zu „kommen, da mich mein Oheim überraschte. doch werde ich Mittwoch „ganz gewiß kommen. Bitte es „meinem lieben Bräutchen Ernestine „mit dem Beisatze mitzutheilen, daß „ich der glücklichste Sterbliche unter „der Sonne bin, indem nun unserer „Verbindung von Seiten meiner Anverwandten kein Hinderniß mehr „im Wege steht. Das Nähere mündlich. Wie steht's um unsere Jagd- Partie. wird nichts daraus? Du „ersuchtest mich um einen guten Kam- „merdiener, da Du deinen Lumpen „wegjagen willst" — (Bewegung). H Johann (für sich). Ha, mein eigenes H ^Todesurtheil! Marie (zu Johann). Wer Andern A) eine Grube gräbt — Li Wald heim (zu Läcilie). Siehst Du, S (mein Kind! Löben. Stille, man versteht ja kein Wort. (Liest:) „Deinen Lumpen wegjagen willst. Du „thust sehr gut daran, doch ist es jetzt „sehr schwer um einen guten Kammer- „diener, die Kerle machen sehr überspannte Forderungen und wollen „keine Livröe tragen. Herr v. Baufächer hat einen ausgezeichneten „Burschen, und zahlt er ihn schlecht, „vielleicht gelingt es mir, ihn zu „entführen. Auf Wiedersehen! Dein Adolf! „An deine Frau und au mein „Bräutchen alles Schöne!" (Pause. Allgemeines Erstaunen.) Waldheim (gibt Eäcilien den Brief) Da hast Du den Brief, lies selbst! das Alles ist das Werk dieses Spitzduden. (Auf Ja- Han» zeigend.) Johann (stürzt ihm zu Füßen). Gnade, Gnade, gütigsterHerr Baron! JmGrunde habe ich dock meine Pflicht nicht verletzt! Waldheim szu Läcilie). Nichtsda, Du Jntriguant in Livröe! Und nun, mein Weibchen, glaubst Du noch an eine Entführung? Eäcilie (stürzt sich in Waldheim'- Arme). Mein Adolf! Waldheim (für sich). Ich bin heute so unaussprechlich glücklich! Löben (halblaut). Darum laste auch über den Schurken (auf Johann zeigend) Gnade ergehen! Waldheim. Nun denn, Du bleibst in meinen Diensten! Johann (auf den Knieen). O Uebermaß von Gnade! Titus der Zweite, um mich bildlich auszudrücken. (Der Vorhang fällt.) Aa» dem Theater-BerLag Wallishansser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Daterfreude. Vorspiel von Jffland. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Daterfreude. Lustspiel in 1. A. Mit freier Benützung einer französischen Idee von Erik Neßl. (Wiener Theater-Revertoir Nr. 242) 35 Nkr. 7'/, Ggr Daterltebe. Lustsp. in 4 A. von Ziegler. Vaterstand. Lustsp. in 4 A. von Ziegler 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr. »Vater unser!* Lebensbild mit Gesang in 3 Abtheilungen und einem Vorspiel von E. Carl. «Wien. Tbeat.-Rep. 228) «0 kr. 12 Sgr Deilchenstrauß, der. (Wiener Tbeater-Repertoir 195). 35 kr. 7'/, Sgr. Verbrüderung» die. Schausp. in 1 A. von Jffland 35 kr. 7'/, Sgr Verbreche« au» Ehrsucht. Familiengem. in 5 A. von Jffland. 80 kr. 16 Sgr. Verdacht» der »«gegründete. Lustsp in 1 A. von Brahm 1771. 50 kr. *0 Sgr Dergy» Gabriele v. Trag Ballet in 5 A. von L. Astolfi. 1829. 10 kr. 2 Sgr. Verlassene, die. DolkSdrama in 5 A., nach dem Französischen frei bearbeitet von Therese Me- gerle. (Wiener Theater-Repertoir Nr. 109) 60 kr. 12 Sgr. Werläumder, die. Schausp. in 5 A. von Kotzebue. 1811. 60 kr. 12 Sgr Verlegenheiten und AuSwege. Posse in 1 A. s Castelli Sträußchen 2. Jahrgang. Vermächtniß, da». Schauspiel in 5 A. von Jffland. 1809. 60 kr. 12 Sgr. DermählungSfeier» die» Albert» von Oesterreich. Orig.-Schausp. mit Gesang iu 4 A. von Gleich. 8. 40 kr. 8 Sgr. Derräther» der. Lustsp. in 1 A von F. v. Holdem. gr. 8. 1845. 35 kr. 7'/, Sgr. Verrechnet. Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater Rr- vertoir Nr. 93 ) 60 kr. 12 Sgr Verschwiegene» der, wider Willen» oder dir Fahrt von Berlin nach Potsdam. Lustsp in l A.vouA.v Kotzebue. 1815. (Vergriffen.) Verschworenen, die. Oper iu 1. A, s Castelli Sträußchen 8. Jahrgang Verschwörung» die, der Odalikea, oder die Löwenjagd. Tingsp von HrnSler 1792 8 50 kr 10 Sgr. Versöhnung, die. Schausp in 3 A. Nach dem Franz, von I. F. v. Weissenthurm, gr. 8 1833. 80 kr. 12 Sgr Versöhnung und Ruhe, oder Meuscheuhaß und Reue. 2 Theil. Schausp. in 5 A von Jul. Graf v. Goden 8. 1801. 50 kr. 10 Ggr. Verstand und Leichtsinn. Lustsp. von Jünger. 50 kr. 10 Ggr. Vertrag, der. Lustsp. in 1 A Nach Marsollier. von «brimfeld. 1805. 20 kr. 4 Ggr. Verwandtschaften, di«. Lustsp. iu 5 A. 1798. 50 kr. 10 Sgr Veteran, der. Schausp in 1 A. von Jfflaad. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Vetter, der, in Lissabon. Familiengemälde iu 3 A. von Schröder. 1804 50 kr 10 Ggr. Vielwisser, der. Lustsp. in 5 >. von Kotzebue 1818 60 kr 12 Gar. Victortne. oder Wohlth»» tragt Zinsen. Lustsp in 4 >. von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Ggr. Viola. Lustsp. in 5 A. nach Shakespeare »WaS Ihr wollt.* Für die Bühne bearbeitet von Deinhardsteiu. 8. 1841. 80 kr. 16 Sgr. Vließ, da» goldene. Dramatisches Gedicht in 3 Abtbeilungen von Franz Grillparzer, gr 8. 1822. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Enthält: l. Der Gastfreund. Trauersp. in 1 A. — II. Die Argonauten. Trauersp. in 4 A. — HI. Medea. Trauersp. in 5 A. Völkergröße, oder: Er blieb dennoch Vater. Originalschausp. mit Gesaug von Wehrfeld. 8. 1807. 40 kr. 8 Sgr. Volksbühne. Wiener Takchenb. lokaler Spiele. HerauSgegeb. von W. Turteltaub 1839 gr 12. 1 fl. 40 kr. 1 Thlr. 6 Sgr. Inhalt: Eulenspiegel von Nestroy. — Der Waldbrand von Gulden. — Nur Eine löst den Zauberspruch vom Herausgeber. Volkes Stimme, des. s. Holbein Drlettantenbühne für 1826. Vorhängeschloß, das. Posse in 1 A. nach dem Englischen »Th« ?L<11oe1c,* von Carl Juia (Gmgno). (Wien. Theat.-Rep. Nr. 111). 35 kr. 7'/, Sgr Vorleserin, die. Schausp. in 2 A. Siehe: Koch dramatische Beiträge. Vorlesung, eine, bei der Hausmeisterin. Poss? in 1 A von Aler. Bergen. (Wien. Theat.- Rep. Nr. 60. Zweite Auflage.) 30 kr. 6 Sgr. Vormünder, die vier. Lustsp. in 3 A. von Schröder. 1805. 50 kr. 10 Sgr. Vormund, der. Schausp. in 5 A. von Jffland. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Vorsatz, der. Orig.-Lustsp. in 1 A. von Holdem. 12. 1826. 25 kr. 5 Sgr. Waare«, die englische«. Posse in 2 A. ven Kotzebue. 1811. 35 kr. 7'/, Sgr Waffenbrüder, die. Gemälde der Vorzeit m 5 A. nach Kleist'» Familie Schroffenstein von Fr. v. Holbein. gr. 8. 1824. 80 kr. 16 Sgr. Waffenruhe, die, in Thüringen. 1. Thl. Schauspiel mit Gesang in 3 A. von HenSler. 1802. 50 kr. 10 Sgr. Wage» gewinnt. Kom Oper in 2 A. Nach dem Französischen von Treitschke. 30 kr. 8 Sgr. Wahl, die freie. Lustsp. in 1 A., s. Feldmann Lustspiele 1. Band. Während der Quadrille. Lufp. in 1 A. von Josef Bra»n.(Wr. Theat.-Rep. Nr. 191.)35kr. 7'/,Sg. Wahn und Wahnsinn. Schausp. in 2 A. nach Mele-ville'S: »LII« «st loUs,* bearbeitet von Lembert. Zweite Auflage. (Wen. Theat- Rep. Nr 34.) 40 kr. 8 Sgr. Wahnsinn. Drama iu 1 A, s. Castelli Sträußchen 2. Jahrgang. Waisenhaus, das. Gingst», in 2 A. 1811. Vie-t. Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr Wald, der, bet Hermannstadt. Romant. Schauspiel in 4 A nach dem Französischen von I. F. Weissenthurm, gr. 8. 1833. 80 kr. 16 Ggr. Waldbrand, der, oder Jupiter» Strafe. Kom Origiaal-Zaubersp. mit Gesaug iu 2 A. von I. E. Gulde«. gr. 12. 40 kr. 8 Ggr. Waldegg, da» Gut, die Husaren und der Ktn- derstrumpf. Posse mit Gesang iu 3 A. vo» F. Hopp. 8. 1848. 75 kr. 15 Sgr. Wallishauser'sche Buchhan dlung (Josef Klemm) in Wien. Waldraff der Wandler. Schausp. mit Gesang m 4 A. von Schuster. 2 Thlr. 1805 80 kr. 1« Sgr. Waldweibchen, das. 1. Thl. Romant -komisch. Volksmärchen mit Ges. in 3 A.» als Srilen- stück zum Donauweibchen. Nach einer Sage der österr Vorzeit, von HenSler. 1800 50 kr. 10 Sgr. Wallenstein. Trauersp. in 5 A. Nach Fr. von Schiller'« dra natischem Gedicht zur Darstellung eingerichtet. 1814. KO kr. 12 Sgr Waltron, Graf vo», oder die Subordination. Original-Trauerspiel in 5 A von Möller. 1802. kl» k. 12 Lgr. — — 2. Theil. Dienst und Gegendienst. KO kr 12 Sgr Wampum, Sultan, oder die Wünsche. Oriental Scherzspiel in 3 A. , Kotzebue. 40 kr. 8 Sgr. Wand, die spanische, dramat. Kleinigkeit in 1 A., s. Castelli Sträußchen 1. Jahrgang. Wanda, Königin der Sarmaten. S. Werner Theater 4. Band. Wankelmüthige, die, oder der weibliche Betrüger. Lustsp. in 3 A. Nach dem Englischen de« Cibber für'« deutsche Theater eingerichtet von Schröder 1805. 40 kr. 8 Sgr WaS ein Weib kann. Volksstück mit Gesang in 3 A. v. Fried. Kaiser. (Wiener Theater-Rep. Nr. 217.) 80 kr. 12 Sgr. Was sei« soll, schickt sich wohl. Original-Lustsp in 3 A. von Jünger. 1803. 50 kr. 10 Sgr Wasa Gustav Schausp. in 5 A. von Kotzet»» 1802. 80 kr. 12 Sgr. Wasa Gustav. Ballet in 5 A. von Muzarelli 1811. 10 kr 2 Sgr. Wasser, stille, lügen Lustspiel in 3 Acten nach dem Spanischen des Calderon von Dr. Sprngel (Wiener Theater-Rep. Nr. 102.) 60 kr. 10 Sgr Weberg'sell, ein armer. Originalposse mit Gesang in 3 Acten, von Carl Juliu«. (Wiener Thrater-Rep. Nr. 114^) 80 kr. 12 Sgr Wechsel, der. Lustspiel v. Jünger. 50 kr. 10 Sgr. Weh' dem, der lügt. Lustspiel in 5 A. von Franz Grillparzer, gr. 8. 1840. 1 fl. 50 kr. 1 Thlr Weiberehre. Sitrengemälde de- 13. Jahrh. in Z Acten von Ziegler. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Weiberfeind, der. Schauspiel in 1 A. von Koch 8. 1806. 20 kr. 4 Sgr. Weiberkomplott, das. Lustspiel in 5 A. nach d'Ancourt. Von Jüngrr 1803. 40 kr. 8 Sgr. Weiberlaunen uud Mänuerschwäche. Orig. Lustsp. in 5 A. von Zirgler. 1800. 8. 50 kr. 10 Sgr Weibertausch, der. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen 6. Jahrg. Weiffenthurn, Joh. Franul v., neueste Schauspiele XI. Bant, oder neue, Folge 3 Band. Enthält: da- letzte Mittel. Lustspiel in 4 A. — Ter Traum. Lustspiel in 1 A. — Die Reise nach Amerika. Schauspiel in 1 A. — Dir Engländerin. Lustspiel in 1 A. gr. 8. 1828. 2 fl. 1 Tblr. 10 Sgr. — — Xll. Band, oder neuer Folge 4. Band. Enthält. Tie Pilgerin Lnflspiel in 4 A. — Die Burg Gölding. Rom Schauspiel in 5 A. — So lohnt sich Kunst. Vorspiel zum 4. Oktober gr. 8. 1829. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. — — xm. Bant, oder neuer Folge 5. B. Enthält: Da« Manuskript. Lustspiel in 5 A. — Pauline, Schauspiel in 5 A. gr. 8. 1832. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Weissenthurn, Joh. Franul v., XIV. Band, oder neuer Folge 6. Band. Enthält: Dr« Male:« Meisterstück. Lustspiel in 2 A. — Der erste Schritt, Lustspiel in 4 A. — Der Brautschleier. Lustspiel in 1 A. — Die Geprüften. Lustspiel in 5 A. gr. 8 1836. 2 st. 50 kr. 1 Thlr. 20 Sgr. — — XV. Band, oder neuer Folge 7. Band. (Nachgelassene Schauspiele. Hcrau«geg. von Carl Engelbrecht. 1. Band.) Enthält: Die Fremde, Schausp. in 3 A. — Die stille Braut. Alpensage in 1 A. Ein Mann hilft dem andern. Lustspiel in 1 A. — Alle« au« Freundschaft. Lustspiel in 1 A. — Sir hilft sich selbst. Lustspiel in 4 A. gr. 8. 1848. 2 fl. 70 kr. 1 Thlr. 24. Sgr. Welt, alte und neue. Schausp in 5. A. von Jffland 1808. 50 kr. 10 Sgr. Weltton und Herzensgute. Familirng. in 4 Ä. von Ziegler 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr.. Wem gehört die Frau? Schwank in einem Aufzuge nach d. Französischen v. Theod. Flamm. (Wr. Theat.-Rep. Nr. 105.) 35 ft. 7'/, Sgr. Wendung» die unvermuthete. Lustspiel in 1 A. von Jünger. 1804. 8. 40 kr. 8 Sgr. Wer den Schaden hat, darf für den Sport nicht sorgen Komische Oper in 2 A nach Dorvigny von Henslrr. Musik vom EapeU- meister Müller. 1708. 40 kr. 8 Sgr. Wer ist sie? Lustspiel von Schröder. 8. 40 k. 8 Sgr. Werner, Friedrich Ludwig Zacharias. Theater 7 Bänve mit Kupfern, gr. 8. 1813 — 20 14 fl. 0 Thlr. 10 Sgr. Inhalt: I. Die Söhne de« Thal«. Ein dramatische« Gedicht, erst. Thl.: Die Templer aus Cppern. II. Die Söhne de« Thal«, zweiter Theil: Die Krruze-brüder. III. Martin Luther, oder die Weihe der Kraft. Eine Tragödie. I V. Da« Kreuz an der Ostsee. Ein Trauerspiel, erster Theil: Die Brautnacht. — Wanda, Königin der Sarmaten. Romantische Tragödie mit Gesang in 5 Acten V. Attila. König der Hunnen. Eine roman- tische Tragödie in 5 Acten. VI. Der vierundzwanzigstr Februar Tragödie in 1 A. — Kunigunde die Heilige, röimfch- deutsche Kaiserin. Romant Schau,p. in 5 A. VII Die Mutier der Makkabäer Tragödie,n 5 Actca. ^ . ... Einzelne Bände, soweit der Vorrath reicht, ' 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Westen. Therese, oder Gr-ßmuth und u,- glückliche Treue. Trauersp. >n 4 A. v. Lader. 8 Brünn. 1700. Wette um ein Herz, die» oder ^ und Fraurnliebe. Lustspiel mit Grfang 3 « von C. Elmar. 8. 1843. kr. 8 Widerspenstige, die, Lustsp. in 4 A. " !. speare. Brarbritrt v. Trinhardste>n 1830. g (Vergriffen.) Wallishausier'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. (Dieses Derzeicbnih wird fortgesetzt.) Druck und Parin von L. Semmn L Lomv. in Dien.) Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Ein Schnitzel mit Hindernissen. -s-s- Scherz in einem Auszüge von Erik Reßl. (Nach einer französischen Idee.) Im k. k. priv. Theater an der Wien zuerst mit großem Beifall aufgeführt. Personen: Balthasar Raupe, Kaufmann auS Wien. Sophie, seine Gemalin. Leander MäuSle, Comptoirist. Lucretia Flott, Mamsell bei einer Modistin in Wien. Gertrud, Dienstmädchen bei Raupe. Ort der Handlung: Raupe'- Landhaus in Mödling. (Zimmer de- ersten Stocke» im Hause Raupe'« zu Mödliug. EingangSthüre im Hintergründe, zwei Seitenthürev. Link« auf die Straße hinaus ein Fenster. Auf derselben Seite im Hintergründe eine Stellage mit Tellern u. s. w. Im Vordergründe rechts eia Tisch.) Und habe ich nicht Ursache, wenn ich bedenke, wie abscheulich dieser Sausewind Gertr. (ist beschäftigt zwei TouvertS auf den l der Mäusle sich gegen mich aufführt?! Mir Erste Scene. Tisch zu legen). Jetzt find es erst 14 Loge, seit ich in diesem Hause hier im Dienst bin, und ich langweile mich schon in Mödling. als ob ich bereits 14Jahre da wäre. acht Tage keine Nachricht von sich zu geben! — Das wird doch himmelschreiend sein! Dessenungeachtet schrieb ich ihm, daß er heute zu mir heraus, zum Frühstück 2 kommen soll. Die gnädige Frau ist vorgestern auf drei Tage zu ihrer Schwester nach Baden gefahren, der gnädige Herr hat ausnahmsweise die vernünftige Idee gehabt, heute ebenfalls eine kleine Partie zn unternehmen, so daß ich und Mäusle nun den ganzen Tag für uns haben. Wird er aber auch kommen? Er ist sehr stolz — natürlich — ein Comptoirist — ein Buchhalter! Ach, ich habe über meinen Stand gewählt — doch — ich hatte immer eine besondere Schwäche für Männer, (sehr naiv) welcheHandschuhe tragen. (Man hört läutm.) Horch! (Sit läuft zum K'nster.) Er ist es! (Laut.) Drehe die Schnalle um. lieber Leander, die Thüre ist offen! (Für sich.) Ich wußte es ja, daß er kommt — ja — er liebt mich noch! — Zweite Scene. Vorige. Leander Mäusle (blaß, rr- schöpft und durchnäßt tritt ein). Mäusle. Ein paar Sesseln, oder ich sterbe! (Setz'sich.) Gott grüße Dich, Gertrud, angebetete Huldin! Gertr. (ihn betrachtend). Ah — wie Du aussiehst! — Mäusle. Es ist wohl wahr, daß ich mich eben nicht auf einem Ball präsentiren könnte. Gertr. Wie Du durchnäßt bist, armer Leander! Mäusle. Ich verdiene meinen Namen, denn ich bin wirklich zu Dir hergeschwommen. Gertr. Armer! Mäu sle (d ster). Und diese Müdigkeit! — Seit gestern morgens bin ich — Gertr. («schocken). Um's Himmelswillen! was denn? Mäusle. Nicht gesessen. Gertr. (»uplä.b.g). Du hast also die Nacht stehend zugebracht? Mäusle (melancholisch). Wie ein Pappelbaum ! Gertr. So? — Wie bist Du denn dann nach Mödling gekommen? Mäusle (mit Gefübl). Engel meiner Triebe! Mein Herz ist dein — aber ich vergeht vor Heißhunger! Habe Mitleid mit dem Magen eines Comptoiristen — außer Dienst — Gertr. Armer Mäusle! In einem Augenblicke bin ich wieder hier, dein Schnitzel ist schon ganz hergerichtet — ich muß es nur noch zubereiten. Mäusle (fr ud'ft). Ein Kalbskotelett! auch Schnitzel genannt!? — Gertr. Za! Mä usle (freudip). Tbeures Wesen! der Segen möge sich ans Dich ergießen — mit Kartoffeln? Gertr. Natürlich! Mäusle. Ah! Gertr. Fandest Du noch immer keinen Platz? Mäusle. Noch nicht! Höchstens in deinem Herzen! Gertr. Ach mein Herz — Mäusle. Aber das Schnitzel! Gertr. Läßt nicht von der Liebe — Mäusle. Aber das Schnitzel! G ertr. Abscheulicher Mensch! (Ab.) Dritte Scene. Mäusle (sich schüttelnd). Bin ich durchnäßt! (Siebt eine Bürste aus d r Stellage.) Sieh, da ist mir eine Bürste vom Himmel gefallen. (Er zieht seinen Rock auS, hängt ihn über einen Sessel und fährt in seiner Rede fort, indem er von Znt zu Zeit bürstet.) Mich hat ein höchst wunder bares Greigniß nach Mödling verschlagen; ich habe nämlich meiner Lucrezia. einer anmuthsreichen Modistin, welche ich zum Rasendwerden anbete — oder besser gesagt angebetet habe, ver- svrochen. sie — als gestern — auf den Kirchtag nach Heiligenkreuz zu führen. Nach langem Urberlegen jedoch — fuhr ich allein. Natürlich nicht aus Treulosigkeit. sondern btoß Finanzoperation. — Dort fand ich eine reiz nde Tänzerin, einen wahren Engel. Sie — oder vielmehr er 3 — der Engel, war mit ihrer Schwester und einem alten Herrn dort. — Ich spielte den Angenehmen, und setzte meine ange- betete Unbekannte durch einige mit einem nur mir eigenen unwiderstehlichen Lächeln begleitete Galanterien eben in das tiefste Staunen, als es — gerade während des Schottischen — zu donnern, blitzen und in Strömen zu gießen anfing. Elf Uhr Nachts war es — der Sturm zerbrach und verlöschte alle Laternen, und die Familie meiner Tänzerin war in der Verwirrung verschwunden! Da standen wir allein im Finstern, ich lachend vor Wuth — sie weinend vor Angst. Meine Gnädige, sprach ich — mit der mir eigenen verführerischen Liebenswürdigkeit — da wir nicht hoffen dürfen, einen Wagen zu bekommen, so gestatten Sie mir, Sie zu Fuße zu begleiten! Mein Herr — lispelte sie darauf — Sie sind sehr liebenswürdig, allein ich wohne nicht in Heiligenkreuz! Ach was thut das, meine Gnädigste, sagte ich — wenn Sie selbst in Nischnei-Now- gorod oder Novaja-Semlja wohnen würden, so-! O. mein Herr, ich wohne nicht so weit, sagte sie. (Zum Publicum.) Nun muß ich gestehen, daß ich mir das auch erwartete. Siehe da, zitternd hängte sie sich ein, und nach zwei Stunden des Marsches kamen wir nach Baden; dort wohnte sie; ich hoffte mich in den Armen ihrer Familie trocknen zu können, als sie mir mit dem liebenswürdigsten Stammeln des Dankes um ein Uhr Nachts die Thüre vor der Nase znschlug. Da stand ich wie Papa Noah bei der Sündflut, nur daß ich keine Arche bei der Hand hatte. Endlich wurde es Tag — dem Himmel dankend auf meinen Knien begab ich mich zur Eisenbahn, um nach Wien zurückzukehren, in Mödling wollte ich mir eben eine Cigarre anzünden, als ich in dem brennenden Fidibusse das Einladungsschreiben Neigt r« vor) meiner kleinen Gertrud für heute hier in diesem Hause erkannte. Es trägt den Datum vom i3. August 18061. Da ist wohl um eine vorlaute Null zu viel, und ich muß schon um ein paar Jahrtausende früher kommen, als ich eigentlich geladen bin. Doch das thut nichts — der Wille ist gut, und so stieg ich denn in Mödling aus, kam hieher (zieht seinen Rock wieder an) hungrig und ermüdet, und habe kein anderes Andenken an diese Nacht, als die sichere Aussicht auf einen permanenten Schnupfen und diesen Schnupfen- ableiter da (zeigt ein Sacktuch her), welchen mir meine schöne Begleiterin aus dem Wege zur Ueberdachung meines Strohhutes geliehen, und welchen ich zurückzustellen vergessen habe. (Sieht eine Ecke des Schnupftuches an.) Ein S. und ein R. (Nach, denkend) S. R.! Was kann das Alles bedeuten? Das kann Sofronia Rinaldini oder Semiramis Rumpelhuber heißen. — Ei, wer wird sich da den Kopf zerbrechen. (Steckt das Tuch ein.) Wenn ich lieber was zu essen hätte. Vierte Scene. Gertrud. Der Vorige. Gertr. (Speise bringend). Hier, mein armer Leander, hier hast Du das versprochene Schnitzel, jetzt kannst Du ungestört essen, denn ich habe das Hausthor zuge- macht, damit wir von keiner Seite überrascht werden. Sage mir aber nun. was Dir denn eigentlich passirt ist? Mäusle. Nichts! Nichts!-wenn ich Dir all das Schreckliche erzählen würde, so möchtest Du ganze Wildbäche von Thränen vergießen (mit Gefühl) und ich kann es nicht sehen, daß Frauenzimmer weinen-namentlich wenn ich essen möchte. (Nimmt den Teller aus Gertruds Händeu. sieht ihn mit gierigem Lächeln an und etzt ihn auf den Tisch.) Gertr. Nun. später dann! Mäusle. Ach ja-später! Gertr. Nur Eines mußt Du mir noch sagen. Mäusle (ungeduldig). Nun? G ertr. Wo ist denn jener Platz, der Dir zugesagt worden ist? Mäusle (zu Gertrude zurückkommend). Heute UM 3 Uhr muß ich mich jenem Herrn vorstellen. dem mich mein früherer Principal, Herr Murmaier, anempfohlen hat. ich habe sein Empfehlungsschreiben bei mir. (Er setzt sich an den Tisch, entfallet die Serviette, steckt eine Ecke in das Knopfloch und will essen.) Äh! (Man hört läuten.) Gertr. (sehr erschrocken) Man läutet! Mäusle. Ich kann nicht umhin Dir beizustimmen. Gertr. (beim Fenster). Ach mein Gott! Mäusle. Wer ist es? Gertr. Die gnädige Frau — ich erkenne ihren Wagen. Mäusle. Die gnädige Frau! Daß sie der- Gertr. Verstecke Dich, sonst bin ich verloren. Mäusle. Aber wo? Gertr. Da — in diesem Zimmer — schnell, schnell! (Geht hinaus.) Mäusle (steckt die Serviette, die er umpe« hangen hatte in die Rockta'che). Mich verstecken, ohne etwas gegessen zu haben. O Schicksal— Schicksal! Wirst du es denn nicht endlich müde, mich zu verfolgen? (Schaut gierig auf den Tisch.) Tantalus, Tantalus, mit Schnitzeln gemartert! (Nimmt Hut und Stock und versteckt sich im Cabinet) Fünfte Scene. Sophie und Gertrude. Gertr. Ach, gnädige Frau, wie bin ich erfreut, daß Sie so unerwartet zurückgekommen sind. Sophie. Du hast Dich eben nicht sehr beeilt, mich einzulassen. Gertr. Ach, gnädige Frau, da ist nur meine Furchtsamkeit Schuld daran. Wenn ich allein im Hause bin, so verbarrikadire ich sämmtliche Thüren — es gibt so viele Spitzbuben! Sophie. Was ist denn das, ein Gabelfrühstück servirt? Gertr. Der gnädige Herr sagte: »Du kannst Montag ausgehen, aber für den Fall, daß ich zurückkommen sollte, richte mir kaltes Geflügel. Sophie. Und da machtest Du ein Kotelett? Gertr. Weil ich es gerne habe — und — Sophie. Lasse die Ausflüchte, mache mir eine Chocolade, ich will hier frühstücken. Gertr. Hier?! Sophie. Nun ja! Gertr. Es zieht hier sehr stark. Sophie. So mache das Fenster zu. Gertr. Aber! — Sophie. Genug, thue wie ich Dir sagte. Gertr. (bei Seite). Du gütiger Himmel! Jetzt ist der arme Mäusle da drin in einer schönen Falle! (Laut.) Gleich, gnädige Frau! (Im Abgehen.) Diese Herren - leute — so unversehens zurückzukommen — das ist doch schändlich! — Armer Mäusle! (Ab.) Sechste Scene. Sophie. Mäusle. Sophik(nachfinnend). Wie schrecklich war die vergangene Nacht, wie leicht hätte ich mir eine schwere Krankheit holen können. Wenn mein Mann es erfahren würde, der Murrkopf würde mich gewiß ein halbes Jahr lang damit quälen. Nun will ich aber auch zu Hause bleiben! Vorerst muß ich Hut und Shawl oblegen. (Thut es und legt Bride- auf einen Fauteuil im Hintergründe.) Mäusle (zur jThüre herou-sehend). Ich höre nichts mehr — Gertrud wird ihre Gnädige wo anders hingelockt haben, um mir freien Rückzug zu ermöglichen. 5 benützen wir also diese Gelegenheit. (Er verläßt mit Geräusch das Zimmer.) Sophie (schreiend). Himmel, was seh' ich! Mänsle (verblüfft). Meine Leidensgenossin vom Kirchtag. Sophie. Sie hier — mein Herr? Mäusle. Ja — ich hier — meine Gnädige! Sophie. Aber was führt Sie hieher? Mäusle. Was mich hieherführt, wollen Sie wissen? Sophie. Ja. Mäusle (bn Seite). Ich kann die arme Gertrud unmöglich verrathen. Jetzt heißt's lügen. (Laut.) Glauben Sie denn, hold, seligste der Frauen, daß man Sie. wenn man Sie einmal gesehen hat. dann vergessen kann? (Sehr stark.) Niemals! — Sophie. Mein Gott— ich versichere Sie — Sie jagen mir Schrecken ein. Mäusle. Fürchten Sie nichts, holde Fee (Sehr ge,irrt.) Bescheidener Jüngling seiend, weiß ich auch zu leben. Sophie. Aber nun — Mäusle. Ja, meine Gnädige, Sie haben in mir eine jener Flammen angefacht -Ich sagte es Ihnen bereits heute Nacht, als wir vor der Krainerhütte vorbeigingen. ! Sophie. Ich erinnere mich nicht. I Mäusle. Als Sie gestern Nachts oder? vielmehr heute Morgens — denn es war^ bereits ein Uhr — mir bei Ihrem Hause in Baden die Thüre vor der Na — vor meinem liebeglühenden Herzen zuschlugen, da that ich einen Schwur. Ihnen überall hin zu folgen. Ihnen, selbst auf die Gefahr lästig zu fallen, nicht von der Seite zu gehen — oh! Sophie (erschreckt). Aber mein Herr! Mäusle (wehmüthig niedergeschlagen). Fürchten Sie nichts — bescheidener Jüngling seiend, weiß ich auch zu leben! Alles das geschieht ja nur aus Liebe — Sophie. Entsetzlich — Mäusle. Ja — Sie find Witwe, Sie haben es mir gesagt, als wir vor der Meierei vorbeigingen — Sophie. Ich — ich erinnere mich wirklich nicht. Mäusle (wir obrn). Wo man nebst Milch auch guten Heurigen bekommt. Sophie. Mein Herr —Sie haben mir gestern einen großen Dienst geleistet — ich will es nicht leugnen — Mäusle. Ich auch nicht. Sophie. Aber der Preis, den Sie für Ihren Ritterdienst fordern, indem Sie sich in den Kopf gesetzt, mich zu compro- mittiren — Mäusle (kin'allknd). Ich — niemals. Ich liebe Sie, bezaubernde Witwe, nichts konnte ich von Ihnen erlangen, als diese- Schnupftuch. Sophie (schnell darnach greifend). Dieses Sacktuch — ich habe es Ihnen nur geliehen — ich hoffe, daß Sie es mir augenblicklich znrückgeben werden. Mäusle. Ihnen diese Reliquie zurückgeben? O nein! Diese Oriflamme unserer Pilgerfahrt (küßt das Schnupftuch, trocknet sich die Augen und steckt eS rin) ist MW heilig. Sophie. Was haben Sie denn eigentlich im Sinne? Was wollen Sie? Mäusle (hingerissen). Was ich will- Siebente Scene. Gertrude (bringt die Chocslade)- Mäusle (sie gewahrend, nimmt plötzlich eine sehr steife Haltung an). Sophie (blickt ihn staunend an). Gertr. Mein Himmel — er ist Heraußen! (Bleibt im Hintergründe stehen.) Nun werde ich Alles entgelten müssen. Mäusle (bei Seite). Gertrud — die kommt mir erwünscht! (Laut,u Sophie.) Meine Gnädige, da ich das Glück hatte Korrespondent Ihres Herrn Vaters zu sein und Sie durchaus keine Entschuld- gung gelten lassen, so nehme ich Ihre gütige Einladung an und bleibe. (Sophie und Gertraude blicken Mäntte erstaunt an.) 6 Sophie. Wie meinen Sie das? Mäusle. Za, meine Gnädige, um Ihnen meinen unbegrenzten Gehorsam zu bezeigen, nehme ich Ihre gütige Einladung zu einem Gabelfrühstück an, und will gar kein Geheimniß daraus machen (blickt sehn- süchtig nach dkm Tische), daß ich einigen Appetit verspüre. Sophie (sehr verlegen). Es freut mich außerordentlich. Mäusle (bei Seite). Mich auch. Gertr. (bei Seite). Gr kennt meine gnädige Frau? Mir fällt ein Stein vom Herzen. Mäusle (zu Gertrud, indem er ihr Hut und Stock in die Hand gibt, welche sie sodann auf einen Sessel legt). Ah - vermvthlich das Dienstmädchen. — Gehen Sie an Ihre Arbeit, meine Liebe — ich habe es nicht gerne, wenn Dienstboten neugierig find. Gertr. Was? Mäusle (heimlich zu Gertrud). Das geschieht nur, um die Hyder des Argwohns zu ersticken. Gertr. (befriedigt). Ah! (Bei Seite.) Schelm! Sophie. Du kannst gehen, Gertrud — ich werde läuten, wenn ich deiner bedarf. Gertr. (geht hinaus, indem fit sich öfter umsteht). Achte Scene. Sophie. Mäusle. Sophie (gereizt). Nun, mein Herr, jetzt dürften Sie wohl Ihren Zweck erreicht haben, ich bin vor meiner Dienstmagd compromittirt. Mäusle. Nicht im Geringsten, meine Gnädigste. Zm Gegentheil, ich bin es in weit höherem Grade als Sie. Sophie. Was wollen Sie damit sagen? Mäusle. Nichts, was Ihnen unangenehm sein konnte! Und am Ende mußtr ich doch etwas beginnen, um die Hyder oes Argwohns zu ersticken. — Nun aber wünsche ich — Sophie. Was denn? Mäusle. Vor allem Anderen zu frühstücken. Sophie (strenge). Mein Herr! Ich konnte in einem Augenblicke des Schreckens und der Verwirrung eine — eine Unbesonnenheit begehen — aber ich halte Sie für einen zu gebildeten Menschen, als daß — Mäusle. Durchaus gebildet, meine Gnädige, jeder Zoll Bildung — bescheidener Jüngling seiend, weiß ich auch zu leben. Sie aber find ja Witwe— warum daher diese übertriebene Schüchternheit? Sophie (sehr schnell). Ich bin (langkam und gezwungen) Witwe, allerdings, aber (wieder schnell) ich bin nicht mehr frei. Mäusle. Wehe mir! (Bei Seite.) Ich begreife — ein Beschützer, ein Protektor, auf englisch »Cromwell*. Sophie. Und ich habe wichtige Gründe, es zu verheimlichen, bei welcher Gelegenheit wir. freilich nur zufällig, bekannt geworden sind. Mäusle. Beruhigen Sie sich, verwit weter Engel, er — Sophie. Wer? Mäusle (schmerzlich). Nun. »er*. Sophie. Ach ja so — Mäusle. Soll es nie erfahren, (stark) jawaw! (Bri Seite.) Und nun zum Frühstück! (Führt Sophie mit Grazie zum Tisch-, setzt sich, nimmt eine Serviette um und will eben zu essen anfangen, als draußen eine Stimme ertönt.) Sophie (erschrocken). Großer Gott! (Bei Seit,). Mein Mann! Mäusle. Wer trompetet denn da draußen? — Sophie. Was fang' ich an? Mäusle. Er soll sich im Stadtgraben üben, aber nicht hier. Sophie. Er ist es. Mäusle (losbrechendj. Er — Er — 7 der Eromwell? Er will mit Stiefel und Sporn in's Parlament dringen? Sophie (ängstlich) Entfliehen Sie — Mäusle (groß). Entfliehen — Niemals! (Sbeafalls ängstlich.) Aber wohin? — Geben Sie mir nur den Fingerzeig eines Asyls — (sehr schnell) Asyls. Sophie (auf den Hängkasteu zeigend). Da — da — Mäusle (verblüfft). Da hinein? Sophie (ma-bt den Kasten auf, e- hängen Kleider darin). Ich beschwöre Sie, da — hinein! Mäusle. Zu den Versatzstückeu da soll ich hinein — o Schicksal! — (Steckt die Serviette, welche er umgebunden hatte, in seine Rocktasche, indem er schnell in den Kasten geht.) Und nüchtern — nüchtern! Sophie. Wie soll ich den Unbesonnenen fortschaffen? Das Beste ist. ich gehe meinem Mann aus dem Wege, damit er meine Verwirrung nicht bemerkt. (Durch die rechte Sutenthüre ab.) Neunte Scene. Balthasar Raupe (tritt sehr heiter aus). Mäusle (versteckt). Raupe. Sie wird kommen, ich sah sie bei der Eisenbahn absieigen. — Welch' teuflische List — bin ich em Schelm! Ich schrieb der Modistin meiner Krau, daß sie heute herauskommen soll — da meine Frau einen neuen Hut bestellen wolle. Sophie ist in Baden bei ihrer Schwester, das Dienstmädchen hat auch den ganzen Lag frei — und Dank diesem Schlüssel bin ich nun in der Lage, der reizenden Modistin einen tiefen Blick in mein für sie glühendes Herz thun zu lassen — und ihr ungestört meine Leidenschuft gestehen zu können. Mäusle sau- dem Kasten sehend). Was ist denn das für ein Ungeheuer? (Man hört läuten.) Raupe. Man läutet! Ohne Zweifel ist sie es. (Sieht zum Fenster hinaus.) Lucr. (von außen). Wohnt hier Frau v. Raupe? Raupe (am Fenster). Ja. mein Fräulein, sie wohnt hier, drehen Sie nur die Schnalle auf, die Thür ist nicht verschlossen! (Freudig.) Sie ist hier! Ich muß gestehen — daß mir ganz sonderbar zu Mllthe ist. (Geht zur HingangSthüre hmauS der Lucretia entgegen.) Mäusle (schaut auS dem Kasten heraus) - Kein Mittel zur Flucht! Bin ich denn bestimmt dazu. Du grundgütiger Himmel, meine Tage in diesem schnöden Schranke zu enden! Wenn ich nur wenigstens einige Lebensmittel mir verschaffen könnte—um dieses Dasein halbwegs angenehm verlassen zu können. (Will zum rische hinschlti- chm. man hört Raupe kommen ) Unmöglich! Dieser Schrank ist der Thurm des Ugo- lino! (Schließt den Schrank wieder.) Zehnte Scene. Mäusle (versteckt). Lucretia. Raupe. Raupe. Ich bitte nur einzutreten, mein schönes Kind — die gnädige Frau wird von ihrem Spaziergänge bald zurückkommen! Hehehehe! Lucr. Ei sieh — jetzt soll ich vielleicht gar ein paar Stunden da warten? Das wäre schön! Raupe. O, das wäre auch schön — hehehehe — wenn Sie ein paar Stunden warten müßten! (Reibt sich vrrgnügt die Hände.) Lucr. lfpöttisch). Ei. wie galant! Raupe. Bloß aufrichtig — übrigens das kommt auf Eins heraus. Lu cr. Ei. ei! Mäusle (schaut au? dem Kasten heraus). Lucrezia — meine frühere Flamme! (Macht wieder zu.) Lucr. Sind Sie der Herr Vater von .der Frau von Raupe? — 8 - Raupe (pikirt). Vater? Wo denken Sie hin, mein Fräulein? Lucr. Kann ich es denn wissen? Raupe. Ich bin ihr Enkel, (Staunen der Lucretia) das heißt Neffe. Lucr. Ei gehen Sie doch — Raupe. Das heißt Vetter — na, es kommt auf Eins heraus — und ich bin glücklich, die Stelle meiner Tante — ich will sagen Cousine — bei einem so schönen Fraulein vertreten zu können. Lucr. Wie. ihre Stelle vertreten? (Schnippisch) Wir machen keine Männerhüte. Raupe. Das thut nichts — dessenungeachtet, mein liebenswürdiges Täubchen, muß ich Sie versichern, daß Sie ein ganz liebenswürdiges — Lucr. Was? Raupe (für sich). Ei, Courage! (Laut.) Ein ganz liebenswürdiges Schneckerl sind. Mäusle (ergrimmt). Täubchen! Schneckerl'. der plündert eine ganze Menagerie aus, um ihr Herz zu erobern! Schändlich! (Macht wüthrnd den Kasten wieder zu.) Lucr. (halb böse, halb lachend). Welche Sprache — Raupe. Die Sprache der Galanterie und Liebe wird Ihnen doch nichts Frem- des sein, kleine Schelmin? Hehehehe! Lucr. (schnippisch). Auf Sie habe ich ganz gewiß nicht gewartet, um mich vergöttern zu lassen — mein Theurer! Mäusle (wie oben). Sie nennt ihn mein Theurer — oh! — (Macht zu.) Raupe. Während Sie auf die gnädige Frau warten, können Sie ja unterdessen hier ein kleines Frühstück zu sich nehmen, nicht wahr, mein Engel? (Bei Seite). Ganz Don Juan, hehehe! Lucr. Warum nicht gar! Ich frühstücke nicht so schnell mit fremden Personen, ohne zu wissen — Raupe. Bon einem Freunde kann man schon ein Frühstück annehmen. Wir sind ja alte Bekannte und das kommt auf Eins heraus — Lucr. (!hn genau betrachtend). Ach, aber warten Sie doch! Ich glaube Sie wirklich schon gesehen zu haben. Sind Sie nicht in den letzten Tagen häufig vor unserem Verkaufsladen vorbeigegangen? Raupe. Za — ich war es! Und Sie haben mich bemerkt? O süßes Geständniß! Lucr. Ach mein Gott! Raupe (für sich). Sie nennt mich ihren Gott! Lucr. Warum find Sie denn manchmal durch zwei Stunden vor dem Gewölbe auf- und abspazirt? Raupe. Warum? Sie fragen mich, warum? Doch setzen wir uns zu Tische — gutes kaltes Geflügel ist nicht zu verschmähen! — Was seh' ich. ein Schnitzel — und ich habe doch ausdrücklich Geflügel bestellt. — (Zu Lucrrtia.) Doch das kommt auf Eins heraus — wenn man am Lande ist; wollen Sie sich bedienen. Engel? Mäusle (wir vorhin). Jetzt ißt mir der Elende mein Schnitzel weg! Oh! oh! (Macht zu.) Lucr. Ich danke, ich bin nicht gewohnt Vormittag schon Fleisch zu genießen, auch habe ich keinen Hunger. Raupe (beide setzen sich zu Tischt, Raupe sehr nahe zu Lucretia, die. wenn er ihr zu nahe« fvmmt, mit dem Stuhl immer weiter weg- und er ihr nachrückt). Vielleicht doch! Lucr. Da sieht man. wie man seine alten Bekannten — wie Sie das nennen — wiederfindet; (sehr freundlich) meine Kolleginnen nannten Sie stets (lachend) die dicke Pagode! Raupe (etwas herabgestimmt). Ei — in der That — hm, ich hätte eine andere Bezeichnung beinahe vorgezogen— hm! — Sie fragten mich, warum ich oft stundenlang vor Ihrem Gewölbe spazieren gehe? Well mir gleich bei Ihrem Anblicke eine innere Stimme zuflüsterre: Siehe da, ein herrliches junges Mädchen, eine Perle, welche gewiß in ihrem Arbeitslocale nicht genug geschätzt wird. 9 Lucr. (geschmeichelt). Ach! Sie haben rvahl Recht! Meine Frau ist oft recht dickköpfig. Raupe. Sehen Sie! — Da dachte ich mir denn, wenn dieses arme junge Mädchen. welches so bescheiden und anständig zu sein scheint, für sich selbst ein Geschäft hätte, wäre sie von all diesen Unannehmlichkeiten mit einem (haut im Eifer de- Ge. spräche- sehr stark auf den Tisch) Schlage befreit. Lucr. Und ich könnte mich dann verheiraten — aber das Geld — Raupe. Sehen Sie, Theure — wie heißen Sie denn? Lucr. Lucretia — Raupe. Borgia? Lucr. Nein, Lucretia Flott! Raupe. Na — Flott oder Borgia, das kommt auf Eins heraus; nun sehen Sie, theure Lucretia, (zutraulich) am Gelde hierzu soll es nicht fehlen. Lucr. Wie wäre das möglich!? Raupe. Ich — ich will Ihnen dazu verhelfen. Lucr. (erstaunt). Sie? Ach, gehenSie! Mäusle (den Kasten öffnend). Wenn ich meinem Drange Folge leisten würde — so möchte ich mich auf ihn stürzen. Raupe. Ja, ich will, daß Sie glücklich, sehr glücklich werden! Mäusle (wieder zumachend). Aber das alte Nashorn könnte sich vertheidigen! Lucr. Wie? Ohne mich zu kennen, würden Sie es mir auf diese Art möglich machen, meinen Geliebten zu heiraten. Raupe. Sucre — Lucretia — Sie ha — Sie haben einen Geliebten? (Bei Seit,.) Perhängniß! Lucr. Ach ja! — einen sehr liebenswürdigen jungen Mann, einen Comptoiri- sten, gegenwärtig ohne Anstellung, der mich zum Rasendwerden liebt — und Ihnen soll ich nun die Krönung meines sehnlichsten Wunsches verdanken? Raupe. Gemach, holder Cherub! Ich will nur Sie glücklich machen, Sie allein, ihn nicht, dieses jungen Herrn. Ich kenne ihn nicht, ich liebe ihn nicht, ich habe auch gar keine Ursache, ihn zu lieben, im Gegen- theil, ich-hasse ihn. Uebrigens. wenn Sie einmal Ihre eigene Frau sind, so können Sie auf die reichsten Partien Anspruch machen. Lucr. Glauben Sie? Raupe. Ganz gewiß, da kenne ich mich aus, ich habe Geschmack. Lucr. Und Sie wollen mir wirklich dazu verhelfen? Raupe. Mein Wort. (Bei Seite). Ganz Don Juan! Lucr. (aufstehend). Nun, das muß man wirklich gestehen, Sie find ein edler Greis, ein herzensguter alter Herr! Raupe (ungeduldig). Ein edler Greis! Ein alter Herr! Lucr. Ich will Sie aber auch lieben —(Raupe nähert sich ihr wieder sehr freundlich) wie einen Vater — wie meinen Großvater — wie — Raupe. Genug, genug! das ist mehr, als ich verlange. (Bei Seite.) Sie ist gerührt; jetzt oder nie! Ich werde Champagner holen. (Laut.) Lieben Sie Champagner? Lucr. Ach. das will ich meinen! Ich habe ihn ein einzigesmal in meinem Leben getrunken und wurde so kreuzfidel darauf, daß ich die ganze Welt umarmte und küßte. Raupe (für sich). Desto besser — so nehme ich allein die Küsse für die ganze Welt in Empfang. (Laut.) Also Champagner! (Singt abtäazUnd.) »Treibt der Champagner alles im Kreise, trallala!« (Ab.) Eilfte Scene. Mäusle. Lucretia. Lucr. Da ist mir nun eine wirklich merkwürdige Geschichte paffirt. Wenn das mein Mäusle wüßte — 10 Mäusle (plötzlich erscheinend mit furchtbarer Stimme). Er weiß es! Lucr. (ausschrrirnd). Mäusle! Leander! Mäusle (wüthend). Za. ich bin es — — ja, ich bin es. Lucr. Durch welchen Zufall kommen Sie hieher? Mäusle. Ein Hängekasten ist kein Zufall! — Treulose! Also auf diese Art erwarteten Sie mich, um mit mir nach Heiligenkreuz zu fahren? Was suchten Sie hier? Idol der Falschheit!? Lucr. Ich komme wegen der Bestellung eines Hutes! Mäusle. Elende Ausflucht! Lucr. Mein Wort darauf — ich erwartete die Frau des Hauses! Mäusle. Wie, Sie erkühnen sich, mir — mir, solche Märchen vorzulügen? (Faßt sie am Arme.) Lucr. (erschreckt). Sie machen mir Angst! Mäusle. O Weiber! Weiber! Heuch- lerischeKrokodillenbrut! (Wüthend.) Schiller! Lucr. (zitternd). Ich kenne Sie ja gar nicht mehr, Sie, der sonst gewöhnlich so sanft find wie ein Lamm! Mäusle (heftig). Ja, ich bin sanft wie ein Lamm — aber es gibt Dinge, welche selbst die Geduld eines Musterlammes untergraben können. Schwachheit, dein Name ist »Weib*! (Wüthend.) Shakespeare! Lucr. Was haben Sie denn eigentlich? Mäusle (vorwurfsvoll). Lucretia! Sie find mit dem dicken Steinbock hieherge- kommen. Lucr. Zch wußte nicht seinen Namen; nun, dieser Herr von Steinbock ist der Vetter jener Dame, welche mich herdestellte. Mäusle. Ihr Vetter! — lächerliche Lüge! Dieses Scheusal ist zu fett, um Vetter zu sein. (Wüthend.) Unbekannter Ver- fasser. Lucr. Nun meinetwegen ihr Urgroßvater, was weiß ich davon. Sie sangen an unerträglich zu werden. Mäusle. Und Du begreifst nicht — Unglückliche, was dieses Ungethüm eigentlich im Schilde führt?! Lucr. (aufschreiend). Ach — was Sie mir da sagen — Mäusle (bitter lächelnd). Er ging, um Champagner zu holen. Lucr. Es — ist — wahr! — Mäusle. Champagner — ich bin zu rechter Zeit gekommen. Armes Repphuhn — mit Champagner wollte Dich dieser schnöde Raubschütze erlegen! Lucr. (erbost). Für was hält mich denn dieser alte Bösewicht? — Ah — das verlangt Rache! Mäusle. Ja. das verlangt Rache und wir werden ihn strafen. Lucr. Aber wie denn? Mäusle (mit Feuer). Stürzen wir uns über dieses ihm angehörige Schnitzel! Lucr. Meinen Sie? Mäusle. O ja! Ich meine es — und ^zwar schon sehr lange. Lucr. Aber der Herr von Steinbock wird uns dabei überraschen. Mäusle. Er soll uns überraschen! Ja. das soll er! (Bei Seite.) Sie glaubt, daß er Steinbock heißt. (Beide setzro sich.) Lucr. Sie wollen es so — mögen Sie es verantworten. Mäusle (bei Seite). Endlich kann ich doch dem tückischen Schnitzel zu Leibe gehen — ah (will essen). Zwölfte Scene. Vorige. Raupe. Sophie. Gertrud. Sophie (indem sie aus dem Nebenzimmer kommt und MäuSle und Lucretia bei Tische sitzen sieht). O Himmel, was muß ich sehen! Raupe (von der HingangSthüre kommend, in der einen Hand eine shampognerbouteille, in der anderen eine Schüssel mit Backwerk, unter dem Arme eine große Melone tragend)- ElN fremder Mann bei Lucretia? (Seine Frau erblickend und vor Schrecken die Melone fallen lassend). Mei — meine Frau! II Gertr. (kommt mit einem Ttllrr). Was seh' ich? Sophie. Ein fremdes Frauenzimmer! Mäusle. Dieses Schnitzel gleicht einem Irrwisch! (Allgemeine Pause der Verlegenheit.) Raupe. Was will dieser Fremd- ^ ^ ling da? sL Sophie. Was will dieses Frauen- t L zimmer? l ^ Lucr. Wie mich Alle anseben — was sie wohl haben mögen? ^-Mäusle. Wie wird das enden? Alle zusammen. Sonderbar! (Kleine Pause.) Raupe (majestätisch). Junger Mann— ich §enne Sie nicht! Lkausle (sehr ruhig). Ich bin untröstlich darüber! Raupe (strenge). Wie befinden Sie sich hier? Mäusle. Schlecht genug! Raupe. Ich frage nicht, wie Sie sich befinden, sondern wie Sie sich hier befinden! Mäusle. Gar nicht gut. Raupe (schreiend). Wie — sind — Sie — hergekommen? Mäusle. Eisenbahn zweiter Classe — ohne Abonnement. Raupe (außer sich). Ah! — das ist zu stark! Mäuslt (mit entschlossenem Tone). NUN wohl — ich werde Alles aufklären. Sophie (bei Seite). O weh! Er wird meine Unbesonnenheit verrathen - Kirchtag — Witwe — (sinkt in einen Sessel). Gertr. (ebenso). O weh! — ich verliere meinen Dienst! Raupe (gebieterisch). Reden Sie! Mäusle. Alles will ich offenbaren.— Freilich wird es schwerlich ohne Opfer abgeheu. Raupe (wie oben). Nein, schweigen Sie — das kommt auf Eins heraus. Mäusle. Ich fand hier — Raupe. Ich ersuche Sie zu schweigen. Mäusle. Warum fragen Sie mich denn? Raupe. Ruhe! (Bei Seite.) Lucretia könnte ihm Alles gesagt haben. Mäusle (bei Seite). Mir desto lieber: (Laut, sehr arrogant.) Ich will aber reden. Raupe. Kein Wort weiter — ich bin kein Freund von Scandalen, es find Damen zugegen! Sophie. Ach ja — kein Wort weiter! Raupe (zu Sophie). Komm, mein Mäuschen, ich bin überzeugt, daß dieser Mensch jda die ungeheuerlichsten und frevelhaftesten Verleumdungen Vorbringen würde — er hat ganz die Physiognomie darnach. (Indem er Alles, was er in den Händen hat, auf den Tisch setzt.) Ich gehe indessen — (Bietet Sophie den Arm ) Doch werden wir noch ein ernstes Wort mitsammen reden. Sophie (Mäusle Musternd). Verrathen Sie nichts. (Raupe geht mit Sophie bei der Seitenthüre ab, Mäusle hebt die Melone auf und gibt sie mit einem verbindlichen Lächeln unter der Thüre dem Raupe, welcher sie mit stolzem Kopfnicken annimmt.) Gertr. (zu Mäusle). Rechtfertige Dich nun — Lucr. Sie dutzt — Sie? Mäusle. Erbarmen — Gertr. Das sollst Du mir bezahlen. (Zornig weinend ab.) Lucr. ^raäiwre! Dreizehnte Scene. Mäusle. Lucretia. Mäusle (für sich). Jetzt kann's gut werden! Lucr. (tonlos). Also ein solcher Zeisig sind Sie? Sie scheinen das Dienstmädchen hier genau zu kennen! (Verächtlich.) Per Du! 12 Mäusle. Lu — Lucretia! Lucr. Per Du mit dem Dienstmädchen! Mäusle. Sehen Sie denn nicht, daß ich Sie bloß dutze, um — um die Hyder des Arwohns zu ersticken? Lucr. So? Mäusle. Ja, gehen Sie hinaus, fragen Sie diese Person — ich weiß nicht ihren Namen, ich glaube sie heißt (nachfor- schrnd) — Or-trud — oder Edeltrude — oder Gertrud — kurzum eine Trude! Sagen Sie ihr, sie soll sich beruhigen. Sagen Sie ihr, daß Sie mich hier zufällig getroffen haben — sagen Sie ihr, daß — Sie seien meine Mutter — Lucr. Mutter? Mäusle. Meine Cousine oder Schwester — kurzum — sagen Sie ihr, was Sie wollen, sie soll aber nur keinen Skandal machen. Lucr. (srhr kalt). Ich fange an klar zu sehen. — Herr Leander Mäusle! Ich muß der Geschichte auf den Grund kommen — und wehe Ihnen, wenn mein Argwohn ein gerechter ist. (Stürzt ab.) Vierzehnte Scene. Mäusle (srhr tragisch). Das geht über meine Kräfte! Ich verzweifle! (Echt srhr ruhig zum Ti^' nimmt rine Srrvirtte um, tief aufseufzmd.) Ah endlich — (Schneidet ein Stückchen herunter und steckt eS an dir Gabel, wie er eS in den Mund stecken will, kommt Raupe heraus) Fünfzehnte Scene. Raupe. Mäusle. Raupe (für sich). Mein Frau hat gar keinen Verdacht, nun werde ich dem jun- gen Fremdling da seinen Standpunkt klar machen. Mauslk (ihn gewahrend, haut zornig auf den Tisch). Schon wieder lata morxana. Raupe (sehr würdevoll). Ich bin da! Mäusle (ruhig). Ich auch! Raupe (gereizt). So find wir alle Zwei zugegen. Mäusle. Sie scheinen großes Talent zum Kopfrechnen zu haben. Raupe (wie oben). Ich bin gekommen — Mäusle. Das habe ich soeben mit Bedauern wahrgenommen (indem er das Stück auf der Gabel in den Mund nehmen will) Und was weiter? Fremdling? Raupe (fällt ihm in den Arm). Sie fragen: Und was weiter? (Nimmt ihm die Gabel mit dem Stückchen darauf weg und behält lle in der Hand.) Zuerst werde ich mir verbieten, daß Sie hier in meinem Hause essen. Verstanden? Mäusle (lackend). In Ihrem Hause? Köstliche Idee! In Ihrem Hause, das werden wir erst sehen — CromwellÜ Verstanden? Raupe. Ja, in meinem Hause! (Zi.ht Mäusle vom Sessel weg ) Mein Haus ist kein Gasthaus. (Ißt in Gedanken das Stückchen von der Gabel weg und legt die Gabel auf die Stellage.) Mäusle. Herr, Sie fangen an unver- schämt zu werden. (Er steckt in der Zerstreuung die Serviette in die Tasche, wie er eS mit den zwei vorhergehenden gethan ) Raupe (ihm die Serviette wegreißend). Erlauben Sie, erlauben Sie — diese Serviette ist mein Eigenthum! Sie haben sich in dieses Haus eingeschlichen, es wäre mir daher sehr angenehm zu wissen, wer Sie sind! Mäusle (mit Würdr). Ich bin Mitglied der »Aurora*. Raupe. Das ist keine sociale Stellung, das erklärt mir auch nicht die Ursache, warum Sie gekommen sind. Mänsle. Nun wohl! — die Liebe. 13 Raupe. Lächerlich — Mäusle. Führt mich her. Raupe. Und zu wem, wenn ich fragen darf? Mäusle. Zu einem Frauenzimmer. Raupe. Welches? Mäusle (zieht aus der Tasche eine Serviette, welche er für sein Sacktuch hält, und will sich damit die Stirne trocknen). Raupe (die Serviette wcgreißend). Noch Eine! Mäusle (erstaunt). Nicht möglich! — Za, mein Herr, aus Liebe zu einemFrauen- zimmer — und ich finde es unglaublich frech — Mensch — daß Sie nach dem, was zwischen Ihnen und jener Modistin aus der Stadt vorgefallen ist — Mensch — sich noch unterstehen können, mich über einen so zarten Punct anszuforschen! Verstehen Sie mich? — Mensch! — Raupe (zornig). Zch bin kein Mensch! Mäusle. Da haben Sie wieder Recht. Raupe (außer sich). Da soll denn doch — Mäusle. Ja, ja, ja, so ist es, und (er zieht die dritte S-roiette aus der Tasche) ich sage es Ihnen ganz offen, Eromwell, daß Sie dieses Frauenzimmer langweilen und belästigen. Raupt (die Serviette wegreißend). Noch Eine! Sie scheinen in meinem Wäschkasten fouragirt zu haben. Mäusle (sehr erstaunt). Da muß mir irgend ein Spitzbube die Tasche mit fremden Servietten vollgestopft haben. Raupe. Ja irgend ein Spitzbube oder Sie selbst—das kommt auf Eins heraus! Schämen Sie sich — verlassen Sie das Haus — gehen Sie! — Mäusle. An Ihnen ist es zu gehen — ich werde bleiben, so lange es mir beliebt! Raupe. An Mir? Ah! (Lrgt die dre Servietten, welche er sich nach der Reihe über den linken Arm hing, aus die Stellage.) Das übersteigt alle Grenzen — wer find Sie.,' Wahnwitziger, der mich aus meinem eigenen Hause Hinausweisen will?! Mäusle. Wer ich bin — Mensch — ich brauche mich meines Namens nicht zu schämen, hier ist meine Karte. (Gibt sie ihm.) Sie haben mich tödtlich beleidigt, Sie müssen sich mit mir schlagen — Ihre Karte! Raupe. Auf eine Karte kommt es mir nicht an — hier (gibt ihm seine Karte) aber mein Blut werde ich ganz gewiß nicht vergießen, so lange die Verachtung und das Hinauswerfen denselben Dienst leisten. Beide (zugleich schreiend). Gehen Sie hinaus, verlassen Sie das Zimmer! Sechzehnte Scene. Vorige. Sophie. Sophie (herausstürzend). Um Himmels Willen! Welch ein Lärm! Mäusle (zu Sophie). Trösten Sie sich, ich werde Sie von diesem alten Sardana- pal befreien. (Will auf Raupe loSstürzen.) Raupe. Liebe Frau — hole die Obrigkeit, rufe die Gesetze um Hilfe an. Mäusle (niedergeschmettert). Seine Frau! (Lang gedehnt.) Oh! Sie ist das Weibchen dieses Unthiers! Raupe (befehlend). Ueberheben Sie uns der Ueberflüssigkeit Ihrer Erscheinung. Mäusle. Erlauben Sie, mein Herr — ich glaubte — das heißt ich hatte Ursache zu glauben, daß diese Dame hier eine Witwe sei! Raupe. Bei meinen Lebzeiten? (Heftig.) Ich möchte sehr gerne wissen, Sie Frechling, wer Sie dazu berechtigt hat, dieser unheimlichen Ansicht zu fröhneu. Mäusle (mit Betonung). Ich hoffe, dass die gnädige Frau gütigst meine Partie ergreifen und mich entschuldigen wird. Sophie (stammelnd). Ich? —aber — ich — kenne Sie-ja gar nicht. 14 Raupe (HE einen Hut und den Stock des Mäusle. übergibt ihm denselben und zeigt gebie- teriseb auf die Tbüre). Mäusle (für sich). Sie verleugnet mich — das ist also der Lohn für so viele Nässe! (Laut, sehr stolz.) Ich g Dessen Kinder. Ort der Handlung: Munters Wohnung. 88. Mandelsaft und Walpurga sprechen im Dialekt. — Rechts und links vom Zuschauer. Ein dürftig eingerichtetes Studeateuzimmer. Rechts im Prospekte eine Thüre, links eine Sei« tenthürr, rechts ein Neuster aus dir Gasse, vor demselben ein Tisch mit Schriften und Büchern. 4ln der Wand de- Prospektes: links ein Bett, in der Mitte ein großer, geschloffener Kasten, durch eine Mittelwand in zwei vertikale Fächer getheilt und mit zwei Flügelthüreu versehen. Zm Vordergründe links ein Tisch mit Kaffeegeschirr rc. — »s ist Nacht. Erste Scene. Muuter. Mandelsaft. Munter (in Balltoilettr, darüber Mantel »nd Plaid, auf dem Kopfe einen Elaque-Hut, tritt rasch ein, von Mandelsaft gefolgt, der mit einer Latrrm leuchtet — Zwei auseivanderfol« »ende Kanonenschüffe). Zu meinem feierlichen Empfange werden die Kanonen gelöst. (Macht Licht.) Mandelsaft. Schöner Empfang — das könnt' mir gestohlen werden! Munter. Die Gefahr scheint im Steigen. Mand. Za wohl, Herr Doctor, Sie können sich gratuliren, daß Sie im Trocknen find— den Parteien da drunten laust schon das Wasser in s Maul. Munter (gähnt). Bedauere— doch der heutige Medicinerball hat mich schläfrig gemacht; — es ist bereits vier Uhr Morgens — also gute Nacht, Herr Hausmeister! 2 Mand. Sie wollen schlafen, — ah — das is kurios! — Munt. Was soll ich denn thun? Mand. Das werden Sie gleich hören. (Zieht ein Papier aus der Tasche und liest mit Pathos:) „Erlaß der Statthalterei für „Niederösterreich vom 22. December 185 t „Zahl 42,942, §. 17. Die Kranken und „Gebrechlichen sind bei Zeiten aus den „Erdgeschossen, in dringender Gefahr auch „die Gesunden aus den ebenerdigen „Wohnungen in die oberen Stockwerke zu „delogiren." (Zü Munter.) Sie haben also, Herr Doctor, die Parteien vonunten aufzunehmen. Munter. Das ginge mir noch ab — ich wohne ja kaum acht Tage hier, besitze nur diese zwei Stübchen — Mand. Und wenn's nur a Nadel- büchsl hätten, eine zweite Partei muß herein! Munter (für sich). Eine fatale Geschichte! (Laut.) Großmüthigster Hausverweser, nehmen Sie einen Augenblick Platz! Mand. (beobachtet Munter, welcher einen Wandschrank öffnet, in dem Flaschen sichtbar sind). DamitichJhnendenSchlasnichtaustrag'— (Setzt sich.) Munter (für sich, indem er aus einer Branntweinflasche in ein Stiri gelglas einschenkt). Netz' ihm die Augen mit himmlischem Thaue, daß er die Donau, die verhaßte, nicht schaue! — Herr Inspektor, aus Ihre Gesundheit! (Trinkt, schenkt wieder ein und reicht Mandelsast das Glas.) Thun Sie mir Bescheid! — Ein echter Doppelpolnisch! Mand. Doppel-Polnisch bei der Zeit! — Na, — in Berücksichtigung der durchnäßten und naßkalten Verhältnisse nehme ichkeinenAnstand;—aufJhrWohl, Herr Doctor! — Ah, der ist curios gut! Munter (schenkt ein.) Noch ein Glas, — liebenswürdiger Haushofmeister! Mand. Der Herr Doctor ordinirt, da muß der Patient einnehmen. (Trinkt.) Munter. Und — hier etwas zum Zubeißen. — (Reicht ihm eine Cigarre.) ElNt echte Regalia! Mand. Küß' d' Hand, Herr Doctor! Munter (nöthigt ihn die Cigarre anzu- zün en und raucht auch). Mand. 's wirklich curios! — Jetzt — weiß ich eigentlich nicht, warum ich hier- herg'kommen bin! — Ach ja, — wegen der Überschwemmung! (Berauscht.) Ja — sehen Sie. Herr Doctor, es besteht bei uns in Wien das Gesetz (liest) „Erlaß der Statthaltern vom 22. December —" Munter (unterbrechend). Ich weiß schon! — (Für sich.) Ich kann den Kerl nicht loskriegen! (Gibt ihm die Branntwein- flaiche, laut.) Da, Herr Mandelsaft, weil Ihnen der Doppelpolnisch so wohl gemundet, bin ich so frei, Ihnen den Rest anzubieten. Mand. Aber ich bitt', — berauben's Ihnen nit. Munter. Nehmen Sie's nur; — doch nicht wahr, großmüthigster Hausregent. Sie verschonen mich mit der Einquarti- rung? Denken Sie, wenn jetzt fremde Leute zu mir heraufzögen, jetzt— wo ich gerade zum Rigorosum zu studieren habe — Mand. Nun — wissen's, Herr Doktor, weil Sie gar so a guter Herr sein und weil Ihnen meine ganze Familie so gern hat, so soll niemand Fremder herauf. Munter. Ah, — Sie Engel von einem Hausinspector; — ich bleibe also allein?! Mand. Beileib'—ah—das is curios! ich Hab'nur sagen wollen, daß keine fremde Partei zu Ihnen Heraufziehen darf, sondern ich mit meiner Familie. — Munter. Was — Sie — mit Ihrer Familie!? Mand. Zu dienen. Mit meinem Weib, dem Nazi, dem Seppel, dem Christ! und der Nanni. — Ich sag' Ihnen, Herr Doctor, das wird ein göttliches, ein famoses Leben werden! — Meine Alte kocht an guten Kaffee, mein Nazi blast d'Flöten, )er Seppel spielt d'Zithern und die Nanni singr dazu die schönsten Schnadahüpfeln. Wir spielen zusammen a Tarock und führen während der Permanenz a so a 3 recht angenehmes und gemächliches Familienleben! Munter. Gott bewahre mich vor so einem Familienleben! — Ich will allein bleiben. Mand. (aufgeregt). Ah—das is curios! — wenn aber die hohe Obrigkeit!- Para — — Munt, (unterbrechend). Ich werde mir schon Recht zu verschaffen wissen. Mandelsast. Was?—Ah— da muß ich gleich zu meiner Alten! — (Nimmt die Flasche und Laterne und eilt fort.) Zweite Scene. Munter (allein). O Donau, warum hast du mir das gethan!— (Fängt an sich zu entkleiden ) Wie war ich vor Kurzem noch so glücklich! (Zieht eine Blume aus dem Knopfloch seines Frackes.) Diese Errungenschaft von ihr — von meiner Marie! Vor wenigen Minuten lag sie noch an meiner Brust, und wir schwebten dahin durch den glanzersüllten Sofiensaal, lustberauscht von unserer Liebe und den Klängen Strauß'scher Melodien! — und nun — Alles dahin! Zwischen mir und ihr die Wellen der wilden, unbändigen Donau. — Ein zweiter Leander wollte ich mich in die Fluten stürzen, um zu ihr—meiner geliebten Hero, zu dringen. — Es werden Monate vergehen, bis ich sie wieder sprechen kann. Marie soll durch ihre Tante einem reichen Vetter zum Opfer fallen. — Ich bin durch diese Tante ein wahrer Tantalus geworden! Diese Tante entscheidet über ihre Zukunft — über unser Glück! Doch kennt sie mich noch nicht — ich sie auch nicht, diese Tante. Sobald ich mein letztes Rigorosum gemacht, sobald ich Doctor bin, werde ich Leibarzt beim Grafen Silbert — dort in der Lade ruht meine verbriefte Anstellung; dann will ich hintreten vor die Tante und um Mariens Hand anhalten; — sie soll noch anders reden — diese Tante!-Mein Schlaf ist dahin, ich bin wieder ganz munter. Ich will — ich muß studieren. — Keine Polka wird mehr getanzt, bis ich den Doctorhut errungen. — Hervor denn mit Euch, Hippocrates, Ga- lenus und Celsus! (Holt Bücher herbei.) bindet mich mit euren Zöpfen gleich Lao- koon's Schlangen an diesen Tisch. Nimm mich auf, du Schlafrock, in deinen heiligen Schatten, um ihn gar bald mit dem Doc- termantel vertauschen zu können! (Zieht den Schlasrock an und setzt sich an den Tisch nächst dem Fenster. Pause. Drei rasch, auf einander folgende Kanonenschüsse.) Ha— schon wieder! — Das wird ein Rigorosum unter der Kanone! — Der Teufel kann dabei studieren! (Schlägt das Buch zu.) Dritte Scene. Mandelsaft. Munter. Mand. (stark angetrunken). So, da bin ich schon wieder! Munt. Was wollen Sie denn schon wieder? Mand. Nicht bös sein, Herr Doctor! — Das Wasser steigt! Munt. Bei mir die Galle! Nun — und — Mand. Ich Hab' eben mit meiner Alten und meinen Kindern eine Zusammen- tretung (Conferenz) gehabt. Munter (ungeduldig). Und was haben Sie zusammengetreten? Mand. Wir haben einstimmig beschlossen, weil wir eine zu große Familie sind, die hier kaum Platz hätt', uns daneben auf Nr. 8 einzulogiren. Munt, (freudig). Das ist sehr schön von Ihnen und Ihrer Frau Gemalin, die ich hoch in Ehren halte. Mand. O meine Alte ist eine sehr ge- scheidte und ehrenwerthe Frau. — Es is wirklich curios! — Meine Alte war schon als Mädl eine sehr gescheidte Frau, d'rum Hab ich sie auch geheiratet — als Mädl— meine Alte. Sie is in einem Mädchenpensionat mit Knaben er zogen worn, und schon ihre Mutier— das heißt meine Alte hat eigentlich keine Mutter g'habt, 4 denn — denn sie is als Waise auf die Welt kommen und — M unt. (ärgerlich). Schon gut! Ich glaub' Ihnen Alles. Mand. Meine Alte hat dem HerrnDoc- tor auch eine Neberraschung zugedacht. Munt. EineUeberraschung? Lassen Sie hören. Mand. (schmunzelnd). He, he! — meine Alte meint, weil wir halt auf Nr. 8 zum Herrn Müller einlogiren, somußdieFräuln Leocadia von Nr. 4 zu ebener Erde zum Herrn Doctor herauf. Munt. Was? also dennoch! — Ein weibliches Wesen! — das duld' ich nicht! Mand. Ah, — wer wird denn so weiberscheu sein, sie thut Ihnen nix. Munt. Ich will nicht und damit holla! Mand. Ah das is curios! Wenn aber die hohe Obrigkeit; — ich Hab' da gleich den Para — gr — affen — mitgebracht — Munter (bei Seite). Ja einen Affen hat er mitgebracht! (Laut.) Fort — aus meinen Augen, ich will nichts wissen — ich — Mand. Ah — das is curios! Da muß ich gleich wieder — zu meiner Alten! (Ab.) Vierte Scene. Munter (allein). Ein Frauenzimmer — eine Leocadia — schrecklich! — Marie, umschwebe Du mich als guter Engel, gib mir die nöthige Laune, um in diesem Kampfe nicht zu unterliegen. Entweder ich muß mit meinem Hippocrates, Skoda und Rokitansky mich in's Wasser stürzen, oder gute Miene zum bösen Spiele machen. (Frauenstimmen vor der Thüre.) Jetzt — alter Humor, verlaß mich nicht, — sie nahen, sie kommen! — Fünfte Scene. Walpurga. Munter. Walpurga (eine alte Matrone, trägt ein Vogelwerkelchen unter dem Arme, in der rechten Hand eine große Schachtel, in der andern einen Papagei, kleinere Schachteln, Kaffeegeschirr und dgl. m.) Bin ich hier recht — beim Herrn Doctor Munter? Munter (fürsich). Diese Schachtel und diese Schachteln! — Weh'.mir! Walp. (lauter). Bin ich hier recht — beim Herrn Doctor Munter? Munter (springt auf). Mein Frön- lein! — Walp. Ich bin kein Fräul'n, ich bin die Jungfer, die Fräul'n kommt erst. Munter (vor sich). Sie ist die Jungfer, UNd die Fräul'n kommt erst! (Bei Seite.) Süßer Vorgeschmack künftiger Glückseligkeit, — also noch Eine!? — Walp. (noch lauter). Jetzt frag' ich zum dritten Mal, ob ich hier recht bin beim Herrn Doctor Munter? Munter. Recht sind Sie mir gar nicht, Doctor bin ich noch nicht ganz, und munter bin ich auch nicht mehr! Walp. An solchen G'spaß muß ich mir schon verbieten! Sie—frozzeln laß ich mich nicht! Erlauben Sie! Es ist nicht schön, mit dem Unglück zu spotten! — Hab' ich denn Alles? — Die Lori, das Werkel, — die Katz' bringt die Fräul'n selber mit.— Munter. Was — auch eine Katze?— O Mahomed, steh' mir bei! Walp. Damit Sie's wissen, eine lebendige Katz'; — no, Sie werden schon Augen machen! Munter. Wenn sie mir nicht früher ausgekratzt werden. Sechste Scene. Mandelsaft. Vorige. Mand. (hat einen großen alten Mops auf dem Arme, auf dem Rücken eine Butte mit Haus» 5 geräthen aller Art und in der Hand einen Vogelbauer). So — da is der Pauxi und der Kanari. Da hätt' mir alle Vicherln beisammen bis auf die Fräuln. Munter. Eine ganze Menagerie! — Meinethalben mögen die Frauenzimmer da bleiben, aber die Thiere duld' ich nicht — ist denn mein Quartier eine Arche Noe!? Mand. Ah, — das is curios! Das hier gehört Alles zur Familie der Fräuln Leocadia, und im Paragraph 17 heißt es (zieht das Patent aus der Tasche): „Wenn.." Munter (einsallend). Verschonen Sie mich mitJhren Paragraphen, das ist ja ein wahrer Justizmord! Mand. (hängt das Vogelbauer an der Wand aus). Den Kanari hängen wir zum Bett. — Ich sag' Ihnen, Herr Doctor, dieses Vicherl fingt wie a Wachtel, doch wird ihm noch immer zum Behufe seiner höheren musikalischen Ausbildung von der Jungfer Walpurga, die sehr musikalisch ist, jeden Morgen was vorgewerkelt. Munter. Um Gottes willen! — Mand. Wo hat denn die Jungfer das Werkel? Walp. (reicht ihm die Drehorgel). Hier! Mand. Sehen Sie, Herr Doctor, dieses wunderbare Instrument spielt sieben Stückeln; ich und meine Kinder haben uns alle Tag' d'raus g'freut, wenn am Morgen auf Nr. 4 zu ebener Erd' die Musik losgangen is. — Sie erlauben schon, mein LeibstÜckl! (Werkelt.) Munter (hält sich die Ohren zu). Man will mich animalisch und musikalisch zu Grunde richten! Halten Sie ein! — Mand. Ah — das is curios! Ich werkle im Namen der Obrigkeit! (Man hört von draußen Leocadia's Stimme.) Walpurg, Walpurg! — Munter (hat sich unmuthig an seinen Tisch gesetzt). Walp. Die gnädige Fräuln! Munter. Die Stimme meines Schicksals! (Walpurga und Mandelsaft laufen gegen die Thür. Mandelsaft legt den Hund auf Munter's Bett.) Siebente Scene. Leocadia. Vorige. (Leocadia, ein bejahrtes Fräulein, in barockem Nrgligch sie ist sehr nervös und lebhaft, trägt auf dem Arme eine Katze, in der Hand einen Blumentopf.) Leoc. (rasch eintretend, sieht sich befremdet nach allen Seiten um, zu Mandelsast heftig). Herr Hausmeister! — was denken Sie von mir — ich sollte hier bei einem jungen Manne? — Mand. Ah — das is curios! Sein's sroh, daß's endlich zu an' Mann kommen. Leoc. Impertinent! — MeinGeschlecht so preiszugeben! Mand. I bitt' Ihnen, thun's nit gar so zimperlich mit Ihrem G'schlecht! Meine Alte kommt hier im Haus zu alle junge Herrn, und 's is ihr noch nie was passirt. Leoc. Sie machen mich schamroth. Mand. Besser, Sie werden roth, als Sie werden naß! Leoc. Und dieser Tabaksqualm; — nein, nein — hier bleib' ich auf keinen Fall! Munter. O würde es doch zur Wahrheit! — Mand. Ah — das is curios! — wann's Ihnen hier nit g'freut. nehmen's a Schinakl*) und fahren's Wohnungen suchen. Leoc. (ausgebracht). Sie Haustyrann! — Munter (für sich). Ein 0asu8 Kolli in meinem Zimmer, ich muß intervenire«. (Laut zu Leocadia.) Mein Fräulein, hier rechts besitze ich noch eine bescheidene Kammer. die Ihnen vielleicht eher Zusagen dürste. (Oeffnet die Thüre links und leuchtet hinM.) *) Einen Kahn. 6 Levc. (hat in die Kammer gesehen). Wie! — in diese Spelunke, — nimmermehr!. Munter. Nach Beliebe» — so bleiben Sie hier, ich zieh' mich auf die Kammer. (Für sich.) So Hab' ich doch Ruhe! Leoc. Dann müßten Sie durch mein Zimmer; — das geht schon gar nicht. — Lieber füge ich mich dem Unvermeidlichen und beziehe die Kammer. Munter (bei Seite). Na also — endlich geht Sie doch in die Kammer — die Separatist in! (Zündet sich eine Cigarre an und raucht stark.) Leoc. (sieht nach Munter, für sich). Jetzt raucht er schon wieder, der Barbar! (Zu Walpurga und Mandelsaft.) Bringen Sie meine Sachen auf die Kammer. (Es geschieht) Munter. Mein Magen fangt an zu renommiren, ich muß frühstücken. (Er wacht Anstalten zum Kaffrekochen.) Leoc. (die es bemerkt, für sich). Er kocht sich Kaffee; — nach dieser Aufregung — sollte man etwas Warmes nehmen, meinem Pauxi wird es auch wohl thu'n, — das arme Thier liegt dort noch immer mit offenen Augen! (Nimmt den Hund, der auf dem Bette Munter's lag, und trägt ihn liebkosend in die Kammer. Bald daraus hört man einen heftigen Wortwechsel zwischen Walpurga und Leocadia.) Munter. Da drüben in der zweiten Kammer entspinnt sich eine hitzige Debatte; diese Parteibildung auf der Rechten sängt mir an nachgerade furchtbar zu werden. Leoc. (stürzt herein, von Walpurga und Mandelsaft gefolgt, sie ist in der größten Aufregung). Kein Körnchen Kaffee — (Zu Wal- Purga.) Es ist unerhört' — Der Kaffee auf der Stiege verschüttet!- Munter (bei Seite). Diese Zofe scheint es mit ihrer Gebieterin ernstlich verschüttet zu haben. Leoc. (zu Walpurga). Sie ungeschicktes, dummes Ding! Fort! — (Walpurga ab in die Kammer.) Maod. Aber Fräuln, wer wird denn gleich so süchtig sein wegen a paar Körndl Kaffee, ich klaub's Ihnen gleich zusammen auf der Stiegn und wann's noch a bisserl brauchen, hilft Ihnen meine Alte mit ein' echten Eichori aus. Munter (zu Leocadia). Wie ich sehe, sind Sie, mein Fräulein, in einer kleinen Verlegenheit; mein Kaffee ist gerade fertig, — ich bitte darüber zu verfügen. Leoc. O ich bitte — ich — (Kür sich.) Ich weiß nicht, ob ich von dem Barbar etwas annehmen darf?! Walp. (tritt ein). Pauxi fängt schon wieder zu zittern an. Leoc. Der Arme — er muß — etwas Warmes bekommen. (Rasch zu Munter.) Herr Doctor, ich nehme Ihr freundliches Anerbieten dankbar an, doch erlauben Sie, daß ich Ihnen servire. Munter. Ich bin Ihr Gast, mein Fräulein! Leoc. (bei Seite). Er wird schon artiger. (Sie setzen sich, Leocadia servirt den Kaffee.) Sie verzeihen, Herr Doctor, wenn ich früher etwas aufgeregt war — aber wenn man so mitten in der Nacht ans seiner Ruhe anfgeschreckt wird! (Gibt Walpurga zwei Tassen.) Hier für Pauxi, das für Lori! — Ich war bereits eingeschlafen! — Walp. (ab). Munter. Ich nicht; ich kam eben vom Balle. Leoc. Vom Medicinerballe? Munter. Zu dienen. Leoc. Meine Nichte Marie war auch dort. Munter (überrascht). Marie! — Leoc. Kennen Sie vielleicht meine Nichte? Munter. Dürfte ich um den Namen — Leoc. Marie Seedorf. Munter (betroffen, für sich). Himmel! Mariens Tante! — Leoc. (ohne daraus zu achten). Die Kaffeemaschine hat wenig Luft. Munter (springt verwirrt auf). Ja — 7 wenig Luft — Luft! (Er läuft gegen das Fenster und öffnet es rasch.) » Leoc. Was thun Sie, Herr Doctor? Munter (verwirrt). Ich — gar nichts — (Besinnt sich.) Ich will den verdammten «Tabaksqualm — Vergeben Sie, mein ver ehrtes Fräulein, ich wollte — (Nimmt die brennende Cigarre und wirst sie zum Fenste hinaus.) Entschuldigen Sie, mein Fräulein ich — ich hatte gar nicht bemerkt, daß Sie eine Dame, nein, daß — ich — daß — daß ich rauchte — es ist unverantwortlich — einer Dame gegenüber — oh - Leoc. (für sich). Er ist etwas zerstreut, doch hat er Manier — Tact! (Laut.) Kennen Sie meine Nichte Marie? Munter (verlegen). Oh — ich — habe nicht die Ehre. Leoc. Marie ist ein recht hübsches Mädchen, sie muß nett ausgeseh n haben, sie versteht sich zu kleiden. —Ihr Obers*), Herr Doctor, ist etwas gestoßen. **) Munter (zerstreut). Sehr geschmack voll! — Leoc. Was? — Munter. Ihre Nichte. Leoc. Sie sagten ja eben, Sie kennen sie nicht. Munter. Man zeigte mir die Königin des Balles—und sagte mir, es sei Fraulein Seedorf. Leoc. (geschmeichelt). Ah! Jch glaub's — Munter. Gewiß, mein Fräulein, mich hätte gleich die Familienähnlichkeit— auf die Vermuthung bringen sollen, daß es eine nahe Anverwandte — Leoc. (schmunzelnd). Finden Sie wirklich — einen Familienzug? Munter (sich fassend). Sehr — viel,— eine frappante Aehnlichkeit. Walp. (kommt von links und will durch die Mitte). Leoc. (zu Walpurga). Wohin? *) Sahne. **) Geronnen. Walp. Ich will für s Hundert noch einige Pölster und eine Decke holen. Munter (springt auf und räumt säst seit» ganzes Bett aus). Aber, Fräulein Walpurga, ich bitte, sich für Pauxi meines Bettzeuges zu bedienen; o der Pauxi muß warm gehalten werden; wie leicht könnte so ein zartes Thierchen, — ich weiß das aus Erfahrung! — (Holt noch seinen Plaid und Mantel und dringt Alles Walpurga aus.) So, so — mein Kind! gehen — eilen Sie, das Thierchen hat es nöthig! (Drängt sie in die Kammer.) Leoc. (Die Scene mit Wohlgefallen bemerkend). Herr Doctor, ich bin Ihnen zu großem Danke verpflichtet; doch Sie treiben Ihre Gastfreundschaft zu weit! — Munter. O Sie glauben gar nicht, mein Fräulein, wie ich die Lhiere liebe. Was soll denn so ein armes Geschöpf machen? — Kann es reden? — Kann es sagen, was ihm fehlt? — Nein! — Und darum ist das kranke Thier mehr zu bemitleiden als der kranke Mensch. Leoc. (jür sich). Er spricht wie ein Buch; er ist ein guter Mensch! (Laut.) Gewiß, gewiß, Herr Doctor, und besonders mein Pauxi bedarf einer zarten, sorgfältigen Pflege, denn er leidet seit Jahren an chronischen Krämpfen. Munter. Chronische Krämpfe, charmant! — Das ist ein höchst interessanter Fall — Krämpfe sind mein Lieblings- 'tudium, und Sie glauben gar nicht, mein Fräulein, wie sehr der rationelle Arzt an Wissen gewinnt, wenn er die Krankheiten des Menschen mit jenen des Thieres vergleicht. Leoc. Auch mein Zustand dürfte Ihnen hinreichenden Stoff zu medicinischen Forschungen bieten. Munter. Ah — das trifft sich ja herrlich! — Sie find also auch leidend? Leoc. Ja, ich leide an rheumatisch-nervösen Aufregungen. Oh mein Zustand ist sehr compliurt. Munter (rückt ihr uährr). Rheumatisch — 8 nervös — complicirt — charmant — höchst interessant! — Oh, da muß ich schon bitten, mir Ihren Zustand ganz genau zu detailliren. Leoc. (für sich). Der Mensch gefällt mir. (Laut.) Mit Freuden! Auch empfinde ich hier — (zeigt auf die rechte Brust) im rechten Lungenflügel — Munter (erfreut). Lungenflügel — charmant! Das Studium der Respirationsor- gane zählt gleichfalls zu meinen Lieblings-, studien. Ich bin ein Schüler des Professors Dr. Skoda. Leoc. Eigentlich empfinde ich auch im linken Lungenflügel gewöhnlich Abends so einen Druck. Munter (für sich). Sie rückt mit beiden Lungenflügeln vor! Ha, welches Vertrauen ! Leoc. (zieht aus ihrer Tasche ein großes Packet Recepte hervor). Hier sind auch die Ordinationen; lesen Sie gefälligst, Herr Doctor, und sagen Sie mir dann, was Sie von meinem Zustande halten. Munter (für sich). Herr Gott! — Diese medicinische Registratur! — mir wird warm! — (Laut ) Ah, das ist ja herrlich, prächtig, daß Sie, mein Fräulein, auch gleich die Ordinationen zur Hand haben. (Siebt die Recepte durch). Höchst interessant— recht gut — Kirschlorbeer-aestuw Hallori- Achte Scene. Walpurga, Vorige. Walp. (stürzt herein). Gnädiges Fräulein, kommen Sie, kommen Sie geschwind, — der Pauxi hat wieder seine Krämpfe! Leoc. und Munter (springen erschrocken aus). Leoc. (wendet sich flehend gegen Mutter) O, helfen Sie, Herr Doctor! — Munter. Mit Freuden! (Für sich.) Göttlicher Pauxi! — (Laut.) Ich will nur etwas Krampfstillendes mitnehmen. (Nimmt eine Medizinflasche aus dem Wandschrank, dann mit Leocadia und Walpurga ab links.) Neunte Scene. Mandelsaft. Mand. (tritt durch die Mitte ein, er ist stark angetrunken). Na — W0 sein's denn? Meiner Alten is sehr übel, mir is auch sehr übel — sehr. (Sieht sich um.) Bei uns steigt das Master so hoch (streicht sich unter s Kinn), und kein Doctor da! — Meine Alte is ohnehin so wassersüchtig, mein Nazi hat ein' Wasserkopf upd draußen die Überschwemmung — schöne Wirtschaft das! — (Schreit.) Herr Doktor! — Zehnte Scene. Munter, Mandelsaft. Munt, (kommt mit einer Medicinflasche von (links). Wer ruft — was gibt's?! Mand. Wassersucht an allen Ecken und Enden. Meiner Alten is übel, mir is gar nicht recht übel und dem Nazi is nicht gut. Munt. Da, — nehmen Sie dieses Fläschchen, es wird Allen gut thun. (Gibt ihm die Flasche.) Einige Tropfen auf Zucker — Mand. Wer wird denn so sparsam sein; ah, — das ist curios! Munt, (unwillig). Nun—so nehmt, so viel Euch beliebt und laßt mich jetzt in Ruh'; ich Hab' hier Patienten, die meiner Hilfe bedürfen, — nehmt nur die Tropfen, ich komme schon später. Mand. (im Abgehen). Sie, wann's nit bald zur leidenden Menschheit kommen, verschwärz' ich Ihnen beim Herrn Administrator und Sie werden zu Georgi sa - krisch gesteigert. (Ab durch die Mitte.) Eilfte Scene. Munt, (allein). Hat sich denn heute die ganze Welt gegen mich verschworen?! — Doch ruhig — da drüben (nach links deutend) habe ich einen ungeheuren Stein im Brette. Die Tante Leocadia hat sich mir freund- 9 lichst genähert, ich bin der Lebensretter ihres Pauxi, sie erklärte mir zu ewigem Danke verpflichtet zu sein; — o Marie, wenn Du ahntest — was ich bereits bewirkt! Ich bin auf dem besten WegePau- xis Leibarzt zu werden. (Setzt sich an dm Tisch nächst dem -Fenster und will studircn.) Es geht nicht—ich bin zu matt und schläfrig. (Er sängt an einzunicken.) Zwölfte Scene. Walpurga, Munter. Wü lp. (schleicht leise herein). Herr Doc- tor! — Munt, (fährt auf.) Was gibt's—was wollen Sie? Walp. (erschrickt). Entschuldigen, Herr Doctor, mein Fräulein hat befohlen zu melden, daß sich Pauxi bereits besser befindet und eingeschlafen ist. Munt, (ohne sich umzusehen). Freut mich! (Für sich.) Jetzt werden die Bulletins ausgegeben. Walp. (für fick). Wenn er nur nicht so auffahrend wäre, aber es ist traurig, so leiden zu müssen! — (Unschlüssig, ob sie abgehen soll.) Munt, (sieht sich um). Nun ja — es freut mich! Sagen Sie das! Walp. (ängstlich). Ganz wohl! — Herr Doctor — ich — ich — Munt, (ärgerlich). Was haben Sie denn?! Walp. Oh, Herr Doctor, ich bin sehr krank — Munt, (für sich). Schöne Bescherung, jetzt ist die auch krank — das fehlte noch! (Laut.) Nun, wo fehlt's denn? Walp. (deutet auf ihre Kehle). Ich habe hier einen Reiz. Munt, (bei Seite). Gewiß der einzige Reiz, den sie noch hat. Walp. Finden Sie, Herr Doctor, daß es gefährlich ist? Munt. Dieser Reiz ist gar nicht gefährlich. Wo fehlt's denn sonst noch? Malp. (deutet aus den Kopf). Hier! Munt. So? — wäre nicht Übel! W alp. Seit Jahren habe ich so einen Druck auf's Gehirn; ich bin nämlich in meiner Jugend — gefallen. Munt. So — gefallen — doch nicht auf den Kopf? Walp. Ja, grad' hier, sehen Sie, Herr Doctor, wo dieser Dippel*) sitzt. Munt, (für sich). Also ein diplomatisches Leiden! (Laut.) So — also ein Druck? — Walp. Ein unausstehlicher Druck! Munt, (sehr unruhig). MeinePraxisvermehrt sich. (Laut.) Nu, nu, beruhigen Sie sich, es wird schon besser, machen Sie sich vorläufig kalte Umschläge, später will ich schon Nachsehen. Walp. (für sich). Wie er unruhig und ungeduldig ist; das gefällt mir gar nicht von ihm; es scheint, er will mich fort haben. Munt, (gähnt). Ja — ja später! Walp. (verdrießlich). Ich geh' schon. (Für sich) Er treibt mich fort; was er doch haben mag?! (Links ab.) Dreizehnte Scene. Munter (allein). (Er gähnt und streckt sich, setzt sich wieder an den Studirtisch, nimmt ein Buch, und wirft es dann wieder weg.) Es geht nicht — ich bin zu schläfrig; — ich muß doch endlich etwas — ja — (Er sinkt entschlummert in den Lehnstuhl zurück). Vierzehnte Scene. Munter (schlafend). Marie. (Das Fenster öffnet sich leise, Marie erscheint auf der Fensterbrüstung und tritt dann aus den Stu iertisch. Sie trägt einen Mantel und einen Muff, überden Kops hat sie ein Tuch geschlagen. Sie wendet sich zurück und spricht hinaus:) „Ich danke Ihnen, ich bin geborgen, Sie bleiben in der Nähe — ja, ja!" — (Sie wird Munter s ansichtig und bleibt eine Weile betroffen stehen. Das Fenster bleibt die ganze Scene hindurch offen.) *) Auswuchs. 10 Munt, (träummd). Jetzt—jetzt — folgt die Mazur - Polka — o Marie — kommen Sie — ha — ha — o meine Ma — M6 — rie! — (Er macht eine Bewegung.) Marie. Er träumt von mir: — (Sie ruft leise) Earl! — Munt, (erwachend.) Wie was — ah — Ma — rie, mein Engel! (Er reibt sich die Augen und springt dann auf.) Wach' ich — träum' ich?! — Ja — ja — Du bist's, mein Leben! Marie. Mein Earl! — ich bin's! Munt, (saßt sie um die Taille und hebt sie vom Tiscbe, ihr Tuch, Mantel und Muff fallen, und sie steht in reizender Balltoilette vor ihm). Rauschender Strom, brausender Wind! muficirt mir eine Polka — eine ewige Polka — denn ich bin glücklich—selig — überselig! — (Er faßt sie wir zum Tanze.) Marie (entwindet sich seinen Armen). Sind Sie toll, Carl, lassen Sie mich! — Munt. Toll! — ich bin berauscht — mir ist die Liebe zu Kopf gestiegen, sie hat mein Herz überflutet wie die Donau! Marie (ängstlich). Stille! — Wo ist meine Tante? Munt. Beruhigen Sie sich! Ihre Tante ist bei mir — in Sicherheit; doch welcher gute Genius bringt Sie mir - Friedenstaube der Sündflut!? — Marie. Kaum hatte ich mit der Familie Fortner den Sofiensaal verlassen, als ich in den zwei rasch auf einanderfolgenden Kanonenschüssen die große Gefahr erkannte, in der meine gute Tante schwebte, die hier im Hause zu ebener Erde wohnt. Die Phantasie gaukelte mir die schrecklichsten Bilder vor, ich mußte wissen, was mit meiner guten, lieben Tante geschehen, und ob sie bereits in Sicherheit. Herr Fortner gab meinen Bitten nach und geleitete mich in einem Kahne bis an dieses Haus. Das Wasser hatte bereits das Erdgeschoß derart überschwemmt, daß es nicht mehr möglich war, mittelst der Treppen in das Innere zu gelangen. Zitternd und zagend forschte ich nach meiner Tante, da erfuhr ich, daß sie bereits im ersten Stock ei. Man schob eine kurze Leiter iu den Kahn, der Zufall wollte, daß dieses Fenster offen stand, und so gelangte ich herauf — hierher — zu Ihnen; und nun sagen Sie mir. wie geht es meiner Tante — wo kann ich sie sehen? — Munt, (nach ^der Thüre link- deutend). Dort wohnt Ihre Tante, sie ist in meiner Obhut. Marie. Sie find also bereits mit ihr in Berührung gekommen — Sie haben sie gesprochen, ohne daß sie ahnte, daß — Munt. Wir uns lieben — Marie (verweisend). Carl! — Munt. Sie ahnt gar nichts. Marie (ängstlich). Wenn sie es entdeckte! — Sie haben sie doch freundlich behandelt? Munt. Oh — wir vertragen uns sehr gut. Ihre Tante ist eine ganz ausgezeichnete Dame. Wir haben beim Kaffee bereits Schwesterschaft getrunken; — sehen Sie dort die Beweise unserer Fusion von Glas und Porzellan! Marie (steht sich ängstlich um). Nun kein Wort mehr! Wir dürfen uns nicht verra- then— nicht kennen, hören Sie, Carl, nicht kennen, — versprechen Sie mir das! Munt. Ich verspreche es — ich will schweigen, doch drücken Sie vorerst das Siegel der Verschwiegenheit aus meine Lippen! — Marie. Nein — nein! — Munt, (feurig ihre Hand ergreifend). Dann will ich schweigen wie ein Grab, wie ein Trappist, will thun, als ob Sie— ar nicht auf der Welt wären; — ich itte — bitte, himmlische Marie — wenn Sie mich je geliebt haben! Hören Sie draußen das Brausen der Fluten — seien Sie gnädig, wenn Sie nicht wollen, daß ich mein heißes Herz in den tiefen Fluten der Donau kühle! — Marie (verweisend). Carl,welcheReden! Munt. Jetzt oder nie! — (Er umfängt sie und drückt einen feurigen Kuß aus ihre Lippen, in demselben Augenblicke öffnet sich die Sei- tenthüre, in der Walpurga erscheint ) Walp. (für sich). Ha, was seh' ich! — (Lei schwindet.) Marie (die nach der Thüre gesehen hat, stößteinen Schrei aus, bestürzt) Walpurga war' s — wenn, wenn sie mich erkannt hat, bin ich verloren! — o warum bin ich nicht früher fort! (Läuft bestürzt im Zimmer umher, dann an's offene Fenster.) Munt, (hält ihn zurück). Um Gottes willen, was wollen Sie thun?! — Marie. Fort — zurück — nach Haus augenblicklich! Munt, (hat auch zum Fenster hinausgesehen). Unmöglich — kein Boot! Marie (zeigt nach der MitteUhür). Also dorthin. (Man hört MandelsastS Stimme.) Munter. Der Hausmeister—Sie laufen ihm gerade in die Arme! Marie. Himmel! — Carl — wo soll ich hin? — So helfen Sie doch! — (Man hört Walpurga's Stimme auS der Kammer; — entschlossen). Verbergen Sie mich! Mun. In den Kasten! (Er öffnet den rechten Flügel des Kastens und hilft Marie hinein, in demselben Augenblicke erscheint Walpurga für kurze Zeit in der Thüre und beobachtet die Scene.) So — jetzt Ihre Kleider. (Wirft Mantel und Hut IN den Kasten, der Muff entfällt ihm unbemerkt.) Fünfzehnte Scene. Mandelsaft, Vorige. Mand. (noch immer angetrunken, hat eine leere Branntweinflasche in der Hand). Herr Doctor! — es hat nix g'nutzt — meine Alte und der Nazi haben die ganze Flasch'n ausgetrunken — ganz — es hat aber nix g'nutzt. — Munt, (die Branr.tweinflasche erblickend). Unglücksmensch! Was haben Sie gethau?! Die Flasche mit Doppelpolnisch statt der Medicin! Mand. (den Zrrthum bemerkend). Ah, — das ist curios! — jetzt Hab ich mich beim Fortgehen in der Flasch'n vergriffen? — Nein, Herr Doctor, mein Weib hat die Medicinflaschen austrunken, die da — Hab' ich austrunken, — auf Ehre — ich ganz allein! — Munter. Ich glaub'sJhnen schon! — Mand. Wenn ich sag' — auf Ehre, so können Sie 's mir schon glauben — 's is a Ehrenflasch'n. Jetzt bin ich aber in den letzten Zügen, meine Alte liegt in Zügen, also kommen's — es is keine Zeit mehr zu verlieren. (Ergreift Munter bei der Hand und will ihn fortzerren). Es ls Gefahr im Verzug — kommen's l Mun. (sträubt sich; für sich). So muß ich denn in den sauren Apfel beißen und die dornigen Pfade der medicinischen Prax wandeln! (Laut.) Nun — in Gottesuamea — kommen Sie! — (Beide ab durch die Milte) Sechzehnte Scene. Walpurga, Leocadia, Marie (verborgen). Walp. (zieht Leocadia nach sich, leise). Nur herein, Fräuln, — ich Hab s mit eigenen Augen geseh'n! Leoc. Aber Walpurga! — Walp. Ich sage Ihnen, daß außer uns noch ein junges weibliches Wesen hier im Quartier ist. Leoc. Mäßige Dich. Es wäre von uns indiscret — unfern Wohlthater zu com- promittiren! Nein — nein! — Walp. (erblikt den Muff). Dasehen Sie die Beweise seiner Unfittlichkett. Hier im Kasten steckt die reizende Schäferin (Langt nach dem Kasten.) Leoc. Unglaublich! — Walp. (heftig). Wir werden gleich seh n! (Sie öffnet den linken Thürflügei des Kasten« — er springt rasch auf. man erblickt ein lebensgroßes menschliches Skelett aufrecht stehend. Die beidcu Frauenzimmer fallen mit einem fürchterlichen Schrei ohnmächtig nieder: die eine rechts, die andere links auf Stühle' in demselben Momente öffnet sich der rechte Flügel des Kasten» und Marie springt heraus 12 den linken Flügel zuwerfend, in ihren Mienen malt sich die größte Bestürzung.) Marie. Was soll ich thun? Mt an's Fenster. ) Nur die schleunigste Flucht kann mich retten! — Noch immer das Boot nicht zu sehen! (Läuft gegen die Mittelthüre; man hört von dort Stimmen, sie wendet sich nach links.) Dorthin! — (Links ab.) Siebzehnte Scene. Munter, Vorige. Mun. Was sehe ich! — Walp. (die sich erholt hat). HerrDoc- tor! (Munter besprengt beide mit Wasser; sie kommt zu fick) Leoc. Wo bin ich? Mun. Was ist denn vorgefallen?! — Leoc. (aus der Ohnmacht erwachend). Tod — der leibhafte — Tod!- MllN. Tod! — (Erblickt den leeren Theil des Kastens, aus dem Marie entsprang.) Marie! Ivo ist Marie!? Leoc. (springt aus). Marie!? — Mun. Ja Marie—JhreMchte Marie! Leoc. Meine Nichte!? Walp. War's mir doch gleich — Mun. Entsetzlich! — (Zu Leocadia.) So wissen Sie denn, JhreNichte, ich liebe sie, — sie liebt mich! — Sie war hier- Leoc. Hier — Marie!? — Mun. Um Sie, mein Fräulein, aufzusuchen, um sich zu überzeugen, ob Sie in Sicherheit — und jetzt — oh! — (Erblickt da« offene Fenster.) Gott — welch' schrecklicher Gedanke! Sie hat sich in dieDonau — (Eilt an's Fenster.) Achtzehnte Scene. Marie. Vorige. Marie (stürzt von links herein auf Munter zu). Carl! — Mun. Marie! (Sie fallen sich in die Arme.) Mun. Du lebst — mein — Engel — mein Alles! — Leoc. (für sich). Welch' ein Geheimniß enthüllt sich vor meinen Blicken; das also der Grund jener Widersetzlichkeit gegen meine Plane! Walp. (fängt laut an zu schluchzen). D das Alles ist so rührend — ganz wie im Theater! Marie (wirft sich Leocadieu zu Füßen). Liebe, gute Tante, vergeben, verzeihen Sie mir, ich will Alles bekennen. Leoc. (gerührt). Sei ruhig, mein Kind! Marie. Ich wollte ja nur Sie sehen — Sie in der Gefahr aufsuchen.. Mun. Mein ungestümes Wesen hatte jene Katastrophe herbeigeführt, an derMarie keine Schuld trägt! Walp. (bittend). Ja, gnädiges Fräulein, verzeihen Sie! — Mun. (zu Leocadia). Da sich nun vor Ihren Augen das Geheimniß, das wir so lange still bewahrt, enthüllte; zerreißen Sie nicht, mein Fräulein, den Bund zweier liebenden Herzen! — Sie vertreten ja Mutterstelle an diesem Engel! — (Marie verneigt sich mit bittender Geberde.) Leoc. Und wozu soll ßas führen, meine Kinder? —Herr Doctor. Sie haben meine Sympathien im Sturme erobert, — ich habe alle Achtung vor Ihrem Talente und Ihren Kenntnissen: — ja ich bin Ihnen zu großem Danke verpflichtet; — doch werden Sie begreifen, daß ich gegenwärtig noch, wo Sie kaum am Beginne Ihres schönen und edlen Berufes — wo Sie noch keine gesicherte Stellung besitzen, über Ihr und Mariens Loos nicht entscheiden kann! Mun. (holt aus derTiscklade einen Brief, den er Leocadien überreicht). DH! Sie sehen M mir — mein Fräulein — den künftigen Leibarzt des Grafen von Silbert. Lesen Sie gefälligst dieses Document.(Leocadialiest den Brief.) Neunzehnte Scene. Mandelsaft, Nazi, Seppl, Chriftl und Nanni. Vorige. (Mandelsaft tritt vor, die Kinder bleiben in einer Reihe an der Thüre stehen.) 13 Mand. (zu Munter). Herr Doctor, das Wasser fallt, wir erscheinen als Deputation, um Ihnen unsern Dank für die glückliche Rettung meiner Alten und perspective Mutter dieser wohlgerathenenKin- der»auszudrücken. — Oh — Sie sind ein edler und genialer Doctor! — Unser Herr Doctor soll leben — Vivat! Die Kinder. Vivat! L e o c. (stellt den Brief Munter zurück). Mit Freuden stimme ich in den Jubel dieser guten Leute, und füge meinen herzlichen Glückwunsch bei. — Nehmen Sie die Versicherung, daß ich nun Ihrem und Mariens Glücke nicht mehr entgegen bin. (Munter und Maria danken entzückt durch Geberden). Wülp. (fängt wieder laut zu schluchzen an). Das ist zu rührend—ganz wie im Theater! Mun. (mit Emphase). Marie mein! (Er tritt zwischen Leocadia und Marie, ihre Hand fassend.) Zu Ende ist das graust Spiel — Wir stehen an des Glückes Schwelle, Uns brachte an das schönste Ziel: (Aus Leocadia und Maria deutend.) Der Donau und derLiebe Welle! (Gruppe.) (Der Vorhang fällt.) Ende. An» dem Thealer-Berlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Spaß, einen, will sie sich machen. S Schönstein Haustheater. Sperre, enge, oder: Die Hungercur. Schwank mit Gesang in 1 A. von Alois Berla. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 207.) 35 kr. 7'/, Sgr. Spiegel, der, oder laß' das bleiben. Lustsp. in 1 A. von Kotzebue. 1802 25 kr. 5 Sgr. Spiegelritter, der. Oper in 3 A. von Kotzebue. 1802. 40 kr. 8 Sgr. Spieler, der. Schauspiel in 5 Acten von Jffland. 60 kr. 12 Sgr. Spieler, die falschen. Lustsp. in 5 A Von Klin- ger. 1762. 50 kr. 10 Sgr. Spröde, die, auf der Probe. Oper in 1 Acte von Dupaty. 1805. 20 kr. 4 Sgr. Spnl, Herr, oder: Echtheit ohne Schimmer. Lustsp. in 5 A. 1794. 40 kr. 8 Sgr. Stauf, Hieronymus von. Trauerspiel in 5 A. von Friedr. Baron de la Motte Fouq«. Berlin. 1819 50 kr. 10 Sgr. Stelldichein, das, um Mitternacht. Lustsp. in 1 A, s. Castelli Sträußchen. 18 Jahragan. Sternenjungfrau, die. Romant.-komisches Märchen mit Gesang n. Tanz in 3 Abth. von Carl Haff- ner. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 10.) 60 kr. 12 Sgr. Sternenmädchen, das, im Meidlinger Wald. Volksmärchen mit Gesang in 3 A. von Huber. 1802. 50 kr. 10 Sgr. Stiefvater, der. Lustsp. in 1 Acte, nach Lauren- cin und Marc-Michel von Grandjean. (Wn. Theat. Rep.) 35 kr. 7'/- Sgr. Stiefel, der dämonische. Posse in 1 A. von Carl Juin. (Giugno.) (Wnr. Thcat. Rep. Nr. 118.) 35 kr. 7'/z Sgr. Ei« Stillleben auf dem Lande. Posse in 1 A von Juin und Flerr. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 149.) 35 kr. 7'/- Sgr. Stolz und Liebe. Lustsp. in 5 A. von Jünger. 40 kr. 8 Sgr. Stradella, Alesiandro. Romant. Oper in 3 A von W. Friedrich. Mustk von Flotow. gr. 16. Zweite Auflage. 1870. 35 kr. 7'/^ Sgr. Strafe, eheliche. Lustsp. in 1 A., s. Castelli Sträußchen 11. Jahrg. Strandcrs» des, Tochter. Schausp. in 5 A. Frei nach Sheridan Knowles, von Fr. v. Treitschke. Wien. 1840. gr. 8. 80 kr. 16 Sgr. Strelitzeu, die. Heroisches Schausp. in 4 A. nach einer wahren russischen Begebenheit, von Dabo. 1808 50 kr. 10 Sgr. Strich, der, durch die Rechnung. Lustsp nach Jünger. 40 kr. 8 Sgr. Studenten, die, von Rummelstadt. Genrebild mit Gesang und Tanz in 3 A. von Carl Haffner. (Wnr. Theat. Rep. Nr. 71.) 12 Sgr. 60 kr Stumme, der. Lnstsp. in 1 A. von Kotzeöue. 1808. 35 kr. 7'/, Sgr. Stumme, die, von Portici. Große heroisch-romantische Oper in 5 A. Frei nach Scribe und Drlavigue. Musik von Auber. 8. Neue Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Stunde der Vergeltung, die. Rittrrschausp. in 5 A. v. Schuster 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr. Sturm, der. Heroisch-komische Oper in 2 A. Nach Shakespeare von Hensler. 1798.25 kr. 5Dgr. Sünder, ein alter. Charakterbild mir Gesang und Tanz von Vinzenz Pirzel. (Wiener Theater- Rexerto r Nr. 142.) 60 kr. 12 Sgr. Tag, der tolle, öder die Hochzeit des Figaro. Lustsp. in 5 A. von Jünger. 40 kr. 8 Sgr. Tag und Nacht, große Zauberpantomime in 3 A. 1808. von Franz Kers. 10 kr. 2 Sgr Talisman, der. Posse mit Gesang in 3 A. von I. Nestroy. 12. Mit einem alleg. illum. Bilde 1843. 75 kr. 15 Sgr. Tancred. heroische Oper in 2 A. Nach dem Italienischen v. Chr. Grünbaum. 1818. nz kr. 7'/, Sgr. Drsmiun serio per klugiea iu 6ue ^tti. 1806. 35 kr. 7'/, Sgr. Tant', die Jungfer. Volkskomödie mit Gesang in 3 Akten mit 9 Bildern. Von Alois Berla. (Wien. Tbeat. Rep. Nr. 137). 60 kr. 12 Sar. Tante, die junge. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen. 9. Jahrgang. Tänzerin, die, und der Ouäcker. Lustsp. in 1 A, s. Castelli Sträußchen 18. Jahrgang. Taps, > der wie gewönne« so zeronnen. Posse in 2 A. Aus dem Französischen. 1793. 25 kr. 5 Sgr. Tarnov, Gräfin von. Drama in 3 A. 40 kr. 8 Sgr. Taschenbuch. Drama iu 3 A. von Kotzebue. 8. Leipzig. 50 kr. 10 Sgr. Tauben, die. Schwank in 1 A., s. Castelli Sträußchen 7. Jahrgang. Taubstumme, der, oder der ^lads cis l'kp««. Historisches Drama in 5 A. Nach VouIIv von Kotzebue. 1802. 50 kr. 10 Sgr. Taucher, der. Rom. Oper in 2 A. Musik von C. Kreuzer. 1824. 30 kr 6 Sgr. Taufschein, der. Lustsv. in 1 A Nach dem Franz. des Pica>d von Jffland. 1808. 40 kr. 8 Sgr Telemach, Prinz von Jtbaka. 1. Tbl Posse in Knittelvers, v. Hensler. 8. 1801. 40 kr. 8 Sgr. -der travestirte. Carikatur in Knittelversen mit Gesang in 3 A. 1 Thl. 1805. 40 kr 8 Sgr' Telemach auf der Insel der Calypso. Ballet in 3 A. v. Dauberval. 1807- Franz, und deutsch. 10 kr. 2 Sgr. Tell, Wilhelm. Gr. pantom. Ballet in 4 Acten von Henry. 15 kr. 2'/z Sgr. Temperamente, die. Kom. Over in 1 A. Nach Marsollier von Seifried. 8. 1803. 10 kr. 5 Sgr. Templer, die, auf Cypern.S. Werner Theat. 2. Bd. Tenniers. Lustsp. in 1 A. von I. Sonnleithner. 16. 1815. 25 kr. 5 Sgr. Testament, das. Lustspiel v. Schröder. 40 kr. 8. Sgr. Testament, das, des Onkels. Schausp. in 3 A. Nach dem Französischen von I. F. Castelli. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Testament, das, einer alten Frau. Drama in 5 A. von C. W. Koch. Stehe dessen dramat Beiträ. e Testamente, zwei. Charakterbild mit Gesang in 3 Aufzügen von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Rep>rtoire Nr. 77.) 60 kr. 12 Sgr Teufel, der, im Herzen. Lebensbild mit Gesang in 2 Acten und einem Vorspiele unter dem Titel : DasUnglückszeichen,von Flamm undWimmer. (WienerTb.-Rep. 190.) 12 Sgr. oder 60 Mkr. Teufels, des, Lustschloß.Natürliche Zauber-Oper ni 3 A. von Kotzebue. 1802. 50kr. 10 Sgr. Teufelsmühle, die, am Wienerberg. Oesterr. Volksmärchen mit Gesang in 4 Akten von Leopold Huber. (Wiener Theater Repertoire Nr. 112.) 60 kr. 12 Sgr. Tenfelsthurm, der, bei Linz. Komische Zauberoper in 3 A. v. Huber. 1804. 50 kr. 10 Sgr Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien Thankmar, der Eisenarm. Skizze der rauheu Zeit, in 5 A, 1806. 35 kr. 7'/, Sgr. Theater, zum ersten Male im. Poffe in 1 Akt, von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater Rep. Nr. 9.) Zweite Auflage 35 kr. 7'/, Sar. Thekla, die Wienerin. Vaterl. Schauspiel rn 5 A v. Ziegler. 1818. 8. 50 kr. 10 Sgr. Theophana. Trauerspiel in 5 A. Nach Babo. 1815. 35 kr. 7'/, Sgr. Thomi, oder die Stimme der Natur. Drama in 2 A., s. Castelli Sträußchen 6. Jahrgang. Thorringer, Caspar der. Hist. Schauspiel in 5. A- von GrafTörring-Seefeld. Zweite Auflage. 8. 1811. 50 kr. 10 Sgr. Thurm, der rothe, in Wien. Original-Schausp. mit Gesang in 3 A.v. Gleich. 1805.8.40 kr."8 Sgr. T^urneisen. Albert von. Bürgerliches Trauersp. in 4 A. v. Jffland. 1811. 40 kr. 8 Sgr. ,cyler, der liefländische. Lustsp. in 3 A. Nach dem Französischen 1812. 2 Aust. 40 kr. 8 Sgr. Titus, der Gütige. Ernsthafte Oper in 2 A. Nach dem Italienischen. 1811. 35 kr. 7'/z Sgr Titus Manlius Torquatus. Tragödie v. I. Passy. gr. 8. 1816. 35 kr. 7'/, Sgr. Tochter, die, des Kapitäns. Schauspiel in 3 Akten, nach dem Französischen von C. Gärtner. (Weener Theater Rep. Nr. 13.) 35 kr. 7'/, Sgr. Tochter, die, Pharaonis. Lustspiel in 1 Akte von Kotzebue. 8. 1811. 35 kr. 7'/z Sgr. Tochter, die, dankbare. Originaldrama in Prosa in 1 Akte 1773. 35. kr 7'/^ Sgr. Töchter, die erwachsenen. Lustspiel in 3 A. nach dem Franz, des Piccard, von Jffland. 1807. 50 kr. 10 Sgr. Todtenfackel, die, oder die Höhle der Siebenschläfer. Schansp. m. Ges. in 4 A. 40 kr. 8 Sgr. Ton, der, unserer Zeit. Lustspiel, von Jünger. 50 kr. 10 Sgr. Toni. Drama in 3 A. von Th. Körner, gr. 12. Wien. Orig. A. 1816. 60 kr. 12 Sgr. Tostl. Bon Wien nach London. Komische Scenen von Anton Bittner. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 147). 30 kr. 6 Sgr. Trauer, die tiefe, Lustsp. in 1 A. 35 kr. 7'/, Sgr. Traum, der, Lustsp. in 1 A., s. Weiffenthnrn Schauspiel XI Band. Traum, der, ein Leben. Dramatisches Märchen in 4 A. von Franz Grillparzer, gr. 8. 1840. 1 fl. 50 kr. 1 Thlr. Traum, ein, — kein Traum, oder: der Schauspielerin letzte Rolle.Posse mit Gesang in 2 A. von Fr. Kaiser. 8. 1851. 75 kr. 15 Sgr. Lreitschke, G. F., Singspiele nach dem Französischen. 5 Bde. gr. 8. 1808.5 fl. 3 Thlr. 10 Sgr. Trene, verkaennt Drama in 3 A., s. Castelli Sträußchen 4. Jahrgang. Tristan. Trauerspiel in 5 A. mit einem Vorspiel von Ludwig Schneegans. Leipzig 1865. 1 fl 50 kr. 25 Sgr. Triumph der Treue, oder die Rose der Schönheit. Feen-Dallet von Henry. 1824. 5 kr. 1 Sgr. Triumph» der, des Bitellins MadiminuS, oder die Zerstörung von Pompejanum. Ballet in 5 Akten von Aligiolini. 1810. 10 kr. 2 Sgr. Troubadour, der. Oper in 4 A. nach dem Italien, des S. Cammerano v. H. Proch. 35 kr. 7'/, Sgr. Lurturell, Trauerspiel in 5 A. von I. C. von Zedlitz. 12. 1821. 1 fl. 20 Sgr. U. A. W. G. oder die Einladungskarte. Schwank in 1 A. von Kotzebue. 1808. 25 kr. 5 Sgr. Ubaldo, Schauspiel in 5 A. Nach dem Trauersp. gleichen Namens des Herrn A. v. Kotzebue. 1809 50 kr. 10 Sgr. Ueberall Diebe. Original-Schwank in 1 Akte, von C.F. Stir (Wiener Theater-Repertoire Nr. 53.) 35 kr. 7'/-, Sgr. Ueberraschung, die. Lustspiel in 1 A. von Sonnleithner. 12. 1815 20 kr. 4 Sgr. Ueberraschung, die. Originallustspiel in 1 A. von Weidmann. 20 kr. 4 Sgr. Ueberspanntheit, oder die entsetzliche Literatur. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen 18. Jahrgang. Uhr, die, und die Mandeltorte. Lustspiel in 1 Akt von Kotzebue. 15 kr. 3 Sgr. Uhr, die hölzerne. Drama in 1 A. s. Castelli Sträußchen 4. Jahrgang. Um sechs Uhr ist die Verlobung. Lustspiel in 5 A Nach dem Englischen des Fielding von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Unbedeutende, der. Posse mit Gesang in 3 A. von Joh. Nestroy. 8. 1849. 1 fl. 20 Sgr. Unbekannte, der. Schausp. in 4 A. von Hrnsler. 1803. 50 kr. 10 Sgr. Ungarin, die schöne, oder das Pasquill. Lustsp. in 1 A. von Hensler. 1798. 8. 35 kr. 7'/z Sgr. Ungeduldige, der, Orig.-Lustsp. in 5 A. v. Weidmann. 35 kr. 7'/, Sgr. Ungetreue» der eifersüchtige, Lustsp. in 3 A. von Schröder. 50 kr. 10 Sgr. Unglücklichen, die, Lustsp in 1 A. von Kotzebue. 1810. 30 kr. 6 Sgr. Uniform, die. Oper in 2 A. Nach dem Franz. von Treitschke. 35 kr. 7'/z Sgr Uniform und Schlafrock. Lustsp. in 1 A. s. Castell Sträußchen 16. Jahrgang. Unrecht Gut. Charakterbild mit Gesang in 3 A. und 1 Dorsv. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 81.) 60 kr. t2 Sgr. Unser Fritz. Schauspiel in 1 A. von Kotzebue. 1803 35 kr. 7'/z Sgr. Unter der Erde, s. Elmar Theater. Untreue, die» aus Liebe. Nomant. Oper in2A. von Stegmayer. 1805. 8. 40 kr. 8 Sgr. Unverhofft. Poffe mit Gesang in 3 A. von Joh. Nestroy. Mit einem allegorischen Bilde. 12. 75 kr 15 Sgr. Unvermählte, die. Drama in 4 A von A. v. Kotzebue. 50 kr. 10 Sar. Urlka, die Negerin. Drama in 1 A. s. Castelli Sträußchen 11. Jahrg. Ursprung des Korbgebens. Dramat. Kleinigkeit in 1 A., s. Feldmann Lustspiele 2. Band. Urtheil, das, des Paris. Heroisch-pantomimisch. Ballet von der Erfindung des Hrn. Noverre. 1771. 10 kr. 2 Sgr. Ufa nqui, oder die Patrioten in Sina. Orig - Trauerspiel in 5 Acten von Weidmann 35 kr. 7'/, Sgr. Balberg, Elise von. Schausp. in 5 A. Von Jffland. 1808. 60 kr. 12 Sgr. Vau Dyck' - Landleben Malerisches Schauspiel v. Fr. Kind. 8. Leipzig 1821. 1 fl. 20 kr. 24 Sgr. Bater» der, von Ungefähr. Lustsp in 1 Act. Nach dem Französischen de- Pain und Vieil- lard von Kotzebue. 1804. 25 kr. 5 Sgr Wallishausser'sche Buchhandlung (Zosef Klemm) in Wien. Vaterfreude. Vorspiel von Jffland.' 1801. 25 kr. 5 Sgr. Waterfreude. Lustspiel in 1. A. Mit freier Benützung einer französischen Idee von Erik Neßl. (Wiener Theater-Repertoir Nr. 242) 35 Nkr. 7'/, Sgr Vaterliebe. Lustsp. in 4 A. von Ziegler. Baterstand. Lustsp. in 4 A. von Ziegler 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr. »Vater unser!« Lebensbild mit Gesang in 3 Abtheilungen und einem Vorspiel von E. Carl. (Wien. Theat.-Rep. 228) 60 kr. 12 Sgr Veilchenstrauß, der. (Wiener Theater-Repertoir 195). 35 kr. 7^ Sgr. Verbrüderung, die. Schausp. in 1 A. von Jffland. 35 kr. 7-/, Sgr. Verbrechen aus Ehrsucht. Familiengem. in 5 A. von Jffland. 80 kr. 16 Sgr. Verdacht, der ungegründete. Lustsp. in 1 A. von Brahm. 1771. 50 kr. 10 Sgr. Wergy, Gabriele v. Trag Ballet in 5 A. von L. Astolfi. 1829. 10 kr. 2 Sgr. Verlassene, die. Volksdrama in 5 A., nach dem Französischen frei bearbeitet von Therese Me- gerle. (Wiener Theater-Repertoir Nr. 109) 60 kr. 12 Sgr. Verläumder, die. Schausp. in 5 A. von Kotzebue. 1811. 60 kr. 12 Sgr. Verlegenheiten und Auswege. Posse in 1 A. s. Castelli Sträußchen 2. Jahrgang. Wermächtniß, das. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 1809. 60 kr. 12 Sgr. Vermählungsfeier, die, Alberts von Oesterreich. Orig.-Schausp. mit Gesang iu 4 A. von Gleich. 8. 40 kr. 8 Sgr. Verräther, der. Lustsp. in 1 A. von F. v. Holbein. gr. 8. 1845. 35 kr. 7'/, Sgr. Verrechnet. Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater Repertoire Nr. 93.) 60 kr. 12 Sgr. Verschwiegene, der, wider Willen, oder die Fahrt von Berlin nach Potsdam. Lustsp. in 1A. von A.v. Kotzebue. 181s. (Vergriffen.) Verschworenen, die. Oper in 1. A., s. Castelli Sträußchen 8. Jahrgang. Verschwörung, die, der Odaliken, oder die Löwenjagd. Singsp. von Hensler. 1792. 8. 50 kr. 1V Sgr. Versöhnung, die. Schausp. in 3 A. Nach dem Franz, von I. F. v. Weissenthurm, gr. 8.1833. 60 kr. 12 Sgr. Versöhnung und Ruhe, oder Menschenhaß und Reue. 2. Theil. Schausp. in 5 A. von Jul. Graf v. Soden. 8. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Verstand und Leichtsinn. Lustsp. von Jünger. 50 kr. 10 Sgr. Vertrag, der. Lustsp. in 1 A. Nach Marsollier, von Chrimfeld. 1805. 20 kr. 4 Sgr. Verwandtschaften, die. Lustsp. in 5 A. 1798. 50 kr. 10 Sgr. Veteran, der. Schausp. in 1 A. von Jffland. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Getter, der, in Lissabon. Familiengemälde in 3 A. von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Vielwisser, der. Lustsp. in 5 A. von Kotzebue. 1818. 60 kr. 12 Sgr. Victorine, oder Wohlthn» trägt Zinse«. Lustsp in 4 A. von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Viola. Lustsp. i» 5 A. nach Shakespeare »Was Ihr wollt.« Für die Bühne bearbeitet von Deinhardstein. 8. 1841. 80 kr. 16 Sgr^ Vließ, das goldene. Dramatisches Gedicht in 3 .Abtheilungen von Franz Grillparzer, gr. 8. 1822. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Enthält. I. Der Gastfreund. Trauersp. in 1A. — II. Die Argonauten. Trauersp. in 4 A. — Hl. Medea. Trauersp. in 5 A. Völkergröße, oder; Er blieb dennoch Vater. Originalschausp. mit Gesang von Wehrfeld. 8. 1807. 40 kr. 8 Sgr. Volksbühne. Wiener Taschenb. lokaler Spiele. Herausgegeb. von W. Turteltaub. 1839 gr. 12. 1 fl. 40 kr. 1 Thlr. 6 Sgr. Inhalt: Eulenspiegel von Nestroy. — Der Waldbrand von Gulden. — Nur Eine löst den Zauderspruch vom Herausgeber. Volkes Stimme, des. s. Holvein Dilettantenbühne für 1826. Vorhängeschloß, das. Posse in 1 A. nach dem Englischen »Dlis kalllvok.« von Carl Juin (Gmgno). (Wien Theat.-Rep. Nr. 111). 35 kr. 7'/, Sgr Vorleserin, die. Schausp. in 2 A. Siehe: Koch dramatische Beiträge. Vorlesung, eine, bei -er Hausmeister!«. Posse in 1 A. von Alex. Bergen. (Wien. Theat.- Rep. Nr. 60. Zweite Auflage.) 30 kr. 6 Sgr. Vormünder, die vier. Lustsp. in 3 A. von Schröder. 1805. 50 kr. 10 Sgr. Vormund, der. Schausp. in 5 A. von Jffland. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Vorsatz, der. Orig.-Lustsp. in 1 A. von Holdem. 12. 1826. 25 kr. 5 Sgr. Waaren, die englischen. Posse in 2 A. von Kotzebue. 1811. 35 kr. 7'/, Sgr. Waffenbrüder, die. Gemälde der Vorzeit in 5 A. nach Kleist s Familie Schroffenstein von Fr. v. Holbein. gr. 8. 1824. 80 kr. 16 Sgr. Waffenruhe, die, in Thüringen. 1. Thl. Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Hensler. 1802. 50 kr. 10 Sgr. Wagen gewinnt. Kom. Oper in 2 A. Nach dem Französischen von Treitschke. 30 kr. 6 Sgr. Wahl, die freie. Lustsp. in 1 A., s. Feldmann Lustspiele 1. Band. Während der Quadrille. Lufp. in 1 A. von Josef Bra«n.(Wr. Theat.-Rep. Nr. 191.) 35kr. 7'/,Sg. Wahn und Wahnsinn. Schausp. in 2 A. nach Melesville's: »Lllv est toll«,« bearbeitet von Lembert. Zweite Auflage. (Wien. Theat.- Rep. Nr. 34.) 40 kr. 8 Sgr. Wahnsinn. Drama in 1 A, s. Castelli Sträußchen 2. Jahrgang. Waisenhaus, das. Singsp. in 2 A. 1811. Viert. Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr Wald, der, bei Hermannstadt. Romant. Schauspiel in 4 A. nach dem Französischen von 3. F. Weissenthurm, gr. 8. 1833. 80 kr. 16 Sgr. Waldbrand, der, oder Jupiters Strafe. Ko«. Original-Zaubersp. mit Gesang in 2 A. von I. E. Gulden, gr. 12. 40 kr. 8 Egr. Waldegg, das Gut, die Husaren und der Mn- derstrumpf. Posse mit Gesang in 3 A. von F. Hopp. 8. 1846. 75 kr. 15 Sgr. Wallishauser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) iu Wien. (Dieses Nerzeichniß wird fortgesetzt.) Druck und Papi» von L. Sommer» Comp, in Wien.) WA? _ UN01O2 8s120-1 X3UV WWMN iiWMHWMlMBW X^IeQer 8rsc!r-Lio1!orQeL 149383 ?u !!! - V. i'! , '"V^' eOnf^^:?.^cEkiö^i<-^ d^5 Ö5Ikft^. 6^di^!1ULf?kMe2 Vi^/^ Den Bühnen gegenüber als Manvjcript gedruckt. Ein Schwiegervater für Alles. Schwank in einem Aufzuge. Mit theilweisrr Benützung einer französischen Idee, von Erik Reßl. (Im k. k. priv. Carltheater zuerst mit großem Beifalle aufgeführt.) Personen: Johann Nepomuk Zipfelbrrger, Privatier. Angelika, seine Gattin. Laura, seine Tochter. Ernst Fröhlich, sein Schwiegersohn (Laura'- Gatte). Olivia, Ballettänzerin. Tiger, Sollicitator. Schwip-- Peter, früher Diener bei Fröhlich, pselberger. jetzt bei Zi» Ort der Handlung: Wien,bei Zipfelbrrger. Geschmackvoll mövlirtrr Salon; im Hintergründe die große EingaugSthür. Link- »in Kamin, über demselben rin Spiegel. Weiter- gegen den Hinter grand zu eine Thüre zu Angelika'- Zimmer. Fau teuilS rc. rc. Recht- eine Thür zu Zipfelberger'S Aimmer, weiter gegen den Hintergrund zu eine Thür, welche in die Gemächer der Fröhlich'schen Eheleute führt. Im Vordergründe recht- ein ovaler Scene. Peter (vollendet die Auftakte» zum Frühstücke). — Angelica (tritt links aus ihrem Zimmer). Anaelica (übellaunig). Ist mem Mann noch nicht nach Hause gekommen? Peter. Noch nicht, gnädige Frau! Angelica. Schöne Wirtschaft; um halb neun hätte er zum Frühstücke kommen sollen — und jetzt ist's bald zehn Uhr! welcher gedeckt ist, elchem darr. rc.) (Kaffeekannen, T- Jch habe meine Zei — Zeitung geleserr -liebes Bibihendiü! Angel. Deine Zeitung?! So?! Schöne Ausrede! Da hast Du deine Zeitung, eben hat sie mir erst der Hausmeister auf der Stiege gegeben — (mit scharfer Be- toaung) und mir zu gleicher Zeit die Quittung für den fälligen halben Jahreszins präsentirt. Zip selb, (bei Seite, die Augen gegen Himmel schlagend, trostlos). OGvtt, 0 Gott, o Gott! Angel. Hierauf ging ich in mein Zimmer, — zu meinem Schreibtisch. (Mt erhobener Stimme.) Muki — wer hat die 500 Gulden aus meinem Schreibtisch genommen? Zipfelb. I — ich weiß es nicht. (Für sich.) Ich habe keinen Tropfen Blut im Leibe. Angel. So werde ich es Dir sagen. Du hast sie genommen, Mann ohne Treu' Und Glauben! (Nähert fich ihm.) Zipfelb. Später werde ich Dir Alles aufklären — Angel. Ich brauche keine Aufklärung, — ich sehe ohnehin nur zu klar. Diese angeblichen Spaziergänge nach Döbling, — und diese Nächte, — diese Nächte, ferne von der zärtlichen Gattin zugebracht, lassen mich Alles errathen. (Ihm au dm Leib rückend.) Muki, Du bist ein Heuchler! Zipfelb. (sich zurückjieheud). Angelica, Du täuschest Dich! Angel, (welche dm Flaschenhals aus dem Sacke des Zipselberger herausstehen fleht.) HlM- mel! Was sehe ich! Was ist denn das? (Zieht die Bouteille heraus.) bhüMpagner! (Greift in die andere Tasche und zieht tue oeidm Gläser nebst dem Briefe und der Disitlarte heraus.) Zipfelb. (bei Seite). Mir — wird hinaus-meine Bei — Bei — Beine versagen mir den Dienst! Angel. Zwei Gläser — — Du hast also erneu Zechgenossen bei Dir gehabt? 12 - ^ Wer ist es. wo steckt er, der Elende, welcher hierher kommt, um einen Familienvater zum Trünke zu verleiten?- Was find das für Papiere? Zipfelb. will ihr dieselben wegnehmen). Es ist nichts.-Dummheiten, Re- cepte, — Mittel gegen die Hundswuth! Trocknet sich den Schweiß ab, für sich.) Ich bin fertig.-jetzt kann es angehen! Angel, (den Brief schnell durchlesend). Engländer, — Champagner.- fesche Käfer ln. (Außer sich.) O meine Ahnung! Wüstling, — gestehe Alles, — sage mir noch das Letzte: — daß Du dein Vermögen vergeudet, — vertrunken hast. Zipselb. (losplatzend). Nem, — jetzt wird mir's doch zu stark, — so weit geht die Aufopferung nicht, — so höre denn, Avgelica, daß — (Lärmen eines fallenden Möbelstückes aus dem Zimmer, in welchem Olivia versteckt ist; Zipfelberger fährt zusammen.) Angel. Was ist das für ein Geräusch? Zipfelb. (ängstlich). Ge—Geräusch? Ich habe nichts gehört. Angel. Hier — in deinem Zimmer; — hast Du nichts fallen gehört? Zipfelb. sqanz gedankenlos ihr dev Arm bietend). Komm', — gehen wir — gehen wir spazieren! Angel. Muki, — es ist Jemand in deinem Zimmer. Zipfelb. (bei Seite). O Gott, o Gott, o Gott! Angel. Dein Mitschuldiger, deinZech- genoffe befindet sich darin. (Geht zur Thür und öffnet dieselbe.) Zipfelb. Da — da — das ist der Gnadenstoß!!! Angel, (hineinsprechend). Kommen Sie nur heraus, mein Herr! (Zurückprallend.) Himmel, — ein Weib, — eine Nebenbuhlerin. (Zu Zipfrlberger.) Blaubart! Ah. ah, ich ersticke, — ich erliege, — Luft! (Stößt einen sehr hohen und schrillen Schrei aus und fällt im Fauteuil rechts in Ohnmacht.) Äh! I Zipfelb. Zu viel — mir wird grün und gelb vor den Augen! Ah! Fällt wie ohnmächtig lins in einen Fauteuil; kurze Pause.) Eilste Scene. Olivia tritt ruhig au- dem Zimmer rechts. Olivia (die Beiden betrachtend). Sie scheinen gezankt zu haben! Zipfelb. (im Lehnstuhle, mit schwacher Stimme). Unselige! Das ist Ihr Werk! Olivia. Warumnichtgar! Wirklich? — ich hätt' ihn für einen wildfremden Menschen gehalten, weil Du ihn so kalt empfangen hast. Louise (sie küßt Herberg). O Du schlimmes Väterchen! > 6 Grüner. Mein Herr! Verzeihen Sie, daß ich wie ein Blitz aus heiterm Himmel in Ihr Haus hineinfahre, allein iv der Verzögerung hätte Gefahr gelegen. Herb erg. Und glauben Sie, daß die Gefahr durch Ihre Gegenwart beseitigt sei? Keineswegs! (MitBeziehuug auf Louise.) Sie ist jetzt eher noch vermehrt. Grüner. Sie zürnen mir wegen meines Erscheinens? Herberg. O durchaus nicht. Sie erscheinen so liebenswürdig, so bescheiden, daß ich mich eher darüber freue. Louise (ihn umarmend). O, guter, lieber Vater! Sag' selbst, Julius, ist das nicht ein reines Goldväterchen? Herb erg. Aber jetzt gescheidt! Herr Doctor, Sie werden schon-von Louisen wissen: Herr Spindelbein hat mein Wort. Wenn Sie ihn also dahin zu bewegen im Stande sind, daß er freiwillig seinen Anspruch auf Louisens Hand aufgibt, so ist Louise sammt meinem Segen die Ihrige. Grüner. O bester Mann! Dank für Ihre Güte! Ich bin bereits mit Herrn Spindelbein zusammeogetroffen, hier in diesem Zimmer, was uns jetzt vielleicht zu Statten kommt bei Ausführung unserer List. Louise (schnell und freudig). Wie, Du hättest schon eine List ersonnen? Herb erg (scherzhaft). Frag' doch nicht so naiv, mein Kind, der Herr ist ja Ad- vocat. Grüner (scherzhaft). Ich danke für das Kompliment! (Verbeugt sich.) Louise. Nun sprich, erzähle, was für einen Plan Haft Du ausgedacht? Grüner. Wenn Herr Spindelbein zurückkommt — er sucht Dich nämlich im ganzen Hause, — so stellst Du Dich ihm ganz gewogen und forderst nur als Beweis seiner Liebe, an welche Du nicht glauben kannst, irgend eine Probe. Natürlicherweise stellst Du eben eine solche Forderung, deren Erfüllung Dir von vorne herein ganz unwahrscheinlich erscheint. Du machst es aber zur Bedingung, daß Du nur dann das dreimalige »Ja« am Altäre sprechen würdest, wenn er diese Liebesprobe glücklich überstanden hätte, und forderst von ihm, im Falle er die Probe nicht aushielte, das Wort zurück, welches dein Vater ihm gegeben. Louise (in die Hände klatschend). Ach, der Plan ist köstlich! Der muß gelingen! Doctor, Du bist ein ganzer Mann! Herberg. Lieber Doctor. haben Ihre Studien viel gekostet? Grüner. Wie so? Warum? Herb erg. Weil das Geld wenigstens nicht hinausgeworfen ist. Grüner. Das ist ein sehr zweideutiges Lob. (Man hört von außen wieder den Hund bellen und dazwischen von außen die Worte rufen:) Schon wieder das böse Vieh! Wirst du gehen! Marsch! Sechste Scene. Vorige. Spindelbein (ganz verstörtnud derangirt, eilt links herein, finkt in einen Stuhl, wischt fich den Schweiß). Spindelbein. Ach! Uff! Ich bin ganz weg, total weg! Entschuldigen Sie allerseits, aber ich bin ganz weg. Grüner (bei Seite). Wollte Gott, daß er ganz weg wäre. Herberg. Erhole Dich, alter Freund! Was hat es denn gegeben, daß Du so echauffirt bist? Spindelbein. Ach, stelle Dir vor, mich verfolgt hier in deinem Hause ein eigenes Mißgeschick und zwar in Gestalt eines großen Haushundes, dem meine Visage durchaus nicht gefällt. Grüner (leise zu Louise). Der Hund hat Geschmack. Spindelbein. So oft ich dem Thiere nur von weitem in die Nähe komme, verfolgt es mich wie wüthend. Da sieh nur her, alter Freund, mein neuer Frack ist bereits ein Opfer seines Menschenhaffes geworden. (Zeigt den Frack, woran ein Schöße! — 7 — fehlt.) Eigentlich stnd Sie Schuld, schöne Braut, an diesem meinem zweiten Unfall! Denn die Sehnsucht nach Ihnen trieb mich im ganzen Hause umher und leider wieder in den Hof hinunter, wo das Malestzthier schon wieder auf mich lauerte. Doch jetzt ist Alles vergessen. Ich sehe ja Sie. »reine holde Braut. Sie wissen, welch' ein süßes Geschäft mich hiehergeführt. Louise (kurz). Von einem Geschäft weiß ich nichts. Mein Vater sagte mir nur. daß Sie gekommen seien, um mich als Gattin heimzuführen. Spindelbein. Heimführen! Za. ganz recht! Heim führen in die trauliche Stube! Und was sagt Ihr Herzchen dazu? Louise (mit rinrm Blick aus Julius). Mein Herz hat bereits gesprochen und vielleicht zu früh, zu vorlaut gesprochen. Spindelbein (der neben Julius staud, hat Louisevs Blick auf sich bezogen). O Du liebes vorlautes Herz! Hast Du wirklich gesprochen? (Küßt ihr die Hand.) Louise. Wie können Sie vor Zeugen mich so unzart fragen? Spindelbein (bei Seite). Also ohne Zeugen. O Gott! ich zerschmelze. Das Mädchen liebt mich, ich bin der Rechte! (Laut ) Also, Louischen, wollen Sie mir die kleine, schöne, schneeweiße Hand zum schönen großen Bunde reichen? Louise. Hören Sie meine aufrichtige Antwort. (Mit einem Blick auf Julius.) Ich wäre allerdings nicht abgeneigt, meine Hand zu vergeben, jedoch nur an einen Würdigen, der mich wirklich innig liebt! Ich fürchte aber, daß Sie in Ihrem sehr ansehnlichen Alter mich nicht so würden lieben, wie ich es.nothwendig glaube, um in der Ehe glücklich zu werden. Spindelbein (rasch). Stellen Sie mich auf die Probe; ich will es Ihnen beweisen. Grüner (bei Seite). Ach! das kommt gelegen! Louise (mit kiuem Blick auf Julius) Nun wohlan! Wenn Sie die Prüfung, die ich Ihnen zugedacht, bestehen; so werde ich Ihre Frau. Spindelbein (erfreut). O Gott! Prüfen Sie! Louise. Wenn Sie aber bei der Prüfung durchfallen, dann lieben Sie mich auch nicht. Dann bin ich frei und meinem Vater geben Sie dann selbst das Wort zurück! Spindelbein. Za. ja. Alles. Alles! Wie Sie wollen, wo Sie wollen, was Sie wollen und wann Sie wollen. Ich thue Alles für Sie! Louise. Nun, ich habe nur eine kleine launenhafte Bitte. Stellen Sie sich auf eine kleine Viertelstunde auf das nächste beste Feld als Vogelscheuche hin. Spindelbein (erstaunt). Erlauben Siek Als was soll ich mich hinstellen? Louise. Nu. als Vogelscheuche! Spindelbein (ga,^ verdutzt). Das ist ja so viel als wie Schetzenspracker. Spra- tzenschecker. oh! Spatzenschrecker wollt' ich sagen! Louise. Auf den Namen kommt es ja nicht an. Spindelbein. Ah, das ist nicht Ihr Ernst! Louise. Mein vollkommener Ernst. Sie sagten ja selbst, daß Sie Alles thun wollten, um'mir Ihre Liebe zu beweisen. Und ich fordere nur diese Kleinigkeit. Spindelbein. Ja, alles Andere! Aber eine spatzenschreckerische Vogelscheuche vorstellen? Ach! ich mit meiner imponi- renden Persönlichkeit? Julius (bei Stile). Gerade die Persönlichkeit genirt gar nicht. Louise (im weinerlichen Tone des Vorwurfes). Nun sehen Sie! Ich hatte Recht, als ich sagte: Sie lieben mich nicht. Spindelbeiu. Ja, aber — (Bei Seite.) Das ist eine verdammte Situation! (Laut.) Nun wohlan! Für Sie ist mir nichts zu hoch und nichts zu niedrig. Also ich soll als Vogelscheuche fnngiren? 8 Louise. Und zwar nur zehn Minuten, ohne sich zu rühren, ohne auch nur eine einzige Bewegung zu machen. Sie dürfen ja nicht aus dem Charakter Ihrer stummen Rolle fallen. Es mag um Sie herum Vorgehen, was da wolle. Sie dürfen sich nicht darum bekümmern. - Spindelbein. Nun gut, süße Braut, es sei! Ich bin bereit, diese moderne Feuerprobe zu bestehen. Louise. Und Sie, Herr Notar? Sie find so freundlich, diese Bedingung sine qua non zu Papier zu bringen und rechtskräftig zn machen. Grüner (mit Beziehung). Sehr wohl. (Thut als ob er etwas schriebe.) Louise. Und nun schnell hinaus auf's Feld! Es ist zwar kein Schlachtfeld — Spindelbein. Doch soll es ein Siegesfeld für mich werden. Herberg (bedenklich). Also Du bist wirklich bereit, in den Kampf zu gehen? Spiudelbein. Ja, und als Sieger führe ich die Braut dann heim! Herberg. Nun, viel Glück! Komm' mit mir. (Beide rechts ab.) Spindelbein (im Abgehell). Adieu, süßes Bräutchen! Bald find wir Mann und Frau. (Er wirst ihr einen Kuß zu.) Adieu! Siebente Scene. , Louise und Grüner. Grüner. Louise! Louise! Ich fürchte, Du hast ihm eine zu leichte Aufgabe gestellt, die er am Ende — Louise. Lösen wird — glaubst Du? O, fürchte das nicht, Julius. Ich werde das ganze Repertoire der weiblichen List durchgehen und gewiß gelingt es mir, ihn aus seiner unbeweglichen Stellung zu verlocken. Grüner. Wenn es Dir aber mißlänge? Louise. Sei unbesorgt und glaube mir, wo die Klugheit der Advocaten aufhört, dort fängt die List der Mädchen erst an. Grüner. O Du lieber kleiner Anwalt meines Herzens! Louise. Doch jetzt komm'! Der feierliche Augenblick der Entscheidung naht. (Feierlich, doch scherzhaft.) Und wie einst Schikaneder im Voraus wußte, daß ein Ta- mino aus Feuersglut und Wasserflut unbeschadet hervorgehen würde, so weiß ich jetzt schon, daß Spindelbein die drei Grade der ihm von mir zugedachten Feuerprobe nicht aushalten wird. Wir werden siegen! Grüner. Mit diesem Worte eröffnest Du mir den Suezcaual meines Lebensglückes. Louise. Wirklich? Nun, so nimm diesen Kuß als Reiseprogramm. (Sie küßt ihn, er umarmt sie; der Zwische»- Vorhang fällt rasch.) 9 Zweites Bild. Verwandlung. Rechts im Hintergründe das Landhaus mit einigen Stufen, zu deren beiden Seiten Statuen steh en. Den ProspectuS bildet eine heitere Gebirgslandschaft, von der untergehenden Sonne beleuchtet, links ganz im Hintergründe eia Krautfrld. in welchem eine Vogelscheuche ausgestellt ist, die so gekleidet wie Spindelbein und einer menschlichen Figur ganz gleichsehen muß, gut ausgestopft und mit breit, krämpigem alten Strohhnt bedeckt. Rechts ganz vorne eine Laube. Achte Scene. Herberg, Fritz (in heimlichem Gespräch aus dem Hause tretend, Susette nach ihnen zieht sich neugierig lauschend in den Hintergrund). Herberg. Hast Du wohl verstanden? Fritz. Sehr wohl! Herberg. So will es meine Tochter, so machst Du es! Fritz. Sehr wohl! Herberg. Und im entscheidenden Augenblicke kommst Du dann — Fritz. Sehr wohl! Herb erg. Immer das verdammte »Sehr wohl«, sag' lieber gar nichts. Fritz. Sehr wohl! Herberg. Schon wieder! Wenn Du deine Sache gut machst, wird Dich meine Tochter belohnen. Fritz (in freudigem Tone). Sehr wohl! Herberg. Und wenn Du es schlecht machst, werd' ich Dich bestrasen. Fritz. Nicht wohl! Herberg. Was? Fritz. Euer Gnaden sagten ja: ich dürfe nicht immer »sehr wohl« sagen. Herberg (lächelnd). Na, jetzt geh'. Bleib' aber in der Nähe. Thu', wie Dir befohlen und zeige deine Pfiffigkeit. (Z„'s Ha»r ab.) Fritz (laut rachrufcnd). Sehr wohl! Neunte Scene. Fritz und Susette. Susette (ist leise vorgrkommen, schlägt Fritz ans die Schulter und sagt in hohlem Geistrrtone:) Sehr wohl! Fritz. Bin ich aber jetzt erschrocken! Susette. Siehst Du, das macht dein schlechtes Gewissen. Was heißt das heimliche Reden mit dem gnädigen Herrn? Was soll dieser geheimnißvolle Auftrag? Worauf bezieht fich dein schauerliches »Sehr wohl«?! Was sollst Du thun? Was sollst Du vollbringen, das Niemand wissen soll? Ich muß es wissen, ich muß Alles wissen, was in dem Haus geschieht! Fritz. Das geschieht aber nicht in dem Hause. Susette (rasch). Also außer dem Hanse? Also geschieht doch etwas! Schnell heraus damit, was soll gescheh'n? Wo und wie soll's gescheh'n? Ich Hab' keinen ruhigen Augenblick mehr! Fritz. Ja, das ist ein Geheimniß. Susette. Aber warum ist es ein Geheimniß? Fritz. Weil ich's nicht sagen darf. Susette. Aber warum darfst es nicht sagen? Fritz (pfiffig). Weil es ein Geheimniß ist. Susette (zärtlich werdend). Fritz, wenn Du mich lieb hast, so sagst Du mir auf der Stelle, was Dir der gnädige Herr jetzt so geheimnißvoll anbefohlen hat. Fritz (mit komischem Pathos). Verlang mein Herzblut von mir, ich will's für Dich mit Vergnügen verspritzen! Doch dieß Geheimniß verlange nicht! Ich bin ein in Kraut gedünsteter, wollt' ich sagen: im Dienst ergrauter — Susette. Ach, jetzt hör' auf mit deinen schlechten Witzen. Wenn Du bereits 10 ergraut wärest, so möchte ich Dich ja gar! nicht. (Ihm schmeichelnd.) Aber so hast Du schönes braunes Haar und noch schönere! braune Augen, und d'rum. bist Du meii^ Fritz, und d rum wirst Du deiner Susette ^ jetzt gleich Alles haarklein sagen, gelt? (Sie hängt sich in seinen Arm.) Fritz. Bist Du aber eine Schmeichelkatze! Laß ab, Du verlockende Eva! — Meiner Seel', mich wundert's nicht, daß der Adam in den Apfel gebissen hat, denn Ihr Frauenzimmer könnt mit euren schmeichlerischen Bitten einen Kieselstein in Butterteig verwandeln. Susette (geschmeichelt). Meinst Du? Nun also, mein lieber Butterteig, (ihm schmeichelnd) jetzt sag' mir schön, was der Herr Dir aufgetragen hat. Fritz (seufzend). Nun also! Der magere alte Herr, der heute hier angekommen ist, der soll fich dort auf's Feld als Vogelscheuche hinstellen. Susette (neugierig), warum denn? Fritz (im Geistertone), ein Geheimniß. Susette (dringend), bitte Dich, rede! Fritz. Nein, das kann ich Dir sagen. Susette (schmeichelnd). Aber deiner Susette. Fritz (bei Seite.) Nein, das Mädel ist wirklich zu lieb. (Laut.) Ja, weißt Du, auf diese Art will der Alte unserm gnädigen Fräulein seine heftige Liebe beweisen. Susette. Ach geh', ist das wahr? Fritz. Ich schwör' es Dir bei Jagdtasche meines Großahuls! Susette. Ja, aber was hast denn dabei zu thun? Fritz (im tiefen Ton> Ja, das ist eben das Hauptgeheimniß. Susette. Na, Fritz mach keine Mäuse. Sag' mir jetzt nur schnell Alles. 8 ritz (bei Seite). Na wart', jetzt will So? Ja, aber Ja, das ist wieder Aber, Fritz, ich nicht der Du ich Dich kriegen. (Laut ) Nu, meinetwegen. Aber Du mußt mir dafür etwas geben. Susette (schnell). Was denn? Fritz. Einen herzhaften Kuß! Susette. Aber geh'! Da vor allen Leuten! (Auf's Publrcum.) Fritz. Nun, so leb' wohl! Ich sollte ohnedem schon fort sein. Susettte(ihn zurückhaltend). In Gottes Namen, da hast Du einen. (Nachdem sie ihn geküßt:) So, jetzt schnell, was ift's? Fritz (sieht sich vorsichtig rings um). Also, jetzt muß ich fort, aber morgen sag' ich Dir dann Alles. (Läuft lachend ab.) Susette (ihm nachrufend). Aber, Fritz, dein Versprechen! Fritz (auf der Loulisse zurückrufend). Morgen werd' ich's halten. Adieu! Adieu! Zehnte Scene. Susette (allein). Na, warte, Du Spitzbube! das will ich Dir merken! Ich war schon so gespannt. (Fast weinend.) Nein, das verzeihe ich Dir nie! Aus ift's mit uns Beiden für ewig! Was er mir jetzt sagte, ist gewiß auch nur von ihm erfunden, um mich zu belügen. (Man hört Stimmen im Innern des Hauses.) Ah, die Herrschaften kommen heraus! Vielleicht kann ich da etwas erlauschen. (Sie verbirgt sich, während die Andern auS dem Hause kommen, hinter der Vogelscheuche auf dem Felde, indem sie fich zusammenkauert.) Eilfte Scene. Susette (versteckt). Herberg. Louise. Grüner. Spindelbein. (Alle aus dem Hause kommend.) (Spindelbein in einem lichten Sommeranzng, der ihm zu weit ist, und einem alten Strohhut auf dem Kopfe. Der Strohhut muß sehr groß und breitkrämpig sein.) Spindel beim Aber, schöne Braut, das ist doch ein bischen zu viel, was Sie von mir verlangen. 11 Louise. Ich verlange ja nicht mehr, als daß Sie sich ganz kurze Zeit hindurch ruhig verhalten sollen. Her berg (scherzend). Und Ruhe ist doch die erste Bürgerpflicht. Louise. Und auch die erste Pflicht eines Gatten. Herberg. Du stehst aber wirklich köstlich aus in deinem Costüm, wie ein Adonis vom Belvedere. Spindelbein. Jn der That! Zch gefalle mir selbst. Ich sehe so originell aus, so pikant, so extravagant. Herberg. Ganz Charakter, durch und durch! Louise. Und jetzt auf Ihren Posten! Dort wartet schon Ihr Vorgänger, und wünscht abgelöst zu werden. Spindelbein. Nun denn, es sei! (Er breitet die Arme aus- Alle wenden fich gegrn die Vogelscheuche und lachen ob der Aehn- lichknt zwischen dieser und Spindelbein.) O, da steht ja mein Vorbild! Grüner (bei Seite). Oder vielmehr Ebenbild. (Alle gehen lachend auf die Vogelscheuche zu ) Herberg (bei Seite). FrappanteAehv- lichknt! Louise. Also, aUov8! (Hüpft voran, reißt die ausgestopste Figur aus der Erde und »Hut einen lauten Schrei, als sie Susette erblickt- Sie läßt die Figur fallen uud Susette bleibt unbeweglich kauern ) Alle (lachend). Ja, was ist denn das? Herberg. Susette, wie kommen denn Sie dort hinter die Vogelscheuche? Susette (ganz verUgrv vortretend). ^)ch wollte eben Wasser holen. Herberg. Auf dem Krautfelde? Ei, ei! Seit wann holt man denn das Wasser da? Susette. Verzeihen, Nachsehen wollt' ich. wie die Ananas gedeihen. Herberg. Und deßhalb verbargen Sie fich hinter der Vogelscheuche? Schau — schau! Seien Sie lieber aufrichtig und gesteh n Sie offen, daß Sie wieder lauschen wollten. Susette. Verzeihen. Euer Gnaden! Louise. Lieber Vater! laß die Arme gehen. Sie ist durch ihre Beschämung bestraft genug. Herb erg. Nun, so gehen Sie uud wählen Sie fich ein andermal eine bessere spanische Wand als diese. (Auf dir dalie- gcnde Vogelscheuche deutend.) Zwölfte Scene. Louise. Spindelbein. Herberg. Grüner. Louise (zu Spindelbkin). Also, wenn es gefällig wäre! Spindelbein. Nun denn, es sei! in zehn Minuten ist's vorbei. (Zir gehen aufs Feld uud Spindclbeiu^ stellt fich mit ausgebrrite- t'N Armen an die Stelle, wo früher die Vogel, scheuche gestanden. Zur Braut, zärtlich.) Nun, schönes Brautchen, ist's recht? Ja? LL Louise (schalkhaft). Ausgezeichnet! Gerade so dacht' ich Sie mir! Grüner. Das wäre ein Bild für einen Caravaggio. Herb erg (für sich). Er sieht aus wie ein zu Grunde gegangener Börsianer. Spindelbein. Nun, freut mich, freut mich, diese Anerkennung! Louise. Also jetzt Geduld, Ausdauer und Seelenstärke! Wir lassen Sie allein mit Ihren Gedanken, hoffentlich werden Sie dann in keiner schlechten Gesellschaft sein. Wenn wir in zehn Minuten zurückkommen und Sie haben fich bis dahin durch gar nichts aus Ihrer festen Position bringen lassen, so werde ich die Ihre; und die erste Bewegung, die Sie mit Ihren Armen wieder machen dürfen, wird dann die sein, mich als Ihre Braut zu umarmen. Spind elbein. O Wonne des Ge-' dankens! Ich will stark sein, wie Oedipus, 12 und mich durch keine List oder Verlockung des Feindes aus meiner festen Position bringen lassen. Herb erg. Nun, bleib' nur auch stark. Louise (sich ihm nähernd). Auf Wiedersehen! Wohl gemerkt, alle Mittel gelten. Spindelbein (ihr die Hand küssend). Und Sie, Herr Notar, bringen Sie dann den Heiratscontract mit. Wir wollen ihn leich hier im Freien unterschreiben. Das eutige Abendroth soll noch ein glückliches Paar bescheinen. Grüner (mit einem Blick auf Louise). Fa, das hoffen wir Alle. (Geht mit den Uebrigen dem Hause zu, und zwar indem nochmals Alle nach Spindelbein fich umsehen, der schnell die Arme stark auseivanderspreizt). Bravo! Bravissimo! Dreizehnte Scene. Spind elbein (allein). Nein! Was man oft aus Liebe thut, das ist wirklich extravagant. Wenn nur diese Louise nicht bei all' ihrer Launenhaftigkeit so louisenhaft liebenswürdig wäre. Aber so kann man ihr nichts verweigern. Es ist zwar extravagant, so dazustehen wie ein Meilenzeiger, allein ich thue es ja nur, um ihr meine Liebe zu beweisen. Die Luft zieht aber hier kannibalisch. Es scheint ein sehr kühler Abend zu werden. Au! — sapperment! mich reißt es in jden Gebeinen. (Will sich reiben.) Ja so, ich darf mich ja nicht rühren. Man beobachtet mich wahrscheinlich vom Fenster aus. O, guckt nur, guckt Euch nur die Augen aus. Ich rühre mich nicht. Au! (Fährt unwillkürlich mit der rechten Hand an'S linke Bein.) Verdammte Gicht! (Schnell wie. der die Hand gerade auSstreckend.) Die wird noch zur Verrätherin au mir. O weh, das wird immer ärger. Das ist ja eine verdammte Stellung hier am freien Felde, ohne Obdach, ganz wie in Bocche di. Cat- taro, und sich nicht rühren zu dürfen bei dem Schmerz, das ist ja eine verdammte Prüfung. Was sie denn nur will mit der Probe. Wahrlich eine extravagante Idee, mich hier als Vogelscheuche zu prüfen! Vierzehnte Scene. Spindelbein. Fritz. (Spilldelbetn steht unbeweglich.) Fritz (mit der Büchse aus der Schulter). Das war heute ein Pechtag für mich. Nicht einmal ein einschichtiges Eichkatzel Hab' ich gesehen. Ich kann wirklich sagen. Heut' Hab' ich noch kein Pulver gerochen. Nicht einen Schuß Hab' ich machen können. So wie ich mein Gewehr heut' früh geladen Hab', so bring' ich's jetzt Abends nach Haus. (Will abgehen.) Aber halt — ein geladenes Gewehr soll man nicht in's Haus mitnehmen. Ich werd'H erst hier ausschießen. (Er nimmt das Gewehr langsam von der Schulter.) Aber wohin soll ich schießen? (Er blickt erst ringsum, dann auf die Vogelscheuche hin.) Aha! Spindelbein (ängstlich). Na, nu, der Kerl wird doch nicht etwa — Fritz. Ja,das istdasBeste! Ich schieße auf die Vogelscheuche. Spindelbei «(für ßch).Ach,Herr Jeses! Fritz (lachend). Dem dort werd' ich jetzt eins auf den Pelz Hinaufbrennen. (Er spannt den Hahn.) Spindelbein (ängstlich für sich). Mir scheint, der Kerl macht Ernst. Fritz (daS Gewehr anlegend). Wart' du Spatzenschrecker du! Spindelbein. Na nu! (Will schon die Hände zusammenschlagen, fich aber plötzlich besinnend, für fich.) Ah, halt! Das ist nur eine Probe. Ja, ja, Probe Nr. 1. Fritz (absetzend, für fich). Der Alte hat Courage. (Laut.) Ach. der elende Spatzen- schrecker ist ja gar keinen Schuß Pulver werth. Da such' ich mir lieber was Gescheiteres. (Er hängt das Gewehr über die Schulter und geht recht- ab.) Spindelb ein (befriedigt). Wie derKerl noch grob ist. Richtig war's nur eiue Prüfung. Aber eine verdammte Prüfung. Das hält der Teufel aus. 13 Fünfzehnte Scene. Spindelbeio. Grüner. Louise. (Letztere kommen Arm in Arm auS dem Hause und gehen in leisem Gespräch biS in die Laube, wo sie sich niederlassrn.) Spindelbein. Was muß ich sehen! Der Herr Notar reicht meiner Braut den Arm und führt sie ganz graziös in die Laube. Sie Herr! (Will rufen, unterbricht sich aber ) Ja so, jetzt hätt' ich mich bald vergessen. Das soll ja auch nur eine List sein, um mich zu prüfen. Sie will meine Eifersucht erwecken, und mich auf diese Art verlocken. O, da irrt Ihr Euch. Ich rühre mich nicht. Ich weiß ja, daß es Euch nicht Ernst ist mit eurer Zärtlichkeit. (Kleine Paust.) Sie flüstern ganz leise mit einander. O. nur zu. nur zu. Es geht ihr doch nicht von Herzen. (Bedenklich.) Abersehen möcht' ich sie doch, wenn ich nur hinübergucken könnte in die Laube. (Er stellt sich auf die Zehenspitzen, den Hals lang vorstreckend, auf diese Weise zu erspähen suchend, was in der Laube vorgeht.) Grüner (welcher in leisem, aber innigem Gespräch mit Louise war). Er lauscht und gibt sich Mühe, uns zu beobachten. Louise. Ah, desto besser. Jetzt küss mir schnell die Hand. Grüner. Von Herzen gern, tausendmal für einmal. (Thut es.) Spindelbein. Ei Satan, er küßt ihr die Hand. Ja so, es ist nur Scherz. Nur Ruhe, bewegtes Gemüth. — Jetzt wie- der—-fie lächelt. (Rasch.) Das ist etwas viel für einen bloßen Scherz. — (Gemäßigt.) Nur ruhig, nur ruhig. (Selbstgefällig.) Du jugendliches Herz. Es geschieht ja nur, um mich zu prüfen. Grüner. Das wird wirken. (Küßt fie.) Spidelbein (für sich). Ah. das ist zu viel. (Er beugt fich so weit vor, daß er das Gleichgewicht verliert und fast nach vorn gebeugt ju Boden fällt. Er erhält fich jedoch mühsam aufrecht.) Sechzehnte Scene. Vorige. Susette. Su fette. Der gnädige Herr läßt bitten, die Herrschaften möchten fich gefälligst hineinbemühen, dieAnanas ist zerlegt und der Champagner entkorkt, der Fasan duftet köstlich, famos, delicat. Grüner (reicht Louise den Arm und führt fie in das Haus ab, nachdem fie beide bedeutungsvolle Blicke mit Spindelbein gewechselt.) Susette. Nu, und Euer Gnaden belieben nicht? Spindelbein (welcher fich vorhin gleich wieder aufgerafft und in Position gestellt, verneint mit dem Kopfe, unwillige Töne von fich gebend). Susette. Aber warum denn nicht? Der gnädige Herr erwartet Sie ja. Spindelbein (noch unwilliger brummend wie zuvor, dieselbe Gestikulation). Susette. Nu, mir kanu's recht sein. Wenn Euer Gnaden keinen Appetit haben, so kann ich Sie nicht nöthigen, aber ich sag' Ihnen, die Ananas duftet himmlisch. Ach! (Sie schnalzt mit der Zunge.) Spindelbein (unwillig brummend, macht mit der ausgestreckten Hand eine Bewegung, daß fie gehen solle, schnalzt dabei aber mehrmals appetitlich mit der Zunge). Susette. O, ich gehe schon, aber verkühlen Sie fich nicht. Es fällt schon der Thau und die Luft wird rauh, und Euer Gnaden find so jugendlich duftig und luftig angezogen. (Ab.) Siebzehnte Seene. Spindelbein (ihr nachrufend). Geh'zum Henker, du verlockende Syrene! Also auch die haben fie dazu dresfirt, mich zu verführen, aber ich bin stark trotz Fasan, Ananas, Champagner und Abendluft. Allein fie hat Recht, es wird verdammt kühl, wenn ich nur wenigstens meinen Frack zuknöpfen könnte. Extravagante Situation! 14 Achtzehnte Scene. Voriger. Herberg. Julius. Louise. Später Susette. (Kommen au- dem Hause.) Louise. Lieber Herr von Spindelbein, wir kommen heraus, um Ihnen die Zeit zu verkürzen; es fehlen nur noch fünf Minuten, find diese vorbei, und Sie sind so standhaft geblieben, wie bisher, dann find Sie die gewinnende Partie und ich bin verloren. Herb erg. Alter Freund, Du hieltest Dich bisher sehr wacker. Grüner. Sie find ein zweiter Mucius Scävola an Seelenstärke und Ausdauer. (Spmdelbein nimmt alle diese Bemerkungen ruhig hin, ohne eine andere Bewegung zu machen, als die, daß er mit leisem Kopfnicken selbstgefällig andeutet, wie sehr er sich geschmeichelt fühlt.) Herberg (in die Loulisst blickend). Was gibt's denn dort? Was läuft denn der Fritz so athemlos hieher? (ZuliuS und Louise blicken in die Coulisse, Spindelbein hält den Kopf unbeweglich nach vors ) Louise. Es scheint, als bringe er eine wichtige Nachricht. Grüner. Er hält ein Zeitungsblatt in derHand, und schwenkt es freudig in der Luft. Herberg. Was mag er wohl bringen? Er ist schon da. Neunzehnte Scene. Vorige. Fritz. Fritz (athemlos hereiastürzend). Neuigkeiten über Neuigkeiten. Gute Nachrichten feinster Qualität. Alle (mit Ausnahme von Spmdelbein) Was gibt's denn? Nur schnell heraus damit? Susette (kommt aus de» Hause und bleibt ««gierig stehen). Fritz. Sie erlauben schon. (Setzt stch mitteü der Bühne ciaf de« Boden, thut elttige tiefe Atemzüge mkd schreit dann Überlaut.) Der Friede ist gesichert. Die Rüstungen sind überall eingestellt. Großer Sieg in Dalmatien. Alle Papiere steigen. Die Actien floriren. Spindelbkin (schlägt vor Freude die Hände zusammen). Gott sei Dank! (Läuft hervor zu den Andern und will die Zeitung ergreifen.) Grüner (dazwischentretend). Halt. Herr von Spmdelbein. Sie haben Ihren Posten verlassen UNd Noch fehlen (aa die Uhr sehend) drei Minuten der anberaumten Zeit. Spindelbein (wiE wieder die Zeitung ergreifen, die Julius ergriffen hat). Ja, Sit haben Recht, ich habe verloren, allein das gilt mir jetzt ganz gleich. Ich bin Gründer undActionärvonsiebenBanken.DieseNach- richt gilt mir also mehr als zehn Bräute. Entschuldigen Sie, Fräulein Louise, her mit der Zeitung. Grüner (die Zeitung festhaltend). Also Sie bekennen sich als besiegt, und geben Ihren Anspruch auf? Spindelbein. Ja, ja. nur her mit der Zeitung. Grüner. Da haben Sie! Spiudelbein (die Zeitung aus der Hand reißend und suchend). Wo steht's denn? Wo? Fritz (irgendwo hindeutend). Dü. Spiudelbein (liest). Da steht ja gar nichts von der Börse. Fritz. Nicht? Dann wird's da stehen. (Deutet) Spindelbein. Wo? da? Da steht ja auch nichts. Fritz. Dann wird's auf der letzten Seite stehen. Spindelbejin (suchend). Da steht ja gar nichts von Politik. Da find ja lauter verliebte Anzeigen und kleine Inserate. Fritz (spitzbübisch). So? Dann wird's. vielleicht wo anders stehen. Spindelbein. Was? Woher hast Du dem diese wichtige Nachricht? Fritz (ihn in den Vordergrund ziehend). Mir hat s ein Tartar gesagt. Spindelbein. Was soll das heißen? Fritz (leise). Das soll heißen, daß die ganze Geschichte erlogen ist und daß Sie nur anfgeseffen find. Spiudelbein (außer sich). Wa — as! Aufgeseffen! (Wendet sich zu den Andern, schlägt fich vor m Kopf. Alle lachm.) O Himmel, was 15 war ich für ein extravaganter Esel! Jetzt wird mir Alles klar. Das war auch nur eine Finte. Fritz. Ja. und jetzt sitzen Sie in der Tinte. Louise. Verzeihen Sie mir die kleine List, es galt mein ganzes Lebensglück. Ich liebe — Spindelbein (schnell)- Mich! Louise. Nein, diesen da. (Julius am Arm fassend.) Spindelbein. Was! Den elenden Notar! Grüner. Nicht so eigentlich Notar, wohl aber Advocat, der sich Ihnen als Anwalt empfiehlt. Spindelbein (bei Seite). O, ich a8iuu8 äuplex. Also darum so zärtlich in der Laube? O, jetzt begreif' ich Alles. Nun, alter Freund, was sagst Du denn zu dem Allen? Herb erg (leise im freundlichen Ton). Ich sage, daß wir Alten doch nicht mehr zum Heiraten sind. Spindelbein. Ja, wozu find wir denn dann da? Fritz (bei Seite). Zum Foppen. Herberg. WirAlten sind da, umThor- heiten zu verhüten, nicht aber um selbst welche zu begehen. Spindelbein (versöhnt). Du hast doch nicht ganz Unrecht. Ich will mir das merken. Herberg, alter Freund, ich schäme mich jetzt fast vor den jungen Leuten. Herb erg. Sei nicht kindisch. Da Du jetzt ihrem Glücke nicht mehr hinderlich bist, so werden sie Dich achten und lieben. (Laut.) Nicht wahr,Kinder! Ihr nehmtmit Freuden meinen alten Freund in euren Familienkreis auf? Grüner und Louise. Don Herzen gerne. Für immer. Spindelbeill (tritt in ihre Mitte, sie reichen sich die Hände). Herb erg. Und Du, Fritz, bist von morgen an mein erster Revierjäger. Jetzt such' Dir auch eine Jägerin. Fritz. O, Euer Gnaden, das ist das Wenigste, die ist schon gefunden. (Susette hervorholead.) Susette, magst Du mich? Susette. Ja, aber Du mußt mir, als mein Mann, immer Alles offen sagen. (Schlägt rin ) Herb erg (zu Fritz). Also, dieses neugierige Plaudermäulchen hast Du Dir erwählt? Nun, in Gottes Namen! Morgen bezieht Ihr das neue Jägerhaus, es fehlt nichts mehr daran, als oberhalb derThüre das übliche Hirschgeweih. Susette (schelmisch^. O, Euer Gnaden, das ist das Wenigste. Das wird sich finden. Alle (lachen). (Passende Gruppe). Der Vorhang fällt rasch. Theater-Dcrlag der Wallishausser'schcn Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadl, Hoher Markt Nr. 1- Daterfreude. Dorftriel von Jffland. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Daterfreude. Lustspiel in 1. A. Mit freier Benützung einer französischen Idee von Erik Neßl. (Wiener Theater-Reprrtoir Nr. 242) 35 Nkr 7«/, Sgr Daterliebe. Lustsp. in 4 A. von Ziegler. Daterstand. Lustsp in 4 A. von Ziegler 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr. -Vater unser!" Lebensbild mit Gesang in 3Ab- theilungen und einem Vorspiel von E. Carl. (Wien. Theat.-Rep. 228) 60 kr. 12 Sgr Deilchenstraust» der. (Wiener Theater-Repertoir 195). 35 kr. 7'/, Sgr. Verbrüderung» die. Schausp. in 1 A. von Jffland. 35 kr. 7'/, Sgr Verbrechen aus Ehrsucht. Familiengem. in 5 A. von Jffland. 80 kr. 16 Sgr. Verdacht, der ungegründete. Lustsp. in 1 A. von Brahm. 1771. 50 kr. <0 Sgr. Dergy» Gabriele v. Trag Ballet in 5 A. von L. Astolfi. 1829. 10 kr. 2 Sgr. Verlassene, die. Volksdrama in 5 A., nach dem Französischen frei bearbeitet von Therese Me- gerle. (Wiener Theater-Repertoir Nr. 109) 60 kr. 12 Sgr. Derläumder, die. Schausp in 5 A. von Kotzebue. 1811. 60 kr. 12 Sgr Verlegenheiten und Auswege. Posse in 1 A. s. Castelli Sträußchen 2. Jahrgang. Vermächtnis das. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 1809. 60 kr. 12 Sgr. Dermählungsfeier, die, Alberts von Oesterreich. Orig.-Schausp. mit Gesang iu 4 A. von Gleich. 8. 40 kr. 8 Sgr. Werräther, der. Lustsp. in 1 A. von F. v. Holbein. gr. 8. 1845. 35 kr. 7'/, Sgr. Verrechnet. Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Tbeater Re- pertoir Nr. 93.) 60 kr. 12 Sgr. Verschwiegene, der» wider Willen, oder die Fahrt von Berlin nach Potsdam. Lustsp. in lAvonA.v. Kotzebue. 1815. (Vergriffen.) Verschworenen» die. Oper in 1 A» s Caneüi Sträußchen 8. Jahrgang. Verschwörung» die, der Odaliken, oder die Löwenjagd. Singsp von Henslrr. 1792. 8. 50 kr. 10 Sgr. Versöhnung, die. Schausp in 3 A. Nach dem Kranz, von I. F. v. Weissenthurm, gr. 8.1833. 60 kr 12 Sgr Versöhnung und Ruhe, oder Menschenhast und Reue. 2. Tbril. Schausp. in 5 A. von Jul. Graf v. Soden. 8. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Verstand und Leichtsinn. Lustsp. von Jünger. 50 kr. 10 Sgr. Vertrag, der. Lustsp. in 1 A. Nach Marsollier, »on Ehrimseld. 1805. 20 kr. 4 Sgr Verwandtschaften, die. Lustsp iu 5 A. 1798. 50 kr 10 Sgr Veteran, der. Schausp. in 1 A. von Jffland. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Vetter, der, in Lissabon. Familiengemälde in 3 A. von Schröder. 1804 50 kr. 10 Sgr. Vielwisser, der. Lustsp. in 5 A. von Kotzrbue. 1818. 80 kr. 12 Sgr. Victorine, oder Wohlth« n trägt Zinsen. Lustsp. in 4 A von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Viola. Lustsp. in 5 A. nach Shakespeare -War Ihr wollt." Für die "Bühne bearbeitet von Deinhardstein. 8. 1841. 80 kr. 16 Sgr. Vltest, daS goldene. Dramatisches Gedicht in 3 Abtheilungen von Franz Grillparzer, gr. 8. 1822. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Enthält: I. Der Gastfreund. Trauersp. in 1A. — H. Die Argonauten. Trauersp. in 4 A. — III. Medea. Trauersp in 5 A. Dölkergröste» oder; Er blieb dennoch Vater. Originalschausp. mit Gesang von Wehrfeld. 8. 1807. 40 kr. 8 Sgr. Volksbühne. Wiener Laichend, lokaler Spiele. HerauSgegeb. von W. Turteltaub. 1839 gr. 12. 1 fl. 40 kr. 1 Thlr. 6 Sgr. Inhalt: Eulenspiegel von Nestroy. — Der Waldbrand von Gulden. — Nur Eine löst den Zauberspruch vom Herausgeber. Volkes Stimme, des. s. Holbein Dilettantenbühne für 1828. Vorhängeschloß das. Posse in 1 A. nach dem Englischen »Id« kuäloelc," von Carl Juin (Giugnv). (Wien Theat.-Rep. Nr. 111). 35 kr. 7'/, Sgr. Vorleserin, die. Schausp. in 2 A. Siehe: Koch dramatische Beiträge. Vorlesung, eine, bei der HauSmeisterin. Posse in 1 A von Alex. Bergen. (Wien. Theat.- Rep. Nr. 60 Zweite Auflage.) 30 kr. 6 Sg«. Vormünder, dir vier. Lnstsp. in 3 A. von Schröder. 1805. 50 kr. 10 Sgr. Vormund, der. Schausp. in 5 A. von Jffland. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Vorsatz, der. Orig.-Lustsp. in 1 A. von Holdem. 12. 1826. 25 kr. 5 Sgr. Waaren, die englischen. Posse in 2 A. von Kotzebue. 1811. 35 kr. 7'/, Sgr. Waffenbrüder, die. Gemälde der Vorzeit in 5 A nach Kleists Familie Schroffenstein von Fr. v. Hvlbein. gr. 8. 1824. 80 kr. 16 Sgr. Waffenruhe, die, in Thüringen. 1. Thl. Schauspiel mit Gesang in 3 A. von HeaSler. 1t»02. 50 kr. 10 Sgr. Wagen gewinnt. Kom. Oper in 2 A. Nach dem Französischen von Treitschke. 30 kr. 8 Sgr. Wahl, die freie. Lustsp. in 1 A., s. Feldmann Lustspiele 1. Band. Während der Quadrille. Lufp. in 1 A. von Josef Braun.(Wr. Thrat.-Rep. Nr. 191.) 35kr. 7'/,Sg. Wahn und Wahnsinn. Schausp. in 2 A. nach MeleSville'S: »Llls sst solle," bearbeitet von Lembert. Zweite Auflage. (Wien. Theat.- Rep. Nr 34.) ' 40 kr. 8 Sgr. Wahnsinn. Drama in 1 A, s. Castelli Sträußchen 2. Jahrgang. Waisenhaus, das. Singsp in 2 A. 1811. Viert Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr Wald, der, bei Hermannstadt. Romaat. Schauspiel in 4 A nach dem Französischen von I. F. Weissenthurm, gr. 8. 1833. 80 kr. 16 Sgr. Waldbrand, der, oder Jupiters Strafe. Kom. Oriainal-Zaudersp. mit Gesang in 2 A. von I. E. Gulden, gr. 12. 40 kr. 8 Sgr. Waldegg, daS Gut, die Husaren und der Kiu- derstrnmpf« Posse mit Gesang iu 3 A. von F. Hopp. 8. 1846. 75 kr. 15 Sgr Wallishauser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. (Diese- Derzrichniß wird fortgesetzt.) Druck und Papier u«u L. Eavuna L Comp, in Sirn.) Den Bühnen gegenüber Manuskript und ausschließliches Eigenthnm der Theater-Agentie des Herrn C. A. Sachse. Die Pfarrersköchin. Lebensbild mit gesang in vier Acten von O. F. Berg. Personen: Frau von Stein, Gutsbesitzerin. Ernst, Infanterie-Officier, deren Cousin. Stieglitz, dessen Privatdiener. Pater Kilian, rin Landpsarrer. Gustl, seine Köchin- Ludmilla, Oberin des Stiftes Roseaheim. Flora Weißenbach, deren Nichte. Zipfel, Schulgehilse. Eia Stubenmädchen. Eine Marchande-de-Modes-Demoisellr Resi, Magd im Pfarrhofe- Eine Ordensschwester- HochzeitSgäste. — Dienerschaft bei Frau von Stein. — Ein Hochzeilszug. Erster Act. (Elegantes Garyonzimmer mit Mittel- und zwei Seitenthüren bei Lieutenant Ernst. Das ' Meublement ist modern.) Wohnung des jungen Osficiers in der Laserne befindet; im Gespräche treten aus der Thüre links — Fr. v. Stein mit -Hut und Man- tille und Ernst). Wiener Theater-Rcperioire Nr. 242 - 1 «xrfle Scene. (Wenn sich der Vorhang hebt, ist die Bühne einen Augenblick leer und man hört schmetternde Trompetenstöße aus dem Hose, da sich die r Fr. v. Stein. Um Gotteswillen, Emst, was macht man denn hier unten im Hofe für einen Heidenspektakel? Ernst. Signalübungen, meine liebe Cousine, das ist ja so noch das Einzige, was uns bis heute noch nicht reduzirt worden ist. Fr. v. Stein. Das ist ja um das Ge- hör zu verlieren! Ernst. Ja, wissen Sie. meine Gnädige, wenn wir hier in der Kaserne was Wichtiges zu reden haben, gehen wir auch immer anderswohin. Aber nur Geduld. Wenn er einmal im zweiten Hofe ist. dann wird's schon leichter! (Das Trompetrnfignal wird schwächer.) Sie haben also das Opfer gebracht, bis hierher zu kommen, theure Cousine — bis in die MouturScommission find Sie gedrungen, um mir Glück zu wünschen? (Küßt die Hand der Fr. v. Stein.) Sie find ein Engel! Sie geben mir zur Hochzeit, die heute Abends stattfindet, 30.000 Gulden Aussteuer, womit ich einige dringende Israeliten begleichen kann, —Sie führen Ihre beste Freundin, ein mit Geld und Schönheit gesegnetes Wesen, in meine Arme —und nun setzen Sie der Liebenswürdigkeit die Krone auf — (aus ein Bouquet, das sich iu einer Vase befindet, deutend) durch diese Blumen und durch Ihren Besuch! Fr. v. Stein. Weil ich mich sonnen werde in eurem Glück, weil ich den Augenblick nicht erwarten kann, den Sohn meines Schwagers und meine Freundin glücklich zu sehen. Aber Emst, was habe ich hören müssen? leugnen Sie nicht, ich weiß Alles! Es wäre entsetzlich, wenn Flora etwas davon erführe! Ernst. Nicht wahr? Flora wäre im Stande zuerst auf dem Wege des Cyankalis eine Gelegenheit zu Extrablättern und später eine Streitfrage zu werden für die beiden hiesigen Leichenbestattungs- gesellschaften! Fr. v. Stein. Pfui! Sie scherzen noch. Ernst? Ja einer Sache Jhtrer Zukunft die Ihr ganzes Lebensglück berifft? Ernst. Im Gegentheil, Coufine, ich ß bin ganz außer mir. aber ich habe schon I drei Stabsofficiere gefragt, einen in Ungnade gefallenen Major und drei in Disponibilität versetzte Oberstlieutenants, und keiner weiß mir zu helfen. Fr. v. Stein (die Platz genommen hat). So erzählen Sie doch die Geschichte. Ernst (neben ihr Platz nehmend). Mit größtem Vergnügen. Fr. v. Stein. Es existirt also wirklich ein zweites Mädchen, dem Sie die Ehe versprochen haben? Ernst. Ein erstes, Coufine, denn das war nämlich das frühere Mädchen. Fr. v. Stein. Ich will Alles wissen. Emst, Mes! Erzählen Sie! Ernst (tief ausholend). So hören Sie denn! (In diesem Augenblicke sehr starker Trommelwirbel vor dem Fenster, so zwar, daß man kein Wort der Erzählung versteht; natürlich bewegt der Schauspieler nur den Mund, ohne zu sprechen; nach einiger Zeit, während welcher Ernst heftig zu peroriren schien, betheuerte, schwor u.s.w., verstummt der Trommelwirbel und Ernst sagt refignirt.) Nun wissen Sie Alles, jetzt sprechen Sie, Er- uesUne! Fr. v. Stein (welche sich während des TrommelnS die Ohren zuhielt). Wie meinen Sie? Ich weiß gar nichts, denn in dieser verdammten Caseme versteht man ja nicht einmal sein eigenes Wort! Ernst. Richtig! Sie haben den Vortheil noch nicht weg! Daun muß ich Ihnen die Geschichte schon noch einmal erzählen. Also hören Sie denn! Sie wissen, liebe Coufine, ich wäre lieber Concepts- practicant beim Stempelamte geworden, aber mein Onkel, der 39 Schlachten mit- gemacht hat und unbegreiflicher Weise erst beim Probiren unserer neuen Hinterlader gefallen ist — dieser schreckliche Major wollte durchaus, ich sollte ebenfalls Sol- 3 dat werden. Gut, ich wurde es und obwohl ich mehr dafür wäre — mit dem Feind Alles schriftlich abzumachen — (auf eine ^ Schramme deutend) beim Andenken meines c guten Onkels — ich habe mich wacker gehalten— ich bin nicht Schuld daran, wenn unser weniges Silber als Kriegsentschädigung ins Ausland wandern mußte. Nachdem eine königlich preußische Kugel meinen Arm für ein Durchhaus angesehen hatte — streckte mich ein preußischer Husar mit dem Ausrufe (saßt Fr. v. Stein beim Arm) — glauben Sie ja nicht: rvwtstts — nein, mit dem Ausrufe: »Ei ß Herr je!« auf den Boden der Koruna Fr. v. Stein. Armer Ernst! Sie lagen vier Monate auf dem Krankenbette. Ernst. Aber in einem famosen Bette! Und diese Ruhe, ich dürfte im Stempel- amte gewesen sein. Der Pfarrer eines kleinen Dorfes in Mähren hatte sich einen kranken Krieger ausgebeteu und erdrückte mich mit seiner Zärtlichkeit. Fr. v. Stein. Und dort verliebten Sie sich also in den Pfarrer? N Ernst. Nein, in die Köchin. Z Fr. v. Stein. In die Köchin! Aber ^ Ernst, Ernst, an was haben Sie damals gedacht? Ernst. An die schwarzen Augen dieser Köchin, an ihre — Fr. v. Stein. Ich erlaffe Ihnen die näheren Beschreibungen. Ernst. Mein Gott, das Wesen war so aufopfernd, so zuthunlich! Sie weinte so herzlich, wenn ich seufzte, und wenn fie sich über mich beugte, um mir einen Verband auzulegeu — da hörte ich ihr Herz hämmern wie ein Mühlrad. Ich wäre um drei Monate früher gesund gewesen, wenn fie mich nicht täglich mehr als 70 mal mit ihrem Thee gemartert hätte. Fr. v. Stein. Und diese Köchin — Ernst (traurig). Diese Köchin! das heißt wissen Sie, liebe Cousine, es war allerdings nur eine jugendliche Verirrung, aber solche Verirrungen find mitunter sehr schätzenswerth! Nun aber, wo ich Flora kennen lernte, diese geistreiche Dame aus der Gesellschaft, nun weiß ich allerdings, daß die Pfarrersköchin nicht eine aus Dauer berechnete Verfassung, sondern höchstens ein paffendes Uebergangs- stadium gewesen ist. Fr v. Stein. Gott sei Dank! Flora jedoch — wie ich sie kenne — dürste von dieser Geschichte nie etwas erfahren. Ich bin überzeugt, daß fienoch im letzten Augenblick zurücktreteu würde. Ernst. Besorgen Sie nichts, Cousine, fie wird nichts erfahren. (Linen Brief her- vorziehead.) Pfarrer und Köchin treffen heute in Wien ein — fie wollen mich, den sie seit Monaten nicht gesehen haben, besuchen, vielleicht auch ausforschen, wann ich ein unvorsichtigerweise gegebenes Versprechen einlösen werde. Fr. v. Stein. Nun? Ernst. Ich werde dem Herrn Pfarrer, der sich hier anfiedeln will sagen, daß er mir keine Hannoveranischen Verlegenheiten bereiten soll und was Gusti die Köchin betrifft —wahrhaftig, es thut mir Leid um das Mädchen — aber ich werde mich mit ihr diplomatisch auseinandersetzen. Cousine, Sie sollen mit meinem Rothbuche zufrieden sein. Fr. v. Stein. So ist es recht! Und wenn ich Euch Beide heute zum Altäre führe, die Welt soll staunen über meinen Stolz! Denn ich, ich ganz allein habe diese Allianz zu Stande gebracht. Ernst. Ja wohl, Sie find, wasman so sagt, unsere Delegatton! Fr. v. Stein. Also auf Wiedersehen um 5 Uhr in Flora's Wohnung. Mir lacht schon das Herz im Leibe, es dürfte meine eigene Hochzeit sein; auf frohes, freudiges Wieder — (in diesem Augenblick ein heftiger Knall) Himmel, was ist das! Ernst. Triumph! Fr. v. Stein. WaS ist denn geschehen? 1 * Ernst, (ganz glücklich). Wir probiren nämlich schon seit längerer Zeit und — Fr. v. Stein. Nun und? Ernst. Und das ist der erste Hinterlader, der losgegangen ist! Fr. v. Stein (im Abgehen). So lang ich lebe, Ernst, sehen Sie mich nicht mehr in dieser vermaledeiten Caserne. (Ab durch die Mitte.) Zweite Scene. Ernst (allein). Die menschgewordene Gefälligkeit, meine Cousine, gibt keine Ruhe, bis sie mich unter die Haube gebracht hat! Wenn Sie mir nicht so zugeredet hätte, ich soll Flora lieben — weiß Gott ich möchte-aber was denn nicht noch Alles! (Nachdenklich.) Wenn ich vorerst meine Wärterin von damals, diese Gusti, auf den Weg der Erkenotniß zurückgeführt hätte (blickt in den Brief). Mit dem Frühzuge kommen wir an! Wenn ich auch alle üblichen Verspätungen dazurechne — in einer Stunde müssen sie da sein. Himmel. ein Gedanke! Wenn ich es dahinbrächte— daß sie Beide gleich im ersten Augenblicke entrüstet wieder abreisen? — Zeit gewonnen — Alles gewonnen — Bravo! ich finde nichts Besseres, so bringe ich fie Beide an — Sie, die saubere Köchin — und ihn — den frommen Herrn Pfarrer. (Schnell links ab.) Dritte Scene. Stieglitz (der Privatdiener, einen Stiefel putzend durch die Mitte, unterm Arm einige Bücher). Entreelied - i. Wir müssen jetzt gebildet weru', Drum müss'n wir auch Geschichte hör'n. Wir haben a Mathematikstnnd' Und schrei b'n uns alle Finger wund; Wir hab'n a geografische Und eine kalligrafische, A geometrisch-praktische, A theoretisch-taktische. Wir hab'n bis in die Nacht Leetion, Mir brummt der ganze Schäd'l schon — Und eine Frag, die is erlaubt: Zu was das Alles nutzt, Wann Aner so wie i im Krieg Nix als wie Stiefeln putzt? 2 . Wir müssen jetzt gebildet wer'n, Drum müss'n wir Länderkunde hör'n Und ich trag jetzt schon 14 Tag An Globus mit herum im Sack; Wir hab'n a philologische. Wir hab'n pathologilche, A deutsch-französich-diktandoschreib- A Turnbaumkraxler-Zeitvertreib- Gymnastische-Auweh-Lection. Mir brummt der ganze Schädel schon! Doch eine Frag, die is erlaubt: Zu was das Alles nutzt, Wann Aner so wie i im Krieg Nix als wie Stiefeln putzt? Ganz damisch bin ich schon von lauter »Bültung!« Mir tramt bloß von Quadratwurzeln und Federpinals und unlängst hat wenig g'fehlt, so lern' ich eine Hosen auswendig und klopf' die Geografie aus! Was g'schicht mir gestern? Gib ich meiner Schreibtheken ein Bussel und linir die Köchin vom Lrakteur! Und Alles das bloß, weil wir über Nacht gebildet sein müssen! D rum san uns aber a schon drei Tambour narrisch worn und ein G'freiter geht herum am Bründelfeld und dild't sich ein: er is eine Schachtel Oblaten ! (Nach- dcnklich.)Das heißtschaden thät's unsg'rad nicht, wenn wir a bissel was lerneten — aber wir san halt schon a bissel große Bubi (auf den Kopf deutend) . und. es will halt so g'schwind nix mehr eini in diese Lokalitäten — besonders darum — (auf den Bauch deutend) weil die unteren Sperl' säle niemals überfüllt find! (Wirst ein Buch aus die Erde.) Du verflixte Geografie! Erfahr' ich heut' zum ersten Mal, daß Rom in Italien liegt und i Hab' allerweil glaubt im Magen! (Wirst ein zweites Buch nach.) Du verdammte Mathematik! Glaub' ich bis heute, daß eine Division bloß in der Kavallerie vorkommt, und du Malefiz-Geometrie! Wann ich sonst was g'hört Hab' von an rechten Winkel, so is mir meistens 's Harmonietheater eing'fallen, derweil meinen die das ganz anders die Mathematiker! Vierte Scene. Vorige. Ernst. Ernst. Nun — was ist denn los? Sie werfen die Lehrbücher auf die Erde? Stieglitz. Ich bitt' Ihnen, Herr Lieutenant, hörn's mir auf mit dem Sö — sonst gift' i mi nur! Ernst. Sie wissen doch — Stieglitz. Versteht sich, weiß ich — aber ich bin im Stand' und vergiß die Subordination und hau Eur' Gnaden a paar Eandelabres z'samm — Ernst. So? Und warum capriciren Sie sich denn gar so sehr auf das Du? Stieglitz. Denken s nur nach a bissel, Herr Lieutenant, an die Zeit, wo i net Privatdiener, wo i no bei der Compagnie g'wesen bin! Wissen's damals in der gewissen Schlacht — wie's ang'fangt hat, schief z'gebn — es is eigevtli nie g'rad gangen — dahabn's anet g'sagt: (affectirt) Ew. Wohlgeborn, Herr Stieglitz, wie ich aus gut unterrichteter Quelle erfahre, scheinen wir dieses Gefecht zu verlieren — -na! sondern der Herr Lieutenant is blaß worn, hat sich umkehrt und hat zu sein Stieglitz g'sagt: »Camerad, bleib bei mir, Du warst mir treu im Leben, bleib' mir's auch im Tod!« Verstanden? Du und bleib, nicht Sie und bleiben's! Ernst. Ich erinnere mich daran! Stieglitz. Und wie nachher das Kügerl daher g'saust is, dahinein beim Aermel. und wie der Hußar Ihnen ans am Kopf 'geben hat und mir ani am Buckel -- wann ich wem mein Triumph zagen will, muß er mit mir in's Freibad gehn — wie Sie damals hing'sunken san auf's Feld mit die böhmischen Erbsen — da hab'n Sie nicht g'sagt: »Bleiben Sie gefälligst bei mir, bis ich die Ehre haben werde zu sterben* — na. sondern »Bruder*— habn's g'sagt — druck mir die Augen zu und sag' Jhnen's zu Haus, daß Du mich eingraben hast im Böhmerland!* — Bruder hab'ns g'sagt, Du habeu's g'sagt, hast, hab'ns g'sagt — (Bricht in Thronen aus.) Und was sekirn's mich denu jetzt? Ernst (ihn umschlingend). Ja wohl Hab' ich Du gesagt — und wahrhaftig, Du hast wie ein Bruder gehandelt an deinem Lieutenant. Stieglitz. Am Bu1el Hab' ich Ihnen g'nummen auf'n blessirten und davon bin ich mit Ihnen — die Leut hab'n glaubt, ich trag' a' Later'. Ernst. Du brachtest mich in den Pfarr Hof — Stieglitz. Brachtest! Netwahr und jetzt (ihn ausspottend). »Was treiben Sie denn denn da — lieber Stieglitz hin, lieber Stieglitz her,« den ganzen Tag nix als Sie — das kommt davon, weil Sie nicht an die historische Vergangenheit denken! O, wann Sie nur wieder wo lieger- len — Sie fangeten schon wieder an wie damals — Ernst. Nun — nun — es soll nicht mehr gescheh'n — wenigstens dann nicht, wenn wir unter uns sind. Ich weiß ja, daß ich an Dir eine treue Seele habe — Stieglitz. Die sich Alles hat g'fallen lassen. Wie ich mein Buckel nicht mehr in der Schlingen tragen Hab', geh' ich her 6 und verlieb' mich ia Pfarrer sein Köchin. Was thun Sie als Dank? Sie machen einen Eindruck auf sie, und wie ich ihr sagen will, daß ich ohne sie nicht leben kann, gibt sie mir einen Schupfer und ich flieg' in die Schwemm'! — An der Quelle saß der Knabe. Ernst. Das war damals — jetzt wird fich Manches ändern — Pater Kilian kommt heute hier an — Stieglitz. Was? der geistliche Herr, bei dem ich wiederholt aus Gefälligkeit für den Eoncertgeber ministrirt Hab' — Ernst. Kommt, wie gesagt, heut' an — in Begleitung seiner niedlichen Gusti! Stieglitz. Meiner, das heißt Ihrer, oder eigentlich seiner Gusti? Herr Lieutenant, ich melde mich zum Ausgang — ich melde mich gehorsamst zum Selbstmord, denn das halt ich nicht aus. Ernst. Was soll denn das wieder heißen? Stieglitz. Herr Lieutenant, wenn Sie kein Freund von Sectionsbefund find, so schicken's mich fort. Ernst. Aber warum denn nur? Stieglitz. Weil ich die Gusti nicht anschau'n kann, ohne ein Seite! Laugenessenz zu trinken. Ernst. Aber Du sollst Sie ja haben — Stieglitz. Ich die Gustel? — Ernst. Ja wohl Du die Gustel! Stieglitz. Ew. Gnaden, Herr Lieutenant, wenn das möglich wär' — Ernst. Nun? Stieglitz. Dann sag' ich auch Du zu Euer Gnaden. Aber wie wär' denn das nur denkbar? Sie hab'n ihr ja's Heiraten so gut wie versprochen — der Herr Pfarrer legt die Kaution, — so viel ich waß, sa'n die Gugelhupf schon vor drei Monat' bachen wor'n — Ernst. Und doch kommt es nicht dazu — und zwar aus dem einfachen Grunde nicht — weil ich heut' eine Andere heirate — Stieglitz. Eine Andere! (Ist aus den Lieutenant mit offenen Armen zugegangeu.) Herr Lieutenant — Ernst. Nun, was gibts'? Stieglitz (sich besinnend). Nix — nix — aar nix, a Fliegen Hab i bloß sangen woll'n, die fich hier am Sterndl hat niedersetzen woll'n — O Herr Lieutenant — es is nicht schön von Ihnen, daß Sie das Mädel fitzen lasten, aber wann Sie wüßten, wie schön es ist — Sie müßten Ihnen selber umarmen! Ernst. Die Gelegenheit war günstig — das zufällige Zusammentreffen — Zeit und Umstände wirkten mit. Stieglitz. Ich bin im Teich g leg'n. Ernst. Das Mädchen wußte damals selbst nicht, wie ihm geschah — Stieglitz. Zu unserem heißt es — Marsch hinaus, was hat er herin zu thun im Zimmer — Ernst. Ein Wort gab das andere. Stieglitz. Und so macht fich die G'schicht'! Ernst. Es war ein recht unvorsichtiger Jugendstreich-Du mußt mir helfen, ihn gutzumachen. Stieglitz. Ihnen Hab' ich damals am Buckel nehmen müssen — jetzt soll ich vielleicht die Gusti — Ernst. Mein Ehrenwort, Stieglitz, es ist zwischen mir und Gufli nichts vorgefallen, was ihre Ehre gefährden könnte — Stieglitz. Nix — Ernst. Nein — Stieglitz. Gar nix? Ernst. Gar nichts. Stieglitz. Jetzt hilftJhnen das Sternd! nix — jetzt muß ich Ihnen um'n Hals sall'n. (Thut rs.) Also die Gustel ist noch a ehrliches Madl — (sich in Positur setzend) unsereins kann fich noch sehn lasten mit ihr — ich kann noch amal mit ihr als Gatte — als — schaun's weg — als^ Vater, beim Heurigen fitzen- reden's, Herr Lieutenant, was fang i an, daß i's krieg die Gustel! Ernst. Du ziehst einfach fürchterlich los über mich. Dem Pfarrer sagst du — ich sei ein schlechter Katholik — Stieglitz. Sag a wir gar ka Katholik. Sag'n wir a Jud. Ernst. Wie Du glaubst! Sage nur, daß ich jahrelang nicht beichte, keine Predigten besuche, trinke, tanze, finge und Gott nur draußen in der Natur anbete. Stieglitz. Warten s nur wie ich Ihnen anmal! Ihnen siech ich schon mit der schwarzen Kirzen vor der Kirchenthür. Ernst. Ihr aber, der Gusti, ihr mußt Du anders beizukommen suchen! Sag' ihr z. B. ich sei ihr zwei- oder dreimal untreu gewesen. Stieglitz. Nehmen wir lieber glei a großes Dutzend, kummt billiger. Ernst. Sage, ich sei ein Schlemmer — ein Spieler — der ihrer gar nicht würdig wäre. — Stieglitz. Wie wär's, wenn man einfließen lasset, daß Sie schon amal wo ein- brocheu wären — Ernst. Sage, ich hätte sie nie recht innig geliebt — wir würden einander nicht glücklich machen — es sei ein Scherz gewesen und dann rücke mit deinem eigenen Geständniß heraus! Weiß Gott, ihr Beide paßt auch viel besser zusammen! Also, wie gesagt, mache ihr die Sache auf kluge Weise begreiflich, falle nicht mit der Thur in s Haus und suche — dieß ist mein aufrichtigster Wunsch — das gute Geschöpf glücklich zu machen. (Durch die Mitte ab.) Fünfte Scene. Stieglitz (allein, hüpft im Zimmer herum). Heirat ein' Andere, heißa ju- cheh ü! (Plötzlich stillestehend.) Aber nimmt deßwegen die fesche Gustel Dich? Dich, den armen Privatdiener, der nix hat als eine große Portton Herz ohne Alles? A was! Aussichten san amal da! Zuerst hat's g'heißen: »Wir können warten,« dann: »die Bahn ist frei« — na, jetzt wird doch vermuthlich auch die neue Aera kommen? G'schwind hinaus aus der Kommißschäler — hinein in den Paradejanker, die neucheu Doppelten aus'n Kaste!— daS reglementswidrige Halstüchl — an Zwicker Hab' ich auch (steckt ihn auf die Nase) dazu die neuche Bildung aus die Büchel»! O. ich siech schon den Herrn Pfarrer in der anen Hand die Dosen, in der andern den Segen — ich hör's schon am Altar — (schüchtern) Ja — ich (schreit) Ja! — er der Herr Pfarrer (im tiefen Baß) — psr omaia saeeula sasoulorum — Viktors, Laudon — ich bin a glücklicher Kerl! ("Schnell rechts ab.) (Sogleich beginnt das Ritornell des Ln- träe-Duettes, welches auf 'einen Moment verstummt, während welchem man an der Thüre klopfen hört; diese öffnet sich und es treten ein:) Sechste Scene. Pater Kilian (eine äußerst freundliche, leutselige, herzgewinnende Gestalt mit rothem Paraplui und einer Reisetasche; ihn mit der größten Sorgfalt geleitend Gusti, die Köchin, die ziemlich bäurisch gekleidet ist, und hauptsächlich einen sehr altväterischen Hut trägt. Gusti hat verschiedene Schachteln zu tragen.) Entree-Duett. i. Beide. Wir kommen jetzt vom Land in die Stadt Der Unterhaltung weg'n. Wir hör'n es is im Heinrichshof Ein Riesenkiud zu seg'u. Sie. Beim Renz soll eine Mohrin sein, Das ist was für die Herren — Er. Die möch't i mit der Gustl seg'n, Wanns amal blaß thut wer'u — Beide. Wir wissen nix vom Cursalon, Dom Eislauf — rutsch — Verein, Von schön ob Regen, von Häriugschmaus Und was so Sachen sein. Sie (zum Publicum, so als ob es Pater Kilian nicht Horen sollte). Ich kauf mir jetzt a Hüterl, Wie s nobel is, a rund's. Er (eben so). Ich schau mir die »Helena« an, Die Sache bleibt unter uns! Beide (zugleich aus einander deutend). Er. Sie. Ich komm nur wegen der Gusti her, Damit sie Etwas ficht. Denn ich bin über - das hinaus. Mich interessirt das nicht! Zch komm nur wegen Hochw. her, Damit er Etwas ficht. Denn ich bin über das hinaus, Mich interessirt das nicht! 2 . Er. Wie s hier jetzt zugeht, das is groß, Wir warten eh' schon d rauf; Die Spitzbub'o Hängen s hier nur mehr Beim Oskar Kramer auf! Sie. Und unmoralisch sein die Herrn Bis in die Seel' hinein. Er. Dagegen soll die Damenwelt Hier sehr verdorben sein. Beide. Im Theater geht es schrecklich zu, Die Demokraten wühl'n, Es soll, wie uns erzählt wird d'raußt, Jetzt gar a Pfarrer spiel». Sie. Sehr selten, daß man noble Herrn In aner Predigt find t. Er. Natürlich, Haben s nicht Zeit dazu, Weil's bei der Mannsfeld 'find. — Beide (zugleich wie in der 1. Strophe). Gustl. Na, die Freuden, was der Herr Ernst haben wird, wann er uns ficht. Hochwürden — Sie wer n seg'n, der Mann wird narrisch — Pater Kilian. Versteht sich! Ich bin neugierig, ob er mich noch erkennt — ich bin in der letzten Zeit a bisserl blaß wor'n. Gustel (sehr ängstlich). Ist Ihnen vielleicht schlecht, Hochwürden? Pater Kilian. Nein, imGegentheil — ich glaub', daß wir wo a paar Frankfurter — — Gustl (ängstlich). Sie sagn's nicht, ich siech Ihnen an, es is Ihnen nicht recht gut — Pater Kilian. Wann ich Dir aber schon sag', daß ich glaub', wir sollten wo einen Pfiff — Gustl. Nein, Hochwürdiger, um keinen Preis in der Welt — reden's lieber — net wahr, da thut's Ihnen weh? Pater Kilian. Aber ich Hab gar keine andere Sehnsucht, als daß wir in ein Wirths— Gustl. O, da kennen Sie mich mcht, geistlicher Herr. (Holt ein Fläschchen und ein Stück Zucker aus einem Zöger.) Gleich wer'n Sie Ihre Tropfen nehmen aus ein Stück! Zucker. (Präparirt die Medicin.) P. Ki l. Kummt schon wieder mit derer dalkerten I'metnra lanäani — Pfui der Teufel! Gustl (die Tropfen zählend.) Siebene, acht, neun, zehn — P. Kil. Und so geht's das ganze Jahr! Ein Kakazer und sie laßt mich sieben Wochen nicht'aufsteh n! Leg i mi zeitli nieder, sagt's i bin krank und ich muß drei Hefen ^uraxaenm trinken, bleib, i hingegen lang auf, so sagt's, daß is ein nervöser Zustand und ich kann sechs Häfen trinken I'arLXLeum. 9 Gustl. So, geistlicher Herr, das neh- men's und nachher legen's Ihnen auf der Stell nieder — P. Kil. Gut. ich nimm's. damit ich Dir meine Gefälligkeit zeig', aber niederlegen? Nein! Ich bin nicht nach Wien, daß ich mich niederleg', au eontrairs. Gustl (weinerlich). Gut, Hochwürden, ruinirn's -Ihnen nur! P. Kil. Ruinir' ich mich denn, wenn ich wo ein Pfiff Wein trinken will? Da gäbet's ja gar nix mehr wie lauter ruiuirte Klöster! Gustl (immer weinerlich). Thun s nur fortarbeiten aus Ihre Gesundheit — wann's a wissen, daß Sie nix vertragen. P. Kil. So? Mir is nie besser, als wie auf G'selchtes mit Knödeln. Gustl. Nur zu. Hochwürden! Also dämm find Sie in die Stadt, daß Sie die gefährlichen Leidenschaften kennen lernen und Ihr Bissel Gesundheit auf's Spiel setzen. P. Kil. Aber ist denn ein Bierhaus eine Leidenschaft? Glaubst Du, der Magistrat gibt Concessionen zu Leidenschaften? Sind die »drei Raben« ein Laster oder der Kummer? Gustl (sich die Thränen trocknend). O, ich red'ja nix mehr — o, ich bitt', geistlicher Herr, genirn's Ihnen gar nickt (immer verbissener) und wenn Hochwürden vielleicht glauben, daß ich Hochwürden im Weg bin — so dürfen Hochwürden nur reden und der geistliche Herr wer'n seg'n, daß ich Hochwürden den Herr Pfarrer auch hingehen lassen kann, wohin der geistliche Herr will! Aber wenn Hochwürden dann krank daliegen werd'n — P. Kil. (seufzend). Ich steh' a bißl was aus! Gustl. Von den Menschen verlassen — P. Kil. Also wer'n wir halt in Gottes- namev nicht in s Wirthshaus geh n. Gustl. Und wenn Hochwürden dann einseg n, daß es zu spät is — dann werd' ich kommen und werd' sagen: — Segen s, Hochwürden, jetzt haben Sie's, geistlicher Herr. (Bricht in Thränen aus.) P. Kil. Aber Gusti! Was red't Sie denn daher? Wann Sie's durchaus net will — also gut — nun — gehen wir net in's Wirthshaus frühstücken, es is ohnedem die 40tägige Fasten, san wir gute Christen, nur mi net sekiren. Gustl. Gehn's, nehmen's noch a 15 Tropfen. — P. Kil. Schau, Gusti, Alles was recht ist, aber Du bringst mi mit deiner Aufmerksamkeit no in's Grab! Ich möcht' gern lustig sein mit Dir — möchtDi wo hinführ'n, wo's d'was siegst, wo's a bissel laut hergeht, daß wir recht lachen alle Zwa—zu ein' guten Glas'l Wein — zu ein' Tanzerl — a richtig, jetzr wär' ich bald weltlich gewesen — zu einer soliden Unterhaltung — aber wie ich so was will, kommst' alleweil mit Deinen Laudanum- tropfen. Pfui der Teufel! Gustl. Da müssen's schon nicht bös sein, geistlicher Herr — aber auf so an Mann wie Sö ana san. muß man auch Obacht geben. — P. Kil. Bin i denn so a flotter Geist? — Gustl. Das net, aber so a guter Mann san's — a solcher Christ — net aner nach'm Büchel, sondern nach'm Herzen — daß i's für meine Pflicht halt — als wie a Schutzgeist an Jhnerer Seiten zu bleiben. P. Kil. Geh', geh', geh' Du Schmeichelkatze!! — Gustl. Nix, Herr Pfarrer — wann Sie Ihnen kan' Kompliment machen lassen, kumm i gleich mit die Tropfen. P. Kn. Also mach' Complimenten. 10 Gustl. Haben Sie net das Findelkind, das verlassene Waserl, was auf amal wie vom Himmel gschneib't in Jhner Dorf g wesen i's, in Pfarrhof genommen — aufgezogen, unterricht — haben Sie net an mir g'haudelt wie a Vater? — P. Kil. (eine Thräne im Auge zerdrückend). Sei so gut und sag' so was laut — Gustl. Haben Sie Ihnen mit der Sorgfalt für das verlassene Kind nit a Stufen im Himmel baut — Herr Pfarrer? — P. Kil. (fie abwehrend). Geh' hör' auf, hör' auf. Gustl. Und so an Mann, der die Barmherzigkeit net bloß predigt — sondern selber ausübt — der net bloß schön daherredt vom göttlichen Beispiel — na — der sein Bissel theilt mit dem Unglück — der net nur erzählt von unser» Herrgott, der die Kleinen zu sich kommen laßt, sondern richtig a selber so a Klan s zu sich nimmt — den soll ich net schützen und schirmen — den seine Schritt soll i net beobachten wie — wie — wie — a Polizeimann? Geistlicher Herr, net bös sein — aber die Gustl, wann's Ihnen uo so gift, fie kann halt net anders. (Sinkt an seine Brust.) P. Kil. Meine gute Gustl, Du armes, verlassenes Kind! (Pause.) Hab Dich ja a gern — maßt es ja! Geh', hör' auf! — -(Tritt in eine Ecke und trocknet sich daS Auge — Gustl ebenso in der andern Ecke — nach abermaliger Pause.) Zch geh' da in die Stadt eina, daß wir uns unterhalten — g'sperrteSitz — Schwender's Pracht- salou — Nagel und Amon — L0I08- kremo-spintokromo und derweil seg'n wir nur bis dato bloß dieLntropriss äs 8 xompsu tunsdrea. (Zieht die Dose, klopft aus dieselbe und blinzelt aus Gustl hinüber.) Gustl! Komm her da! Mach' keine Dummheiten! — Scheint die Sonne noch so schön — im Kalender thut immer was Anders stehn. (Gustl ist herübergekommen.) Gustl. Befehlen, Hochwürden? P. Kil. Du waßt ja, Gustl, wegen was wir daherg'rast sau? Gustl. Ja, Hochwürdeu. P. Kil. Du hast da einen Officier kennen gelernt, einen charmanten Mann, der uns geholfen hat diese Schlachten verlieren — Gustl. Den Herrn Ernst — P. Kil. Der bei uns g'legen is, eigentlich bloß bei mir. Der Mann hat Dir 's Heiraten versprochen — Du hast » gern; ba 3 ta! sagt der Pfeffermann. Gustl. Zch nimm' ihn aber bloß, geistlicher Herr, wenn er zu Ihnen hinauszieht - P. Kil. Glaub' ich nicht, daß er das thun wird, weil Einer, der amal Lieutenant war, sehr selten mehr Meßner wird — Gustl. Ja, da nimm i n nachher net. P. Kil. Schau, Gustl, die Sach' is amol so weit, das geht jetzt nicht mehr! Auch kann ich Dich mit bestem Willen mcht mehr b'halten im Pfarrhof — Gustl. Was. Hochwürden? P. il. Weißt, die Leut' fangen an zum Reden und heutzutag muß Unserans besonders vorsichtig sein, sonst setzeu's ein' glei wo hinein als Sanfedisten. Gustl. Ich darf also net mehr außi in Pfarrhof? P. Kil. Das schon, aber nur mit dein' Mann! Gustl (entschieden). So? nachher derf i? da muß er mi dann heut' noch heiraten. P. Kil. Das geht nur bei der Zivilehe so g'schwind, Gusti; vorläufig, bei uns. macht das allerhand Bandlereien und die mußt du schon abwarten. O Du mein Gott, der Stieglitz —! Siebente Scene. Vorige. Stieglitz (in Gala-Uniform, einen Nasevzwicker in der Hand). Stieglitz. Hochwürdeu — Fräulein Gusti — ich Hab' die Ehre, Ihnen beider- 11 seits eineu guten Tschau zu wünschen — also zwei Tschäue! Gustl. Grüß Ihnen Gott, Herr Stieglitz!— P. Kil. Sie haben Ihnen aber gar net verändert! Nicht um ein Sterndel mehr is auf Ihrem blauen Firmament aufgegangen. Stieglitz. Ja, bei uns Privatdieneru ist das ganze Avancement eing'stellt. Gustl (ihm ein offenes Knopfloch zeigend). Und wenn der Herr Stieglitz uet bester Acht gibt und jeden Knopf offen laßt, schauu's nur daher — nachher wird's gar happern mit'n Avancement. Stieglitz. O, was das anbelangt, so find's nicht mehr so genau. Früher hab'n die Knöpf alle zu sein müssen, jetzt sau s froh, wann uns der Knopf aufgeht. P. Kil. Nicht wahr, Herr Stieglitz, Sie sau schon so gefällig und melden uns an beim Herrn Lieutenant. Stieglitz. Der HerrLieutenaut is g'rad fort zum Exerziren, und überhaupt möcht' ich Ihnen rathen, mit dem Menschen gar nicht viel zu verkehren. Gustl. Was sagt der Herr Stieglitz? P. Kilian. Net verkehr'», mit'nHerrn Lieutenant? Stieglitz. Erstens — unter uns, Herr Pfarrer — der Mann geht Ihnen nie in die Kirchen — hat also keine Religion. P. Kil. Glauben Sie, die alten Weiber. die den ganzen Tag Platz aufheben, die haben ane? Stieglitz. Dann sntrs nous, Hochwürden — er geht Ihnen das ganze Jahr nicht beichten. P. Kil. Das find' i, is a gut's Zeichen; wahrscheinlich hat er kane Sünden. Stieglitz. Glauben Sie er hätt' eiue Petitton unterschrieben für das dings da — Sie wissen schon? P. Kil. Glaubeu's, i Hab' ane unterschrieben? Stieglitz (für sich). Jetzt werd' ich ihn, was mau so sagt niederbögeln. (Laut.) Und wissen Sie, was er für a Zeitung lest? P. Kil. Na? Stieglitz (wichtig). Die neue Preß! P. Kn. O das freut mich! da lest er meine Artikeln a! Gustl. O glauben Sie — ich weiß, nicht warum Sie den Herrn Ernst vrr« schwärzen wollen? Wann Sie mich auch für eine Landpomeranzen Hallen — ich bin nicht so dumm, wie sie ausschau'n. Stieglitz. O Fräul'n Gusti — Gustl. Still; Sie Schwarzmacher Sök Oder wissen's vielleicht was von ihm? Stieglitz. Zu dienen! Jede Nachtt war er Ihnen den Fasching bei auer au» dern Hetz. Gustl. Das is g'scheidt; wird er mi a wo hiuführen. Stieglitz. Mit die verworfensten Geschöpf is er daher kommen — Gustl. Das is g'scheidt! Wenigstens wird er dann erst ein ordentliches Madel zu schätzen wissen — Stieglitz. Auf 15 Maskenbälle war er in 3 Täg' — Gustl. Das lass' i mir g'fall'n; das is a Zeichen, daß er was aushalt' — Stieglitz. Und jetzt hat er gar eiue Bekanntschaft von der Kunst — Gustl. Das is' besonders gut! Wird er nachher seh'n— daß die echte Natur mehr werth ist als die größte Kunst! (Nimmt Stieglitz beim Ohr.) Mein lieber Herr Stieglitz — merken's Ihnen was — wann a Madel wem wirklich gern hat — wissen's, was man so sagt: »Eisen!« — da plagt sich so a miserabler Tratscher umsonst! (Blickt gegen daS Fenster.) Himmel, Herr Pfarrer — was steh ich — grad ruckt er aus da unten! Guten Moring, Herr Lieutenant — er schaut net herauf — Guten Moring — Herr Ernst — o Du mein Gott, er steht uns net — Ergebenste Dienerin— wie er glanzt,— geistlicher Herr — aber er steht mi net! 12 — 12 P. Kil. (der während der letzten Scene zu einem Tisch getreten war und zufälligerweise eine Karte ergriffen hatte) aber i fiech was -Gustl i — i Hab' was g'segen dahier — — (gibt ihr die Karte) das Hab' i g'seg'n. Gustl. Na. was wird denn das sein — (Liest) »Ernst Schmidt und Flora Weißenbach -als Verlobte!« (Fährt mit der Hand über s Gesicht.) Tram i oder bin L munter? Beuteln's mi, Herr Pfarrer! Es Ls a wirklich's Karte! Papier — leibhaftige Buchstaben — Schwarz auf Weiß steht es da! (Sie stürzt weinend an Kilians Brust.) Was than wir denn jetzt, geistlicher Herr? Stieglitz (zu ihr tretend.) Fräul'n Gustl, es gibt auch Ersatzmänner beim Militär- P. Kil. Na, so wan nur net so Gustl (faßt sie beim Kinn). Mach' a freundlich's G'ficht, lach' a bissel, maßt, so wie damals, wie uns das klane Lampe! in Erd- üpfelsalat g'stieg'n is — na so geh' — no a bissel — (wischt ihr die Thränen ab). Wannst willst, nimm' i a paar hundert Tropfen von der schwarzen Medicinsoß ein, damit'st a Freud hast — oder (reicht ihr die Dosen) nimm a Pris - aber nur thu' dem geistlichen Herrn den G'fall'o und mach a recht a lustiges G'sicht — Gustl (wischt sich die Thränen ab). Wann Hochwürden glaub'n — o — ich bitte — P. Kil. Ja i glaub'. Gustl. So schaun's nur her, Hochwürden, wie i schon wieder lustig bin — ich mußt' nicht, wegen was — P. Kil. Und wannst wieder wanen willst, so denk' nur — ka Unglück ist so groß, daß's net no großer sein könnt'! Du waßt ja, was i immer fing', in mein' Kammer!, wann i gut aufglegt bin. (Singt). »Brich' i mir ein Finger — glaubst Du — da wird zahnt? »I denk' mir, ein Aud'rer — der bricht fich glei d'Hand — »Verbrennt mir mein Haus in ein Tag bis am Grund, A »Au And rer verliert's auf der Bors in ! drei Stund'! ' !j »Wann mi wer verleumdt und er nimmt mir mei' Ehr' »So denk' i mir — wann dös erst wahr g'wesen wär'ü »D'rum muß ma — wann's Unglück a no so groß is, »Sich denken: es gibt no a größeres g'wih! Gustel (hat sich die Thränen getrocknet — ist von Pater Kilian geführt zum Fenster getreten und singt — halb weinend — halb lachend): »D'rum muß man, wann's Unglück a no so groß is. »Sich denken: es gibt no a größeres g'wiß! (In diesem Augenblick ertönt türkische Musik im Casernhos — Gustel finkt an die Brust Pater Kilians.) Gruppe. Zweiter Act. (Eleganter Salon bei Flora mit breitem Bogenfenster im Prospekt; daneben die allgemeine Eingavgsthür. Rechts und links eine Seitenthür. Geschmackvolles Meublement.) Erste Scene. Flora auf einem Schämel zu den Füßen der Oberin Ludmilla sitzend, welche auf einem Sopha Platz genommen hat. Ludm. Nun denn, ich will Dir nicht zusprechen, und wenn Du einen uvabän- derlichen Entschluß gefaßt hast — ich bin weit entfernt davon. Dir dein Lebensglück irgendwie trüben zu wollen. Flora. Ich weiß es ja. Tante; — wünschen Sie doch nichts Anders, als mich glücklich, recht glücklich zu sehen. Ludm. Bin ich nicht freudig hieher- geeilt, um Zeugin deines Glücks zu wer- den?Verließich nicht die friedlichen Mauern meines Klosters — um den Bund, den Du schließen willst — gleichfalls zu segnen? Flora, ich habe keinen zweiten Wunsch; ich möchte das Kind meiner Schwester in gutenHänden wissen—nichts weiter. Aber gibt es bessere Hände als jene, von denen ich zu Dir gesprochen? Kann alle Zärtlichkeit des Gatten Dir die Freuden der Seele ersetzen? Flora (ist unwillig aufgestanden). Sie verstehen unter jenen Händen also- Ludm. Du weißt es — Flora (zaghaft). DieHände der Kirche! Ludm. So ist es. Sieh', Flora; Du wirst heute die Frau eines Soldaten — ich geb' es zu, eines braven ritterlichen Soldaten. Du liebst ihn so innig, wie — wie ich einst einen jungen Mann liebte — dessen Weib ich aber nicht wurde, weil meine Eltern die Einwilligung versagten. Ich weinte viel — unendlich viel; der Schmerz hat mich damals in's Kloster getrieben — in einer Aufwallung von Zorn und Trotz, betrat ich die Schwelle desselben — aber dieses Kloster hat mir den Frieden gegeben! Und wer weiß, Flora, ob's nicht besser wäre — Flora. Nichts für ungut, Tante — aber meine Lage ist eben verschieden. Sie unterstanden dem Befehl Ihrer Eltern — ich bin majorenn und meine eigene Herrin! Sie mußten dem Manne Ihrer Wahl auf Kommando entsagen — mir stellt sich kein Hinderniß entgegen! Sie gingen in s Kloster, weil Ihnen die Freude genommen wurde, soll ich in's Kloster flieh'n — weil ich das Glück finde, das ich gesucht? Sagen Sie's nur getrost heraus, liebe Tante, Sie verlangen Ungerechtes von mir! Ludm. Vielleicht, vielleicht auch nicht. Du sprichst von Glück und Freuden? Möglich, daß fie Dich erwarten! Was aber dann— wenn fienichtkommen? Wie, wenn dein Mann ein Leichtfinniger wäre, der Dich nach den Flitterwochen zur Seite setzt, um dein Geld zu verprassen? Wenn es einer von der Sorte der Lebemänner wäre, die das Lebensglück des Weibes auf eine Karte setzen und vs. dangns spielen mit dem Geheimniß eines Frauenherzens? Flora (unwillig). Genug, Tante! Wenn Sie so sprechen, dann verdächtigen Sie Ernst. Sie halten ihn einer gemeinen Handlungsweise fähig — wohl nur deshalb, weil Sie ihn nicht kennen. Die Hand auf's Herz, Tante, es muß ein anderer Beweggrund vorhanden sein, warum Sie mich in die Nonnenzelle pressen wollen. Ludm. Pressen? Flora! Wer Gott dienen will, gebraucht sein Wort als Waffe — Haß und Zwang, Gewalt und Inquisition find nicht die Gehilfen des Ehristenthums. Und doch. Du hast Recht, Du hast es errathen, Flora, ja, ich habe eine Nebenabsicht. Flora. Sehen Sie, Tante, und die wäre? Ludm. Deinem Namen ein unvergängliches Andenken zu gründen! Du weißte unser Kloster ist nicht gesegnet mit Gütern! Was wir haben, theilen wir mit den Kranken. mit den Armen. Nun. ich gestehe es offen, es ist mein heißester Wunsch — mein Lieblingsgedanke — in unserem Dorfe ein Kirchlein zu bauen zum Tröste der Unglücklichen, zum Heile der Sünder. Du bist reich. In der von deinem Geld gebauten Kirche hätten durch Jahrhunderte Tausende Trost gefunden und mit Rührung hätte man noch in späteren Zeiten gedacht der stammen, der gottergebenen christlichen Stistcrin. 14 Flora. Das ist es also? Nun aber, Taute, nun — wo Sie so ausrichtig ge» wesen find, nun erlauben Sie mir auch «in freimüthiges Wort. Ludm. Sprich, mein Kind! Flora. Dann darf ich Ihnen schon sagen, daß mir in diesem Falle neben Ihrer Frömmigkeit noch jemand Anderer eine Rolle zu spielen scheint? Ludm. Und dieser Jemand wäre? Flora. Ihre Eitelkeit. Ludm. (erzürnt). Flora!- Flora. Nichts für ungut, Tante, aber es scheint wir immer, als wollten Sie sich sür mein Glück gleichfalls ein Stückchen Unsterblichkeit kaufen. Pardon — wenn's nicht so weit kömmt! Ich liebe Ernst aus voller Seele — ich bin sein einziger Gedanke! Ueberzeugen Sie mich vom Gegen- theil, Frau Oberin, und so wahr Ich jetzt zufällig eine Perle dieses Rosenkranzes in die Hände bekam, ich gehe heute noch mit Ihnen in Ihr einsames Kloster. (Schnell ab.) Zweite Seene. Ludm. (allein, unwillig aus und ab- gehevd, mit dem Fuße stampfend). Meine Eitelkeit? Und doch! Wer hätte dem Mädchen so viel Scharfblick zugetraut? In -er That, sie hat so Unrecht nicht. Es ist beinahe so etwas Aehnliches dabei! Oder hat unser hochwürdiger Bischof nicht eine Gurrende an alle Strstsvorstände erlassen, es sei hoch au der Zeit den Kirchenstürmern gegenüber mit Demonstrationen hervorzutreten? Würden Se. bischöflichen Gnaden nicht mit Wohlgefallen auf die Oberiu blicken, die in so wirrer Zeit ein so gottgefälliges Werk zu Stande brachte? U«d wer zertrümmert es? Eine thäruhte Liebe, die vielleicht ebenso leicht zu vergessen wäre, wie ich die meimge zu vergessen wußte. Schickt mir denn der Himmel keinen Wegweiser Ln diesem Labyrinth? Wie, wenn dieser juuge Lieutenant am Ende vielleicht doch — (Klopfen an der Thür). Herein! Dritte Scene. Vorige. Stieglitz (einen Riesenblumenstrauß in den Händen — heftig schluchzend und sich jeden Augenblick die Thränen trocknend). Stieglitz. Der Herr Lieutenant schickt mich her an diesem Freudentag — (schluchzend). Ludmilla. Ja was haben Sie denn? Und wen suchen Sie eigentlich? Stieglitz. Ich soll dieses Bouquet von Dergißmeinnichte und Rhodododen- dröne der Fräuln übergeben und sagen.— (Brüllt.) Ludmilla. Nun? Stieglitz (heulend). Daß so ein Freudentag noch niemals dagewesen is. Ludmilla. Geben Sie. (Nimmt das Bouquet und stellt eS in eine Base.) Sie find wohl der Diener des Bräutigams? Stieglitz. Jawohl, hochwürdiger Herr. Ludm. Und er schickt fie also? Stieglitz. Ja, ich bin ein Gesandter mit 8 kr. Tafelgelder. Ludm. Und warum find Sie denn so unendlich betrübt? Stieglitz. Weil mein Herr ein Tiger is, ein Leopard, ein Hyänerer. Ludm. Warum >das? Stieglitz. O Frau Pfarrerin — wann ich zu Ihnen in's Kloster gehen derfet, ich wär' der glücklichste Mensch. Ludm. Heraus mit derFarbe, was ist Ihnen denn zugestoßeu? Stieglitz. Ich weiß nicht, ob Sie wissen. Frau von Pietät, daß es denen Lieutenants, was die Sünden betrifft — 15 überhaupt auf einen Dinkel mehr oder weuiger nicht ankommt — Ludm. Ei? Stieglitz. Und daß mein Herr unter allen Schweräckea der Hauptschwerak g'wesm is. Ludm. Da wär' ich in der That begierig Näheres zu erfahren — Stieglitz. Näheres? lieber die Sünden? Schau — schau — schau — schau! So a' Neugierd für so a geistliche Frau in so' Sachen! Ludm. Dasheißt in der Hauptsache, mein Lieber — nicht im Detail, möchte ich unterrichtet sein — Stieglitz. Ja, wutzeln's Ihnen nur außer — Ich bitt' Ihnen — guä' Frau — mir sein alle sterblich. Ludm. (ernst). Genug. Sie kommen ab von der Sache — Sie wollten — wenn ich recht verstand, früher Ihren Lieutenant anklagen? Stieglitz. Ja wohlanklagen bei der Vorsehung nämlich, wegen welcher Vorsehung ich jetzt nur die Nachsehuug Hab'! Ich war anfänglich froh, wie er's nicht g'nommm hat, die Gustl — Ludm. (für sich). Was erfahr ich — Stieglitz.Denn—entrs norm — beim Militär is' es nix mit diese oooliderati, in xunolo Keuschheit is' mit uns zu reden — ich Hab' fie selber Hern g'habt die Gustl — ich hätt' fie so viel gern a'heirat — die Gustl — erfahrt das Madl — dem er seine beiden Hände versprochen hat, heut' auf einmal diese G'schicht' — Lud. Wenn ich also recht versteh', hat Ernst Schmidt, Ihr Lieutenant, schon früher einem andern Wesen die Ehe versprochen? Stieglitz. Natürlich! Ludm. Und nun—anstatt froh zu sein, daß Eie dm Nebenbuhler beseitigt haben — nun geberden Sie sich, wie außer sich vor Schmerz? Stieglitz. Noch natürlicher! Ludm. Wie so da-? Stieglitz. Am natürlichsten! Weil ich kein kouv bin mit einem Apostrof! Weil mein Herz keine Markthalle is' für dm allgemeinen Verkehr, sondem eine kleine Detailhalle für ein beständiges Standel- weib! Wann Sie g'segen hätten, wie die Gustl g'want hat, wenn Sie g'segen hätten, wie ich anderthalb Stund' Hab' dm Boden aufwischm müssen — dann sageten Sie zu mir: »Kamerad, Sie halten was aus!«' Ludm. Eine Verlassene also, die sich zu Tode grämt? Ein armes Ding, welches der schmuckeOsficier dem täppischenDieuer abspenstig gemacht! Stieglitz. Und dieses Geschöpf, von dem. wann's so fort want, in acht Täg nur mehr ein feuchter Fleck da is', soll ich heiraten? Ich soll zu ihr was von Liebe reden, wo fie dm ganzen Tag nix als Strafhölzeln essen will? Ich soll von meinen Gefühlen reden, wo fie bloß ans Vitriolöl denkt? O, im Gegeutheil! Ich Hab' auch solche Gedanken! Auch ich gedenke mich aus der Welt zu schaffen — Ludm. Pfui! Stieglitz. O Madame Greuter, Sie wer'» seg'n, was g'schicht. Ich Hab' mir eine eigeneTodesart ausg'sucht. Ich geh' entweder so lange alle Tag' iv's Wirths- haus,bis mich ein mitgenommener wüthen- der Hund beißt, und iß so lang Bratwürst und Safalörde, bis mich das tödteude Wurstgift ereilt mitten in der Bradel- fettm. Lud. Denken Sie doch lieber daran, das gute Kind glücklich zu machen! Sie scheinen ein wackerer Mann zu sein. Stieglitz (weinerlich). Ich Hab für's Vakrland geröchelt — Lud. Sie wissen zu verzichten — Stieglitz. Ja wohl!Grad so, wie ich damals auf « Sieg verzichtet Hab', weilich'v nicht kriegt Hab', Verzicht i jetzt auch auf's Mädl. Lud. (hastig auf- und abgehend). Nun denn, daun stehen Sie mir bei und das Mädchen soll feinen heißen Wunsch er- reichen. (Stieglitz bei der Hand fassend.) Wie, wenn wir's dahinbrächten, daß Lieutenant Schmidt die Kleine doch zum Altar führt? Stieglitz. Doch? Famos! Der Antrag wird unterstützt. Lu dm. Wenn wir ihn zwingen würden, daß er seine Schwüre halten muß? Stieglitz. Mit Acclimatifirung angenommen. Geschwor'n hat er amal — jetzt soll er dunsten, wir wer'n ihm zeig'n, was das is' a' Verfassungseid! Lu dm. Sie schicken mir das Mädchen her — heute noch! bald! — Sagen Sie ihr, Ernst bittet sie, hieher zu kommen — diesem Ruf wird sie ohne Zweifel Folge leisten! Ich erwarte Sie — und wenn Ihnen das Glück des verlassenen Mädchens wirklich am Herzen liegt, wie Sie sagen — dann muß Ihnen die Wendung ihres Schicksals sicherlich — willkommen sein. Also wie gesagt — ich erwarte das Kind. (Links in die Seitenthür ab.) Vierte Scene. Stieglitz (allein). Geht, ohne einen Kreuzer für den bewußten Pfennig begehrt zu haben? Verlangt nicht amal, daß ich ein gesammelter Zuav werden soll? Muß keine Ultramontanistin gewesen sein! Und wie sie's nicht erwarten kann, daß der Lieutenant die Gustl-schau, schau! Wie gesagt, wir find Alle sterblich! Ich hol' also die Gustl, bring's hieher, richt Alles her zur Hochzeit — wirf ihm s an' Hals — verzichte. (Zerdrückt eine Thräne.) Und da sollen die Demokraten noch amal sagen, daß wir Soldaten im Frieden nichts zu thun haben. Und waun's dann glücklich is — die Gustel — dann geh' ich nach Graz in Pension. Und wann wir erfahrene Krieger dann beisammfitzen beim Tarockiren — dann werd' ich ihnen die Merkwürdigkeiten von Wien schildern! Denn Wien — palroll ä'liovneur —da gibt's nix Zweites! Es gibt sogar gewisse Sachen, die s nur hier gibt, nur hier in loeo ganz allein! Ein' Cursalon, ein neuchen, Wo Kranke umaschleichen, Den Plutzer in der Hand, Den gibt's in jedem Land. Doch wann aner baut wird vom Steuergeld bloß, Und es darf nachher Kaner hinein, das is groß, So a zug'sperrter Saal, bloß a Wächter steht d'rin, Ja das gibt's nur in Wien! A Druckerei mit Pressen Für Geistesinteressen, Die gibt's in großer Zahl Jetzt fast schon überall; Doch eine Banknoten- und Schein- Druckerei, Wo Aner sich milnimmt die Platten ganz frei, Und z'Haus seine Zehnerln macht g'rad wie d'rin, Ja das gibt's nur in Wien! A strenge Sonutagsfeier Die halten's ungeheuer In jedem großen Reich Von ganz Europa gleich; Aber daß man die Theater am Normatag spirrt, Damit nur die Hetz in Hernals nix verliert; Es fah'rn d'Leut katholisch zur Dudlerin hin, Ja das gibt's nur in Wien! 17 Begräbniß sondergleichen Und wunderschöne Leichen Mit Pomp und Musik auch San überall in Brauch; Aber daß man sich wo bei der Kirchenthür haut, Daß sich der Herr Pfarrer net außa mehr traut, So werfen's die Truhen bald her und bald hin. Ja, das gibt's nur in Wien! Die Schuldhaft aufgehoben, Das is do g'wiß zu loben, Es geht jetzt d ran und d'rauf. Man hebt fie überall auf; Aber daß man die G'schicht no im amtlichen Weg Pomali hinausschiebt um 8, 14 Täg, Damit's nur die Feiertäg sitzen noch d'rin, Ja, daS gibt's nur in Wien! Entzückend schöne Weiber Mit zarte schlanke Leiber, Sehr fesch von A bis Z, Haben's überall beim Ballet; Aber solche, beiläufig mit 67 Jahr'n, Die schon vor 3 Jahr' bei derFußwaschung war'n, Und no Kane aufkommen lassen net d'rin, Das gibt's nur in Wien! A Mauth, du lieber Himmel, Im Deficit Gewimmel, Der Staat, der will ja leben, D'rum thut fie's überall geben! Aber d'Leut bei der Linie mit die Zetteln sekir'n Sie drucken Ein's in die Hand, man derf's ja net verlier'n, Der gibt Ein's, der nimmt Ein's, mau was net wohin; Za, das gibt's nur in Wien!. A Schießstatt wo zum Schießen Hab'n's überall gründen müssen. Sie thut zum Gewehrprobir'n Auch überall existir'n; Aber daß fie die Cchießstatt net besser verwahr'n. So, daß ein' die Kugeln in Bauch eini- sahr'n, Schaut auf's Arsenal wer von Matzelsdorf hin, Ja, das gibt's nur in Wien! Die Männer die gelehrten, Die Künstler die verehrten Thun's, wo fie existir'n, Jetzt schleunigst porträtir'n. Aber daß fie ein Mörder, den's heut' arretir'n, No g'schwind in drei Stellungen foto- grafir'n, Und dann zu die Dolksmänner hängen ^ glei hin; Ja, das gibt's nur in Wien! ^ A Nachricht mitzutheilen A rwei-, dreihundert Meilen, A Telegraf, o mein, Thut ja schon überall sein; Doch daß oft a Brief, ja das geht über Alls, Acht Tag braucht von Hütteldorf bis nach Hernals, Und daß er dann ankommt per Hamburg und Brünn, Ja, das gibt's nu.'r hn Wien!' Wiener Theater-Reperloir Rr. 242. Ein Liesinger und Lager, Ein Pilsner und ein Prager, Sowie ein Plutzerbier Haben's überall so wie hier. Doch wann man dagegen Schellenhof hier betracht'. Was sider drei Jahr nix wie Plutzer g'macht hab'n Und auf d'Letzt eine Flaschen von Wien bis Berlin, Ja, das gibr's nur in Wien! (Rechts ab.) -> 18 Fünfte Scene. Flora (von rechts). Flora. In der Thal eine merkwürdige Idee meiner frommen Tante! Auf den Trümmern meines Glücks will sie eine Kirche bauen. (Tritt an's Fenster.) Ich aber, ich habe wahrhaftig keine Lust, meiner Tante zu Liebe in den Annalen ihres Klosters eine große Rolle zu spielen! (Ist zum Fenster getreten, grüßt hinab.) Ei, wie die neugierige Nachbarschaft schon bei allen Fenstern lauert, ob sich die Braut nicht blicken läßt. (Grüßt wieder.) Nun, da habt Ihr sie die Braut! Komplimente, die eigentlich mehr der Tafel gelten, zu der sie geladen find! Und wie lebhaft es zugeht in unserer Pfarrkirche! Durch die großen Bogenfenster sieht man gerade auf den Hochaltar. Sie schmücken die Kirche mit Blumen, was für prächtige Teppiche sie ausbreiten und seh' ich recht — wahrhaftig — beinahe alle Bänke sind schon besetzt! Nun — Flora — möchtest Du dein klopfendes Herz nicht beruhigen und endlich Anstalten treffen zur Brauttoilette! Sechste Scene. Vorige.—Ein Stubenmädchen. — Eine Mademoiselle (mit einem Kleiderkorb im grünen Tuch). Stubenmädchen. Gnädiges Fräulein, Madame Francine schickt das Brautkleid — Mademoiselle. Mit der Entschuldigung, daß es nicht früher fertig geworden. Flora (mit einem Seufzer). Nun denn in Gottesnamen. Kommen Sie-ich glaube mit Bestimmtheit — daß mich das Fabrikat Ihrer Principalin vortrefflich 'leiden wird — (zum Publicum) und gewiß viel besser als das klösterliche Nonnen- 1'leid (die Hände faltend in travestirender Haltung) der gestrengen Frau Ludmilla! (Lachend mit dem Stubenmädchen und der Mademoiselle rechts ab.) Siebente Scene. Ludm. (von links). Es wird lebendig auf der Straße — die Herren Kameraden des Bräutigams haben sich schon zum Kircheneingang postirt um uns Revue pas- siren zu lassen. Nur kurze Zeit noch und es ist entschieden. Walte Du mit deiner unaussprechlichen Gnade — und höre deine Magd, die, was immer sie vollbringt, Alles nur zu deiner Ehre thut als willenloses Werkzeug deiner Allmacht! Du wirst Alles zum Besten fügen und findest Du, daß ich irre — so vereitle die Pläne deiner Dienerin, welche fehlerhaft sein können, weil sie einem Menschengeiste entspringen. . Achte Scene. Vorige. — Gustl. (In Haube — etwas städtischer gekleidet — sie bleibt mit einem Knix unter der Thüre stehen — hinter ihr Stieglitz, der sie mit beiden Händen herein- schiebt, da sie nicht gehen will, später Flora aus der Seitenthür rechts.) Stieglitz (der sie, indem er sich mit einer Schulter an ihren Rücken lehnte, hereinge- bracht hat — Gustl vorstellend.) Diejenige, welche — Ludm. Ich danke Ihnen. Stieglitz (die Oberin der Gustl vorstellend). Mönch — X°uf sich zeigend) und 19 Soldat — ich glaub' das ist die beste Vorstellung! (Mit Verbeugung durch die Mitte ab.) Gustl (ängstlich). Ich Hab' glaubt, der Herr Lieutenant hält' mir no was zu sagen vor seiner Hochzeit — der geistliche Herr derfert gar nix wissen davon, i Hab' g'sagt, i geh "Zweckerln kaufen und weit und breit is nix z'segn von einem Herrn Ernst — Ludm. Treten Sie näher, mein Kind. Gustl. Wann's erlauben. (Für sich.) Wann i nur mußt' wer das is? Am End' is ein' unbarmherzige Schwester. Ludm. (sie fixirend). Sie sind also jenes Mädchen, welchem Lieutenant Schmidt ewige Liebe und Treue geschworen, das er aber, wie ich eben erfuhr, auf eine so schonungslose Weise betrogen hat? Gustl. Ich bitte, hochwürdige Frau, man soll Niemanden was Schlechtes nachsagen und allen seinen Feinden verzeihen — sagt der Herr Pfarrer. Ludm. (sich in die Lippen beißend). Das ist ja recht schön von Ihnen, wenn Sie dem Manne zu vergeben wissen, der Ihre schönsten Träume zerstörte. Gustl. Ich bitt' Ihnen gar schön — Hochwürden, was ist denn auch an mir? Ich bin ein punkertes Ding und sonst nix I Hab wohl a bissel Augen und a bissel Zopf und a bissel a paar Grüberln und die Leut' sag'n, ich hält' auch a bissel an Wuchs — und sunst a bissel was — aber mein Gott, mit diese Stadtfräula's halt unserans kan Vergleich aus! Wir haben in Zwazendorf nur a Zwazendorfer und ka Kölnerwasser, statt mit Oreme eölsZto wasch'n wir uns die Händ' mit'n Saud und das schweinerne Schmalz ist unser ganzer Salon Hippolyt. Wir haben draußen kan falschen Augenbrammacher. Schönheitspflasterln das kennen wir a net, au eoutrairs, wir haben im ganzen Ort ka Pflaster — wo nahmeten wir die Schönheit her? Ludm. Nun, Sie haben sich nicht zu beschweren. Gewiß, meine Liebe, Sie sind ein frisches und was die Hauptsache ist — ein hübsches Kind. Gustl. O. i bitt'! Der liebe Gott kleidet die Sperlinge auf dem Felde, sagt der Herr Pfarrer. Ich bin halt auch so a Spatz, den unser Herrgott ang'legt hat. Und wann ich den Herrn in der Stadt net g'fall — Du lieber Himmel, i kann net dafür — unser Herrgott arbeit' halt net anders. Ludm. Ich Hab' Sie rufen lassen, liebe Gustl. Gustl. Sie haben mich rufen lassen, nicht der Herr Schmidt? Ludm. Ich habe Sie rufen lassen, um mit Ihnen einen Plan zu verabreden — wie wir Ernst zu seiner Pflicht zurückführen — wie wir die heutige Hochzeit Hintertreiben können — Gustl. Was? Und da soll ich mithelfen? Weil er seine Hand zurückgezogen bat, soll ich ihm jetzt ein Fuß unterseßen? Begehrenie deines Nächsten Hausfrau — sagt der Herr Pfarrer — und i sag', man soll auch nicht seines Nächsten Hausherrn begehren. Ludm. Ich hörte doch, Sie hätten so bitterlich geweint, als sie vernahmen, daß er sein Wort gebrochen hat? Gustl. Ah das schon! Wird auch noch öfters g'scheg'n(auf die Augen deutend). Ich Hab' hier eine Stixensteinerquelle und kann ganz Wien mit Wasser versorgen. — Aber Bandlereien machen — einen großen Wasch anlegen — das kann i net. Man muß auf dem Haupt seines Nächsten preußische Kohlen sammeln, sagt der Herr Pfarrer, und wenn Dir Jemand auf die Backen ein Ohrfeige gibt, so geh zum Bezirksgericht und hol' Dir fünf Gulden, aber nachher gib' eine Ruh, sagt der Herr Pfarrer. Flora (unter der Thür stehen bleibend, später nähertretend, für sich). Meine Tante im Gespräch mit einer fremden Person? 2 * 20 Lu dm. Wie aber, wenn Ernst heute vielleicht schon bereut, daß er Ihnen die Treue gebrochen? Flora (für sich). Was hör' ich? Lu dm. Oder wenn sich durch Ihr Dazwischentreten Flora veranlaßt fände — auf diese Verbindung zu rrsigniren? Wenn Sie endlich, rasch entschlossen, Ihre Rechte geltend zu machen — diesem Fräulein sogar einen Dienst erweisen? Gustl. Ein' Dienst erweisen ihr — der Fräuln? — wenn ich Unglück stist'? Ludm. Im Gegentheil! Flora würde,, wenn Sie von dem Vorgefallenen wüßte, wahrscheinlich in mein Kloster treten und ihr ganzes Vermögen den heiligen Interessen der göttlichen Kirche widmen. — Sie hätten Ihrer Nebenbuhlerin den Himmel geöffnet. Gustl. Den da oben, den Himmel, wo's so weit ausfi is, den vielleicht. Aber der Himmel, in dem's schon war. den hiesigen näheren, der auch nicht bitter is, den hätt' i ihr halt zug'mauert! Und wegen mir in's Kloster? Ich Hab' ihr Bild g'segn, ajung's frisches G'schöpf — die is ja viel zu sauber, als daß man's unschädlich machen sollt'. Lu dm. Sie käme in's Kloster, um Gott zu dienen und der Kirche! ihm aufdämmern will — fallt dann sein Blick nicht auf dieKinder, die ihn so treuherzig anlachen, als ob nix g'scheg'n wär', die bittend die Hände falten um a Stü- ckerl Brot? Wird da net neue Willenskraft lebendig in so an Vätern, noch amal rafft er sich auf für seine Kinder, und da müßt's mit'n Teufel zugehn', wann unser Hergott nit helfert! Und da frag' ich Sie, Frau Oberin, ob in so ein Augenblick die Familie net zur Kirchen wird, zu aner Kirchen, in der die Kinder der sichtbare Segen des Himmels san? D'rum lassen Sie die Fräuln Flora Gott und der Kirchen als treues Weib dienen, und verlan- gen's von mir net, daß ich das trennen soll, was unser Hergott zusammengefügt hat. Kruzineser noch amal. — das sagt aber nicht der Herr Pfarrer. Flora (vorstürzend und die Hand Gustl'S ergreifend). Und ich sage Ihnen, daß ich jedes Wort vernommen, daß ich Alles erfahren habe-Alles das, was Sie und was mich betrifft. Ludm. Himmel, Flora — Flora. Daß ich Sie, die Fremde, aber demungeachtet wie eine echte Freundin an meine Brust drücken muß. Gustl (für sich). Jesus— was Hab' ich da ang'stellt? — Gustl. Gott und der Kirche? Na. ich glaub', a Weib, das Kummer und Glück gleich freudig theilt mit ihrem Mann; was in Augenblicken, wo die Verzweiflung an die Thür klopft — mit Geduld und Liebe hängt an dem, der's zum Altar führt, a solches Weib, was seinen Schwur halt bis zum Todtenbett als treue Gefährtin in Noth und Elend — die dient ja auch Gott — weil sie bei ihrem Mann den Glauben an den Himmel aufrecht hall'! -Und wann der Vater von aller Welt verlassen die letzte Hoffnung schwinden sieht, wann seine Kräst' an End' nehmen, wann ein schrecklicher Entschluß in! Ludm. Nun— Flora-wenn Du weißt, um was es sich handelt- dann wirst Du wohl auch wissen — wie Du am ehrenvollsten — verstehst Du mich — am ehrenvollsten für deine Zukunft, handelst. Ich bin fest überzeugt, daß sich die Dame von Welt nicht beschämen lassen wird durch den Edelmuth ländlichen Einfalt. Sprecht Euch aus, Kinder — ich lasse Euch allein — (leise zu Flora) und sei gewiß, mein Kind, daß deine treue Tante jederzeit bereit sein wird — Dich zu trösten übcr die traurigen nagen — weltlicher Natur, sich iin Abgehen wiederholt forschend um — links ab.) Neunte Scene. Flora. Gustl. Guftl (hat das Schnupstüchel hervorgezo- geu. wischt sich die Augen — für sich). So' schön, jetzt Hab' ich derer a die Unterhal tung verdorb'n. Flora (steht in einer anderen Ecke, sich ebenfalls die Augen trocknend — für sich). Das arme Ding; sie scheint ihn so lieb gehabt zu haben — Gustl (für sich). Der arme Teufel; natürlich, warum soll er ihr net g'fall'n? Wann man geht mit ihm, a jeder Poli- zeimaan salutirt — Flora (für sich). Sie sah sich gewiß schon als seine Frau, und wäre stolz an seiner Seite durch die Stadt gegangen — Gustl (für sich). Wann «Umgang is oder so was, darf man mit ihm auf die Bretteln spazieren — Flora (fürsich). Und nun—wahrscheinlich hatdieArme kein Vermögen—sie ist aus allen Himmeln gestürzt— Gustl (für sich). Und jetzt, wo sie g'hört hat. daß fie'n nur aus zweiter Hand kriegt, daß er in puncto Liebe etwas übertragen is — jetzt want's. Flora (für sich, auf Gustl schielend). Die Arme, wie sie schluchzt. Gustl (eben so). Wie fie's stoßt! Flora. Ich muß sie doch zu trösten suchen. Gustl. Vielleicht daß ich ihr a bissel Zureden kann. (Sie gehen auf einander zu — reichen sich die Hände — wollen gleichzeitig ansangen sich zu trösten — schluchzen — wollen wieder anfangen— schluchzen wieder— probiren es ein drittes Mal und fallen einander um den Hals.) Pause. Zehnte Scene. Vorige. Pater Kilian (er tritt ein. sieht auf Flora — deutet pantomimisch an, daß etwas vorgesallen — tritt vor, klopft der Gustl auf die Achsel). P. Kil. Also hier is der Mehlspeis- macher, wo man die gutenZweckerl kriegt? Gustl. O du mein, der Herr Pfarrer — Flora. Ein fremder geistlicher Herr? (Sich schnell die Thränen trocknend.) Welches Räthsel! P. Kil. Weniger Räthsel als Rebus (sich neben Gustl stellend, dann aus sich, später auf Gustl deutend) Pfarrer — Köchin — Auflösung: »Pfarrerköchin!« Flora. Ö. ich ahne bereits — Sie sind der würdige Priester, bei welchem sich m in Bräutigam in so liebevoller Pflege befand — und dieses Mädchen ist — P Kil. Dieses Mädl is — wissen's ich bin musikalisch und da spiel' ich zu Haus immer am Klavier: »Einen Lieutenant gern hält' sie, Na versteht si!« Flora (von einem Entschluß erfaßt; von hier aus wird die Scene ein rascheres Tempo ein;uschlagen haben). Aber trocknen Sie Ihre Thränen — liebes Kind! Gustl Jawohl, san'snimmertrauri— Flora. Denn ich. die ich bis heut' die Braut des Herr Schmidt war — ich erkläre Ihnen hiermit — Gustel. Ich erkläre Ihnen auch — Flora. Ich erkläre Ihnen hiemit, daß ich Herrn Schmidt nicht heiraten werde. Gustl. Und ich erkläre Ihnen, daß ich diesen Herrn Schmidt nicht heiraten werde. P. Kil. Und i uimm'n a nicht — jetzt bin ich neugierig was mit dem g'schicht? Flora. Glauben Sie mir, meine Beste — ich weiß Ihre Ansprüche zu schätzen und so viel ich eben erfuhr, haben Sie ältere Rechte als ich — Gustl. Das schon, aber bevor ich ein g'schenkten Bräutigam nimm, eher nimm i gar kan, denn heut zu Tag, wo die Mannsbilder, so billig san — brauch i ka Präsent — Flora. Und ich? Ich sollte das ganze Leben den Vorwurf mit mir herumtragen, daß ich das Herz einer Andern gebrochen? Gustl. Und Jhner Herz? Wer thät' den dös leimen, wann's Ihnen bricht! Sie haben ihn jetzt! Sie müssen ihn b'halten. — 22 — Flora. Sie haben ihn vor mir geliebt, er ist ihr Eigenthum. — Gustl. Ich will'n aber nicht! Flora. Und ich auch nicht. P. Kil. Aber meine Damen, keinen Dischpatat! Zum Heiraten g'hören seit Adam und Eva allerweil Zwei! denn wie Einer nicht will, meine Damen, hört sich das Heiraten aus! Nun will aber der Adam g'rad nur eine Eva (zu Flora) und diese Eva sind Sie! Also wozu ein Dischpatat? Gustl. Recht hat der Herr Pfarrer! Sie san so a schöne noble Fräuln — Sie paffen a vielmehr für so an Herrn Lieutenant — ich bleibet eh allerweil mit die Füß im Schleppsäbel hängen; er ginget gern in die Burg in die »Draho mirawaber l« oder wie's haßt, derweil i lieber im Ringelspiel sitzert. Er esset nix wie Boeuf a la mode, Fricandeau und Chau- deau und mir geht nix über Magennudeln und saure Erdäpfel! Aber So, Sie haben einen Chignon, einen Flacon, einen don ton, eine Lorgnon und eine Fa^on und vielleicht noch a paar on! das is was Anders! Wo brächt' denn i so a nobles Schnoferl z'samm— wie kunnt denn i das Zufälligkeitsschnrckerl auftreiben, wo näh- mert i die Schmachtlocken her und von Krämpf Hab' i nicht das Geringste vorrä- thig! Ihnen hat er gern — und was unfern Techtelmechtel betrifft — P. Kil. War's ja nur ein Möchtet! Gustl. Und ich gib Ihnen mein Wort, daß da d'rinnen (auf's Herz deutend) der Herr Lieutenant auf ewigen Urlaub g'schickt is. Vielleicht daß ich heut hin und wieder no a bissel a Plärament machen werd — möglich daß's mir dann und wann no an Bremsler gibt — aber wir krieg'n am Land g'rad junge Anten — mit die Nutschifadi hat ma auch a Menge Arbeit, am Sonntag wird a Gasbock aus- g schoben.-(Sich an die Brust des Pfarrers lehnend.) Mein Gott, i werd'n schon vergessen. — P. Kil. Versteht sich! Und wann gar nix hilft, laß i mir Umschläg machen — da hast glei an unterhaltliche Arbeit aus drei Wochen — Flora (mit dem Fuß stampfend, für sich). Nein — nein — und tausendmal nein! Wenn die Liebe tausendmal ja sagt -der persönliche Stolz ruft sein entschiedenes Nein! Wie? Ich sollte mich von der ersten besten Bauerndirne beschämen — sollte mir von ihr einen Bräutigam so zu sagen schenken lassen? Ich muß ihn zwingen seine Pflicht einzuhalten — wenn nicht anders — so auf diese Weise. Ja und wenn ich's ausTrotz thue — um ihn zu ärgern und zu strafen für dieses Geheimniß — wenn ich nur thue, um dieser Pfarrersköchin zu beweisen — daß auch die Dame von Welt gleich edel- müthig zu verzichten weiß — genug, ich thue es.- (Musik auf der Straße.) Gustl. Jesus, er kommt! und wie er sich herausstasfirt hat. — P. Kil. Es nutzt Alles nix, es is was so a Lieutenant. Wann ich mich unschön dagegen, die Stiefeln mit die Quasteln — Gustl. Aber Fräula, zieg'n's Ihnen an, schaun's nur. die Banda hat er ausrucken lassen und die Massa Leut auf der Gaffen. Flora. Gleich, mein Kind, auf der Stelle. (Ironisch.) Ich folge Ihrem Wunsche — doch eine Bitte. Gustl. O, ich weiß schon: Wir sollen verschwinden — was man in der Schriftsprache »danidrucken« haßt. Flora. Im Gegentheil. Sie bleiben und werden mich begleiten als — ein weißes Kleid ist bereit. Gustl. Vielleicht gar als Kraozel- jungfer? Flora.Wenn Sie so gut sein woll'n. Gustl. Jesus, die Freud! (Trocknet sich die Thränen.) Wenigstens bin i do dabei bei der Hochzeit, und wenn Sie Ja 23 sagen wern, Fräulein, so wird's mir g'rad' so sein, als ob i selber mein Ja gebrüllt hätt'. Flora. Dann treten Sie hier ein. — Sie finden einen prachtvollen Anzug. (Oeff- net die Thür, winkt hinein.) Die Mädchen werden Sie bedienen. Gustl. Herr Pfarrer — wir wer'n heiraten zuschaun — a Tanzl derf i vielleicht a mit ihm machen, wann a nur wenig — a bissel fallt do ab — (umarmt ihn). Fräula das werd' i Ihnen nie vergessen (Küßt Flora die Hand.) Geistlicher Hc-r, Sie wern' seg'n, was i für ein Aufseg'n mach. (Zu Kilian.) Hochwürden — is das a Sünd', wann man so recht ausgelassen is? P. Kil. Versteht sich, mein Kind. Gustl. Da kann i Ihnen nachher net Helsen — heut' setzt's a Paar ab. (Ab in s Zimmer rechts.) Eilfte Scene. Pater Kilian. Flora (welche aufgeregt aus- und abqeht). P. Kil. Sie haben was vor, schöne Fräula — Sie haben was Unrechts vor — ich fiech Jhnen's an — die Rosen auf die Wangen sau zu Galläpfeln wor'n und die Aeugerln aus freundliche Stern zu Raketeln! Flora. Ja, geistlicher Herr — ich habe etwas vor. Ihre Gustl soll heute glücklich werden — P. Kil. Durch ein Unrecht? Flora. Durch ein gottgefälliges Werk! Denn ich — Flora Weißbach — die Braut des Herr Ernst Schmidt — ich trete noch heute ins Kloster! P. Kil. Aber Fräula, um Gotteswill'n, was fallt Ihnen ein? Flora. Was hör' ich? Der Diener Gottes will mich abhalten, eine Magd dxr Kirche zu werden? Sie. der Priester, stimmen nicht zu, wenn ich lieber die Braut des himmlischen Bräutigams werde? P. Kil. Und warum bin i net dabei? Weil Sie bloß den irdischen Bräutigam giften wollen. Wann Sie abgeschlossen hätten mit der Welt — wann Sie den Glauben an die Menschen verloren hätten — ja! Da saget i —kommen's — suchen's im Kloster den Frieden, den die Welt nit geben kann — Aber so! Ihnen lacht die freie Gottesnatur überall entgegen, Sie sollen schaffen als Hausfrau. Kinder kriegen, die Kinder gut erziehen und dem Staat und unserm Herrgott dienen, wann's brave Bürger und gute Christen daraus machen! Flora. Zu spät, Herr Pfarrer, mein Entschluß ist gefaßt. P. Kil. Und das soll a fromme Schwester werden, die zornig und verbissen in's Klosterhaus tritt? Ich, der geistliche Herr, ich sag's Ihnen frei heraus — a so a Klosterfrau betrügt den Himmel — für so a Schwester bedankt fi unser Herrgott — der mag keine solche Verwandtschaft! Flora. Die Hochzeitsgäste- Zwölfte Scene. (Durch die Mitte Hochzeitsgäste männlichen und weiblichen Geschlechtes.) Stieglitz. (Bon links die Oberin — zuletzt durch die Mitte seine Cousine am Arme führend Ernst.) Ludm. (Pater Kilian gewahrend; für sich) Diese Ähnlichkeit — kein Zweifel — er ist es — P. Kil. (sie gewahrend). Jegerl — mir scheint gar! — O Jugendzeit- Annerl — bist es — Ludm. (seine Hand drückend). Ich bin es jetzt — Oberin des Stiftes Rosenheim. P. Kil. (sehr freundlich). Und ich bin selbst der Herr Pfarrer von Zwazendorf! Flora (hat die Gäste begrüßt). Nun, Herr Bräutigam (sich während dieser Rede die Augen trocknend). Sie haben lauge auf sich warten lassen! 24 Fr. v. Stein. Meine Toilette, liebe Flora — sie hat sich wie gewöhnlich ein bischen verzögert — Ernst. Doch wie ich bemerke — sind wir Ihnen ja doch noch immer zu früh gekommen! -— Denn so prächtig Sie dieses Negligv kleidet — es ist doch gewiß nicht Ihr Brautanzug — Flora. Nein, er ist es nicht Denn ich — auch ich habe mich verspätet, bei einer Besprechung mit dem Herrn Pfarrer. Ernst (ihn gewahrend, für sich). Heiliger Gort! — Sie sind hier! Flora. Aber nun, wo wir Alle bei sammen find, nun werde ich die Sache nicht länger verzögern! Gleich, Herr Lieutenant, sollen Sie Zhre Braut sehen — im exquisiten Brautanzug — sie wird zum Küssen aussehen und mit Stolz werden Sie an Ihrer Seite zum Altar treten! Lassen Sie doch Ihre Capelle einen recht lustigen Marsch aufspielen. Ernst (winkt — Musik ertönt). Flora. Bravo! Und nun nur einen Augenblick — voilü! — so führen Sie denn Ihre Braut, Ihre liebeswürdige Braut, in die Kirche! (Sie hat die Thür geöffnet, Gnstl ist weiß gekleidet herausgetreten.) Alle. Was ist das? Ernst (zu Flora). Um Gotteswillen, was treiben Sie da? (Zu Gustl.) Gustl, ich habe Sie für edler, für besser gehalten — nie hätte ich gedacht, daß Sie eines Scherzes wegen mein Lebensglück auf's Spiel setzen würden — Gustl. Ja was wollen's denn von mir? Ich bin ja nicht als Braut da, sondern nur als Jungfer — Ernst. Denn so dankbar ich bin für Ihre Pflege — ich habe Sie nie geliebt — Gustl. Und glauben's denn — i nähmet ein Mann, der mi' net gern hat — der net amal leid't, daß i als Kranzel- j ungfer sein Hochzeit verschandel? Ernst (zu Flora tretend). Was wollen Sie noch? Sie haben mich schwer gestraft, machen Sie nun ein Ende! Flora. Natürlich thue ich das — und nehme daher herzlichen Abschied von Ihnen Allen — (Orgeltöne aus der Kirche herüber.) Ernst. Flora! Flora. Um in's Kloster zu gehen! Alle. In's Kloster? Gustl. So schön, jetzt hab'n wir jede an Schmarrn! Sie geht in's Kloster und kann nit amal wie i den Stefansthurm reib'n! Na so kommen's halt — Hochwürden — denn da siech i schon — ich werd' bei Ihnen draußen als alte Jungfer sterben! Stieglitz (vortretend). Dem Manne kann geholfen werden. P. Kil. Ja, mein liebes Kind, für dich is' halt kein Lieutenant g'wachsen — Stieglitz (küßt ihr die Hand und flüstert zärtlich). Derfert's kein Fourierschütz sein? (Hat sich, ihre Hand ans Herz drückend vor Gustl niedergekniet.) (Ludmilla hat sich mit Flora zum Abgänge gewendet — die HochzeitSgäste treten aus beiden Seiten zurück. Ernst lehnt sich vernichtet an einen Fauteuil. Frau v. Stein ist ins Sopha gesunken. Orgeltöae rauschen immer mächtiger herüber.) Gruppe. Dritter Act. (Gartensalon bei Frau v. Stein; im Prospekt eine Terrasse, die in den Garten führt. Rechts und links eine Seitenthüre. Ganz vorne links ein Kamin. Elegante Einrichtung.) Erste Scene. Ernst, dessen Säbel aus dem Tische liegt, ruht aus dem Sopha; seine Cousine, Fr. v. Stein, aufgeregt aus- uud abgehend. 25 Fr. v. Stein. Und sich auf eine solche Weise in die Gesellschaft zu drängen! Mit der festen Absicht uns Allen Verlegenheiten zu bereiten! Ich war einer Ohnmacht nahe. Ernst. Liebe Cousine, glauben Sie mir — ich habe Manches mit erlebt, aber mir ist bei Skalitz und Sadowa besser gewesen. Fr. v. Stein. Und Sie wollen noch behaupten, daß da nicht die jesuitische Berechnung des säubern Herrn Pfarrers mit im Spiele war? — desselben Herrn Pfarrers, der sich mit der Frau Oberin vereinigte, um meine arme Freundin in s Kloster zu bekommen? Ernst. Nein. Cousine, und tausendmal nein. Pater Kilian ist nicht fähig, irgend eine Menschenseele zu kränken! Nennen Sie in Gottesnamen mich einen leichtsinnigen Verführer — geben Sie mir in Gottesnamen einige Titel — nur gegen gewisse ministerielle deprezire ich im Namen uvsers ehrenhaften Rockes — aber rühren Sie mir den Pater Kilian nicht an. Fr. v. Stein. Immer besser! Sie ver- theidigen ja die saubere Sippschaft noch mit Mühlfeld'scher Beredsamkeit? Vielleicht wissen Sie die Pfarrersköchin — die im entscheidenden Moment im Brautkleide erschienen war. auch noch zu entschuldigen? Das war wohl Alles Zufall? Merkwürdiges Zusammentreffen! Etwar gar eine zärtliche Ueberraschung? Nein, mein theurer Cousin — Ihre Mannschaft, ihre Corporäle und Feldwebels werden Sie beurtheilen können — aber weiter hinaus reicht Ihr Kennerauge nicht. Ernst. Undvielleicht doch. Pater Kilian war heute Morgen bei mir — um das Erscheinen Gusti's — die ein willenloses Werkzeug Flora's gewesen ist — zu erklären. Fr. v. Stein. Und Sie glauben das Alles? Ernst. Mir gilt das Wort Pater Ki- lian's als Evangelium. Fr. v. Stein. Mir nicht. Und warum nicht? weil sich in neuerer Zeit doch schon wiederholt herausgestellt hat, daß die geistlichen Herren mitunter eben so mit dem Gesetz brouillirt find — wie die ganze übrige nicht geistliche Welt. — (Nach kleiner Pause.) Der hochwürdige Herr war also wieder bei Ihnen? Ber- muthlich bloß, um Ihnen die Köchin zum dritten Mal an den Hals zu werfen? Ernst. Cousine — halten Sie das graue Haar des Priesters in Ehren, der ein Segen seiner Gemeinde ist. — Pater Kilian besuchte mich, um sich zu verabschieden und um mit mir die Mittel zu besprechen, wie wir Flora wieder aus dem Kloster befreien. Fr. v. Stein. Kömmt etwas spät die Bereitwilligkeit. Ernst. Und nicht bloß Pater Kilian — auch Gusti — sie werden in wenigen Augenblicken hier sein — um von Ihnen ebenfalls Verzeihung zu erbitten. Kränken Sie die armen Leute nicht! Glauben Sie mir, ich habe für Gusti kein anderes Gefühl, als das der Dankbarkeit und habe noch keine weibliche Seele so innig wie Flora geliebt-darum — ich bitte Sie, — beleidigen Sie die Pfarrersköchin nicht! Sie will mein Glück — so gut, als Sie dasselbe begründen wollen, und wenn Sie mir auch gestern Alles genommen hat — Sie ärgern sich, Cousine — die Pfarrersköchin weint. Fr. v. Stein (gereizt). Ueberlassen Sie es getrost meinen Entschlüssen, Cousin, wie ich die Leute empfangen will — es soll ein Empfang sein — wie ihn der fromme Herr Pfarrer, der Segen der Gemeinde, wie ihn die wohlwollende, um Ihr Schicksal so besorgte Pfarrersköchin verdient. Ich eile, ein bischen Toilette zu machen, um die vereinigten Herrschaften auf eine — ihren Talenten und Eigen- 26 schafteu geziemende können. (Links ab.) Weise begrüßen zu Zweite Scene. Ernst (allein). Sie scheint gereizt, weil ihr schönster Traum in Brüche ging! Was soll erst ich sagen? Ich glaubte gestern die ganze Geschichte mit Champagner wegschwemmen zu können-und sonderbar! so oft es sich um eine Liaison gehandelt hat, jedesmal giug's. Gestern nicht. Sonst sang ich bei der dritten Flasche bereits Offenbach. Gestern war ich, als wir die vierte aufmachten, schon bei Beethoven's Trauermarsch! Sonst ritt ich am Tage nach einer beendigten Liebe in den Prater-heute früh besuchte ich — wo ich noch mein Lebtag nicht gewesen bin — die Hofbibliothek. Es ist doch etwas Wunderbares um so eine wirkliche Liebe! Man erzählt nichts davon im Kaffeehaus, zeigt keine geheimnißvolleu Medaillons her, man verliert die ganze Vorliebe für Renz und die Miß Sarah — und —bei Gott-es gibt auch unter den Zivilisten höchst anständige Menschen.-Johann! Dritte Scene. Vorige. Stieglitz (sehr ernst). Stieglitz (salutirend). Befehlen, Herr Lieutenant? Ernst. Ich habe Dir eine angenehme Mittheilung zu machen. Stieglitz. Wird's was mit Rußland? Ernst. Im Gegentheil. Stieglitz (traurig). Also bin ich ver- urtheilt, dieses Dasein noch einige Zeit mit mir herumzutragen? Ernst. Wir werden um die Hälfte heruntergemindert. Stieglitz (traurig). Da werden Euer Gnaden ein schöner Sterzl werden. Ernst. Die Pferdeportioneo hören aus — Stieglitz. Himmel, von was werd' ich leben? Ernst. Die Escadron wird ans 9V Mann reducirt. Stieglitz. Was Sie sagen! Wann's aber auch noch so viel entlassen, an Gemeinen sollten's halt doch lassen — Ernst. Und damit ist Alles gesagt! Du hättest in 7 Monaten ausgedient — aber laut Erlasses — Stieglitz. Na, da kommt g'wiß ein Unglück — Ernst. Und laut Tabelle bist Du von heute an Eivilist — bist beurlaubt bis zur gänzlichen Entlassung. — (Gibt ihm die Hand, mit der andern eine Throne im eigenen Auge zerdrückend.) Du bist ein freier Mann — Stieglitz. Das heißt Eivilist bin ich, aber freier Mann derweil noch nicht, so lang nämlich diese Bandlereien mit diese Staatsgrundgesetze san — Ernst. Zieh' diesen Rock aus, Beinkleider und Gilet — übergib die ärari- schen Sachen an's Depot, und sag' der Easerne Adieu! Stieglitz. Ich, fort von Ihnen, Herr Lieutenant? Ich Ihnen allein dabei lassen? O wann Sie nicht auch die Quittung einreichen, bleib' ich auch — Ernst. Das geht aber nicht! Wenn Du entlassen wirst, mußt Du geh'n. Stieglitz. I Hab' ja nix ang'stellt! Ich Hab' ja bloß die Bürsten öfters außer Dienst trag'n, Hab' Niemanden beschädigt, so lassen's mich doch dabei — Ernst. Sieh, lieber Johann — es ist mir gewiß selbst leid — einen so braven Diener — einen — ich geuire mich nicht, es zu sagen — einen treuen Freund zu verlieren-aber's muß so sein — Stieglitz. Wissen's was; ich Hab' 1200 Gulden, die erleg' ich, und kauf mich los vom Civil — Ernst. Geht Alles nicht, lieber Johann — Du mußt geh'n — Stieglitz. Gut, so geh' ich so lang' 27 zufällig beim Arsenal vorbei, bis ich amal bei einer Scheibenschießerei durchlöchert werde. Ernst. Aber Johann! Sei doch lieber froh, wenn Du nun deinen eigenen Herd gründen kannst! Du wirst wieder zu deiner Profession greifen, wirst dein Erspartes benützen und Dich als Regenschirmmacher etabliren; Du wirst Frau und Kinder bekommen. Stieglitz. Das Letzte wär mir's Wenigste, aber wo die Erste hernehmen — Ernst. Nun, ich glaubte doch, Du bist mit der Gusti schon im Reinen — Stieg litz.Jm Reinen? Hm! Von derer Unreinlichkeit haben Sie ja gar keinen Begriff- Ernst. Du hast ihr also noch nicht gesagt? Stieglitz. Nix — Ernst. Sie weiß noch nicht, daß Du ohne fie nicht leben kannst? Stieglitz, dlon. Ernst. Daß Du nur Einen Gedanken hast, dev, fie zu befitzenum jeden Preis? Stieglitz, diente! Ernst. Und daß Du fie so gerne heiraten möchtest? Stieglitz. Atzedro! BeisovielSprach- keontnisse Hab ich ihr's noch nicht begreiflich gemacht. Ernst. Ja und warum denn nicht? Zum Henker. Du bist doch ein ganz netter Bursche? Stieglitz. Net wahr, das sag' ich halt auch! Ernst. Ich will nicht sagen, daß Du gerade ein Adonis bist — Stieglitz. Es kann a net Jeder a Toni sein. — Ernst (stellt ihn in Positur). Aber zu den Kleinsten gehörst Du eben auch nicht. Stieglitz. Das is es. Dafür gib ich mehr aus. Ernst. Und jetzt, wo Du ein Geschäft gründen. Dich häuslich niederlassen kannst — jetzt — solltest Du — ein Mann, der seinen Betriebsfond in der Tasche hat, nicht mit der Sprache Herausrücken? Stieglitz. Ich red'mich halt so viel schwer. Ernst. Das müßte doch mit dem Teufel zugehen. Stieglitz. O, mit'n Teufel thät i mi viel leichter auseinandersetzen, wie mit ein' Madel. Ernst. Und es ist doch nichts leichter als das. Stieglitz.Schaun's, das Exerciren mit die Gewehr — das habn's uns Allen von der Mannschaft aus'n Fundament gelernt: san's so gut und richten's mich auch a bissel ab aus die Liebe. Ernst. In Gottesnamen! Also denk' Dir, Johann— gut aufgepaßt! Es kömmt jetzt die Gusti zur Thüre herein — Du bist die Gusti — Stieglitz. Ich bin die Gusti und Hab' gar kane g'stärkten Unterröck an. Ernst. Also, was würdest Du jetzt thun — nicht als Gusti — sondern als Stieglitz? Stieglitz. Roth wer'n wie ein Portion Paradeissoß — Ernst. Aberso, lieber Freund, so kömmst Du ja dein ganzes Leben um keinen Schritt weiter. Du trittst daher näher — Stieglitz. Net so nah' — Sie treten mir auf's Klad aufi. Ernst. Ergreifst ihre Hand — Stieglitz. O, ich bitt' — Ernst. Dann küß t Du dieselbe, führst die Dame zum Sopha — Stieglitz. Sie san a Schlimmer — Ernst. Und läßt Dich hier an ihrer Seite nieder. Stieglitz, (im Nirdersttzen). Laß di net angreisen, sagt der Herr Pfarrer. Ernst. Nun rück'st Du heraus mit der Farbe. (Ergreift seine Hand.) Meine theure Gustl! Sie wissen nicht, welch' unwandelbares, merkwürdiges Gefühl mein Inneres durchschauet — wie alle meine Pulse schlagen, wenn Ihr Hauch den meiuigen 28 berührt — jetzt least Du den Arm um ihre Taille. Stieglitz. Sehr gut; Sö, do wart' i schon d'rauf. Ernst (thut es). Und sprichst: Gusti, Ihr seelenvolles Augenpaar hat längst mein Herz getroffen — Stieglitz (hat ein Buch herausgenommen und sich die Rede ausgeschrieben). Nicht so schnell; Herz getroffen — Ernst. Oeffnen Sie mir endlich die Himmelsthür Ihres Herzens. Stieglitz. Gleich! Hab' ihn schon den Himmel sammt der Thür. Ernst. Und sprechen Sie es aus das Wort, das mich beglückt. Stieglitz (schreibt). Ganz gut; Sie machen Ihre Sachen famos — (Recitirt.) Das mich beglückt — Ernst. Daß Sie mich lieben! Stieglitz (schreibend). Ausgezeichnet! Punkt. Ich siech schon, wie Sie in diesem Augenblicke verlegen wird — ganz g'schamig abischaut auf dieSchucherl- Ernst. Und dieser Moment — wird rasch benützt, Du drückst einen Kuß auf ihre Lippen — Stieglitz. O mein guter Stieglitz! Ernst. Und sie ist dein für alle Zeiten! Stieglitz (steht auf). Herr Lieutenant, ich danke gehorsamst für die gnädige Straf', will ich sagen für den gefälligen Unterricht — Ernst. Nun, es soll mich freu'n, wenn Du nun weniger unbeholfen zu Werke geh'st — denn merke Dir — Schliff und sicheres Auftreten ist der beste Empfehlungsbrief für den Maun bei der Frauenwelt. Stieglitz. Sie glauben also, wenn ich a so losleg' — in derer Dicken — Ernst. Daß der Erfolg nicht ausblei- ben kann. Stieglitz. Nachher wern's was erleben. (Klopsen an der Thür.) Ernst. Herein! Ach, der Herr Pfarrer und seine Gusti! — (Leise zu Stieglitz.) Also, Johann, mach' mir keine Schande! Stieglitz (ebenso leise). G'hört schon mein! Vierte Scene. Vorige. — Pater Kilian. — Gustl. Stieglitz (studirt während des ersten Theiles der Scene fortwährend aus dem Buche, in das er die Worte des Lieutenants geschrieben). P. Kil. Der Kaifas, Herr Lieutenant, hat seine Hände in Unschuld g'waschen — aber der Kaifas war ein Spitzbub bei derer Wascherei — wir aber, Herr Lieutenant, wir san wie der Pontius ins Credo gekommen — ich und meine Köchin. Ernst. Nichts mehr davon — Sie haben mir ja Alles erzählt. (Reicht Gustl die Hand.) Ich weiß es, daß ich Sie ungerecht beschuldigt habe. — Gustl (treuherzig). Ja, und sch au'ns, Herr Lieutenant — ich Hab' der Frau Oberin eh' g'sagt, sie soll mi schwarz anleg'n — mir kummt's auch auf das Gelübde der Tugend nicht an — na ja — wenn man amal Rest macht mit der ganzen Wirth- schaft, geht's schon in an' Aufwaschen — Ernst. Aber wozu denn auch?Sie sollen weltlich bleiben, Gusti, und ein wackeres Weib werden. P. Kil. Versteht sich; und Kinder muß ihr unser Herrgott schicken, daß ich gar net außakomm aus'n Taufen, Firmen, Heiraten und Verkünden — Gusti. Ja, und i wär' ja auch dabei! Schon darum, damit ich dem Herrn Lieutenant beweis — daß ich unseren G'spaß schon längst vergessen Hab' — damit er sich keine Gruschpeln mehr macht; aber es kommt halt Kaner — Ernst. Vielleicht doch! (Leise zu Pater Kilian.) Herr Pfarrer, die Hausfrau bittet Sie, einstweilen ihre Bibliothek zu besichtigen — sie wird gleich die Ehre haben. Sie zu begrüßen. P. Kil. (leise zu Ernst, den Lieutenant in die Seite stoßend). Sie Vocativus — Sie wollen mich wegschummeln. 29 Ernst (leise zu Pater Kilian). Ich habe ihn ein bischen in die Eorda g'nommen. P. Kil. (lachend). Schani s daher, was man bei Ihnen Alles lernen kann. Ernst. So kommen Sie doch nur, geistlicher Herr! P. Kil. (im Abgehen). Eine Mess' les' ich — Herr Lieutenant, wann der dumme Kerl amal 's Maul aufmachen lernt. (Beide rechts ab.) Fünfte Scene. Gustl. Stieglitz. Stieglitz (hat endlich aufgehört seine Sätze zu repetiren, sieht auf, gewahrt Gustl, erschrickt). Himmel — wir sind allein! Gustl (für sich). Was schneid't denn der für G'sichter? mir scheint gar, der is narrisch wor'n über d'Nacht. — Stieglitz (streckt die Aermel aus). Und wann's Graz gilt, mein muß sie sein, noch eh' der Tag sich wendet. Gustl (für sich). Der streckt sich die Aermel auf, der wird mi do net am End — Stieglitz, (schneidet plötzlich ein sehr freundliches Gesicht, sieht in's Buch und spricht halb vor sich hin). Du trittst näher an sie heran — Gustl. Net so nah — Sie treten mir auf's Kleid aufi! Stieglitz. Ganz in der Ordnung. Ergreif' ihre Hand. Gustl. O, ich bitte! Stieglitz (für sich). Bis dato geht's sehr gut. Ganz nach'n »Bücht* — man küßt dieselbe — Charmant und führt die Dame zum Sopha. — Gustl. Aber was Ihnen net Alles kinfallt heut', Herr Stieglitz. San Sie a Schlimmer! Stieglitz (für sich). A bissel zu viel, was sie jetzt g'sagt hat, aber das macht nix! (Schielt in's Buch.) Man läßt sich an Ihrer Seite nieder. — (Sieht Gustl an.) 3 bitt', hier müsien's a bissel roth werd'n. — Gustl. Ja was woll'n denn Sä eigentlich von mir? Stieglitz (ergreift ihre Hand und spricht in asfectirtem Tone, als ob er etwas Auswendiggelerntes aussag en würde, dabei immer in's Buch schielend). Meine theure Gusti! Gustl. Ob's weitergeh'n! Stieglitz (verwirrt). Sie wissen nicht, welch schauerliches Gefühl mein Inneres durchwandelt, wie alle meine Merkwürdigkeiten schlagen, wann Ihr Hauchten weinigen berührt. Gustl. Na hörn's — i vertrag' schon was — aber — Stieglitz. Ich bitt', bleiben's sitzen, jetzt kommt erst das Wahre — (Declamirt.) Ihr paarweises Seelenauge hat längst mein Herz getroffen, öffnen Sie mir endlich die Zimmerthür Ihres Himmels. Gustl. Ja — die Zimmerthür werd' i glei aufmachen! Stieglitz. Und sprechen Sie's aus das Wort, das mich beglückt, daß Sie mich lieben! Dieser Moment wird rasch benützt und sie ist dein! (Hat sie geküßt.) Gustl (die ihm eine Ohrfeige gegeben hat, rasch aufspringend, die Arme in die Seite stemmend). Sä kecker Ding, was erlauben Sie Ihnen denn mit mir? Stieglitz. Ah! die Watschen! Und aüf der Schmölz is's so gut gangen! (Gruppe. Pause.) Gustl (in einer Ecke die Arme in die Seite stemmend, Stieglitz in der andern sich die Backe haltend). Gustl. Mir kommt's ja beinah' so vor, als wann Sie mich für ein' Narren halten wollten? — Zimmerthür de- Himmels! Paarweises Seelenauge? seiUb schlagenden Merkwürdigkeiten? Stieglitz (weinerlich). Mein Gott, was kann denn ich da dafür, wann dem Herrn Lieutenant nix G'scheidteres ein- Gustl. So? vom Herrn Lieutenant san alle diese schönen Sachen? Und was Haben s denn da für a Büchel? Stieglitz. Das is eben das Liebes- Reglement. Gustl. A Liebes »Reglement? Wann Sie alsowem wasSchön'ssagen wollen— Stieglitz. Geht bei uns Alles nach'n Reglement. Gustl. Mein lieber Herr Stieglitz, da san's schön am Holzweg! I glaub' dagegen, in der Schlacht muß ftatt'n Reglement der Verstand reden und in derLieb' fiatt'n Reglement das Herz! Stieglitz. Sic meinen — sonst wird man in der Schlacht auf's Haupt und in der Lieb' daher geschlagen. Gustl. Natürlich, wann Sie in wem verliebt sein, warum reden's denn net lieber so, wie Ihnen der Schnabel g'wachsen is? Stieglitz. Also wie redeten denn Sie z. B., wann's in a Madl verliebt wären? Gustl. Ich? Na ich saget halt — wie haßt denn das Madel? Stieglitz. Nehmen wir an Gustl! Gustl. Gut, also Gustl! Da saget i halt: Scharms, Gustl, — ich bin a braver Bursch, der's gut mant mit Ihnen. — Stieglitz. Seg'ns, wie Sie Alles wissen. Gustl. I bin just net der schönste Mann auf der Welt — au eoutraire! Stieglitz.Warten's nur, wann's mich fegen im kraüperten Gilet mit'n gschwaften Hüterl. Gustl. Aber wann der liebe Himmel statt ein Stutzer nur ein Stützet aus mir gemacht hat. (auf's Herz deutend) dahier schlagt ein ehrliches Herz und — jetzt thät i mir den Schnurrbart drah'n — Stiglitz. I drah'n eh schon. — Gustl. Und ginget hin zu dem Madel — Stieglitz. Segeu's mi denn net? Gustl. Thät so a bisserl ankommen — so wissen's wie zufällig. — Stieglitz. Bin eh schon siebenmal ankommen. Gustl. Und saget — geh, Gustl — nimm mi — ich geb' Dir mein Wort, i will Dich auf meinen Händen tragen, denn i bin a ehrliche Haut! Sei mein für's ganze Leben! Schlag ein! Stieglitz. Na also — (Hält die Hand hin.) Gustl (ganz gleichgiltig). Na was denn? Stieglitz. Wann's Ihnen eh schon selber in em' Athem zureden, warum sagen's denn net Za? Gustl. I soll Ja sagen? Stiglitz. Ja, wer denn? Jetzt frag' i Ihnen, wer unterrichtet wern' muß? Ich oder Sö? O wir Männer, wir verstehen s schon, aber die Gusteln wollen uns net begreifen. Gustl. Also so is' das? In mich san Sie verliebt? Stieglitz. In wen denn? Gustl. Mich woll'n Sie heiraten? I bin diejenige, die mit Ihnen ein End' machen soll? Stieglitz. Und Parapluie! Ich ziehe mich nämlich in den wohlverdienten Ruhestand und mach' ein Regenschirm»G'wölb auf!—Gustl, wann ich Ihnen nicht krieg— ich thu' mir was an! Nehmen's mich und Sie werd'n seg'n, Sie kriegen nix Billiges. Gustl, mit einem Wort, ich kann nicht leben ohne Ihnen — wann's mich nicht heiraten — (zieht den Säbel des Officiers, der aus dem Tische liegt, aus der Scheide) so san's so g'fällig und stechen's mich ab wie ein' Anterer und gengens dann in Gottesnam mit der Leich' — Gustl (hat den Säbel in der Hand zählt die Knüpf an ihrem Jaquet). Soll i' — soll i' net — soll i' — soll i' net? Stieglitz. Sie, wann's net ausgeht, nahn's no g'schwind a' paar Knöpf au. — 31 Gustl. Es geht aus! Nachher: Du sollst nicht tobten, jagt der Herr Pfarrer. (Läßt den Säbel fallen.) Stieglitz. Im Gegentheil, Du sollst Dich copuliren lasten, sagt der Herr Pfarrer. Gustl. Und wann Sie mich wirklich gar so gern haben, wie Sie sag'n — Stieglitz. Bründlfeldisch! Gustl. Na so wer'n wir halt — Stieglitz (hastig). Was wer'n wir? Gustl. So wer'n wir uns es halt überlegen, ob wir eigentlich so recht Pasten zu einand'? Ja. wir wollen's probirn miteinand, obwohl ich glau b', daß wir in vielen Punkten nicht einverstanden find. Er. Bei so was sein mir von der Stadt net dabei. Das wär' uns ja viel zu viel Leimfiederei. Sie. Do macht Sie dann ihr Fensterl auf. Es wird ihr gar so warm, Und eh's no fünf Minuten san. Liegt sie in seine Arm. (Umarmen sich.) Er. Kein Schneider ohne Zugehör, Kein Schuster ohne Papp. Drum geht's bei solcher G'legenheit Nie ohne Jodler ab. Duett. 1. Sie. Wie schön, mein lieber Stieglitz, wird Bei uns in stiller Nacht, Dem Mädchen, das man herzlich liebt, Ein Ständchen dargebracht. Er. Er nimmt die alte Hausguitarre Und stellt sich hin vor's Haus, I' bitt' Ihnen, gehen's lasten's mich Mit diese G'schichten aus! (Beide jodeln.) Gr. Wenn Unsereins ein Ständchen bringt. Wir kommen nie allein, Wir kommen gleich 500 Mann Mit drei Gesangverein. Sie. Ein solches Ständchen, lieber Freuud, Ist nicht nach meiner Wahl, Sie bringen ja kein Ständchen nicht, Sie machen ein' Krawall. Er Sie (markirt den Sänger, als ob sie eine Guitarre im Arme hätte und fingt folgendes Ständchen). Der Bua kommt, eh noch anbricht d' Nacht, Und stellt sich vor die Thür, Vor Freud das Herz im Leib ihm lacht, Er fingt sein Standerl ihr. Geh, Rosel, mach dein Fenster auf, Es ist die g'wiste Stund', Geh, Rosel, mach' dein Fensterl auf, Dein Poldl steht heruut'. (markirt, als ob er ihr was geben würde). (Prosa.) Da haben's die Noten — stellen's Ihnen daher, Sie dürfen mitsingen ! Wir nehmen an, dort oben logirt Diejenige, welche — mit Schmelz, wenn ich bitten darf: Legen's Ihnen, was man sagt, hinein. Beide (fingen sehr tumultuarische Komposition). Gute Nacht, du theures Kind, Schlafe wie ein Enaelein, Und ein leiser Zephirwind Wiege Dich in Schlummer ein. 32 Sie. (Prosa.) Na, die wird gut schlafen, wenn wir so ein Scandal machen. Er. (Prosa.) Jetzt entfernen wir uns mit einem kleinen Abschiedsgeflöte. Beide (fingen). Gute Nacht, gute Nacht, Lebe wohl, Du süßes Kind; Lebe wohl, indessen wir Gleich daneben im Wirthshaus find. (Man hört in diesem Augenblick das Trom- Beide. Um gar kein' Preis, nein, nein, nein! Ich komm' « nicht mehr in die Stadt' Sie kommt j herein. Um gar keinen Preis, nein, nein, nein! n ihr j gar »ich. .m! Bei uns am Land da is a Pracht, Da wird das All s ganz einfach gemacht. Nein, nein, nein, nein! N kämmt! "cht mchr hmm! 2 . peten-Feuerfignale.) Sie. Sie. (Prosa.) Um Gctteswillen, was ist denn g'schehn? Er. (Prosa.) O, das g'schicht oft, fie werden unser Jammerg'schrei g'hört haben und glauben, es ist ein Feuer ausgekommen. Sie (fingt). Und ein solches Nachtspectakel — Er. Seh n Sie endlich amal ein — Sie. Soll bei Ihnen in der Stadt hier — Er. Eine Unterhaltung sein. Sie. Herr von Stieglitz — Er. Fräula Gustl — Sie. Na. da dank' ich Ihnen sehr — Er. Unsere Sitten — Sie. Muß i bitten — Er. Na, die g'fall'n nimmermehr! Wie schön, mein lieber Stieglitz, wird Ganz ohne Lvtrepriss Bei uns am Land der Mensch begrab'n. Wenn einer g'storben is. Er. Da kommt der Schulg'hilf mit der Geigen, Ich kenn' das ganze G'frett; Der Halter spielt, daß' schöner is. Dazu das Clarinet. Sie. Vom Thurm herunter klingt es heut' Ganz kurios bim, bim, Die Kinder singen ihm a Lied Mit ihrer klaren Stimm'. (Im Orchester das entsprechende musikalische Arrangement.) Lieber Himmelsvater oben, Sieh' auf dieses frische Grab, Blick' auf ihn und seine Fehler Mit Erbarmen heut' herab! Er. Bei so was find wir von der Stadt net dabei, Das wär' uns zu viel, zu viel Leimsiederei. Sie. Da zieg'n wir unsre Tücheln h'raus. Da weint dann Groß und Klan; Wir gengen erst vom Friedhof weg. Wenn Keiu's mehr weina kann! 2 — Er. Beim Heimweg spielt der Schulgehilf Zu derer Zahnerci, Seit Jahren schon die nämliche Bcstattungsmelodei! (Komischer Traucrmarsch unterbrochen von dem Schluchzen Stieglitz's und GustelS.) Sie (singi). Und ein solches Mordspectakel — Er. Seg'n Sie's endlich einmal ein? Sie. Soll bei Ihnen in der Stadt hier — Er. Ja, uns in ÄZien. mein liebes Kind, Lhät' so was nicht beweg'n; I möcht'. daß Sie bei uns allhier A Militärisch' seg'n. Sie. Da gibt es viel Geräusch dabei. Ich Hab' davon gehört; Bei uns am Land da wird die Ruh' Net so wie hier gestört! Er. (Prosa.) Gehn's weg da — stellen's Ihnen dort hintri — g'schwind a bissel. Sie. Sie, was haben's denn? — Was wol- len's denn von mir? Er. Srgn's denn nit, daß heut s'Glacis ab- g'sperrt wird? (Türkische Musik in der Ferne.) Er. (Sprengt auf der Bühne herein und ruft:) Habt Acht! Halt! (Tritt schmunzelnd zu ibr und salutirt.) Gefällig, mein Fräulein, werde Sie in's Quarre hineinführcn. Musik. Kanonendonner. (Man hört jeden Augenblick Glasscherben, die aus die Erde sollen.) Sie. (Geht händeringend herum. Der Lärm verstummt.) (Prosa.) Um Gottes willen, was war das für eine Schlacht? — Er. Das war eine Feierlichkeit! (Sehr lustige türkische Musik.) Er. (Sprengt aus sie zu.) Segn's, jetzt is Alles vorbei.— setzt sind wir wieder sehr gut aufg'legt auf den Schmerz hinauf. — Wi.nn Ihcal.'Rtp««. Nr. L4S. Er. Eine große Feier sein! (Schluß wie bei Nr. I.) Sechste Scene. (Es ist mittlerweile langsam dunkel geworden. Aus der Thür links in anderer Toilette.) Fr v. Stein (allein). Mich um Entschuldigung zu bitten für jenen Affront — das wäre die Ursache, warum mich diese Herrschaften noch einmal aufsuchen? Es wird wohl noch eine kleine Nebenabsicht dabei im Spiele sein? Man wird die eingeschlagene Bekanntschaft mit dem HerrnLieutenant wiederauffrischen wollen. (Sie klingelt.) Es ist mittlerweile Abend geworden (Bedienter erscheint.) Licht! (Bedienter ab, erscheint später mit zwei Leuchtern, deren Kerzen angezündet sind, stellt diese^auf zwei versckiedene Tische und geht wieder ab.) Und sie werden vermutblich große Eile haben mit ihrer Abreise? Nun. ich will dem lieben Paar einen Denkzettel mit auf die Fahrt geben, einen Denkzettel, der ihnen die Lust vergällen wird, jemals wieder hier in der Stadt eine Rolle spielen zu wollen; da sind sie ja! Siebente Scene. Vorige. — Pater Kilian. — Gustl. — Stieglitz. P. Kil. Da ist sie. die gnädige Frau; Gustl, jetzt red'! Gustl. Wann Ihnen in der Stadt Jemand Verdruß g'macht hat, gnä Frau — da kriegen's vermuthlich einen Brief: »Euer Hochwohlgedor'n! Noch van z 34 dem traurigen Ereigniß niederge- beugt,welch es* — oder,Sehr geehrte gnädige Frau! Mit tiefer Bewegung ergreife ich die Feder, um Ihnen« — u. s. w., u. s. w.Ü Mir — gnä' Frau — mir vom Land, wir san auf so schöne Brief net eing'richt, mir gengen zu dem hin, den wir beleidigt hab'n — P. Kil. Stechen a Fadl ab — a klans — Gustl. A gute Henn' in d'Suppen, a Häfen an Rahm — Stieglitz. Oder man legt an Metzen Erdäpfel in an Stanitzel — Gustl. Mit an Wort, wir gengen hin zu die Leut' — und sagen: »Sans net bös, es war net so g'mant« und was das Spanfadel anbelangt — P. Kil. Las kommt unter Kreuzband mit der Post. Gustl. D rum, gnä' Frau, san's nimmer bös. tragen's mir und dem Herrn Pfarrer nichts nach — P. K i l. Wir hab'n eh'zwa Expreß unten. Gustl. Und geben's uns zum Abschied recht herzlich die Hand. (Reicht ihr oie Hand durch längere Zeit — Fr. v. Stein zieht die ihrige rasch zurück.) Fr. v. Stein. Verbindlichsten Dank für diese Freundschaftsbezeigung, aber ich verzichte darauf. Gustl. San's denn no bös? Fr. v. Stein. Und verzichte um so lieber darauf, als ich noch niemals intime Beziehungen gepflogen habe mit Personen von zweifelhaftem Charakter! . P. Kil. Zweifelhaften Charakter — — Fr. v. Stein, ich bin — Fr. v. Stein. Sie sind Pfarrer, man hat mir dieß erzählt, aber bis heute weiß ich noch nicht (mitIronie)-was für ein Pfarrer — P. Kil. (den Hut vom Kopfe streifend). Was für ein — (bedeckt sein Gesicht mit den Händen — wankt zu Gusti — sich auf dieselbe stützend) was für ein- (Pause — nach derselben sich ermannend). Gnädige Frau, der Priester, der sich selber lobt, der is eitel und stolz, der begeht a Sünd' — d'rum — i derf mi net loben. Aber gengen's ausfi in unser Gemeinde, — die alten Mütterln. sie grüßen mi von weitem so freundlich wie die Kinder, und die Männer — die jungen wie die alten — i bin ihnen net a Krampus — na, ein guter, alter, erfahrener Freund!Ibrauch' bei meine Bauern nix vom Teufel z'reden — droh' ihnen net mit der Hält' — die Haben s hier auf der Erd' mit die Steuern — i tröst's mit'n Himmel, und von meine Predigten kommt kan Anzeige ein! in's Blatt — Gustl. Und was der Herr Pfarrer sagt, das is Eisen! Was der Herr Pfarrer sagt, is mehr als Eisen — iS Gold! P Kil. Ob'st stad bist! Nachher bin i net bloß der Seelsorger draußten — na. für unsere Armen im Ort kocht mei Gustl alle Tag' separat, für die bin i a Leib- sorger. und darum haben's mi a so gern draußt in unfern Dorf! I bin ein Geistlicher, gnä' Frau — a Pfarrer, in der jetzigen Zeit a Pfarrer, und denken'- Ihnen das — i Hab' kan anzigen Feind — da sagen die Leut' nachher no, daß kane Wunder mehr g'schegn? Stieglitz (für sich — den Säbel schwingend). Wann das Waffentragen außer Dienst net so viel z'reden gebet — derer Person — Fr. v. Stein. Möglich, daß es sich so verhält — ich habe für dieses Lob, das Sie sich selbst ertheilen. keine Bestätigung. Ueber einen Punct jedoch wird mir der hochwürdige Herr wohl keine Auskunft ertheilen — und dieser Punct — es ist dieß ein heutzutag oft genannter Punct — es ist: die Pfarrersköchin. P Kil. Gnä Frau, Sie wer'n doch nicht glauben, daß die Gustl — Fr. v. Stein. Ich glaube, Hochwürden! Ich glaube nämlich, daß Sie nun — wo Ihnen in Ihren alten Tagen die 35 Dame zur Last wird, die saubere Köchin gern anderswo gut versorgen, daß Sie dieses Mädchen um jeden Preis unter die Haube bringen möchten — Gustl. Gnädige Frau — ich bin a Lampet — wann Sie aber die Ehr' von mein' geistlichen Herrn angreifen — Fr. v. Stein. Schau, wie hitzig! Nun, meine Liebe, wer find Sie denn eigentlich? Wie kömmt's, daß Ihre Eltern Sie so ganz allein in der Welt herumlaufen lassen? — Gustl. Ich kenn' halt leider meine Eltern nicht — Fr. v. Stein. Ei, immer besser! Dann habe ich Ihnen freilich Unrecht gethan! Fragen Sie doch den Herrn Pfarrer, ob nicht etwa der geistliche Herr Ihre Mutter kennt — sagen Sie ihm doch, er soll sie Ihnen endlich doch nennen. IhreEltern! Bis dahin aber verbiete ich mir Ihren weiteren Besuch, sowohl jenen der unbekannten Pfarrersköchin, als auch den des in Ehren grau beworbenen — aber dabei gar zu gern im Finstern schleichenden Herrn Pfarrers! (Schnell links ab.) P. Kil. Gustl, hast es g'hört? Gustl. Mir stengen schön am Glanz da. Herr Pfarrer! Stieglitz. Macht nix. Gustl. Wann Sie gar kan Vätern hätten und gar ka Mutter — ich nimm Ihnen doch! — Aber nicht genug! Ich bin heut' noch Soldat, ein in Ehren blau gewordener Soldat! Glauben s, ich lass' Ihnen so beleidigen? Ich geh' jetzt zu mein' Lieutenant und erzähl' ihm Alles und wann der seine Tant' nicht fordert — ford're ich's! Von derer kommt nicht ein Mann mehr zurück. Total wird sie aufgerieben, diese Tant — und damit dieses Duell ja nicht verhindert wird, geh' i jetzt gleich herum in der ganzen Stadt und erzähl's einem jeden von unsere 7000 Vertrauten! — (Wirft einen Handschuh vor die Thür, durch welche Fr. v. Stein abgegangen.) Fortsetzung folgt! (Durch die Mitte ab.) Achte Scene. Gustl und Pater Kilian. P. Kil. Na, Gustl — was denkst Dir denn jetzt a so vom Herrn Pfarrer? Na — daß i net dein Schatz bin — das weißt Du — die Gemeinde — der liebe Herrgott. — Aber was die Frau sonst no g'sagt hat — Gustl. Und no dazu mit so an sichern Ton! (Dem Pfarrer treuherzig in die Augen vlickend.) Aber so sagn's mir's do, Herr Pfarrer, reden's amal offen und aufrichtig, wer san denn eigentlich meine Eltern — gehn's, sagen's mir's, Herr Pfarrer — P. Kil. Versteht sich. Du hast das Recht zu fragen! Aber i — na — na — na — i kann, ich derf Dir's net sagen. Gustl. Net sagen? und warum derfen Sie's denn net sagen? P. Kil. Weil i's deiner Pflegemutter am Lodtenbett versprochen Hab' — daß ich's niemals verrath — nur dann, wenn es sich amal um dein Lebensglück handelt. Gustl. Na also; jetzt, wo's Jhnere, wo's meine eigene Ehr' betrifft — ist das net mein Lebensglück? P. Kil. Deine — richtig deine — Ehr'! Wann's nur die meinige wär', o Du mein — bei unserm Herrgott kann mi ja doch Niemand verleumden — aber die deine — ja. ja — es betrifft dieß- mal dein Um und Auf, dein Lebensglück! Gustl. Denn Hab' i net Recht — was nutzt mir's Essen und Trinken bei Ihnen — mein gutes Bett, mein G'wand und a freies Quartier, wann a jeder Mensch auf mi mit Finger zeigen darf? P. Kil. Versteht sich, und die alte Reiberger Kathi da d'roden. die wird a g'wiß einverstanden sein — wann ich Dir's jetzt verrath. Na. Gustl. so hör' mich halt an. Vor etla zwanzig Iahr'n hat in unserer Gegend a noble Frau aus der Wienerstadt a Quartier ausgenommen 3 * 36 und eh zwa Monat vergangen waren, bist Du Gustl alser ganzer auf der Welt g'wesen. Gustl (neugierig). Meine Mutter war also a noble Dam aus der Stadt? P. Kil. Die Dich bei der Reiberger- kathi in die Kost 'geben, die fleißig für Die zahlt hat und Dir a jetzt no alle Jahr pünktlich an unfern Gmanvorstand 300 fl. schickt, so daß Du ganze 8000 fl. Vermögen liegen hast bei uns draußen in der Gmoan — Gustl. Und weiter, weiter, wie haßt die Fran, die noble aus der Stadt, die Frau die mein' Mutter is? P. Kil. Das steht da hier in die Schriften. (Reißt ein großes rothes Portefeuille aus der Brusttascke und nimmt aus derselben eia versiegeltes Packet.) Wo dein Taufschein und das Porträt deiner Mutter dabei is! Gustl. Her damit, Herr Pfarrer — in aner Minuten werd' i mein' Mutter sehen! (Reißt das Porträt aus dem Packete.) Eine junge schöne Frau— die i net kenn', aber da der Taufschein — Sie sag'n, 's steht der Namen einer jeden Mutter d'rin — in so ein Schein? P. Kil. So les'o nur, ich möcht's ja selber schon wissen. Gustl. Heiliger Gott! Jesus Maria! sich i recht — P. Kil. Amalia von Stein — die gnädige Frau — die uns vor a paar Minuten — Guftl. Sie is mein Mutter! (Sinkt in die Knie.) P. Kil. Is dein' Mutter! Na, is Dir jetzt leichter? I für wein Theil — i wär' froh, wenn ich's mei Lebtag net erfahren hätt'? Gustl (ausstehend). Ja, Hochwürden, mir is jetzt leichter! Geb'n Sie'n her den Taufschein, geben Sie's her, das Bildl — die ganzen Schriften — Sie haben mir a Präsent gemacht, Hochwürden — a Präsent— wie mau's in alle die G'wöl- ber, wo a Zahnstocher 7 Gulden kost, net z'kaufen kriegen kann. P Kil Was willst denn machen mit'n Taufschein? Gustl. Hintreten will ich vor die Frau und sagen will ich ihr — wer von uns Zwa jetzt roth werden muß — i oder Sie — P. Kil. Um Gotteswillen, Gustl — Gustl. Und net ihr allein will ich den Taufschein und die Schriften zeigen— na! — der ganzen Welt. (Nimmt die Glocken.) Is denn Niemand da im Haus? (Läutet.) Kommt's, Leuteln, Bediente, Köchinnen, Stubenmadeln, kommt's. denn die Pfar« rereköchin, die Person, die keine Eltern hat, will Euch a G'schicht erzähl'n von eurer nobeln gnädigen Frau. (Sie läutet wieder.) P. Kil. Aber Gusti, bist denn aus- g'wechselt, steckt denn der Teufel inDir? — Gustl. Sie hat uns beleidigt, Hochwürden, Ihnen, den Herrn Pfarrer, mi, ihr eigenes Kind— jetzt solln's aber auch mi hör'n. Hochwürden. wa§ ich derer Frau in's G'sicht sagen werd'! Blaß muß sie wern vor ihre eigenen Dienstboten und hier vor uns werd ich's heruntersetzen diese gnädige Frau so heruntersetzen, daß — P. Kil. Gar nix wirst Du tbun. als das. was Dir der Herr Pfarrer sagt! Es is wayr, sie is stolz die Frau, sie war bart mit Dir, sie war bissig und unbarmherzig, Gusti; — aber sie war no was, Gusti. und auf das derfst Du net vergessen! Gustl. Und was war's denn no? Wenn i fragen darf? P. Kil. Deine Mutter! Und weißt Du, was der Herr Pfarrer sagt? Gustl (das Schnupftuch aus -er Tasche ziehend und bitterlich weinend). Du sollst Vater und Mutter ehren, auf daß es Dir — P. Kil. Und was hat Dir der Herr Pfarrer öfters vorgesungen an ein Sunn- tag? Sein Lieblingsliedel. Erinnerst Di? »Wirst Du amal ausg'raubt — »Was liegt denn am Geld? 37 »Es gibt ja so Zetteln genug auf der Welt! »Oder schad't dir der Hagel am Feld überaus, »DieAssecuranz zahlt die ganze G'schicht aus. »Zerreißt Dir a Klad, na. von solcher? nem G'spiel »Kriegst Du überall in derStadt, was ma will. (Spricht.) Na und wie geht's weiter, Gustl? Gustl (singt). »Nur An's. wann das weg is — das schafft Niemand her? »A Mutter, die kauft ma um's Geld nimmermehr!* P. Kil. Na also. Gustl, und was wirst denn jetzt thun. wo die Leut' alle kommen? Dienerschaft. Ja was gibt's denn, was is denn g'schrgn? Wer hat denn so g'läut? Gustl. Wer g'läut hat, wolln's wissen? — ich Hab g'läut und was 's gibt? — Der gnädigen Frau is so kalt heut — nit wahr — Hochwurden? — und sic will — (fändet den Taufschein, den sie zusammengeknittrrt Kat, an dem Kerzenlicht an) daß ihr die Herrschaften a bisserl einheizen sollen — (Gibt das brennende Papier einem Diener, der es in den Kamin legt.) Da haben's, mein Lieber, zünden's unter, damit — (leise zu Pater Kilian) na, Hab' i recht than, Herr Pfarrer? P. Kil. Freist hast Recht — verbrenn's die Erinnerung. Neunte Scene. Vorige. Frau v. Stein. Fr. v. Stein. Was ist denn los in meinem Haus? Wer stört mich denn in meiner Ruhe? P. Kil. Wir Heizen Ihnen just ein, Euer Gnaden, und die Gusti — Gustl. Die Gusti — die hat sich noch amal bedanken wollen in der G'schwindig- keit für all' die Freundschaft, dies da ein noffen hat in dem Haus — P. Kil. Geh nur hin — schäm' Dich net — sieh dein Unrecht nur ein — geh' nur hin zur gnädigen Frau — Gustl. Und drum Hab' ich, was mich betrifft — der gnädigen Frau noch mnal — P. Kil. Recht herzlich — Gustl. Die Hand küssen wollen; denn -(thut dieß; wendet sich dann mit Vater Kilian zum Abgang und singt ganz eise.) »A Mutter, die kriegt man um's Geld nimmermehr!* Gruppe. Vierter >en Schullehrer gewahrend). Jegerl, Sie stengen noch alleweil anf'n nämlichen Fleck! Hätten Sie's auf d'Erd' g'stellt die dalkerten Häfen. Ich dank Ihnen recht sehr, lieber Zipfel, tragen Sie's nur eini in die Küchel. Zipfel (im Abgehrn.) O, ich bitt', es war mir das größte Vergnügen! (Mir der Milch ab in das Haus; — erscheint alsbald wieder ohne Töpfe und geht unter vielen Bücklingen ab.) Eilfte Scene. Pater Kilian. Ernst. Ernst. Es ist so, geistlicher Herr, wie ich Ihnen erzähle, und meine Cousine, welche mit mir hier angekommen und im Gasthofe abgestiegen ist — wartet nur auf einen Wink von Ihrer Seite — um Gusti an ihr Herz zu drücken. P. Kil. Was Sö sagen? Es gingert ihr also das Schicksal von dem Madel wirklich zu Herzen? Das Schicksal von ein' Wesen, das sie jährlich bloß mit ein Paar Gulden abg'speist hat? Ernst. Verkennen Sie nicht die peinliche Lage dieser armen Frau. Sie war Witwe — kinderlos! Sich selbst überlassen. wird sie das Opfer eines Mannes, der die Rathlosigkeit der jungen Frau benützt, um sie rasch zu erobern, eines Mannes, der sie nicht mehr zu seiner Frau machen konnte — weil er plötzlich starb. Nun, Herr Pfarrer, nun bedenken Sie! Die Aussicht auf den Spott ihrer Freundinnen, auf das ironische Lächeln der Lebemänner. dieAussicht aufein completes Stadtgetratsch. Können Sie's der bestürzten Frau verargen, wenn sie die Frucht ihres Fehltrittes hier auf dem Lande zu verbergen gesucht hat? P. Kil. Da san halt wir gut heraus't am Land? Wir san so das poste restanlo- Bureau für pfutschgegangene Reputation. Ernst. Ich will ja meine Cousine nicht rechtfertigen — ich will sie entschuldigen — P. Kil. Da gibt's nix zu entschuldigen! Ernst. Wenn aber die Reue der Schul- d-g«m — P. Kil. Die kommt zu spät — Ernst Zu spät? — Dem Himmel ist ein reuiger Sünder lieber als neunund- neunzig Gerechte — sagt der Herr Pfarrer. P. Kil. Das is eh' der einzige Spruch, der Eng g'fallt in der Stadt, damit Ihr a Zeit habt's für eure neunundneunzig Sünden. Ernst. Sie hätten Amalie sehen sollen, als sie im Kamine die Reste des Taufscheines, jene ihres Bildes fand. — Glauben Sie, Herr Pfarrer, die Thränen, die in den Augen einer Modedame glänzen. wiegen schwerer als die billigen Thränen Ihrer Bauern! Die Menschen in der Stadt sind dressirt auf Katastrophen! Bei uns fertigt man die fürchterlichsten Ereignisse mit einem Achselzucken ab. Hier bei Ihnen schluchzen Familien, wenn ein Kalb geschlachtet wird — wir speisen die Schlägel ohne Thränen. — Bis wir 42 in der Stadt uns zu Thränen Herbeilaffen, ist's der Mühe werth. Herr Pfarrer! P. Kil. Sie glauben also, daß diese Fr. v. Stein wirklich a Freud' hat, w ann ihr die Gustl um'n Hals fliegt? Ernst. Gewiß! Sie hat den Entschluß gefaßt, ihre Schuld zu bekennen — sie will kein Geheimiß daraus machen vor der ganzen Welt. P. Kil. Aber zu was ein' großen Wasch? Soll unter uns bleiben die G'schicht! Zu was braucht die Frau a Belobung in der Zeitung — als gebes- serteMama! Was in der Familie g'schiecht, soll in der Familie bleiben Holen Sie's her — die Frau — bis dorthin Hab' ich g'redt mit der Gustl. Ernst (reicht ihm die Hand). Der Himmel soll Sie segnen dafür, hochwürdiger Herr! Und in der ganzen Stadt will ich erzählen von Ihrer liberalen Denkungs- weise — P.'Kil. Nur das thun's mir net an, sonst werd' ich in meine alten Tag' noch cassirt. Ernst. Ich hole meine Cousine — und komme, wenn es Ihnen so recht ist — von der andern Seite in die Pfarrkanzlei. P. Kil. Ich werd' schon thun, was mögli iS; aber Ans sag' ich Ihnen glei jetzt — wann sich die Herrschaften in der Stadt ein anderSmal bessern wollen, thu' i schon bitten, daß's a bissel zeitlicher da- zuschauen. Ernst. Und wenn wir dann hier fertig find. Herr Pfarrer — P. Kil. So? Haben's noch was vorräthig? Ernst. Dann müssen Sie mit uns in's Kloster. Flora soll heute als Nonne geweiht werden. P. Kil. Und da san Sö net hin bis heut', und haben zu der Oberin g'sagt: Hochwürden, jagen's das Madel aussi aus'n Kloster, sie lügt Ihnen an mitsammt unser'm Herrgott —? Ernst. Geistlicher Herr — aufrichtig gesagt - ich traute mich nicht recht — P. Kil. Da haben's Ihnen nettraut? Wenn's heißt d'reinschlagen — daß die Fetzen herumfliegen — a Batterie nehmen, a Carrä sprengen, da is der Held dabei! Wann er aber wo soll ohne Sabel was durchsetzen — wann's mehr auf a freund- lich's Wort ankummt — wann er net hoch zu Roß sitzen, sondern zur Abwechslung schön absteigen soll-da fangen die Äengsten an. Ernst. Die Oberin hat immer Gott auf der Zunge — P. Kil. Ja da liegert nix d'ran — aber mir scheint. Sie hab'n net den Teufel im Leib! Das is die G'schicht'! Na, in Gott'snam' — i fahr' mit — und jetzt holen's nur amal die Fr. v. Stein, damit i fertig werd' mit der Gustl! Ernst. Jnzehn Minuten bin ich da! (Ab.) Zwölfte Scene. P. Kil. (allein). Diese Geschäften! Bei die Fadeln Hab' i noch gar net nach- g'schaut! Ich bin nur neugierig wer heul die Gäns' schoppen, die Katzen füttern, und a bissel ausgeh'n wird mit unsere drei Sampeln? Und richtig, noch was — (schaut aus die Thür) Resi! auf das hätt' ich bald vergessen — Resi (eine Bauerndirne, erscheint unter der Thüre). Schassen? P. Kil. Das Packet, was ich aus der Stadt mit'bracht Hab' — Resi. Gleich. (Ab — bringt es sogleich und geht wieder.) P. Kil. Das hätt' eigentlich gestern auf die Tafel g'hört — Hab' aber ganz vergessen. (Hat mittlerweile das Packet erhalten.) Das ist nämlich ein G'spaß von mir, den ich schon fider sechsunddreißig Jahre bei alle Hochzeiten mach' — a bissel ein alter G'spaß. aber ich komm' halt lang damit aus. 43 Dreizehnte Scene. Vorige. Gustl (in anderer Toilette, gleich darauf Stieglitz von entgegengesetzter Seite). Gustl Was, schon fort der Herr Lieutenant? Und ziea' mich eiqens wegen ihm so schön an! P. Kil. Is schon fort. Wird aber gleich in vermehrter Auflag' wieder da sein. Stieglitz. Gott sei Dank — die Luft ist rein von Häfen. Herr Pfarrer, eine Ueberraschung. Der Herr Lieutenant — P. Kil. Mit dem Hab' ich schon eine halbe Stund' g'redt, wird gleich wieder kommen; er will nämlich auch dabei sein. Gustl. Bei was denn? P. Kil. B i was? Na bei der Hochzeit von der Mandelbauer Marie — die ich in fünf Minuten copuliren soll. Gustl. So, bei derer will er dabei sein? Und bei der uns'rigen war er net? Stieglitz. Ein Duell is er mir eh no schuldig — gut — muß er jetzt gleich zweimal nachcinand schnell abreisen. P. Kil. Is aber auch ganz klar! Denn so schön wie die Mandelbauer Marie ihr Hochzeit war ja no kane in derer Gegend! (Musik in dv Herne.) Gustl. So? dös wer'n wir doch seg'n, ob's ein' schöneren Zug geben kann, als wie gestern der unsrige war. Stieglitz. Lächerlich! Abg'sehen davon, daß der Nußbergerseppel mit meine Wadeln kein' Vergleich aushalten kann. (Der Zug kommt nun in der bezeichneten Holge vorüber.) Gustl (aufwühlend). Also da sind zuerst die Musikanten — die waren bei uns a. Stieglitz. Und no dazu warcn's bei uns no net b'soffen. Gustl. Nachher die Schulkinder — die waren bei uns a! Stieglitz Und ob! Wo sich die meisten in mein' neuchrn Frack die Nasen ab- g'wischt haben. Gustl. Die weißen Madeln, dö san do die nämlichen, die bei uns waren. Stieglitz. Das san überhaupt immer die nämlichen. Ich war vor 30 Jahren in der Gegend, waren's schon akrat a so groß. Gustl. Und jetzt die Armen vom Ort! — aber Herr Pfarrer — das is ja heut Alles net anders als wie gestern bei uns? P. Kil. Aber so wart nur, Tschapperl, es is ja no net aus. Stieglitz. Die Gemeinderäthe von Zwatzendorf, ich bitt' Ihnen, Hochwürden — wenn's in Wien von dem Wein hören — ich kenn a paar, die herauskommen wären. P. Kil. Und wer kommt denn jetzt? Gustl. Die Brautleut'! Er is ein hübscher Mann! Stieglitz. So? (Bissig.) Sie ist ein Engel! Gustl. Geh, laß Di net auslachen. Stieglitz. Blamir' Dich net! Gustl. Jesus — wie sie sich gern haben, wie's'n umhalst. — Stieglitz. Ich versicher' Dich.Gusti — Dich haben's gestern auch um mich beneidet; — das war Dir a G'schau, wie ich ausg'stiegen bin. Gustl'. Jetzt bitt' ich Ihnen aber gar schön, Herr Pfarrer, was wollen's denn? Musikanten, klane Kinder, dicke Gemeinderäthe und arme Teufeln — das war ja bei uns Alles a? P. Kil. So wart. Gustl, und schau hin, wer kommt denn jetzt? Gustl. Jetzt? No wer denn? Ein alt's Weiberl kommt — ein alter Mann mit schneeweiße Haar — wer san denn dö? P. Kil. Das san die Eltern, Gustl — die Eltern, die ihre Kinder segnen. Gustl (tritt bestürzt nach vorne). Die Eltern? Ja, da haben's freili Recht, Herr Pfarrer — die waren bei unserer Hochzeit net dabei! Stieglitz. Was kann denn ich dafür, 44 daß meine Eltern theils auf dem Felde der Ehre gefallen, theils im Findelhaus gestorben sind? P. Ki l. Na, Gusti? Und Dir? Geht Dir nix ab? Wann Euch heut oder morgen das Glück verlaßt, wann eure Kinder den Krankheiten zum Opfer fallen, wann euer G'schäft zu Grund geht, wann Du vielleicht auf amal dastehst in der Welt, allan, verlassen, wirst Tu Dir net sagen: Jetzt siech i ch's ein. mir is das abgegangen, was die Bauersleut' g'habt haben — a Schutzgeist is unsrer Ehe abgangen — der Segen — Gustl. Meiner Mutter! Ja. Hoch- würden. Sie haben Recht! Und wenn's mir a recht weh than hat mit ihre harten Wort, die wie a Messer (auf's Herz beutend) da hineindruncen san—i wollt' i kunnt's herzaubern und niederknieen thät i mi vor ihr und sagen: Mit aufg'hob'ne Hand' bitt' ich Ihnen — segnen's das verlassene Madel, legen's Ihre Hanb auf mich — (Frau von Stein senkt ihre Hand aus das Haupt der Knieenden) und handeln's heut an mir zum ersten Mal als das. was Sie von heut' an san — als mein' Mutter! Frau v. Stein. Mit tausend Freuden. mein gutes, armes Kind! Gustl (hat ausardlickt — die Thronen ihrer Mutter gesehen und stürzt ihr an die Brust mit dem Ausrufe) Mein' Mutter! P. Kil. t dat Stieglitz beim Kragen, den Lieutenant beim Arm genommen, beiden Schweigen gedeutet und ist mit ihnSv ab in'e HauS. — Pause). Frau v. Stein. Und wirst Du mir — nach Allem, was vorausgegangen ist — auch ein bischen gut sein können? Gustl Wegen was denn net? A Kind muß den Eltern folge», sagt der Herr Pfarrer Wann also Sie mi gern haben, muß i Jhna a gern haben. Frau v Stein. Liebe Gusti, glaube mir. wenn Du Alles wissen würdest — es möchte vielleicht mancher Vorwurf verstummen. Gustl. Ob's aufhören! Glaubeu's, ich Hab kane Sünden? Wann i beichten gangen bin, ich Hab'ganze Bögen voll an- g'schrieben. Frau v. Stein. Ich werde Dich nun in der Stadt überall herumführen. Gustl. Ich Ihnen hier in Zwatzcn- dorf! Frau v. Stein. Werde Dir alle Kleiderniederlagen zeigen, das Opernhaus - wir werden Ausflüge machen. Gustl. Und unsere Anten, wann's dö seg'n wer'n, gnä' Frau Mama! Frau v. Stein. Du hast gewiß die neuen Monumente noch gar nicht betrachtet? Gustl. Mir scheint. Sie war'n noch gar nicht in unserem neuen Stadl? Frau v. Stein O. es wird Dir außergewöhnlich gefallen in der Stadt. Und wenn wir müde sind des Vergnügens, setzen wir uns zusammen und tauschen unsere Wünsche aus. Du erzählst mir von deinem Mann — Gustl. Richtig! — von dein' Mann! Net wahr, gnä' Frau Mama, ich darf'n behalten den Stieglitz, er is so viel a guter Patsch und i hab'n für mein Leben gern? Frau v. Stei-n. Du liebst ihn und das ist mir genug. Wenn er auch keine Karriere gemacht hat im Soldatenstand — er soll mir stets willkommen sein. Weiß Gott — liebe Gusti — ich fühle mich so wohl heute. Gustl. Ich mich auch; in mir wurlt Alles! Fr. v. Stein. Es ist doch etwas an dem Bewußtsein - für sein Kind zu denken — und das Gluck, sowie den Kummer seines Kindes zu theilen. Gustl. Und wann ich Ihnen vor sechs Wochen nur im Zorn die Hand küßt Hab' (ergreift ihre H.mb) san's net bös — wann ich Ihnen die schönen Handschuh, die ueu- chen, naß mach — aber heut' kummtge- 45 Bußl d rauf, wie net amol mein Mann ans kriegt hat. Fr. v. Stein (im Abqrhen). Schicke ihn mirdochsobaldals möglich nach in'sHaus! (Vertraulich.) Ich will ihn bitten, daß er mein Kind auf den Händen trägt! (Ab in'e Haus.) Vierzehnte Scene. Gustl (allein, gleich daraus Stieglitz aus dem Hause). Gustl (mit dem Finger die Pantomime machend). Schleckerbartl! Ich Hab' a schönere Mutter wie ös alle miteinander! und a noble Mutter, und net so viel Malheur kann i hab'n in meiner Eh' — weil mir mein' Mutter den Segen geben hat. Noch mehr! Ich bin schon a Hausfrau, denn der Segen der Eltern baut den Kindern vierstöckige Häuser auf der Ringstraßen, sagt der Herr Pfarrer! (Da Stieglitz aus dem Hause kommt.) Stieglitz — denk Dir, i Hab' a Mutter kriegt! Fünfzehnte Scene. Vorige. Stieglitz (mit dem Packet des Pater Kilian). Stieglitz. Ich Hab' mehr kriegt! Gustl. Mehr als a Mutter? Stieglitz. Ja wohl; da schau's an (Gibt ihr das Packet.) Gustl (hat das Packet entfaltet — und hält ein großes Puppenkind in sehr hübschem Anzug im Arm). Iegerl, a klan's Kind! Stieglitz. Ja wohl, das Hab' ich kriegt; und maßt von wem ich's kriegt Hab'? Gustl. Na von wem denn? Stieglitz. Vom Herrn Pfarrer. Gustl. O du mein! Was für schöne Augerln als's hat! Stieglitz. Und wann man's druckt, so schreit's; wann man sich d'raufsetzt, glaubt man. es is a lebendig's. Gustl. Die klan Handerln! Stieglitz. Net wahr, als wie ab- g'schrieb'n von mir? Gustl. Die blonden Haarl'n — Stieglitz. Und die Färb'! Ein lieber Schatz is das Kind! Gustl (es im Arm wiegend.) Eia, popeia, was gackert im Stall. Stieglitz. Net so laut, daß's net munter wird! Gib mir's lieber her. vielleicht daß's a Milich will — Gustl. Was verstehst denn Du von ein' Kind? Stieglitz. Auf der Stell' gibst es her! Wann ich mein Kind haben will, zu was Hab' ich denn ein Kind, als daß ich's Hab'? Gusti. Es is aber mein Kind auch, so gut als wie dein Kind — dös Kind — Stieglitz. Schau's an, die Augen, die Handerln. die Backerln u. s. O., ob was dabei is von Dir? Gustl. Vielleicht mehr wie von Dir! Wie aus'n G'sicht g'schnitt'n is mir das Pauxerl! Das is amal ganz mein Kopf, das is g'wiß! Stieglitz (schaut es an). Ganz dein Kopf? Wo is denn nachher der Ehi- gnon? — Aber von mir. aas is was Anders. von mir hat's die ganz n Ohren — Gustl. Die hätt'n at'rat da d'rin Platz in dem Häuberl!— Da müßt's schon a Kartandel aufbab'n — Stieglitz. Das is do mei Nasen? Gustl. Laß Di net auslachen. Das is mein Zug, den ich hier Hab', mitt'n im G'sicht! Stieglitz. Wann's Dir gleichsehet, müßt's doch da a Grüberl hab'n? Wo ist da a Grüberl! A Grüberl will i seg'n. Gustl. Desweg'n siecht s do mir gleich! Stieglitz. Mir siecht's gleich! Gustl. Mir, sag' ich! Stieglitz. Nein. mir. mir. mir! Niemand wie mir! Und d'rum gibst es jetzt her, mein Kind! 46 Gustl. Net mn die Welt last' is aus. Stieglitz. Million, wann ich aber schon sag'. — Mir schaut's gleich! — ich will's hab'n (Hai am Kinde gezogen. Gustl hielt es fest — in Folge des gegenseitigen Zerrens geht der Anzug herunter — Stieglitz behält diesen in der Hand und Gustl hat plötzlich statt deS entkleideten Kindes einen Haubenstock in den Händen.) Gustl (betrachtet den Haubenstock). Aber richtig sieht er ihm gleich! Stieglitz. Ein schöner G'spaß vom Herrn Pfarrer. (Hebt einen Zettel aus. der zur Erde siel. Liest.) ».Aus einem Haubenstock macht man leicht einen Herrn; »Schaut's, daß aus eure Kinder kane Haubenstöck wer'n.* Gustl. Wann aber schon der Vater Aner is- — Stieglitz. Gusti — ich sieg's selber ein — er sicht mir gleich! Wann ich gleich nach der Hochzeit wegen gar nix zum Streiten anfang' — was soll dann später g'scdeg'n — wann die Ursachen komme»? Gib'n her den Haubenstock! Zch stell' ihn auf als wie ein' berühmten Mann im Zimmer, auf ein Postameutel und wann ich Dir ja amal Unrecht thu', Gustl. so führst mich hin und sag'st: Schau deinen Bruder an und bessere Dich! (Küßt ihr die Hand.) Ich trag' meinen Bruder in's Zimmer hinein und leg' ihn hinein in die Schachtel, mein Brüdern, und sag' nix. als: Sei net bös, Gusti, auf'n Brüdern sein Brüdern! Sechzehnte Scene. ^ Gustl (allein). Gustl. Da freut mich das photographische Album viel mehr, was mir der Herr Verwalter g'schenkt hat. Wer da Aller d'rin is? Na, ich werd'ö versuchen, ob ich Ihnen das ausdruckcn kann! Couplet. Große Sängerin, Blonde Haar in Wien, Bald hier, bald dort — bei wem versteckt, Dingelstedt sekiren, Niemals woll'n probiren. Früher auch den Salvi g'neckt, Mannigsmal gastirend, Polizei sekirend. Für dieschönstenTrilleralleTag Bouquets! Wer das is, was glauben's? Hab' i Recht? Erlauben's, Es is — es is — das sag' i net, Sie wiffen's eh! Amal Director gewesen, n'Halm seine Stück gelesen. Jetzt auf einmal in Pension, Schreibt jetzt solche Stöße Für die Neue Presse In ein' sehr pikanten Ton, Thut drei Hund spazir'n Unt' im Prater führen; Neuches Stück von ihm. was i a bei Selcher seh'! Wer das is, was glauben's? rc. rc. rc. Unvergeßlich groß, Sitzt auch hoch zu Roß, Hat aber hier sein Monument, (deutet auf s Herz) Ging der Zeit voraus. Ruht im Bretterhaus, Nun blüht erst sein Testament; Feind der frommen Schwätzer, Großer Menschenschätzer, Gestern war's noch hier der Tewele. Wer das is, was glauben's? rc. rc. rc. s'is a Regisseur, A dicker, alter Herr, So was man sagt, ein Biedermann, Das is sein' größte Freud', Wann er yinter'n Vorhang schreit. Daß man's bis außi hören kann. 47 Jetzt war er krank vor Zorn, Js a biffel mäg'rer wor'n. Reimt sich aufLois, und Heißt?apaper86. Wer das is, was glauben's? rc. rc. rc. Brater Krempenhut, Echt's Tiroler Blut, Schreit gern oho, o nein und ui, Und wann er selber spricht Auf d'Letzt — brennroth im G'sicht, Da sagt er, is er fertig — Pfui! Hinterdrein im Saale Da umarmt er Alle, Dieser gute Pater G. Wer das is, was glauben's? rc. rc. rc. Wann's zu thun habend, Sehr naiv am Abend, Tritt zum Publicum hervor, Ob da Aner kennt. Daß im Parlament D'rin fitzt täglich vor'm Schottenthor, Ob die Redner taug'n, Sag'n die schönsten Aug'n. Auch gibt's im Stadtpark täglich Schleif Soiree! Wer das is, was glauben's? rc. rc. rc. Sehr ein kecker Schnabel, Spielt oft ganz paffabel. Höchstens achtzehn Jahr' alt — Aber lachen's net. I waß schon, was i red', I Hab' den Taufschein g'seg'n und zählt, Mitunter is sie z'wider. Aber es macht sich wieder. Und Hab' i Recht g'habt, heißt sie Peppi dö. Wer das is, was glauben's? rc. rc. rc. S'is a Herr, a schlichter. Doch a großer Dichter, Der sein Adel doppelt hat. (Aus's Herz deutend.) Der für Volkesrechte Gegen manches Schlechte Donnert hat im großen Rath. Und sein schöner Namen Fallt mit'n Frühling z'sammen. Ta wird ja Alles frisch und grün per 86. Wer das is, was glauben's? rc. rc. rc. Jeden Abend fleißig Grünes Thor, beim Zeisig, Fasset, Dreher. Zobel, Sperl, Hat sehr viele Spezi. Nobl, na versteht fi, Js, was man sagt, ein fescher Kerl; Sr. Wohlgeboren Js auch copirt schon wor'n Mit ihre g'wissen. saftigen Couplets. Wer das is, was glauben's? rc. rc. rc. Js e' zugeraste paus Tischlemaste. Was e' sitzte in Gemeinderath, Tragte hier in Busen Schwimm- und Badehusen Js e' oft als Bilde! drinn im Blatt. Möcht' in Stadtpark gern Eine Musi hörn. Sagt clo drou noe beim Furtgehen statt uckieu Wer das is, was glauben's? — rc. rc. rc. An zehn Ort gewöhnlich Alle Tag persönlich Thut er seine Walzer dirigirn In Salon und Gartet. Hier ein kleines Bartel, Zwa Brüder, die auch componirn, Gebt mitunter durch G'schwiiid nach Petersburg. Sie hab'n an Vater g'habt, der war a' trat wie sö — Wer das is, was glauben's? rc. rc. rc. 48 Schiebt herum als wie Und sucht ein vi8-ü-vi8 Beim großen imposanten Jubelsest; l'our-s 668 wain8, M68 6ame8, Aber was patzen's zsamm? Gustl, gib doch Acht, wie'st gehst, Dann c-da 8862 oroi^e, 8an8 8illioni6, Sind das heut Trotteln diese M688i«ur8! Wer das is, was glauben's? — rc. rc. rc. Ein im Prater g'schätzter, Kleiner untersetzter, Kecker, weit und breit bekannter Zahn. Der so wie ka Zweiter Mit'n g'wisscn Deuter Das »Obsthergehst« singen kann! War in Hamburg, Münster, Spielt jetzt in der Finster Unten bei der Feuerwcrksallee. Wer das is, was glauben's? — rc. rc. rc. (M) Verwandlung. (Klosterhallt mit verschiedenen Seitenthüren sowohl noch rechts, wie noch links; mit einem breiten Ausgang, der in den Vorhos führt; dieser ist von einem Gitter eingeschlossen. Aus einer Tbüre rechts treten dir Oberin. Ludmilla und Flora; Letztere noch immer in weltlichen Kleidern. Man hört Orgrlklänge und ein Lied der Nonnen, welches, als die Beiden nach und nach in den Vordergrund kommen, verstummt.) Erste Scene. Ludmilla. Flora. Lu dm. Nur noch eine kurze Spanne Zeit, Flora, und es ist Dir gestattet, diese weltlichen Kleider mit den unsrigen zuj, vertauschen. Ich Preise daher den Allmächtigen, der Dich in deinen Entschlüssen bestärkte, der Dich zu meinem Tröste so sichtbar erleuchtet hat. Flora. Gewiß, Tante — ich kann den Augenblick nicht erwarten, wo ich ihm, dem Ungetreuen, als Nonne ent- gegentreten werde. Lu dm. Sprich nicht mehr von ihm. mein Kind! Flora. Und warum nicht? Bin ich doch nur seinetwegen in's Kloster getreten. Glauben Sie aber ja nicht. Tante, daß ich bei seinem Anblicke meinen Vorsätzen ungetreu würde. Nein — mein Blick soll ihn belehren, daß ich hier im Kloster jenes Glück fand, das er mir so häufig vorgelogen hatte. Ludm. Recht so. mein Kind — Flora. Daß ich es keinen Augenblick bereue.Zhnen hieher gefolgt zu sein und daß ich nun — wo ich seiner ledig bin — einem neuen Leben entgegengehe.OTante, Sie sollten sehen, wie Zhr Zuspruch bei mir gefruchtet hat. Sie würden erfahren, daß ich bei einer Begegnung mit Earl auch nicht einen Augenblick aus meiner klösterlichen Ruhe komme, — daß ich ihm — und wenn er die feurigsten Liebesver- sicherungen auskramte, mit der eisigen Kälte der resignirten Klosterfrau zu antworten wüßte. (Man hört, daß bei der Klosterpforte wie» Verholt die Glocke gezogen wird.) Ludm. Wir bekommen Besuch —Flora! Ziehe Dich in dein Zimmer zurück und rüste Dich für die unvergleichlichen Freuden, die Dich erwarten, für deine gottgefällige Entsagung! (Küßt sie aus die Stirne und entläßt sie.) Flora (im Abgehen). So beiläufig! (Blickt mit Stolz über die Achseln). Das wäre so ungefähr ein Blick, wie ich ihn dem Verräther — dem Wüstling — dem nichtswürdigen Mädchenverfuhrer zuwerfen würde. (Ab durch die Thüre links.) (Abermaliges Läuten.) 49 Zweite Scene. Lu dm. (allein). Es ist erreicht! Die Urkunden, womit sie ihr Vermögen den Zwecken des Klosters weiht, liegen zur Unterschrift bereit. — Die geistlichen Herren, welche die Weihe vornehmen— dürften bereits eingetroffen sein — unser hochwürdigster Bischof wird mir sein Lob nicht versagen — wenn ich ihm vortrage, daß sich in unserm Dörflein sehr bald eine neue Kirche zur Ehre Gottes erheben wird. Sieh da, — ein Hochzeitsgast von damals! Dritte Scene. Vorige. — Pater Kilian. P. Kil. Der Herr Pfarrer von Zwa- tzendorf! Lu dm. Vermuthlich geladen, um bei der Festlichkeit zu assistircn? P. Kil. ^u eontrair! Gar nicht ge- laden. Aber doch sehr nothwendig dabei! Ludm. Wie, Herr Pfarrer, Sie kommen aus einer andern Ursache? (Hebt drohend den Finger.) Flora hat mir erzählt, was Sie vor Wochen mit ihr gesprochen! Das wäre kein guter Priester, Hochwürden, welcker das Fundament zerstört, auf welchem sich das Haus Gottes erheben soll. P. Kil. (eben so mit dem Finger drohend). Wenn aber das Fundament nicht ein Felsen — wie es sich g'hört — sondern eine Sandg'stätten war'? Das wär' ka brave Oberin, Hochwürden, die bei ein' Kirchenbau zuschaut, wo die Bosheit der Baumaster is. Ludm. (zürnend). Herr Pfarrer — P. Kil. (freundlich). Annerl! Lud. (bebt zurück). Herr — P. Kil. Net d' erschrecken, Frau Oberin; — wann wir Zwa — mit die weißen Köpf' von unserer Jugendlieb re- Witnrr lhca!..R^>«t. Nr. 2t2. den — darf a unser Herrgott zuhöreu — und wann a Lieb' a so a moralische war wie die unsere — so derfen selber die Engeln was erfahren davon. Ludm. Ich bitte Sie, Herr Weigand — P. Kil. Wir Zwa. wir haben den Zugendrummel hinter uns — wir lachen jetzt nur, — wann wir wo zwa Verliebte seg'n, wir beten für d' andern Leut, — und bei Gott, Frau Oberin — da haben mir Arbeit g'nur 's ganze Jahr. Aber sagen's selber, Hochwürden, wann wir heut' net das geistliche G'wand avhätten — wann wir uns damals — vor dreißig Jahren — kriegt hätten — Oberin. Herr Weigand — P. Kil. Na ja — wir brauchen unS net — i waß' — wann's aber doch der Fall g'wesen wär — glauben's net, daß wir vielleicht a glücklich lebeten als a zufriedenes Paar? (Recht herzlich.) Sie woll'n a Kirchen bau'n? Helfen's mir das Glück von zwei Menschen zu gründen — und, Oberin — mein Ehrenwort. Oberin, Sie haben unser'n Herrgott a Kirchen baut! Ludm. (weich). Und wann ich wollte? Glauben Sie dann im Sinn meiner Schülerin gesprochen zu haben? Sie irren? Was Hlora thut, ist ihr eigener Entschluß — ihr unabänderlicher Wille — ihr sehnsuchtsvollstes Begehr'n. P. Kil. Und Sie wißen das gewiß? Ludm. Ich weiß es gewiß. P. Kil. Sie wißen, daß diese Reden aus ihrem Herzen kommen? Ludm. Soist eS! P. Kil. Ja dann wär's a schwere Sünd', wann ich das gottergebene Madel abhalten thät'! Aber Ans. Frau Obe- rin, um Ans bitt' ich Ihnen! erlauben Sie mir auch a Prob'? Ludm. Jede! P. Kil. Na also gut! Da wer'n wir's ja seg'n! Nehmen wir z. B. den Fall an. ich hätt' den Herrn Lieutenant mitbracht iu's Ort — ? 4 5V Ludm. (etwas consternlrt). Was weiter? P. Kil. Nehmen wir an — er wär' schon da — glei da daneben, draußt im Garten — Ludm. Nun? P. Kil. Und nehmen wir an—sie kommet heraus und der Lieutenant steht da — Ludm. Nun — stellen Sie die Probe getrost an, Herr Pfarrer, wir wollen das Weitere abwarten. (Sie zieht an einer Glocke — eine Schwester erscheint.) Das Fräulein Flora Weißbach! P. Kil. Ich Hab' nie recht glaubt an diese schwebenden Jungfrauen — wann ihr aber die davonschwebert — das wär' a Genuß! Ludm. Sie kömmt; wohlan, Herr Pfarrer, ich bin begierig, wer von uns Beiden die Wünsche dieses Mädchens besser zu errathen verstand! Vierte Scene. Vorige. — Flora. P. Kil. (den Hut lüftend). Und wann's Dir da oben net recht is—Himmelsvater, daß sie in's Kloster geht — Du schaust ihr ja durch und durch — so schick' mir einen guten Engel und steh' mir bei — Ludm. Flora — es find Fremde angekommen — die Dich noch vor deiner Einkleidung zu sprechen wünschen — P. Kil. Ich, der Herr Pfarrer (macht seine Verbeugung), der Ihnen, wenn Sie nicht so sauber wär'n — schon amal das Wilde heruntergramt hält'—meine Gustl. (Zieht sie herein.) Gustl. Ja wohl die Gustl (zeigt den Ehering), da schaun's her, Fräul'n Flora, ich bin verheirat'. Flora. Verheiratet? Gustl. Seit gestern — drei Paar sechs Gulden, Nummero zwei — im Feuer ver- gold't. Flora. Meinen herzlichen Glückwunsch — Gustl. Aber nicht vielleicht in Herrn Lieutenant. O, Gott bewahre! Der Zeisig is no frei; ich Hab' den Gimpel, den Stieglitz, genommen, den dummen Kerl — Stieglitz (eintretend). Ich hör' Hrad reden von mir — ich bin daher so frei — Gustl. Und dann is no' wer da! Kommen's nur. Frau Mutter — da schaun's halt? Net wahr! Segen's, wann man sich so versitzt in so ein moralischen Ort — die noble Frau, das is meine leibhaftige Mama — Flora. Ja, was hör' ich — Stieglitz. Aber es is noch wer draußt — Gustl. Einer, der sich nicht eina- traut — Stieglitz. Einer, der nicht leben kann ohne Ihnen — P. Kil. Einer, den's nicht länger sekir'u soll'n — Gustl. Ein schöner Mann — Stieglitz. Ein eleganter — Fr. v. Stein. Ein Mann, welchen Du durch deinen Schritt namenlos unglücklich gemacht hast — Gustl. Mit einem Wort — (Ernst hereinziehend) dieser Mann! Ernst. Der Ihnen zuruft: Flora! Mein Herz gehört ewig Ihnen, ob Sie nun im Kloster weilen oder hier in meinen Armen! Ludm. (leise zu Flora). Bestehe diese Prüfung, wie Dich dein Gewissen bestimmt! Flora Wie's mein Gewissen bestimmt? Nun denn, als wenn mir's tausend Stimmen zurufen — so mächtig hö? ich — diesen Ruf — hinweg aus diesen Mauern — mein Platz ist nur an diesem Herzen! (Fliegt an die Brust des Ernst.) Pause. P. Kil. (der Oberin eine Prise bietend). Eminenz! die Prüfung ist vorbei — 51 Ln dm. Was hör' ich, Flora — Du brichst das Wort, das Du Gott bereits gegeben — Flora. Nein — ich fürchte Gott und gesteh' ihm lieber, daß ich gelogen. P. Kil. San's froh, Frau Oberin, daß Sie's los hab'n — das wär' weiter ka Klosterfrau wor'n, und denken'sIhnen — wann der Herr Bischof jetzt vielleicht weniger zufrieden is — der da oben, der Principal über alle Bischof, gibt ihnen ein Belobungsdecret — Gustl und Flora (so wie die Uebrigen haben sich um den Pater geschaart, um seine Hände zu ergreifen). Flora. Herr Pfarrer — Gustl. Ihnen allein — Fr. v.Stein.Jhnenverdankenwir's— Stieglitz (freudetrunken). Hochwürden! — Lieutenant. Daß wir unser Glück gefunden haben — Sie sind — P. Kil. Nu. Kinder — mi laßt's jetzt aus! I geh' wieder außi auf's Land — zu meine Bauern! Nur Ans no! Seid's mir net immer glei verzagt, wann amal a kifft an Malheur anklopft, denn (Reminisceuz auS dem 1. Act.) (Singt:) Kommt jemals a Unglück und wann'- a no so groß is, So dankt's unfern Herrgott, daß, ka größ'res net is! Abendroth. — Gruppe. Ende Zn der WaM-hauffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wir», Stadt, hohrr Markt Nr. 1, find erschienen: aus Stücken von: Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Elmar, Flamm, Gottsleben, Grois, Grün, Gründorf, Haffner, Juin, Kaiser, Langer, Megerle, Nestroy u. A. Drei Hefte. Gr. 8- g'h- Preis 1 fl. 50 Nkr. oder 1 Thlr. Jedes einzelne Heft 50 Nkr. oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg, BF. 1. Da möcht' i halt daS G'wtssen sein. 2- Requifiten-Couplet. 3. Figureo-Couplet- 4- Nachher wird eS schon wern. 5- Glöckchen-Couplet. 6- Biblisches Couplet. 7- Falsche Benennungen. 8- Dann ist sie da die bessere Zeit. 9. 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün. 10- Volkslieder. 11. Aber geb'n thut'S es nit. — Berla, Alois. 12. Zetzt da war's halt Noth, daß wer antauchen thät. 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hält'. 14. Zu was dann die Feindseligkeit gegen da» Thier. 15- Lachcouplet. 16. Aus einer Chronika. 17. Früchte, die verboten find. 18- Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20- Mythologie-Couplet. — Kerl« u. Bittner. 21- Ohne Umschneiderei. 22- Die papierene Zeit- 23. Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel — Bittner, Anton. 24. Thier-Couplet. 25. Das ist noch Geheimniß. 26 Wer hält' es geahnt. 27. Ldroniguo seanäalöuss. — Bittner u. Morländer. 28- Aehnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29- Und so wird hinterrücks g'redt. — Böhm, Josef. 30. Na da sieht man's doch, daß- an der Eintheilung sehlt. 31- Wenn man die Wirkung sieht, und dllrsach nit kennt. — Doppler, I. 32. Maschinen-Couplet. 33. Wo man waS sucht, dort find't man es nicht- — Elmar, Carl. 34- O Spiel der Natur. 35- Lied de» Teufels. 36 Man glaubt nicht was in einem Menschen oft steckt. 37. So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. 38- O ungeheure Zronir. 39. Da möcht' ich halt wissen, waS nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes: Elmar, Carl. 40. WaS lieget da dran. 41- Za so geht's, wenn man heut' zu Tag Geister citirt- — Feldmann u. Flamm. 42. Mit Kleinem fängt man an, mit Großem hört man aus. 43. So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Lheod. 44 Keine Rose ohne Dornen. 45- G.- sundheit und ein recht langes Leben. 46- Zedes Häferl hat sein Deckerl. 47. Repertoire-Couplet. — Flamm u. Wimmer. 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät. 49 So behilft sich halt Zeder, so gut als er kann. — Gottsleben, L. 50 So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 51. Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52- Na, das kennen wir schon! 53. Psui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54. Wir bedanken uns sehr. — Grünn, Johann. 55- WaS ein Narr ist. 56- Ein Chincser. — Gründorf. 57- 'S ist just net nöthi, aber uothwendi war's. — Haffner, Carl. 58- Da find - mäuserlstill. 59. Es steckt waS dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60- Wann der mein Kapperl hätt'. 61. Za, ich kann » n t ändern, es is halt a so. — Juin. 62- Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht. 63- Wozu Mancher eigentlich geboren. 64- Fiakerlied. 65- Zu was von den Göttern eine Auskunft begehren. — Juin u. Flerx. 66- Da wird einem heiß kalt — warm! Ungeheuer genannt!— 67- Kaiser, Friedrich. 68. Ich bill meine Empfehlung, es wäre schon gut. Inhalt des dritten Heftes: Kaiser, Friedrich. 69- ES muß ja nicht gleich sein. 70. Da braucht man beim hellichten Tag a Latero. 71. Zetzt da- g'hört auf ein anderes Blatt. 72- Die find halt g'schndt. 73- Das ist so nobel und so billig dabei. — Langer, Anton. 74. Was ist der Unterschied. 75- Aber da mag Keiner net- 76- Da g'hört rin sehr starker Glauben dazu! 77- ES schaut nur gemeiner aus. 78. Zu früh und zu spät. 79- Man kann sich's wohl denken, aber sagen darf man's nicht. 80- Wann mich der fragen thät- — Megerle, Lher. 81. Marsch mit dem in d'Butten- 82. Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. — Nestroy. 63- Und 's ist Alle- net wahr- 84. Kometen-Lied aus »Lumpaci*. 85- Auf waS sich Mancher hinauswachsen kann. 86- Das wär ganz etwas Neu's. 87. Und mau kommt auf kein Grund. 86 Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 89- Za, hat denn die Sprach' da kein anderes Wort. — Darry, A. 90- Ob der wohl die Wahrheit wird sagen. Wallishauffer'schc Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Dnul und Papier von i!. Lommer -. 10 Sgr. Thurm, der rothe, in Wien. Original-Schausp. mit Gesang in3 A.v Gleich. 1805.8.40 kr.'8 Sgr. T^urneisen. Albert von. Bürgerliches Trauersp. in 4 A. v. Jffland. 1811. 40 kr. 8 Sgr. Ti,»yler, der liefiändische. Lustsp. in 3 A. Nach dem Französischen 1812. 2. Aust. 40 kr. 8 Sgr. Titus, der Gütige. Ernsthafte Oper in 2 A. Nach dem Italienischen. 1811. 35 kr. 77, Sgr Titus Manlius Torquatus. Tragödie v. I. Paffy. gr. 8. 1816. 35 kr. 77, Sgr. Tochter» die, des Kapitäns. Schauspiel in 3 Akten, nach dem Französischen von C. Gärtner. (Wiener Theater Rep. Nr. 13.) 35 kr. 77, Sgr Tochter, die, Pharaonis. Lustspiel in 1 Akte von Kotzebue. 8. 1811. 35 kr. 77, Sgr. Tochter, die, dankbare. Originaldrama in Prosa in 1 Akte 1773. 35. kr 77, Sgr Töchter, die erwachsene«. Lustspiel in 3 A. nach dem Franz, de» Piccard, von Jffland. 1807. 50 kr. 10 Sgr. Todtenfackel, die, oder die Höhle der Siebenschläfer. Schausp. m. Ges. in 4 A. 40 kr. 8 Sgr. To«, der, unserer Zeit. Lustspiel, von Jünger. 50 kr. 10 Sgr. Tont. Drama in 3 A. von Th. Körner, gr. 12. Wien. Orig. A. 1816. 60 kr. 12 Sgr. Tostl. Von Wien nach London. Komische Scenen von Anton Dittuer. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 147). 30 kr. 6 Sgr. Trauer, die tiefe, Lustsp. in 1 A. 35 kr. 77 , Sgr. Traum, der, Lustsp. in 1 A.» s. Weiffenthurn Schauspiel XI. Band. Traum, der, ein Leben. Dramatisches Märchen in 4 A von Franz Grillparzer, gr. 8. 1840. 1 fl. 50 kr. 1 Thlr. Traum, ei«, — kein Traum, oder: der Schauspielerin letzte Rolle.Poffe mit Gesang iu 2 A. von Fr. Kaiser. 8. 1851. 75 kr. 15 Sgr. Treitschke, G. F., Singspiele nach dem Französi' scheu. 5 Bde. gr. 8. 1808. 5 fl. 3 Thlr. 10 Sgr. Treue, verkannte Drama in 3 A., s. Castelli Sträußchen 4. Jahrgang. Tristan. Trauerspiel in 5 A. mit einem Vorspiel von Ludwig Schneegans. Leipzig 1865. 1 fl. 50 kr. 25 Sgr. Triumph der Treue, oder die Rose der Schönheit. ^ Feen-Ballet von Henry. 1824. 5 kr. 1 Sgr. Triumph, der, des Vitellins Madiminus, oder die Zerstörung von Pompejanum. Ballet in 5 Akten von Aligiolini. 1810. 10 kr. 2 Sgr. Troubadour, der. Oper in 4 A. nach dem Italien, des S. Cammerano v. H. Proch. 35 kr. 77 , Sgr. Turturell, Trauerspiel in 5 A von I. C. von Zedlitz. 12. 1821. 1 fl. 20 Lgr. N. A. W. G. oder die Einladungskarte. Schwank in 1 A. von Kotzebue. 1808. 25 kr. 5 Sgr. Ubaldo, Schauspiel in 5 A. Nach dem Trauersp. gleichen Namens de» Herrn A. v. Kotzebue. 1809. 50 kr. 10 Sg>. Ueberall Diebe. Original-Schwank iu 1 Akte, von C.F. Stir. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 53.) 35 kr. 77, Sgr. Ueberraschung, die. Lustspiel in 1 A. von Sonnleithner. 12. 1815 20 kr. 4 Sgr. Ueberraschung, die. Originallustspiel in 1 A von Weidmann. 20 kr. 4 Sgr Ueberspanntheit, oder die entsetzliche Literatur. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen 18. Jahrgang. Uhr, die, und di« Mandeltorte. Lustspiel in 1 Akt von Kotzebue. 15 kr. 3 Sgr. Uhr, die hölzerne. Drama in 1 A. s. Castelli Sträußchen 4. Jahrgang. Um sechs Uhr ist die Verlobung. Lustspiel in 5 A. Nach dem Englische» de- Fielding von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Unbedeutende, der. Posse mit Gesang in 3 A. von Joh. Nestroy. 8. 1849. 1 fl. 20 Sgr. Unbekannte, der. Schausp in 4 A. von Hensler. 1803. 50 kr. 10 Sgr. Ungarin, die schöne, oder das PaSquill. Lustsp. in 1 A. vou Hensler. 1798. 8. 35 kr. 77 , Sgr. Ungeduldige, der. Orig.-Lustsp. iu 5 A. v. Weidmann. 35 kr. 77» Sgr. Ungetreue, der eifersüchtige. Lustsp. in 3 A. von Schröder. 50 kr. 10 Sgr. Unglücklichen, die. Lustsp. in 1 A. von Kotzebue. 1810. 30 kr. 6 Sgr Uniform, die. Oper in 2 A. Nach dem Franz. von Treitschke. 35 kr. 77» Sgr Uniform und Schlafrock. Lustsp. iu 1 A. s. Castell Sträußchen 16. Jahrgang. Unrecht Gut. Charakterbtld mit Gesang in 3 A und 1 Vorsv. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 81.) 60 kr. Sgr. Unser Fritz. Schauspiel iu 1 A. von Kotzebue. 1803 35 kr. 7'/, Sgr. Unter der Erde, s. Elmar Theater. Untreue, lie, auS Liebe. Nomant. Oper in 2A. von Stegmayer. 1805. 8. 40 kr. 8 Sgr. Unverhofft. Posse mit Gesang in 3 A. von Job. Nestroy. Mit einem allegorischen Bilde. 12. 75 kr. 15 Sgr. Unvcrmählte, die. Drama in 4 A. von A. v. Kotzebue. 50 kr. 10 Sgr. Urika, die Negerin. Drama in 1 A. s. Castelli Sträußchen 11. Jahrg. Ursprung des Korbgebens. Dramat. Kleinigkeit in 1 A., s. Feldmann Lustspiele 2. Band. Urtheil, daS, deS Paris. Heroisch-Pantomimisch. Ballet von der Erfindung des Hrn. Noverre. 1771. 10 kr. 2 Sgr. Usanqui, oder die Patrioten in Sina. Orig.» Trauerspiel in 5 Acten von Weidmann 35 kr. 7'/, Sgr. Valberg, Elise von. Schausp. i» 5 A. Von Jffland. 1808. 60 kr. 12 Sgr. Dan Dyck'^ Landleben Malerische» Schauspiel v. Fr. Kind. 8. Leipzig 1821. 1 st. 20 kr. 24 Sgr. Vater, der, von Ungefähr. Lustsp. in 1 Act. Nach dem Französischen de» Pain und Dieil- lard von Kotzebue. 1804. 25 kr. 5 Sgr Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Vaterfreude. Vorspiel von Jffland. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Vaterfreude. Lustspiel in 1. A. Mit freier Benützung einer französischen Idee von Erik Neßl. (Wieuer Thrater-Repertoir Nr. 242) 35 Ngr. 7'/, Sgr Waterliebe. Lustsp. in 4 A. von Zielerr. Baterstand. Lustsp in 4 A. von Ziegler 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr. .Vater unser!* Lebensbild mit Gesang in 3 Ab- theilungen und einem Vorspiel von E. Carl (Wien. Theat.-Rep. 228) 60 kr. 12 Sgr Veilchenstrauß, der. (Wiener Tbeater-Repertoir 195). 35 kr. 7'/, Sgr. Verbrüderung, die. Schausp. in 1 A. von Jffland. 35 kr. 7'/, Sgr. Verbrechen aus Ehrsucht Familiengem. in 5Ä von Jffland. 80 kr. 16 Sgr. Verdacht, der »«gegründete. Lustsp. in 1 A. von Brahm. 1771. 50 kr. <0 Sgr. Dergy, Gabriele v. Trag Ballet in 5 A. von L. Astolfi. 1829. 10 kr. 2 Sgr. Verlassene, die. Volksdrama in 5 A., nach dem Französischen frei bearbeitet von Therese Me- gerle. (Wiener Theater - Rcpertoir Nr. 109) 60 kr. 12 Sgr. Verläumder, die. Schausp. in 5 A. von Kotzrbue. 1811. 60 kr. 12 Sgr. Verlegenheiten und AuSwege. Posse in 1 A. s. Castelli Sträußchen 2. Jahrgang. Verinächtnisi, das. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 1809. 60 kr. 12 Sgr. Dermählunasfeier, die, Alberts von Oesterreich. Orig.-Schausp. mit Gesang iu 4 A. von Gleich. 8. 40 kr. 8 Sgr Derräther, der. Lnstsp. in 1 A. von F. v. Holbein. gr. 8. 1845. 35 kr. 7'/, Sgr. Verrechnet. Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater Ne- pertoir Nr. 93.) 60 kr. 12 Sgr. Verschwiegene, der, wider Willen, oder die Fahrt von Berlin nach Potsdam. Lustsp. in 1A.vonA.v.Kotzrbue. 1815. (Vergriffen.) Verschworenen, die. Oper in 1. A, s Ca.elli Sträußchen 8. Jahrgang. Verschwörung» die, der Odaliken, oder die Löwenjagd. Singsp. von Hensler. 1792. 8. 50 kr. 10 Sgr. Versöhnung, die. Schausp. in 3 A. Nach dem Franz, von I. F. v. Weissenthurm, gr. 8.1833. 60 kr. 12 Sgr. Versöhnung nud Ruhe, oder Menschenhaß und Rene. 2. Tbeil. Schausp. in 5 A. von Jul. Graf v. Soden. 8. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Verstand und Leichtsinn. Lustsp. von Jünger. 50 kr. 10 Sgr. Vertrag, der. Lustsp. in 1 A. Nach Marsollier, von Shrimfeld. 1805. 20 kr. 4 Sgr. Verwandtschaften, die. Lustsp. in 5 A. 1793. 50 kr. 10 Sgr. Veteran, der. Schausp. in 1 A. von Jffland. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Detter, der, in Lissabon. Familiengemälde in 3 A. von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Vielwisser, der. Lustsp. in 5 A. von Kotzebue. 1818. 60 kr. 12 Sgr. Victorine. oder Wohlthnn trägt Zinsen. Lustsp. in 4 A. von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Viola. Lustsp. in 5 A. nach Shakespeare »War Ihr wollt.* Für die Bühne bearbeitet von Deinhardstcin. 8. 1841. 80 kr. 16 Sgr. Vließ, daS goldene. Dramatisches Gedicht in 3 Abtheilungen von Franz Grillparzer, gr. 8 1822. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Enthält: l. Der Gastfreund. Trauersp. iu 1 A — II. Die Argonauten. Trauersp. in 4A. — lll. Medea. Trauersp. in 5 A. Völkergröße, oder: Er blieb dennoch Vater. Originalschausp. mit Gesang von Wehrfeld 8. 1807. 40 kr. 8 Sgr Volksbühne. Wiener Taschenb. lokaler Spiele Herausgegeb. von W. Turtrltaub. 1839 gr. 12 1 fl. 40 kr. 1 Thlr. 6 Sgr. Inhalt: Eulenspiegel von Nestroy. — Der Waldbrand von Gulden. — Nur Eine löst den Zaubersvruch vom Herausgeber. Volkes Stimme, des. s. Holvrin Dilettautenbühnc für 1826. Vorhängeschloß das. Posse in 1 Ä. nach dem Englischen »DK« ?nciloak,* von Carl Iuin (Giugno). (Wien Theat.-Rep. Nr. 111). 35 kr. 7/2 §gr Vorleserin, die. Sckansp. in 2 A. Siehe: Kock dramatische Bnträge. Vorlesung, eine, bet der Hansmelsterin. Posse in 1 A von Alex. Bergen. (Wien. Theat.- Rep. dir. 60. Zweite Auflage.) 30 kr. 6 Sgr. Vormünder, die vier. Lustsp. in 3 A. von Schröder. 1805. 50 kr. 10 Sgr Vormund, der. Schausp. in 5 A. von Jffland. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Vorsatz, der. Orig.-Lustsp. in 1 A. von Holbeiu. 12. 1826. 25 kr. 5 Sgr. Waaren, die englischen. Posse in 2 A. von Kotzebue. 1811. 35 kr. 7'/, Sgr Waffenbrüder, die. Gemälde der Vorzcrt iu 5 A. nach Kleist's Familie Schroffenstein von Fr. v. Holbein. gr. 8. 1824. 80 kr. 16 Sgr. Waffenruhe, die, in Thüringen. 1. Thl. Schauspiel mit Gesgng in 3 A. von Hensler. 1802 50 kr. 10 Sgr. Wagen gewinnt. Kom. Opcr in 2 A. Nach dem Französischen von Treitschke. 30 kr. 6 Sgr. Wahl, die freie. Lustsp. in 1 A., s. Feldmann Lustspiele 1. Baud. Während der Quadrille. Lustsp. in 1 A. von Josef Braun.(Wr. Theat.-Rep. Nr. 191)35kr. 7'/,Sg. Wahn und Wahnsinn. Schausp. in 2 A. nach Melesville's: »LII« «st 1oU«,* bearbeitet von Lembert. Zweite Auflage. (Wien. Thrat.- Rep. Nr. 34.) 40 kr. 8 Sgr. Wahnsinn. Drama in 1 A., s. Castelli Sträußchen 2. Jahrgang. Waisenhaus, das. Singsp. in 2 A. 1811. Vierte Auslage. 35 kr. 7'/, Sgr Wald, der, bei Hermannstadt. Romant. Schauspiel in 4 A. nach dem Französischen von I. F. Weissenthurm, gr. 8. 1833. 80 kr. 16 Sgr. Waldbrand, der, oder Jupiters Strafe. Kom. Original-Zaubersp. mit Gesang in 2 A. von I. E. Gulden, gr. 12. 40 kr. 8 Sgr. Waldegg, das Gut, die Husaren und der Kinderstrumpf. Posse mit Gesang in 3 A. von F. Hopp. 8. 1846. 75 kr. 15 Sgr. Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Waldraff der Wandler. Schauspiel mit Gesang in 4 A. von Schuster. 2 Thle. 1805. 80 kr. 16 Sgr. Waldweibchen, das. 1. Thl. Rvmant.-komisch. Volksmärchen mit Ges. in 3 A., als Seileu- stück zum Donauweibchen. Nach einer Sage der vsterr. Vorzeit, von Hensler. 1800. 5,0 kr. 10 Sgr. Wallenstein. Trauersp. in 5 A. Nach Fr. von Schiller s dramatischem Gedicht zur Darstellung eingerichtet. 1814. 60 kr. 12 Sgr Waltron, Graf von, oder die Subordination. Original Trauerspiel iu 5 A von Möller. 1802. 60 kr. 12 Lgr. — — 2. Theil. Dienst und Gegendienst. 60 kr. 12 Sgr. Wampum, Sultan, oder die Wünsche. Oriental Scherzspiel in 3 A. »Kotzebue. 40 kr. 8 Sgr. Wand» die spanische, dramat. Kleinigkeit in 1 A., s. Castelli Sträußchen 1. Jahrgang. Wanda, Königin der Sarmaten. S. Werner Theater 4. Band. Wankrlmüthige, die, oder der weibliche Betrüger. Lustsp. in 3 A. Nach dem Englischen des Cibber für's deutsche Theater eingerichtet von Schröder. 1805. 40 kr. 8 Sgr Was ein Weib kann. Dolksstück mit Gesang in 3 A. v. Fried. Kaiser. (Wiener Theater-Rep. Nr. 217.) 60 kr. 12 Sgr. WaS sein soll, schickt sich wohl. Original-Lustsp. in 3 A. von Jünger 1803. 50 kr. 10 Sgr Wasa Gustav. Schausp. in 5 A. von Kotzebue. 1802. 60 kr. 12 Sgr. Wasa Gustav. Ballet in 5 A. von Muzarelli. 1811. 10 kr. 2 Sgr. Wasser» stille, lügen Lustspiel in 3 Acten nach dem Spanischen des Caldrron von Dr. Spengel (Wnr. Theat.-Rep. Nr. 102.) 60 kr. 10 >Lgr. Weberg'sell, ein armer. Originalpoffe mit Gesang in 3 Ac'en, von Carl Julius. (Wiener Theater-Rep. Nr. 114.) 60 kr. 12 Sgr. Wechsel, der. Lustspiel v. Jünger. 50 kr. 10 Sgr. Weh' dem, der lügt. Lustspiel in 5 A. von Franz Grillparzer, gr. 8.1840. 1 fl. 50 kr. 1 Thlr Weiberehre. Sittengemälde des 13. Jahrh. in 5 Acten von Ziegler. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Weiberfeind, der. Schauspiel in 1 A. von Koch 8. 1806. 20 kr. 4 Sgr. Weiberkomplott» das. Lustspiel in 5 A. nach d'Ancourt. Von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr. Weiberlauuen und Männcrschwäche. Orig. Lustsp. in 5 A. v. Zirgler. 1800. 8.50 kr. 10 Sgr. Weibertausch, der. Lustspiel in 1 A.» s. Castelli Sträußchen 6. Jayrg. Wcisscnthnrn, Joh. Franul v., neueste Schauspiele XI. Band, oder neuer Folge 3. Band. Enthält: das letzte Mittel. Lustspiel in 4 A. — Der Traum. Lustspiel in 1 A. — Die Reise nach Amerika. Schauspiel in 1 A. — Die Engländerin. Lustspiel in 1 A. gr. 8. 1826. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. - — Xll. Baud, oder neuer Folge 4. Band. Enthält: Die Pilgerin. Lustspiel iu 4 A. -- Die Burg Gölding, Rom. Schauspiel in 5 A. — So lohnt sich Kunst. Vorspiel zum 4. Oktober gr. 8. 1829. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Wallishausier'sche Buchhandlui — - Xlll. Band, oder neuer Folge 5. B. Enthält: Das Manuskript. Lustspiel in 5 A. — Pauline, Schauspiel in 5 A. gr. 8. 1832 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. — — XIV. Band, oder neuer Folge 6. Band Enthält: Des Malers Meisterstück. Lustspiel in 2 A. — Der erste Schritt, Lustspiel in 4 A. — Der Brautschleier, Lustspiel in 1 A. — Die Geprüften. Lustspiel i» 5 , A. gr. 8 1836. 2 fl. 50 kr. 1 Thlr. 20 Sgr. — — XV. Band, oder neuer Folge 7. Band. (Nachgelassene Schauspiele. Herausgeg. von Carl Engelbrecht. 1. Band ) Enthält: Die Fremde, Schausp. iu 3 A. — Die stille Braut. Alpensage in 1 A. — Ein Mann hilft dem andern. Lustspiel in 1 A. — Alles aus Freundschaft. Lustspiel in 1 A. — Sie hilft sich selbst. Lustspiel in 4 A. gr. 8. 1848. 2 fl. 70 kr. 1 Thlr. 24. Sgr Welt, alte und neue. Schausp. in 5. A. von Jfflaud. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Weltton und HerzenSgüte. Familieng. in 4 A. von Ziegler 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr.. Wem gehört die Frau? Schwank in einem Aufzuge nach d. Französischen v. Tbeod. Flamm. (Wr. Theat.-Rep. Nr. 105.) 35 kr. 7'/, Sgr. Wendung» die unvermuthetc. Lustspiel in 1 A. von Jünger. 1804. 8. 40 kr. 8 Sgr. > er den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorge«. Komische Oper in 2 A. nach Dorvigny von Hensler. Musik vom Capell- meister Müller. 1798. 40 kr. 8 Sgr. Wer ist sie? Lustspiel von Schröder. 3. 40 kr. 8 Sgr. Werner, Friedrich Ludwig Zacharias. Theater 7 Bände mit Kupfern, gr. 8. 1813 — 20. 14 fl. 9 Thlr. 10 Sgr. Inhalt: I. Die Söhne des Thals. Ein dramatisches Gedicht, erst. Thl.: Die Templer anfCypern. II. Die Söhne des Thal-, zweiter Theil: Die Kreuzesbrüder. III. Martin Luther, oder die Weihe der Kraft. Eine Tragödie. IV. Das Kreuz an der Ostsee. Ein Trauerspiel, erster Theil: Die Brautnacht. — Wanda, Königin der Sarmaten. Romantische Tragödie mit Gesang in 5 Acten. V. Attila, König der Hunnen. Eine romantische Tragödie in 5 Acten. VI. Der vierundzwanzigste Februar Tragödie in 1 A. — Kunigunde die Heilige, römisch- deutsche Kaiserin. Romant. Schausp. in 5 A VU. Die Mutter der Makkabäer. Tragödie in 5 Acte». Einzelne Bände, soweit der Dorrath reicht, 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Westen, Therese, oder Großmuth und un- glückliche Treue. Trauersp. in 4 A. v. Lader. 8. Brünn. 1790. 40 kr. 8 Sgr. We.te um ein Herz, die, oder «ünstlersiuu und Frauculicbe. Lustspiel mit Gesang in 3 A. von C. Elmar. 8. 1843. 40 kr. 8 Sgr. Widerspenstige, die, Lustsp. in 4 A. von Shakespeare. Bearbeitet v. Deinharrstein. 1839. gr. 8. (Vergriffen.» Wie machen sie es in der Komödie, oder die buchstäbliche Auslegung. Lustsp. von Brömel. 35. kr. 7'/, Sgr. K (Josef Klemm) iu Wien. Wtedervergeltung, Lustsp. in 3 A. Nach dem Franz, von F. Haffaurrck. 1811. SV kr 10 Sgr. Wien, oder Blätter der Geschichte. Histor. Gemälde in sieben Abtheil, und einem Vorspiele v. Carl Juin (Giugno). 8.1857. fl. 1.— 20 Sgr. Wienerin, die schöne. Lustspiel in 1 A. v. Weidmann. 35 kr. 7'/, Stzr. Wienermädchen, daS tapfere. Gelegenhertsstuck in 5 A. von HenSler 8. 40 kr. 8 Sgr. Wikinson und Wandrop. Schauspiel in 5 A. v. Möller. 1792. 50 kr. 10 Sgr. Wilddieb, der. Licdrrspirl in 1 A. s. Castelli Sträußchen 3. Jahrg. Wildfang, der. Lustspiel für die Verdauung in 3 A. von Kotzebue. 1811. 50 kr. 10 Sgr. Windmühle von Tripstrill, oder die Art die Weiber jung z« machen. Grotesk-komische Pantomime von Hasenhut. 10 kr. 2 Sgr. Wirthe, die vornehmen. Kom. Oper in 3 A. Nach dem Franz, von I. R. v. Seyfried. 1813. 40 kr. 8 Sgr Wirthtn, die Frau. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten v. Fn'edr. Kaiser. (Wiener Theat.- Rep. Nr. 87.) 60 kr. 12 Sgr. Wirthschafterin, die neue. Posse mit Gesang ru 1 Act v. Alois Berla. (Wiener Theater-Reptr- toir Nr. 175.) Sgr. oder 25 Ngr. Wittw« die schlaue, oder die Temperamente. Posse in 1 A. von Kotzebue. 25 kr. 5 Sgr. Wtttwe, die, «nd das Reitpferd. Dram. Kleinigkeit von Kotzebue. 1808. 35 kr. 7'^ Sgr. Wtttwe«, zwei. Lustspiel in 1 Akte, v. Felicien Mallefille. Deutsch von Alexander Bergen. (Wr. Theat.-Rep. Nr. 140.) 35 kr. 7'/, Sgr. Wittwer, der. Posse in 1 A. von Deinhardstenr. gr. .12. 1816. (Vergriffen.) Wktzigungen, oder wie fesselt man die Gefangenen. Lustspiel in 3 A. Nach dem Englischen von W. Vogel 8. 1843. 1 fl. 20 Sgr. Wo war sie? Lustsp. in 4 A. Nach dem Franz, von Ehrimfeld. 1805. 40 kr. 8 Sgr Wülfingen, Adelheid von, Schausp. in 4. A. von Kotzebue. 1809. 50 kr. 10 Sgr. Wunderdoctor, der. Original-Lebensbild mit Grs. in 2 Acten von Earl Gründorf. Musik von Kapellmeister Hopp. Wiener Theat -Repert. Nr. 57.) 12 Sgr. oder 50Ngr. Wunderkomödie, die. Schwank mit Ges. in 1 Act frei uach dem Spanischeu des Orvantes von Dr. Sprngel. (Wiener Theat.-Rep. Nr. 214.) '/, Sgr. zz kr. Wandervogel, der, Volksmärchen der Vorz.it, mit Gesang in 2 A. 1807. 40 kr. 8 Sgr. Aclva, oder die russische Waise. Drama in 2 A. f. Castelli Sträußchen 14. Jahrgang. Angurd, König, Trauersp. in 5 Ä. von A. Müll- nrr. 8. 1817. Original-Auflage. 1 fl. 20 kr. 24 Sgr. Zaide, oder da-Weib in ihrer wahren Schönheit. Lustsp. in 4 A. von HenSler. 1792. 8. 40 kr. 8 Sgr. /Lira, ^Lione eroies per lAusieu io clue ^4tti. 1805. 35 kr. 7 '/,Sgr. Zampa, oder die Marmorbraut. Romantisch- komische Oper in 3 A. Nach dem Franz, des MeiesviUe. Musik von Heroik-. 8. 1839. 35 kr. 7'/, Sgr. Zauberflöte, die. Große Oper in 2 A. Musik von Mozart. Neue Auflage 12. 35 kr. 7'/, Sgr. Zauber-Höhle, die, des Trofonius. Frei nach dem Jtal. von Holbein. Musik von Salieri 60 kr. 12 Sgr Zauberkuß. der. Heroisch-komische Zauberoper in 2 A -on Hofmüller. 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr Zauberlaterne die, Lustsp. in 2 A. s. Castelli Sträußchen 10. Jahrgang. Zanberschleier, siehe die bezauberte Leier. Zanberring, der. Feenballet in 4 Acten von Albert. 8. 1830. 10 kr. 2 Sgr. Zauberschwerdt, daS. Romantisch - komisches Original - Singspiel in 2 A von Hensler. Musik von Eibler. 1302. 40 kr. 8 Sgr. Zauderer, der eilige. Lustsp. in 1 A, s. Castelli Sträußchen 19. Jahrgang. Zeche, die, oder r Gastwirth und Bürgermeister in einer Person, siehe: Erstellt Sträußchen 4 Jahrgang. Zeitalter, die. Drei flüchtige Skizze» zu einem chronologischen Charaktergemälde von C. M Hetgel. Inhalt: 1. So sind sie gewesen. 2. So waren sie. 3. So sind sie. 1812. 50 kr. 10 Sgr. Zemira. Drama mit Musik in 2 A. Nach dem Italienischen des A. L. Totola. Musik von Rossini. 1822. 35 kr. 7'/, Sgr. — — Dasselbe ital-enisch. 1822. 35 kr. 8'/, Sgr. Zemire und Azor. Singspiel in 4 Aufz. 1790. Zerrissene, der. Posse mitGesang in 3 A. von I Nestroy (Die Handlung ist dem Französischen l/liomm« biss« nachgebildet.) 12. Mit alleg. illum. Bilde. 18»5. 75 kr. 15 Sgr. Zerstreuten, die. Posse in 1 A. von Kotzebue. 12 (Vergriffen.) Zigeuner, der Genrebild mit Ges. in 1 Acte von Alois Berla. (Wien. Theat.-Rep. Nr. 90.) 7'/, Sgr. 35 Nkr. Zriny. Trauersp. in 5 A. von Th. Körner. 8. 60 kr. 12 Sgr. Zopf, der schönste. Komisches Zeitbild mit Ges in 1 Acte v. E. Elmar. (Wien. Theat.-Rep. Nr. 183.) 7'/, Sgr. 35 Nkr. Zu ebener Erde und erster Stock, oder die Launen des Glücks. Loc lpoffe mit Gesang in 3 A. von I. Nestrov. gr. 8. mit 1 groß alleg. illnm. Bild. (Vergriffen.) Zufälle, die. Lnstsp. von Schröder. 8 35 kr. 10 Sgr Zum ersten Mal im Theater. Posse in 1 A von Fr. Kaiser. (Wiener Theater-Repertoir Nr. 9.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr Zum goldenen Löwen. Singsp. in 1 A. 1807 50 kr. 4 Sgr Zurückkunft des Vaters Dorsp. von Kotzebue 25 kr. 5 Sgr Zusammenkunft die unvcrmuthete. Singsp. ln 3 A. Aus dem Feanz. 1807 30 kr. 6 Sgr. Zwillingsbrüder. Lustsp. in 5A. Nach Regnard von Sch, öder. 1782. 8. 50 kr. 10 Sgr. Zwillingsschwestern, die drei. Originallnstspiel in 5 A. 2. Aufl 1786. 8. 50 kr. 10 Sgr. Zivirnhändler, der, auS Oberösterreich. Lustip irr 3 A 1807. 40 kr. 8 Sgr. Zwist, der häusliche. Lustsp. in 1 A 12. 35 kr. 7'/, Sgr. Zwölf Uhr. Bild r aus dem Volksleben in 3 Acten und 9 Bildern von O F. Berg. (Wien. Theat.- Rrpert. Nr. 198.) 12 Sgr oder 60 Nkr Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Druck und Papier von L. Somrnn L Comp, in Wien.) Den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt. Ausschließlich uur zu beziehen von E. Mellin, Theateragentur, Wien. Nr. 28 . 4 Lekenskilil mit Mang in 3 Auszügen von O. F. Berg. Pers Karl Walzl, ConceptS-Practikant. Susi, seine Wirthschafterin. Dr. Sebastian Demel, Loufistorialrath. Morgenstern, Besitzer eine- BeschuhungS« Etablissements, kibulka, Livilwachmann. Ba bette, seine Tochter. Bibiana, eine barmherzige Schwester. Spineder, ein Greisler. Äinsler, rin Gemeindrdiener. Eia Hausmeister. Resi, sein Weib. l> n e n: Poldl, , »» ! deren Kinder. Pep,, s Der Sprecher eiurr Deputation. Erste t Zweite ' Köchin. Dritte I Mali, > Johann, j Dienstleute bei Walzl. Der alte Morgenstern, ein polmscher Jade. Ein Wächter. Eia Bezirksrichter. (Rechts und links vom Zuschauer.) Wallishausser'sche Buchhandlung (Zosef Klemm) in Wien. Erster Äct. (Küche mit Mitteleingang von der Straße und zwei'Seitenthüren — bei Walzl.) Erste Scene. Susi (theils beim Herd, theils beim Küchentische beschäftigt; sie singt:) (immer die entsprechenden Gegenstände ergreifend.) Wann i denKohlrabi so hinstell' am Herd. Wie mich da die Lieb' und die Sehnsucht verzehrt — Gib ich in die Einbrenn ein n Zwiesel hinein, So siech i halt immer sein Bild in der Rein. Und grammelt das Kälberne drin in der Röhr'n, So glaub' i ihn selber diskriren zu hör'n! Ich versalz' das Compot, Ich vergiß auf die Germ. Und brich jed s Kastrol, Jede Schüssel auf Scherm; Es fallt mir das Gansel Hinunter auf d'Schooß, Ich schütt' oft ein Oel in D'Paradeisäpfelsoß! Ja, das nimmt g'wiß amal no a schreckliches End' — Den n — o mein Gott! — i bin in meinHerrn so verbrennt! Nimm i so ein Hechten beim Kopf — jedenfalls — I leget mein Hand lieber ihm um'n Hals, Und klopf' ich das Scherzet (auf's Herz deutend) dahier geht's tick — tack — Mein Herz, das klopft stärker und wann i noch a so Prack! Der Guglhupf bleibt fitzen, das is jetzt schon g'wiß. Wann's nur net mit mir a das Nämliche is! Ich verpatz den Spinat, Es verbrennt mir der Schmarrn, Der Semmelkrenn wird nicht, Der halt mi für'n Narr'n; Die Ruabn san stanhart Und der Röster is hin — Ja Susi, bist du denn A Wirthschafterin? Das nimmt g'wiß amol no a schreckliches End' — Denn — o mein Gott — i bin in meinHerrn so verbrennt! (Sich mit dem Kochen, Nachsehen u. s. w. sortbeschästigeud ) Was is denn das wieder dahier in der Makkaroni? (Br-ngt den Gegenstand.) Seine Fotografie! (Küßt dieselbe.) O du lieber Schneck! Fallt mir der in die Fetten! (Hat das Bild abgewischt und dasselbe in den Busen gesteckt.) Aber so geht's mir den ganzen Tag. Grstern sagt er zu mir sehr freundlich: »Servus. Suserl!« und vor Freuden rutscht mir der Holler aus der Hand über's frisch überzog'ne Canape! — Was macht er denn nur grad, mein gnädiger Herr? (Sieht-durch'S Schlüsselloch.) Er rasirt sich! Um Gotteswillen, wann er sich nur nicht schneid't; nein! (Freudig.) Er is schon fertig! Und wie schön er is alser balbirter! Um a fünfundzwanzig Jahr' jünger; weil er aber überhaupt erst fünfundzwanzig Jahr' alt ist, so ist er in diesem Augenblick noch gar nicht auf der Welt! (Aus dem Herd großer Dampf, es geht nämlich Alles über.) Diese Augen, was er h>at; zwei Stück, ein's schöner wie s andere — und diese zwei Grüderin — (Den Rauch gewahrend.) Von mir aus kann der Spinat übergehen, so oft — und hingehen, wohin, er will — mich hältst du nicht ab. Kohlarabi! — (Sieht durch's Schlüsselloch.) Diese zwei Grüberln — das is ein Mann, für den die Natur i !- ein Fleißzettel verdient. (Lauten.) Schon wieder wer! O, wann ich nur allan mit ihm auf der Welt sein könnt' oder wenigstens auf ewig eing'sperrt in seiner Gesell- schüft draußten im Criminal! (Sie hat die Thür geöffnet; es tritt mit der Butten aus dem Rücken, einen Korb in der^ Hand ein der Greißler Spineder.) Zweite Scene. Vorige. Der Greisler Spineder. Spin, (ihr gerührt die Hand reichend). Fräula Susi, verzeig'ns, wann ich Ihnen so zeitlich zur Last fall', aber Sie haben seit Jahren ohne Widerred' den ranzigen Butler bei mir g'nommen — Susi. O ich bitt',es war nicht so arg! Spin. Keine Semmel war Ihnen zu altbachen — Susi (vorsichtig). Wern's still sein! Spin. Und kein Vogelsand zu wenig!— Susi. Na ja. es is wahr, ich Hab' Mitleid g'habt mit ein' Anfänger — Sie san endlich auch im Haus — aber sagen's mir nur, warum denn so feierlich heut? Spin. Es gibt kein Geheimniß, Susi, das sich dem Greisler entzieht; denn was der Mann der Frau in's Ohr sagt, der Greisler hört es; und wenn das Brautpaar in das Brautbett steigt — sie denken nicht, daß unsichtbar ein Greisler lauscht, nnd daß kein Kuß so leise von den Lippen kömmt — der Greisler hört ihn doch! Susi. Ja, cs is mir bekannt, daß Ihnen Alles tratscht wird und daß Sie d'rum auch wissen, wo a jeder Mensch geboren, tauft, g'firmt und kopulirt worden is — Spin. Wie's mit der Moralität steht, mit'n Betriebskapital — Susi. Und daß beiJhnen auf der Roll' die Ehr' von der ganzen Nachbarschaft g'walchen wird! Spin. Sehen Sie, Fräulein Sufi, wann die Regierung die Polizei aufheben und statt ihr lauter k. k. Greisler ernennen thät, so müßt' sie Alles vierzehn Tage ehnder, bevor noch etwas g'schicht. Susi. Aus all' dem merk' ich schon, daß Sie was Großartiges wissen und daß bei Ihnen ein unsinniger Wasch g'wesen sein muß! Spin. Fräulein Susi — fallen's nicht um — Ihr gna Herr hat den Haupttreffer g'macht! Susi (sehr freudig). Jesus, Maria und Josef! — Und wie viel hat er denn eigentlich g'wonnen, mein gnädiger Herr? Spin. Zwamalhunderttausend Gulden — wo nach Abzug der Stempel noch immer a dreihundert Gulden bleiben müssen. Susi (umschitßend). Zwamalhunderttausend — ja. was thu' i denn nur, damit ich ihm auf a feine Art gratulir'? (Wirst das Fürtuch weg.) Wie mach' i mi denn schön? (Sieht sich in einen Spiegel, den sie schnell aus der Lade zieht.) Wie i heut' wieder ausschau'! Die Fleck' von der dal- keten Röhren, die Lungelbratenfetten — lnr Spinat geht net weg — ich bitt' Ihnen, Herr Greisler, was fang' i denn an? Spin. Geduld, Sufi! wir san noch nicht fertig — es is auch ein Unglück dabei. Susi. Ein Unglück? Um Gottcswillen, was denn für an's? Spin. Der gnä' Herr Heirat'! Susi. Er Heirat'!? (Als wie von einem Stich getroffen, aber freudig.) O du mein! Spin. Heirat' schon in vier Wochen, hat schon in der Langgassen die Ring' bestellt; mehr als das, Susi! er feiert heut' sein' Verlobung! Susi. Sein' Verlobung! Was — Sie wissen — und i steh' da und bin voller Spinat? — i, diejenige, die schon vier Stunden frisirtsein müßt', wo dieSchmacht- i* 4 locken schon längst bis über's G'nack hinunterhängen sollt' ? Spin. Ja, wisseo's denn auch, wem er Heirat', Fräulein Susi? Susi. Na, wen denn sonst wie mi? — Wissen's denn net, daß i bald so viel wie a Pfleg'tochter war in sein' Elternhaus und daß sein Vater am Sterb'bett zu mir g'sagt hat: Susi, du bist a braves, flei- ßig's, ehrlich's Madel, hast deine paar tausend Gulden von dein Vätern, der in Böhmen g'fallen is — net von die Cze- chen, sondern von die Preußen — sei a Schutzgeist sür mein Bub'n und bleibt's beinand' durch s ganze Leben, geht's jetzt a so oder so! — Na, und Hab'ich ihm net sein' Wirtschaft g'führt bis heut', Hab' ich ihn net pflegt und häng' i net an ihm als wie a Mutter an ihrem Kinde, Herr Greisler? Hat er net selber tausendmal g'sagt. daß er net leben könnt' ohne meiner, daß i a Perl bin, hat er g'sagt, daß i a guter Patsch bin, hat er g'sagt — meiner Seel'! sogar Engel hat er amal g'sagt — und Sö — Herr Greis- ler, Sö reden jetzt so curios daher, als wann er überhaupt wem Andern heiraten derfert! Spin. GlaubenSie ja nicht, Susi, daß es dem Greisler unbekannt ist, daß Sie Ihre paar Netsch zug'setzt haben bei derer Wirthschaft! Susi. Herr Spineder — Spin. Und wann d'rum die Dienstboten behaupten: Mein Gott, i glaub' net, daß jetzt was d'raus wird — lassen wir's reden die Leut' — ich Hab' mein Pflicht erfüllt als Greisler, Hab' g'redt, enthüllt, profezeit als Greisler — und jetzt pfirt Ihnen Gott - ! Susi. Aber halt, Herr Spineder! Schaun's das, daß er über den Treffer zu mir aber no net a Wärt! g'redt hat, das kummt mir halt do a biß'l curios vor, Herr Greisler! Spin. Gelten's? Susi. Vielleicht is do net wahr! Vielleicht hat er do nix g'wunnen? Spin. Nix g'wunnen? (Die Thür öffnet sich, ein Wächter in der Galla-Nniform, einen großen Blumenstrauß in der Hand, erscheint und bleibt in drrThür stehen.) Dort schaun's hin. reden's, glauben Sie's jetzt? Hat er was g'wunnen? Haben Sie je ein Wächter wo g'seg'n, wo ein Unglück g'scheg'n is? Kummt wer mit ein' Buschen, wann's a Geld brauchen? Zieht Aner die Galla- Uniform an und sucht Ihnen Ham, wann's nix z'essen haben? DerWachter (sehr freundlich). Der Herr von Walze! zu Haus? (Ab in das Zimmer rechts.) Spin. »Don* is er auch schon! er hat'n schon den Haupttreffer! (Die Thür geht aus; schwarzgekleidete Herren treten ein.) Susi. Schwarze Herren? Alles macht seine Aufwartung; jetzt glaub' ich's schon selber, daß er den Haupttreffer hat. Der Anführer der Deputation. Ich bitte — rechts, meine Herren! — hier wohnt der Mann, dem wir unser Vertrauen ausdrücken wollen. (Alle rechts ab.) Spin. Diese Achtung auf anmal! Natürlich, jetzt is auch das Vertrauen von die Mitbürger da! (Hausmeister mit Weib und zwei Kindern erscheint; die Kinder mit Wünschen.) Hausmeister. Hab' die Ehre unter- thänigsten guten Morgen zu wünschen! (Alle rechts ab.) Susi. Der Hausmeister höflich, die Kinder g'waschen, sie macht a Buckerl, ja, da muß was g'scheg'n sein! — Was sagt er denn nur geschwind zu die Leut'? (Sie horcht an der Thür.) Hat schon seine fünf Gulden der Wächter! — Die schwarzen Herren bleiben alle miteinand' stecken, — es is richtig a Deputation! (Die Deklamation der Kinder nachahmend.) Jetzt kummt der Wunsch von die Hausmastakinder. »Lassen Sie auch uns die Kleinen Mit den Großen sich vereinen, 5 Und uns schließlich sagen noch: Herr von Walzel lebe hoch!« Auch fünf Zehnerl'n, und jetzt schickt er's Alle fort über die andere Stiegen! Er zieht den schwarzen Frack an. bürst' den Hut aus — sicher kummt er jetzt außer, anhalten um mein' Hand! — Herr Spi- neder, in zehn Minuten kumm' i hinunter und erzähl's in der Greislerei. daß i das glücklichste Madel bin auf unserm ganzen Grund mit sammt meine achtuudzwanzig Fahr! Spin. Wann's aber schlecht ausfallt, FräuleinSufi—wann Sie vielleicht Ihren Schmerz amal wo ausschütten wollen — dann denken s an uns! Wohin geht die Köchin, der die Frau ein Sossierl am Kopf wirft? Zum Bezirksgericht? Nein, zum Greisler! Wo frühstückt der Bediente? Im Kaffeehaus? Nein, beim Greisler! Wo wart' der Capral? Auf der Gaffen? Nein, bei uns — verborgen in der Greislerei! — Wann's d'rum anders kummen sollt' die Ziehrers wachsen und die Kratky- Baschiks, heut' is endlich der Tag da, von dem er immer g'red't hat; heut' hat er's. das, um was er g'rungen hat: an' Existenz! (Nachdenklich.) Er wird g'wiß net vergessen. daß ich seit vierzehn Jahr' sein' Wirthschafterin bin, daß i in seiner Küchel sechzehn — achtzehn — zwanzig Jahr' alt wor'n — (ernst) daß i, um ihm sein Mutter zu ersetzen, in sein' Vorzimmerl bei Nummer achtundzwanzig ankommen bin.— (Lustig.) Na. das wird er net vergessen, er wird sich erinnern, was sein Vater woll'n hat, und wann's a Jüngere gibt, die in kurzen Kladerln daherzepperln mit die aufgelösten Haar', mit'n Huterl auf der Nasen — (probirt einen Haser.drckel als Hut) mein Gott! vielleicht kann ich auch so was tragen — i Hab' ja auch Haar' und Hab' auch a Fußerl und wann Andere — die erst bei Nummero Sechzehn san — vielleicht a auch bissel mehr Anwerth finden — so ehrlich mant's Kane mit ihm, als — Sufi — setzen's Ihnen bei mir auf's! wie die Nummero Achtuudzwanzig! Gurkenfaß'l, und ich, mein Weib und alle Dienstboten, ob active und ob vazirend, wir werden die Susi trösten bei Fenigl und Priemsen tief unten in der Greislerei. (Ihr wehmüthig wiederholt dieHanddrückend, durch die Mitte ab.) Dritte Scene. Susi (allein). Ich möcht' nur wissen, warum er denn heut' gar a so gerührt is? Er thut ja allerweil, als ob er weiß Gott was auf m Herzen hält? Gar net reden kann der arme Greisler vor Ueberraschung! — Aber kenn' denn i selber mi aus? Is net die ganze Kocherei umasunst? Is net Alles verbrennt und verbraten? Und is 's denn auch anders möglich? Heut'soll's vielleicht no bekannt werden, daß er mi -7 daß ich ihn-Heut' geh'n wir vielleicht noch mitsamm' über die Ringstraßen in die Gartenbau-Gesellschaft, wo (Schnell links in ihr Zimmer ab.) Vierte Scene. (Ungeheuer fidel, den Hut schief ans dem Kopf, ein Schnupftuch schwingend, springt aus der Seitenthür rechts Carl Walzl, eilt bis an die Lampen und ruft selig in's Publicum:) Ich Hab' den Haupttreffer g'macht, Hab' den Haupttreffer g'macht! ich I. Bin i sunst in a Wirthshaus getreten in Saal, Warn g'wiß a die Tisch schon b'steckt allemal, War wo eine Feier und i steh' ruhig da. So hab'ns mi glei' ang'fahr'n und 'naus- g'worfen a, » 6 Und Hab' ich a Vorladung g'habt gar wohin — War i froh, wann i nit glei' am Schub kommen bin! Denn wir san halt nix g'wes'n Und i war halt so g'ring — I war bloß ein armer A nothiger Ding! Aber jetzt, wann ich kumm, sogt der Kellner: »Die Gnad'! Ob besteckt oder net, Herr Baron! is Pomad'.« — Is irgend a Fest, ja, auf mich wird gezählt, — Sie schleppen mi gar in eigenes Zelt — Und hält' mit ein' Amtsdiener z'reden was ich, Schreit All's: der Minister, der wart' schon auf mich! Jetzt fliegt jede Thür auf Bei Tag und bei Nacht — I Hab'den Haupttreffer g'machk — Hab' den Haupttreffer g'macht! 2 . Hab' i sunst was gearbeit't bei uns im Bureau, Hals g'haßen: die Arbeit von mir is so so; Hätt' mir eire Dame g'fall'n dann und wann, Haben's es alle a so g'macht: (verächtlich diese Damen ausspottend) »Was will denn der Mann?« Und wendete ich oft im Wirthshaus was ein, Hab'ns g'schrieen: »Ach. der Ochs red't do üb'rall was d'rein!« Denn wir san halt nix g'west, Und i war halt so g'ring — I war bloß an armer, A nothiger Ding! Doch mach' i jetzt Mandeln im Amt auf's Papier, DerGhef, der sagt do: »Sie san der Fleißigste hier;« Am Ring oder unt' in der Praterallee Grüßt mi aus'n Wagen bald dö und bald dö, Und red' ich sehr patschert drei Stunden lang fort, So ruft Alles: »Still! der Herr Walzl hat's Wort!« Ueber'n fadesten G'spaß Da wird Wahnsinn! g'lacht. — I Hab' den Haupttreffer g'macht! Hab' den Haupttreffer g'macht! Ja, das is a bissel an Unterschied! Ich gehör' jetzt unter die »Standespersonen nach Belieben«, während ich sonst nur gerechnet worden bin unter die »Mannschaft vom Feldwebel abwärts!« Jeden Augenblick druckt mir wer auf der Gassen die Hand, den i mein Lebtag net g'seg'n Hab', und wenn i den Thee allen trinken wollt', zu dem i ein- g'laden bin — i hält' mich schon in ein besser's Jenseits hinüberg'schwitzt! — Aber was werd' ich mir denn eigentlich kaufen um mein Geld? Tramway? Nein! Von derer ganzen Tramway is seit derer G'schicht mit'n Neukreuzer bloß dasWaih blieben! — Also Nordbahn? Die Leut' sagen, die is gut und sicher, als wann's vergessen hätten, daß auch die Preußen mit ihr kummen san. Napoleons'öre sein auch riskirt — 's G'scheidteste is eigentlich — verputzen! — Was meine Anstellung betrifft, so wird in Bezug auf meine Practikamcnstelle ein Ministerwechsel ein- treten — auf meinen Platz wird ein Anderer warten am Theuerungsbeitrag und wann Alle die Acten so gern herausgäbe, ten, wie ich sie morgen hinfeuer' aus der Lad', da brauchet sich auf derer Welt kein Oberlandesgericht zu strapeziren! — Das wird a Leben wcr'n mit meiner Wettet — ein Leben — ich Hab' schon ein Quartier am Parkring mit der Aussicht auf's Aufspritzco — ein Leben, das wird großartig sein! (Sich hinter den Ohren kratzend.) Nur mit der Susi is das a schwere Sach'! So a Person thut ka gut unter einer neu- chen Frau, so was will immer anschaffen, und will g'rad so wie die Veteraninnen im Kärntnrrthor nicht hinaus aus der ersten Quadrill'! Aber Courage, Walzl, wir muffen ihr's beibringen, daß ein Systemwechsel eintritt — daß ein neucher Landtag einberufen wird. womitihrMan- dat auf dann und wonnige Büffeln, hin und widrige Abtatscheleien und mannigs- malige Goderlkratzungen erlischt! — Da ist sie schon die Sistirte! Fünfte Scene. Voriger. Susi (ohne Schürze, in einem hübscheren Kleide, einige Blumen im Haar). Susi. Euer Gnaden, junger Herr! muffen net bös sein, wenn heut' das Essen etwas Schottenhammerisch - Fest - Banket- tisch ausg'fallen is — aber die Nachricht, daß Euer Gnaden- Walzl. Du maßt also schon. Susi — ah. da schaut's her und ich Hab' Dich überraschen wollen. Susi. Ifl, Herr Walzl. ich weiß Alles (ihm herzlich die Hand drückend) und wenn Andere vielleicht schönere Worte finden wie i, so viel Freud' wie i hat do Kan's von alle Gratulanten, i derfert selber an' terno seeeo gemacht haben in der Linzer Ziehung! Walzl? Na so geh', geh', thu' net so scheppern mit der Stimm', so Wolterisch — Charlottisch — abgangsbeflissen — seelen-malcrisch — auf Rührung berechnet —! Ich weiß ja — (nach und nach selbst gerührt werdend) daß Du mir alles Gute vergnnnst, daß Du das Höchste für mich opfern kannst — erinnerst Dich an die acht Paar Strümps, die Du versetzt hast für mich? An die Couvertdecken und Nachtcorsetln — es find lauter Ruinen daraus geworden: denn sie find alle verfallen! Susi (sich die Augen auswischend). Herr Walzl! reden wir nix mehr von diese Sachen — Walzl (rbensalls die Augen trocknend). Es waren das Zeiten, Susi, wo Du mehr in der Dorotheergaffeu warst, wie zu Haus, — Zeiten, wo ^alle Dienstmänner Wiens mit'n Umsetzen für uns beschäftigt waren — Susi. Die Zeiten san vorüber, denn Sie, gnä Herr! san jetzt a reicher Mann und wer'n, so lang Sie leben, in ka Verlegenheit mehr kommen. Walzl. O glaub' das nicht, Susi! es find schon Hausherrn g'storb'n. Aber Ein's is heut nothwendiger als je, das nämlich, daß wir Zwa in Ordnung kommen mit einand. Susi (für sich). O du mein, mein Herz schlagt wie ein Lampelschwafel! Walzl. Ich und Du, wir sind jetzt doch schon so lang' beisamm'n, — wir san g'wöhnt an einand' — Susi. Ja, Euer Gnaden! ich bin sehr g'wöhnt! Walzl. Wir waren uns am End' auch immer mehr wie Herr und Dienstbot' — Susi (sehr verlegen). Za, EuerGnaden! ja — ja — Walzl. Wenn ich nicht irr', so Hab' ich Dich auch schon öfters um d' Mitten g'nommen? Susi. Ja, Euer Gnaden — dahier a so- Walzl. A drei-, a viermal glaub' ich, Hab' ich Dir sogar a Bussel geben — Susi (sehr verwirrt). Oefter, gnä Herr! Es wird a fünf-, sechsmal g'wesen sein, a fünfzehn bis zwanzig, etla dreißig — Walzl So ein Zustand, weißt, Susi —Du bist a vernünftiges Madel — muß doch amal ein End' nehmen — Susi. Versieht sich. Euer Gnaden; der gnä Herr will schließlich wissen, wie. was oder wann? Walzl (sehrbestimmt). Mit einem Wort, ich werd' heiraten, Sufi! Susi. O. ich bitte, gnä Herr! is mir ein Vergnügen! Walzl. Du kennst es auch diejenige, die ich mein', — es ist ein junges, fesches, unverdorbenes Madel! Susi. Alles was recht is, Euer Gnaden — gar zu jung, nein — das is sie just nicht; aber sie is immerhin ein Madel, was einen Mann in jeder Beziehung glücklich machen kann. Walzl. Da muß ich schon bitten, Susi! sie ist auch jung, noch dazu sehr jung! Susi (für sich). Na jetzt, wann er sich gar a so caprizirt auf Ane mit 28 Jahr' — lassn wir ihm die Freud! Walzl. Dieses Madel wird also jetzt hier im Haus die Frau sein. — Hast Du was dagegen, Sufi? Susi (verschämt). Aber Euer Gnaden — Walzl. Wird die Wirtschaft führen, anschaffen u. s. w. Susi. Und wann man io frei sein darf — (für sich) ich muß ihm schon helfen — (laut) Wie haßt sie denn eigentlich, dieses Madel? Malzl. Das wirst schon seg'n nachher, Du neugierige Katz' Du! Kannst es denn gar net d'erwarten. die neuche Frau? Susi. Na, gnä' Herr! ich macht' schon so viel gern dabei sein, wann's Ihnen um'n Hals fliegt — Walzl. Schau — schau! Susi. Möcht's mit Ihnen auf der Gassen geh'n seg'n, möcht' die langen G'sichter von die Hausleut' seg'n, möcht' dabei sein, wann's mit Ihnen in's Braut- zimmert geht, ja ich glaub', wann's ihr 's erste Bussel geben, i müßt's mitg'spüren und wann Sie's recht innig an's Herz drücken, diejenige, welche — wern's seg'n, ' Herr, mir wer'n die Thränen herun Ich sieg's wieder, mit Dir hat mir mein Vater ein Schutzgeist mitgeben in's Leben, denn siegst, selber jetzt mein Treffer — wem verdank' ich'n? — Dir, Suserl! Susi. Mir? den Treffer? Walzl. Tramt mir vorige Wochen deutlich von Dir — ich glaub', es hat mir gar tramt, daß wir Zwa, denk' Dir — den Unsinn, daß wir Zwa z'sammg'heirat' hätten - Susi (lachend). Z'sammg'heirat' — wir Zwa? Ah, net möglich! Walzl. Im andern Tag is die Credit- ziehung! Denk Dir: Hab' i Dich g'setzt — Susi. Mi g'setzt bei die Eredit? Walzl. Na, is denn moring net dein Geburtstag, wirst Du moring net 28 Jahr' alt? Mit ein' Wort, ich bin von einem Zinner zum andern Schnapper — bis ich, denk' Dir den Zufall, eine Serie 28 d'erwisch' und so ist die Suserl mein Haupttreffer g'west! Susi. Da bin i ja moring no amal so lieb älter um a Jahrl! Walzl. Aber wann i a verheirat' sein werd', Sufi, Du wirst fort auf die Händ' tragen! Du bist mehr als mein Weib g'wesen, Susi — (sie umschlingend) a zweite Mutter für mi! — D'rum richt' jetzt Alles her, mach' Dich schön — Genn daß Du net fehlen darfst bei meiner Hochzeit, net wahr, mein Susi — Susi (verschämt). Gnä' Herr! Walzl. Meine Kinder müssen a die deinigen sein — Susi. I glaub' a! Walzl. Und Du wirst ihnen g'wiß a gute Erzieherin sein, wann's Dir a no so viel Verdruß machen — Susi. Von die Schmerzen gar net zu reden — Walzl (sich die Augen trocknend). Macht mi das Madel sh confus, daß i schon gar gna terlaufen vor Freuden, net anders als ob nimmer waß. was i red'! i selber diejenige wär'! i Susi. Machen's Ihnen Walzl. Schau, Suserl, das g'fallt mirjgnä' Herr, die Susi hat von Dir, daß Du so in Allem dabei bist!j standen — nix d raus. Ihnen ver- 9 Walzl. Dann is mir ein Stein vom Herzen! — Jetzt aber fort zum Eincassi- ren! — Und in dera Wechselstube, wo's mir früher mit'n Lineal auf die Finger klopft hab'n, wann i was angriffen Hab', da wird's heut heißen: O, spazieren Sie nur herein beim Gattern! —(Singt.) Und über n fadesten G'spaß Da wird wahnsinni g'lacht, Ich Hab' den Haupttreffer g'macht! (Schnell durch die Mitte ab.) Sechste Scene. Susi (allein). Warum er sich net außa- traut glei? Das lange Umsieden! Da wer'n halt do die 28 Jahrl'n dahinter sein! Natürlich, er a junger Mensch — ich, wann i a sunst mit kaner Jungen tausch', doch schon a g'setzte Person — richtig! er mag net mit der Thür in's Haus fallen! Aber mir liegert garnix d'ran, wenn er einfallert damit! Na, um so größer wird die Ueberraschung sein, heut' aus d' Nacht! Ich siech ihn schon in der Galla, — ich für mein' Theil, ich zieh' mein blauseidenes an mit die Quasteln, das in Zwickl g'schnitt'ne, einen Pfitscha- Pfeil in die Zopf, die Spitzenmantill, die ich auf'n »Christkindelmarkt« kauft Hab' — so was Schönes war noch nicht da! — Wann nur wer kummet, dem ich mein Glück erzählen könnt' — (Läuten.) Wann man den Wolfen nennt, kummt er g'rennt! (L>ie öffnet die Thür; eS tritt ein die barmherzige Schwester Bibiana.) Siebente Scene. Vorige Bibiana (eine herzgewinnende, leutselige, lebhafte alte Trau, deren Silberhaar das Gesicht umrahmt und demselben einen freundlichen Charakter verleiht. Die Darstellerin darf den Charakter der Ehrwürdigkeit, unbeschadet der Heiterkeit, nicht auS den Augen verlieren. Bibiana trogt eine Sammelbüchse in der Hand). Bibiana. Gelobt sei Jesus Christus! Susi (einen Knix machend). In Ewigkeit, Amen! Bibiana (herzlich). Darf ich bitten für die armen Kranken bei die barmherzigen Schwestern? (Schüttelt die Büchse.) Susi. Mit tausend Freuden, hochwürdige Frau — (Gibt ihr Geld in die Büchse.) Da haben's, was just d'rin is im Port- monnaie— heut kuunt i mein ganzes Vermögen verschenken. Bibiana. Vergelt's Gott tausendmal! (Plötzlich in einen mehr leutseligen, weniger salbungsvollen Ton übergehend.) Also hat die Fräula heut' ihren guten Tag? Susi. Ich Heirat', Hochwürden! Bibiana. Hör'ns auf! Susi. Den Mann Heirat' i — den i schon seit 14 Jahr (auf's Herz deutend) da mit mir herumtrag' — mein lieben Herrn von Walzl Heirat' i! Bibiana. Also'n Walzl? Und was is er denn so der Walzl! Susi. Mein gnädiger Herr! Bibiana. Jungfer Köchin — man soll nix verreden—unser blutiger Heiland verzeih' mir die Sünd', aber das is a ris- kirte G'schicht'l Susi. Ja, wegen was denn. Hochwürden ? Bibiana. Gleich und gleich g'sellt sich gern — warst net aufig'stieg'n, warst net abag'fallen, das is mein alter Wahlspruch. per omuia saeeula 8kkeu1orum! Schaun's, mein lieb's Kind! baut der Gimpel a Nest mit'nFalkel? Na, ersucht sich wieder an Gimpel, weil der Falkel a Falkel bleibt. Geht das Lampel dorthin trinken, wo der Wolf sauft? Na. das Lampel trinkt woanders! Was is g'scheg'n mit'n Frosch, wie er sich aufblasen hat? Zersprungen is der Frosch! D rum hätten Sie müssen ein' Geschäftsmann nehmen, mein Kind, ein' arbeitsamen, riegelsamen, 10 honetten, aber kan gnädigen Herrn! (Nimmt eine Prise Tabak.) Susi (zornig). Me Achtung vor Ihrem schwarzen Rock, ehrwürdige Frau! Aber was verstengen denn Sö von der Eh'? Sö war n halt Jhner Lebtag no niemals verliebt! Bibiana (zustimmend). Jeses ja! Aber schaun's, mein Kind! — I Hab' g'seg'n, er hat an Andre lieber — laßt man ihm sein Freud' — muß der Mensch sein Nasen überall haben — na, der G'scheidtere gibt nach — Hab' ich a Striche! g'macht d'rüber — (Thronen in den Augen) a bißl a paar fatale Täg' — ans war's — Punktum. Red'n wir nix mehr davon. Susi. Und da is die Frau dann a barmherzige Schwester wor'n! Ja, das is dann freist a trauriger Fall! Bibiana. Trauriger Fall? Net amal denken! Was is denn a Frau, die betrogen wird von ihrem Mann? Das is a trauriger Fall! I aber net! In der Früh steh' i auf mit'n Hahn. Wann i in die Krankenzimmer kumm — i waß allerhand Anecdoten, neuche, ich Hab' einen Krakauer von anno 27 — die wcr'n erzählt, die Leut' mit die Entzündungen lachen und glauben Sie mir, wann man das Elend a bisserl heiter macht auf derer Welt, das is a was werth! Susi. Aber den ganzen Lag nix wie Jammer und Unglück — gar keine Unterhaltung — Bibiana. Is ja net wahr! Vormittag reißt man Zähnt — is Unterhaltung gnug. — Susi. Und dazu das dunkle G'wand, ich denk', es müsset sich an s fürchten vor n Andern! Bibiana. Lassen s mi aus, da fürcht' i mi ehnder vor engern G'wand, wann a bißl a Wind geht, kann Ane glei 's ganze verlieren. Susi. Und nachher hier dös Sammeln! Sö, a Frau, die ihr Leben den Armen und Elenden weiht, die Tag und Nacht zubringt in eigener Todesgefahr an den Sterbebetten, dir muß betteln geh'n für ihr Stift — is das Recht, Hochwürden? — Das soll dann, wie Sö sagen, ein angenehmes Leben sein? Bibiana. Net so laut, mein Kind! Du lieber Himmel, das is schon a so! Susi. Sollten da net Andere, die da leben ohne Sorg' und Plag' in frischer Luft, die dick und fett werden an der reichen Tafel, hergeben von ihrem Ueberfluß? Soll n net solche Herrn amal in 'n Sack greifen und sich endlich rühren für die barmherzigen Schwestern? Solln sie Nettheiten mit den Frauen, die betteln müssen, um das Geld aufzutreiben für die Arzneien ihrer Kranken? Bibiana. Liebes Kind, das is amal die Ordensregel! Susi. Ich glaub' aber, die erste Ordensregel ist — die Barmherzigkeit! Bibiana. Ich bitt' Dich, mein Kind, hör' mir aufj! Man thut's ja gern — man hat ja auch sein bene! — Man nimmt sein Priserl, trinkt a Halb s Seiterl auf d'Nacht, uud wann man net auf a Schaar glücklicher Kinder schauen kann — no so geht man in Saal hinunter und schaut, daß man den Kindern ihre Eltern erhalt', und daß man die Eltern wieder g'snnd machen thut. — Sei Du glücklich heraust — mein Kind! Leb' recht lang in Frieden mit dein' Mann! Susi. Und Sie sollen noch recht lang' leben. Hochwürden, für die Kranken! Bibiana. Ich im Kloster — Susi. Ich heraust. Bibiana. Und da woll'n wir dann seg'n, wer glücklicher bleibt! Geht's Dir aber amal net z'samm', mein Kind! Du lieber Himmel, Zeit und Weil' is ungleich — will's der Teufel, geht a Butten los, — bei unfern Herrgott is Alles möglich, — so such's Ham im Kloster, die Bibiana! (Küßt sie auf die Stirn.) Sie wird di trösten, leiht Dir den Krakauer — und es is Alles vergessen! — Du gehst also jetzt — 11 Susi. Zu meiner Verlobung — Bibiana. Und i in mein Kloster — (Beide stehen in der Mitte der Bühne.) Das san verschiedene Weg — Susi. Natürlich, Hochwürden—d rum (ihre Hand küssend) so gern i Ihnen Hab', wer'n wir uus a niemals begegnen. Bibiana. Pfirt Di Gott, mein Kind! — pfirt Di Gott! Susi (ist vor ihr niedergesunken. Bibiana hat sie auf die Stirn geküßt und wendet sich zum Abgänge.) Zwischenvorhang. Verwandlung. (Zimmer mit Mittel- und zwei Seitenthüren bei Walzl. Höchst bescheidene Einrichtung. Vorne rechts vom Publicum ein Fenster.) Erste Scene. (Durch die Mitte Walzl, hinter ihm Ei- bulka; jeder derselben hat sowohl in der rechten, wie in der linken Hand einen ungeheuren Pack Papixr, nämlich Obligationen.) Walzl. Nur amTisch legen dieStaats- papier, obwohl's mitunter verdienten, daß man's auf die Bank legen sollt'! (Stolz die Packete betrachtend.) Da schaun's her, Herr Cibulka! Das sein 200.000 fl. Es is großartig, was bei uns die Staatsdruckerei leisten kann. A Bogen Papier, a bißl a Färb', a bißl a Druck — und der Tausender is fertig! Wann man die so arbeiten lasset, die brächten a Geld z'samm', daß unfern Herrgott den Himmel abkaufen und Prioritäten drucken auf die Höll'! bibulka (sich den Schweiß abwischend). Was ich Hab' ich schwitzte von Obligationstragens, bin ich naß wie waschene Pudel weiße. Walzl. Ja, mein lieber Herr Cibulka, wann schon uns so haß is, die wir die Coupons tragen, jetzt können's Ihnen denken, wie erst die Steuerträger schwitzen, was die Coupons alle zahlen müssen. Cibulka. Sagen's mich nur, Pane Walzl, apotom, wie haben Sie anstellen's, daß Haben s erwischte Haupttreffer? Walzl (lächelnd). Bei der Polizei war ich net, sonst hält' ich ihn mein Lebtag nit erwischt. Cibulka. Ich setz' ich auch öfter ex- trato, wann ise Ziehung, kummt Andere. Walzl. Das is schon so an Ungerechtigkeit gegen die Böhm'! D rum Warten s nur. wann jetzt das neuche Gesetz außer kummt. wo jeder Böhm', wann er setzt, glei auf's Geld warten kann. Cibulka. Ah, da laß i mich gefall'n! Walzl. Aber daß wir zu was An- derm kommen, so sagen's mir, mein lieber Herr Cibulka — wie is denn das klimmen, daß Sie net a G'schäftsmann, a selbstständiger, daß Sie just a Vertrauter wor'n san! Cibulka. Weil ise schöne G'schäft anständige! Ise doch gewesen schon Engel bei Bulizei! Walzl. Was, ein Engel war bei der Polizei? Cibulka. Erzengel Gabriel heilige! hatte nicht mit Schwert feurige aushoben Eva wegen Lebenswandel unmoralische? Wa lzl. Ah so is das? Cibulka. Wann lassen's Leut' Gewölb offen an Sonntag, wer schreibte auf. wann is e nicht Civilwachmann? Walzl. Sperrn eng denn no net guur G'schäftsleut' zu? Seid's froh, wann Ein offen lasten? Cibulka. Wann is e Vulksfest, wer macht Ordnung? Walzl. Die Turner! Cibulka. Wer hat aber an Turner- g'wand? — Mir Haben s an. — Wann 12 wird wem treten von berittene Bulizei. wer tragen's weg Blessirte? Mir tragen's weg! Und wann is Feuer grüße, wer fangen's Leut', daß müssen's löschen? San mir oft unser zwanzig und fangen's fünfe! Walzl. Za, das is freilich zweckmäßig, das Hab' ich nicht g'wußt. — Aber An's waß ich. mein lieber Herr Cibulka — Cibulka (neugierig). Sie wiffen's was? Walzl. Daß Sie mir nämlich ein' großen G'fallen thun, wann Sie heunt nicht dabei san bei meiner Verlobung. Cibulka (erschreckt). Wo ich mich Hab' schon machen lassen neuche Adler güldene, wo ise Hut beim Ausbögeln und wird e Husen waschen! Walzl. Denn Jhner Wettel, Herr Cibulka, die Hab' i kennen g'lernt als a braves, sittsames und aufrichtig's Madel — ich bab's a so gern, daß i meine Fuhr Metalliks — hergib wie nix — für mein Schatz — aber der Umstand, daß Sie diese Anstellung haben — denken's Ihnen — es kommen auch Demokraten zu mir — wo Sie vielleicht den An oder den Andern schon eing'führt haben— es paßt net. Herr Cibulka. Cibulka (weinerlich). Ich darf ich also nicht kummens? Walzl. Man will da net jedes Wort auf die Wagschal'n leg'n — man will un- schenirt sein, man will allerhand Leut' leben lassen, die aus Verseg'n eing'sperrt worden san — man will über Andere reden denen aus Verseg'n nix g'scheg'n is — und da sitzt nachher Aner d runter, der uns, grad wann wir beim Kälbernen san — jede Minuten auflösen kann — Cibulka (noch weinerlicher). Ich soll ich also nicht mittrinkens auf klone Walzel zukünftige, was wird auf Welt kummen unter Schmerzen schreckliche von Wettel, Tochter weinige? — Ich muß ich fitzen bleiben auf Bureau im Vorzimmer bei Zwiefelkrawat arretirte und Komfortable- kutsche vorgeladene Tax überschrittene? Walzl. Denn ich kann amal Jhner G'schäft net leiden! Vielleicht is die Zeit bald da, wo die hohen Herrn selber so gut aufpassen auf die Bedürfnisse des Volkes, daß sie kane solchen Aufpasser mehr brauchen. Cibulka. Haben Sie Recht, Pane Walzl. ise erst schönere Anstellung wesen von Erzengel heilige. Hatte nicht mitgehen müssen bei Hundsfangen, wie unsereins Civilwachmann. Walzl. Net, daß i sagen will, daß Sie deßwegen ka braver Mann sein können; ich Hab'ein Scharfrichter kennt, der g'want hat, wann's eine Sau abg'stochen hab'n — aber in mein Haus brauch' i ka Polizei! (Greift in die Brieftasche.) Da ha- ben's ein Tausender, fangen's ein anderes G'schäft an, schaun's, daß was aufstecken dabei, aber net allerweil den Adler, und nachher steht Ihnen mein Haus wieder offen. Cibulka. Pane Walzl, Sie schenken's mich den tausend Gulden? Walzl. Unter der Bedingung, daß Sie weder heut' dabei san — noch bei der Hochzeit. Jhnerer Tochter sag' i, daß Sie im Dienst verreist sein, und — weil Sie vielleicht a mittelmäßiger Polizist, aber a famoser Vater san — Cibulka. Will ich, weil ich Schwiegersohn acht ich, sozialdemokratische, bleiben auf zu Haus im Büro bei Meldzetteleintragens. Walzl. Und wann's a net dabei san in Person — im Geist san's ja doch bei Jhnern Kind. Cibulka (freudig). Sehr gut, im Geist! Wird ich mittrinkens Markersdorfer im Geist! Werd ich hineinpampfen Lungen- bratel und Soß im Geist, werd ich Erdäpfelsalat und Hechten auf.Teller haben und werd' ich sein's satt und antrunken Abends im Geist! Walzl. Segen's, es geht Alles! Cibulka. Und a potom, weil sich jetzt noch anziegt Wettel auf zu Haus, leg' ich 13 Hand ihrige in Jhnrige in Geist (markirt dieß Alles), gib ich ihr letzte Kuß meinige in Geist auf Goschel klanwinzige, leg' ich Hand rechte ärarische auf Kupp von Wettet, gib ich Segen großmächtige — wisch' ich Wasser mit Linke aus Augen behördliche und gehe ich jetzt langsam auf Bu- lizei gaiseliche Kommissariat und wan ich mich aus in grüße Meldprotokoll! (Winkt wie zum Abschiede mit einem blauen Schnupstuche und ist durch die Mitte ab.) Zweite Scene. Walzl (allein). Der arme Böhm' erbarmt mi beinah' — aber soll i zu meine Gäst' sagen, der Mann hier, der Ihnen bei alle öffentlichen Feste auf die Füß treten is, der Ihnen abg'holt und Unannehmlichkeiten g'macht hat, ismein Schwiegerpapa? Na, es bleibt dabei, i Heirat' die Wettel und net den Vertrauten, und wann sie ihn durchaus seg'n will, so soll's am l3. März am Friedhof geh n, dort steht er g'wiß beim Monument! (Sich umsehend.) Aber wo nur die Wettel bleibt? — Es wird nix herg'richt? — In der Susi ihren Zimmer (aus die Thür links deutend) rauscht's wie Seiden — was hat's denn nur? — (Sieht durch's Schlüsselloch.) Ja, was fallt denn der ein? Meiner Seel', die setzt ein Myrthenkranz auf! (Klopfen an der Mittel- thür.) Herein!! (Er hat die Packete genommen und die Obligationen zu Anfang seines Monologes in einen Kasten versperrt ) Dritte Scene. Voriger. Morgenstern (sehr eleganter Mann, ungemein geschmeidig, tänzelnd, mit den Armen fortwährend in Bewegung, sehr rasch in seinem Benehmen). Morgen st. Herr von Walzl, es freut wich ungemein, die Ehre zu haben, Sie endlich persönlich kennen zu lernen, aber ich weiß, Sie find so viel beschäftigt — (reißt die Mittelthür aus) und ich bin weit entfernt, Sie in irgend einer Beziehung i aufhalten zu wollen. Walzl. Ich Ihnen auch nicht — denn ich muß Ihnen sagen — Morgenst. Nein, nein, nein! unter keiner Bedingung! Ich bitte Sie, sich wegen mir gar nicht zu geniren — und wenn Sie schon durchaus fortgehen müssen — Walzl. Ah, das is gut! Der will mich um jeden Preis aus meinem Quartier hinausfeuern. Morgenst. (die Wohnung fixirend, für sich). Rechts sagt der Hausmeister — Walzl. Sag'ns mir nur. was wollen Sie denn eigentlich, wer san's denn und was is denn los? Morgenst. (erstaunt). Was, Sie sind noch da? Aber Herr von Walzl, wann ich Ihnen schon sag': keine Rücksichten und nur nicht geniren, denn ich bin nicht der Mann, der irgend wen belästigen will. Walzl. Ich werd'Ihnen gleich zeigen, daß ich mich nicht genir' und werd' Ihnen am Bauch hinauswerfcn, wean's nicht sagen, was Sie woll'n in mein' Quartier. Morgenst. Ja? Hab' ich noch nichts gesagt? O Pardon! Richtig, Herr von Walzl, empfangen Sie dieses Empfehlungsschreiben und Sie werden gleich anders reden; es ist von Ihrem Busenfreund, dem trefflichen Dr. Kieselstein! Walzl. Don Kieselstein! Ah, das is was anders! Da san Sie mir ja herzlich willkommen! (Gibt ihm die Hand und liest, während Morgenstern die Thüre links betrachtet, den Brief.) -»Der Ueberbringer dieses ist ein schrecklicher Kerl, der. wenn er einmal in's Quartier kommt, nicht mehr hin- auszubringen ist!« Morgenst. (für sich). Jetzt wird sich die Sach' ändern; sitzt wird er gleich ungeheuer charmant sein! (Laut.)Nicht wahr, 14 ein famoser Mann unser Doctor, der Freund? Walzl (laut). Da stengen wirklich sehr schöne Sachen drin über Ihnen. Morgenst. O ich bitte —unser Freund, der Doctor. ist schon so ein Schmeichler! Walzl (liest weiter). »Ich kann Dir daher keinen andern Rath geben, als den Mann, wie er kommt, augenblicklich bei der Thür hinauszuwerfen. Kieselstein.« Morgenst. Na, was sagen Sie jetzt? W alzl (sehr entschieden). Daß ich das thun werde, was mir der Doctor schreibt, nämlich — Morgenst. O. ich weiß schon, mich zum Esten einladen — ich soll mich com- mod machen — Walzl. Nein — das nicht; aber wann's nicht auf der Stell' forikommen, über die Stiegen werfen! Morgenst. Mich? über die Stiegen? wo der Doctor — Walzl. Ja, der sagt eben, daß Sie so ein entsetzlicher Kerl sind! Morgenst. Der Doctor? Ah, infam! Aber nein! Das sind Sie nicht im Stande, um so weniger, wo wir schon so alte Freunde find. * Walzl. Wir Zwei? Alte Freunde? Morgenst. Natürlich! Erinnern Sie sich denn nicht an den Herrn, der immer d'reing redt hat. wie Sie beim Stirböck Karten g'spielt haben? Walzl. Der dann die große Ohrfeigen kriegt hat? Morgenst. Seg'ns das war ich! Also warum sollen wir eine unter so glücklichen Auspicien begonnene Bekanntschaft nicht fortsetzen? Walzl. Nein, mein Lieber! wo nehmet ich die Ohrfeigen alle her, die Sie alle Tage brauchen thätcn—dort ist dieThüre und jetzt — aUou8! Morgenst. So? Nun, nachdem Sie unsere Beziehungen durchaus nicht erneuern wollen, all lii6u! Herr Walzl! ich ergreife die Gelegenheit — (immer weiter gegen die Thüre gebend) um Ihnen meine Hochachtung auszudrücken. Walzl. Pfirt Ihnen Gott — Morgenst. Und bedaure lebhaft — Walzl. Leben Sie wohl! Morgenst. (schon ganz an der Thüre). Daß Sie mir nicht gestattet haben — Walzl. Wird's? Morgenst. (die Thüre hinter sich schließend). Um die Hand ihrer Wirthschafterin anzuhaltcn! Walzl. Was? ()hm nachstürzend, ihn beim Rockschößel rrhaicbend und ihn zurück- schleppend.) Sit wollen die Susi — (Umarmt ihn.) An mein Herz. Herr von Morgenstern! (Ungeheuer höflich.) Nein, wie ich mich freue, endlich den Mann kennen zu lernen, von dem ich schon so vielVortheil- haftes vernommen Hab'! (Bringt Stühle.) Bitte doch Platz zu nehmen — net wahr. Sie speisen heut' und die nächsten drei Wochen bei mir? Morgenst. (geschmeichelt). Herr von Walzl, ich habe hier noch mehrere Empfehlungsbriefe — Walzl. Nein, geben's mir keinen mehr, sunst kunnt i Ihnen noch amal hinauswerfen. Nein, aber das is wirklich schön, daß Sie mich endlich amal auf längere Zeit beehren. Morgenst. O ich bitte sehr, die Ehre ist meinerseits! Diese Aufnahme, auf Ehre. Herr Walzl — darauf war ich gar nicht vorbereitet. Walzl. Sie wollen also mit der Susi reden, Herr Schuhmacher? Morgenst. Pfui! Herr Walzl - - nicht Schuhmacher — Beschuhungs - Etablissements-Vorstand — wenn ich bitten darf! Walzl. Sie wollen also die Sufi hei- ratben, Herr Beschuhungs — Morgenst. Ganz richtig! Walzl (für sich). Trottel! (Laut.) Also, da bitt' ich nur hier links anznklopfen und die nachher herauskommt, das ist diejenige, welche! Und wenn ich Ihnen noch etwas 15 sagen soll — so muß ich Ihnen offen bekennen — Morgen st. (ihn zur Thürk rechts drängend). Nicht weiter. Herr von Walzl. ich weiß es gewiß, Sie sind beschäftigt — Walzl. Daß ich jetzt wirklich der Ansicht bin — Morgenst. Und da es meinerseits unbescheiden wär — Walzl. Wo ich mcht geglaubt Hab' — Morgenst. Auf baldiges Wiedersehen — Herr von Walzl! Walzl. Hat mich richtig draußen! Hat erst Recht, der Doctor! Es is a schrecklicher Kerl! (Wurde von Morgenstern in die Thür rechts complimentirt.) Vierte Scene. Morgenst.(ollem). Is schon merkwür- dig. mein Glück! Daß ich aber überall so herzlich ausgenommen bin! Nirgends wol- len's mich weglafsen —ich bin halt so viel gern g'seg'n! — (Setzt sich in Positur.) Also hier kommt sie heraus! Ob's mir bei derer auch so geh'n wird wie bei die Andern? — Fassung. Beschuhungs-Etablisseman- nerer, oder wie es sich auf italienisch besser macht — ealrolajo! — Sie ist da! Sie die Ehre haben und wer eigentlich Ihr Vergnügen kennen lernen will — (Für sich.) Dö Hitz! (Laut, ihr eine Karte überreichend.) Hier meine Adresse — Diese zwei Pletscheren oben sind nämlich Preis- medaillen — und der mit die lateinischen Buchstaben, das bin ich! Susi/Ahan! Sie sind also der Schuhmacher mit der schönen Auslag', der diese prächtigen Sachen macht — Morgenst. Zu dienen! Und da mir mein Freund — der Herr Walzl — wir können nicht leben ohne einand'—erlaubt hat — Susi (für sich). Jetzt versteh' ich! (Laut.) Er will vermuthlich, daß Sie mir was anmessen sollen? Morgenst. Ich und der Walzl sind nämlich ein Leib und eine Seel'; wo ich bin, is der Walzl — und wo der Walzl is, da bin ich — Susi. Also gut! (Platz nehmend.) Dann ziegen's a Papier heraus und nehmen's mir die Maß auf a Paar Allasstiefletten. Morgenst. Anmessen? Ich? Wie? wirklich? Ich darf diesen unerhörten Fuß angreifen, — ich darf in unmittelbarer Nahe dieser Zehen auf der Erd' sitzen — Sie gestalten, daß ich mit dem Papierl ankommen darf an diese Geheimnisse von Wien? Susi. Ja, warum soll denn a Schuster net die Maß nehmen derfen? Morgenst. (glücklich). Versteht sich von selber! (Kniet vor sie hin.) Er derf! War- Fünste Scene. Voriger. Susi (nach den anfangs gegebenen Andeutungen festlich geputzt). !um soll er nicht derfen'? er hat sogar ein Susi. Ein fremder Herr — Sie wün- heiliges, historisches, pragmatisches Recht schen? !zu kitzeln, er darf sogar den Schuh her- Morgenst. (sich einen Anlauf nehmend), mnterzieg'n — (Thut es.) Euer Wohlgeboren! Indem ich mich auf Susi. Na natürlich! Ihr Geschätztes beziehe, erlaube ich mir Morgenst. Und endlich schwelgen im Ihnen hiemit anzuzeigen — Besitze des Errungenen! (Ist aufgesprungen Susi (sieht sich um). Wem dictiren's und.hat den Schuh Susi s an s Herz gedrückt.) denn das? Da laß' ich mir jetzt ein Medaillon d'rü- Morgenst. (verwirrt) Richtig! Mein der machen! — (Laust selig im Zimmer Fräulein! Sie wissen noch nicht, mit wem herum.) Und wie ein And'rer die Haar' tragt von seiner Geliebten, so kommt dieser eine Stieflett nie mehr von meinem Busen! Susi. Ob's mein Schuh hergeben. Sie narrischer Ding! Hörn's denn nicht? Morgenst. O mein Fräulein! Sie haben einmal auf der Ringstraßen eine Galloschen verloren — sie steht bei mir zu Haus unterm Glassturz! — Aber was ist diese schlichte arme Galosche gegen dieses? — Fordern Sie alle meine juchtenen Stiefeln, mein ganzes Lager von Filzpatschen, Alles was Sie finden an Bru- nell — es sei Ihr Eigen. Tausende von Rahmsohlen können Sie haben und Vorschub leisten will ich Ihnen bis zum Ende Ihrer Tage— nur um Eins beschwör' ich Sie — dieser Stieflett ist mein und kommt ins Medaillon! Susi. Jetzt Hab' ich's satt! Auf der Stell' her damit, oder Sie machen mich Harb und ich lass' den Hausmeister holen. Morgenst. Gut, aber nur unter einer Bedingung! Susi. Und die is? Morgenst. Sie heiraten mich 8taute peäe! Susi. Ja, wen denn net no? Ich Heirat' ja den Herrn von Walzl! Morgenst. Wenn Sie aber den Herrn Walzl nicht heiraten, was dann? Susi (lachend). Na. mein Ehrenwort, wann ich dann überhaupt noch Heirat', dann nimm ich niemand Andern wie Ihnen! Morgenst. (ihr den Schuh übergebend). Dann zieg'ns'n nur g'schwind an, setzen's den Hut auf und gengen's mit mir in die Kirchen! Susi (erschreckt). In die Kirchen und mit Ihnen? Morgenst. Denn es walzelt sich nix, weil der Herr von Walzl nicht die Fräula Susi Heirat', sondern die Fräula Babette, die Tochter vom Sicherheitsorgan! Susi. Was sagen Sie? Das junge Madel, was bei uns die Wäsch' ausbefsert hat? Die Tochter vom Vertrauten? Morgenst. Von dem Schamlosen, der mich wegen Gewölboffenlaffung schon dreimal aufg'schrieben hat. Susi. Und wer sagt Ihnen das? Morgenst. Ich schick' gestern einen Schusterbu — einen Commis aus meinem Etablissement mit zwei Paar Doppelte zum Greisler, wo g'rad Plenarsitzung war — Susi. Also beim Greisler wissen sie s schon? Morgenst. Und da is die G'schicht' g'rad verhandelt worden! Susi. Darum also war er heut' so confus — deswegen hat er nicht recht heraus wollen mit der Färb'! Aber recht g'schicht mir. ganz recht, warum bild' i mir ein. daß ich mit meine 28 Jahre noch so ein jungen, bildsaubern Mann kriegen kann! Morgenst. Sie, wann's mich seg'n mit mein' blau'n Gilet — ich mach' mich auch — Susi (im Eifer des Affektes fortfahrrnd). Is denn was d'ran an mir? Is denn das a G'sicht für so an reichen Mann? San das Locken, wie's a Herr verlangen kann mit ein'Haupttreffer? Das san wohl Arm', ganz anständige Arm', aber das san kane Arm, wie's ein Kapitalist braucht, der in der Equipage fahren kann! Morgenst. (pikirt). Wann's Ihnen nicht g'fall'n, das is G'schmackssach'! Mir sind sie gut genug! Susi. Ganz recht g'schicht mir. denn is denn das a Füßerl für a Diertelmillion! Das is a Fuß für a 3—400 Gulden, für ein klan Beamten mit a paar Kinder, aber net für ein so an Herrn. Morgenst. (empört). Reden's mir nix über den Fuß, oder Sie haben's mit mir zu thun! — Himmel! Die Braut! 17 Sechste Scene. Vorige. Babette (ein Lockenkops, in kurzem Kleide, sehr munter). Babette. Sufi! ich bin's! Redens, Susi, wissen Sie's schon? Susi. Ja, Babette, ich waß Alles! segen's denn net, daß i schon aufputzt bin wie ein Umgangsmaderl? Morgenst. Und ich wie ein detto St. Annerer! Babette. Net wahr, das hat sich schnell g'macht? Aber fürchten's Ihnen net, Susi, ich will gewiß net Jhner Frau werden, ich will net anschaffen da im Haus und Ihnen net kränken, Ihnen, die treue Pflegerin von mein Carl — na! wir wollen zwa gute Freundinnen bleiben und Jhner Rath, Susi, soll mir jederzeit willkommen sein; dennSiesanjadieG'scheiiere und Aeltere von uns Zwa! Susi (traurig). Die Aeltere! Babette. O, wir wer'n uns schon gut vertagen; denn so wie Sie als brave Dienerin das Glück von Jhnern Herrn wollen, so will ja auch i das Glück von mein' Mann! Susi. Sagen's mir nur, Babette — will i sagen — gna Frau — Babette (unwillig). Geh'ns, hör'ns auf! ^Morgenst. Ich weiß auch nicht, warum Sie's gar so gnädig hat mit der Gnädigen — Susi (herzlich). Haben's 'n denn a so recht gern, is er Ihnen denn a — was man a so sagt — iu's Herz hinein g'wach- sen und werden's im Stand sein, ihm a treues Weib zu sein bis zum letzten Augenblick? Babette. Ja, Susi! so wahr mir unser Herrgott helfen soll, ich will an ihm hängen, so lang' nur a Tropfen Blut lebt m meine Adern. Wien» Iheat.-R:pirt. Nr. Ltt. Susi (mit gebrochener Stimme). Na, dann nehmen's hier den Schlüssel zur Speis — es is noch a kaltes Schweinernes d'rin — der da hier, der lange g'hört zum Herrn seiner Wäsch — der klane da is zur Kredenz, wo die Zuckerbüchsen is und der Cigori — dann is noch der vom Keller — und dahier Hab' i no 9 Gulden 30 Kreuzer, was auf die Wirtschaft g'hören — nehmen's, Babette-denn von moring an Hab' i nix mehr z'reden in dem Haus! Morgenst. (nimmt einen großen Schlüssel vom Tisch). Da haben's noch ein'n — das wird wahrscheinlich der Bodenschlüssel sein! Babette. Aber, Susi! warum denn so traurig, warum wanen's denn so? Susi. Soll i net wanen vor Freuden, wann mein Herr so glücklich wird? Morgenst. Sie werden uns doch nicht die Rührung verbieten, meine Gnädige? Susi. Wann mein Herr endlich das Ziel erreicht und a brave Frau zum Altar führen kann! (Führt sie zur Thür rechts.) Lassen's n net so lang warten den armen Teufel, fallen's ihm um'n Hals, küssen's ihn ab und sagen's ihm, die Susi laßt'n schön grüßen! Babette (trocknet ihr die Thronen mit ihrem Tuche). Gut, ich geh'! Damit's aber seg'n, Susi, wie gern i Ihnen Hab', so muß heut' mein Bräutigam den ersten Tanz mit Ihnen machen. — Also lustig, Susi! sonst müßt' i mi ja um eine andere Wirthschafterin umschau'n und so was, na das thut uns die Susi net an! — (Hut sie geküßt und dann schnell rechts ab.) Susi (ist nach vorne getreten und weint bitterlich). Morgenst. (der ein nasses Tuch vorrä- thig in derTasche haben muß, das er nun ausdrückt). Sie weint wie bei einer Leich' von der ersten Class' — es stoßt ihr 's Herz völlig ab. — Ich kumm ein anders Mat — das halt i net aus! (Drückt abermals / 2 18 einen Strom Wasser aus und stürzt durch die Mitte ab.) Susi (allein, lauschend). Sie küssen und Herzen sich! Sie lachen und juchezen — — In aner Stund' wird alles springen und tanzen in dem Haus! — Alle, bis aus Numero 28! — denn die tanzt net — die nimmt einfach ihr Binkerl — und geht! (Wankt gegen ihr Zimmer rechts. Hat den Kranz langsam vom Kopf genommen und zur Erde sinken lassen. ) Zwischenvorhang. Verwandlung. (Nacht. Gaslaternen angezündet. Offene Straße. Im Hintergründe eine Kirche, deren bunte Fenster matt erleuchtet sind. Rechts in der Ecke ein Stusenaufgang zu dem neben der Kirche befindlichen Kloster. Borne links das einstöckige Haus, in welchem Walzl wohnt Die Front des ersten Stockes ist hell beleuchtet und sieht man während der Tanzmusik an den transparenten Fenstern Gestalten vorüberhnschen.) Erste Scene. (Bor dem Hausthore Volk beiderlei Geschlechtes; hauptsächlich Dienstboten und derGreiSler Spineder.) Spin, (zu den Köchinnen). Wie ich Ihnen sag', meine Herrschaften! Die Tochter von ein' Amtsdiener is es — snst kan Übels Madel, aber im Grund nix d'ran! Alle. Also nicht die Susi? Spin. Ah. gar keine Red'! Aber natürlich, Hochmuth kommt vor den Fall! Nix war ihr recht bei mir, derer Susi! Bald war ihr der Butter zu ranzig, bald hinanfgeh'n und werd' ihr ein Licht anzünden über diese Wirtschafterin! Alle (lachen), lieber die Susi! Spin. Still! sie kummt — Kinder' laß'n wir's steigen a biß'l! Zweite Scene. Vorige. Susi (ein Bündel in der Hand). Susi. Guten Abend, Herr Greisler— guten Abend, Mali — grüß Gott, Frau Hausmasterin! Alle. O guten Abend. Fränla Susi! Spin. Nicht bei der Verlobung oben, Fränla? A, das is net schlecht! Susi. Nein. Herr Greisler, ich bin net bei der Verlobung. Erste Koch in. Bin i tärisch oder net? Hat's denn net allerweil g'haßen, daß der Herr von Walzl die Fränla Wirtschafterin heirat't? Alle. Freili hat's das g'haßen! Spin Hat's doch die Fränla Susi bei mir in> Laden selber erzählt — Susi. Red'n wir nix mehr davon. I Hab' halt a bisserl aufg'schnitten, Kinder! Mein Gott! man bild't sich oft was ein und sieht hinterher, daß man zu weit gangen is! — Spin. Aber erlauben Sie mir, Fränla Sufi — Erste Köchin. Einen Herrn in so a G'red' bringen —! Zweite Köchin. So ein soliden, g'setz- ten Herrn —! Dritte Köchin. Das is do a bißl z'viel! Natürlich, wann heutzutag' Ane a weng'l a G'sicht hat, glaubt Manche glei, sie darf sich Alles herausnehmen. Hausm. Der Herr war vielleicht hm und wieder freundlich — Hausmeisterin. Aber so eine Person, die hoch hinaus will, glaubt auf der Stell, war ihr der Vogelsand zu dick — aber ich! g'hupft wie g'sprungcu, sie is schon die werd' heut' oder moring zu derer Frau gnädige Frau! 19 Erste Köchin. Und was kommt außa? Auf Ja und Na san wir mit Schand' und Spott davong'jagt — Susi. Still. Lisi, und net so keck, die Susi is selber gangen aus'n Dienst! Spin. Bei Nacht und Nebel? Alle (lachend). Susi. Lacht's, wie Ihr wollt's; richt's die Leut' aus — hint' und vorn; ich bin net da, daß i Eng an Auskunft gib für euren giftigen Tratsch! — aber Ihnen, Herr Spineder — Ihnen Hab' ich manche G'fälligkeit erwiesen— Sie hab'n g'wiß a Bett leer im Quartier, Sie lassen mi heut' schlafen in Jhnern Kabinet'l — Spin. Daß i oben die Kundschaft verlier? Ja früher, so lang die Fräula in Dienst war, mein Gott! da hat man sich als armer G'schäftsmann was g'fallen lassen— aber wegen einer Dozierenden werd' ich mich nit verfeinden mit solide Parteien! Such' sich die Fräula Susi wo anders a Quartier! Alle. Die gnädige Frau ohne Mann! Chor der Weiber. Da schaut's die saub're Köchin an, Hahahaha! Sie hätt' so gern ein'n schönen Mann — Und jetzt geht's mit'n Binkel fort Und oben ihr Herr, der sagt ka Wort! Susi (bittend). Aber, Leut', was Hab' i Eng denn than? Chor. Statt einem schönen Myrthenkranz Muß sie den Binkel tragen. Zu derer kann die ganze Welt Jetzt »Schleckerbartel* sagen! Lachchor. (Alle gehen, ihr Schnippchen schlagend, ins Haus oder nach verschiedenen Seiten ab. Als Susi allein ist, fällt oben im ersten Stock die Tanzmusik ein und dauert dann die melodramatische Musik bis zum Schlüsse.) Susi (allein). Das san die Madeln, die i zur Firmung g'führt. die Weiber, denen i die Kinder aus der Tauf' g'hoben Hab'! Vielleicht erzähl'ns morgen a no. daß i dem gnädigen Herrn 's Silber- g'schirr mitg'nommen hält' — (Sieht nach oben.) Und da oben geht's lustig zu, da springen's, daß Ein 's Herz im Leib lacht! (Einen Schatten verfolgend.) Meiner Seel ! das war er! er fliegt herum wie a junges Reh — und sie an seiner Seiten — doch an die Susi denkt ka Seel' mehr auf der Welt! — (Sie verhüllt ihr Gesicht mit den Händen. Die Musik schweigt gleichzeitig. Dagegen tönt aus der Kirche ein Orgellied. Die Kirchenthür wird geöffnet; man gewahrt das reich beleuchtete Schiff der Kirche und betendes Volk, natürlich der Perspective wegen, gemalt. Aus der Kirche tritt Bibiana und kommt langsam auf Susi zu.) — Er küßt jetzt a Jüngere wie Dich! — Deine Freundinnen und Bekannten verlassen Dich — und ka menschliches Wesen is da. das a Wort des Trostes hätt' für Dich — die verlassene Susi — ! — Bibiana (sie auf die Achsel klopfend). Bis auf mi! Schaun's. Susi, bei uns is die Schwester Dorothe gestorben, die auf Nr. 28 logirt hat — Susi (von einem Gedanken ergriffen). Auf Nr. 28! Heilige Maria! bald hätt' i auf Ihnen, auf meine anzige Freundin, vergessen! Ja, Hochwürden! Sie sollen a neuche Schwester krieg'n auf Nr. 28! — Sie san mein Haupttreffer, liebe Frau! — Ihnen lass' i nimmermehr aus! Bibiana (tritt zu Älosterthür, die Susi zu sich winkend). Susi (singt mit gebrochener Stimme). Ich geh' jetzt in's Kloster Ganz stat bei der Nacht. Ich Hab' an Haupttreffer g'macht. Hab' an Haupttreffer g'macht! (Sie wankt zur Klosterthür.) Gruppe. Actus. 2 * ro Zweiter Act. (Klosterhalle mit einem Mittelausgaug in's Freie; derselbe ist durch ein Gitterthor verschlossen. Rechts eine Thür mit der Aufschrift: »Krankenzimmer.« Links eine Thür mit der Aufschrift: »Verwaltung.« Weiter im Hintergrund eine kleinere Thür mit der Tafel: »Nr. 28 .« — Bilder an den Wänden. Als sich der Vorhang hebt, find die Schwestern zu beiden Seiten des Theaters aufgestellt und Eonfisto- rialrath Demel, begleitet von Bibiana, tritt aus der Thür des Krankenzimmers.) Erste Scene. Demel (nicht in direct geistlichem Gewände, der Mann bietet einen würdigen Eindruck und darf derselbe keineswegs als Intrigant aus- gefaßt werden, da Ton und Geberde dieses Charakters den überzeugungstreuen Mann beweisen sollen). Bibiana. Susi (unter den aufgestellten Schwestern). Demel (zu Bibiana). Alles in bester Ordnung, liebe Bibiana! Pflege uvdKost lassen nichts zu wünschen übrig, das Inventar ist im besten Stande — sagen Sie der Frau Oberin, wenn sie von ihrer Reise zurückkehrt, daß ich Sr. bischöflichen Gnaden den erfreulichsten Bericht abstatten werde über diese meine Visitation. Bibiana (für sich). Gott sei Dank! Denn bis man den obern Herren was recht macht, da gehört was dazu! (Laut.) Bedankt's Euch, Schwestern, beim Herrn Confistorialrath. (Alle verbeugen fick.) Demel. Es ist nur verdientes Lob, liebe Kinder! Wir wollen nun auch die anderen Localitäten in Augenschein nehmen — doch Hali! (Bibiana in den Vordergrund ziehend.) Es ist ja auch eine Novize unter Euch, deren Probejahr mit dem heutigen Tage zu Ende geht? Bibiana. Zu dienen, Herr Rath, die Susanna — Demel. Lassen Sie dieselbe vortreten! — (Bibiana macht einen Knix und geht nach dem Hintergründe, um Sufi zu holen. Demel schreitet indessen vorne aus und ab und hat ein Papier aus dem Sacke gezogen; — für sich.) Es ist dieselbe, an welche dieser zärtliche Brief gerichtet war. der heute aufgefangen und mir übergeben wurde; mit dieser Requisition dürfte die Oberin allem Anscheine nach eine Distel in das Blumenbeet gesetzt haben. Bibiana. Liebe Susanna! machen's a Buckerl. noch ein's — a tiefer's, denn das is der Herr Confistorialrath — a sehr a strenger, aber auch sehr a gerechter Herr! Demel (ist nahe an sie zugetreten und betrachtet Susi, die sich stumm verbeugte). Gott sei mit Dir. mein Kind! aber rede aufrichtig, fühlst Du Dich denn auch deiner Aufgabe gewachsen? (Forschend.) 'Hast du den weltlichen Sinn abgestreift für immer, Susanna, und ist deine Seele rein von allen eitlen Gedanken? Susi. So weit, Hochwürden, als ein Mensch überhaupt frei sein kann von Fehlern und Sünden. Demel (befremdet). Du weißt aber doch, mein Kind, daß wir Ordensleute ganz frei sein sollen von dem Frevel der Sünde. Susi. Sollen, Hochwürden! Aber da höreten wir dann auf Menschen zu sein und wären lauter Engel! Demel (sie sixirend). Das sind Worte, die ich nicht gern höre in diesem Kreise und sie machen mich begierig, Dich ein bischen zu prüfen. (Ein Lispeln der Befürchtung geht durch den Kreis der Nonnen. Demel hat die Hände am Rücken gekreuzt und ging einige Schritte aus und ab, Sufi öfters sixirend.) Bibiana (leise zu Susi). Nimm Dich z'samm, Susi — und wann'st etwa stecken bleibst, ich sag' Dir was ein! Demel (plötzlich stehen bleibend). Ich habe da — es fällt mir eben ein — auf meinem Gange durch die Krankenzimmer auch eine kranke Jüdin gefunden; wer pflegt dieselbe? Susi. Ich, Hochwürden. Demel. Das trifft sich ja ganz gut! — Nun sag' mir, mein Kind, was pflegst Du dieser Jüdin zu erzählen, wenn Du in schlaflosen Nächten an ihrem Bette wachst? Susi Ich erzähl' ihr von ihren Kindern. geistlicher Herr, daß sie alle frisch und g'sund sein, daß ihr Mann jeden Tag fragt um sie — ich erzähl' ihr a lustige G'schicht' und dann sag' ich ihr halt, daß ihr die Medicinen schon helfen wer'n — Demel (eifrig). Daß ihr Gott helfen wird, das mußt Du ihr sagen. Susi. Aber, Herr Rath! sie glaubt' ja net an mein Gott und es heißt doch bei uns, wir sollen den Namen des Herrn nicht eitel nennen! — Und dann sitz' i ja bei der Kranken, um sie zu pflegen, zu trösten, zu beruhigen — und net deßwe- gen, daß i's bekehr'! Demel. Ei! Und Du benütztest den Augenblick, wo die Jüdin den Trost vom Munde der Christin empfängt, nicht dazu, um ihre Seele zu retten? Susi. In dem Augenblick' wär' i ja ka Christin mehr, ka barmherzige, sondern a unbarmherzige Schwester! Ich Hab' den Leib zu retten, Hochwürden; die Seel' retten, das können Sie, Herr Rath, wenn's amal wieder g'sund sein wird! Demel. Immer besser! Statt ihr ins Gewissen zu reden daß die Krankheit eine Strafe des Herrn ist, statt sie zu erinnern, daß die Juden vor 1800 Jahren den Heiland gekreuziget - Susi. Thu i's lieber an ihreKinder erinnern, weil i mir denk', der Gekreuzigte will's net. daß wir den Juden seine Leiden zwatausend Jahr später no immer vorwerfen sollen. Demel. Ja, was hör'ich, Susanns! was sind das für Tendenzen?—Und Ihr, Ihr Andern, wie denkt denn Ihr? Bibiana. Und wann i auf der Stell' übersetzt werd' bis in die Krawatei — i denk' a net Anders! Die Uebrigen (freudig). Und wir alle denken a so! Demel. Unerhört! Ihr vergeht an die Lehren des Stifters unserer heiligen Kirche — Susi. Im Gegentheil — wir haben uns gemerkt. Hochwürden, daß er net bloß a Glaubens- — daß er vor Allem a Friedens-Stifter war! Und Sie könnten denken, daß wir von Höll' und Straf des Himmels reden sollen, wenn a Jüdin um Hilf' kommt zu die Christen? Wir soll'n ihr sagen, geistlicher Herr, daß ihre Urelternunsern Herrgottgekreuzigt? Wann wir a so verbissen reden, Hochwürden! dann kreuzigen wir selber, zwar nimmer den Herrgott, aber seinen Gedanken!! Alle. So is es. dieSusanna hat Recht! Demel (erstaunt über die Einmüthigleit). Das ist ja höchst seltsam, was ich hier vernehme! Da hat ja die moderne Toleranz-Idee überraschend schnell Wurzel gefaßt; ich werde den Bericht an Seine bischöflichen Gnaden in mancher Beziehung ändern; wir werden Vorkehrungen ergreifen müssen. Noch sind wir die Herren und haben die Macht, die Ungeberdigen zu bestrafen. Bibiana (für sich). Ui jegerl! jetzt wird der Wein eingestellt und der Tabak. -(Alle bis aus Susi, die stolz im Vordergrund bleibt, ziehen sich scheu zurück.) Demel. Kommen Sie, Bibiana! die Schwestern sollen uns folgen! Susanne bleibt. — Sobald ich mit der Visitation zu Ende bin, sprechen wir uns wieder. — (Leiser zu ihr.) Du hast noch weltliche Gedanken im Sinn, mein Kind! Du hängst 22 noch an dem Flitter der Zeit-(noch leiser) ich habe die Beweise hiefür! (Hat sie mit durchdringendem Blicke angesehen, wendet sich dann, von der händeringenden Bibiana und den andern Schwestern gefolgt, zum Abgänge. — Alle bis auf Susi — links ab.) Zweite Scene. Susi (allein). Warum i denn gar so in die Hitz' kommen bin? Vielleicht gar, daß meine armen Schwestern setzt die Folgen tragen muffen! Hab' i denn Unrecht? I laß amal meine Kranken um kein' Preis sekiren! (Nachdenklich.) Aber er. der Con- fistorialrath, hat mi so fest ang'schaut, der Blick is mir durch und durch gangen, als ob er was wisset von mir? (Läuten an dem Gitterthor. Eine Pförtnerin öffnet. Es tritt Jemand ein.) Und i erinner' mi do net, daß i mir was vorz'werfen hält'! (Hat -inen langen Dorstivisch ergriffen und staubt die großen Bilder ab.) Dritte Scene. Vorige. Morgenstern (in einem langen Rocke, we.ßes Halstuch, breiten Hut, ließ sich beim Eintritte von der Pförtnerin die Hand küssen und kömmt nach vorne, sehr demuths- voll). — Susi (betrachtet den Eintretenden anfangs gar nicht). Morgen st. (für sich). Auf der Gaff'n hab'n mir alle Buben die Hand küßt, eine alte Köchin hätt' sich bald niederkniet — und i Hab' do gar nix than, als wie an braten Hut aufg'setzt. Was der für eine Wirkung macht, da hat der gewöhnliche Mensch gar keine Ahnung davon — (Gewahrt die Beschäftigte.) Dort is Eine! Sie fahrt g'rad dem heiligen Nepomuk im G'sicht herum. Bei der werd' ich mich an- fragen — (Tupft sie auf die Achsel.) Hochgeehrte clericale Dame! Susi (ihn gar nicht beachtend). Auskunft wird nur dort geben in der Verwaltung. Morgen st. (sehr demüthig). Ich bin nämlich der Schuhmacher, welcher die Ehre haben soll, künftighin für das ganze Haus die Lieferung - von die Schinakeln zu bekommen — will sagen, von die Schuh mit die Schnallen — Susi (wie früher). Gengen's nur dort hinein. Morgenst. (einige Schritte zurückweichend). Die is kurz anbunden! Macht nix! Ich laß net nach! Liebe Fräul'n, ich spen- dir' zehn Paar Juchtene für die römischen Zuaven und es kommt mich nicht au auf a Paar Röhr'n für ein frommen Zweck — (Leise.) Wo ist denn das Kammer! von der Schwester Sufi? Susi (sich rasch umkehrend). Don der Sufi? Morgenst. Himmel! sie is es also, sie, sie is es, die Susi! Susi (erschrickt). Der Herr Morgenstern! Morgenst. Net wahr, kaum zu erkennen! Wann's regnet, können sich unter den Hut da eilf Personen unterstellen — aber was thut der Mensch nicht Alles, um in Ihre Nähe zu kommen — Susi! Susi. Was, Sie san do net vielleicht wegen mir da herin im Kloster? Morgenst. Aufzuwarten! Seit Jahr und Tag plag' ich mich umasunst und kumm nicht herein — Sechsundvierzig feste Köchinnen Hab' ich schon als krank einag'schickt, damit ich ein' Vorwand Hab', wann ich's als Herr hamsuchen will — ich bab net hereinderfen — Susi. Und heut' wagen Sie's, in so ein' Aufzug — Herr Morgenstern — ich muß Ihnen sagen — Morgenst. Aber ich bitt' Ihnen, Susi, dieses Eaput ist ja nicht meine Wahl; glauben Sie so arbeit' der Gunkel? O nein! 23 den Hab' ich ja nur wegen Ihnen an, denn endlich winket Hoffnung — Susi. Hoffnung? Was füraHoffnung? Morgen st. Von der Oberin is nämlich die Sandalen-Lieferung ausg'schrieb'n wor'n; ich Hab ein Offert eing'reicht, wo ich per Schinakel zwei Gulden d'raufzahl' — Alles nur, damit ich Ihnen wieder siech, Susi — bevor Sie das m r höchst unangenehme Gelübde der Keuschheit ab- legen wollen. Susi. Und der brate Hut, der Caput — was soll denn a solche Maskcrad'? Morgen st. Mein Gott! Was thutder Mensch nicht Alles, wenn er a Kundschaft kriegen will! Wann ich für's Militär ar- beit'. Hab ich immer Sporen an, wann ich in die Casern kumm mit die Stiefeln; bestellt ein Ungar was, so tanz' ich schon im Vorzimmer Czärdäs, und wie die Schützen in Wien waren, Hab' ich den Leuten bloß als Schütz' die Maß g'nummen! Susi. Um Gotteswillen, reden's nur nix herin, daß wir uns kennen. Morgen st. O das wird schwer sein, denn i red' gar nicht mehr von Stiefeln. Wann wer kommt in mein G'wölb, i red' bloß von Ihnen. In dem Jahr, was Sie hier im Kloster san, da Hab' ich's ganze Zuschneiden verlernt — i schneid' seitdem aus'n Leder nix wie lauter Porträt von Ihnen und auf alle Sohlen is Jhner Monogramm. Susi. Das müffen's Ihnen abgewöh- nen, Herr Morgenstern, denn wann ich Ihnen auch sehr schätz' als ein aufrechten G'schäftsmann; wirZwei sein dennoch geschiedene Leut'! Morgen st Geschiedene Leut ? ^u eontrairs! Hab' ich Ihnen nicht geschrieben? Wissen Sie nicht, daß ich nicht leben kann ohne Ihnen, daß ich mich mitsammt alle Schusterbub'n vergift, wann Sie noch länger dableiben — Susi. Sie haben mir g'schrieben? — Morgen st. Ja wohl und per Bäcken- bub'n expedirt! Susi. Heiliger Gott! wann der Brief Jemand in die Händ' g'fallen — wann er bekannt wär unter die Schwestern! Morgen st. Ist mir Wurst! Ich komm' jetzt alle Tag her maßnehmen — ich bring' jede Stund' einen neuchen Binkel Dampfschiff — und wie wir den günstigen Moment haben — Susi! — dann davon in d.'e neuche Welt, das heißt, nicht zum Schwender, sondern ganz hinten nach Kalifornien. Susi. Na. mein Herr! Da wird nix d raus und i vergiß schon meine Pflicht, wann i so lang' red' mit Ihnen, Herr Morgenstern! (Reicht ihm die Hand.) Ich dank' Ihnen sehr, daß Sie die Susi no immer in Erinnerung haben, es ist schön von Ihnen, daß Sie net so schimpfen über die Susi wie die Andern. Der brate Hut, wann's n schief aufhab'n, steht Ihnen net amal so schlecht — aber die Susi is amal auf Nr. 28 — bleibt auf Nr. 28 und wird — leben's wohl, Herr Morgenstern — wird sterben auf Nr. 28! (Schnell in jene Thür, auf welcher die Nr. 28 steht, ab.) Vierte Scene. Morgenst. (ihr bis zur Thür nacheilend). Aber ich mag nicht, daß Sie Ihnen hier versitzen! Sie sollen an meiner Seite und neben die andern Stiefeln auf Rosen und Rahmsohlen wandeln! — (Weint.) Sie macht nicht auf und von dort kommt — meiner Seel', der schautacurat so aus wie ich — das ist heilig ein Concurrenz- Schuster! An dem laß ich jetzt mein Zorn aus! Der wird mir nimmer meine Kundschaften wcgfischen. Fünfte Scene. Voriger. Consistorialrath Demel. Demel. Die curiose Schwester nicht mehr hier? Ah, siehe da — ein Comili- 24 tone! — sie wird in die Zelle gegangen sein. — (Aus Morgenstern zugehend.) Domino vouoradilo, guomoäo vales? Morgenst. (für sich). Mir scheint, der möcht' mich noch foppen a?(Laut.) Machen Sie Jhner Sachen ordentlich und lassen Sie andere Leute mit Ruh'! Demel. Vouisti eortissimo aä Solarium aexrorum? Morgenst. (sehr pikirt). Ja dormn! Wir wer'n ja seg'n, die welche länger halten. Demel. NunHuam autom krator Io eonspori iu oeelosia? Morgenst. Was woll'ns mit'» Speck, Sie! Und Gläser hab'ns a! Wegen meiner! Geht mich nix an! Wann Sie mich aber süchtig machen, arbeit ich ganz uma- sunst. Glauben Sie, weil Sie lateinisch sprechen, ich kann keine Sprachen?! 0 oui, siZnoro, istonok, pan tato sti- rirot! Demel. Ha, ich ahne! (Zieht das Papier hervor.) Sie heißen Morgenstern, nicht wahr — Schuhmacher allhier — Morgenst. Besitzer der großen goldenen Anerkennung und der mittlerenZufrie- denheit — Und Sie — wo Hab n denn Sie Jhner G'wölb? Demel. Ich bin jener Consistorialrath, welcher die Lieferung für das Kloster heute vergeben soll. Morgenst. Jetztsan wir g'for'n! Eislaufverein, jetzt rutsch auf mir! Demel. Der nämliche Eonsistorialrath bin ich, dem der Zufall diesen Brief in die Hände gespielt hat. Morgenst. (den Brief gewahrend). Jetzt geht's gut; jetzt macht ein Anderer die Schinakeln! Demel (hat eine Glocke gezogen, welche sich an der Wand befindet. Alle Schwestern, darunter auch Bibiana sind eingetreten — mit Ausnahme Susi s). Nur Alle herbei, Alle, Alle! Nicht umsonst habe ich Euch zugedonnert, daß sich sündhaftes Element unter Euch befindet, daß eine falsch verstandene Humanität unfern Glauben zum Knechte der Heiden machen möchte! Nun, sehet hin, ich zeige Euch, wer sie find, eure Propheten! Morgenst. Ich bitt', machen's kein Aufsehen, denn ich bin gar kein Prophet, sondern ein reeller Geschäftsmann, der pünktlich seine Steuer zahlt. Demel. Ihr habt sie ja doch gehört, eure Schwester, wie sie frevelnd den Namen des Herrn auf die Zunge nahm? Forschen wir nun nach den Beweggründen Ihrer liberalen Denkungsweise. — Schwester Susanns! Auf mit der Thüre Nr. 28! (Die Thüre wird geöffnet. Susi erscheint und bleibt in der Mitte zwischen den beiden Reihen der Schwestern.) Susi. Sie befehlen, Hochwürden — Demel. Da haben wir vor Allem ein förmliches Billet-doux an die Schwester — Alle. Nicht möglich! Susi. Herr Rath — ich kann Ihnen nur sagen — daß ich- Demel (wehrt sie ab). Wir wollen hören, was der Mann ihrer Leidenschaft schreibt! Morgenst. Js mir Pomad! Kummt jetzt heraus, was der will! Demel (liest). »Vielgeliebte Sufi!* (Spricht.) Hört Jhr's, Kinder, »vielgeliebte Susi!« — (Liest weiter.) »Erinnern Sie sich noch, wie ich zu Ihren Füßen gelegen bin?« Morgenst. Na, was weiter? Wann ich ihr die Maß nimm, hätt' ich mich et- wan am Kopf stellen sollen? Demel (liest weiter). »Denken Sie doch. Susi, was Sie mir versprochen haben —« Morgenst. Na ja! Sie hat nämlich g'sagt, sie wird mich überall recomman- diren. Demel (liest). »Ich weiß, wo Sie sind, und komme heut' noch in's Kloster, um Ihnen wieder zu Füßen zu fallen —« Morgen st. Hab' ich nicht auch bei alle andern Fuß' lieg'n woll'n? Hab' ich nicht für alle Damen diese Kehlheimer machen woll'n? Demel (liest). »Ewig Ihr Morgenstern, Schuhwaaren-Erzeuger.« Nun, Susanns! bedenken Sie. wer vor Ihnen steht — sind diese Zeilen wirklich an Sie gerichtet? Susi. Ja, geistlicher Herr! Und wann Sie schon Alles wissen wollen — ja, der Herr hier hat mi wirkli gern und hat wirkli ang'halten um mein' Hand — Morgenst. Und wann's Ihnen recht is, Heirat' ich's frisch vom Platz weg! Demel. Nun, Kinder, da habt Ihr ja die ganze Bescherung! Da ist er geoffen- bart der Grund, warum eure Mitschwester am Sterbebette der Jüdin nichts sprechen will vom Allmächtigen, denn dieser Herr Morgenstern — ihr Auserwählter — ist ein Jude! Susi. Heiliger Gott! Morgenst. Sie, unter Anderm, das geht Ihnen gar nichts an! Demel. Cie gibt ihm Gehör, sie denkt und fühlt mit ihm, hat Zusammenkünfte mit dem Juden! Und Eins. Kinder, das dürft Ihr nicht vergessen, sie, die bereit ist, das Weib des Juden zu werden, sie muß auch schon im Reinen sein — über den Abfall vom Ehriftenthume! Susi. Um Gotteswillen! was fallt Ihnen denn ein, geistlicher Herr? Demel. Darum also die glühende Verteidigerin der Toleranz — darum so Feuer und Flamme für die Jüdin — darum kein Wort von Gott am Sterbebette der Israelitin! Susi (zu Morgenstern). Segen's, in was Sie mich hineinbringen mit Jhnerer Zudringlichkeit! Morgenst. Meine Herren! — Demel. Genug! Sie gehen in Ihre Zelle, Susanns, und bleiben außer Ge- weinschaft mit den Andern, bis Weiteres folgt. Bibiana soll Sie nur mehr zur Krankenpflege außer dem Hause vertu end.en — hier in diesem Hause des Herrn ist nicht Raum für die Geringschätzung des Glaubens! Susi. Ich geh', Schwestern, obwohl ich erbärmlich dasteh' vor Euch, weil ich ohne mein Verschulden die Lieb' erworben Hab' und die Achtung von ein' ehrlichen Mann! Ich geh' und red' ka Wort, obwohl i tausend auf der Zunge hätt'. — Ich lass' mich verleumden und nimm das Kreuz der Schand' auf mich — und wann i a kan andern Grund Hab', als den, daß ich's dem geistlichen Herrn da beweis, daß die. Schwester heut' wie immer denkt (ihm das Kreuz vorhaltend), an den da hier, der ihr zuruft: Christin, halt aus! Christin, gib nach! Christin, verzeih! (Schnell in ihre Zelle ab.) Morgenst. (zu Demel). Und ich sag' Ihnen gar nix, als: Jud hin, Jud her — das is mir Wurst; diese da hier von Numero 28 , das wird mein Weib! — Meine Damen—mein Herr— (Stolz.) Ich mach' sie nicht die Schinakeln. (Durch die Mitte ab.) Demel (die Hönde wie zum Segen auS- breitend und sich ebenfalls zum Abgänge wendend, während sich alle Schwestern verneigen). Der Herr sei mit Euch, liebe Kinder! Gruppe. Zwischenvorhang. Verwandlung. (Elegantes Zimmer mit zwei Seitenthüren und einem Mitteleingang, neben welchem ein großes Bogenfenster, das Aussicht gewährt aus die Dächer einer Vorstadt. Vorne rechts ein Fenster. Elegante Einrichtung. Reisegepäck auf einem Stuhl.) Erste Scene. Walzl (im Schlasrock steht unter der Thür rechts und spricht gleichsam mit seinem Kinde in das Zimmer hinein; in dem Tone, in welchem man zu Kindern spricht). Na, so komm her zum Papa? Gleich wird der Rauchfangkehrer da sein, wannst net hergehst zum Papa! (Im verweisenden Tone.) Geben s Obacht, Mali, daß er net fallt; das is ein lieber Schneck, unser Lonerl! (Schließt die Thür hinter sich und kommt nach vorne.) Aber sie, die Frau Mama, die Gnädige, schon wieder net zu Haus! Und wo wird's stecken? Gewiß wieder nirgends anders, als bei ihrem Herrn Papa! — Na, da san mer sa endlich! Zweite Scene. Voriger. Babette (sehr elegant, ein Packet in der Hand). Babette. Bin i Dir schon abgangen, Carl? Walzl. Na, i denkert a so! An dem Tag, wo der Mann abreist, wo man ohnedem fürchten muß. daß er vielleicht schon in Gumpoldskirchen zerquetscht liegen bleibt, da rennt man ja a so herum in der Stadt! Könnt's Euch net spaziren geh'n g'nur 's ganze Jahr? Früher schau i nach im Koffert. Haben s am Kampel vergessen und so san lauter Sachen, daß Ein' die Haar zu Berg' stehn müssen. Babette. Aber schau. Carl, ich war ja nur g'schwind fort, weil i Dir Hab' ein Plaid kaufen müssen, damit'st Dich nur ja net verkühlst im Waggon. Walzl. Da soll i in ein Seebad reisen, daß i mi erhol', derweil gift i mi schon im eigenen Haus hier zu Tod'! Und wo warst denn sonst no? Gelt — da wer'n wir halt immer glei blaß wie die Wand — bei dein Vätern bist wieder g'west! Babette. Na. Cail, im Ernst — so wahr i da steh' — i soll net sechetcr weg- geh'n von dem Platz! Walzl. Das is die alte Gigerzerei, die kennen wir schon! Und so geht's Lag für Tag. so lang wir verheirat' sein. Schau', i hält' nix dagegen, daß d'n hamsuchst, wann er nur ein unders G'schäft anfangen thät — Babette. Aber denk' Dir nur, Carl, er is's halt schon so g'wöhnt dös Oben- fitzen. Walzl. Aber ich bin das net g'wöhnt, daß ich so oft reden muß über die nämliche G'schicht'! Aber gut! Entweder er — oder ich! Entweder Du kannst net leben ohne dein' Vätern — und das muß wohl so sein, denn snnst gäbet's net immer diese hamlichen Visiten — oder dein Mann steht Dir näher, nachher bleib' zu Haus bei ihm — und (öffnet die Thür und sagt sehr freundlich:) Wie der Schneck umawur- wurftelt! — (schließt die Thür und gleich wieder sehr barsch) und bei dein Kind! Babette. Aber Carl! (Ihm schmeichelnd.) Geh', sei net immer so Harb! Wann ich a mein Vätern gern Hab', Du maßt es jo do, wie i hängen thu an Dir, und daß i net fünf Minuten leben kann ohne deiner und ohne unfern klan Buben! Walzl. Na ja — Du bist ja sonst ein braves Weib — (sie betrachtend) ein fesches Weib — ein Millionweib — aber Du vergißt halt allerweil wer wir san. Denk' nur, wann an Umgang is, wem blasen's immer an bei unserm Haus! Uns blasen's an! — Wann Prüfung is in der Schul', wer is immer eing'laden? Ich! — Wem is immer schrecklich die Zeit lang? Mir? — Wenn eine Wahl is, wer soll immer eine schöne Reo' halten? Ich! — Wem is noch nie eine eing'fallen? Mir! Ja, so was muß man nie vergessen, mein Kind! Babette. Siehst es. Carl, Du warst halt früher auch ganz ein anderer Mensch! Aber seitdem wir das Geld haben, bist j 27 jetzt allerweil so gereizt — so, so — so zurnig, Carl! Walzl. Weil ich Grund Hab' dazu! Da will man immer 's ganze Land organisi- ren im Wirthshaus und derweil stellt man im eigenen Haus kan Ordnung her! — Wettel! der Johann soll meine Sachen 'nunter tragen und Alles in' Wagen legen. Babette (nimmt die Sachen). Ich trag's selber nuuter — (Traurig.) Also wirkli Ernst —? Walzl. Es ist halber achte, Wettl! Babette (ihm um den Hals fallend). Carl, wie lang bleibst denn aus? Walzl. Der Doctor mant, bei vier Wochen! Babette. O Du mein Gott, das halt i net aus! Walzl. Z werd' auch's G'frett haben! (Weinerlich.) O Wettel! wann i fort muß vom Tonerl. mir bricht ja selber 's Herz! — Vergiß den Slikowitz nicht — wann ich denk', daß ich vier Wochen ohne deiner — druck das Packet nicht, es sein zwei Pfund Preßwurst d'rin — ach Gott! o Gott! was sang' ich an ohne deiner? Babette (heftig schluchzend). Trost' Di — Du brauchst es amal für dein Kopf das Wasser— was sein mnß, is net Ländern — nimm no g'schwind Abschied vom Bub'n — i.wart' daweil mit' beim Wagen, denn da könnt' ich nicht zuschan'n dabei! (Mit den Reiseeffecten durch die Mitte ab.) Dritte Scene. Walzl (allein — plötzlich umgewandelt). O ihr Schlangen! denn ich reis' in gar kein Bad! au eonlrairo! Nein! Auf der Bahn setz' ich mich in ein andern Wagen, fahr' auf der Stell' retour, und Haß auf vis-ü-vis im Oatu Surrogat — g'schla- drement, was vorgeht in mein' Haus. — Und kommt der Schwiegervater richtig hamlich in s Haus — dann red'n wir aus ein' andern Ton! Diese »brennendeFrage« wird in zehn Minuten beantwortet sein. Wenns nur mit unfern andern brennenden Frag'n auch so g'schwind ginget! Aber da waß kan Mensch ein' Antwort d'rauf. Es heißt zwar immer: Eine Frag' an's Schicksal steht Jedem frei — aber das Schicksal is bockbanig! Wann man sich noch so höfli anfragt — es is no nie eine Erledigung kommen! 1 . Kommt's hier bei uns zu einer Wahl, So heißt es immer, jedesmal: »Sie zahl'n zehn Gulden Steuer nur, »Da is von Wählbarkeit ka Spur!« Und der Mann wär' so brav. Und der Mann wär' so g'scheidt. Aber is halt net wählbar In unserer Zeit! Da macht' i gern das Schicksal frag'n, Geh', ihn' uns do ein' Antwort sag'n: Wenn in der Urne niemals darf ein armer Teufel sein. Warum darf dann in's Steueramt der G'ringste auch hinein? Wenn irgendwo ein keckes Blatt Gefährlich frei geschrieben hat. Ein solches keckes Blatt das wird Bei uns sehr schleunig confiscirt! Ah! so aufreizend schreib'n, Das is mehr als zu viel, So a Mensch wär' zu keck, Der thät rein, was er will! Da möcht' i gern das Schicksal frag'n, ' Geh', thu' uns do ein' Antwort sag'n: ' Bevor's wer lest, da confiscirn's das Blatt in vorhinein, s Doch wanndiePredigt grob isg'west, da kummen's hintendrein! 28 3 . Die Preußen woll'u den Frieden nur, In Frankreich is vom Krieg ka Spur, Der Ruff' is gar versöhnlich g'stimmt, Italiens Treue is berühmt! Und so sitz' ma halt gar A so friedlich beinand'. Und geb'n uns gemächlich Als Freunderln die Hand! Da möcht' i gern das Schicksal frag'n, Geh', thu' uns do an Antwort sag'n: Wann's alle nix wie Fried'n woll'n, die allerliebsten Seel'n, Warum thun's denn statt Oelzweig nix wie Hinterlader b'stelln? 4 . Die Ungarn hab'n fast jeden Tag An neuchen Wunsch, a neuche Klag', Die Czechen möchten dieß und das, Die Polen immer auch etwas! In Agram und Laibach Thun's überall groll'n, Und wohin als man schaut, Thun's halt üb'rall was woll'n! Da möcht' i gern das Schicksal frag'n, Geh', thu' uns do ein' Antwort sag'n: Wann schon der Ungar z'wenig hat und süchtig umafliegt, Warum hab'n dann wir Deutschen hier no ka Medaille kriegt? 5 . Ich les' sehr oft. daß hier und dort, In diesem oder jenem Ort Don unserm großen Vaterland Ein mächtig' neuer Bau entstand! Und bald is a Casern, Bald a Kirchen sehr schön. Ja das thnt ma bei uns Aus der Erd' wachsen seh n! Da möcht' i gern das Schicksal frag'n, Geh', thu' mir do ein' Antwort sag'n: Die Staner führ'n's millionenweis zu so ein' Prachtgebäu, Is da für unfern Mühlfeld nit a Stan vielleicht dabei? 6 . Wir schicken viele Jahre schon Mit Ehrfurcht und mit Devotion Die Sammelbüchse eiligst, fromm. Und reich gefüllt mit Geld nach Rom! Und wir sammeln seit Jahren, Und geb'n immer was her. Und unlängst erst wieder Fürs römische Herr! Da möcht' i gern das Schicksal frag'n, Geh', thu' mir do ein' Antwort sag'n: Wir hab'n in Wien doch ebenfalls a großes Elend g'wiß, Warum für uns ka Büchsen no von Rom gekommen is? 7 . Is schön und stark das edle Pferd, So is es sein Medaille werth. Und is der Pintsch auch noch so dumm, Er kriegt es doch sein Prämium! Is das Hunderl frifirt, Liegt's a faul auf der Erd', Ja das macht nix, die Schönheit Is an Preis sicher werth! Da möcht' i gern das Schicksal frag'n, Geh', thu' mir do ein' Antwort sag'n: Warum wird nie der Fleiß belohnt und nur die Nace bloß; Wo bleibt der arme Wäscherhund und's Eömsortable-Roß? 8 . In puncto Sonnenfinsterniß, Da woll'ns halt Alles wiss'n g'wiß. D'rum is a G'sellschaft unverweilt Gar bis nach Asien hingeeilt! Damit sie's nur wiss'n, Wie, was oder wann. In der Finster san's g'seffen Und abgereist dann. Da möcht' i gern das Schicksal frag'n, Geh', thu' mir do ein' Antwort sag'n: Warum die Herr'n so weit san g'fahr'n gar über'n Oceau, Weg'n was net lieber näher glei in Innsbruck blieben san? (Nach dem Liede durch die Mitte ab.) 29 Vierte Scene. Mali (das Kindsmädchen). Der Klane schlaft prächtig, jetzt werd' ich aufbetten drüben für die gnädige Frau- Fünfte Scene. (Durch die Mitte kommt Babette zurück.) Babette (winkt noch beim Bogenfenster dem abführenden Walzl mit dem Taschentuche nach). Pfirt Di Gott, pfirt Di Gott! . wann ihm nur nix g'schicht, mein' goldenen Mann! (Mali gewahrend, welche schnell Einiges ordnete und nach links abgehen wollte.) Mali! Sie haben ja heut' ausgehen wollen, net wahr? Mali. Ja, aber jetzt, wo die Köchin ausgangen is und der Bediente mit'n Herrn fortrast- Babette. Gehn'sin Gott'snam! i gib schon Obacht auf's Kind und g'scheg'n wird mir nix, denn i sperr' mi halt ein. Sie derfen erst um zehne z'Haus kommen, i erlaub's Ihnen, Mali! Mali (ihr die Hand küssend). Da küß' i tausendmal d'Hand, gnädige Frau! (Schnell durch die Mitte ab.) ^Sechste Scene. Babette (allein). Endlich bin i allan im Haus — die Dienstboten alle fort — ka Mensch im ganzen Quartier, der mi controllirt! (Sieht in's Zimmer rechts.) Der Toner! schlaft — jetzt is es Zeit! (Geht «um Fenster rechts und gestikulirt hinunter.) Da steht er schon! (Winkt.) Er fragt, ob er heraufkommen darf! (Nickt freudig mit dem Kopse.) Versteht sich! Nur zu! (Geht weg vom Fenster gegen die Mittelthür.) 's erste Mal. daß er mein schönes Quartier steht, s' erste Mal, daß er sich niedersetzen wird aus mein gelbseidenes Canapo! (Die Thür wird geöffnet, Cibulka tritt ein.) Siebente Scene. Cibulka und Babette. Cibulka. Wettel! Luchter! Madel anziges von alten Cibulka, gib dein pan täte ein Stuck bubitaeblco, sakremenski- schen! (Breitet die Arme aus.) Babette (fällt ihm um den Hals). Mein lieber, guter Vater! (Paus e.) Cibulka (sich vorsichtig umsehend). Is e schon furtrasen's paus Walzl süchtige, was möcht' machen mit Cibulka tabula ra8irovat? Babette. Ja, fürchten's Ihnen net, Vater, der kummt vor a 4—5 Wochen net wieder z'ruck! Cibulka (hat sich niedergesetzt). Jekus Kind! Is e das Canapä waches, nachgiebige und Stoff prächtiges; — wann schütten's da wer aus Tinten oder lassen's fallen Topfenstrudel — is e hin! Babette. Jetzt rasten's Ihnen nur derweil aus, Vater—legen's ab, machen - Ihnen commod — i sperr' nur draußen zu — und dann halten wir bei ein' Glaset Wein unfern gemütlichen Plausch! (Schnell ab.) (Babette kommt gleich wieder retour und bringt aus dem Zimmer links Eßsachen. Sie deckt während der folgenden Scene den Tisch, stellt Speisen aus denTisch, bindet ihrem Vater die Serviette um u. s. w.) Cibulka (immer staunend). Den Masten Galantrie-Waaren — Bijouterie?! Ah! da is e so schön, daß kann jeden Augenblick Böhm da logirens; Potschkai! da is e Ansicht von Prak! da is ihm s g'wiß auch 30 Moskau nit weit! (Während Babette aufdeckt.) Den schönen Tischtuch! Da Haben s in Przell autsch nicht besi're! (Betrachtet die Speisen.) Und den schönen Dalken! Da gibt's nur bei uns solchem! Jekus, Wettet — da is e herrlich bei Dir auf zu Haus! Babette. Jetzt setzen's Ihnen nur nieder, Vater, und essen's! Cibulka. Nix, Wettet! da iß ich nicht ehnder, bis ich nicht Hab' tragen spazier'» durch Salon hiesige Toni klani, Enkel weinige. , Babette. Der heiderlt jetzt, Vater! aber später, wann er munter wird, nachher sollen's 'n seg'n! Cibulka. Na. thun me später! Da wer'n me sehr gut speisen. (Beide setzen sich.) Da wer'n me beisamm' sitzen bis zwölfe, weil sieh' ich endlich wieder derf ich Tochter meinige. Wettet — Babette (einschenkend). Trinken's! Cibulka. Trink ich! Aber trink ich erstes Glas auf G'sundheit von paus Walzl Schwiestersuhn und Sühn seini'Hes drinniges in Kindbette! mit Spagatschnurl grüne zug'machte- Babette. Recht Habens, Vater! die Zwa soll'n leben! (Sie heben die Gläser und wollen eben anstoßen, da wird heftig geläutet.) Babette. Himmel! was ist denn das? (Wieder läuten.) Wer reißt denn so an? (Noch heftigeres Läuten.) Heilige Muttergottes! Das is mein Mann! Jesus! wann Ihnen der sieht — was thu' i denn mit Ihnen? — Cibulka. Ich kriech' ich unter Tisch — Babette. Da find' er Ihnen ja gleich! Cibulka. Ich spring' ich bei Fenster — Babette. Vom ersten Stock! — (Man hört eine Thür krachen. Walzl mit seinen Reiseeffecten stürzt herein.) Babette. Bleibens da, Vater! es is Alles zu spat! Achte Scene. Vorige. Walzl. Walzl (während Vater und Tochter bestürzt in zwei entgegengesetzte Ecken fahren). Bravo! Bravo! So geht's also zu in mein' Haus? Die Dienstboten werden fortgeschickt und die Frau sperrt sich ein mit dem Mann, dem ich für immer mein Haus verboten Hab'! Babette. Vergiß An's net, Carl! der Mann is mein Vater! Walzl. Net fünf Minuten bin i aus'n Haus und der Herr mit'n Adler darf sich brat machen auf meine Möbeln — schaut bei mein Fenster n'aus der Vertraute — undtrinktmeinenSchlumberger-dasOrgan! Babette. Ich Hab' mir denkt, Du siehst'n net und was mich betrifft — Cibulka. Und ich. Hab' ich denkens — Walzl. Ich werd' Euch sagen, was i mir denkt Hab'. Ich Hab' mir denkt: Du bist reich, Heirat ein armes Madel, so wird das Gefühl der Dankbarkeit sie auf ewig binden an dich! Ich Hab' ihr jeden Wunsch erfüllt, ka Bracelett war mir zu theuer, kein Fest zu fad, kein Fiaker hat mir zu hoch die Tax' überschritten — Alles Hab' i gethan und nur An s verlangt — keinen Umgang mehr mit einer ordinären Person! Cibulka. Ordi — — Babette. Carl, nimm das Wort zurück — es is mein Vater, zu dem Du das sagst! Mein Vater hat ein Amt, das Dir net g'fallen mag, das vielleicht tausend Feind haben mag, und no mehr — aber wann er a bei der Polizei is — so war er do no immer ein ehrlicher Mann! Du kannst schimpfen, Carl, über's System — aber mein Vätern, Carl — den laß mit Ruh". Walzl. Bravo! da hab'n wir die Folgen. wann ma so a Madel Heirat aus'n Volk, a Person, die nix is und nix hat! 31 Babette. Die nix hat, als ihr' Ehr', Carl! die's aber höher schätzt als all' deine Möbel, deine Vorhang' und Tapeten! Kummen's, Vater, knmmen's — i kann no arbeiten mit meine g'sunden Arm und wann's sein muß bis in die sinkende Nacht, für mi und für mein Tonerl — für unser Kind! (Stürzt rechts ins Zimmer.) Neunte Scene. Vorige (ohne Babette). Walzl (ihr nachrusend). Für dein Kind? Net nothwendig, mein Schatz! — Denn das Kind is a Bub', und nach'n G'setz bleibt ein Lonerl, wenn sich die Ehleut' trennen, bei sein' Papa. Cibulka. Wann darf ich Einwendung machen, vane Walzel, Schwiegersohn — möcht' ich mir erlauben gefälligst Bemerkung unterthänige — > Walzl. So — a Bemerkung? — Cibulka. Daß is e Kind klane besser aufg'hubens bei Mutter ihrige, wie bei aufg'nummene Trampel!' Walzl. O mein Lieber, da san mir net in Verlegenheit. (Rust.) Johann! (Bedienter erscheint.) Geh' hinüber in s Kloster — ich laß bitten zu ein kranken Kind um a barmherzige Schwester! (Johann ab.) Das san dö Frauen, die a Herz in der Brust, Frauen, die folgen g'lcrnt haben — und wann i vielleicht selber krank werd', so pflegt's mi dazur — kummt's billiger und gebt in ein' Aufwaschen! Zehnte Scene. Vorige. B abette (mit einem Kinderwagen mit grünem Dache, in welchem das Kind liegt). Babette. So, Vater! tauchen's hint' an — und arm und schmucklos, wie i kummen bin. so geh' i wieder fort aus dem Haus und i wünsch' nur. Carl, daß Du's niemals bereust. Walzl. I bereu' nie was — aber der Toni, mein Bub. der bleibt da — bleibt da auf Grund vom Gesetz, bleibt bei sein Vätern! Babette. Der Toni, mein ind? Walzl. Alle vierzehn Tag'schick' i Dirn auf fünf Minuten in's Haus. Babette. Nnd wer soll mein Kind jetzt pflegen, betreuen und bewachen? (Die Thüre öffnet sich; es tritt ein die barmherzige Schwester Susi.) Walzl. Wer? die dorten — die barmherzige Schwester! Babette. Himmel! sich' i recht — die Susi! Walzl (vernichtet). Meiner Seel' — die Susi — mein' Wirthschafterin! Susi. Mächen s Ihnen nix d'raus, Babette! der Bediente hat mir schon Alles erzählt— (Tritt zum Wagen.) Jhner Kinderl is nirgends besser aufg'hoben, Wetti, als bei mir, der barmherzigen Schwester von Nr. 28 ! — Da bin i ja jetzt auf amal do die Mutter von mein' Herrn sein Kind — ich Hab' ja doch was erreicht von mein wunderschön' Traum! — Gehn's mit Gott, Wetti! — und weil er just die Aeugerln aufmacht — so sing'ich'n glei ein mit dem nämlichen Walzer, den Sie tanzt hab'n, Babett', an Ihrem Verlobungstag!! (Trillert, das Kind einschläfernd, den Walzer des ersten Actschlusses. Babette drückt ihr herzlich die Hand und wankt, auf Cibulka gestützt gegen die Thür.) Walzl (steht verstört beim Fenster, das er öffnete, um in die Nacht hinauszustarren). Gruppe. 32 Dritter Art. (Aermliches Zimmer mit Mittel- und zwei Seitenthüren bei Eibulka. Vorne rechts ein Fenster, bei welchem ein Nähtisch. An demselben sitzt Babette und arbeitet.) Erste Scene. Babette (allein. Die Schwarzwälderuhr, welche an derWand hängt, schlägt eben 2 Uhr. Sie läßt die Arbeit sinken.) Um die Zeit hat er alle Tag um sein Papa g'schrieen, der Schlankel! denn er hat's recht gut gewußt, der Tonerl, daß ihm der alle Tag' ein' Wurstel oder a Strudel mit z' Haus bringt; — jetzt freilich wird er nimmer um sein' Papa schreien — aber mi wird er suchen, mi — (den Kops in die Hand stützend) mi, sein' verstoßene Mutier! — (Nach einer Pause.) Ob's denn a recht Acht gibt auf ihn, die Sufi! (Man klopft an die Thür.) Herein! Gewiß fragt wieder wer um mein' Vätern! Zweite Scene. Vorige. Zinsler (ein Gemeindediener in braunem Waffenrocke mit Zustellungsbogen und Eingaben). Zinsler (in seinen Acten herumsuchend, sehr rasch). Babette Cibulka, Privatiers- gattin allhier! San Sie die Civulka? Babette. Zu dienen. Zinsler (gibt ihr ein Actenpacket). Da haben Sie's die Cibulka! Babette (ängstlich). Do net die Erledigung wegen mein Kind? Zinsler. Js bewilligt! Babette (in den Arten lesend). Meiner Seel', Sie haben Recht! Zinsler. 's is Ihnen zug'sprochen wor'n, das Kind is bewilligt! Nachher das Andere dahier, das Vollg'schricbene — Vorladung wegen Ehescheidung von Tisch und Bett; Nachmittag um halber süufe — Alles in schönster Ordnung! Babette (sich hinter den Ohren kratzend). Zeses! so schnell geht das? Zinsler. Ja. bei uns geht jetzt Alles so schnell! Und wer is Schuld, daß Nie« mand mehr warten darf auf an Erledigung? — Wir, die schnellen Organe, die Executive»! Heut' kummt Aner ein um a Hau- sirbewilligung, moring wird er schon pfändt wegen rückständiger Steuer! —In der Früh hat Aner die Kuh no gar net g'molken, nehmen wir ihm die Milli schon weg wegen zu viel Wassergehalt! — Nachmittag um zwa is Aner unterstandslos, weil er kan Zins zahlen kann, Abends um halber sechse is er schon per Schub in Stockerau! — Um zwölfe hängt die Pferdebahn 's Taferl aus mit'n Neukreuzer, um Viertel auf ans san mir schon dort und wollen 36.000 Gulden! Babette (die während dieser Rede die Acten der Reihe nach durchgelesen hat). Wis- sen's, ich kenn' mi halt mit diese ellenlangen Bescheide nit aus. Zinsler. Ja, das macht nix, aber schnell san's halt! Heut' war in der Nacht um a halber drei a Feuer — es war noch nicht drei Viertel auf viere- Babette. Und Sie haben's schon g'löscht g'habt? Zinsler. Nein — und wir hab'n schon von alle Spritzen die Radeln verloren. — Sie, apropos — in der Schnelligkeit hätt' ich bald vergessen — Jhner Herr Vater is auch vorg'laden als hinausgeworfener Zeuge. — Wo is er denn, der Herr Cibulka? Babette. Ja, wann i das wußt! Zinsler (aus die Acten deutend). Steht immer d'rauf »Allhier« — und waun man wo hinkommt, is ka Mensch da! Und da 33 soll nachher der Mensch schnell sein — und wo is er denn, der Herr Papa? Bäbette. Denken's Ihnen, der will nix mehr wissen — von der Polizei! Zinsler. So Leut' gibt's mehr! Babette. Und sucht sich an andere Beschäftigung. Zinsler. Das is a glücklicher Mensch! Hat nix z'thun! Und wir haben heut' noch Aufnahm' von 200 Stuck Verschönerungs- krawaten, Thurmspitzaufsetzung mit hoch- würdiger Rede. und auf der Nußdorfer straßen Befreiung eines eingemanerten Hausherrn! Und Alles ungeheuer schnell! — Sie verzeig'n, Fräul'n Cibulka, daß i Ihnen den Schlaf austrag', aber wenn ich mich wo verplauschen thät, da hängenTau- sende d'ran, Millionen! (Schon bei der Thür.) UnterAnderm, ich hör', Sie hätten einen Kanarienvogel zu verschenken — aber segn's, über so was kann Unsereins glei nit reden — (Ist wieder vorgekommen.) Denn wann i bei jeder dalkerten Partei wegen jeder dalkerten Vorladung a halbe Stund' stehen bleibet, wer setzt demThurm den Spitz auf, wer holt die Verschöne- rungskrawaten und wer befreit den Hausherrn auf der Nußdorferstraßen? Fräul'n Babette! is mir leid, aber bei uns is halt Alles so schnell! (Rasch durch die Mitte ab.) Dritte Scene. Babette (allein). Da steht's also deutlich g'schrieb'n in die Acten, daß mir mein Mann unfern Toni herausgeben muß, und daß das Kind bis zu sein' sechsten Jahr bei seiner Mutter bleiben derf. — Soll i n holen? (Ergreift ihr Umhängtuch.) Na versteht sich! Glei renn' i hin! — Aber na — i tritt mein' Carl nur mehr bei Gericht vor die Augen — (weinerlich) wann wir uns dort trennen für immer! — Und was mein Bub'n betrifft, so Werden s ihm g'wiß auftragen haben — (noch weinerlich) daß er mir'n herschickt in's Haus! Vitm-i Thcat .Rcpnt. Nr. 21». — (Hat das Tuch wieder abgelegt.) Schritt' vor der Thür! Sicher bringen's ihn schon — ka Zweifel — er Ls! Vierte Scene. Vorige. Morgenstern (hereinstürmend). Morgenst. Ja, er is es! Er — der glücklichste Calzolajo auf der ganzen Welt! (Tanzt im Zimmer herum.) Babette. Sie san's— der Herr Schuhmacher— und warum hupfen's denn so herum? Morgenst. O, ich könnt' heut' stundenlang tanzen wie manche Corifeen in der Oper oder eigentlich Corihexen! (Mar- kirt Ballktvorstrllungen.) Diese gewissen Hingießnngen mit die blauen Leintücher — dieses schwärmerische Wäschaufhängen kunnt ich bis gegen Mitternacht cultiviren — (Plötzlich innehaltcnd.) Aber nein! Das ist mir viel zu schwermüthig! (Babette ergreifend und mit ihr über die Bühne tanzend.) Kennen Sie die »blaue Donau«. (Trällert den Walzer und tanzt mit ihr.) Babette. Ob's auslassen — Herr Schuhmacher! — oder ich schrei! — Aber Herr Meister! — (Er hat sie ausgelassen, küßt ihr die Hand und stellt sich stolz als glücklicher Tänzer, den Arm in die Seite gestellt. neben Babette.) Morgenst. Darf ich bitten, auf die nächste Tour? — Babette (entrüstet). Sie, ich muß Ihnen nur sagen, Herr Meister, daß ich für meinen Theil gar nicht aufg'legt bin zum Tanzen. Morgenst. Wir tanzen auch gar nicht auf Theilung. Was geht denn mi Jhner Theil an — mein Theil hat sein Theil! Denken's Ihnen, gnä' Frau! das heißte gnä' Ex-Frau! was g'scheg'n is — Babette Ja, da bin ich wirklich schon selber neugierig! Morgenst. Ich Hab' hent' schon lOO 3 34 Paar Lackirte an hilflose Zwiefelweiber vertheilt; einer von meine Buben, dem eine Filzeinlag in Papp g'fallen is — wurde sogar amncstirt — Babette. Net möglich! Morgenst. Und "dieses Gewölb bleibt wegen plötzlichen Freudenfall« drei Monate geschlossen. Babette. Ja und warum denn das Alles? Morgenst. Warum? Weil sie die Sufi, unsre Susi, meine Susi — auf hohen Befehl aus'n Kloster ausg'stoßen hab'n — deuken's Ihnen das Glück — mit Schand' und Spott! Babette. Was Sie sagen! Morgenst. Wegen Umgang mit einem sträflichen Israeliten! Und wissen Sie, wer dieser Israelit is? (Stolz.) Ich bin der Israelit! Babette. Und seit wann is denn alles das g'scheg'n? Morgenst. O, seit einer Stund' geht's schon in Civil; — ich Hab' anfangs wollen, daß beleucht' wird, aber außer die Seifensieder is Niemand d'rauf eingangen. Ein Gedicht Hab' ich auch machen wollen, aber außer Engels-Sufi und Sphären- Musi is mir nix eing'fall'n. Doch das macht Alles nix — das muß heut' ein Fest wer'n, daß ein Jeder sagt: Bravo, Stuwer, das is Ihnen gelungen, kleiner Lewy! Babette. Warum snchen's denn aber dann net lieber die Sufi Ham statt mich? Morgenst. Weil sie gleich da sein wird! Weil vielleicht schon in der nächsten Minuten wer klopft an der Thür — (Man klopft.) Sie rufen: Babette. Herein! Morgenst. Die Thür geht auf — Sie schauen hin und sagen: O du gerechter Himmel! — Babette. I trau'mein' Augen net — Morgenst. Richtig, das sagen Sie auch, denn Diejenige, die da kommt, is niemand Anderer- Babette. Als wie die Sufi — Morgenst. Und der kleine Dinkel, den Sie tragt, is kein Dinkel, sondernHis ein Herr, und zwar niemand Anderer, als: Babette. Der Tonerl, mein Bub!! Fünfte Scene. (Wahrend der letzten Worte ist Susi, die bereits weltlich gekleidet ist, das Kind aus dem Arme, eingetreten.) Vorige. Susi. Ja, Babett', es is a so, der Herr hat mi herg'schickt damit und — da haben's Jhner Kind! (Legt es ihr in den Arm.) Babette. O Du mein Schatz! Du mein All s! i Hab' Di wieder im Arm — Du mein herziges Kind! (Freudige Gruppe.) Susi. Net wahr, es is ihm nix g'scheg'n, dem Klan' — seine Backerln san g'rad so roth wie damals, er lacht no akrat so wie vor 14 Tag und net um ein' halben Vierting is er mägerer wor'n! Morgenst. eontrairs! (Das Kind besehend.) Seg'n kann man' lassen in einer Hütten! An ein Sonntag nehmen wir ein Hunderter ein wie nix! ^ Susi. Ich wollt' nur, Wetti, i hält' Ihnen glei Jhnern Mann a mitbringen können; aber jetzt, wo er 's Kind hat hergeben müssen, jetzt is ja gar nimmer z're- den mitdem Herrn! Babette. Also hat er'n so gern den Tonerl? — I gib ihm nur g'schwind a Supperl drinn' im Zimmer und in fünf Minuten, Susi, bin i wieder da, daß' mir weiter erzähl'n, was er g'sagt hat, mein Mann! (Ab.) 35 Sechste Scene. Vorige (ohne Vabette und Kind). Susi (ihr nnchsehcnd). Die Freud' von dem Weib! Und sie steht do g'rad in der Mitten zwischen Glück und Unglück! Sizt es, Susi, wer waß, ob's Dir viel bester gangen wär' mit dein' gnädigen Herrn? Morgenst. (sich ihr nähernd). D'rum nimmt das vernünftige Mädel einen Schuhmacher, der nicht über den gewöhnlichen Last' g'schlagen is. Susi (ihn nun erst betrachtend). Sie san noch da? Morgenst. Und als Schuster Hab' ich keinen andern Wunsch, als daß mein Dasein mit »Zweck« verbunden wäre. Susi (vorwurfsvoll). Unter Andern, weiß der Herr, daß ich Hab' wegen seiner aus'n Kloster fort müssen? Morgenst. Der Herr weiß es. Aber er denkt sich, muß denn dieses Fräulein just immer bei Kranken sitzen? Setzen's Ihnen auch amal zu ein' Gsunden. Nehmend Platz! Susi. Mein lieber Herr, i Hab' schon g'wußt, warum i in s Kloster gangen bin! Denn wenn man sein eigenes Unglück vergessen will, sucht ma allemal a größeres auf. Wann sich aner dm Fuß bricht, sagt ihm net der Doctor: San s froh, daß Ihnen net's G'nack krochen haben? Wann uns das Haus abbrennt, sag'n die Leut net: Sie können no von Glück reden, daß' net mit verbrennt san? Und stirbt uns an's von unsere Kinder, gibt's da net Leut g'nug, die uns trösten: Schaun's 'nüber zum Klampferer, dem san drei an ein Tag g'storben? Morgenst. Ja wenn wir nur schon so weit wär'n wie der Klampferer, aber wir haben ja derweil no net amal An's— Süsi. Wir Zwa? Ja, wie kommeten denn da wir dazu? Morgenst. Ich unsicher' Sie, wann der Mensch will, kann er Alles! Susi — schau'ns mich an! Es is wahr, mein Nasen is dem Schöpfer net gelungen, mein Gott! der Schöpfer macht mehr Nasen, er kann sich bei Einer nicht so lang aus- halten. — Meine Augen sind nicht himmelblau im Gegentheil, unser Maun- zer hat die nämlichen, und bei meine Haar blamirt sich die K ammfetten — aber Alles in Allem bin ich doch annehmbarer als manches zerrissene Zehnerl. — Susi — mein Herz klopft seit einem Jahr so laut, daß alle Leut' neben mir auszieh'n wollen; schau'us, Susi — Sie haben da ein Pratzerl, was in der Welt zwecklos herum- flankert, geben Sie's mir — das Pra- tzcrl — ich Hab' dann, wenn auch nicht den Himmel, so doch einen Kobenzl aus Erden! Susi. Sie gengen ja gar scharf d'rein, Herr Schuhmacher! Ich weiß wirklich nicht, ob ich Ihnen da Vorschub leisten darf! Morgenst. Das sollen's auch gar nicht thun, für was Hab' ich denn mein G'wölb? Susi. Es is wohl wahr, Sie müssen mi wirkli ein bißl gern haben, das siech i schon ein — aber wann man die Sach' bei Licht betracht' — Morgenst. Ja, betrachten wirs in der Finster! Susi. Sie derfeu mir nie darauf vergessen, Herr Meister, daß am End' alles Reden umsonst is, denn ich bin, wie Sie wissen, a Katholikin — und Sie san — Morgenst. Ein Leopoldstädter, dessen Vaterland in der Strauchgasscn is. — Aber dem is ja leicht abgeholfen, Susi! Ich red' mit dem Rabbiner und in acht Tag sind Sie auch eine Leopoldstädterin! Susi. Ah? Sie glauben also wirklich, daß die Susi, wann's nur a gnädige Frau werden kann, auf der Stell' vergessen könnt', was ihr Vater und Mutter in's Herz g'pslanzt haben? Sie denken im Ernst, daß die Susi, weil's just profitabel 36 is. ihren Herrgott glei in's Winkerl stellen und so g'schwind wie möglich in Tempel laufen wird? — Na, mein lieber Herr, i licitir' mein' Ueberzeugung nit für g'wichfte Böden und für seidene Vorhäng'! Morgen st. (düster). Auf die Art is also nix? Susi. Und kunnten Sie überhaupt ein' Achtung haben vor dem Weib, das ohne zu wissen, wie was und wann, in fünf Viertelstunden, a Jüdin is,^könnten Sie's leiden, daß ich so leichtsinnig Jhnern eigenen Glauben profanir'? Da findet i's ehnder begreiflich, Sie gengen mit mir zum He^rn Pfarrer, nehmen Lection, seg'n Jhnern Irrt hum ein und wer'n a Christ. Morgen st. Ich, der Sohn vom alten Morgenstern? Ich zum Herrn Pfarrer? Ich zum Konsistorium? Ich taffen vom Glauben meiner Eltern? Ich wegen meiner Leidenschaft etwas glauben, was ich nicht glaub'? Nein, nie, unter keiner Bedingung, mein Fräulein, leben Sie wohl! Susi. Segen Sie, so g'fall'ns mir; denn wir Zwa. net wahr, wir woll'n net wegen a bißl Profit glei unser Ueberzeugung verkaufen? Morgenst. Da bleib'n wir lieber ledig — alle Zwei und handeln als Männer! Susi. Und werden — i, für meinLheil an alte Jungfer und Sie — Morgenst. Ein alter Jungg'sell, der unten am Prater sitzt, verzweifelt am Bankel! (Von einem Gedanken ergriffen.) Aber halt! Sie hören's, Susi, da fallt mir was ein — Susi. Wann i a Christin bleib' — na dann is mir Alles recht! Morgenst. (freudig). Bleiben's! Und ich bleib' Strauchgassen! (Fröhlich.) Sie, was sagen's — wir heiraten Civil! ? Susi. Civil? Was manen's denn da? Morgenst. Wir sündigen öffentlich. Oder eigentlich besser gesagt, wir sündigen gar nicht, sondern gehen auf's Bezirksamt. Susi (zaghaft). Ohne geistlichen Segen? Sie, das is so a Sach'! Morgenst. So a Sach' is 's wohl; aber wir werden wenigstens kane Heuchler net, und wir können beide ungeuirt glauben, was wir glauben. Susi. Meine Madeln bliebeten auf die Art dann alle katholisch — Morgenst. Und meine Buben schwimmen in Vöslau. — Wir werden freili net Vorfahren beim Tempel — Susi. Es wird uns Niemand erwarten bei der Kirchen — Morgenst. Auch mit die Beiständ' wird's hapern — Susi. Aber (auf den Himmel deutend) dort oben logirt ein Beistand, der mehr werth is wie alle Schwarzangezogenen! Morgenst. Sie schlagen also ein? Susi. Na ja versteht sich — Sie narrischer Ding! (Sie schlägt ein.) Morgenst. Susi! Mir san allein — aus'n Gelübde der Keuschheit is nix wor'n. — (Wischt sich den Mund mit dem Tuche.) Derfet ich bitten um ein Drangeld? Susi. Warum denn net? — (Will auf ihn zu.) (In diesem Augenblicke das Feuertrompeten- Signal vor der Thüre.) Susi (prallt zurück). Ja was is denn g'scheg'n — es is do ka Feuer im Haus! Siebente Scene. Vorige. Cibulka (in der Uniform eines Trompeters der Lntrepriss äs8 pompes ku- n«bre8, gleich darauf aus dem Nebenzimmer rechts) Babette Cibulka. Nein, ich bin ich bloß und blas ich vor Freuden, weil Hab' ich Anstellung kriegte. Morgenst. O du verflixter Böhm'! Babette. Ja, Vater, wie schaun denn Sö aus? Cibulka. Bin ich in Galla, weil wird heut' um fünfe Hufrath blasen hinaus auf Schmelz. Babette. Ja. was san's denn eigentlich? Cibulka. Bei eutra pomp ätz xris äs pitztät! Morgenst. Aber das is ja ganz was Neuchs, daß ein Böhm' auch Trompeten blast! Cibulka. Haben schon mehr Leut' g'sagt. Da sulljetztSchwiegersuhnmeinige, Walzl, sagen, daß Hab' ich nix lernte, daß bin ich nicht freisinnige Mensch dualistische. wo blas ich jetzt unentgeldlich. wann stirbt Vulksmann — social-demokratische — laffallische. Ba bette. Und was wird denn der Vater erst sagen, wenn er erfahrt, daß i mein Kinderl im Haus Hab'? Cibulka. Kindunsrige, Enkel meinige? Hier in Quartier von Cibulka? Badelte. Ja. da d'rin liegt's ja am Vätern sein Bett! Eibulka. Bus Polsterzieg'n uns'rige? (Thut einen St-ß in die Trompete.) Babette. Um Gotteswillen —was thun's denn? Cibulka. Einschlafern will ich mit musikalischer Melodie! Babette. San's so gut! Kummen's. Vater, und schaun's Ihnen an! (Sie öffnet die Thür.) Cibulka (in das Zimmer blickend). Da is e ganz mir aus G'sicht g'schnitten, lachte auf Grußvater, greift um Trumpeten! (Glücklich.) Is e Böhm! Is e Böhm! (Selig mit Babette ab.) Achte Scene. Vorige (ohne Babette und Cibulka). Morgenst. Gott sei Dank, daß er ab- g'rast is, der Böhm! — Liebe Fräul'n, wissen Sie, daß mir der mein Büffel wegblasen hat, dieser Mann des Todes! Susi. Na wann's sonst nix is — da haben's in Gottsnam' ein anderes! (Hält die Backe hin.) Sie ungeduldiger Mensch. Sie! (Zieht die Backe schnell wieder weg.) Morgenst. (der sie nur oberflächlich küssen konnte). Ja. Susi, zu so was muß man sich entweder Zeit nehmen, oder gar net — das war ja nur so überhaps! Warum soll denn i nur überhapsene kriegen? Susi. Also no amal, aber dann bitt' ich um ein Fried ! (Halt wieder das Gesicht hin.) Aber g'schwind. g'schwind. g'schwind! Morgenst. Ich mag aber net so tele- grammisch! Ich leg' mich bei so was hinein! Susi (hat sich wieder rasch zurückgezogen). Da haben wir jetzt ka Zeit dazu, lieber Herr. - Sie müssen jetzt auf's Bezirksamt. das is wichtiger als diese Dummheiten! Morgenst. Meiner Seel', das is wahr! Ja, wo is aber nur die Behörde? Is in der langen Gaffen, in der braten, rechts oder links, oben oder unt'? Susi. Ja, i waß das net. Morgenst. Is denn gar Niemand da, der Ein' da — Neunte Scene. Vorige. Zinsler (stürzt herein). Zinsler. Der Herr von Cibulka endlich zu Haus? Morgenst. Ein rehfarbener Wächter? Zinsler. Daß er mitgeht auf's Bezirksamt — Morgenst. (ihn beim Arm nehmend). Auf s Bezirksamt? Dieser Mortimer starb mir sehr gelegen! (Stürzt mit Zinsler ab.) Zehnte Scene. Susi(allein). Wie er lauft! DerMensch kennt sich gar net aus vor Freuden! Aber geht's denn mir anders! Könnt' i net a sin- 38 gen, daß die ganze Nachbarschaft rebellisch Izen und wie er zur wird? Singen wir! Justament singen wir! müssen's ihn sehen! Heut' bin i g'rad in der Stimmung, daß i meine neue Erfindung probir'n könnt'! Die Leut' schimpfen nämlich immer über Schlacht kommt, da (Schreckliches Schlachtenbild.) Aus alledem werden Sie wohl bereits bemerkt haben, daß er die Fahne des di-Operntexte, und da bin ich aus dm Ge-R,gj^E ger-tt-t. daß er eine Tapserdanken kommen, ob man d-nn nicht auch bekommen hat und daß die- Opern singen könnt ganz ohne Text. -^ch's,r Act mit einem brillanten Tableau ä la versichere Sie is gar net nothwendig Napoleon endigt, wo der Arrangeur der Text — denn die Musik allein drückt alle Gefühle hinlänglich aus. 1 . Er und sie, sie lieben sich Schon seit Jahren fürchterlich, Endlich trifft er sie allein Und fingt dieses Liedelein: (Schwärmerische Arie.) (Prosa.) Jetzt frag' i Ihnen, washätt' der Mann Alles reden müssen, bis er diesen Binkel Gefühl zusammenbringt! Natürlich antwortet sie: (Arie einerVerschämten, die mit dem Ausdrucke glühender Liebesversicherung schließt.) Das is halt eine Antwort! Und wenn jetzt auch der Vater daherkommt und schreit: (Arie eines racheschnaubenden Polterers.) Die jungen Leute setzen sich auf die — (Schnauben der Lokomotive.) reisen nach Amerika, werden glücklich, lieben und vermehren sich. Und Sie seg'n, es is gar net verhext, Man braucht zu der Oper kein' Text! 2. Wehmuthsvoll nimmt ein Soldat Abschied von der Vaterstadt, Traurig steh'n sie rings umher. Denn er sieht sie g'wiß nicht mehr! (Abschiedslied des Soldaten.) Haben Sie's weinen g'hört Alle? Das is a bissel an Actschluß! Natürlich nimmt er sich die Lehren von die Eltern zu Her- wo dreimal stürmisch gerufen worden is. — Das haben wir aber Alles erspart und es bleibt uns nur mehr der Einzug der Truppen übrig! Aber halt! Sie wundern sich, wenn Sie was hör'n von einer gewonnenen Schlacht'. Aber beim Einzug werden Sie gleich darauf kommen, daß diese Oper a bissel früher, nämlich im Jahr 48, spielt! Denn dieser Marsch wird Ihnen nicht unbekannt sein: (Radetzkymarsch.) Und Sieseg'n, es is gar net verhext. Man braucht zu der Oper kan Text! 3. ' Sind die Preußen ausgerückt Zur Parade hochentzückt, Spricht gewiß der Commandant Viel von Krieg und Vaterland! (Musik wie bei Wachparaden. — Sie markirt den aus- und absprengenden Kommandanten.) Kommt nun so ein kriegerisches Telegramm nach Wien, na, da können Sie sich denken, was die Banquiers Silber - und Goldstein für ein Duett singen, weil die Credit gleich um acht Gulden herunter sind. (Komisches Börsianer-Duett.) Zum Glück stellt es sich gegen Abend heraus, daß in Paris noch um 7000 Kugelspritzen zu wenig fertig sind, und daß für uns nichts zu befürchten is, weil unsere ganzen Hinterlader wieder in Reparatur kommen sollen. Credit stehen daher wieder 9'/.! und die beiden Herren spazieren natürlich in folgender Stimmung über den Opernring: 39 (Lustiges Judenlied.) Und so seg'ns, es is gar net verhext, Man braucht zu der Oper kan Text! 4. Alsogleich wird's nun bekannt, Es ist Feiertag im Land, Und ein solches Fest das wird Auch sehr würdig celebrirt! (Glockenschall; Orgelmufik.) Wann die Leut' aber mit einer solchen Andacht beim Hochamt dabei sind, na, da is ein Zeichen, daß sie auch wissen, was das heißt: ein Feiertag! Es kommt also der Nachmittag, aber was is denn das? (SchrccklicherSpectakel; türkische Trommel beim Ringelspiel—Pseiserln—sie markirt einen Betrunkenen — Harmonikaklänge u. s. w.) Sie werden bemerkt haben, daß wir uns auf dem Mariabrunner Kirchtag befinden, und daß unser erhebendes Fest etwas weltlich zu werden ansangt. Am interessantesten aber ist der bei uns übliche Schlußeffect: (Man hört hinter der Scene das Traben einer Polizeipatrouille.) Kennen Sie diese Klänge? Die frommen Wallfahrer spazier'n alle mit einander in die verschiedenen Kotter. Und Sie seg'n, es is gar net verhext, Man braucht zu der Oper kan Text! * (Ab.) Zwischenvorhang. Verwandlung « (Amtszimmer beim Bezirksamte mit zwei Sei- tenthüren und mit allgemeinem Eingänge, welcher sich seitwärts rechts im Hintergründe befindet. Im Prospecte links ein großer Alco- ven, der sich weit nach rückwärts erstreckt. Auf einer Treppe in diesem Alcoven ein mit grünem Tuch bedeckter Tisch, aus welchem zwei Kerzen und ein Erucifix. Zu Anfang der Scene ist es im Alcoven ganz dunkel. Im Zimmer ist an der Wand rechts und an jener links eine Bank für die Parteien.) Erste Scene. Zinsler (mit Papieren), Spineder, Hausmeister, Hausmeisterin, erste, zweite und dritte Köchin (sowie die meisten Dienstboten und sonstigen Volksfiguren vom ersten Actschluß). Zinsler. Gleich, Kinder, gleich geht die Metten an! Wir sollten heut' zwar aus kommeneLampelnfangen indcrMarkt- hallen — aber eine Civileh', Kinder, und a Scheidung, wo der Herr Consistorialrath die Acten net herausgibt, da muß der Mensch dabei sein! Spin, (die Hände ringend). Heiraten ohne Sacristei? Streitige Eh'leut' bis zum G'richt! Na, Leut'! Unter was für Menschen man lebt — man hat kan' Idee! Alle. Das is schrecklich, HerrGreisler! Zinsler. Still. Kinder, sunst laßt der Bezirksvorstand die Gallerten räumen! — Da is er schon der Herr Walzl, der net leben kann mit sein Weib! Alle. O g'horschamer Diener, Herr von Walzl! (Dann allgemeines Geflüster unter den Anwesenden.) Zweite Scene. Vorige. Walzl. Walzl. Ergebenster Knecht! (Für sich.) Ahan! Schon da die verschiedenen Extrablätter, die heut' noch beim Röhrbrunn', im G'würzg'wölb und beim Tabakkramer mit die wichtigsten Nachrichten erscheinen. Spin. Nein, wie uns Allen leid is, Herr von Walzl. daß so a guter Mann wie Sä so viel Verdruß hab'n muß! — Erste Köchin. Ein Herr, dem man wirkli net das Geringste nachsagen kann. Zweite Köchin. Der sein Frau aber schon auf den Händen tragen hat! W a l z l (geschmeichelt). Net wahr, Kinder? Spin. Mir san Ihnen völlig desparat! — Ich frag', kann a Weib mehr verlangen wie Ihnen — Walzl (gerührt). Schau'ns, Sie g'fall'n mir! Spin. Wo Sie's bald zum Nagel und Amon g'führt haben, bald zum^beliebten Quartett? Walzl. Seg'ns und doch! Erste Köchin. Wo die Person aber rein Alles im Haus g'habt hätt' — es is net zum sag'n! Spin. Ich frag'Eng', Leut', was muß so a Weid sich wegwerfen und mit so ein' Volk umgehn, mit so ein ordinären? Was braucht dö ein' hamlichenSchluf mit ein' Vätern, von dem man sich solche G'schichten d erzählt? Walzl. Hab ich also Recht oder nicht? Alle. Ja! Walzl. Soll i mich scheiden lasten oder nicht? Alle. Natürlich, scheiden lasten! Walzl. Ich sieh', Kinder, Ihr meint's cs doch ehrlich mit mir! Und wißt'S, (tief gerührt) in so ein' Moment, wo man inwendig zerrissen is wie ein Schnupftüchel von ein' Rastelbinder, in ein' solchen Augenblick sieht man erst, was das is, eine Schaar von aufrichtige Freund'! Lebt's wohl, Kinder, derweil, denn ich hol' mir jetzt das, ohne was es garnix gibt in Oesterreich! — Alle. Ja was denn? Walzl. Einen Fünfzig-Kreuzer-Stem- pel! (Ab in die Thüre links.) Dritte Scene. Vorige (ohne Walzl). Spin. A charmanter Mann, der Herr von Walzl — net wahr, Kinder? Alle. Ein ausgezeichneter Mensch! Zinsler. I waß' net, die G'schicht' ^ geht hier so langsam, bei der Commune ! wär'n die Leut' jetzt schon a dreimal ab- ^ gewiesen und a viermal hinausg'schoben wor'n! — O, die Frau von Walzl! Vierte Scene. Vorige. Babette und Cibulka (treten ein und nehmen auf der Bank rechts Platz). Babette. Guten Moring, meine Herrschaften — Alle. O guten Moring, gnädige Frau! Spin Jeses, Leut'! i bitt Eng', nur ! ein Blick— wie die arme Frau ausschaut? ^ Alle. Die Blässen? ^ Spin. Jed's Aderl sicht ma! Und wie l verwant! Und wenn ma denkt, wegen so ein' niederträchtigen Lumpen? Ich frag' Euch nur, warum soll so an' arme Frau net dann und wann reden mit ihrem Vätern? Hab' i Recht oder net? Alle. Versteht sich! Spin. Was hab'n denn mirLeut' aus'n Volk, wann wir net wenigstens Vater und Mutter hätten? Cibulka (leise zu Babette). Da sein's doch endlich Leut', was einseg'n, hier auf ^ Bezirksamt. Spin. Hat sto a Mensch das Recht, frag' i, a Frau, die ihren Vätern gern hat. brutal zu behandeln? So ein hochnäsiger Ding, der auf einmal zu ein Geld kummen is, man was no net recht: wie? Alle. Recht haben's, Herr Greisler! Babette. Ich da»k' Euch vielmals, liebe Leut', daß ihr in der fatalen Sach' da auf meiner Seiten seid's! Cibulka (zu Spineder). Und ich werd' ich Vorschlägen, daß wer'n alle Köchinnen Ehrenbürger in Podiebrad! Babette. Aber glaubt's mir. wann man a waß, daß ma gute Freund' hat in 41 der Noth, man trennt sie halt do sehr schwer von sein' Mann! Spin Nein, gnädige Frau, das derfen Sie nicht auf Ihnen sitzen lassen. Sie müssen bestehen auf der Scheidung! Das sein Sie Ihnen schuldig, uns und der Ehre! Alle. Na natürlich, Herr Greisler! B ab eite (seufzend). Glaubens wirklich? Na, in Gott'snam' — wann die Herrschaften woll'n! . Fünfte Scene. Vorige. Walzl (tritt aus dem Zimmer links und setzt sich aus die Bank links). Walzl (für sich). Himmel! Mein Weib — und wie blaß! Babette (für sich). Himmel! Mein Mann — und wie er abg'nummen hat! Walzl (für sich). Vermuthlich wern's halt die Leut' a recht z'sammbissen haben. Babette (für sich). Und so viel i merk', is ihm dahier schon die Meinung g'sagt wor'n! Spin. Der geistliche Herr! Sechste Scene. Vorige. Consistorialrath Demel. Dem el. Da sind Sie ja, Herr Walz — und Sie auch, liebe Babette — mein gutes, immer so aufrichtig gewesenes Pfarr- kind! Walzl (verlegen). Es ist uns eine Ehr', daß Sie uns bei diesem so erfreulichen Anlaß — Demel (ernst zu Walzl). Nachdem das geistliche Gericht die Herausgabe der Acten verweigerte, haben Sie sich an das weltliche gewendet — Walzl. Segen's, Hochwürden, was Sie uns für Auslagen machen — Demel (herzlich). Und ich komme daher Wiener Thcc>t.-N>pcre. Nr. 214. aus eigenem Antriebe — nicht als Priester, sondern als Euer Freund, als Lehrer Ihres Weibes, in dieses Amt, um Euch an der Schwelle der Entscheidung noch einmal zuzurufen: Kinder! was wollt Ihr thun? Spin, (zustimmend). Goldene Worte vom geistlichen Herrn! Alle. Red't wie a Buch! Demel. Habt Ihr denn die Worte vergessen, die ich an Eurem Hochzeitstage an Euch gerichtet? Habe ich nicht gesagt, daß kleiner Hader den Bund der Seelen nicht trennen darf, daß Ihr dicZnngen zahmen, daß Ihr eure Schicksale miteinander tragen müßt? Walzl. Ja, Hochwürden haben damals sehr schön g'reöt — ich war auch sehr gerührt und Hab' (weinend) auf jede Tazzen vier Zehnerln g'legt. Demel. Und doch haben Sie Ihr Weib so bitter gekränkt, die Arme, die dort verlassen ihr Schicksal beweint! Etbulka (zu Thränen gerührt). Ich bitt' ich. Hochwürden, hörn's ans, sunst muß ich hinaus — Demel. Und Du, Babette? Du bist doch das Weib, jünger und unerfahr'ner als dein Gatte! Wie, wenn Du ebenfalls Theil an der Schuld haben solltest? Wenn deine Heimlichkeiten die Schuld des Zwiespaltes wären? Wenn Du, statt aufrichtig dein Recht zu vertheidigen, im Verborgenen gehandelt hättest wider den Willen deines Gatten? Babette. Hochwürden, ich Hab' — ich war — Demel. Wenn cs aber vielleicht jetzt nur eines zärtlichen Wortes bedürfte, um deinen Gatten zu versöhnen — Cibulka (leise zu ihr). Sag' m'e zärtliche — Demel. Nun, Kinder — tretet hervor, nahe, recht nahe zu einander und reicht Euch, dem Gotte der Versöhnung predigt, zu Gefallen, jene Hände, deren Bund ich in der Kirche gesegnet! 4 42 Walzl (für sich). Ich soll mi blamiren vor die Leut ? Babette (für sich). Ich soll zum Kreuz kriechen, wo die Hausleut' alle sagen, i bin im Recht? Walzl. Nein, Hochwürden — geben's Ihnen ka Müh' — Babette. Denn ich besteh' auf der Scheidung! Spin. Das is a Red'! — Daß sich aber so a geistlicher Herr überall hineinmischen muß! Alle. Recht haben's, Herr Greisler! Demel. Dann Hab' ich hier nichts mehr zu suchen, meine Kinder! — Aber doch! Da ist sie ja die Schwester Susanne! Siebente Scene. Vorige. Morgenstern mit Susi (Arm in Arm, beide als Brautleute festlich gekleidet). Alle. Ah, die Civil-Braut! « Morgenst. Meine Herrschaften, ergebenster Diener — ich habe die Ehre, Ahnen hier meine gegenwärtige Zukünftige vorzustellen. Demel. Susanne! So tief bist Du also gesunken? Spin. Da hat er wieder Recht, der geistliche Herr! Susi. So tief? Warum denn, Hochwürden? Darum vielleicht, weil ich die Gesetzgebung preis, die mir's ermöglicht, mein' Ueberzeugung zu b'halten? Demel. Du willst eine Ehe schließen, armes, gefallenes — ohne den Segen der Kirche? Morgenst. Mein Gott, Hochwürden! Die Kirchen meint's oft sehr gut und segnet Alles! Aber kann die Kirchen was dafür, wann's hintendrein schlecht ausfallt? (Aus das entzweite Ehepaar deutend.) Da haben's glei ein Eh'paar mit dem Segen der Kirche — schau'n Sie's an alle Zwa! Demel. Die Ausnahme, mein Herr — wird nie die Regel vernichten! Ich aber sage Dir, Susanne, es wird Dir furchtbar heimkommen; denn bedenke es wohl. Du gehst heute eine Verbindung ein, bei der Gott nicht dabei ist! Susi Gott nicht dabei? Hochwürden, ich Hab' in der Schul' g lernt, daß Gott überall is — warum soll er denn net auch im Bezirksamt sein? Demel. Nur zu so, nur zu! Geht eure Wege! Ich eile in die Kirche, um Gott in der Vesper zu bitten, daß er Euch diese Frevel verzeiht! (Geht durch die Mitte ab und wird von dem Volke mit Ehrfurcht gegrüßt.) Achte Scene. Susi. Herr Walzl! (Stoßt ihn mit dem Ellbogen.) Gehns, daschau'ns 'nüber, san's net so bockbanig — Morgenst. (ebenso zu Babette). Aber gna Frau, dort schau'ns hin, setzen's net allerweil den Kopf auf — Eibulka (für sich). Da derfert gar nie aus Böhmen weg'kommen sein! Susi (zu Walzl). Also net? Walzl. Nein, nein und tausendmal nein! Morgenst. (zu Babette). Also richtig? Babettte. Ja, ja und tausendmal ja! Susi. Nachher in Gott'snam ! rennt's alle Zwei in euer Unglück! Morgenst. Wir aber, wir gengen hinein in die Civil-Sacristei! Aber net allan! Susi! Du mußt net bös sein, weil er nicht so modern anzogen is. wie ich — aber draußt wart' a Herr, der zufälligerweis mein Vater is! Wird er Dir net a bißl g'spaßig Vorkommen, wann er in der Nationaltracht erscheint? Susi. Dein Vater kann anhaben, was er will, mir is er herzlich willkommen! Morgenst. Vater, kummen Se rrein! 43 Neunte Scene. Vorige. Der alte Morgenstern (ein polnischer Jude in der bekannten Kleidung dieser Leute). Alter Morgenst. Heinrich, mein Sohn — Alle (bis auf Susi). Ein polnischer Jud'! Susi. Kommen's her, alter Herr! Wann Ihnen a die Buben auslachen aus der Gaffen, der Vater von so an braven Bürger muß an Ehrenmann sein und mit Ehrfurcht küß' i ihm d'Hand und bitt' ihn, er soll die Susi segnen, damit sie lang und glücklich lebt mit sein' Sohn! Alter Morgenst. Es schreckt sich das Fräulein nicht an mein' Rock? Susi. Warum denn schrecken, wann an ehrliches Herz d'runter schlagt? Morgenst. Susi! Du bist ein Engel, ein molleter Engel! aber immer ein Engel! Alter Morgenst. (hat ihre Hände in einandergelegt). Spin. Sie macht sich net amal was aus'n polnischen Juden — Kinder! da muß an Unglück d'raus wer'n! Walzl (hat mit wachsender Theilnahme die Scene mit angesehen). Und gar net paff war's, wie der Salzgriesianer hereinkommen ts? Cibulka. Das is e Madel, was e nicht kennt Standunterschied! Walzl. Sie küßt ihm die Hand — Cibulka. Fallt Juden um Hals — Walzl. Ihm, ein Mann, der net amal in's Dianabad derf! (Breitet die Arme aus.) Cibulka! Cibulka (ebenso). Pane Walzl! Walzl. Komm' her, alter Vertrauter, Böhm, Schwiegervater, komm an mein Herz! Cibulka (umarmt ihn). Sie san's net mehr bös auf Cibulka? Walzl. Susi! — Da bist Du d'ran Schuld — denn i bin jetzt in einer Stimmung — Babette! komm her! — Alte — i wär im Stand und geh' selber zur Polizei! Babette. Mein lieber guter Carl! (Im Alcoven wird geläutet, ein Gasluster, sowie die Kerzen find angezündet, der Bezirksrichter in voller Uniform steht hinter dem Tisch.) Morgenst. (Sufi den Arm reichend). Fräulein Susanne — meine Herrschaften — die Verhandlung beginnt — Cibulka (gibt beim Fenster hinaus ein Zeichen. Türkische Musik vor dem Fenster.) Ganze Banda von Entrepomp! Susi Es is ka noble Hochzeit, Kinder, aber was kann ma mehr verlangen mit Nr. 28? (Sie wenden sich zum Abgänge gegen den Alcoven. Das händeringende Volk theilt sich in Reihen zu beiden Seiten. Hinter dem Brautpaar der alte Morgenstern, Cibulka und zärtlich umschlungen Babette und Walzl.) (Das'Orchester fällt stürmisch ein.) Ende Druck und Papier von L. Sommer L Comp. >'p Wien. In der Walttshausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt, hoher Markt Nr- 1, sind erschienen: aus Stücken von: Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Elmar, Flamm, Gottsleben, Grois, Grün, Grnndorf, Haffner, Juin, Kaiser, Langer, Megerle, Ncstroy u. A. Drei Hefte. Gr. 6- g»h. Preis 1 fl. 50 Nkr. oder 1 Thlr. Jedes einzelne Heft 50 Nkr- oder 10 Sgr, Inhalt des ersten Heftes: Berg, B F. 1. Da möcht' i halt das G'wissen sein. 2- Requisiten-Couplet. 3. Figuren-Couplet. 4- Nachher wird es schon wer». 5- Glöckchen-Conplrt. 6- Biblisches Couplet. 7- Falsche Benennungen. 8- Dann ist sie da die bessere Zeit. 9. 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün. 10- Volkslieder. 11. Aber geb'n thut's es nit- — Berta, Alois. 12. Jetzt da war's halt Noth. daß wer antauchen thät. 13. Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. 14. Zu was daun die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lachcouplct. 16. Aus einer Chronika. 17 Früchte, die verboten sind. 18. Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20. Mythologie-Couplet. — Berta u. Bittner. 21- Ohne Umschneiderei. 22- Die papierene Zeit. 23- Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel- — Bittner, Anton. 24- Thier-Couplet. 25- Das ist noch Geheimniß. 28 Wer hätt' es geahnt. 27- Ödroniyus sesnclaleuss. — Bittner u- Morländer. 28- Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29. Und so wird hinterrücks g'redt. — Böhm, Jolef. 30. Na da sieht mau's doch, daß's an der Eintheilung fehlt. 31- Wenn man die Wirkung sieht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32. Maschinen-Couplet. 33- Wo man was sucht, dort find't man eS nicht. — Elmar, Carl. 34- O Spiel der Natur. 35. Lied deS Teufels. 36- Man glaubt nicht was in einem Menschen oft steckt. 37. So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. 38- O ungeheure Ironie. 39. Da möcht' ich halt wissen, was nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes: Elmar, Carl. 40- Was lieget da dran. 41- Ja so geht's, wenn man h-ut' zu Tag Geister eitirt. — Frldmann u. Flamm. 42- Mit Kleinem fängt man an. mit Großem hört man auf. 43- So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Lheod. 44- Keine Rose ohne Dornen. 45- Gesundheit und ein recht langes Leben. 46- Jedes Häferl hat sein Decker!. 47- Reprrtoire-Couplet. — Flamm u. Wimmer. 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenkcn thät. 49 So behilft sich halt Jeder, so gut als er kann. — Gottsleben, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 5l. Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52- Na, das keunen wir schon! 53- Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54. Wir bedanken uns sehr. — Grünn» Johann. 55- Was ein Narr ist. 56- Ein Chineser. — Gründorf. 57- 'S ist just net nöthi, aber nothwendi war's. — Hafsner, Carl. 58- Da find's mäuserlstill. 59- Es steckt was dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60- Wann der mein Kappcrl hätt'. 61. Ja, ich kann's nit ändern, es is halt a so. — Juin. 62- Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht. 63- Wozu Mancher eigentlich geboren. 64- Fiakerlied. 65- Zu was von den Göttern eine Auskunft begehren. — Juin u. Flerx. 66- Da wird einem heiß kalt — warm! Ungeheuer genannt!— 67- Kaiser, Friedrich. 68. Ich bitt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. Inhalt des dritten Heftes: Kaiser, Friedrich. 69- Es muß ja nicht gleich sein. 70. Da braucht man beim hellichten Tag Latern. 71. Jetzt das g'hört auf rin anderes Blatt. 72. Die find halt g'scheidt. 73- Das ist so nobel und so billig dabei. — Langer, Anton. 74. Was ist der Untirschied 75- Aber da mag Keiner net. 76- Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 77- Es schaut nur gemeiner aus. 78- Zu früh und zu spät. 79. Man kann sich's wohl denken, aber sagen darf man's nicht. 80- Wann mich der fragen thät. — Megerle, Ther. 81. Marsch mit dem in d'Butten 82- Man muß nur den günstigen Zritpunct erfragen. — Nestroy. 83. Und 's ist Alles net wahr. 84. Kometen-Lied aus »Lumpaci*. 85- Aus was sich Mancher hinauswachsen kann. 86- Das wär ganz etwas Neu'S. 87- Und man kommt aus kein Grund. 88- Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 89- Ja. hat denn die Sprach' da kein anderes Wort. — Barry, A. 90. Ob der wohl die Wahrheit wird sagen. Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Brennende Heyen. Lustspiel in einem Aufzuge. Mit freier Benützung einer französischen Idee von Erik Reßl. Im k. k. pr. Theater an der Wien mit vielem Beifalte zuerst ausgesührt. Personen. Max von Eichstädt, Gutsbesitzer. Melanie, seine Gemalin. AlfonS von Eichstädt, Rittmeister bei der königlichen Garde, sein Detter. Renata, Melanien- Kammermädchen. P°->'. ZU" ! " Sich,«.-- Ort der Handlung: Max Eichstädt- Landhaus in der Nähe einer deutschen Residenzstadt (Salon im ersten Stocke, sehr reich und elegant möblirt- Link- eine Thür zu deu Gemächern Melanien-. Recht- eine Thür zu den Gemächern de- Max von Eichstädt. Weiter gegen den Hintergrund zu (rechts) führt eine Thür in Renata- Zimmer. Im Hintergründe dir große Eingangsthür, dann ein breite- Fenster, welche- in den Garten hinaus geht, es ist offen und man bemerkt durch dasselbe dir Spitze einer Doppelltiter.) 2 Erste Scene. (Der Salon ist anfangs leer; Abenddämmerung und fernes Abendläuten. Nach kurzer Pause kommt Paul aus dem Hintergründe mit zwei Armleuchtern, welche er auf den Tisch stellt; Renata erscheint zu gleicher Zeit unter der Thür ihres Zimmers.) Renata (unter der Thür stehen bleibend). Sie find es, Paul? Paul. Zu dienen, schöne Renata, ich bringe Licht, (galant) damit man Ihre Reize — Renata (ihn unterbrechend). Ist denn die gnädige Frau noch immer im Garten? Paul (zum Fenster gehend). Fa sie lustwandelt noch immer mit dem Herrn Cousin Alfons — Renata (gedehnt). Ei? Paul (hinunterbstckend). Sieh' da, Herr Dorn, beschneidet man denn die Hecken noch um 9 Uhr Abends bei Mondbeleuchtung? Dorn (von unten). Man thut, was man für gut findet, ohne daß es Jemanden näher angeht! Paul. Geben Sie wenigstens die Leiter weg! Dorn (von unten). Ich werde sie entfernen, wenn es mir beliebt. Paul (vom Fenster weggehend). Boshafter Starrkops! Renata (in den Saal tretend). Das muß sich ändern, wenn er mein Mann sein wird. Paul. Das wird Ihnen viele Mühe kosten. Renata. Meinen Sie? Paul. Haben Sie mir nichts aufzu- tragen, Fräulein Renata? Renata. Nein, ich erwarte selbst noch die Aufträge der gnädigen Frau. Paul. Sie eilt eben nicht sich anzukleiden; ich sah schon viele Equipagen zum Hoffeste in die Residenz fahren. Renata. Die gnädige Frau hat sich entschlossen, nicht auf den Maskenball zu fahren, weil ihr Gemal noch nicht zurückgekommen ist. Paul. Wollte sie denn nicht mit ihrem Cousin gehen? Renata (wichtig thuend). Meine Gebieterin geht ohne ihren Gemal auf keinen Ball, selbst nicht zu Hof. Paul. Desto besser, so kann ich ruhig nachtmahlen und dann zu Bette gehen. Renata. Ohne weiters. Paul (ihr eine komische ceremoniöse Verbeugung machend). Gute Nacht, Euer Gnaden! Renata (ebenso kuixeod). Gute Nacht, Herr von Paul! (Paul ab.) Zweite Scene. Renata (betrachtet eiue Halsbiudk, welche srr bisher in der Hand hielt). Ich hofft, Herr Dorn wird zufrieden sein; eine Halsbinde, von meiner Hand gestickt; (seufzend) schön ist er nicht, mein Zukünftiger, — doch bei einem Ehemanne — sagt man — sei dich nicht nothwendig. Die gnädige Frau will, daß ich ihn heiraten soll, sie steuert mich aus, (seufzend) heiraten muß man einmal -so nehme ich ihn denn in Gottes Namen. (Zum Fenster hinausblickend.) Noch immer geht sie mit ihm spazieren — ei, ei — und der Herr Rittmeister blickt so zärtlich auf die gnädige Frau! (Nom Fenster wkgtrrtend.) Ach, warum sieht mein Bräutigam nicht ein klein wenig dem Herrn Alfons ähnlich, oder warum bin ich nicht ein gnädiges Fräulein geworden, — dann würde mich vielleicht ein schöner junger Ossizier freien — (Sich aus eine Stuhllehne stützend.) Das wäre schön! (Versinkt in Ge- danken.) Ach, wie Schade! Dritte Scene. Dorn erscheint auf der Doppelleiter, er blick! öfter beobachtend in den Garten hinunter. Dorn (höhnisch und boShast). Das geht ja allerliebst, Cousin und Cousine scheinen sich gar nicht trennen zu können. (Sich die Hände reibend.) Das freut mich, das ist recht. Mein gnädiger Herr warnt mich stets vor der Heirat-ich sei zu häßlich, sagt er; ich sei zum Betrogenwerden geschaffen, sagt er; ich sei eine Vogelscheuche, sagt er; meine Gattin werde mich am Narrenseile herumführen, sagt er. — Wohlan, desto besser; ich werde dieses Schicksal mit ihm theilen, so schön, jung und reich er auch ist. (Lachend und seitwärts spährnd.)Hehehehe! Das geht — das geht wie auf Rädern! Renata (welche die letzten Worte hörte). Was geht? Was geht denn wie auf Rä-I dern, Herr Dorn? Antworten Sie mir! Dorn. Ah — gar nichts, was Sie betreffen könnte; ich freue mich bloß über kiue Genugthuung, die ich kommen sehe. Hehehehe! Renata. Gewiß wieder eine Bosheit von Ihnen — alle Welt sagt ohnehin, Sie seien böse wie ein — Dorn (zum Fenster hereinspringend). Nur zu, nur zu, sprechen Sie das Wort nur aus; Ihr süßer Mund kann mich gar nicht beleidigen, mein reizendes Bräutchen. (Sie bei der Hand nehmend.) Heute noch Braut und morgen (komisch seufzend) morgen — meine Frau! Morgen! Renata. Ach, wozu denn diese Eile?! Dorn. Der gnädige Herr ist bereits seit sechs Wochen abwesend, an jedem Tage kann er zurückkommen, und vor seiner Ankunft muß ich bereits verheiratet sein. Renata. Warum das? Dorn. Weil es ihm Freude macht, unsere Heirat zu verzögern, unter dem lächerlichen Vorwände, daß — Renata (neugierig). Nun — daß Dorn. Ich bring' es nicht heraus! Renata. Sie werden mich ungeduldig machen mit Ihrer Geheiinmßkrämerei! Dorn (Worte sucheud uud häufig stockend). Unter dem lächerlichen Vorwände, daß — einmal verheiratet — würde ich — würden Sie — und- (losplatzeud) bevor der gnädige Herr Anderen derlei Sachen profezeit — sollte er lieber selbst auf der Hut sein, (zum Fenster hivausblickend) er hat es weit näthiger! Nur zu! (Sich die Hände reibend ) Es geht prächtig! Renata (bei Seite). Er scheint ebenfalls Verdacht zu hegen. Dorn (zurückkommend und ein kleine-Packet aus der Tasche ziehend). Düs Wichtigste hätte ich beinahe vergessen. (Nimmt einen Rmg heraus.) Hehehehe — — diesen Ring, liebe Renata, wollte ich Ihnen am Vorabende unserer Vermätung überreichen — er hat ganz dieselbe Form wie der Lieblingsring der gnädigen Frau! Renata (nimmt dru Ring und liest das auf der inneren Seite Gravirte). »Johann.« Dorn. Mein Taufname — Renata. .Renata!« Dorn. Und zwei brennende Herzen! Renata (bei Seite, jedoch so, daß es Dorn hört). Wie hübsch er ist! Dorn (geschmeichelt). Ja, ich bin nicht übel! Renata. Nicht Sie, sondern der Ring! (Den Ring an den Finger steckend.) Ich danke recht sehr, er macht mir Freude. (Nimmt Vit gestickte Halsbinde.) Ich für meine Person habe auch an Sie gedacht. (Zeigt ihm die Halsbinde.) Dorn (freudig). Sie — an — mich? — Sie find ein wahrer Engel — — welch' schönes Halsband-will ich sagen Halsbinde. Renata. Noch fehlen einige Stiche dar- an, morgen soll es fertig sein, selbst wenn ich die ganze Nacht aufbleiben müßte! Doch sM — man kommt. (Beide ziehen sich zurück.) Vierte Scene. Melanie und Alfons von Eichstädt treten durch die Thür im Hintergründe aus. Melanie. Mein lieber Alfons, Sie haben Unrecht darauf zu bestehen. i* 4 Dorn (bei Seite). Aha — er besteht darauf! Melanie. Was Sie begehren, ist eine Unmöglichkeit. Dorn (wie oben). Sonst nichts?! Melanie (Renata gewahr werdend). Ach Renata — kein Brief von meinem Ge male gekommen? Renata. Nein, gnädige Frau. Melanie (verdrießlich). Kein Brief! (Zn Renata.) Gut — Du kannst gehen. (Renata nnd Dorn ab.) Fünfte Scene. Melanie. Alfons. Melanie. Seit acht Tagen kein Brief! Alfons. Eine unverzeihliche Nachlässigkeit, welche mich jedoch nicht Wunder nimmt — (halb scherzend) Max ist ein Undankbarer! Melanie. Das kann und will ich nicht glauben. Alfons. Ich begreife nicht, reizende Cousine, wie Sie auf den heutigen Maskenball verzichten können? Melanie. Ich verzichte — Alfons. Das glänzendste Hoffest in diesem Sommer — Melanie. Ich weiß es. Alfons. Und vielleicht das letzte. Melanie. Vermehren Sie nicht meinen Verdruß, daß ich demselben nicht beiwohnen kann. Alfons. Aendern Sie diesen grausamen Entschluß, schöne Cousine, läuten Sie Ihrem Kammermädchen und machen Sie Toilette. Ich verlasse Sie, und hole Sie in einer Viertelstunde mit meiner Equipage ab. Melanie. Nein, nein, nein! Alfons. Sie bringen mich zur Verzweiflung! Melanie. Was würde mein Gemal sagen, der Eifersüchtige, wenn er es erführe, daß ich während seiner Abwesenheit und ohne seine Erlaubniß — Alfons. Nachdem er sein Versprechen, daß er heute Morgens ankommen und Sie Abends auf )>en Ball führen wolle, nicht gehalten hat, so darf er sich nicht beklagen. Melanie. Und dennoch beklageich ihn; wenn er heute nicht angekommen ist, so ist gewiß der wichtige Proceß daran Schuld, der ihn bereits seit sechs Wochen von mir ferne hält; sonst wäre er gewiß schon bei mir. Alfons (lächelnd). Großherziges Zu trauen — süßer Wahn! Melanie (beunruhigt). Was wollen Sie damit sagen? Alfons. Nichts, schöne Cousine. Sie würden mir doch keinen Glauben schenken. Melanie. Es unterhält Sie, mich auf die Folter zu »spannen; reden Sie deut licher, sagen Sie mir, was Sie wissen. Alfons. Man kann sich ja getäuscht haben, und der Brief, welchen ich er hielt - Melanie. Ein Brief? Alfons. Vom Baron Hellbach, einem meiner Kameraden. Melanie. Und er schrieb Ihnen — Alfons. Thorheiten — Melanie. Ich will sie wissen. Alfons. Daß die Beschäftigungen Hres Ge mals nicht so-ernster Na tur seien, als er Sie wohl glauben machen will, und daß. während Sie hier beinahe ans Langweile sterben, mein lieber Herr Vetter- Melanie. Das wäre abscheulich! Alfons (bei Seite). Das zündet! Melanie. Alfons, Siebestürmen mich, Saß ich heute Abends den Ball besuche — wohlan denn — zeigen Sie mir diesen Brief — Alfons Und Sie kommen dann? Melanie. Vielleicht. Alfons. Aber — Melanie. Den Brief, den Brief — Alfons. Hier ist er! (Gibt ihr drn Brief: br: Seite.) Dank meinem Kammerdiener, 5 der ihn vor zwei Tagen auf die Post gegeben. Melanie. Mein Gott — wie ich zittere. Altons. Liebe Cousine-lesen Sie ihn lieber nicht. Melanie. Nein — die Ungewißheit wäre jetzt noch unerträglicher. (Lest.) »Lieber Alfons!« Alfons. Hier — weiter unten! Da — Melanie (lebend). — »Wie ich dir bereits geschrieben habe, hat sich dein würdiger Vetter Max von Eichstädt endlich von den Reizen der schalkhaften Baronin bestricken lassen; diese, stolz auf ihre Eroberung, zeigt sich überall mit ihrem neuen Sklaven; gestern erst auf dem Balle bei Hofmarschall von« (eifersüchtig und erregt) Ah — (Will weiter lesen ) Alfons (ihr den Brief wegnehmcnd). Genug. liebe Melanie. Melanie (für sich). Das also find seine wichtigen Geschäfte, seine der Arbeit geopferten Nächte? — Und ich, welche ihm Alles glaubte! (Bleibt in Gedankenversunken.) Alfons. Ich that vielleicht Unrecht, Ihnen den Brief zu zeigen — allein wie konnte ich länger schweigen, da ich Sie, so schön, so liebenswürdig, zur Langweile und Entsagung verurtheilt sah von einem Manne, welcher so große Opfer kaum verdient. Melanie (läutet). Alfons (bei Seite) Ich habe gesiegt! Sechste Scene. Vorige. Renata, später Dorn. Renata (hereineilend). Ach, mein Gott ^ sind gnädige Frau unwohl? Melanie (tonlos). Schnell, Renata — »leinen Schmuck, meinen Domino — kom- we in mein Boudoir, mich anzukleiden — Renata (verblüfft). Gnädige Frau ge- hen ans den Ball? Melanie. So ist es. Renata (erstaunt auf Alfons zeigend). Mit- Melanie (ungeduldig). Schnell doch — Renata (im Abgrhen, bei Seite). Aufdeu Ball mit ihm! (Rechts in ihr Zimmer ab ) Melanie (zu Alfons). Ihre Tante und Schwester werden mit uns fahren? Alfons (ihr die Hand küssend). Ganz gewiß. (Dorn erscheint vor dem Fenster aus der Leiter.) Dorn (erstaunt). Ah! Alfons. Was ist das?! Dorn. Die gnädige Frau hat geläutet? Alfons (sich umkkhrend und Dorn gewahr werdend). Was soll das? Dorn. Ich sagte, die gnädige Frau hat geläutet! Melanie. Was wollen Sie? Was machen Sie da? Dorn. Eben wollte ich die Leiter wegtragen, als ich das Glöckchen vernahm; ich dachte, daß es vielleicht mich anginge und wählte den kürzesten Weg — Melanie. Ich bedarf Ihrer nicht mehr — Gehen Sie! (Zu Alfons.) Lassen Sie mich nicht warten, Cousin! A lfo ns. Zn zehn Minutenbin ich wieder hier. Dorn (wtlchkr schon hinabsteigen wollte; bei Seite). Ei — ein Stelldichein! (Melanie geht in ihr Zimmer links ) Alfons (für sich). Meine List gelang! — Wohlan, mein lieber Vetter, Du hast meine Abwesenheit bei der Armee dazu benützt, um mir das Mädchen, das ich anbetete, wegzuheiraten — jetzt kommt der Tag der Vergeltung — ich entziehe Dir ihr Herz-das ist ehrlicher Krieg! (Im Hintergründe ab.) Siebente Scene. Dorn allein, steigt beim Fenster herein. Dorn. In zehn Minuten! Hehehehe l Heirate nicht, Johann — sagte der gnä- 6 dige Herr — Du bist zu häßlich dazu, Deinesgleichen muß betrogen werden. (Mit boshafter Freude.) Möchte wissen, was ikm setzt seine Schönheit nützt — hehehehe — in zehn Mi — -(Melanie läutet in ihrem Zimmer.) Achte Scene. Renata kommt mit einer Sckiatulle in der Hand und eimm Domino über dem Arme, und will schnell in MelavieuS Zimmer gehen. Dorn (sie aufhaltevd). Was bedeutet dieß Alles? Renata, (leise und gedeimnißvoll). Die gnädige Frau geht auf den Ball. Dorn (er-auut, — die Hände zusammen» schlagend). Auf den Ball! Renata. Mit ihrem Cousin. Dorn. Gut, gut, — das Stelldichein in zehn Minuten. Renata. Halten Sie mich nicht e) Es gibt nur ein Mittel-so geht's — Max. Rede! Wie kommt cs, daß Alfons sich hier befindet — in meinem Zimmer — zu dieser Stunde? Renata. Ich beschwöre Sie - zürnei. Sie nicht. Max. Warum ist er gekommen? (Zornig) Ich glaube es zu errathen! Renata. Um Himmelswillen — nicht so laut! Wenn Jemand — Max. Was kümmert es mich! (Will zur Türe rechts.) Renata (sich vorstellend und ihn zurückhaltend). Sie find so gut — so großmüthig -Sie werden ein armes Mädchen nicht unglücklich machen wollen! Max (erstaunt). Was sagst Du? Dich unglücklich machen? Renata. Ach ja, gnädiger Herr — wenn mein Bräutigam Sie hören würde- Max. Dein Bräutigam? Dorn? Renata. Morgen soll unsere Hochzeit sein — Max (auf sein Zimmer rechts zeigend). Was hat dieser damit zu schaffen? Renata (sich sehr verlegen stellend). Ach — sehr viel! Schon seit mehr als vierzehn Tagen geht er mir auf Schritt und Tritt nach. Ich gab ihm kein Gehör; er war aber so unglücklich darüber, daß er mir Mitleid einflößte! Er bestürmte mich — und schwor, er wolle meinen Bräutigam umbringeo. Dorn (für sich). Hehehe — viel Ehre! Max. Sollte es möglich sein!? Renata. Ach ja, gnädiger Herr! Die gnädige Frau ging vorhin in ihr Schlafgemach; ich blieb hier, um zusammenzn- räumen und dachte an meinen Bräutigam als ich plötzlich ein Geräusch hörte — es sprang Jemand zum Fenster herein — -er war es. Max (gespannt). Dein Bräutigam? Renata (die Augen niederschlagend). Ach nein-Herr Alfons von Eichstädt. Max (lächelnd). Ei- (ausathmend) weiter —! Renata. Sie können sich meinen Schrecken vorstellen! Max. Du hättest Lärm machen sollen! Renata. Ich wagte es nicht; — ich hätte die gnädige Frau aufgeweckt, auch wäre dann mein Bräutigam dazugekommen — er — der so argwöhnisch ist. Ich suchte Herrn Alfons durch Bitten zu bewegen, daß er sich entferne;-er beschwor mich wieder, ihn nicht von mir zu weisen-da hörte ich plötzlich Dorn s Stimme! Auf meine Bitten zog sich Herr Alfons in Ihre Gemächer zurück — und ich floh in mein Zimmer. (Bei Seite.) Ah! Max (lächelnd). Also deinetwegen? Renata (weinerlich). Ach ja, gnädiger Herr! (Küßt ihm die Hand.) Max. Ritterlich das Fenster erstiegen — um Mitternacht — Dir zu Liebe? Renata. Ach ja, gnädiger Herr! (Me oben.) Max (lachend). Armer Dorn! Hahaha! Ich habe es ihm ja vorausgefagt! — Während er die Runde machte gegen nächtliche Diebe-Köstlich! Hahahaha! Renata (bei Seite). Gott sei Dank — ich habe seinen Argwohn abgrlenkt. (Laut.) Die gnädige Frau! 12 Siebenzehnte Scene. Melanie tritt aus ihrem Gmiaihe Melanie (Max erblickend). Theurer Max! Max. Melanie! (Küßt sie.) Du hast mich erwartet! Melanie. Erst für morgen früh! Eben las ich deine Briefe — da war es mir, als hörte ich deine Stimme; — meinen Sinnen kaum trauend, trete ich heraus - und finde Dich wirklich hier. (Umarmung.) Dock — hast Du nicht gelacht? Max (lächelnd). Ich habe etwas sehr Ergötzliches erfahren — Melanie. Erzähle es mir — Max. Später, liebes Kind — ich bin sehr ermüdet. Da ich Dich jedoch noch wach finde, lade ich mich bei Dir zum Nachtessen ein, jedoch in deinem Zimmer, wenn Du es erlaubst. Melanie Welche Freude! — Du hast mir gewiß viel zu erzählen. Max. Und Du? Melanie. Ich —beinahe nichts, außer daß ich mich während deiner Abwesenheit sehr einsam fühlte, und nicht viel gefehlt hätte, daß ich die Post genommen hätte, um Dir in die Welt nachzuziehen. Max (ihr die Hand küssend). Du bist mein braves Weibchen. (Bei Seite.) Ich eifersüchtiger Thor! Melanie (bei Seite). Er liebt mich noch immer! Max (auf die Platte mit den Teller» zeigend zu Renata). Renata, trage dieß in düs Zimmer meiner Frau! Renata (bittend und leise). Sie werden mich nicht verrathen? Max (leise). Beruhige Dich, ich werde ein Märchen erfinden. Renata (für sich bei Seite). Wie ich eines erfunden habe! (Renata trägt die Platte in Mrlaniens Zimmer links.) Max (heiter und mit verstecktem Spotte). Unter andern — wie befindet sich denn in ein liebenswürdiger Vetter? Melanie. Alfons? Ich habe ihn oft gesehen. Max (lächelnd). Sieh' da! Er kam also häufig? Melanie. Beinahe täglich, entweder mit seiner Tante oder mit seiner Schwester. Zn deiner Abwesenheit wollte ich niemanden Anderen empfangen. Max. Wie ich höre, hat der Herr Rittmeister in der Residenz einen ganz besonderen Ruf hinterlassen. Melanie (gleichgiuig). Wirklich? Max (absichtlich mit erhobener Stimme und nmnerklich gegen daS Zimmer rechts redend). Unser schöner Cousin soll mit einem ländlichen Stubenmädchen ein intimes Ver- bältniß augeknüpft haben; er ist nicht stolz — und weiß das Schöne zu bewundern, wo er es findet. Melanie (mdigmrt). Wer hätte das gedacht! Max (bei Seite, lächelnd). Mein lieber Vetter da drinnen wird rasen, wenn er mich jetzt gehört hat; — das ist seine Strafe. Renata (austretend). Es istanfgetragen. Melanie. Schön! Komm'theurer Max. (Geht in ihr Zimmer links Max folgt ihr, kehrt jedoch unter der Thüre um und wendet sich zu Renata.) Max. Wo ist der Schlüssel zur kleinen Gartenthür? Renata. Am Kamine der gnädigen Frau. Max. Ich werde ihn Dir bringen — Du kannst dann deinen Romeo entfliehen lassen. Hahahaha! (Gibt ihr scherzweise einen leichten Backenstreich und folgt Melanien nach) Achtzehnte Scene. Dorn tritt auf. heftig lachend und zugleich sein Lachen unterdrückend. Renata (ohne ihn zu bemerken, ausathmend) Ah! Die gnädige Frau ist gerettet, und 13 auch meine Unüberlegtheit wird keine Folgen haben. (Dorn erblickend.) Himmel! Dorn (das Lachen m'ihsam nirderkämpsend). Hihihihi — göttlich — prächtig! kleiner Schlaukopf! Auf solch ein Auskunftsmit- tel kann nur ein Kammerkätzchen gerathen. Renata. Wo waren Sie denn? Dorn. Ich habe Alles gehört! Sich für seine Gebieterin so großmüthig aufzu opfern ist erhaben — hahahaha — antik! Renata. Ums Himmels willen— so schweigen Sie doch. (Bei Seite, ängstlich) Er ist im Stande, Alles wieder zu verderben. (Max erscheint unter der Thür links und zieht sich wieder leise zurück, um zu horchen.) Dorn (scherzend und ironisch). Also Ihretwegen ist der Herr Rittmeister über die Gartenmauer geklettert? Renata (bei Seite). Er ist ihm nachgeschlichen. Dorn (wie oben). Vermuthlich hat er auch Ihretwegen dieses elegante Bouquet auf dem Tische hier vergessen. Hihihihi, kleine Lügnerin! Renata (bei Seite). Der Unbesonnene! Dorn (sehr klug). Hat er vielleicht Sie auf den Maskenball heute Nacht führen wollen? Dieser Domino und diese Maske, welche der gnädigen Frau angehören, waren also für Sie bestimmt? Renata. Unausstehlicher Spötter! Dorn. Der arme gnädige Herr — wie leichtgläubig er ist, er, der mich stets verlacht und verspottet. (Fällt iu einen Fauteuil.) Ich lache mich noch zu Tode—hahahaha! Max (macht Lärmen hinter der Coulisse.) Renata (erschreckt). Ah — schweigen Zie doch! (Wie Max auftritt springt Dorn Mls und schaut erzwungen ernst darein.) Neunzehnte Scene. Max (heraustretend, mit erzwungener Kälte). Wir)- bedürfen Eurer nicht mehr — Ihr könnt Euch zurückziehen. Renata (leist zu Max). Und Herr Alfons? Max. Ich werde Alles in Richtigkeit bringen. Nun? hört ihr nicht? Geht! l Ungeduldig.) So geht doch! Renata (in ihr Zimmer rechts abgrhend) Welche Nacht, mein Gott! (Ab.) Dorn (geht, sich die Hände reibend, im Hintergründe ab). Zwanzigste Scene. Max (außer sich). Betrogen! Von Allen betrogen! Melanie, sie, die ich so treu, so innig liebte, konnte mich so schnöde verrathen! Bor Allem zu ihm, dem Räuber meiner Ehre! (Wendet sich gegen sein Zimmer rechts.) Melanie*(auS ihrem Zimmer links der- auskommend) Nun, Max, Du läßt mich allein bei Tische fitzen? Warum kommst Du nicht? Max (bei Seite, die Hand auf der Klinke seiner Thür). Diese Ruhe, diese Besonnenheit, während sie mich so treulos verräth! Melanie (sich ihm nähernd). Du hörst mich nicht ? Was ist Dir denn? Max. Du wagst es noch — mich zu fragen? Melanie. Mein Gott! Du erschreckst mich, Max! Max. Sie haben Recht, daß Sie erbleichen, daß Sie zittern. Ich werde ihn töd- ten — den Schändlichen! — Was Sie betrifft — Melanie. Was ist vorgefallen? Was bedeutet diese Drohung? Antworte mir. Max (sich ihr nähernd). An Ihnen ist es mir zu antworten! Wo wollten Sie diese Nacht hingehen? Melanie (erschreckt). Diese Nacht? Max. Suchen Sie keine Lüge — sie wäre unnütz! Melatne(rrregt). Eine Lüge? Du kennst mich schlecht! Wenn ich gefehlt hätte, so würde ich auch den Muth besitzen, es zu gestehen; ich lüge nicht, um mich zu ent- 14 schuldigen. Du fragst, wohin ich diese Nacht wollte? Max. Ja! wohin und - mit wem? Melanie. Zum Hoffeste, mit Alfons! Max. Ah — Sie gestehen also? Melanie. Warum soll ich es läugnen? Seine Tante und Schwester sollten uns begleiten. Und wenn ich auch kurze Zeit diese Absicht hegte, so bin ich doch also- gleich davon abgestanden, als ich deinen Brief gelesen, jenen Brief, der mir deine Rückkunft meldete. Ist das in deinen Augen ein Vergehen? Max. Hätte sich — wenn es so wäre — Alfons versteckt, da er mich kommen hörte? Melanie. Alfons? Versteckt? Er hat mich verlassen mit dem Versprechen, mich zum Balle abzuholen, durch unseren Gärtner habe ich ihm jedoch absagen lasten. Max. Er hat ihn über die Mauer und durch dieses Fenster klettern gesehen. Melanie. Mein Gott! Max. Nun — ist dieß genug? Spre chen Sie! Melanie. In all' dem liegt ein Geheimnis das ich nicht zu enträihseln vermag! Wenn Du mir nicht glauben willst — bist nur Du zu beklagen! Max. Ihnen glauben? Aber er ist ja hier — hier in diesem Zimmer! Melanie. Dort? Wohlan — so komme er! In deiner Gegenwart soll er erscheinen! Doch nein, das würde Dir nicht genügen, und ich will mich — obwohl gekränkt und beleidigt — vor Dir vollkommen rechtfertigen! Max (erstaunt). So viel Sicherheit! Melanie (auf ihr Zimmer zeigend). Von hier ans kannst Du Alles sehen. Wenn er Dich für entfernt hält, wird er aufrichtig sprechen. Beobachte unsere Blicke, unsere Mienen. (Wehmüthig.) Ich gestatte es! Max. Aber — Melanie (fest und stolz). Ich will es! Ich beschwöre Dich! Unsere Ruhe, unser Lebensglück vielleicht, hängen von dieser Prüfung ab! (Führt ihn zu ihrem Zimmer.) Max. Sie wollen es — es sei! (Tritt in Melaniens Zimmer und läßt die Thüre halb offen.) Einundzwanztgste Scene. Melanie öffnet das Zimmer rechts, in welches Alfons gegangen ist. Melanie. Treten Sie heraus! (Sie horcht — Max schäm mit gespannter Aufmerksamkeit hin.) Melanie (sich zu Max wendend). Nichts'. — Ich wußte es ja, daß ein Jrrthum — (Max will heraustreten. Melanie winkt ihm ab- lehrend mit der Hand zu.) Melanie. Still — es tönen Schritte! (Sie horcht. Alfons erscheint.) Er ist es! (Sie entfernt sich von ihm unwillkürlich.) Alfons (nachdem er sich vorsichtig umgesehen. mit gedämpfter Stimme) Allein! Haben Sie ihn endlich entfernen können? Melanie (erstaunt). Entfernen? Ich? Alfons. Ich habe mich in diese Gemächer verborgen, doch zitterte ich für Sie, theure Melanie; welche Angst müssen Sie gehabt haben! Melanie (mir stets wachsendem Staunen). Ich — versichere Sie — ich war sehr ruhig! Warum sollte ich auch zittern? Alfons. Glücklicherweise chatten Sie, als ich zurückkom. die Vorsicht, das Licht auszublasen — Melanie (starr vor Staunen) Ich habe das Licht ausgeblasen? Alfons. Sein Heller Schein hätte uns verrathen können. Melanie (sich an dir Stirne greifend) Träumeich? — (Zu Alfons.) Ich beschwöre Sie — Alfons. O beruhigen Sir sich, ich gehe augenblicklich — glücklich, Ihnen das schönste Geheimniß meines Herzens mit- getheilt zu haben; selig, gefühlt zu haben, 15 wie Ihre liebe Hand in der meinen zitterte! Melanie. Schweigen Sie, Sie wissen am besten, daß alles das nicht wahr ist. Alfons, was habe ich Ihnen gethan, wozu dieser grausame Scherz — (Staunen des Alfons.) Machen Sie demselben ein Ende! Alfons. O Melanie, wie soll ich jenen süßen Augenblick je vergessen! Doch folge ich Ihnen und will nicht länger davon sprechen. — Ich gehe, und trage ich mit > mir ein theures Gut. ein holdes Liebes- pfand. Melanie. Was wollen Sie damit wieder sagen? Alfons. Dieser Ring, den Sie mir zuvor geschenkt — Max (aus seinem Verstecke tretend). Ah! Zu viel! Alfons (erschreckt). Max! Max (zu Melanien, tonlos). Was sagen Sie nun? (Blickt auf Alfons.) Alfons (ernst und sanft). Ihre Blicke sagen es mir deutlich, welche Absicht Sie hegen. Ich bin zu jeder Genugthuung bereit — doch schwöre ich es Ihnen, daß Ihre Ehre unangetastet ist. Zweiundzwanzigste Scene. Dvrn (schleicht zur Thüre im Hintergründe Herrin). Dorn (sich vergnügt die Hände reibend, leise) Die Bombe ist geplatzt! Endlich! Max (mit vor Zorn zitternder Stimme). Mein Herr — geben Sie mir — den Ring — meiner Frau! Alfons (denselben vom Finger ziehend). Hier! (Gibt denselben Max.) Melanie (ihren Ring Max zeigend). Sie täuschen sich — hier ist mein Ring! Max. Was seheich? ) (Zugleich und Alfons. Was soll das.? j "staunt.) Max. Zwei beinahe gleiche Ringe. .Dorn (leise). Wie — da gibt es zwei- Ringe? ! Alfons Wem habe ich dann diesen Ring genommen? (Renata tritt aus ihrem Zimmer rechts heraus; sie trägt Melanims Domino wie in der eilsten Scene und hat die Larve vor.) Renata. Mir — Herr Rittmeister! (Alle betrachten sie »rstannt — Renata nimmt die Larve herab.) Max (erstaunt). Renata! Dorn (bei Seite). Welch' neue List hat , sie ersonnen? Renata. Während die gnädige Frau in ihren Gemächern war und ich mich allein hier befand, probirte ich dieses Kleid, ehe ich es wieder in den Schrank sperrte — Alfons (bei Seite). O ich Ungeschickter — Dorn (bei Seite, lachend). Der gnädige Herr bekommt ein neues Märchen ausgetischt! Max (unschlüssig). Was soll ich denken? Renata (zu Alfons). Mir haben Sie dann diesen Ring genommen. Dorn (sehr unangenehm überrascht). Wie? (Bleibt wie erstarrt mit offenem Munde stehen.) Renata. Wenn der gnädige Herr sich die Mühe nehmen will, auf der inneren Seite dieses Ringes zu lesen, so wird er den Beweis finden, daß ich die Wahrheit sagte. Dorn (wie oben). Was? Max (lesend). »Johann«. (Dorn zuckt zusammen.) Renata (ebenfalls lesend und darauf zeigend). »Renata.« (Dorn wie oben.) Max (aufathmend). Und zwei brennende Herzen! Dorn (außer sich — hinweisend) Das bier — rechts — ist mein Herz! Max (lachend). Es war Renata! Melanie (spöttisch zu Alfons). Mein Kammermädchen! Dorn (tonlos). Meine Brrrrrrant! Alfons (bei Seite). Ich ersticke! Dorn. Ich falle in Ohnmacht! (Fäll, in einen Fauteuil.) ! Max (leise zu AlfonS). Ich glaube es 16 zwar nicht, daß Du Renatens wegen diese Ritterthaten vollführt hast — hahahaha — jedoch- Alfons (ihn unterbrechend, betheuernd und leise). Glaube mir, Cousin- Max (fortfahrend). Jedoch, dein Erfolg entwaffnet meinen Grimm; Du bist bestraft genug durch die lächerliche Figur, die Du spielst. (Geht zu Melanie und drückt sie an's Herz.) Alfons (bei Seit,). Hätte ich gewußt, daß es Renata ist — so — Dorn (sich erhebend — und würdevoll auf Renata zuschreitend). Mein Fräulein- — schämen Sie sich! Renata. Sie wissen die Wahrheit! Dorn (den Kops schüttelnd in zweifelndem Tone). Die ganze Wahrheit? Renata. Wenn Sie mir nicht glauben wollen, so nehmen Sie Ihren Ring wieder zurück — — hier ist er! Melanie (bei Seite). Armes Mädchen -welcher Gefahr bin ich durch sie entronnen! Dorn. Wenn ich gewiß wüßte — Melanie. Daß sie Ihnen zugethan und ein braves Mädchen ist? Können Sie zweifeln? Dorn. Ja - aber dieser Anzug — Melanie. Ein verzeihlicher Anflug von Koketterie! Dorn. Und unsere beiden brennenden Herzen (aus Alfons zeigend) in den Händen dieses Herrn — im Dunkel der Nacht! Melanie. Ohne ihr Verschulden - Dorn (fich den Kopf kratzend). Ja — aber im Dunkel der Nacht! Melanie. Wenn ich an Ihrer Stelle wäre — Dorn (bittend). Was würden Sie thun, gnädige Frau? (Zu Max.) Rathen Sie mir, gnädiger Herr! Max (Melanien umschlingend). Ich würde die Augen vertrauensvoll schließen und mein Glück begründen. Dorn (schließt die Augen). Wohlan denn — zugegriffen. (Nimmt Renata bei der Hand und schüttelt sie.) Max (auf die Thür im Hintergrund zeigend) Und nun, Dorn — leuchte dem Herrn Rittmeister. Dorn. Mit großem Vergnügen. (Das Licht nehmend, leise zu Max.) Soll ich ihm auf der Stiege ein Bein setzen, daß er sich vielleicht den Hals bricht? Max (lächelnd und leise). Ist nicht nöthifi — er hat schon seine Strafe! (Nimmt Licht, reicht Melanien den Arm und geht mit ihr zum Zimmer links, kehrt jedoch an der Schwelle um und sagt zu AlfonS mit spöttischer Artigkeit) Cousin Alfons — gute Nacht! (Alfons, welchem Dorn vorleuchtet, ist zur Thür im Hintergründe gelangt.) Alfons (fich höflich verbeugend und seufzend) Gute Nacht! Renata (bei ihrer Zimmerthür rechts stellen'», tief aufathmend, wie von einer großen Last befreit). Glitt Nacht! (Alle ab — die Bühne wird finster — während dem fällt der Vorhang ) Ende Druck und Papier von L Sommer L vomp in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt und nur zu beziehen vom Verfasser. Der Herr Landesgerichtsrath. Lebensbild mit Gesang in 4 Inßögen von O. F. Berg. Personen: Heinrich Marian. Landesgerichtsrath. Rosa, seine Frau. Folterhuber, Landesgerichtsrath in Pension. Rips, Bezirksausschuß. Helene, dessen Gattin, Fotografin Emil, Marian's Cousin, Hußmenlieutenant. Cin Corpora! Ein Diurnist. Simpel j im Salon Helene. Johann, Bedienter bei Marian. (Rechts und links vom Publicum.) Wien Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm). Erster Art (Eleganter Salon mit Mitteleingang und 2 Seitenthüren bei Marian.) Erste Scene. Rosa, Emil. (Als sich der Vorhang hebt, kniet bmil vor Rosa und hat deren Hand ergriffen, dieselbe mit Küssen bedeckend; Rosa ist zornglühend aufgesprungen, hat ihm ihre Hand entrissen und geht entrüstet auf und ab.) Rosa. Stehen Sie auf, Emil, zum letzten Male bitte ich Sie, stehen Sie auf — Emil. Sie haben mich noch nicht zu Ende sprechen lasten, gnädige Frau — Rosa Stehen Sie auf (nach der Glocke greifend) oder ich rufe die Dienstleute, damit sie die sonderbaren Exercierübungen der Hußarenbranche mit ansehen können — Emil (hat sich erhoben). Nun denn, schöne Frau, so will ich meine Betheuerungen in Gottes Namen sechs Fuß ober der Meeresstäche fortsetzen. Rosa. Auch das nicht. Ein- für allemal. Emil, ich will nichts Aehnliches mehr hören — nie und nimmermehr. Emil. Ist das Ihr letztes Wort? Rosa. Mein letztes! Emil. Aber ich, meine Gnädige, ich kehre mich nicht an diese Allocution, weil ich weiß, daß man mit Beharrlichkeit auch bei Widerspänstigen etwas durchsetzen kann. Rosa (pikirt). Sie vergessen, daß wir uns hier in der Wohnung des Rathes Marian befinden und nicht im ellamlbra Emil. Weiß ich leider, bin aber der Anficht, daß der Mensch Alles erreicht, wenn er's nicht pressant hat. Oder hat das >Eivile nicht eine Verfassung, Durchfüh- !rungsgesetze und eine Tramwaygesellschaft > erreicht mit Geduld? Haben wir Militärs nicht Hinterlader und rothe Reformhosen bekommen? Also abwarten, meine Gnädige, und dazu habe ich Zeit. Mein Gott, wenn nicht hin und wieder eine Generals - leiche auskommen würde — man hätte ja so keine Unterhaltung! Rosa (ihr Schnupftuch zerzausend). Emil, Sie führen da eine Sprache, die unter Kollegen imKaffeehause und beim Tanzmeister geläufig sein mag. die ich aber nicht anhören darf und nicht länger avhören will. Emil. Und es ist doch nur die Sprache der Liebe — Rosa. Eine saubere Liebe! Emil. Freilich, Sie sind ein ästhetischer Geist, ein schwärmerisches Gemüth! Sie denken sich den liebenden Jüngling als seufzenden Baumfrevler, der Ihre Namenszüge in die landesfürstlichen Alleen schneidet? Diese Zeiten sind vorüber. Jetzt machen wir das viel schneller mittelst Inserat ab. Die Zeile zu 5 kr. bin ich schon bis über die Ohren verliebt gewesen. Rosa. Und das wagen Sie einer ehrlichen Frau in s Gesicht zu sagen? Emil. Warum denn nicht, wenn diese Frau nicht mit der Zeit gehen will? Sie haben einen braven Mann. Gut! Ja! mein Gott, braver Mann kann man bald sein— man darf nur ein braver Mann sein! Ist er aber auch ein junger, fashionabler, eleganter, liebenswürdiger Mann, um den Sie beneidet werden? Rosa Das ist meine Sache. Emil. Einen solchen Mann hat man — aber das ist auch genug. Jugend will Jugend, Lcbensfrische will wiederFrische! Wenn aber Sie, meine Gnädige, Ihrem Gatten einen vergnügten Abend bereiten wollen, müßten Sie höchstens bis eilf Uhr Tarockspielen mit ihm. Rosa. Es ist genug. Emil (ihre Hand fassend). Sie haben ihm ewige Treue geschworen—vergessend, daß nichts ewig dauert, als der Bau der neuen Universität — Sie erzählten ihm auch, daß Sie ihn lieben —aber es scheint mir, daß Sie diese Erzählung aus einer Local- correspondenz hatten? Rosa. Nun, so erfahren Sie, daß ich diesen Mann wirklich liebe mit dem gan^ zen Aufgebot meiner Seele, daß ich an ihm hänge wie ein Kind an seinem Vater, und daß cs mein sehnlichster Wunsch ist, den trefflichen Galten als treues Weib bis an sein Lebensende glücklich zu machen— Emil. Wird doch noch eine Berichtigung kommen. Rosa (in ihrer Rede sortfahrend). Freilich, Sie haben Recht, er ist nicht so blank herausgeputzt wie manche andere Leute, dagegen ist er aber (aus die Stirn deutend) hier nicht blank! Andere tragen ihr bischen Gold und Silber zur Schau spazieren, er hat sein Gold (auf's Herz deutend) in seiner Schatzkammer verborgen und kramt's nur aus, wenn er der Menschheit damit zu nützen meint. Er will nicht der Welt gefallen, sondern mir allein, fitzt nicht hoch zu Pferd, aber fleißig beiden Büchern, erwill nicht geräuschvoll auftreten in Gesellschaften, nicht mit dem Säbel klirren und nicht glänzen in der Uniform — sondern wirken mit derFeder, glänzen durch den Geist! Emil. Ei, ei! da werden wir also zum Rückzug blasen — d. h. vorläufig, denn gar so schnell geben wir unsere Kriegs- Passion nicht auf. Was nicht im Sturm zu nehmen ist, erobert man mit List. Rosa. Die Frau des Landesgerichts- rathes, Herr Lieutenant, wird Ihnen beweisen, daß sie Ihrem Geniecorps Stand -u halten weiß. Emil.' Auch dann, wenn ich ihr Einblick in meinen geheimen Plan gestatte? Wenn ich ihr z. B. sage, daß ich eine ge wisse Geschichte mit dem Rittmeister Earl von Fischer auswendig weiß; ^ Rosa (fährt hastig mit der Hand über die Stirn). Mit Carl von-Heiliger Gott — Sie wissen — Emil. Wenn ich ihr in's Ohr flüstere, daß ich auch die Folgen dieser Attaque bis auf's Und erzählen könnte? Rosa (verzweifelnd). Sie wissen, daß er — Sie wissen, daß ich — Emil. Ja wohl, ich weiß, daß er und daß Sie — Rosa. Jahre sind darüber verflossen — mein armer Vater hat das Unglück seines Kindes nur wenige Tage überlebt — Niemand weiß darum — nur Sie! O mein armer, unglückseliger Mann! (Verhüllt ihr Gesicht und weint.) Emil. Nun sehen Sie aber doch, wie Sie kindisch sind! Derlei kömmt ja heutzutage hundertmal vor. Gehört somit in die neue Zeit und ist auch nothwendig, wo nähme man sonstdieverblümtenSonntags- Feuilletons her? Das ist ja in acht Tagen verplaudert, wenn's aufkömmt nämlich! Aber wer wird denn auch so indiscret sein? Ich bin Ihr Mitwisser— ja—aber diese Mitwissenschaft soll die Brücke zum czechi- schen Ausgleich, aber auch—zum Dualismus sein. (Küßt der Weinenden die Hand.) Ich liebe Sie einmal, schöne Rosa, vielleicht um ein paar Grade mehr als gewöhnliche Hußarentemperatur — Sie müssen mir gehören! Nehmen Sie daher Ihre Allocution zurück—und betrachten Sie mi ch als Meysenbug, der dann jeden, auch den geringsten Eonflict mit der Staatsgewalt ganz ergebenst hintanhalten wird! (Ihr Kußhände zuwerfend durch die Mitte ab.) Zweite Scene. Rosa (allein, sich die Thränen trocknend). Es ist kein Zweifel — der Abscheuliche weiß Alles! Ein Wort aus seinem Munde — und mein Glück — das Glück meines Mannes ist für immer vernichtet. (Weint wieder.) Er, der geachtete Beamte, so reich an Feinden in Folge seiner Strenge und Unbestechlichkeit — dem Spotte preisge- geben, und ich — die in falscher Scham 4 das Vorgefallene verschwiegen, ich bin die Urheberin der Schmach, die nun auf sein ehrenhaftes Haus zurückfällt — es ist entsetzlich! (Sich ermannend.) Doch Emil soll seine Zwecke nicht erreichen. Heinrich wird mich vielleicht fortjagen auS dem Hause, aber er soll die Wahrheit zuerst aus meinem eigenen Munde hören! Heute, in der nächsten Stunde erzähl' ich ihm Alles — Alles! Ob ich s aber im Stande bin? Wie oft wollt' ich schon an seine Brust stürzen und durch ein offenes Bekenntniß der ganzen Schuld mein Herz erleichtern — da traf mich sein treuer Blick, die Seelenruhe, die sich auf seinem Gesichte spiegelt, lächelte mich an und so gerne ich's wollte, ich vermochte es nicht: auf dieses Antlitz den Schmerz der Schmach und die Lhränen über erlittene Schande zu zaubern. Aber heute, wo ein Zweiter weiß um mein Ge heimniß, soll's auch der einzig Berechtigte erfahren; Heinrich, mein Mann! (Schnell links ab.) Dritte Scene. (Durch den Mitteleingang treten ein Heinrich Marian (ein Vierziger, ziemlich modern gekleidet, Acten unterm Arm, mit ihm Arm in Arm der penfionirte) Folter Hub er (eine charakteristische vertrocknete Beamtenfigur; die beiden Beamten repräjcntiren gewissermaßen auch in ihrer äußeren Erscheinung die neue Zeit und den überwundenen vormärzlichen Standpunkt.) Marian. Nur herein, Herr Rath, erlauben Sie mir, daß ich JhnenmcineRosa vorstelle, meine liebe Frau, und lasten Sie uns dann ein Stündchen plaudern von jener Zeit, wo Sie, Herr Folterhuber, noch so verschwenderisch mit so undso vielJah- ren schweren Kerker umgegangen sind. (Er hat während dieser Rede Herrn Folterhuber Hut und Stock abgenommen und auch seinen Hut zur Seite gestellt.) Folterh. Und glauben Sie mir, lieber Marian, es war das eine bessere Zeit Jetzt natürlich, jetzt bei Euch geht das Al les wie im Flug. Heute wird der Derbre cher eingeliesert, morgen verhört, über morgen abgeurtheilt. Auf die Länge nicht durchführbar. Muß erst längere Zeit dum sten, muß glauben, man hat auf ihn vergessen, muß Seelenqualen durchgemacht haben, dann nach ein paar Monaten, um Mitternacht, wenn er gerade tief in Schlaf versunken ist, tritt man mit Gerassel ins Gefängniß und verhört bei magischer Be leuchtung. Marian. Aber lieber Rath, am Ende will ja auch der Verbrecher seine Ruhe, ' Alle, die da sitzen im Kriminal, gräßliche Raubmörder, gefährliche Einbrecher, notorische Brandleger und anständige Journalisten, Alles hat doch ein gewisses Menschenrecht und auch der Angeklagte kann um Mitternacht gegen die Stöiung der öffentlichen Ruhe protestiren. Folterh. Natürlich, so seid ihr! Nichts als Begünstigungen! Der Rath ist ja bei , Euch schon mehr angehänqt, wie der Jn- quifit? Was Hab' ich mich geplagt mein ganzes Leben, die Verbrecher mit Ketten zu belasten, ganze Anlehen gingen auf Verschärfungen d'rauf — kömmt diese neue Periode und die Kerker werden in lauter Hotel garnis verwandelt. Marian. In Hotel garnis? Möglich. Dafür find die Richter keine Loynbedienten mehr. Folterh. Statt dem Strafprozeß ruhig seinen Lauf zu lassen, Erhebungen über Erhebungen — Marian. WollteGott, HerrRoth. wir hätten mit uuserm ganzen. Strafprozeß schon längst kurzen Prozeß gemacht — . Folterh. Als ob so ein Verbrecher nicht mit Demuth sein Urtheil erwarten ^ könnte? « Marian.' Sie vergessen aber, Herr « Folterhuber. daß man mitunter — natürlich die Gerechtigkeit ist ja blind — da t kann so etwas leicht Vorkommen — daß 5 man mitunter auch Unschuldige einsperrt? Muß es da der Justiz nicht darum zu thun sein. Licht in alle Ecken und Enden zu dringen, damit keine Lichtenegger mehr Vorkommen? Muß da nicht in Gottesna- men ein wenig mehr geforscht, gedacht und gearbeitet werden, wenn's auch ein bischen mehr Geld und Anstrengung kostet? Folterh. Da steckt eben der Fehler! Ich habe die Leute so lange sitzen lasten, bis sich die Unschuld von selbst herausgestellt hat — auf diese Art haben wir die Arbeit und der Staat die Unkosten erspart. Marian. Das ist nun freilich anders! Sie sahen in jedem Menschen einen Verbrecher — wir sehen in jedem Verbrecher den Menschen! Das ist der Unterschied! Sie wollen recht viele Kerker errichten, weil Sie dieselben brauchten als Schule des Verbrechens — die neue Zeit will recht viele Schulen errichten, damit sie weniger Kerker braucht. Das Verschließen nützt nichts mehr und mit Ausgelassenen ist heutzutage mehr zu richten, wie mit gewissen Verschlossenen. Es war hohe Zeit, lieber Rath, daß Sie um die Penfionirung ansuchten, die Radovano- witsche des Gesetzes haben sich überlebt. Folterh. Werden ja sehen, junger Mann (wüthend schnupfend), werden ja sehen! Marian (sich besinnend und die hitzige Rede gleichsam bereuend). Und doch hätte ich meinem ehemaligen Ehef beinahe Unrecht gethan. Seit langer Zeit sehe ich Sie immer im Gerichtssaale sitzen, aber nicht mehr am grünen Tische der Nemesis — nein, als Publicum innerhalb der gesetz- lichen Schranken — man sagt, Sie könnten nicht leben ohne Criminal — Folterh. Vormittags, wo ein Anderer im Winterbierhaus' sitzt, geh' ich zu die Defraudanten und Stempelkletzler. Marian. Und weil ich weiß, daß Sie durch Ihre Strenge — durch Ihre Gei- stesgegenwart in früherer Zeit die ver-! stocktesten Verbrecher zum Geständnisse brachten — Folterh. Ich habe diese gefallenen Menschen karbatschen lassen — daß- Marian. Weil ich aus den Acten erfuhr. daß Sie auch bei verhärteten Gemü- thern die aufrichtigste Reue zu erwecken verstanden — Folterh. (drückt ihm feurig die Hand). Nicht wahr? Wie Hab' ich den Slowaken, der beim Bischof eingebrochen hat. bearbeitet; so hat er geweint, daß er mir eine gestohlene Monstrauze hat schenken wollen. Marian. Nun denn. Herr Rath, ich kenne ein Wesen, dem gegenüber ich mit meiner Weisheit zu Ende bin. Folterh. Mord und Todschlag oder nur eine gefährliche Verletzung? Marian. Nichts von Alle dem. Das Wesen, welches eine Schuld auf dkm Gewissen hat und ungeachtet des zärtlichsten Zuspruches kein Geständniß oblegen will, ist niemand Anderer, als — Folterh. (hat den Stock wieder ergriffen und schwingt ihn durch die Lüste). Nun? Marian. Meine Frau! Folterh. (entsetzt) Heiliges Strafhaus! Und was hat sie denn eigentlich angestellt? Es wird doch nicht Diejenige sein, von der ich im Polizeianzeiger gelesen habe, daß sie in den Niederlagen kostbare Stoffe unter der Crinoline — (macht die Pantomime des Stehlens). Marian. Wie können Sie so etwas denken. Herr Rath! Setzen wir. die wir sonst nur Andere setzen, uns selbst und hören Sie. was mich in Verzweiflung bringt! (Es haben sich Beide gesetzt.) Es sind Jahre her, da kannte ich einen biedern alten Haudegen, er war Oberst eines Hußaren-Re- aiments. Folterh. Der kommt uns nicht vor Gericht und wenn wir ihn zwanzigmal vorladen. Marian. Seine Tochter Rosa war der ! Abgott des Ortes, wo unser Kreisgericht 6 bestaub und wo sich die Hnßaren einquartiert hatten. Folterh. Hußaren also? OdieseLeute können fürchterlich zuhau'n. Marian (seufzend). Armer Oberst — arme Rosa! Der alte Krieger war ein munt'rer Greis mit tausend Späßen, der, wenn er sich unter die Leute begab, seine Orden in die Tischlade legte und fröhlich sitzen blieb bei den Fröhlichen. Das war Keiner von der privilegirten Standesehre, der ließ jedem Stand die seine; der arran- girte keine Bälle mit Civilausschluß — seine Unterofficiere durften sogar auf De- mokraten-Soiräen; denn er war wohl Soldat geworden, Oberst, Ordensritter, aber er ist dabei ein Kind des Volkes geblieben. Eines Tages nun rief man mich zum Profoßen und denken Sie. Herr Rath, unser alter Tischgenofse saß als Gefangener im Stockhaus! Folterh. (für sich). Ich ahne eine u - geheure Ochsen-Defraudation. Marian. Im Stockhaus unser heiterer Tischgenosse, unser fröhlicher alter Oberst! Er hatte einen seiner Rittmeister imDuell erschossen. Folterh. Im Duell? — Oberst? Und erwischt worden? Ein unerhörter Fall!! Marian. Nicht wahr? Wir, wir pflegen die Helden, welche ihre Gegner auf elegante Weise kalt zu machen beliebten, nur in Baden-Baden, Homburg oder in Ostende frisch, fröhlich — frei vielleicht auch fromm wieder zu begegnen. In Loco bleibt Keiner. Aus der Entfernung sieht sich so eine Untersuchung nach Paragraph so und so viel weit gemächlicher an. Aber unser Oberst war Einer von denen, die nach einem Duell dableiben, die nicht die Pistole aus der Hand legen, um so schnell wie möglich auf der Nordbahn eine Karte zu lösen. Folterh. Kurz und gut, der Oberst wurde also aufgehängt — Marian. Geduld, Herr Rath, nur ein bischen Geduld! Der Oberst ließ mich bitten, ihm sein Testament zu besorgen, denn ein hitziges Fieber hatte sein Leben in Frage gestellt. Mit Thränen in denselben Augen, die der Nebel von Chlum nicht zum Weinen brachte — erzählte er mir, daß er jenen Mann erschossen habe, welcher die Ehre seiner Tochter geschändet! Folterh. Da haben wir's — Marian. Er setzte sein Kind zur Erbin seines Vermögens ein, bestellte einen Vormund — weinte noch bitterlich, verzehrte einige Schachteln Pillen, die man ihm verschrieb, mit Gesundheit, wurde schwächer und schwächer und versammelte endlich ein Consilium, welches ihm den Rest gab. (Zerdrückt eine Thräne.) Er ging — oder da er ein Hußar war. er ritt sanft hinüber in ein besseres Jenseits, von wo sich ein Jeder hütet, wieder herüber zu kommen. In acht Tagen (drücktdas Schnupftuch au die Augen) es war an einem Morgen — die Lerchen — der Hahn — der Hirte trieb eben — die duftigen Blumen — mit einem Worte, die dortige entro- pri 86 ä 68 P0MP68 kuuötrr 68 hatte ihren glänzenden Ruf abermals gerechtfertigt. Folterh. Wenn uns aber alle Angeklagten zusammensterben, so bleibt uns ja am Ende gar kein strafbares Object. Marian. O doch. Folterh. Wer denn? Marian. Die Tochter. Folterh. Richtig, die Tochter! Und was ist denn aus der Tochter geworden? Marian. Meine Frau. Folterh. Nicht möglich! Wir haben es also in diesem Falle offenbar mit einer Kindesmörderin zu thun! Marian. Auch das nicht, lieber Herr Rath! Uns Erwachsene täuscht man mit Import- und Exportgesellschaften, Promessen, kriegswissenschaftlichem Luftballon und dergleichen — eine sechzehnjährige Mädchenseele mit Liebesschwüren. Der Pfarrer eines benachbarten Dorfes trug einige Zeit später das Kind der geheimen Sünderin in'sConcubinat-Register ein und ich sah Rosa—die mich nie beachtet hatte — durch Jahre nicht wieder. Sechs Jahre Experimentalpolitik gingen seither über s Vaterland. Da fand ich sie in Wien schöner, frischer, liebenswürdiger als je an der Seite einer alten Tante. Jede Erinnerung an Geschehenes vermeidend, nähere ich mich ihr, lerne sie kennen, schätzen, lieben sie hört von meiner kleinen Karriere—ich bin nämlich früher wegen verdächtigem Liberalismus dreizehnJahre nichts geworden — und seit sechs Monaten find wir ein glückliches Paar — so glücklich, so unendlich heiter (drückt wieder das Schnupftuch an die Augen), daß es auf Zobel's Jubelfesten und bei Hollerer's dal odam- petro mit 24 Tambours — Drahanek persönlich — nicht lustiger zugehen kann. Folterh. (forschend). Sie setzen also das Verbrechen des Betruges voraus, wegen verschwiegener Vaterschaft, respective wegen Verhandensein eines Kindes ohne rechtlichen Beweis? Marian. Nichts von alledem, lieber Rath; ich beklage nur Eins, das nämlich, was mitunter ganze Völker beklagen, den Mangel an Vertrauen! Nichts fehlt zu meinem Glücke, als die Aufrichtigkeit meines Weibes: ein offenes Gestaud- niß, nichts als die drei Worte: »Ich habe gefehlt!* Als Conceptspractikant brauchte ich meine ganze Zeit auf den Hunge r, hatte daher keine zur L i eb e; man sagte mir aber damals, daß das Vertrauen, die Geschwätzigkeit der Auserwählten das erste Symptom der Liebe sei. Ich habe davon bei Rosa noch nichts bemerkt und kann darum auch nicht glauben, daß sie an jenem Landesgerichtsrath Gefallen findet, der seine Jugend ans Aerar verkauft hat. Folterh. Da lasten Sie nur mich machen, lieber Marian. In zwei Tagen Hab' ich's Heraußen — Marian. Ich weiß! Sie holen Erkundigungen ein — Folterh. Schreibe an alle Bezirksgerichte. Marian. Und hängen die Geschichte an die große Glocke, damit die ganze Stadt auf die Arme mit Fingern deutet. Folterh. Nötigenfalls wendet man sich auch an den umsichtigen Kommissär Schreimeier. Marian. Und erkundigt sich bei den Oebstlerinnen. nicht wahr? Da hätten wir wohl Knall und Fall ein Geständniß, aber auch ein vernichtetes Lebensglück. Folterh. Also ohne Maßregeln, ohne umsichtigen Schreimeier? Marian. Ohne die Daumschrauben des öffentlichen Scandals! Wenn Prinzen oder Prinzessinnen zu erwarten find, da stehen die Kanoniere wochenlang mit brennender Lunte, um die hundert Schüsse ab- zufeuern! So steh' auch ich seit Monaten geladen, um sie lOlmal verzeihend an's Herz zu schließen, vergebens — ich komme nicht zum Losdrücken! Und endlich, wie schonend muß da umgegangen werden? Der Schleier, der ein Frauenherz umschließt, will sorgfältig auseinandergefaltet sein, sonst verschlingen sich die Fäden und das Gewebe wird undurchdringlicher als je — bis es der eigene Entschluß zerreißt. Helfen Sie mir, lieber guter Rath, und sagen Sie, wie bringt man eine Frau zum Geständniß ihrer Jugend- sünde — Folterh. Durch Documente, durch behördliche Atteste, Taufscheine und Schrei- meier. Marian. Alte Criminalpraxis, Herrt Rath, hochnotpeinliche Procedur oichd weit entfernt vom Zwick in rechte unr- > inke Brust, ja — mahnend an Hexenve ^ brennung. Das Herz, lieber Rath, muß d inquiriren. Niemand als das Herz! Folterh. Junger Mann — ist nicht durchführbar! Schöne Worte, moderner Schwindel, Larifari! Maßregeln sind die Hauptsache. Einschreiten, nichts als Einschreiten. 8 Marian. Glauben Sie? Und ich, Sie mögen lächeln oder nicht, ich pflege alle Verbrecher, diemirvorgeführt werden, durch das Wort zum Geständnisse zu bringen, durch jenes Wort, das in ihre Seelen dringt und ihre Herzen bewegt. Folterh. Herzea bewegt? Sehr gut! bei Einem, der 30mal g'siohlen hat, in die Seele dringen, bei Stempeldefraudan- ten mit Gemütbssud? Marian. Und wollen Sie wissen, wie ich das mache? Folterh. (ironisch). Ja, da macht' ich sehr bitten. Marian. Gut, dann nehmen wir z. B. an — Sie selbst wären der Verbrecher sagen wir ein Mörder — Folterh. (rasch einfallkild). Oder ein Einbrecher, wiederholt abgestrafter Gewohnheitsdieb u. s. w. Mari am. Also zuerst natürlich die üblichen Fragen: Sie heißen? Folterh. (mürrisch — mit verschränkten Armen). Folterhuber. Marian. Geboren — Folterh. Krems — Marian. Ledig — verheiratet? Folterh. Ledig — Marian. Religion — Folterh. Keine! Marian. Also, lieber Folterhuber, sehen Sie, man sagt, sie hätten im Walde einen Mann erschlagen und seines Geldes beraubt. Folterh. (mürrisch). Js nicht wahr, ich weiß von gar nichts. Marian. Es war ein Mann, der in die Apotheke der nächsten Stadt gelaufen war, um die Arznei für sein krankes Kind zu besorgen — Folterh. (wie oben). Was weiß denn ich? Marian. DasHerz klopft ihm so freu- dig in der Brust, denn der Doktor hatte versichert, daß das Kind gerettet sei — wenn es so bald wie möglich die verschriebene Arznei bekömmt. Er beflügelt seine Schritte; schon sieht er die Hütte, in welcher die Mutter am Krankenbette des Kindes bleich vor Schrecken, den Angstschweiß von der Stirne desKleinen wi'cht —schon zieht er sein Taschentuch, um den Seinen zu winken, daß er Hilfe, Rettung bringe, da heben Sie den Knüttel —- Folterh. (fährt jich nach der Stirne und würgt die Worte heraus). Es is — es is — Marian. Ein entsetzlicher Schrei und der Mann liegt mit zertrümmertem Schädel zu Ihren Füßen — Sie entreißen ihm die wenigen Groschen und man bringt den Erschlagenen einige Stunden später in die Hütte des Elends. Angeklagter! Bedenken Sie — eine Mutter, die ans den Netter ihres Kindes harrt — eine Mutter, welche die Minuten in der dangen Erwartung zählt, die freudig die Thüre aufreißt, als sie die Schritte vor derselben vernimmt und der man nun statt Rettung für das weinende Kind den erschlagenen Vater vor die Füße legt — Folterh. (schluchzend). Ja, HerrRath, das Hab' ich gethan—ich bin dieser elende Mensch — Marian. Eine Mutter, die verzweifelnd niederstürzt auf den Gemordeten und am anderen Morgen zwei Lodte zur letzten Ruhestätte geleitet! Folterh. (wie oben). Auch Hab' ich in Neutitschein falsche Zehnerln gemacht — Marian (lachend). Nun, bravo, Herr Rath, es wirkt ja prächtig das Bischen Beredsamkeit! Das Wort soll leben, die Sprache des Herzens — sie wirkt mehr als die Verlesung sämmtlicher Paragrafe. Folterh. Richtig! (Besieht sein Schnupftuch.) Einige pensionirte Thränen! Merkwürdig; und mich haben sie immer für den Hartgesottenen gehalten, denn ich war der Einzige, der zu allen Hinrichtungen als dirigirender Bezirksleiter gegangen ist! (Umarmt ihn.) So wabr ich der Folterhuber bin, Sie haben einiges Talent. Marian. Und so wollen wir's auch bei — 9 — meiner Rosa versuchen! Mein Gott, ein Richter muß auch etwas von einem Schau spieler haben; Schade, daß das Spielhonorar so gering ist. Aber trocknen Sie Ihre Lhränen, Herr Rath, wo haben Sie denn Ihre Amtsmiene hingethan? Ist das ein Gesicht für einen goldenen Kragen, ein Ausdruck für die VI. Diätenclasse? Fassung, Herr Rath! Fassung, sonst bringen wir meine Rosa in diesem Leben zu keinem Geständniß! (Mit Folterhuber rechts ab.) Vierte Scene. Rips (im schwarzen Frack, weiße k.ravale; in der Hand eine weiße Stange mit rother Fahne). Eiltreetied. Die schrecklichste Plag' auf der Welt, das iS g'wiß, Wann Aner wie i a Bezirksausschuß iS. Denn gibt's wo ein Brand oder fallt etwas ein. Muß immer ein Ausschuß dabei g'wesen sein, Und besucht uns ein Prinz, sei es Ruß oder Türk', So lauert am Bahnhof der ganze Bezirk. D rum sag' ich a immer — na es geht nimmermehr! Wann i nur, Wann i nur Ka Bezirksausschuß war'! 3s irgend ein Umgang, heraus mit'n Frack. Wird wo was eröffnet (bückt sich tief) hinunter mit'n G'nack, G'schicht wo etwas Dalkens, da reißt Ein d' Geduld, Hat immer alanig der Ausschuß die Schuld, Und is wo das Pflaster net völlig planirt. So wird mer auf d' Nacht noch im WirthS- haus sekirt, D rum sag' i a immer na, i mag nimmermehr, Wann i nur, Wann i nur Ka Bezirksausschuß wä r'! Und dieses Umschießen! Kaum hat man einen Krawall beim Röhrbrunven geschlichtet, indem man die Köchinnen beschwor: »Brüder, achtet doch vorAllem dieStaets- Brunn-Gesetze!« — hat schon wieder wen ein wüthender Hund bijssn. Während der Morgen meistens mit Lebenserweckungs- versuche bei die Selbstmörder beginnt, geht der Vormittag mit Wahlbewegung und Findelhaus-Besichtigung vorüber. Beim Essen haben wir in der Regel einige heruntergestürzte Maurer oder etwas verdächtigen Rauch mir plötzlich losgegange- nem Infanterie-Gewehr und so wird's drei oder — halber viere, wo wir — wenn kan anderer Unglücksfall vorliegt, meistens die neugebauten Kasernen dem Aerar übergeben. Mitunter gibt's auch eine clericale Schlichtung im Sommer is meistens Plenar-Schwitzung und so is bei Ranbanfall und ausgekommene Kanarienvögel langsam der Abend da, bis endlich bei Wassergefahr und Fackelzug die Nacht hereinbricht. Ja wenn jetzt a Ruh' wär'! Aber jetzt fangen die Leut' erst an in die Kalchgruben hinein zu fallen oder aus Versehen die Laugen-Essenz zu trinken! Man sollt' glauben, die Leut' hätten Vormittag Zeit genug zu ehelichen Zwistigkeiten — aber nein — wann der Bezirksausschuß im Bett liegt, da gehen die eigentlichen körperlichen Verletzungen erst an! Und doch, wie gern' wollt' ich stundenlang in der Sonne stehen bei einem festlichen Empfang, wie gern' wallt' ich wa- schelnaß wer'n beim deutschen Bundesfeste. wie gern' wollt' ich bei jedem Auflauf die schönsten Schläg' kriegen, um das Vertrauen meiner Mitbürger zu rechtfertigen — wenn nur meine Jützi. will ich sagen — wenn nur meine Helene ein anderes 10 Wesen wäre! Aber ein Ausschußherz so zu zerfleischen! (Zieht einen Brief und liest ihn unter schrecklichen Grimassen.) Wie schreibt er denn nur der elendeUnbekannte? (Liest.) Liebe Helene! (Spricht.) Liebe!! Schon der Ton, in dem er das schreibt! (Liest weiter.) Es bleibt bei unserer Verabredung;! ich komme Abends und bringe das Kind. (Spricht.) Unerhörter Mensch, bringt 's Kind alser ganzer, ohne vorher in Pyra- warth gewesen zu sein. (Liest weiter.) Aber Eines ist wichtig — Ihr Mann darf niemals erfahren, daß Sie das Kind von mir haben! (Spricht.) Crokodille!! (Liest.) Niemals, denn die Sache muß ein Geheimniß bleiben zwischen uns. (Spricht.) Aber ihr habt die Rechnung ohne Reisleitner gemacht. Auf dem nicht mehrungewohnlichen Wege der Defraudation in den Besitz dieses Billetdoux gekommen, will ich Euch beweisen, was ein Ausschuß thun kann für seine Bezirksehre! (Sieht in den Brief und sucht die Unterschrift.) Unterschrieben Ihr alter Freund! Anonyme Briefe werden sonst nicht berücksichtigt, aber ich muß diesen alten Freund auffinden und wenn ich wegen einer versäumten Man- dats-Eommission meinen Kanal in die Hände der Wähler zurücklegen müßt'! Alter Freund! Wenn ich nur müßt', wie er heißt und wo er logirt, o. ich hätt'n gleich! Aber so nix wie alter Freund! Der Schrift nach scheint er entweder den gebildeten oder den ungebildeten Ständen anzugehören. (Stemmt eine Hand nochdenk lich aus jenen Tisch, ans welchen Marian seine Acten legte.) Wie wär' es, wenn ich diesen Brief der löbl. Polizei-Ober-(Sein Blick fällt auf die Acten — stummes Spiel des Erstaunens — er ergreift die Acten, stiert sie an, bricht in ein Verzweislungsgelächter aus und hüpft mit den Pap ereu einige Schritte im Zimmer herum.) Hat ihn schon, hat ihn schon! (Bleibt stehen.) Dieses K und (seinen Brief mit den Acten vergleichend) mein K is aus einer Fabrik, das M is rein Porträt, das lange S da is einG'schwisterkind von mein S — c — h — mit einem Wort wir find dem Verbrecher auf der Spur — (Hat die Acten, sie fortwährend mit dem Brief vergleichend, wieder aus den Tisch gelegt.) Fünfte Scene. Johann (Bedienter bei Marian, mit den zum Tischdecken erforderlichen Taselrequifiten). Voriger. Joh. Euer Gnaden allein? Haben Euer Gnaden den Herrn Landesgerichtsrath noch nicht gesprochen? Rips (ausathmend). Mit dem Herrn Landesgerichtsrath? O nein! (Für sich.) Es ist also ein k. k. Kind. Joh. Ich geh' ohnedem hinein aufdecken, da werd' ich's dem gnädigen Herrn gleich sagen. Rips. Halt, ein Wort. (Greift in den Sack.) Hier haben Sie eine Einladungskarte zur Procesfion nach Lanzendorf — und hier ein Abzeichen, welches Sie berechtigt. bei jeder Feuersbrunst nach Belieben Wasseramper zu tragen — und an die gefährlichsten Puncte zu klettern — aber nur ein einziges Wort (zeigt ihm die Acten): Wer hat das dahier geschrieben? Joh. Na wer denn sonst, als der Herr Landesgerichtsrath! (Geht rechts ab.) Sechste Scene. Rips (allein). Also ein zur Ausrrcht- haltung der Ordnung ernannter Mann hat ein vaterloses Kind! Ein Greis, der nichts als Dienstjahre hinter sich haben soll, hat eine solche Jugend hinter sich. (Ringt die Hände.) Undich, erst zwei Jahre verheiratet, ich. der ich gehofft Hab', meine eigenen ehelichen Bezirks-Civilkinder zu bekommen, krieg jetzt vielleicht ein civilehliches Ans- schußkind nach'n andern! Aber Fassung — Fassung. Keine Ueberstürzung — be- denke, du gehörst der Commune an. Vorher Gewißheit — dann, aber auch erst dann fürchterliche Skuptschina mit etwas Toptschider und Karageorgiewitsch! sGeht empört aus und ab — hin und wieder seinen Pries mit den Acten vergleichend.) Siebente Scene. Voriger. Marian (dem Folterhuber den Vortritt einräumend). Marian (an der Thür). Bitte, bitte, Herr Landesgerichtsrath! Rips (Folterhuber musternd — sür sich). Also der Erste, das ist derjenige, welcher sich fortgepflanzt hat. dieser Mensch gewordene Theuerungsbeitrag? Marian. Sie wünschen mich zu sprechen, mein Herr! Rips. Im Gegentheile (immer wüthend auf Folterhuber blickend) ich habe mit gar Niemand zu sprechen. Marian. Johann sagte mir doch - Rips (leise zu ihm). Sind Sie verheiratet? Marian (verwundert). Allerdings. Rips (wie oben). Dann hüten Sie sich vor diesem Menschen. (Laut.) Was ich wünsche? (Deutet auf's Fenster.) Sehen Sie unten die Menge Herren, jeder mit ein'n Fahn? Das is eine Commission — Marian. Ah, Sie sind gewiß von der Gemeinde? < Rips. Zu dienen und habe Ihnen die angenehme Mittheilung zu machen, daß (auf's Zimmer deutend) hier die Pferdebahn durchgehen wird. Marian. Hier durch meine Wohnung? Rips. Ist mir sehr leid, aber wir werden Euer Wohlgeboren halt einstweilen wie die Schützen im Schuldknarrest unterbringen. Marian. Und darum find Sie hier, beßhalb diese Fahne? Rips. Aufzuwarten; wir messen grad' aus und reißen Alles nieder, was uns im Weg steht — Marian. Aber dieses Haus gehört ja meiner Frau und nicht der Commune — Rips. Wird abgelöst, muß halt um's ganze Geld lauter Loos nehmen und Bil- leten zur Faschingsdienftags-Redout — Marian. Ei, hol' Sie der Teufel sammt Ihrer Vermessung. Folterh. Ich erlaube mir zu bemerken, daß vorher denn doch laut Paragraph — Rips (leise zu ihm). Ich heiße Rips — Herr Rath — genügt Ihnen das? Folterh. (nachdenkend). Rips? Rips? Was ist denn das für ein Rips? Rips (Marian bei Seite ziehend). Ich war schon seit heut' in der Früh hier im Haus und bin für das allgemeine Interesse schon aus allen Quartieren hin- ausg'worsen wor'n, aber hören Sie mich nur an. Folterh. (vorkommend). Sind Sie vielleicht jener Rips, welcher im Jahre 47 in Oedenburg mit einem Rafirmesser — Rips. Ich bin jener Rips, der Ausschuß is bei die Fotografen und meine Frau is die Gattin vom IX. Bezirk! — will ich sagen umgekehrt. Kein Wort weiter — Herr Rath — hier ist nicht der Ort — Folterh. Ja was wollen Sie denn eigentlich? Rips (beim Fenster hinausblickend). Die Commission winkt — (drückt ihm die Fahne in die Hand, stellt ihn mit dem Rücken gegen das Publicum und spricht:) Halten's ein Augenblick. (Eilt zu Marian.) Lesen Sie, Unbekannter mit wohlwollenden Gefichts- zügen, lesen Sie und erfahren Sie, welches Aquarium von Schlangen Sie an Ihrem Busen genährt haben! (Hibt ihm seinen Brief.) Marian (für sich). Himmel, was seh' ich — wahrhaftig, es ist der Brief, den ich an Helene geschrieben — (Laut.) Sie sind doch nicht — Rips. Ja, ich bin's, den Du genannt 12 der mit Kindern überraschte Gatte — und dort — armer Unglücksgenosse. edler Sachse, der Du gewiß mein Schicksal theilst — dort steht der Elende, dem wir unser beiderseitiges Unglück verdanken — Marian Sie sind also Herr Rips, der Mann jener Fotografin -- Rips. Und wenn's noch ein Mannsbild wäre, ein Uhlaner oder bei die Ver- vflrgsbäcken, da sind auch so hübsche pun- kete Leut, aber schauns nur bin! Dös G'stell von ihm!-ich bitt' Ihnen, nehmen wir unsere G'steller, es ist auch nicht viel dahinter, wir wer'n uns auch nicht seg'n lassen im Prater als Riesen weibeln — aber im Vergleich mit dieseni Landesgerichtsrath - können ja wir uns auf jede Brucken stellen als Monumente— Marian (ihm den Brief übergebend). Tausend Dank, mein Lieber, daß Sie mir diesen Einblick gewährten. — (Lächelnd.) Ich werde dem Verworfenen nun gleich falls auf die Finger sehen — o mein lieber Herr Rips — ich werde secundi- ren, wir wollen dem Elenden in seine Schlupfwinkel folgen, in alle seine Laster höhlen wollen wir ihm nachsteigen — Rips. Wenn er zum Sperl geht, ganze Nächte wollen wir opfern — Marian. Wir werden ihm nachschleichen diesem Vampyr. Rips. Und dort sitzen wer'n wir beim Bier. Marian. Bis wir ihn endlich einmal ertappen bei der That. Rips (verwundert). So lang wolln wir warten? Gut, in Gott'snam', ich bin auch dabei — aber dann — Marian. Dann — aber erst dann — versprechen Sie mir's, ja nicht früher, dann wollen wir zusammen Gericht halten über ihn. - (Für sich.) Der Jrr- thum dieses Schafskopses kommt mir trefflich zu Statten — die kleine Irma wird nun um so besser aufgehoben sein bei Rips (trocknet sich die Thränen). Ihnen hat mir der heilige Wenzel gesendet, mein Schutzpatron. Ich bin nämlich ein Böhm', der sich hat taufen lassen, will ich sagen, verdeutsch gelernt hat: ein Deutsch-Böhm'! Unbekannter, in meine Armee! — Der Verworfene, der jetzt der Pferdebahn die Stangen halt, hat 'uns zwar um unsere Ehre gebracht — aber wir können mit Stolz sagen: Gott sei Dank, wir haben's nicht nöthig! Marian. Leben Sie wohl, und" gut aufgepaßt — ich werde Sie heute noch besuchen, um das Weitere zu besprechen. Rips. Sehr gut! Ich bin leicht zu finden! Entweder bin ich bei der Schadenerhebung in Abbs, oder Sie finden mich, wenn ich nicht just in Wiener Neustadt bei die Wassermacher bin, ganz sicher bei der Volksversammlung auf der Schmelz. (Entreißt dem Folterhuber die Fahne und eilt, diesem einen verächtlichen Blick zuwersend, durch die Mitte ab.) Achte Scene. Vorige ohne Rips (bald daraus von links) Rosa. Folterh. (sich langsam gegen das Publikum umkehrend). Ja, was ist denn das für ein Mensch? Ich wirke da mit in Berücksichtigung des wohlthätigen Zweckes, und jetzt nicht einmal ein öffentlicher Dank? Marian (ihm scherzhaft mit dem Finger- drohend). Herr Rath, Herr Rath! Folterh. Nun, was ist denn los? Marian. Ich habe da Dinge von Ihnen erfahren — Folterh. Dinge? Von mir? Was für Dinge? Marian (ihn ausdieAchsel klopfend). Sie sind ein kleiner Don Juan, Folterhuber — Folterh. Ich ein Juan? Ich, der ick mein ganzes Leben nur mit Verbrecherinnen gesprochen Hab' — Marian. Na. na — nur kein Läugnen — Herr Rips hat mir schöne Geschichten van Ihnen erzählt — Folterh. Von mir? Ich werde gegen H errn Rips nach Paragraph — Marian. Still — meine Frau. Folterb. Beginn der Sitzung (im Amts tone) Gegenstand der Verhandlung ist di, Anklage nach- Marian. Aber Herr Rath. — Folterh. (wie oben). Verlesen Sie - Marian. Um Gottesnullen, wir sind ja nicht in der Alservorstadt auf Nr. 1 - Rosa (von links herzlich auf Marian zn- kommend). Wie, Du bist schon zu Hause vom Bureaux — heute um eine Stunde früher als sonst? Marian (einen Arm um ihre Taille legend und einen Kuß aus ibre Stirne drückend). Deinetwegen, mein Kind; ich habe Dir zu Liebe einen »Betrugt auf morgen ver schoben.'Eine Verhandlung nämlich- (Kolterhuber vorstellend) Rath Folterhuber, einst mein Vorgesetzter — Folterh. Nun Opfer der Umsturz Partei — Marian. Ein vortrefflicher Mann, der vor Begierde brennt, Dich kennen zu lernen. Folterh. (küßt Rosa s Hand und sagt, indem er zurücktritt, für sich). DasersteMal, daß ich einer Angeklagten die Hand geküßt habe. Rosa. Seien Sie uns herzlich willkommen. Die Freunde meines Mannes find auch die meinigen. Folterh. (sich diese Rede notirend). Wir werden im Laufe der Verhandlung daraus zurückkommen. Marian (wirft ihm einen verweisenden Mick zu und führt Rosa zum Sofa — Sich an ihrer Seite niederlassend). Ja, meine liebe Rosa, so gerne ich dem beleidigten Rechte Genugthuung verschaffe und so sehr ich mich freue, wenn ich einem der wenigen erwischten Meuchelmörder Gelegenheit bieten kann, sich zu überzeugen, wie die Regierung für die Bequemlichkeit der Verbrecher bereits das Möglichste gethan hat, während die ehrlichen Leute vorläufig noch allerlei Bedürfnisse auf Sem Herzen haben - so gerne ich da drinnen wirke inmitten der Schattenseiten der Gesellschaft, so gerne suche ich auch (ihre Hand ergreifend) ihre Lichtseiten auf, denn unsere Amtshandlungen sind mitunter recht unangenehm. Rosa. Sag' mir, lieber Heinrich, was versteht man denn eigentlich unrer Amtshandlung? Marian. Das ist nicht gleich, mein Kind. Das hat in jedem Bureau seine andere Bedeutung. — Bei manchen Behörden heißt Amtshandlung so viel wie: Alles liegen lassen. Bei uns im Kriminal dagegen bedeutet aber Amtshandlung wieder so viel wie Alles sitzen lassen. Rosa. Ach, so ist das! Marian. Sehr häufig jedoch sind diese Amtshandlungen sehr trauriger Natur! (Nimmt das Actenpaquet vom Tische.) Io zum Beispiel der merkwürdige Fall, welcher mir heute zur Erledigung zugewiesen wurde. Rosa. Ach laß' hören! Die Rubrik »Aus dem Gerichtssaale« ist ja auch meine Lieblingslectüre. Marian. Besonders jetzt wahrscheinlich. wo man darin so interessante Mit- Heilungen findet aus noblen Kreisen, wo wir täglich von einem Gönner hören, der in der Nacht ausgehoben worden ist! Leider ist mein Fall hier ein profaner; weder Blausäure noch Stempelmarken spielen eine Rolle dabei, der Ort der Handlung ist dießmal nicht die Landeshauptcassa, auch brauchen die Betheiligten, weil sie keine Adeligen sind, keineswegs zu bürgerlichen degradirt zu werden. Folterh. So ein Fall halt, wo keine Karten ausgegeben werden. Rosa. Und dennoch interessant! Du machst mich immer neugieriger, Heinrich. 14 Marian. Es handelt sich um ein armes, verlassenes Kind. Roso (erschrickt). Um ein Kind! . . . Marian. Ja wohl, um ein Kind, das einer armen Witwe zur Pflege übergeben war, während die Mutter — nicht wahr, das ist unbegreiflich — in den besten Verhältnissen leben soll. Rosa (in steigender Aufregung). Es können allerdings Umstände obwalten, welche auch eine solche Mutter entschuldigen ... wenn sie zum Beispiel.... Marian. Geduld, liebe Rosa; laß' Dir doch den Hall in aller Ruhe erzählen. In Mariahilf — Rosa (hastig). In Mariahilf?- Marian. In einer Seitengaffe links — Rosa. In einer Seitengasse links? Marian (scherzhaft). Gewiß hast Du eine Uarekauäe äo8 moä68 da draußen, denn sehen Sie nur, lieber Folterhnber, meine arme Frau glüht sa beinahe in Fieberhitze — Folterh. (sehr ernst leise zu ihm). Vielleicht können wir diese Aufregung später als Milderungsgrund verwenden. Rosa (sich fassend). Ich bin allerdings kindisch — aber weil Du mich so lange auf die Folter spannst, fürchte ich bereits, daß dem Kinde etwas Schreckliches widerfahren ist. Marian. So ist es auch — Rosa. Rede, um Gotteswillen, rede! Marian. In jener Seitengasse soll nämlich eine gewisse Frau Brinke — Rosa. Eine Sprachlehrerswitwe, auf Nr. 142 im zweiten Stock, die Thüre skchts. Marian. Sehen Sie nur, Folter-Huber. sie muß bei ihr einmal Französisch gelernt haben — Rosa. Und diese Frau, Heinrich? Marian. Hatte ein Kind in Pflege, das Du vielleicht bei deinen Unterrichtsstunden gar nie bemerkt haben wirst — Rosa. O doch — und dieses Kind — Marian. Ueber welches keine näheren Nachweisungen existiren, ist eben Gegenstand der Verhandlung. Rosa. Frau Brinke w'rd doch nicht vielleicht erkrankt sein. — Marian. Mehr als Alles, sie ist todt. Rosa. Und die kleine Maria- mein Gott, was ist mit diesem Kinde geschehen? Marian. Es wollte, als die Pflegemutter erkrankte, um den Bezirksarzt laufen und lief auch, was es laufen konnte. Rosa. Ja, ja, so ist sie — Marian. Aber Du kennst unsere Fahrordnung, die darin besteht, daß es die Kutscher in der Ordnung finden. Alles nieder- znfübren; mit einem Wort, die Kleine, welche weder Redinger's Lerchenfelder noch die Wägen der Omnibus-Gesellschaft beachtete, gerieth mitten auf der Straße unter die Pferde und — Rosa (sich das Gesicht verhüllend). Und -heiliger Gott, das arme, unselige verlassene Kind! (Sie weint bitterlich.) Folterh. (der ebenfalls weint, klopft Marian aus die Achsel und spricht leise). Lassen wir's dießmal noch laufen. Rosa (sich die Thronen trocknend). Und man zog natürlich den verstümmelten Leichnam der Kleinen unter den Rädern hervor — Marian. Nein — sondern ein Landesgerichtsrath. der amtshandelnd eben in der Nähe die leeren Wände eines ausge- raubten Locales angesehen hatte, was man Localbefund nennt — fiel den Pferden in die Zügel, brachte sie zum Stehen und zog den kleinen Schatz zwischen den Hufen der Stellfuhr-Araber unverletzt an seine ärarische Brust — Rosa.Gerettet! UnddieserRathwar— Marian. War ich! Rosa (hat ihn stürmisch umarmt und mit Küssen bedeckt). Mein Heinrich! (Pause.) Folterh. (steckt sein Notizbuch ein). Und 15 die soll ich verurtheilen — imGegentheil, muß eine Auszeichnung bekommen. Marian. Meine gute Rosa, wie sie zittert, wie ihr das Schicksal eines fremden Wesens zu Herzen geht! Rosa. Und nun rede, was hast Du mit dem fremden Kinde gemacht? Marian (für sich). Jetzt heißt es lügen. (Laut.) Wir haben es einstweilen ämt- lich auf das Land hinaus in die Pflege gegeben — und ich trage nun hier die Folgen meiner Humanität (deutet auf die Alten), Untersuchung wegen schnellen Fahren einerseits — wegen Auffindung der betreffenden Mutter andererseits — aber halt! richtig, ja, Du wußtest doch die Adresse der Sprachlehrerin so genau, bis auf die Thürnummer?- Rosa (verlegen). Ich? ich wußte? — Marian. Vielleicht weißt Du uns Näheres anzugebeu. Rosa. Allerdings kannte ich jene Frau aus früherer Zeit und wußte, daß sie dort- hin gezogen sei — was aber die Mutter jenes Kindes betrifft. . . Marian (sehr herzlich). Nun-sei aufrichtig, Rosa — vielleicht kennst Du sie doch! Du fürchtest vielleicht ihr Verdruß zu bereiten. Scham oderVerlegenheit! Sie soll sich nennen, soll die Wahrheit sagen und ich versichere Dich, derLandesgerichts- rath wird ihr verzeihen und die Untersuchung so rasch als möglich abzuschließen suchen. Rosa. Du glaubst, daß, wenn sie reuig vor ihn hintreten und sagen würde. . sie sei keine schlechte Mutter, sondern die Liebe zu einem Manne, den sie kindlich verehre — Marian. Wer weiß, ob erihreGründe nicht begreiflich findet — Rosa. Und daß er ein armes Weib, welches ein Geständniß schon tausendmal auf der Zunge hatte — entschuldigen könnte. — Marian. Warum denn nicht? (Ihren Arm in den seinigen legend und mit ihr auf- und abgehend, Folterhuber ihnen folgend). Sie hatte vielleicht die Ehre einer zweiten Person zu schonen. Folterh. Was an und für sich die Strafbarkeit mildert - - Rosa. Wollte das Haupt eines Ehrenmannes nicht mit Schande bedecken — Marian. Eines Mannes, der am Ende gewiß nur wartet, um die Aufrichtigkeit dieses Weibes mit einem Kusse zu belohnen — Folterh. (ergreift ihre Hand). Gehn's, gnä' Frau, erzäbln's uns, was Sie wissen! (Für sich.) So zärtlich war ich mein Lebtag nicht im Criminal. Rosa (mit Thronen in den Augen). Mein Gott, weil Du so in mich dringst, Heinrich — Marian. Nun? Rosa. Weil T)u endlich auch glaubst, daß es für jedes Vergehen, sei es noch so groß. Gründe der Entschuldigung gibt — Folterh. Nun also — Rosa. Nun, so vernimm denn, daß ich — daß ich — Marian (der sie umschlungen hält und ihr treu in's Auge sieht). Nun? Rosa. Daß ich — daß gerade ich- Marian. Daß Du — Folterh. Daß Sie, gnädige Frau — Rosa (ihr Blick fällt aus sein Auge — sie bricht in Thränen aus — umhalst ihn — küßt ihn und sagt nach hartmüthigem Kampfe mit sich selbst). Daß ich Dir mit bestem Willen nichts erzählen werde — Marian (sich düster umkthrend). Nichts? Folterh. (ebenso). Nichts? Rosa. Weil ich Dir (ihre Hand an s Herz drückend) — nichts sagen kann, wenn ich's auch sagen möchte! (Schnell links ab.) (Pause.) Marian und Folterh.(kehrensich langsam gegen einander). Itz Marian. Und sie hat wieder nicht gestanden! Folterh. Jetzt hervor mit den Beweisen! (Sich die Thränen trocknend.) Hervor mit dem Augenschein, mit Polizei. Gendarmerie und Schreimeier - — Marian (die Acten aushebend, die er früher fallen ließ). Im Gegentheil! Wir haben es schon zu oft mit der Polizei versucht und mit Gendarmen, Folterhuber! Gehen wir lieber in unsere Bureaux und suchen wir's zu lernen, (sich in Folterhubrr's Aru bangend) ob man nicht doch noch aus andere Weise den Starrsinn bewältiget und dic Herzen gewinnt! (Einen wehmüthigen Blick nach der Thür werfend, hinter welcher Rosa abgegangen, wenden sich Beide gegen den Mittelausgang.) Actus. Ende des ersten Actes. Zweiter Äct. An Binkel Porträt von sich selber in Sack, Kriegt Sie an neuch's G'wand und laßt Er sich rasir'n, Nur g'schwind in d' Stadt hinein foto- grafir'n, Denn ach! man schwärmt Jetzt so wie nie Nur für a bisserl A Fotografie. Kriegt Auer a Watschen, versäumt er es nickt, Gleich laßt er sich machen mit'n geschwollenen G'ficht. War Aner im Bad — wann er zurück kommt, so wird Der Kranke mit'n Plutzer auch fotografirt. Hat Ane ein' Pintsch — ach! sein Bild muß sie hab'n, Der hängt bei die Volksmänner nachher am Grab'n — Denn ach! man schwärmt Jetzt so wie nie Nur für a bisserl A Fotografie! (Bei der Fotografin Helene. Empfangszimmer mit Mitteleingang und zweiSeitenthüren, wovon jene links in das Ausnahmszimmer, jene rechts in die Privatwohnung führt. Die Wände sind mit fotografischen Proben geschmückt und mit Statuetten verziert. Ein Tisch, aus welchem Albums liegen n. s. w.) Erste Scene. Helene (die Fotografin im schwarzen Kleid von links). Lnlröetied. Und trinken drei uralte Schachteln Kaffee, Gleich rennen's zum Angerer hin und sag'n: Sä! Das Kipferl a so und die Schal'n in der Hand. So machen's uns g'schwind, wie ma fitzen beinand'. Und die Köchin kummt gar mit'nKapral'n auf die Nacht. Gehn's, machen's uns g'rad so, wie hinten is Schlacht — Denn ach! man schwärmt Jetzt so wie nie Nur für a bisserl A Fotografie! Ich glaub' jeder Mensch, der in Wien exi- stirt, Zs a schon a dutzendmal fotografirt; Es hat jeder Bur, das is do schon an Plog' Ja. seitdem ich diese Menschenvervielfältigung gelernt Hab' — mir sind schöne Sachen Unterkommen! Jede Kundschaft hätt' andere Schmerzen! Der braucht einen Sonnenuntergang 17 zu sein Porträt, die will wieder einen Wasserfall mit Mondbeleuchtung, wieder ein' Andere den hinabsinkenden Äbendstern mit etwas Gebirgslandschaft — ich derfet die schönen Gegenden und die Naturerscheinungen vorräthig haben wie die Kräutlerin den Salat. Aber mein Gott, diese Sekaturen lasset ich mir alle noch g'fall'n, wann mich nur mein Mann nicht so martern thät mit seiner Eifersucht. Was kann denn ich dafür, daß ich einen solchen Zu« lauf Hab' von die Mannsbilder, und daß ich die Herren alle so gut triff? Aber was mein Mann treibt, das is ja gar nicht zur Veröffentlichung geeignet. Wie Einer kommt unter siebazig Jahr' — möcht' er ihm gleich den Apparat in's G'sicht werfen. der Narr, und wenn ich ihm noch so oft sag': A G'schäftsfrau muß sich höflich benehmen mit alle Herren ohne Unterschied des Standes und darf am End' nicht so rigoros sein bei deutsche Schützenbrüder, und andere Kundschaften, die man mit Bruderliebe absiedcn kann — er sieht's net ein! Zweite Scene. Rips (immer mit weißer Cravatte, stürzt hastig zur Thüre herein und mustert die Situation). Vorige. Rips. Gott sei Dank, keine einzige Kundschaft im ganzen Local! Helene. So schön! Und da sagst Tu: Gott sei Dank? Rips. Weil ich jetzt wenigstens wieder mit Ruhe an die Donauregulirung gehen kann. — Helene, bei dem Leben unserer Kinder — die noch nicht auf der Welt sind — beschwör' ich Dich, gib diesen lasterhaften Lebenswandel auf! Helene. Lasterhaften Lebenswandel? Ja ist denn das Fotografir'n a Laster? Rips. Gehst Du nicht immer hin zu die Männer und thust es richten? Gibst Du ihnen nicht selbst die schwärmerischen Stellungen an, die hingegossenen? Glaubst Wim. Tk>rat.-Rtf. Nr. 24 S. Du, es kann mir gleichgiltig sein, wenn sich gleich ganze Vereine von Dir unfreundlichen Lächeln unterrichten lassen? Helene. Aber das gehört ja zum G'schäft! Rips. Wo ich der Commune als Mister vorleuchte, willst Du wirklich der Bevölkerung ein abschreckendes Beispiel veranstalten? Helene. Sixt cs, Lorenz, was Du für a verrückter Mensch bist! Du weißt do, daß wir von unsere paar Netsch nicht leben könnten — besonders jetzt, wo Du das Handschuhmachen aufgeben hast und den ganzen Tag nix thust, wie Pslasterstaner abzählen und Anreden halten an die Pfründner! Sei do froh, wann ich was verdien' und mit mein' Verdienst unser Quartier und die Wäsch' zahlen kann! Rips. Lieber geh' ich ganz ohne Wäsch' und logir' unterstandslos, bevor ich von diesem Sündengeld Worlizekische Toilette- gegenstände möcht' oder nankinene Hosen, die mit der Ehre bezahlt sind bei die Gebrüder Krach — Helene. Aber sag' mir nur, was hast denn? Rips. Beweise, denn ich weiß Alles — Helene. Was denn nur für Beweise? Geh', red' — Lorenz, was ist denn los? Rips (höhnisch). O, nichts, gar nichts. Was soll denn los sein, wenn man so ein liebes, (hämisch) treues — unerfahrenes (bei Seite) Hohngelächter der Hölle (laut) unschuldiges (für sich) da g'höret schon ein Lewinsky-artiges Gefletscht her — (zärtlich) Fotografieweibl hat, wie ich! Helene (ihn am Kinn streichelnd). Net wahr und Du siehst es net ein? Dritte Scene. Vorige. (Ein ungarischer Corporal und ein ausgehungerter Diurnist treten ein.) Rips. Ahan, geht schon wieder an die Metten! 2 18 Helene (sehr höflich zu den Herren). O, ergebenste Dienerin, meine Herren — freut mich sehr, daß Sie gerade mir die Ehre schenken. Rips (für sich — wüthend die Fauste ballend). I kunnt die zwa Kerln über's Dach überiwerfen. Korporal (im ungarischen Dialect). Servus, Madam Fotografin, macht' ich gern schicken Porträt von mir nach Debrezin. Helene (die mittlerweileancinem Glockenzug geläutet hat, woraus von links zwei Gc- bilfen erscheinen). Bitte, gleich; Herr Schmiert, bringen's den Hintergrund mit'n sterbenden Krieger! Rips. Da rennen's herum die Leut' und unser ans glaubt, sie san reducirt. (Zu dem Diurnisten.) Und Sie wollen Ihnen auch sotografir'n lasten? Diurnist (seufzend). Ja wohl, das Bild gehört für meine Braut — Rips. So was Heirat' auch — Diurnist. Wir warten nur noch auf den Theuerungsbeitrag, dann ist gleich die Hochzeit. Rips (zum zweiten Gehilfen). Bringen's den Hintergrund mit'n großen Wasser, vielleicht stürzt sich der Herr gleich hinein! (Beide Gehilfen sind nach rechts ab und kehren mit den nach obiger Andeutung bemalten Rückwänden zurück.) Helene (aus Rips zugehend, ihm in die Ohren lispelnd). Wirst denn noch net aufhören mir meine Kundschaften zu disgu- stiren? — Rips. Warum misten die Herren nix G'scheidteres, als sich fotografiren zu las sen? (ZumLorporal.) Warum filldSie nicht in Bruck? Warum wetzen Sie nicht Scharten aus? Siege will ich haben für meine Steuern, preußische Lhaler Kriegsentschä- digung will ich haben und vertriebene Könige für mein Geld! Corpora! (an s Seitengewehr greifend). Istenem, was is für ein verdammter Schwab? — Rips (hastig). Stecken lasten — um Gottes will n, is vielleicht auch scharf g'la- den — denken's an die Ststtgasten. Helene (ihn am Rocke haltend). Zum letzten Mal sag' ich Dir — Rips (zum Diurnisten). Und Sie, ein Beamter, Sie vertändeln hier die Zeit, während das Volk in einem fort auf eine Menge Bewilligungen wartet? Helene. Aber Lorenz, hörst denn net? Rips (mit seinem Verweise sortsahrrnd). Wann Jhner Porträt das Einzige is,was wir schwarz auf weiß kriegen, danng'hor- schamer Diener — Helene Lorenz! Diurnist. Aber ertauben Sie mir, was ist denn das für eine Manier? Ich komme hicher und will eine Fotografie — Korporal, kbatta, und sollen wir einstecken ane Grobheit um andere — Helene (zwischen die Beiden tretend sehr freundlich, leise). Aber meine Herren, sehen'v denn nicht, daß dieser Mensch hier (deutet aus den Kops und gibt zu verstehen, daß er verrückt sei) vo rosimi — verstehen's. Denken's Ihnen, es is Einer von Die, — welche den wissenschaftlichen Luftballon erfunden haben, — wo damals die Polizei so g'stiegen is — d'rum bitte ich nur einst- weilen (ausdie Thür links deutend) dahinein zu spaziren. Korporal (aus den verblüfften Rips zu- tretend). Ah, wann das so is — da be- daur' ich sehr, wegen großem Malheur damals. Rips (bochverwundert). Wegen n Malheur damals! (Pikirt.) Ich glaub', Sie derfen Ihnen a net über's große Glück beklagen. Korporal (im Abgehen). Nächste Mal wird schon bester geh n! (Ab links.) Rips. Wünsch' gleichfalls! Ah, das is ein curioser Mensch! Diurnist (dem Rips wehmüthig dieHavd drückend). Mein herzliches Beileid, daß Ihnen die Füllung nicht gelungen ist- (Geht traurig links ab.) 19 Rips. Tie Füllung? Mir? (Mit Bezug aus dessen Magerkeit.) Der redt' was von einer Füllung! Mir scheint Ihnen is auch no net gelungen. Helene. Aber (ihn mit dem Ellbogen I stoßend) was net is — Lorenz — gelt — I geh, schau' weg! — was net is — kann I ja noch wcr'n — I Rips. Wann's der Herr will — I Helene. Und wann erst das der Fall I sein wird, Lorenz, wann wir unser eigenes I pakschierliches Mauserl haben — dann I sollst Du fegen — was die Fotograsin > für a brave Mutter sein kann. (Markirtdas I Folgende.) So traget ich's im Arm — so I haltet ich Dir's hin zum Küssen (er küßt noch der bezeichneten Richtung). » und dann 1 ? ginget ich glücklich mit mein klan Afferl in s Kindszimmer und thät's einschlafern. I' (Im Abgehen, wie mit dem Kinde spielend, I > singt sie das bekannte Ammenlied): Ringer — Ringer — ei — a Sind wir unser drei a. Setz'n wir uns am Hollerbusch. . 8. Sag'n wir Alle husch — husch—husch-1 ^(Schnell nach links ab.) »c. 21 Fünfte Scene. Rips (allein, gerührt). Die kann sich leicht am Hollerbusch setzen! Aber wo soll ich mich hinsetzen? — Sie kann leicht lachen, wann das Findelkind im Haus is! aber was soll ich thun, der Findelvater? Aber nur Geduld! die Zeit der Rache kommt! Die Ungarn haben 20 Jahre gewartet, bis sie ein Drittel der Staatsschulden haben zahlen derfen—aber durchsetzt haben sie's doch! d'rum nix reden derweil, abwarten — in üa^ranti erwischen — dann Topschieder! — (Ruhig.) Einstweilen ziehen wir die transparente Uhr auf die Pfarrkirchen auffi (in den Acten blätternd), Nachmittags-Resolution wegen — eh schon wissen — wird sehr resolut ausfallen; — Abends Quartier suchen sür's nächste Jubelfest! denn auf so Sachen muß man bei uns immer vorg'seg'n sein. Einleitung zum Couplet (dann durch die Mitte ab.) Sechste Scene. (Don links in das Zimmer zurücksprechend.) Helene, (als ab sie zn zwei Kunden spräche). Ich bitt', war mir ein Vergnügen, schenken's mir bald wieder die Ehr'; wir thun Ihnen auch malen und kommen auf Verlangen mit der ganzen Pasteten in's Haus! Herr Schmiert, lafsen's die Herr n bei der andern Thür' hinaus, so san's g'schwinder auf der Gassen. (Schließt die ^hüre hinter sich.) Also, richtig, ich darf vas Wutzerl, von dem mir der Herr Lan- oesqerichtsrath g'sagt hat, in's Haus nehmen und mein Älter hat a so a narrische Freud' — es derfet sein Eigenes sein. Der arme Herr Rath! was muß denn der nur angestellt haben, daß er in ein so schlüpfriges Operetten - Sujet verwickelt wor'u is? Ein öffentlicher Beamter und ein hamliches Kind, das paßt ja gar nicht z'samm'! — Aber für die Wohlthaten, die er mein' seligen Vätern erwiesen har — der wegen 19 Preßprozeß 37.000 Jahre Kerker hätt' absitzen soll'n—wann er nicht ehnder g'storben war — für die Wohlthaten will ich mich jetzt auch dankbar beweisen. (Sie Hot die Albums geordnet und auch sonstOrdnung gemacht imZimmer.) Siebente Scene. Vorige. Rips (steckt den Kops zur Thüre herein). Rips (für sich). Wieder kein Mensch da? Nirgends was zu seg'n von einer Kundschaft? Beruhigt kann ich jetzt unsere neue Feuerspritzen probir'n. (Ab.) Achte Scene. Helene (allein, in ihrer früher unterbrochenen Rede wieder fortfahrend, ohne Rips bemerkt zu haben). Hat er net alle erdenklichen Gäng' g'macht für mein' Vätern, hat er ihm net die Krankenkost verschafft und hat er endlich — wie mein Vater (sich eine Thräne trocknend) gleichzeitig mit sein' liberalen Blatt hinübergegangen ist in ein besseres Jenseits — wo es keinen Cautionsverlust gibt — hat er da net mir die 800 fl. glichen, damit ich dieses Etablissemang, wie die Berliner sagen, Hab' anfangen können? Ein Etablissemang, wo schon so wie am Spielberg di: berühmtesten Leut' gesessen sind? Wo das Geschäft so gut geht, daß es bei uns wie im Finanzministerium heißt: Hier wird von Früh Morgens bis spät in die Nacht aufgenommen! Das werd" ich ihm nie 22 vergessen, dem Herrn Rath, daß er für mich — nach dem Tode meines Papa's, des Herrn Wenzel Zawratil, eine Schiller-Stiftung gegründet hat! Ah, schon wieder ein Porträtbedürftiger! Neunte Scene. Helene. (Durch die Mitte) Emil. Emil. Ah, da ist sie ja! (Sie durch das Augenglas betrachtend.) Und in der That magnifik! Richtig, das schwarze Auge, die reizende Taille und die famosen Formen, wovon mir die Kameraden erzählten. (Tritt näher.) Guten Morgen, schöne Fotografin, recht guten Morgen! Helene. O ich bitt' sehr, die Schönheit ist meinerseits, (verlegen) will ich sagen au eoutrairs, muß schon gut sein, bis's bester wird. (Auf's Geschäft übergehend.) Was nehmen wir denn da bei dem für einen Hintergrund? (Nachdenklich, ihn dabei aar nicht trachtend.) Mit'n Büchel in der Hand, träumerisch auf'n Postament? Macht sich nicht gut bei ein' Hußaren. Oder nehmen wir den großen Pulverdampf mit die rauchenden Trümmer? Halt, ich hab's! Herr Schmierl, 's Ruckwandl mit'n Taumischen Kaffeehaus. Emil (lächelnd). Bemühen Sie sich nicht — das ist Nebensache- Helene. Ja was thun wir denn nachher? Zwar, ich hätt' auch ein Ruckwandl mit Franzosen auf der Flucht. Aber paßt halt nicht recht. Emil. Lasten Sie sich Zeit mit diesen Sorgen. Ich sehne mich zwar danach, ein Object Ihrer Kunst zu werden, aber vorläufig habe ich noch andere— ganz andere Tinge mit Ihnen zu besprechen. Heljene. Ah, Sie meinen weg'n 'n Preis. Aber, da muß ich schon bitten — nur für die Mannschaft vom Feldwebel abwärts is es billiger; Standespersonen zahlen per Dutzend 4 fl. — in die Me- daillöne kummt's natürlich etwashöher— Emil. An alles das denk'ich ja gar nicht — Helene (für fick). Der denkt gar nicht an's Zahlen; soll öfters Vorkommen beim Militär. Emil. Weil ich vorläufig nur nebenbei vom Porträt und hauptsächlich von der Fotografin etwas misten will. Helene. Von mir woll'ns was wissen? Und was denn a so? Emil. Kindische Frage! Ob Sie mir denn auch ein bischen gewogen sein könnten? Helene. Wegen was denn nicht? Ich bin ja allen Kundschaften gewogen, sehr gewogen, besonders wenn sich Aner nix d'rausma cht, wenn'sPorträt a bissel mehr schwarz ausfallt, oder wann z. B. a Hand ausbleibt; mannigsmal kummen dafür um a paar Augen mehr — Emil. Auch eine andere Gewogenheit meine ich. Aber wozu die längere Einleitung? Sie sind eine hübsche Frau — sehr hübsch sogar und haben nebstbei ein fotografisches Atelier. Das ist ein ganz guter Vorwand für die Welt, die überall ihre vorwitzige Nase dabei haben will — aber wir, wir unter uns — w i r brauchen uns darüber nichts vorzumachen. Helene. Vorwand? Welt? nebstbei? Ich mach' wem was vor? Emil. Wenn hin und wieder auch Einer kömmt, der die Situation nicht begreift, der nicht ahnt, daß hier das Fotografien bloß Sache des äußeren Anstandes ist und daß eine lebenslustige Frau sich heutzutage den Rücken decken muß — so ein Kurzsichtiger soll sich in Teufelsnamen fotografiren lassen. Ich brauche das nicht und sage lieber kurz: Schönes, fesches, frisches, liebes Weib — hier bin ich. Du gefällst mir und wenn ich Dir auch gefalle — ell bien, so gib mir vorerst ein Küßchen, das Weitere folgt! Helene. Also a so steht die G'schicht? (Mit von Thronen erstickter Stimme.) Sie halten mi. die Madame Rips, für eine 23 Lolche, wo man bloß daherkommt und -.Haferl« sagt? Emil. Haferl? O nein — Man sagt: (Zieht einen Ring vom Finger und will ihr ken's erst dann schlecht von ein' Weib, wann's ein' Beweis dafür haben. Emil. Was hör' ich? Ist Wien aus- gewechselt? Schon wieder an eine Unrechte gerathen? Aber meine liebe Frau denselben an den Zeigefinger stecken, sie zieht die Hand während der folgenden Worte schnell zurück.) Nehmen Sie diese Kleinigkeit als Erinnerung an diesen Augenblick und flüstern Sie mir in's Ohr, wann ich Sie wieder sprechen darf? (Zärtlich.) Und was sagen Sie? Helene. Was ich sag'? (Sich die Augen trocknend und sich betrachtend.) Schau' ich gar so auffallend aus? Ich Hab' doch keine Roßhaareinlag' dahinten. (Deutet auf den Zopf.) Vielleicht bin ich zu kurz? (Duckt sich.) Oder Hab ich was g'redt? Emil (sie umfassend). Nun, schöneFoto- grafin — ich bin ja verschwiegen, bin dankbar und ergeben — wie lautet deine Antwort? — Helene (sich langsam in Positur setzend, das Schnupftuch cinsteckend, in^ gekranktem Ton). Wie meine Antwort is? So oder so. Je nachdem! Ich weiß halt no net, mit wem ich's eigentlich zu thun Hab ? Emil (hastig). Ich bin der . . Helene (eben so rasch einsallend). Sie san entweder Aner von dö. die sich ein- bilden, a jedes Madel, a jedes Weib muß auf der Stell' in sie verbrennt sein, weil's so schöne goldene Borten haben, Sterndeln undLuasteln, Aner von dö, die bloß weg'n 'n G'wand beim Militär sein, net weg'n n Vaterland, Aner von dö, die an' jeden Civilisten. und war' er noch so g'scheidt, hassen wie die Sünd'! Und wenn Sic a Solcher wären, da war mein' Antwort ganz kurz: Mein lieber Herr! Wann jeder, der an' Uniform tragt, die Weiber bezaubern müßt', da wär' ja der Schneider, der alle Lag' an andere zu ein' andern Generalen tragt, der gefährlichste Mensch! Und wann Sie gar so viel halten auf die Standesehr', so halten Sie auch was auf die Ehr' vom Frauenstand und dcn- — lch — Helene (die sich Mühe gibt, wieder in's ruhige Temvo zu kommen, einlenkend). Aber ich halt' Ihnen ja im Gegentheil für sehr einen braven Soldaten (auf eine Stirnnarbe deutend), der, anstatt mit seine Kameraden die Weiber ausz'richten, lieber beim Feind was ausricht; für einen gebildeten jungen Herrn halt ich Ihnen, der, wann er zu weit 'gangen is — sein' Schnitzer einsieht und zu seiner Unvorsichtigkeit sagt: Schimmerl, halt, wo trägst denn du dein' Hußaren hin? Für eine Kundschaft halt ich Ihnen, für a sichere, splendide Kundschaft — Emil (etwas bestürzt). Gewiß — allerdings, ich wollte — Helene (sehr höflich). Und darum sag' ich auch gar nichts, als: Bitte, dort, gleich rechts ist der fotografische Salon, wir werden alles Mögliche aufbieten (einen tiefen Knix machend), damit wir so noble Herrschaften in jeder Beziehung zufrie- deustellen! Ergebenste Dienerin, kommen's gut nach Haus und wann's wieder was brauchen, so gengen's uns ja net weiter und geben's uns wieder die Ehre. Das Dutzend 4 fl. — im Großen billiger und Reparaturen werden billigst besorgt. (Ab links.) Zehnte Scene. Emil (allein, gleich darauf) Marian. Emil (ihr erstaunt nachblickend). Ah, prächtig! Gestern ein Korb bei der Frau Räthin und heute wagt es gar diese simple Fotograsin, mir eine sociale Vorlesung zu halten über Menschenwürde, Gleichberechtigung und so weiter; das wird ja immer besser! Sonst durste unsereins nur anklopfen und der Erfolg des Abends war entschieden — jetzt kömmt man nur selten mehr zu einem 8vee63 ä'öZtime. Und wenn noch etwas Besonderes wäre an ihr? Keine Schmachtlocken hier an der Seite, diese Schmachtlocken, welche die Weiber eben so lieben wie die polnischen Juden, kein Kleid aus dreierlei Stoff! Nichts! Ich halte mich ja so nur eingelassen, weil es (auf die Uhr skhend) erst halb sechs ist und ich nicht wußte, was ich bis zum »Ui^oletto« anfangen soll. Als Lntremet hätte man sie hinnehmen können, die Kleine, und auch das nur, weil sich mein Braun gerade den Vorderfuß verstaucht hat. (Zieht ein Notizbuch und notirt etwas.) Wird gestrichen aus meinem Verzeichniß, wird gestrichen für immer. (Stutzt und läßt das Buch sinken.) Rosa freilich, die ist noch nicht ausgestrichen — und weiß Gott, diese Frau hat mir's an- gethan — sie soll auch nicht so schnell ausgestrichen werden. Gibt es denn gar kein Mittel, um dieses Weib zu erweichen; kein anderes Mittel als mein letztes? (Emil ist bei diesen Worten mit dem Rücken so gegen den Mitteleingang gewendet, daß der eintretende Marian unmöglich dessen Gesicht sehen kann.) Eilfte Scene. Voriger (rasch eintretend) Marian. Marian (den Lieutenant erblickend). Ein Offizier; und ein Buch in derHand? welch' willkommene Erscheinung. Vermuthlich soll der Arme als Opfer fallen des fotografischen Institutes — Emil (sich gegen die Thür wendend, sein Buch kiilsteckend). Nun aber wollen wir in Gottes Namen — (erkennt Marian) Mein Cousin! — wie, Marian? — Du Hierim Salon Helene? Marian(ansangSverlegen, aber sich gleich wieder fassend). Himmel, Emil! (Gelassen.) Allerdings— ich habe von der Künstlerin so Außerordentliches gehört. Emil (sich die Hände reibend). Von der Künstlerin? Marian. Und gedenkeRosa zumWeih- nachtsfeste mit einer Fotografie in Lebensgröße zu überraschen. Du w:ißt doch, man liebt jetzt die gewichtigen Albums mit Metallbeschlag — ich Hab' eines mit 2 Centner bestellt. Emil (kichernd). Also in Lebensgröße!! (Sich an Marian's Schultern reibend.) Für die Frau? — Familienfreuden gehen doch über Alles. (Stößt ihn lachend von sich.) Ei Du scheinheiliger Rath, der Du bei allen Gelegenheiten Moral predigen willst. Ich sehe. Du hast auch deine Adressen. Marian. Du wirst doch nicht glauben — Emil? — Bedenke meine Stellung und laß' — ich ersuche Dich darum — solcheVermuthungen ja nicht laut werden. Emil. Wird Dich aber viel Geld kosten, diese Person. Glaub' mir, Heinrich, ich kenne das. Anfangs sind sie mit etwas Bieglerhütten zufrieden, rothem Stadel oder grünem Baum. Eckhardt und Pie- ringer ist ihr einziger Wunsch, aber das schraubt sich nach und nach hinauf bis zum Viererzug von Rehwinkel. Sontheim und Vergnügungszug nach Paris. Marian. Noch einmal, Emil, Du irrst; wenn es gilt, ein neues Pferd aus Kladrub zu beurtheilen, da magst Du den Nagel auf den Kopf treffen — auch beim Wettrennen wird Dir nicht so bald Einer im Sport-Jargon aufkommen, aber was die Frauen betrifft — Cousin — die Frauen und ihre Geheimnisse — da langst Du nicht aus mit deiner Praxis und mit deinen Manövern. Emil. Wie aber — wenn ich vielleicht doch um tausend Eroberungen mehr hinter mir hätte als Du? Marian. Dann denke ich, daß es keine Kunst ist, dort zu erobern, wo man die Capitulation als Geschäft betreibt. Bei 25 Dir ist die Liebe Fabriksarbeit. Das Wart »theures Wesen« verschwendest Du auch an die Billigste — vergessend, daß das Bild des einen Weibes, welches wir wirklich lieben, mehr werth ist als tausend Weibsbilder! Du betreibst die Liebe wie ein Anderer das Tabakrauchen. Heute Havannah — Morgen Cuba — übermorgen Knaster. Und die Resultate deiner Liebe erzählt Dir nicht das Herz, sondern dein Portmonnaie. Nach solchen Erfahrungen, lieber Emil, beurtheilt ein Mann — der neben männlichen Kleidern auch eine männliche Empfindung mit sich herum- Irägt. nicht die Frauenherzen. Emil (mit Beziehung). Nun vielleicht, daß ich doch noch einmal ein Weib — ein solches, wie Du Dir's denkst, unter meine Eroberungen verzeichne — Marian (ihn durchschauend). Vielleicht! doch glaub' ich nicht recht daran. Denn wenn sich das Weib, wie ich mir's denke, an deinem Minnelied berauscht — dann ergibt es sich auch bald ganzen Gesangvereinen. Und wo find denn die Pfeile, die Du zu versenden hättest? Vorerst Zugend! Mein Gott, das ist gut für den. der's hat, aber jung war der Gimpel auch. Dann Figur! Soll auch etwas gelten bei den Frauen — wenn der Mann eine Figur hat — wie aber dann, wenn die Figur keinen Mann hätte?? Drum, Emil, wenn Du bei einer solchen Frau — wie wir sie beiläufig Beide im Gedächtnis haben, reussiren willst, mußt Du Dich auch um einen dritten Artikel um- sehen — Emil. Ei! Marian. Um ein bischen Charakter. Emil (an den Säbel greifend). Cousin— Marian (herzlich). Laß' uns gute Freunde bleiben, schlagen wir uns — aber nicht mit Säbeln, sondern mit Thaten und Beweisen. Und daß Du Charakter hast, beweist Du mir — wenn Du willst, jeden Augenblick — denn Du kannst ja sogar mit Charakter quittiren. Aber wollte ich Dich kränken? Bist Du nicht ein tüchtiger Soldat. der was gelernt und sich ausgezeichnet hat? Bitten will ich Dich — über die Frauen nicht so wegwerfend zu sprechen — und Dich dabei selbst nicht wegzuwerfen! Weniger schwätzen sollü Du und die arme Helene, die hier zu Hause ist, nicht mit deinen Helenen in einen Topf werfen. Emil (hat ihm gezwungen die Hand gereicht). Ei — ei, diese warme Verteidigung! (Für sich.) Und das Alles aus purer Menschenliebe? Schaut nicht recht wahrscheinlich aus. (Laut.) Pardon jedoch, wenn ich ihr und Dir Unrecht gethan. Um sie zu entschädigen, lass' ich mich nun in fünfzehn Stellungen fotografiren, und umD i ch zu entschädigen, geh' ich. (Zm Abzehen für sich.) Werde aber dabei nicht ermangeln, die Schritte meines moralischen Cousins nach Möglichkeit zu controlliren. (Salutirt und geht links ab.) Zwölfte Scene. Marian (allein). Der Abn ehmer von zehn Losen kriegt bei Sothen das eilfte gratis! Das war heute auch die eilfte Predigt für meinen Cousin, ab er sie dürfte nicht bloß gratis, sondern auch umsonst gewesen sein.— Nein, Rosa, dieser Mann wird mich nicht aus deinem Herzen reißen und mit Ruhe sehe ich zu — wie dieser Nachtfalter um die Flamme flattert — die ihn lockt, um ihm zu beweisen, daß ihr Feuer den kecken Schwärmer schließlich vernichtet! Meine gute, liebe Helene! (Mt auf sie zu, ihr die Haud reichend.) Dreizehnte Scene. Marian, Helene (mit einigen Platten in der Hand; später lauschend Emil von links). Helene (die Platten fallen lastend). Da liegt er, der Herr Lieutenant. ( Marian an 26 die Brust sinkend.) Mein lieber, guter Herr Rath! Marian. Sie sehen, ich komme nur, wenn ich etwas will. Helene. Wenn alle Leut' so woll'n thäten, wär's eh recht! Anmal san's kommen, da haben's mir a Geld leihen wollen, nachher san's kommen und haben's net z'rucknehmen woll'n und so fort. Marian. Dafür bitte ich Sie ja heute um einen Gegendienst — Helene. Der aber zugleich mein größtes Glück ausmacht. Ich kann's ja gar net erwarten, bis dös Kinderl im Haus is — Marian. Sie wissen aber vielleicht noch nicht, daß Ihr Mann mittlerweile Alles erfahren hat? Helene. Freilich weiß ich — derMann kennt sich ja gar nicht aus vorSeligkeit — Marian So? Ei? Mit einem Male? Sie haben ihm aber doch nicht g'sagt, daß ich Derjenige bin — welcher Sie gebeten hat — Helene. Net a Sylben — Marian. Und er darf es auch nie — Helene, ich bitte Sie darum — er darf es niemals erfahren! Machten wir doch auch ein Geheimnis daraus, daß ich der Begründer Ihres Erwerbes hier bin — weil die Leute sicher gleich erzählen würden — ich hätte mir gewisseIntcreffcn von Ihnen im Vorhinein bezahlen lassen — schweigen wir auch darüber, daß ich Ihnen jenes Kind in's Haus gebracht habe — Sie schwören mir es zu — Helene. Ich schwör'! Marian. Bei dem Andenken an Ihren armen Vater — Helene. Welcher den Tod der Preßfreiheit vorgezogen hat; ich schwör'! Marian. Bei unserer Freundschaft. Helene. Schwör' ich extra noch amal. Glauben Sie. ich wcrd' das jemals vergessen, wie Sie dem hilflosen Madel bei- g'sprungen sein? Mir, dem Kind von ein armen Schriftsteller, das net amal so viel g'habt hat auf n Comfortable zur Lntre- pri86 668 P0MP68? Marian. Leider! denn wirhabenwohl schöne Bürgerversorgungs- und Jnvali- denhäuser, aber die lebenden Schriftsteller — Helene. Wissen's nur im Criminal zu versorgen. Marian. Und ihre Kinder — Helene. Kriegen die Erlaubniß, daß's betteln gehen derfeu, wo sie wollen. Aber An s, Herr Rath, das sollt' ich doch wissen — es schickt sich vielleicht nicht, daß ich frag', aber mein Gott, wie viel schickt sich nicht, und man thut's doch — von wem is es denn eigentlich, das Kind? Emil (erscheint unter der Thür links). Marian (verlegen). Jenes Kind — welches ich Ihrer Obhut empfehle, es ist — (Legt die Hand auf's Herz.) Helene. Na, es ist — Marian. Es ist — es ist — o fragen Sie nicht weiter — Helene, denn die Wahrheit kann und darf ich Ihnen doch nicht sagen — Emil (für sich). Ein Kind — Ei? Und diese Verlegenheit — Helene. Ich werd' Ihnen was sagen — Herr Rath—(Sagt ihm in's Ohr, aber sehr laut.) Es ist JhnerKind — ein unter dem Siegel der Verschwiegenheit auf die Welt gekommenes — Marian (sich am Rockkragen und an den Aermeln zupfend — sich in Positur versetzend). Mein — Sie sagen — mein? (Entschieden.). Ja wohl, ganz richtig, es ist mein Kind. (Fährt mit der Hand über die Äugen.) Das Sie mir gut bewahren und pflegen sollen wie Ihr eigenes! Emil (für sich). Himmel — was hör' ich. eine köstliche Entdeckung! , Marian (fortsahrend). Ein Kind, von dem meine Frau nie etwas erfahren darf, unter keiner Bedingung — Emil (für sich). Hab' ich Dich? Jetzt ist sie mein! (Schnell ab.) Helene. Die arme Frau! Sagen's mir 27 nur, wi e's denn das ang'stellt hoben? Wie kommen denn So, so a g'setzter, solider Mann,der denganzenTag imAmt so schön daherredt, so tugendhaft und moralisch, zu solchen Sachen? Marian (die Sache wieder ins Scher;- haste lenkend). Weiß der Teufel — jugendlicher Leichtsinn — ein unbewachter Augenblick — Helene. Und wo ist denn das Maderl, was mit ein verheirat'tenMann — sowas war no net da — Marian. Die Mutter? Die ist fort, weit weg, fort! Helene (lächelnd). Also wahrscheinlich draußt imStift? Sie armer Rath, in was san So da hineinkommen! Abermachen's Ihnen nix d'raus! Sie geben den Frieden von Zhnern Haus in mein' Hand, mehr als den Frieden — Marian (wann). Tie Ehre meines Hauses! Helene. Und sie soll bei mir gut auf- g'hoben sein! A schlechte Person will i sein, wann i was verrath, und gut soll's die Klane bei mir haben, gut, so gur, daß ihr die wirkliche Mutter a net a Minuten abgehen darf! Sieh i recht — meiner Seel', ja ja — das wird's schon sein — net wahr, das is's — freilich is es — Tu lieberHeiland, is das aherzigerSchatz! Vierzehnte Scene. Vorige. (Mit einem beiläufig sechsjährigen hübsch gekleideten Mädchen aus dem Arme erscheint) Folterhuber. (Gleich darauf einen Stock schwingend, den Beginn der Scene unter stummen Drohungen belauschend, ebenfalls durch die Milte) Rips. Marian (aufFolterhuberzueilend). Herzlichen Dank, alter Freund, daß Sie diese Werke eines fremden Autors persönlich überbringen. (Wischt sich eineThräne aus dem Auge.) Komm her, mein Schatz. (Küßt das Kind.) Sei lustig. Kind, und fröhlich — denn wenn Du auch bisher in fremden Händen gewesen bist, heute hast Du eine treue, gute Mutter gesunden, (llebergibt das Kind Helenen.) Rips (für sich). Atreue? Unbekannter, Tu blamirst Dich! Helene. Na. so lach' do — Roserl, Minnerl oder wie haßt Du denn eigentlich — red' — Folterh. Marie, katholisch, ledig, bisher gerichtlich unbeanstandet. (Gibt Marian eine Recknuna.) Zwei Gulden und dreiundsiebzig für Biskoten und Torteletten. Helene. Oder g'fall' i Dir vielleicht net als Frau Mutter — is's net schörr dahier und glaubst vielleicht. Du wirst net was Gutes zum Paperln kriegen bei uns? (Ihren Mann gewahrend.) Lorenz, 's Kind is da! Rips. Ich bcmerk's — Helene. Aber so komm' doch füra und schau Dir's gut an; diese Augen — Rips (auf Folterhuber, für sich). Die Seinigen. Helene. Die kurzen Fußerln! Rips (wie oben, für sich). Ganz wie er. Helene. Und wie dick als sie is, rund »Pi en dum — Rips (wie oben, für sich). Der reine Papa. Helene. Na, so nimm's do auch a bissel am Arm, damit's ihren neuchen Vätern kennen lernt. Rips (hat auf einmal das Kind auf dem Arm). Aber nein, lass' mi geh'n — ich mag nicht. (Da sie es ihm wieder nehmen will.) Oder weil's schon da is. so laß es in Gott'snam' da. Is eigentlich a fesches Maderl! Was für Backcrl'n als's hat und dös Goscherl und wie sauber als's bei« nand' is — bring' ihr was z'ess'n, Leni, was z'trinkcn, mein Bett mach' ihr, mein neuchen Kaput darf's anzieg'n, (jubelnd) denn wir haben jetzt ein Kind!! Helene. Tu kriegst a schöne Docken. 23 Rips. Einen Wurstel. Helene. G'schirrl'n und Reindl n. Rips. Und so a rothe Blattern, wie ste's im Prater verkaufen — Helene. Alles, Alles kriegst Du — Alles was dein Herz nur verlangt. Aber M! —Still! Rips. Pscht! — Pscht! Helene. Das arme Dingerl da, schaun's — wahrscheinlich Ls's gar weil herg'fah- ren, ui Jesus, sie is mir eing'schlafen am Arm. Rips (leise). Trag's eini in mein Bett, deck's zu mit mein' Schlafrock — Helene (singt leise das Schlummerlied): Schlaf, Kinderl, schlaf, Dein Vater is a Graf. Rips. Das waß ibesser—wasderis — Helene. Pst! — ... (Geht singend und das Kind wiegend aus den Zehen — langsam rechts ab.) Rips (zu Folterhuber). Sehen Sie, Herr Rath — so is das Kind, das Sie mir ins Haus bringen, bei miraufg'hoben. Folterh. Das verdient allerdings meine Belobung. Rips (für sich). Ah, is das ein unverschämter Mensch! (Laut.) Wissen Sie, daß ich Ihnen hiemit laut und vor alle Leut' sagen muß, daß Sie — Helene (kommt aus dem Zimmer und winkt Allen zu schweigen). Pscht! — Sie schlaft- Rips. Also sag' ich's Ihnen erst — bis sie ausgeschlafen hat — Marian (in die Lbür blickend, leise zu Folterhuber). Sie schläft — und wie ruhig sie schläft, unter fremder Obhut — im fremden Haus! Wir haben Rosa's Ge- heimniß in treffliche Hände gelegt. Rips und Helene (haben sich leiseStühle geholt, sich auf den Zehen damit zur Thür ge- schlicken und sich zum Eingang des Schlafzimmers gesetzt, dessen Thür offen blieb.) Rips (mit verschränkten Armen). Aber jetzt ein Wort an Dich — Helene. Pscht! Pscht! Rips. Richtig, Pscht! Also morgen — Marian (ist, sich auf Folterhuber lehnend, gegen die Thür des Schlafzimmers getreten, wirft Kußhände hinein — drückt erst Helenen, dann Rips die Hand. Dasselbe thut Folterhuber — hierauf schleichen beide auf den Zehen gegen die Mittel-Ausgangsthür.) Gruppe. Actus. Dritter Lrt. (Temüthliches Schreibzimmer des Landesge- richtsrathes Marian in dessen Wohnung ; zwei Seitenthüren, wovon jene rechts der allgemeine Eingang ist, während jene links in das Boudoir Rosa's führt. Im Prospekt ein großes Bogenfenster, welches die Aussicht aus die mit Schnee bedeckten, vom Monde beleuchteten Dächer einiger Vorstadthäuser gewährt. Beim Fenster der Schreibtisch. Im Vordergründe ein anderer Tisch, auf welchem ein geputzter Lhristbaum steht, zu dessen Füßen viele für Rosa bestimmte Gesckenke liegen, wie: Kleider, Schmuck, Bücher, ein fotografisches Album rc. rr.) Erste Scene. Marian, Johann. Marian (die Geschenke ordnend). Ist die Salonthür versperrt? Joh. (links daSSchloß prüfend). Zu dienen, Herr Rath. (Ab.) Marian. Gut, denn wenn mich Rosa überraschen würde, so lange ich noch als Festordner des dritten deutschen Bundes- — richtig, das haben wir ja schon Überstunden — so lange ich hier noch als ge- 29 wohnlicher Ordner das Nützliche (nimmt ein schönS Portemonnaie und gibt einige Sil- berthaler hinein und legt dasselbe zu den Geschenken) mit dem Angenehmen verbinde, mir wäre die ganze Ueberraschung verdorben. DieGlückliche! Sie weiß nicht, welche Freuden ihr blühen! Ich aber, ich habe die Hosenträger, die sie mir stickt — selbst schon sieben- bis achtmal versteckt, wenn sie dieselben aus Versehen irgendwo liegen gelassen hat—und was den neuenSchlaf- rock betrifft, so war der Schneider seit drei Wochen täglich dreimal in der Kanzlei, um an mir Maß zu nehmen und zu Prokuren ! (Betrachtet sein Arrangement.) Was ich ihr Alles schenke! Sammt und Seide. Gold, echtes, wirkliches Gold, nicht trügerische Gebrüder Rodeckische Tintenzeugmasse — tlnd sie schenkt mir Hosenträger statt Vertrauen, Schlafröcke statt Geständnissen, und statt Worten, die vom Herzen kommen, soll von Tomasoni ein Westphälinger Schinken gekommen sein! Diese herrlichen Leuchter, sie haben mich um 44 fl. leichter gemacht, und wie prachtvoll sich dieser 6ro8desoaple8ausnimmt! Echte Lyoner Waare, es ist noch der Poststempel darauf: Neubau. Vielleicht daß diese Herrlichkeiten ihre Zunge lösen — vielleicht — der Weihnachtsabend ist zwar jetzt auch noch kein erlaubter Feiertag, wo man ohne vorherige Anmeldung lustig sein darf, aber vielleicht fällt sie mir heute beim Anblick dieser einzigen und alleinigen österreichischen Industrieausstellung um den Hals, vielleicht gibt sie heute den cursirenden Gerüchten als officielle Abendpost endlich Bestätigung! Zweite Scene. Vorige. Folterhuber (stürzt von rechts herein, hat einen Larton in der Hand). Folterh. Ich Hab' es, lieber Herr Marian, ich Hab' es — Marian. Was denn, Verehrter, in dm wohlverdienten, aber wie ich bemerke, noch nicht gefundenen Ruhestand versetzter Greis? Folterh. Den Knalleffect! Marian. Sie werden doch nicht ebenfalls einen Hinterlader erfunden haben? Folterh. O, ich erfinde nichts, wo ein Pulver dabei is — das mär' mir viel zu gefährlich. Aber Ihre Frau — Freund — ist geliefert. In zehn Minuten Alles vorüber. Ein Blick — ein Schrei — eine Ohnmacht — ein Oppolzer — einige Ro- kitansky's — hin und wieder ein Aderlaß. langsames Erwachen Thränen — Schluchzen-auf die Kniee finken — Geständniß! Marian. Wie, Sie wüßten? Folterh. Ich habe das permobile- popertium, moperbilo-perpodium, Perpetuum mobile erfunden —die Quadratur des Eircns, mit einem Wort dcn Ge- ständniß-Erprcsser. Marian. Nicht denkbar! Ach. lassen Sie doch hören! Wie viel Mann berittene Polizei brauchen Sie dazu? Folterh. Nicht einen Einzigen! Marian. Wie viel Stempel? Folterh. Ohne! Reine Seelenwirkung! Psychologischer Resser! Marian. Sie machen mich in derThat neugierig. Herr Folterhuber. Folterh. (triumphirend). Vielleicht doch, daß auch Einer von der alten Garde, Einer von der Reactions-Epoche noch zu brauchen ist in der Redactions-Epochel (Zieht aus dem Larton ein fotografisches Bild.) Kennen Sie das? Marian. Ah. vortrefflich! das Porträt unserer kleinen Marie — Folterh. Zum Weinen getroffen; denn sprechen thut sie wenig. Diese Fotografie aber ist mein Werk. Marian. Wie, Sie wären auch Fotograf? Folterh. Das nicht! Aber zahlen ist auch ein Werk. MadameHelene thut nichts 30 E>en ganzen Tag, wie's Kind fotografiren! bringe, freundlich auf! Vorerst diese Ho- — genug, ich legte ein Zehnerl hin — noch dazu ein echtes, die sind seht sehr selten, seit in der Staatsdruckerei so viele Platten wegkommen, und cs war mein. Sie haben hier ein Album — Marian. Bei Gott — Folterh. (stolz). Bei Folterhuber, bitt' ich. Marian. Das isteineJdce! Wirstecken das Bild hier unter die ander n Berühmtheiten — zwischen den Finanzminister und die Taucher (thut es), legen es wieder hin zu den anderen Bestandtheilen des »nur kurze Zeit wahrenden Ausverkaufs" und warten das Weitere ab. Neugierig, wie die Frauen sind, greift sie gewiß zuerst nach diesem Gegensatz (zeigt das Riesenalbum) von Klein. Folterh. Schaut Sich den Richard Wagner an, überblättcrt den Mozart — Sie zünden die Lichter des Christbaumes LIN — Marian. Geht über die Schützenhalle hinweg — Folterh. Nebcrspringt diesen Feldmarschall-Lieutenant — da plötzlich — ha! — ihre Sinne schwinden — Marian. Sie stößt einen heftigen Schrei aus Folterh. Stürzt in ein Sofa und wir haben sie da, wo wir sie haben wollen. Marian (da man an der Thür links klopfen hört). Still — Rosa's Stimme. Darf ich herein, lieber Mann? Marian (leise). Sie ist es. (Laut.) Natürlich, mein Kind, (Cr öffnet die Thür.) Dritte Scene. Vorige. Rosa. Rosa (Geschenke bringend.) Lieber Heinrich — nicht wahr, Du nimmst die Kleinigkeiten, die ich Dir zum Weihnachtsfeste senträger. Marian. Ah! Rosa! So etwas hatte ich mir nicht im Schlafe einfallen lassen — Rosa Denke Dir, ich Hab' sie selbst gestickt! Marian. Nein, nicht möglich! Rojsa. Diese Pantoffel werden Dir gute Dienste leisten — Marian. Und wie Du das heimlich zu machen weißt. Rosa (sehr befriedigt). Nicht wahr, ich habe meine Sachen klug zu verbergen gewußt? Und dieser Schlafrock — weißt Du, ich habe da einen verschwiegenen Schneidermeister — Marian. Ja. das gehört dazu! Sonst wird Alles — aber rein Alles vor der Zeit bekannt — Rosa. Der hat mich viel Plage gekostet. Marian. Der Schneider? Mich auch — (Hastig einsallend.) Aber Rosa — in welche Auslagen hast Du Dich gestürzt, Du gute, herzige Frau! (Hat sie an sich gedrückt und geküßt.) Mein Gott, ich werde Dich da mit meinen sieben Pflaumen kaum entschädigen können. (Führt sie zum Christbaum.) Rosa (glücklich). Heinrich, was hast Du gethan? Marian. Dienstmänner ausgenommen die es nach Hause schleppten! Rosa (vor Freude außer sich). Ach, was für schöne, herrliche Sachen! Marian (nimmt eine kleine Schachtel, nicht größer als eine Oblatenschachtel). Sieh nur — Rosa. Ach was hast Du denn da drinnen? Marian. Den neuesten Damenhut! Hier ein Fächer mit den equivoquesten Engeln, die aufzutreiben waren — eine hochrothe Jacke ü 1a Scharfrichter von Amsterdam, das Eleganteste, was die heutige Antigone verfertigt — Alles das ist dein, liebe Rosa. Rosa. Das prächtige Lila-Kleid — Marian. Dieses Lila! Es ist das Lila des gegenwärtigen französischen Kaiserreiches. Rosa. Diese Spitzen — Marian. Für Gesellschaften! Wir gehen jetzt mir mehr aus mit den Spitzen der Gesellschaft. Rosa. Und hier — o wie geschmackvoll! Folterh. (der ihr immer daß fotografische Album vor die Augen gelegt hat). Beißt schon an — Rosa. Dieses prächtige Album! Marian. Ich war in der Wahl der Bilder, die es enthält, vielleicht unglücklich, Rosa; ich glaube, das neue Opernhaus ist auch dabei, ich habe eben Alles, was ich bei Fotografen sah, zusammengekauft. Nimm es hin, so wie es ist — und wenn Du (mit Bewnung) auch nur ein Bild darin finden solltest, das Dir gefällt, nur ein einziges- Folterh. Wohl verstanden, nur Eins! Marian. So bin ich vollkommen zufrieden! Rosa (blättert im Album). Der Opernring mit seinen Palästen. Marian. Und welch' seltener Anblick! hin und wieder sehen sogar einige Katholiken bei den Fenstern heraus — Rosa. Die neue Reiterstatue. Marian. Und die muß gut sein! Sonst hat jedes Ding bloß zwei Seiten, die hat viere. Rosa (ruscher blätternd). Richard Wagner und sein König — Marian. Denn wenn der König keinen Dichter hat, muß er wohl mit dem Musiker geh n. — Rosa (noch ruscher). Schauspieler, Sänger — Dolksmänner — ach, wie reichhaltig und hier (sie stößt einen Schrei aus. daß Album zittert in ihrer Hand) Heiliger Gott, wie kommt das Bild hierher- Folterh. (für sich). Ausgezeichnete Berechnung! Rosa (mitvonTbränenerstickrer Stimme). Das Kind, das arme Kind! Marian (zu ihr hintretend). Ei, was hast Du denn, — rede doch, lie be Rosa, und laß mich das Bild zerreißen, das Dich in so üble Stimmung versetzt. Rosa. Zerreißen? Nein küssen, tausendmal küssen will ich das Bild des armen, verlassenen Kindes, jenes Wesens, das Du, Heinrich, seiner Mutter gerettet hast — Marian. Du erinnerst Dich also — Rosa. Ob ich mich erinnere! O rede, Marian, Du hast mir seit gestern nich ts weiter davon erzählt, sprich — sieh', ich fühle mit der unglücklichen Mutter, die vielleicht fern von ihrem Kinde weilt, weil sic's nicht ans Herz drücken kann, nicht ans Herz drücken darf — was ist aus jenem Kinde geworden? Marian. Du meinst die kleine Marie — die ich -— Rosa. Die Du gerettet hast! Sprich, wo und bei wem hat das Gericht das Mädchen untergebracht, leidet es vielleichtNoth — Elend — Hunger -— sprich, Heinrich. — wohin habt Ihr das Opfer einer Ehrvergessenen geschickt? — (Sich fassend.) Aber nein — nein — erzähle mir nichts — jetzt wenigstens nicht — eine Stunde nicht! Nur eine Viertelstunde gönne mir Zeit — nimm Hut und Stock und geh' wie sonst um diese Stunde in dein Kaffeehaus — in deinen Elub — und wenn Du wieder kommst — Abends, wenn wir wie sonst traulich beisammen sitzen — Heinrich — dann will ich nicht mehr kindisch sein, wie jetzt, Du wirst mir erzählen — und ich — ich — ich werde Dir dann sagen — (in Lhränen ousbrechend), was ich bis heute hier verschlossen habe, Alles sollst Du hören, was ich weiß von diesemKind! Marian (entzückt). Rosa! An mein Herz! Ich lasse Dich allein — wir gehen — aber — ich freue mich auf heute Abend, Rosa — Du wirst mich glücklich machen, wenn Du meinem Rath folgst und dei- 32 nein Rathe zum ersten Male dein Vertrauen schenken willst. Folterh. (leise zu Marian). Wir hätten aber lieber gleich jetzt — Marian (reißt ihn. seine Rede nicht beendigen lassend, mit sich fort. Beide rechts ab.) Vierte Scene. Rosa (allein; sieHeht sich um. ob Beide fort sind, dann sinkt sie. das Porträt, welches sie aus dem Album nahm, in der Hand, in die Knie, bedeckt das Bild mit Küssen uud weint bitterlich. Pause. Nachdem sie sich aufgerafft hat). Mein Kind! Er soll und muß endlich fallen jener Schleier, der die Vergangenheit verhüllt, und Heinrich mag erfahren. daß er eine Unwürdige zum Traualtar geführt hat. Was aber dann? Wird er mir verzeihen können, daß ich damals schwieg, als er anhielt um meine Hand? Wird er Diejenige, die seinen Namen nun dem Gespötte preisgibt, die eine pikante Stadthistorie liefert für die Geschwätzigen in den Salons, nicht mit hundertfachem Fluche beladen? Aber komme was da immer — die Mutter, die ihr Herz Jahre hindurch der Etikette zu opfern versuchte, die nur verstohlen schlich zu ihrem Kinde — sie regt sich in mir mehr als je, die Mutter fragt nicht mehr um Spott und Hohn — die Mutter will ihr heiliges Recht — die Mutter will ihr Kind wieder haben! (Sich die Thronen trocknend.) Und darum keinen Augenblick länger gesäumt mit der Entscheidung! (Erschrickt.) Man klopft! (Fährt rasch mit dem Tuche über das Gesicht.) Untrer! Sie find es? Fünfte Scene. Vorige. Emil (vorsichtigrintretend). Emil. Za wohl. ich. der Verschmähte, Halbtodtgepredigte, Vergessene, Unerhörte. Rosa. Sie wählen eine schlechte Stunde für Ihre Scherze, Emil; zudem ist Ihnen bekannt, daß Sie mein Mann seit kurzer Zeit nicht mehr gerne sieht hier im Hause — er wird gleich wieder zurück sein — Emil. Befürchten Sie nichts; es ist ja ! schon ganz dunkel auf der Straße, da sucht er seine stillen Freuden, denn auch Lan- desgerichtsräthe sollen sterblich sein. Rosa (stutzt)- Was sagen Sie da? Stille Freuden? Emil. Nun, die grenzenlose Treue, welche Sie diesem Manne widmen, diesem Manne, der auswendig ein Biedermeier, innerlich aber ein Mann mit der weißen Leber ist — machte mich neugierig; ich wollte erfahren, ob dieser Tugendspiegel denn wirklich gar keine Flecken hat — aber Pardon, meine Gnädige, er ist nicht bloß ungeschliffen, ich habe auch schon Reinere gesehen. Rosa. Sie sind also meinem Manne gefolgt und haben geforscht? Emil. Nein, bei der Polizei — bin ich nicht — aber der Zufall spielte mir ein herrliches Geheimniß in die Hände und wenn ich's wieder erzähle, warum thue ich's? Um gewisse Scheinheilige zu entlarven. die uns jungen Leuten bei jedem Anlasse feierlich die Munterkeit verübeln. Für uns haben sie immer die Bibel vorräthig, für sich selber den Casanova. Rosa. Reden Sie, Emil, Sie haben bereits zu viel gesagt, um mir den Rest verschweigen zu dürfen. Emil. Und warum soll ich's auch? Hat er mir nicht erst gestern zugesprochen wie der Kapuziner den Räubern? Ich sage Ihnen, der Mann kann sprechen wie ein Buch — nur kauft sich Unsereins keine solchen Werke. Mir macht er die Hölle so heiß, daß der Belzebub alle Unkosten erspart fürs Brennmaterial, mir erzählt er, daß es kein edleres Gefühl gebe, als wahre Liebe, und er — denken Sie sich, meine Gnädige — er hat eine Liaison mit lebendigen Früchten — 33 Rosa. Wie, er hätte, mein Heinrich hat — Emil. Hat! hat! Das Unglück ist fertig, meine Gnädme, oder wie die Pferdebahn zu sagen pflegt, wenn ein Malheur passirt: komplett! Ohrenzeuge war ich — arme Rosa, als der Mann, der (mit Bezug aus Rosa) eine solche Perle an sich geheftet hat, als dieser Perlhefter einer Fotografin seine Schwäche eingestand, und fie bat, sein Kind in Pflege zu übernehmen. Rosa. Eine Fotografin? Doch nicht am Ende jene Helene, die ich öfters — angeblich vorgeladen — in sein Bureau kommen sah? Emil. Ja wohl, diese Helene, welche nebenbei gesagt ihre Tugend kaum proto- kolliren lassen wird. Rosa (ist zu einem Tische geeilt, hat geklingelt — Johann erscheint). Wissen Sie das fotografische Atelier in der Nebengasse- Johann. Den Salon Helene? O ja, der Herr Rath hat mich doch in früherer Zeit so oft mit Geld hingeschickt — Rosa. Ich taffe die Fotografin zu mir bitten, es gibt eine dringende, große — viel — sehr viel Geld tragende Bestellung. Johann (ab). Emil. Um Gottes willen, Cousine, was machen Sie da? Ich will ja keinen Affront, sondern bloß Beweise Herstellen, und Sie bringen mich da in eine heillose Geschichte! Auf ja und nein kommt die Affaire zu höheren Ohren und man hat Fatalitäten. Rosa. Fürchten Sie nichts, Emil, zwei Frauen find es, die in diesem Fall etwas miteinander abzumachen haben. — Lassen Sie mich allein, ^Emil, — ich bitte Sie darum — allein mit Derjenigen, welche den Beweis der Verschmitztheit meines Gatten in ihrem Hause besitzt. Emil. Ich gehe! (Für sich.) Das wollte ich aber nicht! Wenn man sonst einer Liebenden etwas erzählt von ihrem Gatten ^ früher — vor dieser neuen Aera hatte Wien. Theat. Rq>- Nr. 216 . man da die besten Aussichten! Jetzt ist aber Alles erwacht, Alles hält auf Ehre — mein Gott, wenn das so sortgeht, wird es doch heißen etwas vorsichtiger zu sein — (Küßt ihr die Hand.) Cousine — wenn Sie aber einen Halt brauchen — Schutz — Schirm — ja ich bin ein Schwätzer, ein Flaneur, ein Wüstling, Alles — aber Ihnen zu Liebe könnte ich mich sogar probeweise noch einmal wenden lassen. — Schritte im Dorhaus — ich eile auf der andern Stiege in's Freie! (Ab links.) Sechste Scene. Rosa (allein aus-und abschreitend). Heute, wo mich die Güte meines, Mannes zu Thränen rührt, wo mir mein Herz zuries: Wie, diesem Gatten willst Du länger das Geheimniß vorenthalteu, welches deine Seele drückt — heute, wo ich zu seinen Knieen finken, mich erniedrigen, ihn mit aufgehobenen Händen bitten wollte — heute erfahre ich, daß er bloß mein Geld, mein Haus, mein Capital zum Mar geführt, daß er seine wirkliche Liebe, die Mutter seines Kindes meinem Reichthum geopfert hat! So viel Biederkeit im Gesicht, so viel Treuherzigkeit in den Augen und doch ein Falschspieler! — Geduld, die nächsten Minuten werden Klarheit bringen. Siebente Scene. Vorige. Helene. Rips. Helene. Euer Gnaden haben mich holen lassen? Rips. Weil mir aber die Sach' verdächtig Vorkommen is, bin ich mit; denn die Frau von So und so, sagen diese Bedienten, und ein Oberlieutenant is es hernach — Rosa. Ich habe Sie zu mir bitten lassen, einer Auskunft wegen, die ich Ihnen 3 34 und Ihrem Gatten recht gerne mit hundert Ducaten bezahle. Helene. Mit hundert Ducaten! (Für sich.) Die muß schöne Einkünfte haben, wann sie so viel zahlt für ein' Auskunft. Rips. Mir hatten heut' zwar Fackelzug. aber die Polizei leid'ts nicht mehr, daß auf d' Nacht irgend wer durch die Bischofgaffen geht — Rosa (rasch zu Helene). Sie haben ein Kind in Pflege, liebe Frau? Helene (erschrickt). Was, gnädige Frau. Sö wissen — Rosa. Ja. meine Liebe, ich weiß Alles, sagen Sie. ist es ein Mädchen — oder ein Knabe — ist's ein hübsches, lustiges Kind? — Helene (verlegen). Ja, wir haben a frisches, g'sundes Madel zu Haus — aber dieses Madel is — nicht vielleicht — o nein — da muß ich bitten. Rosa. Dieses Mädchen ist — Rips. Ein nur gegen Recurs getauftes, verbotenes. Rosa (in Thränen). Es ist das Kind meines Mannes, der mir bis heute dessen Existenz zu verheimlichen wußte. Helene (halblaut). O Du mein armer Herr Rath! Rips. Ihres Gatten? Des Mannes mit'n hervorragenden Geist und detto Nasen? O nein! Fragen's nur meine Frau, die weiß das ganz genau! Helene. Ich? Rips. Oder bist Du vielleicht nicht selbst die entartete Mutter dieses Kindes? Helene (für sich). Himmel, ein Ausweg — Gott verzeih' mir dö Sünd ! (Laut.) Ja, Frau Marian, mein Mann hat Recht; ich, ich bin Diejenige, die das arme Waserl in der Welt hat herum irren lassen, ich bin die schlechte Mutter, die ihrem braven Mann die Wahrheit verschwiegen und die in ihrer Jugend so schwer gesündigt hat — Rips (gerührt). Das is a Red'. — Helene. Ich bin die Nixnutzige, die sich mir nix Dir nix — hat um ihre Ehre bringen lassen. Rips (wie oben). Das laß' i mir g'fall'n. Helene. Ich und niemand Anderer is die Mutter von dem Kind. Rips. Und hast Du das nicht schon lang' sagen können? Glaubst Du, mir kommt's auf so a bissel a Kind an, wo's eh' nur ein kleinwinziges is? Helene. Was aber den V ater betrifft, so war es nicht derjenige (aus ein großes Bild deutend), der da im Porträt hängt — Rips, enntrai ro. Rosa (freudig). Nicht.? Dann hätte ja Emil gelogen. Helene. Sondern ein Hauslehrer in Podiebrad — der später in Groß-Enzers- dorf an die Trichinen hinüber is. Rips. Ein Hauslehrer? (Sie bei der Hand fassend.) An die Trichinen? Verworfene. warum sagst Du nicht die Wahrheit? Bekenne den Vater — oder ich enterbe Dich und es kann wer Ander er mein Deficit zahlen. Helene (leise zu ihm). Aber so verpatz doch'nicht Alles, wann wir den Herrn Rath herauswutzeln können — Rips. Die Entsetzliche weiß gar nicht mehr, der welche Geliebte der Vater war! Gott sei Dank Hab' aber ich — die Beweise — Rosa. Beweise? Rips (zu Rosa). Ja, meine gnä' Frau, es is ein Rath der Papa, aber ein anderer Rath als Jhner Herr Rath! (Gibt ihr den Brief aus dem ersten Acte.) Lesen Sie — und nachdem der Verführer hier aus- und eingeht — is Alles erledigt. — Rosa (liest, zittert und spricht für sich). Diese Schrift — es ist kein Zweifel mehr, ich bin das ärmste Weib auf dieser Erde! Rips (deutet aus den Brief). Segen Sie's jetzt, wie Sie Ihrem Mann unrecht gethan hab'n! (Liest ihr vor). »Ihr Mann darf niemals erfahren, daß Sie dieses Kind 35 von mir haben.« — Kennen Sie diese C — he? diese Sch'e, dieses harte A und solche doppelte Schlingel-Esse? Rosa. Sie haben Recht — ich brauche auch keine weitern Versicherungen mehr. (Hat aus einem Sckubsache eines Kastens Duralen genommen.) Nehmen Sie das Gold — Sie haben mich dafür gleichfalls reich gemacht, unendlich reich an schmerzlicher Erfahrung. (Schnell links ab.) Achte Scene. Vorige ohne Rosa. Helene. Aber was hast denn g'macht? Dieser Brief is ja g'rad' — Rips. Kein Wort weiter — ich will Alles vergessen. — Helene. Na, Du wirst do net am End' glauben, daß ich — Rips. Die Sach' is vorbei — Helene. Erlaub' Du mir. Du mußt Dir ja doch erklären lassen, wieso ich — Rips. Wunden reiß' ich keine auf. Helene. Du bist a Narr — Rips. Jedoch ich verzeihe. Helene. Denken wir lieber nach, wie wir der Frau, die uns diese Roll'n da zu- getheilt hat — Du. das san Roll'n — wieder glücklich machen können. (Folgt Einleitung zum Duett — dann Duett; nach dem Duette Beide rechts ab.) ' Neunte Scene. (Nach dem Duette gehen die letzten Tacte, sobald die Sänger abgegangen sind, in leise melodramatische Musik über, welche bis zum Actschluß dauert.) Marian (auf denZehen von links). Pst! Hörst Du nicht? Rosa, ich bin zu Hause! (Sich umsehend.) Hier ist sie ebenfalls nicht! Ihr Schlafzimmer, wo ich sie zuerst aufsuchte, versperrt? Die Geschenke unberührt — während sie doch sonst eine Stunde nach der Bescherung selbst die Hausmeisterin schon gesehen hatte? Ist das der herzliche Empfang, die traute Stunde, der Beweis von Vertrauen, den sie mir zugesagt hat? (Rust in die Thürr links.) Rosa, bist Du zu Hause? Zehnte Scene. Rosa (verweint, das Tuch vor den Augen). Voriger. Rosa. Ja. ich bin zu Hause — von morgen jedoch wirst Du allein in diesen Zimmern sein — ich werde eine andere Heimat haben. Marian. Rosa! Rosa (gibt ihm ein Papier). Hier eine Schrift, welche Dich rechtskräftig in den Besitz des größten Theiles jenes Geldes setzt, das Dich an mich gelockt hat, dessent- willen Du sogar deine Pflichten, dein Ehrgefühl verkauft hast — Marian (in steigender Auflegung). Rosa, — weißtDu denn auch, wasDu sprichst— Rosa. Ich aber — ich verzichte auf deine Geschenke! Nimm deine Kleider, deinen Schmuck, deine ganzen Schätze — sie find im Grunde deines Herzens keineswegs mir zugedacht! (Nimmt den kleinen Ehristbaum und schleudert ihm denselben vor die Füße.) Da hast Du deinen Weihnachtsbaum! (Schnell links ab, man hört wie ein Riegel vorgeschoben wird.) Eilfte Scene. Marian (allein. Eilt ihr nach und prallt an der Thüre zurück). Rosa, sprich, was ist geschehen — Um Gotteswilleu sprich! — Sie öffnet nicht! (Besieht die aus der Erde liegenden Geschenke.) Also in den Staub getreten für deine Treue, beleidigt für deine 3 * Menschenliebe, (mit steigendem Affect) gekränkt, bis in das Innerste gekränkt, weil Du das Lebensglück einer Unglücklichen wieder aufbauen wolltest!! (llebermannt von Entrüstung.) Da behalte seinen Gleichmuts wer da wolle, der Mann von Ehre wird nie zum Sclaven des Hochmuths und der Anmaßung! (Zerreißt daS Dokument, das sie ihm gegeben.) Der Beamte, der seinen Rock in Ehren trägt, wird hintreten vor die Welt und sagen, laut verkünden wird er es — daß — daß — (Nach einem längeren Kampfe mit sich selbst — plötzlich lächelnd und herzlich.) Nichts werden wir verkünden, ruhiger werden wir sein als ein leicht erregtes Weib! (Blickt auf den Boden und betrachtet den Weihnachtsbaum.) Und den Weihnachtsbaum, den die Mutter verschmäht — den bringen wir einem verlassenen Kind! (Hat den Baum ausgehoben, wendet sich gegen die Thüre.) Die Musik fällt stürmisch ein. Actus. Ende des dritten Act es. Vierter Let. (Bei getheiltem Theater.) (Links Helenens fotografischer Salon, entsprechend eingerichtet.) (Die Bühne stellt rechts vom Publicum einen Thorweg vor, in dessen Hintergrund das« zur Hälfte geöffnete Hausthor Aussicht aus die beschneite Straße gewährt. Vor dem Thore Schneegestöber. Links im Thorweg eine Thür sammt Glocke; ober der Thür eine Tafel mit der Aufschrift: Eingang in den Salon Helene. Rechts an der Seitenwand l eine Thür in den Keller, welche offen steht.) Erste Scene. Rips (einen Teller mit böhmischen Dalken aus der Thür links bringend; er ficht zurück in die Thür). Da steht sie lustig draußen in der Küchel und vermehrt den nationalen Bruderzwist durch fortwährende Erzeugung von böhmische Dalken! (Ganz geistes- verwirrt.) Ahnungslos schmiert sie das Pfändet mit'n Butter, ohne Gemüthsbe- wegung klopft sie die'Karmenadeln und 37 ruhig bleibt ihre Seele, während sie das Eintrapfte in das Fleischhäfen trapst. (Stellt die böhmischen Dalken aus einen Kasten, auf welchem bereits verschiedene Teller mit kalten Speisen stehen.) Zweite Scene. e (ein Fürtuch um den Leib — den chlöffel in der Hand, kömmt rasch herein). Voriger. Helene. Du, Lorenz, vergiß mir nicht die Dalken zu zuckern — dort oben steht die Büchse — (Deutet aus einen Kasten, auf welchem me hrere Gläser und Büchsen stehen.) Ich geh' derweil hinüber ausdecken — Rips (für sich). Sie ahnt nichts vom Sensationsproceß! Helene (die Speisen musternd). Aus die Sardell'n g'hört no an Essig auffi — hier bei die Fisolen fehlt noch der Zwiesel — sieg'st, wann st Dich nur net in Alles hin- eivmischen thätst, wir wer'n uns schrecklich blamir'n vor m Herrn Rath. Rips (ihr wehmüt hig die Hand reichend, eine Thräne zerdrückend). Sei ruhig. (Mit vibrirender Stimme.) Sie werden gezuckert sein die Fisolen und die Sardellen sollen gezwiefelt werden — Helene. Aber sag' mir nur, was hast denn schon wieder? Mir scheint gar — meiner Seel', der Mann hat Thränen so groß wie die Umurken in die Augen. Rips (sich rasch fassend, gezwungen). Das is nur ein Austritt der Donau wegen niedergegangenem Freuden-Wolkenbruch! Helene. Ah, das is wasAnders! Hast halt so viel Vergnügen an unserm Kinder! und daß wir endlich amalso an Weihnachtsabend in Familie zubringen können, net wahr? Rips. Lenerl! (Hat sie umarmt.)Schau, wenn dieses Madel — wann wir Zwa selber — wenn ich und Du — wenn wir uns ernstlich vorgenommen hätten — 38 Helen e (die weinerlich wird). Versteht sich, wär' das besser — Rips. Wann wir uns sagen könnt'n — das und das ist durch uns hervorgegangen. Helene (noch weinerlicher). Freilich! Rips. Man hätt' doch g'wußt, für wen man sich geplagt hat sein ganzes Leben. Helene. Recht hast! Rips. Denn glaubst Du vielleicht, es f reut mich jetzt, wenn wir ämtlich zuschauen bei der Bespritzung am Ring, wann ich nicht weiß, daß ich für meine Kinder zuschau? Helene. Wahr is's — Rips. Glaubst Du — wann ich oft fünf Stund' im Wirthshaus fitz' bei einer Wahlbesprechung, ich fitzet nit lieber zehn Stund' dort für meine Kinder? Helene. Aber was kann denn da ich dafür? Rips. Lenerl — Helene. Lorenz — (Sie umarmen sich.) Rips (sich ermannend, im Style der Hof- burgtheater-Liebhaber). Doch — horch! Die Erdäpfeln sieden mächtig in des Häsens Raum, der Spinat rauscht über die Rein herab und schelmisch Hüpfen die Karbonadeln in des Filzes schäumendem Getös!— Helene. Bist narrisch wor'n!? — Rips. Aengstlich blickt die Spansau aus der Röhre Hintergrund, als wollt' sie sagen: Komm', mein Kind, ich werde sonst zu braun! Geh, Helene, geh! Auf frohes, besseres Wiedersehen — Helene. Aber sag' mir nur — Rips. Auf frohes — (Umarmt sie.) Helene (die immer mehr zum Ausgang gedrängt wird). Hörst, ich begreif' Di net. Rips (sie abermals umarmend). Auf besseres — Helene. Za was ist denn los? Rips (wie oben, sie zur Thür hinausdrängend). Wiedersehen! (Helene ist ab, er tritt, sein Gesicht verhüllend, in den Vordergrund.) 39 Voriger. Dritte Scene. Folterhuber (im Pelzcaput, ganz beschneit; er trägt Pelzhandschuhe und hält in jeder Hand eine Schnur, an welcher ein rotherBallon aus Hausenblase befestigt ist. welche Ballons vor seiner Nase herumgaukeln; an einem Knopfe seines Rockes hängt eine Kinderpuppe und andere- Spielzeug). Folterh. Es wird freilich noch zufrüh sein! (Legt eineS chnur auf die Erde, tritt mit dem Fuß daraus, um eine Hand freizubekommen. mit welche r er dann einen Brief aus der Brusttasche zieht; er liest:) »Wir erwarten Rips. Kurzsichtige, Monocle-Bedürf- tige! Wenn ich auch ihr vergeben konnte, kann ich denn ihm, dem Elenden, verzeihen? * (Geht mit verschränkten Armen aus und ab.) Rips. Er oder ich! Das ist jetzt die Frage! Er is mir lieber. Entweder ich triff' ihn und er fallt, oder er fallt und ich triff' ihn! Rips. Aber zu was Pistolen? Wenn man den Mord viel billiger imHaus hat? Steht dort nicht mitten unter die Gewürznageln- und Pfefferbüchsen auch ein Ein- fiedglas mit fotografischem Cyankali? Sie punct 8 Uhr zu einem kleinen Familienfeste!« (M acht dasselbe Experiment mit dem zweiten Ballon.) Folterh. Zu thun Hab'ich nichts, warum soll ich nicht umsonst essen und trinken bei einem Familienfest? Folterh. der einen Hand, einen Korb mit Spielsachen, den ihm ein Dienstmann bis zur Thüre nachtrug, in der andern Hand). Marian. Da wären wir! Um zehn Gulden ein ganzer Korb voll Seligkeit für ein Kind! Eine Puppe als abschreckendes Beispiel, damit sie selbst keine wird, hingegen zehn Kochlöffel — weil man sie an diesen Scepter des Weibes nicht zeitlich genug gewöhnen kann! Die Säcke voll Zwieback, die Brusttaschen gefüllt mit Oberskrapfen, welche hin und wieder, wie ich bemerke, bereits eine gedrückte Stimmung verrathen — es wird auch ohne Comitv ein Freudenfest sein. Rosa (leise zu Emil). Sehen Sie nur, sogar meinen Christbaum — den mir bestimmten Baum schleppt er hierher — » Marian. Wenn ich nur unbemerkt zum Kinde kommen und allein — ganz allein Zeuge seines Jubels sein könnte! (Er drückt an das Schloß der Thür.) Ah, prächtig, die Thür offen — ich kann die Kleine überraschen. 48 (Er ist rasch eingetretrn und stellt den Korb nieder.) Da find wir also mit unserer Weihnachtsbescherung! (Stellt rasch Alles aus, kramt die Sachen aus und arrangirt das Ganze auf einem Tisch.) Marian. Fertig! Nun aber her mit der Kleinen, damit mich der kleine Coupon entschädigt für mein Malheur mit ihr — der Obligation. (Oesfnet die Thür rechts.) Sie fitzen und speisen im dritten Zimmer — indeß sich die Kleine hier mit einem Wurstel beschäftigt! Schon so früh! (Flüstert.) Kleine, (laut) ich bin da, dein Papa — Marian. Grüß Gott, Du mein armes, gutes, herziges Kind! (Das Kind ist herausgetreten.) Marie. Grüß Gott, Herr Marian — Marian. Du weißt aber doch, daßDu Papa sagen sollst zu mir, wenn es auch deine Mutter nicht will. X (Rosaistrasch hervorgetreten, hinter ihrEmil.) Rosa. Es ist so, wie Sie sagen, nicht um ein Jota anders. (Geht 'heftig auf und ab.) Das war also sein Kaffeehaus? Hier ist sein Club, das sind seine Abendverhöre und seine geheimen Sitzungen.? Emil. Warum gerathen Sie deßhalb so außer sich? Wir Männer — Du lieber Himmel — wer weiß, ob ich nicht auch? wenn Sie ein Herz in der Brust haben, Rosa, so verzeihen Sie dem Mann seine Jugendfehler und mir, mir verbieten Sie in Gottesnamen für künftig das Haus. Rosa. Keine Rathschläge, Emil, ich werde wissen, was ich zu thun habe. Rosa (ist horchend zur Thüre getreten). Wissen Sie, was er sagt? Emil. Nun? Rosa. .Ich bin da, dein Papa.« (Von der Thüre wegtretend.) Es ist empörend! Rosa (die wieder lauschte). Herziges Kind! (Mit dem Fuße stampfend.) Der Elende! Marie. Also, grüß Gott, lieber Papa— Rosa. Diese Nichtswürdige — Rosa (das Schnupftuch zerknitternd). Sieh' da, die Kleine ist gelehrig — 49 Marian. Ich bin ja gegengefällig — eine Hand wäscht die andere — nur die todte bleibt ewig schmutzig! Siehst Du denn nicht, was Dir die Engel Alles in's Haus gebracht haben? (Tür sich.) Die Engel, die zehn Gulden wechseln lasten — und sich mit einem Komfortabel herumstreiten. Marie. Wie, Papa, und das'gehört Alles mir? — Marian (bläst in eine Trompete). Natürlich! Diese Trompete — damit Du später nicht erschrickst, wenn auch Dir etwas geblasen wird. (Hebt das Kind in die Höhe.) Diese Häuser zum Aufstellen — damit Du Dich nicht wunderst, wenn Du einst große stürzen stehst. Marie. Und die Puppe? Marian. Die Du pflegen mußt wie die Mutter ein Kind — lerne das- damit Du heute oder morgen auch eine gute MutterMrst — eine bessere — als manche Andere, die Mutter ist, ohne es zu sein. — Marie. Diese vielen schönen Sachen! (Klatscht in die Hände.) Die muß ich ja schnell alle der Tante Helene zeigen — aber eher kriegst Du, Papa, noch einen herzhaften Kuß. (Sie küßt ihn — er läßt sie herab, sie läuft, einige Spielsachen in der Hand, links ab. — «Marian, der dem^ glücklichen Kinde lächelnd nachsah, drückt eine Hand vor die Augen und tritt nach vorne.) Marian. Nun, gar so übel war er ja doch nicht mein Weihnachtsabend. Rosa (welche die Worte belauschte — tritt eben so, das Schnupftuch an die Augen legend, nach vorne). Rosa. So und nicht anders sprach auch Marie, wenn ich sie am Christabend überraschte. Emil. Nun kommen Sie aber! Es Ist genug! Rosa. Nein, wir bleiben, wir bleiben so lange, bis er das Haus verläßt! Er soll es erfahren, daß ich in Alles — leider — in Alles eingeweiht bin. Wien. Thtat.-Rtp. Nr. 248 4 50 Marian (hat mittlerweile die Brieftasche gezogen). Diese hundert Gulden als Angebinde für meine Helene. (Legt die Banknote unter einen Leuchter.) Und nun — ohne den ofsiciellen Dank der niederösterreichischen Statthalterei abzuwarten — fort! fort zu meinen Acten, in s Geschäft! — (Tritt heraus — Rosa steht vor ihm.) Him- mil! Wie, Rosa, Du hier zu so später Abendstunde und allein? Aber nein, nicht allein! Du hast ja Escorte bei Dir. Emil. Ich versichere Dich — ich — Rosa. Ich habe den Cousin gebeten um seine Begleitung und bin hiehergeeilt, um morgen auch jene Behörden hierherführen zu können, die mir zu meinem Rechte verhelfen soll — Marian. Zu deinem Rechte? Emil. Schau, Cousin, es ist einmal Alles bekannt—zünde Friedenspfeifen an. Marian. Wie, Rosa, Du weißt — Rosa. Das Leugnen hilft jetzt nicht mehr — denn ich habe Dich verfolgt bis hieher, hörte Dich sprechen mit deinem Kinde — Marian. Mit meinem- Emil. Also zieh' andere Saiten auf. Weg mit der Biedermeierei, sag' offen, ich bin auch Einer von Jenen, Einer von uns, und damit basta. Marian. Nun gut; ich dankeDir, Emil, für deinen wohlwollenden Rath! Ja, Kinder. da Ihr nun schon einmal Alles wißt — es ist so und nicht anders, ja, und tausendmal ja, ich habe gefehlt — Rosa (bitterlich weinend). Und warum hast Du so lange mit einem Bekenntniß gezögert? Es hätte vielleicht nur eines Wortes bedurft. Marian. Mein Gott, wer hat da gleich die nöthige Courage? Glaubst Dn, es geht nur so leicht, daß man auspackt mit seiner ganzen Vergangenheit? Rosa. Wer weiß aber — ich hätte gewiß — am Ende, Geschehenes läßt sich ja nicht ungeschehen machen. Marian. Aber was ich auch kämpfte (Stürzt hinüber, eilt durch den Salon, bringt, »Marie! Marie!« rufend, gefolgt von Holterhuber, Helene und Rips, sogleich das Kind; Holterhuber, Rips und Helene haben Servietten, Messer und Gabel in der Hand.) mit mir selbst, steh', Rosa, ich brachte es nicht heraus. Nun aber, wo Du bis in's Innere Afrika's vorgedrungen bist — wo Du — wie ein zweiter Gerstäcker, die unbewohntesten Gegenden ausgesucht hast — wo Du mich endlich, so zu sagen, in üa- xranti ertapptest — jetzt muß ich. ohne Maler zu sein, heraus mit der Farbe! Ja, Rosa, ich habe gefehlt! Ich bin ein geheimer Künder, aber (fällt zu ihren Knieen nieder) ein Milderungsgrund kömmt doch in Betracht — ich habe den Muth, mein Verbrechen mit ollen Nebenumständen einzugestehen! Rosa. — Heinrich — steh' auf — ich kann Dir vielleicht beweisen, daß ich denn doch nicht so hart bin, wie Du gedacht haben mochtest. — Marian. Nicht? Emil. Nein — sie thut, wie Sie sehen. ohnehin das Möglichste, Rouö! Rosa (mit Ueberwindung). Daß ich es versuchen werde — mein Gefühl zu beherrschen. — Bringe das Kind — ich will ihm — mein Wort, Heinrich — ich will ihm eine gute Mutter sein! Marian. Wirklich! Du wolltest? Du nimmst es auf — Du willst — Du bist — Du wirst? — Rosa, das werd' ich Dir nie vergessen! Emil. Mehr, Cousine, mehr kann man nicht verlangen! Sie leisten das Außerordentlichste — Rosa. Es ist die Frucht seiner ersten Liebe — er war damals noch jünger, unbedacht — ich will es pflegen und beschützen wie mein eigenes Kind — er kömmt damit — ich hör' ihn — ach! er ist schon da — Marian (erscheint, das Kind auf dem Arme). Da bin ich, und zwar sammt Zn- gehör. 52 Rosa (eilt ihm entgegen, breitet die Arme aus, die kleine Marie ruft:) Mutter! Rosa. Heiliger Gott — das ist — ja, aj — sie ist es — (Sie stößt einen Schrei aus. bricht in einen Thränenstrom aus und fällt in die Kniee mit den Worten:) Ich Hab' es wieder! Marie — Marie — mein Kind, mein armes, verlassenes Kind! (Sie hält es umschlungen. Pause.) « Rips (sieht seine Frau und dann Folterhuber an). Was? Die zwa Frauen hab'n mit einand' bloß an Kind? Helene. Aber merkst denn noch nicht, daß ich unschuldig bin? Rips. Im Ernst? Dann war ja ich — Helene (auf ihre Gabel deutend, aus der ein Fisch). Was denn nur geschwind, ein Bachfisch — dem ich seine Dummheit verzeihen muß, ich mag woll'n oder net. Marian. Und nun, Rosa, kann mir denn auch verziehen werden? Rosa (reicht ihm die Hand und sinkt ihm an die Brust). Heinrich! Und wenn ich Dir nun reumüthig gestehe — Marian. Ja, wenn Du die Sache so lange hinausschiebst, Rosa — da muß ich schon auf ein Geständniß verzichten. (Umschlingt sie.) Wir wollen von nun an zwar nicht sein ein einig Volk von Brüdern — aber ein glückliches Ehepaar — dessen Frieden kem Schwätzer mehr trüben soll! Mehr noch, wir wollen unseren Feinden verzeihen (reicht Emil die Hand) und für sie beten: Herr, vergib ihm seine Schulden! Und weil Sie gerade ein Weinglas in der Hand haben, Herr Folterhuber, so lassen wir es hoch leben. Folterh. Unser vereinigtes Kind! Alle. Und den Herrn Landesgerichtsrath! Gruppe. — Ende. Truck und Papier von 8. Sommor L Comp, in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Vsterfreude. Lustspiel in einem Aufzuge. Mit freier Benützung einer französischen Idee von Erik Nchl. Im k. k. priv. Theater an der Wien zuerst mit großem Beifall gegeben. Personen: Serbach (45 Jahre alt). Natter, sein Freund (42 Zahre alt). Otto Hagen. Hermine von Maiborn, eioe junge Witwe. Klara, ihr Stubenmädchen- Ort der Handlung: Wien, bei Hermine von Maiborn. (Geschmackvoll meublirter Salon. Eiagaugsthür im Hintergründe. Links eine Thür, welche in Her- Minen- Gemächer führt. Kamin, Spiegel rc. Rechts ein Tisch, auf welchem Schreibrequifiten und eine kleine Glocke.) Erste Scene. Seebach, Natter und Klara. Natter. Wir könnten es nicht verantworten! (Klara ab.) Klara. Die gnädige Frau ist zu sprechen, doch ersucht sie die Herren, gefälligst einige Minuten warten zu wollen. Seebach. Sie möge sich uns zu Liebe ja keinen Zwang anthun — Zweite Scene. Seebach. Nun, da wir angemeldet, sage mir, lieber Freund, wasDich eigentlich m dieses Haus führt? Natter. Ich besuche Frau von Maiborn. Seebach. Das sehe ich; aber warum besuchst Du sie? Natter. Närrische Frage! Besuchst Du sie doch auch! Seebach. In unseren Besuchen liegt ein großer Unterschied; ich, mein Freund, bin hier wie zu Hause. Natter. Noch nicht ganz; noch hast Du die reizende Hausfrau nicht zum Altäre geführt! Seebach. Soll aber nächstens geschehen. Als Freund von Herminens verstorbenem Gatten habe ich der mit den Geschäften des rauhen Lebens unbekannten Witwe manche wichtige Dienste geleistet, welche das Herz des Weibes selten vergißt. Ohne mich hätte nach dem Tode ihres Gatten, eines leichtsinnigen und sorglosen Lebemannes, ihr Vermögen manche Gefahr gelaufen. Ich wurde zu gleicher Zeit ihr Tröster und ihr Anwalt. Als ich dann ermuthigt durch ihre Güte und Zuneigung — unter die Zahl ihrer Bewerber trat, hatte ich die Genugthuung, allsogleich alle meine Nebenbuhler entfernt zu sehen. (Halb spöttisch.) Davon kannst Du erzählen, mein armer Junge, denn Du warst einer ihrer eifrigsten Anbeter! Natter. Ich? Da bist Du in großem Jrrthume. Ich machte Herminen den Hof wie allen Frauen; auch machte es mir Spaß, Dich eifersüchtig zu machen. Ich liebe nicht die Witwen. Meine erste Anforderung dem schönen Geschlechte gegenüber ist — die Jugend. Seebach. Da sehe man! Hermine ist erst 26 Jahre alt. Natter. Jede Witwe, lieber Seebach, hat nur eine — eine unvollkommene Ju gend. Mich anziehen. Seebach (lachend). Du wirst doch nicht einem jungen Mädchen den Hof machen? Natter. So ist es — einem jungen Mädchen von kaum 16 Jahren, schön wie die Morgenröthe; ein originelles Geschöpf, voll Phantasie und Unschuld! Seebach (verblüfft). Und Du hoffst auf Erfolg? Natter (piqmrt). Warum nicht? Mein Erfolg bei ihr ist vielleicht sicherer als der deine bei deiner — Witwe Seebach (hitzlg). Lächerlich! Natter. Du zweifelst. Du spottest? Wohlan, eine Wette! Ich setze fünfzig Du- caten dafür ein, daß ich meine Geliebte eher zum Altäre führe, als Du Herminens Hand erhältst. Seebach. Prahler! Um Dir eine gute Lection zu geben, nehme ich die Wette an. Dritte Scene. Hermine (tritt aus ihrem Zimmer.) Hermine. Verzeihung, meine Herren, daß ich Sie so lange warten ließ, ich hatte noch einige Briefe zu vollenden. Seebach. Ich muß Sie um Nachsicht bitten, daß ich schon so zeitlich erscheine, doch kann ich Sie nie früh genug sehen. Hermine. Es ist schon lange her, daß ich nicht das Vergnügen hatte, Herrn von Natter bei mir zu empfangen. Natter. Leider haben mich Geschäfte — Hermine. Geschäfte? Sie scherzen! Ich denke, Ihr wichtigstes Geschäft ist wohl nur das Vergnügen. Natter. Dann würde ich alle Tage Sie belästigen. Her mine. Stets galant. Natter. Nur Wahrheit. Seebach (bei Seite). Er fängt schon wieder an. (Laut.) Abgesehen von dem Drange Sie zu sehen, hatte mein Freund können nur junge Mädchen j mit mir zu sprechen, und da er wußte, daß er mich h i er sicher antrifft — Hermine. Es freut mich sehr, daß ich Ihnen diesen Besuch verdanke. Natter. Bedaure in diesem Puncte widersprechen zu müssen, obwohl ich zu- gebe, daß ich stets erfreut bin, meinen lieben Seebach zu sehen, wenn auch nur — wie eben jetzt — zufällig. Wir sind alte Freunde; ja, lieber Seebach, wir sind schon alte Bursche, und wenn ich nicht irre, so bist Du sogar der Aeltere. Seebach (bki Seite, ärgerlich). Welch' ein Thema, der Unglücksvogel! (Laut.) Das ich nicht wüßte. Natter (boshaft). Um 5 Jahre. Seebach (unbehaglich). Warum nicht gar! Natter. Nicht doch! Ich irre mich! Bloß um drei Jahre. In unserem Alter ist das schon ein beträchtlicher Vorsprung — denn wir haben beide schon die Vierzig passirt, mein alter Freund! Seebach (wie oben). Du sagst mir nichts Neues! Natter. Sei mir deßhalb nicht gram. (Zu Hermine.) Mein Freund ist ein ausgezeichneter Mensch, nur hat er manchmal böse Launen! Hermine. Diese Erfahrung habe ich noch nicht gemacht. Natter. Das ist leicht erklärlich, schöne Frau; er sucht Ihnen zu gefallen, er muß Ihnen natürlich seine Fehler verbergen. Bei mir hingegen, der ich sein bester Freund bin — Hermine. Gegenwärtig scheinen Sie es eben nicht zu sein. Natter. Alles nur Scherz! (Zu Seebach.) Nachdem Du aber nicht immer Scherz verstehst, ziehe ich mich zurück (,u Herm'ne) und bitte die gnädige Frau um die Erlaubniß, meinen Besuch bald wiederholen zu dürfen. (Küßt ihr die Hand.) Hermine. Ich werde stets erfreut sein, Sie zu sehen. Natter (im Abgehea zu Seebach). Wir scheiden ohne Groll. Seebach (heimlich zu ihm). Warumsuchst Du mich vor ihr herabzusetzen? Natter (hrimlich). Ich mußte als vernünftiger Spieler auf meine 50 Ducaten denken. (Laut, sehr herzlich und ihm die Hände schüttelnd.) Lebe wohl mein Pylades! Seebach (mit unterdrückter Wuth, ebenso). Lebe wohl! (Natter ab) Vierte Scene. Hermine. Natter scheint eine sehr lustige Gemüthsart zu haben. Seebach. Ja, — doch ist er ein Schwätzer, Spötter, voll Eigendünkel — Hermine. Nicht möglich! Seebach. Ich muß ihn wohl kennen, da er mein ältester Freund ist. Hermine (lächelnd). Ich sehe zu meinem Ergötzen, daß Sie das Gefühl der Freundschaft nicht blind macht; weder den Einen — noch den Andern! Seebach. Ich denke nicht, daß es Ihnen mißfallen könne, wenn ich ihm sein Recht widerfahren laste. Hermine (lächelnd). Seebach! Sie werden doch nicht auch mit Natter eifern? Seebach. Mit diesem? Nein, liebe Hermine. Hermine (aufmerksam gemacht). Wie? — sollte Ihnen vielleicht ein Anderer — Grund zur Eifersucht gegeben haben? Seebach. Vielleicht — Hermine. Und wer ist denn dieser neue Gegenstand Ihrer ewigen Eifersucht? Seebach. Sie kennen ihn recht gut — gestern in der Oper haben Sie ihn gesehen. Hermine. Ich? Seebach. Ec hat Sie vom Parterre aus stets lorgnettirt; während der Zivi- schenacte ging er im Logengange auf und ab, er wollte Sie ansprechen, wenn nicht meine Gegenwart ihn gehindert hätte. Hermine. Der arme junge Mann! Seinen Namen! Ich brenne vor Begierde, ihn kennen zu lernen. Seebach. Sie wissen so gut als ich, von wem ich spreche — von Herrn Otto Hagen. 4 Her mine. Otto Hagen? Diesen Namen höre ich heute zum ersten Male. Seebach (seufzend). Ach, wenn ich das glauben könnte — Hermine. Werden Sie denn niemals von der häßlichen Eifersucht geheilt werden? Seebach. Verzeihen Sie, liebe Hermine. — meine Eifersucht ist eine Pflanze, welche in der tiefen Liebe zu Ihnen wurzelt. Ihre Neigung zu mir scheint — Sie verzeihen — gar zu besonnen und ruhig. Hermine. Verlangen Sie keine leidenschaftliche. himmelstürmende Liebe von mir. Mein verstorbener Gatte erweckte in mir jenes exaltirte und romantische Gefühl, welches man allgemein für die erste Bedingung zum Glücke hält — und — war ich glücklich? Sie wissen es! (S «buch küßt ihr die Hand.) Glauben Sie mir, Freundschaft und Achtung genügen, um eine Ehe glücklich zu machen. Die Liebe fürchte ich; — ich will mit ihr nichts mehr zu schaffen haben! Seebach. Ich verstehe Sie; — deß- halb ist auch Ihre Wahl auf mich gefallen. Hermine. Spötter! Und wenn es so wäre? Ueber was werden Sie sich beklagen, wenn ich Sie dessenungeachtet glücklich mache? Seebach. Sie haben Recht! Ich verspreche, daß Sie von jetzt an keine Ursache mehr haben werden, fich über meine Eifersucht zu beklagen. Her mine (lächelnd). Ich werde sehen, wie Sie Ihr Versprechen halten — See Nach. Zweifeln Sie nicht, ich schwöre — Fünfte Scene. Klara. Klara. Es ist ein Herr gekommen, welcher um eine Unterredung bittet; er behauptet, der gnädigen Frau eine dringende Mittheilung machen zu müssen. Hermine. Hat er seinen Namen genannt? Klara. Hier seine Karte. Hermine (liest mit Staunen). »Otto Hagen.« Seebach. Hagen? Wie, er wagt es! (Dringend.) Sie werden ihn doch zurückweisen!? Hermine. Sie irren! (Zu Klara.) Lasse ihn eintreten. (Klara ab.) Sechste Scene. Seebach. Wie! Sie wollen diesen jungen Mann, der Sie liebt, wirklich anhö- reu? Hermine (lächelnd). Soll ich nur Leute empfangen, die mich hassen? Erst zuvor haben Sie mir versprochen, nicht mehr eifersüchtig zu sein. Seebach. Unter solchen Umständen können Sie mir es nicht verwehren, daß — Siebente Scene. Otto Hagen (tritt auf.) Otto (nach den üblichen Verbeugungen). Gnädige Frau find so gütig, daß- (Setbach erblickend.) Ich bitte um Verzeihung, wenn ich zu ungelegener Stunde — Hermine. Sie wollten mich sprechen, mein Herr — Otto (verlegen). Ja — gnädige Frau! (Blickt auf Seebach.) Hermine. Ist Ihre Mittheilung nur für mich allein bestimmt? Otto (wie oben). Zu dienen. Hermine (bei Seite, zu Seebach). Lieber Seebach! Seebach (ebenso). Wie — ich sollte — Hermine (ebenso). Und das Vertrauen, welches Sie mir betheuert? Seebach. Will ich in glänzender Weise zeigen! Ich gehe! (Will fortgehen, kehrt jedoch auf halbem Wege wieder um ) Wenn Sie erlauben, so komme ich bald wieder zurück. Hermine. Dazu benöthigen Sie nicht mehr meine Erlaubnis Seebach (ihr die Hand küssend). Engel! Mein Vertrauen ist felsenfest. (Abgang wie oben.) Sie werden ihm wohl nicht zu lange Gehör schenken? Hermine (etwas ungeduldig). Nein — beruhigen Sie sich! Seebach (ängstlich auf Otto blickend). O — ich bin vollkommen beruhigt. (Seebach und Otto grüßen sich, Seebach ab.) Achte Scene. Hermine und Otto Hagen. (Auf eine einladende Bewegung HcrminenS nimmt Otto Platz. Hermine setzt sich ebenfalls nieder.) Hermine. Ich bin bereit, mein Herr, Sie zu hören. Otto. Aufrichtig gesagt, gnädige Frau, weiß ich nicht, wie ich beginnen soll; — — ich fühle eine Befangenheit — Hermine. Reden Sie ohne Scheu. (Bei Seite.) Seine Schüchternheit gefällt mir. (Laut und weniger ccremoniös.) Ich höre! Otto. Ein einziges Wort umfaßt meine ganze Entschuldigung — ich »liebe!« Hermine (beinahe bewegt). Sie — lieben, mein Herr? Otty. Ja gnädige Frau, und —fühle mich sehr unglücklich. Hermine. Wollen Sie sich deutlicher erklären. Otto. Ja. gnädige Frau, ich liebe. . . liebe ein reizendes Geschöpf, doch habe ich nicht den Muth, diese Eröffnung ihrem Vater zu machen! Hermine. Ihrem—Vater? (BeiSeite.) Ich täuschte mich — es handelt sich nicht um meine Person. (Laut.) Was kann ich in diesem Falle thun? Otto. Viel — sehr viel — Hermine. Kenne ich den Gegenstand Ihrer Neigung? Otto. Nein; aber ihren Vater. Hermine. Ihren Vater? Otto. Eben verließ er diesen Salon, — Herr von Seebach ist es. Hermine (betroffen). Seebach? Soviel ich weiß, ist Seebach kinderlos! Otto. Verzeihung, gnädige Frau, daß ich widersprechen muß. aber er hat eine Tochter, welche ich liebe, und welche ich durch Ihre gütige Fürsprache bei Herrn Seebach zu erringen hoffe. Hermine. Kaum kann ich mich von meinem Staunen erholen. Und dieses Kind, über dessen Dasein Seebach mir gegenüber das strengste Stillschweigen beobachtete, ist wirklich — Otto. Seine Tochter. Ich habe sie kennen gelernt in einem Penfionate, in welchem die Schwester eines meiner Freunde erzogen wird, da ich denselben bei seinen Besuchen öfter begleitete. Sie führt nicht den Namen ihres Vaters, außer mir und der Vorsteherin des Institutes ist Niemand in das Geheimniß eingeweiht — Hermine. Wissen Sie auch, warum Seebach vor aller Welt die Existenz seiner Tochter verheimlicht? Otto. Die Ursache dürfte darin liege n, daß Herr Seebach fürchtet, eine Tochter von 16 Jahren würde ihn vor der Welt weniger jung erscheinen lassen, als er — als er ist. Hermine. Sie wollen sagen — als er sein möchte! Otto. Gnädige Frau haben es ausgesprochen. — Natalie — dieß ist Fräulein Seebach's Name — sieht selten ihren Vater; seine geringe Zärtlichkeit flößt dem armen jungen Mädchen ein Bangen ein, welches nicht zu bewältigen ist. So oft ich davon gesprochen, daß ich bei Herrn Seebach um ihre Hand anhalten wolle, beschwor sie mich, es nicht zu thun. Sie ver- muthete, daß er aufgebracht, sein Geheimniß durch die eigene Tochter verrathen zu sehen, niemals seine Einwilligung geben werde. Was war zu thun?! — Ihre Liebe «nd — ich sage es offen - ihre noch sehr lebhafte und etwas schwärmerische Fantasie haben ihr einen — einen kühnen Gedanken eivgeflößt, welcher mir jldoch ein erfreulicher Beweis war, bis zu welchem Grade sie mich liebt! Das sonst so schüchterne Mädchen schreckte nicht vor dem Gedanken zurück, heimlich jenes Haus zu ver- assen, in welchem sie von ihrem Vater gleichsam verbannt und verborgen gehalten wird. Nach solch' einem Schritte hätte Seeb ach wohl keinen Widerstand gewagt. Vor vierzehn Tagen hätte dieser Plan ausge führt werden sollen. Glücklich über den Beweis so vieler Liebe, erwartete ich anfangs mit Ungeduld den verabredeten Zeitpunkt. Doch — nach ernsterem Ueber- Irgen — fühlte ich auch das Unschickliche und Fehlerhafte unseres Vorhabens, um so mehr — als wir sanftere Mittel ja noch nicht einmal versucht hatten. Hermine (lächelnd). Das wäre wohl vor allem Anderen gerathen gewesen. Otto. Ich schrieb Natalien die Gründe meiner Handlungsweise, bat sie, bei ihrem Vater um sie anhalten zu dürfen; aber — Hermine (gespannt). Aber? Otto. Sie schickte mir mein Schreiben zurück, ohne ein Wort der Erklärung bei- zufngen. Vierzehn Tage schon bestrebe ick mich fruchtlos ihren Groll zu besänftigen. Verzeihung zu erhalten. Ich wußte mir nicht zu helfen, nicht zu rathen. Hermine (bei Seite). Er dauert mich. Otto. Da erblickte ich Sie, gnädige Frau, gestern an Seebach's Seite in der Loge. Ich fühlte es, daß er Ihrem Geiste und Ihrer Anmuth, wenn dieselben für uns in die Schranken treten würden, gewiß nicht widerstehen könnte! Hermine (verneigt sick. gleichsam um das Cowpliment abzulthnen). Sie haben recht gehandelt. Ein junges Mädchen zu entführen, wäre eine sehr tadelnswerthe Handlung, wie groß auch das Unrecht des Vaters erscheint. — Ich selbst will mit Fräulein Natalie sprechen. Was ihren Vater betrifft — Otto. Wie könnte er Ihrem Zureden wiederstehen, sie sind so liebenswürdig, so — (unwillkürlich bewegt) reizend. (Beide stehen aus.) Hermine (lächelnd). Herr von Seebach beobachtete Sie gestern im Theater, und sollten Sie es glauben — er ist nun schrecklich eifersüchtig gegen Ihre Person. Otto (von einem plötzlichen Gedanken ergriffen). Wirklich? Welch' ein Glück! Hermine. Was finden Sie daran so Glückliches?ß Otto. Vielleicht wird seine Eifersucht mir zum Ziele verhelfen; — denn er wird in mir gewiß lieber den Schwiegersohn — als den Nebenbuhler sehen. Hermine. Nun werde ich mich gleich zu Natalien begeben und ihr den Kopf zurechtsetzen. Otto. Für so viel Güte werde ich ewig dankbar sein. Wenn gnädige Frau erlauben, so werde ich mir die Freiheit nehmen, Sie bis zum Hause zu begleiten. Hermine. Es soll mich freuen. (Rust.) Klara! ^ Neunte Scene. Seebach tritt auf, später Klara. Seebach. Sie haben gerufen? Hermine (etwas kälter und merklich zurückhaltend). Ah! Sie sind es? Seebach. Ja, ich bin unterdessen ein wenig spazieren gegangen. Hermine. Ganz recht; ich habe aber nicht Sie, sondern mein Stubenmädchen gerufen. Seebach (für sich). Was hat Sie denn? Klara (eintretend). Gnädige Frau befehlen? Hermine. Hut und Shawl! (Klara ab ) Seebach. Sie gehen aus? Hermine. Wie Sie sehen. Seebach. Darf ich Ihnen meinen Arm avbieten? Hermine. Ich danke! Dieser Herr ist Ihnen bereits zuvorgekommen. Seebach (verblüfft). Sie gehen mit Herrn von Hagen? Hermine. Ja. (Klara dringt Hut und Shawl). Seebach. Sie scherzen — Hermine (setzt den Hut auf und bindet den Shawl um). Ich habe keine Ursache da- zu — Seebach. Und darf man wissen, wohin Sie gehen? Her mine (ärgerlich). Nein. Seebach. Dock scheint es mir — Hermine. Mir scheint es, daß ich eben so gut Geheimnisse haben kann, als — Sie selbst! Seebach. Ich habe keine Geheimnisse für Sie. (Tonlos.) Sie gehen also wirklich, Hermine — Her mine. Ihre Dienerin! (Gcht mit Hagen ab.) Zehnte Scene. Seebach. Träume ich?-Hermine geht mit diesem jungen Manne fort, ohne mir zu sagen wohin; ich bemerkte es gar wohl, wie er mich spöttisch betrachtete — — ich muß Gewißheit haben — ihnen Nach! (Will hinausgehen, unter der Thüre stößt er aus Natter, der ihn trotz seines SträubenS wieder zurückführt.) Etlfte Scene. Seebach, — Natter. Natter. Willkommen, armer Freund! Seebach, (ärgerlich). Guten Tag! Natter. Immer bei übler Laune; — aber dießmal — ich gebe es zu — hast Du wirklich Ursache dazu. Da, lese diesen Brief, den ich von meiner Angebetellen erhielt. 'Seebach. Lasse mich zufrieden. Natter. Du willst nicht lesen? So höre denn — und staune (Lesend). „Die Liebe muß Alles wagen — der Lag der Prüfung naht — wenn Ihre Seele so stark und leidenschaftlich wie die meine ist, so kommen Sie! Ich erwarte Sie, um Ihnen das Uebrige zu sagen." Seebach. Nun — und was weiter? Natter. Höre nur: (Liest.) „Die Liebe muß Alles wagen!" Da sie mich liebt, wird sie daher wage n — Seebach. Was denn? Natter. Das weiß ich nicht; aber höre weiter: (Liest.) „Der Tag der Prüfung naht." Sie selbst sagt es, sie appellirt an meine starke und leidenschaftliche Seele! Welch' ein Styl! (Lesend.) „Die Liebe muß Alles wagen!" Was will sie nur damit sagen?! Seebach. Gehe hin! — frage sie! — Und lasse mich in Ruhe! Natter. Das werde ich auch thun; ich darf diese kostbare Regung nicht erkalten lassen. Lebe wohl, lieber Seebach. „Der Tag der Prüfung naht." Das Uebrige wird sie mir sagen! Lebe wohl, und lege einstweilen die fünfzig Dukaten zurecht! (Geht trillernd ab.) Zwölfte Scene. Seebach. Sie kommt noch immer nicht zurück! Sie hat mich getäuscht; die Beiden haben sich heute nicht zum ersten Male gesehen- (Don einem plötzlichen Gedanken ergriffen.) Vielleicht kann mir ihr Stubenmädchen Aufschluß geben. (Er läutet.) Dreizehnte Scene. Klara tritt ein. Klara. Sie wünschen? 8 Seebach. Hat Hermine beim Fortgehen nichts zu Ihnen gesagt? Klara. Wcßhalb fragen Sie mich? Seebach. Um zu erfahren, ob sie bald zurückkommen wird. Klara. Die gnädige Frau hat mir nichts gesagt! (Will abgchtn.) Seebach. Klara! Klara. Sie wünschen? Seebach. Wissen Sie nicht, wohin Hermine gegangen ist? Klara. Weßhalb fragen Sie mich? Seebach. Sonderbare Frage! Um es zu wissen! Klara. Warum wollen Sie es denn wissen? Seebach. Antworten Sie mir lieber — wohin ist sie gegangen? Klara. Ich weiß nicht! (Will abgehm.) Seebach (mit stkigendtr Ungeduld). Klara! Klara. Sie wünschen? Seebach. Ist jener junge Mann, mit welchem sich die gnädige Frau zuvor entfernte, schon öfter hier gewesen? Klara. Weßhalb fragen Sie mich? Seebach. Himmlische Geduld! Wollen Sie mir endlich einmal vernünftig antworten ? Seebach. Es richtet sich — wenn Sie erlauben, ganz nach dem Ihrigen. Hermine. Ich gebe Ihnen zu bedenken, daß Sie noch nicht mein Gemal sind. Seebach (gereizt). Wollen Sie mir damit zu verstehen geben, daß ich auch nicht mehr beanspruchen darf — es zu werden? Hermine (ebenso). Jede Auslegungsweise steht Ihnen frei. Seebach (Steigerung). Sie geben mir also den Abschied — einen förmlichen Abschied? Hermine. Ich hindere Sie nicht, ihn zu nehmen. (Legt Hut und Shawl ab.) Seebach. Glauben Sie ja nicht — daß ich wieder kommen, daß ich je wieder meinen Fuß über diese Schwelle setzen werde! (Nimmt seinen Hut.) Hermine. Nach Belieben! Seebach. Dießmal — werde ich nicht so schwach sein wie gewöhnlich; - dießmal scheide ich — für immer. Leben Sie wohl! Hermine. Leben Sie wohl! (Seeback, ab.) Sechzehnte Scene. Hermine Vierzehnte Scene. Hermine (tritt aus.) Hermine. Welcher Lärm! Was geht hier vor? Klara. Herr von Seebach wollte mich über die gnädige Frau förmlich verhören! Hermine (zu Klara). Lasse uns allein. (Klara ab.) Fünfzehnte Scene. Hermine. Seebach. Hermine. Wahrlich — ich finde Ihr Benehmen — gelinde gesagt — sehr sonderbar. Hermine. Seebach ist unausstehlich mit seinen immerwährenden Beschwerden! Wahrlich — ich hätte gute Lust — und — doch nein — weg damit! Ich muß nun an Hagen denken. Ärmer junger Mann, so schüchtern und artig! Ich habe Natalie gesehen-sie ist hübsch — doch welche Gemüthsart — welche Überspanntheit! Sie will ihm seinen Verrath. wie sie es nennt, niemals verzeihen. Diese Entführung gestaltete sich bei ihr zur fixen Idee; ich weiß nicht, ob Hagen wirklich zu beklagen ist wegen dieses Awistes; beide Charaktere sind vollkommen entgegengesetzt. Soll ich ihm meinUrtheilmittheilen? Warum nicht! Er hat in mich sein Vertrauen gesetzt, und ich bin es ihm — ja mir selbst schuldig, die Wahrheit zu sagen. 9 Siebzehnte Scene. Vorige. Otto Hagen (tritt auf). Hermine. Er kommt;-mein Entschluß ist gefaßt. Otto (ihr die Hand küssend). Gnädige Frau- Hermine. Schon zurück? Otto. Sie zu sehen. Ihnen zu danken — Hermine. Und das Resultat meiner Mission zu vernehmen! Ich will Sie nicht aus die Folter spannen. Ich habe Natalie gesehen — sie ist reizend — — aber — Otto. Aber? Hermine. Es ist schwer, den rechten Ausdruck zu finden-In der Ehe ist die Schönheit zwar — zwar sehr wün- schenswerth. ich gebe es zu, aber die Ge- müthsart- Otto. Sie finden Nataliens Gemüths- art- Hermine. Ein wenig zu lebhaft — zu entschlossen. Es ist wahr, ich habe sie nur sehr kurze Zeit gesehen, weßhalb es schwer ist, über den Charakter eines Mädchens das richtige Urtheil zu fassen. Bei Ihnen verhält es sich ganz anders; Sie kennen sie besser; haben sie lange beobachtet — Otto. Ich, gnädige Frau? Gar nicht! Ich habe Natalie vor kaum einem Monate zum ersten Male gesehen. Hermine, (lächelnd). Wirklich? Otto. Auf einem Balle, welchen die Jnstitutsvorsteherin an ihrem Namensfeste gegeben. Mein Freund, dessen Schwester dort erzogen wird, stellte mich vor;-bei dieser Gelegenheit sahen — (begegnet Hcrminei s Blicken, schlägt dir Angen meder, verlegen) Und — liebten wir uns. H ermiue. Haben Sie dann das Fräulein öfter gesehen? Otto. Zweimal, gnädige Frau — nur zweimal — im Sprechsaale, jedoch schrieben wir uns oft; gleich am Morgen nach jenem Balle erhielt ich ein Schreiben von ihr, in welchem sie meine Huldigung in einer Weise annahm, welche mich unendlich glücklich machte. Hermine (lächelnd). Und dachten Sie nicht, daß alles das noch nicht genüge, um Ihr Glück zu sichern? Otto (mit stets wachsender Verlegenheit). Nein, gnädige Frau. Hermine. Ueberlegten Sie nicht, daß eS denn doch nothwendig sei, die Gewohnheiten, den Charakter, ja das Herz jenes Mädchens genauer kennen zu lernen, mit welchem Sie sich für das ganze Leben vereinen wollten? Otto (wie oben). Nein, gnädige Frau! Doch Ihre Worte, gnädige Frau, Ihre Sprache, voll Gemüth und Wahrheit — haben mir die Augen geöffnet — und obwohl ich noch immer dieselbe Liebe für Natalie zu fühlen glaube, so wäre es mir doch sehr erwünscht, sie öfter sehen — ihre Gemüthsart prüfen zu können! Hermine. Sie sind noch jung, übereilen Sie sich nicht, und suchen Sie wenigstens sich die Ueberzeugung zu verschaffen, daß Natalie wirklich zu Ihnen paßt! Otto. Ich werde es thun — — so lange — Sie es für gut finden. Hermine. Soll ich also-nicht mit Seebach darüber sprechen? Otto. Erst bis Sie es für geeignet halten — Sie, gnädige Frau, mögen darüber entscheiden. Hermine. Es freut mich, Herr von Hagen, daß Sie der vernünftigen Ueber« legung ihr Recht eingeräumt haben. Otto (mit singendem Feuer). Wie konnte ich anders, da Sie sich meiner erbarmten. Ich wollte einen großen Fehler begehen — Sie hielten mich zurück. Ich hätte beinahe mein Lebensglück auf das Spiel gesetzt — und Sie — Sie lenkten mich auf die rechte Bahn. Dank! Tausend Dank!-Sie find mein rettender Engel! (Küßt ihr ln« denschastl ch die Hand, blkibt wie von plötzlicher 10 Verwunderung ergriffen stehen, blickt Hermioe an. und geht dann mit langsamen Schritten, sie schüchtern betrachtend, ab.) Achtzehnte Scene. Hermine. Hermine (die Hand auf's Herz legend). Mein Gott, wie mein Herz schlägt! Dieser Handkuß hat mich ganz verwirrt gemacht; diese Bewegung — diese Theilnahme, die ich gegen meinen Willen für diesen jungen Mann hege, ist — gefährlich. Ach ja — es ist höchste Zeit, diesem aufkeimenden Gefühl ein Ende zu machen. Nur ein Mittel gibt es: nämlich meine Verlobung mit Seebach zu beschleunigen! Doch dieses Ge- heimniß, welches er seiner Tochter wegen mir gegenüber beobachtete! Nicht doch! Ist er der Einzige, der sich Vorwürfe zu machen hat? Er möge mir Alles aufrichtig gestehen, und (seufzend) und ich will ihm verzeihen! Neunzehnte Scene. Seebach (tritt zu Ende dieses Monologes Herrin rmd bleibt schüchtern im Hintergründe stehea.) Hermine. Ach! Sie find es, mein Freund? Es freut mich, daß Sie nach unserem kleinen Zerwürfnisse den ersten Schritt machen — denn eben wollte ich Ihnen schreiben; doch find Sie mir zuvorgekommen, und für einen Eifersüchtigen ist dieß sehr viel! Seebach. Zch war ein Wahnsinniger, und Sie find zu gut, zu nachsichtig. (Her- miue reicht ihm die Hand, welche er küßt.) Hermine. Ihre Besserung verdient Belohnung. Wohlan denn (nach einiger Utberwindung) heute — Seebach. Heute — Hermine. Heute Abends wollen wir unsere Verlobung feiern! Seebach. Ist es möglich? Die Freude — das Glück macht mich sprachlos — Hermine. Fassen Sie sich — mein Freund! Doch vor diesem wichtigen Schritte haben wir uns Eines dem Andern vielleicht noch Manches anzuvertrauen, manche Jugendthorheit, für welche man, so lange man noch frei ist, leicht Verzeihung erhalten kann — Seebach (bei Seite). Was will Sie damit sagen? (Laut.) Ich wüßte nicht — Hermine. Hören Sie mich an, lieber Seebach. Ich finde es begreiflich, daß man vor der Heirat über die Vergangenheit in mancher Beziehung einen Schleier zu ziehen sucht; — doch unter Ehegatten soll unbeschränkte Aufrichtigkeit herrschen! Nicht wahr? Sie verstehen mich wohl; und um jenen Augenblick, in welchem Keines von uns vor dem Andern mehr ein Geheimniß haben wird, zu beschleunigen, eilen Sie zu meinem Notar, und bestellen Sie ihn für heute Abend. Ich werde noch schnell einige kleine Vorbereitungen treffen. Also — auf Wiedersehen! Seebach. Heute Abend bin ich der glücklichste Sterbliche! (Herminr geht in ihr Zimmer links.) Zwanzigste Scene. Seebach (freudig). Endlich, endlich am Ziele! Doch was wollte sie mit dem aufrichtigen Geständnisse, mit der Jngend- thorheit sagen? Sollte sie etwas von mir erfahren haben? Nicht doch — es ist unmöglich, im Gegentheile schien es mir, als wenn Sie mir etwas zu gestehen hätte. (Grübelnd.) Jugendthorheiten! Das beunruhigt mich! Sollte sich Hermine etwas vorzuwerfen haben? Nicht doch! Weg mit diesem Gedanken! Einuudzwanzigste Scene. Natter (tritt auf.) Natter (erhitzt). Seebach! Freund! Dich suche ich! 11 Seebach. Ist Dir vielleicht ein Unglück geschehen? Natter. Im Gegentheile — ich habe den Gipset des Glückes erklommen! Sieh' mir in's Gesicht! Wie findest Du, daß ich aussehe? Seebach. Aufrichtig gesagt — sehr lächerlich! Natter. Möglich! Nach solch' einem Ereignisse! Freund, Du siehst in mir — einen zweiten Jupiter! Seebach. Was — das junge Mädchen, von welchem Du mir erzähltest — Natter (stolz). Entführt! Seebach. Durch Dich?! Natter. Du kannst Dich wohl noch jenes räthselhaften und leidenschaftlichen Briefes erinnern? „Die Liebe muß Alles wagen! Der Tag der Prüfung naht." Indem ich mir vergebens den Kopf zerbrach, was sie damit sagen wolle, gelangte ich in das Pensionat — Seebach. Pensionat? Natter. In welchem ich das vollste Vertrauen genieße! Seebach. Es ist sehr gut angebracht, wie ich sehe! Natter. Es war eben die Erholungsstunde -sie schluchzte abseits in einer Ecke. Als sie mich sah, verdoppelte sich ihr Schmerz; „ich glaube mich nicht getäuscht zu haben,"sagte sie, „wenn ich mich Ihrem Edelmuthe und Ihrer Ehrenhaftigkeit an- vertraue!" Als ich sie nach diesen Worten mit unverhohlenem Staunen anstarrte, denn ich verstand sie abermals nicht, lispelte sie weiter: „Haben Sie meinen Brief erhalten — und mich verstanden?" Ob ich Sie verstanden habe! — erwiderte ich, und um Zeit zu gewinnen, damit ich sie wirklich verstehen könne, überschüttete ich sie mit einem Meere von leidenschaftlichen Phrasen. Endlich konnte ich aus einigen weniger undeutlichen Worten meiner Angebeteten erkennen, daß sie ein Asyl bei mir verlange! Seebach. Bei Dir? Natter. Ich versichere Dich — eine» Augenblick schwankte ich — auf so viel Liebe war ich nicht vorbereitet. Seebach. Weiter — Natter. Sie bemerkt meine Unentschlossenheit, wirft einen — Seebach. Nun? Natter. Flammenblick auf mich, begleitet denselben mit bitteren Bemerkungen über die Gewissenlosigkeit und den Egoismus der Männer-Was konnte ich anderes thun, (Seebach gähnt) als sie beschwichtigen, ihr schwören, daß sie sich täusche, und daß meine Liebe vor keinem Hindernisse zurückschrecken werde! Und meinem Glücke kaum glaubend — bereitete ich Alles vor zur Flucht! Seebach. Und Du wähnst, daß ich Dir bei solch' einem Vorhaben behilflich sein werde? Natter. Ich habe deine Hilfe nicht mehr nöthig, denn es ist bereits — geschehen! Seebach. Was willst Du dann noch von mir? Natter (betonend und bittend). Daß Du zu unserer Heirat die Einwilligung ihrer Mutter erwirkst. Seebach. Ihrer Mutter? Kenne ich sie? Natter (nimmt ihn bei der Hand, mit tiefem Mitleid). Freund! Du kennst fiel Seebach. Gott! — Welch' ein Gedanke — es wäre — Natter (auf HerminenS Zimmer zeigend). Sie selbst! — Eben als ich in das Sprechzimmer treten wollte — wen sah ich dort? Seebach. Herminen? Natter. Du hast es gesagt. — Da ich von ihr nicht gesehen sein wollte, versteckte ich mich beim entgegengesetzten Eingänge zwischen zwei Thüren; durch einen kleinen Spalt sah ich, daß Hermine die Kleine tüchtig auszankte, und sie gleich darauf mit einer wahrhaft mütterlichen Zärtlichkeit tröstete. Seebach (verblüfft). Mütterlichen Zärtlichkeit! Natter. Ja, mein Freund — außerordentlich mütterlich! Noch war ich meiner Sache nicht ganz sicher, beim Fortgehen jedoch erhob sie ihre Stimme, und ich hörte ste die Kleine deutlich ermahnen, sie möge sich als gehorsame Tochter benehmen. — Als Tochter — Du verstehst! Auch hat mich die Kleine selbst in meinem Verdachte bestärkt, denn als ich sie auf unserer Flucht ihrer Ellern wegen fragte, so weinte sie bitterlich und sagte: „Wenn Sie meine Hand haben wollen, so müssen Sie sich an Hermine Maiborn wenden, an sie — und an meinen Vater!« Seebach (außer sich). Vater! Das auch noch! Natter. Ja, mein armer Freund, an ihren Vater — an ihren noch lebenden Vater;-ein Vorgänger von Hermi- nens seligem Gatten! Seebach. Ich bin wüthend — ich bin empört — und --werde sie nicht heiraten Natter. Um Himmelswillen, sei vernünftig! Ich rechnete schon so sicher darauf, daß Du ihr meine Werbung Vorbringen, mit ihr darüber sprechen wirst! Seebach. Mit ihr sprechen? Ja — ja — ich werde mit ihr sprechen, jedoch — um unser Verhältniß zu lösen! Natter. Zu lösen? Wo denkst Du hin? — Auf diese Art könntest Du nicht mein Schwiegervater werden. Seebach (zornig). Suche Dir einen andern Vater — ich will nicht der deine werden. O Hermine! Aber ich will mich rächen! Natter. Welch' ein Gedanke! Seebach. Ja, lieber Natter, ich werde Dich unterstützen, Dir Vorschub leisten. — Die Treulose hat mich betrogen- um sie zur Verzweiflung zu bringen, soll sie (aus Natter zeigend) einen fünfundvierzig- jährigen Schwiegersohn bekommen. Natter. Zweiundvierzig. lieberFreund — erst zweiundvierzig — drei Jahre weniger als Du bereits zählst. Seebach (mit komischer Feierlichkeit). Ich höre sie kommen-Natter- laß uns allein. (Geht mit großen Schritten auf und ab.) Natter. Freund, väterlicher Schutzgeist! Ich rechne auf Dich, auf deine Beredsamkeit. Lebe wohl! (Natter ab.) Zweiundzwanzigste Scene. Hermine (tritt aus ihrem Zimmer heraus). Seebach (bei Seite). Da ist sie! Seitdem ich weiß, daß sie im Besitz einer heiratsfähigen Tochter ist, gefällt sie mir nicht mehr so gut. Her mine. Nun, mein Freund — schon zurück vom Notar? Seebach. Im Gegentheil, gnädige Frau — Hermine. Wie? Seebach (düster). Ich bin gar nicht hingegangen! Hermine. Und warum das? Seebach (nach Worten suchend). Weil seit heute Morgens — ich habe gedacht — und überlegt-jene Geständnisse, von welchen Sie zuvor gesprochen haben- dürften, wie ich glaube, wohl geeigneter vor-als nach der Verlobung zu machen sein. Her mine (überrascht). Sie haben vollkommen Recht. (Bei Seite.) Endlich wird er von seiner Tochter reden. Seebach (bei Seite). Ich bin neugierig, wie sie sich herausziehen wird. (Laut ) Sie sind also meiner Meinung? Hermine. Durchaus. Seebach. Schön — so hindert uns also nichts- Hermine. Nicht das Mindeste! — (Bride setzen sich. Stillschweigen, während dessen ZedeS erwartet, daß daS Andere beginne ) Sttbach. Also! > Hermine. Also! j ^ ^ Seebach. Ich bin bereit zu hören! Hermine. Ich bin ganz Ohr! 13 Seebach. Es scheint mir — Hermine. Ich glaube — Seebach. Sie wünschen? Her mine. Daß es an Ihnen ist, zuerst zu sprechen! Seebach. An mir? Freilich wohl — denn es dürfte für Sie nicht sehr angenehm sein — Hermine. Wenigstens sehr peinlich — Seebach. Das will ich Ihnen gerne glauben. (Salbungsvoll.) Es gibt gewisse Jugendsünden — Hermine. Die man vergessen soll — Seebach. Wie? Vergessen? Hermine. Und verzeihen!! Seebach. Das ist leicht gesagt! Man vergißt und verzeiht vielleicht solche Fehler. über deren Dasein man in Zweifel sein kann — aber — Hermine (»staunt). Aber — Seebach (sortsahrend. mit Würde). Aber wennBeweise Zurückbleiben, welche, anstatt mit den Jahren zu verschwinden — Hermine (lächelnd und mit der Hand weisend). Immer mehr und mehr heranwachsen — Seebach (verblüfft). Das wollte ich eben sagen! Und wenn ein solcher Beweis nach Ablauf von fünfzehn oder sechzehn Jahren in der Gestalt eines jungen Mädchens hervortritt — Hermine (lächelnd). Welches überdieß noch sehr schön ist — Seebach. Schön oder häßlich — das ändert nicht die Sache! Sie werden ein- sehen, gnädige Frau, daß man dann nicht mehr die Absicht hegen kann, die Mutter zu heiraten. Hermine. Die Mutter? Seebach (schmerzlich). Ja, Hermine,— die Mutter! Ihr Geheimniß ist entdeckt — ich weiß es, daß Sie eine Tochter haben! Hermine. Ich? Seebach. Ja, Sie! Hermine. Aber! Seebach (sehr ernst). Eine Tochter^ welche Sie vor den Augen der Welt verbergen und heimlich in einem Penfionate erziehen lassen, wo Sie dieselbe häuüg besuchen — heute Morgens noch wurden sie dort gesehen. Hermine (bei Seite). Heute Morgens?. Ich fange an zu begreifen! Seebach (bei Seite). Welche Kaltblütigkeit! Hermine (lachend). Und dieses jungen Mädchens wegen verzichten Sie auf meine Hand? Seebach. Ich muß staunen, wie Sie in einer so ernsten Angelegenheit lachen können. Her mine (noch mehr lachend). Ich werde nicht mehr lachen! Seebach (bei Seite). Ich möchte bersten vor Zorn! (Laut.) Andere Männer find nicht so — so blind, wie Ihr seliger Gatte es gewesen, welcher keine Ahnung von der Existenz dieser Tochter und ihres Vaters hatte. Hermine. Wie? Seebach. Sie muß doch einen Vater gehabt haben! Her mine (lachend). Gewiß! Seebach (tragisch). Und dieser Vater — wer ist es?! Hermine (wie oben). O — ich sehe ihn sehr häufig! Seebach. Wirklich?! Hermine. Ja, sehr oft, beinahe alle Tage! Seebach. Thun Sie sich keinen Zwang an — immer zu — lachen Sie — spotten Sie — machen Sie sich über mich lustig! Diese Laune wird ihr Ende finden! Denn — Sie lieben doch dieses arme Geschöpf!? Hermine. O ja! Seebach. Sie ist gefallsüchtig—leichtsinnig! Hermine. Ich weiß es! Seebach. Es liebt sie ein Jüngling! (Bei Seite.) Don zweiundvierzig Jahren! Hermiue. Wer weiß! 14 Secbach. O gewiß! Er betet sie an! Hermine (allmälig ernster werdend). Sie vermuthen es vielleicht nur — Seebach. Es ist dieß eine so ausgemachte Sache, — daß in einem Augenblicke der Unbesonnenheit und der Furcht, „einander entsagen zu müssen," dieser Jüngling das junge Mädchen entführt hat. Hermine (ergriffen). Entführt? Er? (Bei Seite.) Hagen, — das ist abscheulich! Seebach. Wie? Warum lachen Sie jetzt nicht? — Doch beruhigen Sie sich; -als Ehrenmann wird er seine Unbesonnenheit gut machen; er hat mich gebeten, ihm Ihre Verzeihung zu erwirken. Hermine. Sie? Sie hat er gebeten? Seebach. Ja-mich! Hermine. Welche Falschheit! Seebach. Liebste, gnädige Frau! Beruhigen Sie sich. — Im ersten Augenblicke — mag das Unerwartete — die Ueberraschung schmerzen! Doch unter diesen Umständen bleibt einem Vater- einer Mutter keine Wahl — und es ist das Gerathenste, die ganze Geschichte mit einer vorteilhaften Heirat zu schließen. Hermine. Einer Heirat! Seebach. Sie willigen ein!? Nicht wahr? Ich werde den Jüngling bringen. Hermine. Nein! Nein! Sein Anblick wird mir wehe thun — ich-verabscheue ihn! Seebach (bei Seite). Armer Natter! Bereits wird die Schwiegermutter in ihr wach! (Beschwichtigend zu Hermine.) Nicht doch! Wenn Sie ihm schon verzeihen, so sollten Sie ihn doch auch gleich vorlassen! Hermine. Ja, ja! Sie haben Recht! Es ist wahr! Er soll alsogleich kommen, ich werde ihm meine Meinung sagen! Seebach. Wie es Ihnen beliebt! Es wird nichts nützen — wenn es Sie aber beruhigt — so kann ich nichts dagegen einwenden. (Will abgehen. kehrt jedoch wieder um; feierlich:) Hermine, ich kann und will Ihnen nicht sagen, was ich über diese Angelegenheit, welche für mich längst kein Ge- heimniß hätte sein sollen, denke; doch — Sie können es wohl errathen. (Derbeugtsich.) In wenigen Augenblicken kehre ich zurück, mit dem Entführer-Ihrer Tochter! (Ab.) Dreiundzwanzigste Scene. Hermine (allem; kurze Pause.) Hermine (erregt). Ja! Ja — ich will ihn sehen, ihn, der mich so getäuscht, sein Versprechen so leichtsinnig gebrochen hat. Ein junges Mädchen zu entführen, welches er nicht liebt-denn er liebt sie nicht - ich bin überzeugt. Wenn ich aber doch im Jrrthum wäre, wenn er sie wirklich lieben würde! O! Dieser Gedankt schmerzt mich, und ich fühle es, daß ich besser thun würde, ihn nicht zu empfangen; so ist es — ich will mich verleugnen lasten! (Greift zur Glocke, in demselben Augenblicke tritt Otto Hagen ein.) Zu spät! Vierundzwanzigste Scene. Hagen und Hermine. Otto. Verzeihung, gnädige Frau, daß ich Sie schon wieder belästige, wenn Sie aber wüßten — Hermine. Sie sind es, mein Herr? Ihr Besuch überrascht mich — ich hatte ihn nicht erwartet. Otto. Was wollen Sie damit sagen? Hermine. Daß es nicht der Mühe werth gewesen, mich um meinen Rath zu bitten, da Sie ihn doch so — so schnell vergessen. Sie sind der Herr Ihrer Handlungen -doch muß ich gestehen, daß mich Ihre Weise verletzt. Otto. Wie, gnädige Frau? Ich komme ja eben, um Ihnen Alles mitzutheilen, was sich zugetragen hat. Hermine (ernst und vorwurfsvoll). Was sich zugetragen hat-weiß ich bereits. — 15 Otto. Unmöglich, gnädige Frau; wie r könnten Sie den Inhalt dieses Briefes i kennen, den ich soeben von Natalie erhal- ? len habe? Hermine (lesend). „Mein Herr, wir haben NNs beide getäuscht." (Sich unterbrechend.) Wäre es möglich? Sie haben - Natalie also nicht entführt? Otto. Ich, gnädige Frau?-Ich t dachte gar nicht mehr daran! l Her mine (erfreut). Das ist gut. sehr c gut, lieber Hagen. — (Schweigt betroffen.) i Otto. Wie sind Sie gut — und wie bin ich glücklich! Hermine. Glücklich? Da Sie doch von Natalien verschmäht werden, von Natalien. welche Sie diesen Morgen noch — Otto. Ja — diesen Morgen noch ! — aber nun- Her mine. Erklären Sie mir diese i plötzliche Acnderung. wie soll ich mir dieselbe deuten? Otto (anfangs sehr schüchtern, im Laufe der Rede jedoch immer lebhafter werdend). O Hermine! (Hcrmine zuckt zusammen und läßt das Schreiben Nata'iens fallen.) Seit heute kenne und begreife ich mich selbst nicht mehr. Ich glaubte Natalien zu lieben — und sehe nun. daß ich mich getäuscht habe; — ach, das Gefühl der Liebe (Hermine betrachtend) ist ein anderes — — — ein ganz anderes! Ich war von einem Traum besangen, einem Taumel ergriffen — von dem mich nur die wahre Liebe befreien konnte-die Liebe zur schönsten, zur gütigsten der Frauen, welche ich beschwöre, mir meine Leidenschaft zu verzeihen. Hermine (gerührt). Otto — was beginnen Sie — Otto. Verschmähen Sie nicht dieses Herz, das ich Ihnen nur zagend anzubieten wage! Hermine. Erst heute Morgens warnte ich Sie vor jeder Uebereilung; ich selbst habe Ihnen gerathen. zuerst den Charakter, den Geist und das Herz derjenigen zu beobachten, mit welcher Sie sich für immer vereinen wollen. (Lächelnd.) Auch jetzt muß ich Ihnen konsequenter Weise denselben Rath ertheilen — „Es prüfe, wer sich ewig bindet, — Ob sich das Herz zum Herzen findet!" Otto. O prüfen Sie mich nicht zu lange; — mein Herz wird stets dasselbe bleiben. Hermine (ihm die Hand reichend). Wir werden sehen! Doch nun zu Natalie — von wem wurde sie entführt — (die Thüre öffnet sich, Seebach und Natter treten auf) wer ist der Schuldige? Fünfundzwanzigste Scene. Seebach (Natter zu Herrinnen führend). Der Schuldige?! Hier ist er! Hermine (erstaunt). Herr vonNatter?! (In ein Gelächter ausbrecheud.) Hahahahahü! Natter. Gnädige Frau! Der fröhliche Empfang, den Sie mir zu Theil werden kaffen, flößt mir die Hoffnung ein. Ihre Verzeihung erlangen zu können, nicht nur für mich, sondern auch für Ihre liebenswürdige Tochter! Otto. Ihre Tochter? Hermine (bei Seite zu Otto). Schweigen Sie! (Laut) Herr von Natter — Seebach. Gnädige Frau, lassen Sie sich erweichen, die Vernunft — die Ehre machen es Ihnen zur Pflicht- Hermine. Ich bin ja gerne bereit — ein kleines Hinderniß ist nur noch zu beseitigen — Seebach. Und dieses Hinderniß wäre? Hermine. Daß ich gar keine Tochter habe. Seeba ch (verblüfft zu Natter). Welchen Bären Haft Du mir denn aufgebunden? Natter (verlegen). Natalie selbst hat mir zuvor gesagt, daß — Seebach (zurückprallend). Na — Na — Natalie? Natter. So heißt sie! Als wir das Pensionat am Opernringe verließen- Seebach (verrücktet) Am Opernring? 16 Natter. Dort wurde sie erzogen — Seebach. Gerechter Gott! Das ist zu viel! Unglücklicher! Elender Verführer! Was Haft Du gethan! Dieses Mädchen — Hermine (zu Sktbach). Ist Ihre Tochter! Seebach. Ich bin verloren! (Fällt in einen Sessel.) Natter. Deine Tochter?! Ist es möglich — welches Glück für mich! Seebach. Geh' mir aus den Augen! Hermine. Beruhigen Sie sich, lieber Seebach! Unter solchen Umständen bleibt einem Vater keine Wahl, und es ist das Gerathendste mit einer vortheilhaften Heirat zu schließen! (Lächelnd.) Das find Ihre eigenen Worte! Natter. O mein Freund! Mein Netter! Seebach (aufstehend). Ach, gnädige Frau — welche Meinung werden Sie von mir hegen! Hermine. Ich werde sie Ihnen nicht sagen — doch können Sie sich wohl einen Begriff davon machen! Seebach. Wahrscheinlich wird nun Herr von Hagen — Hermine. Sind Sie noch immer eifersüchtig? Seebach. Hatte ich Unrecht, es zu sein? Hermine. Sie hatten Unrecht—heute Morgens noch — Seebach. Und jetzt — Hermine. Jetzt (ans Otto blickend.) Jetzt — haben Sie wirklich Ursache dazu! Otto (ihr die Hand küssend). Theure Her- mine! Seebach. Ich bin in den Grund gebohrt! Natter. Bei all' deinem Verluste bleibt Dir ein hohes Gut — Seebach (ärgerlich). Und das wäre? Natter. Die VaterfrendeÜ (Umarmt Seebach, welcher sich dagegen sträubt, Otto ergreift HerminevS Hand. Gruppe.) Der Vorhang fällt rasch. Druck und Papier von L. Sommer L Comp in Wien. Den Bühnen gegenüber Manuskript und Eigenthum der Theater-Agentie von _C. A. Sachse in Wien. Lharakterbitk» mit gesang in 5 Auszügen und 7 Ritdern Gäste bei Meist. Nachbarn- Masken. Spaziergänger. Laternanzünder- Ort der Handlung: DaS erste Bild spielt im Wohnzimmer deS BindermeistrrS Meist, daS zweit« im Garten des Fräulein Toni, das dritte bei Baron Springinsfeld, daS vierte ia der Binder« wrrkstätte Meisl'S, das fünfte im Gartenzimmer deS Fräulein Toni, das sechste bei Baron Spring« inSseld, das siebente in der Küche bei Gablitz. Eine verrückte von O. F. Berg Musik vom Kapellmeister Julius Hopp. Personen. Fräulein Toni. Karl Meisl, Bindermeister. Peppi, seine Frau. Marie, deren Kind. Franzi, Lehrjunge bei Meisl. Baron Springinsfeld. Foltanek. Gablitz, ein Pensionist. Dr. Siebensüsi. Dr.' M är z. Prölritn er- Schlemmer, » Nickerl, /dessen Freunde. Blank, ) Ein Dienstmann. Erster i Zweiter? Bindcrgeselle. Dritter s Ein Wärter der Irrenanstalt. Ein Zitherspieler. Ein Guitarrrspieler. Minna Bittsteller Ein armes Weib Ein au s gedienter So ld als Frl. Toni. Jean, Zählkellner- Muckevthaler, ein Bedienter. Wien, Wallishaufser'sche Buchhandlung (Josef Klemm), Erster Äct. (Zimmer mit Mitteleingang, der in die Binderwerkstätte führt, ferner mit einer Sritenthüre links Rechts ein Bett mit Vorhängen. Links in der Eck- desHivtergruudrs ein Ofen, vor welchem eine große spanische Wand mit Gestell, damit man die Füße des dahinter Stehenden sieht. Garderobekasten mit Schubladen. Echt bürgerliche Einrichtung) Erste Scene. Franzl (kommt, die ausgeklopsten Kleider auf dem Arm, durch die Miltelthür, welche, wenn sie geöffnet wird, den Einblick in die Werkstätte gewährt). Guten Moring, Herr Master! (Da ihm nicht geantwortet wird, mit verstärkter Stimme.) Guten Moring! Ja, was is denn das? (Tritt zum Bett und bemerkt jetzt erst, daß dasselbe leer ist.) Ah, da legst Di nieder, hat sich der no gar net niederg'legt. Und ein solcher Mann wagt es mich zu beuteln? Ein Mann, der Bürger sein will, ohne zu schlafen? (Hat die Kleider aus einen Stuhl gelegt, geht zur Thür und steht durch'S Schlüsselloch.) Und da drin liegt sie, sein armes Weib, die auch mitunter den Kopf beutelt, aber, Gott sei Dank, bloß den ihrigen. Sie schlaft den Schlaf des Gerechten! Wann man's so anschaut, die reine schlafende Gerechtigkeit! Million! Da ist er! (Drückt sich ängstlich links an die Wand.) Zweite Scene. Meisl (in Balltoilette durch den Mitteleingang). Voriger. Meisl (die Situation rasch überblickend). Gott sei Dank, sie ist noch nicht auf! (Zieht rasch den Frack aus und wirst ihn in eine Schublade.) Schnell herein mit'n Ball- g'wand — das Krawatte! herunter und jetzt — (will links ab.)Teufel, der Lehrbub'! (Faßt ihn bei den Ohren.) Was machst denn Du so zeitlich in meinem Schlafzimmer? (Drängt Franz hinüber.) Red', oder Du gehst in Franzen auf! Franzl. Das war noch nicht da, daß Nner für sein Fleiß beutelt wird. S'ausklopfte G'wand Hab' ich bracht! Meisl. So! Na, i sag' Dir nur, wenn Du ein Wort red'st, daß Du mich net im Bett g'funden hast, so laß i Dir kan Haar an dein' Kopf. Franzl. O, für mich brauchen Sie kein Kriegsgericht einzusetzen, ich halt's Maul ohne Standrecht. Meisl. Du hast mich also im Bett antroffen, verstehst Du's? Franzl. O, Sie sein Aner — Sie waren wo! (Droht ihm mit dem Finger.) Meisl. Ich bin g'rad aufg'standen, wann Dich wer fragt. Franzl. Sö! Sö! Sie haben Ihnen wo zu Ehren der hier anwesenden Sachsen famos unterhalten. Meisl. Und kein Mensch —auch die Frau — darf nicht wissen, daß ich erst zu Haus kommen bin. Franzl (mit dem Finger drohend). Sie haben aus Freud' über den Abschluß des Friedens nicht g'schlasen zu Haus. Meisl. Und jetzt hinaus, Marsch! Franzl. Ich waß vom Master — Ich därf net mehr beutelt werden, denn ich bin sein geheimer Bundesgenosse, mir ist der Schopf garantirt! Ich red' nir, Bruder — kein Wort — aber — (deutet aus den Kops) Wurst wider Wurst — gut sein — z'sammhalten — ewig! — Heil Dir im Siegeskranz —(Schnell durch die Mitte ab, da der Meister aus ihn los will.) Dritte Scene. Meisl (allem). Meisl. Verdammter Bursch! So! G'schwind das Bett no in Unordnung bringen, den Sessel verrücken — den Vor- 3 Hang zusammen — so und jetzt schaut's aus, als ob i z'Haus g'wesen wär', wie — na — wie halt früher, wie i no ka so wiffcr Geist g'wesen bin. (Oesfnet leise die Thür links.) Sie zieht g'rad unsere Kleine an — hm wie sie's küßt, sie ts so a gutes Weib, und sauber is sie a, viel sauberer im Grund, wie alle die angestrichenen Gredeln auf'n Lai mas^ns — aber Du mein Gott — der Mensch lebt ja do nur amal. Sie kummt außa — jetzt haßt's ja net in Verlegenheit kumma. Vierte Scene. Voriger. Peppi. Peppi (kommt ungemein herzlich aus Meist zu). Na, Mannerl, schon auf? Hat Dir heut' Nacht was tramt von dein Weiberl? Meisl. Nein, liebes Kind — nein — ich Hab' heut so a unruhige Nacht g'habt — mir war immer, als wann All's um mich tanzt hätt'. Peppi. Du armer Narr! Meisl. Und neben mir sind Dir lauter Truden g'seffen. Peppi. D'rum schaust a so blaß aus, als ob'st net ausg'schlafen wärst. Meisl. Net wahr, und dann war mir, als wann ich a Menge Geld g'habt hält', und wie ich wach bin wor'n, war kein lu- cketer Kreuzer zu seg'n. Peppi. O, den Tram Hab' i a schon g'habt, mach'Dir nir daraus. (Ihn plötzlich näher betrachtend.) Aber sag' mir nur, was ist denn das, was hast denn vor heut', weil Du Dir die Schwarze und die Lackir- ten aus der Lad' gnummen hast? Me isl (sehr verlegen). Gelt, net wahr? Wo heut' bloß a g'wöhnlicher Tag is — (Immer verlegener.) Schau, siehst Du — (ablenkend) Du, da liegt eine Spennadel — nein -— wie Dir diese Frisur gut steht — dieser Sechspfünder da hint' — Peppi. Dank für's Eompliment, aber sag' mir lieber — Meisl. Weißt Du — das is Dir oft so, man red't a paar Minuten von was andern und auf ja und na — Peppi. D'rum bleiben wir jetzt dabei — Meisl. Versteht sich, wir reden jetzt von nir andern, bis die Sach' nicht erklärt ist. — Also daß mir amal darüber reden — so ist die Sach' a so. (Mit einem Male eine Idee verfolgend.) Zch Hab' heut' a Leich'! Peppi. Zn aller Früh? Meisl (für sich). Richtig! (Laut.) Nein, nicht in der Früh! Die Leich' is Nachmittag, aber Vormittag is die Seelenmeß'. Peppi. Bevor er noch begraben is? Meist. Za, das is eben so Einer, bei dem's schon Vormittag anfangen müssen. Peppi. Is mir zwar net recht klar die G'schicht, aber Karl, es is vielleicht ein Unglück, wann man an Mann so gern hat — Dir glaub' ich Alles! Meisl (für sich). Sie ist ein Götterweib — die Ludmilla kriegt kan Sperrsitz! Peppi. Ueberhaupt soll sich ein g'scheid- tes Weib nie in die Sachen vom Mann hineinmischen. Meisl (für sich). Der Zrma ihren Zins soll zahl'n, wer will. Peppi. Denn wann das Weib zum Mann kein Vertrauen mehr hat, dann is das Glück vorbei in der Eh'! Meisl. Meine gute Peperl! (Kneipt sie in die Wange, für sich.) Die Marchand- modmadeln soll'n sich an andern Esel suchen für ihner Landpartie — Der Dienstmann vom Opernring — Gott steh' mir bei! Fünfte Scene. Vorige, ein Dienstmann mir einem Brief. Dienstm. Der Herr zu Haus? Peppi. Gebens nur her, da steht er selber! i* 4 Dienstm. Die FrLul'n laßt sich empfehlen — Peppi (ihn unterbrechend). Was für a Fräul'n? Meisl (verlegen). An englische Fräul'n — weißt — ich arbeit' hinein — für's Stift von die englischen Fräul'n — Dienstm. Die Fräul'n laßt sagen, heut' Nachmittag — Meisl (ihn immer unterbrechend). Ich weiß, 's iS a große Sitzung in der Stiftskasern — will i sagen in der Stiftskanzlei — Dienstm. Und weil die Fräul'n Janett auch hinüberkommt — Meisl (erHiuternd). Jeanette is auch eine englische Fräul'n — Peppi — Dienstm. So erwarten's Ihnen—Sie sollen den Ding auch gleich mitbringen. Meißl. Den Werkzeug — Dienstm. Nein, den jungen Herm Pröleitner — Meisl (zu Peppi). Is a Sachverständiger, maßt, untersucht die Faffeln. (Zum Dienstmann.) Segen's denn net, Sie dummer Kerl? Dienstm. Es is weg'n 'n Schwenker — Meisl. O, da foll'n sich die Fräul'n ja nicht fürchten, der kriegt von mir keine Fasseln — (Schiebt ihn zur Thür hinaus.) Das is a schrecklicher Kerl! (Laut.) Meine Empfehlung an ^ie Fräul'n — an die englische — Schaun's daß 's außikommen — (Tritt echausfirt in der Vordergrund. Solche Kundschaften gengen Ein ab! Sechste Scene. Vorige, ohne Dienstmann. Peppi. Sag' mir, was hast denn eigentlich z'thun dort im Stift? Meisl. Repariren! A Stift! Kannst Dir denken, "was da manichsmal trunken wird. Peppi (bringt ihm einen Rock und eine Kappe vom Stuhl links). Aber willst uet ehnder den Brief da lesen? Meisl. Gar net nöthig! (Steckt ihn rasch ein.) Das wissen wir ja eh — daß das die Bestellung is — (Während Peppi oberflächlich zusammenräumt, für sich.) Und ein Weiberl, was einem so treu in die Augen schaut, die kann ich für einen Narren halten? Aus is' mit die Unterhaltungen. — Von heut' an werd' ich treu, daß der egyp- tische Josef in Vergleich mit mir a Balletmadel war. (Gibt Peppi die Hand, laut.) Pfürt Dich Gott, Goscherl! (Küßt sie.) Mein gut's, brav's, aufrichtig's Pepperl! (Wirst ihr im Abgehen Kußhände zu, dann rasch durch die Mitte ab.) Siebente Scene. Peppi (allein). Peppi. Er ist so a guter Mensch der Karl, so aufrichtig und ehrlich. Aber blaß ausschau'u thut er do seit einiger Zeit! Er wird do net an heimlichen Kummer haben? G'wiß net, denn vor mir hätt' er ja do ka Geheimniß! — Jetzt werd ich aber unserm Madl 's Frühstück geben, es is die höchste Zeit in die Schul'! (Links ab in die Seitenthür.) Achte Scene. (Durch die Mitte.) Gablitz, ein alter zuwiderer Pensionist mit hoher Cravatte, breitem Hut, ein Parapluie unterm Arm, Handschuhe mit sehr langen Fingern und einem großen Dinkel in der Hand. Enlrselird. Kann i so recht die Leut' sekir'n — A ganze Vorstadt maltraitir'n — Mit aner großen Plauscherei — Bei so was — bin i glci dabei! Geht's zu weg'n mir auf alle Plätz' — Das is für mi die größte Hetz' — 5 Ich reib' mir d' Händ', hehehehe! Nimmt's gar kan End', hihihihi! Das kummt davon, wann wo im Staat A Pensionist kan Arbeit hat! Wär' Aner gern recht unbemerkt, So wird sogleich mein Schritt verstärkt, Ich renn' ihm nach a 5—6 Stund', Und kumm der ganzen G'schicht am Grund. Geht wo wer heimlich in a Haus, Tratsch ich's in alle Vorstädt' aus, Gift er sich groß, hehehehe! Das is famos, hehehehe! Das kummt daher, wann wo im Staat A Pensionist kan Arbeit hat. Kummt wo was weg, das is mei Freud', Ich schieb's auf ganz honette Leut', Hätt' Ane bald an Mann erschnappt, Sag' ich, sie hätt' drei Kinder g'habt — Und thun's an Pintsch wo niederführ'n, Laß' ich 300 arretiren. Da schimpfen d'Leut, hehehehe! Das is mein Freud' hehehehe! Das kummt daher, wann wo im Staat A Pensionist kan Arbeit hat. Warum haben's mich nicht ruhig d'rin sitzen lassen im Amt? Ich Hab' Niemanden was than! 's ganze Jahr Hab' ich nix than! Sie haben's nicht anders wollen — gut — jetzt sollen's mich genießen. (Sich lüstern umsehend.) Wann ich wo was abi- werfen kann, und i schieb's nachher ausn Hund und der wird g'haut — hehehe — is ein Genuß! Wann ich in's Theater geh', iß ich aufm g'sperrten Sitz meistens Olmützer Quargl. Wann sich dann Alles die Nasen zuhalt' und sagt: Das ist eine Infamie — (reibt sich die Hände) da binich glücklich — das sind meine vergnügtesten Stunden. Gestern — aber is es gelungen — gestern bin ich an halben Tag unter einem Balcon g'standen, bis mir ein Gar- teng'schierl am Kopf g'fallen is, damit ich die Leut' Hab' klagen können. Sind sehr anständige Leut' — können eigentlich nir dafür, sehr liebe Menschen — wart's, Bagasch ! Warum habt's mich nicht d'rin sitzen lassen im Amt. Heut' Nachmittag bin ich wo zum Essen eingeladen — und weil die Frau dort so nervenschwach is, und das Trappen nicht leiden kann, Hab' ich mir eigends diese juchternen Stiefeln machen lassen. Die wird einen vergnügten Tag haben. Aber eher muß ich noch hier was anrichten. Da logirt nämlich eine honette Frau, die mir nie was than hat. Aber ihr Mann hat amal g'sagt, ich sei eine unnö- thige Ausgab' — für die Staatsverwaltung! Der Tag der Rache ist da! Sie kommt! — Schad', ich hätt' ihr ehnder die Canarienvögel auslassen sollen. (Stellt sich in Position.) Neunte Scene. Voriger. Peppi, aus dem Zimmer, später Franz!. Peppi. Jetzt heißt es nachschau'n — (Gewahrt GabliH.) Sie wünschen? Der Herr is nicht zu Haus. Gab. (für sich). Wann wir uns dann niedersetzen, schneid' ich ihr a paar Löcher in die Garnitur. (Laut.) O, ich bitte, das macht nichts. Peppi. Also kann ich Ihnen dienen? Gab. Geben Sie mir die Hand, gna Frau, daß Sie nir sagen — Niemanden kein Wort. Peppi. Was er nur vor hat. (Gibt ihm die Hand, Gablitz drückt selbe sehr stark, sie stößt daher einen Schrei aus.) Gab. (für sich.) Gelungen! (Laut.) Ich bin pensionirt — und Hab' nichts zu thun den ganzen Tag. Peppi. Das freut mich sehr — aber — Gab. Freut's Ihnen auch? Na war- ten's nur, Sie wer'n schon seh'n — die Folgen. (Erzählend.) Na und weil ich mir 6 gedacht Hab', daß eS Ihnen einen Verdruß machen könnt' — Peppi. Wie — Gab. Nein — nein — eine Freud' wollt' ich sagen, da geh ich Ihrem Mann schon seit zwei Monaten in einemfort nach. Peppi. Ja wegen was denn? Was geht Ihnen mein Mann an? Gab. Sie, hören's, JhnernMann, dem bin ich a bissel auf G'schichten kommen! Unlängst Hab' ich mich ang'hängt an den Fiaker, wo er d'rinn g'sessen is — leider bin ich in Weidlingau aberg'fall'n — und Hab' den ganzen Weg zu Fuß z'ruckgeh'n müssen, aber dahinter is was, das laß ich mir nicht nehmen. Peypi. Aber sagen's mir nur, zu was bringen's mir denn solche Posten? Gab. Ich bin gern gefällig. Merken Sie denn noch nicht, daß Jhner Mann heimliche Wege wandelt, leichtfinnige öHuivokk? Es sind jetzt drei Wochen — wird mir in der Kumpfgaffen ein Lavoir am Kopf g'schütt'. Ich schau hinauf, wer is es, wer schaut heraus im vierten Stock, Jhner Mann — Peppi. Wer weiß was mein Mann dort für Gäng' g'habt hat? Gab. Wer weiß — ich weiß! Denn eine halbe Stund' später geht er Arm in Arm mit einem Domino beim Hausthor hinaus. Peppi (nachdenkend). Nein — nein — es kann net sein, sie wer'n ihn verkannt haben. Franzl (kommt und bleibt in der Thür stehen). Gab. So und wer macht denn auf die Maskenbälle das meiste Aufsehen? Wer denn? Ich war nnlängst draußt im Apollosaal und theil' kleine Wuchteln aus, wo ich Vormittag Spennadeln Hineinbacken Hab' — das war ein Götterabcnd— wer kommt daher — mit einer bacchantischen Venus, mit einer mollerten — der Herr Meist und der junge Pröleitner. Peppi. Also darum bat er jetzt so oft Abends bei die Wahlversammlungen zu thun? Gab. Ja, bei der Damenwahl is er, abernichtbeiderHerrenwahl. Ich Hab es selbst geseh'n, wie er einer Nachtkönigin zwei Flaschen — schlumbergerisches Sodawasser gezahlt hat. Peppi. Net möglich! Franzl (lauschend). So schön, die alte Zwiderwurzen thut mein Master verzünden. Gab. Wann Sie schlafen, geht er auf die Gaud^e. Franzl. O Du Spitzbub! Gab. Wenn Sie Ihr kummervolles Haupt auf die Pflaumen legen, von Morpheus hingehaucht, wart'unt' im Gaffel der Pröleitner. Peppi (verbirgt das Gesicht in den Händen). O ich armes, unglückliches Weib! Darum also schaut er so verschwärmt aus, so blaß, darum wird er so oft auf amal verlegen. Gab. Segen's! Das kommt davon. Peppi. Ich dank' Ihnen, lieber Herr, daß Sie mir die Augen geöffnet haben. Ich werd' mi überzeugen, und is es wirklich so — dann — schließ' ich mein' Rechnung ab mit ihm und wir san g'schiedne Leut'. (Geht rasch ab in ihr Zimmer und man hört, wie der Riegel vorgeschoben wird.) Zehnte Scene. Vorige, ohne Peppi. Gab. (reibt sich die Hände). Das is halt für mich a Passion! Franzl (tritt vor, hat sich mit verschränkten Armen ihm gegenübergestellt). Ja, was haben Sö denn than? Gab. (verliert das Bündel vor Schreck). So schön — ein lauschender Knabe — Franzl. Was haben denn Sö fallen lassen? Gab. A Paar juchterne Stiefel. Franzl. Nein, früher bei der Frau? Gab. Kleine vertrauliche Mittheilungen. (Für sich.) Ich Hab' ein falsches Zehnerl, mit dem werd' ich ihn bestechen, vielleicht wird er hinterdrein auf 3 Jahr eing'sperrt. (Will ihm Geld geben.) Sie junger Herr, ich geb' Ihnen cineKriegsentschädigung,aber— F ra nzl. Dortschaun's hin! Was hängt dorl'n? Gab. Ein Schecke!. Franzl. Da schaun's hinaus. Wer kummt da? Gab. (unruhig). Der Masta. Franzl. Was glaubu's, was jetzt g'scheg'n wird? Gab. Da müssen's mich a Weil darüber Nachdenken lassen. Franzl. Na also denken's nach. (Schnell Mitte ab und riegelt die Thür zu.) Eilfte Scene. Gablitz (laust sehr unruhig aus und ab). Ich Hab' glaubt der bleibt a paar Stund aus, weil er zu die Madeln is! Das is kein Spaß. (Greift den Schecke! an.) Der Schecke! is ganz »euch — der Bub hat zu- g'sperrt, die Frau auch — nirgends Rettung — sie kummen schon — g'schwind daher, für den ersten Anprall! (Tritt hinter die spanische Wand, so zwar, daß man seine Stiefel gewahrt. Man hört aufsperren.) Zwölfte Scene. Voriger. Meisl (hereinstürzend). Franzl. Meisl. Sperr zu hinter uns! (Franzl thut es.) Pepperl, komm heraus — ich bitt' Dich komm heraus! (Reißt an ihrer Thüre.) Ich hör' sie weinen. Der fremde Mensch hat mir mein Lebensglück zerstört. (Sieht sich um.) Aber wo is er denn hin? — Franzl. G'wiß is er beim Fenster außi- g'sprnngen. (Beide gehen dahin.) Gablitz (f. s.). Gut, daß ich das weiß! Meisl. Du hätt'st mir helfen müssenden den Kerl durchkarbatschen! Ga bl. (s. s.). Der Feind zieht Verstärkungen an sich. Franzl (hat die Füße des Gablitz unter der spanischen Wand gesehen, deutet darauf hin, wobei er sich vor Freude kaum zu halten weiß, ebenso entzückt ist Meisl). Meisl (deutet zur Mittelthüre). Franzl (bringt den Ochsenziemer). Ga bl. (der die Scene beobachtet, s. s.). Die Stiefeln Haben mich verrathen. Der Feind wird sehr bald heftige Artillerie entwickeln. Meisl (leise). Dem Kerl wollen wir Angst machen. — (Laut und harmlos.) So, lieber Franzl, weil der Lump nicht mehr im Zimmer ist, können wir wieder in die Werkstatt gehen. Ga bl. (s. s.). O Schlange, ich kenne Dich — Du holst die Gesellen. Franzl (ebenso). Freilich! Da is er nimmert, fort is er, was thäten wir noch da? (Beide im Abgehen drohend die Hand gegen die spanische Wand erhebend.) Meisl (harmlos). Wir haben hier gar nichts mehr zu thun und gehen jetzt ruhig an die Arbeit. Gabl. O Ihr Schurken, undkommt's mit a 30 Stecken retour! Franzl (immer harmlos). Ja, in die Werkstatt gehen wir, weil wir nichts mehr H1*er zu thun haben. (Sie gehen drohend ab und riegeln zu.) Dreizehnte Scene. Gablitz (allein, kömmt hervor). Aber die Nürnberger hau'n Kein', bevor's ihn net hab'n! Die Nürnberger hau'n überhaupt gar Niemand! Wart's, eng laß ich a bissel aufsitzen. Das ist mein' größte Passion. — (Nimmt die juchternen Stieseln aus dem Bündel und stellt sie hinter die spanische Wand.) Ich wähl' a Paar Stiefel als Vertreter — war schon öfter da! Göttlicher Gedanke — ein himmlischer! Ausgezeichnet! (Geht händereibend und lachend zum Fenster und steigt hinaus.) 8 Vierzehnte Scene. Meisl, Franzl (winken den ihnen folgenden Bindergesellen behutsam einzutreten). Ga blitz (beim Fenster lauschend aus der Straße). Meisl. Habt's Jeder einen Stecken? Alle. Ja! Meisl. Und seid'sJhrbereit, den Mann auf Karbonadeln zu hauen, der im Haus von eurem Master Unfrieden stiften will? Alle. Ja! Gabl. (am Fenster). Diese Einstimmigkeit! So hätt' Deutschland Zusammenhalten sollen. Meisl (gegen die spanische Wand gerichtet). Also jetzt macht's keine G'schichten und kummens füra! (Pause.) Franzl. Hören's nit — Sie da hinten? Meisl. Nehmt's es weg die spanische Wand! (Die Gesellen thun es, man sieht zwei groß- mächtige ausrechtstehende Stiesel.) Franzl (sieht unters Bett. Alle suchen). Jetzt is er uns wirkli durchs Fenster davon. Ich betracht die Stiefeln als eine Gebietsabtretung und nimm's mit. (Nimmt sie.) Meisl (mürrisch). Davon also — schad's geht's an die Arbeit, vielleicht derwischen wir'n a andersmal! (Alle murrend ab.) Fünfzehnte Scene. Meisl (allein, die spanische Wand wieder in die frühere Position bringend). Wann ich'n lieber gleich's erste Mal auf Ehr gnummen hätt' — (Tritt zur Thür seiner Frau.) Aber Peppi geh' — mach' mich net Harb mit'n Trutzen — (Immer zorniger werdend.) Ich bitt' Dich, mach auf, no amal — 's letzte Mal! — Du willst es so? na also — halt' Dich an dein hamlichen Freund! Sei glücklich mit ihm! Ich geh! (Bemerkt Gab- litz am Fenster). Was ist denn das? (Versteckt sich schnell hinter der spanischen Wand.) Sechzehnte Scene. Voriger, Gablitz. Gabl. (vor dem Fenster). Sie sind fort alle, die dummen Kerl« — (Ist hineingestiegen.) Meisl (f. s.). Also — der wars!? Gabl. Aber meine neuen Stiefel laß ich ihnen net. Stehen noch grad so dort wie früher. Da wär' ich nicht g'scheidt. (Geht zur spanischen Wand, bückt sich und will sie hervorziehen.) Kummt's her da! Meisl (packtihn gleichzeitig beim Kragen). Hab' ich Dich, Du alte Stadttratschen! Gabl. Ah bravo! Meisl. Kumm nur mit, kumm nur, Du sollst no viel schöner g'wichst wer'n als deine juchternen Stiefeln. Gabl. O verflucht! Meisl. Du warst heute 's erste und letzte Mal in meinem Haus — (Oeffnet die Mittelthür.) G'sell'n! Ich Hab ein Marder g'fangt,' dem's Fell ausklopft wer'n muß, da habt's ihn, waffert's ihn durch! Gabl. (im Abgehen). Jetzt bin ich nur neugierig — ob die Schläq alle Platz haben auf mir! (Stolz ab — Alle folgen — dann Äubelgeschrei in der Werkstätte. Man hört die Schläge.) (Zwischenvorhang.) Verwandlung. (Getheiltes Theater.) (RrchtS Garten bet Frl. Toni, welche für verrückt gilt. Derselbe ist rechts und links von einer Mauer eingeschlossen. Zm Vordergründe deS GartenS eine Gartcnbank mit Tischchen und zwei Stühlen. Der Hintergrund wird von dem Wohuhause deS KräuleiuS ausgefüllt, dessen Za- loufiru geschlossen find. In der Mauer auf der Gassenseite vorne ein Schubfenster, durch welches daS Fräulein mit der Außenwelt verkehrt. Im Vordergrund der Tisch ist zum Mittagessen für 9 rille Person gedeckt. In der Mauer eine Aus- gallgslhüre. Was das Arrangement des '^Gärtchens betrifft, — so muß es mit dem sonderlichen Charakter d r Eigenthümerin, welche ganz abgeschlossen lebt, Harmoniken. Was den Theil der Bühne betrifft, der die Gasse bilden soll, so gewahrt man an einem Hause im Vordergründe die Aufschrifttafel: -»Carl Meist, Bindermeister.« Auf der Straße einiger Verkehr, damit dieser Theil der Bühne auch belebt ist.) Erste Scene. Toni (singt immer weicher werdend, sehr rasch). A Waserl an armes — Der Vater im Grab, Da nimm mein Mittagmahl — (Gibt einen Suppentopf hinaus.) Und was i jnst Hab — (Gibt Geld beim Fenster hinaus.) Das arme Weib. Vergelt s Gott tausendmal. (Ab.) (Als sich der Vorhang hebt, beginnt gleichzeitig eine mysteriöse Einleitungsmusik zu dem Entreelied. Aus dem Hause tritt semessenen Schrittes mit verschränkten Armen, ein zusammengebogenes Buch in der Hand, Fräulein Toni. Sic hat graues Haar und kleine Locken umrahmen ihr Gesicht; sie macht den Eindruck einer sitzen gebliebenen, klugen, freundlichen alten Jungfer.) Entrvelied. Ich kann's gar net sag'n, Wie die Lcnt' ich veracht', Wenn s ihnen recht schlecht Geht, wie 's Herz mir da lacht — Siech i wo a menschliches Elend, o mein, Da lach' ich mir recht in das Fäusterl hinein — Ja es geschieht eng schon Recht, Warum seids denn so schlecht! (rep.) (Ein altes Weib mit einem kleinen Kind aus dem Arm kommt. Toni hat bei diesen letzten Zeilen sich schadenfroh die Hände gerieben, unmittelbar vor Schluß der letzten Zeile ist die arme Frau zum Schubfenster getreten und hat die daselbst befindliche Glocke geläutet.) Toni (horchtauf, sehr zornig). Und kommt Jemand zu mir, 's wird nir ausgetheilt hier — (Sie tritt unwillig zum Schubfenster, öffnet es und steckt den Kops hinaus.) Das arme Weib. Sans net bös, mein Mann is g'ilorbn über Nacht — ich bitt gar schön um a Stückerl Brot für mein Kind. I (Toni fährt sich mit der Hand übers Gesicht, kämpft einige Zeit mit sich selbst, blickt dann scheu nach dem Schubfenster und schüttelt unwillig den Kopf.) Die Mutier — das Kind — san mir alle verhaßt. Aber daß man sich gar so leicht Hinreißen laßt. Die Männer schon gar San umsonst auf der Welt, In der Einbildung freili Is Jeder a Held — Drum Hab i ka Mitleid, geht Aner zu Grund, Ja — so was, das g'freut mi, ja so was is g'sund — Denn es g'schicht ihnen Recht, Warum san's denn so schlecht! (rep.) (Soldat mit eingebundenem Arm in der Schlinge — oder einen Stelzfuß — kommt und klingelt — wie frühen) Toni (wie früher). Und kommt Jemand zu mir — 's wird nir ausgetheilt hier! (Oeffnet das Schubfenster und steckt den Kopf hinaus.) Soldat. Ein ehemaliger Soldat, der nimmer arbeiten kann, fragt sich an, ob's Niemand brauchen zu Gäng! Toni (wie früher). A Krüppel? Das Unglück — An Gang will der Held, Versehens dös Ringcrl (Gibr ihm einen Ring.) — 10 — Und b'halten Sie 's Geld! (Schließt schnell das Schubfenster.) Soldat. Aber Frau — Sie san ja net g'scheid — (Geht an das Fenster.) Na, so soll'sJhnen haltder liebeHerrgott z'ruck- zahl'n mit tausendfache Procent. (Ab.) (Spiel wie früher.) D' Soldaten besonders, die san mir verhaßt, Aber daß man sich gar so gern Hinreißen laßt! Hier in meinem Garten, wo mir ka Mensch hereinschau'n därf, wo ich thun kann, was ich will, hier in mein Haus, wo kein Sterblicher eina derf — (nachdenklich) da bin ich halt am glücklichsten. Freilich, wenn ich statt mein' Kerker da a luftiges, freies Gartel hätt' — wo ich mit mein' Mann, mit meine Kinder — aber Mann Hab ich ja kein' — ich Hab bloß Kinder — san alle frisch und g'sund. Da z. B. mein Resederl. (Geht zur Etagere, woraus die Blumentöpfe stehen, streichttt die Blume.) Die is mir g'rathen! Mein Roserl! (eine Rose streichelnd) und mein' Georgine — wie die auf- g'schoffen is. (Trocknet sich schnelleineThräne.) Ich muß sagen — ich Hab recht a große Freud' an meine Kinder, die mich net verlassen. die mir freundlich ins G'sicht schau'n, die bei mir bleib'n, ob i was Hab oder nek. (Klopsen an dem Schubfenster.) Muckenthaler (klopft am Schubfenster). Machen's auf! Toni (öffnet das Fenster). Ich bin heut' für Niemand mehr zu sprechen. (Schiebt zu.) Muckenth. (schiebt das Fenster von außen auf). Mit mir müsscn's aber reden. (Schiebt rasch zu.) Toni (öffnet). 3 red' nur einmal! Punctum! Streusand drauf! (Schiebt zu.) Muckenth. (macht auf). Mich nicht süchtig machen, sonst erleben wir was. (Schiebt zu). Toni. Ah, das is ein merkwürdiger Mensch. (Oeffnet das Fenster und lehnt sich in dasselbe.) Sagen's mir nur, was glauben denn Sie a so? Wissen Sie, daß hier bei uns ein Gesetz zum Schutze des Hausrechtes eristirt? (Schließt das Fenster.) Pfürt Ihnen Gott! Muckenth. (öffnet das Fenster und lehnt sich ebenso in dasselbe). Sie — ich bin der neuche Bediente vom Baron Springinsfeld! Toni (erschreckt). Vom Baron — er schickt Ihnen — er hat llch meiner erinnert — er hat g'sagt-Sie soll'n — Muckenth. (selig). Sehen Sie — Toni. Jetzt derfen's erst recht net herein. Muckenth. Sie, ich sag' Jhnen's! Toni. In mein Haus kommt kein Mann. Muckenth. Ich mach' Ihnen einMord- spectakel! Toni. Wie 's gefällig is! Muckenth. (führt einen Tritt gegen die Gartenthüre, diese gibt nach, er kommt in den Garten). Zu was denn solche Sachen? Toni (zitternd). Der erste Mann seit 30 Jahren in mein' Haus. Muckenth. Jetzt können wir ruhig reden mit einand'. Toni. In Gottsnam'! (Für sich). Sunst schlagt er noch drein. (Laut.) Was will er denn haben von mir — Jhner Herr Baron? Muckenth. Er weiß gar nicht, daß ich da bin — der is Ihnen ja ganz der nämliche Narr — als wie Sö — bei dem rappelt's auch. Da darf auch keine Seel' nicht ins Haus. Alles is zug'sperrt, er traut Niemanden, über jeden Schmarn laßt er sich ein werthheimernes, wiesernes Futteral machen. — I sag' Ihnen, der is noch mehr nicht gichtig dahier (aus den Kopf deutend) als wie Sie! — Toni. Aber sagen's mir nur — Muckenth. Ruhig! Kommt Alles! Toni, (für sich). Ah, das is a schöner Herr! 11 Mucke nth. Und weil er überall bloß Lugenschüppeln sieht, und wen um sich haben will, der aufrichtig is, hat er sich mich verschafft, ich bin nämlich der Mann, der immer die Wahrheit sagt. Er hat mich ausgenommen, damit ich ihm das Leben versüße, derweil is das a Rauferei von der Früh bis auf d'Nacht. Toni. Das glaub' ich, daß Sie nicht der Mann sein, der Einem das Leben versüßt. Muckenth. Unlängst schau ich durchs Schlüsselloch — lest der alte Papierln — Geheimniß därf er keines haben vor mir, d'rum Hab ich heut Alles durchg'stierl und richtig find' ich dieses Brieferl, da: Deine Dick ewig liebende Antonie Schilling. Toni (für sich). Jesus! Mein erster Brief an ihn! Muckenth. Hab' ich mir denkt, vielleicht weiß diese Schilling, warum mein Herr so melancholisch ist wie ein Komfortabl- roß, wann's erzählen hört, daß der Hadern schon wieder um 40 kr. steigt. Gut — ich geh auf die Polizei und laß mir die Adreß von allen liederlichen Weibsbildern auf- schlagen — Toni. Na hören Sie — Muckenth. Sie waren aber nicht dabei! Da sagt ein Beamter — ah — Schilling — Schilling — das ist ja diese z'wi- dere Person Nr. 30 in der kleinen Neugaffen, die schon lang die Aufmerksamkeit der Polizei auf sich gezogen hat — man glaubt es is hier einSchluf, verstehen Sie, dieses heimliche, abgeschlossene Verdächtige — ein Schliff! Toni. Daß i aber wem umbracht hätt', haben Ihnen die Leut' nichi g'sagt? Muckenth. Segen's, und da Hab' ich mir dacht', Sie kennen mein Herrn vielleicht näher, Sie wer'n mir sagen, was der Narr eigentlich hat. Mich genirt der Schliff nicht, also reden's, ich zeig' Ihnen nicht an. Toni. Vor allem sag' ich Ihnen, daß Sie nicht der Mann sein, der die Wahrheit red't, sondern bloß ein alter, dummer Grobian — den ich hinauswerfen lasset, wenn ich an Hausmaster hätt'! — Muckenth. Ah, da schaut's her, dieAs noch aufrichtiger als ich. Toni. Denn mir is die Wahrheit auch lieber, wann sie von ein' Menschen mit Herz und Geist, mit gewählten Worten ausgesprochen wird, als wann sie ein Ochs in die Welt hinausbrüllt. Muckenth. Ich bin also der Mensch mit Geist — Toni. Lugens net, wann's so für die Wahrheit san, — aber wann Sie auch ein alleinstehendes Frauenzimmer beleidigt haben — ich denk' mir: Sie sind ein Trottel und wissen nicht, was Sie alles anrichten mit Ihre dalkerten Plutzer. Muckenth. Sie, ich bitt' Sie, fangen wir zum Lügen an, alle Zwei— diese ewige Wahrheit wird unangenehm. Toni. Na, na, bleib'n wir nur dabei! (Nimmt ihm den Brief aus der Hand, durchfliegt ihn, preßt die Hand ans Herz.) Der Brief ist wirklich von mir, er kommt aus einer schönen, aus einer herrlichen Zeit. (Faßt Muckenthaler an der Hand.) Ich und der Baron — es sind jetzt 30 Jahr' her. wir haben uns amal gern g'habt — so gern — Muckenth. Und Sö haben ihn no gern —. Toni. Aber, was reden's denn? Muckenth. (sehr aufgeregt). Die Wahrheit! Und jetzt seid's unglücklich und wärt's a Jedes froh, wann's wenigstens im Alter beinander sitzen könnt's! Toni (angegriffen). Was Ihnen net einfallt — (Läßt den Brief fallen.) Muckenth. 's Nasenspitzel angreifen lassen, Kinder, laßt mich Eng glücklich machen; i schlepp'n her, also gengen's — gleicht's Eng aus! Toni (reicht ihm die Hand). Schaut's daher, was in dem Plutzer für a Mineralwasser wär' ? Sie san zwar a grober — 12 Muckenth. Aber ein ehrlicher Kerl. Toni. Geht aber net, lieber Herr, geht net — — hat Ihnen der Baron g'sagt, daß er verheirat is? daß er ein Töchterl hat? Muckenth. Kein Wort! Hat der hinter mein Rücken a Frau und a Kind! Toni. Ich war nur a Bürgerstochter — die Andere Frau von, die Familie war gegen mich u. s. w., wie das schon geht. Die ersten Jahre soll er recht glücklich gelebt haben, dann hat sie sein Vermögen verschwendet — sie hat ihn verlassen und is ihm davon mit sammt ihrem Kind. Muckenth. Und die Brief, die er uner- öffnet zurückgibt? Toni. Die san von seiner Frau. Sie is alt und krank — hat kein' Anbeter mehr, is verlassen von ihre Leut', im Elend; mein lieber Herr — wann Sie a gutes Werk thun woll'n — so söhnen's den alten Herrn aus mit seiner Frau, mit sein' Kind — geben's' seinem Gewissen die Zufriedenheit zurück — machen's ihn glücklich — aber mi — mi — lassen's allein. Muckenth. (gibt ihr die Hand). Aber wo find' ich die Frau mit ihrem Kind? Zweite Scene. Vorige. Gablitz von links. Gab. Die Thür offen bei der verrückten Person? Toni. Da Hab' ich kan Ahnung davon. — Nur Eins weiß ich, daß er ihr, wie sie vor 15 Jahren bei ihm war um a Unterstützung, im Zorn a Stückl Brvd in den Schooß g'worfcn hat. Nir alsaStückBrod für eine unglückliche Frau. Ich weiß kan Adreß von ihr, net den Namen, den sie jetzt angenommen hat, nur ihre Photographie Hab' ich, vielleicht is das ein Anhaltspunkt. Die bring' ich Ihnen, gleich auf der Stell'. (Wischt sich die Thränen ab und eilt in ihr Haus ab.) Gab. (lauscht an der Thür). Endlich kumm ich amal in das Haus. Dritte Scene. Muckenthaler. Gablitz. Muckenth. Was mach' ich mit einer Photographie ? Und wann ich sie find', amEnd' gift sich mein Herr und macht mich noch recht aus. Gab. (welcher langsam hineingetreten,'reibt die Achsel an der seinigen). Lassens mich auch Mitwirken. O, Durcheinanderhetzen, das is so meine Passion. Muckenth. Sind Sie nicht der mokante Mensch, der Alles ausschnoselt? Gab. Ich bin der, neben dem im Wirthshaus kein Mensch sitzen will — ja, der bin ich! Ich weiß die Adreß von derer Frau, (reibt sich die Hände) ich führe Ihnen hin, Hab' oft zug'sckaut, wie s nir z'scffen g'habt haben — eine Bagage! Muckenth. Sie wollen mir diese Gefälligkeit thun? Gab. Ja, weil ich g'hört Hab', daß sich der Baron giften wird, wann's ihm's hinbringen — (Für sich.) Nachher wirft er den groben Bengel vielleicht über d'Stiegen! (Lacht heimlich.) Aber was in dem Brief steht, das muß ich wissen; ich habe für solche Fälle immer a Wachs bei mir. (Pickt Wachs an seine Stiesel.) Vierte Scene. Vorige. Toni. Toni (mit einer Photographie). Dahier bring ich Ihnen — wie kommt denn der Herr in mein' Garten? Gab. (während dieser Scene strebt er sich, den Brief mit den Stiefeln zu erreichen.) O, ich bitt, ich bin auch ein bösartiger Charakter. Toni. Aber ich brauch' Ihnen net. Gab. Ich bin Ihnen auch überall verhaßt. Toni. Schaun's daß weiter kommen. Gab. (für sich). Eher geh ich net, bis ich den Brief net Hab'. (Laut.) Schau'ns, Fräul'n — auch ich Hab' Ihnen bitten wollen, daß Sie mir auf der anderen Seiten ein Loch machen lassen in der Mauer, damit wir auf alle zwei Seiten zugleich grob fein können mit die Leut'. (Tür sich.) Nutzt Alles nir, mein g'hört er, und wann ich ihm eine Zechen wegtritt. Toni (für sich). Was haben denn die Zwa für a Füßlerei? Gab. (zu Muckenthaler). Auslassen, sag' ich, oder — au weh', mein Berschen — Muckenth. (zu Gablitz, mit dem Tuß um den Brief hüpfend). Liegen lassen! (Er hat den Fuß auf den Brief gestellt. Mucken- thaler tritt ihm daher auf diesen Tuß, um den Brief zu retten. Tür sich.) Anpumpt, mir san a no da! Toni. Sie, wanns' net glei schaun, daß fortkommen, ich bin im Stand — Gab. Kommen's, gehen wir! (Leise.) Au weh, der hat a bisserlTreter! Laßt nicht aus! (Zieht den Tuß aus dem Stiefel und läßt ihn zurück.) Auf Wiedersehen, gna Fräul'n. (Zu Muckenthaler.) Js das der Dank? (Laut.) Auf baldiges frohes Wiedersehen! (Zu Muckenthaler.) Bringen's mir wenigstens mein Stiefel heraus. (Geht unter Verbeugungen ab. bleibt vor der Thür stehen.) Das is heute das zweite Paar Stiefel, was ich verliere. Muckenth. Fräul'n Toni — ich gehe, aber mein Herz — nicht begleiten — mein Herz — das Herz bleibt hier. (Mit komischer Wendung ab, den Stiefel hinter seinem Rücken verbergend, zu Gablitz.) Da haben's Zhnern Stiefel. Gab. (gezwungenj freundlich). Kommen's nur — (Tür sich.) Dafür fliegst Du auf d'Nacht über'n Baron seine Stiegen. (Tortwährend die Hände reibend. Beide gehen ab.) Fünfte Scene. Toni (allein). Toni (besieht die Photographie).Sie war schön, sehr schön, schöner wie ich! Ob sein Töchter! wohl a so sauber is? (Bleibt, das Bild betrachtend, stehen.) Die möcht' i gern seh'n, wenn mir auch ihr Mutter das Herz brochen hat! Sechste Scene. Vorige. Minna. Minna (ärmlich gekleidet, tritt mit einem Bündel in der Hand vor's Thor). Hier ist das Haus — so hat es mir die Mutter geschildert. Wie mich die Dame aber aufnehmen wird? (Läutet an.) Toni (auffahrend). Was is? (Tritt zum Schubfenster.) Sie woll'n? Minna. Ich habe heute meine Mutter begraben, liebes Fräulein. Toni (mürrisch). Alte G'schichten. Minna. Sie gab mir am Sterbebett den Rath, mich an Sie zu wenden. Sie würden mich nicht verlassen. Toni. Wie komm' denn ich dazu — fremde Fräul'n zu beschützen, die allanig umlaufen in der Welt. Wie heißen Sie denn? Minna. Minna Müller. Es ist das aber nicht unser wirklicher, sondern nur ein angenommener Name. Toni (aufmerksam). So? Ein angenommener? Und hat Ihnen Ihre Mutter nir hinterlassen? Minna. Nichts als dieß Stuck Brod. (Legt es auf das Fenster.) Sie sagte, es werde mich wieder zu meinem Vater führen. Toni (mit den Händen nach dem Kopse fahrend). Das Stück Brod — das Stück — o Du armes Kind einer verlassenen Mutter! (Hat die Thür geöffnet, führt Minna inden Garten.) Kommen's nur herein,lassen's Ihnen anschau'n! (Vergleicht sie mit der Photographie.) Ja, g'rad so schön, so frisch und nobel, wie ihre saubere Mutter g'west is — nur die Augen — die Augen — die sein von ihm. 14 Minna. Ja, was haben Sie denn, liebes Fräulein? Toni (freudig). A große Freud'Hab' ich, daß Ihre Mutter net vergessen hat auf nri. O, Sie sein gut aufg'hoben da, Sie sollen Alles theilen mit mir, Essen, Trinken, mein Bett gib ich Ihnen, — Alles, ja mein Kind, dein' Vater sollst Du haben und zufrieden sollst Du wer'n für dein ganzes Leben durch die narrische Fräul'n, die ka Herz hat und sich so dalkert absperrt von den vernünftigen Leut'! (Umschlingt sie und führt sie nach dem Hause.) (Während der letzten Srene ist es Abend geworden. — Manche Fenster wurden erleuchtet, die Gaslaternen angezündet. — Man hört aus der Entfernung einen Straußischen Walzer.) Siebente Scene. Gablitz (allein). Gab. (kommt aus dem Hintergründe). Niederträchtig! Hab' ich heute ein Malheur! Js die Baronin g'storben vor acht Tag' und ich Hab' mich so g'freut! Jetzt habe ich nur eine Hoffnung, die Rache an dem Bindermeister. Peppi (öffnet das Fenster). San Sie's? Gab. Freilich bin ich's. Peppi. Aber so viel ich bis jetzt bemerk', fallt's ja mein' Mann gar net ein, auf ein' Ball zu geh'n. Gab. Gedulden's Ihnen nur. Können Sie's denn nicht erwarten, daß Jhner Mann untreu wird? Wo er jetzt die ganze Wochen bei der Nacht aus'n Fenster g'ftiegen is, wird er heut a net z'Haus bleiben. Pst! Pst! Leut'! (Geht, da Personen über's Theater gehen, harmlos trällernd ab.) Glei bin i wieder da! Peppi. Wann ich ihn nur net ang'hört hätt' den alten Leutausrichter! (Schlagt das Fenster zu.) Achte Scene. Toni (aus dem Hause tretend). Auf mein G'schirr (zusammenräumend), ans mein Tischtuch und mein Silberlöffel hätt' ich bald vergessen. G'schwind Alles z'sammenpacken und hinein zu mein' Schützling. (Musik. Sie lauscht derselben.) Maskenball ! Da wird's a bissel zugehen heute — da wird's der Champagner wieder gnädig haben und der Cancan! (Neugierig.) Muß do a bissel außigucken, vielleicht gehen wieder a paar Masken vorbei. (Oeffnet das Schubfenster.) (Masken gehen vorüber in Mänteln u. s. w.) (Die Masken gewahrend.) Ah — Ah — da muß i bitten — schon wieder Ane — no Ane. — Aber wer klopft denn da bei meine Nachbarsleut' ? Gab. (kommt und klopft schnell an's zweite Fenster rechts). Peppi (öffnet es). Na! Gab. Der Pröleitner! (Drückt sich nach dem Hintergründe, geht aber wieder über die Bühne, als ob er ein Spaziergänger wäre und lispelt die Worte, die er spricht, der Peppi zu.) Pröl. (im Ballkleide im Auftreten). Seg'n thut mi kein Mensch, seine Alte wird schlafen — riskiren wir's, denn heut' wird's a Hetz — so was war no net da, so lang die Welt eristirt. Gab. (hat rechts gelauscht), 's is der Pröleitner. Pröl. (klopft ans erste Fenster). Du, hörst, Karl — ich bin da. Toni. Das wird interessant. Gab. (lauschend). Zum Sperl fahren's — großes Sommerfest, Prachtsalon — der Viersitzige steht am Eck. Toni. Wann i nur wüßt, was das für a Figur is, die alleweil nachtwandelt? Meisl (am Fenster). Servus, Schorschl, was is denn g'scheh'n? Pröl. Alle warten auf Di, die Mar- chandemodmadeln vom Neubau san do und zwa vom Ballet — Du, das is Dir was Großartig's! Tumm'l Dich! Gab. (vorschleichend). Haben's g'hört — Zwei vom Ballet! 15 Meisl. Ich Hab' mir vorg'nommen g'habt, ich will kein G'heimniß mehr haben vor meiner Frau — aber heut', wo's mich so behandelt, justament geh i mit, glei bin i fertig — (Ab.) Pröl. Abersteig' beim Fenster heraus — is g'scheidter, wegen die G'sell'n. 3s halt alleweil no a fideles Haus der Karl, wann er a verheiratet is. — Ich sag' der^ weil dem Fiaker, daß er näherkommt. (Ab.) Toni. Jetzt weiß i wenigstens, wie a Familienglück z'sammg'riffen wird. Gab.(zu Peppi). Zieht sich an—weißes Gilet — Glace — Lackirte — Sie san die Blamirte. Peppi (schluchend). Also betrogen von mein' Mann, der mein Alles g'west ist. (Die Musik beginnt wieder.) Toni (klopft sich vor die Stirne). Siehst es, das hast jetzt davon, warum hast zu- hörcn müssen, is Dir jetzt leichter, weilst so neugierig warst? Aha, steigt schon außa beim Fenster, geht richtig am Ball. (Melodramatische Musik, während Meist aus dem Fenster steigt.) Meisl. Da bin ich schon, Schorschl, wo steht denn der Wagen? Pröl. (hinspringend). Gleich links um's Eck. Meisl. Komm fort, aus'n Maskenball. . (Er hat das Fenster geschlossen und ist Arm in Arm mit Pröleitner fortgegangen). Peppi (hat, als sich Meisl vom Fenster herabließ, tief ausgejauchzt und entfernt sich dann vom Fenster. Dann tritt sie. ihr Kind an der Hand, aus dem Hause, das Thor hinter sich schließend. Das Kind ist sorgfältig gegen die Nachtlust verwahrt, sie trägt eine Winterhaube. — Ballmusik.) Lauf nur hin und vergiß es in Gottesnamen, dein ehrliches Weib. (Weint heftig.) Wann Du aber morgen z'Haus kommst — mich sollst Du nicht mehr finden. Gehst Du in Nacht und Nebel davon, so such' ich mir auch ein anderes Dach, was mich aufnimmt, das mich beschützt. (Nach einer Pause.) Aber wohin? Ueberall Leut', die sich freuen, wann's Unfrieden g'bt im Haus, und hier gar (auf Toni's Garten deutend) diese — Toni (hat ihre Gartenthür aufgesperrt, ist hinausgetreten und hat ihren Arm um die Schultern Peppi's geschlungen, Peppi's Rede ortsetzend). Diese böswillige Toni — von Der die Leut' net wissen, was' aus ihr machen sollen — Peppi. Die verrückte Fräul'n! Toni. Aber sie is zum Mitnehmen die verrückte Person. Jetzt kommen's herein — Ane is schon drin — jetzt sein wir grad a Terno miteinand'. (Reicht ihr die Hand.) Sie soll'n gut anfg'hoben sein bei mir, Sie und das Klane da, was no keine Idee hat von dem Unglück ihrer Mutter. (Fröhlich.) Und glauben's net, daß bei mir bloß lamentirt wird. Gar kan Red'! Bei der verrückten Person geht's a fidel zu — wir setzen unS Abends z'samm und lachen über die vernünftigen Leut'! (Mit Bezug aus die entfernte Musik.) Wann die dort tanzen und singen — unterhalt' man sich auch, wir singen halt dann. — (Ballmusik verstummt, sie singt.) 1 . Ich trag' statt an Dacherl a Hüter! sehr warm, Und Hab' net Braceletten so breite am Arm, Ich Hab' kane Stiefeln mit Stöckeln so hoch, Geh nie zu ein' Kränzchen, leb' alleweil noch, D'rum kommen's zu mir in mein Haus auf a Zeit, Und lach'n wir's recht ans die vernünftigen Leut'! (Ballmusik fällt rauschend ein, Peppi mit sich selbst kämpfend, nach ihrem Hause umsehend.) Pfürt Di Gott, Du lieb's Haus, wo i mein' Karl g'funden Hab'! Tont (Peppi nach sich ziehend, singt, als die Ballmusik verstummt). 16 2. Bei mir san die Böden net g'wirt,daß man fallt, Ich Hab' net viel Möbeln, aber alles is zahlt. Ich bin hier in Wien no bei keinem Verein, Und geh' auch gar nie in a Sitzung hinein! D'rum kommen's zu mir in mein Haus auf a Zeit, Und lach'n wir's recht aus die vernünftigen Leut'! (Zieht Peppi und das Kind an der Hand nach sich zur Thüre, welche in's Zimmer führt. Der Korridor erscheint hellroth beleuchtet, in der Ecke desselben ein Marienbild mit rothem Lämpchen. — Ballmusik.) Zweiter Äct. (Zimmer bei Baron Springinsfeld mit Mittelund zwei Seitenthüren. Sehr behäbig, aber altmodisch eingerichtet. Da der Baron sehr mißtrauisch ist, so find seine werthvollen Sachen, wie Uhren, Bilder u. s. w., in kistnbeschlagenen Kästen verwahrt. — Feuerfeste Kasse, die Thüren mit Eisen beschlagen, in jeder Thür ein Guckloch. So oft eine Thüre geöffnet wird, starkes Gerassel im Schloß.) Erste Scene. > Muckenthaler (allein, schreit in das Guckloch rechts, — hinter der Thür der Baron). Muckenth. Aber so lassen's doch reden mit Ihnen — Baron (durch's Guckloch). Thu', was ich Dir gesagt habe, und damit basta. Muckenth. Na, mir is recht. (Tritt weg von der Thür und kommt in die Mitte der Bühne.) Der Mensch bringt mich mit seinen Dummheiten noch in's Grab, bis jetzt san wir wenigstens alle Tag mit einander z' Mittag in's Wirthshaus essen gangen. war sehr unterhaltlich, denn er knotzt bloß, derweil pack' ich ein, was ich kann. Gestern müssen's ihn beleidigt haben — sagt er, er geht sein ganzes Leben nit mehr aus, es muß zu Haus kocht wern' für ihn. Ja, wo is denn ein Dienstbot, der die Geduld hat mit ihm, wie ich? Halt, ich hab'ö! Ich geh' zu der narrischen Fräul'n, vielleicht weiß mir die eine verläßliche Person? Is uns auch der erste Plan net ausgangen mit seiner Familie, am End' kann ihn die Verrückte retten durch eine alte Mehlspeisköchin. (Ab durch die Mitte.) Zweite Scene. Baron Springinsfeld (ein alter Herr mit schneeweißen Haaren, sonst wohl conservirt, im Schlasrock und in Pantoffeln, er steckt zuerst den Kops aus der Thür und kömmt dann vorsichtig spähend aus dem Nebenzimmer, sehr froh und lustig.) Er ist fort! (Seufzt tief aus.) Gott sei Dank, wieder einmal allein im Quartier. Wohl schon hübsch spat heute? (Sperrt eine Lade aus, aus der er einen Schlüssel nimmt.) Gibt natürlich Leute, die sagen, er ist ein Narr mit seiner Vorsicht. (Sperrt im Tische rechts eine Lade aus und nimmt einen Schlüsselbund heraus.) Hat gar keine Ursache, sich so ab- zusperren von der Welt, — hahaha! Lassen wir sic reden! Hahaha! (Sperrt einen Kasten aus, man gewahrt eine Uhr.) Halb neun — (Besieht die Uhr.) Wäre auch schon langst gestohlen, wenn ich sie nicht so gut aufgehoben hätte. (Sperrt wieder zu.) Sollen'S nehmen, wenn sie können. Mich alten Fuchs, mich prellt man nicht so leicht. Ich habe meine Sachen nicht für Euch. — Ja freilich, dieß Bild, das wäre was für Eure Kunstausstellung, das wäre so ein Gegasfe, da könnten sie lange Abhandlungen darüber schreiben, Ausstellungen machen; faule Geschichten! (Sperrt wieder zu.) Gibt's nicht her, der alte Baron schaut seine Sachen allein an und gar Niemand kriegt was zu sehen davon. 17 (Kommt nach vorne, schließt den Schlüsselbund wieder in die Lade, sperrt diese zu und hebt den Schlüssel wieder aus.) Ist schon so ein Narr der alte Mann — bin lieber nur mein eigener Narr, anstatt — (wischt sich eine Thräne ans dem Auge) bin ja 60 Jahr der Eure gewesen. (Pause.) Weiß nicht, was das ist — (steht sich scheu um) — aber seit einiger Zeit — ich darf das Johann nicht merken lassen — fühle ich so eine Art Sehnsucht — ein (würgt das Wort langsam heraus) ein Frauen — (seufzt) ein Frauenzimmer um mich zu haben — ein Wesen, das mir zuspricht, das mich heiter macht — Ein Wesen, das mich pflegt — aber — (es schüttelt ihn) ich wette hundert für eins — ich hole mir da wieder eine Schlange in's Hans. (Heftig,s Läuten an der Hausthür.) Ich lasse Niemand herein.— (Stärker läutend.) Umsonst! (Noch heftiger.) Nein — aber doch — es wird der Erfinder des neuen Zündnadelgewehrs sein, der mir diesen Brief da geschrieben hat — ich soll ihn unterstützen bei seinem Project — hören wir uns den Narren ein wenig an. (Mitte ab. Man hört mit Gerassel die Hausthür aussperren.) Dritte Scene. Baron. Gablitz (mit Verbeugungen). Gab. Unterthänigst guten Morgen, Herr Baron, nein, wie Sie gut ausschan'n! Baron (für sich). Das ist ja mein Nachbar. Gab. Und zunehmen thun Sie, zuueh- men, das is schon a Passion. B aron (für sich). Der hat nichts erfunden, braucht aber zwanzig Gulden. Gab. Freilich leben Sie aber auch solid, still wie a Lamperl, legen kan Menschen was im Weg, sein a ruhige artei. Baron (für sich) Ein Nachbar, der nichts Schlechtes weiß von mir, braucht hundert Gulden. Gab. Darum thut's Ein auch leid, wann man sieht, daß so a Mann, so ein Dien. Lhcat.-Rtpcrt. Nr. 248. Engel von an Mann, hint und vorn betrogen wird von seinen eigenen Leuten. Baron. Merken Sie das auch? (Gibt ihm dieHand.)Jch sehe, Sie sind der erste Mensch, der's redlich meint mit dem alten Baron. Gab. Grüßen thun's Ihnen freilich auf der Gassen. Baron. Vermuthlich um mich zum Besten zu halten? Gab. Einladen thun's Ihnen auch. Baron. Um mich merken zu lassen, daß ich Ihnen lästig bin. Gab. Ich habe auch schon bemerkt, daß Ihnen die Leut' a Torten in's Haus g'schickt haben zum Namenstag. Baron. Ja damit ich mir den Magen verderbe. Gab. Mit einem Worte diese Menschen sind Nattern, Krokodille,—sind Leoparden. Baron. Ach Gott! (Seufztwohlgefällig.) Es thut einem wohl, seine Ansichten bestätigt zu hören. Und sagen Sie mir — Sie brauchen wirklich nichts von mir? Sie kommen ohne alle Nebenabsichten? Gab. (schlägt ein in die ihm dargereichte Hand). Haha! Ich bin halt gem mit Leut' beisamm, diean rechten Gift haben. Wann's woll'u — halten wir z'samm — I schieß immer durch die Jalousien mit Blasröhrln auf die Leut'. Und wann'S an ein' Sonntag spazieren gehen, thu' ich den ganzen Tag Fetzen ausstauben, ich trag'mir den Mist in Schnupftüchln z'Haus, damit ich auskomm, denn die Menschen verdienen's nicht anders. Baron. Ci? Und wissen Sie sich nicht anders zu rächen? Ich würde mich an Ihrer Stelle auch so zurnckziehen wie ich. Gab. O nein, ich sekir'die ganze Gassen, da Hab' ich mehr Unterhaltung dabei. Unten, der Gräfin, die mich hat wollen amal abstrafen lassen, derer habe ich grad a Häfen Schwab'n bei der Thür auslassen. Baron. Da sind Sie ja eigentlich selbst ein boshafter, rachsüchtiger Mensch—ein— Gab. Will's nicht anders haben, die Bagasch. Und wann Sie nicht mithelfen — find Sie nicht g'scheidt. 2 Baron. Nein, mein Lieber — das ihn' ich nicht. Gab. Auch dann nicht, wenn ich Ihnen sag', daß Ihnen 2hr eigener Bedienter betrügt? (Reibt sich die Hände vergnügt.) Baron (erstaunt). Mein Johann, der kein falsches Wort über seine Lippen bringt? Gab. Der hat Ihnen die Frau sammt Familie wieder in's Haus bringen wollen. Baron. Mein — Gab. Ja, hat Ihnen ausgleichcn wollen, versöhnen der nichtsnutzige Kerl — iS eigens dort g'wesen bei ihr- Baron. Nichtswürdig. — Sie aber — Gab. Sie is Gott sei Dank g'storben derweil. Baron. Todt?! (Stürzt aus einen Stuhl.) Gab. Und die Tochter, von der Sie als vernünftiger Vater nichts wissen wollen — Baron. Habe ich Recht oder nicht? Gab. Da müßte einer Papp im Kopf haben. — Diese Person — ich glaub', sie is ein ganz verworfenes Wesen — die is auf und davon — dem elenden Menschen is daher sein tückisches Werk nicht gelungen. Baron (heftig). So also? Der einzige Mensch, den ich Freund nannte, der mit mir in einem Zimmer schlafen durfte, der mir Weib und Kind ersetzen sollte, durch sein aufrichtiges Wort, dieser Mensch arbeitet bloß darauf, mich zu kränken. Gibt's denn keine treue Seele mehr? Keinen Freund? O, er muß fort aus dem Hause — heute noch — gleich auf der Stelle. Gab. Sie, segen's also ein, was das Volk für ein Volk is, daß sie nichts anders werth sein — als daß man sie mit einem Zündnadel — Vierte Scene. Vorige. Foltanek (einen großen Bündel mit sich schleppend, ein ganz verlumpter Mensch, hat die letzte Rede Gablitz's gehört, stürzt vor, faßt Gablitz und den Baron jeden bei einer Hand und spricht). Folt. Zündnadel? Ja, Ihr habt es ausgesprochen das große Wort! Kinder! (Nickt nach der Seite freundlich mit dem Kops.) Verzweifelt nicht, werft euren Blick dankend zum Schöpfer, reicht Euch die Hand zum Bruderbünde, denn wisset, es ist gelungen, wir sind gerettet! (Er trägt lichtblondes, langes Haar, kleinen Schnurrbart, trägt einen Flintenlauf, Zange, Hammer, Feile und ein Packet mit Spagat verbunden, Pulver vorstellend.) Gab. Mir scheint, der muß wo aus- kommen sein. Baron. Erlauben Sie, mein Herr, ich muß Ihnen — Folt. Ihr glaubt es nicht? Doch wo der Zweifler thöricht Kopfgeschütt-l waltet, dort soll des Buckels Inhalt der Wahrheit Dolmetsch sein. O, was doch die Menschen nicht Alles zu erfinden wissen. Christof Cvlombus und Johann Schwender, sie entdeckten zwar die neue Welt, und der große Mann, der die Eisenbahn erfand, wir wissen, welche Verkehrsstörungen wir ihm zu danken haben. Gab. Sie, wann Sic aber jetzt nicht gleich schauen, daß's außifinden — Folt. Meine Herren, Sie dürfen mich unterstützen. Keine Summe wird mir eine zu große sein. Die ganze Ehre — Ihr Vermögen einer Idee geopfert zu haben, soll Ihnen zugestanden werden, ich nehme es an — daß Sie mich von heute an erhalten, wich neu anziehen und meine Familie zur Firmung führen. Ich ernenne Sic zur Finanzkommiffion, welche die erforderlichen Beträge herbeizuschaffen hat, und gestatte Ihnen, sich so oft General zu versammeln, als Sie wollen. Baron. Ja, aber vorher möchte ich doch — Gab. Das is alles recht schön. Folt. O, ich weiß, Sie wollen vorher wissen, mit wem Sie es eigentlich zu thun 19 haben, denn ich könnte ja eben so gut ein hergelaufener Lump sein, nicht? G ab. Ja, Sie müssen nicht bös sein. Folt. Ich bin nicht das, was ich scheine — Gab. Also kommen Sie nicht aus'n Polizeihaus? Folt. Ich war früher Theaterdirec- tor! Gab. Mit oder ohne Conceffion? Folt. O, ich versichere Sie, dazu gehört eine Eselshaut, ich war Direktor in Gramat-Neusiedl, inBratelsbrunn — nirgends ein Kunstsinn mehr! Und überall wollte man »schöne Helena« und ich habe ihnen »alte Schachteln« geben — ich habe die Stücke noch dazu alle so zeitgemäß eingerichtet, damit die Leut a Freud' haben an der deutschen Literatur. So z. B. wird die Maria Stuart bei mir nicht hingerichtet, zu was denn? Js nicht so — schauerlich! Glauben Sie, bei mir wird der Wallenstein erstochen? Nathan der Weise ist bei mir ein Banquier, der sich vom Geschäft zurückgezogen hat, und was die edlen Schauspieler anbelangt, habe ich dem Publicum bloß Birch-Pfeiffers gepfiffen. Sehen's, und doch bin ich den Mitgliedern in einem Jahr achtzehn Monatsgagen schuldig geblieben! Habe ich mir gedacht, Du gehst lieber her, erfindest was und wirst auf diese Art der Stern des Jahrhunderts! — Und richtig! Ich habe es erfunden, ein verbessertes Zündnadelgewehr, was in einer Minute 493mal absagen laßt — losgeht, will ich sagen. Baron. Alles recht schön. Folt. Und denken Sie sich, wenn das Projekt angenommen wird? Frieden ist just abgeschlossen worden. Gab. Und weil so ein Frieden nie länger dauert als 14 Täg'— Folt. Geht's nächstens wieder los. Unsere Erfindung macht Sensation! Jede Minute 493 bum ! Beim Feind erscheint ein Bulletin: Nichts ist übrig geblieben von uns als zwei Patrontaschen und ein Wischer — Europäischer Frieden, alles wird einverleibt — Baden fällt vor Schrecken an Oesterreich. In Baiem wacht Alles auf und trinkt in der ersten Aufregung jedes bloß drei Halbe Bier. Richard Wagner componirt ein Zukunftsministerium. Und wem verdankt Europa diesen Umsturz — wem? Mir! Dem Erfinder, Euch, den Unterstützern des Genies! Gab. So eine Maschine, die gleich Tausende wegrafft, wär' eigentlich für mich ein Genuß. Baron. Natürlich, sie denken ja nicht mehr daran, sich zu veredeln, die Menschen, sie haben ja nur eine Aufgabe, sich anzu- feinden, sich zu verdächtigen und sich das Leben zu verbittern, in den Familien, ebenso wie in der höhern Politik. Gab. Wann's nachher so recht drunter und drüber ging — Folt. Bum! — Baron. Wenn derjenige Sieger bleibt, der am meisten Schaden anzurichten versteht — Folt. Bum! — Gab. Nachher wird auch der Hauptmann draufgehen, — der mir unlängst so die Leviten g'lesen hat. Folt. Bum! — Baron. Denn eine Erfindung um den Menschen zu beglücken — wer gibt einen Groschen aus dafür? Folt. Bum! — Ga bl. Wann's nachher drunter und drüber geht — Folt. Bum! — Baron. Dann sind wir die Helden der Geschichte, man errichtet uns vielleicht ein Monument und nennt uns noch, wenn wir längst vermodert sind. Machen's Sie sich's bequem, richten Sie sich dahier in meinem Zimmer die Werkstättc ein! — Kramen Sie eiligst aus, arbeiten Sie, poliren Sie frisch darauf los! Ein Menschenleben Hab' ich d'rauf verwendet, die Leute zu beglücken. — 60 Jahre wurde ich alt, mit der Absicht mir Freunde zu 2 * 20 schaffen, mir eine dankbare Erinnerung zu gründen. Geht nicht, bin ein Narr, werde verlacht — und bin bei den Straßenjungen zum Gespött. — Machen wir das neue Zündnadelgeschoß! — Ich werde mir um ein paar hundert Gulden Unsterblich - keit kaufen. (Schnell rechts ab.) Fünfte Scene. Vorige ohne Baron. Folt. Vivat! Der Herr Baron! Bum! Gab. (f.s.) Jetzt schau ich, daß ich dem feine Maschinerie abfisch, nachher verkauf' ich den G'spaß und der Esel sitzt da. Folt. Fangen wir an — Aber damit wir unser Gewand nicht fett machen an meinen Requisiten, machen wir sich commod Gab. (besieht den Rock Folianek's). Ja, da Haben s Recht, daß Sie Acht geben auf Jhner G'wand, da kunnten's a bissel an Schaden haben! (Beide haben sich ausgezogen und die Röcke an den Kleiderstock gehängt.) Folt. (den Bündel öffnend). Der Schraubstock wird dort aufgestellt — die Werkzeug — nicht so fest angreifen! Gab. Der thut, als wann seine Zangen von Powidl wäre.». Folt. Alles dorthin — diesen Flintenlauf — ein echter Damastener — daher! Gab. Ah, das is gut — der macht aus 'n Baron sein Salon a Schmidt'n. Folt. (einen großen Pack ihm zugebend). So! legen's das dort auf'nTisch! und dieses Packet auch — Gab. Was is denn da drinn in dem Packet? Folt. Acht Pfund Schießpulver. Gab. (läßt aus jeder Hand etwas Anderes fallen). Sonst haben's keine Schmerzen? Folt. (ängstlich suchend in seinem großen Bündl). Aber — wo sind meine Hinterladungsstoppeln — meine Percuffions- schlösser? Gabl. Am End' hat er die Erfindung verstreut, auf der Gassen. Folt. Meine chemische Lösung — mein zinksaures Kali? Ga bl. Jetzt hat der sein chemisches G'fraßt verlorn! Folt. Gleich bin ich da. (Eilt zum Kleiderstock und zieht in der Eile den Ueberrock des Gablitz an, setzt desselben Hut auf.) Da ist keine Zeit zu verlieren — es stectt eine Cabale, ein Nebenbuhler dahinter — — Alles wird durchsticht — in meiner Wohnung von oben bis unten! Gabl. Sie aber — Sie haben da — Folt. O, mich sollen sie nicht betrügen, diese erbärmlichen Creaturen, die sich mit meinen Federn schmücken wollen. Gabl. Ja. Sie zieg'n ja selber meine Federn an. Folt. Hängen lasse ich diese Schurken! Gabl. Wann's nur mein Caput auch hängen lasseten. Folt. In zehn Minuten bin ich wieder da! (M. ab.) Sechste Scene. Muckenth. (d.d.M.) Hat dö zufälligerweise eine brave Anverwandte, einen sehr säubern Schnecken, im Haus (Klopft an der Thür r.) Euer Gnaden — Sie kriegen eine Köchin! Baron (durch's Guckloch schreiend). Mir gleichgiltig! Du verläßt heute noch mein Haus. Muckenth. Ich? Jhner Haus? Baron (immer durch's Guckloch). Du bist ein nichtswürdiger alter Bursche, werth, daß man Dich der Polizei übergibt! Muckenth. Polzei? Baron. Ein Schwindler — glaubst Du, ich weiß nicht, wen Du mir in's Handlingen wolltest? Muckenth.. Na, und Hab' ich da viel- leicht nicht Recht g'habt? Wann Jhner schon Jhner Weib beleidigt hat — was hat Jhner denn Jhner Kind gethan? Sie bockbaniger Ding! Baron. Ich weiß, was ich thue — ich will Wahrheit! Muckenth. Gut, so hören's die Wahrheit. Sie san ein alter Dickschädel, der's selber einficht, daß er zu weit gegangen is, als daß er saget: »Ich bin ein boshafter Nigl, der die Leut' sekirt.« Gabl. (L. beim andern Loch). Ks! Ks! Das iS a Genuß! Baron. Und ich sag' Dir, daß Du heut noch mein Haus verläßt, jetzt gleich — Muckenth. Glauben Sie, ich weiß nicht, daß Sie noch in die Fräulein Toni verliebt find? Baron (wirst ihm Geld beim Guckloch hinaus). Da hast Du noch ein halbes Jahr Lohn und jetzt pack deine sieben Zwetschken — Muckenth. Das Geld da — da such' ich eine verlassene Tochter auf, verstengcn's, die ein' nirnutzigen Vater hat. Baron. Schon gut! schon gut! Und Eines befehle ich, hörst Du — befehle ich, dein ehemaliger Herr! Weil Du mich so belogen hast, darf ich in meinem Haus — hier kein lautes Wort mehr über deine Zunge — kein einziges, hörst Du? — Keines! (Verschwindet vom Guckloch.) Gabl. (f. s.). Der hat seine Fetten! ich bin gerächt. Siebente Scene. Muckenthaler, Gablitz(am Guckloch). Muckenth. (Wischt sich eine Thräne aus dem Auge). Aber wer muß ihm denn das g'steckt haben, daß ich im Quartier von seiner Frau g'wesen bin? (Horcht auf.) Ich hör' Stiefel krachen, nebenan, am End' is er noch da drinnen der Spion! — (Holt ein spanisches Rohr auS der Ecke vom Kleiderstock.) Ein Spion! Selige Erinnerung! Na wart! Gab. (f. s.). Der Feind scheint meine Position mit'm G'schützseuer angreifen zu wollen — steckt einen Besenstiel beim Guckloch heraus, an dessen Ende sich ein weißes Sacktuch befindet. Muckenth. Er ergibt sich — (öffnet die Th.) auf Gnad' und Ungnad! (F. s.) Schaut's daher, der Herr Gablitz! Gab. (tritt heraus, macht ein Kompliment — f. s.). Wir wern schaun, daß man die Sache geräuschlos abmacht. (Reicht ihm die Hand.) Muckenth. (schielt nach dem Guckloch R. s. s). Reden darf ich nichts mehr, also werd' ich ihm deuten. — (Deutet, ob Gablitz dem Baron etwas mitgetheilt hat.) Gab. (betheuert pantomimisch das Gegen- theil). Muckenth. (kneift ihn höhnisch in die Wangen und bringt ihm den zerrissenen Rock vom Kleiderstock. Gablitz zieht ihn an unter Komplimenten. Mukenthaler bringt ihm den alten Hut Foltanek's und deutet ihm, er möge fortgehen, wobei er ihn unter Verbeugungen zur Thüre führt). Achte Scene. Baron (aus der Thüre). Aha, er klopft zum letzten Mal meine Kleider aus! Schade um ihn, war sonst fleißig und ehrlich. Nun, ich werde mich zu behelfen wissen ... — (Mit einem Blick aus die Werkzeuge.) Wo find denn aber die Herren hingekommen, der Erfinder des neuen Hinterladungsgewehres? Neunte Scene. Muckenth. Vor. (kommt und deutet, daß Jemand geläutet hat). Baron. Schon wieder Jemand da? Muckenth. (deutet eiu hübsches Frauen- gesicht). Baron. Die bestellte Wirthschafterin vermuthlich? Mukenth. (bejaht). Baron. Soll eintreten. 22 Zehnte Scene. Vorige. Muckenthaler (öffnet die Thüre M. Es treten ein: Toni und Minna. Erstere trägt einen Hut, welcher ihr Gesicht so viel wie möglich den Blicken verbirgt; als sich die Thüre öffnet, wendet sich der Baron sogleich ab.) Baron (f. s.). Also ein Frauenzimmer in meinem Hause? Gewiß bereue ich's in drei Wochen, daß ich meinen Grundsätzen untreu geworden bin. Toni (welche den Baron nicht anfieht und sich gleichfalls abwendet). Kommens nur herein — er thut Ihnen nir der Herr Baron. Muckenth. (welcher zwischen den Eivtre- tenden steht, stellt sie pantomimisch gegenseitig vor). Toni (dreht sich langsam und vorsichtig gegen den Baron; als sie ihn einen Augenblick betrachtet hat, wendet sie sich ab). Mein Gott! Das ist also der schwarze Schneckelkopf — der fesche Reiter — wisse Tänzer von dazumal? Das der Mann, der lausend Madeln das Herz gestohlen hat! (Ihr Blick fällt aus den vor ihr stehenden Spiegel, und da überfällt sie ein Frösteln.) Aber Toni! Schaust denn Du anders aus? Bei Dir hat ja auch der 50ger die Visitenkarten abgegeben; das sein ja keine blonden Locken mehr, das Feuer in diesen Augen richt' kein Unglück mehr an. Na ja, es nutzt nir, die Zeit hat's pressant. (Laut.) Na, Fräulein Minna, stellen's Ihnen vor beim Herrn Baron — Baron. Johann! — Muckenth. Herr Ba — (schlägtsich auf den Mund und stellt vor den Baron). Baron. Mir kömmt vor, als wenn mehrere Personen im Zimmer wären. Muckenth. (deutet »zweie*). Baron. Die eine ist vermuthlich die empfohlene Person und die andere — wer ist die andere? Muckenth. (deutet, daß er leider schwer'* gen muß). Toni. Ich bin die ehemalige Frau von dem Mädel, die verwaist — ich bin nur mitkommen, damit ich Ihnen, wann Sie'S verlangen, Auskunft gib' über das Wesen. — Muckenth. (dreht dem Baron eine Nase). Baron (ohne sie zu beachten). Ganz recht — denn — das muß ich Ihnen schon sagen — ich habe gar kein Vertrauen zu den Weibem — ist Eine — wie die Andere — Toni. Aber die da — die is aus einem sehr guten Haus. Baron. Das heißt es von Jeder — wird nicht so weit her sein! Toni. Der Vater gar von ihr, das war ein Ehrenmann! Baron. Wenn der Vater gar so ein guter, braver Mann gewesen ist, warum hat er denn nicht besser gesorgt für sein Kind — warum denn nicht? Warum muss sie denn jetzt Dienste suchen? Wird nicht so weit her sein mit diesem Ehrenmann? Minna. Der Name meines Vaters ist mir zwar unbekannt, Herr Baron — aber nehmen Sie die Aeußerungen einer braven Tochter nicht ungütig, ich werde nie etwas über ihn kommen lassen. Baron. So — so! (ZuToni.) Jedenfalls ist die Tochter mehr werth als der saubere Papa.—(Sanft.) Wenn Sie einerr alten Mann — der weder Weib noch Kinder hat — (näher an Sie herantretend) pflegen, wenn Sie ihm treu zur Seite stehen wollen, — heute oder morgen,-bin ich ja doch ein alter Bursche — soll Ihr Schade nicht sein. Minna. Verlassen Sie sich, Herr Baron — Sie sollen an mir eine treue Dienerin haben. Baron. Johann! Muckenth. (stellt sich steif vor ihn). Baron. Hast Du gehört? Muckenth. (nickt bejahend). Baron. Du führst das Mädchen in die 23 Wohnung herum, sagst ihr Alles, was sie zu thun hat — dann scherst Du Dich zum — Muckenth. (setzt sich Hörner aus und reckt die Zunge heraus, um den Teufel anzu- deuten). B aron. Adieu! Muckenth. (küßt ihm die Hand, legt die Hand aufs Herz, deutet, daß der Baron ein Dickkops ist, droht ihm nochmals, winkt ihm aber freundlich zum Abschied, als wollte er sagen, daß er ihm nicht gram sein könne. Dann mit Minna ab. R.). Eilfte Scene. Baron, Toni. Toni. Meine Minna ist unterbracht — also Hab' ich die Ehr' — Baron. Einen Augenblick! (F. s.) Wie der Herr, so der Diener. — Wir wollen uns die Dienstgeberin doch ein wenig betrachten. (Laut.) Nehmen Sie Platz! Toni (thut es). Ist noch etwas gefällig? — Baron (kehrt sich langsam gegen Toni, betrachtet sie forschend, seine Knie beginnen zu zittern — er geräth in große Aufregung, die er endlich bekämpft, woraus er langsam in den Stuhl finkt — halb freudig, halb schmerzlich). Himmel! Wenn auch die schönen blonden Locken grau geworden sind — sie ist es! (Er stützt das Haupt auf die Hand.) .Toni (die ihn betrachtet hat). Sie werden vermuthlich wissen wollen, ob sie auch verläßlich ist, und wie lang sie bei mir im Dienst war, diese Wirthschafterin? Baron. Ja — das ist cs — bloß das ganz allein — natürlich — was hätte ich auch sonst zu reden mit Ihnen.—(Sehr aufgeregt und ihr heiter ins Gesicht sehend.) Setzen wir uns zusammen, liebe Frau, und reden wir von Köchinnen. Toni (kehrt sich gegen den Baron, beide sehen sich in's Gesicht. Pause. F.s.). Gott sei Dank! Er kennt mich nicht mehr die 30 Jahr — haben ihre Schuldigkeit than. — (Beide setzen sich vis-ü-vis.) Sie erlauben schon — Baron. Ja, kommen Sie doch näher — wir sind ja — beide alte Leute, warum sollten wir nicht ganz nahe beisammen sitzen. Toni. Freilich — wir können eigentlich noch näherrücken. Baron. Versteht sich — so ist es recht! — Das heißt, es ginge eigentlich noch etwas näher. Toni. Wie Sie glauben. (F. s.) Aber nicht eine Ahnung hat der Mann, wer neben ihm sitzt. Baron. So, jetzt sitzen wir beisammen — fast wie — wie soll ich's denn nur nennen — fast wie — Liebesleute — finden Sie's nicht auch, Madame? Toni. Wirklich — ja — eS schaut beinah' so aus— aber ich bitl' Ihnen — wir Zwei mit unfern weißen Haaren—wir haben auf was G'scheidtcres zu denken. Baron. O was! Machen wir uns den Spaß. — Sehen Sie, das war oft so mein Wunsch. Wie gern wäre ich im Alter an der Seite eines braven Weibes gesessen, das mich geliebt und geachtet hätte. Toni. Schaun's, ich auch. A braver Mann wär' mein Alles g'wesen auf der Welt. Baron. Man hätte sich Abends zusammengesetzt und geplaudert — Toni. Ich hätt' ihm — die Haar' und die Sorgen aus der Stirn gestrichen — Baron. Ich hätte dann meine Gefährtin umschlungen — als ob sie noch sechzehn Jahre alt wäre, und als ob ihr blonder Lockenkopf noch so wie damals — Toni (wie vom Blitz gerührt, für sich). Blonde Locken—er kennt mich! (Bestimmt.) Jetzt heißt's ein' andern Ton anschlagen, damit er net glaubt, ich bin kommen wegen meiner Person. — (Laut.) Aber glauben Sie mir, Herr Baron — es ist oft besser — wann a Paar net zusammenkommt. — (Rückt ihren Stuhl weg.) Es ist oft besser 24 man ist allein — als man ist gebunden an Personen ohne Charakter. Baron (wie versteinert, für sich ebenfalls rückend). Teufel, sic merkt, daß ich sie kenne. Toni. I bitt' Ihnen, wann man auch nicht verheiratet is — Abends, wann's dunkel wird — empfang' ich halt meine Freund'! Baron. So — Sie haben Freunde? Toni. Ja, meine Erinnerungen, und wann ich auch — ledig bin — ich Hab' do a Butten voll Kinder. Baron. Kinder? Toni. Meine Blumen — die mir die Pfleg' tausendfach vergelten. Baron. O, Sie denken nicht viel anders als ich. Ich habe meine Geliebte, die ich jeden Abend aufsuche. Toni (eifersüchtig). Sie haben eine Geliebte? Baron. Die Einsamkeit. O, meine Liebe, das ist die wahre Trösterin der Menschen — sie lehrt uns erst das Glück zu suchen in uns selbst. — Und diese Einsamkeit bringt mir noch immer eine feurige Freundin mit. Toni. Eine Freundin? Baron. Ja, mein Kind, die Rache. Wenn ich so von meinem Fenster hinabblicke auf die Menschen — denen ich helfen könnte mit meinem bischen Geld — ich wär' ja da — ich könnt's ja thun — wenn ich so — die Verzweiflung der Hilflosen betrachte — nun, das ist auch eine kleine Seelenfreude — das — das ist dann meine Unterhaltung. Toni, (ausstehend). Also bleiben Sie in Ihrer Einsamkeit. Baron. Gehen Sie zu Ihren Kindern — Toni. Unterhalten's Ihnen mit Ihrer Rache — Baron. Setzen Sie fich zusammen mit Ihrer Erinnerung. Toni. Denn natürlich — wir können ja — jedes thun, was wir wollen. Baron. Das heißt -- wenn Sie mich wieder besuchen wollen — es wird mich — Toni. Fallt mir net im Schlaf ein. ' Baron. Wenn Sie öfters bei der neuen Köchin Nachsehen wollen — Toni. Wüßr' net wegen was. Ich bitt' Ihnen, wir sind ja wildfremde Leut' zu einand'! Baron. Haben nie das Vergnügen gehabt, uns näher kennen zu lernen. Toni. Wollen uns auch nie kennen lernen. Baron. Sondern leben abgeschlossen von der Welt — Toni. Wissen jedes , was wir zu verabscheuen haben. Herr Baron — es hat mich unbekanntermaßen sehr gefreut — (macht einen Knix) is mir nur leid, daß ich Sie so lang aufg'halten. Baron. Ich werde Sie selbst hinunter begleiten. Toni. Nein — ich danke — bitte sehr — das wäre zu viel, Herr Baron. Baron. Meine Gnädige! Toni. Ich habe die Ehre! Beide (wenden sich ab — jedes hält das Sacktuch einen Moment vor die Augen, dann geht Toni schnell ab). (Pause.) Baron (übermannt). Toni! Sie ist fort— fort, ohne mir die Hand zu reichen. — (Schlau) Ah — ich Hab s! Diese Wirth- schafterin, welche gerade sie in mein Haus gebracht — es ist kein Zweifel — es ist ihr Kind — sie will es versorgt wissen — sie will — ich soll an ihrem Kind sühnen, was ich der Mutter angelhan. (Oeffnet die Thür, in welcher Minna abgegangen.) Ja, mein Kind — Deine Mutter soll nicht umsonst mein Herz angerufen haben. (Will ab.) Zwölfte Scene. Voriger. Foltanek. Folt. (stürzt abermals, einen Bündel in der Hand, zur Thüre herein und faßt den 25 Baron). Halt, mein Herr! Denken Sie sich das Glück, ich habe die Zündnadelstoppeln und meine Zeichnungen gefunden. Baron. Scheren Sie sich zum Teufel! Folt. Wie so, Bruder? Baron. Lassen Sie mich in Ruhe mit Ihrer blutdürstigen Erfindung. Gehen Sie hin, wohin Sie wollen. Folt. Was? Sie wollen nicht neben mir als Monument stehen auf der Aspernbrücke? Baron. Nein. Folt. Sie wollen nicht im bürgerlichen Zeughaus aufbewahrt und gegen Anmeldung beim Unterkammeramte besichtigt werden? Baron (reißt sich los, mit Eifer). Erfinden Sie statt Ihres Kriegs- einen Friedens- Apparat, und mein ganzes Hab' und Gut sei Ihr Eigenthum. Um aber diese Welt des Haders noch mehr durcheinander zu Hetzen — dafür, Herr — so wahr ein Gott lebt — dafür gibt der alte Baron nicht einen einzigen Heller. (Schnell rechts ab.) Dreizehnte Scene. Foltanek (allein). Folt. So schön, er gibt nichts her! Meine Erfindung g'fallt ihm auf einmal nicht mehr. Das ist schon der Siebenhundertste, der nichts hergibt. Ich Hab' schon glaubt', daß alle Gaffen nach mir betitelt werden. Ich Hab' mir denkt — wann ich so vom Foltaneksplatz durch die Schrotgaffen beim Bombenhof vorbei — durch'n Erplosionspark in Percusflonsanlagen, von da über d'Hinterladungsbrücken am Zündnadelring — in mein Haus zum unnöthi- gen Ladstock — o-o — (Der Zwischenvorhang.) Große und kleine Fässer stehen herum. Auf einem Fasse fitzt der erste Geselle aus einer Pfeife rauchend — auf einem andern Fasse fitzt der zweite Geselle. — Andere spielen Karten. Einer spielt Zither. — Aus der Thüre hört mau Gläserge- klirre — Divatrufen und Zither- oder Llavier- spielen. Mehrere Requisiten liegen umher — als Flöte — ein Beißkorb — ein Parapluie — ein Bild des Radetzky und eines der Maria Theresia an der Wand.) Erste Scene. Die drei Gesellen. Franzl. Franzl (der einen Teller mit Braten in der Hand hält, servirt den Kartenspielern). Nein — was unser Masta für a fescher Geist worn is, seit sein Weib fort is, das geht über jede Beschreibung. Vivat, der Masta soll leben! Die drei Gesellen (Gläser erhebend). Vivat! Franzl. Früher, so lange sie im Haus war, diese Rackerei — aber jetzt — jetzt sagt der Masta: »Alles vertrunken vor seinem End' — Macht ein kurzes Testament!« 1. Geselle. Die Kundschaften hat eh' schon alle der neuche Binder dameben. 2. Geselle. Und wann wer kommt und was anschafft, wird er hinauserpedirt! Franzl. Uijeses! Der Kellner vom Ochsen! — Schon wieder da so a dalkerte Kundschaft! Zweite Scene. Vorige, Kellner Jean. Jean (eilig — mit breitem Backenbart, spricht sehr eilig im Style der vielbeschäftigten Zählkellner). Fasse! fertig? (Von einem Gesellen zum andern Herumschi eßend, als ob er im Gastzimmer wäre.) Eimerfaffel! — Vor acht Tag bestellt! — Eimerfaffel fertig? 1. Ges. Wir haben keine Zeit auf Eimerfaffel, wir feuchten lieber d'Leber an. Jean. Wer will eine kleine Leber? Franzl. Laß' sich der Herr die Fasseln Verwandlung. (Binderwerkstätte bei MeiSl mit einem Mitteln»- gange vou der Straße. R. L Sritruthären. machen, wo er will, wir haben was G'schei- teres zu thun. Jean. Was? Nicht möglich! Wem g'hört daS kleine Beuschel — will ich sagen das Etablissement? Franzl. Der Herr hat Gast'! Jean. Gäst'!? Ergebenster Diener! Franzl. Er ist nicht zu sprechen! Schaun's, daß weiterkommen! Jean. Sie, reden's mir nicht so — sunst wirf ich Ihnen amal eine kleine Mandelsoß auf'n Kopf — Sie — halbe Mehlspcis. Wir brauchen drüben 's Faffcl und diese vier Portionen hier stehen da fiir nir und wider nir! — Alle 4. Jetzt schaun's aber, daß Rest is, sonst wern's auszahlt. — (Schieben ihn zur Thüre.) Jean. Zahlen? Wer will zahlen, meine Herren?! Franzl. Hinaus und keine G'schichtcn! — (Drängt ihn ab.) Jean. Was? Mich hinaus — den Oberkellner? — Ist das der Dank, wenn Sie hinüberkommen — ein Seite! Lag — oder ein Pfiff —Mark — ich gleich da— Abendblatt g'fälli — (Ln Kellnermanier) sehr feines Kalbsgollasch— Nierndeln — drei weiche Eier — nicht zu hart — Fritz, Cigarren! Pfui Teufel! Nicht dagewesen — wer will zahlen? — (Ab.) Franzl. Das is a Leben in unserer Werkstatt! — (Musik hört auf.) Dritte Scene. Vorige, Meist. Meisl (etwas verstört, ein klein wenig angestochen, tritt aus der Seitenthür. R.). Na ihr seidS ja gar fidel — sagt's, hat Euch das Gansel g'schmeckt, Kinder? Franzl. Wir haben die Frau g'wiß gern g'habt, aber — dö Gans ist uns no viel lieber! Meisl. Solang als was da is,Kinder, so lang sollt's ihr'sanch gut haben bei mir! Ihr habt's g'arbeit'mit mir — Ihr sollt's mir a helfen mein Sachen anbringen — Alles bis aufs 's letzte Nestel! Mit'n schlechtesten Rock geh' ih dann hinaus in die Welt als «freier, als a glücklicher Mensch! Franzl. Das wird a Gaudee — aber drei Wochen müssen wir noch faulenzen, bis Alles anbracht ist. (Gablitz kommt.) Meisl. Da is ja endlich der Herr Gablitz — knmmen's nur herein — cs g'schieht Ihnen nir — ich Hab' Ihnen ja eigens einladen lassen. Vierte Scene. Vorige, Gablitz. Gab. (bleibt unter der Thüre). Aber nur unter der Bedingung, daß alle Staberln abgclicfert werden. Meisl. Kommen's nur näher — Gab. Aha! und wann ich dann drin bin, so errichten's die Nationalgard'! Meisl. Nein, — nein! Es geschieht Ihnen nir, so wahr Sie ein ehrlicher Mann find. Gab. O, Sie, da geh' ich Ihnen nicht hinein! Meisl. Vorwärts — machen's keine G'schichten! Gab. Gut! Ich riskir's! Obwohl hier schon einmal jenes Seegefecht stattgefunden hat. — (Reicht ihm die Hand.) Ich bitt' Sie um Entschuldigung, daß's mich so g'hau't haben — aber ich versichere Ihnen, cs thut mir sehr leid. Meisl. Das is's ja eben, warum ich g'schickt Hab' zu Ihnen — (gezwungen) ich bin Ihnen hintendrein dankbar, daß Sie mir mein Weib vom Hals g'schafft haben. (Ireudig.) Der erzählt ihr g'wiß a jedes Wort! Gab. Sie sind mir hintendrein dankbar? (Drohend.) Sie, einmal warn's mir schon hintendrein dankbar. — Na — es g'freut mich, wann ich Ihnen dient Hab' dazumal! Meisl. Sie glaubt, sie thut mir was an mit der Schand' — aber i lach' nur dazu. Gab. Schand'? Jbitt'Ihnen gar schön' — is denn ein freiwilliger Durchgang a Schand', da wä? ja der »schmeckende Wurmhof* die größte Schand'auf der Welt! Meisl. Gehn's hinein, essen's Ihnen an — und (heimlich) wannSie's sehen, so erzähln's ihr, wie fesch als cs zugeht bei mir, daß dahier der Himmel voll Geigen hängt. Gab. So voller Geigen, daß Alles flöten geht. Meisl. Und daß wir fidel sein, ob sie da is oder net. Gab. Verlassen's Ihnen — die soll sich giften, daß sie grün und gelb wird — schwarz und weiß muß sie wem. — Qua- drillirt geht'smoring herum. — (F.s.) Gott sei Dank, ich Hab' den Caput an mit die großen Säck — bei der Tafel soll heut' preußisch requirirt werden — so was haben's in Prag nicht derlebt! (Laut) Adieu! Herr Meister — Adieu! Um 3 Centner schwerer komm' ich zurück! (Ab rechts ins Seitenzimmer.) Fünfte Scene. Vorige, ohne Gablitz. Meisl (gibt den Gesellen Geld). So! Und Ihr — Ihr kriegt'ö den Fünfer da! Geht's in Prater, unterhalt's Euch, seid's lustig und denkt's dabei an mich — an engern Herrn und vergeßt's sie — sie — die leichtsinnige Frau! Alle. Vivat der Herr! (Franz! und die drei Gesellen ab.) Sechste Scene. Meisl allein, darauf Gablitz. Meisl. Sie hat's ja net anders wollen. — Hätt' sie mir a gutes Wort geben — gern wäre ich ihr um dm Hals g'fallen^ hätt' ihr Alles g'standen, wär' wieder word'n, was i ehmals war, a braver treuer Mann — Gab. (S. r., dicker als früher, nämlich bepackt). Ah da muß ich ja gleich — Meist. Sie sein schon wieder da? Gab. Die Herren sagen alle, der Wein is Ihnen zu warm — bin ich halt so gefällig und hol' darneben beim Wirth a Stöckel an Eis! Meisl. Nehmen's net a Teller mit oder a Körbel? Gab. A gar kan Red — san ja kane sechs Schritt — (Will fort.) Meisl. Hören's — wie aber Sie auS-> schaun — gegen früher, gar net zum Kennen. Gab. Ja die Luft da drinn, dieh'chlagt ein' halt an. (Kehrt sich um, man sieht, wie aus den Säcken eingesteckte Flaschen u. s. w. hervorgucken.) Gleich bin ich wieder da mit an Stückl an Eis. (Schnell ab.) Siebente Scene. Meisl (allein, dann Pröleitner's Stimme in der Thüre). Meisl. Soll nur einpacken die Vorstadttratschen. soll's nnr erzählen am ganzen Grund, wie's hergeht bei mir. (Die Thüre öffnet sich.) Pr öl. (in der Thüre). Na, Brüderl, wo bleibst denn? Meisl. Gleich komm ich — gleich! Wer ist denn das? Achte Scene. Voriger, Toni. Toni. Der Herr Meister zu Haus? Meisl (f. s.). Schaut's daher, was will denn die verrückte Person in mein' Haus? Toni. Ich bin eine Gesandte — oder was heutzutag mehr is als wie Gesandte — ich bin eine Geschickte. Meist. Reden wir deutsch — was gibt's? Toni. Sie sein ein nirnutziger Ding! — Meist. Gott sei Dank sagl das nur die verrückte Person. Toni (ruhig). Na, die Verrückten logi- ren, wie Sie wissen, am Bründetfeld — gleich daneben is das Versorgungshaus für die armen Leut'! Wann Sie's so fortmachen wie bisher, wern wir recht bald die nächsten Nachbarsleut' sein. Meist. Wer erlaubt Ihnen denn so eine Sprach'?! Toni. Die Sprach ? Die hat mir der General erlaubt — da droben! Der General, der mehr Sterne hat wie alle Generale auf der ganzen Welt! — (Deutet auf den Himmel.) Der General! Meist. Na, und was weiter? Toni (gibt ihm ein Packet). Das! Meist (durchwühlt die Sachen, erschrickt). Mein — Portrait — unser Trauschein, der gravirte Ring — Sie kommen von mein' Weib? Die logirt also bei Ihnen, Sie geben ihr Unterstand? Toni. Ja, ich bin ihr Bruder im G'spiel! Meisl. Nachher sagen's ihr auch, daß wir uns nimmer sehen in dem Leben, nimmermehr! Toni. Sie wollen die Mutter von Jhnern Kind, Jhner Kind nimmer seg'n? Meisl (nach einigem Kamps). Nein! Toni. Sie sagen— ich will mein Kind nicht mehr sehen? Das is grad so auf- g'schnitten, als wann aus ein Bankozettel steht, man kriegt überall Zwanz'ger dafür! Meisl (bestimmt). Ich verwir Alles, was noch da is — und nachher pfürt' dich Gott, Kaiserstadt! Toni. Is a bekannter Gassenhauer das Lied! Statt sich aufzuraffen nach ein Unglück, statt die Schuld dort zu suchen, wo fie liegt, in Euch selber, anstatt euren Geist erklärt's Ihr so gern unser schönes Land bankerott! Meisl. So? Js's vielleicht net wahr, daß mir der neue Binder daneben, der Ausländer, alle Kundschaften wegfischt? Toni. Drum' wär' ich an Jhnerer Stell' lieber g'scheidt! Is der Mann gar so fleißig, no so stund ich halt no eher auf, man geht nicht z'Grund, wann ein Anderer g'scheidt is — sondern nur wann man selber verzweifelt an sein' eigenen Verstand. Meisl. Glauben's, a Jedes kennt die G'spusi — glauben's, a Jeder hat so a Mundwerk, glauben's, a Jeder denkt auf solche Concurrenz-Fineffen wie der? Toni. Gut! Erfind't mein Nachbar eine gute Maschin' — geh' i nit her und übcrleg's a paar Jahr, ob ich ihm's nachmachen soll — na— ich schau' lieber, daß i no a bessere erfindt', — ich lauf net' nach — ich komme vor. Meisl. Schon recht. — Andere san vielleicht g'scheidter wie wir — wir aber san ehrlich! Toni. Ich siech aber net ein, warum ein ehrlicher Mensch grad immer ein dummer Kerl sein soll. Das gute Recht kann Hand in Hand geh'n mit'n Verstand, und glauben's mir, wennma laut herumschreit: »Wir verdienen, daß wir z'Grund gehn, wir san zu weit z'ruck!* Der soll ausg'stoßen wern aus sein Vaterland; denn wissen, daß man z'ruck is, sein Rückschritt einseg'n und stolz sein draus, das is die größte Blamasch im Jahrhundert! — Wann ich säh, daß mich der Nachbar durch die Raschheit, womit er seine G'schästen abmacht, überflügelt — glauben's, i bild' mir was ein drauf, daß i net nachkomm! glauben's i schrei herum:— »Sie! ich bin dumm!* Nein, - ich sperr mich ein in mein Kammer!, daß ka Mensch meine Scham- röthe sieht — aber nachher arbeit' ich mit Händ' und Füß', damit i mein' Herrn Nachbar beweis — daß mein G'schäft vielleicht auf ein Moment bankerott is — daß ich 29 aber noch g'nug Hab' an geistigem Capital, um ein neuches zu gründen. Meisl (s. s.). Wie mi die herstellt in meinem eigenen Haus! Als ob ich — als wann mein Weib — als ob ich und mein G'schäst — (Laut.) Ich Hab' Gäst, Mamsell, suchen's Ihnen wem Andern aus für Jhnere Predigten — Gott sei Dank — mir Männr am Platz mir brauchen keine guten Lehren — von einer verrückten Person! — (R. ab.) Neunte Scene. Toni, darauf Gablitz (mit einem Stück Eis in der Hand). Toni. Heraußt is es! Nur Schad' daß ich diesen Gablitz nicht da g'funden Hab, diesen Denuncianten! Gabl. (will schnell über die Bühne). Das wird jetzt famos werden, wenn ich — (Erblickt Toni.) O du mein, die alte Fräuln— (Versteckt das Eis schnell in der Brust zwischen demRock.) Die darf net wissen, daß ich hier den schnöden Lüsten stöhne; hihihihi! — (Lacht jetzt immer, da ihn das Eis ungeheuer genirt.) Toni. O,— der Herr Gablitz — wenn man den Wolfen nennt, so kommt er g'rennt. Gabl. Ja, das Vieh is schon a so — Ah! — hahahaha! Toni. Was haben Sie denn, daß alleweil lachen? Gabl. Ich! — hihihihi! Ja seg'n Sie ah! uh! hahaha! — ich bin schon so — Nur alleweil fidel. (F. s.) Herr Gott, die Kälten! Toni. Mir scheint, der hat da was versteckt? (Laut.) Sie waren doch sonst immer so z'wider, so menschenscheu — und ein Schmunzln war nie zu seg'n bei Ihnen. Gabl. Nicht?! hihihihi! — Jetzt — hohvho! bin ich ganz ein anderer Mensch! haha! (F. s.) Es geht durch — o du mein — es geht durch! Toni. Ja, was haben's denn? Gabl. So viel a frohes Herz! Toni. Nachher wird Ihnen auch nir mehr drucken auf der Brust! Gabl. Mich? O mich druckt's noch immer! Toni. Geben's Ihnen zur Ruh' — es wird Alles vergehn! Gabl. (f.s.). Da danket ich, wannAlles zergehn thät! (Packt mit einer Hand eine Falte des Rockes und damit das Eis.) Toni. Und d'rum, weil Sie aus ein' zuwidern, rachsüchtigen Menschen a braver Mann wor'n sein — drum gib' auch ich Ihnen jetzt mein Hand. Gabl. O ich bitte — (Gibt ihr die freie Hand.) Toni. Die rechte bitt' ich! Gabl. Sie — ich bin a Linker — ich schwör' links — ich iß links — und bleib links schuldig! Toni. So geben's mir alle zwei. (Nimmt sie.) Gabl. (der das Eis sehr stark spürt). 3eses!haha! ^ Toni. Und an solchen Mann druckt die verrückte Person mit tausend Freuden an's Herz! (Reißt ihn an sich und umarmt ihn.) Gabl. Mein letzte Stund'! (Wanktdann die Hände hängen lassend nach einem Stuhl.) Toni. Und jetzt, lieber Herr Gablitz, wo das Eis auf Ihrem Herzen g'schmolzen is — Gabl. Ja leider. Toni. Jetzt steht Ihnen jederzeit die Thüre offen in dem Haus der verrückten Person! (Schnell d. d. M. ab.) Zehnte Scene. Gablitz (allein). (holt das Eis hervor und legt es weg). Die Elende hat's g'wußt, daß ich was unterm Herzen trag — noch 5 Minuten, und ich bin ein Tazerl G'stornes! Und diese Verlegenheit — ich hier — bei diese Lebemänner — ich, ein Beamter, ich leb ! das war noch nicht da! Ja wenn das Eis nicht gewesen war', hätt' ich mir schon zu helfen h'wußt — ich fang' nämlich, wann ich in einer Verlegenheit -in — immer von was Anderen zu reden an! Ueber ein' ganz anderen Gegenstand — und so soll's heut zu Tag a Jeder machen in kritischen Momenten! Couplet. 1 . Sie sind, sagt Einer, Journalist — Jetzt sag'ns mir endlich, was das ist — Daß über manche große Frag — Lu lesen selten eine Klag'? »Ja wissen Sie — wir alle — wir — Wir tragen jetzt bei unS dahier —« (nimmt wie von ungefähr einen großen Beißkorb) Ein Beißkorb! Ist sehr gut gemacht — Und trefflich construirt — Ich glaub' nicht, daß bei diesem Ding — Hier wer gebissen wird! (Rep.) 2 . Die Frau kennr sich vor Zorn nicht ans — Es kommt der Mann heut gar net z'haus! Um 3 Uhr Morgens, endlich, ach! Tritt er ganz still ins Schlafgemach — Er steigert gern hinein ins Nest, Sie aber schreit: »Wo bist denn g'west?« (Spielt ängstlich mit einem Regenschirm.) Ob schön — ob Regen — jedenfalls — Du weißt, vergiß ich nie — Ob schön — ob Regen — jedesmal Nimm ich ein Paraplnie! (Rep.) 3. Bei uns, kommt man um etwas ein — Muß jedes G'such g'stempelt sein — Auf jede Beilag, 's muß hinauf — Kommt eine Stempelmarken d'rauf — So kommt bei uns, ruft Einer aus, Denn ohne Stempel gar nichts heraus?! (Nimmt das Tagblatt aus der Tasche.) Das Kreuzerblatt ist ein Journal — Bei Jedermann beliebt — Und billig, wie's auf derer Welt — Kein zweites Blatt mehr gibt. (Rep.) 4. Es wird nach einer Schlacht gezählt, Wie viel als von der Mannschaft fehlt — Der Ausweis wird herbeigebracht — Man liest den Abgang nach der Schlacht. Man findet wer gefallen ist — Und wer sehr schmerzlich wird vermißt. (Nimmt das Bild des FM. Radetzky.) Radetzky 10. Auflag' schon — Bei Beermann abzuholen — Ein Gulden 50 Kreuzer — 's Stück! Das hätt'n ma wissen sollen! (Rep.) 5. Bei uns, das ist sehr weise — wird Was übel riecht desinfiscirt — Die Stadt hat einen Phyfikus, Der jeden G'stanken prüfen muß, Der hat nun auch heraus gebracht — Was hier den Meisten unwohl macht — (Nimmt eine Cigarre.) Cigarln zu zwei Kreuzer 's Stück, Wie sich das göttlich schmaucht — Ob denn der Doctor Physikus Auch um zwei Kreuzer raucht?! (Rep.) 6 . Was ist deS Deutschen Vaterland — Das Lied ist ungemein bekannt — Doch das ist, o verfluchte G'schicht, Das Lied/ das wird jetzt g'sungen nicht. Die Melodie, sie ist verrauscht — Wir gehn, weil wir zu viel geplauscht — (Nimmt eine Flöte.) Flöten ist ein Instrument — Was sehr in Anseh'n steht— Weil's ganze liebe deutsche Reich In Preußen flöten geht! — (Rep.) 7. Wer immer für die Wahrheit stritt — Sein Unrecht unvergolten litt — 31 Der kriegt bei uns, das ist bekannt, Ein Monument im Vaterland — Hat wer — den man als edel kennt, Bei uns vielleicht kein Monument? (Zeigt aus Maria Theresiens Bild.) Theresia, die Kaiserin — Der Wahrheit treues Schild — Die aufhob, was dem Lichte feind — Welch' wunderschönes Bild! (Rep.) 8. Wir haben, er wird eröffnet schon, Ein neugcbauten Cursalon — Im Stadtpark herrlich anzuschn — Dort werd'n wir dann spaziern gehn — Doch hat noch Niemand aufgesticrt, Was man dort z'trinken kriegen wird! (Nimmt einen Plutzer.) Die Plutzer haben den Kranken oft — Gesundheit eingebracht — Und Plutzer, Gott sei Dank,— die werd'n Bei uns im Sommer g'macht! (Rep.) (Zwischenvorhang.) Letzte Verwandlung. Vielleicht fratschl i was heraus. (Laut, recht harmlos.) Na, und was sag'ns, und wie geht's Ihnen denn immer? Wie leben's denn a so? — Peppi. No das könncn's Ihnen denken, ich laß ka Traurigkeit g'spür'n! Gabl. Recht Habens — der Mann ladet Ihnen lauter Lumpen ein und lebt was Platz hat. Peppi. So? —Aber ich wcrd' jetzt auch zum Leben anfangen. Gabl. (schlägt heimlich die Hände zusammen). Ah! ah! ah! Peppi. Ich sperr' mi net länger ein — Gabl. (wie oben). Ah! ah! ah! Peppi. Unter uns — natürlich— Sie fagen's nicht weiter, ich Hab' an sehr noblen Herrn kennen g'lernt — es is a Graf — Gabl. (s. s.). Kennt sie ein' Grafen und ich Hab' glaubt, sie weiß nicht amal, was das is ein Baron — Peppi. Und heut Abends 8 Uhr am Platzl soll'n wir uns das erste Mal sprechen, ich und der noble Herr — dieser Graf — Gabl. Sehr gut! Ausgezeichnet! Aber Sie erlauben, ich muß fort. — Peppi. So, Sie gehen schon? (F. s.) Aha, er kann das Tratschen gar net erwarten. Gabl. (reibt sich die Hände). Gibt ein Mordkravall! das sag' ich ihm gleich auf der Stell — (Harmlos). Ja, wir haben z' Haus heut die Wäsch — es is nur wegen der Stärk', daß ich nicht länger die Ehre haben kann. (Will fort.) Peppi. Herr von Gablitz — darf ich Ihnen no um a G'fälligkeit bitten? Gab. Nur heraus! Peppi. Ich Hab' grad nachdenkt, ob ich Dünn Lhtat. Rkp. Nr. »48. mich Ihnen denn auch ganz anvertraueu darf. Gabl. Aber Frau von Meist, bin ich der Mann, der was plauscht; da erfah- ren's eher aus an' officiellen Abendblatt was. Peppi (hat unterdessen geschrieben, faltet den Brief). Dann möchte ich Ihnen bitten, daß mir den Brief da auf die Post geben — er is eben an den Grafen, — nir als a g'wöhnliches Liebsbrieferl. Gabl. (liest die Adresse). An den Grafen Moriz v. Wildenschwert. (Ganz paff.) War noch nicht da, war noch nicht da! Peppi. Und jetzt lassen's Ihnen net länger aufhalten. (F. s.). Und verzünden's alles mein' Mann! Gabl. Segen's, wie mich das g'freut, daß Sie mir sogar den Brief, wo ich so leicht — Frau von Meist, wann's je was branchen, ich bin der Mann. (Setzt seinen Hut aust) Jetzt geh' ich auf der Stell'. Peppi (st s). Zu mein' Mann. Gabl. Wegen dieser Wäsch. (F. s.) Die is mir a bissel aufg'seffen! Nein, was diese Menschen für ein dummes Volk sind, war noch nicht da, war noch nicht da! (M. ab.) Vierte Scene. Peppi (allein). Fang Dich nur in deiner eigenen Schlechtigkeit. (Nachdenkend.) Ob ich recht mit mein' Mann Komödie spiel'! Die Fräul'n Toni — die mich auf- g'nommen hat wie a zweite Mutter, die älter und g'scheidter is als ich, die hätt' i do ehnder fragen soll'n; da is sie ja! — Fünfte Scene. Vorige, Toni. Toni (kommt sehr aufgeregt, legt eiligst den Hut ab). Wer hat denn den Schlüssel von unserer Gartenthür abgezogen? — die Thür is offen? — Peppi. Ich weiß wirklich net, Fräul'n Toni. 3 Toni (Handschuhe ausziehend). Wie der neuche Gärtner kommt, muß er die Thür auf der Stelle zunageln, dis an anderer Schlüssel fertig is — (Auf ein anderes Thema übergehend.) Liebe Frau, ich war bei Jhnern Mann — is a leichtsinniger Mensch — Peppi. Haben s ihm g'sagt, daß ich ihm wohl sein Portrait z'ruckschick' und den Trauring — daß ich'n aber do nie vergessen werd' — nie, so lang i leb'. Toni (hastig). Laßt ein' ja gar net zu Wort kommen der Mensch — Pepi.Hat er sich net erinnert an unsere glücklichen Stunden, an sein armes Kind? Toni. Erinnert? Er sich erinnern! Ja mit gute Freund' sitzt er beisammen und sein Gewissen, wann's reden will, das bringt er zum Schweigen mit ein Schwips! P epi. Sie glauben also, daß der Mann net mehr zu bessern is, daß mein Kind kein Vätern mehr hat? Toni. San's netbös,leiderbin i so weit, möglich daß mein Herz verbittert ist, möglich daß i seit 30 Zähren abg'sperrt von der Welt — net den rechten Blick Hab' für Männer— aber das kann i Zhnen sagen, Zhner Mann hat mir weh' than — recht weh-er red't mit der größten Gleichgiltigkeit von Ihnen — red't gar nir von sein' Kind. (Man hört 8 Uhr schlagen.) Pepi. Die bestimmte Stund'! — Das letzte Mittel noch und dann beschütz' mich Gott, daß ich ihm nicht Gleiches mit Gleichem vergelte! (R. ab.) Sechste Scene. Toni (allein). Was sagt sie, Gleiches mit Gleichem? Das bringt mich auf an Gedanken, der mein Lebtag net aufkommen is in mein' dalkertcn Kopf. Ich bin alt, meine Haare sein grau, mein Augenlicht, weil ich mein Wort halten will bis zum letzten Augenblick meines Lebens? — Er schaut zurück auf ein bewegtes und benütztes Leben — ich Hab' seit 30 Zähren keine Freud' g'habt, wie meine guten Blumen! -Jetzt weiß ich's warum die Leut' sagen — ich bin a verrückte Person! — Zung und lebenslustig wie sie is, will ich das Weiberl einsperr'n in mein Haus, acurat so eine Klosterfrau machen, wie ich eine bin! Zch bin wirklich verrückt! Sie soll's so machen wie er! soll leben, fesch leben, und wenn meine Haare noch so schwarz wären wie die ihrigen — (Sieht sich in den Spiegel und fährt sich übers Gesicht.) Aber sie sein grau — grau! — (Stößt einen Schrei aus.) Aber Toni, sie wurden ja grau in Ehren!! — Das Grau war mein letzter Stolz, meine letzte Zierde — mein Alles — und jetzt — Himmel!! — hatt' ich beinah dem braven Weib zug'redt, sie soll leichtsinnig wer'n, ihren Mann betrügen! Hab' ich mit meiner Bosheit nicht aus ein' braven Bürgersweib a schlechte Mutter g'macht? Heiliger Himmel! — Pepi, wo bist denn?! Pepi! zu spät! Siebente Scene. Meisl, Gablitz, Siebensüß, Nachbarn, Baron und Minna (hinter den Hereinstürmenden). Meisl. Halt, Fräul n Toni! Halt! Da haben wir Ihnen ja! — Siebs. Da ist sie ja die saubere Fräuln! Meisl. Sie verzeihen schon, daß wir Ihnen nachstören? Gabi. Aber wir haben zu schöne Geschichten g'hört von Ihnen. Meisl. So schau'ts also aus die scheinheilige Fräuln? hin und wieder schenkt's a paar Groschen her. damit sie die Leut blind macht für ihre Schlechtigkeit! — Siebs. Za so ist es! — Meisl. Ich bitt' Euch, Kinder, wie leicht hat man einen Streit in sein Haus — so was gleicht sich bald wiederaus. Gabi. Aber da kommt diese giftige Schlange! — 35 Meisl. Und hetzt so lang, bis das Glück der Familie in Trümmern geht. Weil sie selber nicht mehr eristirt für die Welt, so duldet die Here auch ka Glück bei den benachbarten Leuten. In ihrem Haus iS mein Weib, die jetzt keck vorübergangen is bei meinen Fenstern mit einem noblen Freund — dressirt wor'n, hier hat sie die Frechheit g'lernt und i sag' Ihnen d'rum, Fräul'n, Sie san ka verrückte, sondern a schlechte Person. Alle bis auf Baron. Ja wohl das sag'n wir alle, a schlechte Person. (Alle ab.) Toni. A schlechte Person?! — schlecht! und ich Hab' nie bei der Erinnerung an so viel Kummer ein' Unrechten Gedanken gehabt. Baron (mit Minna vortretend). Toni! — Ich war gekommen — um Ihnen — aber jetzt! — Ich will nichts von einem Weibe wissen, welche die erste Pflicht eines Weibes vergessen hat: die Ehre! (Ab mit Minna.) Achte Scene. Toni (allein, gleich daraus) Mucken- thaler. Toni (weint laut). Recht g'schicht mir — recht! — ich verdien's, daß mir Alles ausweicht, und daß mir Niemand auf der Welt die Hand reichen will. Jetzt werd' ich nimmer singen wie früher — „und lachens recht aus die vernünftigen Leut'"! — denn es geht mir Niemand mehr herein in mein Haus — es gibt mir kein Mensch mehr die Hand! (Sinkt laut weinend in die Knie.) Muckenth. (ist schon früher eingetreten, er hat ein Bündel und ein Grabscheit in der Hand. Bei Toni's letzten Worten legt er ihr die Hand sanft auf die Schulter). Toni. Ja wer is denn das? Muckenth. Der neue Gärtner, der pro- birt, ob er's noch aufrichten kann die gebrochenen Rosen! (Der Vorhang fallt.) 3. Lei. (Küche bei Gablitz, eine Mittel-, zwei Seitenthüren, rechts Fenster, im Herd Feuer, aus dem Herd ein Häfen, Deckel darauf, darin heiße rauchende Erdäpfel, ein zweites leere- Häfen auf dem Herd. Geschirr an den Wänden. Links neben der Seitenthür ein großer Speiskasten, rechts im Vordergrund ein Küchentisch, an welchem Gablitz eben an einem Nudelbrett mit dem Walken eines Teiges beschäftigt ist.) Erste Scene. Gabt, (allein, in weißer Jacke). Die Hab' ich derwischt die Köchin, auf der Stell' hat sie fort müssen, sie hat mir noch 14 Tag zahlt, damit's hat geh n dürfen. Jetzt koch' ich mir Alles selber, ausreiben thu ich mir auch, waschen, Alles, nur daß ich nichts mehr zu thnn Hab mit diese Menschen! (Plötzlich erstaunt innehaltend.) Das is gut; jetzt Hab' ich woll'n heut Zwetschkenknödeln machen, derweil Hab' ich alle Zwetschken geffen. (Sieht gegen das Fenster.) Ho! ho! Ho! Dort geht grad dem Hofrath sein Katz über's Dach! Wo ist denn mein Blasröhrl? (Nimmt es und bläst zum Fenster hinaus.) Hat schon Eine! (bs klopft an der Mittelthür.) Herein! Zweite Scene. Voriger, Foltanak (schwarz gekleidet, hohe Vatermörder, an Händen und im Gesicht geschwärzt, man sieht, daß ihm ein Malheur passirt ist, er schleppt ein riesiges sechsläufiges Gewehr hinter sich nach). Gabl. Sie san's ? was verschafft denn mir die Ehre? Folt. (ganz zerschmettert.) Ich komm' aus'n Arsenal! Ga bl. Ich Hab' glaubt aus ein Rauchfang — Folt. Commission versammelt ge- wesen, lauter angesehene Personen. (F. s.) Ich war der Einzige, den's nicht ang'schaut hab'n. 3 * 36 Ga bl. Und was haben's denn g'macht dorr? So viel ich siech, wer'n Sie Niemand was weiß g'macht hab'n. Folt. Probirt haben wir's das da» hier, das von mir erfundene (immer weinerlicher). alles Dagewescne verdunkelnde — (bricht in Thränen aus) jede Concurrcnz erdrückende Zündnadelg'wehr. Gabt. Na und sieht die Commission ein, daß's so ein' großen Schaden an- richter! Folt. Das wern's nachher nicht ein- seh'n? (s. s.) Viere sind gleich trdt blieben und 5 röcheln, daß man's bis nach Purkersdorf g'hört hat. (Laut.) Beim dritten Schuß war alles weg! Gabt. Sie haben also losdruckt? Folt. Und alles is dag'legen (sich verbessernd), vor Entzücken nämlich. (F. s.) Ich Hab' glaubt es wird bloß hinten g'laden, derweil is auch hink' losgangen. Ga bl. Na also und nachher, was haben's denn nachher g'sagt? Folt. G'redt is wenig mehr wor'n später, den Meisten hat's die Red' verschlagen. Gabi. Und wo finden denn die weiteren Verhandlungen statt? Folt. Im Militärspital — will ich sagen im Militärdepartement. Gabl. Und hat gar Niemand von die Herrn Ihr Werk angegriffen? Folt. Angriffen? Nicht um die Welt, daß's Einer angriffen hätt! Gabi. Und wie's weggangen sein? Folt. Weggängen? Sie haben ja kein Begriff! Wegg'führt haben's mich. — Ga bl. Was Sie sagen! — Also wird's auf die Art überall eing'führt wer'n? Folt. Mir scheint! (F. s.) Mich wenigstens haben's heut' schon einführen wollen, wenn ich nicht auskommen wär'. Gabl. Ja warum san's denn hernach so traurig, Sie kummen mir so z'amprackt vor, so g'wiß als wann was gescheh'n wär!? — Folt. Natürlich, die Aufregung, die Ehre, diese Aufwartungen — Sie seg'n, ich bin noch schwarz. — Ga bl. Ja, das sich ich. Folt. (ganz verwirrt). Daun ist man auch nicht g'faßt, denken's Ihnen, kda liegt Einer — dort — hier wiederum. Gabl. Wie so — a Commission liegt ja net auf der Erd' — Folt. (sich verbessernd). Freilich — nein — ja wohl — aber man sagt so beim Militär! Ein Vetter von mir, ein Corporal, geht in ganzen Tag spazieren, in Stockeran — aber er liegt doch dort in Stockerau. Gabl. (F. s.). Also hat der richtig reuffirt — auf die Art hätt' ich doch mithalten soll'n? (Denkt nach.) Folt. (f. s.) Zuerst geht's drei Diertcl- stund' nicht los — dann fall'n auf einmal, wie Alles vorbei war. sechs Schuß, und sieben Mann Herrn sein plesflrt — (Ringt die Hände.) Gabl. Na, wenn Sie vielleicht noch a paar Gulden brauchen? Folt. Für die Bleffirten? Gabl. Nein, für die Erfindung. Folt. Ja so — (F. s.) Wann der müßt', daß ich mich auf der Flucht befinde. Gabl. Wogegen ich natürlich auch den halben Profit kriegen muß. — Folt. (s. s). Profit«? — Abholen wolln's mich in Narrenthurm. —Sie haben g'sagt, dort g'hör' ich hin. Gabl. (gibt ihm Geld). Drum gib' ich Ihnen derweil 34 Kreuzer. Gengen's hinein da, erholen's Ihnen, waschen's Ihnen und rechnen's auf mich — ich bin Ihr ganzer Freund, der mit der Hälfte z'fric- den iS. (F. s.) Den d'rwisch ich a bissel! der plagt sich sein ganzes Leben, i steck'n ein sein Profit. (Reibt sich die Hände.) Folt. (f. s.)'. Seit drei Stunden lauf' ich schon in einer Tour — (Seufzt aus.) Ich bin in Sicherheit! jetzt nur obacht geb'n, daß mich nicht die vom Narrnthnrm krieg'n. (Reicht Gablitz die Hand, macht ihn schwarz, umarmt ihn.) Sie sollen Silles theil'n mit mir, Alles! Und wenn ich 25 krieg! — — 37 — Gabi. Was für 25?! Folt. Orden! Gabl. Ja so! Folt. Sie solln's trag'n mit mir! Und wenn sie mich endlich aufhängen — Gabl. Wo? Folt. Als Porträt. Gabl. Ah so — Folt. Sie müssen daneben hängen. — Und wenn ich abg'holt werd' — Gabl. Von wem? Folt. Na, von der Commission in Puncto Anerkennung. Sie geh'n mit! Nicht wahr? — Gabl. Versteht sich — (Umarmt ihn.) Nein, ah — das is zu viel, so a Dankbarkeit für 34 Kreuzer! Folt. Das vergeß ich Ihnen nie, Herr von Gablitz, nie! (Umarmt ihn stürmisch und geht rasch rechts ab.) Dritte Scene. Gabl. (allein). Da sieht man, wie die Freud' ein' Menschen confus machen kann! — Das wird ein Aufseg'n wcrn, wann's heißt, ich hätt' was erfunden! Wann Alles bei uns hier constmirt wird nach'n Gab- litzer System, wann ich bei jeder Kanon steh'n bleib'n und sag'n kann: Das Loch Hab' ich erfunden! — Das is halt ein Triumph des menschlichen Geistes. (Blickt gegen den Herd.) Aber halt, es is die höchste Zeit zum Erdäpfelschäl'n — sunst wird's Mittag und i werd nicht fertig mit die Abg'schmalzenen. (Kilt zum Herd, holt ein rauchendes Häsen, bringt es nach vorne und nimmt einen heißen Erdapfel heraus.) Da heißt'S sich tummeln, sonst — (Klopft an der Thür.) Schon wieder wer! Gabl. Ich a saub'rer Herr! Sie, sagen's mir das nicht noch einmal! Meisl (ergreift seine Faust und zerdrückt ihm, ohne es zu wissen, den heißen Erdapfel in der Hand). Find' ich Ihnen amal z'Haus — Ihnen, der an allem Unglück Schuld is ganz allan? Gabl. Auslassen — haß! Dö Hitz — ich krieg eine Blattern über alle fünf Finger — Meisl. Sie waren derMensch, der's Unglück bracht hat in meine Familie, Sie haben aus Mucken Elephanten g'macht. — Ohne Ihnen wär' ich heut' net an unglücklicher Mensch. — Weil i aber jetzt schon auseinander bin mit mein' Weib, jetzt will i a wissen, was Alles Vorgängen is! Heraus mit der Färb', was haben Sie Alles erzählt von mir — red — oder i zerdrück Dich, was waßt von mein Weib?! (Hat Gablitz um den Tisch gedrängt.) Gabl. (sieht ängstlich zum Fenster hinaus). Da gcht's grad' JhnerWeib, mir scheint, sie kummt auch zu mir,—jetzt machen's aus mit ihr was woll'n. Meisl. Mein Weib kummt — daher? zu Ihnen? — mit ihr Hab' ich nir zu reden, aber in 5 Minuten bin i wieder da! Dann wer'n Sie mir sagen, wo ich den Grafen find' — verstehen's gut — den Grafen, den ich mit meiner Frau g'seh'n Hab' — oder es geht Ihnen schlecht! .— (Schnell rechts ab — man hört einen Schrei Folta- nek's.) Gabl. Was haben denn dö? Die Blattern! Zum Glück Hab ich ein Häfen Petroleum zu Haus (Steckt die Hand in ein Häsen.) DaS is ja ein schrecklicher Kerl! Fünfte Scene. Vierte Scene. Voriger, Meisl (hereinstürzeud). Meisl. Oh, da is er ja der liebe Narr, der saub're Herr von Gablitz. Gablitz, Peppi, ihr Kind. Pepi (rasch eintretend). Gott sei Dank, Sie sein amal z'Haus — Gabl. San So vielleicht auch bös auf mich? 38 Pepi. Lieber Herr Gablitz, san's nör bös auf mi — Ich Hab' Ihnen unlängst an Brief geben an ein' Grafen — Gabi. An ein' Grafen — o ich weiß — ein ganz kleines rosa sarbenes Billetduderl. Pepi. Ich bitt' Ihnen, geb'ns mir'n wieder den Brief! — Gabl. (f. s.). Möchte gern Alles wegschaffen, was sie blamirt, kennen wir schon. (Laut.) Js mir recht leid, wirklich sehr, auf Ehr' — aber hab'n längst auf die Post geb'n den Brief. (Boshaft.) Aber wann's vielleicht mit Jhnern Mann reden wollen — der is dort rechts in dem Zimmer — Ihner Mann. Peppi. Mein Mann? Himmel! g'schwind da hinein — in zehn Minuten, wann er fort is, reden wir weiter von mein' Brief. Komm, Marierl, komm — Gabl. (öffnet die Thüre links). Bitte, nehmen's Platz. (F. s.) Derweil laß ich dem Mann ihr'n Brief lesen, das gibt eine unbändige Hetz. — (Alle links ab.) Sechste Scene. Meist zerrt Foltanek aus der Thür. Meisl. Also daher zum Herrn von Gablitz bestellt der saub're Graf mein Weib? Folt. (verwirrt). Ich a Graf? Meisl. Herr Graf — ich sag' Ihnen, Sie sind ein elender Mensch — Folt. Elender Mensch? — ja, das is möglich — aber Graf, unter keiner Bedingung! (Man hört durch die Thüre im Hintergründe eine Stimme: »Er wird z'Haus' sein.«) Meisl. Es kommt wer — auf der Stell' hinein — und net muren — oder der Herr bleibt unter meine Händ'. Folt. ES kommt wer. I red' kein Wort. —Am End' die Herrn aus'n Narr'nthurm, schnell hinein — und kein Wort! Pst! Still! (Beide rechts ab.) Siebente Scene. Frl. Toni. (Nachdem sie eingetreten, öffnet sich leise die Thür, und Muckenthaler mit einem großen Stocke bewaffnet, schlüpft herein.) Toni. Bevor ich weggeh' von hier — bevor ich der Stadt, wo Alles auf mich mit Fingern zeigt, Adieu sag' für ewig — den dahier muß i mir do no verguna. (Kehrt sich um und gewahrt Muckenthaler.) Sie san a da? — Sie schleichen mir nach? Muckenth. Oh Fräuln Toni, ich erreich Alles! — Mir is es im Geist vorgegangen, daß Sie daher woll'n zu dem Giftmischer! Toni. Na, und was weiter? Muckenth. Der Kerl is Alles im Stand! Mir hat er amal an Schligowitz antrag'n, derweil war's ein Terpentin. Toni. Sie glauben also, es kunnt mir hier was g'scheh'n? O unser Herrgott verlaßt mi net. Muckenth. Sehr gut. Wann aber unser Herrgott alle schlechten Kerln durch- hau'n müßt,—der Mann wär'zu bedauern. Aber verlassen's Ihnen — (springt in den Speisekasten) in diesem Festungsviereck (zeigt seinen Stock) logirt ein Generalstab, der sich g'waschen hat,—verlassen's Ihnen, wann der Moment kommt, bin ich da. — (Macht die Thüre hinter sich zu.) Achte Scene. Toni, gleich darauf von links Gablitz. Toni. Da kummt er ja — oder eigentlich sie das alte Weib! Gabl. (erschrickt, als er Toni gewahrt). Sackerlot — Dö auch noch! — O ich Hab die Ehr'! (Er ist angekleidet.) Toni (betrachtet ihn mit verschränkten Armen). Lassen's Ihnen amal anschau'n, Sie erbärmliche Seel'! Gabl. Nicht so hitzig — Mamsell — da drin iS wer! Wann Ihnen der er- 39 wischt — da setzt's was ab! Da Binda- rnasta! — und da drin is die Frau, die Sie mit Ihren schlechten Lehren auf den schlüpfrigen Weg des Lasters gebracht haben — die Frau von dem Mann — (F. s.) Ks! Ks! Gleich wer'ns herfall'n über sie alle Zwei! Toni (freudig, leise zu ihm). Die Ehleut' san da bei Ihnen im Quartier, alle zwa san wieder gut miteinand? Gabl. O, gar kan Red'! gut sein! — Sein's so gut! — Und wer hat das Alles am Gewissen? Sö — sö verrückte Person! — Toni (von einem Gedanken erfaßt). Verrückt! Richtig ja! A verrückte Person darf ja thun, was sie will — darf Ihnen, darf an jeden Schinken die Augen auskratzen!? Jawohl, verrückte Person — denn hahaha — i bin ja verrückt! > Gabl. (den Grauen überfällt.) So schön, die wird mir narrisch in mein' solidenQuar- tier. (Oesfnet die Thüre rechts und winkt.) Zu Hilf', is denn kein spanischer Janker bei der Hand? Toni (welche nun scheinbar in den Ton der Geistesabwesenden verfällt). Nicht binden — nein — laßt mich — Gott sei Dank — sie sehen mich nicht mehr und hier (an Gablitz'S Kniee klammernd) hinter diesem Baum bin ich sicher vor ihren Krallen, nicht wahr? — Hier — gewiß — nein, hier finden sie mich nicht! — Gabl. Die halt' mich für an Akazi- bam — Meisl (tritt aus rechts). Das Unglück — na ja — überspannt war'S immer; wird dö wirklich narrisch, die alte Person! Peppi (welche die andere Thür geöffnet hat, erscheint mit ihrem Kind). Die arme Toni! Toni. Wer spricht hier so mild und voll Erbarmen, wer hat Mitleid mit der armen Mutter? Wer? Von dorten kam's — weg — weg — damit ich den braven Mann sehe, der sich an die alte Toni — (Thut als ob sie Meisl erst jetzt erblickt und stößt einen Schrei aus). Fort, fort, er will uns fesseln, — der böse Mann will mich gefangen nehmen, — mich — (mit einem Blick aus Peppi) und Dich — uns Beide, will er binden, will uns in den Kerker werfen. Meisl. Aber mein Fräuln Toni — Toni. Weg, weg, Du willst uns schlagen, mich und sie. Meisl (erschreckt zurückweichend). Was fallt Ihnen denn ein? (Zu Peppi.) Vielleicht kommt's zu sich, wenn man ihr nach ihrem Willen thut. (Laut.) Net wahr, Du fremde Frau — gelt? Du fürchtest Dich net vor mir? Peppi. Nein, lieber Mann (eben so leise) ich werd' Dir — ich werd' Ihnen — vielleicht macht das ein' Eindruck — die Hand geben. Toni. Du böser Mann, Du schlägst also nicht das arme Weib — Du wirft es nicht binden und g'sangennehmen? Meisl. Wann Ihnen aG'fall'n g'schieht — nein — Toni (zu Peppi). Du furchst Dich net mehr vor ihm? Peppi. Nein. (Leise zu Meist.) Thun's mich zum Scyein umarmen. Meisl. Geben's mir zum Schein ein Bussel. (Thun es, jedoch Alles in gezierter Weise.) Toni (klatscht närrisch in die Hände). Hahaha, Bravo, gut! (Plötzlich ernst.) Doch — o ich durchschau Euch schon — Ihr wolltmichnur erst kirre machen, meint Ihr, täuscht mich nicht. (Reißt das Kind an sich.) Ihr thut wohl zärtlich mit einander, — doch haßt Ihr Euch, und wenn ich fort bin geht es los, nein, nein, — so falschen Leuten laß ich's nicht mein Kind, nein — fort mit ihm — fort — Peppi. Sie geht mir davon mit mein' Kind! Meisl. Daß nur derMariel nir g'schicht. Peppi. Wie sie's druckt — Gabl. Die is im Stand und fallt mit ihr über'n dritten Stock. 40 Meisl. Jetzt bleibt uns nir übrig, als wir sein noch zärtlicher — Peppi. Wann's a net wahr is — Meisl (halb höhnisch). Pepperl, komm her. Peppi (eben so ironisch). O Du mein lieber guter Mann — Toni (horchend). O nein, nein, das ist nicht der Ton der Freundschaft, so spricht die Liebe nicht — komm, mein Kind — (Wendet sich zur Thür.) Meisl (noch ziemlich trocken). Weiberl, sei net Harb, — schau, ich war halt a bißl a liederlichs Tuch — Peppi. Ich Hab' Dich ja a nur steigen lassen woll'n. — Toni (immer mehr sich derThür nähernd). Komm, mein Kind — komm — komm — Meisl (desperat). Peppi, schau — Peppi. Komm, ich bitt' Dich — Toni. Komm, Kind — komm! — Meisl (spreizt die Arme au)8. Weiberl — i kann ohne Dir net leben — verzeih' mir'S, mein Wort, ich werd a Muster von an Mann! — Peppi. Mein Alles — Meisl. Komm her — Peppi. An mein Herz! — Toni (klatscht in die Hände). Da habt's Enger Maritscherl! Schaut'S, Leuteln, — ich wan' wie a klan's Kind — na lachen muß i — hahaha — herzlich lachen — (legt ihre Hände in einander) bleibt's beinand' und werbt's wieder glückliche Leut'. — Meisl. Ja, was is denn das? — Peppi. Toner!! — Gabl. Jetzt halt' uns die für ein' Narren, jetzt ist die dalkerte Person g'scheidter als wir — Meisl (ernst)I An den Grafen Moriz von Wildenschwert? Gabl. Famos! Und sie wird noch nicht kasweis? — Liptauerisch? Da sieht man was das Laster wirkt, wenn es epidemisch au stritt. Aber lesen wir nur weiter. — Toni (entreißt Meist den Brief). Ja, lesen wir weiter. (LieSt.) Lieber Mann! — »Ich laß nämlich den Gablitz auffltzen.«— G abl. (horcht aus). Mir scheint, die kann nicht lesen — Toni (liest). »Ich kenne gar keinen Grafen, aber ich weiß, daß dieser Mufti auf der Stell' mit dem Brief da zu Dir kommt.* Gabl. Was? — O Schlange! — Toni (liest). »Und drum sag' ich nichts als komm in die Arme deiner Peppi* — Gabl. (vernichtet). Niederträchtig! — Meisl. Pepperl — Pepperl — Peppi. Carl — Carl — Meisl. Du bist ein Engel — Folt. Und jetzt noch einmal mein Ehrenwort, ich bin kein Graf. — Toni (zu Gablitz). Aber jetzt sagen Sie, was Sie für ein nirnutziger, durchtriebener alter, grantiger Zwidnan sein? Ja jetzt begreif ich'S, warum Ihnen mein neucher Gärtner, der Muckenthaler, durchaus beim Schopf nehmen will! — Gabl. Was? Der auch noch? — Toni. Ja, mir scheint ich hör'n schon auf der Stieg'n. Gabl. Der Muckenthaler? Sie, der is mir zu grob — meine Herrschaften — ich bin blamirt, was woll'ns denn noch mehr, verachten's mich, aber verachten's mich nicht! — Auf Wiedersehen! — (Springt schnell in den Kasten, — fürchterliches Geschrei und Gepolter, dann kommt Gablitz heraus, sich die Wangen haltend.) Toni. Aber was haben denn Herr von Gablitz? Gabl. (wüthend). Ich Hab mir's überlegt, ich verstecke mich nicht. (Stolz.) Ich bleib justament hier heraußt. (Klopft an die Mittelthür.) Mein Stolz erlaubt keine Furcht! — Neunte Scene. Vorige, Dr. März, Wärter. (Schwarz.) Dr. März. Pardon,meine Herrschaften, aber es soll hier der Erfinder des neuen Zündnadelgewehres zu finden sein! — 41 Ga bl. Ja, wir sind hier zu treffen, ich und dieser Herr da — (zeigt auf Foltanek). Folt. (zeigt aus Gablitz). O ich bitte, eigentlich dieser Herr ganz allein — Gabi, (zu Foltanek). Nein das war' zu viel — Folt. Nur keine Gemeinheit, ich dränge mich bei so was nicht vor — Gabl. (leise zu ihm). Aber gehen's doch wenigstens mit — vielleicht fallt für Ihnen auch was aus — Folt. (s. s.) Ja, so dumm bin ich nicht. (Laut.) Meine Herrn! Dieser Herr allein hat jene Erfindung gemacht und er weiß was ihn dafür erwartet. Gabl. (umarmt ihn). Unvergeßlicher Freund! Gut, also gehen wir! O ich weiß cs, meine Herrn, wo Sie mich hinfiihren, aber es erfüllt mich mit Stolz, weil ich sagen kann, ich habe es auch verdient! (Zu Toni u. s. w.) Wenn ich zurückkomme (deutet aus die Brust) ich sag' derweil gar nir, — als wenn ich wiederkomme, — wird Ihnen das Knopfloch sagen, daß es nur einen Gablitz gibt in Wien, und dieser Gablitz bin ich! (Mit den Männern ab.) Folr. (springt vor Freude und fällt auf die Kniee). Gerettet! Den sperrn's jetzt statt meiner in' Narrnthurm ein. — (Herr Fol- tanek schreit: »Gerettet!« Fallen zwei Schüsse außerhalb — Gablitz kommt gestürzt — die Kommission ihm nach, verfolgen ihn und führen ihn wieder zur Thür hinaus.) So, der hat zwei Narrn erschossen! Meisl. Weil Sie unschuldig sein, kriegen's jetzt ein Posten bei mir — Folt. Es war no a bissel was brinn! Meisl. Und jetzt, Pepperl, kumm, jetzt gehn'n auch wir und halten unser» Einzug zu Haus — als zufriedene Leut' (Verabschieden sich von Toni, dann gehen Meist, Peppi mit Kind und Foltanek ab.) Muckenth. (welcher wahrend der letzten Scene aus dem Kasten trat und Gablitz Abschiedsgrüße zuwars). Toni, — Sie san a g'scheidt's Frau'nzimmer, und wann ich a bissel jünger war' — Toni. Wä?n Sie doch noch immer ein dummer Kerl! Gehn's z'haus, packen's ein, — mit'n 8 Uhr-Train — pack'n wir uns selber — Muckenth. Doch noch immer ein dummer Kerl? Das weiß ich aber jetzt auch, — daß die Wahrheit die dalkertste Erfindung auf Gottes Erdboden is. (F. s.) Jetzt hol' ich mein' Herrn und die Minna. (Mitte ab.) Zehnte Scene. Toni (allein). Die Ehleut' san wieder beisamm' — beisamm' durch mich! Schau, diese Schuld hätt'st Du derweil aus'glichen. Es ist zwar eine Komödie, die ich jetzt g'spielt Hab', aber sie ist zum Guten ausg'fall'n, — wie es sehr oft im Leben der Fall ist. — Couplet. 1 . Des Sonntags fingt am Kirchenchor Mitunter auch das Kärntnerthor Und in der Kirchen ringsherum Sitzt lauter feines Publicum; Jetzt lauscht ein Jeder unbedingt, Wenn vb'n die Primadonna singt. (Prosa.) Das Hochamt ist noch gar nicht angegangen, sitzt schon der Herr von Pockes in der ersten Bank und schaut hinauf, ob sie bereits da is, die Fräuln So und So! Endlich rauscht sie herein in Balltoilctte — feine Glacäs natürlich, 700 Nasenzwicker werden sichtbar, ein Geflüster geht durch die ganze Kirchen; — sie schaut sich vios vsrsu 's Publicum an und endlich legt sie sich, was man sagt, hinein in ihre Partie. (Nimmt ein Blatt Papier vomTische, welches sie wie ein Notenheft vor sich hinhält, und fingt ein im ernsten Style mit Koloratur ausgestattetes Solo.) O Herr, sieh gnädig doch herab Aus diese Beterschaar, — 42 — Vergib, wenn sie im Erdenwahn Mitunter sündhaft war! (Sie schlagt nun in ein heiteres Reflexionstempo um.) So hat die große Künstlerin Bewunderung erzielt- Sie hat auch in der Kirchen drinn Sehr gut Komödie g'spielt. Sehr ein junges saubres Madel, Was man Tschapperl heißt in Wien, Geht, um unfern Herrgott z'bitten, Zn a Vorstadtkirchen hin! Neben ihr da steht das Körbel, Und so kniet's halt beim Altar, Dischkurirt mit »tnserm Herrgott, Erplicirt ihm Alles klar! (Prosa.) Sie möcht' gern den lieben Himmel bitten, daß ihrem Bruder, einem Kanonier, kein Malheur passirt in der Schlacht. Weil sie aber kein Text weiß zu dem Lied, was die Orgel grad spielt, so macht sie sich selber ein, und singt in voller Andacht: (Sie singt ungemein herzlich.) Schau — i muß allani kumma, Denn die Mutter hat die Gicht; Sei so gut und gib recht Obacht, Daß nur unfern Franz nix g'sckicht! (Steht aus und singt in raschem, lustigem Reflexionstempo.) Vor lauter Andacht merkt sie nicht, Was falsch g'sungen war — Sie singt halt nicht Komödie Und was sie singt — is wahr! 2 . Wie Punct halb eins bei uns in Wien Spielt auch die Banda in Berlin, Es zieht auch dort die Burgwach' auf, Es gibt auch dort ein' Dolksauflauf, Und auf dem Platz dort ringsherum Spazier'n die Jardelieutenants um! (Prosa.) Und erzähl'n sich, wie sich von selbst versteht, ihre KricgSabenteuer. Na wann's bloß sageten, »daß sie tapfer war n, daß sie g'wonuen hab'n.« war's ja recht; da is aber auch ein junges Bürscherl dabei mit einer Höchen Stimm, was z. B. so commandirt: »Habt Acht, — Front verkehrt!« ein Bürscherl, was noch sein Lebtag nicht einmal in Potsdam g'wesen is, der erzählt auch schon was: (Singt bei Begleitung der Platzmusik mit sehr hoher Stimmlage.) Ich alleene, meine Herren, Es erfüllt mir selbst mit Grau'n, Hab' ein Dutzend Kürassiere In der Schlacht zusammeng'hau'n. Und richtig gibt's auch Leute dort, — Die glaub'n ihm, was er brüllt, — Es hat en kleiner Lieutenant Sehr gntKomödie g'spielt! Mit sein' Binkerl in der Rechten Geht ein armer Corporal, Sein Abschied in der Taschen, Es war dießmal s" letzte Mal! D'linke Hand liegt draußt in Böhmen Und der Fuß will net parir'n, Doch an echtes Weaner Bürschel Laßt ka Traurigkeit net g'spür'n! (Prosa.) Er kummt bis zu den klan Häuserl in Lichtenthal, wo seine Eltern, a paar arme Wäscherleut', loschirn! — Die sitzen grad beim Kreuzerblattl und lesen die Verlustliste, weil's halt gar nir hör'n von ihnern Sohn! Da geht die Thür auf — a Schra — Jesus Maria, — der Schani, die Mutter want, wie's siecht, daß sie ihn jo zugricht hab'n; aber er singt: Hörn's, Frau Mutter, denken's Ihnen, Hab'n wir diese Schlacht verlurn; Ich Hab' jetzt seit die fünf Monat No bis heut' an Eselszurn! Million! Hätt'n wir Zündnadelg'wehr g'habt und dazu noch allerhand, meiner Seel', Sie können's glaub'n, g'haut hätten wir's alle miteinander die — ich mag's gar net sagen. Es fallt dem Krüppel um'n Hals Sein armes Elternpaar — 43 Er spielt halt net Komödie Und was er sagt — is wahr. (Nach dem kauplet kommen der Baron, Minna und Muckenthaler.) Letzte Scene. Bar. Toni, ein Wort noch! Mein ehemaliger Diener sagte mir, Sie wollten reisen? Minna. Gehen Sie, dann gehe ich auch! Ich bin verpflichtet, gerade Ihnen eine dankbare Tochter zu sein. Toni. Na — mei liebe Minna, blei- ben'S da — b'halten's mich a bissel in der Erinnerung, pflegen's den alten Herrn, — und mir san wieder gut,-wie damals, wo ich Sie, das Kind fremder Eltern, als wie mein eigenes bei mir aufg'nommen Hab'. Bar. (s. s.). Das Kind fremder Eltern? — wie ihr eigenes? Minna. Herr Baron! — Gewiß, Sie lassen mich ziehen mit meiner zweiten Mutter — Bar. (bewegt). Wenn die zweite Mutter will — wenn die zweite Mutter — zu ihrem ersten Kinde — das heißt — wenn sie — wenn ihr alle Zwei — Johann — reden Sie statt meiner. Muckenth. (entschieden). Der Herr Baron will, daß das Fraulein auf der Stell' fortgeht mit uns. Toni. Nein, das will der Baron nicht. — Baron. O, ich danke Ihnen, mein Fräulein! — Toni. Weil der Baron an diesem Kinde handeln will wie ein Vater, weil er's an sein Herz schließen will, g'rad so, als ob es sein wäre! Baron. Ja, ja, das will er. — Toni. Denn der Baron ist ja unglücklich, daß er selber ka Töchterl hat. Baron. Das heißt — er hätte wohl. — Toni. Aber sein Eigensinn hat ihn abgehalten bis heut — sein verwaistes Kind zu suchen und an sein Herz zu drücken — und d'rum, Minna, derfen's net eher fort von da, bis net Ihren Vater — Ihren wirklichen Vater g'funden haben. Baron. Nein, nicht eher. Toni. Bis das Packet da, Ihr Erb- theil — Ihren Vater an seine heiligen Pflichten erinnert — (Gibt ihr das Packet.) Baron. Welches Erbtheil? — Minna. Das Vermächtniß meiner Mutter — ein Stück Brod — (entfaltet das Papier). Bar. (zerschmettert, verhüllt sich das Gesicht). Ein Stück-jenes Stück Brod — heiliger Gott — Minna, dann bist Du ja mein — mein einziges verlassenes Kind! (Pause.) Toni (trocknet sich die Augen — ihr vi8-ü-vis steht Muckenthaler in derselben Situation). Jetzt,Muckenthaler, können wir ruhig reisen, — jetzt haben wir nir mehr zu suchen da j— wir Habens überstanden. Baron (überströmend, herzlich). Toni! — Toni (die schon zum Abgehen gewendet war). Das ist ja ein Ton, den i dreißig Jahr nimmer g'hört Hab'. Baron (zitternd vor Aufregung). Sie haben nicht Ihr — mein Kind haben Sie mir in'sHaus gebracht. Ihr Segen war's, der dieß Herz noch einmal aufthauen ließ! — Toni! — (Zu Muckenthaler.) Was — — soll ich denn eigentlich reden? Muckenth. (ruhig). Hand geben! — Baron (thut es). Was soll ich denn eigentlich anfangen mit ihr, die mir ihre Jugend — ihr Alles geopfert hat — Muckenth. (w. o.) Um'n Hals fallen! Baron. Toni! — Meine gute, graugewordene, aber ehrliche Toni! — Toni (fällt ihm laut schluchzend nach längerem Kampfe um den Hals). Baron (nach einer Pause). Wie Vergelt' ich Dir Thräncn und dreißigjährigen Kummer? Muckenth. Heiraten! — 44 (Baron und Toni fahren auseinander. Toni umarmt Minna, der Baron tritt in die Mitte.) Baron, (f. s.). Heiraten? — Ja doch! — Sind wir uns dock endlich klar geworden über uns selbst. (Verschämt zu Toni.) Mein Fräulein, ich habe zwar schon eine Tochter — Muckenth. Aber ka Mutter dazu. Baron (sehr herzlich). Toni, — nicht reisen! Muckenth. Dableiben! Zulag kriegen! Baron. Bei mir bleiben, bei meinem Kinde. Toni. AlS alte Leute sollten wir jenes Glück finden, was die Jungen von sich gestoßen haben? Baron. Wir wollen's einbringen, Toni! Muckenth. Den ersten Buben heb' i aus der Tauf'. Toni. Aber mein Gott, was wern denn die Leut' dazu sagen? — Muckenth. Lassen wir's reden dieLeut', sie wern sagen, das sieht ihr erst recht gleich, derer verrückten Person! — Tableau. Der Vorhang fällt. Ende. Au« dem Theater-Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Thekla, die Wienerin. Vater!. Schauspiel in 5 A. v- Ziegler. 1818. 8- 5V kr. 10 Sgr. Theophana. Trauerspiel in 5 A. Nach Bavo. 1815. 35 kr. 7'/, Sgr. Lhomi, oder di« Stimme der Natur. Drama in 2 A., s. Castelli Sträußchen 6. Jahrgang. Thorringer, Caspar der. Hist. Schauspiel in 5. A. vonGrafTörriug-Seefeld.Zweite Auflage. 8. 1811. 50 kr. 10 Sar. Thurm, der rothe» in Wie«. Original-Schausp. mitGesang i»3 A.v. GleiH. 1805.8.40kr.8Sgr. Thurneise«. Albert von. Bürgerliches Trauersp. in 4 A. v. Jffland. 1811. 40 kr. 8 Sgr. Tischler, der liefländische. Lustsp. in 3 A. Nach dem Französischen 1812. 2. Aufl. 40 kr. 8 Sgr. Titus, der Gütige. Ernsthafte Oper in 2 A. Nach dem Italienischen. 1811. 35 kr. 7'/, Sgr. Titus Manltus Torquatus. Tragödie v. I. Paffy. gr. 8. 181k. 35 kr. 7'/, Sgr. Tochter, die, des Kapitäns. Schauspiel in 3 Akten, nach dem Französischen von C. Gärtner. (Wiener Thrater-Rep. Nr. 13.) 35 kr. 7'/, Sgr. Tochter, die, Pharaonis. Lustspiel in 1 Akte von Kotzebue. 8. 1811. 35 kr. 7'/, Sgr. Tochter, die, dankbare. Originaldrama in Prosa in 1 Acte. 1773. 35. kr. 7'/, Sgr. Töchter, die erwachsenen. Lustspiel in 3 A. nach dem Franz, des Piccard, von Jffland. 1807. 50 kr. 10 Sgr. Lodtenfaekel, die, oder die Höhle der Siebenschläfer. Schausp. m. Ges. in 4 A. 40 kr. 8 Sgr. To«, der, unserer Zeit. Lustspiel, von Jünger. 50 kr. 10 Sgr. Toni. Drama in 3 A. von Th. Körner, gr. 12. Wien. Orig. A. 1816. 60 kr. 12 Sgr. Tostl. Bon Wien «ach London. Komische Scenen von Anton Bittnrr. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 147.) 30 kr. 6 Sgr. Trauer, die tiefe, Lustsp. in 1 A. 35 kr. 7'/, Sgr. Traum, der, Lustsp. in 1 A., s. Weifseuthurn Schauspiel XI. Band. Traum, der, et« Leben. Dramatisches Märchen in 4 A. von Franz Grillparzer, gr. 8. 1840. 1 fl. 50 kr. 1 Thlr. Traum, ein, — kei» Traum, oder: der Schauspielert« letzte Rolle.Po ffemit Gesang in 2 A von Fr. Kaiser. 8. 1851. 75 kr. 15 Sgr. Treitschke, G. F-, Singspiele nach dem Französischen. 5 Bde. gr. 8. 1808.5 fl. 3 Thlr. 10 Sgr. Treue, verkannte. Drama in 3 A., s. Castelli Sträußchen 4. Jahrgang. Tristan. Trauerspiel in 5 A. mit einem Vorspiel von Ludwig Schneegans. Leipzig 1865. 1 fl. 50 kr. 25 Sgr. Triumph der Treue, oder die Rose der Schönheit. Feen-Ballet von Henry. 1824. 5 kr. 1 Sgr. Triumph, der, des Bitellius Madimlnus, oder die Zerstörung von Pompejanum. Ballet in 5 Akten von Aligiolini. 1810. 10 kr. 2 Sgr. Troubadour, der. Oper in 4 A. nach dem Italien, des S. Cammerano v. H. Proch. 35 kr. 7'/, Sgr. Turturell, Trauerspiel in 5 A. von I. C. von Zedlitz. 12. 1821. 1 fl. 20 Sgr. U. A. W. G. oder die Einladungskarte. Schwank in 1 A. von Kotzebue. 1808. 25 kr. 5 Sgr. Ubaldo, Schauspiel in 5 A. Nach dem Trauersp. gleichen Namens des Herrn A. v. Kotzebue. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Ueberall Diebe. Original-Schwank iaIA.vonC.F Stir. (Wr.Theat.-Rep.Nr.53.) 35kr.7'/,Sgr Ueberraschung, die. Lustspiel in 1 A. von Sonnleithner. 12. 1815 20 kr. 4 Sgr. Ueberraschung, die. Originallustspiel in 1 A. von Weidmann. 20 kr. 4 Sgr Ueberspanntheit, oder die entsetzliche Literatur. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen 18. Jahrgang. Uhr, die, und die Mandeltorte« Lustspiel in 1 Akt von Kotzebue. 15 kr. 3 Sgr. Uhr, die hölzerne. Drama in 1 A. s. Castelli Sträußchen 4. Jahrgang. Um sechs Uhr ist die Verlobung. Lustspiel in 5 A. Nach dem Englischen des Fielding von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Unbedeutende, der. Posse mit Gesang in 3 A. von Joh. Nestroy. 8. 1849. 1 ff 20 Sgr. Unbekannte, der. Schausp in 4 A. von Hensler. 1803. 50 kr. 10 Sgr. Ungarin, die schöne, oder das Pasquill. Lustsp. in 1 A. von HenSler. 1798. 8. 35 kr. 7'/, Sgr. Ungeduldige, der. Orig.-Lustsp. in 5 A. v. Weidmann. 35 kr. 7'/, Sgr. Ungetreue, der eifersüchtige. Lustsp. in 3 A. von Schröder. 50 kr. 10 Sgr. Unglücklichen, die. Lustsp. in 1 A. von Kotzebue. 1810. 30 kr. 6 Sgr Uniform, die. Oper in 2 A. Nach dem Franz von Treitschke. 35 kr. 7'/, Sgr- Uniform und Schlafrock. Lustsp. in 1 A. s. Castm. Sträußchen 16. Jahrgang. Unrecht Gut. Charakterbild mit Gesang in 3 A. und 1 Vorsp. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 81.) 60 kr. 12 Sgr. Unser Fritz. Schauspiel in 1 A. von Kotzebue 1803 35 kr. 7'/, Sgr. Unter der Erde, s. Elmar Theater. Untreue, l ie, aus Liebe. Romant. Oper in2A. von Stegmayer. 1805. 8. 40 kr. 8 Sgr. Unverhofft. Posse mit Gesang in 3 A. von Joh. Nestroy. Mit einem allegorischen Bilde. 12. 75 kr. 15 Sgr. Unvermählte, die. Drama in 4 A. von A. v. Kotzebue. 50 kr. 10 Sgr. Urika, die Negerin. Drama in 1 A. s. Castelli Sträußchen. 11. Jahrg. Ursprung deS Korbgebens. Dramat. Kleinigkeit in 1 A., s. Feldmann Lustspiele 2. Band. Urtheil, das, des Paris. Heroisch-pantomimisch. Ballet von der Erfindung des Hrn. Noverre. 1771. 10 kr. 2 Sgr. Usanqui, oder die Patrioten in Siua. Orig - Trauerspiel in 5 Acten von Weidmann. 35 kr. 7'/, Sar. Balberg, Elise von. Schausp. in 5 A. Von Jffland. 1808. 60 kr. 12 Sgr. Ban Dyck'S Landleben. Malerisches Schauspiel v. Fr. Kind. 8. Leipzig 1821. 1 fl. 20 kr. 24 Sgr. Bater, der, von Ungefähr. Lustsp. in 1 Art Nach dem Französischen de» Pain und Vieil- lard von Kotzebue. 1804. 25 kr. 5 Sgr. Baterfreude. Vorspiel von Jffland. 1801. 25 kr. 5 Sgr. Baterfreude. Lustspiel in 1. A. Mit freier Benützung einer franzöfischea Idee von Erik Nrßl. (Wr. Theat.-Rep. Nr. 247.) 35 kr. 7'/, Sgr. Wallishmtfser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Vaterlkebe. Lustsp. in 4 A. von Ziegler. 1802. 73 kr. 15 Sgr. Daterstand. Lustsp. in 4 A. von Ziegler 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr. »Water unser!- Lebensbild mit Gesang in 3 Abtheilungen und einem Vorspiel von E. Carl. (Wien. Theat.-Rep. 228) 80 kr. 12 Sgr Deilchenstrauß, der. (Wiener Theater-Repertoire 1S5.) 35 kr. 7'/, Sgr. Derbrüderung, die. Schausp. in 1 A. von Jff- land. 35 kr 7'/, Sgr. Derbrechen ans EhrsuHt. Familiengem. in 5A. von Jffland. 80 kr. 16 Sgr. Derdacht, der ««gegründete. Lustsp. in 1 A. von Brabm. 1771. 50 kr. 10 Sgr. Verlassene, die. Volksdrama ino5 A., nach dem Französischen ftei bearbeitet vtn Therese Me- gerle. (Wiener Theater - R eperoire Nr. 109) 60 kr. 12 Sgr. Derläumder, die. Schausp. in 5 A. von Kotzebue. 1811. 60 kr. 12 Sgr. Verlegenheiten und Auswege. Posse in 1 Ä. s. Castelli Sträußchen 2. Jahrgang. Vermächtniß, das. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 1809. 60 kr. 12 Sgr. Dermählungsfeier, die, Alberts von Oesterreich. Orig.-Schausp. mit Gesang iu 4 A. von Gleich. 8. 40 kr. 8 Sgr. Derräther, der. Lustsp. in 1 A. von F. v. Holdem. gr. 8. 1845. 35 kr. 7'/, Sgr. Verrechnet. Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater Repertoire Nr. 93.) 60 kr. 12 Sgr. Derschwiegene, der, wider Willen» oder die. Fahrt von Berlin nach Potsdam. Lustsp) in 1A. von A.v. Kotzebue. 1815. (Vergriffen/ Verschworenen, die. Oper in 1. A, s Castelli Sträußchen 8. Jahrgang. Verschwörung, die, der OdaliSken, oder die Löwenjagd. Singsp. von Hensler. 1792. 8. 50 kr. 10 Sgr. Versöhnung, die. Schausp. in 3 A. Nach dem Franz, von I. F. v. Weissenthurm gr. 8. 1833. 60 kr. 12 Sgr. Versöhnung und Ruhe, oder Menschenhaß und Reue. 2. Theil. Schausp. in 5 A. von Jul. Graf v. Soden. 8. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Verstand und Leichtsinn. Lustsp. von Jünger. 50 kr. 10 Sgr. Vertrag, der. Lustsp. in 1 A. Nach Marsollier, von Shrimfeld. 1805. 20 kr. 4 Sgr. Verwandtschaften, die. Lustsp. in 5 A. 1798. 50 kr. 10 Sgr. Veteran, der. Schausp. in 1 A. von Jffland. 1801. 25 kr. o Sgr. Vetter, der, in Lissabon. Familiengemälde in 3 A. von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Vielwisser, der. Lustsp. in 5 A. von Kotzebue. 1818. 60 kr. 12 Sgr. Dtctorine, oder Wohlthuu trägt Zinsen. Lustsp. in 4 A. von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Viola. Lustsp. iu 5 A. nach Shakespeare »Was Ihr wollt.- Für die Bühne bearbeitet von Deinhardsteiu. 8. 1841. 80 kr. 16 Sgr. Vließ, da- goldene. Dramatisches Gedicht iu 3 Abteilungen von Franz Grillparzer, gr. 8. 1822. 2 st. 1 THIr. 10 Sgr. Enthält: I. Der Gastfreund. Trauersp. in 1 A. — II. Die Argonauten. Trauersp. in 4 A. — III. Medea. Trauersp. in 5 A. Dölkergröße, oder» Er blieb dennoch Vater. Originalschausp. mit Gesang von Wehrfeld. 8. 1807. 40 kr. 8 Sgr. Volksbühne. Wiener Taschenb. lokaler Spiele. Herausgegeb. von W. Turteltaub. 1839 gr. 12. 1 fl. 40 kr. 1 Thlr. 6 Sgr. Inhalt: Eulenspiegel von Nestroy. — Der Waldbrand von Gulden. — Nur Eine löst den Zauberspruch vom Herausgeber. Volkes Stimme, deS. s. Holbein Dllettantenbühne für 1826. Vorhängeschloß, das. Posse in 1 A. nach dem Englischen »l'hs ?L<1Ioe)c,- von Carl Juin (Gtugno). (Wien. Theat.-Rep. Nr. 111). 35 kr. 7'/, Sgr. Vorleserin, die. Schausp. in 2 A. Siehe: Koch dramatische Beiträge. Vorlesung, eine, bei der Hausmeister!«. Posse in 1 A. von Aler. Bergen. (Wien. Theat.- Rep. Nr. 60. Zweite Auflage.) 30 kr. 6 Sgr. Vormünder, die vier. Lustsp. in 3 A. von Schröder. 1805. 50 kr. 10 Sgr. Vormund, der. Schausp. in 5 A. von Jffland. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Vorsatz, der. Orig.-Lustsp. in 1 A. von Holbem. 12. 1826. 25 kr. 5 Sgr. Waaren, die englischen. Posse in 2 A. von Kotzebue. 1811. 35 kr. 7'/^ Sgr. Waffenbrüder, die. Gemälde der Vorzert in 5 A. nach Kleist'S Familie Schroffenstein von Fr. v. Holbein. gr. 8. 1824. 80 kr. 16 Sgr. Waffenruhe, die, in Thüringen. 1. Thl. Schauspiel mit Gesang in 3 A. von Hensler. 1802. 50 kr. 10 Sgr. Wage« gewinnt. Kom. Oper in 2 A. Nach dem Französischen von Treitschke. 30 kr. 6 Sgr. As hl, die freie. Lustsp. in 1 A., s. Feldmana Lustspiele 1. Band. Während der Quadrille. Lustsp. in 1 A. von Joses Bra»n.(Wr. Theat.-Rep. Nr. 191.) 35kr. 7'/,Sg. Wahn und Wahnsinn. Schausp. in 2 A. nach Melesville'S : »LU« «st toll«,- bearbeitet von Lembert. Zweite Auflage. (Wien. Theat.- Rep. Nr. 34.) 40 kr. 8 Sgr. Wahnsinn. Drama in 1 A., s. Castelli Sträußchen 2. Jahrgang. Waisenhaus, das. Singsp. in 2 A. 1811. Vierte Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Wald, der, bei Hermannstadt. Romant. Schauspiel in 4 A. nach dem Französischen von I. F. Weissenthurm, gr. 8. 1833. 80 kr. 16 Sgr. Waldbrand, der, oder Jupiters Strafe. Kom. Original-Zaubersp. mit Gesang in 2 A. von I. E. Gulden, gr. 12. 40 kr. 8 Sgr. Waldegg, daS Gut, die Husaren und der Kinderstrumpf. Posse mit Gesang in 3 A. von F. Hopp. 8. 1846. 75 kr. 15 Sgr. Waldraff der Wandler. Schauspiel mit Gesang in 4 A. von Schuster. 2 Thle. 1805. 80 kr. 16 Sgr. Waldweibchen, das. 1. Thl. Romant.-komisch. Volksmärchen mit Ges. in 3 A., «iS Seitenstück zum Donauweibchen. Nach einer Sage der österr. Vorzeit, von Hensler. 1800. 50 kr. 10 Sgr. Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Walleustein. Trauersp. in 5 A. Nach Fr. von Schiller'- dramatischem Gedicht zur Darstellung eingerichtet. 1814. KV kr. 12 Sgr. Waltron, Graf von, oder die Subordination. Original-Trauerspiel in 5 A. von Möller. 18V2. KV kr. 12 Sgr. — — 2. Theil. Dienst und Gegendienst. KO kr. 12 Sgr. Wampum, Sultan, oder die Wünsche. Oriental. Scherzspiel in S A. v. Kotzebue. 40 kr. 8 Sgr. Wand, die spanische, dramat. Kleinigkeit in 1 A., s. Castelli Sträußchen 1. Jahrgang. Wanda, Königin der Sarmaten. S. Werner Theater 4. Band. Wankelmüthige, die, oder der weibliche Betrüger. Lustsp. in 3 A. Nach dem Englischen des Cibber für'- deutsche Theater eingerichtet von Schröder. 1805. 40 kr. 8 Sgr. WaS et« Weib kann. Dolksstück mit Gesang in 3 A. v. Fried. Kaiser. (Wiener Theater-Rep. Nr. 217.) KO kr. 12 Sgr. WaS sein soll, schickt sich wohl. Original-Lustsp. in 3 A. von Jünger. 1803. 50 kr. 10 Sgr. Wasa Gustav. Schausp. in 5 A. von Kotzebue. 1802. KV kr. 12 Sgr. Wasa Gustav. Ballet in 5 A. von Muzarelli. 1811. 10 kr. 2 Sgr. Wasser, stille, lügen. Lustspiel in 3 Acten nach dem Spanischen des Calderon von Dr. Spenge! (Wnr. Theat.-Rep. Nr. 192.) KO kr. 10 Sgr. Weberg'sell, ein armer. Originalposse mit Gesang in 3 Acten, von Carl Julius. (Wiener Theater-Rep. Nr. 114.) KV kr. 12 Sgr. Wechsel, der. Lustspiel v. Jünger. 50 kr. 10 Sgr. Weh' dem, der lügt. Lustspiel in 5 A. von Franz Grillparzer, gr. 8.1840. 1 fl. 50 kr. 1 Thlr. Weiberehre. Sittengemälde des 13. Jahrh. in 5 Acten von Ziegler. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Weiberfeind, der. Schauspiel in 1 A. von Koch 8. 180k. 20 kr. 4 Sgr. Weiberkomplott, das. Lustspiel in 5 A. nach d'Ancourt. Bon Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr. Weiberlaunen und Männerschwäche. Ong. Lustsp. in 5 A. v. Ziegler. 1809. 8.50 kr. 10 Sgr. Weibertausch, der. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen K. Jahrg. Weissenthurn, Joh. Franul v., neueste Schauspiele XI. Band, oder neuer Folge 3. Band. Enthält: das letzte Mittel. Lustspiel in 4 A. — Der Traum. Lustspiel in 1 A. — Die Reise nach Amerika. Schauspiel in 1 A. — Die Engländerin. Lustspiel in 1 A. gr. 8. 1826. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. — -XII. Band, oder neuer Folge 4. Band. Enthält: Die Pilgerin. Lustspiel in 4 A. — Die Burg Gölding, Rom. Schauspiel in 5 A. — So lohnt sich Kunst. Borspiel zum 4. Oktober gr. 8. 1829. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. — — XIII. Band, oder neuer Folge 5. B. Enthält : Das Manuskript. Lustspiel in 5 A. — Pauline, Schauspiel in 5 A. gr. 8. 1832. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. — — XIV. Band, oder neuer Folge K. Band. Enthält: Des Malers Meisterstück Lustspiel in 2 A. — Der erste Schritt, Lustspiel in 4 A. — Der Brautschleier, Lustspiel in 1 A. — Die Geprüften. Lustspiel in 5 A. gr. 8. 183K. 2 fl. 50 kr. 1 Thlr. 20 Sgr. Wallishausser'sche Buchhandlun — — XV. Band, oder neuer Folge 7. Band. (Nachgelassene Schauspiele. HerauSgeg. von Carl Engelbrecht. 1. Band.) Enthält: D«> Fremde, Schausp. in 3 A. — Die stille Braut. Alpensage in 1 A. — Ein Mann hilft dem andern. Lustspiel in 1 A. — Alles aus Freundschaft. Lustspiel in 1 A. - — Sie Hilst sich selbst. Lustspiel in 4 A. gr^ 8. 1848. 2 fl. 70 kr. 1 Thlr. 24. Sgr Welt, alte und neue. Schausp. in 5. A. von Jffland. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Welttou und Herzensgüte. Familieng. in 4 A. von Ziegler 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr.. Wem gehört die Frau? Schwank in einem Aufzuge nach d. Französischen v. Theod. Flamm. (Wr. Theat.-Rep. Nr. 105.) 35 kr. 7'/, Sgr. Wendung, die unvermnthete. Lustspiel in 1 A. von Jünger. 1804. 8. 40 kr. 8 Sgr. Wer den Schaden hat, darf für den Spotb nicht sorgen. Komische Oper in 2 A. nach Dorvigny von Hensler. Musik vom Kapellmeister Müller. 1798. 40 kr. 8 Sgr. Wer ist sie? Lustspiel von Schröder. 8. 4V k. 8 Sgr. Werner, Friedrich Ludwig Zacharias. Theater 7 Bände mit Kupfern, gr. 8. 1813 — 20. 14 fl. 9 Thlr. 10 Sgr. Inhalt: I. Die Söhne des Thals. Ein dramatisches Gedicht, erst. Thl.: Die Templer aufCypern. II. Die Sohne des Thals, zweiter Theil: Die Kremesbrüder. III. Martin Luther, oder die Weihe der Kraft. Eine Tragödie. IV. Das Kreuz an der Ostsee. Ein Trauerspiel» erster Theil: Die Brautnacht. — Wanda, Königin der Sarmaten. Romantische Tragödie mit Gesang in 5 Acten. V. Attila, König der Hunnen. Eine romantische Tragödie in 5 Acten. VI. Der vierundzwanzigste Februar. Tragödie in 1 A. — Kunigunde die Heilige, römisch- deutsche Kaiserin. Romant. Schausp. in 5 A. VII. Die Mutter der Makkabäer. Tragödie in 5 Acten. Einzelne Bände, soweit der Dorrath reicht, 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Westen, Therese, oder Großmuth und unglückliche Treue. Trauersp. in 4 A. o. Lader. 8. Brünn. 1790. 40 kr. 8 Sgr. Wette um ein Herz, die, oder Künstlersin« und Frauenliebe. Lustspiel mit Gesang in 3 A. von C. Elmar. 8.1843. 40 kr. 8 Sgr. Widerspenstige, die, Lustsp. in 4 A. von Shakespeare. Bearbeitet v. Deinhardstein. 1839. gr. 8.. (Vergriffen.) Wie machen sie es in der Komödie, oder die buchstäbliche Auslegung. Luüsp. von Brömel. 35. kr. 7'/, Sgr. Wiedervergeltung, Lustsp. in 3 A. Nach dem Franz, von F. Haffaureck. 1811. 50 kr. 10 Sgr. Wien, oder Blätter der Geschichte. Histor. Gemälde in sieben Abtheil, und einem Vorspiele v. Carl Juin (Giugno). 8.1857. fl. 1.— 20 Sgr. Wienerin, die schöne. Lustspiel in 1 A. v. Weidmann. 35 kr. 7'/, Sgr. Wtenermädchen, daS tapfere. Gelegenhertsstuck in 5 A. von Hensler. 8. 40 kr. 8 Sgr. g (Josef Klemm) in Wien. Wikinsou und Wandrop. Schauspiel in S A. v. MSller. 1792. SV kr. 1« Sgr. Wilddieb, der. Liederspiel in 1 A. s. Castelli Sträußchen 3. Jahrg. Wildfang, der. Lustspiel für die Verdauung in 3 A. von Kotzebue. 1811. 50 kr. 10 Sgr. Windmühle von Tripstrill, oder die Art die Weiber jung zu machen. Grotesk-komische Pantomime von Hasenhut. 10 kr. 2 Sgr. Wirthe, die vornehme«. Kom. Oper in 3 A. Nach dem Franz, von I. R. v. Seyfried. 1813. 40 kr. 8 Sgr. Wirthin, die Frau. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten v. Friedr. Kaiser. (Wiener Theat.- Rep. Nr. 67.) 60 kr. 12 Sgr. Wirthschafterin, die nene. Posse mit Gesang in 1 Act v. Alois Berla. (Wiener Tbeater-Reprr- toir Nr. 175.) 35 kr. 7'/, Sgr. Wittwe die schlaue, oder die Temperamente. Posse in 1 A. von Kotzebue. 25 kr. 5 Sgr. Wittwe, die, «nd das Reitpferd. Dram. Kleinigkeit von Kotzebue. 1808. 35 kr. 7'/^ Sgr. Wittwen, zwei. Lustspiel in 1 Akte, v. Felicien Mallefille. Deutsch von Alexander Bergen. (Wr. Theat.-Rep. Nr. 140.) 35 kr. 7'/, Sgr. Wittwer, der. Posse in 1 A. von Deinhardstem. gr. 12. 1816. (Vergriffen.) Witzigungen, oder wie fesselt man die Gefangenen. Lustspiel in 3 A. Nach dem Englischen von W. Vogel 8. 1843. 1 fl. 20 Sgr. Wo war sse? Lustsp. in 4 A. Nach dem Franz, von Ehrimfeld. 1805. 40 kr. 8 Sgr. Wülfingen, Adelheid von, Schausp. in 4. A. von Kotzebue. 1809. 50 kr. 10 Sgr. Wunderdoktor, der. Original-Lebensbild mit Ges. in 2 Acten von Carl Gründorf. Musik von Kapellmeister Hopp. Wiener Theat-Repert. Nr. 57.) 12 Sgr. oder 50Ngr. Wunderkomüdie, die. Schwank mit Ges. in 1 Act frei nach dem Spanischen des Osrvantss von Dr. Spengel. (Wiener Theat.-Rep. Nr. 214.) 35 kr. 7'X Sgr. Wandervogel, der, Volksmärchen der Vorzeit, mit Gesang in 2 A. 1807. 40 kr. 8 Sgr. Aelva, oder die russische Waise. Drama in 2 A. s. Castelli Sträußchen 14. Jahrgang. Augnrd, König, Trauersp. in 5 ei. von A. Müll- ner. 8. 1817. Original-Auflage. 1 fl. 20 kr. 24 Sgr. Zaide, oder das Weib in ihrer wahren Schönheit. Lustsp. in 4 A. von HenSler. 1792. 8. 40 kr. 8 Sgr. /aira, Prione seoio» per Aäusis» in äus ^tti. 1805. 35 kr. 7 '/,Sgr. Zampa, oder die Marmorbraut. Romantisch - komische Oper in 3 A. Nach dem Franz, des MelrSville. Musik von Herold. 8. 1839. 35 kr. 7'/, Sgr. Zauberflöte, die. Große Oper in 2 A. Musik von Mozart. Neue Auflage 12. 35 kr. 7'/, Sgr. .Zauberhöhle, die, des Trofonius. Frei nach dem Jtal. von Holbein. Musik von Salieri. 60 kr. 12 Sgr. Zauberknß, der. Heroisch-komische Zauberoper in 2 A. von Hofmüller. 1807. 8. 40 kr. 8 Gar. Zauberlaterne die, Lustsp. in 2 A. s. Castelli Sträußchen 10. Jahrgang. Zauberschleier, siehe die bezauberte Leier. Zauberring, der. Feenballet in 4 Acten von Albert. 8. 1830. 10 kr. 2 Sgr. Zauberschwerdt, daS. Romantisch - komisches Original - Singspiel in 2 A. von HenSler. Musik von Eibier. 1802. 40 kr. 8 Sgr. Zauderer, der eilige. Lustsp. in 1 A., s. Castelli Sträußchen 19. Jahrgang. Zeche, die, oder r Gastwirth und Bürgermeister in einer Person, siehe: Castelli Sträußchen 4. Jahrgang. Zeitalter, die. Drei flüchtige Skizzen zu einem chronologischen Charaktergemälde von C. M. Hetgel. Jnbalt: 1. So sind sie gewesen. 2. So waren sie. 3. So sind sie. 1812. 50 kr. 10 Sgr. Zemira. Drama mit Musik in 2 A. Nach dem Italienischen des A. L. Totola. Musik von Rossini. 1822. 35 kr. 7'/, Sgr. — — Dasselbe italienisch. 1822. 35 kr. 8^ Sgr. Zemire und Azor. Singspiel in 4 Aufz. 1790. Zerrissene, der. Posse mit Gesang in 3 A. von I. Nestroy (Die Handlung ist dem Französtschen l/boimll« blass nachgebildet.) 12. Mit alleg. illum. Bilde. 1815. 75 kr. 15 Sgr. Zerstreuten, die. Posse in 1 A. von Kotzebue. 12. (Vergriffen.) Zigeuner, der. Genrebild mit Ges. in 1 Acte von Alois Berla. (Wien. Theat.-Rep. Nr. 90.) 7'/, Sgr. 35 Nkr. Zrtny. Trauersp. in 5 A. von Th. Körner. 8. 60 kr. 12 Sgr. Zopf, der schönste. Komisches Zeitbild mit Ges. in 1 Acte v. E. Elmar. (Wien. Theat.-Rep. Nr. 183.) 7'/, Sgr. 35 Nkr. Zu ebener Erde und erster Stock, oder die Launen des Glücks. Loealpoffe mit Gesang in 3 A. von I. Nestroy. gr. 8. mit 1 großLn alleg. illum. Bild. (Vergriffen.) Zufälle, die. Lustsp. v. Schröder. 8. 35 kr. 10 Sgr. Zum ersten Mal im Theater. Posse in 1 A. von Fr. Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 9.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Zum goldene« Löwen. Singsp. in 1 A. 1807. 50 kr. 4 Sgr. Zuruckkunft des Vaters. Vorsp. von Kotzebue. 25 kr. 5 Sgr. Zusammenkunft die uuvermuthete. Singsp. in 3 A. Aus dem Franz. 1807 30 kr. 6 Sgr. Zwillingsbrüder. Lustsp. in 5 A. Nach Regnard von Schröder. 1782. 8. 50 kr. 10 Sgr. Zwilltngsschwester«, die drei. Originallustspiel in 5 A. 2. Aufl. 1786. 8. 50 kr. 10 Sgr. Zwirnhändler, der, aus Oberösterreich. Lustsp- in 3 A 1807. 40 kr. 8 Sgr. Zwist, der häusliche. Lustsp. in 1 A. 12. 35 kr. 7'/, Sgr. Zwölf Uhr. Bilder aus dem Volksleben in 3 Acten und 9 Bildern von O. F. Berg. (Wien. Theat - Repert. Nr. 198.) 60 kr. 12 Sgr. --- Wallishausier'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Druck und Papier von ö. Sommer nicht gehen? ! Waldau. Das ist ein Elend — (sehr laut) hörst Du, den Wagen sollst Du besorgen. Heinrich. Bis morgen? — Hat's bis morgenZeit, —nun, auch recht! Ich hätte so noch den Josef dazu nehmen müssen, denn allein kann ich den Herrn nicht tragen. Waldau. Pack' Dich zum Henker! Heinrich. In die Schenke? — Ja da weiß ich schon hin, — was soll ich denn dort? Hell statt. Lasse den tauben Kerl, ich will schon selbst Nachsehen. Also lebe wohl, mache deine Sachen klug. Adieu, Bruderherz! (Nach hinten rechts ab.) Heinrich. Uije, Dutterfterz! Waldau. Was? Hellstatt. Adieu, Bruderherz! sagte ich. (Ab.) Heinrich. Uije, Buttersterz! sagt der Herr Obrist. (Folgt dem Obristen.) Waldau. Dummkopf und kein Ende! Was man sich mit dem tauben Kerl ärgern muß. — Ah, da kommt meine Emilie, meine Tochter! Zweite Scene. Waldau. Emilie. Emilie (von links vorne). Väterchen, soll ich Dir dein Frühstück bereiten? Waldau. Brauche kein Frühstück heute, nur mein Herz hungert nach meinem lie- benSohn; geht es Dir nicht auch so, meine Tochter? Freust Du Dich nicht auch auf die Ankunft Deines Bruders? Emilie. Nun ja, ich freue mich wohl, aber nebenbei beschleicht mich so ein Gefühl der Unruhe. W ald a u. Warumdenn, Kind?Warum? i Emilie. SiehstDu. Väterchen, seit dem Tode meiner guten Mutier gehörte meine Liebe ungetheilt meinem lieben Vater i* allein, und nun soll diese Liebe auf einmal zwischen Vater und Bruder getheilt werden. Waldau (lachend). Thörichtes Kind, ich werde mit der Hälfte zufrieden sein. Doch nun gehe und hole Deine Freundin, wir müssen unseren Schlachtplan noch einmal zusammen studiren. Emilie. O, ich kann meine Nolle. So wie mein Bruder ankömmt, bin ich nicht mehr Deine Tochter, sondern — hahaha — Deine — Frau! Hahaha! Komisch wird das doch werden, Väterchen. (Beide lachen.) Adieu, Väterchen, adieu! (Ab links.) Dritte Scene. Waldau. Heinrich. Waldau. Ein herzliebes, braves Kind das! Heinrich (zurückkommend, dumm trocken). Ja, ja. es wird schön so sein, wenn es nicht anders ist. Waldau. Was hat der Dummkopf? Heinrich. Ich habe den Herrn Obersten recht gut verstanden; —er hat gesagt, die vielen Raupen kommen von dem wenigen Regen dieses Jahres. Waldau. Der Mensch bringt mich noch zur Verzweiflung. Apropos! (sehr laut) Hast Du den jungen Emmering nicht um das Schloß schleichen sehen, war er nicht hier? Heinrich (fleht aus die Erde). Was für ein Thier? Waldau. Es ist umsonst, er hat heute wieder seinen stocktauben Tag. — (Sehr laut Heinrich in s Ohr.) Wenn Du den jungen Emmering da herumschleichen siehst, so mach' nur gleich Lärm, schrei' Feuer, Räuber, Diebe — Heinrich (sieht ihm eine Weile starr in's Gesicht, — dann nach einer Pause sängt er plötzlich entsetzlich zu schreien an): Feuer, Feuer! Räuber! — Diebe! — Zu Hilfe! u. s. w., u. s. w. Vierte Scene. Vorige. Marie. Emilie. Josef (aus dem Garten hereinstürzend). Waldau (zu gleicher Zeit). Ist der Kerl verrückt? — Wirft Du still sein! — Oh Du heilloser Kerl! Marie. Was gibt's? — Was ist geschehen? Emilie. Um Gotteswillen, Väterchen, geht die Welt zu Grunde? I osef. Ist etwa Euer Gnaden ein unglückliches Malheur paffirt? — Wär' mir nicht lieb. Heinrich (schreiend). Feuer! Räuber! Hilfe. Waldau (hält ihm den Mund zu). Wirst Du still sein! Emilie. Das ist ja eine heillose Verwirrung. Heinrich (den Waldau losläßt). Feuer! Räuber! Josef. Räuber! — Wär' mir nicht lieb. Wo sind Räuber? Ich werde meine alte Windbüchse holen und dreinschießen. Marie. Aber bester Herrvon Waldau, was haben Sie denn? Waldau. Ach, nichts; — des Burschen Dummheit — ein Mißverständniß — Emilie. Aber Heinrich, warum schreist Du denn gar so entsetzlich? Waldau. Ja, der wird Dich hören,— da mußt Du anders schreien. Emilie. Unbesorgt, Väterchen, — eine Frauenzimmerstimme findet überall Eingang. (Nahe bei Heinrich, aber nicht zu laut:) Heinrich! Warum schreist Du denn so > entsetzlich? Heinrich. Der gnädige Herr hat mir befohlen, ich soll Feuer, Räuber. Diebe schreien. Waldau. Da haben wir's, die versteht er prächtig. Josef. Ja, unser alter Schulmeister, j mit dem ich die Zeitung lese, hat auch gesagt. die weiblichen Sirenenstimmen hört man und wenn man Baumwolle in den Ohren hat. Waldau. Dummes Geschwätz! — Packt Euch alle Zwei. Josef. Wär'mirnichtlieb.—(Will ab.) Waldau. Den tauben Kerl nimm auch mit. Josef (zu Heinrich). Komm', tauber Esel! Heinrich (sich ungeschickt verneigend). Danke gleichfalls. Joses. Was? — Wär' mir nicht lieb. Heinrich (indem ihn Joses abzieht). Ich verstand, daß er: zur Genesung sagte, ich habe aber nicht geniest. Josef. Na, komm' nur — komm! (Beide links ab.) Fünfte Scene. ^ Waldau. Emilie. Marie. Waldau. Dem Himmel sei Dank — endlich ist die Luft rein — jetzt. Kinder, ein vernünftiges Wort zu euch. Habt Ihr Euch Alles gemerkt — könnt Ihr euere Rollen? Emilie. Väterchen, Du sollst deine Freude an mir haben, was ich für eine liebenswürdige Gemalin sein werde. Waldau. Nun, und wie steht's mit Dir, Marie? Marie. Ach, ich zittere — je näher der entscheidende Augenblick herankömmt, desto mehr fühle ich meinen Muth schwinden — und ich fürchte immer, ich werde Ihren Plan verderben. Waldau. Gottbewahre, Kind! Das ist unmöglich. Mein Plan ist entworfen, vorbereitet, in allen Theilen durchdacht — er wird, er muß gelingen und bringt uns Alle an's Ziel. Emilie. Ich begreife nicht, wie Dich diese Rolle in Verlegenheit setzen kann? — Der Bruder wird Dich Du und seine liebe Emilie nennen — nun, wenn er Dich heiratet, so nennt er Dich ja auch Du und seine liebe Marie — er wird Dich umarmen, küssen — Kind; da mußt Du Dich daran gewöhnen, das ist eine kleine Vorschule und somit wüßte ich nicht, was — — doch — halt Papa! Ja, Marie hat Recht, ich sehe allerdings eine große Verlegenheit für sie aus dieser Schwesterrolle entstehen. Waldau. Und welche? Marie. Sehen Sie! Emilie. Wenn nun der Bruder in der herzlichen Ergießung des Wiedersehens seine Schwester — das heißt: diese da — zur Vertrauten seines Herzens macht, wenn er ihr von seinen Liebschaften jenseits des Oceans, von seinen Abenteuern mit Weißen und Schwarzen, mit Brasilianerinnen und Portugiesinnen, reizenden Pflanzerstöchtern und hübschen Sclavinnen, von seinen Eroberungen, Rendezvous st estsra, st estsra erzählt — Du wirst gestehen, Väterchen, daß das für eine Braut eine höchst unangenehme Situation ist. Waldau. Paperlapapp — hast Du ausgeschwätzt? Sein Herz ist frei! — Haft Du denn vergessen, was er noch in seinen letzten Briefen schreibt? Wartet nur: »mein Herz ist Gott sei Dank noch frei. — Ich habe die Liebe noch nicht kennen gelernt.«' — Der arme unerfahrene Junge — und ist Major bei der Kavallerie! »Vielleicht bringe ich Ihnen einen Freund mit, für den ich auf einige Tage Ihre Gastfreundschaft in Anspruch nehme.« Emilie. Höre, Väterchen, wenn der Freund, den Rudolf mitbringt, schön, liebenswürdig ist, so wirst Du Gelegenheit finden, den eifersüchtigen Ehemann zu 6 spielen — ich lasse mir von ihm den Hof machen. Waldau. Willst Du wohl? — Emilie. Das ist jetzt Mode — alle Damen in der Residenz, die ältliche Männer haben, tragen diese Eouleur — und was modern ist, ist schön. Waldau. Jh, Du hast ja ganz verruchte Grundsätze von der Tante mit- gebracht. Marie. Emilie scherzt nur. Emilie. Nein, es ist mein vollkommener Ernst — ich lasse mir den Hof machen und Du spielst den Othello, Väterchen. Waldau. Geh, geh, Närrin, das würde mir gut passen mit meinen grauen Haaren. Emilie. O, es gibt auch graue Othellos. Waldau. Laßt uns von was Klügerem sprechen. Könnt ihr euere Rollen — habt Ihr Euch besonders in der Verwechslung der Namen geübt? Marie (sich von Waldau abwendend). Es wird gehen. Emilie (sich von Waldau abwendend). Es geht. Waldau. Nun z. B. — Emilie! Marie. Siewünschen,Papa?s. . Emilie. Du wünschest, Papa?j^ 2 ^ Waldau. Nun seht Ihr, da fängt die Konfusion schon an. Du (zu Marie) heißt von diesem Augenblicke an Emilie und Du (zu Emilie) Marie — denn ich habe eine Marie geheiratet. — Denkt Euch in euere Rollen besser hinein — Frauenzimmer sind ja sonst immer geborne Komödiantinnen. Emilie. Laß' es gut sein, Papa — wenn der Bruder einmal da ist, wollen wir uns schon zusammennehmen. Marie. Ah, ich werde mich im ersten Augenblicke verrathen. Sechste Scer e Vorige. Josef. Josef (hereinstürzend). Gnädiger Herr! Ich war auf unserem Schloßthurm oben — gegen Schönau zu habe ich eine Postkalesche, die hieherrollt entdeckt — ich habe sie eigenhändig gesehen durch meinen selbstverfertigten Tubus—in einer halben Stunde kann sie hier sein — es ist möglich, daß das der Herr Sohn ist. Waldau. Mein Sohn — mein Rudolf! — Endlich! — O, er ist's gewiß. Josef. Wäre mir nicht lieb — wenn er schon käme, ich habe noch nicht alle Vorbereitungen gemacht; — mein elektrischer Telegraph, der seine Ankunft melden soll, ist noch nicht fertig. Emilie. Aber Papa, ist denn der Herr Josef vonAllem instruirt, damit er keinen Bock schießt? (Setzt sich mit Marie rückwärts rechts an ein Arbeitstischchen.) Joses. Bock? — Wär' mir nicht lieb! Waldau. Es ist mir auch nicht lieb — aber es ist doch so. — Passe jetzt auf und mache keine dummen Streiche. — Höre also: Von diesem Augenblicke an ist für Dich und für Jedermann hier im Schlosse meine Tochter meine zweite Frau. — (Emilie stimmt bei.) Josef. Wär' mir nicht lieb — gnädiger Herr, das wäre ja Polygamie, wie der Schulmeister sagt. Waldau. Es ist und bleibt so — und Du wirft es Dir genau merken; ferner: Fräulein vonHellstett (Marie stellt sich vor « ist von jetzt an für Dich und die ganze Welt meine Tochter Emilie. Josef. Das begreife ich schon leichter — der gnädige Herr adoptiren sie — wie der Schulmeister sagt. Waldau. Also merke Dir es wohl, unterrichte auch die anderen Dienstleute und besonders den tauben ^ ärtner; wer dagegen fehlt, wird weggejagt. Josef. Wär' mir nicht lieb. — Euer Gnaden Befehle sollen pünktlich vollzogen werden, — mit dem Anton kann ich mich jetzt schon prächtig verständigen, — ich habe nach des Schulmeisters Anleitung ein neu erfundenes Hörrohr fabricirt, wie es in der Zeitung beschrieben ist'^ — gestern habe ich den ersten Versuch damit an ihmgemacht (Marie und Emilie kommen vor) — es ging prächtig, —so wie ich ihm das Hörrohr ansetzte — hörte er — gar nichts (Alles lacht) — aber ich verlor die Geduld nicht, ich ließ Wein bringen, bei der ersten Flasche fing er an zu begreifen, bei der zweiten hörte er schon ziemlich — und bei der dritten war die Taubheit ganz verschwunden. (Gelächter.) — Der Schulmeister wird diese Cur in die Zeitung schicken. Waldau. Aber heute ist er stocktaub. Josef. Ich werde die Behandlung wieder von vorne beginnen müssen. Er hat mir gestern erzählt, daß der junge — ich weiß nicht, ob ich vor dem Fräulein sprechen darf, — es betrifft den jungen Emmering — - Emilie (sich an Waldau's Arm hängend). Ich bin jetzt die Frau von Waldau und muß Alles hören, was auf den Geliebten meiner Stieftochter Emilie Bezug hat. Waldau. Sprich, was gibt es? Joses. Er hat mir gesagt, daß der junge Emmering hier in der Nähe herum- streicht und daß wir Acht geben sollen, sonst entführt er Fräulein Emilie. Emilie. Das wäre prächtig! Josef. Wär' mir nicht lieb. Da ich ihn nun nicht kenne, so habe ich mir von Anton eine genaue Personalbeschreibung an- sertigen lassen, — mittlere Größe — dunkle Augen, unbestimmte Haare, gewöhnliches Gesicht und schwarzen Frack. Emilie (lachend). Eine wunderbare Fotografie! Josef. O! ich habe mein selbstverfertigtes Objectiv'schon ausdemSchloßthurme aufgestellt, wie er vorbeigeht, wird er por- trätirt, damit wir ihn gleich kennen. Waldau. Gleichviel, er soll nur kommen, — wir wollen ihm die Lust zur Entführung schon vertreiben. Josef, ich mache Dich für Alles verantwortlich, was er unternehmen könnte. Josef. Wär'mir nicht lieb! —Ich werde Tag und Nacht Schildwache stehen. Waldau. Jetzt laßt uns gehen, Kinder, um alle Vorbereitungen zu treffen. — Marie! Emilies.... Marie Ja. Waldau. Nun, da haben wirs schon wieder. Emilie. Dieses Mal hat sie gefehlt. Waldau. (Marie beschäftigt sich beim Arbeitstisch.) Frau Gemalin, Ihren Arm. Emilie. Mit Vergnügen, liebes München. Waldau. Emilie, komm mit uns. — Emilie! (Zu Marie, die in Gedanken versunken dasteht.) Marie, hören Sie denn nicht? — So kommen Sie doch. Marie (auffahrend). Ach ja! Waldau. Du Josef gibst indessen auf Alles Acht. Emilie. Das wird noch eine himmlische Konfusion werden. (Alle bis aus Joses ab.) Siebente Scene. Josef (allein). Wär' mir nicht lieb! — Wenn ich mir nur das Alles merke, —der gnädige Herr hat seine Tochter geheiratet und das Fräulein von Hellstadt ist seine Tochter, die Emilie heißt Marieund die Marie heißt Emilie, — der junge Emmering ist mittelgroß, hat dunkle Haare und einen schwarzen Frack, mit gewöhnlichem Gesicht und ich bin dafür verantwortlich, daß er nicht herkömmt. — Das wird ein heißer Tag werden. — Wenn mir da nur nicht eine Verwirrungpassirt, —wär'mir nicht lieb! — Das Beste ist, ich werde den Schulmeister um Rath fragen. (Läuft ab.) Achte Scene. Adolf (kommt von links, ganz vorne). Heinrich! Heinrich! Nicht zu finden der 8 Bursche, so glücklich habe ich mich durch die Hecke hereingeschlichen, aber wo finde ich meinen Burschen, ohne gesehen zu werden? Es ist zum Verzweifeln. — Wer kommt da? — Ein Wagen — er hält — bei der Gartenhecke, wo ich hereinschlich— ein junger Mann steigt heraus, — ich weiß nicht, diese Züge sind mir nicht ganz unbekannt, er wendet sich hierher. (Zieht sich zurück.) Nennte Scene. Voriger. Rudolf (ebenfalls von links hereinschleichend). Rudolf. Glücklich angelangt, keine Seele hat mich gesehen, ich kann heimlich mein Vaterhaus inspiciren.(Adolferblickend.) Was sehe ich! ist's möglich — Sie sehe ich wieder! (Er eilt auf Adolf zu.) Adolf. Mein Herr', ich weiß nicht — Rudolf. Aber ich weiß es desto bester. — Sie sind mein unbekannter Freund, mein Lebensretter, — ich habe Ihre Züge nicht vergessen, — eine unabgetragene Dankesschuld hat Sie unauslöschlich in mein Herz geprägt. Adolf. Wie,—Sie wären wirklich — Rudolf. Derselbe junge Officier, dem Sie in Rio de Janeiro bei einem Streite mit vier betrunkenen Mulatten das Leben retteten. Adolf. Es war kein Verdienst dabei, die Bursche waren feige; als ich den ersten niedergestoßen hatte, ergriffen die Andern die Flucht. Rudolf. Vergebens waren alle meine Nachforschungen. Adolf. Ich war damals mit unserem Gesandten als Attache nach Rio de Janeiro gekommen, mit wichtigen Depeschen nach Europa beauftragt, sollte ich am andern Morgen nach Europa abreisen, — spät in der Nacht ging ich gegen den Hafen, hörte Ihren Hilferuf und eilte zu Ihnen. Drei Stunden darauf war ich schon wieder an Bord und bald darauf war ich wieder auf dem Wege nach Europa. Rudolf. Wir haben uns in der neuen Welt in einem wichtigen Augenblicke meines Lebens kennen gelernt, — wir wollen diese Bekanntschaft in der alten Welt zu einer ewig dauernden Freundschaft umwandeln (die Arme ausbreitend) und jetzt keine langen Worte mehr. Hier, dem Freund, dein Bruder auf Tod und Leben. - willst Du? Adolf (in seine Arme stürzend). Guter Mensch! Rudolf. Freunde bis in's Grab! Und nun, alter unbekannter Freund, deinen Namen. — (Beide setzen fick unwillkürlich nn ein Tischchen hinten links.) Adolf. Adolf von Emmering. Rudolf. Und ich heiße Rudolf von Waldau. Adolf. Wär's möglich! — Der Sohn des Gutbesitzers hier? Rudolf. Ich schmeichle mir es zu sein. Adolf (ausgelassen, fröhlich). Herrlich'. Prächtig! — Welches Glück! Rudolf, Freund, Bruder! Welch' gütiger Engel führt Dich zu meiner Rettung hierher! Rudolf. Sprich, was ist Dir? Adolf. Ich bin der glücklichste der Menschen! — Freund! Rudolf! Bruder! — ich liebe deine Schwester. Rudolf. Meine gute Emilie? Adolf. Ich lernte sie in der Residenz bei ihrer Tante kennen. Rudolf. Und liebt sie Dich? Adolf. Ich hoffe und glaube es. Rudolf. Nun dann sollst Du sie auch heiraten. Adolf. Aber dein Vater — Rudolf. Nun? Adolf. Er haßt mich — Rudolf. Wie, er haßt dich? Adolf. Ein Prozeß zwischen deinem und meinem Vater wegen einer Fahrstraße hat eine förmliche Erbitterung, eine Art Familienhaß herbeigeführt. Rudolf. Ach, ich erinnere mich, daß der Vater mir einmal davon schrieb. Adolf. Er hat Emilien verboten, an mich zu denken — ich kann sie nicht sehen, nicht sprechen — das Schloß wird streng bewacht. Rudolf. Du sollst sie sehen, sprechen, Du sollst sie heiraten. Laß nur mich machen, und wenn es durchaus nicht gehen will, so stecke ich mich hinter die Stiefmama. Adolf. Was für eine Stiefmama? Rudolf. Nun, mein Vater hat ja wieder geheiratet. Adolf. Dein Vater? Rudolf. Ein armes junges Fräulein, wie er mirschreibt.—Marie vonElding— Adolf. Er schrieb Dir? Aber das ist ja unmöglich — er ist noch immer Witwer. Rudolf. Er zeigte mir nach London seine Hochzeit an. Adolf. Da steckt etwas dahinter — mein Ehrenwort zum Pfände — dein Vater hat nicht geheiratet. Rudolf. Nun, dann begreife ich kein Wort von der ganzen Geschichte. Adolf. Wir werden bald klarer sehen. Ich habe meinen Bedienten, einen schlauen, durchtriebenen Burschen, beauftragt, sich auf irgend eine Art in das Schloß zu schleichen. Seit zwei Tagen muß er hier sein. Rudolf. Da kömmt Jemand. Adolf. Er ist's — Heinrich! — Hierher! Zehnte Scene. Vorige. Heinrich. Heinrich. Da bin ich — Sie hier im Pavillon, gnädiger Herr? Adolf. Wundere Dich später und komme jetzt zur Sache — Du bist im Schlosse. Heinrich. Ja, und ich schmeichle mir sogar noch lange hier zu bleiben. Adolf. Erzähle! Heinrich (mit einem Blick auf Rudolf). Gnädiger Herr, darf ich denn — Adolf. Ohne Sorgen — sprich frei von der Leber weg. Heinrich. Sie wissen, daß es mir gelungen ist, den Schloßgärtner durch glänzende Versprechungen zu meinem Vertrauten zu machen; ich gab ihm Ihren Brief für Fräulein Emilie, er ließ sich recht ungeschickt von dem alten Herrn erwischen. Adolf. Wie — mein Brief? Heinrich. Ist in den Händen des Herrn von Waldau. Hören Sie nun weiter; der Gärtner wurde zur Belohnung für seinen Dienst als ?o8lülou ä'amour aus dem Dienste gejagt — und der Schulmeister, Freund und Factotum des Schloßinspectors, brachte mich als Gärtner in Vorschlag — ich gefiel im Schlosse und so — Rudolf. Ward der Bock zum Gärtner gemacht. Heinrich. Errathen! — Seit zwei Tagen bin ich im Schlosse, kann Alles sehen, beobachten und um besser zu hören, bin ich taub geworden, d. h. ich stelle mich taub. Adolf. Und Du führst diese Rolle durch? Heinrich. So gut, daß Alle schreien, wenn sie mit mir sprechen, als ob sie einen Todten erwecken wollten. Adolf. Kerl, Du bist ein Genie! Heinrich. Gnädiger Herr! Was habe ich gethan, daß Sie mich schimpfen? Adolf. Schimpfen? — Wie so? Heinrich. Genie ist heut zu Tage ein Schimpfwort. — Wenn ein Vater sagt: Mein Sohn ist ein Genie! so heißt das so viel als: Mein Sohn will nichts Ordentliches lernen. Adolf. Dummkopf! Heinrich. Erst Genie und dannDumm- kopf! - 10 Rudolf. Lieber Adolf! Du vergißt über die Witzjägerei dieses Burschen ganz, daß ich auch etwas vom Schlosse zu erfahren wünsche. Adolf. Richtig. Höre, Heinrich, hat Herr von Waldau wieder geheiratet? Heinrich. Ich glaube nicht — vor zehn Minuten war er noch Witwer. Adolf. Oder wird er heiraten? Heinrich. Hm! er sieht mir nicht darnach aus. Rudolf. Wie so? Heinrich. Er sieht so zufrieden aus, und Leute, die heiraten wollen, sind unzufrieden, sonst würden sie ihren Stand nicht verändem. Rudolf. Dann begreifeich nicht, was er von einer Stiefmutter schrieb. Heinrich. Ach, gnädiger Herr, nun verstehe ich Ihre Frage — aber die Geschichte geht Sie nichts an — das ist eine Ueberraschung für seinen Sohn, der alle Augenblick erwartet wird. Rudolf. Für seinen Sohn? Heinrich. Ja wohl — der alte Herr hat sich da einen sonderbaren Plan ersonnen; so viel ich ablauschen konnte, soll das eine Fräulein die Frau des alten Herrn von Waldau vorstellen und die andere seine Tochter. Rudolf. Welche Andere? Heinrich. Das Fräulein von He llstett, das zum Besuche da ist. Rudolf. Unbegreiflich! Adolf. Und weißt Du nicht warum? Heinrich. Sein Sohn hat eine Abneigung gegen eine vorherbestimmte Braut, hat er gesagt, und deßwegen will er sie ihm als seine Schwester vorführen. Rudolf. Prächtig! Ein kühner Gedanke! Daß doch der Papa seine Pläne und Künste nicht lassen kann. Also die Schwester wird die Mutter und die Braut die Schwester? Adolf. Was willst Du thun? Rudolf. Laß' mich einen Augenblick Nachdenken, (kr geht sinnend auf und ab.) Adolf. Heinrich! Sprachst Du Fräulein Emilie? Heinrich. Nur einen Augenblick. Ich meldete mich ihr — sie lachte; als ich ihr sagte, daß Sie um jeden Preis in das Schloß dringen wollten, antwortete sie mir: Sage deinem Herrn, wenn er herein kann, soll er nur kommen. Adolf. Ich muß sie sehen, ich muß zu ihr. Rudolf (vorkommend). Zu wem? Adolf. Zu Emilien. Rudolf. Du sollst sie sehen und zwar jetzt gleich — mit mir. Adolf. Mit Dir? — Unmöglich! Rudolf. Mein Plan ist gemacht. Wir ziehen uns jetzt auf demselben Wege, den wir gekommen, zurück und kommen dann ganz fremd vom Posthause an. Wir spielen meinem Vater einen tollen Streich! — Du wirst ich! Adolf. Wie? Rudolf. Mein Vater kennt mich nicht — ich verließ ihn als Kind — unterwegs gebe ich Dir deine Instructionen. Du stellst Dich als Sohn des Hauses vor und heute Abends umarmst Du Emilien als deine Braut! Komm' nur! Du folge uns! (Beide ab.) Heinrich. Im Schlosse sind sie schon Alle närrisch, jetzt kommen noch zweiNar- ren dazu. Der Vorhang fällt. (Mit dem Fallen des Vorhanges setzt eine heitere Musik ein, welche nur 20 Tacte spielt. » worauf der Vorhang wieder ausgeht.) II Zweiter Act. Dieselbe Dekoration. Marie und Emilie in Empsangstoilette. (Die letzten Scenen des ersten Auszuges geben zum Umkleiden hinlänglich Zeit.) Erste Scene. Marie sitzt links in.Gedanken versunken. Emilie sitzt rechts am Tische und declamirt aus einem Buche: »Donna Clara, seufzt der Ritter, »Ach, wie ist mein Herz so leer. »Wie find meine Thränen bitter, »Und wie ist mein Kopf so schwer.« Run, was sagst Du dazu? — es geht doch nichts über unsere moderne Poesie. Ich habe mir in der Residenz erzählen lasten, unsere berühmten Dichter machten diese Sorte Gedichte en §ro8 in Gebünden von 50, 60 bis 100 Ellen und schicken sie dann an ein Morgen- oder Abendblatt, das für den Leser en äätail verschleißt. — Aber Du antwortest ja gar nicht? — Du denkst nach, — ist es die Nähe des Bräutigams, die Dich beunruhigt? Marie. Ach wahrlich ja, — schelle mich ein blödes, kindisches Ding, wenn Du willst, — aber ich weiß im Voraus, der Zwang der Verstellung wird mich ungeschickt, läppisch, abgeschmackt erscheinen lasten und — Emilie. Man hat Eigenliebe, man möchte auf den künftigen Gemal einen guten Eindruck machen. — Sei unbesorgt, — der Demant bleibt Demant, auch wenn er in Blei gefaßt ist, und deine Vorzüge werden nicht unbemerkt bleiben. Marie. Das ist es nicht, aber ich glaube, man sollte mit einer so ernsten, wichtigen Sache, die über das ganze Lebensglück entscheidet, nicht leichtsinnig scherzen. — eine Heirat wie eine Komödie behandeln. Emilie. Liebe Marie, jede gute Komödie schließt mit einer Heirat, — und glücklich die Ehe, wo nicht nach der Hochzeit Komödie gespielt wird. — Ein bischen Komödie vorher, kann aber durchaus nicht schaden. Marie. Es ist ein Betrug gegen deinen Bruder. Emilie. Es ist bester, Du betrügst ihn vor der Hochzeit als nachher, — schlage Dir jetzt alle diese Grillen aus dem Kopfe und laß uns an unsere Rollen denken, — habe nur keine Angst, ich werde immer an deiner Seite sein und Dir getreu beistehen. Marie. Laß' mich nur nicht im Stiche, sonst verrathe ich Alles. Zweite Scene. Vorige. Lisette. Li fette (rasch). Ach, Fräulein Emilie! — ich bitte um Verzeihung — gnädige Frau — wollte ich sagen, — soeben,fährt ein Wagen über die Schloßbrücke. — Vielleicht ist's unser junger Herr. Emilie. Der Bruder? Marie. Rudolf? Lisette. Unser Anton, der hübsche Gärtner, — Schade, daß der arme Mensch manchmal taub ist, — hat gesagt, ich sollte schnell herlaufen und es Ihnen melden. Marie. Mein Herz klopft. Emilie. Du weißt doch deine Rolle, Lisette? — ich bin die gnädige Frau! — und das ist Fräulein Emilie, meine Tochter. Lisette. Ja, Fräulein, gnädige Frau, will ich sagen, —der Anton hat mir schon Alles erklärt, denn aus dem Geschwätze unseres Jnspectors wäre ich nicht klug geworden; — aber der Anton weiß Alles so begreiflich zu machen, daß — ach! der gnädige Herr kommt. Emilie. Der Bruder mit ihm — Marie, nur nicht zimperlich, — ich empfange ihn hier mit der Würde einer Stief- mama. — Man kömmt — Marie, jetzt gib Acht. Dritte Scene. Vorige. Waldau (von links durch den Garten). Marie ! (haben sich in Positur gesetzt, als Emilies sie Waldau allein sehen). Nun? Waldau (eilig und wichtig thuend). Kinder, seid ruhig, — er ist noch nicht da,— der Wagen ist leer, aber der Postillon sagte mir, mein Sohn sei unten im Dorf ausgestiegen und wollte durch das Wäldchen zu Fuß heraufkommen. Lisette, du wirst uns sagen, wenn er kömmt. Lisette. Za, gnädiger Herr. (Ab.) Emilie. Das gefällt mir vom Bruder, — das beweist, daß er ein echter Deutscher geblieben ist, — er begrüßt die heimatlichen Eichen, die in den deutschen Gauen in angestammter altgermanischer Herrlichkeit wachsen. Waldau. Schwätzest schon wieder dummes Zeug? Emilie. Dummes Zeug? Papa, Sie sind grob. Waldau. Ich bin nur aufrichtig. Emilie. Das ist es ja eben, was man heut zu Tage »von innen heraus« nennt. Waldau. Du sollst mir gewiß nicht mehr in die Residenz, —denn das dumme Zeug hast Du dort gelernt. Emilie. Ach, es hat mich gar keine Mühe gekostet. Waldau. Denkt jetzt lieber an unsere Komödie, an eure Rollen — hm! mir wird jetzt selbst ein bischen ängstlich; — Emilie, erinnere mich nur gleich, wenn ich zufällig einen Bock schießen sollte. — Er muß gleich da sein, — Emilie, Du führst das Wort, — Marie, nicht ängstlich, Kind —denken Sie, Sie sind meine Tochter, — Sie sollen es ja werden, — also Muth. Vierte Scene. Vorige. Josef (athemlos hereinstürzend). Josef (rasch). Gnädiger Herr! — es geht los. Waldau. Was geht los? Josef. Die Hauskömödie. — Zwei Herren kommen den Hügel bei der Ermel- Etage herauf. Waldau und Emilie Zwei? Josef. Einer davon muß der Herr Sohn sein; wenn es nicht der Eine ist, so ist es der Andere, — aber Einer ist es. Waldau. Das ist derFreund, von dem er schreibt. Josef (rasch). Welcher? Waldau. Dummkopf, — der Andere. Josef. Aha! (Für sich.) Jetzt weiß ich nur.nicht, welcher der Andere ist. Emilie. Ein Freund? Papa, jetzt machen Sie sich auf Ihre Othellorolle gefaßt. Marie. Ein Fremder? Nun werde ick erst recht verlegen sein. Waldau. Kindisch! Je belebter die Scene ist, desto rascher geht dieHandlung. Josef (der zur Mittelrhüre hinaussah). Da kommen sie schon. — (Meldend.) Der Herr Sohn und — der Andere. Fünfte Scene. Vorige. Adolf. Rudolf. Adolf (auf Waldau zueilend). Mein guter, theurer, lieber Vater! Waldau. Rudolf! Herzensjunge! — Sei mir tausendmal willkommen. (Umarmung.) Adolf (sich zu Emilien wendend). Meine liebenswürdige Stiefmutter, nicht wahr Papa? Emilie (blickt ihn an, erkennt ihn, mit einem kleinen Schrei). Ach! Waldau (bei Seite). Da haben wir's, — die fällt schon aus der Rolle. Adolf (Emilien die Hand küssend, leise). Schweigen und Vertrauen. Emilie (ebenso). Wozu soll das führen? Adolf (leise). Zum Ziele. (Laut zu Marien.) Und das ist meine zärtliche Schwester, deren Briefe mir immer so viele Freude machten. — Aber Emilie, was ist denn das, Du fliegst nicht an mein Herz, Du umarmst mich nicht nach so langer Abwesenheit? Waldau. Za. ja,— sie ist scheu — das macht die Erziehung im Kloster. —' Nun so umarme doch deinen Bruder! (Leise.) Schnell! Sie verrathen ja Alles. (Er wirst sie in seine Arme, laut.) Za, die Klöster, —die machen unsere Mädchen jetzt zu lauter Vestallinnen. Adolf (sie umarmend). Das lasse ich mir gefallen, — meine liebe, gute Emilie! Waldau (bei Seite). Das geht prächtig — er umarmt sie schon ganz feurig. (Adolf küßt Marie, sie reißt sich loS und eilt zu Emilie.) Marie (leise zu Emilien). Das ist eine schöne Geschichte — er hat mich geküßt! Emilie (mit einem Anslug von Eifersucht leise). Das darfst Du künftig nicht mehr dulden, —ich will nicht, daß er Dich küßt. Marie (leise). Wie? — dein Bruder — Adolf. Und nun um Verzeihung, lieber Vater, daß ich Zhnen nicht gleich einen wackern Freund vorgestellt habe. (Darstellend) Herr Baron von Bieling, kaiserl. brasilianischer Legationsrath. — mein Vater — meine Mutier — (kleine Grimasse Emiliens) — meine gute Schwester. Rudolf. Zch beneide meinen Freund um sein Glück; er findet einen liebevollen Vater, eine reizende mütterliche Freundin und eine Schwester, die die Zärtlichkeit des Vaters, die Anmuth der Mutter vereint. Erlauben Sie mir. Herr Baron, Ihnen zu Ihrem Familienkreise Glück zu wünschen, — erlauben sie mir, meine Damen, einige Tage in diesem schönen Kreise zu verweilen und das Glück meines Freundes zu theilen. Emilie. Sie find zu nachfichtsvoll, Herr Baron. Marie. Gewiß — zu gütig — zu — (bei Seite zu Emilie) mein Gott, wie er mich anfieht, — sein Blick macht mich ganz verwirrt. Waldau. Seien Sie uns herzlich willkommen, — der Freund meines Sohnes ist auch mein Freund, — uns Allen ein werther Haus- und Familiengenosse. — Nochmals herzlich willkommen. (Gibt Josef ein Zeichen Stühle zu stellen.) (Joses stellt Stühle in der angegebenen Stellung. so daß Marie mit Emilie und Rudolf eine Gruppe bilden und Waldau und Adolf links sitzen. Joses drückt im Hintergründe seine Freude aus.) Adolf. Und wo ist denn unser Freund Hellstatt? Waldau. Auf seinem Gute. Adolf. Und feine hübsche Tochter, Fräulein Marie? Marie (bei Seite). Ach mein Gott! Waldau. Sie ist bei ihm. Adolf. So? ich glaubte sie hier zu finden; — Sie schrieben mir doch — Waldau. Nichts, Kinderei — das war so ein flüchtiger Gedanke, aber deine Antwort hat mich eines Besseren belehrt, und ich habe die Sache ganz aufgegeben. 14 Meine Frau war auch ganz deiner Meinung. nicht war Em — — liebe Marie? Marie (unwillkürlich). Wie? Emilie (rasch). Za, liebes Männchen, — ich fand die Gründe Ihres Sohnes vollkommen befriedigend. Aller Zwang taugt nichts und Ehen können wohl im Himmel geschloffen, aber auf Erden nicht voraus bestimmt werden. Rudolf. Verzeihung, gnädige Frau, wenn ich wage, Ihnen zu widersprechen. Zch habe Gelegenheit gehabt, manche Ehen kennen zu lernen, die vorher bestimmt und abgesprochen waren, und die höchst glücklich wurden. — Ich weiß wohl, daß solche Ehen, bei denen die Eltern sich eher verständigt haben, als die Kinder, in unserer Zeit für Roccoco, ja für abgeschmackt und pedantisch gelten, — aber vielleicht hat man doch Unrecht. Wer mag wohl mit richtigen prüfenden Blicken besser für seinen Sohn wählen, als der liebende Vater, wer versteht es besser in ein Frauenherz zu blicken, und dessen Uebereinstimmung mit dem Herzen des theuren Sohnes zu ergründen, als die zärtliche Mutter. Beide führen dem Liebling ihrer Seele die Erwählte zu, beide bürgen für ihre Reinheit und Tugend, beide versprechen dem Sohne: Du wirst glücklich sein, wie wir es sind. Und wahrhaftig, ich ziehe ein still und heimlich einziehendes Glück dem rauschenden Triumf unserer Sturm-und Drangliebschaften hinter dem Rücken der Eltern, vor. Marie (für sich). Wie schön er spricht. Waldau. Hörst Du, Rudolf, — da hastDu einen Gegner, gegen denDu schwer aufkommen wirst. Adolf. Ah, seien Sie ganz unbesorgt, lieber Vater, wir beide werden schon mit einander fertig. Waldau (ausstehend). Kinder! laßt uns aber auch an die Hauptsache, — an die materiellen Interessen— denken, d. h. an Esseu und Trinken. — Wir dejeuniren auf -er Insel und wenn es Euch recht ist, so machen wir vorher noch einen kleinen Spaziergang durch den Park, damit Ihr unsere Herrlichkeiten gleich kennen lernt. Adolf. Lieber Vater, Sie wissen, ich bin gerade heraus, — ich sage Ihnen also offenherzig, ich bin etwas müde und wenn Sie nichts dagegen haben, so bleibe ich hier und leiste meiner liebenswürdigen Stiefmutter Gesellschaft. Emilie (für sich). Endlich werde ich also erfahren — Waldau. Wie Du willst, Herzensjunge — nur keinen Zwang — den hasse ich ebenso wie Du. Marie (kleine Bewegung Mariens), ich empfehleDir meinen Rudolf, (bmilie geht zu Adolf hinüber. Zu Rudolf.) Herr Baron, wenn es gefällig ist. Rudolf. Ich stehe zu Diensten. (Marie seinen Arm bietend.) Mein Fräulein, darf ich — Marie. Mit Vergnügen. Josef. Euer Gnaden verzeihen, — da aber Euer Gnaden ohnehin eine Promenade in den Park machen, so möchte ich Sie gebeten haben, ob Sie nicht das Dampfschiff ansehen wollten, das ich nach den Angaben unseres Schulmeisters erbaut habe, und das auf dem Teiche an der Insel vor Anker liegt. Marie. Emilie. Ein Dampfschiff? Waldau. Ein Dampfschiff! — bist Du toll? Josef. Wär' mir nicht lieb. — Es ist eigentlich keineDampfmaschine darin, aber ein Rauchfang ist darauf, unter dem wir nasses Stroh anzünden, daß der Rauch oben herausgeht (Gelächter) — und die Gärtmrbursche drehen die Räder, — es ist ganz wie ein Dampfschiff. (Alles lucht.) Waldau. Rauch statt Kraft! Kerl! Du hättest constitutioneller Minister werden sollen. Josef. Minister? wär' mir nicht lieb. — Also Euer Gnaden kommen? Waldau. Ja, ja, wir kommen, dein Rauchschiff zu besehen. Herr Baron — Emilie — (betonender) Emilie! — Auf Wiedersehen, liebes Weibchen, — adieu, Rudolf! (Mit Adolf, Marien und Josef ab.) Sechste Scene. Adolf. Emilie. Emilie. Endlich! — Nun werde ich doch wohl erfahren, was dieser tolle Streich heißen soll — mein Herr Romantiker. Aus welcher abgeschmackten Komödie haben Sie diese schlechte Jntrigue, welche moderne Novelle hat Ihnen die Idee eingeflößt, sich für meinen Bruder auszugeben? Adolf. Blieb mir denn ein anderes Mittel übrig, um in Ihr wohlbewachtes Zauberschloß zu dringen? — Wer liebt, wagt — wer wagt, gewinnt. Emilie. Ein schöner Gewinn. Ihre List kann ja jeden Augenblick entdeckt werden — mein Bruder wird kommen — Adolf. Er kömmt nicht — Geschäfte halten ihn einige Lage in der Residenz auf — das erfuhr ich — und schnell war mein Plan gemacht — ich beschloß an seiner Stelle hier zu erscheinen. Emilie. Und wer ist Ihr Begleiter? Adolf. Mein Jugendfreund, Baron von Bieling, den ich zum Begleiter wählte, um im Nothfall einen Zeugen meiner ehrlichen Absichten zu haben. Emilie. Hören Sie — Sie find ein gefährlicher Mensch. Adolf. Ich bin verliebt — und Liebe macht erfinderisch. Emilie. Und Sie kennen die Komödie, die wir hier spielen müssen? Adolf. Ist nicht mein Heinrich hier im Schlosse Gärtner? Emilie. Wir find verrathen und verkauft. Adolf. Verkauft? — Liebe der Kaufpreis ist. Gewiß nicht. Emilie. Aber was wird der Bruder sagen, wenn er es erfährt? Adolf. Er wird lachen und seinen Schwader umarmen. Ennlie. Oho! So weit find wir noch nicht. Adolf. Wenn Sie wollen, theuere Emilie, so gelangen wir an s Ziel. — Vertrauen Sie mir, ich bin ein ehrlicher Mensch. Emilie. Ein großer Spitzbube. Adolf. O, scherzen Sie nicht. Ich biete Ihnen mein Herz und meine Hand — Ihr Vater wird das Glück seiner Tochter wollen — und wenn nur Sie ja sagen — Emilie. Wenn ich ja sage — Adolf. Emilie! Als ich Sie in der Residenz zum ersten Male sah, sagte mir mein Herz: Die oder Keine. Als ich aber Ihre immer heitere Laune, Ihr gutes, liebevolles Herz, Ihre ganze unendliche Anmuth und Liebenswürdigkeit vollends kennen lernte, da zögerte ich nicht länger, ich sagte Ihnen: Emilie, wollen Sie einen ehrlichen Menschen, der Sie zärtlich liebt, glücklich machen, wollen Sie von ihm durch gute und böse Stunden, über Rosen und Dornen, durch Leiden und Freuden geführt werden, so schlagen Sie ein. (Er fällt zu ihren Füßen.) Wollen Sie einen ehrlichen Mann, der Sie liebt, glücklich machen? Emilie (ihm die Hand reichend). Lieber Adolf! Siebente Scene. Vorige. Josef. Josef (hereinstürzend). Ich bitte — (überrascht) Oh! Bitte tausendmal um Vergebung — (Für sich) der Bruder kniet vor seiner Schwester — oder vielmehr — der Sohn vor seiner Mama — das ist mir zu rund. Adolfj(ist rasch aufgesprungen). Was gibt's? Emilie (leise). Unvorsichtiger! Ja wenn meine — Verrathen? 16 Josef. Es gibt — es ist — der Herr Baron — das heißt — unser gnädiger Herr lassen das Fräulein — das heißt die gnädige Frau und den Herrn Sohn — das heißt den jungen Herrn Baron bitten, doch schnell zu kommen, um mein Dampfschiff zu sehen. Es ist superb ausgefallen — die beiden Herren Baröner find ganz weg vor Entzücken. Emilie. Und deßwegen fällt er so ungeschickt mit der Lhüre in's Haus? Josef (aus die Thür zublickend). Mit der Thüre? — Wär' mir nicht lieb. Es ist gar keine da. Adolf. Es rst gut, wir kommen gleich. Josef. Werde die Ehre haben Sie unterthänigst anzumelden.(Für sich.)Wenn ich wüßte, warum der junge Herr seine Mama fußfällig um Verzeihung gebeten hat — er kann doch nichts verbrochen haben. (Ab.) Achte Scene. Emilie. Adolf. Emilie. Da sehen Sie nun, wozu Ihre Unvorsichtigkeit führt. Jeder Augenblick kann uns compromittiren und Alles ver- rathen. Adolf. Mag es doch geschehen — wenn ich nur erst Ihrer Liebe gewiß bin, das Uebrige wird sich finden. Emilie. Sie müssen fort — und das augenblicklich — Adolf. Nicht ohne Antwort. — Soll ich wieder wie ein Verzweifelnder um die Mauern Ihres Schlosses herumschleichen? Emilie. Irrende Ritter machten sonst bei den Frauen großes Glück. Adolf. Ah, Sie scherzen — scherzen, wo das ganze Glück meines Lebens auf dem Spiele steht. — Nein. Emilie, zürnen Sie mir. aber ich gehe nicht fort. — List und Zufall haben mir hier Eingang verschafft, und ein Thor ist, wer die wetterwendische Fortuna nicht im Fluge erhascht. Emilie. Aber so sprechen Sie doch nur einmal vernünftig — Sie wollen bleiben — gut! Aber wozu? Adolf. Um die Zuneigung Ihres Vaters zu gewinnen. Ihr Bruder ist ein wackerer Mensch, frisch, munterund lebensfroh— sobald ich seine Ankunft erfahre, eile ich ihm entgegen und entdecke ihm Alles — er wird lachen, mich an's Herz drücken und unser Fürsprecher beim Vater werden. O gewiß, liebe Freundin, es geht. (Er saßt ihre Hand nnd küßt sie.) Vertrauen Sie mir und unserer Liebe. Neunte Scene. Vorige. Waldau. Waldau (der den Handkuß noch sieht). Hm! — Ei, Rudolf, Du bist ja sehr galant — für einen Brasilianer ist das aller Ehren werth. — Nun, liebes Weibchen — (Bei Seite.) Was ist denn das? — Beide feuerroth — verlegen — was soll das heißen? Adolf. Wir wollten Ihnen eben folgen. Emilie. Gewiß — Rudolf bat mich doch hinabzugehen. Waldau (bei Seite). Und sehr feurig, wie ich sah. (Laut.) Nun so kommt — der alte Narr mit seinem Dampfschiff kann sich nicht zufrieden geben, wenn es nicht Alle gesehen und bewundert haben. Adolf. Wir wollen ihm die Freude nicht verderben. Waldau. Nun so laßt uns gehen. (Er hält Emilien den Arm hin.) Emilie (hat mechanisch Adolfs Arm genommen). Kommen Sie. Waldau (stutzt). Hm! — (Bei Seite.) Was macht denn das Mädel für dummes Zeug? 17 Zehnte Scene. Vorige. Josef (ganz zerstört). Josef (schreiend). Zu Hilfe! — Feuer — Wasser — Herr Baron — o das Unglück!!! Alle. Ein Unglück? Josef. Fräulein Marie—nein, Fräulein Emilie — d. h. die Andere — o mein Kopf! — wollte das Dampfschiff im Innern besehen — da machten die Kerls einen fürchterlichen Rauch, daß man nichts mehr sah — das Fräulein verfehlte das Brett, das auf's Schiss führt, trat daneben und — plums! fiel in's Wasser. — O Malheur!!! Waldau. Wie — in's Wasser? — Marie! — Mein Gott! — Mein armer Hellstett! — Schnell! schnell! (Ab ) Adolf. Fort, sie zu retten!' (Will ab.) Josef. Sie zu retten? — Wär' mir nicht lieb, wenn sie setzt noch im Wasser wäre; der Andere, Herr Baron — der Legationsrath, war unter das Schiff gekommen — er tauchte unter wie ein Äb- gebrator, wie die Krokodille in Egypten heißen, und brachte das Fräulein wieder herauf und an's Land. Adolf. Gerettet! Emilie. Gott sei Dank. Josef. Aber mein Dampfschiff! — ich im ersten Schrecken schreie: Hilfe! Feuer! Feuer! Die dummen Kerle, der Gärtner und seine Gehilfen glauben, ich rufe: noch mehr Feuer! zünden das ganze Stroh an, — das Schiff fängt Feuer und steht jetzt in Hellen Flammen. — O Malheur!!! Herr Gott im Himmel, mein Dampfschiff! (Man hört einen gellenden Ventilpfiff.) Es Pfeift um Hilfe! Es brennt! Hilfe! Feuer! Wasser! Rettung! Spritzen! Hilfe! (Er läuft schreiend ab.) Emilie und Adolf folgen lachend. Der Vorhang fällt unter Musik wie nach dem ersten Acte. — Nur 20 Tacte Zwischenmusik. Dritter Lct. Erste Scene. Rudolf. Emilie (von verschiedenes Seiten). Rudolf. Nun. Fräulein, ich hoffe, Sie haben sich von Ihrem kleinen Schreck erholt. Emilie. Ach leider können wir armen Frauenzimmer bei solchen traurigen Fällen nichts Anderes thun, als erschrecken — oder höchstens in Ohnmacht fallen, womit leider wenig geholfen ist. Ein Mann aber handelt, rettet, wagt sein Leben um ein Leben. Rudolf. Und empfängt dafür aus zarter Frauenhand den höchsten Lohn. Was thäte man nicht um solchen Preis? Emilie. Also Eigennutz? — Soll denn der Egoismus überall im Spiele sein? Rudolf. Was wollen Sie. schönes Fräulein? Schon in der Schule fängt das Abwandeln des Zeitwortes mit: Ich, an und so geht es fort durch alle Lebens-und Bildungsstufen, bis zum philosophischen Ich und Nicht-Jch. Emilie. Bleiben wir bei dem Nicht-Jch und lassen Sie uns von einem solchen sprechen. Ihr Freund Adolf sagte mir: Sie seien in das ganze Geheimniß eingeweiht und gleichsam der Secundant seines Jntriguen-Duells mit meinem Vater. Rudolf. Ich bin stummer Statistin dieser Komödie, mein Fräulein, und ich bedauere jetzt erst hundertfach, daß ich zu solch' unbedeutender Rolle verdammt bin. Emilie. Wie so? Rudolf. Weil ich so viele Reize, so viele Anmuth und Grazie mir gegenüber sehe und höchstens die Rolle des Vertrauten spielen darf, bekanntlich die langweiligste aller langweiligen Rollen. 2 L'icn. Thcat.-Rcp. Nr. 24!>. 18 Emilie. Und was hindert Sie auf ein anderes Rollenfach Anspruch zu machen? Rudolf. Und wenn ich nun so wäre, als erster Liebhaber auftreten zu wollen? Emilie. Nun — Sie haben gar nicht übel debütirt, —Sie haben meinerFreun- din das Leben gerettet — von der Dankbarkeit bis zur Liebe ist nur ein Schritt, — machen Sie ihn. Rudolf. Wie, wollen Sie, daßich einen Stern anbeten soll, wenn die strahlende Sonne hoch über mir am Firmamente glänzt? Emilie. Hu! wie poetisch! geben Sie Acht, daß Sie sich an der Sonne die Flügel nicht verbrennen. Rudolf. Flügel? Sie Hallen mich also für flatterhaft? Emilie. Wie alle Männer. In Hinficht der Männer habe ich meine eigenen Ansichten. Rudolf. Denen mein Freund wahr scheinlich entspricht — Emilie. Warum glauben Sie das? Rudolf. Weil Sie ihn lieben — Emilie. Und wer hat Ihnen das gesagt? Rudolf. Er. Emilie. Und wer verbürgt Ihnen, was er sagt? Rudolf. Ja, —das können freilich nur Sie. Emilie. Aber so seid Ihr Herren der Schöpfung alle; — wenn man aus Mitleid Euch einen freundlichen Blick zuwirft da schwillt Euch der Kamm; der Glaube an die angeborne Vortrefflichkeit und der schmeichelnden Regel kommen zu Hilfe und man wirft Abends unter seinen Freun den, gleichgesinnten Seelen, nachlässt hin: (Lopirend) »Auf Ehre! die Kleine ist zum Sterben in mich verliebt.« — Nein, mein Herr der Schöpfung, — ich liebe nicht, mein Herz ist frer. Rudolf (etwas auftragend). Frei! — Höre ich recht! — Jst's möglich, Ihr Herz wäre frei? (Emphatisch:) »So laß mich denn Du Göttliche, Dir sagen, (kniet nieder) »Daß alle meine Pulse für Dich schlagen, »Daß Du geliebt wirst wie kein Weib auf Erden, Du hast gesiegt — ich muß dein Sclave werden.« Emilie. Wahrhaftig, (lachend) Sie pielen den Don Cäsar nicht übel. — Der Papa muß uns ein Liebestheater errichten. Rudolf (kniend. — noch emphatischer). Sie spotten, Grausame, — Sie lachen, wenn meine heiße Liebe Schloß und Riegel sprengt, wenn meine Leidenschaft Lawinen gleich vor Ihrem Augensonnen- 'trahl erweicht, sich losreiß't von dem eisgen Gletscher kalter Convenienz. das Herz hervorquillt aus dem steifen schwarzen Frack, und alle Sinne, alle Nerven, alle Fibern meiner Seele auflammen in dem einzigen Feuerwort: Ich liebe Sie. Emilie. Bravo! bravo! Zweite Scene. Vorige. Waldau. Waldau (der bei Rudolfs letzten Worten eingetreten). Alle tausend Teufel! Emilie. O weh! der Papa! Rudolf (bei Seite). Jetzt wird die Geschichte rührend. (Pause — Rudolf steht ruhig auf.) Waldau (bei Seite). Der geht ja mit Sturmschritten, — kaum ein paar Stunden im Hause und macht meiner Tochter schon auf Leben und Tod die Cour. Sapperment! sie ist ja jetzt nicht meine Tochter, sondern meine Frau. — Wenn ich nicht alles verrathen will, muß ich jetzt den eifersüchtigen Ehemann spielen. (Er knöpft seinen Ueberrock bis oben zu und geht mit verschränkten Armen und großen Schritten — 19 eimge Male auf und ab, — dann bleibt er vor Rudolf stehen — laut.) Herr Baron! Rudolf. Herr Baron! Waldau. Darf ich um die Erklärung dieser Scene bitten? Rudolf. Mit Vergnügen, —es ist die Hauptscene eines neuen Dramas, das ich schreibe Der Liebhaber ist halb verrückt, — aus Liebe, er findet seine Geliebte viel zu vernünftig und declamirt, sich sich ihr zu Füßen werfend. (Er fällt vor Waldau auf die Knie und declamirt mitEmphase und parodistischem Anstriche:) Sie spotten. Grausame, — Sie lachen, wenn meine heiße Liebe Schloß und Riegel sprengt, wenn alle Nerven, alle Fibern meiner Seele aufflammen in dem einzigen Feuerworte (mit ausgebreitetrn Armen und Decla- mationkaufwand) ich liebe Sie!!! (Er steht schnell auf und sagt sehr trocken :) Da waren wir gerade. Emilie. Bravo! Bravo! Waldau (beiseite). Ich glaube, er macht sich über mich lustig. (Spiel wie oben — dann vor Rudolf tretend.) Herr Baron! Rudolf. Herr Baron! Waldau. Dürfte ich Sie wohl bitten, künftig meiner Frau keine Komödie mehr vorzuspielen? Rudolf. Wie? Sie find eifersüchtig. Herr Baron — Sie haben also alle Vollkommenheiten unseres egoistischen Zeitalters? — Gnädige Frau, ich gratulire Ihnen — Ihren vielen Reizen fehlte noch eine solche Folie — der unendliche Reiz, den ein eifersüchtiger Mann einer schönen jungen Frau gibt.— Vulkan und Venus. Waldau. Wenn Mars nicht als Gast beim Vulkan wäre, so sollte er erfahren, daß — Rudolf (ihn vertraulich bei Seite ziehend). Sie find doch nicht im Ernste auf mich eifersüchtig — das hieße sich selbst ein schlechtes Kompliment machen. (Laut.) Meine Gnädigste, Ihr Ergebenster! (Lachend ab.) Dritte Scene. Waldau. Emilie. Emilie (in ein Helles Gelächter auSbre- chend). Väterchen! Du bist allerliebst als eifersüchtiger Ehemann — ich muß Dich küssen. (Thut es). Waldau. Nicht wahr — ich habe Talent zum Komödienspiele? — Jetzt aber ein ernstes Wort — war das Spaß oder Ernst? Emilie. Was? Waldau (niederkniend und Rudolf pa- rodirend). Nun— das »Ich liebe Sie!!!« Emilie. Hm! Waldau. Nun? Emilie. Ich halte es für Ernst — Waldau. I da soll ja — Emilie. Pst! Väterchen! — Spielst Du schon wieder den eifersüchtigen Ehemann? Waldau. Als Vater muß ich doch — Emilie. Thun, was deinem Kinde Freude macht, das thun alle guten Väter. — Uebrigens sei ruhig — ich liebe ihn nicht. Waldau. Nicht? — Nun das ist gut. Emilie (ernster werdend). Nein — das ist schlecht—denn ich liebe einen Andern— Waldau. Einen Andern? Emilie. Den ich nie mein nennen kann — Waldau (stutzt). Nie? — Und er ist hier? Emilie. Leider ja — Waldau (bestürzt, für sich). Mein Gott — der Spaß wird doch nicht — sage mir mein Kind — Vierte Scene. Vorige. Heinrich (mit Blumenstrauß). Heinrich (zu Emilie). Eine Empfehlung von dem jungen Herrn Baron Rudolf und er schickt der gnädigen Frau diesen Blumenstrauß, den er selbst gepflückt 2 * 20 hat. (Leise rasch.) Es steckt ein Briefchen darin. Waldau (hat etwas gehört). Was gibt's? Heinrich. Lilien und Jasmin, sagte ich, sind dabei, die riechen gut— das macht Kopfweh. Emilie (hat verstohlen das Brieschen aus dem Strauß genommen und in den Busen gesteckt). Ich danke Dir, Anton. Waldau (der sie argwöhnisch beobachtet und das Briefchen sah, bei Seite). Alle Teufel — ein Brief! — Was hat er ihr zu schreiben? — Ich darf den Spaß nicht zu weit treiben, ich muß Acht geben und ich will. (Heinrich hat hinter seinen Rücken Emilien Zeichen gemacht, daß sein Herr sie im Garten beim Brunnen erwarte, in dem Augenblicke, wo er durch die Pantomine des Waffer- ziehens den Brunnen versinnlicht, wendet sich Waldau und steht dicht vor Heinrich, laut.) Kerl, bist Du toll? Heinrich (schnell gefaßt, ohne aus ihn zu hören). Siebzehn — achtzehn — (er macht jedesmal die Pantomime des Wafferziehens) 19—20 — So! — Der gnädige Herr wundern sich gewiß, was ich mache. — Diese Bewegung hat mir der Schulmeister vorgeschrieben — wegen meinen Ohren — alle Viertelstunde zwanzigmal. Waldau. Pack Dich zu allen Teufeln! Heinrich. Sie zweifeln daran? — Ich nicht; ich höre schon viel bester. Fünfte Scene. Vorige. Lisette. Li fette. Gnädiges Fräulein — gnädige Frau, will ich sagen — die Putzmacherin aus der Residenz ist angekommen. Emilie. Madame Agathe — o erwünscht! Väterchen, auf Wiedersehen — wichtige Staatsangelegenheiten rufen mich — diplomatische Negociationen wegen eines Ballkleides (Ab.) Waldau. Nein — die ist nicht verliebt — Verliebte denken nicht an Ballkleider. Demungrächtet darf die Komödie nicht mehr lange dauern — ich muß meinen Sohn in Mariens Nähe bringen. Ich habe ihr sagen lasten, daß sie mich hier im Garten erwarte — jetzt schnell meinen Sohn heruntergeschickt. (Ab.) Lisette. Schade, daß der hübsche Mensch taub ist. Heinrich (sieht sie starr an). Wie? Lisette. Endlich kömmt einmal ein vernünftiges Gesicht in unser Schloß — und siehe da, man kann kein vernünftiges Wort mit ihm sprechen. Heinrich. Wie? Lisette (nachäffend). Wie? Wie? — Hm! Im Grunde ist ein tauber Liebhaber noch nicht zu verachten — ein blinder wäre freilich manchmal bester — Heinrich (natürlich). Aber einem stummen würdest Du den Vorzug geben, weil er wenigstens nie widersprechen könnte. Lisette (überrascht). Was heißt das? Heinrich (lebhaft). Das heißt, daß deine schwarzen Spitzbubenaugen Wunder wirken, daß sie Blinde sehen, Stumme sprechen und Taube hören machen, daß ich Dich liebe, anbete und nicht leben kann, wenn ich Dich nicht geküßt habe. (Küßt sie rasch und laust ab.) Lisette. O Du Hauptspitzbube! Er ist gar nicht taub. — Da steckt etwas dahinter — das muß ich herausbekommen — oder ich will als alte Jungfer sterben. — Anton — Anton! — Warte ein bischen. (Ihm nach links nach.) Sechste Scene. Hellstatt (von rechts). Da bin ich wieder. Wenn ich nur erfahren könnte, wie es eigentlich hier steht. Zeigen darf ich mich nicht, denn geht die Geschichte krumm, so sagt der Alte, ich sei Schuld und fährt mir auf den Kopf. — Ich will den un- 21 sichtbaren Beobachter spielen. Halt wer naht? (Versteckt sich.) Siebente Scene. Heinrich. Lisette. Li fette. Und Alles das ist wahr? Heinrich. So wahr wie meine Liebe zu Dir. Lisette. Das ist ja eine ganze Weltgeschichte, was Du mir da erzählt hast. Heinrich. Und doch viel wahrer als die Weltgeschichte. Aber reinen Mund gehalten, Lisette, sonst geht Alles schief Lisette. Verlaß Dich auf mich. — Schweigen ist meine stärkste Seite. Heinrich. Dann möchte ich erst deine schwache Seite kennen lernen. — Erinnere Dich, daß mein Herr, wenn er Fräulein Emilie heiratet, mir den kleinen Meierhof auf Emmering gibt, — und Frau Pächterin — nicht wahr, das klingt gar nicht übel? Lisette. Das klingt allerliebst. Heinrich Kind, wir sind noch nicht so weit, — eine Kleinigkeit kann noch Alles verderben, ein Zufall Alles entdecken. Hell statt. Das ist ja der taube Gärtner. Lisette. Man muß auf seiner Hut sein — besonders wenn der alte Hellstatt kommen sollte. Hell statt l bei Seite). Der ist schon da. Heinrich. Merke Dir nur, daßDu von der Verwechslung nichts verräthst und besonders durch nichts merken läßt, daß der junge Emmering unter einem falschen Namen hier ist. Hellstatt (bei Seite). Was hör' ich! Lisette. Sei unbesorgt. Kein Mensch ahnt etwas, und ich möchre wohl wissen, wie es Jemand erfahren sollte. Hellstalt (rasch zwischen beide tretend). Das will ich Ihr sagen. Lisette. Oh weh! Heinrich. Teufel! der Alte! (Beide wollen fort.) Hell statt. Da geblieben. — Donnerwetter! — nicht gemuckst, —Ihr Gesindel, so betrugt ihr euern wackern Herrn? — Ich weiß Alles! Heinrich. O weh! Hellstatt. Also Alles haarklein gebeichtet, — heraus mit der Sprache! Heinrich. Wenn Sie aber ohnehin Alles wissen — Hellstatt. Was, Du räsonnirst noch? (Hebt sein Rohr.) Warte, Kerl, ich will Dich katholisch machen. Heinrich. Ach gnädiger Herr! nur nicht römisch-katholisch, sonst muß ich am Ende auch an die Unfehlbarkeit glauben. Hellstatt (geht mit dem Rohre aus ihn m). Ich will Dir deine Taubheit ku- riren. Heinrich (parirend). Homöopathisch, gnädiger Herr, homöopathisch. Die kleinste Dosis genügt. Hellstalt (gemüßigter). Höre. Bursche, — daß Du nicht taub bist — sehe ich — und daß Du nicht dumm bist, glaube ich. Siehst Du, hier ist meine Börse mit 40 Ducaten, die gehört Dir, wenn Du mir Alles sagst; — hier ist ein spanisches Rohr, das mit Dir zu sprechen wünscht, wenn Du schweigen wolltest. — Nun, was wählst Du? Heinrich. Jedenfalls die Börse. Helft alt. Du wirst also Alles sagen? Heinrich (nimmt die Börse). Alles. Lisette. Aber Heinrich — Heinrich (die Börse wiegend). Kind, sei ruhig, — das nennt man heutzutage einen Meinungswechsel aus Ueberzeugung. Hellstatt. Kommt beide mit mir da hinein, dort werdet Ihr mir Alles erzählen. — Nur voran, ich lasse Euch nicht aus den Augen. (Sie gehen in eine Seitenlhüre rechts.) 22 Achte Scene. Rudolf, dann Marie. Rudolf. Ich sehe Marie die Allee am Teiche heraufkommen — sie muß hier vorbei. Es drängt mich mit Ihr allein zu sprechen. — Sie naht — wohin verbirg' ich mich?—Ah! hier. (Er tritt hinter ein Gebüsch in der Mitte der Bühne.) Marie (tritt träumerisch auf — sie geht bis in die Mitte der Bühne, dann blickt sie aus). Was wollte ich denn nur hier? Ach ja, der Baron hat mir sagen lassen, ich sollte ihn hier erwarten. — Ich weiß gar nicht, wie mir ist, — so zerstreut — so bange — so ängstlich — und doch (beide Hände aus? Herz legend) so Wohl. — Das macht wohl der Tod, dem ich so nahe ins Auge sah. — das Wasser schlug über mir zusammen. »Mutter,« seufzte ich. — die Sinne schwanden — da faßte mich ein Arm, (lebhaft) er war's, und hob mich empor, an s Licht, in's Leben. — O welcher Unterschied zwischen ihm und Rudolf, meinem bestimmten Bräutigam — kaum daß er sich nach meinem Befinden erkun digte. Ach! (anmuthig) seinetwegen hätte ich ganz ruhig ertrinken können, — er hätte sich nicht darum gekümmert. (Versinkt in Nachdenken.) Rudolf (geht leise auf die andere Seite hinüber und tritt jetzt auf, als ob er käme). Verzeihung, mein Fräulein, wenn ich Sie störe Marie (zusammenschrrckend). Ach! Rudolf. Ich erschrecke Sie? Marie (sich fassend). Nicht doch; — der Freund meines Bruders ist mir immer willkommen,mein Lebensretter ist es doppelt. Rudolf. Sie legen meiner unbedeutenden That zu viel Verdienst bei. Der Zufall führte mich an Ihre Seite — Marie (mit der Extase des Dankes). Und Sie wurden mein rettender Engel! Rudolf (herzlich). Diese Worte, dieser Blick lohnen mich tausendfach. (Kleine Pause.) Marie (verlegen). Sie waren wohl nie in Todesgefahr, Herr Baron? Rudolf. Doch — einmal, — ich wurde überfallen, — zu Boden gerissen, — schon sah ich die blanken Messer über mir blitzen — Marie. Da kam Hilfe. Rudolf. Hilfe — durch Ihren Bruder. — Marie. Er retteteZhnen dasLeben,— o nun will ich ihn noch ein Mal so lieb haben. Rudolf. Sie sehen also, daß ich vor- )in nur einen Theil meiner alten Schuld abtrug. Marie (sich auf eine Bank links setzend). Sie erlauben, Herr Baron, aber ich fühle mich noch immer etwas angegriffen. Rudolf (sich über die Bank lehnend). Sie lieben Ihren Bruder wohl recht herzlich? Marie. Meinen — Ja so — Rudolf? (Gedehnt) O ja. Rudolf. Er wenigstens ist ganz ent- zücktvon seiner liebenswürdigen Schwester; aber kann es auch anders sein, da er einen solchen Engel zur Schwester hat, dessen Nähe Alles verschönert und veredelt? — Ach, warum wurde mir dieses Glück versagt! Marie. Sie haben keine Schwester? Rudolf. Nein, seit meinem zwölften Jahre stehe ich allein auf der Welt. Niemand lebte, der Antheil an mir, an meinen Leiden und Freuden nahm, kein Herz schlägt mit dem weinigen, keine Stimme erhebt sich, wenn ich am Abende müde nach Hause kehre, und sagt mir herzlich: Sei willkommen. Marie (unwillkürlich). Allein! — Das ist recht traurig. Rudolf. Ja, es ist traurig, allein zu sein. — O wären Sie meine Schwester, wie stolz, wie froh, wie glücklich wollte ich sein. Ich würde unsere stille Wohnung mit meinen Zeichnungen schmücken, die 23 schönsten Blumen müßten alle Tage an Ihren Fenstern prangen, es dürfte Ihnen an nichts fehlen. Sie besorgten die Wirtschaft, — ich ginge den Geschäften des Tages nach — wenn ich dann nach Hause komme, dann gehörte derAbend uns—Sie eilten mir entgegen und sagten: Guten Abend, Rudolf! — Ich erzählte Ihnen, was ich gethan, geschaffen, Ihr Beifall wäre mein schönster Lohn — dann setzten wir uns an's Klavier und sängen Ihre Lieblingslieder, wir lesen Ihre Lieblingsschriftsteller zusammen — und jeden Abend würde ich Sie fragen: Bist Du glücklich, Schwester? Marie (hingerissen). Ach ja. Rudolf! Rudolf. Welch' ein stilles, bescheidenes und doch so schönes Glück! Sick selbst zu leben, unbekümmert um Welt und Menschen — nur zu leben in dem Glücke des Andern. — Ach, schöne Träume! — Sie sind meine Schwester nicht. Marie (naiv). Ach leider nein! Rudolf. Und doch zieht mich ein unnennbares Etwas mit unwiderstehlicher Gewalt zu Ihnen, doch sagt mir eine innere Stimme: Hier blüht dein Lebensglück, hier oder nie! Und schöne Träume dämmern in mir auf, kühne Hoffnungen einer unendlichen Glückseligkeit. — Es ist die Liebe, die mit Siegesmacht einzieht in das bis jetzt noch unbezwungene Herz — die Liebe, die mir zuruft: Vertraue deinem guten Sterne und diesem Mädchen. Marie (in der größten Verwirrung). Herr Baron.— Rudolf. O zürnen Sie mir nicht — seien Sie milde und gut wie immer — ein Wort von Ihnen entscheidet über mein Wohl und Wehe. Beantworten Sie mir nur eine Frag: Haben Sie schon geliebt? Marie. Mein Gott — Herr Baron Rudolf. Bei dem Andenken Ihrer Mutter! Ist Ihr Herz frei? Marie (verwirrt — kaum hörbar). Ja! Rudolf (sich lebhaft neben sie setzend). O dann lassen Sie mich zu diesem freien Herzen sagen: Hier ist ein anderes Herz, das fühlt, empfindet wie das Ihrige. Wollen Sie dem Manne, in dessen Brust es schlägt, die Sorge für Ihr Lebensglück überlasten, darf ich zu Ihnen sagen: Engel meines Lebens, (er sinkt zu ihren Füßen) Dir gehört dieses Herz, mache mich durch Deine Liebe zum glücklichsten der Menschen, wie ich Dich glücklich zu machen schwöre durch wahre Liebe und Treue. Marie (ihrer selbst nicht mehr mächtig, finkt unwillkürlich in seine Arme). Rudolf! Neunte Scene. Waldau (tritt rasch auf, sieht die Gruppe, außer sich). Himmel Donnerwetter, das wird immer bester! Marie (entsetzt). O mein Gott! Was habe ich gethan! Und mein Vater— o zu ihm! Er soll mich in s Kloster zurückführen. (Ab.) Rudolf (selig). Himmlisches Mädchen! Waldau. Es ist zu arg! — Erst macht er der Einen eine Liebeserklärung und jetzt der Andern. — Das ist ja ein wahrer Don Juan, ein Lovelan, einen schö« nen Freund hat mir mein Sohn da in's Haus gebracht. Rudolf (bei Seite). Jetzt wird's los- brecheu — aber die kleine Lection kann ich Dir nicht ersparen, guter Vater! Waldau (sehr ernst). Herr Baron, was war das? Rudolf. Eine Liebeserklärung. Waldau. Das habe ich gesehen — plagt Sie denn der Teufel? Rudolf. Weil ich Ihrer Tochter den Hof machte — ich habe redliche Absichten, Herr Baron. Waldau. Desto schlimmer. Rudolf. Ich will Ihre Tochter heiraten. Waldau. Sie wollen? — Das werden Sie bleiben lasten. Rudolf. Und warum? 24 Waldau. Weil ich sie meinem Sohn zur Frau bestimmt habe. Rudolf. Wie? — Der Bruder soll die Schwester heiraten? Waldau, (hustend). Hm, hm — nicht doch — (Bei Seite.) Da habe ich mich schon vergaloppirt. (Laut.) Das heißt, ich habe meinem Sohn versprochen, daß er über die Hand seiner Schwester verfügen soll. Rudolf. Ist das wahr? Waldau. Ja, ja, ja! Rudolf. O. dann bin ich der glücklichste der Menschen, (Er umarmt ihn stür- mißb.) Tank tausend Dank! Waldau (sich erwehrend). Herr! Sind Sie toll? Rudolf. Doll von Liebe, toll vor Glück, rasend vor Entzücken. Waldau. Rasend? — Ja wohl. Rudolf. Ihr Sohn ist mein Freund — tausendmal hat er zu mir gesagt: Bruder, wir dürfen uns nicht mehr trennen, Du mußt meine Schwester heiraten, komm' mit, sieh sie, und wenn sie Dir gefällt -Ich bin gekommen, ich habe sie gesehen, ich eile zu Ihrem Sohn: Bruder, Komödie! Das ist wahr, schön habe ich die Sache angestellt. — Der Mensch ist ja ganz rasend. — Und was wird Hcll- stadt sagen — ich muß ihm schreiben — gleich soll er kommen, da ist keine Zeit zu verlieren. — Schnell den Brief abgeschickt. (Wlll ab.) Josef (tritt ihm entgegen). Ach, Euer Gnaden, gut. daß ich Sie finde. Waldau. Laß' mich — ich habe jetzt keine Zeit. Josef. Euer Gnaden müssen mich hören, denn ich habe schreckliche Geschichten zu melden — ein Familienunglück — Waldau. Ein Unglück — was gibt's? Josef. Polygamie—Attentat — Verbrechen und Unglück. Waldau. Mensch, bist Du auch verrückt? Josef. Verrückt? Wär' mir nicht lieb. — Hören Sie mich. Euer Gnaden. — Ich komm' vorhin die Weinlauballee am Brunnen herab, um meine neue selbstverfertigte Begießungsmaschine zu Prokuren, die ganz vortrefflich ausgefallen ist — sie will nur immer noch kein Wasser geben — da höre ^ch in der Baumlaube sprechen — wer sage ich, ich liebe deine Schwester, ich ist's? — Ihr Fräulein Tochter, die jetzt bete sie an, gib mir ihre Hand, mache uns glücklich! — Da hast Tu sie! sagt er und wirft sie in meine Arme — ich drücke die holde Braut an mein Herz, umarme den Bruder, Sie geben uns ihren Segen, Papa, in acht Tagen ist Hochzeit, in einem Jahre Taufe eines Enkels —wir trinken mit Champagner seine Gesundheit. Ihrer Tochter Gesundheit, des Bruders Gesundheit, Ihre Gesundheit Papa! (Er umarmt ihn stürmisch und stürzt ab.) Zehnte Scene. Waldau, dann Josef. Waldau. Ich fahre aus der Haut — mich trifft der Schlag! Das ist eine Be scherung. — Der Henker hole die ganze ihre Frau Gemalin ist, und der junge Herr Baron — Waldau. Mein Sohn? Josef. Umhm! »Was fällt Ihnen ein?« sagt Fräulein Emilie, aber er schrie: »Ich kann Ihnen nicht entsagen, ich liebe Sie bis zum Wahnsinn — willigen Sie in die Entführung oder ich schieße mir eine Kugel durch den Kopf.« Ich versichere Euer Gnaden, ich Hab' geglaubt, mich trifft der Schlag. Waldau (desperat). Mich hat er schon getroffen. Josef. Das ist schrecklich, das ist entsetzlich, das ist himmelschreiend. Der Bruder will seine Schwester entführen — wenn Euer Gnaden nicht schnell dazn- schauen, so schießt er sich todt. Waldau (außer sich). Unglückseliger Einfall. Verwünschte Komödie! Wer hätte aber auch das denken können! Mein Gott! Der Helle Angstschweiß steht mir auf der Stirne —Und was soll ich thun? — Sage ich ihm, daß Emilie nicht seine Stiefmutter ist, so muß ich ihm sagen, daß sie seine Schwester ist — und Marie mit dem Andern — Josef. Hat der Andere auch etwas angestellt? Waldau (nimmt aus einer Brieftasche ein kleines kouvert und eineKarte und schreibt). Josef! Du sattelst sogleich das beste Pferd, ich schreibe ein Billet — mit diesem jagst Du im Galopp nach Walding hinüber — der Alte soll gleich kommen — Verstanden! — Tummle Dich. (Will ab.) Josef. Nur ein Wort noch, Euer Gnaden. Waldau. Geschwinde! — Was gibt's? Josef. Dürfte ich nicht, statt zu Pferde auf meinem selbstverfertigten Delocipede (mit Händen und Küßen die Bewegung der Draisine machend) nach Walding hinüberreiten? Waldau (wüthend). Geh zum Teufel, Dummkopf! (Gibt ihm die Karte und geht links ab.) Eilste Scene. Josef (allein). Josef. Wär' mir nicht lieb. — Ich nehme das Delocipede; wie der Schulmeister sagt, kömmt man damit dreimal so geschwinde fort, als zu Pferde— der gnädige Herr kann also uur mit mir zufrieden sein. — Das soll gehen wie auf einer atmoschwedischen Eisenbahn. (Ab.) Zwölfte Scene. Waldau, Marie (hereinführend). Waldau. Kommen Sie nun, es ist sehr gut, daß ich Sie treffe. Hören Sie mich an: Ich hätte durch mein Verschulden beinahe grenzenloses Unheil angerichtet, aber es ist zum Glücke noch Zeit, Alles wieder in's Geleis zu bringen. Ich habe Ihrem Vater bereits geschrieben — er muß bald kommen — heute Abend werden Sie mit meinem Sohne verlobt und in acht Tagen ist nun Hochzeit. Marie. Gerechter Gott! Waldau. Sie erschrecken über eine Nachricht, die Ihnen doch Freude machen sollte. Marie, Marie! Was soll ich davon denken? Marie (in größer Bewegung, halb weinend). Was Sie wollen, Herr Baron — aber es muß heraus. — Ich muß Ihnen Alles sagen — ich kann Ihren Sohn nicht heiraten — niemals. — Sagen Sie das Ihrem Sohn, sagen Sie es meinem Vater — ich kann — wahrhaftig nicht — ich gehe in's Kloster. (Läuft weinend ab.) Dreizehnte Scene. Waldau, dann Hellstadt. Waldau. Da haben wir's — Sie ist in den Baron Bieling verliebt — sie mag meinen Sohn nicht — der Teufelsjunge hat sie aber auch vernachlässigt, während der Andere, der Don Juan, alle Segel aufspannte. — Ich muß der Geschichte ein Ende machen — aber wie? — Mein Gott! Ich weiß gar nicht, wo mir der Kopf steht. Hell statt (ist bei den letzten Worten aus dem Pavillon getreten). Habe ich Dir's nicht vorhergcsagt, daß es mit deinen Plänen und Jntrigueo so kommen würde? Waldau (erfreut). Ah, da bist Du ja, Herzensbruder. Du hast meinen Brief bekommen? Hellstatt. Welchen Brief? Waldau. Den ich Dir durch meinen Josef schickte — Hellstadt. Ich habe weder deinen Josef, noch deinen Brief gesehen. 26 Wald an. Also weißt Du noch gar nichts? Hellstatt. Ich weiß Alles. Waldau. Du weißt? — Du weißt also auch, in welcher fürchterlichen Verlegenheit und Verwirrung ich mich befinde — Hellstadt. Das Alles und noch mehr als Du weißt. Waldau. Mehr als Ich? — Das glaube ich nicht — denn ich habe schauderhafte Dinge erlebt. Hellstatt. Und weißt doch das Aller- wichtigste nicht. Waldau. Nun? Hellstatt. Der junge Emmering ist verkleidet hier im Schlosse. Waldau. Was? —Der junge Emmering! — Ei, da soll ja — Hellstatt. Nur Ruhe, kaltes Blut! — Die Sache ist nicht so schlimm, als Du Dir denkst. Sein Vater gibt den Proceß auf, nimmt den Vergleich an, den dein Advo- cat vor zwei Jahren vorschlug — deine Tochter liebt ihn — es ist am besten. Du gibst ihm das Mädchen und Du hast so eine Verlegenheit weniger. Waldau. Jst's möglich? Ich werde den leidigen Proceß los? — Gott sei Dank! — Nun, wenn der alte Emmering so in sich gegangen ist, so kann ich auch nicht den Barbaren machen. Er soll das Mädchen haben — aber wo ist denn der junge Emmering? Hellstatt. Das ahnst Du gar nicht — es ist ein ganzer Roman — stelle Dir vor, der Anton, der taube Gärtner — Waldau. Nun? Hellstatt. Ist weder Gärtner noch taub—das Ganze war Verstellung und— Vierzehnte Scene. Vorige. Heinrich. Heinrich. Herr von Hellstatt. Sie möchten schnell zu Ihrer Tochter kommen — sie ist oben bei Fräulein Emilien ohnmächtig geworden. Hellstatt. Marie— mein Kind! — Ich eile. (Aus Heinrich deutend.) Nun, da ist er — frage ihn selbst. Waldau (ganz verdutzt). Das ist der junge Emmering? Was doch die jungen Leute aus Liebe für dumme Streiche machen! (Laut.) Herr Baron! Heinrich (sieht sich um). Mit wem spricht er? Waldau. Herr Baron! Ich sollte Ihnen freilich zürnen, daß wir uns auf diese Weise kennen lernen mußten — aber ich war auch jung — Jugend hat nicht Tugend und Verliebte machen dumme Streiche. — Bei allem dem find Sie doch ein Ehrenmann, Herr Baron — hier ist meine Hand, schlagen Sie ein — wir sind Freunde. Heinrich (ganz verblüfft). Herr Baron — ich weiß nicht — (Für sich.) Ist er verrückt oder sollte ich vielleicht unbewußt ein kleiner Baron sein, der bei seiner Amme ausgetauscht worden ist? Waldau. Sie zögern, Herr Baron — Sie fürchten vielleicht — seien Sie ganz unbesorgt, ich weiß, daß meine Tochter Sie liebt. Heinrich. Was? Waldau. Ich weiß, daß Sie sie auch lieben — ich gebe sie Ihnen zur Frau und eine Aussteuer von 50.000 Thalern. Heinrich (überrascht). Herr Baron! (Bei Seite.) Welches Glück! — Lisette, ich bedauere Dich, aber Du fielst als ein Opfer der Politik. Waldau. Und nun lassen Sie alle Bedenken schwinden — heute Abend noch ist doppelte Verlobung und so drücke ich denn mit wahrer Vaterfreude meinen neuen Schwiegersohn an's Herz. (Umarmt ihn.) Heinrich (bei Seite in der Umarmung). Gewiß, ich bin ein heimlicher Baron. 27 Fünfzehnte Scene. Vorige. Hellstalt. Hellstatt. Sie ist schon wieder bester; — Heinrich, hole doch — Alle Teufel, Waldau, was machst Du denn da? Waldau. Alles ist in Ordnung, — ich umarme meinen künftigen Schwiegersohn. Hellstatt. Wen? Waldau. Den jungen Herrn Baron von Emmering. Hellstatt (in ein unbändiges Gelächter auöbrechend). Der da? — Ist denn heute die ganze Welt verrückt? — Das ist ja nicht der junge Emmering — Heinrich. O weh! Waldau. Nicht? — aber Du sagst ja - Hellstalt. Ich sagte gar nichts, ich wollte Dir erst Alles erzählen. daß und wie er hier sei; da werde ich abgerufen.— Das ist Heinrich, sein Bedienter. Waldau. Und der Mensch läßt mich reden und sagt nichts! Heinrich. Der gnädige Herr ließen mich ja gar nicht zu Worte kommen. Waldau. Aber wer ist denn der Baron Emmering? Hellstatt. Der Begleiter deines Sohnes. Waldau. Alle Teufel! Sechzehnte Scene. Vorige. Lisette. Li fette. Herr von Hellstatt, Ihr Fräulein Tochter will nicht bleiben, — Sie will durchaus in s Kloster. Hellstatt. Was hat denn das Mädchen? Waldau. Ich weiß, was sie hat. Hellstatt. So? Waldau. Sie ist in den jungen Emmering verliebt. Hellstatt. Nicht möglich! Waldau. Sie hat mir's jabeinahe selbst gestanden. Hellstatt. I da soll ja —ich will gleich zu ihr. Waldau, komm mit, ich will Dir sagen, was jetzt zu thun ist. (Mit Waldau ab.) Heinrich. Meine Liebe zu Dir hat eben eine schwere Prüfung überstanden.— ich war Baron, — man bot mir ein Fräulein zur Frau und 50.000 Thaler Aussteuer, — ich wies Alles zurück und sagte: Nein, ich bleibe meiner Lisette treu. Lisette (lachend). O Du Windbeutel! (Schlägt ihn leicht auf den Mund und läuft ab.) Heinrich. Das ist der Lohn der Tugend und Entsagung. (Geht stolz ab.) Siebzehnte Scene. Waldau, dann Rudolf. Waldau (vorkommend). Das ist mir lieb, — das ist mir lieb, — da schlage ich zwei Fliegen mit einer Klappe, — ich gebe dem jungen Emmering meine Tochter, Marie sieht, daß Sie sich keine Rechnung mehr auf ihn machen kann und heiratet meinen Sohn — Herrlich, herrlich! O, jetzt geht Alles gut! — Ah, da führt ihn das Glück gerade her. Rudolf (tritt rasch aus. Für sich). Der Papa. Waldau (rasch und lebhaft). Herr Baron, — ich weiß Alles, ich vergebe und vergesse, — Sie lieben meine Tochter, Emilie liebt Sie, — ich willige ein, nehmen Sie sie, — machen Sie Ihre Frau glücklich, mein bester Segen begleite Euch. Rudo lf (für sich). Ein neues Mihver- ständniß. Herr Baron Ihr, Antrag überrascht mich — 28 Waldau (noch immer mit ausgebreiteten Armen). Und macht Sie zum glücklichsten der Menschen, und so weiter, — ich kenne das! Rudolf. Ich liebe Ihre Tochter — Waldau. Ich weiß es. Rudolf. Aber heiraten kann ich Sie nicht. Wasdau (läßt die Arme fallen — perplex). Nicht!!! Rudolf. Gewiß nicht — und wenn Sie meine Gründe hören, müssen Sie mir Recht geben. Waldau (wüthend). Das istfa zuviel! Ich will nichts hören, gar nichts mehr — ich will nichts sehen. — Ich schließe mich in mein Zimmer, — machtwas Ihr wollt; — bringt Euch um — zündet das Schloß an allen vier Ecken an — sprengt das ganze Gut in die Luft, — der jüngste Tag mag losbrechen, — ich kümmere mich um nichts mehr, — ich will nichts mehr sehen, nichts mehr hören, nichts mehr erfahren, nichts mehr wissen. Hol Euch Alle der Teufel! (Stürzt ab.) Achtzehnte Scene. ' Rudolf, dann Hellstatt, Marie, Emilie, Adolf. Rudolf. Guter Vater! Deine kleine List mußt Du theuer bezahlen. Hell statt. Da kommt Alle her — damit die heillose Konfusion endlich einmal ein Ende nimmt. Adolf. Das wünscht Niemand sehnlicher als ich. Emilie. Und ich Rudolf. Und ich. Hellstatt. Sagemir, Marie, ist es wahr, daß Du den Baron von Emmering (aus Adolf) da liebst? Marie. Ich? — Ach gewiß nicht, Papa. Hellstatt. Nun was hat denn der Alte? Und Du, Rudolf, sage mir nur, wie hast Du eine so heillose Verwirrung an- richten können? Rudolf. Was blieb mir übrig? Ich erfuhr die Komödie, die der Papa mir zudachte, — und spielte ein Gegenstück. List gegen List. Emilie. Wie? -- Das ist — Hellstatt. Dein Bruder Rudolf! Marie. Was höre ich? Hell statt. Was, Emilie — Sie wußten nicht Alles? Emilie. Nur die Hälfte; — hätte ich ahnen können, daß der Spitzbube mein Bruder sei — Rudolf (sie umarmend). Mein liebes gutes Schwesterchen! ich habe hart genug gebüßt, Dich so lange nicht an mein Herz drücken zu dürfen. Hellstatt. Und Du, Marie, willst also gar nicht hcirathen — Du willst in's Kloster gehen? Marie (in größter Verlegenheit). Ach Papa! Rudolf. Papa Hellstatt! quälen Sie das arme Kind nicht; ich . liebe Marien, — in ihren Augen glaubte ich zu lesen, daß auch sie mir gut sei, — Vater, segnen SieJhre Kinder! (Kniet mit Marien nieder.) Emilie (Adolfs Hand nehmend). Und uns seien Sie ein gütiger Fürsprecher beim Vater. (Kniet mit Adolf nieder.) Hellstatt. Kinder! Kinder! — mir alten Kerl stehen die Freudenthränen in den Augen; — ach mein Gott, was wird erst der alte Waldau für eine Freude haben!— Neunzehnte Scene. Vorige. Waldau. Waldau. So!! das ist ja allerliebst! — Bist Du auch im Complotte, — hilfst Du auch mit? — ich bin verrathen und verkauft. 29 Hellstalt. Da ist die Hauptperson. (Erführt Waldau zwischen die Paare.) An den wendet Euch— daß er »ja« sagt. Alle Vier. Verzeihung, Vater — und Ihren Segen! Waldau. Was ist das? Hellstatt. O Du altes Kanonenrohr, ahnest Du denn nichts, — merkst Du denn nichts? — Wir wollten mit deinem Sohne Komödie spielen und er hat Komödie mit uns gespielt. — Da der Baron Emmering mit deiner Tochter, — und da dein Sohn mit Marien. — Beide Paare bitten um deinen Segen. Waldau (außer sich vor Freude). Wie, — was — Spitzbube, Du bist's (umarmt Rudolf) Wetterjunae — und Du liebst Marien? Rudolf. Von ganzer Seele. Waldau. Da nimm sie, nimm sie und meinen Segen über Euch. '(Zu Adolf.) Und Sie, HerrBaron, da habenSie meine Tochter und meinen besten Segen dazu. Alle Vier. Dank, tausend Dank! Zwanzigste Scene. Heinrich. Lisette, dann Josef. Heinrich. Gnädiger Herr, der Josef kömmt ganz athemlos. Waldau. Jetzt kömmt er erst? Josef (mit hohen kourierstieseln. großer Peitsche, dreieckigem Hut. kömmt aus seiner Draisine hereingeritten, er ist ganz bestaubt und zerstört). EuerGnaden.da bin ich schon Der Herr von Hellstatt wird gleich kommen. er war nicht zu Hause, aber ich habe den Brief dort gelassen. Waldau. Dummkopf! — Herr von Hellstatt ist schon lange da. Josef. Schon da? — wär' mir nicht lieb. (Sieht Hellstatt.) Meiner Treu, er ist schon da. — Das kann mir nur geschehen sein, weil mein Velocipede durchaus nicht den Berg hinauf wollte und ich absteigen und es tragen mußte; dabei ^kann ich etwas Zeit verloren haben. Waldau. Kinder, in acht Tagen ist doppelte Hochzeit. Heinrich. EuerGnaden, wenn ich heute nun den Meierhof auf Emmering bekäme, so hätte ich hier eine hübsche Pächterin. Waldau, Emilie, Marie. Wie, Lisette? Adolf. Sollst den Pachthof haben, Junge. Emilie. Und die Pächterin dazu. Heinrich. O, ich küß die Hand. Waldau. Also wir haben drei Hochzeiten ! Josef. Drei Hochzeiten? Sehr gut. da werde ich meine neuerfundene Taufmaschine anwenden. Alle. Was? Josef. Eine ausgezeichnete Erfindung. Sie tauft in 5 Minuten 7 Kinder und 2 Juden. Waldau. Geh zum Teufel mit deiner Erfindung. Keine Komödie mehr — ich habe einmal Komödie gespielt und nicht wieder. — Kinder, liebt Euch, seid glücklich, macht mich glücklich, und ich will diesen tollen Tag segnen. Alle (umgeben ihn.) Unser Vater — unser Freund! Gruppe. Der Vorhang fällt. Ende >at de« Thealer-Berlag WaNshallffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Daterllebe. Lustsp. in 4 A. von Ziegler. 1862. 75 kr. 15 Sgr. Vaterstand. Lustsp. in 4 8. von Ziegler 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr. »Vater unser!* Lebensbild mit Gesang in 3 Abtheilungen und einem Vorspiel von E. Carl. (Wien. Theat.-Rep. 228) KO kr. 12 Sgr Veilchenstrauß, der. (Wiener Theater-Repertolre 195.) 35 kr. 7'/, Sgr. Verbrüderung, die. Schausp. in 1 A. von Jff- land. 35 kr. 7'/, Sgr. Verbreche» au- Ehrsucht. Familiengem. in 5 8. von Jffland. 80 kr. 1k Sgr. Verdacht, der ««gegründete. Lustsp. in 1 A. von Brahm. 1771. 50 kr. 10 Sgr. Verlassene, die. Bolksdrama in 5 A., nach dem Französischen frei bearbeitet von Therese Me- gerle. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 109) 60 kr. 12 Sgr. Derläumder, die. Schausp. in 5 8. von Kotzebue. 1811. «0 kr. 12 Sgr. Verlegenheiten und AuSwege. Posse in 1 8. s. Castelli Sträußchen 2. Jahrgang. Dermächtniß, das. Schauspiel in 5 8. von Jffland. 1809. «0 kr. 12 Sgr. WermählungSfeier, die, Albert- von Oesterreich. Orig.-Schausp. mit Gesang iu 4 A. von Gleich. 8. 40 kr. 8 Sgr. Derräther, der. Lustsp. in 1 8. von F. v. Holbein. gr. 8. 1845. 35 kr. 7'/, Sgr. Verrechnet. Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater Repertoire Nr. 93.) 60 kr. 12 Sgr. Verschwiegene, der, wider Willen, »der die Fahrt von Berlin nach Potsdam. Lustsp. in 18. von 8. v. Kotzebue. 181S. (Vergriffen.) Verschworene«, die. Oper in 1. 8., s Castelli Sträußchen 8. Jahrgang. Verschwörung, die, der Odalisken, oder die Löwenjagd. Singsp. von HenSler. 1792. 8. 50 kr. 10 Sgr. Versöhnung, die. Schausp. in 3 A. Nach dem Franz, von I. F. v. Weiffenthura. gr. 8.1833. 80 kr. 12 Sgr. Versöhnung und Ruhe, oder Menschenhaß und Nene. 2. Theil. Schausp. in 5 A. von Jul. Graf v. Soden. 8. 1801. 50 kr. 10 Sgr. verstand «nd Leichtsinn. Lustsp. von Junger. 50 kr. 10 Sgr. Vertrag, der. Lustsp. iu 1 A. Nach Marsollier, von Thrimfeld. 1805. 20 kr. 4 Sgr. Verwandtschaften, die. Lustsp. in 5 A. 1798. 50 kr. 10 Sgr. Veteran, der. Schausp. in 1 A. von Jffland. 1801. 25 kr. S Sgr. Detter, der, in Lissabon. Familiengemälde iu 3 8. von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Vielwisser, der. Lustsp. in 5 A. von Kotzebue. 1818. 60 kr. 12 Sgr. Vtctorine, oder Wohlthu« trägt Zinse«. Lustsp. in 4 8. von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Viola. Lustsp. in 5 A. nach Shakespeare »War Ihr wollt.* Für die Bühne bearbeitet von Deinhardstein. 8. 1841. 80 kr. 16 Sgr. Vließ, da- goldene. Dramatische« Gedicht iu 3 Abtheilnugen von Franz Grillparzer, gr. 8. 1822. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Enthält: I. Der Gastfreund. Trauersp. in 18. — H. Die Argonauten. Trauersp. in 4 A. — lll. Medea. Trauersp. in 5 A. Dölkergröße, oder» Er blieb dennoch Vater. Originalschausp. mit Gesang von Wehrfeld. 8. 1807. 40 kr. 8 Sgr. Volksbühne. Wiener Takchenb. lokaler Spiele. HerauSgegeb. von W. Turteltaub. 1839 gr. 12. 1 st. 40 kr. 1 Thlr. 6 Sgr. Inhalt: Eulenspiegrl von Nrstroy. — Der Waldbraad von Gulden. — Nur Eine löst den Zauberspruch vom Herausgeber. Volkes Stimme, des. s. Holdein Dilettantenbühne für 1826. Vorhängeschloß, daS. Posse in 1 A. nach dem Englischen »l'bs ?L61ooIc,* von Carl Jul« (Giugno). (Wien Theat.-Rep. Nr. 111). 35 kr. 7'/, Sgr. Vorleserin, die. Schausp. in 2 A. Siehe: Koch dramatische Beiträge. Vorlesung, eine, bei der Hausmeisteri«. Posse in 1 8. von Aler. Bergen. (Wien. Theat.- Rep. Nr. 60. Zweite Auflage.) 30 kr. 6 Sgr. Vormünder, die vier. Lustsp. in 3 8 von Schröder. 1805. 50 kr. 10 Sgr. Vormund, der. Schausp. iu 5 8. von Jffland. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Vorsatz, der.'Orig.-Lustsp. iu 1 8. von Holbeiu. 12. 1826. - 25 kr. 5 Sgr. Waaren, die englische«. Posse in 2 A. von Kotzebue. 1811. « 35 kr. 7'/^ Sgr. Waffenbrüder, die. Gemälde der Dorzert tu 5 8. nach Kleist'- Familie Schroffrnstein von Fr. v. Holbein. gr. 8. 1824. 80 kr. 18 Sgr. Waffenruhe, die, in Thüringen. 1. Thl. Schauspiel mit Gesang in 3 8. von HenSler. 1802. 50 kr. 10 Sgr. Wage« gewinnt. Kom. Oper in 2 8. Nach dem Französischen von Treitschke. 30 kr. 6 Sgr. Wahl, die freie. Lustsp. in 1 8., s. Feldmanu Lustspiele 1. Baud. Während der Quadrille. Lustsp. iu 1 8. von Josef Bra«n.(Wr. Theat.-Rep. Nr. 191)35kr. 7'/,Gg. Wahn und Wahnsinn. Schausp. in 2 8. »ach MeleSville'S: »Llls est solle,* bearbeitet von Lembert. Zweite Auflage. (Wien. Theat.- Rep. Nr. 34.) 40 kr. 8 Sgr. Wahnsinn. Drama in 1 8., s. Castelli Sträußchen 2. Jahrgang. Waisenhaus, da-. Singsp. iu 2 8. 1811. Vierte Auslage. 35 kr. 7'/, Sgr. Wald, der, bei Hermannstadt. Romant. Schauspiel in 4 8 «ach dem Französischen von I. F. Weissenthurm, gr. 8. 1833. 80 kr. 1k Sgr. Waldbrand, der, oder Jupiter- Strafe. Kom. Original-Zaubersp. mit Gesang in 2 A. von I. E. Gulden, gr. 12. 40 kr. 8 Sgr. Waldegg. da- Gut, die Husaren «nd der «tn- derstrnmpf. Posse mit Gesang iu 3 8. von F. Hopp. 8. 1848. 75 kr. 15 Sgr. Waldraff der Wandler. Schauspiel mit Gesang in 4 8 . von Schuster. 2 Thle. 1805. 80 kr. 18 Sgr. Waldweibchen, daS. 1. Thl. Roma«t.-komisch. Volksmärchen mit Ges. m 3 8., als Seitrn- stück zum Donauweibchrn. Nach einer Sage der österr. Vorzeit, von HenSler. 1800. 50 kr. 10 Sgr. 2 fl. 1 Wallishauffer'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Wallenstei«. Trauersp. in 5 A. Nach Fr. von Schiller'- dramatischem Gedicht zur Darstellung eingerichtet. 1814. KO kr. 12 Sgr. Waltron, Graf vor», oder die Subordination. Original-Trauerspiel in 5 A. von Möller. 1802. KO kr. 12 Sgr. — — 2. Theil. Dienst und Gegendienst. KO kr. 12 Sgr. Wampum, Sultan, oder di« Wünsche. Oriental. Scherzspiel in 3 A. v. Kotzebue. 40 kr. 8 Sgr. Wand, die spanische, dramat. Kleinigkeit in 1 A., s. Castelli Sträußchen 1. Jahrgang. Wanda, Königin der Sarmaten. S. Werner Theater 4. Band. Waukelmüthtge, die, oder der weibliche Betrüger. Lustsp. in 3 A. Nach dem Englischen des Cibber für'- deutsche Theater eingerichtet von Schröder. 1805. 40 kr. 8 Sgr. Was ein Weib kann. Dolksstück mit Gesang in 3 A. v. Fried. Kaiser. (Wiener Theater-Rep. Nr. 217.) KO kr. 12 Sgr. WaS sei» soll, schickt sich wohl. Original-Lustsp. in 3 A. von Jünger. 1803. 50 kr. 10 Sgr. Wasa Gustav. Schausp. in 5 A. von Kotzebue. 1802. KO kr. 12 Sgr. Wasa Gustav. Ballet in 5 A. von Muzarelli. 1811. 10 kr. 2 Sgr. Wasser, stille, lüge». Lustspiel in 3 Acten nach dem Spanischen des Ealderonvon Dr. Spengel (Wnr. Theat-Rep. Nr. 192.) KO kr. 10 Sgr. Weberg'sell, et« armer. Originalpoffe mit Gesang in 3 Acten, von Carl Julius. (Wiener Theater-Rep. Nr. 114.) KO kr. 12 Sgr. Wechsel, der. Lustspiel v. Jünger. 50 kr. 10 Sgr. Weh' dem, der lügt. Lustspiel iu 5 A. von Franz Grillparzer, gr. 8.1840. 1 fl. 50 kr. 1 Thlr. Weiberehre. Sittengemälde de- 13. Jahrh. in 5 Acten von Ziegler. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Weiberfeind, der. Schauspiel in 1 A. von Koch 8. 180k. 20 kr. h Sgr. Wetberkomplott, daS. Lustspiel in 5 A. nach d'Ancourt. Don Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr. Weiberlaune« und Mänuerschwäche. Orrg. Lustsp. in 5 A. v. Ziegler. 1809.8.50 kr. 10 Sgr. Weibertansch, der. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen k. Jadrg. Weissenthurn, Joh. Franul v., neueste Schauspiele XI. Band, oder neuer Folge 3. Band. Enthält: da- letzte Mittel. Lustspiel in 4 A. — Ter Traum. Lustspiel in 1 A. — Die Reise nach Amerika. Schauspiel in 1 A. — Dir Engländerin. Lustspiel in 1 A. gr. 8. 182k. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. — —XII. Band, oder neuer Folge 4. Band. Enthält. Die Pilgerin. Lustspiel in 4 A. — Die Burg Gölding, Rom. Schauspiel iu 5 A. — So lohnt sich Kunst. Vorspiel zum 4. Oktober gr. 8. 1829. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. — — XIII. Band, oder neuer Folge 5. B. Enthält: DaS Manuskript. Lustspiel in 5 A. — Pauliue, Schauspiel in 5 A. gr. 8. 1832. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. — — XIV. Band, oder neuer Folge K. Band. Enthält: Des Malers Meisterstück. Lustspiel in 2 A. — Der erste Schritt, Lustspiel in 4 A. — Der Brautschleier, Lustspiel in 1 A. — Die Geprüften. Lustspiel in 5 A. gr. 8. 183«. 2 fl. 50 kr. 1 Thlr. 20 Sgr. Wallishausser'sche Buchhandlm — — XV. Band, oder neuer Folge 7. Band. (Nachgelassene Schauspiele. HerauSgeg. von Carl Engelbrecht. 1. Band.) Enthalt: Die Fremde, Schausp. in 3 A. — Die stille Braut. Alpensage in 1 A. — Ein Mann Hilst dem andern. Lustspiel in 1 A. — Alles aus Freundschaft. Lustspiel in 1 A. — Sie Hilst sich selbst. Lustspiel in 4 A. gr. 8. 1848. 2 fl. 70 kr. 1 Thlr. 24. Sgr Welt, alte und neue. Schausp. in 5. A. von Iffland. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Weltto« und Herzensgüte. Familieng. in 4 A. von Ziegler 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr.. Wem gehört die Frau? Schwank in einem Aufzuge nach d. Französischen v. Theod. Flamm. (Wr. Theat.-Rep. Nr. 105.) 35 kr. 7V, Sgr. Wendung» die «nvermuthete. Lustspiel in 1 A. von Jünger. 1804. 8. 40 kr. 8 Sgr. Wer de« Schaden hat, darf für den Spott nicht sorge». Komische Oper in 2 A. nach Dorvigny von Hensler. Musik vom Kapellmeister Müller. 1798. 40 kr. 8 Sgr. Wer ist sie? Lustspiel von Schröder. 8. 40 kr. 8 Sgr. Werner, Friedrich Ludwig ZachariaS. Theater 7 Bände mit Kupfern, gr. 8. 1813 — 20. 14 fl. 9 Thlr. 10 Sgr. Inhalt: I. Die Söhne de» Thals. Ein dramatische» Gedicht, erst. Thl.: Die Templer aufCypern. II. Die Söhne des Thals, zweiter Theil: Die Kreuzesbrüder. III. Martin Luther, oder di« Weihe der Kraft. Eine Tragödie. I V. DaS Kreuz an der Ostsee. Ein Trauerspiel, erster Theil: Die Brautnacht. — Wanda. Königin der Sarmaten. Romantische Tragödie mit Gesang in 5 Arten. V. Attila, König der Hunnen. Eine romantische Tragödie m 5 Acten. VI. Der vierundzwanzigste Februar. Tragödie in 1 A. — Kunigunde die Heilige, römisch- deutsche Kaiserin. Romant. Schausp. in 5 A. VII. Die Muuer der Makkabäer. Tragödie iu 5 Acten. Einzelne Bäude, soweit der Dorrath reicht, 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Westen, Therese, oder Großmuth und unglückliche Treue. Trauersp. in 4 A. v. Laber. 8. Brünn 1790. 40 kr. 8 Sgr. Wette um ein Herz, die, oder Künstlersin» und Frauenliebe. Lustspiel mit Gesang in 3 A von C. Elmar. 8. 1843. 40 kr. 8 Sgr. Widerspenstige, die, Lustsp. in 4 A. von Shakespeare. Bearbeitet v. Deinhardstein. 1839. gr. 8. (Vergriffen.) Wie mache« sie es iu der Komödie, oder die buchstäbliche Auslegung. Lustsp. von Brömel. 35. kr. 7'/, Sgr. Wiedervergeltung, Lustsp. iu 3 A. Nach dem Franz, von F. Haffaureck. 1811. 50 kr. 10 Sgr. Wien, oder Blätter der Geschichte. Histor. Gemälde in sieben Abtheil, und einem Vorspiele v. Carl Juin (Giuguo). 8.1857. fl. 1 — 20 Sgr. Wienerin, die schöne. Lustspiel in 1 A. v. Weidmann. 35 kr. 7'/, Sgr. Wienermädcheu, das tapfere. Gelegenhertsstuck in 5 A. von Hensler. 8. 40 kr. 8 Sgr. g (Josef Klemm) in Wien. Wikinson und Waudrop. Schauspiel in 5 A. v. Möller. 1792. 50 kr. 10 Sgr. Wilddieb, der. Liederspiel iu 1 A. s. Castelli Sträußchen 3. Jahrg. Wildfang, der. Lustspiel für die Verdauung in 3 A. von Kotzebue. 1811. 50 kr. 1» Sgr Windmühle von Tripstrill, oder die Art die Weiber jung' zu machen. Grotesk-komische Pantomime von Hasenhut. 10 kr. 2 Sgr Wtrthe, die vornehmen. Kom. Oper in 3 A. Nach dem Franz, von I. R. v. Seyfried. 1813. 40 kr. 8 Sgr Wirthin, die Frau. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten v. Friedr. Kaiser. (Wiener Theat.- Rep. Nr. 67.) 60 kr. 12 Sgr. Wirthschafterin, die neue. Posse mit Gesang in 1 Act v. Alois Berla. (Wiener Tteater-Repcr- toir Nr. 175.) 35 kr. 7'/, Sgr. Wittwe die schlaue, oder die Temperamente. Posse in 1 A. von Kotzebue. 25 kr. 5 Sgr. Wittwe, die, und das Reitpferd. Drain. Kleinigkeit von Kotzebue. 1808. 35 kr. Sgr. Wittwen, zwei. Lustspiel in 1 Akte, v. Felicien Mallefille. Deutsch von Alexander Bergen. (Wr. Theat.-Rep. Nr. 140.) 35 kr. 7'/, Stzr. Wittwer, der. Posse in 1 A. von Deinhardstern. gr. 12. 1818. (Derariffen.) Witzigungen, oder wie fesselt man die Gefangenen. Lustspiel in 3 A. Nach dem Englischen von W. Vogel 8. 1843. 1 fl. 20 Sgr. Wo war sie? Lustsp. in 4 A. Nach dem Franz, von Ehrimfeld. 1805. 40 kr. 8 Sgr. Wülfingen, Adelheid von, Schausp. in 4. A. von Kotzebue. 1809. 50 kr. 10 Sgr Wunderdoctor, der. Original-Lebensbild mit Ges. in 2 Arien von Carl Gründorf. Musik von Kapellmeister Hopp. Wiener Theat-Revert. Nr. 57.) 12 Sgr. oder 50Ngr. Wunderkomödie, die. Schwank mit Ges. in 1 Aci frei nach dem Spanischen des 0«rvkmts3 von Dr. Speugel. (Wiener Theat.-Rep. Nr. 214.) 35 kr. 7'^ Sgr Wundervogel, der, Volksmärchen der Vorzeit, mit Gesang in 2 A. 1807. 40 kr. 8 Sgr. Aelva, oder die russische Waise. Drama in 2 A. s. Castelli Sträußchen 14. Jahrgang. Uugurd, König, Trauersp. in 5 von A. Müll- »er. 8. 1817. Original-Auflage. 1 fl. 20 kr. 24 Sgr. Zaide, oder das Weib in ihrer wahren Schönheit. Lustsp. in 4 A. von HenSlrr. 1792. 8. 40 kr. 8 Sgr. Lair», ^xione ervie» per LlumvL in äus 241ti 1805. 35 kr. 7 '/,Sgr. Zampa, oder die Marmorbraut. Romantischkomische Oper in 3 A. Nach dem Franz, des MeleSville. Musik von Herold. 8. 1839. 35 kr. 7'/^ Sgr Zauberflöte, die. Große Oper iu 2 A. Musik von Mozart. Neue Auflage 12. 35 kr. 7'/^ Sgr. Zauberhöhle, die, des Trofouius. Frei nach dem Jtal. von Holhei». Musik von Salieri. 80 kr. 12 Sgr. Zauberkufl, der. Heroisch-komische Zauberoper in 2 A von Hosmüller. 1807. 8. 40 kr. 8 Sgr. Zauberlaterne die, Lustsp. in 2 A. s. Castelli Sträußchen 10. Jahrgang. Zauberschleier, siehe die bezauberte Leier. Zauberring» der. Feenballet in 4 Acten von Albert. 8. 1830. 10 kr. 2 Sgr. Zauberschwerdt, daS. Romantisch - komisches Original - Singspiel in 2 A von HenSlrr. Musik von Eibler. 1302. 40 kr. 8 Sgr. Zauderer, der eilig'. Lustsp. in 1 A, s. Castelli Sträußchen 19 Jahrgang. Zeche, die, oder: Gastwirthund Bürgermeister in einer Person, siehe: Erstellt Sträußchen 4 Jahrgang. Zeitalter, die. Drei flüchtige Skizze» zu einem chronologischen Charaktergemälde von C. M. H-.tgel. Jnbalt: 1. So sind sie gewesen. 2. So waren sie. 3. So sind sie. 1812. 50 kr. 10 Sgr. Zemira. Drama mit Musik in 2 A. Nach dem Italienischen des A. L. Totola. Musik von Rossini. 1822. 35 kr. 7'/, Sgr. — — Dasselbe italienisch. 1822. 35 kr. 8'/, Sgr. Zemire und Azor. Singspiel in 4 Aufz. 1790. Zerrissene, der. Posse mit Gesang in 3 A. von I. Nestroy (Die Handlung ist dem Französischen l/honniis blnss nachgebildet.) 12. Mil alleg. illum. Bilde. 1815. 75 kr. 15 Sgr. Zerstreuten, die. Posse in 1 A. von Kotzebue. 12. (D ergri ffen.) Zigeuner, der. Genrebild mit Ges. in 1 Acte von Alois Berla. (Wien. Theat. Rep. Nr. 90.) 7'/, Sgr. 35 Nkr. Zriuy. Trauersp. in 5 A. von Th. Körner. 8. 60 kr. 12 Sg^. Zopf, der schönste. Komisches Zeitbild mit Ges. in 1 Acte v. E. Elmar. (Wien. Theat.-step. Nr. 183.) 7'/, Sgr. 35 Nkr. Zu ebener Erde und erster Stock, oder di« Launen des Glücks. Localpoffe mit Gesaug in 3 A. von I. Nestroy. gr. 8. mit 1 großen alleg. illum. Bild. (Vergriffen.) Zufälle, die. Lustsp. v. Schröder. 8. 35 kr. 10 Sgr. Zum erste« Mal im Theater. Posse in 1 A. von Fr. Kaiser. (Wiener Theater-Reperroire Nr. 9.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Zum goldenen Löwe«. Siugsp. in 1 A. 1307. 50 kr. 4 Sgr. Zurückkunft des VaterS Vorsp. von Kotzebue. 25 kr. 5 Sgr. Zusammenkunft die «uvermuthete. Singsp. in 3 A. Aus dem F'anz. 1807 30 kr. 6 Sgr. ZwilliugSbrüder. Lustsp. in 5 A. Nach Regnard von Schröder. 1782. 8. 50 kr. 10 Sgr. ZwillingSschwesteru» die drei. Originallustsp el in 5 A. 2. Aust. 1786. 8. 50 kr. 10 Sgr. Zwirnhändler, der, auS Oberösterreich. Lustsp. in 3 A 1807. 40 kr. 8 Sgr. Zwist, der häusliche. Lustsp. in 1 A. 12. 35 kr. 7'/, Sgr. Zwölf Uhr. Bilder aus dem Volksleben in 3 Acten und 9 Bildern von O. F. Berg.(Wien.Theat« Rrpert. Nr. 198.) 60 kr. 12 Sgr. Wallishausser'sche Buchhandlung (Zosef Klemm) in Wien. Truck und Papier ron L. Sonn»» L Ooinr- in Wien. Als Manuskript gedruckt und rechtmäßig nur zu beziehen durch die conceffio- nirte Theateragentur von Franz Kratz in Wien. Die Prinzessin von Dragant. komische Operette in 3 Akten nach Nestroy'8 Lohengrin-Parodie . von Carl Costa and M. I. Graadjeaa. Musik von Franz von Supp«. Personen: Hanns der Gerechte, Mark- und Gaugras von Bogelsinger. Lohengelb, spindrldünneinsahrender Ritter, ^lsa von Dragant. Pafnuzi, Erbe von Dragant, ihr Bruder. Ritter Mordigall von Weiterschlund, ^trtrude, hohe Rittersfrau und niederlän» dische Hexe, seine Frau. Der Hinund h erlauser des Mark- und Gaugrafen. Der Grall. Hagen t Usso > genannt die drei rothen Ritter. Knaus s Eud oxi a, Aufseherin der Burgfräulein und Elsa's Gouvernante. Waglinde ^ Wellgunde i Flossilt>e k Sisonia ) Burgsräulein. Theonilla ! Brunhilde k Adelgunde Hofdamen, Ritter, Pagen, Knappen. Tambours, Pseiser, Hornbläser und Volk. Die Handlung spielt in der Vorzeit an den Usern der niederländischen Gebirge. i Erster Act. Freie Gegend, im Hintergründe Gebirge, rechts im Vordergründe ein Thronsitz für den Gnugrasen, links ein minder erhabener Sitz für Gertrude. Erste Scene. (Beim Ausziehen desVorhanges steht dasVolk versammelt (Männerchor) zum Empfange der Gaugrafeo. an ihrer Spitze als Arrangeur dei Hinundherläuser. Tambour und Pfeifer (Damen vom Ballet) begleiten den Gesang. Wäh rend des Chores erscheinen Hofdamen, Ritter. Pagen, Schildknappen und Hornbläser, später der Gaugras, Ritter Mordigall und Gertrud, Ritter Hagen, Uffo und Knaus, alle im grüß* len Glanze. Musikbande aus dem Theater.) Ehor des Volkes. Jubel — Victoria! Dem Gaugraf ein Gloria, Jubelt empor Bis an sein Ohr; Hanns der Gerechte, Der Tapfere, der Echte, Nahet sich schon Hier seinem Thron, Spendend dem Volke die Liebe zum Lohn! So schön — so roth — und gar so dick Ist unser Hanns — o welches Gluck! Er strahlt im Glanze — und hellcrPracht. Daß uns das Herz im Leibe lacht! (Unter einem kurzen Marsche mit Pfeifen und Trommeln erscheinen die Ritter.) Hinundherl. Gruppirt Euch alle schön, Die Einen fitzen, Andre steh'n, Damit recht weisevoll Der Thron im Glanz erscheinen soll. Hofdamen. Unser Kranz — hebt den Glanz, Die Flinserln funkeln hell; Rings herum, um und un« Gold und Juwel! Mordigall (für sich). Ich Bösewicht, Tyrann, Steh' da als Trottel statt als Mann. Gertrud (leise zu Mordigall). So sei doch nicht so stumm. Sei keck, — sei frech und nicht so dumm. Alle. Jubel, Victoria! Dem Gaugraf ein Gloria, Jubelt empor Bis an sein Ohr; Hanns der Gerechte—der Ta pf're der Echte, Sitzet ja schon — huldvoll am Thron. Spendend dem Volke dieLiebe zum Lohn! Hinundherl. Hört, wer von Völkern da und nah ist, Daß er, Hanns der Gerechte, da ist. Alle. Victoria, Victoria. Victoria hurrah, Mark- und Gaugraf, Hanns der Gerechte ist da! Gaugraf (spricht). Gegen euren Enthusiasmus läßt sich gar nichts sagen, Doch kann mit eur'en Vivats ich den Feind nicht schlagen, D'rum möcht' ich mir aus eu'rer Mitte Krieger werben, 3 So rechte Krieger, die mit Wonne für mich sterben. Ich muß partout den Feind einmal besiegen. Hier heißt es Schläg' austheilen oder kriegen. Hagen. Za, ja, Du hast wohl Recht — wir kriegen— Hinundherl. Zn dieser Burg ein solcher Ton? Das ist ja rothe Opposition! Gaugraf. Unser Land will Ordnung mit der Freiheit. Dieser Satz ist nagelneuester Neuheit, Für Ordnung sorge ich, Ihr sorget, daß wir frei! Gaugraf. I Was? Hagen. Wir kriegen Sieg! wollt' ich sagen! Doch Eines noch muß ich Dich früher fragen: Gerechter Hanns, o denk' daran, Der Feind hat uns nichts Leid's gethan Nnd wenn man stirbt, müßt' man doch gern warum. So rein per Putz sich opfern ist zu dumm! Gaugraf. Du mußt Dir immer deinen rothen Schnabel wetzen. Ich hätte gute Lust. Dich in den Kotter z'setzen. Hagen. Ja, ja. wir kennen schon die alte Fopperei! Gaugraf. Ha, ich bitt' mir's aus, sonst ruf ich gleich die Polizei! Und zum Beginn, damit der Streit nun endlich aus, Werft's mir den Hagen sammt den zwei Rittern 'naus! Hagen. O schändlich, o schmählich, so weit sind wir gerathen, Wir Männer der Freiheit — Uffo, Knauf und Hagen. Wir Volksdemokraten! Hagen. Mich in den Kotter! mich, den Ritter Hagen? Na versteht si, mit Verlaub zu sagen! Mich sperrt man nur gleich ein so mir nix dir nix! Glaubst Du, wenn ich verwundet werd', ich spür nix? Zch habe Muth, ich Hab' sogar Eourage, Doch holt Euch nur allein eure Blamage. Uffo (zum Gaugrasen). Wohl hast Du Recht, daß Dich das baß verdroß. Knauf. Wir rücken nicht aus! Hagen, Uffo und Knauf. Nein, nicht um ein G'schloß! (AlleDrei werden abgeschoben, schleichen sich jedoch bald hieraus ans der andern Seite wieder ein.) Gaugraf. Wir reden später noch von diesen G'schichten, Jetzt willPrivatverhältnifse ich einstweilen schlichten! (ZuMordigall.)Gib Antwort, Ritter Mor- digall, bedenke gut sie. Sag' an, wo ist dein Mündel hin, der Prinz Pafnuzi? Gertrud (zu Mordigall). Sag' nichts darauf als: Waas mas denn? Mordigall (laut). O hoher Mark- und Gaugraf: Waas mas denn? i* 4 Gaugraf. Habt Jhr's gehört? er sagte: Waas mas denn? Alle (singen). Waas mas denn? — Waas mas denn? Gertrud (nickt Mordigall beifällig zu). Mordigall (spricht leise zu Gertrud.) Ich bin noch jung, es wird schon geh n. (Laut.) In einer Nacht, feucht, neblich. kalt und düster — Gau graf (Mordigall unterbrechend). Halt ein, — Du sprichst wohl von der g'wifsen Schlacht, Wo uns der Nebel damals Lazzi vorgemacht? Mordigall. Gar keine Spur, das sein ganz andere G'schichten, Hör' mich nur vorerst an, was ich Dir will berichten: In einer Nacht, feucht, neblich, kalt und düster- Hinundherl. Das haben wir schon einmal gehört, Es hat's kein Mensch da eupo begehrt! Ueberhaupt, Freund, tummle Dich und eile, Du kriegst dein Honorar nickt nach der Zeile. Gaugraf. Was stellt der Knirps sich auch noch da dazwischen! Wo Ritter männlich sprechen, hatNiemand sich hinein zu mischen! (Zu Mordigall.) Also weiter: In einerNacht, feucht, neblich, kalt und düster — Da fand den Tod Pafnuzi, die G'schicht' wird immer düst'rer, Abmurxelt die Millischwesier den Bruder und Geschwistrer. Alle. Ha, welch' schauderhafte That! Gaugraf. Die Mähre viel des Dunklen an sich hat! Gertrud (bei Seite). Ich sitze da und rühr' mich nicht, Ich schau nur all'weil mit'n G'ficht! Hinundherl. 's kommt auf die That, Sic naht, sie naht! Zweite Scene. Elsa, Eudoxia, Woglinde, Well- gunde, Flossilde, Sifonia, Theo- nilla, Brunhilde, Adelgunde, die Vorigen. Elsa, Eudoxia und die Burgfräulein (treten lustig trillernd rin). la, la, la, la la la. Elsa. (Lied.) So als unschuldsvolle Maid In der alten Ritterzeit Hat wohl auch was Gutes, Wenn's so immer bleibt, dann thut es. Steht manchmal ein Seladon Schwärmend unter m Burgbalkon, Schaut man ihn so an, Und ach, der Gimpel hängt gleich dran Und wenn die Seufzer tiefer dringen, Dann thut man endlich altdeutsch fingen la, la, la, la, la, la! Mordigall. Zn einer Nacht, feucht, neblich, kalt und duster. Da gingen in s Gebirge die zwei Geschwister, (Eudoxia und die Burgfräulein wiederholen den Jodler.) Elsa. Geht dann weiter die Amour, Macht der Reiter ihr die Cour, 5 O da g'schehen oft Sachen. Die einem 's Herz ganz gruslich machen. Stets im dichten Waldeshain Bei dem fahlen Mondenschein Schlendern sie umher Und ach, das Herz wird liebesschwer. Und wenn die Seufzer tiefer dringen, Dann thut man wieder altdeutsch singen la, la, la, la la la! (Eudoxia und die Burgsräulein wie oben.) Gaugraf (spricht). Sehr schön! — Statt vor Schmerz und Kummer zu erblassen, Singst Du G'stanzeln da, bist ausgelassen! Eudoxia. Herr Mark- und Gaugraf, ei, das muß ich mir verbieten. Als Aufseherin der Burgfräulein Hab' ich mit bewacht auch ihre Sitten. Gaugraf. Schöne Sitten für eine Elsa von Dragavt, Wenn sie den Tod gab ihrem Bruder mit eig'ner Hand, Das ist ja, sagen könnte man, fast schon eineSchand! Eudoxia. Sie ist im Stand nicht, daß sie ein Hendl nur beleidigt, Viel weniger daß sie ein Mannsbild meuchlerisch beseitigt. Ich dachte, Ihr Herrn, Ihr wüßtet es bereits. Daß Elsa eine Perle ist, nix Zweit s. (Im Amtston.) D'rum kann ich hier als Hochoffizielle. Aus ganz unwiderlegbar sich rer Quelle Die Mord-Sensationsgeschichte, meine Herren, Als böswillige Lüge nur erklären! Alle Burgfräulein. Elsa ist aller Jungfrauen Zier, Sie ist so rein und schuldlos wie wir! Gaugraf. Na jetzt, das heißt so viel .... Darüber sein wir Alle still! Alle Burgfräulein. (Alle untereinander sehr beleidigt.) Woglin. Erlauben Sie, mein Herr — Wellg Wer will uns wohl belasten? Flossil. Wo wir nur beten, fasten! Sifon. Die Strümpfe stoppen, nähen. Theon. Und nichts als Stockfisch' sehen. Brunnh. WirJungfrauen sind ausEisen. Adelg. Wer kann uns was beweisen? Alle. Wer? wer? wer? Eudoxia (dazwischentretend). Nur Ruhe, meine Damen, 's gibt noch Mittel, uns re Ehre zu retten. (Zu Gaugr.) Nachgegeben, oder (drohend) verstanden? Hinuudherl (bei Seite). Ha. ha, frühere Amoretten! Gaugraf. No ja, versteht sich, Ihr habt's ja Recht, 's ist Alles wahr, was Ihr da sprecht. Hinuudherl. (zu den Mädchen). Aber meine holden Damen, Dieses Lärmen, Sie sollten sich schämen! Elsa steht hier vor Gericht, Ja, das wird eine böse G schicht'! MitSpektakeln find wir nicht abzuspeisen. Schreien hilft nicht. Thatsachen beweisen, Denn das bloße Dementiren Thut heut' zuTag Niemand mehr geniren. Gau graf (wüthend). Bin ich statt des Teufels da, — jetzt wird mir's zu dick, Das Beste red't mir weg der kleine Galgenstrick! (Zu Elsa.) O Elsa, schau mich an, bedenk' es wird gerochen, Hast Lu den Millibruder wirklich abgestochen? Elsa (schüttelt den Kops). Gaugraf. > Du beutelst mit dem Kopf? — ja liebste Elsa, das könnt Jede, Du stehst hier vor Gericht, d rum sprich und rede, Doch plausche uns nicht an, denn wennDu uns belogen, (Legt den Finger auf ihre Nase.) Kenn ich's an deiner Nase arabisch kühn gebogen. Nun, Elsa, g'schwind heraus, kannst Du's mit Reden nicht bezwingen. Dann thu Du uns die G schicht' in Noten fingen. Elsa (fingt). Die Nacht war schön, die Lüfte wehten milde, Der Mondesstrahl erhellte die Gefilde. Und sorgenlos in dunkeln grünen Haine Wandert' ich mit mein' Pafnuzi ganz alleine. Nach einem Blumenstrauß war mein Verlangen, Er that indeß Johanniskäferln fangen, Und wie ich fast den Strauß mir voll gebunden, War der dumme Bub' vor meinem Aug' verschwunden Ich suchte ohne Unterlaß» Bald an des Waldes Saum, Bald in des Haines Raum, Bald wo der Waid.nann jagt, Bald wo die Kröte quackt, Bald wo,die Gelse sticht, Bald wo die Nachtigall das Schweigen bricht! Vor Angst war meine Wange blaß, Ich könnt' nicht schnaufen mehr, Stets war mein Auge wach, Doch meine Glieder schwach, Ich ließ den Bnb'n im Stich Und setzte mich! Und so mit meiner Pein Im Walde ganz allein, Von keiner Seel' gehört. Stand ich von Schmerz verzehrt. Da sank mein Augenlid, Weil ich so schrecklich müd'. Und bald wär' ich, ja bald. Entschlummert in dem Wald, Da hör' ich Schritt für Schritt So männlich festen Tritt, Er nahet immer mehr, Da ward mir ängstlich sehr; Es war ein Rittersmanu gar schmuck und zierlich, Er sprach zu mir so fein und so manierlich; )ch fühle mich so selig wonnetrunken. Hochbeglückt, in trauter Liebeslust versunken, O Gott, wie schön war jener traute Abend, Für meine Brust erquickend süß und labend. Er drückte mich ans Herz so warm und innig. Schwur mir ew'ge Lieb' und Treu ! Man hörte nichts als ach. Und gleich darauf wieder ach, Da leicht man sich vergißt. Ward endlich gar geküßt Und so in meiner Unschuld, kosend gar so sehr. Vergaß ich den Pafnuzi und noch weit viel mehr! Eudoxia (spricht bei Seite). Ach wie selig, wonnig, meiner Treu', Warum war ich nicht auch dabei! Nein, Elsa, die so zart und rein, Kann schwarzer That nicht schuldig sein! (Bei Seite. ) Nur Opposition, das thut mich freuen! Gaugraf (Hagen erblickend). Was? — der rothe Ritter wieder da? Ob man jemals solche Frechheit sah! Mordigall (vortretend). Sie ist die Mörderin, ich kämpf auf Tod und Leben drauf. (Wirft den Handschuh hin.) Hier liegt mein eiserner Glacö, wer Lust hat, heb' ihn auf! 7 Hinundherl. Wer will für Elsa von Dragant es wagen. Mit Ritter Mordigall sich 'rumzuschlagen? Hier steht sie in der Mitten Und läßt schön bitten Zum Ersten, Zweiten und zum — Dritten! Hagen. 's kommt kein Anbot für Elsa, bei meinem Schwerte, Schlagt sie los unter dem Schätzungs- werthe! Mordigall (leise zu Gertrud). Jetzt bist Du so stumm und stehst so da; So red' doch was, benimm Dich nicht als Statua! Gertrud (leise zu Mordigall). Ich sitze ruhig auf meinem Sitz, Erst später komm ich in die Hitz! Gaugraf. Ihr edlen Ritter, nun, wie ift's, erklärt buch doch! Hinundherl. Wenn sich nicht bald Einer meldet, so wart't er noch. Hagen. Wir schweigen alle mäuserlstill. Weil Keiner mit ihm fechten will! (Bei Seite.) Das ist Ostentation, Da gibt's Revolution! (Auf des Hinundherlauser'8 Wink treten vier Trompeter vor und blasen nach allen vier Seiten den Ruf. Fanfare.) Elsa. Mein Ritter, willst durchaus bleiben, mir die letzte Hoffnung rauben? Gaugraf. Ich weiß nicht, auf den Ritter Hab' ich schon kein' rechten Glauben. Hagen. Es zeigt sich nichts — doch halt — ja, ja. — VomBerg herab — da steht — jaja, — Alle (fingen). O seht nur — das Schaf! Ein wunderbarer Rittersmann Eilt da zu uns herab. Doch wunderbarer sein Gespann, Hopp hopp, trapp trapp trapp trapp! Holla, — schon kommt er nah'. Hoho, — bald ist er da, Er haut das Schaf ganz schonungslos, Vortrefflich dient es ihm als Roß! Seine Rüstung glänzt und funkelt Und sein Schwert ist filberblank. Selbst die Sonne er verdunkelt, Auch sein Wuchs ist schön und schlank! Ja heult ihm, ja heult ihm ein Heil ihm entgegen. Kanonen los — bum — er ist schon da. (Während dieses Ehore« kommt Lohengelb, auf einem fantastischen Wagen sitzend, von einem Schafe gezogen, den Berg herab, im ersten Erscheinen ganz klein, dann etwas größer, zuletzt in wirklicher Größe.) Elsa (ohne nach dem Hintergründe zu sehen spricht). Mir klopft das Herz, das kündet an. Es kommt der süße Rittersmann. (Erst im Augenblicke als das Schaf mit Lohen« gelb hält, wendet sich Elsa um und stößt einen Schrei der Ueberraschung aus.) Dritte Scene. Lohengelb, die Vorigen. Lohengelb (das Schaf verlassend, singt). Nun sei bedankt, mein gutes Schaf, Kehr' wieder heim zum Zauberschlaf, Sei fein geduldig, lieb und brav, Leb' wohl, leb' wohl, mein gutes Schaf! (Das Schaf geht langsam zurück. Lohengelb > blickt ihm nach.) Hinundherl. (spricht zu Lohengelb unter Musik). Hier ist der Mark- und Gau- und sonst auch edle Graf. Lohengelb. Geduld! Adieu sagen muß ich erst dem lieben weißen Schaf! Gau graf (verblüfft für sich). Sitz ich denn da so wie ein Türk, der an- gemalen, Kommt mir doch vor, als fänden mehr an jenem Schaf Gefallen! Lohengelb (singt dem Schafe npchwinkend). Sei sei geduldig, lieb und brav. Leb' wohl, leb' wohl, mein gutes Schaf! Leb' wohl, mein Schaf, leb' wohl, mein Schaf! (Wendet sich zum Gaugrafen.) Und nun zu Euch, Mark- und Gaugraf! Gaugraf (spricht). Was führt Euch her, was habt Ihr auf dem Herzen? Hinundherl. Fehlt Euch was? Habt Ihr sonst keine Schmerzen? Hagen. Wie geht's Euch, sagt es ungenirt. Lohengelb. Ich dank' der Nachfrag, 's muß gleich gut sein, bis es bester wird. Elsa (für sich). Wie süß er spricht, der saub're Mann! Hagen (Elsa betrachtend, für sich). Ha, welche Wonne! Seht sie an! Gau graf (zu Lohengelb.) Sagt an, Ihr edler Ritter, von wo Ihr hergezogen? Hinundherl. Wir glauben Alles, ist Manches auch erlogen. Gaugraf. War eure Fahrt gefährlich, ist Euch was widerfahren? O sprecht, ohne Genirer, doch Halt s uns nicht zum Narren! Lohengelb (singt). Komm aus dem Fabelland. Mit Schwert und Spieß und eis'ner Hand, Fix, war das a fesche Tour! Wie der Wind so blitzschnell Dom Himmelreich bis in die Hält'. Fix. das ging ja auf der Schnur, Tausend Bergeshöh n Mußt ich seh'n, Almen, Kogeln, Gletscher ohne Zahl; Tausend Pfarrabteien. Klerisei'n, Thäler, Klippen, Schluchten. Wasserfall! 's ging wie der Blitz! Ueber Stock, lieber Stein, Ueber Block, Groß und klein! Zuch! das war ein Gaudium! 's Wandern ist nicht dumm, la la la la la la! (Während des Refrains machen alle Anwesenden einige Eancan-Figuren.) Sah in die Paläste n'ein, Zn's Prachtgemach, in s Kämmerlein, Fix, was mußt' ich da erschauen! Tausend Dinge mußt' ich seh'n, Geheimnisse gab's zu erspäh'n, Fix, könnt' kaum den Augen trauen. Da 'ne Sennerin Liebe glüh'n, Küssen, kosen, schmachten ohne Rast, Dort ein frommer Hirt Ungenirt Seine dicke Köchin angefaßt, 's ging wie der Blitz Ueber Stock, Ueber Stein, Ueber Block, Groß und klein! Juch! das war ein Gaudium! 9 's Wandern ist nicht dumm, la la la la la la! . (Tanz wie oben.) Gaugraf (spricht). Nichts zu sagen, sehr schön find diese G'stanzeln, Doch sagt, ob Ihr gekommen mit uns Cancan zu tänzeln? Lohengelb. O nein, weil größ'reSendung thut hierher mich führen! Hinundherl. Wollt Ihr vielleicht durch Sang und Tanz uns imponiren? Hagen. Mit dieser Stimm ? Ihr werft ja schon beim 6 um. Und mit dem Tanz da geht nur in's Orpheum. Lohengelb. Zum Ritter Hab' ich mich ernannt Der jungen Elsa von Dragant! (Zu Elsa, indem er auf Mordigall deutet.) Wenn ich den Ritter Dings da dort, wie heißt er denn geschwind, — egal — wenn mir auch der Namen nicht einfallt — besiege. Versprichst Du mir, daß ich Dich dann zum Dings da, wie sagt man — Der hier zu Land und in der altdeutschen Zeit, — hab's schon! Zum eh'lichen Gespons Euch kriege? Elsa. Zu klein für Dich ist solch ein Lohn, Du kriegst mich nicht. Du hast mich schon. (Sinkt an srinen Hals.) Lohengelb. Das war' ganz recht! einNifi nur! Wenn ich werd' nehmen Zur Gattin Dich, wirst Du dann auch die Neugier zähmen? Geheimniß muß von mir Dir Alles bleiben, Was üblich ist ins Tagzettel einzig schreiben, Geburtsort, Alter, Stand, Hantinmg, Heimatsschein, »Hat Paß von« — und wies alle heißen die Rubriken! Wie nun so was so deinem Munde fragend wohl entschlüpft thut sein, Dann muß ich fort und werde nimmer Dich beglücken. Elsa. Du bist mein Schatz, mein lieber Mann. Das And're geht mich garnix an! Zu schweigen ist des Weibes Pflicht Was mich nicht brennt, das blas ich nicht. Lohengelb (zu Elsa, die ihn immer umschlungen hält). Wenn ich jetzt kämpfe, kannst Du keinesfalls So mich umschlingend bleiben ja an meinem Hals! (Macht sich sanft los, zieht das Schwert und wendet sich gegen Ritter Mordigall.) Jetzt werden wir Zwei mit einand' discu- riren. Mordigall. Mein ist der Sieg, will Jemand d'rauf pariren! (Zieht sein Schwert.) So wisse, Wunden setzt es tiefe Wenn ich ergreif die Offensive! (Leise sich zu Gertrud wendend.) Was glaubst Du, Weibk Gertrud (leise zu Mordigall). Kühn magst dein Schwert Du führen. Ich Hab' bezahlt zwei Gulden für's Schleifen und Policen, Es ist so scharf, ich hab's erprobt schon beim Rafiren! G'augraf. Die Streiter vor — das and're Volk zuruck. Und Secundanten kriegt a Jed's drei Stuck! 10 (Die Ritter treten für Lohengelb, drei andere für Mordigall. Sie messen mit langen Schritten den Kampfplatz und stecken ihn mit ihren Sperren ab.) L o Hengelb (mißt Mordigall mit den Blicken). 's wird schwer wohl sein, ihm einen Stich zu geben, Er ist so schmal, man sticht ja leicht daneben. Hinundherl. Gebt Alle Acht auf das Gericht. Ich furcht' mich nicht — ich spieß' Dich schon. Beide. So komm' — fang' an! (Erbitterter Kampf, zu welchem Elsa und sämmtliche Anwesenden eine Kampfmusik trällern, der Kamps der Beiden währt so lange als die Musik dauern soll, muß vom Ballet- meister im Tact rinstudirt werden, und zwar in drei Abtheilungen, die erste mit der Lanze, die zweite mit dem Schwerte und die dritte mit der Faust. Jedesmal unterliegt Mordigall.) Elsa (für sich). Ich kenne mich vor Aengsten nicht. Daß ich fast schon eine Ganshaut kriege Und schwach mich fühl' wie eine Fliege. Hagen. Sie werden fechten voller Wuth, Bald schwimmt die ganze Gegend inBlut. (Auf ein Zeichen desHinundherlaufers beginnt im Orchester die Kampsmusik.) Elsa (triumphirend). Er wird ihn schon besiegen, Die Schlag' wird er schon kriegen. Und hat er nur sein' Buckel voll, Verlacht wird dann sein Groll! Ha! Welch ein wildes Ringen, Hetzen! Ha! Schauerlich, 's ist zum Entsetzen! Ha! — Liegen wird er bald in Fetzen! Alle. (Lohengelb undMordigall stehengegen- einander.) Mordigall (singt). Ich will Dich schon curiren! Chor. Nur voran! Lohengelb. Die Schlag' sollst Du bald spüren. Chor. Faßt an! Lohengelb und Mordigall. Den Ucbcrmutb sollst büßen hier. Geh', trau Dich nur und komm herfür, Na, so komm — laß Dich karbatschen! Das Schwert in meiner rechten Faust Hat Manchem schon den Kopf zerzaust. Fang' nur an — trischaken will ich Dich! Lohengelb. Und bist Du noch so sehr gewandt, Ha! faß! — noch ein Hieb — noch ein Stich — Mutb, nur Muth! Hurrah, hurrah — bald liegt er da, Bekämpft, besiegt, in seinem Blut. Den Uebermuth muß büßen er, Der Kampf wird ihm verteufelt schwer, No so geh — laß Dich karbatschen, Das Schwert in seiner rechten Faust Hat schon Kleid und Kopf zerzaust. No so geh — trischaken lasse Dich! Und bist Du noch so sehr gewandt, Er fürcht'fich nicht — er kriegt Dich schon Und ist er Dir auch unbekannt; Er wirft Dich hin, das hast davon. Ha! liegt schon da! (Da der Kampf schon zur Neige geht, und Mordigall beinahe schon überwunden, singen Alle freudig die obige Kampfmelodie mit lala la la la la hurrah. — Mordigall ist ganz ent waffnet, fällt endlich über Lohengelb'S Kniee. welcher die Situation benützt und Mordigall mit der flachen Hand durchschlägt.) Lohengelb (spricht während des Hauens). Ha, ich könnte jetzt spalten Dir den obern Schädel, Ich Ihn'Dir aber sonsten nix. denn ich bin viel zu edel! Elsa (zu Lohengelb). O Wonne und Entzücken! Ich dachte gleich, 's wird glücken! Mordigall. Besiegt, blamirt, lieg' ich hier auf der Erden. Gertrud. Ich Hab schon 'glaubt, ich werde Wittib werden. Ehor (singt). Victoria, Victoria. Victoria, juche, Einer hat die Braut und der And re sein' Thee! Mordigall und Gertrud. Rache! Rache! Rache! (Schleichen zur Seite ab.) Gau graf (zu Lohcngelb). Ich gratulir'! Kommt auf die Burg nun zum Bankett. Da wollen wir trinken Eins, daß uns die Zeit vergeht! Alle. Jubel, Victoria, Dem Kämpfer ein Gloria, Jubelt empor Bis an sein Ohr, Er der Gerechte, Der Tapfre, der Echte, Holt sich, ich wett'. Jetzt vom Bankett. Nebst seiner Braut auch ein Räuscherl ganz nett! (Die Ritter haben Lohengelb. Elsa und den Gaugrasen in die Mitte genommen und ziehen jubelnd in karikirten Schritten nach dem Hintergründe ab.) Der Vorhang fällt. Zweiter Äet. (Burghof im mittelalterlichen Style. Im Hintergründe mit practicablem Thore der Haupt- tract des Gebäudes. Seitwärts im Vordergründe eine Weinbank. Im ersten Stocke die transparent erleuchteten Fenster des Bankettsaales, weiter nach links eine Gallerie, rechts der Tract der Frauengemächer mit Balcon. — Links im Vordergründe ein Portal.) Erste Scene. (Beim Aufziehen des Vorhanges steht das Volk im Burghof und gafft nach den erleuchteten Fenstern, aus welchen Festchöre und Toaste erschallen. — Gertrud und Mordigall, beide in einfacher, unscheinbarer Kleidung, sitzen unbemerkt, sich vor dem Volke verbergend, aus den Stufen des Portals.) Ehor des Volkes im Burghof. Schreit Alle hoch! - Hoch, dreimal hoch! Chor der Gäste aus dem Bankettsaale. Füllt die Humpen zum Rand'! Beide Chöre. Hoch soll'« sie leben die Verlobten von Dragant! Männer des Volköchores. Hochzeit gibt's heute, das kommt uns ü prvpc>8, d'Arbeit ist eing'stellt, woll'n faul sein Lomnitz il taut. Weiber des Volkschores. Famos! — Curios! — Männer und Weiber des Dolks- chores. Höchstens nur schreien all' mit einand'. 12 Beide Chöre. Hoch soll'n sie leben die Verlobten von Dragant! Weiber des Volkschores. Wie wird man stutzen, Wenn wir uns festlich putzen Und mit den Blicken Die Männerwelt berücken; Und dann dazu noch allerhand. Männer des Volkschores. Der gute Wein, Der Braten fein! Beide Chöre. Hoch soll'n sie leben die Verlobten von Dragant! Chor der Gäste aus dem Bankett saale. Den Humpen voll bis an den Rand, Hoch die Verlobten von Dragant! Chor des Volkes. Hurrah! Zweite Scene. Hinundherlaufer. — Vorige. (Während des Schlusses des obigen Chores tritt Hinundherlaufer aus dem Portale und trägt mehrere Paare Eisenstiefeln in der einen, ein Rohrstäbchen in der andern Hand.) Hinundherl (spricht). Ha, ha, das ist ja heute wieder ein ^our Lx, Die oben schlämmen, während ich die Rit- terstiefel wichs; Denn bricht der Tag an, geht die Hochzeit los, Das wird ein Festtag, wunderbar, famos. Da heißt's die Eisenstiefeln glänzend schmieren, So blank, daß man dabei sich kann ra- firen; Doch wenn ich sie sodann an's Trinkgeld mahne. Dann sind die edlen Ritter lauter Schmutziane; j Und Elsa s Bräutigam ist gar ein lieber ! Herr, >Der gibt vor lauter Schmutz die Stiefeln gar nicht her. Nur Eines ist mir lieb, daß dieser Mor- digall, Der unserm Ritterthum schon längst nur zum Scandal, Jetzt endlich so von Thür zu Thür vaga- bundirt. Mehrere aus dem Volke. Was? — Wie? Der Mordigall vaga- bundirt? — Hinundherl. Ja wohl, sammt seiner Trude, die ihn zu Tode noch sekirt! Gertrud (leise zu Mordigall).^ Meint der mit dieser Trude mich? Mordigall (leise zu Gertrud). Wen anders sonst als Dich! Hinundherl. Kennt Ihr das neueste Lied noch nicht, Ein pikantes Spottgedicht, Man singt's bereits im Ritterkreis. Vom alten Schafskopf, just zu Fleiß. Mordigall (leise zu Gertrud). Ha, der Schafskopf, der bin ich! Gertrud (leise zu Mordigall). Ich Hab' Dir's oft gesagt! Hinundherl. Nun paffet auf. damit Jhr's weitertragt Durch s ganze Land! Mordigall und Gertrud (für sich). O welche Schand'! Hinundherl. (fingt). Es war ein böser Ritter, Benamset Mordigall, 13 Doch setzt ist er ganz umgewandt, Kann nicht mehr Fünfe zählen, Das kommt wohl von den G'wifsen her, Der macht' es Jedem bitter Und hetzte zum Scandal! (Pantomime des Hauens.) Den G'wifsen her! Er macht' wohl wieder ganz charmant Die anderen Ritter quälen, Doch jetzt geht's nun und nimmermehr, 's geht nun und nimmermehr! Und das gift' ihn, gift' ihn, gift' ihn gar so sehr! Chor. Und das gift' ihn, gift' ihn, gift' ihn gar so sehr! Hinundherl. Und dieser böse Ritter, Benamset Mordigall, Der pumpte gar nicht bitter Bei Manichäern all', Doch ist's mit ihm setzt ausgepumpt, Wer wird ihm creditiren? Das kommt seit diesen G'wifsen her. (Wie oben.) den G'wifsen her! So lauft er h'rum nun ganz zerlumpt, Will's Pnmpen wohl Prokuren, Doch setzt geht's nun und nimmermehr, 's geht nun und nimmermehr! Und das wurmt ihn, wurmt ihn, wurmt ihn gar so sehr! (Lhor repetirt.) Hinundherl. Und dieser arme Ritter, Benamset Mordigall, War einstens gar nicht bitter Und hielt bei Damen Wahl! Doch jetzt ist es mit ihm Kann selber sich nicht rühren, Das konlmt wohl von den G'wifsen her, (Wie oben.) den G'wifsen her! Und hätt' er jetzt noch die Idee, Die Mädchen anzuführen, So geht's jetzt nun und nimmermehr. 's geht nun und nimmermehr, Und das fuxt ihn. fuxt ihn, fuxt ihn gar so sehr! La la la la, la la la la! Chor. Und das fuxt ihn, fuxt ihn, fuxt ihn gar so sehr! La la la la. la la la la! (Alle ab durch das Thor im Hintergründe.) Dritte Scene. Gertrud und Mordigall. Mordigall (spricht). Fluch diesen elenden niederträchtigen Wichten. Wer wagt's auf mich so dummes Zeug zu dichten? Gertrud (noch immer sitzend auf den Stufen). Ich muß mich eines solchen Mannes wirklich schämen, O könnt' ich jetzt noch mir doch einen an dern nehmen. Mordigall. Erhebe Dich, Genossin meiner Schmach! Gertrud. Versteht sich, 's fragt sich erst noch, ob ich mag! Mordigall (wüthend auf sie lossteigend). Was?—Du wagst es Dich meinem Willen zu widersetzen, Weib, zwing' mich nicht, Dir eine Abige zu versetzen. Duett. Gertrud. Zurück! Mordigall. Du Schlange! Gertrud. Zurück! 14 Mordigall. Du Bisgurn! Gertrud. Ich laß mir nichts befehlen. Mordigall. Ich werd' zu Recht Dich stellen! Gertrud. Zurück! Mordigall. Du Trude! Gertrud. Zurück' Mordigall. Du Hexe! Gertrud. Und just am End' bin ich nicht still. Und just am End' g'schieht was ich will. Und just am End' bleib ich ein Dl ach' Und just ani End' geb' ich nicht nach. Nein, nein, nein, nein! Mordigall. Und just am End'bin ich nicht still. Und just am End' g'schieht was ich will. Und just am End' trotz Du einDrach' Und just am End' gibst Du noch nach. Ja, ja, ja. ja! Gertrud. Zurück! Mordigall. Du Teufel! Gertrud. Zurück! Mordigall. Du Furie! Gertrud. DieSchmach soll an Dir nagen! Mordig. Frohlockst Du. Höll'ngezücht! Mordigall. Diesen Spott ertrag' ich nicht, Weib, bedenke deine Pflicht! Gertrud (lacht). Ha ha ha ha ha ha! Mordigall. Als dein Herr steh' ich da! Mäßigst Du Dich nicht bald. Zwing' ich Dich mit Gewalt! Gertrud. Zurück! Mordigall. Du Schlange! (rc. rk. wie oben.) Mordigall. Du logst mir Elsas That, ob der ich mich geharnischt. Und jetzt zeigt sich der ganze Brudermord als gar nischt. Nur Du bist Schuld! Gertrud. Laß mich in Ruh', Lern' lieber besser fechten Du; Ja, glotze mich nur an, Du feiger Schatz. Dein Ritter-Renommöe gehört der Katz'! Beide. Ich kratze Dir die Augen aus. Zermalme Dich zum Höllenschmaus. Du Satan! Deine Stunde hat geschlagen, Meiner Wuth entgehst Du nicht! Mordigall. Ich als Ritter — durchgeprügelt. Rein als Trottel iufam besiegelt. Muß da fasten. Statt zu gasten, O verflucht, ist das a Schand'! Gertrud. So geht's dem tapfern Ritter, Der sich als Held blamirt, Die Straf' ist wohl recht bitter, Die ihm mit Recht gebührt! Mordigall (pikirt). Ruhmvoll Hab' ich schon oft gekämpft im Leben — Gertrud. Wir Habens gesehen, laß's Lehrgeld z'ruck Dir geben. Mordigall (erschütt-rt). Bleib', fürchterliches Weib, Mir mit dem Hohn vom Leib! (Blickt nach dem Fenster des Bankettsaalre, von welchem eine Drehorgel ertönt.) Die laute Festgaudee ist unerträglich. Des Feindes Jubel ist doch gar zu eklich! Gertrud. Das dank' ich auch nur Dir allein, 's ist über alle Maßen, 15 Statt oben auf dem Ball zu sein, Lahn' ich hier auf der Gaffen! Vierte Scene. Mordigall. Die Situation ist schnöde, wird noch immer schnöderer — Gertrud. Wir schmachten hier in Schmach und dro ben trinken's Röderer! Mordigall. Gibt's gar kein Mittel mich herauszuputzen, Tilgt nichts an meiner Ehr' den Klex? Gertrud. Vielleicht gelingt mir's, ist doch stets van Nutzen, Wenn man etwas g'lernt bat — ich bin Hex'! Mordigall. Was soll ich thun? Gertrud. Klag' ihn als Zauberer an! Mordigall. Wer glaubt mir's, wenn ich's nicht beweisen kann? Gertrud. Versuch's nur, mittlerweile Hab' ich was vor. Ich setze Elsa einen großen Floh in'sOhr. (Schaut nach der Thüre des Balons, welche sich öffnet.) Sie kommt, in Demuth hüll' ich jetzt des Zornes Wüthen -- Mordigall. Ich geh' fort für jetzt und werde Rache brüten. (Links ab.) Elsa. Gertrud. Elsa (erscheint auf dem Ballon rechts im Vordergrund). Das Festgeräusch bin ich von Haus nicht gewohnt. Zn stiller Ruh' disc'rir' ich lieber mit dem Mond. (Singt.) Mond, du trauter — meine Seele Schwebt zu Dir so liebewarm. Schlürft aus deiner Silberquelle Wie der Lerchen kosend' Schwarm. Dein Gesicht, so hell, so strahlend, Ist für mich das Trosteireich, In mein' Busen, Liebe wallend, Funkelt Wonne, Sternen gleich! Gertrud (spricht dazwischen, für sich). Der Stunde soll sie fluchen, in der sie jetzt mein Blick gewahrt. Elsa (weiter singend). Euch, ihr Lüfte, muß ich's sagen, Da ihr oft gehört mein Klagen, Wie so hold mir winkt das Glück Nach so herbem Mißgeschick. Ja, mein Ritter kam gezogen Von der Fern' auf Staubeswogen, Ach, wie hat sein Anblick mild Meine Seele ganz erfüllt! Könnt' ich dich, mein Mond, umarmen. Preßt' ich dich in meinen Armen, Doch für jetzt nimm hin als Dank Diesen schwermuthsvollen Sang? Gertrud (kläglich). (Prosa.) Elsa! Elsa. Wer ruft mich? - 's ist um diese Zeit nicht schicklich — Gertrud. Ich bin's — ein Weib wie Du — doch leider nicht so glücklich! 16 Elsa. Die Stimme kenn' ich — 's ist Gertrude, O flieh', schreckliche Frau! Gertrud (für sich). Es wird'ihr schon nicht gute? (Zu Elsa.) Ich Hab' Dir nichts gethan, dein Haß ist ohne Grund, Auch ich bin jetzt gebessert, bin, was man sagt, die gute Stund'. Elsa. Wenn ich nur müßt', ob ich Dir trauen kann? Gertrud. Wohlan, doch macht' ich wissen, (Deutet aus die zwei Mägde, welche sich mit Lichtern bei der Thüre ausgestellt.) Was sollen die Stubenmädeln? Hast Du es etwa gern, Wenn zwei so sade Greteln Unsre Geheimniß' hör'n? Elsa. Ich Hab' nichts Geheim's mit Dir, Ich bin viel zu solid, D'rum sag', was willst Du denn von mir, Und gib mir dann ein Fried'. Gertrud. Gertrud. Das Ganze mar a . Dummheit nur von meinem Mann! Ich hätte Dir gar viel zu sagen. Nun steh', geächtet ist mein Mann als wie ein Gauner, Von Wurzeln soll er leben und nicht mehr von Kapauner. Elsa. O so gib sie von Dir, deine Klagen! Gertrud. Ich kann ja nicht so schreien, herum im Burghof hier, Da aufn Taubenkobel drob'n bist Du zu fern von mir. Elsa. Gleich werd' ich über d' Schneckenstieg'n, Als Trostesbringerin zu Dir flieg'n. (Zieht sich zurück, kommt aber gleich wieder.) Elsa. Du dauerst mich — Gertrud. Bedauer' lieber Dich und weine, Mein Mann, ist trotz dem Allen mehr werth als der deine. Elsa. Da muß ich bitten, schaut's, der meine is jung und sauber, Der deinige is nie balbirt, schaut aus als wie ein Räuber. Gertrud. Gertrud (allein). Ich triumphir', sie sitzt mir auf, Jetzt nimmt die Rache den Verlauf; Verbannt mein Mann als Karmeliter Weg'n so ein' hergeloffenen Ritter. Elsa (tritt mit zwei Mägden aus der Thür). Wo bist Du, Arme? Gertrud. Hier zu deinen Füßen! Elsa (gütig). Sei g'scheidt! Steh' auf! Doch ist sein Name weit und breit bekannt, Dein Mann hat sich nicht einmal noch genannt; Wenn Du diskrirst mit ihm, darf man wohl fragen, Wirst Nazi oder Seppel Du zu ihm sagen? Elsa. Ich sag' zu ihm, mein Mann, mein Schatz, Was brauch' ich mehr, Du böse Katz ? Gertrud (für sich). Das Gift fängt an zu wirken, Ich will es noch verstirken! 17 Elsa (für sich). Das Gift fängt an zu wirken, Ich thu' bereits es wirken. Setz Dich daweil zu mir, — thun wir idyllisch jodeln. (Setzen sich neben einander aus dieSteinbank.) Gertrud (laut). Dein Mann scheint fast zu sein ein Ritter der Abruzzen, Vielleicht hat selbst er Dir im Wald geraubt Pafnuzen. Elsa. Wie? Was? Mit Schauder thust Du mich erfüllen! Gertrud. D rum trachte das Geheimniß zu enthüllen, Sonst kommt vielleicht noch ein Scandal heraus, Wenn die Volkszählung anklopft bei Euch im Haus; Hat er keinen Heimatschein, dein Mann. Blüht ihm der Schub und nacher schau Dich an! Elsa. Was soll ich thun? Gertrud. Ohne Genirer frag' ihn um All's! Elsa. Da wird er süchtig. Gertrud. Wenn er's wird, kost's auch noch nicht den Hals; Doch wird er nicht so grimmig sein, Wenn Du ihn nur recht schmeichelst fein. (Man hört Lärm in der Coulisse.) Elsa. Still, still, ich hör'Geräusch amThorgitter, Gewiß werfen's Ein' hinaus, ein' edlen Ritter. Gertrud. Nur R uh', 's ist gleich vorbei, mich lang werd'ns umabrodeln. Fünfte Scene. (Rltter Hagen wird vom Hinundherlauser durch's Portal hinausgeworfen, doch als sie die beiden Frauen erblicken, bleiben sie ruhig lauschend stehen.) Elsa, Gertrud. Grüß' di Gott, du liebe schöne Frühjahrszeit, Wo die Bleamerln, Knospen und der Guckuk schreit, Wo der Bua zur Schwagrin ausfikrallt Und von Weiten schon ihr Dudler schallt. Dulie — dulie — dulie? Hagen. Mein lieber Jüngling, ich bitt' mir's aus, Warum eigentlich warfst Du mich hier heraus? Hinundherl. Das, guter Freund, geschah nur aus politischen Gründen. Hagen. Geh, wirf mich wieder 'nein, ich kann die Thür nicht finden. (Beide ab.) Elsa und Gertrud (singen weiter). Kimmt mei Bua dort drunten um die Felsenwand. Springt ma's Herzel schon fast 's Mieder vonanand, Und i jauchz' ihm schon von Weilen zua: Grüß di Gott, mein lieber, lieber, lieber Bua! Dulie — dulie — dulie! 2 18 Sechste Scene. Gaugraf, Lohengelb, Hagen, Hin- undherlaufer, Vorige. Gau gras (tritt etwas angestochen, die Krone nach der Seite, mit Lohengelb aus der Mittel« Pforte. Hagen und Hinundherl. folgen nach), 's Banket war nobel und der Wein. Der konnte gar nicht bester sein! Wer zählt wohl der Humpen Zahl. Die uns strömten in den Magen; Ich sag' es ein für allemal: Wir Ritter können was vertragen! Lohengelb (ohne die beiden Krauen noch zu sehen). Ich hatte, schlummernd in der Kammer, Einen Anflug von Katzenjammer; Der Wein war gut und frisch gerebelt, 's kurirt die Morgenluft uns frisch. Wir Alle wurden stark benebelt, Drei Ritter nur liegen unter m Tisch. Hagen. Drei nur von uns liegen unter m Tisch. Hinundher. Wir Andern stehen da ganz frisch! Elsa (herzlich sich zu Lohengelb wendend). Mein Bräutigam! . . . Lohengelb (Gertrud erblickend). Ihr da beisammen? Hm. hm. ich werd' inZukunft mirverbieten Auf's strengste so verdächtige Visiten! Hagen (für sich). Ah, bravo, grantig wird er schon, Gleich wird er sie haben beim Ehignon. Ge rtrud (leise zu Elsa). Folg' meinem Rath — bleib' dem Vorsatz treu! Lohengelb (es bemerkend). Ob's aufhört's mit der verdächt'gen Zisch- lerei! Gertrud (will wieder sich Elsa nähern und ihr etwas ins Ohrwispeln). Lohengelb (bemerkt es und trennt die Beiden). Wie? Was? Hm? — mir scheint schon wieder — Elsa. Was hast Du denn? Geh', sei nicht gar so z'wider! Lohengelb. Ich geb' kein' Pris Tabak dafür. Die hat g'hachelt abermals mit Dir. Elsa. Ich schwör'! Hagen (heimlich zu Lohengelb). Und wenn sie noch so schwört, Du bist doch all'weil angeschmiert! Lohengelb (zu Elsa). Na, na, nur keine Künsten, Du ziehst Dir Unannehmlichkeiten zu. Mein Argwohn wacht, und dann geht's nach Verdiensten. LeichtDir entziffern kannst den Rebus Du? Hagen. A ha, — zuerst Verdruß Und nachher Nuß. Elsa (zu Lohengelb). O glaube mir, ich wollte nur — Lohengelb. Mein' Meinung Hab' ich g'sagt, werd' g'scheiter. Versetz' Dich aus der k§e§Ii)our, Jetzt in die schönen Kleider. Ich Hab' ganz neue kauft Dir zwa. Ein's Sammt, 's And re koul äo 8oio, Denn heute noch, kaum als der Morgen graut. Wirst Du. weil ich g'rad' Zeit Hab', als Weib mir angetraut. Elsa (ab nach den Krauengemächern). Siebente Scene. Lohengelb. Ist wohl der Mühe werth, daß ich d'rauf was sage! Vorige ohne Elsa, dann Mordigall. Hagen (der abgehenden Elsa nachsehend, für sich). Sie druckt sich, murrt nicht, knurrt nicht, Sagt ihm kein böses Wort nicht? Das Mädel ist eigentlich eine Perl', Aber ich bin einmal ein boshafter Kerl; Zwar weiß ich nicht, was ich eigentlich soll, Es steht halt so in meiner Roll'! Gertrud (zu Lohengelb). O. Sie haben's nöthig, Sie fader Ding, daß Sie so aufblasen sich, Sie Ritter, Sie, mit Fragezeichen und Gedankenstrich! Mordigall (stürzt vor). Das sag' ich auch, denn ist er wer, Dann soll er es uns sagen, der! Gaugraf (der während dieser ganzen Scene Fliegen gefangen hat, wird aufmerksam). Ach, das ist keck, und aou plu8 ultra unverschämt. Hinundherl. Es scheint, daß ihn die Schläge noch nicht genug gezähmt. Mordigall. Ungiltig ist der Urtheilsspruch, Das war ein Kampf, ein saub'rer. Besiegt war ich durch Höllentrug, Ich klag' ihn an als Zauberer. Hinundherl. (überrascht). Wie? — was? — he? — ui! Hagen (für sick). Donnerwetter Parapluie! Am End' gar Professor der Magie? Gaugraf (zu Lohengelb). Was sagst Du gegen diese schwere Klage? Mordigall (höhnisch zu Lohengelb). Heißt das purificiren sich? — Ich lach'! Gertrud (eben so). Ihr seid der Makellose! — Aber schwach! Hagen. Na, das Weib ist bissig, nicht zum Sagen, Die müßt' eigentlich wohl einen Maulkorb tragen. Lohengelb. Ein Lamperl hat meinen Wagen gezogen hieher in dieses Land, Drum sprech' ich wahr (auf Mordigall deutend) und der hat g'logen. Das liegt ja auf der Hand! Gaugraf (zu Mordigall und Gertrud). Entfliehet, ohne Zaudern und Besinnen! Lohengelb. Wenn er nicht geht, so weichen wir von hinnen. Durch solche Gesellschaft können leicht verdorben werden Die edelsten und schönsten Ritter dieser Erden. (Lohengelb und Gaugras ab.) Hinundherl. (im Abgehen). Ich geh' auch, denn ohne Zweifel Bei solch' einem Scandal Wär' bald, o pfui der Teufel, Auch pfutsch meine Moral (Folgt den Beiden nach.) Hagen (will auch folgen, doch eS wird ihm die Thüre vor der Nase geschlossen). 20 — 20 - Achte Scene. Hagen, Gertrud, Mordigall. Mordigall und Hagen (in höchster Wuth von einer Ecke zur andern rennend). O Himmel, schwere Noth, Fix Laudon, Höllen-Element, » Millionen Haubitzen, Donnerwetter, tausend Fikrament! Gertrud (zu Mordigall). Was nützt Dir denn das Schelten, hast schon wieder Dich blamirt. Du stehst ja rein als Kalbskopf da, verhöhnt, prostituirt. Mordigall. Hast Recht, doch jetzt ist's allesein's, muß brechen oder geh n. (Hagen bei der Hand fassend und vorziehend.) Komm her, Du Ritter Hagen, darfst nicht mehr müßig steh'n. Sag' an, auf Wort und Handschlag mir. machst Du Dir gar nichts d raus. Daß man Dich stets aus Uebermnth, wirst überall hinaus! Hagen. O ja, d rob bin ich süchtig sehr, das macht mir oft Verdruß, Wie leicht kann man stolpern und bricht sich einen Fuß. Wann's Heraußen kalt ist, kriegt leicht man eine Strauchen Nnd verliert sich die Stimm', no, das könnt' ich brauchen. Mordigall. Und weißt, wer all das Unheil stift', wer Schuld d ran ist? Hagen (steht stutzig da und fragend). Wer das? Mordigall. Der da, der Diugs, der Dandy da, der Ritter oder was! Hagen. Wär's möglich? Mordigall. Na figst es, da hast es, also Rache. Alle Drei. Rache! Rache! Rache! Gertrud Kocht's es nur g'scheidt aus, thut's scharf die Messer wetzen, Ich werde nicht ermangeln, die Elsa noch zu Hetzen. Mordigall (mit Betonung). 's wird g'schlichen in sein Brantgemach - Hagen (wiederholt eS mit Hast). 's wird g'schlichen in sein Brautgemach Mordigall. >Und bis zum Bett gedrungen — Hagen. Und bis zum Bett gedrungen Mordigall. Und dann, damit er nicht mehr wach — Hagen. Und dann, damit er nicht mehr wach — Mordigall. Wird er d'rin umgebrungen. Hagen. Wird er d'rin umgebrungen. Alle Drei. Hurrah! Göttergedanke! Mordigall. Doch damit der Plan uns sicher soll gelingen, Müssen wir, Raubritter zwei, uns noch . zum Mordwerk dingen! Hagen (mit hohem Pathos, dabei die Reime an den Fingern abzählend). Gut ist's! Zn bräutlicher Nacht, Wo Erfüllung ihm lacht, 21 Wird er mit Bedacht Um Mitternacht Mit Uebermacht Umgebracht! Gut ausgedacht! Geb t nur Acht, Daß kein Stiefel kracht, Daß er nicht erwacht Und uns Mandeln macht! Ha, von Haß bin ich anqefacht, Mein Herz lacht! Diese Reime sind schon eine Pracht. Gertrud und Mordigall. Also einverstanden? Hageu. Einverstanden! Gertrud und Mordigall. Eingeschlagen? Hagen Eingeschlagen! Alle Drei. Hurrah! (Singen.) Wie wir Drei Uns so schon Da versteh'», Doch dabei Heißt es fein Achtsam sein! Za fürwahr, Das Geschick Bringt uns Glück, -Zmmerda! Es sich zeigt Wohlgeneigt! Nur verschwiegen und gewandt, Dann gelingt es ganz charmant. Nach und nach, Allgemach, Kommt man still Doch an's Ziel! Und in kurzer Zeit vielleicht Ist der höchste Wunsch erreicht. Seht nur, seht, Wie das geht, Wenn man sich versteht! Also hin ins Brautgemach, Noch bevor er werde wach; Aber Niemand darf uns sehen, Müssen schlau zu Werke gehen. Schleichen fein Uns hinein, Daß uns Niemand, Niemand höre, Daß uns keine Seele störe, Bis er kalt Durch Gewalt! Nun — ja — 's bleibt — gut — Ja — 's riecht — schon — Blut. Wie wir Drei Uns so schön Da versteh n! (rc. rc. wie oben.) (Den herannahenden Zug wahrnehmend ziehen sich Alle zurück.) Neunte Scene. (Der Hochzeitszug, Hinundherlauser an der Spitze, ihm folgen die Hornbläser, Ritter. Hofdamen rc. rc.,' dann Lohengelb mit Elsa, bräutlich geschmückt, hinter ihnen der Gaugraf, noch einige Ritter und das Volk. Der Zug zieht über die Bühne, dann hinaus durch das practicable Thor in den Hintergrund.) Chor. Heil sei dem Paar, das in Lieb' sich traut, Heil Elsa Dir. schöne Rittersbraut! Unser Zug so weihevoll, feierlich. Zieht jetzt voran — Schritt für Schritt, minniglich, Weil's bei Rittern so sein soll, fittiglich, Und kein Malheur dann geschieht, wonniglich! Rechts -- dann links — dann grad' aus fort, So — gelangt — man stets an Ort, Nur — solid — und anstandsvoll, Fein — und stolz — ein jeder Zoll; Ein Hoch im ganzen Land Dem Brautpaar von Dragavt! (Wenn der Zug schon außer'm Thor ist. tre- ten Gertrud, Mordigall und Hagen aus ihrem Versteck heraus und sehen dem Brautzug nach.) Gertrud. Sie find in der Capelle — Mordigall. Die Trauung geht vor sich — , Hagen. Die Lichter brennen Helle — Alle Drei. Mein Fluch geleite Dich! Flammen lodern auf zur Rache. Höllengeist vom Schlaf erwache. Fiebernd zuckt schon jede Sehne Zum Verderben wuthentbrannt; Jede heiß vergoff'ne Thräne Stärke meine Rächerhand! Chor (aus der Capelle). Bringe Segen diesem Bunde Jetzt in dieser heil'gen Stunde. Diese edle Himmelsfeier Freuet uns ungeheuer! Gertrud (nach der Capelle blickend während des obigen Chores). Ja, ja, bald ist's vorüber! Mordigall (eben so). Mein Aug' wird immer trüber — Gertrud. Mit Wuth mein Blick auf Beiden weilt. Hagen. Nur Fassung! Gertrud. Jubel auf, bis die Rache Dich ereilt! Stumm find die Lieder! Mordigall. Sie kehren wieder! Alle Drei. Nur kurze Zeit Währt eure Freud', Flammen lodern auf zur Rache. Höllengeist vom Schlaf erwache; Fiebernd zuckt schon jede Sehne Zum Verderben wuthentbrannt. Jede heiß vergoss'ne Thräne Stärke meine Rächerhand! (Alle, die zuvor im Zuge gingen, stürzen nun hastig herein, sich bis vor an die Lampen drängend, wo sie unter Kanonaden, Donner« rollen, Windschauer, Tamtam, Glockengeläut! und sonst noch allen erdenklichen Bühnen- Spectakeln folgendes Ensemble aus voller Brust herausschreien.) Alle. Sie find vereint mit Herz und Hand Die edlen Sprossen von Dragant! Nun ein Gebet — im lauten Chor, Dring's empor! Glück und Segen diesem Bunde Jetzt in dieser heil'gen Stunde; Diese edle Himmelsfeier Freut uns ungeheuer! Ein Hoch im ganzen Land Dem Bräutigam von Dragant. (Unter Höllenlärm fällt der Vorhang. Der Gaugras bleibt außerhalb desselben und schlüpft beim Sousfleurloch hinein.) Dritter Lct. (Gemach auf der Burg. Links ein großes Bogenfenster, durch welches das elektrische Mond-. licht in das mit Lichtern erhellte Gemach fällt.) Erste Scene. Gaugraf (im Hauskleid undKrone), Elsa, Lohengelb, Pagen, Hofdamen, Eu« doxia, Waglinde, Wellgunde,Floss 23 silde, Sifonia. Theonilla, Brunhilde, Adelgunde. Hinundher- laufer. Chor. (Die Hofdamen und Burgfräulein das Brautpaar beglückwünschend.) Fremd ist uns das lange Plaudern, Was uns freut, muß ohne Zaudern Gleich heraus in vollem Maße Ohne Hinterhalt; Denn wir find solid und ehrlich, Uns was sagen kann man schwerlich ' Ob wir schlendern auf der t' affe, Ob im dunklen Wald. Drum wenn wir Euch bringen offenbar, Wir privilegirte Iungfernschaar, Unfern Glückwunsch heut'am Hochzeitstag, Niemand zu entgegnen was vermag; - Nehmet ihn hin, so rein, so hell, Tief gefühlt, nur schnelle, schnell; Fremd ist uns das lange Plaudern, Was uns freut, muß ohne Zaudern Gleich heraus in vollem Maße Ohne Hinterhalt! Denn wir find solid und ehrlich, Uns was sagen kann man schwerlich, Ob wir schlendern auf der Gasse, Ob im dunkeln Wald! Ja, wir könnten weinen, Wenn wir Euch da seh n, Denn wir haben Keinen, Müssen einsam steh'n; Möchten, statt zu singen, Schreien aus Neid und Galt, In die Luft 'naufspringen all'! Doch nein, wir hab'n Manier'n, Wir lassen gar nichts spür'n! D rum, Schwestern, schnelle, schnelle, Fremd ist uns das lange Plaudern, Was uns freut, muß ohne Zaudern Gleich heraus in vollem Maße Ohne Hinterhalt. Denn wir find solid und ehrlich, Uns was sagen kann man schwerlich, Ob wir schlendern auf der Gasse, Ob im dunkeln Wald! Nein, es geht nichts über d'Freud', Wenn winkt der Lieb' Verein! So war's stets in alter Zeit, So wird's in Zukunft sein, Schnelle, schnelle, Schwestern, schnell! Elsa (spricht). Von Rechtswegen sollt' ich weinen, schaut. Es schickt sich so für eine Braut! Doch müßt' ich wirklich nicht warum Und mich zwingen, das ist mir zu dumm! Gaugraf (lüsterne Blicke aus Elsa werfend). Zu was denn erst noch diese Faxen, Wenn man, wie Du, so nett gewachsen, So wollet und so mudelsauber. (Für sich.) Zu beneiden ist dieses Täubchens Tauber, Wirklich, ausschau'n thut sie prächti, Gern der Lobengelb sein möcht' i! Eudoxia (des Gaugrasen Lüsternheit bemerkend, zu Lohengelb). Jetzt frag' ich einen Menschen, ob sich das schickt, Wie er dein' Braut anschaut, gib Acht, daß er's nit schlickt! Trau' ihm nit, dem alten verliebten G'sell'n, Du, von dem könnt' ich Dir G'schichten erzähl'»! Lohengelb (den Gaugrasen von Elsa ab- drängend). > Herr Gaugraf, in meinen Eh'stands- statuten Heißt Paragraph 1 für Fremde: Hand von der Dutten; Euer Wein war heut' ein sehr starker, schneidiger. Darum . . . Gaugraf (während er sich Elsa abermals zu nähern sucht) Na, ist das ein Kerl, ein neidiger. So ein eifersüchtiger Ding übereinand! 24 Elsa (zu Lohengelb). Du, er nimmt mich schon wieder bei der Hand! (Zum Gaugrasen.) Ihr seid sehr gnädig, hoher Herr! Gaugraf. O, ich bitte recht sehr! Eudoxia. Das ist eine sehr verdächtige Gnad', Aber er cokettirt umsonst, 's ist Schad! (Zum Gaugrafrn.) Herr Gaugraf, 's ist spät, geh'n wir einmal weiter, Lassen wir dieZwei allein, 's ist g'scheidter. Gaugraf. Edle Dame von etlan 50 Lenzen, Sehr z wider ist mir das ewige Penzen; Wann ich will, so geh' ich schlafen, Aber ich laß mir nix schaffen. Gaugraf. Etwas damisch bin ich, das muß ich gesteh'n. So wollen wir denn zur Ruhe geh n. (Gähnt.) Geh'n wir heidi! (Aus Lohengelb deutend.) Aber dem bin i neidi! Chor (der Hofdamen und Burgsräulein, während sie an Elsa und Lohengelb vorbeiziehen). Nein, es geht nichts über d' Freud', Wenn winkt der Lieb' Verein. So war's stets in alter Zeit, So wird's in Zukunft sein! < Alle bis auf Elsa und Lohengelb haben sich entfernt, der Chor verhallt in der Ferne.) Zweite Scene. Lohengelb. Elsa. Hinundherl. Ich glaub' auch, daß es setzt angezeigt wär', Schlafen zu gehen, hoher Herr! Ihr wißt ja, daß es auch nicht frommt, Wenn Ihr so stark aus der Ordnung kommt. Sonst habt Ihr morgen euer' Migrain. Eudoxia. No, was denn? Gaugraf. Und wann ich's Hab'? Ich bin Souv'rain, Dieß nicht zu vergessen, ersuch' ich Jeden! Eudoxia. Wann er auf hat, ist mit ihm nichts zu reden. Gaugraf. Ist mir morgen wie der wäll, Heut' bin ich einmal fidel, Nur der Kopf thut mir a bisserl weh — Eudoxia. D'rum geht schlafen und trinkt 'n Ka- millenthee. Lohengelb (in höchster Freude). O Elsa! Elsa (eben so). O Wonne! Du bist mein Gatte — Du meine Freud'! Lohengelb. Du bist mein Alles, meine Seligkeit! O welch' Entzücken. Dich zu erblicken, Wonniges Beben Füllet die Brust; Will Dich umfassen, Me von Dir lassen, Du bist mein Leben, Du meine Lust! Elsa. Wenn ich nur deinen Namen mußt', Nur deinen Namen, oui? Loh'engelb. Zu was? Elsa. Ich nennet Dich in höchster Lust, Mein Poldi, Natzi, Louis! 25 Lohengelb. Wozu der Name? — 's ist tonte meine 6 k 086 . Beide. Ach mein Alles — meine Seligkeit! O welch' Entzücken Dich zu erblicken, Wonniges Leben Füllet die Brust; Will Dich umfassen, Nie von Dir lassen, Du bist mein Leben. Du meine Lust! Elsa (in heftiger Aufregung, wie vor sich hinstarrend und suchend). Horch, horch, hörst Du das Brausen? Lohengelb. Was denn? Elsa. Das geisterhafte Sausen? Lohengelb. Wo denn? Elsa (wie von einer Vision befallen). Blick 'nauf auf jenen Fels, Ein Schaf — so weiß — ein Wagerl d'ran, Es zieht mit sich den theuren Mann! (Traurig.) O Gott, ich muß vergehen, Würd' mir so was geschehen! Lohengelb. O sorge nicht, mein Leben, Dir bleib' ich treu ergeben! Sollt' treulos ich Dir werden, Dann nenne einen Feigling mich! Elsa (sehr naiv). Nennen Dich — wie wär's möglich? Wahrlich das — ist sehr kläglich! Weiß ich denn, wie Du heißt? Wenn Du so zum Spaß, Ohne dies und das, Einem Mägdelein Folgtest still und fein Und beim leck'ren Schmaus Dachtest nicht an's Haus! Sag', wie frag' ich dann Um den lieben Mann? Lohengelb. Schelmin Du! Niemals wird so was Yassiren, Weil ich keine Andre will! Elsa. Wer kann das assecuriren, Möglich ist ja doch sehr viel! Hör' einmal, Setz' den Fall: 's kommt ein lieber Freund, Der's recht gut Dir meint, Führt zum Weine Dich Und Du kriegst ein' Stich; Dann in deinem Zorn Gehst mir gar verlor'n; Sag', wie schlag' ich an Den verlor'nen Mann? Lohengelb (etwas unwillig). Gib jetzt Ruh'! Elsa (entschlossen sich zu erheben). Nennen mußt Du Dich! Lohengelb. Ich kann nicht! Elsa. Ach, ich bitte Dich! Lohengelb (ernst). Ich will nicht! Elsa, sag', was soll das heißen, Gleich wird die Geduld mir reißen Meiner Six, ich werde wild! Elsa (streitend). Ich ruh' nicht, bis ich deinen Namen weiß.! Lohengelb. Weib, mach' mich nicht süchtig, mein Blut siedet heiß! Elsa. Lohengelb. Du mußt es, Ich will nicht! Ich zwing' Dich, Das geht nicht! 26 Du Falscher, Neugierig Weib, Es muß heraus. Geh', laß mich aus. Lohengelb. Nimmermehr! Elsa (für sich). Dritte Scene. Hagen, Mordigall, Uffo and Knauf (schleichen im karrikirtem Mördercostüm, in Mäntel gehüllt herein). Wart', ich krieg' Dich! Lohengelb. Bitte sehr! Elsa (für sich). Ich besieg' Dich! (Laut ihm schmeichelnd) Aber Mannerl, Nicht so grantig, Denk' an d' Brautnacht! Wie will ich da mich schmiegen, Dich sanft in Schlummer wiegen, Dich an den Busen Pressen, Zn Wonne, Seligkeit! Ich seh' den Himmel offen, Erfüllt ist all' mein Hoffen, Nie will ich dein vergessen, Du schöne Liebeszeit. Lohengelb. In meinen Armen So liebewarm. Meine Elsa, O holde Braut, Uns winket schon Der Liebe Lohn. Elsa. In deinen Armen So liebewarm, O komme doch. Mein Theuerer, Uns winket schon Der Liebe Lohn. Beide (Brautschmuck und Waffen ablegend). Wie will ich da mich schmiegen, Dich sanft in Schlummer wiegen, Dich an den Busen pressen, In Wonne, Seligkeit! Ich seh' den Himmel offen, Erfüllt ist all' mein Hoffen, Nie will ich dein vergessen, Du schöne Liebeszeit. (Beide ab ins Nebengemach.) ! Bösewichter — ha, ha, ^ Solche G'sichter — ha, ha! ! Fürchtet selbst der Teufel schon, .Abzumurksen — ha, ha! Kruziturksen — ha, ha! Ist unsre Hauptpassion! Mordigall. Hör'n wir wo zwei Schusterbub'n Streiten um ein Sechserl h'rum, Die wer'n gleich allarmirt, Bis endlich g'rauft dann wird, Und wenn sich so a dummer Bur Traut uns schief anz'schauen nur, Da wird gleich g'fischt — ha, ^ Wenn man d'erwischt! !Nur sachte — nur stille — nur leise! ! Alle Vier. Bösewichter — ha, ha rc. Mordigall. Alles ist uns einerlei, !Ob's Banquier, ob's Greislerei, Uleberall hin schnofeln wir, ! Rauben und murxen wir; Kommt dann die Polizei, Da geht los die Keilerei, Die thun wir hau'n, ha! Wenn wir uns trau'n! Nur sachte — nur stille — nur leise! Alle Vier. Bösewichter — ha, ha rc. (wie oben). Mordigall. Und jetzt nur leise hinein in s Kamanett, Nur schaut's,daß Ihr ihn nicht aufweckts, denn sonst halt er sicher net. Uffo. Wenn er es thäte mirken — 27 Knauf. Und nimmt uns beim G'nack — Hagen. Beim G'nack? Das wär' nicht übel, zu lieb ist mir mein G'nack! Vierte Scene. (Ritter, Knappen und Volk beiderlei Geschlechts, verschiedenartig gruppirt. Die Einen trinken, Andere spielen, dann Hinundherlaufer.) Mordigall. Halt's eng zusammen, daß Keiner sich verliert. Hagen. Aber wie es schief geht, da wird gleich desertirt. Mordigall. Also linken Fuß vor, den rechten zieht's gleich nach, Schön stat, kein Wort nicht reden, denn sonst wird er uns wach! Chor. Frisch und fröhlich, bannet auf morgen Alle Plage und alle Sorgen, Und noch einmal lastet erklingen, Heil dem Ritter, Heil seiner Braut! Schenket ein, lasset uns singen, Schenket ein, kündet es laut: 'Durch Hain, durch Wald, durch dick, durch dünn, D'rum Hoch sei gebracht der Draganterin. Hin und Herl, (erscheint am Schluffe des Chores). Alle Vier (im Abgehen). Cins zwei — eins zwei. Nur nicht ängstlich und nicht scheu! (Ab ins Nebengemach.) (Nach einer Weile wird ein Tumult hörbar, gleich daraus stürzen auS der Kammer Hagen, Uffo und Knaus, ihnen nach Elsa im Nacht- corsett und Schlashaube, mit einem Fliegenpracker in der Hand, womit sie die Fliehenden verfolgt Lohengelb, bloß imTricot, jedoch mit Harnisch und eingedrehten Locken, zieht Mordigall nach sich bei den Haaren und schneidet ihm den Kops ab. Unter rauschender Musik schließt rasch im Vordergründe ein zusammen- fallender Vorhang die ganze Scene.) Hört doch auf, laßt die ew'gen Trinkgesänge, Dergleichen haben wir die schwere Menge, Um allgemeinen Dank uns zu verdienen, Heißt's etwas machen, was noch gar nicht ist erschienen. Was nach Jahrhunderten erst wird sein zu haben In der Musikalienhandlung Spina am Graben; Darum laßt uns, um das Brautpaar zu ergötzen, Den Strauß in unsre Ritterzeit versetzen. Pauketwacker d'rein, nur immer fester und fester, Ich bin der Strauß und Ihr seld das Orchester! Wenn uns sehnsuchtsvoll die Liebe drückt Und in dem Tanz der Schmerz erquickt, Dann schwärmend sanft der Geige Klang Ersetzt den Liebestrank! Verwandlung. Mnn der Vorhang in die Höhe geht. !(Schwrrmüthiger Walzer mit Ehorbegleitung.) tellt die Bühne wieder dieselbe Gegend vor Wenn beide liebewarm wie im ersten Acte. Heller Morgen.) So wirbeln Arm in Arm, Dann wächst der Geige Ton Beinah' zum Forte schon, 28 Trompeten schmettern d rein, Im Hellen Klangverein, Die Panken wirbelt und pumpert recht kräftig hinein! (Feuriger Walzer wie oben.) Und nun mit pinrioato, Mit Schmelz und 8taeeato, Folgt heimlich und leise ein Händedruck, Und sie hat es verstanden, Schaut weg vom Amanten Und schüchtern erröthend druckt's wieder z'rnck! (Landelnder xnLrieLto-Walzer wie oben.) Er wird gleich blaß, O du mei, o mei! Du hast mich lieb?—Ihr Aug' wird naß. D rauf folgt der Schwur ewiger Treu! Nun geht's lustig fort in Saus und Braus umher! La la la la la la! (Kräftiger Walzer.) Und dazu klingt ganz nett Flöte, Geig', Clarinett. La la la — la la la! (Alle ziehen sich zurück, das Ballet führt einen lustigen Tanz aus.) Fünfte Scene. Der Gaugraf mit Gefolge. Vorige. Alle. I , Hinundherl. ! Ja. ja. das träumt sich in der Nacht sehr schön, Doch dann bei Tag kann's anders gehn. Gaugraf. Wir werden dennoch mit dem Feind anbinden — Hinundherl. Der Grund zur Flucht wird sich dann auch bald finden. Gaugraf. Ich muß mir nur den Kriegsplan erst zusammen tüpfeln — Hinundherl. Da war' es g'scheidter wohl, mit eurem Feind zu zipfeln, Wer's Kürz're zieht, der hat verloren. Gaugraf. Da käm' am Ende ich um Nase und Ohren! Das G'scheidt'ste ist. ich sag' 'n Feind, leg' die Waffen nieder, Nur aus Gefälligkeit, und nachher kriegst es wieder! Nein, nein! — Laßt's jetzt die dummen Staatsgeschäfte gehen, Sagt's lieber, wie thut's mit den Nenver- mälten stehen? Hinundherl. Elsa, sie naht, die holde Tugendreiche! Victoria, Victoria. Victoria, hurrah, Mark- und Gaugraf Hanns der Gerechte ist da! Hinundherl. (spricht). Hoch leb' der Gangraf, hoch! Habt wohl geruhet doch? Gaugraf. Dank'der Nachfrag', ja, nur war im Schlaf ich schiech, Mir hat geträumt, ich bin im Krieg. In meinen großen Eisenstiefeln War ich just d'ran, den Feind zu zwiefeln. Gaugraf. Naht sie? Ihr Antlitz kommt mir vor so bleiche! Hinundherl. So bleich, als hätt' sie Sorgen! Gaugraf. Sie sieht so aus — so, so — wie sag' ich nur, gespitzt, / Das G'sicht kasweis und d' Augenbraun erhitzt! LS I Sechste Scene Elsa mit Eudoxia und die Burgsräulein. Die Vorigen. (Elsa tritt unter trauriger Musik, auf Eudox-'o gestützt, wankenden Schrittes aus.) Hin lind Herl, (zu Elsa). Zch wünsch' ein' guten Morgen! Gau graf (sich Elsa nähernd). Vor Allem küß' die Hand ich — Elsa (zieht ihre Hand zurück). Gaugraf. Ei, ei, ei — Du bist heut' grantig? O lächle lieber, holdes Wesen! Elsa. Geh'ns, hör'ns lieber auf mit die Fa- daisen! Eudoxia. Was da geschehen ist, weiß ich nicht, Aber ich ahne eine schreckliche G'schicht. Gaugraf. Was ist Dir denn über s Leberl g'loffen? War schon ein Verdruß? Zch will nicht hoffen! Elsa. Zch sag' nur Eins: Wär's nicht wegen den Leuten, Ich ließ'mich gleich vom Fleck weg scheiden! Gaugraf. Jetzt geh! schau, süße Elsa von Dragant, Mach keine Manderln, sei nicht so überspannt! Elsa. Was thu' ich mit so ein' Gatten, dem der Harnisch angewachsen, Mit so ein' gibt's kein Gaudi, kein Spaß und keine Faxen; Will er umarmen mich, da schrei ich gleich, Herr Ze, Sonst druckt er mir noch's Brustblatt ein mit'n blechernen Gile; !'s wär'Noth, wenn man ihn küssen wollt'. >Daß man dazu den Klampf'rer holt. Mir wär's lieber g'west, wenn als mein Ehrenretter ^Sichg'meld'thätt' so ein fescher Trompeter. ! Gaugraf. Das geht nicht, Elserl, als seine Frau wirst stets ihm folgen müssen, ! Du kannst deswegen noch immerhin ein'n Andern — Hinundherl. (hält ihm den Mund zu). Silentium! — eh schon wissen! Gau graf (wütbend). Was dieser kecke Bub' mich immer will Hofmeistern, 's wär' Noth, ich thäte ihm zu Lieb mein Herrschermund verkleistern. Hinundherl. Versteht sich, die besten Schlager sind ohnehin Euch gegeben Und ich lauf' eigentlich zwecklos so daneben; Bin meiner Seel' nur froh, ich armer Knab', Wenn ich hin und wieder mir ein Wort erschnapp'! Doch seht — es naht der Ritter! Gaugraf. Auch er naht, das ist charmant — Alle. Heil ihm, dem Tapfern, im eisernen Gewand! Siebente Scene. Lohengelb. Vorige. Lohengelb (gerüstet wie im 1. Act, tritt unter derselben Musik wie Elsa melancholisch aus). 30 Gaugraf (Lohengelb bewillkommnend). Na, alsdann, bester Mussi-Held, Jetzt zieh'n wir halt zusammen ins Feld! Gaugraf. Mit Weibern, 's bleibt halt wahr, alleweil a G'frett! ist Lohengelb. Das ging mir grad'noch ab, so schließlich! Gaugraf. Was seh' ich, Ihr seid auch verdrießlich? Lohengelb. Ich läugn' es nicht, 's ist wahr, was Ihr behauptet, Ihr werd's schon g'hört hab'n, ich Hab' den Mordigall enthauptet! Hinundherl. Was, enthauptet er den Mordigall, Der uns're letzte Schlacht verlor'n als General? Gaugraf. O, ich bitt', ein solcher auf oder ab Macht nix, weil ich genug noch solche Mordigaller Hab'! Lohengelb. Dann muß ich über Elsa mich beklagen sehr! Gau graf (begütigend). Häuslicher Zwist gehört ja nicht hierher. Am besten ist es, solche Sachen Unter vier Augen abzumachen! Lohengelb. Sie hat geschworen öffentlich, Um Herkunft nie zu fragen mich. Elsa. Gar Manches man vorschnell verspricht, Dann reut's ein'm und man hält es nicht Lohengelb. . Und darum, weil fie's nicht gehalten, die Straf' dafür Ist Scheidung. Ich muß fort von hier! Mir ist zwar leid, denn sie ist gar so lieb» lich und so nett — Lohengelb. Zwar Hab' ich mich nur ihr allein zu nennen, Doch seh' ich Alle Euch vor Neugier brennen! Alle (Lohengelb umringend). O erzählt ohne Säumniß Das große Geheimniß. Hinundherl. Es geht uns eigentlich nichts an. Doch wissen macht' es doch Jedermann! Eudoxia (zudrängend). Er fingt die G'schicht', scheint mir, da bin ich froh. Da hört man's besser, (zu Hinundherlaufer) aber stoß nicht a so! Lohengelb (singend). Kommt näher her — stellt Euch um mich im Kreise und höret denn, Die G'schicht ist wunderschön! (Tritt feierlich vor.) Hoch steht ein Zauberschloß auf einem Felsen, Mitten in einem Feeuhain ganz ohne Gelsen; D'rin ein Schatz, heißt der Grall, Niemst weiß weßwegen Und der Grall allemal Bringt Glück und Segen! Grall kommt von Gralewat, Und möglich ist es, Daß'n einst wer g'stohlen hat. Man weiß nix G'wiffes. 's stärkt der Grall wunderbar. Ein Zaubergeier Der kommt g'flogen alle Jahr', Folglich auch Heuer. ^-Ghor. Auch der liebe gute Grall Thut so gut überall. 3l Lohengelb. Und beim Groll, Tag und Nacht, Mit Hump'n und Zither, Hallen per Putz nur Wacht Zwölf schöne Ritter; Einer davon bin ich, Jetzt Urlaubswanderer, Um zu erholen mich, , Dann geht ein Anderer. (Das Schaf mit dem goldenen Wagen 1. Act wird sichtbar.) (Wendet sich zu Elsa.) Jetzt weißt Du, wer ich bin, Ich kann's beweisen; Lohengelb Spindeldürr, So thu' ich heißen. Doch jetzt muß z'ruck zum Grall 's Lamperl mich ziehen; Schaffen's ein andermal, 's war mir ein Vergnügen! (Während dieser letzten Verse hat sich Lohen- grlb dem Wagen genähert.) Alle (überrascht). Lohengelb! Lohengelb! Eudoxia. 's ist wirklich der Mühe werth, Was man da alles hört! I Ich Hab', als damals ich bin im Wald ge- ! wesen, > Verzaubert den Pafnuzi, und nur Grall kann ihn erlösen! Gaugraf. j Meiner Six. ich bin ganz paff, ^ Pafnuzi also ist das Schaf? ' Hinundherl. (staunend). Unser Prinz? — ein Schaf? — durch jenen Drachen? (Aus Gertrud zeigend.) (Starker Accord im Orchester.) Achte Scene. Grall. Die Vorigen, dann Pafnuzi. Grall. Und jetzt bin ich da. um der G'schicht' ein End' z' machen! ! Alle. Der Grall, der Grall! ^ Elsa (schmerzlich), wie im ^ Himmel, gerechter, guter, !Das Schaf, es ist mein Bruder! Gaugraf (spricht). So wahr zweimal drei ist sechs, Ich bin ganz perplex. Elsa (zu Lohengelb). Du darfst nicht fort, ich geb's nicht zu, Ich werde Dich umklammern! (Will aus ihn zu.) Lohengelb (abwehrend). Wärst g'scheidt z'erst g west, so dürftest Du Nicht nachträglich jetzt jammern! Gertrud (wüthend vorstürzend zu Elsa). Triumph der Rache! — Siek, dein Gatte wird nun flieh'n, Und wisse, 's ist dein Bruder, der ihn wird zieh'n; > Grall. Ich bin s. den ihr genannt, Ich bin der gute Grall, Mach' jetzt der G'schicht ein End', Das geht so Knall und Fall 's ist wahr, die Gertrud hat euren Prinz bezaubert Und ich als guter Gott, Hab' ihn für mich geräubert! Als Schwan' wollt ich den Kleinen in meine Dienste nehmen, Doch war er mir zu dumm, ich hätt' mich müssen schämen. D'rum nahm ich ihn als Schaf, auch für das ist er zu dumm; Soll ich ihn noch füttern, ich wüßte nicht warum. 32 Doch weil Zhr ihn als Prinzen just brauchen könnt' im Land, Da habt's ihn, nehmt's ihn wieder den Erben von Dragant! (Das Schaf verschwindet hinter dem Hügel, an dessen Stelle erscheint Pasnuzi im Knaben- costüm nach dem Vordergründe in Elsas Arme eilend.) Elsa (freudig). O mein Bruder! Jst's wahr, daß Du so dumm? Pasnuzi. Man sagt's —ich weiß aber nicht warum? Hinundherl. (zu Pafnuzi's Füßen stürzend). O unser Prinz — unser schönster Hoffnungsstrahl, Wie glücklich wird das Land, wo Du regierst einmal! Grall. Doch weil ich nun schon d'rin in der Glück- ausspenderei. So mach' ich, daß auch Gertrud von heut' gebessert sei; Ihr Mordigall soll wieder leben, doch darf er nicht mehr Hetzen, D'rum will ich ihm als Bürge einen neuen Kopf auffetzen. Mordigall (erscheint ganz demüthig und wirft sich Grall zu Füßen). Ich küß die Händ' zehntausendmq) Dem guten lieben Herrn von Grall. Grall (zu Elsa auf Lohengelb zeigend). Du, Elsa, sollst dein' Lohengelb jetzt ohne Harnisch kriegen. Und 's nächste Jahr um diese Zeit ein ganz klein Ritterl wiegen. Somit irr äuleo )udi1o, beim Schmettern der Trompete. Woll'n wir noch etwas fingen jetzt, dann tanzen um die Wette. Lohengelb (fingt). Komme aus dem Fabelland rc. rc. (Erste Strophe des Lohengelb-Liedes aus dem 1. Acte.) (Allgemeiner Tanz, der Vorhang fällt.) Ende. Druck und Papi« von Ü «ommtr L Comp, in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Rosa und Rostls. Lustspiel i« zwei Aufzügen. Nach dem dänischen Original von C. A. Deutsch von Dr. August Förster. Repertoire-Stück des k. k. Hofburg-Theaters Personen: Besetzung am l. t. Hofburg-Theater. Herr Lhristian Frerichs, Kaufmann. Herr Förster. Frau Sofie Frerichs . . -. Frau Hebel. Heinrich, ihr Sohn.'.Herr Krastel. Gustav, ihr Neffe..- - Herr Hartmann. Rosa. . . . - - Fräul. Bog nur. Rosita.Frau Hartmann. Peter, ein alter Diener in Frerichs' Hause. . Herr Ferrari. Der erste Act spielt in Hamburg, in Frerichs' Hause; der zweite auf dem Lande. Erster Act. Ein Salon in Frerichs' Hause. Erste Scene. Heinrich (steht vor dem Spiegel, sein Halstuch knüpfend). Gustav (am Tisch, ein Buch vor sich, in welchem er leise rechnet). Heinrich. Das ist ja heute ein entsetzlicher Lärm bei uns. Auf der Treppe wird so viel hin und her gelaufen, daß das ganze Haus zittert. Ich bin davon so verdreht. daß ich mir nicht einmal das Halstuch ordentlich binden kann. Sieh' mich einmal an, Gustav. Nicht wahr, es fitzt abscheulich? (Er dreht sich nach Gustav um.) Ja. Unglücksmensch, was treibst Du denn? Du arbeitest wohl gar? Denkst Du denn nicht daran, daß unsere spanischen Cousinen heute wahrscheinlich ankommen? Gustav. Störe mich nicht, Heinrich. Die Arbeit muß fertig werden, und wie Du weißt, ist eben sehr viel im Geschäft zu thun. Heinrich. Höre, Gustav, dein musterhafter Fleiß schadet mir in den Augen meines Vaters. Wenn er Dich so fortwährend über den Büchern trifft, verlangt er von mir, daß ich eben so wahnsinnig arbeiten soll. Glaub's oder glaub's nicht, er will, ich soll Dich zum Muster nehmen. Ich werde mich aber hüten, denn ich glaube wahrhaftig, Du bist mit der Feder in der Hand auf die Welt gekommen. Gustav. Das weiß ich nicht, Heinrich, aber ich weiß, daß ich als armer Junge auf die Welt gekommen bin. 1 Heinrich. Prahle nur jetzt immer mit deiner Armuth, ich bin doch überzeugt, daß Du reicher sterben wirst als ich. Zweite Scene. Heinrich. Gustav.-Frerichs (eine Ci- garrenkiste in der Hand). Frau Frerichs (trägt eine Vase mit einem Bouquet). Peter und ein anderer Bedienter (tragen eine Damentoilette, kleine Gipsfiguren und anderen Damenzimmerschmuck). Heinrich. Was seh' ich, Papa! Du hilfst selber mit beim Umzuge? Frerichs. Ich will nur diese Cigarren in das Zimmer tragen, welches für Jsa- bella bestimmt ist. Heinrich. Glaubst Du denn, die Cousine raucht? Frerichs. Sie ist ja in Madrid geboren, und eine echte Spanierin — Hab' ich mir sagen lassen — legt nie die Cigarre aus der Hand. Frau Frerichs. Ich wünschte wohl, Jsabella wäre in diesem Puncte eine Ausnahme unter ihren Landsmänninnen, denn die Tapete ihres Zimmers ist weiß mit Rosenbouquets. Peter. Junger Herr, ich muß ja so diese Toilette hinauftragen. Sagen Sie doch dem Papa, ich kann die Cigarren recht gut mitnehmen. Heinrich (lacht). So, mein Alter? Du wirst Dich schneiden, wenn Du glaubst, Papa hatte die Cigarren nicht gezahlt. Peter. Sie sind aber schlimm, junger Herr! Nun, Sie waren schon als kleiner Junge ein schreckliches Kind. (Ab mit dem andern Bedienten.) Frau Frerichs. Das Zimmer ist jetzt recht nett hergerichtet. Ich denke, Jsabell- chen wird sich darin gefallen, wenn sie auch noch so verzogen ist. Es wäre mir lieber, sie käme heute wegen der Blumen. Ich denke aber, sie bleiben wohl frisch auch dis morgen. Ist das Bouquet nicht hübsch, Heinrich? ' Heinrich (nimmt eine Blume davon, die er in s Knopfloch steckt). Dies zu hübsch, als daß es bis zur Ankunst dieser stolzen Jsabella welksn sollte. Frau Frerichs (das Bouquet wieder ordnend). Aber, Heinrich, ich werde böse. Du machst doch immer dumme Streiche. Frerichs. Das sag' ich ja alle Tage. Da lobe ich mir Gustav. Das ist ein Muster eines jungen Mannes. Mir läuft das Herz über vor Freude, wenn ich ihn so in seine Arbeit vertieft sehe. Gustav (steht auf und schließt das Buch). Hören Sie auf meinen Fleiß zu loben, lieber Onkel, denn ich bin schon fertig. Frau Frerichs. Heinrich ist aber doch auch recht talentvoll. Frerichs. Schon recht. Aber wenn die beiden jungen Herren als Fremde um eine Anstellung in meinem Hause bäten, so würde ich Gustav auf der Stelle aufnehmen und ihm einen guten Gehalt sichern, während Heinrich — ja, ja, so leid mir's thut, so muß ich Dir's doch sagen, Heinrich, Gustav ist mehr werth als Du. Heinrich. Na, Papa, Du hast deinen Ausspruch nicht vollendet. Wenn ich ein Fremder wäre, was thätest Du mit mir? Du würfest mich wohl zum Hause hinaus? Frerichs. Ganz so schlimm mein' ich's doch nicht mit Dir. Wahrscheinlich würde ich folgendermaßen mit Dir sprechen: »Junger Mann, Sie sind nicht ohne glückliche kaufmännische Anlagen, Anlagen, die, wie ich vermuthe, in Ihrer Familie erblich sind, — aber Sie sind zu faul. Arbeiten Sie, junger Mann, folgen Sie dem Beispiele Ihres braven Vaters, und wenn Sie sich gebessert haben, sprechen Sie wie- ^ der bei mir ein, ich werde Sie dann mit offenen Armen aufnehmen. > Heinrich. Hörst Du, Mama? Ich bin der verkannte Sohn. » Frau Frerichs. O nein, der Vater hat i'ganz Recht. Du bist wirklich zu faul. Jetzt 3 aber komme mit mir, lieber Sohn, hilf mir die Blumen hinauftragen. Heinrich. Mit Vergnügen, liebe Mutter. Ich werde Sie in Marias Zimmer stellen. Frau Frerichs. Zu Maria? Solch' seltene Blumen willst Du in die Dachkammer tragen? Gustav. In die Dachkammer? Maria soll in die Dachkammer? Warum soll denn das arme Mädchen so als Aschenbrödel behandelt werden, lieber Onkel? Frau Frerichs. Als Aschenbrödel! Was das für Reden find! Mit t7 Zähren befindet man sich überall wohl, Gustav. Heinrich. Jsabella ist also wohl acht zig Jahre alt, da für sie der erste Stock eingerichtet wird? Frau Frerichs. Mußt Du immer Deine unnützen Anmerkungen machen? (Zu ihrem Manne.) Christian, erkläre dem Jungen doch die wahre Stellung der beiden Mädchen. Er scheint nichts davon zu wissen. Frerichs. Wohlan denn! Merk' auf, Heinrich! Du auch, Gustav, Du gehörst ja zur Familie. Vor ungefähr 20 Jahren hielten sich zwei junge spanische Kaufleute, die Brüder Diaz, einige Monate hier in Hamburg auf. Die jungen Männer lernten meine beiden Schwestern kennen und lieben. Ihre Liebe wurde erwidert und bei ihrer Abreise nahmen sie sie als ihre Gattinnen mit in ihre spanische Heimat. — Meine Schwäger waren schwächliche, kleine Männchen und gar nicht hübsch; ich habe deßhalb eigentlich nie begreifen können, wie man sich in sie verlieben konnte. Du auch nicht, Sofie? Wie? Frau Frerichs. Ei nun! Sie tanzten aber sehr gut, besonders der Jüngere. Der tanzte wirklich wunderschön — das vergefl' ich nie. Frerichs. Wer spricht denn vom Tan zen, Mutter? — Weiter also. Ja, wo war ich denn stehen geblieben? Ich weiß schon. — Als sie sich verheirateten, waren meine Schwäger arm. Nach wenigen Jahren jedoch arbeitete sich der Aeltere, der Vater Jsabella's, glücklich empor. Er wurde sehr reich. Sein jüngerer Bruder starb indeß, ohne daß es ihm gelungen war, sich ein Vermögen zu machen. Meine arme Schwester folgte ihrem Manne bald darauf nach und die kleine Maria kam in das Haus ihres reichen Oheims. Jsabella's Vater ist nun vor einigen Monaten ebenfalls gestorben, wie Ihr wißt, und die beiden Mädchen find Waisen. In dieser Beziehung ist ihre Stellung nicht verschieden. Jsabella aber ist Erbin von zwei Millionen, während Maria keinen Groschen im Vermögen hat. Und das ist allerdings ein kleiner Unterschied. Frau Frerichs. Jetzt merkst Du doch, was ich für Pläne habe, Heinrich? Dein Vater hat die Vormundschaft über Jsabella übernommen. Sie wird hier leben, wird Dich täglich sehen, und da Du der hübscheste junge Mann in ganz Hamburg bist — Heinrich (lacht). Halt, Mutter! Ich habe mir das auch immer eingebildet, aber wenn ich mit Vetter Gustav ausgehe, da sprechen die Blicke der jungen Mädchen, wie derVaterebengesprochenhat: »Gustav ist mehr werth als Du!« Frau Frerichs. Gustav? Warum nicht gar! Gustav. Lassen Sie ihn nur, Tantchen. Sie wissen ja, Heinrich muß immer seine Witze machen. Frau Frerichs. Jsabella's Ankunft ist aber nicht der passende Anlaß für schlechte Witze. Nicht wahr, Vater Frerichs? Ein so junges Mädchen, die Erbin eines so großen Vermögens, ist jedenfalls sehr verwöhnt. Also müssen wir alle sehr liebenswürdig mit ihr sein, wir Alle — aber Du besonders, Heinrich. Heinrich. Und wie soll ich denn mit Maria sein? Frau Frerichs. Maria geht nur mich allein an. Sie wird im Hause schon zu 4 ;hun bekommen, und wenn sie brav und arbeitsam ist, wird sie sich bei üns, im Schooße der Familie, ganz glücklich fühlen. Jetzt aber genug davon! Wir wollen hinauf gehen. Komm. Heinrich. Oder nein, gib mir das Bouquet wieder. Du stehst mir immer noch aus, als wolltest Du's in die Dachkammer tragen. (Frerichs und seine Frau ab.) Dritte Scene. Heinrich.Gustav.v. (Kliene Pause.) Heinrich (rafft sich aus aus seinem Schweigen). Sag', Gustav, ist das nicht unweigen). Sag', Gustav, Gustav. Die arme Maria! Kommt aus ihrem schönen Vaterlande, dem sonnigen. glanzvollen Spanien, und soll hier in einer traurigen Dachkammer Hausen! Heinrich. Die arme Kleine hat bis jetzt ein Leben geführt, wie es im Süden üblich, in träumerischer Muße und süßem Nichtsthun — und soll hier arbeiten wie eine Magd! Empörend! Aber, nicht wahr, Gustav, sie wird nicht verlassen sein bei uns, wir Beide nehmen sie in unfern Schutz? Gustav. Ja, das wollen wir! Ich fühle schon, daß ich sie liebe. Heinrich. Und ich erst! Ich fühle, daß ich sie heirate. Das heißt, erst muß ich sie natürlich seh'n. — Doch jetzt zu unserem Beschützeramt. Fangen wir damit an, ihr Zimmer hübsch und wohnlich einzurichten. — Aber insgeheim! — Jst's einmal geschehen, wird kein Mensch darauf achten, denn die Mutter kommt nie unter s Dach. Ich selber habe die Dachkammer noch nicht geseh'n. Du wohl auch nicht? Gustav. Doch ich kenne sie. Ich bin einmal mit dem Kopf an die Decke angestoßen. Heinrich. Das Dach können wir aber doch unmöglich abdecken? Was thun wir denn da? Hoffentlich ist Maria kleiner als Du. Gustav (lacht). Darüber kannst Du ruhig sein. Ich habe wenigstens noch keine Spanierin von meiner Größe geseh'n. Heinrich. Na also! — Was mag denn abir in der Kammer noch fehlen? Gustav. Die Wandtapete ist alt und an vielen Stellen zerrissen. Heinrich. Das verhüllen wirmitBln- men und Guirlanden. Gustav. Auch eine Guitarre soll sie haben, eine echt spanische Guitarre. Ich habe eine beim Jnstrumentenhändler gesehen. Heinrich. Und was die Cigarren betrifft — Gustav. O pfui — Heinrich. Du hastRecht, rauchen wird sie gewiß nicht. Aber eben fällt mir ein, daß ich auf meinem Zimmer etwas viel Besseres habe. Warte einen Augenblick. Gleich bin ich wieder da. (kr geht ins Nebenzimmer und kommt sogleicy mit einem kleinen Gemälde zurück.) Siehst Du, das hier! Wie findest Du's? Betrachte das Bild mit Aufmerksamkeit. Du siehst doch gleich, was das ist? Nicht wahr? Gustav (betrachtet das Bild). Was das ist? Gewiß! Es ist häßlich, sehr häßlich! Heinrich (ironisch). Du bist ein Kenner! Das ist ja eine echt spanische Landschaft, voll Sand und Sonne! — Geh' Du einmal in meinZimmer, Gustav, vielleicht findest Du noch etwas, was ihr nützlich sein kann. (Gustav geht ins Seitenzim- mer. Heinrich besieht noch immer das Bild.) Ach. die hübsche kleine Frau, welche da spazieren geht, den Fächer in der Hand, das Gesicht halb unter schwarzen Spitzen versteckt. Wenn ich das Bild so halte, kommt mir's vor, als lachte sie mich an! Gott! Diese Spanierinnen! (kr seufzt.) Jch kann's kaum erwarten, meine Base 5 Maria zu seh'n. (Gustav kommt zurück mit einem Teppich.) Was zum Teufel schleppst Du denn da heran? Gustav. Du wolltest ja etwas, was ihr nützlich sein könnte. Da fiel mir ein, daß die Dielen in der Dachkammer sehr abgenutzt und voller Risse find und da nahm ich deinen Teppich. Er ist sehr schön und dick, und wenn Du Dir nicht gerade viel daraus machst — Heinrich. Für Maria opfere ich Alles. Uebrigeos ist deine Idee vortrefflich und ich danke Dir dafür, kluger Detter. Der Teppich wird sich sehr gut machen. Mag die stolze Jsabella im ersten Stock inmitten ihres Luxus thronen — Maria s Zimmer ist zwar nicht so groß wie jenes, aber cs wird wohnlich und gemüthlich sein, und uns wird fie das danken. Komm' jetzt, Gustav, rasch an's Werk. Aber wir müssen leise auftreten, wenn wir in den ersten Stock kommen. Denn wenn mein Vater oder Mutter etwas merken, dann wehe uns und unserem Schützling! (Während dessen haben sie den Teppich zusammengerollt. Gustav nimmt ihn auf die Schulter, Heinrich trägt das Bild.) So recht. Schul- tert'sGewehr! Muth! Vorwärts. Freund' wir möbliren die Dachkammer! (Sie gehen nach der Thür. Frerichs und seine Frau kommen ihnen entgegen.) Vierte Scene. Voige. Frerichs. Frau Frerichs. Frau Frerichs. Heinrich! Gustav! Wo wollt Ihr denn so eilig hin? Ihr seid ja ganz bestürzt. Was habtJhrdenn? Heinrich, Du versteckst etwas hinter dem Rücken. Warum thuft Du das? Heinrich. Damit Du es nicht siehst, Mama. Frau Frerichs. Ich sage Dir ja, daß ich's gesehen habe. Heinrich, 's ist nur eine kleine Ueber- raschung für Jemand-»Laß mir mein Geheimniß, bitte, liebe Mutter. Frau Frerichs. Gut, gut, wie Du willst. Ich bin also eine so schlimme Mutter, daß Du mir deine Geheimnisse nicht mehr anzuvertrauen wagst? Heinrich. Du übertreibst, Mama. — Es handelt sich— ja nur — um das kleine Bild aus meinem Zimmer. Frerichs. Warum hast Du's denn herabgenommen? Heinrich, sag' die Wahrheit, Du wolltest es gewiß versetzen? Heinrich. Gott bewahre, Papa! Das Bild hat ja keinen Werth! Aber es ist eine spanische Landschaft, und ich wollte sie meiner Eoufine in's Zimmer hängen, als Erinnerung an ihre Heimat. Frau Frerichs. Sagst Du die Wahrheit. Heinrich? Heinrich. Gewiß, liebe Mutter, ich kann's nicht leugnen. Frau Frerichs. Du hast doch ein gutes Herz — ich bin recht zufriedkn mit Dir. Heinrich Du hast also nichts dagegen? Frau Frerichs. Im Gegentheil, lieber Sohn. Du sollst deinen Willen haben. (Sie läutet.) Und deine Cousine soll es auch erfahren, daß sie Dir diese freundliche Aufmerksamkeit verdankt. Fünfte Scene. Vorige. Peter. Frau Frerichs. Peter, hängen Sie dieses Bild in Fräulein Jsabella's Schlafzimmer. Gustav und Heinrich (zusammen). Zu Jsabella? Frerichs. Wie, Sofie — Du glaubst, seine Aufmerksamkeit habe Jsabella gegolten? Ich habe die Sache anders aufgefaßt. 6 Frau Frerichs. Ich fasse sie aber so auf. Heinrich. Ich bin ertappt. (Zu Gustav, der gleich im Anfang der Scene den Teppich hinter seinem Rücken hat zu Boden gleiten lassen.) Lauf', Gustav, verschwinde und rette wenigstens den Teppich. Frau Frerichs (zu Gustav, der abxehen will). Bleib', Gustav, ich habe mit Dir zu reden. Gustav (versucht sich loszumachen). Ich stehe gleich zu Ihren Diensten, Tantchen. Frerichs. Halt, Gustav, was schleppst Du denn da mit fort? Gustav. Ich, Onkel? O gar nichts. Frerichs (greift nach einem Zipfel des Teppichs, dieser rollt auf). Nichts? Das ist ja mein schönster Brüsseler Teppich. Die beiden Zungen haben hier förmlich geplündert. Frau Frerichs. Ist der Teppich auch für die Cousine bestimmt, Gustav? Gustav. Nein, Tantchen, o nein! Ich wollte — ich dachte — Heinrich. Vetter Gustav bemerkte, daß der Teppich sehr staubig ist — Gustav. Za. so ist's — und da wollte ich ihn ein bischen ausklopfen. Frerichs. Es ist bewundernswert! Diese großartige Arbeitslust! Gustav ist wirklich ein Muster von — Gustav. Onkel, Sie machen mich schamroth. Erlauben Sie, daß ich mich entferne. (Will ab mit dem Teppich.) Frau Frerichs. Laß nur erst den Teppich da. Peter, stauben Sie ihn ab und dann tragen Sie ihn wieder in das Zimmer des jungen Herrn. Heinrich (leise zu Gustav). Es ist zum Tollwerden! Gustav (ebenso). Die arme Maria! Aber wir fangen später wieder an. Peter. Herr Frerichs! Draußen find zwei verschleierte Damen, die mit Ihnen sprechen wollen Frerichs. Zwei Damen! Esel! Steht eine halbe Stunde da und sagt kein Wort davon. Zwei Damen — zu Fuße? Peter. Freilich find sie jetzt zu Fuße, sie warten ja draußen im Hausflur, aber gekommen sind sie im Fiaker. Frau Frerichs. Christian! Wenn es die spanischen Mühmchen wären? Frerichs. Bewahre, Sofie. Das ist ja nicht möglich. Meine Nichte, die reiche Erbin Zsabella Diaz, wird bei ihrem ersten Besuche im Hause ihres Onkels doch nicht so ihren Einzug halten? Heinrich. Wie denn sonst, Papa? Frerichs. Wie denn sonst? Welche Frage! Natürlich in ihrer Equipage, mit ihren Bedienten, die sie anmelden. Damen. die allein in einem elenden Fiaker Vorfahren, mögen wohl ganz anständig sein, aber von meiner Familie find sie nicht. Das ist gewiß. Peter! Eintreten lassen! (Peter ab.) Sechste Scene. Vorige ohne Peter. Rosa. Rosita. (Die Mädchen find verschleiert, ihr Anzug ist ganz gleich. Sie tragen schwarze Kleider und Mantillen.) Frerichs. Treten Sie näher, meine Damen. Worin kann ich Zhnen dienen? Rosa. Haben wir die Ehre Herrn Frerichs vor uns zu seh'n? Frerichs. Der bin ich, mein schönes Kind. Was haben Sie mir zu sagen? Rosita. Wir haben einen Brief an Sie abzugrben. (Sic reicht ihm einen Brief.) Frerichs. Wie ich sehe, von meinen Nichten. (Zu seiner Frau.) Siehst Du, daß meine Ahnung richtig war. Jsabella läßt sich durch ihre Kammerfrauen anmelden. (Er liest.) »Lieber Oheim! Ihre beiden Nichten find soeben in Hamburg eingetroffen und werden binnen Kurzem die Ehre geben, sich Ihnen vorzustellen.« Das' freut mich. Sagen Sie, wie befindet sich Fräulein Zsa ella? Sie ist doch hoffentlich von der Reife nicht zu sehr angegriffen? Frau Frerichs. Das theure Kind!^ Wie sehne ich mich, sie in die Arme zu schließen! Rosa. Lesen Sie nur gefälligst weiter, Herr Frerichs. Frerichs (liest). »Die reiche Jsabella sowohl wie die arme Maria find gesund und wohlauf. Die väterliche Liebe des Sennor Diaz hat nie den geringsten Unterschied zwischen Beiden gemacht.« Da hat mein Schwager einen großen Fehler begangen. Er überläßt also diese Sorge mir ganz allein (Weiter lesend.) »Und nur sein plötzlicher Tod konnte den guten Vater verhindern, Maria s Lage vollkommen sicherzustellen. Vor ihrer Abreise aus Spanien forderte daher Zsabella von Maria —« Ach. Du lieber Gott! Was kann sie denn von dem armen Mädchen, das selbst nichts hat, fordern?—»forderte Jsabella von Maria das feierliche Versprechen, bei ihrer. Ankunft in Hamburg ihren Namen zu verschweigen, wie Jsabella sich verpflichtete, auch den ihrigen nicht zu nennen.« Was ist das? »Aus Furcht, verrathen zu werden, entließen sie ihre spanische Dienerschaft. Sie find Beide achtzehn Jahre alt, Beide sind gleich hübsch, find überhaupt Eine so viel werth als die Andere. Sie wollen daher, daß ihre Aufnahme ganz gleich sei und daß kein Unterschied zwischen ihnen gemacht werde.« Wahrhaftig! Na, das wird sich finden. — »Erst wenn sie mündig geworden oder sich verheiratet haben — und sie haben gelobt, sich gleichzeitig zu verheiraten — erst dann wird man erfahren, welche von ihnen Jsabella und welche Maria ist. Für jetzt zeichnen wir beide als Ihre gehorsamen Nichten Rosa und Rosita Diaz.« — Meine gehorsamen Nichten! Na. ich danke, ein schöner Gehorsam! Frau Frerichs. Hat man je so etwas gehört! Die schlimmen Mädchen! Welch' schlechte Grundsätze! Sie sollen bleiben, wo sie sind. Ich verbiete ihnen inein ^ Haus. Frerichs. Sag' das nicht, Mutter. Wir wollen nicht zu streng sein. Die Mädchen find jung, sie find verirrte Kinder, die sich schon wieder auf den rechten Weg finden werden. Sei nur ruhig. Heinrich, gib mir Hut und Stock. Ich will sie holen. (Zu den Mädchen.) Wo befinden sich meine Nichten? Führen Sie mich in den Gasthof. wo sie abgestiegen find. Nun, antworten Sie doch. Wo sind sie? Rosa und Rosita (zugleich, indem sie sich entschleiern und sich bei der Hund fassen). Hier! Frerichs. Wie? Sie wären — Rosa (mit einer Verbeugung). Ich heiße Rosa. Rosita (ebenso). Und ich Rosita. Heinrich. Hörst Du, Gustav? Gustav. Still! Laß mich sie betrachten. Rosa. Wir find jetzt alle Beide arm. Eine wie die Andere. Wir haben Alles verloren. Rosita. Wir stehen allein auf der Welt und bitten Sie Beide um Ihren Schutz und ein wenig Liebe. Rosa. Stoßen Sie uns nicht zurück, lieber Onkel! Um Ihrer Schwestern willen lieben Sie uns. Frerichs. JnmeineArme! AlleBeide! Glaubt Ihr denn, ich sei ein Wehrwolf? (kr umarmt sie.) Meine guten Kinder! Ich liebe Euch schon — von ganzem Herzen. Ihr armen Kleinen! Wie hübsch Ihr seid! Und wie Ihr gut deutsch sprecht! Rosita. Wissen Sie denn nicht, daß Deutsch unsere Muttersprache ist? Frerich (zu seiner Frau). Mutter! Sieh sie an unsere Nichten! (Er saßt sie beim Kinn und dreht sie gegen seine Frau.) Sieh diese hübschen Gesichter, wie sie bitten'. Umarme sie doch! Frau Frerichs. Du bist und bleibst immer der Alte, Christian. Wenn Du ein hübsches Gesicht siehst, bist Du verrückt! Was mich betrifft, so umarme ich die Leute auch ganz gern, aber lieber ist mir's, wenn ich weiß, wen ich umarme. Frerichs. Hört Ihr? — Also, meine Kinder, heraus damit! Wozu dieß Geheimnis? Opfert uns euren Eigensinn. — Ihr wollt nicht? — Es braucht nur Eine die Wahrheit zu sagen, dann bin ich schon zufrieden. (Zu Rosa.) Du — Du bist die Größere, also die Vernünftigere — Du wirst sprechen. Rosa. Wir haben uns gegenseitiges Schweigen geschworen, lieber Onkel. Frerichs (zuRosita). Du lachst,Kleine? Komnl her, sei gescheidt und vertraue mir euer Geheimniß. Sag' mir's in's Ohr! — Ja? Rosita (ihm in's Ohr, aber laut). Ich darf nicht, Onkel! Frerichs. Das ist ein rechter Eigensinn! Sprecht doch, wir wollen keinen Unterschied zwischen Euch machen. Im Ge- gentheil, ich will Maria verhätscheln, Maria soll in meinem Herzen wohnen, aber freilich, Jsabella muß durchaus im ersten Stock wohnen. Frau Frerichs. Während Jsabella die Stellung einnehmen würde, die ihrem Vermögen gebührt, möchte ich für Maria eine zweite Muttersein. Unser Hauswesen ist zu groß und meine Kräfte reichen nicht aus, es zu leiten und in Stand zu halten. Da hatte ich denn auf die Hilfe Maria s gerechnet. Jetzt seh' ich freilich, daß ich mich getäuscht. Rosa (Frau Frerichs bei der Hand fassend). Reden Sie nicht so, liebe Tante. Wir wollen Ihnen Beide gleich gern gehorchen. Statt einer Tochter werden Sie zwei haben, die sich glücklich fühlen, ihrer Mutter nützlich zu sein. Rosita (nimmt Frau Frerichs bei der andern Hand). Gewiß, liebe Tante, ich will Sie wie eine Tochter lieben und will arbeiten, so viel ich kann. Frau Frerichs (macht sich sanft los). Laßt mich los, Ihr bösen Kinder. Ich bin nicht so leicht zu rühren wie mein Mann. — Hier find eure beiden Cousins. Ihr könnt einstweilen Bekanntschaft machen. Ich habe mit meinem Mann zu sprechen. Frerichs. Ihr bleibt also fest, Ihr Mädchen? Na, meinethalb. AberJhr kennt Euren Onkel schlecht, wenn Ihr meint, er durchschaue Euer Spiel nicht. Du, Frau, willst Du wissen, welche Jsabella ist? Ja? Na wart', ich will sie Dir zeigen. Die da ist's, die — (er streckt den Finger aus, als wenn er aus eines der beiden Mädchen zeigen wollte; die Mädchen lächeln und bleiben ruhig). Sie rühren sich nicht. Welche Kaltblütigkeit! Na komm, Mutter, ein andermal bring' ich's doch heraus. (Frerichs und Frau Frerichs ab.) Siebente Scene. Heinrich. Gustav. Rosa. Rosita. Heinrich. Liebenswürdige Cousinen — Rosa. Sie verleugnen uns also nicht? Rosita. Wir würden uns übrigens über solch' Unglück zu trösten wissen. Heinrich. Welch' ein Gedanke! Wir haben bisher geschwiegen, weil uns 'die Bewunderung stumm gemacht. Seien Sie also tausendmal willkommen, liebe Cousinen. Sie werden unser trauriges Dasein erheitern. Ja, trauriges Dasein. Früher waren wir ganz hübsche Jungen, Gustav und ich. Aber jetzt! Wir haben unsere schönsten Jahre in einer finsteren Schreibstube verbracht, umringt von endlosen Rechnungen und von schrecklichen Ziffer - colonnen. Das hat uns so verwandelt, daß wir jetzt gar nicht wieder zu erkennen find. Mich besonders; denn ich bin jetzt der Häßlichste von uns Beiden—ich weiß es wohl. Das macht, meineSchönheitwar zarter und leichter zu verderben. Beklagen Sie uns, theure Cousinen. Wir sehen aus wie Greise. Nicht wahr? Und doch find wir kaum vierzig Jahre alt. Rosita (lacht). Vierzig Jahre! Ich hätte Sie kaum für so alt gehalten, Cousin. Heinrich. Wie? Ja, wir find vierzig Jahre alt, das heißt Gustav und ich zusammen. Rosita. Ach so! Das ist freilich etwas Anderes. Heinrich. Herrgott, ich sehe also aus, als wäre ich allein vierzig Jahre alt? Das ist noch schlimmer, als ich gefürchtet. Gleichviel. Das wird ja aufhören, Dank Ihnen. Schöne Rosa, anbetungswürdige Rosita, Sie bringen uns mit vollen Händen Jugend und Schönheit zu. Man braucht Sie nur anzusehen und man wird wieder jung. Da ich nun aber recht lange jung bleiben möchte, so werde ich Sie aus allen Kräften ansehen. Rosita. Unser Vetter scheint ein recht munterer Bursche. Nicht wahr, Rosa? Rosa. Ich wundere mich, daß Sie sich über unsere Ankunft so freuen, denn Ihre Mutter schien, wie Sie bemerkt haben werden, einen Augenblick ganz geneigt, uns die Thüre zu weisen. Heinrich. Das ist ja nicht möglich. Wer könnte Sie von seiner Thür weisen? Sie dringen ja doch ins Haus wie die Sonnenstrahlen, wie die frische Luft, wie der Gesang der Vögel. Ich wenigstens öffne Ihnen meine Thür, meine Fenster, mein Haus und meine Arme. (Geht mit ausgebreiteten Armen auf sie zu, sie weichen lachend aus.) Nur näher, liebenswürdige Cousinen, treten Sie ein! Rosita. Danke, lieber Cousin, aber wir bleiben lieber draußen. Rosa. Sie geben uns also darin Recht, daß wir unsere Namen verheimlichen? — Wir fürchteten uns von den Leuten getrennt zu werden, und wir haben uns doch so lieb wie Schwestern. Heinrich. Freilich haben Sie Recht. Uebrigens ist dieser Schleier des Geheimnisses, der Ihnen so etwas Unfaßbares, Unbestimmtes verleiht, für Ihre Schönheit ein neuer Reiz. Rosa. Das war aber nicht der Grund für unfern Entschluß. Gustav. Sie fragen, ob Sie recht ge- handelt mit diesem Entschluß? Sie haben mehr als recht, Sie haben schön und edel gehandelt. Durch Ihre hochherzige List beschämen Sie uns Alle. Denn gestehen wir's nur, Heinrich und ich, wir waren ebenso ungerecht gegen Sie, wie der Onkel und die Tante. Rosa. Wie, Sie auch? Gustav. Ja, liebe Cousine. Wir hatten uns entschlossen — und das war ungerecht — eine von Ihnen recht auffällig zu bevorzugen. Rosita. Und zwar Jsabella? Gustav. Bitte um Verzeihung — Marie. Heinrich. Ja, Gustav sagt die Wahrheit. Wir ärgerten uns, daß die arme Maria um ihrer reichen Cousine willen zurückgesetzt werden sollte, und so beschlossen wir sie unter unfern Schutz zu nehmen. Um ihr nun unsere Tbeilnahme gleich zu beweisen, wollten wir ihr Zim> mer wohnlich und geschmackvoll einrichten. Schon hatten wir Hand an's Werk gelegt— Gustav. Ohne uns zu rühmen. Heinrich, dürfen wir sagen, wir waren schon fertig. Rosa, Das war hübsch und edel von Ihnen. Heinrich. Ja, wir trieben den Edel- muth so weit, daß wir uns als erklärte Liebhaber Maria s bekannten. Rosa (lächelnd). Alle Beide? Da wird die Entscheidung schwer, welche von uns den größten Verlust erleidet durch die 10 Verschweigung unserer Namen, Jsabella oder Maria? Ro sita. Sie dürfen aber rathen, meine Herren. Hier sind wir. Sehen Sie uns an. Der Zug des Herzens muß Sie ja richtig leiten. Die Liebe täuscht sich nicht. Finden Sie die wahre Maria aus und fallen Sie ihr zu Füßen. Heinrich (siehtEine nach der Andern an). Die Wahl wäre zu schwer, Cousine. Ich falle lieber vor Ihnen Beiden nieder, die Sie Schwestern sind an Schönheit und Liebenswürdigkeit. (Er kniet.) Achte Scene. Vorige. Fririchs. Frau Frerichs. Frau Frerichs. Siehst Du! Es war unvorsichtig, die jungen Leute allein zu lasten. Da kniet unser Heinrich vor Maria. Frerichs. Es schadet nichts, denn er kniet ja auch vor Jsabella. Aber diese Ungewißheit muß ein Ende nehmen. Und darum sag' ich und wiederhol' ich Dir: Ich will allein mit den Mädchen reden, ich will sie Eine nach der Andern in's Verhör nehmen und in einer halben Stunde weißt Du die Wahrheit. Frau Frerichs. Mit welcher willst Du den Anfang machen? Frerichs. Mit Rosita. Sie scheint so naiv und kindlich, daß ich glaube, sie wird sich unter dem Kreuzfeuer meiner Fragen gleich verrathen. Frau Frerichs. Gut denn; schicke Du Gustav und Heinrich fort, ich werde Rosa mit mir nehmen. Frerichs. Junge Herren, wie spät ist's denn eigentlich bei Euch? Mir scheint, eure Uhren gehen nach. Gustav (sieht nach der Uhr). Sie haben Recht, Onkel. Schon zehn Minuten darüber. Komm', Heinrich. Heinrich. Na, na, lauf' nur nicht so, Gustav. Das Comptoir rennt uns nicht fort, sei ruhig. Papa, ich will Dir einen Vorschlag machen. Die Cousinen haben uns heute überrascht und da wir Ihnen so wenig Annehmlichkeiten bieten können, so solltest Du — Frerichs. Die Annehmlichkeiten lieber hier lasten, statt sie in's Comptoir zu schicken, nicht wahr? Es thut mir leid, mein Junge, aber ich bleibe doch dabei. Marsch in's Comptoir. Heinrich. Na ja doch, ich gehe ja schon. Auf Wiedersehen, schöne Cousinen. Komm', Gustav, komm'. Wir find zum Glück Beide zu stolz, um zu betteln um die Freiheit — besonders wenn's uns doch nichts hilft. (Ab mit Gustav.) Neunte Scene. Frerichs. Frau Frerichs. Rosa. Rosita. Frerichs. Er ist ein bischen keck der Bursche, aber er hat das beste Herz von der Welt. Das Mädchen, das ihn einmal heiratet — (Frau Frerichs zieht ihn am Rockschoß.) Rosita. Nun? Weiter, lieber Onkel. Frerichs. Was Hab' ich denn gesagt? Rosita. Sie sagten — das Mädchen, das ihn einmal heiratet — Frerich. Ach so! Ja. Ich wollte sagen, dieses Mädchen — nein — ich meinte, wahrscheinlich heiratet Heinrich gar nicht. Frau Frerichs. Liebe Rosa, komm' mit mir hinauf, ich will Dir die Zimmer im ersten Stock zeigen, wo Ihr einstweilen Beide wohnen werdet, bis — Rosa. Rosita darf doch auch mitkommen, liebe Taute? Frerichs. Später, mein Kind, später. Jetzt bleibt Rosita bei mir. Wir müssen doch ein bischen näher bekannt werden mit einander. (Frau Frerichs und Rosita gehen ab.) Zehnte Scene. Frerichs. Rosita. Frerichs. Komm', mein Herzchen. Wir find jetzt allein. Setz' Dich in drn Lehnstuhl. Du fürchtest Dich doch wohl nicht vor mir? Rosita. Ich, Onkel? O nein. Ich bin überhaupt nicht furchtsam. Frerichs. Desto bester. Na, sag' einmal, wie gefällt Dir's denn hier bei uns in Deutschland? . Rosita. Bis jetzt nicht besonders. Es wird wohl noch kommen. Frerichs. Gewiß wird's kommen — oder Du hättest einen sehr schlechten Geschmack. Was ist denn an eurem Madrid so Besonderes, daß Du es so schmerzlich vermissest? Rosita. Hatt' ich doch dort meinen guten Vater. Frerichs (mit Nachdruck). Deinen Vater? Rosita. Ja, meinen und Rosa s Vater. Wir nannten ihn Beide »Vater«. Frerichs. Und er hat Euch verzogen, nicht wahr? Rosita. Ei nun, er war gut und nachsichtig gegen Jedermann. Wenn er Abends aus dem Geschäft nach Hause kam, da war er manchmal recht verdrießlich und seine Stirn war in unmuthige Falten gezogen. Da setzte ich mich zu ihm, sang ihm etwas vor, oder plauderte mit ihm, um ihn zu zerstreuen und ich brachte es immer dahin, daß er endlich lachte. Da nannte er mich immer eine kleine Zauberin, die alle Taschen voll guter Laune hätte. Frerichs. Sieh' mal an. Rosita. Manchmal neckte ich ihn auch, natürlich, nur um ihn lachen zu machen. »Böser Papa, sagte ich dann zu ihm, wenn Du so unartig mit mir bist, dann laust ich Dir fort und gehe zu meinem Onkel Frerichs nach Hamburg. Ich seh' ihn vor mir, den guten Onkel. Es ist ein liebenswürdiger alter Herr mit ganz feinen weißen Haaren.« Nicht wahr, Onkelchen, das Hab' ich gut gerathen auf die weite Entfernung? Dann fuhr ich scherzend fort: »Onkel Frerichs wird mich schon ein bischen lieb haben, wenn ich bei ihm bin.« Onkelchen, darf ich glauben, daßichdaauch nicht falsch gerathen habe? Frerichs. Gewiß nicht, kleinerSchelm. Wenn Du aber eine so gute Meinung von mir hattest, warum hast Du mich denn nie besucht? Rosita. Weil mich der Papa so zärtlich liebte. Ach, wenn er nicht gestorben wäre, wär' ich nie hierher gekommen. Frerichs. Na, na, weine mir nur nicht, Röschen. Du kleiner Eulenspiegel drohst also gleich mit Fortlaufen? Wo läufst Du denn hin, wenn ich einmal bös mit Dir bin? Rosita (wirft sich ihm um den Hals). Das wirst Du nicht sein, nicht wahr, Du wirst immer gut mit mir sein? Ich habe ja Niemand sonst als Dich, Du bist jetzt mein Papa. Frerichs. Du magst nun Jsabella sein oder nicht, ich merke, mein Schwager hatte Recht, wenn er Dich eine kleine Zauberin nannte. Na, sei ruhig, ich werde Dich immer lieb haben. Rosita. Dank, Onkelchen! Aber vor der Tante fürcht' ich mich! Frerichs. Warum denn? Sie ist ja doch gut und hat ein— ein (schluckt) sanftes Wesen! Rosita. Na, ich weiß nicht. Sic fieht ein bischen streng aus. Und leider kenn' ich mich zu gut. Ich weiß, daß ich viele Fehler habe. Wenn Du wüßtest, Onkel — ich bin so schrecklich faul! — Als ich die Tante so munter und regsam sah — so früh am Morgen! — da bin ich ordentlich erschrocken. Daran bin ich gar nicht gewöhnt. Frerichs. Das schadet ja nichts. Du wirst Dich schon daran gewöhnen. Rosita. Mit der Zeit, ja. Aber ich werde mich sehr zusammennehmen müssen. — Du kennst unser Klima nicht, Onkel. Manchmal ist's bei uns so heiß, daß man nicht die geringste Bewegung machen kann. Za, ich versichere Dich, es kommt vor, daß man sich den ganzen Tag lang nicht von der Stelle rührt. — Denke einmal, ganze Tage lang! Man hat nicht einmal so viel Kraft, um sich vor den Spiegel zu schleppen! Weißt Du, was das heißen will? Frerichs. Za, das ist freilich schrecklich! Rosita. Nicht wahr? — Dann streckt man sich so aus — stehst Du — so — (sie streckt sich lang aus auf dem Sessel) auf dem Sofa — und fächelt sich Luft mit dem Fächer zu — oder das muß vielmehr ein Anderer thun Du kennst wohl unsere spanischen Fächer gar nicht, Onkel? Frerichs. Freilich kenn' ich sie. Du denkst wohl, wir wissen hier von gar nichts. Gib einmal her deinen Fächer! Du sollst gleich sehen, wie ich das verstehe (Rosita bleibt ganz ruhig in ihrem Sessel, er fächelt sie.) Ob ich fächeln kann? Welche Frage. Du denkst wohl, ich bin ein Bär? — Na, was sagst Du? Rosita. Sie machen's nicht schlecht, Onkelchen. Nur ein bischen sanfter — bitte — der Fächer muß schweben, leicht wie ein Vogel und immer in gleichem Tact. Frerichs (fächelt immer fort). So — nicht wahr? Rosita (immer ausgestreckt). Ja — jetzt ist es besser! Mit der Zeit wirst Du's ausgezeichnet können — wie eine Spanierin Danke! danke! — Ach, ist das schön, so sanft zu ruh'n! Siehst Du, Onkelchen, so bleibt man liegen die ganze heiße Tageszeit! Frerichs. So, so! So lang' es heiß ist also! Wie lange ist's denn aber heiß? Rosita. Das ist ja das Unglück! Von Früh am Morgen bis nach Sonnenuntergang. Frerichs (fächelt immer). Uff! — Aber wenn es dann Abends kühler wurde, dann hast Du gearbeitet, um die verlorne Zeit wieder einzubringeu? Nicht wahr, mein Kind? Rosita. Ob ich gearbeitet? Allerdings, Onkel. Dann tanzte ich den Bolero, bis ich vor Müdigkeit umfiel. Frerichs. Du tanztest — so? — Na, gebe Gott, daß Du die bist, die ich ver- muthe, Rofita. Denn sonst fürcht' ich, wirst Du bei uns kein so angenehmes Leben haben. Rosita. Ei nun. es wird schon geh'n. An meiner Trägheit ist ja hauptsächlich das Klima in Spanien Schuld. Frerichs. Dann ist also Rosa ebenso wie Du? Rosita. Rosa? Nein, die ist das gerade Gegentheil von mir. Sie steht früh auf, ist sehr thätig und weiß sich immer eine Beschäftigung zu finden Frerichs. Wenn aber nur das Klima in Spanien träge macht, dann müßte ja Rosa nicht in Spanien geboren sein. Rosita. Rosa ist ein Engel. Onkelchen, und die Engel haben kein Vaterland. — Du wirst übrigens seh n, ich werde hier auch anders. Ich fühle, daß ich schon viel lebhafter geworden bin, seitdem ich hier bin. Die frische Seeluft wird meine Trägheit schon verjagen. Aber wenn ich dann recht fleißig gewesen, so fleißig, daß es gar nicht möglich sein soll, fleißiger zu sein — dann komme ich zu meinem guten Onkel und ruhe mich bei ihm ein bischen aus. (Sie sieht ihn lächelnd an.) Nicht wahr, Onkelchen, Du bist mir nicht böse? Frerichs. Ich Dir böse sein? Wegen deines Vertrauens? Nein, liebes Herzchen, nein! Wenn ich nicht zu dringend zu thun habe, dann komme nur immer zu mir — hörst Du — ich will Dich dann immer fächeln, vis Du Dich an unser Klima gewöhnt hast! (Er fächelt Rofita, 13 die sich ruhig ausstreckt mit geschlossenen Augen.) Etlfte Scene. Vorige. Frau Frerichs. Rosa. Frau Frerichs (bleibt erstaunt stehen bei diesem Anblicke. Frerichs dreht ihr den Rücken zu). Frerichs! — Das ist also deine Art, das Mädchen in s Verhör zu nehmen! Frerichs. Liebe Sofie! Frau Frerichs. Schämst Du Dich denn gar nicht? Die Mädchen lachen Dich ja aus. Frerichs (hinter dem Fächer zu seiner Frau). St! Ich weiß Alles! 'S ist Jsabella. Frau Frerichs. Wie? Das kleine Ding — ? Frerichs. Das kleine Ding ist Jsabella, ich geb' Dir mein Ehrenwort. Sie ist sehr liebenswürdig, aber, das sag' ich Dir gleich, auch sehr verzogen. Rosita (zu Rosa). Der Onkel war sehr liebenswürdig mit mir, aber er ist ein verschlagener Kopf. Er sucht uns zu überraschen, nimm' Dich also in Acht, denn jetzt kommst Du an die Reihe. Rosa. Er soll machen, was er will, ich bin ruhig. Rosita. Ich möchte wohl in Ihrem schönen Garten ein bischen spazieren gehen, liebe Tante. Frau Frerichs. Thu das, mein Kind. Geh spazieren, so viel Du willst. Rosita. Ich danke. Und ich will von den Blumen nichts anrühren, das verspreche ich Ihnen. Frau Frerichs. Pflücke Dir ab, so viel Du willst, mein Engelchen. Du darfst alle Blumen nehmen, die Dir gefallen. (Zu Frerichs.) Du bist doch deiner Sache gewiß, daß es Jsabella ist? Frerichs. Ganz gewiß; verlaß Dich d'rauf. Rosita. Onkelchen, bitte, gib mir meinen Fächer wieder. (Sie verdeckt halb ihr Gesicht mit dem Fächer und sieht Frerichs schalkhaft an.) Ich gehe also in den Garten und weil die Tante es erlaubte, will ich einen hübschen Strauß pflücken für den liebenswürdigsten Herrn im Hause. Onkelchen, rath' einmal, wer den Strauß bekommen wird. (Ab.) Zwölfte Scene. Frerichs. Frau Frerichs. Rosa. Frerichs (sieht nach der Thür, durch welche Rosita abgegangen). Sie ist zu lieb! Zu reizend! Sicherlich ist sie Jsabella. Du kannst mir den Kopf abschneiden, wer i ich Unrecht habe. Frau Frerichs. Du willst also die Andere gar nicht mehr ins Verhör nehmen? Frerichs (sieht Rosa kaum an). Die da? Nein. Es ist nicht nöthig, ganz unnöthig. (Zu Rosa.) Du kannst geh'n, meine Liebe. Geh' zu Rosita. Frau Frerichs (zu Rosa). Warte noch einen Augenblick! (Zu ihrem Manne.) Es wird ja doch aber nichts schaden. Sie ist einmal da. Du bist deiner Sache nur noch sicherer. Frerichs. Noch sicherer? Das ist gor nicht möglich. Aber wenn Du willst, mag sie dableiben. (Zu Rosa.) Bleib', mein Kind. Frau Frerichs. Ich gehe. Du kannst aber hier bleiben, Rosa. Leiste meinem Mann ein bischen Gesellschaft. Rosa. Ich bitte um Verzeihung, liebe Tante. Ein andermal gehorche ich Ihnen recht gern, aber heute hat mich die Reise ermüdet. Frerichs. Das wird ja rasch vorüber- gehen, und übrigens wirst Du hoffentlich 14 keine Furcht haben, durch mich noch müder zu werden. Komm', setz' Dich in den Lehnstuhl. Du kannst ja trotz des Plau- derns ausruhen. Rosa. Bitte, lieber Onkel, bestehen Sie nicht darauf. Ich will Rosita zurückrufen. Sie plaudert wohl bester als ich. Frerichs. Rosita! Die ist ja eben erst gegangen und ist gewiß mit ihrem Spaziergang noch nicht zu Ende. Uebrigens kann man Rosita nicht nach Belieben hin und her schicken, wie man will. Das wäre doch zu rücksichtslos. Frau Frerichs. Hör', mein Kind, Du brauchst es nicht gar so hoch zu geben. Sei hübsch artig und gefällig. Du fährst bester damit, glaube mir. Frerichs. Ja, viel besser, liebesKind, mit Hochmuth kommst Du bei uns zu nichts. Rosa (sanft, aber fest). Sie haben mich falsch verstanden, wie ich sehe. Ich bin nicht hochmüthig — aber ich bin müde und sehne mich nach Einsamkeit und Ruhe. Gestatten Sie mir einige Worte der Aufklärung beizufügen. Ich werde gewiß alles thun, was in meinen Kräften steht, um die Zufrieden beit meiner theuren Verwandten zu erringen, so lang' ich das Glück habe, in Ihrem Hause zu leben. Aber wenn ich Sie einmal bitte, mir meine Freiheit zu lasten, so thue ich das, weil ich frei sein will, und da ersuche ich Sie recht herzlich, sch'agen Sie mir meine Bitte nicht ab. (Sie macht eine tiefe Verbeugung und geht ab.) Dreizehnte Scene. Frerichs. Frau Frerichs. Frerichs. Schön. Das ist ganz was Neues. Jetzt ist die da Jsabella. Frau Frerichs. Welche? Frerichs. Du fragst noch? Ganz gewiß! Hast Du die edle Handbewegung nicht bemerkt, mit der sie sagte: »Wenn ich Sie einmal bitte, mir meine Freiheit zu lassen, so thu' ich das, weil ich frei sein will!« Ja stolz will ich den Spanier! 'S ist Jsabella, ich wette mein Leben. Frau Frerichs. Aber, Frerichs, vor noch nicht fünf Minuten erklärtest Du mir ja, Rosita wäre Jsabella. Frerichs. Das bestreit' ich nicht. Frau Frerichs. Du sagtest, ich solle Dir den Kopf abschneiden, wenn Du Unrecht hättest. Frerichs. Na, so schneid' mir ihn ab, wenn Du willst. Frau Frerichs. Höre, Alter, laß uns ernsthaft reden, Frerichs. Weiter verlange ich ja nichts. Frau Frerichs. Du sagtest also jetzt: Rosa ist Jsabella? Frerichs. Freilich sag' ich's. Frau Frerichs, Gut. Also bist Du sicher, daß Rosita nicht Jsabella ist? Frerichs. Sicher? Nicht imGeringsten. Frau Frerichs. So sei doch vernünftig, Alter. Alle Beide können ja unmöglich Jsabella sein. Da aber Heinrich nur die rechte Jsabella heiraten soll, so ist es sehr wichtig, jeden Jrrthum zu vermeiden. Ich muß durchaus wissen — Frerichs (unterbricht sie). Welche von Beiden die Reiche ist? Gut, Du sollst es ja wissen. Aber quäle mich nicht mit Deinen Fragen. Geistreiche Leute muß man nicht vor den Kopf stoßen. Lass' mir also Zeit. Etwa einen Monat. Ja, wetten wir, in einem Monat Hab' ich's heraus. Frau Frerichs. Und wenn nicht, läßt Du Dir wieder den Kopf abschneideu. Frerichs. Nein, sei ruhig. Ich werde mich wohl hüten. Dir ein zweites Mal dieieu Vorschlag zu machen. Aber wenn ich es nicht herausdekomme, schenke ich Dir — Frau Frerichs. Das schöne Land- 15 Haus, um das ich Dich schon so lange vergeblich bitte! Frerichs. Das Landhaus? Na, etwas Anderes wär' mir eigentlich lieber gewesen. Aber meinetwegen, ich will nicht mit Dir handeln, gut, Du sollst es haben. Frau Frerichs O. welches Glück! — In einem Monat also werd' ich Landluft athmen in einer eignen schönen Villa. Ich brauch' es auch recht nöthig. Frerichs. Oder Du hast den Beweis, daß dein Gatte der scharfsichtigste Kopf in der ganzen Stadt ist? Ich glaube, Alte, das brauchst Du auch sehr nöthig. Frau Frerichs. Du glaubst also wirklich, Du bringst es heraus? Frerichs. Ganz gewiß! — Nehmt Euch in Acht, Rosa und Rosita!—Nehmt eure ganze Schlauheit zusammen, denn von heute an erklär' ich Euch den Krieg. — Ihr habt wohl einen Augenblick euer Spiel mit mir treiben können, aber in einem Monat sprechen wir uns wieder! Zweiter Äct (Garten. Im Vordergrund in der Mitte ein Kirschbaum. Eine Leiter lehnt daran. Unter dem Baum eine Bank. Rechts ein Tisch, aus dem ein Frühstück angerichtet ist.) Erste Scene. Frerichs. Frau Frerichs. (Sie trinken Kaffee.) Frau Frerichs. Haben wir gewettet oder nicht? Das ist die Frage. Frerichs. Fängst Du schon wieder an? — Gib mir doch einmal gefälligst den Zucker her. Frau Frerichs. Erst mußt Du zuge- teh'n, daß ich ge vonnen habe. Frerichs. Das ist aber doch zu arg; lör' doch endlich einmal auf, daß ich wenigstens in Ruhe Kaffee trinken kann. Hab' ich Dich nicht hierher aufs Land geführt, wie Du so sehnlich wünschtest? Bist Du da oder nicht? Frau Frerichs. Ich bin da, aber wie bin ich da? Du hast das Landhaus ge- miethet! Haben wir so gewettet? Antworte mir: welche von unfern beiden Nichten ist Jsabella? Frerichs. Du brauchst nicht zu fragen, ich weiß es nicht. Frau Frerichs. Also hast Du die Wette verloren? Frerichs. Das kommt erst noch d rauf an, ich habe sie halb und halb verloren. Frau Frerichs. Wie? Frerichs. Und darum Hab' ich dieß Haus auch nicht gekauft, sondern nur für drei Monate gemiethet. So Hab' ich auch halb und halb die Wette bezahlt. Frau Frerichs. Das geb' ich zu. Aber nur halb und halb bezahlen, wo der Verlust klar ist wie der Tag — das ist Knickerei, Herr Gemal. Frerichs. Na, na — Mutter! Du schreist in einem fort, daß Du gewonnen hast — und ganz Unrecht kann ich Dir nicht geben, denn der Monat ist vorbei und ich habe mir vergeblich den Kopf zerbrochen, um die wahre Jsabella zu entdecken. Die Mädchen, die in jeder anderen Beziehung hingebend und liebenswürdig sind, werden auf einmal pfiffig und hinterlistig, wenn es gilt, ihr Ge- heimniß zu wahren. Wohl zwanzigmal dachte ich schon, daß ich die hätte, die ich suche, und zwanzigmal ist sie mir glatt wie eine Schlange entschlüpft. Zch gestehe Dir sogar, ich bin jetzt in Beziehung auf sie unsicherer, als am Tage ihrer Ankunft. Frau Frerichs. So? Na Du machst hübsche Fortschritte! Und das nennst 16 Du die Wette nur halb und halb verlieren? Frerichs. Nein. Aber — siehst Du, Mutter, ich habe von Anfang an gewettet wie ein Dummkopf. Frau Frerichs. Das ist möglich. Ich sage nicht nein. Frerichs. Hör' nur. Was gehörtdazu, wenn eine Wette gütig sein soll? Frau Frerichs. Daß man bezahlt, wenn mau verloren hat — das gehört dazu. Frerichs. Du wirst abgeschmackt mit deinen ewigen Wiederholungen. Bei einer ordentlichen Wette muß der Einsatz auf beiden Seiten gleich sein. Frau Frerichs. Davon weiß ich nichts. Frerichs. Es ist aber richtig. Wenn ich also die Wette verlor, was war mein Einsatz? Frau Frerichs. Dieses Landhaus. Frerichs. Dieses Landhaus. Ganz recht. Aber wenn ich nun gewonnen hätte, was hättest Du mir dann denn gegeben? Frau Frerichs. Nichts — gar nichts. Frerichs. Und das findest Du in der Ordnung? Frau Frerichs. Vollkommen. Frerichs. Unsinn! Das ist ganz ungerecht — und d'rum hast Du nur halb uod halb gewonnen. Ich bin deßwegen auch jetzt überzeugt. Du nähmest das Landhaus gar nicht mehr an. Frau Frerichs. O doch! Ich nehm's und mit Vergnügen. — Das find lauter Spitzfindigkeiten, die Du da redest. Davon versteh' ich nichts. Was ich aber verstehe. das ist, daß ich gewonnen habe. Frerichs. Schon wieder die alte Leier! — Ich will Dir einen Vorschlag machen. Schieben wir das Ende der Wette auf 14 Tage hinaus. Während der Zeit wollen wir Beide versuchen, die wahre Jsa- bella zu entdecken. Frau Frerichs. Und wenn ich's herausbekomme? Frerichs. Dann bekommst Du das Landhaus. — Dießmal ist's mein Ernst, ich gebe Dir mein Wort. — Bin ich aber der Glückliche, der es herauskrtegt, so find wir quitt und ich bin Dir nichts mehr schuldig. Das ist doch sehr großmüthig von mir, sollt' ich meinen. Angenommen? Frau Frerichs. Ich muß wohl. Was aber deine Großmuth anbetrifft — Frerichs. Reden wir nicht mehr davon. — Wer gewinnt, muß sich aber entweder auf Papiere oder auf das Geständ- niß der Mädchen stützen können. Frau Frerichs. Papiere? Geständnisse? Und wo soll ich denn die hernehmen? Und ich will gewinnen, ich muß gewinnen. Frerichs. Na, so gewinne nur! Du hast keine Zeit zu verlieren. Frau Frerichs. Du weißt schon, daß ich verliere. Ich seh' Dir's an den Augen an. Du hast es schon herausgebracht und bloß deßhalb hast Du die Wette erneuert. Frerichs. Auf Ehrenwort — nein! Noch weiß ich nichts. Aber ich will Dir's gestehen, ich bin auf ein Mittel gefallen, das mir vielleicht nützlich sein wird. — Ich erzähle Dir's ganz offen, damit Du siehst, ich habe, trotzdem wir im Kampfe mit einander sind, doch volles Vertrauen zu Dir. Frau Frerichs. Ich danke. Behalte nur dein Vertrauen für Dich. Sonst sagst Du am Ende, wenn es schief geht, ich hätte dein Vertrauen mißbraucht. Frerichs. Nein doch. Sofie, gewiß nicht. — Ich habe nämlich nach Madrid an einen Geschäftsfreund des seligen Diaz geschrieben. Frau Frerichs (unterbricht ihn). Ich sage Dir ja, ich will von deinen Geheimnissen nichts wissen. Rosita (ist während der letzten Reden eingetreten). So erzähle sie mir, Onkelchen. Ich bin eine große Freundin von Geheimnissen. 17 Zweite Scene. Vorige. Rosita. Frerichs. Dir? — Ja, da kämen meine Geheimnisse gerade an die rechte Adresse. Frau Frerichs. Du trittst sehr leise auf, mein Kind. Warum schleichst Du denn so unhörbar, wenn Du zu uns kommst? Rosita. Weil Du mir immer sagst, ein junges Mädchen muffe sich einen recht leichten Gang angewöhnen, liebe Tante. Frerichs. Was Hab' ich denn eben zur Tante gesagt, mein Kind? Wiederhole es mir; was habe ich gesagt? Rosita. Du fragst, was Du gesagt, Onkelchen? Weißt Du, Du bist schrecklich mit deinen ewigen Fragen. Du sagtest, Du habest ein Geheimniß. Schön, denke ich, da Hab' ich endlich einmal Gelegenheit, dem Onkel einen Thcil der Fragen zurückzugeben, mit denen er mich seit einem Monat überschüttet. Aber nein, im Gegentheil, Du fängst an. mich auszufragen über ein Geheimniß. was Dir gehört. Wie Schade, daß wir nicht mehr in Spanien sind und daß es keine Inquisition mehr gibt. Frerichs. Keine Inquisition? Wie meinst Du denn das, Rosita? Rosita (lachend). Siehst Du, Onkel- chen, Du fragst schon wieder. Ich wußt' es ja. Du kannst einmal nicht anders. Frerichs. So antworte doch, Kind. Rosita. Ich meinte nur, wenn wirzur Zeit der Heiliben Hermandad gelebt hätten, dann wärest Du gewiß zum Großinquisitor gewählt worden, wenn man deine Fähigkeiten für diese Stelle so gekannt hätte, wie ich sie kenne. Frerichs. Man kann mit Dir doch kein ernsthaftes Wort reden. Rosita. Du denkst, ich scherze, Onkel? Nein, da bist Du zu bescheiden, ich mein' es im vollen Ernst. Denke nur an den großen Lehnstuhl, in den wir niedersitzen mußten, Rosa und ich, als wir ankamen, und wo Du uns verhörtest. — Ich sehe ja den Lehnstuhl gar nicht mehr, Tantchen? Frau Frerichs. Er war ja zu alt und häßlich. Er ist in der Stadt geblieben. Rosa. Desto besser für uns. Aber der Onkel wird ihn gewiß vermissen. — Der große schwarze Lehnstuhl erinnerte mich immer an deinen Scharfsinn, Onkel, und ich fürchtete mich, wenn ich ihn nur ansah. Frerichs. Beruhige Dich, ich werde Dich nicht mehr mit Fragen quälen. Könnt' ich das nur auch von meiner Frau sagen! Frau Frerichs (bei Seite). O, der Verräther! Er macht den Mädchen Angst vor mir, damit ich nichts erfahre. Frerichs. Eine von Euch ist Jsabella. Welche? Mich geht es nichts mehr an. Wenn Ihr Luft bekommt, darüber zu sprechen, wendet Euch nur an meine Frau, die diesen Augenblick sehnlichst herbeiwünscht. Frau Frerichs (zu ihrem Manne). Christian —-das ist Betrug! Rosita. Du bist ein guter Ehemann, Onkel, das weiß ich schon längst. Kaum hatte die Taute den Wunsch geäußert, auf's Land zu geben — da Haft Du uns gleich herausgeführt. Frerichs. Nicht wahr? Denke Dir — sie ist aber noch nicht zufrieden. Rosita. Wirklich, Tante? Siebeklagen sich über den Onkel? Frau Frerichs. Freilich beklag' ich mich. Er ist zu freigebig. Denke Dir, er will mir durchaus dieses Landhaus schenken! Frerichs. Ich? Das fällt mir ja — Frau Frerichs. Nein, nein, lieber Mann, ich nehm's nicht an. Ich bin ja so anspruchslos. Ein Sträußchen, das Du mir pflückest, ist mir lieber als dieses 2 18 schöne Haus, mit dem ich gar nichts anzufangen wüßte. Komm, Männchen, machen wir einen Spaziergang am Elbeufer, ehe es zu heiß wird. Ja, willst Du? Du scheinst mir so nachdenkend? Frerichs Ich denke an das, was Du eben gesagt Haft. Du bist also anspruchslos? Ja, seit wann hast Du denn diese Tugend? Frau Frerichs. Seit wann? Gerade so lange, als Du nicht mehr neugierig bist, welche von unseren Nichten Jsabella ist. Frerichs. Sv — so. Na, so komm, mein liebes Weibchen. Gehen wir spazieren. (Beide ab.) Dritte Scene. Rosita. Gleich daraus Rosa. Rosita. Da bin ich gerade zurecht gekommen. Ter gute Onkel! Er steht so würdig und ehrbar aus, wenn er mit der Tante am Arm dahinschreitet; aber so gutmüthig er auch zu scheinen bestrebt ist, er will uns doch verrathen. (Sie bemerkt Rosa, die mit einem Gebetbuch in der Hand auftritt.) Rosa! Wie man nur so langsam gehen kann! Rosa, komm doch! Geh' doch nicht so feierlich! Bist Du denn in der Kirche gewesen? Rosa. Nein. Wohl hätt' ich heut' gern die Predigt gehört, aber ich habe dem Onkel nichts sagen mögen. Der Weg ist schlecht und Du weißt ja, der Onkel ist zwar überaus gefällig und liebenswürdig, aber auf seine Pferde hält er große Stücke und läßt sie nicht so leicht für uns anspannen. Rosita. Höre, liebe Rosa, ich fürchte sehr, es wird nicht mehr lange dauern und er weiß, für welche von uns er doch gern anspannen lassen wird. Rosa. Was willst Du damit sagen? Rosita. Er hat nach Madrid geschrieben und Erkundigungen über uns einge- zogen. Rosa. Wie hast Du denn das erfahren? Rosita. Von ihm selbst. Ich habe zwar nur im Vorübergehen einige Worte erhascht, aber den Rest könnt' ich leicht erratheu, denn der Onkel war ganz erschrocken, weil er sich von mir entdeckt glaubte. Rosa. Noch ist nichts verloren. Wir haben ja in Madrid sehr wenig Gesellschaft bei uns gesehen. Der Onkel kennt dort keine Seele, und so ist's wahrschein-, lich, daß sein Schritt erfolglos sein' wird. Rosita. Das wäre prächtig. Dasgönnt' ich ihm für seinen Brief, wenn er gar keine Antwort bekäme. Rosa. Und wenn man ihm auch antwortet, es bleibt uns immer noch ein Mittel, seinen Plan zu durchkreuzen. Rosita. Welches denn? Schnell, liebe Rosa, sag' es mir. Rosa. Wir brauchen uns nur zu verheiraten, ehe die Antwort kommt. Rosita. Ja, Du hast Recht. Das wäre prächtig. Rosa. An unserem Hochzeitstage wird der Schleier unseres Geheimnisses gelüftet und der Onkel büßt die Freude des Sieges ein. Rosita. Ach wie hübsch! Ich sehe schon sein verblüfftes Gesicht. Also abgemacht, ! Liebste. Verheiraten wir uns. Aber da ! fällt mir ein. zum Heiraten gehört ja auch ^— Rosa, Du hast also einen Bräutigam? Ich dagegen kenne Niemand, den ich liefen möchte. Rosa. Nicht? — Und wie steht's denn !mit Heinrich? I Rosita. Ach, Heinrich! — der — ' Rosa. Hat er nie mit Dir von Liebe gesprochen? Rosita. O das schon, er thut eigentlich gar nichts Anderes. Er sagt mir fortwährend, daß er mich anbetet, aber es ist reine Kinderei, er lacht immer dabei. 19 Rosa. Und Du — wenn Du bei Dirlboren; man fühlt sie, auch wenn sie sich nachdenkst — nicht zeigt. Es wäre schlimm, wenn sie nur Rosita. Ich denke selten nach. in finsteren Blicken und einer gerunzelten Rosa. Ich meinte nur, Du vermuthest vielleicht, daß Heinrich, ehe er sich erklärt, die Ankunft des Briefes abwartet, der ihn über unser Vermögen aufklären soll Rosita (lachend). Nein, Beste. Unser Vermögen beunruhigt mich gar nicht und ich glaube, daß Heinrich ebenso wenig daran denkt. Das Einzige, was mich beschäftigt und quält, ist, daß er mich wie alle Welt immer noch als Kind behandelt. Rosa. Wer ist denn daran Schuld, liebe Rosita? Rosita. Ich selbst, das weiß ich wohl, aber was ist dabei zu thun? Sobald ich lachen höre, ist mir's, als riefe man mich, und lustig und mit voller Stimme antwortete ich auf den Ruf. Wenn Heinrich da ist, dann lachen wir Beide um die Wette, aber kaum ist er fort, so mache ich mir Vorwürfe, daß ich nicht vernünftiger gewesen bin. O wie glücklich wäre ich, gelänge mir's, eine würdigere Haltung anzunehmen und achtunggebietende Manieren, wie die Tante zum Beispiel, oder nur wie Du. Rosa, für den Anfang wär' mir das schon genug. — Wie würdest Du Dich benehmen, liebe Freundin, komm', sei mein Vorbild, dann will ich bestrebt sein, Dir ähnlich zu werden. Rosa. Nicht doch, Du kleiner Schalk. Solche Nachahmung würde Dich um deine natürliche Anmuth bringen. Und dabei verlierst Du viel, glaube mir. Rosita. Aber ich muß doch etwas dabei thun! — Wie wäre es, wenn ich mir Mühe gäbe, den Ausdruck meines Gesichtes zu änoern? Sieh mich an, Rosa. Gefall' ich Dir so besser? (Sie macht ein ernsthaftes Gesicht.) Rosa. O nein. Ich bitte Dich, laß das alles. Du kannst dein reizendes Lächeln ganz wohl bewahren, und Heinrich doch fühlbar wachen, daß Du kein Kind mehr bist. Die weibliche Würde ist uns ange- Stiroe erkennbar wäre. Rosita. Angeborne weibliche Würde! O ja, die Hab' ich, Dank Dir, Rosa, für diese gefällige Aufklärung. Jene Würde, die man fühlt, auch wenn ich sie nicht zeige — o die besitz' ich, sie ruht auf dem Grund meiner Seele. Schon oft war s mir, wenn ich recht heiter und ausgelassen war, als läge sich eine unsichtbare Hand auf meine Seele und dann wurde ich mitten in meiner Ausgelassenheit plötzlich ruhig und ernsthaft. Jetzt weiß ich's, das war meine weibliche Würde, die ich so lang nicht gekannt habe. Adieu, Rosa, und tausend Dank. Rosa. Du verlässest mich? Rosita. Ja, ich will Heinrich aufsuchen. Ich Hab' ihn heute noch mit keinem Auge geseh'n. Ich hoffe ihn im Garten zu treffen, denn ich muß ihm durchaus meine weibliche Würde zeigen. (Sie läuft ab.) Vierte Scene. Rosa. Gleich darauf Gustav. Rosa (allein). Glückliches Kind. Sie hat all' ihre Munterkeit wieder gefunden. Fröhlich und sorglos gefällt sie hier, wie in Spanien, aller Welt, während ich — Gustav (tritt aus). Guten Morgen, liebe Cousine. Ist das nicht ein herrlicher Sommertag heute! Es ist prächtig im Freien! Wie? Sie haben noch immer das Gebetbuch? Ich bin zwar ein guter Christ, aber ich muß gestehen, an solch' schönem Morgen säh' ich Sie lieber mit einem Blumenstrauß in der Hand. Rosa. Ich war nicht in der Kirche, und das thut mir recht leid. Gustav. Zum Glück find wir nicht mehr in Spanien; denn in Ihnen liegt der Keim einer Nonne verborgen; hier aber wird 2* 20 man Sie schon verhindern, in s Kloster zu gehen. Rosa. Ei nun, ich kann ja immer nach Spanien zurückkehren. Sie lachen, Gustav; ich meine es aber ganz ernsthaft. Ich habe einen Theil meiner Kindheit in einem Kloster verbracht. Das war ein gar lieber und süßer Aufenthalt und es gibt fast noch Augenblicke, wo ich mich sehne, dahin zurückzukehren. Gustav. Sprechen Sie nicht so, Rosa — Sie thun mir weh. Rosa. Warum denn, lieber Cousin? Za, wäre ich so wie Rosita, dann wäre es wohl etwas Anderes. Vor ihr liegt das Leben heiter ausgebreitet und sie besitzt alle Anlagen, sich des Daseins zu freuen. Aber ich — Gustav. O, ich versichere Sie, in Ihnen ruht eine Lebensfülle, die n ch viel reicher ist als die Rofitas. obschon Ihr Wesen verschlossener und zurückhaltender ist als das Ihrer Cousine. Und Sie wollten sich in eine traurige Klosterzelle einschließen? Sie könnten Genüge finden in dem trägen Dahinleben einer Klosterfrau? Rosa. Die guten Schwestern meines Klosters waren keineswegs träge, lieber Cousin. Glauben Sie das ja nicht. Sie find bescheidene Künstlerinnen und alles, was die Menschen wegwerfen und verachten, das liefert ihnen den Stoff zu ihren hübschen Arbeiten. Sie sammeln Muscheln, pflücken das Moos von Bäumen und alten Steinen, suchen die glänzenden Federn auf, die der Vogel verliert, wenn er in freiem Fluge über den Klostergarten dahinstreicht. Aus all' diese.» kleinen nichtigen Dingen bauen sie dann kleine Muschelgrotten und Felsburgen, kleine Meisterwerke der Geduld, die oft theuer bezahlt werden. So verbringen sie in Her- zevsgüte und Unschuld ihr friedliches Leben. Wohl ist es ruhig und still, aber dafür find auch meine Klosterschwestern, wenn der Schnee des Alters ihr Haupt bedeckt, noch Kinder an Geist und Herzen. Und ist es nicht das höchste Glück, ein Kind zu sein und zu bleiben? Gustav. Gewiß — für den. der sich scheut vor den Stürmen und Mühen des Lebens. Wer jeden Kampf meidet, der kann freilich auch nie unterliegen. Er stirbt ruhig wie ein Kind, aber auch schwach wie ein Kind, denn er hat die Bestimmung des Lebens verfehlt. Rosa. Beurtheilen Sie mich nicht nach sich, Gustav. Sie haben das Recht, stolz zu sein auf die Stellung, welche Sie sich schon in so jungen Jahren errungen haben. Aber was soll denn ein schwaches und schüchternes Mädchen thun? Womit kann sie nützen, was kann sie leisten? Gustav. Sie können auf uns Männer einwirken. Gott und die Natur hat Ihnen diese Macht verliehen. Ob wir gut handeln oder schlecht, die Frauen haben immer Antheil daran, uns besser zu machen, uns zu veredeln — das ist ihre Bestimmung, ihre Lebensaufgabe. Und glauben Sie mir, sie ist schöner als die unsere. — Sie find erstaunt, daß ich mit meinen Jahren schon einen Antheil an der Leitung unseres Hauses errungen habe. Rechnen Sie diesen Erfolg nicht mir zum Ruhme an, liebe Rosa; die einzige Ursache der Thatkraft, die ich vielleicht entwickelt, war meine gute selige Mutter. In meiner frühesten Jugend war ich ein thatloser Träumer. Halbe Tage könnt' ich im Felde liegen und dem Zuge der Wolken nachblicken. Ich bildete mir ein ein großer Dichter zu werden. Da starb plötzlich mein Vater, und ich war auf einmal die einzige Stütze meiner armen trostlosen Mutter. Da sagte ich meinen Luftschlössern Lebewohl, mein Onkel bot mir eine Stelle in seinem Geschäfte, ich nahm sie an trotz meiner Abneigung gegen den Kaufmanns- stand. Ich nahm mir vor, allen Fleiß aufzuwenden in meinem neuen Berufe und meine Pflicht zu thun, würde sie mir auch noch so schwer. Und sieh' da — sie wurde mir viel weniger schwer, als ich gedacht 21 hatte. Das Rechnen ging mir bald ganz leicht von Statten, die Korrespondenz, deren Langweile ich gefürchtet hatte, schrieb sich ganz von selbst, mit einem Worte. — die Arbeit, vor der ich mich so gescheut hatte, wurde mir eine treue Freundin, mit deren Hilfe ich Armuth und Elend von der Schwelle meiner Mutter fernhielt. Rosa. Sie haben da recht muthvoll gehandelt, lieber Gustav. Gustav. Der Onkel, welcher den wahren Beweggrund meines Eifers nicht kannte, meinte, ich habe großes Talent für den Handel. Großmüthig ließ er mich an glücklichen Spekulationen Theil nehmen und ich war eben nahe daran, ein reicher Mann zu werden. — Da starb meine Mutter. Ich war trostlos und all' mein Muth sank in nichts zusammen. Als ich so am Sterbelager meiner Mutter stand, da sagte er zu mir: Gustav, ich habe nur noch eine Bitte an Dich. Bisher hast Du für mich gearbeitet. Wenn ich auch jetzt von Dir scheide, laß' nicht nach in deiner Arbeit, mein Sohn; ich segne Dich und deinen Fleiß, dein Haus wird niemals leer und öde sein, denn der Grundstein deines Hauses war Liebe für deine Mutter. Rosa. Armer Gustav! Wie tief muß Sie der Verlust dieser lieben Mutter geschmerzt haben. Gustav. Ich gehorchte ihr. Mein Fleiß erwarb mir bald ein kleines Vermögen. Die Vergnügungen meiner Standesgenossen hatten keinen Reiz für mich und ich lebte rtthi^ dahin, bis auf einmal zwei junge Mädchen ihren Einzug hielten in unser Hau?. Als sie plöhlich die Schleier zurückwarfen, welche ihr jugendlich frisches und schönes Antlitz verhüllten, da war ich einen Augenblick geblendet, aber nur eine von ihnen machte einen Liefern Eindruck auf mich. Mir schien es immer, als trüge sie in ihrem seelenvollen Blick, in ihrer sanften Stimme eine Botschaft meiner Mutter für mich. — Darin, theure Rosa, suchen Sie den Grund, wenn ich so vertrauensvoll mit Ihnen gesprochen. — Aber auch Sie find offener mit mir gewesen als gewöhnlich, ja Sie haben sogar mehr verrathen, als Sie vielleicht verra- then wollten! Rosa. Ich? Wie so denn? Gustav. Als Sie von der glücklichen Zukunft sprachen, welche Rosita erwartet, da haben Sie sich unwillkürlich verrathen. Aber sein Sie ruhig — ich werde Ihr Geheimniß treu bewahren. Rosa. Das weiß ich, Gustav. Gustav. Noch einen Augenblick, bevor ich scheide. Fühlen Sie wahrhaft den Beruf in sich für ein beschauliches Klosterleben, so kann ich nichts einwenden, wenn Sie diesen Beruf ergreifen. Aber, theure Rosa, überlegen Sie den Schritt wohl und prüfen Sie sich genau, ich beschwöre Sie um Ihrer selbst willen, um meinetwillen. Denn wenn Sie Jemand bäte, das Glück seines Lebens zu gründen, und Sie könnten ihn lieben — aber Sie stießen aus falschverstandener Frömmigkeit die bärge- botene Hand doch zurück — dann, liebe Rosa, dann würden Sie, das schwör' ich Ihnen, in einem Augenblicke mehr zerstören. als Sie jemals wieder aufrichten könnten, selbst wenn Sie im Kloster Burgen aus Muscheln und Moos bauten, deren Zinnen bis zum Himmel emporreichten. (Er geht ab.) Fünfte Scene. Rosa. Gleich daraus Rosita. Rosa. Jn's Kloster? Warum sollt' ich denn jetzt in's Kloster geh'n? Er liebt mich. Ich will Gott dafür danken mein ganzes Leben lang, aber nie, nein, niemals in's Kloster! Rosita (kommt gelaufen). Da ist er! Rosa! Er kommt! Rosa. Wer? Gustav? 22 Rosita. Ach Gustav, was kümmert mich Gustav! Heiurich mein' ich. Gleich wird er da sein, ich Hab' ihn die Richtung hierher einschlagen seh'n. Was seine Herrlichkeit den stolzen Herrn Gustav betrifft, den Hab' ich auch geseh'n, aber er geruhte nicht mich zu bemerken. Er sah ge'n Himmel, als wollte er am Hellen Tage dort Sterne entdecken. Ich finde diesen Herrn Coufin sehr hochmüthig, — und das ist sehr lächerlich, nicht wahr, Rosa? Er hat kein Recht dazu. Wenn Heinrich fich so betrüge, das ginge noch, da wüßte man doch warum? Aber dieser Gustav! Wer ist er denn? Ein armer Teufel, der — Rosa (sanft). Rofita! Darf man denn Jemand seiner Armuth halber verachten? Rosita. Du hast Recht — aber so bin ich nun einmal. (Sie küßt Rosa.) Siehst Du, liebe Schwester, ich vergesse immer, daß wir alle Beide nicht reich find. Du bist mir doch nicht bös? Rosa. Im Gegentheil. Ich danke Dir vielmehr dafür. Rosita. Höre, Rosa. Ich wollte. Du bliebest da, und könntest hören, wie ich seht Heinrich behandeln werde. Du würdest deine Freude an mir haben. Verstecke Dich hinter dem Baum dort, da hast Du einen prächtigen Platz. Rosa. Nein, Rofita. Ich würde kein Wort hören. Rosita. Es ist ja aber doch nicht weit — und ich verspreche Dir, daß ich sehr laut reden will. Rosa. Und wenn Du mich zwischen Dich und Heinrich stelltest, ich glaube, ich hörte doch nichts. Du siehst mich erstaunt an? Rofita, liebe, liebe Schwester, ich bin glücklich, ach, zu glücklich! Aber ich bin es erst seit Kurzem, und ich vermag meine Freude nicht so laut und jubelnd zu äußern wie Du. Frage mich nicht, aber bleibe nur hier, wenn Du mit Heinrich redest; das ist das schönste, reizendste Plätzchen im ganzen Garten. Sieh' Dich nur um! Hier find die Bäume grüner, die Rosen blühen voller und duften süßer als überall. O, Rofita, bleibe ja hier, und rede hier mit deinem Freunde, ich glaube, das Glück selbst ist hier daheim an diesem lieben Orte. (Sie umarmt Rofita und geht ab.) Sechste Scene. Rosita. Daraus Heinrich. Rosita. Was hat sie denn heute? Ich verstehe kein Wort davon. Das ist merkwürdig — gerade wo ich mir vorgenommen habe, gesetzt und vernünftig zu werden, wird Rosa heiter und ausgelassen. — Sollt' ich mich geirrt haben? Heinrich kommt nicht? Doch, da ist er! Nur Würde — Würde! Heinrich. Endlich finde ich Sie Wv verstecken Sie fich denn heute, boshafte Cousine? Rosita. Ich verstecke mich gar nicht. Heinrich. Also wo waren Sie? wenn das besser klingt. Rosita. Wahrscheinlich da, wo mir's beliebte zu sein. Heinrich. Ich habe Sie erst im Hause gesucht. Da sagte man mir, ich würde Sie am Bassin finden, ich lief nach dem Bassin, da hört' ich, Sie seien in den Pavillon gegangen. Als ich zum Pavillon kam, waren Sie auch da fort und hieher gegangen. Rosita. Darf ich wohl fragen, wer Ihnen diese Auskunft gegeben hat? Heinrich. Nun, — Peter und eine alte Frau, die am Bassin das Unkraut aussätete. Rosita. Sie wählen fich Ihre Spione gut, das muß ich sagen. Das zeigt gar wenig Achtung für mein Alter und mein Geschlecht. Was sollen denn die Leute jetzt von mir denken? Heinrich. Was sie denken sollen? Wer Teufel kümmert fich denn auch um die Gedanken einer alten Gartenarbeiterin! — 23 Was haben Sie denn, Rosita? Sie sehen aus, als wären Sie böse auf mich. Zum Gluck habe ich hier etwas für Sie, was Sie freundlicher stimmen wird. Rosita. Wirklich? Was denn? Heinrich. Sagten Sie nicht gestern, Sie möchten gern das Concert hören, welches die Patti morgen gibt? Sie weinten sogar vor Verdruß, als Sie hörten, alle Billets seien vergriffen. Rosita. Das ist möglich. Nun was weiter? Heinrich. Heut' früh, während Sie noch schliefen, bin ich in die Stadt gegangen. Ich will mich nicht rühmen, nein, ich will Ihnen nur wiederholen, daß man Sie nicht belogen hat. Es war wirklich alles vergriffen. Es war unmöglich, ein einziges Billet zu bekommen — rein unmöglich. Ich habe mir aber eine ganze Loge verschafft. Rosita. Ah! Heinrich. Nun, find Sie mit mir zufrieden? Die Loge gehört Ihnen, Rosita, Sie können einladen wer Ihnen gefällt. Rosita. Eine ganze Loge? Heinrich (hält dasBillet sehr hoch). Ja. Da ist das Billet. Rosita. Geben Sie mir's, Heinrich. Heinrich (ohne die Hand zu senken) Hier, mein Fräulein, nehmen Sie's selbst. Rosita. Ich bedanke mich. Behalten Sie's nur. Ich mag es nun gar nicht. Heinrich. Warum denn nicht? Rosita. Heinrich — saben Sie aufrichtig — wenn das Billet furZhre Mutter bestimmt gewesen wäre, hätten Sie's ihr so angeboten? Heinrich. Warum sagen Sie denn nicht lieber gleich, wie ich's meiner Großmutter angeboten hätte? Also so belohnen Sie meine Ergebenheit? Ich habe nicht! Wenn nur mein Pferd fast zu Tode gehetzt, son- ^ dern ich bin auch selbst so viel herumgelaufen, habe so viel intriguirt, um iu den Besitz des Billets zu gelangen, daß ich fast umfalle vor Müdigkeit. Und noch dazu am Sonntag, wo alle Welt ausruht. Ich bin wirklich recht dumm, es ist traurig, wie dumm ich bin. Rosita. Allerdings ist das traurig, Sie armer Heinrich, auch für mich. Denn ich möchte so gern einen geistsprühenden Cousin haben, um zu erfahren, wie sein Betragen gegen mich sein würde. Heinrich. Das will ich Ihnen sagen. Ein kluger Cousin hätte seinen Eltern gehorcht. Er hätte Sie mit Schmeicheleien überschüttet, und hätte alle seine Geschicklichkeit aufgeboten, um das Geheimniß zu erforschen, mit dem Sie sich umgeben. Hätte er Sie nun als Maria erkannt, dann hätte er Ihnen den Rücken gewendet; wären Sie aber Jsabella, dann hätte er Sie geheiratet. Nun wissen Sie's, wie er sich gegen Sie betragen hätte. Da ich Ihnen nun so sehr mißfalle, wollt' ich, das Schicksal hätte Sie mit einem solchen Vetter beglückt, einem so klugen, so verächtlichen Vetter. Rosita. Schämen Sie sich, Heinrich, so abscheulich zu sein! Heinrich. Ich armer Narr bin dagegen so einfältig. Sie anzubeten, wer Sie auch sein mögen. Ja, Rosita, Dein sanftes Auge strahlt für mich eben so milde, ob Du nun Maria heißest oder Jsabella. Ich liebe Dich mit all' deinen Fehlern, deinen Launen und deiner Unbesonnenheit. Denn Du bist launisch und flatterhaft. Ja selbst jetzt in diesem Augenblicke! Du meinst, Du seiest ruhig, nicht wahr? O keineswegs, Du kannst nicht ruhig sein. Wenn Du auch keine äußerlich sichtbare Bewegung machst, dein ganzes Wesen durchbebt ein leichtes Zittern wie den Vogel, ehe er die Flügel hebt, um aufzufliegen! O wie bist Du anmuthig, Rosita! " Du wolltest — Du willst, nicht wahr? wie so glücklich wollen wir sein! Wenn Du reich bist, gut, bist Du arm, auch gut! Meine Eltern werden ein bischen schmollen — aber das geht vorüber, und ich will Dich noch mehr lieben, um 24 Dich für den Groll der Eltern zu entschädigen. Rosita. O Heinrich, Du bist so gut, viel zu gut für mich. Heinrich. Du lächelst, Du willst also? — Geschwind, mach', sag' ja! Kein Zaudern! Sag's! Eins, zwei, drei! Rosita (verletzt). Schon wieder! — Ich hörte Ihnen so gern zu, Sie sprachen wie ein Manu und nicht mehr wie ein Kind! Aber meine Freude war von kurzer Dauer! Eins, zwei, drei! Sprechen Sie so mit Ihrem Hund, wenn er springen soll, aber nicht mit einem jungen Mädchen, dessen Jawort Sie erbitten wollen. Heinrich. Wie soll ich denn also sprechen? Sage mir's, Rosita, ja? Rosita (nach dem Kirschbaum blickend). Ach, die schönen Kirschen! Seh n Sie doch, Heinrich, sind sie nicht prachtvoll? Heinrich. So antworten Sie doch! Nur ein Wort! Sag' »Ja«, ich bitte Dich. Rosita (ist aus die Leiter gestiegen). Sie möchten gern eine Kirsche, nicht wahr, Heinrich? Sie sind ganz reif. Marien Sie, ich werfe Ihnen welche hinunter. Heinrich. Rosita! Machen Sie mich nicht toll! Sei n Sie gut, antworten Sie mir. Rosita. Ja. Eins, zwei, drei! Nicht wahr? Nein, lieber Freund, so rasch kann ich mich nicht entscheiden. Ich brauche Zeit, um nachzudenken. Heinrich. Wie lange? Rosita. Zunächst brauche ich fünf Minuten, um Kirschen zu essen. Dann brauche ich — warten Sie — ja, doppelt so viel. Ja, wenigstens zehn Minuten brauche ich Zeit zum Nachdenken. Heinrich. Gut, Sie sollen die Viertelstunde haben. Aber wo finde ich Sie dann? Rosita. Lieber Gott, wir können uns ja finden, ohne daß wir eine bestimmte Stunde festsetzen. Uebrigens schickt sich's gar nicht, sich zu Stelldichein zu bestellen. Heinrich. Rosita, ich liebe Sie, — und Sie erwidern mir nur mit Scherz und Spott. Seh'n Sie denn nicht, wie bewegt ich bin? — Jede Verzögerung verursacht mir Schmerz. Nach einer Viertelstunde will ich eine Antwort, ich muß sie haben. — Rosita, Engel, ärgern Sie sich nicht zu sehr, denn Sie sind selbst Schuld an dem, was ich jetzt thue. Sie haben eine Viertelstunde verlangt, um nachzudenken. Sie sollen Sie haben. Aber Sie werden so gut sein, oben auf dem Kirschbaume nachzudenken. Rosita (lacht). Auf dem Kirschbaume? Warum nicht gar. Das ist eine tolle Idee. Heinrich. Sie wollen nicht? Rosita. Ganz und gar nicht. Heinrich. Rosita! Ich kenne Sie. Wenn ich Sie herunterlasse, dann vergessen Sie mich über lauter Dummheiten, !ich bleibe in dieser peinlichen Ungewißheit. Sie haben selbst den Einfall geyabt, auf den Kirschbaum zu steigen; da Sie aber nun einmal oben sind, so sei'n Sie nicht bös, wenn ich mir's zu Nutze mache. (Greift nach der Leiter.) Rosita. Heinrich! Ich will hinunter! — Hören Sie! Ich will hinunter — gleich! Heinrich. Vitt' um Verzeihung. Nur einen Augenblick. So! Jetzt ist die Leiter fort. (Er nimmt sie.) Rosita. Heinrich! Ich hasse Dich; Heinrich, ich sage nein! — Hören Sie, mein Herr, ich heirate Sie nicht — nie! Geben Sie die Leiter her! Ich brauche nicht mehr nachzudenken. Ich sagenein! Verstehen Sie? Nein, hundertmal nein! — Sie haben gehört — Alles ist aus zwischen uns. Jetzt stellen Sie die Leiter wieder her, lassen Sie mich hinunter. Heinrich. Sie sollen herunter — aber erst in einer Viertelstunde! Jetzt, liebe Rosita, sprichst nicht Du mit mir, es ist der Zorn, der Dich beherrscht. Wenn Du 25 mich nicht mehr siehst, wird sich dein Un- muth schon noch und nach legen. Wenn Du da oben allein bist, in deiner frischen, schattigen Laubwiege, werden sich deine Gedanken ollmälig beruhigen. Und wenn ich in einer Viertelstunde vor deinem grünen Blätterthrone zitternd vor Erwartung niederkm'e, dann wirst Du als meine an- muthige Königin herabsteigen, Verzeihung auf den lächelnden Lippen. Rosita, sage ja, sage nicht nein. Sonst verbanne ich mich mit meiner Leiter in ferne Zonen — und Du bleibst auf deinem Baum bis zum jüngsten Tag. (Ab mit der Leiter.) Siebente Scene. Rosita (allein aus dem Kirschbaume). Er geht richtig fort, der schlechte Mensch und läßt mich hier. Das Hab' ich nun von meiner weiblichen Würde. Nie in meinem Leben laß' ich mich wieder darauf ein. Sie ist mir zu schlecht bekommen. Da sitz' ich auf dem Baum und meine Würde nützt mir zu nichts, als höchstens die naschhaften Sperlinge damit zu verjagen. Ich traue mich nicht zu rufen. Rosa ist zu weit, sie hört mich nicht, und die Andern lachten mich noch obendrein aus. Was soll ich thun? Am Ende könnte ich hinunterspringen. (Sie sieht hinunter.) Es ist zwar hoch, aber wenn man jung ist und Muth hat — ich denke nicht, daß ich den Hals breche, und wenn auch, ich wage es d'rauf. (Sie nimmt einen Anlauf, als wollte sie springen.) Nein, es ist doch zu hoch. Ich warte lieber, bis Heinrich zurückkommt. Ich muß ihm auch noch einmal sagen, daß ich ihn nicht nehme, denn er sah aus, als glaubte er's nicht. Gewiß — ich nehme ihn nicht; die unwürdige Art, wie er sich eben betragen hat, läßt mir keineWahl, ichnehme ihn nicht, müßt' ich auch vor Schmerz darüber sterben. Achte Scene. Rosita (auf dem Kirschbaume). Frerichs und Frau Frerichs. Frerichs (einen Brief in der Hand). Endlich! Der Sieg ist in meinen Händen. Ich kann jetzt die Fahne des Triumphes entfalten. Ein Brief aus Madrid! — Wie geschridt war das von mir, zu schreiben. Wie werden die Mädchen erschrecken, wenn ich plötzlich vor sie trete und sage: Ich grüße Sie, Donna Zsabella, und dann mit Donnerstimme zufüge: Sie sind entdeckt, falsche Maria! Das wird ein großartiger Moment für mich. — Und zugleich gewinn' ich meine Wette. Da kommt meine Frau. Sie thut immer, als gehöre der Garten schon ihr. Es thut mir leid, meine Theure, aber mit dem Landhaus ist's nichts. (Zu seiner Frau, die eben auf- tritt.) Was ist Dir, mein Kind, Du siehst ja so nachdenklich aus? Frau Frerichs (sie deutet mit dem Sonnenschirm). Ich dachte eben, wenn wir die Bäume dort beschneiden ließen, hätten wir eine prächtige Aussicht nach dem Elbufer hinüber. Frerichs. Ueberlaß diese Sorge doch dem Hausbesitzer. Umarme mich lieber und wünsche mir Glück. Das Räthsel ist gelöst. (Er umarmt sie.) Sofie, Du hast eben am Halse eines Sphinx gelegen. Frau Frerichs. Was hast Du denn? Ist Dir nicht wohl? Frerichs. Ganz im Gegentheil. Mir ist sehr wohl. Eben habe ich einen Brief aus Madrid bekommen. Frau Frerichs. Aus Madrid? Dann Adieu, du schönes Landhaus! Frerichs. Warte nur, Du mußt doch den Brief sehen. Frau Frerichs. Danke. Ich braucht ihn nicht zu sehen. Frerichs. Wenn nun aber Heinrich irrtümlicher Weise die Arme heiratet? 26 — Frau Frerichs. Was wäre deun dabei? Das wird Dich nicht ruiniren. Frerichs. Aber Frau! — Frau Frerichs. Aber Mann! Du bist reich, Du kannst das ertragen, und wenn's sein muß, noch mehr! Frerichs. Ich kenne Dich nicht mehr. Du bist ja völlig unmoralisch geworden. Frau Frerichs. Da bist Du allein daran Schuld. Hättest Du mir nicht dieß armselige Landhaus verweigert, wäre ich sanft wie ein Lamm. Frerichs. Aber Frau, das armselige Landhaus kostet 20.000 Thaler! Das ist mir zu theuer als Weideplatz für ein Lamm. Frau Frerichs. Christian! Frerichs. Na, komm, wir'wollenjetzt deu Brief lesen! Frau Frerichs. Warte gefälligst einen Augenblick! Da Dir so viel daran liegt, zu wissen, welche von Beiden die Reiche ist, so bestehe ich darauf, daß Du, wenn deine Neugierde befriedigt ist, die andere aus dem Hause schickst, ich will sie schon wo anders unterbringen. Frerichs. Gut, es sei. Aber wenn nun meine kleine Rofita die Arme wäre? Frau Frerichs. Nun, was dann? Frerichs. Sie ist so hübsch. Genügte es Dir nicht, wenn wir sie in die Dachkammer schickten? Frau Frerichs. Im Gegentheil. Dieses schmeichlerische kleine Wesen ist viel gefährlicher als die Andere. Ich Hab' mehrere Male die Bemerkung gemacht, daß sie sogar mir gegenüber ihren Kopf durchsetzt. Nein, nein, wenn Rofita arm ist, muß sie durchaus aus dem Hause — versprich mir's. Frerichs (bei Seite). Ich kann es ja immerhin versprechen. (Zu seiner Frau ihr die Hand gebend.) Gut, sie soll fort, da Du es wünschest. — Au, was fällt mir denn da auf die Hand? Frau Frerichs. 'S ist nur eine reife Kirsche, die vom Winde abgeschüttelt worden ist. Aber willst Du denn den kostbaren Brief nicht endlich lesen? Frerichs. Kostbar! Das ist das rechte Wort. Er hat nämlich sehr viel Porto gekostet, da gleichzeitig damit ein Kistchen angekommen ist, das sich noch auf der Post befindet. Wahrscheinlich enthält es Taufund Jmpfzeugnisse unserer beiden Nichten. Es scheint demnach, daß die Auskunft, die ich erhielt, eine vollständige ist — und ich darf die Kosten nicht bereuen, die mir daraus erwachsen. — Komm, Mutter, setzen wir uns. Ich will Dir den Brief vorlesen. (Er liest.) »Geehrter Herr, mit großem Vergnügen ergreife ich die Feder, um den Brief zu beantworten, welchen Sie so freundlich waren, an mich zu schreiben.« Der Anfang verspricht eine befriedigende Aufklärung. Nicht? Frau Frerichs. Du wirst's ja sehen. Lies doch den Brief. Fre richs (liest weiter). »Ehe ich fortfahre, erlauben Sie mir die innigste Verehrung für Sie und Ihre sehr geehrte Gemalin auszusprechen. Der Letzteren bitte ich in meinem Namen die Hand zu küssen, denn die große Entfernung verhindert mich leider, mir selbst dieses Vergnügen zu verschaffen.« (Er küßt die Hund seiner Frau.) Thun wir, was er wünscht. » llerdings haben mich meine Geschäfte oft mit dem seligen Herrn Diaz in Verbindung gebracht, indeß muß ich doch bemerken, daß ich mit den Töchtern des Hauses weniger befreundet war. Das ist auch sehr natürlich. Denn erstens bin ich nicht mehr jung und zweitens bin ich Junggeselle aus freier Wahl. Nichtsdestoweniger erinnere ich mich recht gut, daß ich im Hause Ihres Herrn Schwagers einen Besuch gemacht. — Es freut mich dieß jetzt um so mehr, als ich dadurch allein in den Stand gesetzt bin, Ihnen die gewünschte Auskunft zu ertheilen. — Ich erinnere mich sehr gut an die beiden jungen Mädchen und die Verschiedenheit ihres Charakters zeigte sich selbst bei die- 27 sem kurzen Besuche so deutlich, daß ich sie nicht wohl verwechseln kann. Die Eine von Beiden, nach meinem Urtheile die Schönere, saß auf dem Sopha, als wir eintraten. Sie stand jedoch aus, um mir in einer achtunggebietenden und doch liebenswürdigen Weise eine Tasse Chocolade Frau Frerichs. Mir scheint, Du hast den Brief ein bischen zu theuer bezahlt. Frerichs. Halt! Warte! Da kommt noch eine Nachschrift. — Verdammen wir den guten Don Diego nicht zu rasch. Er schreibt noch ein Postscriptum. Ich bitte ihn um Verzeihung. — (Liest.) »In die- anzubieten. Ich nahm sie an und verbeugte sem Augenblick fällt mir ein« — (er un- mich einige Male tief, um zu dauken, daiterbricht sich). Siehst Du — ich habe mich fühlte ich, daß eine kleine Hand sanft! nicht getäuscht.— Es ist ihm etwas einmeinen Rücken streichelte. Ich erröthete darüber, denn ich konnte nicht begreifen, wie eine so gesetzte junge Dame zu solcher Vertraulichkeit komme. Als ich aber einen verstohlenen Blick in den Spiegel warf, sah ich, daß das andere junge Mädchen hinter meinem Rücken mir meine Verbeugung in übertriebener Weise nachmachte, und gleichzeitig bestrebt war, eine Art von Papierstreifen auf meinem Rücken zu befestigen.« O, das war Rofita! Der kleine Eulenspiegel! Frau Frerichs. Das ist klar! Und die Andere, welche die Ehocolade einschenkte, mar Rosa. — Lies nur weiter. Frerichs (liest). »In der Zeichnung, welche tch Ihnen hiermit entworfen, werden Sie hoffentlich ohne Mühe Ihre beiden Nichten wieder erkennen. Sie sehen, ich habe ein gutes Gedächtniß und entsinne mich an die kleinsten Nebendinge. Das Einzige, was mir entfallen ist, ist die Erinnerung. welche von Beiden die Tochter des Herrn Diaz war und welche die Nichte. — Jndcß wird Ihnen mein Brief trotzdem nicht ohne Werth sein, denn es hieße an Ihrem Scharfsinn zweifeln, wenn Sie nach so charakteristischer Aufklärung das Räthsel nicht völlig lösen sollten. — Ich schätze mich glücklich. Ihnen dienstbar gewesen zu sein und zeichne als Ihr ganz ergebener und gehorsamer Diener Alfonso Diego de Hamonia.« Das ist doch zu arg! Ist der Mensch verrückt? Aus dem Briefe erfahre ich ja rein nichts. — Was meinst Du? gefallen. Frau Frerichs. Mach' doch, daß Du endlich fertig wirst. Frerichs (weiter lesend). »Eben fällt mir ein, daß es Ihnen jedenfalls angenehm sein wird, wenn ich Ihnen eine Probe meiner Schafwolle schicke, in welchem Artikel ich hauptsächlich mache. In der Hoffnung. daß Sie dieSendung gern empfangen werden, schicke ich Ihnen Proben davon in einer kleinen Kiste. Ich weiß wohl, daß Sie in Deutschland ebenfalls Schafe haben, ich glaube aber, daß Sie nach Ansicht meiner Muster meine Ueberzeugung theilen, daß wir in Spanien im Puncte der Schafe weiter find, als Sie.« (Rofita lacht aus dem Kirschbaume) Du lachst? Recht hübsch in der That! Der Mensch muß ein Dummkopf ohne gleichen sein, oder er macht sich über mich lustig. Und Du kannst lachen, wo ich außer mir bin vor Wuth, das macht Dir also Spaß. Recht schicklich für Dich, wahrhaftig! Nun, lege Dir keinen Zwang auf, lache nur fort, lache! Frau Frerichs. Ja, Hab' ich denn gelacht? Im Gegentheil, aus Achtung für Dich habe ich meine Lachlust erstickt. Und das ist mir so schwer geworden, daß mir die Brust weh thut. Ich habe vielleicht die Fähigkeit zu lachen für immer verloren. Da Du aber darauf bestehst, so will ich versuchen, ob ich kann. (Sie lacht.) Ich glaube, es geht noch. Frerichs. Es geht sogar recht gut, wie mir scheint. Frau Frerichs. Ich versichere Dich. Christian, das zurückgetretene Lachen pei- 28 nigte mich sehr, es lag mir wie ein Stein auf der Brust, aber wenn ich an deinen Brief denke (immer lachend) und dann an dieSchaswollproben, und wenn ich endlich dein dummes Gesicht ansehe (sie lacht fortwährend), so wird mir nach und nach leichter. (Sie und Rosita lachen gleichzeitig.) Frerichs. Ich merk's! Du bist völlig geheilt, denk' ich. Welche Kraft! Großer Gott, welche Lache! Es hilft mir nichts, wenn ich mir auch die Ohren verstopfe, es klingt, als lachte sie mit zwei Gurgeln. Neunte Scene. Vorige. Rosa. Rosa. Verzeihung, wenn ich störe, ich wollte nur die Tante bitten — (sie hält plötzlich ein, da sie den Brief in Frerichs Händen sieht). Was seh' ich? Eie Brief mit spanischem Poststempel! Du hast also geschrieben/lieber Onkel, und hast Antwort bekommen? Frerichs (zu seiner Frau). Still, Mutter! — Wer zuletzt lacht, lacht am besten. (Laut.) Ja, mein Kind, man hat mir aus Madrid geschrieben. Ich könnte den Ge- heimnißvollen spielen, wie Ihr es mit mir gemacht habt, aber ich bekenne es frei und offen, ich habe den Brief gelesen. Rosa. Du weißt also —? Frerichs. Alles. Frau Frerichs. Ach! Rosa. Lieber Onkel, wenn Du böse bist, so zürne nur mit mir, Rosita ist unschuldig. Frerichs. Wozu das Versteckenspie- len mit mir, eurem Freunde, eurem Verwandten? Rosa. Lieber Onkel, höre mich, ich bitte Dich! Frerichs (ausgetragen). Die Kinder meiner Schwestern haben kein Vertrauen zu mir. um die Wahrheit zu erfahren, muß ich mich an fremde Leute wenden. Rosita (ahmt feinen Ton nach). Und weil die fremden Leute dem Onkel nichts gesagt haben, muß er sich wieder an die Kinder seiner Schwestern wenden. Frerichs (sieht sich um). Wer spricht da? Frau Frerichs. Es ist Rosita's Stimme. Rosita. Ja! Hier bin ich. GutenMor- gen, lieber Onkel! Guten Morgen, liebe Tante! Frerichs. Rosita! Auf dem Kirschbaum! Was machst Du denn dort? Rosita. Ich unterhalte mich, Onkel- chen. In meinem Leben Hab' ich mich nicht so gut unterhalten. Gesegnet sei Don Diego de Hamonia! Ich wollte, er könnte mich jetzt im Spiegel seben, ich würde ihmKußhänochen zuwerfen, so sehr er auch Junggeselle aus freier Wahl ist. Frerichs. O, der kleine Kobold! Sie hat den Brief gelesen, Rosita. Nein, Onkelchen, nein, dazu war ich zu weit entfernt. Ich danke Dir aber, daß Du ihn mir vorgelesen hast. Du liesest sehr gut, Onkel, dein Vortrag ist ausgezeichnet. Frerichs. Du hast also gehört — Rosita. Alles! — Liebe Rosa, sei so gut und rufe Heinrich her, er wird nicht weit weg sein. Frau Frerichs. O, nicht doch! Das ist ganz unnütz. Heinrich hat hier nichts zu thun. Rosita. Doch! Er hat die Leiter, ohne ihn kann ich nicht hinunter. Rosa. Dort geht er gerade. Heinrich! Vetter! (Ab.) Frau Frerichs. Rosita! Dein Betragen ist denn doch zu frei! So auf die Bäume zu klettern! Ich sage für den Augenblick weiter nichts, so lange Du dort oben bist, denn ich habe jetzt schon einen steifen Hals. Aber sobald Du herunter kommst, lese ich Dir den Text. 29 Zehnte Scene. Vorige. Heinrich (mit der Leiter). Rosita. Heinrich, die Viertelstunde ist wohl jetzt vorbei. Heinrich. Und darum haben Sie hier eine ganze Gesellschaft eingeladen. Sie wollen sich also wieder über mich lustig machen? (Will ab.) Rosita. Onkel! Tante! Haltet ihn fest. Er darf nicht fort mit der Leiter. Frau Frerichs. Heinrich, bleibe da, ich befehle es Dir. Stelle die Leiter an den Baum, damit sie herunter kann. Rosita. Einen Augenblick, liebe Tante, erst muß ich ihm etwas sagen. Heinrich, als Sie mir vorhin Ihre Liebe gestanden, bat ich um eine Frist zum Nachdenken, nicht etwa als ob mein Herz dieser Frist bedurft hätte, o nein, das glauben Sie ja nicht. Aber ich hatte noch einige leise Zweifel, d'e nicht Sie betrafen, und diese verhinderten mich, Ihnen sogleich einen Bescheid zu geben. Während der Viertelstunde jedoch, die ich hier oben auf dem Baume zugebracht habe, ist mein Zaudern verschwunden, denn es sangen zwei große Vögel so laut ihr Lied unter mir, daß ich die Einsicht gewonnen habe, Sie sind das einzige Herz, -as mich hier liebt, der einzige Frennd, dem ich vertrauen darf. Deshalb erkläre ich hiermit laut und in Gegenwart Ihrer Eltern, daß ich Sie liebe. Ist es noch Ihr Wille, mich zur Gattin zu nehmen, und haben Sie Muth, alle Hindernisse zu besiegen, die uns in den Weg treten werden, dann legen Sie die Leiter an und lassen Sie mich hinunter. Heinrich. Rosita! (Er will die Leiter an den Baum legen.) Frau Frerichs (hält ihn aus). Halt, mein Junge, Du bist zu eilig. Wenn Du nach dem, was sie eben gesagt hat, die Leiter anlegst, so verpflichtest Du Dich, sie zu heiraten. — Also gib mir die Leiter. Ich will sie anlegen.— Bedenke, daß wir noch gar nichts wissen. Heinrich Laß mich, Mutter, ich weiß, daß sie mich liebt, und das ist mir genug. Frerichs. Aber mir ist es durchaus nicht genug. Laß die Leiter, Heinrich. Ich bemächtige mich derselben. Ich lege Beschlag darauf (er nimmt ihm die Leiter) im Namen des Gesetzes, denn es ist gesetzlich verboten, Früchte zu pflücken, die nicht uns gehören, Rosita ist für Dich eine verbotene Frucht. Rosita. Recht, Onkel! Behalte nur deine Leiter, Du bist im Recht. Wie ich höre, bist Du ein ausgezeichneter Gesetz- kundiger. Aber ein großes, mächtiges Gesetz hast Du doch vergessen, das Naturgesetz. Wenn die Frucht reif ist, braucht man keine Leiter Wohlan, Heinrich, für Dich ist die Frucht reif, für Dich fällt sie von selbst vom Baum. (Sie springt herunter in Heinrichs Arme.) Heinrich. Dank, Rosita! Jetzt bist Du mein und keine Macht der Erde soll uns trennen, (Er umarmt sie.) Eilfte Scene. Vorige. Gustav. Rosa. Gustav (sieht Heinrich und Rosita). Sieh, sieh! Ihr habt ja hübsche Fortschritte gemacht. Zum Glück sind wir auch nicht zurückgeblieben. Erlauben Sie, daß ich Ihnen meine Braut vorstelle. Frau Frerichs (umarmt Gustav). Lieber Gustav, ich wünsche Dir von Herzen Glück, denn Du gehst mich nichts an und kannst handeln, wie es Dir beliebt. Aber Heinrich ist mein Sohn. Nie gebe ich meine Einwilligung, bevorichnichtRosita's wahren Namen kenne. Rosa. Lieber Onkel, liebe Tante, seien Sie nicht unbeugsam. Geben Sie Ihre Einwilligung. Am Hochzeitstage erfahren Sie Alles. 30 Frerichs. Rosa trifft's, amHochzeits- tage erfahren wir's. Das Rathen habe ich ohnehin satt, es ist zu schwer und ich gebe es auf. Komm her, Kleine! Du, die jetzt Rosita heißt, Du weißt, wie schwach ich immer gegen Dich gewesen bin. Vom ersten Augenblick, wo ich Dich sah. Hab' ich Dich lächerlich lieb gehabt. Und damit ich endige, wie ich angefangen, komm her, mein Sohn. (Er stößt Heinrich gegen Rosita.) Was ich da thue, ist sehr dumm, ich weiß es, aber gleichviel. Nimm ihn, Kleine, wer Du auch sein magst. (Rosita fällt dem Onkel um den Hals.) Schon gut, Schmeichelkätzchen, schon gut. Versuche lieber meine Frau herumzubringen. Sei hübsch artig und vor allen Dingen widersprich ihr nicht. Rosita (nähert sich Frau Frerichs). Gute, liebeTante. Ich soll alsonichtMut- 1er zu Dir sagen dürfen? Frau Frerichs (nimmtRofita beiSeite). Doch! Aber nur unter einer Bedingung. Sage mir deinen wahren Namen. Und wer Du auch sein magst, ich willige in deine Heirat. (Rosita sagt ihr in schalkhafter Weise etwas in'S Ohr. Frau Frerichs führt sie daraus triumphirend gegen die klebrigen vor. Gustav und Rosa sind nur mit sich beschäftigt und achten nicht aus das, was vorletzt.) Ich kenne jetzt das Geheimniß des Mädchens. Diese heißt Maria, sie ist arm, aber sie hat Vertrauen zu mir gehabt und deßhalb soll sie meinen Sohn heiraten. Frerichs. Mutter, So ist's recht. Du folgst einer edlen Wallung deines Herzens, ich danke Dir. Frau Frerichs. Keine Ursache, Christian, denn 'ch habe damit meine Wette gewonnen, das Landhaus gehört mir. Frerichs. Wie so? Frau Frerichs, Ich habe das Einge- ständniß meiner Nichte. Frerichs. Weiß Gott, sie hat Recht und daran dacht' ich nicht! (Zu Rosita.) Kleine Plaudertasche, Du hättest auch schweigen können. (Zu Gustav.) Na, und Du, großer Rechenmeister, wenn je, so hast Du heute einen Schatz gefunden. Oder hättestDu's am Ende gar errathen? Gustav (hört kaum aus ihn). Wie meinen Sie, Onkel? Frerichs. Bist Du denn taub, mein Junge? Hast Du die große Neuigkeit gar nicht gehört? (Verbeugt sich vor Rosa.) Ich grüße Sie. t heure Donna Jsabella. Rosa (lacht). Ich Jsabella? Onkel, wer weiß, ob's wahr ist. Sei nicht zu liebenswürdig mit mir. Frerichs. Ob's wahr ist? Ja, weiß Gott, 's ist gar nicht unmöglich, daß wir noch immer nichts wissen. (Während der folgenden Reden blickt er bald auf Rosa, bald auf Rosita.) Rosita. Nun, Heinrich, nimmst Du mich nun doch trotz dem, was Du gehört hast? Heinrich (die Augen niederschlagend). Denkst Du denn, ich kann so antworten? Eins, zwei, drei? Ich brauche wenigstens eine Viertelstunde, um nachzudenken. (Plötzlich ausbrechend, indem er sie umarmt.) O Rosita, mein liebes, liebes Mädchen! Frau Frerichs. Gott sei Dank, daß sich die Sache endlich aufgeklärt hat. Dieser Zustand der Ungewißheit war im höchsten Grade peinlich, besonders für Dich, Christian, Du hast so viel hin- und herze schwankt, daß Du von Glück sagen kannst, das Gleichgewicht wieder erlangt zu haben. Jetzt weißt Du doch endlich, woran Du bist mit Rosa und Rosita. Frerichs. Das weiß ich? Ich bitt' um Vergebung, Du weißt's, weil Du dein Landhaus haben willst. Und Du sollst es bekommen, sei ruhig. Aber ich weiß gar nichts. — Ich halte es sogar für sehr wahrscheinlich, daß Dir der kleine Irrwisch dort gar nichts gesagt hat. Frau Frerichs. Wie? Du glaubst—? Frerichs. Ich glaube gar nichts, aber ich zweifle noch immer. — (Zu Heinrich). Heute bist Du der Bräutigam von Maria und Du (zu Gustav) von Jsabella. Morgen ist's vielleicht wieder anders. — Seht nur die Mädchen an! Sehr ihr schlaues Lächeln, ihre schelmisch strahlenden Blicke. Glaubt Ihr denn, daß die schon sertig find mit ihrer Komödie? O nein, die ändern wieder ihre Namen, die lasten uns nicht zur Ruhe kommen. — Ich srage (halb zum Publicum) Jedermann, das heißt, nur diejenigen, die nicht mit mir gewettet haben: Kann mir Jemand sagen, wer die jungen Mädchen find? Alles schweigt. Es hilft also nichts. Wir wüsten wieder von vorne anfangen — mit Rosa und Rofita. In der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien sind zu haben: Der Brasilianer. Posse mit Gesang in einem Act. Nach dem Französischen von Hohenmarkt. 8 Sgr. od. 40 Nkr- Kopf und Herz. Original-Lebensbild mit Gesang und Tanz in drei Acten von Theodor Flamm. 12 Sgr. od. 60 Nkr. M M AMXiHer »»!> Me.smilie. Charakterbild mit Gesang in drei Acten von Friedrich Kaiser. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Lustspiel in einem Act von Sigmund Schlesinger. 7V, Sgr. od. 35 Nkr. Ein Musikant, oder: Die ersten Wanken. Komisches Charakterbild mit Gesang in drei Acten von Ludwig Gottsleben. 12 Sgr. od. 60 Nkr. --ro«-- Druck und Papier von L. Sommer L Somp. in Wie» ^ 51 . Den Bühnen gegenüber als ManuscripL gedruckt und zu beziehen durch das »internationale Theater-Geschästs-Bureau (Emil Drcnker).« Die Kinder von Ungefähr. Lebensbild in 3 Aclcn mit Musik und Tanz von Alois Berla. Musik von Kapellmeister Mill öker. Personen: Gräfin KronfelS. Eduard, ihr Enkel. Bieder, Sekretär. . Ro falle, Kammerjungfer. Eäsar Bonbon, Küchenchef. Nanette, Köchin. Zm gräflichen Toni, Küchenmädchen. Hause. Ehristian, Kutscher. Heinrich, Jacob, Damiani, Rauchfangkehrermeister. Katharina, seine Frau. Peppi, Rauchsangkehrrrlehrling, Toni's Bruder. Ein Priester. Ein Meßner. Lore, Dienstmagd bei Damiani. t 2- > Gesellt Damianis. 3. Tausgäste, Domestiken der Gräfin, Rauchfangkehrergesrllen, Küchenjungen und Mädchen. Wien, Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm). 2 Erster Act. (Große, wohleingerichtete Herrschaftsküche im Hause der Gräfin. Ungefähr 4. Coulisse ein Bogen in der Mitte auf einem massiven Pfeiler ruhend. Im Raume rückwärts zwei große Sparherde mit blankgeputzter Montirung. dann Glasschränke mit allerlei Geschirr. An den Wänden glänzend gescheuerte Küchengeräth- sch asten. Im Vorderraume nette, weiße Anrichttische und einige Küchenstühle.) Erste Scene. Nanette, Toni. (Küchenpersonale im Hintergründe.) Nanette (eine alte nettgekleidete Person sitzt an einem Tische und notirt mit Bleistift aus einem Buche auf ein Blatt Papier). Eierdotter, Zucker — Chocoladecreme, — Bordeaux — Sakralst! das muß ungemein delicat schmecken. (Rust nach dem Hintergründe.) Toni! wo steckt denn das Mädel? Toni! Toni (Küchenmädchen von 15—16 Jahren, sehr niedlich, kommt rasch vom Hintergründe). Da bin ich, Jungfer Nanett! Sie schaffen? Nanette. Was machst Du? Toni. Wir thun G'schirr abwaschen, was von der Tafel gekommen ist! (Wieder sortwollend.) Nanette. Bleib' da, Toni — will mit Dir was reden! Toni (ehrerbietig). Bitt', Jungfer. Nanette (kommt näher, feierlich). Toni, obschon ich weiß, daß Du eine eifrige Der- ehrerin unseres Küchenchefs, des Herrn Bonbon bist — Toni (unterbrechend). Vergeben Jungfer Nanett, Herr Bonbon ist mein und meines Bruders Vormund, da versteht es sich wohl von selbst, daß — Nanette (einsallend). Weiß — weiß, das aber g'hört net daher. Ich red' von der Eigenschaft des Herrn Bonbon als Chef der gräflich Kronfels'schen Küche und will also andeuten, daß Du eine Verehrerin seiner Art und Weise zu kochen bist. Toni. Ja, das bin ich freilich. Nanette (auffahrend). Ich aber nicht; denn der Bonbon kocht auf französische Art und ich—(stolz) ich bin eine deutsche Köchin. Toni. Deren Geschicklichkeit mein Herr Vormund bei jeder Gelegenheit öffentlich belobt — Nanette. Ja, weil er net schimpfen kann, weil er zugeben muß, daß von den Speisen, die ich koch, die Franzosen net einmal an'n Dunst haben. Toni. No also? Nanette (eifrig). Grad darum aber kann mich der Bonbon net leiden, und er benützt jede Gelegenheit meine Mehlspeisen — für welche Specialität ich eigentlich bei Ihrer gräflichen Gnaden bedienstet bin — von der Tafel zu verdrängen. Toni. Aber Jungfer Nanett — Nanette. Red' net; ich Hab' mir grad das Rezept zu einer wundervollen Mehlspeis herausgeschrieben, die setz' ich auf'n Kuchelzettel, streicht sie mir derHerrBonbon. nachher is' aus; ich melde mich zur Audienz bei der gräflichen Gnaden und das Kronfelsische Haus verliert seine Mehlspeisköchin. Das is', was ich Dir Hab sagen wollen, damit Du es deinem Vormund zu wissen machen und ihn bei Zeiten warnen kannst. Toni. Aber Jungfer Nanett, wie soll denn ich über so was reden? Ich, die Mündel und obendrein ein ganz geringes Kuchelmadel. Nanette. Ich bitt' Dich, thu net so unschuldig! Glaubst, ich weiß's net, daß Du deinen Vormund so was man sagt im Bändel hast? Toni (ärgerlich). Na hörn's, was Sie Einem Alles aufdisputiren! 3 Nanette. Durchaus net. Du bist a junges Madel und die sein heutzutag, was die Männer betrifft, rein des Teuxels! Da is z. B. der Herr van Bieder, der Secretär der gnädigen Gräfin, ein frommer, gottesfürchtiger Mann, ein Mann bei Jahren, der g'wiß eher an alles Andere als an junge Madeln denkt — Toni (aufgeregt). No und? Was wol- lens denn mit dem Herrn Sekretär! Nanette (beleidigt). Ich? Ich will gar nix mit ihm — aber Du, so oft er in die Küchel kommt, kögelst Du Dir förmlich die Augen aus nach ihm. Gottigkeit, als wenn Du sagen wolltest: ach, Herr Sekretär, ich bitt schaun's mich doch an, könnt ich Ihnen net g'fall'n? Toni (entsetzt und entrüstet). Das is net wahr und wann Sie noch einmal so was Schreckliches von mir sagen, so geh' ich zum Vormund und — Nanette. Wirst mich verklagen? Nur zu, Fräuln Toni — ich Hab auch die Zungen im Maul und werd's g'wiß net 'nunterschlucken. Ah, da kommt ja grad der Herr Sekretär, na also, Fräuln, möch- tens net a bisserl kokettirn? Toni (tief gekränkt). O Jungfer Nanett, das ist recht schlecht von Ihnen! (Sie will entrüstet fort und läuft gerade dem spähend oustretenden Bieder in die Arme.) Zweite Scene. Vorige. Bieder (schwarzgekleidet, würdig scheinende Haltung, frömmelndes Wesen). Bieder (mit beiden Armen Toni auffallend). Ei, ei — mein Kind, wohin denn so eilig? Toni (prallt zurück). Oh! (Verschüchtert.) Bitt tausendmalumVerzeihung. (Will fort.) Nanette (zornig für sich). Da hab'n wir's — jetzt hat fie's grad so einz'richten g'wußt, daß sie ihm in dieArmefallenkann! Bieder (hat Toni zurückgeführt) . Bleiben Sie, meine Liebe! Nanette (für sich). Und jetzt halt er's noch zurück! (Hastig ihm entgegentretend und Knixe machend, mit ärgerlichem Tone.) Dienerin, Herr Secretär. was verschafft uns denn das große Vergnügen? Bieder (sehr freundlich). Guten Tag, liebe Nanette, ich wollte. — Sagen Sie mir, was ist es mit der Kleinen? Sie scheint ja ganz verstört? Nanette. O, ich bitt, was weiß denn ich? Bieder. Ist dieß Mädchen nicht die Mündel des Küchenchefs? Nanette. Ja! Bieder. Nun, und ist sie fleißig und gelehrig? Nanette (ärgerlich). O ja; sehr gelehrig, wer weiß, was die in diesem Haus noch Alles lernt! Bieder. Schön — und (Toni beim Kinn fassend) tft sie auch frommen Sinnes, betet sie eifrig? Nanette (gereizt). Bitt, den Herrn Küchenchef zu fragen, der als Vormund wird das am besten wissen. Bieder. Na, der Monsieur Bonbon ist Franzose, die gehören aber nicht zu den frömmsten, da muß man ein Uebriges thnn! Ich werde bei dem Portiuncula- Verein für andächtige Dienstmägde ein gutes Wort sprechen, sie dort einführen, vielleicht — Nanette (ganz außer sich). Herr Secretär verzeihen schon, aber ich Hab nichtZeit, über Sachen, die mich gar nix angehen, zu reden, ich empfehl mich. Bieder (rasch sich von Toni entfernend). Einen Augenblick, bitte! (Tritt zu Nanette und sagt leise, dabei immer den salbungsvollen Ton beibehaltend.) Liebe Jungfer Nanette! Ich hätte eine Angelegenheit von höchster Wichtigkeit zu besprechen. Darf ich Sie bitten, mich in einem halben Stündchen auf meinem Bureau zu besuchen? Nanette (sieht ihn fragend an, dann sagt sie verschämt). Herr Secretär, ich soll ganz allein zu Ihnen? 1 * Bieder. Nicht in meiner Wohnung er warte ich Sie; auf dem Bureanx und zwar im Aufträge der gnädigen Frau Gräfin. Nanette. Ah, das is was Anderes! Herr Secretär. ich werde kommen! — Bieder. Schön! —für jetzt Adieu! (kr grüßt vertraulich und doch gemessen mit der Hand und geht seitwärts ab, ohne nach Toni zu sehen.) Dritte Scene. Vorige ohne Bieder. Nanette (befriedigt). Er hat sie nicht mehr ang'sehen! Ein Glück für sie, ich bätt' ihr die Augen auskratzt! (Seufzt und drückt die Hand ans Herz.) Ach, wie ich in den Secretär verbrennt bin! So oft ich ihn siech, is mir grad, als wann in mein Herzen Schmalz ausg'lassen wurd?— (Kokett.) Und er scheint mir auch nicht abgeneigt zu sein — ach! — (Man hört Gelächter von dem im Hintergründe versammelten Küchenpersonale.) No, was is denn da hinten wieder los? Toni (welche nach rückwärts gegangen, rust freudig). U je, mein Bruder kommt! Nanette. Der Pepi! Richtig; da ist er! Vierte Scene. Vorige. Peppi (ein Bursche im Habit eines Schornsteinfegers, eine zierliche Leiter an der Schulter, tritt umgeben von Küchenjungen und-Mädchen aus dem Hintergründe. Frische Entröe-Musik.) Peppi. Serviteur, ös säubern Mädeln! Junge Mehlwürmer, grüß Gott! Bin der Rauchfangkehrerpeppi! Fesches Bürscherl, Sapperlot! Ist mein G'wand grad net zierlich, Hab ich doch a fein's Metier. Denn ich kann, was mancher gerne thät, Alle Tag' steig'n in die Höh!! Und dort oben — Rauchumwoben Scheuch' die Katzen Ich und d' Spatzen; Euch zum Nutzen, Thu ich putzen Alle Wochen, Daß ihr kochen Könnt's die süßen Leckerbissen — Ach! die süßen Leckerbissen! Und wie ich a guter Kerl Von Geburt auf halt schon bin, Kriegts a no an'n Haufen Busseln, Her da, Madeln, dick und dünn! (Er läuft aus die Küchenmädchen zu, welche schreiend sich flüchten, während die Jungen lachen. In diesem Augenblicke erwischter die nichts ahnende Nanette am Kopf und küßt sie.) Nanette (ganz außer sich). Ach, das ist — Toni halt mich! Toni. Aber Pepi, was treibst denn? Pepi (fidel). Jungfer Nanett, machens Ihnen nix d raus, es war nur a Irrung — i bab woll'n a Jüngere küssen! Nanette. Na die Keckheit—Toni, bin ich net schwarz? Pepi. Nein, diese schwarze That hat kein Zeichen zurückg'lassen und so dürfte es einer löblichen Behörde große Schwierigkeiten machen, dem Thäter auf die Spur zu kommen. Nanette. Geh' weiter, du Gausrab, du verdienst, daß dich dein Meister ordentlich durchhauen thät. Pepi. Weilich dieJungferNanett küßt Hab'? (Pathetisch.) O Jungfrau, willst Du bei Bestimmung des Strafausmaßes für mein Vergehen deine überzähligen Jahre als Erschwerungsgründe anführen? Die Andern (lachen). Nanette (ärgerlich). Ja, da hat man's, statt daß die heutige Jugend vor'm Alter Respekt hat, statt dem schmäh't fie's! Pepi. Was? ich vor'm Alter kein'nRe- spect? Jungfer Nanett, da thun Sie mir Unrecht! Sehn's, der Rauchfangkehrerpepi haßt—um ein Beispiel anzuführen—die neuen Palais mit ihre» Maschinenrauch' fangen, die jeder Hausmast'r mit der Eisenkugel von auswendig putzen kann, aber so ein alt's Haus mit seinen mächtigen Schornsteinen aus'n vorigen Jahrhundert, das ist mein Herzbinkerl, da zieh' ich mit einer wahren Verehrung die Berufsschla- pfen aus, mach' ein'n Satz, rutsch Ln dem Schlauch in die Höh' und hilf dem altehrwürdigen Herrn, wie der Engländer dem Türken, daß sich der Ruß net gar z' stark ansetzt. Ich und das Alter net ehren! Da wollt ich ja doch gleich, daß ich nie mehr den blauen Himmel und das goldene Licht der Sonne durch den Tubus einer alten Kaminröhren erblicket. Nanette (besänftigt). Geh', geh', Du Rauwutzl, Du bist a Feiner! Willst Dich halt jetzt wieder reinwaschen. Na für das- mal will ich Dir verzeihen, daßDu mich'— Pepi (rasch). Nein es war unverzeihlich von mir. Nanette. Ich verzeih' das Büffel aber doch, und will Dir sogar in allen Ehren ein zweites geben! Pepi. Ein zweites? Himmelkreuzkruzi- adaxl! das is wie eine Begnadigung zu PulverundBlei! Nowas, vorwärts'.Ewig dauert 's ja net. ich sing wie der Andreas Hofer zu Mantua in Banden vor die Sol daten, die ihn erschießen sollen — (singt) Nun so trefft mich recht (küßt Nanette). Ach, wie schießt ihr schlecht! Ade, mein Land Tirol, Ade, mein Land Tirol! Alle (lachen und rufen) Bravo! (Die Küchenjungen wersen ihre Mühen in die Luft.) Fünfte Scene. Vorige, Bonbon, ein stattlicher Mann, sorgfältig srisirt (blonde Haare und Bart), nobles Air. Er hat einen Kochlöffel in der einen, eine kupferne Bordurensorm in der anderen Hand. Bonbon. Lilsnee! Lapristi! Was sein das für eine äpeetaelo? Alle (halblaut). Monsieur Bonbon! (Es » ist stille geworden.) Bonbon. Ah, mes enkants, das sein keiner Oonäuite für der Kuckel, welke stehen unter meiner Direktion! Pepi (halblautzu den Küchenjungen). Der Kuchelcäsar ist süchtig, jetzt heißt's pariren, sonst ist er capabel und haut euch die Krone um die Ohren. (Weist auf die Form.) Bonbon (schlägt Pepi mit dem Kochlöffel auf die Schulter). Ah, Du sein da, Fripon? Was mack Du hier? eomment? Pepi. Herr Vormund! — Bonbon. Liloneo? Auf der Kuckel ick seine keine Dormone, oh non, ick sein die Ollök die Kuckel, darum ick frage Dir nock- mals, was mack Du da? Pepi. Der Mafia schickt mich, ich soll bei die Sparheld nachschauen, aber wann's der HerrVormund, oh exeusö, will sagen die Ehef von die Kuckel nicht erlauben, so — )'ai I'llonneur, votro serviteur! (Will fort.) Bonbon. Halt, attention! Dasick Hab vergeß! voilü geh' und mack sie gutt deine Sack. A propos, wie geht's die Madame Damiani? sein sie wieder eu donue 8ante gesund? Pepi. Ah die Frau Mast'rin is schon wieder kreuzfidel und teufelt im Haus herum, daß uns'reG'sellen vorGall schwarzwerden könnten, wann sie es nit eh schon wären. Bonbon. Lon und die kleine Pauxell, die Kind? Pepi. Unser neuer Staatsbürger, den wir erst kriegt haben? Oh, der benimmt sich schon ganz als junger Herr vom Haus, beim Tag schlaft er und bei der Nacht kann er net g'nug z'trinken krieg'n. Heut Abends soll er ja tauft wer'n! Der Mafia wird gleich da sein, den Herrn Vormund zur Tauf einz'laden. Bonbon (nachdenklich). Gute? Ah, da ick müssen treff' tout äo 8uite meinen Arran- 6 gements, ha, Mamsell Nanette, Sie werden sein von die Güt, mir zu substituir! Nanette (freundlich). Ah, mit Vergnügen, Masse Bonbon. (Sie spricht mit ihm.) Pepi (halblaut zu Toni). Du,Tontscherl, was ich sagen will, ich Hab' heut einen Fund g'macht! Toni. Einen Fund! Pepi. Ja, auf unserm Boden Hab ich das Knie von einer Ofenröhren g'sucht, dabei kumm i über a alte versperrte Kisten, die von Mäus und Holzwürm ganz zerfressen is. Ich schau und bemerk a Papier zwischen einer Klumsen und auf dem Papier ganz unten les' ich Dir den Namen von unserer seligen Mutter. Aus Neugier reiß ich a Brett von der Kisten und erwisch ein ganzesPackel alter Brief', das Hab ich gleich eing'steckt und mitbracht, daß Du 's durchschauen sollst, vielleicht erfahren wir daraus, wer unser Vater g'wesen is, ob er noch lebt, wie er heißt, wann er— Bonbon (der plötzlich Pepi beim Ohr ziehe). NaFripon, wollenDuDir nick mack an die Sparrenerd? P epi. Jaja HerrVormund, geh schon — (StecktToni dasBriespacket zu.) Da hast, Toni, les aber heimlich, hörst?(Jn den Hintergrund eilend, wozu er die Leiter mitnimmt.) Bonbon (der Beide beobachtete). Mamsell Toni? Was versteck Du da in dein Schurz? Toni (verlegen). O nix, gar nix, Herr Vormund. (Eilt schnell nach der Seite rechts hinter den Bogen.) Bonbon (aufgeregt für sich). Der Josef er sie aben zugeslecken nne lettre, einen Brief, das sein einer Billetdoux, quelle tiorreur — das mack mir ganz verrücken! Nanette. Musjö Bonbon,Sie glauben also, daß ich heute Abend für die gräfliche Tafel bloß— ? Bonbon (barsch). Laß Sie mir Fried! Nanette. Aber Herr Musjö — Bonbon. Nort ma vie, sein Du still, gehen Du fort, H alter Schocktet! Nanette (zornig). Ah, da muß ich bitten— die Grobheit, und das will a galanter Franzos sein! Bonbon, viadlo! Geh'Sie und die handern h'auck, geh sie h'allen fort! (Donnernd.) ^I1eri-voll8-6ll ! marolie! Nanette. Sie find ein — ah, is mir wirklich z' dumm, mich zu giften mit so einem Papplöffel. (Eilt nach dem Hintergrund, die Anderen folgen.) Sechste Scene. Bonbon (allein). Oh Toni — Toni, was aben du gemackt? Du aben mir durck- bohr mein Herz mit die Heifersuckte wie mit eine Bratspieß! Du Dir laßt zusteck einer Billet doux, Du lieben eine h'andere und ick deine pnuvrs Vormund, ick sein psräu! (Fällt in einen Stuhl und stützt den Kopf in beide Hände.) Siebente Scene. Voriger, Toni (von rechts hinter demBo- gen austretend). Toni. Mein Gott, was Hab ich g'lesen — Herr Damiani, der Meister meines Bruders, wär unser — ich muß jetzt vor Allem mit dem Vormund sprechen. (Sieht Bonbon.) Ah, da ist er! Bonbon (springt auf). Mn, ick nickt sein peräu, ick sie werd stell zu Red', ick sie werd zwing zu geb mir die Billet- doux oder ick ihn werd erwisch inon Rival, diese Filou, diese Brigant, diese schleckte Lomp! Oh, ick ihn sogleich werd erwisch! (Er will nach dem Hintergründe ab, Toni weicht unwillkürlich zurück, im selben Augenblicke tritt Damiani durch den Hintergrund von der linken Seite kommend entgegen.) Achte Scene. Vorige. Damiani (ältlicher Mann mit dichtem schwarzen Haupthaar und kurzem Backenbart, große Beweglichkeit). Damiani.Luonasora earissiwoniui- eo! Grüß' Dich Gott, Spezi, gut daß ich Dich trest'. Bonbon. Ah dieMonsieurDamiani— Damiani. Lieber Freund, daß heut die Tauf meines Erstgeborenen ist. das kommt Dir zu sagen der glückliche Vater, der selige Erzeuger. Du hast ihn noch nicht gesehen den Prachtbuben, er ist mir wie aus'n G'sicht g riffen, ein bildschönes Kind, uu bv11i88imo ra^aino, uni11u8tri88imo kamkino clel eiolo perciio in aniina mia. Bonbon. Monsieur Damiani, Du spiel tou)our8 die Ita1iani88imo, Du sein ja h'aber eine gebürtige Stockerauer! Damiani.Stockerauerhin, Stockerauer her; ich bin ein g'lernterRauchfangkehrer, ein 8 PN 22 L eammino und das sein lauter geimpfte und gefirmte Italiener. Doch reden wir net von meiner Geburt, sondernvon meinem Sohn und der dadurch nothwendig gewordenen Taufhandtung. Bonbon, du bist mein Freund seit 18 Jahren, Du sollst auch mein Gevatter wer'n, Du mußt den Buben aus der Tauf heben, aber er soll nicht heißen wie Du Eäsar, nein, er muß einen berühmten Namen kriegen, einen erhabenen wie Garibaldi muß er heißen Giuseppe, eorpo äi kaeeo, Giuseppe soll er heißen mein primo§6nito tixlio. Bonbon (schnell). Giuseppe? ha! Damiani (schnell). Ha, perekü ha! Bonbon. Oh yusll' oukli, welk einer Vergessenheit! Monsieur Damiani, Sie weiß nickt, daß Hab Sie seit fonfzehn Jahr einen Ä8, eine leiblicke Sohn, ein Josef? Toni (die im Hintergründe zuhorcht). Was wird er sagen? Damiani. Oh maieäetto! (Schlägt sich vor die Stirne.) Du hast Recht, der Teuxels- bub heißt Pepi, Josef, er untersteht sich Giuseppe zu heißen, äiavolo — Toni (traurig). Ach! Bonbon. Oh mon ami, was sein Du für eine erzartige Papa! Du oben 2 Kind, zwei gutte brave Kind, eine Karyon, eine Madel, Du aben gelieben die Mutter von die beiden Kind, Du aben sie versprock zu eirath ond Du sie aben verlaß wie eine miserable Tust! Toni (weint still). Damiani. Ha! ?er äio! Bonbon (mit Verachtung). Lilonee! wann Du nickt wollen mack deiner Shand pudliyuo! Damiani (bestürzt). Bonbon, Freundel, earo mio, sei nicht ungerecht. Du weißt, ich Hab sie gern g'habt die xoverina Theresa und ich hätt sie ja auch g'heirath, aber damals war ich noch G'sell. warum hat die Urschel net g'wart.bis ich Meister wor'n bin? Bonbon (im ernsten Tone). Monsieur Damiani, der Grab sie decken deineDergeh- niß bei die pauvrs Theresa! (Wehmüthig.) h'aber sie sitzen betrübt da h oben auf das Wolkenspitzen, sie blick sie auf Dir eronter ond sie seufz voll tiefer Schmerz. Damiani! (sehr weich, wie sichend) wann öffnen Du deine Vaterherz, wann führen Du on- sere arme Kind, die sie sein durck deiner Sulden eine so h'onglicklicke Ka8tar- äe8, wann führen Du sie in deine mamon ond sack sie zu deine Gemalin: Madame, sie sein meine rechtmäßige Kind, sie sein meine Fleis ond meine Blut, sie sollen track meine nom (weich) ond die liebe Gott sie werden Dir sie senk Glück und Segen auf die H'erd, wann Du sein für diese pauvre 6nkant8 uns könne wsre, einer liebenden Mutter! Toni (faltet bittend die Hände). Damiani. Oh, mmsr mio! Freund Spezi, das kann ich meinem Weib nicht sagen, jetzt schon gar net, wo das Klani da is — sie wurd mir ganz narrisch, auf d' Letzt steiget ihr dieG'spinn in Kopf. Bonbon. Du nickt wollen? Lk dien, dann ick sie sack. Damiani. Ha,Verräther, traäiments trovatore, jetzt kenn ich mich aus! Dir g'fallt mein junges Weiberl, Du machst mir's abwendig machen — Du willst die Schlange im Paradiese meiner Ehe spielen? Ha morto aHsä68eki — will ich sagen Franzose! Bonbon. O osuelle stuxiäitö, ich sein 8 keine Filou, ick sein eine ehrliche Mann, eine Vormond von deine Kind und es sein meine Pflicht Dir zu beuteln bei deine Gewissenlosigkeit. Damiani. Nein, es geht nicht, ich kann meiner Frau nix sagen und verrath'st Du mich, Spezi, so sein wir nicht nur geschworene Feinde. Du hast es auch zu verantworten, wann ich mir in derVerzweiflung was anthu'! Bonbon (mit Bitterkeit). Kon. Ick nit will vernicht deine Familienglück. Damiani. Du wirst schweigen?—Dein Ehrenwort— Bonbon. karots ä'llonneur! Toni (vonSchmerz überwältigt, eilt lautlos nach dem Hintergrund und verschwindet dort). Bonbon (sortfahrend). H'aber von Ente an ick sein deine zwei Kind nickt bloß eine Vormond, ick sein ihre Vatter. Damiani (entzückt ihm um den Hals fallend). Freund — Du bist halt wie immer ein wahrhaft nobler Charakter! Aber was is's, hebst mir meinen Buben net aus der Tauf? Bonbon. Na —deine Gemalin sie sein eine komme trs8 aimadlo, einer sehr liebenswürdigen Madam ond pour eela — ick werd sein deine Gevatter. Damiani. 0 Fraria, earissimo amj- oo! Alsokomm g'wiß,Punkt6Uhristdie— (Man hört ein wirres Getöse im rückwärtigen Raume.) Bonbon. Holla! Was sein gescheh? Neunte Scene. Vorige, Nanette. Nanette (hereineilend). MonfieurBon bon, wo ist denn der Koch? Bonbon. Was sein los? Nanette. Ah, der Schreck ist mir in alle Glieder g'fahren, die Toni, die Toni! Bonbon. Toni? mon visu was sein mit die Toni? Nanette. Todtenblaß is's zuvor zu mir hinauskommen und wie ich frag: Was ist Dir denn, Toni? is's umg'fall'n wie a Stück Holz! Zehnte Scene. Vorige. Toni (gestützt auf Pepi, umrungen vom Küchenpersonalt, vom Hintergründe). Pepi. Toni — Schwefterl, mein lieb's, herzig's Schwefterl — ach — zu Hilf! Toni (sich erholend). Laß mich, Bruder, es istsmir schon wieder gut! Bonbon (auf sie zueilend). Toni, Toni! Was sein dir. inou enkant, meine liebe Kind? Toni. Herr Vormund — (sucht mit den Augen umher, sieht endlich Damiani, welcher mit verlegenem scheuen Ausdruck nach ihr blickt, zuckt heftig zusammen und wird bewußtlos). (Wirres Durcheinanderrufen.) Wasser — ein Arzt — Toni! (Gruppe. Musik, Zwischenvorhang.) Verwandlung. (Vollständig eingerichtetes Bureauzimmer.) Eilfte Scene. Graf Eduard. Bieder. Graf Eduard (junger Mann im Reitan- zuge, denHut aus dem Kopf, sitzt nachlässig im Fauteuil, mit dem Reitstock die Stieselschäste klopfend). Bieder (steht neben seinem Schreibtisch in devoter Haltung). Eduard (nonchalant). Der verdammte Braun! Auf ihn hätte ich jede Wette gehalten, war auch meines Sieges fast gewiß, da überschlägt er sich kurz vor dem Ziel — und— es Hilst nichts, Bieder, Sie müssen Rath schaffen. Morgen früh erwarte ich Sie mit dem Gelbe. Bieder. 6000 Gulden, Herr Graf — eine bedeutende Summe — wenn der Herr 9 Graf doch mit dero gräflichen Gnaden Groß« mama sprechen wollten — Eduard (rasch). Nein, nur das nicht! Sic kennen Großmama. Wenn sie erfährt, daßich 6000 fl. Wetten zu bezahlen habe, dann ärgert sie sich, bekommt Krämpfe. (Entschieden.) Bieder, machen Sie mir keine Streiche, Großmama darf nichts erfahren — schaffen Sie mir das Geld nur aus kurze Zeit, meinetwegen zu jedem Preise — ick werde prompt bezahlen und außerdem Gelegenheit nehmen, Ihnen meine Erkenntlichkeit zu bezeugen. (Steht aus.) Für jetzt Adieu, Bieder — aus morgen — vergessen Sie nicht! (Geht Seite links ab.) Zwölfte Scene. Bieder (allein, sich lies verbeugend). Herr Graf. Ihr ganz unterthänigster— (Wendet sich und geht auf und ab.) Teufel, die Gelegenheit — mit leichter Mühe einige Tausender zu verdienen, ist höchst günstig, und glückt mein Vorhaben, dann brauche ich nicht einmal mein eigenes Geld daran zu wagen! Wenn nur — (Die Mittelthüre wird geöffnet.) Wer—? die Köchin, ah' gerade recht. Dreizehnte Scene. Voriger. Nanette. Na nette (sie hat sich ein wenig sorgfältiger herausgeputzt und hält zögernd inderThür). Bieder. Ach, welchangenehmerBesuch! Nun. liebe Jungfer, beliebt esJhnen nicht näher zu treten? Nanette (verschämt u. zimperlich). Wann der Herr Secretär erlaube! (Tritt vor.) Bieder (bringt einen Stuhl). Bitte! Nanette. Mit Verlaub! (Für sich, entzückt.) Wie er freundlich is, o Gott! Bieder. LiebeJungferNanett, vor Allem muß ich Ihnen mittheilen, daß Jhro gräfliche Gnaden heute die Nachmittagspredigt besuchen wollen. Jhro gräfl. Gnaden fragten mich um den Namen des hochwürdigen Herrn Paters, welcher die Predigt hat, da ich ihn aber leider nicht weiß, so wende ich mich um Auskunft an Sie! Nanette. Da kann ich schon dienen, es ist der Pater Steffel! Bieder. Ah, ein erleuchteter, redegewandter Mann, ein Apostel der Liebe; wahrhaftig, wenn ich nichtzualt wäre, mich in den heiligen Stand derEhezu begeben, der Pater Steffel müßte mich trauen. Nanette (seufzt). Ach! I ja, weil er mich auch trauen müßte, wann ich nicht schon zu alt wär! Bieder. O, Sie sind es nickt! Ohne Ihnen schmeicheln zu wollen, sage ich offen, daß Sie meiner Ansicht nach alle Eigenschaften besitzen, einen Mann glücklich zu machen! Nanette (naiv). Glauben Sie? Bieder. Sie sind eine Jungfer — in den besten Jahren, eine ausgezeichnete Köchin und jedenfalls auch tüchtige Wirth- schafterin, Sie haben ein gutes Herz — Nanette. Ja, das Hab ich! Bieder. Einen verständigen, frommen Sinn, und was Ihr Aeußeres betrifft, so wird Ihnen wohl der Spiegel längst gesagt haben, was ich als bejahrter, ernster Mann verschweigen muß. Nanette(bedauernd). Ah, dasisSchad! Bieder. Ich werde es daher ganz natürlich finden, wenn Sie uns eines Tages kundgeben, daß Sie sich mit einem braven, rechtschaffenen, katholischen Jüngling ver- lobt haben! Nanette (Perplex). Jüngling? Aber Herr Secretär, Sie werden doch nicht glauben, daß ich auf ein'n Jüngling spitz' Gültigkeit, als ob ich a dalkerte, verliebte Urschet wär! — Wann ich einmal heiraten sollt — ich will's nämlich g'rad' nicht ver« reden, so darf's nur Einer sein, der älter is als ich — Bieder (lächelnd). Bah,^ Sie werden 10 doch nicht einen alten, ewig kränkelnden Mann nehmen wollen? Nanette. No jetzt, kränklich braucht er g'rad nicht zu sein — ich will net sagen, daß 's ihn net dann und wann reißen darf — die Jungen reißt's auch oft mitunter— aber wann er im Ganzen ein kräftiger, rie- grisamer Mann ist, so wird er bei meiner Kost das Alter gar net g'spür'n. Bieder (thut als ob er von Gefühlen bewegt wäre und ruft). Nun — (bricht seine Rede ab, sammelt sich und sagt, sie bei den Händen nehmend, mit affectirter Herzlichkeit) Nun, ich preise den Mann glücklich, dem Sie einst sagen werden: Ich liebe Sie! Nanette (tief bewegt). Sagen? — Sie glauben, ich werd das sagen? (Ihn verliebt ansehend.)Wann er das net merkt, sagen — Gottigkeit. mich ihm an den Hals werfen— nein — das wird niemals g'scheh'n! Bieder (plötzlich leise). Wenn er aber sagen würde: Jungfer Nanette — ich liebe Sie, Nanette, willst Du mein Weib werden? Nanette (sieht ihn an, seufzt und ruft). Ui mir wird — schwach! — (Wankt.) Bieder (sängt sie in seinen Armen auf). Nanette — bitte, setzen Sie sich! — (Er bringt sie zu einem Stuhl.) Nanette (kommt zu sich und sagt ganz perplex). Er laßt mich fitzen! (Blickt nach ihm und sagt.) Ah da muß ich in's Klare kom« men! (Steht aus und geht zu ihm.) Herr Sekretär, was sein 's denn auf einmal so — miselsüchtig? Bieder (der abgewandt steht). Weil es für mich kein Glück auf Erden gibt! Nanette (zärtlich). Ja, aber warum denn net? Bieder. Liebe Freundin, ich willJhnen vertrauen, was mich unglücklich macht! — Setzen Sie sich! — Seit 20 Jahren diene ich Jhro gräfl. Gnaden treu und redlich, nebstbei darbte und sparte ich, um mir eins meinen eigenen Herd an der Seite einer guten, rechtschaffenen Freundin zu gründen. Diese meine Ersparnisse legte ich in Papieren an, die mir sicher dünkten, hoch die neuesteZeit hat meine Hoffnungen vernichtet, ich verlor — für den Augenblick wenigstens — fast meine ganze Habe. Da verlangt heute plötzlich unser junger Graf, ich möge ihm die Summe von 6000 fl. vorstrecken, natürlich ohne seine Großmama davon in Kenntniß zu setzen. Alle meine Betheuerungen, nicht helfen zu können, ruchteten nichts — er ging, indem er mir anzeigte, daß er das Geld zuverlässig durch mich erhalten müsse. Was wird nun ge- chehen? Thu' ich nicht, was der Graf will, und ich kann nicht, so wird es ihm ein Leichtes sein, mich aus meiner Stellung zu entfernen! Nanette. Das wär' ja schrecklich! Bieder. Und nehmen wir an, daß es nicht dazu kommt, so ist es doch außer Zweifel, daß mich der Graf in dem Augenblicke, wo die Gräfin mit Tod abgeht, entläßt. Nanette. Die gräfl. Gnaden is schon gegen die achtzig — kränkeln thut's auch immer. Bieder. Sie sehen also, iheureNanette, ich bin ein verlorener Mann und wenn auch imSchooße derZukunft mir ein Glück verborgen läge, der gegenwärtige Augenblick raubt mir jede Hoffnung auf ein solches! Nanette. Und ist es Ihnen gar nicht möglich, die 6000 fl. wo aufzutreiben? Bieder. Später —vielleicht — jetzt weiß ich mir nicht zu helfen! — Doch wozu belästige ich Sie mit meinen Sorgen— es war unrecht von mir, und ich muß Sie auch bitten, was ich Ihnen mitgetheilt um Alles in der Welt nicht zu veröffentlichen! Nanette. Ach. Sie wer'n mich doch für keine Plauschmirl halten? — Kein Wort red ich — wenn ich aber müßt', daß Sie mich wirklich a bisserl ästhumiren, so- Bieder (hast,g). Nun? Nanette. Herr Secretär, Sie brauchen 6000 fl., is s Ihnen recht, so können Sie heut noch meine ganzen Ersparnisse n während meiner 25jährigen Dienstzeit haben, es sein mehr als 6000 fl. Bieder (wie überrascht). Was — was sagen Sie? Sie, theure Freundin, Sie wären so edelmüthig, mich zu retten? Nanette. Man soll seinem Nächsten Helsen, wo man nur kann! Jetzt fragt es sich nur, ob Sie, der Herr Secretär, der Nächste von der Köchin sein woll n? Bieder. O Nanette — doch nein — ich kann Ihren edelmüthigen Antrag nicht acceptiren! Nanette. Sie können's schon, denn das Geld g'hört mein, es ist ehrlich verdient und majorenn bin ich auch, also wollen's oder wollen's net? Bieder. Nanette, ja ich will, aber nur unter einer Bedingung. Nanette. Die ist? Bieder (breitet die Arme aus). Ein Kuß! Nanette (wie erschrocken). Ku—ku— Kuß! (Entzückt.) Jessus ja! (Fliegt ihm in die Arme und küßt ihn, denn verdeckt sie sich die Augen und ruft links abeilend:) Ich hol's Geld, gleich, gleich komm ich wieder zurück. Vierzehnte Scene. Vorige. Pepi. Pepi (ist an der Mittelthür erschienen, hat zugesehen und ruft nun lachend:) Wünsch wohl g'speist z'haben! Bieder (sich erschrocken umwendend). Werist's?Ein Schornsteinfeger! (Fährt Pepi an.) Wie kann er sich unterfangen, da herein zu kommend Peppi. Ich muß ja. Glaubn's, es macht unsereins Vergnügen in die Kamin herumzurutschen? Grad hat mich der Bediente aus der Küchel g'holt, daß ich im Kamin vom Herrn Grafen seinem Schlafzimmer nachschau'n soll, warum's gar so stark raucht, no so bin ich halt herauf und — Bieder. Hier ist aber nicht des Herrn Grafen Schlafzimmer, es ist mein Bu- reaux. Pepi. So? Da Hab ich mich halt vergangen! Bitt, seins net bös— Hab' die Ehr . (Macht ein Kompliment und will fort.) Bieder (für sich). Das ist ja der Bruder des kleinen hübschen Kuchelmädels? (Laut.) Du Junge, wart einmal! Pepi. Herr Secretär! Bieder. Bist Du nicht ein Mündel unsres Küchenchefs, des Monsieur Bonbon? Pepi. Aufzuwarten! - Bieder. Ich hörte vorhin sprechen, daß eine Küchenmagd ohnmächtig geworden sei, wer war das und wie ist's ge- scheh'n? Pepi. Hm, 's hat nix zu bedeuten, die Toni — s ist nämlich meine Schwester. Bieder (anscheinend sich wundernd). So! deine Schwester? Pepi. Ja 's ist meine Schwester — na und sie hat sich wahrscheinlich die Tag erhitzt — in der Küchel ist so was leicht möglich — gleich darauf verkühlt — mein Gott — Bieder (unterbrechend). Also hatste sich schon erholt? Pepi. Natürlich! Bitt Sie. unsereins hat ja eigentlich gar ka Zeit krank zu sein! Aber ich halt den Herrn Secretär auf. (Macht wieder ein Kompliment.) Hab die Ehre! Bieder. Eh, Bursche, ein Wort noch! Du hast vorhin zugesehen, wie ich- Pepi. Wie Sie — (zeigt das Küssen an). Ja Hab zug'schaut. begreif's zwar nicht, interefsirn thuts mich aber auch net! Bieder (scherzend mit dem Finger drohend). Na — na — na — Pepi. Bitt Ihnen, Herr Secretär; wann ich mir alle die Bußlereien. die in den Herrschaftshänsern, wo ich Zutritt habe, Vorkommen — merken sollt, da brauchet ich ein'n Kopf wie a Wafferbot- ting. Auf mich und um viseretion, wie « — 12 — der Vormund sagen würde, können's Ihnen verlassen. Bieder. Na, Du bist ein kluger Bursche, wie ich sehe, da, da has: Du fünf Gulden. (Gibt ihm eine Note.) Pepi. 5 fl. ? Ah, das iS g'spaßig, hahaha! Bieder. Wie so? Warum lachst Du? Pepi. Weil ich immer g'hört Hab, eine Ohrfeig'n kost 5 fl., daß Sie aber für a Bussel, was wer anderer kriegt hat, 5 fl. Schmerzensgeld zahl'n, das kommt mir g'spaßig vor! Hahaha! (Bricht plötzlich ab und sagt.) Uebrigens war'n die 5 fl. wirklich überflüssig, i Hab ja nix dagegen, wann Siewem küssen, aberwennSie's schon thun, so uehmen's Ihnen künftig eine Jüngere. Bieder (lachend). Hahaha! Du bist wahrlich ein fideler Bursche. No, wir wolln gute Freunde sein und wenn Du einmal ein Anliegen hast, so komm zu mir, hörst Du? Peppi. Dank schön, werd so frei sein! Bieder. Junge, es fällt mir bei, daß der Herr Graf soeben nach seinen Appartements gegangen ist, du würdest ihn jetzt stören. Am besten wird es sein, Du kommst morgen Vormittag um 10 Uhr — es ist zwar nicht meine Sache. Dich zu bestellen, allein da wir gerade davon sprechen und ich Dir unnütze Gänge ersparen will — Pepi. Herr Secretär, Sie sein von einer Gütigkeit, für die ich net genug danken kann! Bieder. Schon gut — jetzt geh! Pepi. Hab die Ehr' mich bestens zu empfehlen! (Will beim Abgehen zum Singen anfangen, besinnt sich aber und sagt:) O bitt tausendmal um Vergebung, ich Hab g'laubt, ich bin schon auf der Straßen. (Ab durch die Mitte.) VermaMuilg. (Bürgerlich eingerichtetes Zimmer bei Da- miani. An der Seite links ein großer weiß- gedeckter Tisch, darauf zwei Blumensträuße. Kaffeetaffen, Guglkmpf und Bisquit. Auf einem kleinen ebenfalls gedeckten Tische Weinflaschen. Gläser. Schüsseln init Schinken rc. Die Thür in der Mitte und Thür rechts sind offen, die letzteren mit Blumengewinden verziert. Vorne links ein Fenster mit weißen Gardinen.) Fünfzehnte Scene. Damiani. Katharina. Lori. Dann ani (im Sonntagsstaat, trägt eine dicke goldene Kette, Siegelring). Katharina (junges, hübsches, gutmüthig aussehendes Weibchen im geputzten Hauskleide. ein Häubchen aus dem coiffirten Haare befestiget. ein Wickelkind, blau oder roth geschmückt, aus dem Schooße, sitzt rechts in einem Lehnstuhl. Lori gleichfalls festlich herausstaffirt). Damiani (der mit Lori den Eßtisch arrangirt, sehr ausgeregt). Es is schon bald sechs, die Gäst werde» gleich da sein, der Geistliche ebenfalls und wir sein noch nicht fertig. Lorina, eorpo
  • a chen) sie schauen gewiß nach, warum wir nicht in ihre Gesellschaft gekommen sind- Käth. (entschlossen). Schnell! fort! Die Herren müssen dort hinaus, wo sie hereingekommen find. (Will das Fenster auf- machen; erschreckend.) Zu spät! Die Nachbarinnen sind schon im Hofe. Nie. (laut lamentirend). Mein gutes Renommöe! O weh! o weh! o weh! Reg. Fürchten Sie nichts, schöne Frau, ans Ihren Backofen haben Sie vergessen, er hat zwei Thüren — Cam. Wir schlüpfen durch — Just. Also hinein! Nie. (macht das Thürchen zum Backofen aus, mit vieler Höflichkeit). Bitte einzutreten — (Regine, Justine und Camilla schliefen, Eine nach der Andern, in den Backofen hinein; Ni- codemns will das Thürchen wieder zumachen.) Cain. (schreiend). Halt! Mordelement! Meinen Hut habe ich vergessen. Nie. Warten Sie! (Nikodemus ergreift die lange Siange, an welcher der Schieber befestigt ist, fährt damit in den Backofen hinein und schiebt damit Camilla heraus. Sofronia, welche den Hut gefunden hat, setzt ihr denselben auf den Kops, Nicodemus schiebt Camilla wieder in den Backofen hinein und macht dann die Thür des Ofens zu. Sofronia macht die Thür im Hintergründe aus.) Fünfzehnte Scene. Käth chen, Sofronia und Nicodemus — Dorothe und die Nachbarinnen treten ein. Dor. Ei, die Damen scheinen eben keine Eile zu haben, zu mir zu kommen- — (Aus den Tisch zeigend). Sie haben es sich gut geschehen lassen. Käth. Wir haben ganz einfach genacht- mahlt — Dor. Wir haben den Lärmen davon bis an die Straßenecke gehört — Nie. Was kann denn meine Meisterin und ihre Muhme dafür, daß beide so sonore Baßstimmen haben? So fr. (leise zu Dorothe). Nur fort so. Dor. Die Stimmen, welche wir gehört haben, kommen nicht aus euren drei Köpfen. Käth. (bei Seite). Sie wissen Alles. (Laut.) Wie können Sie es wagen, so etwas zu vermuthen? Dor. O, nichts, Frau Nachbarin — gar nichts. Frau Nachbarin — (Km'xt; alle Andern knixen ebenfalls.) Vermuthlich. Frau Nachbarin, sind die drei ausgelassenen Leecadeten durch den Rauchfang herabgefallen. Frau Nachbarin? (Alle lachen) Käth. (bei Seite). O weh! So fr. Nun gut, wenn Ihr sie gesehen habt, was ist am Ende daran? Ich und die Kleine da sind junge Witwen, und können daher zum Nachtmahle einladen, wen wir wollen! (Schlägt ein Schnippchen.) Dor. Wo sind sie denn versteckt, die jun« 14 gen Helden, daß wir sie doch bewundern rönnen; unter dem Tische? Oder im Zimmer da? (Wollen suchen.) Käth. (ausgebracht). Solch'einenScan- dal in meinem Hause werde ich mir verbieten; das leide ich nicht! Nie. (stampfend, die Faust rauflustig ballend und mit sehr rauher Stimme). Nein, das leiden wir nicht! (B.S.) Ich nehme es mit Allen auf. Käth. Verlassen Sie augenblicklich mein Haus! Alle (die Arme in die Seite stemmend; aufgebracht). Was? Fortgehen? Oho! (Reden Alle heftig durcheinander.) Jetzt bleiben wir erst recht. — Oho, sie will uns forthaben! Frau Nachbarin, mäßigen Sie sich! Wir wollen die drei Taugenichtse sehen! Welch' ein Scandal, wer hätte das geglaubt! "Diese Rohheit, uns hinauswerfen zu wollen! (Nikodemus schleicht unbemerkt hinaus.) Sechzehnte Scene. Regine, Justine und Camilla (in Frauenkleidern, treten im Hintergründe herein). Reg. Ei! Ei! Was gibt es denn da? Cam. (zu Käthchen). Zwei Stunden warten wir schon auf Sie, Frau Nach- darin! Käth. (bei Seite). Ich ersticke vor Zorn. Reg. (höhnisch). Freilich-wenn man angenehmere Gesellschaft hat — Just, (ebenso). Interessante Weltum- segler — Cam. (ebenso). Wovon Ihnen Einer sogar einen Brief gegeben hat — Reg. (ebenso). Den Sie angenommen haben. Käth. (bei Seite). Sie haben ausgeplaudert. (Laut.) Es ist möglich! (Stolz.) Aber ich habe den Brief nicht einmal aufgebrochen — Dor. Wer es glaubt! Käth. (triumphirend). Hier ist der Beweis. (Zieht den Brief aus dem Mieder.) Sosr. (nimmt den Brief). Gut! Jetzt ist der geeignetste Zeitpunct ihn zu lesen. Käth. (will sie zurückhalten). Was fällt Ihnen ein? Sosr. Lasse mich — Liebesbriefe zu lesen, war seit jeher meine Hauptpassion. (Setzt Augengläser aus.) Alle (sie umringend). Hören wir. (Sofronia. welche aus einen Sessel gestiegen ist. liest umgeben von den Nachbarinnen.) »Stolze Turandot! Die verheirateten Frauen der Nachbarschaft, welche wahrgenommen haben, daß Du ungeachtet deiner Tugendverficherungen deine Witwenschaft dazu mißbrauchst, ihren Männern die Köpfe zu verdrehen, haben gegen das Feuer deiner Augen eine wechselseitige Braudschadenver- ficherungsgesellschaft gegründet. Sie beschlossen, daß drei aus ihrer Mitte sich Dir in den Kleidern des starken Geschlechtes nahen sollen, um Dir zu beweisen, daß Du nur — zum schwachen Geschlechte gehörst. — Du bist unterlegen, — dein Nimbus ist vernichtet. Unterzeichnet Alfred, Jak, Niclas.« Reg., Just, und Cam. (km'xend). Ihre Dienerin, schöne Witwe! Alle (lachen). Hahahahaha! Spottchor. (Schnellpolka.) Regine. Hart wie altgeback'ne Wecken War bis jetzt dein spröder Sinn, Bei dem Girren junger Gecken Schmolz die Kälte eilends hin. 15 Chor (knixend). Dich trifft jetzt gerechter Spott, Stolze Madam Turandot. Hahahahahahaha! Regine. Lustig werden wir s vertratschen, Groß und Klein das wissen soll. Denn das kleine bischen Klatschen Lohnet die Geschichte wohl. Chor (knixend). Dich trifft jetzt gerechter Spott, Stolze Madam Turandot. Hahahahaha! Käth. Das wäre abscheulich. Reg. Wenn Sie wollen, daß wir darüber schweigen, so gibt es nur ein Mittel. Käth. (erfreut). Ein Mittel? Reg. Sie muffen durch das Aufgeben Ihrer Witwenschaft aufhören uns gefährlich zu sein. Sie müssen den jungen Müller, den Nicodemus, zum Manne nehmen. Alle. Ja, Sie müssen. Käth. (schwankend). Aber — Alle (rufend). Laura! Laura! Siebzehnte Scene. Die Vorigen. Nicodemus. (Nicodemus tritt im Hintergründe herein. Er ist als Müller gekleidet, Kleider und Gesicht voll Mehl, in der Hand trägt er ein großes Bouquet.) Nie. Da bin ich. Käth. (Die Stimme erkennend). La — Laura! Nic. Nicodemus, welcher zu Ihrer Magd herabsank, um Ihnen zu dienen, welcher jedoch stolz sein wird, sein angeborenes Geschlecht wieder zu erhalten, um Ihnen Alles zu Füßen zu legen, seine Hand, sein Herz und sein Mehl! (Fallt ihr zu Füßen und schlägt mit der Hand auf s Herz, so daß eine ungeheure Mehlwolke emporsteigt.) Alle. Zugegriffen, Nachbarin! Käth. (reicht dem Nicodemus die Hand, stolz). Wenigstens habe ich meinen Willen doch durchgesetzt, denn ich heirate — bloß ein Mädchen. (Nicodemus hält Käthchen bei der Hand und tritt vor.) Couplet. (Vitle Couplet in der dritten Scene.) Nicodemus. Wohlan, die Liebe hat gesiegt. Das ist der Tugend Lohn; Die Turandot wird d'rangekriegt. So steht's im Schiller schon. Tröste Dich! Schon manche Spröde Ward gefangen so wie Du. (Minaudirend.) Denn die Männer, ja die Männer Bringt man nicht so leicht zur Ruh! Chor. Ja, die schlimmen, schlimmen Männer Bringt man nicht so leicht zur Ruh'! (Tanzend.) Lrallalalalala! Der Vorhang fällt. Zn der Wallt-Hausser'schrn Buchhandlung (Josef Klemm) !u Wien, Stadt, hoher Markt Nr. 1, find erschienen: UWMM! DWW aus Stücken von: Berg, Berla, Bittner, Blank, Böhm, Elmar, Flamm, Gottslebeu, Grois, Grün, Gründorf, Haffner, Juin, Kaiser, Langer, Megerle, Nestroy u. A. Drei Hefte. Gr. 8- geh Preis 1 fl. 50 Nkr. oder 1 Thlr. ZedcS einzelne Heft 50 Nkr. oder 10 Sgr, Inhalt des ersten Heftes: Berg, BF- 1- Da macht' i halt daS G'wissen sein. 2- Requisiten-Couplet. 3. Figuren-Couplet- 4- Nachher wird es schon wern. 5- Glöckchen-Couplet. 6- Biblisches Couplet. 7- Falsche Benennungen. 8- Dann ist sie da die bessere Zeit- 9. 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u- Grün. 10- Volkslieder. 11. Aber geb'n thut'S eS nit. — Kerls, Alois. 12. Jetzt da war's halt Noth. daß wer antauchen thät. 13 Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. 14- Zu was daun die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lachcouplet. 16- Aus einer Chrooika- 17- Früchte, die verboten sind 18- Falsche Ansichten. 19 Französische Worte. 20. Mythologie-Couplet. — Berts u. Bittner. 21- Ohne Umschneiderei. 22- Die papierene Zeit- 23- Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Bittner, Anton. 24- Thier-Couplet. 25. DaS ist noch Geheimuiß. 26 Wer hätt' es geahnt. 27- Lbroniczus seanäktleuss. — Bittner u. Morländer. 28- Aehnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29. Und so wird hinterrücks g'rrdt. — Böhm, Joses. 30- Na da sieht man's doch, daß's an der Eintheilung fehlt- 31. Wenn man die Wirkung sieht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32. Maschinen-Couplrt. 33. Wo man waS sucht, dort findet man eö nicht. — Elmar, Lsrl. 34- O Spiel der Natur. 35- Lied deS Teufels. 36- Man glaubt nicht was in einem Menschen oft steckt- 37. So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite auS. 38- O ungeheure Ironie- 39- Da möcht' ich halt wissen, waS nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes: Elmar, Carl. 40- Was lieget da dran. 41- Ja so grht's, wenn man heut' zu Tag Geister citirt. — Feldmann u. Flamm. 42- Mit Kleinem sängt man an, mit Großem hört man auf. 43. So waS, daS sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Lheod. 44- Keine Rose ohne Domen. 45- Ge- sundheit und rin recht langes Leben. 46- Jedes Häferl hat sein Deckerl. 47- Repertoire-Couplet. — Flamm u. Wimmer. 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät. 49- So behilft sich halt Jeder, so gut als er kann. Gottsleden, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund 51- Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52- Na, das kennen wir schon! 53. Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54. Wir bedanken uns sehr. — Grünn, Johann. 55- WaS ein Narr ist. 56- Ein Chineser. — Gründorf. 57 'S ist just uet nöthi, aber nothweodi war'S. — Haffner, Carl. 58- Da sind- mäuserlstill. 59- Es steckt was dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60. Wann der mein Kappcrl hätt'. 61. Ja, ich kann - nit ändern, »S is halt a so. — Juin. 62- Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht. 63. Wozu Mancher eigentlich geboren. 64- Fiakerlied- 65 Zu waS von den Göttern eine Auskunft begehren. — Juin u Flerx. 66- Da wird einem heiß kalt — warm! Ungeheuer genannt!— 67. Kaiser, Friedrich. 68. Ich bilt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. Inhalt des dritten Heftes: Kaiser, Friedrich. 69 Es muß ja nicht gleich sein. 70- Da braucht man beim hellichten Tag a Latem- 71. Jetzt das g'hört auf ein anderes Blatt. 72- Die find halt g'scheidt. 73- DaS ist so nobel und so billig dabei. — Langer, Anton. 74. Was ist der Unterschied. 75- Aber da mag Keiner net- 76- Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 77. Es schaut nur gemeiner aus 78- Zu früh und zu spät. 79- Man kann sich'- wohl denken, aber sagen darf man's nicht. 80- Wann mich der fragen thät. — Megerle, Thrr. 81. Marsch mit dem in d'Butten 82. Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. — Nestroy. 83- Und 's ist Alles net wahr. 84- Kometen-Lied aus »Lumpaci*. 85. Auf was sich Mancher hinauswachsen kann. 86- Das wär ganz etwas Neu'-- 87- Und mau kommt aus kein Grund. 88- Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt- 89- Ja, hat denn die Sprach' da kein andere- Wort. — varry, A. 90- Ob der wohl die Wahrheit wird sagen. Wallishaufser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Druck und Papier von L. Sammer L Comp, in Wien. Als Manuskript gedrückt und rechtmäßig nur zu beziehen von dem Verfasser _durch die Administration des Josefstädter Theaters. Wir Demokraten? 5ociate8 Üriginat-Volksflück mit Zesang in Z ^Weitungen und 7 Kitdern von Carl Costa. Musik von Capellmeister Franz Roth. Erstes Bild: Spreu und Weizen. Zweites Bild: Wahlkämpfe. Drittes Bild: Die Weihe des Demokraten. Viertes Bild: Ein rother Judas. Fünftes Bild: In der Rettungsanstalt. Sechstes Bild: Excellenz Wühlhuber. Siebentes Bild: Wir Demokraten! Personen: Franz Blüml, Besitzer einer Zeugdruckerei und Färberei. Isidor, dessen Sohn. Ern st Blüml, Major,BruderdesFranzBlüml. Rosa, dessen Tochter. Eichen, Werkführer t Reinhold, dessen Nesse. EhemikerVE""'" Hans Wühlhuber, Laufbursche s ^abrrk. Vabette, Haushälterin bei Franz Blüml. Zetti Kraus, Friseurswitwe. Minna, deren Schwester. Nallinger, Principal einer Rettungsanstalt. Schani, dessen Sohn. Nazi, Lehrling bei Nullinger. Gräfin von Werlberg. Euphrosine, deren Nichte. Baron Löwenklau, Uhlanen-Lieutenant. Riegel, Schlossermeister. Span, Tischler. Blech, Spängler. Kathi, Wäscherin. Lhristoph, Ursula, Lin Rath. Ein Herr. Zw-'t.r ! JacqueS, Diener de: Gräfin Weilberg. Ein Gemeindediener. Ein Schuljunge. Eltern des Hans Wühlhuber. Mitglieder einer Gerichtscommisfion. Bürger. Arbeiter. Diener. Dienstmänner. Eine Ordonnanz. Schuljungen. II «s l. Mlheiümg. Erstes Bild. Ein reich eingerichtetes Zimmer mit je 3 Thü- ren zu beiden Seiten; im Vordergründe links ein eleganter offener Eamin. in welchem Feuer brennt. — Im halben Hintergründe über die ganze Bühne eine Glaswand, welche den Einblick in die Arbeitssäle der Druckerei und Färberei gewährt, so daß sich durch die ausgespannten verschiedenfarbigen Zeug; ein hübsches Bild darbietet. — Die Eommunication zwischen den Arbeitssälen und der Wohnung des Blüml ist durch Derbindungsthüren ermöglicht. Erste Scene. Im Hintergründe, das ist im Arbeitssaale, sind einige Arbeiter, theils auf, theils um einen großen Tisch postirt, zechend und singend, die andern bei ihrer Arbeit. — Dann Babktte aus der 3. Thüre links. — Hierauf Diener in dunkler Kleidung, auf den Rockkrägen die Fabriksfirmazeichen. (Der kleinere Theil der Arbeiter mit erhobenen Flaschen und Krügen, eben bei den Schlußzeilen des »deutschen Vaterlandes*.) Jst's, wo am Rhein die Rebe blüht? Jst's, wo am Belt die Möve zieht? O nein, nein, nein! Sein Vaterland muß größer sein! (Dieselben anstoßend und sich umarmend.) Hoch!! Babette (im netten Hauskleide und Häubchen, weißer Schürze, an selber einen Schlüsselbund, ist bei dem Schluffe eingetreten, weist nach dem Hintergründe und schlägt die Hände zusammen). Da hat man's! — Statt daß arbeiten, zechens und singens! —Da^ Vaterland muß größer sein?! Ja freili, daß no mehr z'trinken kriegeten! Die Arbeiter (hinten). Es leben die Demokraten! Auf, zum Stiefel, zum demokratischen Verein! Hoch! Hoch! (Der eine Theil der Arbeiter zieht lärmend im Hintergründe ab, die übrigen bleiben.) Babette (sich die Ohren verhaltend). Dieser Heidenlärm! — Und jetzt renneus noch ins Wirthshaus zum rothen Stiefel! — O Du heiliger Metternich! was Hab' ich erleben müssen! — Ich, die ich früher bei den höchsten Herrschaften gedient Hab'! (Hat sich ungeschickt zu ordnen und abzustauben.) Seit diesem Tag, wo unfern Herrn sein Freund, dieser Ädvocat, der auch immer über Alles g'schimpft hat. Minister word'n is, is auch unser Herr ein Radikaler word'n! — Sogar eine Arbeiterzeitung gibt er heraus! — Ueberall nur Wühler und Rebellen! — (Nach links aus sie 2. Thür weisend.) Heut is da drinn wieder demokratische General-Versammlung — und s'is gar kein General dabei — nix als Schwindel! — Die Galt' könnt Ein' umbringen! (Diener gehen von rechts nach links zur 2. Thüre über die Bühne, aus Tassen Silberpokale, bßzeug u. s. w. tragend.) Babette (ersieht selbe und stürzt abwehrend dazwischen). Was? das Silbergeschirr für so eine gemischte G'sellschaft? Das is China auch gut genug! (Einem der Diener fällt im Abgehen ein Messer aus den Boden, wonach sich Babette gleich bückt.) Ah — das Messer is stecken blieb'n! — Da kriegen wir eine besondere Disit! — Wird wieder was Sauberes sein! — Höchstens so ein unitartarischer Prediger—so ein Suppen- intendant — oder wies haßt. — No die Hab' ich schon gar am Zug! Diener (sind ab). 3 Zweite Scene. Kathi, einen gefüllten Wäschkorb tragend, aus dem Hintergründe. — Babette. Kathi. Küß d'Hand, Frau Babett! Babette. Ah, die Kathi! — Das iS schön. — Sie bringt die Wäsch — no dießmal hat Sie sich tummelt. Kathi. Ja i bitt Sie, hat sein muffen, wir hab'n ja heut Plenarsitzung, und da man mich in den Wäscherausschuß gewählt hat, bin ich eine wichtige Person dabei. ' Babette. Ah Spektakel, die Kathi iS auch Ausschuß — no mir iS recht! — (Die Wäsche prüfend.) Aber sapperlot, dießmal hpt Sie viel Stuck g'habt. Kathi. Ah, wegen viel — das machet nix — aber das Ribbeln — dieServietten warn beinah' gar net zum weiß bringen. Babette. Natürli müffens schmutzt sein, — unser Herr, der Fabrikant, ladt ja zum Essen jetzt lauter Demokraten! — Glaubt Sie solche Leut waschen sich? — Gar ka Idee! — Und kampeln thun sie sich auch nur alleSunntag! (Hat die Wäsche zertheilt.) So, das da iS die Wäsch vom Herrn sein Bruder; i werd's gleich selber hineintragen, geh' Sie nur derweil in die Waschkammer. (Kathi mit der übrigen Wäsche links 3. Thür ab. — Nach der 1. Thüre rechts weisend.) Ja, das is ein Mann, — ich begreif nur nicht, wie er als Major mit seiner Tochter in dem Haus noch wohnen kann! — Unter solchen Leuten, denen nicht einmal die neuchen Gamaschen heilig sein! (Rechts erste Thür ab.) Dritte Scene. Gichtn in Arbeiterkleidung, welcher gegen Schluß der vorigen Scene unter den andern Arbeitern im Hintergründe, d. i. im Arbeitssuche, sichtbar wurde. — Hieraus von rechts 3. Thür rasch eintretend Rein hold, gleichfalls in Arbriterkleidung. Eichen (vortretend zu den Arbeitern). Brav, Kameraden, rüstig bei der Arbeit, wie entschieden in der Wahrung unsrer Interessen — beides läßt sich vereinen. — Laßt diesen rochen Hans mit seiner Partei ihre Wege gehen, wir werden auf dem uns'rigen auch unsre Rechte zu wahren wissen. So, und jetzt expedirt's die Kisten zur Industrieausstellung und dann is Feierabend'. — Ich hoff', unser Fabrikat wird der Firma Blüml alle Ehre machen! (Arbeiter ab.) (Reinhold mit Hut, ein Zeitungsblatt in der Hand, will eilig gegen die 1. Thüre links.) Eichen Wohin so eilig, Neinhold — du siehst ja ganz verstört aus! — Was ist vorgefallen? Rein hold (auf die Zeitung weisend). Mein letzter Artikel ist in entstellendster Weise verstümmelt — er ist geradezu aufreizend gegen die Regierung — es kann die übelsten Folgen nach sich ziehen! Eichen. Nun, und was hättest Du zu verantworten? — Hält ja doch außer unS Beiden alle Welt den Fabrikanten Blüml für den Verfasser! Reinhold. Und doch bin ich der intellektuelle Urheber! Eichen. Was weiter?! (Parodistisch.- Sein Freund, die Exzellenz, der Minister wird ihn stützen — wie er selbst sagt, so) mit mach' Dir keine Sorge! Es kann Dich doch wohl keine Gefahr bedrohen. Reinhold. Gefahr? Wer weiß! Dock was auch kommen mag, ich kämpfe nicht für mich, ich kämpfe ja für unsere gerechte Sache, für die Freiheit! (1. Thür links ab.) — Eichen. Und dieser Kampf wird uns zum Siege führen! Arbeiter (hinter der Scene). HanS, unser Führer, hoch! Eichen. Was ist das für Geschrei? — Ah, sie lassen schon wieder den rothen Hans, ihren Führer, hoch leben! Auch einer von jenen sinnlosen Schreiern, dir ? L unserer wahren demokratischen Sache nur mehr schaden als nützen. Die jetzigen französischen Zustände, die Publicirung der Republik haben ihn nun gar verrückt gemacht; den ganzen Tag zieht er herum, singt die Marseillaise, und schreit und lärmt, daß es ein Scandal ist! (Hintergrund ab.) Vierte Scene. Hans, 3. Thür rechts. — Rothen Vollbart. — rothes struppiges ungeordnetes Haar, roth qua- drillirtes Halstuch und sonst in seiner Kleidung carikirt revolutionär — die Hände sind von Zinnoberfarbe grellroth. Entree. Kein »küß' die Hand« mehr Und auch kein Herr von, Gar keine Arbeit , Und desto mehr Lohn, Auch keine Hausherrn, Die Zinsgeld begehr'n, Denn uns gehört Alles Und wir sein die Herrn! Bevor wir das erreicht net hab'n. Und noch etwas dazu, Gib ich als Rother, Rother, Rother, Rother, Gib i als Rother gar ka Ruh'! Wer immer nur was hat, Dem nehmen wir s weg, Und stecken es selber Zn unsere Säck'. Ka Schulden, ka Steuer, Und nix wird mehr zahlt. Wir werd'n auch Minister, Wanns uns just g'rad g'fallt! Bevor wir das erreicht net hab'n, Und noch etwas dazu. Gib ich als Rother, Rother, Rother, Rother, Gib i als Rother gar ka Ruh'! Ja wir Rothe! — Und gar ich! (Die rothen Handflächen weisend.) Ganz Robes- pierre! — Nur daß das von der Zinnober- sarb is, weil i in der Fabrik nur roth färb'. — MeinSchlafcamerad nämlich is ein französischer Handschuhmacher- g'sell, und der hat mir die ganze G'schicht von diesem Republikaner, der sein Schulcollege war, erzählt, und so Hab' ich mir diesen Robespierre zum Musterg'nummen. — Mein ganzes Kammenet Hab' ich mir jetzt mit Zinnoberfarb ang'maln — d'rin schaut's aus wie bei an Fleischhacker — Alles roth ang'strichen, bis auf's Vogelhäus'l und dahinein Hab' ich ein rothen Gimpel g'spirrt. — Z'Mittag iß ich Blutwürst, auf d'Nacht rothe Ruab'n — und.fehl'u darf mir nix, als höchstens ein demokratischer Rothlauf — und da nimm' ich mir immer an Doktor, der mich radikal behandelt! — So bin ich word'n — ich, der früher Aushilfskellner, dann bei der alten Polizei war, und jetzt demokratischer Lausbursch in dieser Fabrik. Einen eigenen Separatverein von rothen Brüdern Hab' ich gebildet, und dafür schon sieben rothe Mitglieder gewonnen. — Ein weißer Mehlhändler — ein schwarzer Rauchfangkehrer — ein Gelbgießer, — ein Grünzeughändler und ein Schuster, der Braun heißt — alle Hab' ich zu Rothe g'macht. — Fünfte Scene. Babette aus der 1. Thür rechts. Hans. Babette (im Heraustreten). So, das is auch in Ordnung! — (Hans ersehend.) Ah, der Musje Hans?! (Bissig.) Schau, schau, — noch nicht beim rothen Stiefel? — Am End' vielleicht gar schon wieder hinausg'worfen? — Oder belieben vielleicht noch auszurasten? — No ja, haben heute noch zu wenig gefaulenzt! 5 Hans. Ich sag Jhr's, mach'Sie mich nicht süchtig. Frau Wann! Sechste Seene. Babette. Wann?! — Da sieht man gleich wieder, daß Er ein ordinärer Mensch is — die höchsten Herrschaften haben zu mir Babett g'sagt — no ja. aber freilich, wo soll denn er die Bildung hernehmen. — und dabei will Er frei sein?!. (Ihm die Zeitung hinhaltend.) Das les' Er, was steht denn da: »Bildung macht frei!« Hans. Ja, anpumst! Die Journalisten sein doch gewiß gebildet und sein sie frei? — Nein! Alleweil scin's eing'spirrt! — Uebrigens thu' ich ohnedem das Aeußerste für meine Bildung. (Mit Stolz.) Sämmt- liche Lieder von der Hornischer Hab' ich auswendi g'lernt! Babette. Das werd'n saubere Lieder sein! — Aber meinetwegen mach' Er, was Er will — ich will mit ihm gar nix zu thun hab'n! Hans. Ich auch net — wir paffen net z'samm — ich bin freisinnig und Sie is reaktionnärrisch! Babette. Ja, Er ist närrisch — ein verrückter Ding übereinand, der sich Hinausspielen will am Socius-Demokraten! Hans. Social-Demokrat will Sie sage:? — das is auch mein Stolz — vor mir zittert Alles! — Wann ich zum Redhalten anfang, laufen gleich ganze G'sellschaften davon. — Aber ich genir' mich auch vor Kein', wann er noch so hoch is! — Wo ich einen Minister derwisch, tritt ich ihm mit meinen Wasserdichten auf d'Hühner- augen—sie sollen fühlen, was ein Volksmann is! Babette. Nur so furt in dieser Dicken! — O. Er wird ein schönes End' nehmen! Ich siech Ihn schon brummen auf a parhundertJahr,—aberrechtg'schiechtihm — Er — Er rother Hanswurst, Er!! (Zornig 3. Thür links ab.) Hans. — Hieraus aus der dritten Thüre rechts Isidor als Dandy mit Hut und Stock, Arm in Arm mit Löwenklau. Hans. Sie gift sich — und wann sich Jemand gift, Hab' ich immer meine Freud! — (Zieht einen Pack Briefe nebst einem Plakate aus der Tasche.) So, da sein die Brief' von der Post; lauter so aristokratische Papierl'n; i schreib'meine Brief mit rother Tinten auf Packpapier. Ah, der junge Herr! (Zieht sich seitwärts nach links.) (Isidor und Löwenklau treten ein.) Isidor (zu Löwenklau). I sag' Dir. Freunderl, es is doch eine Passion, wann wir Zwei so über die Ringstraße galop- pir'n! — Löwenklau. Alle Damen eilen zu den Fenstern. — Isidor. Und sag'n, da schaut's hin — da reiten die zwei schönsten Männer der ganzen Stadt! Löwenklan. Nun. Isidor, was meine Person betrifft, so bin ich schon zufrieden, wenn es nur die Eine sagt. Isidor. Ah, Du meinst wieder dein Comtefferl! — No, ich Hab es bis jetzt so mehr im Allgemeinen g'halten — um fünfe die Tini, um sechse die Lini, um sieben die Trini, und so weiter — aber von heut' an is das auch ganz anders bei mir. — Baronerl, ich bin verliebt bis über die Ohren! Löwenklau. Und der Gegenstand? Isidor. Ist ein Engerl mit blauen Aeugerln. und was glaubst Du, wo ich dieses Engerl entdeckt Hab? — In einem Friseurladen! Löwenklau. Nun, und hast Du schon recognoscirt? Isidor. Versteht sich — ich laß mich ja dort incognito rasiren. 6 Löwenklau. Und hat man capitu- lirt? Isidor. Ja, wann nicht eine Schwester als Schrldwach dort stund. — Aber ich Hab' setzt auch meinen geheimen Plan — ich Hab' dieser himmlischen Minna ein Liebesbrieferl g'schrieb'n! (Ersieht Hans.) Ah, Hans, no warst Du auf der Post? Hans. Da, junger Herr, sein die Brief! Isidor (selbe musternd). Don Allen — nur von ihr nicht! — Ich muß also auf ein anderes Mittel denken. Löwenklau. Ich will Dir, wenn möglich, behilflich sein — doch jetzt muß ich zum Major Rapport erstatten. — Adje, Isidor! Isidor. Gut, geh' Du zum Onkel, ich les herweil meine Brief, und dann woll'n wir weiter d rüber red'n! (Löwenklau ist 1 . Thür recht abgegangen. Isidor will rechts 2. Thür ab.) Hans (ihm schnell nachrusend). Herr Isidor! Isidor. Was gibt's? Hans. Kummen Sie heut' net in unsere demokratische Versammlung? Isidor (rasch). Sein vielleicht saubere Madeln durt? Hans. Was Ihnen einfallt — lauter Mannsbilder wie die Regimentstam- dours. Isidor. Dann is' nix für mich. Hans. Aber schaun's, Ihren Herrn Papa hab'n wir auch schon auf unserer Seiten — wie schön wär' es — Isidor. Nein — Hans — mein Papa soll schwärmen für 2 Kammern, für mich gibt's nur eine — das is die Herzenskammer, — mein Papa soll mit den Staatswagen lenken, ich kutschir' mein Juckerzeugl, — mein Papa soll sich ärgern über die Hirtenbrief, ich g'freu mich über meine Lieb'sbrief— kurz, ich laß mirmein Humor net durch Politik versäuern und bleib', was ich bin: der Chevalier vom Brillantengrund! (2. Thür rechts ab.) Hans (Isidor nachweisend). Der wird auch einmal so ein Tyrann des Capitols — aber bis dorthin werd'n wir hoffentlich das Capital schon kanalisirt hab'n! — O, ich möcht' ihn schon für unsere Partei gewinnen, wann ich nur so dürft' wie letzthin beim Tapezierer — den Hab' ich so lang g'haut, bis er rother Demokrat war! — Siebente Scene. Kathi 3. Thüre links. — Hans. Kathi (im Heraustreten Hans ersehend)'. Endlich, Hans, daß ich Dich einmal wieder- allein triff! Hans. Ah, Du bist es, Bürgerin Kathi?! Kathi. Geh', sang' net wieder so an — schau, laß einmal ein vernünftig's Wort mir Dir red'n! Hans. Das muß g'schwind sein — ich muß zum rothen Stiefel! Kathi. Schau', Hans, Du weißt, bereits is es ein Jahr, daß zwischen uns ein Derhältniß is. das Folgen g'habt hat^ Du weißt, was für eine Folge ich meine. Hans. Ja wohl, unfern kleinen Garibaldi! — Doch, Bürgerin Kathi, gibt es Augenblicke, wo mir einfallt, daß Du auch für den Adel wäschst — und wann ich dann den Bub'n betracht — steigen in mir Befürchtungen auf wegen dem Garibaldi. Oder schaut er vielleicht mir gleich? — Nein! — Sechs Wochen is er alt, und er hat net amal noch ein Vollbart! Kathi. Aber Hans, sei g'scheidt—wie kann er denn in dem Alter — Hans. Das is mir alleseins —ein rechter Demokrat muß schon als Bub ein Mann sein. Kathi. Hör'mich nur weiter an—Du hast versprochen, mich z' heiraten —aber Wochen um Wochen vergeht—schau, Hans, mach amal Ernst — wann auch nur um des Kindes willen, laß uns endlich den kirchlichen Segen geben. Hans. So, und da glaubst. Unsereins kann auch nur so in die Kirchen rennen— wo ganz Europa auf uns schaut. Hab ich vielleicht nicht ohnehin genug Malheur g'habt — von ein' Grund zum andern bin ich zogen, bis ich endlich ein' Pfarrer g'fun- deo Hab', der mir bei unserer Heirat Hindernisse g'macht hat. — Endlich is es gelungen und in wenigen Tagen geh'n wir heiraten zum Bürgermeister! Kat hi (erfreut). Wirklich? Hans. Schon gut — doch wergiß niemals, was wir unserer Partei schuldig sind. — Letzthin z. B. Hab ich ein Geld braucht, kein Mensch hat mir eins leichen wollen— endlich Hab ich doch Einen g'fun- öeu! Und was glaubst Du. wer der Eine war? — Ein Jud war's! — Und doch Hab ich's von ihm genommen. Siehst Du. Bürgerin Kathi, so handeln wir rothe Demokraten! Aber so jacobinerisch wie ich mußauch meine ganze Familie sein. Du Bürgerin Kathi, bist eine Harde Wäscherin und unfern Sohn, den gib i auf'sLand zur Erziehung, daß er so ein rechter kean- förener Mostschädel wird, der im Reichsrath alleweil Opposition macht. SiehstDu, Bürgerin Kathi. so handeln wir rothe Demokraten! (Stolz mit Kathi im Hinter- tergrunde ab.) Achte Scene. Zetti (von rechts 3. Thür). Entree. In uns'rer neuen freien Zeit Da concurriren alle Leut'; Der Eine schnipst a Million, Der And're geht mit zwa davon; Schreit Aner so recht dalket h'rum, So red't der Zweite noch mehr dumm. Kurz in der schönen Residenz Aus allen Seiten Eoncurrenz! Ja die leidige Eoncurrenz is an gar Vielem Schuld. — In jedem G'schäft, so auch bei uns Friseuren.— Eine gute Fri- seurin zu sein, is nicht so leicht, man muß dazu nicht nur Haar-, sondern auch Men- schenkenntniß haben. Man muß wissen die diversen Köpfe zu behandeln. — Frisir ich einen Diplomaten, so nimm' ich gar keine Pomade, denn diese Herrn sind ohnehin schon mit allen Salben geschmiert.— Bei den verschiedenen Glatzen muß man wieder ganz Finanzminister sein — man nimmt aus den unteren Schichten (zeigt aus den untern Theil des Hinterkopfes) ein Anlehen, um das obere Deficit zu decken. Ja auch mit den Frauenköpfen ist es heutzutag ganz anders — früher hat man langmächtig auf so einem zarten Lockenkopf herumfahren müssen, das ist jetzt gar nicht mehr nothwendig — ich mach' ruhig in meinem Laden d'Frisur, gib's in a Tücherl, trag's in's Haus, setz' der Kundschaft auf,—und die noble Dame is fix und fertig — Wie oft stolzirt eine Dame mit einer Riesenfrisur im Salon, als trüge sie eigenen Flachs und doch is der ganzeHaarreichthum nichts als ein Abschnitt aus dem Böhmischen oder Slovakischen in s Deutsche übertragen. — Doch jetzt heißt's sich umschaun um meine neue Kundschaft, der mich die Frau Ba- bette empfohlen hat. Neunte Scene. Isidor (rechts aus 2. Thüre mit Hut, hält einen Brief und liest eben). Jetti. Hieraus von links 3. Thür Babette. Jetti (Isidor ersehend). Ah. was sieh' ich, der Herr Schwarz is auch da? Js.idor (erschrocken). Teuxel, die Friseurin. wann die erfahrt, daß ich derSohn vom Haus bin, is' aus mit der Freundschaft! Jetti. No. was werden Sie denn so verlegen, — es is ja keine Schand. als 8 Commis seinen Geschäften nachz'gehn — wahrscheinlich die neuesten Pariser Muster gebracht? Isidor. Ja wohl, und was für Muster! (Auf die Briefe deutend.) Lauter Geschäftsbriefe — überall Bestellungen, (b. S.) d. h. Rendezvous! Jetti. Das is recht — aus einem thä- tigen Commis kann auch dann einmal ein tüchtiger Principal werden. Isidor. Ja wohl — und sonst befinden Sie sich gesund? — (Bei Seite.) Ich muß schauen, daß ich weiter kumm! Jetti. Aber Sie waren ja heut' schon bei uns — wenigstens hat mir die Minna g'sagt — Isidor (sich annähernd, schnell). Was, die Minna hat von mir gesprochen? — O Madame Kraus, sagen Sie mir — was hat sie von mir gesprochen? Jetti. No, no — wann man Sie so red'n hört, könnt man beinah' glauben — (Babette ist eben im Hintergründe ausgetreten.) Jetti. Also so steht's mit uns?! Der junge, reiche Herr v.Blüml, den von einer g'wissen Seiten die ganze Stadt kennt, hat sich unter erborgtem Namen einschleichen woll'n in das Herzeines armen, aber rechtschaffenen Mädels, um sich, so was man sagt, einen Jux zu machen, um das Verzeichniß der galanten Abenteuer vielleicht um ein s mehr zu bereichern?! — Und ich war thöricht genug. Sie für einen honetten Mann zu halten. — Aber zum Glück kommt die Enttäuschung noch nicht zu spät und ich als Schwester werde zu handeln wissen. — Ihnen aber, Herr v. Blüml, gib ich den Rath, ja nimmer die Schwelle meines Ladens zu betreten, denn bei einer solchen Kundschaft, da schaut ja doch nur a schlechter Profit heraus! Babette (die Thüre öffnend). So, Madam Kraus, kommen's nur herein! Jetti (1. Thüre rechts abgehend). Leben Sie wohl, hoffentlich auf Nimmerwiedersehen! (Rasch ab.) Isidor (schnell und mit Feuer). Daß ich sie unendlich liebe — daß ich sie anbete! Babette (rasch inzwischen tretend in halb scherzender Weise). Ah Spectakel — eine förmliche Liebeserklärung?! — Aber da sein wir auch noch da! — Nix glaub'n Sie, Madame Kraus, gar nix. Alles is erlog'n! Der junge Herr is ein Verführer, derSie nuranschmier'n will und dann sitzen laßt! (Isidor gibt Babetten heimliche Zeichen, daß sie schweigen soll.) Babette. O blinzeln Sie nur, Herr von Blüml, ich wir doch red'n, denn das is eine ehrbare Frau, — sie soll wissen, wie sie mit Ihnen d'ran is — daß Sie ein Don Jouanerer sein, der allen Schürzen nachläuft — so, meine Schuldigkeit' Hab' ich gethan, und jetzt, Madam Kraus, geh' ich. Sie bei der Fräul'n anz'melden! (1. Thür rechts ab.) Isidor (verlegen für sich). Jetzt kann's schön werd'n! Isidor. Aus is aus! — Da steh' ich jetzt wie ein Nannerl! Babette. Hab' ich dem jungen Herrn einen Strich durch die Rechnung g'macht?! —Ja überallherumscherwenzeln — jedem hübschen G'fickt die Cour machen — Sie Docativus, Sie! Isidor (erzürnt den Hut aussetzend). Laß Sie mich in Ruhe — Sie ist an Allem Schuld! — Sie, Sie alte Windmühle ohne Flügel, Sie verwitterte Plaudertasche! (Zornig 3. Thüre rechts ab.) Babette. Ah! — Ich eine Plaudertasche?! — Und ich red' den ganzen Tag keine Sylbe! — Noch keine Herrschaft hat mir das g'sagt! — So was kann Einem nur in einem solchen Haus passirn! — Ich bin im Stand, und laß aus Rache die ganze Zuspeis anbrenuen! — (Aergerlich links 3. Thüre ab.) Zehnte Scene. Besser als Bewußtsein dieser Ehrgeiz eines ehrlichen Major, ziemt das Mannes! Blüml. Was Ihn' ich mit'n Bewußtsein, das is inwendig — ich will aber auch (auf sein Knopfloch weisend) was auswendig! — Und da is jetzt vielleicht der erste Schritt dazu. — Heute Abends wird Fabrikant Blüml mit Hut und einer Zeitung in der Hand, Major Blüml rechts 1. Thür im Hauskleide von militärischem Zuschnitte, ein Zeitungsblatt in der Hand. Blüml (heraustretend). Bravo, bravo, großartig stilisirt! Der Artikel muß Auf-^ein Gemeinderath gewählt.— Ich habe sehen machen! kein Opfer gescheut, mir Stimmen zu ge- Major (entschieden und erregt austretend). ^Winnen — die Majorität ist mir so viel Das geht zu weit, Herr Bruder! wie gesichert. — Bis dorthin. Bruder, Blüml. Ah, Du Ernst? — Und in laß mir Zeit — dann vielleicht kann sich dieser Stimmung? das Weitere finden! (3. Thür rechts ab.) Major. Es muß doch einmal zwischen Major (ihm nachsehend). Wie lautet uns zur Sprache kommen! Bist Du der doch der Wahlspruch der Jesuiten: — Verfasser dieses Artikels? IDer Zweck heiligt die Mittel! — Blüml. Ich bin Eigentümer und'Nun, die Demokratie hat auch ihre Redakteur des Blattes, folglich verant-^Jesuiten! wörtlich! — Doch das darf Dir nicht; bange machen — Seine Excellenz, der Minister ist mein Freund und damit ist Alles gesagt! Major. Nun, das sei deine Sache — doch dieses Haus ist das gemeinschaftliche Erbtheil unsers Vaters — und Du willst mich nun vertreiben aus meinem Eigenthum? Eilste Scene. Eichen ist zum Schluß der letzten Scene von rückwärts eingetreten. — Major. Eichen (der den letzten Satz gehört). Sie haben leider Recht, Herr Major, und diese Blum. Ich Dich vertreiben, — was^ben sind's, die sich wie Blei an unser fällt Dir denn ein?! Streben hängen. Major. Du machst das Vermächtnis Major. Ah, Sie Herr Eichen! — eines strebsamen Bürgers zur HerbergeMun, Sie sind ja auch ein Schwärmer für des Müßiggangs und hast in diesem Hause den Socialismus! einen Götzen aufgestellt, an den Du selbst j Eichen. Nun. Herr Major, ich gehe nicht glaubst?! just mit der Zeit! Major. Blüml. Nun und Hab'ich vielleicht nicht auch für die Freiheit gesprochen? Major. So sprecht Ihr Alle! — Und doch seid Ihr wie ein Luftschiffer. — Mitten unter euresgleichen packt Ihr all' den demokratischen Kram in euer Schifflein — doch hebt Euch nur der erste günstige Wind, so werft Ihr die Demokratie als lästigen Ballast über Bord und strebt zur Höhe! Blüml. Nun und hat dieser Ehrgeiz vielleicht keine Berechtigung?! O unser Stand nicht minder! — Sind unsere Geschütze nicht neuester Erfindung? — Auch wir halten gleichen Schritt mit der Civilisation! — Eichen. Bester Herr Major, möge man lieber endlich etwas zu erfinden suchen, um die Menschen zu versöhnen, zu vereinen. — So lange Dölkergeschicke durch Kanonen entschieden werden, so lange gibt es keine wahre Civilisation! Major. Also ein offener Gegner unseres Standes?! — Nun, kämpfen Sie 10 immer für Ihre Freiheit — wir — wir kämpfen für das Vaterland! Eichen. Wer für die Freiheit kämpft, kämpft auch für's Vaterland! Major. Sie sind ein alter Starrkopf, den ich wohl nimmer bekehren werde! (Milder.)Doch Sie Huben einen Neffen — Sie lieben wohl diesen Neffen? Eichen (innig). Mehr als mein Leben, Herr Major! Major. Ich glaube es — Sie haben ihn ja groß gezogen — an Ihrer Seite ist er durch die Welt gewandert! — Nun. auch ich bin ihm herzlich gut — mehr als Sie ahnen mögen — ich achte seinen Charakter — seine Kenntnisse — Eichen. Und er wird seinen Weg machen — Major. Das heißt, wenn nicht dieses rothe Gespenst ihm seine Zukunft vernichtet. Eichen. Sein Verstand wird ihn leiten! — Major. Nein, nein, die Wogen der Jugend durchbrechen diesen Damm — Eichen, Sie sind Reinhold's Leiter, — ich beschwöre Sie, heilen Sie ihn von diesem Freiheilswahne und stählen Sie seinen Geist für das praktische Leben! Eichen. Sie irren, Herr Major — nicht ich bin mehr sein Leiter, und wer selbst die Freiheit liebt, muß auch den freien Willen Anderer ehren — Rcinhold ist Mann genug, um nach eigenem Urtheile zu handeln. — Doch hier ist er selbst — nun, Herr Major, versuchen Sie es! (Zieht sich etwas zurück.) Zwölfte Scene. Rein hold von links 1. Thür. — Sodann Rosa von rechts 1. Thür. — Vorige. Major (tritt rasch aus Reinhold zu und zieht ihn mit der Rechten an sich). Reinhold, lassen Sie uns offen aussprechen — mag dieser Augenblick endlich Klarheit zwischen uns bringen! Reinhold (erwartungsvoll). Sprechen Sie. Herr Major! Major. Reinhold, auch Sie jagen jenem Trugbilde nach, das die Träumer Freiheit nennen — auch Sie erstürmen tollkühn einen Felsen, der einen Abgrund in sich birgt. — Reinhvld, wenn es Ehrgeiz ist, der Sie treibt, ich will ihn befriedigen nach meiner besten Kraft, wenn es die Sucht nach Reichthum ist, ich will mein Alles mit Ihnen theilen, doch sagen Sie, daß Sie nimmer einem Phantome folgen wollen, das Sie ins Verderben stürzt. Rein hold (begeistert). O Herr Major, kein Phantom ist die Freiheit — nein, sie ist der Menschheit höchstes Gut, — das Licht des Himmels! Major. So gibt es keinen Preis für diesen Wahn? Rosa (ist in diesem Augenblicke eingetreten). Major (hat sie schnell ersehen und faßt sie an der Hand). Du kommst zur rechten Stunde. — Es sei der letzte Trumpf! — Reinhold — Sie lieben meine Tochter? Rein hold (innig). O aus vollster Seele! -- Major. Nun denn ein Wort, und Sie find am Ziele! Rein hold (sreudiz erregt). Wie, Herr Major?! Major. Wählen Sie zwischen dem Trugbilde Ihrer Freiheit und der Hand meines Kindes! Rein hold (höchst erregt). Was. Herr Major, würden Sie halten von einem Soldaten, der treulos seine Fahne verläßt?! Major (dringend). Wählen Sie!! Rein hold (entschieden). Hier, Herr Major — gibt es keine Wahl! Major. Nun, so buhlen Sie denn um diese Freiheit—doch mein Schwiegersohn — können Sie niemals werden! Reinhold (ausschreiend). Niemals?! (Resignirt.) SiehabenRecht,niemals! Rosa, leben Sie Wohl! (Stürzt nach dem Hintergründe, wo er dem ihm entgegentretenden Eichen in die Arme fällt.) Gruppe. Musik. Zwischenvorhang. Zweites Bild. Ein freier Stadtplatz. Im Vordergründe rechts das Portal einer Frisir- und Rasirstube, aus deren Glastasel der Name »Nullinger« steht,' ober der Thüre ein Schild mit der Inschrift: »Rettu ngsonstalt«,vor selbemeine erleuchtetete rothe Lampe; zu beiden Seiten des Portals hohe Bogenfenster. — Im Hintergründe rechts ein Haus mit großem Thore, ober selber eine Tafel mit der Bezeichnung: »Gemeindeamt.«—Im Vordergründe links ein netter Laden mit der Firmatafel: »Jett: Kraus, Friseurswitwe«, unter selber hängen die Barbierschüsseln; letzteres Haus bildet eine Straßenecke, an deren sichtbarer Seite die Anschlagzettel kleben. — Im Hintergründe links das Wirthshaus »zum rothen Stiesel«. — Abend. Erste Scene. Auf der Straße bewegtes Leben. — Viele Leute strömen in das Gemeindehaus. — 2m Gasthause, sowie im Friseurladen der Kraus reger Verkehr. Isidor tritt aus letzterem Laden, indem er mit dem Gesichte nach dessen Fenster zugewendet, nach rückwärts schreitet und hinein einige Verbeugungen macht. Hieraus aus dem Wirthshause Fabrikant Blüml. Später von links Riegel in das Gemeindehaus ab. Am offenen Fenster der Rettungsanstalt lehnt Nazzi neugierig nach'dem Gemeindehause sehend und die Vorübergehenden zeitweise grüßend. Während nachfolgenden Scenen treten nach und nach Personen aus dem Friseurladen der Frau Kraus. I sido r (heraustretend). Göttermädl diese Minna! — A Paar Aeugerln wie die Veigerln! Und diese Handerln- rein Zucker ! — Und ich soll meinen Adoniskopf wo anders hin in Behandlung geben — bloß weil diese grausame Friseurswitwe ein Haar in meiner Freundschaft g'fundeu hat — fallt mir aber gar nicht ein, — ich paß halt die Momente ab, wo diese Tugendwächterin außer Haus beschäftigt is— unddaß das sehr oftg'schiecht, dafür Hab' ich schon gesorgt. —Allen bekannten Familien habe ich sie als Damenfriseurin anempfohlen und so muß sie jetzt von einer Kundschaft zur andern, während ich hier ungestört rendezvourl! — Aber sie muß der Minna auch schon so was g'sagt hab'n, denn so oft ich sie anschau, schlagt sie immer die Aeugerln nieder! — Wann ich nur so ein töte-a-töte hab'n könnt' — aber nicht möglich — alleweil sein im Laden Leut drinn, nix als Leut! — Neunund- zwanzigmal nacheinander war ich setzte drin.—Aus Liebe Hab ich mich heut' schon Viermalhaarschneiden, achtmal brennerr und siebzehnmal rasirn lassen — mein !G'sicht brennt mich schon, daß ich alleweil »Feuer!« schreien möcht'! Blüml (ganz schwarz gekleidet). So, Alles is wohl organisirt—sogar meine Dienerschaft habe ich in Arbeiterkleider gesteckt- — Was da drin (auf'sWirthshaus weisend)» gezecht wird, geht Alles auf meine Rechnung! — Jetzt heißt es nur noch dort (nach dem Gemeindehause deutend) meine Minen springen zu lassen! (Ein Herr tritt aus dem Laden der Frau. Kraus, stößt an Isidor, dieser schreit aus, wendet sich um und erblickt Blüml.) Isidor. Ah, Papa, was machen Sie da, —und noch dazu in Balltoilette?! Blüml. Weißt Du nicht, daß heute der Wahlabend is, wo es gilt, den Vertreter dieses Bezirkes zu ernennen?! Isidor. Ah, und Sie Papa concur- riren? Blüml. Allerdings, und wie ich hoffe, mit Erfolg — es ist beinahe schon so viel wie entschieden! (Riegl geht grüßend über die Bühne in das Gemeindehaus. Nach Riegel weisend.) Ah, mein Gegenkandidat, — der Schloffermeister Riegel — lächerlicher Eigendünkel eines Handwerkers!— Doch es ist Z^t — Adieu Isidor! (Mit Stolz.) Zn einer Viertelstunde siehst Du mich'als Gemeinderath! (Zn's Gemeindehaus ab.) Isidor (ihm nachrusend). Viel Glück, dapa! (Sich wieder zum Fenster wendend.) Ich weiß, wen ich zu wählen hätt', bei mir krieget halt alle Stimmen die Minna! Zweite Scene. Nullinger mit Nazzi aus seiner Laden- thüre tretend. Vorige ohne Blüml. Nullinger (zu Nazzi). Also, Nazzi, 's Haus hüten, und hübsch Acht geben, daß mns nix wegkummt! Nazzi. I möcht' wissen, was uns weg-> kummen kunnt, höchstens d'Ladenthür, und die g'hört eh dem Hausherrn! Nullinger. Da haftDueinen Kreuzer, -a kannst Du Dir einen guten Tag dafür gnthun. Nazzi. Bitt, g'hört der mir ganz allani? Nullinger. Was dir einfallt, die Hälfte gibst Du dem Schani, wenn er z' Haus kummt! — Trinkt's Euch aber! keinen Haarbeutel an! — Ich geh'jetzig m's Gemeindehaus, und hoffe, daß kein Anderer als ich aus der Urne heraus-, gezogen wird. — Meine Verdienste um Hen Staat sind bekannt, ich habe bereits 19 Finanzprojecte eingereicht. Nazzi (bei Seite). Wo eben so viel Finanzminister bereits drüberschonz'Grund gangen sein! Nullinger. Es ist somit kein Zweifel, — ich muß es werden! (Mehrere Personen sind aus dem Friseurladen der Kraus herausgegangen.) Isidor (auf der Lauer). Ah, jetzt sein nur mehr 3 Personen d'rin. — Riskirn wir's und lassen wir uns zum achtzehnten Mal rasir'n! (In den Laden ab.) Nazzi. Da schaun's hin, der junge Herr von Blüml geht schon wieder in d'rübigen Friseurladen h'nein! Nullinger. Richtig—und der war früher meine Kundschaft! — Geht ohnehin kein G'schäft mehr — sogar die Offi- ciere lasten sich demokratische Dollbärte jetzt wachsen und feit dieses Weibervolk sich dahin g'setzt hat, kumm ich mit mein G'schäft ganz auf'n Hund! — Ich Hab' mich schon beim Kommissariat beklagt — nix Hab' ich ausg'richt — aber das muß anders werd'n. (Im Abgehenin's Gemeindehaus.) Wann ich nur einmal Gemeinderath bin, dann darf außer mir am ganzen Grund gar Niemand einen Friseurladen eröffnen! (Ab ins Gemeindehaus.) Nazzi. O Gott, o Gott — wann er durchfallt, krieg ich wieder meine Schopf- >beutler! (Geht im Friseurladen ab ) Dritte Scene. Hans mit einer großen grellrothen Fahne von links — mit ihm einige Arbeiter. Hans. Heut' bin ich wieder in mein' Element! (Nach demGemeindehause weisend.) !Dort hitzige Wahlschlacht, da (nach dem Mirthshause weisend) große demokratische Versammlung mit frischen Blutwürsten! — Eine Red' wir ich Euch heut' halten, daß die Fensterscheiben springen. — Aufhebung der Steuern! — Aufhebung der Arbeit! — Aufhebung des Adels! Kurz, Alles muß aufg'hoben werd'n! Wann ich 13 anfang, rucken gleich ganze Regimenter aus! — (Ein Sicherheitswackmann geht im Hintergründe vorüber.) Pst! Pst! (Bis der» selbe ab ist.) Daß die überall dabei sein müssen! — Sie genir n Ein ja nur! Letzthin z. B. Hab' ich in Stockerau die Re- publick ausrufen woll'n — glaubt Ihr, ich hob's durchg'setzt? — Nein, die Polizei hat mir's verboten! Arbeiter. Ah?! Hans. Ja, und da heißt's, wir hätten eine Freiheit — ja Schnecken hab'n wir!! — D rum z'sammhalten, wer anders denkt! wie wir. is ein Lump! ! Arbeiter. Ja. ja. Recht hat er! Hans (in die Scene rechts sehend). Ah, dem Herrn sein Bruder, der Major — und in Eivil? — Der spionirt? — Er hat mich einen Esel g'heißen, jetzt naht der Augenblick der Rache! (Zieht die klebrigen mit in den Hintergrund zum Wirthshause hin. und spricht lebhaft mit ihnen, zu welchen sich weiters noch Mehrere aus dem Wirthshause gesellen und lauernd eine Gruppe bilden.) Würfel gefallen find! — Ah, ein Gasthaus! (Schreitet aus dasselbe zu.) Hans (hat sich hinter den Arbeitern verborgen, welche dem Major drohend gegenüber- treten). Major (barsch abwehrend). Was soll das?! — Arbeiter (umzingeln ihn unter steigendem Murren). . 1. Arbeiter. Verräther! 2. Arbeiter. Spion! ! Major (in steigender Wuth). Wer wagt ! es? (Stellt sich zur Wehre.) ^ Mehrere. Nieder mit ihm! Eichen (die Reihen durchbrechend, stürzt hervor und postirt sich schützend vor den Major). Sie, Herr Major?! — (Gebieterisch zu den Arbeitern.) Zurück! — Schämt Ihr Euch nicht, einen Wehrlosen anzu- fallen?! 1. Arbeiter. 2. Arbeiter, bergen will. 1. Arbeiter. Er ist unser Feind. Der seinen Stand ver- Vierte Scene. Von rechts Major Blüml im Eivilkleide. -- Von vorne links kommt Rein hold, so daß sich Beide an der Thür des Gemeindeamtes begegnen. — Vorige. — Dann Eichen. Major (spöttisch zu Reinhold). Ah, schon auf Ihrem Posten? — Das nenn' ich einen treuen Diener seines Herrn! Reinhold (männlich stolz). Herr Major, in diesem Augenblicke fühl' ich mich als ein freier Mann! — Meine Kraft, meine Erfahrung mag ich für Sold verdungen haben I" doch nimmer mein Gewissen, — dieß, Herr Major, ist meine Antwort! (Sich verbeugend in's Gemeindehaus ab.) Major. Nun, wir werden ja sehen, ob der Ehrgeiz meines Bruders Befriedigung nr-.det — ich will hier abwarten, bis die -.. Warum trägt er nicht seinen ehrlichen Soldatenrock? Eichen. Auch dieser Rock ist ein Ehrenrock. wenn nur der, der ihn trägt, ein Ehrenmann is! 1. Arbeiter. Er ist aber ein Reaktionär. Mehrere. Ja! — Nieder mit ihm! Eichen. Zurück, sag' ich Euch! — Wollt Ihr Männer der Freiheit sein, so müßt Ihr vor Allem auch eure Gegner achten lernen, denn Jeder, mag er was immer für einer Partei angehören, kann ein Ehrenmann sein, sobald er nur spricht, was er denkt und fühlt, sobald sein Thun und Lassen auch das seiner innern Ueber- zeugung is! — Ja, die Reaction, fie wird, sie muß früher oder später fallen, aber net auf dem Weg! — Bekämpfen wir unsere Gegner, doch net mit der rohen Gewalt, net mit der Faust, nein, bekämpfen wir sie mit den Waffen des Geistes, und dieser Sieg wird uns doppelt ehren! — Die, die uns offen gegenüberstehen, das find noch 14 «et unsere schlimmsten Feinde, nein, hütet Euch lieber vor euren falschen Freunden, diesen Afterdemokraten —diesen Pharisäern dir neuern Aera, diesen Irrlichtern der Freiheit, die Euch immer vor Augen herumtanzen, und Euch zum End' treulos im Schlamm versinken lasten! (Den Arm des Majors ergreifend — mit Entschiedenheit) Und jetzt, Herr Major, kommen Sie — Sie stehen unter meinem — unter demokratischem Schutze!! — (Führt den Major in's Gemeindehaus ab.) Hans (ärgerlich). Dießmal is er mir auskummen, aber ich erwisch ihn schon ein anderes Mal! 1. Arbeiter (zu Hans). Schau, Du hast uns aufg'hetzt und Du selber hast ka Courage g'habt? Hans (verlegen). Aber habt's denn net g'segn, — ich Hab' mich ja mit Gewalt z'ruckhalten müssen — i hält' ihn ja sunst z'rissen! (Zieht sich mit den Uebrigen in's Wirthshaus zurück.) Fünfte Scene. Von rechts Jetti mit Babette, letzterem!! einem Gebetbuche. — Hierauf links von der Straße Schani, dann ein Gemeinde- diener, wie später Span und Blech, Arm in Arm aus dem Gemeindehause. Jetti (im Gespräch mit Babette, sich verabschiedend). So, Frau Babett, ich bin da zu Haus, wär's vielleicht gefällig? Babette. Geht jetzt nicht. — Wirschon ein anderes Mal so frei sein — is heut' große Predigt — muß zu den Lazzaristen — extra Damenabend! (Eine elegante Dame geht über die Bühne, hinter ihr ein Bedienter, der ein Gebetbuch trägt.) Schamster Dienerin! Schamster Dienerin! (Prahlend zu Jetti.) Die alte Baronin Schwert — sehr fromme Dam' — geht auch in die Predigt — sitzt «eben mir in der Bank — sind sehr gut zusammen — o Unsereins hat auch seine noblen Kongestion m! Jetti. O, Ihre noblen Konnexionen sind ja bekannt — überall is ja die charmante Frau Babett gerne gesehen! .Babette (geschmeichelt). O ich bittü — No ja, man weiß sich zu benehmen, man is so zu sagen unter den höchsten Herrschaften aufg'wachsen, und da bleibt alleweil a bist was hängen. Jetti. Und bei Ihnen is sehr viel hängen blieb'n! Babette. O ich bitt'(Jetti's Hand schüttelnd). O es thut heutzutag ordentlich wohl, wenn man mit so einer gebildeten Frau zu thun hat! Schani (auftretend). Küß die Hand, Madam Kraus! (Thut es.) Jetti. Aha, dieser Handkuß is net umsonst! (Zieht aus der Tasche in Papier gewickeltes Gebäck, es Schani gebend.) So, da hast, Schani! Schani (der rasch das Papier geöffnet). Ah. das is g'scheidt, Dalken mit Powidl! (Ist schnell damit in den Friseurladen rechts ab.) Babette. Was?! — Diesem Bub'n schenken Sie was — dem Sühn eines Vaters, der aus lauter Brodneid Sie überall ausricht? Jetti. Und was kann der Bub dafür, wann sein VaterEin'm net aussteh'n kann. — Uebrigens is mir ja auch leid, daß ich ihm in seinG'schäst schad' — und ich hätt' g'wiß den Laden da net aufg'macht, wann ich wo anders Einen kriegt hätt'! — Babette Aber das is schön von Ihnen, daß Sie eine wahre Christin sein.— Sie sammeln glühende Dalken auf dem Haupte Ihres Feindes! — Aber i plausch und plausch und vergiß selber auf meine christlichePflicht! — Auch hab'ich d'höchste Zeit — es wird bereits dunkel, und da is in dieser Gegend nicht recht geheuer! — (Nach demWirthshause weisend.) Da drinnen soll'n die Rothen Zusammenkommen. — Ich bitt' Sie, wann man als ehrbares 15 Frauenzimmer einem solchen unter die Hände kummet, no war net aus! Also schamster Dienerin, liebe Madame Kraus, pfürt Jhna Gott, und bleib'ns mir schön g'sund! (Rechts ab.) Jetti (sie geleitend). Auf Wiedersehen, Frau Babett! — (Bleibt vor dem Gemeindehaus stehen.) Da d'rinnen soll also heut das Wohl der Gemeinde entschieden werden! — Ja, und das geht ja auch mich an — ich g'hör ja jetzt auch zu dem Grund! — Ich muß doch hör'n, wer derGlückliche is?! — (Will in'L Gemeindehaus.) Gemeindediener (eben aus dem Hause tretend). Das ging uns noch ab. — Was suchen denn Sie da — wissen Sie nicht, daß zur Wahl nur Mannsbilder in's Gemeindehaus hineinderfen? (Rechts ab.) Jetti. Ja richtig — und ich bin ja nur ein Frauenzimmer -— wir dürfen bloß in's Steueramt! — In solchen Momenten, da thut's mir recht lad um mein weibliches G'schlecht — denn wir, wir haben bloß Pflichten, aber keine Rechte! Doch auf wen wohl das Los fallen wird?! — Der Himmel gib' nur, daß's den Rechten trifft! — Ah, da kommen a Paar, vielleicht erfahr ich von denen was! Span (heraustretend, sich die Stirne trocknend). Nein, diese Hitz! Blech (gähnend). Und diese Fädigkeit! Span. Spat is auch. — Meine Alte wird ah schon brummen! Blech. Und i waß mir a was G'scheidters! (Nach links an die Straßenecke, die Anschlagzettel lesend.) Ah, richtig singt sie heut beim Faßt! Jetti (hinzutretend — mit lebhaftem Interesse). Schon vorüber?! — No, meine Herrn, wer is denn g'wählt word'n? — Span. Vorüber?! — Ja, g'rad fan- gen's erst an! — Blech. Ja, und wer waß, wie lang das no dauert! Jetti. Was?! — Und Sie, meine Herrn, verlassen die Ihn gen im Angen blicke der Entscheidung?! — Span. Ich bitt' Sie, wegen unsre zwa Stimmen! Blech. Sie werden's ohne uns a richten! Span. Mein Alte greint, wann ich nach'n Thorsprerr'n z'Haus kumm! Blech. Ja, und ich Hab' mein' Klan versprochen, daß ich ihn heut' zur Manns- seld führ! Jetti. So also, meine Herren, erfüllen Sie Ihre Bürgerpflicht?! — Span. No, und erfüll'n wir etwa net unsre Bürgerpflicht?! — Zahl'n wir vielleicht net ordentlich unsre Steuern?! — Blech. Ja und den BünkelZuaschläg?! Jetti. So, und wann's also nur die paar Gulden zahlt hab'n, dann glaub n Sie schon, Sie hab'n Alles damit gethan?! Da schimpfen die Herrn Bürger in allen Wirthshäusern herum: Wir hab'n keine Rechte! — Wir hab'n keine Freiheiten! —Wann's aber gilt, das bißl Bürgerrecht auszuüben, wenn es gilt, das bißl Freiheit zu wahren — dann - dann hab'ns keine Zeit dazu!! — (Zu Span geweidet.) Ich glaubet, wann man reif für Errungenschaften sein will, muß man zuerst der Herr im eigenen Hause sein— (zu Blech gewendet) und meinet, das Wohl der Gemeinde sollt' vor der Mannsfeld geh'n! (Zu Span gewendet.) Opfern Sie diesen Sperrgroschen Ihrem Wahlkörper, (zu Blech gewendet) lassen Sie Ihren Buben was Ordentlich's studir'n, und wann Sie ihn bilden wollen, so führ'n Sie ihn nicht in die Bierhäuser zu den Gassenhauern, nein, führ'n Sie ihn dahinein (nach dem Gemeindehause weisend) damit er frühzeitig lerne, ein ehrlicher freier Bürger zu werden!! — Und jetzt, sein's net bös—ich bin ja nur ein simples Frauenzimmer, was nix von Politik versteht. aber das — das war' halt so meine Ansicht!! — (Mit einem raschen Knixlächelnd.) Nix für ungut, meine Herrn! (Schnell links in ihren Laden ab.) 16 (Span und Blech sehen sich gegenseitig verdutzt an und kratzen sich hinten den Ohren.) Span. Mir scheint, wir sein gut frifirt word'n! Blech. Und ob, die hat uns ordentlich kampelt! . Span. Aber jetzt will ich zeigen, ob ich nicht mein'Weib zum Trotz auch ein sreier Mann sein kann! Blech. Ja, und ob ich nicht ein ordentlicher Vater bin! Span (hängt sich in Blech). Meine Alte soll brummen, so viel sie will! Blech. Die Mannsfeld soll fingen, was sie will. — Beide (zugleich im Abgehen mit Selbstbewußtsein). Wir — wir erfüllen uns're Bürgerpflicht! (Zusammenin s Gemeindehaus ab.) Sechste Scene. Isidor rasch aus der Hriseurstube links. — Hieraus aus dem Gemeindehause höchst erregt Fabrikant Blüml. — Dann'gleichfalls von dort erbittert Nullinger. — Zum Schluffe Riegel, zu dessen Rechter Eichen, zu dessen Linker Rein hold, hinter ihnen sämmtliche Wähler unter welchen auch Span und Blech. Selben folgt Major Blüml, der beoabchtend sich rechts postirt. — Aus demWirthshause tritt Hans mit den Uebrigen, welche Gruppen bilden. Isidor (nach dem Laden weisend). Diese Barbarin hat mich hinausgefeuert! — Eine solche Kundschaft aus einem öffentlichen Geschäft an die Luft setzen?!—Aber wir wollen sehen — mein Freund is Uh- lanen-Lieutenant - künftighin laß ich mich unter militärischer Bedeckung — unter dem Schutze der bewaffneten Macht barbiren! Auf Wiedersehen, hartherzige Perrückenmacherin! (Um die Ecke links ab.) Fabrikant Blüml (höchst erbittert). Den Schlosser hat man zum Gemeinderath gewählt, und ich — der Fabrikant — bin durchg'fall n! — Alle Leut' werd'n mich auslachen — werd'n mit Fingern auf mich weisen, — Mein Herr Bruder wird sich vergnügt die Hände reiben, meine Freunde werd'n mich verhöhnen! — O ich bin öffentlich blamirt! — Und wem Hab' ich das Alles zu danken? Meinen eigenen Kreaturen, die bei mir in Brod steh'n — diesem säubern Herrn Reinhold und seinem Onkel, die im entscheidenden Augenblick für meinen Gegner den Ausschlag geb'n haben! — (Drohend gegen das Gemeindehaus.) Aber ich will Euch's gedenken. — In meinem Hause seid Ihr am längsten gewesen! (Sehr rasch links ab.) — Nu kling er (desperat). Niederträchtig! — Vollständig abgeblitzt! — Eine einzige Stimme Hab' ich kriegt — und diese einzige war noch dazu die meinige!! Aber das macht nichts, ich gib' nicht nach, ich muß halt das nächste Mal gewählt werden, denn mein Wahlspruch ist: Was man nicht hat, kann man Alles noch kriegen. Couplet. 1 . Tagtäglich kann man klagen hör'n, Daß hier die frechsten Gauner wär'n, Und doch sein's nix, die unser'n da, Gegen jene in Amerika; Die stehl'n gleich's Gepäck sammt den Eisenbahnzügen, Na jetzt, was wir net hab'n, können wir Alles noch krieg'n! 2 . Die Ezechen klag'n, ^s wär' für sie In Oest'reich keine Sympathie, Denn wenn für Böhmen wär' ein Sinn, Warum errichten's nit in Wien — 17 — Nur böhmische Schulen zum Kinder er- zieg'n, No jetzt, was wir nethab'n, können wir Alles noch krieg'n! 3 . Die Deutschen hab'n, man muß es sag'n, Sich jedesmal sehr tapfer g'schlag'n. Des Feindes Land wird ungehemmt Don deutschen Kriegern überschwemmt, Zn Frankreich gibt's Preußen jetzt mehr als wie Flieg'n, No jetzt, was wir net hab'n, rc. Der Fall von Rom, wie sich gezeigt, Hat d'Jesuiten schwer gebeugt. Sie hab'n nicht mehr nach alter Weis' Den unbeschränkten Wirkungskreis, D'rum thun sie in Schaaren von Rom davonzieg'n. Na jetzt, was wir net hab'n, rc. 5 . Es gibt wie Oest'reich nicht so bald, Ein' angenehmern Aufenthalt, Man wendet uns die Ehre zu. Und setzt in Hietzing sich in Ruh', Nebst Spanien, Rom, hätt' 1a k'raaee zu verfügen, Na jetzt, was wir net hab'n, rc. Werd'n all' die Journalisten jetzt, Die anklagt sind, auch festgesetzt, Kann's g'scheh'n, daß dann im Karneval, Im Landesg'richt Concordiaball, Wo der Staatsanwalt die Gäste empfangt auf der Stieg'n, Na jetzt, was wir net hab'n, rc. 7 . Man sieht den Vortheil in Paris, Wenn eine Stadt befestigt is. Man braucht zu einer Reise dann Kein Wagen und ka Eisenbahn, Man thut nur g'müthlich im Luftballon flieg'n, Na jetzt, was wir net hab'n, rc. (In seinen Laden ab.) (Aus dem Gemeindehause einstimmige Rufe: Hoch!! hoch!! welche sich selbst aus die Bühne verpflanzen.) Riegel mit den klebrigen. (Alle »Hoch!« rufend.) Riegel (ganz in den Vordergrund tretend und nach beiden Seiten den ihn umgebenden Freunden die Hände drückend). Freunde! — Ihr habt mich jetzt zum Gemeinderath g'wählt, und ich dank' Euch für das Vertrauen, das Ihr in mich setzt! Ich bin zwar nur a schlichter Mann, a einfacher Bürger, aber ich man's aufrichtig mit Euch — aufrichtig mit der Freiheit! — Ich will Eng net viel versprechen, aber desto mehr halten, — net viel und schön red'n, sondern lieber viel und schön handeln! — I wir keine Deputation zum Suezcanal schicken, na i wir's lieber zu unfern Canal schicken, L wir net große Festessen arrangir'n, — na, i will lieber sorgen, daß das Volk a billig's Stückl Rindfleisch z'kaufen kriegt, — i wir kane Preis für gothische Bauten ausschreib'n —na, i will lieber schau'n, daß die armen Leut' a Obdach, billige, g'sunde Wohnungen finden, kurz ein Rath der Gemeinde will ich sein — und net um a Jota mehr — aber a net weniger! — Tritt aber amal die Gefahr an uns — gilt es einzusteh'n für uns re Rechte, dann baut's fest aufn Schlossermaster Riegel, der sich der Erste an eure Spitze stellt, und wann's bis zum Kaiser ging! — Das Kinder is mein Glaubensbekenntniß. da d ran will i halten, so wahr ich a ehrlicher Mann bin — so wahr mir Gott helfe — Amen! ü vi 18 Alle: Das ist ein Mann! Bravo! Bravo! Hoch! Gruppe. Musik. Zwischenvorhang. Drittes Bild. Die Dekoration des ersten Bildes. Erste Scene. Arrbeiter im Hintergründe, (das ist im Ahbeitösaale) beschäftigt. — Von rechts dritte Thüre Gräfin Weilberg mit Komtesse Euphrosine, vor selben geht ernFabriks- diener. — Hierauf Löwenklau aus der ersten Thüre rechts. Weilberg (eintretend, zum Diener.) Melden Sie nur dem Herrn Fabrikanten, die Präsidentin des frommen Bundes, Gräfin Weilberg! (Diener erste Thüre links ab.) Weilberg (zu Euphrosine). Die Präsidentschaft ist mir ein günstiger Vorwand, mich hier einzuführen. — Wie der Schreiber des Notars mir mittheilte, ist der junge Mann, nach welchem ich seit Jahre fahnde, in diesem Hause. — Ich muß um jeden Preis hier Verbindungen anzuknüpfen suchen, um ihn zu entdecken, und für uns zu gewinnen. Löwenklau (heraustretend). Ah, was seh' ich, Sie, meine Damen in der Stadt, und hier?! (Aus Euphrosine zueilend.) Weilberg. Ja, Herr Baron, um zu sammeln für fromme Zwecke — doch Sie? Löwenklau. Mich führt der Dienst hieher! (Heimlich zu Euphrosine.) Wie unendlich glücklich bin ich. Sie, theure Euphrosine, wieder begrüßen zu können. Weilberg. Seit einigen Tagen bleibend in der Residenz hoffen wir, daß Sie nun kein seltener Gast unserm Hause werden. — Aus Wiedersehen also, mein lieber Baron! Löwenklau. Auf Wiedersehen, meine Damen! (Geht rechts dritte Thüre ab.) Euphrosine. Nun, Tante, da hätten wir ja einen Bekannten dieses Hauses! Weilberg. Nein doch — er ist ja dein Verehrer, und würde mir hierbei nur schlechten Dienst erweisen. Zweite Scene. Babette von links dritte Thür. Weilberg. — Euphrosine. Babette (im Eintreten). Eine noble Equipage steht vor unserm Haus! (Ersieht die Beiden). Ah — elegante Damen?! — (Gräfin Weilberg erkennend, mit einem Aufschrei), Jesas, — sieh ich recht, das ist ja die hochgeborne Frau Gräfin Weilberg und die gnädigste Comteß? — Was unserm Haus heut' für eine Ehre g'schieht?! — Ja, da muß man ja glei den Ofen einschlagen! Weilberg (erstaunt). Wie, gute Frau,- Sie kennt uns? Babette. Aber Euer Gnaden, Frau Gräfin, wissen's denn nimmer, i bin ja die Babett, die vor 12 Jahren in Dero hoch- gebornen Küchel dient hat — bis ich meinen Dragoner-Wachtmeister zum Mann kriegt Hab — Gott tröst ihn, er ist auch schon ins bessere Jenseits hinüberg'ritten! Weilberg. Ah, Sie waren also in meinem Hause? Babette. Freist, durch 7Jahr, damals war'n (zu Euphrosine) die Eomteß noch ein gnädiger Fratz — und jetzt sein Hoch- dero eine ausgewachsene Person —wahrscheinlich auch schon verheirat'? — Nicht?! — Macht nix—es muß auch Jungfrauen geb'n, s'wird schon der Rechte kummeu! — O ich war 36 Jahre alt, und Hab' noch net g'wußt, was ein Mannsbild is! 19 Weilberg. Sie sind wohl schon lange ln dieser Fabrik? Babette. Z'Martini wird's jast sechs Jahr, daß ich da die Wirtschaft führ'! Weilberg. Da wissen Sie wohl gut Bescheid in diesem Hause? Babette. A jed's Hendl Hab' ich auf- zog'n! — Aber was Euer Gnaden Frau Gräfin da für a wunderschön's Bracelet hab'n?! Weilberg. Es ist aus Jerusalem! Babette. Aus Jerusalem? — O Gott, o Gott, wann unsereins auch amal zu so was kummet! Weilberg. Nun, d as dürfte sich vielleicht sa finden! — Apropos, liebe Frau, könnte Sie mir wohl sage», ist in diesem Hause nicht ein — wie soll ich mich nur aus- drücken— ein Demokrat? Babette. Ein Demokrat?! — Das wär' ja eh' noch ein Glück, wann nur Einer da wär ! — Lauter Demokraten sein in demHaus — vom gnädigen Herrn ang'fangen bis zum Hausmasterbub'n herunter! Weilberg (zu Euphrosine). Das wird die Entdeckung mir allerdings erschweren, doch ich habe vorläufig gefunden, was ich brauche — eine mir ergebene Person! .Diener (aus der ersten Thüre links herkommend). Weilberg. Ah, wir werden erwartet! Babette. Erwartet? I bewahre! Herr Blüml ist ja gar nicht zu Hause! (Zum Diener.) Haben Sie das nicht gewußt? Gehen Sie, Sie einfältiger Mensch. (Diener ab, zu den Damen.) Herr Blüml ist vor einigen Minuten zur Audienz zum Minister gefahren. Weilberg. So? Nun, da werde ich ein andermal Vorfahren. (Zu Babette.) Gute Frau, ich hoffe Sie so bald als möglich bei mir zu empfangen — ich habe Dringendes mit Ihnen zu besprechen — Also, ich zähle auf Sie, meine liebe Babette! (Mit Euphrosine rechts dritte Thüre ab.) Babette. Liebe Babett, hat sie g'sagt — diese Gnad'! — Und in d'Visit hat s mich eing'laden — ich krieg am End' gar einen hochgebornen Kaffee! WelcheHerab- lassung! Sein halt ganz and're Leut die Adeligen als diese — diese Demokraten! (Dritte Thüre links ab.) Dritte Scene. Die Arbeiter, unter welchen sich schon gegen Schluß der letzten Scene eine lebhafte Bewegung kundgegeben, treten aus dem Arbeitssaale in den Vordergrund der Bühne gruppirt um Eichen und Reinhold. Arbeiter (unter einander schreiend). Wir dulden es nicht! — Nein, nein, das darf nicht geschehen! Eichen (sie beschwichtigend). Aber ruhig, Kgmeraden, laßt doch die Sache, wie sie ist, es ist gut so! Erster Arbeiter. Nein, es ist nicht gut so, — wenn Sie Beide (zu Eichen und Reinhold gewendet) aus der Fabrik treten, wollen wir auch nicht länger bleiben! Zweiter Arbeiter. Nein, nicht eine Stunde mehr! Alle Arbeiter. Ja, wir verlassen auch die Fabrik! Eichen (entschieden). Das werdet Ihr nicht (Wieder in zusprecheader Weise, indem er sowohl als Rein hold den Einzelnen die Hände schüttelt.) Seht, Kinder, mich freut eure Theilnahme herzlich doch um so dringender bitte ich Euch, trübt uns ncht mehr noch diese Stunde des Abschieds! — Uns Beiden (aus Reinhold mitweisend) hat nwn hier die Existenz gekündet. — Nun Herr Blum ist ja der Chef der Fabrik, der Herr in seinem Hause! — Haben wir unsere Posten hier schlecht ausgefüllt, so hat er recht gethan, uns zu entlassen; im andern Falle wär's ja doch nur zu seinem eigenen Nachtheile! — Nun, eine thätige Kraft findet immer wieder ihren Platz. — um uns darf Euch nicht bange werden, — d'rum, Kinder, wenn Ihr uns wirklich 2 * 20 so lieb habt — so thut uns den Gefallen, laßt uns in Frieden ziehen, und geht ruhig wieder an eure Arbeit! (Beide verabschieden sich.) So. jetzt lebt wohl und denkt in guter Kameradschaft eurer Freunde! Arbeiter (ziehen sich erregt nun wieder in den Ärbritssaal zurück). Reint) old (im Vortreten zu Eichen). Ach, Onkel, wie schwer wird mir der Abschied aus diesem Hause! Eichen. Armer Reinhold — Du läßt ja hier dein Herz zurück! — Reinhold. Dürft' ich einmal sie noch sprechen — zum letzten Male — wenn auch nur, um ihr zu sagen, — wie innig ich sie liebe! Eichen (nach der ersten Thüre rechts weisend). Nun, das träfe sich ja eben. — Mach' es kurz, Reinhold, ich will indeß gehen, um unsere Bündel zur Reise zu schnüren! — (Dritte Thüre links ab.) Vierte Scene. Rosa ist gegen Schluß der letzten Scene bei den Worten Reinholds: »wie innig ich sie liebe« — aus der ersten Thüre rechts getreten. — Reiuhold. Rosa (ist zu Reinhold getreten). Wie gut, Herr Reinhold, daß ich Sie noch sehe — Sie müssen dieses Haus verlassen, — nun so wird mir doch der eine Trost. Ihnen noch ein freundlich Lebewohl zu sagen. Rein hold (freudig überrascht, ihre Hand ergreifend). Wie, theure Rosa, und Sie. Sie zürnen mir nicht, daß — Rosa (schnell sortsetzend). Daß Sie meine Hand um diesen Preis ausgeschlagen? — Ei, Reinhold, glauben Sie, ein Mädchen- stnn könne nicht die volle Größe eines männlichen Geistes auch erfassen? Reinhold (küßt ihre Hand). Rosa, Sie haben mich verstanden — Sie haben gelesen in meiner Seele! — Rosa. Ja, Reinhold, und ick glaube fest an Ihre Liebe! — (Ihn verabschiedend.) Und nun, mein Reinhold, leben Sie wohl — der Himmel schütze Sie — und mag auch eine Welt uns trennen — ich will Ihr Andenken treu bewahren! Reinhold (in heftiger Erregung, welche durch Geberdenspiel zum Ausdruck kommen soll, sich verabschiedend und dann schnell rechts dritte Thüre ab). Fünfte Scene. (Diese wie die folgenden Scenen find sehr rasch abzuspielen.) Von links erste Thüre Major Blüml. Roa. Major (in zorniger Erregung). Da hab'n wir die Bescherung! — Der Artikel hat Scandal gemacht — man hat die Nummer consiscirt! (Ironisch.) Nun. Herr Bruder, wir wollen abwarten, ob Ihr Freund, Seine Excellenz der Minister, welcher ja auch Einer der Ihrigen war. Sie nun zu schützen gesonnen ist?!—(Rasch, rechts erste Thüre ab.) Rosa (für sich). Ah, jenes Blatt con- fiscirt? Sechste Scene. Babette von links dritte Thüre. — Rosa. Babette (athemlos hereinstürzend). Gnä' Fränl'v, gnä' Fräul'n! — Eine Menge kohlschwarze Herrn sein in unserm Haus — Alles wird versiegelt — sie suchen nach einem Papier — Rosa. Ha — jenes Manuscript?! — Wenn mich meine Ahnung nicht trügt?! — Nun gilt cs rasch zu handeln! — (Schnell links erste Thüre ab.) Babette. O Du heiliger Metternich! O Gott, o Gott, jetzt sein wir sogar pet- schirt! —(Stürzt händeringend wieder links -ritte Thüre ab.) Siebente Scene. Fabrikant Blüml von rechts dritteThür. —-Hieraus Rosa von links erste Thüre. Blüml (erbittert). Seine Excellenz der Herr Minister hat mir sozusagen die Thüre gewiesen! — Gut denn — doch nicht ich allein will nun die Folgen tragen — o ich habe ein schriftliches Beweisstück! (Erste Thüre links ab.) Rosa (ein Manuskript emporhaltend, in großer Gemüthserregung). Hier ist es! — Reinholds Handschrift — ich hatte mich nicht getäuscht! — Achte Scene. Von der Mitte durch den Arbeitssaal eine Commission, bestehend in mehreren dunkelgekleideten Herren, an deren Spitze der Rath gleichfalls im Civilkleide — Rosa. — Hierauf von links zweite Thüre Fabrikant Blüml, danv von rechts ersteThüre, Major Blüml, endlich von links dritteThüre Rein- hold mit Eichen, ihnen folgt von ebendort Babette. — Gegen den Schluß zu treten auch die Arbeiter aus dem Saale hervor, «inen weiten Kreis um die Gruppen bildend. Rosa (die Commission ersehend). Ha, da find sie! — Nun, er soll gerettet werden! — sJst schnell zum Kamine getreten und hat das Manuskript ins Feuer geschleudert, indem sie diese rasche Handbewegung den von der Mitte Eintretenden durch ihren Körper deckt.) Rath (zu der Commission). Seien Sie versichert, meine Herren, wir werden ein scharfes Auge auf die Umtriebe dieser Socialdemokraten haben, über deren Tendenz wir uns keiner Täuschung hingeben dürfen.(Zu Rosa.) Sie entschuldigen meine Dame, eine ernste Pflicht führt uns hieher — ! Blüml (in Verzweiflung für sich). Nirgends zu finden! (Die Commission ersehend). Ha. zu spät! Major wie Reinhold und Eichen find eben aus den bezeichnten Thüren beobachtend getreten. ! Rosa. Ah, meine Herren, Sie suchen !wohl nach jenem Papiere? Rath. Sie wissen also — Rosa (vom Kamine wegtretend und trium- phirend auf die Asche weisend). Nun, meine Herren, hier haben Sie das Manuscrip! Blüml. Ha. verbrannt! Rath (zum Fabrikanten Blüml gewendet). Der Redacteur des Blattes trägt nun allein die Verantwortung! Blüml (für sich). Nun wird er au mir Vergeltung üben! Reinhold (rasch in der Mitte vortre- tend). Noch einen Augenblick, meine Herren! -- Jetzt, wo es nicht mehr eitle Sucht dünken kann, seinen Namen zu einer Größe aufzublasen, jetzt, wo die Gefahr herantritt, jetzt ist es auch die Pflicht eines ehrenhaften Mannes offen hinzutreten, um einzustehen für das freie Wort! — Nun denn, meine Herren, ich allein bin der Schuldige. Blüml (freudig aufathmeud). Ha! Babette (steht händeringend im halben Vordergründe links). Rosa (in höchster Gemüthserregung). Reinhold! (Stürzt an seine Brust.) Major (steht vereinzelt im Vordergründe reckts, die Arme gekreuzt, grübelnd für sich). Sein Herz — seine Existenz. — ja sein Ich geopfert einem Phantome?! - (Gedehnt in einem Tone, der seine innere Wandlung ausdrückt.) Es muß doch etwas sein an dieser Freiheit!! Reinhold (zu der Commission vortretend). Und nun, meine Herren, ich bin bereit, über mich entscheide der Buchstabe des Gesetzes! Blüml (im Kampfe mit sich selbst). Eichen (legt die Hand aus Reinholds Schultern, feierlich). Das ist die Weihe des Demokraten! Schlußgruppe. Musik. Der Vorhang fällt. 2. LWeilung. Viertes Bild. Ein äußeist elegant meublirter Salon mit Mittel- und Seitenthüren. — Rechts und links Sammtfauteuils und je ein mit Büchern belegtes Tischchen, woraus je eine Glocke mit einem Drücker. — An der rechten Seitenwand im Vordergründe ein großer Toilette- spiegel. — Abend. Erste Scene. Gräfin Weilberg sitzt links bei einem Tischchen, ein Buch in der Hand haltend. — Euphrosine rechts an einem Stickrahmen beschäftigt.— Hieraus Jaques in drap- farbiger anständiger, jedoch nicht ausfälliger Livree. Gräfin (in lebhafter Unruhe aufspringend, indem sie unmuthig das Buch auf den Tisch wirft). Immer näher rückt der Tag der Entscheidung und noch immer keine Nachrichten! — Mich verzehrt die Ungeduld! Ich habe doch Babetten alle Merkmale gegeben! Wenn mein Plan doch mißlänge? Euphrosine(bri Seite). Ach, wie glück- ich wäre ich?! Jaques (unter der Mittelthüre anmeldend). Herr Lieutenant Baron Löwenklau! Gräfin. Der kommt zur ungelegensten Stunde! — Sage, wir hätten wichtigen Besuch — oder wir sind eben an der Toilette — kurz, sage, was Du willst. Euphrosine (bittend). Tante! — Gräfin (zu Jaques entschieden). Wirsink im Momente für ihn nicht zu sprechen — morgen — übermorgen — doch jetzt nicht, hörst Tu?! — (Gibt ihm einen Wink, abzu- gehen.) Jaques (ab). Gräfin (sanfter). Euphrosine, schlage Dir diese thörichte Liebe aus dem Sinne — Ihr seid Beide arm — zu welchenr Ziele soll es führen — glaub' es mir, der Baron ist nicht der Mann für Dich — ich meine es ja zu deinem Glücke! Jaques (anmeldend). Frau Babette! Gräfin (schnell). Endlich! Sie ist willkommen! Jaques (ab)! Zweite Scene. Babette. Vorige. Babette (rasch eintretend.) Hab' ihn schon! — Hab' ihn schon! — Hochgeborne Excellenzgräfin! Gräfin (freudig erregt, drängend). Wirklich? — O, erzählen Sie. liebe Babette! Babette. Alles stimmt — noch nicht majorenn — heimlicher Brief — gebürtig in Felsstein — ja sogar von is er — unsere Wäscherin hat mir alle seine Papiere zeigt — kurz, nicht so viel zweifelhaft is mehr! Gräfin Und Sie haben ihm meine Einladungskarte gegeben? Babette. Versteht sich, Hab' ich ihm'ö gebn — der hat a bist gschaut! Gräfin. Und wird er kommen? Babette. Natürlich kummt er — gler wird er da sein! — Aber ich sag'Jhnen's. hochgeborne Exzellenzgräfin, derschrecken's nur net — wie der Mensch ausschaut, da haben Euer Gnaden qar keinen Begriff! 23 Gräfin. Gut, gut, — Sie haben uns zu großem Danke verpflichtet — nehmen Sie vorläufig dieß (das Armband ihr von der Hand gebend) als Erinnerung an Ihre Freundin! Babette (außer sich vor Freude). Was, hochgräfliche Gnaden — das Bracelet aus Jerusalem? — Und das g'hört mein? — Gräfin. Ja, ja! (Sie verabschiedend.) Doch jetzt auf Wiedersehen, liebe Frau — Babette (welche noch immer das Bracelet bewundert). Aus Jerusalem?! (Bei Seite) geschmeichelt.) Und Freundin hat sie g'sagt?! — Gräfin (sie zum Gehen drängend). Wir haben dringende Vorbereitungen — ein andermal, meine liebe Babette! Babette. Diese hochgeborne Gnad' Excellenz — ich küß' die Hand, durchlauteste F rau Gräfin (im Abgehen), ich küß' die Hand, hochwürdigste Eomteß! Nein — aus Jerusalem!! — Aus Jerusalem! (Ab.) - Gräf n (hat an die Glocke gedrückt). Jaques (erscheint unter der Mittelthür, indem er Babetten Platz zum Abgehen macht). Gräfin (zu Jaques). Es wird ein junger Mann erscheinen, der meine Karte Dir übergeben wird — Du führst ihn in den Salon und wirst mir sein Kommen sogleich anmelden. Jaques (will, sich verneigend, abgehen). Gräfin (ihn zurückhaltend). Noch Ein's — man wird diesen Menschen mit aller Achtung behandeln, — hast Du mich verstanden, Jaques, mit aller Achtung Jaques (sich verbeugend). Sehr wohl! Frau Gräfin! (Ab.) Gräfin (zu Euphrosine, mit Erregtheit). Euphrosine, — es istDir kein Geheimniß, daß mein Baarvermögen nur mehr nach einigen Tausenden zählt. — Die Aufrechthaltung meiner gesellschaftlichen Stellung hat den größer» Theil der Kapitalien verschlungen — und nun ist es mit an Dir — wenn der Glanz unseres Wappens nicht erlöschen soll — Euphrosine — ich habe Dich als arme Waise zu mir genommen — ich habe Mutterstelle an Dir vertreten, — nun schlägt die Stunde deiner Dankbarkeit! — Suche ihn mit allen Mitteln an Dich zu fesseln — trage willig jede seiner Launen — und bedenke, es gilt die Ehre meines Hauses! — (Hat ihre Hand ergriffen, und zieht die willenlos in Schmerz versunkene, Euphrosine nach links.) Und nun komm', Euphrosine, komm', ich will Dich mit dem reichsten Schmucke zieren! (Beide links ab.) Dritte Scene. Jaques mit Hans durch die Mitte. Letzterer in beschmutzter Werktagskleidung, die Mütze aus dem Kopse und um den Hals eine feuer- rothe geknüpfte Binde mit großer, auffälliger Masche. Jaques (der respektvoll die Thürslügel geöffnet hält). Bitte nur einzutreten, ich habe Befehl, Ener Gnaden sogleich anzumelden! Hans (verächtlich). Anmelder!?! No ja, bist ja auch nix als ein dressirter Pudel, der für einen fetten aristokratischen Bissen seine Menschenwürde hingeworfen hat. — Geh also, drapfarbener Neger, und melde deiner Tyrannin den Demokraten! Jaques (für sich, erstaunt). Dieses Exterieur?! — Dieses Benehmen?! — Und einen solchen Menschen soll ich mit Achtung behandeln! — Aber es ist die Karte, folglich heißt es gehorchen! (Links ab.) Hans. Diese Karten hat mir die Ba- bett geb^n. — Eine g'wisse Gräfin Weil- berg will mir wichtige Mittheilungen machen — hat wahrscheinlich g'hört, daß ich so losdunnert Hab' für die Aufhebung des Adels, und da möcht' sie mich jetzt vielleicht mit a paar lumpige Millionen g'winnen. Aber justament muß er jetzt aufg'hoben werden dieser Adel — i gib' net ender Ruh', diese Gräfin soll sich meine Disit' mirken! Ich will diese Nobleß, wie 24 mein französischer Schlafkamerad sagt, schmafu behandel n! Extra Hab'ich's schlechteste G'wand anzog'n, und dazu das rotheste rothe Tüchel umbunden. — Unterwegs is a ganzer Trieb Ochsen scheuch word'n! Diese Aristokraten sollen sehn, das unsereins kein Genirer hat! Also so schaut's aus bei den Blaublütigen! Gar nit so übel! (Die Meubelstoffe rechts befühlend.) Wundervolle Meubeln — die Stoff! Lauter Damast! Das muß ein Heidengeld kosten. (Setzt sich.) Ah, und weich is auch! (Legt sich, das Gesicht rechts dem Spiegel zugewendet, der Länge nach aus den Divan, und gibt auf einen der nächststehenden Lehnstühle seine Füße.) So,da laßt's sich famos d'rauf sitzen! — No ja g'hört ja eigentlich schon eh Alles uns — zu was warn wir nocha Kommunisten! — Eiue prächtige Gelegenheit zum Jausnenl (Zieht aus der einen Tasche eine in ein Sacktuch gewickelte Wurst, aus der andern ein Schnapsfläschchen —. ersieht den Stickrahmen und zieht ihn an sich.) Sehr gutes Platzel! (Hat die Wurst aus den Stickrahmen gelegt, schneidet selbe und ißt.) Eine Extrawurst mit Kn oft — und dazu (trinkend) diesen Doppelpolnischen! Den G'ruch bringen's vier Wochen net aus dem Quartier! Jaques (Hans so ersehend, bei Seite). Himmel, unsere Damastfauteuils! Ah. mir scheint, er schneid't was? Und noch dazu auf der Eomteß ihrer Stickerei?! — Und diesen Kerl darf ich nicht hinauswerfen! — Aber was geht's mich an? (Laut.) Euer Gnaden, die Herrschaft läßt bitten, sich in den Salon zu bemühen! (Riecht prüfend in der Luft.) Hans. I aufsteh'n?— Wo ich jetzt g'rad so gut lieg'! — Fallt mir net im Schlaf ein! — Die Herrschaft hat g'rad so weit zu mir wie i zu ihr, sag' ihr das, elende Bedientenseele! Jaques (bei Seite). Ah, diese Grobheiten—und ich — alleweil so voll Hochachtung! (Schnuppert in der Lust.) — Was dieser Bengel für ein G'ruch herein bracht hat?! — Und in an furt ißt er was! (Drohend im Abgehen eine Faust machend.) Ersticken soll er d'ran dieser Lümmel? (Geht links ab.) Hans (macht noch einen Zug aus der Flasche und greift dann in die Seitentasche). So, und jetzt kummt der Hauptknaller! (Zieht Feuerzeug und eine Cigarre heraus.) Das da is nur ein Cigarrl, aber es is eine lange Kreuzer, und noch dazu die schlechteste, die ich im ganzen Kistel g'funden Hab! - Ah, sie kummen — zünd'n mas an! (Thut es.) Vierte Scene. Von links Gräfin Weilberg mit Euphro- sine, beide in eleganter Toilette. — Vor Jaques. — Hans. (Jaques, hat die Flügel geöffnet, verbeugt sich vor seiner Herrschaft und geht dann, indem er heimlich nach Hans drohende Geberden macht und über die Bühne, nach allen Seiten kopfschüttelnd schnuppert. Mitte ab.) Euphrosine (beim Anblick des Hans erschrocken). Himmel, Tante, welch' ein Mensch! Gräfin (ebenfalls entsetzt, doch nach Fassung ringend). Allerdings entsetzlich — ich wußte wohl, daß er dem Arbeiterstande angehörig, doch so hatte ich ihn mir nicht gedacht! Euphrosine. Ach, ich fürchte mich vor ihm! Gräfin. Fassung, Euphrosine, es gilt ja unsere Zukunft! (Vortretend zu Hans, wobei sie jedoch zeitweise das Sacktuch vorhält.) Mein Herr, Sie waren so freundlich. meiner Einladung — Hans (liegt ihnen mit dem Rücken zugewendet ausgestreckt, hat bisher keine Notiz von ihnen genommen und bläst den Rauch von sich — mit einer raschen Kopsbewegung im baga- tellen, schroffen Tone). Net so viel Gixen — da bin ich — was gibt's?! 25 Gräfin (ihren Unmuth niederkämpfend). Mein Herr, ich dächte doch — Hans. Nur net herumtrenzen — heraus damit— womit kann ich Ihnen befehlen? Gräfin (erzwungen lächelnd). Befehlen? Sie meinen wohl, mein Herr, womit Sie mir dienen können? Hans (arrogant). Ein Demokrat dient niemals, — merken Sie sich das, Madame! Gräfin (beleidigt). Madame?! Hans (für sich). Wie eine Hebamme! Das gift's! Gräfin. Mein Herr, vor Ihnen steht Gräfin Weilberg, undhiermeineNichte, Eomtesse Euphrosine! Hans. Ab, meinetwegen Prinzessin Schnndi — das is mir Leberwurst! Euphrosine (bei Seite). Welche Gemeinheit! Gräfin (höchst erbittert). Mein Herr, dieser Ton ist der eines — (sich bekämpfend, mit erzwungenem Lächeln) doch, ja beinahe hätte ich vergessen, daß Sie ja Demokrat sind, und als solcher mir feindlich gegenüberstehen! Hans (verbessernd). Liegen! Liegen! Gräfin. Nun, wie es Ihnen angenehm ist, doch kommen wir zur Sache! (Klingelt, Jaques erscheint und setzt Stühle. — Etwas spöttisch.) Sie werden wohl erlauben, daß auch wir an Ihrer Seite Platz nehmen! Hans. Thun's, als wann Sie auch z'Haus wären, aber nur außa amal! (Gräfin und Euphrosine setzen sich.) Gräfin. Nun, mein Herr, hören Sie mich ruhig an, — ich habe Ihnen eine Geschichte zu erzählen, die auch Ihnen vielleicht von Interesse sein dürfte! Hans. OiÜ Gräfin. Es war einmal — Hans (einsallend). Ein Bauer und eine Bäuerin! Gräfin. Nein — eia Graf, reich an Gütern, wie an Ahnen, doch eben so eine Art von Sonderling! Hans. Aha, so was man sagt verrückt? Gräfin (betonend). Mein Herr, dieser Graf war mein Bruder! Hans. No ja, steckt also schon in der Familie! Gräfin. Dieser Graf verliebte sich in ein Mädchen bürgerlicher Abkunft, und trotz der Einsprache seiner Verwandten, oder vielleicht eben deßhalb ward dieses Mädchen bald seine Frau. Hans. Ha, ein Mädl aus'n Volk hat sich so weit vergessen können! — Und gar seine Frau — wann's wenigstens nur a so — no ja! — Gräfin. Er zog sich mit ihr auf sein einsam gelegenes Schloß, und — es mögen nun 24 Jahre sein, da schenkte sie ihm einen Sohn. Hans. Ha, ein Graf, der sich von einer Bürgerlichen was schenken laßt?! Pfui Teuxel! Gräfin. Einen Sohn, dessen Geburt der Mutter das Leben kostete! Hans (unruhig werdend). No meinetwegen — aber was geht denn mich die ganze Sauce an, glauben Sie, ich Hab nix G'scheidteres z'thun? — Beim rothen Stiefel haben heut' die Pud'lwascher Plenarsitzung! Gräfin. Hören Sie nur weiter, wir sind bald zu Ende! — Den Grafen entfremdete der Verlust seiner Gattin nun gänzlich seinen Verwandten, und all' seine Sorge galt seinemSohne, den er abgöttisch liebte. — Doch auch dieses Glück sollte von kurzer Dauer sein. — Ein Jahr nur, und er folgte seiner Gattin. — Hans. Er folgte seiner Gattin? — Muß ein rechter Simandl gewesen sein. Gräfin. Einige Tage vor seinem Tode war das Kind aus dem Schlosse verschwunden, und als man das Testament eröffnete, erfuhr man, daß der reiche Graf sein einziges Kind unter fremdem Namen mit einem kleinen Jahreslegat in uns unbekannte. fremde Hände gegeben mit der Bestimmung, es zu erziehenzu einem Sohne des Volkes zu einem echten Demokraten! — Nun, der reiche Graf blieb eben ein Sonderlng ibis zum letzten Athemzuge! — Hans (der mit immer erhöhterer Spannung zugehört). Und? Gräfin. Der Tag der Eröffnung steht nahe—doch früher nochist's mir geglückt, die rechte Spur zu finden! Hans (dringend erwartungsvoll). Nun?! Gräfin (betonend in Steigerung). Der Name dieses Grafen ist Hellborn — das Schloß heißt Felsstein — und dieser Sohn — sind Sie! Hans (ist bereits in fitzender Stellung). Ich?! . Gräfin. Ja Sie, — den ich freudig als meinen Neffen begrüße, dcn Euphro- fine herzlich als ihren lieben Vetter bewillkommn (Läutet.) Jaques (erscheint unter der Mittel- thüre). Gräfin (nach Hans weisend). Jaques — von heute an ist mein Neffe — Graf Hellborn Herr in diesem Hause! Jaques (verneigt fick und verschwindet wieder unter lebhaften Zeichen des Erstaunens). Gräfin (hat die Hand aus die Schultern des Hans gelegt). Und nun, mein Freund, sammeln Sic sich, und bedenken Sie, was Sie sich selbst und Ihrem neuen Stande schuldig sind! (Hat sich zurückgezogen und ergreift triumphirend die Hand Euphrosinens, welche sie mit sich zieht.) Sieg — er wird der Unsrige! (Beide links ab.) Hans (in äußerster Erregung, welches durch dramatisch-mimisches Spiel zu versinnlichen ist). — Ja — ja — wie g'schieht mir denn?! — Ich — ich — ein — ein Graf — ein geborner — Graf?! — Ein adeliger Graf? — Und reich? — Ein gnädiger Herr?! Eine Excellenz? Eine blaublütige Excellenz? Und diese rothe Maschen? (Hat sich etwas erhoben, und erblickt im Spiegel seine rothe Binde, reißt dieselbe schnell ab, schleudert sie verächtlich zu Boden und tritt mit dem Fuße aus selbe.) Fort mit dir! (Hat sich ganz und stolz erhoben und drückt rasch an der Glocke.) Jaques (unter der Mittelthür erscheinend). Hans (in herrischem gedehnten Tone und in gebieterischer Haltung eine Hand aus den Tisch gestützt). Jaques — den mrUIre taiUear! Musik. Zwischenvorhang. Fünftes Bild. Das Innere der Rettungsanstalt des Nullinger^ links eine Seitenthüre. — Aermliche Meubeln auf welchen die Barbier- und Frisir-Requisiten zerstreut umherliegen. — Im Vordergründe rechts ein Tischchen, vor selbem ein Stuhl, links etwas im Hintergründe ein Holzkopf, aus welchem eine Perrücke sitzt, vor selbem eiu Drehstuhl. — Einzelne Barbierstühle sind im Vordergründe vertheilt.—Im halben Hintergründe saßt die Rückwand das im 2. Bilde bezeichnet Portal mit den beiden hohen Bogenfenstern in sich, so daß sich eine gute Fernsicht aus das Wirthshaus »zum rothen Stiefel« und aus den Friseurladen der Jctti Kraus bietet. — Abend. Erste Scene. Nullin ger sitzt beim vorderen Tische rechts und rechnet mit Bleiseder auf einem Papierstoße. — Nazzi steht aus einem Stuhle und sängt an der linken Wand Fliegen. — Später Gehilfe, dann Marion, Jeanette, Louise. Nullinger (aufspringend). Victoria, das Problem ist gelöst! — Mein neuestes Finanzproject wird im Ministerium Auf- 27 seh n machen. — In 7395 Zähren sind nicht allein alle Staatsschulden getilgt, sondern es bleibt noch ein Ueberschuß von 13 Gulden 47 Kreuzer! Nazzi. Oi, san mir froh, wann bis durthin unsre Schulden schon zahlt sein. Nullinger. Kecker Bub! (Wendet sich zu ihm.) Ja, Nazzi, was kralst denn Du an der Wand herum? Nazzi. Ich bin auf der Jagd und fang' Flieg n! Nullinger (drohend). Ob Du gleich heruntergeh'st! — Nazzi (hernbsteigend, wobei er thut, als ob er eine gefangene Fliege schlicken würde). Aber schaun's, Herr Principal, vergunnens mir doch wenigstens das, es is a so das einzige Fleisch, was ich bei Ihnen krieg! Nullinger (ärgerlich). Nix als essen, und alleweil essen! Nazzi (mit wehmüthiger Inbrunst). O net alleweil essen, —nur anmal essen, aber ordentli essen — wann ich aber von Ihnen was Warm's begehr, geb'ns mir höchstens a haß Brenneisen. — Vor lauter Hunger Hab' i schon alle Roß- kammfetttögeln ausg'schleckt, so daß in mein' Magen schon eine ganze Perrucken g'wachsen sein muß! Nullinger. Na wart nur wenigstens, bis mein neues Finanzproject — (Greift darnach.) Nazzi (die Hände zusammenschlagend). Nije. 7395 Jahr, — so lang halt ich's net aus! Nullinger (einen Pack Schriften ein- steckend). Lauter Zeugnisse für meine finanziellen Bestrebungen — ich muß damit von der Regierung eine Auszeichnung erreichen (im Papiere rechnend). Sapperment, auf der Seiten stimmt's mir ja nicht um 33 Millionen. Nazzi. Richtig, Herr Principal, der Kaufmann war da, er will die vier Kreuzer für'n Spiritus! Nullinger (ohne Notiz zu nehmen). 300.000 und 400,000 macht — Nazzi. 15 Kreuzer, die sein wir denr Kohlenmann schuld! — Nullinger.Davon 7000 ab, bleibt — Nazzi. Ein Sechserl, was wir dem Greißler no net zahlt hab'n! Nullinger. Richtig, ein Deficit! (Wirst das Papier hin.) Nazzi. O lauter Deficite, — und kein G'schäft! Nullinger (hat sich zu Nazzi gewendet). Leider kein G'schäft! Aber wer is dcr d'ran Schuld — Niemand als diesebeiden Frauenzimmer da drüben — die vor acht Tagen s'Gwölb aufg'macht hab'n. — No ja, bald is die schöne Friseurwitwe, bald ihre ebenfalls schöne Schwester beim Fenster, — die Leut' seh'n a sauber's Gsichtt, glauben, daß da a Gspusi hab'n, und rennen in Laden hinein. Nazzi. Ja, und ich stell' mich doch auch alleweil zum Fenster, aber zu uns kummt ka Mensch! Hat sich zum Fenster gestellt — schnell). Ah, da drüben beim rothen Stiefel geht's heut wieder zu! (Dortselbst werden unter großem Lärmen Zwei hinaus- geworfen.) Ah, da schaun's hin, Herr Principal, just hab'ns wieder Zwa hinaus* g'worfen. Nullinger. Richtig, — der demokratische Ausschuß hat also bereits seine Amtshandlung ausgenommen. —Da muß ich schau'n, daß ich auch hinüberkum!. Aber ich kann ja net fort, wo bleibt denn nur mein Gehilfe? Nazzi. Er hat g'sagt, weil da eh nix z'thun is, so geht er a bißl auf's Schanzt nachschau'n, ob er vielleicht bei ein'm Pudelfriseur sein Talent verwerthen kann. Nullinger. So? Wann er kommt, wird er davong'jagt. Nazzi. Da kommt er g'rad! Gehilfe (tritt ein). Nullinger. Wo treiben denn Sie sich herum? Sie sehen, man hat alle Hände voll zu thun! Gehilfe. Wo? 28 Nazzi. Ah! Herr Principal, einFiaker! Drei Damen steigen bei uns ab! Nullinger. Jetzt heißt's umschießen, sein bedienen. (Marion, Jeannette, Louise treten rasch ein in eleganter Toilette, aber die Köpfe verhüllt.) Jeanette. Nein, das ist wirklich sehr gelungen, läßt uns die Kriseurin sitzen! Marion. Und das Concert muß schon lang angangen sein. Louise. Und ich Hab' mich mit dem blonden Doctor z'samm'bestellt, g'wiß komm' i zu spät! ' Alle Drei. Bittenurg'schwind! (Setzen sich, Nullinger, Nazzi, Gehilfe bedienen eilig und machen ihnen die Haare auf.) Nullinger. Im Augenblick, meine Damen! Nazzi, schnell die Eisen auf- legen! Nazzi. Ja, auf was denn? Mir haben ja kein' Spiritus! Jeannetle (zuNullinger, der eine Zeitung nimmt, um Papilloten daraus zu machen). Halt, halt, nur kein Zeitungspapier zu die Papilloten, die Druckerschwärze rninirt ja die Haare! Das is wirklich sehr gelungen! Nehmen Sie doch Seidenpapier! Nullinger. Sridenpapier? Nazzi! Haben wir ka Seidenpapier? Nazzi. Na. Haben Sie kan Spiritus? Nullinger. Na. Nazzi. Verflixt! Wann i wenigstens mei Pfeifen anbrennt hält'! Nullinger. Zu was denn? Nazzi. Da könnt' ich ihr vielleicht über's warme Pfeifenrohr! die Locken dreh'n. Nullinger. Schaf! Gehilfe. Sie will a hohes Toups, und wir haben keine Einlagen. Nullinger. Kruzineser, is das a G'frett! Legen's ihr was ander's hinein! Nazzi. Legen's ihr meinen Tabaksbeutel hinein! Jeannette (mit osfenenHaaren aufspringend). Na. was is denn? Marion. So frisiren's mich doch! Louise. Mich auch! Jeannette. Nein, das is wirklich sehr gelungen diese Bedienung! Marion. Wo is denn nur die Frau? Nullinger, Gehilfe. Nazzi. Frau?! Die drei Damen. Na ja, die Frau Kraus! Nullinger. Krau — Gehilfe. Nazzi. Krau —! Nullinger. Ja was glauben denn Sie? Nazzi. Die Frau Kraus is ja da drüben! Luise. Richtig, wirsein in Unrechten Laden gangen! Nazzi. Ah! Jeanette. Nein, das is wirklich sehr gelungen! Marion. Geh'n wir hinüber! Nullinger. Na, sein's so gut. halten'S wen Andern für'n Narren! Schaun's, daß weiter kommen! Sö, Sä Nrscheln So! (Die drei Mädchen raisonnirend ab.) Nullinger. Schaui's dö an! Nazzi. Na. jetzt hab'n wir wenigstens amal Kundschaften g'habt! Gehilfe. Jetzt geh' i wieder am Schanzl. (Ab.) Zweite Scene. Schani mit Schulbüchern unter dem Arme, durch die Ladenthüre. — Vorige. Schani (frisch und keck, indem er die Schulbücher in eine Ecke schleudert). Servus, Vater, — Servus, Nazzi! — (Schüttelt letzterem die Hand.) Nullinger. Jetzt kummt ma erst aus der Schul? Ja sag' mir nur Schani, wo warst denn Du so lange? Schani. Wo wir i denn g'wesen sein, d'rüben war ich beim rothen Stiefel. 29 Nullinger. Beim rothen Stiefel?!— (Legt Schani die Hand aufs Haupt, mit Stolz.) Daran erkenne ich mein Fleisch und Blut! Schani. Aber Vater, Hunger Hab'ich, ich macht' a Jausen! Nullinger. A Jausen willst? (Für sich.) Ich macht' selber ane! Wann ich nur mußt', wo ich ane hernehmen soll! (Laut zu Schani.) Also eine Jausen willst Du? — Ja, da is zuerst die Frag', ob Du auch eine verdient hast! — Ha. wie is denn die Prüfung heut ausg'sall'n? Schani. Sehr gut, Vater! Nullinger (bei Seite). Brav is er, das is wahr, von derer Seiten komm' ich ihm net bei! — Aber ich kann dem Bub'n doch net sag'n, daß ich kein Kreuzer Geld Hab'. — Ich muß schon wieder meine alte Method' anwenden! (Laut.) Du hast also Alles gewußt, um was man Dich g'fragt hat? Schani. O, ich Hab' noch viel mehr gewußt! Nullinger. Was, noch viel mehr?! Schani (stolz). Ja, ich war der Beste in der ganzen Klaß! Nullinger (sich erzürnt stellend). Der Beste?! — Und da prahlst Du Dich noch damit, statt daß Dich schämst, daß deine Kameraden durch Dich so zurückgesetzt wird'n. (Dictatorisch.) Aus Strafe dafür bekommst Du keine Jausen! Schani. Aber Vater — Nullinger. Widerspruch?! — Du wirst auch morgen fasten! Nazzi. Aber Herr Principal — Nullinger (zu Nazzi). Auch Du kriegst nix zu essen! — Ich wer doch sehen, ob ich der Herr im Haus bin?! (Hat seinen Hut genommen und will gehen.) Nazzi. Aus derer Straf kumm' ich ja eh nie hinaus! Schani (nach der Thür weisend). Ah, die Frau Nachbarin, das is g'scheidt, da krieg ich wieder Gollatschen! (Springt entgegen.) Dritte Scene. Jetti Kraus ist bei der Ladenthür eingetreten. — Vorige. Nullinger (für sich). Ah, meine Con- currentin?! — Was sucht denn die in mein Quartier?! — (Entgegen, höhnisch unter Verbeugungen.) Ich küß' die Hand, gnädige Frau, was verschafft uns die Ehre, womit kann ich dienen? Jetti (die indeß Schani und Nazzi mit Eßwaaren betheilt hat, die um dieselben raufen, dann vortretend). Strapezir'n Sie sich net, Herr Nachbar, solche Stich geb'n bei mir kein Blut! — Ich bin nur gekommen, um mich einmal mit Ihnen ordentlich auszusprechen. Nullinger. Da ich aus der Einleitung voraussetze, daß dieß eine längere Besprechung werden dürste, so bin ich so frei (einen Stuhl hinstellend). Jetti (abwehrend). Gar nicht notwendig — ich wir mich so kurz als möglich fassen! — Schau'n Sie, Herr Nachbar so oft ich von meinem Gewölb in das Ihrige hinübersiech, begegnen mir nur zornige Blicke, ja Sie sind sogar zu den Behörden gegangen, sich zu beklagen. Nullinger (einfallend). No und Hab ich vielleicht keinen Grund dazu — wer' hat Ihnen geschafft, daß Sie sich mir vor die Nasen hinsetzen?! — Jetti. Ja, ja die Eoncurrenz is es, die Sie so wurmt. — Ei, Herr Nullinger, ein Mann, der sich vor einem Weibe fürchtet, der is gar kein Mann. — Nullinger. Was? Ich wär' kein. Mann? ich bitt' mir ans — diese Grobheiten. Jetti (einfallend). Wahrheiten, — eben so wahr, wie daß Sie kein Demokrat sind! Nullinger. Ich? Kein Demokrat?l 30 "Lächerlich! Bin ich nicht jetzt als Geschworener ausg'lost worden, weil der ganze Bezirk weiß, daß i ch immer für gleiches Recht für Alle, — für allgemeine Frei' heit war! Jetti. Das heißt, so lang kein zweiter Friseurladen neben Ihrem war. Nullinger. Erlauben Sie, wenn's an den eigenen Kragen geht — Jetti. Dann muß der Demokrat freilich gleich zur Polizei rennen! Nullinger. Aber ich geh' ja bei dieser Concurrenz zu Grund! — Jetti. Und natürlich trag da wieder ich die Schuld!! Nullinger. Und wer denn sonst? Jetti. Sie selber! Nullinger. Ach! Jetti. Merken's Ihnen das,. Herr Nullinger, — der Fleiß, die Lhätigkeit rines Konkurrenten hat noch niemals ein' andern G'schäftsmann z'Grund g'richt, wann ihn was ruinirt hat, so war's alleweil die eigene Liederlichkeit, die eigene Faulheit! Nullinger. Madame, dieser Ton — das kummt grad so heraus, als wenn ich llix thät (Nach dem Papierstoße weisend.) Schau'n Sie diesen Bünkel an — Alles eigenhändig! Lauter Finanzprojecte! Jetti. Womit Sieden großen Haushalt des Staates regeln wollen, während Sie net amal im Stand sein, Ihren eigenen kleinen Haushalt in Ordnung zu bringen — das kummt mir just so vor wie mit Ihrer Rettungsanstalt — in an furt wollen Sie Andere retten, und Sie selber gehen dabei z'Grund! — Aber ich bin nicht bloß gekommen, um Ihnen Vorwürfe zu machen, nein, ich bin gekommen, um Ihnen zu beweisen, daß die Liebe zum Geschäft auch das Geschäft in Flor bringt, — das heißt, wenn Sie mir erlauben, in Ihrem Laden zu schalten und zu walten, wie ich will. Nullinger. O. ich bitte, thun Sie, Llls wann Sie zu Haus wären! Jetti. Gut, der Erfolg soll zeigen, ob ich Recht Hab' — übrigens Sie wollten ausgeh'n, — genir'n Sie sich gar net — ich hol' nur meine Schwester, und wir sein gleich wieder da! (Mitte ab.) Vierte Scene. Vorige ohne Jetti. Nullinger (für sich). G'sagt hat sie mir's und zwar deutsch! — ich schäm' mich ordentlich vor den zwa Bub'n — aber sie hat nicht so Unrecht — Schad', daß sie kein Mannsbild is — das wär' ein Präsident für unsre heutige Versammlung. (Will ab.) Fünfte Scene. Ein Schuljunge steckt den Kops zur Thür herein und tritt sodann mit den übrigen Schuljungen alle mit Taschen u. s. w. ein. — Vorige. Schuljunge (zwischen der Thür). Is der Schani z'Haus? (Ihn ersehend.) Aha, da is er schon. (Zu den Uebrigen hinter ihm.) Kummt's nur herein! Nullinger. Ah, eine ganze Deputation von Schulbub'n, — was is denn da los? Schuljunge (Mit den Uebrigen feierlich zu Schani tretend). Verehrter Herr Schani Nullinger! — Durch fünf Semester sind Sie bereits einer der Unsrigen! Wir können mit Stolz sagen: Sie. mein Herr, sind eine Zierde der Schulbuben! Um so freudiger also trifft unsrer schmeichelhafte Auftrag, Ihnen nach de heutigen Prüfung im Namen des Herrn Lehrers für Fleiß und gute Sitten dieses Ehrenzeichen (zieht es aus der Tasche und reicht es Schani hin) überreichen zu dürfen! — Dem Verdienste seine Krone. — Hoch unser Prämiant! Alle Schuljungen. Hoch! Schani (in stolzer,sogenannterNapoleons- Stellung, die rechte Hand in der Brust, mit der linken das Ehrenzeichen zurückweisend). Meine Herren!—Ihre Mission ist für mich höchstehrend! — Um so mehr muß ich jedoch bedauern, daß meine politischen Grundsätze mir gebieten, die Annahme dieses Ehrenzeichens zurückzuweisen. Nullinger. Was—meinBub nimmt's nicht — und ich — (nimmt ein Zeugniß nach dem undern aus der Tasche und zerreißt es). Pfui der Teuxel — Schani. Für das, was ich gethan, trage ich den Lohn in mir: Es ist das Bewußtsein erfüllter Pflicht! — Sagen Sie dieß dem Herrn Lehrer! Servus! (Stolz links ab.) Schuljunge. Ah, der Schani nimmt's net an — wann das der Herr Lehrer erfahrt — no Du g'freu'Di! (Schnell mit den übrigen Schuljungen Mitte ab.) Nullinger (mit Stolz). Der wird ein Capital - Demokrat. — Mit Stolz sage ich: »Er ist mein und sein Vater soll ihm keine Schand' machen. (Aus die Papierstücke weisend.) Hier liegen die Träume mei nes falschen Ehrgeizes! (Hat sich im Abgehen zu Nazzi gewendet.) Aber Du ißt ja noch alleweil fort?! — Ja, was ist denn das eigentli? (Nimmt ihm die Gollatsche aus der Hand. Nazzi fällt vor Schreck mit dem Sessel, auf dem er sitzt, um, Nullinger beißt in die Gollatsche, mit Befriedigung.) Sie is zwar meine Feindin, aber was wahr is, is wahr, die Mehlspeis is ausgezeichnet! (Geht damit Mitte ab.) Nazzi. Mei Gollatschen! Mei Gol- latschen! (Ihm bis zur Thüre nachlaufend.) Aber Herr Principal — Herr Principal — meine Gollatschen! Sechste Scene. Nazzi. — HierausJetti mitMinna durch die Mitte, dann Schani von links. Nazzi (mit Wehmuth). Er hat sie schon d runten dieser Kommunist, der Alles allein frißt, und ich kann jetzt wieder Flieg'n fangen! (Jetti und Minna. Beide tragen Servietten , Rasierzeuge, Scheren, Brenneisen, Zeitung u. s. w.) Jetti. So, Minna, kumm nur herein, heut' woll'n wir da unser G'schäft auf- schlag'n. — Nazzi, g'schwind Herrichten — Alles in Ordnung machen — wo is der Schani, er soll dabei mithelfen — wann wir heut' was einnehmen, sollt Ihr auch ein feines Nachtmahl hab'n. Nazzi (mit Inbrunst). Ein Nachtmahl! (Rufend.) Schani! — Schani (kommt von links und beide schießen nun herum, um auszuräumen, wobei ihnen Minna Hilst). Jetti (die Servietten legend). Flink, flink — es muß Alles acurat sein, wann die Kundschaften kommen! Net wahr, Nazzi, Du wärst wahrscheinlich auch lieber drüben beim rochen Stiefel?! Nazzi. O nein — wir Friseur-Prac- ticanten sind mit denen da d rüben in einigen Puncten uneinig! — Wir haben Sonntag auf dem Gallizinberg unsere separate Beschlußversammlung. Jetti. So, und was wird denn da eigentlich beschlossen? Nazzi. Erstens, daß wir auch pr. Herr von angesprochen werden müssen. Jetti. Natürlich! Nazzi. Zweitens, daß das Journal eingestellt wird. Jetti. Was für ein Journal? Nazzi. Das Auskehren, Zimmerreiben, Ofenputzen, Vogelhäusel putzen, und so weiter heißt man bei uns Journal halten! (Mit Stolz.) O, ich bin schon durch drei Jahre Journalist! Jetti. Das ist wenigstens ein Journalist ohne Preßprozeß! Nazzi. Endlich wollen wir die Arbeits- eintheilung nach amerikanischem Muster. Jetti. Nach amerikanischem Muster? Nazzi. Ja wohl, das ist nämlich 32 12 Stunde n Schlaf, 12StundenErholung und täglich 8 Schillinge! Jet ti. No jetzt für so viel Plag' san fürJeden alle Tag 8 Schilling noch z'wenig! Nazzi. So laß' i mir noch Ein'n drauf geb'n! Minna (ist an s Fenster getreten, hat aus demselben gesehen, mit halb unterdrücktem Ai'ft'chrei). Ach! Jetti (erschreckt umsehend, folgt Minnas Blicke). Was is denn? Nazzi. Was achezens denn? Jetti. Ah, der saubere junge Herr Blum! (Für sich). Arme Schwester, — sie muß den schlechten Menschen wohl recht gern haben! (Stellt sich zum Fenster vor Minna.) Ah, ein alter Herr, der sich die Auslag' anschaut, — will vielleicht hereingehen! (Hinausgrüßend.) Ergebene Dienerin! — Ah, er kommt schon! — Aus- passen! Siebente Scene. Ein Herr mit einer großen Glatze von der Mitte. — Vorige. — Alle eilen ihm geschäftig entgegen. Gehilfe kommt, dann noch Kundschaften. Jetti. Hab' die Ehre Euer Gnaden, gefällig — frifiren, rafiren. Herr (sich setzend). Schneiden Sie mir die Haare! Nazzi (ihm aus den Kopse herumsuchend). Die Haar? Die Haar? — Ich bitt' Euer Gnaden, wo hab'n Sie's denn! Herr. Ja, sie find etwas schitter, aber thun Sie sie nur stutzen! Jetti (drängt Nazzi weg). Ung'schickter Mensch — Euer Gnaden sollen gleich zu- friedengstellt werden. Minna, bedien' diesen Herrn, ich wir derweil zu den Brenneisen schau'n. Minna (schneidet selbem das Haär). Achte Scene. Babette von der Mitte. — Vorige. Babette (noch unter der Thüre). Richtig, da sein Sie ja! Jetti. Ah, die schöne Frau Babette! Babette (für sich). Schöne hat sie g'sagt, das is em liebes Frauenzimmer! (Laut). Grad' will ich zu Ihnen, ich schau zufällig auf das Fenster — und richtig sein Sie's, — ja was machen denn Sie da? Jetti. Wissens Frau Babette, es geht heut' da so zu, und da helfen wir dem Nachbarn a bisl aus! Babette. Schön. Madam Kraus, das is nachbarlich gehandelt — ja man muß sich gegenseitig beistehen. Jetti. Und kann ich Ihnen vielleicht mit etwas dienen? Babette. Ja richtig, bald hält' ich wieder d'rauf vergessen, — daß ich Ihnen also sag', ich muß jetzt alleweil noble Visiten machen, ja, bei einer Excellenz- gräfin — da muß man doch a bisl modern sein, und da möcht' ich halt fragen, ob Sie nicht a paar schöne Locken hätten, aber schön müßten's sein, sehr schön! Jetti. Nazzi, wo sein die Locken? Nazzi (heimlich zu Jetti). Mir haben ja nur a Paar baßgeigenfarbene und das is in der Auslag! Jetti (ebenso leise). G'schwind her damit! (Laut). Sie werden zufrieden sein — neueste Fayon! (Nimmt die Locke von Na^i). Schau'n Sie — ganz Ihre Haar- farb — paßt sehr gut! Babette (prüfend). Ich weiß nicht — das kommt mir vor, als wann — Jetti. Sie g'fallen Ihnen nicht — no das macht ja nix — o wir hab'n ja noch a Menge! (Gibt die Locken Nazzi zurück). So gib die andern her! — Nazzi (nimmt die Locken und schaut Jetti verdutzt an). 33 Jetti (heimlich zu Nazzi). So stell' Dich doch net so dumm, geh' z'rück und bring' die nämlichen! Nazzi (hat die Locken mit der einen Hand ergriffen, springt rückwärts, dann wieder schnell vor, und reicht mit der andern Hand wieder dieselben Locken bin). Jetti. Aber was machst denn, Nazzi? Das sein ja die b'stellten? Babette (schnell). Die B'stellten?! — Ja, die schau'n schon ganz anders aus! Nazzi (für sich, lachend). Ha, ha, dös sand ja die nämlichen! Jetti. Ja freilich sein die fein, su g hören aber auch der Fürstin Schnud- lofsky! Babette. Einer Fürstin?! Nazzi. Schnudlofsky! (Heimlich zu Jetti.) Haha, — die hab'n mir ja um 20 kr. einem polnischen Juden herunter- g'schnitten! Babette (packt die Locken schnell zusammen). Die muß ich hab'n, ko st's — was kost. — Net wahr, Sie g e b'n mir's, Madam Kraus?! Jetti. I wir zwar an Verdruß hab'n — mo, aber aus alter Freundschaft. — Babette. Abgemacht — Schicken Sie mir den Conto — und jetzt dank' ich Ihnen recht schön .(für sich). Einer F ü r- stin hat sie g'sagt! — Nein, wir ich nobel ausschaun! Nazzi (heimlich). Aber Frau Prinzipalin — Sie sein a Abdrahte! Jetti. Dummer Bub — das heißt man Geschäftsgeist! Babette (hat sich zu dem Herrn gewendet). Ah, was fiech ich — den Herrn von Chaudeau!? — Herr. Ah, Frau Babett?! (Ist ausgestanden und har bezahlt.) Babette (mit Wichtigkeit zu den Uebrigen heimlich). Das is der K o ch vom R o t h- schild! Schaui (zu Nazzi). Ui, dem geht's wohl besser als uns! Wirrrer Thcal.-Repcn. Nr. 244. Nazzi. I glaub's, der hat alleweil was z'kochen! Nazzi (hat die amerikanische Kopfbürste genommen, geht damit zu dem alten Herrn mit der großen Glatze und bürstet ihn). Herr (aufspringend). Ach, was thun Sie denn? Das thut ja sehr weh! Nazzi. O, entschuldigen Sie! (Gftll zu einem Andern bürsten.) Babette (zu dem Herrn). So, das is g'scheidt, wir hab'n a so ein Weg Herr. Den wir gleich zusammen geh'« können. Babette. Auf Wiederseh'n, Madam Kraus'. (Beide Mitte ab.) (Lin kleiner Junge kommt herein, stellt sich einen Stuhl lärmend vorne hin, setzt sich daraus und schreit laut:) Rafiren! Gehilfe (trägt ihn sammt dem Sessel nach dem Hintergrund). Neunte Scene. Während diesen Scenen sind immer einige Kunden eingetreten und fortgegangen. Lö- wenklau, hieraus Isidor. — Vorige. Nazzi. Na, der Andrang von Kundschaften! wann das so furtgeht, müssen wir durch die berittene Sicherheitswach Spalier machen lassen! Läwenklau (eintretend). Ich bitte, frifiren! Jetti. Sogleich, Herr Lieutenant! (B. Seite.) Ah, die Vorposten sind bereits ausgesendet, — da is dieser Musje Isidor auch nicht weit — aber der soll mir nur kommen. (Zu Nazzi heimlich.) halt Dich in der Näh' vom Lieutenant auf! Nazzi. Aha! (Macht sich, wie besohlen, dort zu schaffen.) Löwcnklau. Schöne Frau, Sie üben hier Ihr Geschäft aus? Jetti. Das heißt nur zeitweise. 3 34 Löwenklau (heimlich zu Minna, welche sich ihm genähert). Nein, Sie sehen heute wieder reizend aus! Nazzi (verneigt sich geschmeichelt, an- nehmend, als wenn es ihm gegolten hätte). O ich bitte! Minna (ist mit einer Zeitung zu Löwenklau getreten und gibt ihm selbe). Nazzi (tritt mit dem Pudermantel hinter Löwenklau). Löwenklau (immer in die Zeitung sehend und in der Meinung. Minna stehe hinter ihm). Zürnen Sie ihm noch? o er liebt Sie so innig? — Wann endlich darf er hoffen? Nazzi. Bitte sogleich, — der Spiritus brennt schon. (Breitet den Pudermantel über den Lieutenant.) Löwenklau (ergreift bei dieser Gelegenheit die Hand Nazzi's, in der Meinung, es sei jene der Minna— schmeichelnd). Diese zarte weiße Hand, wie glücklich der, dem sie einst angehört! (Küßt o,e Hans.) Nazzi (hiedei vortretend) O Herr Lieutenant, Sie schmeicheln! Löwenklau (der nun seinen Jrrthum gewahr wird, ärgerlich). Esel! Nazzi (sich tief verneigend). O, ich bitte! Isidor (unter der kingangsthür, für sich, da er Minna erblickte). Ah, da ist sie ja! Jetti (hat Isidor ersehen und tritt ihm entschieden entgegen). Mein Herr, es thut mir sehr leid, auf Ihre Kundschaft verzichten zu müssen, um so mehr, als Sie wissen dürften — Isidor (sie unterbrechend). Mädam — Sie vergessen, daß ich in dem Frisirladen des Herrn Nullinger bin, und ich sag' gar nichts weiter als: Frisiren! (Setzt sich in der Mitte, mehr gegen links, in der Näbe Minnas.) Jetti (für sich). Da hat er Recht — ich bin ja nicht in meinem Laden, und ihn hier hinausschaffen, das heißet ja meinem Concurrenten schaden. — Aber diesen Kopf will ich selbst in die Arbeit nehmen! — Der soll an mich denken! — Ich bitte sich gefälligst dorthin zu setzen. (Zeigt nach rechts.) Isidor. Warum, i sitz da ganz gut. Jetti. Aber dort is mir bequemer wegen die Eisen. Isidor (sich hinübersetzend). Mir wär's wieder da bequemer g'wesen, da wär's für mich »Eisen«! Jetti. Schani — g'schwind s'Loco- monv Heizen, daß die Funken sprühen. Schani. Aha, also ein Schnellzug! Isidor (nach Minna sehend). Ah, dort ist sie die Himmlische, und wie sie schmachtend das Köpferl senkt! (Während dieser Scene dreht sich Isidor mit dem Drehstuhl, aus dem er sitzt, oft nach Minna um. Jette drcht ihn immer wieder mit dem Stuhli herum.) Löwenklau (sich umwendend). Ah, Du hier, Freund Isidor? Isidor (sich verwundert stellend). Was, mein Baronerl; welch' ein Zufall! Jetti (Isidor den weißen Mantel umwerfend. ironisch). Ja, just als wann sich die Herren da z'samm'b'stellt hätten! Isidor (für sich). Mir scheint, sie spannt's schon! (NachMinna schielend.) Nein, nicht die Aeugerln schlagt sie auf — wann ich ihr nur ein Zeichen geben könnt'! Ah! jetzt hat sie Herübergeblinzelt! (Will aus- 'pringen, wird jedoch von Jetti's Brenneisen zurückgehalten, schmerzlich ausschreiend.) Auweh — wann das so fortgeht, kann ich mir da gleich eine Perrucken kaufen. Jetti. Sogleich wird der Kopf in Ordnung sein! Isidor (für sich). Ach, ich weiß ja gar nicht mehr, wo ich mein' Kopf Hab', vor lauter Lieb'! — Ah, ah, ich Hab' ja g'sagt, Sie sollen mir die Haar brennen, aber nicht die Ohren brennen. Jetti. So, die letzte Locke! Isidor (nach Minna sehend, die Jetti ein frisches Brenneisen reicht). Ah, Sie kommt auf meine Seiten, ich halt's nit aus! — 35 Ah, o weh! Aber hörn's, Sie dreh'n mir ja förmliche Schneckerl'n in'sOhr! (Springt aus.) Jetti. So, mein Herr, fertig! Ich hoffe, daß Sie dem Salon Nullinger auch weiters Ihre Kundschaft schenken werden. Isidor (bei Seite). Was, meine Kundschaft? Mir scheint, das machet ihr eine Freud'? (Laut.) Allerdings! Kann man sich vielleicht hier abonniren? Jetti. O ich bitte— Nazzi. gib die Karten her! Nazzi. Wie viele sind gefällig, mein Herr? Zsidor. Geben Sie mir gleich zwölf Dutzend! Nazzi (bringt einen Pack Karten, wovon «r in der Eile viele fallen läßt). So, ich Litte! Isidor. Was kost's? Nazzi. Sonst 12 fl, im Abonnement 14 fl. Isidor (gibt ihm Geld). So, da is! (Steckt dieselben ein und verliert wieder viele davon.) Nazzi. Juchhe, das gibt wenigstens 300 Paar Safaladi, i Hab' eh Hunger, i hol' mir glei 5 Paar. (Mitte abspringend.) Löwenklau (ist ausgestanden, tritt zu Isidor und sagt ihm heimlich). Nicht eine Sylbe ist jetzt aus Minna herauszu- bringeu. Komm', wir müssen eine günstigere Gelegenheit erfassen. Jsidor/O ich geh' nicht fort! Jetti. Meine Herren, es hat uns sehr geschmeichelt; wir hoffen, daß Sie diesem Salon bald wieder die Ehre Ihres Besuches schenken! (Deutet nach der Thüre.) Löwenklau. Gewiß, auf Wiedersehen! (Ab.) Isidor. Ein GöttermädeldieseMinna! Ich muß der Liebe noch ein Opfer bringen, ich bin im Stand und laß mir die Augen- drau'v rasir'n! Jetti. Herr von Blüml, ich bitte — (zeigt nach der Thüre). Isidor. Brennen Sie mir noch einmal die Haare! Jetti. So, mein Herr, Siegehen nicht? (Zu Minna.) Minna, geh' hinüber, spur unser'n Laden auf und bleib d'rüben! (Zu Schani.) Du kannst mitgehen und helfen! (Minna und Schani ab.) Isidor. Sie schicken die Minna fort; gehn's, das ist recht abscheulich vonJhnea! Jetti. Ja, mein Herr, ich will nicht, daß meineSchwester durch Sie in schlechten Ruf kommt! Isidor. Was, haben Sie noch so altmodische Ansichten? Jetti. In dieser Beziehung kann ich mich der neuen Zeit durchaus nicht aa- schließen. Isidor, 's ist aber doch im Allgemeinen ein großer Unterschied zwischen der alten und neuen Aera. Jetti. Das wohl! — Duett. I. Sie. Hat einst a Reis nach Znaim man gmacht, Hat man an's Testament gleich 'dacht; Er. Gemächlich saß der Postillon, Fahrt langsam so im Schritt davon. Sie. Vor lauter Stoßen schon ganz blau. Bevor man noch in Stockerau; Tr. Ging wer als klaner Bua auf d' Reis', Kam er dann an in Znaim als Greis! Prosa. Sie. No, was is denn, Postillon, saa's schon wieder eing'schlafen? Er (brummend, das Erwachen markirend). Sie (ihn aufrüttelnd). He, Schwager! Er. No ja, ja. ich kann meine Rösserln nit so antreid'n, der Hantige is ja auf dö 3 * rechten zwa Dorderfüß, krump, und der Sattliche is halt schon a etliche 2V Jahr, blind! — Hüh! Hüh! — (Im Orchester Posthorn parodistisch falsch. Beide fingen.) Ja, sö rvar's bei dö Leut In der früheren Zeit! Sie. Wenn man heutzutag fahrt. E r. Geht's in anderer Art, Sie. S' macht 's Locomotiv Er. Kaum au anzigen Pfiff, Sie. Und man is dann schon g'wiß Er. Von Wien in Paris! Prosa. Er. Wien. Salzburg, München, Straßburg, Paris. — Bitte einsteigen! (Markirt dos dritte Glockenzeichen, welches im Orchester erklingt.) ^Fertig! (Trompetenfignal, Pfiff, musikalische Markirung der Fahrt, dann wieder Pfiff.) 10 Minuten Aufenthalt! Mittagsstation! Sie. Mittagsstation? Ja wir sein ja kaum eiug'stieg'n!! Aber meinetwegen, essen wir also! Er (marlirt das im Orchester ausgesührte 1 malige Läuten). Nach Paris! Erstes Zeichen! Sie. Ha, ich krieg' ja noch a Schnitzl! Er (zweimalige- Läuten). 2. Zeichen! Sie. Zahlen! Zahlen! Er (als Kellner). Bitte sehr, haben gehabt? Sie. Suppe! Er. 35. Sie. 1 Brod! Er. 45. Sie. Einen Pfiff Wein! Er. 2 fl. 17 kr. Sie. Und ein Schnitzt, was ich noch krieg'. Er. Macht 7 fl. 93 kr. — Käs! Sie. Hab' ja kein. Er. Zusammen 8 fl. 54 kr. Sie. Da is ein Zehner, geb'ns g'schwind heraus! Er. Danke sehr! Sie. Aber ich bitt'! Er (als konducteur). Einsteigen! Sie. He. mein Schnitzel — meine« Gulden 46 kr. Er (dreimaliges Läuten). Drittes Zeichen — Fertig! Beide (fingen). Ja so is halt, o Gott. Anmal heutzutag Mod'!! 2 . Sie. Bei unserm alten Militär Hielt man auf's Reglement gar sehr- Er. Zwei Zoll vom Aug' die Haare weg Und stehen fest auf einem Fleck. Sie. Den Zopf gestochten und dressirt Und Kinn wie Wange glatt rasirt- Er. Dient 14 Jahre der Soldat. Den Daumen au der Hosennaht! Prosa. (Nehmen militärische Positur.) Sie. Der Soldat das Kinn drin im hohen Crawatl. Er. Steif und wie eingenaht in seiner Montur. Sie (markirt denUnteroffieier zur Truppe). Habt Acht! — Rechts g'schaut! — Der Herr General! Er (markirt, wie er als General um die Truppe — das ist um sie — herumreitet, hiebei im Orchester die Melodie »Nur langsam voran*). Er. Feldwaibel, was schaut er so? — Ich glaube gar, er untersteht sich zu denken; bekommt 25! — (Reitet in den Vordergrund und rommandirt gedehnt.) Man wird in Zügen rechts abniarschiren und sich vor dem rechten Flügel in Coloune setzen — der erste Zug gradaus. die andern rechts schwenkt Euch! — Maaarsch! (Im Orchester Trommel- und Pseisenmarsch.) 37 Beide (marschiren in diesem Tempo und machen Halt vor dem Souffleurkasten). Er. Und dabei durch 14 Jahre nix als ulleweil den Daumen an der Hosennaht! Beide (fingen). Ja so war's bei dö Leut' In der frühern Zeit. Sie. Ein Einjähriger sein. Er. Die Montur so ganz fein! Sie. Voller Bart das Gesicht! Er. Das genirt jetzt gar nicht! Sie. Exercirt in der Früh, Er. Der Soldat am Glacis! Prosa. Sie. Das is heut zu Tag ganz anders, Leine Spur von hohen Eravateln. E r. Und auch die Uniformen sein ganz anders — Alles neueste Erfindung, da wir ich Ihnen gleich einen neuen Rock zeigen, welcher der Monturscommission zur Prüfung vorgelegt wurde, und zwar vom Nullin ger, diesem Projectenmacher, der sich jetzt auch mit so etwas befaßt! (Hat den aus einem Stuhl rechts liegenden Militärrock genommen.) Geben Sie ihn amal auseinand'! Sie (nimmt den Rock und hält ihn so gegen das Publicum, daß man die Außenseite Lesselben sieht. Der Rock ist mit Sternen und weiters mit den verschiedensten grell hervor- tretendrn Zeichen benäht). Ah. da sieht man ja vor lauter Stern und Zeichen gar ka Tuchfarb mehr. Er. Aber Alles Zweck! — Die ganze Lebensgeschicht' kann man herunterlesen, Hassens auf. (Deutet immer aus die einzelnen Zeichen und erläutert selbe rasch und deutlich.) Corporal, dient 9 Jahre, RegimentNr.91, 3. Compagnie, 1. Zug, 2. Kameradschaft, spricht böhmisch, gebürtig in Czaslau, 26 Jahre alt, katholisch, geimpft, hat eine -Köchin als Geliebte, ißt gern Speckknödeln. (Wendet schnell den einen Rockschoß, aus dessen «neu Theil 3 große Streifen wie Haslinger sichtbar fiad.) Bereits 3mal abgestrast! — Und der ganze Schmarn kost' nur 340 Millionen. Er. Ja und was das Exerciren betrifft, find wir auch vorgeschritten! Sie. Ja wohl, denken wir uns zum Beispiel, wir sein am Glacis. Er. Als einjährige Freiwillige! (Im OrchesterTrompeteustoß und Trommelwirbel.) Beide (conversiren, wobei sie die turner- artigen Exercitien durchwachen). Sie. Nun, wie ist das Rigorosum ausg'fallen? Er. Sehr gut, Hab' schon das Doctor- diplom. Sie. Gratulire. mach' morgen auch Prüfung. Er. Ah, unser General! Sie. Hat Tochter, feines Kind! Er. O schon angebandelt, gestern gewesen mit ihr in »Flick und Flock!* Sie. Ah, unsere Mufikbande! (Im Orchester lärmender moderner Marsch.) Beide (halten flott. Arm in Arm, beim Souffleurkasten still, singend). Ja so is halt, o Gott, Amal heutzutag Mod'! (Mit Marsch ab, welcher verklingt.) 3. Sie. Verliebte hab'n in frühern Jahr'n Viel Leid und Kummernuß erfahr'». Er. Gebroch'ne Herzen hals da eb'n. Wie Glasscherm nach ein* Sturmwind geb'n; Sie. Und bei der Liebe Thränenguß War d' Wasserleitung Ueberfluß, Er. Es wurd' jetzt eivg'sperrt so eia Held Sogleich als Narr im Bründlfeld. Prosa. Sie. Sie liebt ihn bis zum Wahnsinn. Er. Er liebt sie noch um einige Stationen weiter. Sie. Doch fie hat einen grausamen Vater. Er. Der sagt: Niemals soll er deine Hand bekommen, eoder laß Dich ich alser ganzer einmauern. Sie. Verzweiflungsvoll fahrt fie sich in die Frisur, daß die Haar in der Nachbarschaft herumfliegen. (Zerrauft sich das Haar.) Er. Und er—verstört von dem Grame hoffnungsloser Liebe (verwirrt sich das Haar, so daß ihm selbes ins Gesicht hängt, und läßt die beiden Arme schlaff herabhängen) stand er ein Bild des Jammers am Grabe seiner Wünsche. Sie. So und jetzt wird hinausgeheult in die finstere Mondnacht. Er. Daß vor Angst die Sterne am Firmament wackeln! Beide (im steigenden Schmerzaffrcte, nach Burgtheaterart). Sie (mit ausgebreiteten Armen). O Bo» mfacius! Mein einzig geliebter Boni- facius! Er. Eulalie, das Verhängniß scheidet uns — wir muffen uns trennen — Sie (ausschreiend). Trennen? Er. Eulalie, lebe wohl! Sie. O mein Gott! Beide (nach enem Kampfe stürzen sie sich in die Arme, reißin sich endlich los, er geht einen Schritt zurück und sie breitet die Arme nach ihm aus). Sie (schmerzvoll ausrusend). Bonifazius! Er (ebenso). Eulalia! Beide (Umarmung, hieraus Trennung, sodann singend). Ja so war's bei dö Leut' Ja der früheren Zeit. Sie. Hat sich jetzt a Paar gern, Er. Und es möcht' anand g'hörn. Sie. Wann so er ihr nur g fallt, Er. Js er jung oder alt. Sie. Da wird net viel g'fragt, Er. Ob der Vater -»Ja!* fagt! Prosa. S i e. Sie eine flotte Pepi. Er. Er ein fescher Schani. Sie. Großes Fest im Dianasaak. Er. Kleiner Löwy persönlich! Sie. Zum Schluß Preis für die schönste Maske! Er (zudringlich). Liebes Schatzerl.' Sie (sträubend). Aber der Vater — Er. Daß ich net lach'! (Sie an sich ziehend.) Obst her g-h'st! Cancan (mit Schlußgruppe ). Sechstes Bild. Die Dekoration des 4. Bildes. Erste Scene. Jaques vor der Mittelthür, eben die Klügek öffnend und sich verbeugend. — Löwen- klau eintretend im llhlanenmantel, jedoch mit hängender Capuze, Jaqurs nimmt ihm den Mantel noch unter der Thüre ab. Löwen kl au (im Eintreten). Die Herrschaften zu Hause, Jaques? Jaques. Zu dienen, Herr Baron, die Damen find eben im Salon. (Nach links weisend.) Löwenklau. Gut, so melden Sie mich! Jaques (links ab). Löwenklau. Heute oder niemals! — Ich will endlich bei der Gräfin Gewißheit haben, ob ich auf die Hand Euphrofinens hoffen darf! — Ich will wissen, ob dieses Stadtgespräch von einem neuentdeckte» Neffen nicht dennoch eine Kabel ist. Jaques (von links). Bitte, HerrBaronk Löwenklau (den Mantel abnehmend). Nun, Jaques, wie steht es sonst bei iEuch? 39 Jaques. Gräßlich. Herr Baron — eine schauderhafte Wirtschaft, seit wir diesen neuen Grafen haben! Löwenklau. Ah. jenen rothen Demokraten? Jaques. Ja. Herr Baron, ein schöner, rother Demokrat das. der maltraitirt die arme Dienerschaft! — Drei Neufound- länder hat er sich angeschafft, bloß um sie auf uns zu Hetzen — und ich muß diese Viecher äußert führen und «Sie- zu ihnen sagen; den ganzen Tag geht er mit der Hundspeitsche im Haus herum, und haut Alles, was ihm in den Weg kommt! Löwenklau. Und Ihr duldet es? Jaques. Mein Gott. Herr Baron, bis jetzt war hier ein guter Dienst, und wir denken, wenn er einmal die Komtesse geheiratet — Löwenklau (erregt). Euphrofine? Jaques. So heißt es wenigstens. Löwenklau. Ha, dieser erbärmliche Parvenü! (Rechts heftiges Geklingel.) Jaques (nach rechts weisend, ängstlich)- Ah, er ist schon zurück aus der Reitschule! — Entschuldigen Sie, Herr Baron — ich muß eilen, sonst setzt es Hiebe! Löwenklau (im Eintreten links, entschieden). Nun denn, rasche Entscheidung! (Geht ab.) (Rechts noch heftigeres Geklingel.) Jaques Ja, ja — wärst Du doch lieber, wo der Pfeffer wächst! (Eiligst rechts ab.) Zweite Scene. Jaques, der gleich zurückkehrt, die Flügel« thüren öffnend. — Heraus tritt Hans in jokaiartig carikirtem Reitanzuge. Backenbart, sogenannte englische Lotelettes, die Haare sorgfältig in der Mitte abgetheilt, trägt ein Mo- nocle, welches er zeitweise benützt, und hält mit der Rechten eine Hundspeitsche. Sein Haar und Bart, früher roth, sind jetzt schwarz. Hans (der im Gehen die Füße nnS- einanderspreizt wie Liner, der lange zu Pferde gesessen — im Heraustreten roh herrischer Weise). Daß wir in Zukunft nicht zweimal läuten müssen, das sag' Ihm, sonst! — Apropos — am Tisch is eine Eigarr'n, g'legn — wo is sie — ich hoff' nicht, daß man sich an meinem Eigenthum vergreift! Jaques (abwrhrend). Aber Excellenz! Hans. Man wird das Maul halten — überhaupt bat in meinem Haus außer mir Niemand zu rauchen! (Mit seinem Schnupftuche die Luft zertheilend.) Puh — meine Nerven. — der Gruch! — Rein Sulzgries ! Man wird mit Patschuli aufspritzen! — Fühlen uns heut' ohnehin an- griffen — diese Trüffeln liegen im Magen! — Mein Kopf! — Und dieser Lärm von den Wägen! — Man wird vor m Haus aufstran lassen und die Behörde dazustellen — Wann man wo a Stroh sieht, weiß man wenigstens gleich, daß wer Hocher da logirt! Jaques (eilt schnellstens Mitte ab). Dritte Scene. Hans. — Sodann von links Löwenklau. Hans (selbstgefällig sich vor den Spiegel stellend). Doch ganz was anders, wann man ein Graf is — z'Mittag steh' ich jetzt erst auf nur daß ich die Morgenrötbe net sieh. Alles was roth ist, beleidigt jetzt mein Auge. d'rum Hab' ich mir auch meinen rothen Schnittling (aus Bart und Haar zeigend) schwarz färben lassen. Blaues Blut! — Aber ich Hab' das längst gewußt, denn so oft ich wo g'haut worden bin. Hab' ich immer blaue Fleck kriegt. — ein Beweis, daß ich schon von Geburt blaublütig bin. Um dieses Blut noch zu vervollkommnen, trink' ich jetzt am liebsten nix anders als Waschblau. Heut Hab' ich mich wieder geplagt! — Drei Stund' Hab' ich meinen Araber in der 40 Reitschul tanzen lasten — g'schwitzt hab'n mir Zwa als wie die Röster! — feine Gesellschaft beisamm! — Kummt mir aber nirgends ein anderer Kavalier auf — Allen thu' ich's z'vor! — Schießt Einer auf der Jagd an Hasen, schieß ich eine Kuh. — verspielt Aner fünfhundert Gulden, — verspiel ich tausend, fallt Aner amal vom Pferd, fall' ich zwamal — kurz, ich hau's Allen herunter — Heut' bin ich sogar dreimal h'nunterg fallen. (Zornig sprechend.) Doch da war Niemand Schuld als so ein dalketer Mensch, der g'rad über'n Weg gangeu is! Aber ich werde im Adelscafino beantragen, diese Fußgeher ganz abzuschaffen — die Leut', die keine Equipage hab'n, soll'n zu Haus bleib'n, was hat diese Bagasch' auf der Gasten z'thuo! — (Hat sich dem Tischchen rechts genähert. setzt sich und ergreift eine Zeitung.) Ah, das Salonblatt! Was bringt denn das Neues? — (Lesend.) Ah, diesen Chemiker Reinhold aus der Blum'schen Fabrik hab'ns mit einem Preßprozeß der- glengt — eine Schwurgerichtsverhandlung in Aussicht! — G'schiehtihm schon recht, diesem hochnäsigen Patron! — Nur einkasteln — dieses Volk glaubt grad, es is auch schon so viel wie Unsereins! (Sitzt lesend in einem hohen Fauteuil, so daß der eintretende Löwenklau ihn nicht sehen kann.) Löwenklau (erregtvon links auftretend, für sich). Also doch abgewiesen! — Und eines solchen Nebenbuhlers wegen?! — Doch will ich ihn züchtigen! — Er oder ich!! (An der Mittelthür tritt ihm Jaques mit dem Mantel entgegen; Löwenklau hängt den Mantel um und zieht die Capuze über die Mütze, indem er bei den letzten Worten zornig mit dem Fuße stampft und abgeht.) Hans (durch das Geräusch aufmerksam gemacht, wendet sich nach Löwenklau, ersieht ihn jedoch nur mehr von der rückwärtigen Seite.) Ah, ein Kapuziner?! — Bei wem muß denn der gewesen sein? — , Vierte Scene. Bon links Gräfin Weilberg mit Euphro- sine. — Hans. — Hierauf Jaques. Weilb erg (im Heraustreten zu Hans). Nun. wie befindet sich mein lieber Neffe? Hans (ausstehend). Ah, Sie, etivro Taut, und auch meine ekvrs Cousine! — Na, wie Sö heut' wieder aufdunnert sein! — (Nobel.) Das is schon der höchste Spinat! Weilb erg. Nun. heute, lieber Neffe, will ich ja zum Notar, um ihn auszuholen, wann endlich das Testament Ihnen Rang und Vermögen zusprechen soll. Hans. Gut, Schuster — ah gut, ctiörs Tant. Weilberg. Und nun, theurerNeffe, auf baldiges und höfliches Wiedersehen! Hans (der Gräfin die Hand küssend), öon jour ek^re Tant! (Euphrofine auf die Stirne küssend.) 6ber Oousin, a revoir! — (Bei Seite.) So küßt die Nobleß! Weilberg (im Abgehen zu Euphrofine). Der Tieger ist gebändigt! (Mit Euphro- sine Mitte ab.) Hans (ihnen nachsehend). Ha, — is da- ein Mädl, was sich g'waschen hat! — Wird sich sehr gut ausnehmen neben mir als Braut! — Wann ich dagegen z'ruckdenk' an mein früheres Verhältniß! — Welche Melanschiance — ah — Mesalliance! — Eine Excellenz und eine Wäscherin?! kl äone! — So ein gemeines Wort in einem gräflichen Maul?! — Ich muß niir's gleich mit'n Mundwasser! wegschwab'n! Jaques (eintretend). Excellenz, es find Leute draußen, welche bitten, vorgelaffen zu werden! Hans. Was für Leut'?! — Ich kenne keine Leut' ?!—Für mich gibt - nur Nobleß! Jaques. Es ist ein steirischer Bauer mit seinem Weibe. Hans. Wird nix austheilt! Jaques. Sie wollen sich aber nicht abweisen lasten! 41 Hans. Keine Umständ'! —Nur hinauswerfen! Zaques. Sie sagen, Sie wären aus Felsenftein gekommen, um ihren Sohn hier aufzusuchen. Hans (bei Seite) Sapperment —mir scheint das sein meine sogenannten frühem Eltern! Die glauben wirklich, daß ich ihr Sohn bin, derweil bin ich a Graf; wahrscheinlich amal täuschelt wor'n! Zaques. Und mit ihnen ist auch ein Wäschermädchen! Hans (bei Seite). Die Kathi?! — Die is mir noch dazu abgangen — die hat weiter kein Maul! Ah was, ich werde als Kavalier sie ein für allemal in ihre Schranken zurückweisen. (Zu Zaques vornehm.) Die Audienz ist bewilligt! Zaques (Mitte ab). Hans. Ich werd' ihnen gleich zeigen, wo der Knofel wachst! Fünfte Scene. Durch die Mittelthürr Christof, einsteirischer Bauer, trägt ein großes rotheS Para- pluie unter dem Arme, mit ihm dessen Weib Ursula und Kathi. — Hans. Hans (hat auf den Tisch sich stützend eine imponirende Stellung angenommen). Kathi (nach Hans weisend). Ah, da is er ja — und wie vurnehm er ausschaut! — Za, wie geht denn das zu?! Christof und Ursula (ihre Arme ausspreizend, wollen ausHanS zueilen, einstimmig). Hansl!! Hans (abwebrend). Zurück, man beschmutze mich nicht, und vergesse überhaupt den Respect nicht, den man meinem Hause schuldig ist! Christof und Ursula (erstaunt). Ah! Kat bi. Ader Hans, das sein ja deine Eltern, die extra vom Land zu unserer Hochzeit kommen sein! Ursula. Za, kama san ma, Hansl! Hans. Zch verbiete mir vor Allem dieses Hanseln — wir sind nicht gewohnt — Christof. Aber Bua! Hans. Was, ich Bua? Kathi. Aber Hans, kennst uns denn nimmer? Christof. Z bin ja dei Voda! — Hans. Das könnte Jeder sagen! Ursula. Und i dei Muada, di Di mit Schmerzen gebnrn! Hans (vornehm herablassend). Ich werde Sie für diese Mühe entschädigen! Kathi. Aber Haus, das kann ja do net dei Ernst sein?! Hans. Man dutzt nicht einen Grafen, hat Sie mich verstanden? Kathi. Was, i soll net Du zu Dir sag'n — ja bin i denn net deine Geliebte — hast Du mir net S'Heiraten versprochen?! — Hans. Ist nun für die Excellenz ungiltig! Kathi. Und unser Kind? Hans. Gleichfalls ungiltig. Christof (dringt erbittert das rothe Parnpluie erhebend gegen Hans). Bua. i Han die — Hans (retirüend). Ein Attentat?! — Hinaus, oder ich rufe meine Domestiken! Christof. Du — Kathi (Christof zurückhaltend, wobei ihr Ursula ängstlich behilflich). Na, Herr Christof — lassen's ihn; a Mensch, der im dummen Hochmuth seine braven Wem, seine treue Geliebte, ja. der sein einziges Kind verläugnet, der is ja schlechter als das wilde Dich im Wald, und der verdient gar net, daß man auch nur ein Parapluie- g'stell an im zerschlagt! — Kummen's furt von da! — (Hat sich in die Mitte von Christof und Ursula gestellt und ihre Hände ergriffen.) Denn die Luft ist ja da verpest't! (ZuHansgewendet.) Ihnen aber, Excellenz. sag' ich, wer von Adel sein will, muß auch in" seiner Gesinnung adelig sein — aber so wie Sie handelt net der Letzte aus'« Volk — Und jetzt pfürt Jhna Gott. (Das Schluchzen unterdrückend.) Verzehren's Jhner Grafenkron' mit Gesundheit, und wann einmal über Sie die Vergeltung kummt. dann denken's an diese Stund', denken's an die Anzigen, die's aufrichtig g'mant hab'n mit Ihnen — Sö — So — So — Excellenz! (Mit Christof und Ursula Mitte ab.) Hans. So, draußen sein's! — Damit is die letzte Verbindung mit diesem nie- dergebornen Pack zerrissen, und ich bin ein ganzer gnädiger Herr! Sechste Scene. Jaques (von der Mitte, eine Korrespondenzkarte in der Hand haltend). Hans. Jaques (der das Lachen immer zu bekämpfen sucht). Excellenz — hahaha — eine — hahaha — (Auf die Karte weisend.) Hans. No? Jaques. Entschuldigen — hahaha — Excellenz — (Bricht in ein Helles Gelächter aus.) Hahahahahaha! Haus (der Jaques angesehen undunwillkürlich auch mit in das Lachen einstimmt). Hahaha! (Sich plötzlich unterbrechend, barsch). Aber was lacht Er denn so dumm? Jaques (das Lachen verbeißend). Verzeihen — Excellenz — diese Korrespondenzkarte. (Ueberreicht selbe Hans und geht auflachend schnell wieder Mitte ab.) Hahaha! Hans (die Korrespondenzkarte besehend). Ah, an mich! — Was muß denn da so Gspaßigs d'rin stehn, daß wir alle Zwo so lachen? Von wem is denn nur — die Unterschrift? — »Baron Löwenklau, Uhlanenlieutenant!« — (Geschmeichelt). Ah — gewiß eine Einladung zu einem Piknik. lesen mers! (Liest etwas mühsam.) „Mein Herr! Ich halte Sie für einen feigen Mann« — (Nimmt das Lorgnon, das er beim Lesen aufgesetzt, ab und spricht verwundert:) Für einen Feigenmann? Für einen Gottscheber, von 30 bis 60, auf grad oder ungrad? (Liest kopfschüttelnd weiter.) Ich halte Sie für einen feigen Mann, wenn Sie mir nicht Genugthuung geben, ich sage Ihnen nichts als Ka — Ka — nein, Kavalier heißt's nicht (wischend) ha — Kalbskopf!! — So was mir?! — Aber der soll sich g'freu'n! (Steckt die Aermeln wie zum Raufen auf.) Diese Schläg'! — (Sich besinnend.) Ja richtig, ich bin ja Graf — da gibt es nur B lut! (Läutend.) Jaques (unter der Mittelthüre erscheinend). Hans (schreiend). Man laufe schleunigst auf den Tandelmarkt und sehe, ob nicht einige abbanden gekommeneArsenal- kanonen zu haben find! Jaques (wieder Mitte ab). Hans (erbittert im Salon auf- und niederschreitend). Ich ein Kalbskopf — aber dieser Baron kriegt sogleich meine Karte, und extra mach'ich ein Eselsohr hinein, damit er sieht, daß ich selbst durt war! — Diese Blamage! Diese Unverschämtheit! Das ganze Haus weiß jetzt, daß ich ein Kalbskopf bin. Ich kann nur nit begreifen, daß die Post solche Karten annimmt undausgibt! (Sieht die Karte an.) Ah ja, da steht ja: »Die Post übernimmt keine Verantwortlichkeit für den Inhalt der Mittheilungen.« Ja. wann die Post keine Verantwortlichkeit übernimmt, dann kann freilich gar viel und mancherlei Vorkommen. Couplet. I. A Dam', so an die Vierzig bald, Schreibt an ein' Mann, der ihr sehr g'fallt: Wenn Sie auf mich woll'n reflectir'n, Gesteh' ich. ohne mich zu zier'n, Stets sittsam und jungfräulich war ich bis heut' — Aber die Post übernimmt ka Verantwortlichkeit! 43 2 . Krieg'» wir einmal jetzt wieder Krieg, Da ist uns sicher auch der Sieg. Denn neue Knöpf hat 's ganze Heer, Und auch sogar schon Wärndlg'wehr. Die soll'n, sagt man. losgeh'n stets zur rechten Zeit — Aber die Post übernimmt ka Verantwortlichkeit! 3 . Beim schwarzen Kopf ist jede Nachts Dringlichkeit — Aber die Post rc. 7 . Weil man von lauter Einbruch hört. So wird die Wache jetzt vermehrt. Und zwar gar um fünfhundert Mann. Die Gauner, die erwischt man dann Und garantirt is dann die Sicherheit — Aber die Post rc. Ein Preuße schreibt: Es jeht famos, Nu freu Dir Deutschland uf deev Loos, Det jroße Werk et is vollbracht. Nicht fruchtlos stund am Rhein die Wacht, Die Freiheit für Deutschland erwächst aus dem Streit — Aber die Post rc. 4 . 8 . Die Tramway hat ein G'such gebracht^ Daß man den Fahrpreis höher macht; Man debattirt so hin und her, Neigt sich schon zur Bewilligung sehr, Doch derfen's net anpacken d'WaggonS voller Leut' — Aber die Post rc. Ein'n Vätern schreibt ein junger Mann: Vertrauen s mir Ihre Tochter an. Ich führ' sie nur zum heutigen Ball Hinüber in den Sperlsaal; Wir vertreiben uns ganz anständig dorten die Zeit — Aber die Post rc. 5 . 9 . Ganz Frankreich ist im Augenblick Jetzt eine große Republik, Verloren Scepter und die Krön', Gestürzt der mächt'ge Kaiserthron, Napoleoniden verbannt alle Zeit — Aber die Post rc. Wenn auf dem Schlachtfeld hingerafft Ter Tod aus tausend Wunden klafft. Wenn Städte find zu Schutt verbrannt, Versöhnt man sich mit Schrift und Hand, Und der Friede wird g'schloffen für ewige Zeit — Aber die Post rc. 6. 10 . Von Rom ward so die Welt regiert. Doch jetzt die Herrschaft brechen wird. Und wann auch noch so d'schwarzen Herrn? Sich gegen den Geist der Neuzeit wehr'n^ 'S is aus mit der Macht und der Unfehlbarkeit — Aber die Post rc. Ein Eh'manv, der oft spät in d'Nacht Die Zeit so außer Haus verbracht, Schwört seinem Weiberl liebevoll, Er arbeit' fürs Gemeindewohl, Zwischenvorhang. — 44 — Siebentes Bild. 'Die Dekoration des ersten Bildes. — Dieses Bild ist durchgehend rasch zu spielen. Erste Scene. Dabette mit Jetti von links 3. Thme. Hieraus Isidor. Ba bette (in der Hand einen Pack Schriften im amtlichen Klagesormate). Nicht zum Aushalten is mehr in diesem Haus! Da schau'n Sie her, diesen Dinkel Vorladungen zu allen möglichen Bezirksgerichten; mit'n Schubkarren bringen Sie 's schon in's Haus! Zetti. Is also der junge Herr wirklich ein so scharfer Demokrat rvord'n?! Babette. Und ob scharf — der haut's noch dem Hans herunter; den halben Tag steht er vor m Spiegel und schreit so, daß ffchon die Polizei heraufgekommen is! Uije, -a kommt er g'rad,Sie werd'ns glei selber chär'n! Isidor (elegant, doch entschieden grell demokratisch gekleidet, von rechts 2. Thüre, unter Gestikulationen eine Rede haltend). Demokratische Brüder! Freiheit und Gleichheit! — Einigkeit und Kommunismus! — Nieder mit den Philistern! —Allgemeine Gleichberechtigung! — Ein Hoch dem Volke! Hoch, dreimal hoch! Babette (händeringend). Um Gottes willen, junger Herr, razens doch net so die Polizei! Isidor (den Stock über Babettens Haupte schwingend). Es lebe die Freiheit! Auf zum Zobel! Babette (bei derSchwingung des Stockes ousschreiend). Ah! (Zu Jetti.) Geh n wir, sonst erwischen wir noch alle Zwei unsere Schläg'! — Sie werd'n seg'n, der kriegt noch den spanischen Janker! (Mit Jetti Mitte ab.) Zweite Scene. Isidor allein. Isidor. Die Alte glaubt, ich bin wirklich so verrückt, derweil bin ich Demokrat aus Trotz, Demokrat aus Rache! — So lange mir mein Papa die Heirat mit meiner Minna verweigert, mach' ich ihm einen dummen Streich um den andern! Kurz, ich blamir' unsre Firma so, daß über den Namen Blüml a jed's Pintscherl auf der Gaffen z'lachen anfangt! Net ender gib i a Ruh', als bis unser Haus in Belagerungszustand erklärt is! Wann i früher in's Kaffeehaus kommen bin, hab'n die Marqneure schon meine Zeitungen gewußt, da haben's gerufen: Ah, der Herr von Blüml. Pferdefreund. Sport, Salonblatt, Modezeitung. Wann ich jetzt komm, da heißt's: Der Herr von Blüml, der Freimüthige, Volkswille, Fortschritt, die Freiheit! — So wechselt das im Leben, andere Gesinnung, andere Zeitung. Couplet. 1 . Ein Don Juan lebt in Saus und Braus, Halt Equipage und großes Haus, Man kann bei seinen Soiroe'n Stets »d' Wiener Elegante« seh'n; Auf einmal is der noble Herr Mit seinen Maxen ganz parterr' Und von der Eleganten ist bei ihm gar keine Spur, Es halt sich der Don Juanerer jetzt die «Allgemeine« nur. 2. Es hat mit Glück im Bürsenspiel Sich Einer schon erworben viel, D rum hat er nur. gereizt vom G'winn. Für'n »kleinen Capitalisten« Sinn. Doch plötzlich find die Course g'fall'n. Er soll die Differenzen zahl'n, 45 Da denkt er sich, ich Hab' mein Geld, das is mein schönster Trost, Und abonnirt sich nur gleich g'schwind auf d'nächste »Morpenpost«. 3. Das schwarze Heer im Kirchenstaat, Was viel im Druck geleistet hat, Geknechtet hier, geknechtet dort, Nur »Presse« war ihr Losungswort. Doch Rom selbst zeigt die alte G'schicht, Daß jeder Krug am Ende bricht. Denn aus ist s mit der Herrlichkeit, mit Bannfluch und Regier'», Jetzt können sie sich allesammt am »Wanderer* abonnir'n. 4. Für ihren Arthur ganz allein Schwärmt glühend heiß ein Mägdelein, Es ist an des Geliebten Brust Die »Gartenlaube« ihre Lust. Wie endlich sie dann Mann und Frau, Wird täglich mehr die Liebe flau,- Und kaum daß sich der Arthur hat auf Stunden nur empfohl'n, Laßt sie die Gartenlaube fall'n und sich den »Hausfreund* hol'n. o. Die Mariauka kommt vom Land, Hat schnell des Weibes Zweck erkannt; Beim Schwender, da is Maskenball, Tort findt's auch den »Herrn Korporal«, Doch hat sie sich, wie's öfter trifft, Zn sehr in den Corp'ral vertieft; Die Marianka kann net mehr jetzt gehn am Maskenball, Denn sie studirt jetzt Tag und Nacht »'s Familrenjournal«. Beschrieben find't man haarklein ihn Im »Polizei-Anzeiger« drin. Der Schnipfer liest sein konterfei, Und lächelt ganz verschmitzt dabei. Sagt dann zur hohen Obrigkeit: Empfehl'' mich Ihnen sehr. Und macht sich trotz Polizei-Anzeig g'schwind» »über Land und Meer«. 7. Man lest beinah' an jedem Fleck Jetzt Wazlaczek und Wondraschek. Sedla-, Czeroa-. Prazazek, »barock I^ist^* jedes Eck. Es scheint das schöne Wien bald gleich, Als wär'n wir schon im Slavenreich, Vielleicht erled'n wir mit der Zeit, daß irr der Wienerstadt Tie Deutschen nur mehr z'finden find wo in ein »Fremdenblatt«. 8 . Nichts kommt dem deutschen Jubel gleiche Man hofft ein großes, freies Reich, Auch Sachsen, Baiern miteinavd, Gibt Alles hin für's »Vaterland«. Doch Gottes Fügung mög' bewahr'n. Daß sie die Wendung nicht erfahr'». Es hat das liebe Vaterland der Bismarck confiscirt, Dafür dem armen deutschen Volk »d' Kreuzzeitung« octroyirt- (Sämmtliche in diesem Couplet genannte Zeitungen müssen schon zu Anfang des Bildes am Tische liegen, und im Couplet jede Zeitung bei der betreffenden Stelle dem Publicum gezeigt werden. Nach dem Couplet Isidor ab.) Dritte Scene. 6 . Wird irgend was gestohlen nur, Ist man dem Dieb gleich auf der Spur, Don links 3. Thür Blüml mit Nullin- ger. — Hierauf aus dem Hintergründe Ba- bette, ihr folgen Rastelbinder, einZwiebel- croate, in der Mitte Isidor, rechts und 46 Links je einen Vagabunden am Arme. Zum Schluß von der Mitte Hans im Kostüme des -vorigen Bildes, jedoch einen Ueberzieher darüber. Blüml (zu Nullinger). Dem Himmel sei Dank, daß der Prozeß einen so günstigen Ausgang genommen! Nullinger. Sie haben als rechtlicher Mann Ihre Schuld eingestanden, und die paar hundert Gulden, um die wir als Geschworene Sie gestraft haben, werden Ihnen Ha nicht weh' th n. Blüml. Und wenn es zehnfach mehr wäre. da ja doch diese Verhandlung eben Ler Glücksstein des wackern Reinhold ist. (Lärm von außen.) Nullinger. Was ist denn da wieder los? Badelte (eintretend, händeringend). Gott steh' uns bei — eine ganze Schwefelbande! Wir werden demolirt! (Jstdor mit den Vagabunden. Rastelbinder und Zwiebelcroat tret.n stürmisch ein.) Nullinger. Was ist denn das? Blüml. Mein Sohn in solcher Gesellschaft? Isidor. Servus, Papa! Nullinger (erblickt den Zwiebelcroaten, stürzt auf ihn zu und umarmt ihn). Ha, ein Zwiefelcrawat! Komm' in meine Arme, Bruderherz! Bad eite. Was? Ein Zwiefelcrawat Ihr Bruder? Nullinger. Als Geschworener bin ich von der Jury, er ist auch ein Juri, folglich sein wir Brüder! Isidor. Ja wohl, wir Alle find Brüder! (Zu seinen Genoffen.) Ihr seid im Hause des Föderalisten! Ihr habt's kein G'waud, wir haben für Euch Alle Gar- derob! Ihr habt's nix z'effen. wir haben reiche Tafel! Ihr habt's ka Quartier, wir haben 3 Empsangsalöne — kurz, Alles, was uns g'hört, g'hört auch Euch — es lebe der Kommunismus! Alle Genossen. Hoch! Blüml. Aber Jstdor! Isidor. G'schieht Alles nur, um mein Herz zu betäuben! — Wir Alle find Brüder! Babette (wuthentbrannt vorstürzend). Ha. ein Rastelbinder mein Bruder? Dieses Haus wird noch ein Zuchthaus! Jetzt is mir zu dick! Nicht eine Stund' bleib' ich mehr da! (Zu Blüml im höchsten Affecte, immer mit der Hand aus den Tisch schlagend.) Euer Gnaden, schreiben Sie mir mein Zeugniß,daß ich eine regierungsfreundliche Person bin, daß mir noch ein jedes Ministerium recht war, daß ich niemals — Blüml. Ruhig, Babette! (Zu Isidor.) Jstdor, laß diese Thorheiten, und von heute an magst Du frei nach deinem Herzen wählen! Isidor. Wirklich.Papa? Blüml. Es sei dieß mein erster Schritt zum wahren Demokraten! Isidor (zu seinen Grnoffen). Das Ra- dicalmittel hat gewirkt, ich dank Euch Kameraden herzlich für diese Maskerade! Babette, Nullinger und Blüml. Was. eine Maskerad?! Isidor. Freilich! Das sind ja meine lieben Freunderl n vom Brillanteugrund, die mir g'holfen hab'n meinen Papa zu bekehk'n! Und jetzt zu meiner Minna! Ein Hoch dem Papa, ein Hoch der Braut! Alle Genossen. Hoch! (Isidor stürmt mit seinen Genoffen ab und stößt auf den eben eintretenden Hans, den Alle im Abstürmen theils umarmen, theils bei Seite stoßen.) Hans. Ich bitt mir's aus. Net anrühren! Sapperment auslaffen! (Bortretend. entrüstet.) Diese kecke Bagage! Dieser Zwiefelgeruch! DieserRastelbinder-Odeur! Babette (Hans erblickend). Ui, die Excelleuz! Hans (sehr vornehm, herablassend, indem er Blüml auf die Achsel klopft). Nun, wie geht es ihm, mein lieber Blüml? Haben uns herabgelassen, Ihn zu beehren — wird auch kommen gräfliche Tante! Blüml (spöttisch). Ah, der Herr Graf wissen noch nicht — nun, Excellenz werden bald erfahren! Hans. Schon gut, mein lieber Blüml! wollen Zhm in Gnaden gewogen bleiben! . Vierte Scene. Aus dem Hintergründe treten Eichen mit Reinhold. Später Gräfin Weilberg, Euphrosine, Major Blüml, Rosa, Isidor mit Minna, Jetti, welcher Nullinger sogleich den Arm reicht, Kathi, Christof, Ursula, Löwenklau, Arbeiter. Blüml (Eichen mit Reinhold ersehend). Ah, die Helden des Tages! Hans (für sich). Ha, diese Rothen haben's wieder auslassen. O diese Schwurgerichte! Eichen (Blüml die Hand schüttelnd). Sie haben als Ehrenmann gehandelt! Blüml. Ich that nur meine Pflicht — Reinhold, können Sie mir verzeihen? Reinhold (Blüml die Hand reichend). Aus vollster Seele! Hans. Ich glaub', wann ein Graf da ist, sollt' man solches Volk gar net beachten! Eichen (lächelnd). Ah der Hans! Hans (barsch). Was Hans — nix Hans! (Verächtlich.) Bürgerliches Pack übereinand! Babette. Ha.diegnädigenHerrschaften kommen! Reinhold (zu Eichen). Möge diese Stunde eine vollkommen glückliche sein! Gräfin Äeilberg,Euphrosine, Maar B lüml, Rosa treten ein. Gräfin (im Eintreten zum Major). Ja, ja, dock die Beweise, Herr Major! Major. Wird Ihnen Herr Eichen, Reinhold's Erzieher, geben! Eichen (vortretend). Ja, Frau Gräfin, ich habe nach dem letzten Willen des seligen Grafen Reinhold zumVolksmanne erzogen — hier sind die Papiere! Gräfin (für sich). Meine Pläne durchkreuzt! (Hat die Papiere durchblickt, laut.) Wahrhaftig! — Nun, Herr Reinhold, ich ^begrüße Sie als meinen gräflichen Neffen! Hans. Aber, ellöre Tant, mir scheint. Sie machen ja schon wieder Einen zum Grafen?! Gräfin (entrüstet gegen Hans). Nun, und wer ist dann wohl jener Mensch? Hans. Mensch? Ich a Mensch? Diese Beleidigung! Gräfin (zu Babette vorwurfsvoll). Diese Täuschung hätte ich von Ihnen nicht erwartet! Babette. Was? Ich die hochwürdigste Excellenzgräfin getäuscht — wo ich in erlauchten Haus hochgräflichen Schinken mit gnädigstenTheegenossen? Das kann ich nicht auf mir sitzen lassen! (Zu Hans.) Reden Siejetzt: Haben Sie einen heimlichen Geldbrief kriegt? Hans. Ja, a Erbschaft von an weitspurigen Vettern! Babette. Sind Sie gebürtig aus Felsstein? Hans. Natürlich, mein sogenannter Vater is dort Nachtwächter! Babette. Heißen Sie Johannes von— Hans. Johannes von Nepomuk! Babette. Von Nepomuk!! — Mich trifft der Schlag! Und ich Hab' ihn für ein Adeligen g'halten! Nein, diese Schaod'! (Erbittert zu Hans.) Aber daran is nur Er Schuld! Ja, Er is a Tagdieb, Er is a Faulenzer, Er ist ein rother Hanswurst. Er —Er— Wühlhuber Excellenz — Er! (Stürzt wütheud tu den Hintergrund ab.) Kathi, Christof, Ursula (treten aus dem Hintergruud aus). Hans. Was, ich bin also kein Graf? Das gilt nicht! Das gilt nicht! Ich bin wieder Proletarier? (Erblickt Kathi.) Kathi! Kathi (freudig). Hans! (Umarmung.) Isidor mit Minna, Jetti und einige Freunde (treten aus dem Hintergründe rechts auf). Major (die Hände Reinhold's und Rosa's 48 iveinanderlegend). Kinder, seid glücklich, ich habe nun nichts mehr gegen eure Verbindung einzuwenden. (Zu Lichen.) Herr Eichen. Sie haben mich überwunden, ich glaube jetzt an die Freiheit! (AuS dem Hintergründe treten die Arbeiter, festlich gekleidet, deren einer ans einem Polster eine Preismedaille trägt.) Blüml (die Arbeiter ersehend). Meine Arbeiter hier im festlichen Aufzuge? Was soll das? Eichen. Herr Blüml, diese Fabrik hat nvf der Industrie-Ausstellung den ersten Preis errungen und Ihre Arbeiter überbringen Ihnen nun die Medaille! Blüml (erfreust. Was, meine Firma die Preismedaille? Eichen. Ja. und sehen Sie. das ist die rechte Auszeichnung, nach welcher die Bürger streben sollen, dann kinnen wir mit berechtigtem Stolze sagen: Wir Demokraten! Entsprechende Gruppe. Actus. Ende. Druck und Papier von L. Sommer Frid. Schnee und Eis? Es ist wahr, es fällt Schnee! (Er findet die Rechnung unter den Papieren.) Ah, da ist ja endlich die Rechnung. Sie ist richtiggestellt. Ich selbst habe die Hauptsumme geschrieben. (Unterzeichnet sie.) Hier, mein Herr, der Intendant Herrn von Ehampignac's zahlt nach Sicht. (Gibt ihm die Rechnung.) Joss. (nimmt sie). Zwischen uns, mein Herr, bedarf es keiner Schrift, das Wort genügt. (Sieht die Rechnung durch.) Schlafzimmer — Salon — im ersten Stock — Vorhänge — Quasten — Divans — Null, Null, Null — macht 5000, — (zählt weiter) drei, vier, zwanzig — zusammen 25.000 — dazu der Uebertrag von 10.000 Francs, macht — Frid. (für sich). 35.000 Francs! Es ist enorm! Und diese Tapeziere find nicht Millionäre! Joss. Summa Summarum also — halt, was ist das? Frid. Was denn? Joss. (liest nochmals). Summa Summarum — Constance! Frid. Was? — Was steht da? Joss. Sehen Sie selbst, — Constance! Frid. (nimmt die Rechnung, bei Seite). Welche Zerstreuung! (Laut.) Ganz recht, ich weiß schon, was das bedeutet. Es find Verse. — Ich dichtete — ein — ein Trinklied. Joss. Ah! Ein Trink — Frid. Freilich! Sie wissen doch, Constance — oder Constantia — das ist die Hauptstadt vom Capland — es heißt: »Es lebe vom Cap der würzige Wein, Constantia soll gepriesen sein!« (Er streicht aus.) Joss. Ah so, ja, ja! Frid. (bei Seite). Bin ich fein? — Was? (Laut.) Nehmen Sie. Joss. (nimmt die Rechnung). Genehmigen Sie, mein Herr, die Versicherung meiner vollkommensten Hochachtung! (Mit dem Lehrling Ritte ab.) Frid. Leben Sie wohl, Herr Joffeliu, leben Sie wohl! Zweite Scene. Fridolin (allein). Sapperlot, welche Vergeßlichkeit! Immer und immer verfolgt mich dieser Name Constance. Ueberall hör' ich ihn, überall schreib' ich ihn. (Setzt sich auf's Canaps.) So geht's — so geht's. Fridolin, wenn man sündliche Leidenschaften hegt! Du wagst zu lieben — und wen? Deine Cousine! Ist das deine Sittsamkeit, deine Schüchternheit, deine Bescheidenheit, derentwegen Dich alle Familienmütter pro- tegiren? die Dich zum Clavierlehrer für alle Mädchenpenfionate empfohlen hat? O Gott, o Gott, o Gott! Wenn ich mich mit einer Miene verrathe — wenn man dahinterkommt — (steht auf) dann verlier' ich alle meine Stunden. (Geht nach links.) Glücklicherweise besitz' ich eine seltene Geistesgegenwart. Meine Erklärung an den Tapezierer war sehr geistreich. Er hat keine Ahnung, was mir der Name bedeutet, dieser süße Name! (Seufzend.) O Constance! Dritte Scene. Fridolin. Constance (kommt durch die Mitte mit einem Kammermädchen, welche Spitzenstreisen'trägt, wie man sie zur Schonung der Möbel benützt. Sie hat das letzte Wort gehört). Const. Was beliebt? Frid. (bestürzt). Die Cousine! Const. Mir war, als hört' ich meinen Namen? Frid. (verliert den Kops). Wie? — Nein! — Ja! Ich meinte — es war — t * 4 Const. Was haben Sie denn, Cousin? — Ich habe mich getäuscht — was ist da weiter? Frid. (bei Seite). Was ist da weiter? — Da haben wir s! Eben hatt' ich meine ganze Geistesgegenwart — und jetzt — Const. Julie, tragen Sie das Uebrige in den ersten Stock. (Nimmt ihr einige Streifen ab, das Mädchen links ab.) Fried. Wenn Sie erlauben, liebe Cousine, so helf' ich Ihnen. Const. Schön, lieber Cousin! (Geht langsam nach demkanap«. Fridolin folgt ihr, i ndem er nach Art des Militärs mit ihr Schritt hält. Sie breitet einen Streifen rechts am Rückenkissen des Canapäs aus und befestigt ihn mit Nadeln, er thut dasselbe links.) Hoffentlich haben Sie meinen Auftrag nicht vergessen? Frid. (sich besinnend). Ihren Auftrag? Const. Ich sagte Ihnen, Sie möchten Pierre mit dem Wagen nach dem Bahnhof senden, zu dem Zuge, der um zwei Uhr ankommt. Frid. Ja, ganz recht! Ich Hab' es ausgerichtet. Erwarten Sie etwa meinen Cousin Champignac? Const. (befestigt einen Streifen an der rechten Armlehne des kanapes). Nein, ich erwarte eine Verwandte. Frid. (eben so an der linken Armlehne). Eine Verwandte von uns? Const. Don uns? Nein. Eine Verwandte von mir. Frid. Erlauben Sie, liebe Cousine, wenn es eine Verwandte von Ihnen ist, so ist es ja auch — Const. Doch nicht. Es ist meine Tante. Sie ist deßwegen noch nicht die Ihrige. Frid. Ah, eine alte Tante? Const. Nicht doch — eine junge Tante. Frid. (ungläubig). Tante? — Und jung? (Blickt auf, konstante ebenfalls, er blickt, ihrem Auge begegnend, schüchtern zu Boden.) Const. Gewiß — jung. Camille heiratete vor vier Jahren meinen Onkel, Herrn von Berville, der zweimal so alt war als sie. Frid. War? Warum war? Const. Weil er voriges Jahr in Nizza gestorben ist. Frid. Ah, sie ist Witwe? Const. Allerdings. Frid. Dann freilich — Const. Was meinen Sie? Frid. Dann wird sie wohl jung sein. Witwen find immer jung. Const. Meinen Sie? — Sie wohnte vier Jahre lang mit ihrem Manne inNiz- za. Wir verkehrten während dieser Zeit nur brieflich. Vor drei Tagen, nachdem sie eine Menge endloser Processe und Streitigkeiten hinter sich halte, kam sie endlich nach Paris. Sie suchte sogleich Herrn von Champignac auf, den sie nie gesehen hat. Frid. Ah, die Tante? Const. Allerdings. Ich habe mich während ihrer Abwesenheit verheiratet. Frid. Ach so! Coust. Sie traf ihn nicht zu Hause, erfuhr jedoch, daß ich augenblicklich in Me- lun bin, in meinem Landhause. Sofort schrieb sie mir: »Ich bin da, morgen besuch ich Dich.« (Man hört Wagengerassel.) Ist das nicht der Wagen? Frid. Allerdings. Const. Da ist sie! Frid. Was? Bei dem Schneegestöber? Const. Ei was! Sie ist resolut. Sie macht sich nichts aus dem Weiter. (Geht nach der Mittelthür. Man hört Kamille lachen.) Da! Hören Sie? (Breitet die Arme gegen Kamille.) So komm' doch, so komm' doch! Vierte Scene. Vorige. — Camille (tritt lachend rin). Cam. Ha, ha, ha! Gib mir einenKuß! Das ist schön, daß ich Dich habe! Ha, ha, ha! (Sie umarmen sich.) 5 Const. Bist Du denn närrisch, Camille? Was Haft Du denn? Cam. Ha, ha! Ich könnte mich todt lachen! Ich Hab' ein köstliches Abenteuer gehabt. Das versetzt mich in meine Mädchenjahre zurück. Denke Dir,. Constance, ein Herr — hahaha! (Ihr Lachen bricht kurz ab, da sie Fridolin sieht, der dumm lacht.) — Doch nicht Herr von Champignac? Conft. (lebhaft). O nein! Cam. (leise). Um so besser? Das wär' auch darnach! Conft. Ich erlaube mir. Dir in dem Herrn meinen Cousin vorzuftellen. Frid. Gnädige Frau, ich möchte Sie auch meine Tante nennen dürfen. Cam.(leisezuConstance). Der ist dumm? Conft. (eben so). Nur einfältig! (Zu Fridolin.) Sie sind wohl so gut, lieber Cousin, und sehen nach dem Gepäck? Frid. Sie machen mich zu glücklich, Cousine. (Mitte ab.) Fünfte Scene. Constance. Camille. Cam. Bloß einfältig? Nein, der ist dumm. — Eben so wie mein Herr — hahaha! Conft. Lache doch nicht immer! Erkläre mir, sprich, erzähle! Cam. Gut denn! Vorhin treff' ich auf dem Bahnhof, im Wartesaal, eine Dame meiner Bekanntschaft. Es ist eine Italienerin. Sie ist über die erste Jugend hinaus und häßlich — wie die Sünde. Dabei aber ist sie elegant und graziös und besitzt einen schönen Fuß und eine feine kleine Hand. Sie kennt genau ihre Vorzüge und Mängel. Darum verschleiert sie stets ihr Gesicht, Hand und Fuß aber weiß ste zu zeigen. Dabei kleidet sie sich mit einem Luxus, einer Eleganz, daß ich in meinem einfachen Reisekleide wie ihr Kam- merrnädcheu aussah. Wir fitze» kaumim Waggon — da kommt Plötzlich ein Herr an, ganz außer Athem, ganz verwirrt blickt er durch die Glasthür, öffnet, steigt ein und setzt sich der Italienerin gegenüber, sie mit den Augen verschlingend. Ich ahne ein Abenteuer. Wer ist der Herr? frug' ich sie auf italienisch. Ein überlästi- ger Geck, erwidert sie in derselben Sprache. Dabei merk' ich aber, daß er ihr gar nicht so zuwider ist, wie sie glauben machen will. Der Zug geht ab. Wir plaudern, wie eben zwei Frauen plaudern, aber italienisch. Der Herr spitzt die Ohren, verdreht die Augen, hört Alles, aber versteht kein Wort. So kommen wir zur Station. Wir steigen aus, er deßgleicheu. Ein Wagen erwartet meine Italienerin und sie bietet mir einen Platz darin an. Ich steige ein, sie gleichfalls, und mein Herr macht offenbar Anstalten hinten aufzusteigen. Da kommt mir im Uebermuth ein toller Einfall. Ich beuge mich nachlässig zum Wagenschlag, lege den Finger auf den Mund und deute auf drei große Pappeln, die da unten am Fluß im Winterfrost zittern. Er versteht mich — macht mir ein bejahendes Zeichen und stürzt strahlenden Antlitzes querfeldein. auf die Pappeln zu. — Da brech' ich los mit tollem Lachen. Meine Italienerin lacht mit, aber ihr häßliches Gesicht sieht so komisch dabei aus, daß ich darüber noch mehr . lachen muß. (Sie lacht fort.) So unter fortwährendem Lachen kamen wir unten an der Thür dieses Hauses an. Da steig' ich aus und sag' ihr Adieu. Dabei blick' ich nach den Pappeln am Fluh. Da steht richtig mein Herr — die Hände in den Taschen, den Hut tief in s Gesicht gedrückt, den Nasenwärmer hoch, hoch in's Gesicht gezogen — er wirft uns Kußhände zu und springt dabei, damit wir ihn sehen sollen, hoch in die Lust. (Bis zu Lhränrn lachend.) Hahaha! O Gott, o Gott! — wie thut mir die Brust weh, so zu lachen, hahaha! Ich kann nicht mehr! (Fällt immer lacheod in'S Tarup«.) 6 Const. Du bist noch ganz die Alte an Ueberrnuth und Humor! Cam. Es wäre mir auch leid, wenn ich's nicht wäre. Sonst, (schaut durch s Fenster). Wahrhaftig — mir ist, als säh' ich Jemand durch den Nebel! — Ich glaube gar, er schleift, um sich zu erwärmen. Cam. Vielleicht fällt er hin — haha — dann rufe mich — das möchte ich sehen! Const. (kommt nach rechts vorn, nimmt einen Sessel und setzt sich zwischen Kamin und Lanape). Nun — lassen wir den Herrn und sprechen wir von Dir. Ich will hoffen, Du hast diese weite Reise — Cam. In dein Sibirien — Const. (sortsahrend). — nicht gemacht, um heute Abend wieder abzureisen. Cam. O nein, ich bleibe drei Tage bei Dir. Const. Ah, das ist hübsch von Dir. Wir kehren dann zusammen nach Paris zurück. Cam. Das ist schön. Sechste Scene. Vorige. Fridolin. (Eine Kiste und einen Reisesack in jeder Hand. Mit ihm zwei Diener, welche Reisegepäck tragen.) Frid. Liebe Cousine — Const. So viel Gepäck hast Du bei Dir? Cam. Nur drei Kisten, die brauch' ich. Wer weiß, was hier pasfirt. Vielleicht verdreh' ich dem Herrn den Kopf. (Zeigt aus Fridolin, der mit dem Reisesack vorkommt.) Frid. Mir? Const. Seien Sie so gut, Fridolin, und lasten Sie das Alles hinaufbn'ngen. Frid. Zn das Zimmer derFrauTante? Ans der Stelle, schöne Cousine, auf der Stelle! — Ach, Sie machen mich zu glücklich ! (Ab mit den Dienern links.) Const. Ich danke Ihnen. Siebente Scene. Camille. Constance. Const. So — nun sind wir ihn los! Cam. Fridolin also heißt dieser dumme Herr? Const. Ja — er ist ein Detter vom Lande! Cam. (setzt sich). Und er betet Dich an. Const. Der? Cam. Das ist doch klar. So etwas merk ich gleich. Ich habe freilich mein Leben damit verbracht, die Liebe Anderer zu beobachten, da ich für meine Person nie Gelegenheit zu ähnlichen Beobachtungen gehabt. Const. Es thäte mir leid, wenn Du Recht hättest. Aber Du bist doch nicht von Nizza gekommen, um über Fridolin mit mir zu sprechen? Plaudern wir von Dir — das interestirt mich weit mehr — und Du hast mir gewiß viel zu erzählen. Cam. Nun, Liebe, -Du weißt — ich bin Witwe und mein Leben fängt wieder von vorn an. Const. Und ich bin verheiratet — und bei mir ist's aus mit dem Leben. Cam. Du bist besser d'ran als ich. Du hast einen bestimmten Lebenszweck und Inhalt. Du hast einen Mann. Das kann schlimm sein — kann aber auch gut sein — jedenfalls weißt Du, wo Du hingehörst. Aber ich. mein Herz — ich bin Witwe — eine Frau, die verheiratet gewesen — das ist zu viel, und die es nicht mehr ist — das ist nicht genug. Ich schwebe in der Luft. Wenn ich denke, daß ich einen Mann hatte — schaud're ich und freue mich, daß ich ihn nicht mehr habe — und doch Hab' ich Lust, mir einen zweiten zu nehmen— das ist ein schrecklicher Zustand. 7 Const. Nun. deine erste Ehe war doch nicht unglücklich? Cam. O nein, mein Mann war ein vortrefflicher Mensch — wenn er nicht zu Hause war — von seltener Liebenswürdigkeit gegen die Frauen anderer Männer — voll Herz — aber nicht gegen mich— voll Geist — in großer Gesellschaft. Sonst war er leichtfinnig, launisch, herrisch, liederlich! Aber er ist todt — und Du kennst das Sprichwort: den Todten soll man nur Gutes nachsagen. Const. So warst Du also unglücklich? Cam. Wie hält' ich's nicht sein sollen! Drei Viertheile des Tages war ich allein — ohne Kind — ohne Verwandte — ohne Freunde — vernachlässigt, verlassen um solcher Frauen willen, die tief unter mir standen. Alles Hab' ich versucht, um mich zu zerstreuen — ich stickte, ich spielte' Clavier, sang, zeichnete — Alles umsonst! Endlich kam ich glücklicher Weise in mein eigentliches Fahrwasser — ich fing an Komödie zu spielen. Eonst. Komödie zu spielen? Eam. Allerdings, die Salonkomödie kam in Mode in Nizza — wir wollten es Euch Parisern nachthun. Ich spielte die Soubrettenrollen —und mit Glück. Selbst Herrn von Berville, meinen Gatten, berauschte der Lampenduft — er fing eben an sich in seine Frau zu verlieben — da starb er in seinen besten Vorsätzen. (Pause.) Dein Schicksal scheint übrigens viel Ähnlichkeit mit dem meinigen zu haben. Dein Mann taugt sicherlich auch nicht viel, da er Dich hier mitten im Winter auf dem Lande allein läßt. Const. (lebhaft). Da siehst Du, wie leicht man falsche Schlüsse zieht. Ich selbst habe diese Entfernung vom Hause gewünscht. Cam. Es ist dein Wunsch, Dich hier m der Kälte zu begraben? Const. Allerdings. Cam. Mit Fridolin — Unglückliche! Const. Allerdings mit Fridolin. Cam. (saßt sie bei der Hand). Ihr habt Euch gezankt? Erzähle mir das! Const. Wir haben uns nicht im Mindesten gezankt. Ich liebe meinen Mann, er liebt mich — meine Ehe ist sehr glücklich, zu glücklich vielleicht! . Cam. Zu glücklich? Wie denn das? Const. Wie soll ich Dir's erklären? Es ist keine rechte Abwechslung in unserem. Ehelehen. Da ist Alles so regelmäßig, so einförmig, Alles geht nach der Schnur. Cam. Ah, wie auf den neuen Pariser Boulevards, nicht? Sie sind sehr schön, diese stolzen Häuserreihen—aber lang — lang — und entsetzlich einförmig! Const. So ist's! Cam. Die Straße ist glatt und eben, es geht sich vortrefflich darauf. Alles ist schimmernd, glänzend, reizend. Den Schatten im Grünen aber spendet immer nur das nämliche kleine Bäumchen, das Licht strömt immer und ewig von dem unvermeidlichen Gascandelaber. Const. Du triffst es! Cam. Und doch bist Du undankbar. Du würdest besser von deiner Ehe sprechen, hättest Du die Erfahrung der meini- gen. Vergleichst Du dein Leben mit einer durch Gaslicht erhellten Straße, auf meinem Lebenswege stiftete kaum eine Oel- flamme ihr kärgliches Dasein. Const. (lebhaft). Du thust mir unrecht, Camille. Ich beklage mich ja nicht ob meines ruhigen Glücks. Im Gegentheil, die Sicherheit, oder wenn Du willst, Einförmigkeit desselben ist mir süß! Im Grund meinesHerzens schmeichle ich meinerLiebe, wie eine Mutter ihr Kind liebkost, ohne je Ermüdung oder Abspannung zu fühlen. Wohl bleibt es immer dasselbe Kind und dieselbe Zärtlichkeit, aber täglich erscheint es der liebenden Mutter neu, denn von Tag zu Tag wächst das geliebte Kind. So wächst auch täglich meine Liebe. Cam. Ja, wie verstehe ich dann — Const. Ich bin glücklich — aber mein Mann — 8 Cam. (lebhaft). Ah — jetzt bin ich im Klares! Sonst. Wie? Cam. Ich bin im Klaren, sag' ich Dir — Du brauchst nur zu antworten. Dein Mann ist oft zerstreut neben Dir — nicht wahr? Const. Sehr oft, ja! Cam. Er hat keine Ruhe — den ganzen Tag ein ewiges Kommen und Gehen! Const. Ja. Cam. Früher kniete er vor Dir auf dem Teppich und fand ihn so weich und schmiegsam. Const. O, er kniet auch jetzt noch zuweilen. Cam. O ja, aber er kniet nicht mehr auf dem Teppich, er holt sich erst einen Fußschemel — Const. Das ist wahr! Cam. Das Essen findet er bald zu heiß und bald zu kalt? Const. Ja — das findet er täglich. Cam. Und dann — er gähnt? Const. Ja. Cam. Und dabei wiegt er sich auf den Füßen hin und her und legt die Hände in den Nacken — so? (Macht es ihr vor.) Const. Ja! Cam. Dein Mann ist krank. Const. (erschreckt). Krank? Cam. Er hat — die Flattersucht. Const. Die Flattersucht? Cam. (erhebt sich). Ja — eine schreckliche Krankheit — die Flattersucht! Const. (eben so). Mein Gott — was ist denn das? Cam. Armes Kind, das war die Krankheit meines Mannes. Const. (erschreckt). Und er ist daran gestorben? Cam. O nein, im Gegentheil! Er hat davon gelebt. Sie hat ihn nicht einen Tag, nicht eine Stunde während der fünsJahre unserer Ehe verlasse«. Und von ihm selbst Hab' ich den Namen und die Natur seiner Krankheit erfahren. — Flattersucht oder Wandelfieber. Die Symptome der Krankheit find die folgenden: Die Männer fühlen plötzlich das Bedürfniß, Abwechslung in ihre Beschäftigungen zu bringen, Aufenthaltsort, Geschmack, Gewohnheiten zu ändern; — sie geben die gewohnten Gesellschaften auf, um neue zu suchen. Sie werden lebendige Kaleidoskope, die Gruppe ist langweilig, gefällt mir nicht — man schüttelt, man dreht — neue Gruppen bilden sich. Ich lenke deine Aufmerksamkeit auf diese Bildung neuer Gruppen. Const. Und Du glaubst, daß mein Mann — Cam. Ach, mein liebes Kind, die Flattersucht ist für junge Ehen, was die Masern bei kleinen Kindern find. Gerade die gesündesten sind am meisten gefährdet. Es treten beim Mann plötzlich Anzeichen einer unerklärlichen Unruhe ein, der Kopf brennt ihm, er will ersticken in seinem Zimmer, wo er sich gewöhnlich so wohl befand. Das ist ein schwacher Anfall der Krankheit: »Die kleine fliegende Flattersucht.« Den Tag darauf läßt er sagen, daß er nicht zu Tische kommt: »Die bösartige Flattersucht.« Den dritten Tag kommt er Nachts um 3 Uhr erst nach Hause: »Hitzige Flattersucht mit Rückfall, Fieber und Jrrereden.« Const. Aber was ist denn die Ursache dieser schrecklichen Krankheit? Cam. Die Ursache ist sein Glück. Du sagtest vorhin ganz recht — er ist zu glücklich. Sein Glück ist ihm gesichert, heut' wie gestern und morgen me heut'. Er kann fich's bequem machen in seiner häuslichen Behaglichkeit wie in einem Fauteuil. Das erste Mal, daß der Mann dessen ione wird, ruft er aus: Ach, wie herrlich, so warm und weich zu fitzen! Es kommt aber der Tag. wo er sich gar nicht mehr über dieß Behagen verwundert, wo es ihm ganz selbstverständlich, ganz natürlich erscheint. Daun begnügt er sich nicht mehr. Dir zu sagen: »Süßes Kind, wie lieb' ich Dicht« Nein, jetzt heißt's 9 zwar auch noch: »Ich liebe Dich, mein Kind,« daun folgt aber regelmäßig, wie der Refrain in einem Liede, der Zusatz: »Aber es ist schon fieben Uhr, gehen wir denn noch nicht zu Tische?« — Und es ist nicht einmal etwas Besonderes dabei, es ist wahr, Ihr speist gewöhnlich um fieben Uhr und er lügt auch nicht, er liebt Dich wirklich — Du hast also in Wahrheit gar keine Ursache zur Klage. Const. Wahr, wahr — und dennoch fühl' ich mich unglücklich! (Sie setzt sich aus's Canaps.) Com. (tritt zu ihr). Ich verstehe Dich, liebe Freundin. Die Gasflamme leuchtete zuletzt bleicher als sonst? Nicht? Die Versicherungen seiner Liebe wurden etwas matter? Const. Etwas — ja! Cam. Und dann? Const. Dann hat'ich Kummer, während ich allein war, und erwachte des Morgens mit rothgeweinten Augen. Ich wurde häßlich! Als ich das bemerkte, faßte ich einen heroischen Entschluß. Ich bin auf vierzehn Tage hierher gereist — in die Einsamkeit, unter dem Vorwände, für den Sommer dieß Landhaus in Stand setzen zu lassen, welches mein Mann gekauft hat, ohne es nur zu sehen. Cam. Nicht übel! — Und er hat Dich ruhig reisen lassen? Const. Ja. Cam. Und was hoffst Du von diesem Wiktterfeldzuge? Const. Ich hoffe, daß mein Mann jetzt, wo er allein ist, tune werden wird, daß seine Behaglichkeit durch meine Abwesenheit doch etwas gestört ist, und daß seit meiner Abreise seinem Leben die Blume und der Duft fehlen. Cam. Du willst ihn moralisch aus- hungern? Const. Wenn Du es so nennen willst. Cam. Das Mittel wäre gut, aber es ist in diesem Falle nicht gut angewendet. Const. Warum? Cam. Wenn er daheim etwas vermissen soll, dann müßte er auch daheim bleiben. Const. Nun, er ist doch — Cam. Er ist nie zu Haus. Ich war zu verschiedenen Tageszeiten in deiner Wohnung, ich Hab' ihn nie gesehen. Const. Da siehst Du's, er langweilt sich allein. Cam. Ja — und amusirt sich unterdeß anderwärts. Const. Ja, was hätte ich denn thun sollen? Cam. Du hättest ihn so behandeln sollen, wie ich Herrn von Riverol behandle. Const. Herrn von Riverol? Cam. Ah, welche Unbesonnenheit! Ich Hab' mich verschnappt und bin nun moralisch gezwungen, zu bekennen, daß ein Herr von Riverol existirt. — Und dämm Vertrauen gegen Vertrauen: Herr von Riverol ist ein liebenswürdiger Mann, etwas toll und heftig, aber bis über die Ohren verliebt — sieh mich nicht an, sonst werd' ich roth — ein Officier, den ich in Nizza kennen gelernt und der seit fast einem Jahre sich alle Mühe gibt, mir den Witwenstand zu verleiden. Er liebt mich und die Wahrheit zu sagen, ich glaube, ich liebe ihn auch — sieh mich doch nicht an. — Nun, dieser liebenswürdige junge Mann war so unverschämt, mir ohne Er- laubniß nach Paris zu folgen. Er hat übrigens ganz recht daran gethan, denn ich erwartete es so, und daß er es that, hat ihm meine ganze' Achtung gewonnen, aber — Const. Es ist eia Aber dabei? Cam. Wie bei allen Dingen. Aber ich weiß nicht, ob Herr von Riverol — Du kannst mich jetzt schon ansehen, ich bin einmal im Bekennen d rin und werde jetzt nicht mehr so leicht roth — ob Herr von Riverol eifersüchtig ist, ob er sehr eifersüchtig ist? Davonhangt meine Entscheidung ab, denn wenn er sehr eifersüchtig ist — 10 Const. (steht aus). Dann heiratest Du ihn nicht? Cam. Im Gegentheil — dann Heirat' ich ihn auf der Stelle. Const. Und der Grund? Cam. Nun, wenn ich einen zweiten Mann nehme, dann soll es einer sein, der sich nur mit mir beschäftigt. Bei einem eifersüchtigen lauf' ich keine Gefahr. Const. Wenn er sich nur nicht zu viel mit Dir beschäftigt! Cam. Darin gibt es kein Zuviel! Const. Also Du hast noch nicht die Gewißheit? Cam. Noch nicht, aber heut' oder morgen werd' ich sie erlangen. Heute früh bat ich um seinen Besuch. Ich sagte ihm dabei ungefähr Folgendes: Ich verreise auf drei Tage, den Grund kann ich Ihnen nicht sagen, auch das Wohin? ist ein Geheim- niß. Zu wem? Auch das muß ich verschweigen. Erwarten Sie mich ruhig in Paris, wenn ich zurückkomme, wollen wir dann über die Verlobungsanzeige sprechen — Const. Nun? Cam. Nun, begreifst Du denn nicht? Wenn er wirklich eifersüchtig ist, dann ist er mit demselben Zuge abgereist wie ich, und er weiß jetzt bereits, wo ich bin. Const. Und wenn er Dir nicht gefolgt ist? Cam. Wenn er mir nicht gefolgt ist, dann heirate ich ihn nicht, trotz der zärtlichen Fürsprache dieses kleinen Herzens. Meinst Du, ich gestatte meinem Manne eine so unbedingte Sorglosigkeit? O nicht doch! Was glaubst Du denn, was ein Mann thut, der seiner Frau nicht nach- läuft? Nichts Anderes, als dieß: Er läuft anderen Frauen nach. Const. Du räthst mir also — Cam. Still! — da ist Fridolin! Achte Scene. Vorige. Fridolin (durch die Mitte). Frid. Alles ist in Ordnung. Ich habe die drei Kisten der gnädigen Frau in ihr Zimmer hinaufgeschafft — ich selbst — eigenhändig. Cam. Dann dank' ich Ihnen, lieber Herr — ich selbst — eigenhändig. Frid. Liebe Cousine. Herr von Ville- don hat seine Karte abgegeben — hier! Const. Ah! Cam. Was ist? Const. (verlegen). O nichts. Es ist ein Herr aus der Nachbarschaft, der sehr schöne Glashäuser besitzt, nicht wahr, Cousin? » Cam. (bei Seite, sie ansehend). Und sie wird roth darüber? Frid. Er hat anfragen lasten, ob Sie diesen Abend Besuch empfangen, Cousine? Const. (lebhaft). Nein! nein! Diesen Abend nicht! Kommst Du mit, Camille? (Links ab.) Cam. (bei Seite). Wie es scheint, hat sie mir nicht Alles gesagt und die Flattersucht herrscht auch auf dem Lande. (Folgt ihr.) Neunte Scene. Fridolin, dann Champignac. Frid. (folgt Camille mit den Augen). Auch eine hübsche Frau! Nun fiud's zwei! Fürchterlich! Wie wird das enden? (Geht nach dem Kamine.) Champ. (durch die Mitte, ohne Fridolin zu sehen. Er hat den Rockkragen in die Höhe geschlagen, den Hut tief in'S Gesicht gedrückt, den Nasenwärmer hoch über die Nase hiaaus- gezogen, beide Hände in den Taschen, kommt schweigend nach vorn). Was war die Ab- 11 ficht dieser Frau? Warum gab sie mir das Rendezvous unter den Pappeln? Hab' ich falsch verstanden? Zum Glück bemerkteich von fern dieß Landhaus, dessen Gastfreundschaft ich jetzt in Anspruch nehmen will. Ich sehe zwar Niemand, weder Herrn noch Diener, aber gleichviel, ich setze mich fest. Den Teufel auch, ich Hab' es satt, da draußen im Schnee Entrechats zu schlagen und alle Touren des Schlittschuhballets aus dem »Profeten« durchzuprobiren. Eine Mordkälte! (Schüttelt sich, gleich darauf lustig und lebhaft.) Bei alledem ist die Geschichte köstlich, reizend, höchst originell! Ich finde plötzlich ein Haus, das offen steht, verlassen ist und — geheizt! Das ist das Edelste daran! Glück zu, Champi- gnac! Das ist das Leben, wie Du es immer träumst! Nichts im gewöhnlichen Geleise der Regelmäßigkeit, der Wahrscheinlichkeit — Alles auf den Zufall gestellt! Auf die Laune des Augenblicks, auf die Ucber- raschung, auf das Plötz — (stößt, sich dem Canapö nähernd, mit dem Rücken an Fridolin, der aufsteht) Plötz — Bitt' um Verzeihung, mein Herr! Frid. (erschrocken). Ah! Champ. Fridolin! Frid. Ehampignac! Champ. Was der Kukuk — Du bist hier! Du? Frid. (verdutzt). Ja — ich — eigenhändig! Champ. Das ist ja reizend! Was machst Du denn ist dieser Gegend? Frid. In dieserGegend? Ja, ich wohne ja hier — in Melun. Champ (springt). Was? — Melun? Frid. Na freilich, wo denn sonst? Champ. (entzückt). Ah, das ist köstlich! Ich bin in Melun? Frid. Ja, wußtest Du das nicht? Champ. (heiter). Keine Idee, mein Lieber! Ich bin ausgestiegeu, weil sie aus- stieg. Ich Hab' wohl den Conducteur so was rufen hören, wie M'lun, M'lun! Aber ich hatte in diesem Augenblick keine Ohren, ich hatte nur Augen für sie, nur das Verlangen, ihr zu folgen, bis an's Ende der Welt. Ich hatte mein Billet M nach Lyon genommen. — Ja, ist es denn möglich? Nein, 's ist nicht wahr, ich bin nicht in Melun! Das wäre zu komisch! Frid. (vorkommend). Ader Du bist ja. bei Dir — in deinem eigenen Landhause! Champ. Bei mir? Frid. Gewiß! Champ. Ich bin in meinem eigenen — Ah. das ist ja köst — Ja, dann ist ja meine Frau hier? Frid. Freilich — oben! Champ. (sehr lustig). Ah. das ist zu köstlich! (Geht nach rechts.) Das nenn' ich mir Aufregungen! Das sind doch Ereignisse, die Einem Wallungen machen! Das ist plötzlich! Das überrascht! Das packt! — Aber welche Poesie! Wie reizend phantastisch! Das ist das wahre Leben, Champignac! Doll Leidenschaft, voll Feuer! Das ideale Leben! Du bist nicht, mehr die Schnecke, die trag' am Boden hinschleicht, Du bist der Vogel, der die Lüfte durchsegelt nach der Laune des Windes, nach dem Wind deiner Laune! Du weißt nicht, woher Du kommst, wohin Du gehst — wo Du bist! — Das ist göttlich! Frid. Wie? Du weißt nicht? Champ. (ernsthaft). Hol' mich der Teufel, ich hatte keine Ahnung. Frid. So kommst Du nicht zum Be» such — Champ. Meiner Frau?— Warum nicht gar! So tief bin ich nicht gesunken! Drei Viertel auf Eins in Paris abfahren, um pünctlich drei Viertel auf drei meiner Frau einen Kuß zu geben — wie bürgerlich! wie gemein! wie gewöhnlich! Bin ich eine Maschine, ein Automat? Ich bin em freies Wesen, ein selbstständiger Organismus ! Ich folge dem freien Triebe meiner Phantasie! Ich bin kein Mann nach der Uhr! 12 Frid. Ah! Champ. Im Gegentheil! Ich war in einem Kaffeehaus am Boulevard eben im Begriff zu frühstücken, da seh' ich durchs Fenster eine verschleierte Frau vorübergehen, der ich schon in den Champs Ely- sö's einmal begegnet bin. — Es war das Werk eines Augenblicks — noch nüchtern und mit bloßem Kopf stürz' ich ihr nach, lasse mir kaum so viel Zeit, im ersten besten Laden im Fluge einen Hut zu nehmen, hole die Unbekannte endlich auf einem Dmnibus-Warteplatz ein, klettre auf den Wagen, komme mit ihr zugleich im Bahnhof an, fahre in demselben Waggon wie sie — steige mit ihr zugleich aus, ohne zu wissen wo, auf eine zweifelhafte Handbewegung, die heißen kann: Erwarten Sie mich, die aber auch bedeuten kann: Gehen Sie zum Teufel! stürz' ich nach dem zuge- srornen Flusse, lasse mich eine Stunde durchfrieren, schlüpfe endlich, weil ich's vor Zähneklappern nicht mehr aushalte, in das erstbeste Haus und bin — wo? — In meinem Hause, der letzte Ort, an den Ich gedacht hätte, bei wem? — bei meiner Frau, die letzte Person, die ich zu finden Heglaubt — siehst Du, mein Junge, das ist apart, so besucht man sein Landhaus und seine Frau, wenn man kein prosaischer und gewöhnlicher Geist ist! (Legt seinen Paletot aus den Fauteuil rechts.) Frid. Nein — wirklich? Champ. Er begreift mich nicht, der Provinz-Philister! Frid. Als ich das letzte Mal in Paris war, warst Du ja aber ein ganz anderer Mensch, Alles ging regelmäßig bei Dir zu. Du kamst nach Haus, um zu Hause Lu sein, Du umarmtest deine Frau, weil Du sie eben umarmen wolltest. Champ. Damals lag die Poesie noch ringepuppt in meiner unschuldigen Seele, damals watete ich noch in dem schmutzigen Morast des häuslichen Lebens. Das Lächerlichste bei der Sache war aber, daß ich damals glaubte glücklich zu sein? Ja ich pries täglich und stündlich mein Glück! — Glück?! Lächerlich! Ich war nicht glücklich, Fridolin, vernünftiger Weise konnte ich es ja auch nicht sein. Frid. (fällt vor Schreck aus den Puff). Ah! Champ. So denke doch nach, Unglücklicher! Was verschönert denn unser elendes Erdendasein? ' Frid. (zuckt die Achseln). Ja — Champ. Besinne Dich nicht! Es gibt nur eine Antwort auf meine Frage! Die Poesie! Frid. So sagt man. Champ. Nein, Fridolin, so sagt man leider nicht. Man sagt es wenigstens lange nicht oft genug. Wo ist denn nun die Poesie zu finden in diesem langweiligen häuslichen Leben? In diesem Ehegespann, welches ruhig und sanft seinen kleinen Trab geht? Bei dem von vornherein alle Stationen festgesetzt find? Jetzt wird ge- frühstückt, jetzt speist man zu Mittag, jetzt geht man zu Bett. Wo bleibt dann das Unverhoffte, der Zufall? Da wird immer zur selben Stunde der Tisch gedeckt, das Feuer angezündet, das Bett gerichtet! — O nein, dieß Leben genügt nicht den Bedürfnissen einer höheren, poetischen Seele — wie sie mir zu Theil geworden. Frid. Dir? Champ. Ja mir. Constance's Abreise hierher auf's Land öffnete mir auf einmal die Augen! Zum ersten Male seit meiner Verheiratung war ich allein. Herr meiner Zeit und meiner Handlungen. Ich besuchte meine Freunde, lustige Gesellen, flotte Jungen, welche mein puritanisch eingezogenes Leben bis jetzt von mir entfernt gehalten. Und einmal der Zügel ledig, gab ich den kleinen Ehetrab auf, ich versuchte Galopp zu laufen, ich habe gespielt, lustig soupirt, hie und da auch einmal wohl einen kleinen Spitz — das ist nothwendig, Fridolin. Hippokrates verordnte alle vierzehn Tage einmal einen tüchtigen Rausch. Das ist gesund. 13 Frid. Aber — Champ. Es ist gesund, mein Junge! Das reinigt das Blut, wirkt wohlthätig auf die Galle. Merke Dir's ja: alle acht Tage einen gemüthlichen Rausch. Frid. Alle vierzehn Tage. Ehamp. Nein, alle acht Tage. Frid. Hippokrates hat nur verordnet: alle vierzehn Tage. CH am ff. Recht, ganz recht! Zu seiner Zeit war das genug. Aber heutzutage, wir mit unserer kränklichen Nalur müssen die Cur verdoppeln. Frid. (steht aus, geheimnißvoll). Waren denn auch — ich frage nur aus Gesundheitsrücksichten—waren denn auch Frauen dabei? Champ. (geckenhaft die Hände reibend). Freilich! Freilich waren Frauen dabei! Ich habe alle Ursache zu glauben, daß Frauen dabei waren. Frid. Was denn für eine Sorte? Champ. Was für eine Sorte? —Von allen Sorten! Frid. Ah! Champ. Philister! Wie kannst Du fragen, ob Frauen dabei waren? Unglücklicher, das ist ja der Rausch! Glaubst Du denn, mau wird vom Wein trunken? O nein! Aber die brennenden Blicke, die man Dir zuwirft, die berauschen, der lockende Ton seidener Gewänder! Glänzende Haare mit ihrem Blumenduft, im Schmuck der schimmernden Diamanten, weiße Schultern, die blendend auf und ab wogen, der kleine Fuß, die zarte Hand, der rosige Mund — Alles - Alles — Alles — (er jauchzt aus) juh! Frid. (eben so in wohligem Schauer). Juh! Champ. Und Du fragst, was Poesie sei? Das ist sie, das Souper — die Frau! Die Frau eines Andern, die Frauen der Andern! Frid. Ich sollt' aber doch meinen, daß Constance — Champ. Dasistja meine Frau! Soll ich etwa mit meiner Frau des heitern Gottes fröhliches Fest begehen? O das wäre kläglich, mein Freund, wahrhaft trübselig! Frid. Liebst Du denn deine Frau nicht mehr? Champ. O, ich bete sie an! Aber davon ist ja jetzt ganz und gar nicht die Rede. Hier handelt es sich um Poesie — meine Frau, das ist die positive, die nüchterne prosaische Seite des Lebens. Ja damals, als ich ihr noch den Hof machte — das war poetisch, romantisch, ritterlich! Aber jetzt — ich komme nach Haus, ziehe die Hausschuhe an, sie dreht sich ihre Locken ein, ich ziehe die Uhr auf — das ist Alles sehr ehrbar, ganz tadellos in moralischer Beziehung — aber es fehlt das Höhere—verstehst Du! Ich bin zu ruhig, meines Glückes zu gewiß. Ja wenn sie deine Frau wäre! Das wäre etwas Anderes. Da wäre Furcht dabei — Hoffnung — Gefahr — ich brächte die Nacht unter ihrem Fenster zu — wie Romeo unter Giulietta's Balcon — »die Lerche war's und nicht die Nachtigall« — im Nachtwinde schaukelt die seidene Strickleiter — die Mondessichel erbleicht — Du erhebst Dich vom Lager, trittst in das Zimmer, überraschend, plötzlich, ich stürze Dich zum Fenster hinab — siehst Du, das ist Poesie! Frid. Das ist aber Alles nur für Dich. Champ. Für Dich auch. Unglücklicher! Ist es Dir nicht auch lieber, so romantisch zu leben, als spießbürgerlich in deinem Bette zu sterben? (Geht ein wenig nach hinten.) Frid. (mit plötzlichem Einsall). Ja ja, Du hast Recht! Nun denn — (geht nach rechts) nun denn — ich — ich liebe auch eine Frau. Champ. (zurückkommend). Na, siehst Du! Frid. Die Frau eines Andern! Champ. Das ist ja herrlich! 14 Frid. Und dieser Andere — der Mann — ist mein Freund. Champ. (lächelnd). Natürlich! Frid. (stolz). Na? Champ. Ah, Schlingel, ich sehe, Du bist ein stilles Wässerchen! Frid. Warum denn nicht? Champ. Sag' einmal — wie stehst Du denn mit der Frau? Hat sie Dich erhört? Frid. Noch nicht — leider — noch nicht! Champ. Aber Du hast ihr doch deine Liebe gestanden? Frid. Nein — ich habe ihr gar nichts -gestanden — ich wag' es nicht! Champ. Dummer Kerl! Frid. Du räthst mir also? Champ. Natürlich —Du wirst doch nicht verschmachten wollen? Frid. Sie scheint mir aber brav und 'stttsam. Champ. Ach — Faxen! Frid. Sie schenkt mir gar keine Aufmerksamkeit! Champ. Verstellung! Frid. Du glaubst? Champ. Na freilich! Sie ist in Dich verliebt — glücklicher Fips! — Das ist ja eine alte Geschichte bei den Frauen: Je weniger sie ihn beachten. Je mehr sie nach dem Manne schmachten. Frid. Ah — wirklich? Champ. Ich gebe Dir 24 Stunden Frist — um die Festung zur Uebergabe zu zwingen. Frid. Teufel! — Aber — Champ. 24 Stunden! — Du erzählst mir dann Alles! Frid. O — nein! Champ. Ja — ja! das wird mich amüfiren! Frid. Amüfiren? — Na — wenn Du meinst — Champ. Aber sag'einmal, Fridolin, wo kann ich denn meine Toilette ein wenig Herrichten? Frid. Hier — in diesem Cabinet. (Links, erste Eoulifse.) Champ. Gut denn! — Es lebe die Poesie! (Nimmt seinen Paletot und geht nach der Thür, bleibt stehen.) Du, sag' Constance nichts, daß ich da bin — hörst Du? Ich will sie überraschen. Frid. Schon recht, ich sage kein Wort. Champ. Ein Abenteuer mit meiner eigenen Frau! — Es ist himmlisch, es lebe die Romantik, die Poesie — es lebe — das Höhere! (Ab in's Cabinet.) Zehnte Scene. Fridolin, Riverol. (Es wird Nacht.) Frid. (ihm nachblickend, mit Neid und Bewunderung). Das ist ein Ungeheuer von Jmmoralität — ein Sardanapal! Riv. (erscheint in der Mitte, blickt nach rechts, dann nach links, dann kommt er vor und schlägt Fridolin auf die Schulter). Mein Herr! Frid. Mein Herr! Riv. Was ist das für ein Haus? Frid. Was für ein Haus? — Nun, ein sehr anständiges Haus, mein Herr — seien Sie überzeugt davon! Riv. Ich habe einigen Grund, das zu bezweifeln. Frid. Wenn dieser Zweifel sich auf mich bezieht, dann —'bitte erklären Sie sich! Riv. (ironisch). O nein, nicht nöthig, mein Herr! Sie geht das gar nichts an. Wer ist der Herr, der eben angekommen? Frid. Wollen Sie mit ihm sprechen? Gut — das ist mir auch angenehmer. Er ist mein Cousin, Herr von Champiguac, der Herr des Hauses. Riv. Der Hausherr? Ah, jetzt begreif ich Alles. Frid. So? — Na schön, wenn Sie begreifen, so haben Sie die Güte, auch mir! zu erklären — Riv. Wollen Sie etwa leugnen, daß vor diesem Herrn eine junge Frau hier angekommen, graues Kleid, grauer Hut, blaue Bänder? Frid. Aber — Riv. (stark). Blaue Bänder — Frid. Ja doch — blaue Bänder! Riv. Sie denkt drei Tage hier zu verweilen — nicht wahr? — Oh, jetzt begreif' ich, warum sie so geheim that, warum sie mir verbot, ihr zu folgen! — Sie wären in Paris geblieben, nichtwahr? (Er lacht wüthend, so daß Fridolin erschrickt.) Ich aber — ich Hab' all' ihre Schritte überwacht, ich bin ihr gefolgt auf die Eisenbahn. Ihr Herr Champignon — Frid. Champignacl Riv? Champignac folgte ihr in gemessener Entfernung, sie thaten, als kennten sie sich nicht. Armselige List! (Lacht.) Mein Herr, ich Hab' sie in denselben Waggon steigen sehen — sie find zusammen abgestiegen, mein Herr! Ich habe eine Handbewegung beobachtet, mein Herr, ein Zeichen, das sie ihm machte. Der Herr ging nach dem Fluß, dort that er, als ob er auf dem Eise schleifte, als ob er aus Paris expreß hierher gereist wäre, um zu schleifen. (Er lacht.) Begreifen Sie, mein Herr? (Auf ihn zu.) Frid. (weicht erschrocken zurück.) Ja! — das heißt — nein — ich begreife kein Wort. Riv. Natürlich! Aber wenn der Moment zur Erklärung gekommen sein wird — Frid. Erklärung! — Ach ja, dabei bleiben Sie! Eine Erklärung thut noch. Riv. (nähert sich der Thür links). Geräusch! Frid. (nach rechts). Ja man kommt — nun können Sie gleich erklären — Riv. Noch nicht — auf offener That muß ich sie ertappen! O, diese Frau — so find fie alle, diese Weiber — und ihnen gibt man seinen ehrlichen Namen! Adieu! (Geht nach hinten.) Frid. (glaubt, daß er fort sei, bei Seite). Jetzt merk' ich erst, die Tante hat sich heimlich wieder verheiratet. (Riverol ist wieder nach vorn gekommen und legt die Hand auf seine Schulter, Fridolin erschrickt.) Ah! — Sie find der Onkel? Riv. (antwortet ihm nicht). Ich komme wieder — diese Nacht! Frid. Ah! Riv. (geheimnißvoll). Bei Ihrem Leben, sagen Sie nichts — erklären Sie ihr nichts! Frid. (eben so). Ich weiß ja nichts. Was soll ich ihr denn sagen? Riv. (antwortet nicht). Sie geht es nichts an! (Mitte ab.) Frid. Er fährt auf der Eisenbahn ihr nach. Sie kommt an und er geht fort. Das ist ein Verrückter! ELlfte Scene. Fridolin, Camille, Constance (mit einer Lampe, die sie aus den Tisch stellt). Const. (von links zu Camilla). Es ist Nacht. Ich mache jetzt meinen abendlichen Rundgang, um zu sehen, ob Hausthüren und Fensterladen gut geschlossen sind. Cam. Hat das Landhaus mehrere Thüren? Const. Nur zwei — die große Thür, durch welche Du gekommen bist, und eine kleine nach dem Garten. Sie führt nach der Hintertreppe. Aber das Haus liegt einsam und die Dienstleute find so nachlässig. (Ein Bedienter kommt durch die Mitte mit Schlüsselbund und einer brennenden Laterne.) Cam. Ich begleite Dich, wenn Du eine Sicherheitswache brauchst. (Geht nach rechts.) Const. (nimmt die Schlüssel). O, Herr Fridolin ist genug! Bleib' nur hier! Vorwärts, Herr Fridolin! 16 Frid. (nimmt die Laterne). Schöne Cousine! (Bei Seite.) Ein Glück, daß Cham- pignac da ist und wir nun zwei Männer im Hause find. Der Andere sah ganz verdächtig aus. Const. (schon draußen vor der Mittelthür). Nun. Fridolin? Frid. Da bin ich schon, schöne Cousine! * (Mitte ab.) Zwölfte Scene. Camilla allein, dann Champignac. Cam. (fitzt aus dem Lanapä.) Die Diebe find viel weniger zu sürchten für eine einsam wohnende Frau, als die Herren, die ihre Karten abgeben. Champ. (kommt von links zurück, beendet eben seine Toilette). Na, so kann man sich sehen lassen! Cam. (wendet sich). Ah! (Steht aus.) Champ. (bei Seite). Die Kammerkatze der Italienerin! Cam. (bei Seite). Der Herr von den Pappeln! Champ. (lebhaft). Wie unvorsichtig! — In meinem Hause. Cam. (für sich, überrascht). Zn seinem Hause? Champ. (unruhig). Wenn meine Frau, wenn Constance käme? (Geht nach hinten, um zu sehen, ob sie allein sind.) Cam. (sür sich). Wie, er ist — es ist mein Neffe, der Schlingel! Champ. (kommt zurück). Niemand! — Also schnell, was bringst Du mir? Cam. (beleidigt). Was? (Für sich.) Du? Champ. (erstaunt). Was?! — Ach so, richtig, ich hatte vergessen; sie will erst ihren Botenlohn! Da nimm, das ist für Dich! (Gibt ihr einen Louisdor.) Und das — (küßt sie auf den Hals) Du nette Soubrette — das ist für deine Herrin! Cam. (beiSerte). Himmel! Er hält mich für das Kammermädchen! Champ. (sieht sich um). Und nun sprich — rasch, rasch! Cam. (bei Seite). Na warte! (Sie horcht.) Horch! Champ. He? Cam. Still'! Champ. Hörst Du was? (Sie macht ihm ein bejahendes Zeichen, er geht horchend nach links, dann nach der Mitte.) Cam. (geht unterdessen vorn nach links). Ah, Du betrügst deine Frau — Du hast die Flattersucht! Und Du hältst deine Tante für ein Kammerkätzchen! Warte, ich werde Dir eine Lection geben! Die Soubretten sind ja mein Fach! — Jetzt also ganz Kammerkatze! (Steckt beide Hände in die Taschen und spielt ganz die Zofe.) Champ. (kommt zurück und tritt links neben Camilla), 's ist nichts! Und nun geschwind! Wo hast Du den Brief? Cam. Na, na, nur sachte, mein Herr! — Ich Hab' keinen Brief! Champ. Ah! Cam. O, dazu sind wir zu klug. Wir schreiben nicht. Champ. Das ist ganz vorsichtig! Ader wie soll ich denn dann erfahren? Cam. Na — und ich? — Kann ich denn nicht reden? Champ. Na, ob, reizendes Wesen! Selbst durch Zeichen! — Nur trau' ich deinen Zeichen nicht recht. Cam. Warum? Champ. Na — weißt Du denn nicht? — Die Pappeln da unten! — Das war ein sehr unglücklich gewähltes Zeichen! Cam. War denn das nicht deutlich? Champ. Deutlich? I nu! Es hätte können deutlicher sein. Cam. Wie Hab' ich gemacht? Champ. (ahmt ihre Gesten nach). Na so — und dabei zeigtest Du auf die Bäume, und dann legtest Du so den Finger aus deine Rosenlippen. Cam. Und Sie haben die Bedeutung nicht verstanden? Champ. Ja, das ist der Teufel! Es 17 konnte sehr viel bedeuten. Es konnte ganz einfach heißen: »O diese schönen Pappeln! Sehen Sie doch! Aber sagen Sie Niemand etwas davon!« — Eine dumme Auslegung! Es konnte aber auch mit feiner Anspielung so heißen: »Sehen Sie diese Pappeln, wie sie grade zum Himmel aufstreben! Sind Ihre Absichten eben so gerade und ehrlich? Und können Sie verschwiegen sein?« Es konnte auch — Cam. (unterbricht ihn). O mein Herr, man sieht, daß Sie ein Neuling sind auf dem Felde der Liebe. Ehamp. Ich ein Neuling, Schelm! (Stolz.) Du weißt nicht, mit wem Du sprichst. Cam. Es sollte ganz einfach heißen — Ehamp. (sortsetzend). Gehen Sie hin und frieren Sie sich zu Tode! Cam. Nein doch, sondern: »Thun Sie, als ob Sie die Landschaft betrachteten und folgen Sie uns scheinbar absichtslos nach.« Champ. Sapperment, ja! Es war ganz klar, ganz deutlich! Cam. Nun also! — Aber Sie kamen nicht, und ich habe Sie aufsuche» müssen — in der ganzen Gegend — bei dem Schnee! (Streckt die Hand aus.) Champ. Ach, Du armes Kätzchen! Da! Da! (Gibt ihr ein Goldstück.) Cam. (steckt es ein). Meine Herrin war beleidigt und schon fest entschlossen, Sie nicht mehr zu sehen. Ich versichere Sie, wenn ich ihr nicht zugeredet — (Streckt die Hände aus.) Champ. Perle, Engel! Da hast Du noch einen. (Gibt ihr einen Louis.) Cam. (steckt ihn ein). O mein Herr, so wenig Rücksicht für eine so ausgezeichnete, hochgestellte Dame! (Dasselbe Spiel.) Champ. (entzückt, ihr Geld gebend, das sie nimmt). Was? — Wirklich? Hochgestellt? Eine Dame von Stand? Cam. Ich dächte, das müßten Sie doch sehen. Champ. Freilich, freilich! Diese ängst- Wirner Theat. Ncp. Nr. 2SS. licheHeimlichkeit, dieseBcsorgniß für ihren Ruf — Cam. Ich ließ also ein Wörtchen fallen von einem Rendezvous. Champ.(voll Hoffnung). Ah! Cam. Bei ihr zu Haus. Champ. (entzückt). Schön, vortrefflich! Cam. Aber — o weh! Da hat sie mich schön angesehn! Champ. (unruhig). Ah! Cam. Stolz sagte sie: Nein! Niemals! Champ. (niedergeschlagen). Ah, niemals? Cam. Ich ließ aber nicht ab, ihr zuzureden — Champ. (hoffnungsvoll). Ja? Cam. Und sie willigt ein! Champ. (strahlend). Ah! (Will sie aus den Hals küssen.) Cam. (gleitet nach rechts, bei Seite). Wie Schade, daß mich Niemand spielen sieht. Champ. Ein Rendezvous! Eine Liebschaft mit einer Frau von Welt! Glücklicher Champignac! Cam. Ei, mein Herr, Sie freuen sich ja so kindisch, als ob dieß Ihr erstes Rendezvous wäre? Champ. Freilich, freilich ist es dos erste — (sich verbessernd) heute nämlich - heute! — Nun also dieß Rendezvous! Wann soll es denn stattfinden? Cam. Auf der Stelle, jetzt gleich! Champ. Gleich? Cam. Ja wohl! Champ. Was? Ich bin noch nüchtern. Soll ich nicht erst essen dürfen? Mein Frau begrüßen? Mich etwas vorbereiten! Toilette machen? — (Bei Seite.) Donnerwetter! Es ist das erste Mal, daß.ich sündige! Es wird mir doch ängstlich zu Muthe! Cam. (bei Seite). Er zaudert! Vielleicht bekommt er doch Gewissensbisse und bleibt. Champ. Ei was, meine Frau weiß nicht, daß ich hier bin. — Gehen- wir, ich speise mit deiner Herrin. 2 18 Cam. (für sich). Ah. der Derräther! Champ. Ich hole nur meinen Paletot, den ick da drin abgelebt, und meinen Nasenwärmer. Bleib' hier, ich folge Dir gleich. Eine Frau von Stand — eine Italienerin — schwarze Augen — südliches Feuer — Vesuv — Aetna — bleib' hier, ich komme gleich! (Geht in daskabinet, dessen Thüre offen bleibt.) Cam. (allein). So sind die Männer alle. Na warte. Du sollst für die anderen mitbezahlen. Du! Besonders für meinen Mann. (Bemerkt Constance.) Ah! Dreizehnte Scene. Camille. Conftance. Dann Cham- pignac. Const. (zurückkommend). Da bin ich. Cam. (halblaut). Still! Const. Was ist denn? Cam. (nimmt ihr die Schlüssel aus der Hand). Gib mir deine Schlüssel! Const. Aber — Cam. Gib doch schnell — sieh. höre, aber — schweige! (Sie läßt sie hinter die spanische Wand treten.) Champ. (kommt zurück, er niest). Tschi! — Ich Hab' mich da unten erkältet, unter deinen Pappeln. Const. (bei Seite). Ah — er war es! Champ. Nun aber, vorwärts, vorwärts! (Geht nach hinten.) Cam. (geht nach links). Nur sachte! Nicht so rasch! Champ. Wie? Cam. Sie vergessen — es ist noch eine kleine Vorsicht nöthig Champ. (kommt zurück). Was denn? Cam. Sie müssen diese Binde über die Augen nehmen! (Sie macht aus einem Foulard. das sie um den Hals trägt, eine Binde.) Champ. Eine Binde? ' Cam. Oh, Sie begreifen, daß meine Gebieterin io ihrer Stellung eine Menge Rücksichten zu nehmen hat. Und so lange wir nicht Ihrer Liebe. Ihrer Discretion ganz sicher find — Champ. Sapperment — das ist aber unangenehm, so eine Binde! Cam. Warum denn? Man kann sie ja später abnehmen. Champ. (lächelnd. mit Befriedigung). Später? die Binde? Cam. Ja! Champ. Gut denn! Ich laß' mir sie gefallen. Vorsicht — Geheimniß—das ist wie in Venedig — ich bin in Venedig — jetzt im Winter! Cam. (will ihm die Binde anlegen). So ist's — wie in Venedig. Champ. (weicht zurück). Was? Jetzt gleich? Cam. Bloß um einen Versuch zu machen. Champ. (küßt die Binde). Ah — dieß duftende Gewebe. Es gehört deiner schönen Herrin! Sie ist doch hoffentlich schön — denn ich habe sie kaum gesehen. Cam. (knotet die Binde und tritt hinter ihn). Desto schöner wird die Ueberra- schung sein. Champ. Recht — wie in der Türkei! — Das ist göttlich! Ich bin in der Türkei, immer im Winter! Cam. (bei Seite). Warte nur, Türke! Const. (hinter dem Schirm vorkommend, halblaut). Camille! Cam. (zu ihr). Still! Laß' mich nur machen. Champ. (nimmt schnell die Binde ab). Was? Cam. (deckt Lonstance's Flucht hinter den Schirm). Ich sagte: Lassen Sie uns nur fortmachen! Sie haben nichts gesehen? Champ. Nichts. Cam. Weiter braucht es nichts. Also jetzt vorwärts, mein Herr! Champ. Vorwärts! Und Du, Amor, Götterkind! 19 Vierzehnte Scene. Vorige. Fridolin (kommt mit der Laterne). Frid. (bemerkt Ehampignac). Cousin! Champ. (nimmt ihm die Laterne ab). Fridolin, sage meiner Frau nichts, daß ich gekommen bin, Unglücklicher! Arid. He? Champ. Bei deinem Leben, sprich kein Wort von dem, was mit mir vorgeht. Frid. Ja — was geht denn vor? Cam. (legt Ehampignac die Binde wieder um die Augen). Nun vorwärts! Champ. Vorwärts! (Sie verschwinden.) Frid. (ihnen nachsehend). Eine Frau— eine Binde — Blaubart — Sardanapal! Const. Ah, der Verräther! (Der Vorhang fällt.) Zweiter Act. (Ein elegant und neu möblirter Salon. Großes Fenster in der Mitte der Hinterwand, welches aus einen Balcon führt. Wenn das Fenster offen, sieht man den Balcon und die Landschaft mit Schnee bedeckt. Links, dritte Eoulisse, Thür nach dem Innern führend, zweite Eoulisse Kamin, worin Feuer. Erste Eoulisse tritt die Wand halbkreisförmig hervor und zeigt gerade dem Zuschauer gegenüber eine Thür, welche in ein kleines Toilette-Eabi- vett führt. Rechts, dritte Eoulisse, Hauptein- gang. erste Eoulisse (ebenso wie linke). Neben - auSgang aus einen Eorridor. Vor dem Kamin ein Divan und Tabouret. Rechts Fauteuil und Gueridon. In der Mitte aus jeder Seite deS Fensters eine Lonsole, aus der links eine aagezüodete Lampe.) Erste Scene. Const. (allein, blickt durch daS geöffnete Fenster). Wo führt sie ihn hin? Ich sehe sie beide nicht mehr! (Dorkommend.) Ich hätte ihn doch nicht so fortlassen sollen. Ich hätte mich ihm zeigen und ihm sagen sollen — (Hält inne.) Was? Vorwürfe? Thränen? Dazu wäre auch jetzt Zeit. Nein, es ist aus — für immer aus zwischen uns. Ein Mann, der der ersten besten Frau nachläuft und sich in ihr Haus führen läßt! (Lebhaft.) Denn kein Zweifel, er war der lästige Begleiter von der Eisenbahn, von welchem Camille erzählte. Und sie hat ihm jetzt weiß gemacht, sie führe ihn zu der Italienerin. Und er folgt ihr auch — folgt ihr gleich auf der Stelle voll Eifer. O diese Männer! So sind sie alle — und doch geben sie vor, uns zu lieben! Kammerfrau (tritt ein mit einem Brief und einem Bouquet von weißen Lilien). Gnädige Frau, Herr von Villedon hat diesen Brief und dieses Bouquet geschickt. Const. (wendet sich ab, um ihre Augen zu verbergen). Gut, legen Sie nur dahin — auf den Tisch. (Kammerfrau legt Beides nieder und entfernt sich.) Ein Brief von Herrn von Villedon! Er wagt viel. — Aber ich werde ihn nicht lesen. Ich darf es nicht, ich bin treu meiner Pflicht. — Pflicht — gegen wen? Gegen ihn? (Zeigt nach dem Fenster.) Den untreuen Mann.? (Sie nimmt den Brief.) O, wenn er zurückkäme! — Ich lese diesen Brief nicht und wie gern würde ich ihn verbrennen! (Läuft zum Fenster.) Nichts, nichts! (Während deS Sprechens zerknittert sie den Brief und öffnet ihn so unabsichtlich.) Er ist offen, wenn ich ihn doch lese! Er hat es ja nicht besser gewollt. (Sie liest.) »Drei Tage, schone Frau, drei volle Tage habe ich Sie nicht gesehen." (Neigt da» Ohr, um zu hören, ob Ehampignac zurückkommt. Da sie nichts ver- r* 20 nimmt, schüttelt sie denKops und liest weiter.) »Bin ich denn so harter Strafe werth, weil ich Sie liebe? — (Dasselbe Spiel.) Sie liebe und weil ich wagte, es Ihnen zu gestehen? Wenn Sie wirklich so streng urtheilen, so geben Sie mir ein Zeichen und ich reise ab. Diesen Abend bin ich unter Ihrem Balcon. Ein Wort, ein einzig Wort, welches mir geböte, zu bleiben, würde mir das Leben wieder geben. Ihr Schweigen wird mich tödten!« — Armer junger Mann. Er meint es ehrlich — er. Ich könnte mich rächen — aber nein (sie zerreißt den Brief), ich will es nicht, ich will bleiben, was ich am Altar geschworen, eine treue Frau! (Langsam hat sie den Brief in kleine Stücke gerissen und wirst diese in s Feuer.) Zweite Scene. Vorige. Fridolin (kommt leise von rechts). Frid. Sie ist allein, die Gelegenheit ist günstig, Kühnheit, steh' mir bei! (Setzt den Hut aus die Lonsole rechts.) Eon st. (wendet sich bei dem Geräusch um). Was ist? Frid. Es wird spät, liebe Cousine, ich will nun nach Hause gehen und komme. Ihnen gute Nacht zu sagen. Const. Gute Nacht, Cousin, gute Nacht! (Geht zum Fenster zurück und blickt hinaus.) Frid. (für sich). Sie ist bewegt—sollte vielleicht meine Gegenwart —? Cham- pignac hat am Ende doch Recht — sie weicht mir geflissentlich aus, antwortet mir kurz, sicht erregt und verdrossen ans, sobald ich erscheine — am Ende — am Ende regen sich zärtliche Gefühle bei ihr. Const. (für sich). Ich sehe nichts! Frid. Wenn ich nur nicht so niederträchtig schüchtern wäre. Sie erwartet vielleicht nur ein Wort — (macht einen Schritt gegen Constance). Const. (wendet sich um). Ah. Sie find noch da? Frid. Noch? Allerdings. Cousine — ich erwartete — ich dachte — Const. Nun, was denn? Frid. Ich dachte — Sie hätten mir — vielleicht für morgen einen Auftrag zu geben. Const. (verliert die Geduld). Nein — ich habe nichts. Gute Nacht, Cousin! (Dreht sich um nach dem Kamin.) Frid. (für sich), 's ist richtig! Sie wird ungeduldig. Champignac hat Recht, sie liebt mich und erwartet meine Erklärung. Muth also, Mnth! (Laut.) Nun denn, Cousine, ich gehe nicht, ich kann nicht gehen (geht lebhaft nach dem Divan, um sich ihr zu nähern) — ohne Ihnen wenigstens einmal ganz offen mein ganzes Herz auszuschütten. Const. (sieht ihn an). Worüber denn? Frid. (eingeschüchtert, verliert den Kops). Worüber? — Ueber — über — Ihren Tapezierer. Seine Rechnung ist entschieden zu theuer — wahrhaftig! Const. (gelangwrilt). Ach. ich denke auch jetzt daran. (Geht zum Fenster.) Frid. So? Sie denken daran? Nun, was sagen Sie, er hat die Unverschämtheit — (für sich) da bin ich schön abgeblitzt! — (Laut.) Die Unverschämtheit — (für sich) ich taumle am Abgrunde — (Laut.) Die Unverschämtheit, Ihnen — (für sich) jetzt purzle ich hinein — (Laut.) Ihnen den Stoff mit 25 Francs zu berechnen! Const. (hat auf alle mögliche Art versucht durch's Fenster zu sehen). In meinem Schlafzimmer kann ich sie vielleicht durch's Fenster sehen. (Links ab.) 21 Dritte Scene. Fridolin (allein). (Er glaubt sie noch immer da gegen den Divan gewendet.) Und er kostet höchstens 12 oder 13 Francs. Za. noch mehr, Cousine — (blickt auf). Fort ist sie! — Das ist nicht übel! Herr Gott, was habe ich für einen Unsinn geredet! Meine verfluchte Schüchternheit! Die hat sie vertrieben. Eine so schöne Gelegenheit!— Hätte sie's nm abgewartet, ich wäre schon weiter gegangen. Na einerlei, für den Anfang war es doch nicht übel. Sie ist wenigstens nicht bös geworden — dadurch ermuthigt sie mich fortzufahren. Das nächste Mal werde ich etwas kühner sein — in zwei bis drei Tagen — oder nächste Woche — (Holt seinen Hut). Jetzt gehe ich in den Garten und blicke eine Stunde nach ihrem Fenster empor! Es liegt zwar Schnee — aber schadet nichts, trotz des Schnees! Hier kalt (zeigt auf die Füße), hier warm (zeigt auf's Herz) — warm — sehr warm — ach! (Seufzt nach links und spielt sich nach rechts ab, die Thür offen lassend.) Vierte Scene. Camille. Champignac. Cam. (erscheint rechts an der kleinen Sei- tenthür, das Gesicht zum Publicum, folgt Fridolin mit den Augen, dann leise). Er ist fort! (Sie horcht.) Er geht hinunter! — Jetzt — (wendet sich zurück nach dem Korridor) geben Sie mir die Hand. Champ. (erscheint und streckt die Fingerspitzen nach ihr, er hat die Binde über die Augen, die Laterne in der Hand; den Fuß mißtrauisch vorsetzend). Ist da etwa eine Stufe? Cam. Still! — Erheben Sie doch nicht so sehr — Champ. (unterbricht sie, mit dem Fuß in der Lust suchend). Nicht so sehr erheben — ja, wo denn? Cam. Nicht doch, ich meine. Sie sollen die Stimme nicht so erheben, nicht so laut sprechen. Es ist gar keine Stufe da. Champ. (leuchtet auf den Boden). Siehst Du aber auch gut? Eben wie wir die kleine Treppe Heraufstiegen, glaubte ich zu früh, daß wir oben wären und habe mich gestoßen. Wo Teufel sind wir denn jetzt? Cam. Vor der Thür meiner Gebieterin. (Geht von ihm weg und blickt nach links.) Champ. Na endlich! Wir sind ja eine halbe Meile gegangen, seit wir ausmar- schirten. Es war halb sechs und jetzt — (zieht die Uhr und will nachschauen, bemerkt, daß er die Binde um hat). Ach richtig, ich kann ja nicht sehen — das hatte ich ganz vergessen. Cam. (kommt zurück). Vorwärts! Geben Sie mir die Hand, nur tapfer d'rauf los getreten, wir sind gleich da. Champ. (gibt ihr die Hand). Sind keine Stufen da? Cam. Nein doch! (Sie läßt ihn quer über die Bühne gehen, von rechts nach links im Storchschritt.) Champ. Halt! Ich spüre etwas Weiches unter den Füßen, fast wie ein Teppich. Das ist doch ein Teppich, he? Cam. (lacht). Nein, es sind Strohmatten. Champ. Richtig — es find Strohmatten — ich mußt' es ja. Das macht die Uebung. Sieh, bei meinen Abenteuern Hab' ich mir eine Witterung angeeignet wie die Wilden. Cam. (lacht). Das merke ich. Champ. Ich könnte Dir gleich sagen, wo wir sind. Cam. (läßt seine Hand los). Na, probi- ren wir's — wo find wir also? Champ. Wart' ein bischen. (Er stcht 22 zwischen Kamin und Divan, lastet mit dem Tust aus den Teppich.) Strohmatten — links (streckt den Arm aus und stößt mit der Laterne an die Rückwand des Divans) eine Mauer, rechts (er streckt die Hand aus und kommt an den Kamin) auch Mauer — das ist ein Korridor. Kam. Es ist erstaunlich! Ehamp. Za — die Gewohnheit — kam. (nimmt ihn bei der Linken). Aber vorwärts — weiter! Ehamp. Es find doch keine Stufen da? kam. (führt ihn vor). Ja gleich. Aber jetzt bücken Sie sich, hier ist eine kleine Thür, bücken Sie sich noch mehr! Ehamp. So — ich spürte übrigens die kleine Thür — ich büitte mich schon von selbst — iostinctmäßig. Cam. (vor das Tabouret am Ende des Divans). Jetzt heben Sie den Fuß — höher — jetzt kommt eine Stufe — aber den Kopf ducken — sonst stoßen Sie sich. Ehamp. (steigt aus das Tabouret und krümmt sich). Donnerwetter! — Das ist ein beschwerlicher Weg. (Hebt den Fuß, um höher zu steigen.) Eam. Jetzt steigen Sie herunter. Ehamp. (das Bein in der Lnst). Was! Heruntersteigen soll ich? Cam. Ja. Ehamp. Schon? Cam. Ja doch! Ehamp. Eben bin ich eine Stufe aufwärts gestiegen und nun schon wieder herunter? Cam. Nun, ja doch! Champ. Kurioser Baustyl! Cam. Es ist ja doch ganz natürlich und gewöhnlich. Champ. So? Na. wenn man nicht peht, kommt's Einem kurios vor. (Steigt herunter.) Cam. (in der Mitte). So, jetzt find wir im Speisesaal. Champ. Ah, das spür' ich. Lam. Warum nicht gar? Champ. Auf Ehre! — Wenn mau nichts gegessen hat — Cam. (geht nach der großen Eingangsthür). Jetzt warten Sie da d'rin, bis ich die gnädige Frau unterrichtet habe. Champ. Da d'rin? Wo? —Vielleicht im Buffet? Cam. Nein, im Vorzimmer. (Läßt ihn an sich Vorbeigehen.) Champ. Na gut. dann kann ich aber die Binde abuehmen. Cam. (lebhaft). O nein! Camp. Noch nicht? Cam. Ja nicht! Die gnädige Frau muß sie Ihnen selbst abnehmen. Glauben Sie. sie wird sich vor Ihnen ohne Weiteres sehen lassen? Champ. Was? Sie wird sich nicht sehen lasten? Ja warum läßt sie mich denn dann kommen? Cam. Ei, mein Herr, wenn Sie's übelnehmen, will ich Sie zurücksühren. (Nimmt die Laterne und stellt sie aus die Konsole links.) Champ. Nein, nein — ich behalte die Binde. Cam. Sie schwören es? Champ. Auf Ehre! Cam. Jetzt rasch hinein und rühren Sie sich nicht, bis ich Sie rufe. Champ. Gut denn! — Wo istdenn—? Immer rechts? Cam. Ja, immer rechts. Champ. Es find doch keine Stufen da? (Verschwindet rechts.) Cam. Doch! Zwei! Champ. (Außen.) Gut. (Man hört ihn stolpern.) Cam. Nein, ich irrte mich, es ist nur eine. Champ. (außen, schmollend). Au! Das hättest Du auch eher sagen können — ich habe mich gestoßen. Cam. Es kommt Jemand! Stillt (Schließt die Thür.) Champ. Au, au! 23 Fünfte Scene. Camille (allein). So! — Der büßende Ehemann in Gefangenschaft! (Kommt nach vorn.) Jetzt zu der Frau. (Bemerkt das Lilienbouquet.) Ei, ei — ein weißes Bouquet! Was willst Du? Wo kommst Du her? Was bist Du? (Nimmt es.) Lilien im December. Das kommt aus Paris. (Sieht es näher an.) Nicht doch, das ist höchstens vor einer Stunde gepflückt. Richtig. Herr von Vil- ledon hat ja so schöne Glashäuser. Von ihm find diese Lilien! Du weißes Bouquet, du hast zwar keinen Geruch, aber ich witt're eine verliebte Thorheit. (Sie trägt das Bouquet aus die Konsole rechts und blickt nach der Thür konstance's.) Ah, da ist Constance! Nun. wir werden ja sehen. Das muß man aber sagen, es kostet mich recht hübsche Mühe, das Feuer an diesem häuslichen Herde wieder zu entzünden. Sechste Scene. Camille. Constance. Const. Da bist Du? Cam. Da bin ich. Const. Und er? Cam. Dort! (Zeigt auf die Thür rechts.) Const. (erschrocken). Dort? Cam. Er glaubt bei seiner angebete- ten Italienerin zu sein. Const. Er ist Dir also gefolgt und erwartet jetzt — Cam. Ja, meine Liebe. Ich habe ihn im Garten auf- und abgeführt. Hut und Mantel schützten mich vor der Kälte. Jetzt ist er schon mürber. Sieh', das ist die Flattersucht in der Krists. Const. O wie unwürdig! (Kommt nach vorn.) Aber ich ahnte es — ich fühlte, daß sich mir sein Herz täglich mehr entfremdete. Man hat mir's ja so vielfach voraus verkündet. Alle meine guten Freundinnen, die mir mein Glück beneideten, sagten: Nur Geduld, nur Geduld, Du wirst schon sehen, wenn Du zwei, drei Jahre verheiratet bist! — Jetzt ist Alles so gekommen. Aber bester jetzt als später. Wenigstens Hab' ich nun nichts mehr zu verlieren und nichts mehr zu schonen. (Geht nach rechts, als ob sie die Thüre öffnen wollte, wo sich khampignac befindet.) Cam. Was willst Du thun? Const. (kommt wieder vor). Was ich thun will? O darüber bin ich nicht in Verlegenheit. Ich werde künftig handeln, als wenn er gar nicht auf der Welt wäre, ich werde nur an mich, an mein Vergnügen, meine Toilette denken. Ein rauschendes Leben außer dem Hause will ich beginnen, auf Bälle geh'n, in's Schauspiel, überall hin. Und cokett will ich werden, so schwer mir's fällt. Ich werde mir sagen lassen, daß ich schön sei — in seiner Gegenwart und auch—hinter seinem Rücken. O. er gebt auf Abenteuer aus, er führt ein freies Junggesellenleben, während ich — Cam. (bei sich). Ich bm gespannt — Const. Während ich so thöricht treu bin. Leute abzuweisen, die mir gefallen— Cam. (bei sich). Ah, die weißen Lilien l Const. Und nicht einmal ihre Briefe zu lesen! Cam. (bei sich). Er hat geschrieben, und sie hat gelesen! Recht niedlich. Const. (geht nach links und erhitzt sich mehr und mehr). Das geht zu weit, Du mußt mir Recht geben, Camille, zu weit, man läßt sich nichtsodetrügen, nicht dis zu diesem Grade! Und er soll schon sehen, daß ich auch frei sein will, ich! Auch ich will meinen Roman haben, meine Phantasten. meine Launen. Auch ich werde — Cam. Nun? Const. (in Thräaen ausbrechend). O, ich 24 Verde sehr unglücklich sein, sehr — denn tch bin es jetzt schon! Cam. (faßt sie in die Arme). Querköpf- chen Du! Du glaubst kein Wort von dem, was Du sagst, ein anderes Wesen spricht aus Dir. nicht Du selbst. Const. O! Cam. Nicht Du, nein, ein Kind, welches die Tragweite seiner Worte nicht ermißt. Du wärst cs, die diese Drohungen ausstößt? Drohungen mit Leichtsinn, Koketterie, Fehltritten — und Alles nur, um Dich zu trösten? Armes Kind, es ist sehr traurig, wenn man sich über verlorenes Glück dadurch tröstet, daß man sich seiner Wiederkehr unwürdig macht. Const. O! Wenigstens würde es ihm eine Strafe sein. Cam. Nein, mein Herz, es wäre nur eine Strafe für Dich! Und die Strafe träfe den schuldigen Lheil. Denn der ist der Schuldige, der, anstatt den Fehler des Andern zu verzeihen, ihn dadurch rechtfertigt, daß er ihn selbst begeht. Const. (trocknet die Thronen). So? ich soll mir also Alles gefallen lassen und schweigen und dulden? Cam. Mein liebes Kind, schweigend zu dulden und sich aufzuopfern, das ist die Bestimmung des weiblichen Herzens. Const. Und was soll man also thun? Cam. Wolle spinnen und das Haus hüten wie Lucretia. — Man erbost sich über seinen Mann — denn der Zorn ist gestattet, er erleichtert das Herz der duldenden Frau — aber man verfolgt den Schmetterling mit einem Blick des Auges, wie er seine Sprünge macht und schwärmt und umherflattert — aber leise spricht man zu sich selbst: Gott, wenn er sich nur nicht den Hals bricht! Himmel, da hat er sich gestoßen! O lieber Gott, er wird sich verbrennen — ja, er fliegt in die Flamme — er hat sich verbrannt! — Und so fort bis zum Abend. Da kommt dann der Schmetterling nach Haus, gelähmt und zerschlagen und läßt die Flügel hängen und wirft Dir mit Bitterkeit dieThorhei- ten vor, die er eben begangen. Const. (ironisch). Das ist ja reizend! Cam. Nein, mein Herzblatt, reizend ist es nicht. Aber es ist gut und zart und thut dem Herzen wohl wie Alles, was brav und tüchtig ist! — Wenn mein armer Mann mir nach solcher Krisis der Flat- tersucht nach Hause kam, ärgerlich, übellaunig, verdrießlich über sich, Gott und die Welt, dann fand ich einen eigenthümlichen Reiz darin, ihn zu warten und zu pflegen wie ein krankes Kind, ohne ihn merken zu lassen, daß ich all' sein Thun wohl wußte. Und dann zeigte er sich dankbar für meine Zärtlichkeit! Cr küßte mir die Hände mit überwallendem Gefühl, er fühlte sich so schuldbewußt, so klein, und mich stellte er in seinem Kopf und Herzen so hoch, daß ich gar nicht mehr eifersüchtig war auf die Anderen. Denn all' seine Worte, all' seine Blicke schienen mir zu sagen: O, jene Andern sind die Lüge, welche vergeht und schwindet, Du aber bist die Wahrheit, welche dauert und bleibt. Const. Ja, dein Mann! Der kam doch wenigstens zurück! Wenn mein Mann nun aber gar nicht mehr zurückkäme? Cam. Darüber sei beruhigt. DieMän- ner kommen immer zurück, wenn Nachsicht und freundliches Lächeln sie erwarten. Sie kommen gewiß zurück, weil sie die besten Schätze ihres Lebens in unserer Obhut gelassen haben, ihre Rechtschaffenheit, ihre Ehre, ihre Selbstachtung. Und wenn sie immerhin eine Weile dem nachlaufen, was sie »anbeten*, es thut ihnen unendlich wohl, zu dem zurückzukehren, was sie lieben. Const. Die Männer sollen also volle Unabhängigkeit und Freiheit haben? Cam. (schnell). Die Freiheit, Unrecht zu thun. — Beneidest Du sie darum? Const. Dann sollen sie wenigstens von uns nicht alle Tugenden verlangen. Cam. Aber, liebes Kind, wenn sie sie von uns verlangen, so bekennen sie ja 25 damit, daß sie sich selbst unfähig fühlen, sie zu besitzen. Const. Du meinst also, ich soll mich schweigend an den Gedanken gewöhnen, so die Liebe meines Mannes verloren zu haben, während ich doch gar nichts verschuldet habe, was eine solche Strafe verdiente! Ca in. Nichts? — Gar nichts? Bist Du dessen gewiß? Const. Ob ich —? Caw. Ja Du! — Die Sünden der Männer sind oft die Schuld der Frauen! Wenn man etwas weniger cokett gegen Andere wäre, und dafür etwas mehr kleine Künste anwendete, ihm, dem Manne, zu gefallen — Const. Künste? Um ihm zu gefallen? Ich verstehe nicht, wie Du das meinst? Cam. Wie ich es meine — ja. das ist schwer zu sagen. Jndeß — wir sind ja ganz allein unter uns Frauen — Du sollst mich gleich verstehen. — Ich wette, Du hast keinen Riegel an der Thür deines Schlafzimmers? Const. (überrascht). Nein! Cam. O weh — ich mußt' es ja! Const. Du meinst —? Cam. Einen kleinen Riegel an diese Thür! Schnell, schnell! Const. Aber — Cam. Ja, einen kleinen Riegel, köstlich verziert, gemeißelt, geschnitzt, vergoldet, klein, ganz klein — aber einen Riegel, ich beschwöre Dich, schnell einen Riegel! Const. So sag' doch! Cam. Armes Kind! Keinen Riegel? Das ist das Wichtigste von der Welt! Kein Heil ohne Riegel! Das ist die Galanterie des Mannes, die Coketterie des Weibes! Das ist die gute Laune des Eheherrn, die Ueberlegenheit der Frau! Das ist das Hinderniß! Die Leidenschaft! Die Poesie! Die Liebe! Ha! Wie mach' ich's denn mit Herrn von Riverol? Den ich> liebe, anbete, nach dem ich schmachte? Bin! ich etwa so albern, ihm zu sagen: Ich liebe Sie! O. niemals! Mein Blick verweilt voll Liebe auf ihm. wenn er mir den Rücken dreht; sobald er sich zu mir wendet und mich ansieht — rrr! Den Riegel vor! Er wirft sich mir zu Füßen, spricht und bittet so zärtlich und beredt, ich fühle, wie es mir das Herz bewegt, wie ich weich werde, schon will ich ihm um den Hals fliegen — (entschlossen) nein! den Riegel vor! Was Hab' ich zuletzt gethan, heute? Ich reise ab und verbiete ihm, mir zu folgen. Wieder ein Riegel — Riegel immer und überall! Man muß den Herren immer das Vergnügen lassen, die Thüre zu erbrechen, auch wenn sie schon lange offen steht! Const. Es will mir aber scheinen, daß er sich nicht um deine Thür kümmert, dein Herr von Riverol! Cam. Geduld, er wird schon kommen — Du wirst schon sehen. Wenn man liebt — Const. Ja, wenn man liebt! Er liebt Dich, aber mein Mann — Cam. Nun? Const. Er liebt mich nicht mehr. Cam. Aber Närrchen, er liebt nur Dich! Und ich will machen, daß er Dir's sagt. — Const. O ja — mir in's Gesicht! — Cam. Nein — ohne daß er Dich sieht! Und zwar jetzt gleich — hier auf der Stelle! Const. Hier —? Du willst? (Man hört im Cabinet rechts einen Sessel fallen.) Cam. (horcht). Still! Siehst Du? Er umkreist seinen Käsig. (Sie nähert sich der Thür, leise.) Mein Herr! C h amp. (durch s Schlüsselloch). Ich habe Hunger! Cam. Ja doch, die gnädige Frau wird gleich kommen — aber laufen Sie nicht so viel herum, die Dienerschaft könnte Sie hören. 26 Champ. Aber zum Donner, ich laufe bloß, weil ich hung're! Cam. Still, es kommtJemand. (Stille.) Er ist beruhigt. Jetzt komm' zu Tische. Eon st. Und er? Cam. (nimmt fir bei der Hand und führt fie fort). Er? — Er kriegt nichts zu essen. Durch Hunger zähmt man die wilden Bestien — zu Tisch! Conft. Wir sollten doch — Cam. (bläst die Kerze in derLaterne aus). Nein! — Da hast Du gleich ein Beispiel. Er hat Hunger, nicht? Er sucht, was er verschlinge, er macht schon den Mund auf — Du schiebst den Riegel vor, er kriegt nichts. Siehst Du, das ist das Mittel, das ich Dir empfohlen. Vorwärts zu Lisch! (Verlöscht die Lampe und nimmt die Laterne mit. Beide links ab.) Siebente Scene. Champignac (allein). (Er ruft durch's Schlüsselloch.) Marion! Julie! Doris! (Zärtlich.) Lisette! Lisette! (Ungeduldig.) He, Lisette! (Klopft erst ganz leise, dann immer stärker.) Kammerkatze! (Stille, Er öffnet und streckt den Kovs vor. die Binde ist herabgefallen, er hat sie jetzt um den Hals.) Was? Sie ist nicht mehr da? Sapperment, das fehlte noch! Ich bleibe nicht da drin! (Er kommt.) Die Binde habe ich zwar abgenommen, aber mein Wort breche ich eigentlich doch nicht, denn ich sehe jetzt so wenig als vorher — ich sehe nämlich gar nichts. — Das ist eben das Beste an der Geschichte — dieses Düster — dieses Hangen und Bangen — dieses Geheimnißvolle! (Kommt langsam weiter vor.) Ich glücklicher Kerl! Hab' ich Glück bei meinem ersten Abenteuer! Ich treffe auf eine Dame vom Stande, von Vermögen, welche Bediente hat und Möbel — (stößt sich mit dem Arm an die Lehne des Divans; indem er sich die verletzte Stelle reibt) leider nur zu viel Möbel, ich brauche ihr also keine zu schenken. Wieder ein Grund weniger zur Reue! — Reue — ach, das ist's vielleicht, was mir fehlt. Reue. Gewissensbisse. Ja, ich mache mir nicht Gewissensbisse genug. Und die machen erst eine solche Lage dramatisch. Versuchen wir also das schlummernde Gewissen zu erwecken. Ja. lieber Champignac mache Dir Vorwürfe, denke ein wenig an deine kleine hübsche Frau — die Du betrügst, lasterhaftes Subjekt! (Die Uhr schlägt.) Und die sich jetzt mit dem Gedanken an Dich zu Tische setzt. — Zu Tische! Das ist die Stelle, wo ich sterblich bin — die Gewissensbisse find schon da. Warum Hab' ich auch nicht erst gegessen, ehe ich auf Abenteuer ging. Herr meines Lebens, ich habe einen fürchterlichen Hunger und dabei nichts — gar nichts (sucht in den Taschen), um ihn zu stillen — nein, rein nichts! Ach doch, da ist ein Stückchen Chocolade. Dieß Gericht paßt ganz hieher — es ist leicht, duftig, poetisch! (Er beißt.) Abscheuliches Essen — Chocolade. poetisch, aber nichtsdestoweniger abscheulich! (Er wirst die Chocolade links auf den Boden.) Ei, zähme deine animalische Gier, Champignac! (Geht nach rechts und stößt sich an^einem Fauteuil.) Halt, ein Fauteuil! (Setzt sich.) Unterdrücke die thierische Eßlust! Du bedauerst Dir dein Essen nicht bestellen zu können? Du bist ja nicht im Oats an^tam! Leider bin ich nicht dort! (Setzt sich wohlgefällig zurecht, seine linke Hand berührt den Gueridon.) Und ich könnte es so leicht haben! — Was nähm' ich denn? Mein Gott, ganz einfach — eine Kraftsuppe — dann Fisch — holländischer Steinbutt — nein Genfer — nein doch. Holländer! (Vergißt, wo er ist und ruft laut.) Kellner! (Bemerkt seinen Jrrthum.) Nicht doch! Himmel, ich bekomme schon Hallucinationen — vor Hunger, ja, es hilft nichts, ich habe einen Höllenhunger! (Steht aus.) Was macht denn aber auch diese Frau? Sie putzt 27 sich wahrscheinlich, sie legt Reispuder auf. Herrgott, was mach' ich mir jetzt aus Reispuder? Ja, wenn's noch Milchreis wäre oder Hühner mit Reis — aber Reispuder! Sie muß hübsch runzlich sein — weil sie so lange Zeit braucht: 's ist klar — es ist eine Alte — ich bin angeführt — eine häßliche alte Schachtel. Und darum den Hunger! Es hilft nichts, ich muß wieder zur Chocolade greifen. Wenn ich sie nur wiederfände! (Er tappt herum, um dieLhocolade zu finden.) Achte Scene. Ehampignac. Riverol. (Kommt durch die kleine Thür rechts.) Riv. Unten seh' ich Dienerschaft hin und her laufen. Man ist jedenfalls bei Tische. Champ. (sucht immerfort, hört das letzte Wort, er ist beim Kamin). Bei Tische? He? — Jetzt bekomm' ich gar Hallucinationen im Ohr! (Geht zurück, suchend, und umkreist den Divan.) Riv. Der Moment scheint mir günstig, um mich durch diese kleine Thür einzuführen, welche man vergessen hat zu schließen. Orientiren wir uns! Ein Gueridon! Ein Fauteuil! Das muß ein Salon sein. Wenn ich jetzt in das Cabinet schlüpfe, kann ich abwarten, sie überraschen und den Elenden zwinge«, mir Rede zu stehen. Champ. (ist bis vor den Divan gekommen). Verfluchte Chocolade! Sie versteckt sich, sie rächt sich, weil ich sie vorhin verachtet habe. (Sucht aus der Erde mit der rechten Hand und hält die Linke vor in der Luft, um sich nicht an einem Möbel zu stoßen.) Riv. (ist in die Mitte gekommen, sein Kops ist in der Höhe von Lhampignac'S linker Hand). Versuchen wir ein Cabinet zu sindev! Champ. (berührt herumtappend den Bart Riverol's). He! Riv. (für sich). Na! (Stille.) Champ. '(beiSeite, schreckensvoll). Ein Bart! Riv. (ebenso). Man hat mich berührt. Champ. Eine Katze von dieser Höhe — das ist unwahrscheinlich! Riv. Es wird ein Bedienter sein. Champ. Ich verberge mich. (Tappt nach links.) Riv. Ich mache, daß ich fortkomme — es ist noch nicht der rechte Augenblick. (Tappt nach rechts.) Champ. (findet die Thür links). EinCa- binet! (Geht hinein.) Riv. Ah, da ist die Thür, durch welche ich gekommen bin. Champ. (öffnet die Thür). Aber das fängt an unangenehm zu werden. (In diesem Augenblick schließt Riverol die Thür rechts, aus das Geräusch sagt Ehampignac:) He! Riv. (hört das und öffnet wieder heftig). He! Champ. Es ist sicher, da ist Jemand! (Schließt die Thür.) Riv. Es ist sicher, es ist noch nicht der rechte Augenblick! (Schließt die Thür.) Neunte Scene. Camille (mit einer Lampe und Biscuits, die sie auf den Kamin legt). Mir war, als hört' ich die Thür, gehen. (Sieht sich um.) Niemand hier? Ich werde mich getäuscht haben. — Die Tafel hat mich weicher gestimmt und ich habe Con- stance versprochen, die Leiden des Verrä- thers abzukürzen. Da Hab' ich ihm ein Dutzend Biscuits mitgebracht. Wenn er die trocken hinuntergewürgt hat, werde ich ihm Pardon geben. (Gegen die Thür recht«.) Pst! — (Stille.) Pst! — (Pause, sie öffnet rechts.) Ah, er ist fort. Er hat sich aus 28 dem Staube gemacht. (Bemerkt Lhampignac's -Hut.) Nicht doch! Da ist ja noch sein Hut. Also spielt er Versteckens! (Ruft geheim- nißvoll.) Herr von Champignac! Herr von Champignac! (Für sich.) Ah, so ohne weiters laß ich ihn nicht fort. (Wie oben.) Herr von Champignac! (Oeffnet die Thür des Labinets links, Champignac sitzt aus einer Garderobekiste zwischen Kleidern, die rings im Labinet ausgehängt sind.) Nun, was machen Sie denn da? Zehnte Scene. Camille. Champignac. Champ. (ohne sich von der Stelle zu rühren). Still! Cam. Wie? Champ. Still! Cam. Was? Champ. Zch habe einen Bart angetroffen. Cam. Einen Bart? Champ. Ja, einen Bart — in der Lust. Einen Bart, der — Na! geschrien hat. Cam. (für sich). Sollte ein Bedienter hier gewesen sein? (Laut.) Ich weiß, wer das war. Champ. Wer denn? Cam. Der Herr! Champ. Der Herr? Was für ein Herr? Cam. Nun der Herr — der Manu der gnädigen Frau. Champ. (beunruhigt). Der Mann?! — Es gibt hier einen Mann? Cam. Ei ja wohl, Hab' ich's Ihnen -enn nicht gesagt? Champ. (nach rechts hinüber). Nein — kein Wort hast Du mir davon gesagt. Cam. Ah, Sie fürchten sich wohl?! Champ. Fürchten?! Warum nicht Har! Im Gegentheil! Also ein Mann, ein Italiener ohne Zweifel; nicht wahr, ein Italiener? Cam. Nein, ein Spanier. Champ. Spa—ni—er? Cam. Ja, ein Catalonier. Ah! Champ. (erschrocken). Cata—lo—nier? Na ich danke! Das hättest Du mir sagen sollen. Ich hätte meine Vorsichtsmaßregeln getroffen, mir Waffen mitgenommen, mich maskirt. Gute Nacht! (Will seinen Hut holen.) Cam. (lebhaft für sich). Er will fort? — O nein! Champ. Wo ist-die Thür? Cam. Still! Champ. Was denn? Cam. (blickt nach links). Retten Sie sich! Ich sehe den Herrn! Champ. Den Catalonier? Cam. Schnell, schnell, verbergen Sie sich! Champ. (verliert den Kopf). Wo denn? (Laust nach rechts.) Cam. Da nicht. Champ. (kommt zurück). Wo denn? Cam. Nicht dort! Champ. Im Cabinet? Cam. (öffnet die Fenster« im Hintergrund, man sieht den Balcon ganz beschneit und vom Mondlicht erhellt). Nein, auf dem Balcon! Champ. (läuft aus den Balcon). Ist er bewaffnet? Cam. Ich weiß nicht. (Schließt das Fenster.) Champ. (öffnet wieder.) Ich kann mich ja aber erklären — Cam. (stößt zu). Schnell doch! Champ. (stößt auf). Ich werde ihm sagen: Entschuldigen Sie, ich wußte nicht, daß Sie verheiratet find. Cam. (stößt zu). Er kommt schon! da! Champ. (stößt auf). Ich sage, Du bist Schuld! Cam. Er ist da! (Lhampignac schließt erschrocken das Fenster, es nach sich zuziehend. Camilla schließt es mit den Drehriegeln zu.) Warte nur! So kommst Du nicht fort! 29 Etlfte Scene. Camille. Constance. Const. (halblaut, aus der Thürschwelle). Nun? Cam. Komm nur, komm! Const. Wo ist er? Cam. Auf dem Balcon. Const. Himmel! (Bei Seite.) Herr von Villedon hat ja dort unter dem Fenster warten wollen. Cam. (kommt vor). WashastDudenn? Const. Nichts. Laß' ihn heraustreten. Schnell! Cam. Warum denn? Const. Weil — er wird frieren. Cam. Ei deßwegen! Ist es denn ein so großes Unglück, wenn ihm die Schmet- terlingsflügel etwas erfrieren? Aber was fällt mir ein? Ich habe vergessen ihm die Biscuits zu geben. Const. Ich bitte Dich, laß ihn nicht dort! Cam. Fürchtest Du, daß er sich erkältet? O, Du bist zu nachsichtig, mein Herz, ich glaube, Du wirst Dich nie zum Riegel- system entschließen. (Geht zum Fenster, konstante folgt, indem sie nach rechts geht.) Zeige Dich wenigstens nicht! Const. Warum denn? Ist jetzt noch nicht die Zeit dafür? Cam. Was Hab' ich Dir denn versprochen? Const. Du wolltest mir beweisen, daß mein Mann nur mich liebt. Cam. Nun also, jetzt werd' ich's beweisen! (Sie drekt den Fauteuil rechts so, daß er mit dem Rücken nach der Bühne steht.) Setz' Dich dahin und rühr' Dich nicht! Const. Da? Cam. Ja! (konstante setzt sich, so daß sie ganz von der Lehne gedeckt ist und nicht gesehen werden kann. Kamille öffnet die Fenster, laut.) Kommen Sie herein! Der Herr ist fort! Zwölfte Scene. Vorige. Champignac. (Sich vor Frost schüttelnd, auf der Balcon- schwelle.) Champ. Er ist fo—o—ort? Bist Du sicher, daß er fo—ort ist? Cam. Ja. meinHerr, er ist fo—o—ort nach Paris. Victoria! Er räumt Ihnen das Feld. Ist das nicht pikant? (Schließt das Fenster.) Champ. (kommt vor, klappert mit den Zähnen). Die Kälte — ja — die Kälte ist sehr pikant. — Ein Glück, daß Du kamst, denn der Balcon ist nicht gar hoch, und hol' mich der Teufel, ich wollte schon hinunterspringen und mich aus dem Staube machen. Es ist höllisch kalt! Cam. (am Fenster). Denkt man denn an die Kälte, mein Herr, auf einem Balcon bei so herrlichem Mondschein? Das ist so poetisch! Champ. (schaudert, gehtnach dem Kamin). O ja — ja — es ist poetisch. Wo ist denn Holz? Cam. Ein Anderer hätte gefragt: Wo ist deine Herrin? Champ. Ja, ja — also, wo ist deine Herrin? Wo ist denn aber Holz? Cam. (sieht nach links, nach kvnstance's Zimmer). Ich höre die gnädige Frau. Sie schließt eben ihre Thüre und kommt hierher. Champ. (setzt sich auf den Divan). Ach, hol' sie der Teufel! Ich muß mich doch erst wärmen. Cam. (tritt zu ihm, um ihm die Binde wieder umzugeben, die er um den Hals trägt). Rasch, rasch! Legen Sie sie wieder um ! Champ. Was denn? Cam. Die Binde. Champ. (einsallend). Richtig, die Binde. Warum Hab' ich draußen nicht 30 daran gedacht, ich hätte sie alsNasenwär- mer benutzen können. Cam. Nur schnell! Hinauf damit! Champ. (bittend). Muß es denn sein? Cam. Nach Ihrem Belieben, mein Herr. Entweder die Binde, oder Sie verlassen das Haus. Champ. Laß mir wenigstens ein kleines Loch zum Hinausschielen. Eam. Nein, nein! Champ. (will ihr einen Louis geben.) Ein ganz kleines. Cam. (weist ihn zurück). Nein, mein Herr! Champ. (ergibt sich drein und hält die Stirn vor). Na, dann nur zu? Ich bin überzeugt, sie ist häßlich, diese Frau — häßlich wie die Nacht! Aber jetzt ist mir schon Alles einerlei. Wenn ich nur dazu komme, mir die Füße zu wärmen. (Schlägt die Füße zusammen.) Cam. Geschwind, stehen Sie auf, mein Herr. Da ist die gnädige Frau. (Nimmt ihn bei der Hand, läßt ihn um sich selbst her- umdrehen und führt ihn ganz vor.) Champ. Gnädige Frau! (Für sich.) Ich habe vergessen, mich zu orientiren. Auf welcher Seite ist denn der Kamin? Cam. (ihn immer unterstützend). Hier ist -ie gnädige Frau! (Lonstance steht auf und geht zu Kamille.) Champ. (sucht immer nach dem Kamin, streckt immer die Hand aus, um die Wärme zu spüren). Gnädige Frau, ich habe die Ehre. Ihnen guten Abend zu wünschen. Wie befinden Sie sich? (Für sich.) Ich glaube, der Kamin ist rechts. Cam. (unterdrückt das Lachen). Die gnädige Frau ist so bewegt — Champ. (sucht immek). Und ich erst! Das macht die Kälte. (Für sich.) Er muß doch links sein, weiter vor! (Laut.) Gewiß. gnädige Frau, das macht die Kälte; zu Mittag schien es einen Augenblick, als trete Thauwetter ein, aber gegen vier Uhr ist der Wiud wieder nach Norden herumgegangen. (Für sich.) Jetzt weiß ich's, er ist dock rechts. Cam. Wollen Sie sich nicht setzen, mein Herr? Champ. Setzen, ach ja! Zu Füßen der gnädigen Frau, am Feuer! (Kommt suchend nach dem Kamin.) Ah, jetzt Hab' ich den Kamin! Ich spüre die wohlthätige Wärme. Ah! Cam. (zu konstante). Na, was sagst Du? Stellst Du Dir den Don Juan so vor? Champ. (sich wärmend). O, meine gnädige Frau — Cam. Die gnädige Frau steht rechts von Ihnen. Champ. (spricht nach rechts in s Blaue). O, meine Gnädige, Sie glauben nicht, welche wohlthätige Wärme in Ihrer Nähe meine Adern durchströmt. (Für sich.) Den Rücken kann ich noch nicht warm bekommen. (Laut.) Welch' himmlisches Feuer! Ja, gnädige Frau, seit ich Sie zum ersten Male gesehen, verfolgt mich ihrBild überall hin. Immer glaub' ich den süßen Klang Ihrer Stimme zu vernehmen — und höre ihn doch nicht. (Bei Seite nach links, gerade konstante ins Gesicht.) Auf Ehre, 's ist merkwürdig, ich höre kein Wort! ^Cam. (aus den Divan gestützt wie konstante). Gnädige Frau, wollen Sie nicht antworten? (Macht ihr ein Zeichen zu schweigen.) Champ. (wieder nach rechts in's Leere). O, meine Gnädige, noch immer kein freundlich Wort? Immer lassen Sie nur Ihr Kammermädchen sprechen? Cam. (neigt sich zu ihm). Wundern Sie sich nicht, mein Herr, wenn die gnädige Frau nicht antwortet, sie versteht kein Wort von dem. was Sie sagen. Champ. Was? Sie versteht mich nicht? Cam. Nein, sie spricht nur italienisch! Champ. Italienisch? Ich Hab' keine Ahnung vom Italienischen! Cam. Das hat sie geahnt und darum sagt sie eben nichts. Sie würden sie ja doch l merkt man gleich, daß die Besitzerin eine nicht verstehen. Italienerin ist. Champ. (nähert sich Camille). Aber daH hättest Du mir vorher sagen sollen. Das ist ein niedliches Abenteuer? Eine Frau, die ich nicht sehe und die kein Wort spricht! Cam. (führt ihn vor). Ich werde den Dolmetsch machen. Champ. Immer? Ca m. Freilich? Champ. Dann mach', daß sie fortkommt, deine Gnädige. Bleiben wir allein, dann brauchen wir keinen Dolmetsch. Cam. Ei, ei, mein Herr, wenn die gnädige Frau Sie hörte! Champ. Ach was, zum Donnerwetter! Es liegt mir gar nichts an deiner gnädigen Frau. (Will die Binde abnehmen.) Cam. (hindert ihn). Halt, mein Herr! Champ. Ei. zum Teufel, wenn ich nicht mit ihr sprechen kann, will ich sie wenigstens sehen. Cam. Ist es möglich, mein Herr! Ein Mann wie Sie legt einen Werth auf Sehen und Sprechen? Uebrigens können Sie immerhin einige Worte mit ihr wechseln. Die gnädige Frau kann Ja und Nein sagen. Champ. Ja. das ist etwas Anderes. Wenn sie Ja sagen kann! Cam. Was soll ich ihr von Ihnen sagen? Champ. Frage sie, ob sie mir ihre schöne Hand geben will. Cam. (zu konstante), vexuats äar§1i 1a mLllo? Canst. (mit verstellter Stimme). Ja. Cam. Ja. Champ. Ich Hab' schon gehört. Ah. es klang reizend dieß Ja. es hatte einen so eigenthümlichen süßen Ton. Cam. Hier, mein Herr! (Reicht ihm Constance's Hand und geht nach links.) Champ. (ergreift Constance's Hand). O diese weiche, sammtue Hand! An derHaod Cam. Nicht wahr? Champ. Jetzt kannst Du gehen. Cam. Ich? Champ. Ich werde selber den Dolmetsch machen. Mach' fort! Cam. O nicht doch! Die gnädige Frau hat mir verboten fortzugehen. Const. (lebhaft). Nein. Champ. Sie sagt Nein? Sie hat mich also verstanden? Cam. Allerdings — ich Hab' ihr ein Zeichen gemacht. Champ. Ei. wenn sie die Zeichensprache versteht, kannst Du ja gehen. Wir werden durch Zeichen mit einander sprechen. (Will die Binde abnehmen.) Cam. Mein Herr, die Binde! Champ. (erhitzt). Sie bringt mich um deine Binde! Cam. Ich sagte Ihnen ja schon, die gnädige Frau wird sie Ihnen selbst abnehmen, wenn sie von der Wahrhaftigkeit Ihrer Liebe überzeugt ist. Still jetzt, sie spricht! (Pause.) Champ. Ich hbre nichts! Spricht sie durch Zeichen? Cam. Ja! Sie sagt, sie könne nicht an die Echtheit Ihrer Liebe glauben. Champ. Wie? Was für ein kurioses Zeichen hat sie denn dafür, um auszudrücken: Echtheit der Liebe? Cam. (fortfahrend). Und sie traue Ihnen nickt. (Geht hinter seinen Rücken, um in Constance's Nähe zu sein.) Champ. Warum denn? Cam. Weil Sie verheiratet find. Champ. Nun — was schadet denn das? Const. Oh! Cam. (schließt ihr den Mund und hält sie fest). O, das schadet viel! — Ich übersetze immer die Zeichen der gnädigen Frau — Champ. Die möcht' ich sehen! 32 Cam. (bei Seite, immer noch Constance haltend). Das glaub' ich, Du würdest Dich wundern! Champ. Sag'ihr, man könne verheiratet sein, ohne deßwegen etwas aus eine lächerliche Treue zu geben, und daß die Süßigkeit des eigenen Besitzes Einen nicht unempfindlich macht gegen den Reiz verstohlenen Glückes — im Gegentheil! Cam. O mein Herr, das werd' ich niemals sagen. Champ. Warum denn nicht? Cam. Weil es nicht wahr ist. Champ. Was, Närrchen, nicht wahr? Machen mich die Rosen in meinem Garten blind gegen die Schönheit derer, die bei meinem Nachbar blüh'n? Deine Gebieterin iü eine solche Blume, die sich mir darbietet. Warum soll ich sie nicht pflücken? Zum Henker mit einem Herzen, welches so eng und klein ist, daß es eine einzige Liebe ausfüllen kann. Cam. Ei so? Champ. Soll ich nur das lieben wollen, was mir gehört? Was ich bei mir habe, was für mich da ist? O pfui! Das ist ja blanker Egoismus! Const. (leise zu Camille). Da Horst Du's! Cam. So betrügen Sie also Ihre Frau ohne Gewissensbisse? Champ. Ich thue ihr damit ja kein Unrecht. Const. Oh! Champ. Was sagt sie? Cam. (schließt ConstamL den Mund). Nichts. Es war italienisch. Champ. Siehst Du, deine Herrin kann ganz ruhig sein. Cam. Ja, ja — dabei kann man sich auch wirklich beruhigen. Champ. Denn die Liebe, die ich für sie habe — Cam. (will, daß er schweige). Ja doch mein Herr, wir wissen genug! Champ. (fährt fort). Ist ja ganz verschieden vouder, dieichfürmeineFrauhege. Cam. (wie oben). Ja doch, ja, ich weiß es, schweigen Sie doch! Champ. (wie oben). Jene ist die Poesie — Cam. Ja doch! Champ. Die andere Prosa. Const. Ah! Champ. (nachdrücklich). Ja, ja, nackte Prosa! Cam. (einen Schritt zurück). Mach', daß Du fortkommst! Const. (eben so, für sich). WelcheLehre! Champ. (sucht Constance' s Hand). Wo ist denn Ihre schöne Hand? Cam. (stark, indem sie zurückkommt). Suchen Sie nicht, Sie werden Sie nicht wieder berühren. Champ. Wie? Cam. Schämen Sie sich, mein Herr! Der ist ein Verräther, der das häusliche Glück poesielos findet. Champ. (lustig). Wie ich. Cam. Wer sich in Paris als Junggeselle vergnügt. Champ. (wie oben). Wie ich. Cam. Während er seine junge Frau auf dem Lande allein läßt in Kalte und Schnee. Champ. (ernsthaft). Auch wie ich. Cam. Was aus ihr wird während dessen, was sie thut und treibt und denkt — darnach fragt er noch nicht einmal in seiner Herzlosigkeit. Champ. Ja auch — (mit einer gewissen Erregung) auch wie ich. Cam. Was philosophirten Sie vorhin von Egoismus! Wer ihre Sophistereien theilt, der ist ein kalter Egoist, mein Herr. Was kümmert es ihn, ob die arme Frau sich grämt und in trostlosem Jammer bitt're Thränen weint. Champ. Thränen? Sie weint? (Reißt dieBinde ab, Camille stellt sich vor Constance, so daß sie diese deckt. Champignac ist ganz erregt, achtet nicht aus sie und spricht fort.) Meine Frau? Nicht doch! Worüber denn? Weil ich in letzter Zeit etwas freier gelebt? 33 Aber sie hat ja keine Ahnung davon. (Von diesem Gedanken betroffen.) Und wenn sie doch etwas ahnte? wär' es möa ich? Za, ja! Sie war öfter traurig, ich überraschte sie dabei, daß ihre Augen meine Blicke vermieden — das waren Thränen? sie hatte geweint? Und ich war schuld? Sie weinte über mich? Und ich bin hier? Champignac, was willst, was treibst Du hier? Mach' daß Du nach Hause kommst, Dummkopf! (Wirst die Binde fort.) Cam. (zu konstante). Hörst Du? Champ. Ich will fort! (Geht nach rechts.) Cam. Aber — Champ. Fort will ich! (Nimmt seinen Paletot vom Fauteuil.) Cam. (immer noch konstante deckend, die hinter ihr nach links gegangen). Ist das Ihre Liebe? Champ. Liebe? Meine wahre Liebe ist meine Frau, meine einfache, süße, liebe Frau. Zu ihr, zu ihr! Ich danke Dir — Du hast mich erst gelehrt, wie sehr ich sie liebe. (Zieht den Paletot an.) Const. (voll Freude zukamille). Duhast recht — er liebt mich. Cam. (leise). Heute Abend soll er in deinen Armen liegen. Champ. (sucht den Hut aus dem Gueri- don). Gute Nacht, Lisette. — Wo ist mein Hut,? Const. (will vorstürzen, leise). Laß mich, ich muß zu ihm! Cam. (drängt sie nach ihrem Zimmer). Nicht doch, hast Du meine Lehre vergessen? Const. (leise). Du meinst — Cam. (leise an der Thür). Jetzt kommt erst die Strafe, der Riegel, der Riegel! (konstance geht in ihr Zimmer, gleichzeitig bricht Kamille in Helles Lachen aus.) Dreizehnte Scene. Camille. Champignac. Cam. (lachend an der Thürschwelle links). (Lebhaftes Spiel in der Srene.) Adieu, mein Herr! Champ. (überrascht, will eben zurThüre rechts, dreht sich um). Worüber lachst Du? Cam. Ich lache, weil nicht alle Frauen darüber weinen, daß sie allein zu Hause bleiben müssen. Champ. Wo ist mein Hut, wo ist die Thür? Cam. (betonend,absichtlich). Es gibt auch Frauen, die sich rächen! Champ. (betroffen). Die sich rächen? Constance gehört glücklicher Weise nicht dazu! Cam. (kommt vor). Betrug gegen Betrug! Zch kenne eine Frau hier in der Gegend — Champ. Hier in der Gegend? Cam. (bei ihm). Ich nenne Niemand. Champ. (mit steigender Unruhe). Du sollst sie aber nennen! Cam. (ohne ihn anzusehen). Die hat guten Grund, es ihrem Manne gleich zu thun. Champ. (nahe zu ihr). Ihrem Manne — wer ist der Mann? Von wem sprichst Du? Cam. Von einer Dame, die ihren Mann betrügt. Champ. Betrügt?ZhrenMann? dann ist sie eine Nichtswürdige! Cam. Ihr Mann äugt auch nichts. Champ. Das ist gtnz was Anderes! Cam. Das ist ganzadasselbe. Champ. Eine verheiratete Frau! Cam. »O, man kann verheiratet sein, ohne deswegen etwas auf eine lächerliche Trene zu geben!« Wiener Lheat.-Rep. Nr. »K. 3 34 Cam. Eine verheiratete Frau, die einen Andern liebt! Cam. »Machen mich denn die Rosen in meinem Garten blind — « Ehamp. Das ist ganz was Anderes! Cam. Das ist ganz dasselbe. Champ. Nein! Cam. Ja! Champ. Ich will nach Hause. Gleich auf der Stelle! Cam. Glückliche Reise! Champ. (nach links). Herr Gott, wie war ich dumm! Zu Haus Hab' ich mein warmes Feuer, mein gutes Essen, mein bequemes Bett, eine Frau, die mich liebt, die ich liebe, die meine Sprache spricht, die ich ansehen kann, wie mir's gefällt — und ich laufe hierher, um zu hungern, zu frieren, Blindekuh zu spielen und mit einer Zofe zu schwatzen, während vielleicht meine Frau — Gott gebe, daß ich nicht zu spät komme! Die Thür! Zeige mir die Thür! Cam. (lacht). Da ist sie! (Sie öffnet die Thür.) Vierzehnte Scene. Vorige. Riverol. Fridolin. Cam. (schreit beim Anblick Riverol's laut auf). Ah! Champ. (ebenso). Ah! Cam. Er ist's! Riv. Ja, ich bin's! Champ. (starr vor Schreck). Der Mann! Cam. (für sich). Ich mußt' es ja, daß er kommen würde. Champ. Jetzt sitz' ich in der Falle — (verschanzt sich hinter den Divan). Riv. (zu Camille). Ja, ich bin's, Treu« lose! Cam. Was? Treulose? Aber — Champ. (zwischen Kamin und Divan). Waffen! — den Feuerhaken! die Zange! Waffen! Riv. (zieht einen Pistolenkasten vor und stellt ihn aus den Gueridon). Hier find Waffen! Cam. (zu Riverol). Lassen Sie sich doch erklären — Riv. (hört nicht auf sie). Schweigen Sie! Wollen Sie etwa behaupten, daß Sie unschuldig find — hier im Angesichte Ihres Mitschuldigen? Cam. (tritt vor ihn). Ach was kümmert mich denn der? Hören Sie doch nur — Riv. (stößt sie zurück). Nein, ich will nicht hören! Champ. (für sich). Himmel, ich habe eine glückliche Idee! Riv. (zuLhampignac gehend). Vorwärts, mein Herr! Kommen Sie mit hinaus, wir haben einen Zeugen (auf Riverol den- tend, der ängstlich und verdutzt der Scene folgt) und Waffen! Gehen wir! Champ. (weicht zurück und sucht Schutz hinter Camille). Bitte um Verzeihung, lieber Herr, bitte, es ist ein Mißver- ständniß! Cam. (bestätigt). Allerdings — ein Mißverständniß! Champ. Verstehen Sie recht! Ich bin gar nicht hier wegen der Dame, die Sie verdächtigen. Gewiß nicht, mein Herr, verlassen Sie sich darauf. Mein Besuch galt ja dem Mädchen. Cam. (schreit). Dem Mädchen? Riv. Dem Mädchen? Cam. (zuChampignac). Aber, Herr, wie können Sie — Champ. (gibt ihr verstohlen einen Louis- d'or, den sie aber zur Erde fallen laßt). Sei doch still! (Bei Seite, kommt nach rechts vorn.) Sechzig Francs hat sie schon früherbekommen, jetzt macht es achtzig Francs, die mich diese Lustpartie kostet! Riv. Elender! Sie geben ihr Geld! Sie find verrückt! Champ. Verrückt? Weil ich ihr Geld schenke. Es wird dochnicht das erste Trinkgeld sein, das sie bekommt. 35 Riv. Trinkgeld? Herr, Sie find des Todes! Cam. (lacht). Hahaha! Ich geb' es auf, diese Hitzköpfe aufzuklären. Ich lache lieber! (Geht nach hinten und lacht hell aus.) Riv. (geht quer durch's Zimmer aufCham- pignac los.) Sie werden mir Geimgthuung geben, mein Herr! Champ. (hinter den Gueridon zurück- weichend). Was? Wegen dieser kleinen Spitzbübin? Frid. Aber Champignac, es ist ja deine Tante! Riv. Ich werde Sie tödten! Frid. (zwischen beiden). Ah, mein Herr, Ihren Neffen! Champ. (hinter Fridolin). Sie sind verrückt. mein Werther, Sie! Frid. Ah Champignac, dein Onkel! Champ. Was will denn der Esel immer mit seinem Onkel und Tante? (Quer über den Salon nach links.) Riv. Sie haben also nicht einmal das Herz, sich um sie zu schlagen? Champ. Um sie! (Schreckensvoll.) Barmherziger Gott, jetzt geht mir ein Licht auf. Er ist der Liebhaber seines Stubenmädchens! Cam. (schreit und lacht aus vollem Halse). Ah — hahaha! Riv. Zum letzten Male, mein Herr, wollen Sie mir folgen? Ja oder nein! Champ. Nein! Riv. Nein? Champ. Ach was — nein! Ich habe ganz and're Dinge zu thun! Wer weiß, was unterdeß' bei mir zu Hause geschieht — (stark) hinaus will ich! (Geht nach rechts.) Riv. Hier hinaus nicht! (Verschließtmit dem steckenden Schlüssel die Thür rechts Camille sucht sich lachend des Schlüssels zu bemächtigen.) Champ. (weicht' zurück nach linls, für sich). Das ist ja ein wildes Thier dieser Mensch! Hinaus will ich! Hinaus aus dieser Mördergrube! Riv. Und jetzt nehmen Sie eine dieser Pistolen, oder — (öffnet das Fenster) ich jage Sie zum Fenster hinaus! (Geht nach dem Gueridon, um den Pistolenkasten zu nehmen.) Champ. Das Fenster? — Göttliche Idee! Himmel, ich danke Dir! (Springt aus den Balcon und dann hinunter.) Riv. Frid. Ah! (Camille nimmt gewandt den Pistolenkasten an sich und verbirgt ihn aus dem Rücken.) Champ. (Von außen). Danke, mein Herr! Riv. Halt, Sie sollen mir nicht entkommen! (Cilt aus den Balcon und springt hinunter.) Cam. (will vor Lachen sterben). Ah, das ist zum Todtlachen! Ich kann nicht mehr! (Der Vorhang fällt.) Dritter Äct. (Dieselbe Decoration. Die Stellung der Möbel ist verändert. Der Divan noch neben dem Kamin, aber er steht jetzt dem Publicum gegenüber. Der Gueridon. der früher rechts stand, ist jetzt neben dem Divan. Ein Fauteuil-Ga- noche steht beim Kamin mit dem Rücken gegen das Publicum. Das Tabouret daneben. An der Thür sind die Portieren abgenommen und Ueberzüge über den Sesseln.) Erste Scene. Camille, dann Constance. Cam. (zu einem Bedienten, der den Fauteuil an den Kamin stellt). So — es ist gut! Sie können gehen. Jetzt mit diesem neuen Möbel-Arrangement und denStuhl- 3 * 36 kappen ist, denk' ich, der Salon kaum wieder zu erkennen. (Zu Constance. die von rechts eintritt.) Nun, was bringst Du Neues? Const. (unruhig). Ich sehe sie nicht mehr, ich habe ihnen alle Bedienten nachgeschickt. Cam. Nur Geduld, es wird ja Alles gut werden. Const. Sage mir nur, warum Du den Männern nicht gleich gesagt hast —? Cam. Mein Gott, kann man denn Verrückten etwas sagen, die nichts hören wollen? Const. (geht zum Fenster). Ich bin in einer Unruhe — Cam. (setzt sich rechts). Ich habe Glück — nicht wahr? Const. (kommt vor nach links). Glück? Wie so? Cam. Ich meine, mit Herrn von Ri- veröl. Er ist wüthend eifersüchtig. Ich be komme also einen eifersüchtigen Mann! Na, an Beschäftigung soll es ihm nicht fehlen! Const. Wahrhaftig, ich bewundere Dich. Du bist ganz ruhig und denkst nur an deinen zukünftigen Mann. Wenn er nun meinen Mann umbringt? Cam. Er kriegt ihn ja gar nicht. Champignac hat einen großen Vorsprung. Const. Das wohl, aber wenn mein armer Mann im Schnee fällt und sich verwundet. Cam. Im Schnee liegt fich's weich. Const. Er kann ja aber doch nicht in einem fort laufen! Er muß doch endlich einmal auch geh'n. Wo wird er hingehn? Cam. Nach Hause. Const. Hierher? Cam. Ich denke wohl. Er wird doch so gescheidt sein, unterwegs nach dem Hause der Frau von Champignac zu fragen! Und dann wird er ganz gemächlich zu Fuß durch die Thür wieder hereinkommen, wie er durch's Fenster hinausgegangen ist. Const. Das wird einen schönen Auftritt geben! Cam. Warum denn? Const. Nun, er wird gewiß böse sein, wenn ich ihm gestehe, daß wir ihn betrogen haben, und daß ich die Italienerin gestielt habe. Cam. Gestehen, warum nicht gar. Wir gestehen gar nichts! Const. Nicht? Cam. Nein, Du mußt' Dich ganz unschuldig anstellen. Const. Wenn er Dich aber sieht — Cam. Er soll mich aber nicht eher sehen, als bis es Zeit ist. Const. Aber die Wohnung, der Salon, — er wird das ja Alles wieder erkennen. Cam. Das glaub' ich eben nicht. Was kann er denn gesehen haben? Er war bald in diesem Zimmer, bald im Cabioet, bald auf dem Balcon. Anfangs war's finster, dann hatteer die Binde überm Auge, endlich stand ihm die Pistole an der Gurgel. Ich bin überzeugt, er weiß die Farbe der Möbel nicht. Außerdem Hab' ich ja expreß Alles verändern lasten. Const. Das ist wohl wahr, aber ich möchte ihm doch lieber Alles sagen. Cam. (steht aus). Das verbiet' ich! Denk' an meine Lehre, mein System! (Man hört zwei Schüsse.) Const. (schreit). Ah! Cam. Zwei Schüsse? Const. Sie schlagen sich? (Man hört schreien.) Cam. Horch, Geschrei! Const. O mein Gott! 37 Zweite Scene. Vorige. — Fridolin (aus der Schwelle rechts). Frid. Haben Sie gehört? Cam. Ja. Was gibt's denn? Frid. Zch weiß es nicht. So was ist mir in meinem Leben nicht vorgekommen. (Geht zum Fenst-r.) Const. Ich will fort, ich will sehen, was es gibt! (Geht nach hinten.) Frid. (am Fenster). Da kommt Cham- pignac! Hu, wie er läuft! Const. (blickt auch hinaus, voll Freude). Wahrhaftig, fa er ist's! kam. Geh' auf dein Zimmer! Const. Ja. kam. (zu Fridolin). Und Sie, mein Herr, unterstehen Sie sich nicht, ihm zu erklären, was hier vorgegangen. Frid. Wie beliebt? kam. Sie sollen ihm nichts sagen. (Links ab mit Lonstance.) Frid. Was denn? Was soll ich ihm denn sagen? Ich weiß ja nichts. Champ. (von außen rechts). Schon gut, schon gut! Ich werde es der Frau selber sagen. Frid. (läuft zu der kleinen Thür rechts, vorn). Der Cousin! Ich drücke mich. In diesem Hause pasiiren Geschichten — Geschichten — in meinem Leben ist mir so etwas nicht vorgekommen! (Verschwindet.) Dritte Scene. Champ. (kommt durch die große Thür rechts in bloßem Kopf, er sieht elend aus, seine Kleidung ist voll Schnee und Schmutz, athem- los). Poetisch mag es sein — aber ich Hab' es satt. Herr meines Lebens, das war eine schöne Landpartie! — Ich springe durch's Fenster, und falle auf einen Herrn, der da unten auf dem Anstand war und weiß der Teufel wen erwarten mochte; »bitt um Verzeihung,« schrei' ich und gewinne das Weite. Fluchend und schimpfend steht der Aermste wieder auf, da springt der andere Verrückte, der mit den Pistolen. mir nach, und fällt ebenfalls rittlings auf ihn. Nun ging die Hetzjagd los. Der Verrückte läuft mir nach und der Gequetschte läuft dem Verrückten nach. Ich komme an eine Hecke und springe glücklich hinüber, hopla springt auch der Verrückte, noch einmal hopla. der Gequetschte springt auch. Nun ging's Laufen an. Ein Schafskopf von Bauer versperrt mir den Weg, ich rufe ihm aus der Ferne zu: Achtung! Er rührt sich aber nicht, und ich stürze wie der Blitz auf ihn los — perdauz — bekomm' ich einen Stoß, der mich zehn Schritte zur Seite schleudert, ich falle und strecke alle Vier von mir! 'S war ein Pfahl, aber kein Bauer! Ganz betäubt, vom Schnee geblendet, halb verrenkt, steh' ich auf, laufe rechts, laufe links, querfeldein! Da sind die famosen Pappeln. Hier kenn' ich mich wieder aus — mein Haus ist in der Nähe. Ich »Hill mich eben orien- tiren, da fängt ein Hund an zu bellen, alle Hofhunde des Dorfs stimmen ein, die Bauern werden lebendig, sie beginnen ein e Treibjagd und schreien: Haltet Sen Dieb! HaltetdenDieb! Die Huudewerden losgelaffen. man schießt hinter mir, ich gebe mich verloren. Da bemerk' ich meinHaus. in letzter Anstrengung flieg' ich her. und werde zur Begrüßung von meinem treuen Wächter in die Wade gebissen — (fällt erschöpft in einen Sessel rechts), und da bin ich! Wirklich ein recht heileres Abenteuer, ich danke! — Aber wo ist denn meine Frau? Niemand da? Wahrscheinlich ist sie auf ihrem Zimmer. Gebe nur Gott, daß sie allein sei. Dieß Kammermädchen hat mir mit ihren Drohungen einen Floh in's Ohr gesetzt. (Blickt behaglich umher.) Gott sei Dank! nein, ich sehe durchaus nichts Verdächtiges — Alles ist in schönster 38 Ordnung — friedlich und ruhig (Steht aus.) Da ist ja ihr Fauteuil am Kamin — (nimmt ein Buch vom Gueridon) und ein Buch. Sie hat gelesen — gelesen, und dabei wahrscheinlich meiner in Liebe gedacht. Du brauchst nur diesen Salon zu betrachten, Champignac, um völlig beruhigt zu sein. Es ist nicht möglich, daß er der Schauplatz so entsetzlicher Scenen werden könnte, wie ich sie eben erlebt. Man braucht nur die Möbel anzusehen, um mit Sicherheit auf den Charakter der Bewohner und auf ihre Lebensweise zu schließen. Ich Hab' zwar den Salon der Italienerin nur oberflächlich angeseh'n, sehr oberflächlich, so viel aber Hab' ich doch bemerkt, daß auf allen Möbeln eine Atmosphäre lag von Laster und Verderbtheit. Hier dagegen — wie bürgerlich und gemächlich! Welch' rührende Unschuld! Welch' patriarchalische Sittenreinheit! Gott sei Dank, ich athme auf. Ruhe zieht wieder in mein geängstigtes Gemüth, meine ganze Heiterkeit find' ich wieder in dieser Atmosphäre häuslicherTugend! Ja wahrhaftig zu Hause ist's doch-am besten! Wie beseligend der Gedanke: Das ist Alles mein. Mir gehört der Fauteuil da, in dem ich mich behaglich strecke, für mich brennt dieß lodernde, heimliche Kaminfeuer, mir leuchtet diese brennende Kerze, und mir, mir allein gehört in Liebe die reizende Frau an, die jetzt kommen wird, mich in ihre Arme zu schließen, mich an ihr Herz zu drücken — Vierte Scene. Champignac. Constance. Champ. (läuft, sobald er sie erblickt, auf sie zu. und schließt sie in die Arme). Ja Du bist mein, nur mein, ganz mein! Const. (spielt die Ueberraschte). Ah, Du bist da? Champ. (küßt fie immer wieder). Ja, ich bin da, mein Herz, ja, mein süßes Leben! Const. WelcheNeberraschung! Jchhabe Dich nicht erwartet. Champ. Um so besser, mein Engel. Das Ueberraschende ist ja viel Poe- (unterbricht sich). Nein — ich will nichts mehr wissen vom Poetischen! Const. (sieht ihn an und schreitauf). Aber wie siehst Du denn aus? Champ. Ja so! Ich habe meinen Hut da unten vergessen, im Waggon. C onst. Nicht das — aber sieh Dich doch nur an! Champ. (betrachtet sich). Ich bin ein bischen unordentlich, nicht wahr? Const. Ja, wo kommst Du denn her? Was hat Dich in diesen Zustand gebracht? Champ. (verlegen). Ah, da ist — da ist die Eisenbahn Schuld, wahrhaftig! Const. Die Eisenbahn? Champ. Ja, siehst Du, so wird man jetzt zugerichtet, wenn man eine Reise macht. Const. Ah, das ist ja abscheulich! Champ. Nicht wahr? Ja. es ist schändlich! Im Wagen d'rin ist kein Platz, da muß man oben auf s Dach steigen — (Bei Seite.) Sapperment, das geht nicht! Die Eisenbahnwaggons haben keine Dachsitze. (Laut.) Ja, ich war so voll Sehnsucht, Dich zu sehen. (Küßt sie auf den Hals, nack links sehend.) Mein liebes kleines Weibchen! (Bei Seite.) Welche Unschuld! Sie glaubt Alles! (Laut.) Warst Du allein, liebes Kind? Const. Ja wohl! Champ. (bei Seite). Das dumme Mä- del hat mir umsonst Angst gemacht. (Laut.) So ist gar Niemand zu Besuch da gewesen heut' Abend, mein Mäuschen? Const. Niemand. Champ. Gestern auch nicht und vorgestern? Const. Nein, keine Seele. Champ. (beiSeite). Das alberneKam- 39 mermädchen! (Laut.) Da hast Du Dich wohl sehr gegrämt, so allein zu sein, und so fern von deinem lieben Männchen? He? Const. Leider ja! Champ. Leider ja? Du lieber Schatz, (hält sie immer in dem Arme) ja Du hattest es recht einsam hier. (Sie legt ihre Hand auf seinen linken Arm, er schreit leicht auf.) Auweh! Const. Was ist? Champ. O nichts! Es thut mir da ein bischen weh, wo ich an den Pfahl angerannt bin — auf der Eisenbahn. Eonst. Du hast Dir weh gethan? (Will die Glocke zieh'n.) Champ. Laß' nur, laß'! Läute nicht! Wir wollen allein bleiben! 'S ist ja nichts — Const. (macht sich los). Ich will doch im Kamin ein bischen nachleaen! (Sie thut es.) Champ. Wie hübsch meine Frau ist! Sie ist viel hübscher als die Andere. Die Hab! ich zwar nicht gesehen (belrachtetCon- stamensHand), aber ich schließe es nach der Hand. Die Hand ist ein untrügliches Zeichen. (Nähert sich ihr.) Gib mir doch dein Händchen, liebes Weibchen, und schau mich an. (Er sitzt auf dem Divan, hält die Hand seiner Frau und streichelt sie.) Deine Hand ist weich und frisch wie ein Kinderhändchen. (Bei Seite.) Die andere war knochig! Heiß zwar, aber knochig! Und warum in die Ferne schweifen, wo das Gute so nahe liegt. Const. Was sagst Du? Champ. (laut). O nichts. Ich dachte, daß man's doch zu Hause recht gut hat. 'S ist so gemächlich, so heimlich! Wie wohl thut mir die milde Wärme, was bist Du hübsch, mein Frauchen! Uebrigens, ich habe Appetit, kann ich nicht eine Suppe haben? Const. Hast Du nichts gegessen? (Sie läutet am Kamin.) Champ. O ja. aber nichts Rechtes! Es war ein recht schlechtes Gasthaus. Ein ewiges Kommen und Gehen, nichts in Ordnung und eine nichtswürdige Bedienung. Const. (zur Kammerfrau, die rechts ein- tritt). Rasch ein Couvert für den Herrn! Kämmers. Soll ich's hierher bringen, gnädige Frau? Champ. Nein, nicht hierher. Zur gnädigen Frau! (Kammerfrau ab.) Const. Zu mir? Champ. (verliebt.) Ja, in dein Zimmer, auf den kleinen Tisch. Const. Nicht doch! Dort ist's ja unge- müthlich. Champ. Im Gegentheil, sehr gemächlich wird's sein in deinem Zimmer, in unserm Zimmer. Es ist gewiß reizend, wie Alles, was dein ist! Wie ist es denn tapezirt? Const. (setzt sich ihm gegenüber in den Fauteuil). Ganz einfach mit weißem Mousseline. Champ. O, ich schwärme für Mous seline! Ein Schlafzimmer in weißem Mousseline ist ja reizend! Du bist so schön und ich Hab' Dich so lieb'! Es war abscheulich von mir, Dich vierzehn Tage allein zu — auf dem Lande zu lassen unter Füchsen und Wölfen. Const. (für sich). Fast scheu' ich mich, Camille's Rath zu folgen. Ich möcht' ihm doch lieber Alles sagen. Champ. Ich bitte Dich auch dafür um Verzeihung. Siehst Du, auf beiden Knieen! (Stößt das Tabouret weg.) Das Tabouret ist mir im Wege. Laß mich Dir knieend Abbitte thun! Const. Nicht doch, lieber Mann, ich muß — Champ. (kniet). Ich kniee schon — bitte, bitte! Const. Ich muß Dir Abbitte thun, lieber Mann! Champ. (schlägt seine Brust). Nein ich, ich! 40 Const. Wenn Du wüßtest — Champ. (hört nicht auf sie). Wenn ich Dir erzählte — Const. Man soll ja Niemand belügen. Champ. Seine Frau — niemals! Const. Und seinen Mann auch nicht? Champ. Natürlich nicht, niemals! Const. Und wenn man ihn getäuscht hat — Champ. (springt aus). Getäuscht? Const. (bei Seite erschreckt). Ich mußt' es ja, er wird wüthend — Champ. Getäuscht? Wer ist. der Ge- täuschte? Const. Ich meine, lieber Freund, wenn man sich getäuscht hat — Champ. Ach so! Mir war, als hättest Du gesagt — O, — mir wird nicht gut — das dumme Mädchen mit ihrem — (er schwankt). Const. Um Gottes Willen, was ist Dir? Champ. Nichts — nichts. Die Erschöpfung — der Stoß — an den Pfahl und die unglückselige Suppe, die so lange ausbleibt — ah — ah — ich bin hin — hin — hin! — (Fällt ohnmächtig auf den Divan.) Const. (verliert den Kopf und läutet). Zu Hilfe! Camille! Camille! Fünfte Scene. Vorige. Camille. Camille (eilt von links herbei). Was gibt's denn? Const. Er ist unwohl geworden. Rasch! Essig! Camille. Ei was! Er braucht keinen Essig, er braucht etwas zu essen, er hat Hunger! Const. (geht zur Thür rechts und ruft). Zulie! Julie! Eam..(links von Champignac, ihn betrachtend). 'S geschieht Dir schon recht! — Mir ist, als sah' ich meinen Mann, wenn er vom Flattern nach Hause kam. Const. (zur Kammerfrau, die eine Tasse Bouillon trägt, die sie ihr übergidt). Geschwind besorgen Sie das Couvert! Cam. (nimmt den Bouillon aus der Hand Constance's). Warte! Ich will ihn anreden, aber ihn zugleich an sein Verbrechen erinnern. (Rührt den Bouillon mit einem Lössel.) Ich bin sein Gewissen! Const. Nimm' Dich in Acht! Cam. (entfernt sie mit der Hand). Nur still! (Sie hält Champignac die Tasse unter die Nase.) Champ. (schlägt die Augen aus). Ah — ich erwache zu neuem Leben! Das riecht gut. Das ist die Suppe — gib her! (kr trinkt.) Meine Seele gib! Cam. (gibt ihm einen Lössel voll). Verbrennen Sie sich nicht. Champ. (beim Ton der Stimme). Was ist denn? (Erkennt Camille erstaunt und erschrocken.) Das Kammermädchen! Cam. (ihn anblickend, lacht.) Betrug — gegen Betrug! (Champignac wagt es nicht mehr sie anzuse' hen, er ist ganz zerschmettert; sie geht lachend rückwärts, und immer das Auge auf ihn gerichtet, nach dem Zimmer Constance's, plötzlich verschwindet sie mit einem kurzen, Hellen Gelächter.) Sechste Scene. Champignac. Constance. Champ. Dämon! Teufel! Const. Was beunruhigt Dich denn, lieber Freund? Champ. (verwirrt). Das Mädchen! — Hast Du sie nicht gesehen? Const. Nicht doch! Ich habe nichts gesehen — Champ. Was? Dort! Dort! (Deutet, ohne zu sehen, hin.) 41 C o nst. Es ist ja Niemand da — Du siehst — nichts! Champ (ganz verdutzt). Es war ein Trugbild, eine Sinnestäuschung! —Mein Kopf ist so wirr — Co nst. Du hast Hunger! Champ. Ach ja! Co nst. Ich sehe nach, ob Alles fertig ist. Champ. Ja, thue das! Und sorge für eine Flasche guten Wein. Mein Kopf ist so wüst! Const. Verlaß' Dich nur auf mich. (Bei Seite.) Beim Dessert sag' ich ihm Alles! (Links ab.) Siebente Scene. Champignac allein. (Steht aus, sieht hinter dem Fauteuil nach, ob Camille nicht da ist.) Sie ist nicht da! (Erhebt den Tischteppich.) Da auch nicht! Und doch hätt' ich d'rauf geschworen! Es mar eine Erscheinung — ein Trug meines schuldigen Gewissens. Ich Hab' doch aber ganz deutlich gehört: Betrug gegen Betrug! Ja, ganz deutlich! Dieses eineWort ruft all' meine Furcht und Sorge wieder wach! Worauf gründet sich denn auch meine Sicherheit? Wer gibt mir die Gewißheit, daß nicht während meinerAbwesenheit —? Constance war so verlegen, sie schien so eigenthümlich erregt. Das liegt gar nicht in ihrer Natur. Und ihre Reden waren so sonderbar — so doppelsinnig. Es war, als verschwiege sie etwas. Und was wollte sie mit dem Worte: Getäuscht? Es ist klar, sie wollte mich mit gleicher Münze bezah« len. Ich bin einem Unrecht auf der Spur — einem Vergehen. (Erblickt seinen Hut,' der auf dem Kamin zurückgeblieben.) Ha, ein Hut! ein Männerhut hier! — Ich bin ein Narr, ich selbst habe ihn beim Eintritt hier abgelebt. Aber nein, das ist ja nicht mein Hut, ich kam ja im bloßen Kopfe, ich habe ja meinen Hut bei der verwünschten Italienerin gelassen. Es ist also doch Jemand gekommen! EinMann besucht zu dieser Stunde meine Frau! Sie hat mich belogen, betrogen! Und er ist noch nicht fort, er ist noch hier. Er hat sich versteckt, der Elende, weil er den beleidigten Gatten kommen hörte. Er versteckt sich! Aber ich werde Dich schon finden, Verführer, und Du sollst mir Rede steh'n! Heraus, mein Herr, heraus, ich weiß Alles, Sie müssen sicb mit mir schießen! (Oessnet halb die kleine Thür rechts und wartet, daß Jemand kommt.) Heraus! Achte Scene. Champignac. Fridolin. Frid. (kommt durch die kleine Thür zurück). Jetzt wird er ruhiger sein, und ich kann es wagen, mich zu zeigen. Champ. (packt ihn am Arme). Fridolin! Du bist's! (Bei Seite.) Gott, wenn's Niemand wäre als er! (Laut.) Wenn es Niemand wäre als Du! Frid. (verwirrt). Wie so — als ich? Champ. Da, Du ungeschickter Mensch! Du hast deinen Hut vergessen! Frid. Wie? Champ. Da, setz' ihn auf und geh'! (Er setzt ihm dc n Hut aus, da er ihm nicht paßt, bei Seite.) Himmel, er ist es nicht. Aber zum Mindesten wird er wissen, wer -? (Laut.) Bist Du vor Kurzem hier gewesen? Frid. Vor Kurzem? Champ. Hier bei meiner Frau? Frid. Bei deiner Frau! (Bei Seite.) Sollte er wissen —? Champ. So antworte doch! Bist Du hier gewesen? Ja oder nein! Was hast Du denn gethan? Frid. (saßt sich ein He»-z). Was ich ge- than? Nun, ich habe das gethan, was Du mir selber gerathen hast zu thun. Champ. Was? Frid. Du sagtest, sie liebe mich — Champ. Dich? Frid. Und da Hab' ich mir denn ein Herz gefaßt — Cham. Und dann? Frid. Und dann bin ich hergegan- gen — Champ. Und dann? Frid. Und dann Hab' ich den Andern! getroffen und der hat mich beim Kragen gefaßt. Champ. (wüthend). Ein Anderer? Wer? Welcher Andere? Frid. (zeigt auf Riverol, der durch die Thür rechts eintritt) Na, der zum Henker, der! Neunte Scene. Vorige. Riverol. Champ. (bei Seite). Der Catalonier! Gerechter Gott! Während ich bei seiner Frau war, war er hier bei der meinigen! Ri v. Zum Henker, mein Herr, Sie können sehr gut laufen. Aber ich wußte g. wiß, daß ich Sie hier wiederfinden würde, und dießmal sollen Sie mir gewiß Rede steh'n! (Wischt sich den Schweiß von der Stirne mit der Linken, die Rechte hä't er auf dem Rücken.) Champ. (für sich). Das ist ein Ungeheuer, dieser Mensch! Er ist der Mann seiner Frau, der Geliebte seines Stubenmädchens, und jetzt will er auch meine Frau — doch nur Ruhe, Besonnenheit! Nicht der kleinste Zweifel darf mir zurück- bleiben. (Reicht ihm den Hut.) Bedecken- Sie sich, mein Herr! Riv. Sie sind sehr gütig! (Setzt seine Kopf, edecknng auf, die er in der Rechten hielt.) Champ. (verblüfft zu Fridolin). Was hast Du mir da weiß gemacht? Er wäre hier gewesen wegen meiner Frau? Riv. Wegen Ihrer Frau? Ich? Wer wagt das zu behaupten? Frid. (in der Mitte sehr laut). Ruhe, nur Ruhe! Rühren wir den alten Brei nicht auf! Sonst wird am Ende wieder durch's Fenster gesprungen! Riv. Aber zum Teufel! Frid. Reden Sie keinen Unsinn! Spre* chen wir ruhig, wenn's möglich ist, und Sie werden sehen, daß sich Alles nach Wunsch aufklärt — Wollen wir ruhig sprechen? Champ. Riv. Ja. Frid. (zu Riverol). Zuerst also zu Ihnen. Was wollen Sie hier? Riv. Ich? Ich will ihn tödten! Champ. Mich tödten? (Bewegung). Frid. Schön! Warum wollen Sie ihn tödten? Riv. Warum? Teufel, er nimmt mir ja meine Frau! Champ. Ach, lassen Sie mich in Ruh' mit Ihrer Frau! Ich habe genug zu thun mit der meinigen. Frid. So lassen Sie ihn doch in Ruh' mit Ihrer Frau! Er hat genug zu thun mit der seinigen. Rlv, Was? Hab' ich ihn denn nicht eben bei ihr getroffen? Champ. Bei ihr? Bei wem? Hol' mich der Teufel, das ist zum Verrücktwerden! Von wem sprechen Sie denn? Don der Frau oder von dem Mädchen? Frid. Still! Nur keine Ueberstürzung! Jetzt kommen wir schon in's Reine! (Zu Riverol.) Sprechen Sie von der Frau oder von dem Mädchen? Riv. Was denn für ein Mädchen? Champ. Na. Lisette, Dorine, Marion! Weiß ich's, wie sie heißt? Riv. Aber nein! Ich spreche nicht von Marion! Frid lfiegr ich». Na also! Er spricht nicht von Marion! Jetzt wird ja Alles klar! Wir sprechen also nicht mehr von 43 Marton! 'S ist also abgemacht, daß von Marion nicht mehr gesprochen wird? Riv. Champ. Za! Frid. Na, sehen Sie! Hätten Sie sich gleich ruhig erklärt, statt zu schreien! Champ. Ja, zum Teufel, er war ja wie verrückt und wollte mich todtschießen, weil ich im Salon seiner Frau wäre. Riv. Im Salon meiner Frau? Chamo. Na ja, bei der Italienerin! Riv. Italienerin? > Frid. (zurückkommend). Cs gibt also eine Italienerin? Champ. (zu Riverol). Na ja, Ihre Frau! Riv. Ich bin ja gar nicht verheiratet. Frid. (zu Champignac). Er ist ja gar nicht verheiratet! Jetzt wird's hell! Champ. Sie find nicht mit ihr ver« heiratet? (Alle Drei sehen sich ganz dumm an.) So hat also Marton gelogen? Frid. (lebhaft). Still! Das war ja abgemacht! Don Marton wird nicht mehr gesprochen. — Die Italienerin hat Dir also gesagt — ? Champ. Nein, sie hat mir nichts gesagt. Frid. Na, Ihr habt Euch also geseh'n und — Champ. Aber nein, ich Hab' sie nicht gesehn — Frid. Na denn, wenn sie Dir nichts gesagt hat, und wenn Ihr Euch nicht gesehen habt, so sprechen wir nicht mehr von der Italienerin, Sapperment! Champ. (zu Riverol). Sie hatten also gar kein Recht, mich da drüben hinauszuwerfen? Riv. Da drüben? Frid. Da drüben? Champ. Na, ich meine in dem andern Hause! Riv. In welchem andern Hause denn? Champ. In welchem Hause? — Na, wo Sie mich mit ihren Pistolen verfolgten! Riv. Hier? Champ. Nein, nicht hier! In dem andern Hause, dem andern! Riv. Wo ist denn das, das andere Haus? Champ. Ja, weiß ich's denn?(Zu Fri- dolin.) Du warst ja auch da, Du mußt es also wissen! Frid. Ich? — Ich bin nicht hier aus dem Hause gekommen. Champ. Zum Donnerwetter, ich meine das Haus, wo ich durch s Fenster gesprungen bin und Sie hintend'rein! Riv. Na, das war ja Ihr Haus! Champ. Nicht doch, das gehört ja nicht mir. es gehört ja der Italienerin. Riv. Woher soll ich's denn wissen — der Herr (aus Fridolin) hat mir gesagt, es gehöre Ihnen. Champ. Du? Frid. Naja! Ich Hab'ja doch nicht ahnen können, daß Du's der Italienerin geschenkt hast. Champ. Geschenkt? Ich? Es ist mir gar nicht eingefallen! Frid. Na, wer hat's ihr denn sonst geschenkt? Champ. Ja. weiß ich's denn? Frid. Ja, wie kannst Du denn das aber zugeben? Champ. (wüthend). Ich? Zugeben? Hol' Dich der Teufel! Ich werde verrückt! Mir springt der Kopf! (Grht nach rechts.) Ihr bringt mich um! Riv. Aber, mein Herr! Champ. Was wollen Sie? Ich soll mich schießen? Meinetwegen, jetzt bin ich gerade in der Laune! Vielleicht lassen Sie mich dann wenigstens in Ruhe, wenn ich Sie todt gemacht habe! Riv. Nein, ich werde Sie todt machen! 44 Zehnte Scene. Vorige. Camille (von links in großer Toilette). Ca m. (sehr heiter). Und hinterdrein werden Sie sich erklären? Nicht wahr? Champ. Rio. Frid. Sie! Cam. Könnt Ihr also noch immer aus dem Mißverständnis nicht heraus? Champ. (um sie herumgehend). Diese Toilette! (Geht zum Kamin.) Cam. Aber ist es denn möglich? Da sprechen nun drei Männer V. Stunden mitsammen, und zwei von ihnen find so ziemlick gescheidte Leute — ich nenne keine Namen, um den Dritten nicht zu beleidigen — Frid. (für sich). Mit dem Dritten meint sie den! (Aus Riverol.) Cam. Und endlich find Sie glücklich beim Lollwerden angekommen. Riv. Gnädige Frau! Cam. Sie besonders! Die Augen treten Ihnen sa vor Wuth aus dem Kopfe. Was aber meinem Herrn Schlingel von Neffen anlangt — Riv. Ihren Neffen? Champ. /(zeigt aus Fridolin). Der — ist Ihr Neffe? Cam. Nein — Sie( Champ. Ich? Sie wären —? Cam. Frau von Berville, Ihre Tante. Champ. (perplex). Meine Tante? Riv. Se'me Tante? Ja, dann Hab' ich mich als^ geirrt, und Sie lieben sich nicht? ^^m. Bis jetzt noch nicht, wie Sie se^cn. Riv. Was Hab' ich da gemacht? Cam. lzu Campignar). Nun, begreifen Sie jetzt? Champ. Nein, — keine Spur! Wie kann denn meine Tante ein Kammermäd» chen sein? Cam. Mein Herr Neffe, Sie find ein Narr! Champ. Bitte? Für eine erste Begegnung sind Sie recht freundlich. Cam. Sie haben mich für eine Zofe gehalten, weil ich einfach gekleidet war! Jetzt vorwärts, bitten Sie mich um Verzeihung! (Reicht ihm die Hand zum Kuß.) Haben Sie je an einem Kammermädchen eine solche Hand gesehen? . Champ. Nein, meine Gnädige — aber erklären Sie mir nur — Cam. Noch einmal, Herr Neffe, Sie sind ein Narr! Sonst hätten Sie einsehen müssen, daß ich Ihnen nur eine kleine Sektion in der ehelichen Treue gegeben. Champ. (pikirt). So? Ich danke Ihnen! Aber Sie hätten sie lieber meiner Frau geben sollen, die, während ich meine lächerliche Albernheit bereue, einen Mann bei sich empfängt — Cam. Einen Mann? Champ. Ja, einen Liebhaber ohne Zweifel. Cam. Und Sie wissen nicht?— Champ. Wie er heißt? Leider nein! O er sollte? — Cam. Und haben Sie keine Spur — gar nichts? Champ. Doch! Dieser Hut! Wenn ick den Schurken kennte, der ihn hier vergessen — Cam. (setzt ihm den Hut auf). So bedecken Sie sich doch, Herr Neffe, der Schurke sind — Sie! Champ. (verdutzt). Ich? Cam. (zeigt ihm nack und nach die kleine Thür rechts, das Lubinet, den Balcon rc). Ja, Sie! Hier Hab' ich Sie als blinden Cupido eingeführt, hier waren Sie versteckt, hier ist der Balcon, auf dem es Ihnen so heiß wurde — hier das Fenster, durch welches Sie aus Ihrem eigenen Hause gesprungen. 45 Eilfte Scene. Vorige, konstante. Champ. (ganz verdutzt). Isi s möglich? Und die Italienerin? kam. (treibt konstante in seine Arme). Die Italienerin ist hier, Schlingel! Champ. Meine Frau! kam. (zu ihr), vexnats äar§1i 1a mano? Konst. Ja! khamp. (sieht zuerst ganz erstarrt konstante an, dann schreit er aus und stürzt zu ihren Füßen). Ah! Vergib mir, vergib, vergib! Konst, (umarmt ihn). Ich habe schon vergeben. Riv. Darf ich hoffen, gnädige Frau, daß auch Sie mir verzeihen? kam. O- Sie — Sie find ja fürchterlich eifersüchtig! ein wahrer Othello! Ein Tiger! Riv. (erschrocken). O — Kam. (gibt ihm die Hand). Und darum gerade will ich Sie nehmen. Frid. (hat verdutzt die ganze Aufklärung verfolgt). Ah, nun geht mir ein Licht auf. Champ. Aber halt! Ein's beunruhigt mich doch noch immer. kam. Was denn? Champ. Wer war der Herr, der dort unter dem Fenster wartete und den ich halb zerquetscht habe? Riv. Za, richtig! Ich vollendete ja Ihr halbfertiges Werk! Kam. (konstante ansehend). Wer weiß! Irgend einer der Zudringlichen, welchesich so gern in schlechtgehütete Häuser schleichen. Er wird übrigens nicht wiederkommen. Konst, (halblaut, ihr die Hand drückend). Nie! Champ. Liebe Tante, besten Dank für Ihr freundliches Walten! Riv. Auch ich danke Ihnen das Glück meiner Zukunft'. Konst. Und ich die Wiederkehr des meinigen. Frid. Ich bin Ihnen sehr dankbar für das Licht, das mir endlich aufgegangeo. kam. Schon gut, schon gut! Möge meine Lehre nur fruchten. Ein Mann soll nie weiter flattern, als von der rechten Hand seiner Frau (reicht Riverol die Rechte zum Kuß) zu ihrer linken! (Sie gibt diese khampignar, der sie drückt, während er konstante umarmt.) Ende Boa Leopold Feldmann find im Verlage der lUisüau^er^" Kucü^anäkung (Josef Klemm) erschienen: Deutsch« Drigittal-Lustspiel«. I. Band 1845: Sohn auf Reisen. — Die Kirschen. — Das Porträt der Geliebten. — Die freie Wahl. — Die schöne Athenirnserio. II. Baud. 1847: Der Pascha und sein Sohn. — Ein Frenndschasts-Bündniß. — Ursprung de- KorbgebenS. — Eine unglückliche Physiognomie. — Drei Kandidaten. III. Land. 1849: Ein höflicher Mann. — Der dreißigste November. .— Ein Mädchen vom Theater. — Baron Beisele und sein Hofmeister Doktor Eisele in München- — Der Lebensretter. IV. Band. 1849: Der Rechnungsrath und seine Töchter. — Der deutsche Michel, oder: Familien-Unruhen. — Kern und Schale. — 'Ahnenstolz in der Klemme. — Bekenntnisse eines Brautpaares. — Das Narrenhaus. V. Band. 1851: Faustin I., Kaiser von Haiti. — Ein alteS Herz. — Die beiden Kapellmeister. — DaS Gast mahl zu Luxenhain. — Der neue Robinson, oder: daS goldene Deutschland. VI. Band 18S2: Die beiden Faßbinder, oder: Reflexionen und Aufmerksamkeiten. — Die beiden Schicksalsbrüder- — Die Jndustrie«Ausstellung, oder: Rnse-Abenteuer .n London. — List und Dummheit- Preis eine» jeden Bandes 2 Thlr. oder 3 fl. Ja der Walltshausserschen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt, hoher Markt Nr. 1, find erschienen: aus den beliebtesten Wiener Posten. Sechs Hefte. Preis eines jeden Heftes 50 kr. österr. Währ, oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg, BF. 1. Da möcht' i halt daS G'wissen sein. 2- Requifiten-Couplet. 3- Figuren-Louplet- 4- Nachher wird es schon wcrn. 5 Glöckchen-Couplet. 6- Biblisches Couplet. 7. Falsche Benennungen. 8. Dann ist sie da die bessere Zeit. 9. 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u- Grün. 10- Volkslieder. 11. Aber geb'n thut's eS nit. — Berta, Alois. 12. Jetzt da war's halt Nold. daß wer antauchen thät. 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. 14. Zu was dann die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lachcouplet. 18 Aus einer Chronika. 17. Früchte, die verboten find. 18. Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20- Mythologie-Couplet. — Berts u. BiUner. 21- Ohne Umschneiderei. 22- Die papierene Zeit. 2Z. Ein Trauerspiel — kein Traucrsviel. — Bittner, Anton. 24- Thier-Couplet. 25. Das ist noch Geheimniß. 26 Wer hätt' es geahnt. 27- Lstroniyue seanäaleuso. — Bittner u. Morländer. 28. Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29. Und so wird hiulerrucks g'redt. — Böhm, Josef. 30- Na da sieht man's doch, daß's an der Eintheilung fehlt. 31- Wenn mau die Wirkung sieht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32. Maschinen-Couplrt. 33. Wo man waS sucht, dort finb't man e» nicht. — Elmsr, Carl. 34- O Spiel der Natur. 35. Lied des Teufels. 36 Man glaubt nicht, was in einem Menschen oft steckt. 37. So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite auS. 38. O ungeheure Ironie. 39. Da möcht' ich halt wissen, waS nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes: Elmsr, Carl. 40- Was lieget da dran. 41- Ja so geht's, wenn man heut' zu Tag Geister citirt. — Feldmann u. Flsmm. 42. Mit Kleinem fängt man an, mit Großem hört man auf. 43. So waS, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Theod. 44- Keine Rose ohne Dornen. 45- Gesundheit und ein recht langes Leben. 46. Jedes Häferl hat sein Deckerl. 47- Repertoire-Couplet. — Flamm u. Wimmer. 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät. 49 So behilft sich halt Jeder, so gut als er kann. — Gottslebcn, L. 50- So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 51. Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52- Na, das kennen wir schon! 53. Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54. Wir bedanken uns sehr. — Grünn, Johann. 55- Was ein Narr ist. 56- Chineser-Couplet. — Gründorf. 57 Nöthi wär's net. aber nothwendi war's. — Hafsner, Carl. 58- Dst, sind'S mäuserlstill. 59- Es steckt was dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60- Wann der mein Kapperl hätt'. 61. Ja, ich kann's nit ändern, es is halt a so. — Juin. 62- Abrr a solche gibt's leider in dieser Welt nicht. 63. Wozu Mancher eigentlich geboren. 64- Fiakcrlied. 65- Das wissen die Götter, wohin daS soll führen. 66- Da wird einem heiß kalt — warm! Ungeheuer genannt! Inhalt des dritten Heftes: Baiser, Friedrich. 67- Ich bill' meine Empfehlung, es wäre schon gut. 68- Es muß ja nicht gleich sein. 69- Da braucht man beim hellichten Tag a Latern. 70. Jetzt das g'hört auf ein anderes Blatt. 71. Die find halt g'scheidt. 72. Das ist so nobel und so billig dabei. — Langer. Anton. 73- Was ist der Unterschied. 74- Aber da mag Keiner net. 75- Da g'hört eia sehr starker Glauben dazu! 76- Es schaut nur gemeiner aus. 77. Zu früh und zu spät. 78- Man kann fich's wohl denken, aber sagen darf man's nicht. 79- Wann mich der fragen thät. — Megrrle, Ther. 80. Marsch mit dem in d'Bütten- 81. Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. — Beltroy. 82- Und 'S ist Alle- net wahr. 83- Stern-Lied auS »Lumpaei«. 84. Auf was sich Mancher dinanswachsen kann. 85- Das wär ganz etwas Neu's. 86- Und man kommt auf kein Grund. 87. Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 88. Ja. hat denn die Sprach' da kein anderes Wort. — Barry, A. 89. Ob der die Wahrheit wird sagen- Inhalt des vierten HefteS: Berg, D. F. 1. Da such' ich in mein Büchel. — Berg u. Grün. 2. Mensch und Thier- — Berg. D. F. 3. DaS steht lOOOOmal. — Berta, Alois. 4- So machen Ein'm die Kinder nix als Aerger und Verdruß. 5. Konsequenzen, k. IS 's a Wunder? 7- Wir wollen uns srrtten. 8. Moderne Waffengattungen. — Mtner, Ant. 9- Das iS a Malheur. 10- Hm, hm, hm! — Blank, Atoi«. 11. So schaut's mit den neuen Erfindungen auS. — Böhm, Josef. 12 Wer traut sich da zu fragen? 13. So a Ansicht thut Einem weh. — Eberhart, Mk. 14- Was a Kunst is. — Elmar, Carl. 15 Und ein Solcher geht um und'n Andern sperr'nS ein! 16. Das sein glückliche Leut'! 17. Ackerlied. 18. So sängt man valt' wieder beim alten Zovf an. 19- Ob Vieles nit wohlthätig war. Feldmänn, L. 20. Aenderung g'spüren. — Flamm, Theod. 21- Wasch' mir'n Pelz, aber mach' mir » nit naß. 22. Die Vögel kennt man an den Federn. 23- So lang wir nit mehr hab'o. — Friese, C. A. 24 Das Lied von der Crinolinr. 25- Gute Nacht. — Grandiran, M. A. Das doppelte Gesicht. — Grois, Louis. 27- Lied omie R.ime. 28. Uhren-Lied. — Grün, Johann. 29- Wo steckt der Teufel? 30 Traum-Couplet. — Psundhrller, I. 3> Das hat nicht die Zeit gemacht. — Haffner, L. u. Weihrauch. 32- Erst das Geschäft und dann das Vergnügen. — Juin, Carl. 33- Nimm Dich selbst bei der Nase. Inhalt des fünften Heftes: Juin, Carl. 34. Schlechte Sprichwörter. 35. Einmal ist keinmal. 36. Was Hämischen gelernt bat, läßt Hanns nimmermehr. 37. Za, fragen ist leicht, aber antworten schwer. 38. Es gi^t kein Mensch einen Groschen dafür. — Kaiser, Friedrich. 39. Da hört's halt auf Unterhaltung zu sein. 40 Im hundertsten Jahr. 41. Haben muß man's, aber brauchen soll man's nicht. 42. Wir haben halt Heuer a g'segnctes Jahr. 43- Wann man nur früher eine Prob' halten könnt'- — Kola. 44- Der ganze Papa! — Langer, Anton. 45. Jede- Ding hat zwei Seiten. 46- Wie muß denn der da hinrinkommrn sein? 47- Sie rev't nur a so. 48- Jetzt, der wird fich's noch a Weil' überlegen. 49. Ist das praktisch? 50- Biblisches Couplet. 51. Was mich nicht brennt, daS blas' ich nicht. — Mrgerlr, Ther. 52. So kommt Mancher zu was. 53. WaS unser Eins nit sagen darf. 5i- So sind wir wieder dort, wo wir früher schon waren. — Megerle, Jul. 55- Waten Wienern abgeht. — Merlin, Hugo. 56 Nebelbilber. — Morländer. 57- Gegen die Dienstboten Hab' ich a Wuth. — Moser, I. B- 58. Der Hanfi kann's nit, der Hans aber kann's. 59. ?osts rsstLiite. — Nestroy, Joh. 60- Tarock-Lied. 61. Teufels-Lied. 62. Die heimliche Eisenbahn. — Post, I. B- 63. Ja, die haben halt ka Glück. Inhalt des sechsten Heftes: Schönau, Carl. 64. Beim Bäcken! — Schönau, Joh. 65 Rebus-Lied! 66- Waa s ma's denn? — Stix, C. F. 67- Man glaubt nicht, was die reichen Leut' die kleinste Freud' oft kost't! 68. Ah, da draus is net z'geh'n! — Tesco, W. 69. Der Traum von der Hölle. 70. Glocken-Louplet. — Treumann, C. 71. So was heißt deutsch g'nd't. 72- Unsere Sachen dürsten auch nicht schlecht sein. 73- Ein bisserl mehr stolz sein, das könnt' uns nicht schaden. — Wysber. 74. Einer kann's nit richten- — Berla, Alois. 75. Na freist was denn? — Brrg, B F- 76. Da hört me dann nix mehr. 77. Der Eine hat Däs. 78. Aber man g'wöhnt am End' schon All s. — Mtner, Ant. 79- Bis aufs Wie —. — Blank. 80 Da steckt der Teufel d rin. — Elmar, Carl. 81. Man muß net zu viel begehren. 82. Hozat is! — Juin, Carl. 83. Moderne Uebersetzung. 64. Ja freilich! — Langer, Ant. 85- Zwanzig Jahre machen'halt ein' großen Unterschied! 86. Couplet aus: »Der Actiengreißler.* Jedes Heft wird auch einzeln abgegeben. Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Vruck und Papier von L Sommer L Lamp, in Me» Dev Bühnen gegenüber als Mannscript gedruckt und nnr zu beziehen durch den Verfasser. Nur Wahrheit. Lustspiel in einem Lei von Leopold Feldmann. Personen: Rath West, Hausbesitzer. Agnes, dessen Frau. Rosa, beider Tochter, v. Rubin. Ernst Bernau, ein junger Gutsbesitzer, v. Breil. Franz, Diener Rubin'S. (Zimmer in Rubin s Hause mit einer Mittel« und Seitenthür.) Erste Scene. (Rubin rasch durch die Mitte. Franz folgt, Rubin Hut und Stock abnehmend.) Rubin. War während meiner Abwesenheit Niemand hier? Franz. Der Kommissionär war wieder da, er glaubt, jene Wohnung, welche Euer Gnaden so gerne zu haben wünschten, sei für das nächste Ziel zu bekommen. Rubin. Sage dem Kommissionär, wenn er kömmt, ich hätte seine Dienste in dieser Angelegenheit nicht mehr nothig, diese lästige Wohnungsfrage ist endlich so gut wie erledigt; ich traf den Hausbesitzer eben auf der Straße, und kam vorläufig mündlich mit ihm überein, in einer halben Stunde wird er selbst hierherkommen, um die Sache schriftlich mit mir abzumachen. Dem Himmel sei Dank, daß ich diese prosaisch'ste aller Sorgen einmal aus dem Kopfe habe. Franz. Und gerade die Wohnung, die Euer Gnaden wünschten, das ist bei dieser Zeit ein wahres Glück. (Wendet sich zum Abgehen.) Rubin. Franz l Franz. Euer Gnaden befehlen? Rubin. Wenn Bernau kommt, so sage ihm — i 2 Franz (unterbrechend). Daß ihn Euer Gnaden schon erwarten. — Rubin (mitNachdruck). Im Gegentheil, daß ich für ihn nie mehr zu Hause sei. Franz (überrascht). Wie, Euer Gnaden? Für den Herrn Bernau wollen Sie nicht mehr zu Hause sein? Rubin. Ja, ja. für Bernau, merke Dir's wohl, ich mache Dich dafür verantwortlich, kömmt er noch einmal herein, mußt Du hinaus, ich entlasse Dich, trotz« dem Du ein Erbstück meines seligen Vaters bist. Franz. Aber er wird mir's gar nicht glauben, wenn ich ihn abweise, so ein intimer Freund! Verzeihen Euer Gnaden, er wird denken, Einer von uns sei verrückt. Rubin (auffahrend). Laß deine Bemerkungen, ich bin nicht gewillt, meinem Diener Rechenschaft zu geben über das, was ich zu thun oder zu lassen beabsichtige. Franz (gekränkt). Sehr wohl, Euer Gnaden. (Geht ab.) Rubin (allein). Selbst mein alter treuer Diener ist darüber erstaunt — ich war etwas hart mit ihm — aber ich bin zu ärgerlich über Bernau und da mir mein Franz zuerst entgegenkam, mußte er eben meine gereizte Laune ertragen. Meine Belehrungen Bernau gegenüber bleiben förmlich fruchtlos, wie bei einem dummen Schuljungen, und er ist doch sonst ganz vernünftig, man kann sagen, wissenschaftlich gebildet. Aber der Mensch ist mit einem Laster behaftet, das mich als seinen Gesellschafter in tausend Verlegenheiten bringt, es ist seine erschreckende Wahrheitsliebe, er sagt rücksichtslos Alles, wie er es denkt und fühlt. Was gab ich mir schon für Mühe, ihn für die Gesellschaft praktischer zu machen, aber immer vergebens. Ich will diesen Unannehmlichkeiten in seinem Umgänge nicht mehr länger ausgesetzt sein. Ich sage mich loS von ihm, er mag sich selbst erziehen. Zweite Scene. Bernau, von Franz zurückgehalten, der Vorige. Franz. Ich darf nicht. Herr von Bernau. ich habe die strengste Ordre. Bernau. Aber Du irrst Dich — Du hast zu viel getrunken, so dumm ist dein Herr nicht. Franz. Das können Sie ihn selbst fragen, er ist hier. (Ab.) Bernau. Adolf! Rubin. Mein Diener vollzog nur den von mir gegebenen Auftrag. Gehe, verlasse mich, ich mag nichts mehr von Dir wissen. Gehe wieder in deineProvinz. für die Stadt bist Du nicht erzogen. Ich gebe Dich auf. Du bist ein Wahrheitsnarr. Bernau. Aber Freund, der Fehler, denDu mir vorwirfst, ist ja eigentlich eine Tugend, Wahrheit vor Gott und Menschen. Ich bin einmal so erzogen; mein seliger Vater war ein einfacher, rechtlicher Mann, ein von seiner Umgebung geachteter Gutsbesitzer, und sagte nur noch in seiner letzten Stunde: »Mein Sohn, lege den Gehalt deiner Gesinnung auf das kleinste Thun. Sprich nichts, als was Du wirklich gedacht hast! Sei wahr in jedem Athemzuge.« Rubin. Ehre dem Vater, der seinem Sohne solche Lehren gab; es gibt aber Tugenden, die in dem engen Kreise seiner Lieben und Freunde äußerst glücklich, angenehm, geliebt und verehrt machen, jedoch sobald man aus seiner Einsamkeit und aus dem engen Zirkel heraus in den großen Wirbel der Welt hineintritt und dort seine Rolle spielen soll, eben so gefährlich und verderblich werden, wie ein Laster. Man muß zwar nie lügen, es ist indeß zuweilen unumgänglich nothwendig. die Wahrheit einigermaßen bei Seite zu stellen. oder zu umschreiben.—Du aber sagst 3 die Wahrheit mit einer Rücksichtslosigkeit, die verletzt und beleidigt, und bringst mich in hundert Verlegenheiten, wenn uh Dich irgendwo cinführe. Denke nur an gestern Abend. Bernau. Was ließ ich mir denn da zu Schulden kommen? Ich bin mir keiner Rücksichtslosigkeit bewußt. Rubin. So. war daS artig, als Dir die Frau des Hauses die Photographie ihres abwesenden Gemals zeigte und Dich fragte: »Wie gefällt Ihnen dieses Portrait?« so gabst Du zur Antwort: »Das ist Ihr Herr Gemal? Der sieht aus. als hätte er eine starke Cigarre bei nüchternem Magen geraucht.« Bernau. Die Photographie war jämmerlich schlecht, darum fügte ich auch bei, man sollte dem Photographen das Handwerk verbieten. Rubin. Za wohl, und derPhotograph war ihr Sohn, der daneben stand. 1 Bernau. So sollen sich die Leute immer einen Zettel anhängen, was sie find, wie konnte ich denn das wissen? Rubin. Und wie konntest Du. als von der jetzigen Mode im Allgemeinen die Rede war. im Beisein von mehr als 20 Modedamen sagen: Die meisten gleichen spindelförmigen Puppen, die aus einer Halbkugel von Röcken herausragen und große Ähnlichkeit mit dem Oberleib eines angekleideten Skeletts haben, welches auf einer Glocke befestigt ist. Bernau. Aber, lieber Freund, findest Du denn nicht eine große Anzahl unserer Damen wirklich so gestaltet? Rubin. Wenn auch, aber man sagt es nicht in ihrem Beisein; zudem gibt es ja auch andere, edlere Bilder. Vergleiche sie mit einer umgedrehten Tulpe, bei welcher der Stiel nach oben und die Glocke nach unten steht, das ist doch wenigstens eine Blume, wenn auch nur ein Zwiebelgewächs. Ueberhaupt gewöhne Dich daran, die Sache nie beim rechten Namen zu nen- nen, wie es in der bessern Gesellschaft Sitte ist. Bernau. Wie wäre das anzufangen? Ich kann doch nicht eine alte Dame jung, oder eine magere üppig nennen? Rubin. Das ist auch nicht nothwendig, man gebraucht nur andere Ausdrücke, ohne das Kind beim rechten Namen zu nennen. Statt alt sagt man »reifeSchönheit«, statt Runzeln — »malerische Falten«. So umschreibt man auch die Magerkeit einer Dame, indem man z.B. sagt: »Mein Fräulein, bei solchem Wuchs kann ihr Herz ungestört an die zarten Rippen pochen.« Bernau (lachend). Ha, ha, das ist ja eigentlich lauter Lug und Trug! Rubin. Das ist die Livröe der Rücksichten, die wir Alle tragen. Auf deines Vaters Landsitz einfach erzogen, hast Du eben das verhüllte Leben nicht kennen gelernt, das wir führen, die falschen, lügenhaften Verhältnisse, in welchen wir uns bewegen müssen, die tausend nothge- drungenen Rücksichten, die alles Ursprüngliche, Menschlichwarme aus unserem gesellschaftlichen Zustand verbannen. Deine Art aufzutreten, nimmt sich neben der Schminke und dem Firniß der Andern arm und einfältig aus. — Schlicht und vernünftig sein, heißt heutzutage dumm sein und wer handelt, ohne Pratenfioveo zu machen, kann darauf rechnen, übersehen oder gar verachtet zu werden. Darum, lieber Freund, folge meinem Rathe, sei kein Märtyrer der Wahrheit, die zu allen Zeiten litten und sich verbluteten, suche lieber artig zu sein, deine Schmeicheleien so anzulegen, wie der kluge Speculant Staatspapiere aolegt, da. wo er erwarten kann, daß sie die meisten Zinsen bringen. Bernau. Höre einmal, Du setzest mich in Staunen. Wie Du die Menschen schilderst, wäre ja Diogenes, als er welche suchte, der erste Lumpensammler gewesen. Rubin. Die Welt täuscht uud will getäuscht sein. —Wer die Wahrheit geigt, dem schlägt man zumTrinkgeld den Fidelbogen in's Gesicht. Also bemühe Dich, durch vernünftige Variationen dein wirkliches Thema stets zu verhüllen. Bernau. Thema! Variationen! Das verstehe ich nicht. Rubin. Zum Beispiel, wenn Du eine Mutier findest, die eine hübsche Tochter hat, so sagst Du ihr einige Schmeicheleien. Bernau. Der Tochter? Rubin. Nein, der Mutter! Bernau (erstaunt, kopfschüttelnd). Der Mutter? Rubin. Ja wohl, sie wird dann, sich geschmeichelt fühlend, auf ihre erwachsene Tochter Hinweisen und dadurch stillschweigend ihr eigenes Alter andeuten wollen. Dann sagst Du ihr artig. Du würdest mit Freuden einwilligen, so alt zu sein, wie sie — Bernau (unterbrechend). Wie die Tochter? Rubin (etwas ungeduldig). Wie die Mutter — wenn Du Dir damit denVor- theil erkaufen könntest, deine Jugend mit ihr verlebt zu haben. Bernau (lachend). Mit der Mutter?! Ha, ha, ha! Das bringe ich nicht zusammen. mein Freund, diese Art mit der Welt zu verkehren, ist meiner Natur gänzlich zuwider. Jndeß ich will es Dir zu Liebe versuchsweise — aber hörst Du. nur versuchsweise— einmal probiren. Es wird zwar nicht geh n, Du sollst nur meinen guten Willen kennen lernen. Deine Geduld wird eine harte Probe auszustehen baben, so schnell enthäutet man sich nicht. Rubin. Das hast Du auch nicht noth- wendig. suche nur deine wirkliche Natur viele Klafter tief unter der glatten Oberfläche zu verbergen. — Noch heute führe ich Dich in eine Familie ein, wo Du dein erstes Debüt beginnen kannst. Ich habe nur noch einen Brief zu schreiben, und den Dir bekannten Hausbesitzer, den Herrn Rath West, zu erwarten, der endlich Eon« tract mit mir schließen will wegen der von mir so gewünschten Wohnung. Nun, Du weißt ja warum. Bernau. Ich weiß warum? Rubin. Ich Hab' es Dir ja gesagt. Bernau. Ja richtig, dachte gar nicht mehr daran, jetzt erinnere ich mich. Rubin. Also auf Wiedersehen, in kurzer Frist, wenn der Hausherr kommt, suche ihn einstweilen zu unterhalten, er möge sich nur etwas gedulden. (Zur Seite ab.) Bernau. Wie sich das machen wird? Ich, der Wahrheit Busenfreund und Todfeind jeder Lüge, soll nun mit meiner an- gebornen Offenheit hinterm Berg halten, ein Diplomat sein? — Freilich, in der Diplomatie lügt man eigentlich nie, weil man nicht genau weiß, was Wahrheit ist, so wird es auch mein Freund Rubin gehalten haben wollen. Er meint es mir gut, das ist gewiß, ich will es versuchen, seiner Vorschrift nach zu leben. Dritte Scene. Rath West, der Vorige. West (durch die Mitte). Der Diener hieß mich eintreten. Herr von Rubin, Sie hier? Bernau. Herr von Rubin wird sogleich erscheinen, bitte nur näher zu kommen, Herr Rath West, ich habe den Auftrag, Sie einstweilen zu empfangen. West. Ah, Herr von Bernau, ich hatte nicht gleich die Ehre, Sie zu kennen. Bernau. Darf ich bitten, »Bernau* ganz simpel, ich bin kein Herr von — West. Also ganz simpler Herr Bernau, wie geht es Ihnen? Bernau. Ich danke, recht gut. West. Das freut mich außerordentlich. Bernau. A bah, Herr Rath, nur bei der Wahrheit bleiben, warum soll Sie denn das außerordentlich freuen, das wird Ihnen ganz gleichgiltig sein, wie es mir geht, das ist so eine Redensart, die man aller Welt erwiedert. West (piquirt). Jedenfalls ist Ihre Erwiderung origineller, wie die meine war. Bernau (für sich). Schon wieder angestoßen; ich kann mir die Untugend, wahr zu sein, nicht abgewöhnen, ich muß mich mehr überwachen. West. Apropos, Herr Bernau, darf ich Sie denn noch als Gar^on begrüßen? Mir ist es doch, als wären Sie vor sechs Monaten so halb und halb auf Freiersfüßen hier angekommev? Bernau. So war es auch, aber meine angehende Braut bestand die Prüfung nicht. West. Was Sie sagen! Bernau. Denken Sie sich, die Untreue sagte zehnmal, sie stürze sich ins Wasser, wenn ich sie verlasse. Ich habe sie hierauf, ihr Wort prüfend, scheinbar verlassen. Hat sie sich in's Wasser gestürzt? Nein, sie that es nicht! Darauf gab ich sie ernstlich auf. West (lachend). Aber junger Freund, wer wird denn ein solches Opfer fordern? Bernau. Dann hätte sie diesen Vorsatz nicht aussprechen sollen, ein Mann, ein Wort. West (lachend). Es war aber kein Mann, es war ja nur ein Mädchen, ein weibliches Wesen. Bernau. Gleichviel, die Wahrheit kennt kein Geschlecht. West. Sie wollen sagen: Das weibliche Geschlecht kennt keine Wahrheit. Bernau. Wie. Herr Rath, Sie wagen das auszusprechen, der Sie doch, wie ich höre, so glücklich in Ihrer Ehe sind? West. Ich möchte mich der Gefahr auch nicht aussetzen, diesen Ausspruch zu behaupten. Sie wissen, wir Männer machen uns gerne lustig über die Frauen, namentlich wenn Sie nicht zugegen sind, das ist so eine hergebrachte Sache. Bei den Ehemännern ist es eine Art Faust, die man im Sacke macht, und die eine gewisse Erleichterung verschafft. Uebrigens Frauen find leicht zu behandeln, man muß nur thun, als wenn Alles nach ihrem Willen ginge und den seinen dabei im Auge haben. Bernau. Es ist schändlich, selbst in der Ehe keine vollständige Aufrichtigkeit. West. Harmlose Verstellung, das schadet nicht. Zum Exempel, ich verspüre zuweilen das Verlangen, Abends die Komödie zu besuchen, so sage ich schon beim Frühstück: »Heute habe ich gar keine Lust ins Theater zu gehn«, dann bin ich sicher, daß mich meine gute Ehehälfte den ganzen Tag über quält, bis ich gerade dieser Vorstellung mit ihr beiwohne. Bernau. So, Herr Rath, richte ich mir es nicht ein, sollte ich wirklich einmal heiraten; bei mir darf keine falsche Farbe gespielt werden. Ich liebe das entschieden Ausgesprochene, weiß muß weiß, schwarz muß schwarz sein. West. Junger Freund, mit den Farben da kommen Sie schlecht weg. Frauen sind nur nachgiebig, wenn man ihnen auf halbem Wege entgegen kommt. Sehen Sie, so hatte ich einmal einen sonderbaren Farbenstreit mit meiner Frau; sie hatte gerade ihre widersprechende Laune, wie das schon bei den Frauen, selbst bei den besten, vorkommt. Wir sprachen zufällig vom Paradiese und ich sagte ganz harmlos: »Adam war weiß!« Da sprang meine Frau auf und behauptete steif und fest: »Adam war schwarz!« Da Gott nur Einen Menschen geschaffen hat. hatte sie eben fö viele Gründe zu behaupten, dass er ihn schwarz geschaffen, wie ich deren hatte, zu sagen, dass er ihn weiß geschaffen. — Wir kamen durch diesen thörich- ten Streit so hintereinander, daß wir drei volle Tage förmlich schmollten. Beide hätten wir uns gerne versöhnt, aber Keines wollte seine Behauptung aufgeben. Da ersann ich, um diesem lächerlichen Zwist ein Ende zu machen, einen vergleichenden Ausweg. Ich kam eines schönen Mittags von meinem Bureau nach Hause, trat freundlich lächelnd meiner Frau entgegen und sprach: »Liebe Agnes, wir hatten Beide theils Recht, theils Unrecht mit unserer Behauptung; ich habe unsere Streitfrage einem Gelehrten vorgelegt und der wies mir geschichtlich nach, daß Adam weder weiß noch schwarz war — er war ein Mulatte.* — Und wir waren versöhnt. Bernau (lachend). Sehr gut ausgedacht. da haben Sie aber Ihre Frau belogen. West. Wie wollen Sie das beweisen? Adam kann ja wirklich ein Mulatte gewesen sein. — Folgen Sie mir, halten Sie sich in der Gesellschaft nur stets mulattisch. das ist eine zweifelhafte Farbe, damit kömmt man am sichersten durch. Bernau. Ich bedaure Sie. Herr Rath. Ihre Frau ist aller Wahrscheinlichkeit nach eine rechte Lantippe. West. Bitte, von meiner Ehehälfte ehrfurchtsvoller zu sprechen. Sie ist eben eine Frau wie jede andere, ein Geschöpf von Schwächen und Vorzügen zusammengesetzt, im Ganzen aber ein würdiger Charakter, wenn sie zur Einsicht kommt, vollkommen gerecht, ein Brutus im Unterrocke. Glauben Sie nicht, daß diese kleinen häuslichen Zwifle unsere Lebensfreuden stören, es ist das Salz der Ehe. Beehren Sie mich einmal, wenn Ihr Freund in meinem Hause wohnt und überzeugen Sie sich selbst von meinem Familienglück. Bernau. Das soll mit Ihrer Erlaub- niß bald geschehen. Schade, daß Ihr schönes Hans in solch' einer engen Straße steht, es bietet gar keine Aussicht. West. Um so mehr wundert es mich, daß Ihr Freund, Herr von Rubin, sich so viele Mühe gab, diese Wohnung von mir zu erhalten, für einen jungen Menschen ist doch eine Aussicht die Hauptsache. Bernau. Ihm genügt die Einsicht. West. Wie meinen Sie das? Bernau. Nun, Sie haben ja eine schöne Tochter, und die Aussicht, der nahe zu sein, entschädigt meinen Freund für jede andere. West (sich zum Gehen wendend). Ah, ist es das? Ich danke Ihnen für Ihre Aufrichtigkeit. Bernau. Bitte, ist gerne geschehen, wahr gegen Freund und Feind ist mein Wahlspruch. Vierte Scene. Rubin von der Seite, die Vorigen. Rubin. Hier bin ich schon, Herr Rath, entschuldigen Sie, daß ich Sie warten ließ. Wenn es Ihnen jetzt gefällig ist, den Miethcontract abzuschließen. West (mit Nachdruck). Ich vermiethe meine Tochter nicht! (Geht rasch ab.) Rubin (überrascht). Was soll das heißen? »Er vermiethet seine Tochter nicht!* Hast Du vielleicht etwas erwähnt? Bernau. Jawohl! Der Herr Rath fragte mich, ob Du seine Wohnung der Lage wegen so lieb gewonnen? Und ich antwortete: »Nein, seinerTochter wegen.* Rubin (sehr erregt). Unverbesserlicher Thor! Wie kann man denn einem leiblichen Vater so etwas in's Gesicht sagen? Du bist verrückt. Bernau. Ich bin nur wahr. Rubin (erregt). Das eben ist deine Verrücktheit, und ich sage Dir nun eiu- für allemal, willst Du, daß ich noch ferner mit Dir umgehe, so bereite Dich auf der Stelle vor. augenblicklich mit mir zum Herrn Rath zu gehen und deine Aussage in meinem Beisein feierlichst zu widerrufen. Diesen Act der Gerechtigkeit bin ich seiner engelreinen Tochter schuldig, die mich kaum kennt, und die keine Idee hat, daß es ihre Nähe ist. die mich anzieht. Bernau. Wie, ich soll die Wahrheit widerrufen? Rubin. Nicht die Wahrheit, sondern deine übereilte Voraussetzung. Nachdem ich sechs volle Wochen wie ein Postbote in der Stadt herumlief, um eine passende Wohnung zu finden, gleichzeitig alle Kommissionäre in Bewegung setzte, gelang es mir endlich nach vielen Mühen, jene Wohnung im Hause des Herrn Raths in Aussicht zu haben. Ganz absichtslos äußerte ich Dir gegenüber, daß mir die schöne Haustochter die Wohnung noch begehrlicher macht, ein ganz natürlicher Ausspruch meines Schönheitssinnes! Oder ist Dir vielleicht eine alte unschöne Haustochter lieber, um die Wahrheit der Häßlichkeit an ihr prüfen zu können? Bernau. Nein, so weit erstreckt sich meine Wahrheitsprüfung nicht, mir ist auch eine junge hübsche Tochter lieber. Rubin. Also siehst Du ein, wie albern Du gehandelt, so wirst Du auch mein Begehren gerechtfertigt finden und die Ab- sicht widerrufen, die Du mir voreilig unterlegt. Bernau. Wenn es so ist. bin ich bereit. Dir zu folgen, ich werde dem Herrn Rath unumwunden sagen, daß Dir das Mädchen als Erscheinung zwar gefällt, aber Dir sonst ganz gleichgiltig ist, Dich eben so wenig wie die ganze übrige Familie interessire. Rubin (drängend). Nein, nein, was Du zu sagen hast, das werde ich Dir unterwegs schon mittheilen, sonst machst Du mir wieder neue Verstöße. Komm nur, komm! Mit Wohnungen ist jetzt nicht zu säumen, sonst schnappt mir sie ein Anderer hinweg. Bernau (Rubin zurückhaltend). Aber ich sage es Dir im voraus, ich thue nichts gegen meine Maxime, mit der Wahrheit kommt man am weitesten. Rubin (zum Gehen drängend). Ah bah! das war sonst, jetzt kommt man mit der Eisenbahn viel weiter. (Beide ab.) Fünfte Scene. Verwandlung. (Zimmer in Wests Hause mit einer Mittelund einer Seitenthüre.) W est und Agnes (aus der Thüre links). Agnes (energisch). Die Sorge, daß unsere Rosa ein Dir mißliebiges Derhält- niß anspinnt, kömmt von deiner Saumseligkeit! Warum sprachst Du noch nicht mit ihr über die von uns beabsichtigte Partie? — Breil ist ein solider, gebildeter Mensch, hat Vermögen, eine gute Stellung. Unsere Rosa ist in dem Alter versorgt zu werden. Spreche mit ihr darüber, sondire ein wenig, ob sie Neigung zu Breil hat, oder suche vielmehr ihr Neigung für ihn einzuflößen, wenn sie ihn auch nicht liebt, man steht immer fester auf soliden Erdschollen, als auf flüchtigem Morgenroth. Aber thue es nicht in deiner gewöhnlichen scherzenden Weise, sei ernst in einer ernsten Sache. West (verwundert). Ah, das plappert ja wie ein Mühlrad! Aber sage mir nur, warum sprichst denn Du nicht mit Rosa, dergleichen Angelegenheiten sind ja eigentlich Sache der Mütter? Agnes. Der Vater ist das Haupt der Familie, dem ist jeder Gehorsam schuldig — selbst die Frau. West. Ja, ja, selbst das Weib ist dem Manne Gehorsam schuldig — Du bleibst mir ihn auch stets schuldig. Agnes. Laste jetzt deine Sarcasmen und bereite Dich vor, unserer Rosa die Sache würdevoll vor'zutragen, sie wird gleich kommen. West. Höre einmal, Agnes, die Sache hat bestimmt einen Haken, sonst würdest Du sie mir nicht überantworten. Agnes. In solchen Angelegenheiten hat die Frau des Hauses nur die zweite Stimme. West. Nun, da bin ich sehr begierig, deine erste Stimme ist eine sehr vernehmbare, wenn deine zweite auch so ist, gebe ich Dich zur Oper. Sechste Scene. Rosa (durch die Mitte). Vorige. Rosa (West die Hand reichend). Guten Tag, Vater, ich habe Sie ja heute noch gar nicht gesehen! Ich laufe schon zwei Stunden im Garten herum. Agnes. Das solltest Du aber nicht. Du bist schon im gesetzten Alter, da soll ein Mädchen nicht so viel herumlaufen. Rosa. Aber Mütterchen, in unserm Hausgarten, da steht mich ja kein Mensch. Agnes (stößt West in die Seite). West (halbleise). Soll ich? Agnes (bejaht mimisch). West. Eben das ist unrecht, man soll Dich ja sehen, kein Mensch kauft die Katze im Sack. Agnes (für sich, die Hände zusammen- schlagend). Das nennt er Würde. Rosa (lachend). Ha, ha, Väterchen, bin ich denn eine Katze und wollen Sie mich verkaufen, oder gar wie die jungen Katzen ins Wasser werfen? Agnes. Der Vater hat sich nur nicht recht ausgedrückt; er wird sich jetzt sammeln und dann ein ernstliches Wort mit Dir sprechen. (Halb leise zu West.) So rede doch. West (halb leise). Ich sammle mich ja eben. Rosa. Ein ernstes Wort mit mir? Hab? ich denn etwas begangen? West. Nein, Du sollst erst etwas begehen. Agnes (halb leise). Aber rede doch deutlich, Du machst ja das Kind ganz irre. West (halb leise). Halte deine zweite Stimme und unterbreche mich nicht immer. Rosa (für sich). Was nur die Eltern haben müssen? West (nimmt fichzusammen). DerMensch, liebe Rosa, der Mensch wird alle Tage älter. Nun gehört Ihr Weiber streng genommen eigentlich auch zu den Menschen und es geht Euch um kein Haar besser als uns Uebrigen. Noch mehr, es geht Euch sogar schlimmer. Wenn wir, so zu sagen, noch im besten Flor stehen, wirft man Euch schon in's alte Register und aus dem gibt es, wie aus der Hölle, keine Erlösung in eurem ganzen Leben. Achtzehn Zahre, wie Du eben hast, sichern zwar, denkst Du, noch ein ziemliches Weilchen davor. Aber die böse Zeit kneipt Dir von nun an jedes Jahr kürzer und kürzer und am Ende sitzest Du in dem Register gleich der armen Mücke im Spinngewebe, fällst vertrocknet in's Grab, ohne eine Spur hinter Dir zu lassen. Moral: Besser bei Zeiten gefreit, als zu spät bereut. (Zu Agnes, halb leise.) Nun, zweite Stimme, kannst Du fortsahren. Agnes (halb leise). Nur zu in dieser Weise, ich bin zufrieden. West. Zu dem Text, den ich Dir heut' lese, meine gute Tochter, veranlaßte mich ein mit vielen Vorzügen ausgestalteter, wenn auch nicht mehr ganz junger Mann, der Dich sehr gerne steht und aus deinem eigenen Munde vernehmen möchte, ob auch Du Wohlgefallen an ihm finden kannst, und da, wie deine Mutter stets zu sagen 9 pflegt, die Männer nur auf der Welt find, um den Frauen Kummer und Schmerz zu bereiten, so möchte er Dich gerne heiraten. Agnes. Aber Mann, was redest Du denn für einen Unsinn? West. Lasse mich ausreden, zweite Stimme. (Fährt fort.) So möchte er Dich gerne heiraten, um Dir zu beweisen, wie Unrecht deine Mutter mit diesem ihrem Lieblingsausspruch hat, da er beabsichtigt, Dich recht glücklich zu machen, so glücklich, wie ich meine Agnes machte, wenn sie es auch nicht eingesteht. Agnes (gerührt). Ja. ja, Du bist ein guter, guter Mann. — Ich bin glücklich, und so glücklich, Rosa, sollst Du auch werden. Rosa. Aber, Mama, ich weiß noch immer nicht, mit wem? Ich kann doch den Papa nicht heiraten? Agnes. Den würde ich Dir auch gar nicht Massen. Aber glaube nicht, mein Kind, daß dein Vater allein der Mann ist, der eine Frau beglücken kann, es gibt schon noch Männer, die dieselben Vorzüge besitzen. West. So, woher weißt Du denn das? Außer mir solltest Du eigentlich keinen Mann so genau kennen. Agnes. Laste jetzt, in dieser ernsten Stunde, diese scherzenden Bemerkungen und vollende, was Du unserer Rosa noch sagen wolltest. West. Richtig, Du hast mich ganz aus dem Text gebracht. Herr Breil, den Du kennst, rollt schon seit vielen Jahren als Junggeselle aus dem Glücksrade der Gesellschaft herum, immer beabsichtigend, auf diese oder jene Nummer einer harrenden Tochter zu fallen. Rosa. Ich bin aber keine harrende Tochter. West. Immer unterbrechen! — Dieselbe Gewohnheit wie die Mutter. Wo hielt ich? Rosa. Harrende Tochter. West. Richtig! — Nun denkt er sich Deinen Besitz als einen Haupttreffer in der Ehestandslotterie und wird, nachdem er seinen Einsatz bei uns schon machte, noch heute vor Dir erscheinen und Dich selbst fragen, ob Du von ihm gewonnen sein willst. Agnes. Die Partie ist eine sehr vor- theilhafte in jeder Beziehung und wir, deine Eltern, würden gerne unfern Segen dazu geben. Rosa. Mein Herz, wie Sie mit Gewißheit voraussetzen konnten, ist bis zur Stunde ganz frei. Von Herrn Breil, den ich nur oberflächlich kenne, weiß ich nichts Gutes, als daß er ein guter Dreißiger ist. Der Mann war mir stets gleichgiltig, und offen gestanden, von Liebe zu ihm ist nicht die geringste Spur in mir vorhanden. Agnes. Was Liebe zu ihm! heirate ihn aus Liebe zu uns, das kommt auf eins heraus. West. Ueberlege Dir die Sache, Rosa, thue deinem Herzen keinen Zwang an, lgste aber auch deinen Kops bei der Wahl walten. Das Gefühl ist nicht immer der richtige Wegweiser, während der Verstand uns meist die rechte Bahn zeigt. Deine Mutter willigte auch anfangs nicht gleich darein, mir ihre Hand zu reichen, sie hatte ein Porteöpee im Herzen, endlich war sie doch so vernünftig, mich zu heiraten, als sie zur Besinnung kam und meinen Gehalt — nicht meinen innern, sondern meinen pecuniären — mit der Lieutenantsgage verglich. Agnes (neckend). O, thue nur nicht so groß! Wer weiß, was geschehen, wenn die Garnison nicht gewechselt worden wäre. West (lachend). Nun. da nimm Dir ein Beispiel daran, Rosa! Ha, ha! (Zur Seite links ab.) Agnes (Rosa zu sich winkend, halb leise). Es ist gar nicht wahr, ich liebte jenen Lieutenant nie. ich ließ nur aus Politik deinen Vater in dieser Meinung. 10 Rosa (in komisch geheimnißvoller Neugierde. halb leise). Aus Politik? Warum denn? Agnes (sich umsehend. ob sie nicht behorcht wird, dann laut). Merke Dir das, mein Kind, die meisten Männer haben, wenn sie heiraten, die Eitelkeit, irgend eine Ariadne aufzustellen, deren Verlosten sie ihren Frauen wie ein Geschenk zur Vervollständigung des Hochzeitsschmuckes anbieten. Ich beugte nun diesem Falle vor. indem ich, diese Politik selbst benützend, deinem Vater scheinbar einen Lieutenant zum Opfer brachte. Rosa (naiv). Glauben Sie nicht, liebe Mutter, daß es klug wäre, wenn ich mir vorerst auch so einen Lieutenant avschaffen würde, um Jemand zu besitzen, den ich später opfern kann? Agnes (schnell tinsallend). Es ist nicht unumgänglich nothwendig; mein Verhalten war durch eigene Verhältnisse hervorgerufen! Du bedarfst dieser List nicht. Rosa (setzt sich zu einem Stickrahmen). Wie Sie glauben, beste Mutter, Sie müssen das bester verstehen. Agnes. Hast Du noch immer deine alte Stickerei? Wann kommst Du denn einmal damit zu Ende? Rosa (arbeitend). Heute werde ich fertig. nur noch eine kleine Schattirung. Agnes. Nun. es ist Zeit, Du arbeitest ja schon über vier Wochen daran. Rosa. Nicht räsonniren, Mütterchen, um so schöner wird die Arbeit; die Thier- chev sehen aus, als wenn sie lebten, schauen Sie sich einmal die beiden Kätzchen an. wie nett ich sie gruppirte. (Zudem sich Agnes Rosa nähern will, hört man an der Mittelthüre klopfen.) Rosa. Man hat geklopft, Mutier! Agnes. Lntrer! Siebente Scene. Rubin. Bernau. Die Vorigen. Rubin. Sie entschuldigen. Frau Rä- thin, ich wünschte den Herrn Rath nur einige Augenblicke zu sprechen. Agnes. Bitte nur ein wenig zu gedulden, er ging einen Moment auf sein Zimmer, wird aber sogleich wieder erscheinen. Rubin. Ich schmeichle mir die Ehre zu haben, von der Frau Räthin gekannt zu sein. Agnes. Herr v. Rubin, nicht wahr? Ich sah Sie einigemal in Gesellschaft. Rubin. Erlauben Sie mir, meinen Freund vorzustellen. Ernst Bernau, Gutsbesitzer. Agnes (verbeugend). Sehr angenehm. Bernau (lakonisch). Mir auch. Agnes (aus Rosa zeigend). Meine Tochter Rosa. Rubin (als Rosa aufstehen will). Bitte. Fräulein, sich nicht stören zu lasten, ich möchte nicht Schuld an der Verzögerung dieser zarten Arbeit tragen, worauf der Glückliche, für den sie bestimmt, dann noch länger warten müßte. Rosa (sich erhebend). Diese Arbeit ist für eine Dame bestimmt, die haben immer etwas mehr Geduld wie die Herren; die wartet schon noch. Bernau (der sich dem Stickrahmen prüfend nahte). Eine Stickerei, in der That recht hübsch. Rubin (für sich). Gottlob, er wird galant. Rosa (sich geschmeichelt fühlend). Die Arbeit gefällt Ihnen? Bernau. Die kleinen Hunde sehen ganz niedlich aus. Rosa (betroffen). Ah Pardon, mein Herr, es find Katzen. 11 Rubin (schnell). Entschuldigen Sie meinen FreunS, er ist etwas kurzsichtig sonst würde er nicht so blind geurtheilt haben. Bernau. Bitte, mein Fräulein, wün« schen Sie, daß es Katzen sein sollen, mir kann das ganz gleich sein, aber ich würde es anIhrerStelle darunter schreiben, damit der Beschauer nicht in Verlegenheit kommt. Rubin (verbessernd). Der kurzsichtige Beschauer, meint er. Rosa (heiter lachend). Ha, ha, lassen Sie das, Herr v. Rubin; die etwas herbe, aber seltene Aufrichtigkeit Ihres Freundes gefällt mir, in der Stadt findet man solche Offenheit nicht häufig. Tadeln Sie nur munter darauf los, mein Herr. (Die Arbeit betrachtend.) Ich finde selbst, bei ruhiger, unparteiischer Betrachtung, daß meine Kätzchen etwas Hündisches haben. Bernau. Nicht wahr, ich bin ja selbst Zeichner, solch ein Pudelkopf kann ja nie einer Katze angehören. Ueberhaupt sollten Sie dergleichen Arbeiten gar nicht unter nehmen, wenn Sie sich bei den Männern beliebt machen wollen. Rosa. Welchen nachtheiligen Einfluß wollen Sie daraus ableiten? Bernau. Die meisten Männer haben eine Abneigung gegen die sogenannten fleißigen Frauen und Mädchen, die, auf einen Stickrahmen herabgebeugt, sich Teint und Haltung verderben, keinen An- theil an dem Gespräch nehmen, vor lauter Zählen und Nachrechnen der Stiche nicht dazukommen, andere als zerstreute, gedankenlose Antworten zu geben, und dieß Alles nur, um ein Sophakissen oder ein Paar Pantoffel zu sticken Agnes. Die Zeit, Herr Bernau, erfordert es eben, daß die Mädchen jetzt Alles lernen müssen, in meiner Zeit, wie ich noch jung war — Bernau (unterbrechend). Ja, das ist eben schon lange her. zu dieser Zeit, da hat ein Mädchen gar nichts gelernt,' wol en Sie sagen. Nun sehen Sie und Sie ind doch an Mann gekommen. Frau Räthin. Agnes (piquirt). Ich bitte, wir haben auch gelernt, nur andere Gegenstände, auch ist es gar so lange, wie Sie glauben, nicht her. Bernau. Entschuldigen. Frau Räthin, ich wollte mit diesem »lang her* keineswegs anspielend sein, ich weiß die reife Schönheit mit ihren malerischen Falten eben so zu schätzen (verbindlich gehen Rosa) wie die noch frischen, blühenden Gestalten, bei denen das Herz ungestört an die zarten Rippen zu pochen Platz hat. Rubin (für sich). Himmel, so wendet er meine Lehren an, wenn ich ihn nur schon wieder draußen hätte, er bringt mich in Verzweiflung. (Laut.) Gnädige Frau, ich ersuche Sie, die Worte meines Freundes nicht so buchstäblich zu nehmen, er meint es herzlich gut, aber seine Landerziehung hängt ihm immer noch nach, er muß sich erst so recht in die Gesellschaft hineinleben. Agnes. Es bedarf keiner Entschuldigung. ich liebe die Offenheit bis zu einer gewissen Grenze, und bin es in den meisten Fällen selbst gerne. Oder wollen Sie uns Frauen diese Befähigung nicht zuqe- stehen, Herr Bernau? Bernau. Allerdings, in meiner Erfahrung fand ich die Frauen meist offener und gerechter als die Männer, ihren Freundinnen treu ergeben, stets bereit, ihnen jedes Opfer zu bringen, das heißt auch bis zu einer gewissen Grenze. Agnes. Und diese ist? Bernau. Eine Haube nach der neuesten Mode, die noch Niemand besaß, als Muster zum Nachmachen herzugeden. dieses Opfer bringt keine. Agnes (lachend). Sie find ein komischer Psycholog. Rosa (für sich). Mir gefällt der Mensch recht gut. 12 Agnes. Aber, Herr v. Rubin, es könnte Ihnen doch zu lange dauern, wenn Ihnen gefällig, werde ich Sie zu meinen Mann hineinführen. Rubin. Wenn ich nicht störe, Frau Räthin, wäre es mir um so angenehmer, wenn Sie der Erklärung, welche ich dem Herrn Rath zu geben habe, gütigst beiwohnen wollen. Agnes. Sie stören gar nicht. Bernau (halb leise). Soll ich mit hin- eingeh'n? Rubin (halbleise). Nein. Du verdirbst mir wieder meine ganze Entschuldigung mit deiner dummen Wahrheit oder vielmehr mit deiner wahren Dummheit. (Laut.) Erlauben Sie, Fräulein, daß mein Freund mich hier erwartet? Rosa. Die Gesellschaft des Herrn Bernau amüfirt mich. Rubin. Nehmen Sie sich seiner ein wenig an, Fräulein, um ihnproducirungs- sähiger zu machen. Frauen waren von jeher die besten Lehrer für die Schule der Gesellschaft. Agnes. Jst's gefällig? (Agnes und Rubin zur Seitenthüre links ab.) Rosa. Nun, Herr Bernau, haben Sie gehört? — Sie sollen mein Schüler werden. meint Ihr Freund. Bernau. Mein Freund Rubin bedürfte selbst noch einen Lehrer, erst schleppt er mich fast gewaltsam hierher, um Ihrem -Herrn Vater gegenüber zu bezeugen, daß es ihm nicht im Traume einfiel, Sie je zu lieben, und jetzt enthebt er mich dieses früher von mir so stürmisch verlangten Dienstes wieder. Rosa (überrascht?)Was soll das heißen, eine Versicherung, mich nicht zu lieben, ich kenne Ihren Freund kaum. Bernau. Nicht nur mein Freund, wahrscheinlich muß jeder junge Mann, der eine Wohnung in Ihres Vaters Hause bezieht, diese Klausel unterzeichnen. Die Hausherrn sind jetzt gar extravagant in ihren Anforder ngen. Rosa (lachend). Ah so, es ist nur eine väterliche Fürsorge; ha, ha. diese Art von Miethscontracte ist in der That ganz neu. Nun es wird Ihrem Freund nicht schwer angekommen sein, diese Bedingung zu unterzeichnen? Bernau (lakonisch). O nein, er hat mich ja förmlich zur Zeugenschaft getrieben, von der er mich nun plötzlich wieder entließ. Mir würde es, da ich nun die Ehre hatte. Sie gesehen und gesprochen zu haben, schon schwerer ankommen. Sind Sie böse über dieses Geständniß? Rosa. Keineswegs, Sie scheinen in allen Ihren Aeußeruugen unumwunden wahr zu sein, ich achte solche Charaktere ihrer Seltenheit wegen; Ihre Offenheit gefällt mir, und ich stehe darum auch keinen Augenblick a n, Ihnen mein ganzes Vertrauen zu schenken, indem ich Sie ersuche, die von Ihrem Freunde verschmähte Zeugenschaft zu meinen Gunsten anzuwenden. Bernau. Gegen meinen Freund? Rosa. Nein, sondern gegen einen Mann, der nach dem Wunsche meiner Eltern mein Gemal werden soll, den ich vielleicht zu achten, aber nie zu lieben im Stande wäre. Ich selbst möchte nicht in die unangenehme Situation kommen, diesem von meinen Eltern begünstigten Bewerber meine Abneigung persönlich kundzugeben. Sie wären der Mann dazu, es ihm in einer einfachen, aber zarten Weise begreiflich zu machen, daß wir nicht zusammenpassen, und in meinem Beisein für mich das Wort zu führen, offen und ehrlich. jedoch nicht wehthuend und verletzend. Bernau. Sagen Sie mir aber auch erst offen und ehrlich: »Lieben Sie denn schon einen Andern?« Rosa. Ehrlich gestanden, bis jetzt »nein«. Bernau. Das ist mir lieb. Rosa. Warum? Bernau. Da Hab' ich auch noch Hoffnung. 13 Rosa. Da müßten Sie mich jedenfalls vorerst von Herrn Breil losmachen. B ernau WennSie mir kein schwereres Hinderniß bei diesem Liebeswettrennen in den Weg legen, das soll bald beseitigt sein. Sein Herz wird deßhalb auch nicht brechen. Rosa. Wie, Sie glauben, daß Herr v. Breil meiner Liebe eben so leicht entsagen wird, wie es Ihr Freund Herr v. Rubin that? Nicht sehr schmeichelhaft für mich. Bernau. Das nicht, ich habe nur keinen Glauben an die gebrochenen Herzen der Jetztzeit, mit denen man sich zweimal des Tages zu Tische setzt, in's Theater und in Gesellschaften geht. Erwähnt ein jetziger Bräutigam seine Braut, so denkt er sicher gleichzeitig an ihre Augen und ihre Hypotheken, an ihre Wangen und ihre Zinsen, an ihr kleines Piedestal und ihr großes Capital. Rosa. Und Sie denken eine Ausnahme unter diesen egoistischen Herren zu sein? Bernau. Gewiß, ich verlange von meiner Zukünftigen keine Schätze, sondern nur ein paar Vorzüge, die Sie vielleicht lächerlich finden, die mir aber das Glück meiner Ehe sichern. Rosa. Vorzüge, die wahrscheinlich so idealisch sind, daß man sie bei keiner Dame findet. Bernau. Keineswegs. — Wollen Sie sie hören? Rosa. Ich bin gespannt. Bernau. Erstens muß meine Zukünftige glauben, daß die Hautfarbe Adams weiß war. Rosa (lachend). Ha, ha, das ist ja hoch komisch, wie soll sie denn gewesen sein? Bernau. Sie würden also nie behaupten, daß Adam schwarz war? Rosa. Sie scheinen zu scherzen, wer wird denn so eine Lächerlichkeit behaupten? Bernau (für sich). Sie besitzt nicht den Eigensinn ihrer Mutter, das ist gut. (Laut.) Zweitens muß meine Zukünftige genau wissen, was für drei Eigenschaften der Kaffee haben muß, um untadelhaft zu sein. Wissen Sie das? Rosa. Er muß heiß sein! Bernau. Nun? (Auf seinen Frack deutend, Rosa nachhelsend.) Rosa (begreift die Mimik). Und schwarz» Bernau. Nun? (Mimisch mit der an sich ziehenden Mundbewegung nachhelsend.) Rosa (die Mimik begreifend). Und süß. Bernau (erfreut). Richtig, ein guter Kaffee muß schwarz wie der Teufel, heiß wie die Hölle und süß wie die Liebe sein. — Rosa, wollen Sie mir süßen Kaffee bereiten? Rosa. Ihre Liebeserklärung ist in der That ganz originell, doch sie mißfällt mir nicht. Aber wir halten noch nicht an der Kaffeebereitung, Sie vergessen aus Herrn v. Breil. Bernau. Sie erwarten ihn bald? Rosa. Ich bin jeden Augenblick seines Erscheinens gewärtig. Was werden Sie ihm sagen? Bernau. Eigentlich muß man zu einem Deutschen in französischer Sprache reden, wenn er Respect haben soll; aber ich denke doch mit meiner Muttersprache den von Ihnen gewünschten Zweck zu erreichen. Rosa. Vergessen Sie aber nicht so schonend wie möglich zu Werke zu gehen! Bernau. Ich werde wahr sein. Rosa. Ich höre im Vorzimmer sprechen. das wird er sein. Bernau. Ich bin gerüstet. Achte Scene. Breil. Die Vorigen. Breil. Geehrtes Fräulein, durch die gütige Fürsprache Ihrer werthen Ellern hoffe ich nicht unerwartet vor Ihnen zu erscheinen. Rosa. Bitte abzulegen. 14 Breil (seine» Hut und Stock hinwkg- Ikllend). Bin so frei. Rosa. Man sagte mir. daß Sie kommen werden. Herr v. Breil. Breil. Ich bin gekommen — (Bemerkt Bernau und schweigt.) Rosa. Es ist mir lieb. Bernau (vorrretend). Daß Sie gekommen sind, Herr v. Breil, ist nicht zu läug- ven; aber wennFräuleinRosa hier spricht, daß es ihr lieb wäre, so müssen Sie das lür ein bloßes Kompliment nehmen; denn sie weiß wirklich nicht, was sie Ihnen sagen soll. — Sie sehen mich groß an. Herr v. Breil, daß ich als ein Ihnen gänzlich Unbekannter gleich mit der Lhüre in's Haus falle; aber ich muß ja wohl! Denn wer steht mir dafür, daß ich einen gelegt- ueren Zeitpunkt finde? Sie beabsichtigen, Fräulein Rosa's Bräutigam zu werden. Herr v. Breil. Allein darüber wird Fräulein Rosa nun und nimmermehr mit Ihnen eins werden, und es ist curios von Ihnen, daß Sie sich dem Fräulein auf- dringen wollen. Breil (ausrufend). Aufdringen! Bernau (Rosa beim Arm zurückhaltend, welche enteilen will). Nichts, Sie müssen da bleiben und Alles mit anhören. Ihre sonderbare Stellung zwischen kindlichem Gehorsam und eigener Herzenswahl erfordert einen Mann, der für Sie handelt, und die jetzige Ausrufung des Herrn v. Breil veranlaßt mich noch mehr Ihnen zu helfen, denn ich sehe doch, daß er keinen dösen Willen hat. Die Hand, Herr v. Breil, und lassen Sie uns ein vernünftiges Wort über die Heirat reden, oder vielmehr darüber, daß diese Heirat durchaus nicht stattfinden darf. Ich muß Sie bitten, seien Sie ein ehrlicher Mann, und geben Sie die arme Gequälte auf und das sogleich, Herr v. Breil. — Ich sehe es Ihnen an den Augen an, Fräulein Rosa, daß Sie noch recht förmlich mit Herrn v. Breil Freundschaft stiften möchten. Erlauben Sie mir darum, daß ich diese beiden Hände, die ich auseinander geredet, jetzt wieder der Freundschaft wegen in einander lege. (Einigt die Hände). Bleibt Freunde und für immer. Breil und Rosa (gleichzeitig). Für immer — für immer. Neunte Scene. West, Agnes und Rubin (von der Seite). Vorige. West (freudigüberrascht). Za für immer. (Eilt hinzu, die Hände noch fester in einander drückend.) Der Himmel segne Euch, liebe Kinder, es freut mich herzlich, daß Ihr so bald dahin mit einander gekommen seid. Agnes. Aber Kind, Du zitterst ja förmlich, bist so verdutzt, welche Ziererei? Bernau. Das wird sich gleich verlieren. Geben Sie mir ein Versprechen. Herr Rath und Frau Räthin. Betrachten Sie einmal diese beiden Leute, sie find nämlich in großer Verlegenheit, daß Sie Ihre Einwilligung nicht geben möchten in das, was Sie einander zugesagt haben. West. Zst's denn nicht richtig mit Euch, oder wie? (Lachend.) Ich und meine Alte freuen sich ja mit euerer Uebereinkunft, wir haben euere Verständigung nicht so schnell vermuthet. Oder soll ich, um der Sache einen romantischen Anstrich zu geben, erst Einwendungen machen, so redet. Heute versteh' ich mich zu Allem. Bernau. Zu Allem, das wäre etwa-.' Keine Einwendung aber, Herr Rath, sagen Sie vielmehr laut und deutlich, daß Sie das Versprechen, welches diese Beiden einander gethau haben, bekräftigen wollen. West. Ja doch von ganzem Herzen! Ich nehme nie mein Wort zurück. Bernau. Bravo, Ihr Leutchen! nun ist's ja mit einem Male abgemacht! Ihr seid Beide frei und braucht einander in eurem ganzen Leben nicht zu heiraten — aber Freundschaft für immer. 15 West und Agnes (gleichzeitig). Nur Freundschaft?! Bernau. Ich habe sie auseinanderae- wahrheitet, denn ihre Liebe wäre Unwahrheit gewesen. West. Geh'n Sie zum Kukuk mit Ihrer Wahrheit, wer gab Ihnen das Recht, den Bräutigam meiner Tochter hinauszu- Wahrheiten? Rubin (Bernau umarmend). Laß Dich umarmen, Freund, endlich hast Du mit deiner Wahrheitsliebe doch etwas Vernünftiges gethan. Bernau. Der Eine umarmt mich, der Andere will mich hinauswerfen, und ich war doch für alle Parteien thätig. West. Das nennen Sie thätig, wenn man glaubt bei dieser schweren Zeit eine Tochter an Mann gebracht zu haben, dir Sache wieder rückgängig zu machen? Agnes. Und Sie, Herr von Breil, haben sich diese Einmischung eines gänzlich Unberufenen gefallen lasten, ohm irgend einen Versuch zu machen, Ihrer Platz zu behaupten? Breil (komisch ergriffen). Ich gestehe Frau Räthin, ich war zu frappirt, meinr schüchterne Werbung, zu deren Ausspruch ich eigentlich gar nicht kam, so entschiede« verneinend von einem mir ganz fremden Herrn erwidert zu sehen. Ich bin noch jetzt ganz constervirt, indem ich bei meinem Eintritte nicht vermuthen konnte, daß man meine Hand in die des Fräuleins nicht zur Vereinigung, sondern zur Trennung legt. Erlauben Sie, daß ich mich setze, mir fuhr diese abnorme Scene durch alle Glieder. West. Herr, ich verlange Rechenschaft über Ihr Benehmen! Bernau (für sich). Jetzt, Wahrheit, stehe mir bei. (Laut.) Herr von West, vergessen Sie nicht, daß Sie Rath find und daß es nichts auf sich hat, wenn Sie in Ihrem Amte zuweilen ein wenig unklug rathen, dort entscheidet die Stimmenmehrheit und eine verkehrte Ansicht kann durch besser Unterrichtete wieder überstimmt werden. — Hier aber, als Familienrath, wo Ihre Stimme die entscheidende ist, und von keiner andern verdrängt werden kann und darf, wo fich's um das Lebensglück Ihres Kindes handelt, müssen Sie weise und besonnen zu Werke gehen und Ihrer einzigen Tochter zu keiner Verbindung rathen, durch die sie sich schon von vornherein unglücklich fühlt. In ihrer Rath« lofigkeit machte mich das Fräulein zu ihrem Vertrauten und ersuchte mich, die unangenehme Situation mit Herrn von Breil an ihrer Statt, in zarter Weise, persönlich zu übernehmen. West. Das thatest Du? Rosa (halblaut). Ich wollte nicht selbst— Bernau. Sie werden nun einsehen, Frau Räthin, daß ich kein gänzlich Unbe- cufener war, und wenn Sie gefälligst einen Rückblick nach jenen Tagen machen wollten, in denen auch Sie jung und hübsch varen, so würden Sie sich gewiß erinnern, vie auchJhnen nur ein GatteJhrer Wahl zefiel. Leider verändert die Zeit unsere Herzen, wie unsere Gesichter, und die Nütter vergessen — daß auch sie einst Lächler waren. Rosa (leise zu Agnes). Mutter, der Lieutenant! — Agnes (leise). Schweige, das gehört nicht hierher. (Laut.) Zu meiner Zeit, Herr Bernau, war es auch etwas Anderes, da konnte man difficil sein, da hatte ein Mädchen die Wahl unter vielen Bewerbern, aber Gott sei's geklagt, jetzt wollen ja die Männer nicht mehr heiraten. es wäre noth, man spielte seine Töchter aus. Rubin (aus sich beziehend). Fräulein Rosa mangelt es auch in unserer Zeit nicht an Bewerbern. Bernau. Das sollen Sie bestätigt finden! (Sagt Rosa etwas ins Ohr.) West. Hier ist öffentliche Verhandlung, keine Heimlichkeiten! Was hat er Mr gesagt? 16 Rosa (zu Bernau). Soll ich? Bernau. Nur wahr sein. Rosa Herr Bernau hat mich nur ersucht — auf ewig die Seine zu werden. West, (komisch). Sonst nichts? Nun, das ist bescheiden. Rubin (erstaunt). Wie, Fräulein Rosa die Deine? Bernau (reicht Breil, der sich erhebt, Stock und Hut). Nun wohl, ich sagte doch, ich war für Alle wirksam. Herrn v. Breil Fräulein Rosa's Freundschaft, Dir die Wohnung ohne Liebe, mir das Fräulein mit Liebe. Rubiu. Aber hast Du mich denn nicht verstanden? Du wußtest ja doch — Bernau (verwundert). Ah so, war deine Nichtliebe, die Du schriftlich bestätigt — nur eine Finte, siehst Du, das find die Folgen der Unwahrheit, wärst Du offen zu Werke gegangen wie ich, hättest Du gesagt: »Fräulein Rosa, ich bitte um Ihre Hand* — »Frau Räthin, ich bitte um Ihren Segen* — »Herr Rath, ich bitte um Ihre Einwilligung,« so wäre die ganze Sache abgemacht gewesen. West. Also Sie scherzen auch in solchen ernsten Dingen nicht, Sie wollen meine Tochter wirklich heiraten? Bernau. Wenn Sie nichts dagegen haben? Agnes. Aber Rosa, willst Du denn Herrn Bernau wirklich zum Mann? Rosa. Wenn Sie nichts dagegen haben. Agnes. Was sagst Du dazu, Alter? West, (komisch). Wenn Du nichts dagegen hast? Bernau (Hand in Hand mit Rosa zu den Eltern tretend). Nun denn, so lasten Sie die Wahrheit? siegen (halb gegen das Publicum), wenn Niemand etwas dagegen hat. Der Vorhang fällt. Druck «>a> Papier vo» L. Sommer L Comp, ia Dirn. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Die Hochzeit unterm Schleier. Lustspiel in einem Lei von Koms Julius. n Baron von Rittberg. Baronin von Rittbrrg. Doctor Traugott Justus, v on Dorn. Prell er, Gastwirth. Personen: Nannette, Kammermädchen. Thomasi Hans > Bediente. Franz ! Ein Kellner. (Die Handlung spielt in einem Hötel in Breslau während des Wollmarktes und in der Nähe eines adeligen Schlaffes.) (Großer gemeinschaftlicher Vorsaal in Preller s Gasthof, Mittel» und Seitenthüren, die letzteren mit Nummern bezeichnet.) Erste Scene. Baronin. Baron (durch die Mitte). Baronin. Nun, mein gefälliger Herr, sind wir zu Hause, ich danke Ihnen für Ihre Güte mich aus dem Embarras mit den betrunkenen Sackträgern befreit zu haben, und empfehle mich ganz ergebenst. Baron. Wenn eine Handlung, die ich nur Pflicht nennen kann, Dank verdient, so erlauben Sie mir die Bitte, meinen Beistand nicht so schnell abweisen zu wollen, zumal da ein günstiges Geschick mich zu Ihrem natürlichen Beschützer bestimmt zu haben scheint, denn, mein Fräulein, wir sind — von mir kann ich es wenigstens betheuern — gute und getreue Nachbarn — Zimmernachbarn. Baronin. Und dieser Zufall, meinen Sie, gibt Ihnen ein Reckt zurAnnäherung? Baron. Mein Fräulein, die Bewohner eines Gasthoses gleichen den Paffagieren auf einem Schiffe; der Wirlh ist der Capital», der Vorsaal die gemeinschaftliche Cajüte, man steht sich, lernt sich kennen, der Eine landet da, der Andere dort, alles ohne Zwana, ohne Form; ein Sturm erhebt sich, bringt die Reisenden in Gefahr, bringt sie einander näher; — würden Sie, mein Fräulein, den Arm eines rohen Matrosen zu Ihrem Dienste vorziehen? Baronin. Wer weiß? Ueberdieß haben wir herrliches Wetter, so daß nicht die geringste Veranlassung zu einer Annäherung zu erwarten ist. Baron. Jammerschade! So eine honette Feuersbrunst um Mitternacht oderein kleines Erdbeben käme mir sehr gelegen. Baronin. Gott bewahr' uns! Das ist ja ein fürchterlicher Diensteifer! Ich glaube, Sie wären im Stande, dem alten armen Preller das Haus über dem Kopfe anzuzünden, bloß um das Vergnügen zu Huben, mich aufJhrenArmen aus den Flammen zu tragen. Darum erlauben Sie, daß ich mich Ihnen empfehle, ich will kein Unglück zu verantworten haben! (Will ab.) Baron. Nur einen Augenblick! Eine Dame, allein, fremd, ist in einem so besuchten, so unruhigen Gasthof lausend Unannehmlichkeiten ausgesetzt! Haufirende Gauner, zudringliche Anbeter werden Sie incommodiren. Baronin (lacht). Sie haben Recht! Don der letzten Sorte habe ich allerdings schon ein Exemplar kennen gelernt! Baron. Sie sehen also, daß Sie nicht leicht den Schutz eines Mannes entbehren können. Baronin. Wer sagt Ihnen denn, daß ich schutzlos sei? Baron. Ah, Sie haben schon einen Ritter! Das ist freilich etwas Anderes! Vielleicht ein Vater, Vormund, ein Bruder oder gar ein Gemal? Baronin (unangenehm berührt). Ach! (Ernst.) Ich erwarte einen Freund. Baron. Der Glückliche! Ich will sogleich mit dem Wirthe sprechen. Ihr Freund muß durchaus in Ihrer Nähe wohnen, das ist begreiflich, und sollte ich selber aus das Gluck verzichten müssen, mit Ihnen unter einem Dache zu leben. Baronin. Sie find sehr gütig, mein Herr! Nur bitte ich keine Unbesonnenheit zu begehen, die man am Ende mir zuschreiben könnte. Entschuldigen Sie meine Freiheit, aber Ihre heitere Laune läßt dergleichen befürchten! (Mt Verbeugung zur Seite rechts ab.) Baron (bei Seite). Ein göttliches Weib! Wer mag sie nur sein? Zweite Scene Der Vorige. Dorn. Preller. Preller (durch die Mitte). Sie sehen mich in Verzweiflung. Herr von Dorn, aber ^ ist wirklich nicht menschenmöglich! Baron (wendet sich nach ihnen). Dorn? Wahrhaftig, Du bist's! Alter Junge, Du hier? — Dorn. Eduard! Das ist köstlich, daß wir uns einmal finden! Hör', Bruder, wir müssen auf ein paar Tage wieder Stubenburschen werden, wie auf der Universität, — ich kann kein Unterkommen finoen. Baron. Natürlich! Mit tausend Freuden. Dorn. Herr Preller, mein Gepäck auf das Zimmer dieses Herrn! Preller. Schön, schön, schön! Soll gleich geschehen! Dachte mir's gleich, daß fich das arrangiren würde. (Ab durch die Mitte.) Dorn. Was führt Dich denn wieder einmal zu uns, Rittberg? Baron. Ja, Freund, das ist eine kuriose Geschichte; mein Onkel in Amsterdam ist gestorben, und ich bin sein Erbe. 3 Dvril. Oraluior sx noimo! Das ist kein schlechter Witz; Glück hat der Bursche doch in allen Stücken. Na, nimm Dich nur vor unfern Damen in Acht, die werden schön nach dem Erben angeln! Baron. »Der Liebe Müh' umsonst,« sagt der Dichter. Die kommen postk68ium, ich bin schon verheiratet. Dorn (lacht). Immer bester! Das kommt ja Schlag auf Schlag! Spaß oder Ernst? Baron. Ernst, bitterer Ernst! Verheiratet IQ optima oder vielmehr pessima forma seit gestern Abend. Dorn. Seit gestern erst? Ich werde zur Salzsäule! Baron. Na faste Dich nur, ich habe mich auch schon gefaßt; steh, es war ausdrückliche Erbschaftsbedingung des seligen Amsterdamer Narren, eine eooäitio sine gua non! Höre nur: Meine Cousine Jm- hos, die ich bisher noch nie gesehen hatte, da sie in der Schweiz lebte, und ich, wir find seine einzigen Erben unter der Bedingung. daß wir uns heiraten, — weigerte sich. Eines von uns, so sollte es leer ausgehen, das Andere dagegen Alles erben; weigerten sich alle Beide, das Narrenspital unserer Vaterstadt in uns're Rechte treten. Was sollt' ich also machen? Zch bin ein armer Teufel, bei Lebzeiten versorgte uns der Alte, das heißt mit weisen Le' ren, wie wir unsere paar Thaler zu Rathe zu halten hätten, um ohne Schulden auszukommen, nun strömt der goldne Regen auf mich wieder; so drückt' ich die Augen zu, biß die Zähne zusammen, und ließ mich in's Teufelsnamen — wollt' ich sagen Gottesnamen — in Fesseln schlagen. So habe ich aber auch jedem Anspruch auf mich Genüge geleistet, meine Frau führt meinen Namen, damit mag sie .zufrieden sein, sie hat ja doch nur Onkels Geld heiraten wollen. Das Hab' ich ihr gestern vor der Trauung derb und deutlich auseinandersetzen lassen, denn ich kann Dich versichern, die Person ist mir unausstehlich! Dorn. Du bist ein kurioser Kauz! Wirst ihr doch das nicht zum Vorwurf machen, was Du selbst gethan hast? Du sagst, Ihr habt Euch früher nicht gekannt — wie kannst Du also Zuneigung verlangen? — und ist sie denn so häßlich, so unangenehm, daß Du eine solche Aversion gegen sie hast? Baron. Wenn mir meine Frau auf der Straße begegnet, so kenn' ich sie nicht, und ich mag sie auch nicht kennen! — Als wir vor den Altar traten, war sie in dichte Schleier gehüllt, verbarg noch obendrein ihr Antlitz im Tuche, hinter dem nur ihr Schluchzen hervortönte! — Wahrscheinlich hatte sie mein Gespräch mit Onkels IsZtLinenii exeoutor im Nebenzimmer mit angehört, das allerdings stark mit Jnvee- tiven gegen die aufgedrungene Braut gewürzt nmr. — Im Grunde thut sie mir leio, denn sie ist mit mir in gleichem Falle — aber sapperment, ich thue mir noch mehr leid, und kurz und gut. ich will sie nicht sehen! Sie wohnt in Hochwaldau, wo wir getraut wurden, und das ich ihr ganz und gar überließ, um nie dahin zurückzukehren, da ich entschlossen bin. ein leichter Sommervogel, die Welt zu durchstreifen. Dorn (lacht). Närrischer Kerl! Na, laß gut sein! Am Ende wirst Du auch solide werden, Dich auf die Scholle setzen und Kohl Pflanzen, wenn erst die Jahre und mit ihnen die Ueberzeugung kommen wird, daß es überall gut, aber zu Hause am besten ist. Lu attsnckant, begleite mich zu Zettlitz, — er hat frische Holsteiner Austern bekommen, wir wollen einmal bei gutem Rüdesheimer die alten Burschenzeiten leben lassen und die neue Erbschaft, d'rum, Brüderchen, er§o didEus! Baron. Ich hätte zwar ein Geschäft zu Hause — (mit einem Blick aus kmiliens Thür), indeß Dir zu Liebe mag's verschoben werden. Thomas! 1 * Thomas (durch die Seitenthür links). Befehlen? Baron (leise, führt ihn in den Vorder' grund rechts). Erkundige Dich nach der Dame, die da nebenan wohnt, ich will wissen, wer sie ist, wie sie heißt, woher sie ' kommt, ob Mädchen oder Frau, oder Witwe! Mach' deine Sachen klug, ich komme bald zurück. (Ab mit Dorn durch die Mitte.) Dritte Scene. Thomas. Dann Nannette. Thomas. Na, das ist doch endlich einmal ein honetter Auftrag für einen pfiffigen Kammerdiener wie ich! Erst spioni- ren, dann ein Brieschen, darauf die Antwort, Alles durch meine Hände. Die werden dann versilbert, wo nicht gar vergoldet. Wie fange ich es nun an, die ganze Lebensgeschichte von Nr. 24 zu erfahren? Ach, sie hat ein schnippisches Kammermädchen, die muß ich kirre machen — ich will mich ein bischen in die Brust werfen, das wirkt. Nannette (kommt trällernd aus Nr. 24). Thomas. Da ist sie! Sie sieht verdammt pfiffig aus; da wird's Künste kosten ! Nannette (sieht Thomas von oben bis unten an, bei Seite). Den Bedienten soll ich ausholen? Nun, er scheint dumm zu sein, ich werde leichtes Spiel haben! Thomas (wirst sich in die Brust). Guten Tag, Mamsell! Nannette. Eben so viel! Thomas. Sie find wohl das Stubenmädchen der fremden Dame? Wie? — Nannette. Kammerjungfer, wenn Sie erlauben! Thomas. Na. Stube oder Kammer! Mädchen oder Jungfer — das ist wohl kein Unterschied! Nannette. Und Sie? Thomas. Geheimer Secretär bei einem vornehmen Herrn, der incogvito reist. Nannette (lacht). Sie klopfen wohl die Geheimnisse aus den Kleidern heraus? Thomas (bei Seite). Boshaftes Ding! Nannette. Und lcker ist denn Ihr Herr? Wie heißt er? » Thomas. Das ist ja eben dasGeheim- niß — (bei Seite) das ich selber nicht weiß! Nannette. Wo kommt er denn her? Thomas (stolz). Von unfern Gütern! Nannette. Aha, die liegen wohl im Monde? Thomas. O bitte, in der Schweiz fangen sie an, drehen sich nach Sachsen, dann hält man sich links nach Frankreich und schlängelt sich rechts nach Mecklenburg, da liegt unser letztes Vorwerk. Das will mir der Herr schenken, wenn ich mich vermäle, das heißt, wenn ich eine annehmbare Partie finde, und mich einmal häuslich niederlassen will. Sagen Sie einmal int Vertrauen, wer ist denn Ihre Herrschaft? Wie heißt sie? Woher kommt sie? Wohin geht sie? Was will sie hier? Ist sie Mädchen, Frau, Witwe, reich, arm oder bloß bemittelt? Nannette. Sonst haben Sie keine Schmerzen? — Nun passen Sie auf, daß Sie nichts vergessen! Thomas. Aha, nu kommt's! Nannette. Für s Erste ist meineHerr- schaft ein Frauenzimmer! Thomas. Ah! Nanette. Zweitens kommen wir auch von unfern Gütern! Thomas. Ah! Nannette. Sie liegen neben Euren! Thomas. Ah! Nannette. Don ihren Familienverhältnissen kann ich Ihnen fügen, daß sie Witwe war, ehe sie zur Trauung kam, und kaum war sie verheiratet, so blieb sie ledig! ei io )l l? !! l- >t I II z Thomas. Mir steht der Verstand still! Nannette. Das ist wohl schon eine lange Pause? Wissen Sie nun, was Sie wissen wollten? Thomas. Ja, und noch was drüber! Nannette. Nun? Thomas. Daß Sie eiue boshafte Katze find. Nannette (lacht). Nehmen Sie fich in Acht, daß ich Sie nicht kratze, und seien Sie ja recht verschwiegen, plaudern Sie nichts aus von dem, was ich Jhneu ver- rathen habe. Hahaha! Thomas. O, Sie haben von mir auch nichts herausgekriegt; (bei Seite) wenigstens nicht mehr, als ich selber weiß. — Hahaha! (Beide lachen.) ) - Vierte Scene. j Vorige. Doctor. Dann Baron. l Doctor. Hollah! Da geht's lustig her! - Nannette (eilt auf ihn zu und küßt ihm t die Hand). Ah. Herr Doctor, das ist schön, t daß Sie gekommen sind! Die gnädige ! Frau wird eine große Freude haben, sie hat Sie schon mit Sehnsucht erwartet. — Doctor. Was macht denn mein Täub- r chen, grämt es sich noch? Nannette. Kommen Sie, kommen Sie nur! — (Zieht den Doctor in's Nebenzimmer.) Leben Sie wohl, Herr Geheim- - secretär! — (Ab.) Thomas (allein). Da geht mir ein Acht auf! Der alte Herr, der sie sein > Täubchen nennt — es ist richtig — es ist klar! Nun weiß ich die ganze Geschichte! Baron (durch die Mitte). Glücklich ent« Lischt. Nun, Thomas, was hast Du er« fahren? Thomas. Alles! Baron. Na, wer ist sie, wie heißt sie? Thomas (kratzt fich hinter den Ohren). 3a. das ist ein Geheimniß! Aber verheiratet ist sie! Baron (packt ihn am Kragen). Schurke, Du lügst! Das ist nicht wahr! Thomas. Herrgott, gnädiger Herr, ich kann ja nichts dafür! Baron (läßt ihn los). Wer hat Dir das gesagt? Thomas. Mein Gott, ich hab's ja selber gesehen! Baron. Was? — Thomas. Den Manu! Baron. Mann? Ihren Mann? Unmöglich, wer ist der Mann? Thomas (geschwätzig). Er sieht aus wie ein Steuereinnehmer, thut zärtlich, nennt sie sein Täubchen, jetzt fitzt er drinn bei ihr. Baron (bei Seite). Also verheiratet! Aber wer weiß, was mau dem Dummkopf für ein Märchen aufgebunden hat. Nun, was weißt Du sonst noch? Thomas. Sie hat ein sehr pfiffiges Kammermädchen. Baron. Und ich einen sehr dummen Bedienten. Thomas. Sie wollte mich ausholen. Baron. Nun, —was hast Du ihr denn gesagt, alberner Tropf? Thomas. Alles, was ich wußte — nichts! Baron (bei Seite). Sie hat fich nach mir erkundigt? Ich bin ihr also nicht gleichgiltig. Was hilft mir aber das Alles — sie ist die Frau eines Andern, und bin ich nicht selbst verheiratet? — Ach, die verdammte Heirat! (Barsch.) Komm herein! (Links ab, Thomas folgt.) Fünfte Scene. Baronin. Doctor. Doctor. Nein, meine Gnädige, das wäre mir eine feine Wohnung für eine Baronin v. Rittberg, unter solchen Umständen hätte ich Sie nicht überredet, in 6 die Stadt zu zieh'n, um hier die fatale Scene Ihrer Trauung zu vergessen. Ich habe das ganze erste Stockwerk bestellen lassen, und finde Sie zwei Treppen hoch, in zwei kleineStübchen eingezwängt. Daran ist der verdammte Wollmarkt Schuld, den hatt' ich rein vergessen; aber ich will gleich Anstalt treffen. Baronin. O nicht doch, Doctorchen, meine Wohnung ist nicht groß, aber freundlich. Doctor. Für eine Nacht mag es an- gehen; aber die unruhige Nachbarschaft! — Sie find ja allen möglichen Zudringlichkeiten ausgesetzt. Baronin. Ich habe bis jetzt gar nicht Ursache, über meine Nachbarschaft zu klagen. Doctor. Aber die Nannette sagte mir doch, daß ein junger Sausewind Sie den ganzen Morgen schon mit seiner Huldigung belästigt habe. Baronin. Nannette ist eine Närrin! Ich habe zufällig ein paar Worte mit einem jungen Herrn gewechselt, der hier gegenüber wohnt. Doctor. Ja, ja, die jungen Herren Breslauer setzen gleich alle Segel auf, wenn sie ein paar Frauenzimmer entdecken, die sie ohne männliche Begleitung und Schutz wähnen. Baronin. Ich versichere Ihnen, er hat sich sehr artig und höflich benommen, und Nannette hat Unrecht, sich über Dinge zu beklagen, die mich selbst nicht incommo- diren. Doctor. Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich bin weit entfernt, Ihnen irgend etwas zum Vorwurf zu machen. Ihnen in Ihrer Lebensweise etwas vorschreiben zu wollen. Behüte! Es war nur pflichtschuldiger Eifer. Baronin, fester Freund, ich erkenne dankbar, wie väterlich Sie bisher für mich gesorgt haben. — (Ihm lächelnd drohend.) Nur in einem einzigen Puucte habe ich mich über Sie zu beklagen. Doctor (stellt sich verwundert). Nun? Was wäre das? Baronin (bittend). Scheidung! Ich will gerne jedes Opfer bringen, nur befreien Sie mich von einem Ungeheuer, dessen Benehmen nie aus meinem Gedächtnisse schwinden wird. Jst's wohl erhört, ein Mädchen, das ihn nie beleidigte, in dem Augenblick, wo er mit ihr vor den Altar Gottes tritt, um sich ihr ewig zu verbinden, mit Beleidigungen, den bittersten, verletzendsten Kränkungen zu überhäufen. sie zu behandeln wie die verworfenste Kreatur? Bei Gott, wäre mir der letzte Wille meines verewigten Oheims, den ich leider nie gesehen habe, nicht heilig, so hätte mich keine Macht der Erde zu einer Verbindung zwingen können, die ich verabscheue. Ich habe nur seinem Befehle Genüge geleistet; könnte er sehen, wie mau mit mir umgeht, er würde sicher zu dem Schritte, den ich thun möchte, seine Zustimmung geben. Also, Doctorchen, Helsen Sie! Doctor. Ja. meine gute, gnädige Frau, da ist nicht zu helfen, das habe ich Ihnen schon wenigstens ein dutzendmal gesagt. Baronin. Ach, Ihnen ist nichts unmöglich. wenn Sie nur wollen! Doctor. Geht nicht, geht durchaus nicht! Es ist doch eigenthümlich, zwei Leutchen, jung, hübsch, reich, mit allen Ansprüchen auf ein angenehmes Leben ausgestattet, bilden sich ein, einander zu hassen, ohne sich nur zu kennen, ohne sich kaum gesehen zu haben, denn ich habe es wohl bemerkt, die Frau Baronin haben den tölpelhaften Bräutigam bei der Trauung gar keines Blickes gewürdigt, ihm mit bedecktem, thränenbegossenem Antlitz das Händchen dargereicht. Nun, nun, ich hoffe immer noch das Beste von Ihrem Ausflug in die Stadt Baronin. Wie verstehen Sie das?. Doctor. Nun. Sie werden ein glänzendes Haus machen, sind in kurzer Zeit 7 der Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit, der Bewunderung der ganzen Stadt. Der Herr Gemal wird davon hören, wird sehen, und ehe Sie fich's vorstellen, liegt der Flüchtling zu Ihren Füßen, man verzeiht, versöhnt sich, und der Friede wird publicirt. Baronin. Was sprechen Sie da von Reue? Daß er mich nicht liebt, wer wird ihn darum tadeln? Er kennt mich ja nicht. — Daß er mich haßt, ist zu entschuldigen, ich wurde ihm aufgedrungen, doch daß er mich verachtet, verzeih' ich nie, und darum, Freund, nichts mehr von ihm. (Geht heftig erregt auf und ab.) Doctor (schüttelt ärgerlich den Kops). Nun, so wollen wir von Mama Zeit erwarten, was Sie so hartnäckig verweigern. Die Zeit heilt ja so manche Wunde. — Nun zu was Lustigerem! Ich habe eine Loge im Theater bestellt. Sie erzeigen mir doch die Ehre, sich von mir dahin führen zu lassen? Baronin. Mit tausend Freuden! Doctor. Putzen Sie sich nur recht heraus, ich will mich auch gehörig in s Zeug werfen, es soll mir ein Fest sein, Sie ar meiner Seite auf dem Balcou fitzen zu sehen. Wie da die Lorgnons um uns her blitzen werden, mit Bewunderung für Sie. Neid gegen mich! Baronin (lacht). Sie find doch stets guter Laune, alter Herr! Doctor. Und hören Sie, Baronesse, thun Sie mir nicht gar zu freundlich mit Ihrer Nachbarschaft da drinn, sonst schieb' ich Ihrer Abneigung gegen den Herrn Gemal einen ganz anderen Beweggrund unter, als Sie mir vorgeben. Baronin. Sie find wohl nicht klug. Also zur Theaterzeit erwarte ich Sie. Adieu indessen! (Rechts ab.) Doctor. Werde die Ehre haben. So, so, Frau Baronesse, Sie finden Geschmack am Herrn Nachbar? Ei, ei, da heißt es die Augen aufmachen. Sechste Scene. Voriger. Baron. D o ctor (wendet sich beim Eintliit des Barons nach diesem um. erkennt ihn). Tausend! Sie wohnen Nr. 25? (Bei Seite.) Sieh', sieh', das ist ja eine famose En"- ^eckung. Hahaha! (Laut.) Na, wie geht's, Barönchen, wie steht's? Baron. Ach, lieber Himmel, schlecht genug. Doctor. Sie jammern ja wie weiland Jeremias xroxllkta! Baron. Ich fühl' mich auch sehr elend. (Wirft sich aus einen Stuhl.) Doctor. Bedaure von Herzen, daß ich kein Mediciner bin. Baron. Ach. diese Facultät kann mir nichts helfen, und stände Asklepios selbst an meiner Seite! Doctor. Sitzt der Schaden so tief? Baron. Sie allein, Doctor, kennen den Sitz des Nebels; Sie können helfen, aber Sie wollen nicht. Doctor. Aha, ich merke, wo Sie hin zielen, aber Sie thun mir Unrecht; ich beobachte Sie, ich prüfe die Krankheit auf das Sorgfältigste, meine Diagnose ist die allergenaueste; so weiß ich z. B., daß Ihr Leiden seit gestern eine andere Wendung genommen hat, oder, wie die Aerzte sagen, in eine andere Phase getreten ist. Baron. Wie, Sie wissen — Doctor. O lieber Herr Patient, so was entgeht meinem Scharfblick nicht. Sie bereuen Ihr exaltirtes Betragen gegen Ihre venerable Frau Gemalin. wollen wieder einleiten, und ich soll der Vermittler sein. Baron. Sind Sie des Teufels? Doctor. Hoho! ein neuer Paroxys- mus. 8 Baron. Machen Sie mich nicht toll wit Ihren unzeitigen Späßen! Hören Sie vich an: Ich trete meiner Frau Hochwaldau erbeigenthümlich ab, dagegen besorgen Sie in möglichst kurzer Zeit die gerichtliche Scheidung! Es soll Ihr Schade nicht sein. Doctor. Scheidung! Scheidung! Immer das alte Lied! Gerade wie Ihre Frau Gemalin. Bei der ist's auch immer das dritte Wort. Eine solche Harmonie ist mir in xraxi bei Eheleuten noch nicht vorgekommen. Baron (freudig). Wahrhaftig? Nun, weshalb nehmen Sie alsdann Anstand? Wenn wir bereits darüber einig find — Doctor. Ich darf nicht! Ihres Onkels letzter Wille! — Daran ist gar nicht zu denken, schlagen Sie fich's aus dem Kopfe, Baron! Baron. Wenn Sie mir den warm machen, lasse ich Ihnen den ganzen Geldplunder auf dem Halse und geh' nach Kalifornien. Doctor. Das wäre sehr heroisch, aber — verzeihen Sie — sehr albern. Baron. Ich mag ein- für allemal in solchen Verhältnissen nicht leben! Fordern Sie! Fordern Sie was Sie wollen für sie, für sich, nur — Scheidung! Doctor (ärgerlich). Ich möcht' wohl wissen, wenn die Sache möglich wäre, wie es nicht ist — welche Gründe könnten Sie wohl angeben? Baron. Den allertriftigsten: unüberwindliche Abneigung. Doctor. Gegen eine Person, die Sie nie gesehen haben? Ein herrlicher Beweggrund ! Baron. Scheint Ihnen der nicht hinreichend? Doctor. Nein, Bester! Weder mir noch dem Oberlandesgericht, besonders nach den neuen Ehegesetzen. — Ja wenn ich wüßte, Sie hätten wo anders das Glück der Liebe gefunden — Baron (rasch). Dann wäre die Scheidung zu ermöglichen? Doctor. Davon ist nicht die Rede, aber es würde Sie wenigstens in meinen Augen entschuldigen, mich für Sie einnehmen. Baron (freudig). Ja? — Nun denn, Sie haben es getroffen. — Ich will offen sein. — Ja, mein Herz ist allerdings nicht mehr frei. Doctor. Das wäre! Und wer ist der Gegenstand Ihrer Flamme? Baron. Ein himmlisches Geschöpf, ein Engel! Doctor. Aber hat der Engel auch einen Namen? Baron. Ich vermuth' es, weiß ihn aber nicht. — Indessen sehen Sie, hier wohnt sie. (Zeigt aus rechts.) Doctor (behaglich lächelnd). Ah! Sie scherzen. Eine Bekanntschaft von heute Morgen, ein Fräulein, Gott weiß woher? Und die wollen Sie an die Stelle Ihrer vortrefflichen Gemalin setzen? O gehen Sie, gehen Sie! Baron. Es ist nicht mehr die Rede vom Willen; meine Leidenschaft für die Fremde hat den höchsten Grad erreicht, ich habe mich schon halb und halb erklärt, bin nicht geradezu abgewiesen worden, und nur meine verzweifelte Heirat ist mir im Wege. Doctor. Alle Hagel! Sie find ja unbegreiflich hitzig geworden. Ich hätte nicht geglaubt, daß Sie so schnell Feuer fangen könnten. Baron. Sie kennen meine Lage. — Seit gestern, als ich die Ehre habe, Sie zu kennen, nennen Sie sich unzählige Male meinen Freund, handeln Sie als solcher, und seien Sie meiner Dankbarkeit gewiß. Doctor. Mein Himmelchen, ich wollt' ja gerne, aber es wird nicht geh n, wir dringen nicht durch. Baron. Ach was! Einem alten Rabulisten wie Sie ist nichts unmöglich. 9 Doclor. Na, na! Wir wollen sehen, aber ich sage Ihnen, machen Sie sich keine voreiligen Hoffnungen. — Leben Sie wohl, ich eile an Ihre Geschäfte, die jetzt auch die weinigen find. Baron. Bringen Sie mir bald eine günstige Antwort, so lasse ich Sie galvanisch vergolden. Doctor. Hahaha! Müßte mir gut lassen. Adieu indessen! (Für sich.) Na warte, mein Männchen, Du sollst Dich wundern. (Ab durch die Mitte.) Siebente Scene. Baron. Dann Baronin. Baron (ihm nachrusend). Glück auf den Weg! — Ist im Grunde kein übler Kerl von Rechtsverdreher, ich könnt' ihn förmlich lieb haben, wenn er die Scheidung durchsetzte. Nun zu meiner Straniera. Sie hat sich nach mir erkundigt, das ist ein gutes Zeichen, meinen Brief hat sie. — Daß sie ihn angenommen, erweckt mir große Hoffnungen, jetzt will ich die todten Buchstaben mit allem Feuer der Beredsamkeit unterstützen. Ist ihr Herz noch frei, warum sollte sie meine Bewerbungen zurückweisen? Ja so, ich bin ja selber nicht frei. — Ach, der Doclor wird's schon machen; darum zu ihr, ohne Zaudern. (Singt) Schmiedet das Eisen, da es noch warm ist, Schmiedet das Eisen, weil es noch glüht. (Geht nach rechts; Baronin tritt ihm entgegen.) Baronin. Wie? Sie an meiner Thür? Wollen Sie die Antwort holen auf Ihren sonderbaren Brief? Baron. Eben bin ich im Begriff, den Inhalt zu Ihren Füßen zu wiederholen. Baronin. Reden Sie nicht weiter, ich darf Sie nicht anhören, ich bin vermält! Baron (für sich). Also doch? (Laut.) Dann weiß ich auch, daß Sie unglücklich, daß Sie verurtheilt find, Ihre Jugend an der Seite eines alten grämlichen Manne- freudenlos zu verseufzen. Baronin. Das Geschick hat uns einander ohne unser Zuthun genähert. Sie haben mir so viel Theilnahme bewiesen, daß ich entschlossen bin, mein Jncognito Ihnen gegenüber aufzugeben. So wissen Sie denn, ja ich bin unglücklich, bin an einen Gatten gefesselt, den ich nicht liebe, ja den ick nicht einmal achten kann, der mich kaum ein Viertelstündchen sah, um mich aus einer Braut zur Witwe zu machen, denn nie werd' ich ihn Wiedersehen. Sie wissen nun Alles, bis auf meinen Namen. Ich bin die Baronin von Ritt- berg. Baron. Rittberg? O sprechen Sie ihn nicht aus den so verhaßten Namen, in ihm liegt ja die ganze Summe Ihres Leids und seiner Schuld vor meinen Augen und kann es Ihnen Trost gewähren, so erfahren Sie, daß das Schicksal eine furchtbare Rache für seinen Frevel an ihm genommen hat. Nur einmal durfte der Elende Sie sehen, um in glühendster Leidenschaft zu entbrennen, und hier — hier steht er vor Ihnen — ich — ich bin Rittberg. Baronin (fährt zusammen). O mein Gott! Baron. Sie können, Sie werden mir nie verzeihen, das weiß ich, — wage ich auch nicht zu hoffen, nicht darum anzuflehen; ich geh' von einem Anblick Sie zu befreien, der Ihnen peinlich, unerträglich sein muß. — Leben Sie wohl, gnädige Frau, leben Sie wohl; seien Sie glücklich und nehmen Sie die Ueberzeugung von hier mit, daß keine Qual Verdammter dem Schmerze gleicht, der meine Seele in diesem Augenblicke zerreißt. Baronin (wankt nach einer lautlosen halben Verbeugung ab nach rechts). 10 Baron (stcht in sich versunken. Nach einer Pause mit einem schmerzlichen Blick nach oben). O, welchen Himmel warf ich hin! (Rafft sich auf.) He! Thomas! Kellner! Dorn. Meinetwegen zu den Botoku- den. Ich fahre immer lustig mit. Doctor (vortretend). Gratulire, Baron, gratulire! Es geht! Alles fügt sich nach Zum Teufel, ist denn Niemand da? (Klin^ Wunsch, es ist möglich. gelt heftig.) Achte Scene. Vorige. Wirth. Thomas. Kellner. Dann Doctor und Dorn. Wirth. Sie befehlen? Baron. Die Rechnung, ich reise ab. Wirth. Wie! Sie reisen? Baron. Ja! (Zum Kellner.) Schnell zur Post, ein Wagen mit vier Pferden! (Baron mit Thomas links, Kellner durch die Mitte ab.) Wirth. Da muß ja ein höllisches Donnerwetter losgebrochen sein — das muffen mir die zwei Dämchen angerichtet haben, die da drüben logiren. Schade, Schade! Schien eine gute Kundschaft zu werden, der Herr! Doctor und Dorn (treten ein). Wrrth. Denken Sie nur, Herr von Dorn, Ihr Freund will fort, auf der Stelle abreisen. Ich weiß nicht, was ihm auf einmal durch den Kopf gefahren ist; will schon wieder fort, und ist doch kaum warm geworden in meinem Hause. Dorn. Ich fürchte, lieber Preller, es ist ihm vielmehr zu warm d rin geworden. Doctor (für sich). Aha, eine Krisis! Jetzt noch ein gehörig Zugpflaster appli- cirt und der Patient ist gerettet. Baron (von links, im Reiserock, den Hut auf dem Kopse). Die Pferde noch nicht da? Ah, Dorn! Dorn. Ich höre eben. Du reisest? Baron. Ja. — willst Du mit? Dorn. Wohin? Baron. Wohin Tu willst. Sie Baron (zerstreut). Was? Doctor. Was ich nie geglaubt, können geschieden werden. Baron. Der Teufel laß' sich scheiden, aber ich nicht! Ich weiß nicht, was Sie sich in meine Angelegenheiten mischen. Doctor. Oho, oho! Wie ist mir denn? Boten Sie nicht vor einer Viertelstunde noch ein Rittergut für die Scheidung? Baron Ach. lassen Sie mich zufrieden! Doctor. Nein, find mir in meinem Leben schon Clienten vorgekommen wie Sie und Ihre Frau! Die führt jetzt ganz dieselbe Sprache. Erst bestürmt sie mich mit Bitten um die Scheidung, jetzt stürzt sie mir weinend in dieArme und beschwört mich um Alles in der Welt davon abz - stehen. Das ist ja doch zum Närrischwer- den. Baron (in höchster Freude). Herzensfreund, was sagen Sie, sie will von Scheidung auch nichts wissen, sie steht davon ab, ist's wahr? Doctor. Wie ich Ihnen sage, Sie ist lvie ausgewechselt, 's ist ein verfluchter Streich. Baron. Nein, Doctor. das ist ja herrlich, köstlich! Freund, lassen Sie sich umarmen für die göttliche Nachricht. Kellner (durch die Mitte). Die Pferde find da. Baron Sie sollen zum Henker fahren, ich reise nicht. Kellner (ab). Doctor. Hierin weicht Ihre Frau Ge- malin von Ihnen ab. sie reist nach Hochwaldau zurück, oder vielmehr sie ist schon fort. Baron. Fort, schon fort? Doctor. Ja, ich fahre gleich nach. Haben Sie mir einen Auftrag mitzugrben? 11 Baron (verwirrt). Ja, Doctor, sagen Sie ihr, daß ich — wenn sie nur — ich werde mich — und ich hoffe — sie wird sehen — es ist sicher — ja, ja! Sagen Sie ihr das, lieber Doctor, vergessen Sie's nicht. Adieu, adieu! Glückliche Reise! (Durch die Mitte rasch ab.) Doctor (fingt). ^u8tuw ae tsnäeem propo8iti virum. Non eivium üräor prüva judöutium Mato yuatit 8o1iäü. Die Rechnung für Frau von Rittberg. (Rechts ab.) Dorn. Preller, die Rechnung für Baron Rittberg. (Links ab.) Preller. Herr von Rittberg — Frau von Rittberg? Thomas. Mann und Frau? Preller. Sonderbare Passagiere! (Rechts ab.) Thomas. Kuriose Herrschaft !(Links ab.) Verwandlung. (Der Vorhang fällt. — Kurze Musik.) (Elegantes Zimmer im Schloß Hochwaldau. Mittel- und Seitenthüren. Links erste Eoulisse ein Fenster mit Blumen in Tapsen. Rechts ein Tischchen, worauf weibliche Arbeit.) Neunte Scene. Hans. Franz. Hans (fitzt rechts gähnend in einem Fauteuil). Nah, das ist ein langweiliger Dienst. Man schläft den ganzen Tag wie ein Murmelthier. Franz (eben so links). Nah, das heißt geschlafen! Na Du, wollen wir kein Licht anstecken, daß man doch sieht, was man spricht. (Sie zünden Licht an.) Hans. Meinetwegen. Du. das war gestern eine saubere Hochzeit. Hahaha! Da ging's bei meines Vaters Leiche lustiger her. Was hast Du denn vom Herrn Trinkgeld gekriegt? Franz (bläst sich über die flache Hand). Da, steck's ein. Hans. Da bin ich ganz anders bedacht worden. Franz. So? Was hat er Dir denn gegeben? Hans. Eine Ohrfeige. Franz (lacht). Was ist nur das für ein Alter, der da mitkam, er sieht aus wie eine Spitzmaus und hat im ganzen Schloß herumgestöbert, hat in jedes Winkel geguckt und seine Nase in jeden Quark gesteckt. — Den könnten wir just brauchen. Hans. Laß gut sein. Franz, der wird bald wieder abfahren, das ist ja ein Holländer, der bloß die Erbschaft übergeben hat. Franz. So, hat er? Du. ich möchte auch einmal was erben; weiß der Kukuk, wie die Leute das anfangen. Ich Hab' doch auch einmal einen Vater gehabt, aber soll mich der Teufel holen, wenn ich nur einen Sechser geerbt habe. Hans. Er wird wohl selber nichts gehabt haben. Franz. Na ja. das ist ja eben das Aergerliche; wenn ich einmal Kinder kriege, die sollen auch nichts erben. Wurst wieder Wurst. Hans. Du. Franz, ich hör' was! Weiß Gott, 's ist ein Wagen — der Vorreiter knallt, 's ist die Herrschaft. Nimm's Licht, wir wollen ihr leuchten. (Nehmen die Lichter und treten nach der Mittelthüre. Die Austretenden begleiten sie wieder nach vorn, stellen die Lichter wieder hin und gehen dann durch die Mitte ab.) 12 Zehnte Scene. Doclor. Baronin. Nannette. Nannette (geht mit Schachteln gleich nach rechts ab). Doctor. Na, da wären wir also wieder einmal zu Hause. Ich fürchte nur. Sie werden Ihren raschen Entschluß bald bereuen. Baronin. Gewiß nicht. In meiner Lage kann die Stadt nichts Anziehendes für mich haben, überdieß liebe ich das Landleben und verspreche mir manchen Genuß davon. Auch zieht in dieser Jahreszeit die ganze vornehme Welt auf's Land. Doctor. Alles wahr, Alles gut, aber wollen Sie denn allein auf die Berge und in die Thäler steigen? Das werden langweilige Promenaden werden. Man muß doch Gesellschaft haben, die den Genuß theilt, mit der man seine Gedanken. Empfindungen austauschen kann, die mit Ihnen geht, fährt, reitet, fischt, jagt, liest. Mit einem Worte, es müßte so sein, wie es leider Gottes nicht ist, uud doch sein könnte. , Baronin (seufzt). Nicht wahr, Sie fühlen das Schmerzliche des Sprüchleins auch: »Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei,« da Sie mir Ihre Gesellschaft zugesagt haben. Doctor. Gehorsamer Diener — küsse die Hand für die Satyre! Ein sechzigjähriger Actenwurm ist eine traurige Gesellschaft für die junge Baronesse v. Rittberg. — Mein Gott, wenn ich denke, was das für ein herrliches Leben geben könnte, wenn der Baron ein anderer Mann wäre! Ach, ich kann ohne Galle gar nicht an ihn -denken. Aber er soll auch an mich denken; rch bin ein alter Fuchs, ich werde schon Mittel und Wege finden, Schliche und Ränke, wie ich mich an ihm rächen und ihm das Leben versalzen kann. Baronin. O pfui! Das wäre unedel! Ueberlassen Sie ihn seinem Schicksale, vielleicht büßt er nur zu bald. Doctor. Es ist wirklich Jammerschade um den schönen jungen Mann; ich versichere Sie, er darf mit den ersten Kavalieren in die Schranken treten — aber wenn mir recht ist — richtig! Sie wohnten ja mit ihm unter einem Dache, in Ihrem Gasthofe Hab' ich ihn ja gesprochen. Hahaha! Es wäre doch drollig, wenn Sie wider Willen hätten Bekanntschaft mit einander machen müssen. Baronin. Nun und wenn's so wäre, wenn ich ihn gesehen, gesprochen hätte? Doctor.Ja? —Haben Sie? — Nun, das freut mich. — Nun, was sagen Sie, wie finden Sie ihn? Baronin (verlegen). Erlassen Sie mir die Antwort. Hätte es das Schicksal gewollt, daß es früher geschehen wäre, es hatte mir viel bittere Stunden erspart. Doctor. Nun freilich! Das sagte ich ja immer, aber — Baronin. Jetzt müssen wir das Unvermeidliche mit Würde tragen. Doclor. Sagt Streckfuß. Aber der Baron schien von Würde nicht viel zu besitzen, denn als ich ihm sagte, Sie wären von der Scheidung abgestanden — Baronin (verlegen). Wie konnten Sie das auch? Doctor. War er ganz außer sich vor Freude, fiel mir um den Hals, daß ich dachte, er wollte mich erwürgen. Baronin (mit unterdrückter Freude). Wie! Er äußerte Freude darüber, nachdem er doch selbst diesen Schritt angebahnt? (Mit mehr Fassung.) Das ist doch sonderbar! Doctor (galant). O, nachdem er Ihre Bekanntschaft gemacht, finde ich nichts Sonderbares darin; im Geg entheil war's ganz natürlich, daß er mich etwas hart anließ, als ich ihm die Möglichkeit der Scheidung'! in der Ferne zeigte. — Sehen Sie, was eine einzige Konversation mit Ihnen vermochte. Baronin (umabzubrechen). GuteNacht, Doctorchen. Ich bin müde, gute Nacht! Doctor. Die beste, süßeste Ruhe, Frau Baronin und recht holde Träume! Vielleicht lacht Aurora freundlicher als die bleiche Luna, die so traurig auf uns arme Verlassene heruvterblickt. Ganz Unterthä- nigster, meine schöne Wirthin! (Durch die Mitte ab.) Baronin. Er will keine Scheidung mehr? Aeußerte lebhafte Freude über meinen gleichen Entschluß! — Ach, wenn er — schweig, armes Herz, er hat dich ja verschmäht, wie könnt' ich je vergessen, was er mir zugefügt? (Leise.) Ach ja — ich glaube — ich könnte. - Nannette (von rechts). Gnädige Frau! Baronin. Du bist wohl ärgerlich, daß ich Dir die Herrlichkeiten derStadt wieder so schnell entzogen habe? Nannette. O ich habe eben nicht Ur- jache, mich über Ihre schnelle Rückreise zu , beklagen, ich bin vollwichtig entschädigt worden. Baronin. Wieso, was meinst Du? Nannette. Ach, ich schäme mich eigent- . lich es zu sagen, und ich fürchte Sie könn- H ten böse werden. Baronin (lacht). Nun, heraus nur! > Was hast Du denn verbrochen? Nannette. Bei dem schnellen Einpacken, der Doctor trieb mich so, ließ ich Ihr hellblauseidenes Halstuch auf dem ^ Sopha liegen, und mußte noch einmal zu- ' rück, um es zu holen, da — da — ^ Baronin. Nun? . Nannette. Da begegnete mir der fremde Herr, der den dummen Bedienten hat. Er fragte nach Ihnen, und kaum er- f uhr er die Ursache meiner Rückkehr in unser Zimmer, husch! war das Halstuch io seiner Hand, und in meiner Hand eine volle Börse. Ich stand ganz verblüfft, da - blies der Postillon, der Doctor schrie unten im Wagen, die Pferde jagten davon. Zürnen Sie mir nur nicht über den Verlust. — Der sonderbare Mensch! Mein Gott, wenn er ein solcher Liebhaber von blauen Halstüchern ist — für das Geld hätte er einen ganzen Laden voll gekriegt. Baronin (abgewendet). Der fremde Herr ist ein großer Thor, und Du eine kleine Närrin. (Geht an's Fenster.) Sieh' doch. Nannette, die Blumen sind den ganzen Tag nicht begossen worden. (Tritt wieder an das Arbeitstischchen. Nannette nimmt eine Flasche mit Wasser und will die Blumen begießen, als sie an's Fenster tritt, erschrickt sie heftig.) Nannette. Ha! Baronin (ebenso). Was gibt's? Nannette. Ach, gnädige Frau, es ist- Baronin. Nun was denn? Nannette. Ein Mann am Fenster. Baronin. Ein Mann, Du träumst wohl? Zn dieser Höhe! (Tritt an's Fenster.) Baron (von außen). Emilie! Baronin. Mein Gott. Baron, was fällt Ihnen ein? Um diese Stunde an meinem Fenster, auf dieser Höhe! Baron. Die Verzweiflung trieb mich. her. Nur eine Minute schenken Sie mir Gehör! Daronin (ängstlich). Mein Gott, wenn Sie ausgleiten, find Sie verloren! Um s Himmels willen, nehmen Sie sich in Acht) (Der Baron steigt herein.) Gott sei Dank! Nannette (schleicht aus den Fußspitzen, den Finger aus dem Munde rechts ab). 14 Eilfte Scene. Baronin. Baron. Baron (stürzt der Baronin zu Füßen). Ich mußte Sie noch einmal sehen, noch einmal diese Hand an meine Lippen drücken, ehe ich mich auf ewig von Ihrem Engelsantlitz verbanne. Baronin (in großer Verwirrung). Stehen Sie auf, Herr Baron, ich bitte Sie! Baron. Sie werden die Kühnheit, mit welcher ich Ihnen auf diesem Wege nahte, für Wahnsinn halten, aber — warum soll ich's Ihnen nicht gestehen, gnädige Frau. — Ich schämte mich dem alten Doctor zu begegnen. Ein stämmiger Freund, eine schlanke Leiter boten mir ihre Hilfe, und hier liegt der Verbrecher, von Reue zerfleischt, zu Ihren Füßen. Baronin. Baron! Baron! So stehen Sie doch auf, und lassen Sie uns vergessen, was nie hätte geschehen sollen, und woran wir vielleicht Beide keine Schuld tragen. Ich werde es als einen Beweis Ihrer Achtung ansehen, wenn Sie mir nie wieder von einer Sache sprechen, die uns Beiden so bitteres Leid verursachte. Hören Sie, Baron, nichts mehr davon, keine Sylbe. Baron. Sie wissen nicht, zu welchen verwegenen Hoffnungen Sie mich verleiten, indem Sie mir den Lethebecher kredenzen. Baronin. Nun, ist Ihnen die Hoffnung ein so ungern gesehener Gast? Baron (warm und ehrlich). Emilie, die Schwüre, die ich Ihnen vor dem Altäre leistete, schönen mir gestern ein unerträglicher Zwang, heute find sie mir das theuerste Gelübde des Herzens, das je über meine Lippen ging, — was sind sie Ihnen? Baronin (mit gesenktem Mick). Ich nehme die meinen — nicht zurück. Baron (außer sich). Jst's denn möglich! Emilie, willst Du mein sein? (Umsaßt sie.) Baronin (sieht ihn voll an). Bin ich's denn nicht schon? (Geräusch, mehrere laute Stimmen von außen; — sie fahren auseinander.) Varonin. Man kommt! Wenn man Sie bei mir erblickte, jetzt in dieser Stunde — mein Gott, was würden die Leute von mir denken! Baron. Bin ich denn nicht Ihr Gatte? Baronin. Aber Niemand kennt Sie — der sonderbare Weg, den Sie genommen. ich beschwöre Sie — Baron. Wohlan, ich scheide, aber mit der erwachenden Sonne bin ich zurück. (Eilt an's Fenster — Neuer Lärm.) Baronin. Nur ja recht vorsichtig, es ist finst're Nacht. Baron. O weh! Baronin (ist an der Mittelthüre und horcht). Was ist? Baron. Die Leiter ist fort. Baronin. Was fangen wir dann au? Hier bei mir darf man Sie nicht finden, ich stürbe vor Scham. Verbergen Sie sich einen Augenblick in meinem Schlafzimmer. (Führt ihn nach rechts.) Nun gilt's Fassung. Zwölfte Scene. Vorige. Doctor. Bediente. Jäger (mit Licht und Waffen). Doctor (in komischem Negligö, Nachtmütze, Schlafrock, in einer Hand einen Armleuchter, in der andern einen bloßen Säbel). Ich bitte Millionen Male um Verzeihung, gnädige Frau, daß ich noch so spät und in solchem AufzugeJhre Ruhe stören muß. Die Leute sahen einen Mann durch ein Fenster steigen. Sie find ganz allein auf diesem Flügel des Schlosses — zum Glück finden wir Sie noch wach, und Sie find 15 vielleicht im Stande, uns einigen beruhigenden Aufschluß zu geben. Baronin. Ich habe nichts gesehen, durchaus nichts! Man hat sich auch wohl nur getauscht. Hans. Ich habe die Ehre zu versichern, daß ich selber das Vergnügen gehabt habe, den Kerl zu sehen. Es war ein schlankerBursche, unten an der Leiter stand ein Anderer, der hat sich aber gedrückt. Doctor (tritt ans Fenster). Das Fenster steht offen — die Blumen sind geknickt, das Factum ist außer Zweifel, also erlauben Sie, daß ich zu unser aller Sicherheit nach dem Kletterer weiter visitire. Aufgepußt, Leute! In diesem Revier muß der Marder stecken. (Will mit den Leuten in die Thür rechts.) Baron (tritt heraus). Nicht weiter! Hans. Das ist er, der Kerl! Doctor. Alle Hagel, der Herr Baron! Alle. Der Herr Baron! Die Herrschaft! Doctor. Durch's Fenster zum Liebchen steigen? Bravo, bravissimo! Hahaha. Daran erkennt man einen echten Rittberg. Baron. Theilen Sie mein Entzücken, Doctor, Emilie hat mir verziehen, hat meinen Bitten nachgegeben, ich bin der glücklichste Mensch aus Erden! Doctor. I, so komm an mein Herz, Tu Wetterjunge. Euer Glück ist ja das meinige. (Umarmt ihn.) Komm her, Milchen, Du Blitzmädel, das habt Ihr gut gemacht. (Umarmt sie.) Mit der Kopulation fängt die Geschichte an, dann Scheidung, zuletzt ein Rendezvous auf der Leiter. So wahr ich lebe, das ist doch die verkehrte Welt! (Will wieder Emilie umarmen.) Baron (hält ihn). Na, na, sachte! Ihre Theilnahme in allen Ehren, aber Ihre Freude äußert sich doch gar zu handgreiflich, lieber Doctor. Doctor (lachend). Ach was, Doctor! — Onkel bin ich, euer verstorbener, wiedererstandener, sehr fideler und glücklicher Onkel, der alte Peregrinus Hohenstein. — Na so umarmt mich doch auch einmal, zum Donnerwetter! Barönin. Baron. Wie? Was? der Onkel? (Umarmung.) Hans. Na, da muß 'ne alte Wand wackeln. Alle. Die verstorbene Herrschaft! Franz. Du Hans, das ist ein Todter. Doctor (zu den Dienern). Na, was steht Ihr denn da wie die Oelgötzen? Schreit Vivat! Es lebe das junge Ehepaar und der alte Onkel! Alle. Hurrah! Baron. Onkel, Sie sehen mich so verschämt — Doctor. Ja, hör' Er, Neffe, Er hat mir's sauer gemacht. War ein verdammt schweres Stück Arbeit, ihn zur Vernunft zu bringen. Hätte meinen letzten Willen respectiren, hätte gleich gut thun, seiner Braut die Hand küssen, ja sagen sollen! Daß Dich das Donnerwetter! Was thut Er aber? schimpft, tobt, sperrt sich wie ein wildes Pferd! (Geht in ein volles Gelächter über.) Steigt endlich bei seiner eigenen Frau heimlich zum Fenster hinein! Hahaha! Na sieh, mein Junge, um dieses Einsteigens willen sei Alles vergessen und vergeben. (Zur Baronin.) Das ist also die artige, angenehme Nachbarschaft, Frau Baronin? — Na 's ist nur ein Glück, daß der Pfarrer gestern schon Amen gesagt hat. Baronin (verschämt). Onkel, Sie sind recht unartig. Baron. Doctor! — Onkel wollt' ich sagen. Ich bin der glücklichste Kerl auf der Welt, einen Engel zur Frau, einen guten Vater an der Seite, was fehlt mir noch? Doctor. Was Dir noch fehlt? Ueber's Jahr wird's schon da sein, nicht wahr, Milchen? Hahaha! Den Proceß hat die Dame von Rittberg doch euw expeusis gewonnen. Ende. In der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien find zu haben: Der Brasilianer. Posse mit Gesang in einem Act. Nach dem Französischen von Hohenmarkt. 8 Sgr. od. 40 Nkr. Kopf und Hetz. Original-Lebensbild mit Gesang und Tanz in drei Acten von Theodor Flamm. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Ner All MMmeijlel Mi jene Milie. Charakterbild mit Gesang in drei Acten von Friedrich Kaiser. 12 Sgr. od. 60 Nkr. eimts-Antrag. Lustspiel in einem Act von Sigmund Schlesinger. 7V. Sgr. od. 35 Nkr. Ein Musskaünt, oder: - Die ersten Hedanken. Komisches Charakterbild mit Gesang in drei Acten von Ludwig Gottsleben. 12 Sgr. od. 60 Nkr. -- 40 »-- Truck und Papier ron ommn die gute Gesellschaft war nicht zahlreich und beschränkte sich für jeden Eirkel auf ein Häuflein Langweiliger, die man verschlucken mußte. Seit man empfängt, empfängt man ganz Paris mit allen Vorstädten; wenn man zu Hause ist. ist man aus der Straße. Dagegen mußte ein Mittel gefunden werden, und dieß Mittel heißt: seinen bestimmten Empfangstag haben. Auf diese Weise sieht man sich so wenig als möglich, denn wenn man sagt, ich bin Dienstag zu Hause, so gibt man damit zu verstehen: Laßt mich die übrige Zeit in Ruhe! Graf. Um so ungeschickter von mir, gerade am Dienstag zu kommen, denn Sie erlauben mir ausnahmsweise auch an jenen anderen Tagen der Woche zu erscheinen. Marq. Entschließen Sie sich trotzdem zu bleiben und setzen sie sich. (Aus den Kamin deutend.) Sind Sie guter Laune, so plaudern wir, wenn nicht, wärmen Sie sich. Ich rechne heute nur aus einen kleinen Kreis. Sie können dann die Marionetten defiliren lasten. Aber was haben Sie? Sie scheinen — Graf. Nicht doch; bevor ich eintrat, war ich wohl — Marq. Was? Graf. Aber Sie dürfen nicht böse sein — Marq. O, ich muß heute noch auf einen Ball und will schön sein, da werde ich mich doch am Tage nicht ärgern. Graf. Nun denn, Marquise, ich bin furchtbar verdrießlich und gelangweilt. Ich weiß nicht, was ich habe, es ist ein Modeübel, wie Ihr Empfangstag. Ich bin in ein er trostlosen Stimmung. Vier Besuche habe ich gemacht und Niemanden getroffen. — Ich war zu einem Diner geladen, ließ ohne Grund absagen. Ick wollte Abends in's Theater — nirgend ein Lustspiel. Bei Glatteis bin ich ausgegangen. habe nichts gesehen, wie rothe Nasen und violette Wangen. Mit einem Worte: ich bin heute gänzlich ungenießbar. Marq. Ach, ich langweile mich ja auch. Wahrscheinlich trägt das Wetter die Schuld. Graf. In der That, es ist mehr als unangenehme Kälte. Der Winter ist eine Krankheit. Unser Eissport ist zwar ganz entzückt von der schönen Kälte! Gerade so wie die Aerzte beim Consilium sich an einer schönen Lungenentzündung begeistern. Ich danke für diese Schönbeiten. Marq. Ich bin ganz Ihrer Meinung, aber mir scheint doch, daß meine Langweile weniger von der äußern Luft herrührt, als von der Atmosphäre der Salons. Graf, wir werden alt. Ich zähle nun bald dreißig und verliere das Talent für den Umgang. Graf. Ich habe dieses Talent nie besessen, und was mich erschreckt, ist, daß ich es jetzt bekomme. Mit den Jahren wird man entweder flach und platt oder ein Narr, und ich habe so abscheuliche Furcht, als Weiser zu sterben. Marq. Bitte, ziehen Sie die Glocke, daß man im Kamin nachlege. Ihre Ideen machten mich frösteln. (Draußen wird geläutet.) Graf. Es ist nicht nöthig. Man läutet unten. Die Prozession kommt. Marq. Sehen wir nach dem Banner— und bleiben Sie. Graf. Nein, ich gehe. Marq. Und wohin? Graf. Ich weiß es nicht. Adieu, Madame, auf Donnerstag Abend! (Seht und öffnet die Thüre.) Marq. Warum Donnerstag? Graf (noch bei der Thüre). Es ist Ihr 3 Tag in der italienischen Oper. Ich werde Sie in Ihrer Loge besuchen. Marq. Ich will Sie nicht. Sie sind zu wau88aäs. Außerdem wird mich Herr Camus begleiten. Graf. Herr Camus! Ihr Nachbar draußen auf dem Lande? ^ Marq. Ja, derselbe. Er hat mir Aepfel und Heu verkauft, und das mit sehr viel Galanterie, ich will mich revan- chiren. Graf. Das ist nun wieder einmal Ihre Güte. Camus! Es gibt keinen langweiligeren Menschen. Er verkauft Ihnen sein Heu? Warum behält er es nicht lieber für sich selbst? — Und wissen Sie denn auch, was man sich erzählt? Marq. Nein. Aber mankommtnicht — wer hat denn geläutet? Graf (zum Fenster). Niemand. Ein kleines Mädchen mit einem Carton, eine Wäscherin, glaube ich, spricht da im Hof mit Ihrem Diener; es ist nichts. Marq. Sie nennen dieß nichts? Ah, sehr artig! Das ist wahrscheinlich mein Kopfputz für den heutigen Ball. — Also was erzählt man sich von mir und Herrn Camus? Aber bitte, schließen Sie die Thür, es zieht entsetzlich! Graf (schließt sie). Man erzählt, daß Sie sich wieder zu verheiraten gedenken, daß Herr Camus ein Millionär ist, und daß er Sie sehr oft besucht. Marq. Wahrhaftig! Weiter nichts? Und Sie sagen mir das so gerade in s Gesicht? Graf. Ich sage es Jhnem weil man darüber spricht. Marq. Ein trefflicher Grund. Wenn ich Ihnen nun erzählte, was die Welt über Sie spricht? Graf. Ueber mich, Madame? Was könnte man von mir sagen, das sich nicht wieder erzählen ließe? Marq. O, wieder erzählen läßt sich Alles! Haben Sie mir doch eben erzählt, daß ich auf dem Puucte sei, Madame Camus zu werden. Und was man von Ihnen spricht, ist mindestens ebenso ernst, denn es scheint unglücklicher Weise auch wahr zu sein. Graf. Und das wäre? Sie ängstigen mich! Marq. Um so weniger täuscht man sich. Graf. Erklären Sie sich, Marquise, ich bitte Sie dringend. Marq. (anscheinend gleichziltig). O, keineswegs — das sind Ihre Angelegenheiten. Graf (setzt sich). Ich beschwöre Sie, Marquise, Sie sind ja das einzige Wesen in der Welt, dessen Meinung über mich mir am Herzen liegt. Marq. Eines der Wesen, wollen Sie sagen. Graf. Nein, Marquise, ich sage, das einzigeWesen, von dessen Achtung, Freundschaft — Marq. Um Gotteswillen — jetzt kommt eine Phrase! Graf. O, nichts weniger als dieß. Und Sie hätten es nicht schon längst gemerkt? Marq. Was hätte ich merken sollen? Graf. Und darauf soll ich Sie erst aufmerksam machen! Marq. (lachend). Kann ich dafür, daß ich so schwer begreife? Graf. Sie lachen über Alles! Doch ernstlich, Marquise, wäre es möglich, daß eine Dame, welche ich nun seit einem Jahre fast täglich sehe, eine Dame von Ihrem Geist, Ihrer Anmuth, Ihrer Schönheit — Marq. Mein Gott, das ist ja ärger als eine Phrase, das ist eine Erklärung, oderist's nur ein alltägliches Kompliment? Graf. Und wenn es eine Erklärung wäre — Marq. O, dann will ich sie heute nicht. Sie wissen, daß ich auf einen Ball gehe, ich bin also schon damit versorgt, meine Gesundheit erlaubt mir nicht, dergleichen mehrmals an einem Tage zu hören. Graf. Nun, das klingt ja sehr ermu- thigend, das muß man sagen, — doch nur Geduld! Das Schicksal wird auch Sie ereilen, und dann — Marq. Nun und dann —? Weiß Gott, ich würde mich auch darüber freuen. Ich gäbe manchmal viel um einen rechten Kummer! Noch vorhin, während ich mich frisiren ließ, stieß ich Seufzer aus. die mir fast das Herz spalteten, aus lauter Verzweiflung, gar nicht unglücklich zu fein. Graf. Scherzen Sie nur, scherzen Sie nur! — Wenn es ernstlich über Sie kommt — Marq. Es ist möglich, wir find ja alle sterblich. Graf. Sie wollen also nicht, daß man Ihnen den Hof mache? Marq. Nein! Ich bin sehr gutmüthig, aber das ist mir zu viel! Sagen Sie mir einmal, Sie sind ein Mann von Geist — was bedeutet es denn eigentlich, einer Frau den Hof machen? Graf. Das bedeutet, daß diese Frau uns gefällt und daß wir glücklich find, es ihr zu sagen. Marq. Nicht übel! Aber wißt Ihr denn auch, ob es dieser Frau gefällt. Euch zu gefallen? Wenn ein Herr sich vor einer Dame aufflellt, sie von Kopf bis zum Fuß mit der Lorgnette mustert, als wäre sie eine Puppe in der Auslage und lhr zuflüstert: Madame, Sie sind reizend! sonst auch einige fade Schmeicheleien hinzufügt und das alles durch eine Walzertour und ein Bouqet vervollständigt, so heißt das: den Hof machen! Abscheulich! Es macht mich zornig, wenn ich nur daran denke! Graf. Marquise, es ist nicht der Mühe merjh, sich darüber zu ärgern. Marq. O doch! Es heißt einer Dame sehr - wenig 'Geist zutrauen, wenn man vorkaussetzt. sie könne an dergleichen Nichtigkeiten Geschmack finden! Wäre ich Mann und würde eine schöne Frau sehen, so sagte ich mir: das ist nun wieder so ein armes Geschöpf, welches wahrscheinlich mit Komplimenten zu Tode gequält wird. Ich hätte also Mitleid und würde ihr die Ehre erweisen, von etwas Anderem mit ihr zu sprechen, als von ihrem unglücklichen Gesicht. — Aber in einem fort zu hören: Wie schön Sie sind! und dann wieder: wie find Sie schön! und dann: nein, wie Sie schön sind! Mein Gott, das weiß man ja. Graf. Nun, Marquise — Sie sind reizend, nehmen Sie es jetzt, wie Sie wollen. (Draußen wird geläutet.) Man läutet wieder. Adieu, Marquise! (Oeffnet die Thür.) Ich entfliehe! Marq. Warten Sie, Graf, ich habe Ihnen noch etwas zu sagen — was war's denn nur? — Ach ja! Gehen Sie vielleicht bei Fossin vorüber? Graf. Es bedarf nicht des Zufalls, Marquise, um Ihnen gefällig zu sein. Marq. Ich habe heute meinen Ring zerbrochen, ich könnte ihn zwar einfach zur Reparatur hinschicken, aber es bedarf einer genauen Erklärung. Sehen Sie hier diese Kapsel, sie hat einen kleinen erhöhten Punct, sehen Sie, wenn man daran drückte, sprang sie von der Seite auf — ich stieß diesen Morgen daran und die Feder versagte. Graf. Marquise, ohne Indiskretion, waren Haare darin? Marq. Vielleicht. Warum lachen Sie? Graf. Ich lache nicht. Marq. Sie find ein Abscheulicher! — Es waren Haare meines verstorbenen Mannes. — Aber ich höre Niemanden, wer hat denn wieder geläutet? Graf (zum Fenster). Ein anderes kleines Mädchen mit einer andern Eoisfure. Aber bevor ich gehe, Marquise, Sie find mir noch eine Erklärung schuldig. Marq. Schließen Sie erst die Thür! Ich werde noch zu Eis. . Graf. Ich gehe gleich. Aber Sie 5 müssen mir erst sagen, was man sich von mir erzählt, nicht wahr, Marquise? ' Marq. Kommen Sie heute Abend auf den Ball, da wollen wir plaudern. ^ Graf. Plaudern auf einem Ball! Ein recht passender Ort zur Konversation, begleitet von Trompeten und Pauken und dem Geklirr der Gläser. Zur Abwechslung wird man gestoßen, getreten, ein Lakai schüttet uns ein Eis in den Hut, ein anderer — Marq. Wollen Sie gehen oder bleiben? Ich wiederhole Ihnen, daß ich mich vollständig erkälte. Wenn Niemand kommt, was treibt Sie denn fort? Graf (schließt die Thür und setzt sich). Ich selbst — ich fühle, daß ich schlechter Laune bin und fürchte Ihnen lästig zu werden. Ich werde meine Besuche bei Ihnen überhaupt ganz einstellen müssen. Marq. Das ist hübsch, und warum? Graf. Weil ich Sie langweile; Sie sagten es ja eben selbst, aber meine unglückliche Wohnung Ihnen vi8-L-vi8 ist Schuld daran! Ich kann nicht ausgehen, ohne nach Ihren Fenstern zu sehen, mechanisch trete ich dann bei Ihnen ein, ohne eigentlich zu wissen, warum ich komme — Marq. Wenn ich Ihnen sagte, daß Sie mich heute langweilen, so sehen Sie ja daraus, daß ich das sonst nicht von Ihnen gewohnt bin. Sie wissen, daß ich Sie gern bei mir sehe. Graf. Sie, Marquise? Nicht doch! Wissen Sie, was ich thun werde?Zch gehe zurück nach Italien. Marq. Ah, was sagte denn dazu Mademoiselle — Graf. Mademoiselle —? Mademoiselle — ? Vollenden Sie! Marq. Mademoiselle — nun, Ihr Schützling! — Soll ich die Namen eurer Tänzerinnen wissen? Graf. Ah, das ist's, was man von mir erzählt! Marq. Za, das ist's. — Nun — Sie können nicht leugnen — Graf. Ach, eine Anekdote. Marq. Aber eine wahre! Man hat Sie unlängst im Theater in Begleitung eines gewissen Rosahütchens gesehen, wie sie nur in der großen Oper blühen. Sie gehören zum Chor, mein lieber Nachbar, das weiß die ganze Welt. Graf. So wie Ihre Heirat mit Herrn Camus! Marq. Gut. daß Sie darauf zurückkommen. Warum nicht? Er ist ein honetter Mann, mehrfacher Millionär, nicht gerade zu jung für einen Ehemann! O. er sieht sehr gut aus, wenn er Handschuhe an hat Graf. Und eine Nachtmütze! die muß ihn noch besser kleiden! Marq. Aber, Graf, wollen Sie wohl schweigen? Spricht man von derlei Dingen? Graf. Zu Jemanden, der Aussicht hat, Sie zu sehen. Marq. Ah, die Damen vom Chor haben Sie vermuthlich diese hübschen Sachen gelehrt. Graf. Marquise, Sie sind wirklich grausam. Nicht genug, daß Sie mir verbieten, Sie zu lieben, nein, Sie beschuldigen mich noch einer andern Liebe. Marq. Welch tragischer Ausdruck! Ich hätte Ihnen verboten, mich zu lieben? Graf. Gewiß — oder wenigstens davon zu sprechen. Marq. Nun gut, ich erlaube es Ihnen, zeigen Sie Ihre Beredsamkeit! Gras. Wenn Sie das ernstlich meinten — Marq. Gleichviel, Genug, daß ich's erlaube. Graf. Es könnte doch einige Gefahr dabei sein. Marq. O wenn man sich fürchtet, ist man kein Held! Wohlan, beginnen Sie! — Nun — erst erklären Sie mir den Krieg, ich setze mich in Vertheidigunaszn- stand und Sie rücken nicht vor? Ich Erwarte mindestens, Sie Sturm laufen UNÄ wie Rodriquez oder wie Camus selbst sich zu meinen Füßen stürzen zu sehen! Also, mein Herr, an Ihren Platz! Graf. Es macht Ihnen wohl ein ungeheures Vergnügen, über Unglückliche zu spotten. Nehmen Sie sich in Acht, Madame. ich war Hußar, und. wenn die einmal attakiren — so — Marq. Ah! eine Hußarenerklärung! das.muß merkwürdig lustig sein — ich habe nie dergleichen gehört — wollen Sie, daß ich mein Kammermädchen rufe, sie dürste würdige Partnerin sein und ich kann etwas dabei profitiren. (Draußen wird geläutet.) Graf (öffnet die Thürc). Schon wieder dieß Geläute! Leben Sie wohl, Marquise, wir sprechen uns noch! Marq. Diesen Abend, nicht wahr? Aber was ist das für ein Getöse? Gras (zum Fenster). Das Wetter hat sich geändert. Es regnet und hagelt, daß es ein Vergnügen ist. Man bringt Ihnen eine dritte Coiffüre, ich fürchte, es steckt ein Schnupfen darin. Marq. Aber dieß Getöse! Ist das Donner? Im Januar? Graf. Nein, es ist nur ein Sturmwind — ein kleiner Orkan! Marq. Schrecklich! Aber schon wieder die Thüre offen—schließen Sie sie, schnell! Sie können doch nicht in solchem Wetter sort — woher mag das nur kommen? Graf (schließt). Madame, das ist der Zorn des Himmels, der die Fensterscheiben, die Regenschirme, die Schornsteine und die kleinen Füßchen der Damen züchtigt. Marq. Ah, und meine Pferde find nicht zu Hause! Graf. O, beruhigen Sie sich, denen geschieht nichts, wenn ihnen nicht unterwegs eine Laterne auf den Kopf fällt. Marq. Ja, Sie haben gut lachen — aber es ist unbegreiflich — noch vor einer Stunde war das schönste Wetter von der Welt — Graf. Was wollen Sie? Diesem Sturm verdanken Sie, daß heute Niemand mehr kommt. Sie haben also einen Empfangstag weniger in Ihrem Leben. Marq. Nicht doch, Sie sind ja gekommen. Aber legen Sie Ihren Hut ab er macht mich nervös. Graf. Sieh da — ein Kompliment! Nehmen Sie sich in Acht, Madame, bei Ihnen, die Sie die Komplimente aus Grundsatz hassen, ist man versucht dieselben für Wahrheit zu nehmen. Marq. Nehmen Sie es immerhin dafür an. — Ich wiederhole Ihnen, — es macht mir immer großes Vergnügen, Sie bei mir zu sehen. Graf (setzt sich zu ihr). Dann darf ich Sie auch lieben — Marq. Gewiß dürfen Sie — ich sagte es Ihnen schon. Graf. Dann darf ich auch davon sprechen? Marq. Im Hußarenton? Nicht wahr? Graf. O nein, Madame! Sie wissen, ich schätze Sie viel zu hoch, um Sie auch nur im Geringsten verletzen zu können, aber darf man nicht, ohne eine Dame zu beleidigen — Marq. Bei ihr warten, bis der Regen vorüber ist — O gewiß! Sie sind vorhin hier eingetreten, mein Herr, ohne zu zu wissen warum, wie sie selbst sagten; Sie langweilten sich und verdrießlich, wie Sie waren, wußten Sie nicht was anfangen; hätten Sie hier andere Leute gefunden, so säßen Sie jetzt dort in der Kaminecke, sprächen über Literatur, Diners, neue Erfindungen rc. und dann wären Sie zu Tische gegangen. Da Sie mich aber allein finden, so glauben Sie sich Ihrer Ehre wegen verpflichtet, mir den Hof zu machen, wie Sie es nennen. Wissen Sie, mit wem Ihr Männer in solchen Fällen zu vergleichen seid? Mit jenen armen ausgepfiffenen Dichtern, welche immer das Manuskript einer neuen unaufführbaren Tragödie in der Tasche haben, mit dem 7 sie uns meuchlings überfallen, sobald sie uns in einem unbewachten Moment allein finden. < Graf. Wenn ich aber nun ohne Phrase ganz einfach sagte: Ich liebe Sie! Marq. Sie lieben mich nicht mehr als den Großtürken. Graf. Das ist stark. — Hören Sie mich an, und wenn Sie mich dann nicht für aufrichtig — Marq. Nein, nein und wieder nein! Glauben Sie. ich wüßte nicht, was Sie mir jetzt sagen können. O, ich kenne Eure Studienquellen genau. Es existirt da ein Werk, eine Collection von Liebesbriefen sehr gut gemacht, reizend geschrieben in Form kleiner Romane, und jedes dieser Briefchen ist für eine andere Situation berechnet, das eine für Erklärungen, das andere für Zweifel. Eines für Hoffnung, das andere für gewisse Momente, wo man sich auf die edle Freundschaft zurückzieht, für die Verzweiflung, für Eifersucht, für üble Laune, ja selbst für Regentage wie heute. Ich habe diese Briefe gelesen. D er Verfasser führt in einer ArtVorrede, nachdem er sich von dem Werthe derselben selbst überzeugt hat, an, daß noch kein Weib dem dreiunddreißigsten Briefe widerstanden hätte. Nun wohl, ich habe der ganzen Sammlung widerstanden, mein Herr, ich! Graf. Marquise, Sie find vollständig blasirt. Marq. Sie sagen mir Injurien, nun, die find mir wenigstens lieber, als Ihre Süßigkeiten. Graf. Madame, Sie find blasirt, wie eine alte Engländerin, die Mutter von vierzehn Kindern ist! Marq. Ja, sagen Sie mir, bilden Sie sich denn wirklich ein, daß eine tiefe Wissenschaft dazu nöthig ist, Euch Männer zu ergründen? Man braucht Euch einfach gewähren zu lassen und hätte ich eine Tochter, so würde ich ihr nicht verbieten, die Schmeichelein ihrer Tänzer anzuhören. ich würde ihr nursagen, höre nicht einen, höre alle! Schließe das Buch nicht und merke dir keine Seite, die Männer mögen dir immerhin ihre Kunst vormachen, gefällt dir aber unglücklicherweise einer, so kämpfe nicht gegen die Empfindung, son- dern warte, es dauert nicht lange so kommt die Kopie des ersten und dann mißfallen dir alle beide. Du bist jetzt fünfzehn Jahre, mein Kind, das geht so fort bis zum dreißigsten ohne alle Abwechslung! — Das, mein lieber Gras, ist die Geschichte meiner Wissenschaft, und das nennen Sie blasirt sein? Graf. Schrecklich, wenn das, was Sie sagen, wahr ist! Wer hat Ihnen diese Meinungen und Grundsätze beigebracht? Marq. Meine Erfahrungen, lieber Freund! Graf. O, die Frauen bilden sich ein, alles in der Welt zu wissen, und sie wissen gar nichts. Ich frage Sie, welche Erfahrungen können Sie wohl haben? Nicht mehr, wie jener Reisende, welcher in einen Gasthof kam, eine Frau mit rothen Haaren sah und alsogleich in sein Tagebuch schrieb: Die Frauen find hier zu Laude alle rothhaarig? Marq. O bitte, legen Sie ein Stück Holz nach. Graf (thut es). Prüde sein, immer »nein« sagen, das lasse ich noch gelten, sich die Ohren zuhalten, wenn von Liebe gesprochen wird, die Liebe zu hassen, auch das geht hin, aber die Liebe verläugnen, das ist eine Lächerlichkeit! (AM mit der Feuerzange.) Marq. Sieh da, Sie sprechen wie ein Buch. Graf. Madame, ich versichere Sie, daß, wenn Sie wirklich so find, wie Sie sich die Mühe geben zu scheinen, ich Sie von ganzem Herzen bedaure. Marq. Bitte, geniren Sie sich nicht, thun Sie als ob Sie zu Hause wären. Graf. Glauben Sie denn, Sie seien unfehlbar? — Wenn Sie das Recht ha- 8 den uns an zugreifen, so haben wir wohl das Recht uns zu vertheidigen. Wenn Sie uns mit ausgepfiffenen Dichtern vergleichen, was wollen Sie mit diesem Vorwurf sagen? — Ist die Liebe eine Komödie — Marq. Das Feuer brennt nicht, das Holz liegt zu schräg. Gras (richtet das Feuer). Ist die Liebe eine Komödie, eine Komödie, so alt wie die Welt, ausgepfiffen oder nicht, so hat sie am Ende noch Niemand schlecht gefunden. Die Rollen mögen sich wiederholen, das gebe ich zu, aber wenn das Stück nichts taugte, dann würde es nicht die ganze Welt auswendig wissen, und es ist nicht wahr, daß diese Komödie alt ist, denn nichts ist alt, was unsterblich ist! (Wäh- dieser Rede agirt er wieder mit dem Blasebalg.) Marq. Graf, das ist Poesie! Graf. Jene abgenützten Formeln, jene ausgerissenen Romanseiten, die das Herz unwillkürlich wiederholt, alle jene Hilfsmittel, nach welchen der Liebende sucht, sie find nur das Gefolge von den Höflingen, von alten Diplomaten, von Ministern im Vorzimmer eines Königs. All'dieß vergeht, aber der König selbst stirbt nie! Die Liebe ist todt — es lebe die Liebe! Marq. Graf, geben Sie mir dort den Schirm! Graf. Diesen? Marq. Nein, den blauen! — Ihr Feuer macht mich blind. Graf (gibt den Schirm). Und lebt man auch nur in dem Wahn zu lieben, ist das nicht schon etwas Beseeligendes? Marq. Ja, aber es ist immer die alte Geschichte! Graf. Und bleibt doch ewig neu, wie das Lied sagt. Was wollen Sie denn eigentlich für eine Art erfinden? Diese Venus da, ist sie nicht auch immer eine und dieselbe, und finden Sie sie deß- halb weniger schön? Wenn Sie Ihrer Großmutter ähnlich sehen, find Sie deshalb weniger schön? Marq. Schön! Da haben Sie den Refrain! Reichen Sie mir das Fußkiffen dort. Graf (den Polster in der Hand). Diese Venus war geschaffen, um schön zu sein, um geliebt und bewundert zu werden, und ich glaube kaum, daß sie das je gelangweilt hat. Wenn diese schönePerson gelebt hat. so bin ich überzeugt, daß sie die Anbeter in Hülle und Fülle gehabt hat, sowie ihre Cousine Astarte, sowie Aspafia, Manon Lescaut — Marq. Das gehört in die Mythologie, mein Herr! Graf (hält noch immer den Polster). Ich kann Ihnen nicht sagen, wie mich diese Gleichgiltigkeit, diese Kälte, dieses Altkluge an einer jungen Frau ärgert. Es trifft nicht Sie allein, es ist eine Krankheit, welche jetzt in den Salons florirt. Man gähnt, man wendet sich ab, wie Sie in diesem Augenblick, man will von der Liebe nichts sprechen hören. — Ja, sagen Sie mir, warum haben Sie diese Bänder in den Haaren? Marq. Und sagen Sie mir, warum haben Sie dieses Kiffen in den Händen? Ich bat Sie ja, es mir zu geben Graf. Nun denn, da haben Sie es — und mich dazu — ich liebe Sie, Madame! (Wirst daS Kissen nieder und kniet daraus.) Marq. Wollen Sie wohl die Güte haben aufzustehen? Graf. Sie müssen mich erst hören. Marq. Sie wollen nicht? Graf. Nein, nein und nein! Gerade so wie Sie vorher sagten. Marq. Ich habe die Ehre, Sie zu grüßen. Graf (noch knieend). Marquise, um des Himmel- willen, seien Sie nicht so grausam! Sie stürzen mich in Verzweiflung, ich werde verrückt!' Marq. Sie find nicht in der Oper, Graf! 9 Graf. Bei meiner Ehre, Marquise, ich spreche jetzt aus der Tiefe meiner Seele. Don dem ersten Tage an, als ich Sie sah, liebte — verehrte ich Sie — seit einem Jahre träume ich nur — Marq. Leben Sie wohl! (Gehtab und läßt die Thür offen.) Graf. Sie gehen? Marq. Adieu! Graf. Sie geht wirklich! — Sie hat Recht, es zieht da furchtbar herein! (Will zur Thür, sie sehend.) Ah! Sie treiben Ihren Spott mit mir — Marq. (lehnt an der Thür). Da sind Sie ja endlich aufgestanden! Graf. Ja, und ich gehe, um Sie nie wiederzusehen. Marq. Kommen Sie heute Abend auf den Ball, ich hebe Ihnen einen Walzer auf. Graf. O nein,Madame, niemals werden Sie mich Wiedersehen — Sie verschmähen meine Zuneigung — ich gehe! Marq. Was haben Sie? Graf. Was ich» habe? — Ich liebe Sie wie ein Kind! Marq. Adieu! Graf. Nicht doch, Madame, es ist an mir zu gehen. Marq. (ernst). Also ernstlich, mein Herr, was wollen Sie von mir? Graf. Was ich will? Was ich will? Marq. Nun ja! Sprechen Sie! Sie machen mich ungeduldig! Glauben Sie etwa, ich würde die Erbschaft Ihres Rosahutes antreten?Das wäre empörend! Graf. Sie, Marquise! O großer Gott! Wie können Sie das glauben? Mein ganzes Leben lege ich Ihnen zu Füßen, meinen Namen, mein Hab' und Gut, ja meine Ehre selbst! Halten Sie mich meiner Sinne beraubt, oder war ich wirklich so verwirrt, daß Sie an meiner Achtung für Sie zweifeln konnten? Sie, die Sie mir oft sagten, daß es Ihnen einiges Vergnügen machte, mich zu sehen, die Sie auch wirklich ein wenig Freundschaft für mich fühlen? Konnten Sie denken, daß ich mich auch nur einen Augenblick dieser Freundschaft unwürdig machen und Ihren hohen Werth vergessen könnte? Kann ich einen glühenderen Wunsch haben, als Sie zu meiner Frau zu machen? Marq. Aber, lieber Graf, warum haben Sie das nicht gleich gesagt, ohne alle Phrasen, dann wären wir ja gar nicht in Streit gerathen. Also Sie wollen mich heiraten? Graf. Ich habe ja nie einen andern Gedanken, aber nie wagte ich es Ihnen zu gestehen, ich würde ja mein Blut für Sie hingeben, wenn — Marq. Warten Sie, ich glaube, Sie sind reicher als ich! Graf. Das glaube ich nicht, und Marquise. was schadet Ihnen das? Ach, Ihr Lächeln in diesem Augenblick macht mich erzittern vor Hoffnung und Furcht! Aus Barmherzigkeit. Marquise, nur ein Wort! Marq. Ich werde Ihnen mit einem Sprichwort antworten. Man muß sich hüten, zwischen Thür und Angeln zu stehen! Seit drei Viertelstunden haben Sie in dieser Situation mit mir verhandelt und das Zimmer ist durch die offene Thür vollständig eisig geworden, folglich geben Sie mir den Arm, wir werden bei meiner Mutter speisen. Nachher gehen Sie zu Foflin. Graf. Zu Foffin? Was dort? Marq. Mein Ring — Gra f.Nun, geben Sie mir ihn.Marquise! Marq. Marquise sagen Sie? Nun. mein Ring hat auf der Kapsel ein kleines Wappen, mit dem ich zu siegeln pflegte, glauben Sie nicht, daß man darüber die Grafenkrone — Graf. Madame, die Freude überwältigt mich — wie soll ich Ihnen sagen — Marq. Ja, aber erst machen Sie diese unglückliche Thüre zu. — (Graf schließt die Thür, Marquise bleibt stehen.) Der Vorhang fällt. Au« dein Theater-Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Oaterltebe. Lustsp. in 4 A. von Ziegler. 1802. 75 kr. 15 Sgr. Vaterstand. Lustsp. in 4 A. von Ziegler 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr. »Water unser!* Lebensbild mit Gesang in 3 Abtheilungen und einem Vorspiel von E. Carl. (Wien. Theat.-Rep. 228) 60 kr. 12 Sgr. Deilchenstrauß, der. (Wiener Theater-Repertorre 195.) 35 kr. 7'/, Sgr. Derbrüderung, di«. Schausp. in 1 A. von Jff- land. 35 kr 7*/, Sgr. Derbrechen aus Ehrsn-bt. Familiengem. in 5A. von Jffland. 80 kr. 16 Sgr. Verdacht, der «»gegründete. Lustsp. in 1 A. von Brahm. 1771. 50 kr. 10 Sgr. Verlassene, die. DolkSdrama ino5 A., nach dem Französischen frei bearbeitet vtn Therese Me- gerle. (Wiener Theater - Reperoire Nr. 109) 60 kr. 12 Sgr. Derlänmder, die. Schausp. in 5 A. von Kotzebue 1811. 60 kr. 12 Sgr Verlegenheiten und Auswege. Posse in 1 A' s. Castelli Sträußchen 2. Jahrgang. Dermächtuiß, das. Schauspiel in 5 A. von Jffland. 1809. 60 kr. 12 Sgr. Dermählungsfeier» die» Alberts von Oesterreich. Orig.-Schausp. mit Gesang iu 4 A. von Gleich. 8. 40 kr. 8 Sgr. Gerräther, der. Lustsp. in 1 A. von F. v. Holbein. gr. 8. 1845. 35 kr. 7«/, Sgr. Verrechnet. Charakterbild mit Gesang in 3 A. von Friedrich Kaiser. (Wiener Theater Repertoire Nr. 93.) 60 kr. 12 Sgr. Verschwiegene, der, wider Willen, oder di, Fahrt von Berlin nach Potsdam. Lustpin 1A. von A.v. Kotzebue. 1815. (Vergriffen/ Verschworenen, die. Oper in 1. A., s. Castelli Sträußchen 8. Jahrgang. Verschwörung» die, der OdaliSken, oder die Löweujagd. Singsp. von HenSler. 1792. 8. 50 kr. 10 Sgr. Versöhnung, die. Schausp. in 3 A. Nach dem Franz, von I. F. v. Weiffenthurn. gr. 8. 1833. 60 kr. 12 Sgr. Versöhnung und Ruhe, oder Menschenhaß uttd Reue. 2. Theil. Schausp. in 5 A. von Jul. Graf v. Soden. 8. 1801. 50 kr. 10 Sgr Verstand und Leichtsinn. Lustsp. von Jünger 50 kr^ 10 Sgr. Vertrag, der. Lustsp. in 1 A. vou Chrimfeld. 1805. Verwandtschaften, die. Lustsp Nach Marsollier, 20 kr. 4 Sgr. in 5 A. 1798. 50 kr. 10 Sgr A. von Jffland 25 kr. 5 Sgr. 3 Veteran, der. Schansp. in 1 1801. Vetternder, in Lissabon. Familiengemälde in A. von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Vielwisser, der. Lustsp. in 5 A. von Kotzebue. 1818. 60 kr. 12 Sgr. Dtctoriue, oder Wohlthn« trägt Zinse«. Lustsp. in 4 A. von Schröder. 1804. 50 kr. 10 Sgr. Viola. Lustsp. in 5 A. nach Shakespeare »Was Ihr wollt * Für die Bühne bearbeitet von. Deinhardstein. 8. 1841. 80 kr. 16 Sgr. Vließ, das goldene. Dramatische« Gedicht in 3 Lbtheilungen von Franz Grillparzer, gr. 8 1822. 2 st. 1 Thlr. 10 Sgr. Enthält: I. Der Gastfreund. Trauersp. in 1 A. — II. Die Argonauten. Trauersp. in 4 A. — III. Medea. Trauersp. in 5 A. Dölkergröße, oderr Er blieb dennoch Vater. Originalschausp. mit Gesang von Wehrfeld. 8. 1807. 40 kr. 8 Sgr. Volksbühne. Wiener Taichenb. lokaler Spiele. HerauSgegeb. von W. Turteltaub. 1839 gr. 12. 1 fl. 40 kr. 1 Thlr. 6 Sgr. Inhalt: Eulenspiegel von Nestroy. — Der Waldbrand von Gulden. — Nur Eine löst den Zauberspruch vom Herausgeber. Volkes Stimme, des. s. Holbrin Dllettantenbühne für 1826. Vorhängeschloß, das. Posse in 1 A. nach dem Englischen »l'ds kallloelc,* von Carl Juin (Gmgno). (Wien. Theat.-Rep. Nr. 111). 35 kr. 7'/. Sgr. Vorleserin, die. Schausp. in 2 A. Siehe: Koch dramatische Beiträge. Vorlesung, eine, bei der Hansmeisterlu. Posse in 1 A. von Aler. Bergen. (Wien. Theat.- Rep. Nr. 60. Zweite Auflage.) 30 kr. 6 Sgr. Vormünder, die vier. Lustsp. in 3 A. von Schröder. 1805. 50 kr. 10 Sgr. Vormund, der. Schausp. in 5 A. von Jffland. 1801. 50 kr. 10 Sgr. Vorsatz, der. Orig.-Lustsp. in 1 A. von Halbem. 12. 1826. 25 kr. 5 Sgr Waaren, die englischen. Posse in 2 A. von Kotzebue. 1811. 35 kr. 7/^ Sgr. Waffenbrüder, die. Gemälde der Vorzelt in 5 A. nach Kleist'» Familie Schroffenstein von Fr. v. Holbein. gr. 8. 1824. 80 kr. 16 Sgr. Waffenruhe, die, in Thüringen. 1. Thl. Schauspiel mit Gesang in 3 A.^pon HenSler. 1302. 50 kr. 10 Sgr. Wagen gewinnt. Kom. Oper in 2 A. Nach dem Französischen von Treitschke. 30 kr. 6 Sgr. Wahl, die freie. Lustsp. in 1 A., s. Feldman» Lustspiele 1. Band. Während der Quadrille. Lustsp. in 1 A. von Joses Draun.(Wr. Theat.-Rep. Nr. 191.) 35kr, 7'/,Gg. Wahn und Wahnsinn. Schausp. in 2 A. nach MeleSville's: »L11« «st 1'ollv,* bearbeitet von Lembert. Zweite Auflage. (Wien. Theat.- Rep. Nr. 34.) 40 kr. 8 Sgr, Wahnsinn. Drama in 1 A., s. Castelli Sträußchen 2. Jahrgang. Waisenhaus, das. Singsp. in 2 A. 1811. Vierte Auflage. 35 kr. 7'/. Sgr. Wald, der, bei Hermanustadt. Romant. Schau, sviel in 4 A. nach dem Französischen von I. F. Weissenthurm, gr. 8. 1833. 80 kr. 16 Sgr. Waldbrand, der, oder Jupiters Strafe. Kom. Original-Zaubersp. mit Gesang in 2 A. von I. E. Gulden, gr. 12. 40 kr. 8 Sgr. Waldegg, das Gut, die Husaren und der Kinderstrumpf. Posse mit Gesang iu 3 A. von F. Hopp. 8. 1848. 75 kr. 15 Sgr. Waldraff der Wandler. Schauspiel mit Gesang in 4 A. von Schuster. 2 Thle. 1805. 80 kr. 18 Sgr. Waldweibchen, das. 1. Thl. Romant.-komisch- Volksmärchen mit Ges. in 3 A.» als Seitenstück zum Donauweibchen. Nach einer Sage der österr. Vorzeit, von HenSler. 1800. 50 kr. 10 Sgr. Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Wallenstetn. Trauersp in 5 A. Nach Fr. von Schiller'» dramatischem Gedicht zur Darstellung eingerichtet. 1814. 60 kr. 12 Sgr. Waltron, Graf von, oder die Subordination. Original-Trauerspiel in 5 A. von Möller. 1802. 60 kr. 12 Sgr. — — 2. Theil. Dienst und Gegendienst. 60 kr. 12 Sgr. Wampum, Sultan, oder die Wünsche. Oriental. Scherzspiel in 3 A. v. Kotzebue. 40 kr. 8 Sgr. Wand» die spauische, dramat. Kleinigkeit in 1 A., s. Castelli Sträußchen 1. Jahrgang. Wanda, Königin der Sarmate«. S. Werner Theater 4. Band. Wankrlmüthige» die, oder der weibliche Betrüger. Lustsp. in 3 A. Nach dem Englischen des Cibber für's deutsche Theater eingerichtet von Schröder. 1805. 40 kr. 8 Sgr. Was ein Weib kann. Dolksstück mit Gesang in 3 A. v. Fried. Kaiser. (Wiener Theater-Rep. Nr. 217.) 60 kr. 12 Sgr. Was sein soll» schickt sich wohl. Original-Lustsp. in 3 A. von Jünger. 1803. 50 kr. 10 Sgr. Wasa Gustav. Schausp. in 5 A. von Kotzebue. 1802. 60 kr. 12 Sgr. Wasa Gustav. Ballet in 5 A. von Muzarelli. 1811. 10 kr. 2 Sgr. Wasser» stille» lügen. Lustspiel in 3 Acten nach dem Spanischen des Calderon von Dr. Spengel (Wnr. Theat.-Rep. Nr. 192.) 60 kr. 10 Sgr. Weberg'sell, ein armer. Originalposse mit Gesang in 3 Acten, von Carl Julius. (Wiener Theater-Rep. Nr. 114.) 60 kr. 12 Sgr. Wechsel, der. Lustspiel v. Jünger. 50 kr. 10 Sgr. Weh' dem, der lügt. Lustspiel in 5 A. von Franz Grillparzer, gr. 8.1840. 1 fl. 50 kr. 1 Thlr. Weiberehre. Sittengemälde des 13. Jahrh. in 5 Acten von Ziegler. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Weiberfeind, der. Schauspiel in 1 A. von Koch 8. 1806. 20 kr. 4 Sgr. Weiberkomplott, das. Lustspiel in 5 A. nach d'Ancourt. Von Jünger. 1803. 40 kr. 8 Sgr. Weiberlaunen «ud Männerschwäche. Orig. Lustsp. in 5 A. v. Ziegler. 1809.8.50 kr. 10 Sgr. Weibertausch, der. Lustspiel in 1 A., s. Castelli Sträußchen 6. Jadrg. Weissenthurn, Joh. Franul v., neueste Schauspiele XI. Band, oder neuer Folge 3. Band. Enthält: das letzte Mittel. Lustspiel in 4 A. — Der Traum. Lustspiel in 1 A. — Die Reise nach Amerika. Schauspiel in 1 A. — Tie Engländerin. Lustspiel in 1 A. gr. 8. 1826. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. — —XII. Band, oder neuer Folge 4. Band. Enthält: Die Pilgerin. Lustspiel in 4 A. — Die Bura Gölding, Rom. Schauspiel in 5 A. — So lohnt sich Kunst. Vorspiel zum 4. Oktober gr. 8. 1829. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. — — XIII. Band, oder neuer Folge S. B. Enthält: Das Manuskript. Lustspiel in 5 A. — Pauline, Schauspiel in 5 A. gr. 8. 1832. 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. — — XIV. Band, oder neuer Folge 6. Band. Enthält: De» Malers Meisterstück. Lustspiel in 2 A. — Ter erste Schritt, Lustspiel in 4 A. — Der Brautschleier, Lustspiel in 1 A. — Die Geprüften. Lustspiel in 5 A. gr 8 1836. 2 fl. 50 kr. 1 Thlr. 20 Sgr. — — XV. Band, oder neuer Folge 7. Baad. (Nachgelassene Schauspiele. HerauSgrg. voa Carl Engelbrecht. 1. Band.) Enthalt: Die Fremde, Schausp. in 3 A. — Die stille Braut. Alpensage in 1 A. — Ein Mann hilft dem andern. Lustspiel in 1 A. — Alles an» Freundschaft. Lustspiel in 1 A. — Sie hilft sich selbst. Lustspiel in 4 A. gr. 8. 1848. 2 fl. 70 kr. 1 Thlr. 24. Sgr. Welt, alte und «eue. Schausp. in 5. A. voa Jffland. 1808. 50 kr. 10 Sgr. Weltton und Herzensgüte. Familieng. in 4 A. von Ziegler 1802. 8. 50 kr. 10 Sgr. Wem gehört die Frau? Schwank in einem Aufzuge nach d. Französischen v. Throd. Flamm. (Wr. Theat.-Rep. Nr. 105.) 35 kr. 7'/, Sgr. Wendung» die «nvermuthete. Lustspiel in 1 A. von Jünger. 1804. 8. 40 kr. 8 Sgr. Wer den Schaden hat, darf für den Spott nicht sorgen. Komische Oper in 2 A. nach Dorvigny von Hensler. Musik vom Kapellmeister Müller. 1798. 40 kr. 8 Sgr. Wer ist sie? Lustspiel von Schröder. 8. 40 kr. 8 Sgr. Werner, Friedrich Ludwig Zacharias. Theater 7 Bände mit Kupfern, gr. 8. 1813 — 20. 14 st. 9 Thlr. 10 Sgr. Inhalt : I. Die Söhne des Thals. Ein dramatisches Gedicht, erst. Thl.: Die Templer aufCypern. II. Die Söhne des Thals, zweiter Theil: Die Kreuzesbrüder. III. Martin Luther, oder die Weihe der Kraft. Eine Tragödie. I V. Das Kreuz an der Ostsee. Ein Trauerspiel, erster Theil: Die Brautnacht. — Wanda, Königin der Sarmaten. Romantische Tragödie mit Gesang in 5 Acten. V. Attila, König der Hunnen. Eine romantische Tragödie m 5 Acten. VI. Der vierundzwanzigste Februar. Tragödie in 1 A. — Kunigunde die Heilige, römisch- deutsche Kaiserin. Romant. Schausp. in 5 Ä. VII. Die Mutter der Makkabäer. Tragödie in 5 Acten. Einzelne Bände, soweit der Dorrath reicht, 2 fl. 1 Thlr. 10 Sgr. Westen, Therese, oder Großmuth und unglückliche Treue. Trauersp. in 4 A. o. Lader. 8. Brünn. 1790. 40 kr. 8 Sgr. Wette um ein Herz, die, oder Künstlerstn« und Frauenliebe. Lustspiel mit Gesang ra 3 A. von C. Elmar. 8.1843. 40 kr. 8 Sgr. Widerspenstige, die, Lustsp. in 4 A. von Shakespeare. Bearbeitet v. Deinhardstein. 1839. gr. 8. (Vergrrffen.) Wie machen sie eS in der Komödie, oder die buchstäbliche Auslegung. Lustsp. von Brömel. 35. kr. 7'/, Sgr. Wkedervergeltung, Lustsp. in 3 A. Nach de« Franz, von F. Haffaureck. 1811. 50 kr 10 Sgr. Wien, oder Blätter der Geschichte. Histor. Gemälde in sieben Abtheil, und einem Vorspiele v. Carl Juin (Gingno). 8.1857. fl. 1.— 20 Sgr. Wienerin, die schöne. Lustspiel in 1 A. v. Weidmann. 35 kr. 7'/, Sgr. Wienermädcheu, das tapfere. Gelegenheitsstück in 5 A. von Hensler. 8. 40 kr. 8 Sgr. Wallishaufser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Wikiuso« und Waudrop. Schauspiel in 5 A. v. MSller. 1792. 50 kr. 10 Sar. Wilddieb, der. Liederspiel in 1 A. s. Castelli Sträußchen S. Jahrg. Wildfang» der. Lustspiel für die Verdauung in g A. von Kotzebue. 1811. 50 kr. 10 Sgr. Windmühle von Tripstrill, oder die Art die Weiber jung zu machen. Grotesk-komische Pantomime von Hasenhut. 10 kr. 2 Sgr. Wtrthe» die vornehmen. Kom. Oper in 3 A Nach dem Franz, von I. R. v. Seyfried. 1813. 40 kr. 8 Sgr Wirthin, die Frau. Charakterbild mit Gesang in 3 Acten v. Friedr. Kaiser. (Wiener Theat.- Rep. Nr. 67.) 60 kr. 12 Sgr. Wirthschafterin, die neue. Posse mit Gesang in 1 Act v. Alois Berla. (Wiener Tbeater-Reper- toir Nr. 175.) 35 kr. 7'/, Sgr. Wittwe die schlaue, oder die Temperamente. Posse in 1 A. von Kotzebue. 25 kr. 5 Sgr. Wittwe, die, und das Reitpferd. Dram. Kleinigkeit von Kotzebue. 1808. 35 kr. 7'/^ Sgr. Wittwe», zwei. Lustspiel in 1 Akte, v. Felicrcn Mallefille. Deutsch von Alrrander Bergen. (Wr. Tbeat.-Rep. Nr. 140.) 35 kr. 7'/, Sgr. Wittwer, der. Posse in 1 A. von Deinhardstem. gr. 12. 1816. (Vergriffen.) Witzigungen, oder wie fesselt man die Gefangenen Lustspiel in 3 A. Nach dem Englischen von W. Vogel 8. 1843. 1 fl. 20 Sgr. Wo war sie? Lustsp. in 4 A. Nach dem Franz, von Ehrimfeld. 1805. 40 kr. 8 Sgr. Wülfingen, Adelheid von, Schausp. in 4. A. von Kotzebue. 1809. 50 kr. 10 Sgr. Wunderdoktor, der. Original-Lebensbild mit Grs. in 2 Acten von Earl Gründorf. Musik von Kapellmeister Hopp. Wiener Theat.-Repert. Nr. 57.) 12 Sgr. oder 50Ngr. Wuuderkomödie, die. Schwank mit Ges. in 1 Act frei nach dem Spanischen des «üvrvantes von Dr. Spengel. (Wiener Theat.-Rep. Nr 214.) 35 kr. 7'/^ Sgr. Wundervogel, der, Volksmärchen der Vorznt. mit Gesang in 2 A. 1807. 40 kr. 8 Sgr. Aelva, oder die russische Waise. Drama in 2 A. s. Castelli Sträußchen 14. Jahrgang. Augurd, König, Trauersp. in 5 L. von A. Müll- ner. 8. 1817. Original-Auflage. 1 fl. 20 kr. 24 Sgr. Zaide, oder das Weib in ihrer wahre« Schönheit. Lustsp. in 4 A. von HenSler. 1792. 8. 40 kr. 8 Sgr. Luira, Orions eroisa psr lAusloa in clus ^tti. 1805. 35 kr. 7 '/,Sgr. Zampa, oder die Marmorbraut. Romantischkomische Oper in 3 A. Nach dem Franz, de« MeleSville. Musik von Herold. 8. 1839. 35 kr. 7'/, Sgr. Zauberflöte, die. Große Oper in 2 A. Musik von Mozart. Neue Auflage 12. 35 kr. 7'/^ Sgr. Zauberhöhle, die, deS Lrofouius. Frei nach dem Jtal. von Holbein. Musik von Salieri. 80 kr. 12 Sgr. Zauberkuß, der. Heroisch-komische Zauberoper in 2 A von fmüller. 1807. 8. 40 kr 8 Sgr. Zauberlaterne die, Lustsp. in 2 A. s. Castelli Sträußchen 10. Jahrgang. Zauberschleier, siehe die bezauberte Leier. Zauberring, der. Feenballet in 4 Acten von Albert. 8. 1830. 10 kr. 2 Sgr. Zauberschwerdt, daS. Romantisch - komisches Original - Singspiel in 2 A. von HenSler. Musik von Eibler. 1302. 40 kr. 8 Sgr. Zauderer, der eilige. Lustsp. in 1 A., s. Castelli Sträußchen 19. Jahrgang. Zeche, die, oder: Gastwirth und Bürgermeister in einer Person, siehe: Castelli Sträußchen 4 Jahrgang. Zeitalter, die. Drei flüchtige Skizzeu zu einem chronologischen Charaktergemälde von C. M. Hetgel. Jnvalt: 1. So sind sie gewesen. 2. So waren sie. 3. So sind sie. 1812. 50 kr. 10 Sgr. Zemira. Drama mit Musik in 2 A. Nach dem Italienischen des A. L. Totola. Musik von Rossini. 1822. 35 kr. 7'/, Sgr. - — Dasselbe italienisch. 1822. 35 kr. 8'/, Sgr. Zemire und Azor. Singspiel in 4 Aufz. 1790. Zerrissene, der. Posse mit Gesang in 3 A. von I. Nestroy (Die Handlung ist dem Französischen 1/bomins blass nachgebildet.) 12. Mit alleg. illum. Bilde. 1815. 75 kr. 15 Sgr. Zerstreuten, die. Posse in 1 A. von Kotzebue. 12. (Dergri ffeu.) Zigeuner, der. Genrebild mit Ges. in 1 Acte von Alois Berla. (Wien. Theat.-Rep. Nr. 90.) 7'/, Sgr. 35 Nkr. Zriny. Trauersp. in 5 A. von Th. Körner. 8. 60 kr. 12 Sgr. Zopf der schönste. Komische« Zeitbild mit Ges. in 1 Acte v. E. Elmar. (Wien. Theat.-Rep. Nr. 183.) 7'/, Sgr. 35 Nkr. Zu ebener Erde und erster Stock, oder die Launen des Glücks. Localpoffe mit Gesang in 3 A. von I. Nestroy. gr. 8. mit 1 großen alleg. illum. Bild. (Vergriffen.) Zufälle, die. Lustsp. v. Schröder. 8. 35 kr. 10 Sgr. Zum ersten Mal im Theater. Posse in 1 A von Fr. Kaiser. (Wiener Theater-Repertoire Nr. 9.) Zweite Auflage. 35 kr. 7'/, Sgr. Zum goldene« Löwen. Gingsp. in 1 A. 1807 50 kr. 4 Sgr. Zurückkuaft des Daters. Dorsp. von Kotzebue. 25 kr. 5 Sgr. Zusammenkunft die unvermuthete. Gingsp. rn 3 A Aus dem Franz. 1807 30 kr. 6 Sgr. Zwillingsbrüder. Lustsp. in 5 A. Nach Regnard von Schröder. 1782. 8. 50 kr. 10 Sgr. Zwillingsschwestern, die drei. Originallustsprel in 5 A. 2. Aust 1786. 8. 50 kr. 10 Sgr. Zwirnhändler, der, aus Oberösterreich. Lustsp in 3 A 1807. 40 kr. 8 Sgr. Zwist, der häusliche. Lustsp. in 1 A. 12. 35 kr. 7'/, Sgr. Zwölf Uhr. Bilder au« dem Volksleben in 3 Acten und 9 Bildern von O. F. Berg. (Wien. Theat.- Repert. Nr. 198.) 60 kr. 12 Sgr. Wallishaufler'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuscrlpt gedruckt. Die Macht der Einbildung. Lustspiel in einem Aufzuge von Leopold Feldmann. Personen: Edmund von Lichtenseld, Gutsbesitzer. Amalie, dessen Gattin. Rath Dorn er. dessen Schwiegervater. Anton, ein Diener. (kkgautes Zimmer bei Lichtenfrld mit eimr Mittel- und zwei Seitenthürrn.) Erste Scene. Anton (am Tische beschäftigt das Frühstück zu ordn en), EdMUnd (trittdurch die Mitte ein). Edmund. Wie steht es, Anton, hat meine Frau ihre Morgentoilette noch nicht vollendet? Ich fühle, daß ich sterblich bin, mein Magen mahnt mich schon eine Stunde daran. Anton. Die Gnädige werden gleich erscheinen, das Stubenmädchen trug mir eben auf, das Frühstück zu serviren Edmund. Das währte heute etwas lange. (Für sich.) Und meine Frau hat es doch wahrhaftig nicht väthig, wie viele Andere ihres Geschlechtes, zu glauben, der Schneider könne sie schöner machen wie unser Herrgott. Meine Amalie ist ein ganz hübsches Weibchen. (Zn Anton.) Ist mein Schwiegervater schon zu Hause? Anton. Der alte Herr machte wie gewöhnlich seine Morgenpromenade und begab sich dann auf sein Zimmer, ein «> Stündchen der Ruhe zn pflegen. — Befehlen Eure Gnaden noch etwas? Edmund. Du kannst gehen.—(Allein.) Ich muß heute der Sache auf die Spur kommen, es liegt seit wenig Wochen etwas Beengendes im Benehmen meiner Frau, das ich mir nicht zu erklären weiß. Ich ließ mir meines Wissens doch nichts zu Schulden kommen, was sie verletzen oder kränken könnte, ich liebe meine Amalie noch eben so zärtlich wie am ersten Tage unserer Ehe, obwohl wir schon über ein Jahr verheiratet find. Ich kann mir selbst das Zeugniß geben, zu den soliden Männern zu zählen, und doch scheint sie mir etwas nachzutragen. Gewiß, ich werde es heute schon herausbringen, Frauen find und bleiben doch unter allen Umständen arme Gefühlswesen, bei welchen der Weg zum Haupte immer und ewig durch das Herz geht und auf diesem Wege muß ich das Geheimniß zu entdecken suchen. Zweite Scene. Amalie (aus derSeitenthüre), der Vorige. Edmund (für sich). Ah, da ist sie schon! (Entgegenkommend, laut.) Guten Morgen, liebe Amalie. Amalie (kalt). Guten Morgen, Edmund. Edmund (nachsprechend). Guten Morgen, Edmund. — Wie kalt und trocken, sonst sagtest Du auch lieber Edmund und nun Edmund schlechtweg. Amalie (setzt sich zum Kaffeetische, sich selbst bedienend). Wer wird denn so pedantisch nach einem Wörtchen jagen, Worte find ja keine Gefühle, gibt es doch auch Lieder ohne Worte. Edmund (setzt sich). Ich habe es gerne, wenn man die zärtlichen Worte aus den Flitterwochen auch in das spätere Eheleben überträgt, wenn Du jetzt schon auf- hörst mir liebevoll zu begegnen, nachdem wir erst 14 Monate verheiratet find, wie erst nach Jahren? Da werden in deinem Ehelexikon die Worte: »Lieber, guter, bester Mann rc. rc.« wohl ganz gestrichen sein. (Seine Tasse hinhaltend.) Und Kaffee bekomme ick heute gar keinen? Amalie. Du siehst, ich bediente mich selbst, mache es eben so. Es scheint, ich habe Dich schon verwöhnt, ich hätte von vornherein nicht so verschwenderisch mit meiner Zärtlichkeit sein sollen. Edmund (sich selbst bedienend). Gab ich Dir Veranlassung, Reue darauf zu haben? Amalie. Man muß nie als Recht beanspruchen, was man nur aus Gnade erhält. Edmund. Ei. sieh' doch, Gnade nennst Du die Liebe, die der Mann zu fordern berechtigt ist. So sprachst Du früher nie. Amalie, mit Dir ist etwas vorgegangen, ich weiß nicht was, aber ich verlange es zu erfahren. Bin ich deines Vertrauens nicht mehr würdig, so gib wenigstens den Grund an, damit ich mich vertheidigen kann, denn ich selbst fühle mich rein von aller geflissentlichen Schuld Dir gegenüber. (Aufstehend, zärtlich.) Amalie, bin ich Dir irgend hart entgegengetreten, suche ich Dir nicht jeden deiner Wünsche aus den Augen zu lesen, fühlst Du denn nicht, daß Du allein mein ganzes Lebensglück ausmachst? Amalie. Aber, Edmund, ich habe Dir ja auch keinerlei Vorwürfe gemacht. Man ist eben nicht einen Tag gestimmt wie den andern. Edmund. Einen Tag? Deine Verstimmung dauert schon 14 Tage, so lange darf eine bloße Laune nicht anhalten, wenn sie nicht peinlich für Jenen sein soll, der darunter zu leiden hat, und der Leidende bin ich. Amalie (aufstehend). Mit Frauencharakteren, Edmund, muß man Nachsicht haben, möglich, daß wir zuweilen mehr 3 empfindlich sind, als wir vielleicht sein sollten. Edmund. Also doch eine Empfindlichkeit in Folge einer Verletzung von meiner Seite? Ich versichere wiederholt, liebe Amalie, daß ich, so sehr ich auch schon darüber nachdachte, mich gar keines Momentes erinnere. Dich nur durch ein Wort gekränkt zu haben. Amalie. Beruhige Dich, Edmund, es möge Dir genügen, wenn ich Dir die Gegenversicherung gebe, das Du direct nicht an meiner Herabstimmung Schuld bist. Edmund. Was soll das heißen: direct — also indirect? Da bitte ich mir doch eine Erklärung aus. Amalie(ausweichend). Es kommt einem manchmal etwas zu Ohren — Edmund (einfallend und erregt). Ah, also ein Frauengewäsch, eine Verleumdung, wahrscheinlich die Geburt einer Kaffeegesellschaft?! Dort gerathen dergleichen Entbindungen im reichen Maße. Amalie (beleidigt). Es gibt auch Männer. die in dieser Beziehung Weiber find. Edmund. Wie. sollte ein Mann es gewagt haben, den Samen des Unfriedens zwischen uns zu streuen? Den fordere ich auf Leben und Tod. Amalie. Es ist nicht die Rede von einem Manne, ich vertheidigte nur mein Geschlecht, welches Du ungebührlich im Allgemeinen angegriffen. Uebrigens quäle mich nicht länger, Edmund, laß die Sache auf sich beruhen, ich werde mich nach und nach schon mit dem Gedanken vertraut machen, der mir bis jetzt noch zu neu war, um ihn mit völliger Ruhe zu ertragen. Edmund. Ich verstehe Dich nicht, Du bist ja eine wahre Sphinx geworden, Amalie, und hältst mich für einen Theba- ner, dem Du deine Räthsel aufgiost. Sprich es doch endlich einmal klar und deutlich aus, ans welcher Ursache deine Liebe zu mir so sichtlich erkaltete. Amalie (für sich). Er dauert mich, im Grunde ist er doch schuldlos. (Laut.) Du machst mich noch viel betrübter und unglücklicher durch dein immerwährendes Fragen. Ich bitte Dich, Edmund, laß die Zeit wirken, ich werde mir Mühe geben, mich successive an das zu gewöhnen, was ich früher nie bemerkte. (Reicht Edmund die Hand.) Beim Diner sehen wir uns wieder. (Zur Seite ab.) Edmund (allein). Sie wird sich Mühe geben, sich successive daran zu gewöhnen, was sie früher nie bemerkte? (Besieht sich selbst, aber nicht im Spiegel.) Ich habe doch noch meine geraden Glieder, trage keine Perrücke und lasse keine Farbe. Ich stottere nicht, höre vorzüglich, bin weder ein Trinker noch ein Gourmand. Was in aller Welt soll sie denn bemerkt haben? Ich muß diesem störenden fremden Element zwischen mir und meiner Frau auf den Grund kommen, der Schwiegervater muß es herausbringen, länger ertrage ich dieses abnorme Verhältmß nicht. — Was habe ich mir für Mühe gegeben, schon vor meiner Verheiratung, den Charakter der Frauen zu studieren und nun stehe ich da, meiner eigenen Frau gegenüber, wie ein A-B-C-Schütze. Dritte Scene. Rath Dorn er (durch die Mitte), der Vorige. Dorn er (einen offenen Brief tragend). Guten Morgen, Edmund! Was hast Du mir denn da für einen Brief auf mein Zimmer legen lassen; warum denn corre- spondiren, wenn man sich so nahe ist? Edmund. Ich mußte noch gestern Nacht meinem Herzen Luft machen und da ich Sie zu so später Stunde nicht mehr sprechen konnte, so setzte ich meine Anklage gegen Ihre Tochter, meine nunmehrige Frau, schriftlich auf. Sie. lieber Schwiegervater, müssen nun die Sonde anlegen 4 ' — und den Dorn herausziehen. Meine Beredsamkeit und liebende Vorstellungen reichten nicht aus. also versuchen Sie Ihr Glück. Lassen Sie Ihre väterliche Autorität, wenn es noth thut, strengt walten. Sagen Sie ihr, ich hätte mich geäußert, Ihnen bei Ihrer Rückreise Amalie wieder mit nach Hause zu geben, wenn sie nicht aufrichtig beichtet. Natürlich nur als Schreckschuß. Dorner (für sich). Das ist gleichzeitig auch ein Schreckschuß für mich; man ist froh, wenn man bei dieser Zeit eine Tochter an Mann gebracht hat, wenn man sie dann wieder zurücknehmen müßte, das wäre ein schlechtes Geschäft. Edmund. Sie find ja ein Rath, Herr Schwiegervater, und einer von denen, die sich wirklich immer zu rathen wußten, Sie werden auch hier klug zu Werke gehen und gewiß das richtige Mittel ergreifen, um die Wahrheit zu erfahren. Dorner. Hast Du vielleicht irgend etwas begangen, das ihre Eifersucht erregte? (Vertraulich.) Wir find ja Männer, mir kannst Du es schon sagen. Man kann ja irgend in Fälle kommen, die einen veranlassen, sich selbst während der Ehe noch als ledig auszugeben. Edmund. Wo denken Sie hin, ich und untreu!? Dieses Mal. Herr Rath, haben Sie schlecht gerathen. Dorner. Aber vorgekommen soll es doch schon sein, selbst bei Hochgestellten. Edmund. Möglich, sogar wahrscheinlich, aber ich zähle nicht zu jenen Leichtfertige«. Dem Benehmen Amaliens muß eine ganz andere Ursache zu Grunde liegen. Ich bitte Sie, bester aller Schwiegerväter, suchen Sie die Ursache heraus- zubringen, die Ungewißheit reibt mich sonst auf und was nützt Ihnen ein aufgeriebener Schwiegersohn? Ich räume Ihnen jetzt das Fel-, um Sie ungestört ope- riren zu lassen, entwerfen Sie einen guten Angriffsplan und vergessen Sie auf den Schreckschuß nicht. (Eilt ab.) Dorner (allein). Da haben wir die Bescherung. Wieder ein Beispiel, daß die Liebe nichts ist als eine lange Abhandlung über die Kunst, auf kurze Zeit glücklich zu sein. Wenn ich denke, wie sich die beiden Leute liebten, Romeo und Julie sammt Ferdinand und Louise hätten bei ihnen in die Schule gehen können. Meine Amalie wäre ohne weiters gestorben^ würde ich dieser Partie entgegen gewesen sein und nun ist sie es, die ihrem einst so heiß geliebten Edmund gegenüber täglich kälter und gleichgiltiger wird. Und welche Opfer ich brachte! Meine Amalie ist die sechste Tochter, die ich verheiratete, dazu gehört eine gesunde Natur —um es zu erleben. Jeder wohlhabende Vater kann bei dieser Zeit, wenn ihm eine Tochter geboren wird, sich gleich um wenigstens 10.000 Gulden weniger wohlhabend rechnen, die Mitgiftsansprüche find jetzt zu bedeutend. Gottlob, meine Amalie war die letzte meiner Töchter, wenn ich aber noch eine zu vergeben hätte, wäre ich gezwungen. zu ihr zu sprechen: »Sage deinem Verehrer, er soll Dich um deiner selbst willen lieben und auf dein Vermögen warten, bis man mein Testament verliest.« Wie König Wilhelm iu der Geschichte Englands zu seinem Sohne sagte: »Ich will mich nicht ausziehen, bis ich zu Bette gehe.« — Am Ende gibt mir mein Schwiegersohn meine Amalie wirklich zurück, das Recht ist. wie es scheint, auf seiner Seite und Retourwaare ist noch schwerer wieder anzubringen, als jene frisch vom Lager weg. Hier muß ich ernstlich einschreiten. um dem mir drohenden Uebergewichte bei meiner Nachhausereise zu entgehen. (Zur Seitenthüre gehend und klopfend.) Amalie Herein! Dorner. Nichts herein — heraus, ich habe mit Dir zu reden. 5 Vierte Scene. Amalie, der Vorige. Amalie (überrascht). Ah, Sie find es, bester Vater, so frühe habe ich Sie nicht vennuthet. Dorn er. Wen hast Du denn vermu- thet? Mick nicht — deinen Edmund gewiß nicht, von dem willst Du in jüngster Zeit gar nichts wissen, also galt deine Vermuthung einem Dritten? Amalie. Aber, Vater. Sie werden doch nicht glauben — kennen Sie Ihre Amalie so wenig? Dorn er. Ich kenne Dich gar nicht mehr! Dein Wesen und Treiben in den letzten Wochen hat Dich mir, sowie deinem Mann ganz entfremdet und ich finde die bittern Klagen Edmunds vollkommen gerechtfertigt. Amalie. Hat Ihnen denn Edmund davon gesprochen? Dorner. Kein Wort hat er mir gesagt. Amalie. Kein Wort gesagt und dennoch wüßten Sie? Dorner. Muß man denn immer sprechen. man kann ja auch schreiben. (Den Brief reichend.) Vier volle Seiten, die mußte ich alle lesen. Begreifst Du diese Opferfähigkeit? Hier hast Du die angenehme Lectüre, den neuesten Roman einer modernen Ehe, Du spirlst die Heldin darin, sorge dafür, daß es kein unglückliches Ende nimmt. Amalie. Erlaffen Sie mir, diesen Brief zu lesen, bester Vater, ich kann mir Edmunds Klage denken, es schmerzt mich tief, ihn so kränken zu müssen. D orner. Du stehst es ein, daß seine Klage eine gerechte ist und kränkst ihn dennoch? Amalie. Vater, ich bin sehr unglücklich'.! Dorner (theilnehmend). Vielleicht weil Du Dich Niemand mittheilst; bin ich nicht dein Vater, entdecke Dich mir, vertraue deine Leidensgeschichte dem väterlichen Herzen an, ich werde Dir rathen und beistehen, wenn ich dein Unglück begründet - finde. Amalie. Das ist es eben, was ich fürchte. Sie sehen vielleicht kein Unglück in meiner mich so tief ergriffenen Erfahrung, da Sie als Mann unmöglich so fühlen können, wie ich als Frau. Dorner. Was es auch sei, jedenfalls rede, Mittheiluug erleichtert, ich werde mich auch so viel wie möglich auf deinen Standpunct zu setzen suchen. Amalie. Sie wissen, theurer Vater, ich liebte Edmund unendlich. Dorner. Ob ich es weiß? Deine Liebe hat mich 10,000 Gulden gekostet, übergehe dein bräutliches Vorleben und beginne gleich mit dem Momente deines hereinbrechenden Unglücks. Amalie. Wir lebten 14 Monate in Liebe und Eintracht, ich war stolz auf den Besitz Edmunds und dachte mich von allen andern Frauen beneidet, da ich Edmund nicht nur seiner guten Eigenschaften wegen liebte, sondern auch einen Adonis in ihm zu besitzen glaubte. Dorner. Nun? Amalie. Meine Adonis-Idee wurde mir auf eine fürchterliche Art gestört. Als ich vor ohngefähr sechs Wochen an Edmunds Arm die Promenade besuchte, gin- gen zwei Damy, an uns vorüber, die eine machte die andere auf Edmund aufmerksam und sagte: »Das ist ein hübscher Mann,« worauf, ich hörte es deutlich, die andere erwiderte: »Ja wohl, aber er sieht aus wie ein Portier.« Dorner. Nun? Amalie. Begreifen Sie mein Unglück noch nicht? Von diesem Augenblicke an machte ich täglich stille Beobachtungen und fand nach und nach wirklich heraus, daß Edmund aussieht wie ein Portier. Dorn er (krampfhaft lachend). HaHaha! Bist Du verrückt?! Hahaha, ich könnte mich wirklich darüber todt lachen, wenn mich nicht die Angst um den Verlust deines Verstandes ergriff. Amalie. Ich sagte Ihnen ja im Voraus, Vater, daß Sie als Mann mich nicht begreifen werden, wir Frauen fühlen, wo der Mann denkt, unser Verstand liegt im Herzen. (Weinerlich.) Ts thut wehe, sehr wehe, Vater, wenn man fich am Arme eines Gutsbesitzers befindet und für die Frau eines Portiers gehalten wird. Dorn er. Aber sage mir nur, Amalie, hast Du denn wirklich deine fünf Sinne nicht mehr beisammen? Ich nehme den Fall an, Edmunds äußere Erscheinung gleiche einem Portier, gibt es denn nicht auch unter dieser Branche schöne Männer? Während Du doch gewiß anerkennen wirst, daß sowohl Edmunds Sitten, als dessen Bildung und Geist höher stehen. Amalie. Das macht mich ja eben so unglücklich, daß Edmunds innerer Mensch so trefflich ist, sein äußeres Wesen aber den Portierstempel unverkennbar an sich trägt. Dorn er. Es ist unglaublich, wie die Einbildung, durch verletzte Eitelkeit her- vorgerufen, so ausarten kann. Du hast Dich in diesen unglücklichen Gedanken hineingelebt, bis er zur fixen Idee bei Dir wurde. — Wie soll denn da zu helfen sein? Ich darf Edmund die verrückte Ursache deiner Erkaltung gar nicht mittheilen, er würde Dich mit Recht der Tollheit zeihen und Dich mir als eine Unzurech- nungssähige zurückgeben. Das geht schon über den gelinden Wahnsinn, sich einzu- bilden, mit einem braven, gebildeten Manne nicht mehr glücklich leben zu können, weil eine andere Frau sagte, er sehe einem Portier ähnlich. Amalie. Vater. Sie kennen das weibliche Herz nicht. Dorner. Wie wäre das auch möglich bei solcher Extravaganz? So unbegreiflich der Raum, so unergründlich ist so ein albernes Frauenherz. Gäbe es für Gotk Räthsel, wären es gewiß die Frauen. Und nun soll ich, ein armer menschgedor- ner Rath, den Balsam schaffen für diese sicher noch nicht dagewesene Herzenswunde. Amalie. Geben Sie fich keine Mühe, bester Vater, mir ist nicht mehr zu helfen, ich werde mein Unglück mit stiller Resignation tragen, mir Mühe geben, Edmund ein zärtliches Weib zu sein; gehe ich auch langsam meiner Auflösung dabei entgegen, nun so zähle ich eben zu den Tausenden von Opfern weiblichen Märtyrerthums. Dorner. Nimm Vernunft an, Amalie. Du wirst Dich nach und nach dieses Gedankens wieder entschlagen und dann selbst lachen, Dich einer so thörichten Einbildung hingegeben zu haben. Edmund verdient deine Liebe. Amalie. Suchen Sie ihn zu beruhigen. auf welche Art Sie wollen, ich werde mir Zwang anthun, meinen Herzenskummer zu verbergen, wir Frauen sind ja zum Leiden geboren. Verzeihen Sie mir, bester Vater, daß ich Ihnen selbst durch mein offenes Geständnis Kummer bereitete, aber das Schicksal suchte mich zu schrecklich heim. (FälltDorner um denHals.) ein Portier! (Geht weinend zur Seite ab.) Dorner (allein). Ich kenne mein Kind nicht mehr. Amalie zählte zu den vernünftigsten unter meinen sechs Töchtern und nun zeigt sie sich als die schwachkö- pfigste, und solche Geduld mit solchen Schwächen nennt man das Meisterstück der Schöpfung, das ist ja eine förmliche Injurie gegen unfern Herrgott! — Was soll ich denn nun Edmund sagen, wenn er mich um das Resultat meiner Verhandlung frägt? Hier heißt es diplomatisch zu Werke gehen, um den ehelichen Frieden zu erhalten. — 7 Fünfte Scene. Edmund (mit Hut und Stock), der Vorige. Edmund. Da bin ich schon wieder, lieber Schwiegervater, ich trieb mich planlos in einigen Straßen herum, länger aber konnte ich es nicht aushalten, ich bin zu sehr gespannt auf das, was Sie mir zu sagen haben. Dorn er (etwas verlegen). Ha, ha, was ich Dir mitzutheilen habe, ist viel und wenig, wie Du es nimmst, denn es läßt sich so unscheinbar auch der Stoff ist. wenn man es versteht, wie der Schöpfer, eine ganze Welt daraus machen. Edmund. Verstehe ich Sie recht, so hätten Sie mir nichts zu sagen, denn so viel ich weiß — Dorn er (einsallend). Hat Gott die Welt aus nichts erschaffen, ganz richtig, und aus nichts mag auch wohl irgend ein Weibergeschwätz aufgetaucht sein, das die Laune deiner Amalie einige Wochen trübte, sie ist sich ihrer Schwäche selbst bewußt, bittet um Nachsicht und wenn Du gar nichts mehr davon erwähnst, wirst Du auch bald gar nichts mehr davon merken. Edmund. DieseErklärung, bester Herr Schwiegerpapa, genügt mir nicht, solche Weibergeschwätze, die Sie als nichts bezeichnen, können durch Wiederholungen auch auf die Laune meiner Frau wiederholt nachtheilig wirken und ich bin keinen Tag sicher, ob die jetzige Stimmunsi mei- nerAmalie nicht wiederkehrt. Ich wünschte wenigstens die Anklage meiner weiblichen Feinde zu kennen, nur dann kann ich mich vertheidigen. Lassen Sie mich einmal ein wenig darüber Nachdenken, ob diese Offenbarung nicht zu erzwingen ist. (Den Stock vor sich hinhaltend und mit dem Arm darauf stützend.) Dorn er. Denke immerhin nach, an mir findest Du einen treuen Alliirten. (Edmund scharf beobachtend, für sich ) Wenn ich ihn so recht betrachte, wie er dasteht, mit der Hand auf dem Stock gestützt, so hat er wirklich in seinem Wesen etwas von einem Portier. Weiber haben scharfe Augen, meine Amalie hat nicht ganz Unrecht. — Er hat etwas — ganz sicher, er hat etwas, selbst sein Gesicht; ich habe ihn nie so scharf beobachtet, war ich denn bis jetzt blind, oder sollte mir nur die Einbildung diesen Streich spielen? Er kömmt inir, je mehr ich ihn betrachte, immer portiermäßiger vor. Ah, Dummheit, Vorurtheil, wie kann ich mich als vernünftiger Mann so verblenden lassen! — (Laut.) Nun, Edmund, ist Dir eine gute Idee eingefallen? Edmund. Leider noch nicht, aber ich gebe nicht nach, bis ein guter Gedanke Eingang findet durch die Pforte meines Jdeensalons. Dorner (für sich). Beim Himmel, das ist doch keine Einbildung, auch in seinen Ausdrücken liegt die Portier-Natur, er sprach von Eingang und Pforte. (Laut.) Laß das Denken, lieber Edmund, folge meinem Rathe und ignorire die ganze Sache. Edmund. Nein, Schwiegervater, und sollte ich Tag und Nacht der eigene Thürsteher am Thore meines Hirnkastens sein, ich schließe es nicht, bis ich einen glücklichen Gedanken zu melden habe. Dorner (für sich). O arme Amalie, unglückliches Kind, jedes Wort bestätigt ihre Ansicht, jetzt spricht er gar von Meldung und von Thürstehen am Thore. Ich muß ihn nur warnen, sonst kömmt es zum Bruche. (Laut.) Treibe deinen Eifer nicht zu weit, Edmund, Frauen sind scharfe Beobachterinnen. am Ende könnte Amalie, durch dein Drängen gezwungen, doch irgend eine — eine — wie sag' ich denn gleich — ja, eine Schwäche bei Dir entdecken, deren Vorwurf Dich für immer unglücklich macht. 8 Edmund. Ich lasse den Schlüssel meines Hausrechtes nicht aus Händen. Dorn er (für sich, nacksprechend). Den Schlüssel — Edmund (etwas gereizt). Sie wollen mit der Farbe nicht heraus, Schwiegervater, was sprachen Sie von Schwächen? — Welcher Mensch besitzt deren nicht? Glauben Sie, Sie haben keine? Dorner (für sich). Grob ist er auch, wie ein Portier. (Laut.) O, ich geb' mich nicht besser, als ich bin, aber man kennt eben seine eigenen Schwächen nie. Edmund. Seien Sie aufrichtig, Schwiegervater, mein Herz war Ihnen gegenüber stets ein offenes Hausthor. Dorner (für sich). Ist schon wieder beim Hausthor, wo er hingehört. Edmund. Sie aber sind verschlossen, öffnen Sie den Riegel Ihres Vertrauens, damit ich zur Einfahrt der Wahrheit gelange. Dorner (für sich). Einfahrt! Edmund. Es ist der kürzeste Weg zur Verständigung. Dorner (für sich). Ich werde ihm nun die Sache leise andeuten. (Laut.) Du weißt, Edmund, ich bin kein Mensch, der Komplimente macht, aber ich muß gestehen. Du bist eiu hübscher Mann und die Schönheit ist ein Empfehlungsbrief für Jeden, besonders wenn man ihn mit Anstand ab zugeben weiß. Nun ist aber der Geschmack der Frauen oft sehr bizarr, denen gefällt nicht selten eiu schmächtiges bleiches Gesicht eines blasirten Herrn, der aus uns den Eindruck macht wie ein Todter, den man zu beerdigen vergessen hat, weit besser als ein rothwangiges. gesundes Angesicht, das uns unwillkürlich an eine gesegnete Mahlzeit erinnert. Dadurch werden Vergleiche angestellk, — die eine Dame sagt, der sieht so aus, die andere Dame findet wieder, er sieht so aus, nun entstehen Bilder, die sich bei zartnervigev Damen als fixe Ideen festsetzen, sie können sich dieser eingebildeten Anschauung nicht mehr entschlagen. Was bleibt dem Manne solch einer Frau übrig, als sich zu bemühen, ihr anders zu erscheinen und dann ist der ganze Zauber gelöst. Darüber, Edmund, denke nach. Ich gehe nun wieder zu Amalie. (Zur Seitenthüre ab.) Edmund (allein). Ich soll Nachdenken über diesen Unsinn, den mein Schwiegervater hier zusammen geredet. Die eine Krau sagt so — die andere wieder so — und ich soll mich bemühen, anders zu erscheinen. wie ich bin. Wie bin ich denn? Wie verlangt Amalie, der ich bi- vor wenig Wochen ganz genügte, daß ich in Zukunft aussehen soll 2 Sechste Scene. Anton (tritt ein. das Kaffeegeschirr wegzu- nehmen), der Vorige. Edmund (für sich). Vielleicht hat Anton etwas gehört, was mir einen Anhalts- punct für meine künftige Erscheinung geben kann, muß einmal soudiren. (Laut.) Anton! Anton. Gnädiger Herr befehlen? Edmund. Wie seh' ich aus? Starre mich nicht so dumm an! — Wie ich Dir vorkomme? Anton. Bitte. Euer Gnaden kommen mir vor, wie ein recht charmanter Herr, dem man gerne dient. Edmund. Das meine ich nicht, abgesehen von meinem Charakter, wie Dir meine Erscheinung vorkömmt? Für wen Du mich halten würdest, wenn Du mich nicht kennen, nicht bei mir im Dienste wärest. — Anton. Immer für einen honetten Kavalier. Ha. ha, verzeihen Euer Gnaden, dass ich lache, ich begreife nicht, wie die gnädige Frau auf die barocke Idee kommt. — 9 Hdmund (schnell einsallend). Auf was für eine Idee — schnell heraus damit! Anton. Ich möchte es gar nicht nachsagen. Edmund. Ich befehle es Dir. Anton. Ihre Gnaden müssen nicht glauben, daß ich gehorcht habe, ich hatte gerade da drinnen in Ihrem Zimmer Einiges geordnet, die Thüre war nur an« gelehnt, da hörte ich den Herrn Schwiegerpapa unbändig lachen, weil die Gnädige behauptete — Edmund (einsallend). Nun, was behauptete sie? Anton (stockend). Sie behauptete — Edmund (ungeduldig). Rede, oder Du bist entlassen! Anton. Sie behauptete, Euer Gnaden sehen aus wie ein — Edmund (drohend). Nun, wird es? Anton. Wie ein Portier. Edmund (gezwungen lachend). Ha, ha, ha! Das ist Alles? Gehe! Anton. Ich bätte nichts gesagt, aber Euer Gnaden haben befohlen. (Trägt das Geschirr ab.) Edmund (allein). Ich habe gelacht des Dieners wegen, eigentlich sollte ich mich ärgern über die prosaische Ansicht, die Amalie plötzlich von meiner Erscheinung hat, während sie mir früher oft sagte, so wie ich ihr vorkomme, hätte sie sich stets den Adonis gedacht. Wieso nun dieser bedeutende Umschlag ihrer Auffassung auf einmal Platz griff! Nun begreife ich den Sinn von meines Schwiegervaters salbungsvoller Rede schon etwas mehr. Es scheint, er sieht aus Liebe zu seiner Tochter durch Amaliens Augen und theilt ihre Anschauung. Ich das Aussehen eines Portiers ; lächerlich, i ch. der Gutsbesitzer, Ritter Von Lichtenfeld. (Geht gegen einen freistehenden Anzugspiegel, betrachtet sich und bleibt verblüfft stehen, nach einer Pause.) Beim Himmel, dieses vollbärtige Gesicht, dieser Eerberus-Ausdruck, diese unverkennbare Anmeldungs-Physiognomie! Es ist entschieden, ich täusche mich nicht, ich Unglücklicher! Ich sehe tatsächlich emem Portier wie ein Ei dem andern ähnlich! Wie konnte ich bis zur Stunde mit solcher Blindheit geschlagen sein? Täglich stehe ich vor dem Spiegel und habe es nie bemerkt. (Besieht sich wiederholt.) Es ist so — es ist wirklich so — leibhaftig. O arme Amalie! Stille Dulderin! Was muß sie gelitten haben?! — Wie soll, wie kann hier Hilfe werden? Ich darf nicht länger zur Qual meiner g''ten Frau existiren, die sich wahrscheinlich schon seit Monden schweigend abhärmte. Hier gilt kein halbes Thun. Opfer gegen Opfer, Amalie soll von ihrem Leid befreit werden und das für immer! Sie soll sehen, daß ich als Mann zu handeln weiß und ihrer Liebe wenigstens würdig war. (Läutet.) Siebente Scene. Anton, der Vorige. Anton. Euer Gnaden befehlen? Edmund (in sehr entschiedenem Tone). Anton, Dich mache ich dafür verantwortlich, dafür zu sorgen, daß ich wenigstens 10 Minuten ganz ungestört bleibe, damit sich mir kein Besucher naht, meinen unabänderlich gefaßten Beschluß zum Wanken zu bringen. Ich will meine Amalie wieder glücklich wissen und es gibt nur ein Mittel — es wird gleich geschehen sein. (Eilt gegen die Seitenthüre links.) Anton (eilt idm nach). Gnädiger Herr, Sie werden doch keinen unbesonnenen Schritt — Edmund (nimmt eine heroische, zurückweisende Stellung an, eilt dann schnell in die Thüre, deren Verschließen hörbar wird). Anton. Mein Gott, mein Gott, daran bin ich Schuld, hätte ich geschwiegen, mein Herr ist eitel, setzte sich diese Dummheit in den Kopf und will sie wahrscheinlich nun herausschießen. Es ist gleich geschehen. 10 sagte er. (Probirt die linke Seitenthüre.) Hat sich wirklich eingeschlossen, hier ist Gefahr im Verzug! (Läuft gegen die andere Seitenthüre, stark anpocheud.) Gnädiger Herr Rath, gnädige Frau, ich bitt' auf ein Wort. (Pocht wieder an der Thüre.) Achte Scene. Dorner, Amalie, der Vorige. D orner. Nun, was soll das Heraustrommeln? Amalie. Was ist vorgefallen? Dorner. Du zitterst ja völlig, sammle Dich und rede. Anton (kleinlaut). Ich handelte unüberlegt. wie ein Schuljunge, aber gewiß nicht aus böser Absicht. Dorner. Ohne Entschuldigung, weiter, weiter! Anton. .Ich hörte zufällig die Klage, welche die gnädige Frau in Beziehung des gnädigen Herrn laut werden ließ, und war so unvorsichtig, dem Drängen des gnädigen Herrn nachgebend, diese Aeußerung wieder mitzutheilen. Dorner. Wie. Du hättest meinem Schwiegersohn gesagt, daß er aussieht wie — Anton. Ja, ich Dummkopf, das sagte ich ihm, daß er ausfieht wie — ich bring' es gar nicht mehr über meine Lippen. Amalie (erregt). Und was sagte er? Anton. Er wurde darauf ganz rabiat, sprach von einem unabänderlich gefaßten Beschluß, von einem Mittel, die Gnädige für immer, dieses »für immer« hat er besonders betont, von ihrer Qual zu befreien, schlug sich einige Mal vor den Hirnkasten, ries, man lasse mir nur 10 Minuten Zeit, es wird gleich geschehen sein — und stürzte dann — Dorner und Amalie (gleichzeitig ein- sallrnd). Wohin?! Wohin?! Anton. Nach seinem Zimmer. Ich wollte ihm Nacheilen, er gebot mir aber zurückzubleiben und so rief ich in meiner Angst die Herrschaften hierher. Dorner (eilt aus die Seitenthüre zu). Sie ist verschlossen! Edmund! Edmund! — Er antwortet nicht. Amalie (ängstlich). Edmund! Theurer Edmund! Kennst Du denn die Stimme deiner Amalie nicht mehr, die Stimme deines Dich liebenden Weibes? Dorner. Edmund, sei vernünftig. Dein Schwiegervater, der immer so viel aufDich hielt, bittet Dich, deine Thür zu öffnen. Amalie. Edmund, ich liebe Dich noch immer so, wie ich Dich stets liebte, mache mich nicht für ewig unglücklich durch irgend einen unbesonnenen Schritt. Für mich gibt es nur ein Glück auf Erden und das ist der fortwährende Besitz deines treu- erprobten Herzens. Er schweigt. Anton (weinerlich). Gnädiger Herr, der Anton bittet auch um's Himmelswillen, machen's auf. Glaubens nicht, was ich in meiner Dummheit gesagt Hab', es war nur ein Mißverständnis, ich höre seit 3 Wochen nicht mehr ganz gut. (Guckt durch das Schlüsselloch.) Amalie (ängstlich). Siehst Du etwas? Anton. Gott schütze uns! Amalie und Dorner (gleichzeitig). Was ist's?! Was siehst Du?! Anton. Ein Messer Hab' ich blinken sehen. Dorner. Gottlob, dann lebt er noch. Anton. Aber nicht lang. . Dorner. Lieber, guter Schwiegersohn! Amalie. Edmund! Theurer Edmund! ! Anton. Bester, edelster gnädiger Herr! Neunte Scene. (Man hört die Thüre ausschließen, Dorner, Amalie und Allton treten gespannt zurück, Edmund tritt aus der Thüre ohne allen Bart). Dorner. Um Gottes willen, Edmund, was hattest Du denn vor? Edmund (rnkia). Nichts, ich habe mich 11 nur rafirt. Meinen Schnur- und Backenbart meiner Amalie geopfert, vielleicht erscheine ich ihr jetzt nicht mehr als wie ein — Amalie (beschämt). Mein theurer Edmund. spreche es nicht aus dieses ver- hängnißvolle Wort, verzeihe mir meine Schwäche, ich schäme mich dieser Einbildung, der ich förmlich unterlag. Dorn er. Und die auch mich wie behext ergriffen, als ich darauf aufmerksam gemacht wurde. Edmund. Und die mich nicht minder ergriff, als ich vor den Spiegel trat. Das ist die Macht der Einbildung. Aber sage mir nur. meine gute Amalie, wie kamst Du auf diese Idee, wer gab Dir die erste Veranlassung dazu? Amalie. Das alte Fräulein Werburg, welches zu einer andern Dame, die Dich schön fand, äußerte: »Ja wohl, aber er sieht aus wie ein—« (einhaltend), nun. Du weißt schon. Edmund (lachend). Ha, ha, ha, jetzt wird mir die Sache immer klarer, es läuft hier eine weibliche Rache mit im Spiele. Diese alte Werburg war nämlich auch längere Zeit mit einer Einbildung behaftet. Amalie. Wie so? Edmund. Sie bildete sich eben ein, ich werde sie eines schönen Tages heiraten, während ich sie für alle Lebenstage fitzen ließ. Amalie. Es war Cabale? Edmund (einfallend). Und Liebe! Amalie. Nun, so bleibst Du ja wieder mein Adonis. Edmund. Aber ohne Bart. (Umarmung.) Der Vorhang fällt. Druck und Papier von L. Lommcr L Comp, iu Wie». 15 " ^ c.rr , -- ^ chr5 ä/.l 2M? MM ü rrÄ: L5 »'ich-^N'-M^E Ä!7'<^7lmchG u-r«k»^ 'Hrchn-'Nk»- ,j^L L^«. nr^ttr. ,<'Nü7-«ö^^ '?- jchkiS^rr .r^vitz «k'-Lj" 'Niür,'i?mL .. ,LAr ^ .r.Ä»-^ü.-?v»i - - - rm -M-'^>5 r-yrrs-,-7^--H 'UM«! »chL§ *k-15w .^ü>chv^L .^rfk ^'j fmnej^njAr>M>tM r/< ^nv!! . .prUTÄsk chrlrkn? D ^ ,hmr.5 ' 5MLklr.mV ^^^«rchknchi/s!M.6kU.7;rn»^ . chr,mr vrcir chrs nzMst r-H -.ö«umüZ >r-H. vtv^77.'»i-M -n?ir.-^ chr sk .n^-^r. .nru-'M tzSHlrZ'Mvöch^-SUch rft 44r«n1 ' - .zür,ivk 'jchäm rLi»5Üsisich»(-»)rüvy»"rrümm-Eo 'chrm ^ 6nü .^ü»ry^ 7-,:>. W .«.'»-l/m-k .-r7t KgÄ«rL' nr^r 7'--« chs 4rs? W^7»E.. 6«llSrr««LV !<.tzü-,7ZÄK .tzur.'Ä^vrÄ-74^ täkvK' .r.-^ -fr « '' ' - ^k'?'. -* V e. 2^' ' ' /V.' ^ ^ ?r-<7 r A e'r i'tztc-.ch^. ^ 'L-5:-/ - - ^7 .. '. -Ä?M. 7,'5rr- r»»Ai' .-n . - ,.' Ü»»< k'. ' fA>'.'. ??-. -17!^-^. H»i^> ü- jVs »- Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. * Stadt und Land oder M MMMs «k jlheriijiemillj. Posse mit Mang in zwei Leien von Friedrich Kaiser. 40 » Vierte Auflage. Personen: 8ras von Flambourg. Herr von Hoch selb, Großhändler. Eulalia, seine Trau. Elotilde, seine Tochter. Sebastian Hochseld, Viehhändler ausOber- österreick. Apollonia, seine Frau, bieg ine, seine Tochter. Herr von Wellenschlag, Banquier. Robert, sein Sohn. Herr von Hupser. Herr von Glatt, Börse-Sensal. Haller, Hochseld's kassier. Bediente bei Herrn von Hochseld. Ein Kapellmeister. Gäste. Taustin, Jacob, Wiener Lheater-Repertoir Nr^ SSI. 2 Erster Art. (Elegant eingerichtetes Zimmer im Hause des Großhändlers.) Erste Scene. Hochfeld, Faustin. Hochs, (geht vergnügt die Hände reibend auf und nieder). Es geht Alles ganz charmant — das Fest, womit meine Frau mich heute — am Vorabende meines Geburtsfestes —.überraschen wird, wird eins der glänzendsten, welches je in dieser Stadt erlebt wurde. Faustin (geht mit frecher Nonchalance, beide Hände auf den Rücken gelegt, neben seinem Herrn, in seinem ganzen Wesen spricht sich eine gewisse Vertraulichkeit mit demselben aus). Was, die gnädige Frau überrascht Sie mit dem Fest? Hahaha — und Sie selbst arbeiten schon drei Wochen lang dran, haben selbst Alles angegeben und angeordnet, und erst vorhin Hab' ich's mit meinen zwei eig'nen Augen gesehen, wie Sie Ihr großes Porträt drüben im Saal mit Blumeu-Guirlanden decorirt haben — hahaha! Hochs, (etwas verstimmt). Du hast mich gesehen? Hm! Es war — ich that es nur — damit — Faustin (höhnisch lachend). Na, damit Sie am Abend, wenn's Fest losgeht, mehr überrascht sind — hahaha! Hochs, (ärgerlich). Du verstehst das nicht — es ist wohl wahr, das ganzeFest wird eigentlich von mir selbst für mich veranstaltet, aber die Welt braucht das nicht zu wissen — es klingt schöner, wenn es heißt, meine Gattin habe in zärtlicher Liebe zu mir mein Geburtsfest so brillant gefeiert — Faust in. Na ja — ich weiß schon — vor der Welt muß Alles ein anderes Gesicht haben — Sie freuen sich überhaupt auch nur vor der Welt über Ihre Geburt — was Sie selber betrifft, so ma- gerlt *) Ihnen grad Ihre Geburt mehr, als Alles, was Ihnen in ihrem Leben Unangenehmes passirt ist! Hochs, (drohend)'. Faustin! Faust in (ungehindert fortsahrend). Für einen Mann von Ihrem Charakter muß das aber auch was Schreckliches sein, wenn man so von gar keiner Geburt ist — wenn man jede Adresse, auf der steht: »Wohlgeboren* als ein unverdientes Kompliment betrachten muß. Hochs. Faustin!—ich beschwöre Dich, halte das Maul — Faustin. Ach — wir sind ja unter vier Augen. Hochs. Aber die Wände haben Ohren und Du weißt es, daß ich über diesen Punkt nichts gesprochen wissen will — Du weißt es, daß ich Dich nur deßhalb in meine Dienste nahm, weil Du unglückseliger Weise aus einem und demselben Orte mit mir stammst, weil Du meinen Vater kanntest — Faust in. Und sein blutiges Gewerbe — Hochs. Still — still — (sieht sich furchtsam um) habe doch Erbarmen, lieber Faustin! — Du weißt, welches Ansehen ich hier in der Stadt genieße, wie sich die nobelsten Familien in mein Haus drängen— Faustin. Auch noble Familien essen gern gut, und wo Speck hängt, laufen d' Mäus zu — Hochs. Es hieße meinen Neidern und Feinden das Messer in die Hand geben — es hieße einen Abgrund zwischen mir und der kaute volee graben, wenn es *) Localer Ausdruck für ärgert. 3 bekannt würde, aus welcher Familie ich stamme. Faustin. Na, sorgen's Ihnen nicht, ich verrath's nicht, ich bin einmal in Ihrem Dienst, und unsereins hat auch seine xoint8 ä'bouneur, ich möchte mich vor meinen Standescoliegen auch nicht gern drüber frozeln*) lasten, daß ich bei einer Herrschaft dien', auf deren Ahnen so viele Morde lasten — so lange ich also Ursach Hab', mit Ihnen zufrieden zu sein — Hochs, (im bittenden Tone). Aber schweige doch einmal von diesem odiosen Gegenstände, lieber Faustin. (Absichtlich ablenkend.) — Sagemir — Du möchtest Dir wohl auch gern einen guten Tag an- thun — nicht wahr? — Na steh — ich bin gewiß ein gütiger Herr — nimm — (gibt ihm Geld). Faustin (für sich). Aha — hab's richtig wieder dahin gebracht, wohin ich wollen Hab' (steckt das Geld ein). Ich küß d' Hand Euer Gnaden — ich werde auf Ihre Gesundheit mein Möglichstes thun. — Hochs. Aber gib nur Acht, daß Dir nicht etwa io der Begeisterung ein Wort zu viel aus dem Munde fährt, man sagt, im Weine ist Wahrheit — Faustin. Ja.im Wein wär'schon Wahrheit, wann die Wirth nicht so viel Falsches hineingeben würden, daher kommt's auch, daß ich gar nie mehr lüg' oder aufschneid', als wann ich mir die Zunge ordentlich begossen Hab — hahaha! Stellen's Ihnen vor,letzthin war beim goldenenFaffel drüben, wo wir von der Livräe eine geschloffene Eotterie haben, auch von unseren Herrschaften d' Red — Hochs, (gespannt). Don Euern Herrschaften? Faustin. Na ja, wir hab'n grad nichts G'scheidteres gewußt und da ist auch auf Ihnen d' Red' kommen — und da — hahaha — da Hab' ich gesagt, Sie stam- *) Localer Ausdruck für verspotten. meten eigentlich aus einer uralten Ritterfamilie. Hochs, (vergnügt). Hast Du gesagt? Fausttn. Die sich schon in ältesten Zeiten im blutigen Kampf gegen die Po- dolier ausgezeichnet haben — Hochs. Nicht übel erfunden. Faustin. Erfunden? — Nein, das ist ja eben der G'spaß, daß 's sogar wahr ist- Hochf. Wahr? Wie meinst Du das? Faustin. Na, wie viele hundert podo- lische Ochsen haben nicht Ihre Vorfahren erlegt, die alle, bis zu Ihrem seligen Vater — Fleischhacktr waren. (Läuft ab.) Hochs, (als ob er einen Stich bekommen hätte, zusammenfahrend). Fleisch — Fleischhacker — entsetzliches Wort, dcts mich noch unter die Erde bringen wird— jedes Mal fühle ich einen Stich, wittü ich es nur nennen höre — verdammtet Kerl! — aber — (sieht sich sorgfältig um), dem Himmel sei Dank! Niemand hat es gehört! — Zweite Lcene. Hochfeld. Eulalia. Regine (beide sehr auffallend geputzt, kommen aus der Mit- telthüre). Eul. Kon ^our, mon mari! Reg. Kon jour, ebdre onele! Hochs. Gott grüße Euch, meine Lieben! Wo wart Ihr? Eul. Auf unseren Boudoirs, wir haben uns, wie Du siehst, bereits in Staat geworfen, um unsere Gäste würdig zu empfangen — ob, mon wari, ich kann Dir gar nicht sagen, wie froh gestimmt ich mich heute fühle — Hochs. Es hat doch Niemand von den Geladenen absagen lasten? Eul. (mitStolz). Absagen? Wenn wir ein Fest geben — ein Gedanke der Un Möglichkeit! Sogar der Herr Graf von 1 * 4 Flambourg. welcher sonst so selten Invitationen annimmt, hat zugesagt. Hochs, (freudig). Hat zugesagt — hat zugesagt?! — Herrlich, herrlich, das gibt unserm Feste wieder ein ganz eignes Lustre — man wird in der ganzen Stadt sprechen davon — Reg. Und der Banquier von Wellenschlag kömmt auch. Hochs. Der reiche Banquier von Wellenschlag, der Gläubiger der höchsten Häuser, der Touangeber auf der Börse — charmant — charmant— (Für sich.) Dem Himmel sei Dank, diese frohen Nachrichten verwischen in meinem Innern wieder die so unsanft aufgerüttelte Erinnerung an die Fleischbank. Reg. Sein Sohn, der junge Wellenschlag, hat ihn dazu beredet — Hochs, (sie fixirend). So — der junge — der Robert von Wellenschlag — na — und diesen — hast wohl Du selbst mündlich eingeladen — Reg. (mit coketter Verschämtheit). Hlon ebörs onele! Hochs, (sie in die Wange kneipend). Nu, nu. brauchst Dich nicht zu schämen, liebe Nichte, der Monsieur Robert ist zwar etwas Wildfang, kann sich das vornehme Wesen nicht recht aneignen, aber die Verhältnisse seines Vaters machen mir selbst eine Verwandtschaft mit ihm wünschens- werth — wir haben nichts gegen deine Neigung — nicht wahr, mein Schatz (zu Eulalia). Eul. eontrairs — ich finde sie sehr plausibel! Aber wenn nur der alte Wellenschlag — er ist etwas stolz — und Du weißt — dein Bruder, — Reginens Vater — Hochs, (mit finsterer Stirne). Ja leider — der dürfte einen Stein des Anstoßes bilden — (Sieht fich wieder um, dann mit leiser Stimme.) Dir sind allein, also können wir wohl darüber sprechen. — Leider scheint mein Bruder das ganze ordinäre Blut meiner Familie in seinen Adern ausgenommen zu haben. Während ich schon in meiner Kindheit das kühnste Streben nach einer erhabenen Stellung in der Welt entwickelte, gefiel er fich in seiner bäurischen Behäbigkeit — ich widmete mich dem Handelsstande — er wurde — Viehhändler, lebt da in Oberösterreich aus seinem Meierhofe, seine Frau war eine ordinäre Pächterstochter, er selbst ist mehr Bauer als —Mensch-und wenn nun die Familie Wellenschlag dahinter kommt — Reg. Ich bin dem schon zuvorgekommen — es kam die Sprache darauf und ich sagte, mein Vater wäre—Gutsbesitzer in Oberösterreich. Hochs. Gut gegeben, mein Kind, sehr gut gegeben — Eul. Nu ja, im Grunde ist doch ein Meierhof auch ein Gut. Hochs. Ja wohl und es gefällt mir sehr von Regiuen, daß sie so klug gesprochen — ja, sie hat denn doch seit den 10 Jahren, als wir sie zu ihrer weiteren geistigen Ausbildung von dem Meierhofe ihres Vaters weg, so zu sagen mitten aus den Kälbern heraus und in unfern vornehmen Zirkel hineingezogen haben, eine gewisse Routine in der Noblesse erlangt — Eul. Ach. sie hat ein besseres Loos getroffen, als unsere eigene Tochter Clotilde — sie lebt nun — ich schaudere jedesmal, wenn ich nur daran denke, lebt nun schon 10 Jahre bei deinem Bruder unter dem Bauernvolke — Hochs, (seufzend). Leider! Jndeß — was war zu thun, ihr Brustleiden wurde damals so gefährlich, daß die Aerzte dasselbe nur durch einen mehrjährigen Aufenthalt auf dem Lande heilbar erklärten — nun, Gott sei Dank — sie soll sich jetzt ganz wohl befinden. Eul. Mein Gott, körperlich ja, aber daran liegt im Grunde weniger, etwas kränklich sein, gehört sogar zur Noblesse, aber die onutd opirituel — o mein Gott, ich zittere, wenn ich daran denke, welch' 5 . nachteiligen Einfluß diese 10 unter dem Bauernvolke zugebrachten Jahre auf fie hervorgebracht haben müssen! Dritte Scene. Vorige. Haller, dann Robert von Wellenschlag, Glatt, Herr von Hupfer. Haller (tritt ein, Schriften unter dem Arme tragend). Herr von Hochfeld! Hochs. Ah, mein kassier — nun, was gibts, lieber Alter? Haller. Darf ich nur um wenige Worte bitten — Hochs. Mein Himmel, ich will von meinen Geschäften eigentlich nur so lange sprechen hören, als ich in meinem Bureau bin — nun, was soll's denn wieder? (Tritt verdrießlich zu ihm.) Haller. Nach diesem Auszuge aus unfern Büchern ist ersichtlich, daß morgen mehrere von uns acceptirte Wechsel im Betrage von 60.000 fl. fällig und uns zur Auszahlung präsentirt werden — Hochs. Nun, so müssen sie saldirt werden, was weiter? Haller. Es ist aber nicht so viel bares Geld vorräthig — Hochs. Was? — aber wir haben doch auch Gelder einzutreiben — bedeutende Summen. Haller. Ja wohl, wir haben einen Wechsel auf das Haus Mirheim in Händen, der morgen fällig ist — im Werthe von 80.000 fl. Hochs. Nun also, der wird einkasfirt, und wir find gedeckt — was weiter? Haller. Aber, Herr von Hochfeld, wenn nun das Haus Mirheim nicht zahlte — Hochs. Nicht zahlte — nicht zahlte — ein Haus, mit dem wir schon lange in Geschäftsverbindung stehen — ich begreife gar nicht, wieSie solche Besorgnisse hegen können. Haller. Aber es ist doch nicht gut, wenn man nur mit einer Hoffnung gedeckt ist; sehen Sie, Herr von Hochfeld — Ihre Handlung könnte längst auf dem Puncte stehen, daß auch das mögliche Ausbleiben einer solchen Summe Sie nicht in Verlegenheit setzen würde, aber freilich müßte dann die Führung Ihres Hauswesens nicht solche Summen in Anspruch nehmen. Hochs, (gereizt). Herr, ich glaube gar, Sie unterstehen sich da, mir Ermahnungen geben zu wollen — vergessen Sie gefälligst nicht, daß ich der Herr bin, und Sie mein Diener find. Haller. Ja, ein in seinem Dienste ergrauter Diener, den die Erfahrung lehrte, daß der äußere Glanz, durch den so manches Handelshaus Aufsehen macht, dem Leuchten des Holzes gleicht — welches auch dann am meisten glänzt, wenn es vermodernd seiner baldigen Auflösung entgegengeht. Recht gute Unterhaltung, Herr von Hochfeld, auf dem heutigen Ball- rste! (Geht kopfschüttelnd ab.) Hochs, (ihm verdrießlich nachsehend). Das alte Murmelthier! — Beim Himmel — wenn es nicht so gut im Geschäfte dressirt wäre, ich hätte es längst laufen lassen — stets bringt mich der Mensch durch seine Predigten um meine gute Laune. Hupfer (öffnet die Thür und bleibt unter derselben erwartend stehen). Eul. (ihn erblickend). Ah! unser aima- dlor Herr von Hupfer — Hupfer (in höchst eleganter Toilette hupst herein und aus sie zu, ihre Hand wiederholt küssend). Euer Gnaden, Ihr Unter- thänigster! (Ein Gleiches bei Reginen thuend.) Mein Fräulein, ich würde mir s zum größten Vergnügen rechnen, zu Ihren Füßm sterben zu können. (Zu Herrn vonHochseld, ohne sich von den Damen, welche während der vorigen Scene aus dem Divan Platz genommen hatten, zu entfernen.) Herr von Hochfeld, Ihr Ergebenster! — Sie ent- schuldigen sämmtlich. daß ich mich nicht anmelden ließ, aber ich liebe es in Allem etwgs originell, etwas aparte zu sein und mich ärgert's immer, wenn ich meinen guten Namen erst durch die rauhe Kehle einer livreetirtenAnsagemaschine schnarren lafleu muß. Estl- Sie find uns auch unangemeldet stets willkommen. Hupfer. O, Euer Gnaden find die verkörperte Liebenswürdigkeit—und Sie, Fräulein Regine, wünschen Sie mich immer erst augemeldet zu hören, oder hat fich vielleicht doch m Ihrem Herzen endlich ein ahnendes Gefühl eingeschlichen, welches Ihnen in heiliger Sympathie mein Nahen verkündet? Regine. Meine Gefühle find sämmtlich anderweitig so beschäftigt, daß keines davon unsern Bedienten in feistem Dienste ablösen kann. Hupfer. O welche Kälte, mein Fräulein! Bedenken Sie, daß mein Herz eine tropische Pflanze ist, welche nur unter erwärmenden Strahlen gedeiht- Regine (für sich). Fader Geck! (Plötzlich horchend.) Ich höre Schritte — was gilt's — Robert — Jacob (öffnet die Thüre). Herr Robert von Wellenschlag und Herr Glatt. Hochs. Ich lasse bitten. Jacob (ab). Regine. Hab' ich's nicht errathen? Hupfer. O, tausend Dolche drücken Sie mir mit diesem Erratben in das wunde Herz. Glatt E ^ (treten zugleich ein). Glatt (verneigt fich vor den Damen und geht zu Hochfeld). Achtzig drei Viertel! Ro hert (verneigt sich vor den Damen). Guten Abend, Frau von Hochfeld, recht guten Abend, Fräulein Regine. Eul. (hält ihm die Hand zum Kusse hin). Sein Sie mir herzlich willkommen, lieber Herx von Wellenschlag. Robert (faßt ihre Haod, küßt fie aber nicht, sondern schüttelt fie etwas derb). Danke, ja. wenn ich nicht im Voraus wüßte, daß ich willkommen hin, so käme ich gar nicht —(Faßt auch ReginensHand und spricht mit ihr leise.) Eul. (wendet fich um und spricht zu dem hinter dem Divan stehenden Hupfer). Ein recht lieber Mensch der junge Wellenschlag, aber etwas mehr 8avoir vivrv könnte ihm nicht schaden — Hupfer (leise zu ihr). Ein wahrer Klotz, besonders auf einem Balle ganz zweckwidrig — er tanzt nicht, spielt nicht — sondern steht einem überall im Wege — (Spricht leise fort.) Hochs, (zu Glatt). Es ist aber doch erstaunlich. wie schnell diese Actien finken. Glatt. Es geht ihnen wie den Menschen, diesen lebendigen Actien auf der Börse des Lebens, ihr Steigen und Fallen hängt sehr oft von Zufällen ab. Hochs. Aber Sie haben doch dabei nichts verloren? Glatt. Gott bewahre— man muß nur zur rechten Zeit zu verkaufen wissen — ich behandle meine Actien wie ein türkischer Sclavenhändler seine Frauen, ich kaufe fie in ihrer Jugend, wenn ein schönes Aufblühen'zu erwarten steht, um billigen Preis, und verkaufe fie theuer, sobald fie, vollkommen aufgeblüht und herangewachsen, das Auge des Lüsternen reizen — indem ich wohl weiß, daß die Schönheit und die Actie dem Sinken um sonäher ist, je vollkommenerfiebereitsherangewachsen ist Hochs, (lächelnd). Sie werden witzig, wie ich merke, Herr von Glatt. Glatt (fich lächelnd verneigend). Pörsen- witz, Theuerster, Börseowitz! Es gibt jetzt auf der Börse sehr viele witzige Leute. Wie andere, wenn eine Leiche vordeige- tragen wird, ein Parfum-Fläschchen an die Nase setzen, so macht der echte Börsianer, wenn ein anderer Speculani durch seinen Sturz zur commerizellen Leiche wird, ein Bonmot, und reibt es wie ein Pfeffermünzblatt seinen Kollegen unter di^ Nase —hahaha, das war eigentlich schon wieder ein Bonmot. Eul. (zu Robert). Ihr Herr Vater wird uns heute auch die Ehre seiner Gegenwart schenken? Robert. Ja — Fräulein Regine wünschte, daß ich ihn einmal hier im Hause einführe — Regine. Ich freue mich, den Mann kennen zu lernen, den Sie so innig lieben — und welcher den bedeutendsten Einfluß auf Ihr Lebensglück hat. Hupfer (Robert mit wüthendeu Micken betrachtend). Ich vergehe! Robert. Ja sehen Sie, liebes Fräulein, ob der Einfluß, den mein Vater aus mein Lebensglück nehmen will, eben ein günstiger ist, das weiß ich nicht. Eul. u. Regine. Wieso? Reg ine. Er will Sie doch nicht am Ende zu einer Vermälung zwingen, von der Ihr Herz nichts wissen will — Robert. O das nicht—an meine Vermälung denkt er so wenig, als ich vor der Hand selbst. Regine (gedehnt). So? Robert. Aber sehen Sie, er will mich durchaus zu einer sogenannten schönen Stellung in der Welt bringen, er bietet alles auf, um mich in irgend einem Bureau an einen Actentisch zu schmieden — und — das fühle ich, in einem solchen Beruf werde ich nicht glücklich sein! Ich schätze den Reichthum nur in der Einen Hinsicht, daß man durch ihn unabhängig bleiben kann; was nützt mir aber mein Vermögen, wenn ich dabei doch einSclave werden soll — aber von solchen Ansichten will er nichts hören — im Gegentheile, er, der sonst die Bequemlichkeit und Ruhe so sehr liebte, macht nun alle möglichen Schritte, drängt sich an alle Personen, von denen er irgend einen Einfluß hofft, ja — auch den heutigen Ball in Ihrem Hause besucht ernurdeßhalb, weil erhört, daß der Graf Flambourg ihn besucht. Eul. Sehr schmeichelhaft für uns - Robert (für sich). Das war wieder dumm! (Laut.) Das heißt — ich wollte sagen — der Ball dient ihm nebenbei als Mittel, die Bekanntschaft des Herrn Grafen zu machen, denn er schätzt allerdings Ihr HanK an und für sich, namentlich seit ich ihm sagte, daß Herr von Hochfeld aus einer sehr bedeutenden Familie stamme — und so ist's auch — nicht wahr, Herr von Hochfeld? (Zu Hochseld, welcher inzwischen mit Glatt näher getreten war.) Sie sagten mir letzthin schon, woher Ihre Familie stammt, aber weiß Gott — ich habe ein so schlechtes heraldisches Gedächtniß — Hochs. Meine Familie — ja, meine Familie — mein Vater — er war ein podolischer Edelmann — es ist eine sehr alte Familie — (Man hört im Vorzimmer sehr lebhaft sprechen.) Alle. Was ist das? Faustin. Wer seid's — ich darf solche Leute nicht hinein lasten. Seb. Goldbeschlagener Hohlkopf — wannst mir nit aus'n Weg gehst, so < kriegst ein Schupfer — Fan st in. Niemand darf hinein, M den ich nicht melde — Seb. Du wirst gleich selber deine Seele bei nnserm Herrgott anmelden, Schafhirn! Hochs (erschreckt für sich). Gott, welche Stimme! Vierte Scene. Vorige. Sebastian, Apollonia, Elotilde. (Alle drei in der stattlichen reichen Bauern- tracht Oberösterreichs, Faustin. der sie an der Thür zurückzuhalten sucht.) Seb. (stößt Faustin ms Zimmer hinein). I wer do nit bei mein leiblichen Brüdern ang'meldt wern wüsten? 8 Regin ((springt auf und bleibt wie ange- sesselt stehen). Mein Vater! Hochs, (erstarrt). Er ist's — mein Bru — Eul. (welche auch vom Sitze ausgefahren). Ich falle stehend in Ohnmacht! Faustin. Jetzt kommt's aus, daßbeim Kaffee Cichorie ist! Seb. (mit ausgebreitetenArmen aufHoch- seld zugehend). Grüß Dich Gott, Blast! Gelt, das hast Dir nicht denkt, daß d'mi heut no stehst — i selber hätts vorgestern no nit denkt — aber wie wir Drei so bei einander g'sessen sein und überlegt hab'o, was wir Dir zu dein Geburtstag für a besondere Freud machen sollen, ists mir auf einmal eing'fallen, wir wollen alle Drei zu Dir nach Wien. Glei Han i meine Bräunln einspanna laß'n, gefahr'n sein wir, daß 's g'raucht hat — und — da sein wir! Faustin. Ist uns ein unendliches Vergnügen. Hochs, (sich den Schweiß von der Stirne trocknend). O — das — das freut mich — unendlich — Seb. Hanns Narr! Das versteht sich ja von selber — wir hab'n uns ja zehn Jahr nicht g'seh'n. — Jekas! (Eulalia erblickend.) Da ist ja d' Frau Schwägerin! Grüß Ihnen Gott! Lassen's Ihnen a Bußl geb'n! Eul. (zurückweichend). Wo denken Sie hin — die Schicklichkeit! Seb. Ja so — 's fallt mir grad ein, dös geht nicht—'s könnt von der theuern Färb' was abageh'n. (Auf die Wangen deutend.) Eul. Ich bekomme meine Lapsurs. Seb. (lachend). Na, na, ich bin schon stad! Hupfer (hat sich zu Hochseld vorgeschlichen). Dieß ist also Ihr Herr Bruder? Hochs, (schwer). Ja. Hupfer. Vermuthlich ein Podolier? Seb. Was — was ist das? Ich kenn wohl podolische Ochsen und Schwein, aber ich und mein Bruder, wir sein gute Oesterreicher von Alterszeiten her — aber sa- perlot — weil ich grad von der Freundschaft red', wo ist denn mein Dirndl, die Regerl? Ist's nit daham? Reg ine (hat sich erst gesammelt und mit einer Mischung von Verlegenheit und affectir- ter Liebe küßt sie ihm die Hand). Papa — Seb. (beinahe erschrocken). Was — ich will nicht hoffen — Hochs. Ja, das ist deine Tochter — Seb. Also wirklich —auf Ehr', i hätt's eher für a Mamsell als für mei Tochter ang'schaut — kurios z'sammg'statzt ists — (beinahe traurig) also wirklich?- (sich ermannend) aber was! aufs Aeußre kommt's ja nit an! (UmarmtRegine heftig.) Komm her, Dirndl! (Faßt sie um die Mitte und schwingt sie im Kreise herum.) Juhe! bist mein Kind, und wannst auch noch a vertrakteres Glüftl anhättst — Eul. (sich setzend). Ich verliere meinen Schwindel gar nie mehr. . Faust in (zu ihr). Ich verficher Euer Gnaden — mit mir dreht sich auch schon Alles um und um. Seb. Aber sakerlot. was wär' denn das, Kinder, was verkriecht's eng denn, als wanns nit zu mir, nit zu der Familie g'höret's. Da schau her, Blast, das kernige Weiberl schau an — das ist mein Weib, a kreuzbraves wirthschaftliches Weiberl. Hochs. O — freut mich — werthe Bekanntschaft, ja, Du schriebst mir, daß Du zum zweiten Mal geheiratet hast. Seb. Freili — Gott sei Dank, wann i a schon a Fünfziger und a wengel drüber am Buckel Hab', mein Herz is noch alleweil jung und zu meiner Wirtschaft is a bravs Weib a wahrer Segen. Aber schlafferment, da is ja noch wer — (aus Llotilde deutend) Blast — Schwägerin wird eng denn nit ganz entrisch, das is die Tildi, enger Tochter — enger Kind. Hochs. Unsere Tochter! Faustin. Jekus, wie Habens denn die ang'legt.^ s (Clotilde, von diesem Empfang überrascht, bleibt erschrocken stehen.) Seb. Gelts — so frisch hätts engs nit denkt? — A wahrs Engerl, und gut — na schön wie gut! Eul. Aber dieß Kleid — dießCostum! Seb. A was — 's kost mir nit so viel — Eul. Ist denn Fasching, daß meine Tochter sn mu8yu6 kömmt? Seb. Ah beitrib! So geht's Jahr aus, Jahr ein. Hochs. Aber Bruder, wie kannst Du — Seb. Na, wie soll's denn geh'n? Ep- per wie (aufRegine zeigend) die da? haha ha — da wurden bei uns daham d' Küh rebellisch. Faust im Was liegt dran, wann die Kühe rebellisch werden? Besser doch, als wann hier die bauto-volst drüber rebellisch wird! Seb. Das ist unsere — d' echt östrei- chische Tracht! Blast, Blast! Nur nit so hochnaset — denk' nur, unser Vater war ja auch nur a — Hochs, (nur um ihn schnell zu unterbrechen, ihn mit gemachtem Entzücken umarmend). O Bruder, Bruder, Du hast mir eine Freude gemacht — Seb. Na, das Hab' ich ja ehender gewußt — na, Tilderl, gib dein Vater a Bußl. Elotilde (will Sebastian küssen). O mein, wie gern! Seb. (sie abwehrend). Ho ho! 's Dirndl wird damisch, weil's mi daham alleweil ihren Vätern nennt — nein, ich mein dein rechten Vätern! E lotilde (küßt schüchtern Hochseld). Verzeihen's, i bin irr worn. Seb. So — und jetzt d' Frau Mutter. Eul. (ihr vornehm die Hand hinhaltend). Schon aut. schon aut! Seb. Ja, schaut's, enger Vornehmig- keit hat meine Leut' ganz aus der Schanier bracht. Apel, was redst denn Du nit — Apoll. Ich trau mich nit. Seb Was gibst denn dein Schwager nit d' Hand — Apoll. Ich trau mich nit. Faustin. O Gott, die traut sich nichts — mit der werd ich anbandelu! Seb. (steht sich um). Aber verzeih mir, Bruder! (Zu den Andern.) Und Sie, meine Herren, verzeihens auch — in meiner ersten Freud Hab' ich gar nicht g'merkt, daß wir da d' ganze vornehme Gesellschaft g'stört hab'n — aber nit wahr, der Bruderlieb wird man das schon Nachsehen. Robert. Gewiß,Sie glauben gar nicht, lieber Herr, wie wohl in dieser Welt voll Masken und Larven der Anblick eines so wahren und ungeschminkten Gefühles thut. (Drückt ihm die Hand.) Seb. Ich versteh' das, was g'sagt haben, nicht so ganz, aber Sie sehen dabei recht brav aus. (Erwiedert lebhaft seinen Händedruck.) Hupfer (sich ihm sehr einschmeichelnd nähernd). Es ist ein ganz eigenthümliches Gefühl, den Mann persönlich kennen zu lernen, dessen Abbild (aus Regine blickend) man schon längst bewundert hat. Seb. Das versteh' ich schon gar nit. und, nehmen's mir's nicht übel, aber Sie schauen auch dabei nit so aufrichtig aus! Hochf. Wie lange denkst Du denn hier zu bleiben? Seb. Drei Tag — es kommen derweil meine Kalblwagen a no an! Hochf. Ah! Faust in. Jetzt kommt die Familie auch noch nach. Seb. Was schreist Du denn so auf? Hochf. 's hat mir so einen Stich in die Seite gegeben — 's ist schon vorbei — wo wirst Du denn wohnen? Seb. Na — bei Dir! Eul. Ah! Seb. Was ist's denn, Schwägerin? 10 Eul. Ich bekam auch einen Seitenstich — Seb. (ganz gleichgiltig). Hat's vielleicht eins vom andern g'erbt! (Zu Hochseld.) Ich Hab' beim Rößl d'rauß eing'stellt, aber das versteht sich, daß ich Dir den Schimpf nicht anthu, wo anderst z' logirn als bei Dir! Eul. Aber sehen Sie — Seb. Na, na, ich weiß schon was sich g'hört, wann i glei nur a Viehhändler bin — Hochs. Ah! Seb. Du, dein Seitenstechen wird alleweil ärger, sollst Dich doch a bißl in's Bett legen. — Aber jetzt, lieber Bruder, will ich mit meimr Apel a bißl in der Stadt umalaufen — das Weiberl hat Wien vo gar nicht g'sehen — und i selber — seit die zehn Jahr, als i nit da war, ist die ganze Kaiserstadt so verändert, als wann's ganz abbrunna und auf's Neuche aufbaut war — Hochs, (für sich). Gott sei Dank, er geht fort! (Laut.) Ja, ja, lieber Bruder, besteh Dir nur Alles — (Man hört von ferne, dann immer näher eine Militärmufik.) Apoll. O jegerl! was ist denn das für a Patabum — Hochs. Die Garnison kehrt von einer Parade zurück — (Hastig.) Willst Du sie nicht sehen? Drüben vom Eckzimmer aus — stehst Du gerade auf die Hauptstraße. Apoll. A ja. Sebastian, schaun wir's an, 's Militari! Hochs. Ich werde iudeß meinen Bedienten beauftragen, daß er dann Dich und deine Frau durch die Stadt begleitet. Faust in (empört). Ha! (Die Musik kommt immer näher.) Seb. Halloh! 's kommt schon her — gut, geh'n wir (nimmt Apollonia unter den Arm) und Du. Regerl, Du komm daher -- Hab' Dich ja schon lang nit bei mir g'habt — Regine (im höchsten Grade verlegen). Lieber Vater — Seb. Na, na, thu nur nicht so schichti — (saßt ihre Hand und zieht sie zu sich) so! —Allons, Hort s es? Tschindarada tschio- darada bumbumbum! Meiner Six. wann i so a Musik hör', könnt' i glei selber Soldat werden — aber na. na. i Halts mit'n Frieden, stich lieber meine Kalbln ab, ols daß i auf Menschen ziel, tanz lieber, als daß i marschir, und sitz lieber satt hinterm Ofen, als daß ich Hunger und frier! Gott g'seg'n mir den Frieden, die Freud' und mein O estreich! — Aber jetzt kommt's, sonst sehen wir nix mehr. (Indem er mit den beiden Frauenzimmern nach dem Tact der Militärmusik abmarschirt.) Tschineradabum- bum — tschineradabum! (Alle Drei ab.) (Pause allgemeiner Verlegenheit.) Hochs, (sich zuerst fassend und nach seiner Uhr sehend). Aber meine Herren — die Stunde—welche zum Beginne des Festes bestimmt ist — naht — dürfte ich — nicht bitten — sich in den Tanzsaal — oder wenigstens in die Nebengemächer desselben hinüber zu bemühen. Eul. (sich in Hupser einhängend). Ach — ich versichere Sie — ich fühle mich fast unwohl— (mit Hupfer ab). Robert (welcher fortwährend Llotilden mit wohlgefälligen Augen betrachtet hatte, tritt zu ihr). Darf ich so frei sein — (bietet ihr den Arm). Elotilde (verlegen). Ja — aber — Herr Vater! Hochs, (noch immer etwas verwirrt). Geh nur, mein Kind — geh nur! Robert (ihren Arm nehmend). Sie machen mich glücklich! (Ab mit Llotilden.) Glatt (nachdem alle Anderen fort sin)). Also — das-das war der Herr Bruder? Hochs, (unwillig). Ja doch — ja! Glatt. Wenn ich nicht irre ein Diehh— 11 Hochs. Je nun — er handelt nur in großen Transporten— er ist quafi Großhändler — Faustin. Ja, viehischer Großhändler! Hochs. Ist unermeßlich reich. Glatt. Ah — wird er vielleicht auch die Börse besuchen? Hochs. Möglich, möglich! Glatt. Ah, dann thut sein Stand gar nichts — vor dem Gesetz — im Grabe — und aus der Börse kennt man keinen Unterschied — der innere Gehalt entscheidet. — Adressiren Sie den Herrn Bruder, wenn er die Börse besuchen wollte, nur an mich — ich werde ihm mit gutem Rath zur Seite stehen. (Ab.) Fünfte Scene. Hochfeld, Faustin. Hochs. Schon gut — schon gut — (verzweifelt aus- und niedergehend). Es ist ein verdammter Zufall — gerade heute — gerade heute — wo bei mir so ein glänzendes Fest stattfindet, muß er kommen. — Er — der schwarze Fleck in der Sonne meines Stolzes! — Aber er darf auf dem Balle nicht erscheinen, er darf nicht — ich muß Alles aufbieten (klingelt) ja so — Du bist ohnehin da, tritt näher, lieber Faustin. Faustin. Na, ohne Ihnen zu nah zu treten, muß ich Ihnen sagen, gnädiger Herr, daß das das letzte Mal war, daß Sie mir geläutet haben — Hochs. Wie so? Faust in. Weil jetzt die ganze Welt weiß, wie viel es geschlagen hat, und da verbiet't mir mem xoiuts ä'tionusur länger in dem Dienst zu bleiben — Hochs. Faustin! Faustin. Seh'ns, gnädiger Herr, mir ist leid um Ihnen — Sie haben bisher den blutigen Fleck, der auf Ihrer Herkunft lastet, mit aller möglichen Noblesse bedeckt — aber das persönliche Erscheinen des Herrn Bruders hat dem Faß den Boden ausgeschlagen! Hochs. Es ist eine verzweifelte Geschichte. Du hast wohl Recht — Faustin (zutraulich). Gnädiger Herr, glauben Sie mir, ich fühle Ihre Leiden! Ich sehe, was Sie ausstehen. Hochs, (drückt ihm die Hand, mit einem Seufzer). O Faustin — Faustin. Aberdas werden Sie doch einsehen - daß ich mich nicht herablassen werde, ein — nehmens mir's nicht übel, aber 's ist's rechte Wort — einem Bauern zu bedienen? Hochs, (für sich). Wenn der aus meinen Diensten geht, so Plaudert er's noch mehr in der ganzen Stadt aus —ich muß ihn zu halten suchen. (Laut.) Aber steh nur, Faustin, das wird ja Alles anders werden — und gerade Dich habe ich als Mittel zu diesem Zwecke erwählt — Faustio. Mich? Hochs. Du hast Tact — Feinheit — mit einem Worte — Du bist ein nobler Kerl. Faustin. Dieses schöne Selbstbewußtsein habe ich — Hochs. Mein Bruder muß heute aus dem Wege geschafft werden — Faustin (erstarrt). Was? Hochs. Ich meine, er muß abgehalten werden, sich in unseren Zirkel zu drängen — Faustin. Ach so. ich habe schon ge- glaubt. Sie wollen mich behufs Brudermordes zu einem italienischen Banditen machen. Hochs. Warum nicht gar — mein Bruder will spazieren gehen — — die Stadt besichtigen — Du mußt ihn begleiten — Faustin. Was? Ich — hinter dem Bauernvolk hergehen? Ha. diese Zumu- thung! Auf Ehre — wenn das Duell nicht so streng verboten wäre, so würde ich Sie jetzt — (greift nach der Seite, aus welcher 12 derDkgev getragen wird, dann sich besinnend.) Ihr Glück, daß ich im Civil bin. Hochs. Hans Narr, Du sollst nicht hinter ihm gehen — neben ihm — als ob er deines gleichen wäre — Faustin (stolz). Ja. wenn er meines gleichen wäre! Aber er, er ist Viehhändler und wenn ich neben ihm gehe, wosür werden mich die Leute ansehen? Hochs. Wenn Dich Jemand sragt, kannstDu ihm ja sagen, er wäre ein Verwandter von Dir — Faustin. Aber ein sehr — sehr weitschichtiger. Hochs. Also Du siehst mit ihm, führst ihn recht weit bis spat Abends, zeigst ihm dann irgend ein neues Gasthauslocale — beredest ihn, hineinzugehen — Faustin, Na, in einWirthshaus wird er doch hineinzubringen sein, sonst müßt' er ja gar in der Cultur um einige Jahrhunderte zurück sein — Hochs. Dort läßt Du auftischen (gibt ihm Geld) spare kein Geld — sage, es geschähe auf meinen Wunsch — Kaustin. 6on. WM Hochs. Und steh, daß Du ibn ms 12 Uhr Nachts zurück hältst — diese Stunde ist die Ruhestunde auf meinem Ball — dann führst Du ihn und sein Weib auf der Hintertreppe in das kleine Gastzimmer und stehst zu, daß er schnell zu Bette komme — ermüdet von der Reise wird er bald einschlafen — die Tanzmusik von dem ohnehin etwas entlegenen Saale nicht hören — und so find wir für heute sicher vor jeder Störung. Faustin. Hm! Der Plan ist nicht übel — meinetwegen, ich bin dabei — aber morgen müssen Euer Gnaden schauen, daß er für immer fortkommt — entweder ich oder er— diese Alternative stell' ich — Hochs. Ja, ja. wir werden schon sehen — also ich verlasse mich ganz auf deine Klugheit — ich muß nun hinüber — es könnten neue Gäste gekommen sein, die ich empfangen muß. (Beide ab.) Sechste Scene. (Prächtig decorirter Tanzsaal. Eandelaber in den Ecken, reiche Luster mit vielen Lichtern — seitwärts eine Tribüne für das Orchester. Dienerschaft ist eben noch mit dem Arrangement beschäftigt.) Eulalia an Hupfers Arm, Clotilde an Roberts Arm (kommen herein). Clotilde. Gott, aber dö Pracht i waß mi zwar no recht gut aus meiner Kindheit z' erinnern, 's war alleweil nobel in mein Vätern sein Haus — aber so prächti — Eul. (sich nach ihr umsehend). Aber Kind, Kind, was für einen horriblen Dialog sprichst Du — diese Gemeinheit! Hast Du denn während deines unheilvollen Landlebens ganz den Ton vergessen, der in unserem Hause herrscht — Clotilde. Liebe Mutter — Eul. (entrüstet). Mutter, Mutter! was das wieder für ein Wort ist! — Bauern haben Mütter — wir in der noblen Welt haben eine Mama und Papa s. Clotilde (sich mühsam zum Hochdeutschen zwingend). Liebe Mama — ich werde mich schon zusammennehmen und Acht haben, daß i mi nit vergiß — Eul. So laß ich mir's gefallen — und dann — in dieser Tracht darfst Du nicht bleiben — Reginens Kammermädchen soä Dir einige von deren Kleidern geben — sie werdenDir schon passen — kleide Dich schnell um — ich muß jetzt ins Empfangzimmer — bis ich zurückkomme — will ich Dich ganz metamorphofirt sehen. (Ab mit Hlchfer.) 13 Siebente Scene. Robert, Clotilde. Clotilde. Ach Gott! Bis ich mich wieder in all' das vornehme Wesen hineinfinden werde. Robert. Aber Sie freuen sich doch wohl auf den neuen Putz, womit Sie sich nun schmücken werden? Clotilde. O Gott, i wollt, 's paffet ma gar kans von die vornehmen Klader! (Sich bemeisternd.) Verzeihen Sie, Herr v. Wellenschlag. Robert. Wie? Sie ziehen also diese Kleidung vor — Clottlde. Ja, schaun's — Sie mögen mich auslachen, aber das städtische Wesen ist mir seit den 10 Jahren, die ich bei meinem lieben Detter so glücklich zubrachte, ganz fremd geworden. Es geht mir mit den Kleidern wie mit der Sprache (wieder österreichisch) ich werd' mich nicht -recht finden können, mir geht halt gar nichts über's echte Oberöstreichsche, 's hat halt an ganz andern Klang — Robert. Sie haben Recht—es spricht so zum Herzen. Clotilde. Aber Sie reden ja selbst so hochdeutsch, so rein — Robert. Je nun, hier in unfern Zirkeln muß ich wohl — aber ich habe bisher jeden Sommer in den Gebirgsgegenden Oberösterreichs zugebracht auf Gütern von Bekannten — und ich fühle mich nir- ends so heimisch, als dort — die liebe erzige österreichische Sprache thut mir so wohl — Clotilde. Was, da könnt ich ja nachher mit Ihnen ganz ungenirt reden? Robert. O ich bitte Sie, thun Sie das, Sie glauben nicht, wie lieb mir diese Sprache gerade aus Ihrem Munde klingt — Clotilde. So ist's recht. (Lachend.) Und i Hab' mir grad' so viel Zwang an- than, weil i g'furchten Hab', daß Sie m auslacheten.— Schaun's, jetzt ist mir mi einmal wieder so wohl — wann i hocht deutsch reden soll, ist's mir alleweil, al- wann mich der Schuh drucket. — Vernein Detter im Oberlandl, da Hab ichi reden und thun können, was i g'wollt Hab — und drum bin i a dort so g'sund worn und so frisch. — In aller Früh bin i nauf auf n Berg — oh, 's ist a schöne Gegend durt! Wie da d'Lauber tröpfelt hab'n und der Thau blitzt hat und der Tanawald so frisch und kräfti g'schmeckt hat — da Hab i a Lieblingsplatzl g'habt, wo i d'Sunn gar oft Hab aufgeh'n g'sehn. Unter mir d'Donau, die nach Wien aba- grunnen ist — o Herr, schaun's, wie i weit davon weg war, Hab i mei Vaterstadt no viel lieber g'habt als jetzt, wo ich mitten drinat bin — da Hab i in die Gegend g'schaut, wo's liegt, und Hab an meine Eltern denkt und an Alle, die i dort lieb Hab und Hab für sie bet't — o Herr, Herr! Man kann in keiner Kirchen so ftumm beten, als dort auf'n Berg, so nah dem blauen Himmel und mitten unter die grean Tannabam! Robert (hingerissen ihre Hand fassend). Glückliche Einfalt! Sie würden also ein Leben in ländlicher Zurückgezogenheit dem Glanze der Stadtwelt vorziehen? Clotilde. O gewiß! Gott behüt mi vor dem Unglück, a vornehme gnädige Frau wern -'müssen, wann i anmal Heirat, denn (seufzend) heiraten muß i doch — und — (wieder seufzend) o mein, ein'n Herrn aus der Stadt — hat der Vetter g'sagt — Robert. Und die Stadtherrn sind Ihnen also so zuwider — Clotilde (verlegen). Na — schauns — das heißt — (für sich, Robert von der Seite ansehend) der da war vielleicht noch der einzige — Robert (ihre Hand fassend). Also — 14 einen Stadtherru könnten Sie durchaus nicht lieben? Clotilde (will sich sanft losmachen). Na — ich mein — ich mein (fast unwillig) wann auch i ein' recht gut sein könnt' — die Stadtherrn wissen ja gar nicht, was recht gut sein ist — hab's ja schon g'sehn. (Nachahmend.) Mein Fräulein, meine Göttin — ich bete Sie an — Sie allein — ewig!—Und 's ist ka Wort davon wahr! Da machen's es droben am Land ganz anderst. wann a Bua sagt: O mei Dearndl, ich bin Dir so gut — so gut, i kann nit sein ohne Dir — da liegt mehr Lieb drin, als wann so a Stadtherr sich d' Gurgel wund redt! Robert (sie sanft an sich ziehend). Laß sehen, ob ich's nicht auch treffe. (In österreichischer Mundart.) Mei Dearndl! was willst denn, was hältst denn no gern — Z steig auffi zum Himmel und hol Dir an Stern! Clotilde (freudig zurücktretend und die Hände zusammenschlagend). O mei, o mei! Sie — Sie reden mei Sprach und so lieb — so lieb — und schaun so aufrichtig drein — o — ich bitt Ihnen — reden's noch einmal so — reden's nur no a klans Bissel so. Robert. Aber was ich jetzt sage, ist wahr — wahr — ich schwöre es Ihnen! Aber — Sie müssen mir auch wahr darauf antworten. Clotilde. Ja, ja. reden's nur — Robert. Mein Herz und mein Hand und a aruod- ficher's Haus, Das Alles sollst haben — sag mei Dirn! schlägst es aus? Clotilde (sich vergessend, preßt beide Hände ans Herz und sagt beinahe weinend). Dein Herz und dei Lieb — nachher red nichts vom Haus Und wannst ganz allan stundst, i schlag di nit aus! (Fällt ihm au die Brust.) Robert (plötzlich aushorcheud). Horch — es kommt Jemand — Clotilde (sich schnell losmachend). A dös is recht fatal— Robert. Ich werde während des Balles in Ihrer Nähe bleiben. (Beide stehen etwas verlegen.) Achte Scene. Vorige. Regine. Regine (Clotilden fixirend). Wie, Cousine, Du bist noch hier? Die Kammerjungfer hat Dir zwei von meinen Kleidern zurecht gemacht — Du hast die Wahl — Clotilde (leise zu Robert). O weh! grad jetzt, wo ich mich so lebhaft an mein' Wald erinnert Hab. jetzt ist mir das G'flanz no z'wid'rer! Regine (es bemerkend). Was soll das? — Du hast gehört — es ist höchste Zeit Dich umzuzieh'u. Clotilde (leise zu Robert). Da muß ich wohl gehen — Robert. O noch einen Augenblick — Regine (eifersüchtig). Sehr schön, Herr von Wellenschlag — mich würdigten Sie noch keines Grußes! (Man hört hinter der Coulisse laut sprechen.) Robert. Was ist das? Neunte Scene. Vorige. Faustin, Sebastian, Apollonia. Faust in (der den durch die Seitenthüre Kommenden den Eintritt verweigern will). Aber der gnädige Herr hat gesagt — Seb. (ihn kräftig seitwärts schiebend). Und i sag Dir, geh mir aus'n Weg, wannst » 15 nit morgen mit an brochenen Vorderläu- fel im Thierspital liegen willst — Robert. Aber was ist 's denn? Seb. Na — i und mei Weib, wir hab'n no spaziern geh n wollen und da hat mein Bruder mir den Kerl da mitgeben — na i Hab mir das g'fallen taffen, wie wir aber auf d' Straßen kummen, da war's a schon a wenig dum- per und die vielen Leut' und die Wag'n und das G'raßl hab'n mei Alte ganz damisch g'macht, also sein wir wieder umkehrt und jetzt will der Kerl da durchaus, daß wir gleich schlafen geh n sollen — als ob den Lümmel das was anging, ich will mein Brüdern aufsuchen, und der Lass will mi nit zu ihm lassen — na wart (ihm mit der Faust drohend). Du sollst heut 's letzte Mal in dem Dienst sein — ich gib Dir mein Wort d'rauf. Regine (für sich). Mein Himmel, wie fatal! Ich muß nur gleich den Onkel avi- firen. (Mt ab.) Faustin. Also der Herr geht nicht fort von da? Seb. Nein — ich wart da. bis mein Bruder kommt — Faustin. Gut. gewarnt Hab ich den Herrn, jetzt such ich meinen Herrn auf und nachher wird der Herr gleich sehen, was für a G'stanz mein Herr mit'n Herrn macht. (Im Abgehen *ür sich.) Wann der auf'n Ball bleibet, das war' a furchtbare Plantage. (Ad.) Seb. (sich rings umsehend). Ah — da g fallt's mir no besser als in die andern Zimmer — Apel! Da schau Dich — die Lichter — grad als wie bei uns. wann wir den Weihnachtsbaum anzünden! Zehnte Scene. Vorige. EinCapellmeister (mit seinem Orchesterpersonale kommt). Seb. Was ist das? Musik wird do a gemacht? (Steht aus und geht aus denkapell- meister los.) Sie, Freund, Sie sein do wohl der Vorgeiger? Capellm. Ja, ich bin der Kapellmeister, welchen Herr von Hochfeld zu dem heutigen Balle bestellt hat — Seb. Was? — Ball — Tanz? — Und da hat mi der Schlingel nit herein lassen wollen? Robert'. Herr von Hochseld wird gedacht haben, daß Sie zu ermüdet seien von der Reise. Seb. Ach was, müd! Wann ein echter Oestreicher no so müd ist und er hört a Fidel, so geht's ihm in d'Füß und er muß tanzen—Sie — Herr Vorgeiger, sagen's mir. was werden's denn auffpielen? Capellm. Was befohlen wird: Quadrillen, Cotillons, Polka. Seb. Das G'frast kenn ich All's nit, aber sagen's mir, wann's ein ordentlicher Musiker sein, so müssen's ja ein echten Oestreicher Landler ah kennen? Capellm. Jawohl — Seb. Ja. ja? Sie? da spielen's mir ein auf — aber ein recht säubern — Capell. Ja — ich weiß nicht — ob ich — Seb. Ob's dürfen? — Ja. wann ich's sag', schon; ich bin der Bruder vom Hausherrn und auf ein paar Thaler kommt's mir a nit an. (Wirst den Mufitern, welche bereits auf der Tribüne Platz genommen haben. Geld zu.) Allons, aufg'mischt! (Der Kapellmeister steigt hinaus.) Capellm. Auf Ihre Verantwortung. (Gibt das Zeichen, es beginnt ein Ländler.) Seb..(tritt bei dem ersten Theile nur mit den Füßen den Tact, wird ober ganz hingerissen und beginnt zu singen). Lied mit Tanz. Vier Darm und zwei Bredl'n Das z'samm macht a Geig'n Und do kann am ihr Ton So ins Herz einisteig'n. 16 Bei mein' Vätern is lusti. Da aeht's umadum. Da hupfen die Mäus In der Tischlad herum. Eilfte Scene. Vorige. (Eine Menge Gäste- eilen herbei und bleiben verwundert stehen. Sebastian läßt sich im Tanze nicht stören, Plötzlich theilt sich die Menge und Hochfeld, Eulalia, Regine, Hupfer, Graf von Flam- bourg und Herr von Wellenschlag kommen in den Saal.) Seb. (schwingt eben sein Weib im Tanze). Zuhe! Juhe! Graf v.Flambourg. tzuell'llorrsur! (Entfernt sich.) H ochf. (finkt im Hintergründe auf einen Vivan). Das ist mein Ende! Eulalia (eben so). Ich werde ohnmächtig! (Während der Tanz noch fortwährt, fällt der Vorhang.) Zweiter Äct. (Garten bei Hochseld's Haus, links Gebüsch , rechts ein Baum, darunter Tische undStühle. ) Erste Scene. Hochfeld, Eulalia, Clotilde (bereits in städtischer Tracht, jedoch einfach gekleidet, fitzen beim Frühstück, Faustin servirt). Hochf. Ich versichere Euch, ich fühle mich beinahe unwohl, der Auftritt gestern auf dem Balle — Eul. Gott sei Dank, daß es noch so ablief — Faustin. Das haben Euer Gnaden rein nur mir zu danken, ich Hab die sämmtliche Dienerschaft bewogen. Dero Herrn Bruder mitten unter sein Tanz zu fasten und ihn zurück auf sein Zimmer zu bringen, dort habe ich ihm mit aller mir zu Gebote stehenden Eloquenz begreiflich gemacht, daß er einen Rausch hätte — Hochf. (lacht). Der Einfall war wirklich so übel nicht — hahaha! Faustiv. Und er -- er hat's wirklich z'letzt glaubt, und ist schlafen gangen — Hochf. Der Ball fand dann wohl seinen Fortgang, aber der Herr Graf war doch augenblicklich ob dieser gemeinen Scene entflohen — Eul. tzuell äouutzur! rief er aus — und fort war er — Hochf. O es ist doch für einen Mann von meinen seutiments ein wahres Unglück, einen solchen Plebejer zum Bruder zu haben! Clotilde. Aber der arme Vetter, er hat's ja nicht so bös gemeint — Hochf. Gemeint — gemeint! So ein Tölpel meiut's immer gut, und verdirbt dabei mehr, als ein Gebildeter mit der übelsten Meinung vermöchte. Eul. Aber wo ist denn Regine? Faustin. Sie hat gesagt, sie kommt nicht zum Frühstück, 's ist ihr nicht recht übel — Hochf. Aha! (Zu Eulalia.) Merkst Du — die Geschichte mit Robert — Eul. Ja, sie glaubte Eindruck auf ihn gemacht zu haben, aber er hat sich nie gegen sie erklärt, und nun, da er gestern Abends Clotilden so merkwürdig auszeichnete — Hochs. Es ist ja ganz begreiflich, Robert von Wellenschlag ist doch ein Mann von Bildung — schon der Anblick ihres Vaters hätte jede Neigung, wenn er je eine solche gesuhlt hätte, ersticken müssen — und da er sich nun förmlich für unsere Tochter erklärte, so ist's mir um so lieber — Eul. (zu klotilde). Vergiß aber nie, ma Mo, daß Du, wenn die Partie zu Stande kömmt, dieselbe nicht sowohl Dir. als dem hohen Stande deiner Ettern ver- dankst — Clotilde (für sich). O je, ich weiß schon besser, wem ich's verdank'! (Blickt in die Scene, freudig.) Aber -- o Du mein Gott! Da kommt er — da kommt er — (Will ausspringen und ihm entgegeneilen.) Eul. (hält sie zurück). Aber Kind. Kind! Benimm Dich nicht so gemein — wer wird denn einem Manne — und wär's auch ein Geliebter, entgegenlaufen? (Seufzend. ) Der Bauernschwager hat die ganze Deducation des Mädchens vernachlässigt — Clotilde. Aber mein Himmel, ist denn das auch gemein, wann man ein' Menschen, den man noch dazu heiraten soll, zeigt, wie lieb als man ihn hat — Eul. Sehr gemein, sogar eine Frau, wenn sie Bildung besitzt, zeigt ihrem Manne nie, daß sie ihn liebt! Faustin. Eher einem andern. (Ab.) Zweite Scene. Vorige. Robert (kommt eilig). Robert. Herzlichen guten Morgen, meine theuren Schwiegereltern — guten Morgen, mein liebes, liebes Tildchen! Clotilde. Guten Morgen, lieber Robert! Eul. Wollen Sie nicht Platz nehmen? Eine Tasse Thee vielleicht — Robert. Ich danke — ich kann in meiner jetzigen Stimmung nichts genießen — ich bin zwar noch nüchtern und doch trunken — trunken vor Freude! Hochs, (ausstehend). Freude? — Haben Sie mit Ihrem Vater bereits gesprochen? Robert. Bereits gesprochen und — Wiener Theater Repertoir Nr. 261 . Clotilde (gespannt). Und? Robert. Bereits Alles in Ordnung gebracht — Clotilde (freudig aufspringend). O mein Gott, das ist g'scheit. Eul. (verweisend). Aber Kind! Robert. Und wem, wem glauben Sie, daß ich eigentlich mein Glück zu danken habe? Hochs. Nun — Robert. Ihrem Bruder — Hochs. Meinem Bruder —wie ist das möglich? Robert. Nun sehen Sie. mein Vater besuchte eigentlich gestern Ihren Ball in der Absicht, daselbst die Bekanntschaft des Grafen zu machen und dann bei guter Gelegenheit ihn dazu zu stimmen, mich für eine eben vacante Stelle in seinem Bureau aufzunehmen — hätte der Graf dieß zugesagt, so hätte ich sie wohl annehmen muffen und daß ich gleich beim Beginne einer bureaukratischen Carriere nicht an eine Heirat hätte denken können, ver- ^ steht sich von selbst — durch den tragikomischen Auftritt mit Ihrem Bruder wurde der Graf veranlaßt, den Ball zu verlassen und somit mein Vater verhindert, mit ihm zu sprechen; als er heute Morgens ihn auf seinem Bureau besuchte, hatte er wenige Augenblicke vorher die Stelle zu meinem Glucke einem anderen Competcnten zugesagt — und ich — dem Himmel sei Dank! bin nun wieder frei. Hochf. Aber welchen Plan haben Sie denn nun für Ihre Zukunft entworfen? Robert. O den schönsten, herrlichsten! Ich bot alle meine Beredsamkeit auf, meinen Vater dahin zu stimmen, daß er mich meinem Lieblingsberufe, der Oeconomie, folgen lasse und es gelang mir, er will mir eines seiner Güter zur Verwaltung überlaffen — dorthin will ich nun mit meinem lieben Bräutchen ziehen — Clotilde. Was — was — wieder aufs Land? Robert. Ja — an die Grenze Steier- 2 18 marks — es ist ein Gut, reich an fruchtbaren Feldern, duftenden Wiesen, wildreichen Bergen — dort bin ich einem Könige gleich und Du — mein herziges Mädchen, sollst meine Königin sein! Clotilde (von ihrer Freude hingerissen). Jetzt mag fich's schicken oder nit, mag's vornehm sein oder gemein, jetzt muß ich ihm um den Hals fliegen! (Umarmt ihn.) Robert. Doch noch Eins — bei Gott, es thut mir leid, daß ich diesen Punkt berühren muß, allein Sie kennen meinen Vater, von jeher war es sein fester, unumstößlicher Wille, daß ich nur ein Mädchen von — wie er sich ausdrückt — von Familie heirate — es ist nun so eine Schwäche von ihm — Hochs, (sehr ernst). Schwäche? O nein, mein junger Freund — nennen Sie das nicht Schwäche — es ist edler Stolz auf sein Blut — o ich bin auch dessen fähig - Robert. Nun ist aber Ihr Herr Bruder — Hochs. Er gilt in den Augen Ihres Herrn Vaters nicht als mein Bruder, nach der scandaläsen Scene gestern auf dem Balle beschwichtigte ich Ihren mit Recht empörten Vater damit, daß ich sagte, er und seine Braut wären nur Pächtersleute, welche meine Tochter zu mir herbegleitet. Robert. Ich mußte dieser Rothlügr beipflichten, aber eben deßhalb wird es nothwendig, alle Sorge zu tragen, daß, wenn mein Vater Ihr Haus besticht, Ihr Bruder ihm nicht begegne — Hochs. O, verlassen Sie sich auf wich —ich habe heute mit meinem Bruder noch nicht gesprochen, wenn ich aber mit ihm spreche, so soll es auf eine Art geschehen, daß ihm überhaupt die Lust vergehen soll, länger in meinem Hause zu wohnen — Clotilde. O der arme Vetter — und Sie, Robert — Sie bestehen auch drauf? — Robert. Liebes Kind, es wird mir leider zur Nothwendigkeit, wenn ich anders Dich als meine Braut hennführen soll, find wir aber nur erst Mann und Frau, dann sollst Du sehen, daß ich gewiß fern von jedem Stolze bin, dann soll er recht oft zu uns und wir eben so oft zu ihm kommen — Hochs. Doch nun, lieber Herr Schwiegersohn, haben wir noch Manches reiflich zu besprechen, ich ersuche Sie, mir auf mein Bureau zu folgen — Robert. Mit Vergnügen. Clotilde (heimlich zuRober t). Schauu's, daß 's bald runter stimmen, ich wart dort in der Kastanieuallee — (Robert drückt ihr die Hand und winkt ihr bejahend zu. bietet dann Eulalien den Arm und geht mit ihr und Hochfeld ab.) Dritte Scene. Cl.otilde (allein, bleibt sinnend stehen). 's ist doch sonderbar, daß bei jedem Glück, was man auf der Welt genießt, überall a Wermuthstropfen sein muß, der*s am trübt—ich wär' jetzt so froh — so unendli glückli — aber was meine Eltern mit dem guten Detter haben, das schmerzt mi bis in d' Seel hinein. (Will ab.) Vierte Scene. Clotilde, Sebastian. Seb. (tritt ihr, ein hölzernes Pfeifchen im Munde, entgegen). Halloh! meiDearndl is da? Clotilde. Ach Vetter, lieber Vetter! (Sinkt ihm um den Hals.) Seb. Na, na. was hast denn - - Du zitterst ja völli und (wendet ihr den Kopf in die Höhe) was Donnerwetter! d' Au- gerln sein a naß — und Du thust lachen dabei — Regen und Sonnenschein, lachen und weinen in ein Sack — was Ast denn? — Clotilde. Glück, viel Glück, lieber Detter! — oh — so viel Glück, daß i kaum reden kann — Vetter — i — ich — oh — 's Herz kunnl mir z'springen! Seb. 's Herz — was, Ist dein Herz a schon aufg'rjegett — hahaha — Dildl! 's ist doch nit auf d' letzt gar schon— ein' Amonr? Ci otilde (nickt mit dem Kopse). Seb. Doschon — Sackerlot! dös iS g'schwind gangen — und wer denn — Clotilde. O — so a guter Mensch! Seb. So? Clotilde. A wahrer Engel — Seb. Versteht sich! Clotilde. G'scheit und das Herz um rechten Weck — o, a wahr's Muster. Seb. (lachend). Natürli, natürln Clotilde. Er hat Ihnen selber g spll'n — Geb. (aufmerksam). Mir? — Wer wflr denn das? C kotilde. Der Herr, der Ihnen glei, wie s kommen sein, zuerst d' Hand druckt hat, wo Sie selber g'sagt haben, daß er so brav ansschaut — Geb. (heftig). Was? Do uitderMusje Robert? Clotilde. Za, ja, der ist's — Seb. Der? (Zornig sich abwendend.) Na, so schlag's Donnerwetter drein — Hai mir doch gestern schon mei Regert a g'standen, daß in den Mann geschossen ist — o mei arm's Regerl! (Laut.) Und Du weißt akso g'wiß, daß er Dich lieb hat? Clotilde. Versteht sich — er hat ja schon um mich ang'halten und die Ellern hab'n a ja g'sagt — Seb. (für sich). O mei arme Regerl! (Laut, gezwungen.) Na, mi freut's, mi freut*-. (Kür sich.) Mei arm'S Dearudl Clotilde. Aber jetzt,Detter, sein's m' Harb — aber — i kann nit dableiben, ich Hab' ihm versprochen, in der Allee dort z'warten — na, und i kann ihn doch nicht umsonst passen kaffen, nit wahr? Seb. (zerstreut). Na, na, geh nur — geh nur — Clotilde. KHüt Gott, lieber Vetter! (Läuft fort.) " Fünfte Scene. Sebastian (allein). Mei arms Dirndl, wann die das erfahrt, da Muß ihr's Herz weh thun und wann ams's Herz weh thut, is ma Alles im Stand. Lied. 's Herz is a g'spaßias Ding, Oft gar so schwär, oft gring, Ost is so mäuserlstill, Oft hämmert'- wie a Mühl — Oft thut's am wohl, oft wieder schmerzen, Drum glaub' i in mein' Sinn, 's fitzt was Lebendig'- drin Ganz tief nn Herzen. 's kann sogar dischküriern, Mt an a dischbadieru, I Hans oft gar nit g'ftagt Und 's hat mir do was g'sagt. Das thut am kruselu so und schlagen, 's seist kam Wörter zwar, s redt aber deutli klar, 's thut am Alles sagen Und nur durch's Schlagen. Zellt Mancher sagt: O mein! Wie kann das mögki sein? Der plauscht sich selber an, A bissel g'spürt er's schon, Er mag sich d' Wahrheit selbst nit sagen, Do hilst-s nit g'schamig sein, 'tlDer droben schaut hinein, Dös thut dös Schlagen An Jeden sagen. 20 'k gibt Viel, dös gar nit hör*n, Wann d' Schläg rebellisch wer«, Bei dö is Herz ganz, weg, Zs nit am rechten Fleck. Und erst ganz spat in alten Tagen Da g'spürn ste's zentoerschwar Was früher war ganz laar — In alten Tagen Thut's weh dös Schlagen. Woher dös Schlagen kümmt, Das waß ma halt nit b stimmt, I man und bild' mir ein, 's wird unser Schutzgeist sein, Der thut mit seinen Flügerln schlagen. Und wann ma genga drauf, Tragt er die Seel hinauf, Thut für an Jeden Da drobnet reden. Regine (kommt). Guten Morgen, lieber Vater! Seb. Zch bitt' Dich — red' jetzt französisch mit mir, so wird's mir leichter, Dir z'sag'n, was i Dir sagen muß — Regine. Oomment, Papa? Seb. So ist's recht, der Papa kann reden, wann dem Vater 's Herz zerspringen möcht' — Du — Regerl — nimm di z'samm — faß Di — derschrick nicht — Regine. Nun? Seb. Schau, Ehen werden im Himmel geschloffen und der liebe Himmel will halt einmal nit, daß Du den Mosje Robert kriegst — er — na — daß i Dir 's nur grad raus sag' — er Heirat ein' And re— Regine (kaum merkbar ergriffen). So? Seb. Die Tildi Heirat er — dei Mahm — so — jetzt maßt es — jetzt heul' Di aus — man a bissel, das macht 's Herz leichter und wann Dir aG'fallen g'schieht, wan i mit Dir? Regiue (ganz kalt). Warum nicht gar! Weinen um einen Manu? Seb. (sieht sie erstaunt an). Was? Regine (höhnisch). Ueber den Verlust wird man sich auch noch trösten können, hahahaha! Seb. (ganz verblüfft). Du lachst? — Na — ist mir a recht — 's Madel hat a starke Natur — stärker als die Dirndl bei uns in die Berg dräust — wann da einer so was pasßrt, das is a Wanerei und a Zahnerei. Regine. Weil es Bäuerinnen find, Dirnen, welche einen solchen Verlust nicht zu ersetzen wissen. Wenn man aber, wie ich, nur eines Blickes bedarf, um zehn Anbeter zu seinen Füßen liegen zu sehen — Seb. Was — Du, ich bitt' Dich, geh vorsichtig um mit deine Blicke, sonst bist auf d' Letzt in Gefahr, mit jedem Schritt, den Du thust, a paar Anbeter zu zertreten. Regine (blickt in die Scene, für sich). Da kommt Hupfer! — Es ist beschlossen, ich muß noch eher Frau werden, als meine Base, ich muß - jetzt fordert es meine Ehre! (Wendkt sich rasch zu ihrem Bater.) Lieber Pater, darf ich Sie bitten, mich nur auf eine Viertelstunde hier allein zu lassen — Seb. Za, was willst denn? Regine. Zch bitte Sie darum — nach dieser Viertelstunde werde ich an der Hand meines Bräutigams Sie um Ihren väterlichen Segen bitten — Seb. Was — in einer Viertelstunde? — Za, Du thust ja grad, als ob sich die Bräutigams nur so g'schwind ausbachen ließen wie d' Spritzkrapfen. Regine (dringend). Zch bitte Sie, Vater, wenn Ihnen an meiner Ehre, an meinem Lebensglücke gelegen ist, lassen Sie mich jetzt allein. Seb. Na, meinetwegen, ich gehe — (für sich) aber zuschauen muß ich doch, ich Hab mei Lebtag nicht g'sehen. wie in der Stadt a Bräutigam g'macht wird. — (Geht ab, wird aber während der folgenden Scene oft im Gebüsche lauschend gesehen.) Regine (allein). Ja — es ist beschlos- 21 sen — sie soll den Triumph nicht haben — und mein Herz? — Hm! Es find altväterische Rechte, die sich das Herz an- maßt — fortan soll mich nur die Klugheit bestimmen. (Sie setzt sich in die Laube, nimmt ein Buch vom Tische und stellt sich in dasselbe vertieft.) Sechste Scene. Vorige. Hupfer. Hupfer (kommt trillernd, erblickt Regi- neu und bleibt stehen). Ha — sie hier — eine stolze Diana! (Tritt näher und räuspert sich.) Reg ine (wie überrascht ausblickend). Ha — Sie — Hupfer (zärtlich). Zürnt Diana dem sie überraschenden Actäon? Reg ine (lächelnd). Wenn ich auch zürnte — so würde ich Ihnen doch nicht Actäons Schicksal bereiten, lieber Hupfer. Hupfer. Wie— was? (Sieht fichum.) Reden Sie mit mir? Regine. Mit wem sonst? (Sieht ihn freundlich an.) Hupfer. O mein Himmel — und diese Augen — diese Blicke — oh — oh — es find Sonnenstrahlen, die den Gletscher. meines- Herzens zur Dachtraufe machen und dieser so lieblich— so minnig verzogene Mund — diese Lippen, Kuß entgegen schwellend — Regine (mit Koketterie). Warum nicht gar, wenn man den jungen Herren nur einen freundlichen Blick weist, so wollen sie gleich Gott weiß was vermutheu — (Apollonia tritt auf und geht zu Sebastian, der ihr winkt, in s Gebüsch. Hupfer. Aber mein Himmel — ich bin solche Blicke von Ihnen gar nicht gewöhnt — Sie haben mich sonst immer so spöttisch — so gewiß — wegwerferisch angesehen — Reg ine (seufzt). Hupfer. Ach Gott — und ein Seufzer auch! Regine, Fräulein Regiue — sollte dieser Seufzer mir gewidmet sein? Reg ine. O ich bitte, lasten Sie mich — lasten Sie mich — seien Sie nicht so ungestüm — Hupfer. War ich denn ungestüm? (Tritt näher und faßt ihre Hand.) Regine (erschreckt, als ob sie ihre Hand losmachen wollte). O mein Himmel — was thun Sie—lassen Sie meine Hand— Hupfer (läßt die Hand los). Wenn Sie befehlen — (Für sich.) Ich weiß gar nicht, wie mir geschieht! Regine (für sich). Der ist doch gar zu blöde! (Erhebt sich vom Sitze.) Hupfer. Was, Sie wollen fort — Regiue! Regine (seufzend). Ich muß! Ach — Hupfer. Schon wieder ein Seufzer — Regine! O ich beschwöre Sie, bleiben Sie — nur noch einen einzigen Seufzer — es kommt mir vor, als seufzen Sie mir zu Ehren, und wenn das wäre — o Gott! Regiue. O, so seid Ihr Männer, mit kaltem Stolze triumphirt Ihr, wenn ein weibliches Herz zu schwach zur Verstellung ist — Hupfer (für sich). Ich kenne mich gar nicht aus — und doch scheint mir— aber jetzt gilt's — ich probir's (sieht sich um) allein find wir — Ooia^io, Lajarrio! — (Wirst sich plötzlich vor ihr auf die Knie.) Regme! Regiue (zärtlich sich zu ihm herabbeugend). Was thun Sie — stehen Sie auf — Hupfer, lieber Hupfer! Hupfer (springt wie elektrisirt in die Höhe). Lie — lieber — lieber Hupfer — Regine (sich ubwendend). Was Hab' ich gethan! Hupfer. Was Sie gethan haben? Einen Menschen auf den Himalaya des 22 Glücks hioaufgezogen — o Regjne! Re- gioe! (Umarmt sie trotz ihres sanften Widerstreben-.) Ich finde in diesem Augenblick in allen Lexicoveo der Welt nur eia Wort: ErvA! Ewig! Regine. Za, wer solchen Worten trauen wollte — Hupfer (hitzig). Wenn Sie mir nicht trauen wollen — so laßen Sie sich mit mir trauen — einen bessern Beweis meiner Ewigkeit kann ich Ihnen nicht geben — Regine. Wie, Sie wollten — Hupfer. Wenn nur Ae wollen — o Regine — Regiue (sieht ihn lange bewegt und schmachtend an, drückt ihm dann beide Hände um» spricht, anscheinend verschämt). Sprechen Sie — mit meinem Vater! Hupfer. O Seligkeit! O Wonne — Du bist mein — Regine (ihn umarmend). Dein! Hupfer. Mit Ihrem Vater soll ich sprechen, ich eile auf den Flügeln der Äkbe zu ihm — fe! ohne Sorgen, meine Holde, mit deinem Vater werde ich bald stetig werden — Seb. (tritt, eben als sich Hupfer zumAb- gehen wendet, mit Apollonia aus dem Gebüsche hervor, mit Eiseskälte). Za, Sie haben Recht, mein lieber Herr, wir werden bald stkt^ sein! Regine und Hupfer. Ha — da ist er ja — Seb. Za, da ist er, der unglückselige Vater — Hupfer. Unglückselig? Regine (will sich an ihn schmiegen). Wie, mein Vater? Seb. (sie fast heftig von sich stoßend). O ich bitt' Dich — jetzt — nur jetzt red' in einer fremden Sprache zu mir — denn die ehrliche deutsche Sprache ist zu gut, als daß mau s zu soühen erbärmlichen Verstellungen braucht. (Blickt sie mit gefalteten Händen verzweifelnd an.) — Regerl, — Regerl!-was ist aus Dir worden — Hupfer. Was aus ihr geworden? — Meine Braut! Seb. Dem Teufel sei Großmutter kann Ana Braut sein — die nicht — die in Ewigkeit nicht, das schwör' uh Ihnen! Das muß ich an Dir erleben — aber ich bin selber Schuld, i Hab Di so lang aus'u Augen lassen, Hab Di Herreisen lassen in d' Stadt, damit Du, wie i denkt Hab, was Rechtes lernen sollst — ja. Du hast was Rechtes a'lernt, das fiech i; weil Dich der Musje Robert, in den Du verliebt bist, nit mag, willst ihm zum Trutz dennoch a Frau wem und bist so ehrvergessen, daß Du mit lügnerischen Kunststückeln nach an Mann angelst, über den Du gestern noch geschimpft hcfit, von dem Du sagst : er ist ein eingebildeter Geck, a bomirter Mensch — a fader Ding. Apoll. Ja, das hast g'sagt, i hab's a gehört. Hupfer (wie aus den Wolken gefallen mit einem Schassgefichte). Wa — as? Reg ine (will fort). Seb. Du bleibst! Ich frag', hast Du von dem Herrn das nit g'sagt, Wort für Wort — na — so straf dein alten Vater Lugen, wannst Courage hast. Reg ine (will wieder fort). Seb. (faßt sie bei der Hand, zu Hupfer). Sehen's. sie kann nit na sagen, Sie haben jetzt so ein Bescheid, daß fie sich wohl kein andern mehr wünschen werden, und Du gehst z'ruck mit mir auf's Land, 'dei Mahm, die Tildi, ist bei mir curirt worn, wie s brustkrank war, und Du bist viel kränker, im Herzen fitzt's Nebel, und so Gott will, wird's nit unheilbar sein. (Ab mit Rrginen.) Hupfer (steht ganz verblüfft, nach einer Pause). Ein eingebildeter Geck, ich? — Ein bomirter Mensch — ich? — ein fader Ding — ich?! (Die Achsel zuckend.) Verkannt zu werden, war stets des Schönen Loos auf Erden. Apoll, (anfangs etwas schüchtern). Sie. seiu's böS auf mein' Mann? 23 Hupfer (wegwerfend). Hm! er ist ein Viehhändler — und ich bin Philosoph— Apoll. Was — also sein's doch auch so was von Vieh — Hupfer (für sich). Mein Gott, find die Leute dumm! (Laut.) Philosoph bin ich — das heißt, ein Gelehrter — ein Weltweiser — den seine Wissenschaft hoch hinaus über die Erde zieht. Apoll. Was — Sie sein aG'lehrter? Siehst es — siehst es — Hab mir schon alleweil g'wunschen, einmal ein Gelehrten kennen z'lernen — aber i hätt' mir's ganz anders vorg'stellt — Hupfer. Mein Himmel, ihr Bauern in eurer Geistesfinsterniß könnt euch nichts so vorstellen, wie es ist — Apoll, (etwasbeleidigt). Bauern? Gei- stesfinsterniß?—Na mir scheint, in Herrn sein Kopf ist a d' Gasbeleuchtung no nit eing'führt — Hupfer. Was? Ich glaube gar, sie will grob werden — Apoll, (immer rouragirter). Na, Sie thun stolz gegen unsereins, dazu haben Sie ein Recht, weil's vornehm sein — und wann mi was Hardt, wir i grob, dazu Hab i a Recht, weil ich a Bäuerin bin! — (Tür fich mit heimlicher Treude, sich von ihm abwendend.) — Schluck's abi und derstick nit dran. Hupfer (sie verächtlich messend). Für meinen Haß zu klein — Apoll. Na. wegen Ihnen werd'ich epper noch wachsen! Wär' schon der Müh werth. Hupfer. Aber ihre Schnippigkeit amufirt, hahaha!— Es ist pikant! (Lor- gnettirt sie, für fich.) Und — das Weibchen wär' nicht übel — so ein recht compactes Alpeugewächs! — Mir kommt da eine originelle Idee — wenn ich ihr den Kops etwas verrückte — ihr Herz rebellisch machte — wenn ich will, nichts leichter als das da- wäre eigentlich dir beste Rache, dir ich an ihrem Manne nehmen könnte. Apoll, (für fich). Gr red't mit sich selber, wenn ihm nur der Discurs nit z'fad wird. Hupfer (fich freundlich gegen sie wendend). Mein liebes Frauchen — wir wollen Frieden schließen. Apoll. Wir haben ja no kan Krieg g'führt — Hupfer. Und doch fühle ich mich besiegt — Apoll. Das versteh ich nicht — Hupfer. Sie haben solche Waffen, denen ich nicht widerstehen kann — Apoll, (für fich). Und mir widersteht er doch schon lang — Hupfer. Diese frischen schwarzen Augen find zwei Brandraketen, welche schnell zünden — Apoll. Besonders wenn Stroh am Dach ist — Hupfer. Und Ihr ganzes Wesen, gewiß, in diesem schönen Körper muß ein schönes Herz schlagen. Apoll, (sich rasch losmachend). Sie, ge-- ben's Obacht, es könnt' was Anders schlagen, als 's Herz! Hupfer. O mein liebes Weibchen, thut nicht so — ich kenne euer Geschlecht, ihr seid wie die Metalle, wenn ihr noch so spröde seid, könnt ihr doch zum Glühen gebracht werden — Apoll. Ja, auf Ehr', ich saug' schon a bissel z' glüh'u au — Hupfer. Und wenn ein zärtlicher Se- ladon kommt — euch liebend naht, und zart minnend um einen Kuß bitte- — (Neigt seinen Kops etwas gegen ihren Mund.) Apoll. Sir sein mir noch zu hoch — biegen's Ihnen a bissel besser abi — Hupfer. O ich Glücklicher! (Neigt sich noch mehr gegen sie, zärtlich.) Nun? Apoll. So — jetzt kann ich Ihnen deralengeu — (Gibt ihm eine Ohrfeige). Hupfer (in die Höhe springend). Au weh — was war das? Apoll. Keonen's das nit? Das ist die Münz, die bei uns daham g'schlageu wird. 24 um solche windige G'sckwufen, wie er ist, ausz'zahlen.wann's ein' braven Weib nach« stellen wollen — Hupfer (wüthend). Mir das — mir — Weib — ich vernichte Dich — Apoll, (steht in die Scene, rasch). Da kommt mein Mann — Hupfer (ängstlich). Ich bitte meine Empfehlung auszurichten. (Läuft schnell fort.) - Apoll, (allein). Hahaha! Hasenfuß übernand! — Glaubt so a Windg'spiel, er dürft nur Haferl sagen. und 's müßt schon Jede in ihn verliebt sein — in der Stadt kann das vielleicht schon sein, aber bei uns daham ist d' Lieb a bissel was Anders. Lied. Mir steig'o die Grausbirn auf, Wenn i so an Stadtherrn steh, Redt der so dumm daher, Gibt's mir an Stich; Bei uns am Land, ui je! Da sagen'? glei: Dirndl, he! Kimmst oder kimmst nit? Oder wie geht's, oder wie steht's, Oder was thust, oder was treibst, Oder bin i Dir nit recht? Saat dann das Dirndl: Bua, I Hab di herzlich gern, Da braucht's ihm nit an Schwur Extra no z'schwörn; Er bebt ihr'n Kopf in d' Höh, Und dann fragt's Dirndl: He, Kimmst oder rc. Hat man an klan Verdruß, Red't man dem Liebsten zu, Büberl, du hast an Schuß, Jetzt ist's schon g'nu; Steckt er nit um glei. na Racher fangt's Dirndl an: Kimmst oder rc. D' Stadtleut, wann's oft zu uns H'rausfahren in Kobelwag'n. Thun Dirndl in die Berg Die Weg ihnen zag'n. D' Stadtherrn sein schlecht bei Fuß, 's Dirndl von ob'n schreien muß: Kimmst oder kimmst nit, Alter, wie geht's, Alter, wie steht's? Alter, was thust, Alter, wo bleibst, Alter, gelt, meine Füß möchst! (Ab.) Verwandlung. Siebente Scene. (Zimmer in Hochfeld's Haus.) Hochfeld, Robert, dann Faustin (treten aus der Seitenthüre). Hochs. Also Ihr Herr Vater wird uns heute die Ehre bei der Tafel geben? Robert. Er versprach es — Hochs. Gereicht mir zum größten Vergnügen — doch einen so wertsten Gast kann man nicht auf gewöhnliche Weise empfangen. (Klingelt.) Faustin (tritt ein). Euer Gnaden befehlen? Hochs. Man sage sogleich dem Koch — heute große Tafel, das Ausgezeichnetste. Seltenste, was sich nur auftreiben läßt, muß auf den Tisch kommen — Faust in. Aber, Euer Gnaden, 's ist jetzt schon a bissel spät, die Kräutlerinnen werden schon eingeräumt haben und der Fleischhacker macht auch um zehn Uhr die Bank zu — Sie wissen das eh — Hochs. Schafskopf — ich drehe Dir den Hals um, wenn Du mir mit so albernen Reden kommst —der Koch wird Rath wissen — sag' ihm, es darf nichts auf die Tafel kommen, was eben die Jahreszeit 25 mit sich bringt — durchaus solche Produkte, die durch Kunst der Zeit vorausgeeilt find — Faustin. Also lauter — unzeitig's G'sraßt — Hochs. Treibhausgewächse — kein deutscher Wein—keine inländische Fleisch- gattung — die seltensten Seefische — Faustin Häring mit Zwiebel — Hochs. Stockfisch! Faust in. Auch nicht übel mit Semmelbröseln! (Ab.) Robert. Ich würde Sie bitten, sich nicht so sehr in Ungelegenheiten zu sehen, wenn ich nicht wüßte, daß durch einen solchen Empfang der Eitelkeit meines Vaters geschmeichelt wird — Hochs. O ich bitte, sprechen Sie nicht davon — Kleinigkeit! Achte Scene. Vorige. Haller. Haller (tritt rasch ein). HerrvonHoch- seld — (Bemerkt Robert.) O — Sie find nicht allein! Hochs. Was gibt's? — Sie scheinen rchauffirt? Haller (verlegen aus Robert blickend). Ich weiß nicht — Hochs. Dieser Herr ist mein Schwiegersohn — sprechen Sie ohne Scheu vor ihm — Sie kommen doch vom Hause Mirheim — Haller. Zu dienen — Hochs. Und bringen die eincasfirten Gelder? Haller. Das heißt — Hochs. Sollte man Ihnen die Zahlung verweigert haben? Haller. Das Haus Mirheim hat die Zahlungen für immer — eingestellt! Hochs, (zurückprallend). Heiliger Gott! Haller. Fallirt! Hochs, (vernichtet). Fallirt — dann — bin auch ich verloren! (Sinkt in einen Stuhl.) Robert. Mein Gott! — Was sagen Sie? Hochs. Verloren — zu Grunde gerichtet — das Geld mußte ich haben, um die heutigen Zahlungen leisten zu können — man kann jeden Augenblick die fälligen Wechsel präsentiren — Haller. Za, Herr von Hochfeld, ich sagte es immer, für Ihren eigenen Haushalt mußte ich zu viel auszahlen, die Pracht, womit Sie Zhr Haus umgaben, verzehrte den ganzen Gewinn — Hochs. Predigen Sie jetzt nicht wieder — rufen Sie dem ins Master Gefallenen nicht erst Vorwürfe über seine Unvorsichtigkeit zu — sondern retten Sie, retten Sie — (händeringend auf- und niedergehend) wenn noch ein Ausweg zur Rettung ist— Robert. Mein Himmel, wenn mein Vater dieß erfährt, so ist auch mein Lebensglück zertrümmert! Jacob (tritt ein). Herr von Glatt ! Hochs, (plötzlich von einem Gedanken erfaßt). Glatt! Glatt — der kommt von Gott gesandt. — (Zu Jacob.) Nur einen Augenblick wolle sich der Herr von Glatt gedulden — Geschäfte — ich werde sogleich die Ehre haben — Jacob (ab). Robert. Es ist wahr — dieser Glatt ist reich, er hat immer Gelder disponibel — wo nicht, so weiß er sie aufzutreiben — er hat glänzende Geschäfte auf der Börse gemacht — Hochs. Haller! Machen Sie indeß dm Cassaauszug, berechnen Sie alle Vortheile — bringen Sie Alles in Bewegung — und setzen Sie mich schnell in Kenvtniß — Haller. Was ich thun kann, soll gewiß geschehen. (Will ab.) Hochs. Bitten Sie sogleich Herrn von Glatt, einzutreten. Haller. Sehr wohl. (Ab.) 26 Hochs. Nur jetzt Fassung — damit er meine schreckliche innere Bewegung nicht merke. Neuste Sceue. Hochfeld, Robert, Glatt. Glatt. Lon )our, Herr von Hoch» feld. dov jour, Herr von Wellenschlag — Hochs. Was gibt mir die Ehre — Glatt. Ich wollte nur so — sn passant mich erkundigen, wie Sie nach dem gestrigen Balle geruht — aber ich habe unr wenige Mnuten Zeit — Hochs. Sie find immer sehr beschäftigt — Glatt. Außerordentlich—ein Mensch, der wie ich fich mit Geldgeschäften be - faßt, muß, wie das Geld selbst, an alle» Enden und Ecken roulliren. — Man hat seine liebe Sorge, sein Geld honett unter- zubringen; da wurde mir ebe» ein Capital von 80.000 fl. zurückgezahlt. Hochs, (ausathmend). Ach — Glatt. Aber das Geld ist jetzt so allgemein, man findet selten Jemanden, der etwas brauchen könnte — Hochs. Hm! — (Ganz gleichgiltig scheinend.) Wenn Sie gerade Niemanden wissen — Glatt. Wie — wollen Sie selbst vielleicht — Hochs. Ja, ich habe ein neues Fabriksgebäude im Project — es erfordert zum Beginne große Summen — freilich wäre auch bedeutender Gewinn — Glatt (für fich). Ei, ei — er braucht Geld — sachte, sachte! Robert (lächelnd). Nun,undeinHaud- lungshaus wie das des Herrn Hochfrld verdient wohl alles Vertrauen — Glatt (Hochfeld die Hand reichend). Ei freilich, freilich, lieber Freund, mein ganzes Vermögen steht Ihnen zu Diensten — nur ist jetzt — wie Sie selbst wissen, das Geld so selten — Robert. Aber Sie haben ja soeben über die Allgemeinheit des Geldes geklagt— Glatt. Allgemeinheit? — Ich bitte Sie — die vielen Ausverkäufe beweisen hinlänglich das Gegentheil — Hochs. Aber Sie haben doch die 80.000 fl. — und könnten sie mir also- gleich zur Dispofition stellen. Glatt. Auf jeden Fall — doch es sind mir bereits von einem andern Hause sehr vorteilhafte Offerte gemacht worden — Hochs. Zu wie viel Procent — Robert. Versteht fich nicht höher als 6 — Glatt. Und dann die geringe Mäklergebühr zu 2 Procent. Hochs. Das wären also 8. Glatt. Nein 10 — Hochs. 10? Glatt. Ein kleines Commisfions-Dou- ceur zu 2 — 2 und 6 macht 8 — und 2 macht 10 — Hochs. Das ist aber denn doch etwas viel. — Nun denn — nur der große Nutze», den ich mir von der neuen Fabrik verspreche, bestimmt mich dazu — ich nehme es an! Glatt. Ich geh esogleich Ihren Wunsch zu erfüllen — Robert (für fich). Ich lebe wieder aus. Hochs, (zu Robert). Wir speisen doch zusammen — Glatt (fich vrrneigeud). Sie find zr gütig, ich nehme Ihre Einladung an — also ä rovoir, Herr von Hochfeld, in wenigen Minuten kehre ich mit der Summe zurück. (Ab.) Hochs, (schwer aufathmead). Dem Himmel sei Dank, das Gewitter scheint sich zu verziehen — Robert. Glauben Sie mir, ich fühlte nicht weniger Angst als Sie selbst, doch jetzt eile ich zu meinem Vater, ich werde' 27 ihn selbst hierher begleiten, und hoffe biß dahin Ihre Stirne ganz geglättet zu sehen. — (Ab.) Zehnte Scene. Hochseld. Es wird fich Alles rangiren — aus der Mirheimischen Krida wird ßch ein Bedeutendes retten lasten — und dann — die Vermäluug meiner Tochter mit dem Sohne eines der reichsten Bauguiers gibt auch meinem Hause mehr Credit. Eüfte Scene. Hochfeld. Sebastian. Seb. Guten Morgen, Bruder! Hochs. Guten Morgen! Seb. Blast! Hochs. Was? Seb. Bist bös auf mi? Hochs. Aber sage mir nur, Sebastian, welch ein Leusel mußte Dich Plagen. Seb. Gar kaner! Hochs. Mich so zu compromittiren — Seb. Das Hab i nit wolln — Hoch. Ju meinem Saal bäurisch zu tanzen — Seb. Anders kann i nit. Hochs. Zu strampsen, zu klatschen, zu jauchzen — Seb. Das gehört dazu — Hochs. In Hrmdeärmeln — Seb. So ist's halt commoder. Hochs. Und ebeu in dem Augenblick, wo der Graf eintrat. Seb. Das Hab i nit gewußt — Hochs. tzuall' ttorrour hat er gerufen — Seb. Das versteh i nit — Hochs. Und ging fort — er ist entrüstet — Seb. Schieb's nur Alles aus mi — Hochs. Auf Dich — auf Dich — das wäre eine schöne Ausflucht — ich darf von Dir gar nichts erwähues — Seb. Was — was? Hochs. Du wirst doch emsehe», daß Du hier eine sehr unpassende Rolle spielst — und daß es bester wäre, wenn — Seb. (gespannt). Wenn — was wenn? Hochs. (herauSsahrend). Wenn Du gar nicht gekommen wärest — Seb. (tief gekränkt). Blast — Mast — das — das kannst Du dein Brüdern sagen? Hochs, (will wieder eintenken). Na steh, es ist — Seb. (kräftig). Schlecht! — Was r thau Hab. 's mag nit recht sein nach engerer Stadtmauier. aber fröhlich sein in Ehren, thut unser Herrgott selber nit wehreu; 's war a lustig's Stuckt, weiter nichts. — Aber stch aus Hochmuth schämen, daß mau ein'Bauern zum Brüdern hat, fich schämen, daß der ehrliche Vater im Grab a nix anders war, das ist a schlecht's Stuck — und — 's thut mir leid, daß ich das selber an Dir Hab erleben müssen. Hochs. Nun, nun, Bruder — so — so war's ja nicht gemeint. Seb. (besänftigt). Na schau — das Hab i mir eh denkt — na — 's freut mich, daß d' es selber widerrufst, also — wir sein wieder die Alten — (Hält ihm die Hand hin.) Hochs. Ja doch — ja— (Gibt ihm kalt die Hand.) Seb. (schüttelt ß« derb). Na, waßt ja eh — ich kann nicht bös sein auf Dich — und daß Du stehst, daß i ganz gut bin. so bitt' ich Dich jetzt glei um a klaue Gefälligkeit — Hochs. Eine Gefälligkeit — und die wäre —? Seb. Siehst, ich bin da »ach Wien gereist und Hab mei bissel bares Geld mit- g'uommeo, um's in d' Sparkasse z' lege». Aber grad vorhin hat mich einer von meine Bekannten, a Speculaut, aufg'sucht, 28 der hat mir a recht a profitables G'schäft mit Rindvieh angetragen — Hochs. Schon wieder das Rindvieh — Seb. Ah Du, 's schaut mit « Äind- /vieh oft viel mehr raus, als wenn man sich mit gescheite Leut in G'schäftev ein laßt. Hochs. Aber was kann ich da thun? Seb. Jafiehst, er verlangt halt 5006 fl. bar auf d' Hand — und das, was ich in d' Sparcasse legen will, ist grad a runde Summe, die i nit gern angenz' — also sei so gut und leih mir derweil die 5000 fl. Hochs. Ich? Seb. Na ja, für Dich ist das eine Kleinigkeit — Hochs. Da kommst Du eben in einem ungünstigen Momente — ich kann jetzt so viel Geld nicht entbehren — Seb. (erstaunt). Was? — «Großhändler — und nit 5000 fl. — und noch dazu für ein Brüdern — Hochs. Ich bin selbst in Verlegenheit — Seb. Du — Hochs. Zwar nur vorübergehend — Seb. (unruhig). Du in Verlegenheit? Hochs. Ein unvorhergesehenes Falliment — und ich muß Zahlungen leisten ohne Protest. Seb. Protest? Hochs. Doch jetzt entschuldige — ich muß selbst auf mein Comptoir — muß Nachsehen — 's ist mir leid Dir nicht dienen zu können — (Will fort.) Seb. (ihn zurückhaltend). Aber sag' mir nur — Hochs, (ungeduldig). Mein Gott, was helfen da weitläufige Erörterungen — von einem Großhandlungsgeschäste hast Du ja doch keinen Begriff, Du, bei deinem — Viehhandel! (Ab.) Seb. Mein Gott, das macht mi ordentlich damisch — mein Bruder io solcher Verlegenheit — und Protest — Zahlungen— Falliment — mir geht Alles 'im Kopf rum — und i — Hab no so bös wern können über ein ungeschlacht's Wort, o Du mein Gott, in so einer Stimmung darf man nit jede Sylben auf d' Wagschal'n legen — o mei armer Brud er! Zwölfte Scene. Sebastian, Apollonia. Apoll, (tritt schüchtern ein). Wastl! Seb. Was — Apoll. Du, i waß nit — ich Hab was gemerkt, was mir nit gefallt — / Seb. Was denn? Apoll. Maßt, der Bediente hat uns vorher gesagt, daß wir aus unserm Zimmer essen sollen — Seb. I waß's. (für sich.) Mein Gott, mei Bruder wird heut nit in der rechten Laun' sein und will uns halt den Appetit nit verderben. Apoll. Ist Dir das nit aufg'fallen? Seb. Na — (für sich) dem Weib derf i nichts sagen, die verlieret gar glei den Kopf — Apoll. Maßt aber a. warum wir allein essen sollen? Seb. Na — waßt Du's epper schon Apoll. Ja, weil's a große Tafel geben, wo vornehme Leut dazu kommen — Seb. Was — große Tafel —? Apoll. Ja — ich Hab s gesehu, in der Küchel hab'ns vollauf z' thun —«Menge vergold'tes Porzellang'schirr, — silberne Schüsseln, silberne Besteck wer'n g'richt — Seb. (für sich). A Tafel — und mir sagt er, er war in Verlegenheit — Apoll. Und da Hab i g'hört. wie der Koch grad zu ein' Kuchenmadel g'sagt hat — fie soll unser Essen recht zeitlich bringen, damit die vornehmen Gäst, wann's kämen, uns ja nit versehen — Seb. Was — was — ist das wahr? Apoll. Meiner Seel' — Wastel — ich sag Dir's—mi druckt's im Herzen — 29 aber — 's ist gewiß — (säst weinend) bei Bruder schämt sich unsrer — und wir hab'n glaubt, ihm so a Freud z' machen. Seb. Weib, Weib! Waun Du Recht hast — aber nein — nein! 's ist ja nicht denkbar — aber wann — dann — Gott verzeih mir die Sund, nachher haß ich die ganze Bagage — so viel ich nur im Staude bin — Dreizehnte Scene. Vorige. Faustiu. Faustin (im Eintreten für sich). Ich soll das Volk auf eine g'scheite Art aus'n Haus bringen — dieser ehrenvolle Auftrag ist für mich ein wahrer Llaut-Avüt! Seb. (für sich). Der Bediente — jetzt will ich gleich auf die Spur kommen. Faustiu (nachlässig beide Hände in die Taschen steckend). Wenn Sie nachher essen wollen — 's ist fertig — Seb. Apropos, lieber Freund, bevor ich zum Esten geh, möcht' ich noch gern ein guten Rath von Ihm — Faustiu. Guten Rath — der gute Rath ist gewöhnlich theuer. Seb. I verlang nichts umsonst. (Klimpert selbstgefällig in der Tasche.) Faustin (horchend). Nicht unangenehm die Melodie—Thalerklang ist die einzige deutsche Eompofitiou, die überall mit Beifall ausgenommen wird — Seb. (zieht eine Hand voll Thaler aus der Tasche). Schau er einmal her — Faust in (langt darnach). Darf ich so frei sein? Seb. Oho (steckt das Geld wieder ein) bei uns z' Haus heißt a Spruch!: A bißl fikrisch, a bißl sakrisch, a bißl vornehm muß ma 1h an. Große Thaler muß man sehn lassen, aber — hergeb'n muß ma kan! (Steckt das Geld wieder ein.) Faustin (sich verdrießlich abwendend). Dummer Kerl! Seb. Aber er soll a paar haben — wann er aufrichtig red't. Faustiu. Bin nicht abgeneigt — Seb. Schau er — 's ist heut der Geburtstag von mein' Bruder — Faustin. Oui. Seb. I möcht' ihm gern a Bindbaud geben, so was ihm a rechte Freud macht — was meint Er denn so? Faust in. Ja, das ist eine schwere Sache, so einen reichen Mann, der eh Alles hat— Seb. So — also ist er wirklich so reich worn? Faustin. Na ich mein's! Es können ihm höchstens noch a fünf Gulden zum Crösus abgehen —'s ist ja eins der ersten Häuser in Wien. Seb. So. so! — Na, aber weiß Er, ich ließt mich auch nicht spotten — so a paar hundert Thaler wendet, ich schon dran — Faustin. Hahaha! — Was sein hundert Thaler für ihn — ? Ein Tropfen in die Donau. Der gestrige Ball hat netto 2000 fl. gekostet — Seb. So — so — na, nachher muß er schon mit dem vorlieb nehmen, daß ich selber da bin — Faustin. Ja, sagen Sie mir, haben Sie denn ein Einladung kriegt. Seb. Narr, Einladung, wann i ein- g'laden g'west wär', war's ja kein' Ueber- raschung — Faust in. Ja, das war eine schöne Ueberraschung — Seb. Wir sein ungelegen kommen—? Faust in. Ja seh n Sie. wenn Sie's schon wissen wollen — 's gibt bei uns noble Augenblicke — Momente — Situationen — Apoll. Hab ich's nicht g'sagt und da wünschen's uns — Seb. (herausplatzend). Zu allen Teufeln — 30 Faustin. Oui. Seb. (gibt Faustin Geld). Da — da hat Er für sei' aufrichtige Mittheilung — Faustin. Nsrei, >lon8isur. Seb. (heftig auf- and niedergehend). 's ist richtig, er hat ka Herz mehr zu mir — um mir sei Lieblosigkeit z' verbergen, heuchelt er ein Unglück — pfui, pfui! Hielt mir da a Komödie vor. — Pfui Teufel! (Zu Apollonia.) Alte, mach' fort. Apoll. Gehn wir? Seb. Za, um mein Leben nimmer wieder z' kommen — Faustin. Was? Seb. Sag er dem Blast — nein, dem Herrn Hochfeld — Herrn von Hochfeld, ich brauch sei'Geld nit und steh' auch nicht aus sein Mittagessen an, 's gibt noch Wnthshäuser.in Wien. — Sag' er' ihm — ich trag' keine .Glacehandschuh und keine backirteu Stiefeln, ich Hab aber auch keine lackirten Worte im Vorrath, aber, das sag' Er ihm, ich Hab' da, da (sich stark' auf die Brust klopfend) a Herz im Leib — a Herz,sund sag'Er ihm, er hat kein-, und sag'Gr chm, trotz meiner Gemeinheit tausch' ich mit seiner Nobleß nicht, und sag' Er chm — daß er mir weh — recht weh than hat — und ich fiud's nit der Müh' werth, chm no was sagen zu lassen. Jetzt komm, Alte! (Nimmt Apollonia unterm Arm und geht ab.) Vierzehnte Scene. Faustin (allein). Sir find fort — ich habe mich meines Auftrages auf eiue glorreiche Weise entledigt. (Ab.) Verwandlung. Fünfzehnte Scene. (Empfangszimmer in Hochfeld's Haus.) Robert, Herr v. Wellenschlag. Eulalia, Clotilde (treten ein). Eul. Ich bitte sich nur indeß hier zu verweilen, ich habe bereits meinemGemal Ihr Erscheinen melden lassen, er wird sogleich hier sein — Well, (sehr gespreizt in seinem Benehmen). Wahrscheinlich noch auf dem Comptoir? Lon — Herr vou Hochfeld ist ein thätiaer Mann — wir lieben das — es gefällt uns — bis mau nicht eiue gewisse Höhe erlangt hat, muß man arbeiten! Robert (schiebt ihm einen Gessel zurecht). Wollen Sie nicht Platz nehmen, lieber Vater? Well, (setzt sich bequem). Wir find etwas echauffirt! Eul. Zhr HerrSohn hat uns die frohe Nachricht gebracht, daß Sie seine Wahl billigen. Well. Wir fühlen uns bewogen — Herr v. Hochfeld ist ein Mann, der pch mit vielem Geschicke behauptet, er muß fich ein schöne- Vermögen erworben hasten und da einst auch unser Vermögen auf unfern Sohn übergeht, so wäre m die- ftr Hinficht — mw doch, wäre nicht Ihre Familie als von gutem Herkommen bekannt, so hätten wir wohlAastand genommen, doch so — Sechzehnte Scene. Vorige. Glatt, dann Hochseld. Glatt (tritt eia). Robert. Ach, Herr von Glatt — (zu Wellenschlag) lieber Vater, ich stelle Ihnen hier einen Geschäftsfreund des Herrn von Hochfeld vor — Herrn von Glatt. 31 Glatt (sich verneigend). Ich rechne es mir zur desondern Ehre — Well. Freut uns — freut uns — Hochs, (tritt nun seitwärts ein). Sie entschuldigen, Herr von Wellenschlag, daß ich nicht sogleich — doch eben nimmt eine neue Unternehmung meine Thätigkeit in Anspruch — Well. Laus §6v6 — san8 §ZN6 — auch wir lieben die Thätigkeit — Hochs. Ah Herr von Glatt, ich habe Sie bereits erwartet. Glatt. Ich eilte so viel als möglich— Hochs, (leise). Das Geld? Glatt. Mein Buchhalter bringt es in zehn Minuten — Hochs, (für sich). Gott sei Dank! Siebzehnte Scene. Vorige. Haller. Haller (tritt rasch zu Hochfeld). Es sind die Leute mit den Wechseln bereits auf dem Comptoir — Hochs. Mein Gott! Haller. Sie find ungeduldig. Hochs. Suchen Sie sie nur einige Minuten hinzu halt» — Glatt (für sich, Hochfeld sixirend). Was für eine sonderbare Unrnhe zeigt sich auf seinem Gesichte — Hochs. Ich komme sogleich wieder hinab — (Haller ab.) (Laut.) Herr von Wellenschlag, ich muß mich abermals entschuldigen — Jacobs Stimme (von außen). Sir dürfen nicht hinein! Hochs. Was ist das wieder? Achtzehnte Scene. Vorige. Sebastian. Seb. (etwas vom Trünke aufgeregt, reißt die Thüre ans und iritt gravitätisch vor). Well. Was ist das? Robert. Himmel? Glatt. Teufel! (Zugleich.) H"ochs>"B-ud--! Seb. Genirens Ihnen nicht — (Mißt Alle mit verächtlichen Blicken.) Ich Hab nur was vergessen — Hochs, (für sich). Mein Gott, in welchem Zustande! (Laut.) Was denn? Seb. Mei Tochter — sie muß mit mir. (Nimmt Llotildeu an der Hand.) Du gehst mit — (besteht sie) ja so — mir scheint. Du bist nit mei Tochter — wo ist die Regerl? Well. Wer ist der Mensch? Robert (zögernd). Es ist — ich glaube — Hochs. Es ist ein — Geb. Ein gemeiner Kerl — sag's nnr raus — brauchst mi nit dein Bruder» z' nennen — bin's auch nit — ich will Dich nicht blamiren — bin gar nicht verwandt mit Dir — ich bin ein Viehhändler — ein gemeiner. Well. Gn Viehhändler? — (Für sich.) Der Mann kömmt uns bekannt vor — Seb. (Wellenschlag fixirrnd). Aha — das ist einer von die Vornehmen — gelten's — ich genir' Ihnen? Well, (seinen Stuhl zurückrollend). O nicht doch, guter Mann — Seb. Guter Manu, sakerlot, wer sagt das — daß i a guter Mann bin? — Das heißt bei eng in der Stadt so viel als ein dummer Kerl — und so eine Sardellen! Ich gib eng kaa guten Mann ab — (aus Hochfeld weisend) der halt' mich auch für ein guten Manu — 32 Hochs, (leise). Sebastian, um Gotteswillen, geh! Seb. Nur stad, Herr von Hochfeld, i geh' schon — ich brauch' bei' Mittagessen mt — auf'n Zimmer drob'n — beim Katzentischl — ich Hab bei der goldenen Anten drüben gessen — ich Hab zwar kan Hunger g'habt — Hab mir den Appetit verdorben — Hab nichts 'gessen — Hab nur mein Zorn mit ein Paar Seidel Wein begossen — Well. Das merkt man — Seb. (schmerzlich weinend). Ist möglich, aber das verschwabt mir den Gift und Schmerz und (aus sein Herz deutend) da fitzt er — der Schmerz — viel Schmerz — mehr als g'nua. Hochs, (will ihn sortsühren). Ich bitte Dich. Sebastian — Seb. Hast silberne Schüsseln — goldenes Porzellan, gibst Bäll um 2000 fl. und für dein Bruder kannst nicht 5000 fl. auftreiben — pfui Teufel — Lugen- schippel! Alle. Was? Hochs. Sebastian! Seb. Gelt, schämst Dich, daß ich die G'schicht erzähl' — aber sie sollen's wissen — Alle — Hochs. Ich beschwöre Dich — Seb. Brauchst nothweudig Geld — bist io Verlegenheit — Protest — Well. Was? Robert, Hochs. Mein Gott! Glatt (gedehnt). Protest — Seb. Ein Falliment. Alle. Falliment? Glatt (bedeutend zu Hochseld). Herr von Hochfeld, Sie entschuldigen, nun muß ich meinem Buchhalter entgegengehen! (Ab.) Hochs, (sinkt in einen Stuhl). Jetzt bin ich ruinirt! Robert, Clotilde (springen ihm bei). Robert, t Ermannen Sie sich. Clotilde. > Lieber Vater! Hochs, (mit erstickterStimme). Laßt mich - jetzt ist Alles, Alles verloren! (Eilt fort.) Robert. Ich verlasse Sie nicht. (Sill ihm nach, zu Sebastian). Ihr seid ein Böse- wicht. — (Geht ab). Well. Er hat fallirt — und der da sein Bruder? (Zu Eulalien.) Ich empfehle mich, Madame! (Stolz ab.) Eul. Herr von Wellenschlag — ich beschwöre Sie — (Eilt ihm nach.) Neunzehnte Scene. Clotilde. Sebastian. Dann Apollonia, Regine. Clotilde (ist in einen Stuhl gesunken). Mein armer Vater — und— o mein Robert! Seb. (hat Alles genau beobachtet, wird ernsthaft, man fleht ihm den Kampf an, Fassung zu gewinnen). Ja — was ist denn das? — Sie haben ja nit gelacht, wie ich g'sagt Hab, er hat fallirt! Sie haben mich nicht Lugen g straft — warum hat er gelogen — warum? Regine (eilt herein). Mein Gott, ist's möglich? Seb. Was? Apoll, (kommtebenfalls). Mann, Mann, was hast Du 'than? * Seb. Ja was denn? Apoll. Hab ich's nicht gesagt, Du sollst in dem Zustand nit rübergehen — Seb. Za, was ist's denn? Regine. Herr von Wellenschlag ist fortgefahvon, aus der Heirat Clotildens wird nichts — Apoll. Und d'ran bist Du Schuld — Seb. Ich — Schuld —? Regine. Am Comptoir stehen eine Masse Menschen, sie wollen Geld —Herr von Glatt trat unter sie und erklärte, daß Ihr Bruder fallirt habe — Clotilde lsteht auf). Seb. (Plötzlich nüchtern werdend und ausschreiend). Fallirt! 33 Regine. Er ist zu Grunde gerichtet — entehrt — Seb. (verzweifelnd losbrechend). Und ich — ich an Altem Schuld — entehrt durch mich — (Fällt in einen Stuhl.) Apoll, (besorgt). Sebastian, Sebastian! Seb. (weinend). O mein Bruder, mein Bruder! Clotilde. Aber lieber Vetter — Seb. Ich bin ein Elender — ein niederträchtiger Mensch — Recht hat mein Bruder g'habt, daß er mich nit im Haus 'duldt hat — o mein armer — armer Bruder! Apoll. Geh — geh' nüber zu dein Bruder, bitt'n um Verzeihen — Seb. Ja, um Verzeihen bitten — das nutzt was! — Der braucht jetzt was Anders — aber — (Plötzlich von einem Lichtgedanken durchzuckt in die höchste Freude übergehend). Mein Gott — mein Gott — Hab ich nicht — (greift hastig nach der Brusttasche). Da — da (zieht eine große Brieftasche hervor) o mein Gott! — (Fällt aus die Knie.) De» Gedanken hast Du mir gegeben, noch daham — da — da (springt aus) da — da drin sein 40.000 fl. Clotilde. Was — Seb. Ja, 40.000 — ich Hab all mein bares Geld mitgenommen — Hab s anle- gen wollen — jetzt leg ich'S an — und d' Bruderlieb soll Jut'ressen zahlen — ich Hab Geld — ich Hab Geld! (In höchster Freude.) Wer sagt, daß ka Geld da ist — Juhe! Juht! (Springt herum, Llotilden sortdrängend.) Geh — geh — geh zu deinen Vätern — sag ihm, er ist geret't — (schiebt sie in die Seitenthüre) und Du — Regerl — lauf hinunter — gib das dem Casfier — er soll zahlen — zahlen — aber geschwind — geschwind! (Schiebt sie zur Mittelthür hinaus.) Apel — mein Apel! (Faßt sein Weib beim Kops uud küßt sie derb.) Gelt, Du hast nichts dagegen — o mein Gott! Die Freud — Apoll. Aber wanu's nur gnug ist! Seb. (zieht seine Lhaler heraus). Da — Wiener Dheater-Repertoir Nr sei. da Hab ich noch das Geld, was i mitgenommen Hab, um Wien z'sehen —ich gib's dazu (wirst das Geld auf den Tisch). Apoll. Sebastian, wie ich Dich jetzt sieh — jetzt Hab ich Dich noch einmal so gern — Seb. I verkauf meine Bräundln — den Wagen — sein a a paar hundert Gulden werth — Apoll. Aber.'Alter. da können wir ja nit z' Haus fahren. Seb. Macht nichts, so gehn wir z' Fuß, das ist noch g'sünder — aber jetzt geh — such die Frau Schwägerin auf — sag ihr, daß nichts z' fürchten ist — die hat am End' schon vornehme Krämps' kriegt. Apoll, (ab). Seb. (allein). Und jetzt zu mein' Bruder — ich muß ihn um Verzeihen bitten — muß seh'n, ob er ganz g'rett' werden kann. — Zwanzigste Scene. Sebastian, Glatt. Glatt (tritt ein). Ah, seid Ihres, guter Mann — Seb. Was wollen Sie? Glatt. Ich wollte nur noch mit Robert von Wellenschlag reden — übrigens bin ich Euch viel Dank schuldig, ohne Euch wäre ich verloren gewesen — aber Gott sei Dank, ich traf noch meinen Buchhalter — denn es ist natürlich, daß ich eurem Bruder nichts leihen kann, da er seine alten Schulden nicht bezahlen kann. Seb. (packt ihn wüthend am Halse). Wer sagt das? Glatt (sich losmachend). Mei! warum schlagen Sie mich tobt? Seb. Mein Bruder zahlt Alles — Alles — hören's? Alles bei Heller und Pfenning I Glatt. Ja — aber — 34 Seb. Und ohne Ihre Hilf! — Gel« Leus, Sie essen und trinken bei mein Bruder, drucken ihm d' Hand, nennen ihn Ihren Freund, und wenn erJhuen braucht — ich sag, wann er Ihnen brauchet — so ziegen s Ihnen z'ruck— herzlose Bagage — Glatt. Aber, lieber Mann, Sie find ja selbst Ursache — Seb. Das war nur so a Probstückel — und Sie sein durcha'fallen bei der Prob — b'halteu's Ihr Geld, mei Bruder braucht kein Kreuzer! Einundzwanzigste Scene. Vorige. Haller. Haller. Herr von Hochfeld nicht hier? Seb. Was wollen'- von ihm? Haller. Ich will ihm diese getilgten Wechsel einhändigen — Glatt. Was,— getilgt —wirklich getilgt? Haller. Sehen Sie selbst — (zeigt die Wechsel) an das Haus Rombach 20.000, das Haus Schalmann 15.000 — und andere mehr — Glatt. Ja, dann ist ja dasHaus Hochfeld nicht gesunken? Haller. Wie? — Wer erlaubt sich einen solchen Gedanken — Seb. Ja wohl, wer erlaubt sich — Glatt (für sich). Ei, ei — das war also eine. Finte — dahinter steckt etwas — Seb. (leise zu Haller). Alles bezahlt? Haller. 20.000 fl. fehlen noch. Seb. Wern's glei hab'n! (Laut.) Na, Herr Banquier! Was Hab ich g'sagt — brauchen wir Ihr Geld? Sie können fich's einmariniren, lieber Banquier. Glatt. Ah — ich wette — da haben Sie mir einen Streich gespielt, Herr Sebastian! Seb. Möglich — 's ist mir halt so der G'spaß beim Weinglas eing'fallev — Glatt (für sich). Es ist kein Zweifel — der pfiffige Bauer that es nur, um sein eignes Geld vortheilhaft anzulegeu — (Liut.) Aber — ich — ich dachte gar nicht daran, Ihren Bruder zu verlassen — Seb. So? Glatt. Im Gegentheil, er muß mein Geld aunehmeu — Seb. Brauchen's nimmer! Haller (leise). Erlauben Sie — Seb. (leise). Pst! sehn's nit, wie er schon anbeißt, lassen wir ihn nur noch a Weil zappeln. (Laut.) Wir brauchen kein Kreuzer! Glatt (für sich). Zum Teufel, zehn Procent bekommt man nicht alle Tage! (Laut.) Ja, das Geschäft war einmal abgemacht, ich habe das Capital bereits erhoben und Ihr Herr Bruder ist als solider Geschäftsmann sogar verpflichtet — Seb. (scheinbar nachgebend). Ja, wenn er verpflichtet ist — Glatt. Ich habe sein Wort — Seb. Ja — wenn Sie sein Wort haben — Glatt, (zu Haller). Sie haben gewiß schon Befehle, das Geld einzucasfiren? Haller. Ich hatte wohl — Glatt. Nun, dann lassen Sie uns keinen Augenblick säumen! (Hängt sich in Haller's Arm und geht mit ihm ab.) Seb. (in die Höhe springend). Die ganze Welt soll leben! Mein Bruder ist g'rett! O Gott, wie ist mir jetzt so leicht ums Herz — wann i nur jetzt gleich mein Brüdern da hätt, daß ich ihm um den Hals fallen kunnt! Hochs, (hinter der Scene). Bezahlt — gerettet durch ihn — Seb. Er kommt — aber mein Gott — i trau mich jetzt ordentlich nicht — ich schäm mi — waß Gott — ich schäm mich ganz ungeheuer. 35 Zweiundzwanzigste Scene. Hochfeld, Sebastian, Clotilde. Hochs. Wo ist er — (bemerkt ihn). Ah da — Bruder! Bastian! (Endlich doch vom Gefühle hingerissen.) An mein Herz! Seb. Oh — so warm hat er mi noch nie umarmt! Also verzeihst mir. ja? — Gib mir a Büffel! Hochs, (küßt ihn). Mit Vergnügen, lieber Bruder! Seb. So ist's recht — gelt. Blast! Wann ich auch nur a Viehhändler bin, ich kann doch noch a G'schäft mit Dir machen? (Fällt ihm wieder um den Hals.) Hochs. Wirklich — so viel Groß- mulh — Seb. I bitt Dich — halt's Maul. Hochs, (sieht sich eher vorsichtig um, dann mit nicht ganz lauter Stimme). Die ganze Welt soll wissen — Seb. Ich bitt' Dich, halt's Maul — Du bist zufrieden, nachher bin ich auch zufrieden — Clotilde (kommt). Lieber Vater — (Geht zu ihm.) Herr Vetter — Seb. Ja, ist a netter Kerl, dei Vetter, gelt? Macht a schöne Wirtschaft — aber unter andern — wir sein ja noch nicht fertig. — (Hastig.) Was ists denn mit dein' Bräutigam — und sein' g'selchten Herrn Vater — Clotilde. Ah — er hat schon in Wagen eiusteigen wollen — der Robert hat's vom Fenster aus g'sehen und ist nunter- g losten — sie kommen. Hochs. Wellenschlag? — Ich muß mit ihm sprechen. Seb. Nein, laß mich machen — gib nur Acht! (Stellt sich in den Hintergrund, so daß ihn Wellenschlag nicht sieht.) Dreiuudzwauzigste Scene. Vorige. Wellenschlag, Robert. Robert. Theuerster Vater! Well. Wir sagen nein und hundertmal nein! Es freut uns, daß das Haus Hochfeld nicht fallirt hat, doch die Heirat ist unmöglich, wir geben nie unsere Einwilligung! Clotilde. Ah! Well. Sage selbst, Robert, würdest Du diesen rohen Bauer, der uns insultirt, uns eine Sardelle genannt hat, würdest Du den als Onkel anerkennen wollen? Hochs, (will vortreten). Herr von Wellenschlag — Seb. (leise zu Hochseld). Ich bitt' Dich halt's Maul! Well, (zu Robert). Antwort will ich! Seb. (stellt sich Plötzlich vor Wellenschlag). Die will ich Ihnen geben. Robert. Mein Gott!' Well. Schon wiederder Mensch. (Für sich.) Wenn er mich erkannt hätte. (Dreht den Kopf weg, um von Sebastian nicht gesehen zu werden.) Seb. (stellt sich ihm aus der andern Seite vor'ü Gesicht). Ja, ja, ich will für Alle reden — Well, (wendet sich wieder ab). Wir können uns nicht verständigen. Seb. (wie früher). Warum denn nicht — ich red' ja ganz deutlich. (Betrachtet ihn scharf.) Aber das ist doch sonderbar. Well. Was? - - Seb. (für sich). Die Sardellen Hab ich schon wo g'sehen — Hochs. Was hast Du? Seb. (immer Wellenschlag bettachtend). Nichts — ja, ja, wie gesagt (für sich) die Augen — (laut) wenn man a gut's Herz (für sich) die Nasen (laut) man muß nit grausam gegen die Lieb' junger Leute sein—(für sich) und das nämliche Kinn— s* 36 Well. Was für ein Kinn? Seb. Da triff ich ja eine alte Bekanntschaft noch aus'u Kriegszeiten. Well. Sie irren sich in der Person — Seb. Gar kaRed!— Waren Sie nicht einmal Proviantmeister bei ein' ausländischen Corps, was mit unserer Armee ver- bünd't war — Well, (für sich). Ich bin entdeckt — Robert. Ja. mein Vater bekleidete vor 30 Jahren diese Stelle bei der rheinischen Armee — Seb. Na, da werden Sie sich doch auf den letzten Feldzug noch zu erinnern wis sen, wo Sie sich so rühmlich ausgezeichnet hab'n — Well, (für sich). Verfluchter Kerl! Seb. (leise zu ihm). Ich war dazumal Ortsrichter und Sie bei mir einquartirt, Sie hätten nach Ihrem Contracte so vie tausend Metzen Haber für die Kavallerie liefern sollen und auf einmal war'ns verschwunden, ich Hab noch die schriftliche Ordre z' Haus, ein Steckbrief, vermöge den man Ihnen, sobald man Ihnen verwischt, als ein Verräther niederbrennen kann — Well, (leise). Still! Seb. (behaglich). Na, wie geht's Ihnen denn alleweil? Well, (inVerlegenheit). Ich danke, recht wohl, mein wackerer Herr Richter! Seb. Sehn Sie, jetzt kennt er mi a wieder. Well, (leise). Unter welcher Bedingung versprecht Ihr mir ewiges Stillschweigen und liefert mir die Ordre aus — Seb. Die, Ihnen niederz'brennen ? Well. Schweigt, um Gotteswillcn was begehrt Ihr — Seb. Gar nichts für mich, sobald Ihr Herr Sohn mei Jungfer Mahm Heirat, wird die Ordre als a Familienstück in Ihre Hände g'liefert! Well. Ich willige em — Seb. Sein s so aut, sagen's das laut! Well. Lieber Robert und Sie, liebe Kleine! — Ich erinnere mich noch sehr lebhaft, welche ausgezeichnete Dienste dieser wackere Landmann geleistet und unsere Vaterlandsliebe und die von uns dem wahren Verdienste nie versagte Anerkennung bestimmen uns, nur aus Rücksicht für diesen Patrioten — Seb. Gehorsamer Diener? Well. Unsere Einwilligung zu eurer Vermälung zu geben! — Aber jetzt — wir fühlen uns nicht gar wohl — Sie entschuldigen — wir muffen nach Hanse! (Ab.) — Seb. Juhe! Kommt's her! — (Legt die Hände der Liebenden in einander und segnet su.) Jetzt ist der Sieg vollständig! Jetzt ruft's das ganze Haus z'samm', und dle Tafel soll -'gleich Verlobungs- und Freudenfest sein, das heißt — (zu Hochfeld mit einem leisen Vorwurfe) wann's mich an eueru Tisch fitzen lafft's. — Vierundzwanzigste Scene. Regine, Apollonia, Glatt, Haller. Eulalia (kommen von verschiedenen Seiten herbei). Hochs. Ich verdiene diesen Vorwurf — doch — ich erkenne mein Unrecht — und glaube mir — die Wirkung, welche dein Edelmuth auf mich hervorbrachte, soll gewiß nachhältig sein (Zu den Uebrigen.) Kinder! Freunde! Dankt ihm Alle, er allein ist der Gründer unseres Glücks. (Fällt ihm nochmals um den Hals, Alle umdrängen ihn.) Seb. Gott! Gott! Oes erdruckt's mi — und da, da (auf's Herz weisend) erdrückt mi's G'fühl — jetzt muß i mir Lust machen, aber auf echt österreichisch, wie bei uns daham; wenn an was recht freut, wer'n Liedln g'sungen und g'juchetzt dabei. 37 Schluß- Ge sang. Sie. Du herzigs Schatzerl, Um was i Di bitt', Geh. gib mir a Schmatzerl Und mmm mi um d' Mit. Er. Du därfst ja nicht bitten, A so nur glei sag'u, I uimm Di um d' Mitt'n. Du nimmst mi beim Krag'n. Sie. Und wirk Dir den Bam, Wo wir z'samm kema san. Im Winter beim Schnee Wachst a Blümerl in d' Höh. Er. Soll fahr'n jetzt auf Pest, Und von Pest auf Triest, Und jetzt kann i nit fahrn. Weil mi d' Lieb a so stößt. Beide. Und Nuß auf d'Nacht—Nuß auf d'Nacht Hat mir mei Vater bracht. Hat mir's geb'n mit der Faust. Daß der Kopf mir hat g'saust. A bisserl a. Bufferl geben, Dös is kan Sünd', Z hab's von meiner Mutter g'lernt Als a klan's Kind. Ende. In der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) ln Die«, Stadt hoher Markt Nr. 1, find erschienen: aus klUM den beliebtesten Wiener Possen. Sechs Hefte. Preis eines jeden Heftes 5V kr. österr. Währ, oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg, D. F. 1. Da macht' i halt daS G'wissen sein. 2- Requisiten-Couplet. 3. Kiguren-Louplet. 4- Nachher wird es schon wem 5- Glöckchen-Coupl't. 6- Biblisches Couplet. 7. Falsche Benennungen. 8- Dann ist sie da die bessere Zeit. 9. 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün. 10- Volkslieder. 11. Aber geb'n thut's es nit. — Brrla, Alois. 12. Jetzt da war'S halt Noth, daß wer antauchen thät. 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. 14. Zu was dann die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lachcouplet. 16- Aus einer Chronika- 17 Früchte, die verboten find. 18- Falsche Ansichten. 19. Französische Worte. 20- Mythologie-Couplet. — Berta u- Bittner. 21- Ohne Umschneiderei. 22 Die papierene Zeit- 23. Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Bittner, Anton. 24. Thier-CoupIet. 25- Das ist noch Geheimuiß. 28 Wer hätt' es geahnt. 27. Obrvuiyus seunäkeltznss. — Bittner u. Morländer. 28- Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29- Und so wird hinterrücks g'rrdt. — Böhm, Josef. 30- Na da fleht mau's doch, daß's an der Eintheilung fehlt- 31- Wenn man die Wirkung fleht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32. Maschinen-Couplet. 33. Wo mau waS sucht, dort find't man es nicht. — Elmar, Carl. 34- O Spiel der Natur- 35. Lied de- Teufels. 36- Man glaubt nicht, waS in einem Menschen oft steckt. 37. So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. 38. O ungeheure Ironie. 39. Da möcht' ich halt wissen, waS nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes: Elmar, Carl. 40- Was lieget da dran. 41. Ja so grht's, wenn man heut' zu Tag Geister cttirt- — Feldmann u. Flamm. 42- Mit Kleinem fängt mau au, mit Großem hört man aus. 43. So waS, daS sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Lheod. 44- Keine Rose ohne Domen. 45- Gesundheit und ein recht langes Leben. 46- Jedes Häsrrl hat sein Deckerl. 47- Repertoire-Couplet- — Flamm u. Mimmer. 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät. 49- So behilft fich halt Jeder, so gut als er kann. — Gottsleden, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 51- Verschiedene Ursachen- — Groi», Louis. 52- Na, das kennen wir schon! 53 Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54. Wir bedanken uns sehr. — Grün«, Johann. 55- WaS ein Narr ist. 56- Chinrser-Couplet. — Gründorf. 57- Nöthi wär's net, aber nothwendi war's. — Haffner, Carl. 58- Da fivd'S mäuserlstill. 59- Es steckt was dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60- Wann der mein Kapperl hätt'. 61. Ja, ich kann's nit ändern, es is halt a so. — Juin. 62 Aber a solche gibt'S leider in dieser Welt nicht. 63- Wozu Mancher eigentlich geboren. 64- Fiakerlied. 65- Das wissen die Götter, wohin das soll führen. 66- Do wird einem heiß kalt — warm! Ungeheuer genannt! Inhalt des dritten Heftes: Kaiser, Friedrich. 67- Ich bitt' meine Empfehlung, es wäre schon gut. 68- Es muß ja nicht gleich sein. 69- Da braucht man beim hellichteu Tag a Latern. 70. Jetzt das g'hört aus ein anderes Blatt. 71. Die find halt g'scheidt. 72- Das ist so nobel und so billig dabei. — Langer, Anton. 73- WaS ist der Untcrschied- 74- Aber da mag Keiner net. 75- Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 76- Es schaut nur gemeiner aus. 77- Zu früh und zu spät. 78- Man kann fich's wohl denkm, aber sagen darf man's nicht. 79. Wann mich der fragen thät. — Megerlr, Eher. 80. Marsch mit dem in d'Butten. 81 Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. — Nestroy. 82. Und 'S ist AlleS net wahr- 83- Stern-Lied aus »Luinpaci*. 84. Auf was sich Mancher hinauSwachseo kann. 85- Das war ganz etwas Neu's. 86- Und man kommt auf kein Grund. 87- Es ist alles uralt, nur in anderer G'ftalt. 88 Ja, hat denn die Sprach' da keinan- deres Wort. — varry, A. 89- Ob der dir Wahrheit wird sagen. Inhalt de- vierte» Hefte-r Berg, B- F. 1. Da such' ich iu mein' Büchel. — Berg u. Grün. 2- Mensch und Thier. — Berg, B. F. 3. Da- steht lO.OOOmal. — Berta, Alois. 4- So machen Ein'« die Kinder nix als Aergrr und Verdruß. 5. Konsequenzen. 6- IS 'S a Wunder? 7. Wir wollen nnö freiten. 8- Moderne Waffengattungen. — Bittner, Ant. 9- DaS iS a Malheur. 10. Hm, hm, hm! — Blank, Alois. 11. So schaut- mit den neuen Erfindungen au-. — Böhm, Josef. 12. Wer traut sich da zu fragen? 13. So a Anficht thut Einem weh. — Eberhart, Nik. 14- WaS a Kunst iS. — Elmar, Carl. 15- Und ein Solcher geht um und'n Andern sperr'nS ein! 16. DaS sein glückliche Leut'! 17. Ackerlied. 18. So sängt mau halt' wieder beim alten Zopf an. 19- Ob Diele- nit wohlthätig war. Feldmann, L. 20. Aeuderung g'spürrn. — Flamm, Theod. 21- Wasch' mir'u Pelz, aber mach' mir'n nit naß. 22. Die Vögel kennt man an dm Federn. 23. So lang wir nit mehr hab'u. — Friese, C. A. 24 Da- Lied von der Erinoline. 25- Gute Nacht. — Grand- jran, M. A. DaS doppelte Geficht. — Grois, Louis. 27. Lied ohne Reime. 26- Uhren-Lied. — Grün, Johann. 29- Wo steckt der Teufel? 30. Traum-Couplet- — Psundheller, I. 31- DaS hat nicht die Zeit gemacht. — Haffner, C. u. Weihrauch. 32- Erst da- Geschäft und dann da- Drrgnügen. — Juin, Carl. 33- Nimm Dich selbst bei der Nase. Inhalt des fünften Heftes: Juin, Carl. 34. Schlechte Sprichwörter. 35- Einmal ist keinmal- 36. WaS HäuuSchru gelernt hat, läßt HannS nimmermehr. 37- Ja, fragen ist leicht, aber antworten schwer. 38- ES gibt kein Mensch einen Groschen dafür. — Kaiser, Friedrich. 39. Da hört'- halt auf Unterhaltung zu sein. 40- Im hundertsten Jahr. 41. Haben muß man'-, aber brauchen soll man'- nicht. 42. Dir haben halt Heuer a g'segnete- Jahr. 43. Wann mau nur früher eine Prob' halten könnt'. — Kola. 44- Der ganze Papa! — Langer, Anton. 45. Jede- Ding hat zwei Seiten- 46- Wie muß denn der da hineinkommen sein? 47. Sie red't nur a so. 48- Jetzt, der wird sich'- noch a Weis überlegen. 49. Ist daS praktisch? 50. Biblisches Couplet. 51. Was mich nicht brennt, dablas' ich nicht. — Megerle, Ther. 52- So kommt Mancher zu waS. 53- WaS unser Ein- nit sagm darf. 54- So find wir wieder dort, wo wir früher schon waren. — Megerle, Jul. 55- Waden Wienern abgeht. — Merlin, Hugo. 56- Nebelbilder. — Morländer. 57- Gegen die Dienstboten Hab' ich a Wuth. — Moser, I. B 58. Der Haust kann'» nit, der Hans aber kaun's. 59. koste reslLnte. — Restroy, Joh. 60- Tarock-Lied. 61- TeufelS-Lied. 62 Die heimliche Eisenbahn. — Post, I. B- 63- Ja, die habm halt ka Glück. Inhalt des sechsten Heftes: Schönau, Carl. 64. Beim Bücken! — Schönau, Joh. 65. Rebus-Lied! 66- Waa s ma'S denn? — Stix, C. F. 67. Man glaubt nicht, waS die reichen Leut' die kleinste Freud' oft kost't! 68. Ah, da d'raus iS net z'grh'n! — Trsco, W. 69. Der Traum von der Hölle. 70- Glocken-Couplet- — Lreumann, C. 71. So waS heißt deutsch g'red't. 72- Unsere Sachen dürsten auch nicht schlecht sein. 73- Ein bisserl mehr stolz sein, daS könnt' unS nicht schaden. — Wysder. 74. Einer kann'» nit richten. — Berla, Alois. 75- Na freili waS denn? — Berg, B- F 76. Da hört me dann nix mehr. 77. Der Eine hat DäS. 78- Aber man g'wöhnt am End' schon All - — Bittner, Ant. 79. BiS auf- Wie —. — Blank. 80- Da steckt der Teufel d rin. — Elmar, Carl. 81. Man muß net zu viel begehren- 82. Hozat i»! — Juin, Carl. 83- Moderne Uebersetzung. 84. Ja freilich! — Langer, Ant. 85- Zwanzig Jahre machen halt ein' großen Unterschied! 86 Couplet auS: »Der Actieugreißler.» Jede» Hest wird auch einzeln abgegeben. Wallishauffer'sche Buchhandlung (Josef Klemm) io Wien. Bon Leopold Feldmann find im Verlage der Makkis^au^er^" Kuc^anäkung II. Band. 1847: Der Pascha und sein Sohn. — Ein Freuvdschasts-Bündniß. — Ursprung de- Korbgebenk — Eine unglückliche Physiognomie. — Drei Kandidaten. M. Land. 184S: Ein höflicher Mann. — Der dreißigste November. — Ein Mädchen vom Theater- — Baron Beisele und sein Hofmeister Doctor Eisele in München. — Der Lebensretter. IV. Band. 1849: Der RechnuvgSrath und seine Töchter. — Der deutsche Michel, oder: Familien-Unruhen — Kern und Schale. — Ahnenstolz in der Klemme. — Bekenntnisse eine- Brautpaare- — Das Faustin I-, Kaiser von Haiti. — Ein alte- Herz. — Die beiden Kapellmeister. — Da- Gasl- mahl zu Luxenhaiu. — Der neue Robinson, oder: da» goldene Deutschland. VI. Band 18S2: Dir beiden Faßbinder, oder: Reflexionen und Aufmerksamkeiten. — Die beiden Schicksalsbrüdrr. - Die Industrie.Ausstellung, oder: Reise«Abeuteuer in London. — List und Dummheit. In neuen Auslagen erscheinen demnächst: Der Sohn auf Reife«. — Das Portrat der Geliebten. — Die Kirschen. — Die freie Wahl. — Die schöne Athenienserin. (Josef Klemm) erschienen: Deatsche Original Lnstfpiele. NarreuhauS. V. Band. 1851: Preis eines Heden Bandes 2 Lhlr. oder 3 st. Druck und Papi« von L. Sommer » Lomp. i« Wie». E Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt und ausschließlich zu beziehen durch Leop. Feld mann, II. Circusgasse 45. _ Sogleich. Lukspikl i» norm Act von Leopold Feldmann. Adolf v. Pelling. Pauline, dessen Frau. Hilda, dessen Schwester. Personen: Friedrich v. Hombusch, Pelling'sFreund. ! b«g. (Ein modern möblirtes Zimmer mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren.) Erste Scene. Pauline im eleganten Morgen-Neglige mit einer Handstickerei beschäftigt. Hilda durch die Mitte eintretend. Hilda. Guten Morgen, liebe Schwägerin! Ich hörte Dich schon seit einer Stunde hier wirthschaften, aber ich stand von meinem Arbeitstischchen nicht auf. bevor ich nicht das Namenstagsgeschenk meines lieben Bruders vollendet hatte. Ich liebe es, in allen Dingen früher fertig zu sein und nicht erst die letzte Stunde zu benützen. Wahrscheinlich denkst Du auch so, weil Du so emsig arbeitest. Pauline (ihre Arbeit besehend). O, es fehlt noch viel, man kömmt ja nicht vor. 2 wärts, wie oft wurde ich während dieser I und ich glaube, wenn er auch wirklich an Arbeit schon gestört. Am Ende hat es ja ^^ ° ^ , , . . doch keine so große Gle, oh ich früher oder später damü fertig werde, das thut eigentlich nichts zur Sache, mein Herr Gemahl wird sich immer damit freuen, wenn ich ihm im schlimmsten Falle diese Stickerei auch erst nach seinem Namenstage überreiche. Hilda. So denke ich nicht, liebe Pauline, eine verschobene Tagesfeier verliert immer an ihrer Solennität; den wirklichen Freudentag soll man wo möglich nie umgehen. Pauline (ausstehend). Freudentag — unsere Ehetage find, Gottlob, bis zur Stunde alle glücklich gewesen und ich bin nicht dafür, einen einzelnen unter den jährlichen 365 herauszufischen, um ihn als einen besonders gesegneten auszuzeichnen. Das ganze Eheleben muß nur ein Festtag sein, so denke ich. Hilda. Ich meine, selbst im Glück muß es Variationen geben, das ewige Einerlei erzeugt früher oder später eine Lethargie, die man sogleich zu vermeiden suchen muß. Adolf würde sich gewiß recht freuen mit dieser Aufmerksamkeit, so wie es Dir doch auch ein besonderes Vergnügen gewährt, wenn er Dir eine außergewöhnliche Freude bietet. Pauline. Ich habe mich auch über Adolf nicht im geringsten zu beklagen; seit den 10 Monaten unserer Verheiratung trübte noch kein Wölkchen unfern Ehehimmel, nicht der kleinsteZwist tauchte zwischen uns auf und ich entdeckte sogar, was gewiß zu den Seltenheiten zählt, nicht die Spur eines Fehlers in meines Mannes Sitten und Charakter, wie es scheint, fand er auch mich tadellos und Du weißt es ja, so leben wir wie zwei Kinder friedlich und sorgenlos nebenein- seiner Frau etwas Unliebsames bemerkte, würde er schon aus Güte und des lieben Hausfriedens wegen seinen Tadel darüber nicht aussprecken. Pauline (aufmerksam). Du glaubst doch nicht —? Hilda. Ich führte diesen Fall ja nur als Beispiel an, um meines Bruders Güte und Friedensliebe zu bezeichnen. (Die Hand reichend.) Könnte ich denn eine bessere Schwägerin haben, als Dich, meine theuere Pauline? Pauline. Könnte ich Dich nur auch schon so glücklich sehen an der Seite eines Mannes, wie ich es bin, Du verdienst einen Haupttreffer in der Ehestands - lotterie. Hilda. Das Geschick zieht die Lose, überlassen wir das dem Himmel. Zweite Scene. Anton aus der Seitenthüre rechts. Die Vorigen. Anton. Der gnädige Herr läßt bitten, die gnädige Frau möchte einen Augenblick auf sein Zimmer kommen, damit er jenen Brief absenden könne, unter welchen die gnädige Frau auch einige Zeilen beizufügen wünschten. Pauline. Sogleich. Anton. Sehr wohl. (Geht wieder durch die Seitenthüre ab.) Hilda. Nun, liebe Pauline, lasse Dich nur nicht stören, wenn der Mann ruft, darf die Frau nicht warten lassen. Pauline. Du weißt, so strenge nimmt es mein Mann nicht, wir leben ja nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes, worin ander und freuen uns stündlich unseres! jedes Wort unumstößlich ist. Daseins. In einer solchen Ehe bedarf es keiner Extravaganzen. Hilda. Mein Bruder ist Hilda. Ich wenigstens will keine Schuld tragen, Dich zurückgehalten zu seelengut,haben, dem Willen deines Gatten nicht 3 augenblicklich nachbekommen zu sein. Ich wasche meine Hände in Unschuld und ziehe mich mit reinem Gewissen auf mein Zimmer zurück. Auf Wiedersehen, Du ungehorsame Gattin! (Eilt durch die Mitte ab.) Pauline (nachrusead). Komme nur bald wieder, Hilda, Du wirst unfern Frieden nicht gestört sehen. — Wie sagte sie? »Wenn der Mann ruft, darf die Frau nicht warten lassen.« (Setzt sich wieder zur Arbeit.) Aber ein wenig muß er doch warten, ich will nur schnell diese eine Blume vollenden, es fehlen nur noch einige Stiche. So sehr pressant ist es ja mit dem Brief auch nicht. Mein Adolf hat Geduld, ein Vorzug, der wenig Männern nachgerühmt wird. Ich erkenne es aber auch an und mache meines Wissens keinen Mißbrauch davon. Müßte auch lügen, wenn sich mein Mann jemals darüber beschwerte, seine Geduld auf die Probe gesetzt zu haben. Dritte Scene. Adolf aus der Seitenthüre rechts. Vorige. Adolf (einen offenen Brief in der Hand). LiebesKiud, ich habe Dich bitten lassen — Pauline. Ich wollte sogleich kommen, lieber Adolf, nur noch einige Stiche. Adolf (lachend). Also der Stiche wegen ließest Du mich im Stich. Nun, Fleiß entschuldigt. Ich habe den Brief an meine Eltern hier, wenn Du auch einige Zeilen beifügen willst? Pauline. Ohne weiters, gib ihn mir nur her, ich habe eben Schreibzeug hier und kann sogleich darangehen. Adolf (den Brief ablegend). Er muß aber noch in dieser Stunde zur Post, wenn er heute noch abgehen soll. Meine guten Eltern find um Briefe verlegen und ich möchte nicht länger säumen. Pauline. Das ist ja gleich geschehen, mein Adolf, nur noch einige Stiche. Adolf. Auch bringe ich Dir hier den ersten Theil des neuen Romans von Stift, Du sagtest mir, Du hättest den zweiten Theil schon zu Ende gelesen, ich bitte Dich darum, das Buch intereffirt mich. Pauline. Der zweite Theil liegt hier, nur die letzte Seite habe ich noch zu lesen, gönne mir nur wenige Minuten, sie zu überblicken, dann kannst Du das Buch sogleich haben. Adolf. Ich nehme deine Bereitwilligkeit noch weiter in Anspruch. Ich habe hier einen Patienten, den Du mit deiner Nadel, die Du, wie ich sehe, so emsig führst, curiren sollst. Ein abgerissenes Knöpfchen meines Handschuhes ist wieder anzu nähen. Ich gehe später aus und will nicht, daß man meiner Frau die mangelhafte Adjustirung ihres Mannes in die Schuhe schiebt. ? Pauline. Da thust Du wohl daran, die böse Welt ist gleich geneigt, uns Frauen für solche Dinge verantwortlich zu machen. Adolf (den Handschuh reichend). Hier, wenn Du so gut sein willst. Pauline. Sogleich. (Legt den Handschuh bei Seite und arbeitet weiter.) Adolf. Es macht Dir doch keine besondere Mühe? Pauline. Um so weniger, da ich mein Werkzeug hier bei der Hand habe; wäre ich, deinem Rufe folgend, zu Dir gegangen, hätte ich Alles erst herbeihole a müssen. Adolf. Ja wohl, so hast Du es bequemer. Da liegt nun Alles nebeneinander, der Brief, das Buch und der Hand- schuh. Pauline. Sogleich, mein guter Adolf, werde ich deine sämmtlichen Wünsche erfüllen, nur noch eine kleine Geduld. Adolf. Lange aber, mein liebes Kind, kann ich nicht warten. Der Brief muß abgehen, ich muß ebenfalls abgehen und i * wünsche das Buch mit mir zu nehmen, der Handschuhe bedarf ich selbstverständlich auch gleich, also alle drei Dinge, wenn Du Dich überhaupt damit befassen willst. Pantine. Aber liebes Männchen, ich sagte Dir ja schon — sogleich! Adolf. Ja, das ist wahr, sogleich hast Du sogleich gesagt. Paul ine (lachend). Nur noch nicht ge- than, meinst Du. Nun, das wird bald geschehen sein. — (Steht auf.) Apropos, wie ist es denn mit deinem Freunde Hombusch und Hilda? Hast Du von dessen Annäherung an deine Schwester noch nichts bemerkt, es ist ja doch ein Lieblingsplan von Dir. Adolf. Hombusch ist vorsichtig, so lange er nicht volle Gewißheit hat, Hilda's Herz gewonnen zu haben, setzt er sich keines Refus aus. Pauline. Wie ich bemerkte, ist Hilda deinem jungen Freunde nicht abgeneigt, will aber natürlich, wie es einem Mäd- gen geziemt, ihr Gefühl errathen lassen, ehe sie es selbst bekennt. Wenn Hombusch keine Schritte thut, wird die Sache ewig in der Schwebe bleiben, Hilda wird ihm nicht entgegevkommen. Adolf. Wenn sie sich beiderseitig lieben, errathen sie sich beiderseitig. Die Sprache der Liebe bedarf keines Dolmetschers, sie gibt sich in jeder Bewegung, in jedem Blicke kund. Paulioe. Du hast mir aber doch gesagt, daß Du mich liebst. Adolf. Mar auch unnöthig. Du hast es längst bemerkt, bevor ich es aussprach, so wie auch ich wußte, daß Du mir gut bist. Uebrigens was sagt man nicht Alles, wenn man liebt. Pauline. So! Hast Du Dich vielleicht damals nur versprochen? Adolf. Das war ja mein Glück, daß ich mich mit Dir versprochen habe, sonst würde ich Dich ja nicht besitzen. Paulioe. Aus der Schlinge weißt Du Dich immer zu ziehen. Vierte Scene. Hilda, Hombusch durch die Mitte. Vorige. Hilda. Denke Dir, Pauline, Herr Hombusch sagt, er sei auf der Flucht. Hombusch. So ist es, gnädige Frau, erlauben Sie mir, daß ich mich hierher flüchte, mein Vater ist gestern hier angekommen, um mich auf irgend eine Art zu verheiraten. Was sagen Sie dazu? Wie weit muß es mit einem Menschen gekommen sein, dessen eigener Vater es für seine Pflicht hält, ihn unschädlich zu machen! Pa ul ine. Sie erschrecken mich, so wie ich Sie kenne, find Sie, wenn auch immerhin nicht ganz ungefährlich, doch weit davon entfernt, so viel Unheil anzurichten, daß man im Interesse der öffentlichen Sicherheit nöthig gehabt hätte, Sie in Fesseln zu legen. Adolf (halb leise zu Pauline). Nun werde ich ein wenig sondiren. (Laut.) Bist Du denn so ein Feind der Ehe? Hombusch. Keineswegs, ich möchte sie gerne kennen lernen. Aber natürlich die Ehe mit einer Frau, die ich liebe, die ich vergöttere. Pauline. So heiraten Sie eine solche Frau! Der reiche Mann kann ja zu jeder Stunde heiraten. Hombusch. Der Umstand, daß ich es nicht kann, bewirkt ja meine Pein. Adolf. Was hindert Dich? Versagt Dir dein Vater die Einwilligung? Hombusch. Mein Vater läßt mir freie Wahl, er will nur, daß ich überhaupt heirate. Hilda. Verzeihen Sie mir die Indiskretion, dann werden Sie wahrscheinlich von der Schönen nicht geliebt, die Sie so glücklich machen würde? 5 Hembusch. Im Gegentheile, sie liebt mich bis zum Sterben. Adolf. Hat sie das selbst gesagt? Hombusch. Gesagt und geschrieben. Pauline. Dann begreife ich nicht — Hombusch. O, es ist schrecklich! (Sich an die Stirne schlagend.) Man könnte den Verstand verlieren. Pauline. Wenn von Ihrer Seite keine Hindernisse entgegenstehen. — Sie find ja längst majorenn? Hombusch. Ich zähle schon 28Jahre. Adolf. So heirate sie in Gottes Namen. Hombusch. Es ist unmöglich, Freund, rein unmöglich! Pauline. Sie lieben die Dame, die Dame liebt Sie, Sie sind reich und majorenn. Hombusch. Aber die Dame ist schon verheiratet. Hilda (läßt sich ergriffen auf einen Stuhl nieder, mit unterdrücttem Seufzer). Ach! Adolf (lachend). Ach. dos ist freilich ein kleines Hiuderniß. Hombusch (Hilda betrachtend, für sich). Sie liebt mich. Pauline. Aber wie kommen Sie denn dazu, eine Frau zu lieben? Hombusch. Ach, dazu kommt man oft sehr leicht. Pauline. Da ist Ihnen nicht zu helfen, wenn Sie Ihre Liebe auf fremdes Gut übertragen, in dessen rechtlichen Besitz Sie nie kommen können. Hombusch. Das kann man nicht wissen! Der Mann kann ja sterben — von meiner Hand sterben — dann heirate ich die Witwe. Adolf. Ich denke doch, das solltest Du Dir ein wenig überlegen und einstweilen eine Andere heiraten. Der Mann hat Dir ja eigentlich nichts gethan. Hombusch. Nichts gethan? Er ist ein Ungeheuer — ein Tyrann — ein Wegelagerer! l Adolf. Darf man denn eigentlich wissen, wer dieses Ungeheuer ist? Hombusch. Wer anders als Du selbst! Adolf (sehr überrascht). Wie, meine Frau hätte Dir gesagt und geschrieben, daß sie Dich liebt?! Hombusch. Nein, das habe ich dazu gelogen. Pauline (lachend). Eben so wie Ihre ganze Liebesgeschichte erlogen ist. Ich kenne zwar dieAbficht nicht genau, die Sie zu diesem etwas kühnen Scherz veran- laßte, aber ich vermuthe — Hombusch. Ja wohl, meine Gnädige, vermutheu Sie, Frauen find in dieser Art immer scharfsinniger wie Männer. Sehen Sie Ihren Herrn Gemal an, der vermu- thet noch gar nichts, er kömmt nicht auf die Idee, daß ich die Liebe zu seiner Frau vorschützte, um jene feiner Schwester zu gewinnen, das heißt, wenn mir Gnade wird vor den Augen der lieblichen Hilda. Adolf. Deine neue Werbuugsart ist originell, aber gefährlich, könnte es Dir doch passiren, daß Dir einmal einer seine Frau gibt und seine Schwester behält. Hombusch (zu Hilda). Hilda, wie denken Sie? Hilda (die sich früher wieder erhob und mimisch Theil nahm, neckisch). Ueber Rußland? Hombusch. Nein, über ein weit wärmeres Klima, über den Südpol meines Herzens. Hilda. Ich habe kein rechtes Vertrauen zu Ihnen. Sie haben bewiesen, so wahrscheinlich lügen zu können, daß auch Ihre Liebe zu mir nur erlogen sein kann. Hombusch. Sollten Sie kein Ver- ständniß haben für die Stimme des Herzens? Hilda. Was berechtigt Sie denn überhaupt, zu glauben, daß die Stimme Jh- 6 res Herzens auch zu dem meiuen dringen muß? Hombusch. Ihr göttlich schwacher Widerstand. Hilda. Weil ich kein Falsch in mir trage und mich nicht wie Sie auf Umwegen dem Ziele nahe. Erkennen Sie in dieser meiner Offenheit wie aufrichtig ich Ihnen zugethan bin — natürlich weil ich längst vorher schon bemerkte — Hombusch (einsallend). Daß ich Sie liebe. — Da haben wir's! Ich glaubte ganz sein diplomatisch zu Werke zu gehen! — wer überlistet eine Frau? Adolf. Gestehe nur, ein wenig hat Dich das Lügengespinust meines Freundes doch aus der Fassung gebracht, sonst wäre Dir doch der Ausruf »ach!* nicht ent schlüpft, mit dem Du so angegriffen auf den Sessel sankst. Hilda (lachend). Das eben war ja meine Gegenkomödie! Der vernünftige Herr wollte einen Beweis meiner Zuneigung, wie ich die Ueberzeugung, daß ihm mein fingirter Schmerz nicht gleichgiltig sei. und ich freue mich, diese Rolle so wirk sam durchgeführt zu haben. Homb usch. Ich danke Ihnen für die Uebernahme dieser schwierigen Partie und ernenne Sie zu meiner ersten Lieb haberin. Hilda. Sie lügen schon wieder! Die Braut eines Mannes aus unserer Zeit ist nie seine erste Liebhaberin. Pauline. Nun, Hilda, kämpfe einst weilen deinen Liebesstreit mit Herrn Hombusch aus, ich ziehe mich unterdessen aus derAffaire zurück, mich aus derMor gentoilette in eine diesem Ehrentage würdigen zu werfen. Sir entschuldigen, mein Herr, ich werde mich beeilen. (Ab nack links.) Hombusch. Bitte, so lieb mir Ihre Gesellschaft, fich nicht zu übereilen. Adolf. Das thut meine Frau ohne dieß nie. Höre, lieber Freund, aber lache mich nicht aus. — Meine SchwesterHilda jat es längst bemerkt, aber auch sie weiß nicht zu helfen. — Ich lebe mit meiner Pautine recht zufrieden und glücklich, sie irefitzt alle Tugenden und Vorzüge, die ich ein Mann nur wünschen kann, und doch hat fie einen Fehler, der mich manchmal sehr verstimmt und meine ange- tammte Geduld auf eine harte Probe etzt. Man kann es eigentlich nicht einmal einen Fehler nennen, es ist nichts au ihr Haftendes, sondern vielmehr eine üble Angewohnheit, die bei ihrer sonst trefflichen Erziehung wahrscheinlich unbeachtet blieb. Hombusch. Du spannst meine Neugierde, ich finde deine Frau tadellos. Hilda. Pauline ist es auch. Adolf. Ja wohl, bis auf diesen kleinen mich oft sehr erregenden Uebelstand. Meine Frau hat nämlich die Gewöhn« jeit, jedes Verlangen, das ich an fie 'teile, mit dem Wörtchen »sogleich« zu beantworten, thut es aber nie sogleich, sondern immer erst viel später. Hilda. Das ist Thatsache. Adolf. Du wirst diese Anklage für sehr geringfügig und mich vielleicht für einen Pedanten halten; aber setze Dich selbst in diese Lage, wenn Du zum Beispiel zu mir sagen würdest, ich soll Dir einen Gegenstand reichen, den Du eben bedarfst, und ich antworte »sogleich«, gehe auf den von Dir verlangten Gegenstand zu, lasse ihn aber wieder liegen, versehe derweil irgend ein anderes Geschäft'und bringe Dir erst nach einer Stunde das früher Gewünschte, so wirst Du es lachend oder verdrießlich zurückweisen, weil Du es nun nichtmehr bedarfst, oderDir den Gegenstand selbst geholt. In solche verdrießliche Lagen versetzt mich meine Pauline jeden Tag einige Mal und regt mich innerlich bitterauf, während ich nach außen stets den Geduldigen spiele. (Aus den Tisch zeigend.) Hier, steh her, da liegen drei 0orxu8 äs- lioti meiner heutigen Geduldprobe, ein Brief, ein Buch, ein Handschuh, die alle 7 mit dem Wörtchen »Sogleich* in Empfang genommen wurden und hier ihre Erlösung erwarten. Hombusch. Aber, lieber Freund, hast Du denn deine Frau auf diese Dir so unliebe Angewohnheit nie aufmerksam gemacht und sie gebeten, ihr »Sogleich* auch immer sogleich zu erfüllen? Adolf. Jndirect ließ ich ihr meinen Unwillen hierüber zuweilen merken, erst heute deutete ich wieder darauf hin, aber so eigentlich hart gerügt habe ich sie darüber nie, immer hoffend, sie werde selbst zur besten Einsicht kommen. Hombusch. Und Sie, liebe Hilda, hätten doch als Schwägerin Pauline auf eine zarte Art darauf aufmerksam machen können, diese üble Gewohnheit zu beseitigen, da Sie bemerkten, wie unangenehm sich Ihr Bruder dadurch berührt fühlt. Hilda. Wenn der eigene Mann schweigt, hat die Schwägerin kein Recht, zu sprechen. So unberufene Einwirkungen zwischen Eheleuten find oft von nachtheiligen Folgen, die ich nicht heraufbeschwören wollte. Der Friede ist leicht gestört und schwer wieder gänzlich herzu- fiellen. Hombusch. Wohl gesprochen; ich kann Ihnen nicht Unrecht geben. Adolf. Ich habe mir schon oft gedacht, Repressalien zu gebrauchen und ihr mit einem eben so thatenlosen »Sogleich« zu antworten, wenn sie irgend einenDienst von mir hegt, aber diese Cur ist mir zn viel Retour-Kutsche. Hombusch. Du möchtest deine Pauline mit einem Extratrain überrumpeln. Nun, vertraue mir. Da Fräulein Hilda und Du mein Lügengespinnst bei Anwendung meiner Liebeserklärung nicht ganz übel fandet, so läßt sich vielleicht auch bei dieser Gelegenheit wieder eine Komödie nützlich placiren. Bitte mir nur eine kurze Zeit zum Memorireir zu gönnen und wenn ich wiederkehre, mein gläubiges Publicum vorzustellen. (Eilt ab.) Adolf (nachrusend). Der Herr segne deinen Plan! Hilda. Auf Wiedersehen, Bruder, im Haustheater! (Zur Seite ab.) Adolf. Gott gebe, daß er nicht durch- Mt. (Zur Seite ab.) Fünfte Scene. Tuschen (aus der Seitenthüre links). Es ist Niemand hier? Ich hätte den Herrschaften melden sollen, nur noch einige Augenblicke Geduld zu haben, die gnädige Frau käme sogleich. Desto besser, so bleibt meiner Herrin etwas mehr Zeit zur Toilette. Das Eilen ist ohnedieß ihre schwache Seite. Sechste Scene. Anton, die Vorige. Anton. Ich suche Sie. Mamsell Tuschen, Sie müssen ein gutes Wort bei der gnädigen Frau für mich einlegen. Tuschen. Um was petitiouiren Sie denn? Anton. Sie wissen, der Herr hat es nicht gerne, wenn ich mich nur auf Stunden vom Hause entferne, vielweniger auf Tage. So habe ich die gnädige Frau gebeten, mein Gesuch, um drei Tage Urlaub, beim gnädigen Herrn zu befürworten. Ich möchte so gerne meinen kranken Bruder, der sich nach mir sehnt, besuchen, dessen Aufenthalt ich mit der Bahn in 6 Stunden erreichen kann. Tuschen. Hat Sie denn die gnädige Frau mit Ihrer Bitte zurückgewiesen? Anton. Im Gegentheile. sie kam mir 8 recht freundlich und liebevoll entgegen, versprach mir sich der Sache warm anzunehmen und rief mir noch zu, als ich dankend das Zimmer verließ: Gewiß, Anton, ich werde mit meinem Manne sprechen und das sogleich. Tuschen. Nun, warum verlangen Sie denn, daß ich die Sache in die Hand nehme, wenn Ihnen die Fürsprache schon zugesagt ist? Anton. Weil ich nicht mehr länger warten kann, heute noch muß ich unter jeder Bedingung fort. Tuschen. Des Besuches wegen? Anton. Nein, der Leiche wegen. Es ist ja schon vier Wochen, daß ich mich an die Gnädige gewendet, unterdessen ist mein armer Bruder gestorben. Die letzte Ehre, seinem Begräbnisse beizuwohnen, will ich ihm aber jedenfalls erweisen. Tuschen. Das ist himmelschreiend! Reisen Sie jedenfalls ab, die Ursache ist eine sehr zu entschuldigende, ich werde Ihre Verteidigung, wenn es nöthig ist, in die Hand nehmen. Anton. Auf Ihre'Gefahr, ich möchte den Dienst nicht gerne verlieren. Tuschen. Auf meine Gefahr. Frau von Pelling ist gutherzig und wird einen Trost darin finden, die Vernachlässigung der Ihnen versprochenen Fürsprache wenigstens io so weit wieder gut gemacht zu haben, daß Sie dem BegräbnißIhres Bruders beiwohnen können. Anton. Suschen, Sie dienen keinem Undankbaren. — Ich erbe einige hundert Gulden, vielleicht-! Nun, Sie verstehen mich schon.—Auf Wiedersehen! (Geht ab.) Suschen. Ein braver Mensch—erben thut er auch — dem Manne kann geholfen werden. Siebente Scene. Pauline in moderner Toilette. Vorige. Pauline. Niemand mehr hier? Suschen. Ich fand das Zimmer leer. Pauline. Du kannst jetzt gehen, ich bedarf deiner nicht mehr. Suschen. Sehr wohl. Ich wollte bei der gnädigen Frau nur noch eine Bitte Antons unterstützen. Pauline. Ah, ich weiß schon, darauf habe ich ganz vergessen, ich werde es sogleich zur Spraye bringen. Suschen. Haben die Gnade. (Geht ab.) Pauline (allein). Meine Schwägerin scheint ein rechtes Glück zu machen, es kann eine Musterehe geben. Nun, das gute Beispiel unserer eigenen Ehe hat fie seit zehn Monaten vor Augen und sie wird es nicht unterlassen, mir nachzuahmen. Achte Scene. Hilda durch die Mitte, gleich darauf Adolf aus der Seitenthüre, die Vorige. Pauline. Eben beschäftigte ich mich im Gedanken mit deinem Glücke. Hilda. Möge es so gut gedeihen, als Du mir es in deinen Gedanken gewiß wünschest. Adolf (eiutretekd). Nun bin ich zum Ausgehea bereit, liebe Pauline, bist Du meinen sämmtlichen Wünschen nachgekommen? Pauline. Sogleich, lieber Adolf, soll Alles geschehen, ich kam bis jetzt nicht dazu. 9 Adolf. Ich habe nicht viel Zeit zu verlieren, es müßte schnell gehen. Pauline (zum Tische eilend und sich setzend). Nur einen Moment, wir werden sogleich damit fertig sein. (Steht schnell wieder auf.) Liebe Hilda, mir ist es, als hätte sich rückwärts von meiner Coiffure etwas losgelöst. Sei so gut, sieh einmal nach. Adolf (für sich). Sie ist unverbesserlich. Hilda (nachsehend). Alles in Ordnung, reine Einbildung, ich sehe kein Derangement. Neunte Scene. Hombusch (stürzt erschöpft herein). Die Bori gen. Hombusch (höchst erregt). Einen Stuhl! Einen Stuhl! (Hilda und Adolf eilen gleichzeitig mit Stühlen herbei.) Adolf. Um Gotteswillen, was ist Dir geschehen, was soll deine Aufgeregtheit? Hilda. Sie haben uns doch erst vor Kurzem gesund und wohl verlassen. Hombusch (tief seufzend). Das Unglück reitet schnell! Adolf. Wie, bist Du überritten worden? Schnell, Pauline, einen Chirurgen! Pauline (ruhig stehen bleibend). Sogleich! Adolf. Bitte, gnädige Frau, zu bleiben. Adolf (halb leise zu Hombusch). Sie wäre so nicht gegangen. Hombusch. Es war wohl ein Hufschlag. aber nicht der eines Pferdes, sondern jener des Schicksals, der zwar nicht mich persönlich, aber einen meiner besten Freunde getroffen. Die Nachricht erschütterte mich tief. Pauline. Es ist schwer, Herr Hombusch, Jemand zu trösten, ohne die eigentliche Ursache seines Schmerzes zu kennen. Hombusch. Gnädige Frau, kleine Ursachen haben oft große Wirkung, es ist schrecklich, eine ganze, eine so intime, befreundete Familie unglücklich zu sehen, einer an sich nichtssagenden Ursache oder vielmehr einer üblen Angewohnheit wegen. Adolf. So erzähle doch, Du spannst uns Alle auf die Folter. Hombusch. Augenblicklich. (Macht eine Pause.) Adolf (nach einer Pause). Nun, so rede doch einmal. Hombusch (aussteheod). Siehst Du, das Wörtchen »augenblicklich«, welches Dich eben selbst so ungeduldig machte, ist die Ursache eines großen Familienunglücks. Adolf. Augenblicklich das heißt, wie man oft zu sagen pflegt, »sogleich«; wie kann daraus ein Unglück entstehen? Hombusch (im gesteigerten Affect erzählend). So hört — ich bin noch ganz ergriffen. Einer meiner besten Freunde, ein junger Beamter, seit mehreren Jahren verheiratet, ist der Gatte einer liebenswürdigen, sowohl hübschen als auch guten Frau, welche nur dadurch schon manchen häuslichen Zwist herbeiführte, daß sie die Gewohnheit hatte, alle Wünsche ihres Mannes mit dem Wörtchen »augenblicklich« zu beantworten, die Ausführung jedoch stets verzögerte, ja zuweilen ganz unterließ. Aus dieser Eigenheit der sonst so wohl erzogenen Frau entstand mancher harte Wortwechsel zwischen den Eheleuten, der jedoch nie ausartete, höchstens mit einem Schmolltag endete, den die kommende Nacht wieder ausglich. — Leider blieb nach jeder derartigen Scene der Vorsatz der Hüten Frau, sich dieses Fehlers zu entwöhnen, eben nur ein Vorsatz, der nie zur Ausführung kam. Gestern uun entwickelte sich aus dieser üblen Gewohnheit eine Katastrophe, die leider ein warnendes Beispiel für alle Jene sein dürfte, die sich eines ähnlichen Fehlers bewußt find. Gestern Abends nämlich bereitete die junge Frau wie allabendlich den Thee. Der Mann, welcher eben nach Hause kam," machte dir Bemerkung, daß die Theema- schine zu nahe am Rande des Tisches stehe. Liebe Julie, bat er, rücke doch die Maschine mehr gegen die Mitte des Tisches, damit Niemand der Spiritusflamme zu nahe komme. »Augenblicklich,* antwortete wie gewöhnlich das Weibchen, ließ aber Alles wie es war und besorgte indessen das Theebrod aus einem fernestehenden Schranke. Der Gatte, der seinen Wunsch erfüllt glaubte, ging indessen auf sein Zimmer, um fich's häuslich bequem zu machen. Er war kaum einige Minuten entfernt, als er ein jämmerliches Schmer- zensgeschrei hörte; aus der Thüre seines Zimmers stürzend stieß er selbst das Hilfsgeschrei Jesus! Maria! aus; sein einziges dreijähriges Kind stand in der Nähe des Tisches in Hellen Flammen. Mit der Hast eines Verzweifelten stürzte er auf das brennende Mädchen zu, umschloß es, um an seinem eigenen Leibe die Flamme des jammernden Kindes zu ersticken und rief, nachdem er sich schnell sammelte, nach dem ersten Linderungsmittel Del! Del! Die Mutter, die erstarrt vor Schreck wie eine Leiche, unfähig sich zu bewegen, noch am offenen Speiseschrank stand, antwortete mechanisch auf den Ruf nach Oel »augenblicklich!* und sank dann bewußtlos zu Boden. Das Kind, rettungslos verloren, ward noch in derselben Nacht das Opfer jener folgenschweren Gewohnheit der bedaueroswerthen Mutter, deren Ruhe für immer dahin. Mein unglücklicher Freund machte ihr keinen anderen Vorwurf, als daß er sie feierlich zu der Leiche des Kindes hivführte, und unter Thränen sagte: »Nun, Julie, wurden wir Beide »augenblicklich« unglücklich.* Pauline (unter Thränen). Die arme Frau, wie muß sie leiden! Adolf. Freund, ich begreife deine Auflegung, meine Thränen mögen die Wahrheit meines Mitgefühls bezeugen. Pauline, dürfte ich Dich um ein frisches Taschentuch bitten? Pauline. Sogleich, lieber Adolf, sogleich. (Eilt nach der Seitenthüre ab.) Adolf (erfreut). Wie sie eilt, sie scheint gründlich curirt. (Die Hand reichend.) Ich danke Dir, weither Freund, deine Fabel wirkte. Hombusch. Juble nicht zu früh, warte, bis fie wiederkehrt, gar so schnell läßt sich die Besserung einer Frau nicht bewerkstelligen. Adolf. Glaubst Du? Hombusch. Nun, Hilda, wie waren Sie mit mir zufrieden? Hilda. Ich fürchte, Sie find ein besserer Schauspieler als ein Ehemann. Hombusch. Ich werde die Tragödie, so viel es in meiner Macht steht, aus unfern häuslichen Scenen ganz verbannen. (Zu Adolf.) Nun, deine Frau kommt noch immer nicht. Adolf. Vielleicht hat sie den Schlüssel zum Wäschkasteo verlegt. Hombusch. Wenn fie nur meine Komödie nicht zu Schanden macht. Adolf. Die Thüre bewegt sich, fie kommt schon. Zehnte Scene. Suschen. Die Vorigen. Hilda. Es ist Suschen. Suschen (überreicht das Tuch). Ich soll dem gnädigen Herrn dieses Taschentuch bringen. 11 Adolf. Was thut denn meine Frau? Tuschen. Die gnädige Frau sieht zum Fenster hinaus. (Ab durch die Mitte.) Hombusch (lachend). Noch nicht radikal curirt. Adolf. Aber sie hat es doch gleich gesendet. Hombusch. Selbst in eigener Person muß sie gehorchen, lasse sie nur noch einige Proben bestehen. Hilda (lachend). Lieber Bruder, wäre dein ganzes häusliches Unglück nicht so komischer Art, würde ich Dich herzlich bedauern, aber so muß ich mit Hombusch darüber lachen. Pauline. So, nun ist das auch geschehen. Adolf (erfreut). Ich danke Dir. (Will das Geschriebene an sich nehmen.) Pauline. Nein, lieber Adolf, das ist noch nicht für Dich, das ist der Wäschzettel für Tuschen. Nun aber befördere ich sogleich den Brief. Hombusch (halb leise, lachend). Deo sie bis jetzt nur als Unterlage benützte. Adolf. Aber jetzt schreibt sie doch. Hilda. Aber nicht sogleich, sondern nachher. Adolf. Der Brief muß augenblicklich zur Post. (Gegen die Thüre gehend.) Anton! He, Anton! Der scheint heute nicht zu hören! Eilste Scene. Pauline. Die Vorigen. Pan live. Nun, Adolf, hat Dir Tuschen das Taschentuch übergeben? Adolf. Ja wohl, warum aber hast Du mir es nicht selbst gebracht? Pauline. Damit Du es schneller bekömmst. Adolf. Nun, der Grund läßt sich hören. (Halb leise zn Hombusch.) Das entschuldigt. Hombusch (halb leise). In deinen Augen; mache noch einige Proben. Adolf. Nun aber muß ich vor Allem meinen Brief besorgen, Du hast wohl noch nicht darunter geschrieben, Paulioe? Pauline. Sogleich. (Eilt zum Tische und schreibt.) Adolf (halb leise). Nun, was sagst Du jetzt? Sie schreibt schon! Hombusch (halb leise). Wer weiß, was sie schreibt? Adolf (halb leise). Nun, was Anderes als einen Gruß an meine Eltern, um den ich sie gebeten. Zwölfte Scene. Tuschen. Die Vorigen. Tuschen (mit Beziehung). Bitte, der gnädige Herr scheinen nicht zu wissen, daß Anton gar nicht im Hause, sondern nach seinem eHeimatsorte gereist ist, um der Leiche seines verstorbenen Bruders beizuwohnen. Er suchte bei der gnädigen Frau um die Erlaubniß nach, welche so gütig war, die Dringlichkeit der Sache einsehend, den Urlaub sogleich zu bewilligen und die Entschuldigung für Anton zu übernehmen. Paul ine (halb leise zu SuSchen). Antons Bruder ist gestorben? Tuschen (halb leise). Mausedodt. Er konnte nicht so lange warten. Pa ul ine (halb leise). Schon gut — ich verstehe! (Während der folgenden Schlußrede Adolfs näht Pauline mit komischer Schnelligkeit das fehlende Havdschuhknöpschen an.) Adolf. So schwer ich auch Anton vermisse, dieses so ganz außergewöhnliche, 12 schnelle Handeln, welches Du, meine gute Pauline, in dieser Angelegenheit ergriffen und es dabei noch so bescheiden verschwiegst, erfreut mich ungemein. (Die Hand reichend.) Ich danke Dir für dieses energische, unverzögerte Vorgehen und bitte Dich, nun auch in Zukunft, selbst in den kleinsten Dingen (für sich) sie näht schon (laut) diese ungesäumte und rapide Ausführung in Auwendung zu bringen. (Halb leise zu Hombusch.) Glaubst Du jetzt an die vollkommene Besserung meiner Frau? Hombusch (halb leise). Ja wohl, es mußte aber doch erst Einer, darüber sterben. Pauline. Lieber Adolf, hier ist der Handschuh, er sei ferner kein Fehdehandschuh zwischen uns. Ich habe Euch Alle verstanden und hoffe, daß das angeblich verbrannte Kind sich recht wohl und munter befindet. Ich sah meinen Fehler sogleich ein, und wollte Dich nur noch ein bischen bestrafen für die mir vorgespielte Komödie. Nun bin ich bereit, eine Probe meines augenblicklichen Gehorsams im Beisein deiner Mitverschworenen abzu- legen. Befehle und ich gehorche sogleich.. Adolf. Ist es wahr?! Nun so befehle ich Dir, mich zu umarmen. Pauline (aus Adolfzueilrnd). Sogleich! Der Vorhang fällt. Doctor Faust" Hauskiippche« oder M MM i«i Mlie. Posse mit Hesang in drei Aufzügen von Friedrich Hopp. Musik vom Kapellmeister M. Hebenstreit Zweite, veränderte Auflage. Personen: Obrist Baron vonRodensee, außer Diensten. Flora, seine Tochter. Chevalier von Silberpappel. Advocat Drehpsiff. Andreas Pimpernuß, ein armer Kappelmacher. Barnabas Kneisser, Amtmann aus Rodensee. Schußelmann. Schloßinspector. Stanzerl, seine Tochter. Kohlmayer, Ortsrichter. Blüh dorn, Schloßgärtner. Isidor, sein Neffe, Amtsschreiber. Der Schulmeister von Rodensee. Traugott, Reitknecht des Obristen. Lockwurm, Wirth einer Waldherberge. W°7.r°kd,'Dij W-rih-h°us-. Der schwarze Wolf, AnführerderWegelagerer. R°"chitzk». j Wenzel, Postillon. Herr Müller. Herr Wellbaum. Madame Drach er. Madame Sprudelmund. Ein Gerichtsdiener. Christian, j Ein Dragonerossicier. Eine Bäuerin. Eine Gestalt. Herren und Damen. Gerichtsdiener, Wegelagerer, Dragoner, Bauern, Bäuerinnen. Musikanten. Bediente und Jäger des Obristen, Seschworne, drei Brautpaare, Brautjungfern, Kinder. »Doctor Faust's Hauskäppchen,« von Friedrich Hopp, ist eine der besten Posten. Sie wurde vor dreißig Jahren zum ersten Mal in Wien aufgeführt und es gibt wohl kaum ein deutsches Theater, an welchem sie nicht die Lachlust des Publikums längere Zeit für sich in Anspruch genommen hätte. Diese Posse hat sich aber auch bis zum heutigen Tage lebensfrisch erhalten, obgleich sie im Sinne einer anderen Zeit geschrieben, einer andern Geschmacksrichtung Rechnung tragend, auch mancherlei bringen mußte, dessen wir heute auf dem Theater lieber entbehren. Sie enthält der lustigen und pudelnärrischen Einfälle eine Menge, der Humor ihres Verfassers hatte sich längst das Ehrenbürgerrecht erworben und Ser »Hopp'sche G'spaß« ist, bei uns Wienern zumal, eine Gattung geworden. Bei Veranstaltung dieser neuen Auflage des »Hauskäppchens« haben wir durch eine kundige Hand die für die heutige Darstellung nothwendig gewordenen Aenderungen, Kürzungen u. dgl. vornehmen lassen. In diesem neuen Gewände glauben wir uns mit dem alten H o p p im »Wiener Theater-Repertoir« wieder zeigen zu dürfen und hoffen, daß er Vielen das sein wird, was er uns war, als er vor dreißig Jahren erschien: — eine willkommene Erscheinung. 3 Erster Auszug. (Düsteres Zimmer mit zwei Seitenthüren. statt der Mittelthüre ein offener Alcoven, in welchem auf einem runden Tische ein großer Olodus ooslsstls ruht. RingS im Zimmer astronomische und physikalische Apparate. Im Vordergründe rechts ein Tisch mir Schreibge-- räthe, Papieren und einem schwarzen Kästchen. — Neben dem Tisch ein Armstuhl.) Erste Scene. Drehpfiff, ein Testament in der Hand, Herr Müller, Herr Wellbaum, Madame Dracher, Madame Sprudelmund, mehrere Herren und Damen, Gerichtsdiener. Alle (unwillig durcheinander). Nein, das ist schändlich, das ist infam, das ist niederträchtig! Drehp. Meine werthen Herrschaften, es thut mir leid, aber sie ereiferu sich umsonst. Das Testament ist rechtsgiltig in allen seinen Formen, das darf und kann nicht angefochten werden. Verfügen Sie sich also ruhig nach Hause und lassen Sie die Sache so, wie sie ist. Müller. Nein, das thun wir nicht, wir suchen unser Recht. Wellb. Ja, wir fangen einen Proceß an, und wenn er hundert Jahre dauern sollte. — O, den Ausgang kann ich schon abwarten. ich bin ein gesunder, rieaelsa- mer Manu. Mad. Dracher. Wir sind des seligen Herrn Professors Obscurius allernächste Anverwandte, wir haben das erste Recht, und unmöglich kann er einen Stockfremden zum Universalitäts-Erben eingesetzt haben. Mad. Sprud. Ja wohl (mit Beziehung) und nur so ein gott- und ehrvergessener Erbschleicher kann uns unser gutes Recht streitig machen. — Und Geld war auch da, das Gegentheil mögen der Herr Docter wohl Narren weiß machen, aber uns nicht, Geld war g'wiß da, ich habe den verstorbenen Herrn Professor zu gut gekannt, man soll einem Todten nichts Böses nachsagen, sanft ruhe seine Asche und der Himmel gebe ihm eine fröhlicke Auferstehung, aber er war ein infamer Geizkragen, ein Harpagon ohne gleichen, hat immer gespart und gescharrt wie ein Hamster, und kurz und gut — Geld muß da sein. Alle (durcheinander). Ja, ja, Geld — Geld muß da sein. Drehp. Sie zwingen mich, Ihnen den betreffenden Paragraph noch einmal klar, deutlich und vernehmlich vorzulesen, dann aber muß ich in allem Ernst um Ruhe bitten, sonst wäre ich gezwungen, gegen Ihre ungerechten Ansprüche mit aller Strenge aufzutreten. Hören Sie also: l Nimmt das Testament und liest.) »Z. 3. Geld war nie meine Sorge, dieses armselige Ding, welches oft das Leben verbittert und den Tod erschwert, habe ich nie geachtet, und mein Erbe wird nach meinem Hinscheiden keines finden. — Mein ganzer Nachlaß besteht daher nur in meinem wenigen Hausgeräthe und meinen astronomischen und physikalischen Apparaten. — Sämmtliches vermache ich hiermit, mit Uebergehung meiner nächsten Anverwandten, die sich bei meinen Lebzeiten niemals um mich bekümmerten, an den Herrn Jonathan Drehpfiff, -Iuris ntrius- YU6 voctor allhier, als meinen einzigen und alleinigen Universalerben, welcher oben erwähnten Nachlaß zuGelde machen, die eine Hälfte an Arme und Bedürftige vertheilen, und mit der andern Hälfte sich gütlich thun soll.« — Sie haben nun wiederholt vernommen, was Ihnen zu wissen nöthig war. und nun bitt' ich — (deutet 4 nach der Thüre, dann zu den Gerichtsdienern). Begleitet doch die werthe Verwandtschaft bis an die Treppe. Müller. Wir gehen, aber unser Recht muß uns werden. Mad. Sprud. Mein wohlweiser und hochgelehrter Herr Doctor! Ich will nicht schimpfen, nein, Gott bewahre, das ist gar meine Sache nicht, aber Sie find ein Rabulist, ein Rechtsverdreher, ein Zungendrescher, ein durchtriebener, ränkevoller Bösewicht, und wenn wir den Proceß verlieren, so soll Ihnen der Schwarze den Hals umdrehen — der Himmel verzeihe mir die Sünde! — Ihre ganz ergebene Dienerin. (Ab.) -Drehp. (zu den Gerichtsdienern). Geht, sag' ich, begleitet die ganze Sippschaft, und laßt mir Niemand mehr herein, mag kommen, wer will, ich will ungestört und allein sein. (Alle Herren und Damen mit Lärm und Tumult ab, die Gerichtsdiener begleiten sie.) Drehp. (allein, wirft sich in den Arm-- stuhl). Uff! Die haben mir warm gemacht, ich war gefaßt auf diesen Sturm, dem Himmel Dank, er ist glücklich abgeschlagen. Nun mögen sie immerhin Proceß fuhren, das Gewinnen ist dann meine Sache, und mein Schäfchen Hab' ich bereits im Trocknen. (Lärm bei der Thür, man hört Andreas mit den Gerichtsdienern zanken.) Was gibt's denn da schon wieder? Zweite Scene. Voriger. Andreas Pimpernuß, Gerichtsdiener, welche ihm den Eingang verwehren. Ein Gerichtsd. Zurück da, es darf Niemand herein! And. Eben deßwegen, ich bin Niemand, denn ich habe mich noch nie für Etwas ausgegeben, also gehör' ich herein, Platz, sag' ich, oder ich schlag' aus, wie ein junges Füllerl. (Er hat sich ganz ins Zimmer gedrängt.) Drehp. Was gibt's, was will Er, mein Freund? And. Verzeihen Sie meine Keckheit, und nehmen Sie meine Unhöflichkeit für Grobheit an. Mit wem habe ich die Ehre zu sprechen? Drehp. (hat schon früher den Gerichts- dienern einen Wink gegeben, diese entfernen sich). Ich bin Doctor Drehpfiff. And. Ein Herr Doctor sind Sie, ach, das ist mir recht lieb, da kann ich gleich wegen einem kleinen Anliegen mit Ihnen discurireu. — Also, daß ich Ihnen weiter erzähle, und damit ich nicht vergiß, warum ich eigentlich da bin, haben Sie doch die Güte und geben Sie mir einen guten Rath. Ich habe da seit vorgestern vom Kegelscheiben her einen Schmerz in der Seiten, so ein Drucken, so eine Art Stechen, so ein kurioses Ding dahier — Drehp. (lächelnd). Ja, mein lieber Freund, da muß Er sich schon an einen Andern wenden, ich kann da nicht helfen, denn ich bin Doctor der Rechten. And. Doctor der Rechten? Ja so, da können Sie mir freilich nicht helfen, denn mir thut's auf der linken Seiten weh — wiffen's, weil ich meistens links scheibe. (Er thut, als ob er Kegelscheiben wolle.) Allons, hast ihn nickt gesehen, sechse vom Ersten. (Plötzlich Schmerz äußernd.) Verfluchte Schmerzen! — Nein, es ist wirklich Schade, daß Sie nicht auf der linken Seite auch abgerichtet find. Drehp. Nun Er aber das weiß, so sage Er, was Er sonst noch hier will. And. Hab ich das noch nicht gesagt? — Gleich sollen Sie es erfahren. — Ich such' einen Schmafu. Drehp. Und den glaubt er doch nicht hier zu finden? And. Gerade hier. Hier ist der Lustsitz des Wohnplatzes seines Aufenthaltsortes. 5 Drehp. (unwillig). Jetzt mach' Er's kurz, und sag Er, was Er will. And. O ja, ich will ganz kurz sein, lang bin ich a so nicht. — Also wissen Sie denn, ich bin ein sehr nahetschichtiger Vetter vom verstorbenen Herrn Professor, mein Name ist Andreas Pimpernuß. Drehp. Ah, der lustige Kappelmacher, ich habe schon von ihm gehört. And. Da werden Sie nicht viel Gutes gehört haben. — Mit meiner Kappelmacherei schaut's miserabel aus. — Ich bitt' Sie, das ist ja eine verkehrte Welt, die Stadtherren tragen lauter Strohhüt' und die Bauern keine andern als feine Filzhüt' um fünf Gulden, wie kann da ein Kappelmacher auf ein grünes Zweig kommen. ^— Später Hab' ich's mit einer neuen Erfindung probirt, ich Hab' wolleneDampf- kappeln fabricirt, die sich beim Eompli- mentmachen selber vom Kopf herunternehmen, aber es hat's auch nicht gethan. — Apropos, sind Sie auch ein Freund von den jetzigen Dampffabrikationen? Drehp. Ö ja. And. Ich auch, und ich versichere Sie, die Leute mögen reden, was sie wollen, diese Sachen werden sich alle ungeheuer lang erhalten, besonders einige, die mir die allerliebsten find. Drehp. Und diese wären? And. Die Dampfnudeln! Drehp. Wohl möglich, nun hat Er mir aber noch immer nicht gesagt, was Er will; mach Er schnell, denn ich habe nicht viel Zeit. And. Ich bin eigentlich da wegen einer Erbschaft. Ich bin mit meinem verstorbenen Herrn Detter immer auf gutem Fuß gestanden, er hat mich alleweil recht gern gehabt und große Stuck auf mich gehalten. — Erst vor ungefähr einem Jahr find wir die bittersten Todfeind worden. Ich Hab' ihn nämlich um ein Geld an- g'redt, denn Geld hat er alleweil g'habt. der alte Kalmäuser, ec hat mir's aber rund abgeschlagen — darauf Hab' ich ihn einen schmutzigen Kerl geheißen, und so find wir in Frieden auseinander gegangen, und haben uns seit der Zeit nicht mehr gesehen. Jetzt ist er seit sechs Wochen todt, heute wird's Testament eröffnet, alle Vetter. Godeln und Mahmen kommen, um sich ihre Erbschaft abzuholen, auf einmal heißt's, es ist kein Geld da, und den bißl Nachlaß, der noch da war, soll ein anderer ganz fremder Mensch geerbt haben. Die Vettern, Godeln und Mahmen fluchen wie die Janitscharen, ich aber kann's nicht glauben, darum bin ich selber da, um mich zu überzeugen; ist's wahr, was ich gehört habe, hernach weiß ich schon, was ich thue. Drehp. Zum Beispiel, was würde er denn thun? And. Nichts, als den boshaften Seeräuber, der uns unsere Erbschaft geschnipst hat. ein kleines bissel Niederschlagen. Drehp. Nun, wenn Er Muth hat, so versuch' Er's, ich bin der Universalerbe. And. (sehr freundlich). Sie sind's? Ist mir äußerst angenehm, haben Sie die Güte, und bleiben Sie nur ein kleines bissel ruhig stehen, derPracker wird gleich kommen. (Reibt aus.) Drehp. Halt, keine Voreiligkeit, hör' Er mich an; was würde Er denn sagen, wenn sein Herr Vetter unter allen Verwandten gerade bei Ihm eine Ausnahme gemacht und ihm ein schönes Legat hinterlassen Härte? And. Hören's auf! Drehp. Es ist so, hör Er nur. (Liest.) »§. 4. — Unter allen meinen Verwandten, die meiner Zuneigung stets unwürdig waren, mache ich mit meinem lieben Detter. Andreas Pimpernuß, eine billige Ausnahme. Ich war ihm immer wegen seiner heitern Laune und seines fröhlichen Humors, und ungeachtet er ein Taugenichts und ein liederlicher Lump war. stets mit Liebe und Freundschaft zugethan.« And. (trocknet sich die Augen). O, er hat mich gekannt, in der Tiefe meiner Seele — der gute Herr Detter — Drehp. (weiter lesend). .Ich vermache ihm also, eingedenk seines Standes und in der Hoffnung, dieß Geschenk werde ihn zu fernerem Fleiße anspornen, das kleine Hauskäppchen, welches sich in dem eichenen Wandschrank und zwar in einem Kästchen von Ebenholz befindet. — Ich habe viele Jahre lang von der Wunderkraft dieses Käppchens keinen Gebrauch gemacht, weil ich es nicht der Mühe werth hielt, die lügenhafte Menschenbrut, die ich stets haßte und verachtete, zu prüfen. — Möge es jetzt meinem lieben Vetter die besten Dienste leisten. Unterzeichnet: Barnabas Obscurius, Professor der Physik und Astronomie.« And. Was. ein Kapperl wär' mein ganzes Erbtheil? Soll das eine feine Stichelei sein, weil ich ein zu Grund gegangener Kappelmacher bin? — Er war noch auf dem Todtenbett ein boshafter Nigl, der Herr Vetter. Drehp. (ist indeß zum Tisch gegangen und hat das Kästchen geöffnet, das Käppchen herausgenommen und übergibt es Andreas). Da nehm' Er es hin, und sei Er glücklich. And. Lasten Sie mich in Ruh mit dem dummen Ding da. — So ein Kappel mach' ich im Rausch, es ist ja nix d'ran. Es ist eine rechte Schand' vom Herrn Vetter, er muß sich noch im Grab schämen, wenn er vernünftig überlegt. Mir keinen Heller Geld zu Hinterlasten, nicht einmal auf ein Seitl Heurigen, um dem Verstorbenen seine Gesundheit zu trinken. — O pfui — pfui — pfui! — Und was mach' ich denn jetzt mit dem Kappel, ich kann's nicht einmal aufsetzen, ich glaub', es ist mir zu klein, wenn mir's einmal Einer antreibt, bring ich's über die Nasen nicht mehr herauf. — (Er setzt es auf.) Nein — schau, es ist mir gerade recht.- (Kleine Pause.) — War denn wirklich kein Geld da? Drehp. (aus einmal sehr gesprächig). O Freundchen! Geld im Ueberfluß, über 20.000 Thaler, das ist Alles schon in meinem Schubsack. Ich wußte seit Jahr und Tag mich bei ihm einzuschleichen, und sein Vertrauen zu gewinnen. Ich war es, der, seinen Menschenhaß benützend, ihn dahin brachte, seine nächsten Anverwandten zu enterben und mir sein bares Vermögen freiwillig zu schenken. — Ich war es, der ihn zur Abfassung dieses Testamentes bewog, und nun ich mein Schäfchen im Trock'nen habe, lache ich über die geprellte Verwandtschaft und ihre leeren Drohungen. And. Sie sind ein schöner Hallunk, und das getrauen Sie sich mir alles in's Gesicht zu sagen? Drehp. Warum nicht, die Wahrheit ist heilig, und Jedermann soll frei und offen sie bekennen. And. Mich trifft der Schlag! — Aber Sie, Herr Doctor, wenn Sie schon alles zusammengeschnipft haben, warum ha- ben's denn nicht auch das Kappel behalten. der Herr Vetter sagt da von einer Wunderkraft, die es besitzen soll. Drehp. Professor Obscurius hat nie, so lang' ich um ihn war, von diesem Käppchen Erwähnung gemacht und dann, aufrichtig gesagt, ich halte nichts auf solche Dinge, es ist lauter Dummheit, Alfanzerei. Der Herr Professor war, trotz seines tiefen Wissens, ein großer Narr, und hielt viel auf dergleichen Albernheiten. Ich aber halte nichts darauf und mein Wahlspruch heißt: Geld — Geld — Geld! — Darum behalt' er sein Käppchen, ich geh' und zähle meine Thaler. (Ab.) And. (allein, ganz perplex). Ich komm nicht zu mir selber, mir ist nicht anders, als wenn ich einen Pumperer aus den Wolken gemacht hätte. Er sagt mir ganz krauelloment wie er denkt, und das seit dem Augenblick, als ich das Kappel auf dem Kopf Hab'. — Soll das vielleicht 7 die gewisse Wunderkraft sein? Ich kenn' mich halt nicht aus. — Ist denn gar Niemand da, der mir eine Auskunft geben könnte? (Ein bläulicher Blitz durchzuckt das Zimmer, rollender Donner begleitet ihn, der Globus in dem Alkoven bewegt sich, wird immer größer und entfaltet sich — das Innere stellt eine dunkle Halle vor mit dem Mondesviertel und den zwölf Zeichen des ThierkreiseS — eine Gestalt steht aus dem Mondesviertel. — Sie trägt einen schwarzen Talar mit goldenen Sternen besät — hat schwarzes Lockenhaar, einen gleichen langen Bart und eine goldene Krone auf dem Haupte.) Dritte Scene. Andreas, die Gestalt. And. (erschrickt bei ihrem Erscheinen und fällt aus's Knie). Herr Jemine, das ist der Niklo! Gestalt (feierlich erhaben). Dreihundert Jahre find im Zeitenstrom verschwunden, Seit Doctor Johann Faust dieß Zauberkäppchen trug, Und Jeder, der's besaß, hat seine Kraft empfunden, Dein Eigen ist es nun — benütz' es gut und klug. — So lange Du es wirst auf deinem Haupte tragen, Muß Jeder, ohne Hehl, wenn Du zuge- gen bist, Was er im Herzen denkt, stets laut und offen sagen! — Doch flieht des Käppchens Kraft, raubt es Dir Weiberlist. — (Alles verschwindet, der Globus steht wieder - aus dem Tisch.) And. (allein). Jetzt weiß ich Alles, was ich Hab' wissen wollen. (Aeußerst froh und heiter.) Heißa Juchhe! Alle Sorgen haben ein Ende — Kapperl, du bist nicht mit Gold zu bezahlen, komm her, laß dir ein herzliches Bussel geben. Jetzt bleib'; ich aber auch keine Minute länger in dieser Stadt, 's ist aber auch gar nicht nöthig, daß ich dableib', Geld krieg ich keins und Schulden Hab ich eh schon genug, also fort, hinaus in die weite Welt, das Kapperl ist ein Capital, das mir reiche Zinsen tragen soll. Das Einpacken wird mir erspart, aus der ganz einfachen Ursache, weil ich nichts Hab', aber meine brave Dienerschaft wird mich, wie gewöhnlich, wieder begleiten, der Witz ist mein Vorreiter, die Geistesgegenwart mein Kutscher, Vorsicht und Geschwindigkeit find meine Bedienten, der Scharfsinn mein Secretär, Muth und Beharrlichkeit meine Heiducken, Grobheit mein Portier und damit ich auch einen Gesellschafter auf meinen Reisen Hab', so nehm' ich den guten Humor mit. (Fröhlich ab.) Verwandlung. (Große Gaststube in einer Waldherberge — mit einer Mittelthüre — im Hintergründe eine Treppe, die in die Passagierzimmer führt — unter der Treppe der Schanktisch — im Vordergründe zu beiden Seiten Tische, Stühle und Bänke. Vom Zuschauer links ein großer Kachelofen, vor diesem eine große Thür, die in eine Kammer führt, gegenüber ein Fenster.) Vierte Scene. Waltraud. Ach Gott! hätt' ich mir's wohl träumen lassen, einmal in einen solchen Dienst zu kommen! Seit Jahren schon von einer 8 hartherzigen Mutter verstoßen, trotz dem Widerspruch meines guten Vaters, hat mich mein Schicksal von Ort zu Ort, von Dienst zu Dienst getrieben. Jetzt bin ich seit 3 Wochen hier, aber ach, ich wollt', ich tvär' schon über alle Berge, die Gäste, die fast täglich bei uns einkehren, waren mir zwar gleich von allem Anfang an verdächtig, aber seit gestern, wo sie geglaubt haben, ich bin dort am Sessel eingeschlafen, und wo ich Alles gehört habe, habe ich mich hinlänglich überzeugt, was das für saubere Gesellen find. Also darum muß ich immer Abends zeitlich Ln meine Kammer, darum also werden heruach an meiner Thür immer doppelte Schlösser vorgemacht-das wird einmal ein übles Ende nehmen. Ich fürchte nur, wenn die Geschichte aufkommt, und Alle hier erwischt werden, so wird es heißen, milgefangen, mitgehangen. (Aengstlich.) O Herr Jemine! wenn's mich so in Compagnie mit aufhingen, ich glaub', das wär' mein Tod. Fünfte Scene. Vorige. Lockwurm. Lo ckw. (mürrisch und finster). Nun, was stehst Du hier und hängst den Kopf — mach' fort und tummle Dich. Sieh nach der Küche und bereite schnell ein gutes Abendbrod. Meine Gäste kommen heute gewiß. Walt, (für sich). Von mir aus können sie ausbleiben, so lang fie wollen. Lockw. (für sich). Sie haben heute einen tüchtigen Fang vor. Wenn er gelingt, fällt auch für mich ein schöner Nutzen ab. Walt. Aber lieber Herr, seid Ihr denn auch gewiß überzeugt, daß eure Gäste ehrliche Leute find? Lockw. Kümmre Dich um andre Dinge. Hurtig, zünde die Lampe an und setze Lichter auf die Tische, denn es wird finster und fie müssen bald da sein. Walt, (thut, was ihr besohlen, warnend). Wenn ihr tägliches Kommen nur nicht eir- mal euer Unglück wird. (Plötzlich fällt ein Schuß, sie schreit erschrocken aus.) Ach! Lockw. Nun, was hast Du, albernes Ding, wie kann ein Schuß Dich so erschrecken. (Wieder ein Schuß.) Aha, das sind fie. — Wo ist Jacob? Fort, tummle Dich, bring' Wein aus dem Keller. Walt, (für sich). Wenn ich nur Kron- äugeln hinein thun dürft', daß die Brut auf einmal hin würde. (Ab.) Lockw. (nachdenkend). Hm! das Madel hat nicht Unrecht, wenn's an Tag kommt, daß der Wirth »zum rothen Geier« ein Diebshehler ist, und Buschkleppern Unterstand gibt, so kann's mir leicht an Hals und Kragen gehen. Hol's der Henker! so weit wird und darf's nie kommen, und geht's an's Aeußerste, so Hab' ich Geld und Geldeswerth in Sicherheit, und die Grenze ist nicht weit. Sechste Scene. Voriger. Kautz, Raschitzky, Wegelagerer. Kautz (barsch eintretend). Wein her. Wein! — Alle Teufel, ich muß die Galle hinunterschlucken, wenn ich nicht daran ersticken soll. Lockw. Hoho! Du bist nicht gut gelaunt, Herr Bruder. Was gibt es denn? Kautz. Nichts gibt es, und das ist eben der Teufel. (Leise zu Lockwurm.) Den ganzen Tag auf der Lauer, und doch nichts erschnappt. — So ein herrlicher Fang, zwei volle Frachtwägen, und Alles umsonst. — Ei so schlag' das Donnerwetter drein. Lockw. (eben so). Und wie kam es denn, daß nichts daraus wurde? (Waltraud hat 9 indessen Wein gebracht und bedient die Angekommenen.) Rasch, (leise). In Schönkirchen liegt ein Dragoner-Commando. 20 Mann davon haben die Wagen escortirt, und so ging uns die schöne Beute verloren. Lockw. (leise). Konntet Ihr mit den Dragonern nicht anbinden, die Mehrzahl war ja auf eurer Seite? Kautz (leise). Du sprichst, wie Du's verstehst; hatten wir die Menge, so hatten sie die Kraft, und mit den Dragonern ist nicht zu spaßen. (Laut.) Komm' her da, Waltraud, schenk' ein und gib mir einen herzhaften Kuß. Walt. Mit einem herzhaften Nasen stüber kann ich aufwarten. Kautz. Hoho, Wettermädel, thust Du immerfort so spröde, nur Geduld, sollst schon noch kirre werden. Walt. Durch Euch wohl nicht, denn ich glaube immer, bei Euch wird's bald heißen, jetzt ist der Schluß des kleinen Spiels, und gleich darauf die Ziehung. (Mit Pantomime.) Kautz (höhnisch). Meinst Du? Ei, wer hat Dir denn das prophezeit? Walt. Mein kleiner Finger, wenn der mich juckt, so geht gewöhnlich in Erfül lung, was ich mir denke. Kautz (leise zu Lockwurm). Soll die Dirne etwas merken? Lockw. Ich fürchte fast. (Zu Waltraud.) Fort an deine Arbeit, und laß Dich nicht eher sehen, bis Du gerufen wirst, unver schämtes Ding. Walt, (geht an den Schenktisch und singt für sich). Je höher der Berg — je tiefer das Thal. — Je größer der Spitzbub' — je tiefer der Fall. (Man hört ein Posthorn. Alle stutzen.) Siebente Scene. Vorige. Jacob. Jacob (hereineilend). Herr, es kommen Paffagiere. Lockw. (hastig). Sind's viele? Jacob. Drei, ein alter und ein junger Herr und ein Reitknecht. Der Alte scheint ein Officier zu sein. Lockw. Recht, geht Einige hinaus, und bringt Alles wohlbehalten herein. Ihr Andern aber schnell, bringt eure Waffen dort in die Kammer, daß sie nicht Unrath merken, und verhaltet Euch recht ruhig. (Zu Waltraud.) Keine Blicke gewechselt, i'ein vorlautes Wort — sonst — wehe Dir. (Raschitzky und einige Wegelagerer gehen ab, die übrigen tragen die Waffen in die Kammer.) Lockw. Nun, Kautz,vielleicht gibt's da Ersatz für den verlornen Fang von heute Abend! kautz. Glaube kaum, doch wir wollen sehen, was sich machen läßt. Achte Scene. Vorige. Obrist Rodensee. Chevalier Silberpappel mit einem Doppelperspectiv. Wenzel, Raschitzky und die vorhin abgegangenen Wegelagerer. Obrist. Hol' Dich der Henker, verdammter Postillon. So nahe am Ziele, und noch so ein Mißgeschick. Konntest Du denn nicht Acht haben, ungeschickter Schlingel? Wenzel. Alle bitt ich Ihne, gnädige Herrschaft, ich bin ich ja unschuldig wie Kind kleine. Obrist. Geh' zum Teufel. Wenzel. A na, ich geh ich in Stall zu 10 Schimmeln meinige. Teubel, da weiß ich nicht wo logirte. (Ab.) Obrist. Nun, Herr Schwiegersohn, Sie machen ja ein Gesicht, als ob Sie Holzäpfelessig getrunken hätten. Chev. Ach, ich bin ganz aufgelöst. Obrist. Pfui, schämen Sie sich. — Wer wird so verzagt sein. — Heda, wo ist der Wirth? Lockw. (ganz kriechend). Hier. Ganz zu Dero unterthänigem Befehl, Euer hoch- wohlgebornen Gnaden. Obrist. Ein gutes Zimmer, warme Betten, vor Allem aber ein tüchtiges Abendbrod, dieß ist das Ganze, was wir für heute begehren, denn morgen mit dem Frühesten geht's wieder weiter. Lockw. Euer hochwohlgebornen Gnaden Wille soll pünktlich vollzogen werden. Neunte Scene. Vorige. Traugott einen Säbel und mehrere Lartons tragend. Jacob mit einer Kassette. Einige von den Wegelagerern, die noch zurück blieben, mit verschiedenen Packen treten ein. Lockwurm. Nur Alles da hinauf. Jacob, Du weißt schon, auf Nr. 7. Chev. (für sich, ängstlich). Nummer sieben, eine ominöse Zahl. Jacob. Sapperment, die Kassette ist verdammt schwer. (Zum Obristen.) Ist da lauter Gold drinnen? Obrist (barsch). Was kümmert's Dich — fort, und thue wie Dir befohlen. ür denn? Hab's schon, wird decorirt, kurios aufgeputzt— alles mit Symmetrie, nur viel Symmetrie, Guirlanden und Blumenstock, Tannenreifig und Muskatblüh; o ich bin ein Mordkerl, wenn ich anfang'! Richter. Aber, Herr Jnspector, in dem alten Thurm fitzt ja eine Arrestantin, die Eva Rumpelhuberin. die dem Herrn Amtmann die Schinken gestohlen hat. Jnsp. Jetzt muß ich Umfallen und hinwerden. — Richtig, die fitzt auch noch d'rinn — ah, der Herr Amtmann hat schon die Güte und laßt sie heut heraus. Amtm. Das kann nicht sein, die Verbrecherin bleibt in dem Thurm, bis die Strafzeit vorüber ist. Jnsp. Aber allerliebster Herr Amtmann, ich bitt' Sie um alles in der Welt, bedenken Sie doch nur die Feierlichkeit, und dann so ein Tag wie heute, der kommt nicht alle Tag, an einem solchen Tag, wo die Gutsherrschaft ankommt, pflegt man gewöhnlich Außerordentliches zu tentiren, man thut die Gefangenen befreien, die Nackenden bekleiden und die Durstigen betrinken. Amtm. Genug, sie bleibt in dem Thurm. Die Gerechtigkeit will ihr Opfer und das Gesetz leidet keine Ausnahme. Jnsp. Macht auch nix, weiß mir schon zu helfen, sie soll d'rinn bleiben, weiß schon, was ich thue — o, der Herr Amtmann setzt mich nicht in die geringste Verlegenheit, aber — 23 Sechste Scene. Vorige. Andreas (das Käppchen auf dem Kopf tritt in diesem Augenblick herein, ohne von den Uebrigen bemerkt zu werden). Jnsp. (in seiner Rede fortfahrend) — weil sich's gerad schickt, und weil's mich, ich weiß nicht warum, mit aller Gewalt antreibt, die Wahrheit zu sagen, so sag ich sonst nix, als Sie sind ein infamer, abscheulicher, grauslicher Mensch. Amtm. Das kann mir nur so ein Strohkopf sagen, wie Sie find. Jnsp. Sie sind ein boshafter Kerl, und sonst nix. Amtm. Und Sie ein alberner Tropf, ein Schuß, ein Dummrian! Richter. Ei was, der Herr Inspektor hat Recht, es ist und bleibt von Ihnen boshaft, daß Sie uns alles mit Fleiß thun und uns jede Freude verderben. Amtm. Ihr haltet euer Maul und kümmert Euch um andere Dinge. Die Bauern. Der Richter hat Recht, es bleibt allemal abscheulich. Amtm. Schweigt, sag' ich, gemeines Bauernvolk — oder ich will Euch Mores lehren. — Jnsp. Uns lernen Sie nicht mohrisch, mein bester Herr Amtmann, thun Sie nicht so gespreizt, ich Hab' schon mehr solche Leute gekannt, die's auch so groß gegeben haben, aber nachher sind sie so klein geworden, daß man's durch ein Nudelreiterl hätte durchsieben können. Amtm. (höchst zornig). Ungeschliffener Tölpel! And. (anhetzend). Hußsuk! suk! suk! suk! Alle (fahren auseinander). Was ist das? Amtm. Was gibt's? Wer ist man? And. (nimmt das Käppchen ab). Schönen guten Morgen, von Ihnen. Amtm. Nun, hat man nicht gehört, man soll uns sagen, wer man ist. And. Man? Man ist Mann, denn wenn man nicht Mann wäre, so könnte man nicht man sein. Amtm. Wird man sich aus der Stelle fortpacken? And. Nein, im Gegentheile, man gedenkt recht lange hier zu bleiben. Amtm. (erstaunt). Was ist das für eine Art? And. Das ist der Jndicativus oder die anzeigende Art. Amtm. Ich glaube — man will uns foppen? And. Glaubt man? — Man glaubt auch. — Amtm. Der Mensch scheint aus einem Jrrenhause entsprungen? Packt Euch hinaus, hier dürfen keine Narren herein. And. Wie sind denn hernach Sie hereingekommen? Amtm. Ei Du unverschämter Bösewicht, warte, das sollst Du mir büßen. Packt ihn an, Leute, und werft ihn in den Thurm. (Der Jnspector und der Richter haben in der Stille ihr Vergnügen geäußert, daß der Amtmann so gefoppt wird, die Bauern rühren sich nicht von der Stelle.) -Nun, was zögert Ihr? Packt an, sag' ich. Richter. Ei warum denn, er hat ja nichts gethan? Jnsp. Was geht das uns an, wenn er den Herrn Amtmann für einen Narren hält. And. Das ist sehr vernünftig gesprochen, übrigens hält' es auch nix genutzt. Denn ein Menscy, der heute Nacht mit 20.000 Räubern gekämpft hat, wird sich doch von einer HandvollKnödelconsumen- ten nicht fürchten? Jnsp. 20.000 Räuber? Richter. Knödelconsumenten? And. Drum nieder auf die Kniee, und windet Euch im Staube, denn ich bin der lebendige Lebensretter Eures Gutsherrn. Jnsp.Jetzt fall' ich um und werd' hin. (Er, der 'Richter und die Bauern haben sich erschrocken aus die Knie geworfen.) 24 Siebente Scene. Vorige. Flora, Waltraud. Stanzi. (Die Knieenden springen schnell aus.) Flora. Was gibt es hier? Amtm. (sich zusammennehmend). Der freche Mensch drängte sich mit Gewalt in den Schloßgarten und behauptet, er sei der Retter unsers gnädigen Herrn. Walt. Ah, sieh da, unser lustiger Reisepatron!Z Flora. Von dem Du mir so viel erzähltest? (Zu Andreas.) Sei mir gegrüßt. Du wackerer Freund, ich habe schon gehört, wie muthig Du meinen Vater ver- theidigtest, nimm meinen herzlichen Dank dafür. And. O ich bitte, es hat leicht sein können, die Umstände waren dem Unternehmen äußerst günstig. Uebrigens freut es mich, in Ihnen die Tochter eines Mannes kennen zu lernen, der zu gleicher Zeit Ihr Verfasser ist. (Für sich, in die Brust werfend.) Das war galant und superfein. Flora. Wird mein Vater bald kommen? And. Den Augenblick muß er da sein. Z nsp. (erschrocken). Was, das ist nicht möglich. And. Er fitzt unten im Jägerhaus und fangt Fliegen. Er wär' schon längst gern gekommen, aber der junge Herr, der mit ihm ist, laßt ihn nicht eher fort, bis er mit seiner Toilette fertig ist. Insp. Jetzt fall' ich um und werd' hin. Ihre Excellenz fitzt uns fast auf der Nase, und es ist noch nichts hergerichtet. Er kommt uns übern Hals und wir fitzen in der Sauce, das wäre entsetzlich. Nein, das kann nicht sein, ich weiß schon, was ich thue. Jetzt nur schnell, so geschwind als möglich. Bauern, geht mit mir. — Was ist denn das, das find ja nur fünf Mann? Das ist nix, das ist keine Symetrie. Sechs Mann muß ich haben! Was thu' ich denn? — Ich weiß schon! Geh her. Stanzerl. (Faßt sie an der Hand.) Stanzi (sich sträubend). Aber Papa.— Ins p. Halt's Maul, ich brauch sechs Mann. Allons, Bauern, kommt Alle mit, nur Symmetrie, nix als Symmetrie .(Zerrt Stanzi mit Gewalt fort. Die Bauern folgen.) And. Das ist ein närrischer Kerl, der muß Quecksilber geschluckt haben. Richter (als ob er sich besänne). Ja so, ich muß doch auch zum Empfang des gnädigen Herrn das Meinige beitragen. Küß die Hand, mein gnädiges Fräulein, em- pfehl mich auf's Schönste. (Ab.) Flora. Adieu, lieber Richter. (Erblickt den Amtmann.) Sie find noch immer hier, Herr Amtmann? Amtm. Zu dienen. — Ich warte bloß auf das Vergnügen, Ihnen dienen zu können. Flora. Dieß Vergnügen können Sie sich sehr leicht verschaffen, wenn Sie sich von hier entfernen. And. Gauz zu Dero Befehl (Für sich.) Boshafte Kröte! (Ab.) Achte Scene. Flora, Waltraud, Andreas. Flora (umarmt Waltraud). Und nun laß Dich noch einmal an mein Herz drücken, braves Mädchen! Walt. O ich bitte, mein gnädiges Fräulein, Sie machen zu viel aus einer Sache, die eigentlich nur meine Pflicht und Schuldigkeit war. — Auch war der Haus längst schon reif, um Stricke für die Spitzbuben daraus zu machen. Eines thut mir freilich weh, der Wirth war der Bruder meiner Mutter. Aber der liebe Gott wird mir verzeihen, Ehrlichkeit und Gewiffea geh'n bei mir über Alles. And. Schon wegen meiner muß der 25 Wirth zweimal gehängt werden, bloß weil mir sein Wein nicht geschmeckt hat. Flora. Und den raschen Entschluß, selbst nach Schönkirchen zu eilen — Walk O der war schnell gefaßt. — Anfangs habe ich Ihren Herrn Vater nicht gekannt, natürlich, ich war noch ein kleines Kind, wie ich ihn zum letzten Mal gesehen habe; kaum habe ich aber gehört, daß er mein gnädiger Gutsherr ist, so war auch mein Plan schon fix und fertig. Die Hauptsache war nur, aus dem verschlossenen Hausthor hinaus zu kommen, die Schlüssel hat der Hausknecht Jacob in Verwahrung gehabt. Ich schleich mich also in aller Stille in den Hof hinab, der Postillon ist weit hinten im Hofe beim Brunnen, schöpft Wasser und kann mich nicht sehen, der Jacob steht, die Schlüssel in der Hand, bei der offenen Kellerthür. Ich frisch auf ihn los, reiß ihm die Schlüssel aus der Hand, gib ihm einen Stoß, Pumps, liegt er zwanzig Staffeln tief im Keller unten, ich sperr' ihn geschwind ein, schließ das Hausthor auf, reiß ein Pferd aus dem Stall und allons, jetzt geht's heidi im gestreckten Galopp auf Schönkirchen zu. Ich bring' den ganzen Ort in Alarm, die Dragoner sitzen auf, die Bauern mit Fackeln schließen sich an, rasch geht es vorwärts und — Gott sei ewig Dank, wir kamen noch zur rechten Zeit. And. Es war aber auch wirklich die rechte Zeit, denn mich haben sie schon kurios bei der Falten gehabt. Walt. Es war kein Augenblick zu verlieren, das Leben Ihres Vaters war in der größten Gefahr, aber meine Pistolen hat ihre Schuldigkeit gethan und in wenig Augenblicken war das ganze Bändel gefangen und gebunden. And. Der Tapferste bei der ganzen Geschichte war aber der Herr Chevalier. Walt. Ich muß noch herzlich lachen, wenn ich denk', wie er aus dem Ofen gekrochen ist. Flora. Chevalier? (Zu Andreas.) Ist das der junge Mann, von dem Du vorhin erwähntest? And. Der nämliche, der sich jetzt unten im Jägerhause aufputzt wie ein Paperl. — Das gnädige Fraulein werden eine kindische Freude haben, wenn Sie ihn sehen werden. Schön ist er nicht, aber mager, hingegen schaut er aus, daß ihm ein jeder Schneider ohne Verantwortung in sein Auslagkastel stellen könnt', und riechen thut er schon von weitem nach lauter Lavendel, Provenceröl und Pomade a 1a Ross (ross) und das alles Ihnen zu Ehren. Flora. Mir? — Was kann ich ihn kümmern? And. O mehr als Sieglauben, er ist ja Ihr bestimmter Bräutigam. Flora (mehr erschrocken). Was sagst Du da? And. Versteht sich, es ist ja schon Alles in der Ordnung. Ihr Papa und sein Papa haben bereits Alles miteinander abgewachelt und die Sache ist äie- tum kaetum. Flora. Es ist nicht möglich, sag* ich Dir. And. Möglich ist's nicht, aber gewiß. Die Hochzeit ist schon vor der Thür, Sie dürfen nur herein sagen, und in acht Tagen wird es heißen. Was der Himmel zusammenfügt, darf der Tischler nicht leimen. Flora (für sich). Es wäre entsetzlich, nein, nein, ich kaun's nicht glauben. Ich muß hin — ich muß den Vater sprechen, ich muß mich selbst von Allem überzeugen. (Eilt ab.) And. (ihr nachsehend). Allons, das schießt wie der Blitz! Da kann man die Frauenzimmer sehen, kaum hören's das Wort Hochzeit, so glaubend schon es ist d'höchste Zeit. Walt. Nun, das scheint bei dem Fräulein gerade nicht der Fall zu sein. So 26 viel ich bemerkt Hab', war sie bei der Nachricht mehr erschrocken als erfreut. Änd. Kino, das verstehst Du nicht, da bist Du gegen mich noch sehr stark auf dem Holzwege, ist auch nicht anders mög- l ch — (aus sich deutend) Welterfahrung — (auf sie deutend) und Walderfahrung ist ein bede"tender Unterschied. — Zch kenn' das bester, ein jedes Madel macht' gern unter die Hauben kommen. Sie kommen mir vor wie die Fischerln im Bach, die sind alleweil lustig und spielen und schwimmen hin und her und haben's wohl recht gut, aber sie möchten's halt gern noch bester haben, huich, schlupfen's in's Netz und nachher zappeln's d'nn. Walt. Mag sein, daß Andere so sind, ich nicht, ich bleib ledig. And. (sieht sie mit großen Augen an). So? — (Für sich.) Sollte dasMadel nicht gelogen haben? (Zieht ganz heimlich sein Käppchen heraus und setzt es aus.) Also wirklich bleibst Du ledig? Walt, (ernst und die Hand aus's Herz legend). Ja, ich bleib' ledig. And. (noch immer zweifelhaft, was er denken soll). Jetzt weiß ich nicht, wie ich d'ran bin. aber es muß wahr sein, denn ich Hab' ja 's Kapperl auf. (Nimmt es ab, dann laut.) Also wirklich ledig? Schau, vos ist sehr edel von Dir. Auch ich bin ein Ehestandsfeind. Wirklich, diese muster- bafte Gleichheit unserer Gesinnungen erbeut mich außerordentlich. — Schau, wir sollten zusammeoziehen. Walt. O ich dank', daß Sie mich so vorziehen. Ein so krudel vernünftiger Mann wie Sie könnte von meiner Dummheit a»ziehen, Ihr Verstand könnte nach und nach ab ziehen, die Leute würden dann über Sie losziehen, Sie dann und wann ein bissel aufziehen, Sie selbst könnten sich Verdrießlichkeiten zu ziehen und müßten auf d'Letzt mit Schand und Spott ausziehen. And. Temungeachtet würde ich Dir meine Gnade nicht entziehen. — Was ich aber vorher über den Ehestand gesagt habe, bleibt wahr. (Ab mit ihr.) Verwandlung. (Zimmer im Jagerhause mit einer Mittel- thüre. Forstattribute rings umher. Vom Zuschauer links eine Seitenthüre, gegenüber ein Fenster.) Neunte Scene. Obrist, dann Chevalier. Obrist (tritt aus der Seitenthüre und ruft zurück). So machen Sie doch bald, es ist hohe Zeit, daß wir auf's Schloß kommen. (Tritt vor.) Wenn der durch Vernunft und Urbanität nicht meiner Tochter Herz erobert, durch sein albernes Betragen wird er's schwerlich thuv. Hol' mich der Henker, mit dem Hab' ich mich schön verrechnet. Mein Wort, mein veroammtes Wort, was hilft's, ich muß es halten, es ist nicht zu ändern. Chev. (übertrieben elegant gekleidet und frisirt, tritt ein). Nun, da bin ich, hochzuverehrender Herr Schwiegerpapa. Vor Allem sagen Sie mir, — wie gefalle ich Ihnen? Obr ist. O, recht gut, vortrefflich, aber das haben Sie alles nicht nöthig, meine Tochter ist ein Landmädchen und hält nichts auf dergleichen Firlefanz. Chev. Aber das Decorum, Herr Schwiegerpapa, das Decorum, ferner auch die feine Lebensart und endlich bin ich es der Ehre meines Stammbaumes schuldig. Obrist. Ei hol Sie der Guckuk mit Ihrem Stammbaum, machen Sie lieber, daß wir weilerkommen. —WoistAndrö? 27 CH ev. Ich habe ihn mit keinem dieser beiden Augen gesehen, vermuthlich wird er die reizende Gegend von Rodensee beaugenscheinigen. Obrist. Wenn er nur das Geheimniß seines Käppchens nicht verräth. Noch weiß kein Mensch als ich und Sie darum, es muß vor der Hand unter uns bleiben. Ich ^offe tausend Spaß damit zu haben. (Lärm vor oer Thüre.) Was ist das? befohlen, wir dürfen keinen Menschen zur Thür hinaus lasten. Obrist (lacht herzlich). Hahaha! Das ist zum Todtlachen! Chev. (voll Angst). Gerechter Himmel, schon wieder eine augenscheinliche Lebensgefahr. Obrist. Warum nicht gar, was fällt Ihnen ein? Zehnte Scene. Vorige. (Die Thüre wird aufgerissen.) Flora (steht draußen und wird von zwei bewaffneten Bauern zurückgehalten). Die Bauern. Zurück! Flora. Vater, theurer Vater! Obrist. Meine liebe Tochter, immer nur herein! Chev. (lorgnettirt sie). Aha, das ist sie also? Flora. Ach, ich darf ja nicht, die Leute wehren mir den Eingang. Obrist. Warum? Laßt sie herein, sie ist ja meine Tochter. Bauer Hans. Wir Wissens wohl, aber wir dürfen nicht. Obrist. Ei zum Henker, warum nicht? Hans. Der Herr Schloßinspector hat befohlen, wir dürfen keinen Menschen zur Thure herein lasten. Obrist. Der Schloßinspector? Lebt der närrische Kauz auch noch? Aha, gewiß hat er von meiner Ankunft gehört und gibt mir jetzt eine Ehrenwache. Nun, ich will seinen Befehl respectiren. Wenn meine Tochter nicht herein darf, so will ich zu ihr hiuausgehen. (Will ab.) Die Bauern. Zurück! Obrist. Ei, zum Teufel, was wollt Ihr denn? Warum soll ich denn nicht hinaus? Hans. Der Herr Schloßinspector hat Eilfte Scene. Vorige. Der Inspektor (zum Fenster hereinsteigend), dann Andreas. Jnsp. Eure Excellenz, ich lege mich kerzeng'rad zu Ihren Füßen. Obrist. Ah, da ist er ja. Sage mir doch, Du narrischer Teufel, was treibst Du denn für Dummheiten? Jnsp. Keine Dummheiten, Eure Excellenz, lauter Pfiffigkeiten, die allerfeinsten Finessen. Obrist. Warum soll denn kein Mensch weder herein noch hinaus? Jnsp. Darum, daß uns Eure Excel- lenz nicht überrumpeln. — Wir haben ein Fest veranstaltet, ein Spectakelfest, ein Mordfest. Damit nun Eure Excellenz nicht früher kommen, eh wir fertig sind, so habe ich mir die unterthänige Freiheit genommen, ^ ure Excellenz zu verarreti- ren. Kein Mensch zur Thür herein, kein Mensch zur Thür heraus, so Hab' ich befohlen, und damit Euer Excellenz sehen, daß ich selbst als Gesetzgeber das gegebene Gesetz zu befolgen weiß, so bin ich zum Fenster hereingestiegen. Obrist (herzlich lachend). Du bist ein Esel! Jnsp. Euer Excellenz unterthänigst aufzuwarten. Dero hocygnädiger Scherz ist die Brodtorten meines Lebens. Obrist. Und nun laste meine Tochter hereintreten. Jnsp. Kann nicht, Euer Excellenz, 28 kann wahrhaftig nicht, wäre gegen das Gesetz. Obrist (ärgerlich). Ja, sage mir, willst Du mir die Galle in s Blut lagen? Znsp. Galle in's Blut jagen? Jetzt fall' ich um und werd' hin. Da kriegen Euer Excellenz hernach 's Gallfieber und ''s wurd nichts aus dem Fest. Was thue ich jetzt? — Aha, Hab s schon wieder, o ich Hab' alles den Augenblick. — Wissen Euer Excellenz was, wann mir Euer Excellenz versprechen, sich nicht eher von hier zu entfernen, bis der zweite Pöllerschuß kracht, so will ich für dießmal das Gesetz aufkoüpfen. Obrist. Nun ja — ja, das verspreche ich Dir. Hand und Wort darauf. Znsp. Euer Excellenz, ich küsse die Hand und küsse das Wort, aber damit allein ist mir nicht geholfen. Obrist. Ja was willst Du denn noch? Jnsp. Nur ein paar Zeilen schriftlich, es ist wegen Leben und Sterben. Obrist. Jetzt wird's mir zu toll. Nun mache, daß ein Ende wird, sonst jag' ich Dich auf der Stelle aus dem Dienst. Znsp. Aus dem Dienst? Jetzt fall' ich um und werd' hin. (Schreit aus Leibeskräften.) Paffirt! Flora (eiltin desOberstenArme). Theurer Vater! Obrist (sie herzlich an die Brust drückend). Meine liebe Flora! Jnsp. Bauern, jetzt fahrt's ab, aber in der schönsten Symmetrie. (Die Bauern ab. Mit tiefen Komplimenten zu dem Obristen.) Glauben mir Euer Excellenz, es war wahrhaftig höchst nöthig, dringend und nothwendlg, daß — (Man hört einen Pöllerschuß, er fährt erschrocken empor.) Mich trifft der Schlag, der erste Pöller! (Läuft schnell ab und stößt an den eben eintretenden Andreas.) Mordsapperment, kann Er nicht Acht geben, muß er an jeden Stock anren- ven, Er Schußpartel! (Ab.) And. Ah, das ist gut, jetzt heißt Er mich einen Schußpartel. Obrist (der indeß mit Flora heimlich sprach). Und wie hast Du denn gelebt, meine gute Tochter? Flora. Wie man auf dem Lande leben kann. Seit dem Tode meiner Gouvernante war ich mir ganz allein überlassen, und meine Beschäftigung war Arbeit und Lectüre. Doch jetzt ein Wort, mein theu- rer Vater, ich habe gehört, daß — nicht wahr, ich habe unrecht verstanden — es kann nicht sein — Sie können es unmöglich wollen. Obrist. Ja was denn, liebes Kind?— Und wie Du zitterst, und wie Du bebst — was ist Dir denn? And. Das wird der Brautschauer sein. Obrist. Aha — gewiß hast Du geplaudert! And. Ja, dießmal war ich so frei. Obrist. Nun ja, liebe Tochter, es ist so, wie Du hörtest, ich habe meine Cava- liersparole gegeben, und hier — (aus den Chevalier zeigend) steht dein künftiger Gemal. Chev. (sich ihr carikirt nähernd). Ja, es ist so, mein holdseligstes Fräulein. Amor im Gefolge der Grazien wird uns mit Rosenketten umwinden und triumphi- rend Hymen in die Arme führen. Flora (ausbrechend). Ach Gott, das wäre zum Verzweifeln! Obrist. Ja was hat denn das Mädchen, ich begreife nicht, was sie will. And. Was sie will, begreif ich auch nicht, aber was sie nicht will, fang' ich an nach und nach zu begreifen, den Herrn Bräutigam will sie nicht. Obrist (für sich). Da kann ich ihr eben nicht Unrecht geben. Chev. (erstaunt). Wie, man will mich refüsiren? Sollte vielleicht ein glücklicher Nebenbuhler mir den Rang abgelaufen haben? Obrist. Was fällt Ihnen ein, hier aus 29 dem Lande, sie wird sich doch in keinen Schäfer verliebt haben? (Für sich.) Und doch, das Mädchen ist mein Blut, der Teufel könnte leicht sein Spiel getrieben haben.— (Laut.) Nicht wahr, liebe Flora, der Herr Chevalier thut Dir Unrecht, dein junges Herzchen ist noch frei? (Flora schweigt und schlägt die Augen nieder.) Du schweigst. Du wirst blutroth und schlägst die Augen nieder? —Sollte es doch wahr sein? — Der Sache ist bald auf den Grund zu kommen. (WinktAndreas mit dem Kopfe.) Andrä! And. Aha, rosumy popolsky! (Setzt daS Käppchen auf.) Obrist. Nun. rede, liebes Kind, habe Vertrauen zu deinem Vater, liebst Du schon? Flora (fest und ernst). Ja. Vater, ich liebe! Obrist (überrascht). Wirklich? Und wen denn, wenn ich fragen darf? Flora. Meinen Isidor! Chev. (der voll Erstaunen ganz verblüfft dastand). Wie — einen Isidor thut sie lieben? And. Ja, einen Isidor, kein Stadel- thor. Obrist. Und wer ist denn dieser Isidor? Flora. Amtsschreiber hier auf Ro- deosee? Obri st (auffahrend). Amtschreiber? Chev. (ganz perplex). Amtsschreiber — hat Niemand Melissengeist? And. Geschwind, der junge Herr braucht einen Geist. Obrist (sich fassend). Und habt Ihr Euch gegenseitig schon erklärt? Flora. O nein, mein Vater, wenn auch oft das Geständniß inniger Liebe auf seinen Lippen zu schweben schien, so hielt doch AchtunA und Schüchternheit ihn stets zurück, sowie die Scham und Furcht vor Ihnen es war, die mich oft abhielten, ihm laut und offen zu bekennen, daß ich ihn mit voller Seele liebe. Obrist. Das ist ja recht scharmant» — Und Ihr kommt wohl fleißig zusammen? Flora. O ja — täglich — bald im Garten in der Jasminlaube, bald im Wäldchen am Schwanenteich. bald im Park beim Dianatempel, und wenn schlimmes Wetter ist, so kommt er wohl auf's Zimmer zu mir, ich lese, er muficirt — und — Obrist. Schon gut. schon gut — (Zu Andreas.) Ich bitte Dich, um alles in der Welt, nimm dein verdammtes Käppchen wieder herab, sonst erfahre ich mehr noch, als ich zu wissen brauche. And. (nimmt das Käppchen ab). Schad^ d'rum, jetzt wär's just recht hübsch geworden. Flora (wie aus einem Traum erwachend). Gott, was Hab' ich gethan? Obrist (für sich) Das ist eine saubere Geschichte — der Federfuchser muß fort, ohne weiters. Flora (stürzt mit Thränen im Auge zu des Obristen Füßen). Vater! Obrist. Nun. nun, was machst Du denn, steh' aus — bemhige Dich, wir re- den schon noch mehr aus der Sache. (Ein Böllerschuß.) Holla, das ist das Zeichen! Nun kommt Kinder, kommt, wir wollen die Herrlichkeiten alle schnell besehen, sonst macht mein Schloßiuspector in seinem Eifer eine Dummheit nach der andern. (Zu Flora.) Nun, weine nicht, sei ruhig, ich will Dir ja verzeihen, bist jung und unerfahren, hast rasches Blut wie ich, aber den Amtsschreiber schlag' Dir aus dem Sinn. (Zum Chevalier.) Und Sie, Herr Schwiegersohn, machen Sie' kein so Herr Jemine-Gesicht, es wird sich Alles aus- gleichen, lassen Sie nur mich sorgen. Kommt! kommt! (Faßt Beide am Arme, im Abgehen zu Andreas.) Aber Du und dein Käppchen, ihr beide könnt Euch zum Teufel scheren. (Alle Drei ab.) And. (allein, ihn perfislirend). Das werd' ich und mein Käppchen bleibe« 30 lassen. — Der Teufel wird mir nie die Wahrheit sagen, denn das ist ein Lugen- schippel von Anbeginn der Welt, aber so lang es Leut' und Menschen gibt, die mit der Sprach' nicht recht heraus wollen, so lang kriegt mein Kappel immer gute Dienst'. Lied. Es sagt die Frau zum Herrn Gemal: Geh', ruck mit Maxen aus. Er meint: Es ist der Zwölfte erst, Und schon kein Geld im Haus. Ja, sagt sie d'rauf, wer kann dafür. Die Theu'rung ist zu groß, Schmalz, Butter, Mehl und Eier geben Der Wirtschaft manchen Stoß. — Derweil spazirt das meiste Geld Jn's Marchand-d'Mod'-G'wölb hinein. Wenn jetzt derMann mein Kappel hält', O je, der schauet d rein. Lieb's Weiberl, wart' Du nicht auf mich, Ich komm' heut' Nacht nicht z'Haus, Es hat mein Rath viel Arbeit lieg'n, Ich hilf dabei ihm aus. So sagt oer Mann zu seiner Frau Ganz keck mit freier Stirn, Derweil führt er sein Godel h'uaus Auf'n Blumenball zur Birn. Um achte früh da taumelt er Ganz matt iu's Zimmer h'uein. Wenn jetzt die Frau mein Kapperl hätt', O je, die schauet d rein. Ich kenn' ein alten Herrn, der hat Ein wunderhübschen Schatz, Er glaubt auch fest, kein Andrer hätt' In ihrem Herzen Platz. Er gibt ihr All's, was sie verlangt, Und sagt, sei mir nur treu. Denn hält st Du noch ein Zweiten gern, So wär's mit uns vorbei. Doch daß sie noch sechs Andre hat, Das fällt ihm gar nicht ein. Ja, wenn der Herr mein Kappel hält', O je, der schauet d'rein. Ein guter Freund, wie's viele gibt, Der geht zum andern hin. Ich bitt' Dich, leih' mir tausend Guld'n Mr auf acht Tag Termin, Bis dahin krieg' ich ganz bestimmt Von Amsterdam ein Geld. Laß mich nicht stecken, Freund, ich bitt' Um Alles in der Welt. Der gute Freund vertraut auf's Wort. Es fällt nix Schlecht's ihm ein. Ja wenn der Freund mein Kappel hätt', O je, der schauet d'rein. Das Töchter! sagt zur Frau Mama, Ich geh' zur kranken Tant', Doch kaum schlupft's aus dem Haus hinaus, So wart' schon der Amant, Sie steigen rasch in Wagen h'nein. In Dornbach ist's so schön, Man glaubt gar nicht wie rasend g'schwind Drei Stunden oft vergeh'». Wenn's z'Haus kommt, sagt's dann der Mama: Die Tant' nimmt fleißig ein; Wenn jetzt d'Mama mein Kapperl hätt', O je, die schauet d'rein. Es tritt ein Gast in's Wirthshaus h'nein Zum paperlgrünen Hahn, Er g'freut sich auf was Besonders heut'. Und schafft sich gleich was an. Ein Rebhendel ist mit Linsen da, Sehr delicat und frisch. Der Gast wart' schon zwei Stunden d'rauf, 's kommt noch nichts auf den Tisch. Jetzt bringt der Wirth ein' alten Rab'n Anstatt dem Rebhendl h'reiu, Wenn jetzt der Gast mein Kapperl hätt', O je, der schauet d'rein. (Ab.) 31 Verwandlung. Freier Platz vor dem Schlosse, rings mit Bäumen besetzt. Im Hintergründe das Schloß selbst aus einer kleinen Anhöhe und im neuesten Geschmack gebaut. Im Vordergründe rechts ein alter Thurm. Die Bäume find mit Blumen, bunten Tüchern und Guirlanden behängt, eben so alle Fenster des Schlosses, aus deren jedem Genien mit Blumenkörbchen oder Sträußchen herausschauen. Selbst aus den Schornsteinen gucken Genienköpschen hervor. Der alte Thurm ist ganz mit Kränzen und Guirlanden verziert. Oben im Thurme sind zwei Fenster, bei einem steht eine Weibsperson, mit traurigem Gesicht herunterblickend» bei dem andern Stanzi, beide sind im idealischen Kostüm, eine als Themis, die andere als Asträa gekleidet. Zwölfte Scene. Der Richter nnd die Geschworenen. Der Schulmeister und die Schuljugend aus einer, Amtmann, Isidor und das Amtspersonale auf der andern Seite. Im Hintergründe Landleute beiderlei Geschlechtes und Kinder mit Blumenkörben und Tannenreisig. — Seitwärts links auf einem schön decorirten Gerüst fitzen Musikanten, Alles ist in froher Bewegung. Später der Jnspectsor. Jnspector (eilt geschäftig herein, er ist als Mer cur gekleidet). Allons, frisch, fix und fertig, paßt auf, er wird gleich da sein. (Alle lachen.) Was lacht das dumme Volk, etwa über mich, über'n Mercurius? — Wär' nicht übel, aber es ist ihnen zu verzeihen, was Wissen s auf dem Land' vom Mercurius, der ist nur in der Stadt zu Haus. (Sieht einen Bauern.) Ah Christian, bist Du da, warst in Wolfsberg, hast ein Pulver gebracht? Christ. Ja, da ist's schon. (Gibt ihm ein kleines Päckchen.) Jnsp. Was ist denn das? Wo hast denn das Pulver gekauft? Christ. Nun, m der Apotheke. Jnsp. Jetzt fall' ich um und werd' hin, ich schick' ihn um ein Schießpulver, und er bringt mir ein Antigspasmotikum — Sapperment, wo find denn meine Gottheiten ? Richter. Die sitzen im Wirthshaus und warten, bis sie geholt werden. Jnsp. Im Wirthshaus? Jetzt fall' ich um und werd' hin, auf d'letzt besaufen sie sich alle und machen ein Spectakel, der Heurige ist kein Ambrosia. G'schwind, Christian, lauf hin, der Wirth soll ihnen keinen Tropfen mehr einschenken. (Em Pöllerschuß.) Jetzt kommt er, paßt auf, schreit Vivat, macht's ein'Viehlärm, da ist er schon. Dreizehnte Scene. Vorige. Obrist, Flora, Chevalier, Waltraud, Andreas, Bediente und Jäger, später Christian zurück. Alle (rufen froh und jubelnd). Vivat! (Die Musikanten machen einen Tusch.) Obrist. Dank,, herzlichen Dank, meine lieben Kinder. Ich bin von eurer Treue und Anhänglichkeit überzeugt. Alle. Vwat! (Jnspector tritt hervor.) Obrist (lachend). Wie schaust denn Du aus, närrischer Teufel? Jnsp. Nicht Teufel, sondern Gottheit. Mercurius in eigener Person. Als solcher will ich jetzt eine Anrede halten, daß alle Anwesenden Heulen und Zähnklappern kriegen sollen. Amtm. (drängt den Jnspector zurück). Mit Erlaubniß, die erste Rede gebührt mir. — Erlauben Euer hochgebornen Gnaden, die innigsten Gefühle meines Herzens helllaut von mir geben zu dürfen. Obrist. Recht gern, Herr Amtmann. 32 Jnsp. (für sich). Boshafter Kerl, wenn er nur umfallet uud hm wurd'. And. (für sich). Der Amtmann hat ein Malefizgeficht, da will ich auspaffen. Z Amtm. (nachdem er sich geräuspert und gesammelt hat). Euer hochgebornen Gnaden! — ohne mich zu unterfangen, einem Cicero oder Themistokles gleichen zu wollen, kann und muß ich doch unumwunden gestehen, daß das, was ich jetzt vorzutragen die Ehre haben werde, rein wahr und unverfälscht der Quelle meines Herzens entströmen wird. — Nach langer — jahrelanger Zeit haben wir, Ihre getreuen Diener und Unterthanen, endlich wieder einmal das hohe Glück, Sie in unserer Mitte zu sehen, aber — (Andreas setzt das Käppchen aus) ich wollte lieber, daß Sie recht lang noch weggeblieben wären, und daß Sie der Teufel nicht sobald hieher geführt hätte. (Alles stutzt, — Allgemeines Gemurmel.) Obrist (der ebenfalls ganz erstaunt war, wirft plötzlich einen Blick auf Andreas und bemerkt, daß er das Käppchen auf hat — für sich). Aha! (Laut.) Ruhig, Kinder! ruhig, laßt den Herrn Amtmann nur weiter stirechen. (Andreas nimmt das Käppchen ab.) Amtm. Aller Herzen schlagen Ihnen froh entgegen, aller Lippen jubeln Ihnen ein lautes Vivat zu, all überall sieht man freudige Gesichter über Ihre glorreiche Ankunft. (Andreas setzt auf.) Nur ich allein möchte aus der Haut fahren vor Gift und Galle, weil Sie mir wirklich äußerst ungelegen kommen. (Andreas nimmt ab.) O, möchte die Erinnerung dieses steuden- reichen Tages noch lange in unserem Gedächtnisse verbleiben, möchten — (Andreas setzt aus) meine Amtsrechnungen nun schon so in der Ordnung sein, daß Sie hinter meine Schliche und Ränke nie kommen könnten; (Andreas nimmt ab) möchten Sie recht lange noch io unserer Mitte weilen und durch Ihre Gegenwart uns beglücken (Andreas setzt aus) und lieber heut' als morgen dorthin reisen, wo der Pfeffer wächst. (Andreas nimmt ab.) Mit diesen aufrichtigen Gesinnungen ersterbe ich in tiefer Ehrfurcht und verbleibe (Andreas setzt aus) Dero gallsüchtiger Neidhammel (Andreas nimmt ab) und treu ergebener S clave, der nicht nur heute, sondern jeden Tag seines Lebens — Obrist. Es ist genug. Herr Amtmann, das Uebrige schenke ich Ihnen, ich bin von Ihren wahrhaften Gesinnungen nun vollkommen überzeugt. — (Alle Anwesenden waren bei des Amtmanns Rede von Erstaunen ergriffen, und haben. Jeder nach seiner Stellung, ihre Meinungen darüber im Stillen geäußert.) Amtm. (sich tief verbeugend, trocknet sich den Schweiß ab, für sich). Es war mir doch, als ob ich etwas confus geworden wäre. Obrist (sieht Isidor). Wer ist der junge Mann? (Flora fährt zusammen.) Amtm. Des Schloßgärtners Neffe und mein Amtsschreiber, gehorsamstzu dienen. Obrist (stutzt). Ah, der also lst's. (Für sich.) Ein hübscher Bursche. (Laut zum Amtmann.) Und ist er brav und fleißig? ^ And. (setzt aus). Das werden wir gleich hören. Amtm. O gewiß, äußerst thätig und geschickt, ich habe volle Ursache, mit ihm zufrieden zu sein, obgleich ich mir alle Mühe gebe, ihn zu kranken und zu schika- oiren. Obrist. Scharmant von Ihnen. (Zu Isidor.) Nun, Herr Amtsschreiler, das Zeugniß Ihres Amtmanns freut mich sehr, und ich versichere Sie meiner Wohlgewogenheit. Isidor. O gnädiger Herr, groß nenne ich das Glück, in Ihren Diensten zu sein, größer wäre es für mich, wenn ich mich ewig Ihrer Huld erfreuen könnte, am größten aber, wenn ich Sie Vater nennen dürfte, denn ich liebe Ihre Tochter mehr als mein Leben. (Allgemeines Erstaunen.) Obri st (zu Andreas). Verfluchter Kerl! wirst Du das Käppchen herabnehmeu. 33 , oder soll das ganze Dorf wissen, daß sich meine Tochter in den Amtsschreiber vergafft hat? And. (nimmt das Käpvchen ab) . Nun, ich Hab' halt nur geglaubt— Stanzi (aus dem Fenster rufend). Papa, ich halt's nicht mehr aus da heroben. Obrist (wird aufmerksam). Was ist das — das ist ja der alte Gefängnißthurm, nicht wahr? Jnsp. Nicht mehr Gefängnißthurm, Tempel der Gerechtigkeit, Euer Excellenz. und die da oben steh'n, ist eine die Frau Themis und die andere Ihre Tochter die Mamsell Asträa. Obrist. Spaß bei Seite, wer sind die beiden Weiber? Znsp. Die eine ist die Eva Rumpelhuberin, die dem Herrn Amtmann ein paar Schunken gestohlen hat, sie ist jetzt so frei und fitzt im Arrest. Obrist. Und die Andere? Jnsp. Das ist meine Tochter, die Stanz erl, unterthänigst aufzuwarten. Obrist. So, und was hat denn die verbrochen? Jnsp. Gar nix, Euer Excellenz, ich hab's bloß an s Fenster gestellt wegen der Symmetrie. Obrist. Du bist noch immer der alte Narr. Gleich auf der Stelle laß beide frei. Jnsp. Den Augenblick, Euer Excellenz. (Will gegen den Thurm, in dem Augenblick eilt Christian herein.) Christ Um Alles in der Welt, Herr Inspektor, geschwind, im Wirthshaus gibt's Spectakel! Jnsp. Hab' ich's nicht gesagt, da haben wir den Teufel. Christ. Der Bacchus hat ein' Rausch wie eine Kanone, und der Cupido hat dem Janus das eine Gesicht verbrennt. Jnsp. Jetzt fall' ich um und werd' hin. (Eilig ab mit Christian.) Obrist. Ha. ha. ha! — Das ist,wie- der Wasser aus seine Mühle. — Eilt doch ein Paar nach, sonst macht er durch seine Wiener Theater-Repertoir Nr. 263 Narrheiten das kleine Uebel noch zehnmal größer. (Einige Jäger und Bauern gehen ab.) Und nun, meine Kinder, noch einmal meinen herzlichen Dank für die Beweise eurer Liebe. Auf den Abend haltet Euch bereit; ein Stückfaß Wein in Empfang zu nehmen, hier auf dem Schloßplatz mögt Ihr Euch dann durch Sang und Tanz erfreuen. Alle. Vivat! Obrist. Morgen aber, als am Verlobungstage meiner Tochter, will ich drei Liebespaare ausfteuern. Isidor (blickt wehmüthig nach Flora, die bleich und bebend dasteht). Obrist. Herr Amtmann, Sie kennen die Gemeinde. Ihnen überlasse ich es, die bravsten und fleißigsten Mädchen zu wählen, und mit ihren Liebhabern mir zuzuführen. Ich bestimme jedem Mädchen eine Aussteuer von 200 Gulden. — Aber Herr Amtmann, das sage ich Ihnen, nach Recht und Gewissen gehandelt, sonst haben Sie es mit mir zu thun. Alle. Vivat! Amtm. Ich werde gewiß und zuverlässig Hochdero Befehl zu satisfaciren suchen. Vierzehnte Scene. Vorige. Blühdorn. Obrist. Ah. steh da, Blühdorn! — Lebst Du auch noch — sei mir gegrüßt. Du ehrliche Haut. Blühd. O lieber, gnädiger Herr, ist es denn wahr —? Sie schenken uns wirklich das Glück Ihrer Gegenwart, bleiben vielleicht auf immer bei uns? Obrist. Das will ich. guter Blühdorn. — Aber steh doch, wen ich Dir mitgebracht habe. (Führt Waltraut vor.) Walt, (eilt Blühdorn freudig entgegen). Grüß Gott, lieber Vater! Blühd. (erschrickt, fährt zusammen, fast schreiend). Was willst Du hier — fort, s 34 ort, aus meinen Augen. — Das böse Gewissen schläft, dein Anblick könnte es furchtbar aus dem Schlafe rütteln, fort um Gotteswillen, fort mit dem Mädchen! (Alles ist von hohem Erstaunen ergriffen.) Walt, (weinend). Ach Gott, er hat mich nicht mehr lieb. Obrist. Was hast Du, Alter? Du bist bleich wie der Tod und deine Glieder beben. Rede, was ist Dir? Blühd. (sich erholend). O nichts, nichts, gnädiger Herr. — Ein Schwindel bloß, er wird vorübergehen. (Plötzlich mit von Schmerz gepreßter Stimme, indem er verzweifelnd die Hände ringt.) O allgerechter Gott! soll denn dieß graue Haupt in Kerkersnacht verschmachten, und mit Schande in die Grube fahren? Obrist. Bist Du wahnsinnig? — Was für ein böser'Geist hat Dich ergriffen? — Erkläre schnell, was hast Du? Blühd. Ich kann nicht. — Ach Gott, ich kann nicht. — And. (setzt das Käppchen aus). Vielleicht kann er jetzt. Blühd. Und doch — es drängt mich mit unwiderstehlicher Gewalt, laut und offen zu bekennen. Wohlan, so hören Sie denn, doch vorher schwöre ich zu Gott, daß Alles, was ich sage, die reine Wahrheit ist. (Aus Waltraud deutend.) Dieses Mädchen hier ist meine Tochter nicht. Alle (staunend). Nicht? Blüh d. Es ist Ihr Kind, Herr Obrift, Ihr leibliches Kind, und diese hier (aus Flora zeigend) ist meine Tochter. Obrist (wendet sich zufällig gegen Andreas, erblickt das Käppchen auf seinem Kopf und schreit laut auf). Barmherziger Gott! es ist wahr! Alles (ist erschrocken und steht bewegungslos — Flora ist mit einem heftigen Schrei in Ohnmacht gesunken, Isidor eilt ihr zu Hilfe). And. (nimmt das Käppchen ab). Die Wahrheit ist stark bitter! (Rasche Musik, der Vorhang fällt.) Dritter Aulzug. (Borsaal aus dem Schlöffe Rodenfee. mit Mittel- und Seitenthüren.) Erste Scene. Eine Anzahl Bauern (welche in ängstlicher Erwartung dastehen), dann der Richter. Richter (tritt ein aus der Seiten thüre links). Christ. Ah, da ist ja schon unser Herr Richter! Hans. Jetzt werden wir gleich Alles erfahren. Richter. Da bin ich schon wieder, liebe Nachbarn, ich bringe gute Nachricht. Die Bauern (sreudig). Wirklich? Na, so laste Er hören. Richter. Das gnädige Fräulein, das heißt eigentlich die, die jetzt nicht mehr das gnädige Fräulein ist, befindet sich um Vieles bester, der Schrecken hat zwar stark auf sie gewirkt, aber sie erholt sich zusehends und ist aus aller Gefahr. Die Bauern. Gott sei Denk. Richter. Ich habe selbst mit ihr gesprochen, sie laßt Euch herzlich grüßen und für eure Theilnahme danken. Die Bauern. Das gute Fräulein! Richter. Ja. das ist sie. Immer brav und immer gut. — Ewig Schade, daß sie nicht mehr unser gnädiges Fräulein ist. Sie hat uns viel Liebes und Gutes ge- than, hat manchen Armen unterstützt, Nothleidenden geholfen, wer weiß, ob die Andere so sein wird. Die Bauern. Ja wohl, ja wohl. Christ. Und was sagt denn der gnädige Herr dazu? Richter. Was sagt er! Traurig ist er und geht ganz bedufft herum. Manchmal bleibt er plötzlich stehen und dann ist es gerade, als ob ihm ein Engel einen guten Gedanken eingegeben hätte, da macht er wieder ein freundliches Geficht und sagt: »Ja, so kann es gehen.« — Er wird wohl am besten wissen, was er thun soll, denn er ist ja ein grundgescheidter Herr. Die Bauern. Ja, das ist er, das ist er! Zweite Scene. Vorige. Amtmann (mit Papieren in der Hand). Amtm. Was gibt es da, was wollt Ihr hier, Ihr Bauern? Richter. Wir haben uns erkundigt, wie es dem kranken Fräulein geht. Amtm. Ei, das hättet Ihr können bleiben lassen. Man muß die hohen Herrschaften nicht belästigen. Richter. Belästigen? O nein, wir haben sie gar nicht belästigt, im Gegentheil hat der gnädige Herr und Fräulein Flora recht freundlich mit uns gesprochen. Amtm. Und dann, was kümmert Euch denn diese Flora, sie ist ja nicht mehr die Tochter unsers gnädigen Herrn. An die Andere müßt Ihr Euch jetzt kalten und ihre Huld und Gnade zu verdienen suchen. Richter. Herr Amtmann, wir halten die Andere in Ehren, sie hat unserm gnädigen Herrn das Leben gerettet, und ist uns lieb und werth geworden, deßwegen aber dürfen wir die Fräulein Flora nicht vergessen, die oft unsere Wohlthäterin war, im GegeNtheil, wir Alle im ganzen Dorf haben uns fest vorgenommen, ihr ihre traurige Lage so viel als möglich zu erleichtern. Wir wollen dankbar sein, weil es unsere Pflicht ist, weil wir glatte, ehrliche Leute find und (bedeutend) weil wir nicht den Mantel nach dem Winde hängen, wie andere Leute. B'hüt Gott, Herr Amtmann. (Ab mit den Bauern.) Amtm. (allem). Plebejer! Wie sich das Volk patzig macht. — Uebrigens merk' ich aus Allem recht gut, wo das hinaus will, ich merke schon, ich bin die längste Zeit hier gewesen. Es geht auf die Neige, man will, daß ich meines Weges gehen soll. O die Freude kann ich ihnen schon machen, ich lache dabei in's Fäustchen, denn mein Schäfchen ist im Trocknen. — Ist das eine Behandlung? Mir überträgt man das armselige Geschäft, die Auswahl von drei heiratslustigen Bauerndirnen zu treffen, während der Lasse vonAmtsschreiber in der Gerichtskanzlei fich brüstet und den alten Gärtner im Verhör hat. Aber nur Geduld, ich will's Euch schon gedenken. Dritte Scene. Voriger. Obrist, Chevalier. Amtm. (mit Bücklingen). Daoz Dero unterthäniast submissester Sclave, hochgnädiger Herr! Obrifi. Was bringen Sie mir, Herr Amtmann? Amtm. Nach Dero hohen Befehl habe ich hiermit die Ehre, den Bericht über die bereits getroffene Wahl, so wie auch die vorteilhaftesten Zeugnisse der drei Mädchen zu überreichen, welche Euer Hoch- wohlgedoren auszustatten die hohe Gnade haben wollen. Obrist. Aber lieber Herr Amtiliami, wie können Sie nur denken, daß ich bei detVerwirrmig, die jetzt in nttinrm Hause herrscht, mit solchen Dingen mich befassen soll. Uebrigens bin ich in meiner Lage gefaßt, wie es ein Mann sein soll, dieFvlge wird es zeigen. — Doch was mir eben einfällt, wo ist denn der Teufelskerl mit seinem Käppchen? 36 Ehev. Ich habe ihn mit keinem Auge gesehen. Obrist. Er wird doch nicht vor Angst die Flucht ergriffen haben? Chev. Oder hat sich vielleicht irgendwo verkrochen. Obrist. Er thut mir Unrecht, wenn er glaubt, daß ich auf ihn zürne, kannte ich denn nicht die Eigenschaft seines Käppchens? Habe ich ihn nicht selbst hierher gebracht, war es nicht mein eigener Wille, die Wunderkraft seines Talismans kennen zu lernen, und Hab' ich nicht genug erfahren, was mir zu wissen äußerst nöthig war? — Ich muß nur schnell Befehl ertheilen, daß man ihn aufsuche und hierherbringe, er hat nicht das Geringste zu befürchten. Vierte Scene. Vorige. Andreas (der gleich vom Anfang des Actes unter dem Tische versteckt war). And. (wirft den Tisch um und kriecht hervor). Wenn s so ist, brauchen's mich nicht erst zu suchen, ich komme schon von selber. Ehev. Herr der Welt, er stak unter dem Tische! And. Za, ich war so frei und stak — Obrist. Hasenfuß, hast Du so wenig Vertrauen zu meiner Rechtlichkeit, oder glaubst Du. ich hätte das Wirthshaus im Walde schon vergessen? — Du hast mir Beweise deines Muthes und deiner Anhänglichkeit gegeben und ich werde dankbar sein. Bleibe bei min auf Rodensee, so lang Du lebst, ich will für deine Zukunft sorgen, aber mit deinem vermaledeiten Käppchen bleib' mir auf immer vom Leibe, denn ich könnte am Ende noch Dinge erfahren, die mir das ganze Leben verbittern würden. And. Jst aberSchad' d'rum, es ist doch manchmal gut, wenn man die Wahrheit erfährt. Obrist. Nur nicht auf diese Weise. Wahrheit muß frei und offen sein und läßt sich nicht erzwingen. Fünfte Scene. Vorige. Isidor. Isidor. Gnädiger Herr, das Verhör mit dem Gärtner Blühdorn ist zu Ende, er hat reumüthig Alles gestanden. — Es ist gewiß, daß sein Weib, die Ihres kleinen Töchterchens Amme war, die beiden Kinder vertauschte. Ihre Frau Gemalin starb im Wochenbette, Sie selbst waren damals in Kriegsdiensten und so konnte das Verbrechen leicht geschehen. Erst vor einem Jahre, auf ihrem Todtenbette, hat sie ihrem Gatten alles gestanden. Bittere Scham und Furcht vor der Strafe hielten ihn bis jetzt zurück, ein offenes Bekennt- niß zu leisten, auch schmeichelte es seiner väterlichen Eitelkeit, sein Kind so sehr geachtet und geehrt zu sehen, doch nun hat er Alles reumüthig gestanden und mit einem Eid beschworen und bittet um die Gnade, ein mildes Urtheil erflehen zu dürfen. Obrist. Lassen Sie ihn kommen. (Isidor verbeugt sich und geht ab.) Obrist. Ich muß noch Manches von ihm selbst erfahren. And. Kriegt vielleicht mein Kapperl Arbeit? Obrist. O nein, bei dem reuigen Sünder wirkt ein mächtigerer Talisman als der deine, und der heißt Gewissen. 37 Sechste Scene. Vorige. Blühdorn, Isidor. Blühd. (stürzt zu des Obristen Füßen). Gnade! Verzeihung! Obrist. Steh' auf. Blühd. Nicht eher, bis ich Ihre Vergebung mir erfleht habe. Obrist (strenge). Steh'auf, sag' ich Dir. (Blühdorn steht aus, Obrist freundlich zu Isidor.) Ich werde Sie rufen, Herr Amtsschreiber. (Isidor verbeugt sich und geht.) Blühd. Glauben Sie mir, mein gnädiger Herr, ich habe es tausend und lausenmal bitter bereut, daß ich so lange geschwiegen. — Ach. das gottlose, ehrver- gessene Weib, nicht eine Thräne habe ich ihr in's Grab nachgeweint! Obrist. Warum aber mußte meinKind aus dem Hause? Blühd. Mein Weib, die das Mädchen nie recht leiden konnte, drang oft mit Gewalt in mich, sie aus dem Hause zu schassen; ich wußte nicht die Ursache, doch bei ihrem Tode klärte sich Alles auf. — Ihr eigenes Gewissen ließ es nicht zu, das unglückliche Opfer ihres Verbrechens stets vor Augen zu haben und darum mußte Ihre Tochter fort. Obrist. Wußtest Du um die Schlechtigkeiten deines Schwagers? Blühd. Gott ist mein Zeuge, ich wußte nichts davon. Schwäche und Nachgiebigkeit gegen mein Weib waren wohl meine größten Fehler, doch hätte ich die geringste Ahnung gehabt, an welchem Orte sich das Mädchen befindet, keine Macht der Erde hätte mich zurückgehalten, sie von dort wegzubringen. Obrist. Noch Eins. — Hast Du von dem Liebesverhältniß deines Neffen mit meiner vermeinten Tochter was gemerkt? Blühd. Ach leider ja, es war mir oft dabei zu Muthe, als ob ein giftiger Pfeil mein Herz durchbohrte. Zuweilen schien es mir ein Fingerzeig der Vorsehung, Alles offen zu bekennen und dennoch hielt die Furcht mich stets zurück. Obrist. Ich weiß genug, nun gehe, man wird Dich rufen lassen, wenn es Zeit ist. Blühd. Ach, gnädiger Herr, was haben sie über mich beschlossen? Obrist. Du wirst es erfahren, nun gehe. (Rust.) Herr Amtsschreiber! (Isidor tritt ein.) Führen Sie Ihren Onkel ans Ihr Zimmer, weichen Sie nie von seiner Seite und erwarten Sie meine weitere Verfügung. Blühd. (dieHände bittend emporhebend). Gnädiger Herr! Obrist (mild). Geh, Alter, geh, und nimm den Trost mit Dir, cs wird besser enden, als Du glaubst. Isidor. Kommt, lieber Onkel, der gnädige Herr wird nicht unbarmherzig sein. (Blühdorn küßt des Obristen Hand. Beide ab.) Siebente Scene. Obrist, Chevalier, Andreas. Obrist. Der junge Mann gefällt mir immer besser. — Es mag seinem Herzen kein Leichtes gewesen sein, den eigenen Blutsverwandten zu verhören. Doch ging bei ihm die Dienstpflicht jeder andern vor. Wahrhaftig, ich bewundere ihn. Chev. Geht es mir denn mit Ihnen besser, Herr Schwiegerpapa? In derThat, Sie flößen mir hohes Erstaunen ein. Eine solche eclatante Konsequenz ist mir noch nie vorgekommen. Obrift. Die Ihre ist nicht minder be- wundernswerth, da Sie mich noch immer Schwiegerpapa nennen. 38 Chev. Und warum sollt' ich nicht? Obrist. Wohlan, versuchen Sie selbst Ihr Glück bei meiner Tochter, willigt sie ein, so haben Sie bereits mein früheres Versprechen, das ich zu halten wissen werde. And. (für sich). Wenn's Madel g'scheidt ist, so gibt'sihmnichtetwan ein' Korb,nein — sondern gleich ein'n Zöger. Obrist. Erhalten Sie aber einen Rs- tn8, so bin ich meines Wortes entbunden, denn merken Sie fich's, Herr Chevalier, als ich Ihrem Vater versprach, Ihnen meine Tochter zur Gattin zu geben, so meinte ich die, die meine Tochter war, doch niemals die, die meine Tochter jetzt ist. Verstanden? Chev. Halt! Ein delikater Gedanke fährt mir da durch den Kopf, wahrhaftig, ich bewundere mich selbst über diese kühne Idee. Ich will beiden Damen zu gleicher Zeit die Cour machen, ich will einer jeden mein Herz zu Füßen legen und welche mich dann nimmt, die hat mich. Allons, V6vi, viäi, viei, sagt Cäsar. ^ revoir, mein vortrefflichster Herr Obrist, in einer halben Stunde soll fich's zeigen, ob ich Sie als wirklicher oder als Vice- Schwiegerpapa umarmen werde (Hüpft ab.) Obrist. Geh, alberner, unerträglicher Geck; der Mensch ist mir schon zuwider wie eine Spinne. And. Wenn der mein wäre, ich sperrte ihn in eine Schachtel und er müßte mir Lotterienummern herausziehen. Achte Scene. Vorige. Stanzi (aus der Seitenthüre). Stanzi. Euer Gnaden möchten die Gnad' haben und zu dem Fräulein Flora kommen, aber nicht zu der, die die Fräulein Flora jetzt ist, sondern zu der, die die Fräulein Flora einmal war. Obrist. Aha — sogleich. (Sie betrachtend.) Du bist ja des Schloßinspectors Tochter, nicht wahr? Stanzi. So viel ich weiß, ja, Euer Gnaden zu dienen. Obrist. Du bist ein hübsches, artiges . Mädchen. Stanzi. O ich bitt', was halt just recht ist. Euer Gnaden zu dienen. Obrist. Meine Flora hat mir schon von Dir erzählt. Du warst ihr stets eine treue Dienerin und Gefährtin. Stanzi. O ja, wir waren alleweil beisammen, ich. die Fräulein und der Herr Amtsschreiber. Obrist. So, also der Herr Amtsschreiber war auch immer in eurer Gesellschaft? Stanzi. Freilich, er ist ja in die Fräulein heimlich verliebt, na, Euer Gnaden werden's ohnedem schon gemerkt haben. And. Wo die Dummheit d' Wahrheit heraustreibt, da hat mein Kapperl eine Ruh. Obrist. Hast Du vielleicht auch schon einen Liebhaber? Stanzi. O nein, ich trau' mich nicht. Obrist. Warum nicht? Stanzi. Weil mich der Vater ausbrummen möcht'. Obrist. Also möchtest Du auch wohl gar nicht heiraten? Stanzi. Ach Gott ja, lieber heut als morgen — Obrist. Nun, vielleicht hat Dich der Amtmann auch auf die Liste der drei Mädchen gesetzt, die ich aus steuern will. Stanzi. O nein, das thut der Herr Amtmann nicht, er und der Papa find gar grimmige Feinde auf einander und da fall' ich schon ganz gewiß durch. Obrist. Nun, der Sache kann leicht abgeholfen werden, da müssen wir dem Amtmann durch den Sinn fahren. Weißt -99 Du was. Rodensee hat viele hübsche und wackere Bursche, such' Dir einen aus, bring' ihn mir und 100 fl. baar erhältst Du dann zur Aussteuer. Stanzi (küßt ihm die Hand). Ich küsse die Hand, wenn's erlauben, so werd' ich so frei sein. Obrist. Gebab' Dich wohl,liebes Kind. — Du, Andre, erwarte mich im Park in der Schweizerhütte. (Ab.) Stanzi. Aber warum gibt er denn mir nur 100 fl., den Andern hat er ja einer jeden 200 fl. versprochen? — Das ist kurios. Bin ich denn nicht auch so gut als eine Andere? And. (setzt das Käppchen aus und nähert sich ihr). Damit Du nicht zu weit gehen darfst, so bin ich so frei, gleich mich zum Bräutigam vorzuschlagen. Stanzi (erschrickt). O pfui Teuxel, na, Sie find mir viel zu schiech! (Läuft ab.) And. (verblüfft). Sollte das auch die Wahrheit sein? (Nimmt das Käppchen ab.) Jetzt fangt das Kapperl schon an mich nach und nach zu verdrießen. Aber es geschieht mir recht, ich war im Begriff, das Gelübde der Eh'losigkeit zu brechen und das war jetzt meine Strafe. Sapperment, da kommt das neue Fräulein! Neunte Scene. Voriger. Waltraud. Attd. (ihr mit Komplimenten enigegen- kommend). Mein hochwohlgebornes, wie auch zugleich neugebornes gnädiges Fräulein, ich küsse den Staub von Ihren Fußsohlen. Walt, (anständig, aber nicht zu modern gekleidet). Ach, lieber Andrö, ich bitt' Dich um Alles in der Welt, hör' auf mit die G'schichten. Ich kenn' mich so nicht aus vor lauter Angst nnd Verwirrung. And. Wenn ich so ein Glück hätt, ich ging durch vor lauter Freuden, denn hernach müßt' ich doch, wie ein Herr Vater ausschaut — Walt. Weißt Du denn das von deinem Vater nicht? And. O, mein Vater ist um 10 Jahr früher gestorben, eh ich auf die Welt gekommen bin, wie Sie mich da ansehen — ich bin ein Waisenknab'. Walt. Mir ist gar nicht wohl bei der ganzen Sach'. And. (für sich) Soll das wahr sein? Da gehört etwas mehr als eine Wirths- hauSportion Glauben dazu. Ah, das können wir ja gleich hören. (Laut.) Mit Er- lauliniß, mein gnädiges Fräulein, aber da zieht s so furchtbar herein, ich muß mein Kapperl aufsetzen. (Setzt auf.) Also g freut Ihnen Ihr neuer Stand nicht? Walt. G'sreu'n? — Hm, wenn ich nein sagte, so würde ich lügen. Ich habe auch meine Portion Eitelkeit, wie jedes andere Mädel, und die zwei Mörteln reich und vornehm kitzeln einen kurios. Aber wenn ich bedenk', daß ein so rechtschaffener Mann, wie unser Gutsherr, eine gute brave Tochter verliert, und eine andere dafür kriegt, die ihm so wenig Freuden schaffen kann, wenn ich bedenk', daß ein so liebes Mädel wie die Fräulein Flora, fromm wie ein Kind und sanft wie ein Engel, wegen meiner auf immer unglücklich wird, so möcht' mir vor Weh- muth 's Herz aus dem Leib springen, und ich wollt' meiner Seel', ich wär' wieder im Walde unter den Spitzbuben, denn dort war ja doch ich nur allein unglücklich. And. (für sich.) Das ist ein Goldmadel, ich möcht' ihr um den Hals fallen, wenn ich wüßte, daß es ihr recht wäre. (Nimmt das Käppchen ab.) Kapperl, jetzt bist du mir wieder lieb geworden. Walt. Und was mich am meisten schmerzt, ist, daß die Leut' nicht mehr so gut, so herzlich mit mir find wie früher, Alles schaut mich an wie ein Wunderthier und weicht mir aus vor lauter Ehrfurcht I tuen, ganz vorne vom Zuschauer rechts eine und Respekt; das ist nicht recht, sie sollen I Schweizerhütte, ein Stockwerk hoch, gegenalle wieder so sein wie vorher, sie sollen mich wieder lieb haben und Du zu mir sagen, so war ich's gewohnt — Andrö, Du mußt auch wieder Du zu mir sagen. An d. Um Alles in der Welt nur das nicht! Walt. Ich will's aber haben! And. Nein, nein, das thue ich um keinen Preis. Walt, (ärgerlich). Ja — warum denn nicht? And. Erstens erlaubt es der Respect nicht, zweitens verbietet es die Hochachtung, und drittens ist jetzt grad'kein Wein bei der Hand, damit wir Bruderschaft trinken könnten. Walt. Ach, die Bruderschaft, die der Wein macht, dauert just so lang, als er einem im Kopf bleibt. And. Lasten Sie es gut sein, mein gnädiges Fräulein, es wird Alles gut werden, Sie werden sich in Ihre neue Lage recht bald hineinfinden. Wenn Sie der Herr Papa in die Stadt mitnimmt, so lernen's drin in kurzer Zeit mehr, als Sie zu wissen brauchen. Walt, (freudig). In die Stadt? Glaubst Du, daß ich in die Stadt komme? (Beide ab.) Hier kann ein Einlagsduett angebracht werden. Verwandlung. (Eine schöne und heitere Partie des Parkes von Rodensee. Im Hintergründe ein Hügel, worauf ein Tempel steht, am Fuße deSHügels ein kleines Wäldchen, etwas mehr vorne ein Teich, in welchem ein paar Schwäne sich munter bewegen. Rings umher allegorische Sta- über die Statue der Atlethia. Sie trägt ein einfaches griechisches Gewand und hat eine goldene Sonne vor der Brust, zu ihren Füßen steht eine große Opserschale. Die Schweizerhütte ist bereits mit Kränzen und Blumengewinden verziert.) Zehnte Scene. Jnspector (einige Bediente, welche gerade im Begriffe sind, die Statue der Atlethia mit Blumen zu verzieren). Jnsp.(sehr geschäftig). Nur Symmetrie. Sakerlot, nur Symmetrie. Die Leut' find wie die Stock und merken sich kein Wort. Was ist denn das schon wieder? Der Kranz von der Sauerampferblüh gehört ja der Göttin der Wahrheit auf den Kopf und nicht auf den Arm. Sauerampferblüh. wißt Ihr, was das in der Blumensprache bedeutet? — Das heißt so viel als: Wenn man Einem die Wahrheit geigt, so schlägt er Einem den Fidelbogen um den Kopf. — (Die Bedienten lachen.) Jetzt lacht das dumme Volk; da möcht' Einer Umfallen und hiu- werden vor Gift und Galle. Was ist denn das, wir haben ja zu wenig Hor- tenfienblätter zu den Guirlanden? Thut nix, weiß mit schon z' helfen, Kohlplet- schen thun die nämlichen Dienst'. Schaut's Euch g'schwind um Kohlpletschen um. (Alle lachen wieder.) Jetzt lacht die Bagage schon wieder. Ich bitt Euch, geht's mir aus den Augen, es ist am besten, ich mach' mir alles selber, so geschieht doch g'wiß die schönste Konfusion. (Gelächter.) Sie lachen schon wieder, Cou- fection Hab' ich sagen wollen. Jetzt aber in allem Ernst, marsch! — Auf der Stelle fort, sag' ich, und kommt mir nie wieder unter s G'ficht. (Die Bedienten ge- ben mit verhaltenem Lachen ab. Inspektor ldnen nachrusend.) Daß Ihr in einer halben Stunde wieder da seid, ich brauch' Euch höchst nothwendig. — (Allein.) Das ist ein Elend mit den Leuten, ich fall' noch um und werd' hin vor lauter Galt und Verdruß, Gift und Chagrin, Zorn und Roßarbeit. (Besinnt sich aus etwas.) Ja so, bald hält' ich ans die Hauptsache vergessen. Ich muß ja den Spiritus viönousis in die Opferschale gießen und die heilige Flamme anzünden. (Er gießt den Spiritus in die Schale und zündet sie jmit Hilfe einer Zündmaschine, die er bei sich trägt, an, während dessen spricht er.) Das ist wegen den Brautleuten, wenn's hernach Herkommen, und bedeutet, daß die Flamme der ehelichen Liebe und Treue niemals auslöschen soll. Ein köstlicher Gedanken! Er ist-von mir. Meiner Seel', ich möcht' mir selber meinen Kops herunter nehmen und ihm ein Büffel geben wegen der Idee. — Ein Einziges gist mich bei der ganzen Sach', daß der gnädige Herr die boshafte Caprice hat, die Brautleute gerade hier zu empfangen, da droben steht der Tempel des Hymen, da wär's viel paffender gewesen, was haben sie hier bei der Wahrheit zu thun? Wenn's im Eh'stand emander anplauschen wollen, so geschieht es so. — Rechte Bosheit übereinander, g'schieht alles, damit nur ich doppelte Müh' Hab', wahre Seccatur. nix als Plag, und Rackerei. (Ab.) Eilfte Scene. Obrist, Waltraud, Flora. Obrift (der Flora führt). Hierher, liebe Flora, hier ist die Aussicht paradiesisch schön. — (Flora seufzt.) Ah steh da, wie alles hier geschmückt ist, ein wahres Bunterlei, gewiß das Werk meines närrischen Inspektors. — Hier also wollen wir die drei Brautpaare erwarten. Jst's recht so, Flora? Flora. Wie es Ihnen' gefällig ist. gnädiger Herr. Obrift (ergriffen). Mädchen, Du thust mir in der Seele weh. Willst Du mich denn nicht mehr Vater nennen? Flora. Dieß schöne Glück muß ich entbehren. (Indem sie ihm Waltraud in die Arme legt.) Hier ist Ihre Tochter. Obrift. Und Du bist es nicht minder. Dieß Mädchen, meine theure Lebensretterin, ist mir unendlich werth geworden, nun doppelt werth, da sie das Schicksal mir als Tochter zugesandt, doch habt Ihr beide Platz in diesem Herzen, und beide glücklich zu machen — sei meine heiligste Pflicht. Walt. Ach lieber guter gnädigster Herr Vater, ich bitte Sie um Alles in der Welt, sind Sie nur nicht böse auf mich; ich kann wahrhaftig nichts dafür, daß ich Ihre Tochter bin! Zwölfte Scene. Vorige. Jnspector, dann Richter (mit zwei Geschwornen). Jnsp. (eilig und erhitzt). Spectakel über Spectakel! Ich fall' um und werd' hin. — Obrist und dieMädchen. Was gibts, was ist geschehen? Jnsp. Das ist eine Wirtschaft — das ist eine Geschichte — das ist eine Historie! Obrift. Wirst Du reden, Hausnarr, was gibt es denn? Jnsp. Der Mensch, den EuerExcellenz daher gebracht haben — Obrift. Andrv? Was ist's mit ihm? Jnsp. Hexerei, Zauberei, übernatür- liche Magie, Holzstoß, Scheiterhaufen, anzünden, prasseln, aus ist's — Obrist. Der Henker werde klug aus diesem Gallimathias. Rede deutlicher oder geh zum Teufel. Jnsp. Deutlicher? Zum Teufel geh'n? Küß' die Gnad' für die Hand. Aber mit dem Menschen ist's nicht richtig. Spektakel und Remisori, die Bauern schlagen ihn todt, wenns' ihn finden, draußen bei dem Park steht's ganze Dorf mit Krampen und Schaufeln. Aufruhr uud Empörung. Sie belagern den Park, es wird Blut fließen wie der Alsterbach, es wird schrecklicher zugehen als bei der Belagerung von Saragossa. (Man hört einen gewaltigen Lärm außerhalb des Parkes, vieleStimmen rufen: Heraus mit dem Zauberer, heraus mit ihm, wir schlagen ihn todt!) (Richter und zwei Geschworne treten ein.) Richter. Die Bauern find bis auf's Aeußerste rabbiat und da ist Niemand als der fremde Mensch Schuld, der mit Euer Gnaden hieher nach Rodensee gekommen ist. Obrist. Was hat er Euch gethan? Richter. Verdruß und Unfrieden hat rr angestiftet. Er hat ein Zauberkäppchen, wenn er das auf den Kopf setzt, so muß Jeder laut und offen sagen, was er im Innersten seines Herzens denkt. (Waltraud wird aufmerksam.) Das hat er denn auch bei uns probirt. Im Anfang hat er die drei Brautpaare untereinander gehetzt. Endlich ist er auch über uns gekommen, wir haben einander die schönsten Grobheiten gesagt, es ist Spectakel und Schlägerei entstanden, auf einmal find wir der Sache auf die Spur gekommen, und jetzt find wir Alle da, und wollen dem Hexenmeister das Handwerk legen. l Obrist. Wer hat Euch das Geheimniß l mit dem Zauberkäppchen entdeckt? l Richter. Der fremde junge Herr, den Euer Gnaden aus der Stadt mitgebracht haben. Obrist. Der Chevalier? Richter. Ja, Euer Gnaden, er hat uns Alles erzählt und uns auch scharf zugeredet, daß wir den Teufelsbanner verfolgen und gefangennehmen sollen. Obrist. Plaudertasche! — Seht, Ihr Mädchen, die kleinliche Rache, die er nimmt, weil Ihr ihm einen Korb gegeben — Wart, Lasse, Dich will ich bald expediren. (Lärm wie oben.) Ist noch keine Ruhe? Nun denn, so will ich selbst hinaus; sollst mich kennen lernen, unverschämtes Volk (Will ab.) Flora (hält ihn zurück). Vater, theurer Vater, mäßigen Sie sich! Walt, (bittend). Schonen Sie Ihre Gesundheit. Jnsp. (ebenfalls bittend). Euer Excel- lenz könnten Umfallen und hinwerden. Flora. Oder besser, nehmen Sie mich mit. Mich lieben diese Leute, ich habe ihnen Gutes gethan, so viel in meinen Kräften stand, sie werden nicht undankbar handeln. Obrist. Recht, mein Kind, komm mit. — Allons, Herr Richter, vorwärts! — (Zu Waltraud.) Auf baldig Wiedersehen, liebe Tochter—(Mit Flora und den Bauern ab.) Jnsp. (ihnen nach, im Abgehen). Das find Spectakel, da muß Einer Umfallen und hinwerden. Walt, (allein, nachdenkend). Also ein Zauberkapperl hat er und wenn er's auf den Kopf setzt, so muß ihm Jeder wahrhaft sagen, was er im Herzen denkt! — (Plötzlich aufschreiend.) Ach, was ist das? Wie der Blitz fahrt's mir durch den Sinn. — Ja, ja, 's ist richtig, wie mein Pfleg'- vater das entsetzliche Geständniß gethan hat. hat der Mensch auch das Kapperl auf dem Kopf gehabt, und vor ein paar Stunden im Saal oben, wie s mich mit Gewalt gedrängt und gepreßt hat, die 43 Wahrheit zu sagen — ja — das war auch die Wirkung dieses Zauberkapperls. — Nein, das thut kein gut, das Kapperl ist ein Werk des Bösen, das muß wieder dorthin, von wo es hergekommen ist. — Wenn ich es nur in meine Hände bekommen könnt' — zwar ich verdank'dem Kapperl viel, Glück und Reichthum find mir dadurch zu Theil geworden, und doch, Gott, der mein Herz kennt, weiß es, ich wollte, es wäre lieber Alles beim Alten geblieben. — Ja. das Kapperl muß sort, es könnte noch manches Unglück in der Welt stiften, es ist besser, wenn es auf ewig verloren geht. (Fest entschlossen.) Ich muß das Kapperl haben. Dreizehnte Scene. Vorige. Andreas (ängstlich und erhitzt). And. Thurmhoch erlauchtes Fräulein, ich beschwör' Sie bei Allem, was Ihnen wohlfeil und theuer ist. schützen Sie mich und helfen Sie mir aus der Noth. — Die Bauern suchen mich auf allen Seiten, wenn's mich finden, so schlagen's mich todt, und ich werde dann fricas- firt, heiß abgesotten, marinirt und eingepökelt. Walt. Ja, ja, es kann Dir schlimm gehen, wenn sie Dich erwischen. And. Um Alles in der Welt, was soll ich denn thun? Walt. Sei ruhig, mein Vater bringt Alles wieder in Ordnung — damit sie Dich aber nicht so bald wieder zu Gesicht kriegen, so verstecke Dich indessen hier in diese Schweizerhütte. Ich will den Schlüssel abziehen und wenn es Zeit ist, Dich wieder herauslassen. And. Ja, thun Sie das. gnädiges Fräulein. Also ich reise geschwind in die Schweiz. Walt. Halt, noch Eins — die Bauern haben es weniger auf Dich, als auf dein Zauberkappel abgesehen. Wenn sie das wieder bei Dir erblicken, so gibt es den alten Tanz, sie nehmen Dir das Kappel weg und schlagen Dich ohne weiters todt. And. Ich weiß, maustodt. anders thun sie's nicht. Walt. Und es wäre wirklich ewig Schad' um das Kappel, es soll, wie ich g'hört Hab', gar so schöne Eigenschaften haben. And. Ich versichere Sie, prächtige Eigenschaften. Walt. Weißt Du was, ich will es Dir aufheben und in sichere Verwahrung bringen. In einigen Tagen ist die Sache vergessen und Du hast dein Kapperl wieder, aber sei ein andermal vorsichtig und gib gut Acht darauf, denn es wäre Jammerschade, wenn es in Unrechte Hände käme. And. Das gnädige Fräulein sind eine gescheidte Person. Sie sind noch so jung und reden schon so vernünftig, wie ein alter Philosoph. Recht Haben s, da ist das Kapperl, aber nur gut Acht geben, daß mir nix i^ran g'schieht, ich reißet mir den Kopf ab, wenn's mir ruinirt würd', und dann könnt' ich's auf keinen Fall mehr aufsetzen. Walt. Sorg' Dich nicht. Gib ! (Nimmt dos Käppchen.) Und jetzt schnell hinein, ich glaube, sie kommen schon. (Sie öffnet die Lhüre der Hütte, stößt Andreas hinein und schließt wieder zu.) And. (im Hineingehen). Daß nur mein' Kapperl nix zustoßt. Walt, (allein, hüpft fröhlich herum). Ich hab's — ich hab's, Victoria, ich hab's. — Jetzt g'schwind wohin damit, daß es kein Mensch auf Erden mehr zu sehen kriegt. — Soll ich's dort in den Teich werfen? O nein, da können's sie's wieder herausfischen. — Soll ich's in die Erden vergraben? Auch nicht, es könnte wie ein 44 Unkraut wurzeln und emporschießen. (Sieht die Flamme an der Bildsäule dec Atlethia.) Halt, dort wäre der rechte Platz! (Entschlossen.) Ja, (wirft das Klippchen in die Flamme) fahre hin auf ewig. (Die Flamme lodert hoch und zischend empor, ein starker Blitz durchkreuzt die Bühne, von ei'nLM heftigen Donnerschlage begleitet, Waltraud stößt einen lauten Schrei aus, will entfliehen und fällt dem eintretenden Jnspector in die Arme. — Außen hört man hinten Jubel und Vivat rufen.) Vierzehnte Scene. Vorige. Jnspector. Dann Obrist, Flora, Andreas. Jnsp. (eilig). Vivat, Alles ist wieder auf gleich. (Hält die sinkende Waltraud auf.) Ah, das ist gut, jetzt fallt das gnädige Fräulein um und wird hin. — Gnädiges Fräulein, gnädiges Fräulein, haben's keine Angst mehr, Alles ist vorbei, überall Jubel, Freude und Nergnügenheit. — Gnädiges Fräulein! sie ist verflucht schwer, wenn's noch lang liegen bleibt, so verliere ich die Symmetrie und laß's fallen wie ein Stücket Holz. Walt, (erholt sich). Ach, wo bin ich? Ah — Sie find da? — Haben Sie den schrecklichen Donnerschlag gehört? Jnsp. Das versteht sich, heute ist Ger- vast und Protasi, wenn's an dem Tag donnert, so gerathen die Hetschebetsch. Walt. Ich kann mich kaum erholen von meinem Schrecken. Jnsp. Ist gar nicht nothwendig, ist Alles in der schönsten Ordnung, da kommt schon der Herr Odrist mit der andern Fräulein Tochter, um die er gekommen ist. (Obrist und Flora trete» ein.) Obrist. Da bin ich wieder und bringe heiteren Sonnenschein! Meine Flora ist ein Kernmädchen, hat sie tüchtig zu Paaren getrieben, sind jetzt sanft geworden wie die Lämmer, gleich werden sie alle da sein. — Wo mag Andrö stecken, er hat nichts mehr zu befürchten. And. (sieht oben beim Dachfenster heraus). Euer Gnaden, ist der Frieden schon publicirt? Obrist. Was zum Henker, wie bist Du da hinaufgekommen? Immer herab, es ist wieder Ruh im Lande. Walt. Wenn ich nicht will, so kommt er nicht heraus. (Schließt aus.) And. (tritt furchtsam heraus). Euer Gnaden, ist wirklich alle G'fahr vorbei, mir ist bloß wegen dem Todtschlagen. Obrist. Ohne Sorge, es geschieht Dir nichts mehr, allein dein Käppchen mußt Du opfern, ich Hab' es einmal schon gesagt und seh, daß es am Ende doch zu nichts Gutem führt. Walt. Das Hab' ich auch gesagt, d'rum Hab ich das Kappel dort verbrannt. Obrist. Was sagst Du? Flora. Ist es möglich? And. Jetzt trifft mich der schönste Nervenschlag! Jnsp. Wär nicht übel, da fallet er ja um und wurd' hin. Obrist. Im Ernst, Mädchen, hast Du das gethan? Walt. Verzeihung, gnädiger Herr Vater, aber ich Hab' größeres Unglück verhüten wollen. And. O Weiberlist — Du gehst über Alles! (Zugleich.) Obrist. Klug hast Du gehandelt, meine Tochter, nimm diesen Kuß dafür. (Küßt sie aus die Stirne.) Glaubt mir, Kinder, es ist nicht immer gut, das Wahre zu erfahren, und manchmal ist ein Tropfen süße Täuschung besser als ein Becher voll herber Wahrheit. (Man hört eine ländliche Musik und Jubelgeschrei' von außen.) 45 Letzte Scene. Vorige. Amtmann, Blühdorn, Isidor, Chevalier, Stanzi, Richter, Geschworne, die drei Brautpaare, Brautjungfern, Bauern, Bäuerinnen, Musikanten, Bediente und Jäger. (Der Zug umkreist die Bühne, als Alles an seinem Platze steht, ertönt eia fröhlicher Tusch und Alles ruft: Vivat!) Obrist. Seid Alle — Alle herzlich mir willkommen. — (Sieht Stanzi.) Was ist das. Kleine, Du bist allein? Wo ist denn dein Bräutigam? Stanzi. Ach, gnädiger Herr, um hundert Gulden war's mir nicht möglich, einen anfzutreiben, um zweihundert Gulden, anders geht mir keiner. Jnsp. Was muß ich hören, Du willst auch heiraten? — Jetzt fall' ich um und werd' hin. Stanzi. Aber der gnädige Herr hat's ja befohlen und gibt mir hundert Gulden Aussteuer. Jnsp. Nicht unterstehen, Fluch und Enterbung, Jammer und Noth! Heiraten? Schau! Ruthen, ja! Ich bitt' Euer Excellenz, schenken's mir die hundert Gulden, ich kauf' ihr einen Bräutigam von Lebzelten. Obrist. Gib Dich zufrieden, Alter! Ich mache die 200 fl. voll und wenn sich einst ein wackerer und (betonend) uneigennütziger Bursche findet, so mag sie ihn nehmen, und nun zu etwas Anderm. — Herr Chevalier, als ich Ihrem Vater mein Wort gab. Ihnen meine Tochter zu vermälen, könnt' ich Ihre unedle Denkungsart noch nicht. Nun kenne ich sie und nehme mein Wort zurück. Chev. Ich gehe, denn mein Stammbaum erlaubt weder eine Mesalliance. noch eine Ua,ria§e avoe (t'mie Ms äo llriAnnäg. (Ab.) Obrist (ihm lochend nachrufend). Recht haben Sie, so hat der Fuchs auch gesagt, wie er die Trauben nicht bekam. — Nun, Herr Amtmann, zu Ihnen, auch Ihre Jntriguen find am Tage, Sie find Ihres Dienstes entlasten und legen mir bnnen drei Monaten genaue Rechnung. (Deutet ibm zu geben.) Adieu! A m tm. (mit einem Gesicht voll Wuth und Ingrimm verbeugt sich kriechend und schleicht ab). Jnsp. Bauern, schreit Vivat, daß Alles pufft. Alle. Vivat! Obrist (aus Isidor deutend). Hier steht Euer künftiger Amtmann, behaltet ihn lieb und gehorcht willig seinen Anordnungen. Jnsp. Gleich darauf wiederum ein Vivat! Alle. Vivat! Obr'jist (zu Blühdorn). Dir. Alter, ist verziehen. Du hast genug gebüßt, für eine heitere Zukunft bürg' ich Dir. Blühd. (beugt sich webmüthig zu ihm und küßt ihm die Hand). Obrist (zu allen). Und nun, Kinder, hört mich alle. Die weitere Ausbildung meiner Tochter, und die Sorge für ihr künftiges Glück bewegen mich, meinen Aufenthalt in der Stadt zu nehmen. — Ich verlasse Rodensee auf immer und ihr bekommt jetzt einen andern Herrn. (Gemurmel unter Allen, traurige Gesichter rings umher.) (Zieht eine Schrift hervor.) Hier ist die Urkunde, kraft welcher ich das Gut Rodensee eurem neuen Gebieter rechtsförmig überlasse. (Zu Flora.) Du, Waltraud Blühdorn, und doch noch immer meine geliebte theure Flora, Dir gebe ich es zum Brautgeschenk, (lächelnd) und damit die Herrschaftssorgen nicht allzu schwer Dich drücken, so soll dein neuer Amtmann fie Dir tragen helfen (Er legt Flora in IfidorS Arme. — Beide stüHeu zu seinen Füßen.) (Alle- Folgende wird sehr rasch und fast zugleich gesprochen.) Flora. Geliebter Vater! Isidor. Edler Mann! Jnsp. Das ist ein Herr! Schreit's Vivat — nachher fallt's um und werd's hin. — Alle (laut jubelnd). Vivat! And. (hoch aufspringend). Jucheh! — Jetzt fteufs mich erst daß ich mein Kapperl nicht mehr Hab'. (Fröhliche Musik, allgemeiner Jubel. Der Obrist hat die Liebenden aufgehoben, die sich nun innig umarmt halten. — Waltraud finkt an seine Btust. Blühdorn zu seinen Füßen, hat seine Krtie umfaßt, der Inspektor eilt geschäftig hin und her. Stanzt gafft mit offenem Munde das Ganze an. Heitere Gruppe.) Zn der WalliShaufser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) iu Wien, Stadt hoher Markt Nr. 1, find erschienen: aus den beliebtesten Wiener Possen. Sechs Hefte. Preis eine- jeden Heftes 50 kr. österr. Währ, oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg, D. F. 1. Da macht' i halt das G'wissen sein. 2- Requisiten-Couplet. 3. Figuren-Louplet- 4 Nachher wird es schon wern. 5. Glöckchen-Couplet. 6- Biblisches Couplet. 7. Falsche Denen- nungen. 8- Dann ist sie da die bessere Zeit- 9- 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün. 10- Volkslieder. 11. Aber geb'n thut's es nit. — Kerls, Alois. 12. Jetzt da war - halt Noth, daß wer antauchen thät. 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. 14. Zu waS dann die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lachcouplet. 16- Aus einer Chrouika- 17. Früchte, die verboten find. 18- Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20- Mythologie-Couplet. — Kerls u. Mtner. 21- Ohne Umschneiderei. 22- Die papierene Zeit- 23- Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Mtner, Anton. 24. Thier-Couplet. 25- DaS ist noch Geheimniß- 26- Wer hakt' es geahnt. 27. (Leoni^us sounäLleuss. — Mtner u. Morländer. 28- Ähnlichkeiten zwischrii Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29- Und so wird hinterrücks g'redt. — Böhm, Josef. 30- Na da sieht man's doch, daß'S an der Eintheilung fehlt. 31- Wenn man die Wirkung sieht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32. Maschiuen-Couplet. 33. Wo tnan wäS sucht, dort find't man es nicht. — Elmar, Carl. 34. O Spiel der Natur. 35- Lied de» Teufels. 36- Man glaubt nicht, was in einem Menschen oft steckt. 37. So nehmen sich die Dinge von der Kehrseife aus. 38- O ungeheure Jroule. 39- Da möcht' ich halt wissen, waS nachher g'schicht. Jnhslt des zweiten Heftes: Elmar, Carl. 40- Was lieget da dran. 41- Za so geht's, wenn man heut' zu Tag Geister citirt- — Feldmann u. Flamm. 42. Mit Kleinem fängt man an, mit Großem hört man auf. 43. So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Theod. 44- Keine Rose ohne Dornen. 45- Gesundheit und ein recht langes Leben. 46. Jedes Häferl hat sein Decker!. 47. Repertoire-Couplet. — Flamm u. Wimmer. 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdevken thät. 49- So behilft sich halt Zeder, so gut als er kann. — Gottsleben, L. SO. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund 51. Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52- Na, das kenam wir schont 53 Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54. Wir bedanken uns sehr. — Grüttn, Johann. 55. Was ein Narr ist. 56- Chineser-Couplet. — Gründorf. 57- Nöthi wär's net, über nothwendi war's. — Haffiier, Carl. 58- Da find's mäuserlstill. 59- Es fleckt was dählnttr, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60. Wann der mein Kapprrl hält'. 61. Za, ich kann'» int ändern, es i» halt a so. — Juin. 62- Aber a solche gibt'- leider in dieser Welt Nicht. 63- Wozu Mancher eigentlich geboren. 64- Fiakerlied. 65- DaS wissen die Tötttr, wohin das soll führen. 66. j Dti wird einem heiß kalt — warm! Ungeheuer genannt! JnftaltHdeisUritt 89. Ob der die Wahrheit wird sagen- Inhalt des vierten Heftes: Lerg, B F. 1. Da such' ich in mein' Büchel. — Berg u. Grün. 2- Mensch und Thier. — Berg, B> F. 3. Das steht lO OOOmal. — Berts, Alois. 4. So machen Ein'm die Kinder nix al- Aerger und Verdruß. 5. Konsequenzen. 6- IS 's a Wunder? 7. Wir wollen uns freiten. 8. Moderne Waffengattungen. — Miner, Ant. S- DaS is a Malheur. 10. Hm, hm, hm! — Blank, Alois. 11- So schaut'S mit den neuen Erfindungen aus. — Böhm, Josef. 12- Wertraut sich da zu fragen? 13. So a Ansicht thut Einem weh. — Eberhart, Nik. 14. Was a Kunst iS. — Elmar, Carl. 15- Und rin Solcher geht um und'u Andern sprrr'nS ein! 16. Das sein glückliche Leut'! 17. Ackerlied. 18. So sängt man halt' wieder beim alten Zopf an. 19- Ob Viele- vit wohlthätig war. Feldmann, L. 20. Aenderung g'spürrn. — Flamm, Lheod. 21. Wasch' mir'n Pelz, aber mach' mir'n uit naß. 22. Die Vögel kennt man an den Federn. 23- So lang wir uit mehr hab'n. — Friese, C. A. 24. Das Lied von der Crinoline. 25- Gute Nacht. — Grand- MN, M. A. Das doppelte Gesicht. — Grois, Louis. 27. Lied ohne Reime. 28. Uhren-Licd. — Grün, Johann. 29- Wo steckt der Teufel? 30. Traum-Couplet- — Pfundheller, I. 31- Das hat nicht die Zeit gemacht. — Hassnrr, C. u. Weihrauch. 32. Erst das Geschäft und dann daS Vergnügen. — Juin, Carl. 33- Nimm Dich selbst bei der Nase. Inhalt des fünften Heftes: Juin, Carl. 34. Schlechte Sprichwörter. 35- Einmal ist keinmal. 36. WaS Hännschen gelernt hat, läßt HannS nimmermehr. 37. Ja, fragen ist leicht, aber antworten schwer. 38- ES gibt kein Mensch einen Groschen dafür. — Kaiser, Friedrich. 39. Da hört's halt auf Unterhaltung zu sein. 40 Im hundertsten Jahr. 41. Haben muß man's, aber brauchen soll man's nicht. 42- Wir haben halt Heuer a g'segnetes Jahr. 43. Wann man nur früher eine Prob' halten könnt'. — Kola. 44- Der ganze Papa! — Langer, Anton. 45. Jedes Ding hat zwei Seiten. 46- Wie muß denn der da Hineinkvmmen sein? 47- Sie' red't nur a so. 48- Jetzt, der wird fich's noch a Weif überlegen. 49- Ist das praktisch? 50- Biblisches Couplet. 51- Was mich nicht brennt, daS blas' ich nicht. — Mrgerle, Ther. 52. So kommt Mancher zu was. 53- WaS unser Eins nit sagen darf. 54 So find wir wieder dort, wo wir früher schon waren. — Megerle, Jul. 55- Was Len Wienern abgrht. — Merlin, Hugo. 56. Nebelbilder. — Mailänder. 57- Gegm die Dienstboten Hab' ich a Wuth. — Moser, I. B- 58. Der Hanfi kann's vit, der Hans aber kann's. 59. kosts rsstunts. — Nestroy, Joh. 60- Tarock-Lied. 61- Teufels-Lied. 62 Die heimliche Eisenbahn. — Post, I. B. 63. Ja, die haben halt ka Glück. Inhalt des sechsten Heftes: Schönau, Carl. 64. Beim Bäckrn!—Schönau, Joh. 65. Rebus-Lied! 66- Waa s ma's denn? — St ix, C. F. 67. Man glaubt nicht, was die reichen Leut' die kleinste Freud' oft kost't! 68. Ah, da d'raus is net z'geh'n! — Trsco, W. 69. Der Traum von der Hölle. 70. Glocken-Couplet. — Treumann, C. 71. So was heißt deutsch g'red't. 72 Unsere Sachen dürften auch nicht schlecht sein. 73- Ein bisserl mehr stolz sein, das könnt' uns nicht schaden. — Wysder. 74- Einer kann's uit richten- — Berta, Alois. 75- Na freili was denn? — Berg, B. F. 76- Da hört me dann nix mehr. 77. Der Eine hat Däs. 78- Aber man g'wöhnt am End' schon All'S. — Mtner, Ant- 79. Bis auf's Wie —. — Blank. 80- Da steckt der Teufel d rin- — Elmar, Carl. 81. Man muß net zu viel begehren. 82. Hozat is! — Juin, Carl. 83- Moderne Uebersetzung. 84. Ja freilich! — Langer, Ant. 85- Zwanzig Jahre machen halt ein' großen Unterschied! 86- Couplet aus: »Der Actiengreißler.* Jedes Heft wird auch einzeln abgegeben. Wallishauffersche Buchhandlung (Zosef Klemm) in Wien. Don Leopold Feldmann find im Verlage -er Malkiskauster KuclrlrnnlUung Madame, soffen Sie sich! (Amelie schluchzt heftiger.) Ihr Mann wird ja leben — heute — morgen — mein Gott, eiu Ia hr^ vielleicht — Amelie (jammernd). Ein Jahr — ja, ja. das ist die längste Frist in diesem unglückseligen Duell! Whigt. Aber, mein Gott, was haben Sie denn, mit wem sollte er fich denn duellireo? Amelie (aufspringend). Mit wem? Unseliger, mit Ihnen, der Sie mit der Ehre einer unbesonnenen Frau Ihr schändliches Spiel getrieben! Whigt (außer Fassung). Ich — ich sollte das gethau haben? Amelie (wieder schluchzend). Ja Sie — Sie find die Ursache meines Unglücks, ohne Sie hätte ich mich nie verführen lassen — o, mein armer guter Mann, warum wollte ich Dich auch auf die Probe stellen! 19 Sondh. (will gerührt vortreten, Helene hält iha zurück). Whigt (zornig). Man könnte den Verstand verlieren! — Madame, jetzt reden Sie, oder ich muß dieß Haus für ein Tollhaus halten! Amelie (wie früher). Dahin gehörten Sie, Sie und Ihre ganze Familie! Ihr Bruder hat meine Freundin zur Witwe gemacht. Sie wollen dasselbe an mir thun — (heftiger) aber wir haben unsere Gesetze, mein Herr — ich werde trachten, daß Sie des Landes verwiesen werden! (Sie geht bebend vor Erregung auf und ab.) Whigt. Jetzt habe ich die Geschichte satt! Ich sollte Sie verführt haben — aber, Madame, wie wäre ich denn eigentlich zu dieser Ehre gekommen? (Er stellt sich zornig vor sie hin.) Amelie. Lassen Sie mich — lasten Sie mich! O, mein armer Mann, wo stade ich Dich? Whigt. Wo? Jn's Teufels Namen dort! (Er will aus die Thüre links deuten, in dem Momente tritt Sondheim anscheinend ernst aus derselben und geht aus seine Frau zu. Helene hat sich schon früher zurückgezogen.) Amelie (stürzt schluchzend insemeArme). Sondh. Amelie — beruhige Dich! Amelie (heftig). Niemals, Paul — niemals! O! Du darfst nicht sterben! Sondh. (gerührt). Kind — so sei doch vernünftig! Amelre (leidenschaftlich). Ich sterbe mit Dir! Sondh. Meinetwegen, aber später! Amelie, soeben ist eine wichtige Nachricht eivgelavgt, man hat endlich die Leiche von Helevkus Mann gefunden! Whigt (auffahrend, für sich). Was — meine Leiche? Amelie (trostlos). So werden fie die deine finden! Sondh. I bewahre! So sei doch nur still! — Auch die Papiere hat man ihr geschickt, welche die Identität des Vorgefundenen Todten bestätigen und den Tod- tenschein rc. Jetzt ist die Arme völlig frer und kann an der Seite eines vernünftigen Mannes ihren, verrückten Verstorbenen vergessen. — Aber Du hörst mich ja nicht, Weibchen? Whigt (losbrechend). Das ist nicht wahr, das ist eine schändliche, eine erlogene Geschichte, ausgestreut von ihr, um ihrem zügellosen Leben freies Spiel zu lasten! (Helene ist wieder lauschend erschienen.) Sondh. Mein Herr, mit welchem Rechte mischen Sie sich in eine Angelegenheit, welche Sie durchaus nichts angeht? Man hat den Leichnam gefunden, sage ich Ihnen! Whigt. Der Teufel hole diesen Leichnam, und was die Person von Helenens Gatten betrifft — (er wirft Perrücke unk Bart von sich) so steht diese vor Ihnen! Amelie (stößt einen Schrei der Ueber- raschung aus). Whigt (höchst erstaunt über Sondheim's Ruhe). Wie, meinHerr — Sie fallen nicht aus den Wolken? Sondh. Gott bewahre, ich versteige mich nicht in jene Regionen. Daß ich Ihr Jncognito vom Augenblicke Ihres Erscheinens in meinem Hause bewahrte, geschah auf den Wunsch — Ihrer Frau! Whigt. Wie — Sie Beide wußten— Sondh. (lächelnd). Ja, mein kleiner Finger hat es mir gesagt. , Helene (vortretend).Uvd ich danke dem Gatten meiner Freundin dafür, daß er die Komödie so wacker unterstützte. (Mit eisiger Kälte zu Whigt.) Mein Herr — Sie findein großer Komödiant! Whigt (wie versteinert). Sie wußte — somit wäre fie vielleicht schuldlos? Aber nein, nein, die Briefe, das Bild, welches mein Nebenbuhler besitzen soll — Sondh. Diese Requisiten existiren nur in der Rolle, welche Ihre Frau gespielt» um Sie verdientermaßen zu peinigen Whigt. Aber die Toilette, in welcher ich fie gefunden — ? 2 * 20 Sondh. War eine von meiner Frau geborgte, welche Ihre Gattin wählte, um Sie gebührend empfangen zu können. Amelie (umschlingt Helene, die sich abge- wendet). Und ich habe Dich in Verdacht haben können — Helene (leise). Still, liebes Kind, Du bist gestraft genug. Whigt (für sich). Ich bin beschämt! Wie werd' ich im Stande sein, das schwer- verletzteWeib zu versöhnen? (Laut.)Helene — meine wahnsinnige Leidenschaft hat mich des Verstandes beraubt—ich gestehe es und kehre reuig zu Dir zurück — wirst Du den Todtgeglaubten wieder in dein Herz aufnehmen? Helene (sucht ihre Festigkeit zu behalten). Mein Herr, Sie find erst in dem Momente für mich gestorben, als mir dieKunde von Ihrem Leben ward. Whigt (schmerzlich). Helene! Sondh. (zupft sie. leise). Gnädige Frau — er hat genug gelitten — Helene (ebenso). Lassen Sie mich! (Laut.) Ein Mann, dem die Ehre seiner Frau so wenig heilig ist, daß er fie durch eine Wette auf's Spiel setzt, ist für den Verlust ihrer Person durch 500 Pfund ja reichlich entschädigt. Whigt (fürsich). Auch das hat man ihr gesagt? Es ist um toll zu werden! (Laut.) Helene — höre mich! Helene (mit bebender Stimme). Wir find fertig. Gehen Sie, mein Herr, und überlasten Sie es jetzt Ihrer wirklichen Witwe, um ihr zertrümmertes Lebensglück zu trauern. Sondh. Herr Othello,werfen Sie sich Ihrer Frau zu Füßen — wenn es nöthig, werfen wir uns mit, gelt, Mäuschen? (Er saßt seine Frau am Kinn.) Whigt. Ja, Helene (er läßt sich auf ein Kniee nieder) zu deinen Füßen will ich liegen und mir Vergebung holen, zugleich aber auch gestehen, daß die Geschichte dieser Wette meine Erfindung war, um mein Benehmen dem Freunde gegenüber in etwas zu rechtfertigen. Mr. Whigt, dem ich wirklick ein Duell angeboten, weigerte sich, es anzunehmen, weil er auch nicht durch den leisesten Schein deine Ehre com- pr omittiren wollte. Er verwies mir meine tolle Eifersucht und verließ die Schweiz, während das Uebrige eine Ausgeburt meiner Leidenschaft wurde! Amelie. Gott, welches Laster ist die Eifersucht! Sondh. (umschlingt fie). Findest Du, Schatz? Ich denke. Du bist geheilt?! Amelie (schmiegt sich an ihn). Wir sterben noch nicht! Whigt. Jetzt, Helene, habe ich gebeichtet, jetzt verzeihe oder — verstoße mich! Helene (hat sich heftig bewegt abgewendet und kämpst einige Augenblicke mit sich selbst, dann sagt sie mit finsterer Stirne). Willst Du verdientermaßen Buße thun? Whigt (leidenschaftlich). O, lege mir auf, was Du willst — rede, sprich! Helene (beugt sich herab und sagt weich). Laß Dich von deiner neuen Frau curiren. Whigt (umschlingt fie, fie küßt ihn auf die Stirn). Sondh. Das war ein Duell mit glücklichem Schluß!! Ende. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Das Portrait der Geliebten. Lnginal-LujWet in drei Aufzügen von Leopold Feldmann. Zweite Auflage. Personen: Kanzleirath v. Busta. Wally, dessen Tochter. Ariana, Wally's Freundin. Trau v. Fallen, Witwe, Schwester. v. Busta's Nothnagel, quiescirter Rath. Jacob Unfall, Aspirant. Assessor Reh, dessen Freund. Lorch en. Wally's Stubenmädchen. Anton, Unsall's Diener. Die Handlung beginnt Morgens und endet Abends. Erster Auszug. (Zimmer bei Unfall mit einer Mittel- uud Seitenthüre, links ein Fenster.) Erste Scene. Unfall fitzt schreibend am Tische; nach einer kleinen Pause tritt Reh hastig ein. Reh. Ja, um des Himmels willen bist Du noch nicht fertig? In einer Viertelstunde geht die Host, Puuct eilf Uhr müssen die Bn».,e aufgegeben sein. Wiener Theater Repertoir Nr. LS7. Unfall. Störe mich nicht! Nur noch einige Minuten. Reh. Du wartest aber auch immer bis zum letzten Augenblicke. Mit dem heutigen Tage ist der Termin abgelaufen, spätere Eingaben werden keivenfalls mehr berücksichtiget. Da Dich der Präsident selbst aufforderte, mit zu concurriren, und dein Gesuch in Rücksicht der Verdienste deines seligen Vaters vor allen andern zu beachten versprach, so hättest Du ohnedieß vernünftiger Weise nicht bis zum Thorschluß, wie man zu sagen pflegt, warten sollen; es könnte von Seite des Präsidenten als Gleichgiltigkeit angesehen werden. Unfall. Bist Du fertig mit deiner Moralpredigt? Reh. Ich schon. 1 2 Unfall. Nun. und ich mit meiner Eingabe. Sieh, zwei volle Bogen. Seit heule Morgen sechs Uhr fitze ich hier und schreibe. Reh. So eile nur! Mache das Couvert; es ist kein Augenblick zu verlieren. Unfall. So, nun die Unterschrift — fetzt, Punktum — und nun Streusand darauf. Reh (gegen die Thüre gehend). Ich will einstweilen nach Licht rufen zum Siegeln. Unfall. Himmel-Donnerwetter! Reh. Was ist's? Unfall. Jetzt habe ich die Tinte statt des Streusandes erwischt. Reh. So, jetzt kannst Du Dir eine Anstellung als Frescomaler geben lasten, mit der andern ist's so zu spät. Jetzt brauchten wir eigentlich erst Licht (auf das begossene Papier zeigend) zu dieserDun- kelheit. Unfall. Was jetzt machen? (Es schlägt die Uhr eils.) Reh. Hörst Du? Das ist das Grabgeläute deiner Hoffnungen. Eils Uhr schlägt's. Jetzt ist gar nichts mehr zu machen. Unfall. Ich bin doch immer recht unglücklich. Reh. Deine Ungeschicklichkeit nennstDu stets Unglück. Unfall. Andere thun auch einmal etwas Ungeschicktes, aber es hat keine üblen Folgen, bei mir aber ist es immer von der nachtheiligsten Art. Jetzt bekommt ein Anderer die Anstellung, die mir der Präsident so gern verschafft hätte und ich kann vielleicht ein paar Jahre warten, dis sich wieder so eine Gelegenheit darbietet. Reh (auf das begossene Papier zeigend). Du hast Dich selbst angeschwärzt. Unfall. Ich bitte Dich, nur jetzt keinen Witz! Reh. Es ist mir unbegreiflich; Du bist sonst ein recht vernünftiger, recht gebildeter Mensch, aber dessenungeachtet in geeister Beziehung von einer Ungeschicklichkeit. die wahrhaft classisch ist. Unfall. Leider wahr! Ja. wie erging es mir letzthin. In meinem Schlafzimmer, da find so vergitterte Fenster mit dünnen Eisenstäben. Ein Lärm auf der Straße veranlaßte mich meinen Kopf zwischen diese Stäbe schnell hinauszuschieben; als ich ihn aber wieder hereinziehen wollte, da stak ich fest, konnte nicht mehr zurück. In dieser fatalen Situation blieb mir nichts übrig, als einem Vorübergehenden zuzurufen, er möchte doch die Güte haben und heraufkommen, mir von innen zu helfen. Ich hörte nach wenig Augenblicken den von mir gerufenen Mann wirklich ein- treteu, entschuldigte mich immer nach außen, daß ich so frei war, ihn herauf zu bemühen und wartete nun auf seine Hilfeleistung. Er fragte mich, ob ich denn recht fest stecke; — »ja.« antwortete ich, .sehr fest.« Da wurde es wieder stille hinter mir und ich steckte noch eine volle halbe Stunde ohne Hilfe, bis endlich mein Diener ins Haus trat, der mich nur durch das Abfeilen einer Eisenstange zu befreien im Stande war. Als ich kurz darauf einen Blick auf meinen Tisch warf, war meine Geldbörse und meine Cylinderuhr verschwunden. Ich habe mir den Dieb selbst ins Haus gerufen, jenen Mann, den ich einlud, gefälligst heraufzukommen. Reh (lochend). Und der Dich fragte, ob Du recht fest stecktest? Hahaha! Unfall. Ja, Du lachst, und wem ich's erzählte, der lachte. Das ist eben die Sache; mein Ungeschick ist immer von der Art, daß ich ausgelacht werde. Reh. Armer Junge, tröste Dich! Wenn wieder April kommt, dann wirst Du schon geschickt werden. Unfall. Deine ewigen Witzeleien statt brüderlicher Theilnahme! Reh. Theilnahme? Hätte ich vielleicht meinen Kopf neben Dir hinausstecken sollen, um den Menageriekaften zu vergrößern? Sei froh, daß Du einmal der Löwe des Tages warst. Doch Spaß bei Seite! Wie geht es Dir denn mit deiner Liebe? Unfall. Gerade so wie mit allen mei' nen Unternehmungen! so oft ich mich noch Wally erklären wollte, kam immer etwas Störendes dazwischen, oder es fehlte mir der Muth; auf diese Weise komme ich nie dazu, meine Liebe zu declariren. Nun aber habe ich einen Einfall. Nicht wahr, das überrascht Dich, daß ich einen Einfall habe? O, gesteh' es nur! Reh. Sei nicht so kindisch! Hast Du nicht auch das Recht, einfältig zu sein, so gut wie andere Leute? Unfall. So wisse! Ich dachte schon lange darüber nach, etwas zu erfinden, wodurch ich Wally meine innige Liebe unzweifelhaft kundgeben kann, ohne Worte dazu zu gebrauchen. Reh. Doch nicht durch eine Dampfmaschine? Unfall. Unsinn, Du sollst es gleich sehen. (Zieht ein ovales Etui hervor.) Sieh her! Was ist das? Reh (nimmt es). Ein Etui oder Futteral, wie Du es nennen willst. Unfall. Was steht darauf mit vergoldeten Buchstaben? Reh (liest). »Portrait meiner Geliebten.« Unfall. Was glaubst Du nun, daß es enthält? Reh. Das Miniaturbild Wally's, deiner Angebeteten. Unfall. Oeffne! — Nun, was ist darinnen? Reh. Ein Spiegel. Unfall. Ganz richtig, ein Spiegel; begreifst Du noch nicht? Reh (gibt ihm das Etui zurück). Nein. Unfall. Da läßt Dich dein Witz fitzen. Dieses Etui lasse ich geschickter Weise in Wally's Gegenwart, so daß sie es sieht, liegen. Sie liest die Aufschrift: »Portrait meiner Geliebten,« ist neugierig, öffnet, sieht ihr eigenes Bild im Spiegel und weiß, daß sie es ist, die ich anbete. Reh. Wahrlich, eine galante, zarte Zdee. Ich wünsche Glück zur Ausführung, schwärmerischer Mondscheinritter! Unfall. Weil Du mich nun gestern einmal während des Mondscheins spazieren gehen sahst, muß ich ein Mondschein- ritter sein. Du liebst ja den Mond auch; Du hast es mir schon selbst gesagt. Reh. Ja wohl, aber nicht aus Schwärmerei. Unfall. Ja, warum dann? Reh. Weil er abwechselnd mit der Polizei die Straßenbeleuchtung übernommen hat. Unfall. Trotz deiner schlechten Witze ist die Liebe dem Monde ähnlich. Wächst sie nicht, so nimmt sie ab. Reh. Ja, sie hat manchmal noch eine Aehnlichkeit mit dem Monde, die Hörner. Doch jetzt lebe wohl! Ich wünsche deinem Plane glückliches Gedeihen! Ich muß fort zur Wassercur. Unfall. Gestern Morgen sah ich Dich aber Wein trinken. Reh. Nun ja, das ist ziemlich gleich; der Wirth sorgt dafür, daß man ihn als Wassercur benützen kann. Auf Wiedersehen! (Ab.) Unfall. Eine glückliche Natur; wer doch so sein könnte, immer fröhlich und guter Dinge! Wo doch heute mein Barbier bleibt, es geht schon auf zwölf Uhr; das ist ein wahres Unglück, wenn man iich nicht selbst rafiren kann. Bin aber zu ungeschickt — ich wüßte nicht, wo ich Nasen genug hernehmen sollte, so viele würde ich mir wegschneiden. — Wenn nur ein solcher Bursche vorüberging', wenn auch nicht der meine, ich würde ihn Heraufrufen. (Sieht durch das Fenster.) Eine Masse Menschen, aber nicht ein Barbier. Halt, da glaube ich kommt einer um die Ecke, ja, er hat seinen Scherbeutel unter dem Arm. (Rust hinunter.) He! Sie, Sie! Kommen Sie einmal herauf da! (Macht 1 * 4 Zeichen des Rosircvs.) Hier herauf über eine Stiege. — Ja. Sie meine ich, Cie! (Tür sich.) Was sich der Mensch lang besinnt. (Laut.) So kommen Sie nur! (Schließt das Fenster.) Endlich, der Wollte lang nicht begreifen. (Stellt einen Stuhl in die Mitte der Scene und setzt sich einstweilen zum Rafiren vorbereitend nieder.) Von der schnellsten Sorte scheint dieser Barbier nicht zu sein; er könnte schon lärmst die Stiege hinter sich haben, wahrscheinlich ist er schon ein alter, abgelause- ner Bursche. Haha, jetzt höre ich ihn. Zweite Scene. Nothnagel. Der Vorige. Unfall (ohne sich umzusehen). Ich bitte ein bischen schnell, ich muß fort. (Nach einer Pause, während welcher ihn Nothnagel verwundert ansieht.) Nun, wird's bald? Noihn. (vor Unfall hinlretend). Mein Herr, für was halten Sie mich denn? Unfall (aufspringend). Ja, sind Sie kein Barbier? (Für sich.) Da habe ich mir schon wieder Jemand in's Haus gerufen, der besser draußen wäre. — (Laut.) Da bitte ich tausendmal um Verzeihung. Nothn. (beleidigt). Mein Herr, wie kommen Sie dazu, mich für einen Barbier zu halten? Unfall (verlegen). Verzeihen Sie! Sie liefen etwas schneller, haben da so ein Päckchen unter dem Arm, worin ich die Rofirschüssel sommt Zugehör vermuthete; dazu habe ich ein sehr kurzes Gesicht. Nothn. (unterbrechend). Mein Herr! Ihr Jrrthum ist für mich beleidigend, ich bin der Rath Nothnagel. Ich hätte zwar nicht nothwendig, Ihnen zu sagen, mos ich hier unter meinem Arme trage, aber damit Sie sehen, daß es keine Rafirschüs- sel, und daß ich mich mit poetischeren Dingen befasse, sehe ich mich veranlaßt, Ihnen dcn Inhalt dieses Päckchens z« zeigen. Unfall (verlegen). O ich bitte, weit entfernt; Sie find zu nachsichtsvoll. Rothn. (enthüllt unterdessen einen riesigen Blumenstrauß). Ich hätte Ihnen zwar nicht nothwendig zu sagen, daß dieser Blumenstrauß für eine Witwe bestimmt ist, die ihren weiß Gott wie vielten Geburtstag heute feiert. Um ihn nicht frei über die Straße zu tragen, nahm ich selben vorsichtig mit dem Tuche verhüllt, in den hohlen Arm und (empfindlich) nur ein Kurzsichtiger, wie Sie selbst gestehen^ konnte diese poetische Gabe für einen Ra- fir-Apparat halten. Unfall. HerrRath, ich beklage meine» Jrrthum auf das Innigste. Nothn. Daß dieser Strauß für eine gebildete Witwe bestimmt ist, beweist die finnige Auswahl der Blumen. (Die Blumen erklärend.) Sehen Sie, geknickte Lilien, weil eben die Empfängerin eine Witwe ist, einige Kl atschrosen als Anspielung auf die Redseligkeit. Eine Zeitlose, weil ich eigentlich nicht weiß, wie alt sie ist; ein paar Vergißmeinnicht, Lavendel,Myrthen,Thymian, Rittersporn rc., was halt für eine Witwe paßt. Unfall. Wirklich, sehr finnig. Nothn. Ich hätte zwar nicht noth- wendig, Ihnen zu sagen, wer eigentlich die Dame ist — Unfall (für sich). Der sagt immer, er hätte mir zwar nicht nothwendig zu sagen und sagt mir Alles. Ein Geheimrath muß der nicht sein. Nothn. (sortfahrend). Aber um mich von dem mir angesonnenen seifigen Metier ganz zu reinigen und damit Sie nicht glauben, daß ich vielleicht ein Wesen verehre, das nur an einem Sonntag hie und da einmal ausgehen darf, so vernehmen Sie, das die in Rede stehende Witwe Frau von Falten ist, die keine Huldigung von einem Barbiergesellen anneh- men würde. 5 Unfall. Wie. höre ich recht? Frau von Falten, Wally's Tantel? Nothn. Sie kennen die Familie? Unfall. Ob ich Sie kenne; Vertrauen gegen Vertrauen. (Nothnagel parodirend.) Ich hätte Ihnen zwar nicht nothwendig zu sagen, daß ich Wally liebe, aber ich sage es Ihnen doch. Lassen Sie uns Freunde sein. Unsere Liebe, Herr Rath, wohnt unter einem Dach. Sehen Sie, mein Hefter Herr von Nothnagel — Nothn. (corrigirend). Nothnagel, wenn ich bitten darf. Unfall. Verzeihung, Herr von Nothnagel, aber dieses Mal hat sich meineUn- geschicklichkeit, Sie heraufgernfen zu haben, zu meinem Besten gestaltet; wir können uns im Hause des Herrn Kanzlei- raths v. Busta gegenseitig nützlich sein. Reichen Sie mir die Hand und verzeihen Sie mir. Sie find ein guter Mann, das erkenne ich schon aus Ihrer Offenherzig, feit. (Nimmt seine Hand.) Nicht wahr, Sie verzeihen mir, Herr von Nathnogel? Nothn. Nothnagel, wenn ich bitten darf. Unfall. Wie ungeschickt — Herr von Nothnagel wollt' ich sagen. Nicht wahr, Sie söhnen sich mit mir aus? Nothn. (drückt ihm die Hand). Ich habe den Frieden liebgewonnen seit dem Tode mein er ersten Frau. Unfall. Und doch wollen Sie wieder heiraten? Nothn. Ich habe es zwar nicht ooth- wendig. aber ich will es doch noch einmal versuchen. Unfall. Nun denn, Herr Rath, wir sehen uns heute noch in Busta's Hause. Nothn. Seien Sie künftig vorsichtiger, junger Freund! Sie könnten sonst einmal über den Löffel barbirt werden, was eigentlich nicht nothwendig ist. (Ab.) Unfall (begleitet ihn bis zur Thüre). Ganz gehorsamster Diener. — (Zurückkeh- rrnd.) Eia charmanter Mann dieser Herr von Nagelnoth — Donnerwetter, kann ich mir keinen Namen merken — (besinnt sich) richtig! Nothnagel, Nothnagel,Nothnagel! — Es thäte noth mir diesen Nothnagel in den Kopf hineinzunageln, sonst vergesse ich ihn doch wieder. Ich habe gar kein Gedächtniß für Namen, das gehört auch zu meiner Ungeschicklichkeit. Ich wollte, die Menschen wären alle numme- rirt wie die Leibeigenen in Rußland. Da hat man die Zahl vor Augen und das müßte gar nicht übel sein, wenn es so gesprächsweise heißen würde: »Wie geht es Ihnen, Herr Fünfundzwanzig?« — »Ich danke Ihnen, Fräulein Sechsundvierzig, sehr gut!« u. s. w. Doch jetzt schnell zur Toilette und dann fort zu ihr. Ich benütze die Gelegenheit, der Tante zu gratuliren und werde gleichzeitig meinen Plan ausführen. (Im Abgehen für sich.) Nothnagel, Nothnagel, Nothnagel. — Dritte Scene. (Garten bei Busta mit einem Mitteleingange, links Busta's Haus.) Busta und Frau von Falten, aus dem Hause kommend. Fr. v. Falten. Ach, Ihr habt wieder so viele Umstände gemacht. Busta. Ei, warum sollen wir denn deinen Geburtstag nicht so festlich wie möglich begehen? Du bist so gut. Jeder in meinem Hause liebt Dich. Fr. v. Falten. Theurer Bruder! Busta. Du weißt, ich bin lebensfroh, mache mir und Andern gerne so viele Freudentage als möglich, und das sollte jeder Mensch. Man lebt ja ohnedieß zu wenig für die lange Zeit, die man todt bleiben muß. Fr. v. Falten. Ja wohl und ich feiere heute schon meinen vierzigsten Geburts* tag. Busta Pst, pst! Die Bäume haben Dhren. So etwas muß mau nie sagen. Fr. v. Falten. Ach, ich bin ja kein Mädchen, eine ehrsame Witwe. Busta. Die auch ihre ehrsamen Verehrer hat. O, ich bin nicht blind. Fr. v. Falten (verschämt). Geh, eine Frau in meinen Jahren! Busta. EL! Ninon de l'Enclos hatte bekanntlich zu achtzig Jahren noch Anbeter. Fr. v. Falten. Vielleicht durch ihren Geist. Busta. Der Geist wird verehrt, auge- betet wird nur die Schönheit. Fr. v. Falten. Wie galant! Busta. Daher kommt es auch, daß man sich manchmal in einem Damenzirkel befindet, ohne gerade beim schönen Geschlecht zu sein. Das find die sogenannten geistreichen Zirkel. Fr. v. Falten. Du bist von jeher nicht gut auf gelehrte Frauen zu sprechen. Busta. Ich kann die Damen nicht leiden, die neben ihrem Mops Göthe oder sonst Jemand auf dem Sopha liegen haben. Fr. v. Falten. Aber warum soll denn die Gelehrsamkeit nur für Männer sein? Busta. Eine gelehrte Frau kömmt mir vor wie ein schwindsüchtiger Professor, der bei jedem Worte ein Fläschchen Salmiakgeist vor die Nase hält und ein Collegium dabei liest über die Kraft. Fr. v. Falten. Du wirst doch mich nicht für gelehrt halten? Busta. Nein, Du bist gerade recht. Du bist keine von jenen Frauen, die aus einem alten Zeugschuh ein neues Kleid machen wollen: die taugen auch nichts und Du bist viel zu gefcheidt, um gelehrt zu sein. Mit einem Worte eine wackere Fron, der eine Vorlesung aus einem Kochbuche lieber ist als aus einem philosophischen Werke, und das ist auch recht. Auf philosophische Werke sollte sich eigentlich Niemand legen, als der Staub. Es kömmt ja doch nichts dabei heraus. Fr. v. Falten. Und doch hast Du deine Tochter alles Mögliche lehren lassen, was nicht in Kochbüchern steht. Mufik, Sprachen, Geschichte und weiß Gott was Alles. Wozu denn, wenn fie nur eine wackere Hausfrau werden soll? Busta. Es ist eben traurig, daß man Mädchen zu dem ausschließlichen Eigenthum eines Einzelnen erziehen muß. Und da man voraus nicht weiß, wer der Einzelne sein wird, so muß mau fie Alles lehren lassen, um fie jedenfalls an den Manu zu bringen. Fr. v. Falten. Ich habe schon oft darüber nachgedacht, es ist doch eigentlich von den Staaten ein Unrecht, daß man nicht Mädchen so wie Männer durch Anstellungen zu versorgen sucht. Busta. Ja zum Beispiel als Telegraphen. Fr. v. Falten. Wie so? Busta. Nun, die besten Telegraphenlinien wären, wenn man alle halbe Meile ein Frauenzimmer stationirte und der ersten die zu gebende Nachricht als Ge- heimniß anvertraute. Eine schnellere Verbreitungsexpedition gäb's wohl nicht. Fr. v. Falten. Geh, wenn man Dir zuhört, meint man. Du seiest der größte Weiberfeind und wer weiß, ob Du nicht selbst wieder heiratest. Busta. Nein, Schwester, dazu habe ich mich schon zu lange besonnen; es gibt drei Dinge in der Welt, die müssen schnell genommen sein: eine Arznei, eine Batterie, eine Frau. Vierte Scene. Wally und Reh LUS dem Hause. Wally. Hier ist die Tante. Reh (noch allgemeiner Begrüßung). Gnädige Frau, ich gratulire! Den wievielsten Geburtstag Sie heute auch feiern, das gilt gleich, die Grazien altern nicht. Fr. v. Falten. Sie find sehr artig. Busta (leise zu seiner Schwester). Wenn auch der vierzigste, tröste Dich! Du entfernst Dich ja alle Tage mehr davon. (Zu Reh.) Sie haben sich lange nicht bei uns sehen lassen. Reh. Ich war vierzehn Tage abwesend. Wally. Auf dem Lande? Reh. Sie verzeihen, geistesabwesend, weil ich mir durch viele uninteressante Geschäfte das Vergnügen entzog. Sie während dieser Zeit zu sehen. Wally. Sie find immer artig, selbst auf Kosten Ihres eigenen Verstandes. Fr. v. Falten. Ihr Freund, Herr Unfall hat fich auch schon lange nicht bei uns sehen lassen. Busta. Ha, ha! Ich glaube. mitEuch Zweien ist's nicht richtig. Du hastin letzterer Zeit schon oft nach ihm gefragt. Reh (mit Bedeutung auf Wally sehend). Verliebt ist er, das ist wahr. Fr. v. Falten (hastig). In wen? Reh. Er trägt das Portrait seiner Geliebten mit fich herum, aber gesehen habe ich's noch nicht. Fr. v. Falten. Za, da muß sie doch einem Maler gesessen haben. Reh. Nicht nothwendig. Er hatfieviel- leicht während des Spazierengehens daguer- reotypiren oder photographiren lassen. Busta. Ei, ei, Schwester. Du bist sehr neugierig, dieses Portrait zu sehen. Fr. v. Falten (verlegen). Ich? Nicht doch, ich — Reh. Es ist eine gefährliche Zeit; die Damen find jetzt nicht mehr sicher, vom ersten besten Menschen Photographirt zu werden. Busta. Manchmal Schade um die Sonnenstrahlen. Reh (zu Wally). Fräulein! Ihnen scheint es ganz gleichgiltig, wessen Portrait mein Freund Unfall an seiner wunde» Brust trägt; wären Sie nicht auch neugierig, einen Blick darauf zu werfen? Wally. Es gibt Dinge, die kein böses Auge anseheu darf. Reh. Wohl, Fräulein, haben Sie ein böses Auge, und doch schließt es Balsam in fich. so daß Ihr Blick alle Wunden heilen würde, wenn er nicht neue schlüge. Wally. Sie sprechen also im Wuud- fieber; ich werde unfern Doctor bitten, Ihnen einen Theil des phantafirenden Blutes abzulassen. Reh. Ich halte nicht viel auf Aerzte, mein Fräulein; es ist zwar ein gewaltiger Unterschied zwischen einem schlechten Arzt und einem guten, ein sehr geringer aber nur zwischen dem besten und gar keinem. Busta (lacht). Nehmen Sie fich in Acht, daß Sie nicht krank werden. Apropos, wie steht es denn mit Unfall's Anstellung? Reh. Es ruht noch Alles im Dunkeln. Busta. Hat er es noch nicht schwarz auf weiß? Reh. O ja, das hat er schon, aber eben deßhalb die Anstellung noch nicht. Er hat die Tinte über seine Eingabe gegossen, und weil er bis zur letzten Stunde wartete, den Termin dadurch versäumt. Fr. v. Falten. M das thut mir leid, sehr leid. Busta. Der Mensch hat aber auch eine gewisse Ungeschicklichkeit. Wally. Die mir gefällt. Reh. Ihnen gefällt? Wally (mit immer gesteigertem Feuer). Za, es liegt eine Herzeusgüte, ein Weltvertrauen darinnen; er thut Alles so arglos, er ist so ganz oh ne Falsch und glaubt, die ganze Welt müsse auch so sein. Seine Ungeschicklichkeit kleidet ihn gut, er wird dadurch humoristisch. Er hat bei seiner Ungewandtheit die Gabe zu gefallen, seine Schüchternheit, namentlich Damen gegenüber, ist sogar lieblich. Er hat Kenntnisse, dir er aus Bescheidenheit nicht hervortre- 8 ten läßt. Ein tiefes Gefühl, eine edle Seele spricht aus seinem ganzen Thun, sein Wesen erregt ein gewisses Mitleid und gewinnt ihm manches Herz. (Hält schnell inne.) Busta. An Dir hat Herr Unfall einen guten Advocaten. Reh (mit Beziehung). Ich danke im Namen meines Freundes; um den Preis solch' einer Verteidigerin ist es ein Glück, ungeschickt zu sein. Fr. v. Falten. Ich bin ganz deiner Meinung, liebe Wally. Du sprichst mir aus der Seele. Busta. Nun, ich glaube, der Ungeschickte hat Euch Beide geschickt in sein Netz gezogen, doch darüber wird wohl das Portrait seiner Geliebten uns das beste Licht geben. Fünfte Scene. Lorchen. Die Vorigen. Lorchen (meldet). Herr Unfall wünscht seine Aufwartung zu machen. Busta. Ist er im Hause? Lorchen. Soeben eingetreten. Busta. Er ist willkommen, er möge sich nur hierher bemühen. Lorchen. Ganz wohl. (Ab.) Busta. Die Sache mit dem Portrait könnte sich nun, wollte man indiscret sein, in einer Minute aufklären. Fr. v. Falten. Das wäre doch wohl eine etwas zu kurze Zeit, eine Minute. Reh. Verzeihen Sie. gnädige Frau. Was kann der Mensch nicht Alles in einer Minute verrichten; ich habe heute erst in einem der neuesten Romane folgende Stelle gelesen, merken Sie wohl auf: »Theodor ritt bis an den Garten, sprang vom Pferde — kroch durch den Zaun — flog nach der Laube, wo Kunigunde ruhte - schlich zu ihr hin, stürzte zu ihren Füßen. Freudig hob sie ihn empor, er setzte sich an ihre Seite, sank an ihre Brust und schwamm in einem Meere von Seligkeit — das Alles war das Werk einer Minute.« Busta (lacht). Ha, ha! Nun stehst Du. Sechste Scene. Unfall (aus dem Hause). Die Vorigen. (Unfall läßt während seiner Verbeugung gegen die Damen seinen Hut fallen ; als er ihn aufheben will, entfallen ihm seine Handschuhe, dann entfällt ihm sein Stock. Ueber- haupt bleibt dem Darsteller in dieser Scene die Aufgabe, durch eine gewisse gesellschaftliche Ungeschicklichkeit Unfalles Charakter zu bezeichnen, jedoch auf eine Art, wodurch mehr Theilnahme und Mitleid als Lächerlichkeit erregt wird.) Unfall. Ein schöner Tag heute, meine Damen! Fr. v. Falten. Sehr hübsch. Unfall (zu Frau von Falten). Um so schöner, da er ein Festtag in Ihrem Hause ist. Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich Ihnen die Hand küsse, meine Wünsche bedürfen wohl nicht erst der Worte, sie find von bester Art. Fr. v. Falten. Ich zweifelte nie an Ihrer Freundschaft. Unfal l (zu Wally). Wie geht es Ihnen, Fräulein? Wally. Ich danke Ihnen, recht gut. Unfall (zu Busta). Der Herr Kanzleirath find auch wohl? Busta. Ich bin so frei, mein lieber Herr Unfall, ich bin sehr wohl. Reh. Nun. jetzt hält's an mir, mich Haft Du noch nicht nach meinem Wähle gefragt. Unfall. Wir haben uns ja heute schon gesehen und Du bist ja immer wohl, weil Du immer fröhlich bist. Fr. v. Falten. Können Sie das nicht auch sein? Unfall (schüchtern, mit Beziehung). So lange mein Herz in der stillen Ruhe gelegen, in der seligen Bewußtlosigkeit eines unerweckten Keimes, war ich es auch, seitdem aber ein bewegter, stürmischer Frühling eingezogen ist — Fr. v. Falten (unterbrechend). Nun? Unfall (seufzend). Ist es anders. Fr. v. Falten (für sich). Sollte mein Bruder doch Recht gehabt haben, als er auf junge Verehrer für mich anspielte? Wally. Man sollte eigentlich immer heiter sein. Es verhält sich mit Menschen wie mit Büchern. Die Ernsthaften und Gedankenvollen mögen mehr bewundert werden, als die Leichten und Heitern, aber beliebt find sie weniger. Unfall. Ich war den Damen wohl bis jetzt ein verschlossenes Buch, dessen Inhalt kennen zu lernen sie sich gar keine Mühe gaben. Reh. Nun suche auch ein verbotenes zu werden, dann bist Du erst interessant. Wally. Sie wissen, daß verschlossene Bücher, wie verschlossene Briefe, unsere Neugierde viel mehr reizen als offene. Fr. v. Falten (mit Beziehung). Ja besonders wenn in dem Siegel der letztem ein Pfeil ist. Busta. Wenn Sie Zeit haben, mein lieber Herr Unfall, ich möchte Ihnen gerne einen wohlmeinenden Rath, Ihrer versäumten Eingabe halber, geben. Unfall. Zu Ihren Diensten, Herr Kanzleirath! (Busta und Unfall ziehen sich leise sprechend nach der Seite rechts. Wally setzt sich links an einen Gartentisch. Reh zieht sich mit Frau v. Falten, leise sprechend, zurück.) Wally (für sich, nach Unfall blickend). Die Liebe kleidet ihn recht gut, ich möchte doch eigentlich wissen, wer sein Herz ausfüllt. Die Liebe wird sein Wesen läutern, Amor ist der beste Lehrer und hat auch gewöhnlich die willigsten Schüler. Ich glaube, daß man mit so einem Manne recht glücklich sein könnte, der nicht so ganz weltläufig ist, der läuft dann auch nicht so viel in die Welt. Wie oft er nach mir steht! Mich freut es, daß sich der Da- ter seiner Anstellung wegen so annimmt, der gute Mensch bedarf auch solcher Freunde. (Unfall, welcher sich während der stillen Unterredung mit Busta nach Wally umsah und selbe am Tische sitzend erblickte, zieht nun sein Etui aus der Tasche und sucht sich während des folgenden lauten Gesprächs immer mehr gegen den Tisch hinzuziehen. in der Absicht, das Etui vor Wally hinzulegen, Busta folgt ihm im Eifer des Gesprächs. Unfall sieht sich, um sein Vorhaben nicht gegen Busta zu verrathen, von der Mitte der Bühne an nicht mehr nach Wally um, sondern rückt seitwärts dem Tische immer näher; unterdessen wechseln die Damen jedoch ihre Plätze, indem Wally mit Reh sich zurückzieht und Frau v. Falten am Tische fitzt.) Busta (laut). — Folgen Sie mir, mein lieber junger Freund, so müssen Sie es machen. — Besonders da Ihnen der Präsident gewogen ist, glaube ich ganz sicher, daß Ihre Eingabe noch berücksichtigt wird. Unfall (zerstreut während des Zurückziehens). Glauben Sie also wirklich? Busta. Ich zweifle keinen Augenblick daran, auch werde ich noch durch Privatbriefe möglichst beitragen, Ihnen zu nützen. Unfall (welcher dem Tische nun nahe genug, legt das Etui vor Frau von Falten, der vermeintlichen Wally, hin). Nehmen Sit (dieses .Nehmen Sie" ist doppelsinnig gesprochen) meinen innigsten Dank fürJhren guten Rath und Ihre gütige Verwendung. Busta. Ich werde sogleich die Briefe schreiben, da wir keine Zeit zu verlieren haben; in einer halben Stunde können Sie selbe abholen. (Ab in'S Haus.) Unfall. Werde so frei sein. — (Frau 10 von Falten hat indessen die Aufschrift des Etuis gelesen, selbes geöffnet, ihr Erstaunen durch Mimik auSgedrückt. Wally und Reh verlieren sich indessen in einem Gartengange ganz von der Bühne.) Unfall (welcher Busta einige Schritte begleitet hatte). Ich traue mich kaum hinzusehen; was für eine Wirkung mag es hervorgebracht haben, was wird sie sagen? (Wendet sich, Krau von Falten steht, die Hand reichend, vor ihm mit offenem Etui.) Fr. v. Falten. Ich habe Sie verstanden, mein weither Herr Unfall. Unfall (unangenehm überrascht). Gnädige Frau! Fr. v. Falten. Erschrecken Sie nicht, Sie haben nicht zu viel gewagt. Unfall (verlegen). Gnädige Frau! Mein Geständniß bringe Sie in s Klare. Fr. v. Falten. Ich bin schon im Klaren, der Spiegel zeigt gut. Unfall (wirst sich Frau von Falten zu Füßen; in diesem Moment erscheint Nothnagel mit seinem riesigen Blumenstrauß an der mittleren Gartenthüre und bleibt erstaunt stehen). Gnädige Frau, verzeihen Sie — Fr. v. Falten (ihn unterbrechend). Es ist Ihnen verziehen, stehen Sie auf! Un fall. Nicht eher, als bis Sie mich aogehört. Fr. v. Falten. Ich habe Sie erhört! Man kommt. Stehen Sie auf! Ewig die Ihrige! (Eilt in einem Seitengange ab.) (Wahrend Unfall ganz erschöpft aussteht, tritt Nothnagel hervor, wirft seinen Strauß zu Unfall'- Füßen und ruft mit dem Ausdrucke -er größten Entrüstung:) — »Berräther!* — Der Vorhang fällt. Zweiter Auszug. (Garten wie früher.) Erste Scene. Nothnagel zieht Unfall aus einem Seilergange hervor. Noth. Jetzt auf der Stelle müssen Sie mir Rechenschaft geben; die Gesellschaft vermißt uns in diesem Augenblicke nicht, was ich Ihnen zwar nicht nothwendig hätte zu sagen. Sie haben mich schändlich Hintergaugen. Sie find mir Satisfactiou schuldig. Unfall. Sie irren, Herr Rath, wahrhaftig. Sie irren. NoIhn. Irren?! Halten Sie mich denn für blind oder für verrückt? Frau von Falten würdigte mich den ganzen Vormittag. ja nicht einmal bei Tische, eines Blickes. Unfall. Sie Glücklicher! Nothn. Liebäugelte auffallend mit Ihnen. Unfall. Ja leider! Nothn. Sprach meistens nur mit Ihnen, drückte unter dem Tischtuchs Ihre Hand. — O, ich weiß Alles. Und jetzt wollen Sie mich noch zum Besten haben und sagen: »Ja leider!' Unfall. Ich kann bei dieser Sache, Herr Rath, nicht mehr thun, als Sie wiederholt auf Ehre versichern, daß hierein Zrrthum obwaltet, den ich auf die delikateste Weise auszugleichen suchen muß. Wenn Sie wir indessen nicht glauben, ich fühle, daß ich Ihnen Satisfaktion schuldig bin. und deßhalb stehe ich zu jeder Waffe bereit; nur fürchte ich bei dieser Gelegenheit wieder eine Ungeschicklichkeit zu bege- 11 hen und bin überzeugt, ich werde Sie schonen wollen, und doch todt stechen oder niederschießen, Eins von Beiden passirt gewiß. Nothn. Mein Herr, halten Sie mich nicht für feig; aber der Muth liegt nicht in den Nerven, man ist eben so wenig Herr seiner Herzhaftigkeit, als seines Appetites. So wie man manchmal keinen Appetit hat, so hat man auch manchmal keinen Muth und ich habe Ihnen nicht erst nothwendig zu sagen, daß ich heute gerade keinen Appetit zum Muthe habe. Unfall. Wenn sich Ihr Appetit wieder einstellt, ich stehe zu jeder Stunde bereit. Sollte er indessen gar nicht kommen, was Sie nicht erst nothwendig haben zu sagen, so diene Ihnen zur Beruhigung, daß die Ueberreichung desPortraits, welches eigentlich keines ist, sondern nur ein in einem Etui festgemachter Spiegel, für Fräulein Wally beabsichtigt war, und nur durch meine grenzenloseUngeschicklich- keit in Frau von Falten's Hände kam. Wie ich mich geschickt aus dieser Affaire ziehe, das weiß ich noch nicht Nothv. (erfreut). Also wirklich ein Jrr- thum? Hahaha, und diese cokette Witwe consumirte in zwei Stunden mehr heftige Gemüthsbewegungen. als zehn Mädchen in einem Jahre. Es wird sie nun reuen, mich so schnöde behandelt zu haben, aber Reue ist Verstand, der zu spät kömmt. Nun soll sie auch erfahren, wie derQuies- centeostand thut. Unfall. Sind Sie nun beruhigt? Ist Ihnen besser zu Muthe? Nothn. Ich will Ihnen sagen, obzwar ich es nicht nöthig hätte, wie mir jetzt zu Muthe ist, so ungefähr wie einem Gewitter, das eingeschlagen hat; nun verrollt der Donner in mir, die Regengüsse werde ich aus den Augen derWitwe veranlassen, bei dieser Gelegenheit mich schön langsam vermurmeln und mich zuletzt ganz verziehen. (Macht ein Zeichen des Verlasses-.) Unfall. Dann gibt es wieder heitern Himmel und eine glückliche Versöhnung. Nothn. (abgehend). Das habe ich Jy- uen nicht nothwendig zu sagen. Zweite Scene. Unfall, Reh. Unfall. Hast Du Dich endlich ein bischen losgemacht? Nun rathe mir, ich bitte Dich, rathe mir! Reh (dem abgehenden Nothnagel nachsehend). Du hast doch dem nichts gesagt?' Unfall. Natürlich. Alles sagte ich ihm; ich mußte mich erklären. Reh. Das hast Du wieder sehr ungeschickt gemacht. Niemand sollte davon wissen, um Frau von Fallen nicht in Verlegenheit zu bringen. Du allein hättest sie von ihrem Jrrthume zurückbrivgen sollen- Unfall. Er wird doch nicht so uodeli- cat sein? — Reh. Das kann man nicht wissen;. Nothnagel's Rache findet Nahrung im Gram verschmähter Liebe. Unfall. Aber ich bitteDich, wie konnte Frau von Falten nur gleich mit so vieler Inbrunst sich zu mir wenden? Reh. Weißt Du, das kommt daher^ weil es mit der Liebe wie mit den Blattern ist; je später man davon befalle» wird, desto schlimmer ist die Krankheit. Unfall. Aber eine Witwe. Reh. Besonders Witwen, die find wie grünes Holz, welches an einem Ende brennt, während am andern das Wasser herausträufelt. Unfall. Ja. die läßt mich zuletzt gar nicht mehr los! Ich möchte verzweifeln. Reh. Thue das nicht, Freund, den» Du glaubst nicht, wie unendlich komisch Dich die Verzweiflung kleidet Unfall. Ja, was soll ich denn thuu? Reh. Einen Brief an Frau von Falte» schreiben, ihr darinnen so zart als möglich 12 Äen Jrrthum bekennen, sie um die Zurückgabe deiner unglücklichen Portrait-Erfin- tmng bitten und deinen Entschuldigungen inniges Flehen um Verzeihung beifügen. Unfall. Und soll ich ihr den Brief selbst übergeben. Reh. Nach Umständen; es würde wohl das Beste sein. Hättest Du nur gegen 'Nothnagel nichts davon erwähnt. Unfall. Sprich Du mit ihm, vielleicht schweigt er Dir zu Gefallen. Reh. Nein, mir ist er nicht recht gewogen; wir haben uus einmal ein bischen gezankt, weil ich stets seinen Pudel früher grüßte als ihn. Unfall. Warum aber auch? Reh. Weil ich seinen Pudel für ge- scheidter halte als ihn, und er gewiß auch besser schweigen kann als sein Herr. Unfall. Nun so will ich denn inGot- kesnamen schreiben. Reh. Nein, in deinem Namen; mische Gott nicht in deine Ungeschicklichkeit. Mer eile, damit man uns nicht zu lange vermißt. Unfall. Du gehst aber mit, mir den Brief zu dictiren. Reh. Du wirst doch allein diesen Brief nbfassen können? Unfall. Ich bitte Dich, ehe mich diese Witwe abfaßt, hilf mir; ich habe dergleichen Correspondenzen noch nie geführt. Reh. Nun so komm; doch wenn die Nachwelt deiner clasfischen Ungeschicklichkeit kein Monument setzt, dann gibt's keine Gerechtigkeit mehr. (Beide ab zum Mitteleingang.) Dritte Scene. Frau von Falten und Nothnagel (aus einem Seitengange). Fr. v. Falten. Habe ichSie recht verstanden? Nothn. (etwas boshaft). Ganz recht, gnädige Frau, von dieser vermeinten Liebe bleibt Ihnen nichts als der Gram. Fr. v. Falten (weint). Das ist schrecklich. Noth. Ja, und wenn Sie Thränen weinen so groß wie die Tropfen einer Dachtraufe, mich rühren Sie nicht. Ich habe Ihnen das nicht erst nothwendig zu sagen. Fr. v. Falten. Lieber Nothnagel, können Sie mir verzeihen? Nothn. Ja, jetzt wäre ich wirklich der Nothnagel, und der liebe Nothnagel noch dazu; ich überlasse Sie ihrem Unfall, dem Sie sich so schnell in die Arme warfen. Fr. v. Falten. Wie konnte ich so verblendet sein, solch' einen jungen unerfahrnen Menschen einem Manne wie Sie vorzuziehen. Nothn. Ja, einem Manne wie ich, der aussieht, wie Sie sich gegen Herm Unfall auszudrücken beliebten, wie das vor sechzig Jahren gemalte Bild eines alten Herrn, der seinem Rahmen entlaufen ist. O ich weiß Alles. Fr. v. Falten. Ein harmloser Scherz, ohne die mindeste Absicht zu beleidigen. Nothn. (pathetisch). O FrauvonFat- ten, Sie haben mich bitter getäuscht. Ich geh' aus diesem Hause wie ein Bettler, dem man ein großes Los in falschen Papieren zugeworfen, der im Traume ein Crösus war. Fr. v. Fallen Ach, lieber Nothnagel, das Buch müssen Sie mir auch verschaffen, worinnen diese Stelle steht. In welcher Bibliothek lesen Sie jetzt? Nothn. (verblüfft). Sie glauben also nicht, daß das die Sprache meines Herzens ist? Sie scherzen noch? , Fr. v. Falten. Nothnagel! Wie kann ein so vernünftiger Mann wie Sie so verblendet sein? Merkten Sie denn nicht, daß die ganze Geschichte darauf angelegt war. Ihre Liebe zu prüfen? Daher kam Unfall's immerwährende Verlegenheit, weil 13 — rr fürchtete Ihnen zu wehe zu thun. Das Ganze war ein Komplott, Meiches dieLiebe erfunden, um die Treue zu prüfen. NoIhn. Wie, höre ich recht?! Fr. v. Falten. Sie setzen noch Zweifel in meine Worte? Nothn. (zu Frau von Falten's Füßen). Sie sehen mich beschämt zu Ihren Füßen; Laura, können Sie mir verzeihen? Fr. v. Falten. Ich sollte Ihnen nicht verzeihen; Ihre Vorwürfe waren etwas hart, doch Ihre Prüfung fiel besser aus als vielleicht jede andere, die Sie im Leben bestanden. Sie verdienen die erste Note, stehen Sie auf. Nothn. Ich hätte zwar nicht erst noth- wendig, zu sagen, daß mich das Durchfall len bei dieser Prüfung am meisten geschmerzt hätte. Wie konnten Sie aber an meinemBestehen zweifeln? HattePetrarca je einen andern Gedanken, als daß er Laura schön fand und liebte? Aber diesem schüchternen Herrn Unfall sieht es kein Mensch an. daß er so ein geschickter Spitzbube ist. Fordert mich der lose Schelm noch zu einem Duell, da ich Rechenschaft von ihm verlangte. ' Fr. v. Falten. Sie haben sich doch nicht geschlagen? Nothn.(zärtlich). O diese gütige, wohl- thueode Besorgniß! Nein, ich that es nicht, ich bin ja so schon verwundet. Fr. v. Falten. Ich entlasse Sie jetzt. Seien Sie künftig nicht so vorschnell mit Ihrem Urtheile über die Unbeständigkeit der Frauen. Nothn. Wie sehr ich es bereue, habe ich Ihnen zu sagen nicht erst nothwen- dig. — (Küßt Frau von Falten's Hand und geht ab.) Fr. v. Falten. Dieses Mal hat mich die Waffe der Weiber, die List, glücklich einer Beschämung entzogen, die ich verdient hätte. Ich muß nun mit derselben Waffe gegen Wally auftreten; denn die Wahrheit gestehen, wäre Thorheit, da ich mich so brillant aus der ersten Verlegenheit riß. Nur muß ich Wally gegenüber das Mitwissen Unfall's aus dem Spiele lassen und erzählen, daß ich seine Ungeschicklichkeit, die ich gleich bemerkte, für meine Zwecke ausnützte. Da sehe ich Wally in der Gartenallee; nun gleich zu ihr. Vierte Scene. Busta (aus dem Hause, geht Arianen entgegen, welche zur Mittelthüre eintritt.) Busta. Willkommen, willkommen! Ich sah Sie vom Fenster aus und flog Ihnen, wie Sie sehen, entgegen. Ariana. Sie find sehr gütig, Herr. Kanzleirath, so eine Sehnsucht nach meiner Erscheinung an den Tag zu legen. Busta Sie haben sich ja schon viele Lage nicht bei uns sehen lassen; meine Wally war schon sehr böse. Ariana. Ach, verzeihen Sie, das glaube ich nicht. Wally kann gar nicht böse sein; sie schlägt Ihnen nach, immer gut und freundlich. Busta. Sie find immer artig und liebenswürdig. Es ist ein Glück fürSie, daß ich nicht mehr heirate; Sie müßten meine Frau werden. Ariana (sich verbeugend). Zu viel Ehre. Busta. Ich freue mich besonders, daß Sie heute kamen; wir haben Gäste, welche den Tag bei uns zubrinaen werden; es find welche darunter, dieIhnen nicht ganz, uninteressant sein dürsten. Der Geheimrath Nothnagel, Herr Unfall (neckend) und ein gewisser Herr Assessor Reh, wenn Sie ihn kennen? — Ariana. Ach, Sie müssen doch immer necken! Busta. Ich sollte es nicht, seitdem Sie böse geworden, als ich einmal sagte, Sie machen Jagd auf Reh. Ariana. Das war aber auch ein bischen unzart. 14 Busta. Verzeihen Sie, Diana machte Unter allen Göttinnen am meisten Jagd rind war doch die keuscheste. Arian a. Mit Ihnen wird man nicht fertig; Sie wißen Ihren Worten stets solch eine Wendung zu geben, daß man Ihnen zuletzt doch nicht böse sein kann. Aber sagen Sie mir, wo ist denn Wally und die Gesellschaft? Busta. Wahrscheinlich Alle im Garten zerstreut. Kommen Sie indessen herein, machen Sie fich's bequem, ich werdeWally sogleich rufen lassen. Darf ich um Ihren Arm bitten, da das-Herz schon vergeben ist? Ariana (gibtihm den Arm). Sie find §in gefährlicher Witwer. (Beide ab in's Haus.) Fünfte Scene. Wally und Frau von Falten. Fr. v. Falten. So, liebe Wally, verhält fich die Sache, ganz so, wie ich Dir eben erzählte. Hier nimm! (Reicht das Etui Lin Wally.) Wally (welche das Etui nimmt). Ach! der Arme dauert mich; er muß in großer Verlegenheit gewesen sein. (Oeffnet das Etui.) Uebrigens, die Idee ist sehr sinnreich und hätte in einer geschickten Hand gewiß ihre Wirkung nicht verfehlt. Und Sie wissen gewiß, liebe Tante, daß dieses Spiegelbild für mich bestimmt war? Fr. v. Falten. Ganz gewiß, nur seine Ungeschicklichkeit prakticirte es in meine Hände. Wally. Aber Sie find sehr bescheiden, liebe Tante, vielleicht ist es doch für Sie; mit welcher Gewißheit glauben Sie denn, daß es mir bestimmt ist? Fr. v. Falten. Wally, hältst Du mich für so schwach, daß ich nur einen Augenblick glauben könnte, ein so junger Mann fühle für eine nicht mehr ganz junge Witwe? Wally. Ei, liebe Tante! Sie find so liebenswürdig, haben fich so gut conser- virt, daß die Wahrscheinlichkeit sehr nahe liegt. Fr. v. Falten. Ich gestehe, daß vielleicht manche andere Frau so eitel gewesen wäre, fich diese Schwäche zu Schulden kommen zu lassen. Aber ich bin wirklich stolz darauf, mich nie in solcher Beziehung lächerlich gemacht zu haben, und es möge Dir, liebe Wally, ohne unbescheiden zu sein, diese meine Selbsterkenntniß als Beispiel dienen, wenn Du einst nicht mehr die frischen Rosen auf deinen Wangen trägst und die Huldigungen nur deiner unvergänglichen Anmuth gelten. Wally. Gute Tante, ich werde gewiß Ihrem Beispiele folgen. Aber daß Sie dem armen Unfall nicht gleich aus seiner Verlegenheit halfen, war doch ein bischen böse. Fr. v. Falten. Ich sagte Dir ja schon, daß ich mir den Spaß machte, Nothnagel damit in Feuer und Flammen zu bringen. Doch ich werde jetzt suchen Herrn Unfall aufzufioden, der sich wahrscheinlich hinter einem Baume oder Gesträuche verbarg, um meiner vermeinten Liebe auszuweichen, und ihn davon unterrichten, daß nun das Portrait seiner Geliebten in die rechte Hand kam. Wally (küßt ihr die Hand). GuteTante! (Frau von Falten geht ab.) Eine charmante Frau, wirklich ein Muster für alle Witwen; so ganz anspruchslos, so refignirt! Ach, der guteUnfall, wie muß er Nächte durchstudirt haben, bis er auf diese glückliche Idee kam, mir seine Liebe auf so finnige Weise kundzuthun. Ich fühle, daß er mir immer werther wird, obwohl wir gegenseitig uns noch nie über derartige Empfindungen aussprachen. Ich durchschaue sein treffliches Herz und ich glaube, dessen Besitz könnte mich recht glücklich machen. — 15 Sechste Scene. Ariana aus dem Hause. Wally. Ariana. So. Du läßt deine Gäste allein und schwärmst hier ganz unbesorgt herum? Wally. Ariana! Welche angenehme Ueberraschung! Wie freue ich mich, daß Du zu uns kamst; o, das ist schön, gerade heute schön, denn Du weißt wohl nicht, was für ein Gast unterJenen ist, die heute den ganzen Tag, ja selbst den Abend bei nns zubringen werden. Ariana. Dein Vater neckte mich schon. Wally. Wir sprachen bei Tische viel non Dir und der Assessor Reh wurde immer roth, so oft ich deinen Namen nannte. Ariana. Ist denn roth die Farbe der Liebe? Wally. Ich vermuthe, weil Du auch roth wirst. Ariana. Ich bin noch erhitzt, es ist heute so warm. Wally (aufs Herz deutend). Don in« neu, ja! Ariana. Du bist so böse! Wally. Weil Du mir kein Vertrauen schenkst. Da solltestDu sehen, wie sich Reh und Unfall Alles mittheilen. Ariana. Der Mann sucht in der Liebe immer einen Vertrauten, dem er erzählt, wie er liebt. Wally. Und das Mädchen eine Vertraute, um zu erzählen, wie es geliebt wird. Und die Vertraute will ich sein. Es wird recht lustig Abends werden, besonders für die Liebenden, die werden sich gut unterhalten. Ariana. Jedenfalls besser wie Eheleute; Roman ist immer anziehender als Geschichte. Wally. Ich habe auch so einen kleinen Roman, von dem ich Dir erzählen werde, aber später; Du mußt mir heute verzeihen, ich muß Dich eben der Gäste halber wieder ein bischen allein lassen, Du weißt, wenn man nicht selbst nachsieht.- (Geht ab.) Ariana (nachrufeud). Aber nur nicht lange allein lassen, bitte ich. — Fühle ich mich doch immer wie zu Hause unter diesen charmanten Leuten; ich habe den alten Herrn mit seiner Jovialität so gerne, daß es wirklich gefährlich ist für den Assessor, da ohnedieß Frau Kanzleiräthin eine höhere Branche wäre. Siebente Scene. Unfall (schleicht vorsichtig durch denHaupt- eingang), Ariana (überrascht ms Auge fassend). Unfall (für sich). Wie, seh' ich recht? Fräulein Ariana, Wally's Freundin? Die muß mir den Brief an Frau -von Falten besorgen; — ein günstiger Zufall. (Laut.) Guten Morgen, werthes Fräulein! Ariana. Ah, sieh da, Herr Unfall. Sie sehen sich so verlegen um, als fürchteten Sie von Jemand gesehen zu werden. Sie find doch heute hier zu Gast? Unfall. Und doch, liebes Fräulein, fürchte ich gesehen zu werden von Jemand, der mich nicht sehen soll, bis Sie mir einen Dienst erwiesen haben. Ariana Gerne, wenn es sich für mich schickt. Unfall. -Es betrifft Fräulein Wally. Ariana (bemerkt den Brief). Vielleicht die Uebergabe eines Briefes? Unfall (schüttelt das Haupt verneinend). Ariana. Wie verstehe ich das? Unfall. Weil der Inhalt des Briefes keine liebende Wirkung hervorbringeu dürfte. Ariana. Sind Sie in Fehde? Unfall. Mißverständnisse. Ich muß deßhalb im Voraus um Verzeihung bit- 16 len, wenn ich Ihnen dadurch eine Rolle zutheile, die Ihnen vielleicht nicht angenehm ist. Aber Fräulein! Sie müssen sich meiner annehmeu; wer ist Herr seiner Gefühle! Ariana. Sie sprechen in Räthseln. Unfall. Fräulein, gutes Fräulein! ist es denn ein Unrecht, wenn ich eben so gut Gefühle für das Schöne habe, wie andere Leute? Darf ich denn nicht auch lieben? Ariana. Wer legt Ihnen etwas in den Weg? Unfall. O, Sie verstehen mich, Sie haben ein Herz, Sie werden mich nicht von sich stoßen. Ariana (bri Seite).Er wird mich doch nicht lieben? Unfall. Gewiß, Sie besorgen mir seinenBrief, gewiß, Sie besorgen mir ihn. Ariana (nimmt den Brief). Ohne Adresse? Unfall. Aus Vorsicht. Die Adresse werde ich Ihnen mündlich sagen. Ariana. Und die ist? (In diesem Augenblick tritt Wally aus dem Hause, Uniall erblickt sie und ruft:) Unfall. Wally! (Für sich.) Die darf mich jetzt nicht sehen. (Stürzt ab.) Achte Scene. Wally und Ariana. Wally. Sah ich nicht eben Unfall entschlüpfen? Ariana. Wohl, er gab mir einen Brief zur Besorgung. Wally. An mich? Ariana. Wahrscheinlich; denn als ich ihn darauf aufmerksam machte, daß der Brief keine Adresse habe, sagte er mir: »die werde ich Ihnen mündlich mittheilen.« Ich fragte hierauf: »Und die ist?« Da rief er »Wally« — und stürzte ab. Wally. Und sonst sagte er Dir nichts? Ariana. Ja, er sprach ganz kurioses Zeug, von Mißverständnissen, bat mich sich seiner anzunehmen, ich möchte ihn nicht von mir stoßen. Wally. Wie? Du möchtest ihn nicht von Dir stoßen? Dann hat sich die Tante geirrt. Also Du glaubst gewiß, daß dieser Brief für mich ist? Ariana. Ich wüßte nicht, für wen sonst. Wally. Laß sehen. Ariana. Der Inhalt wird uns in s Klare bringen. Wally (die den Brief geöffnet). Wir wollen hören. (Liest.) »Hochschätzbarste!« Ariana. Wie kalt und steif. Wally. Unterbrich mich nicht! (Liest.) .Hochschätzbarste l Die unbegrenzte Achtung, die ich stets für Sie hegte, und die Jeder, der das Glück hat, in Ihre Nähe zu kommen, für Sie hegen muß, ist von so hohem Grade, daß ich es nie wagen würde, diesem Gefühle ein anderes beizufügen. — Verzeihen Sie deßhalb, wenn durch Mißverstand ein Etui in Ihre Hände kam, welches, das Portrait der Geliebten abspiegelnd, eigentlich für Diejenige bestimmt war, die Ihnen am nächsten steht, und der Sie mit Liebe und Freundschaft so sehr zugethan find Ich darf von Ihrer erprobten Güte hoffen, daß Sie nicht nur allein das Portrait Derjenigen übergeben werden, zu der mich mein Herz mit so vieler Liebe hinzieht, sondern gewiß bei dieser Gelegenheit auch noch ein Wort der Fürsprache für mich einlegen. Verzeihen Sie mir« rc. rc. rc. (Kann durch Aufregung nicht mehr weiter lesen.) Ariana. Ich verstehe kein Wort. Wally. Aber ich — Unfall liebtDich! Ariana. Mich? Die Geliebte seines Freundes? Wally. Ja, Du stehst mir, wie es hier geschrieben steht, am nächsten, Dir bin ich mit Liebe und Freundschaft zugeihall. 17 Ariana. Ich verstehe Dich noch nicht. Wally. Ein unglückliches Mißver- ständniß meiner Tante, welche glaubte mir dieses Etui ausliefern zu müssen, ver- anlaßte Unfall, mir diesen Brief zu schreiben. Hier hast Du das Portrait seiner Geliebten, überzeuge Dich selbst, ob es eine Andere ist als Du. Ariana (öffnet das Etui, überrascht). Was soll das Alles? Wally (etwas bitter). Nun, wirst Du ihn von Dir stoßen? Versiehst Du nun seine Bitte? Ariana. Jetzt wird mir Alles klar, was er von Mißverständnissen sagte, von Herz und Gefühl. »Man ist nicht Herr seiner Gefühle,* richtig, so sagte er. Er wollte sich dadurch wahrscheinlich entschuldigen, daß er durch diese Liebe zum Ver- räther an seinem Freunde wird. Wally, ich nimm Dir ihn nicht. Wally. Und doch ist er für mich auf ewig verloren. (Ab in's Hans.) Ariana. Männer, Männer! Jetzt ist das einer von den Ungeschickten und weiß Herzen zu brechen. Wie, wenn sich erst ein Geschickter auf dieses Geschäft verlegt!! Doch was soll ich jetzt thun? Ihn direct abweisen, ja, auch sein Herz brechen! Er verdient es nicht anders, nachdem er Wally so schmählich verließ. Unfall. Schon besorgt? Za wußten Sie denn — Ariana. Nun, Sie sagten mir es nicht nur, Sie riefen sogar: »an Wally!« — Unfall. An Wally haben Sie diesen Brief gegeben? Ariana. Und sie gab mir nach ihrem Wunsche, zwar mit schwerem Herzen, dieses Portrait zurück, welches durch Mißverständnisse in ihre Hände kam. Unfall. Wally gab Ihnen dieses zurück? Ariana. Herr Unfall! Abgesehen davon, daßSie wissen, wie sehr Ihr Freund, der Herr Assessor Reh, sich um meine Hand bewirbt, und wie sehr ich auch zugebe. daß man nicht immer Herr seiner Gefühle ist, so finde ich es doch mehr als unrecht, einem Mädchen wie Wally solch eine Kränkung zu bereiten, die ein Mann einer Dame gegenüber nie mehr gut zu machen im Stande ist. Unfa ll. Mein Fräulein! Jetzt erst liegt mein Glück in Ihrer Hand. Ariana. Wie, Sie wagen es noch? Sprechen Sie nicht weiter, ich will nichts mehr hören. Unfall (knieend). Fräulein! Auf den Knieen bitte ich Sie, hören Sie mich an! Ariana. Kein Wort. Unfall. Sie müssen mich anhören, mein Lebensglück hängt davon ab. Neunte Scene. Zehnte Scene. Ariana. Unfall. Unfall (her-inschleichend). Ist Fräulein Wally schon fort? Sind Sie allein, Fräulein? Ariana. Wie Sie sehen. Unfall. Jetzt werde ich Ihnen die Adresse sagen. Ariana. Die Adresse? Unfall. Ja. Ariana. Der Brief ist schon besorgt. Wirncr Theatrr-Repertoir Nr. 2z?. Reh (erscheint am Haupteingange). Die Vorigen. Reh. Was seh' ich? Unfall zuArianens Füßen? (Hervortretend.) Ariana! Ariana. Herr Assessor, Sie kommen wie gerufen. Hier übergebe ich Ihnen ein Portrait, welches mir Ihr falscher Freund als das seiner Geliebten übergeben ließ. Wie sehr er mich um Erhörung bat, sehen Sie noch an seiner Stellung. Handeln 2 18 Sie nun nach Ihrem Gutdünken. Ich gehe, um Wally zu trösten, die dieser Heuchler so schonungslos hinterging. (Ab in'sHaus.) Reh. Ja, um Gotteswillen, was hast Du denn schon wieder gemacht? Uusall (noch knieend). Eine Ungeschicklichkeit! Der Vorhang fällt. Dritter Auszug. Zimmer bei Unfall. Erste Scene. Unfall (ungeduldig am Tische fitzend), Anton (steht schauend am offenen Fenster). Unfall. Siehst Du noch nichts? Anton. Noch nichts. Unfall. Wo er nur bleibt? Er wollte mir so schnell als möglich Nachricht geben. Jede Minute wird mir zum Jahr. Anton. Jetzt seh' ich was. Unfall (aufspringend). Reh? Anton. Nein, Hasen; es muß eine Jagd gewesen sein — ein ganzer Wagen voll. Unfall. Was schwätzestDu da? Alberner Mensch! Anton. I, Sie sagten mir, ich soll auf Reh Obacht geben und da dachte ich mir, Sie interesfiren sich vielleicht auch für anderes Wildpret. Unfall. Auf den Assessor Reh; wie kann man denn gar so albern sein! Anton. Ja so, auf den Assessor Reh. Warum haben Sie denn das nicht gleich gesagt? Auf den Assessor Reh, ja, das ist was ganz Anderes. Unfall. Schweige, mach mich nur jetzt nicht zornig. Ich möchte mich gleich aw Dir vergreifen, aber ich darf nicht, ich bin einMitglied desVereines gegen Thierquälerei. Anton. Nun, da ist dieser Verein doch auch für etwas gut. Unfall (unruhig aus- und abgehend). Ich möchte mich selbst prügeln. An ton. Verbietet Ihnen das der Verein auch? Unfall. Schweig! — Es ist zum Verzweifeln, diese peinigende Ungewißheit- Siehst Du noch nichts? Anton. Noch nichts. Unfall. Dieses dumme Echo/»Noch nichts,« mußt Du denn dieselbe» Worte repetiren wie ich? Anton (für sich). Bei dem ist's nicht richtig, ich glaub', den nehmen sie bald in einen andern LZerein auf. Unfall. O Geduld, Geduld! verlasse mich nicht! Anton. Herr, jetzt seh' ich was! Unfall (eilt ans Fenster). Endlich! Anton. Dort kommt er die Straße herab; er lauft, als wenn er gestohlen hätte, der Assessor — Un fall. Narr! Anton (im Abgehen). Jetzt heißt er wieder Assessor Narr, erst hat er gesagt Assessor Rey. (Ab) Unfall (winkt nach der Straße). Endlich, endlich, Du bist lange geblieben. (Schließt die Fenster.) Was er lange braucht, bis er heraufkömmt. Die Treppe scheint mir hundert Stufen zu haben. Ich muß ihm entgegeneilen. Zweite Scene. Reh und Unfall. Unfall. Nun, wie ist's, wie ist's? Bringst Du Leben oder Tod? Reh (sich in einen Stuhl werfend). Ach, 19 Laß mich nur erst ein bischen ruhen, ich Lin ganz erschöpft. Unfall. Ruhe, aber gib mir auch meine Ruhe wieder! Du sprachst mit Wally? Reh.Jch habe sowohl Wally alsAria- na über den Jrrthum aufgeklärt, erzählte Alles, wie es kam, setzte deine Ungeschicklichkeit so recht diplomatisch in ein brillantes Licht, bezeichnete sie als die Quelle deiner Herzensgüte und deiner schüchternen Liebe, kurz, ich entwickelte eineBered» samkeit bei Dertheidigung deiner Schwäche, deren sich ein Deputirter nicht zu schämen Härte. Unfall. Und Wally vergibt mir? Reh. Sie verzeiht Dir nicht nur. sie erwartet Dich sogar mit Sehnsucht, um das Geständniß deiner Liebe aus deinem rigenen Munde zu vernehmen, und Dir mit der ihr eigenen Liebenswürdigkeit den Text zu lesen. Unfall (das Etui aus seiner Tasche ziehend). O, so hast Du mir doch, theures Portrait, trotz allen Mißverständnissen zum Ziele geholfen! (Reh reißt das Etui aus Unfall's Händen und wirft es zu Boden; in dein Momente tritt Anton ein.) Dritte Scene. Anton. Die Vorigen. Reh. Ich bitte Dich um Alles in der Welt, thue mir dieses unglückliche Ding hinweg, Du stellst sonst noch einen neuen Wirrwarr damit an. Ist es nicht genug, -aß Du Nothnagel, mich und Dich selbst bald um die Geliebte dadurch gebracht hättest? Unfall. Gottlob, es ist noch Alles gut gegangen. Reh. Nun mache, daß wir wieder hinkommen; man geht bald zum Abendtische, zu welchem wir geladen find. Unfall (besteht sich). Ich muß mich nur noch ein bischen arranbiren; ich bin heute schon so viel auf denKmen herumgerutscht, um meine Irrungen alle abzubitten, daß ich einer kleinen Toiletteureparatur bedarf. —Wenn Du vorangehen willst, ich komme sogleich nach. Reh. Jedenfalls eile! Unfall. So viel wie möglich. (Ab.) Anton. Herr Assessor! Reh. Was gibt es? Anton (hebt das Etui auf). Brauchen Sie das Ding da, welches Sie zur Erde geworfen haben, nicht mehr? Reh. Warum? Anton. Ich würde Sie dann recht schön bitten, es mir zu schenken. Reh. Zu welchem Zwecke? Anton. Ich schenke Ihnen mein ganzes Vertrauen dafür. Reh. Fühle mich sehr geschmeichelt. Also zur Sache! Anton. Zu meinem Namenstage hat sich mein Mädchen für mich malen lassen; wissen Sie, so im Kleinen; ich glaub', in Montur heißt man's. Reh. Ich verstehe schon. Miniatur. Anton. Es hat vier Thaler gekostet, sie wußte mir kein theueres Geschenk zu machen; ich Hab' es zahlen müssen. Reh. Nun? Anton. Aber ich habe kein Futteral dazu, und ich glaube, da könnte es gerade Hineinpassen. Reh. Ist deine Geliebte schön? Anton. Für meinen Geschmack habe ich bei Tag- und Nachtlicht noch keine Schönere gesehen. Sehen Sie, Herr Assessor, ich habe das Portrait hier auf meinem Herzen. (Zieht es hervor.) Ich muß nun die Geschichte immer im Papiere herumtragen, und da bekömmt zuletzt die Geliebte Falten. Reh. Ja. lieber Freund, das ist zuletzt bei allen Geliebten schwer zu vermeiden. (Besteht das Bild.) Ah! die kenne ich ja. r* 20 Anton. Haben Sie die Ehre, von ihr gekannt zu sein? Reh. Ein hübsches Mädchen, viel zu schön für Dich. Probire einmal, ob sie in das Futteral paßt. Anton. Sogleich, ich will nur geschwind den Spiegel herausschlagen. (Sucht mit einem Thürschlüssel den Spiegel aus dem Etui zu lösen.) Reh. Gut, vernichte dieses unglückselige Werkzeug, damit es uns nicht mehr schade. Nun, geht's? Macht sich's? Anton (legt das Portrait seines Mädchens ein). Accurat, als wenn es dazu gemacht wäre; sehen Sie, wie prächtiges paßt, ganz charmant. Wie sie mich anlacht. Ha, ha, ha, sehen Sie. man meint, sie lacht wirklich. Darf ich das Futteral behalten? Reh. Nun, so behalte es denn, und sei glücklicher mit dessen Gebrauch wie gewisse andere Leute. Anton. Ach, das freut mich aber jetzt schon außerordentlich. Unfall (von innen). Anton! Anton (das Etui auf den Tisch legend). Sie befehlen, Herr? Unfall (im Innern). Hereinkommen! Anton. Augenblicklich. Nun, ich will es nachher fest hineinmachen; es liegt gut da. (Ab.) Reh. Unfall wird gewiß glücklich in Wally s Besitz, sie ist ein treffliches, gutes Mädchen, sonst würde sie auch nicht so viele Nachsicht mit ihm haben; auch Aria- na ist gut. und ich zweifle nicht, daß sie mich ebenfalls beglücken wird. Ganz feh- , lerfrei werden wohl beide nicht sein, denn irgend ein Teufelchen steckt doch in eines jeden Weibes Natur, welches man vor der Hochzeit nie herausfindet. Vierte Scene. Unfall. Der Vorige. Unfall (in die Seitenthüre zurückrusend). Räume Alles ordentlich auf, Anton! und wenn Du fertig bist, bringe mir meinen Zimmerschlüssel nach. Reh. Nun, bist Du bereit? Unfall. Gänzlich. Reh. Ich meine nicht nur mit deinem Anzuge, sondern auch mit deinen Entschuldigungsworten. Unfall. Oefter, als ein Operntext sich wiederholt, werde ich in verschiedenen Variationen meiner Wally die Worte: -»Ich liebe Dich« vorstammeln. Reh. Nun denn so lasse uns gehen! Unfall. Auf den Flügeln der Liebe. — (An der Thüre.) Einen Augenblick, bitteich, ich habe meine Handschuhe vergessen. Reh. Daß Du immer was vergessen mußt! (Geht einstweilen ab.) Unfall (eilt an den Tisch zurück, nimmt die Handschuhe — geht einige Schritte, besinnt sich, kehrt wieder um, nimmt das Etui). Ich kann doch das auch mitnehmeu. Fünfte Scene. Garten. Bufta und Frau von Falten aus dem Hause. Busta. O liebe Schwester! Hältst Du mich für blind? Das habe ich längst bemerkt; bin auch gar nicht dagegen. Unfall ist ein braver und trotz seiner Ungeschicklichkeit geschickter Mensch; wenn er seine Anstellung erhält, und ihn meine Tochter durchaus haben will, von mir aus kann sich die Sache machen. Ich hoffe, er wird in der Ehe nicht so ungeschickt sein. 21 Fr. v. Falten. Und Du weißt, daß es auch mit Fräulein Ariana und dem Assessor nicht richtig ist? Busta. Nicht richtig? — Sind Sie närrisch? Fr. v. Falten. Nein, verliebt. Busta. Nun ja, das ist ja gleich, verliebt'oder närrisch. Fr. v. Falten. Nun, was sagst Du dazu? Busta. Viel Glück sage ich dazu. Ein hübsches Paar. Ariana ist unabhängig, der Assessor ebenfalls und das Heiraten ist nicht verboten; obwohl es immer eine große Inkonsequenz von den Behörden ist, daß sie das Hazardspiel verbieten und die Ehen erlauben. Fr. v. Falten. Hast Du sonst nichts bemerkt, Bruder? Busta. Ja wohl, daß es auch bei Dir nicht recht richtig ist. Fr. v. Falten. Bruder! Busta. Nur heraus mit der Sprache. Ich merkte schon im Anfänge, wo Du hinauswolltest. Heraus mit deinem Nothnagel. Fr. v. Falten. Und Du hast nichts gegen meine Neigung? Busta. Nichts als die Verwunderung, daß Du einen Mann nimmst, dem Du in geistiger Beziehung weit überlegen bist. Fr. v. Falten. Bruder, ich war schon einmal verheiratet mit einem Manne, des- sen Verstand mich sehr oft genirte; ich glaube im Besitze eines weniger Verständigen vielleicht glücklicher zu werden. Zudem hoffe ich, Nothnagel wird auch keine dummen Streiche mehr machen. Busta. Du glaubst also, das ist seiu letzter, wenn er Dich heiratet? Fr. v. Falten (böse). Bruder, das ist verletzend. Busta. War nicht böse gemeint, liebe Schwester, sei nur wieder gut. Du weißt ja, das ist der Fluch schlechter Witze, daß man ihnen die Gerechtigkeit opfern muß. Fr. v. Falten (reicht ihm die Hand). Dein Geständniß söhnt mich wieder mit Dir aus. Sechste Scene. Nothnagel. Die Vorigen. Busta. Ah, Herr Rath, ich begrüße Sie zum ersten Male mit vieler Freude als Schwager. Fr. v. Falten. Mein Bruder ist mit voller Seele unserer Verbindung zuge- than. Nothn. Wie sehr ich mich geschmeichelt fühle, Ihrer ehrenwerthen Familie nun anzugehören, hätte ich nicht erst nothwen- dig zu sagen, daß Sie als treuer Schwager in allen Fällen auf mich zählen können — Busta (ihn unterbrechend). Haben Sie auch nicht nothwendig erst zu saben; lassen wir jetzt alles das, was nicht nothwendig ist, Herr Rath; ich kenne Ihre Gesinnungen und weiß die Wahl meiner lieben Schwester gewiß zu würdigen. Nothn. Ich habe aber auch eine ordentliche Prüfung auszustehen gehabt. Fr. V. Falten, (legt ihm die Hand auf den Mund). Das haben Sie auch nicht nothwendig zu sagen; lassen Sie uns jetzt in die große Laube gehen, die Gäste werden bald versammelt sein. Busta. Ich mache mir ein Vergnügen daraus, Sie der Gesellschaft als Bräutigam vorzustellen. Nothn. (reicht Frau v. Falten den Arm). Darf ich bitten? (Führt Frau v. Falten ab.) Busta (für sich). Daß er Bräutigam ist, ist wohl nothwendig der Gesellschaft zu sagen, denn ansehen wird es ihm woyl kein Mensch. (Folgt den Anderen.) 22 Siebente Scene. Wally und Ariana (aus dem Hause). Ariana. In welcher Angst der arme Unfall zu Hause mag gesessen haben, bis nhm Reh die Kunde deiner Vergebung brachte! Wally. Es ist sonderbar, daß ich mich zu einem Menschen hingezogen fühle, den viele Mädchen verlachen würden. Ariana. Es gereicht Dir nur zum "Lobe, daß Du nicht zu jener Maste von Mädchen gehörst, deren Liebe durch die geringste Ungeschicklichkeit ihrer Verehrer erstickt wird. Deine Liebe fitzt tiefer; Du Liebst den Kern und nicht die Schale. Achte Scene. Reh. Unfall (aus der Hauptthüre), die Vorigen. Reh (zu Wally). Mein Fräulein, hier ist der Verbrecher. Sie haben ihn durch Ihre Liebenswürdigkeit schon früher io Banden gelegt, er erwartet nun noch stärkere Fesseln, die ihm eine Trennung von Zhven für immer unmöglich machen. (Zu Ariana.) Wir. Fräulein Ariana. wollen diesem geheimen Verhör nicht beiwohnen, «s könnten Geständnisse zur Sprache kommen, die die Gegenwart eines Dritten nicht vertragen. Arrana. Ich bitte Dich, Wally, sei nicht zu strenge! (Reh reicht ihr den Arm. Beide ab.) Unfall (nachdem er sich mimisch gesam- melt). Mein Fräulein! Ich wurde bis jetzt vom Schicksale, wohl durch eigene Schuld, von Stufe zu Stufe über dieTreppe des Glücks hinabgeworfen Doch unten an dieser Treppe stand ein Engel, der mich gütig in seinen Armen auffing und dieser Engel waren Sie. Darf ich Ihnen denn endlich sagen, was Sie längst durch Empfindungen wissen, durch Bewußtsein empfinden mußten. Ach, das rauhe Wort ist ein rauher, ungeschickter Bote; ich möchte es einerBlume einhauchen, daßIhrAthem, Ihr schlagendes Herz sie berühre und als solches, von Ihnen geweiht, wieder zurück in mich Hineinschwebe. Verlangen Sie. mein Fräulein, keine sogenannte Erklärung von mir. das kann ich nicht, dazu ist mir die Liebe zu geistig, zu heilig. Das liegt ja längst klar und lauter vor Ihnen ausgebreitet. Sie wissen es ja. wenn ich es auch nicht aussprach, mein ganzes Sein ist nur ein einziger Drang, dieß ganze Sein ganz hinzugeben. O geben Sie mir aus alles, was ich sprach, nicht Worte zurück — nur ein Wort — und sei dieß Wort ein Blick — ein leiser Druck — ein einziger Pulsschlag — gewiß — ich fühle ihn. Wally Mein werther Freund! Kann ich's mir denn selbst verhehlen, daß Ihre Liebe mich längst wie ein Traum umschwebte, aber auch nur wie ein Traum, denn so oft ich darnach faßte, wurde sie mir durch Ihre eigene Schuld zu einem Lustgebilde! Ich weiß es, daß Sie mich lieben; es ist mir eine Ueberzeugung, so leicht, so klar, als wäre mein Herz ein Krystall, und dieß Bewußtsein läge wie ein Diamant darin, rings von durchsichtigen Wänden umschlossen und treu behütet Wozu noch Convenienz, weßhalb Zwang an mir selbst? Ich fühle Sie so ganz in mir, und weiß. Sie können mich beglücken. Unfall. O theure Wally! Wally. Sie haben sich in mein Herz wohl nicht auf geschickte Weise hineinae- llohlen. aber doch hineingestohlen. Ihre Art und Weise zu fehlen, rührte mich. Zhre stille Liebe für mich, um derentwillen Sie so viele Mißgriffe begingen, flößte mir erst Mitleiden, dann innige Theil- nahme und endlich echte, wahre Liebe ein. 23 Glauben Sie mir sicher, daß die Gefühle, die von einem Keime aus dem andern entspringen, fester wurzeln als die unna- türlich rasch aufschirßendeu Gefühlstriebe, die eben so schnell wieder welken, wie sie entstehen. Unfall. Wally! Wie glücklich machen Sie mich! Mein Leben, bis jetzt ohne Einheit, ohne Licht, es wird ganz hell und frühlingsfrisch werden. Ich bedarf einer Führerin, denn ich bin zuweilen recht — nun. Sie wissen schon, was ich meine. Das Alles wird aber anders werden, wenn ein Engel an meiner Seite geht, mir auf die Stirne haucht, wenn sie glüht, aus die Augen, wenn ich der Ruhe bedarf. Ein Engel, der mit Milde und Nachsicht vergibt, wo Andere verdammen! Und Sie, Sie, Wally, wollen mir dieser Engel sein? Wally (reicht ihm die Hand). Sie wollten mir heute den ganzen Tag auf so zarte Art zeigen, daß ich Ihre Geliebte bin, so nennen Sie mich denn so. doch wenn Sie mich so nennen, bedarf auch ich Ihrer Nachsicht. Unfall. Wie so? Wie soll ich das verstehen? Wally. Was ist eine Geliebte? Ein Wesen, wobei der Mann alles vergißt, was er längst auswendig weiß, nämlich alle Schwächen unsers Geschlechts. Unfall. Ihre Bescheidenheit ist die Krone Ihrer Vorzüge. Doch jetzt, theure Wally, da ich so glücklich bin, Sie frei und offen mein nennen zu dürfen, erlauben Sie mir, daß ich endlich doch das Portrait der Geliebten den rechten Händen übergebe. (Zieht das Etui hervor und überreicht es.) Wie hier, spiegeln Sie sich in meinem Herzen ab. Wally (nimmt das Etui, die Aufschrift beschauend). Ich will nun gerne denZnhalt zu diesem Titelblatte vorstellen und mich selbst anlächeln, damitSie ein freundliches Bild Ihrer Geliebten haben. Neunte Scene. Lorchen. Tie Vorigen. (In dem Moment, als Lorchen eintritt, öffnet Wally das Etui.) Wally (gibt das Etui zurück). Nein, das ist zu arg! Das Portrait meines Stubenmädchens! Lorchen. Der Herr Vater verlangt nach Ihnen. Wally (nimmt Lorchen und wirst es in. Unfalls Arme). Und dieser hier nach Dir. (Eilt ab.) Unfall (ist noch beschäftigt Portrait und Stubenmätchen vergleichend zu betrachten). Wirklich, das Portrait des Stubenmädchens! Sagen Sie mir einmal, wie kommen Sie denn da hinein? Lorchen. Ich dahinein? Unfall. Hier hilft kein Läugnen, ich muß Wahrheit haben um jeden Preis, das Glück meines Lebens hängt davon ab. Lorchen Ich bin wie aus den Wolken gefallen. Unfall. Das ist mir gleich; seien Sie gefallen, wo Sie wollen, nur Wahrheit will ich, nur Wahrheit! Lorchen. Ich versichere Sie, Herr, ich bin unschuldig! Unfall. Das geht mich ja nichts an, ob Sie unschuldig sind oder nicht. Aber ich bitte Sie, ich beschwöre Sie, ich will, wenn es denn sein muß, heute noch einmal knieen, vor einem Stubenmädchen knieen. (Kniet.) Zu Ihren Füßen will ich bitten, mein Glück, mein Alles — meine ganzes Zukunft liegt in Ihrer Hand. Zehnte Scene. Anton. Die Vorigen. Anton (erstaunt). Herr, ich bringe den Schlüssel. Unfall (aufspringend). Zu diesem Geheimnisse, zu diesem Räthsel? Anton. Nein, zu Ihrem Zimmer und Dir Ungetreuen bring' ich den Abschied. Lorchen. Ja, ums Himmelswillen, was habe ich denn Dir gethan? Anton. Was Du mir gethan hast? Mir hast Du dein Bild geschenkt^ dein Herz meinem Herrn, ohne Herz aber kann ich Dich nicht brauchen. Unfall. Ja, erkläre mir nur um Alles in der Welt, wie kommt denn das Por- trait da hinein? Anton. HerrlSie verhöhnen mich,nachdem Sie mir Beide geraubt, Bild und Herz? Unfall. Ich Dir geraubt? Mir, mir wurde Alles geraubt. Eilste Scene. Reh (hrreinstürzend). Die Vorigen. Reh. Ja, was hast Du denn schon wieder gemacht? Wally ist ganz consternirt. Unfall (gibtihm dasEtui). Hier—das geht nicht mit rechten Dingen zu. Reh. Unglückseliger, wie kamst Du denn noch einmal zu diesem verhängnißvollen Portrait? (Gibt es Anton.) Ich schenkte es Anton, um das Portrait seiner Geliebten hineinzuthuo. Anton. Ist sie unschuldig? Reh. Von uns beiden gänzlich. Verlaßt uns! (Anton und Lerchen ab.) Unfall (trostlos). Jetzt find wir auf dem alten Fleck. Mir ist nicht mehr zu helfen. Reh. Ein Holzapfel wird selbst imPa- radiesgärtlein ewig keine Ananas. Unfall. Freund, ich bitte Dich, bring' mich um. Reh. Du bringst mich um, ohne daß ich Dich bitte, durch lauter alberne Streiche. Unfall. Es ist unmöglich, Wally kann mich nach allen diesen Vorfällen nie mehr lieben. Reh. Ich muß Dir gestehen, daß ich es selbst glaube. Das weibliche Herz ist zwar für uns Männer etwas Undurchschau- liches. So unbegreiflich der Raum, so unergründlich ist das weibliche Herz. Gäbe es für Gott Räthsel, wären es die Frauen. Die Lösung von Wally's rätselhafter Liebe dürfte nach dieser Begebenheit für Dich eine unglückliche sein. Unfall (nach kurzem Besinnen). Freund, lebe wohl! Reh. Was willst Du thun? Unfall. Ich reise und kehre nie wieder. Reh. Heute noch willst Du reisen? Unfall. Noch diesen Abend. Jetzt gleich. Reh. Und Wally? Unfall. Ich habe mich selbst um das Liebste gebracht, woran sich meine ganze Seele klammerte. Alle Träume meiner Zukunft find plötzlich welk und dürre, ich habe nichts mehr zu hoffen. Reh. Und ohne Abschied willst Davon Wally scheiden? Unfall. Sollte ich es wagen, auf die Gefahr hin, von Wally selbst zu vernehmen, daß ich mit Gott ziehen soll, sie liebe mich nicht mehr? Ich will Wally's Angedenken wie einen schützenden Talisman rein und heilig in mir bewahren, kein Hauch ans meinem Munde soll mein Gehör enttäuschen, das erst vor wenig Augenblicken ihr Geständniß der Liebe wie Mufikklänge in sich aufvahm. Ich werde nie aufhören sie zu lieben. Wahre Liebe bleibt, wo fie ist. sie kann uns tödten, aber nicht verlassen. Reh. Und was soll ich Wally sagen? Unfall. Sage ihr, es gibt Augenblicke i u Z b ri im menschlichen Leben, in denen uns die Wahl zwischen Himmel und Hölle freige- geben ist, in denen der lächelnde Zufall unsere Hand zum Griff in die Urne zwingt, welche Leben, Vernichtung, Bal- > sam und Gifte enthält. Ich zog denWau- derstab. Fort, fort muß ich! Das ist mein Los. Sage ihr, mein Geschick führe mich weit, weit von hinnen, über s Meer, dahin, wo es keine deutschen Mädchen gibt, wenn ich an dessen User im entfernten Lande fitze, und wenn die Sterne über die unendliche Fläche der dunkeln Wasser ihren Glanz verbreiten, so will ich unter allen deutschenMädchen nur anEines denken, das ich nie, nie vergesse. ! Reh. Das kann ich mir nicht Alles l merken. Du mußt schon so gut sein und es ihr selbst sagen. (Reh winkt Wally herbei, welche mit Ariana seit dem Anfänge des Gesprächs, nur von Reh bemerkt, den Worten Unfall's hinter einem Gesträuche lauschte.) Zwölfte Scene. Wally, Ariana. Die Vorigen. Unfall. Ich fliehe, sie darf mich nicht mehr sehen. Wally (aus dem Gesträuche tretend). Halten Sie, ich nehme den Willen für die That. Ariana. Ja, es ist vernünftiger, Sie bleiben im Lande und nähren sich redlich! Unfall. Wally, Sie können verzeihen? Wally. Wenn meine Verzeihung Ihnen zur Aufenthaltskarte dient, recht gerne. Unfall. Die Entziehung Ihrer Liebe wäre mir zum Reisepaß geworden. Ich halte mich fest, damit ich Sie ja nicht mehr verliere. (Ergreift Wally's Hand und führt sie zum Munde.) Dreizehnte Scene. Busta, Fr. v. Falten, Nothnagel. Busta (welcher die beiden Liebenden erblickt). Haben Sie denn Ihre Anstellung schon, Herr Unfall? Reh. Er sucht vorläufig um die Anstellung als Bräutigam bei Fräulein Wally nach. Busta. Vielleicht mache ich jetzt einen unbeschickten Streich, wenn ich es zugebe. Wie meinst Du, Schwester? Fr. v. Falten. Du könntest meinen Geburtstag nicht feierlicher begehen. Vierzehnte Scene. (Im Hintergründe erscheinen) Anton und Lorchen. Die Vorigen. Busta. Nun denn, so umarme sich, was sich liebt! (Umarmung zwischen Unfall und Wally, Nothnagel und Fr. v. Falten. Reh und Ariana, im Hintergründe Anton uud Lorchen.) Busta (nach allen Paaren sehend). Ja, da liebt sich ja Alles! Nothn. Das ist nicht nothwendig erst zu sagen. Der Vorhang fällt Witnn rheater-Rtprttoü Nr. »»7. Zn der Wallishausfer'schcn Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt hoher Markt Nr. 1, find erschienen: Wirser CssvletH aus den beliebtesten Wiener Possen. Sechs Hefte. Preis einrS jeden HefteS 50 kr. östrrr. Währ, oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg, D. F. 1. Da macht' i halt daS G'wiffen sein. 2. Requifiten-Couplet. Z. Figuren-Couplet. 4- Nachher wird eS schon wern. 5. Glöckchen-Couplet. 6- Biblische- Couplet. 7. Falsche Benennungen. 8. Dann ist fie da die bessere Zeit. 9. 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün. 10. Volkslieder. 11. Aber geb'n thut'S eS nit. — Berta, Alois. 12. Jetzt da war» halt Noth, daß wer antauchen thät. 13- Wann, ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. 14. Zu waö daun die Feindseligkeit gegen daS Thier. 15- Lachcouplet. 16- AuS einer Chronika- 17- Früchte, die verboten find. 18. Falsche Anfichten. 19- Französische Worte. 20- Mythologie-Couplet. — Berta u. Bittner. 21- Ohne Umschneiderei. 22. Die papierene Zeit. 23. Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Bittner, Anton. 24- Thier-Couplet. 25- DaS ist noch Geheimniß. 28- Wer hätt' eS geahnt. 27. Ödroniyus seanäaleugs. — Bittner u. Morländer. 28- Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29. Und so wird hinterrücks g'redt. — Böhm, Josef. 30- Na da fieht man'S doch, daß's an der Eintheilung fehlt- 31. Wenn mau die Wirkung fleht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32. Maschinen-Couplrt. 33. Wo man waS sucht, dort find't man e- nicht. — Elmar, Carl. 34- O Spiel der Natur. 35. Lied deS Teufels. 36. Man glaubt nicht, waS in einem Menschen oft steckt. 37. So nehmen fich die Dinge von der Kehrseite auS. 38. O ungeheure Ironie. 39. Da mücht' ich halt wissen, waS nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes: Elmar, Carl. 40- WaS lieget da dran. 41. Ja so geht'S, wmn man heut' zu Tag Geister citirt. — Feldmann u. Flamm. 42. Mit Kleinem sängt man an, mit Großem hört man auf. 43. So waS, da» sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Theod. 44- Keine Rose ohne Dornen. 45- Gesundheit und ein recht langes Leben. 46. Jedes Häferl hat sein Dtckerl. 47- Repertoire-Couplet. — Flamm u. Wimmer. 48- Wann er nur a klan'S Bisserl z'ruckdruken thät. 49 So behilft fich halt Jeder, so gut als er kann. — Gottsleben, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund 5 t. Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52- Na, da- kennm wir schon! 53- Pfui Teufel, daS ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54. Wir bedanken uns sehr. — Grün«, Johann. 55- WaS ein Narr ist. 56- Chineser-Couplet. — Gründorf. 57- Nöthi wär'S net, aber nothweudi war'S. — Haffner, Carl. 58- Da find'» mäuserlstill. 59- Es steckt waS dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60- Wann der mein Kapperl hätt'. 61. Ja, ich kanu'S nit ändern, eS iS halt a so. — Juin. 62- Aber a solche gibt- leider in dieser Welt nicht. 63- Wozu Mancher eigentlich geboren. 64- Fiakerlied. 65- DaS wissen die Götter, wohin da« soll führen. 66- j Da wird einem heiß kalt — warm! Ungeheuer genannt! Inhalt des dritten Heftes: Kaiser, Friedrich.^ 67. Ich bltt' meine Empfehlung, eS wäre schon gut. 68- ES muß ja nicht gleich sein. 69. Da braucht man beim helllichten Tag a Latern. 70. Jetzt daS g'hört aus ein andere» Blatt. 71- Die find halt g'scheidt. 72. Das ist so nobel und so billig dabei. - — Langer, Anton. 73- WaS ist der Unterschied. 74- Aber da mag Keiner net. 75. Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 76- ES schaut nur gemeiner auS. 77- Zu früh und zu spät. 78- Man kann fich'S wohl denken, aber sagen darf man'S nicht. 79- Wann mich der fragen thät. — Megerle, Eher. 80 Marsch mit dem in d'Butteu 81. Man muß nur dea günstigen Zeitpunkt erfragen. — vestroy. 82. Und 'S ist Alle» net wahr. 83- Stern-Lied au» »Lumpaci*. 84. Auf waS fich Mancher hinauSwachsen kann. 85- DaS wär ganz etwa- Neu'». 86- Und mau kommt auf kein Grund. 87 / Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 88. Za, hat denn die Sprach' da keinan- dere- Wort. — varry, A. 89- Ob der die Wahrheit wird sagen. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Ein Bpfer drr Lonsuln. Lastspitl i» ei«m Act vou ' Rarl gründorf. Repertoirestück des k. k. Hostnrg-Theater- Personen. Besetzung am!. f Hofburg Theater Rath Mäusebach .. . Herr Schöne. Katharina, seine Schwester. Frau Benedix. Julie, seine Tochter. . Fräulein Kratz. Horatius Claudius.. Herr Meixner. Fritz Notenheim... Herr Franz Kirschnrr. Netti, Stubenmädchen beim Rath.... . Fräulein Haurnthal. Die Handlung spielt in einer großen Stadt und zwar in der Gegenwart. ' (Die Bühne stellt ein elegantes Zimmer beim Rath Mäusebach vor. — Eine Thüre im Hin- , tergrunde als Haupteingang. — Seitenthüren ' links und rechts. — Recht- im Hintergründe «ein Forlepiano. — Dorne eleganter Tisch mit " Fauteuils.) / Erste Scene. Rath Mäusebach. Katharina. Julie. Rath (der eben im Begriffe ist auSzuge- hen, Hut und Stock in der Hand haltend). Kurz und gut, es bleibt dabei! — Herr Claudius hat mein Wort und wird noch heute herüberkommen, um Dir seinen Antrag zu machen, den Du anzunehmeu hast? Julie (welche am Tische arbeitet). Ach Gott! heute schon? Rath. Nur keineZiererei! — Es bleibt bei meinem Ausspruch! — Kath. (welche im Fauteuil fitzt). Sei doch nicht so grausam gegen das arme Kind. Rath. Ich grausam? — Unsinn! — Ich bin der beste Vater von der. Welt — aber Ihr wollt das nicht einsehen. Julie. Vater, mit diesem lateinischen Herrn Claudius kann ich nicht glücklich werden. L 2 Rath. Das findet sich. Julie. Nie! — Nie! — Nie! — Rath. Bring' mich nicht in Zorn! — Ich weiß sehr wohl, was Dir im Kopfe steckt; — dieser Herr Notenheim, der elende Musikant, der oben im Dachzimmer wohnt, der spukt in deinem Herzen. — Aber ich werde diesen Spuk schon vertreiben; übermorgen ist sein Monat um, und dann dulde ich ihn keinen Augenblick länger in meinem Hause. Julie. Der arme Mensch! Rath. Ja freilich, arm ist er, das ist wahr, — aber von seiner Menschheit hat er mir noch keine Beweise geliefert. — Sag' mir nur, was würdest Du denn mit dem armen Teufel ansangen? — Unsinn! Julie. Ihn heiraten! — Rath. »Heiraten!« —Das ist leicht gesagt, — aber was dana? in Compagnie Hunger leiden? Julie. Aber Vater! Du bist ja reich! — Wir werden bei Dir wohnen und essen. Rath. Unsinn! Daraus wird nichts! — Dein Herr Notenheim hat nichts Ordentliches belernt, als Clavierspielen und Notenschreiben. und davon kann er keine Frau erhalten! Julie. O! er kann noch viel mehr! Rath. So? Was denn, wenn ich fragen darf? Julie. Du solltest nur die schönen Lieder hören, die er selbst compooirte. Rath- So! — also diese Untugend hat er auch? — Na, der wird was Sauberes zusammen componiren! — Unsinn! Kath. Lieber Bruder! Du thust dem Herrn Notenheim Unrecht, — er hat viel Talent! Rath. Misch Du Dich nicht in diese Angelegenheit. Kath. Meine Pflicht als Tante gebietet mir, Dir zuzurufen, daß dein Kind mit diesem Herrn Claudius unglücklich werden muß, da er nicht einmal seine fünf Sinne ordentlich beisammen hat. Rath (erzürnt). Unsinn! -- Mir scheint. Dir fehlen ein paar Sinne, weil Du so faselst? Kath. O. ich kann Alles verantworten, was ich sage, aber dieser elastisch e Herr Claudius spricht oft unverantwortlich dummes Zeug! — Der faselt! — und zwar von Consuln, Tribunen und dergleichen römischem Plunder! Rath (entsetzt). Römischer Plunder! — Welche Blasphemie! — Herr Claudius ist ein gebildeter Mann und liebt die Alten — Kath. Julchen liebt aber die Jungen, und darum passen die Beiden nicht zusammen. — Herr Claudius soll sich eine Alte zur Frau nehmen. Rath. Unsinn! Wenn er auch seine Schwächen hat, so kann er doch ein vortrefflicher Ehemann werden. Kath. Ein sauberer Ehemann, der den ganzen Tag von Consuln und Tribunen schwätzt, und über die Alten seine junge Frau vergißt. — Rath (Anfallend). Mische Du Dich nicht in diese Heirat! — Sie wird, sie muß zu Stande kommen. Ich verdanke seinem Einflüsse meine Stellung, und seinen weisen Rathschlägen die Erhaltung meines Vermögens. Mit wahrhaft antikem Heroismus warf er sich mir entgegen, als ich, in einer üblen Steuerlaune mein Haus verkaufen und mich mit meinem Gelde auf den Papiermarkt werfen wollte. Er ist mein einziger Freund und hat mein Wort, daß Julie seine Frau wird. Uebrigens ist er die beste Seele von der Welt, und ein Mann von Charakter und mit einem solchen Manne wird ein weibliches Wesen niemals unglücklich! — Kath. Aber seine excentrischen Manieren — Rath (rasch einfe.lltnd). Sind eben nur ein etwas greller Widerschein seines stark phosphorescirenden Gehirns. — Die kleinen Schrullen, die er an sich hat. müßt 3 Ihr dem Stubengelehrten zu gute halten. — Sein Herz ist dafür vortrefflich! Julie. Aber, Vater, den Herrn Claudius mag ich nicht! Rath (nimmt den Hut vom Tische). Und den Herrn Notenheim kriegst Du nicht! — Punctum! — 8»ti8! — dir!! — Unsinn! — Ich komme bald wieder zurück! Sollte Herr Claudius indessen kommen, so läßt Du ihn mit Julie allein! — ich will es so! — verstanden, Schwester? — (Zu Julie.) Was Du, mein Kind, aus seinen Antrag zu erwiedern hast, das weißt Du! — Unsinn! — Adieu! — Ihr kennt meine Strenge? — (Er geht rasch ab.) Zweite Scene. Katharina. Julie. Später Netti. Julie (ausstehend und zur Tante gehend). Tante! liebste, beste Tante! Was soll ich jetzt beginnen? Kath. Den Sturm des Herrn Claudius abschlagen! Julie. DerVater hat aber befohlen — Kath. (einsallend). Der Tyrann! — Doch tröste Dich! — Ich beschütze Dich. Julie. Taute! — empfange Du den Herrn Claudius, und sage ihm — Kath. Sage es ihm nur selbst, daß Du ihn hoffest, daß Du ihn sammt seinen Alten verabscheuest! — Julie (einsallend). Aber Tante! Das getrau' ich mich nicht! Kath. Nun, so heirate den alten Römer! — Entweder mußt DuDich getrauen oder Dich ihm antrauen lassen. Julie. O ich armes, unglückliches Mädchen! — Der gute Fritz, der mich so sehr lieb hat, was wird der — ? — (Schnell.) Wenn man es ihm nur mittheilen könnte, was heute bei uns vorgeht, vielleicht wüßte er einen Rath. Kath. Du hast Recht, Notenheim muß in Kenntniß gesetzt werden! — Wir müssen ihn holen lassen; aber wenn es dein Vater sähe — Julie. Fritz war ja schon oft bei uns! Kath. Ja früher, als er Dir noch Sektionen geben durfte; aber jetzt — Julie (innig bittend). Laß' ihn holen, beste Tante, — ich beschwöre Dich! Kath. Nun, es bleibt uns kein anderes Mittel. (Sie klingelt; — Netti tritt ein.) Netti. Befehlen? Kath. (betonend). Wenn Du zufällig dem Herrn Noteoheim begegnen solltest, so kannst Du ihm sagen, daß der Herr Rath jetzt außer Hause ist, und daß wir zufällig allein find. — Verstehst Du? Netti. O! Ich verstehe! — »zufällig,* sogleich! (Läuft ab.) Kath. Aber es ist eigentlich doch unrecht, daß wir während des Vaters Abwesenheit deinen Verehrer einladen. Julie. Liebste Tante! — was ist da Unrechtes dabei? Du bist ja bei mir! — und ich (seufzend) seh' ihn vielleicht zum letzten Mal! Kath. Uns entschuldigen jedenfalls die dringenden Umstände. (ES wird an die Thüre geklopft.) Herein! Herein! Dritte Scene. Vorige. Notenheim. Später Netti. Notenheim (bescheiden und schüchtern eintretend. — Er hat als enragirter Musiker die Gewohnheit, öfters mit beiden Händen zu agiren, als ob er eben Llavier spielte.) Sie haben erlaubt, meine Damen — ? Kath. Willkommen! Julie. Guten Morgen, lieber Friedrich! — (Eilt ihm entgegen und reicht ihm die Hand.) Notenh. Beste Julie! (Er küßt ihr die Hand.) i* 4 Julie. Ich muß Ihnen eine traurige Mittheilung machen. Notenh. Wahrscheinlich, daß Ihr Herr Vater darauf besteht, daß ich aus dem Hause ausziehen soll. Julie. Das ist nicht das Schlimmste! Gr sprach eben wieder in sehr harten Ausdrücken von Ihnen und sagte: »Sie wären ein Mensch, der nichts Nützliches gelernt hätte und nie eine Frau erhalten könne.* Notenh. (indignirt). Ah! Darin irrt er vielleicht doch! Julie (schnell). Das habe ich auch gesagt! Notenh. Heute bin ich allerdings noch der unbekannte Klavierlehrer, aber vielleicht Morgen schon — Julie. Sie haben Aussichten? — Notenh. Allerdings) ich hege gegründete Hoffnungen!— In einigen Tagen, sogar vielleicht in einigen Stunden, ist mein Loos entschieden! — Mein Name ist ßanv rühmlich bekannt und meine Stellung gesichert! — Haben Sie nur noch eim'ge Tage Geduld, mein liebes Julchen. Julie. Dann ist's aber zu spät. Notenh. Zu spät? — wie so? — Julie. Ach Gott! — Der Vater will, das heißt, er will — Kath. (fortsahrend). Mein Bruder will durchaus, daß Julchen den Herrn Claudius heirate! — Notenh. Nicht möglich! — Julie! Julie (nickt stumm) Kath. Und das arme Kind getraut sich nicht den aufgedrungenen Freier abzu- weisen. Notenh. (zu Julie). Fordern Sie Bedenkzeit — nur sür ganz kurze Zeit! Julie. Das kann ich nicht! — Der Later ist gar zu strenge, und läßt nicht gut mit sich reden. (In Lhränen.) Ich sehe keinen Ausweg! Notenh. Julie! lieben Sie mich wahrhaft? - Julie (ihm beide Hände reichend.) O gewiß! Notenh. Nun, so möge Ihnen die Liebe den Muth geben, Bedenkzeit zu fordern; wollen Sie? Julie (entschlossen). Ich will's! Notenh. (entzückt). O einziges Mädchen! — (Tr umarmt sie.) Kath. (dazwischen tretend). OtmervsL 1s8 ätztwIZ? M68 6ntant8! Netti (rasch eintretend). Der Herr Claudius bittet um die Erlaubniß! Julie. Um Himmels Willen! — Kath. (zu Notenheim). Das ist fatal. — Er wird Sie hier sehen! Netti. Soll ich ihn abweisen? Kath. (zu Netti). Nein, nein! — suche ihn noch einen Augenblick aufzuhalteu und laß' ihn dann eintreten. Netti. Sehr wohl! (Rasch ab.) Julie. Er wird uns zu Rede stellen, er wird Rechenschaft fordern! — O Himmel! Notenh. Nun, so treten Sie ihm au meiner Hand entgegen und sagen Sie ihm -- Julie. Nein, nein, nein! — Da- getraue ich mich nicht! — ich verstecke mich lieber vor ihm. (Eilt links ab.) Kath. Mir! Julie! — so bleib' doch — sie hört mich nicht! — (Zu Fritz.) Entschuldigen Sie, ich bringe sie gleich wieder zUruck. (Rasch nach links ab.) Notenh. (allein). Ach, das ist gut! — jetzt lasse» mich beide Heldinnen im Stich! — da steh' ich am Kampfplatze wie ein verlorner Posten — das kann schön werden! Vierte Scene. Nvtenheim. Claudius. Claud. (im Eintreten). 4r«tvl — Entschuldigen Sie, meine Damen! Ah!—Als dereuls! — waS seh' ich? — Odsluxni, voraus kauoidus kaesit!-Das ist ja ein Mensch xensrw maneulini! Notenh. Zu dienen. Herr Claudius, ich bin's! (Er will an Claudius vorüber, zur Thüre.) Claud. (ihm seinen Stock entgegenhallend). ^paxe! — Was machen denn Sie hier im Hause? — Die alten Römer hielten sehr auf das Hausrecht, das fast eben so ausgedehnt war, wie das M8§Iaäii! — was thatenSie hier? tzuiä llio kaeie- t)L8? Notenh. Ich? — ich — ich wollte das Clavier stimmen. Claud. tzuiä auäio?! — Clavier- stimmen? — Während der pator ka- milins, — zu deutsch Hausvater, abwesend ist, haben Sie nichts zu stimmen, gar nichts! — Sie Mstilax! Notenh. (indignirt). Erlauben Sie — Claud. Ich habe hier gar nichts zu erlauben; aber ich weiß, daß der Herr Rath Ihnen ausdrücklich das Haus verboten hat, und bei den Römern war ein solches »Veto* ein heiliges Gesetz, lex ssera! saera! Notenh. (eingeschüchtert). Fluchen Sie nur nicht gleich so! — Claud. Wissen Sie, daß Fräulein Julie meine Braut ist? — Wissen Sie, was bei den alten Römern eine 8pon8a — eine Braut — bedeutete? Notenh. Ich weiß nur, daß von der Brautschaft nicht einmal Fräulein Julie etwas wissen will! Claud. Wissen Sie, was für Rechte bei den Römern ein Bräutigam hatte? Notenh. Wir find ja Deutsche, — mein Herr! Claud. Wissen Sie, daß ich Sie Hinauswersen könnte? Notenh. (ihn copirend). Das heißt, wenn Sie es könnten! Claud. ^uäLeia oxtraoräinaria! — Sie wagen es mir noch entgegen zu treten, nachdem Sie es gewagt haben, nach des Vaters Weggehen sich hier einzuschleichen? N otenh. Ich bin nun schon einmal so im Wagen d'rin! Claud. Das soll Ihnen schlecht bekommen! — Wissen Sie, daß bei den alten Römern die Jugend vor dem Alter Respect hatte? — Plimus sagt: „8it spuä 1v llonor 86N6otuti8!" Notenh. Die römischen Greise waren auch wahrscheinlich etwas respectabler. Claud. Nur wahrscheinlich? — gewiß! — Die alten Römer — aber notabene — Sie wissen vielleicht nichts von den alten Römern? Rotenh. Nicht sehr viel! Claud. 0 inkeiix! Sie wissen nichts von den vortrefflichen Einrichtungen dieses größten Volkes der Welt und aller Jahrtausende? Notenh. Leider weiß ich nur sehr wenig davon! Claud. 0 Lmxtübium anteäiluvia- num! — Ich habe Mitleid mit Ihnen, Ihrer Unwissenheit wegen. — Notenh. Erlauben Sie — Claud. (sehr rasch und feurig). Erlauben vielmehr Sie, daß ich Ihnen mit Cicero zuruse: „Ltnäia aäo1e8eentiLm alunt. 8tzneetutem vlrleetant, 86eunäa8 r68 vrnant, in aäver8i8 perkuxinm et 8oIa- tium praedent." Notenh. (welcher staunend zuhörte). Das mag Alles sehr schön und wahr sein, — aber ich verstehe nichts davon! Claud. Sie verstehen nicht lateinisch? Ihnen ist die erste und schönste Sprache der Welt unverständlich? 0 juvenin pau- psrrime! — 0 ück»8toäon! Notenh. Jetzt erlauben Sie, daß ich gehe! Claud. Zliniwe, amiee! — Sie werden nicht eher von diesem Platze gehen, als bis ich Ihnen die alleruöthigsten Be griffe der lateinischen Sprache beigebracht habe. 6 Notenh. (wendet sich zum Gehen). Aber ich bitte - klaub, (drückt ihn aus den Stuhl). Setzen Sie sich und hören Sie! — Die lateinische Sprache — linxua latina, — stammt aus Latium, von wo sie durch Romulus und Remus, welche von Alba- longa mit einer Kolonie Albaner aus- wavderten, nach Rom gebracht wurde, und daher, jener Abstammung zufolge, noch heute die lateinische Sprache heißt. Notenh. (will ausstehen). Aber erlauben Sie, ich muß ja fort! — Klaub, (ihn niederdrückend). Die lateinischen Buchstaben waren anfänglich ganz bedeutend mit den griechischen Buchstaben der Form nach verwandt, später aber erhielten sie ihre ganz eigenthümlicheForm. Notenh. (will ausstehen). Mein Herr! Das ist gar keine Form, mich so festzuhalten; ich habe keine Zeit! klaub, (ihn bei beiden Schultern festhaltend, rasch). Das älteste lateinische Alphabet hatte anfänglich nur 16 Buchstaben, welche Evauder aus Griechenland nach Latium brachte. Später kamen zu den 16 Buchstaben noch F und H hinzu; noch später erhielten die Römer von den Etru- rieru die Zeichen V und X. zugleich mit dem Kalender, und nahmen auch die etru- rische Benennung der Buchstaben statt der griechischen an. Rotenh. (ausstehen wollend). Das ist sehr interessant, aber wollen Sie mir dieß nicht morgen sagen? K laud. (entzückt). Morgen, übermorgen, alle Tage! — Wenn es Sie iuteres- firt, so will ich Ihr Lehrer werden, und will Sie mit den alten Römern und deren Sp rache bekannt machen. Notenh. (steht rasch auf). Sie würden mich sehr verpflichten, wenn — Ctaud. (eiusalleud) Also — Sie wünschen es? — Mit Vergnügen! — ?er ^lovsm! ich will Ihnen Unterricht geben. Nottenh. (trocknet sich den Schweiß). Aber nur heute nicht! — Bitte — bitte! klaub. Nein, lieber Freund! Heute nicht, aber von morgen an alle Tage acht Stunden — besuchen Sie mich, hier haben Sie meine Adresse! (Er gibt ihm seine Karte.) Notenh. (zerstreut). Gewiß! — Gewiß! — klaub. Kommen Sie an meine Brust, junger Mann! (Er umarmt ihn.) Sie werden ein braver, gelehriger Schüler sein! — (Er küßt ihn aus die Stirne). 8aIv6L8, amies. Notenh. (sich losmachend). Jetzt muß ich aber fort! Claud. (ihn aushaltend). Ich sehe Sie aber gewiß morgen! Notenh. Ganz sicher! (Für sich.) Der kann lange warten! Claud. Also auf Wiedersehen! — Val6L8! Notenh. (im Abgehen, leise). Ich bin nur froh, daß ich so loskomme! (Er eilt zur Mittelthüre ab.) Fünfte Scene. Claudius allein. Claud. (ihm nachsehend). ^uv6vi8 in- A 6 NU 08 U 8 ae äi1i§6U8! Liebenswürdiger Jüngling! — Das ist der Erste, der mich ruhig und aufmerksam anhörte! — O! ich bin überzeugt, daß der Sinn für das klassische in diesem modernen Babel noch nicht erstorben ist! — Es fehlt den jungen Leuten nur die Gelegenheit, sich auszubilden, — Dieser Jüngling brennt für das klastische und muß sich in dem modernen Sumpf versinken sehen! Doch ich kam noch rechtzeitig als Retter dieser jungen Seele, — wie lebhaft er mir znhörte, so versunken, und dabei glüht er für das Klastische! — Lange habe ich gebraucht, bis ich einen Menschen befunden habe, der mein Schüler werden will. — 0 ms keU- <56m! — ko<; 68t eoQeoräatum verum! — Ich habe einen Schüler! Ich bin überselig! (Der Rath ist während der letzten Worte unbemerkt eingetreten und bleibt verwundert stehen. Claudius erblickte ihn und stand auf.) Sechste Scene. Claudius. Rath. Später Julie. Rath (aus der Mitte kommend). Was hast Du denn? Du declamirst Dir da etwas vor? — Hast Du meine Tochter gesprochen? Claud. Deine Tochter? (Verlegen.) Ja; — das heißt nein! sie war gar nicht hier. (Für sich.) Ns tmreule! Jetzt Hab' ich die Braut vergessen! Rath. Warum hast Du sie nicht rufen lassen? Claud. Ich — ich habe mich da ganz verplaudert. Rath. Mit wem? Claud. Mit Herrn Notenheim. Rath (auffahrend). Was? Der Unverschämte war hier? — Das ist zu arg! Claud. Wie so? Our? — yuomoäo? — quaudo? — Rath. Das ist eine Frechheit ohne gleichen! Claud. Aber erkläre mir doch! — Bei de» alten Römern — Rath (ihn unterbrechend). Laß mich ungeschoren mit den alten Römern, wenn ich von dem jungen Musikanten rede! — Du wirst ihm doch gleich deine Meinung im kategorischen Tone gesagt haben! Claud. Xe quaquam! — üuuä csua- quum! — wir kamen auf mein Lieblingsthema. auf die Alten, zu reden, und da vergaß ich — Rath. Unsinn! Ich glaube, Du bist verrückt! — Findest da einen Nebenbuhler und anstatt ihn hinauszuwerfen, hältst Du ihm eine Vorlesung über die alten Römer! Claud. (sortfahrend). Die der junge Mann sehr aufmerksam anhörte. Rath. Zum Narren hat er Dich gehalten! Claud. Das glaube ich nicht, amme! es war sein Ernst! Bei den alten Römern hatte die Jugend vor dem Alter — Rath. Geh' zum Teufel mit deinen Römern, über die Du die Hauptsache vergaßest! Claud. ?er Covern! Die vergaß ich ganz! Rath. Unsinn! — Jetzt ruf' ich meine Tochter und sag' ihr in deiner Gegenwart, in deinem Namen - - Claud. Laß' mich nur erst einen Augenblick mit ihr allein. Der Mann muß immer selbst dem Mädchen seiner Wahl die Erklärung machen, so war's auch bei den alten Römern — also laß mich mit ihr allein! Rath. Wie Du willst! — (Geht zur Thüre links.) Julie! Komm heraus! Julie (zögernd eintretend). Was soll ich denn, Papa? Rath. Hier ist der Herr Claudius, der Dir unter vier Augen wichtige Dinge zu sagen hat. (Julie grüßt förmlich. Claudius verbeugt sich lies.) Als folgsames Kind weißt Du. was Du zu antworten hast. — Unsinn! (Er geht in's Zimmer rechts.) Siebente Scene. Claudius. Julie. Claud. Mein Fräulein! (Bei Seite.) Aller Anfang ist schwer, das fühle ich. Julie. Herr Claudius! (Für sich.- Wenn ich nur wüßte, was ich ihm ant) Worten soll? Claud. Ich nehme mir die Freiheit — (Hustet.) 8 Julie. Ich fühle mich sehr geehrt — (Hustet.) Claud. (plötzlich). Bei den alten Römern war es Usus oder Sitte — Julie. Bei den Römern? — Wie so? Claud. (eifrig). Sie kennen wohl die Einrichtungen der alten Römer nicht? Julie. Leider nicht! Claud. Also Sie interessiren sich dafür? — Ach! — Da will ich Ihnen gleich in Kürze die Hauptzüge der römischen Verfassung auseinandersetzen. (Er spricht immer schneller und schneller.) An der Spitze des römischen Staates stand der Senat, ein Collegium von 300 Mitgliedern aus dem Patrizierftande. Die höchsten Verwaltungsangelegenheiten besorge dieser und dekretirte in besonderen Hallen auch neue Gesetze. -- Sonst hatte im Allgemeinen nur das Volk in den Comitien das Recht, neue Gesetze zu decretiren; dasselbe entschied auch über Krieg und Frieden! — Jnteressirt Sie das? Julie. O sehr! (Für sich.) Jedenfalls mehr als seine Liebeserklärung. Claud. (im Eifer sortsahrend). Nun aber kommt die Hauptsache! Julie (für sich). O weh! Jetzt kommt die Erklärung! Claud. (eifrig und schnell). Wenn der Staat sich in außergewöhnlicher Gefahr befand, so ernannten die Römer einen Diktator mit unumschränkter Gewalt über Leben und Tod! Julie (gleichgiltig). So! Claud. Ja! Nicht wahr, das inte- refsirt Sie? Julie (ironisch). O sehr! Claud. (eifrig). Unter den Diktatoren ist besonders der bekannte tzuiutus Radius Uaximu8 Ounetator bemerkens- werth; er hieß ,6nnetator« oder Zauderer, weil er es verstand, mit Klugheit zu zaudern! Die Zauderer find unter den Feldherren noch jetzt zu finden, aber klug sind fie nicht immer. Julie (für sich). Er ist selbst einer von den Unklugen! Claud. Aber jetzt hätte ich bald vergessen. Ihnen zu erklären — Julie (für sich). O weh! — Jetzt kommt's!! Claud. (sortsahrend). Die obersten Stellen uuter den Würdenträgern nahmen die beiden Konsuln ein! — Dann kamen die Prätoren, die Censoren, die Aedilen und die Quästoren. (Der Rath tritt leise ein.) Julie (ihn erblickend). Da kommt der Papa, den wird das Alles viel mehr interessiren. (Sie läuft lachend in'S Zimmer links.) Achte Scene. Claudius. Rath. Claud. (sortsahrend). Der Senat bestand aus Patriziern. ' Rath. Unsinn! Laß doch jetzt die Römer aus dem Spiele! Bist Du mit ihr in Ordnung? Claud. Mit wem? Rath (ärgerlich). Nun, mit meiner Tochter! Claud. Mit deiner Tochter? — 0 ms stupiäum 8tu1tumgus! Die Hab' ich ganz vergessen! Rath. Jetzt wird's mir bald zu toll! Ich Hab' Euch doch volle zehn Minuten allein gelassen. Claud. Man kann doch nicht gleich — »in msäm8 rs8« — kommen, das heißt mit der Thüre in s Haus fallen; ich mußte doch meinen Antrag erst praseautim einleiten und da bin ich unwillkürlich wieder auf die Alten gekommen. Rath. Mensch! — Was soll denn meine Tochter von Dir denken? — Sie erwartet einen modernen Heiratsantrag und Du hältst ihr einen klassischen Vortrag! 9 Claud. Es war allerdings nicht ganz entsprechend, doch bei den alten Römern— Rath. Hol' Dich der Teufel sammt deinen alten Römern! Claud. tzuiä kaeienäum? — sagt der Lateiner; was ist da zu machen? Rath. Ich rufe nun meine Tochter hierher, und werde in deinem Namen sprechen. Claud. (Hut und Stock nehmend). Dann gehe ich; jetzt genire ich mich vor ihr zu sehr! — (Er will zur Thüre.) Rath (hält ihn fest). Unsinn! — Du bleibst! — Julie! — Julie! — Elaud. (sich der Thüre nähernd). Ich komme später wieder, ich habe jetzt ein dringendes Geschäft. (ImAbgehen.) tzuiä- cfniä a§is, pruäsntsr axa8 st rsspiee Lnsm! — (Schnell ab.) Rath (ihm nachsehend). Da rennt er hin, der tolle Mensch! Aber sobald er zurückkommt, muß alsogleich die Verlobung stattfinden. (Ab nach rechts.) Neunte Scene. Katharina. Julie. (Bon links.) Kath. (im Heraustreten). Ist das möglich? — Herr Claudius hätte Dir eine gelehrte Vorlesung gehalten in dem Augenblicke, als er um deine Hand an- halten sollte? Julie. Wie ich Dir sagte; er erzählte mir von Tribunatoren und Sensalen, oder wie diese Herren heißen — Kath. (lachend). Na, laß nur gut sein, mein Kind! — Ich will jetzt mit deinem Vater ernsthaft sprechen, — einem solchen Narren darf er Dich nicht opfern! — Wenn nur dein Friedrich schon eine gesicherte Existenz hätte! Julie. Er hat aber Aussichten! Kath. Liebes Kind! Aussichten find trügerische Irrlichter, die schon Manchen in den Sumpf des Elendes führten. . Julie (bittend). Liebe Tante! Du verläßt mich nicht? Kath. Im Gegentheile! Ich werde meine ganze Tanten-Autorität aufbieteu, um Dich dem alten Eisbären aus den Zähnen zu räumen. — Der Herr Claudius soll sich den Mund abwischen, Dich bekommt er nicht! — Geh' jetzt, mein Kind, dein Vater könnte kommen, und ich will und muß bei der Unterredung mit ihm allein sein. Julie. Ich verlasse mich ganz auf Dich, einzige Tante! (Küßt ihr die Hand und läuft links ab.) Zehnte Scene. Katharina (allein). Kath. Das hieße ja eine Rosenknospe auf eine Eisscholle werfen! — Dieser pe- dantische Claudius und dieses liebeswarme Engelskind! — Nein, nein! Das soll und darf nicht geschehen! Ellfte Scene. Katharina. Notenheim. Notenh. (mit einer Schrift in der Hand hereinstürzend). Ist Julie nicht da? Kath. (erstaunt, doch freundlich). Was wolleu Sie denn jetzt? Notenh. Ich bin noch ganz außer Athem! Kath. Was ist Ihnen denn? Notenh. Die Freude! Das Glück! — Wo ist Julie? -- Ich muß sie von meinem Glück sogleich in Keontniß setzen! Kath. Um's Himmels Willen! Sie find ja ganz außer sich! — Theilev Sie mir doch mit — Notenh. Nun so hören Sie! (Sr hslt tief Athem.) Ich habe den Preis gewon- 10 ueo — dev erstes Preis! — Lasten Sie sich umarmen! (Er umarmt sie.) Denken Sie, beste Tante, den ersten Preis! Kath. (erstaunt). Einen Preis? Notenh. Sie misten nicht, wovon ich spreche? — Also, hören Sie! Das Konservatorium hat einen Preis ausgeschrieben für die beste Komposition! Ich wagte es zu concurriren, und — (holt tief Athen,) gewann den ersten Preis! — Zugleich wurde mir eine einträgliche Stelle als Professor an diesem Institute angetragen, die ich natürlich sofort annahm. Ich habe nun Namen, Stand und sicheres Einkommen. — Wo ist Julie? Ich muß ihr mein Glück verkünden! Kath. (gerührt). Ich gratuliere Ihnen vom Herzen! (Sie reicht ihm die Hand.) Notenh. Jetzt darf ich doch auf Ihren Beistand hoffen, nicht wahr? Kath. (von einer Idee erleuchtet). Natürlich, auf Tod und Leben! — Hören Sie jetzt meinen Plan! Mein Bruder ist ein durchaus praktischer Mann, der auf Ihre Kunst als Lebenszweck nicht viel hält, obwohl er die Musik, als solche, sehr liebt. Sie müssen suchen, eben durch Ihre Kunst, bei ihm Eingang zu finden, und da habe ich eine Idee! — Mein Bruder war in seiner Jugend einmal bis über beide Ohren verliebt. Zu seiner Zeit, das heißt als er liebte, existirte ein allgemein beliebter Walzer, der sogenannte »Flora- Walzer« — Notenh. O den kenne ich sehr genau! (Spielt in der Luft mit beiden Händen, als ob er am Klavier säße.) ^ Kath. Um so besser! — Diesen Walzer müssen Sie spielen, wenn der Rath kommt, das heißt, wenn ich Ihnen dazu das Zeichen geben werde. Notenh. Ganz recht, aber warum gerade diesen veralteten Walzer? Kath. Weil er bei den Tönen dieses Walzers seine Frau kennen lernte, die er innig liebte, deren Andenken er jetzt noch ehrt, — und die auch Flora hieß. — Dieser Walzer wird jseine Erinnerung wachrufen, und sein Herz so stimmen, wie ich es zu eurem beiderseitigen Glücke nöthig habe. Notenh. Ah, ich verstehe! — Also ich — (Im selben Augenblicke öffnet sich rechts die Thüre, und der Ratb tritt heraus.) Zwölfte Scene. Vorige. Rath. Rath, (erstaunt). Ah, das geht doch zu weit! — Sie find schon wieder da! — Was wollen Sie hier? Kath. Der Herr Notenheim theilte uns eine sehr erfreuliche Neuigkeit mit; er hat einen Preis gewonnen! Rath. Einen Preis? — Sie? — Wofür? — Für Ihren Mops? — Notenh. Für eine Komposition. Kath. Und dafür hat man ihm eine Stellung als Professor am Conservato> rium angetragen, die ihn reichlich ernährt. Rath. Unsinn! Du hältst mich zum Narren! Notenh. (bescheiden, doch fest.) Es ist so! — wahrhaftig! — Ueberzeugen Sie sich selbst, Herr Rath! — (Will ihm einen Brief geben.) Rath (kalt, ablehnend). Nun, dann gra- tulire ich Ihnen. Notenh. Danke herzlich, Herr Rath. Rath. Aber was wollen Sie? Kath. Lieber Bruder! Herr Notenheim hat mich gebeten, seinen Fürsprecher bei Dir zu machen, und ich halte nun in seinem Namen förmlich um Juliens Hand an. Rath. Unsinn! — Weißt Du nicht, daß Herr Claudius mein Wort hat? Kath. Weißt Du nicht, daß diesen lateinischen Hanswurst deine Tochter nicht mag. weil er ein alter Narr ist und bleibt? 11 Rath. Zwinge mich nicht, unangenehm zu werden, Schwester! - Und Sie, mein Herr, seien Sie glücklich, inGottes Namen, aber — außer meinem Hause! Kath. (gibt Notenheim einen Wink, dieser zieht sich dann in den Hintergrund zurück und geht zum Tortepiano, an das er sich setzt). Bruder! Hast Du denn ganz vergessen, daß zum Glücke der Ehe Liebe gehört? — Hast Du denn vergessen, wie glücklich , gerade deine Ehe durch eure gegenseitige Zuneigung war? — Denke an deine selige Flora, an jenen Ball im Casino, bei welchem Du sie zum ersten Male sahst! Denke an die Zeit deiner Jugend! — (Im selben Augenblicke spielt Notenheim den Flora-Walzer erst ganz leise, dann lauter. Der Rath lauscht erst einige Augenblicke, ohne sich umzusehen, dann wendet er sich; und nun sängt Notenheim an ganz laut zu spielen. Der Rath deutet durch stummes Spiel sein Entzücken an; er gibt mit beiden Händen den Tact und scheint ganz verzückt. Katharina nimmt innigen Antheil an der Scene, während welcher keine Sylbe gesprochen wird. Notenheim hält inne.) Rath (auf ihn zugehend). Ich danke Ihnen! — (Er drückt ihm die Hand.) Sie haben mir die Erinnerung an den seligsten Augenblick meines Lebens wach gerufen, haben mich in meine Jugendzeit zurückversetzt, ich danke Ihnen! (Umarmung; — er wischt sich eine Thräne weg.) Ich weine gar, wie mir scheint; — Unsinn! Notenh. Ich bin darüber entzückt, daß es mir gelungen ist, Ihnen einen frohen Augenblick zu bereiten. Rath. Hören Sie, den Walzer muß meine Tochter spielen lernen — Kath. (einfallend). Nichts leichter als das! — Du gibst dem Herrn Notenheim deine Tochter zur Frau, dann spielen sie Dir den ganzen Tag den Walzer vierhändig, so oft Du willst! Später sogar sechs- händig — achthändig! Rath (mit dem Finger drohend). Schwester, Schwester! Du bist ein weiblicher Hannibal an Schlauheit und Tactik, Du hast mich überrumpelt und besiegt! Kath. Ich rechnete auf die Schwäche dieser Festung. — (Sie deutet aus sein Herz.) Notenh. Herr Rath! — Dürsteich hoffen — Rath. Das geht ja nicht! Claudius hat ja mein Wort! Kath. Ja, er hat dein Wort, daß Du ihm deine Tochter gibst, wenn er um sie anhält; aber er thut es ja nicht, er kommt ja zu keiner Erklärung! Rath (verlegen). Das ist allerdings wahr! Kath. Ich mache Dir einen Vorschlag. Gib ihm noch einmal Gelegenheit, sich zu erklären. Wir lassen ihn mit Julie allein und bleiben in der Nähe. Verfällt er dann wieder in den alten Ton und kommt wieder nicht zur Sache, so bist Du ja deines Wortes entbunden. Rath. Es sei! — Darauf geh' ich ein! Aber ich glaube, daß Du Dich verrechnest; dießmal wird er sich gegen Julie bestimmt erklären. Kath. (leise zu Notenheim). Das soll meine Sorge sein. Rath. Kinder! Eiu's bedinge ich mir aus! Wir spielen offenes Spiel — ich theile meinem Freunde früher mit, daß er jetzt eine Probe zu bestehen hat. Kath. Immerhin! Rath. Nun gut, liebe Schwester! Besorge Du indessen den Kaffee! — Herr Notenheim. Sie find mein Gast! Notenh. (entzückt). O, ich bitte — Rath. Folgen Sie mir auf mein Arbeitszimmer; wir haben noch Wichtiges zu besprechen für den Fall, als — nun, Sie verstehen mich schon? -- Nun, kommen Sie! — kommen Sie! (Er führt den entzückten Noteuheim in sein Zimmer rechts. Rath trällert dabei den Flora-Walzer.) -- — 12 Kath. (ihnen aochsehend). Also mir bleibt es überlassen, dem Herrn Claudius eine Nase zu drehen; ich will doch sehen, ob's dieser antike Herr Claudius mit einer modernen Tante aufnehmen kann. Dreizehnte Scene. Katharina. Julie (von linke). Später Netti. Julie. Liebe Tante! was hast Du beim Papa ausgewirkt? Kath. (gegen rechts deutend). Er ist da drinnen. Julie. Der Papa? Kath. Er! — Dein Friedrich! Julie (erschreckt). Alle guten Geister! Er ist beim Papa? Kath. Sei ganz ruhig, — es wird Alles gut werden! — kro korma wird man zwar den Herrn Claudius seinen Antrag machen lassen, aber er wird damit nicht zu Ende kommen! — Suche ihm nur möglichst lange auszuweichen, später werde ich — Netti (eintretend). Der Herr Claudius! Kath. Ist willkommen! — Netti, den Kaffee! Netti (ab). Vierzehnte Scene. Katharina. Claudius. Julie. blaud. (im Eintreten). 8«rvu8trumi1- linnw! — Guten Abend, meine Damen! Kath. (kalt). Guten Abend, Herr Claudius! (Sie nimmt aus einer Lade Silberlöffel, Zuckerbüchse und dergleichen Kaffee-Geräth- - schäften und ordnet selbe aus dem Tische. — Kleine Pause.) Claud. (Hut und Stock ablegend). Einer freundlichen Erlaubniß des Herrn Raths zu Folge erlaube ich mir heute abermals— Kath. Schön! (Julie ordnet ebenfalls den Tisch.) Claud. (für sich). Die Damen find heute sehr kurz angebunden! (Laut.) Fräulein Julie! Darf ich bitten auf ein Wort. Julie. Sie entschuldigen, da fehlt noch ein Löffel — ich'werde gleich damit zurück sein! (Sie läuft durch die Mitte ab.) Fünfzehnte Scene. Katharina. Claudius. Claud. (für sich). Sie ist offenbar piktet, weil ich vorhin nicht zur Erklärung kam — Kath. (für sich), Wo fehlt denn ein Löffel? (Sie zählt.) Eins — zwei — drei — Claud. Fräulein Katharina! Kath. Stören Sie mich nicht! — Vier — fünf — sechs — Claud. Hat sich vielleicht das Fräulein beleidigt gefühlt wegen vorhin? Kath. (zählend). Sieben — acht — neun — Claud. (sie mißverstehend). Nein? — Hat sie gar nicht von mir gesprochen? . Kath. (fortzählend). Zehn — eilf — zwölf! — Wir sprechen niemals von Ihnen! — Das ganze Dutzend ist da! — Was hat sie denn mit dem Löffel? — Das muß ich doch sehen. — Sie entschuldigen. (Sie geht durch die Mitte ab.) Sechzehnte Scene. Claudius (allem). Claud. (nachdenkeud). Ich glaube, Löffel hatte man nicht bei den alten Römern. — Die Damen scheinen sehr beschäftigt zu sein. — Thut nichts! — So kann ich 13 mich doch sammeln. — Ich hatte auch noch keinen rechten Löffel zu einer Erklärung! — tzuick-quiä KAI8, pruäenter a^as, 6t rsapie« Lnsm! — sagten die alten Römer. Siebenzehute Scene. Claudius, Rath und Notenheim (von recht»), Katharina und Julie (aus der Mitte). Rath. Ah, schon da, lieber Freund! Schön, schön! Notenh. Ergebener Diener, Herr Claudius! Claud. (freudig), tzuiä viäeut oeuli mvi? — Mein Schüler! Rath. Lieber Freund! ich habe mit Dir ein paar Worte insgeheim zu reden. Claud. libitum! — Geheimnisse waren bei den alten Römern — Rath (zieht Claudius vor, leise). Unsinn! — Weißt Du, warum Du jetzt hier bist? Claud. Um deiner Tochter meinen Antrag zu machen in optima torma. Rath. Nun, 's freut mich, daß Du es wenigstens noch weißt; aber vergiß es nicht, denn das sag' ich Dir offen, wenn Du jetzt wieder nicht auf's Ziel los gehst, so muß Dich meineTochter für einenFeig- ling oder für einen Narren halten, und in beiden Fällen bist Du dann kein begeh- reuswerther Mann für sie! Claud. Sei ganz unbesorgt! Dießmal werde ich nicht abschweifen, sondern — levta via — gleich die Hauptsache anpacken! O, jetzt bin ich gerüstet und gesammelt; ich werde ein zweiter Oicoro pro äomo sein! Rath. Nun, wir Werden s ja sehen. (Sie treten wieder zu den Anderen.) Rath (zu Julie). Herr Claudius hat Dir etwas zu sagen. Julie (tritt näher, für sich). Jetzt gilt's! Rath. Wir wollen Euch nicht stören! (Cr zieht sich mit Katharina und Notenheim bis ganz in den Hintergrund zurück, wo alle Drei lauschend stehen bleiben.) Julie (schüchtern). Sie wünschen, mich allein zu sprechen? Claud. (für sich). Sie säugt selbst an, desto besser! (Laut.) Ja, mein Fräulein! — ich wünsche! — Wolle» Sie mir nnr einige Augenblicke geneigtes Gehör schenken; ich werde in Abbreviaturen sprechen, das heißt, kurz und bündig. Julie. Mit Vergnügen, — ich höre! Claud. Mein Fräulein! ichmußJhaen ohne viele Umstände erklären, daß Sie sehr liebenswürdig find, und — Julie (einfallend). Zu gütig! Claud. (entschlossen). Und frage Sie nun — 8tLnts peäo — Julie. 8lanl6 psäs sagen Sie? — Erlauben Sie mir, war das auch ein Römer der Herr von 8tant6 ^oäs? Claud. Nein, mein Fraulein! das ist nur eine römische Redensart, und heißt so viel als »stehenden Fußes.* Also hären Sie weiter. Julie (ausweichend). Weil Sie gerade davon sprechen, bitte ich Sie. zu entscheiden, wer Recht hat, meine Tante oder ich. Wir stritten uns vorhin wegen einer geschichtlichen Thatsache. Meine Tante behauptet, es hätte nur immer zwei Konsuln zu gleicher Zeit gegeben und Sie haben mir doch selbst gesagt, daß man immer 300 Konsuln gehabt hat. Claud. (aufspringend und schreiend). 300 Konsuln! um Gotteswillen! was fällt Ihnen ein! —Dieser Unsinn!—300 Cou- suln zu gleicher Zeit! Kein Volk der Welt hätte das ausgehalten! Ich habe Ihnen ja gesagt, 2 Konsuln und 300 Senatoren! — aber nicht 300 Konsuln! - DieCon- suln waren ja die höchsten Machthaber, gleichsam die Könige! (Immer eifriger werdend.) Sie hatten auch beinahe dieselben äußer n Ehrenzeichen, wie sie früher die Könige Roms hatten, mit Ausnahme der Krone. — Sie hatten in der ersten 14 Zeit sogar das Recht, über Leben und Tod, bis der Konsul Valerius Publicola, dem Volke zu Ehren dieses Recht aufgegeben; — kommt heut zu Tage nicht mehr vor! — Dessenungeachtet war die Eon- sulswürde bis zu den Zeilen des ersten Kaisers der Gipfel aller Ehreustellen des römischen Staates. — (Während der letzten Rede, in welcher Claudius immer eifriger de- monstrirte, find alle Anwesenden näher getreten und haben unmittelbar hinter Claudius Posto genommen, ohne von ihm bemerkt zu werden. Plötzlich brechen Alle in ein schallendes Gelächter aus. — Claudius stutzt. — Alle applaudiren.) N etti (mit dem Kaffeegeschirr austretend). Da haben wir den Kaffee. Julie (springt auf und eilt in die Arme Friedrichs, der sie küßt). Elaud. tzuiä auäiv? — huiä vickeo? — Was soll denn das? Rath (herzlich lachend). Das war eine Liebesprüfung, bei der Du Dich ein klein wenig blamirt hast, amiee! — Kommst mit lateinischen Brocken statt mit einem deutschen Antrag — Elaud. (auf das Paar deutend). Aber was bedeutet denn dieses fremdartige Bild? Rath. Das ist ein deutsches Bild, zu dem ich meinen väterlichen Segen als Rahmen geben will. Elaud. Aber ich? Was soll ich nun thun? Rath (ihn vorziehend, leise). Du, — Du nimmst Dir ein Alterthum. Elaud. (erleuchtet). Ich Hab s? (Zu Katharma.MeinFräulein! Darf ein Freund der Alten es wagen, Ihnen seine Hand anzutragen? Kath. (indignirt). Bedauere unendlich nicht Gebrauch machen zu können. Elaud. (für sich). Doppelt abgewiesen! (Zum Rath.) ^mie«! Mir scheint, ich war ein L8iou8 äuplex? Rath. Du bist bloß »ein Opfer der Konsuln*! Notenh. (Claudius die Hand reichend). Freund, Sie unterrichten unsere Kinder in der lateinischen Sprache! Elaud. (Rotenheim umarmend). 8u- pisuti 8u1! — Schicken Sie mir nächste Woche gleich den ältesten Jungen! Der Vorhang fällt. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt und ausschließlich durch das internationale Theater-Geschästsbureau von Emil Drenker in Wien und Berlin zu beziehen. Ehemann ans Probe. Lustspiel in einem Act von Retly Uouilg. Personen: Heinrich Lewald. Carl Hellborn, Maler. Susanne, dessen Wirthschasterin. Ein Diener. Emma von Falken. (Zimmer bei Lewald, elegant möblirt. Rechts, links und in der Mitte desselben Thüren . Im Hintergründe eine kleine moderne Etagere mit Pfeifen, Rauchrequisiten rc.) Erste Scene. Lewald (von links, einen offenen Brief in der Hand). Verwünschte Ueberraschnng das! — Welche Umständlichkeiten, Umstürze, Unbequemlichkeiten für mich wird dieser Besuch im Gefolge haben. — O gewiß, ich kenne das xar renommee. — Eine Frau, eine Frau beherbergen in meiner stillen Garxonswohnung —? O, es ist um toll zu werden! (Er schellt heftig. — Bedienter tritt ein.) Ich lasse Frau Susanne zu mir bitten! (Bedienter ab.) — Ich begreife meinen Bruder nicht. Er, der meine Gewohnheiten, meine Antipathien kennt, schickt mir da Knall und Fall seine Schwägerin auf den Hals. Warum? Weil die arme Witwe fremd in der Stadt ist und in keinem Hotel wohnen will. Ver- muthlich ist dieselbe alt, griesgrämig, schluchzt und seufzt den ganzen Tag über um ihren Gottseligen. — (Zornig.) Das wird recht amüsante Stunden für mich geben! — Aber ich lasse sie allein, ich räume ihr das Feld. — So weit gehen hoffentlich meine Pflichten als Schwager nicht, daß ich mich von dieser trostlosen Witwe ganz mit Beschlag legen ließe. Zweite Scene. Voriger. Susanne. Sus. Der gnädige Herr haben befohlen? Lew. (erregt). Frau Susanne, machen Sie sich auf eine Ueberraschung gefaßt. Sus. Oho! — Die wäre —? Lew. Wir bekommen heute noch einen Gast. Sus. (lächelnd.) Nun. das ist wohl nichts Neues. Gäste gehören ja bei uns nicht zur Seltenheit. Lew. Doch! Diese Gattung Gäste, zu welcher derjenige gehört, welchen wir zu erwarten leider gezwungen find, — ist mehr als eine Seltenheit, ist ein Phänomen, ein svenemsnt, etwas noch nicht Dagewesenes. Sus. (die Hände faltend). Sie setzen mich in Erstaunen, gnädiger Herr. Vermuthlich ein sehr berühmter Künstler, — ein Gelehrter oder gar — der Herr Prälat? Lew. Nichts von alle dem. Der Gast, welchen wir jede Minute erwarten können, der Gast, welcher selbst eine Nacht unter diesem friedlichen Dache zubringen soll, ist — ein Frauenzimmer! Sus. (mit einem leisen Schrei). Warum nicht gar?! Lew. (kopfnickend). Es ist so. Sus. Gnädiger Herr, was fällt Ihnen ein — ? — Lew. Mir? Gar nichts. Andern ist es eingefallen, mir diese Person auf den Hals zu schicken. Ich habe sie nicht begehrt. Sus. (indignirt). So lassen Sie sich das nicht gefallen. Sie sind Ihr eigener Herr — brauchen auf Niemanden aufzupassen. Lew. (achselzuckend). Man hat seine Verpflichtungen, Frau Susanne, denen man sich zuweilen nicht entziehen kann. Sus. (für sich). Vermuthlich ist das wieder ein Arrangement jenes tollen Malers. Der junge Springinsfeld verdirbt mir den guten Herrn noch ganz. Lew. Frau Susanne, sorgen Sie für ein anständiges Souper, ich muß wohl, heute den Clubb versäumen! Sus. Herr Lewald! Gnädiger Herr. — ist es Ihnen wirklich Ernst mit diesem Gaste? Ach. sagen Sie doch nein! Lew. (seufzend). So gerne ich möchte, — ich kann es nicht! Sus. (schmerzlich). Herr Lewald, fünfzehn Jahre sind es nun, daß ich Ihnen die Wirthschaft führe. Von dem Momente an, wo Ihre selige Mutter die Augeu schloß, hat kein weiblicherFuß, außer dem meinen, hier ein Zimmer betreten, und heute, ach, das hätte ich nicht erwartet! Lew. (ärgerlich). Ich hätte mir es selbst nicht zugemuthet. Doch was wollen Sie? Mit des Geschickes Mächten ist kein — da lesen Sie! (Er gibt ihr den offenen Brief.) Urtheilen Sie selbst, ob ich anders könnte, als diese weibliche Bombe, die man mir nolens volens in's Haus schleudert, ruhig entgegen zu nehmen? Sus. (nimmt den Brief). Nie! Nie werd' ich das zugeben. (Sie setzt ihre Brille nuf und liest laut. Anfangs höchst erstaunt, wird sie immer heiterer und zufriedener.) Lew. (zündet sich eine kigarre an und geht unmuthig im Zimmer auf und ab). Sus. (lesend). »Mein theuerer Bruder!* Was? der Brief kommt von Ihrem Bruder? 3 Lew. Natürlich! Sus. (sortfahrrnd). »Sei mir vorAllem nicht böse, wenn dieser Brief eine Bitte enthält, welche zu erfüllen. Dir vielleicht höchst unangenehm sein wird, durch deren Genehmigung Du indessen sowohl mir, wie auch meiner Frau den größten Liebesdienst erweisen kannst.« — Ja, — wo ist denn aber das Frauenzimmer? Lew. Kömmt schon, kömmt schon, gedulden Sie sich nur. Sus. (fortfahrend). »Die Schwester meiner Frau, Emma von Falken, welche vor einem Jahre Witwe geworden, muß, ihre Dermögensverhältaiffe zu ordnen, sich in die Stadt zu ihrem Notar begeben und da ihr dort nicht eine bekannte Seele lebt, welche ihr bei diesem Geschäfte an die Hand gehen könnte, sie aber um keinen Preis in einem Hotel wohnen möchte, so nahm ich mir die Freiheit, ihr in deinem Namen dein gastliches Haus zu offeriren, worin sie unter dem Schutze deiner vortrefflichen Frau Susanna wohl 24 Stunden weilen könnte.« Lew. Da haben Sie's! Sus. (sehr vergnügt und geschmeichelt). I. du mein Himmel, das ist ja kein Frauenzimmer? Lew. So? Was ist es denn? Sus. Eine liebe, ehrevwerthe Dame, die so gütig ist sich unter meinen Schutz begeben zu wollen und dieser soll ihr auch iu vollstem Maße werden. Das grüne Zimmer, welches einst Ihre selige Mutter bewohnte, Herr Lewald, das ist im besten Zustande. Weiße Gardinen find schnell aufgemacht und ein Nachtessen will ich richten, daß sich die gute Dame gewiß daran ergötzen soll. (Lebhaft.) Haben Sie sonst noch etwas zu befehlen für mich? Lew. (im höchsten Grade erstaunt). Frau Susanne — ja wie kommen Sie mir denn vor? Erst waren Sie indignirt über diesen Besuch, unwillig und jetzt — ? Sus. Jetzt sehe ich ein, daß Sie nicht ausweicheu konnten, nicht ausweicheu durften, denselben mit größter Bereitwilligkeit entgegenzunehmen. Sie sind das Ihrem Bruder schuldig. Man hat so seine Verpflichtungen, wie Sie vorhin ganz richtig bemerkten. (Für sich.) Ach, ich ungeschickte Person habe gedacht — (Laut.) Heute sollen Sie Ihr Lieblingsgericht erhalten, junge Rebhühner mit emgemach- ten Früchten. — Sie find mir doch nicht böse, gnädiger Herr, daß ich vorhin — sehen Sie, wenn man alt wird, wird man grämlich und will nicht aus seiner gewohnten Ordnung fallen. Aber ich werde heute alles so vortrefflich machen, daß Sie an der alten Susanna Ihre wahre Freude haben sollen. I. Du gutes, liebes Dämchen! Die Susanna wird Dir eine ganz tüchtige Schutzfrau sein. (Sie trippelt fröhlich ab.) Dritte Scene. Lewald (allem). So find sie diese Weiber! Eitel bis in ihr spätestes Alter. Mit Schmeicheleien gewinnt man sie selbst als Matronen noch. — Weil diese unglückselige Witwe auf ihren Schutz reflektirt, wird sie vielleicht noch ihr Möglichstes thun, sie einen Monat hindurch an mein Haus zu fesseln. Aber dagegen werde ich mich sträuben. O ich werde ihr so wenig Aufmerksamkeit schenken als möglich, vielleicht verzichtet sie dann freiwillig auf meine Gegenwart. (Er geht ärgerlich nach seinem Zimmer.) Vierte Scene. Susanne (kommt mit zwei sehr großen Blumensträußen in Basen, welche sie auf die Tische stellt). So! Blumen liebt ein jedes weibliche Gemüth, das ist so gewiß, als ich selbst 4 noch meine Herzensfreude an Reseda und Lavendel habe. — Wie sie wohl aussehen mag? — Alt oder jung. — sie ist gerne gesehen! — Na, sehr alt mag sie indessen doch nicht sein, sonst bedürfte sie wohl meines Schutzes nicht; selbst wenn Herr Lewald nicht der wäre, der er eben ist. Du meine Gute! Der behandelt ja das schöne Geschlecht nicht anders, als ob es reine Nebensache auf dieser Welt wäre. Warum? Das weiß kein Mensch. Er behauptet zwar immer, die vielen Unglück, lichen Ehen, welche er gefunden, hätten ihm das Heiraten verleidet. Ich aber meine, es ist ihm die Rechte noch nicht erschienen. Kommt die einmal ihm in den Weg. dann kriecht er wohl freiwillig unter den Pantoffel. — Horch! Ist das nicht ein Wagen, der vor dem Hause hält? (Sie eilt an s Fenster.) Richtig, der Gast ist da! — Aber dicht verschleiert. — ver- muthlich wegen der scharfen Lust. (Sie eilt an die Thüre und öffnet dieselbe.) Sie kömmt schon die Treppe herauf, — wie das läuft, — i. das ist noch junges Blut! Fünfte Scene. Vorige. Emma v. Falken (in eleganter Reisetoilette lebhaft durch die Mitte ein- tretend). Emma (Susanne beide Hände entgegenstreckend). Frau Susanne Bernau, nicht wahr? Sus. (lächelnd und gutmütbig). Zu dienen, werthe Frau. Und Sie find aller Wahrscheinlichkeit nach — Emma (tröstlich). Emma, verwitwete von Falken, geborene — (zögernd) ich muß Ihnen das wohl erst sagen, da Sie mich ganz vergessen zu haben scheinen. Sus. Wie, ich sollte die gnädige Frau schon irgendwo getroffen haben? Emma (wie oben). Die gnädige Frau? Nein! Aber das ehemalige tolle Fräulein von Wiedenfels haben Sie doch recht gut gekannt. Sus. (erstaunt die Hände zusammenschlagend). Sie — ? Sie wären der kleine Sausewind? (Entschuldigend.) Halten zu Gnaden! Emma. Nur zu, liebe Frau Susanne, halten Sie mit der Wahrheit nicht hinterm Berge. Was geschehen, läßt sich nicht ungeschehen machen und ein recht wildes Ding war die kleine Emma in jedem Falle, das weiß ich recht gut. — Jetzt ist fie's nicht mehr, jetzt ist sie besonnen, klug geworden. (Mit verstecktem Humor.) Wenn es ihr auch zuweilen au toller Laune noch immer nicht gebricht. Sus. (lächelnd). Das will mir selber scheinen. Doch sagen Sie mir, gnädige Frau, wie ist es Ihnen denn ergangen während der lieben langen Zeit, in welcher ich nichts mehr von Ihnen zu hören bekam? Emma. Das find nun 12 Jahre her, nicht wahr? Ich erinnere mich, ich zählte damals 14 Sommer, als Sie in das Haus meiner Tante kamen, Ihre selige Schwester zu besuchen, die daselbst Kammerfrau gewesen. Sie blieben, glaube ich, ein paar Wochen lang bei uns. War's nicht so? Sus. Gewiß. Und da Ihre gütige Tante mich mit so viel Herablassung und Güte behandelte, so fühlte ich es gar nicht, daß ich mich in der Fremde befand. Sie waren damals ein so liebes, schönes Kind. Emma (schelmisch). Und so sanft, — so gesittet, nicht wahr, Frau Susanne? Sus. (verlegen). I, das gerade nicht, aber Sie hatten ein vortreffliches Herz, einen Hellen Verstand — Emma. Und ein Temperament, welches meine gütige Tante, deren Liebling ich war, oft zur Verzweiflung gebracht. In einer Anwandlung solchen Verdrusses verheiratete sie mich auch an meinen seligen Galten und das — das war die schwerste Strafe, tue sie mir je dictirte. 5 Sus. (thrilnahmSvoll). Sie waren also unglücklich? Emma, (leicht ausseufzend). Ich glaube ja, — doch das ist vorüber. Meine Tante wollte mich reich und angesehen machen, darum verheiratete sie mich an einen alten Rittergutsbesitzer, der 63 Ahnen und 74 Jahre zählte. Meine Mutter ließ mir freie Wahl, ich glaubte der guten Tante einen Gefallen zu thun und trat mit eben so viel Sorglosigkeit an den Altar, als ich sonst zu einem Balle ging. Meine schöne Brauttoilette war das Einzige, was ich dabei io's Auge faßte. Ein Jahr später vertauschte ich dieselbe gegen Trauerkleider. Sus. Sie find Witwe?! Arme Frau, So jung, so schön und — Emma (lächelnd). Schadet mir das? Ich dächte nicht. — Doch jetzt sagen Sie mir, gute Frau Susanne, wie wird mich Ihr Herr aufnehmen? Er ist, wie ich höre, ein Weiberfeind? Sus. Das gerade nicht, im Gegentheil, er ist galant gegen Damen, zuvorkommend jedoch nur, wenn sich diese keine Rechnung auf sein Herz oder seine Hand machen, denn dem Heiraten ist er spinnefeind. Emma. Ich weiß es, sein Bruder, meiner Schwester Gatte, hat mir es oft erzählt. Schade um den interessanten Mann! Sus. (lebhaft). Sie kennen ihn? Emma. Ich sah ihn einmal, — zu einer Zeit, als ich noch Backfisch war. Es war dieß bei meiner Schwester Vermählung. Er bemerkte mich nicht, denn ich war damals den Kinderschuhen kaum entlaufen und durfte nicht mit unter den Großen an der Tafel sitzen. Aber vom Nebenzimmer aus habe ich mir ihn betrachtet und ganz allerliebst gefunden. Er trug damals so ein kleines reizendes Bärtchen; hat er das noch? Sus. (lächeln')). Ja, gewiß! Emma. Dann hatte er eine wunderhübsche Hand. Sus. Sie ist noch dieselbe. Emma. Und Augen, die so hell und offen strahlten — Sus. (kopsnickend). Ganz der sanfte, sonnige Blick seiner seligen Mutter. Emma (einen Moment in sich versunken; dann heftig). Susanne, — lieben Sie Ihren Herrn? Sus. (eifrig). Wie meinen eigenen Sohn! Emma. Es würde Sie also sehr verdrießen, wenn er sich verheiratete? Sus. Wenn er sich glücklich verheiratete, wenn er eine brave Frau bekäme, die ihn so recht vom Herzen lieb hätte und ihn pflegte, dann gewiß nicht. Emma. Gut! Dann muß er heiraten. Sus. (erstaunt). Was! — Sie wollten — ? Emma. Ihn selbst heiraten? Ah pah! das fällt mir nicht ein. Mir gefällt der Witwenstand ganz gut. Aber versuchen werde ich es, ihm Geschmack für die Ehe beizubringen; o, das soll mir schon gelingen! Sus. Wie wären Sie das im Stande, gnädige Frau, da Sie selbst doch nicht die rosige Seite einer solchen kennen gelernt haben? Emma. Ach doch. Ich habe viel darüber gelesen und dann — dann habe ich das schöne Verhältniß meiner Schwester zu ihrem Gatten stets vor Augen und die Beiden sind so glücklich, ach, Susanne, so glücklich, (leicht aufseuszend) daß es eine arme verlassene Witwe, wie ich es bin, völlig verdrießen könnte, wenn sie ihre Schwester nicht aus ganzer Seele lieb hätte. Doch jetzt sagen Sie mir, gute, liebe Susanne, welches Plätzchen im Hause darf ich beziehen, ohne irgend Jemand zu ge- niren, — wo darf ich mich nach den Strapazen der Reise häuslich nieder- lassen? 6 Sus. (erschrocken). Mein Gott, vergeben Sie, gnädige Frau, daß ich so lange säumte, für Ihre Bequemlichkeit zu sor- gen. (Sie nimmt ihr Hut und Shawl ab.) Hier, gleich hier ruhen Sie aus. Hier sollen Sie ein kleines Souper einnehmen, und dann werde ich Sie auf Ihr Zimmer führen, das dicht an das meine stößt. Emma. Danke, meine liebe Frau Susanne! — Werde ich allein speisen? Sus. I behüte! Der gnädige Herr wird sich eine Ehre daraus machen. Ihr Wirth zu sein. (Für sich.) Wenn nur sein Clubb nicht wäre! (Laut.) Ich will ihn sogleich von Ihrer Ankunft avifiren. Emma. Nicht doch! Warten Sie noch einen Augenblick. (Sie läuft zum Spiegel.) Bin ich auch hübsch genug in dieser deran- girten Toilette, um einem Weiberfeind ent- gegentreten zu können? Sus. (lächelnd). Gewiß, gnädige Frau. Man merkt es Ihnen nicht an. daß Sie von der Reise kommen und vielleicht ermüdet find. Emma (lächelnd). Gut, dann gehen Sie und bringen Sie mir diesen Cato, dieses Marmorherz; ich bin begierig, seine nähere Bekanntschaft zu machen. Sus. Gleich sollen Sie ihn sehen, gleich! (Sie geht nach links ab.) Sechste Scene. Emma (allein). (Sie setzt sich in die Ecke des DivanS und zwar so, daß ihre Gestalt in den seitwärts stehenden Spiegel fällt und daher von dem später eintretenden Lewald vollkommen gesehen werden kann). Wie er sich wohl benehmen wird. — Ob ihn meine Ankunft sehr ärgerlich stimmt? (Lachend.) Ich glaube das annehmen zu können. — Was sagte mein Schwager, als ich ihn beschwor, meiner tollen Laune nachzukommen und mich bei diesem Weiberfeinde eiozuquartiren? — Sie werden mir meinen Bruder zum Todfeinde machen, Emma, wenn ich Ihnen willfahre. Heinrich ist Vollblutgaryon und nichts ist ihm fürchterlicher, als seinen Gewohnheiten irgend einen Abbruch thuu, sich einen Zwang anlegen zu müssen. — Das aber ist es ja, was mich auf meiner Idee bestehen läßt, erwiederte ich meinem Schwager. Die Leute ein wenig quälen, ist mein Element. Interessante Leute um so lieber und das ist Lewald, das bin ich gewiß. (Sie nimmt ein Album vom Tische.) Vermuthlich die Porträts seiner Freunde. Lauter steife, pedantische Hagestolze? (Sie schlägt das Buch auf. Sehr überrascht.) Ah. — eine Ballerina! — Noch eine — ?! Ah, das sind sonderbare Bekannte eines Weiberfeindes! (Sie schlägt das Buch zu. Ernst.) Sollte Lewald ein Wüstling sein? — Siebente Scene. Emma. Lewald. Lew. (tritt aus seinem Zimmer, sein Blick fällt in den Spiegel und er bleibt einen Moment lang überrascht stehen). Alle Wetter! — Emma (ohne ihn zu sehen). Ich hätte dieser Laune nicht nachgeben sollen! (Leise.) Die Wohnung eines Rouös das Asyl einer jungen Mutter? Emma, was Haft Du gethan? -Lew. Sie ist reizend, wahrhaftig, sie ist allerliebst! Ich dachte eine grämliche, von Schmerz gebeugte Witwe zu finden, aber da ist keine Spur von Kummer zu sehen. Emma (lautn). Er wird so schlimm nicht sein, als ich mir ihn denke, sein Bruder würde sonst nie zugegeben haben — 7 Lew. Oho? Sie fürchtet mich? Um so bester! Dann weide ich sie ziemlich rücksichtslos behandeln, und sie mich nicht lange belästigen. (Aus sie zutretend ) Gnädige Frau — Emma (überrascht aufstehend). Mein Herr —! Ihre Schwägerin, Emma von Falken, bedauert es herzlich, Ihnen lästig fallen zu müssen. (Sie reicht ihm die Hand.) Lew. (dieselbe an seine Lippen drückend). Gestatten Sie mir. Sie zu versichern, daß ich mich geehrt fühle, meiner reizenden Verwandten dieß Haus als das ihre an- bieten zu dürfen. (Für sich, entschuldigend.) Das war am Ende eine leere Phrase, de ren ich mich bedienen mußte, um nicht als Mann ohne Lebensart zu gelten. Emma (für sich). Wie liebenswürdig! Und das sollte ein Feind der Damen sein? Pah! — (Laut.) Sie misten wohl, was mich in die Stadt führt? Lew. Mein Bruder war so freundlich, mir darüber zu schreiben. Sie wollen sich mit Ihrem Notar besprechen? Emma. Ich muß wohl. (Seufzend.) Das wird ein sehr langweiliges Geschäft werden; aber was wollen Sie? Ich stehe jetzt allein in der Welt und habe somit Niemand, der für mich handelte. Lew. (schnell). Befehlen Sie über mich schöne Frau, und Sie werden den wärm sten Freund, den eifrigsten Diener gefun den haben. (Erschrocken für sich.) Teufel das war mehr, als nöthige Zuvorkom menheit! Emma. Wie gütig Sie sind! Aber ich gestehe es, ich rechnete ein wenig darauf. Sie so zu finden. Lew. (gedehnt). Sie rechneten darauf? (Für sich.) Ach, dann soll sie sich bald ge täuscht finden. (Laut.) Es ist Ihnen also nicht bekannt, gnädige Frau, daß ich für einen Egoisten gelte? Emma. Man hat Sie mir als Schlim meres bezeichnet, als einen erklärten Feind meines Geschlechtes. Lew. (komisch, verlegen). Da that man mir eigentlich unrecht. Emma. Man sagte mir,—Sie wollten unvermählt bleiben? Lew. (rasch). Da hat man Ihnen die Wahrheit gesagt. Em ma. Das rechtfertigt ja dann den ersten Ausspruch über Sie? Lew. Nicht im geringsten. Ich verehre die Damen, ich fliehe ihren Umgang nicht und eine geistreiche Frau gilt mir zu jeder Zeit mehr als zwei kluge Männer. Allein diese Bewunderung darf und wird bei mir nie eine gewisse Gränze überschreiten. Emma. Und diese Gränze, wie nennen Sie sie? Lew. (scharf). — Die Ehe! Emma. Mein Gott, in welchem Tone Sie dieß Wort aussprechen! Sollte man nicht glauben, es sei Ihnen gleichbedeutend mit ewiger Gefangenschaft, mit Verzichtleisten auf jeden Sonnenstrahe des Glückes? Lew. So war es nicht gemeint; allein jeder Mensch hat seine eigene Ansicht von Zufriedenheit und die meine besteht darin, mich meiner Freiheit nicht beraubt zu sehen. (Schnell.) Vergeben Sie aber, schöne Frau, wenn ich es wage, dies Thema abzubrechen, um Sie darauf aufmerksam zu machen, daß Frau Susanne Ihre vuenna pour 1e momeut, soeben das Souper servirt hat und daß es sündhaft wäre, dasselbe erkalten zn lassen. (Er führt Emma artig an dm Divan, vor welchem ein elegant gedeckter Tisch steht, wo- auf Susanne mit Hilfe des Bedienten während des Vorhergehenden das Souper ser- virte.) Stundenlange Fahrt in frischer Luft wird Ihren Appetit rege gemacht haben, meine schöne Schwägerin, daher hoffen wir Susannens heute gewiß treffliche Gerichte zur Geltung gebracht zu sehen. Emma (sich setzend). Gewiß! Selbst dann noch, wenn dieselben weniger delikat dufteten, als dieß der Fall. 8 Sus. (servirend). Sie sind zu gütig, gnädige Frau. Lew. (der sich ebenfalls gesetzt und Emma jetzt bedient). Sie werden auch sehr ermüdet sein und baldiger Ruhe bedürfen! (Für sich.) Und mir dadurch die Gelegenheit bieten, noch in meinen Clubb gehen zu können. Emma (heiter). Nicht im Geringsten! Im Gegentheile, ich fühle mich so wohl, so munter, daß es mir ein Vergnügen bereiten wird, noch ein paar Stündchen mit Ihnen zu plaudern. Lew. (für sich, erschrocken). Nur?! Emma (scherzend). Siegehen doch nicht schon mit den Hühnern zu Bette, lieber Schwager? Lew. (verlegen). Das nicht— allein — (Verdrießlich für sich.) Sie werden mich erwarten! Emma (forschend). Allein—?Sie hatten etwas vor, nicht wahr? Sus. Der gnädige Herr besucht des Abends gewöhnlich seinen Clubb. Emma (schnell). Ach, dann lassen Sie sich auch heute nicht davon abhalten. Bitte, bitte! Es würde mich trostlos machen, wenn Sie sich meinetwillen irgend welche Ftzus auferlegen würden. Lew. (für sich). Sie leistet Verzicht auf meine Gegenwart?— Ich darf mich durch so viel zarte Rücksicht mcht beschämen lassen. (Laut.) Um keinenPreis, schöneFrau, ich bleibe! Emma (schmollend). Sie zwingen mich also, zu Bette zu gehen? Lew. Wie das? Emma. Weil ich sicher bin, daß Sie dann nicht genöthigt sein würden, mir Ihren Elubb zu opfern. Lew. Und wenn ich Ihnen schwöre, daß es mich kein Opfer kostet, wenn — Emma. Ah, schwören Sie nicht! Sie würden sich gebunden fühlen und das sollen Sie nicht. Sie sollen frei bleiben, frei, wie Sie es bis jetzt gewesen. Lew. (muuter). Und wenn es mir Freude machte, wenn es mich darnach verlangte, wenn auch nur des Spaßes halber eine kleine Probe als »Gefesselter« durchzumachen, wenn ich, vielleicht aus Galanterie, vielleicht des Reizes der Notzeit halber z. B. die Rolle eines Ehemannes für diesen Abend spielen möchte? Vorausgesetzt natürlich, daß Sie mit diesem Spiele einverstanden wären. Was dann? Emma (lebhaft). Dann? Ah. dann würde ich sagen: Topp, es gilt! Der Scherz ist meine Welt und wenn es sich darum handelt, der frohen Laune ein Feld zu ebnen, da biete ich mit tausend Freuden meine Hand. Doch hüten Sie sich! Ich werde meine Rolle gut spielen, um so besser, als ich in diesem Fache zu Hause bin. Lew. (ihr die Hand küssend). Ich beuge mich schon jetzt vor Ihrem Genie! — Wir werden also ein Pärchen abgeben, ein junges — Emma. Und hübsches, wie ich denke. Wir sind — wie lange sind wir wohl vermält —? Lew. So lang' es Ihnen beliebt. Emma. Also—in den Flitterwochen? (Schnell.) Doch nein! nein! Da sind die Pärchen viel zu zärtlich. Wir fangen etwas später an. Lew. Schade! — Wir find also schon zwei Glückliche aus Gewohnheit? Emma (böse). Pfui! Da leuchtete wieder eine boshafte Junggesellenansicht hindurch. — Man hat Beispiele, daß sich Leute nach 20 und 30 Jahren noch eben so gut find, als sie es in den ersten Tagen ihres Bekanntwerdens gewesen. Lew. Diese Beispiele sind nicht modern. Emma. Aber trotzdem find sie nicht wegzuleugnen. Lew. Eben so wenig wie die Fabeln, die man Kindern zu lesen gibt. Emma. Abscheulich! Sie find unverbesserlich! 9 Lew. (lachend). Und Sie das reizendste Exemplar einer modernen Frau. Der Zank kleidet Sie allerliebst. Emma (ärgerlich). Ich zanke nicht — ich vertheidige nur mein Recht. Lew. Wie Ihrer Meinung nach eine Jede Ihres Geschlechtes. Emma (böse). Mein Herr! Lew. (ruhig). Gnädige Frau —? Emma (sich fassend, lächelnd). Wir haben unsere Ehe mit einer Scene begonnen — Lew. (achselzuckend). Wir find eben nicht Neuvermälte. Emma. Machen wir Friede? Lew. Ich bin zufrieden. Emma. Sie gestehen Ihr Unrecht ein — Lew. (mit einem Seufzer). Wenn Sie mich zum Pantoffelhelden machen wollen — in Gottesnamen! Emma. Nein, das will ich nicht. Gesetzt, wir wären beide zu weit gegangen — Lew. Dann kommen wir uns auf halbem Wege entgegen! Emma. Ich biete Ihnen versöhnlich meine Hand — (Sie thut es). Lew. Und ich beweise Ihnen, wie ich meiner schönen Frau nie im Ernste grollen könnte, indem ich Sie zärtlich an mein Herz drücke! (Er will sie umarmen.) Emma (sich ihm schnell entziehend). O nein! Das ginge über dev Spaß! Lew. (ärgerlich). Gut! — Sodann schmollen wir fort. O superb! So, ganz so dachte ich mir ja die Ehe! (kr steht aus und setzt sich Emma gegenüber in einen Fauteuil. ein ZeitungSblatt nehmend.) Emma (für sich). Der Bösewicht! Aber ich will und muß ihn besiegen! (Sie erhebt sich und geht hinter seinen Stuhl, legt schüchtern ihre Hand aus seine Schulter und sagt mit dem zärtlichsten Tone, weich.) Bist Du mir böse, süßes Männchen? Lew. (überrascht und bezaubert aufspringend). I, keineJdee! Reizendes, herrliches Weibchen! (Ihre Hand fassend.) Darf ich jetzt? Emma (kopfnickend und verschämt, die Augen senkend). In Gottesnamen! Lew. (zieht sie an sich und küßt sie). Himmlisch! Noch einmal! (Er will sie wieder umarmen, sie entzieht sich ihm und eilt an den Tisch.) Emma (lachend). Vergessen Sie nicht, mein Herr — Sie sind nur Ehemann auf Probe! Lew. (seufzend). Leider! (Beide setzen sich wieder an den Tisch.) (Susanna. die früher, ohne an dem Gespräche der Beiden theilgenommen zu haben, abgegangen, hat früher noch eine kleine Bowle Punsch gebracht und auf den Tisch gesetzt.) Lew. Sieh, liebes Weibchen, wie aufmerksam unsere Susanne ist, sie hat uns Punsch servirt. Liebst Du Punsch, Kind? Emma (für sich, srappirt). Wie schnell er sich in das trauliche Du findet. Lew. Du antwortest mir nicht? Bist Du verstimmt, mein Engel? Emma (lächelnd). Keineswegs. Ich dachte nach! , Lew. Worüber? Emma (den Punsch in Gläser füllend). Ueber etwas Superbes, das ich heute bei meiner Ankunft hier unten in dem eleganten Modesalon dieses Hauses gesehen. Es war das ein herrlicher, prachtvoller Shawl, unter Brüdern seine tausend Tha- ler werth. Unter uns gesagt, ich habemich nach seinem Preise erkundigt, als ich den Laden paffirte, der Kaufmann ließe ihn für 500 Thaler. (Schmeichelnd.) Sieh', Männchen, morgen ist mein Geburtstag, wolltestDu mich nicht mit demShawl überraschen? Lew. (gedehnt). Morgen —? Emma. Nicht doch, heute schon! Der Laden ist gewiß noch offen. Ein paar Zeilen von deiner Hand und der Kaufmann sendet ihn herauf. (Für sich.) Der gute 10 Mann weiß aber nichts — ? — Ah pah, das wird sich finden. (Laut.) Nun, willst Du mir die Freude machen? Lew. (leicht ausseuszend). Mit tausend Freuden! (Während er an den anderen Tisch geht und einige Worte auf eine Karte schreibt, für sich:) Dem Himmel sei Dank — ich bin nur Eh'mann auf Probe! (Er schellt. Bedienter kommt. Lewald sagt ihm einige Worte. Bedienter ab.) Emma (für sich, boshaft). Bitteres und Süßes sollst Du kennen lernen, Du Feind der Ehen, und täuscht mich eine innere Stimme nicht, so schwörst Du deinen Jrr- thum ab. (Sie reicht Lewald, der sich wieder nähert, ein Glas Punsch.) Lieber Mann — auf unsere fernere glückliche Harmonie! Lew. Sie lebe hoch! (Ertrinkt, setzt aber das Glas unbefriedigt weg.) Emma. DerPunsch mundet Dir nicht? — Und doch ist er vortrefflich! Lew. Ja, das heißt — Emma (rasch, von einer Idee erfaßt). Es fehlt ihm eine Würze, theurer Mann. Meinst Du, ich errieche das nicht? (Sie springt hastig auf und eilt dann, nachdem sie sich einen Moment im Zimmer umgesehen, rasch auf die kleine Etagere zu, nimmt eine Cigarren büchse von dort und zündet eine Cigarette an.) Lew. (erstaunt für sich). Was hat sie vor —? Emma. Da, lieber Mann, sie schmeckt vortrefflich! Das war es, was Dir fehlte, nicht wahr? Nun sieh, Du sollst Dir keinen Abbruch thun um meinetwillen. Da — (sie reicht ihm mit einem rnzenden Lächeln die Ligarette) jetzt wird ein Gläschen besser schmecken! Lew. (entzückt). Herrliches, unwiderstehliches Weibchen! — Ach, warum bin ich nur Eh'mann auf Probe! (Er legt seinen Arm um ihre Taille, sie wehrt ihn sanft ab.) Emma. Und nun will ich Dir erzählen, was ich morgen mit meinem Notar zu verhandeln habe. Sieh, lieber Mann, apropos, wie heißest Du doch? Lew. Heinrich, mein süßes Kind! Emma (kindlich). Heinrich? Das klingt hübsch. Ich nenne mich Emma. Lew (feurig). Emma? — Meine Emma! Emma (schnell). Auf Probe! Lew. (für sich). Leider! Emma. Ich bedarf also meines Notars, lieber Mann, um eine Klausel zu vollstrecken. welche sich in dem Testamente meines Gemals befindet. Lew. (schnell). In meinem Testament? Emma (lächelnd). In dem mein s seligen Gemals. Lew. (ihre Hand zärtlich küssend). Ich zähle ja auch unter die seligen Gemäler. Ach sehr! — Emma. Mein verstorbener Mann hatte nämlich die Marotte, mir seinen Anwalt, denselben, bei welchem das Testament de- ponirt liegt, zu meinem künftigen Gatten zu bestimmen. Lew. (auffahrend). Wie —? Emma (kopfnickend). So ist es. Dieser Notar ist ein weitläufiger Verwandter meines seligen Mannes, jung, nicht übel und immer dessen Liebling gewesen. Lew. Du wirst ihn aber doch in keinem Falle nehmen? Emma (trübe). Ich muß wohl. Lew. So?! Das hieße dann ja Bigamie getrieben? Was wäre dann ich? Emma (schelmisch). Du —? Du bist ja nur Eh'mann auf Probe. Lew. (sich vor die Stirn schlagend). Alle Wetter, ich vergaß —! Emma. Dieser junge Rechtsgelehrte trägt auch den Namen meines Mannes. Er ist der Letzte seines Stammes und um dieß alte Geschlecht vor dem Aussterben zu bewahren — Lew. (ärgerlich). Der Teufel hole dieß Geschlecht! Emma (mit verstärktem Humor). Bestimmte mein seliger Gatte — II Lew. (wir oben). Dein verrückter Gatte! Emma. Daß der Notar mich zur Frau bekommen solle. Lew. Und wenn Du Dich weigern solltest, diese Klausel zu erfüllen? Emma. Alsdann wäre ich enterbt und das riesige Vermögen meines Mannes siele dem letzten Falken zu. L ew. Hol' es der Geier! Emma. Nicht doch! Dann wäre ich sa arm? Lew. Das schadet nichts. Emma. Wovon sollte ich dann leben? Lew. Von dem Gelde deines Mannes, von dem meinen! Emma. Von dem deinen? — D» — Du bist ja nur Gatte auf Probe! Lew. (aufspringend). Es ist wahr! Ich kenne mich nicht mehr aus, wer und was ich eigentlich bin! (Er geht einige Male im Zimmer auf und ab.) Das aber ist bestimmt, daß es eine Barbarei deines seligen Unausstehlichen gewesen. Dich diesem jungen Gimpel verheiraten zu wollen. Emma (lachend, verbessernd). Falke, lieber Mann! Falke! Lew. (ärgerlich). Einerlei! Ich wollte, ich könnte ihn mit meiner Flinte auf's Korn nehmen! (Er geht zum Divan uud setzt sich n'brn Emma hin, ihre Hand fassend.) Du hast Dir wohl Bedenkzeit ausgebeten, Emma? Emma (verstohlen lächelnd). Morgen ist dieselbe um. (Mit dumpfer Stimme.) Um die neunte Morgenstunde werde ich ihm> geliefert. Lew. Was ist da zu thun? Emma (resignirt). Nichts. Man sucht sich zu fügen. Lew. Nein, nein, nein! Es darf nicht sein! (Bedienter kommt herein mit einem riesigen Packet und reicht es Lewald.) (Lewald gibt ihr das Packet, er selbst nimmt die Rechnung.) Emma. Superb! Ach. was sehe ich? Man hat auch einen Seidenstoff hinzugefügt. Gewiß derselbe, der mir so gefiel. — Und das nette Jäckchen — ach, es ist allerliebst! Lew. (ziemlich abgekühlt, nimmt die Rechnung und liest. Für sich.) 565 Francs. Na, Gott sei Dank! daß ich nur ein Eh'mann auf Probe bin! Emma (mit kindlichem Entzücken den Shawl ausbreitend). Er wird mich köstlich kleiden. Glaubst Du nicht, theurerMann? Lew. (sich zumLöchelnzwingend). Gewiß, o gewiß, mein Engel! Emma (kokett). Dann hilf mir ihn auch um die Schultern legen! (Lewald thut es ziemlich linkisch.) Nicht so, mein Freund - auf diese Meise! (Sie gibt ihm den Shawl in die Hände, er hält ihn ausgebrei- tet vor sich hin, sie rollt sich in denselben ein, so daß er sie mit seinen Armen fast umschlungen hält. Kokett.) Gefalle ich Dir jetzt? Lew. (entzückt). Ich bin bezaubert! (Er will sie feurig an sich drücken. In diesem Momente tritt Susanna ein.) Achte Scene. Vorige. Susanne. Emma. Shawl! O sieh! Das ist gewiß der Sus. bereitet, Gnädige Frau. Ihr Zimmer ist wenn es Ihnen gefällig wäre, mir zu folgen — Lew. Schon —? Sus. Die Uhr ist zehn, die gnädige Frau wird ermüdet sein. Emma. Gewiß, es ist die höchste Zeit, daß wir uns trennen. — Mein Herr —! (Sie macht ihm ein graziöses Eompliment.) Lew. Was? Mein Herr —? Emma (ihm winkend). ?r6N62 xaräs! Lew. (ärgerlich). Gehen Sie doch nur — 12 — voraus, Susanne! — Aber so gehen Sie doch! — Meine Schwägerin wird schon kommen. Sus. (kopfschüttelnd für sich). Was hat er denn? Warum ist er denn so ärgerlich? (Sie nimmt einen der beiden Armleuchter vom Tische und geht, die Thüre des Nebenzimmers hinter sich offen stehen lassend, ab.) Emma (Lewald die Hand reichend). Wohlan denn — gute Nacht! Lew. Nun, mein schönes Weibchen, Du wolltest mich wirklich schon verlassen? (Er küßt ihr zärtlich die Hand, ohne dieselbe loszulassen.) Emma (bei Seite). Mein Gott, wie seine Pulse beben, — wie sonderbar nm's Herz mir ist-gewiß, ich habe den Scherz zu weit getrieben! (Laut, sich ihm entziehen wollend.) Recht gute Nacht! Lew. (mit gedämpfter Stimme). Emma — nicht einen Kuß ist Dir der Gatte werth? Emma (mit bebendem Tone). Lassen Sie mich, Heinrich! — O, lassen Sie mich! Lew. (schmerzlich). Nicht einen einz'gen Kuß?-Grausames Weib, Du hast mich nie geliebt! (Er wirft sich in einen Stuhl.) Emma (mit sich selbst kämpfend). Man soll nicht mit dem Feuer spielen. Ich hab's gethan — fast glaub'ich, daß ich mich verbrannt. (Erröthend nach ihm blickend.) Geschwind dem Spiel ein Ende ge- mdcht! (Sie läuft aus ihn zu, drückt ihm rasch einen Kuß auf die Stirne und läuft mit den Worten:) Recht gute Nacht! (aus ihr Zimmer. Lewald springt auf und eilt ihr leidenschaftlich erregt nach. An der Thür dreht sie sich um, macht ihm mit dem Finger drohend eine kokette Verbeugung und sagt noch einmal mit weichem, innigem Tone:) Gute Nacht! (Sie schließt dann rasch die Thüre. Man hört von innen den Riegel Vorschüben.) Neunte Scene. Lewald (allein). Recht gute Nacht! — Sie wünscht mir gute Nacht! — Boshaftes, bezauberndes Geschöpf! Da stehe ich armseliger Eh- mann auf Probe, die Thüren des Paradieses haben sich mir geschlossen — das Spiel ist aus und meine Rolle zu Ende! (Er fährt sich über die Stirne.) Mein Kopf glüht, meine Pulse beben. Heinrich, ich fürchte sehr, Du bist verliebt! Dieses dämonische, herrliche Weib hat Dich bezaubert, Du bist ihm verfallen! — Aber nein, nein! Das ist nur eine Aufwallung des Momentes — ich will zu Bette gehen. Der Morgen findet mich wohl wieder vernünftig! (Er nimmt den zweiten Armleuchter vom Tische und will auf sein Zimmer gehen. In der Mitte der Bühne stehen bleibend und nach ihrem Zimmer blickend.) Recht gute Nacht! Wie süß, wie lieblich ihre Stimme klang bei diesen Worten. — (Seufzend.) Wohlan denn — gute Nacht! (Er wendet sich und will aus sein Zimmer gehen. Wie er an die Thüre kommt, erklingen die Töne eines Pianos aus Emma's Zimmer und die eines reizenden Liedes von ihr gesungen.) Was ist das? — Sie fingt? Und wie reizend ihre Stimme klingt, lieblich, wie sie selbst es ist! (Er lauscht eine kleine Weile, nachdem er das Licht wieder auf den Tisch gestellt.) Schlafe, wer da will, ich kann es nicht, ich will es nicht! Nein, wachend will ich hier vor ihrer Thür lagern und den Engel schützen, der dieses Haus zu einem Eden schuf! (Erziehteinen Stuhl gegen fdie Thüre ihres Zimmers und setzt sich darauf.) Doch, wie lange werde ich sie hüten können? In einigen Stunden schon wird dieser Rabe sie sein ei^en nennen, der ihr und mir zum Unglück Falke heißt. (Das Lied verstummt, die Klänge des Pianos aber tönen fort. Man hört von außen 13 eine männliche Stimme: »Ah pah! Er muß heraus, ich will ihn schon aus seinen Adern jagen!*) Was ist das? — Das ist Hell- bom's Stimme. Was will der hier, um diese Stunde? (Ec springt erschrocken auf.) Zehnte Scene. Voriger. Hellborn. Hellb. Ah. da bist Du ja und dem Himmel sei Dank, noch nicht zu Bette! Aber was ist das? — Man macht Musik bei Dir? — Du bist also nicht allein? (Er geht auf Emma s Zimmer zu.) Wer ist denn bei Dir, he? Lew. (ihn heftig zurückstoßend). Unglücklicher, willst Du bleiben? Hellb. Wie, Du wirst vor mir doch keinen Freund verbergen wollen? Oder sollte es — Teufel! Sollte es eine Dame sein? Um so bester dann! (Er versucht es sich der Thüre zu nähern.) Lew. (ihn zurückhaltend). Sei doch vernünftig, Carl. Hast Du je ein weibliches Wesen in dieser Kammer gefunden? Hellb. Außer deiner alten, keuschen Susanne keines. Doch jetzt? Lew. (verlegen und zögernd). Jetzt ist ein alter Studiencollega, der vor einer Stunde angekommen, von der Reise ermüdet, sich zur Ruhe begeben hat. Hellb. (zweiselud). Und um auszuruhen, spielt er nach 10 Uhr noch Clavier? Ah, das ist komisch! Lew. Und Du? Was willst Du noch hier um diese Zeit? Hellb. Dich abholen in den Clubb, wo Du seit zwei Stunden schon erwartet wirst. Man sehnt sich nach Dir und hat mich mit der ehrenvollen Mission betraut, Dich todt oder lebendig deinen Freunden zu überliefern. (Die Musik ist zu Ende.) Lew. (ängstlich). Schreie doch nicht so, ich bitte Dich! Hellb. Dein Freund schläft ja noch nicht, er hat ja kaum den Flügel verlassen. — Jetzt spute Dich aber und komm! Lew. (wie oben). Ich will nur mit ihm gehen, sonst macht er noch Scandal! — Was wird sie denken, wenn sie diesen Schreihals hört? Hellb. (hat sich dem Tisch genähert, auf welchem noch die Reste des Soupers sich befinden). Oho, hier wurde, wie ich merke, fein soupirt? (Die Punschbowle öffnend.) Punsch getrunken! Du erlaubst wohl? (Er schenkt sich ein.) Das gibt gerade noch ein Gläschen! (Er trinkt und greift noch einer Serviette, sich den Mund zu trocknen, statt dessen erwischt er das liegengebliebene Battisttuch der Dame.) Alle Wetter! — Das duftet! Cm Damentaschentuch?! (Er blickt nach dem Zeichen, überrascht.) Emma? Emma?! Lew. (äußerst erschrocken, ihm den Mund zuhaltend). Schweige doch! Hellb. (lächelnd). Emma! Vermuthlich der Name deines alten Studienkollegen? Lew. (verwirrt). Wahrscheinlich — das heißt —. (Aergerlich.) Der Teufel mußte Dich auch heute noch meine Ruhe stören lasten! Hellb. (spöttisch). Deine Ruhe? Geh, Schalk, dein tsto-a-töte wolltest Du sagen! (Die Töne des Pianos erklingen von Neuem. Emma singt die zweite Strophe des Liedes.) Was höre ich? (Ueberrascht.) Heinrich, dein alter Studiencollega hat einen herrlichen Tenor! Lew. (zerknirscht). Jetzt ist Alles verloren! Hellb. I, keine Idee! Ich werde mir nur noch erlauben, einen Blick durch die Lhürritze dort zu werfen, um die Gestalt deines alten Kollegen zu sehen und sodann in den Clubb eilen, deinen Freunden die Mittheilung zu machen, wie Dich heute rein cameradschaftliche Beziehungen abhielten, der Ihrige zu sein. Hahaha! (Er eilt zur Thüre und guckt hinein.) Lew. (für sich). Da haben wir's! Ich werde morgen die Zielscheibe allgemeinen 14 — Spottes und Gelächters sein und was noch schlimmer ist, man wird sie com- promittiren! (Laut.) Carl, höre mich! (Er zieht Hellborn von der Thüre weg.) Dieses Zimmer birgt wirklich in diesem Augenblick eine Dame! Hellb. (spöttisch). Wirklich? (Ende der Musik.) Lew. Eine Dame, deren Ruf mir heilig ist! Hellb. (kichernd). Hehehe! Lew. (wüihend). Lache nicht! Ich schwöre Dir's, daß mir die Ehre dieser Frau mehr gilt, als die eigene, denn — Hellb. (achselzuckend). Denn — die kleine Emma ist deine Geliebte. (Er hält das Taschentuch in die Höhe.) Lew. (leidenschaftlich). Sie ist mein Weib! Hellb. (höchst überrascht, das Taschentuch fallen lassend). He? — Dein Weib? Und seit wann das? »>M» 7» ' 47 ^ KE - 4 >. . 1,7 F^. ^ ^stellen. Ich bin Rentier Bornthal — Meine Tochter ist noch unten im Garten nm Herrn Holm s Kind, dem kleinen Bertscherl — sie wird gleich da sein. !Tob. (für sich). Jetzt kommt der Bertscherl — o Susi! Ern. Albert, erkläre mir endlich dieses «stthsel und das gleich — ich bitte Dich. Holm. Aber was dieser Herr da fa- 1, ist mir ja selbst ein Räthsel! B?rnt. Hxrr Holm Sie sind wirklich einzig in Ihrer Art — denken Sie sich, «eine Damen — er als Vater — ver- lchignet sein eigenes Kind! Fr- v. Schwallb. Der Herr Schwiersohn wird gewiß sehr triftige Gründe den, Punctum! — Nicht wahr, Herr chwiegersohn? Holm. Ja, Frau Schwiegermutter — iE 'ch habe iebr tninoelinnen warum ich das Kind verleugne. (Für sich.) ES ist zum Rasendwerden! Ern. Aber Albert — (spricht mit ihm). Bornt. Ab. da ist meine Tochter! Eilfte Scene. Bertha (mit dem Kinde). Vorige. Dann Brauser. Bornt. Hier Frau Holm — hier ihre Frau Mama — und Herrn Holm kennst Du ohnedieß. Tob. (für sich). Es ist nur gut, daß der Fratz nix verrathen kann. Bertha (zuErnestinen). GnädigeFrau, da Ihre Amme noch nicht da ist — bitte schön — nehmen Sie mir indeßIhr herzi- ges Kind ab. (Will eS ihr geben.) Ern. (tritt zurück). Was, mein Kind? Tob. (für sich). Wann ich auch saget, es gehört der Schwiegermutter, sieglaud'n mir s nicht! Holm. Heute sind ja Alle toll! Fr. v. Schwallb. Mein Fräulein, behalten Sie nur Ihr Eigenthum, es macht's Ihnen Niemand streitig, denn das ist Ihr Kind! Brauser (an der Thüre. für sich). Tod und Hölle — also doch? Tod. (für sich). Ui. mein Narr is auch schon wieder da. Bertha. Vater, was sprechen denn diese Leute? Bornt. Jetzt werd' ich mich bald selbst nicht mehr auskennen, wo ist denn nur dieser Bediente? Tob. (für sich -. Jetzt geht's um meinen Kopf — o Susi! (Will rechts ad.) Brauser (tritt vor). Halt,der will entschlüpfen; nur hiergeblieden. Schlingel! Tob. (für sich). Sie dad'n mich schon. Bornt. Ei sieh da. der Herr Doctor! Bertha. Eduard! Brause* Ich kenne nicht, mein 12 Fräulein Mutter! (Zu Tobias.) Hat Er den Brief abgegeben? ' Tob. Ich hab'n in'sPostkast'l g'worf'n. B ornt. (von der andern Seite). Was hat er zu mirgesagt, wemgehörtdasKind? Tob. Ich — ich — o Susi! — ich — (sieht sich um) Gott sei gelobt — da is sie, die Susi! Zwölfte Scene. Susi. Die Vorigen. Susi. Ich küß' die Hand — und ich bitt' recht schön um mein Kind. (Nimmt es von Bertha.) Alle. Was, der gehört das Kind? Fr. v. Schwallb. Sie ist also die Mutter? Susi. Ich? O nein! Gelt, Tobias, ich bin keine Mutier? Tob. So viel ich weiß — nicht! Susi. Ich bin nämlich im Dienst als Kindsmäd'l, und weil heut' mein Vater kommen is, so bin ich ihm entgegengangen und Hab' das Kind dem Tobias zum Äuf- heb'u geb'n, denn der Tobias is mein Schatz und wir dürfen uns Eins das Andere heiraten. Tob. Jetzt seh'n die Herrschaften, wie unschuldig als ich bin. Holm (lacht). O, setzt begreif' ich den ganzen Wirrwarr! (Zu Ernestine.) Hast Du an meiner Treue qezweifelt? Ern. Nein, Alvert — ich nicht — aber meine Mutter, die uns durchaus verlassen will. Tob. Aber ohne vierzehn Tag'! Ende. Don Leopold Feldmann find im Verlage der MakkisAau^er^" Ouclrüanllkung (Josef Klemm) erschienen: Deutsche Original-Lustspiele. II. Band. 1847: Der Pascha und sein Sohn. — Ein FreundschaftS-Bündniß. — Ursprung deS KorbgebenS. — Eine unglückliche Physiognomie. — Drei Eandidaten. III. Land. 1849: Ein höflicher Mann. — Der dreißigste November. — Ein Mädchen vom Theater. — Baron Beisele und sein Hofmeister Doctor Eisele in München. — Der Lebensretter. IV. Band. 1849: Der RechnungSrath und seine Töchter. — Der deutsche Michel, oder: Familien-Unruhen. — Kern und Schale. — Ahnenstolz in der Klemme. — Bekenntnisse eines Brautpaares. — DaS NarrenhauS. V. Band. 1851: Faustin I., Kaiser von Haiti. — Ein alteS Herz. — Die beiden bapellmeister. — DaS Gast» mahl zu Luxrnhain. — Der neue Robinson, oder: daS goldene Deutschland. VI. Band 1852: Die beiden Faßbinder, oder: Reflexionen und Aufmerksamkeiten. — Die beiden SchicksalSbrüdrr. — Tie Industrie«Ausstellung, oder: Reise-Abenteuer in London. — List und Dummheit. Preis eines jeden Bandes 2 Thlr. oder 3 fl. In neuen Auflagen erscheinen demnächst: Der Sohn auf Reisen. — Das Porträt der Geliebten. — Die Kirschen. — Die freie Wahl. — Die schöne Athenienseriu. Zn der Wallishau ffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt Häher Markt Nr. 1, find erschienen: §OU aus den beliebtesten Wiener Possen. Sechs Hefte. Preis eines jeden Heftes 50 kr. österr. Währ, oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg, D. F. 1. Da macht' i halt das G'wissen sein. 2- Requisiten-Couplet. 3. Figuren-Couplet. 4. Nachher wird es schon wern. 5- Glöckchen-Couplet. 6- Biblisches Couplet. 7- Falsche Benennungen. 8- Dann ist sie da die bessere Zeit. 9. 'S gibt halt doch gute Leat'. — Berg u. Grün. 10- Volkslieder. 11. Aber geb'n thut's es nit. — Berla, Alois. 12. Jetzt da war's halt Noth, daß wer antauchen thät. 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. 14. Zu was dann die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lachcouplet. 16- Aus einer Chronik«. 17 Früchte, die verboten sind. 18- Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20. Mythologie-Couplet. — Berla u. Bittner. 21- Ohne Umschneiderei. 22- Die papierene Zeit. 23- Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Bittner, Anton. 24- Thier-Couplet. 25- Das ist noch Geheimniß. 26 Wer hätt' es geahnt. 27. (Lronigus 86Uncial6U86. — Bittner u. Morländer. 28- Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Tyieren. — Blank, Alois. 29- Und so wird hinterrücks g'redt. — Böhm, Josef. 30- Na da sieht man's doch, daß's an der Eintheilung fehlt. 31. Wenn man die Wirkung sieht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32. Maschincn-Couplet. 33- Wo man was sucht, dort find't man es nicht. — Elmar, Carl. 34- O Spiel der Natur- 35. Lied des Teufels. 36- Mau glaubt nicht, was in einem Menschen oft steckt. 37- So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. 38. O ungeheure Ironie- 39. Da möcht' ich halt wissen, was nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes: Elmar, Carl. 40. Was lieget da dran. 41. Ja so geht's, wenn man heut' zu Tag Geister citirt- — Feldmaun u. Flamm. 42. Mit Kleinem längt man an, mit Großem hört man auf. 43. So was, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Theod. 44- Keine Rose ohne Dornen. 45- Gesundheit und ein recht langes Leben. 46. Jedes Häferl hat sein Decker!. 47- Repertoire-Couplet. — Flamm u. Wimmer. 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät. 49 So behilft sich halt Jeder, so gut als er kann. — Gottsleben, L. 50- So bat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 51- Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52- Na, das kennen wir scdon! 53- Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54. Wir bedanken uns sehr. — Grünn, Johann. 55- Was ein Narr ist. 56. Chineser-Couplet. — Gründorf. 57- Nökhi wär's net, aber nothwendi war's. — Haffner, Carl. 58- Da sind's mäuserlstill. 59- Es steckt was dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60- Wann der mein Kapperl hätt'. 61- Ja, ich kann's nit ändern, es is halt a so. — Juin. 62- Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht. 63- Wozu Mancher eigentlich geboren. 64. Fiakerlied. 65- Das wissen die Götter, wohin da« soll führen. 66. . Da wird einem heiß kalt — warm! Ungeheuer genannt! Inhalt des',dritten Heftes: Kaiser, Friedrich. 67- Ich bill' meine Empfehlung, es wäre schon gut. 68. Es muß ja nicht gleich sein. 69- Da braucht man beim hellichten Tag a Latern. 70. Jetzt das g'hört aus ein anderes Blatt. 71. Die sind halt g'scheidt. 72- Das ist so nobel und so billig dabei. — Langer, Anton. 73- Was ist der Unterschied. 74- Aber da mag Keiner net. 75. Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 76. Es schaut nur gemeiner aus. 77- Zu früh und zu spät. 78- Man kann sich's wohl denken, aber sagen darf man's nicht. 79. Wann mich der fragen thät. — Megerle, Ther. 80- Marsch mit dem in d'Butten- 81. Man muß nur den günstigen Zeitpunct erfragen. —- Mestroy. 82. Und 's ist Alles net wahr. 83- Stern-Lied aus »Lumpaci*. 84- Auf was sich Mancher hinauswachsen kann. 85. Das war ganz etwas Neu's. 86- Und man kommt auf kein Grund. 87. Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 88. Ja, hat denn die Sprach' da keinan- deres Wort. — varry, A. 89- Ob der die Wayrym wird sagen. Inhalt des vierten Heftes: Berg, D. F 1. Da such' ich in mein' Büchel. — Berg u. Grün. 2- Mensch und Thier. — Kerg, B. F. 3. Das steht lO.OOOmal. — Berta, Atois. 4. So machen Emm die Kinder nix als Aerger und Verdruß. 5. Konsequenzen 6- 2s 's a Wunder? 7. Wir wollen uns freiten- 8. Moderne Waffengattungen. — Bittner, Ant. 9. Das is a Malheur. 10. Hm, hm, hm! — Dank, Alois. 11. So schaut's mit den neuen Erfindungen aus — Böhm, Josef 12- Wertraut fich da zu fragen? 13. So a Ansicht thut Einem weh. — Eberhart, Nik. 14- Was a Kunst iS. — Elmar, Carl. 15- Und ein Solcher geht um und'n Andern sperr'nS ein! 16. Das sein glückliche Leut'! 17. Ackerlied. 18. So sangt man kalt' wieder beim alten Zopf an. 19- Ob Vieles nit wohlthätig war. Feldmann, L. 20. Aenderung g'spüren. — Flamm, Lheod. 21. Wasch' mir'n Pelz, aber mach' mir'n nik naß. 22- Die Vögel kennt man an den Federn. 23- So lang wir nit mehr hab'n. — Friese, C. A. 24- Das Lied von der Erinoline. 25- Gute Nacht. — Grsnd- zesn, M. A. Das doppelte Gesicht. — Grois, Loms. 27. Lied ohne Reime. 28. Ubreu-Lied. — Grün, Johann. 29- Wo steckt der Teufel? 30. Traum-Couplet- — Psundhrller, I. 31- Das hat nicht die Zeit gemacht. — Haffnrr, C. u. Weihrauch. 32- Erst das Geschäft und dann daS Vergnügen. — Juin, Carl. 33- Nimm Dich selbst bei der Nase. Inhalt des fünften Heftes: Juin, Carl. 34. Schlechte Sprichwörter. 35. Einmal ist keinmal. 36. Was Hämischen gelernt bat, läßt Hanns nimmermehr. 37. Za, fragen ist leicht, aber antworten schwer. 38- Es gibt kein Mensch einen Groschen dafür. — Kaiser, Friedrich. 39. Da hört's halt auf Unterhaltung zu sein. 40- Zm hundertsten Jahr. 41. Haben muß man's, aber brauchen soll man's nicht. 42. Wir haben halt Heuer a g'segnetes Zahl. 43- Wann man nur früher eine Prob' halten könnt'. — Kola. 44- Der ganze Papa! — Langer, Anton. 45. Jedes Ding hat zwei Seiten. 46- Wie muß denn der da hineinkvmmen sein? 47- Sw red't nur a so. 48- Jetzt, der wird fich's noch a Weis überlegen. 49- Ist das praktisch? 50. Biblisches Couplet. 51- Was mich nicht brennt, daS blas' ich nicht. — Megerle, Ther. 52- So kommt Mancher zu was. 53- Was unser Eins nit sagen darf. 54- So find wir wieder dort, wo wir früher schon waren. — Megerle, Jul. 55- Was den Wienern abgeht. — Merlin, Hugo. 56- Nebelbilder. — Morländer. 57- Gegen die Dienstboten Hab' ich a Wuth. — Moser, I. B- 58. Der Hansi kann's nit, der Hans aber kann's. 59. ?osl6 restante. — Nestroy, Joh. 60- Tarock-Lied. 61- Teufels-Lied. 62- Die heimliche Eisenbahn. — Post, I. B- 63. Za, die haben halt ka Glück. Inhalt des sechsten Heftes: Schönau, Carl. 64- Beim Bäcken! — Schönau, Joh. 65- Rebus-Lied! 66- Waa's ma's denn? — Slix, C. F. 67. Man glaubt nicht, was die reichen Leut' die kleinste Freud' oft kost't! 68. Ah, da drauf is net z'geh'u! — Tesco, W. 69. Der Traum von der Hölle. 70- Glocken-Couplet. — Treumann, C. 71. So was heißt deutsch g'rcd't. 72- Unsere Sachen dürften auch nicht schlecht sein. 73. Ein bisserl mehr stolz sein, das könnt' uns nicht schaden. — Wysber. 74- Einer kann's nit richten. — Berla, Alois. 75- Na freili was denn? — Berg, B. F. 76. Da hört me dann nix mehr. 77. Der Eine hat Däs. 78- Aber man g'wöhnt am End' schon All's. — Bittner, Ant- 79. Bis auf's Wie —. — Blank. 80- Da steckt der Teufel d rin. — Elmar, Carl. 81. Man muß net zu viel begehren. 82- Hozat is! — Juin, Carl. 83. Moderne Uebersetzung. 84. I» freilich! — Langer, Ant. 85- Zwanzig Zahre machen halt ein' großen Unterschied! 86- Couplet aus: »Der Actiengreißler.« Jedes Heft wird auch einzeln abgegeben. Wallishausser'sche Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien. In der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien sind zu haben: Der Brasilianer. Posse mit Gesang in einem Act. Nach dem Französischen von Hohenmarkt. 8 Sgr. od. 40 Nkr. Kopf und Herz. Original-Lebensbild mit Gesang und Tanz in drei Acten von Theodor Flamm. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Ner Hm MMmMer M jme Mike. Charakterbild mit Gesang in drei Acten von Friedrich Kaiser. 12 Sgr. od. 60 Nkr. Lustspiel in einem Act von Sigmund Schlesinger. 7V, Sgr. od. 35 Nkr. Ein Musikant, oder: Die ersten gedanken. Komisches Charakterbild mit Gesang in drei Acten von Ludwig Gottsleben. 12 Sgr. od. 60 Nkr. ---»r-- Druck und Papier von L. Scnnner 6 Die Handlung spielt th'eils llr Kirchberg, einem Dorfe an der Grenze Böhmens, theils in Wien. Wiener Theat.-Rep. Rr. iS M Z 2 Erster Aufzug. Erste Scene. (Eine ländliche Schänkstube in Kirchberg. Vier Tische, zwei vorne, zwei mehr rückwärts; neben der Eingangsthüre, welche in der Mitte ist, der Schanktisch. Die Kellnerinnen Lene und Theres säubern die Gläser des Schanktisches, stäuben die Stühle ab rc. — Kroll sitzt vorne rechts, Hartmann der Wirth, tritt ein beim Aufgang des Vorhanges). Hartm. (ehemaliger Militär, etwas hinkend). Guten Morgen, Gevatter, Glück zu den Feiertagen — thalein gegangen, he? Kroll. Zwei Meilen, guter Herr, bin herzlich müde, sonst hätte ich es mir nicht versagt, der Frühpredigt beizuwohnen, die eingeläutet wurde, als ich das Dorf erreichte. Hartm. Glaub's wohl, möchte auch dabei sein, der Abt von Zwettl predigt — ein famoser Herr, beredt und gut und fromm, bekannt im ganzen Lande — kann aber nicht, denn »Herrendienft vor Gottesdienst«, sagt das Sprichwort, und meine Herren find die Bauern, die hier einsprechen, wenn sie aus der Kirche kommen, hahaha! Kroll (kopfschüttelnd). Um zeitlichen Nachtheiles willen vernachlässigt man nicht das ewige Heil; ich habe heute noch weit zu gehen und bin dennoch zweimal eingetreten auf meinem Wege in den Tempel des Herrn. Hartm. Na, ich bin deßhalb auch kein Heide, habe meinen Glauben so gut wie Einer und wie ihn überhaupt ein alter Kriegsknecht nun eben haben kann. Kroll. Ihr wart Soldat4 Hartm. Mein lahmer Fuß bedankt sich für die Frage und der Teufel hole den Feldschee, der mich so schlecht zusammenflickte. (Kroll's Glas nehmend.) Noch ein Gläschen, he? Kroll. Behüte — doch wenn Ihr mir Bescheid thun wollt — in's Himmelsnamen. Theres (durch die offene Thür blickend). Die Kirchenleute kommen! Hartm. (indem er Kroll's Glas ani Schanktisch füllt, geschäftig). Frisches Bier und Wein herauf — den Fusel weg, der ist nur für Werkeltage, an Feiertagen trinkt der Schlechteste einen guten — (Kroll zutrinkend.) Wohl bekomm's! (Zu den Eintretenden.) Schön willkommen, Ihr Herren — Lene — Theres, flink durcheinander! — Zweite Scene. Vorige. Der Richter Martin, Schreiner Thomas, Pachter Hirn, Kleinhäusler Langer (andere Bursche und Bauen treten ein, grüßen stumm und setzen sich au den verschiedenen Tischen umher, während Hartmann, Lene und Theres sie bedienend hin- und herlausen). Mart, (setzt sich an Kroll's Tisch). Vetter Krummbein, mein Deputat! (Pause.) Hartm. (befremdet). Na, was ist's denn? Habt Ihr Fische verschluckt und find Euch die Gräten im Hals geblieben? — Warum denn so stumm, Ihr Teufelskerle, die gewöhnlich einen Lärm schlagen, ärger als Baron Trenk's Panduren? Lang, (sitzt vorne links). Es ist erstaunlich! Hirn (neben Obigem). Ja, ja, so ist's! Thom. (fitzt neben Martin). Wo das hinaus will? 3 Hartm. (ihm einen steinernen Krug reichend). Frag' lieber, Du Saufaus, wo das hinein will — Thom. (unwirsch). Bleib' mir vom Leibe mit deinem Geplapper, mir ist der Kopf so voll! Hartm. Das wäre das erste Mal vor demFrühtrunke, später pasfirt's Dir wohl öfter, he? — Ja, in s Deixels Namen, was habt Ihr denn? Ihr sitzt ja da wie die Salzsäulen Lot s? Haben eure Weiber sich vielleicht auch umgesehen nach — Gomorrha in Gestalt der neu einquartierten Kürassiere? Lang. Halts Maul, Du halbverrückter Faxenschmied; wärst in der Kirche gewesen, wie sich gebührt für ein ehrliches Christenkind, würd'st auch wissen, was wir wissen, hätt'ft auch gehört, was wir gehört und wovon uns noch die Ohren gälten! — (Dreht ihm den Rücken.) Hartm. (zu Martin). Vetter Richter. Ihr seid derGescheidteste von Amtswegen. sagt mir, was hat es denn gegeben? Martin (wichtig). Erstaunliches, Unerhörtes, Unglaubliches hat es gegeben, Jammer und Elend wird es geben — Mord und Todtschlag muß es geben! (Trinkt.) Alle. Ja, ja, Mord und Todtschlag muß es geben. Lang. Und damit Du es auch weißt, so höre mich an: Ein Gesetz ist ausgege- ben worden von oben herunter — Thom. Das heißt vielmehr mehrere Gesetze — Lang. Vermöge dessen von jetzt an— Mart. Und auch in Zukunft — Hirn. Ja, ja, so ift's! Lang. Dieses ferner also gehalten werden soll — Mart. Daß pro otrimo oder auf deutsch vor allen Andern unser allergnädigster Herr von Gottesgnaden keinen Spitzbuben mehr aufhängen lassen will und wird, so daß kein Jude ein Jude mehr ist und als solcher behandelt werden soll — Lang. Sondern Alle, weß Glaubens und Namen sie sein mögen - Ketzer, Heiden und Deisten — sind quatralirt. Mart. Gevatter Kleinhäusler, colle- rirt heißt es! Kroll (süß). Tolerirt wird es richtiger lauten, mein Guter — Lang. Also tolterirt, wenn's schon sein muß; ferner (langsam und .vehrnüthig entsetzt) pro stortio alle frommen Stifte beiderlei Geschlechtes sammt ihren Bewohnern aufgehoben werden sollen. Kroll. Wißt Ihr auch, mein Guter, was unter dem Worte »aufgehoben« verstanden ist? — Verjagt werden die frommen, gottbeschaulichen Brüder und Schwestern, ihrer mühevoll durch Jahrhunderte erworbenen Güter entblößt—dem Elende, dem Hunger, der Noth und der Schande preisgegeben. — Dieß, mein Lieber, versteht man unter dem Worte »aufheben«! (Allgemeines Erstaunen.) Hartm. (zu Martin). Richter, mit dem ist's nicht richtig, mir scheint, er ist ein — (neigt sich zu Martins Ohr). Mart, (mit einer Amtsmiene ausstehend). Halt-wir sind zwar unter uns und können folglich reden und denken, was wir wollen unter uns, aber der Herr, der nicht unter uns gehört, ist auch unter uns, und redet mit uns, und das ist uns verdächtig, das heißt mir, dem Richter! — Nicht wahr — Hartmann und Ihr übrigen Männer? Alle. Ja, das ist uns verdächtig! Kroll (saust). Vergebt, meine Guten, daß das Interesse an Eurem Gespräch mich vergessen ließ, daß ich hier fremd bin. doch beunruhigt Euch deßhalb nicht, ich bin, wie Ihr, ein getreuer Unter- than unseres allgeliebten, leider irregeleiteten Monarchen; bin ein armer Weber aus Böhmen. Lang. Aus Böhmen ist Er? i» 4 Mart, (ganz zufrieden). Ah, nachher! darf er mitreden. ! Kroll. Zu eurer gänzlichen Beruhigung — hier mein Certificat. (Marlin ein Papier vorweisend.) »Ignaz Kroll, Leinweber aus Pilsen in Deutschböhmen.« Mart. Aha - schon gut - - in der Ordnung. (Zu den Bauern.) Wißt, er ist ein deutscher Böhm; na ja,— wenn er ein böhmischer Deutscher wäre — dann eher — aber so — ganz in der Ordnung. (Zu Lene.) Noch ein Stamperl! Hartm. Und das ist Alles, was Euch die Köpfe so wirklich macht? Lang. Ift's nicht genug? Hundert und hundert Jahre war es, wie es ist, und es war gut und jetzt aus einmal soll es anders werden? — Millionen Hallunken sind gebraten, gespießt, gerädert, gehenkt und erschossen worden und jetzt soll man sie laufen lassen? Mart. Mein Urgroßvater, mein Großvater und mein Vater haben ihr Haus versegnet vor einem Juden und ich soll es bleiben lassen? Thom. Und die lieben Frauen im Stifte sollen wir verjagen lassen? Alle. Mord und Brand, das darf nicht sein! Hartm. Nehmt's doch nur ein Quintl Vernunft an! — Unser gnädigster Kaiser und Herr will ja nur euer Bestes — Kroll (ächzend). Ja wohl, euer Bestes! — Das Beste seiner Unterthanen — ihr Seelenheil! Hartm. Er geht von dem Grundsatz aus: ich habe das Leben nicht gegeben, darf es daher auch nicht nehmen, d rum läßt er keine Verbrecher mehr aufknüpfen. Er ist Vater aller seiner Unterthanen, find es jetzt Juden oder Ketzer — d'rum räumt er Allen gleiche Rechte ein, und will, daß wir, seine Kinder, unter einander auch wie Brüder leben. Lang. Dank für die Brüderschaft — mag nichts davon wissen. Mart, (mit Ekel sein Glas wegschiebend). Prrr! Einige (ebenso). Prrr! Hartm. Und was endlich die »Aufhebung« betrifft — Kroll (unangenehm berührt durch die Worte Hartmann's). So ist sie ein Werk des Bösen, der durch Ränke aller Art die Gläubigen in sein Netz verlocken will, ein Funke der Aufklärungsflamme, die ihr Licht am Brande der Hölle entzündet, eine unheilbringende, verderbenschwangere Gewitterwolke, so Krieg, Pest, Hungers- noth, Aufruhr und Empörung in die Saalgefilde der Rechtgläubigen hageln wird, ein Giftgemengsel der Lasterhaftigkeit, das seinen Erfinder tödtet in Gegenwart, Zukunft und alle Ewigkeit. — (Nach einer Pause plötzlich süß und sanft, während die Bauern verblüfft ihn anstarren.) Sieh, sieh, wie Eifer für die gute Sache mich ins Feuer gebracht; — Ihr nehmt es doch nicht übel, daß ich mit meinem Geschwätz eure Feiertagsluft gestört? (Letzt sich wieder ganz unbefangen.) Mart. O nicht im Geringsten; sprecht immer mit, Ihr seid auch nicht von heute und habt vollkommen Recht; es ist kein Scherz zu machen in Dingen — Hartm. (unwillig). Die Ihr nicht begreift —! Mart. He, was? Hartm. Ja, ja. die Ihr nicht begreift trotz eurer Richterschaft. Mart, (ausgebracht, seinen Wein austrin- kcnd, dem er zeitweise bedeutend zusprach). Hört, Ihr verstümmeltes Großmaul, was habt Ihr da gesagt, was begreife ich nicht, ich, der Vorstand der Gemeinde?— Wenn Ihr mich beschimpft, der ich mehr bin als die Tölpel, so beschimpft Ihr die Tölpel alle — verstanden? Hartm. (einlrnkend). So laßtEuch doch nur sagen — Mart, (immer heftiger). Ich laß mir nichts sagen und die noch viel weniger, das merkt Euch. — Nicht wahr, Ihr 5 Jungen, wenn ich, der Richter, nicht höre, so seid auch Ihr, die Gemeinde, taub? — Und wir sollen uns was sagen lassen in Gegenwart fremder und noch dazu gescheiter Leute! — Lächerlich! — (Mit Salbung.) Wenn Ihr mich nochmal in meiner Person und Würde zu beleidigen wagt, bin ich der Manu, der seinen Wein wo anders trinkt und die Gemeinde ist er Mann, die ihrem Richter im Trünke Nachfolgen wird — verstanden? — (Setzt ich erhitzt nieder.) Und jetzt bring' mir der Gevatter noch ein Stamperl Wein! (Während Hartmann den Wein vom Schanktische holt, tritt Dritte Scene. der alte Weber Veit h. ein Greis von 80 Jahren, mit entblößtem Haupte ein.) Veith (sich selbst Muth zusprechend). Hilf Gott, es muß sein! Hartm. (ihn erblickend, erfreut). Alle tausend Sterne! Der Nachbar Veith im Schankzimmer, das ist eine Seltenheit! Thom. (dem Veith seinen Krug reichend). Ich bring' es Euch zu! Veith (nachdem er genippt). Bedank' mich schön, Gevatter Schreiner, werdet mir wohl bald Anderes dringen als den Thom. Ah bah —Ihr seid ein rüsti- er Kauz, tragt das Alter leichter als mancher Sausewind sein bischen Jugend. Mart, (gnädig). Wie geht's denn, alter Veith? Veith. Wie einem achtzigjährigen Manne, der am Rande des Grabes der Schande entgegengeht. Mart. Öh'o! Hartm. (mit einigen Andern). Wie so denn? Was gibt es denn? Sprecht, Nachbar! Veith. Daß im verflossenen Herbst der Hagel mein Feld zerschlug, das wißt Ihr, daß ich mit herrschaftlichen Gaben im Rückstände bin, ist die bittere Folge davon, und jetzt, wo ich den Zahlungstermin nicht einhalten kann, will der Amtmann mich in den Thurm stecken lassen, und nirgends Aussicht, nirgends Hilfe! Mart. Das ist schlimm — sehr schlimm! Veith. Des Amtmanns ältester Bub' ist in meine Klara geschossen und weil sie ihn nicht mag zum Manne, hetzt und stachelt er den Vater gegen mich, der schlecht genug ist. die Gewalt zu mißbrauchen, die ihnl mein Unglück an die Hand gegeben. — Ich habe m bessern Zeiten Manchem von Euch mit einem Pfennige geholfen — heute um Mittag, ist die letzte Frist — streckt mir die Summe nur vor, bis der Hafer blüht, dann borgt mir der Kornjude so viel auf meine Fechsung. Marti. Es ist— ^ i Lang. Wir haben — I , Thom. DonHerzengern,t (3ug e> ) aber — I Mart. Ja, warum gebt Ihr denn dem Amtmanussohne das Mädel nicht, da wärt Ihr ja mit einmal aus aller Angst? Veith (rasch). Dem gottvergessenen Buben, der schlechter noch als dumm und keck ist? Dem Saufaus, meine Klara? Mart. Saufaus? Dem ist nicht so! (Für sich.) Trinkt ja kaum so viel als ich. auf diese Art wäre ich mehr noch als ein Saufaus? — Na warte! Lang, (zu Veith). Aber der Amtmann ist ja reich und Lorenz — Veith. Ein Tagedieb, der mein Kind lebenslang elend machte — nein, nein, lieber in den Kotter. Mart, (höhnisch). Warum seid Ihr dann erst da hergekommen? - Kotten Euch ein nach Belieben, aber ehrbare Leute verschont mit unnöthigem Gewinsel — freche Zumuthung! — Wir sollen Geld Hergebell, weil sein vertätscheltes Töchter- 6 lein die Spröde spielt! — (Ausstehend.) Na — Ihr glücklicher Vater habt ja auch dinen Sohn, einen gewaltigen Kriegshel- een mit zwanzig Pfennigen Löhnung, dielleicht kann der etwas thun für seine vachnafige Familie, für die es ein gefun- hener Handel sein müßte, wenn ein Glied der Obrigkeit — mit einem Worte: ich, der Richter, gebe nichts. (Die Uebrigen mit inem gewichtigen Blicke messend.) Die Gemeinde wird sich darnach zu richten wissen. (Geht ab, mehrere Bauern folgen ihm.) Hirn. Za, ja, so ist's! (Folgt den Uebrigen.) Vierte Scene. Vorige ohne Martin und Hirn. (Veith setzt sich mit Hartmann's Hilfe an Martins Platz, sein Gesicht mit beiden Händen verhüllend.) Lang. Mich, glaub' ich. kennst Du und weißt, daß ich mit Freuden den letzten Bissen getheilt hätte mit Dir, aber jetzt ist's eine andere Sache; Du kannst nicht verlangen, daß ich deinethalben mit dem Richter Verdrießlichkeiten habe. — Jeder ist sich selber der Nächste — also — nichts für ungut,-Thomas, gehst Du mit? Thom. Soll ich vielleicht allein da fitzen bleiben? Bin schon zu lang' da gesessen! - - Behüt'Gott, alter Veith! Geld Hab' ich selber keines, aber wenn einmal geschieht, was geschehen muß über kurz oder lang — so richte ich Euch aus alter Freundschaft eine Bahre her aus Extraholz, die Euch in der Ewigkeit noch freuen wird — so prachtvoll! — 'S thut halt Zeder, was er kann. Ade! (Schüttelt Veith mit roher Herzlichkeit die Hand und folgt dem abgehevden Langer.) Hartm. Herzloses Gesindel, schert Euch zum Teufel! (Holt eine Bouteille Wein vom Schenklisch und setzt sich, sobald Veith das Folgende gesprochen, mit derselben zu Veith's Tische.) Fünfte Scene. Hartmann, Veith, Kroll (welcher sich bei Veiths Eintritt aus eine Bank im Hintergründe gesetzt hatte, zieht ein Buch aus der Tasche und liest dem Anscheine nach höchst aufmerksam). Veith (vernichtet). Einen Sarg statt der gehofften Hilfe! Das Beste wäre ein Sarg für mich, doch sie, die mein Elend theilen? — Wäre nur mein Johann hier, der würde Rath schaffen, hätte auch gewiß nicht zugegeben, daß ich mich erniedrigte zu betteln! — Betteln — fürchterliches Wort, so leicht gesprochen und so schwer gethan! Hartm. (herzlich). Nicht so traurig, Nachbar; der Amtmann wird es wohl nicht zum Aeußersten treiben. Trinkt ein Gläschen mit, inzwischen überlegen wir, was zu thun. Zch war der Camerad eures Sohnes, sein bester Freund im Re- gimente, will seine Stelle einnehmen: denkt Euch, Ihr sprecht mit eurem Hans. Veith (gerührt lächelnd). Mein guter Johann! Hartm. So trinkt doch. Vater — der brave Korporal vom sechsten Regiment soll leben! Veith (unwillkürlich lebhafter, sein Glas erhebend). Mit Gott!-Brav ist er, das ist wahr und wenn er hier wäre - Hartm. Bin ich nicht hier, sein Stellvertreter? — Viel haben zwar Beide nicht, euer Hans und sein Substitut, aber genug, um dem Amtmann zeitweilig das Maul zu stopfen. — Wie hoch ist der Rückstand? Veith (seufzend). Fünfundzwanzig schwere Gulden! 7 HartM. (rin Beulelchen auf den Tisch egend). Hier, Vater, habt Ihr sechse, lohlgezählt, mit dem Reste muß der Vogt varten, oder die Schockschwerenoth — Sechste Scene. Vorige. Klara. Klara (hereinstürzend). Vater — Va- er, um Gotteswillen, der Amtmann mit >en Büttelknechten — sie holen Euch — Hartm. Schon da, der Bluthund? — )hne Sorgen, ich geh' mit. Veith (seine Tochter liebkosend). Wie Lu zitterst, beruhige Dich, Klara, der Machbar Hartmann hat ein Herz, er wird ms beisteh'n, steh, er hat mir einen Theil )es Geldes vorgestreckt; mit demUebrigen muß der Amtmann warten. Klara. Wenn nur, Vater — wenn er nur wartet, ich fürchte das Schlimmste — sein Blick ist gar zu bös. Hartm. Blick hin, Blick her und sei es ein Basiliskenblick, vor ehrlichen Leuten muß er ihn zu Boden schlagen, nicht vahr, Vater? Trinkt noch einmal, das tärkt. erfrischt die Seele — so! — Ihr nüßt wissen, hübsche Klara, daß ich heute euer Bruder bin; Nachbar Veith hat nich eben adoptirt-seid Jhr's zu- rieden? Klara (reicht ihm unbefangen die Hand). Herzlich gerne; doch habt Ihr bedacht, daß man dem eig nen Glücke entsagt, wenn man den Muth hat, sich mit dem Unglücke Anderer zu verbrüdern? Hartm. Wenn das Unglück so aus- irht wie Ihr, hol mich der Teufel, dann ist es kein übles Unglück und mir. tausendmal lieber als ein häßliches Glück. Klara (ohne die Worte Hartmann'S zu brachten). Kommt, Vater, kommt, sonst geberdet sich der Amtmann noch unbändiger als gewöhnlich. Veith (ängstlich). Ja, ja. gehen wir; komm, Klara, komm, und Ihr auch, Nachbar — mir ist so bange plötzlich — nicht wahr, Ihr werdet mich alten kindischen Mann nicht verlassen? Und zahlen kann ich ihn ja auch, sechs schwere Gulden! Da muß er sich wohl finden lassen. (Alle Drei ab.) Siebente Srene. Kroll, Lene, Theres. (Die Letzteren beschäftigen sich, unbekümmert um das Gespräch, mit Zurückstellung der gebrauchten Krüge rc.) Kroll (steckt das Buch ein und tritt vor). Dieser Wirth ist der Einzige im Orte, der zu beachten ist — die Uebrigen dumm, beschränkt, aufgeblasen, ein tölpelhafter Richter, ein niederträchtiger Amtmann — bravo — dieses Nest kann als Mufier- dorf bezeichnet werden. (Laut.) Hier,meine Kinder, ist die Zeche, (gibt Theresen einen blanken Thaler) den Ueberschuß verwendet auf Bänder zur nächsten Kirchweih. Theres und Lene (ganz überrascht ohne es zu nehmen). Herr Jemine — das ist zu viel! Kroll (immer sehr ernst). Nehmt doch, nehmt; doch sagt Niemandem, daß ich es Euch gegeben. Ich thue gern im Stillen Gutes, besonders so lieben frommen Kindern, wie Ihr seid. Lene. Wir danken schön. (Schnell und leise zu Theres.) Du, für meinen Theil kaufe ich Korallen — Theres (ebenso). Was mir kommt, kriegt der Paul. Kroll (Theesen in die Wange kneipend). Sieh da, einen Liebsten hat Sie auch schon? Lheres.Seit Michaeli, gnädiger Herr. Kroll. Bist Du ihm wohlrecht treu? Theres. Das versteht fich^s«r G Süden! 8 Kr oll (Theres mit väterlichem Wohlwollen an sich ziehend). Recht so, meine fromme Tochter, Treue ist des Weibes schönste Zierde, ein besserer Schmuck als Gold und Edelstein. (Zu Lenen, die er bei der Hand nimmt, ohne Theresen fahren zu lassen.) Und Du, hast Du noch keinen Freier? Lene. Zur Stunde nicht, gnädiger Herr! Kroll. Ei. da muß man Dir ja einen zu verschaffen suchen, einen braven Mann, der deineTugenden zu schätzen weiß. (Zieht pe an sich wie früher Theresen.) Lene (ganz entzückt). Ja, wenn ich mich darauf verlassen könnte! Kroll. So wahr ich die väterlichsten, reinsten Gefühle für Euch hege — ich verschaffe Dir einen Manu. — Zum Unter- pfande nimm diesen Kuß. (Küßt Lenen, eh sie noch recht weiß, wie ihr geschieht, wen< del sich dann zu Theresen und wiederholt dasselbe Spiel.) Und Du sage deinem Freunde, ein frommer Mann beneide ihn um deine Liebe, und jetzt lebt wohl! — (Geht langsam ab.) Theres. Und warum denn nicht? Lene. Das glaub' ich auch, es ist ja nichts Böses dran. Th res. Ich sag' es ihm für jeden Fall. Lene (abgehend). Und ich kaufe mir Korallen! (Ab in die Seitenthüre.) Neunte Scene. Theres (allein). (Sinnt und überlegt ein Weilchen.) Ich wüßte wirklich nicht, warum ich es meinem Paul verschweigen sollte; was kann er denn dagegen haben und-es war ja ein gesetzter Mann.-Aber wenn ich es recht überlege, ich werd' es doch lieber bleiben lassen. (Folgt der Lene, ab.) Verwandlung. Achte Scene. Theres und Lene. (Bleiben eine Secunde verschämt stehen, ihre Gesichter mit der Schürze bedeckend, dann blicken sie einander verstohlen an.) (Höchst ärmliches Wohnzimmer des Webers Veith. In der Mitte rechts cineThüre, nebenan ein Weberstuhl, ein Tisch, eine Bank, ein Sorgenstuhl, links eine Thüre, die in das Schlafgemach der Familie führt.) Lene. Du, ich glaube, er hat mich geküßt! Tehres. Ich meine wahrhaftig, mich auch! Lene. So ein alter Herr — wie kam es denn nur? Theres. Wenn das mein Paul wüßte — Lene. Oder unser Herr —! Theres. Aber er hat ja gesagt, ich kann es ihm sagen? Lene. Freilich, das hat er gesagt. Thetts. Und ich werd' es auch thuu—! Lene. Wie, Du meinst — Zehnte Scene. Amtmann Kohlhaase, sein Sohn Lo- -enz, zwei Büttelknechte mit dem Frohn« aogt, (hinter ihnen die häaderingende) Marth e (des Veith's Gattin, treten aus der Seitenthüre). Kohlh. (polternd). Auch in dem Loche nichts und nichts und nirgends nichts — vertractes Bettelvolk — hätt' es mir nicht so nackt gedacht; sonst fitzen alte Hühner gewöhnlich auf einigen gelben Eiern, /1 ber hier nichts, gar nichts — kreuzlahm j rächte man werden aus purer Galle und von Amtswegen. (Zu Marche.) Euer liederlicher Eh'gesponse noch nicht da? — Mordionimo! jetzt reißt mir die Geduld. Augenblicklich laß ich den alten Schlem- Mer in den Thurm transportiren. — Ist !>as der Respect, den er der Obrigkeit Nebst den vorjährigen Gaben schuldig ist? -- Wenn mein Sohn mcht wäre, längst ^vätt' ich dieBrut vertilgt — ja, ja, heule > Zie nur. vertilgt hätt e sie mein obrigkeit- !icher Zorn Ln seiner strafenden Gerechtigkeit. — Nicht wahr, mein Sohn ! Lorenz? Lor. Ja, Papa! Kohlh. Und nur meinem Sohne Lorenz hier habt Ihr es zu danken, daß ich noch nicht am Ende bin mit Euch. — heute aber muß es entschieden werden, entweder Heirat oder Schuldenarrest. — Hr habt die Wahl, nicht wahr, mein Sohn Lorenz? Lor. Ja, Papa — Kohlh. (blickt durch das Fenster). Aha! Wa kommt ja der Alte mit seiner Teufels- Idirne, die meinem Sohne den Kopf verdrehte; (hinauödrohend) wartet, jetzt will ich euch aä ooram nehmen! — Seh' ich recht, der hinkende Allerweltsfreund, der naseweise Röstelwirth ist auch dabei; die- serUnruhestifter, Bauernaufwiegler, dieser Jakobiner im Schafspelze — der selber nichts hat. als seine Portion stinkenden Hochmuth — der paßt mir gerade in meinen Kram! Eilfte Scene. Vorige. Veith, Klara, Hartmann. Marthe (eckt ihrem Manne entgegen). Aber Mann, und Du, Klara, wo bleibt Ihr denn? Den gestrengen Herrn Amtmann warten zu lasten! Veith. Ich sprach bei der Gemeinde vor. sie sollte gutsagen für mich — leider war meine Bitte vergebens. Kohlb. (fährt auf Veith los). He, wie ist's. weißhaariger Vagabund — kannst Du bezahlen oder nicht? Veith. Leider nicht, gestrenger Herr, in so kurzer Zeit war es mir nicht möglich, den ganzen Betrag aufzutreiden Kohlh. (beinahe erfreut). Nicht möglich also war es? Und wie viel Haft Du denn zusammengebettelt, Du lamentirendes Un- gethüm? Veith. Sechs Gulden, gestrenger Herr — Nachbar Hartmann hat sie mir vor- gestreckt. Kohlh. So? Der? — (Hartmann verächtlich messend.) Sitzt selber in der Tinte bis an den Hals hinauf und leiht noch Gelder aus? — (Zu Veith.) Mit diesem Bettel, meint Ihr. werde ich mich begnügen? Der ganze Rest wird bezahlt, oder augenblicklich spazirt Ihr in den Thurm — nicht wahr, mein Sohn Lorenz? Lor. Ja. Pap — a! — (Beäugüt unausgesetzt Klara, die ihre weinende Mutter zu trösten sucht.) Veith (mit erhobenen Händen). Gestrenger Herr, habt Mitleid! Marthe. Erbarmt Euch unserer Ar- muth! Kohlh. Habt Mitleid, habt Erbarmen -ich soll Mitleid, i ch soll Erbarmen haben, warum hat es denn eure Wetterhexe von einer Tochter nicht mit mir und meinem Sohne Lorenz? Klara. Ich habe ja Erbarmen mit ihm — Hartm. (halblaut). Und ich bemitleide den Erbärmlichen — Klara (sortfahrend in ihrer vorigen Rede). Nur heirathen kann ich ihn nicht! Kohlh. So? Heirathen kann Sie ihn nicht, aber erbarmen will Sie sich seiner? Also auch schlechte Grundsätze hat die Brut? — Das fehlte noch, das setzt eurem Schandleben die Krone auf; jetzt mag Dich mein Sohn gar nicht mehr. 10 Du steche Dirne; nicht wahr, mein Sohn (Während die Knechte den Weber sortziehen Lorenz? ! wollen, der sein Weib zitternd umklammert Lor. Ne, Papa, mag sie noch! >hält, stürzt Klara zu Lorenz und spricht im Hartm. (lacht). ^ Tone der höchsten Angst.) Kohlh. (.rgrimmt) I so soll doch Klara. Holtet euren Vater znrüt E"? ^ vom Entsetzlichsten - ich will euer Weib Was hat er denn hier zu lachen m Gegen- j werden, wart der Obrigkeit? - Eine Obrigkeit gor.' (lacht tölpisch). ist me lächerlich und wenn sie es wäre.^ Kohlh. Endlich! darf sie es mcht sein, ihre« Unterthanen. zzeith (seine Tochter mit starken Armen am allerwenigsten. Wenn Er also noch Lorenz wegschleudernd). Nein, nein, em emzigesMal ssch untersteht zu mucksen großen Gott, das dulde ich nicht. . Ernnt, s ist schon noch Platz Der wenigen Stunden wegen, die mir im Am Hause für so frledensstornsche Zl-^ch übrig sind im Leben, soll mein Kind ^ ^"^"Arische nicht grenzenlos elend werden, nicht ge- (findet das rechte Wort Nicht gleich, endlich lebenslang an eine Creatur, die sprudelt er) Banditen. .nichts vom Menschen als den Namen Hartm. Herr Amtmann-mißbraucht ^ ^ ^ mein Blut für dieses .nre Gm>°lt-nicht, es M eine Gerecht,dn Schöpfung und eher »er- keü im Lande und wenn Ihr euren Ton ^ ^ ^ ? nicht ändert — ' ^ ^ ' Kohlh. Er schweigt und (zu Veith) Erzählt, oder Beide werden eingesteckt! —! Na, wird's bald? ' Marthe (hält dem Amtmann das Beu-^ telchen entgegen). Gestrenger Herr, nehmt ^ mit dem vorlieb; das Fehlende tragen wir^ in der Ernte nach. Zwölfte Scene. Vorige. Johann (in der Thüre). Joh. Hollaho! Da geht's ja lustig zu! Mart he. Heiliger Gott, f der Johann! t Veith. Mein Sohn! , (Zugleich.) Hartm. Dem Himmel sei Dank — Succurs! rette Kohlh. Zurück da, scheppernde Heul- posauoe, mit Dir habe ich nichts zu schaffen. (Aus Veith zeigend.) Dieser abgeschabte Windbeutel ist das eorpu8 äolieti, dessen ich mich bemächtigen werde. (Sieht aus -1"' d» Mi Uh«n. di.onhängm h°..)i (ihm Bruder Die Frist ist um, bezahlen kann Er mcht, ^ den Vater' also fort mit ihm; nicht wahr. m.inSohn bohlst. (.,m°s -mg.fchücht.ri). Der ist ,mir noch abgegangen! Joh. (umringt von den Seinen). Was Ja, Papa! Lorenz? — Lor Marthe. Barmherzigkeit! Klara. Noch einen Au- (Zugleich ) genblick — Hartm. Wer ihn berührt, den schlag' ich nieder. Kohlh. Wie? Was?Gewalt? Arretirt Las ganze Gesindel! bedeutet denn das? Der Frohnvogt in meines Vaters Hause? (Barsch zum Amtmann.) Mordclement. ich will nicht hoffen — Hartm. Dein Vater schuldet füufund« zwanzig Gulden an herrschaftlichen Gaben, kann die Schuld zur Zeit nicht tilgen, Abschlagszahlungen nimmt der Wü- II Irich nicht an und will den alten Mann festsetzen. lIoh. (indem er seinen Vater zum Sor- istuhle führt). Das wird er bleiben las- l;_ iKohlh. Oho! Herr Obenaus undNir- lidsan, das wollen wir erst sehen. lIoh. (fest). Ähr werdet's — meinEH- liwort darauf! Wie viel beträgt die Huld — fünfundzwanzig Gulden? (Zu lith) Wie viel könnt Ihr auf Abschlag )>en, Vater? iVeith. Nur sechse, mein guter Hanns. lIoh. Sechs und vier — so viel habe erübrigt — macht zehn. Basta! — lit dem Reste muß er warten. (Hat eine brse hervorgezogen und das Geld auf den Ich gezählt.) IKohlh. Wenn er aber nicht will? II oh. Dann begleiten ich und mein reund Hartmann den ungewaschenen fderfuchser sammt seinen Helfeeshelfern was unsanft zur Thüre hinaus. iMarthe (ängstlich). Johann! Klara. Bruder! ^Kohlh. Wie? Was? Abermals Ge- Mhat? Wiederbolter Angriff auf die lehörde — recht, nur zu so! — Füllt !>ll euer Sündenmaß, desto eher läuft über. — Werft mich hinaus, hier steh' ) — na, warum rührt fich denn keiner pn den grimmigen Commißbrotrittern! - Etsch! — Ihr getraut Euch nicht! — Joh. (aus ihn losgehrnd). Noch ein Wort Ihr seid — Kohlh. (zurücksprmgend). Halt —halt, ^hr Teufelskerl! — Bedenkt Ihr auch, pß Ähr morgen imStockhause fitzt, wenn Mr mich mit einem Finger nur berührt, snd euer Vater dennoch im Kotter? Joh. (bleibt betroffen stehen). Kohlh. Aha, wirkt. es? Lono! petzt hört mein letztes Wort. Meinem ^ohne Lorenz zu Liebe, der eine so gute baut ist, daß er kein Wasser trübt, bewillige ich Euch abermals eine Galgen- ^ist. Liegt jedoch dis morgen Früh zehn Uhr die volle Zahl des rückständigen Geldes nicht auf meinem Tische im Amtshause, oder besinnt fich die Dirne da keines Besseren in Rücksicht meines Lorenz — so kriecht die gebeugte Jammerseele dort in den Thurm — so wahr ich der Amtmann Kohlhaase bin. Jetzt komm, mein Lorenz. — (Geht ab. Lorenz, der Frohnvogt mit den Knechten folgen ihm.) Dreizehnte Scene. Veith. Marthe, Hartmann, Klara, Johann. Klara. Du kamst zur bösen Stunde, Bruder, aber dennoch ist es ein Glück, dass Du da bist. Du wirst uns wenigstens ra- then können. Hartm. Was nützt guter Rath ohne Geld? Joh. Habt Ihr denn auch Alles versucht, seid Ihr überall gewesen? Veith. Ueberall! Joh. Auch beim Gutsherrn? Marthe. Da war ich. — Der gnädige Herr bedauerte, aber der kritische Zeitpunkt — Joh. (bitter). Daß doch die Zeit immer kritisch sein muß. wenn reiche Leute einem armen Teufel beistehen sollen — also gar kein Licht in dieser Nacht? — Hartmann, blitzt es auch bei Dir nicht? Hartm. (schweigt achselzuckend). Marthe. Ja. wenn Klara wollte — Veith. Weib, nur davon schweige! Marthe. Aber sie wäre dann eine gemachte Frau — und wir mit einmal aus aller Noth. Klara. Vater, laß mich das Opfer bringen, ich werde glücklich sein in dem Gedanken, Dich vor Schande bewahrt zu haben. Veith. Kein Wort mehr -- eher das Entsetzlichste; frage deinen Bruder, ob er nicht auch so denkt. 12 Joh. Wovon sprecht Ihr denn — was soll die Schwester? Hartm. Den Lorenz heirathen, dann will sein Vater — Joh. (heftig). Also daher pfeift der Wind? — Und meine Schwester diesen Tölpel? — Klara, die mir nach Euch das Liebste auf der Erde ist, diese Perle, von Gott in die Muschel unseres Daseins gelegt, soll unter Säuen verkümmern? Nein, zehnlausendmal und nochmal nein! — Verzeih' Euch Gott, daß Ihr nur die Möglichkeit dieses Gedankens begreifen konntet — ich kann es nicht — Klara (Johann umarmend). Herzensbruder! — Joh. (küßt Klara und ist bis zu Thronen gerührt). Du mit deinem Sinne, Du Engelsseele und solch' ein Strauchdieb! Eh' ein Jahr verginge, wärst Du ja nicht mehr unter den Lebendigen. — Also nirgends Hoffnung, nirgends Hilfe? (Pause. Nachdem er die Seinen erwartend anblickt, dann rasch aus- und niedergehend.) Und es muß — beim Allmächtigen — es muß ein Ausweg sein! — — Ich habe dem Schurken mein Ehrenwort gegeben, daß Ihr nicht festgenommen werdet, und will es halten, allen Teufeln zum Trotze! — (Brütend.) Mein Gehirn ist doch sonst rncht so nac?t an Gedanken, und bevor Klara, ein schwaches Weib, ihr Lebensglück verkauft, ist's ja meine heiligste Pflicht — (Pause. Plötzlich von einem Gedanken durchbebt, halb für sich.) Herr Gott — ich danke Dir! — (Entschlossen zu Hartmann.) Ich begleite mit meinem Zuge einen Transport Recruten in's Hauptquartier, habe sie bei Dir untergebracht; gib den Leuten zu trinken, dann sage dem Gefreiten: mit dem Schlage der Mittagsstunde soll er voraus nach Rastenberg, dort hole ich sie ein. — Willst Du so gütig sein? Hartm. Herzlich gern. — Seh'ich Dich noch? Joh. Jedenfalls. Hartm. So behüt' Euch der Himmel. — Dem trüben Tage mög' ein heiterer Abend folgen. (Ab.) Vierzehnte Scene. Vorige ohne Hartmann. Joh. Die Zeit ist kostbar—ein rascher Entschluß ist dringende Pflicht. — Vater, Ihr sucht sogleich den Stabsofficier des hier einquartierten Bataillons, sagt ihm, daß morgen mit Tagesanbruch ein Ausreißer des sechsten Regimentes den Hohlweg zwischen Hochleithen und Grabniß passiren wird, und bittet um den für De- nunciation eines Deserteurs vom Hofkriegsrath festgesetzten Betrag von achtzig schweren Gulden. Veith. Denunciation — mein Sohn, ich ein Angeber. Joh. (gezwungen leichtsinnig). Was ist es denn weiter? Ihr überliefert einenEid- brüchigen, der feig die Fahne verläßt, welcher er Treue geschworen, der verdienten Strafe, rettet Euch mit dem Lohne vom Schuldthurm, eure Klara aus den Klauen des Amtmannssohnes und thut noch dazu eure Pflicht als redlicher Un- terthan. Klara. Aber woher weißt Du — Joh. Er ist in einer Compagnie mit mir, hat sich mir anvertraut — Klara. Und Du — Johann — Du verräthst ihn? Joh. Ich nicht — sein Leichtsinn verrätst ihn; wie mir, hat er vielleicht Vielen sein Vorhaben ausgeplaudert und wenn sich der Vater zur Angabe nicht verstehen will, eingebracht wird er dennoch, und ein Anderer erhält den Lohn. — Vater, besinnt Euch nicht länger, es ist der einzige, bei Gott, der einzige Weg eurer Rettung. Gäbe es einen andern, ja, wär' es nur der Schatten einer Hoffnung, meint Ihr, ich würde Euch dazu gerathen haben? 13 Veith. Aber einen Menschen in's Verderben bringen mit Vorbedacht — es ist chrecklich! Joh. Schrecklicher ist's für uns, Euch im Thurm zu misten, am schrecklichsten für Auch, ein paar lumpiger Gulden wegen wer Kind zu opfern. — Und — was vird denn im strengsten Falle seine Strafe ein? — Einige Wochen im Stockhause )ei Wasser und Brod. Veith. Gastenlaufen, mein Sohn, ist ja die Strafe für ein solches Vergehen, nach Umständen sogar der Tod — Klara. Vater, um aller Barmherzigkeit willen, thut es nicht; wie Johann im verflossenen Winter krank im Spitale lag, und ich ihn besuchte, — da brachten sie Einen, der dieselbe Strafe überstanden — es war ein entsetzlicher Anblick.- (Schaudernd.) Bei eurem Seelenheil, Ihr dürft nicht! — Joh. (derber dem Worte »Gassenlausen« erbebte, rafft sich nun im gewaltigen Kampf mit seinem Entschluß empor und spricht, gleichsam ein letztes Mittel ergreifend). Vater — Ihr steht an der Grenze eines Menschenlebens; rafft Euch der Tod im Kerker dahin, nimmt man die Hütte an Zahlungsstatt und eure Witwe kann mit Klara von Thür zu Thür betteln gehen. — Vater — verschmäht Ihr es — so gehe ich selbst, Ihr wäret unerkannt geblieben — ich nicht; Ihr hättet eure Pflicht als Unterthan erfüllt, ich stehe vor meinen Eameraden als Verräther da — lebt wohl! Veith und Klara. Johann, Du wolltest — Joh. Euch den kurzen Weg ersparen. (Will fort.) Veith. Bleib' und laß mir einen Augenblick derUeberlegung. — Die Schrecken unseres Elendes — der ungewohnt ge- nostne Wein — dein plötzliches Erscheinen, der Vorschlag — dieses Gemenge der widerstreitendsten Gefühle betäubt mich — raubt mir die Kräfte, klar zu denken — Du räthst mir also — Joh. Den einzigen Rettungsanker auszuwerfen, der in dem Ocean der Möglichkeiten uns geblieben. Veith. Doch der Verrathene — Joh. Dem sendet Ihr den Rest des empfangenen Geldes nach Abzug eurer Schuld. Veith (schnell). Ja, ja, das müßte er' kriegen bei Heller und Pfennig. Joh. Er brauchte dann nicht mehr auszureißen, könnte sich loskaufen von einem ihm verhaßten Stande, würde Euch am Ende noch dankbar sein. (Dringend.) Zögert nicht länger, eure Verhaftung, der Gedanke, daß euer Greisenalter im Schuld- gefängniß dem Tode entgegenreifen muß, würde mich wahnsinnig, ja zum Mörder machen an dem Urheber dieses Unheils, und Klara — meint Ihr, Klara ließe Euch eine Stunde im Kerker — ihre Jugend, ihre Ruhe, ihre Seligkeit verkaufte sie!- Veith. Ja, Du hast Recht, ich gehe den schweren Gang! — (In diesem Augenblicke hört man den Schall der Mittagsglocke, welcher sorttönt bis zum Actschlusse.) Eure Liebe würde sonst den Himmel stürrnen und Euch selber in den Abgrund ziehen. -Marthe, Du allein hast kein Wort für mich? Marthe (welche andächtig die Hände zum Gebet erhob). Ich flehe um des Himmels Segen für unsere Kinder. Joh. (sinkt seiner Mutter in die Arme). Ja, ja, Mutter, betet für uns alle! Klara. Du bist so seltsam, Bruder — was ergreift Dich? Joh. (weich). Der Ton der Mittagsglocke; die Sonne steht am Wendepuncte des Tages, ich am Wendepuncte meines Schicksals, in einigen Stunden wird sie untergehen — (dumpf für sich) und ich! — — O, daß es doch keine Freude gibt ohne Thränen, keine Wonne ohne 14 Schmerz, keine Seligkeit ohne Verzweiflung! — (In der Ferne Trommelschlag und Pseisen- klang der nusrückenden Soldaten.) Hört Ihr die Stimmen meiner Tyrannen? Das Gellen der Pfeife, der trockne Ton des Kalbfelles rufen mich — ich muß gehorchen, Euch verlassen im entscheiden- sten Augenblicke meines Daseins —müßte es und könnt' ich mit einer Stunde aller Glück erkaufen. (Zu Klara.) Leb' wohl, Du liebes gutes Kind! (Beinahe schluchzend.) Vater — Mutter — segnet euren Sohn! (Sinkt seinen Eltern zu Füßen, Beith und Marthe legen die Hände eine Secunde segnend aus sein Haupt, erhebt sich rasch und stürzt weinend ab. — Bei seinen letzten Worten begann eine passende Musik und der Vorhang fällt langsam in dem Momente, wo Johann den Segen empfängt.) Ende des ersten Aufzuges. Zweiter Aufzug. (Eassenzimmer im Amthause zu Kirchberg. Rechts vorn ein Kanzleitisch, neben welchem eine schwere mit Eisen beschlagene Kassette steht.) Erste Scene. Kohlhaase (sitztim Morgenkleide an dem Tische, mit Lesen beschäftigt). Verordnungen, Mahnungen, Vorschriften, allerhöchste Entschlüsse, Rescripte, Neuerungen in Allem und Jedem — (schiebt die Schriften, welche er durchgesehen, unwillig weg). Der Teufel hole die Plackerei! — Müßte mir einen neuen Schädel anschaffen, um dieß Gemengsel auch nur oberflächlich zu merken. So lange ich Amtmann bin, bleibt es, wie es ist, kein Jota wird geändert. — Soll ich etwa in mei neu alten Tagen zu den Bauern »Em Gnaden* sagen und die Schufte nich mehr wichsen lassen, wenn es mir gu dünkt? — Paperlapap! — Lieber Hehii vom Amte; mein Schäflein habe ich ii Trocknen — gedankt sei es dem alten Rk gimente! — Zweite Scene. Kohlhaase, Lorenz (stolpert betrunke> zur Thüre herein). Kohlh. Bist Du es, mein Sohn Lo renz? Lor. Ja, Papa! Kohlh. Woher kommst Du —Taugt nichts? Lor. Aus der Schenke. Kohlh. (ihm nachässend). Aus dl! Schenke. — Und das sagst Du mir so in! Gesicht? Lor. Wohin soll ich es Euch dein sagen? Kohlh. Mir scheint gar, Du bist schon wieder betrunken am frühen Morgen? Lor. (fidel). Mir scheint's auch so! Kohlh. Schämst Du Dich nicht? Lor. Nein, Papa — schä — ämei thu' ich mich nicht, aber Geld will iä haben. Kohlh. Geld — schon wieder Geld! Wozu denn, wenn ich fragen darf? Lor. (wie oben). Zum Verspielen, Vertrinken. Verjuxen! Ich muß mir meinen Gram verjuxen und ich gräme mich, wei! die Meinige nicht mein wird. Kohlh. So sehen die aus, die sich grämen. — Ein Lump bist Du, ein Saufaus. ein Vagabund! Lor. Der Apfel fällt nicht weit vorn Stamme. Kohlh. Ob Du schweigen wirst, Rs>' bensohn; kurz und gut, ich gebe kein Geld. 15 Lor. (ihn fest betrachtend). Nicht? — Auch gut! (Will fort.) Kohlh. Wo willst Du hin? Lor. Mir eines verdienen. Kohlh. So? das wäre mir neu. und womit, wenn es erlaubt ist, zu fragen? Lor. Ich denuncire einen Gauner, der die Waisen betrügt, die Bauern schindet, die Herrschaft bestiehlt. — (Pfiffig ) O ich weiß Alles! Kohlh. (betroffen, für sich). Verdammter Bursche, sollt' er etwa gar — (Laut.) Und wo ist denn der Gauner? Lor. Nicht weit von mir; ich könnte ihn mit den Händen greifen. (Wie oben.) O ich weiß Alles! Kohlh. (sich zitternd umsehend). Du meinst doch nicht mich? Lor. Ja, Papa, und wenn ich nicht Geld sehe, viel Geld, sehr viel Geld — den — uncire ich. Kohlh. (entsetzt). Mordionimo! Das ist eine saubere Geschichte! — Lorenz, uimm doch Vernunft an. Lor. Ich nehme nichts an, als Geld. Kohlh. Jn's Leufelsnamen, wie viel brauchst Du denn? Lor. Zweihundert Gulden! Kohlh. (sinkt in seinen Stuhl zurück). Mich trifft der Schlag! — Zweihundert Gulden! — Der Bube bringt mich um's Leben. Lor. Ne, will Euch nur um Geld bringen. wie Ihr mich um die Geliebte gebracht. — »Schellen ist Trumpf« — sagt der Wachtmeister. Kohlh. (zärtlich). Lorenz, mein guter Sohn Lorenz, Du wirst doch deinen Vater nicht im Zuchthause wissen wollen?—Bedenke doch, was ich schon Alles für Dich gethan! Lor. (nach Art boshafter Buben) Nutzt mchts, nutztAlles nichts! (Lswird geklopft.) Kohlh. (schreiend). Herein! — Was ist's denn schon wieder? Nicht eine Sekunde kann man allein sein. Dritte Scene. Vorige. Veith. Kohlh. (von der Angst zum Zorne übergehend). Ah, Ihr seid der, den ich brauche. Na, hat sich eure Tochter besonnen, nimmt sie meinen Sohn Lorenz? Veith. Herr Amtmann, ich komme— Kohlh. (schreiend) Ob eure Satansfratze meinen Sohn will, frage ich — Veith. Gestrenger Herr, davon kann nicht mehr die Rede sein. Kohlh. Gut, so sprechen wir von etwas Anderem; — sprechen wir von dem Gelde, das Ihr zu zahlen habt — Veith (dem Amtmann Geld gebend). Hier ist es und wohlgezählt. Kohlh. (zurücktaumelnd). Ihr — habt das Geld aufgebracht? Veith. Habt die Gnade — zählt es nach! Kohlh. (nachdem er gezählt). Das geht nicht mit rechten Dingen zu! — Welcher Narr wäre so sehr sein eig ner Feind, daß er dem Bettelbruder Geld vorftreckte. (Veith fixirend.) Alter Dieb — Du hast gestohlen — sprich! Veith (sich mit Mühe bezwingend). Herr Amtmann — Ihr nehmt Euch zu viel heraus. Kohlh. Bei weitem nicht so viel — als Du aus den Taschen ehrlicher Leute; bekenne — oder ich setze Dich fest bei Wasser und Brot! — wo ist das Geld her? — Veith. Darüber bin ich keine Rechenschaft schuldig. Kohlh. Das wird sich zeigen. (Rennt zur Thüre.) Heda, Büttel, nehmt ihn fest, den Schurken, er hat gestohlen. Veith. Das habe ich nicht, doch weil Ihres denn durchweg wissen wollt, so hört (mit Ueberwindung): Ich habe, weil mein Elend zu gräßlich war und eure 16 Strenge keine Nachsicht mit demselben hatte — einen Ausreißer denuncirt und dafür das Geld erhaletn. Lor. Aha! Kohlh. Denuncirt? — Mordionimo! Denuncirt jetzt Alles? Lor. Ja, Papa! Kohlh. Schweig, Schafskopf! (Höhnisch zu Veith.) Also zu solchen Mitteln nehmt Ihr eure Zuflucht, das ist eure vielgepriesene Redlichkeit, die immer auf der Zunge sitzt, aber nimmermehr bei Euch im Herzen — bravissimo! — Angeber seid Ihr worden, ein Judas am Leibe eures Nächsten! — (Heuchelnd.) O, daß der Himmel in seiner Langmuth keine Blitze hat, solch stinkendes, verpestetes Gewürm von der Erde zu vertilgen, es wäre Wohlthat für jeden Ehrenmann. Veith (warm). Herr Amtmann, wer hat mich dazu getrieben? Wer als Ihr, setzte mir das Messer an die Kehle? Vor dem Richterstuhle des Herrn wälze ich diese That mit Fug und Recht auf Euch — eure Bosheit hat sie veranlaßt. Kohlh. (im höchsten Zorn). Kein Wort mehr, verrätherischer Heuchler, der es wagt mich zum Sündenbock seiner Laster zu stempeln — hinaus, oder ich vergesse mich! Veith (aufgeregt). Das habt Ihr längst; habt vergessen eures Amtes als Richter über Mein und Dein, vergessen eurer Menschenwürde — vergessen eures Seelenheiles im Uebermuthe der Gewalt — meine Gewissensruhe gemordet durch die That, zu der ich mich gezwungen — -sei Euch der Himmel mild in eurer letzten Stunde und straf Euch nicht in euren Kindern. (Geht ab.) Vierte Scene. Kohlhaase, Lorenz. Kohlh. (wüthend aus- und abrennend). Das sind die Früchte des neuen Regimentes — Aufruhr, Widersetzlichkeit, Wortklauberei und der Himmel weiß was noch Alles! Lor. (dem die Zeit lang wird). Papa, ich kann nicht länger warten. Kohlh. Bist Du auch noch da?—Ich gebe nichts mehr, keinen Heller! — (Nimmt das Geld, welchesVeith brachte, vom Tisch, legt es in dieGassctte und läßt sie, während er weiter spricht, offen.) Ich habe mehr gethan für Dich, als ich sollte, Du mißbrauchst meine Nachsicht, wirst von Tag zu Tag ein ärgerer Wüstling—ich schäme mich deiner! Lor. Und ich mich eurer! Kohlh. Bube, vergiß denRespect nicht, den Du mir schuldig bist! Lor. Also gebt Ihr partout nichts? Kohlh. Nein, nein, nein! — Uebri- gens habe ich auch nichts mehr, Du hast mich ruinirt! Lor. (aus die Gaffe zeigend). Dort ist ja Geld in Menge! Kohlh. Das ist Rentengeld — unantastbares Heiligthum. Lor. Wäre nicht zum ersten Male, daß es angetastet würde —! Ö ich weiß Alles! Kohlh. Unverschämter Bube! (Für sich.) Was will ich machen, er wäre im Stande-toll möchte man werden; nicht vor den eigenen Kindern ist man sicher. — Spott und Schande! — (Laut.) Nimm, wenn Du Courage hast, nimm von den Cassengeldern, anderes Hab' ich nicht. — Lor. Nehmen — ne, nehmen werde ich mir nichts — Ihr müßt es mir geben. 17 Kohlh. (versöhnt). Wie pfiffig er ist, i)er Satansjunge, um keinen Preis nähm' ür es selber — 's geht doch nichts über üine gute Erziehung. — Na, weil Du Kefühl für Recht empfindest, und überhaupt mein Sohn Lorenz bist (greift in die Lruhe) da hast Du fünfzig Gulden. Vor. Papa — zu wenig ist's! Kohlh. (sich hinter die Ohren krabbelnd). Galgenstrick — hier find die hundert — Lor. (gelassen zur Kasse gehend und ein gleiches Packet hervorziehend). Die andern hundert nehm' ich mir selber! (Steckt beide Päckchen ein.) I Kohlh. He — wie — was?— Un- ßerath'ner Range, Du wagst es? Lor. Soll ich denn dümmer sein als Ihr?— Ihr habt hundert Gulden gekommen von dem, was nicht euer ist, ich ehme hundert Gulden von dem, was Mt mein ist! — Wir sind quitt! — (Geht ab.) — Ich muß zur Abkühlung einige Bauern fuchteln, das reinigt die Gallenblase und ist Labung für das Herz. (Geht in die Sei- tenthüre ab.) Verwandlung. (Audienzsaal des Monarchen. An der Mitten thür im Prospekte ein praktikabler Vorhang von schwerem Seidenstoffe, links und rechts Seitenthüren. Im Vordergründe rechts ein Schreibtisch mit Papieren rc.) Fünfte Scene. S'ohlhaase (allein, schreit ihm verblüfft nach).- Teufelsbursche, Wetterbrut, Bönhase, E assendieb, ob Du bleiben willst — fort m er! — Gesegnete Mahlzeit, Amtmann « ohlhaase, dein Junge hat Talent — ist M Rentmeister wie geboren. — Mit dfm muß ich anders umspringen, sonst ächst er mir über den Kopf — zweihundert Gulden auf einmal! Sonst hat er sich Vch ratenweise begnügt — zweihundert Dulden — viel Geld! (Nach einer Sekunde ^ r Ueberlegung. getrösteter.) Am nächsten «ententag werden sie wieder eingebracht; dich für jetzt muß ich das Fehlende zu« li gen (nimmt aus seinem Schreibtische zwei dm obigen gleiche Päckchen, selbe in die Kassette llgend. welche er schließt). Man ist keine stunde vor Revisionen sicher; — hat "sich aufgeregt die Sache — echausfirt! Wiener Theatcr-Rep. Nr. 27 L. Sechste Scene. Kammerherr Baron von Neureuther und der Hofrath Ritter vonStaudinger. Neur. (öffnet die Hälfte des Vorhanges und sieht hinaus). Das ist heute wieder ein Andrang — des Teufels könnte mau werden mit dem Gesindel! — (Tritt vor, indem er den Vorhang schließt.) Jeder Sesselträger betrachtet den Audienzsaal als seine Herberge. Staud. Wenn ich zu befehlen hätte, würde Niemand vorgelassen, er wäre denn im Stande sich mit dem Adelsdiplom zu legitimiren. Neur. Das ist es ja eben, was mich desperat macht — Alles herein wieKraut und Rüben — keine Ausnahme — Graf oder Bettler, Pfasf' und Jude — Rechtgläubiger oder Deist — Alle werden angehört und nach Umständen wird geholfen ohne Ansehen der Person und des Standes. ohne Rücksicht auf Religion, Geburt oder Herkommen, (vorsichtig zurückblickend) 's ist himmelschreiend! Stand, (ebenso). Und wird kein gutes Ende nehmen — unter uns — (legt die Hand aus ten Mund). Neur. (wie oben). Vernünftig gesprochen, 2 18 wo soll's denn hinaus mit dieser Massel von Neuerungen? Stand. Juden werden uns Christen das Brot vom Munde nehmen. Neur. Ketzer die allein selig machende Kirche über den Haufen stoßen. Stand. Der Pöbel wird einherstolzi- ren wie der Hahn auf dem Mist — Neur.Und wohlgeborneLeute mitKoth bewerfen. Stand. Ein verdienstvoller Vater nicht mehr im Stande sein, seiner Familie ein Auskommen zu erwerben. Neur. Oder seinem Sohne zu einem Amt zu verhelfen — kurz und gut, es ist ein Gräuel. Stand. Wie in Sodom und Gomorrha! Neur. Keine Ordnung — Stand. Kein Ansehen der Person — Neur. Keine Ehrfurcht gegen das Althergebrachte — kein Respect vor dem Adel, keine Schranke der Thätigkeit — Allen gleiche Rechte, dem Taglöhner wie dem Gutsbesitzer — Stand. Es ist lächerlich — Neur. Und doch so ernsthaft, denn (sich umsehend wie oben) wagt man nur zu munkeln gegen ein neues Gesetz, die da auftauchen mehr als Tage im Jahre, oder sich aussprechen gegen einen willkürlichen Eingriff in langbesessene Rechte — Stand. Sprechen Sie nicht weiter, elier ami, weiß ja Alles, was Sie sagen wollen, gleich wird in einem solchen Falle von faulenzenden Hofschranzen, bebänderten Tagedieben, arbeitscheuen Hungerleidern, kurzsichtigen Philistern rc. gespro- chen und Abdankungen, die man ehevor nicht einmal dem Namen nach kannte, sind an der Tagesordnung — (Schmerzlich.) O Gott, wo bist du hin, du gute alte Zeit! Neur. Daß wir das erleben mußten! Stand. Still, man kommt! Siebente Scene. Vorige. Der Minister Fürst Kaunitz. Min. Sind Jhro Majestät schon auf? Neur. (unterthänig). Zu dienen; Höchst- dieselben arbeiten seit fünf Uhr morgens in ihrem Cabinete. Stand, (sehr devot). Und geruhten schon zweimal sich nach der Ankunft Seiner Durchlaucht des Herrn Ministers zu erkundigen. Min. Dann darf ich nicht säumen. — Guten Tag, Ihr Herren! (Grüßt mit einer Handbewegung und geht in die Seiten- thüre rechts.) Achte Scene. Staudinger, Neureuther. Staud. Das ist der Helfershelfer, die Bruthenne des Verderbens. Neur. Ein eitler, aufgeblasener Geck! Stand Der sich für unfehlbar hält — Neur. Und doch den Mantel nach dem Winde dreht, ein Atheist, der Seiner Heiligkeit den Pantoffel nicht geküßt. Staud. Demselben ganz bauernbengel- haft die zum Kusse dargebotene Hand schüttelte und drückte — mir gefriert das Mark bei dem Gedanken! Staud. Er trägt die Schuld an Allem, Staud. Ist des Teufels Ohrenbläser, sein geschicktester Advocat. Neur. Und sein würdigster Repräsentant! Staud. (seufzend). Hochwohledelgebor- ner Herr College und hochzuverehrender Freund, es will mich bedünken, als geziemte es uns, nicht länger — Genoffen dieser Baalswirthschaft zu sein. Neur. Mein Gcwissensrath ist derselben Meinung und liegt mir täglich in den 19 )hren, ich solle dieser Beelzebubs Neit- chule den Rücken drehen — aber die an- ehnliche Appanage, der Verfall meiner Finanzen zwingen mich meiner Rechtgläu- »igkeit einen Kappzaum anzulegen. Stand. Auch meine zeitlichen Güter ind derangirt und wenn ich bedenke, daß >as Wohl des Körpers nimmermehr in ine Wagschale gelegt werden könne mit >em Heile des Geistes — treibt's mich gewaltig an, meine Demission zu fordern md den Hof seinem Schicksale zu Überasien, nur die leise Hoffnung, es müsse Inders werden, und zwar sehr bald, M mich zurück von diesem bedenklichen Schritte. Neur. Mir aus der Seele gesprochen, rmieissiwe! (Horchend.) Doch man rückt )ie Stühle — zieh'n wir uns zurück. Beide treten in den Hintergrund.) Neunte Scene. Vorige. Kaiser Josef der Zweite, »er Minister Fürst Kaunitz (kommen im Gespräch aus dem Cabinet). Josef (rasch heraustretend). Nein, nein, es ist nicht glaublich, was Sie mir Sa sagen, und doch wie ich den Geist — der Himmel vergebe mir den Mißbrauch dieses Wortes — wie ich den Geist meiner Völker kenne, ist es nur zu wahrscheinlich, daß sie die Perlen, die ich aus meiner Krone gelöst, sie zu beglücken — in den Kehricht werfen. Min. Ans allen Theilen derMonarchie laufen fortwährend die betrübendsten Nachrichten über die Unmöglichkeit der Ausführung von Verordnungen ein, die den Begriffen der Mehrzahl fremder sind als Lehm dem Kiesel. - - Eure Majestät werden so viele Augiasställe zu reinigen haben, als Sie Provinzen in Ihrem Reiche zählen. Die geringe Zahl der Aufgeklärten, meist ohne Amt und Vermögen, segnet Höchstdero Entschlüsse mit glühender Dankbarkeit, während Adel, Geistlichkeit und Beamte sich alle Mühe geben, das Volk für den Empfang der Segnungen taub zu schreien. Josef (der rasch auf und ab schreitet). Sie sollen, werden uns, müssen uns hören und hätten sie zehnfache Eselshaut um die Ohren. — Geben Sie in einem Rundschreiben allen Behörden bekannt, daß ich auf pünktliche Vollziehung meiner Befehle fortan um so dringender rechne, als ich im entgegengesetzten Falle eine Tauglichkeitsprüfung aller im Staate Bediensteten einleiten werde, die um so strenger sein dürfte, je schwächer die Wurzeln sind, welche meine Gesetze in den betreffenden Districten gefaßt. — Ich sehe, daß ich vorerst meine Staatsdiener mir erziehen muß, bevor das Volk umgebildet werden kann. Min. Leider ist es so. — Durch Jahrhunderte gewohnt, wie Saumthiere den breitgetretenen Weg des Herkommens nachzutreten, schwindeln sie zurück vor den Höhen, auf welche der Klippenrand selbstständigen Denkens sie führt: zittern, beben, schwanken und werfen die ihnen angeschnallte Last in den Abgrund ihrer Beschränktheit. Josef. Ist es denn so schwer, sich eines fadenscheinigen, abgetragenen Rockes zu entledigen und einen neuen anzuziehen? Min. Der langgetragene Rock ist bequem, in neuer Uniform fühlt sich der Troß beengt, genirt, ja glaubt ein Anderer zu sein, weil die Borden seines Aufschlages in neuer Fassung ihm entgegenschimmern. Josef (plötzlich stehen bleibend). W as ist zu thun? Min. Geduldig warten, bis das Gute selbst die Bahn sich bricht. Josef. Daß mir im nächsten Lenz das wuchernde Unkraut die keimenden Saaten des Fortschritts wieder erstickt? 2 * 20 Mein Herr, was geschehen muß — sei rasch aet han. — Thürmen sich auch Berge von Hindernissen, ich bin der Mann sie zu ebqen; ich rufe meinen Völkern »vorwärts« zu, wenn sie »halt« machen wollen, ja lasse Kanonen im Rücken der Feiglinge aufführeu, denen ein erbärmlicher Stillstand besser dünkt als ein glorreiches Avancement. Min. Es wird eine Zeit kommen, wo der Fall umgekehrt ist, die Nationen »vorwärts« rufen und ihre Fürsten »halt« commandiren. Josef. Die ist zum Unglück noch nicht da; Josef aber würde nicht »halt« commandiren, würde einstimmen in das Völkergcschrei nach vorwärts und die Welt ihrem endlichen Ziele der Geistesfreiheit entgegenführen. (Abbrechend.)Was ist sonst noch vorgefallen? Min. Herr von Spangenberg ist zurückgekehrt. . Josef. Wie? Mein Commissarius bei den Reichskammer-Gerichtsverhandlungen? Min. Die Verhandlungen haben sich geschlagen, find zerschellt an derKreuzung der verschiedenartigsten Interessen — die Commission ist aufgelöst. Josef (bitter lachend). Nachdem sie neun Jahre mit Verbesserungen schwanker ging, hat sie ein todtes Kind zur Welt gebracht. — O diese römische Kaiserwürde, dieser Crösus ohne Geld, dieser Titel ohne Macht, dieser Popanz des Feudalsystems— dieser Gladiator mit gebundenen Händen! — Römischdeutscke Kaiserwürde, ein schönes Wort, aber vermodert wie das Reich, von dem es einen T heil ihres Titels entlehnt, ihrem Besitzer ward ein beneidenswerthes Loos; damit er nicht Böses thue, darf er gar nichts thun! Aber ich will und werde dem deutschen Reiche noch zeigen, daß ich nicht umsonst sein Kaiser bin! Min. Euer Majestät, wir sind nicht allein! Josef. Ja so — Sie haben Recht. (Launig.) Baron Neureuther, wie verlebten Sie den gestrigen Tag? Neur. (vortretend). Höchst angenehm, EuerMajestät unterthänigst aufzuwarten; ich ließ mich in den Prater führen und schwelgte im Genüsse der Natur. Josef. Recht so, mein Lieber, die Natur allein bietet Ersatz für die Beschwerden des Alltagslebens. Neur. Leider daß der Zusammenfluß von Menschen so groß, die Gesellschaft daselbst so gemischt ist, daß man sich nur theilweise den Entzückungen dieses Paradieses hingeben kann. Stand. Euer Majestät sollten allergnädigst diese Anlagen dem Publicum zu verschließen geruhen und nur Leuten aus den besten Ständen zugänglich machen; dann hätte der Adel doch das Vergnügen, die Annehmlichkeiten dieses Parkes mit seines gleichen zu genießen. Josef. Dieß Vergnügen, Herr von Staudinger, wird der Adel entbehren müssen; denn theilte ich selbst Ihre Intoleranz und wollte mich nur unter meines gleichen vergnügen, müßte ich in die kaiserliche Gruft meiner Ahnen zu den Ka- .puzinern steigen — ein Aufenthalt, dem ich zur Zeit eine gemischte Gesellschaft bei weitem vorziehe. — Oeffnen Sie den Controlorgang, lassen Sie die gemischte Gesellschaft herein, ohne die ich nun einmal nicht leben kann und die Ihnen und Ihres gleichen so sehr zuwider ist. Zehnte Scene. (Neureuther öffnet mittelst eines Zuges nn der Mittelthür die Vorhänge; man sieht eine Menge Bittsteller aus allen Stauden gedrängt an einander stehen, bärtige Grenadiere treten, das Gewehr geschultert, in den Saal und stellen sich zu Zweien an die Seitenthüre links, zwei an die Oeffnung bei den Vorhängen; mit ihnen treten die Bittsteller paarweise in sol- 21 qrndrr Ordnung ein und reihen sich so, daß der Kaiser und der Minister die rechte Seite gewinnen.) 1 . Magister Frank, 2 Chevalier Lagrange, 3. Anna Kriehofer, 4. Anton Wahl, 5. Simon Forst, 0. Laura Kemeter, 7. Sebastian Neumann, 8. Balthasar Rohitsch, 9. Professor Schulz, 10. Josef Fueregger, der Sprecher, dann die fünf ungarischen Bauern. (Ferner Bittsteller beiderlei Geschlechtes bis in die ganze Tiefe des Vorsaales, Alles ordnet sich mit möglichstem Anstand und in tiefster Stille.) Josef (während das Obige vorgeht zum Minister). Kaunitz, macht der Stolz dumm, oder die Dummheit stolz — lösen Sie mir dieß Räthsel. Min. (lachend). Ich meine, Stolz und Dummheit sind eine Vogelgattung der moralischen Welt, die man in der wirklichen »Jnseparables« nennt; aber es gibt auch einen edlen Stolz. Josef. Das ist kein Stolz mehr, sondern Eitelkeit des Geistes und am Hofe am allerwenigsten zu finden, wo es zwar sehr viel stolzen Adel, aber blutwenig eben Stolz gibt! (Bemerkt, daß die Reihe der Bittsteller geordnet ist.) Ah, meine Patien- m! (Tritt zu dem Magister Frank, welcher m Vordergründe links, knapp an den Grena- >ieren steht.) Frank (zierlich gekleidet, überreicht knieend ine Bittschrift). Josef. Lassen Sie das, wir sind nicht n der Kirche. (Sieht die Bittschrift flüchtig mch, übergibt selbe dem ihm nachgehenden lieureuther.) Wird bewilligt werden. (Zum weilen Bittsteller.) Was will Er? Chevalier Lagr. (prächtig, jedoch sehr berladen gekleidet, sehr modisch srisirt). Euer Majestät, ich habe das Unglück, in einem lmte placin zu sein, das meist aus Bürerlichen besteht, selbst der Chef ist der ?ohn eines Schneiders — ich dagegen amme aus einer der ältesten Familien er Monarchie, daher» ich ehrfurchtsvollst bitte, mich einem andern Dicasterio einzuverleiben, da es unter meiner Würde ist— Josef. Was Ist unter Ihrer Würde? — Dem Staate zu dienen? Lagr Das nicht. Euer Majestät, nur der Umstand — Josef. Daß Sie in einem Palaste geboren und Ihr Chef in einer Schneiderwerkstatt. Ist Ihr Vorgesetzter kein Ehrenmann ? Lagr. Allerdings, aber — Josef. Da gibt's kein Aber mehr und Ihr Gesuch kann um so weniger berücksichtigt werden, als (sehr heftig) gar kein vernünftiger Grund vorhanden ist. Dem Staate dienen wir Alle, ich selbst bin nur sein oberster Diener, und in der Beziehung nicht mehr als mein geringster Unterthan! Lagr. Dann bitte ich um meine Entlassung Josef (nach einer kleinen Pause mit Verachtung). Die haben Sie! (Zu der dritten Bittstellerin.) Du willst, mein Kind? Anna Kriehofer (naiv). Euer Majestät, eine Unterstützung! Josef (sie mit Wohlwollen betrachtend. launig). Eine Unterstützung? — Bist Du so schwach? Anna. Schwach nicht, Gott sei Dank, aber arm. und wenn mir Euer Majestät nicht helfen — ich weiß mir wahrhaftig nicht zu helfen! Josef. Hast Du keinen Liebhaber? Anna (erschreckt). Freilich Hab' ich einen — aber der hat selbst nichts. Josef (gemächlich). Ja so—wertst er. wie heißt er — der Liebhaber —? Anna. Christoph Wimmer, Adjunct beim Fiscalamt. Josef (zum Minister). Erkundigen Sie sich nach unserm Liebhaber und ist er brav, so soll er sie haben — eine Anstellung und sein Mädchen.-Jst's recht so? Anna (ihm die Hand küssend). O, Euer Majestät find gar zu gut! 22 Josef (des vierten Bittstellers Schriften durchblätternd). Zeugnisse und zwar vortreffliche. — Wo dienen Sie? Anton Wahl. Noch ^nirgends, Ma- jestät. Josef (rasch). Und warum nicht? Wahl. Mein Vater war — Nachrichter. Josef. Aha! — Und was suchen Sie bei mir? Wahl. Ein Plätzchen in einer Kanzlei. Josef (sich besinnend, dann wie zufällig auf Lagrange blickend). Sie haben gefunden, was der dort verloren hat. (Zum fünften, Simon Korst.) Ich werde helfen. (Zur sechsten, Laura Kemeter.) Bewilligt, das Nöthige verfügt. (Zu Sebastian Neumann.) Was will denn Er? Neum. (eine sehr große voluminöse Denkschrift überreichend). Dieses, allergnädigster Kaiser und Herr! Josef (lesend). »Rectisicirter Plan zur Regulirung der Haarzöpfe mittelst Abschaffung der zweckwidrigen Perrückcn und Abandonnirung des Haarbeutels nebst gänzlicher Refüfirung des Puders.« — (Herzlich lachend.) Nicht übel, guterMann, wahrhaftig nicht übel die Idee, nur zu — gewagt! (Die Schrift zurückgebend.) Wenn es in den Köpfen meiner Untertba- nen inwendig etwas Heller wird, frag' Er wieder an, dann wollen wir sehen, was von außen mit ihnen zu machen ist. (Ihm Geld gebend.) Inzwischen nehm' Er das für seine Mühe. (Zum achten Bittsteller.) Ist Er schon wieder da? — Was ich Ihm das erste Mal gesagt — dabei bleibt es. (Zum Professor Schulz.) Ah, Sie find der Erfin- der der Spinnmaschine? — Ich habe Ihr Modell prüfen lassen und erfahren, daß die Maschine dem beabsichtigten Zwecke viele Menschenhände zu ersparen, vollkommen entspricht; meine Anerkennung für diese Vervollkommnung der Mechanik wird Ihnen in officiellem Wege zugemit- telt werden. Schulz (verbeugt sich). Josef. Jedoch praktischen Gebrauch davon zu machen verbietet mir das Wohl meiner Völker. (Mit Ausdruck.) So lauge ich Hände habe, brauche ich keine Maschinen. Schulz. Der Ausspruch, Majestät, ist hart! Josef. Aber wahr! — Künftige» Generationen wird er klar werden durch das Elend ihrer arbeitenden Elasten. - (Zu Joses Kueregger, dem Sprecher der fünf ungarischen Bauern.) Was bringst Du mir. guter Alter? Feueregger (knieend, ein Greis mit weißen Haaren). Barmherzigster Herr Kaiser! — Vier Tage Frohndienst, den fünften auf die Fischerei, den sechsten mit du Herrschaft auf die Jagd, der siebente gehört Gott! Wo sollen wir da Steuer» und Gaben hernehmcn? Josef (den Sprecher aufhebend und ihm treuherzig die Hand schüttelnd, sodann das Memoriale. was er bei Keinem that, in die Brusttasche schiebend). Zieht beruhigt Heini, meine Kinder — Euch wird geholfen werden, so wahr ich euer Vater us Freund bin! Alle Bauern, kstsn! unser bester Kaiser; wie gut er ist und freundlich! (So wie der Kaiser durch die Mittelthüreal ist, fällt der Vorhang hinter ihm zusammen, und die Bittsteller gehen dann durch die Th« links ab.) Verwandlung. (Gefängniß im Stockhause.) Eilfte Scene. (Im Hintergründe rechts von der Thür ei« Bank, woraus die Arrestanten Nebel u>ü Rotter fitzen; Leidersdorf liegt auf der Erde, den Kopf an die Bank gelehnt M schlummert. So wie verwandelt ist, hört ma» 23 den Trommelmarsch, der bei Exemtionen üblich ist; nachdem Rottrr eine Weile gehorcht hat, steht er auf und blickt neugierig durch ein stark vergittertes Fenster.) Rotier. Noch einmal die Front hinab und überstanden hat er's! — Ein teufelsmäßiger Bursche; hätte es ihm nicht zugetraut, dem Milchbart — keinen Laut gibt er von sich — wie fest er geht und sicher! Nebel (theilnahmslos). 'S ist ja auch Kinderei, nur dreimal durch hundert Mann — zehnmal auf, zehnmal ab durch dreihundert Mann, das will was sagen; und bin ich etwa dran gestorben?—Ein Aderlaß. nichts weiter! Rotier. Du hast aber auch eine Büf- felhäut! Nebel. Ist weich gewesen vor Zeiten, weich und weiß wie frischgefallener Schnee — aber nach und nach gewöhnt man's— zuerst des Frohnvogts Knüppel, dann der Stock des Korporals, zuletzt die Spießruthen der Compagnie — da muß das schwächste Leder tüchtig werden. Rotter. Was wird denn dießmal mit Dir werden? Nebel (lachend). Wahrscheinlich copu- lirt man mich mit des Seilers Tochter. Roller. Das sagst Du so lachend? Nebel. Was ist'S denn mehr? — Zu hoffen, zu gewinnen habe ich nichts mehr auf der Welt — also fort in eine andere, vielleicht fahre ich drüben in eine bessere Haut, meine jetzige ist keinen rothen Heller mehr werth Rotter (vom Fenster Weggehens). Glaubst Du wirklich, daß es nicht alle ist, wenn wir in's Gras beißen? Nebel. Warum sollte es denn alle sein? — Ohne gefragt zu werden, wird man in die Welt gesetzt zu Jammer und Glend und Noth und Prügel, ohne gesagt zu werden, schaffen sie einen wieder fort — und dann sollte der Tanz zu Ende sein? — Bedank' mich, das wäre mir eine saubere Wirtschaft. Rotter. Aber wenn es doch so ist — Nebel. Es ist nicht so. — Sieh, ich habe von Jugend auf nichts gelernt, als stehlen; ein kleiner Raub war stets meine Lieblingspasfion — aber — ich kann es Dir nur nicht so auseinandersetzen (auf's Herz deutend) hier ist etwas, das pocht, wenn man geschlagen wird, es schlägt, wenn man auf sein Schicksal pocht — und in dem rätselhaften Dinge steht geschrie- den. des Henkers Hand ist nicht das Letzte, was ich fühlen muß. (Der Executionsmarsch wird abgeschlagen.) Leid, (fährt auf beim Lärm der Trommeln). Gnade! Barmherzigkeit! ich kann — ich kann nicht sterben! Nebel. Wirst es lernen. Kamerad, dein Maß ist so voll wie meines—nur dieZeit ist noch nicht um. Rotter (beim Fenster). Sie bringen ihn! — Nebel. Habt Ihr Euch schon die Hände an spitzigen Steinen blutig geritzt und die Wunden mit Salz und Essig ausgewaschen? - Die Empfindung hat er jetzt! Leid, (sich den kalten Schweiß von der Stirne wischend). Gott sei Dank, mir hat's noch nicht gegolten (sich nach und nach besinnend). bin ja noch nicht abgenrtheilt. Nebel (verächtlich). Du wirst es. verlaß Dich d'rauf, wir baumeln in Compagnie! Leid. (grab). Ich morde mich früher! Nebel. Werden Dir kein Messer geben, feigherziger Schafskopf! —(Zu Rotten.) Nur Eins genirt mich, daß ich mit dieser erbärmlichen Bajazzoseele auf die Leiter muß. (Drohend.) Aber nimmt er sich nicht zusammen und macht niir an meinem Ehrentage einen Scandal — geb' ich ihm unterm Galgen noch eine Maulschelle! — 24 — Zwölfte Scene. Vorige. Der Profoß, der Feldscher, Johann und sechs Mann mit aufgepflanzten Bajonneten. Joh. (tritt nach dem Feldscher und dem Profoßen, welcher die Thüre ausschloß, ein; er ist in Arrestantenkleidung, hat eine den Kopf ganz verhüllende Lederkappe auf und wird zur Bank im Vordergründe geführt, auf der er sich niederlaßt. Auf einen Wink des Prosoßen tritt die Mannschaft ab). Feldsch. Verhaltet Euch jetzt nur ruhig, bewegt Euch nicht; die Striemen haben nicht viel zu bedeuten. Die Came- raden meinten es gut mit Euch, schonten, wo es nur möglich war. (Nimmt ihm die Lederkappe ab.) So! — in acht Tagen sind die Hiebe heil und kein Mensch denkt mehr an die Geschichte. — Ihr selber nicht! Profoß (ein alter Krieger, groß, stark, mit ungeheurem Schnurrbart). Ihr habt ihn doch gut verbunden, Meister? Feld sch. Das will ich meinen, könnte den Feldmarschall selbst nicht besser trakti- ren. — Habe auch nicht gedacht, den da im Stockhause zu treffen'. — Was ihm nur eingefallen ist, auszureißen. — Der bravste Mann im Regimenter Profoß. Herr, wenn mir vor drei Wochen Jemand gesagt hätte, der Korporal JohannVeith ist oesertirt — ich hätte ihn niedergeschlagen und wäre er um drei Kopflängen höher gewesen als ich; der Oberst selber wollt' es nicht glauben. Feld sch. Der Teufel der Versuchung fällt den Kühnsten an. — Laßt ihm Ruhe, die Promenade hat ihn echanffirt; in einer Stunde gebt ihm etwas Wein. — Somit Gott befohlen! (Geht ab.) Dreizehnte Scene. Vorige (ohne) Feldscher. Profoß (blickt Johann, der auf der Bank niedersank, gerührt an). Säh' ich's nicht selber, ich glaubt' es nicht trotz Hauptrapport und Kriegsgericht. (Zu den klebrigen,) Daß Ihr mir ruhig seid, ich rath' es Euch! Nebel (auf der Bank im Hintergründe). Ich bin nicht aufgelegt zu Späßen und die noch viel weniger. (Kehrt sich mit dem Gesichte gegen die Wand.) Profoß (geht ab). Vierzehnte Scene. V orige (ohne) Profoß. Joh. (aus seiner halbliegenden Stellung nach einer Minute sich ausrichtend, so daß er kniet). Mein Vater ist gerettet — Herr Gott, ich danke Dir!-Du hast mir die Kraft gegeben, meine Ehre dem Glücke der Meinigen zu opfern — hast mir den Muth verliehen, Schmach. Spott und Hohn zu dulden um des Mannes willen, der mir das Leben gab — ich preise Dich mit glühender Verehrung. — Vor der Welt entehrt, habe ich vor Dir meine Pflicht erfüllt — Du hast mich gestärkt, wenn ich wankte, meine Vernunft gestählt, wollte sie zaghaft das Rettungsthau der Meinen von sich werfen.-Mit deiner Hilfe habe ich gesiegt! — Sie werden glücklich sein, Vater. Mutter Schwester sind dem Elende entrissen. — Herr Gott, ich danke Dir! Rotter (Nebel stoßend). Du. der betet. Nebel (ohne sich umzudrehen). Jeder auf seine Weise, der Eine betet, der Andere flucht. 25 Joh. Es war ein schrecklicher Kampf, den ich kämpfte. Zusammengewürfelt mit Dieben und Mördern, meine That inEine Wagschale gelegt mit ihrem Verbrechen. — Entsetzlich! — Der Vater darf nie erfahren, daß ich es war, den er angegeben — es würde ihn zur Verzweiflung bringen; wie sollt' es auch? Zwanzig Wegestunden von hier bis zur Heimat zerstiebt das Gerücht in alle Winde; — nein, die Meinen erfahren es nicht sollen die Früchte genießen, ohne zu wissen, daß die Glieder des Pflückers zerfleischt find. Fünfzehnte Scene. Vorige. Profoß, Veith. Profoß (vor der Thüre). Es ist gegen meine Pflicht, Niemand darf zu dem Arrestanten. Veith. Herr, nur eine Minute laßt mich ein, ich oringe dem Unglücklichen Trost. — Es ist doch derselbe, welcher vor vierzehn Tagen desertirte? Profoß. Leider, es ist derselbe! Veith. O dann beschwöre ich Euch — ich muß ihn sprechen. Profoß (die Thüre aufschließend). Sei es drum, Ihr kommt weit her und seht keinem Spitzbuben gleich. Joh. (der erschreckt auffährt, als er die Stimme seines Vaters hört). Heiliger Himmel, es ist mein Vater! (Verbirgt sein Gesicht in den Händen, so daß er mit dem Rücken gegen die Eintretenden gekehrt, nicht kenntlich ist.) Veith (einen Knotenstock in der Hand, mit bestaubten Schuhen; man sieht es ihm an, daß er einen weiten Weg gegangen). Welcher ist es denn? Profoß. Der dort! (Auf Johann deutend.) Veith (mit zitternder Stimme). Es mag Euch seltsam scheinen, daß ein alter Mann an zwanzig Meilen Weg gemacht, um Euch zu sehen und etwas zu übergeben, das von Gott und Rechtens euer ist; aber die Furcht, es möchte nicht in die rechten Hände kommen und das Verlangen, Euch zu sagen, daß nur die höchste Noth, der entsetzlichste Jammer Veranlassung war (unentschlossen, wie er sich ausdrücken soll,) daß eure Flucht den Behörden angezeigt wurde, bestimmte mich dazu. Wenn Ihr wüßtet, daß Ihr drei Menschen glücklich gemacht durch eure Flucht, daß durch einen kleinen Theil der Summe, die der Angeber erhielt, er sich vom Schuldthurme, seine Kinder vor Verzweiflung schützte — Ihr würdet ihn nicht verfluchen — nicht wahr, Ihr würdet nicht? Joh. (schüttelt weinend mit dem Kopfe). Veith (beherzter). O seht, ich wußt es wohl — und darum kam ich selbst, es zu hören und Euch zu bitten, nehmt dieß Geld und die Versicherung daß ich und meine Kinder nicht Ruh und Rast haben, bis wir auch den Rest erstattet. Profoß (für sich). Seltsam, dahinter steckt etwas. Veith. Jhrschweigt?—Ich bitte Euch, nehmt-oder — vergebt Ihr mir nicht? Profoß Spießrutbcn verschmerzt man so geschwind nicht! Veith (läßt starr vor Entsetzen Hut, Stock und Geld fallen). Spießruthen — was sagt Ihr da? — Spießruthen — (ungläubig »nd doch in höchster Angst) O geht, Ihr scherzt; mein Sohn sagte mir ja, im schlimmsten Falle könne Stockhausarrest die Strafe sein. Profoß Dann hat Euch euer Sohn belogen. Dreimal aus, dreimal ab durch hundert Mann ist er gelaufen. Veith (zusammensinkend). Ewige Gerechtigkeit, und um meinetwillen! — Johann! Johann! Kindesliebe hat Dich zum Lügner, Vaterliebe mich zum Angeber und Beide diesen Unglücklichen elend gemacht. Profoß. Johann, sagt Ihr, heißt 26 euer Sohn? — Der dort heißt auch so; — er wird doch nicht — Manu, warum seid Ihr nicht gestern gekommen? Veith (erschöpft). Herr, ich konnte nicht. Drei Tage ging ich von Sonnenaufgang bis in die späte Nacht, aber das Elend schwächt — und jetzt — und jetzt, wo ich das Ziel erreicht, einer drückenden Last mich zu entledigen hoffte — jetzt erst erfahre ich das Schrecklichste! (Zu Johann.) O, verwünscht mich nicht, schenkt mir nur einen Blick, daß ich den Meinen sagen kann: Er hat vergeben, ich bin nicht Schuld an seinem Elend. Joh. (nicht mehr im Stande, seine Gefühle zu bekämpfen, wendet sich um und stürzt in des Alten Arme). Vater, Ihr seid eS nicht! Deitb (eine Secunde starr vor Entsetzen, dann außer sich). Du selbst — Du selbst, mein Sohn? (Nach einer Pause, in Extase.) Du — Du um meinetwillen Dich geopfert, dein Blut verspritzt, ein kräft'ger Baum um eines dürren Astes willen, deine Ehre gemordet um meinetwillen, der Sohn dem Vater sein Leben, seine Existenz dargebracht am Weihaltar der Kindespflicht! O gebt mir Worte, daß ich diese That benennen kann. — So orm, so arm — und doch so reich durch Dich! (Mit größter Zärtlichkeit.) Gott hat mich des Höchsten werth gehalten — Er gab mir Dich zum Sohne. Profoß (der sich wiederholt der Thronen erwehren wollte, ungestüm). Und sollt' ich augenblicklich wegen Insubordination, zu mir selber, d. h. zum Profeßen kommen: — Ihr müßt mit mir zum General! — (Triumphirend.) Wußte es ja, daß ich Recht hatte, ein Kerl wie ich kennt seine Leute. — Camerad. Du bist heute Gaffen gelaufen auf eine Weise, daß ich Dich um jeden Hieb beneide, den Du abgekriegt.— Hol' mich der Teufel, sie gelten mehr als zehn Orden pour Io merite! Nebel (der den Vorgang stumm mit angesehen, barsch zu Rotter und Leidersdors). Auf die Knie, Halunken, und betet ih an! (Faßt kniend Johanns Hand.) Es H die erste Hand, die ich küsse in meine» Leven und auch die letzte! Ich habe Di> gesehen — Gott wird mir gnädig sein! (Johann zwischen dem Prosoßen und seinei Vater, von beiden liebevoll unterstützt — k Arrestanten kniend; in dieser Gruppe fällt k Vorhang.) Ende des zweiten Aufzuges. Dritter Lnfzng. (Freier Platz in Kilchberg mit der Aussich in's Gebirge. Es ist Abend. Rechts Han mann's Gasthof in dem Schilde zum roth« Rössel, im Hintergründe Veith's Hütte. - Eine Verlängerung des Gebirges zieht sich ge büschartig bis in die Mitte der Bühne. - Zur Eingangsthüre im Gasthof, neben welche ein Fenster ist gelangt man mittelst drei ziem lich breiten Stufen.) Erste Scene. (Sä mmtliche Bewohner de- Dorfes, der Pfarrer. der Schulmeister mit seinen Zöglinge», festlich geschmückt, umringen den Eingang und rufen ein dreimaliges »Lebehoch, unser gnädigster Kaiser!« — knapp an den Stufe» stehen Kohlhaase, Lorenz, Martin, Thomas, Hirn, Langer — an der Thüre selbst zwei Grenadiere mit geschultertem Gewehr. Wie das Geschrei kein Ende nimmt, erscheint I o s e f im einfachen Ueberrocke am Fenster und nickt seinen Unterchanen freundlick zn- Nach einem donnernden »Vivat* tritt lautlo Stille rin.) Josef. Ich danke Euch, meine Kinder, für diese Beweise eurer Liebe; doch jetzt 27 geht nach Hause — wer von Euch eine Bitte oder Beschwerde vorzubringen hat. der komme morgen, es wird ihm nach Möglichkeit geholfen werden. (Entfernt sich schnell unter dem Jubelruf der Menge vom Henster, welches ein Kammerherr schließt.) Kohlh. (tritt, sich tief verneigend, vom Heilster weg und geht nach vorne, sich den Schweiß von der Stirne trocknend). Gott sei Dank, für heute wär' es vorüber! (Laut.) Habt Ihr gesehen, wie huldreich Seine Majestät mich angeblickt? — Sogar das Kleid ließ er sich nicht küssen von mir — welche Gnade — welche Herablassung! Mart. Ja, unser gnädigster Monarch ist ein leutseliger Herr, das muß man sagen. Hirn. Nicht einmal im Schloß, im Wirthshause ist er abgestiegen. Lang. So hält er's immer, und lustig ist er! Thom. Wie der Schulmeister den Spruch hersagte, hat er gelacht. Mart, (blähend). Und ein Menschen, kenner ist Seine Majestät! — Mich hat er gleich gefragt, ob ich der Richter bin. — Errathen, Majestät. Hab' ich gesagt und da hat er wieder gelacht! Hirn. Er hat's Euch an der Nase ab- gesehen! Mart. Oder an dem silbernen Knopf an meinem Stocke. Thom. 's ist ein prächtiger Herr! Mart. Und hat es gerne, wenn man ihm geistreiche Antworten gibt. Lang. Wenn er nur Alles beim Alten ließe! Kohlh. Ihr Tölpel, schweigt und schert Euch eurer Wege — habt Ihr nicht gehört, was Seine Majestät befohlen? — Nach Hause sollt Ihr gehen! Mart, (beleidigt, für sich). Der fitzt wieder hoch am Roß. (Laut.) Wir gehen schon, gestrenger Herr, wir gehen! — Aber von wegen des Tölpels laßt Euch gesagt sein: der Kaiser selber hat mir's abgesehen, daß ich der Richter bin, und wenn Ihr mich hänseln wollt, mach' ich keine Sprünge mehr mit Euch; die Gelegenheit ist da. ich bringe die Sache vor Kaiser und Reich — verstanden? Thom., Lang., Hirn (tumultua- risch). Ihr habt Recht. Gevatter Richter, vollkommen Recht, wir lassen uns nichts mehr gefallen! Kohlh. (in höchster Verlegenheit stets nach dem Henster zurücksrhend und mit halbunterdrückter Stimme). Ob Ihr schweigen wollt, hochnäsiges Volk! — (Tür sich.) Ich kann nur nicht, wie ich will.— (Laut.) Wartet, bis unser durchlauchtigster Herr wieder fort ist, dann will ich Euch — (sich wieder umsehend, dann mit dem Stocke drohend) moren lehren! Thom. (lackend zu den Uebrigen). Der Gestrenge hat Angst, weil noch ein Gestrengerer da ist. Lang. Die Maus duckt sich vor der Katze. Mart, (ironisch). Wohl zu ruhen, gestrenger Herr! — Will's Gott, so kommt der Kaiser hinter eure Schliche; dann gute Nacht, Amtmannschaft! (Mit den Uebrigen lachend ab.) (Der Schulmeister mit den Kindern. dieMäd» chen. Burschen und Weiber verlieren sich im Verlauf der obigen Scene, nachdem sie eine Weile das Fenster angegafft. — Es ist dunkel geworden.) Zweite Scene. Kohlhaase, Lorenz. Kohlh. (nackdrohend). Spitzbubenbagage! Lottervolk! — Schandkröten! — Jetzt werde ich nach Hause gehen — ob ich aber schlafen werde, ist eine andere Sache. — Fataler Tag! — Wie ihm nur die Idee gekommen ist. durch dieses Nest zu fahren? — So lange die Welt steht, hat man das nicht erlebt. Komm, mein Sohn Lorenz! (Ab.) 28 Dritte Scene. Lorenz (allein). Gleich,-Papa! — (Brütend.) Wie wäre es denn, wenn ich zum Kaiser ginge, eine Belohnung bekäm' ich in jedem Falle; ob es aber viel ist? — Ganz gewiß. — Er ist ja der Kaiser und die Leute sagen: Er hätte erst unlängst dem Staate 22 Millionen geschenkt. — Ich bin zwar kein Staat, vielleicht schenkt er mir wenigstens Eine. — (Ueverlegend.) Es ist aber mein Papa -was kümmert's mich — die Lore braucht Geld! (Entschlossen.) Ich geh' morgen zum Kaiser! — (Ab.) Vierte Scene. Veith, Johann. Joh. (nach einer Pause in der Scene). Stützt Euch nur auf mich, Vater, so fest Ihr könnt, ich bin nicht müde. Veith. Mein guter Hans, bist wohl auch ermüdet und willst es mir nicht sagen. Joh. Bei Gott, Vater, seit mir der Oberst Urlaub gab, Euch zu begleiten, bin ich frisch und munter, der lange Weg hat mich nicht angegriffen. Veith. Und hast so viel gelitten um meinetwillen! Joh. Sprecht doch nicht immer davon — das ist vorüber und vergessen; was die Mutter und Klara schauen werden, wenn wir angestiegen kommen so spät in der Nacht. (Erblickt die Wachen.) Halla! was ist denn das? — Da muß ein Stabsoffi- cier bei Freund Hartmann einquartirt sein, seht Vater den Posten. Veith (im Gehen, wie überhaupt die ganze Scene im Vorübergehen gespielt wird). Vielleicht ist eine Werbung ausgeschrieben. Joh. Was kümmert's uns—wirBeid haben nichts mehr zu fürchten, und glaub mir, es ist so arg nicht, der Trommel z> folgen, wenn schon das Daheimbleibn bedeutend bequemer sein mag. Schildw. Halt, wer da? Joh. Gut Freund! Schildw. Pasfirt! Joh. Erschreckt nicht. Vater, das ifi Gebrauch. — Gottlob, wir find am Ziele, die Mutter hat noch Licht. — (Ander Thüre von Veith's Hütte.) Veith (im Eintreten). So komm, mm Hans, ihre Freudenthränen werden Balsam sein auf deine Wunden. (Beide in dir Hütte ab.) Fünfte Scene Zosef tritt mit Baron Hastenberg und Neureuther aus Hartmann's Ha ust Josef. Die Nacht ist wundervoll und Verrath wäre es. ihr nicht einen Theil ihrer Herrlichkeit zu stehlen.— Laßt mich, Ihr Herren, und geht zur Ruhe — ich werde noch ein Stündchen vor dem Hause .promeniren. Neur. Dann erlauben Eure Majestät die Wachen zu verdoppeln? Jos. Verdoppeln? Wo denken Sie hin, ablösen will ich sie. an ihre Stelle treten und zum Spaße mich selbst bewachen. — (Zu den Grenadieren.) Geht hinein, meint Kinder, eßt und trinkt, Ihr seid dieGäste dieses Herrn. Neur. Zu Befehl, gnädigster Herr, doch die Gefahr — Jos. (lachend). Gefahr? — In diesem stillen friedlichen Dorfe, dessen Bewohner mit dem Fink zu Neste geh'n? — Gefahr — ich meine, Herr, Sie sehen Gespenster! — Nicht meine Garden, meine Unter- tHanen sind meine Wächter, auf ihrer 29 Liebe beruht meine ganze Sicherheit. — Tute Nacht! Hast. u. Neur. (verbeugen sich und gehen in's Haus, nachdem sie den Wachen einen Sink gegeben, zu folgen). Sechste Scene. Josef (allein, schreitet, die vor ihm aus- gebreitete Landschaft betrachtend, auf und nieder). Tiefe — lautlose — erhabene Stille; selbst der Luftzug in den Zweigen ruht. — — Es liegt viel Poesie in den Religionen des Alterthums, die der Göttin Nacht einen Tempel bauten. Tag und Nacht, Leben und Tod, und selbst im Tod noch Leben! — Das ist eine Wahrheit, eßre nicht enträthselte, doch tiefempfundene Wahrheit, mit Sternenschrift in jede Brust Agraben.-Jsabella, Du hast sie eHrobt, Du, der gegenüber ich so arm war, denn ich hatte Dir nur Ein Herz zu gjben. Du bist ein Licht, ich strebe dahin, und Licht soll es werden, Licht überall, Mt in meinen Ländern. Licht in denGe- Mthern meiner Unterthanen. — Licht und Freiheit sind die Symbole des Men- fAenglückes — ich will sie Euch geben, Ar Völker meines Reiches, indem ich die drei fürchterlichsten Feinde des Glückes der Menschen bekämpfte mit allen Waf- Gi. die mir zu Gebote stehen, die Feinde: Unwissenheit, Armuth und Knechtschaft! - Mein höchstes Glück wäre freienMän- neu; zu gebieten. Werd' ich es erreichen? Siebente Scene. Josef, Kroll. Kroll (verborgen durch da- Buschwerk in der Mitte der Bühne). Du wirst es nicht! Jos. (ausgeschreckt). Wer sprach hier? — Hastenberg, seid Zhr's?—(Alles stille.) War es Sinnentäuschung? — Ich hörte doch deutlich eine Menschenstimme. — (Heftig.) Tritt hervor, prophetische Eule, oder ich muß Dich suchen und — mein Wort zum Pfand — ich finde Dich! — (Kroll tritt vor.) Wer bist Du? Kro.'l. Ein armer Weber aus dem Gebirge. Jos. Und wie kommst Du hierher um Mitternacht? Kroll. Durch Zufall. Majestät! Jos. Du kennst mich? Kroll. Noch mehr, ich hatte die Kühnheit, eure Gedanken zu ergänzen. Jos. (lachend). Also Du warst das Orakel? — Antik siehst Du nicht aus, aber dennoch alt. — Was willst Du hier? Kroll. Euch warnen! Jos. Umschwebt mich Gefahr? Kroll. Die höchste — Ihr tragt sie in Euch selbst! Jos. Deutlicher, wenn es beliebt, glatzköpfige Sibylle des achtzehnten Jahrhunderts. Kroll. Ihr wollt euer Volk beglücken? Jos. In meinen Handlungen liegt die Antwort. Kroll. Ihr macht es elend! Jos. Schurke — Kroll. Ein Schurke vermummt sich — ein Schurke verwahrt sich mit Mordgewehren — ich trete frei und waffenlos Euch entgegen; ein Schurke lügt, ich gebe Euch Wahrheit und bin furchtlos, denn ich habe cs mit einem Monarchen zu thun, der erst verstanden werden wird, wenn die nicht mehr sind, die ihn verstehen sollten, mit einem Monarchen, aufgeklärter als sein Volk, erhabener als seine Zeit- ich fürchte nichts. Jos. (für sich). Entweder ein Schmeichler, der sich bemerkbar machen, ein Schuft, der meiner Schwäche für Außergewöhnliches ein Amt ablocken will, oder ein Narr, das Letztere am wahrscheinlichsten. (Laut.) Welchem Tollhaufe bist Du entsprungen? 30 Kroll. Der Welt, Jhro Majestät — sie ist das größte Tollhaus, jeder Lebende verrückt, erst wenn er todt ist, wird er gesund und hergestellt entlasten. Jos. Zu Ende mit den Gemeinsprüchen — ich liebe das Reelle, Praktische. Kroll Und regiert doch so theoretisch. Jos. Ah, ein Professor der Regierungs- kunde, der mich zum Proselyteu machen will. Packe aus mit deinen Jammertönen, ich bin gelaunt, Dich zu hören. Kroll. Meine Töne verklingen, ver- schweben mit dem Zittern der Espe, die einLufthauch bewegt, derJammer bleibt, festgewurzelt im Herzen eurer Länder, eurer Unterthanen, selbst in dem eurigen. Jos. (stutzend). Worte — bei Gott. Worte, kühn und kräftig, doch Du moderner Prophet, bist Du sie auch zu beweisen im Stande? Kroll. Ich bin es. Jos. Laß hören. Kroll. In eurer Brust glüht Eine Wamme, die alle übrigen verschlang, und diese Flamme heißt Menschenwohl. — Flammen aber, selbst die reinsten, sengen, brennen! Die Flamme eures Strebens hat durch allzu rasche Glut sich selbst verzehrt — sie loderte weithin strahlend auf, ein leuchtend Meteor im Umkreis eurer Länder, verdunkelte das Sonnenlicht und ist doch zu matt, die Finsterniß des ehernen Zeitschrittes aufzuhellen. Jos. Nicht übel, weiter! Kroll. Ihr zerstörtet mit Einem Schlage das Gebäude von Jahrhunderten, die Trümmer werden Euch erdrücken, der Staub des stürzenden Gebälks den Athem benehmen und zu spät werdet Ihr bekennen: ich war zu rasch! I os. Oho! Kroll. »Ec war zu rasch« — wird die Nachwelt von einem Fürsten saben, der sein Fürstenglück dem Wohle seines Volkes geopfert und es dennoch nicht beglückt. »Er ist zu rasch« — sagen die besseren eurer Unterthanen, die das ihnen wie Manna in der Wüste gespendete Glück begreifen und nicht zu brauchen wissen, während der Troß Euch als den Spender einer Gabe, für die er noch nicht reif ist, verwünscht, als hättet Ihr ihm Gift gereicht. Jos. Wird sich daran gewöhnen! Kroll. Das wird er nicht. — Ihr hingegen werdet zu rasch die kaum gesäete Saat wieder umpflügen und zu Grabe gehen mit gebrochenem Herzen, der Jungfrau gleich, die ihre Gunst an einen undankbaren, die Gewalt ihrer hingebenden Liebe mißachtenden Wüstling verschwendet — Ein Fürst, leider daß es so ist, aber es ist so, ein Fürst, der sein Volk beglücken will, muß einem Weibe gleichen, dem jede, auch die kleinste Gunstbezeigung abgebettelt werden muß; laß deine Völker hungem nach der Gabe, die Du ihnen schon vorlängst zugedacht — und Du beglückst sie; wirf ihnen das Edelste deiner Macht mit raschen Händen zu — sie werden es anstaunen, bekritteln und als ungenießbar bei Seite legen. — Noch sind deine Nationen nicht reis für deine Pläne, eine Reform, wie Du sie willst, kann nicht durch Gesetze, durch die Zeit allein bewirkt werden. — Du säeteft um ein Jahrhundert zu früh — in zehnmal zehn Jahren werden deine Keime Wurzel schlagen. Jos. Mann, wer bist Du? Kroll. Ein Glied der Kette, die dein rascher Arm zerbrach! Jos. Du wärst also — Kroll. Ein Weber, dessen Webstuhl die Welt, dessen Faden der Glaube ist. Meinst Du, unser Werk sei vernichtet? Gefördert ist es. Wir waren ein schläfriges Kind, Ihr habt uns in den Schlummer gewiegt, wir schlafen, träumen und werden riesig stark wieder erwachen, wenn die nach einer Stütze tappende Menschheit uns zuruft: »Wacht auf, es ist Zeit!' Jos. Doch wie, wenn ich den unduldsamen Wurm vollends zertrete? Kroll. Zertritt die Ueberzengung in 31 eitles Menschen Brust, sei's nun Christ ol^er Heide, zertritt mit ihr den Drang, ß h gellend zu machen als unfehlbarst tödte vorerst das Pochen deiner eigenen E ruft für das. was Du als Recht erkannt -- dann hast Du uns getödtet! — Du b st der Unsren Einer, nur kämpfest Du vit andern Waffen — Du willst die Menschheit lehren ohne Stab zu gehen, q irunterweisen sie, sich desselben zu bedienen Jos. Die Allmacht schuf die Menschen nicht als Krüppel um an Krücken zu kriechen. Kroll. Gab ihnen aber auch nicht die H rast des Adlers, der Sonne entgegen zu flogen. Jos. Ich will sie ihnen geben, will aus merzen den sinnlosen Sectengeist, der die emüther durch Jahrhunderte in Fesseln Hlug, will ausfüllen die endlose Kluft ischen dem Knecht und seinem Herrn, ill dem Verdienste Lorbeerkronen, dem unkel der Geburt die Schellenkappe um die Schläfe binden, will dem Genie die fade ebnen, indem ich sie der Dummheit rsperre, dem Gedanken die Freiheit des Äöindes geben — mit einem Schlage will Und werde ich den Menschen zum Bewußtsein seiner Würde erheben. Kroll (mit Ironie). Den Lauf der ÜLelt mit einem Maulwurfshügel sperren ; nd dann mit stolzem Bewußtsein rufen: , Es ist vollbracht!« — Das Alles willst §)u, nicht wahr? — Göttlich wäre derGe- lanke, wenn er nicht so menschlich wäre, ! nsterblich. hält' ihn kein Sterblicher gedacht. (In der Ferne erschollt ein Posthorn.) Die Klänge dieses Hornes bringen eilig Kunde vomMißlingen deiner Pläne; bebe z urück vor jeder künftigen Minute, sie bringt Dich dem Momente näher, in welchem Du 'nit einem Federstriche das vernichtest, wor- ^n Du mit Aufopferung aller Ruhe dein -!eben lang gebaut.-Lebe wohl, -Wanderer im Sonnenlichte, der des Schälens vergißt; — beim Leichenbegängnisse "einer Hoffnungen siehst Du mich wieder! — (Verschwindet hinter dem Gebüsche.) Achte Sceue. Josef (allein). Beim Leichenbegängnisse meiner Hoffnungen? — So sicher also seid ihr des Sieges, wißt sogar die Zeit, wann ich abstehen werde von der großen Aufgabe meines Lebens? — Werd' ich das je? — So lange ich athme — nie! — und müßte ich es, hörte ich auf zu leben — Eines ist bedingt durch das Andere. — Millionen elend machen — Werk einer Minute — Nationen beseligend ihrem Wohle entgegenführen — die dreizehnte That eines Herkules! — Ein Volk ist kein Löwe, der die verwundete Klaue dem Wanderer entgegenstreckt. und, befreit von dem schmerzenden Stachel, demselben in Dankbarkeit folgt wie ein Lamm!-Ein Volk ist ein weinender Knabe, er schlägt auf die Mutter, die ihn säubern will- Und dennoch lieb' ich diesen Knaben, sein Gedeihen ist meine Lust, meinStolz. meine Seligkeit! — Wüßtet ihr Völker, welche Pläne für euer Wohl ein Monarch im Herzen trägt und wie ihr diese Wünsche, diese Pläne nur zu oft selbst vernichtet und zerstört — ihr würdet begreifen lernen. daß Fürst und Volk innig verschwi- stert sind wie Leib und Seele. — Beide müssen zu Grunde gehen, wenn sie es nicht sind. — Des Volkes Ehre ist des Fürsten Ehre — des Volkes Größe seines Fürsten Ruhm! — (Geht in's Haus ab.) Verwandlung. (Einfaches Zimmer im »Rössel, «mit einer Mittel- und zwei Seiteuthüren.) 32 — Neunte Scene. Quarin, der Leibarzt (aus der Mitte), Hofrath Hastenberg (aus der Seitenthüre links). Quar. Wie ich vernommen, kamen vor Tagesanbruch Depeschen — von Wichtigkeit? Hast. Von höchster! — Seine Majestät haben keine Stunde geruht — Quar. Das darf nicht sein, dagegen muß ich ernstlich protestiren. — Der Kaiser richtet sich ja selbst zu Grunde; kein Tag ohne heftige Gemüthsbewegung. wiederholte Fieberanfälle, die angestrengteste Thätigkeit, Reisestrapazen obendrein — eine Riesennatur müßte unterliegen. — — Haben Sie keine Wissenschaft vom Inhalte der Nachrichten? Hast. Die genaueste: Aufruhr in den Niederlanden, Unzufriedenheit in Tirol, räuberische Einfälle in die Grenzen von Siebenbürgen und Croatien; aus Ungarn endlich die gewisseAussicht, daß dieNation Niederlands Beispielen baldigst folgen will. Quar. Das find ja entsetzliche Neuigkeiten. Hast. Den Beschluß derselben macht eine Notiz des Ministers der auswärtigen , Angelebenheiten, welche uns kund gibt. Friedrichs des Großen Eifersucht habe die Idee eines Fürstenbundes zur Sicherheit der Rechte des deutschen Reiches ausgebrütet und ins Werk gesetzt. Quar. Das ist ja eine Morgengabc zum Davonlaufen! Mein armer Kaiser! Hast. Und dennoch, glauben Sie mir, wird er keinen Augenblick versäumen, die Gesuche und Beschwerden der Bauern dieses Dorfes anzuhören. Quar. Ich muß hinein und allen Ernstes ein Wörtlein spreche». Hast. WirdJhnennichtvielnützen.guter Doctor, doch versuchen Sie es immerhin. Qua r. (rechts abgehend). AufWiedersehen! Zehnte Scene. Hastenberg (allein). Ein Mann, ein einzelner und sterblich wie wir Alle trägt die Last von Millionen allein auf seinen Schultern—ich fürcht', ich fürchte, sie wird ihn erdrücken; — der Himmel verhüt' es! — Eilfte Scene. Hastenberg, Josef, Quarin. Jos. Sie haben Recht, guter Doctor, daß Sie mich schelten, ich seh' ein, daß ich Ihren ganzen Zorn verdiene. Quar. (vorwurfsvoll). Und dennoch schonen sich Euer Majestät nicht. Jos. Ich werde, mein Wort zum Pfand. Nächster Tage werfen wir das langweilige Regierungsgeschäft unsen Freunden Hastenberg und Kaunitz an den Hals, fahren zusammen auf die Jagd — Quar. Und verkühlen uns wieder! Jos. (scherzhaft drohend). Doctor, Doctor! Sie find gerade wie meine Untertha- nen, immer unzufrieden — und ich meine es doch so gut mit Beiden — Quar. Nur mit sich selber nicht. Jos. Verdenken Sie es der Mutter, wenn sie über der Pflege des ächzenden Kindes die eigene Krankheit vergißt? — (Abbrechend zu Hastenberg.) Baron, Sie müssen eiligst nach Wien; mein guter Kaunitz bedarf eines kräftigen Armes zur Beschwichtigung der Magyaren, denen die Interessen des Adels wichtiger sind, als das Gesammtwohl der Nation — und dieser Arm sind — Sie! Hast. EuerMajestät, ich danke für das Vertrauen. Jos. Reisen Sie sogleich und sagen Sie dem Fürsten: Ein Reich, welches ich beherrsche, muß nach meinen Grundsätzen 33 regiert, Vorurtheil, Fanatismus, Parteilichkeit. Sclaverei des Geistes unterdrückt und jeder meiner Unterthanen in den Genuß seiner angebornen Freiheiten gesetzt werden. — Reisen Sie mit Gott. Hast, (geht ab). Zwölfte Scene. Jos es, Quarin. Jos. (wieder launig). Doctorchen, haben Sie draußen noch keinen Bittsteller gesehen? Quar. Es war noch Alles ruhig. (Sarkastisch.) Die Unterthanen Eurer Majestät stehen nicht so zeitlich auf, wie ihr Kaiser. Jos. (lachend). Im Ernst? — Da haben Sie mir wider Willen eine Schmeichelei gesagt; — nur der Glückliche schläft gern und lange. Quar. (am Fenster). Ich irrte mich — Einer ist doch schon da. Jos. Rufen Sie ihn! Quar. (hinausrusend). He — Du, komm' herein! Jos. Zur Strafe für Ihre Strenge gegen mich armen Patienten müssen Sie den heutigen Tag über Hastenberg's Stelle vertreten. Quar. (verbeugt sich). Dreizehnte Scene. Vorige. Lorenz (durch die Mitte). Jos. Was willst Du? Lor. (in einiger Verlegenheit). Mit dem Kaiser reden. Jos. Hast Du ein Anliegen? Lor. (nickt bejahend). Jos. Heraus damit. Lor. Ich möchte gern meinen Papa denunciren, weil er (Pantomime des Stehlens) lange Finger macht. Wüner Theater-Rep. Nr. 27 S. I os. (beinahe entsetzt). Kerl, bist Du verrückt? Lor. (Pfiffig). Ne! — Quar. Das ist ein süperbes Konterfei des simias oriAinm maximao. Jos. Wie kommstDu dazu, deinen Vater zu verrathen? Worin besteht seine Spitzbüberei? Lor. Er hat die Rentencafse bestohlen um zweihundert Gulden — Jos. (barsch). Wie heißt dein Vater? Lor. Hieronymus Kohlhaase, Amtmann in Kirchberg. Jos. (in die Thüre links rufend). Baron Neureuther! Neur. (tritt ein). Jos. Veranlassen Sie augenblicklich eine Untersuchung des Cassenbesta ndes in der hierortigen Ämtskanzlei und ist nicht Alles in der strengsten Ordnung, arretiren Sie den Betrüger und bringen ihn zu mir. Neur. (geht durch die Mitte ab). Vierzehnte Scene. Josef. Quarin, Lorenz. Lor. (ängstlich). Der Papa kommt? — Da werde ich gehen. Jos. Er bleibt, Prachtexemplar der Schöpfung — ich will Vater und Sohn beisammen sehen. (Zu einem der Lakaien, die mit Lorenz eingetreten und an der Thüre stehen blieben.) Ruf mir den Wirth. ^ Lor. (Quarin am Rockärmel zupfend). Werd' ich eine Belohnung kriegen? Quar. (ironisch). Das versteht sich, mein Junge, eine absonderliche; obwohl eine solche Thal den Lohn meist in sich selber trägt. Jos. Hast Du mehr Geschwister? Lor. Sechs, durchlauchtigster Herr Kaiser! Quar. Sind sie alle so brav wie Du? Lor. (bejaht). y 3 34 Quar. Dann ist dein Vater ein benei- denswerther Mann! Jos. (rasch auf- und niedergehend, zum zweiten Lakai). Nimm den Burschen mit Dir, laß ihn nicht aus den Augen. (Lorenz wird abgesührt.) Fünfzehnte Scene. Josef, Quarin, Hartmann (tritt bescheiden ein). Jos. (ganz nahe an Hartmann tretend). Was halt er vom hiesigen Amtmann? Hartm. (tritt bestürzt zurück).. Jos. Ohne Winkelzüge — gerade heraus! Hält er den Amtmann Kohlhaase für einen Ehrenmann? Hartm. (fest). Nein, Jhro Majestät! Jos. Aus welchem Grunde? Hartm. Eine Thatsache mag für viele gelten. Vor Kurzem wollte er einen geachteten, alten, jedoch sehr armen Mann rückständiger Gaben halber in den Thurm stecken. — Des Amtmanns liederliches Söhnlein ist in des Webers Tochter vernarrt. aus solche Weise wollte er den Alten zwingen, in die Heirat der Tochter zu willigen. Jos. So — so! Und wie half sich der Alte? Hartm. Durch die heldenmüthige Aufopferung seines Sohnes, der sich — Jos. (rasch einfallend). Das ist doch nicht- die Geschichte des braven Korporals vom sechsten Regiments der zurRettung seines Vaters Gaffen lief? Hartm. Dieselbe, Euer Majestät! — Vater und Sohn sind gestern heimgekehrt. Jos. Hier sind sie? — Ich will sie sehen, augenblicklich — hol' Er sie! Hartm. (fortrennend). Mit Freuden, Majestät! (Eilig durch die Mitte ab.) Sechzehnte Scene. Josef, Quarin. Jos. Was sagen Sie, Doctor, zu dieser Historie? — Soll man an den Menschen verzweifeln oder an sie glauben? Quar. Ich glaube au den Einzelnen und ve> zweifle an der Gesammtheit. Jos. Ein harter Ausspruch, doch die Erfahrung bestätigt ihn. Siebzehnte Scene. Vorige. Neureuther, Kohlhaase, Lorenz mit den Lakaien. Neur. Die Rentencaffe ist in Ordnung; das ist aber auch Alles. In anderer Hinsicht läßt sich nicht viel Gutes aufbringen von dem Manne. Jos. (donnernd zu Lorenz). Wie? — Schurke, so hast Du mich belogen? Lor. (zitternd). Ich habe nicht gelogen — der Papa soll es läugnen, wenn er kann! Kohlh. Heilige Gerechtigkeit, Du hast mich verrathen, Du mein Sohn Lorenz? Lor. (kläglich). Ja, Papa! Kohlh. Du. dem ich die Hälfte der Summe gegeben und der sich die andere selber nahm? Jos. Das kommt ja immer besser! — Kohlh. Durchlauchtigste Majestät — ich will Alles bekennen: Mein leiblicher Sohn Lorenz ist ein Vagabund, ein Taugenichts, ein Verschwender — leider daß ich sein Vater bin — da kam er eines Tages zu mir in die Kanzlei und wollte Geld — ich antwortete, ich hätte kejnes, er aber drohte mir-ich weiß nicht mehr genau, womit — und in der Angst gab ich ihm hundert Gulden von den Ren- tengeldern, das andere nahm er selber — und dieses Rabenkind hat mich verrathen. O ich unglücklicher Vater! 35 Achtzehnte Scene. Vorige. Veith, Johann. Hartmann, Klara, Marthe (sind während obigerRede eingetreten und bleiben im Hintergründe stehen). Jos. Das ist Er nnd mit Recht; — der Vater eines solchen Sohnes kann nicht glücklich sein. — Er verfuhr hart mit meinen Untcrthanen, wollte übermüthig diesen Greis ins Elend stürzen und sitzt jetzt selbst darin.—Das ist die Konsequenz der ewigen Gerechtigkeit. (Auf Kohlhnase und Veith weifend.) Da stehen die beiden Väter, verzweifelnd der eine, der andere hochbeglückt durch ein und dasselbe Geschenk des Schöpfers — durch ihre Söhne. (Zu Lorenz.) Er spazirt in's Zuchthaus. (Zu Johann.) Herr Lieutenant — Joh. (ihm zu Füßen stürzend). Majestät, diese Gnade — Jos. (sortfahrend). Ihre Familie ist fortan die meinige. (Reicht ihn freundlich aushebend die Hand.) Dieser Handschlag mög' Ihnen sagen, wie sehr ich Sie achte, durch ihn sind Sie den bravsten Männern meines Reiches gleich. (Alles verneigt sich in einer paffenden Gruppe. Der Vorhang fällt.) Ende. Druck und Papier von L. Sommer L Comp, in Wi«r In der Wallishaufser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien sind zu haben Theaterdirector Carl. Sein Leben und sein Wirken von Carl Gämmerler. 8, 1855. Friedrich Keckmann. Heiteres — Ernstes — Trauriges aus seinem Leben. Erinnerungen von Friedrich Kaiser. 1866, 8. 88 Seilen. wie sie lebt im Gedächtniß ihrer Zeitgenoffen und Kinder. 1870, 8, XVI. und 250 Seiten. einem Mit Kupferstich nach Derffinger, einer Lithographie von Kriehuber und einer xylographischen Beilage. . Pen Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt und zur Aufführung zu beziehen durch das Theater- und Musikgeschäftsbureau von Franz Kratz iu Wien, Josefstädter Theatergebäude. Schlechtes Papier. üriginatoolksstück mit Gesang in drei ÄWeilungen von Friedrich Kaiser. Musik von Carl Kleiber. Horner, ehemals Kunsthändler, nun Land- wirth. Rosi, seine Tochter. Hermann Fest. Ruprecht Spitzer, Lithograph. Dürrheim, Registrator. Puchmann, Förster. Spundner, Böttcher. Anselm, Meßner, ehemals Schullehrer. Kilian, Amtsdiener. Lux, Gerichtsschreiber. Sturm, Gensd'arm. Marlin Sterzinger, ein alter Bauer. Margareth. sein Weib. Lisi, deren Tochter, / Melchior, ? im Dienst bei Horner. Hanni, s Personen: Gilbert, sein Neffe. Gensd'armen, Bauern, Mägde, Gäste. Erste Abtheilung. ^Hofraum vor dem Landhause Horner's. — Links das einstöckige Wohnhaus mit einer Thüre, zu welchem einige Stufen hinansühren, Wien. Thent.-Rcp. Nr. 273. an der Mauer schlängeln sich Reben bis zu den Fenstern des ersten Stockes und bilden, sich über Staketen legend, ein Vordach, unter welchem ein langer mit Krügen bestellterTisch, eine Bank und mehrere Stühle stehen. — Im Vordergründe rechts eine Laube, in welcher ein kleines Gartentischchen und zwei Stühle 1 2 stehen. Im Vordergründe rechts eineLaube, in welcher ein kleines Gartentischchen und zwei Stühle stehen. Der Hof ist mehr gegen den Hintergrund zu durch eine quer überdieBühne lausende mannshohe Mauer, in deren Mitte das breite Einfahrtsthor offensteht. abgegrenzt. Jenseits der Mauer erheben sich Weinberge. Den gänzlichen Hintergrund nimmt ein bewaldetes Gebirge ein, aus dessen Spitze die Ruine einer Burg über den Bäumen emporragt. Es ist bereits Abend, man hört von den Nachbarhösen herüber eine ländliche Musik und lustige Tänze ausspielen.) Erste Scene. Mathias, Melchior, Hanni, Lisi, Knechte und Mägde. (Einige Knechte und Mägde kommen, Butten undKörbe vollTrau- ben tragend, durch die Einfahrt und schütten die Trauben in einen an der Mauer stehenden großen Bottich. Mathias, Thomas, Hanni, Knechte und Mägde haben sich bereits ihrer Last entledigt und drehen sich nach dem Tacte der Musik im Tanze, dabei den folgenden Zwiegesang im Chore begleitend, jauchzend und in die Hände klatschend.) Duett mit Chor. Lisi. Wenn d' Weinbeer zeitig sein, Lest man's zum Mosteln ein. Melchior. Wann d' Maderln sauber sein, Lad't man's zum Tanzen ein. Lisi. Dann gibt's schon übers Jahr Fertigen Wein schon klar. Melchior. Und was verliebt erst war, Wird dann ein Ehepaar — Lisi. Als Glaserl voll Most Und a Busserl zur Kost. Beide. 's gibt schon nichts Beffers gelt Auf derer Welt. Ehor. 's gibt schon nichts Beffers gelt Auf derer Welt. (Die Burschen umschlingen ihre Mädchen, küssen sie trotz ihres Sträubens, jauchzen laut und dergleichen.) Zweite Scene. Vorige. Horner. Horner (halb städtisch gekleidet, tritt von rechts auf). Ja. was soll denn das? Wollt ihr aus meinem Garten einen Tanzboden machen? Alle (hören mit dem Tanzen aus). Melchior. Sei'ns net bös — aber du Weinles' — Horner. Ist bei mir noch nicht vorüber! Wir haben morgen noch den ganzen Tag zu thun und da kann ich keine müden Leute brauchen. Dort (nach recht« zeigend) in der großen Scheune habeich Euch das Nachtmahl, richten lassen, eßt's und dann geht's schlafen. Gute Nacht! Die Knechte und Mägde (verstimmt). Auch so viel. — Gute Nacht, Herr! (All- außer Lisi nach rechts ab.) Horner (setzt sich an den Tisch, zu Lisi). Nimm die Krüg' fort und sag' dann der Rost, sie soll nur mein Nachtmahl da herausbringen. (Lisi räumt den Tisch ab und geht dann in das Haus ab; Horner allein.) Meine Leut' wollen noch nicht schlafen geh'n und ich wäre froh, wenn ich mich wieder so eine Nacht hindurch recht aus- schlafen könnt'. — Aber an das darf ich jetzt noch nicht denken. 3 Dritte Scene. Horner, Rosi. Rosi (in einem geschmackvollen Landan- uge, einen Blumenstrauß an derBrust, kommt ine Tasse mit einem Glase Wein und Back- verk tragend aus dem Hause). Guten Abend, lZaterl! (Stellt das Gebrachte vor ihm auf >en Tisch.) Heut mußt Du die Bäckereien nit Andacht verzehren, ich hab's eigen« )ändig fabricirt. Horner. Dank' Dir! (Genießt etwas md mustert ihren Anzug.) Hm! hm! Du )ast Dich ja heut' gar sauber heraus- jeputzt. — Rosi. Ich muß ja, ich bin ja seit ein mar Tagen so viel als Wirthin! Horner. Ich bereue 's fast, daß ich nein Haus zur Buschenschenke gemacht mbe.—Aber ich Hab' gehofft, mehr Wein bzuseßen. Alle Nachbargärten sind voll Leute. — bei mir geht's den ganzen Lag über ziemlich still her! Rosi. Weil Du nur guten Wein aus- chenkst, der ist den Bauern zu theuer, lder dafür haben wir schöneres Publikum — besonders Abends — da kommen elbst die Herren aus dem nahen Städt- hen heraus. Horner (etwas mißtrauisch). Und wegen üeser hast Du Dich so in Staat grwor- en? Wegen Allen gewiß nicht! Aber vor Anem möcht'st halt recht schön erscheinen. Finster.) Erwart'st ihn vielleicht heut' nieder? Rosi (etwas verlegen). Vater! . Horner. Aha! — wirst roth! — 9ast schon Recht, wenn Du Dich schämst. Rosi (sich stolz ausrichtend). Schämen? — Dazu Hab' ich keine Ursach'! Horner. Na, wenigstens stolz brauchst du nicht drauf zu sein, daß so ein Mensch, nix ist und nichts hat, sein Auge auf oich geworfen hat! Er sucht halt eine Frau, von der er sich füttern lassen könnte. Rosi. So gemeine Absichten hat er nicht! Er selbst hat mir gesagt, daß er nicht früher um mich anhalten möcht', als bis er wieder eine sichere Anstellung hätt'. Horner. Nein, nein! So ein ewig um Theuerungszulagen petitionirendes Individuum, welches vom Ersten jeden Monats schon wieder nach dem Letzten schmachten muß, ist nichts für Dich! DaS Hab' ich dem Herrn von Fest schon zn verstehen gegeben, und wenn er ein honet* ter Mann wär' — so hält' er sich zurückgezogen, aber er mißbraucht die Gelegenheit, kommt jetzt fast alle Abend. Rosi. Er kommt als Gast, das kann ihm Niemand wehren. Horner. Du! Du könnst's — und Du sollst! Rosi (mit Festigkeit). Aber ich will nicht! Horner (vom Sitze aufspringend). Rosi, mach' mich nicht böse! (Wieder sanfter.) Sieh, Du bist meine einzige Tochter, die ich gerne glücklich und versorgt wissen möcht'! Bloß Dir zu Lieb'Hab'ich den Kunsthandel, den ich in der Stadt betrieben, aufgegeben, um mich auf die Pflege und den Handel mit dem einzigen geistigen Product, welches beim großen Publicum noch Absatz findet, nämlich dem Wein zu verlegen. —Ich Hab' dieLandwirthschaft gekauft, aber meine Mittel hätten nicht zugereicht, wenn ich nicht einen so tüchtigen Kompagnon gefunden hätt'. denHerrn Spitzer. Rosi (mit dem Ausdrucke des Widerwillens). Den? — Wie lange dauert denn noch dein Gesellschaftsvertrag mit ihm? Horner. Ich wollt'für immer! Er ist ein genialer Mensch, der zu Allem eine glückliche Hand hat. Früher hat er mir als Zeichner und Lithograph gute Dienste geleistet Jetzt hat er sich auch bei dem neuen Geschäfte mir angeschloffen, er ist meine rechte Hand — und (inniger, Rofi'r 1 * 4 Hand erfassend) Rofi! hätt'ft Du denn was dagegen, wenn ich meine rechte Hand in die deinige- Rosi (rasch ihre Hand zurückziehend). Rede nicht weiter, Vater, einen solchen Antrag will ich gar nicht aus deinem Munde hören! Horner (gegen den Hintergrund rechts blickend). So hör' ihn — von ihm selber! Rofi (in dieselbe Richtung blickend). Ha! — dort kommt er! — Jetzt Hab' ich nichts mehr da zu thun! (Flieht in das Haus ab.) Horner (ihr nachrufend). Rofi, so bleib doch! (Wieder hinaussehend.) Er ist schon ganz nah! — Er erwart't heut' einen Bescheid — und ich — ich muß nochmals ernsthaft mit ihr reden. (Jn's Haus ab.) Vierte Scene. Ruprecht Spitzer (allein. Einen leichten Mantel übergeworfen, einen breitkrämpigen Hut aus dem Kopse, kommt vom Hintergründe rechts durch das Eingangsthor). Lied. Still sich beugen dem Geschicke, Wie es uns auch quäl' und zwicke, Und die schönsten Blüthen knicke, Bis man hinkend an der Krücke Ankommt bei der letzten Brücke, Wo man mir gebroch'nem Blicke Sich v.on jenseits Glück verheißt, Das trifft jeden kleinen Geist. Sehr viel können, sehr viel wissen, Und dabei doch hungern müssen, Während meist die besten Bissen G rad die dümmsten Kerls genießen. Sind dann alle Strick' gerissen, Sich verzweifelnd zu erschießen, Weil sich sonst kein Ausweg weist, Das trifft jeden kleinen Geist. Doch das Schwert zum Kampfe wetzen, Los sich ringen von den Netzen, Die den freien Sinn verletzen, Und will uns das Schicksal Hetzen, Seiner Macht sich widersetzen, Bis zu den ersehnten Schätzen Hin den Muthigen führet sie, — Das vermag nur das Genie. Und ich bin ein Genie und daher berechtigt, zu fragen: Was ist denn das Schicksal, welches die Heiden über die Götter und die Gläubigen wenigstens ihrem Gotte gleichstellen? — Was ist's beim rechten Licht betrachtet? Es ist ein schlechter Porträtmaler, denn es trifft oft sehr hart. Es ist die äußerste Linke im Reichsrath der Welt, denn eben die Rechten leiden am meisten unter seiner ewigen Opposition. Es ist ein Wirth, ohne den die meisten Rechnungen gemacht werden! — Es ist eine schwarze Wetterwolke, die sich am liebsten über die Höhen des Menschengeschlechtes entladet — mit einem Wort: es ist etwas Furchtbares—(plötzlich in Hohnqelächter übergehend) wenn man dumm genug ist, daran zu glauben! Ich aber glaub' nicht an die Macht des Schicksals, sondern nur an ein gemachtes Schicksal! Das ist das Pensum in der Lebensschule und ich fühle das Zeug dazu in mir! — Ich Hab' anfangs Kunsthändler werden wollen, aber 's hat dabei nichts 'rausgeschaut! Aufgelegt haben wir genug. Wir haben uns zuerst auf Heiligenbilder verlegt, aber in jetziger Zeit machen die Scheinheiligen mehr Glück als die wirklichen. Dann haben wir Bilder von weiblichen Kunstnotabilitäten ausgestellt, die haben sie uns aber als unanständig confiscirt. Nachdem haben wir die Porträts der neuen Minister anfertigen lassen, aber eh' wir noch ein Exemplar abgesetzt hatten, waren die Minister sel- der schon wieder abgesetzt und wir haben nichts davon gehabt, als einen ungeheuren Vorrath vonMaculatur-Ministern. — Da hat's Geschäft freilich nicht vorwärts gehen können. Drum haben wir was Anderes, was Neues angefangen. Fünfte Scene. Ruprecht, Horner, Lisi. Horner (kommt wieder aus dem Hause, Lisi, zwei Gartenleuchter mit brennenden Kerzen tragend, folgt ihm; sie stellt die Lichter ms den Tisch und entfernt sich dann wieder). Ah. sieh da, lieber Spitzer! (Ihm die Hand mietend, sichtbar etwas verlegen.) Grüß Gott!! Ruprecht. Ich nehme vorlieb, wenn nich ein Engerl begrüßt! Wo ist Ihre Lachter? Horner. Sie — hm! Sie leidet etwas m den Zähnen. (Für sich.) D'rum will's licht anbeißen. Ruprecht (etwas pitirt). So? — Cu- ios! - So oft ich komme, fehlt ihr twas. Horner (für sich). Im Gegentheil! Venn sie ihn sieht, hat sie schon genug! Ruprecht, 's wird noch nothwendlg verden, daß ich Medicin studire. Horner. Na, vielleicht wüßten Sie >ann meine Tochter zweckmäßiger zu besudeln. Ruprecht.Wie so? Bin ich nicht gegen ie die Galanterie selber? ^ Horner. Na, sehen Sie, daß ich's Hnen nur sage, Sie ärgert sich darüber, >aß Sie, der Sie doch ein g'scheidter Rann sind, den Bauersleuten in ihren lbergläubischen Ansichten und Vorurthei- en Recht geben — sie noch darin betörten. Ruprecht. Haha! Eben weil ich ge- cheidt bin. Selber gescheidt sein und die !eut' in ihrer Dummheit lassen, nur da- urch macht man auf dem Lebensmarkt le Profitabelsten Geschäfte. Sagen Sie tlber, hätten Sie die Besitzung dahier so billig kaufen können, wenn nicht gewisse unheimliche Gerüchte — Horner. Na ja, das ist wahr, und diese Gerüchte Ihnen uns noch fortwäh-' rend gute Dienste. Alle Weinberge, die da (gegen de« Hintergrund weisend) gegen die Bergseite liegen, können nach und nach mein werden. Ruprecht. Ja — ich verhelf' Ihnen dazu — wenn unsere Compagnie fortdauert, und Sie wissen, an welche Bedingungen ich das geknüpft habe! Wird das nicht erfüllt, so werd' ich mich selbstständig etabliren, das neue Unternehmen, in welches ich Sie heute erst einweihen wollte, allein entriren, mit Ihnen con- curriren. Horner (erschreckt, für sich). Das heißt, mich ruiniren. (Laut.) Na, na, werfen Sie mir nur nicht gleich den Sack vor die Thür! — Es wird sich ja Alles noch richten lassen, — aber (gegen den Hintergrund sehend) es kommen Gäste — wir reden heut noch weiter an dem verabredeten Ort. Ruprecht. Gut, ich werde kommen. Sechste Scene. Vorige. Anselm, Gilbert, Dürr- , heim. Anselm (zieht Gilbert säst mit Gewalt zur Thüre herein, Dürrheim folgt ihm). Da herein gehst und keinen Schritt weiter. Horner (zu Anselm). Hoho! Schulmeister. Sie schleppen ja dieGäst' ordentlich zu mir herein! Anselm. Ich muß wohl, um meinen Vetter vom ewigen und zeitlichen Verderben zu retten. Stellen Sie sich vor, der junge Mensch ist während der Ferien auf ein paar Tage zu mir auf's Land herausgekommen. Heut Hab' ich ihn auf die schönsten Punkte in unserer Gegend geführt — darüber is 's Abend geworden 6 — da fieht er — vomFuchskogel aus — die alte Ruine da oben — Gilbert. Es faßte mich eine unwider- stehliche Sehnsucht gleich hinaufzusteigen. Anselm. Jetzt — bei der Nacht — zu der Ruine — Herr Horner! — Reden jetzt Sie mit ihm — mich hat er schon ausgelacht! Horner (hat rasch mit Ruprecht einen Blick gewechselt). Sie haben — da — hinauf wollen? Ruprecht (zu Gilbert). JungerMensch, Sie wissen vermuthlich noch nicht — Gilbert. Mein Vetter erzählte mir wohl von einem Spuk — Horner (ernsthaft). Alle Leute in der Umgebung reden davon! Gilbert. Das reizt meine Neugier um so mehr! Ich werde den Weg wohl allein Puden. (Will fort.) Horner (rasch zu Gilbert). Lassen's das jetzt — 's ist schon spät — morgen früh, wenn Sie wollen, begleit' ichJhnen selber hinauf — aber jetzt — Anselm (Gilberts Hand wieder fassend). Jetzt wollen wir mit andern Geistern bekannt werden, die der Herr Horner aus seinem Keller heraufbeschwört — das find gute Geister, die Gott den Herrn loben! Siebente Scene. Vorige. Lisi, (später) Buchmann, Spundner. Lisi (tritt mit einer großen Weinkanne und mit einer Platte voll Gläschen aus dem Hause). Gilbert (Lisi erblickend). Und eine schöne Kellnerin dazu! — Das bestimmt mich zu bleiben, aber nur unter der Bedingung, daß mir die ganze schauerliche Geschichte ausführlich erzählt wird. (Alle setzen sich an den Tisch. List schenkt Wein ein und stellt die Gläser auf den Tisch, Spundner noch im Arbeitsanzuge, Buchmann mit Waib- tasche und Flinte.) Horner. Ah, Bindermeister, und unser Förster! Nur herg'setzt. wir rucken schon z'sammen! (Zu Buchmann.) Kommen's von der Jagd? Buchmann (verdrießlich die Flinten« die Wand lehnend). Hat sich was! Kein Schuß Hab ich gethan! (Setzt sich.) Dir verdammte Hex! Anselm. Hex? Wie so Hex? Spundner. Na — ein altes Weib st ihm begegnet! Buchmann. Und wie einem so was pasfirt, kann man drauf schwören, das einem kein Katz in die Schußweite komm (Sie sprechen weiter.) Achte Scene. Vorige. Hermann Fest, (gleich darauf Rosi, (später) zwei ältere Bauern. Hermann (kommt durch das Einfahrt!- 'hör und geht, von den Anwesenden nicht bi- merkt, gegen das Gartentischchen in der Laut-! rechts). Gott sei Dank! Das Plätzchen ii noch frei — der Alte hat mich noch mH bemerkt, wenn sie — (sieht gegen das HM erfreut). Ha. meine Hoffnung hat müd nicht getäuscht!' (Rosi schlüpft aus der W des HauseS, wirft einen vorsichtigen Blick aik die Gesellschaft und eilt, als sie sich nicht bk obcchtct sieht, zu Hermann. Zwei ältere ern kommen während des Folgenden und nehmen ebenfalls an dem großen Tische Plch Hermann, Rosi seine Hand entgegenhaltenb leise.) Hast Du mich gleich gesehen, mein liebes, liebes Röschen? Rosi (ebenfalls leise). Oh, ich glaubt wenn alle Fensterladen geschloffen wäm und Du trätest ins Haus — so sagte nnü ein eigenes inneres Gefühl! Hermann (sie näher an sich ziehend Ja — es gibt einen Rapport zwischk» 7 zwei Herzen, welche bestimmt find, sich gegenseitig zu ergänzen. Rosi. Ach Gott, das will mein Vater nicht einsehen (sich ängstlich umsthend) und wenn er sieht, daß Du da bist—es könnte zu einem Auftritte führen.-Darum muß ich wieder fort, gesehen Hab ich Dich. (Will fort.) Hermann (sie zurückhaltend). Röschen, nun bin ich den weiten Weg gegangen, und soll mich nicht länger als eine Minute deines Anblicks erfreuen? Rosi (sich zu ihm beugend, noch leiser). Wenn Dir morgen früh der Weg nicht zu weit ist, kannst Du länger mit mir reden. Hermann (freudig). Morgen? Wann? Wo? Rosi. Ich muß morgen zu der Tante in Hellendorf — da geh' ich zeitlich fort. — Wenn Du mich also — so um 7 Uhr draußen bei der Markersäule erwarten wolltest? Hermann. Ob ich will? Bis morgen Hofs' ich Dir auch eine freudige Nachricht bringen zu können. Ich sehe einer Erledigung meines Anstellungs-Gesuches ent« gegen. Rosi. O, dann würde vielleicht auch der Pater mit sich sprechen lassen! Kür setzt aber (ihm herzlich die Hand drückend) leb'wohl! — Auf ein recht frohes Wiedersehen! (Will wieder in's Haus.) Ruprecht (wendet sich in diesem Augenblicke und gewahrt Rosi, überrascht aufspringend). Ah, Fräulein Rose! Sie doch da? Hat das Zahnweh schon nachgelassen? (Will sie um die Mitte fasten.) Rosi (sich ihm entziehend). Nur für einen Augenblick, jetzt fängt's mich wieder zu reißen an. Ruprecht (spöttisch). Hm! Da muß irgendwo ein Zug sein! (Tritt weiter vor und erblickt Hermann.) Ah, guten Abend, Herr von Fest! (Zu Rosi.) Es scheint dahier wirklich stark gezogen zu haben. Horner (ebenfalls ausstehend). Der Herr von Fest? — (Finster zu Hermann.) Sie da? Hermann (etwas verlegen). Ich bin eben gekommen und wollte Sie um ein Glas Wein bitten. Horner (mit mühsam zurückgehaltenem Zorn). Und da setzen Sie sich daher zu dem Tisch, wo nicht einmal ein Licht brennt? Ruprecht. Zu was denn ein Licht, wenn man (aus Rosi deutend) seine Flamme dort findet. Horner (leise zu Hermann). Herr von Fest! (Drohend.) Wenn ich jetzt — aber ich will vor den Leuten keinen Scandal attfangen — ich werde also äußerlich noch höflich sein — legen Sie Sich das aber nicht falsch aus — (laut, scheinbar ganz freundlich). Geben Sie uns doch das Vergnügen und setzen Sie Sich an unfern Tisch (Zu Rosi.) Du aber bleib' im Haus und wart, bis ich Dich rufe. Ruprecht (zu Rosi). Ja — achten Sie auf den Ruf Ihres Vaters und auf den Ihrigen. Rosi (verächtlich zu Ruprecht). Das thue ich am besten, wenn ich nicht mehr herauskomme, so lang Sie da sind. — (Zu Hermann, freundlich.) Gute Nacht, Herr von Fest! (Zn's Haus ab.) Horner (geht mit Hermann zu dem großen Tisch). So, dahier ist noch ein Platz. (Zu Lisi.) Dem Herrn ein Glas Wein! (Sehen sich.) Ruprecht (zu Lisi). Und ein Brod auch für den Herrn, er hat ja noch keines. (Seht sich ebenfalls.) Hermann (für sich). Daß ich den frechen Spötter nicht züchtigen darf. Doch nzir hier Mäßigung. Gilbert (zu Anselm). Aber jetzt zu der versprochenen Erzählung. Also das alte Gemäuer dort oben —? Anselm. War vor Zeiten ein Nonnenkloster. in das aber auch Ehemänner ihre leichtsinnigen Frauen und manche Eltern ihre widerspenstigen Töchter zur 8 Besserung untergebracht haben, und so hat auch vor ungefähr 100 Jahren — Dürrheim. Es war anno 1753 — so steht in den Acten unsers Archivs — Anselm. Also gut! Damals hat der hiesige Gutsherr, ein Baron Kammerstein, seine Tochter, die von einem heimlichen Liebesverhältniß nicht hat lassen wollen — dort unter Schloß und Riegel gebracht. Das hat dem Fräul'n nicht besagt — und — eines Morgens — hat sie sich vom Fenster ihrer Zelle heruntergestürzt auf den Felsen — wo man's mit zerschmettertem Schädel dort aufgefunden hat Hermann. Armes Opfer väterlicher Grausamkeit! Horner (erregt). Sagens, ein Opfer ihrer Gottlosigkeit. Anselm. Die Straf' hat sie auch bis ins Grab verfolgt. Sie ist natürlich nicht im Friedhof begraben worden, sondern außen an der Mauer. Hermann. Sie ruht auch dort in Gottes Erde. Anselm. Ruht? Ja, wenn man in einem ungeweihten Grab eine Ruhe finden könnt'! — Aber damit ist's nichts — (sich ängstlich umsehend). Oft verlaßt sie nächtlicher Weil ihr feuchtes Bett — und da — da sieht man sie! — (Alle außer Hermann sehen sich mit dem Ausdrucke der Furcht um und rücken näher aneinander.) Lisi (hat sich ebenfalls borchend dem Tische genähert), 's ist schauerlich! — Ich Hab' schon d' Gänshaut, aber erzählen's weiter! Anselm. Ja, mit ihrem weißen Tod- tenhemd — mit aufgelöstem Haar — mit gerungenen Händen sieht man sie — Hermann. Sie wollen wohl sagen — man glaubte sie zu sehen — vielleicht in jenen Zeiten des finstern Aberglaubens. Anselm (entsetzt). Was? — Aberglauben? Dürrheim. Es kommt sogar in den Acten vor. Anselm. Und unser Pfarrer liest alle Jahr an ihrem Sterbetag eine Meß für die Erlösung der armen Seele — Glan- ben Sie, der Pfarrer thäte das umsonst? Spundner. Und meine alte Großmutter selig hat's selber g'sehn! Buch mann. Und ich — ich könnt'Euch ein Wort reden — Spundner. Was denn? — Reden's! Buchmann. Ich Hab' selbst den Schatten g'sehen, die Angst hat mir die Kehle zug'schnürt. — Die Flinte in der Hand hat mir gezittert — ich bin fortgestürzt und Hab' vor Fieber die ganze Nacht kein Aug' zugemacht. Anselm (zu Gilbert). Jetzt hast Du gehört, warum ich nicht zu bewegen bin. da hinauf zu geh'n. Hermann (zu Anselm). Sie glauben also im Ernst an diesen Spuk? Sie find doch Schulmeister gewesen? Anselm. Richtig — und bin jetzt Meßner — Hermann. Ihr Beruf war es, die Aufklärung zu fördern. Ruprecht. Oho! — Aufklärung, weil wir nun wieder ein neues politisches Schlagwort zu hören kriegen? Anselm (zu Hermann). Sie sein ver- muthlich auch einer von denen, die an gar nichts glauben? Hermann. Das sei fern von mir, aber so ein Glauben — Anselm (immer mehr aufgeregt). Wer an keinen Geist glaubt, glaubt auch nicht an die Unsterblichkeit der Seele — der ist ein Atheist — ein Materialist — ein — ein — Spundner. G'würzkramer! Ruprecht. Aber es gibt schon Leut', die ihren eigene« Geist auf keine- andre Art beweisen können, als daß sie jeden Geist leugnen. Hermann (beleidigt). Und Leute, welche, indem sie das Volk in seinem Wahn be- 9 stärken, entweder Dummköpfe oder Betrüger sein muffen. Ruprecht (vom Sitz auffahrend). Was war das? Anselm. Dummköpf? ^(Zugleich, indem Buchmann.Betrüger?/alle am Tische Dürrheim. Wen mei-t Sitzenden auf- nen Sie? f springen.) Horner. Herr von Fest, find Sie daher gekommen, um meine Gäste zu beleidigen? Hermann. Meine Worte gelten nur dem, der mich dazu herausgefordert hat. Ruprecht (dicht an Hermann herantre- tend). Also mir — mir? Anselm. Nein; er hat im Pleno g'redt — Dummköpfe hat er g'sagt. das geht uns Alle an. Buchmann (mit Spundner und den Bauern ebenfalls auf Hermann eindringend). Und darum haben's auch mit uns Allen zu thun. Gilbert (zwischen Hermann und seine Gegner tretend). Aber geben Sie sich doch zur Ruh, es war ein Meinungsaustausch. Spundner. Solche Meinungen tauschen wir uns gegen Schlag' ein! Anselm. Gott sei Dank! Es gibt noch Kämpfer für die heilige Sache. Horner (zu Hermann). Sie werden gut thun, wenn Sie sehen, daß Sie fort- kommen. Alle (außer Gilbert). Ja — fort — hinaus mit ihm! (Wollen Hermann fassen.) Neunte Scene. Vorige. Rosi. Rosi (erscheint unter der Hausthür). Um Gotteswillen, was gibt's denn? Ruprecht (übermüthig zu Hermann). Ihr Glück, — denn nur aus Rücksicht für das Fräulein unterlass' ich's, Ihnen Ihr ungewaschenes Maul zu stopfen. Hermann (wüthend zu Ruprecht). Elender! Rosi (mit aufgehobenen Händen). Hermann ! Hermann (seine Erbitterung bekämpfend, zu Rosi). Vergeben Sie, daß ich einen Augenblick vergaß — was ich mir selbst schuldig bin. — Die Ausfälle gewisser Menschen zu erwidern, heißt zu ihnen hinabsteigen! Um mich nicht wieder dazu Hinreißen zu lasten, ziehe ich's vor, mich zu entfernen. (Rasch nach dem Hintergründe rechts ab.) Horner. Behüt' Sie Gott! Sehen Sie, daß Sie gut nach Haus kommen! (Zu Ruprecht.) Na, ich glaub', der kommt so bald nicht wieder. Ruprecht. Es hält' nicht g'schad't, wenn die Lection ein wenig derber aus- g'fallen wär — aber — (höhnend) die Fräul'n Rosi ist ja wie eine zweite Jungfrau von Orleans mitten in den Kampf gestürzt. Rosi (heraustretend). Der Lärm hat mich Herausgetrieben. (Indem sie. Ruprecht über die Achsel ansehend vorübergeht.) Solche Ungezogenheiten find wir in unserm Hause nicht gewöhnt. Ruprecht. Aha! Jetzt soll wahrscheinlich ich wieder eine moralische Vorlesung über g'sellschaftliches Benehmen z' hören krieg'n. — Ist mir sehr leid, daß ich nichts davon profitiren kann,— denn (indem er seine Uhr hervorzieht und Horner einen Blick zuwirst) ich Hab', wie Sie wissen, heut' noch in unseren Geschäftsange- tegenheiten zu arbeiten. Horner. Ja, ich weiß's. — Die Korrespondenz wegen der Weinlieferung. — Lassen Sie sich nicht aufhalten. — (Reicht ihm die Hand.) Adje! (Leise.) Wir sehen uns noch. Ruprecht (zu Rosi, ihr die Han- küs- >end). Gute Nacht also, Fräulein Rosi. Rosi (abgewendet. trocken). Gute Nacht. Ruprecht. Na, krieg ich keinen freund- 10 lichen Blick — wenigstens zum Dank dafür, daß ich geh'? Rosi. Vielleicht, wenn ich müßt', daß Sie nicht wiederkommen! Rupvecht (für sich). Impertinent! — Aber 's nutzt ihr nichts, deßwegen wird sie doch geheiratet. — Straf muß sein! (Laut, sich zur Gesellschaft wendend.) Ich empfehl' mich Ihnen, meine Herren! Heut' ist doch etwas Leben in die Debatte gekommen. Spundner. Ja, es war recht unter- haltlich. Ruprecht. Und wir sind die Sieger geblieben! — Halten wir nur immer so zusammen! Bewahren wir die altehrwür- digen Traditionen dieser Ortschaft. Sein Sie froh, daß Sie hier einen Geist haben! Anselm. Ja, das kann nicht jede Ortschaft von sich behaupten. Buchmann. Drum lassen wir ihn auch nicht wegdisputiren. Ruprecht. Ja, damit fangen diese gefährlichen Freimaurer nur an! Zuerst leugnen sie die Geister — dann den Geist — zuletzr Himmel und Höll'! Anselm (die Hände faltend). Gott steh' uns bei! Ruprecht. Er wird Euch am End' beweisen, daß Eure Ur-Urahnen leibhaftige Affen waren! Buchmann. Niederträchtig! Spundner. Wann mein Aehnl ein Aff' war, was wär' denn nachher ich? Anselm, 's ist eine Injurie gegen die ganze Menschheit. — Nieder Mt solchen Ketzern! Ruprecht (die Hände der ihm zunächst Stehenden fassend). Ja, wir wollen eine feste Mauer bilden, an welcher sich solche Jrrlehrer die Schädel blutig stoßen, dann — dann wird sie wiederkehren die gute, gute alte Zeit. Mit der Hoffnung nehm' lch für heut' Abschied von Ihnen — Gott erhalle Sie (im Abgehen für sich) in Ihrer urwüchsigen Dummheit. (Hintergrund linkr ab.) Anselm (gerührt). Wie der Mensch red't! — Jeden Augenblick könnt' er auf der Kanzel stehen! Dürrheim. Aber jetzt wollen wir unsere unterbrochene Sitzung wieder aufnehmen! (Wendet sich gegen den Tisch.) Horner. Ich bedaure, daß ich nicht länger daran Theil nehmen kann — Anselm. Ja wir wißen, um 9 Uhr ist die Stund', wo Sie in die Federn kriechen — aber die Fräul'n Rosi leistet uns ja wohl noch eine halbe Stunde Gesellschaft — Horner. Hab' nichts dagegen — bei so ehrenwerthen Gästen! — Also — nichts für ungut! — (Wendet sich gegen das Haus.) Die Gäste. Gute Nacht, Herr Horner Rosi. Wart', Vater, ich leucht' Dir hinauf! — (Zündet die Kerze eines Handleuchters an.) Ich muß mir ohnehin meine Handarbeit herabholen. (Än's Haus mit Horner ab.) Anselm (mit den Uebrigen wieder zum Tische gehend und dort Platz nehmend). Also, Jungfer Lisi! Schenken's uns nochmal ein — jetzt wollen wir uns wieder gemächlich ausplauschen! Zehnte Scene. Vorige. Kilian. Kilian (im Givilrocke, aber die Amtsmütze aus dem Kopse, kommt vom Hintergründe rechts). Ah, jetzt kann sich der Mensch doch eine Stund' Ruh' gönnen! (Tr tt näher zum Tische.) Spundner (ihn erblickend). Der Amts- dicner vom Bezirksg'richt! (Zu Kilian.) Was wollen denn Sie da herüben, Herr Kilian? Kilian. Ja, wo muß unsereins nicht überall hin! — Es heißt, das Gericht 11 hat lange Arme, aber was nutzet das. wenn wir G'richtsdiener nicht lange Füß' hätten? Buchmann, 's ist doch nichts vor- g'fallen? Kilian. Die Frag'! Bei uns fallt alle Tag was vor! Anselm. So reden's doch! Kilian. Wegen Reden bin ich nicht daher kommen, fondern wegen Trinken! (Zu Lisi.) Ein Seitel Heurigen! (Lisi bringt ihm ein Glas Wein, er leert es auf einen Zug.) Anselm. Na, Gott g'seg'ns! Das war ein schöner Zug. Kilian. Ja, wir vom Gericht muffen überall schnell auf den Grund kommen!! (Lisi das Glas reichend.) Noch eins! Verdient Hab' ich's heut schon! (Geld herausziehend.) Zwei Gulden Trinkgeld — dafür läßt sich was richten! Dürr heim. Wer war denn so rai- sonable? Kilian. Der Herr, dem ich die Zustellung bracht Hab! Ich Hab nämlich in seiner Wohnung erfahren, daß er alle Abend ein Spaziergang da herüber macht — die Sach' war als dringend bezeichnet — so Hab' ich ihn aufsuchen wollen und Hab' ihn richtig auf der Gaffe erwischt — Anselm. Wer war's denn? Kilian. Ein sicherer Herr Fest! Lisi (aufmerksam werdend). Fest? so heißt ja der Herr, der vorhin — Anselm. Der Freimaurer? Dürrheim. Und an den eine Zustel- lung vom Gericht? Anselm. Hm, hm, hm! Dürrheim. Hm, hm! Wer weiß,was er ang'stellt hat — Lisi ssieht gegen die Hausthür). Pst! Die Fräulein Rofi kommt herunter! — Reden's vor ihr von der Geschicht' nichts, sonst verderben's ihr den ganzen Abend! v u a Kilian. Nein — nein! Bleibt unter uns! Ich werd' gleich von was Anderm reden. (Setzt sich zum Tische und thut, als ob er ein bereits im Zuge befindliches Gespräch fortsrtze.) Ja — das gibt wieder zu thun für uns — vom Gericht! Eilfte Scene. Vorige. Rosi (kommt, einen leichten Shawl umgeworfen, ein Körbchen am Arme und eine Häkelarbeit in Händen, aus dem Hause und setzt sich an die Ecke des Tisches). Kilian (in seiner Rede sortsahrend). Aber es gäb auch was zu verdienen, wenn «man die rechte Nase hält' — denn auf d' Nasen kommtAlles an — bei uns vom Gericht. Dürr heim. Und auf welche Art gäb' es denn zu verdienen? Kilian. Na — Sie haben doch auch schon g'hört, daß wieder falsche Banknoten im Umlauf sein. — Jetzt hat die Bank 20tausend Gulden als Preis gesetzt für denjenigen, der den Fabrikanten entdeckt! Das könnt' einen glücklich machen. Rosi (mitleidig). Und einen Andern höchst unglücklich. Anselm (zu Rosi). Sie,"hätten doch nicht Mitleid für so ein Menschen? Kilian. Haben wir nicht leider echte Banknoten mehr als zu viel? Muß so ein schlechter Kerl falsche auch noch machen? Nichts da! Der kriegt seine 10 bis 15 Jahr schweren Kerker — das heißt wenn wir'n kricg'n! Rosi. Es ist entsetzlich! Anselm. Ja diese Anzahl von Verbrechen sind alle nur die Folgen von den gepriesenen neuen Reformen! — 's ist ja natürlich, wenn man die Schul' von der Kirche trennt. > Gilbert. Aber, lieber Vetter, die Leute, welche jetzt Verbrechen begehen, sind ja doch noch unter den früheren i Verhältnissen in die Schule gegangen! 12 Anselm (zu Gilbert). Widersprich mir nicht immer! Du hast auch schon angenommen von den modernen Ideen. Rosi. Nun, am Ende kommen die Herren jetzt wieder in Streit wie vorhin über die lächerliche Sache! Anselm. Lächerlich? — Wie-so— lächerlich? Rosi. Nun, der Vater hat mir's eben erzählt — aber es war ursprünglich gewiß nur auf einen Scherz abgesehen mit der Geschichte von der Geistererscheinung. Anselm (feierlich).Mit so was erlaub' ich mir nie einen Scherz! Rosi. Hahaha! Anselm. Ja, Sie lachen jetzt, weil Sie da mitten unter uns sitzen! Rosi. Ich würde auch, wenn ich jetzt mutterseelen allein dort oben auf dem Berge stünd', bei dem Gedanken an das alberne Märchen laut auflachen! Dürr heim. Nun — nun! Ich möchte Sie nicht auf die Probe stellen! — Was müßte man Ihnen z. B. geben, wenn Sie jetzt allein den Weg da hinauf machen müßten? Rosi. Geben? — Gar nichls! Die Lust ist lau — der Vollmond am Himmel — von Räubern weiß man in der Gegend nichts und auf dem nähern Waldwege ist man in kaum 10 Minuten oben — es wäre eine ganz angenehme Promenade! Anselm. Ja — g'redt ist leicht! Rosi (aufsteheud und ihre Arbeit weglegend). Lassen Sie's auf eine Wett' ankommen? Anselm. Wetten? — Um was? Rosi. Sie haben vor Ihrem Fenster ein Paar prachtvolle Rosenstöck' steh'n — setzen Sie die ein gegen dem, daß ich wirklich und jetzt gleich hinaufgeh' — Anselm. Das kann ich leicht thun, denn ich wett', auf halbem Weg' kehren Sie um! Rosi. Nein, nein! Geben Sie selbst on, auf welche Art ich beweisen soll, daß ich wirklich oben bei der alten Klostermauer war. Anselm. Gut! Sie wissen, daß'sir der ganzen Gegend keine weißen Rosen gibt, nur oben, g'rad neben der Thür vor der Capelle — Rosi. Ja — dort wachst so ein Strauch — er hat sich Heuer mit der Blüthe verspätet — erst jetzt sind die Knospen aufgegangen. Anselm. Und so einen blühenden Zweig müssen Sie uns herunterbringen Rosi. Es gilt und gleich! (Will fort.) Dürrheim. Nein, das können wir nickt zugeben! Rosi. Nicht zugeben? — Hab' ich erst um Ihre Erlaubniß zu fragen? Dürrheim. Das wohl nicht, aber — Gilbert (zu Rosi). Nehmen Sie doch wenigstens meine Begleitung an. Rosi. Danke! — Aber das wäre gegen die Wette! Also keinen weiteren Widerspruch! (Nimmt den Shawl dichter zusammen.) Ich gehe — (wieder lustiger) und bring für jeden von den Herren eine weiße Rose mit, steck' sie Ihnen in's Knopfloch und decorire Sie auf diese Art als Ritter — der blassen Furcht! Hahaha! (Eilt dem Ausgange zu; alle am Tische Sitzenden erheben fick und wollen sie zurückhalten.) Anselm. Bleiben's! Ich zieh'meinet^ Wett' zurück! Dürrheim. Wenn ein Unglück ge->A schäh' — Spundner. Freveln's nicht! / Rosi. Lassen'smich! Lassens mich! Jetzt hält mich Niemand mehr auf! (Macht sich von ihnen los und eilt nach dem Hintergründe links ab.) Alle (starr vor Staunen ihr nachsehend). Sie geht wirklich! Kilian. Ein resolutes Mädchen! Alle Achtung! Lisi (hat sich bisher bemüht ein heimliches Kichern zu unterdrücken und bricht nun in lautes Lachen aus). Hahahaha! 13 Alle (sich nach ihr umsehend). Wer licht da? Anselm. Die Jungfer Lifi? — Was jommt Ihr denn so spaßig vor? Lisi. Daß die Herren glauben, die jftäul'n Rosi würd' wirklich allein da linaufgehen! Kilian. Mit wem sollt' sie denn gehen? -- Wir sind ja alle noch beieinander? Lisi. Aber der Herr von Fest ist f üher fortgegangen! Anselm, Dürrheim und Kilian. Der Herr von Fest? Lisi. Haben's denn nicht geseh'n, daß je früher da in der Laube heimlich mit i>m g'wispelt hat? — Dermuthlich weiß se, daß er draußen noch auf sie wart't l nd da hat das G'red'von der Geistererscheinung dem muthigen Fräul'n die beste Gelegenheit geben, von da wegzu.- kmimen — Anselm. Sie glaubt also, daß sie jetzt mit dem Herrn von Fest — Lisi (schnippisch). Vielleicht gemeinsam den Geist erlöst! — Wenn er mit ihr Hlnaufgeht, ist's ein Leichtes, die Rosen z'brechen. Dürrheim (zu Anselm). Herr Schulmeister, Sie haben mit der Wette vielleicht eine schwere Verantwortung auf sich r enommen! Kilian. Jawohl! Mit ein Nonnen- spenst zusammenz'treffen war' vielleicht Weniger gefährlich, als mit einem jungen ^ann von Fleisch und Blut. Dürrheim. Ich denke, Herrn Horner Liebe wär' es unsere Pflicht, daß wir lle mit einander ihr nachgingen. Anselm (ängstlich). Jhr nachgeh'n? Gilbert. Ja — ja — ich bin dabei! Kilian. Ich auch! — Wenn Jemand l om Gericht dabei ist, wird der Monsieur ilest Respect haben! Gehen wir! (Alle «enden sich zum Abgehen.) Zwölfte Scene. Vorige. Hermann (kommt in freudiger Aufregung vom Hintergründe rechts). Alle (erstaunt stehen bleibend). Da ist er! Hermann. Was sehen Sie mich so erstaunt an? Anselm. Dürrheim und Kilian. Sie da? Bnchm ann. Sie kommen noch einmal? Hermann. Ich wollte zwar dieß Haus heute nicht mehr betreten — indeß drängte es mich unwiderstehlich, ich mußte hierher, um — (Zu Lisi.) Aber sagen Sie mir, wo ist Röschen? Lisi (verlegen). Die Fräul'n Rosi? Sie — sie ist — (Leise zu den Gästen.) Soll ich ihm's sagen? Dürrheim (leise zu den klebrigen). Nein, nein! Die Sache braucht nicht an die große Glocke gehangen zu werden! Hermann (beunruhigt). Wie deut' ich diese verlegenen Mienen? — Was ist während der kurzen Zeit vorgefallen? Sprechen Sie! Kilian (zu Hermann). Sie nehmen einen curiosen Ton an gegen uns Allel — Und ich glaub', Sie wissen doch, wer ich bin? Hermann (zu Kilian). Aber Sie wissen noch nicht, wer ich seitwenigen Minuten bin? Kilian. Ich weiß nur, daß ich Ihnen eine Zustellung vom Gericht — Hermann. Deren Inhalt Ihnen noch unbekannt zu sein scheint, doch nun — (zieht ein mit einem Amtssiegel versehenes Papier hervor und hält es Kilian hin) sollen Sie wissen — Kilian. Da bin ick neugierig — ich muß die Sach' beim Licht betrachten! (Tritt zum Tische, hält die Schrift gegen das Licht, Plötzlich hoch erstaunt.) Was seh' ich? 14 — Meiner Seel'! — Die Unterschrift Sr. Excellenz? (Zieht ehrerbietig die Mütze ab.) Herr Gerichts-Assessor! (Gibt Hermann mit tiefer Verbeugung die Schrift zurück.) Alle (überrascht). Gerichts-Assessor!? Hermann (dieSchrift wieder einsteckend.) Dazu ernennt mich dieses Decret und vom morgigen Tage an ist mir die Leitung des hiesigen Bezirkes anverrraut. Buch mann (leise zu den Uebrigen). Teufel! Da heißt's umsatteln. Dürrheim (zu Hermann). Ich habe die Ehre zu gratuliren. Anselm (ebenfalls devot). Ja. wir gratuliren sämmtlich — Hermann. Danke! Doch nun werden Sie wohl die Güte haben, meine Frage zu beantworten? Kilian (sehr eifrig). Meine Pflicht und Schuldigkeit, Herr Assessor. — Bitte überhaupt in allen Angelegenheiten mich als das verläßlichste Organ — Hermann (dringend). Ich will dieß hoffen — aber sprechen Sie — sprechen Sie! — Kilian (reserirend). Besagte Rosa Horner, Landgutsbefitzers - Tochter, 18 Jahre alt. katholisch, ledig — gerichtlich unbeanständet — Hermann. Zur Sache! Zur Sache! Kilian. Bin schon dabei! Sie ist in Folge einer mit dem Herrn Schulmeister eingegangenen Wette — mutter- seelen allein — da hinauf zur Klosterruine — Hermann (zürnend).Wie? Ein junges, wehrloses Mädchen — zu dieser Stunde — allein? — (Strenge zu den Anwesenden.) Und Sie — Sie konnten dieß zugeben? Dürr hei m. Entschuldigen, Herr Assessor, Sie bestand darauf! Volenti nou llt iu juria! Hermann. War denn Herr Horner nicht mehr zugegen? Anselm. Der war schon zu Bette gegangen! Hermann. So hätten Sie ihn nötigenfalls wecken lassen müssen, damit er es verbiete. — Man muß ihn jetzt sogleich in Kenntniß setzen — er muß einige seiner Leute nachsenden — (Zu Lisi.) Gehen Sie hinauf — sagen Sie ihm — Lisi (zögernd). Ich? — Da käm' ich schön an! Der Herr hat uns ein- für allemal verboten, ihn, wenn er einmal aus sein Zimmer gegangen ist, in seiner Ruh' zu stören — Hermann. Also auch nicht, wenn das Haus in Brand stünde? — Lächerlich! Er muß geweckt werden — ich will's! Kilian. Und wenn wir vom Gericht was wollen —! (Militärisch salutirend zu Hermann.) Befehlen, Herr Assessor, so werd' ich, als officielles Organ — *H ermann, Ja! (Zu Lisi.) Führen Sie den Mann hinauf! Lisi (zögernd). Aber ich weiß wirklich nicht — Kilian (zu Lisi). Keine Widersetzlichkeit gegen gerichtliche Anordnungen — (Wendet sich gegen die HauSthür.) Vorwärts ! — Marsch! Lisi. Aber so lassen's mich doch zuerst ein Licht — (Nimmt einen Leuchter vom Tisch und geht voran in'S Haus ab.) Kilian. Ist im Grunde nicht noth- wendig, wenn Sie mit mir geht! Wir vom Gericht sind gewohnt auch dunkle Pfade zu verfolgen! (Jn's Haus ab.) Hermann (unruhig auf- und niedergehend, für sich). Der Muth Röschens gefällt mir, doch unüberlegt hat sie gehandelt! Wenn auch keine ernste Gefahr droht, kann die Roheit irgend eines Trunkenboldes — (Wieder laut und unwillig zu den Anwesenden.) Es bleibt unverantwortlich von Ihnen, meine Herren, unverantwortlich! Dürrheim. Die Herreu sind meine Zeugen, daß ich sogleich davon abge- rachen — 15 Anselm. Auch ich Hab' ja die Wett' ückgängig machen wollen — Buchmann. Aber sie war durchaus acht mehr zu halten! (Man hört vom Hause erab ein heftiges Pochen.) Alle (aushorchend). Was ist das? Kilian's (Stimme im Hause). Aufgenacht! Im Namen des Gerichts! Hermann. Was geht da oben vor? Dürrheim. Soll denn der Herr Harrer einen so festen Schlaf haben? (Ge- äusch einer erbrochenen Thür im Haus.) Hermann. Man bricht eine Lhür ein. - Lassen Sie uns hinaufsehen! (Will gern das Haus.) Buchmann. Oh — ich hör' schon herbkommen! Dreizehnte Scene. Vorige. Kilian, Lisi. Lisi (eilt mit dem Leuchter in der Hand estürzt aus dem Hause). Meine Herren! Üeine Herren! (Kilian folgt ihr.) Alle. Was ist denn? Lisi. Wir — wir waren oben — Kilian (zu Lisi). Laß Sie mich Beicht erstatten! (Tritt zu Hermann.) Herr lfsefsor! — Habe unterthänigst zu rela- ioniren — Hermann. Sie sind ja ganz verstört! - Fassen Sie sich! Kilian. Geht schwer — ich bin ge- vohnt, nur Andere zu fassen! — Aber — hören Sie! — Diese Person (aus Lisi eigend) hat mir die Thür vom Schlafzim- ner des Hausherrn gezeigt — ich klopf' m H rührt sich nichts! — Ich ruf' — eine Antwort! — Ich rüttel' am Schloß ^ war von innen verriegelt! — Ich emme mich mit aller Gewalt an — ruck' die Thür' ein — und da — Alle (gespannt). Nun — da Kilian. Treten wir ein—entsetzlicher lnblrck — Hermann (von einer schrecklichen Ahnung ersaßt). Um Gotteswillen, was sahen Sie — Kilian. Nichts! Alle (erstaunt). Nichts?! Kilian. Aber schon rein gar nichts! Das Zimmer war leer! Lisi. Das Bett noch nicht berührt — Kilian. Spuren äußerer Gewalt nicht vorhanden. Hermann. Also Herr Horner nicht in seinem Zimmer? Anselm. Und er hat doch so über Schläfrigkeit geklagt. Hermann. Und das Zimmer von inn.-n verriegelt? — Hat es noch einen andern Ausgang? Lisi. Nein — nein! 's ist die einzige Thür — Kilian. Er muß sich rein in Luft aufgelöst haben! — Vielleicht eine neue Art von Selbstmord? Hermann. Sie sind ein Narr! — Ich will mich sogleich selbst überzeugen — (Will gegen das Haus.) Buchmann (gegen den Hintergrund sehend). Warten's! — Dort am Waldweg herab — Gilbert (sieht in dieselbe Richtung). Eine weibliche Gestalt — Dürr heim (auch hinsehend). Es ist die Rositz ermann. Röschen? (Wendet sich dem Eingangsthor zu.) Anselm. Gott! — Die fliegt ja mehr, als sie geht! Hermann. Ihr entgegen! (Will fort.) Alle. Da — da ist sie! Vierzehnte Scene. Vorige. Rosi (stürzt bleichen Antlitzes, den Shawl losgelöst am Boden nachschleifend, in der Hand einen Zweig mit weißen Rosen, durch das Eingangsthor herein). Alle (weichen bei ihrem Anblicke fast entsetzt zurück). Gott — wie sieht die aus! 16 Rosi (bleibt in der Mitte der Bühne athemlos stehen und blickt wie ohne Bewußtsein starr um sich). Bin ich da? — Wieder da? Hermann (eilt aus sie zu und legt seinen Arm um ihre Mitte). Röschen! Was ist Dir? So sprich doch! Rosi (blickt ihn starr an — fährt sich dann mit der Hand über die Stirne, gleichsam erst nach Besinnung ringend). Hermann! — Du dahier? Hermann. 2a — erhole Dich nur — eine freudige Nachricht! — Mein Wunsch ist erfüllt! — Mir ist die Leitung des hiesigen Gerichtes — Rosi (heftig zusammenschauernd). Gerechter Gott! (Reißt sich von ihm los.) Laß mich! — Laß mich! — Hermann. So sag' doch — Rosi. Frag' mich um nichts — um nichts! — Fort! Fort! — Nach Haus! — (Flieht gegen das Haus, sinkt aber an der Schwelle ohnmächtig zusammen.) Hermann (eilt ihr nach). Röschen! Um des Himmels Willen — Alle. Was ist denn da geschehen? Anselm (zu den llebrigen. geheimnißvoll auf Rosi weisend). Ich sag' Euch's — sie — hat den Geist gesehen! Schluß-Gruppe. (Der Vorhang fällt.) Ende der ersten Abtheilung. Zweite Mtheilung. (Landschaft — rechts im Vordergründe eine alte Marlersäule, von dichtem Gebüsche umwachsen, links eine Rasenbank, im Hintergründe Wald. Es ist noch sehr früher Morgen.) Erste Scene. Horner, Ruprecht. Horner (kommt sichtbar mächtig aufgeregt von rechts, eilt, den Hut in der Hand und sich den Schweiß von der Stirne trocknend, über die Bühne und wirst sich dann erschöpft auf die Rasenbank). Ruprecht (folgt ihm). Haha! Sie laufen ja, daß ich Ihnen gar nicht Nachkomme! Horner. Ach, ich bin in einer Aufregung — Ruprecht. Wie ein Spieler, der eben die große Bank gesprengt hat. Horner (seufzend). Wenn nur der Einsatz nicht höher ist als der Gewinn. Ruprecht. Don einem Einsatz könnt' höchstens ich reden. Ich Hab' meine ganze Kunst — meinen Fleiß — ganze Nächte eingesetzt, aber Sie — (Zuckt die Achseln.) Horner. Ich habe meine Lebensruht eingesetzt! Ruprecht. Haha! Als ob Sie bisher gar so ruhig gewesen wären? Horner (finster vor sich hinsehend). Ja. — Ein Vorwurf hat mich wohl immer gequält, der, daß ich das Vermögen, welches meine Frau meiner Tochter hinter- lafsen hat, im Börsenspiel vergeudet Hab' — mein Geschäft in der Stadt — die Kunsthandlung wollt'auch nicht vorwärtsgehen — Ruprecht. Drum haben Sie's verkauft und mit dem Erlös dieß Landgut-on sich gebracht, um den Weinhandel zu betreiben, der in der jetzigen Zeit auch schon mehr Kunsthandel ist. Horner. Das Geschäft geht wohl, aber es wirft doch nicht so viel ab, um den früheren Verlust zu decken. Ich kann meiner Tochter das nicht ersetzen, um was ich. der eigene Vater, sie gebracht Hab'. 17 Ruprecht. Aber jetzt, nachdem Sie meinem neuen Unternehmen beigetreten Änd — Horner (von einem Schauder ersaßt, eine Hand abwehrend ausstreckend). Noch ncht! Noch nicht! Ruprecht. Noch nicht? — Ich glaub' doch, die gemachte Prob' hat Sie überzeugt, daß es nicht fehlschlagen kann. Nein Erzeugniß läßt sich leicht absetzen, >as Geld strömt dann von allen Seiten -erbet — in kurzer Zeit können Sie Ihrer Tochter das Hundertfache ihres ver- orenen Erbtheiles geben. — Sie kann eben wie eine Königin, schwelgen in allen < rrdengenüffen — Horner (erregt aufspringend). Ja — ich Hab' kein Recht, an mich zu denken — Meine Tochter soll glücklich werden. Ruprecht (hält ihm seine Hand hin). Also eingeschlagen — Horner (will in die dargereichte Hand > inschlagen, wendet sich aber plötzlich erschreckt Legen den Hintergrund links). Ich höre Schritte — ! Ruprecht. Was erschrecken Sie denn 0? (Sieht in dieselbe Richtung.) Holzhauer kommen aus dem Walde — sonst ! nchts — Horner (ängstlich). Es soll uns Niemand beisammen sehen — schlagen Sie Einen andern Weg ein. Ich werd' Ihnen Denselben weisen. Kommen Sie — (Zieht ihn mit sich hinter das Gebüsch.) Zweite Scene. Martin Sterzinger (ein Bauer mit schneeweißen Haaren, gestützt aus einen langen iwrrigen Stab, ein Bündel dürres Holz aus Rücken tragend, kommt vom Hintergründe links). Lied. V Leut' heißen mich ein' Greis, °vnl mein Schädel ist weiß. Wiener Theater-Rep. Nr. 273 . Ich zähl' freilich — 's ist wahr — Jetzt schon fiebenzig Jahr', Aber ich mach' mir nix d'raus — Ich schau nur so aus — Aber inwendig drin, Glaub' ich alleweil, ich bin Erst zwanzig Jahr' alt und a kern frischer Bua, Das kommt von mein' alleweil guten Hamur. In der Schenk bei ein Glas'l Mach' ich noch mein G'spaßl — Am Kirta, wie jung. Mach' ich a no mein' Sprung, Und wann i wo find' A recht saubers Kind, So macht's mir da (auf's Herz deutend) warm, I tatschel's am Arm! Und papp ihr a Bußl auf a no dazu — Und das bringt mich erst recht in mein' guten Hamur. Dritte Scene. Voriger. Horner. Horner (kommt wieder zurück). Ich Hab' singen g'hört — ah! — Ihr seid's, Martin? — Noch immer so lustig? Martin (lachend). Ja— hahaha! — Ich bin a recht a verflixter Kerl — ich! Aber Alles in Ehren, versieht sich — Horner. In Eurem Alter — Martin. Spaß! Schadt's denn was, daß auf dem hohen Berg (auf seinen Scheitel weisend) Schnee liegt, wenn im Thal drunt (auf's Herz weisend) noch alleweil Blümerln blüh'n? Horner (mit einem unterdrückten Seufzer). Ihr habt wohl ein recht ruhiges G'wiffen? Martin. G'wiffen? Haha! Davon weiß ich eigentlich gar nichts, denn schaun's, Euer Gnaden, mit dem G'wiffen r 18 geht's grad so wie mit dem Magen, man g'spürt's erst, daß man's hat, — wann's nicht mehr recht richtig damit ist. Horner. Macht Euch denn der Gedanke au den Tod nicht ernM Martin. An den Tod denken? — Fallt mir nicht ein! Hahaha! Ich bin froh, wenn er nicht an mich denkt, denn mir g'falll's da herunt noch so gut, daß ich mir gar nicht z'wifsen verlang', wie's droben ausschaut. Horner. Bei Eurer Armuth? Martin (säst beleidigt). Armuth? Ich verdien' mir noch, was ich brauch' und Hab' noch bei Niemanden bettelt! Horner. Aber wenn Ihr einmal nicht mehr verdienen könnt — Martin (wieder vergnügt). Hoho! Für die Zeit haben wir uns schon was z'samm'g'spart, ich und mei Alte — das heißt, so lang wir jung waren, denn so a Capital wie das unsnge erwirbt man sich im Alter nicht mehr. Horner. Ein Capital gar? — Ich versteh' Euch nicht? Martin. Und haben doch selber auch a Töchterl. Horner. Ja so! Ihr sprecht von Eurer Tochter! Martin (herzlich). Ja, von der Lisi, die bei Ihnen im Dienst ist, die ist unser ganzes Capital — und das — hahaha! — wird uns schon auch noch Interessen tragen! Horner. Aber das Mädchen hat ja selbst nichts als die paar Gulden Lohn — Martin. Und davon hat sie uns immer die Hälfte in's Haus bracht — aber ich — ich Hab' nichts davon an- g'rührt,Gott bewahr mich, um kein Preis! Margareths (Stimme hinter der Scene links). Martin! Marlin! Martin (sieht hin). Ah, da kommt mei Alte auch! (Ruft zurück.) Da bin ich — komm nur her, Grethl! Vierte Scene. Vorige. Margarethe. Margarethe (fast im gleichen Alter mit Martin, einen Korb auf dem Rücken tragend, kommt eilig vom Hintergründe links, z» Martin). Find' ich Dich einmal? Warm bist Du voraus aus'n Wald fortg'rennt? Martiu (sie neckend). Na — a paar hübsche Dirndeln Hab' ich auf der Wiese» g'sehn, da Hab' ich hin müssen! Margareth (gutmüthig scherzend). N» — z'trauen wär' Dir nicht, Du Hallodri! (Zu Horner.) Küß d' Hand, gnä Herr! Stellev's Ihnen vor. wir sein schon!» aller Früh in Wald, er um Holz, ich m Schwammerl z'suchen — auf einmal verliert er sich — Martin (zu Margarrthe). Gelt, vor» fufzig Jahren, wie wir noch mit einander Erdbeer brockt haben, haben wir uns nie verloren! (Stößt sie mit dem O bogen.) Margareth (verschämt). Hör' auf! Von der Zeit red' ich nicht! Aber (kokett) ich bin heut a nit lang allein blieben — Martin (eifersüchtig). Was? — Du hörst! — Ist vielleicht einer von die jungen Holzschlager Dir nachg'stiegen? - Alte, wenn ich so was merket — Margareth. Na, na! G'spaßl uit z'viel! 's wor schon was dergleichen! - a recht a junger Bursch hat nur den Au- genblick abpaßt, bis ich allein war — Martin (wie oben).Grethl! Mach mich nit schiech —! Margareth. Ja, und am Kinn hat er mich packt, und die Backen hat er M g'strichen — Martin. Ja, da muß ich ja den Ktl> gleich todtschlagen! (Will fort.) Margareth (hält ihn zurück, lachend) Geh — geh narrischer Ding! Wirst doch von mir nit so was denken? Ich bin Du 19 ilser junger treu blieben, und verlang' nir alser alter a kein Andern! Geh, gib mir a Bussel — (Will ihn küsseu.) Martin (noch nicht beruhigt). Eher sag's, wer war der Kerl! Margareth. Nenn' ihn nicht a so — s ist a braver Bursch, das Zeugniß wird ihm der Herr von Horner auch geben. Horner. Ich? Margareth. Ja — er ist ja beiIhnen m Dienst — der Melchior — Horner. Ah der! Und was ist's mit hm? Margareth. Na, mein Gott! Er ist n Ihrem Haus — unsre Tochter ist auch in Ihrem Haus — er ist jung—'s Madel ist auch jung — (zu Martin) Du ver- tehst mich wohl —? Martin. Ja, ja! Wir waren ja auch inmal Madeln — das heißt, Du warst ins. —Aber (strenger) ich will doch nicht Mn — Margareth. Sei nur ruhig! Der Melchior meint's ehrlich — er hat mir's z'erst g'standen und hat mich gar schön veten, daß ich a gut's Wört'l bei Dir inleg' — Martin. Was? — Er will unser !ifi zum Weib? (Zu Horner.) Was sagen >enn Sie dazu? Horner. Das ist ja ein Unsinn! Eure Tochter bat nichts — er hat lichts — Margareth. Ach was! Wir Zwei jaden auch nichts gehabt — Martin (lustig). Und haben noch nicht >iel mehr als nichts, und trotzdem (saßt Nargarethe um die Mitte) sag' einmal, klte, hat's Dich schon g'reut, daß wir uns (Heirat' haben? Margareth (innig). Io keiner Mi- >uten! Martin. Und mich auch nicht! Komm er, Grethl. Du hast Dich von jedem Ver- acht gereinigt, jetzt sollst Du Dein Bussel aben! (Küßt sie.) Aber über die Sach' nassen wir doch reden — Margareth. Red' mit den jungen Leuten selber — sie sein alle zwei in der Näh' — sie warten dort hinter der Planken (gegen links weisend), bis ich Ihnen ein Wink geb'! Horner (für sich). Zwei Lent' au meinem Hause — sie sollen nicht wissen, daß ich über Nacht fort war. — (Laut zu Martin.) Ich will Euch nicht stören! Martin. Ach, uns genirns nicht! — Hören's nur zu, was sich die jungen Leut' für ein Plan machen, und wie ich mit ihnen auf gleich komm! — Vielleicht kön- nen's was dabei prositiren — na ja — Ihr Töchterl ist ja auch in die Jahr' — Horner. Gut - gut—ich willZeuge sein — doch ungesehen — ich trete hier hinter das Gebüsche — (Tritt rasch hinter das Gebüsche.) Margareth (ist indeß mehr gegen links getreten und hat in die Scene gewinkt, zurück- kehrrnd). Sie kommen schon schön stad herg'schlichen! Martin. Jetzt müssen wir aber doch a bißl unser Autorität zeigen. — Geh! Hilf mir das Holzbündel übernehmen. — (8s geschieht ) So — leg's nur dahxr — ich setz' mich d'rauf — und Du neben meiner — und so empfangen wir im großen Audienzsaal die Bittsteller. (Beide setzen sich.) Knuste Scene. Vorige. Melchior und Lisi (kommen mit den Fingern eingehängt von links, bleiben aber wiederholt stehen). Melchior (zu Lisi). So laß Dich doch nicht so zarren! Kürcht'st Dich denn ? Lisi. Dös nit — aber — (Die Schürze vor die Augen haltend.) I — i schäm' mich! Melchior (sie weiter vorziehend). Ich mußt nicht wegen was! — Komm' nur! — 2 20 Lisi. Aber Du mußt den Anfang machen! Melchior. Na ja, aber dann mußt Du a mitthun! Lisi (mit gepreßter Stimme). Mir ver- schlagt's fast den Athem! (Sie sind während dieser Rede bis zu den Alten gekommen und bleiben stehen.) Beide (leise zu einander). Da sein wir! Lisi (leise zu Melchior). Na, so fang' einmal an! Melchior (leise). Glei, glei!(LäßtLisi's Hand los und räuspert sich.) Martin (hat inzwischen eine kurze Pfeife hervorgezogen und angebrannt; er raucht fort, als ob er die eben Gekommenen nicht bemerkt hätte). Melchior (leise zu Lisi). Er hört mich nicht! Lisi (leise). Thu's a bißel stärker! (Melchior hustet etwas lauter.) Martin (ausblickend). Ah, Melchior! Wo hast denn Du Dir den Katarrh geholt? — (Zu Lisi.) Und Du bist auch da, Lisi? Lisi (verlegen). Ja — ich Hab' g'hört, daß Ihr da seid's. Vaterl, und da — da Hab' ich Euch einen guten Morgen wünschen wollen — Martin.' Sonst nichts? Lisi (wie oben). Nein — sonst —sonst nichts! Martin. Na, nachher sag' ich Dir halt a: »Guten Morgen!«, und jetzt sein wir fertig! (Betrachtet sie.) Wann'st mir sonst nix z'sagen hast und dem Melchior sonst nichts fehlt? Lisi (stößt Melchior in die Seite). Melchior (vor Schmerz ausschreiend). Au weh! Martin (zu Melchior). HoholSticht's Dich denn gar a so? Laß Dir ein Holler- thee kochen, daß D' in ein Dunst kommst — Melchior. O Gott! Mir steht eh der Schweiß auf der Stirn — Martin Oder geh zu ein' Bader! Melchior (nimmt sich einen Rand). Ich — ich bin schon beim rechten Bader — und der — der seid's Ihr, VaterMartin, Ihr allein könnt mir das geben, was mir gut thut — Martin (sich erstaunt stellend). Ich? da wüßt' ich doch von kein' solchem Wunder- kräutel! Melchior. O ja — Ihr habt's selber einmal eing'nommen, und 's hat Euch recht gut ang schlagen, und — weil Ihr das Kräutel noch habt, so — so möchk ich Euch um ein Ableger bitten — Martin. Ja, wo hält' ich denn das Kräutel? Melchior (lebhafter). Da —da neben Euch — Euer lieb's Weiberl — Margareth. Ich — a Kräutel? L Du mein Gott! Martin. Haha! Auf die Art wär'ich schon fast a Dürr kräutel! — Und der Ableger —? Melchior. Ist grad in der schönste» Blüth' und da soll er am g'sündesten sei» — da — da — Euer Tochter ist's! - Gebt's mir die — Martin (steht aus). Und nachher hast keine Schmerzen? Melchior. Nein! Nachher bin ich cu> rirt für ewige Zeiten! VaterMartin, jetzt wißt's Alles! Martin. Noch lang nit! Eher muß ich noch wissen-List, was sagst den» Du? (Lisi will sprechen, vermag es aber nicht eilt aus Martin zu, wirft sich an seine Bruß und schluchzt laut aus.) Jetzt zahnt's! 3», heißt denn das was sagen? Margareth (gerührt). Ja, wann'§ Herz voll ist, geht nicht immer der Mund, sondern öfter auch d' Augen über — ich kenn' das! Martin. Freilich! Freilich! Bei Euch Weibsleuten geht einmal nichts ohne Flennen ab! (Zu Lisi, ihr den Kops in dir Höhe richtend, sie freundlich anblickend und mit seiner Hand ihre Augen trocknend.) 21 — na — hör' nur auf! Ich Hab Dich schon verstanden! Lisi (in höchster Freude). Und Ihr seid nicht bös? — Ihr sagt nicht nein? — O Vaters! Vaterl! (Küßt ihn wiederholt.) Melchior (ebenfalls erfreut). Frau Margareth, das Hab' ich Euch z' danken! Mt zu Margareth und küßt diese.) Margareth (sich sträubend). Aber Melchior, bist denn narrisch? Martin (es bemerkend). Himmeltausend! Der büffelt mein Weib ab! — Melchior. ob'st auslaßt! Melchior (ausgelassen). Ja — ja — aber dann laßt's mir d' Lisi! (Will diese »marmen.) Martin (dazwischen tretend). Halt! Halt! Der Bursch ist ja wie der Niklo — er nimmt Alles mit! — Stad jetzt und vernünftig sein! Melchior. O Gott, das bin ich ja jetzt gar nicht im Stande! Mei ganze Vernunft st auf Urlaub! Juhe! Lisi! (Will wieder m ihr.) Martin (ihn abhaltend). Hand von )er Butten! Red' erst! Heiraten willst? Za, auf was denn — was hast denn? Melchior. Ich Hab' was, für was nir so mancher Millionär sein ganzes Vermögen gebet, wenn ich's ihm ver- 'aufet — mei Jugend — ein paar starke !lnn- Lisi (zu Martin). Und Ihr, Vater, habt's ja so oft erzählt, daß Ihr a nix g'habt habt's, wir's d' Mutter g'heirath' habt's. Martin. Hab' ich das erzählt? (Zu Margareth.) Man soll wirklich vor den Kindern nichts reden! (Zu Melchior.) Aber mei' Tochter bringt Dir auch nichts mit. Melchior (lustig). Ich widerleg's mit dem Doppelten. Lisi. Wir werden mit einander recht fleißig sein! Melchior. Oh, so fleißig, daß's Euer Freud d'ran haben sollt's! Und ich mein' meweil. d'Lieb' halt sich länger, wenn man d' Armuth, als wenn man den Reichthum mit einander theilt. Wenn Ein s für's And're arbeit' — wenn man für sei' Plag sich gar kein andre Freud vergunnen kann, als an der Brust von der, die so ein Leib und ein' Seel mit ein' ist. Margareth (zu Martin, sich innig an ihn schließend). Alter! So haben ja wir's auch g'macht. Melchior. Und so ganz leer bin ich doch nicht. Seit ich d' Lisi zum ersten Mal g'sehen Hab, Hab' ich zum Sparen an- g'fangt, und a vierzig Gulden Hab' ich doch z'sammbracht, und — wenn ich's nur erst amal bis hundert Gulden bracht hätt' — Martin. Na, was nachher —? Melchior. Hundert Gulden, hat mei' Göd', der alte Grishuber g'sagt, wär' der halbjährige Pachtzins für sei Bauern- gütel — Martin. Hm! das wär' schon was — Lisi (rasch). Und wenn wir unser Häu- serl haben — dann'Vater! Mutter! müßt Ihr zu uns ziehen — wir finden schon a Stüberl für Euch — Ihr sollt's Euch nicht mehr Plagen, sollt's höchstens a bißl auf's Haus schauen. Melchior. Und Euer Weib auf unsre Kinder — Lisi (verschämt zu Melchior). Wirst stad sein! Margareth (mit freudiger Hoffnung). O Gott! wenn ich noch so kleine Dinger herumtragen könnt'! — wenn ich das noch erleb — (trocknet sich die Augen). Martin. Jetzt weint die Alte auch! und mir — mir hupft ordentlich 's Herz in der Brust! Kommt's her, Kinder! Ihr seid's alle zwei brav — Ihr habt's Eu gern — Melchior und Lisi. Und schon wie! Martin. Und was die 100 Gulden betrifft — Melchior (sich hinter den Obren kratzend). Das wird freilich noch a Weil dauern. Lisi. Ich wart' schon so lang! 22 Martin (losplatzend). Nicht so lang — nicht so lang, als d' sürchst. Lisi (erstaunt). Vater, was sagst? Martin. Hahaha! Hat Euch der Lehrer in der Schul nichts erzählt von dem merkwürdigen Vogel Pelikan? Melchior. Ja, der sich selber die Brust aufreißt, um seine Jungen z' futtern. Martin. Na — ich — ich bin auch so a Vogel Pelikan — ich kann mir auch d' Brust aufreißen! — Gebt'sAcht! (Zieht ein Schnappmesser hervor, öffnet es und richtet dessen Spitz: gegen seine Brust.) Lisi. Vater! »(zugleich, indem sie Melchior. Martin! /ihm entsetzt in die Margareth. Alter! 'Arme fallen wollen.) Martin. Halt's mich nicht auf! (Trennt rasch seinen Bruststeck auf). Da — da — seht's! Da kommt schon 's Futter zum Vorschein — da schaut her! (Zieht eine große Banknote hervor und hebt sie hoch empor.) Lisi. Die Banknoten! j ^ Melchior. A Hnnden°r!',,^°^ Martin (freudig lachend). Ja, sa hundert Gulden sein's, und dahier (aus seine Brust weisend) war mei' Cafsa, die zwar nit unverbrennbar ist, sondern im Gegentheil allerweil brennt hat in Lieb' — für mei' Kind! (Umschlingt Lisi.) Du warst allaweil mein Um und Auf, und drum geb' ich Dir auch mein Um und Auf — nimm's! (Drückt ihr die Banknote in die Hand.) Und kauf Dir dafür, was d' willst — meinetwegen den großen Hanswurstel da! (Auf Melchior weisend.) Lisi. Aber, Vater, so viel Geld! Melchior. Wie kommt Ihr auf einmal dazu? Martin. Auf einmal kommt unsereins freilich zu keiner solchen Summe — das ist gar langsam gangen — alle Tag' ein Kreuzer, seitdem Du (zu Lisi) auf d' Welt kommen bist — und doch hat's in 20 Jahren etliche 70 Gulden ausg'macht — das Geld, was Du uns von dein Lohn bracht hast, Hab ich a noch dazu g'legt, und so sein's 100 Gulden wor'n — 's ist mir fast bang wor'n, daß ich was verlier denn 's waren a Meng' kleine Zetteln, aber gestern treff' ich in der Schenke mit dem Herrn Spitzer z'samm', der hat in der Brieftaschen a Menge solcher Banknoten g'habt — da Hab'ich eine g'wechselt und in mein Brustfleck eing'naht — na, behalt's es, und Gott g'seg'n Alles, was mit dem Gelde unternehmt's. Lisi (an Martin's Brust fliegend). Euch — Euch soll's Gott vor Allem lohnen! 0 Vater! Ich bin so glücklich, daß ich nicht weiß, ob ich vor Freude weinen oder lachen soll! Martin. Weinen? Warum nicht gar! (Für sich.) Aber meiner Seel! mir werden d' Augen auch naß — 's ist gar dumm! (Laut, sich muthwillig stellend) Sapperlot! Lustig wollen wir sein! Melchior, der Himmel hängt voller Geiger — sing' und tanz' was dazu — und so wollen wir alle Viere in Ort und zurr Pfarrer! Also losg'legt! (Klatscht in du Hände.) Hahaha! Wir alle thun mit! Quartett. Melchior. Jetzt sollü was singen — 1 bring' nix heraus, Denn d' Brust möcht' mir z'spriugen, I man schon, 's ist aus! Lisi (sich an Melchiors Brust schmiegend). Das macht keine Schmerzen, Ist recht heiß die Flamm' — Dann schmelzen zwei Herzen Zu ein Herz zusamm'! Martin (zu Margareth). Mir geht's fast nit minder. Mei Herz macht ein Sprung — Margareth. Im Glück seiner Kinder Wird man wiederum jung! 23 Lisi. Ich Herz' Dich — ich küß' Dich! Melchior. Vor Lieb' — ja — ich friß Dich! Martin. Das herzt sich — das küßt sich! — Margareth. All's Leid jetzt vergißt sich! — Alle. Wenn zwei Leut' sich haben Von Herzen so gern — Da muß ja die Erde Zum Himmel schon wer'n! T 2 Melchior. Und wenn mir a König Zetzt gebet sein Krön' — Es war' mir viel wenig, Ich Hab' da (auf Lisi's Herz deutend) mein Thron! Lisi. Gebt's mir alle Länder, Sie wären mir z' klein, Es g'hört ja schon ehnder Das Himmelreich mein' Martin (zu Margareth). Wir haben das erfahren — Denk einmal zurück — Margareth. Nach fast fufzig Jahren Macht d' Lieb' noch mei Glück! Lisi. B'halt's Eure Millionen! — iH' Melchior. B'halt's d' Länder und Kronen! / ^ Alle. Ja, 's Glück ist a Schwalberl, Braucht keine Paläst' — Wo d' Lieb' wohnt, da baut es Am liebsten sein Nest! (Gehen^singend und tanzend nach dem Hintergründe rechts.) Horner (tritt hervor, den Abgehenden nachsehend). Wie glücklich diese Leute sind — mit so wenig und ich — ich ringe nach Schätzen — Martin (kommt nochmals zurück, faßt Horners Hand). Euer Gnaden, haben's nichts profitirt? (Wiederholt die letztenVeise, bedeutungsvoll:) Das Glück ist a Schwalberl. Braucht keine Paläst' — Wo d' Lieb wohnt, da baut es Am liebsten sein Nest! (Eilt denllebrigen nack.) Horner (bleibt ergriffen stehen —scheint in seinem Entschlüsse wankend — rafft sich dann aus und will gegen links abgehen). Zu meiner Tochter! (Bleibt plötzlich überrascht stehen.) Wie? Sie kommt hierher?- (Sich entsinnend.) Ach ja — sie wollte ja heute zu ihrer Muhme — doch, ich darf ihr hier nicht begegnen, sie muß glauben, daß ich noch zu Hause — (Wendet sich schnell nr.h rechts, aufs Neue überrascht.) . dort — der junge Mann —? Es ist Herr Fest! — Das war wohl verabredet — ein heimliches Stelldichein — und ich — ich kann es jetzt nicht einmal hindern — wo berg' ich mich? (Tritt rasch hinter einen Baumstamm im Hintergründe links.) Hier will ich hören, welche Pläne — still — still! (Verbirgt sich.) Sechste Scene. Martin. Im Himmel thun's wohnen! — Margareth. Gott mag Dir das lohnen! Hermann, Rosi, Horuer (verborgen). Rosi (kommr eilig aber unsichecnSchrittes vomVordergrunde links, sie hat ein leichtes 24 Tuch über Haupt und Schulter geworfen, ihr Antlitz ist leichenblaß.) Hermann (tritt gleichzeitig von -rechts aus und eilt auf Rosi zu). Ah — hältst Du doch Wort? Schon fürchtete ich, daß der Schreck von gestern ernste Folgen haben könne — aber sag' mir nur, was warDir begegnet? Rosi (ohne ihn anzusehen, sichtbar verwirrt). Es war — ich glaubte nur auf dem Rückwege im Walde — verfolgt zu werden — doch es ist vorüber — ich bin gekommen — Hermann. Und hättest beinahe mich nicht hier getroffen — Rosi. Ah — deine Anstellung—nicht wahr? — Du hast gestern doch gesagt — beim Gerichte? Hermann. Ja — und mein Amtsvorstand ließ mich heute schon in aller Frühe zu sich rufen, um mir für einen ' besonders wichtigen Fall — es handelt sich nämlich um die Zustandebringung von Verbrechern- Rosi (zusammenschaudernd). Don— ich Hab' davon gehört — von — Fälschern? Hermann. So ist's — ich bin mit der Untersuchung betraut — Nosi (ihn starr ansehend). Du? — Du? — Hermann. Doch laß uns jetzt nicht von der Schattenseite meines Berufes sprechen — die Hauptsache ist, daß ich eine Anstellung erhalten habe, nun will ich heute noch im Hause deines Vaters erscheinen — Rosi. In uns erm Hause? (Aengstlich.) Nein! Nein! Hermann (überrascht). Nicht?! Ich will kommen, um förmlich um deine Hand zu werben — Rosi (nach einem innern Kampfe mit gepreßter Stimme). Gib — geben Sie diesen Gedanken auf! — Es ist keine Hoffnung — ich werde — ich kann nie die Ihrige werden — Hermann ^entsetzt). WaMagst Du'.? — Röschen! Um Gotteswillen! Was hat deine Gesinnung so plötzlich geändert? Liebst Du mich denn nicht mehr? (Will sie umschlingen.) Rosi (weicht säst mit Grauen zurück). Fragen Sie nicht weiter! Ich bin eben nur hierher gekommen, um Ihnen Ihr Wort zurück zu geben — Sie zu bitten, jeden Versuch, sich mir zu nähern, zu unterlassen - und nie — nie wieder unser Haus zu betreten — Hermann (verletzt und sehr ernst). Ich werde mich Ihnen nicht aufdringen, aber ich glaube mir doch das Recht erwor- ben zu haben, von Ihnen die Angabe eines Grundes zu verlangen. Rosi (ausweichend). Es ist —Sie wissen — mein Vater ist dagegen — Hermann. Das der einzige Grund? — Wie oft haben Sie mir geschworen, daß Sie ihn bewegen, oder — die Zeit Ihrer Mündigkeit abwarten wollen — Rosi (flehend). Ich bitte Sie, entheben Sie mich dieses Schwures — ich kann ihn nicht erfüllen! Hermann (mit bitterem Hohne). Es war ein Liebesschwur! — Wer wird auf die Erfüllung des Schwures dringen, wenn die Liebe verschwunden ist, oder vielleicht nie vorhanden war. Rosi (mit wieder erwachenden innigem Gefühle). Hermann! Wie wehe Du mir thust! Hermann (ebenfalls inniger). Ha! Dieß war der Ton deines Herzens! Röschen! Gestehe es, deine früheren Worte waren nur die Folgen einer Aufregung — es hat vielleicht meinetwegen ein heftiger Auftritt zwischen Dir und deinem Vater stattgefunden — Rosi (erbebt, wendet sich ab, für sich). Mein Vater? — Oh — wenn ich nur mit ihm schon gesprochen hätte! (Wankt bis zur Rasenbank und sinkt aus dieselbe.) Hermann (besorgt zu ihr eilend). Du zitterst?! — Schweißtropfen perlen aus deiner Stirne^— jRöschen! — Du bist 25 krank! — Sehr krank! — ich will Dich nach Hause — Rosi (ihn abwehrend). Nein — nein! Ich bitte Sie — verlassen Sie mich jetzt — nur jetzt! — Hermann. Nur jetzt? (Hoffend.) Also werd' ich Dich dennoch Wiedersehen? — vielleicht wenn Du von deinem Besuche heimkehrst? Nosi (ganz verwirrt). Vielleicht— aber gehen Sie — ich beschwöre Sie — ich kann nicht weiter mit Ihnen sprechen — haben Sie doch Mitleid mit mir! (Birgt weinend ihr Gesicht in die Hände.) Hermann. Nun wohl — ich füge mich — aber ich muß Dich heute noch sehen — sprechen. Ich werde suchen aus meinem Bureau bald abzukommen — in kurzer Zeit wieder an dieser Stelle sein, um Dich hier zu erwarten — Du kommst?—Nicht wahr? — Du kommst? Rosi (wie oben). Ich — ich werde sehen — aber nun — leb' wohl! Hermann. Lebe wohl! — Auf froheres Wiedersehen! (Nach rechts ab.) Rosi (rafft sich aus, sieht ihm, die Arme nach ihm ausbreitend, nach — mit tiefstem Seelenschmerz). Lebe wohl!— (Drückt beide Hände vor die Augen.) Auf Nimmer- — Nimmer-Wiedersehen! — (Bleibt in dieser Stellung.) Siebente Scene. Rosi, Horner. Horner (tritt hinter dem Baumstamm hervor, für sich). Sie selbst Hot ihm entsagt? — Um so besser! — Doch will ich wissen -(Sieht sich vorsichtig nach allen Seiten um, tritt dann zu Rosi vor.) Mein gutes Kind! Rosi (blickt auf — überrascht). Vater- - Du hier?! Horner. Wie Du siehst! — Ich war Zeuge deiner Unterredung — Du hast freiwillig dein Verhältniß mit Herrn Fest gelöst — Rosi (schmerzlich). Freiwillig? — Ein fürchterliches Geschick zwingt mich dazu — Du wirst gehört haben, daß er —' beim Gerichte angestellt ist — - Horner (zuckt zusammen, faßt sich aber schnell). Was kümmert's mich — ich habe mit dem Gerichte nichts zu thun! Rosi (mit steigender Angst). Bis jetzt nicht — aber wer weiß — der nächste Tag — die nächste Stunde — o mein Gott! (Faßt seine Hand mit ihren beiden Händen.) Vater! Laß uns fliehen — weit — weit von hier! Horner. Fliehen? — Bist Du wahnsinnig? Rosi. Ein Wunder fast, daß ich's nicht geworden bin, nach dem. was ich heute Nacht gesehen! Horner. Was — was hast Du gesehen? Rosi (ihm scharf in's Auge blickend). Ich war heute Nacht — oben — auf dem Berge — bei der Ruine — Horner (heftig erschreckt). Du? — Was führte Dich dorthin? Rosi (mit fliegendem Athem). Eine Wette — ich wollte eine Rose pflücken— furchtlos eilte ich hinan — brach den blühenden Zweig — da — schimmert aus einer Ritze des alten Gemäuers mir ein Lichtstrahl entgegen — ich beuge mich zu einer vom Gestrüppe halb verdeckten Oeff- nung nieder — sehe hinab in eine tiefe Kellerwölbung — beim Lichte einer Lampe arbeiten zwei Männer an einer Druckerpresse — sie ziehen einzelne Blätter ab — ich sehe es deutlich — Banknoten! Jetzt erhebt der eine der Männer sein Haupt — das Licht fällt auf sein Antlitz — ich erkenne ihn — er ist — Horner (welcher der Erzählung mit gespannter Aufmerksamkeit zugehört hat). Er ist - - Rosi (zusammenbrechend). Mein Pater! Horner. Ich — ich? (Kaum im Stande 26 sich zu fassen.) Kind — dein Auge täuschte Dich — Du glaubtest zu sehen — eine zufällige Ähnlichkeit — Rosi. Oh, wär' es so gewesen! Hätte nur ein Trugbild meiner erregten Einbildungskraft mich geängstigt!— Doch nein — nein! Du warst es! — Du und dein böser Dämon — jener Herr Spitzer — (Horner wendet sich — keines Wortes mächtig — nur mit einer verneinenden Bewegung ab.) Rosi (dringender). Vater, um Gotteswillen, leugne nicht! Laß uns schnell berochen, was jetzt zu thun — das Gericht ist bereits von der Thal in Kenntniß — noch nicht von dem Thäter — aber Hermann ist beauftragt, nach demselben zu forschen — deßhalb sagte ich mich von ihm los — ich fürchtete, er müßte in meinen Augen lesen, was mich bedrückt — fürchtete, daß er, wenn er wieder unser Haus betrete, dort eine Spur finden könnte — Horner (sich vergessend). Nein — nein — in unserm Hause nicht — Rosi (rasch). Aber dort—in der Ruine — Du gestehst also —? (Horner schweigt, noch mit sich selbst ringend, die Hand auf die wallende Brust drückend; Rosi stürzt vor ihm in die Knie und umklammert seine Füße.) Sprich, Vater, sprich — in der Brust deiner Tochter ist das Geheimniß geborgen — und ich — ich bin zu Allem bereit, was dazu beitragen kann. Dich noch zu retten — ich folge Dir, wohin Du willst — ich will für Dich arbeiten — betteln — mein Blut — mein Leben — will ich opfern — Horner (ergriffen). O, mein gutes Kind, doch (mit steigender Angst) steh auf! Wenn Dich Jemand so sähe! — steh' auf! Rosi. Nicht eher — als bis Du mir die Wahrheit bekannt — Horner. Ich will's — doch erhebe Dich! — (Ziebt 6- - . . hält sie, da st-- ... . u ^ A.men aufrecht.) Za —I meine Verhältnisse sind zerrüttet — Spitzer allein wußte darum — er kam auf den Gedanken, mich auf solche Weise zu retten — er hatte Versuche angestellt und überzeugte mich, daß sie gelungen — ein- mal — nur einmal — heute Nacht eben — war ich bei seiner Arbeit zugegen - doch nie — nie wieder — ich schwöre es Dir beim Allmächtigen! Rosi. Und — hoffst Du noch — Dich vor einer Entdeckung sichern zu können? Horner. Ja — doch sogleich muß ans Werk geschritten — jede Spur vernichtet werden — ich suche Spitzer auf — er hat die Schlüssel desKellergewölves — Rosi. Oh eile — fliege! Ich harre deiner Rückkehr in Todesangst! Horner. Nicht hier! Begib Dich nach Hause — suche unbefangen zu erscheinen — in einer Stunde längstens bin ich wieder bei Dir — und Alles — Alles soll sich noch zum Guten wenden! (Eilt nach rechts ab.) Rosi (allein). Alles zum Guten wenden! Das Schwert, das an einem Haare über dem Haupte meines Vaters schwebt — oh! Wenn es sich noch in eine Friedenspalme verwandeln könnte! — Gott! Gott! Du allein kannst es also fügen — es hilft keine Flucht, als die zu Dir — zu Dir! (Sinkt betend an der Martersäule in die Knie.) NerwMdtung. (Amtszimmer im Gerichtshause mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren; — an den Wänden Actenschränke — rechts und links Schreibtische mit Schriften beladen und Stühle.) 27 Achte Scene. Ruprecht, dann Kilian. Ruprecht (tritt durch die Mittelthüre ein, sich ängstlich umsehend). Ich Hab' z' Haus eine Vorladung g'funden — daher auf's Bezirksgericht — sehr höflich zwar — (Zieht die Vorladung hervor und liest.) »Werden ersucht zu erscheinen — wegen Auskunft —« Was wollen sie denn von mir für eine Auskunft — sonst kümmern sich die Beamten doch nur um die Ein- künft! — Oder sollt' am Ende ein Verdacht —? (Sich beschwichtigend.) Nein — nein! Nicht möglich!— Aber doch heißt's auf der Hut sein — oh, mich fangt man nicht so leicht — ich bin kein heuriger Has! — Still — es kommt wer — (Tritt etwas zurück.) Kilian (tritt aus der Seitenthüre rechts, sehr ärgerlich). Nein, was der Herr Chef heute wieder für ein Humor hat — ermaß rein mit dem linken Fuß aufg'ftan- den sein! Wenn ich was z' befehlen hält', dürft ein Amtsvorstand gar keinen linken Fuß haben, damit er seine Untergebenen nicht so treten könnt ! Ruprecht (tritt vor). Guten Tag. Herr Kilian! Kilian. Ja, wenn unsereins sich einmal ein guten Tag machen könnt'! Ruprecht (für sich). Ich muß ihn ein bissel gesprächig machen — vielleicht erfahr' ich von ihm — (Laut.) Na — wenn ich vielleicht dienen kann — (drückt ihm Geld in dle Hand) auf ein Glas Wein — damit Sie Ihre Galt vertrinken können — Kilian. Dank' schön! Ja wenn man seine Galle nicht vertrinken könnt', mußt' man eh nicht, was man damit anfanget! Ruprecht. Was ist Ihnen denn wieder über's Leberl g'losfen? Kilian (die Faust gegen die Thüre rechts erhebend). O der Tirann — der Herr Bezirksleiter. — Stellen's Ihnen vor, ich bericht' ihm, was gestern im Haus vom Herrn Horner vorg'fallen ist und daß ich eine Thür erbrochen Hab' — Ruprecht (überrascht). Was? — Sie haben — Kilian. Na, ich glaub', wir vom Gericht' können doch erbrechen, wie wir wollen, aber er sagt, ich hätt's ohne Auftrag nicht thun sollen — nennt mich einen Esel! — Meiner Seel' — ich quittir' noch — Ruprecht. Mit Beibehaltung des Titels und Charakters? Kilian. Da Hab' /ich was davon! — Ich Hab' zwar in der Aktivität auch nicht viel — Ruprecht.Hm! Ich könnt'Ihnen sa-on einen Nebenverdienst verschaffen — Kilian. Nebenverdienste sind uns Beamten gestattet, andere Verdienste erwerben wir uns ohnehin wenig — Ruprecht. Aber eine Hand wäscht die andere — Kilian. Besonders wenn alle zwei schmutzig sein — Ruprecht. Sie müssen wissen, daß ich auch Mitarbeiter von Journalen bin — Kilian. So? — Belieben wahrscheinlich auch schon eingesperrt gewesen zu sein? Ruprecht. Noch nicht — Kilian. Hm! (Für sich.) Dann muß nicht viel an seiner Schriftstellerei sein! Ruprecht. Ich referire nur über Gerichtsverhandlungen, wenn eben ein wichtiger Fall im Züge ist — Kilian. Aha! — Eine »Chausseezeltleber», wie wir vom Gericht sagen. Ruprecht. Und wenn Sic mir da manches Mal Mittheilungen machen könnten — Kilian. Geht nicht —Amtsgeheimnis — Ha, glauben Sie denn, wenn irgend ein Verbrechen begangen ist, wir nennen gleich den Thätcr? Das geschieht 28 nicht! (Für sich.) Wir wären froh, wenn ihn uns wer nennet! Ruprecht. Aber gegen ein anständiges Honorar — ich erlaub' mir Ihnen gleich einen Vorschuß zu geben. (Gibt ihm wieder Geld.) Kilian. Aber nur unter dem Spiegel der Verschwiegenheit — will ich sagen: Siegel der Verschwiegenheit — Ruprecht. Versteht sich — strengste Diskretion! Also 's bleibt dabei, sooftSie etwas Interessantes erfahren, kommen Sie zu mir — Kilian. Na ja, aber wie g'sagt — (legt den Finger an den Mund) pst! Ruprecht. Verstsht sich!— Sehr pst! Neunte Scene. Vorige. Hermann (tritt im Amtskleide aus der Seitenthüre rechts, in einem Acten« stücke lesend). Ruprecht (ihn erblickend, leise zu Kilian). Alle Wetter, das ist ja — Kilian (leise). Der Herr von Fest — seit gestern ang'stellt — macht sich unsinnig wichtig — na ja — neue Besen kehren gut — Ruprecht (für sich). Und zu dem bin ich vorgeladen? — Teufel, da heißt's umsatteln! Hermann (blickt aus — zu Ruprecht mit gemessener Artigkeit). Ah, Herr Spitzer! Schon hier? Ich bitte nur einen Augenblick Platz zu nehmen — Ruprecht. Danke— ich sitz' nicht gern! (Tritt etwas mehr zurück.) Hermann. Kilian! Kilian (tritt vor). Befehlen, Herr Assessor? Hermann (ihm einen Zettel gebend, leise). Gehen Sie hinüber in das Archiv — man soll Ihnen den hier angegebenen Bauplan verabfolgen — Sie haben ihn nur mir zu übergeben. Kilian (wendet sich militärisch grüßend um, an R uprecht vorübergehend leise zu diesem). Ich wart' dann unten auf Ihnen — Sie können von einem Plane des Ge- ri chtes Einsicht nehmen. (Durch die Mitte ab.) — Hermann (zu Ruprecht). Ich habe Sie hierher bemüht — Ruprecht (übertrieben höflich). O bitte — gar keine Mühe — besonderes Vergnügen! — Erlauben der Herr Assessor, daß ich Ihnen vor Allem zu Ihrer Anstellung gratulire — das heißt eigentlich müssen wir uns gratuliren, denn's ist wirklich ein wahres Glück für den Staat und für die Bevölkerung, wenn solche Männer — solche Capacitäten — solche Intelligenzen, solche — Hermann (ablehnend). Bitte—Sie haben noch keine Beweise meiner Fähigkeiten im Gerichtsfache — Ruprecht (für sich). Verlang'mir auch keine! (Laut.) Ich sürcht' doch nicht, daß Sie wegen dem kleinen Rencontre gestern — mein Gott, ich — Hab ein bissel mehr getrunken gehabt — Hermann. Ich bin heute in meiner amtlichen Thätigkeit, und auf diese haben Privat-Angelegenheiten keinen Einfluß! Ruprecht. Sehr liebenswürdig! Sind ein charmanter Mann — wirklich, was man sagen kann — charmanter Mann! Hermann (hat sich an den Tisch rechts gesetzt und rückt einen Stuhl zurecht). Setzen Sie sich! Ruprecht (für sich). Laßt nicht nach! (Laut, indem er sich setzt.) Wenn Sie erlauben — damit ich den Schlaf nicht austrag' — Hermann. Sie waren, wie ich vernahm, früher Lithograph — Ruprecht. Ja —Lithograph — Lylo- graph — Kalligraph — kurz, ich war mit verschiedenen gräflichen Künsten beschäftigt — aber jetzt ist's damit vorbei — ich hab's ganz aufgeben müssen — wissen's 29 meine Augen sind so schwach geworden — ich seh's nicht einmal, wenn mir Einer ein X für ein U Vormacht. Hermann. Es wundert mich, daß Sie sich keiner Brille bedienen — Ruprecht. Es genirt mich, und weß- wegen soll meine Nase deßwegen belastet werden, weil meine Augen schlecht sein? Soll denn immer der Untergebene für die Kurzsichtigkeit seiner Oberen büßen? Hermann. Ich bedauere dann Sie belästigt zu haben, denn auf diese Weise können Sie die Gefälligkeit, um welche ich Sie, als Fachmann, ersuch en wollte, mir nicht mehr leisten. Ruprecht.Morin hätte dann die Gefälligkeit bestehen sollen? Hermann (scheinbar ganz gleichgiltig). Es wurde uns für das Depositenamt ein höherer Geldbetrag aus der Provinz ein- gesandt; der Herr Bezirksleiter zweifelt nun an der Echtheit einer der höheren Banknoten und meint, sie sei nicht wie die übrigen in Kupfer gestochen, sondern auf Stein gezeichnet. Darüber wollte ich nun Sie um Ihre Meinung fragen — Ruprecht. Na, wenn's weiter nichts ist, so weit erkenn' ich's schon; — wissen Sie — man darf so ein Blatt nur mit den Fingern befühlen — haben Sie vielleicht die Banknote da? Hermann. Ja wohl. (Zieht eine Brieftasche, aus derselben eine größere Banknote hervor.) Hier ist sie — .Ruprecht (nimmt die Banknote, steht aus und betrachtet und befühlt sie, dann:) Haben's doch keine Sorg' — die Banknote ist vollkommen echt. Hermann. Ich glaubte es auch, nur befremdet es mich, daß hier in der ganz kleinen Schrift das Pünktchen auf dem I fehlt — (Ist ebenfalls ausgestanden, zu Ruprecht getreten und deutet mit dem Finger die Stelle an.) Ruprecht. Was wollen Sie denn? — Das Pünktchen ist ja da — sehen's nur! (Hält ihm die Banknote näher unter die Augen.) Hermann (als ob er jetzt erst das Zeichen bemerke). Wahrhaftig, nun seh' ich's auch! (Zu Ruprecht.) Es ist ganz merkwürdig, daß Sie mit Ihren schwachen Augen doch das winzige Pünktchen bemerkten, welches meinen gesunden nicht gleich sichtbar war — Ruprecht (für sich). Herr Gott, das war ein Plutzer! (Laut, seine Verlegenheit bemeisternd.) Hm! Wissen Sie — ich Hab' manche Tage, an denen ich wieder besser seh' — und so ein Tag ist gerad heut' — da ist's mir auf einmal, als ob mir ein Schleier von den Augen fallet — Hermann. Ja, ja — es wird etwas Heller! — Wir müßten also, wenn wir in ähnlichen Fällen Ihr Gutachten einholen wollten, solche Lage wählen — Ruprecht (hastig). Sie wollen also, so oft Ihnen eine Banknote verdächtig vorkommt, mich um meine Meinung fragen? — Oh, ich rechne mir das zur höchsten Ehre, und um Ihnen gefällig zu sein, versehe ich mich nöthigen Falles mit einer Loupe — ich schaff' mir ein Mikroskop an — Hermann.Wir werden auf Sie reflec- tiren — für heute danke ich für Ihre Auskunft — ich bitte, sich nicht länger aufhalten zu lassen — (Verneigt sich.) Ruprecht (sich vergessend). Also darf ich fort? Hermann. Ungehindert! Ruprecht (für sich, aufathmend). Gott sei Dank! (Laut, sehr hastig.) Habe die Ehre — unterthänigster Diener- wünsch' wohlauf zu verbleiben. — (Tilt unter fortwährenden Bücklingen zur Mittel- thüre ab; Hermann tritt rasch zum Tische und klingelt.) 30 Zehnte Scene. Hermann, Lux. Lux (tritt aus der Seitenthüre links). Befehlen? Hermann. Folgen Sie dem jungen Manne, der mich eben verließ, möglichst unbemerkt nach; beobachten Sie ihn, und berichten Sie mir dann genau — Lux. Verstehe— verstehe! (Raschdurch die Mitte ab.) Hermann (allein, auf- und niedergehend.) Der in mir rege gewordene Verdacht verstärkt sich immer mehr — er ist der einzige Mensch in der ganzen Umgegend, der eine derartige Kunstfertigkeit besitzt, sein kriechendes Benehmen, die Kurzsichtigkeit, welche er vorgab, während er doch das schärfste Auge besitzt — die Hast, mit welcher er sich entfernte — Alles — Alles zeugt gegen ihn; doch darf ich um so weniger voreilig ernstere Maßregeln ergreifen, als ich sonst selbst in den Verdacht käme, an einem persönlichen Feinde Rache üben zu wollen! Erst bis bestimmte Anzeichen vorliegen, will ich- Eilste Scene. Hermann, Kilian. Kilian (tritt, eine vergilbte Rolle in der Hand tragend, durch die Mitte ein). Da ist der Plan — schon vom Jahre 1690 — was damals baut worden ist, das steht jetzt gewiß nicht mehr auf dem nämlichen Fleck — was wollen's denn da sehen? Hermann. Das kümmert wohl Sie nicht! — Geben Sie her! — (Nimmt die Rolle, tritt zu dem Tische links und breitet sie aus, vor sich hinsprechend.) Der Plan des ehemaligen Nonnenklosters! — Warum bestärkte Spitzer die Leute in Bezug auf das alberne Märchen, das sich an jenes knüpft? Ohne Grund that er's nicht! — (Aus die einzelnen Stellen des Planes mit dem Finger deutend.) Hier — das Kloster selbst — hier ein dazugehöriges Wirtschaftsgebäude — ah!— das nunmehrige Haus Horner's — (plötzlich stutzend) doch hier — die punctirte krumme Linie — vom Berge bis zum Hause — sollte dieß einen unterirdischen Gang bedeuten? — In alten Klöstern finden sich dergleichen häufig — und gestern — Horner wurde nicht in seinem Zimmer gefunden, wenn er -(Verläßt den Tisch, geht unruhig auf und nieder und bleibt dann dicht vor Kilian stehen.) Kilian! Sie sind ja häufig im Hause Horner's? Kilian. Ja — weil man dort den besten Wein kriegt! Hermann. Sie kennen ihn wohl schon seit er hierher übersiedelte? Kilian. Freilich — ich Hab'ja damals g'holfen beim Abladen von den Möbeln — 's sein aber nur die säubern in das Haus kommen — das übrige Graffelwerk hat er in dem halbverfall'nen Schloß' in den Kellern unterbringen lassen. Hermann.. Und worin bestand denn das, was Sie als Gerumpel bezeichnen? Kilian. Graffelwerk Hab' ich g'sagt— nur deutsch reden! — Es waren ein paar alte Schränk', zerbrochene Stühl' — so was wie Buchdruckerpressen — Hermann (faßt ihn plötzlich heftig am Arme). Pressen, sagen Sie? — Pressen? Kilian. Na ja — aber keine Weinpressen — also völlig ohne Bedeutung! — Ich Hab' g'hört, er hat's braucht, so lang' er noch Kunsthändler war — Hermann (erregt). Diese Mittheilung ist Gold werth! Kilian. So?— Na, wenn's just keine Dukaten bei sich haben, ich nehm' auch Silbergeld — (Hält die offene Hand hin.) Herm ann (ohne es zu beachten, auf- und 31 niedergehend). Nun ist ein entschiedenes Einschreiten gerechtfertigt — Kilian (seine leere Hand betrachtend, für sich). Nichts! — Aber ob man von einem unserer Beamten nur ein lucketes Sechserl z'schenken krieget! Dem erzähl' ich bald wieder was Werthvolles! Hermann (laut). Kilian! Sie werden mich heute Nacht auf einem kleinen Ausfluge begleiten. Kilian. Warum nicht gar! Ich flieg' nie bei Nacht aus' — Das ist unanständig! > Hermann (strenge). Sie werden mich begleiten — es ist eine Dienst-Angelegenheit! Kilian (erbittert, sür sich). Himmel- sapperment! Tag und Nacht keine Ruh'! (Mürrisch, laut.) Und wohin fliegen wir denn? Hermann. Hinauf zur Burgruine! Kilian (heftig erschreckt). Zur Burg- ruine?! Wo der Geist — Hermann. Es gelüstet mich eben zu sehen, welcher Geist dort sein Wesen treibt! Halten Sie sich also bereit — gegen neun Uhr — bis dahin haben Sie Urlaub! (Verabschiedet ihn durch eine Handbewegung.) Kilian. EmHfehl' mich! — (Für sich.) Das ist die erste interessante Nachricht, die ich dem Herrn Spitzer mittheilen kann! Das wird Aufsehen in der Zeitung machen, daß wir vom Gericht jetzt auch schon auf's Geisterfangen ausgehen! (Durch die Mitte ab.) Hermann (allein). Es ist kein Zweifel — Spitzer benützt dort die Pressen zu seinem sträflichen Wirken — er hat die Nacht gewählt und deßhalb das Märchen von dem Gespenste in Umlauf gesetzt, um vor Ueberraschungen sicher zu sein! — Nun, wir wollen dem Spuke ein rasches Ende machen! Zwölfte Scene. Hermann, Lux. Lux (kommt wieder durch die Mittelthüre zurück). Herr Assessor! Hermann. Nun, haben Sie ihn beobachtet? — Wie benahm er sich? Lux. Er sah sich im Fortgehen stets ängstlich um, ich hatte Mühe, nicht von ihm bemerkt zu werden. — Er blieb jedoch ganz in der Nähe des Gerichtshauses — da kam der Amtsdiener Kilian, besprach sich heimlich mit ihm — Hermann (erstaunt). Kilian?—Sollte er mit diesem im Einverständniß sein? Lux. Ich glaube mich nicht geirrt zu haben, Kilian erhielt Geld — Hermann. Donnerwetter! Lux. Und eben jetzt sah ich unfern Amtsdiener abermals ihm Nacheilen — Hermann (sür sich). Dann ist ja mein ganzes Vorhaben vereitelt — ich muß einen andern Weg einschlagen! (Laut zu Lux.) Ich danke Ihnen, bleiben Sie in Ihrer Kanzlei — Sie werden weitere Weisungen von mir erhallen! (Lux verneigt sich und geht nach links ab; Hermann allein.) Ich muß aus Kilian's Entlassung antragen. — Vorläufig auf eine dienstliche Untersuchung — (Setzt sich an den Schreibtisch und schreibt eifrig.) Dreizehnte Scene. Hermann, Ho rner. Horner (tritt leise durch die Mitte ein, erblickt Hermann, sür sich). Er ist hier und — allein! — Ein Glück, daß ich Ruprecht getroffen — und was er mir jetzt eben mitgetheilt — der heutige Abend muß noch mir gehören — morgen mögen sie denn immerhin ihre Untersuchungen an- 32 stellen, sie sollen dann nichts mehr vorfinden — für heute aber muß ich ihn ferne halten — um jeden Preis! (Sucht sich zu sammeln und tritt dann absichtlich etwas geräuschvoll vor.) Hermann (blickt von seiner Arbeit aus, überrascht): Herr Horner! Sie — bei mir? — Horner. Herr von Fest! Ich komme, um eine Uebereilung meiner Tochter gut zu machen — Hermann (ist ausgestanden und tritt rasch zu Horner). Hat Röschen Ihnen gesagt — Horner. Ja — das arme, gute Kind glaubte, daß ich gegen Ihre Person eingenommen sei — sich meinem früheren Entschlüsse fügen zu müssen — Hermann (lebhaft). Und irrte darin? — Herr Horner — wenn ich also jetzt — bei Ihnen um die Hand Ihrer Tochter werben würde — Horner (ergreift Hermanns Hand). So würde ich Ihnen freudig meine Zustimmung — meinen Segen geben! Hermann (in höchster Freude). Herr Horner, welche Fülle des Glückes liegt in diesen Worten! — Doch — Ihre Tochter — weiß sie, zu welchem Zwecke Sie sich zu mir begaben? Horner. Ja — ja — und — wenn Sie ihr wegen ihres heutigen Benehmens nicht zürnen — so bitte ich Sie — im Namen Röschens — uns heute Abends mit Ihrem Besuche zu erfreuen! Hermann (sich besinnend). Heute Abends —?! Horner (rasch). Ja — die Angelegenheit soll zum Abschlüsse kommen. Ich habe in der sicheren Hoffnung, daß Sie meine Einladung annehmen werden, auch mehrere Verwandte und Freunde zu Tische gebeten, denen ich Sie und meine Tochter als — Verlobte vorstellen will — Hermann (wieder freudig). Als — Verlobte?! Der Grundstein meines Glückes wäre damit gelegt -— Horner. Ich bin überzeugt, daß jede Verzögerung dieses Actes Ihnen unangenehm wäre — Hermann (wieder wankend). Gewiß— gewiß — aber — heute Abend — Horner (dringender). Oder vielleicht erst in Wochen — denn es wäre leicht möglich, daß ich in Geschäftsangelegenhei- ten morgen verreisen müßte — ich könnte den Tag meiner Rückkehr nicht bestimmen — Hermann (für sich). Und das Glück will festgehalten werden, wenn es sich zeigt. — Die Zeit könnte neue Hindernisse bringen — muß ich denn grade heute jene Untersuchung vornehmen? — Ich habe keinen dienstlichen Auftrag dazu — es war nur mein eigener Entschluß — Horner (hat Hermann ängstlich beobachtet — etwas vorwurfsvoll). Sie besinnen sich, Herr von Fest? WennJhrEntschluß, meine Tochter zur Frau zu wählen, noch nicht vollkommen zur Reife gekommen sein sollte — so will ich mich durchaus nicht aufdringen — entschuldigen Sie— (Macht Miene sich zu entfernen.) Hermann(hält ihn schnell zurück). Nein — nein! — Mißdeuten Sie mein Benehmen nicht — ich überlegte nur, ob ich für den heutigen Abend mit Bestimmtheit Zusagen könne, doch— ich kann's und werde kommen! Horner (dringend). Gewiß?—Gewiß? Hermann. Gewiß! Horner. Nun, dann begrüße ich Sie jetzt schon als meinen lieben — lieben Schwiegersohn! (Breitet die Arme aus.) Hermann (ihn umarmend). Mein'zwei- ter Vater! Sie sollen in mir stets den dankbarsten Sohn finden. Horner (sich aus derUmarmung lösend). Aber jetzt muß ich nach Hause eilen, meiner Tochter das Glück zu verkünden! Also — heute Abend — so gegen 8 Uhr — nicht wahr? Hermann. Ja — ja — ich zähle die Sekunden bis zu dem Augenblicke, der mich iu Röschens Arme führt — Horner. Sie werden die Gesellschaft schon beisammen finden, und wenn ich selbst anfangs nicht zugegen bin. um Sie zu empfangen, so werden Sie mich wohl tntschuldigen— es gibt gerade jetzt in der Wirtschaft so viel zu thun — aber ich finde mich schon rechtzeitig ein — Hermann. Wozu Entschuldigungen in unseren jetzigen Verhältnissen? Betrachten Sie mich doch als ein Familienmit- ßlied — Horner. Ja — ja — so wollen wir es halten! (Schüttelt ihm die Hände.) Doch mm leben Sie wohl — bis heute Abend - oh. es soll ein schönes — freudiges Fest -eben! Adieu! Adieu, lieber Schwiegersohn! (Im Abgehen für sich). Ist er nur ttst in meinem Hause — bei meinerToch- ter — dann entfernt er sich auch so bald nicht wieder! (Eilt durch die Mitte ab.) Hermann (allein, in freudiger Aufre- Mg). Ich faß es kaum! Wie so plötzlich das Gewölke, welches sich heute Morgen »och an meinem Himmel zeigte, der blendenden Sonne gewichen ist! — R schen mein — ohne Kampf — mit des Vaters kegen. Oh, wie herrlich lächelt mir nun d>e Zukunft entgegen! Vielleicht werden sich die schwersten Lasten meiner Stellung irtragen lasten, wenn nach den Mühen des Tages ein liebendes und geliebtes Weibchen mir die Arme entgegenstreckt! Vierzehnte Scene. Hermann, Kilian, dann Martin, Melchior, Lisi, Sturm. Kilian (stürzt zuerst durch dieMittelthüre wrein — säst athemlos). Herr Assessor! Assessor! i Hermann (aus seinen Träumen erwa- ffend. fast unwillig). Was gibt's wieder? Wiener L^eater-Repertoir Nr. »7». Kilian. Wichtige Entdeckung!— Wir haben die Banknotenfälscher! Hermann (auf's Höchste überrascht), Was, was sagen Sie? Kilian. Ja—es ist eine ganzeBande! — Just ist sie mit dem Gendarmen eingeliefert worden. Hermann. Wo — wo sind sie? Kilian. Im Vorzimmer! Wollen wir's gleich verhören? Hermann. Ich werde sie vernehmen, nur sogleich herein! Kilian. Soll ich vielleicht auch gleich eine Bank —? (Sich besinnend.) Ja so! Diese schönen Zeiten sind vorüber — jetzt müssen wir vom Gericht sogar mit solchen Leuten höflich sein! (Oeffnet die Mittelthüre und ruft hinaus.) Eini mit derer Bagage! (Martin. Melchior, Lisi, treten durch die Mittelthüre ein; Sturm, in voller Rüstung mit aufgepflanztem Begönnet, folgt ihnen.) Hermann (überrascht). Diese? — Diese? Lisi (Hermann erkennend und auflebend). Ha! — Gott sei Dank! Der Herr von Fest! Der kennt mich! Hermann. Lischen? — Du —?! Lisi (weinend). Sie werden uns nicht Unrecht g'schehen lassen! Melchior (trotzig). Und ich leid' keine solche Behandlung! — Mit Gendarmen! — Ich — ich — Lisi. Und mein armer alter Vater! — Er — er soll solche Banknoten gemacht haben — ich bitt' Ihnen, schau'ns ihn nur an! Hermann. Der Alte? (Für sich.) Welch ein Gedanke! — (Zu Martin.) Tretet näher! — Sprecht! — Was ist gesch hen? Martin (ist vor Schreck ganz blöde ge- worden, sieht irren Blickes umher). G'schehen? Meine — meine 100 Gulden — Alles, was ich g'habt Hab' — sie haben mir's weggenommen — Melchior (wieder polternd). Gs ist 3 34 Niederträchtigkeit! Ich duld's nicht— ich appellir! Hermann (strenge zu Melchior). Schweigt! Ich will einen ausführlichen Bericht! —Doch —(sich besinnend) Kilian, Sie entfernen sich! Kilian. Was? Ich? Jetzt — wo's erst schön wird — so eine interessante Verhandlung — Hermann (strenge). Ich will es so — fort! Ich werde mit Ihnen noch später sprechen — jetzt hinaus! Kilian (sieht Hermann mit weitaufge- rissenen Augen an). Hinaus? — Ich? Hermann (mit dem Fuße stampfend). Nun — wird's? Kilian (ganz verdutzt). Die Behandlung! — Na — der fangt gut an! (Durch die Mitte ab.) Hermann (zu Sturm). Wer hat Sie beauftragt, diese Leute hierher zu es- cortiren? Sturm (vortretend und salutirend). Der Herr Notar Doctor Braunfeld — Melchior. Ja — bei dem waren wir, ich, die Lisi, der alte Martin, sei Weib — Martin (plötzlich aus seinem Blödsinn erwachend — ausschreiend). Mei Weib — mei Grethl! Laßt mich zu ihr — sie — sie stirbt —! (Will fort.) Sturm (ihn zurückhaltend). Halt, nicht von der Stelle! Martin (eingeschüchtert). Ja so! — Ich bin verarretirt wie ein schlechter Kerl und Hab' doch nie was Unrechtes than! — Ich kenn' mich in der Welt nimmer aus! Hermann (zu Melchior). Also fahrt fort! Ihr wart beim Notar? Melchior. Ja, wegen dem Pacht mit mein' Göden — 's war All's schon in Ordnung, da gibt der alte Martin ein Hunderter her — der Notar schaut'n an und schreit auf: »Die Banknoten ist falsch die gilt nichts!« Lisi. Ich Hab' glaubt, mich trifft dn Schlag! Melchior (zu Hermann). Ich will ihm die Banknoten aus der Hand reißen, da schreit er um d' Wach' — der Gendarm kommt — der Schrecken! Denken's Ihnen — die alte Margareth ist umg'fallen m ein Stück! Holz — Martin. Mein Weib — sie stirbt! schrei ich, aber sie reißen mich weg von ihr — und wir haben doch ausg'macht, daß wir mit einander sterben wollen! (Sinkt schluchzend aus einen an der Wand stehenden Stuhl.) Hermann. Wo ist die Banknote? Sturm (tritt vor, zieht eine Brieftasche und aus dieser die Banknote hervor). Del Herr Notar hat sie mir übergeben — hin ist sie — (Hermann betrachtet die Banknote durch eine Loupe.) Melchior und Lisi (treten in änK licher Spannung näher zu Hermann.) Nana — na? Hermann. Täuschend ähnlich — doli hier — das kleine Merkmal, welches not die Bank bekannt gab — die Banknot! ist falsch! Melchior (erschreckt). Wirk- n lich — wirklich? > (Zugleich. Lisi. O Du mein Gott! ! Melchior. Aber a bißl was wird! doch werth sein —? Hermann. Nicht mehr als ein SÄ schlechtes Papier! Sprecht, wie seid A dazu gekommen? Melchior. Der Martin hat's von Herrn Spitzer eing'wechselt — Hermann (fast ausschreiend). Spitzer!! (Eilt zu Martin.) Alter! Ich fordere Ä auf, die Wahrheit zu sagen! Bedenkt daß Ihr sie werdet beschwören müssend Wer gab Euch diese Banknote? Martin. Und wenn mich unser Herl gott selber fraget, ich könnt' nit ander! sagen, als der Herr Spitzer! — Eristl» mein Unglück schuld! Melchior. Der niederträchtig Kerl! 35 Lisi. Mir ist er immer z wider g'we- srn und ich Hab' gar nie begreifen können, wie unser Herr, der Herr von Horner. ;ar so vertraut mit ihm hat sein önnen — Melchior. Ja, alleweil sein's bei einander gesteckt — haben heimlich ge- vispelt — Hermann (aus einen neuen Gedanken gelenkt, vor Entsetzen zusammenbebend, für fich). Allmächtiger! — Horner!— Wenn er an dem Verbrechen theilgenommen!— Noch kann ich's nicht denken — und dennoch — dennoch — (Hastig auf- und niedergehend.) Röschens Derstörung, als sie oon der Ruine herabkam — seine plötz- iche Sinnesänderung — die Einladung ür heute Abend, obgleich er mich vor- ureitete, daß er selbst nicht sogleich anwesend sein würde — dieß Alles spricht zegen ihn! Kein Zweifel! — Kilian hat serrathrn, was ich für heute Abend Vorfälle — sie wollten mich ferne halten von ihrer Werkstätte — Lisi (leise zu Melchior). Ja, was l'schieht denn jetzt mit uns? — Ist die lntersuchung schon aus? Melchior (auf den Auf- und Niedergehenden deutend, leise). Du siehst ja — sie ist ustim Gang! Lisi. Ich halt's nicht länger aus! (Geht Hermann nach und zupft ihn am Rocke.) Euer Gnaden — Hermann (ausgeschreckt). Was soll's? Lisi. Ich — ich Hab' Ihnen nur sagen wollen, daß ich unschuldig bin — Melchior. Ich auch — meiner Seel'! Unschuldig wie ein betlehemisches Kind! Hermann (nach einiger Ueberlegung). 3ch glaub' Euch! (Mehr zu Sturm.) Es lst klar, daß diese Leute weder die Fälschung vorgenommen, noch gewußt haben, daß sie falsches Geld ausgaben. (Zu Martin, Melchior und Lisi.) Ihr könnt Euch also bis auf Weiteres entfernen — Martin (aufstrhend). Ja — ja — darf ich? — (Hastig zu Sturm.) Lafsen's mich — zu mein' Weib! — Zu mein' Weib! — Triff ich'S noch lebendiger — dann — dann — will ich Alles verschmerzen — ist sie aber todt — dann leg' ich mich neben ihr hin und laß mich mit ihr begraben! (Eilt wankenden Schrittes durch die Mitte ab.) Sturm (zu Melchior und Lisi). Nun — so geht doch auch! Melchior (zögernd). Ja — ja —aber der Hunderter — Hermann. Muß zurückbehalten werden als eorpu8 äslieti — Melchior (traurig zu Lisi). Die Banknote — da liegt sie! — Aus ist's mit dem Pacht — Lisi (weinend). Aus mit der Hochzeit —! Melchior. Es wird vielleicht Andern auch so geh'n — denn wegen Ein Hunderter hätt's der schlechte Kerl gar nicht der Müh' werth g'funden, so schlecht zu sein! (Zu Hermann.) Wann in dem Fall das Gericht nicht seine Schuldigkeit thut — wenn da am End' wieder a Vertuschter« oder eine Schonung für die Betrüger eintritt, weil's noble Leut' sein, dann hat der arme Teufel Recht, wenn er g'rad' so wird wie sie, und die Ehrlichkeit wird aus der Welt verbannt. Drum, Gerechtigkeit, Herr Richter! — Daun wollen wir in Gottes Namen den Schaden verschmerzen — aber Gerechtigkeit — strenge Gerechtigkeit gegen Hoch und Nieder, das ist das Einzige, was wir verlangen! (Zu Lisi, sie an der Hand nehmend und mit ihr abgehend.) So — ich glaub' ihm's gesagt zu haben! Hermann (allein). Strenge Gerechtigkeit! Auch gegen den Vater — meiner Braut?! — In meiner Macht stünde es, ihn zu schonen — (überlegend) wenn ich ihm einen Wink gäbe, Alles, was gegen ihn zeugen könnte, zu vernichten — Spitzer wird nicht gestehen, daß er die Fälschung selbst verübt — es wäre ja auch möglich, daß er bei dem großen r* 36 Geschäftsverkehrs die Note von anderer Seite erhalten hätte — wenn ich's nur unterließe, ihn auf frischer That zu ertappen! — Horner wäre gerettet — (schmerzlich) das Wesen, dem mein ganzes Herz gehört, vor Schmach und namenlosem Unglück bewahrt — es wäre ein Werk der Menschlichkeit, aber — (sich ermannend) »Gerechtigkeit;« Der Ruf tönt mir aus dem Munde des ganzen Volkes zu, welches für alle Lasten, die es tragen muß, von sein n Lenkern nur die eine Gabe verlangt! ^Das Reich sänke in Trümmer, wenn diejenigen, welche geschworen, sie im Namen des Herrschers zu üben, sich selbst an ihr versündigen. (Die Hand an's Herz pressend.) Schweige denn, verführerische Stimme des Herzens, ich darf nichts hören, als den Ruf der Pflicht und diesem will ich folgen. (Eilt durch die Mittelthüre ab.) Zwischenv orhang. Verwandlung. (Gewölbter Kellerraum in der Klosterruine. In der Rückwand eine starke mit Eisen beschlagene Thüre, durch welche man ans eine nach oben führende Treppe gelangt. Die rechte Seitenwand besteht aus behauenem Felsgestein, in welchem kaum bemerkbar eine kleine Thüre angebracht ist; links befindet sich an einer Stelle des Bodens eine Fallthüre. Verschiedene alte und stark beschädigte Möbelstücke stehen und liegen bunt durch einander an der Rückwand; im Vordergründe, mehr gegen links, steht eine Kupferdruckpresse und ein Tischchen, aus welchem Papiere liegen, daneben ein Kistchen mit Druckerschwärze, eine Walze und dergleichen. Es herrscht anfänglich vollkommene Finsterniß. — Die Fallthüre wird, nachdem die Bühne durch einige Ze > leer geblieben, langsam von unten in die Höhe gehoben. Passende Musik.) Fünfzehnte Scene. Horner, Ruprecht. Horner (eine Blendlaterne in der Haili haltend, steigt zuerst herauf. Ruprecht folgt ihm, Hornertief ausathmend).Da sind wir! Ich hoffe, daß uns Niemand bemerkt hat — Ruprecht. Ganz unmöglich! Es weh ja Niemand, daß von Ihrem Weinkeller aus eine Verbindung mit dem unterirdischen Gang, der da heraufführt, besteht. Horner. Ich habe diesen G ang selbji erst entdeckt, nachdem ich bereits im Besitzt dieses Gutes war — Ruprecht. Ja unter der Ruine ist jn ein wahrer Fuchsbau — na ja— sielvai einmal ein Nonnenkloster — Horner. Noch früher soll hier Bergbau betrieben worden sein, daher woh! auch noch Schachte, die nicht zugeschüttki worden sind — Ruprecht. Ja, so, was dergleichen Hab' ich auch dort — (gegen die kleineSti- tenthüre rechts weisend) entdeckt, und nill für alle Fälle so hergerichtet, daß ich hiu- auskommen, aber Niemand mir folgen kann! Horner (besorgt). Wenn nur Hm Fest sein Wort hält — er hat mir zwar mit aller Bestimmtheit zugesagt, den heutigen Abend in meinem Hause zuzu- bringen — Ruprecht. So hat er's auch dein Kilian gesagt, den hat er zwar frühen beauftragt, ihn daher zu begleiten, später aber hat er ihm gesagt, daß es davon für heut' sein Abkommen hat, weil er von Ihnen eing'laden worden wär' - Horner. Wenn er nur zu mir kommt! Meine Tochter weiß, was ich hier vorhabe, und wird ihn jedenfalls zurückhal- tcn, bis ich wicderkehre — Ruprecht (mit Ingrimm). Ha! wem ich denk', daß er jetzt von der Rosi mit 37 iller Zärtlichkeit behandelt werden wird, o steigt mir alles Blut zum Kopf — und ch könnt' (macht eine wüthende Geberde). Horner. Den Gedanken an meine Lochter müssen SieSich für immeraus dem Kopfe schlagen —. unsere Verbindung ist gelöst — und ich bereue es. nur jemals Ihren Vorschlägen Gehör geschenkt gi haben — Ruprecht. Wollen Sie mir jetzt Dor- vürs machen? Horner. Nein, — nein — dazu ist keine Zeit — rasch an's Werk! (Geht zur Presse.) Der Besitz dieser Presse kann keinen Verdacht auf mich lenken — sie gehörte zu meinem früheren Geschäfte — — doch die frisch bereitete Druckerschwärze — Ruprecht. Besteht hauptsächlich aus Fett und verbrennt daher leicht — Horner (nimmt das Kistchen und Walze und trägt sie in die Mitte der Bühne). Hierher auf dieseSteinplatte — (setzt das Kästchen dorthin) nun ewige Stücke dürres ^olz Ruprecht. Ist genug da! (Nimmt aus dem Gerümpel einige Hvlzstücke und legt sie rings um das Kistchen.) Horner. So — nun auch die Papiere — und vor Allem die bereits gedruckten Exemplare — wo find sie — (Ist immer mit dem Zustandebringen des Scheiterhaufens beschäftigt und hat sich deshalb ganz aus den Boden niedergekauert.) Ruprecht (auf einen der Schränke des Hintergrundes weisend). Dort — in dem Kasten Hab' ich's eing'sperrt! Horner. Her damit! Mit allen — nicht ein Blatt darf übrig bleiben? Ruprecht (ist zu dem Schranke getreten, hat ihn ausgeschlossen und ein Päckchen Banknoten herausgenommen, für sich). Alle verbrennen? — Daß ich ein Narr wär'! Ich Istz ste schon noch anderwärts ab! (Steckt einen Theil der Banknoten in die Tasche seines Nockes und kommt mit dem Ueberreste wieder nach vorn, laut.) So - da ist Alles! — Versteht sich — im ganzen Local ist nichts mehr zu finden —(Gibt ihm dieBanknoten.) So — und jetzt das präparirte Papier auch noch — (Holt die auf dem Tischchen liegenden Papiere und gibt sie ihm ebenfalls.) Horner. Und die Platte — die Platte — Ruprecht. Die Hab' ich ja gestern mit nach Haus g'nommen, heut' ganz zerkritzt und in den Fluß g'worfen — die find't kein Mensch mehr! Horner. Nun denn — noch diese Gegenstände vernichtet und wir sind geborgen! (Erhebt sich, nimmt ein weißes Blatt Papier, geht zu dem Tische, aus welchen er die Laterne gestellt, öffnet diese und entzündet an der Flamme das Papier, plötzlich heftig erschreckt und das brennende Papier fallen lastend.) Herr des Himmels! Ruprecht. Was haben Sie? Horner. Hören Sie nicht — ein Geräusch — von dort — (Weist entsetzt gegen die Thüre in der Rückwand.) Ruprecht (horcht). Nein — nein — es ist der Wind, der durch's Gemäuer zieht — nur schnell angezündet! (Hebt das brennende Papier aus und wirst es ans den Scheiterhaufen — die Flamme schlägt empor.) Horner (der fortwährend ängstlich gelauscht). Ich hör's deutlich — Schritte — von der Treppe — Waffengeklirr— Gott im Himmel! — Zu spät — fort —fort? — (Ergreift die offene Laterne, stößt dieSei- tenthüre rechts auf und entflieht durch den Gang; dieThüre fällt hinter ihm in'sSckloß.) Ruprecht (nun ebenfalls entsetzt). Er flieht und ich — (Eilt zur Seitenthüre und rüttelt sie.) Herr Gott, sie ist in's Schloß gefallen — dorthin — durch die Fall- thüre —! (Will gegen diese, bleibt aber plötzlich wie gelähmt stehen.) Was ist das — auch von dort her — (In diesem Augenblicke erdröhnen Kolbenstöße, gleichzeitig wird die Fallthüre ausgeschlagen.) 38 Sechzehnte Scene. Ruprecht, Hermann, Dürrheim, Lux, Gendarmen, Bauern. (Die Thür in der Hinterwand fällt aus den Angeln; Hermann, einen Mantel über die Uniform geschlagen, erscheint von Gendarmen und Dürrheim begleitet aus dem untersten Treppenabsätze; Lux. mit einem Revolver versehen, kommt aus der Fallthüre heraus; Bauern, theils Tackeln tragend, thrils mit Knütteln versehen, folgen ihm.) Lux (zu Ruprecht, ihm die Waffe entgegenhaltend). Nicht von der Stelle! Ruprecht (entsetzt). Nicht schießen! Ich —ich bin unschuldig! Hermann (ist auf Ruprechts andere Seite getreten, zu seinen Begleitern). Erstickt die Flamme! (Es geschieht.) Ruprecht (ganz außer sich). Aber ich — ich Hab' mir nur ein wenig einheizen wollen! Lux. Das wird schon von anderer Seite geschehen. Hermann (zieht eine erst halb verkohlte Banknote hervor). Ha — Banknoten! — (Zu Ruprecht.) Und Sie sind allein — ? Ruprecht (für sich). Jetzt gibt's eine Ausred'! (Laut.) Nein — ich war nicht allein — der Herr Horner — er hat mich daher g'führt — ich Hab' gar nicht gewußt, was er vorhat — da — da hat er Feuer g'macht — wie g'sagt — ich — ich weiß von gar nichts! Hermann. Und wo ist Herr Horner? Ruprecht (gegen rechts weisend). Dort — dort ist er hinaus — rennen's ihm nur nach — Alle! — Ich wart' schon da auf Ihnen! Hermann (für sich). Wenn ihm die Flucht nur gelänge! Doch — (laut) wir wollen ihm nach — diesen Menschen aber (aus Ruprecht weisend) haltet fest! (Die Gendarmen ergreifen Ruprecht.) Wir Andern dorthin — (Wendet sich g'gen die Seiten- thüre rechts; in diesem Augenblicke ertönt ein furchtbares Gekrache von dieser Seite, du Thüre fällt, durch Luftdruck aus den Angel» gerissen, herein — und Dampf dringt aui der Oeffnung; zugleich hört man den Einsturz von Telsmassen. Hermann fast bis zum Um- sinken erschüttert taumelt zurück.) Herr des Himmels! Ruprecht (sich vergessend). Um Gotteswillen — in dem Gang war eine Mim gelegt — der Horner — Hermann. Er hat sich selbst gerichtet! Schlußgruppe Der Vorhang fällt. Dritter Äct. (Spielt um 8 Tage später.) (Zimmer im Hause Horner's mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren; einfach möblirt; im Vordergründe rechts ein Tisch und zwei Fauteuils; links und rückwärts an der Wand einig! Stühle.) Erste Scene. Dürrheim, Anselm. Dann Buchmann. (Dürrheim und Anselm treten durch die Mittelthüre ein.) Anselm. Sie haben Recht, Herr von Dürrheim — die Betrübten trösten ist ein Werk christlicher Barmherzigkeit — Dürrheim. Und wir haben doch gewissermaßen zu den Hausfreunden des seligen Horner gehört — Anselm. Selig? (Schüttelt den Kops.) Der Herr Pfarrer ist vorläufig noch ganz anderer Meinung — erstens ist der Horner selten in die Kirchen 'gangen - zweitens als Selbstmörder gestorben 39 Dürrheim. I?oa liqust — das heißt, ft noch nicht klar bewiesen — (Buchmann ritt durch die Mitte ein.) Anselm (ihn erblickend). Wie steht's >enn mit den Ausgrabungen? Buchmann. Es geht fast gar nicht! heut' ist der achte Tag, seitdem das Unglück g'schehen ist, Alle Tage wird von rüh Morgens bis Abends gearbeit't und nan kommt nicht vorwärts. Weiß der Kuckuck, wie stark die Min' geladen ge- vesen sein muß — es sein ja fast haushohe Felsstücke niederg'stürzt — Anselm (fromm). Na — die Erde sei hm leicht — Buch mann. Der ganze Schacht ist aerrammelt — man weiß nicht, wo zuerst mgreifen! Dürrheim. Und wozu denn auch die ganze Arbeit? Lebendig findet man ihn )och nicht — Buchmann. Nicht einmal ein' ganzen Körper — er muß ja rein zermalmt wor' den sein! 's ist auch schon der Antrag, die ganze kostspielige Arbeit einzustellen — na ja — wer zahlt's denn? Dürrheim (ans die Seitenthüre rechts weisend). Die da drinnen, die Tochter, wird's schwerlich können! Wer weiß, ob ihr überhaupt was bleibt! Man hat früher gar nicht gewußt, daß ihr Vater so viele Schulden hat — jetzt wollen die Gläubiger auf Alles greifen — Anselm. Ja, ja — da braucht die Aermste wirklich unser Beileid und unsern Trost — Zweite Scene. Vorige. Lisi (tritt aus der Seitenthüre links und will über die Bühne gehen). Dürrheim (sie aushaltend). He, Lisi -- Sie geht wohl zu der Fräul'n — Lisi. Freilich — Dürrheim. Sag' Sie ihr, dieFreunde ihres Vaters wären hier und möchten sie sprechen — Lisi. Schon gut. aber ich weiß nicht, ob sie sich sehen lassen wird. — (Nach rechts ab.) Dürr heim (zu den Uebrigen). Man muß sie doch mit einer gewissen Schonung behandeln — Buchmann. Sie kann ja nichts dafür! — Anselm. Na, was ich ihr zu sagen Hab', wird sie am meisten trösten — (Gegen die sich öffaendeSeitenthürerechtsblickend.) Still, sie kommt. Dritte Scene. Vorige. Rosi. Martin. Rosi (in Trauerkleidung, leichenbleichen Antlitzes tritt aus der Seitenthüre rechts; ihr ganzes Wesen verräth ihre innere Gebrochenheit.) Meine Herren, Sie halten mich noch eines Besuches werth? — Ich danke Ihnen! (Wankt zum Tische rechts, aus welchen sie sich stützt, und ladet die Anwesenden durch eine Handbewegung ein, Platz zu neh- meu. Dürrheim, Anselm, Buchmann setzen sich. Martin tritt indeß durch die Mittelthüre ein, und bleibt, auf seinen Stab gestützt, von den Uebrigen unbemerkt stehen, nur manchmal durch ein Wiegen seines HaupteS seine Mißbilligung kundgebend.) Dürrheim. Wir kommen, um Ihnen unsern Trost — Rosi. Unterlassen Sie dieß! Jemanden in meiner Lage trösten wollen, heißt beinahe ihn beleidigen! Anselm (zu Rosi). Na, Sie müssen sich als gute Christin fassen. Es heißt halt jetzt ein neues Leben anfangen — Buch mann. So gut wird's Ihnen freilich nicht mehr gehen, als wir Ihr Vater noch g'lebt hat. Dürrheim. Ja, der hat das Geld nicht angesehen — leichtsinnig in die Wett 40 hineingelebt, bis er (die Achseln zuckend) so weit gekommen ist — .Anselm. Wenn er nur wenigstens mit den Tröstungen der Religion gestorben wär' — aber so! — 's ist im Grund fürchterlich zu denken! (Rosi drückt dasTuch vor die Augeff, sinkt in den Stuhl und schluchzt laut.) Dürrheim. Na — vorüber! —Aber sagen Sie mir, was werden Sie denn jetzt anfangen? — Glauben Sie, daß der Herr von Fest jetzt noch daran denken wird, Sie zu heiraten? (Rosi zuckt schmerzlich berührt zusammen und macht mit der Hand eine abwehrende Bewegung.) Buchmann. Das kann er gar nicht thun — in seiner jetzigen Stellung — die Tochter von einem — — na, ich sag' nichts weiter, ich will Ihnen nicht weh' thun. Dürrheim. Sie werden halt suchen! müssen, sich einen Verdienst zu schaffen; - - freilich, anständige Leute werden sich besinnen — aber ich will Sie nicht kränken — Buchmann. Am besten wär's, Sie gingen ganz fort aus der Gegend, irgend wohin, wo man von der G schicht nichts weiß und suchet'» ein' Arbeit — was immer für ein§ — ich will Ihnen nicht beleidigen, aber man muß sich halt strecken nach der Decken — Rosi (der man die innere Qual anmerkt, welche ihr diese Reden verursachen, rafft sich endlich aus und erhebt sich vom Stuhle, sich mühsam beherrschend). Ich -— danke Ihnen — aber — ich fühle mich unwohl — Sie entschuldige» also, wenn ich mich entferne — (Will fort.) Anselm (steht aus). Nur noch Eins, Fräulein Rott! Wollen's nicht etwas dran wenden, daß man in der Kirchen Wachskerzen anzünd't für das Seelenheil — und daun — wenn ja die Leich' auf- g'funden wird, wegen dem Conduct —? (Rosi stößt einen schmerzlichen Schrei aus und eilt nach rechts ab; Anselm ihr verwundert nachsehend.) Sie will davon nichts hören? — Ja, hat sie denn gar keine Religion?! Buchmann (aufstehend, beleidigt). Mir scheint, stolz sein wir auch noch! Dürr heim (aufstehend). Unfern freundschaftlichen Rath so abzulehnen! Ja. der Gedanke an's Arbeiten ist freilich schrecklich für solche Personen — Anselm. Mein Gott! wer weiß denn, was für eine Person diese (verächtlich) Person noch wird? — A hüdsch's G'sichtl bat sie — a nett's Figürl auch — dar laßt sich verweithen! Martin (tritt in die Mitte der Anwesen den vor, und blickt sie der Reihe nach mit halb mitleidigem, halb verächtlichem Lächeln an — mehr für sich). Elendiges Volk! Dürr heim (ihn erstaunt ansehend). Ihr da? Na, Euch hat es hart getroffen! Jetzt wird's wohl aus sein mit eurem guten Humor? Mar tim. Ah na — na! Wegen die 100 Gulden? — na, im Anfang hat's mir wohl ein Bremsler geben, aber wie ich vom G'richt heimkommen bin. und mei Alte wieder frisch undg'sund troffen Hab', — hahaha — da war All's vorbei, und i — i bin schon wieder der närrische Kerl wie ehemals, — das sollen's gleich erfahren. — Dürrheim. Wie denn? Martin. Na ja, ich lern' halt nichts von so g'scheite Herrn (zieht die Mütze ab) wie Sie sein, — sonst — sonst saget ich dem armen unglücklichen Fräul'n ah no a Menge Sachen, die ihr 's Herz vollends z'reißen müßen! Na ja — 's Sprichwort sagt ja: »Wer einmal am Kreuz hängt, Wird mit Galt und Essig tränkt!« aber i, i triff das nit! Ich bin doch nie, wie die Herren (zieht wieder die Mütze ab.) vom Herrn Horner eing'laden worden, biil nie an sein Tisch g sessen, im Gegentheil, ich bin durch ihn zu Schaden kommen, aber doch, — doch dauert mich das arme unschuldige Madel, und ich — hahaha! 41 — ich bin Herkommen, um ihr -'sagen, -aß, wenn alle Welt sie verlaßt, ich und mein' Alte für sie wenigstens die grobe Arbeit verrichten wollen — hahaha! Ist das nicht recht närrisch von mir? Dürr heim (ihn geringschätzend messend). Ihr — grobe Arbeit? — Die Lust wird Euch bald vergehen! (Zu den Andern) Aber geh'n wir — Anselm. Wir wollen in dem verrufenen Haus nichts weiter zu schaffen haben! (Mit den Uebrigen durch die Mitte ab.) Martin (ihnen nachsehend). Er meint, 's ging nicht mehr mit der groben Arbeit? Oh. wenn ich nur dürft — ich hätt' ihnen schon zeigt, daß ich wenigstens den Mist hinauskehren kann mit dem Besen da! (Schwingt den Stock.) G 'findet, übereinander! Vierte Scene. Martin, Melchior, Lisi. (Melchior ein Bündel auf dem Rücken, Lisi ein Bündel Wäsche und Kleider in der Hand tragend, treten aus der Thüre rechts.) Martin (sie erstaunt ansehend). Ja. was seh' ich denn? (Zu Lisi.) Dn hast's Bunkert g'schnürt — der Melchior 's Ranzel auf dem Buckel? — Was soll denn das? Melchior. Das könnt'sEuch doch leicht denken — fort wollen wir aus dem Haus! Martin. Was? — was? Warum denn? Lisi. Na, die Fräul'n Rosi hat allen Dienstleuten aufg'sagt, weil's ihnen kein' Lohn mehr zahlen kann — Martin. Und deswegen wollt auch Ihr fort? — Lisi! bist denn Du mei Tochter? )Zu Melchior.) Und Du — Du willst mei Schwiegersohn werden? Pfui Teuxel! Melchior. Ja, was sollen wir denn thun? Martin. Ihr fragt noch? Das will ich Euch gleich zeigen! (Faßt die Hände Beider und führt sie an das Fenster links.) Da schaut's nunter! Was seht's da? Melchior. Den Kettenhund, — den Sultel — Martin. Von der Ketten Haben s ihn losgemacht, aber in dem Durcheinander haben's wohl schon a paar Tag vergessen, ihm sein Futter z'geben — er könnt fortlaufen vom Haus, oberer bleibt da! bört's es, da bleibt er, obwohl ichm schon d' Knochen fast aus der Haut hn- ausschauen! Das nenn' ich Treu' und Redlichkeit! — Ja wenn man für die Tugenden bei den Menschen a Steuer verlanget. nehmet man blutwenig ein. drum haben's die Hundssteuer eing'führt! Lisi (beschämt). Na ja — ich bleib' ja gern — wenn der Melchior auch bleibt — aber es ist halt jetzt gar so traurig rn dem Haus — Martin. Wenn die Fräul'n allein bleibt, ist's noch trauriger! Ihr maßt trachten, daß ihr's a bissel aufheitrrt — Melchior. O mein Gott! das geht gar nicht! Martin. Es muß gehen! Saprrlot! Ich thu's nit anders, und das sag' ich Euch: Wanns in ein' andern Dienst auch noch so viel z'sammbringt's. ich geb' nicht zu. daß Ihr Euch heirat's, eh' die Fräul'n Rosi wieder a heiter's G'sicht macht — Lisi. Das wird's in ihrem Leben nicht mehr — denkt's nur — das Unglück! Martin. Ah was! Der Himmel ist oft voller schwarzer Wolken, aber deß- wegen laßt der Herrgott doch d' Sonn' am Himmel steh n, und ein alt's Sprichwort sagt: »Verzage nicht, o frommer Christ! Bevor du nicht gehangen bist.« Na — und aufg'hängt ist noch Niemand worden! 42 Fünfte Scene. Vorige. Rosi. Rosi (tritt wieder von rechts heraus, zu Melchior und Lisi). Ihr noch hier? Hab' ich Euch nicht gesagt — ? Martin. Daß Sie zwei Dienstboten nicht mehr derschwingen können? Na, so halten's halt drei, denn ich rechne mich jetzt auch zu Ihre Dienstleut', hahuha! — mich bringen's nicht los — ich bin schon so a zudringlicher Ding!— (Zu Melchior und Lisi.) Aber Ihr geht's jetzt an die Arbeit, nicht alleweil dasteh'n und gaffen! (Leise zu ihnen.) Denk'ts. von heut' an sein eure Dienstbüchein bei unserm Herrgott selber deponirt. (Laut.) Na geht's nur — geht's. (Melchior und Lisi durch die Mitte ab.) Rosi (Martin ihre Hand reichend). Ihr allein seid der, der während der fürchterlichen Zeit sich täglich bei mir einfand, mich aufzurichten suchte — doch jede Hoffnung ist entschwunden, auch die, an der Leiche meines Vaters weinen zu dürfen. Soeben wurde mir mitgetheilt, daß es unmöglich sei, sie aufzufinden — Martin. Na — 's ist vielleicht besser — Rosi (starr vor sich hinblickend). Ihr könnt Recht haben, denn wie ich hörte, würde sich der Pfarrer weigern, ihn auf dem Friedhofe zu beerdigen. Martin. Aber überlassen's Ihnen jetzt nicht wieder so traurigen Gedanken — sagen's mir lieber, was ich für Ihnen thun kann. Ich bin zum Arbeiten aufgelegt. — Ein' Auftrag Werden s doch für mich haben. Rosi. Ja! Martin. Na. Gott sei Dank! Also (geschäftig) was denn? — was denn? Rosi. Ein Rechtsfreund hat mich über die Verhältnisse aufgeklärt — es soll Niemand durch mich zu Schaden kommen; — ich werde dieß Haus, die Weingärten und Grundstücke verkaufen und nichts — nichts als mein Cigenthum behalten, als — den unfruchtbaren Berg — das Grab meines Vaters! Es soll als solches bezeichnet werden. — Laßt ein hohes Kreuz zimmern und oben auf dem Gipfel des Berges befestigen! Martin. Ja — ja — das zu thun — (bedeutungsvoll) haben Sie wohl Ur- sach' — ich werd's b'stellen — heut' noch — Rosi. Doch — ich habe mich gänzlich ausgegeben—muß erst alles Ueberflüffige zu Geld machen — Martin. Thut nichts — wir arbeiten schon auf Puff! Rosi. Nein — nein! Für das Kreuz, welches Ihr auf die Ruhestätte meines Vaters setzt — (zieht ein kleines Etui hervor und öffnet es) nehmt dieß goldene Kreuz — ein Andenken meiner Mutter! Martin (hastig abwehrend). Na,warum nit gar! — Nein — nein! Behalten's es! So ein Kreuz erhebt ein' bei manchem andern Kreuz, was man zu tragen hat. Ich Hab' schon noch gute Freund' unter den Holzschlagern die mir umsonst bei der Arbeit helfen werden und heut' Abend schon soll's aufg'richt' sein — Wenn wir fertig sein, sag' ich Jhnen's — Rosi. Thut dieß—damit ichhingehe, um dort zu beten. . Martin. Sollen nicht allein sein — ich und mei Alte und noch andre brave Leut' aus'n Ort werden auch kommen, und wenn wir Alle mit einander recht auf- richiig beten, wird's g'rad' so viel aus- geben, als irgend ein lateinischer Spruch — na ja, unser Herrgott versteht doch g'wiß auch deutsch! — Na — ich mach mich gleich auf den Weg — 43 Sechste Scene. Vorige. Lisi, dann Kilian. Lisi (tritt durch die Mittelthüre ein, etwas ängstlich). Fräul'n! — der Amtsdiener — der Kilian — Rosi. Mein Gott! Wann wird man aufhören, mich zu martern? Kein Tag vergeht ohne derartige Besuche — Lisi. Er sagt, er hat nothwendig mit Ihnen z'reden — Rosi (seufzend). Ich darf ihn nicht abweisen! (Lisi ab.) Martin. Aber mir erlauben's, daß ich da bleib' — ich Hab' meinen guten Grund — (Rosi nickt zustimmend.) Kilian (tritt ganz niedergeschlagen durch die Mitte ein, sehr höflich). Küß d'Hand, gnä Fräul'n! (Will ihr die Hand küssen.) Rosi'(ihre Hand zurückziehend). Lassen Sie — Martin (für sich). Der Grobian ist ja heut'gar höstich! Das zeigt ein anderes Wetter an! Rosi (zu Kilian). Was wünschen Sie? Kilian. Ich habe die Ehre, officiell anzuzeigen, daß ich meine Demission eingereicht Hab' — Martin (leise zu Rosi). Aha! — Das heißt, er ist davongejagt worden — ich Hab' schon so was g'hört! (Zu Kilian. laut.)Und warum haben's denn dasthan? Kilian. Aus Gesundheitsrücksichten. Martin. Und hat's Ihr Amtsvorstand angenommen? Kilian. O, mit Vergnügen! Aber ich scheide mitWehmuth aus der mir lieb gewordenen Stellung, denn ich krieg' ka Pension — nicht einmal ein' Orden! Und wissen, gnä Fräul'n, wodurch ichdieß Alles verscherzt Hab'? Martin. Na — wodurch denn? Kilian (zu Rosi). Weil ich — nur um den Herrn Horner zu retten, dem Herrn Spitzer allerhand gesteckt Hab' — der Herr Assessor Fest — Rosi (mit schmerzlich unterdrücktem Aufschrei). Hermann —? Kilian. Ja— der ist d'rauf kommen! (Histig.) Dem war das freilich nicht recht, denn er ist auf die Entdeckung des Verbrechens losgegangen wie der Teufel auf eine arme Seel' — Rosi. Schweigen Sie — ich beschwöre Sie! — Kilian. Ja, er hat schon g'wußt, warum er's than hat — Martin. Na — warum? Kilian. Weil ihm die Nationalbank für seine Hartherzigkeit eine Gratifikation von zwanzigtausend Gulden geben hat — Rosi (zusammenschauernd). Deßhalb — deßhalb —?! Siebente Scene. Vorige. Lisi. Lisi (tritt durch die Mitte ein). Derzei- hen's, Fräul'n, daß ich schon wieder — Rosi. Was ist -? Lisi. DerHerr von Fest läßt bitten — Rosi (erschreckt). Er—er?— (Zu Lisi.) Ich kann ihn nicht sehen — ich kann nicht! Wann er in seiner Amtsthätig- keit erscheint, so laß ihn herein — doch ich entferne mich — (Will fort.) Marlin. Bleiben's, Fräul'n Rosi, bleiben's! Ich will mit ihm reden — er wird mir wohl sagen, um was es sich handelt — ich bin gleich wieder da! (Mit Lisi durch die Mitte ab.) Kilian. Recht haben gnä' Fräul'n, daß's ihn nicht vorlassen! — 's ist eine Frechheit von dem Menschen, daß er sich noch untersteht, in ein HauS zu kommen, über das er nichts als Elend und Jammer gebracht hat! Er hat Ihnen vermuthlich nur die Cur gemacht, um Alles auszu- spioniren, der Judas, der! 44 Rosi (die Hand an die Stirne pressend). Halten Sie ein — um Gotteswillen — halten Sie ein! (Kaum mehr im Stande sich zu fassen.) Ich weiß überhaupt nicht, was Sie — wenn Sie nicht mehr bedienstet find — bei mir suchten? Kilian. Verzeihen's, gnä Fräul'n, ich Hab' doch gehofft, daß Sie — für meinen guten Willen — mir eine kleine Unterstützung — Rosi. Ich? — Ich bin selbst gänzlich verarmt, ich besitze nichts—wenigstens im Augenblicke — gar nichts! — (Sinkt erschöpft in den Stuhl.) Kilian (heimlich zu ihr). Na ja— Sie haben Recht, daß's so reden —vor andern Leuten, aber — unter uns — a bissel was werden Sie doch auf d'Seiten geschafft haben — ich verrath' nichts — aber (streckt die Hand aus) a Kleinigkeit — Achte Scene. Vorige. Martin. Martin (tritt in freudigster Aufregung durch die Mittelthür ein, bleibt aber an derselben stehen, für sich). Das — das erfahren — das wissen — und doch — doch nicht reden dürfen! Alter! Faß dich — «'scheidt sein, — g'scheidt, sonst gibt's ein Unglück! Kilian (ohne Martin zu bemerken, zu Rosi). Schaun's, wenn ich so boshaft gewesen wäre wie der Herr Fest, so hätt' ich auch was kriegt von der Bank— aber so verdien' ich nichts — Marlin (vorwärts eilend). Als was auf der Bank! Aber halten Sie jetzt 's Maul — (Zu Rosi.) Fräul'n Rost! Rosi (sieht ihn verwundert an). Was ist Euch? Habt Ihr mit Hermann gesprochen? Muß ich ihn empfangen? Martin (ganz verwirrt). Nein — das heißt — ja — aber nicht gleich — ich Hab' ihm selber g'sagt, er soll ein' and're Zeit wählen—ich muß ja erst — (K sich.) O Gott, wenn ich nur rede» dürft' — Rosi. Ihr seid ganz verwirrt — es muß etwas Besonderes vorgefallen sein- Martin (für sich). Daß ich mich nicht verstellen kann! — (Sich besinnend, sm sich.) Halt — a biß'l was kann ich je doch verrathen! (Laut.) Ja, —sehen's, der Herr Fest — er hat wirklich zwanzig, tausend Gulden kriegt — Rosi. Mögen sie ibm Segen bringet!. Martin. Ihm weniger als Andern! — Wiffen's denn schon, wozu er's ver- wendt? Rosi. Mir gleichgiltig! Martin. Nein — nein — kann Ihnen nicht gleichgiltig sein! — Er ver- wendt's, um all' die Leut', die durch die schlechten Papier' betrogen worden sein, zu entschädigen — da — da schaun's her! (Zieht eine große Banknote hervor.) Mir hat er schon den Hunderter ersetzt - und was noch übrig bleibt, das — (Mr sich, indem er sich aus den Mund schlägt.) Wirst stad sein, alte Plaudertaschen! Rosi. Jetzt begreif' ich wohl, daß Euch die Freude so mächtig aufregt— Ihr könnt nun eure Tochter glücklich machen — Martin. Mei Tochter? Meiner Seel', an die Hab' ich jetzt gar nit denkt — nit einmal an meiAlte — nicht einmal an mich selber — aber an - - — (Wieder innehaktend, sür sich.) O Gott! — OGott! Mir zersprengt's fast die Brust — 's ist mir, als müßt' Alles heraus — und ich darf doch nicht reden, sonst trifft's vor mein Augen der Schlag! — Ich muß schauen, daß ich's fortbring' — (Laut.) Fräul'n! Ich geh' jetzt fort, die B'stel- lung ausführen, aber Abends — Abend's — da kommen's dann hin zu dem Berg und dann — (Will wieder weiter sprechen, würgt aber die Worte gewaltsam hinab, dann:) Ich bitl' Ihnen um Gotteswillen, 45 gehen Sie fort und lassen's mich allein, sonst derstick' ich —! Rosi. Ihr seid so freudig gestimmt, daß — (wehmüthig) meine Gesellschaft allerdings nicht für Euch paßt! — — Geht, Glücklicher, zu den Glücklichen — ich halte Euch nicht auf! (Geht nach rechts ab.) Martin. Gott sei Dank' daß's fort ist — denn ich — ich bin in einer Stimmung — (zu Kilian) daß ich sogar Ihnen — Kilian. Vielleicht ein paarGulden — (Hält die Hand hin.) Martin. Nein — Fünfundzwanzig beruntermessen könnt'! — Sie — Sie — haben den Herrn Fest so verleumdet — (mit geballten Fäusten) Sie verdienten — Kilian (springt furchtsam zur Seite). Alter —! Martin (sich beherrschend). Ihr Glück, daß ich jetzt ka Zeit bab' — erinnern's mich ein anderes Mal daran — ich werd' Ihnen nichts schuldig bleiben — aber jetzt an d' Arbeit — an d' Arbeit! (Eilt durch die Mitte ab.) Neunte Scene. Kilian (allein). Ich weiß nicht, was der alte Narr gegen mich hat? — Was geht's denn ihn an, daß ich dem Herrn Spitzer vertrauliche Mittheilungen gemacht Hab' — das thun sogar die größten Diplomaten öfter! — Der arme Spitzer! So ein generöser Mensch, von dem ich so viel hält' verdienen können — den edlen Menschenfreund sperren's mir ein! Und warum? — Weil seine Papiere schlecht waren. — O Gott! Es gibt doch außer den falschen Banknoten noch eine Menge Gattungen von schlechten Papieren, wegen denen aber kein Mensch eingesperrt wird! Couplet. 1. Ein' Bauplan hat g'zeichnet ein Herr Architekt, Die Linien und Striche sind alle correct, Das Bild stellt ein Haus dar, für d' Ewigkeit bestimmt, Und wirklich den Bau man in Angriff gleich nimmt. Doch wie s noch kaum droben im zweiten Stock sein — Stürzt die ganze Bablatschen wie a Kartenhaus ein! Und der Plan war so schön — 's ist viel zahlt wor'n dafür — Und doch war er nichts — als ein schlechtes Papier! 2 . Ein blutjunges Mädl. unerfahr'n in der ' Welt, Ein duftiges, rosenfarb's Brieferl erhält, Ein Lebemann schreibt ihr, daß sie ihn entzückt. Und bitt', daß 's mit ein Rendezvous ihn beglückt. Sie fühlt sich geschmeichelt und küßt diesen Brief, Er schildert Gefühle so innig und tief; Enthält zur Bestätigung zehntausend Schwür' — Doch zeigt sich's gar bald — 's war a schlechtes Papier! 3 . Es kommen gewisse Journale heraus, Die nehmen sich ungelesen sehr vornehm aus, Sein gar auf Velin druckt — durchaus elegant, Doch sangt man's z' lesen an und — wirft's aus der Hand — 46 Denn Alles, was mühsam errungen wir hab'n — Verfassung und Freiheit — das Blatt ichimpfl's zusamm' — Und gäb' uns gern Knechtschaft und Blindheit dafür — So a Blatt — ja es gibt gar kein schlech- ter's Papier! 4. Recht fleißig ist d' Wafferversorg-Commission, Viel Hoffnungen sein ja zu Wasser wor'n schon; Verträge hab'ns geschlossen von wegen den Röhr'n, Doch hört man nur täglich von neuen Malheur'n — Und sieht, statt ein trinkbares Wasser zu krieg'n, Nur's Geld der Commune beim Fenster 'naus flieg'n — Na solche Verträge — erlauben Sie mir — Die sein doch nichts Anders — als — schlechtes Papier! 5. Ein Cassabeamter braucht viel für sein Haus, D'rum kommt er mit seinem Gehalt oft nicht aus; Das Glück soll ihm helfen — er setzt in d' Lotterie — Es kommen wohl Nummern — aber seine sein's nie! Er setzt jetzt statt seinem — ihm anver- traut's Geld, Hofft endlich doch z' g'winnen und — wieder ist's gefehlt! D'rauf sticht er und laßt statt Banknoten nur hier Ein' berliner Riscontos — als schlechtes Papier. * 6 . Ein Dichter kaust gutes Papier sich m Rieß — »Wenn das mit mein' Versen erst voll- g'schrieben is —« So denkt er — »entzückt es gewiß d ganze Welt, Und mir trägt es Lorbeer« und Säcke voll Geld.« Er bringt auch am Schreibtisch zu Tag! und Nächt', Doch find't er kein' Buchhändler, der'? drucken möcht' — Zum Kasstecher wandert's—denn g'rad' sein Geschmier Hat g'macht aus dem guten — m schlechtes Papier. 7. 's gibt Briefe, die sollen die Mensch« belehr'n,GW Wie sie einmal würdig des Himmelreich? wer'«; Das wär' wohl ganz recht, aber wenn so ein Schreib'« Sich einmengen will in's — politische Treib'n, Und streng' will verdammen die G'sch, gerad', Auf denen beruh'n soll das Recht und der Staat, So daß statt zu leit'n, es die Heerdt führt irr' — Dann, noch so fromm g'halten — ist's a schlechtes Papier. Zwischenvorhang. Verwandlung. (Gebirgsgegend — im Hintergründe der eines Berges, welcher gegen links zu aussteigt — mächtige Felstrümmrr liegen rings E 47 er — aus der Spitze des Berges erhebt sich ja mehr als klasterhohes aus Baumstäm- neu gezimmertes Kreuz. Ganz im Vordergründe steht eine armselige, halbverfallene Valdhütte. Es ist bereits Dämmerung einge- reten — später wird der Vollmond am Himmel, anfänglich zum Theil hinter vorüberziehenden Wolken, sichtbar.) Zehnte Scene. Martin, mehrereHolzschläger, Mar- zgareth. (Martin und die Holzschläger, mit ^ Hauen, Hacken und Spaten versehen, kommen vom Berge herab, bleiben aber mehr im Hintergründe.) Martin (sich den Schweiß von der Stirne trocknend). Spät ist's wor'n — aber fertig sein wir doch! — (Zu den Holzschlägern.) Ich dank' Euch, Leuteln, vor der Hand nur mit ein': »Vergelt's Gott!« — aber ich glaub', 's wird sich heut' auch noch ein Mensch finden, der eure Müh' lohnt! — Geht's jetzt nur nach Haus und holt eure Weibsleut' — Ihr wißt schon, was heut' noch da g'schehen soll! (Die Holzschläger drücken Martin die Hand und entfernen sich nach dem Hintergründe rechts; Martin geht nach dem Vordergründe vor.) Margarth (tritt im Vordergründe links aus — Martin erblickend). Na — tress' ich Dich doch einmal? Martin (gegen das Kreuz weisend). Da stehst, mein heutig's Tagwerk! (Heiter.) Hab' nicht allein mein Kreuz (seine Hand aus Margareths Schulter legend) haben wollen, d'rum Hab' ich für and're Leut' auch eins g'macht! — Bist jetzt ruhig? Margareth. Na — na — was den heutigen Tag betrifft! — Aber Du bist nur schon die ganze Wochen so cun'os Vorkommen — bist alleweil allein in Wald gangen — oft lang ausblieben — ganz richtig ist's nicht mit Dir! Martin. Na ja — weißt ja, wie ich bin — hahaha — alleweil Z'samm- b'stellungen mit Weibsbildern — und ich g'steh' Dir's lieber gleich — auch heut' — Margareth. Bin ich Dir zur un- rechten Zeit kommen? — Am End' gar dort — (Will gegen die Hütte rechts.) Martin (rasch, für sich). Dorthin därf's mir nicht! (Laut, gegen links weisend.) Nein — von dorther kommt's! Margareth (wendet sich um, erstaunt). Meiner Treu? — Da vom Waldweg her — zwei Frauenzimmer — da will ich doch sehen — (Geht den Kommenden einige Schritte entgegen; Martin benützt den Moment, um von ihr ungesehen in die Hütte zu schlüpfen.) Eilfte Scene. Margareth, Rosi, Lisi (kommen vom Vordergründe links; Rosi hat das Haupt mit einem schwarzen Schleier bedeckt). Margareth (sie erkennend). Ah so — die Fräul'n — und mei Tochter — Lisi. Ja, der Vater hat uns sagen lassen, daß Alles fertig ist — Margareth. Hat er mich schon wieder g'fopvt! Na wart! — (Wendet sich gegen rechts, erstaunt, Martin nicht mehr zu sehen.) Ja, wo ist er denn hinkommen? — Er kann noch nicht weit sein — da muß ich ihm doch nach! Nein, was man auf die Männer, und wann's noch sk> alt sein. Acht geben muß! (Eilt nach rechts, hinter der Hütte ab.) Rosi (hat sich indeß mehr gegen das Kreuz gewendet und betrachtet es). Ein schmuckloses Kreuz — von nun an das Ziel meiner Wege! — (Zu Lisi:) Laß mich allein hin! (Will gegen den Hintergrund gehen.) 48 Zwölfte Scene. Vorige. Hermann. Hermann (tritt von rechts hinter der Hütte hervor, geht aus Rosi zu — bleibt einige Schritte von ihr stehen mit Innigkeit). Röschen! Rosi (bleibt stehen, erblickt ihn — und weicht zurück — beleidigt). Herr Fest! — Sie verfolgen mich selbst auf diesem Gange —? Hermann (ernst). Ich mußte Sie aufsuchen — und Ihnen eine Mitthei lung machen — für Sie vom höchsten Werthe — Rosi. Was hat für mich noch Werth? — Mein Vater ist todt! Hermann. Aber kein Makel haftet an seinem Andenken! Dieß Ihnen zu verkünden suchte ich Sie auf. Wollen Sie mir nun Gehör schenken? Rosi (überrascht). Was sagen Sie?— Erklären Sie! — (Kommt mit Hermann mehr in den Vordergrund.) Hermann. Die Untersuchung ist zu Ende geführt. Es gelang mir zu beweisen, daß Spitzer allein der Schuldige sei. Ich brachte ihn zu dem Geständnisse, daß Ihr Vater nur ein Mal, ohne zu wissen, um was es sich handle, bei der Anfertigung der gefälschten Papiere zugegen war, aber schon om nächsten Morgen sich losgesagt und auf die Vernichtung der Werkzeuge und Erzeugnisse gedrungen habe — da erfolgte die Entdeckung, seine Flucht und — (Schweigt.) Rosi. Sein Tod! Hermann. Dieser war nicht dieFolge eines Selbstmordes — Rosi (noch aufgeregter). Nicht? — nicht? Hermann. Ihr Vater wußte gar micht, daß der Schacht, durch welchen er entfliehen wollte — bereits von Spitze, zu demselben Zwecke unterminirt wordei war — ein unglückseliger Zufall muß dal brennende Licht, welches er in der Hani trug, einer der gelegten Luntenschnüli nahe gebracht und so die Explosion Hw vorgebracht haben. Rosi. So hat ihn also Gott gerichtet — Hermann. Das menschliche Gericht muß seine Schuldlosigkeit anerkennen. Zi schätze mich glücklich, diesen Beweis uiß die Ehre Ihres Vaters hergestellt zu baben. (Sieht Rosi schweigend an Pause Dann:) Wird mir kein Wort der Versöh nung zu Th eil? Rosi (nach einem innern Kampfe). Ii — danke Ihnen —! Dreizehnte Scene. Vorige. Martin, Margare1h.(Martiii ist während des Schlusses der vorigen Scem aus der Hütte getreten, ein Blatt Papier ie der Hand haltend; Margareth ist gleichzeitig von rechts hinter der Hütte hervorgekomment Martin gibt ihr, aus Hermann und Rosi deutend, einen Wink zu schweigen; Margareth tritt zu Martin und bespricht sich leise mit diesem.) Hermann (tritt näher zu Rosi). Und auf mehr als dieses kühle Dankeswort darf ich nie — nie mehr hoffen? (Rosi deutet mit der rechten Hand gegen den Berg, wendet sich, das Haupt verneinend schüttelnd, ab und drückt mit der linken Hand ihr Tuch an die Augen.) Martin (tritt gegen die Mitte vor, geschäftig). Verzeihen's, wenn ich stör' — Hermann. Ihr da, Martin — Martin. Ja — ich — ich Hab' da - auf dem Waldweg ein' offenen g'fundeu — ich kann nit lesen — schau» Sie ihn einmal an — 49 Hermann (nimmt das Blatt, überrascht). Diese Schriftzüge — Martin. Vielleicht kennt's die Fräul'n Rosi! Rosi. Ich? — (Wendet sich wiederum.) Hermann (ihr das Blatt hinhaltend). Sehen Sie — Rosi (wirft einen Blick aus das Blatt — aufschreiend). Die Hand — meines Vaters! Hermann. Lesen Sie —! Rosi (säst schwindelnd). Ich — ver- mag's nicht — mein Aug' ist wie geblendet — Hermann. Geben Sie mir. — (Nimmt ihr das Blatt ab und liest:) »An meineTochter. Lange schien mir nur ein reich begüterter Mann würdig, deine Hand zu erhalten. Ich Hab' es erkannt, nichtReich- thum, wohl aber die strenge Ehrenhaftigkeit des Gatten ist die sicherste Bürgschaft für das Glück der Ehe. Der Mann, welcher selbst seine Liebe der Pflicht zu opfern fähig ist, wird auch nie die Pflicht gegen seine Lebensgefährtin verletzen. Nur einer solchen Verbindung geb' ich meinen Segen—«(Spricht.) Ist dieß wirklich Horner's Hand? — Wann sollte er den Brief geschrieben haben? Martin. Hm, vielleicht g'rad' an dem Tag', an dem er zum letzten Mal auf die Bergruine gangen ist — vielleicht hat er eine Vorahnung g'habt — wer kann's wissen — vielleicht — na, kurz und gut — die Fräul'n Rost erkennt einmal an, daß das die Schrift — ich könnt' fast sagen, der letzte Wille Ihres Vaters ist und (tritt zu Rosi) 's fragt sich nur, ob sie ihn auch erfüllen wird! Hermann (flehend zu Rosi). Röschen —! Rosi. Sie sehen — ich bin im -Tr au er kleide! Martin. Ah pah — pah, pah! Auf's Kleid kommt's nicht an. Ich Hab' einmal a Braut g'sehen, die war im rosenfarben- sten Festkleid und mit Brillanten und Blumen aufputzt und doch, doch hat man in ihrem blassen G'sicht, in ihren verweinten Augen nur den tiefsten Schmerz g'le- sen, weil sie eben eine gezwungene Braut war — und so — so mein' ich, kann man umkehrt auch im schwarzen Kleid' d' höchste Freud' empfinden! Rosi. Freude? — Angesichts dieses Felsengrabes? Martin (für sich.) Jetzt heißt's stad vorwärts, geh'n! (Laut.) Felsengrab? (Mit einer frommen Feierlichkeit.) Fräul'n Rosi, unser Heiland — (zieht die Mütze ab) ist auch in einem Felsengrab g'legen, war mit einem schweren Stein zudeckt und doch — doch — ist er auferstanden. Hermann (erstaunt). Was wollt Ihr mit diesem Gleichnisse? Rosi. Martin! Was verrathen eure Worte — Oh, mein Gott! — (Sie wankt und muß sich an Lisi anklammern.) Martin. Na — na — ich mein' nur, daß 's doch noch nicht ganz sicherg'stellt ist, daß der Herr Horner wirklich todt ist — es wär' ja auch möglich — Hermann (dringend). Was — was wäre möglich? Martin. Na — nehmen wir nur den Fall an! — Er ist, wie ich g'hört Hab', in den Schacht — nehmen wir an, er hält' den Ausgang erreicht und hält' weiter fortfliehen wollen — seht — nehmen wir an — hätt' er aber g'furcht', daß die brennende Lampe in seiner Hand in der dunklen Nacht ihn verrathen könnt' und da — nehmen wir an — hätt' er die Lampe zurück in den Schacht geworfen — 's Pulver hätt' sich entzünden — der Spectakel wär' losgangen — der Fels eing'stürzt — aber er — er wär' schon ziemlich weit fortg'wesen — Rosi (kaum mehr ihrerSprache mächtig). Weit — fort —? Wien. Theat.-Rep. Nr. 273 . 50 Martin. Naja, wie g'sagt — an- ueh men laßt sich das Alles — Rosi (wieder zweifelnd). Nein — nein! — Wäre er gerettet — er hätte wenigstens mir eine Kunde zukommen lassen. Martin. Hm! — Es wär' ja auch möglich, daß er — vor Schrecken und Angst erschöpft — im Wald' ohnmächtig z'sammg'sunken wär', daß ihn erst am nächsten Morgen — vielleicht irgend ein alter Holzsammler g'sunden und den an Leib und Seel' Kranken derweil in einer Höhle — oder sonst wo verborgen und g'pflegt hätt' — ich sag' — möglich wär' das doch auch — (Fixirt Rosi fortwährend.) Rosi (nun bereits ahnend, doch den freudigen Gedanken kaum zu fassen fähig — zitternd vor gewaltiger Aufregung). Möglich? — Und — eure Blicke — das Lächeln auf euren Lippen — Martin! — Wenn — wenn es — so wäre —? Martin. Ja, wenn's so wär' — und ich — ich könnt' sagen: »Ja, so ist's« — ich glaub', Sie könnten's ja gar nicht ertragen! Rosi. Nicht ertragen — ich? — Die unnennbare Freude würde neue Lebenskraft in mir erwecken! O sprecht —sprecht es aus! Martin. Na — so denken's Ihnen halt — ich — ich hätt' Ihren Vater g'funden — aber verborgen g'halten, bis ich erfahren Hab', daß er vom G'richt nichts zu fürchten hätt' — und ihn heut' erst daher — (aus die Hütte weisend) gebracht — Hermann und Rosi. Dort — dorthin —? Martin. Und jetzt sage ich — (mit lauter Stimme) heraus! Vierzehnte Scene. Vorige. Horner, dann Melchior. (Die Thür der Hütte fliegt aus; Horner in demselben Anzuge wie zum Schluß des zweiten Actes, aber Spuren des überstandenen Leidens im Antlitze tragend, tritt aus der Hütte, sprachlos die Arme gegen Rosi ausbreitend ; Rosi stößt bei seinem Anblicke nur einen Schrei aus, will zu ihm, ihre Knie brechen aber ein und sie ist im Begriffes ohnmächtig zusammen zu finken.) Martin (fängt sie rasch mit seinen Armen aus). Da haben wirs! Ist das die Lebenskraft? Horner (eilt ebenfalls zu Rost). Mein Kind! — Mein armes Kind! An meine Brust — Martin (zu Horner). Erschrecken'snicht — ich weiß schon a Platzl, wo sie sich schneller erholen wird! — (Zu Hermann.) Herr Fest — nehmen Sie mir's ab! Hermann (eilt hinzu und schließt Rosi in seine Arme). Röschen — mein Röschen fasse Dich! Melchior (tritt von rechts auf, bleibt aber anfänglich zusehend dort stehen). Rosi (schlägt die Augen zu ihm auf). Hermann! — (Wendet sich gegen Horner.) Und Du, Vater, gerettet — oh, faß' ich denn die Seligkeit! (Bricht Ln ein von Thränen der Freude begleitetes Lachen aus, umarmt bald ihren Vater — bald Hermann.) Melchior (eilt zu Lisi, saßt ihre Hand und ruft laut). Die Fräul'n Rost lacht — Vater Martin, jetzt — segnet's uns nur gleich! Martin (eilt zu Melchior und Lisi, während er zu Horner spricht). Ich denk', — wir Zwei haben jetzt das Nämliche zu thun — (Segnet das Paar.) 51 Horner (tritt zwischen Hermann und gosi). Meine Tochter mein Retter meiner Ihre! 1 Martin. Und das Kreuz s oll stehen b eiben zum ewigen Andenken au die Er- rittung — mit einer Tafel, die die Auf- Mist kriegen soll — Horner. Setzt die Worte darauf: »Herr, führe uns nicht in Versuchung!* (-!»Rosi und Hermann.) Kommt, Kinder! - Am Fuße dieses Kreuzes will ich eure Äebe segnen! Schlußscene. (Während sich Horner, Hermann und Rosi gegen den Berg wenden, tritt der Vollmond ganz klar hervor und beleuchtet die Bühne mit mildem bläulichen Lichte. — Landleute kommen im Hintergründe mit Fackeln und Blumensträußen an den Fuß des BergeS. Die ganze Scene ist melodramatisch begleitet.) (Der Vorhang fällt.) Druck und Papier von Leopold Sommer : -.jftTi)' '>'?' ' - - .. ' ' ' k j^i!Mu-ir^Ä^ijL .!. ^ -.u l. 7 E-. - f j!o ' -Ä t -r' 8^6 ,^aj> ^ .nl': >''. . HM M Ä^-.äM>-'^!R4rü t-/, >-./ --: 'ÜÄ. 1;^-!^' M'l 'UM ^ ^:-r ^ ^nt« ' ' - .... - u 7> i:^?'7!,6 4t!'.'^ ) ''.»-»Ä 4'rrl -^ > '^iL' 6.:^ r-:-^ ir? ' ^: pr.-u ^ !j-ttMtt^ /',>L >..^.ls1r'-''r-^ W^aiMm'1-i ^^5- - n:.: Mt Ä'M 5är^- -/. ' <.; j l5 f ;.Uttörv^ ^E,k ^ - - ^4L MW / >»rW ui ismO .- ^.«m« « It. «l^u 2!>.- L x---° Nur als Bühnen-Manuscript gedruckt uud Eigenthum des Verfassers. Der letzte Zwanziger. - - Locale Zauberposse mit gesang,Tanz und pantomimischen Scenen in drei Abteilungen von Kols. Musik von Carl Binder, Kapellmeister. Personen: Kling kling, eia Silberzwanziger. Herr Krall, ein reicher Privatmann. ^ n ö l l e r l, Drechsler und Spielwaarenhändler. Dorothea, sein Weib. Nucki. Lehrbursche bei Knöllerl. ^rau Clara, eine Verkäuferin. ^ah r, rin Bürger. )err Schweinsberger. ^rau Pfitzhuber, Tabakkrämerin. Sebastian, Gärtner. Böller, Arzt. ^riedeborn, ein Handwerksbursche. -)acob, Bedienter. ^iiegitz, Wächter. Ein Korporal. Mathias, ein Bauer. Knoll, ^ Rusfo, > Räuber. Kurt, t Murt. f Michel. Anton. Der Traumgott. Käufer, Verkäuferinnen, Stadtbewohner Traumgestalten. Mechanische Puppen in der Spielwaaren-- handlung. Knöllerl's Kinder. Räuber. Silberzwanziger. ! >>e Handlung spielt in einem kleinen Städtchen und in der Umgebung desselben. Don einem Acte zum andern ist immer ein Zwischenraum von 24 Stunden. Mrner Thrater.Neperto«r Nr. 274 . 1 Erste Mtheikmg. / Freier, offener Marktplatz in dem, einem kleinen Städtchen nahe gelegenen Gehölze. Man hört in der Ferne eine Glocke, welche, wie üblich, das Zeichen znr Beendigung des Marktes gibt. Die Verkäufer sind eben alle beschäftigt, ihre Stände, Buden rc. auszuräumen und zu verlassen. Rechts die etwas größere Bude Knöllerl's, vor derselben einige Kisten, in welche Dorothea, dessen Weib, die noch in der Bude befindlichen Maaren zu verpacken im Begriffe ist. Auf der entgegengesetzten Seite Frau Clara, eine Verkäuferin. Erste Scene. Chor der Verkäufer (mit Begleitung der Glocke in der Ferne). (Während dem werden die Stände weggeräumt, sowie auch die Kisten beseitigt, und nach dem Chore gehen Alle, sich zum Abschiede die Hände drückend, nach verschiedenen Seiten bis aus Dorothea und Clara ab.) Zweite Scene. Clara. Dorothea. (Beide sind unterdessen mit dem Aufräumen ihrer Maaren fertig geworden. Clara hat Alles in einen großen Korb gepackt. Dorothea hat sich auf einem zurückgebliebenen Krämerkasten niedergelassen und ist in tiefes Nachsinnen versunken.) Clara (den letzten Bündel schnürend). So! Nun also ist der Markt auch wieder vorbei. Ich muß sagen, ich bin das Mock recht zufrieden damit. (Za Dorothea.) Nun, Frau Dorothea, und Sie? Dorothea (wendet sich mit düsterer Miene gegen Clara). Clara (für sich). O mein Gott, wie niederg'schlagen als das arme Weib wieder d'reinschaut. Aber sie hat ja auch Ursache dazu. Da sitzt ihr Mann, der liederliche Ding, schon seit der Früh im Wirths- haus bei die Lumpen drent — und trinkt und spielt was Zeug halt. Nein, was recht ist — ist recht, aber der verdient so ein' Engel von ein' Weib, wie die ist, wahrlich nit." Aber was red' ich da — ich muß schauen, daß ich fortkomm'. Meine Kinder, mein Mann, 14 Tag Hab' ich's schon nit g'sehen. O die warten schon g'wiß alle mit Schmerzen auf mich. Adieu, Fron Dorothea — auf Wiedersehen! Dorothea (reicht ihr schmerzlichergriffen die Hand. Clara ab). Dritte Scene. Dorothea allein, später Mucki. Dorothea (ihr nachsehend, dann seufzend.) O Gott, könnt' ich gleich Dir mit solcher Freud' und Seligkeit im Herzen in die Heimat zurückkehren. Aber das Glück ist mir nicht vergönnt. Mit Angst unö Zagen werd' ich nach langer Zeit wieder zum ersten Mal meine Kinder an die Brust drücken, denn ich weiß ja nicht, ob ich vielleicht nicht schon in den nächste» Tagen außer Stand bin, ihren Hunger mit einem Stückl Brod zu stillen. Und das Alles nur wegen einem leichtsinnigen, durch schlechte Gesellschaft verführten Man»- 200 Gulden, alles Geld, was wir da a»! dem Markt gelöst haben, und mit dB wir doch einen Theil unserer Schulde» zahlen könnten, hat er schon vor a pa/u Stunden eing'steckt und ist damit da hl»' über. O du mein Himmel, mir ist so so»' derbar zu Muth! Wenn er sich von sti»el 3 Leidenschaft hinreißen ließ, wann auch das Letzte, was wir noch besitzen, verloren- §ing, nein — nein — ich kann den Gedanken nicht fassen. jGetümmel und Streit in der Scene, auf der Leite, wo das Wirthshaus angenommen wird.) Dorothea (erschrocken in die Scene se- -end). Hilf, Himmel, was ist das? Im Wirthshaus gibt's Streit, mein Mann ist auch dabei. Wie leicht kann ihm nit sitzt, wo's Alle vom Wein und Spiel erhitzt find, was passiren. Ich muß hin, Weicht gelingt es mir durch gute Worte — (Will ab.) Mucki. (Knöllerl's Lehrbursche vertritt ihr den Weg, etwas carikirt gekleidet, hält sie Ms.) Meisterin! Meisterin! Dorothea (will fort). Was gibt's, Las ist dort vorgefallen? Mucki. Sorg' sich die Meisterin nit. A ist schon Alles vorbei. Der Meister hat mir mit einem guten Freund mehrere lebhafte Noten g'wechselt. Bleib' die Meistere da. Ich Hab' der Meisterin viel was Wichtigeres zu erzählen, was Entsetzliches, ftg'ich der Meisterin. Dorothea (ängstlich). O mein Gott, Las wird das wieder sein! Mucki. Vor Allem versprich mir die Meisterin, daß Sie nit erschrickt, die Meisterin ist Familienmutter, wär' mir ! «rd, wenn die Meisterin der Schlag ! treffet. Dorothea (wie oben). Red', sag' ich, und ist's auch was immer! Mucki. Für's Allererste will ich gar urchts Anderes, als jede freundliche Verbindung zwischen mir und der Meisterin ovbrechm. Ich fordere meine Pässe zurück, if h-ißt: ich gch! Dorothea. Aber weiter — weiter! ^Mucki. Weiter? Ah, das ist nit schlecht. lst das der Meisterin noch nicht g'nug? ^Dorothea (sich von ihm abwendend). Mucki. Ja, ich hab's im Vorhinein gewußt, daß diese Nachricht die Meisterin erschüttern wird, aber wie g'sagt, es thut's nimmermehr. Uebrigens sorg' sich die Meisterin nicht, ich werde die Meisterin in keine Verlegenheit bringen. Wann's der Meisterin recht ist, stell' ich als Bub' meinen Ersatzmann. Dorothea (geht in den Hintergrund). Mucki (für sich). Ja, mein Entschluß steht fest, ich werde Kunstreiter. Ich komm' grad' vom Circus und habe wiederholt gesehen, daß man nur auf diesem Felde allein noch im Stande eine ordentliche Karriere zu machen, den Contract Hab' ich unterzeichnet, heute ist, weil der Markt zu Ende, die letzte Vorstellung, und morgen bin ich vielleicht schon mit einem Schulpferd per du. Das wird ein Genuß werden. Da hat mir der Director den Zettel von heut' geben, und hat mich ersucht, ich macht' ihn wo anpicken. Was da Alles wieder d'raufsteht! Ah. das ist außerordentlich! (Liest.) Erstens wird der Herr Beefsteak, der berühmte Engländer, als Gentleman sich auf mehrere graziöse Stellungen einlassen, einen Reif von diplomatischen Verwirrungen durchspringen, während dem mehrere Nationen gegen einander Hetzen, und auf der andern Seite als Engel der Versöhnung wieder zum Vorschein kommen. Und das Alles auf mehreren neben einander laufenden Europäern. Zweitens wird die Demoiselle Zopfiknutzky sich besonders im Rückwärtsspringen Hervorthun. Und nachher erst das Allerletzte heute, das ist gar famos. (Liest.) Herr Je, genannt der kühne Berliner, wird sich erstens sehr geschickt auf verschiedenen Mißverständnissen balanciren, ein ganzes Dutzend von vaterländischen Hoffnungen bloß mit drei Fingern bei der Nase herumführen, und zum gänzlichen Beschluß sein eigenes Wort mehrmal übers Knie obbrechen, was für einen gewöhnlichen Menschen ganz was Außer» ordentliches sein soll. 3 * 4 Dorothea (erschrocken in die Scene blickend). O Gott, was seh' ich wieder! Mucki. Na, was ist's? (Lärm wie oben in der Scene.) Dorothea (ängstlich). Mein Mann wird beim Wirthshaus hinausgeworfen. Mucki. Das wundert mich gar nicht. Das Gasthaus ist das beste in der ganzen Gegend, da kann man Alles haben (Rasche Musik.) Vierte Scene. Koöllerl. Die Vorigen. Knöllerl (in der größten Aufregung). Lied. Wart, Fortuna, wenn ich einmal Dich erwisch', Du kannst Dich freuen, Mich in einfort zu narriren — Nein, ich kann Dir's uit verzeihen! Während Du nach allen Seiten, Deine Gaben thust vergeuden — Muß ich Aermster — ganz allein — Immer der Gefoppte sein! Ist denn gar kein Weg, ist denn gar kein Steg, Der mich außiführt aus diesem Pech? Aber man darf sie ja nur so betrachten, Wie's commod auf der Kugel ob'u steht, Sich bald dahin — bald dorthin thut drehen. So wie halt der Wind eben geht. Nein, ich sag' es unverhohlen, Die Geschicht wird mir schon zu dick. Für ein Weib von ein wenig Charakter, Hat das Umkugeln wahrlich kein G'schick. Und g'rad heut hat's mich Gar so fürchterlich — Zn die Sauce hineing'führt wie noch nie! (Spricht.) Zuerst Hab' ich am Herz Kö- nig g'setzt. — Aber so ein König, der hat weiter keine Mucken. Nachher Hab' ich- mit der Dam' probirt. Seitdem die abn das Verhältniß mit'n Bub'n hat, ist auch nichts mehr mit ihr anzufangen. Endlich etz' ich das Letzte, waS ich Hab', — meiii lerspectivfarbenes Halstüchel — auf de« Caro-Siebner. Aber da kommt das altr Pech — oder bester g'sagt Asphalt, us — (singt:) Statt daß der Caro-Siebner kommt, Erscheint der Herr Pick-Bva. Ja, wenn ich den Pick-Buab'n erwisch. So bentl ich mir lhn gnua. Schändlich! Niederträchtig! Infam! Dorothea (sich ihm schüchtern näherch Aber lieber Mann! Knöllerl. Laß mich gehen! Das is erst das Wahre. Die Hohnerei gingm auch noch ab. Mucki (leise zu Dorothea). Gib ihmd« Meisterin ein, Fried, sonst kommt er M d' Meisterin auch. Knöllerl (zu Dorothea barsch). W ist's mit dem Brief, der heut von mii Onkel kommen ist — was schreibt er! Dorothea (sanft). Was zu erwarte war — er kann, er will für uns nicht thun! Knöllerl. So! (Zornig.) O Misen bilität! Dorothea. Das ist, wie man's ninÄ Daß er, der Mann von einer halben W lion, der ja so schon mit einem Fuß« Grab steht, und außer uns gar keil« andern Anverwandten auf Gottes weik Erden hat, unsere armen Kinder so er barmungslos von sich stoßt, das ist P und unser Herr Gott wird vielleicht ^ wegen mit ihm einmal rechnen. Daß k aber Dir nichts gibt, das ist recht und g«l denn was nutzet's denn auch. Und will er Dir selbst sein ganzes Vermögen W ket, in ein paar Jahrl wäre doch M wieder fort. Mucki (ist während dem mit sich im SeH gespräch begriffen). Knöllerl (erbost). Weib! — 5 Dorothea (sanft). Sei ruhig, Franz, lmd ereifre Dich nicht so. Was ich da red', st wahr. Du trinkst — trinkst viel zu viel, bist jetzt in dem Augenblick schon wieder licht recht nüchtern. Knöllerl (ausweichend). Das ist nicht mine Schuld — sondern die Schuld meines Doctors, der hat mir's «'schafft. Ich muß die Traubencur gebrauchen. Und das noch dazu im gepreßten Zustande. Dorothea. Du spielst — spielst auf ine Art, die uns noch Alle ins Elend ringen wird. Knöllerl. Jetzt bitt' ich mir's aus — etzt Hab' ich genug! Ich glaub'. Du kennst eine Verfassung. Erster Paragraph — eder thut, was er will, und damit punk- um. Dorothea (seufzend). O ja, ich weiß chon, daß Du mich nicht hören willst, ber laß uns jetzt wenigstens gehen. Ich ab' schon Alles einpackt und auf den Wa- en bringen lassen. Es ist schon spät, und nr haben noch einen hübschen Weg 'Haus! Knöllerl. DaS ist mir alleseins! Ich leib da! Dorothea. Geh — der Markt ist zu nd' — Alles ist fort, die Kinder warten ufuns! Knöllerl. Was ich g'sagt Hab', dabei leibt's — ich geh' nicht. Mucki (für sich). Bosnigl übereinand! Dorothea (seufzend). Nun gut! So ömm halt nach. Aber Du, Franz — das Held gib mir, die 200 fl., die Du zu Dir 'steckt hast, wie Du in der Früh fort bist. -Wie leicht könntest Du's nicht verarmen. Es ist das Letzte, was wir noch n Baarem haben. Knöllerl (glkichgiltig). Hm! Das ist eicht g'redt — aber haben muß man's! Dorothea (erschrocken). Mann, was agstDu? Knöllerl. Nun ja — kurz und gut Erfahren mußt es doch — ich ho lchts mehr — ich Hab s verspielt! Dorothea (entsetzt). O heiliger Gott — Franz, ist das dein Ernst? Knöllerl. Janitwahr, das hätt'st Du Dir nicht träumen lassen? Siehst es, das ist aber der Fehler, der Mensch soll sich dann und wann was träumen lassen, so kann er's doch wenigstens in d'Lotterie setzen. Dorothea (weinend). Mann, scherz' nicht in dem Augenblick. Also Alles — Alles — das ganze Geld verloren? Knöllerl. Ja! caput! — Mucki. Pritsch! — Dorothea (wie oben). O Du leichtfinniger, Du verdorbener Mann. Was wir uns durch so lange Zeit, mit so viel Müh' und Fleiß erworben haben — in wenigen Stunden zu versplittern. Knöllerl. Versplittert?! da ist nichts versplittert — das hat alles Einer kriegt; der Fleischhacker von da — der hat mir die Haut so abgezogen. Dorothea. So ist es also wirklich — so weit kommen, daß ich meine Kinder kann verhungern sehen? (Verhüllt sich das Gesicht.) Mucki (für sich). Was, die Kinder verhungern? Nachher möcht' ich die Kost vom Lehrbuben sehen. Knöllerl. Was nützt das Lamenti- ren? G'schehen ist g'schehen. Laß' mich jetzt allein, und schau, daß Du weiterkommst. Dorothea (sich fassend). Ja — ja, ich geh — ich geh schon und das recht gern. O Gott, es war einmal eine Zeit, wo mir die Trennung von Dir das Leben kost' hält', aber jetzt, jetzt thu ich's mit leichtem Herzen. Ein Mann, der seine Kinder so wie Du verlaßt, der ist nicht werth. daß er den Namen Vater tragt. (Weich.) B'hüt Dich Gott, Franz — b'hüt Dich Gott. Ich geh jetzt z'Haus zu meinen — zu deinen Kindern, ob'st wieder kommst oder nicht, das ist mir alles eins, der liebe Gott wird sich schon noch der armen Wa- serln erbarmen. Ich aber, ich will ihnen 6 ein Gebet lehren, was's alle Tag Früh und Abend für Dich zum Himmel senden sollen, damit der da oben sich deiner annehme undDich auf andere Wege bringe, denn der, den Du jetzt verfolgst, kann Dich nur in Jammer — Schande und Verderben bringen. (Nimmt ihren Tragkorb, weinend.) B'hüt Dich Gott, Franz — b'hüt Dich nochmal Gott, Franz! (Weinend ab.) Knöllerl (ergriffen ihr nachsehend). Dorothea — Dorothea — Sie geht richtig — sie schaut sich gar nit um — (Bleibt in feiner Stellung.) Mucki (vortretend für sich). Jetzt kommt die Reihe an mich! Soll ich ihm sagen, daß auch ich ihn verlasse — Nein —! Ich will meine Künstlerlaufbahn mit Glanz betreten, ich setze mich auf den Telegrafen und geh durch. Fünfte Scene. Knöllerl allein. (Wie aus einem Traum erwachend.) Sie ist verschwunden! Im Grund' g'nommen hat sie ganz Recht, ich bin ein verworfener — ein schlechter Mensch. Aber wer kann auch für das Unglück? Und bin ich nicht mit dem festen Vorsatz hergekommen, mich zu ändern? Aber sagen könnt' ich ihr's nit sogleich. Ich war so aufgeregt— ich bin's noch. O wenn ich nur jetzt einen guten Freund findet, der mir eine Ohrfeigen gebet. Was fang' ich jetzt an? Zu Haus geh ich heut' auf kein Fall. Aber ich Hab' kein' Kreuzer Geld! (In allen Taschen suchend, plötzlich freudig erstaunt.) Ja, was — was ist denn das? da Hab ich ja noch — ah da muß ich bitten! (Eine Münze aus der Westentasche ziehend.) Ein Zwanziger! Ein Zwanziger! (Zornig auslachend.) Und den find' ich jetzt — jetzt in dem Augenblick. S'ist grauslich! Und wie er glanzt und funkelt. O warum hast Du nicht in dem Moment reden und sagen können, daß Du noch bei mir bist, in dem ich Dich so noth- wendig braucht hätt'. Einen Zwanziger noch — den letzten — auf eine einzige Karte, das Glück hält'sich vielleicht g'wen- det — und wer weiß, ob ich nicht jetzt als ein Mann mit vollen Säcken da stünd! Ja jetzt Hab' ich's, nicht ich, sondern Du ganz allein bist an all meinem Unglücke Schuld, und darum brauch ich Dich jetzt auch nicht! Marsch, fort mit Dir! Zu den Andern! (Wirst den Zwanziger über das bezeichnte sich zur Seite befindliche Gebüsch. Kurze rasche Musik, dann Hohngelächter in der Scene.) Sechste Scene. Kliugkling und Knöllerl. Kling kling (erscheint hinter dem Rücken Knöllerl's. Er ist im silbergrauen Rococco- Eostüme mit Silber gestickt. Zopf und Perrücke.) Knöllerl (zornig). Was ist's mit dem diabolischen Gelächter? (ErblicktKlingkling.) Ah Saprawalt — was ist das? Klingk. Wie, lieber Freund — Du staunst — erkennst Du mich denn nicht? Knöllerl (schüchtern). Hab' wirklich nicht die Ehre! Klingk. Und Du hast mich doch erst vor wenigen Sekunden im kindische» Unmuth von Dir geschleudert. Knöllerl. Das versteh' ich nit, ich bitt' um eine Aufklärung. Klingk. Ich bin Klingkling, der Geist deines letzten Zwanzigers! Knöllerl. Was, ein Geist von einem Zwanziger? Ah das ist neu! — Wos verschafft mir übrigens nochmals die Ehre — Klingk. Du erbarmst mir, und ich bin gekommen, zu schauen, ob sich nicht vielleicht für Dich noch etwas thun läßt. Du mußt wissen, daß ich kein gewöhnlicher Zwanziger bin. Du, ich kann zaubern. - 7 Knöllerl. Zaubern? — das ist schon wieder was Neues! daß das Silber die Macht hat, die Menschen zu bezaubern — das weiß ich schon lange, aber von einer, so was man sagt eigentlichen Zauberei — Hab' ich noch nichts gehört. Klingt. Und dennoch ist es s§. Ich war jetzt durch ein Jahr irgendwo in einem Keller vergraben, und habe dort die Bekanntschaft mit einem recht liebenswürdigen weiblichen Erdgeist gemacht. Das Verhältniß hat sich fortgesponnen, und in unseren freien Stunden hat sie mir Einiges von ihren geheimen Kräften zukommen lassen. Diese meine geringe Macht will ich nun an Dir versuchen. Knöllerl. O ich bitt'recht sehr! Ich steh zu Diensten! Kliiagk. Unser Handel soll ein ganz einfacher sein. Das Ganze ist gerade so eine Passion von mir, und willigst Du ein, so find wir bald fertig! Knöllerl (für sich). Schau, der Kerl g' fallt mir! (Laut.) Ich weiß zwar nicht, wie ich zu der Ehr' komm, aber ich bitt' nur anzufangen, ich bin bereit. (Auf eine Rasenbank zeigend.) Ist vielleicht g'fällig Platz zu nehmen? Ich kann mir's denken, ein Silberzwanziger muß bei derer Zeit müd' sein, das ewige Steigen und Fallen. Klingt. Sorg' Dich nicht, ich bin noch jung — ich bin erst 16 Jahre alt! Knöllerl. Ah, also ein Vierunddreißi- gerg'wachs! — G'horsamer Diener, das geht in's Geblüt. (Aus KlingklingS Zopf.) Und was er dahint hat! Aha — ich weiß schon — das wird das Agio sein. Klingt. So weit ich Dich schon kenne, bist Du eigentlich kein schlechter, sondern nur ein außerordentlich leichtsinnigerMensch. Das ist mir lieb. Du spielst leidenschaftlich — Knöllerl. Unterthänigst aufzuwarten. Wann's vielleicht angenehm ist eine Partie anmäuerln — oder Kopf oder Wappen. Klingt. Ein anderes Mal. Jetzt aber höre mich. Du hast mich erst in deinem Verdruße, ohne zu wissen wohin, über diesen Busch geworfen, dafür mußt Du vor Allem ein wenig gestraft werden und das sogleich! Knöllerl. Ah so geh'. Klingt, (lacht). Fürchte Dich nicht, es soll Dir nicht zu hart geschehen. Ich verdamme Dich nur dazu, die Gestalt desjenigen Menschen anzunehmen, welcher mich, deinen letzten Zwanziger, wieder aus dem Staube, in welchen Du mich begraben, hervorzieht. Knöllerl. Halt, sag'ich, aushalten ! Was wäre das? das klingt curios — wenn überhaupt beider Zeit, wo Alles Papier ist, noch was klingt. Das muß überlegt werden. Ich muß also auf diese Art in den Körper desjenigen fahren, der den von mir verschmähten Zwanziger wieder findet? Und was geschieht dann nachher, wenn ich bitten darf, mit dieser meiner Drechslerhülle da? Klingt. Die wird natürlich unterdessen dem Andern zu Theil, dessen Körper Du beziehst. Knöllerl. Aha! — Also ich —der ich der bin — werd' der Andere, der ich nicht bin, währenddem — der — der ich werd' — eigentlich der Andere ist. Nu ja, ich begreife zwar noch nicht recht — aber das macht nichts — denken kann ich mir's doch beiläufig. Also das ist die ganze Straf', sagst Du? Gut — was ist aber dann weiter? Klingt. Das hängt einzig und allein von Dir ab. Kvöllerl. Von mir? Wie so? Klingt. Bist Du auf diese Art wieder in meinen Besitz gekommen, weich ich Dir auch nicht mehr von der Seite. Knöllerl. Ah bravo, das läßt sich hören. Ich kann also von dem Augenblick an — auf sichere 20 kr. Münz rechnen. Klingt. Ganz recht — und zwar dadurch. daß Du, magst Du mich auch an wen immer verabfolgen, stets die Gestalt 8 Desjenigen annimmst, zu dessen Eigen- Ihum Du mich gemacht hast! Natürlich kannst Du Dir deinen Manu nach Belieben auserwählen. Knöllerl. Hm! Nur langsam, das klingt schon wieder kurios. Ich darf also, wenn ich Einen seine G'stalt annehmen will, nichts Anderes thun, als Dich nehmen und ihm zum Präsent machen. Da kann ich mich also, wenn ich will, täglich 50mal verwandeln? Klingt. Nein — das nicht. Mit Ausnahme der Dir von mir aufgedrungenen ersten Verwechslung, der Du Dich nach Belieben wieder entledigen kannst, bist Du fortan gezwungen, wenigstens durch zwölf Stunden Derjenige zu verbleiben, der Du zu werden verlangtest. Knöllerl (für sich). Was, zwölf Stund'! Ah jetzt wird's mir bald zu dick. Der schafft nur so an mit mir — Klingt. Wie — ich glaube gar Du bist mit dem nicht zufrieden? Du — trau mir! (Droht ihm.) Knöllerl (ausweichend). Ah warum nicht gar, könnt' mir einfallen. Mir ist Alles eine Gnad'. (Für sich.) Mir wird ganz ent'risch — (Laut.) Ich Hab' nur so bei mir berechnet, wie lang' auf die Art ungefähr die ganze Bandlerei dauern könnt'! Klingt. Gerade so lang, als bis es Dir auf diese Weise gelungen ist, in eine Lage des Lebens zu kommen, in welcher Du im Stande bist, die Zukunft deiner armen Familie auf eine redliche Weise vollkommen zu sichern. Knöllerl. Ah, jetzt versteh'ich. Das ist was anders. Also em Wohlthätigkeits- fest! Ah, da darf man sich nicht ausschließen. Topp! ich bin dabei, die Hand her! Klingt, (ihm die Hand reichend). Wohlan, wir find einig. Und nun viel Glück auf die Reise, mein neuer Freund, bald sehen wir uns wieder. Adieu! Knöllerl. Halt, wohin denn? Klingt. Dorthin, wohin mich der Zufall gelegt, und das so lang, bis mj ein zweiter Zufall wieder zusammenfühlt (Ab.) Knöllerl. Was? Zusammenführt? Bei dem muß der Zufall ein Fiaker sein. Aber er g'fallt mir, der Kerl — nur dri Zöpfen — das Agio — das muß herunter! (Ab.) Siebente Scene. Soldaten und Recruten ziehen aufdk Bühne. Ehor derselben. (Nach dem Chore langsam wieder Alle ab.) Achte Scene. Knöllerl als Recrut ein Bündel an einem Stock aus der Achsel tragend. Ganz müde und matt. Siehst es — da hast es. in was thuji es. Ist schon fertig die Pasteten. Kaum war ich mit'n Klingklivg da draußen, ver- schwind't er plötzlich, und ich setz' mich, ia Erwartung der Dinge, die da kommen sollen, auf den kleinen Hügel dort. Da kommen die Soldaten mit den Recruten vor mir vorbei, und g'rad wie's über den Platz marschiren, auf dem, meiner Berechnung nach, der verteufelte Zwanziger liegen könnt, buckt sich Einer und hebt was auf. In dem Augenblicke gibt's mir einen Riß, ich krieg' eine Unsinnige auf'o Buckel, und eine Stimme donnert mir zu: Verdammter Kerl, willst Du liegen bleiben? Auf das komm' ich wieder zu mir, schau' mich an — und seh', daß ich der Rekrut bin, und zwar der Nämliche, der mein' Zwanziger g'funden hat. (Die Hand öffnend.) Da ist der Klingkling, und dort 9 m die Scene sehend) fitzt der Kerl in Meiler G'stalt auf'n Bergel. Wie dumm als r dreinschaut. Ja so, ich darf nichts sa- ;en — das ist ja mein G'schau. Aber es nuß ihm doch g'falleu. Jetzt lacht er, und me er sich streckt. So schon, jetzt legt er ich gar nieder und schlaft! Freilich! Hast Lecht, mach' Dir's commod, bin ja ich da! Lo viel ist gewiß, daß fich's in dem Zu. iand mit'n Familien glücklich machen nit echt thun wird. Das Allerbeste ist noch, >aß ich mich wenigstens s'erste Mal so >ald als möglich wieder changiren kann, md das soll auch gleich geschehen. Ich nuß mir jetzt nur Ein' suchen, der mir zum A'ficht steht. O je, da kommt der Feld- vebel, der mir den Puffer am Buckel ge- >m hat. Ein recht kräftiger Mann das! Neunte Scene. sslingkling als Feldwebel (mit Tornister und Gewehr). Knöllerl. Klingk. (barsch.) Ah da bist Du ja! - Ist mir noch in meinem Leben kein so auler Schlingel vorgekommen. Knöllerl (sich betrachtend). So? (Für ich.) Nun, ich sehe den Kerl (aus sich zei- end) heut' auch zum ersten Mal. Klingk. Das sage ich Dir, daß Du nir den Versuch, zu desertiren, den Du >sute Früh schon einmal gemacht hast, acht mehr wiederholst —sonst sollst Du - (droht ihm mit dem Gewehr). Knöllerl (ausweichend). Nu ich bitt', >orn's auf — es ist schon so viel, als wenn ch's g'noffen hält' — (Für sich.) Auf d'letzt lcht die G'schichte los — .Klingk. Das Einzige, was mich noch Dir aussöhnen kann, ist das herrliche Mädchen, welches Du deine Geliebte imnst! . Knöllerl (für sich). So schön, eine Ge- Me habe ich auch; wenn das mein Weib rsahrt! Klingk. Höre, die mußt Du mir, wenn unser Regiment einst die Garnison bezieht, überlassen. Knöllerl. O ich bitte, Herr Feldwebel, ich werd' mir ein Vergnügen daraus machen. (Für sich.) Wenn's dem Andern dort recht ist — mir liegt nichts daran. Klingk. Unter Ander'm! Sag mir doch jetzt, was hast Du denn an jener Stelle so sorgsam im Staube gesucht, Du weißt schon, worauf ich Dich (macht die Pantomime des PrügelnS). Knöllerl (reibt sich den Buckel). Ah ja, versieht sich, ich erinnere mich schon. Gar nichts — rein gar nichts. Ich Hab' nur an mein' Schuh da was g'richt. (Für sich.) Der meint meinen Zwanziger. Wär' ja recht! Wenn der ihn sieht, muß ich ihn ihm geben, werde staaäo poäs Feldwebel, versteh'nichts vom Dienst, mach' einen Subordinationsfehler um den andern, und komm' mir nichts Dir nichts auf ein halbes Jahr in's Stockhaus! Klingk. Wie, Du schweigst? Nun warte nur, ich will Dir deine Halsstarrigkeit schon auch noch austreiben. Vor Allem mußt Du dir dieses träge, düstere Wesen abgewöhnen. Mußt heiter, froh und lustig sein, so wie fich's für einen jungen Burschen gehört. Knöllerl (für sich). Bursch sagt' er. Und ich Hab' z'Haus vier kleine Kinder. Klingk. Dann mußt Du Dir ein gewisses Air zu geben wissen. Das geht nun einmal nicht anders. Du mußt wissen. Du hast jetzt die Bahn zur Ehre betreten. Knöllerl (rasch). Sie, Herr Feldwebel, was Hab' ich für eine Bahn betreten? Klingk. Die Bahn zur Ehre! Knöllerl. Die Bahn zur Ehre! Aha — das ist nichts für mich. Auf der Bahn geht's mit der letzten Klasse zu langsam! Klingk. Jetzt aber folge mir. Wir wollen dort in jenem Gasthause mit den Andern ein halbes Stündchen ausruhen. Wir haben noch ziemlich weit in's Nacht- 10 quartier, und find heute schon Alle sechs Stunden auf dem Marsch. Knöllerl (für sich). Da hat man's. Sechs Stunden find wir schon aus dem Marsch. Ah setzt weiß ich's, warum mir die Füß' so weh thuu. Und der Kerl schlaft sich dort derweil meinen theuern Rausch aus. Lauter Zwei-Gulden-Wein. Wenn ich nur wenigstens meine Füße hätt'. Klingt. Du willst also nicht? Gut, so lasse ich Dich zurück. Aber ich wiederhole es Dir — wenn Du es wagen solltest — (droht mit dem Gewehr). Knöllerl (weichtaus). Ist schon wieder da damit! (Pathetisch.) Nein, Herr Feldwebel, fürchten Sie nichts — wenigstens jetzt, in diesem Augenblicke hat man es nicht im Sinne, Sie durch einen solchen Jugendstreich in Verlegenheit zu bringend (Fürsich.) Natürlich, inan schnarcht jetzt. Klingt, (im höchsten Zorne). Kreuz- Million Donnerwetter! Bursche, was faselst Du da? Jugendstreich? — Was Jugendstreich? Ein infamer, nichtswürdiger Bubenstreich wäre es, wenn Du mich — Knöllerl. Nun ja — so schreien's nur nit.so. Mir ist ja Alles recht. Also Bubenstreich. Wegen meiner. Uebrigens Jugendstreich— Bubenstreich — wie weit ist denn da von einem zum andern? Klingt. Gerade so weit als wie vom Leichtsinn bis zur ausgeprägten Schlechtigkeit. Jugendstreich! — Was ist ein Jugendstreich? Wenn ein junger Mann ein sich ihm aus Liebe ganz hingebendes weibliches Wesen verläßt, weil er in dem Strudel der Vergnügungen einen anderen reizenden Gegenstand gefunden, der ihn auf eine eben so kurze Zeit zu fesseln vermag, so ist das ein Jugendstreich. Wenn er aber hingeht und öffentlich die Schwächen der Verlassenen dem Hohne seiner gleichgesinnten Genossen preisgibt, so ist das ein Bubenstreich. Wenn ein Knabe das ihm von seinem Vater anvertrm Geld einem Bettler bloß deßhalb über gibt, weil derselbe seinen Hund gelehrt auf zwei Beinen zu stehen, so ist das ei, Jugendstreich. Wenn aber eine ganze Gesellschaft von seinwollenden Gentleniu im Gasthause einen armen siechen Main, der nur um ein Stückchen Brod bittet, ss lange zur Zielscheibe ihrer faden Witze macht, bis ihm, eine Thräne im Auge, ei« Wort des Unmuthes entschlüpft, um dm Gelegenheit zu haben, den Gekränktes durch den Kellner zur Thüre hinaushetzes zu lassen, so ist das ein Bubenstreich! Wenn ein Jüngling durch falsche Rathschläge fich in solchem Grade begeistern läßt, daß er selbst gegen die bestehendes Gesetze handelnd aufzutreten wagt, Ms ist das anders als ein Jugendstreich? Wem aber der Verführer eben dieses Jüngling«, im Falle des Nichtgelingens seines Planes. der Erste ist, der auf den armen Verirrten einen Stein schleudert und ihn ver dämmt, so ist das nichts Anderes als eis schändlicher Bubenstreich. Und jetzt gehab' Dich wohl und muckse Dich nicht — sonst! (Mit dem Gewehre drohend, ab.) Zehnte Scene. Knöllerl allein. Später ein Handwerkbursche. Knöllerl (Klinkling nachsehend). Ich empfehle mich Ihnen, recommandir' mirh auf ein anderes Mal, bleiben's g'sund und schauen's, daß's nit fallen. Wenn der wahr red't — so kenn' ich eine Menge junge Herren, die eigentlich nichts Anderes sind als alte Buben. Jetzt aber, Knöllerl, jetzt an die Arbeit! Jetzt heißt's zaubern! (Zieht den Zwanziger hervor.) Aber wie? das ist die Frage. Ich muß den Zwanziger Einem geben, und dann nimm ich auf lve- nigstens 12 Stunden den seine G'stalt an und Hab' wieder meinen Zwanziger! Gut! II Über wem werd' ich'n jetzt geben? (Sieht n die Scene.) Halt, da kommt Einer, mit »ein werd' ich's probiren. Friedeborn (ein preußischer Hand- oerksbursche geht über die Bühne). Knöllerl (geht auf ihn zu). Schönen ;uten Abend — lieber Freund! Friedeborn. Juten Abend — men Zunge, schönen juten Abend! Knöllerl. Woher des Weges, wenn nan's wissen darf? — Friedeborn. Schnurjradest von Verlin. Knöllerl. So! Und wohin jetzt — Friedeborn. Immer schnurjradest fort, bis ick wieder nach Berlin komme. Ich sage Dich, wen Junge, die Welt ist sehr schönst — aber meene Vaterstadt Berlin jetzt man doch über Alles. Knöllerl (rasch). Was, ein Berliner? Friedeborn. Ja, men Knabe, das thu ich sind thuen. Knöllerl (für sich). Nein— das ist nichts. — (Trocken.) B'hüt Dich Gott, Freund, Adieu! Friedeborn. Ades, men Junge — Ades! (Ab.) Knöllerl. Nu das ging mir ab. Da müßt ich ein Preuß' werden, um keinen Preis! Halt, da kommt schon wieder Ei» ner! vielleicht thut's der! Eilfte Scene. Jakob, Bedienter. Er ist sehr dick und trägt eine reiche Livree. Er geht langsam über die Bühne. Knöllerl (nähen sich ihm). Ah, gehorsamer Diener — freut mich recht sehr — Jakob. Servus — mein Freund — Nervus! Knöllerl (vertraut). Hab' schon lang' nicht das Vergnügen g'habt. Jakob. Ja! hm! Kennt Er mich denn, so gut? Knöllerl. Nu, das versteht sich! Sie find der Ding — aus — Warten s nur — aus Dings da — nit wahr? Jakob. Ja, ja, der Jakob bin ich, beim Herrn Baron Radschuh im Dienst — und das ist mein Stolz. Knöllerl. Ja. ganz recht. Beim Radschuh ! Das ist der, den man unterlegt, daß's nit so g'schwind geht! Jakrb. Ja wohl, und das ist mein Stolz. Knöllerl. Wahrscheinlich Kutscher? Jakob. Nein, Bedienter. Wir halten keine Equipage, wir fahren mit'n Stell- wagen. Knöllerl. So, mit'n Stellwagen? Nu freilich, weil man da nicht von der Stell' kommt. Jakob (lacht). Richtig, und das ist mein Stolz. Knöllerl. Bravo! Schauen's Sie. Ihre G'finnung g'fallt mir. Sie find mein Mann. Jakob. G'finnung? (Erstaunt.) G'sin- nung? was ist das—Ah, ich weiß schon. (Aus seinen Bauch zeigend.) Sie meinen vielleicht das da. Ah freilich, das ist mein Stolz. Knöllerl (für sich). Gut geht's, bei dem liegt die G'finnung im Bauch. (Laut, ihm den Rock befühlend.) Und was der Radschuh für eine schöne Livröe hergibt. Jakob. Ja — nit wahr — ist aber auch mein Stolz! Knöllerl. Und was Habens denn da auf der Nasen? mir scheint, die is a bisserl g'schwollen. Jakob. Ja, a wengerl! Da hat mir mein Herr, der Radschuh, den Stiefelknecht hergeworfen, weil ich ihm Hab' nicht gleich auf's erste Mal glauben wollen, daß ich gar kein Mensch bin. (Lachend auf die Nase zeigend.) Und das ist jetzt mem Stolz! (Ab.) 12 Knöllerl (allein). Das wär' erst der Wahre! So Einer werden — nit um eine Million. Aber halt — jetzt Hab' ich eine Idee. Ja. das ist das Beste. Ich überlaß die Sache nochmal dem Zufall. Ich nimm den Zwanziger und leg' ihn wieder dort auf die Straßen, auf einen Stein. Kommt am End' Einer, der mir nicht g'fallt, kann ich ihn ja noch immer zeitlich g'nug zuruckziehen. Courage, ich probir's. Was liegt an 12 Stunden, den Hals wird's nicht kosten. (Rasch ab.) Zwölfte Scene. In demselben Moment, als Knöllerl in die Coulisse tritt, starkes Trommeln, Lärmen und Schreien in der Scene; nachdem dieß zu Ende, Stiegitz, der Wächter, von der entgegengesetzten Seite. Hinter ihm Mathias und ein zweiter Bauer mit Prügeln. Spä- ter ein Korporal mit Soldaten. wenn die Ohobrigkeit gehefragt wird. Jn- fahamih — Maharsch! (Die beiden Bauern brummend ab.) Stiegitz (allein). Wir verfolge» auch Ei — einen. Ahaber — das ist kei — Hein Deseurteuheur! Das is ein Schuhul- denmacher. Ni—hiederträchtiges Gesindel das. So ein Schuldenmacher kommt mi — ir vor wiehie ein Gespe — henst. Ec ist gewöhn — lich nur do — rt zu treheffen, woho — verborgene Schä — hätze find, ge — het nur bei — hei der Nacht aus — und wenn ma — Han ih— ihn fa — fassen wihill — verschwindet er se — sehr o — oft auf eine u — unbegreifliche Weise (ab). Dreizehnte Scene. Knöllerl in einem langen, zerrissenen Bettlerkleide, einer Krücke, langes Haar und Hut, von der Seite, auf welcher er abge- Stiegitz (er stottert sehr stark). Wa — was ist da — das für ein Lä — härmen! Ein Spectakel — ein Au — hauflauf — he — und ich ni — icht dabei! — So — houderbar! Korporal (mit zwei Soldaten auf Stiegitz zueilend). He. Camerad, ist Euch auf dem Wege hierher kein Bursche begegnet? Wir verfolgen einen solchen. Er ist Recrut und in diesem Augenblicke de- sertirt. Math. Ja, da vorn Hab' ich wohl Ein' g'sehen, der wie a Recrut ausschaut, auf dem Hügel dort. Er hat ein Sträußerl am Hut. Aber das kann kein Deserteur sein, der liegt auf der Erd' und schlaft ganz ruhig! Korporal. Ah ich danke Euch. Wenn dem so ist, dann ist dem Kerl Glück zu wünschen. (Ab mit den Soldaten.) Stiegitz (der immer gern gesprochen hätte zornig herausplatzend). Kehecker Keherl das. We — wer hat daha zuhu reheden, gangen. Knöllerl. So viel ist einmal g'wiß, wann Einer Pech hat, bin ich's. Kaum leg' ich. so wie ich mir's vorgenommen Hab', den unglücklichen Zwanziger auf einen großen Stein, damit er Jedem gleich in die Augen fallen soll, und such' mir nit weit davon ein schattiges Platzl zum Nieder- setzeu, so muß schon Einer hinter mir nachgeschlichen sein, der ihn aufhebt, denn eh' ich mich Umschau, Hab' ich ihn wieder in der Hand und schau so aus. Ah, das ist gar ein Elend! Wenn ich nur müßt , wer ich jetzt bin. Vielleicht ein Straßenräuber oder ein Bettler. Nu das ließ ich mir noch eher g'fallen. Wie ich immer lustig und gut aufg'legt bin, bin i nacher doch ein aufg'legter Bettler. Wann's mich nur nicht etwa als Landstreicher am Schub fortschickeu. Und ich mußt gar nit wohin — das wär' a Schub. Und alt muß ich schon sein. Vielleicht bin ich ein wilder I Praktikant, der in den Wäldern herum- 13 läuft und heult, bis er eiuen Amtsvorfte- her kriegt zum Zerreißen. Ich seh's schon, auf die Art kann ich das Los meiner Familie nicht viel verbessern. Und krump bin ich auch. (Nimmt die Krücke, aus welcher er mit einem Fuße kniet, und besieht sie von oben bis unten. Nachdem er sie wieder gebrauchen will.) So, jetzt weiß ich nicht auf welchem Fuß. Ist alleseins — wegen die 12 Stunden macht nichts. (Kniet sich mit dem andern Fuße auf die Krücke, steckt den Zwanziger ein.) Nu so komm halt, du süßer Kerl, jetzt werden wir halt sehen, wie weit als wir kommen bis morgen. (Will fort.) Vierzehnte Scene. Stiegitz vertritt ihm mit Mathias und den zwei Bauern den Weg. Knöl- lerl. Stiegitz. Ha—halt, sag' ich. dieser i-ift's! Knöllerl. Nu, was sind denn das wieder für Dummheiten? einen armen preßhaften Menschen so erschrecken. (Wechselt wieder an den Füßen die Krücke.) Stiegitz. Kei—Heine Umstände! Wo —ha ha—at e—her seine Papie—rehe! Knöllerl. Da hat mau's. Ueberall nichts als Papiere. Um einen Zwanziger fragt Einen gar kein Mensch mehr. Stiegitz (stottert fortwährend). Antwort will ich haben. Wa—was ist Er für ein La—laudsmahann? Knöllerl (für sich). Ich weiß nicht. Was sag' ich denn jetzt? Stiegitz. Wi—hirds? Knöllerl. Nu gleich! Ich bin — ich — ja ist schon recht — ich bin ein Elf- Hauser. Stiegitz. Wahas? Hahab in meinem Leben von dem Land nichts gehör—hört! Knöllerl. O mein Gott, die G'schicht ist ganz einfach. Sieht der Herr (wechselt wieder). Meine Mutter war eine geborene Fünfhauserin. mein Vater hingegen em geborner Sechshauser, folglich weil fünf und sechs elf macht, bin ich ein geborener Elfhauser. Stiegitz. Und i—ich sa—Hag Ihm. Er ist ein Lu—Humpen—Hund — wilk mich nur naharirren — fort mit dem Zeu—heug — da—ha! (Aus die Krücke zeigend.) Er ka—Hann so gra—habe geh'w wie wir! Knöllerl. Er?! (In die Szene zeigend.). Nu freilich kann er gerade gehen. Das- Hab' ich g'sehen. g'rennt ist er mit mir, als wenn er was g'stohlen hätt'! Stiegitz (entreißt ihm die Krücke). Knöllerl. Nu da ist's! Mich ge- nirt's so! Stiegitz. Und dieses hier (schlägt ihm den Hut vom Kopf und reißt ihm die Perrücke herunter). Was soll'smit di—se—semFir- lefa—fanz? Knöllerl. Ha, was ist denn das — die Haar g'hör'n nit mein — die muß ich. morgen wieder zurückgeben. Stiegitz. So, also vielleicht gestohlen? — Knöllerl. Meiner Seel', das ist a Perrücken. D'rum Hab' ich alleweil so eine Hitz g'spürt. Mathias. Nein, jetzt schau der Mensch einmal! Hat der Herr Stiegitz doch Recht g'habt. Er ist's wirklich! Knöllerl (froh). Freund! Mensch! Bruder! Engel! Wer — wer bin ich? Math. Geh der Herr, verstell' sich der Herr nicht noch länger. Stiegitz (zornig). Filu—hu—hu! (Filou). Mathias. Jetzt nutzt keine Ausred' mehr. Wir kennen den Herrn schon. Er ist der Signor Popadoggi, der Director von den englischen Reitern. Weil jetzt der Herr g'nug Schulden da bei uns g'macht hat — hat er z'sammpackt und hat wollen in der Verkleidung da durchgehen und sein Weib in der Sauce sitzen lassen. 14 Knöllerl (freudig für sich). Was hör' ich da? Jetzig bin ich wieder ein Anderer. Ah, ich bin ein lieber Kerl! — Durchgehn Hab' ich wollen — ein englischer Reiter bin ich, und ein Weib Hab' ich auch. Jetzt Hab' ich schon zwei Weiber und eine Geliebte. Wenn das Ding so fortgeht, krieg' ich einen ganzen Harem z'samm'. Kling kling. Das dürfen ich nit. (Seufzend.) Ah ich werden sein gezwungen, mich zu trösten mit einem Andern. Knöllerl. O Du armer Narr! (Umarmt sie wieder.) Sie wird gezwungen, sich mit einem Andern zu trösten. Äh jetzt kenn' ich mich aus. Das Ganze ist eine politische Fabel, das heißt sie ist politisch und ich bin der Hirsch. Stiegitz (packt Knöllerl, um ihn sortzu- sühren). Fünfzehnte Scene. Klingkling im geschmackvollen, idealen Reitercostüme. Mehrere Kunstreiter und Reiterinnen. Mucki als Jokei. Sechzehnte Scene. Landleute. Kunstreiter. Stiegitz. Mucki. Klingkling. Knöllerl. Kling kling aus Knöllerl zueilend, ihn umarmend, im italienischen Dialect). Wo, wo seind meine härmen Genial? Ha — hier — finden Dich ich h endlich! o kommen —kommen — lasten Dich umarmen. (Umarmt ihn.) Knöllerl (umarmt sie ebenfalls). O mein — da ist's! Jetzt wird die Geschichte interessant. (Küßt sie.) Nu so grüß Dich halt auch Gott. (Küßt e wieder.) Nein, die Freud' von mir. (Küßt sie noch einmal.) Ich kenn' mich wirklich gar nit aus. (Für sich.) Ein recht ein liebes Weib die Gattin Nr. 2. Nu jetzt kann die G'schicht schon -etwas länger als 12 Stunden dauern. (Sie wieder küssend.) O Du Engel Du! Kling kling. Oll Mio povsro ?oxa- äoFgi! Was werden mit Dir, was mit deiner härmen Olympia geschehen? Man werden dich setzen in der xrigiü von der Schulden! Knöllerl. Ah, Olympia heißt's, und in die Prifil komm' ich, sagt's — das heißt, ich werd' eing'sperrt. Nu ich dank'. Vielleicht ist da das Zellensystem schon eing'führt. Nachher kann ich den Klingkling mit'n besten Willen nimmer anbringen. Ach, Olympia, Du wirst mich doch wenigstens begleiten? (Umarmt sie wieder.) Stiegitz wird von den herbeieilenden Landleuten rc. fortwährend abgehalten, Knöllerl zu arretiren, bis derselbe zum Schluffe sich gezwungen sieht, die Wächter herbeizurusen. Tanz derselben. Gruppe. Quodlibet. Der Vorhang fällt. Ende des ersten Actes. Zweite ÄWeitung. Kurzer freier Platz, außer der Stadt, durch Gebüsch oder einen Datnm abgeschlossen. Erste Scene. Chor der Bewohner des Städtchens. (In ihrer MitteKnöllerl. als Wächter Stiegitz gekleidet. Wenn er mit Jemanden spricht, stottert er eben so wie Stiegitz. Seine Kleidung muß genau dieselbe sein, Zopf, Stock rc. rc. Herr Wahr. Ein Knabe.) 15 Thor. (Knöllerl drohend umgebend.) (Nach dem Chore.) Knöllerl (sich etwas Lust machend), tuhu — wei—heiter. Ich — wei—heiß aha — von ga—har nichts! — Wahr. Das kann ein Jeder sagen. Gestern hat's der Herr auch schon so gekracht. Und heut kommt er wahrscheinlich oieder deswegen her! Und d'rum sind wir etzt amal entschlossen — Alle. Ja, das darf nit sein. Knöllerl. Was? Krahawall— geheim mich — G'horsamer Diener. Wahr. Das heißt Alles nichts! Vereidige sich der Herr nur, wann er kann - rede er. Knöllerl (will mit aller Anstrengung vas sagen, dann im größten Grimme). I— »ich — kahann nicht reheden! Der Knabe. Da mach' sich der Herr nchts d'raus. Leute, die gern reden möchten und nicht können, gibt's a Menge. Wahr. Ah weiß der Herr Stiegitz, Res was recht ist. Aber wir wissen schon, Saß das nur wieder so in Herrn seine eignen Sachen sein. Die Herren vom Amt drinnen in der Stadt bekümmern sich gar nicht um solche Lappalien, und das ist auch recht. Das arme Weib thut Niemanden etwas, und steht keinem Menschen im Wege. Daß sie eine Zigeunerin ist, dafür kann sie so wenig, als daß der Herr Wächter ist. Knöllerl (ganz traurig). Jaha—wo- hohohl! Wahr. Ja freilich, wann's dem Herrn a bisserl was in die Hand drucket, drucket er wieder a bisserl dafür die Augen zu. Aber das gibt's nicht — da sind wir da! Wir gehen jetzt Alle hinein auf's Amt, und sagen den Herren da drinnen, daß wir mchts mehr wünschen, als Ruhe und Ordnung, und daß wir nichts mehr achten als das Gesetz, bitten's aber zugleich, daß's uns künftighin zur Aufrechthaltung und Wahrung des Gesetzes Ein' hinstellen, der selber weiß, was Ruhe und Ordnung ist — und nicht durch sein dummes, grobes und arrogantes Betragen allerweil zuerst ein' Scandal herbeiführt. Versteht mich der Herr? (Ab.) Alle. Ja — ja — dasthun wir! (Alle bis auf Knöllerl und den Knaben ab.) Knabe. Sieht der Herr, das hat der Herr davon. Ich bin nur ein kleiner Bub, aber das sag' ich dem Herrn, so viel ist gewiß, — der Herr versteht seine Sendung nicht. (Ab.) Zweite Scene. Knöllerl (allein, ihm zornig nachrufend). O —hobst gehst — o—hoder ni— icht. (Dann vortretend, ohne zu stottern, aber tief ausseuszend.) O ich Unglücklicher ich — muß ich ein Wächter werden! Und auf welche Art! Wie's mich gestern auf'n Abend — eing'naht haben, führen's mich gleich in Kotter, und lassen mich über Nacht drinnen sitzen, das muß wahrs chein- lich bei denen der Untersuchungsarrest sein, denn wie ich heut' Früh' munter werd, kommt der Wächter und sagt mir, daß ich laut meines Geständnisses — der Filoumacherei überwiesen — auf drei Monate — bei wöchentlichem dreimaligen verschärften Fasten verurtheilt bin, und daß gleich mit'n Fasten ang'fangt wird. Gut, denk' ich mir — jetzt fitz' ich fest.— Da schaut er in allen meinen Säcken nach, ob ich nichts verheimlicht Hab', — sieht meinen Zwanziger, sangt ihn gleich, und die Komödie war fertig, ich war der Wächter Stiegitz — und er sitzt statt meiner. Ja und ich ließ' mir den Stiegitz noch gefallen, wenn nur das verfluchte Stigitzen nicht wäre, aber wie ich zu Einem ein Wort sag', so wird's anstößig. Auf die Art blühen meiner Familie wieder keine Rosen. O ich könnt' aus der Haut fahren, wenn ich nur müßt', in welche ich nachher komm'. Und einen Durst 16 hat der Wächter, der in mir steckt, einen Durst, der auf natürlichem Weg gar nicht mehr zu löschen ist. Dritte Scene. Michel, ein Knabe, tritt laut schluchzend ein. Knöllerl. Michel. O mein —o mein —das Unglück — nein, das Unglück! Knöllerl. Nun. was hat denn der? Jetzt, Amtswürde, steh'mir bei. (Stotternd.) Wahas ist's — wahas gi—hibts'? — (Tür sich.) Das ist keine Kleinigkeit, der Andere ftigitzt schon durch 50 Jahre — und ich muß's erst lernen. Michel. Ich heiß Michel — und o mein — o mein — ich Hab' was verloren! Knöllerl (für sich). Was ist das? Ein Michel, der was verloren hat — Sollte, das vielleicht der deutsche Michel sein? Michel (weinend). Nein, die Schläg', wenn ich den Zwanziger nimmer find'! Knö llerl (für sich). Was meint er — ein Zwanziger — Michel. Mein Vater hat mir'n geben, ich soll ihm ein groß' Packel Tabak holen, da fallt er mir dort auf der Brucken hinab ins Wasser, und weg war er. O mein — o mein — Knöllerl (für sich). O Gott, was kommt mir da für eine Idee! Der Bub' hat einen Zwanziger verloren — und ich Hab' einen Zwanziger — den ich gern los haben möcht'. Die 12 Stunden des Wach- terthums sind schon vorbei. Gib ich dem Buben den Zwanziger, werd' ich ein kleiner Bub' — werd' ich ein Kind. O mein — welche Seligkeit müßt' das nit sein, nochmal ein Kind werden, ein ganz glückliches, zufriedenes Kind! Nein, die Gelegenheit ist zu lockend, ich kann's nit Vorbeigehen lassen. Und g'scheheu kan» mir auch nichts. Er müßt' höchstens nur ein Lehrbub'sein, das wäre fatal. Ein Lehrbub — 12 Stund — ah was liegt daran — ich riskir's — (Laut stotternd) Klei—Heiner, komm — Hetzer! Michel. Ja — was wollen's den«! Knöllerl. Du erher—barmst mihier! Du ha—st ei—neu Zwahanziger verlo. —Horen. (Gibt ihm seinen Zwanziger mit Würde.) Da—da ha—hast dst—hu eihei- neu ahanderen dafür — ge—he—he! Michel (freudig). Was? Herr Stie- gitz — was — Sie schenken mir de» Zwanziger wieder? O Dank — tauseud Dank — nein, die Freud' — die Freud ! (Hüpft ab.) Vierte Scene. Knöllerl (sich gerührt stellend). Daß muß man mir lassen, ich bin ein guter Kerl — Alles thu' ich ohne Interesse. (Michel nachsehend.) Und wie er reunt. O mein Gott, wenn er nur Obacht gibt. N» ja! wenn er ihn wieder verliert, krieg' ich die väterlichen Schläg'. (Schreit.) Du verfluchter Kerl! Spielt schon wieder damit. So schön, jetzt wirft er ihn einem Pudel zum Apporte! hin. Obst gehst oder uit! Nu ich sag's ja — wann der Pudel de» Zwanziger nimmt — komm' ich noch auf» Hund auch. Aber (sich betrachtend) ick spür' noch immer keine Veränderung an mir. Ah da schau a Mensch — und der Bub' hat doch den Zwanziger. Ja der Wächter ist wie eine Kletten. (Erschrocken.) Nu ^ vielleicht ist gar was an der Maschine krochen — und ich kann lebenslänglich s» umgehen. Wär' ja recht. Ah da muß ich gleich — (Will ab.) 17 Fünfte Scene. Klingk. (als Zigeunermädchen, tritt ihm ntgegen Vorne an einem Riemen ein Kist- Hen, nach Art der Tabulettkrämer, mit vermiedenen Bijouterien und einer Feldflasche). Knöllerl (einige Schritte zurückweichend, für sich). Ah, das ist die Zigeunerin — fmrch die ich mir erst früher so unschuldiger Weise den Unwillen des Volkes zuge- ;ogen habe. Wegen meiner — was liegt mir dran. Ein ordentlicher Wächter ist ;ber so etwas erhaben. (Laut.) Maharsch! !luf die Sei — heiten! Klingk. Oho! Wcßhalb denn wieder o unmuthig — lieber Freund? Knöllerl. Mu — huß ich nohoch einmal re — Heden — ich ha — Hab zu — hllN. Klingk. Schau, mein Lieber, ich seh' Lir's an — es liegt Dir was am Herzen. Gib mir deine Hand — ich will Dir wahrsagen. Vielleicht gelingt's mir dein Gemüth wieder in etwas aufzuheitern. Knöllerl (fürsich). Hm! Wahrsagen? Ja das könnt freilich nicht schaden, wanns ämlich was kann. Den Buben weiß ich a ohnehin nit zu finden, und vielleicht er- ahr ich doch einmal was Bestimmtes über mch. (Laut.) Daha ist's, die Ha — Hand - aber g'schei — Heid sein — u Hund sschwihind! Klingk. (die Hand genau betrachtend). Ha — ich Hab s ja gewußt. Du bist mit hinein jetzigen Stande nicht zufrieden. — Knöllerl (für sich). Nein, meinerSeel' ^ auf Ehre nit. Klingk. (fahrt fort). Du hast auch des- alb vor wenigen Minuten einen kostba» en Talisman weggeworsen. Knöllerl (freudig). Ist schon richtig, 're weiß Alles. Klingk. Und zwar einen Talisman Wiener Theater Rep. S>r. 274 . — der. Dir stets die Gestalt Desjenigen verleiht — dessen Eigenthum er eben ist. Knöllerl (für sich). Ja, schön wär's — wann's wahr war'! Klingk. (sieht writer in der Hand nach). Das Verlangen — wieder einmal das süße Gefühl ächter wahrhafter Zufriedenheit, wie sie nur im Herzen des Kindes wohnet, zu empfinden, hat Dich veranlaßt — diesen deinen Talisman an einen kleinen Knaben zu übergeben — Nicht so? Knöllerl (laut und unwillig). Nu ja — ha — ha! — Klingk. Dabei aber hast Du auf Eines vergessen. Um seine volle Macht zu üben, muß der Talisman das Eigenthum desjenigen werden, der ihn durch Dich erhält. Ein Kind hat aber nie ein Eigenthum. Knöllerl (für sich, erschrocken). Wie ist das? Klingk. Du mußt also jetzt schon noch so lange in dieser Gestalt fort existiren, bis der Zufall Dich wieder davon befreit. Knöllerl (für sich). So schön — da hast es — in was thust es. Ja — ja — sie hat Recht —^ jetzt geht mir ein Licht auf! Der Bub hat den Zwanziger von seinem Vater nur kriegt, um was dafür z'kaufen. Folglich g'hort der Zwanziger nit sein und ich bin jetzt vielleicht gar nichts oder noch besser, ich muß derweil so lang fortstigitzen, als es dem Buben g'fällig ist. O ich Esel ich — also wieder aufgesessen. Klingk. Nun. nicht wahr, ich hab's errathen? Du, aber jetzt kauf' mir zum Dank auch etwas ab — ja! Ich habe gar viele schöne Sachen. Knöllerl (für sich). O mein Gott, ich bin schon ganz verkauft. Und der Wächter rührt sich auch schon wieder. — (Auf die Gurgel zeigend.) Da — da Ützt er — wann mir recht ist. will er trinken. (Die Flusche Klingkling's betrachtend.) Wenn Müll wüßt', was da drinnen ist. Klingk. Was betrachtest Du denn die Flasche da mit so gierigen Blicken 2 18 das ist eine Medicin. Bist Du vielleicht krank? Knöllerl (für sich.) Eine Medicin — pr! — das ist nachher nichts für'n Wächter — A paar Maß Bier wären ihm lieber — Klingk. G'hört aber eigentlich nicht für Menschen — sondern hauptsächl ck nur für Vögel. Besonders für Papageien, Staare rc. Einem solchen Thier einige Tropfen von diesem Wundertrank einge- gosten und seine Zunge ist gelöst und es spricht augenblicklich jedes beliebige Wort ganz klar und deutlich nach. Knöllerl (für sich freudig.) Was hör' ich da? (Laut.) Für Sta—herln und Pa —Pa—paperln! (Für sich.) Und die Zungen wird ihnen damit gelöst — ja. da gibt's ja gar nichts Schöne r's für mich! (Ersaßt schnell die Flasche und eilt damit aus die andere Seite der Bühne.) Die Flasche gehört mir. Klingk. Um'sHimmels willen — was thust Du — Du wirst doch nicht — Knöllerl (laut). Ru—hu—hig! (Für sich.) Jetzt ist's tont mömo — ich nimm ein! (Schüttelt die Flasche, öffnet sie und kostet davon.) Schau — ist nit so übel. (Kostet wieder.) Nu — (zwingt den Trank hinab). Was ist's denn? — (Trinkt, dann freudig laut.) Zigeunerin! (Trinkt noch einige Mal mit vollen Zügen.) Zigeunerin! Zigeunerin! — Zi—Zi —Zigeunerin! (Schleudert in höchster Freude die Flasche von sich.) Zigeunerin, Tu bist ein Engel von einem Weib — der Stiegitz ist fort — der Paperl kann reden — Was kost' die Flaschen? Klingk. Zehn Gulden — Knöllerl. Nur? (Nimmt die Brieftasche deraus.) Da hast Du zwanzig — das muß Alles der Wächter zahlen. Nein, das Glück! Klingk. Das muß man Dir lasten. Du bist splendid. Kannst Du vielleicht noch etwas von mir brauchen? Du, besonders schöne Spiegel Hab' ick! Knöllerl. Was? mit Spiegeln handelst Du auch? Das laß' ich mir g'fallen, das ist ein G'schäft, bei dem was herausschaut. Klingk. Das will ich meinen, besonders wie ich's betreib'. Hör' mich nur an. Ich gebe nämlich einem jeden meiner Kunden einen solchen Spiegel, der für gar niemanden Andern als für ihn ganz allein paßt. Knöllerl. Ach geh'! Nu jetzt, daS ist neu! Klingk. Aber leicht, Du wirst sehen, sehr leicht. So zum Beispiel: Für Dumm- kövfe Hab' ich Hohlspiegel. Für den Herausgeber einer Zeitung, der stets den Mantel nach dem Winde dreht, Hab' ich Vexirspiegel. Für einen Finanzmann Me- tallspiegel, und für einen Mann, der von der Oeffentlichkeit zurücktritt, weil er nicht gegen seine Ueberzeuguug handeln kann, für den Hab' ich einen großen Seelen- spiegel. Knöllerl. Schau', das g'fallt mir! Aber, wenn Einer zu Dir käm'. so zum Beispiel ein recht lang verfolgter, fortwährend gekränkter Mensch! Klingk. Für den Hab' ich einen Zu- denspiegel. Knöllerl. Und wenn Einer kommt, ein recht ein armer Teufel, ein ganz Trost- und Hoffnungsloser, ein Verzweifelnder? Klingk. Für einen solchen Hab' ich keine Waare, aber wohl einen guten Rach und der heißt: Freund, nimm Dich vor Master- und Hängespiegeln in Acht. Ich gehab' Dich wohl, ich danke Dir nochm recht schön, und denk' zuweilen a» mich. (Ab.) Sechste Scene. Knöllerl (nachsehend). Ein recht ein lieber Narr das. Vielleicht sehen wir uns nochmal. Man kann nicht wissen. Wie di< Sachen jetzt stehen, kann ich ein Zigeuner 19 auch noch werden. Wo nur der Bub' sein muß, der traut jetzt mein Schicksal im Pestentaschel herum. Wem er den Zwanziger gibt, der muß ich werden. Aber , art, Wächter, diese Suppen hast du mir v «gebröckelt, und dafür will ich Dir auch rm Andenken zurücklafsen. Zu allererst Meist in die Tasche und zieht ein Messer hervor) thun wir ihm den da nehmen, (i Schneidet sich den Zopf ab und wirst ihn in di; koulisse.) So! Adieu Partie! (Seinen Stock erhebend.) Und nun kommst Du darav. Daß es im Wald finster ist, das machen die Bäume, daß es aber in der Welt ß lster ist, das machen die Stock', und dar- M auch mit Dir fort. (Bricht den Stock al und wirst ihn ebenfalls weg.) Es wird M zwar nicht sehr kränken, wenn er sich so verstümmelt sieht — denn, mein Gott - es laßt sich ja nichts leichter auf der I elt ersetzen, als Zöpfe und Stöcke — liker auf einige Zeit wird's ihn doch a biserl geniren. Dort liegt er der so Anell Dahingemordete, in der festen Überzeugung, daß ihm diese Schmach von seinem Herrn angethan wurde, an dem er ß> lange Zeit so treu gehalten, und sein leMr Seufzer wird sein: Wenn die Li- Mni ausgepreßt ist — nu, nachher wirft vWs weg. Ein altes — ein wahres ort — ganz gleichbedeutend mit dein Undank ist der Welt Lohn. Ja, jihlwenn die Limoni auspreßt ist, nachher lvicft man's weg. Aber es darf nicht im- «r eine Limoni sein. Es gibt noch viele a» )ere'zDinge, die man auch nur so lange btlützt, bis man's ausgepreßt Hot, und dann — o! ich könnt' manche Anspiele anführen? Couplet. Dn Jugend, so ruft Einer heuchelnd, ist . stets A Daterland's edelster Kern; M^in der es nur wagt und die Jugend mir kränkt, Werd' ich eines Bessern belehr'n. So schmeichelt er Jedem, der Jugend besitzt. Und jubelt, hat er die Gemüther erhitzt; Bald wird er von Allen Papa titulirt, Ein jugendlich Herz, das ist gar bald verführt. Aber kaum sieht er wie Viele, Daß's nicht geht mit seinem Spiele, Denkt er gleich ans Retiriren, Lhut die Farbe schnell changiren, Will von Jugend nichts mehr hören, Nur das Alter darf man ehren, Gibt, was einst ihm war Genosse, Preis dem schrecklichsten der Lose. Das Burschenwesen, sagt er jetzt, War immer mir zu keck. : Ja, wann die Jugend auspreßt ist, Nu, nachher wirft man's weg. : Ein Schriftsteller, der stets mit Wort und mit That Für Freiheit und Recht nur erglüht, Geg'n Alles, was finster und schwarz ihm erscheint. Zu Feld immer ungescheut zieht. Der schwöret: Für's Volk ich allein schreiben will, Das Volk zu belehren, nur das ist mein Ziel, Zum Lichte nur stets führ' des Volksdichters Pfad, Und so schreit er, bis er a Anstellung hat. Aber kaum thut's ihm gelingen. In ein Amt sich h'nein zu bringen. Findet er's schon übertrieben, Echten Dichters Pflicht zu üben, Und was einsten s ihm war heilig, Ja. das find't er jetzt abscheulich. Will, statt d'Menschheit zu belehren, Nur vom Köpfvernageln hören. Was aeht mich d'Dolksbelehrung an, Sitz iw nur d rin im Speck. : Ja d'Freiheit, wann man's auspreßt hat. Nu, nachher wirft man's weg. : 2 20 Es schwöret dem Volke ein Mann, der schon oft Gegeben sein Wort nur zum Scherz; De-? Vaterlands Schicksal, so eifert er laut, Wie füllt es die Brust mir mit Schmerz. Drum sei auch, und bringet was immer die Zeit, Dem Vaterland fortan mein Streben geweiht. Und Alles, es jubelt und stimmet mit ein, Das Vaterland, mächtig und groß soll es sein. Aber kaum ein Jahr entschwunden, Geht im Weltgetrieb, dem bunten, Alles, was man einst verheißen, Auf in einem großen Preußen, Und das Nachbarland, das schöne, Schleswig-Holsteins deutsche Söhne Muffen, wollen ste bestehen, Ueber's Meer um Hilfe flehen. Gelt, deutscher Michel, jetzt machst Aug'n Durchschaust so manchen Zweck? : Das Vaterland ist ausdruckt word'n Und jetzund wirft man's weg. : Ein frömmelnder Alter, der faltet die Händ', Und fleht für die Armuth um Brot, »Doch nur für dieArmen,« er stets wiederholt, »Enthaltsamkeit ist mir Gebot.« Vom Dorfe zumDorfe er so herumschleicht, Der Bauer hat Mitleid und Jeder ihm reicht. Der Fromme für Alles dankt, was er erhält, Er nimmt Victualien auch anstatt Geld. Aber kaum ist er zu Hause, Tritt auch schon aus seiner Klause Ihm die Wirthschaftsfrau entgegen, Forschend nach des Tages Segen; Und nun geht's an's Sieden, Braten, Und die Flasche wird entladen, Und für all' die süßen Gaben Muß ein Küßchen er jetzt haben. »Was kümmert uns das Bauernvolk, Füll'n fich nur unsre Säck .« : D'Enthaltsamkeit wann's auspreßt iji, Nu, nachher wirft man's weg. : Die Stimmen des Landes sie werden ge. zählt, Millionen, ste sprechen es laut, Wen sie sich erkoren, zu lenken das Reick, Auf wen sie ihr Hoffen gebaut. Hin zum Präsidenten, der so war) erwählt, Eilt man nun, und als er die Kunde ei hält, Mit Stolz er den Hut auf die Stirne ft drückt, Die Wähler, sie jauchzen, das Land ij beglückt. Aber schon nach einem Jahre Kommt der Mann mit sich in's Klan, Filzhut st bald abgetragen, Mußt die Krone dir erjagen, Möcht' das jetzt schon laut erklären, Wenn die Wähler nur nicht wären, Darum muß man diese Männchen Erst gewinnen für sein Plänchen, Nur kurze Zeit noch schön gethan, Dann geht es schon vom Flecke. : Und wann dann d'Wähler ausM sind, Nu, nachher wirft man's weg. : Ein Bürger, der bis an den Hals sitzt i> Gold, Den treibt es halt höher hinan, Und weil er bemerkt, daß nur der nft belohnt, Der Gutes und Edles gethan, So stiftet er Fonde, verwendet sein Glü Zum Wohle der Menschheit, o herW Feld, Das dringt zu dem Sitze derHohenempk Die freu'n fich darüber und zieh » hervor. Aber kaum ist er am Ziele, Macht er's wie vor ihm so Diele, Will vom Bürger nichts mehr wifft 21 Tritt den eigenen Stand mit Füßen. Das Herr von klingt gar so herrlich, Ist zum Leben unentbehrlich. »Jetzt bin ich erst Mensch geworden/« Prahlt er laut an allen Orten. Vergiß nicht, wo'st dein Geld her hast. Du öder, fader Geck. : Den Bürgerstand hast ausgepreßt, Und jetzund wirfst ihn weg. : (Ab.) Verwandlung. Freie Gegend, um eine Coulisse tiefer als die frühere. Links eine kleine Tabakshütte der Frau Pfitzhuber. Weiter vorne eine Rasenbank. Siebente Scene. Mehrere Tabakverkäufer beiderlei Geschlechtes. Unter ihnen Herr Schweinsberger. Frau Pfitzhuber im Innern des Hauses am Fenster, die Käufer bedienend. Chor. (Nach dem Chore Alle zu verschiedenen Seiten ab bis aus Schweinsberger.) Achte Scene. Frau Pfitzhuber tritt aus der Hütte. Sir ist sehr alt und stützt sich aus einen Stock. Schweinsberger. Pfitzh. Also, Herr Schweinsberger, kommen — Sie glauben also wirklich,' daß ich mit meine Zwanziger noch zurück halten soll? — Schweinsb. Wie ich der Frau schon gsagt Hab'. Nur heute noch, denn heute find's gerad' im Steigen. Pfitzh. Ja, aber — . Schweinsb. Thu' die Frau — was ich Ihr sag'. Wir Gleichgesinnten müssen Z'sammhalten. Pfitzh. Sie verstehen mich nicht, Herr Schweinsberger, ich meine, einmal muß doch der Zeitpunkt kommen, wo man wieder schauen muß. daß man's anbringt. Schweinsb. Davon reden wir morgen. Steht morgen das Silber gut, geben wir weg. Das Land braucht Zwanziger wir opfern uns. In ein paar Tagen muß's auf jeden Fall wieder z'rückgeyen — nachher kaufe» wir wieder, denn wir Gleichgesinnten müssen z'sammhalten. Pfitzh. Nu, wie's halt glauben, ich richt' mich ganz nach Ihnen. Haben's heut schon eine Zeitung g lesen, Herr Schweinsberger? Nichts Neues? Schweinsb. Ja mein Gott — ich sag' der Frau gar nichts — als wir Gleichgesinnten müssen z'sammhalten. Stell' sich die Frau vor, in China hat man bei einem Greisler schon wieder einen bedeutenden Pulvervorrath gefunden. Freilich hat sich im Verlauf der Verhandlung herausgestellt, daß es nichts Anders als Chinapulver war — aber Pulver bleibt Pulver (wichtig) und nochmal, wir müssen z'sammhalten! Was ist's denn, hat die Frau schon mit die Ausländer-Cigarren auspackt? Pfitzh. Versteht sich! Gleich wies mir's neulich g sagt haben. Kein Slammerl mehr im Haus. Alles echte inländische Waare! Schweinsb. So ist's recht. Kommt nichts heraus mit dem amerikanischen G'fraßt. Meine Mischung, das ist die wahre. (Nimmt eine Prise.) Schwarzbeizten daß wir wieder auf unsere vorige Rede mit Tiroler. (Wartet ihr aus.) Kann ich ans warten — wir Gleichgesinnten müssen z'sammhalten. Pfitzh. Ja, aber Herr Schweinsberger. ist denn das aber auch gar so g'wiß, daß wir Gleichgesinnte sein? Schweinsb. Aber Frau Nani — die Frag' — ich bitt' die Frau —schaut mich d'Frau Nani nur an — wie ich da leib' und leb' — (Aus den Hut zeigend.) Cylinder! (Auf seineUhr zeigend.) Cylinder! (Aus seine Füße zeigend.) Cylinder! Ganz 22 Cylinder — Alles Cylinder! Und da zweifelt die Frau noch? B'hüt' die Frau Gott — und vergiß die Frau nit — wir Gleichg'sinnten müssen z'sammhalten! (Ab.) Neunte Scene. Pfitzhuber allein, später Michel. Pfitzh. Geh' zu, Du red'st mir lang gut. Ich thu' doch, was ich will. Nu ja so ein armer Schlucker übereinand. Hat kein' Hund aus'n Ofen z'locken und will von einer G'sinnung reden. O mein, jetzt hat's mich schon wieder g riffen, letzt spür' ich's schon recht — daß ich alt werd'! Michel (freudig hereinhüpfend). Frau Nani, a groß' Packl Schwarzen sür mein' Vater! Pfitzh. Gleich, mein Kind — gleich— Michel. Und da schaut d'Frau Nani her — (Zeigt ihr den Zwanziger.) Was? Ist ein neuer. Der Vater hat g'sagt, bei uns z'Haus ist er ganz allein, und da möcht' ihm d'Zeit lang werden, darum schickt er ihn der Frau. Da find't er schon G'sellschaft im Keller unten. Pfitzh. Wirst stat sein — Du verflixter Bub Du — Michel. Und daß er um 2 Kreuzer mehr gilt, hat er auch g'sagt, die gehören mir auf Kersch en. Pfitzh- Ja. mein Kind, ja — da hast es! (Gibt ihm kleines Geld.) Nu — jetzt mußt mir aber den Zwanziger auch geben! Michel. O mein —Frau Nani — laß mir'n die Frau selber dorr hineinwerfen. weiß die Frau — in das Loch auf'n Fensterbrettel — ich hör's gar so gern, wenn das Ding so recht scheppert — Pfitzh. Wegen meiner, Du närrischer Teufel Du. wann's Dir a Freud' macht! — (Geht in die Hütte.) Michel (sür sich). Mit die 2 Kreuzei geh' ich nachher zum Wächter und zahl ihm die erste Rate auf Abschlag mein» Anlehens, und wenn ich glücklich bin, steh ich in ein paar Jahren schon wieder alt solides Haus — ganz schuldenfrei da. Das g'hört sich. Die Leut' haben leicht Schuldenmachen, die schon im Vorm wissen, das's nichts mehr z'ruckzahlen! Pfitzh. (am Fenster, ein Packet vor sich hinlegend). So, Kleiner, da hast dem Tabak. (Zieht sich wieder zurück.) Michel (geht hin und nimmt das Packet), Und da ist dem Wächter sein Zwanziger! (Steckt den Zwanziger in das aus dem Fenster- tische befindliche Loch.) (In diesem Augenblicke hört man Pfitzhubei laut ausschreien.) Michel (erstaunt). Nu, was hat dm d'Frau wieder? Ah ich weiß schon, die Gicht. Mach' sich die Frau nichts daraus. Mich hat's heut' auch schon griffen — m der Schul'! (Läuft ab.) Zehnte Scene. Knöllerl (alsPfitzhuber aus dem Hach, mit schwacher Stimme). O Du mein Gott! Denkt Hab' ich mir's, daß noch ein rechtes Unglück geschieht. Aber ich hätt's wissen können. Der Bub hat mir's selber gesagt, daß er um den Zwanziger ein' Tabak kauft. Jetzt bin ich die Tabakkramer-Nani O schreckliches Geschick! Grad' in dem Augenblick, wie mir der Herr Bürgermeister, nach einer geheimen Sitzung, die größte Verschwiegenheit abverlangt -- werd' ich ein altes Weib. Und wie's mich überall sticht und Premselt. Und keine Zähne spür' ich auch nimmer mehr. N« b'hüt'Dich Gott, Beefsteak — jetzt kommts Kinds koch. Ich thu' mir was an — ich stürz' mich in's Wasser — oder schlick' a paar Pfund Galizier! Nachher ist's g'nH gar. 23 Elfte Scene. Mngkling als Felix, Pfitzhuber's Neffe. Knöllerl. Klingk. (heiter und rasch eintretend). !lh guten Tag — liebes Tantchen — luten Tag! — Knöllerl (erstaunt). Was ist denn das nieder? Klingk. Nu, was seht Ihr euren amen Neffen.wieder so unmuthig an? Serzeiht mir doch einmal. Ich weiß, ch habe Euch durch meine liederlichen Streiche schon viel Verdruß gemacht! lber seht — Knöllerl (für sich). Nu, da hat man's. ;etzt bin ich kaum Stunde eine reiche Mte— kommt schon auch ein liederlicher Neffe, das muß wahrscheinlich schon llimer so sein — wegen dem Gleichgewicht. Klingk. (unwillig). Nun so hört mich och an. Knöllerl. (erschrocken, für sich). Ich ruß mi h z'samm'nehmen. Ich kenn' das Kerhältniß noch nicht. Dgß ein Neveu eine Laut prügelt hat. das war auch chon da. Klingk. Seht, ich wollt Euch nur sagen - daß Ihr schon deßhalb Nachsicht mit mr haben sollt, weil ich euer einziger linverwandter bin. Knöllerl. (für sich). So, nu desto besser ür mein Weib und meine Kinder! Klingk. (sich keck vor Knöllerl hinstel- end). Laute, ich frage Euch nun zum etzten Male, wollt Ihr mich eines freund- ichen Blickes würdigen oder nicht? Aber >ein, heute laß ich mir den Humor von 2uch nicht verderben, fust nicht. O Gott, vie ich heute so glücklich bin! Wißt Ihr twas Neues, Tantchen? Ich habe mich ^ute mit meiner Kathi zum 23. Male ausgesöhnt. Hei, wird das nun wieder ein Leben werden! Kommt, Tantchen, freut Euch mit mir. (Dreht sich mit Knöllerl einige Male singend im Kreis herum.) Knöllerl (schreit, ganz erschöpft auf die Rasenbank sinkend). Nein — nein — der Kerl bringt mich um — o Du mein — o Du mein — s'ganze Podagra hat er mir g'riegelt. Klingk. Macht nichts, Tantchen, macht nichts! Habt nur noch 6 bis 8 Jahre Geduld, bis dahin habe ich meine Studien vollendet, dann curire ich Euch ! Aber jetzt, Tantchen, zur Hauptsache. Ich brauche Geld — viel Geld — ich muß die Kathi tractiren. Knöllerl (sich noch immer die Knie reib nd). Jetzt laß mich gehen — ich Hab' nichts — (Für sich.) Ich bin selber so ein Lump. Klingk. So? — Ei sieh! Also diesen Ton schlagt Ihr an? O Ihr alter, verschimmelter Geizkragen Ihr! Mir so etwas in's Gesicht zu sagen. Sie hätte nichts. Soll ich Euch eine Geschichte erzählen von einer großen eisernen Kiste voll blanker Thaler und Zwanziger — die! Ihr da drinnen unter eurem Bette, in der Mauer verborgen habt? Knöllerl (freudig aufspringend, vom Schmerze aber plötzlich wieder ergriffen zurücksinkend). Jetzt geh — hör' auf — Klingk. O verstellt Euch nur! Aber Ihr tragt ein kaltes, steinernes Herz im Busen, von dem das menschliche Gefühl gerade noch so weit entfernt ist. als die Sonne von der Erde, und daß Jhr's nur wißt, das ist beiläufig zwanzig Millionen Meilen. Knöllerl (für sich). Was? Wie weit? Nu das ist nicht übel. Zwanzig Millionen Meilen — ich dank, da haben wir noch schön weit zum Lichte. KllNgk. (Plötzlich auflachend undKnöllerl betrachtend). Aber was ich doch für ein närrischer Kautz bin. Sollte ich Euch doch schon kennen. Habt Ihr erst wieder eine Nacht darüber geruht, geht Alles besser. 24 Darum, Tantchen, vergebt, wenn ich Euch geärgert habe, ich weiß es, es ist für Euch bald Schlafenszeit. Morgen mit dem Frühesten komm' ich wieder, und dann wollen wir schon zusammen fertig werden. Knöllerl (für sich). Ja schau, daß Du Dich nicht irrst! Klingt. Es nützt Euch einmal nichts, ich brauche Geld — Geld — und nichts als Geld. Ihr kennt mich seit meiner frühesten Jugend, Tantchen, und Ihr wißt, Geld — es war bisher mein beständiges Losungswort, und wird es auch bleiben bis an das Ende meines Lebens, so wie es für mich in der ganzen deutschen Sprache nur ein einziges Hauptwort gibt, und das heißt: Geld! Knöllerl. Ja und Dummheit, das ist auch ein Hauptwort! Klingt. Mit Nichten, Tantchen, Ihr irrt. Dummheit ist ein Geschlechtswort, denn es hat ohne das vorhergenannte Hauptwort Geld — sehr wenig — oder gar keine Bedeutung. Knöllerl (für sich). Mir scheint gar, der stichelt auf mich! (Laut.) Jetzt wird gleich der Haslinger da für Dich zum Hauptwort werden. (Aus seinen Stock zeigend.) Klingt. Ihr fehlt schon wieder, Tantchen. Haslinger ist ein Mittelwort zwischen zurückführender Zeit und bestimmendem Zahlworte. Knöllerl. Ah da muß ich bitten. (Zornig.) Du — wann Du mir jetzt nicht gleich versprichst — daß — Klingt. Versprechen, Tantchen? Ein gegebenes Versprechen, das sollte eigentlich ein heiliges Bindewort sein, wird aber in dem Munde gar vieler Menschen nur stets als Nebenwort gebraucht. Knöllerl. Ja ist denn gar Niemand in der Näh', der mich von dem Menschen befreit? Klingt. Ja, Tantchen, jetzt habt Ihr Recht! Freiheit ist das schönste — das herrlichste aller Worte, aber nur für den, der von der edlen Bedeutung desselben ganz durchdrungen. Und deßhalb ist mich Freiheit kein Haupt-, sondern ein Empsin- dungswort. Knöllerl. Nu wart nur—wenn Dich einmal Einer hört — ein Unrechter! Klingt. Ah ich verstehe Euch. Ihr meint, ein Solcher, der nur immer härl und nie spricht, und dessen Hauptleiden- schaft einzig und allein darin besteht, dir Handlungen und Worte seiner Mitmenschen zu belauschen, um dann — selbsi gegen den Willen Derjenigen, denen sich diese feilen Kreaturen aufdringen, dch sicherer referiren zu können. Ein Solch« ist ein Spitzbube, und ein Spitzbube dieser Kalibers ist ein regelmäßiges Zeitwon — sehr thätiger Form — anzeigend« Art! Jetzt, Tantchen — schlaft wohl - morgen sehen wir uns wieder! (Ah.) Zwölfte Scene. Knöllerl (allein). Nu ich dank' — dir füttert sein'Schnabel nit umsonst. OGoti (seufzt) wenn ich nur wüßt' — wo lM Zwanziger ist, vielleicht schon in der eisernen Kisten — liegt auch nichts dam G'hört Alles der Familie — die werden Augen machen — wenn's die Thal« sehen. (Auf seine Schürze greifend.) Was ill denn da drinnen? (Sucht in den Taschen.) Lauter Sechserzetteln und Zehnerl mit drn Buchstaben, und da a Spiel Karten - wahrscheinlich zum Aufschlagen. Pfui, marsch damit — (wirft die Karten weg) dl! sind's, die mich in's Unglück bracht haben (Gähnt.) Der Neuen hat aber Recht g'habf. Die Alte will schon aufsitzen. Ah ist jn noch zu früh — ich werd' mich daweil n bisserl da her setzen und dünken. lM sich, aus die Hütte zeigend.) Aber dort stil ich doch früher noch zusammenräumen - a was — ich bin so schon z'sammgeräMt (Läßt den Kopf nachdenkend sinken.) 25 Dreizehnte Scene. Knoll und Ruffo, zwei Räuber. Knöl- lerl auf der Bank. Knoll (leise, nachdem Ruffo zur Thüre >eeilt und etwas an dem Schlüssel unter- ucht). Hast Du die Abdrücke ganz genau genommen? Ruffo (leise). Sei ohne Sorgen. (Von der Hütte wegtretend.) Alles ist in Ordnung. Noch ehe der Morgen graut, haben wir. was wir suchen — Knöllerl (regt sich). Knoll. Ruhig. Ruffo — die Alte könnte uns bemerken — Ruffo. Du hast Recht — Laß uns eilen! (Beide rasch ab.) Vierzehnte Scene. Knöllerl (allein, sich zurücklegend und nach und nach einschlasend). Aber es g'schieht mir Recht — ganz Recht — ich bin an Allem d'ran Schuld! — Wie könnt' ich jetzt da stehen — als ein Mann am Platz — ang'sehen und geachtet! (Sanfte Musik.) Ein großes G'schäft — so — ja so — wie ich mir's oft — vorg'stellt Hab' — da — dort — unten — oben — Alles voll — ha! Wie das Alles wurlt — wie das — lebt — so — so — g'fallt's mir. — Was sagt der Wurstel dort — und die Menge — Schachteln — und lauter neue — Schachteln — ich bin die einzige alte —! (Die Musik wird stärker. Die Bühne hüllt sich in rosiges Gewölle, so daß auch Knöllerl versteckt ist. Die Musik wird wieder sanfter.) Fünfzehnte Scene. Der Traumgott erscheint in dem Gewölle und spricht unter sanfter Musik: Während Du im süßen Schlummer Ruhest von des Tages Müh'n. Nah' ich mich, ein Trostesengel, Zu umgaukeln deinen Sinn! (Musik, dann:) Manche bunte, heit're Bilder, Die im Leben Du erblickt, Seien durch des Traumgott's Milde Dir im Schlafe nahgerückt! (Starke Musik, dann:) Neu gestärkt magst Du erwachen. Und eh' noch der Tag sich neigt, Hast das Ziel Du schon errungen, Welches Komus Dir gezeigt. (Die Musik wird wieder rauschend. Der Traumgott verschwindet. Die Wolken theilen sich-) Sechzehnte Scene. Es bietet sich dem Auge ein großes eingerichtetes Spielwaaren-Gewölbe dar. Tanz-Divertissement (ausgesührt von den Figuren des Spiel- waaren-Gewölbes. Zum Schluffe Einzug und Gruppe). Ende des 2. Actes. LS Dritte Mtheilrmg. Helsige Waldgegend. Räuber lagern aus der Trde. Links ein hoher Fels an der Coulisse. Weiter vorne eine Felsenbank. Klingkling als Räuberbraut phantastisch gekleidet, ruht auf derselben. Rückwärts ein Wachtposten der Mäuber. Unter den Räubern Kurt — Murt— Jakob — Friedeborn — ebenfalls als Räuber gekleidet. Erste Scene. Chor der Räuber. In des Waldes düftern Schatten, Stets bereit zu neuen Thaten, Ruht der Räuber munt're Schaar! Räuberleben! Lustig Leben! Toller Sang! Zimbelklang! Bis des Hauptmanns Ruf ertönet — Husch — husch — husch! Husch hinter den Busch! je — (dann Klingkling von sich abweh- tnd). Ist schon genug derweil — und licht so drucken. (Aus seine Pistolen im Gürtel zeigend.) Du siehst, ich bin im Aus- lahmszustand — und da darf man nicht o drucken — wie man will! Klingkling. Geh, Janosch, sag' 'einer Tresi — warum bist Du so ver- tiinmt? Ruffo. Bei allen Teufeln — ich kann s selbst nicht begreifen, was ihm mit inem Male so zugesetzt hat. Stellt Euch mr vor — die ganze Zeit — war der Hauptmann so froh und heiter wie noch elten. Da ziehen wir gestern gegen Abend in kleines Städtchen vorbei. Ach, ruft r plötzlich — Ruffo — da gibt's einen Men Fang zu machen. Ich kenne hier eine alte — sehr reiche Witwe — sie bewohnt außerhalb der Stadt einen kleinen Krämerladen, und wir können sicher sein — bei ihr ein bedeutendes Sümmchen zu erhaschen. Gesagt! getban! Er führt mich an Ort und Stelle. Die Alte ruhte eben außerhalb ihrer Hütte. Ich nehme die Abdrücke von den Schlüsseln, arbeite die ganze Nacht und noch vor Tagesanbruch begeben wir uns hin. Alles geht gut — das Erste, nach dem der Hauptmann greift, ist eine kleine Lade am Fenstertische Er öffnet sie — steckt seine Hand hinein — da, jetzt hört mich. Kameraden, — da stößt er plötzlich einen fürchterlichen Angstschrei aus, gerade so, als wäre er von einem tollen Hunde gebissen, oder zum alten Weibe geworden. Knöllerl (für sich). Ja umkehrt ist auch g'fahren — ich war ein altes Weib, und wie der Kerl mein' Zwanziger anrührt, werd' ich ein Räuber. Ruffo. Nun, Hauptmann, sprich! Hab' ich nicht die Wahrheit gesagt? Auf den Spectakel nähert sich die Patrouille, wir müssen durchbrennen, und erscheinen jetzt vor Euch mit leeren Händen, während wir sonst im Stande gewesen wären — Euch eine Beute von wenigstens zwanzigtausend blanken Thalern vor die Füße zu legen. (Alle Räuber murren.) Knöllerl (für sich, voll Angst). So ift's recht, sic fangen schon zum Murren an. vielleicht erschlagen's mich gleich. Jetzt, Keckheit steh' mir bei. (Entreißt einem Räuber das Gewehr, laut drohend.) Ja, was ist's denn a so — ah da schaut ein Mensch — Mordelement— wird ein'Ruh' sein — ein Muckser noch und— (droht mit dem verkehrten Gewehre. Die Räuber zerstreuen sich mit scheuen Blicken). Knöllerl (ausathmend, für sich). Gott sei Dank — sie geben nach — das Hab' ich von dem g'wissen Feldwebel g'lernt. (Zielt nochmals aus Einen.) — Bagage über- einand! Murt (leise zu Ruffo). Reize seinen Zorn nicht noch mehr—Du kennst ihn— Ruffo. Verzeih', Hauptmann, es war 28 nicht so gemeint. Wir wollen uns den letzten Tag nicht mehr zanken. Reich' mir die Hand, großer Knoll. Knöllerl (für sich). Was? Wie hat er g'sagt? Knoll! Rufso. Nun, dem Freunde wirst doch erlauben, Dich bei deinem Namen zu nennen? Knöllerl (für sich). Also Knoll heiß ich jetzt da hat man's. Das allein ist schon eine ganze Räuberbiographie. Mit Kleinem fängt man au — mit Großem hört man auf. Früher war ich ein bescheidenes Knöllerl, jetzt bin ich der große Knoll. Klingkling. Geh', Janosch — Du bedarfst der Erholung — ruh' Dich aus etwas! (Nimmt ihm Mantel und Hut.) Knöllerl (affectirt zärtlich). Nu, frei lich! — Murt. Wollen wir noch vor Anbruch der Nacht am gehörigen Orte sein, müssen wir bald aufbrecheu. Von hier nach Waltersberg zieht sich ein Weg von vier Stunden. Knöllerl (sehr erstaunt.) Wohin nach Waltersberg? Murt. Nun ja! Waltersberg am Gebirge, unweit Mirzenfeld, die Behausung des uns von Dir bezeichnten Wucherers Namens Krall — der heute noch ange zapft werden soll. Knöllerl (für sich), (^s kommtalleweil schöner — der ihnen von mir bezeichnte Wucherer Krall. Das ist mein saube rer Herr Onkel, der mir erst vor einigen Tagen g'schrieben hat, daß er, trotz seiner halben Million, nichts für mich thun kann. Und den wollen's anzapfen — o ich verstehe. Da muß ich, als der einzige rechtmäßige Erbe, natürlich dabei sein um wenigstens für meine Kinder etwas zu retten. Klingt. Und morgen dann, Janosch wann Alles ist gut vorbei — auf — fort in die Heimat — und ein ehrlicher Mann geworden. Knöllerl (für sich). Da kann rnai ehen! Was man alles für Schlecht^ 'eiten begehen muß — bis mau ein ehrli cher Mann wird! Klingk. He da, Wein her — ich wil meinem Janosch einen Becher vom Bch> 'redenzen. (Lin paar Räuber bringen Krüge und Bechr und vertheilen die letzteren an Alle.) Klingt, (schenkt ein). Knöllerl. Ich weiß nicht, bei allen dem bin ich so frisch — so g'sund, ja man sagt — so ausgerast't — ich wahrscheinlich schon a paar Jahr g'sesse, ein. Klingt, (reicht ihm einen Becher). D nosch — da trink — sollst leben! Alle. Vivat der Hauptmann! Knöllerl (trinkt, für sich). Pr! Reime Rauber-Essig. Jakob. Hauptmann, stoß an! weißt es ja — Du warst immer mm Stolz! — Ist mir recht leid, daß wir trennen müssen. Knöllerl (für sich). Der Teufel, dk G'ficht soll ich ja kennen? — Jakob. Was schaust mich denn som — als wennst mich nie g'sehen hättest? Knöllerl (laut). Ah ja—jetzt erinm ich mich. Meiner Seel, den Herrn Bam Radschuh sein Bedienter. Jakob (lacht). Ja so, Du meinst dic Verkleidung, die ich Hab' nehmen müsse«, sonst wär's mir nicht so leicht möglich g'wesen, mit mein' Freund da —(««' Friedeborn zeigend) den reichen Viehhändler um die 22 Ochsen zu prellen. Knöllerl. O Du schändlicher Kal Du — Jakob. Schändlicher Kerl? Ja bin ich. und das ist mein Stolz! Knöllerl. Der ein Räuber — ei« Mensch mit einer solchen G'finnung Jakobs Dicke anspielend) ein Räuber! Jakob. Ja warum denn nicht 7- muß denn Alles radikal sein —ich bi« 29 alt ein konservativer Räuber. Das ist nein Stolz. — Friedeborn. Na nu, Hauptmann, uch mich thut's man sehr wehe — daß wir schonst scheiden sollen. Knöllerl. Den Hab ich, scheint mir, uch schon wo g'sehen. Friedeborn. Aber siehst Du, ich habe nir eben jetzt meinen künftigen Lebens- Dlan ausgeheckt. Angenommen, es gibt nute Nacht eine tüchtige Beute, so bin ich morgen Früh schonst — ein Besitzender, dann geh' ich nach Deutschland — und las; mir in ene Kammer wählen. Knöllerl. Hast Recht, Berliner — da gehst Du deiner sicheren Auflösung entgegen. Murt. Hauptmann, willst Du uns nicht zum Zeitvertreib einige von deinen lustigen Geschichten zum Besten geben? Knöllerl. Ja!? Nu wart nur, sie werden uns schon Geschichten erzählen, wenn's uns erwischen. Ruffo. Unter Andern, Freunde, habt Ihr schon vernommen, man hat einen Preis von hundert Ducaten auf den Kopf unsers Hauptmannes gesetzt. Knöllerl. Auf den Kopf hundert Ducaten ! Ich sag's ja, die Dümmsten haben die größte Geltung. Klingk. Laß das, Janosch, mußt Dir das Zeug aus dem Kopf schlagen. Wart, ich werd' Dir das Liedl singen — das ist dein Leibliedl. Wirst nachher gleich munter werden. Nit wahr? Knöllerl (setzt sich, für sich). So, das auch? Nur zu, Schicksal, nur zu! Klingk. (singt ein ungarisches Lied mit Khorbegleitung, dann ab). Dritte Scette. Die Vorigen. Alle Räuber ziehen sich in den Hintergrund zurück. Knöllerl (vorne allein). Jetzt muß ich balt schon noch vier Stund' in dem Zustand verbleiben, nachher bin ich zwölf Stund Räuber, und kann mit meinem Zwanziger wieder um ein Haus weiter gehen. Was nutzt mir aber das in dieser G'sellschaft? Ich darf ihn geben, wem ich will, es ist g'hupft wie g'sprungen, ich werd' immer wieder ein Spitzbube. Wenn's uns nur nicht daweil einfangen. Nachher bin ich hin. Ich kenn' meinen früheren Lebenslauf nit — kann also mit'n besten Willen nichts aussagen, und mit einem Stockhaarigen, Hab' ich g'hört, gehen's nochviel strenger um. O mein arm's Weib! Wenn die mußt' in welcher Sauce ich bin. Nu, in meinem Urtel wird sie's nachher schon erfahren. Getümmel im Hintergrund und in der Scene, welches fortwährt. Knöllerl. (blickt erschrocken um sich). Murt (stürzt hastig vor). Auf — Auf — Hauptmann — zu den Waffen, sonst sind wir rettungslos verloren. Man hat unfern Aufenthalt entdeckt — der ganze Wald ist von Soldaten umzingelt. Knöllerl. (erschrocken). Nu da haben wir den Kaffee! Ruffo (stürzt vor). Wehe uns! Nur ein Verzweiflungskampf kann uns retten. Hauptmann, führe uns an! Wir müssen uns durchhauen. Knöllerl (ängstlich). Ja verhauen müssen wir uns! O Gott — o Gott! Murt. Was soll das — mir scheint, Knoll, Dir schlottern die Kniee — Knöllerl. Das ist klar! — Aus lauter Wuth! Ruffo. Hier bleibt nichts zu überlegen! Murt. Sprich, Hauptmann, was soll geschehen? Knöllerl. Ich glaube, es ist das Beste — wir liefern die Waffen ab — sonst haben wir noch mehr Keierei. Ruffo. Ha. Memme, jetzt erkenne ich Dich! Komm, Murt, laß uns die Unseren sammeln. (Ab.) (Die anderen Räuber folgen.) 30 Murt. Ein Jeder sorge für sich selbst, das ist mein Losungswort. (Ab.) (Musik, der Lärm von außen wird stärker. Man hört Geschrei und Schießen. Trommeln. Trompeten.) Knöllerl. Und ich schau, wo der Zimmermann s' Loch g'macht hat. (Will ab. Ein Schuß fällt aus derselben Seite.) O mein — o mein! (Eilt auf die andere Seite, hier fällt wieder ein Schuß.) Aber nit — was ist denn das? (Eilt gegen den Hintergrund. Im Hintergründe erscheinen ganz in der Ferne fechtende Räuber und Soldaten. Von den Bäumen fallen Schüsse.) Knöllerl (sinkt ermattet aus die Kniee). Aus — ist aus! Kuoll und Knöllerl, b'hüt dich Gott. Vierte Scene. Die Musik wird wieder etwas schwächer. Der Kamps und das Getöse währen fort. Klingkling erscheint auf den Felsen. Klingt, (ruft). Janosch! Janosch! komm' zu mir, ich werde Dich retten! Knöllerl (springt rasch aus). Ja — ja — da bin ich schon. (Will den Felsen ersteigen.) Wie komm' ich aber da hinauf? Klingt. Schnell, Janosch! Schnell! Knöllerl. Ionisch —hin — Ionisch her. Nit wahr ist's. Wenn ich ein ordentlicher Schustervogel wär' — hätt' ich Flügel. Aber halt — da geht's — so (Klettert aus den Fels.) So, da bin ich! (Kniet neben Klingkling.) O Du mein Schutzengel Dü! (Die kämpfenden Räuber kommen mehr in den Vordergrund.) Klingt, (sanft). Fürchte nichts. Ich bringe Dich in Sicherheit und zwar dorthin — wo sich all' dein Leiden schnell enden soll. (Einige Soldaten nähern sich dem Fels und legen aus Beide an. Starke, rauschend« Musik.) Knöllerl. Zu Hilfe! Zu Hilfe! Klingt, (feuert ein Pistol in die Lust ab und versinkt mit Knöllerl in den Fels. Grupp der Soldaten und Räuber. Die Bühne verwandelt sich aus Klingklings Schuß in eia« reizende Gartenanlage, so daß alle Gruppe» versteckt sind. Der Fels, in den Beide versunken, verwandelt sich in einen modernen Pavillon. Rechts, die Eoulisse verschließend, eine Laube mit Rasinbank. Alles wird ruhig). Fünfte Scene. Die Thüre des Pavillons öffnet sich schnell und Knüllerl stürzt hastig heraus. Später Sebastian, der Gärtner, von der Seite. Knöllerl (noch von innen, sehr laut). Zu Hilfe, Zu Hilfe! (Stürzt ganz erschöpft heraus mit schwacher Stimme.) Zu Hilfe! (Gegen die Laube taummelnd.) Ich bin verloren — ich bin hin — ich kann nimmermehr! (Sinkt in der Laube zusammen.) Sebastian (von der Seite, kopfschüttelnd für sich). Hm! hm! hm! Er ist zwar schon ein uralter Mann — aber daß es so schnell kommen wird, wäre mir doch nicht in den Sinn gekommen. (Bleibt nachdenkend stehen.) Knöllerl (ganz erschöpft, sich aufrichtend). Gott sei Dank, es rührt sich nichts mehr — ich bin ihnen glücklich entgangen. Wo bin ich aber jetzt? (Sieht sich vorsichtig um.) Sebastian (für sich). Der Anfall war der fürchterlichste, den er je gehabt. Der Ausspruch aller Aerzte lautet gleich — keine Rettung. Noch eine kurze Stunde — und — Knöllerl (erstaunt, für sich). Ah, das ist stark — seh' ich recht — oder Hab' ich einen Rausch? Die Gegend soll ich ja 31 nnen. Ja, - - ja, ich irr' mich nit. Da ist r alte Sebastian, der Gärtner, — rich- — richtig — ich bin auf meinem sau- rn Herrn Onkel sein' Schloß — den die litzbuben heut Nacht so gern abgestochen tten. Wie komm' ich daher? Sebastian (für sich). Es ist wahr, war ein harter — ein rauher Mann, er Mensch bleibt Mensch — und am nde thut es mir doch leid um ihn. Kaöllerl (für sich). Wenn mich wer ht, bin ich verloren. Ich bin ein mar ter Kopf, ganz gewiß von Steckbriefen rsolgt. Ich Hab' wahrscheinlich besondere ennzeichen und weiß gar nichts davon, ielleicht find' ich dort ein Versteck! (Will if den Pavillon los, stolpert aber und wird rch das dadurch verursachte Geräusch von ebastian bemerkt.) Sebastian. He — was gibt's — as soll's dal? Knöllerl (verlegen). O ich habe die hre, einen guten Abend zu wünschen, ntschuldigen Sie, ein armer Reisender. Sebastian. Sonderbare Maxime das, überall mir nichts Dir nichts einzu- eten. ^ Knöllerl. Ja, Sie haben Recht— es niederträchtig. Aber man kommt schon st so gegen seinen Willen dazu. Sebastian. Ich sage Ihm, nehm' Er ch vor meinen Hunden in Acht. Haben rst vorgestern Nachts einen (bedeutungs- ebenfalls sehr sonderbar aussehenden Kann förmlich zerrissen. Knöllerl (ängstlich um sich blickend). ) die lieben Viecherln die! Zerrissen also aben's ihn? Nu, das thut's noch — da eilt er sich schon wieder heraus, da darf r ja nur nach Klein-Asien — das heißt, ch will sagen nach Klein-Deutschland 'mausreisen — da ist jetzt ohnehin g'rad' roße Flickerei. Und besonders vor dem Men warne ich Euch. Eine verdammte oestie. Ueberall der Erste — steckt seine käse in Alles. Knöllerl. So? — Nu, das wird vielleicht ein Engländer sein, die haben auch die Krankheit, daß sie sich in Alles mischen. Sebastian. Was für eine Profession betreibt man denn eigentlich, wenn mau fragen darf? Knöllerl (für sich). Ja freilich — das wird man Dir gleich auf die Nasen binden. Was sag' ich aber — ah, ich weiß schon. (Laut.) Ich bin ein Pflasterer, ein zu Grund gegangener Pflasterer. Wiffen's, das G'schäft geht halt jetzt gar nimmermehr. Aber s'ist auch natürlich. Ihr Pflaster haben's überall. Sebastian. Ah paperlapah! Entferne Er sich lieber jetzt. In wenigen Augenblicken wird der Eigenthümer dieses Schlosses, der Herr von Krall, hier erscheinen, um wie gewöhnlich dort in jener Laube den Abend zuzubringen, und da darf er von Niemanden gestört werden. (Für sich, seufzend.) Wenigstens heute nicht! Als ich ihn soeben verließ, sprach er den Wunsch aus — hierher gebracht zu werden. O Gott, der Arme, er weiß ja noch nicht, was ihm bevorsieht. Ehe noch unsere alte Dorfuhr die Stunde ausgeschlagen — ist auch seine Uhr abgelaufen, und hier auf seinem Lieblingsplätzchen — nein — nein, ich kann's noch nicht fassen! (Laut.) Also seht, daß Ihr fortkommt, und vergeht auf meine Hunde nicht. (Ab.) Sechste Scene. Knöllerl (allein). Nein, gewiß nicht! Ich werd' mir's hinter die Ohren schreiben, und hinter die Ohren geht was. Aber jetzt g'scheidt sein, Knöllerl! Die Gelegenheit ist günstig. Wenn ich je in einer Lage gewesen bin. für die Meinen was thun zu können — so ist's die jetzige. Darum rasch au s Werk. Dort hin, hat er g'sagt, in die Lauben kommt der Herr 32 Onkel, dort hin also leg' ich mein' Zwanziger. Kein anderer Mensch als wie er Eriegt ihn in die Hand, ich werd' den Abällino da los .— bin auf zwölf Stund mein Herr Onkel, und schick' heut noch per Eourir a paar Stoß' Fünfprocentige an mein Weib. Was nachher g'schieht, das soll der Klingkling verantworten, ich kann nichts ander's thun — als was er mir ouftragen hat. (Nimmt den Zwanziger aus ber Tasche und geht zur Laube.) So — da liegt er — und jetzt kann's angehen. Aber Augen wird er machen, der Herr Onkel, daß er in seinen alten Tagen noch ein Räuber werden muß. So ist's aber immer im Leben. Was für den Einen gut ist — das ruinirt den Andern. Während dem ich da im Genüsse schwelgen werde, kann er in den Wäldern herumlungern und Wegelagern. Ja, ich sag's nochmal: Was dem Einen Freude macht — das richt't den Andern z'Grnnd! — Ein Hausherr, der klaget dem Arzt, d- er krank, Der Arzt ist ein Mann, der's versteht. »Sie haben,« sagt er, »sich mit Ganser!! verdorb'n, Für Ihnen gibt's nichts als Diät.« Der Hausherr, der dankt, läßt den Toi tor allein, Da schleicht d'rauf ein Schulg'hilf, eir kranker, hereii Und der Schulgehils erzählet. Daß's auch ihm im Magen fehlet, Nur schämt er sich's laut zu sagen, Wie der Hunger ihn thut plagen. Und der Doctor, der so kluge, Ist halt jetzund g'rad im Zuge, Thut denselben Rath ihm geben, Nur Diät, sonst kost's das Leben. Im Tag d'rauf ist der Schulg'hilf weg, Der Hausherr ist gesund. :Diät, die für ein' Hausherrn gut, Richt't Schulgehilfen z'Grund.: Couplet. Es strahlet am heiteren Himmelsgezelt Die Sonne so freundlich und mild, Da wird es dem Menschen so wohl und so gut, Sie ist ihm der Aufklärung Bild. Und Alles, es möchte dem Adler ganz gleich Sich schwingen zum Lichte im luftigen Reich. Nun ein kleines schwarzes Manderl Hält vor's Aug' das dürre Handerl, Kann den Glanz halt nicht vertragen, Denn das Licht liegt ihm im Magen; Und mit heuchlerischer Miene Sagt er, »ging's nach meinem Sinne, Ließ' ich d'Sonn' infam cassiren, Oder gar gleich stranguliren.« Ich glaub's, für eure finstern Köpf' Ist's Sonnenlicht nicht g'sund; : Denn das» was für die Adler gut, Richt't d'Fledermäus zu Grund!: I Das Schlachtengetümmel, es hat nun tii End', Der Feind, der ist heute besiegt, So rufet ein Däne, indem er dabei Das Haupt mit dem Lorbeer sich schmückt Die Fahnen laßt flattern, ihr Höm ertönt, Dem Kriegsgott zum Dank, der mit uni sich versöhnt! Nur in einem dunklen Zelte, Arg gequält von Fieberkälte, Liegt, gefesselt von dem Sieger, Ein gefangner deutscher Krieger, Fern von den geliebten Brüdern. Hört er in den Jubelliedern Nur der Freiheit Grabgesänge. Und sein Zelt wird doppelt enge. Verzweiflung faßt den deutschen Mann, Er weint das Aug' sich wund. :Denn das, was Dänen Freude macht Das richt't den Deutschen z'Grund: Es war einst ein Bauer, ein tüchtiger Mann, Der brütete hinter dem Pflug. 33 )b man für den Ochsen erfinden nichts könnt', )as ihn unterstützte im Zug. lr gab nicht mehr nach, ja, er brütete noch, M' er für die Ochsen erfunden nicht 's Joch. Aber bald geht er schon weiter, Denkt sich, wät' es denn nicht gescheiter. Wenn ich auch für meine Knechte Macht' ein solches Joch zurechte. Thut es auch sogleich probiren, Wie das Joch den Knecht thut zieren, Und in kurzem sieht den Guten Man im Joche gräßlich bluten. Iha, denkt sich der Bauer jetzt, lls er die Stirn sieht wund: : Das Joch, das für die Ochsen gut, Das richt't die Menschen z'Grund. : s steht im Theater ein Herr und der hat m Kopf einen ganz neuen Hut, nd weil's so Gebrauch, wie d'Komödie beginnt, ienselben er abnehmen thut. >a gibt's ein Gedräng, der Cylinder fällt 'nab, nd find't im Gedränge auch richtig sein Grab. Da thut ihm ein Herr zur Linken Mit den Augen freundlich winken, »Ihnen,« sagt er, »soll man peitschen, Warum tragen Sie kein'n Deutschen? Deutsche Hüt', die kann man z'mudeln, Die sein's g'wohnt schon 's Umapudeln. Was Sie wollen, thu' ich wetten, Deutscher Hut laßt sich nicht z'treten. nd wenn's ein Gedräng wo gibt, >as is ihm erst recht g'sund. : Gedräng für deutsche Hüte gut, Cylinder richt's zu Grund.: (Geht ab.) Wiener Theater-Rep. Nr. 274 Siebente Scene. Herr von Krall von einigen Dienern gestützt. Er ist sehr alt — im weiten, langen Schlafrock, weißes Haar, Sammtkäppchen und ganz hinfällig, später Möller, der Arzt. Krall (gegen die Laube zeigend). So — so — dorthin — (setzt fick in die Laube). Und jetzt — jetzt geht — laßt mich allein, ich will Niemanden sehen. (Die Diener gehen.) Niemanden als den Arzt. — Gewißheit will ich haben — und wär's auch die schrecklichste. — (Pause. Erblickt den Zwanziger.) Was soll das, — ein blankes Silberstück? Hat man das absichtlich hierhergelegt? O ich versiehe Euch — so wie Ihr mich erkennt. — Es soll des Main- mons Zauberglanz — dem todesmatten Auge — neue Kraft verleihen. (Gierig.) So — komm — komm denn — Du gehörst mir — ja — ja — mir gehörst Du — ganz — ganz — allein. — (Mit Mühe und Anstrengung nach dem Zwanziger greifend.) Möller (von der entgegengesetzten Seite. Nachdenkend). Gott, Du weißt es, eine schwere Pflicht ist es, die ich zu üben habe. Doch es muß sein. Zudem hat er es ja ausdrücklich selbst verlangt. Krall (wie oben, nach dem Zwanziger langend). Ha, Satan — willst Du mich necken? Möller (sich ihm nähernd.) Herr von Krall, sind Sie gefaßt, mich zu hören? Krall (erlangt den Zwanziger. In diesem Augenblicke dreht sich die Rückwand der Laube, und statt Krall — sitzt Knöllerl in dessen Gestalt in derselben). Achte Scene. Knöllerl. Möller. Knöllerl (sieht Möller sehr gemächlich an). 3 34 Möller (fährt fort, nachdem er sich wieder Knöllerl ganz zugewandt). So vernehmen Sie denn das Unvermeidliche, Herr von Krall — und fügen Sie sich mit Gott darein. Nur noch wenige Minuten sind Ihnen gegönnt. Ein Mann mit Ihren Jahren, er mußte ja schon lange auf das Unabwendbare gefaßt sein — darum noch einmal — seien Sie stark. Ich verlasse Sie jetzt, um Ihrem Rechtsfreunde Platz zu machen, der gekommen ist, Ihren letzten Willen aufzunehmen. Lheilen Sie die kurze Frist, die Ihnen noch gegeben, zwischen ihm und demjenigen, vor dessen Nichterstuhle Sie bald erscheinen. (Ab.) Neunte Scene. Knöllerl allein. Später Sebastian. Knöllerl (er hat anfangs ganz ruhig zu- dann aber mit steigender Aufmerksamkeit — gehört. Sich zum Lachen zwingend). Haha! - Haha! — ha! — Nu — Nu — Knöllerl — warum lachst denn nit — (Angstvoll.) War ja gar so g'spaßig — was der — da g'sagt hat. Vom Unvermeidlichen — hat er g'redt — und von wenigen Minuten. Und nachher vom Testamentmachen — das ist so viel — als wie capores werden. (Mit steigender Angst.) Nu — wär' ja recht — deswegen bin ich ja kommen! (Will aus.) Meiner Seel', cs geht nicht — ich bin schon ganz steif — das wird die kurze Frist sein — die so an mir frißt — und zwölf Stund' noch — ja das erleb' ich ja gar nimmer — Sebastian (sehr ergriffen). Gnädiger Herr — der Herr voelor fährt so eben vor — darf ich ihn hierher geleiten? Knöllerl (ergrimmt, in Extase). Was? — Nein! — Marsch! — Fort! — Laßt mich gehen — ich brauch kein'Menschen — und keinen Doctor schon gar nit—j das ist vielleicht der Fehler — daß ich z» viel doctert Hab' — Sebastian (gerührt). Aber gnädiger Herr! Knöllerl (wie oben, sanft). Was dem, Sebastian — was ist's denn? — o mein, das Ding frißt g'schwind — ich g'spm's ordentlich.— Hast Recht, Sebastian, einen Doctor — hol' einen Doctor — vielleicht ist's doch nicht so arg — hol' den Halter — so ein Mensch hat oft ein Hausmittel — so geh lauf — ich bitte Dich. Sebastian. lauf! — Sebastian (für sich). O mein Himmel — erbarme Dich seiner. Ja. ich fühle e§, es muß hart sein — so ganz von Allen verlassen — ohne Freunde — ohne An verwandten zur Seite — dem Tod' m§ Auge zu blicken. Schreckliches Bild einet dahinscheidenden Wucherers! (Ab.) Zehnte Scene. Knöllerl, später Klingklivg. Knöllerl (ihm nachsehend). Und wie er schleicht, und wie er sich zieht, der Kerl — lauf — Sebastian — lauf — es seist schon wieder! (Will auf.) Aus ist's — gal ist's. Ich fitz' schon am Währinger Train — aushalten — sag' ich — halten ich will nit — ich mag nicht — ich steig in der Josefstadt aus — Klingk. (im schwarzen Talar, eiche Dokumente in der Hand, mit tiefer Stimme). Dominus Krallus, guten Abendus! Knöllerl. Ja schön — nichts guten Abend — gute Nacht wird's bald heißen Mit wem Hab' ich die Ehre? Klingk. Wie, Herr von Krall, Sie erkennen Ihren alten Freund — Omnibus nicht mehr? Knöllerl. So — mit'n Omnibus knd's auch schon da — das wird wahrscheinlich der Schwarze sein — 35 Klingk. Auf Ihr ausdrückliches Beehren erscheine ich hier, um Ihren letzten Willen zu vernehmen. Ich habe hier den Entwurf dessen mitgebracht, was Sie mir neulich schon über diesen Gegenstand mit- getheilt haben. Hat es dabei sein Verbleiben, so dürfen Sie nichts als unterzeichnen. Knöllerl. Siehst es — der macht's gar g'schwind. Also ein Testament Hab' ich auch schon g'macht? Nu, da werd' ich doch nicht auf mich vergessen haben. Klingk. Sie bezeichneten mir damals als den alleinigen Erben Ihres gesamm- ten Vermögens — Ihren einzigen intimen Freund Herrn von Neidhammel — jedoch unter Beifügung der Klausel, daß Herr von Neidhammel sich verpflichtet, die Hälfte davon, welche in barem Silber besteht — an einem — ihm schon früher von Ihnen bezeichneten Orte -- auf immerdar zu vergraben. Knöllerl. —Vergraben? Noch mehr Silber vergraben? Weil's nicht so g'nug solche Lumpen gibt, die das thun. Nichts ist's — Nichts! Wird umgeworfen — ich weiß, was ich thue — und daß das das Rechte ist — weiß ich auch — Herr von Omnibus, nehmen s Platz — schrei- ben's—was ich Ihnen sag' — aber tummeln Sie Sich — eh' ich ganz g'fressen werd'! Klingk. (setzt sich). Herr von Krall — ich bin bereit — Knöllerl O mein Gott, das ist noch ein wahres Glück, daß mir der Gedanken kommen ist. Nu, warum schreibend denn nicht? Ja so — ich muß dictiren. Nu, so hassen's auf. Ich Unterzeichneter vermache Alles, mein liegendes und stehendes Gut, meiner braven, achtbaren Nichte, Fran Dorothea Knöllerl — und deren unmündigen Kindern. Ihr Mann, Franz Knöllerl, der Lump — Klingk. (schreibend). Der Lump? Knöllerl. Der Lump — Klingk. Noch einmal, der Lump? Knöllerl. Ja — schreiben Sie's gleich a paar Mal — es gibt mehr ans — also der Lump hat nicht den geringsten Anspruch auf irgend was immer für einen Genuß auf dieses seinem Weibe zufallende Erbe zu machen — und es hängt einzig und allein von ihrem Willen ab — ob sie ihm davon mit dem nur zum Leben Nothwendigsten versehen will. (Aus- seuszend.) So, das ist das, was ich mir auswirf — alles Andere wäre so hinausgeworfen. Klingk. (feierlich). Herr von Krall, ist das Ihr voller Ernst? Knöllerl (für sich). So gewiß — als ich jetzt nur mehr ein' Wunsch Hab — und der ist, mein Weib — und meine Kinder an's Herz zu drucken. — (Laut.) Geben's her — ich unterschreib'. — Klingk. (geht rasch zu ihm und gibt ihm das Papier. Knöllerl unterschreibt). (Rauschende kurze Musik). Klingk. (feierlich). Wohlan denn, so bist Du am Ziele. Du hast deine Aufgabe gelöst — jetzt auf — folge mir in die Heimat! — (Rauschende Musik.) Rasche Verwandlung. (Offenes freies Theater — festlich geschmückt. Die Laube verwandelt sich eben so schnell in ein freundliches Landhaus, ober der Thüre Knöllerl's Firma.) Elfte Scene. Landleute beiderlei Geschlechtes. Unter ihnen Dorothea mit ihren Kindern. Die Musik währt während dem immer fort. Ganz kurzer Chor. (Nach dem Chore.) Dorothea. Ich dank' Euch, Ihr guten Leute, daß Ihr so innigen Anthei l an 36 dem großen Glück nehmt, das so mit einem Male über mich und meine Kinder kommen ist. O Gott, wenn nur auch mein Mann schon da wäre! Wo wird sich der Arme jetzt Herumtreiben — und werd' ich ihn in dem Leben wieder sehen? Zwölfte Scene. (Klingkling, im Kostüme seines ersten Erscheinens, rasch aus dem Hause tretend. Die Vorigen, dann Knöllerl.) Klingk. (heiter). Ja — das sollst Du! Und zwar sogleich — Knöllerl (in der Hütte). Dorothea! Dorothea! Dorothea (freudig). O Gott — was hör' ich? das ist seine Stimm'! Knöllerl (aus dem Hause stürzend, im Kostüme seines ersten Erscheinens). Dorothea — o — ja—Du bist ja—Du bist ja — Dorothea (auf ihn zueilend). Mein Mann — mein lieber Mann! (Herzliche Umarmung, die Kinder umarmt Knöllerl ebenfalls.) Dorothea. Du aber, Franz — jetzt sag mir — hast es denn schon g'hört, das Glück. — Knöllerl. Was denn? Dorothea. Schon vor 4 Tagen, gleich nachdem wir von deinem geizigen Onkel den gewissen Brief haben — ist er plötzlich ohne Testament verschieden — und wir, als seine einzigen Anverwandten — sind die rechtmäßigen Erben seines ganzen Reichthums! Knöllerl. Was hör' ich da — vor 4 Tagen, sagst Du? — Klingk. (vortretend, ihm aus die Schulter klopsend). Ja — ja — Sie hat Recht, es ist sol- Knöllerl. O je — der Klingkling! Nu wart, Du Saprawalt, mit Dir Ws ich rechnen. — Klingk. Sei ruhig und hör' mich. Das dein Oheim verschieden ist, Hab' ich ja schon gewußt — noch — eh ich Dir das erste Mal erschien. — Knöllerl. So! Und Mrs muß denn ich nachher die Aengsten alle ansstehen? Klingk. Das Ganze war nur ein hei- teres Spiel — ausgesührt von mir und meinen armen Kollegen, die gerade, gleich mir, auch alle außer Activität gesetzt sind. Ich will Dich dadurch nur gewarnt haben, in Zukunft vorsichtiger mit uns umzugehen, denn wirfst Du uns wieder so leichtsinnig zum Fenster hinaus — dann — ja schau mich nur an — dann werden wir uns auf eine andere Art an Dir zu rächen wißen. (Feuriger Marsch ertönt.) Knöllerl. Was ist denn das? Klingk. Ah das sind meine Freunde, die nun ihren Einzug bei Dir halten. Geh hübsch vernünftig mit ihnen um - und sie werden Dir immer treu bleiben. Dreizehnte Scene. Die Zwanziger erscheinen mit Fackeln von allen Seiten, rauschende Musik ertönt. Knöllerl. Da schau her — Dorothea - die Zwanziger — da sagen's alleweil — es gibt keine. Ah freilich — wenn sie's nur auslassen thäten, und wir, wir könn- ten's doch so gut brauchen! Einzug der Silberzwanziger. Zum Schlüsse: Gruppe. Ende -es III. Actes. Druck und Papier von Leopold Sommer L Comp, in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Er ist sehlbar. 8 wan in einem Äet von Friedrich von Radler. (Ueberaus beliebtes Repertoirestückchen am Carl-Theater in Wien.) Am 12. November 1870 zum ersten Male im Csrl-Thester gegeben, 16mal wiederholt. —-,— — - Personen: Friedrich Haas, Assessor. Ferdinand, deren Bruder. Lehmann, Rechnungsrath. Johann, Diener bei Lehmann. Anna, dessen Tochter. -- (Elegantes Zimmer bei Lehmann. Rückwärts ein Kleiderständer, auf dem ein schwarzer Frack hängt.) Erste Scene. Ferdinand. Friedrich. (Ferdinand sitzt im Fauteuil, eine Cigarre rauchend. Fried- ^ch, feierlich gekleidet, geht unruhig im Zimmer auf und ab.) Ferd. Abersage mirnur, lieber Freund, was Dich heute so aus der Fassung bringt. Heute, an Deinem Hochzeitstage? . Fried. Mein guter Ferdinand, wenn lener englische Gelehrte Recht hat, der Wiener Theater-Repertoir Nr. 275 . das Wort »Hochzeit* mit dem Worte »Unglück« gleichbedeutend stellt — (seufzend) dann ist heute mein Unglückstag. Ferd. Ja, liebst Du denn meine Schwester nicht? Fried. Von ganzem Herzen! — Und doch — Ferd. Und doch? — Fried, (setzt sich zu Ferdinand). Ferdinand, Du bist mein Freund, unter Freunden darf es keine Geheimnisse geben. 2 Ferd. (mit komischem Pathos). Rede, mein Orest, — ich bin ganz Ohr! Fried. Du, Ihr alle, und besonders meine gute Anna hieltet mich bisher für ganz fehlerlos. Ferd. Nun? Fried, (seufzend). Ich bin es leider nicht! — (Zögernd). Ich habe ein großes Laster. Ferd. (auffahrend). Laster? Fried. Ja! Ein Laster, dessen Gegenstand im siebzehnten Jahrhundert von Rußland, Persien, Sultan Amurath dem Vierten mit dem Tode bestraft, von Papst Urban dem Achten mit dem Bannflüche belegt wurde. Ein Laster, das ein Mönch von Amerika nach Europa verpflanzte, aus dem der Staat unendliche Vortheile zieht. Ferd. Ein Laster, aus dem der Staat Dortheile zieht? Du bist also Lotteriespieler. Fried. Nein, nein! Ein Lasier, das Jakob von England für eine specielle Erfindung des Teufels proclamirte, — kurz, das Lasier aller Laster. Ferd. Das muß ja ein Riesenlaster sein! Da bin ich doch begierig — Fried. Wie man's nimmt, — es ist nur ein relatives Verbrechen. Für den alten Mann und die Matrone ist es eine erlaubte Erholung und Zerstreuung. Für die Jungfrau und den jungen Mann ein himmelschreiendes Laster. — Die Form ist glänzend, doch — (schaudernd) der Inhalt — Satan! (Nimmt eine silberne Tabaksdose aus der Tasche, öffnet sie und hält fie Ferdinand hin.) Ferd. (lakonisch eine Prise nehmend). Danke sehr! — Aber dein Laster? Fried, (erstaunt). Du frägst noch? — Nun, das ist's ja eben! Ferd. (lachend). Wie? — Das? Weiter nichts? Hahaha! ! Frie d.Aber bedenke Ferdinand, bedenke, rin jugendlicher Liebhaber mit der Tabaksdose? Mein Aenvcheu, — ein idealer, ätherischer Engel — und ich — ein schnupfender Seladon! Ferd. (lachend). Hermann und Doro- thea mit Raps, Paul und Virginie mit Sanspareil, Ferdinand vergiftet seine Louise mit ungarisch Gebeiztem! —es ist zum Todtlachen! Fried. Du hast leicht lachen. Ferd. Und wie lange bist Duden« schon das Opfer dieses — (Pathetisch) dieses kolossalen Lasters? Fried. Seit meinem zwanzigsten Jahre. Ich war damals nahe daran, das Augenlicht zu verlieren und das Schnupfen wuck mir ärztlich verordnet. Aus der in der Thal wirksamen Arznei, die mir der Tabak wurde, bildete sich eine Gewohnheit, - aus der Gewohnheit eine zweite Natur, (Schnupft.) Wenn ich in die unangenehm Lage komme, eine ganze Stunde diese« kräftigenden Geistesregulator entsagen z« müssen, versinke ich in einen gewissermaßen apathischen Zustand. Die Bilder der Außenwelt tverden meinem Auge trüb und verworren, mein Blick wird starr und kalt, mein Gesicht ganz stumpf, die Zunge wird schwer und ich bin meiner kaum noch mächtig. Ferd. Armer Freund! Aber Du bis! nicht klug, Dich so zu quälen, entdecke Dich Deiner Braut und — Fried. Nimmermehr! Höchst mühsam habe ich es dem lieben Mädchen bisher verborgen. Nach der Hochzeit muß sie ei ohnehin erfahren, denn stehst Du, ich habe zweierlei Taschentücher, aber vorher - nimmermehr! — Anna könnte fichB mir zurückziehen, und mein LebensgM wäre zerstört. — Nicht einmal den Sala» der Versuchung will ich heraufbeschrvöm und deshalb übergebe ich Dir das eorxar ä iadoli. (Nimmt die Dose heraus.) Ist ^ Hochzeit vorbei, Anna meine Gattin, dB will ich mich ihr entdecken, und dann gW Du mir meine Dose wieder. Halte D? aber immer ziemlich nahe zu mir, uni B 3 im äußersten Nothfall mein verstohlenes Puschen zustecken zu können. Ferd. Schon gut, schon gut! Verlass' Dich — nur sür den Nothfall — auf mich, als deinen treuesten Hehler. Fried, (hält ihm die Dose hin). Jetzt nimm sie hin diese treueste Freundin! (Nimmt noch eine Prise.) Zieh' hin, im Leid Du Trösterin! (Schnupft noch einmal, gibt dann Ferdinand die Dose.) Ferd. Gib her! Nur ganz kurze Zeit nicht reizt er Dich dein lieber Schwarzgebeizier! (Nimmt die Dose lachend ab.) Zweite Scene. Fried, (allein, nachrufend). Fried. Ferdinand! Ferdinand, höre, schnell noch ein Prischen! Fort ist er mit dem geriebenen Teufelskraut, meinem Alter- V — Satan, ich bewundere deine Macht! Vom neunjährigen Schuljungen, der die Stille des Waldes zu einer Exkursion mit der Cigarre benützt, bis zur alten Lotterieschwester, die in seliger Verzückung )er anzuhoffenden Lerne ihr Loth Schnupftabak in die Nase schiebt. Brrr! — Mir lvird ganz schwarz vor den Augen, wenn ich bedenke, daß auch ich dein Unter- than bin! Dr itte Scene. Friedrich. Anna. Anna. Herzliches Willkommen, mein Friedrich! Fried, (sie in die Arme schließend).Mein Mes Aennchen! (Bei Seite, betrachtet tlnna.) So schön — so liebreich — eine Feenwelt von Seligkeit, und eine Age Prise Schnupftabak kann dies Mck vernichten! Schade, daß sie nicht schnupft. (Hält sich die Hand vor die ltugen.) Anna. Was ist Ihnen, Fritz? Fried. Nichts! Mich beschleichen nur fortwährend Zweifel, ob ich auch dieses Glückes würdig bin, — (zieht sie an sich) und ob ich es vermag, Sie so glücklich zu machen, als Sie, Engelsherz, es verdienen! (Küßt sie auf die Stirn.) Vierte Scene. Vorige. Lehmann. Lehmann (im Schlasrock und Hauskäppchen kommt lachend). Ach, hahaha! Stimmt auffallend! Anna (erschrocken). Ach,— der Vater? Lehmann. Na, na, mein Kindchen, jetzt hat's ja nichts mehr auf sich; -- Herr Friedrich Haas ist dein Bräutigam, ein wahrhaftes Muster unter den Männern, das man ganz besonders schätzen muß, ich weiß an ihm wahrhaftig keinen einzigen Fehler — Fried, (räuspert sich). Hm, hm! —- Werther Herr Lehmann, Sie — Lehmann. Ich lasse Ihnen nur Gerechtigkeit widerfahren. Doch nun — (zu Anna) mein liebes Kind, laß' mich mit Herrn Haas einige Augenblicke allein, ich habe noch Manches mit ihm zu besprechen, bevor der Notar kommt. (Nimmt eine Prise aus einer goldenen Dose, die er bis zum Schluß der Scene mit Friedrich in der Hand behält und öfters schnupft.) Anna. Wie Du befiehlst, Papa! Lebe« Sie recht wohl, Friedrich! Fried. Auf Wiedersehen, geliebte Anna! (Küßt ihr die Hand, Anna ab.) Fünfte Scene. Lehmann. Friedrich. Lehmann. Nehmen Sie Platz, Herr Haas! Fried, (bei Seite). Herr Gott! Ich fühle wahrhaftig schon den Mangel meiner 4 Arznei — wenn nur die Covferenz bald zu Ende ginge. (Setzt sich.) Lehmann. So! — Und nun, Herr Schwiegersohn, da wir Menschenkinder nun einmal nicht von Veilchenduft und Mondenschimmer existiren können, ist's auch nöthig, au die Erledigung realer Fragen zu gehen. (Nimmt eine Prise, läßt die Dose in Gedanken offen, hält sie in der linken Hand, die er aus das linke Bein legt.) In den jüngeren, den sogenannten Schwärmerjahren ist man freilich mehr dem blauen Aether zugekehrt, das weiß ich aus Erfahrung. Aber das wird, je tiefer man in das Leben vordringt, desto mehr abgestumpft, und geht endlich ganz verloren. — Gerade so wie mit dem Schnupfen. (Schnupft.) Wenn mir Jemand, als ich noch in den Zwanziger-Jahren war, zu- gemuthet hätte, — zu schnupfen! Alle Weiter! — und jetzt. Was mir damals ein Gräuel war, ist mir heute ein Vergnügen. Ist mitunter ganz charmant so ein gutes Prischen. (Schnupft.) Fried. Ja, das glaub' ich! (Sieht immer gierig nach der offenen Dose Lehmann s, bei Seite.) Ach, wie das aromatisch duftet! — Wenn ich nur unbemerkt zu einer Prise käme, — denn anbieten wird er mir nach dieser Theorie sicher keine. (Macht öfters den Versuch, eine Prise zu nehmen, fährt aber immer zurück, da Lehmann öfters zufällig Hinsicht.) Lehmann.Wenden Sie sich also, mein lieber Herr Schwiegersohn, für einige Momente von Ihren Studien ab und leihen Sie mir Ihr Ohr. (BeiSeite.)Sonder- barl Was fixirt er denn immer meine Dose? (Laut zögernd.) Vielleicht eine Prise gefällig? Fried, (rasch). O mit größtem Ver- gnü — Lehmann. Wie, Sie schnupfen? Fried, (fährt mit der Hand hin, zieht wieder zurück). Sie meinen, ich — ich soll? — (Entschlossen.) Nein — durchaus nicht, ich, ein junger Mann — Lehmann. Ganz natürlich. Sie schnupfen nicht, wäre auch ganz kurios. —Sie haben also nach allen Formen der Cos- venienz um die Hand meiner Tochter, angehalten, —ich habe Ihnen dieselbe zu- gesagt — Es bleibt aber noch ein Haupt» Moment — — (Schreit). Herr Haas, was treiben Sie denn? Fried, (ist milder Hand bis zur Dose gekommen, fährt zurück, verlegen). Ich - ich — ich bewundere Ihre reizende Dose! Lehmann. Da ist doch in diesem Augenblick nicht die Zeit dazu. (Steckt die Dose in die Tasche des Schlasrocks.) Ws blieb ich denn? Ja so! Es bleibt also noch ein Hauptmoment, die Fixirung der Aussteuer. Fried, (abwehrend). Herr Lehmann! Lehmann. Weiß, weiß, daß Sie meist Anna nicht des Geldes wegen nehme», aber es ist doch immer ein wichtiger Punkt — Sie erhalten also eine Mitgift vo» 40.000 Gulden. — Friedr. Herr Lehmann, ich habe Ihre Tochter so herzlich lieb, daß es mir unmöglich ist, sie mit einer Reihe von Zah- len in Verbindung zu bringen. Wolle» Sie Fräulein Anna eine Summe zulves- den, so thun Sie es, werther Herr Schwiegervater, auf den Namen Ihres liebe« Töchtercheus. Ich habe mir so viele Kens!- niste erworben, um mich und meine Fm allein erhalten zu können. Lehmann (schnupft eine starke Pm> Mit Thränen der Rührung). Alle Achtung, Herr Haas, Sie find ein Ehrenmann. - Aber auch ich habe gerade so gedacht, aß ich um meine selige Katharina warb Diese Geschichte müssen Sie hören. Fried, (ungeduldig, bei Seite). Herr des Himmels, ich fühle schon wieder ^ Herannahen meines Zustandes. WM nur Ferdinand in der Nähe wäre, — bin schon halb stumpfsinnig. Lehmann. Also hören Sie. Jch^ ein sehr hübscher junger Mann, als Fried, (verwirrt). Vollkommen 5 zeugt— ich zweifle aber, ob solche Schwüle, me sie heute in der Lust liegt — Lehmann (stutzt). Wie? Was — Fried. Ja, jawohl! Bitte fortzufahren. Lehmann (bei Seite). Sonderbar! (Laut.) Also ich war ein hübscher, junger Mann. — Fried, (verwirrt). Richtig — richtig — aber bei uns Juristen — bloße Aussage ohne Beweis — Unzulänglichkeit der Thatsachen — Sechste Scene. Vorige. Johann. Johann. Gnädiger Herr, der Notar läßt bitten — Lebmann. Ah, der Notar — hören Sie, Herr Haas, der Notar. Fried, (verwirrt). Ganz recht. Ohne Zweifel eine Kompetenzfrage, also dem Ausschüsse zuzuweisen. Lehmann (verwundert, bei Seite). Weiß der Teufel, der junge Mann spricht heute sehr consus; sollte ihn die Freude des Hochzeitstages so derangirt haben? (Laut.) Herr Haas, kommen Sie bald nach, ich lasse Sie ein wenig allein, sich zu sammeln. Johann, meinen Rock. Johann (gibt ihm den Rock und hängt den Schlasrock aus den Kleiderständer). Lehmann. Nun Adieu. Herr Haas! — Die Geschichte meiner Verheiratung erzähle ich Ihnen bei der Tafel. (Mit Johann ab.) Siebente Scene. Friedrich. (Dann) Johann. Fried, (ärgerlich, sich an die Stirn tastend). Uf! Uf! Nur einen Augenblick Luft! Der Angstschweiß will mir aus allen Poren. — Diese Glut im Kopf — mir ist Wz schwarz vor den Augen, — Ferdinand, Ferdinand — eine Million — für — (schnauft) pH — (steht auf, erblickt Lehmanns Schlasrock.) Ah! Victoria! (Freudig.) Er hat seine Dose im Schlafrock gelassen. Johann (will rasch eintreteu, erblickt Friedrich, der sich leise Lehmanns Schlasrock nähert, macht ein verwundertes Gesicht). Fried, (zum Schlasrock sprechend). Du birgst das Recept meiner Rettung — Johann (schlägt vor Entsetzen die Hände über dem Kops zusammen). Fried. Rasch — rasch—die Gelegenheit ist zu günstig! (Nimmt hastig die goldene Dose aus dem Schlasrock.) Joh ann. (laut). Potz Blitz! Was ist denn das? Fried, (verbirgt hastig die Dose an seiner Brust unter dem Rock, erschrocken). Wer da? (Hastig.) Ja. ja, ich komme sogleich — unerträglich heiß — ich muß hinaus Lust — Luft — frische Lust! (Stürzt ab.) Achte Scene. Johann, dann Lehmann. Johann (geht verwundert vor, bläht die Backen aus, hält sich den Finger der rechten Hand vor den Mund, deutet mit der linken Hand auf die Thür, durch die Haas abging. Nach einer Pause). Hübsch vorsichtig — Johann! Hast Du wirklich gesehen, was Du gesehen hast? — Luft will er schnappen — der Herr Assessor! Aber er schnipst! (Macht die Geberde des Stehlens.) — O Du gruudgütiger blauer Herrgott — das kann einen schönen Scandal geben. Mein Herr schickt mich heraus um die Dose — inzwischen hat sie schon der Assessor geholt. Was soll ich denn nun dem gnädigen Herrn bringen? Es bleibt nichts übrig, als ich sage Alles dem Herrn Rechnungs- rath. Der wird Augen machen, — so groß wie ein Travchirteller! — Lehmann. Wo steckst Du denn, Schlingel, mit meiner Dose? Johann (verhält sich vor Lachen dea 6 Mund, scharf betonend). Ich? — Ich stecke hier, aber die Dose — die ist versteckt. (Platzt lachend heraus.) Hi hi hi! Lehmann. Gib die Dose her! Johann (kichernd). Ich? Hi hi hi! Das ist unmöglich! Lehmann. Was? Warum? Johann (lachend). Weil — weil die Dose nicht da ist. Hihihi — Die ist verschwunden. — Heidi — weg! Lehmann (eilt zum Schlafrock, unter- sucht ihn, packt Johann an der Brust). Heraus mit der Sprache! — Schlingel, wo ist meine Dose? — Johann. In einer Diebskralle. Lehmann. Gestohlen? Warum nicht gar! Johann. Stimmt auffallend, wie Euer Gnaden zu sagen pflegen Ich kam gerade herein, als er sich überall umsah, ob ihn Niemand belausche, und befriedigt ausrief: »Die Gelegenheit ist zu günstig!« — Schwapp! hatte er die Dose aus Ihrem Scklafrock weg! (Geberde des Stehlens.) Lehmann. Wer? Wer? Johann. Wie Sie so fragen können. Wer anders als der Herr Assessor Haas! Lehmann (schreiend). Haas? — Hol' Dich der Teufel! Johann. Der hat statt meiner lieber die Dose geholt! Lehmann. Kannst Du das beeiden? Johann. Bei meiner Mutter einzigem Sohn, der ich bin — ja! Lehmann (unruhig auf und ab). Das ist stark! Geh, geh, laß mich allein. Johann. Aergern sich der Herr Rechnungsrath nur nicht. — Die Dose bleibt ja doch in der Familie, hihihi! (Ab.) Neunte Scene. Lehmann. Dann Friedrich. Lehmann (sinkt in einen Fauteuil). Der Schreck ist mir in alle Glieder gefahren. Aber es ist ja gar nicht möglich! — Und doch! — Es war mir schon auffallend, daß er so lüstern mit meiner Dose coket- tirte, (mit Entsetzen) mein Schwiegersohn ein Käsebier — Eartouche — oh — Sonne, steh-still! — Aber nur Ruhe — Gottlob — noch ist nicht viel verloren. Die Dose soll er behalten und sich in aller Stille davon machen, — aber meine Tochter, mein armes Aennchen! — Still, da kommt er, — er wagt's noch mir unter die Augen zu treten. Fried, (tritt ein). Lehmann. Wie er echauffirt ausfieht. Schade um solch hübschen jungen Mann. — Nun, vielleicht war's sein erster Versuch. Er wird sich bessern. Fried. Ach, Herr Lehmann, Sie suchten mich wahrscheinlich. Lehmann. Das heißt —ja! (BeiSeite.) Wenn ich nur wüßte, ob er die Dose noch bei sich hat, — ihm gleich von vornherein das Leugnen abzuschneiden. Will doch nachsehen. (Laut.) Ah, mein lieber Herr Haas, umarmen Sie mich! Fried. Mit vielem Vergnügen. Lehmann (umarmt ihn, greift nach jeder Rocktasche, sagt bei jeder Tasche) Hier ist sie nicht, — hier ist auch nichts. Fried, (hält die Dose in der rechten HiNid versteckt, bei Seite). Verdammt, daß ich ihn grade hier treffe. Könnte ich die Dose nur unvermerkt in den Schlafrock bringen. Lehmann(bei Seite). Weiß der Kuckuk. wo er sie hin prakticirte. (Laut.) Herr Haas — ich habe eine betrübende Nachricht für Sie — Ihre Heirat mit meiner Tochter ist unmöglich geworden. Fried, (erschrocken). Wie? Herr Lehmann! Lehmann. Die Rücksicht für Ihren Herrn Vater, meinen alten Jugendfreund, gebietet mir, so schonend als möglich mit Ihnen umzugehen. Fried. Schonend? Gegen mich? Worin habe ich mich denn so schwer vergangen? Freilich — Fehler hat am Ende jeder Mensch! 7 Lehmann. Ja wohl und stille Master find am tiefsten. Gerade heraus, ich finde «s unbegreiflich, woher Sie die Stirne Nehmen, mir, im Bewußtsein Ihrer Schuld, noch so entgegenzutreten. — Fried. Mein Gott — es ist ja kein Verbrechen — nur eine Schwäche — Lehmann. Schwäche? Das übersteigt -och alle Begriffe. — Hätten Sie eine Schwäche, — ja selbst eine Leidenschaft — ich bin Lebemann genug, um darüber hinaussehen zu können — aber Ihre Passion — (Geberde des Stehlens) geht denn doch ein wenig zu weit. Fried, (bei Seite). Es ist sonnenklar, Ferdinand hat mich verrathen, er weiß, daß ich schnupfe. (Laut.) Herr Lehmann, ich fühle, daß es gegen die gesellschaftliche Courtoisie verstößt, wenn ein so junger Mann wie ick — Lehmann. Was? Fried. Aber lasten Sie dießmal Gnade für Recht ergehen (lächelnd) und nehmen Sie die Versicherung meinerseits, (seufzend) ich will mir's abzugewöhnen suchen. Lehmann (erstaunt.) Ah! — Recht hübsch von Ihnen. Sie wollen fich's ab zugewöhnen suchen, superb! Aber Unglücksmensch! Hat Sie denn Ihr Laster so verblendet, daß Sie seine kolossale Größe gar nicht erkennen? Fried, (lacht). Lieber Herr Lehmann - Sein Sie nachsichtig — Unter Män- «ern ist es ja kaum der Rede werth! Lehmann (bei Seite). Alle Wetter — ist das ein hartgesottener Spitzbube. Eine goldene Dose ist ihm kaum der Rede tverth. Schon ein ganzer Gewohnheitsdieb. (Ironisch, laut.) Also — Sie wollen doch versuchen es sich abzugewöhnen? Fried, (seufzend). Es wird mir freilich sehr schwer fallen, denn was man seit stimm zwanzigsten Jahre täglich einige Male wiederholt — Lehmann (voll Entsetzen). Täglich! Herr Gott, was muß der zusammenstipitzt haben.(Wehrt ihn mit derHand ab.) (Bei Seite.) Bei dem ist Hopfen und Malz verloren! (Laut.) Hätte sich das jemals denken lasten. — Ihr Vater, der makelloseste Mann von der Welt — Fried. Hat denselben Fehler wie ich! Lehmanu. Was? Auch ein — (Geberde des Stehlens, bei Seite.) Eine ganze Diebsfamilie, und mit der hätte ich mich verbinden sollen.— (Laut.) GehenSie mir aus den Augen und lasten Sie sich in meinem Hause nie mehr blicken. Adieu! Fried. Aber, Herr Lehmanu, ich kann Ihr sonderbares, verletzendes Benehmen nur für einen Scherz halten, sonst müßte ich, so unlieb mir das wäre, als Ehrenmann Rechenschaft fordern. Vor allen Dingen kann ich nicht begreifen, daß ein so verständiger Mann über eine Handlung so sehr in Extase gerathen kann, die er selbst mit Vorliebe ausübt. Lehmann. Herr! — Nun wird mir's aber doch zu bunt. Sie wagen es auch mich in die Kategorie der Diebe zu stellen? Zehnte Scene. Vorige. Anna. Ferdinand. Fried. Wie? Was? Ich ein — hahaha! Nun begreife ich! (Setzt sich lachend.) Anna. Papa, Du läßt mich und den Herrn Notar schon über eine halbe Stunde warten. — Fried, (lachend). Papa hatte inzwischen hier mit mir eine andere wichtige Verhandlung. Sagen Sie offen, mem gutes, theures Aennchen, halten auch Sie mich für einen Dieb? Anna. Ja wohl —und für einen recht gefährlichen Herzensdieb! Lehmann. Der aber nebenbei auch in Dosen macht. Fried, (sich erinnernd). Richtig, also das ist's? Dann hat Herr Lehmann in seinem Sinne vollkommen Recht — wenn er von einem an mir entdeckten Lasier 8 Iprach — er hat aber nicht das rechte getroffen. Aber ein Lasier Hab' ich allerdings, das ich um jeden Preis meiner Braut zu verbergen suchte. Ich bin nämlich — Anna.Sparen Sie jede fernere Beichte. Ferdinand hat mi r Alles entdeckt. Friedrich, glauben Sie meine Liebe zu Ihnen ruhe auf so morschem Grund, d aß eine Prise Schnupftabak sie zerstören könnte? Nein, diese kleine Schwäche soll uns nicht trennen. Fried, (umarmt sie). Mein gnädiger Richter! Aber Ihr Herr Papa — Lehmann. Hahaha! Verzeihen Sie mir das komische Mißverständniß. Sie sind also nur Schnupfer, nicht Schlüpfer — (Geberde des Stehlens) und Ihr Vater auch nicht! Johann (tritt ein, schleicht sich zu Lehmann, leise). Na, hat er gestanden? Lehmann. Ja, daß Du ein Esel bist, Johann. Was? Ich? Oho! Fried. Hier, Herr Lehmann, Ihn Dose. Lehmann. Behalten Sie dieselbe als Zeichen meines Vertrauens und als Andenken an diese Stunde. — (Oeffnet die Dose und reicht sie ihm hin.) Anna. Nichts da, Papa! Fritz nimmt die meinige als Beweis meines Einverständnisses mit seiner kleinen Leidenschaft, Nicht wahr? (Oeffnet eine kleine goldene Dose und hält sie ihm hin.) Ferdinand. Fritz, nimm deine Dose (Oeffnet sie und hält sie ihm hin.) Anna. Nun? Ferdinand, Lehmann, Anna (zugleich, präsentirend). Eine Prise, Herr Assessor! (Der Vorhang fällt.) Druck and Papier »o« Leopold Sommer » Losch, i» Wie» (Je« Aühnen gegenüber ats Mannscript gedruckt.) Er soll sich austoben. -- Lustspiel in einem Acte von Lart Hründors. (Verfasser von »Opfer der Consuln« und „dlodlssos odliAv".) Personen: HanS Seltmann, Oberst in Pension (Invalide). Ernst, dessen Neffe, Studiosus der Chemie. Moriz Dünkelheim, Ernsts Freund und College. Regine Wahlberg. Tobias, Privatdiener des Obersten. Die Handlung spielt in Wien und zwar in der Gegenwart. Einfaches Zimmer bei Ernst. Zur Rechten vorne ein einfacher Schreibtisch sammt den dazugehörigen Requisiten; im Hintergründe stehen aus zwei Tischen mehrere Retorten, Gläser, Schmelztiegel und andere chemische Utensilien. Die Thüre im Hintergründe führt zu einer Treppe; die Thüre zur Linken ist in der dritten Couliffe, in der zweiten Couliffe «chts befindet sich ein Kleiderschrank, rechts im Vordergründe ist ein kleiner Tisch mi Theaier-Repertoir Nr. 276. 1 2 einem Stühle, links im Hintergründe ein klein er eiserner Ofen, neben demselben an der letzten Loulisse links steht ein kleiner offener Bücherschrank; zweckmäßig vertheilt und geordnet befinden fich einige einfache Stühle. Das ganze Arrangement des Zimmers und der einzelnen Möbelstücke muß den Eindruck eines einfachen, jedoch wohlgeordneten Studentenzimmert machen.) Erste Scene. Ernst. (Später) Dünkelheim. Ernst (sitzt am Tische rechts vorne und schreibt). Lieber Onkel! Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen zu schreiben, um Ihnen zu sagen (fich unterbrechend). Nun natürlich, wenn ich schreibe, so muß es doch sein, um etwas zu sagen; der Anfang ist selbst füreinen Gymnasiastenzuschlecht.(Schreibt.) Bester Onkel! Schicken Sie mir Geld! (Sich unterbrechend.) Das geht auch wieder nicht! (Wirst die Feder hin.) Mein Gehirn ist heute förmlich verbarrikadirt! Und der gute Freund Moriz, dieser Allerweltsretter ist auch gerade dann nicht da, wenn es etwas zu retten gibt. Er könnte mir so leicht wieder das aus den Angeln gehobene Concept in die richtige Fügung bringen! Das wäre doch seine verdammte Schuldigkeit! Denn wer A sagt - Dünk. (rasch eintretend). Muß auch B sagen, selbstverständlich! Wozu der Lärm? Was steht dem Herrn zu Diensten? Aber nur schnell, oito, sitissiras, ich habe die größte Eile! (Vertraulich.) Mich erwartet heute ein Abenteuer primas ^ualitatis! Ernst. Schon wieder? — O Du Don Juan in der Einbildung! Dünk. In der Einbildung?! Ouryuo- moäo Huanäo? Ich liebe die Frauen und die Frauen lieben mich! — jsst tao- lum! — Und dießmal, ich sage Dir, dieß- mal rst's Ernst in optima torma! kurios! Das ist noch nicht dagewesen. Das ist ein Weibchen, junonisch, platonisch, pharao- nisch! — Ich sage Dir, das ist noch nicht dagewesen, seit die schaumgeborene Aphrodite dem Flutenschooße entstieg! Ich habe sie gestern zum ersten Male im Dolksgarten gesehen, sage Dir aber, dieses Weib hat einen Eindruck auf mich gemacht, als ob mein Herz eine Retorte wäre, die auf den glühenden Kohlen ihrer Blicke steht! Brüder, ich sage Dir, dieser Gang, dieses Tänzeln, dieses Schweben, dieses Flattern, dieses Fliegen — Ernst (ihn unterbrechend). Laß die Schilderungen und komm' zur Sache ! Dünk. In insciias rss! Also! Ich sagte ihr on passant, daß ich sie verehre, anbete, vergöttere,-verhimmliche, daß ich sie besitzen muß, und wenn ich dafür zehntausend Tode erleben müßte,—und bat sie staute xsäs um ein Rendezvous! Und denke Dir, sie sieht mich an mit ihren großen, weissagenden Normaaugen prophetisch an, und sagt sonst nichts als „prosit". Ernst (lachend). Das ist neu! Trotz Ben Akiba! Dünk. Hör' nur weiter! Kaum hatte ich sie oder richtiger gesagt kaum hatte sie mich verlassen, so fand ich in der rechter Rocktasche dieses meines Frackes dieses süßduftende Rosablättchen. (Er zieht es heraus.) ^.uäias st stupsas! (Liest.) Morgen Punkt 1 Uhr auf der Löwelbastei. Ernst. Das ist wieder ein schlechter Witz, den sich die Kollegen mit Dir machten. Dünk. Witz? ich war ja schon dort. Ernst. Und Du fandest sie? Dünk. Ooutrairs! Sie war nicht dort, aber sie sandte mir einen Diener, der mir diesen Brief brachte, diesen Hoffnung versprechenden grünen. 3 Ernst. Einen grünen? O weh! das ist ein schlechtes Zeichen. Dünk. (den Brief entfaltend). Höre erst und dann urtheile! (Lesend.) »Mein Gatte,« (sich unterbrechend zu Ernst) Sie hat einen Natten! (Liest.) »Mein Gatte, der mehr Othello als bürgerlicher Ehemann, hat Verdacht geschöpft! Trotzdem liebe ichDich immer möhr und möhr!(Sich unterbrechend.) Diese mährische Glut! Ernst. Und diese böhmische Orthografie. Dünk. (lesend). Komme also, Du Theurer, in einer Stunde auf den Stefansthurm. Ernst (lachend). Auf den Stefansthurm? Da wirst Du wieder schön ankommen! Dünk. O, um's Ankommen bin ich nicht besorgt! Aber das Hinaufkommen macht mir »Schwulitäten«. Sie hat eben sehr hohe Abfichten. Uebrigens hast Du gar keinen Grund Dich über mich lustig zu machen. Was wärest Du ohne mich deinem Onkel gegenüber? Ernst. Za, Freund! — Da hast Du Recht — da brauch ich Dich. Dünk. Dacht' ich mir's doch! Du hast wieder kein Geld, brauchst solches, und da soll der vielverleumdete Moriz wieder herhalten, nicht wahr? Also kurz, wie viel brauchst Du denn? Ernst. 600 Gulden! Dünk. Sollst sie haben! Setz'Dich und schreibe, daß Deine Geliebte einen persischen Shawl benöthigt, und daß sie den Shawl wie einen Bissen Brod braucht, das heißt: por ÜAurLiQ gesprochen! Du wirst sehen, der Onkel schickt Dir das Geld, sobald Du es für Deine Flamme begehrst. Ernst (einen Stuhl nehmend und sich in reitender Stellung daraus setzend). Wahr ist's! Er behauptet, daß sich ein junger Mann austoben müsse, um einstens ein gesetzter, würdiger Ehemann werden zu können. Deßhalb will er, daß ich alle Vergnügungen der Residenz genieße, kurz und gut. daß ich mich austobe! Dünk. Ja, Dein Onkel ist das negative Lichtbild meiner Tante! Die droht mir wieder in jedem Brief, daß sie mich enterben wolle, wenn ich nicht — wie sie sich höchst prosaisch ausquetscht — endlich einmal Vernunft annehme! Gott erhalte Dir Deinen guten Onkel! Ernst. Er ist unstreitbar ein Original, aber dabei der edelste Mann, den ich kenne; nur Schade, daß er sich seit seiner Verwundung anno 1859 mit seinem alten, treuen Diener Tobias auf sein einsames Jagdschloß zurückgezogen hat. Ein einziges Mal forderte ich von ihm 1000 Gulden zum Ankauf von Büchern und chemischen Apparaten. Dünk. (kinfallend). Für chemische Apparate 1000 Gulden — der oa8U8 macht mich lachen! Ernst. Damals schickte mir der Onkel nichts, schrieb mir aber Folgendes: »Schlingel von einem Neffen!« (Sich unterbrechend.) 0'«8t luoi! »Warum belügst Du mich? Warum verlangst Du Geld für Apparate, als ob Du die halbe Welt chemisch zersetzen wolltest? Du studirst ja doch nichts! Sei also offen und ehrlich, Bursche! Rapportire mir Deine tollen Streiche, Deine Thorheiten, Deine Liebschaften, und es wird Dir niemals an Geld fehlen, aber belüge mich nicht mehr.« Dünk. Ja, und diese Philippika ver- etzte Dich damals in die peinlichste Ver- egenheit, und wer half Dir damals aus der Schlamastik? : Mauritius Dünkelheim! Ich rettete Dich, und so will ich's auch heute machen! Also schreib' was ich Dir gesagt, und schicke dann den Brief unfrankirt ab! Immer unfrankirt! Das ist meine Maxime! Es macht beim Empfänger einen kolossalen Effect und kostet dem Absender nichts! Ernst. Ich danke Dir, Retter in der Noch! 4 Dünk. Aber jetzt sag' mir einmal offen, was machst Du mit dem vielen Gelde? Ernst. Ich gebe es aus! Dünk. Das kann ich mir lebhaft vorstellen; aber für wen? Ernst. Für mich! Dünk. Lächerlich! Du speisest in einem Kosthause letzter Elaste, brauchst den Winter hindurch kaum für 3 GuldenHolz, frühstückst nie, dinirst schlecht, soupirst selten, und hast doch in kurzer Zeit 3000 Gulden ausgegeben, aber Niemand weiß wofür? — Die Damenwelt existirt für Dich eben nur in den von mir inspirirten Briefen, und ich glaube, daß Du noch mit keinem Frauenzimmer ein Wort gesprochen hättest, wenn ich nicht damals, als Du das unglückliche Experiment mit der Glasretorte machtest, unsere Nachbarin, Fräulein Regine, gebeten hätte. Dich zu pflegen und Deine Kopfwunde fleißig zu verbinden. Einst. Regina war damals mein Oosur d'ariAs! Dünk. Und scheint für Dich noch immer ein LMA6 äs oosur zu sein! — Freund, College, Bruder, ich fürchte, Du verbirgst mir ein großes, vielleicht gräßliches Geheimniß, das gleich einem Vampyr au Deiner Caffa saugt und saugt! Ernst. Laß' mir mein Geheimniß, es wird bald vor Deine Augen treten. Zweite Scene. Vorige. Regine (durch die Mitte). R?g. (eine Tasse mit einer Schale voll Milch und einem Brod tragend). Guten Tag. Herr Moriz! Guten Morgen, Herr Ernst! Ich bringe Ihnen die Milch, die Sie gewünscht. Dünk. (ihr näher tretend). Schönste aller Nachbarinnen des Kontinents, ich lege mich Ihnen zu Füßen. Ernst (schreibend). Ich danke für Ihre Freundlichkeit und bitte Sie, mich zu entschuldigen , ich bin eben dringend be- schäftigt. Reg. Sie find eben immer zu fleißig! Dünk. Ja, die Chemie wird ihn noch verrückt machen. Er arbeitet da eben wieder an einem Problem, wie man unser Papier in Gold verwandeln kann. Reg. Das wäre eine herrliche Erfindung! Dünk. Apropos! Sagen Sie mir, Fräulein, ober ganz offen und unumwunden, werden denn Ihre Näharbeiten auch so gut bezahlt, daß Sie sich Wohlbefinden können? Reg. Das wohl nicht! Ich könnte mir, trotz meines Fleißes, und trotz der Nähmaschine kaum so viel verdienen, als ich zur nothdürftigen Existenz brauchen würde; — allein es hat sich mir von anderer Seite ganz unvermuthet eine Hilfsquelle aufgethan. — Eines Morgens nämlich erhalte ich Besuch von einem alten Herrn, welcher mir sagte, daß er mit meinen Eltern in Geschäftsbeziehungen gestanden sei, indem er mir zugleich anzeigte, daß er beauftragt sei, mir gegen Quittung in mehreren Raten eine ansehnliche Summe Geldes auszubezahlen, welche man meinen seither verstorbenen Eltern schuldig gewesen, und welche längst für verloren gegolten hatte. — Einen großen Theil des Geldes gab er mir gegen Bestätigung sogleich, worauf er sich schweigend entfernte. Meine Mutter hatte nämlich ihr Vermögen einem Manne anvertraut, welcher bankerott wurde! Dünk. Und der jetzt nach Jahren seine Schulden bezahlt? Das ist ein domo QOVU8! Ernst (einfollend). Du wirst über der interessanten Erzählung Dein Rendezvous versäumen! Dünk. O Donnerwetter! Das hatt' ich jetzt wirklich ganz vergessen! Es ist aber auch kem Wunder; denn was Fräulein Regine 5 erzählt, ist pikant, und wie fie's erzählt überaus charmant! Entschuldigen Sie aber jetzt, mein Fräulein (auf die Uhr sehend), ich habe wahrhaftig keine Minute mehr zu verlieren. Empfehle mich Ihnen. (Küßt ihr die Hand.) ^mios, 86rvus! Reg. Auf Wiedersehen! Ernst. Valero! (Dünkelheim durch die Mitte ab.) Dritte Scene. Ernst. Reg ine. Reg. Ein liebenswürdigerjungerMann! Ernst. Und deßhalb auch bei den Damen sehr beliebt! Reg. Ich habe jetzt Ihre kostbare Zeit zu lange in Anspruch genommen, um Ihnen noch länger lästig zu sein! Ernst. O ich bitte! Reg. Ich störe Sie ja nur! Ernst. Sie stören mich niemals! Reg. (ablenkend). Sie sind wohl der fleißigste unter allen Studenten! Ich fürchte nur. Sie werden einmal ein rechter Stubengelehrter! Ihr Weibchen wird sich aber nicht sehr geschmeichelt kühlen, wenn Sie ihr diese alten Bücher vorziehen. Ernst. Ich werde mich nie verheiraten. Reg. (sich setzend und zu stricken beginnend). Und weßhalb nicht, wenn ich fragen darf? Ernst. Damit sich meine Frau niemals mit einem Stubengelehrten langweile. Reg. Es muß doch etwas Schönes sein, wenn so ein rechtlicher, braver Mann wie Sie zu einem braven Mädchen sagen kann: Wollen Sie meinen Namen führen, ist ein Ehrenname! — Ach, wie heißen Tie doch? (Sie legt die Arbeit aus den Tisch und steht aus.) Ernst. Ernst heiße ich! Reg. Aber mit Ihrem Familiennamen! Ernst (lebhaft). Für Sie heiße ich Ernst, kurzweg Ernst! Reg. Ich war indiscret! Ich sehe es ein! ich werde Sie nie wieder belästigen! (Will gehen.) Ernst (sie aufhaltend). Verzeihen Sie, ich bin ein Hitzkopf, habe aber ein redliches Herz! Reg. Das glaube ich! Ernst. Und doppelt würde ich es bedauern, wenn ich Sie beleidigt hätte, da ich für Sie eine so aufrichtige Freundschaft hege! Reg. Wirklich? Ernst. Gewiß! (Er will sich ihr nähern, sieht sie entzückt an.) Reg. (dieß bemerkend). Sie werden das Collegium versäumen! Ernst. Ich danke für die Erinnerung! (Nimmt den Hut.) Reg. Und ich versäume meine Arbeit; deßhalb erlauben Sie, daß ich mich noch vor Ihnen entferne! (Durch die Mitte rasch ab.) Vierte Scene. Ernst. (Gleich darauf) Dünkelheim. Ernst (allein. Reginen nachsehend). Ein sonderbares Gefühl beschleicht mich heute! Zum ersten Male fällt mir's schwer, vom Hause wegzugehen. Ich bliebe am liebsten da, in ihrer Nähe! Dünk. (singend eintretend). »Da bin ich wieder! «(Singt die Gabriele im» Nachtlager«.) — Denke Dir, Freund, was mir jetzt arri- virte. Als ich beim Portier vorübergehe, reicht mir derselbe mit jenem unausstehlichen Lächeln, welches diesen Hauscerberus so sehr charakterisirt, dieses gelbe Briefchen mit seiner blau angelaufenen Hand aus seiner grünen Portierloge heraus. (Er zeigt einen gelben Brief.) Ernst (lächelnd). Deine Holde ist ja 6 eine leibhafte Spectral-Analyse, sie zeigt Dir alle Farben! Dünk. (den Brief lesend). »Nicht auf dem Stefansthurm, denn mein Wütherich ist uns auf der Spur! Deßhalb in einer halben Stunde beim Belvedere!* Ernst (lachend). Ich wünsche Dir, daß Du beim Belvedere wirklich etwas Schönes stehst. Dünk. Was soll ich aber bis dahin beginnen? Ernst. Thue. was Du willst, ich kann Dir nicht Gesellschaft leisten, ich muß jetzt in den Hörsaal. Leb' wohl! (Ab.) Fünfte Scene. T ünkelheim. (Später) Seltmann und Tobias. Dünk. (Ernst nachrufend). Ernst! Aber so bleibe doch! Höre!-Gerade jetzt, wo ich eines Zeitvertreibes bedarf, läßt er mich im Stich! Das nennt man Freundschaft! Nichts Entsetzlicheres kenne ich, als die lange Wartezeit vor einem Rendezvous. Jede Minute kriecht wie ein Tausendfuß dahin. Ich will indessen Nachsehen, ob ich in der Garderobe meines Bruders Studio einen Anzug finde, der meinen Wünschen entspricht. (Er geht zum Kleider, schrank, öffnet ihn und besichtigt die Klei, dungsstücke, die darin hängen.) Seltm. (eine martialische Erscheinung, mit schneeweißem kurzen Haupthaar, langem weißen Schnurbart, ist auf einem Fuße lahm uud wird von Tobias im Gehen stets unterstütz!, während er selbst noch mit einem Stocke nachhilft. Tobias gleicht dem Obersten im Aeußeren fast in jeder Beziehung, und trägt ebenso wie dieser ein Bändchen im Knopfloch. — Seltmann tritt mit Tobias durch die Mitte ein, erblickt den eben beim Kleiderschranke stehenden, durch den Flügel halbverdeckten Dünkelheim.) Seltm. (halblaut). Da ist er! Tob. Ist er! Seltm. (nähert sich dem Kasten). Guten Tag, Windbeutel! (Er schlägt Dünkelheim aus die Schulter.) Dünk. (sich plötzlich umdrehend). Woher kennen Sie mich? Seltm. Pardon! Hielt Sie für meinen Neffen Ernst! Tob. Neffen Ernst! Dünk. Ah, freut mich sehr, Herr Onkel! Seltm. Sie erlauben schon, daß ich mich setze. Die Kugel, die mir seit 59 im Gelenke sitzt, läßt mit sich nicht spaßen. (Setzt sich vorne links.) Tob. Nicht spaßen. Dünk. (für sich). Was hat er denn da für ein Echo bei sich? Seltm. Sie sind vermuthlich Ernsts Freund? Tob. Ernsts Freund? Dünk. (für sich). Jetzt weiß ich nicht, welchem von beiden ich antworten soll. Seltm. Sie stutzen wahrscheinlich über meinen alten Tobias da? Machen Sie sich nichts daraus! Der alte Bursche da und ich, wir find so zu sagen Eins; so sehr haben wir uns seit 30 Jahren ineinander hineingelebt l Tob. Hineingelebt! Dünk. Freut mich, das werthe Echo kennen zu lernen! Seltm. Also Sie und Ernst, Ihr seid Freunde! Dünk. Zu dienen! Castor und Pollux waren gegen uns zwei reine Anfänger in der Freundschaft! .Seltm. Schön! Tob. Schön! Dünk. O bitte, meine Schuldigkeit. Seltm Kommt er bald nach Hause! Dünk. Längstens in einer Stunde! Seltm. Wir werden ihn hier erwarten! Tob. Hier erwarten! Dünk. O bitte sehr! Verfügen Sie über diese Räume! 7 Tob. (lacht). Dünk. Was lacht denn das alte Echo? Seltm. Ich will mir indessen hier gütlich thun! Tob. Gütlich thun! Seltm. Also das hier ist sein Zimmer? Ohne daß ich mich umsehe, weiß ich, daß da Alles in größter Unordnung sein muß! Zn einem echten Studentenzimmer muß immer das Unterste zu oberst liegen. Nich( wahr Tobias, das kennen wir? Tob. (lachend). Kennen wir! Dünk. Das Unterste zu oberst? Seltm. Man muß gleich sehen, daß da eben nur ein Student wohnen kann. Die Bücher und Schriften und das Alles in einer kannibalischen Unordnung. Tob. Kannibalischen Unordnung. Dünk. Das Echo wird mir bald unangenehm werden! Uebrigens, kannibalische Unordnung? Der Herr Onkel scheint eine Caprice zu haben, der man ja leicht hui- digen kann. (Er läuft während der Oberst und Tobias leise mit einander sprechen, zum offenen Bücherschrank, und wirft die Bücher rasch, aber leise untereinander und streut einige auf den Boden herab.) Seltm. (lachend, ohne sich umzusehen). Und dann im Hintergründe Tabakspfeifen, Tabaksbeutel. Ziegenhainer und Stiefelknechte. Dünk. (für sich). Kann auch geschehen! (kr zieht schnell seine Pfeife aus der Tasche und legt sie auf den Tisch. Alles das muß rasch geschehen, und zwar so, daß es die beiden vorn Sitzenden nicht bemerken.) Seltm. (lachend). Und die Kerze statt in einem Leuchter in einem Flaschenhals. Nicht wahr, Ihr verdammten Jungen? Tob. (lachend). Verdammten Jungen! Dünk. (für sich). Die Freude kann er auch haben! (Er nimmt rasch die Kerze aus dem Leuchter und steckt sie in den Hals einer Bouteille.) Seltm. Mit einem Worte, Alles untereinander wie in einer erobertenFestung 1 Dünk. (für sich). Alle- untereinander! Nun mir ist's recht! (Er wirst alle Kleider aus dem Schrank heraus.) Seltm. Dann keine Ordnung in den Möbeln! Ein paar Stühle umgeschmisseu! Tob. Umgeschmissen! Dünk. (für sich). Da kann man leicht helfen! (Er legt einen Sessel um.) Seltm. (ausstehend, sich aus den Stock tützend, sieht sich rings im Zimmer um). Na was? Hab' ich Recht oder nicht? He? Tob. He? Dünk. Ich bewundere Ihre Menschen- kenntniß! Seltm. Alles, wie ick gesagt, genau so. Echt studentisch! (Lacht herzlich.) Ja, das kennen wir. Tob. Kennen wir! Dünk. (für sich). Der alte Herr liebt es gewiß, wenn man recht mörderisch flucht! Das soll er auch haben! (Laut.) Kreuzmillionenschockschwerenoth - Donnerwetter! Sie haben Recht! Seltm. Fluchen Sie nicht, das kann ich nicht leiden! Tob. Nicht leiden! Seltm. Ich habe nie in meinem Leben geflucht und nie geraucht. Dünk. Dann find Sie ein extrafeiner Soldat, Herr Major! Seltm. Oberst, mein Herr, Oberst! Tob. Oberst! Dünk. Ah, Oberst! Eine schöne Charge das. Donnerwetter! Seltm. Fluchen Sie nicht! Dünk. Zu Befehl. Herr Brigadier! Seltm. Oberst, sagte ich Ihnen schon! Dünk. O. Pardon! Ich bin untröstlich darüber, daß ich Ihnen nicht mit einem Gläschen Rhum dienen kann! Seltm. Danke! Trinke nur Wasser! Tob. (mit einem sauren Gesichte). Nur Wasser! Dünk. (bei Seite). Er trinkt nicht, er raucht nicht, er flucht nicht, — ja waS ist denn das für ein Soldat?! Seltm. Gebt wohl fleißig Föten hierj? Was? Ihr Suitiers? 8 Dünk. Ja, wir brauten uns gestern wieder einen Monstre-Punsch, in dem eine Ente hätte bequem herumschwimmen können! Seltm. Bravo, Jungens, bravo! Tob. Bravo! Dünk. (für sich). Ah, das gefällt ihm! (Laut.) Ja, wir leben wie die jungen Götter, Herr Feldmarschalllieutenant — ah, wollt' ich sagen, Herr Oberstlieutenant! Seltm. Oberst, Oberst! Dünk. (absichtlich bramarbasirend). Vom frühen Mongen bis spät zum Abend fingen wir, springen wir, fechten wir, culti- viren verschiedene Amourschaften, ganz L 1a Don Juan! Seltm. Bravo, bravo, bravissimo! Tob. Bravissimo! Dünk. (für sich). Das ist Wasser auf seine Mühle! (Laut.) Ja, unsere Liebschaften die grenzen schon an das Mormonische! Ganz Salzsee! Seltm. (lachend). Wie heißen Sie denn eigentlich. Sie junger Bramarbas? Dünk. Ergebenst aufzuwarten Dünkelheim! Seltm. Dünkelheim, Dünkelheim? Studiren Sie die Chemie? Dünk. Studiren? Ja, das heißt ich bin eingeschrieben! Seltm. Besuchen aber keine Vorlesungen; das kennen wir! Tob. Kennen wir! Seltm. Sie heißen Moriz? Dünk. Von wannen kommt Ihnen diese Wissenschaft? Seltm. Sie haben eine Tante in Linz? Dünk. Die Sie kennen? Seltm. Ich habe von ihr einen Auftrag! Dünk. Sie bringen mir gewiß Geld! (Zieht eine Brieftasche hervor.) Seltm. Lassen Sie stecken! Kriegt keinen Dienst! Tob. Keinen Dienst! (Lacht.) Dünk. (für sich). Das alte Echo lacht mich noch aus! Seltm. Ihre Tante will Sie enterben! Dünk. Mich!? Seltm. Sie behauptet, Sie seien ein Faulenzer! Dünk. Ich?! Ah, das ist stark! Ich ein Faulenzer! Um 8 Uhr Morgens steh' ich auf, um 9 mach' ich Toilette, um 10 gehe ich spaziren, um I esse ich, um 2 fahre ich in den Prater, um 4 fliege ich zur Herzallerliebsten, um 6 reite ich spazie» ren, um 7 renne ich in's Theater, um 10 eile ich zum Souper, um 11 spiele ich noch Billard, und um Mitternacht lege ich mich zu Bette! Und das nennen die Leute nichts thun! O undankbares Jahrhundert! Seltm. Sie behauptet, Sie seien ein Verschwender, ein Thunichtgut! Dünk. Wer sagt das? Seltm. Sie selbst! Dünk. (für sich). O verdammt, das war dumm! Jetzt heißt's umsatteln! Seltm. (den TonDünkelheim's copirendj. Vom Morgen bis zum Abend fingt Ihr, springt Ihr, amufirt Euch und macht gute und schlechte Witze! Dünk. Aber mein Gott, das Alles ihn' ja nicht ich! Ihr Herr Neffe ist's, der lebt so, wie ich sagte! Seltm. Bei Ernst ist's etwas Anderes; das ist unser Neffe! Tob. Unser Neffe! Seltm. Und wir wollen, daß er die Jugendzeit genießt, kurz und gut, daß er sich austobe! Dünk. (ihn Plötzlich umarmend). O. Sie lieber Onkel, wären Sie doch meine Tante! Seltm. Na, na, wir werden schon machen! Tob. Schon machen! Dünk. Sie geben mir das Leben wieder! Seltm. Aber jetzt, kurz und offen, wie stehts mit Ernst? Ist er ein Suitier? oder ist er keiner? Dünk. Verdammte Situation! Ich weiß ich wirklich nicht, was ich sagen soll? 9 Seltm. Ohne Umschweife! Farbe bekennen! Wie lebt er? Dünk. (für sich). Nur vorsichtig!(Laut.) Das kann ich Ihnen sagen, Onkel meines Freundes! Hier im Hause ist Ernst schauderös solid! Wie er außer dem Hause ist. das weiß ich nicht; diese reine Schwelle jedoch, das schwör ich Ihnen bei dem Leben meiner Tante, und das ist ein fürchterlicher Schwur, denn ich müßte sie beerben, schwöre ich also, daß diese reine Schwelle hier noch niemals von dem Fuße eines weiblichen Wesens entweiht worden ist. Sechste Scene. Vorige. Regine (rasch eintretend). Reg. (ohne sich umzusehen). Ich habe mein Strickzeug hier vergessen! (Sie nimmt das Strickzeug vom Tisch und will schnell wieder gehen.) Entschuldigen Sie, meine Herren! Seltm. Bleiben Sie, Mamsell! (Zu Dünkelheim.) Was ist's denn mit dem Schwur? Ist das Mädchen kein weibliches Wesen? — Dünk. Nein! Reg. (welche indessen den Stuhl und die Kleidungsstücke ausgehoben hat). Was wünschen Sie, meine Herren, von mir? Seltm. (für sich). Das Mädchen ist charmant! (Zu Dünkelheim.) Wer ist das? Dünk. (leise zu Seltmann). Ich kenne sie nicht! Reg. Ach, lieber Herr Moriz, sagen doch Sie mir, was ich da soll? Seltm. Du Schwerenöther! Kennst sie nicht, aber sie kennt Dich! Tob. Kennt Dich! Dünk. (für sich). Jetzt fängt das alte Murmelthier mich auch zu duzen an! Seltm. (leise zu Dünkelheim). Kommt dir vielleicht meinem Ernst zu Liebe? D ü n k. (für sich). Wenn ich nur wüßte, was ich sagen soll? Seltm. Nun, heraus mit der Wahrheit! Dünk. Nun ja, in Gottes Namen, ja! Sie ist's. die — Seltm. (vergnügt, sür sich). Der Junge hat einen guten Geschmack! Reg. Womit kann ich dienen? Seltm. Bleiben Sie doch, bleiben Sie doch! Oder haben Sie vielleicht vor meinem großen Schnurbart Furcht? Tob. Schnurbart Furcht? (Streicht sich den Schnurbart.) Reg. O, durchaus nicht! Allein ich lebe von der Arbeit, und da heißt es wirklich ohne Phrase: Zeit ist Geld! Dünk. Bleiben Sie doch, Fräulein Regine, beim Herrn Oberst. Sie gefallen ihm sehr! Und entschuldigen Sie zugleich, Herr General on eiisk, daß ich mich entferne. Ich muß in den Hörsaal!(Für sich.) Ich muß so schnell als möglich Ernst herbeiholen! Seltm. Ich will Sie nicht in Ihrem Fleiße aufhalten. Bin auch gar nicht böse darüber, wenn Sie mich mit der niedlichen Mamsell da allein lassen. Reg. (erstaunt). Mit mir? Seltm. Jawohl, mein Kind! (ZuTobias.) Was sagst Du zu dem Mädel, alter Haudegen? Tob. Verteufelt hübsch! Dünk. (leise zu Regine). Das ist Ernfts Onkel! Reg. (freudig). Ist's möglich! Dünk. (zu Regine). Sprechen Sie so wenig als möglich, und um Gotteswillen, fluchen Sie nicht! Reg. Sind Sie von Sinnen? Dünk. (laut und feierlich). Und nun, bester Onkel meines Freundes, freundlichster aller Obersten, empfehle ich mich Ihnen, ich muß wieder an die Arbeit! O ich liebe dieArbeit! Der Hörsaalist mir ein Paradies, das Studium eine Himmelsfreude! Sagen Sie das meiner Tante, bester Herr Oberst! 10 Selt m. (lachend). Za, ja, und schwören ist Ihre. Hauptpaffion, nicht wahr? Dünk. O bitte, das war nur ein politischer Eid, mit Vorbehalt! (Rasch durch die Mitte ab.) Siebente Scene. Seltmann. Tobias. Regine. Seltm. (sich räuspernd). Nun, meine kleine Mamsell, find wir allein! Reg. (lächelnd). Allein? Seltm. Ach, Sie meinen den Alten i>a? Der existirt sür Sie nicht! Also wir find allein. Wollen Sie nicht Platz nehmen? Reg. Ich danke! Seltm. Tobias! Einen Stuhl! Tob. Zu Befehl! (Stellt einen Stuhl nahe neben den Obersten und sagt zu Regine barsch.) Platz nehmen! Reg. (instinctiv gehorchend und fich setzend, sür sich). Was wird da herauskommen? Seltm. (plötzlich anfangend). Ich liebe meinen Neffen! Sie find jung, Sie find schön! Reg. (wacht eine abwehrende Bewegung). Seltm. Ich sage Ihnen, Sie sind schön, ich kenne das; ich begreife auch, daß Sie rinen jungen Burschen um den Verstand bringen können. Reg. Mein Herr! Seltm. Aber alles hat seine Zeit! Zetzt hat er getobt genug, jetzt heißt's: Rechtsum! Verstanden? Reg. Keineswegs, mein Herr, ich versiehe Sie durchaus nicht! Seltm. Bin ein g'rader Michl, red' Don der Leber weg, etwas barsch, aber ehrlich! Verlange das Gleiche! Also kurz und bündig. Sind Sie's oder sind Sie's nicht? Reg. Ich verstehe Sie wahrhaftig nicht, und weiß nicht, was ich antworte« soll! Seltm. (sür sich). Ach, sie genirt fich wahrscheinlich vor meinem alten Schweden da! Ich will ihr's leichter mache«! (Laut.) Tobias, delicate Angelegenheit! Tob. Zu Befehl, Herr Oberst! (L nimmt ein langes schwarzes Tuch aus d« Tasche und verbindet sich damit fest bck Ohren.) Reg. (für sich). Was sind denn das für Vorbereitungen? Mir wird ganz ««- heimlich! Seltm. So, Mamsell! Jetzt ohne Rückhalt, offen und ehrlich! Wie führt fich mein Neffe Ernst auf? Reg. Er ist der fleißigste Student unt> der solideste Jüngling! Seltm. Wäre mir nicht lieb, wenn er wahr wäre, was Sie sagen! Uebrigeir habe ich die besten Beweise davon in der Tasche, daß er nur fleißig ist im Geldaa- bringen, und nur den Soliden spült Ihnen gegenüber! Reg. Sie scheinen sehr übel berichtet worden zu sein, mein Herr! Herr Ernst, Ihr Neffe, ist gewiß das, was er scheint! Seltm. Und Sie, Mamsell, wolle« nicht scheinen, was Sie sind! Reg. Ich verstehe Sie zwar nicht, mein Herr, ganz und gar nicht! Allein He Worte haben etwas so Verletzendes, daß ich Sie dringend bitten muß, mich nicht länger hier festzuhalten. Seltm. (sür sich). Das ist eine verstockte Sünderin! Aber der kleine Satan ist aller' liebst! — (Laut.) Nun ja, ja, in Gotte! Namen, gehen Sie, wir sehen uns ja doch bald wieder! Reg. Das hoffe ich nicht! Seltm. Donnerwetter! Sie find kurz angebunden! Also Adieu, kleine Spröde! Wenn ich mit meinem Neffen gesproche« haben werde, hoffe ich mich mit W« auch leichter verständigen zu können. Reg. (macht eine Verbeugung und gehl ohne ein Wort zu sagen, durch die Mitte O 11 Achte Scene. Seltmaun. Tobias. SeltM. (Reginen nachsehend). Ist das ne kleine Schlange! Nun, Tobias, was qst Du, wie gefällt Dir das kleine Un- eheuer? Tob. (der bereits die Binde von den Ohren nommen). Ungeheuer! Seltm. Hat den alten Kerl wirklich uch schon berückt! Ja, so ein junges Wern kann selbst einem alten Haudegen ge- Lhrlich werden Es war die höchste Zeit, obias, daß ich kam, um meinen Jungen us den Netzen dieser verführerischen irce, deren Zärtlichkeit ihm so viel kostet, l retten. (Er geht zum andern Tisch und beleckt daselbst den von Ernst geschriebenen offen egenden Brief.) Ah. ein Brief! Laß doch ehen, was der Junge schreibt! (Nimmt en Brief und liest ihn.) Ah, an mich! und inner das nämliche Thema! Nur mit un- ihligen, höchst geistreichen Variationen! Setzt begehrt er wieder 600 fl. für einen erfischen Shawl! Ja, ja! Es war die ochste Zeit! Er hat sich ordentlich ausge- obt! Aber jetzt heißt's: »Halt Schimmel, ochritt statt Galopp!* Neunte Scene. Vorige. Ernst. Ernst, (durch die Mitte). Ah, da ist er! Seltm. (ihn bemerkend). Ernst! Mein Zunge, was stehst Du so da? — Wie ein >einontirtes Geschütz! — Komm', mein Rebling, komm' in meine Arme! Ernst (in seine Arme stürzend). Bester Onkel! Seltm. Junge, umarme mich nochmals! Seit Lnno 59, als mich mein Toms vom Schlachtfelde wegtrug, habe ich "och Niemanden so herzlich mit meinen Armen umklammert, als jetzt Dich, mein Junge! (Küßt ihn aus die Stirne.) Jetzt aber erzähle mir nur rasch alle Deine lustigen Abenteuer, alle Deine tollen Streiche! Ernst. Liebster Onkel, erzählen Sie mir lieber, welchem glücklichen Umstand ich es verdanke, daß ich Sie bei mir sehe! Seltm. Mein Junge, ich bin gekommen, um Dich zu überraschen, um zu sehen, wie Du lebst, um alle Deine Schulden zu bezahlen und — Dich zu verheiraten. Ernst. Mich zu verheiraten? Seltm. Ja! Und zwar nur, um Dich aus dem Netze der Kleinen da mit den Schlangenaugen zu befreien. Ernst. Welche Kleine? Seltm. Jetzt verstellt sich der auch noch! Für wen brauchst Du diese 600 fl., um die Du mich in diesem Briefe bittest? Ernst, (rasch). Ah, Sie haben da — Seltm. (einsallend). Gelesen, was Du an mich geschrieben hast! Also heraus mit der Farbe! Brauchst Du das Geld nicht für Deine »Dulcinea«? Ernst, (verlegen). Allerdings, aber — Seltm. Ei was. aber! Ich werde Dir das Geld geben, jedoch unter einer Bedingung! Ernst. Und die wäre? Seltm. Du läßt Dir von der Kleinen alle Deine Liebesbriefe zurückgeben und Du gibst mir auch diejenigen, die sie Dir g schrieben. Ich werde diese ganze Phrasensammlung dann verbrennen. Es muß da taliuls, rasa gemacht werden, bevor Du heiratest. — Also erst die Briese, daun das Geld! Indessen, mein Junge, kannst Du Deiner kleine» niedlichen Abgottschlange den persischen Shawl versprechen; Du weißt, ich halte Wort! und nun, mein Junge, leb' wohl! Ich fahre nun mit meinem Alten da zum Platzcom- mando, bin in einer halben Stunde wieder bei Dir. (Tobias reicht ihm den Hut, Seltmann betrachtet Ernst.) Was bist du für ein stattlicher, hübscher Bursche geworden! Es wundert mich gar nicht, daß Du den 12 Mädchen die Köpfe verdrehst, wie der Kleinen da mit der glatten Haut und den klugen, schönen Augen. (Stützt sich aus Tobias Arm, setzt dann den Hut aus und wendet sich zum Gehen.) Ernst (für sich). Was meint er denn für eine Kleine? Seltm. (zu Tobias). Also Du alter „alter-sSo" führe mich! (Zu Ernst.) Und Du mein Junge, leb' indessen wohl und vergiß nicht: die Briefe mir, das Geld Dir! (Mit Tobias durch die Mitte ab.) Tob. (im Abgehen freundlich zu Ernst). Geld Dir! (Ab.) Zehnte Scene. Ernst. (Später) Dünkelheim. Ernst. Bester Onkel, wie sehr setzt mich gerade setzt Dein Wohlwollen in Verlegenheit! Was soll ich thun? Um das Geld zu erhalten, das ich brauche, soll ich Briefe ausfolgen, die ich nie bekommen, Lillets- äoux ausliefern, die ich nie geschrieben! O Moriz. Moriz, Du Haft mich in eine verdamnlte Situation gebracht! Dünk. (durch die Mitte). Wozu der Lärm? Was steht dem Herrn zu Diensten? Ernst. Moriz. ich bin in Verzweiflung! Dünk. Ist der Onkel fort? Ernst. Er kommt in einer halben Stunde zurück! Dünk. Nun, dann ist's gut! Zeit gewonnen, Alles gewonnen! (Bei der Mittel- thüre hinausrufend.) Fräulein Regine, kommen Sie herein, die Luft ist rein! (Zu Ernst.) Apropos, Du weißt doch, mein Rendezvous, das ich beim Belvedere hätte haben sollen, es ist schon wieder abgesagt! Dießmal zur Abwechslung per Expreß ! Hier ist die gräuliche, bläuliche Conlre- ordre ! (Zieht einen blauen Brief heraus und liest.) »Beim Belvedere lauert Verrath! Deßhalb in einer Stunde auf der SH der rechten Säule der Carlskirche.« Ernst. Laß jetzt Deine Albernheit!« und hilf mir aus der Klemme! Eilfte Scene. Vorige. Regine. Reg. (durch die Mitte). Entschuldig!! Sie, Herr Ernst, daß ich Sie störe; üb» ich kann die Aufregung, die sich mein» bemächtigt hat, nicht bemeistern, wenniil es Ihnen nicht selbst sagen kann, daß ii mit Ihrem Onkel hier zusammengetroff» bin, und daß er mich in einer Weise bk handelte, für deren Verständniß ich »ich den Sinn habe! Ernst. Um Gotteswillen, er hat Si doch nicht beleidigt? O Moriz, Moriz, a> Allem bist D u Schuld! Dünk. Ja. wie so denn? Ich warj- gar nicht dabei, wie kann ich d nn Schub sein? Ernst (leise). Denke Dir nur, er hu von mir Liebesbriefe verlangt! Dünk. Wenn's weiter nichts ist, ich leih Dir m eine! Ernst (zornig). Scherze nicht! Dünk. Ich werde gleich Ernst machen (Zu Regine.) Fräulein Regine! Sie D meinem Freunde da freundlich gesinnt nicht wahr? Reg. Gewiß! Dünk. Nun also, die erste Pflicht de Freundschaft ist: Hilfe in der Not Wollen Sie meinem und Ihrem Freust helfen? ^ , Reg. Vom Herzen gern! Lagen nur, wie? Dünk. Setzen Sie sich gefälligst an m Tisch! Reg. (setzt sich zum Tisch). Ernst. Was willst Du machen? 13 Dünk. Dein Glück! Du setzest Dich an MN Tisch da drüben! Ernst (setzt sich an den andern Tisch). Dünk. Und jetzt fordere ich. daß Ihr such mir auf Gnade und Ungnade ergebt! Ernst. Ich begreife aber nicht — Dünk. Du brauchst nichts zu begreifen, ondern nur unbedingt zu folgen. Also in Sereitschaft! Aufgepaßt! Ernst, jetzt mint die Reihe an Dich, also schreibe. Nictirend.) »Mein Fräulein! Der Zufall sollte, daß ich so glücklich war, Ihnen >u begegnen, als ich gerade mit und Sie ohne Regenschirm waren. Ich hatte das Klück Sie begleiten und beschirmen zu >ürfen, und seit dieser nassen Stunde kann ich Sie nicht mehr vergessen. Wann, vo und wie kann ich Sie wieder sehen?* Reg. Was soll denn daS Alles bedeuten? Dünk. Lilsnlium! Sie haben Gehorsam gelobt, also schreiben Sie gefälligst. (MM.) »Mein Herr! Sie mein Schutz and Schirm! Verdienen für Ihre Liebenswürdigkeit die Erwiderung Ihrer freundlichen Zeilen. Ich erwarte Ihren Besuch. « Reg. Das kann ich nicht niederschreiben! Dünk. Unbedingten Gehorsam! Uebrigens brauchen Sie ja nicht zu unterschreiben! Ernst. Jetzt habe ich aber erst einen Brief! . Dünk. In dieser Weise fabricirst Du fitzt nach diesem famosen Muster, in eben Eisern edlen Style noch schnell einige «rufe, während ich hier einige Antworten ^ctire. (Dictirt Reginen.) »Mein Herr! Da Sie ein eben so galanter als liebenswürdiger Mann sind, so theile ich Ihnen At, daß ich dringend zwei Paar Handschuhe und einige Paar Stiefletten benö- We, und daß ich nebstbei für den rückständigen Zins 300 Gulden dringend brauche. « Reg. (empört). So wird ein Frauenzimmer niemals schreiben! Dünk. (lächelnd). Glauben Sie? — Das weiß ich besser! — Uebrigeos versprachen Sie unbedingten Gehorsam, also schreiben Sie gefälligst! (Sieht nach der Uhr.) Verdammt, jetzt hätte ich bald mein Rendezvous vergessen! Jetzt muß ich unbedingt fort, ich habe die höchste Eile? (Zieht ein Buch aus der Tasche.) Uebrigens kannst Du mich leicht entbehren! Hier hast Du einen Briefsteller für Liebende und für solche, die es werden wollen! — Darin findest Du Alles, was Du brauchst! Und jetzt lebt wohl! Macht Eure Sache gut! Auf frohes Wiedersehen! (Ab.) Zwölfte Scene. Ernst. Regiue. Ernst. Jetzt läßt uns der Springinsfeld allein! Reg. Was werden wir mit dem Buche anfangen? Ernst. Sie werden so liebenswürdig sein, einige kleine Briefe daraus abzuschreiben ! Reg. Nun wohl, ich habe es versprochen, und obwohl mir dieses Geheimniß- volle fast unheimlich erscheint, so werde ich dennoch mein gegebenes Wort halten! (Nimmt das Buch und setzt sich zum Tisch.) Also was soll ich copiren? Ernst, (im Buche blätternd). Diese drei Antwortschreiben auf Seite 22, welche als Erwiderung auf die auf Seite 21 gestellten Anfragen gelten sollen. Reg. Ich gehorche! (Schreibt.) Ernst (für sich). Sie ist wahrlich reizend ! Ach wäre ich nur nicht der Sohn des Mannes, durch welchen ihre Mutter unglücklich wurde! Und dennoch fühl' ich's, ich liebe sie; und sie so madonnenhaft sanft, 14 wie sie ist, kann ja nicht zürnen. Wenn fie auch Alles erfährt, ich beginne das Geständniß! Reg. Ich hab's vollendet! Hier die gewünschten drei Abschriften. (Gibtihm drei Briese.) Ernst (sieht flüchtig hinein). Ohne orthographischen Fehler! Reg. Sind Sie mit mir zufrieden? Ernst. Zufrieden! Dieses kalte Wort entbehrt aller Poesie und entspricht nicht im Mindesten meinen heißen Gefühlen für Sie! Reg. Gefühle für mich? Ernst. Für die ich bis jetzt keine Worte fand. Ich war bisher ein durch die Tageshelle Ihrer liebreizenden Erscheinung Geblendeter. Reg. Ist das Ihr Ernst? Ernst. So vollkommener Ernst, als es mein heißester Wunsch ist, ein Weibchen heimzufübren, das Ihnen gleicht! Reg. Wirklich? Ernst. Regine! Wollen Sie die Meine werden für s ganze Leben? Reg. (innig.) Für's ganze Leben! Ernst.- O, mit diesem Worte öffnest Du mir den Tempel meines Glückes! (Umarmt sie.) Dreizehnte Scene. Seltm. So gib fie her! Ernst (zerstreut, reicht ihm das Buch). Seltm. Ja, was soll ich denn mit dev, Buche? Ernst. Ah, Pardon! Hier sind die Briefe! (Gibt sie Seltmann.) Seltm. Aber Ernst, Du bist ja furchtbar zerstreut! Ah, ich merke schon, die Gegenwart Deiner kleinen Aspafia da macht Dich ganz confus! Ernst. Sie haben Recht! Seltm. Also laß' mich mit ihr allein! Ernst. Sie wollten — Seltm. Mit ihr allein sein und in fürs Minuten Alles ordnen! Ernst (für sich). Jetzt wird die Situation verwickelt. (Laut.) Aber ich bitte Sie, bester Onkel — Seltm. Du gehst in's Nebenzimmer, ich befehle es Dir, und bleibst, bis ich Dich rufe! Verstehst Du wohl? Ernst (ganz verwirrt). Sit befehlen, Onkel und ich gehorche! (Geht zur Seiteii- thüre links ab, macht im Abgehen Regim noch einige beruhigende Zeichen. Tobias roch den Ernst stumm mit ausgestreckter Hand zur Thüre.) Vierzehnte Scene. Seltmann. Regiue. Tobias. Vorige. Seltmann. Tobias. Seltm. (tritt in dem Augenblicke der Umarmung zur Thüre herein). Ah, bravo, man umarmt sich! Das kennen wir! Tob. Kennen wir! Ernst (bestürzt). Der Onkel! Reg. (verlegen zurückweichend). Himmel, er! Seltm. Na, na, Kinder, genirt Euch nicht! (Leise.) Ernst, komm' mal her! Hast Du die bewußten Briefe? Ernst. Ja. alle! Seltm. Nun kommen wir Zwei an die Reihe, liebe Kleine! Spielen wir soffeut Karlen! Sie lieben meinen Neffen, allem er kann und darf Sie nicht heiraten! Reg. (ganz bestürzt). Herr Oberst! Seltm. Ja, liebe Kleine, da hilft kein Bitten. Mein Junge kann doch nicht seitie gewesene Geliebte heiraten. Reg. (empört). Mein Herr! Seltm. Uebrigens soll es Ihr Schade nicht sein! Tobias, sperre die Thüre ab. Tob. Zu Befehl! (Geht zur SeitenA links und sperrt ab.) 15 Seltm. Tobias! Drlicate Angelegenheiten! Tob. Versteh', Herr Oberst! (Bindet sich das Tuch über die Ohren.) Seltm. Jetzt find wir ganz unter uns. (Zieht eine Brieftasche und nimmt eine Banknote zu 1000 fl. heraus.) Liebe Mamsell, mein Junge versprach Ihnen einen persischen Shawl; ich bin aber freigiebiger, wie Sie sehen; nehmen Sie diesen Tausender! (Will ihr denselben geben.) Reg. (erstaunt). Sie — mir Geld — Seltm. Wundert Sie das so sehr? Reg. Nichts in der Welt könnte mich mehr in Erstaunen setzen! Seltm. Es kommt ja von meinem Neffen! Also nehmen Sie doch! Reg. Von ihm? Seltm. Nun natürlich! Also keine Ziererei! Es ist ja nicht zum ersten Male, »öffentlich aber das letzte Mal! Reg. Ich schwöre Ihnen, daß Sie gelauscht wurden, wenn Sie glauben, daß ich Ihrem Neffen jemals näher gestanden, ck die Freundin dem Freunde! Seltm. Nun ja, dem »Freunde«, das kennen wir! — Apropos! Ich habe a die Beweise dieser theuren Freundschaft >ier in meiner Brieftasche. Sehen Sie Aal! (Blättert in seinem Portefeuille). Sie haben im vorigen Jahre 1000 fl. erholen, Ende des vorigen Monats 400 fl., »diesem Monate 300 fl., — also zusammen 1700 fl. Reg. Ja, doch war es nicht Herr Ernst, >er mir diese Summe brachte! Ich erhielt >e durch einen Unbekannten, und zwar als Abzahlung einer alten Schuld an meine Rutter. Seltm. Eine alte Schuld, die mein bezahlte? Wir kennen das! Also M Märchen und ohne Fabel, ganz Wisch: nehmen Sie diese 1000 fl. und !chen Sie mit Gott! (Es wird an der Sei- tnthüre heftig gerüttelt.) Aha, er hat ge- Mcht und will jetzt interveniren; der °dias hat ihm aber den Rückzug abgeschnitten. (Zu Reginrn.) Quittung verlange ich von Ihnen nicht, denn ich habe ja seine und Ihre Liebesbriefe dafür hier! Reg. Himmel, die Briefe, die ich jetzt geschrieben! ? (An der Seitenthür links wird heftig geschüttelt.) Seltm. Na also, endlich ist's herausl Reg. Ich finde keine Worte, mein Herr, Ihnen zu sagen, wie sehr mein innerstes Herz empört ist. Er hat nicht nur Sie belogen, er hat auch mich hintergangen. Ich hielt ihn meiner Neigung Werth, werth meiner Liebe. Ja, ich gestehe es Ihnen, ich liebte ihn schon lange im Stillen, ohne daß er es ahnte, doch jetzt verachte ich ihn! Ich will keine Stunde länger in diesem Hause weilen, nicht eine und dieselbe Luft mit dem Verräther athmen, deßhalb leben Sie wohl für immer! (Stürzt schluchzend durch die Mitte ab.) (An der Seitenthüre links wird fürchterlich gerüttelt, man hört Rufe von innen.) Regine! Regine! Onkel! (Seltmann steht ganz versteinert und steht Tobias au.) Fünfzehnte Scene. Seltmann. Tobias. Ernst. Ernst, (die Thür von innen aufsprengend). Um Gotteswillen, Onkel, was haben Sie gethan! Seltm. (vor Aufregung zitternd). Das frag' ich Dich! Sprach das Mädchen die Wahrheit? Ernst (tonlos). Ja! Seltm. Es wäre wahr, daß das Mädchen niemals Deine Geliebte gewesen? Ernst. Wahr! Seltm. Was hast Du dann mit dem Gelde gemacht? Ernst. Onkel, mit diesem Gelde habe ich eine alte Schuld bezahlt! Seltm. (zornig). Wieder eine Lüge! 16 Ernst. Hören Sie und entscheiden Sie! Mein Vater hatte bei seinem Bankerott eine Anzahl von kleinen Geschäftsleuten mit in seinen Sturz verwickelt. Unsere Ehre wieder herzustellen, verkaufte meine Mutter nach dem Tode des Vaters Alles, und glaubte auch die Schulden des Vaters bezahlt zu haben. Sie starb auch mit diesem süßen Glauben im Herzen. Als ich dann durch Ihre Güte und Großmuth hierherkam, um meine Studien zu vollenden, miethete ich hier dieses bescheidene Zimmer, und gab mich ganz den Studien und der Erinnerung an meine edle Mutter hin. Eines Tages machte ich ein chemisches Experiment, das mißglückte, und wobei mir die Splitter der zersprungenen Retorte die Stirne stark verletzten. Freund Moriz kam eben zur rechten Zeit; er rief um Hilfe, und übertrug die Wartung und Pflege einer Nachbarin, die auf den Hilferuf herbeigeeilt war. Seltm. Der Mamsell Regine? Ernst. Wenn man einen Kranken Pflegt und wartet, so erzählt man ihm Allerlei, um ihn zu zerstreuen, und so erzählte auch sie mir von ihrer Familie und von dem Unglücke, das ihre Eltern getroffen. Ihre Mutter hatte nämlich ihr kleines Baarvermögen einem schwindlerischen Kaufmanne anvertraut, der als Bankerotteur starb. Hierbei nannte sie mir einen Namen, einen Namen, der mir durch die Seele ging. Es war unser Name! Seltm. Armer Junge! — Aber warum schriebst Du mir das nicht? — Jetzt begreife ich Alles! Du hast ein Herz, Junge, wir kennen das! (Trocknet sich eine Thräue.) Tob. (der daS Tuch abgenommen hatte). Kennen das! (Trocknet sich die Augen.) Ernst. Und jetzt so nahe am Ziele leide ich Schiffbruch! Und an all' dem ist Niemand Schuld als der verwünschte Rathgeber, der unglückselige Moriz! O Moriz, Moriz! Sechzehnte Scene. Vorige. Dünkelheim. Regine. - DÜnk. (tritt, von Regine unterstützt, wankend durch die Mitte ein, sich die Nase haltend.) Wer ruft mich hier? (Sich aus einen Stuhl werfend.) Mit mir ist's aus ! Hier haben Sie meinen Degen, Herr Oberst! Ich übergebe mich Ihnen persönlich! Seltm. Was ist Ihnen denn arrivirt? Dünk. Schreckliches, Entsetzliche Scheußliches! Ernst (sich Reginen nähernd). Regine, ich beschwöre Sie, hören Sie mich an! (Spricht leise mit ihr.) Dünk. Denken Sie sich, Herr Oberst! Ich sollte nämlich ein Rendezvous haben auf der Spitze der rechten Säule der Carlskirche. Kolossale Idee, pyramidal! In der Ungeduld, nun endlich einmal den Gegenstand meiner Sehnsucht zu erblicken, eilte ich die schmale Treppe zu sehr hinan, stolperte, und hatte das Unglück, die Stiege erst hinauf- und dann hinabzufallen, wobei ich mir die Nase arg beschädigte. Unten angelangt wollte ich mich wo möglich gleich in das nächste Rettungshauß tragen lassen; Frl. Regine, dieser rettende Engel, kam auf ihrer Fahrt zum Bahnhofe — sie wollte nämlich abreisen- eben recht, um sich meiner Wenigkeit anzunehmen. Sie comfortabelte mich hierher! Ernst (bewegt zu Regine). Sie wolle» abreisen? Reg. (bestimmt). Für immer! Dünk. (sich in einem kleinen Handspiegel, den er aus der Tasche zieht, sehend). Meine Nase sieht aus, als ob sie an die orientalische Frage gestoßen hätte! . Ernst (zu Regine). Können Sie mir die fingirten Liebesbriefe vergeben? Reg.(bitter). Nein, Herr Ernst (beißend) Seltmann! Ernst (zu Dünkelheim). Du hast meinen Namen gesagt, Derräther! 17 Dünk. Null ja. was ist denn da dabei? Erscheint, er ist verrückt? Scltm. Ich habe ein Mittel, ihn mein zur Raison zu bringen. (Tritt zwischen irnst und Regine.) Kinder, in 14 Tagen eid ihr Mann und Frau! Reg. Ich seine Frau!? Ernst (entzückt). Sie meine Frau! Seltm. Ja, kurz und gut, da habt Zhr Euch, und befolgt den Bibelspruch, der da lautet: Liebt Euch und vermehret Euch! (Er vereinigt die Beiden.) Tob. (zu den Beiden). Vermehret Euch! Dünk. Und ich werde englisches Pflaster für meine deutsche Nase holen! Seltm. Das beste Pflaster für Sie wird wohl ein Hunderter Ihrer Tante sein, den ich Ihnen vorschußweise geben will. (Gibt Dünkelheim 100 fl.) Dünk. (den Hunderter entzückt betrachtend). Wie? Sie — wahrhaftig, 100 fl. O Herr Feldmarschall. Sie sind zu gütig! (Hält sich mit dem Hunderter seine Nase.) Seltm. Jetzt seid Ihr Alle glücklich, nur ich bin nicht ganz zufrieden, denn ich sage, er hätte sich doch lieber ausloben sollen! Wir kennen das! Tob. Kennen das! (Passende Gruppe. (Der Vorhang fällt rasch.) Wiener Theater-Repertoir Nr. L7L 2 In der Walltshauffer schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt, hch, Markt Nr. 1, find erschienen: NMT EKMW aus den beliebtesten Wiener Possen. Sechs Hefte. Preis eines jeden Heftes 80 kr. österr. Währ, oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg, D F. 1. Da möcht' i halt das G'wissen sein. 2. Requisiten-Couplet. 3- Figuren-CouM- 4- Nachher wird es schon wern. 5- Glöckchen-Couplet. 6- Biblisches Couplet. 7- Falsche Bene»- nungen. 8- Dann ist sie da die bessere Zeit. 9. 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Gei,. 10. Volkslieder. 11. Aber geb'n thut's es nit- — Berla, Alois. 12. Jetzt da war's halt Notd, daß wer antauchen thät. 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. 14. Zu mi daun die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lachcouplet. 16- Aus einer Chronika- 17- Frücht,, die verboten find. 18- Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20- Mythologie-Couplet. - Berta u. Mtner. 21. Ohne Umschneiderei. 22- Die papierene Zeit- 23- Ein Trauerspiel — km Trauerspiel. — Mtner, Anton. 24. Thier-Couplet- 25- Das ist noch Geheinmiß. 28- Wer hüll es geahnt. 27. Okronlgu« 8LÄnäal6U8S. — Mtner u. Mortänder. 28- Aehnlichkeiten zwisch.il Menschen und Thieren. — Blank, Atois. 29- Und so wird hinterrücks g'redt. — Böhm, Joses. 30. Na da sieht man's doch, daß's an der Eintheilung fehlt- 31- Wenn man die Wirkung suhl und d'Ursach nit kennt- — Doppler, I. 32. Maschinen-Couplet. 33- Wo man was sucht, dort fiad't man eS nicht. — Elmar, Cart. 34- O Spiel der Natur- 35- Lied des Teufels. 36- Mo« glaubt nicht, was in einem Menschen oft steckt. 37. So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. 38- O ungeheure Ironie. 39. Da möcht' ich halt wissen, was nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes: Elmar, Carl. 40- Was lieget da dran. 41. Ja so geht's, wenn man heut' zu Tag Geister citirt. - Feldmann u. Flamm. 42. Mit Kleinem fängt man an, mit Großem hört man aus. 43. So waS, das sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Theod. 44- Keine Rose ohne Dornen. 45 8k- sundheit und ein recht langes Leben. 46- Jedes Häferl hat sein Dcckerl. 47. Repertoire-Couplet. - Flamm u. Wimmer. 48- Wann er nur a klan's Bisserl z'ruckdenken thät. 49- So behilft sich holt Jeder, so gut als er kann. — Gottsleben, L. 50- So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund. 5l. Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52- Na, das kennen wir schon! 53. Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54. Wir bedanken uns sehr. — Grün», Johann. 55- Was ein Narr ist. 56- Chineser-Couplet. — Gründorf. 57- Nöthi wär's net, ab» nothwendi war's. — Haffner, Carl. 58- Da find's mäuserlstill. 59- Es steckt was dahinter, ich vett. — Hopp, Friedrich. 60- Wann der mein Kapperl hält'. 61- Ja, ich kann's nit ändern, esii halt a so. — Juin. 62- Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht- 63. Wozu Manch" eigentlich geboren. 64- Fiakerlied. 65- Das wissen die Götter, wohin das soll führen- 66- To Zwird einem heiß kalt — warm! Ungeheuer genannt! Infhalt des dritten Heftes: Kaiser, Friedrich. 67. Ich bili' meine Empfehlung, es wäre schon gut. 68- Es muß ja nicht gleich sein. 69- Da braucht man beim hellichten Tag a Latern. 70. Jetzt das g'hört auf ein anderes Blatt. 71. Die find halt g'scheidt. 72- Das ist so nobel und so billig dabei. — Lanzer, Anton. 73- Was ist der Unterschied. 74- Aber da mag Keiner net. 75. Da g'hört ein W starker Glauben dazu! 76- Es schaut nur gemeiner aus. 77- Zu früh und zu spät. 78- Man kan" fich'S wohl denken, aber sagen darf man's nicht. 79. Wann mich der fragen thät. — Mg"", Ther. 80- Marsch mit dem in d'Butteu- 81. Man muß nur den günstigen Zeitpunct erfragen-^ Nestroy. 62- Und 's ist Alles net wahr. 83- Stern-Lied aus »Lumpaci«. 84- Auf was D Mancher hiuauswachsen kann. 85. DaS wär ganz etwas Neu's. 86- Und man kommt aus kn" Grnnd. 87- Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 88. Ja, hat denn die Sprach' da kein anderes Wort. — Varry, A. 89. Ob der die Wahrheit wird sagen. Den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt. Eilgut. >l st s p i e s in zwei Acten Carl Gründorf. Personen: Hermann von Reichenthal, Präsident einer Eisenbahn-Gesellschaft. ^etti von Stein, dessen Nichte, eine junge Witwe. Ltto von Reinsels. Florian Wurzbauer. hristos, sein Sohn, rescentia, seine Anverwandte. ,nna, Stubenmädchen der Frau v. Stein. ichw!r"itt) «l,.»bahn-P-ck,r-g,r. ins. eiu Bauernburscke Me Handlung spielt am Ufer des Starnbergersees, zur Sommerszeit. Zwischen dem 1 und 2. Act liegt ein Zeitraum von drei Tagen.) Erster Act. Me Bühne stellt eine reizende Landschaft vor am User des Starnbergersees in Baiern. Rechts vom Schauspieler befindet sich eine sehr hübsche Villa, einen Stock hoch, mit einem deinen Balcon, mit einer Veranda und mit einem Vorgärtchen, das sich fast bis in die Mitte Bühne zieht. Im vordersten Vordergründe dieses Gärtchens, und zwar bereits außerhalb ^selben, befindet sich eine kleine Laube, vor der ein Tisch mit einer Bank steht. Aus der Wcmr Theater-Rep. Nr. 277 . 1 2 andern Seite, d. i. auf der linken Seite der Bühne, steht ein einfaches, bescheidenes, jedoch ebenfalls einstöckiges Bauernhaus. Im tiefsten Hintergründe der Landschaft sieht man den Starnbergersee. Bald nach dem Beginne der Handlung sängt die Abenddämmerung langsam an einzutreten. Dieselbe nimmt dann immer mehr und mehr zu, so daß es zum Schluß des ersten Actes bereits völlig Abend geworden ist.) Erste Scene. Otto v. Reinfels und Christof. Christ. Also, da san mcr! Otto. Das sehe ich! Aber was sollen wir hier? Christ Also da bleib'n wer! Otto. Da gefällt's mir nicht! Christ Na also dann g-hn wer! Aber Euer Gnaden haben doch unten am Starnberger Bahnhof, wo ich Sie als Fremdenführer daglengt Hab', ausdrückli g'sagt, daß ich Ihnen ganz a einsames Platze! zeigen soll, wo Sie a paar Wochen ruhig bleiben und in aller Stille leben können. Na also, das einsame Platzerl ist jetzt da! Otto. Da ists mir zu wenig einsam! Wo bliebe da die versprochene Stille? Christ. Na erlauben Euer Gnaden, wanns Ihnen da noch z'laut is, dann müssen's schon in Untersberg nein' gehn zum alten Rothbart, das heißt wann's ihn jetzt nach der Einigung Deutschlands noch dort finden! A stilleres und zugleich a schöneres Platzerl müßt' i mir im ganzen bairischen Landl nit. Otto. Ja. lieber Christof, Du hast mir aber doch ausdrücklich versprochen, mich an einen Ort zu bringen, wo die Welt, wie Du Dich ausdrücktest, »mit Brettern verschlagen ist.« Christof. Na mir scheint, ich Hab' doch Wort g'halten, denn da könneus ja schon die Einsamkeit förmlich pachten, und die ländliche Stille is da heroben schon rein privilegirt. Da segen's doch nix als den Himmel und den See, und hören nix als den Wind brausen und's Dampfschiff pfnausen. Otto. Das mag wohl sein, allem ich sehe da zu meiner Rechten eine ganz stattliche Villa. Ist diese bewohnt ? Christof. Na, wie man's nimmt! G logirt wohl wer da, aber man kann doch eigentlich nit sag'n, daß sie bewohnt is. Otto. Erkläre mir,Du bairischer Oeria- dur, die Lösung dieses Räthsels! Christ. Na Wissens, das is a so:da in dem Haus logirt seit sechs Wochen eine junge Frau aus Wien. Otto Aus Wien? Christ. Ja! A g'wifseFrau von Stein! Sie geht aber mit Niemand um und redt nix! Es ist erst unlängst ihr Mann g'stor- ben, und das is ihr so zu Herzen gangen, daß sie seit der Zeit keine Leut' sehen will. Im Hochdeutschen nennt man das. glaub ich, Witwentrauer. Otto. Verstehe! Christ. Na dann brauch' i Jhna weiter nix zu sagen. Otto. O im Gegentheil! Jetzt wünsch ich erst zu wissen, ob diese Witwe vielleicht gar jung und schön ist. Christ. Jung? ja. ich glaub; schön? höllisch schön! Otto. Höllisch schön; wie verstehst Ä das? Christ. Na Wissens, das heißt bei uns. sie is so schön, daß Ein' schon rein gü> der Teufel holen könnt'! Otto, (rasch). Dann merd ich W gar nicht bleiben! Christ. Na, dann gehn mer M- Uebrigens darf i vielleicht fragen, Euer Gnaden, warum Sie vor aner schön' M gen Frau davonlaufen wollen. Otto. Ja, mein lieber GebirgsM 3 Du Kind des deutschen Gesundheitslandes, das wirst Du schwer begreifen. Christof (Pfiffig). Ah vielleicht doch! Unser ans vom Land begreift nit so schwer, als wie der Herr Pfarrer glaubt und als me die Stadtherrn manen; probirens nur, und quetschens Jhna ordentlich aus. Zch wett mei neugst's Sonntagsg'wand, daß ich Jhna so gut begreifen wer, als lvie Jhnere Landslent den feinen Witz vom böhmischen Ausgleich gleich begriffen Ham. Otto. Nun, wir wollen einmal sehen! Weißt Du was Lieb e ist? Begreifst Du das Wort? Christof. Mir scheint schon. Seitdem die Crescentia in unserm Haus is, Hab' ich das begreifen g'lernt! Otto (lächelnd). So! Wer ist denn diese deine Lehrmeisterin? Christof. Na Wissens: zuerst is sie meiner Muhm ihr Tochter, zum Zweiten ist mein Vetter ihr Göd und zum Dritten is sie (er lacht) — Otto. Nun also heraus damit! Zum Dritten ist sie — Christof. Schauns a wengel auf d' Seiten! Otto (wendet sich ab). Nun? Christof. Zum Dritten also is sie mei Dirndl! Otto. Ah, jetzt wirst Du mich verstehn! Sag'mir, bist Du schon einmal betrogen worden? Ckristof. O ja! der Fuchsthaler von Feldaffing hat mir einmal a blindes Roß für a sehends verkauft. ^ Otto (lachend). Das mein ich nicht! 3ch meine, ob die Cescentia Dich betrogen hat? Christof. Ah na, das thut sich ja nit schicken! Und nacher, sie kommet ja a in's Tandg'richt! .Otto. Das mein' ich wieder nicht! Ich will nur wissen, ob sie Dich verrathen, vb sie einen Treubruch an Dir verübt hat? Christof. An Bruch ! Ah na, das thät sich nicht schicken. Was uns amal z'sam- mevhalt, das halt fest z'samm' und da gibt's kan Bruch; und Verrath, das kennen mer da zu Land gar nit. Otto. Glückliches Volk! — Bei uns ist das anders. Christof. Glücklich? Ja das san mer, fest und beständig wie unsere Berge, aufrichtig wie der blaue Himmel ober uns, rein und durchsichtig wie der klare See unter uns. so san mirBaiern! Und d'rum, Euer Gnaden, wann's was am Herzen Ham, so schießen's es auffe! Da (aus sein Herz zeigend), da is a Scheiben, wo Sie's Centrum der Aufrichtigkeit und Teilnahme alleweil treffen! Otto (ihm die Hand reichend). Schlag' ein, mein wackrer Junge ! Und jetzt hör' mich an: Ich will Dir eine neue Geschichte erzählen, wie man's Gruseln lernt! — Siehst Du, ich bin aus Wien, ich lebe von meinen Mitteln. Christof (einsallend). Aha! was man Rennthier nennt! Das muß a schön's G'schäft sein! Otto. Je nachdem! Mir hat es keine goldenen Früchte getragen. Ich fand ein Mädchen, von dem ich glaubte, daß es mich meinetwillen liebe, verstehst Du, meinetwillen ! Leider aber stellte sich nur zu bald heraus, daß sie den reichen Mann dem wackeren Menschen vorzog und daß sie — mit einem Worte — daß sie mich hinterging, daß sie mich schamlos betrog. Seit dieser Zeit, mein lieber Sohn der Bavaria, seit dieser Zeit Haffe ich das ganze Weibergeschlecht. Ich, der in der ganzen Residenz als Lebemann bekannt war, ich, der für einen Don Juan vom reinsten Wasser galt, ich, der »Ritter der Damen«, ich fliehe alles, was einen Weiberrock trägt, denn die Eine hat mich dem Tode nahe gebracht. Christof (sich hinter den Ohren kratzend). O mei, o mei! Dös is z'wider! Hören's! Laufen s a vor ein' kurzen Weiberrock davon? i* 4 Otto (stutzig). Wie meinst Du das? Christof. Na, ich man holt, daß da in mein' Votern sein' Haus, wo ich Jhner hob' für einige Zeit wollen ein stilles, einsames Platzerl verschaffen, auch ein weibliches Wesen is, nämlich meine Crescenz! Otto. Deine Crescenz existirt für mich eben so wenig, als ich für sie existiren werde. Unangenehm ist mir aber die Nachbarschaft dieser jungen Dame da; denn gefallsüchtig ist sie gewiß, sie ist ja ein Weib, eitel ist sie sicher auch, sie ist ja eine junge Frau, und anspruchsvoll wird sie auch sein, denn sie ist ja eine reiche Witwe. Ich aber will Alles vermeiden, was gefallsüchtig, eitel und anspruchsvoll ist, denn diese, gerade diese drei Eigenschaften meiner Laura waren es, die mich für lange Zeit, vielleicht für immer unglücklich gemacht und dem Tode nahe gebracht haben. Christof. Ah, lassen's Ihnen nit auslachen ! A so a jungs Rennthier das wird nicht so leicht hin! Sie finden schon noch Weibsbilder gnua, die Ihnen trösten wern. Otto. Liebes Wafserkind von Starnberg ! Da liegt's ja eben! Ich will keine Trösterinnen finden, ich will überhaupt nicht getröstet sein, ich bin ein Weiberfeind geworden aus Ueberzeugung und will's bleiben mein Leben lang ex otko, aus Beruf! Christof (lacht laut auf). Otto. Was lachst Du? Christof. Sie und a Weiberfeind, Sie mit dem feinen G'wachs, mit dem lieben G'sicht und mit der säubern Aussprach. Sie woll'n a Weiberfeind bleiben? Das war ja a Verbrechen gegen die Natur! Otto. Du wirst Dich bald davon selbst überzeugen! Christof. Also, Euer Gnaden wollens bei uns bleiben, trotz Crescenz und trotz junger Witwe, so sag'ns, wenn nit, so geh'n mer weiter eine in's Gebirg ! Otto. Nun denn ja ! der Abend bricht schon herein. Ich will mein denkmüdes Haupt niederlegen und im Grunde genommen, was kümmert mich die Witwe sammt der Crescenz, wenn ich mich uni fie nicht kümmern will? Christof (ihm nachredend). Das is das Wahre! Seg'ns, Euer Gnaden, jetzt saus auf'n Fleck! Und jetzt erlauben's mir nur, daß ich den Vater frag', ob er Ihnen für a paar Monat bei uns aufnehmen will. Otto. Thue, was Dir nöthig scheint Ich will passiver Zuseher bleiben. Christof (sich der Thüre des Bauernhauses nähernd). Vater! Crescenz! Kimmts a bissel aussa! ich Hab' da an Fremden daglengt. (Zu Otto.) Jetzt geben's Acht, Euer Gnaden! Jetzt werden's segen, was mir hier zu Land im Crescenzfach leisten! Ich bin ordentlich stolz darauf, Ihnen glei meine Crescenz »als a warmer« zeigen zu können. Otto. Du machst mich wahrhaftig neugierig. Zweite Scene. Vorige, Wurzbauer und Crescentio (aus dem Hause tretend). Wurz bau er. Na. Bua, was hast denn, was kirrst denn a so? Christof. An Fremden hab'n mer. Vater! der a paar Monat bei uns bleiben will. Ich Hab' ihn auf'n Starnberger Bahnhof dakrabelt, wie er grad an Fremdenführer g'sucht bat. Vater, wollt's den Herrn bei uns da g'halten? Wnrzbauer. Crescenz! Können mer den Herrn da g'halten! Crescenz. Ja—a! Otto. Diese Crescentia ist eine recht gesunde Seepflanze. Wurzbauer (zu Crescenz). Wird'sDir vielleicht Ungelegenheit machen in Haus? Crescenz. Na—a! Otto (entzückt). Das ist unverfälschte Sprache der Natur! 5 Wurzbauer lzu Crescenz). Nu und önlien wir den gnädigen Herrn jetzt gleich n sein Zimmer führen ? Crescenz. Ja—a! — Wurzbauer. Glaubst nit, Crescenz, ich er erst warten soll, bis Du erst allein rin Alles herg'richt hast? Crescenz. Na—a! Christof (entzückt zu Otto). Na, Euer Waden, was sagen's zu dem G'wachs? Otto. Ganz Bavaria! Christof. Und die liebe Sprach ! Otto. Gut baierisch! Christof. Und das Herz! Otto. Gratulire zu dieser Wacht am »Hein! Christof. Glaubens noch, daß die die reue brechen könnt? Otto, (ihn auf die Schulter schlagend), »ein, Christof! Diese Treue ist niet- und »Helfest. Christof. Küß' Hand, Euer Gnaden, ür das Moralitätszeugniß, das is ma ieber, als wenn mirs der Pfarrer von itarnberg ausgestellt hält.— Und jetzt,! enns'Ihnen gefällig is, so gehn mer! in! Wurzbauer. Hams vielleicht Hunger, M Herr? Otto (lächelnd). Hunger? Ich habe in Her Zeit sogar den Appetit verlernt. Wurzbauer. Ah was; Esten ball kib und Seel z'samm und die Seeluft lacht an Jeden Hunger und wenn er noch »incurabln Magen hält. Crescenz! kön- m mer dem Herrn noch heut a Nacht- dieses reine, unverfälschte »Ja—a« und »Na—a» (F. s.) Ich wollte, meine Laura hätte nie im Leben mehr gelernt, als diese herrlichen gut bairischen Gurgelnaturlaute! Crescenz (sich schämend). Ah na—a! Wurzbauer. Na, wanns wollen, so kommens jetzt mit. Otto. Ob ich will! Mit tausend Freuden ! Aus Eurer Sprache weht mich die reine Luft des Hochlandes an ; aus Euren Herzen spricht die Unverdorbenheit dieses biederen Seevolkes; ich folge Euch und bleibe bei Euch, so lange Ihr mich behält (Cr reicht Christof die eine und dem Wmz- bauer die andere Hand und sagt im Abgehen zu Crescenz:) Jst's Dir so recht. Du dralles Seegewächs? Crescenz (schelmisch). Ja—a! Otto. Wohlan, so halten wir den Einzug in das gelobte Land der stillen häuslichen Glückseligkeit. Christof. Ja tha ma dös! — Wir können Ihnen zwar nit, wie in Canaan, die Niesentrauben der Glückseligkeit auf der Stangen entgegentragev; aber den reinen Wein der aufrichtigen Freundschaft wollen wir Ihnen einschenken, und so ein Trunk ist heutzutage etwas gar Seltenes, aber g'sund, sehr g'suud. Otto (geht mit Wurzbauer und Christof in das Bauernhaus. — Crescenz folgt den Dreien lachend nach.) Dritte Scene. Crescenz. Ja—a! , Wurzbauer. Aber nit epper bloß -Apfel. Arescenz. Na—a! Wurzbauer, 's muß was Fein's und »ch was Ausgiebigs sein, wie fich's für " Ttadtherrn g'hört. Hast verstanden? ^rescenz (lachend). Ja—a! Otto (Christof umarmend). Glücklicher ehnder Natur! Ich beneide Dich um Betti von Stein und Anna (kommen aus dem Hintergruude links und begeben sich nach rechts vorne, woselbst Betti auf der Bank vor der Laube Platz nimmt, während Anna neben ihr stehen bleibt. Betti hält ein Bouquet von Kornblumen in der Haud, das sie später aus den Tisch legt). Betti. Wieder geht ein Tag zu Neige! Wie herrlich die Sonne eben niedergeht! 6 Anna. Ja sehr schön, aber ein bischen monoton! Gnädige Frau, verzeihen Sie die Frage, ist's Ihnen hier nicht doch dann und wann, namentlich Abends zu einsam? Betti. Wer die Gesellschaft flieht, — dem ist's nirgends zu einsam. Oder ist's Dir vielleicht zu einsam? Anna. Gott bewahre, gnädige Frau! wie können Sie nur so fragen? Wo Sie gerne find, da bin ich mit Leib und Seel. Aber ich meine nur, es ist jetzt schon fast volle sechs Wochen, daß wir gänzlich zurückgezogen von aller Welt hier in dieser Villa ein einsames und beschauliches Leben führen. Betti. Einsam? Sind wir nicht zu Dreien? Ich, Du und unsere alte Liese! Anna. Ja, zu Dreien wohl, aber es fehlt, verzeihen Sie gnädige Frau, es fehlt Ihnen doch jede erheiternde Ansprache. Betti. Bedarfst Du vielleicht so sehr einer Unterhaltung? Anna. Das nicht; aber ich glaube, doch bemerkt zu haben, daß Sie sich zuweilen doch ein bischen langweilen! Betti. Wer die Zerstreuung nicht sucht, der empfindet auch niemals Langweile. Merke Dir das! — Solltest Du Dich aber vielleicht langweilen? Anna (rasch einsallend.) Gott bewahre! Aber es will mir immer scheinen, als ob Sie selbst manchmal eine leise, wenn auch noch so zarte Sehnsucht nach irgend einer geselligen Unterhaltung hätten. Betti. Meinst Du, Anna? sieh. Du irrst! Mir fehlt hier nichts. Ich habe Alles, was ich wünsche. Einsamkeit, Stille der Landschaft und habe einmal im Schiller des Gemüthes. Anna. Ich hoffentlichuch bald Ruhea den Ausdruck gelesen »die Ruhe eines Kirchhofes«. — Ich befürchte, gnädige Frau, daß Sie zur Ruhe eines Kirchhofes, insoferne sich dieß auf Ihr Herz bezieht, nicht mehr gar weit haben. Betti (nachdenklich.) Fürchtest Du das im Ernst? Anna (warm). Im vollen Ernst, gnädige Frau! Wenn Sie sich mit der Einsamkeit und Abgeschlossenheit noch lang so weiter kasteien, so wird bald dir vollendetste Trappistin aus Ihnen geworden sein. Sie vermeiden ängstlich jede Annäherung, scheuen sich vor jedem Gespräch, klettern den Tag über auf den Bergen umher und suchen des Abends Kornblumen, weil, verzeihen Sie, gnädige Frau, weil dies die Lieblingsblumen des verstorbenen Herrn waren. Betti. (nimmt das Bouquet vom Tische, drückt es an ihre Lippen und trocknet sich dann die Augen mit ihrem Sacktuch). Anna. Das Alles ist sehr zart, sehr sinnig, sehr poetisch und dabei echt weiblich, aber verzeihen Sie, gnädige Frau, das ist für die Länge der Zeit unnatürlich, und alles Unnatürliche ruinirt die Nerven, sagt mein Doktor in Wien! Betti. Ah, du hast einen Doktor in Wien? Sieh, steh! Anna, (verschämt). Verzeihen Sie gnädige Frau! Wenn Sie aber das so fort treiben, werden Sie bald für die Außenwelt ganz abgestorben sein und dann können Sie nur gleich zwei Zellen bei den grauen Schwestern bestellen, die eine für Sie uud die andere für mich, (weinend) denn ich sterbe hier auch nach und nach für die Welt ab. Betti. Was ficht dich an? Anna. Es muß doch einmal heraus, denn es drückt mich schon zu lange! Sie vertrauern Ihre Witwenzeit hier und ich verwitwe förmlich vor lauter Traurigkeit- Betti. Das heißt wohl, Du willst mich verlassen, nun — Anna. Ich Sie verlassen? — W» denken Sie hin, gnädige Frau! Ich möchte nur gern den kleinen Bruchtheil von Beredsamkeit, der nebst den Minister-Candl- daten uns Evas-Töchtern angeboren sei" soll, bei Ihnen glücklich verwerthen, M 7 Sie dazu zu vermögen, daß Sie diesem trostlos einsamen Seewinkel da, in dem man förmlich verbauert, endlich den Rücken kehren, und wieder in unser liebes, gutes, schönes, jetzt wieder bis auf Weiteres deutsches Wien Heimreisen. Betti. Hast Du sonst einen Wunsch? Anna. Nein. Betti. Dann bedauere ich Dich, denn jeden andern hält' ich Dir erfüllen können, nur diesen einen nicht! Sieh, Anna! Mich reizt nichts mehr in dieser Alltagswelt, die Vergnügungen find mir verhaßt, seit ich sie mit ihm nicht mehr theilen kann! — Die bewegteste Gesellschaft dünkt mir eine Einöde, seitdem ich ihn (sie trocknet sich die Augen) — Anna. Erlauben Sie, gnädige Frau, daß ich es wage, Ihnen einen Rath zu geben. Betti. Einen Rath? da bin ich wahrhaft begierig. Anna. Sehen Sie, gnädige Frau, es! thut mir in der Seele weh, daß Ihre Trauer so gar nichts an Jntensivität verliert und daß dieselbe trotzdem, daß Tag auf Tag vergeht, immer gleich bleibt. Und da möcht ich mir in aller Bescheidenheit gestatten, Sie höflichst zu fragen, ob es denn nicht doch vielleicht gut wäre, auch an die Schattenseiten des Charakters des gnädigen Herrn zu denken. Betti. (sie unterbrechend). Schattenseiten? Anna.VerzeihenSie, ich weiß es wohl, daß Ihr Herr Gemal ein Mann von vielen, sehr vielen Vorzügen war, aber wo viel Licht ist, da aibt's ja auch Schatten, und so ganz ohne Fehler will sagen ohne Schwächen, dürfte der gnädige Herr doch nicht — Betti (streng). Anna! Anna. Erlauben, gnädige Frau, daß ich meinen Satz vollende. Ich glaube, es ist das beste, vielleicht das einzige Mittel, um nach und nach über den Schmerz eines unersetzlichen Verlustes noch mit gesunden Nerven hinauszukommen, wenn man sich die Fehler des Verlorenen so recht ver gegenwärtigt, und wären sie noch so klein gewesen, wie gesagt, nur um das Bild des Ideals nach und nach in seine rein menschlichen Konturen zu zerlegen. Betti. Anna! Hat Dir das auch dein Doktor gesagt? Anna. Vielleicht! Uebrigens, gnädige Frau, sind gerade wirHausmädchen jenes zudringliche und unvermeidliche Publicum, das immer ganz vorne die ersten Plätze occupirt und rechts und links hinter die Coulissen guckt und verzeihen Sie, gnädig Frau, hinter den Coulissen ist kein Künstler ein großer Mann! Bet ti. Du sprichst, als ob Du beim Theater gewesen wärest. Anna. Das nicht! Ader ich trug als ganz junges Mädchen oft genug die Körbe mit Theatergarderobe für die Schauspielerin ins Theater und da sah ich auf der Bühne, welche die Welt bedeutet, st Manches, was denn später für mich Bedeutung in der Welt hatte. Betti. Anna, so hört' ich Dich noch niemals sprechen. Anna. Das glaub ich wohl, gnädige Frau ließen mich ja seit sechs Wochen gar nicht zu Worte kommen, wer selbst wortarm ist, kann auch keinen Redeschatz bei Anderen haben. Betti Du magst im Einzelnen nicht ganz Unrecht haben, im Ganzen aber irrst Du gewaltig; gedulde Dich nur, bis meine Bibliothek aus Wien aniangt, die ich täglich, ja stündlich erwarte; dann wird auch für Dich Alles anders werden. — Wir werden uns dann ganz in die Bücher vertiefen und die Außenwelt vollends vergessen. nicht wahr? Anna (resignirt). Nun in Gottes Namen! (Rasch.) Aber meinen Doctor in Wien vergesse ich nicht! 8 Vierte Scene. Vorige, zwei Träger. (Die Träge bringen eine sehr hohe, aber schmale Kiste auf welcher steht »Eilgut«.) 1. Träger. Gnä' Frau, da bringen wir von der Bahn die Kisten mit de Bücher. 2. Träger. Schwer sein's g'nua! (Er wischt sich den Schweiß mit dem Joppen- ärmel ab.) Betti (zu Anna.) Laß dieselbegleich in meinen Salon tragen. Ich will die Bücher morgen selbst auspacken und in den neuen Schrank stellen. Anna. Sehr wohl! Betti. (zu den Trägern). Aber weßhalb blieb denn die Kiste so lange unterwegs? Sie wurde ja schon vor drei Wochen in Wien aufgegeben. 1. Träger. Es ist ja nur Eilgut. Betti. Nur Eilgut? Das macht Ihr gut. Ja was soll's denn noch sein! 1. Träger. Na wanns die Bücher braucht Ham, so hätten Sie's halt als Gepäck aufgeben und glei mitnehmen sollen! Betti. Danke für die gütige Auskunft! nun tragt mir die Kiste hinein! Da habt Ihr beide ein kleines Schmerzensgeld (Sie gibt dem 1. Träger einen Silbergulden.) 2. Träger. Gnä' Frau! Ich thät auch schön bitten. Betti. Ich gab ja schon für Beide. 2. Träger. Euer Gnaden, das bist Trinkgeld vertrinkt ja mein Kamerad ganz allein! — Was bleibt denn dann mir? Betti (unwillig). Nun da — da habt Ihr auch noch! (Sie gibt dem 2. Träger auch einen Silbergulden.) 2. Träger. Bei der Hitz nur ein Gulden? 1. Träger. Elende Bezahlung! 2. Träger. I mach ein Strick! l. Träger. I a! 2. Träger. Nachher sein mer Zwa! Anna. Jetzt geht einmal! (Die Träger fassen die Kiste an und tragen dieselbe brummend in das Haus.) Fünfte Scene. Betti (allein, den Trägern nachsehend). Ich kenn kein unverschämteres Volk als diese Eisenbahn-Packträger! — Wenn man glaubt recht viel gethan zu haben, dann wird man erst mit Schrecken gewahr, daß man noch immer zu wenig gegeben. Sechste Scene. Betti, Anna. Die Träger. (Die Träger komme i mit Anna ohne Kiste aus dem Hause heraus und entfernen sich schweigend ohne zu grüßen ) Anna (ihnen nachsehend.) Diese Leute kriegen doch niemals genug! Betti. Laß' sie; wir wollen jetzt ins Haus; ich will den Abendthee nehmen! Siebente Scene. Vorige. Otto (aus dem Hauie links kommend). Otto. Die Abendluft ist herrlich! (Betti erblickend, für sich.) Eine superbe Erscheinung! Gewiß Frau von Stein! — Wunderbare Augen! Betti (f. s.). Welch' neue Erscheinung! Anna. Ich kenne ihn nicht! Otto (s. s.). Wollen doch wieder einmal den Galanten spielen. (Laut.) Verzeihen Sie, meine Gnädige, daß ich mir erlaube, mich Ihnen hier im Freien eoraw 9 coölo vorzustellen. Ich heiße Otto von Remfels, bin Sanguiniker von Geburt, Gutsbesitzer durch Erbschaft, Tourist aus Passion, Couponabschneider von Profession undjetztJhr glücklicher Nachbar aus Prädestination. Uebrigens bin geboren in Linz, erzogen in Wien, ansässig bei Wels, jetzt flüchtig in Starenberg und was die Hauptache ist: Melancholiker aus Beruf. Betti. Und galant aus Gewohnheit! Otto. O im Gegentheil. Nur der Reflex Ihrer wirklich liebenswürdigen Erscheinung erhellt auf Augenblicke mein um- Wertes Gemüth! Betti (lächelnd). Bis zur gänzlichen Verfinsterung scheinen Sie glücklicherweise »och weit zu haben ! Otto. Das glauben Sie irrthümlich. meine Gnädige! Nur Ihre leuchtende Erscheinung zerstörte pour Is Moment das dunkel hier (auf's Herz zeigend). Betti. Ueberaus galant! Nur begreife ch nicht, weßhalb Sie dieses Füllhorn Jh- ler Schmeicheleien so urplötzlich über mich »nd noch dazu hier auf offener Straße, mszuschütten belieben und weßhalb Sie iberhaupt mir dem kostbarsten aller Tarnte eines Lebemanns, mit der Kunst des ßlauderns.in diese Heimstätte des Schwei- Ms gekommen find. Otto. Darin liegt es eben, meine Gnädigste. Ich suche hier, was Sie bereits Kunden haben: Einsamkeit! Betti. Sagen Sie lieber, was ich so- ben verloren habe — Einsamkeit! Otto. Ja so (auf sich zeigend). Sie ha- En Recht, meine Gnädige. Das Wort Einsiedler hat keine Mehrzahl! Verzeihen ru, ich wäre untröstlich, wenn ich denken >mßte. daß Ihnen mein Erscheinen hier >»k unangenehme Stunde bereitet hat! üa ich es bin, gnädige Frau, der dieß Paradies der Einsamkeit entweihte, so m ich auch mein eigener Erzengel Ga- ^el mit dem flammenden Schwerte sein ad mich sofort zur Strafe selbst daraus "edcr verbannen! Anna (s. s.). Das wäre Jammerschade. Betti. Meinetwegen, mein Herr, brauchen Sie keinen so grausamen Ostracis- mus an sich selbst zu üben. Meinethalben haben Sie nicht nöthig, sich biblisch zu ftrapeziren. Otto. Aber Sie wünschen es, daß ich gehe, nicht wahr? Seien Sie offen, gnädige Frau, Ihre Wünsche harmoniren doch mit meinem Vorsatze der Verbannung! Betti. Wenn Sie mich so direct fragen. so muß ich Ihnen direct — Otto (gespannt). Nun? Betti. Die Antwort schuldig bleiben. Uebrigens glaube ich doch Ihnen vor Allem auch meinen Namen und Stand nennen zu sollen, da Sie vorhin so freigebig waren mit Ihren Personalien wie der Polizei-Anzeiger! Otto. O, bitte meine Gnädige, bemühen Sie sich nicht; ich habe bereits Ihr vollständiges Nationale in der Tasche! Betti. Ist das möglich? Otto. Ganz einfach ; der wackere Bursche da drüben, der Christof, mein baierisch- bäuerischer Cicerone, war so freundlich. Aber jetzt, gnädige Frau, ich bitte Sie als Gast in diesem Thal bie armen Hirten um die einzige Gunst, mir frank und frei zu sagen: darf ich bleiben? Betti. Mein Herr! diese Frage — Otto (zu Anna). Sprechen Sie, mein Fräulein, und sagen Sie es ungescheut, nicht wahr, die gnädige Frau wünscht mich bereits über alle Berge? Anna (leise zu Betti). Was soll ich denn nur sagen? Betti (leise zu Anna). Was Du denkst, Du denkst ja immer so klug! Otto. Also bitte san8 Aene. Sprechen Sie es ganz unverhohlen aus. Wenn Sie wünschen, daß ich gehe, so räume ich sofort das Feld und fahre heute noch mit dem letzten Dampfer nach Seeshaupt hinüber. Anna (zart, doch schelmisch). Es ist nicht gut, daß der Mensch allein sei, so heißt !0 es in der Bibel und einen zweiten Spruch lernte ich aus demselben Buche und der lautet: »Herr, bleib' bei uns, denn sieh', es will Abend werden!«(Es dämmert mehr und mehr.) Betti (streng). Anna, das war sehr unklug. Otto. Dießmal scheint das liebliche Sprachrohr nicht den rechten Ton getroffen zu haben. Ich bin übrigens entzückt von den uneigenen Tönen dieses unverdorbenen reinen Instrumentes. Und nun, gnädige Frau, entscheiden Sie selbst, soll ich gehen? Betti (zögernd). Es wäre unhöflich und unrecht, einen so heileren Plauderer aus seiner freiwilligen Schweigsamkeits- clausur geradezu zu vertreiben. Otto. Also ich bleibe mit »obrigkeitlicher Bewilligung' ! Anna. Gnädige Frau, darf ich jetzt vielleicht den Thee serviren? Betti. Ja. Otto. Thee ä, äoux? Betti (betonend). Nein, Thee 86ul! Otto. Verzeihen Sie, meine Gnädige! ich glaubte, Ihr niedliches kleines Sprachrohr nehme daran Theil! Betti. Herr v. Reiufels, gute Nacht! (Verbeugt sich.) Otto. Die beste Ruhe! Ich werde aber der Erste sein, der morgen das Glück haben wird. Ihnen hier auf diesem Plätzchen einen Morgengruß darzubringen. Anna (leise zu Otto). Und einen fri-l schen Strauß aus Kornblumen! ^ Betti und Anna (gehen ins Haus). § Achte Scene. Otto (allein). Was meint denn der zierliche Kobold mit dem Strauß aus Kornblumen? (Er geht zum Tisch und bemerkt das liegengebliebene Bouquet.) A, jetzt begreife ich, das find ihre Lieblingsblu- men! O Mädchen, Hab' Dank für Deinen Wink! (Er stutzt.) Doch was kümmert mich eigentlich der Wink? Was kümmert mich überhaupt die ganze Frau? Sie ist zwar reizend, ja sehr reizend und liebenswürdig und pikant, aber ich bin ja doch ein Weiberfeind! War diese Galanterie gegen Sie wirklich nur die Macht der Gewohnheit ? Oder war dieß Alles vielleicht mehr als bloße Eingebung des Augenblickes? (Es wird immer dunkler und dunkler.) Bin ich vielleicht da drinnen (auf's Herz zeigend) aus meiner Rolle gefallen? (ES ertönt die Abendglocke.) Die Feierruhe der Abendlandschast stimmt mich jetzt so andächtig wie einstens das Gebetbuch meiner Mutter! (Es ertönt die Abendglocke in der Ferne.) Es wird dunkler und dunkler, in meinem Innern aber wird es licht und lichter wie dort oben in dem Salon. (Ter Salon im ersten Stock wird eben hell erlerntet.) Mir ist so wohl im Herzen, so sehr wohl. Diese dunklen Blumen scheinen mir magisch zu leuchten, als' wäre ich in der Dunkelkammer des Herrn v. Reichenbach. (In demselben Augenblicke hört man im Saale das Ave Maria von Schubert auf dem Piava- forte spielen.) »O tönet fort, ihr süßen Himmelslieder, die Thräne quillt, die Erde hat mich wieder!« (Er drü ckt die Blumen an den Mund und bleibt versunken steheu, Kleine Pause.) Neunte Scene. Otto, Christof. Christof (aus dem Bauernhause kommend) Christof. Gnä'Herr! Die Crescem is schon mit'n Nachtmahl fertig! Otto. (f. s.). Wahrhaftig eine wunderbare Frau! , >< Christof. Mir scheint, er hört M II nicht! (Lauter.) Gnä' Herr, am Tisch dampft die Schüssel. Otto (versunken). Voll Grazie! Christof. Na. voll G'selchten! Otto (f. s.) Mit feiner Tournure! Christof. No. mit fein Sauerkraut. Otto. Bin ich's oder bin ich's nicht! Christof. Ja,, ja. Sie sein's schon! (F. s.) Mir scheint, bei dem rappelts! Otto (unwillig). Was störst Du mich ! Christof. Die Crescenz wart' mit'n Nachtmahl! Otto (f.s.). Sie ist einem Engel gleich ! Christof. Wem? Die Crescenz? Otto. Zart und duftig! Christof (lachend). Wer? Die Crescenz? Otto. Narr! Christof (s. s.) Narr? — Mir scheint, er is selber aner! Otto (aus die Villa zeigend). Hörst Du? Das ist sie! Christof (nachdenkend). Das ist sie! Er ist richtig verrückt! (Laut.) Na gnä' Herr! Nit da drenten is die Crescenz, da Herenten is sie! Otto. Wer spricht denn von der Crescenz ! ich meine ja Frau von Stein! Sie ist's, die Schubert's »Ave Maria« so herrlich iutrepertirt! Christof (staunend). Jnterkrepirt! A. jetzt merk' i was! — Es brandelt, es brandelt! Mir scheint, bei dem spielen's das neue Stück : »Der Weiberfeind in der Klemme !«'(Cr reibt sich erfreut die Hände.) Otto (sieht zur Villa empor, von welcher die Töne des »Ave Maria« herabklingen. Christof macht ein Zeichen der Freude, der Vorhang fällt langsam, nachdem es zuletzt auf der Bühne bereits fast ganz finster geworden ist). Ende des ersten Actes. Zweiter Äct. (Die Bühne stellt einen eleganten Salon vor, — rechts befindet sich ein kleiner runder Tisch mit einem Teppich, links ein kleiner Büchertisch, ebenfalls mit einem Teppich. — Neben dem Tische rechts steht ein großer Bücherkasten. — Im Hintergründe aus der einen Seite ein kleiner Kamin mit Gesimse und mehrere Stühle — rechts ein kleiner runder Tisch, aus dem ein Bouquet aus Kornblumen steht. Zunächst dem Tische steht ein kleines Sofa. Alles sehr elegant. — Aus den vorderen beiden Tischen stehen ebenso wie auf dem rückwärtigen in zierlichen Basen große Kornblumen-Bouquets, links vorne ein hohes Fenster, neben dem Bücherschränke steht die Bücherkiste.) Erste Scene. Betti von Stein. Betti (allein auf dem Sofa sitzend). Drei Tage find nun um, seit sich mir Herr von Neiufels vorgestellt, und drei große Kornblumen-Bouquets, die er mir überreichte, find die sichtbaren Zeichen dieser drei Tage! Hätte ich sie zurückweisen sollen, ba er mir ste doch in so zarter sinniger Weise dargebracht? — Gewiß nicht! Es wäre auch gelinde gesagt unhöflich gewesen. — Unbescheiden ist Herr von Reinfels nicht; denn er hat es nicht einmal gewagt, mich um die Erlaubniß zu bitten, mir hier im Hause einen Besuch machen zu dürfen, seine Galanterie beschränkt sich ganz und gar darauf, mir bei jedem Mor- genspaziergange einen Strauß zu überreichen. und mich dann in aller Bescheidenheit ein Stück Weges zu begleiten. — 12 Und doch glaube ich seine Gesinnung zu kennen! Und ich? ermiedere ich die Neigung, die er für mich zu hegen scheint? — Wenn ich aufrichtig gegen mich selbst sein will, so muß ich mir gestehen, daß der erste Eindruck nur der eines liebenswürdigen Schwätzers war, daß aber nachgerade sich das Prädicat liebenswürdig in den Vordergrund drängt und das Hauptwort Schwätzer ganz in den Hintergrund stellt. Was soll ich nun thun? Meiner Familie wegen möcht' ich um keinen Preis vor Anderen oder auch nur vor ihm das Geständniß oblegen, das ich mir jetzt selbst in aller Heimlichkeit halb und halb gemacht. Das Beste wird wohl sein, ich entziehe mich diesem chaotischen Gewirre von Empfindungen durch schleunigste Flucht! Das ist das einzige Mittel, um mich vor meinem Vorläufer, meinem warmen Herzen zu bewahren ! Ja ich reise und zwar heute noch und in aller Sülle, ohne daß es Jemand ahnt; fern von hier werde ich das kleine Kornblumen-Aben- teuer von drei Tagen wohl bald aus dem Gedächtnisse verlieren, und mich selbst dafür vollends wiederfinden! (Sie klingelt.) Zweite Scene. Betti von Stein, Anna. Anna (im Eintreten). Gnädige Frau befehlen? Betti. Anna, kannst Du schweigen ? Anna. Das fragen Sie jetzt erst, gnädige Frau, nachdem ich Ihnen bereits drei volle Jahre mit vollster Hingebung und Treue gedient habe? Betti. Du hast Recht, liebe Anna! Nun denn so höre: Wir reisen heute noch von hier ab. Anna. Das ist ja nicht möglich! Betti. Und weßhalb nicht? Anna. Jetzt fängt's ja erst an hier hübsch zu werden. Betti. Meinst Du? Und ich sage Dir, daß es mir jetzt hier gar nicht mehr ge- Anna. Aber gnädige Frau, was ist denn in Sie plötzlich hineingefahren? Betti. Die Unlust, länger hier zu bleiben. Also weiter kein Wort! Jetzt ist's neun Uhr Vormittags; wir haben also bis zum Abgang des letzten Abendzuges noch genau zwölf Stunden, bis dahin kann Alles in Ordnung sein. Ich will heute noch abreisen, und Du weißt, daß mein Wille immer zur That wird. Anna. Gnädige Frau! ich habe nur zu gehorchen und werde es auch dießmal wieder thun, wie ich es stets gewohnt bin; aber ich kann den Grund dieser plötzlichen Abreise mir doch gar nicht denken. Betti. Das ist auch gar nicht nöthig. Du hast einfach zu thun, was ich Dir sage. Du wirst rasch unsere Garderobe einpacken, damit sie Abends zum Bahnhof hinabgetragen werden kann; außerdem wirst Du dafür sorgen, daß diese Kiste, in die ich indessen rasch meine Bibliothek einpacken werde, in der nächsten Viertelstunde schon zum Bahnbof hinabgetragen und dort als Eilgut nach Gastein aufgegeben werde. Anna. Nach Gastein? Betti. Ja, dort bringen wir bei meiner Schwester den Rest des Sommers zu und im Herbste kehren wir dann in die Residenz zurück. Anna. Und geht die alte Lise auch mit uns? Betti. Nein, sie bleibt hier zurück und geht dann mit dem übrigen Gepäck direct nach Wien. Wir Beide aber reisen heute Abends noch, und zwar, merke wohl! denn darin liegt eben die Hauptsache, — geräuschlos und 8au8 aäiou von hier ab! Anna (für sich). Was muß denn da nur vorgefallen sein? Betti. Also, Anna! Thue nun schleunigst, was ich Dir gesagt — und schicke 13 mir recht bald zweiTräger herauf, die die Bibliothek zum Bahnhof hinabtragen. ich werde mit dem Einpacken sehr bald zu Ende sein! Anna. Ganz wohl, gnädige Frau! (Für sich.) Da muß ein Geheimniß dahinter stecken ! (Durch die Mitte ab.) Dritte Scene. Betti (allein). Ja, so ist's am bestell! (Sie geht zur Kiste, öffnet dieselbe, legt den Deckel nach rückwärts auf einen Stuhl und öffnet nun rasch den Bücherschrank.) Kommt heraus, ihr lieben Freunde, ihr Tröster in meinen trübsten Stunden! (Sie nimmt mit beiden Händen Bücher aus dem Kasten und legt sie in die Kiste.) Ohne Bücher zu leben, wäre mir wahrhaftig eine Qual, eher wollt' ich ohne Freunde existiren! (Sie nimmt wieder mit beiden Händen Bücher aus dem Schranke und legt sie in die Kiste.) Ihr alten und ihr jungen Klassiker, kommt heraus und geht mit mir! (Nimmt wieder einige Bücher und legt sie in die Kiste.) Und Du, mein Grillparzer, Du Oesterreicher, auf den alle Deutschen stolz find, komme und begleite mich ! (Sie nimmt das Buch und legt es anstatt in die Kiste aus den Tisch rechts.) j Vierte Scene. Betti. Anna. Anna (rasch eintretend). Gnädige Frau, verzeihen Sie. daß ich ungerufen komme! Herr von Reinfels ist im Vorzimmer und Ettet sich die Gunst, Ihnen einen Abschiedsbesuch machen zu dürfen. Betti. Abschieds — . Anna (einsallend). Ganz richtig! Ab- Ichiedsbesuch. Darf ich ihn vorlafsen? Betti. Selbstverständlich! Es wäre doch unhöflich, ihm das zu verweigern, was ihm selbst die Höflichkeit zu gebieten scheint. Anna. Und im Uebrigen, gnädige Frau? Betti. Im Uebrigen? Was willst Du damit sagen? Anna. Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich meinte nur, ob es bei der Abreise und bei den übrigen Aufträgen, die Sie mir gegeben, wirklich sein Verbleiben hat? Betti. Es bleibt bei dem, was ich gesagt habe. Besorge Alles auf das Pünctlichste, was ich Dir auftrage. Anna. Ganz wohl! (Im Abaehen für sich.) Jetzt kenn' ich mich gar nicht mehr aus! Fünfte Scene. Betti (allein. Sie schließt halb den Bücherschrank und setzt sich dann auf's Sofa links.) Er reist auch ab? Sonderbares Zusammentreffen! Diesen gleichen Gedantengang könnte man für geistige Wahlverwandtschaft halten! Sechste Scene. Betti. Otto von Reinfels. Otto (im Eintret-n. bemerkt die Bou- queM. Ah, hat sie noch! Verzeihen Sie, gnädige Frau, daß ich es wage. Ihnen mit meinem Besuche lästig zu fallen; es ist mein erster und es soll auch mein letzter sein. Betrachten Sie es ja nicht als eine alltägliche Aufdringlichkeit, sondern als den Tribut aufrichtiger Achtung, den man einer Dame zollt, die man verehrt, ohne ihr jemals nahestehen zu dürfen, von der man sich aber um so schwerer trennt, weil eben der Gedanke an ein Wiedersehen ausgeschloffen bleiben muß. Betti (ablenkend). Ist es wohl erlaubt, zu fragen, welches Reiseziel Sie sich gesteckt haben? 14 Otto. Ich kehre nach Wien zurück. Betti. Nach Wien? Otto. Ja, es ist der einzige Ort, wo man Zerstreuungen in Hülle und Fülle findet. Betti. Sie wollen sich zerstreuen? Ich glaubte doch, Sie seien in's Gebirge gekommen, um sich zu sammeln? Otto. Sammeln? Jafürwahr!Sammlung thäte mir jetzt noth! Und doch will ich fort, um mich zu zerstreuen. Betti. Wenn s kein Verbrechen wäre, zu fragen, so möcht' ich Sie wohl bitten, mir zu sagen, was Ihren Reiseentschluß über Nacht zur Reife gebracht hat ? Otto. Meine Gnädige, wenn Sie mich so direct fragen — Betti. Nun? Otto. So muß ich Ihnen direct die Antwort schuldig bleiben; denn es gibt Geständnisse, die am besten unausgesprochen bleiben! — Die Macht der Verhältnisse vis mag'or des Lebens, dieser Todfeind des Glückes, stellt sich auch mir feindselig gegenüber. — Mir ist, als hätte ein Kobold, ein tückischer Kobold, mein Glück im Zauberbilde einer k'ata mor^aua, vor das Auge gerückt! — Ich blick' darauf hin, ich bin beseligt, bin entzückt! — In dem Augenblicke aber, als ich mein Glück mit bebender Hand erfassen und festhalten will, gewahre ich, daß es unfaßbar, ja unnahbar ist; und es verweht vor meinem Blicke wie das träge, neckende Bild der k'g.ta morKana ! (Kleine Pause.) Betti. Herr von Reinfels ! ich weiß Ihre Delikatesse zu schätzen und verstehe Ihr Zartgefühl zu würdigen! — Offen gesagt, mir war der Gedanke unerträglich, daß die Welt, zunächst natürlich meine Familie, jemals erfahren könnte, daß ich hier in meiner selbstgewählten Einsam-, keit — Otto (rasch einsallend). Ich verstehe, gnädige Frau! (Rasch.) Ich habe Sie da wohl beim Auspacken Ihrer Bücher gestört ! — Erlauben Sie, daß ich Ihnen hiebei behilflich sei! — Ich könnte für- wahr die letzten 30 Minuten, die ich noch hier zu verweilen habe, nicht besser zu- bringen, als indem ich Ihnen beim Aus- packen Ihrer Bibliothek helfe! — U hat für mich einen eigenen wohlbegreiflich hohen Werth, die Dichter kennen zu lernen, denen Sie Ihre Gunst zugewendet haben! — Wie man mit Recht sagen kann : »Sage mir, mit wem Du gehst, und ich sage Dir, wer Du bist!« ebenso kann man heut zu Tage mit allem Fug und Recht sagen : »Sage mir, was Du liest und ich sage Dir. wer Du bist!« - Sie nehmen mir's also nicht übel, wenn ich von dem Rechte der Abschiedsstunde den ausgiebigsten Gebrauch mache und Ihnen beim Auspacken helfe. Betti Beim Auspacken? Nun, wenn es Ihnen Freude macht! Otto. Ja, große Freude, und einein Delinquenten darf man ja keine Freude versagen. — Also erlauben Sie, gnädige Frau! (Er eilt zum Bücherschrank, össmi ihn ganz und stellt dann die Bücher, die er nach und nach aus der offenen Kiste heraus- nimmt, sorgfältig in den Schrank.) Betti (sich auf's Sofa setzend). Ich gönne Ihnen dieses harmlose Vergnüge« von ganzem Herzen ! Otto. Hermann Lupp, Carl v. Holtei, Albert Träger, Carl Gutzkow ! Ihre Lieblinge sind auch die meinen. (Er stellt die Bücher in den Schrank.) Betti. In die Tiefe muß man steigen, soll sich uns das Wesen zeigen! Otto (lies hineingreisend). Ah, bravo, Geibel, Hartmann, Meißner, Bauernseld, Seidl, Hebbel! (Er stellt die Bücher in der Schrank.) Meine Gnädige! ich mache Ih- neu mein Compliment! Wenn ich selbst das Glück gehabt hätte, Ihre Bibliothek zusammenstellen zu dürfen, ich hätte wahrhaftig keine bessere Auswahl treffen können ! (Er greift in die Kiste und holt einBu§ hervor.) Julius von der Traun? Wie kommt Paul unter die Profeten? 15 Betti. Den liest mein Stubenmädchen ! Otto. Ah so ! (Er nimmt wieder Bücher.) Gedichte der Gräfin Almafi-Wicken- bürg. Eine reizende Sammlung von — von — Betti (einsallend). Von Kornblumen, wollten Sie sagen, nicht wahr? Otto. Ja wahrhaftig, das ist das wahre Wort! (Er stellt das Buch in den Schrank.) Wie? — Sacher Masoch? — Verzeihen Sie, gnädige Frau ! Das ist kein Buch für die Einsamkeit! — Das Buch wird confiscirt! (Er schlägt den Deckel auf.) Ah Pardon! Das sind seine Lustspiele ! — Das ist ein mildernder Umstand ! — ich befürchtete, es seien seine Hermelin-Novellen! Betti. Letztere kenne ich nicht, weil ich die Kritik darüber gelesen habe! Otto. Oh! Robert Hammerling! — Verzeihen Sie, gnädige Frau ! Das Buch wird unbarmherzig confiscirt! Betti. Mein Onkel hat mir's geschickt und dringend empfohlen. Otto. Der Herr Onkel ist wohl mit der Literaturgeschichte nicht vertraut. Betti. Ich glaube kaum. Otto (das Buch einsteckend). Wird also unerbittlich confiscirt, und zwar schon aus dem Grunde, um ein Andenken von hier mitzunehmen. Betti. Wenn es Ihnen Freude macht. Otto. Also Sie erlauben es mir im Anste? Betti. Gewiß! Ottto. Und mir selbst, gnädige Frau, welchen Platz werden Sie mir einräumen, wenn ich von dannen dampfe? Betti. Den der freundschaftlichen Erinnerung! Otto. Der bleibenden? Betti. Der bleibendsten! Otto (ihre Hand küssend). Meinen innigsten Dank! Betti. Nicht so stürmisch! (Sie entgeht ihm die Hand.) Otto (ergreift abermals ihre Hand, drückt sie innigst an seine Lippen). Gnädige Frau, ich möchte jetzt mit Don Carlos ausrufen: »Ein Augenblick im Paradiese wird nicht zu theuer mit dem Tode bezahlt.« (Er küßt idr nochmals die Hand.) Betti (ihm die Hand entziehend). Vergessen Sie nicht, daß ich keine Königin Elisabeth bin! Otto. Und ich leider kein Carlos! Also ein Plätzchen der Erinnerung ? Betti. Der bleibenden Erinnerung. Otto. Leben Sie wohl, gnädige Frau! (Er steht aus und küßt ibr die Hand.) Siebente Scene. Vorige. Anna. Anna (hereineilend). Gnädige Frau ? Der gnädige Herr Onkel aus Wien ist da! (Rasch wieder ab.) Betti. Jst's möglich! (Sie erhebt sich rasp vom Sofa und eilt zum Fenster vorne links.) Wahrhaftig, er kommt schon über den Hügel herauf. Um Himmelswillen, diese Situation ist entsetzlich, peinvoll für mich ! Er wird Sie bier finden. Otto. Ich begreife! — Vielleicht kann ich durch die Thüre hier? (Auf links deutend.) Betti. Ach, da laufen Sie ihm gerade in die Arme. Otto. Also vielleicht hier? (Aus rechts zeigend.) Betti. Um Gottes willen, nein, dort ist mein Boudoir! Otto. Also vielleicht dort? (Aus dir Mittelthüre zeigend.) Betti. Es ist zu spät! Ich höre ihn bereits auf der Stiege. Otto. Ja, du lieber Himmel, wo soll ich denn dann hinaus ? Wenn ich überhaupt hinaus soll. Betti. Das ist eine verzweifelte Lage. 16 Otto. Halt, ich hab's! Sie find gerettet! Ich verschwinde vom Schauplatz und erscheine wieder, wenn die Gefahr vorbei ist! (Springt rasch in die offene Kiste und schlägt den Deckel über seinem Kopfe zu.) Betti. Was thun Sie? Um Himmels willen? Da drinnen müssen Sie ja ersticken ! Otto (den Deckel ein wenig in die Höhe hebend und hinaussehend). Befürchten Sie das nicht, gnädige Frau! Hier ist Sauerstoff genug für eine kleine halbe Stunde! (Er läßt den Deckel wieder zusallen. Betti setzt sich ganz erschöpft und schwer athmend ins Sofa. In demselben Augenblicke tritt Herr v. Reichenthal, ein Mann in den besten Jahren, in eleganter Kleidung, mit sehr sein geschnittenem, charakteristischem Kopfe rasch s Onkel! Ich bin über Ihr Komm äußerst erfreut. Reichenthal. Nun, Deine Freude gibst Du dießmal in sehr knapper Form. Wenn ich sonst Dich durch mein Erscheinen überraschte, so warst Du ganz andere, ich glaubte wahrhaftig, ich bin zur Unzen gekommen. Betti. Nicht doch. Onkel, denke« Sie das nicht! Reichenthal. Du bietest mir ja nicht einmal einen Platz an? Betti. Verzeihen Sie. bester Onkel, ich bin so zerstreut. Reichenthal. Ja das merke ich, Du bist sehr confus! Aber den Grund davon kann ich mir nicht denken. Betti. Die Hitze, Onkel! die Hitze! durch die Mittelthüre ein Schwelle stehen.) Achte Scene. Betti, Herr von Reichenthal, (in der Kiste). Otto Reichenthal (mit ausgebreiteten Armen an der Thüre stehen bleibend). Betti, liebste, theuerne Nichte! Sieh', ich wollte Dich überraschen, und ich habe Dich überrascht, nicht wahr, recht überrascht? Betti (befangen). Jo, bester Onkel! Sie haben mich recht überrascht! Reichenthal. Ja was ist Dir denn, Herzenskind? Soll ich noch lange so dastehen wie ein Meilenzeiger? Betti (erhebt sich mühsam und geht ihm entgegen). Reichenthal. Komm doch an meine Brust ! (Eilt aus sie zu und umarmt sie.) Bist ja doch sonst immer in meine Arme geflogen und heute empfängst Du mich so kalt, so fremd. Ist Dir mein Kommen vielleicht unangenehm? Betti. Wo denken Sie hin, bester und bleibt an der! Nicht wahr, es ist heute zum Ersticken. ! Werden Sie lange bei uns bleiben Onkel? j Reichenthal (ihren Ton copirend). Werden Sie lange bei uns bleiben? Du frägst dieß mit solcher Jammermiene, in so erbärmlichem Müller und sein Kind- Ton. daß es klingt, als wenn Du sagen wolltest: Sie werden doch hoffentlich bald wieder abreisen ! Betti. Gott bewahre, bester Onkel, was glauben Sie von mir? Reichenthal (erfreut). Ist Dir also so recht warm um's Herz, ja? Berti (für sich). Ach ja, nur zu warm. (Links.) Gewiß,Onkel, gewiß ! Rrichenthal. Sieh', Bettchen. jetzt glaub' ich Dir. und jetzt freu' ich mich auch, daß ich den glücklichen Gedanken, der mir so rasch gekommen war, eben so rasch ausgeführt habe. Ich komme du nämlich von Tirol herüber, wo wir eine neue Eisenbahn bauen wollen, ich erfahre in Starenberg, wohin ich mit dem Dampf' schiff gekommen war, daß der Zug. der uns nach München weitersühren soll, erst in einer Stunde abgeht. Rasch, wie alle meine Entschlüsse war auch der gefaßt, diesen kurzen Aufenthalt dazu zu benützen, um Dich zu überraschen, und Dir, mein 17 liebes Nichtchen, einen Besuch zu machen. Leider kann er nur von kurzer Dauer ssin, denn ich muß schon mit dem nächsten Zuge Weiterreisen. Betti. Onkel, das ist schön von Ahnen! Reichenthal. Was? daß ich bald Weiterreise, oder daß ich gekommen bin? Betti (gedehnt). Natürlich letzteres. (Für sich.) Wenn nur er es indessen da d'rinnen aüshält! Reichenthal. Du mußt nämlich wissen. liebes Kind, daß der Verwaltüügs- rath, dessen Präsident ich zu sein die Ehre habe, eine mächtige Neigung hat sich' auszudehnen. Betti' (rasch emsallend). Ausdehnen, ah ja. das ist das wahre Wort! Wenn man sich aber nicht ansdehueü kann, was dann ? Reichenthal (lachend). Dann' ist's schlimm, dann muß mün zu Gründe gehen! Betti (rasch). Nicht wahr? Das ist's, was ich befürchte! Reichenthal (stutzig). Wie? was hat sie denn? Da gibt's jetzt viel zu thuss. Ziehst Du, mein liebes Kind! Wir wollen unser Bahnnetz nach allen vier Windrosen hin vergrößern. Nach Westen wollen wir uns ausoehnen, im Osten wollen wir uns ergänzen, im Norden wollen wir uns ar- rondireu und nach Süden wollen wir uns recken und strecken! Betti (einsallend). Und das Alles bei der Hitze Reichenthal. Was hast Du denn imtner mit Deiner Hitze? Betti. Ich meiüe nur, daß Sie nicht etwa dabei umkommen. Reichenthal. Du fürchtest, daß ich M eigenen Fette wie ein Hamster ersticke! Besorge das nicht! (Plötzlich.) Was blickst Du denn immer so ängstlich nach jener Seite hin? Betti. Ist reiner Zufall! ich könnte eben so gut nach dieser Seite sehen. (Sie Wiener Theater-Repertoire Nr. 277 . trocknet sich mit dem Sacktuch die Stirne.) Er muß ja ersticken. Reichenthal. Wer muß ersticken? Betti. Pardon, ich wollte sagen, man muß ja fast ersticken. Reichenthal. Kind, Kind! Du bist enorm zerstreut! In Dir muß etwas Ungeheuerliches Vorgehen! — Uebrigens zeige mir jetzt doch wie Du wohnst! — Ich will doch sehen, wie Du Dir Dein Lrauertusculum eingerichtet hast. Also führe mich überall herum. Betti. Wie? Sie wollten — Ich sollte — Sie könnten — Reichenthal (den Ton copirend). Sie wollten— ich sollte — Sie könnten? Ja Du-übst Dich ja förmlich im Gonju- giren der unbestimmten Zeitwörter! Betti, Betti. Betti. Verzeihen Sie, Onkel, die Hitze, die Hitze! Es ist ja zum Ersticken! Reichenthal. Was Hast Du denn immer mit Deinem Ersticken? (Für sich.) Sie ist wahrhaftig nicht recht bei Verstand ! 2 Betti. Also Sie wollen wirklich; daß sch Äe jetzt überall herumführe? . Reichenthal. Natürlich! ich..kann ooch'nicht wieder fortgehen, ohne Deinen einsamen Witwenfitz außen und innen gesehen zu haben! Betti. Nun denn inGotHs Naruew! Aber (mit einem' Blick auf-die Kiste) ersticken Sie mir nur nicht! Reichenthal ohl thuu, mein Kind ! Sieh, diese Ein« imkeit ist nichts für Dich! Aber verzeihe ktzt, ich habe leider nur noch eine Viertelnde Zeit, ich muß also gehen! Betti (für sich). Dem Himmel sei dank! Reichenthal. Also lebe wohl, Nicht« >m! Auf baldiges frohes Wiederum in Wien! Betti (für sich). Ach, in welchem tranigen Zustande werd' ich ihn Wiedersehen? Sie begleitet ihn bis zur Thüre). Leben Sie >ahl, Onkel! Reichenthal. Adieu. Nichtchen! Und >erke Dir, nicht zu traurig und zu einsam ein! Die Zeit heilt alle Wunden und etzt uns schließlich über alle Verluste hin- lls. (Er küßt sie nochmals auf die Stirne, W rasch ab.) Zwölfte Scene. Betti (allein). Fast könnt' ich mich or Aufregung nicht mehr aufrecht erholen. (Sie sinkt erschöpft auf's Sofa.) Was ist us dem Armen geworden? Was ist mit Este geschehen? Ums Himmels willen! eht fällt's mir ein : Ich habe sa selbst den iustrag gegeben, daß man die Kiste zum oahnhof hinuntertrage und als Eilgut >l>ch Gastein aufgebe. Er als Eilgut! 7 Entsetzlicher Gedanke! —Er verpackt v>e eine Waare, vielleicht schon todt! mrtervolle Situation! Wenn er nur lebte! das ist der einzige Wunsch, ^en lch jetzt noch hege. — Ja das ist der Mch der Lüge! Unnatürlich war's von in, daß ich die lautwerdende Stimme neines Herzens übertäuben und ihm 8»N8 aäieu entfliehen wollte. Jetzt Hab' ich dev Lohn dafür! Wenn er nur noch lebte! Dann kann noch alles gut werden ! (Sie klingelt heftig.) Dreizehnte Scene. Betti. Anna. Betti. Was ist mit der Kiste geschehen ? Anna. Was gnädige Frau befohlen haben! Betti. Sie ist also? Anna. Am Bahnhof. Betti. Aufgegeben — Anna. Als Eilgut! Betti. Und am Ende schon abgeschickt. Anna. Ja, bei der gewohnten Raschheit unserer Bahnen ist auch das möglich. Betti. Unglückselige! Was hast Du gethau? Auna. Ja, mein Gott, gnädige Frau haben es ja selbst so gewünscht. Betti (vor Aufregung fast weinend). Ja, Du Unglückskind! meine Bücher sollten sie hinuntertragen, aber nicht ihn! Anna. Ihn? wen? Betti. Nun, Herrn von Reinfels. Anna. Wie? Was? Er? Betti. Ja, er ist in der Kiste, Du Unglückskind! Anna. Er verpackt und aufgegeben? Betti. Ja und noch dazu als Eilgut! Es ist zum Verzweifeln! Anna. Ja, wie ist er denn nur da bin« eingekommen? Betti (zornig). Sieh' lieber, daß er herauskommt, Du unglückselige Spedi- teurin! Lauf hinab zum Bahnhof und rette, wenn es noch was zu retten git r. Anna. Ich eile, ich fliege! (Für sich.) Ach. der ist schon eine schöne Leiche. r* 20 (Sie eilt zur Thüre und prallt in demselben Augenblicke an die Kiste an, welche eben von Christof und Hanns hereingetragen wird.) Vierzehnte Scene. Vorige. Christof und Hanns. Christof. Verzeihen, gna Frau, mit dem Eilgut is nix. Der Herr kassier unten hat g'sagt, ohne Frachtbrief, sagt er, kann er das Eilgut, sagt er, gar nicht aufnehmen, sagt er. B etti (rasch). Gott sei Dank! Anna. Nur rasch niederstellen, nieder- stellen, rasch, rasch! Betti. Nicht so hin- und herschwenken. Stellt doch die Kiste ab. Christ. A, das laß'n mer uns nit zweimal sag'n! (Sie stellen die Kiste vorne in Mitte der Bühne nieder und holen tiesAthem.) Ist das a G'wicht! Ja, gnä' Frau! der Herr Kassier hat g'sagt, gnä' Frau müssen den Frachtbrief, sagt er, selber schreiben, sagt er, und auch gleich für's Eilgut, sagt er, selber zahlen, sagt er, weil für werthlose Gegenstände und für solche, sagt er. die dem Verderben unterliegen, gleich im Voraus zahlt werden muß, sagt er, hat er g'sagt! Betti (für sich). Werthlos? Anna (für sich). Dem Verderben unterliegend ? Betti (rasch). Mein Gott, die Kiste ist ja^verschlossen! Christ. Na freili! Wir Habens ja selber zug'sperrt. Aber gnä' Frau, da ham's den Schlüssel! (Er greift in die Tasche.) O verflucht, jetzt Hab' ich den Schlüssel verloren! Betti. Um Himmels willen, scherzet nicht! Christ. Na, na, er ist wirklich hin, ganz hin, pfutsch is pfutsch. Anna. Der Scherz kann ein Men chen- leben kosten ! Betti. Mein Gott, er hin! Christ. Aberwartens! Vielleicht Hab ich ihn da in das herentere Laibl Westel- taschel g'steckt. (Er greift in die Westentasche links.) Richtig, da is er! Betti. Nur rasch, rasch! Gebt her! Und jetzt geht, geht, ich bitt Euch! geht! Christ. Kuss' d'Hand, gnä' Frau! Schaffens an andersmal! Betti zu Anna. Sieh' doch, daß Du sie schnell fortbringst. Anna. Geht jetzt nur! (Sie schiebt de» Christof und Hanns unter fortwährendem Reden zur Mittelthür hinaus, indem sich dieselben im Kreise herumdrehen, bis sie alle Drei ab sind. Im Hinausdrehen hört man fortwährend die Worte »Küff' die Hand, gnä' Frau! Schaffens bald wieder« und dergleichen Worte.) Fünfzehnte Scene. Betti und Otto von Reiufels (in der Kiste). Betti. Endlich bin ich allein, Gott sei Dank ! Jetzt kann ich ihn erlösen, wenn er noch lebt ! (Sie eilt zur Kiste, sperrt rasch das Schloß auf und öffnet hastig de» Deckel. In demselben Augenblicke steht Otto von Reinsels in der Kiste langsam auf.) Otto. Gnädige Frau! Es ist mir ein besonderes Vergnügen, Sie hier bei mir zu sehen. Betti. Sind Sie doch wohlbehalten? Otto (sich den Schweiß von der Stiriu wischend). O, frisch, frei, fromm und fröhlich! Betti. Dem Himmel sei Dank! Sie haben mir ein großes Opfer gebracht'- Ich bin für immer Ihre Schuldnerin! Otto. Wenn Sie die Liebenswürdig« keit haben wollten, mir nur ein klein Bischen behilflich zu sein, so sei sofort das Schuldbuch vernichtet! (Er will herausstei« gen.) 21 Betti. Mit Vergnügen! (Sie reicht hm die Hand, die er ergreift. In demselben lugevblicke öffnet sich die Thüre und Reichen- hal tritt ein.) Sechzehnte Scene. Vorige. Reichenthal. Reichenthal (zur Thüre hereinrufend). sch habe den Zug versäumt! (Auf die eltsame Gruppe deutend) dafür komme ich lber, scheint mir, eben hier zur rechten seit! — (Er tritt vor.) Mit wem habe ch die Ehre? Otto (noch immer mit verlegener Miene über Kiste stehend). Otto von der Kiste, h Pardon, Otto von Reinfels, Privatier >us Wien. Reichenthal (lachend). Freut mich Lie in einer so günstigen Stellung kennen >u lernen. Betti. Onkel! Was werden Sie jetzt m mir denken? Reichenthal (zu Betti tretend, leise). Vas ich denke, daß Gott, der Mann und Weib erschuf, erkannt den edelsten Beruf, nach Dir Gelegenheit zu machen. Betti. Pfui Onkel! Das war nicht M! Reicheuthal. Aber wahr! Die Cur kr Einsamkeit hat Dir jedenfalls ganz vortrefflich angeschlagen! Und Ihnen, min Herr — aber so kommen Sie doch einmal heraus! Sie moderner Troglo- dite! Otto. Wenn Sie erlauben. (Er steigt schwerfällig aus der Kiste.) Reichenthal. Ihnen, mein Herr, danke ich für die wunderbare Heilung, die Sie da allein vollbracht zu haben Minen! Meinen Dank, Herr Doktor! Erreicht Otto die Hand.) Otto. Gnädige Frau! ich wäre überglücklich, wenn nur die Hälfte dessen einstens Wahrheit würde, was Ihr Herr Onkel in humoristischer Weise zu suppo- niren beliebt! Betti (ihm die Hand reichend). Ich habe Sie von so edler, zarter Seite ken« nen gelernt, daß ich Ihnen gerne die Bewilligung ertheile, meine Bibliothek hier, die Sie so vortrefflich zu substituiren verstanden haben, nunmehr auch selbst zu studieren. Otto (ihr die Hand küssend). An Fleiß soll es mir bei diesem Studium nicht fehlen. Siebzehnte Scene. Vorige. Christof und Anna (rasch eintretend). Anna (im Hineintreten). Er läßt sich nicht zurückhalten. Christof. Ich bitt', gnä' Frau, is der Frachtbrief schon fertig? Otto. Nein, nein, holder Alpensohn! Es wird nichts mehr verfrachtet, das Eilgut bleibt jetzt da. Christof. Na, mir is recht! (Tür sich.) Der Weiberfeind glaub' ich, is curirt! Reichenthal. Und ich trage die Spesen. (Gibt dem Christian Geld.) Anna (für sich). Das ist die natürlichste Lösung, sagt mein Doktor in Wien. Christof (der indessen das Geld gezählt hat). Drei Ducaten! Herr Gott! Euer Gnaden müssen wenigstens a pensionir- ter Millionär sein! Reichenthal (lächelnd). Millionär vielleicht! — Pensionirt noch lange nicht. Christof. Na, dann wünsch i Glück zur nächsten Trillion. Passende Gruppe. Vorhang fällt. Ende. In der WakltShauffer'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt, hoher Markt Nr. 1, find erschienen: 'FM aus den beliebtesten Wiener Possen. Sechs Hefte. Preis «ineS jeden Heftes 50 kr. österr. Währ, oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg, B- F. 1- Da macht' i halt das G'wissen sein. 2- Requisiten-Couplet. 3. Figuren-Couplet 4- Nachher wird es schon wern. 5. Glöckchen-Couplet. 6- Biblisches Couplet. 7- Falsche Benennungen. 8- Dann ist sie da die bessere Zeit. 9. 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün. 10- Volkslieder. 11. Aber geb'n thut's es nit. — Berts, Alois. 12. Jetzt da war's halt Noth, daß wer antauchen thät. 13- Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. 14. Zu ms dann die Feindseligkeit gegen das Thier. 15. Lachcouplet. 16- Aus einer Chronika. 17- Früchte, die verboten sind. 18- Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20- Mythologie-Couplet. — Berts u. Mtner. 21. Ohne Umschneiderei. 22- Die papierene Zeit. 23. Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Mtner, Anton. 24. Thier-Couplet. 25. DaS ist noch Geheinmiß. 26 Wer HU es geahnt. 27. Odroniyus saanäLleugs. — Mtner u. Morländer. 28. Ähnlichkeiten zwischen Menschen und Thieren. — Blank, Alois. 29- Und so wird hinterrücks g'redt. — Böhm, Josef. 30. Na da sieht man's doch, daß's an der Eintheilung fehlt. 31- Wenn man die Wirkung ficht, und d'Ursach nit kennt. — Doppler, I. 32. Maschinen-Couplet. 33. Wo man was sucht, dort sind't man es nicht. — Elmar, Carl. 34- O Spiel der Natur. 35- Lied deS Teufels. 36 Man glaubt nicht, was in einem Menschen oft steckt. 37- So nehmen sich die Dinge von der Kehrseite aus. 38. O ungeheure Ironie. 39. Da möcht' ich halt wissen, was nachher g'schicht. Inhalt des zweiten Heftes: Elmar, Carl. 40. Was lieget da dran. 41. Ja so geht's, wenn man heut' zu Tag Geister citirt. — Feldmann u. Flamm. 42- Mit Kleinem fängt man an, mit Großem hört man aus. 43- So was, daS sollt Einem g'sagt früher werd'n. — Flamm, Theod. 44- Keine Rose ohne Dornen. 45 Ge« sundheit und ein recht langes Leben. 46. Jedes Häferl hat sein Drckerl. 47. Repertoire-Couplet. — Flamm u. Wimmer. 48- Wann er nur a klan'S Bisserl z'ruckdenken thät. 49- So behilft sich halt Zeder, so gut als er kann. — Gottsleben, L. 50. So hat eine edle Handlung oft einen ganz gemeinen Grund 51. Verschiedene Ursachen. — Grois, Louis. 52- Na, daS kennen wir schon! Ä3. Pfui Teufel, das ist selbst dem Teufel zu schlecht. 54- Wir bedanken uns sehr. — Grünn, Johann. 55- Was ein Narr ist. 56. Chineser-Louplet. — Gründorf. 57- Nöthi wär's net, aber nothwendi war's. — Haffner, Carl. 58- Da find's mäuserlstill. 59- Es steckt was dahinter, ich wett. — Hopp, Friedrich. 60. Wann der mein Kapperl hätt'. 61- Ja, ich kann's nit ändern, es is halt a so. — Juin. 62- Aber a solche gibt's leider in dieser Welt nicht. 63- Wozu Mancher eigentlich geboren. 64- Fiakerlted. 65- Das wissen die Götter, wohin daS soll führen. 66- Da wird einem heiß kalt — warm! Ungeheuer genannt! Inhalt des dritten Heftes: Kaiser, Friedrich. 67- Ich bitt' meine Empfehlung, eS wäre schon gut. 68- ES muß ja nicht gleich stin. 69- Da braucht nian beim hellichtea Tag a Latrrn. 70. Jetzt das g'hört auf ein anderes Blatt. 71. Die find halt g'scheidt. 72. Das ist so nobel und so billig dabei. — Langer, Anton. 73- WaS ist der Unterschied- 74- Aber da mag Keiner net. 75- Da g'hört ein sehr starker Glauben dazu! 76- Es schaut nur gemeiner auS. 77- Zu früh und zu spät. 78- Man kann sich's wohl denken, aber sagen darf man's nicht. 79- Wann mich der fragen thät. — Mrgerie, Eher. 80. Marsch mit dem in d'Butten- 81. Man muß nur den günstigen Zeitpunkt erfragen. -- Nestroy. 82. Und 's ist Alles net wahr. 83. Stern-Lied auS »Lumpaci*. 84. Auf waS ßß Mancher hinauSwachsen kann. 85. DaS wär ganz etwas Neu'S. 86- Und man kommt auf kn» Grund. 87. Es ist alles uralt, nur in anderer G'stalt. 88. Ja, hat denn die Sprach' da kein a»' deres Wort. — Varry, A. 89. Ob der die Wahrheit wird sagen. Inhalt des vierten Heftes: Krrg, B F 1- Da such' ich in mein' Büchel. — Berg u. Grün. 2 - Mensch und Thier. — -erst, B. F. 3. Das steht lOOOOmal. — Berta, Alois. 4 So machen Ein'm die Kinder nix als Aerger und Verdruß. 5. Lonseqnenzen 6 - Zs 's a Wunder? 7- Wir wollen uns fretten. g. Moderne Waffengattungen. — Mtner, Ant. 9. Das is a Malheur. 10 . Hm, hm, hm! — Muk, Alois. 11. So schaut's mit den neuen Erfindungen aus. — Böhm, Josef. 12- Wertraut sich da zu fragen? 13. So a Ansicht thut Einem weh. — Eberhart, Nik. 14- Was a Kunst is. — Elmar, Carl. 15- Und ein Solcher geht um und'n Andern sperr'ns ein! 16. Das sein glückliche Leut'! 17. Ackcrlied. 16. So sängt mau halt' wieder beim alten Zopf an. 19- Ob Viele- nit wohlthätig war. Feldmann, L. 20 . Aeaderung g'spüren. — Flamm, Throd. 21. Wasch' mir'n Pelz, aber mach' mir'n nit naß. 22- Die Vögel kennt man an den Federn. 23. So lang wir nit mehr hab'n. — Friese, C. A. 24- Das Lied von der Lrinoline. 25- Gute Nacht. — Grand- ,esn, M. A. Da? doppelte Gesicht- — Grois, Louis. 27. Lied ohne Reime. 28- Uhren-Lied. — Lrün, Johann. 29- Wo steckt der Teufel? 30. Traum-Couplet- — Pfundheller, I. 31 Das Hot nicht die Zeit gemacht. — Hassner, C. u. Weihrauch. 32- Erst das Geschäft und dann das Vergnügen. — Juin, Carl. 33- Nimm Dich selbst bei der Nase. Inhalt des fünften Heftes: Juin, Carl. 34. Schlechte Sprichwörter. 35- Einmal ist keinmal. 36. Was Hännschen gelernt hat, läßt Hanns nimmermehr. 37. Za, fragen ist leicht, aber antworten schwer. 38 Es gibt kein Mensch einen Groschen dafür. — Kaiser, Friedrich. 39. Da hört's halt auf Unterhaltung zu sein. 40 Im hundertsten Jahr. 41. Haben muß man's, aber brauchen soll man's nicht. 42. Wir hoben halt Heuer a g'segnetes Jahr. 43. Wann man nur früher eine Prob' halten könnt'. — Kola. 44- Der ganze Papa! — Langer, Anton. 45. Jedes Ding hat zwei Seiten. 46- Wie muß denn der da hineinkommen sein? 47- Sie red't nur a so. 48- Jetzt, der wird fich's noch a Wkil überlegen. 49. Ist das praktisch? 50. Biblisches Couplet. 51. Was mich nicht brennt, das blas' ich nicht. — Megerte, Ther. 52. So kommt Mancher zu was. 53 Was unser Eins nit sagen darf. 54- So sind wir wieder dort, wo wir früher schon waren. — Megerte, Jul. 55 - Was dm Wienern abgeht. — Merlin, Hugo. 56 Nebelbilder. — Morländer. 57. Gegen die Dienstboten Hab' ich a Wuth. — Moser, I. B 58. Der Hans! kann's nit, der HanS aber kann's. 58 koste restante. — Nestroy, Joh. 60- Tarock-Lied. 61- Teufels-Lied. 62 Die heimliche Eisenbahn. — Post, I. K. 63- Ja, die haben halt ka Glück. Inhalt des sechsten Heftes: Schönau, Carl. 64. Beim Bücken! — Schönau, Joh. 65- Rebus-Lied! 66 - Waa s ma's denn? — Stix, T. F. 67. Man glaubt nicht, was die reichen Leut' die kleinste Freud' oft kost't! 68 . Ah, da draus is net z'geh'n! — Tesco, W. 69. Der Traum von der Hölle 70- Glocken-Couplet. — Treumann, C. 71. So was heißt deutsch g'red't. 72- Unsere Sachen dürften auch nicht schlecht sein. 73- Ein bisserl mehr stolz sein, das könnt' uns nicht schaden. — Wysbrr. 74. Einer kann's nit richten. — Berta, Alois. 75- Na freili was denn? — Berg, B- F- 76. Da hört me dann nix mehr. 77. Der Eine hat Däs- 76- Aber man g'wöhnt am End' schon All's. — Mtner, Ant. 79 . Bis Mx —. — Blank. 80. Da steckt der Teufel d'rin. — Elmar, Carl. 81 Man muß net zu viel begehren. 82- Hozat iS! — Juin, Carl. 83. Moderne Uebersetzung 84 3» freilich! — Langer, Ant. 85- Zwanzig Jahre machen halt ein' großen Unterschied! 86 Couplet aus: »Der Actiengreißler.« Jedes Hest wird auch einzeln abgegeben Wallishaufser'sche Buchhandlung (Joses Klemm) in Wien Don Leopold Feldmann find im Verlage -er ^ " Muc^anäEung (Josef Klemm) erschienen: Deutschs iArigj«ur--L«Kfpiete. II. Baud. 1847: Der Pascha und sein Sohn. — Ein Freundschafts-Büridniß. — Ursprung des KorbgeberiS-- Eine unglückliche Physiognomie. — Drei" Kandidaten. III. Band. 1849 r Ein höflicher Monn. — Der dreißigste November. — Ein Mädchen vom Theater. — Bm Beisel« und sein Hofmeister Dollar Etsel» in München. — Der Lebensretter. IV. Band. 1849: Der Rechnungsrath und seine Töchter. — Der deutsche Michel, oder: Familien-Unruhen. — Kai und Schale. — Ahnenstolz in der Klemme. — Bekenntnisse eines Brautpaares. — Llß Narreuhaus. - V. Band. 1831: Faustin I-, Kaiser von Haiti. — Ein altes Herz. — Die beiden Kapellmeister. — Das W' mahl zu Luxenhain. — Der neue Robinson, oder: das goldene Deutschland. VI., Band 1851kl Die beiden Faßbinder, oder: Reflexionen und Aufmerksamkeiten. — Die beiden Schicksalsbrüder Dir Industrie-Ausstellung, oder: Reise-Abenteuer in London. — List und Dummheit- Preis eines irden Bandes 2 Thlr. oder 3 fl. In neuen Auflagen erscheinen demnächst: Die Kirschen. — Die freie Wahl. — Die schöne Mhenienseriu. Druck und Papier von Leopold Sommer » Tomp. i» Wie». De» Bühnen gegenüber als Mauuseript gedruckt. « « H Dramatische Ktudie in einem Act voll Carl Gründorf. Im k. k. Hoftheater in Wien mit sehr großem Beifall aufgeführt. Personen: 8aron Hohenstein. Christian, Kammerdieners im Hause des Helene, seine Gattin. Lisette, Stubenmädchen s Barons. i>r. Braun. (Die Handlung spielt in dem einsam gelegenen Jagdschlösse des Barons, einige Stunden von - der Residenz entfernt.) (Rechts uud links ist, vom Schauspieler aus, zu nehmen.) Eleganter, dunkelfarbig gehaltener Salon im Rococo-Style. — Prachtvolle Möbel. — Ein 3ug der Behaglichkeit geht durch das ganze Möblement. Der Charakter ,des Salons streift nahezu an das Romantische. — Rechts im Vordergrund ein Tisch mit Sofa. Links Speise- 6sch, welcher gedeckt wird. — Im Hintergründe Etageren rc. rc. — Rechts und links Seiten- thüren. — Im Hintergründe eine breite und hohe Eingangsthüre mit schweren Damast- Wiener Theat.-Rep. Nr. »7S. 1 2 Vorhängen. DaS Fenster links vorne von langen dunkelfarbigen Vorhängen halb bedeii, Recht- vorne ein Kamin mit Gesimse und Stehuhr. — Dunkelfarbig gehaltene Fauteuils ^ rings im Salon zweckmäßig und geschmackvoll placirt.) Erste Scene. Christian, Lisette. Christ, (ein bejahrter, circa 50jähriger, etwas steifer Kammerdiener, dessen Aeußeres schon verräth, daß er lange Jahre im Hause des Barons — schwarz gekleidet, mit weißer, hoher Halsbinde). Lis. (ein ganz junges, üppiges und liebenswürdiges Kammerkätzchen). (Beim Ausrollen des Vorhanges decken Christian und Lisette geschäftig den Tisch links vorne zunächst dem Fenster. Lisette wirft schelmische Blicke nach dem stumm-steifen Christian. als wollte sie ihn zum Sprechen ausfordern. Kleine Pause. — Nach einigen Sekunden des stummen Spieles, während Lisette eifrig beim Decken des Tisches hilft, beginnt sie zu sprechen.) Lis. Nun, Herr Christian? Christ, tzuoi? Lis. Bei mir „cfiioit." sich nichts, mich müssen Sie deutsch fragen. Christ. ?ourch nicht unempfindlich gegen alle! (Sie lägt ihm mit einer Serviette leise aus die chulter.) Zum Beispiel: ein gewisser itter der Verschwiegenheit könnte mir ahrlich gefährlich werden. Christ, (sür sich). Sie avancirt, ich tirire! — (Laut.) Der Tisch ist gedeckt! - Rufen Sie die gnädige Frau Baronin! Lis. Ach! das hat ja noch Zeit! — laudern wir noch ein halbes Viertel- mdchen; Sie waren jetzt schon so schön 'Zuge.- Christ. Im Zuge? (Er sieht sich rasch >1, als ob's da etwa zieht.) Oü lloue? Lis. Ja,ja, Sie wollten mir eben sagen, Halb der Herr Baron mit seiner jun- n. schönen Frau hier in dem einsamen, rlaffenen, verödeten, unheimlichenJagd- >iosse so ganz zurückgezogen lebt. Christ, (erstaunt). Noi? Ich hätte ollen? Lis. Gewiß! — Also nur schnell, lieber Hristian! (Sie streicht ihm zart um das oa) Wenn Sie wüßten, was das heißt, in einem Hause dienen, wo's ein Geheim- niß gibt; — die mittelalterliche Folter ist ein reines, feines Lustspiel dagegen! Diese Tortur wird mein Christian mir nicht anthun wollen! Nicht wahr, Chri- stianchen? Christ, (einen Arm um sie schlingend). O! Eva! — Ave? — O! (Er drückt sie mit einem Arm an sich.) Lis. (sich an ihn schmiegend). Nur ein klein wenig Offenbarung! Bitte, bitte, bitte; Sie werden es nicht zu bereuen haben. (Sie legt ihm die Hand um den Hals.) Christ. M dien! — So höre denn, Du moderne Auflage der antiken Poti- phar! (Sich erst vorsicktig umsehend.) Non- Zieur Io paron, der Freiherr von Hohenstein, lebte als reicher und unabhängiger Cavalier still und geräuschlos in der Iwmäoueo. Größtentheils aux ötuäv8> dem Studium der Klassiker und der Chemie — (spricht aus »Schemie«) sich widmend, kümmerte er sich wen g um die soi-äisant große Welt. 803 gnatres xi1ow8 — Lis. Was? Christ. Seine vier Pfähle waren ihm sein Liebstes, sein Studierzimmer sein Sanctnaire! Und ich war ihm 8on tour — sein AlleS! 0 viel! das war ein Göt- terleben! Lis. (schelmisch). Kann mir's lebhaft denken! Christ. Da — 8axri8ti! — wär's doch nie geschehen — da besucht der Herr- Baron wieder einmal das Theater, was er selten und nur dann that, wenn w ksxsrwire elkMZiguo ihn dazu verführte, und da sah er uuo kom eine Dame im Theater, welche sein sonst so friedliches Innere Wut ü kait revoltirte. — Er besuchte von dem Tage an jeden Abend das Theater. — Wieder eines solchen Abends — 0 womoraudtz trmw! — man gab eben »des Meeres und der Liebe Wellen* — hörte er im Foyer des Theaters im — 4 Vorübergehen, wie ein junges,^ feines Cavalierchen in despeclirlicher Weise von der jungen schönen Dame in der Parterre- Eckloge sprach. — Ein Wort gibt das andere — Monsieur 1s daron fordert ihn, die Beiden schlagen sich auf Pistolen, der Geforderte hat den ersten Schuß und seine Kugel streift in sehr gefährlicher Weise das linkseitige Schläfenbein meines Gebieters und verletzt dadurch dessen linkes Auge. Lis. Das ist ja entsetzlich! — Ehrist. So rief auch ich, als ich den gnädigen Herrn mit diesen meinen Armen t)l6886 in sienen Wagen trug und ihn dann, eollnuo iuauiluo, — wei leblos — nach Hause brachte. Nou äiou! — (Er zerdrückt eine Thräne.) Kaum war der erste Verband nothdürftig im Walde angelegt, als ich auch schon den armen gnädigen Herrn tourmonto in einen Reisewagen dringen und hierher transxortor lassen mußte. — Das Duell war tont ü l'llouro in der Residenz xudligus geworden Nonsisur Io daron hatte nämlich noch, so viel Besinnung, auch seine Pistole rasch abzudrücken und — seine Kugel traf den Gegner—zusto milieu — iu's Herz. — Er war sofort mort eonnno uns souris — d. h. mausetodt! Unsere Reise hierher sah einer b'uito — einer Flucht — so ähnlich, wie die Mundtaffe der Frau Baronin da der des Herrn Barons! Lis. Die Geschichte ist ja hochromantisch! Christ. Ist aber leider kein Roman! — Jetzt Hab' ich Ihnen äeja trox gesagt für einen alten Kammerdiener, der verschnür — Lis. (ihm schmeichelnd). Sie sagen es ja nur mir, und ich bin — Ehrist. (beruhigt). Auch? Lis. (rasch einsallend). Verschwiegen wie das Grab! — Gewiß, gewiß! — Was hat denn aber der fremde junge Mann eigentlich über die Dame in der Parterreloge gesagt? Christ, (polternd). Lapristi! Seid H, Mädchen scheußlich neugierig! Lis. Entweder Alles wissen odergo, nichts! — Also, liebster Christian, nm heraus damit: was sagte er? Christ. Er sagte — (sich beherrschen! und die Hand vor den Mund haltend). Der schwiegen wie das Grab! — I^uäsiMi — andern Tags — nach unserer Anklms in diesem Schlosse — früh Morgens fährt eine äiliAoueo oxtraoräinairs vor aus derselben steigen äoux äamss, in de zierlich-keuschen Tracht der barmherzige, Schwestern, und bitten, den schwervn mundeten, noch immer bewußtlos dalit genden Baron pflegen zu dürfen. — De Arzt führt sie sofort zum Kranken. Z, dankte dem Himmel für diesen unerwai teten Lueeurs. l^os äoux äamss pflege meinen Gebieter wie die leibhaftigen En gel. Namentlich die Jüngere ist inLti ^adle; sie wacht Tag und Nacht, gm sich nicht Ruhe noch Rast, ein wahre eoour ä'auAo! kurz und gut, Nonsien Io daron genest! Lis. Gott sei gedankt! Christ. Wer aber war die Jüngere kst-66 HU6 V0U8 1s 83.V62? — Wo glauben Sie? Lis. Doch nicht die — Christ. Ja wohl die —für die- das heißt für deren Ehre er sich K schlagen. Lis. Das ist ja herrlich! Dasistköi lich! Das ist entzückend! — Herr Ehr stian, Sie sind ein Prachtexemplar vo einem verschwiegenen Kammerdiener! diese Mittheilung verdienen Sie einr Kuß! — Wollen Sie ihn? Christ. Oui,j o Io voux! (Küßt sie ho» ceremoniös und zart.) Lis. Aber jetzt weiter! Christ. Als der Herr Baron gE war, ließ er sich in aller Stille, in Geg« wart des Schulmeisters und in nM Gegenwart, vom Ortspfarrer m 5 traulichen Dorfkirche au da8 äs cbLtean trauen. Lis. (Pfiffig.) Mit der barmherzigen Zchwester? Christ. Oni, mit der Jüngeren; denn die Aeltere war die Tante unserer gnädigen Frau, die vorgestern in die Residenz mckgekehrt ist. Lis. Herr Christian, Sie find ein 8ngel! Christ, (sie in die Wange kneipend). Und öie eiu äiMs, aber in verdammt englischer Gestalt! — äans uns ÜAurs u>zjai86! — Sie haben mir mein Ge- beimoiß entlockt, wie faäis die gewisse, ^schließlich privilegirte Besitzerin der Minischen Bücher einst dem gewissen römischen König son rräsor — feinen Zchatz zu entlocken wußte. (In komischem Zorn.) 0 mon äien! Ich war bisher immer so verschwiegen wie — Lis. (einsallend und lachend). Das kennen ck schon. — Beruhigen Sie sich, meine Aschen Lippen wird das Geheimniß niemals überschreiten! Christ, (die Hand hinhaltend), karole i donnern! Lis. (kinschlagend). Auf Stubenmädchen- Parole! Christ. Ah 8Lpri8ti! — Aber jetzt Grober die gnädige Frau Baronin, ich Milde appeler Nonmsur 1s daron! (Im ^chen.) O Frauengeziefer! Warum seid M nicht ohne Zunge erschaffen worden! Wir säßen noch alle im Paradiese, — in »»er Verfassung eommo il kaut! — (Er l'bt nach rechts ab.) Lis. (ihm nachsehend). O Männer, Män- heroisches Geschlecht, wie seid Ihr "och so schwach ! (Ab nach links, lacht beim Wen.) (Die Bühne bleibt einige Augenblicke leer.) Zweite Scene. Baron (aus der rechten Seitenthür), Baronin (aus der linken Seitenthüre tretend). (Baron, elegant gekleidet, trägt eine schwarze Binde über dem linken Auge) (Baronin in geschmackvollem Morgennegligs.) Bar. (eilt ihr entgegen und küßt sie innig aus die Stirne). Besten Morgen, liebstes Kind! Baron. Gut geschlafen. Arthur? Bar. Herrlich! Mir träumte von Dir! Baron. Schmeichler! Bar. Theure Helene! (Er küßt ihr die Hand.) Baron, (setzt sich aus ein Fauteuil, vor welchem der gedeckte Tisch steht, sie schenkt dann rasch Thee ein). Bar. (setzt sich ebenfalls aus ein Fauteuil links vom Tische). Dritte Scene. Vorige. Christian. Christ, (servirt ein sogenanntes deutsches Frühstück, Thee mit Schinken rc.; Baron und Baronin fangen sofort zu essen an). Bar. Alles in Ordnung im Hause? Christ, laut! Bar. Meine Befehle genau vollzogen? Christ. Oni! — ton8 1s8 troi8! Bar. (lächelnd). Nichts Neues? Christ. ?a>8 än tont! Bar. Gestern keine Briefe und Zeitungen angelangt? Christ, ^on! Der Bote aus dem nächsten Marktflecken, der allwöchentlich einmal kommt, ist ein Quartalsäufer und hat eben jetzt fein Quartal! (Ab.) Bar. (ihm lachend nachsehend). Etwas bizarr, aber eine treue, verschwiegene Seele! — Christian ist auch eine Erb- 6 schaft, die mir mein theurer Vater hinterließ! Ich liebe deßhalb den alten Burschen und bitte Dich, ihm ebenfalls gut zu sein. Baron. Er trug Dich ja einst auf seinen Armen! Dieß ist für mich hinlänglich Grund, ihm herzlich zugethan zu sein. Bar. (ihr die Hand küssend). Süßes Weibchen! — Doch jetzt ein Wort an Dein Vertrauen! — Helene! — Fühlst Du Dich so zufrieden hier, wie ich es wünschte — wie ich es hoffte? — Du hast Augenblicke, wo Du Dir selbst nicht anzugehören scheinst — und in solchen Augenblicken, — ich gestehe es Dir, — überkömmt mich ein Gefühl der Bangigkeit. — Ein unbehagliches, ahnungsvolles Klopfen des Herzens erschwert mir das Athmen, die Pulse überholen sich fast in ihren hastigen Schlägen; — in solchen Augenblicken — Baron. Nun? Bar. (rasch). Sieh! Ich fürchte, Du liebst mich nicht, wie ich Dich liebe! Baron, (ihm die Haare von der Stirn streichend). Kind! Bar. Sieh, Helene! Wenn Deine liebliche Stirne sich kraust, wenn Dein treues, seelenvolles Auge sich umflort, wenn Deine Lippen zucken, dann glaub' ich, Du fühlst Dich da in unserer Einsamkeit, mit mir so ganz allein, nicht behaglich, nicht glücklich! Baron, (vorwurfsvoll). Du quälst Dich mit Fantomen! — Dein geängstigt' Herz mag ruhig schlagen; — jeder Pulsschlag meines ganzen Seins gehört Dir, Dir ganz allein! Jeder Gedanke ist Dein Eigenthum! Dein eigenstes, innerstes Eigenthum! (Sie steht ihm zärtlich in's Gesicht.) Bar. Helene, ich danke Dir! Und ich schwöre es bei meiner Ehre, nie mehr soll auch nur einen Augenblick länger ein Schatten von Trübsinn zwischen mich und Deine reine Seele treten. — Doch gesteh' es offen, Du sehnst Dich nach einer Freundin? Barou. Za, Arthur, die Abwesenheit meiner Tante, die mich wie eine Mutter erzogen hat, — und die ich auch wie me Mutter liebe, thut mir weh! — Du weist ja, Arthur, wir Frauen sind nun einmal ganz besonders organisirte Naturen - wir bedürfen der Mitteilung an ein anderes, uns gleichstehendes, weibliche? Wesen. Eine solche Vertraulichkeit ist na? wohlthuend wie dem Seefahrer die frische Brise! — Nur dem Weibe kann das Weib das innerste Herz erschließen, nur dem Frauenherzen ist es ein Bedürfnis, der Mutter, der Freundin gegenüber, gar kein Geheimniß zu haben. Bar. (überrascht). Helene! Du betonst dieß so seltsam, daß ich fast glauben könnte, Du habest vor mir ein Geheimnis das Du gern los werden möchtest, das Dich drückt? —Helene! — Jst's wirklich so? Baron. Ja und nein. Bar. (rasch). Wie soll ich das nehmen? Baron. Nur ruhig, bewegtes Blut! — Ich habe ein Geheimniß! — (Baron macht eine Bewegung.) Das heißt ich hattr eines, ein winzig kleines, schuld- un- harmlos, kindisch fast, kindhaft jedenfalls! — doch wissen sollst Du es --wissen mußt Du es! — Ich machte mir längst im Stillen darüber Vorwürfe, daß ich Dir dasselbe nicht sogleich mitgetheilt habe — Es greift zwar in jene Zeit zurück, als ich ein kaum siebzehnjähriges, kindisches Mädchen war, — doch — Bar. (betonend). Gehört es jetzt ganz der Erinnerung an? Baron, (die Hand aufs Herz legenb)- Ganz! Bar. Dann beschwöre ich Dich. mir das Geheimniß niemals zu eröffnen — Gib mir Dein Wort, daß Du niu dasselbe niemals offenbaren wirst, u» nimm dafür das meine, daß ich's nie vo Dir fordern werde! Baron, (rasch). Arthur! — Wen Du mich liebst, wenn Du Dir meine gnu 7 Laune erhalten willst, so gestatte mir endlich den Schleier zu lüsten, der über mei« min Herzen liegt und mir oft den Humor umflort. Bar. Sei doch nicht kindisch! Mit dem tinen Worte, daß nur mehr die Vergangenheit ein Anrecht auf Dein zartes Ge- heimniß hat, hast Du ja für alle Zeiten selbst den Schalten jedes Kummers, Zweifels oder Argwohns weithin verbannt. — Ich bin jetzt vollkommen beruhigt. Du siehst, ich lächle wieder, und ich bitte Dich, liebstes Weibchen, in allem Ernste, sprich nicht mehr davon. Baron. Arthur! Du thufl sehrUnrecht, mir zu verwehren, Dir mein Herz ganz zu eröffnen. Sieh', es können Augenblicke kommen, glaub' es mir, wo es Dich gereuen dürfte, daß Du mir für immer die Zunge gebunden Haft. Bar. (mit Stolz und doch mit Wärme), solche Augenblicke werden niemals kommen! — Ich bin Cavalier, und was ich einmal mit meinem Uajor-äowu8 da — >^f's Herz zeigend) abgemacht habe, das ist abgethan für immer!—Denn es heißt: Noblesse odlixe!« — (Aufstehend.) Was Du mir sagen könntest, mag wohl Tir in Deiner frommen Seele bedeutend »scheinen; — doch Du sagtest vorhin selbst: es sei ein kindhaftes, fast kindisches beheimniß! — Dieß ist mir genug! — Wozu soll es erst noch über Deine schönen ?>PPen treten? — Nein! Nein! — so rst's bester! — Du gibst mir Dein Wort, daß Du mir Dein Geheimniß nie mehr ^bietest, und ich schwöre Dir. daß ich's lliemals anhören werde! Baron, (mit einem Seufzer). Du willst so, nun wohl! —Es sei! — (Sie reicht ihm die Hand, die er innig küßt. — Im sel- °eu Augenblicke ertönt ein Posthorn. Beide Hachen aus.) .Bar. Welchen Gast verkündet uns dieses Harnes Ton? Wer sucht mich hier in stillem Dachsbau auf? " Baron. Wer immer es sei, er soll als Gast willkommen sein. (Mittlerweile ist das Tönen deS Posthornes immer näher gekommen.) Wie lieblich sich diese Klänge in's Herz einschmeicheln! Seid willkommen, ihr poetischen Töne, in der lauschigen Einsamkeit des Waldlebens!- (Bei den letzten Worten ist der Ton des Posthorns so nahe gerückt und so laut geworden, als ob eben der Wagen ganz zum Thor herangesahren wäre.) Bar. (am Fenster). Eine geschloffene Postkutsche! Wen mag dieses seltene Fuhrwerk bergen? (Im selben Augenblick hört mau das Rollen des Wagens unter dem Thorweg.) Bar. (zum Fenster hinaussehend). Alle guten Geister! mein verschollener Freund Moriz Braun entwindet sich mühsam der schwerfälligen Kalesche. Baron, (zuckt bei den Worten »Moriz Braun«, wie von einem elektrischen Schlage getroffen, zusammen). Bar. (beim Fenster stehend, dieß nicht bemerkend). Denke Dir, Helene! mein Stu- diengenoffe und Jugendgespiele Moriz Braun, der seit drei Jahren gänzlich verschollen war, sucht mich da Ln meiner Waldeinsamkeit auf! — Du verzeihst schon, die Freude ist zu überraschend; ich muß ihm entgegeneilen, muß ihn sofort in meine Arme schließen! Baron, (mit äußerster Austrengung ihre Ruhe bewahrend). Ich werde diese Zeit benützen, um dieses Morgenkleid mit einem passenderen zu vertauschen. Bar. Thue das, mein Kind! Doch beeile Dich! — denn ich brenne vor Sehnsucht, Dich, das Lichtbild meines Daseins, dem Freunde vorzustellen. Baron. Ich eile! — (Für sich.) Himmel, wozu jetzt diese Prüfung? (Ab.) 8 Vierte Scene. Baron allein, gleich darauf Moriz, später Christian. Bar. Jetzt ihm entgegen! — Mir klopft das Herz! — (Er eilt zur Thüre, im selben Augenblicke stürzt Moriz Braun schon zur Thüre herein und direct in die Arme des Barons. Beide halten sich längere Zeit in stummer Umarmung innig umschlungen.) Bar. Moriz, sei mir willkommen, aus vollster Seele willkommen! Mor. (ist ein Mann von circa 30 Jahren mit stark gebräuntem Gesichte und vollem Barte und trägt Reisekleider). Der Himmel segne meinen Eintritt in Dein Haus! Bar. (innig). Und verwehre Dir für immer den Austritt! (Sie umarmen und küssen sich nochmals.) Doch jetzt setze Dich und rechtfertige Dich, Du böser, guter Freund! Weßhalb bist Du vor drei Jahren bei Nacht und Nebel verschwunden, ohne irgend einer Menschenseele, ohne selbst mir »Lebewohl« gesagt zu haben? Mor. Du warst eben auf Deinem Landgute, und — offen gestunden — wenn Du auch in der Residenz gewesen wärest, ich hätte wohl in meiner damaligen Stimmung selbst Dir keinen Abschiedsbesuch gemacht. Bar. Was, um's Himmels willen, was konnte Dich bewegen, bei Nacht und Nebel davon zu gehen, ohne mir zu sagen, weßhalb und wohin? — Vor Allem aber setze Dich! (Sie setzen sich aus's Sosa rechts.) Mor. Höre und urtheile! — Du weißt, daß von jeher das Studieren der Medicin mein höchstes Ziel, mein Alles war. Als ich, mit des Himmels und meines Fleißes Hilfe endlich den Doctorhut errungen und das Diplom in der Tasche hatte, war rs selbstverständlich mein sehnlichster Wunsch, mein Wissen alsbald zu erproben, meine Kunst auszuüben. Der Zufall führte mich der Erfüllung meiner Wünsche beflügelt entgegen. — Es warn, kaum vier Wochen vergangen, so wurde ich eines Abends um 10 Uhr in das Haus einer sehr angesehenen,, in meiner nächsten Nähe wohnhaften BürgerfaM gerufen, woselbst an dem hochbetagten Vater rasch eine gefährliche Operation vorgenommen werden mußte. — Und denke Dir, als ob der Zufall ganz in meinem Solde stünde und nur noch auf meinen Befehl arbeite, war dieß gerade jene Familie, deren einziges, kaum siebzehn jähriges Töchterchen längst schon im Stillen meine Aufmerksamkeit erregt, auch meine Blicke freundlich erwidert, und sogar einen meiner liebeglühenden Briefe schüchtern zwar und jungfräulich zart, aber dennoch beantwortet hatte. Ich trage den Brief jetzt noch auf meinem Herzen! — (Zeigt aus seine Brusttasche.) Ich war selig bei dem Gedanken, dem lieben, then- ren Kinde durch meine Wissenschaft de« Vater zu erhalten, und hiedurch sicher Herz und Hand zu gewinnen.-Ach, ich war zu selig! — Meine Hand zitterte vor Aufregung wie die eines Uebelthä- ters; — die Nähe Derjenigen, die ich liebte, wirkte gefährlich auf mich ein und erhöhte meine Befangenheit; ich warum es mit Einem Worte zu sagen — die Operation mißglückte, der alte Mann starb — unter meinen Händen. (Er zerdrückt eine Thräne.) Bar. (legt ihm die Hand auf die Schulter). Armer Freund! Mor. Wie ein Verbrecher floh ich aB dem Hause! Nicht ein Wort des Abschiedes richtete ich an irgend eine Seele; - nicht eine Zeile hinterließ ich dem Ideal meiner ersten und einzigen Liebe! — R eilte auf den Bahnhof, nur das Nötigste mit mir nehmend, und fuhr wie eia Wahnwitziger mit dem nächsten Zuge nach Hamburg, von dort ging's über's Meer Als das Schiff vom Ufer abstieß, da war es mir, als stünde mein süßer Eng« trauernd am Rande und winkte mir Ab- 9 schied zu! — Verzeihung las ich in den Nicken, ich weinte; — und erst auf den tosenden Wogen der hochgehenden See fand ich meine Mannheit, meinen Lebens- muth. mich selbst wieder. Bar. (drückt ihm warm dieHand). Daran erkenn' ich meinen Moriz! Mor. Drüben in den buntbewegten Lchacherstädten der Union, wo man nebeneinander hinrennt mit der rücksichtslosesten Hast des Erwerbes, kaum Gruß oder Beachtung schenkend, dort lernte ich überall mit rasendem, krankhaftem Eifer, besuchte alle Spitäler, drängte mich an den Herd der Epidemien, scheute keine Gefahr und wurde denn auch bald ein Arzt »wie er sein soll«. — Als solcher kam ich nun zurück, eilte in die Residenz, erfuhr da von Deinem Portier nach langem Bitten und Fragen, daß Du Dich unglücklich duellirt und dann schwer verwundet in Dein Jagdschloß zurückgezogen habest. Du warst der Erste, den ich aufsuchen wollte; Du solltest auch der Einzige aus damaliger Zeit sein. —Ich nehme sofort Extrapost. fahre hierher und — (heiter) da hast Du mich nun, und da bleib' ich, — auf kerevis! — so lange, als Du mich bei Dir behältst. Bar. (freudig). Wirklich? — Dann bleibst Du immer! — Doch jetzt sage mir auch, wer ist die Göttin Deiner ersten, einzigen Liebe? Mor. Hab' ich Dir das noch nicht gesagt? — Nun so höre: Der Gegenstand meiner ersten Neigung ist — Ehr ist. (rasch eintretend und laut mel- dknd): Die Frau Baronin! (Ab.) Fünfte Scene. Vorige. Baronin (tritt ein). . Mor. (erschrickt bei ihrem Anblicke, für UH).- Helene! Bar. (dieß nicht bemerkend, weil er sich bereits zur eintretenden Baronin hingewendet hatte). Liebes Weibchen, hier stehst Du meinen Freund und einstigen College» Herrn Doctor Moriz Braun. Baron, (mit äußerster Anstrengung ihre Ruhe bewahrend). Ich heiße Sie willkommen! Bar. (sehr heiter). Aber Kinder, seid doch nicht so ceremoniös wie im englischen Oberhause. (Zur Baronin.) Reich' ihm doch die Hand, dem alten Jungen! (Zu Moriz.) Und Du, schüchterner Irans- ^.t1an1ieu8! Hast Du die Galanterie »da drüben* ganz verlernt? — Küste doch meiner Frau dieHand. die, wie ich glaube, wohl des Küssens werth ist. (Die Baronin reicht dem Doctor die Hand, die dieser jedoch kaum mit den Lippen berührt; trotzdem erbebt die Baronin leise bei dem Handküsse.) Bar. (für sich). Sie scheint mir heute so seltsam bewegt. Sechste Scene. Vorige. Christian. Christ, (im Eintreten). Gnädiger Herr Baron, der Förster hat heute Nacht zwei Wilddiebe erwischt und hat sie eben in s Schloß gebracht. Kr bittet auf einige Augenblicke um Gehör. Er will wissen, yuoi er mit den Frippons anfangen soll. Bar. (humoristisch und lächelnd). Er soll sie laufen lasten. Wir Alle sind mehr oder weniger Wilddiebe im Reviere des Glücks! — Jeder sucht sein gut Theil zu erbeuten! — (Zu Christian.) Uebrigens sage ihm, ich komme gleich selbst, um ihm noch andere Aufträge zn ertheilen. Christ. Lsrvies! (Ab.) Bar. (zur Baronin und Moriz). Ihr entschuldiget schon, ich bin gleich wieder zurück! — Moriz, erzähle indessen meiner Frau Deine amerikanischen Abenteuer uiü> — 10 — vor Allem das Kapitel von Deiner romantischen Jugendliebe. — Das wird sie interesfiren! Mor. (betonend). Glaubst Du? Bar. Ganz sicher. Liebesgeschichten hören junge Frauen immer gerne. — Also au ruvoir a disutot! (Rasch ab.) Siebente Scene. Baronin. Moriz. Später der Baron. (Kleine Pause.) Baron, (nimmt ihr Sacktuch, trocknet sich die Lippen und setzt sich erschöpft in den Fauteuil links). Mor. (sie ansehend und sein Herz befühlend, als wolle er dessen Klopsen erdrücken). Helene! Baron, (mit erzwungener Ruhe). Nennen Sie mich nicht so. Mor. Haben Sie mir verziehen? Baron, (fast tonlos). Ja. Mor. (ihre Hand erfassend und sie brünstig küssend). Helene! Baron. Ich beschwöre Sie — sprechen Sie nicht in diesem Tone zu mir. Mor. (leidenschaftlich). Geben Sie mir die Kraft, meiner stürmenden Natur Einhalt zu gebieten, ich kann es nicht. Sie— die Frau meines Freundes! — Ich vermag es nicht diesen Gedanken ganz zu fassen! Sagen Sie nur ein beruhigendes Wort! Bannen Sie den Zauber, der mich hier umfängt. Baron. Wohlan denn! Hören Sie! (Sie bedeutet ihm, sich zu setzen). Mor. (setzt sich aus einen Fauteuil nebenan, jedoch durchaus nicht etwa zu nahe zur Baronin). Baron. Als Sie, — nach jener unglückseligen Nacht — eben so plötzlich als spurlos verschwunden waren, blieb wohl, — ich gestehe es, — lange, lange Zeit eine wunde Stelle in meinem Herzen — doch endlich vernarbte sie. Mein Herz war ja so jung!-Vor einigen Monaten bemerkte ich allabendlich im Theater in einer Loge ersten Ranges einen eleganten jungen Mann, dessen feurige Blicke auf mir hafteten wie die Versen genden Strahlen der Aequatorsonne. Eines Abends entsteht plötzlich im Foyer des Theaters eine höchst peinliche Scene. Ein junger Dandy, der mich längst mit seinen Blicken verfolgt, und der mich auch an diesem Abende wieder in unserer Loge beobachtet hatte, äußerte zu einem andern gleichgesinnten Bürschchen, daß es jammerschade um mich sei, weil ich— so zu sagen in halber Kindheit noch — mit Studenten Liaisons unterhalten habe! — Diese so beleidigende Aeußerung hört Baron Hohenstein, für dessen Ohr dieselbe wahrscheinlich bestimmt war; — er fordert das vorlaute Bürschchen, tödtet es, ward aber im Duell selbst schwer verwundet.- Ich erfahre dieß, eile mit meiner Pflegemutter an sein Krankenbett, warte und pflege ihn mit dankbarem Herzen. - (Sie legt die Hand auf's Herz.) Er hat st für mich eines seiner schönen, seelenvollen Augen verloren! (Sie zerdrückt eine Throne.) Für mich, für meine Ehre! — Als er genas, bat er mich sofort um meine Hand und ich gab sie ihm mit dankbarstem Herzen! — Er liebt mich abgöttisch und ich verehre ihn innig! — Jetzt wissen Sie Alles — und glauben Sie mir: die innigste, feurigste, ursprünglichste Liebe in des Weibes Brust ist kein so heiliges Palladium der Treue, als das Gefühl deS Dankes, das Bewußtsein der Verpflichtung! (Kleine Pause.) Mor. (aufstehend). Sie haben Recht, Frau Baronin! — KolrlEk oblixe (Lr zieht einen Brief aus der Brusttasche.) Nehmen Sie zurück, was nicht mehr wer» ist! — Ich trenne mich freiwillig von der einzigen Reliquie meiner Jugend! (Er küst den Brief und überreicht ihn dann.) 11 Barou. (besieht den Inhalt des Briefes; für sich). Ah, mein Brief! (Laut.) Ich danke Ihnen! (Verbirgt den Brief.) Mor. Ich will mich znr Sühne für den momentanen Aufruhr meines Herzens gegen die Pflicht derFreundschaftfür immer aus Ihrer Nähe verbannen! — (Er nimmt den Hut und will gehen.) Baron. Nicht doch! Sie sollen bleiben! — Sie dürfen bleiben! Meine Liebe zu Arthur ist eine so reine, beseligende, von Pflichtgefühl durchgeistigte Empfindung, daß Sie ganz ohne Gefährdung in meiner Nähe weilen, meines Arthurs Freund bleiben und sogar mein Freund werden können. Ich war ergriffen, ja erschreckt, als ich Sie hier so plötzlich wie- dersah, die Erinnerung machte in dem Momente — ich gestehe es — ihr volles Recht mit Ungestüm geltend; allein in diesem Gewirre von Empfindungen fand sich doch mein Herz alsbald wieder zurecht, und jetzt ist's wieder ruhig da drinnen, ganz ruhig! — (Ihm die Hand reichend.) Sie können bleiben, lieber Freund! Mor. Frau Baronin, verzeihen Sie, daß ich es offen sage: ich gehe um meinetwillen! Ihr Herz fand freilich im Sturme der Gefühle rasch die sichere, untrügliche Boussole in der Gattenliebe; was aber um als Arzt zu sprechen — was soll mich schützen, vor einer gefährlichen Reci- dive?! — Um meinetwillen, lassen Sie mich gehen und für immer scheiden! — Auch ich will endlich Ruhe finden. — (Bewegt.) Deßhalb leben Sie wohl! (Er küßt ihr die Hand und wendet sich zum Gehen. -- 3m selben Augenblicke tritt der Baron rin, Moriz bemerkt ihn, eilt aus ihn zu, drückt ihn stumm in die Arme und eilt dann rasch jur Mittelthür hinaus.) (Kleine Pause.) Bar. (ibm nachsehend) Was bedeutet das? Baron. Er geht! Bar. Ja, das seh' ich! Baron. Er geht für immer! Bar. Für immer? — Was soll das heißen? Baron, (legt den Finger auf den Mund). Bar. Wie? Ich sollte nicht fragen, was das bedeutet? — Helene! Baron. Ich darf Dir's ja nicht sagen! — Du willst es nicht. Bar. Ich will es nicht? Ah! —das ist nicht übel! Baron. Du hast mir's strenge ver- boten! Bar. Wie soll ich das verstehen? — Erkläre Dich doch näher! Baron, (ihre Hand um seinen Hals legend). Mußt' ich Dir nicht mein Wort darauf geben, Dir mein Jugendgeheim- niß niemals zu offenbaren? Bar. (rasch in gespannter Erwartung). Ja, ja, allerdings! — Das ist wahr! aber wie hängt denn dieß mit meines Freundes plötzlichem Abschiede zusammen? Baron, (zärtlich). Kurzsichtiger! Dieß ist einfacher, als Du glaubst! (Zieht den Brief aus der Brust und öffnet ihn.) Kennst Du diese Handschrift? Bar. Die Deine! Baron. Datum? Bar. Mai 1867. Baron. Und die Adresse? Bar. (die Adresse besehend). Dr. Moriz Braun! Baron. Ganz richtig! Bar. Moriz? Baron, (aus den Brief zeigend). Da hältst Du mein ganzes Geheimniß in der Hand! Bar. Ach! Jetzt versteh' ich Alles! Also Er? —Mir fallt doch eine Riesenlast vom Herzen! Baron. Siehst Du, liebes Männchen: mit Geheimnissen soll man nicht spielen, sie wuchern über Nacht und wachsen unter der Hand wie Unkraut. (Schelmisch.) Gesteh' es nur: auch Cavaliere find in diesem Puncte sterblich! 12 Bar. TheureS, einziges Herz! — Du hast Recht! Also niemals ein Geheimniß. Baron, (sich in seinen Arm schmiegend). Niemals! — Doch jetzt sage mir, Du gestrenger Cato! — Ist Deine Vergangenheit denn so ganz und gar geheimniß- los? Bar. Meine? — Ja, ganz! oder vielmehr nein! — Doch nicht so ganz! Das heißt — ich will Dir nur sagen — Bar. (ihm den Finger ans den Mund legend). Du wirst mir gar nichts sagen, liebes Männchen! Du wolltest mein Geheimniß nicht annehmen, und ich verzichte jetzt auf die Deinigen! Denn es heißt ja: »Noblesse adlige!« (Baron umarmt sie zärtlich; ein Posthorn ertönt leise; der Vorhang fällt langsam. Der Postillon bläst das Lied: »Muß ich denn zum Städtele 'naus?«) Ende. Zn der Wallt-Hausser'fchen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Stadt, hoher Kackt Nr. 1, find erschienen: aus LIM den beliebtesten Wiener Posten. Sechs Hefte. Preis eines jeden Heftes 50 kr. öftere. Währ, oder 10 Sgr. Inhalt des ersten Heftes: Berg, B F. 1. Da möcht' i halt das G'wissrn sein. 2- Requisiten-Couplet. 3. Figuren-Louplet 4- Nachher wird eS schon wern. 5. Glöckchen-Couplet. 6- Biblische- Couplet. 7- Falsche Benennungen. 8- Dann ist sie da die bessere Zeit- 9. 'S gibt halt doch gute Leut'. — Berg u. Grün. 10. Volkslieder. 11. Aber geb'n thut's eS nit. — Bert«, Alois. 12. Jetzt da war'- halt Noth, daß wer antauchen thät. 13. Wann ich nur einen ganz kleinen Anhaltspunkt hätt'. 14. Zu was daun die Feindseligkeit gegen das Thier. 15- Lachcouplet. 16- Aus einer Chronika- 17 Früchte, die verboten find. 18- Falsche Ansichten. 19- Französische Worte. 20. Mythologie-Couplet. — Berta u. Mtner. 21- Ohne Umschneiderei. 22- Die papierene Zeit. 23- Ein Trauerspiel — kein Trauerspiel. — Mtner, Anton. 24- Thier-Couplet. 25. DaS ist noch Geheimviß. 26 Wer hätt' es geahnt. 27. 6dronin dem Raube der Sabinerinnen, kurz, ms man gut deutsch — ein Sittenzeug- >iß nennt. Faust. Ihre Zeugnisse lassen nichts u wünschen übrig, aber die Hauptsache st. Sie gefallen mir. (Gibt ihm die Zevg- >>ssk.) Paul. Das ist mir lieb. Taust. Meine Bedingungen kennen rie? Paul. Ja. Faust. Sind Sie zufrieden? Paul. Ja. Nun hören Sie aber die »einen. Faust. Sie find kostbar. Paul. Verfügen Sie über alle meine Mllluisse und Fähigkeiten, Frau Baro- "a, aber meine Person muß frei bleiben. ..Faust- (mit Pathos). »Ich kann nicht o>ustrndiener sein!* Paul. So etwas dergleichen. Ich will mit einem Worte arbeiten, aber nicht dienen. (Er steht auf.) Faust, (steht auf, sieht ihn einen Augenblick an und bietet ihm dann die Hand). Unser Vertrag ist geschlossen. Paul (ergreift ihre Hand). Faust, (zieht ihre Hand zurück, humoristisch). Nein, noch nicht. Ä geht noch Eins ab, das Wichtigste, wie gefalle ich Ihnen? Paul. Bis jetzt vortrefflich. Faust, (schalkhaft). Nun, ich hoffe, ich werde Ihnen immer besser gefallen. Paul (herzlich). Ich hoffe auch. Faust, (geht bis in die Mitte des Hintergrundes, dann über die Schulter zu ihm). Ihr Zimmer wird sofort eingerichtet. (Sie zieht an der Glockenschnur.) P aul. In einer Stunde stehe ich Ihnen zur Verfügung. (Er nimmt seinen Hut und geht um den Divan zur Thüre rechts.) Faust. Ich erwarte Sie. Adieu! Paul (verneigt sich tief, dann ab rechts). Faust, (bleibt in der Mitte in Gedanken versunken stehen). 9. Scene. Faustina. Anna. Anna (von rechts). Faust, (vor sich). Seltsam! (Zu Anna.) Der Mann gefällt mir. Anna. Mir auch. Frau Baronin, er hat etwas Resolutes. Man merkt, er war Soldat. Faust. (Sie geht bis^zum Klavier und fährt mit der Hand über die Tasten.) Was fangen wir nun an, bis er zurückkehrt? (Sie geht nach vorne gegen das Sopha.) Anna. Das Pferd steht gesattelt. Faust, (wirst die Reitpeitsche auf den Divan in der Mitte). Ich reite nicht. (Sie gebt bis zum Fenster rechts.) Ich will zur Promenade. (Man hört Peitschenknallen von der Straße herauf.) Was ist das? 6 Anna. Herr meines Lebens, wir haben ja die Schlittage vergessen! Faust, (durch das Fenster blickend). In der That. Da find fie Alle, Kollzoff, unsere Armida von der Oper, Moklwrtz 1V. Scene. Vorige. Setzerjunge. Setzers. Hier ist die Correctur, aber — Faust, (nimmt fie, sieht sie an). Nun? Setzers. Ich soll fie gleich wieder mitbringen. (Zieht sich in den Hintergrund zurück.) Faust. Gut. Und das Dejeuner? Anna. Alles bereit. (Ab rechts.) Faust, (im Abgehen nach rechts.) Ich werde mich beeilen und bin im Augenblick wieder da. (Ab rechts.) 11. Scene. Setzers, (bleibt an der Thür rechts). Graf (wie früher). Madeleine (schöne üppige Blondine in veilchenblauem Sammt- kleid). Haase (schwarz gekleidet, etwas dick, lichtblond, das Haar glatt nach vorn gekämmt, Schnurrbart und Backenbart). Fanni (in buntem Seidenkleide). Margarethe (ebenso). Salomon (überladene bunte Toilette, große Uhrkette, Busennadel, Ringe, gelber Teint, krauses, schwarzes Haar in die Stirn gewachsen, Backenbart). Judith (schwarzes Seidenkleid, grellrotheJacke u. gleiche Sammt- kappe, viel Schmuck). Mollwitz (elegant srisirt, kleinen Schnurrbart, Zwicker). Pfotenhauer (graues Haar, grauer Bollbart, graue Pantalous und Weite, schwarzer Frack). Horn (wie früher). Alle von links. Es wird angenommen, daß die Gesellschaft die Schlittenpelze im Borsaal abgelegt hat. Der Gras führt Madeleine. Haase Fanni, Mollwitz Margarethe, Salomon Judith. Dir Gesellschaft löst sich sofort nach ihrem Eintritt in Gruppen aus. Judith blättert an dem Tische im Hintergründe l. in einem Prachtalbum. Madeleine setzt sich an das Lla»in und präludirt. Horn spricht mit ihr. Eal». mon und Psotenhauer setzen sich an den W vorm L. und converfiren. Fanni und Rüi- garethe setzen sich aus den Divan in der Milt mit dem Rücken gegen das Publicum, tzuj steht vor ihnen und unterhält fie. Haase lviü von Mollwitz auf das Sopha vorne rechli gezogen.) Mollw. Es ist mein gutes Glück, das ich Sie heute erwische. Haase. Freund, Advocat, Deputirter, ich bin in derSchisieo bis über die Ohren, meine Gläubiger wei den grob, grob sage ich Ihnen. Wassel ich anfangen? Meinen Stammbaums« einen guten Rath. (Spricht mit Haase.) Mad. (ohne sich zu bewegen). Graf! Graf (eilt zu ihr). Sie befehlen? Mad. Mein Tuch, es ist im Pelz gt blieben. Graf (rechts ab). Horn (zur Gesellschaft). Die RefidtNj trauere in Sack und Asche, Signora M deleine, unsere gefeierte Primadonna, ha den Schnupfen. Jud. (ohne sich zu bewegen). Datei komm' einmal! Sal. (geht rasch zu ihr). Graf (von rechts, bringt Madeleine d« Tuch). Mad. (nimmt es, ohne zu danken). Graf (kehrt zu den Damen zurück). Jud. (zu Salomon). Siehst Du. dasi die Ausgabe des Reinecke Fuchs, die u haben will, Papa. Sal. Sollst fie haben, meine Tochter Jud. Die Zeichnungen find von Ka»l bach, sie kostet nur 30 Thaler. Sal. 30 Thaler! bist Du gescheM Jud. Aber ich bitte Dich, ein Gem von Göthe kann ja gar nicht bezahlt B den. Sal. Don Göthe ist der Plunder Jud. (halblaut). Aber Vater, Du M uns wieder bloß. . Sal. Göthe! Wie kann an Göthe" was Besonderes sein, der ganze M 7 kostet mich I Thaler 15 Silbergroschen, ich bitte Dich, höre mir auf. (Er geht nach vorne.) Jud. (ihm folgend). Willst Du, daß ich weine? Sal. (zärtlich). Nein. Du sollst nicht weinen, meine Tochter, Du sollst düs Buch haben. Jud. (leise). Und thu' mir nur das Eine und sprich nicht über die Literatur. Sal. Warum soll ich nicht sprechen über die Literatur? Ich kann sie bezahlen die ganze Literatur, warum soll ich nicht sprechen vsn dem, was ich zahle? Jud. (mit erhobenen Händen, leise). Ich beschwöre Dich, man lacht über uns. Sal. Wer lacht? Bist Du nicht erzogen wie eine Prinzessin? Jud. Meine Bildung ist auch mein einziger Stolz, aber Du bist ein Barbar. Sal. Ein Barbar? Warum soll ich sein ein Barbar? Ich esse kein Menschenfleisch. (Setzt sich wieder au den Tisch vorne links.) Jud. (beugt sich über seine Lehne und spricht leise mit ihm weiter). Haase (zu Mollwitz leise). Das Beste ist, Sie heiraten. Mollw. Gut. Ich heirate, aber wen? Haase. Unsere kleine Orientalin dort. (Zeigt mit dem Auge auf Judith.) Mollw. Der alte Salomon hat viel Geld? Haase. Jüdisch viel Geld. Mollw. Aber die kleine Judith ist sehr romantisch, und ich weiß verdammt wenig von der Literatur. Haase. Lassen Sie sich ein Conto beim Buchhändler eröffnen. Mollw. Famos! Haase. Sie bezahlen es so nicht. . Mollw. Aber die Baronin? Ich bin shr erklärter Anbeter. Wissen Sie was. uh heirate beide. Haase. Sie Türke! Mollw. Pardon, ich meine, ich mache mich an Beide und die mich zuerst nimmt, nun — die hat mich. Horn. Wo ist heute Herr Dr. Ber- nard, unsere medicinische Leuchte? Marg. (vorlaut). Seine ausgedehnte Praxis erlaubt es ihm nicht an unseren phantastischen Vergnügungen theilzuneh- men. (Zu Fanni.) Ich habe es Vernarb verboten. Wenn er da ist, brennt der Boden hier unter meinen Füßen, die Luft riecht sogar frivol, diese Madeleine, sieh' doch ihre Juwelen, das ist doch zu russisch! Und die Baronin — Fanni. Die Baronin ist eine Cirene. Haase. Liebes Kind, zügle deine fatale Leidenschaft für Fremdworte, Du stellst uns bei jeder Gelegenheit an den Pranger. Cirene! es ist nicht zu glauben. Du willst Sirene oder Circe sagen. Mad. (ohne sich zu bewegen). Meine Herren Deputaten, wie steht es mit der Civilehe, ist Aussicht vorhanden, daß die Kammer das Gesetz annimmt? Pfotenh. Das Resultat der Abstimmung ist noch zweifelhaft. Horn. Morgen bringt mein Blatt einen Artikel der Baronin, welcher alle unsere Gegner niedersäbelt. Dann folgen die Reden unserer Deputaten, ich höre sie alle sprechen, unseren Advocaten, unfern großen Haase. Haase. Bitte! Horn. Unser Finanzgenie Salomon. Sal. (rasch zu Judith). Hörst du, meine Tochter. (Verneigt sich dann.) Horn. Unfern Vertreter der Industrie, den Vater der Arbeiter, Pfotenhauer. Psotenh. (verneigt sich). 12. Scene. Vorige. Faustina. Faust, (in der früheren Toilette von rechts, die Correctur in der Hand). Ich grüße Sie, meine Damen, meine Herren. 8 Alle (erheben sich, sie zu begrüßen). Faust, (zu Horn). Hier ist dieCorrec- lur. (Geht zu dem Tisch vorne l. und klingelt, zwei Diener bringen einen gedeckten Tisch und stellen ihn vor den Divan in der Mitte, dann gehen sie ab.) Horn (verneigt sich, sieht die Korrektur an und gibt sie dem Setzerjungen). Graf (indem erzu dem Fenster rechts geht). Die Musen find abgefertigt, wir entführen Sie setzt zur Schlittage, Baronin.; Mollw. Der Hof seine Fürstin. Mad. (fixirt die Toilette Faustina's und kömmt nach vorne). Graf. Sie find immer geistreich, Kapitän! Setzers, (s. ab). 13. Scene. Vorige ohne Setzerjungen. Faust. Vorher ein kleines Dejeuner (Ladet mit einer Handbewegung ein.) Machen Sie die Hausfrau, Haase. Haase. Ich? / Faust. Sie sind mein Advocat, TlSie müssen mich in Allem vertreten. - I(Sie steht jetzt vorne links, den Rücken ge- ^gen das Publicum.) - I M 0 l l W. (macht ihr den Hos). ! Mad. (setzt sich auf das Sopha rechts). ^ ^ (DieUebrigen bis aus den Grafen grup- piren fick um das Dejeuner uud bedienen sich. Fanni, Marg. aus dem Sopha in der Mitte, die Anderen stehend, Haase schenkt die Gläser voll und bedient Fanni. Gras bedient Made- leine. Ju d. (kömmtmit einer Assiettezu Faustina). Denken Sie, mein Vater will keine Rede halten.) Faust. Warum nicht? Jud. (leise). Es fällt ihm nichts ein. Fa ust. Er wird sich bei dieser Debatte mit Ruhm bedecken, lassen Sie nur mich machen. Jud. (gehtzudem Sopha links,setzt sich M ißt). Haase (mit einer Bouteille in der HM Faustina betrachtend). Superbe Toilette! Frau Baronin, Sie sehen ganz wie eine jener russischen Despotinnen aus, die über Millionen Sclaven geboten. Jud. Papa! Sal. Ja. Jud. Ein Glas Wein. . t Sal. (bringt es ihr, kehrt zum Lr> §)jeuner zurück). Faust. Wir find alle Despotie nen, lieber Haase, und wenn wir gleich der großen Katharina Jemand zu unserem Günstling erheben, so bleibt er doch M unser Sclave. Vergesse das Niemand (Sie blickt aus Mollwitz und setzt sich rechte an den Tisch.) Bringen Sie mir eine As' fiette, Sclave. Mollw. (eilt zum Frühstücktisch und kehrt mit einer Assiette zurück). Faust. Und ein Besteck. Jud. Mollwitz, lieber Mollwitz, bittk schön, ein kleines Brod. Mollw. Im Augenblick (er rennt 'L /Zum Frühstücktisch, bringt das Besteck. §tdann Judith das Brod.) Pfotenh. Haben Sie das kleine Buch gelesen, welches so allgemeines Auf« sehen erregt? Faust. Was für ein Buch? Mollwitz, Sie lassen mich verhungern. Mollw. Gleich. (Eilt zum Dejeuner, holt eine Schüssel.) Faust, (bedient sich). Pfotenh. Eine Novelle: »Die Ar« beiteriv. * Horn Und Sie errathen den Ver« fasser nicht? Sal. (zu Judith). Soll ich sagen - Göthe? Jud. (mit erhobenen Händen). Stillst sollst Du. (Laut.) Mollwitz, bitte etwas Zu essen. Horn. Wer kann so etwas schreibe» als Faustinu Löwenberg? 9 Mollw. (rennt mit der Schüssel V z° Judith). 2s Jud. (bedient sich). Faust. Sie sind zu gütig. Mollwitz, eine Serviette. Moll. Ich fliege. (Er eilt, setzt die Schüssel ab und bringt die Serviette.) Jud. (leert ihr Glas). Bitte, Mollwitz, nehmen Sie mein Glas. Mollw. Befehlen Sie nur. (Stellt es auf den Tisch.) Mad. (fetzt sich zu Faustina, humoristisch). Nun, welches Schicksal hat Ihre originelle Annonce? Haben Sie »einen Mann« gefunden? Faust. Ich glaube ja. Haase, Einen Secretär? Faust. Ja. Mollwitz, Sie lassen mich verdursten. 5- Mollw. (bringt Faust, ein Glas, ^ schenkt ihr ein). ^ Faust. Ich glaube, ich habe einen vortrefflichen Fang gemacht. Mich täuscht der erste Eindruck nie. Sal. Der Jnstinct des Weibes steht immer schärfer als die Vernunft des Mannes Zu d. Aber Papa! Mollwitz, bitte eine Serviette. H ä Wo llw. (bringt sie). 2^s Mad. Sie machen mich neugierig. Faust. Es ist ein junger, interessanter Mann von zugleich herben und feinen, ich möchte sagen brittischen Manieren, ein Mann von vielseitigerBildung. ein Mann von Geist, ein Charakter. Mad. (bei Seite). Sie wird sich in ihn verlieben. Faust. Aber Mollwitz, Sclave, ich habe kein Brod ! ^ ^ Mollw. (bringt ihr eilig Brod, bei Seite). Ich verliere noch den Athem. Jud. Papa! Sal. (eilt zu ihr). Jud. Wische mir den Mund ab. Sal. (thut es). Pfotenh. Nach dem Erfolge Ihrer Novelle, Frau Baronin, bin ich auf Ihren Artikel über die Civilehe auf das Aeußerste gespannt. Faust. Ich habe für unsere Sache ae- than. was in meinen Kräften stand. Ich erwarte nun auch von Ihnen, meineHerren Deputaten, daß Sie sich energisch an der Debatte betheiligen, daß Sie unsere Gegner mit Gründen niederschmettern. Mad. Für den Beifall auf den Gal- lerien werden wir sorgen.(Sie applandirt.) Haase. Sie können überzeugt sein — Pfotenh. Anmir wird es nicht fehlen. Faust, (steht auf, gebt nach rechts zu Sa- lomon). Was werden Sie in der Kammer sagen, weiser Salomon? Sal. Ich? — gar nichts. Faust. Sie werden doch eine Rede halten? Sal. (schüttelt den Kops). Jud. Wenn ich in der Kammer säße, Papa, so würde ich gleich eine Rede halten, und ich bin erst 17 Jahre alt. Horn. Wirklich? Jud. Wollen Sie meinen Taufschein sehen? Sal. (zu Judith). Was Taufschein! Ich bin noch nicht 15, willst Du meinen Taufschein sehen? Jud. Aber Papa! Faust, (links von Salomon). O Sie wollen uns nur überraschen, Salomon, Sie werden reden, und wie werden Sie reden! (Sie legt die Hand auf seine Schulter und lehnt sich an ihn.)' Sal. Wie werde ich reden? Gar nicht werde ich reden. Jud. (ebenso wie Faust, von rechts). Papa, bitte, bitte. Sal. Reden ist Silber, Schweigen — Gold (er nimmt eine Hand voll Dukaten aus der Hosentasche und schüttelt sic) und Gold ist mir lieber. Faust, (zur Gesellschaft mit Humor). Beeilen wir uns mit der Emancipation des Weibes. Da haben wir einen Mann, 10 der Deputirter ist, der gewählt wurde, um in der Kammer zu sprechen und keine Rede halten will, und hier steht eine Frau vor Ihnen, welche nicht Deputirter ist, und jeden Tag eine Rede halten möchte. Oh! wenn ich nur einmal, ein einziges Mal, auf einer Rednerbühne stünde, wie würde ich sprechen! Sal. Nun, wie würden Sie sprechen? Horn. Hallen Sie eine Rede. Baro- nin. . Graf. Jud. Mollw. Bravo, Alle »Bravo! durch-! Sal. Haase. Marg. Eine einan- »Rede! eine Rede! der ! Fanni. Mad. Pfotenh. Ja! Ja! Ja! Alle (umgeben vorne in der Mitte Fau- stina). Horn (sehr rasch). Hier auf der Stelle. Wir bilden das Parlament. Alle. Bravo! Bravo! Jud. Sprechen Sie über die Eman- cipation. Mad. Eine Rede über den Despotismus. Sal. Ueber die Civilehe sollen Sie reden. Horn. Pfotenhauer ist Alterspräsident. (Rückt den Tisch von links in die Mitte.) Mollw. (stellt einen Fauteuil vor denselben). Jud. (holt rasch die kleine Glocke). Sal. u. Haase (schieben den Divan vorne in die Mitte). DieUebrigen (eilen um Fauteuils und stellen sie vorne im Halbkreise von links nach rechts, zwischen den Souffleurkasten und den Präfidententisch gegen das Publicum). Horn (die Sessel rangirend). Hier die Linke. Mad. Jud. Fanni. Marg. Wir find die Linke, für die Emancipation. Horn (wie oben). Hier die Rechte. Graf. Mollwitz, wir find die Rechte, wir opponiren gegen die Emancipation. »S- s Sal. Haase. Uns bleibt nur dal Eentrum. (Setzen sich auf den Divan.) Horn. Ich verstärke die Rechte. Faust. Renegat! Horn. Nur heute. Alle (nehmen Platz in folgender Ordnung: von r. nach l. Mollw., Graf, Horn, Sal, Haase, Marg., Fanni, Mad. Faust., Zad.). Pfotenh. (an dem Präsidententisch). Horn. Wir find beschlußfähig, die Verhandlung kann beginnen. Pfotenh. (läutet). Ich eröffne die Sitzung; auf der Tagesordnung steht- Damen. Die Emancipation. Herren. Die Civilehe. Äs Faust. Ich bitte um das Wort. Pfotenh. (läutet). Die Baronin hat das Wort. Jaust, (geht langsam hinter den in die Mitte gerückten Frühstückstisch, so daß sie hinter demselben wie aus der Tribüne eu ka«6 gegen das Publicum erscheint). Damen. Bravo! Bravo! Horn (rückt mit dem Sessel und scharrt mit den Füßen). Unruhe auf der Rechten. Pfotenh. (läutet). Faust. Meine Herren! Horn. Bitte, es sind auch Damen da. Mad. Wir find ja eigentlich die Herren Faust- Meine Herren! Indem ich dal Wort ergreife, um Ihnen die Civilehe zu empfehlen, übersehe ich die Gründe, mit denen sich die Gegner derselben waff- nen, durchaus nicht. Ich höre ihre erbaulichen Predigten, mit denen sie den Tob aller Moral, die Emancipation des Weibes ankündigen. Ich spreche es offen aus, unsere Gegner haben theilweise Recht Mollw. Horn. Graf. Hört! Hört! Faust. Die Reform der Ehe ist der erste Schritt zur Befreiung des Weibe§ aus den Fesseln barbarischer und finsterer Zeiten. Mollw. Graf. Horn. Oho! Damen. Bravo! Bravo! Sal. Haase. Hört! Hört! Faust. Unsere Zeit ist eine mensch- 11 kichere, ich frage Sie aber, ist die Ehe auch heute noch viel mehr als ein Kauf? Horn. Hört! Hört! Faust. Uebernimmt der Mann nicht die Sorge für die Existenz des Weibes und verkauft ihm das Weib nicht dagegen seine Schönheit, seine Freiheit? Horn. Graf. Mollw. Oho! Damen. Bravo! Faust. Wir wissen, wie selten dieser schlimme Handel von beiden Seiten mit vollem Bewußtsein, mit freiem Willen eingegangen wird, wie in der Regel das unreife Mädchen unbedacht, unerfahren, willenlos Pflichten für ein ganzes Leben übernimmt, welche das Weib dann nicht immer erfüllen kann. Damen. Bravo! Faust. Sie haben jedoch kein Recht, das Weib dafür zu schmähen, zu peinigen, nicht über die Einzelne, nicht über das Geschlecht brechen Sie den Stab, sondern über ihre eigenen Satzungen, an deren Einrichtung das Weib keinen Theil gehabt hat. Ich bin Atheistin in der Liebe, ich glaube nicht an den einen Gott der Liebe. Es wird nirgends so leicht ein Fehler in der Rechnung begangen, als wenn man mit Charakteren und mit Herzen rechnet. Soll jede Täuschung zum Fluche für ein ganzes Menschenleben, ja für kommende Geschlechter werden? Soll ein Vertrag, den beide Theile bereuen, nicht gelöst werden dürfen? Nein, suchen wir unsere Einrichtungen mit den Gesetzen in Einklang zu bringen, die wir in uns tragen. Ist eine neue Ehe unsittlicher, als die eine heilige, die jeden Tag gebrochen und entheiligt wird? Deßhalb fordere ich Sie nicht nur im Namen der Menschlichkeit und Wahrheit, sondern eben im Namen jener Moral, welche unsere Gegner so sehr bedrängt sehen, auf. für die Zivilehe m stimmen. Horn. Unruhe auf der Rechten. 2-s Damen. Bravo! Bravo! Faust. Sie dürfen aber dabei nicht stehen bleiben. Horn. Hört! Hört! Ls Mollw. Graf. Oho! Faust. Die Emancipation des Weibes ist eine Pflicht des Jahrhunderts. Graf. Mollw. Horn (scharren mit den Füßen). Oho! Oho! Pfote nh. (läutet). Horn. Ich bitte die Rednerin zur Ordnung zu rufen. Graf. Ich bitte um das Wort. Mollw. Ich auch. Damen. Nein! Nein! (Tumult.) Pfotenh. (läutet). Redner hat das Wort. Faust, (die Arme aus der Brust verschränkt). Wie sie zittern, wie sie eifern gegen die Befreiung des Weibes! Diese stolzen Herren der Erde, die am Ende doch nichts find als unsere Knechte, unsere Plantagenneger. Nicht von der Emancipation des Weibes sollte die Rede sein, sondern von der Emancipation des Mannes. Horn. Hört! Hört! Ls Damen. Bravo! Bravo! Faust. Ihr laßt Jehova zu dem Weibe sprechen: Er soll dein Herr sein! aber Jehova hat nirgends gesagt: Er wird dein Herr sein! es find eure Ketten, die Ihr löst, denn Ihr seid unsere Scla- ven! Herren. Oho! Oho! Ls Damen. Bravo! Sehr gut! (Tumult.) Faust. Wir genießen. Ihr arbeitet für uns. Damen. Bravo! Fanni. Ihr seid unsere Zeloten! Haase. Heloten, Fanni. Heloten! Faust, (mit Humor). Unsere Plantagen find eure Werkstätten, eure Comptoirs, eure Bureaux. 12 (Tumult. Unterbrechung.) Mollw. Graf. Horn (stehen auf, scharren, zischen). Damen (stehen auf, applaudiren). Pfotenh. (läutet). (Der Tumult dauert fort.) Faust, (steigt herab). Pfotenh. Ich erkläre die Sitzung für geschloffen. Damen (umringen Faustina). Bravo! Bravo! Hoch Faustina! Horn (zu den Herren). Wir bringen eine Katzenmusik. Miau! Miau! Miau! Jud. Wir einen Fackelzug, wobei Sie die Fackeln tragen muffen. (Verneigt sich gegen die Herren.) Horn. Wir find freie deutsche Männer! Herren (um ihn links). Freie Männer! Faust. Unsere Sclaven seid Ihr ! Damen (um sie rechts). Unsere Sklaven ! (Zeder stellt seinen Sessel zurück. Horn den Tisch.) so daß Paul, wenn er eintritt, sie nicht sehen kann). Alle (folgen ihr bis aus Faust., Sal., Zud.). Sal. (nimmt Faustina vorne an der Rampe unter den Arm). Baronin! edler! Weib, — Sie find ein edles Weib, nicht I wahr? Schreiben Sie mir eine Rede. Faust. Ich? Sal. Ja, Sie. Sehen Sie mich an. Ich werde sprechen. Ein Mann, ein Wort. (Bietet ihr die Hand.) Faust, (schlägt ein). Ein Weib, ein Wort, ich schreibe Ihnen die Rede. Jud. (jubelnd). Und ich studiere sie Dir ein. Papa, ich, mit Action. (Stellt sich, die Hand in der Brust.) Meine Herren! Ha! ha! ha! Du wirst Alles nieder- schmettern, Papa. Sal. Das will ich auch, so wahr ich Salomon heiße. Niederschmettern! 14. Scene. Vorige. Paul. Haase. Ich protestire, ich bin kein Sclave, nicht wahr, Fanui? Fanni (lachend). Mein Plantagenneger bist Du. Haase. Ah! Damen (lachen). Mollw. Trage ich etwa auch Ketten? Damen (lachen). Faust. Freilich! Jud. Doppelte! Mad. Dreifache! Graf. Aber ich, meine Damen? Damen (lachen). - Sal. Und — moi? Damen (lachen). Sal. Es hilft nichts, wir find Sclaven! Damen. Sclaven! Unsere Sclaven! Mad. (geht zum Klavier, setzt sich und präludirt, den Rücken gegen das Publicum, Paul (von links, geht bis vorne und verneigt sich). Hier bin ich, Frau Baronin, und stelle mich zu Ihrer Verfügung. Mad. Diese Stimme! (Sie erhebt sich, blickt scheu von der Seite aus Paul und wankt.) Er ist es. Faust, (wendet sich in demselben Augenblicke zur «Gesellschaft, um Paul vorzuftellen, so daß sie von der Rampe aus die ganze Scene überblickt). Graf (zu Madeleine). Was ist Ihnen? Mad. (Preßt die Hand an das Herz und sinkt um). Fanni (zu ihr eilend). Hilfe! Wasser! Graf (ebenso). Sie stirbt. Alle (bis auf Paul schreien aus und umgeben Madeleine). Faust. Einen Arzt! Paul. Ich eile. (Sehr rasch links ab.) 13 13. Scene. Vorige ohne Paus. Jud. Sie kommt zu sich. (Unterstützt Madeleine.) Fanni. Sie schlägt die Augen auf. (Ebenso.) Fanui und Jud. (führen Madeleine langsam zu dem Sopha links). Graf. Faust, (kommenrechts nach vorne). Graf. Wer war der Mann? Faust, (ohne aus seine Frage zu antworten, Madeleine ansehend). Sie sank um, als fie seine Stimme hörte. (Sie geht in die Mitte, wo sie stehen bleibt.) Mad. (blickt aus Faustina). Weh' ihr, wenn fie ihn liebt. Ich bin nicht glücklich, es soll Niemand glücklich sein. Faust, (sürsich). Welch ein Geheimniß! (Der Vorhang fällt.) 2. Act. (Kleines vornehm elegantes Boudoir bei Faustina. Der Boden mit kostbaren Teppichen belegt. Rechts vorne ein Sammtdivan, vor demselben ein Tischchen mit Büchern und Zeitungen. Links vom Divan ein elegantes Büchergestell, rückwärts links eine Thüre. Borne ein Fenster, an demselben eine Staffelet mit einem Mgefavgenen Bilde, vor demselben ein kleiner Sammtfauteuil, aus dem eine Palette liegt und an dem ein Malerstock lehnt. Auf dem Boden ein Farbenkasten. Die Mitte der Hin- tknvand nimmt ein großer Kamin ein,- aus bissen Sims Nippes und chinesisches Por- jtllan stehen. Ein lebhaftes Feuer im Kamin, bor demselben zwei kleine Sammtfauteuils, kin Schemel, r. und l. vom Kamin je ein großer Spiegel, unter demselben ein kleiner 2üsch. Gemälde an den Wänden. Abend. Helle Erleuchtung durch eine große Ampel von oben.) 1. Scene. Faustiua. Anna. Faust, (liegt in einem silbergrauen Seidenschlafrock mit kleiner Schleppe, das Haar von einem rubinrothen Sammtbande gehalten, aus dem Divan). Anna (bei dem Kaminfeuer beschäftigt, mit dem Rücken gegen das Publicum). Faust. Alle Welt ist überzeugt von meiner Krankheit. Anna. Ja, aber der Arzt? Faust. Laß' mich nur machen. Ich freue mich wie ein Kind. Endlich ein Abend, wo ich behaglich, wo ich allein sein kann. Anna. Mit ihm. Faust. Ja denn, mit ihm. Anna (nähert sich Faustina). Paul ist Ihnen angenehm. Faust. Das ist nicht das Wort. Er ist mir interessant. (Sie horcht.) Man kommt. (Sie springt aus.) Du weißt, was Du zu sagen hast. Schnell fort. (Eilt rechts ab.) 2. Scene. Anna, Haase und Fa nni (beide von links im Straßenanzug). Anna. Die Frau Baronin ist recht leidend, fie wird aber im Augenblicke hier sein. Fanni. Ah! es sollte uns leid sei», wenn wir stören. Anna. Durchaus nicht. (Rechts ab.) 3. Scene. Vorige ohne Anna. Haase. Ich habe Dich bis hieher geführt, mein Kind, nun darf ich wohl zu meinem Proceß zurückkehren. 14 Fanni. Meinetwegen. (Setzt sich aus den Divan und nimmt eine Zeitung.) Hanse. Es ist ein großer, wichtiger Proceß, den die Bank — Fanni. Laß mich in Frieden mit deinem Proceß. (Liest weiter.) Haase (nähert sich zärtlich). Wenn ich ihn gewinne, liebes Kind, bekömmst Du — nun rathe einmal. Fanni (ohne aufzublicken). Bist Du noch da? Haase. Wenn ich den Proceß gewinne, bekömmst Du — rathe doch. Fanni. Ich will nicht rathen. Haase (setzt sich zu ihr). Du bekömmst Diamanten wie die Baronin. Fanni (Haase cokett von der Seite ansehend). Diamanten? sie werden mir gut stehen. Haase. O gewiß, (kr ergreift ihre Hände und küßt sie eine nach der anderm.) Fanni (küßt ihn auf die Wange). So, es ist gut. Geh' jetzt in Dem Bureau. Die Diamanten muß ich haben, verstehst Du? (Sie richtet ihm die Halsbinde.) Arbeite brav, gewinne mir den Prozeß. Geh' — Sclave! Haase. Jetzt gehe ich aber wirklich. Fanni. Freilich mußt Du fort, denk' an meine Diamanten. Haase (geht, ihr Kußhände werfend, bis zur Thür links, wo er stehen bleibt und ihr noch einen letzten Kuß zuwirst). Fanni. Sclave! Haase (links ab). 4. Scene. Fanni, Faustina (von rechts wie früher, den Kops mit einem weißen Tuche eingebunden, sehr langsam). Fanni (eilt ihr entgegen). Arme Baronin ! Faust. Ach! liebe Fanni, mir ist recht elend, ich werde zu Bette müssen. (Setzt sich aus den Divan.) Wollen Sie meine Loge benützen? Fanni. Mit Ihrer Erlaubniß. Faust. Auch mein Wagen steht zu Ihrer Verfügung. (Sie legt den Kopf auf den Polster.) Fanni. Sie sind zu gütig. Habe» Sie Schmerzen? Faust. Da. (Zeigt auf die rechte Seite des Kopses.) 3. Scene. Vorige. Anna. (Von links.) Anna. Der Graf und Herr von Mollwitz. Faust. Führe sie herein. Anna (ab). Fanni. Ach, wie ich Sie bedaure! Faust. Ich bin auch zu bedauern. 6. Scene. Vorige. Graf. Mollwitz. Mollw. Wir find in Verzweiflung, Baronin, Sie find krank. Fanni (steht auf, geht zum Spiegel linkt und ordnet ihre Toilette). Graf. Sie haben um den Arzt geschickt. Mollw. (betrachtet das Bild aus der Staffeln). Faust. Za, ich leide sehr. Setzen Sie sich. Aber Sie müssen heute wohl in die Oper? Mollwitz, ein Glas Wasser! Mollw. (links ab). Faust. Madeleine hat eine wunderbare Partie. Wie leid ist es mir, daß ich sie nicht hören kann. Ich hoffe fie ist ganz hergestellt. Graf (sich ihr nähernd). Es war eine momentane Nervosität. (Er steht hinter dem Divan und lehnt sich über sie.) sagen Sie zu diesem Vorfall? 15 Faust, (unbefangen). Zu welchem Vorfall? Graf. Neulich, beim Dejeuuer. Faust. Messen Sie demselben eine Bedeutung bei? Graf. Sie sank zusammen, als sie die Stimme Ihres Secretärs hörte. Mollw. (von rechts, bringt Faustina ein Glas Wasser aus einer Silberplatte). Faust, (trinkt, stellt das Glas zurück und dankt mit einem Kopfnicken). Mollw. (stellt das Glas aus den Kamin). Faust. Hat Madeleine davon gesprochen ? Graf. Mit keinem Worte, das beunruhigt mich eben. Ich werde Madeleine fragen, aber glauben Sie, daß sie mr eine Antwort geben wird? Faust, (lacht). Mollwitz, den Fußschemel! Graf. Sie ist im Stande und ant- I wartet mir mit der Peitsche. Faust. Ah! Mollw. (bringt Faust, den Schemel). Faust, (setzt den Fuß darauf). Es ist gut. Mollw. (spricht mit Fanni). Faust, (zu dem Grasen). Sie sind also Sclave ohne alle Allegorie? Graf (stolz). Sie wissen, daß ich jeden Mann tödte, der mir nahetritt, aber von einem schönen Weibe mißhandelt zu werden, ist mir ein Genuß. Madeltine ist so ein kleiner Dämon nach meinem Geschmacke. Faust. Sie malträtirt Sie also ohne alle Umstände? Graf. Ja wohl, ich bin sehr glücklich. Faust. Mollwitz! Mollw. (eilt zu ihr). Faust. Sie find doch sehr unaufmerksam. Mollw. Sie machen mich unglücklich, Frau Baronin. Faust. Richten Sie mir doch das Kissen. > Mollw. (thut es). Faust. Höher. Mollw. (gehorcht). Faust. Höher, sage ich. Wie ungeschickt. Ich muß mich um einen andern Sclaven umsehen. Mollw. Faustina, Sie rädern mich. Faust. O! wie gerne ließe ich Sie jetzt rädern. 7. Scene. Vorige. Bernard. Anna (von rechts). (Begrüßung.) Bern, (stellt seinen Hut aus den Tisch rechts und nähert sich Faustina). Anna (nimmt das Glas, trägt es hinaus und kehrt dann wieder zurück). Graf. Mollw. Fanni (gruppiren sich um die Staffelet). Bern. Was fehlt Ihnen, Frau Baronin? Faust. Ich weiß es nicht. Bern. Haben Sie Kopfschmerzen? (kr fühlt ihren Puls.) Faust. Entsetzliche Kopfschmerzen. Bern. Der Puls ist ruhig, (kr legt die Hand aus ihren Kopf.) Zeigen Sie mir die Zunge. Faust. Mit Vergnügen. (Zeigt sie.) Bern. Der Kopf ist kalt. Ist der Schmerz vielleicht einseitig? Faust. Da, da. (Zeigt rechts.) Bern. Rechts. Es ist Migräne. Faust. Ja gewiß. Bern. Gehen Sie zu Bette, lesen Sie nicht, sprechen Sie nicht, suchen Sie bald einzuschlafen. Morgen ist das vorüber. Graf. Wir wollen Sie nicht länger stören. Faust (bei Seite). Endlich! (Laut.) Moll- witz, begleiten Sie Frau Haase zu dem Wagen. Mollw. Sie erlauben wohl, daß ich l6 — blick gefreut, und nun ist mir ein wenig bange. Diese Frau flößt mir etwas wie mich noch im Laufe des Abends über Ihr Befinden beruhige. Faust. Gewiß, beruhigen Sie sich nur. Fanni (Faustina die Hand drückend). Baldige Besserung. Faust. Wir wollen hoffen. (Legt sich aus den Polster.) Graf. Mollw. Bern. Fanni (ab r.) 8. Scene. Faustina. Anna. Faust, (springt auf, reißt^das Tuch vom Kopfe, schwingt eö in der Lust und springt mit Anna lachend im Zimmer herum). Ha! Ha! Ha! So, jetzt ist mir wohl, jetzt den Thee, liebe gute Anna, und sage Paul — (Sie nimmt Anna's Hand und streichelt sie.) Nein, sage ihm nichts, als daß ich ihn erwarte. Ich will mich nur bequem machen. (Rasch ab links.) 9. Scene. Anna (sieht Faustina nach und schüttelt den Kopf). Bequem? Armer Paul! (Sie nimmt den Schemel und stellt ihn zum Kamin, dann langsam nach rechts.) 10. Scene. Die Vorige. Paul. Pa ul (vonrechts, einfach, elegant, ohne Hut^ ein Bündel Acten unter dem Arme). Anna. Ah ! Da find Sie ja. Die Frau Baronin erwartet Sie zum Thee, sie wird im Augenblicke hier sein. (Ab rechts.) 11. Scene. Paul (allein). (Geht aus und ab.) Wie ist mir? Ich habe mich den Tag über auf diesen Augen- Furcht ein. (Nr bleibt in der Mitte stehen.) Ein seltsames Weib, und doch eigentlich nicht seltsam, nur so wie ich mir immer eine ordentliche Frau gedacht habe. (Seht langsam aus und ab.) Keine Modepuppe, keine Blafirte, keine Kopfhängerin und auch kein Blaustrumpf, am wenigsten die »starke Frau«, das Ideal des jungen Deutschlands. (Er erblickt das Bild vor dn Staffelei und bleibt vor demselben stehen.) Sie malt. Auch das ist keine Spielerei. Sie ist nicht glücklich in der Farbe, aber sie greift mir an das Herz. Welche Poesie in dieser Mondnacht! (Er bleibt stumm vor dem Bilde stehen.) 12. Scene. Paul. Faustina. Faust. (langsamv. links. Sieträgtjetztüber dem silbergrauen Seidenschlasrock eine Jacke von rubinrothem Sammt mit Zobelpelz besetzt. das Haar wie früher; sie stützt die Hand aus den Divan und betrachtet Paul). Ein edler Kopf. Ich möchte ihn malen. Paul (wie oben). Sie hat auch Humor. Der Kater da zeugt dafür. Wie er sentimental über den Steg schleicht, der arme verliebte Bursche. Faust, (ohne sich zu bewegen). WaS sagen Sie zu meinem Bilde? Paul (verneigt sich). Es ist kein Kunsb werk, aber es spricht eine eigenthümliche, poetische Natur aus demselben. (Für sich ) Eine prächtige Frau. Anna (von rechts bringt ein kostbares Thee- service aus einer silbernen Platte und etwas kalte Küche, stellt es auf den Spiegeltisch links, rückt ihn zum Fauteuil links und geht wieder links ab). Paul (nähert sich mit den Acten). Faust. Was fällt Ihnen ein. (S>r nimmt ihm die Acten und wirft sie auf den L7 Vivan.) Da ist der Thee. Wir wollen plaudern und uns bester kennen lernen. Sir sollen sich recht behaglich finden. (Sie zum Kamin, füllt die Taffen and setzt fich dann in den Fauteuil rechts.) Paul (tritt zum Fauteuil links und bleibt hinter demselben stehen). Sie sorgetl dafür; die duftige Dämmerung, die stille freund» liche Ampel, daS fröhliche Feuer im Kamine uud Zhre behagliche Pchjacke geben die Stimmung eines niederländischen Nenrebildes. Faust, (reicht ihm eine Taffe). Paul (nimmt sie, dankt und stellt sie auf Kamin). Faust, (setzt ihre Füße auf den Schämel, zieht aus der Tasche ihrer Pelzjacke ein Etui mit Ligarretten und bietet sie Paul au). Paul (nimmt eine Eigarrette und behält fie in der Hand). Faust, (zündet sich eine Ligarrette an, lehnt fich zurück und raucht, lächelnd). WaS denken Sie von mir? Paul. Alles Gute. Faust. DaS ist eine Phrase. Was hat man Zhuen also von mir gesagt? Man hat mich eine Emaneipirte genannt. Paul. Za. Faust, (lächelnd). Und das hat mich in Ihren Augen interessant gemacht? Paul. Nein. Faust, (sieht ihn an und lacht dann). Wir find also Gegner. Paul (lächelnd). Za. Faust. Gut denn, Krieg bis auf das Messer. Aber Sie rauchen ja nicht. Pardon. Sie haben kein Feuer. (Sie steht aas und gibt ihm Feuer.) Sie glauben nicht, daß das Weib fich dem Manne gteichstel- len kann? Paul. Nein. Taust. Sie find unartig. (Sie setzt sich wieder.) Paul. Die Natur des Weibes ist eine andere als die des Mannes, und daher auch die Bestimmung des Weibes. wahre Bestimmung des Weibes? Bei der Türkin, die ihr Leben auf seidenen Polstern verraucht, verküßt und verschlaft, bei der Amerikanerin, welche die Rednerbühne besteigt und vor den Schranken des Ge« richts plaidirt. oder bei dem deutschen Gretchen am Spinnrad? Paul (verbeugt sich lächelnd). Sehr gut parirt, Frau Baronin. Faust.SowiederHimmelsstrich, so ver- ändert aber auch die Erziehung die Nat«r 'des Weibes und seine Bestinimrrng. DaS jWeib, daS den »Faust* liest und Bettho- ven's Musik hört, kann nicht mehk diesMe Bestimmung haben wie jenes, das fein Kind auf dem Rücken mit dem Manne durch den Nrwald zieht. Paul (überrascht). Sie geben Gründe, das ist mehr, als ich von der besten Frau erwartet habe. Faust. Der Mann hat das Wrid erniedrigt. Paul (sehr ernst). Und wie denken Sie die Frau aus dieser Lage zu befreien? Faust. Durch Bildung und Arbeit. Wie haben fich die Völker befreit? Eie begannen zu denken, zu lernen, zu arbeiten, zu schaffen — und warfen das Joch der genußsüchtigen Tyrannen ab. Paul (setzt sich in den Fauteuil r.). Wie find Sie zu diesen Ideen gekommen, Sie, die reiche, angebetete Frau ? Faust. Durch mein Schicksal. Paul (lächelt und zuckt die Achseln). Faust. Sie zweifeln. Hören Sie mich an. Wie alle aristokratischen Mädchen wurde ich herzlich schlecht erzogen. —- Man fand für mich eine glänzende Partie. einen General mit grauem Haare Ich hatte einen Palast, Pferde und Wagen, eine Loge im Theater, und meine Schultern bedeckte der Hermelin einer Fürstin. Nach und nach kam die Erkennt- oiß über mich, wie schwer daS Leben ist. Meinem Manne mußte ich untreu werden, das war mir bald klar, aber jstatt mit Taust. Wo finden Sie dann also die einem Hnßaren oder Maler wurde ich es W'encr Theat-Repertoire Nr. L7S. 2 18 - mit Göthe, Rubens, Beethoven. Ich be. gann zu lernen, zn arbeiten. Als mein Gemal in dem letzten Kriege fiel, stand ich frei, jung und reich, von allen Seiten begehrt, einer Gesellschaft gegenüber, die ich aus dein Grunde meines Herzens verachtete. Ich begann mein Leben noch meinen Ideen einzurichten — und Sie sehen, es hat gut ausgeschlagen. Ich habe keine Seele, die mich wahrhaft liebt, die mein ist, und doch bin ich nicht frivol geworden, ich lasse auch nicht den Kopf hängen, und mein Herz ist heiter, weil ich nicht die Hände in den Schooß lege, weil ich arbeite. Paul (nimmt lächelnd ihre Hand). Diese feine Hand und Sie sprechen von Arbeit. (Er läßt ihre Hand los.) Faust. Im Saale die Bilder, die Artikel im »Fortschritt« sind meine Zeugen. Paul (schroff). Und was ist das Alles am Ende? dasselbe muthwillige Spielen mit dem Dasein, wie bei allen Anderen. Sie verzeihen wohl, daß ich nicht mitspiele. Faust, (strht auf, sieht Paul an, wirft die Cigarrette in.den Kamin-und geht nach vorne r. bis zur Rampe). Paul, jetzt waren Sie hart gegen mich. Paul (steht auf und geht nach vorne . rechts.bis zur Rampe). Faust, (bescheiden). Ich verkenne nicht, daß der Mann über dem Weibe steht. Pau1.' Wie dasMejb über demMann — jedes in seiner Sphäre. Glauben Sie aber, daß eine Mutter in dem Haushalt der Natur weniger bedeutet als ein gutet Anwalt oder ein gelehrter Lehrer! lieber jedem Herde, an dem ein Weib in treuer Liebe waltet, stehen die heiligen Laren des menschlichen Geschlechtes, Natur und Poesie. — Ich fange an an eine andere Zukunft des Weibes zu glauben, aber verlangen Sie von mir nicht Ehrfurcht für jene Emancipation, wie sie sich uns jetzt in einzelnen Exemplaren darstellt, als eine Krankheit oder ein kokettes und frivoles Spiel. Faust, (wendet sich heftig, so daß sie dm Publicum den Rücken kehrt, und sieht Paulvo» der Seite an). Zu welcher Sorte rech»» Sie mich? Paul, (ruhig). Zu keiner. Faust, (mit.Humor). Für was sehe» Sie mich also an? Paul (warm). Für eine ganze Frau. Fau st.- (sieht ihn stumm an). Paul. Oder — erlauben Sie, daß iii grob werde — man drückt sich da am deutlichsten aus — für ein Normalwck Faust, (lacht). Anna (von links). Herr von Mollwitzisi im Dorsaal und läßt fragen, wie sich du Frau Baronin befinden. Faust. Vortrefflich! Anna (links ab). . . Faust, (geht zum Kamin). Ihr Lhtt ist kalt geworden. (Sie gibt ihm eine im Tasse.) Sie sind hart. Sie müssen man- ches Bittere erfahren haben. Wollen Sir sich zurückhaltender^ zeigen, als ich gegen Sie war? Paul. Gewiß nicht, Sie haben ein Recht. auf mein Vertrauen. Aber mein! Geschichte ist nicht amüsant. Faust, (rasch). Ich will sie höre». (Milde.) Ich bitte Sie darum: (Sie sch sich auß den Divan.) - . Paul (sich ihr nähernd). Mein Min war ein Bauer, .tief im Gebirge, mein! Kinderstube der grüne Wald. Der Pfarrer fand, daß ich einen guten Kopf hatte und man schickte mich in dik Schule. Ich Hut« kaum.selbst etwas gelernt, so mußte ich Andere unterrichten für- das tägliche Brod. denn mein Vater war alt und arm ^ arbeitete ich mich durch bis zum Polytch nicum. Ich wollte Landwirth werden Es war der heimatliche Wald, der feim lich um mich rauschte auf der Schulbank, in einsamen Nächten und später in M und Glied --- er schien mich zu rufen, z» laden. Ich wohnte in einer kleinen Dich stube, flickte mir-meine Stiefel selbst, aber ch war glücklich, denn ich liebte (er si»°' 19 und fährt dann mit zitternder Stimme fort) ein Mädchen, so arm, so muthiH und flei ßig wie ich selbst. Sie war meine Nachbarin, sie arbeitete bei einer Marchande de-Modes. — Zn einer Frühliogsnacht, die ihren Dust zu allen Dächern emporsandte, wurde sie mein Weib. Ich begann damals für Zeitungen zu schreiben, um ihr das Leben zu erleichtern; wir hatten unfern kleinen dürftigen Haushalt, aber die Poesie strömte aus allen Ritzen. Wir hatten uns lieb, so lieb — und sie hat mich doch verlassen — Faust, (bei Seite). Ich ahne. Paul (nachdem er sich aus einen Sessel neben Faustina niedergelassen hat). Ihre Phantasie war immerfort mit Bildern von Ruhm und Pracht erfüllt. Da kam eines Tages ein parfümirtes Billet von einem Banquier, sie zeigte es mir und lachte, aber bei dem zweiten lachte sie nicht mehr und wurde still und traurig. (Pause.) Ich lag vor ihr auf den Knieen und bat sie, mich nicht zu verlassen, aber sie hatte kein Erbarmen mit mir — sie ging doch. (Er legt einen Augenblick die Hand über die Augen.) Arme Madeleine! Faust, (aufgeregt). Madeleine! Paul (betroffen). Was haben Sie? Faust. Nichts! Nichts! Fahren Sie fort! Paul. Mitten aus meinen Studien riß mich der Krieg. Ich kehrte zurück mit zerschossenem Arme. Faust, (mit leidenschaftlicherTheilnahme). Gelähmt! Paul (nimmt den rechten Arm mit dem linken und betrachtet ihn). Es ist nicht der Rede werth. Ich kann ja noch arbeiten. Rur hieß es wieder von vorne anfangen ^ so fand mich Ihre Annonce. (Pause.) .Faust. Haben Sie Madeleine seitdem nicht mehr gesehen? Paul. Nein. Faust. Aber Sie lieben sie noch? Paul (traurig). Nein! Faust. D! Sie lieben sie. Paul (fest). Nein. Faust. Und wenn Sie sie Wiedersehen ? Paul. Zch werde sie nicht wiedersichen. (Kleine Pause.) Faust. Besuchen Sie das Theater? Paul. Nein. (Lächelnd.) Aber wie kommen Sie darauf? (Er steht aus.) Faust, (steht aus, geht bis zum Fenster links und blickt hinaus). Jetzt versiehe ich Ihre Anschauung des Lebens, sie ist herb — aber wahr und männlich. Paul. Ich mache mir keine Illusionen, nicht über die Welt, nicht über die Menschen, nicht über mich selbst. Faust. Und doch ist Ihr Herz voll Liebe. Paul (kommt rechts bis vorne, warm). Ja. ich liebe meine Brüder auf der weiten Erde — in Stadt und Dorf, »im stillen Busch, in Luft und Wasser,« denn wir sind nicht da um Gott zu dienen, sondern Einer dem Andern. Nach Jahrhunderten, welche von dem Blute der Menschheit dampfen, kommt Licht und Segen über uns durch Erkenntniß, Arbeit, Frieden, Gleichheit, und Alles was dem entgegensteht, was ganzen Geschlechtern frech das Dasein verkümmert, Haffe ich deßhnlb aus ganzer Seele. Man hat die Völker vor Allem durch materielle Fesseln geknechtet. Der Pflug, das Werkzeug und die Dampfmaschine sind die Waffen, mit denen wir den Sieg erringen werden. Faust, (sieht ihn lange an, Pause, dann geht sie gegen den Lamin). Es ist bald Mitternacht; mir ist die Zeit vergangen wie ein Augenblick. (Sie wendet sich zu Paul und bietet ihm die Hand; herzlich.) Gute Nacht. Paul (ihre Hand drückend, warm). Gute Nacht. (Verneigt sich, geht bis zur Thüre r.) Faust, (bleibt, den Arm auf den Kamin gestützt, in Gedanken stehen). Paul! Paul. Sie befehlen? (Kehrt zurück.) Faust, (ohne ihre Stellung zu verändern). Haben Sie seitdem geliebt? Paul. Nein. r* 20 Faust, (wie oben). Und jetzt? Paul. Jetzt. (Tr blickt stumm vor fich hi») Faust, (geht langsam vom Kamin bis zu ihm und legt ihm die Hand auf die Stirn», liebevoll). Ihr Kopf ist heiß. Gehen Sir schlafen. Gute Nacht. Paul (verneigt fich stumm). Faust, (geht bis zur Thüre link-, dort wendet fie fich). Noch Eines. (Sie kommt linksbi-zur Rampe vor.) Sir find einMann, der ein freies Weib neben fich dulden kann — würden Sie eine Gmancipirte zum Weibe nehmen ? Paul (ruhig). Nein! Faust, (den Arm drohend erhoben mit Humor). »Das sollst Du am Kreuze bereuen!« Der Vorhang fällt. 3. Aet. (Großer Salon beiFaustina wie im 1. Act, aus dem Tisch im Hintergründe liegen zwei kleine Zimmerpistolen, eine kleine Pistolenscheibe und die entsprechenden Ladungen.) 1. Scene. Faust, (in dunklem Goiröekleide). Zud. (in pompösem Soiröeklride von greller Farbe fitzen an dem Tisch links). Faust, (legt das Manuskript auf den Tisch). Nun, was sagen Sie zu meiner Rede? Iud. (springt auf. kniet vor Faustina nieder und umschlingt fie). Ich bin entzückt, ich bin begeistert. Faustina, Sie find ein große- Weib. Faust, (sie aus dir Stirne küssend). Nur etwas schlau und ein wenig tapfer. Iud. (steht auf). Ach! wenn ich so eine Rede Hallen könnte, aber wenigstens will ich ße meinem Papa ordentlich einbläm. er soll sprechen wie eia Buch. (Sie mm, die Rede.) Sir gehört also jetzt mir die schöne Rede. Faust. Za, Ihnen, mein liebes M, machen Sie damit, was Sie wollen. (Sie geht in den Hintergrund, tritt vor den Spitzel und ordnet ihre Toilette.) Iud. Sie empfangen heute Abend große Gesellschaft? Faust, (wie oben). Nein, aber MM so diplomatisch, liebe Judith. Ihre Frage gilt doch nur Einem. Zud. Wem also? — rächen Sie. Faust, (wie oben). Mollwitz! Zud. Fehlgeschossen! Fehlgeschoffen! (Lacht und springt herum.) Faust. Wem also? Iud. Herrn Paul Urban. Faust, (wendet fich rasch, sieht sie' an). Zud. Wird er da sein? Faust, (kommt vorwärts). Er gefällt Ihnen? Iud. (zutraulich). Sehr. — Er ist interessant. Nicht? — Und Augen hat der Mensch! — Faust. Er wird kommen. Iud. Haben Sie damals bemerkt, wie Madeleine umsank, als er eintrat. So - (fie parodirt es.) Es war eine himmlische Scene wie aus einem Roman. Glauben Sie nicht — (fie unter dem Arme nehmend, geheimnisvoll) daß da — so etwas—hm! hm! (Zuckt die Achseln.) Faust. Gewiß ist da ein Zusammenhang. den ich weiter verfolgen will. Madeleine hat ihn gesehen, aber er fie nicht — und er soll, er muß fi e sehen — und heute noch. Iud. Bedenken Sie, wenn es ein Unglück gibt. Faust. Zch verantworte es. Die Geschichte macht mir ein diabolisches Ber- gnügen. Zud. Sie find grausam. Faust, (energisch). Ich bin nicht stU' timental. Dieser Paul ist mehr als um 21 M ahne». Ich will klar sehen, den Schleier seines Geheimnisses mitten ent- zweäeißen, ich will wisse», ob er dieses Wrib liebt. Ich muß es wissen. Zud. (verbirgt ihr Gesicht an Faustina'S Aust). 3ch fürchte mich vor Ihnen. Faust. Kind! (Pause.) 8. Scene. Vorige. Paul (von links). Paul. Sie haben befohlen. Faust, (vorstellend). Herr Panl Urban — Fräulein Judith Solomon. — Ich empfange heute Gesellschaft und lade Sie rin. zu erscheinen. Paul. Vergeben Sie, Frau Baronin— Faust, (einfallend). Sie lehnen ab? Paul. Ich paffe nicht in die Gesellschaft. Faust. Sagen Sie, die Gesellschaft paßt Ihnen nicht. Paul. Nein. Faust, (entschieden). Ich will aber, daß Sie kommen — Jud. (lebhaft). Ja, wir wollen, daß Sie kommen — Paul. Ja, Sie find gütig — aber die Anderen thäten das Aeußerste, wenn Pe sich zu mir herabließen — und das ertrüge ich nicht. Vergeben Sie also. Jud. Wir wollen aber, daß Sie da sind — gerade Sie. Faust, (mit dem Fuße stampfend). Ich M es. Paul (mit dem Finger drohend). Ly- rarmin! Faust, (weich). Ich bitte Sie darum. Paul (sich verneigend). Das Uebrige ist — gehorchen. (Verneigt sich, ab links.) 3. Scene. Faustina. Judith. Jud. (ihm nachseheud). Der sollte die Rede halten. daS wäre ein Deputirter! (Lebhaft zu Faustina.) Wie haben Sie dagemacht? (Stampft mit dem Fuße, imitirt Faustina.) »Ich will es« — und dann — (Faustina imitireod.) »Ich bitte Sie darum.« (Paul imitirend.) »Das Uebrige ist — gehorchen.« — Da-muß ich mir merken. Faust, (lacht und setzt sich auf daS Sopha in der Mitte). Jud. (senkt den Blick wie in Gedanken, bleibt vorne stehen). Ein Mann, wie sie in den Büchern stehen. Faust, (den Kopf zu ihr wendend). Paul ? Jud. Ja. So stelle ich mir den Dr. Faust vor. Faust. Und Sie würden ein reizendes Gretchen geben. Jud. (schüttelt den Kops ernst). Nein, das endet schlecht. Aber er ist auch wie Hermann. Faust, (droht). Ei sieh! und Dorothea ist auch ein Frauenzimmer. Jud. (lebhaft). Freilich und das endet gut. Faust, (sieht Judith überrascht an). Kind! Jud. Ich bin doch kein Kind mehr. Faust, (steht auf, geht bis zu ihr, legt ihr beide Hände aus die Schultern und sieht ihr in die Augen, ernst). Wahrhaftig — nein! Was wird aber Mollwitz dazu sagen? Zud. Mollwitz? (Halblaut, sehr rasch.) Denken Sie, er hat mir einen Brief geschrieben ! Faust. Mir auch, Judith. Jud. (wichtig). Ja — aber was für einen Brief er mir geschrieben hat! Faust. Nun, einen Liebesbrief. Jud. (erfreut). Ja! — und Ihnen ? — (Nimmt sie unter den Arm ) Faust. Mir auch. Jud. Und — Faust. Er hat Sie um Ihre Hand gebeten Jud. Sie auch? 22 Faust. Mich auch. Jud. Ah! — Hören Sie also. (Sie zieht de» Brief aus der Brust und liest:) Himmlische! Angebetete! Faust, (sie unterbrechend, mit heiterer Ruhe). Grausame! Jud. Woher wissen Sie das? Faust. Genau so sängt mein Brief an. Jud. Hören Sie nur weiter. (Liest.) »Wie lange wollen Sie mich noch quälen — mich, der tödtlich verwundet zu Ihren Füßen liegt und um Gnade bittet.« Faust, (bricht in lautes Lachen aus — geht aus und ab — sucht sich zu fassen und beginnt immer von Neuem zu lachen). Ha ! ha! ha! ha! Jud. (lacht mit). Ha! ha! ha! ha! — Ich lache mit, aber ich weiß nicht, weßhalb lachen wir eigentlich? Faust, (unter Lachen). Ha! ha! ha ! ha! — Mollwitz ! (Sie zieht ihren Brief aus der Brust.) Ha! ha ! ha ! — Hören Sie — Ha ! ha! ha ! — (Sie entfaltet den Brief.) Ha! ha! ha!. Ich kann nicht. (Sie reicht ihn Judith und nimmt dafür ihren, steht ihn an und bricht wieder in lautes Lachen aus.) Ha ! ha! ha! Jud. (liest). »Ja ich liebe Sie. Himmlische —« das ist ja mein Brief. Faust, (lachend). Nein, der meine! Jud. (liest). »Ich kann nicht länger leben ohne Sie!« — Faust, (heiter). Jetzt, das ist wahr. Gr muß sich am Ende erschießen, wenn nicht eine von uns — seine Schulden zahlt. Jud. Ah! (Sie liest.) Faust, (ganz nahe neben Judith stehend, liest gleichfalls). »Ich ckann nicht länger leben ohne Sie. Wenn ich Ihre Blicke — Jud. (sehr rasch lesend). »Ihre Worte mißverstanden habe —« Faust, (ebenso). »Unterschreiben Sie.' Jud. »Mein Todesurtheil.« Beide (zugleich lesend). »Die Pistolen sind geladen.« Jud. (nimmt rasch Taustina den Ms und gibt ihr dafür den ihren). Faust. »Ader Sie find ein Engeln Jud. »Sie werden mich nicht der Verzweiflung preisgeben.« Faust. »Sie werden mich mit Ihrer kleinen Hand zu allen Himmeln emporheben.« Jud. (wieder die Briese tauschend, sehr rasch). »Sie werden mir erlauben, daß ich diese schöne Hand —« Faust. »Nicht mehr loslasse. Lassen Sie mich ewig Ihre Fesseln tragen —« Jud. (wieder die Briefe tauschend, sehr rasch). »Und Ihren Sclaven sein.« Faust.- »Ihr von Liebeswahnfinn um- nachteter —« Jud.. Wo er das Wort her hat ? - Beide. »Hannibal von Mollwitz!« Judith. »Nachschrift.« Haben Sie auch eine Nachschrift? — Faust, (die Briefe tauschend). »Nachschrift.« Beide (lesend). »Die Pistolen sind geladen.« Jud. Glauben Sie. daß er sich erschießen wird? Faust. Was fällt Ihnen ein ! Jud. (feierlich). Die Pistolen sind geladen ! Faust. Meinetwegen. Jud. Wenn er sich aber doch erschießt ? Faust, (heiter). So geschieht es, um sich vor seinen Gläubigern in ein besseres Land zu flüchten — denn ihre Zahl ist Legion! (Sie geht auf und ab.) Jud. Wollen Sie sein Blut verspritzen? Faust. Nun, das Unglück für die Menschheit wäre nicht so groß. (Diabolisch.) Nur nicht sentimental werden, meine Kleine! 4. Scene. Vorige. Anna. Anna. Herr von Mollwitz, 23 Faust, (höhnisch). O! willkommen! höchst willkommen! — Lasten Sie uns illein, Judith, ich werde mit ihm gleich trlig sein. Zud. (leise zu ihr). Nur kein Blut. Faust, (lachend). Nein! Nein! (Zu Anna.) Eintreten! Anna (öffnet die Thüre). Jud. (laust zur Thüre rechts und kehrt msch zurück. — Laut.) Vergessen Sie nur nicht — (leise) die Pistolen find geladen. (Läuft rechts ab.) Anna (links ab). - o. scene« Faustina. Moll'witz. Faust, (sitzt auf einem Fauteuil rechts). Mollw. (schwarz gekleidet von links, verneigt sich, kommt vor, bei Seite). So mag es einem vor der ersten Schlacht zu Muthe ein. (Sieht Faustina an.) Sie ist aber auch schön wie der Teufel. Faust. Haben Sie mir etwas zu sa gen? Mollw. Wer? — Ich? — Faust. Wer sonst? — Mollw. (für sich). La avant, snkants äs la patris ! (Er nähert sich ihr.) Baronin! Was habe ich zu erwarten? — Tod oder Leben ? — Faust. Die Pistolen find geladen. Mollw. (dreist). Ja, sie sind geladen, denn ich liebe Sie, Faustina, ich bete Sie au. (Er kniet vor ihr nieder.) Faust, (mit herzlichem Lachen). Ha! ha! ha! Sie lieben mich — Ha! ha! ha! Mollw. (piquirt). Was finden Sie da w Komisches daran ? Faust, (lachend). Stehen Sie doch ans. Reden Sie doch vernünftig, nicht so altvaterisch. (Gebieterisch.) Stehen Sie doch Mollw. (steht auf). Faust. Sie bewerben sich um meine- Hand. Mollw. Nun — ja, Frau Baronin. Faust, (weist ihm den Fauteuil vis-ä-vis an). Bravo! So reden wir modern, das heißt vernünftig. Was bieten Sie mir. also? Mollw. Ein Herz voll Anbetung, die Gesinnungen eines Sclaven — Faust. Ich bitte, bleiben wir modern. Moll, (bei Seite). Sie stt verteufelt praktisch. (Laut.) Ich bin Edelmann, Gutsbesitzer — Faust. Christ! Mollw- (erstaunt). Christ — jawohl — ich besitze eine Rente von 4000 Tha- lern. Faust. Was haben Sie gelernt? Mollw. Gelernt? Ich? —gelernt — Faust. Ja. Ich will wissen, was Sie selbst find, durch sich, ohne Ihre Rente, ohne Ihr Wappen— was haben Sie gelernt ? Mollw. (bei Seite). Was sie nur will. (Laut.) Ich reite, ich bin der beste Pistolenschütz im ganzen Kreise — (stockt). Faust. Sie tanzen und rauchen wohl auch. Das kann ich aber alles selbst, Herr von Mollwitz, und noch etwas dazu ; aber was wissen Sie, was leisten Sie, was ich nicht weiß, nicht kann — wir Frauen verlangen vom Manne, daß er etwas ist, was uns unerreichbar scheint. (Betrachtet ihn mit einem Lächeln ; dann nimmt sie eine Zeitung und liest.) (Pause.) Mollw. (steht aus, geht bis zur Rampe, für sich). Ich glaube, ich habe einen Korb bekommen. Pah ! mir bleibt noch Judith, die hat noch mehr — Geist. (Macht mit den Fingern die Bewegung des Geldzählens.) Faust, (steht aus, kommt zu Mollwitz und nimmt seinen Arm, leise). Sind die Pistolen wirklich geladen? Mollw. (ernst). Ja, das sind sie. Faust. Nun, dann erschießen Sie sich., Mollw. (starr). Erschießen! Faust, (mit grausamem Humor). Es ha 24 sich noch Niemand meinetwegen erschossen. Machen Sie mir die Freude. Ich möchte das doch einmal erleben. (Sie läßt seinen Arm los.) JmMbrigen bleiben wir aber gute Freunde, nicht wahr, lieber Hanni- dal? (Bietet ihm die Hand.) Mollw. (starr). Erschießen? Faust, (mit grausamen Humor). Zch habe Ihr Wort, und — die Pistolen find geladen. Mollw. (verwirrt, wischt sich die Stirne mit dem Tucke). Muß ich mich wirklich erschießen ? Faust, (wie oben). Zweifeln Sie daran? Mollw. (ausgeregt). Sie unterschreiben also mein Todesurtheil? Faust, (wie oben). Ich unterschreibe. Mollw. (außer sich). Es würde Ihnen einen Spaß machen! Faust, (wie oben). Einen ungeheuren Spaß. (Sie lacht.) Ha! ha! ha! ha! Mollw. (boshaft). Dann erschieße ich mich gerade nicht, aus reiner Bosheit erschieße ich mich nicht, nur um Ihnen den Spaß zu verderben. Faust, (geht lachend zu dem Sopha in der Mitte und setz* sich, den Rücken gegen das Publicum). Ha ! ha! ha! ha! 6. Scene. Vorige. Judith. Haase. Fanni. Margarethe. Bernard. Salomon. Graf. (Alle in Salontoilette.) Jud. Da bringe ich Ihnen Ihre Gäste, Baronin. (Begrüßung.) (Alle bilden eine Gruppe um Faustina.) Jud. (hat sich indeß zu Faustina gesetzt, ängstlich). Wird er sich erschießen? Faust, (sentimental, laut). Denken Sie nein, und ich habe ihn doch so schön darum gebeten, (lieber die Lehne zu Mollwitz^ Nicht wahr, Mollwitz? " Mollw. (bei Seite). Sie zerfleischt mich. (Laut, boshaft.) Wenn unsere Löwin Blut trinken will, muß sie sich ein anderer Opfer suchen. 7. Scene. Vorige. Horn (von links eilig). Horn. Triumph! Triumph! Marg. (kommt mit Bernard rechts nach vorne). Mollw. (beugt sich über die Lehne zu Judith). Jud. (steht uus und geht mit ihm im Gespräche zu dem Sopha links, wo sie sich setzt). Horn (sehr rasch). Ihr Attikel, Baronin, macht Sensation; der clericale »Volksbote« bringt eine geharnischte Entgegnung. Sie müssen erwidern, der gestrige »Fortschritt« ist vergriffen — eben neue Auflage gedruckt. — Alle. Bravo! Bravo! (Die Gruppe um Faustina in lebhaftem Gespräche.) Marg. (leise zu Bernard). Du hast hier Niemandem den Hof zu machen als mir. Bern. Aber — Marg. Weder der Baronin, nochMa- deleine. noch sonst Jemand. Bern. Du behandelst mich wie Deinen Sclaven. Marg. Willst Du mich böse machen! Bern, (ihre Hand fassend). Nein, mein süßes, liebes Gretchen! Marg. Willst Du gehorchen? Bern. Ja. Marg. So. jetzt darfst Du mich morgen dafür ins Theater führen. (Sie gehe» nach rückwärts.) Jud. (zu Mollwitz). Und Sie find wirklich in mich verliebt? 25 Mollw. Rasend! Zud. Sie Armer! Sie müssen sehr viel Schulden haben. Mollw. (vernichtet). Schulden — ich - mein Fräulein — O! das ist eine ime Teufelei von der Baronin — sie vill mein Blut sehen — aber sie hat sich -errechnet — ich erschieße mich nicht. Zud. (naiv). Aber Ihre Pistolen find )och geladen. Mollw. Ich bitte Sie. hören Sie lilf mit den Pistolen. (Sie gehen zur Gesell- -Haft.) 8. Scene. Vorige. Madeleint. Mad. (von links, in einem schweren dunklen Seidenkleide, decolletirt). — (Begrüßung.) Faust. Endlich! Ich habe schon besorgt, daß Sie nicht kommen, Madeleine. Mad. Sie find sehr liebenswürdig. (Zu Bernard. sie ergreift seine Hände und führt ihn rechts an die Rampe.) Ich bin wie im Fieber. Bernard. wie gefällt Ihnen meine Toilette? Bin ich schön? — Sagen Sie mir. daß ich schön bin — ich will, ich muß schön sein. Bern. So seltsam schön wie heute habe ich Sie noch nicht gesehen. Mad. O! Ich danke Ihnen. (Sie geht nach rückwärts rechts und tritt vor den Spiegel.) Horn. Was steht für heute auf der Tagesordnung, Frau Baronin? — «aust. Ich habe da ein paar Zim- merpistolen nach neuem System, die wollen wir versuchen. (Sie steht auf, holt die Pistolen und die Ladungen und legt sie aus den Tisch rechts.) Graf, (folgt ihr und betrachtet die Pistolen). Haben wir eine Scheibe? Taust, (mit dem Kopf hindeutend). Dort. ^raf. (holt die Scherbe). Faust. Wir befestigen sie in der Mitte der Wand (Sie stellt sich hinter da- Sopha.) Graf, (befestigt die Scheibe). Faust. So — hier soll unser Schießstand fein — ich bitte.— Alle (gruppiren sich vorne). Marg. Fauni. (aus dem Sopha rechts). Haase. Bern. Horn, (stehen bei ihnen). S al. (setzt sich an den Tisch links). Mollw. (neben ihn). Graf, (kommt zu dem Tische links und ladet die Pistolen). Faust. Jud. (vorne in der Mitte). Mad. (geht rechts bis zur Rampe vor). Er ist noch nicht da. Aber er wird kommen, mir sagt es diese Unruhe in meinen Adern. —Liebt er mich noch? (Stolz.) Bin ich nicht schön? Er muß mich lieben er wird zu meinen Füßen liegen, wie ein Sclave! Graf, (präsentirt die Pistolen Faust und Jud.) Faust, (nimmt eine und gibt sie Madeleine). Mad. (die Pistole haltend). Ich soll — Faust. Machen Sie den Anfang. Horn. Wenn Sie so sicher zielen wie auf Männerherzen. Madonna, dann wette ich auf Schwarz. Mad. (tritt zur Lehne des SophaS und zielt). Faust, (zu Judith leise). Wo bleibt nur Paul? Jud. (leise zu Faust). Er kann geben Augenblick eintreten, mir steht daH Herz still in der Brust. Mad. (setzt ab). Ich kann nicht, mir zittert die Hand. Graf (leise zu ihr). Soll ich Ihnen sa. gen warum? Mad. (zuckt höhnisch die Achseln). Schießen Sie doch. Judith. (Geht nach vorne.) Jud. Bitte, ja. (Sie stellt sich auf und zielt.) Ist es so recht? Faust, (zeigt ihr. wie sie zu schießen hat). Graf (zu Madeleine). Sie erwarten jenen Mann. Mad. (fest). Ich erwarte ihn. 26 Graf (leise). Sie sagen mir dieß? Mad. Ich liebe ihn. Graf (höhnisch). Fragen Sie ihn, ob er Sie liebt. Mad. Das werde ich. Graf (auffahrend). Madeleine ! (Leise.) Und wenn er sich besinnt, die Geliebte des Grafen Kollzosf zu lieben, und er wird sich besinnen! Mad. (mit trockenem Lachen). Glauben Sie ? — Dann werde ich mich besinnen, daß ich Ihre Herrin bin — und Sie werden mein Sclave bleiben. Graf. Sie könnten sich täuschen! Mad. (mit überlegenem Lachen). Sie werden mein Sclave bleiben und um so gewisser, je weniger ich Sie liebe. Ha ! ha! ha! (Sie geht zum Tisch rechts.) Jud. (schießt, läßt die Pistole fallen, hält sich nach dem Schüsse die Ohren zu und duckt sich bis auf den Boden). Sal. (eilt zur Scheibe). Jud. (macht langsam die Augen auf). Habe ich getroffen? Sal. Freilich hast Du getroffen, die Wand hast Du getroffen, meine Tochter. Jud. Ah! (Sie springt auf und zur Scheibe.) Richtig, die Wand. (Kehrt zurück.) Faust, (zu Fanni und Marg.) Nun, meine Damen? Fanni. Marg. Wir danken sehr. Faust. Madeleine'. Mad. Der Schuß ist an Ihnen, Baronin. Faust, (tritt an die Lehne und zielt). A. Scene. Vorige. Paul (schwarz gekleidet von rechts, er bleibt in der Thür stehen und sieht Zaustina zu). Jud. (erblickt ihn, sieht aus Madeleine). Mein Gott! / Graf (Madeleine fixirend). Sie kr- »bleicht. «1 Mad. (sieht Paul, wendet sich rasch "«lso daß er sie mcht sehen kann, und HL ^Isich an dem Tisch rechts fest). Er ist et meine Kniee beben. Faust, (schießt). Paul (geht rasch zur Scheibe und dMi aus das Centrum). Schwarz — vortrefflich geschossen. (Langsam vorgehend.) Eine ruhige Hand bedeutet ein ruhiges Herz. Graf (Madeleine ansehend, bitter). Sch richtig bemerkt, mein Herr. Paul (ihn begrüßend). Herr Graf! (Sich gegen die Gesellschaft verneigend,) Meine Damen — Alle (danken sehr artig bis aufMadeleim.) Paul (tritt vor und sieht Madeleine an). Mad. (stellt sich immer so, daß er ihr Gesicht nicht sehen kann). Faust, (folgt Pauls Blick). Was habt« Sie? Paul (zu ihr, die Achseln zuckend). Sehen Sie doch die Dame, die mir den Rücke« kehrt. Faust, (mit Beziehung). Sie wird ihre Gründe haben. Paul. Der Gruß des Plebejers ist doch auch ein Gruß. Faust. Das ist es nicht. Paul. Was sonst? — Faust, (zu Madeleine). Ich stelle Ihnen Herrn Paul Urban vor, einen Mann, de« ich hochschätze, den ich liebe. Paul (verneigt sich vor Madeleine). Mad. (klammert sich an den Tisch und verneigt sich, von ihm abgewendet, sehr tirs — dann geht sie nach rückwärts und tritt vor den Spiegel). Paul (zwischen dem Grafen und Zaust.; sixirt Madeleine). Wer ist diese Dame? Faust. Sie kennen unsere gefeierte Primadonna nicht? Paul (Madeleine immerfort fixirend). Ich besuche das Theater nicht; aber diese Dame — 27 Faust. Eine berühmte Künstlerin. Graf (leise zuPaUl, sein lächelnd). Meine -eliebte — Paul (Madelrine sixirend). Ich wünsche ihnen Glück, die Gestalt einer Despotin. ich liebe solche Frauen. Und diese wun- erbaren Locken! Faust, (sieht ihn an, nimmt die Pistolen nd legt sie aus den Tisch). Graf. Befehlen Sie, daß ich lade? Faust. Ich bitte. Paul (sich fassend). Erlauben Sie, daß h Ihnen helfe. Graf. Ich bin sehr verbunden. (Ladet ie eine Pistole.) Paul (diezweite Pistole ladend, den Rü- m gegen Madeleine). , Marg. (zu Bernard). Und Du hast doch nt ihr gesprochen. Bern. (fest). Und ich werde wieder nt ihr sprechen. (Geht in den Hintergrund l> Madeleine.) Paul (geht mit der Pistole bis in die Mitte vorne). An wem ist der Schuß ? Mad. Bern, (kommen rechts nach vorne, ohne daß Panl ihr Gesicht sieht). Faust. Der Schuß ist an Ihnen — Nadeleine! Die Stellung ist in diesem Augenblick von inks nach rechts.) — (An dem Tische links) -al. Moll. Graf. — (In der Mitte) )aul. Faust. Jud.—(Rechts am Sopha) Narg. Fanni.—(Hinter ihnen) Hanse. Horn. — (Rechts vorne) Bern. Mad. Paul (erregt, mit halber Stimme). Ma- >tleine! (kr geht entschlossen vorne bis zu Madeleine, die sich von ihm abwendet, und "icht ihr die Pistole.) Mad. (will, das Haupt aus die Brust ge- !eokt, an ihm vorbei). Paul (blickt ihr in demselben Momente Gesicht, schreit aus). Madeleine! l Allgemeine Bewegung-) Alle (welche sitzen, sieben auf). Paul (weicht nach links zurück, schmerz» hast, beinahe tonlos). Madeleine! Mad. (hebt flehend den Blick und die Hände zu ihm empor). Paul (saßt sich, sieht Mad. von oben bis unten voll Verachtung an, geht dann rasch zur Thüre links, die er öffnet). Mad. (wankt und hält sich an der Lehne des Sophas in der Mitte fest). Graf (eilt zu ihr und unterstützt sie). Fasten Sie sich ! ^ Faust. (Madeleine sixirend). Was « ist Ihnen? — Was hat das zu be- ^ deuten ? Fanni. Marg. Welcher Scandal! Horn. Eine pikante Notiz! Paul (an der Thür ruhig). Den Wagen des Herrn Grafen. Graf (zu ihm gewendet, energisch). Mein Herr! Paul (wie oben). Diese Dame hat Ihren Wagen befohlen. M a d. (mit zitternder Stimme, aber sich aufrichtend). Sie irren sich, ich bleibe. Paul (rasch von links vorkommend). Sie wollen dieses Haus nicht verlassen? Alle. Ah! (Bewegung.) t Faust. Was thun Sie? ^ Paul. Meine Pflicht. 2-' Graf. Mit welchem Rechte? Paul. Mit dem Rechte jedes Mannes von Ehre. (Sehr ruhig.) Ich bitte Sie, Madeleine, gehen Sie. Mad. (wendet sich mit einem Blick voll Schmerz aus Paut zum Gehen). Graf (befehlend). Sie bleiben! Paul (kalt). Diese Dame paßt nicht in dieses Haus, Herr Graf — das müssen Sie am besten wissen. — Graf (hochfahrend). Wer wagt es — Paul (ihn scharf unterbrechend). Sie selbst haben es gewagt, diese Dame vor wenig Augenblicken Ihre Geliebte zu nennen. (Allgemeine Bewegung.) 23 Mad. (mit einem verzweifelten Entschluß). Und ich liebe Dich noch! , / Marg. Fanyi(zuHanse).Geheawir. A Faust. Herr Graf! ^! Mollw. Verteufelt! Graf. Herr! Mad. (den Arm de- Grafen fastend, herrisch). Kein Wort mehr! Bern, (vortretend). Wenn Sie das Weib nicht schonen wollen, so achten Sie das Genie, achten Sie die Kunst — (Die Stellung ist jetzt von link- nach rechts.) Sal. (in 2. Linie). Mollw. (in 2.), Jud. (in 1. Linie), Faust. (1.), Paul (1.), Mad. (1.), Graf (l.). Bern. (1.), Horn (2.), Marg. (3.), Haase (2.), Fanni (2.). Paul (zur Gesellschaft gewendet). Sie glauben, daß ich diesem Weibe Unrecht thue. Ich bin Ihnen also eine Erklärung schuldig. Grus. Kommen Sie. Mad. (nimmt den Arm des Grafen). Paul (gebieterisch). Bleiben Sie. jetzt bleiben Sie, und strafen Sie mich Lügen, wenn Sie können. Mad. (bleibt, von seinen Augen gebannt). Paul (mit voller Empfindung). Ich habe dieses Weib geliebt — geliebt mit aller Zärtlichkeit, mit aller Treue, allem Wahnsinn eines jungen, reinen Herzens — und sie — sie hat mich auch geliebt — Mad. (wendet sich vernichtet ab). Paul. Wir waren arm. aber glücklich. Wir hatten unser Nest hoch oben unter dem Dache gebaut wie zwei verliebte Schwalben. Ich war ihr Gatte, ihr Freund, ihr Bruder! Ich habe für sie gearbeitet, gehungert, gefroren — sie aber hat mir einen Fußtritt gegeben wie einem Sklaven — sie hat mich verrathen — und das Lächerlichste ist, sie hat mich doch geliebt ! (Allgemeine Bewegung.) Paul (außer sich). Nein! — Nein! - Du liebst mich nicht. Du kannst nicht lieben—nimm es zurück, Du hast mich nicht geliebt! Graf (roh. zu Madeleine). Ihren Arm! Paul (zart). Gehen Sie. Ich bitte Sie — Mad. (schmerzlich). Paul! Paul (mit tiefem Ernst). Unsere Wege trennen sich für immer. Mad Wir werden uns Wiedersehen! Paul (ernst). Das verhüte Gott! Faust, (zu Judith,' indem sie ihre Han) saßt, leise, triumphirend). Es ist gekommen, wie ich wollte — er verachtet sie, er liebt sie nicht. Mad. (indem sie sich zum Gehen wendet, den Rücken gegen das Publicum, drohend). Besinne Dich! Graf (zwischen sie und Paul tretend) Ich hoffe die Komödie ist ausgespielt, Sie werden mir Rede stehen, mein Herr. Sie find mir Genugthuung schuldig, und ich bin der Mann, sie mir zu schaffen. Mad. (wild, gebieterisch). Wagen Sie es, Graf! — Ich will kein Duell! Paul. Besorgen Sie nichts. — Ich duellire mich nicht. Graf. Sie weigern sich — Paul (stolz). Ach weigere mich einen Mord zu begehen. Habe ich Ihre Ehre verletzt, dann suchen Sie den Schutz der Gerichte, wir find Alle gleich vor dem Gesetze, und das gibt Ihnen eine bessere Genugthuung als ein Pistolenschuß. Mollw. (zu dem Grafen tretend). Mein Herr, das ist nicht ehrenwerth — Paul (höhnisch). Vernunft ist immer ehrenwerth, diese adeligen Dorurtheile aber find albern und verächtlich. Graf. Sie zwingen mich zum Aeußer- sten. 29 Mollw. (heftig). Sie find ein Feig- iiig! — Paul (sehr ernst). DaS bin ich nicht. Zch habe im letzten Kriege eine feindliche Kahne genommen. — (Bitter lachend.) 8- ist traurig genug, daß ich hier damit »rahlen muß! Mollw. Herr! Sie waren Soldat! -Sie müssen mir vor die Klinge — oder — Paul. Beleidigen Sir mich nicht. Zch »abe zu wenig christliche Milch und zu aiel gesundes Bauernblut in meinen Adern, die vornehme Welt würde Sie »us ihren Kreisen ausstoßev, und das wäre ein Unglück für Sie, denn gelernt Ben Sie wohl nichts Ordentliches. Mollw. (mißt Paul und geht link- ab). Paul (folgt ihm einige Schritte). Graf. Mad. (mit einem Blick auf Paul link- ab). Alle (im Hintergründe bis auf Faustina). Paul (kommt nach vorne, jubelnd). (Jetzt ist mein Herz frei — da- Gift heraus aus meiner Seele. — (Zu Faustina herzlich.) ?tur Ihnen will ich Rede stehen. Habe > glaube, alle Frauen müssen Sie lieben 31 Paul (lächelnd). O ! mein liebes Fräu- ein, es ist nur Ihre Phantasie so freund, ich! - Iud. Meine Phantasie!— Sie sind lllärtig. — (Sie steht aus, geht durch das Zimmer, kommt zu ihm zurück und stützt sich >us die Lehne seines Sessels.) Paul (will aufstehen). Iud. (drückt ihn aus den Sessel nieder). Werden Sie ruhig bleiben! — Sagen Sie mir — glauben Sie, daß ich — Paul (ohne sich umzusehrn). Nun? Iud. Jetzt — das schickt sich wohl nicht — Paul. Nur resolut. ^ Iud. Glauben Sie, daß ich Sie zum Manne nehmen würde? ^ Paul (lacht). Zud. (böse). Sie glauben doch nicht, daß ich in Sie verliebt bin — Paul. Nein, wahrhaftig nicht! (Er steht'auf.) , , Iud. (resolut). Sie lieben mich nicht, und ich liebe Sie auch nicht. (Herzlich.) Aber Sie gefallen mir sehr, Sie find ein ganzer Mann. Herr Paul — so gescheit, khr gescheit, und gelehrt wie der Dr. Zaust, so gut wie Hermann, der die arme Dorothea in sein Haus nahm — und Muth haben Sie, Much wie ein Soldat. Mine Pause,) Sehen Sie, ich-, liebe Sie nicht, aber ich — ich würde Sie auf der Stelle heiraten. Paul (innig). Judith! (Er will' den Arm um sie schlingen und zieht ihn zurück.) Nein! Iud. (mit niedergeschlagenen Augen). Da habe ich was Schönes gemacht. Sie könnten denken, ich bin recht einfältig — daß ich Ihnen das sage. — (Ihn ansehend, warm.) Aber Sie sind ein braver Mann, Ar denken nichts Schlimmes von mir, weil Sie selbst nicht im Stande wären, etwas Schlimmes zu thun. Sie denken Als weiter als — »ich gefalle dem Mädchen« — und das ist ja wahr. (Ohne alle Eoketterie, einfach, ernst.) Und ich gefalle Ihnen ja auch, ich weiß es. Paul. Mehr als das — Iud. (droht ihm mit dem Finger). Paul. Ich schätze Sie, ich habe Sie lieb — Iud. Wie? — Paul. Wie eine Schwester. — Iud. (freudig). So ist es recht! Wir wollen auch immer gute Freunde bleiben. (Schüttelt ihm herzlich beide Hände.) So — jetzt muß ich fort. (Nimmt ihren Muff.) Aber Sie werden jetzt doch auch manchmal zu uns kommen — oft — recht oft. Paul. Gerne, aber was wird Ihr Vater dazu sagen? Iud. Mein Vater — der sagt Alles, was ich sage. Sie werden ihm auch sehr gefallen, denn ihm gefällt Alles, was mis gefällt. Sie werden kommen — ja? (Sit wendet sich zum Gehen.) Paul. Gewiß. (Er folgt ihr.) Iud. Auf Wiedersehen also. — (Schüttelt ihm recht derb die Hand und geht zur Mittelthür.) Auf baldiges Wiedersehen (in der Thür) lieber, lieber Herr Doctor Faust! - (Ab.) 2. Scene. i, Paul (allein). (Blickt ihr nach.) Arme Judith! Liebes gutes Mädchen! (Er geht nach vorne.) Wirst Du glücklich sein in dieser Welt von Thoren und Schurken? — Aus Dir könnte eine vortreffliche Frau werden. (Er steht in diesem Augenblick beim Tische und stützt dir Hand auf seinen Sessel.) Meine Frau? — warum nicht? — sie ist reizend! aber die Million, die sie hat, macht sie mir abscheulich. (Er setzt sich.) O Ihr armen, reichen Mädchen! (Er vertieft sich wieder in seine Arbeit.) 3. Scene. Paul. Madeleine. Mad. (von recht-; sie trägt einen Stimmt- Paletot, einen Muff genau so wie Faustina. — Tritt rasch ein und legt Paul dir Hand aus die Schulter). Paul (sich wendend). Frau Baronin — Madelaine! (Er erhebt fich und weicht zurück, so daß er rechts vom Tisch vorne steht.) Was wollen Sie? Mad. (legt ihren Muff link- auf den Tisch, links vorwärts kommend). Laß' mich sprechen ! Um GotteSwillen, Paul! — Paul. Wozu? Mad. Ich beschwöre Dich l Höre mich uur an. Paul. Was haben Sie mir zu sagen, was ich nicht wüßte? Mad. WaS kannst Du von meinen Leiden wiffen, von meinen Schmerzen, meinen Täuschungen? Ich habe viel gelitten, Paul, seitdem wir uns nicht gesehen haben — ich bin furchtbar getäuscht worden. Paul. Durch wen? Mad. (traurig). Durch mich selbst. Ich will Dir von einem Weibe sprechen, das sich selbst entehrt hat. vielleicht entwaffnet Dich das — ich will Dir von einem verlornen Leben erzählen, vielleicht rührt Dich das. Du, dessen einzige Freuden ich gesuchten habe, der entbehren mußte und entsagen und wiederum entsagen — Du stehst frei und stark vor mir — ich, die Beherrscherin der Bühne, der ein ganzes Publicum zujauchzt, zu deren Füßen Selaven liegen und andeten, die jeden Tag einen neuen Lorbeer in ihre Lockeu flicht— ich bin gebrochen und hoffnungslos. Paul. Wer ist Schuld? Mad. Ich — ich allein. Du nicht. Du warst so gut. Wie Du mich damals mit dem schweren Holzkorb auf derTreppe trafst und mir ihn abnahmst und bis vor meine Thüre trugst — weißt Du dal noch?—Ich werde rS Dir nie vergessen! Und wie ich die Blumen auf dem Jrnster fand, die kleinen, lieben, duftigen Reseda- stöcke und Rosen und Levkojen — iß liebte sie so sehr, — und später hörte ich. daß Du lange nichts als trockenes Brod gegessen hattest, um mir die Freude zu bereiten. Erinnerst Du Dich noch, als ich dann krank lag - Tage. Nächte au Dei- ner treuen Brust gebettet — mein Pol» ster war so hart — und Du hast kein Aug'geschlossen. jeden Tropfen Arzeaei nahm ich nur von Dir. Du hast mich so geliebt — und ich Dich auch. Paul (lacht bitter). Ha! ha! ha! Mad. Glaub' mir, man kann nur einmal so lieben, wie ich Dich geliebt habe. Ich weiß es noch, mir pochte daSHrrz jedesmal, wenn ich Deine Schritte hörte, dann warf ich Alle- von mir und hing an Deinem Halse und war glücklich. Ich din seitdem nicht mehr glücklich gewesen. Pani! — Es war nur meine 'Phantasie, die mich verführte— ich war schön und hatte Geist, ich sah die Welt vor mir im Sonnenglanz deS Luxus, bei Dir habe ich gefroren und gehungert! — Ich wußte, D» bist mehr werth als sie alle die Vornehmen, die Großen — aber ich wußte et allein, und das fraß an meinem eitlen Herzen. Ich hatte Ehrgeiz, es zog mich auf die Bühne. In meiner Natur ist etwas von einer Despotin. Wenn ich dam von der zweiten Katharina las, wie ft mit keckem Fuß über den Nacken des Ge- mals zum Throne schreitet, wenn ich die Lucretia Borgia spielen sah, als ich vor dem Bilde der Charlotte Corday Md, da faßte mich der Dämon — ich wollte etwas Großes thun, ich lechzte nach Blut wie eine Tigerin, ich wollte Köpfe fallen machen, gebieten, unterwerfen, knechten und befreien. Tyrannen morden, Sklaven peitschen, ein Volk zu meinen Füßen sehen. entscheiden über Tod und Leben. 33 im» nicht im Leben, wenigstens auf den Brettern, die die Welt bedeuten. Das gab den Ausschlag. Und ich sagte mir, bist Du sein Weid — nein, sein Liebchen bist Du. seine Buhle, so lange dein Gesicht- chen jung und schön ist, wird er Dein sein, dann wird er Dich verlassen. Paul. Sie haben klug gerechnet. Ich bewundere Sie. Mad. Selbstsüchtig war ich, grausam, aber geliebt Hab' ich nur Dich. — Paul. O Sphinx! ich werde Deine Mhsel niemals lösen, weibliche Natur! Mad. Ich habe Dich verrathen. Ich vertheidige mich nicht, ich will Dich nur versöhnen. Der Verrath des Weibes an dem Manne geht durch eure ganze Welt. Hr habt sie aufgebaut, nicht wir. Ihr habt das Leben des Weibes abhängig gemacht von eurer Liebe. Wie klug! Und mn betrügt Ihr Euch um eure Waare und bezahlt mit eurem ganzen Reichthum, ja oft mit eurem Leben, mit Allem, was Euch theuer, was Euch heilig ist, wie der Jude von Venedig. — Mein damaliger Sclave war ein Banquier. Er ließ mich für die Bühne ausbilden, ich erhielt durch ihn mein erstes Engagement. Paul. Weiter, weiter. Mad. Mein Name wurde rasch bekannt, ich stieg von Stufe zu Stufe, ich kam endlich in die Residenz und trium- Phirte auch hier. Ich war jetzt frei und reich durch mein Genie, aber ich war an Ueberfluß gewöhnt und mein Herz war verhärtet. Ich erlaubte dem Grafen mich ju lieben. Und so bin ich eine jener Frauen geworden, die, wie die Odalisken des Serails verkauft, ihre Herren zu ihrenScla- ven machen. Mein Herz aber blieb rein. 3ch habe Dich nie vergessen, denn ich habe mr Dich geliebt — und ich liebe Dich »och. Paul. Keine Sentimentalität. Mad. Ich will ja Alles gut machen, Paul. Alles! — I Paul (lacht bitter). Gut machen! Wie I Wiener Theat. Rcpert. Nr. 27S. wollen Sie das gut machen, daß Sie die Ideale meiner Jugend durch den Koth der Straße geschleift haben? Wie wollen Sie das gut machen, daß Sie Zweifel, Mißtrauen und Haß wie Gift in meine Seele gegossen haben? Wie wollen Sie das gut machen, was ich gelitten habe? O! was habe ich gelitten! — Die Nächte, wo ich unter Ihren erleuchteten Fenstern stand und lauschte, ob ich nicht Ihre Stimme höre, wenn Sie ein frivoles Trinklied sangen, oder Ihren Schatten an den Vorhängen vorüberschweben sehe — und dann, wenn alle Lichter erloschen waren, alle, und nur die Ampel brannte in dem einen Fenster, und ich mir sagte, jetzt liegt sie in den Armen eines Andern, und sie küßt ihn, wie sie mich geküßt hat, und sie lacht, wie sie zu Dir gelacht hat — und ich dann mit dem heißen Antlitz auf den Straßensteinen lag und weinte, weinte — ich war ja damals noch so jun.g und konnte weinen - O ! wie wollen Sie das gut machen? Nein! Nein! das können Sie nicht gut machen, das können Sie nicht! Mad. (leidenschaftlich). Ich will es (sie umschlingt ihn) und ich kann es. Sieh' mich doch nur an. Ich bin schöner, als ich damals war —ich bin ein Weib, das den Lorbeer trägt und das Diadem— ich bin nicht mehr die arme kleine Madeleine! Paul (in ihren Anblick verloren). O wärst Du's noch! (Er streicht ihr die Haare aus der Stirne.) Mad. Ich bin es, für Dich will ich es sein. Ich komme zu Dir um Vergebung betteln. Jetzt kann ich Dein sein, jetzt erst ganz, jetzt wähle ich frei wie ein Mann, und ich wähle Dich unter Millionen, Dich allein. Liebst Du mich noch? — Du liebst mich noch, nur hat sich Deine Liebe in Haß verkehrt — O! laß' mich so — (sie legt sich au seine Brust). Dieses starre Herz soll wieder warm werden an dem meinen, das ihm mit aller Liebe, aller Sehnsucht entgegenschlägt wie damals, wo wir unter 3 34 dem Dache nisteten gleich zwei verliebten Schwalben. Antworte mir — sprich nur ein Wort! Paul (sich sanft losmachend, traurig). Ich habe Ihnen nichts zu antworten. Mad. O! Du liebst mich noch. Dein Auge sagt mir, was Deine Lippen mir verschweigen wollen. So nimm mich doch, ich will Dein Weib sein, wir wollen Beide arbeiten und glücklich sein — nein, Du sollst nicht arbeiten, nur ich, bis jetzt habe ich aus Allen Sclaven gemacht, nun will ich Deine Magd sein und Dir dienen — ick will ja Alles gut machen, Alles, sprich nur ein Wort, ein einziges Wort! Paul (wendet sich im innern Kampfe ab und preßt beide Hände vor das Gesicht). Mad. (jubelnd). Du kämpfst — Du wehrst Dich gegen mich! — Vergebens, Du bist mein! — (Sie umschlingt ihn.) Und Niemand soll Dich mir entreißen! Paul (finster). Ich vergebe Dir, Madeleine, aber wir müssen scheiden für immer. Mad. Nein! Nein! Nichts soll uns trennen. Ich bin jetzt reich, sehr reich — Alles das ist Dein; oder hast Du Ehrgeiz, willst Du eine große Stellung, willst Du eine Rolle spielen, ich habe Einfluß. Paul (bitter). Du willst mich prote- giren— bei Deinen Freunden, den Ministern, den Finanzmännern, den Redacteu- rcn! Es ist nicht zu glauben! (Er lacht.) Wie können Sie es wagen, Madeleine, einem Manne von Ehre einen so schimpflichen Antrag zu machen ? Mad. Mein Gott, ich habe Dich beleidigt, das wollte ich nicht. Paul. Was wollen Sie also —eine krankhafte Phantasie, eine grausame Laune an mir befriedigen? — Sie halten es für möglich, an meinem Herzen 'ein neues Leben zu beginnen ? Sie täuschen sich. Sie würden mick noch einmal verrathen, und dießmal müßte das entsetzlich enden. Wir müssen scheiden und für immer. Mad. (wirst sich vor ihm nieder und umfaßt seine Knie). Paul, stoß' mich nicht von Dir! (Verzweifelt.) Erbarmen! Paul. Hast Du Erbarmen mit mir gehabt ? — So lag ich vor Dir und zitterte und bat um Deine Liebe wie um mein Leben — Du hast kein Erbarmen mit mir gehabt. Ich habe jetzt keines mit Dir. Mad. (flehend). Paul — Du kannst mich nicht verzweifeln lassen, Du bist ja gut und edel— Paul. Aber nicht sentimental! — Mad. Wenn noch ein Funke Liebe für mich in Deinem Herzen — Paul. Ich liebe Dich nicht mehr. Mad. (ausschreiend). Du liebst eine Andere! Paul (wendet sich ab). Mad, (steht aus). Faustina! Paul. Verlassen Sie mich, Madeleine! Mad. (mit steigender Heftigkeit). Bedenke, mein Freund, ich bin nicht gewohnt auf den Knien zu liegen, wie ich vor Dir gelegen bin; — ich bin es nicht gewohnt, um Liebe zu betteln, ich habe meine Gunst verschenkt wie eine Göttin der antiken Welt. Laß' mich nicht so scheiden. Ich ertrüge es nicht, von einem Mann verworfen zu werden — am wenigsten von einem Manne, den ich liebe und n>n nichts in dieser Welt von Dir! Paul. Verlassen Sie mich. Mad. Denke an Gott! Paul (lacht). Madeleine, Sie sind sehr komisch! Mad. (drohend). Paul! das vergelte ich Dir! Paul. Man kommt. (Er geht zur Mittelthür, öffnet und blickt hinaus.) Gehen Sie. Mad. (für sich, den Arm drohend gegen ihn erhoben). Rache! (Sie geht zum Tisch und nimmt ihren Muff.) Was ist das? (Sie nimmt ein Heft vom Tisch.) Sein Tagebuch. Vortrefflich ! (sie steckt es rasch in den Muff) und hier — (sie sieht sich umgreift in die Eassa, nimmt 10 Banknoten z» 1000 fl. aus derselben und steckt sie i" ^ Muff, zu gleicher Zeit wirst sie ihr Sacktuch 35 Anus aus den Boden). Mein Gott! — Kulstilia! (Sie laßt den Muff links aus dem Lisch liegen und verbirgt sich rasch hinter dem Ofenschirm.) Paul (kehrt zurück). Sie ist fort. (Er -hi sich an den Tisch.) 4. Sceue. Vorige. Faust ina (durch die Mitte in einem Seidenkleide, Paletot, Muff, das Haar in Locken — kommt langsam vor bis zum Asch und legt ihren Muff rechts aus denselben). Guten Abend! Paul (steht auf, verbeugt sich und setzt sich nieder). Faust, (geht um den Tisch vorn nach links und bleibt, den Rücken gegen Paul, stehen). Haben Sie meine Rede gelesen? Paul. Ja. Wenn die Wirkung morgen in der Kammer so bedeutend ist, wie sie cs bei mir war, dann ist Ihnen der Sieg gewiß. Mich haben Sie überzeugt. Faust, (wendet sich rasch zu ihm). Wirklich? Paul. Ich bewundere Sie! (Er vertieft sich in seine Arbeit.) (Pause.) Faust, (geht vorne auf und ab, die Arme über die Brust gekreuzt). Paul. Sie schweigen über den gestrigen Vorfall, Frau Baronin; ich sehe darin meine Verurtheilung. Faust. Was soll ich Ihnen sagen? Sie haben alle Gesetze der Gesellschaft verletzt, "seine Freunde vertrieben — und doch din ich Ihnen dankbar. Paul. Wofür? Faust, (bleibt stehen). Weil ich in Ihr Herz geblickt habe, dieses männliche Herz, aas den Muth hat, zu lieben und zu hasten. (Sie macht einige Schritte und bleibt Mer vor ihm stehen.) Aber Sie lieben Madeleine — Paul. Nein, ich liebe sie nicht. Faust. Täuschen Sie sich nicht selbst, "Mn Freund. Pan l (fest). Ich täusche mich nicht — (Faustina ansehend) ich kann nur lieben, wo ich achte. (Kleine Pause.) Faust. Sie wollen noch arbeiten ? Paul. Ich schließe nur noch die Caffa ab. Faust, (behaglich). Machen Sie rasch. Wir wollen uns wieder zu den traulichen Kamin setzen, heute Abend, uns unsere Geschichten erzählen und die Märchen unserer Kinderzeit — wir wollen auch sehr gescheidt sein — Paul (herzlich). Und Philosophien — Faust, (ebenso). Und zanken — Paul. Und Anna soll uns einen Thee machen — Faust. Und ich ziehe meine Pelzjacke an. Paul. Ach ja. Faust. Im Augenblick. (Sie geht rasch nach links zur Thür und kehrt langsam zurück.) Nein, ich habe Ihnen noch etwas zu sagen. Man sagt, die besten Frauen sind diejenigen, von denen nicht gesprochen wird. Ich fürchte nun, es wird schon viel zu viel von mir gesprochen. Es ist sogar heute Abend in der Zeitung von mir die Rede. Der »Fortschritt« nennt mich schön, geistreich, einen Charakter. Ich bin dabei erschrocken. Ich werde irre an mir selbst und Sie sind der Einzige, der mir mein Selbstvertrauen zurückgeben kann. Sie müssen mir einmal mein Bild malen, ohne zu schmeicheln. Alle huldigen mir — Sie allein sind wahr. (Sie steht links an dem Schreibtisch, stützt sich aus beide Arme und beugt sich zu Paul.) Halten Sie mich für geistreich? Paul (ohnevon seiner Arbeit aufzublicken). O gewiß! Faust, (wie oben). Was halten Sie von meinem Herzen? Paul. Sie fühlen tief, nachhaltig, ohne sentimental zu sein, ja Sie haben ein klein wenig von der Grausamkeit der Löwin, aber auch ihre Großmuth, ihren Adel. 3 * 38 Faust. Und mein Charakter? Paul. Ich achte Sie. Wollen Sie noch mehr? Faust. Aber meine Bildung? — ich bin doch recht vernachlässigt worden? Paul (lächelt und schweigt). Faust. Sie geben es zu? Paul (einen Augenblick zu ihr emporsehend). Cm wenig. Faust. Sie werden mich erziehen. Ja? Sie werden aus mir ein braves Weib machen. (Sie geht einige Schritte, bleibt stehen, lächelt.) Noch etwas. (Zurück- kehrend.) Aber wahr und offen — Ihr Wort! (Reicht ihm die Hand.) Paul (gibt ihr die Hand"und schreibt dann weiter). Faust, (aus den Tisch gestützt, zu ihm gegebenst, schalkhast). Finden Sie, daß ich schön bin? — Paul (sieht sie überrascht an; kleine Pause). Ja, Sie sind schön! — Faust, (rasch einsallend). So, jetzt schreiben Sie nur weiter. (Sie nimmt Madeleinens Muff.) Beeilen Sie sich. Ick bin gleich wieder da. (Rasch ab rechts.) Tisch und nimmt Faustina's Muff.) Die Laune einer Katharina von Rußland. Geben Sie nur Acht, daß Sie nicht Ihren Kopf dabei verlieren. (Im Fortgehen.) Amüsiren Sie sich gut. (Lacht.) Ha! ha ! ha! ha! (Lachend durch die Mitte ab.) 6. Scene. Paul (allein — er legt das Geld aus den Tisch). Sie geht—für immer. (Pause.) Ich bin mit Dir zufrieden, armes Herz. Die schwere Asche des Lebens hat Deine Flammen noch nicht ganz erstickt, sie loderten empor und drohten über mir zusammenzuschlagen. Doch Du bist fest geblieben. Der alte, schwer erworbene Friede kehrt wieder in Dich ein. - Ich habe nichts zu bereuen. (Zählt weiter.) 7. Scene. Paul. Faustina. 5. Scene. Vorige, ohne Faustina. Paul (schreibt). Mad. (tritt heraus, sieht ihn an und lacht diabolisch auf). Paul (sieht sich um, steht auf, sehr ernst). Sie sind noch da? M a d. Sie lieben Faustina — Paul (ohne sie zu achten, nimmt Geld aus der Cassa und beginnt es zu zählen). Mad. Und sie liebt Sie. Paul. Freveln Sie nicht. Mad. (höhnisch). Der Versuch hat etwas für sich. Sonst machen wir aus unseren Herren unsere Sklaven — hier haben wir einmal eine Herrin, die ihren Sclaven zu sich erhebt. (Sie geht um den Faust, (in der Pelzjacke des 2. Actes. Sit tritt langsam von links ein und betrochtet Paal; für sich, mit Humor). Jetzt wirst Du an das Kreuz geschlagen, Du stolzer Mann, ohne Erbarmen, mit drei Nä« geln — der eine heißt Mutterwitz, der zweite Anmuth, der dritte Koketterie. (Zu ihm tretend, laut.) Werden Sie gleich aufhören, der Samovar brodelt, da? Feuer im Kamin prasselt so fröhliche wir wollen unser niederländisches Genre« bild fortsetzen. (Sie geht durch das Zimmer.) Sie haben nicht einmal einen Spiegel da- Paul (indem er stehend zählt). Wozu. Faust. Wozu? — Weil ich eine» brauche, und gerade jetzt — Paul (sein) Soll ich Ihr Spiegel sein? Faust. Vortrefflich. 37 Paul (zählend). Nun, fragen Sie den Spiegel. Faust, (stellt sich ihm gegenüber). Wie läßt mir diese Frisur? Paul (sieht sie an). Wunderbare Locken! Faust. Sie haben gestern Madeleineus Locken bewundert. Paul. Ich liebe Locken, (kr zählt.) Faust, (cokett). Merken Sie nicht, daß ich sie heute deßhalb gemacht habe? Paul (ist fertig geworden; verwirrt, indem er von Neuem zu zählen beginnt). Mein Gott! Faust, (bei Seite). Der eine Nagel sitzt fest. Nun den zweiten. (Zu Paul.) Und wie kleidet mich diese Jacke? — Geben Sie Acht, ich sehe mich jetzt in dem Spiegel. (Sie zeigt sich en taoe.) So — Paul (sieht sie an). Faust, (ihm den Rücken zeigend und ihn lokett über die Achsel ansehend). Und so — Paul (zählt wieder). Faust, (wie oben). Nun, was sagt mein Spiegel? Paul (immer verwirrter und aufgeregter). Prächtig! — (Halblaut.) Das Herz steht mir still. — (Er zählt weiter.) Faust, (beobachtet ihn, für sich). Der zweite Nagel sitzt gleichfalls fest. — Das macht sich ja herrlich. Nun versuchen wir den dritten. (Zu Paul.) Du lieber gutei Spiegel, Du bist ja ein Juwel ! — Am Ende bist Du gar der Zauberspiegel aus Schneewittchen ? (Ihn ansehend.) »Spiegel, Spiegel an der Wand, Wer ist die Schönste im ganzen Land?« , Paul (sie ansehend). »Ihr, Herrin, seid die Schönste im Land.« Faust, (droht ihm). »Und der Spiegel schmeichelte doch nicht, sondern sagte die Wahrheit wie jeder Spiegel.« heißt es in dem Märchen. Spiegel, lügst du nicht ein wenig ? (Droht ihm.) . Paul (seine Stimme zittert). Ich lüge «ne. (Zählt.) Faust, (für sich). So, mein Herr, jetzt find Sie an das Kreuz geschlagen! Paul (bei Seite). Fassung! Fassung! Faust, (zärtlich die Hand auf ihn legend). Was ist Ihnen? Paul. Nichts! Nichts! (kr zählt wieder.) Faust. Sie sind verwirrt, aufgeregt — was haben Sie? Paul (zählend). Nichts! (Erhörtaus zu zählen und bleibt, das Auge starr aus das Geld geheftet, wie vernichtet stehen.) Faust, (theilnehmend). Sie leiden? Paul (legt die Hände vor das Gesicht). Faust. Sprechen Sie doch. Paul (zuBoden sehend). Ich weiß nicht, wie ich beginnen soll. — Das, was ich Ihnen zu sagen habe, ist so seltsam, so unglaublich, so lächerlich — und doch so traurig! Faust, (zart, aber muthwillig). Ah! Sie sind verliebt! Paul (verstört). Es ist nicht das. Faust. Was denn? — Sie erschrecken mick! Paul (sehr ernst). Frau Baronin, ich habe Ihnen eine für mich wahrhaft entsetzliche Eröffnung zu machen. Faust. Aber— was ist Ihnen — Sie sind ganz entstellt. — (Sie legt die Hand aus seine Schulter.) Um Gotteswillen, was haben Sie? Paul. Die Eassa stimmt nicht! Faust, (lachend). Das ist Alles? Paul. Es fehlteinebedeutendeSumme. Faust, (zuckt die Achseln). Nun. und was weiter? Paul. 10 Banknoten zu 1000 Gulden. Faust. Ah!—Sie haben sich verzählt. Paul. Nein, ich habe dreimal gezählt. Faust. Oder Sie haben das Geld verlegt. Paul. Ich halte strenge Ordnung. Das ist einfach nicht möglich. 38 Faust. Sie sehen, daß es doch möglich ist. P aul (beinahe tonlos). Sie müssen mich für schuldig halten. Faust, (entsetzt). Paul! Paul. Der Schein ist gegen mich. Niemand außer mir und Ihnen betritt dieses Zimmer, nur Sie und ich haben den Schlüssel zu demselben — und zu der Cassa. (Schmerzlich.) Welchen Eindruck müssen Sie in diesem Augenblicke haben! Was müssen Sie denken? Faust, (heiter). Was soll ich denken? Paul. Daß ich — ich kann das schmachvolle Wort nicht aussprechen — Sie müssen mich für schuldig halten. Sie müssen mich dem Gerichte übergeben. Faust, (schmerzlich). Paul! (Kleine Pause— streng.) Sie beleidigen mich, mein Herz, meine Vernunft, wenn Sie mein Vertrauen zurückweisen. Sie sind der Mann, dem ich meine Angelegenheiten, meine geheimsten Gedanken, meine Ueber- zeugung, das Heiligste, was ich habe, in die Hände gelegt habe. Haben Sie das vergessen ? — Nichts in der Welt kann meinen Glauben an Sie erschüttern! (Sie legt beide Hände aus seine Schustern und sieht ihm lange in das Auge, dann beginnt sie zu lachen.) Sie sind ein Kind! — der Thee wird uns kalt. Geben Sie mir den Arm ! Paul (macht eine ablehnende Bewegung). Faust, (herzlich). Wie ernsthaft! — Lachen Sie doch. (Sie nimmt seinen Arm.) Paul. Nein, Frau Baronin, das kann nicht das Ende sein. So lange nicht jeder Zweifel getilgt, bin ich nicht werth, diese Hand zu berühren. (Er macht sich sanft los.) Faust. Ja, was wollen Sie aber eigentlich? Paul. Mein Recht, Frau Baronin. Faust. Ist Ihnen mein Glaube, mein Vertrauen nicht mehr ? Paul. Nein. Faust, (ruhig). Nun gut, so lassen Sie uns untersuchen, denken wir nach. War Niemand hier? Paul. Niemand. Faust. Erinnern Sie sich doch. Gewiß nicht? denken Sie, was daran hängt Paul (mit gesenktem Blick). Niemand. Faust. Warum sind Sie auf eimml so verlegen? Sie verbergen mir etwas, (Sie geht von vorne um den Tisch und sindkt das Tuch, hebt es aus, Paul den Rücken kehrend, und sieht es an für sich.) Was ist das? (Beginnt zu zittern.) Paul, es war doch Jemand da! Paul. Niemand. Faust. Eine Frau war bei Ihm (Sie hält ihm das Tuch hin.) Paul (fährt zusammen). Faust, (ausflammend). Also doch- und doch verrathen und verkauft! Paul. Sie können glauben? Faust. Das Tuch hat kein Zeichen. Wem gehört das Tuch? Paul (fest). Ich weiß es nicht. (Pause.) Faust, (immer zorniger). Soll ich es Ihnen sagen — Es gehört Madeleine. Paul. Ich weiß es nicht. Faust. Sie lieben dieses Weib? Paul. Nein. Faust. Ja. Paul. Wahrhaftig, nein. Faust. O! Sie lieben — Paul (will reden). Ich begreife nicht— Faust, (ihn barsch unterbrechend, indem ft mit dem Fuße stampft). Kein Wort! (Sie geht nach vorne links.) Sie lieben — und aus Liebe — Paul (sie unterbrechend, stolz und bitter). Jetzt ist Ihr Glaube an mich doch zu Ende. Faust. Der Rival von Banquiers und Grafen! — freilich das kostet viel! Paul (bitter). Die Ideen eines großen Weibes und die Logik einer Aristokratin! — Wir sind fertig! Faust, (voll Schmerz). Es ist furcht) bar ! (Sie wirft sich in den Sessel, der links steht, und bedeckt ihr Gesicht mit beiden Händen.) (Pause.) Paul, habe ich das um Sie verdient? 39 Paul(kalt). Ich wiederhole, derSchein st gegen mich — Faust, (erhebt sich rasch und fällt ihm n's Wort, schmerzlich). Vertheidigen Sie sich nicht! — Oh! Sie haben mir entsetzlich weh' gethan! Sie wissen es nicht, Sie ihnen es nicht, Sie können es nicht begreifen. was Sie mir gethan haben ! — Zehen Sie. (Sich von ihm abwendend) Ver- assen Sie mein Haus. Ich will Sie nie- nals Wiedersehen. (Sie geht ganz nach links, wo sie vorne stehen bleibt.) Paul. Gnade! — Nein, Faustina, ich ill Ihre Schonung nicht, ich will mein liecht! Faust, (ihn ansehend, gebietend). Gehen sie! P aul (sehr fest). Ich gehe nicht. Ich erlasse Ihr Haus nicht. So nur kann »eine Unschuld oder Schuld erwiesen verden. Lassen Sie mich verhaften. Faust. Wahnsinniger! Paul. Habe ich Ihr Vertrauen versagt, Frau Baronin? — Nein, ich habe Hnen dafür gedankt, und jetzt danke ich Ihnen für Ihre Gnade! Faust. Sie fordern mich heraus? Paul (schroff). Ich fordere nichts als »ein Recht. Ich bleibe. Faust, (zornig). Wenn Sie mir so entgegentreten — gut, es sei. — Jetzt haben Tic sich ganz in meine Hand gegeben, Verblendeter, ich kann Sie verurtheilen ewiger Schmach, oder Sie begnadigen zu einem Leben voll Reue und Gewissensbisse, armer verliebter Schächer! — Jetzt sollen Sie mich um Gnade bitten, auf Ihren Knien, wie ein Sclave, der die Peitsche verdient hat — das wird mir Whl thun!—Ich werde lachen, ungeheuer lachen — (sie lacht diabolisch) — und vielleicht gnädig sein, wenn ich guter Laune °'N! (Sie geht mit der Haltung einer Desmin, Aug' in Auge mit ihm, aus ihn zu, "nl> deutet gebieterisch aus deu Boden.) Auf die Knie!' Paul (hält ihren Blick ruhig und stolz aus). Faust, (bleibt vor ihm stehen, kreuzt die Arme aus der Brust und stoßt ein verächtliches Lachen aus, dann majestätisch). Noch Trotz und Hochmuth! — dann erfülle sich Ihr Schicksal! (Sie geht rasch zur Mittrlthür, sperrt und zieht den Schlüssel ab.) Ick» mache Sie zu meinem Gefangenen. (Sie geht dann zur Thüre links, in drohender Haltung.) Sie wollen Ihr Recht — Ihr Recht soll Ihnen werden! (Der Vorhang fällt.) 5. Art. (Kleines Boudoir bei Faustina. Ganz wie im 2. Act — nur steht der Schäme! bei dem Divan links, auf dem Tische bei dem Divan liegt Madeleinens Tuch, auf einem Fauteuil beim Kamin ihr Muff; auf dem Kamin liegt der Schlüssel zu Pauls Zimmer.) 1. Scene. Faust, (in einem Roccocoschlafrock ä, la Pompadour von weißem Atlas, mit weißen Spitzen besetzt; die offenen Locken fallen ihr wie die Mähne einer Löwin bis auf den Rücken ; sie liegt, den linken Arm unter dem Kopse, auf dem Sammtdivan links). Judith. Jud. (noch draußen vor derThüre, links). Triumph! Triumph! (Sie stürzt herein, bleibt stehen und schöpft Athem.) Faust, (richtet sich auf). Das Gesetz ist angenommen? Jud. Mit großer Majorität! (Sie eilt z Faustina und kniet vor ihr nieder.) Papa seine Rede — das heißt Ihre Rede — unsere Rede — hat eingeschlagen wie ein Blitz—die Rechte rief immerfort: »Oho!« Die Linke applaudirte, das Centrum ndlich auch, die Gallerten jubelten. Wir 40 haben gesiegt! — Aber was ist Ihnen? — Sie freuen sich nicht einmal? Und wie bleich Sie sind! — Faust, (weich). Sie finden mich nach einer schlaflosen Nacht, krank, erschüttert, liebe Judith. Jud. Mein Gott! Faust. Paul, den ich so hochgeschätzt habe, der mir so werth war—er hat mich furchtbar getäuscht. Jud. Wie? Faust. Ich sage es nur Ihnen — denn ich will ihn noch immer retten, wenn ich auch nicht weiß wie. — Es fehlen seit gestern Abends IV.000 Gulden aus meiner Eafsa. Jud. Nun — und — Faust. Und Paul — Jud. Das ist ja nicht möglich. Faust. So denke ich auch —und dann wieder — Niemand als ich und er betraten jenes Zimmer. Jud. (herzlich lachend). Aber Sie werden doch nicht glauben — (sie lacht) ha! ha ! ha ! — daß Paul — (sie lacht wieder^ ha ! ha ! ha ! — daß Paul — (sie lacht wieder, steht aus und geht lachend durch das Zimmer) ha! ha! ha! -- Ach, es ist doch zu komisch ! (Sie lacht fort.) Faust. Es ist gar nicht so komisch. Der Wahnsinnige will meine Gnade nicht, er will sein Recht. Jud. Natürlich! Er verlangt es im Bewußtsein seiner Redlichkeit, seiner Unschuld ! Faust. Er verlangt sein Verderben. Jud. (sehr ernst). So leicht erschüttert ist Ihr Glaube an einen Mann, den Sie kennen, den Sie achten, den Sie lieben? Faust, (sich rasch erhebend). Ich? Jud. Ja, Sie lieben ihn, machen Sie keine Geschichten — Sie müssen ihn ja lieben! Ist er nicht das, was Sie von einem Manne verlangt haben, was Ihnen wie ein Ideal vorschwebt? — Und diesen Mann können Sie für schuldig und ehrlos halten? Faust, (läßt den Kopf auf die Brust sinken). Sie haben Recht und doch — Jud. Was doch? — nicht anklW sollen Sie ihn, sondern Heirat hen ! Faust. Kind! Jud. Wenn ich ein Kind bin, so ssuht das Kind in seiner Einfalt diesmal schärfer als das Genw der Frau. Wo finden Sie einen besseren Mann ? Faust, (lächelnd). Wies Sie begeistert sind! Jud. Ja. das bin ich. Ich bin nicht verliebt in ihn, wirklich nicht, aber ich - ich heirathe ihn auf der Stelle. Faust, (geht auf und ab). Der Schein ist gegen ihn — ich wiederhole Ihm Niemand als ich und er betraten jenes Zimmer. Jud. (ernst). Sehen Sie, Faustina, das ist schon nicht wahr. Faust. Wie? Jud. Denn ich war gestern bei ihm. Faust, (starr). Sie? Jud. (unbefangen). Ja, ich. - Was ist denn da wieder Furchtbares daran? Faust, (nimmt Madelcinens Taschentuch vom Tische und zeigt es Judith). Und das ist Ihr Tuch? Jud. (sieht es an). Nein. Faust. Wem gehört also dieses Tuch' Jud. (schüchtern). Es war noch Jemand bei ihni. Faust. Noch Jemand? Jud. Ja. Faust. Eine Frau? Jud. Ich sollte es wohl nicht sagen^ Faust, (erregt). Sprechen Sie, ich beschwöre Sie — das kann ihn retten, ihn rechtfertigen. (Sie führt Judith zum DiM und srtzt sich.) Jud. (setzt sich aus den Schäme! zu ihm> Füßen, geheimnisvoll). So hören Sie deiia Wie ich Paul verlasse — es war doch spät am Abend — bin ich plötzlich in dm finstern Corridor. Es ist ganz dunkel, m fürchte mich ein wenig und zögere. Da höre ich Schritte — mir klopft das Herz 41 ich drücke mich an die Wand und bin hübsch Uichathme nicht einmal. Es rauscht mir vorüber. Ich denke, das sind Sie. Faust. Ja. Zud. Ich rühre mich nicht, da öffnet ßch die Thüre, die zu Paul führt, und wie das Licht herausfällt, sehe ich — Faust. Nun — mich — Jud. Nein, eine Andere. Faust. Wen? - Um Gotteswillen! Jud. Madeleine! Faust. Madekeine! 2. Sccne. Vorige. Madeleine (von links im Pa letot, den Muff Faustina's in der Hand). Faust, (auffahrend). Sie selbst - kin Gedanke! (Sie steht aus). (Begrüßung.) welch' Faust, (ladet Madeleine ein auf dem Di van neben ihr Platz zu nehmen). Jud. (setzt sich zum Kamin). Mad. Ich komme, Sie wegen der Scene um Vergebung zu bitte«, zu welcher ich vorgestern in Ihrem Hause Anlaß gegeben habe. Ich versuche cs nicht, mich zu rechtfertigen, aber ich bitte Sie, halten Tie mich für unglücklich, nicht für schlecht. Zugleich nehme ich Abschied von Ihnen. 3ch scheide aus Ihrem Hause mit Weh- Mth und Dankbarkeit für alle Güte, die Tie mir bewiesen haben. Faust. Ich bedaure lebhaft, daß ich Tie verliere, aber ich sehe ein — Al ad. (sie unterbrechend). Sprechen wir "icht mehr davon. Es ist mir peinlich. Faust. Was wollen Sie? Sie find glücklich. Sie entschädigt unter allen Umständen Ihre Kunst. Die heutigen Zeitungen sprechen von nichts anderem als Jh- rein letztem Triumphe im »Fidelio.« Wiener Theater-Reperl. Nr 279 . Mad Sie sind sehr gütig. (Sie erblickt das Bild auf der Staffelei.) Ah, das ist wohl etwas Neues, eine Ueberraschung für die nächste Ausstellung. (Sie sieht auf, läßt ihren Muff aus dem Divan liegen und tritt vor die Staffelei.) Ihre Landschaften athmen doch alle eine eigenthümliche märchenhafte Poesie. (Sie betrachtet das Bild.) Jud. (setzt sich zu Faustina auf den Schämet). Faust, (nimmt den Muff, spielt mit demselben und spricht leise mit Judith). Mad. (für sich). Sie ist so ruhig, sie hat offenbar noch nichts entdeckt. Wenn ich nur über das Schicksal der Papiere beruhigt wäre. Sie sind mir offenbar aus dem Muff gefallen. Aber wo ? Wenn noch in seinem Zimmer, dann hat er sie entdeckt und meine Rache scheitert. Faust, (steht plötzlich den Muff an und lacht). Aber Sie haben ja meinen Muff? Mad. Ihren Muff? (Sie kommt rasch zu Faustina und sieht ihn an.) In der That — der meine ist schwarz gefüttert. Faust. Und dieser braun. Es ist der meine. Mad. (verwirrt). Wir haben sie verwechselt — aber wo — und wie — mir ist es unbegreiflich. Faust, (steht aus und holt Madeleinens Muff) Hier ist der Ihre. (Stellung von links nach rechts. Jud. Mad. Faust.) Mad. (greift hastig nach dem Muff). Faust. Pardon! Ich muß nur sehen, ob ich nichts hinein gethan habe. (Sie greift in den Muff; betroffen, für sich.) Was ist das? (Sie geht nach rechts und bleibt vorne an der Rampe stehen.) Apropos! In meinem Hause ist ein großer Diebstahl begangen worden. Es fehlen 10 Banknoten zu 1000 Gulden in meiner Caffa. Mad. (immer verwirrter). Ah, das ist furchtbar - und wer hat sie bestohlen? 4 42 Taust. Niemand hat dasZimmer betreten als ich und mein Secretär, Herr Paul Urban. Mad. Und Niemand sonst? Faust, (sie fixirend, langsam). Niemand — als eine Dame, Madeleine, und dieses Dame (energisch) find Sie! Mad. Frau Baronin — Sie glauben doch nicht — Faust, (strenge). Daß Sie mich bestehlen wollten? Nein. Aber hier ist Ihr Muff und hier find die Banknoten. (Sie schüttet sie aus dem Muff aus den Boden vor Madeleinens Füße.) Mad. (vernichtet). Mein Gott! Faust, (mit ruhiger Hoheit). Und doch glaube ich nur, daß Sie Rache nehmen wollten — eine wahrhaft teuflische Rache. Einen Mann, den Sie geliebt und den Sie verrathen haben, noch brandmarken für sein Leben, um sein Elend voll zu machen. Iud. Abscheulich! Mad. (verhüllt ihr Gesicht). Ja denn, Faustina, ich that es, weil ich ihn liebe, und weil er mich von sich gestoßen hat, um einer Andern willen — Faust, (erregt). Um einer Andern willen ? Wieder eine Andere! Wer ist diese Andere? Mad. (lacht bitter). Sie fragen mich? Faust. Bei Gott, ich weiß es nicht! Iud. (winkt ihr hinter Madeleinens Rücken und ringt ironisch die Hände). Mad. Sie halten ja sein Tagebuch in der Hand, seine verborgensten Gefühle, seine geheimsten Gedanken. Faust, (nimmt das Tagebuch aus dem Muff und gibt ihn dann Madrleine). Mad. Ich wünsche Ihnen die beste Unterhaltung damit. Und einen Rath gebe ich Ihnen. Wir Frauen sind nicht dazu da, um zu lieben, sondern um uns lieben zu lassen. Der Mann wird uns nur dann anbeten, wenn wir den Fuß auf seinen Nacken setzen. Nochmals, die beste Unterhaltung. (Sie verneigt sich und geht links ab.) 3. Scene. Vorige ohne Madeleiue. Iud. (sieht ihr nach). Daß ein Weib so schlecht sein kann. (Sie hebt die Banknoten rasch auf und legt sie aus den Tisch.) Faust, (setzt sich aus den Divan). Ich bl» beschämt. Ich wage es nicht ihm in die treuen, ehrlichen Augen zu blicken. Wie soll ich zu ihm sprechen? Wird er mir vergeben? Er kann mir nur vergeben, wenn er mich liebt. Und liebt er mich? Kann er mich noch lieben? (Sie läßt dar Tagebuch fallen und legt die Hände vor dai Gesicht.) 3ud. (sieht sie au, hebt das Lagebuch ans, setzt sich auf den Schämel zu Faustina mb liest): »Ich habe mich heute der Baronin Löwenberg vorgestellt. Eine wahrhafte Löwin. Sie erklärt mir den Ursprung jedes Despotismus aus einer großen Natur, denn dieses Weib hat von dem ersten Augenblick an Gewalt über mich gewonnen.« Faust, (läßt langsam, während Judith liest, die Hände herabsinken und hört aufmerksam zu). Sein Tagebuch? Iud. Ja. (Liest.)»Ich war den Abend mit ihr allein.« Faust. Mit wem? Iud. (ärgerlich). Mit Ihnen — mit wem sonst? (Liestweiter.) »Die erste Frau, die Vernunft hat, und sich die Mühe nimmt Gründe für ihre Meinungen anzuführen. Ich weiß nicht mehr, ob ju schön ist, mir ist ihr Bild ganz aufge gangen in ihren großen, wunderbaren Augen.« (Kleine Pause.) Soll ich M weiter lesen? Faust. Nein. (Sie nimmt das Tagcbnch und blickt hinein; liest dann selbst.) »F^ stina! Die Glückliche hat man Dich getauft und in der Wiege schon ;>»" Glücke geweiht, indeß mich die Hammerschläge dieser Welt oft und sMr 43 getroffen haben. Du mußt herrschen auch ohne den königlichen Hermelin, weil sich Dir ein Jeder aus freiem Willen unterwirft — denn wär' es möglich, Dich nicht zu lieben? Dir will ich dienen, für Dich leiden, ich will Dich nicht gewinnen, um Dich niemals zu verlieren. Wenn Liebe so ganz ohne Selbstsucht sein kann, ohne Hoffnung, dann liebe ich Dich mehr als Alles.« (Sie läßt das Tagebuch herabsinken, faltet die Hände und blickt, leise weinend, zum Himmel, dann steht sie aus, nimmt den Schlüssel vom Kamin und gibt ihn Judith.) Jud. Na, endlich? Das hat lange gebraucht. (Sie schlägt die Augen zum Himmel auf und geht langsam nach links ab.) 4. Scene. Faustina (allein) (bleibt, auf den Kamin gestützt, in Gedanken stehen). (Kleine Pause.) Das habe ich gesucht. Ich wollte geliebt sein um meiner selbst willen, ohne Selbstsucht, ohne Verlangen, ohne Hoffnung. (Sie versinkt wieder in Gedanken.) 8. Scene. Faustina. Paul. Judith (von rechts). Paul (bleibt an der Thür stehen). Jud. (rasch zu Faustina, leise). Jetzt, wenn Sie noch nicht wissen, daß das der «owe ist, der rechte Löwe, dann —müssen Sie zur Strafe den falschen (sie deutet mit dm Händen den Langohr an) aus der Fabel bekommen, oder es gibt keine Gerechtigkeit mehr auf Erden. (Im Abgeken, leise, aber resolut zu Paul.) Jetzt reden Sie, Wenn Sie ein Mann find. (Läuft links ab.) 6. Scene. Faustina. Paul. (Pause.) Faust, (macht einen Schritt gegen Pau- und bleibt dann stehen, ohne ihn anzusehen). Ich habe Ihnen Unrecht gethan —schweres Unrecht. Paul. Sprechen wir nicht davon. Faust. Madeleine war bei Ihnen. Warum haben Sie mir es verschwiegen? Paul. Weil ich mußte. Faust. Und so haben Sie Ihr Recht und Unrecht dem Zufall preisgegeben. (Lächelnd.) Ihre Ehre, mein Lebensglück hing an den Haaren eines — Muffs. Es ist zu lächerlich! Ein Zufall hat Madeleine verrathen. Sie haben ihre Liebe verschmäht und sie hat aus Rache den Raub begangen, um Sie zu brandmarken. Paul. Mein Gott, ist so etwas möglich ? (Er kommt nach vorne rechts.) Faust, (zu dem Tisch tretend, noch immer ohne Paul anzusehen). Hier find die Banknoten. Sie find unschuldig. (Sie kommt links vor. ) Ich wußte es im ersten Augenblick. Sie haben mich gezwungen Ihnen Unrecht zu thuu —Sie selbst. Ich war hart, ich war ungerecht, ichwargrau- sam gegen Sie. Es schmerzt mich sehr. Vergeben Sie mir, wenn Sie können. (Sie wendet sich ab, schluchzt leise.) Paul (warm). Sie haben mir weh gethan, unendlich weh — aber dieser Augenblick tilgt alle Bitterkeit aus meiner Seele. Faust, (ohne ihn anzusehen). Ich danke Ihnen. Und nun, Paul — Paul (bewegt). Nun, Frau Baronin, erlauben Sie, daß ich Ihr Haus verlasse. Faust, (wendet sich entsetzt zu ihm, sie sieht ihm jetzt erst in das Auge). Paul! Paul. Sie haben kein Vertrauen zu mir - Faust. Paul! 44 Paul (fest). Kein volles, unerschütterliches Vertrauen, wie ich es verlange. Ich kann Ihnen nicht länger dienen. Faust. Davon ist nicht die Rede. Paul (kalt). Wovon denn? Faust, (sieht ihn an). Muß ich es Ihnen sagen? Ja ich muß. Man nennt mich ein freies Weib -- sei's denn, ich nehme für mich die Freiheit in Anspruch, zu sagen, was ich auf dem Herzen habe, wie ein Mann. Hören Sie mich also. Paul. Ich bin gespannt. Faust. Seit ich nur denke, stand wie ein lichter Stern ein Mann vor meiner Seele, zuerst ein Ideal, mit allen Farben eines Mädchentraumes gemalt, dann mit dem Eisengriffel ernster Wirklichkeit fest und sicher von der Hand der Frau gezeichnet. Es war ein Mann mit einem starken Willen, einer muthigen Seele, den weder die Verderbniß der Gesellschaft, noch die Hochflut einer Zeit erschrecken kann, der die Räthsel des Daseins zu lösen wagt durch Ernst, Liebe, Arbeit! Es war ein Mann mit einem großen, guten Herzen, das für die ganze Menschheit schlägt wie für den letzten seiner Brüder; ein Mann, der Treue halten kann seiner Ueberzeugnng. seinem Weibe. — Es war ein Mann mit einem Geiste, dessen Freiheit nichts beschränkt, der sich nur der Wahrheit beugt — und dieser Mann, den ich ersehnt, erbeten habe, dem mein ganzes Sein entgegenjauchzt — Du bist es- Du! Paul (bitter). Und doch haben Sie an mir gezweifelt! Faust. Nein, Paul, es war nichtZwei- fel (verschämt zu Boden blickend), es war Eifersucht. Paul. Mein Gott! Faust. Es war das Tuch — nur das. Ich sah mich getäuscht in meiner Liebe. (Mit Enthusiasmus.) Denn mein Vertrauen zu Dir ist so grenzenlos, daß ich Dir Alles anvertrauen will, was nur mein ist, mein Haus, mein Leben, meine Ehre, und mich selbst! Paul (außer sich). Mir — mir? Faust. Dir — denn ich liebe Dich, - nur Dich! Paul. Faustina.' (Er breitet die Arme aus — sie an sich schließend.) Nun, so laß' Dir sagen, wunderbare Frau, daß ich Dich liebe mit aller Kraft des Herzens, die ich mir aufgespart in Leiden und Entsagung, und daß ich Dein war vom ersten Augenblick und Dein sein werde bis zum letzten. Faust. Und so gehör' ich Dir — - Dein Weib. Paul. Dein Sclave ! Faust. Nein, nein, Du nicht, Du falls! mein Herr sein ! (Der Vorhang fällt.) «nde. Truck >md Papier vcn Leovold Sommer L Comp, in Wie«. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. lit Vorsicht. Lustspiel in einem Act von G. Reuse. Personen: Trau verw. Medicinalrath Engler. Anna, deren Tochter. vr. msä. Leopold Barth. Minna, Stubenmädchen bei FrauEngler. (Elegantes Zimmer bei Frau Engler. Mittelthür, rechts und links je eine Seitenthür; rechts ein Fenster. Geschmackvolles, nicht »überladenes Meublement, darunter links einSopha. Links und rechts vom Publicum aus.) Erste Scene. Minna (allein). Minna (zur Thüre links hineinsprechend). Sein Sie unbesorgt, Frau Medicinal- Ehin. ich werde Alles in gewohnter ^eise auf das Pünktlichste ausführen. Nein, eine solche Umsturzpartei in unserem geordneten Staatswesen heute! — es ist reinweg zum Ohnmächtigwerden. Seit ü Uhr steht das Fräulein an der Toilette und wirft sich in Wichs, als wenn sie Gevatter stehen sollte, und seit 5 Uhr krempelt sich die Alte auf. als wenn ihr gestern Einer voll Entzückung vorgesungen hätte (singt): Dein Herz ist mein Herz, Dein ist mein Herz und soll es e- e- e- e e- ewig blei — ei — ei — eiben! — Wellen - scheitet Hab' ich ihr wirbeln müssen mit dem Brenneisen, daß mich die Finger jetzt noch schmerzen — aber gezwickt Hab' ich sie dabei, gezwickt, daß sie stöhnte wie ein zum Scherz gequältes Thier! — Nein, und auf die Backen hat sie sich getischt in Einem fort — erst weiß, dann roth, dann wieder weiß, bis sie aussah, wie ein In- 2 dianerhäuptling, wtnn er sich das Gesicht so, so — aufgeschunden hat — nein täto- w irt hat, heißt's. — Die Schminke der Frauen ist ein Laster, wenn sie in die Re- gion^desAreiferen Alters eingetreten sind und eine Anweisung auf den Herbst des Lebensferhalten. Ich und das Fräulein — wir stehen noch auf den Grundsätzen der Naturheilkunde, bei der Alten aber ist die Zeit ders Kaltwassercur vorüber und der Zmpfprozeß der Jugend muß von außen begonnen werden. Ja so! Wenn ich aber nur erst wüßte, was heute hier los ist. Zweite Scene. Minna. Frau Engler. Anna. Frau Engler (links in die Thüre tretend). Hat sich no ch Niemand melden lasten? Minna. Oja, Frau Medicinalräthin, Einer war hier, aber ich habe thn unangemeldet entlassen. Frau Engler (heraustretend). Leichtsinniges Mädchen — wen hast Du entlassen? Minna. Nun — unseren Milchmann — der sollte Ihnen doch nicht etwa seine Aufwartung machen? Frau Engler. Das ist Dein Glück, daß es nur der war — sonst — Minna. Da dürfte es daher am zweckmäßigsten sein, Sie theilten mir mit, wen Sie eigentlich erwarten, so würde ja jeder Jrrthum vermieden. Frau Engler. Nein! Nein! — Sorge nur, daß ich eher von der Anmeldung eines jeden Besuches unterrichtet werde, als meine Tochter; es handelt sich um eine Ueberraschung für Anna; ich verkäste mich fest auf Dich. (Ab nach links.) Minna. Sehr wohl, Frau Medicinalräthin! Die Sache wird immer verwickelter! — Da muß ich das Fräulein unterrichten — dann erfahre ich bestimmt auch den inneren Zusammenhang der äußeren Äugt, legenheiten. Anna (von rechts). Hat sich noch Nie- mand melden lasten, Minna? Minna. Nein, Fräulein, noch kem Menschenseele! —Sie erwartenwohl einen recht vornehmen Besucher? Anna. Ja, Minna. Minna. Und Ihre Mama erwartet wohl auch ganz denselben Visitator? Anna. Meine Mama? — Wie kommst Du auf diese Frage? Minna. Ja sehen Sie, Fräulein, die Frau Mama hat mich mindestens schon ein halbes Dutzendmal gefragt, ob sich noch Niemand habe anmelden lasten, gerade so wie Sie, Fränlein Anna. — W endlich setzte sie hinzu: Trage dafür Sorge, daß mir jeder Besuch eher ange meldet wird als meiner Tochter — und dahinter — das muffen Sie doch selbst zn- geben — dahinter steckt etwas. Anna. Minna, Du machst mich ordentlich unruhig. Minna. Sehen Sie, Fräulein, die Frau Mama hat sich aufgedonnert m eine Festehrenjungfrau und mit dem Ge sichte, das doch sonst einen etwas orangeschillernden Anstrich hat, ist sie so tief in den weißen Schminktopf gefallen, daß es blitzt wie meine frisch gewaschene weiße Schürze. Was ist also los? Anna. Minna, Du bist ein kluges und erfahrenes Mädchen — Dir will ich mein Herz ausschütten. Minna. Ja wohl! Schütten Sie nnr immer zu. Anna. Dr. Barth will heute beider Mama um meine Hand anhalten und ha> davon gestern der Mama eine versteckte Andeutung gegeben. — Das ist dos ganze Geheimniß! Minna. Um Ihre Hand, Fräulein will er anhalten? Um Ihre Hand? HoM Sie, Fräulein, das kommt mir bedenM vor. Gestern Abend hat er der Mama!» zärtlich die Hand gedrückt und dobei en> 3 Kar Augen gemacht, wie unser großer bkerikihahn auf dem Hofe! Wenn ihn ur die Frau Mama nicht etwa unrecht erstanden hat und denkt, es gilt ihr elbst — Anna. Aber Minna, wie sollte die ötutter auf solche Gedanken kommen? — sn ihren Jahren? Minna. Fräulein, die Frau Mama ist Jahre alt — und das ist -für die ssrauen und besonders für die Witwen >ie gefährlichste Zeit — da tritt das Herz n das zweite Liebesstadium und brennt vieder lichterloh, wenn man nur mit inem Fidibus daran tippt. — Der Herr Doctor ist 28 Jahre alt; er ist inmer ängstlich, höflich, manchmal verquatscht er sich — Sie dürfen mir das ücht übelnehmen, aber es ist einmal m dem. Anna. Ja, ja — Du hast nicht Unrecht! — er ist etwas befangen, aber doch ehrlich und gut. Sollte ihn die Mutter mißverstehen, so wird er sich erklären. Minna. Fräulein, die Mama hält ihn fest, wenn er sich verschnappt, sie läßt ihn bestimmt nicht los. Witwen halten fest wie Pecb. Anna. Wenn er kommt, Minna, so meldest Du ihn mir zuerst. Minna. Fräulein — ich habe strengen Befehl von der Frau Medicinalräthin. Bleiben Sie lieber selbst hier auf Posten. Anna. Das schickt sich doch nicht, IMinna. — Gib Du ihm einen Wink wegen der Mama — Du bist ein kluges Mädchen. Frau Engler (rasch eintretend). War denn noch Niemand hier? (Sie erblickt ihre Tochter.) Was? — Was soll denn das? ^ Du bist ja im Ballstaate? Was ist Dir denn heute eingefallen? ^ Anna. Liebe Mama, ich will der Tante Lteuerräthin heute Früh noch einen Besuch wachen. Du hast Dich ja auch in grauste Metts geworfen - was beabsichtigst denn Du? FrauEngler (nacheinigem Besinnen). Einen ernsten Schritt, vielleichtsogar einen Schritt zu Deinem künftigen Wohle, zu Deinem Heile! — Geh auf Dein Zim- mein Kind, hier ist jetzt kein Aufenthalt für Dich. (Sie geht bis zur Thüre, wendet sich daselbst aber um.) Anna. Ja, Mama. (Geht bis an die Thüre, bleibt stehen uud wendet sich ebenfalls um.) Frau Engler. Wünschest Du noch etwas, mein liebes Kind? Anna. Liebe Mama, wenn Du etwas zu meinem Heile thun willst, so denke auck daran, daß es auch Dir zum Wohle gereicht Frau En gl er. Aengstige Dich deßhalb nicht, mein Kind, und gehe. Anna. Ja, Mama, ich möchte (Zögernd ab rechts.) Frau En gl er. Minna, Du kennst meinen Auftrag — erst komm ich. ehe meine Tochter Meldung empfängt (links ab.) Dritte Scene. Minna. Or. Barth. Minna. Die Sache ist richtig! Die alte Fregatte hat sich nur deßhalb so aufgetakelt, weil sie das junge attakirende Linienschiff für sich ins Schlepptau nehmen will. Der Doctor sollte mir leid thun, wenn er in dieses Fahrwasser geriethe und aus lauter Aengftlichkeit sich kapern ließe. Je nun, ich will mein Möglichstes thun, um ihn vor dem alten Eorsaren in Sicherheit zu bringen. Denn folgt er der nicht willig, die ist im Stande Gewalt zu brauchen. — und das arme Fräulein müßte ihre jungen Segelorgane ohne Weiteres streichen. Doctor (klopft außerhalb der Scene). Minna. Ha! Da ist der Klopfgeist schon! Nun kann der Zauber losgehen. Herein! Doctor (unter höflichen.aber nicht outrir- ten Verbeugungen). Wünsche den schönsten besten guten Morgen. 4 Minna. Herr Doctor, Sie gerathen an die falsche Adresse, werden aber von zwei Seiten sehnlichst erwartet. Das Fräulein läßt Sie bitten, recht vorsichtig zu sein und nicht etwa . . . Doctor (tritt an Minna ausmerkeno heran.) Vierte Scene. Vorige. Frau Engler. Frau Engler. Ah, willkommen, mein verehrtester Herr Doctor. Sein Sie mir herzlich gegrüßt. (Streckt ihm die Hand entgegen.) Doctor (ergreift die Hand). Frau Me- dicinalräthin (küßt die Hand). Sie erlaubten mir gestern Abend sehr huldvollft (küßt die Hand), und ich bin daher so frei — Frau Engler. (entzieht ihm die Hand). Wollen Sie nicht Platz nehmen, lieber Doctor? — Minna, räume einstweilen in meinem Zimmer auf. (Setzt sich.) Minna. Dem Entwicklungsgang dieser vielversprechenden Herzenstragödie hätte ich gern als Augenzeugin beigewohnt. (Links ab.) Frau Engler. Nun entdecken Sie sich mir recht vertrauensvoll. Doctor (rückt seinen Stuhl ziemlich nahe). Wenn Sie erlauben, Frau Medicinal- räthin, so gestatte ich mir —(setzt sich zögernd). Frau Engler. Bitte, Herr Doctor, ganz als w nn Sie zu Hause wären. Doctor. Darf ich mir zu fragen erlauben, wie Sie geruht haben, Frau Me- dicinalräthin? Frau Engler. Ich danke, recht gut, sa sehr gut sogar. — Sie doch auch? Doctor. Nein, ich nicht so ganz wie es sein sollte. Frau Engler. Wie. so find Sie leidend — unwohl gar? Doctor. IhreTheilnahme erfreut mich sehr! — Nicht so was man leidend oder unwohl so eigentlich nennt, vielme,r etW unruhig, gespannt, aufgeregt. Frau Engler. Sie erschrecken mich, werther Freund! Doctor. Sehen Sie, Frau Medici- nalräthin, wenn man am Vorabend eines wichtigen Entschlusses steht, von dem die Zukunft seines Lebensglückes und vielleicht die Zukunft einer ganzen Familie abhängt, — so — (stockt) — so — Frau Engler (für sich). Einer Familie? — er scheint wirklich Absichten auf meine Hand zu haben! (Laut.) Nun, ich Höreinit höchstem Interesse — Doctor. So — so schlägt das Herz unruhiger als sonst, — die Gedanken wirbeln bunt durcheinander und lassen Einen nicht die so nöthige Ruhe fine ev. Frau Engler. Verehrter Freund, wie aber kann ich Ihnen da behilflich sein? Ich, eine schwache Frau, wenn es sich viel- leicht um die Zukunft einer Familie wie Sie zu sagen beliebten, handelt? Doctor. Za, Sie, hochverehrte Frau, Sie ganz allein sind im Stande, mir meine Ruhe vollständig wieder zu erstatten, - in Ihrer Hand liegt die Entscheidung meines Lebensglückes. Frau Engler. Herr Doctor — >" meiner Hand? Doctor. In Ihrer Hand. Sie haben mich in Ihren Familienkreis mit einer Liebenswürdigkeit ausgenommen, die mein Herz so vollständig in Fesseln geschlagen hat, daß ich keinen sehnlicheren Wunsch empfinde, als in diesen harmonischen Kreis voll und unlösbar eintreten zu können. — In Ihrer Hand also liegt e§. diesen Herzenswunsch zu erfüllen und M vollständig glücklich zu machen. Frau Engler (für sich). Er wirb! wahrhaftig um meine Hand! (Laut.) Aber meine Tochter? D octor. Kennt meine aufrichtige Neigung und hat mich ermuthiat, mich vertrauensvoll an Ihr edles Herz zu wenden. 5 Frau En gl er. Meine Tochter hat Sie zu diesem Schritt ermuthigt? Doctor. Zürnen Sie ihr nicht — die reinste Liebe zu Ihnen beseelt ihr Herz für immer. — Freilich ist mein Rang dem Hrigen noch nicht ebenbürtig. Frau Engler. Das dürfte kein Hindernis sein. (Bedenklich.) Indessen der Unterschied im Alter — bedenken Sie — Doctor. Ist wohl nur ein geringer und dürfte nicht außer den gewöhnlichen Verhältnissen liegen. Frau Engler. Gewiß! Er ist gar nicht so bedeutend... Doctor. Und wird von Tag zu Tag immer mehr verschwinden. Frau Engler. Sie haben eine bezaubernde Art sich auszudrücken und sprechen so überzeugend . . . Doctor. So dürfte ich also hoffen, daß Sie meiner Neigung nicht ablehnend ent- gegeutreten? Frau nicht! - Frau En gl er (erhebt sich, für sich). Ich hätte gar nicht geglaubt, daß ich noch solche Leidenschaften zu erwecken befähigt gewesen wäre. Wie man sich doch in seiner angebornen Bescheidenheit so zu unterschätzen vermag! Fünfte Scene. Vorige. Anna. Anna (rasch eintretend). Ah, dec Herr Doctor Barth! Da will ich Dich nicht stören, liebe Mama. (Will ab.) Frau Engler. Bleibe, mein Kind. Der Herr Doctor hat in diesem Augenblicke einen sehr ehrenvollen Antrag an mich gerichtet — und da ich nach seiner Versicherung auch aufDeine Billigung und Deinen Wunsch rechnen darf, so habe ich meine Zusage nicht verweigert und ihm soeben Engler. Ablehnend? Gewiß meine Hand versprochen. Jch stelleihn Dir Sie sind ein ehrenwerther, ge-!also hiermit als meinen Bräutigam vor; setzter Mann, der recht wohl im Stande!er wird auch Dir ein zärtliches Herz ent ist, einer Familie als Oberhaupt zu Prä- gegenbringen und Dich jetzt einstweilen smtiren — und wenn Sie meine Tochter besonders noch ermuthigt hat. so wäre auch das letzte Bedenken geschwunden, das sich meiner bisher immer bemächtigt hatte. (Zärtlich.) Glauben Sie, ich hätte Ihre Neigung nicht keimen sehen? Ihre zärtlichen und doch so feurigen Blicke nicht bemerkt? — Liebe erweckt immer und ewig wieder Liebe! Doctor (ergreift ihre Hand und küßt sie). Ich dürfte also wirklich hoffen? Frau Engler. Ja wohl, hoffen Sie! Zumal wenn meine Tochter — Doctor. O ganz gewiß! Und Sie sagen wir ihre Hand zu? Frau Engler. Von ganzem Herzen, bester Doctor. Doctor (hält die Hand noch immer und küßt dieselbe dankbar). O nun bin ich der glücklichste Mensch unter der Sonne, theuerste Frau! (Springt aus und geht fröhlich umher.) unterhalten, bis ich wieder zurück bin. (In gehobener Stimmung links ab.) Doctor (sinkt wie vernichtet in einen Stuhl). Anna. Träume ich, oder habe ich/recht gehört? Sie haben um die Hand meiner Mutter angehalten? Doctor. Nein. Anna. Sie sind mir aber doch von ihr als ihr Bräutigam vorgestellt worden? Doctor. Ja, ja! Anna. Wie soll ich denn dieß aber verstehen? Doctor (springt aus). Ich verstehe es ja selbst nicht! Anna. Aber so erklären Sie sich doch... Doctor. Ich habe mich ja jetzt eben erklärt, bin aber falsch, völlig falsch verstanden worden. — Minna sagte mir: Das Fräulein laßt Sie bitten, recht vor sichtig zu sein und nicht etwa . . . Anna. Weiler! Weiler! 6 Doctor. Ja weiter sagte sie eben nichts, kein Wort weiter, denn die Frau Medicinalräthin . . . Anna. Ihre liebe süße Braut — Doctor. Spotten Sie nicht Anna! — trat dazwischen — und da, da bin ich vielleicht zu vorsichtig gewesen. Anna. Und haben wirklich um die Mama angehalten. Doctor. Nein doch, nein! — Ich habe ja Sie, liebe Anna, immer in Gedanken gehabt, immer nur von Ihnen und Ihrer Neigung und meiner Liebe gesprochen — Ihre Frau Mutter hat ja selbst noch Ihren Namen, theuerste Anna, genannt, und da bat ich denn um Ihre Hand — und so mag denn das Mißverständniß leider Gottes entstanden sein. Anna. Sie räumen also ein. daß ein Mißverständniß möglich gewesen sein kann? Doctor. Möglich? — Ja, ich glaube sogar! Anna. Sind Sie ein ehrlicher, rechtschaffener Mann? Doctor. Anna, wie können Sie daran zweifeln? Anna. So gehen Sie in diesem Augenblicke noch zur Mutter und erklären ihr auf schonende Weise das unheilvolle Mißverständniß. Doctor. Das bring" ich nicht fertig! Das geht nicht. Anna. Nun, so heiraten Sie meine Mutter und werden Sie mein Stiefvater. Doctor. Das kann ich nicht! Lieber lasse ich mein Leben — ich lege Hand an mich — der Tod nur kann mich erlösen! Anna Schämen Sie sich solcher Gedanken — vielmehr solcher Worte — ein Arzt und sich das Leben nehmen wollen? Doctor. Sie haben Recht, Anna — (überlegt) ich will der Mutter aufrichtig erklären, will ihr sagen (gebt zögernd nach der Thüre). Anna. Aber ja recht schonend, recht vorsichtig — Doctor (kehrt um). Vorsichtig? - Schon wieder! — Das ist ein gefährliche- Wort — aber ich wage es trotzdem. (Gch bis zur Thüre und wendet sich um.) Aber, theuerste Anna — dann — dann wird mir die Mutter auch Ihre Hand verweigern aus Enttäuschung, aus Mißmuth vielleicht. (Kehrt um.) Anna. Denken Sie von meiner Maina nicht zu gering, zu engherzig! Doctor. Ja, ja! Es muß sein — Sie haben Recht. (Geht wiederum bis zur Thüre und wendet sich um). Anna, wollenSie nicht selbst, Anna, ich bitte Sie — (kehrt um.) Ihre Mutter ist so gut, so liebenswürdig, wollen Sie nicht selbst gehen — Anna. Herr Doctor, jetzt ist meine Geduld zu Ende. Entweder Sie gehen oder ich gehe und zwar auf Nimmerwiedersehen. (Will ab.) Doctor. Nein , nein! Theuerste Anna! Nein! — Ich— lchgehe. (Geht mit großen Schritten nach der Thüre und macht vor derselben Halt). Es geht wirklich nicht. (Kehrt um.) Anna. Herr Doctor, jetzt durchschaue ich Ihren trefflichen Charakter vollständig; der reine Eigennutz zuckt Ihnen in jeder Faser; erst haben Sie ein unbefangenes Herz mit Lieb umstrickt und mit meiner Neigung gespielt. Sie erklären mir, bei der Mama um meine Hand anhalten zu wollen - ich schlage treuherzig ein, da lassen Sie sich im entscheidenden Momente von der Liebenswürdigkeit meiner Mutter verblenden, vielleicht gar von ihrem nicht unbedeutenden Vermögen, dessen alleinige Herrin sie ist, während ick vorläufig noch ein armes unbedeutendes Mädchen bin — meine Mama ist eine Frau von ansehnlichem Range, — eine Frau in ihre« besten Jahren, die ei .en nicht zu anspruchsvollen Mann noch vollständig beglücken kann. — Da erwacht in Ihrem Herze« ein schmählicher Eigennutz; Sie erfassen durch ein unschuldiges, sehr unschuldiges Mißverständniß die Hand der reisen, er- 7 fahrenen Frau und wollen sie nicht wieder loslassen — von mir verlangen Sie so recht hinterlistig, ich soll dieses erwünschte Mißverständniß lösen, wissen aber im Voraus, daß ich einen solchen Schritt nun und nimmermehr über mich gewinnen kann, und heucheln eine Verwirrung, eine Unglückseligkeit, um Ihren schändlichen, aber gut angelegten Plan zu verhehlen. — Gut. heiraten Sie meine Mutter — oder i ch kläre Alles auf und Sie erhalten dann weder meiner Mutter, noch meine Hand. Darauf können Sie sich ganz bestimmt verlassen. (Hat bisher mühsam gegen Thränen gekämpft, geht aber jetzt schluchzend ab.) Doctor (hat mit wachsendem Erstaunen zugehört, völlig erstarrt). Jetzt wünsche ich unsichtbar zu sein auf Nimmerwiedersehen. (Setzt sich erschöpft.) Sechste Scene. Doctor. Minna. Minna (aus Frau Engler's Zimmer). Nun, wo ist denn der Todescandidat mit seiner Stieftochter?—Da liegt das Opferlamm und singt nicht mehr. Ich habe es doch geahnt, geahnt im Voraus. O, Du heilige Unfehlbarkeit! — Herr Doctor, find Sie gegenwärtig noch etwas bei Sinnen? Doctor. Minna, Sie sendet mir der Himmel wie einen rettenden Engel! Minna. Ich danke schönstens! Noch aber überwuchert bei mir der Körper das rein Geistige! — Nein aber, bester Herr Doctor,sind Sie gründlich reingeplumpt! — empfahl Ihnen doch, recht vorsichtig W sein und nicht etwa"— Doctor (springt aus, verzweifelnd). Vorsichtig? Schon wieder dieses unglück- Mge Wort! — Sie allein, Minna, lragen die Schuld an diesem ganzen Miß- verstäuduiß. Mären Sie mit Ihrer Vorsicht nicht dazwischen gekommen, da wäre ich direct auf mein Ziel losgesteuert, hätte nicht zwischen den Klippen herumlavirt und mich so fest gefahren auf das Riff. Minna. Was? Jetzt soll ich noch schuld ein — jetzt soll ich Sie wohl gar mit untrer Alten verkuppelt haben, als wenn ich ein concessionirtes Heiratsbureau errichtet hätte? Schämen Sie sich, Herr Doctor, einem unschuldigen Mädchen eine olche üble Nachrede zu machen. — Pfui über Sie! — Das ist also der Dank, daß ich Ihnen empfahl, vorsichtig zu sein? Doctor (hält sich die Ohren zu). Ich will das Wort nicht weiter hören. Dieses unglückselige Wort allein hat mich in mein Verderben gestürzt. Minna (mit erheucheltem Aerger). Jetzt ist meine Geduld erschöpft! Ich soll Sie in das Verderben gestürzt haben? Sehe ich aus wie Jemand, der stürzt? — Ich wollte Ihnen helfen, saber da Sie so unbarmherzig über mich herfallen und meinen guten Ruf mit Gewalt vernichten zu wollen scheinen, so will auch ich eben so hartherzig sein wie Sie selbst. Sehen Sie, hier hat die Frau Medicinalräthin die Verlobungsanzeige schon aufgesetzt, und jetzt schaffe ich sie in die Druckerei, damit Sie sich morgen gedruckt sehen können. (Will ab.) Doctor (hält sie zurück). Minna, beste Minna, Sie sind ein ehrliches Mädchen, rechtschaffenes uud braves Mädchen — retten Sie mich vor Verzweiflung — ich flehe Sie an. Minna. Was kann ich thun? Meine Herrschaft befiehlt, und ich muß gehorchen auf der Stelle. (Will ab.) Doctor. BesteMinna, verschieben Sie diese Stelle auf eine andere und verzögern Sie die Abgabe. Minna. Nein, Herr Doctor! Nur bis um 10 Uhr werden Inserate für morgen angenommen — also muß ich eilen. Doctor. Verzögern Sie die Aufgabe für morgen — Minna, ich bitte Sie in- ständigst. 8 Minna. Herr Doctor, bedenken Sie, mein Gewissen — Doctor. Verlieren Sie diese unselige Verlobungsanzeige — oder, Minna, da sendet mir der Engel einen rettenden Gedanken von oben. Minna. Erst bin ich ein rettender Engel, jetzt Sie ein rettender Gedanke! Da bin ich doch neugierig! Doctor. Minna, streichen Sie den Namen der Frau Medicinalräthin hinweg und schreiben Sie statt dessen Fräulein Anna hinein. — Dann ist Alles gut! — Minna (pathetisch). Und überliefern Sie sich den Armen des Criminalgesetzes, den Händen des Staatsanwaltes und treten Sie vor die Schranken des Schwurgerichts, um wegen schwerer Urkundenfälschung zwei Jahre in der Blüthe meines Lebens hinter feuchten Kerkermauern zu vertrauern! — Diesen Gedanken hat Ihnen die Hölle eingegeben — ich gehe zur Druckerei! Doctor (angstvoll). Aber Minna, mein Lebensglück, meine Zukunft, meine ganze Seligkeit steht auf dem Spiele! Minna. Auch meine Stellung in diesem Hause ist gefährdet und ich verspüre nicht Lust, das unglückliche Opfer zu sein. Ich gehe! Doctor (kniet nieder). Minna, liebste, beste Minna, kann Sie denn gar nichts bewegen, mein Bitten, mein Flehen zu erhören? Minna. Nein, mein Herz ist hart wie Kieselstein. Siebente Scene. Vorige. Frau Engter, (später) Anna. Frau Engler (tritt aus und bleibt bestürzt stehen). Doctor. TheuersteMinna, auf meinen Knien beschwöre ich Sie, hören Sie W an, es gilt ja mein Lebensglück! Minna (hat Frau Engler bemerkt. HL sich). Halt, die Alte! (Laut.) Nein, ich kam Sie nicht erhören! Es widerstreitet meine» Grundsätzen! Ich gehe! Doctor (greift nach ihrer Hand). Ich bin ja verloren, dem Elend preisgegeben Erbarmen Sie sich doch meiner und erhören Sie mein inständiges Flehen. Minna. Nun, damit Sie sehen, da noch ein fühlendes Herz in meiner» Busen schlägt — hier ist meine Einwilligung — hier meine Hand daraus (RM ihm die Hand.) Doctor (küßt die Hand). Sie sind ei» Engel, Minna. Frau Engler (empört vortretend) Herr Doctor, was muß ich sehen! Sie hier auf den Knien vor meinem Stubenmädchen? Doctor (knickt zusammen). Nun ß Alles aus! Es geht zu Ende mit mir! Frau Engler. Und Du leichtfertiges Geschöpf — entfernst Dich sofort - a»i der Stelle! Minna. Ja wohl, Frau Mediän»!- räthin, ich gehe — (zum Doctor) in die Druckerei mit der Anzeige. (Wendet sich zum Gehen.) Doctor. (hält sie zurück). Min»»- liebste Minna, Sie bleiben. Frau Engler. Und auch Sie, An Doctor, verlassen mein Haus für inum Doctor. (rutscht auf den Knien zu As» Engler). Wollen Sie mich elend machen für mein ganzes Leben? Frau Engler Schweigen Sie! W schmeicheln Sie sich hinterlistig in nB ahnungsloses, vertrauensvolles Herz »sd hinter meinem Rücken jbestürmen Sie in»» Stubenmädchen mit Ihren schändliche» Liebesanträgen. Doctor (jammernd). Sie verkennen j» meine besten aufrichtigsten Absichten! Anna (erscheint in der Thüre und bln» betroffen stehen). s Frau Engler. Sie bcthören mein erz nicht zum zweiten Male mit Ihren ( ügenkünsten! — Minna, Dn bist immer sch hier? Du gehst auf der Stelle. Minna.Ich gehe, Frau Medicinal- 1 ithin. l Doktor (rutscht zu Minna und halt deren snd). Minna, thenre Minna, bei Allem. >lis Ihnen heilig ist, Sie weichen nicht on meiner Seite. Minna. Nein, Herr Doctor — ich »eiche nicht. (Kniet nieder.) Hier kttiee auch h! Den will ich sehen, der uns trennen »ill. Fron Engter. Nein, ein solcher lssront, — mir diese Beleidigung — ich in einer Ohnmacht nahe. (Faßt nach einem »luhle und sinkt hweiils) Ich sterbe! Doctor. UmdvsHimmelswillcn! (Will »slpringen.) Minna (leise). Bleiben Sie! (Hält ihn »st.) Die stirbt nicht so rasch. Anna (stürzt zu ihrer Mutter). Meine iebe. thenre Mama, faste Dich, beruhige dich! — Der Elende verdient nur unsere Verachtung. Doctor. Ich versinke! Erde öffne Dich! Kir schwindelt. (Sinkt.) Minna. Schwindeln Sie in meine llrme und ruhen Sie aus. (Fängt ihn aut.) Anna. O Mama, er hat nicht allein W, er hat auch mich betrogen. Frau Engler (aufspringend). Das ist a ein wahrer Teufel in Menschengestalt! llndjetzt liegt dieser Unhold in Minnas Armen. Minna. Das geschieht Alles nur deß- Mb. Frau Medicinalräthin, um Ihr vertrauensvolles Herz von diesem Treulosen ju befreien. Sehen Sie, so opfere ich mich, "ne zweite Jnngfran von Orleans, für meine Herrschaft in der Stunde der Tefahr. Frau Engler. Meiner Tochter Herz »aberr Sie mit Liebe bethört? Doctor. Ja! "k»t.°Nep Nr 23 » Anna. Um meiner Mutter Hand haben Sie geworben? Doctor. Nein! Frau Engler. Wie, was muß ich hören? Sie hätten nicht um meine Hand ungehalten? Doctor. Nein! Nein! Minna. Sie wollt» n nicht Herr Medi- cinalrath werden? (Steht aus.) Doctor. (springt auf). Nein, nein! Nein! Frau Engler. Was in aller Welt ab»r verlangten Sie denn? Doctor. Ich kann nicht anders. Es muß heraus! Ich wollte um die Hand Ihrer Fräulein Tochter anhalten; Sie aber, verehrte Frau, ließen mich nicht ans- »prechcn. — bei der Hauptsache unterbrachen Sie mich und beglückten mich mit Ihrer Hand — Minna. Und voll Verzweiflung stürzte er sich in meine Arme! Frau Engler. Ich erstarre! Ich bin einerzweircnOhnmacht nahe. (Sie setzt sich nieder.) Doctor. Hochverehrte Frau, schenken Sie meiner Bewerbung noch einmal Gehör und gewähren Sie mir die Hand Ihrer liebenswürdigen Fräulein Tochter — unsere Herzen sind eins — sie lieben sich von ganzer Seele — Ann a. Halten Sie ein, Herr Doctor, — meine Liebe haben Sie verscherzt! Doctor. Thenerste Anna, verzeihen Sie mir doch nur dieses eine Mal — Sie ! sollen nie wieder Ursache haben. Anna. Wie aber kamen Sie zu Minnas Füßen, in Minna s Arme? Doctor. Das kann ich Ihnen nicht » sagen — es geht nicht. Anna. Erbärmliche Ausflucht! —So sage Du es, Minna! » Doctor. Beste Minna. Sie schweigen. Minna. Fräulein, ich kann es noch j viel weniger sagen! Ich schweige. Anna. So kann ich auch niemals die Ihre wrdev. Minna. Nun dann beglücke ich den Herrn Doctor mit meiner Hand. Eine aus dem Hause will er partout haben — so nehme ich ihn — und der Herr Doctor bringt es auch fertig, mit mir glücklich zu werden. Frau Engler. Liebe Anna — Anna. Liebe Mutter! Frau Engler. Ich würde dir doch rathen, etwas weniger rasch zu handeln! Es könnte doch auch ein Mißverständniß sein. Anna. Dann aber muß Minna aus dem Hause. Minna. Herr Doctor, wollen Sie mich hilflos verstoßen lassen? Doctor. Nein, theuerste Anna, Minna bleibt bei Ihnen, bei mir, bei uns Allen. Anna. Ich oder Minna — Herr Doctor, sie haben zu wählen! Doctor (leise zu Anna). Nehmen Sie doch den Zettel aus Minna's Hand. Anna. Wozu das? (Sie nimmt Minna den Zettel weg.) Himmel! Der Speisezettel für Nachmittag und Abend am Verlobungstage unseres Fräuleins mit Herrn Docor. — Doctor. Minna, was haben Sie angerichtet? (Leise zu Anna.) Minna theilte mir mit, dieser Zettel enthalte die Verlobungsanzeige mit Ihrer Mutter, theure Anna, und wollte ihn nach der Druckerei tragen. In aameuloser Angst kniete ich zu ihren Füßen, um sie daran zu hindern. Anna. Sprechen Sie die Wahrheit? Doctor. Ich schwöre es Ihnen zu! Anna. Leopold, können Sie mir meinen Argwohn, meine Heftigkeit verzeihen? Doctor. Von ganzem Herzen, theure Anna! (Sprechen leise weiter.) Minna, (ist nach Wegnahme des Zettels zu Frau Engler getreten). (Leise.) Frau Medicinalräthin, ich wußte, um wessen Hand der Herr Doctor mit seinem Antrag werben wollte, und habe mir einen Scherz mit einer angeblichen Ver- lobungsavzeige gemacht, um den Hem Doctor zum Handeln zu bewege«; und um Sie geschickt aus dieser Affaire zu ziehen, habe ich auf dem Vn- lobungszettel eine Speisekarte für Mittag und Abend für Fräulein Anna's Verlobung entworfen. Jetzt können Sie getrost sagen, es war Verstellung von Ihne«, um des Herr Doctors Herz zu prüfen und Fräulein Anna etwas dafür zu strafe«, daß sie so wenig Vertrauen zu dem Herze« der Mutter hatte. Frau Engler (leise). Ich athin wieder auf! — Minna, Du hast Dein Sache sehr brav gemacht. Minna. Wie immer, Frau Medicina l räthin, 's gerngeschehen. Anna. Liebste, beste Mama! Doctor. Hochverehrte Frau Medicinalräthin, wollen Sie meiner Ungeschicklichkeit verzeihen und mich mit der Hand Ihrer Fräulein Tochter beglücken? Frau Engler. Kinder, ich sollte Euch eigentlich noch läng r zürnen oder gar unerbittlich bleiben, daß ihr so wenig Vertrauen zu mir hattet. Eine Strafe mußte Euch werden; daher stellte ich Dir, AM deinen Anbeter als meinen Bräutigam vor und ersann mit Minna die Verlo- bungsanzeige, um den Herrn Doctor z« ängstigen und zu einer männlichen Thal anzuspornen. — Nun, meinen mütterliche« Segen will ich Euch nicht vorenthalten. , Anna, l Liebste, beste, theuerste Doctor. s Mutter! Frau Engler. Aber, bester Herr Schwiegersohn, für die Folgezeit rach ich Ihnen aber doch, damit ähnlich Verwechslungen nicht wieder Vorkommen, etwas mehr Vorsicht an — Doctor. Um Gotteswillen, nein! Keim Vorsicht mehr! — Meine Vorsicht^ mich beinahe um mein Lebensglück gebracht. (Zieht Anna an sich.) (Der Vorhang Mt rasch). Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Deklamationen. Lustspiel in einem Auszuge von Wilhelm von Wartenegg. Personen: Frau von Berck. Auguste, ihre Tochter. Freiherr von Santig. Gras Garren. Von der Röhn. Larachio. Ein Kellner. Scene: Lursston in einem Badeorte. Rechts und links vom Zuschauer aus. Die so < ) eingeklammerte Stelle kann bei der Aufführung wegbleibeu. Erste Scene. Auguste (allein). Es ist eine alte und raurige Geschichte, daß man immer von fort muß, wo es einem am besten ge- oder daß es einem am besten gefällt, oenn man fort muß. Die Mutter sagt, wir eisen morgen nach der Stadt. Ob wohl Willig mitreisen wii d? Wenn die Mutter "ill, gewiß. Wenn ich will? — Vielleicht luch. Aber ich könnte so einen Wunsch nicht lber die Lippen bringen; eher sage ich das ^egentheil aus angeborner — weiblicher Wahrheitsliebe. Santig nennt das zwar Widerspruchsgeist, und beklagt sich über >arte, aber ich kann mal nicht anders, gegen! Wien. Theat-Repert Nr. 28t. ihn nicht; wär ich auch gegen alle Welt gut —gegen ihn nicht, so brav er auch ist. Das war immer so. Vielleicht — wenn ich nur einmal milde spräche, wäre der Zauber gebrochen und Alles gut. Aber so oft ich mir das vornehme — wenn er kommt, sind die guten Vorsätze vergessen, total vergessen. Zweite Scene. Santig (lntt auf). Fräulein — Auguste. Ah, Baron Santig. (Bei Seite.) Da ist er. An was dacht' ich nur eben? (Laut.) Haben Sie mich ausgesucht oder soll ich an einen glücklichen Zufall glauben? 2 Santig. Fräulein, wenn Sie wieder in der Laune sein sollten, mich zu verspotten, dann- Auguste. Nun? dann. (Für sich.) Ach Gott, wenn er nur nicht gar so schüchtern wäre! (Laut.) Dann werden Sie mich doch nicht wieder verlassen? Ach, bleiben Sie doch lieber. Sie wollten mir gewiß etwas Schönes sagen. Santig. Fräulein, es gibt Empfindungen — Auguste. So? Santig. Es gibt Augenblicke — Auguste. Ja — gewiß. Das will ich Ihnen gerne glauben, aber wählen Sie diesen Augenblick lieber nicht sür Ihre Empfindungen. Santig. Sie sind noch immer so strenge gegen mich, Fräulein, wie sonst. Es sind nun sieben Monate verflossen, seit ich Sie zum letzten Male allein sah. 1 Auguste. So — wirklich? Sind das schon sieben Monate? Santig. Ja. Sieben lange Monate. Auguste. Mir sind sie sehr kurz vorgekommen. War nicht auch der Februar darunter? der hat ja nur- Santig. Fräulein! Eben im Februar war's, da ich Sie zum letzten Male sah. Auguste. Ja, ja. Sie haben Recht. Jetzt erinnere ich mich. Es war in Wien aus einem Balle bei meiner Tante. Santing. Fräulein Gusti — Auguste (hochsahrend). Nun? Santig (eingeschüchtert). Haben Sie dann noch viel getanzt? Auguste. Ich danke, gut. Santig. Wie? Auguste. Wirklich, sehr heiß heute. Santig. Sie lachen? Auguste (lachend). Aber lieber Baron, wissen Sie denn nicht, daß man seine Dame nur im Fasching fragt (affek- tirt) »Haben Sie viel getanzt?« Jetzt ist fast schon die Zeit zum: »Fräulein, werden Sie nächsten Winter viel tanzen? Was haben Sie für Aussichten für den Fa- schmg?« oder: »Besuchen Sie dieß Ich den Juristenball?« und so weiter, und so weiter. Santig. So etwa wie man im Herbste fragt: Wie haben Sie den verflossenen zu gebracht? Auguste. Und im Frühling in holder Abwechslung: Wie werden Sie den nächsten Sommer zubringen? Wirklich, Santig, das muß man Ihnen lasten: Sie sind ein gelehriger Schüler, mich so rasch zu verstehen. Ich habe diese Gesprächsstoffe erst begriffen, als ich sie gar so oft hören mußte. Santig. Von mir? Auguste. Nicht allein, wenn Sie mich gleich selten mit anderen bereichert haben. Santig. Oh, wenn Sie mir erlauben wollten zu sprechen — - Auguste. Ach Gott! Ich habe ja nie so strenge Censur geübt. Ich dachte ein wahres Muster an Geduld zu sein, wenn ich Ihnen zuhörte — Sandig. Sie hören mir aber nie zu. Auguste. Das heißt, elmr dnrou, Sie lasten meinen Vollkommenheiten keine Gerechtigkeit widerfahren, indeß ich doch ganz gut weiß, in welchen Tugenden ich mir ar Ihnen ein Muster nehmen könnte. Zm Beispiel im Gehorsam gegen meine Mutter, die dort den Garten heraufkommt. Santig. Aber bevor noch Ihre — Auguste. Entschuldigen Sie mich für jetzt. Wir haben noch einen SpaziergM vor, und da muß ich mir meinen Sa» nenschirm holen, denn Sie wissen (asfu- ilrt), »es ist sehr heiß heute.« Santig. Noch einen Augenblick. Fräulein. Sie haben mich eben einen gelehrige» Schüler genannt. Wenn Sie meine B'l düng vervollkommnen wollen. Auguste (höhnisch). Begnügen Sie sud doch mit der Lection, die Sie erhalte» haben. (Rasch ab links.) Santig (allein). Lection? Auch g'ü. Ihre Launen muß man sich gefallen lasse» und ihren Witz anerkennen. Das ist M 3 nicht brr Weg einem kleinen eigensinnigen Mädchen zu imponiren, aber doch sie von der Treue memer Neigung zu überzeugen. Ich muß mich einstweilen begnügen, festen Fuß im Hause gefaßt zu haben, und Ihrer Mutter den Hof machen zu dürfen. Das ist ein altes Mittel und um so probater, da besagte Mutter noch nicht alt, vielmehr sehr 6U pMtzntion ätz ,jtzuntz886 ist. Dritte Scene. Vierte Scene. Es treten auf: Graf Garren. Herr von der R öh n und Larachio. Sie sprechen im Hintergründe. Garren. Larachio, ich bitte Dich, treib' mir einen Kellner auf oder sonst etwas Genießbares. Larachio. Du sollst zufrieden sein mit meinen Leistungen. (Ab nach rechts.) Frau von Berck (kommt aus dem Garten). Santig. Gnädige Frau, wohin werden Sie heute Ihre Schritte lenken? Fr. von Berck. Nach der Ruine Wil- öenstrin. Sie begleiten uns doch auf unserem letzten Spaziergange? Santig. Dem letzten? Wollen Sie Hre Abreise beschleunigen? Fr. von Berck. Mein Mann schreibt mir soeben, er könne nicht kommen, mich Fünfte Scene. Fr. von Berck (indessen). Sind es Bekannte, die dort kommen? Santig. Mir sind sie fremd;es scheinen neue Ankömmlinge zu sein. Röhn. Wir find übrigens nicht allein. Garren (vorkommend). Eine Dame? Die müssen wir uns ansehen. Röhn. Kennst Du sie denn nicht? Fr. von Berck (zu Santig). Nun erabzuholen.weil man im Ministerium seiner j kenne ich beide. Sehen Sie, lieber Santig, mehr als je bedarf. Santig. Der Herr Hofrath war immer unentbehrlich. Fr. von Berck. In diesem Bewußtsein hätte ein Anderer um so eher gesündigt; aber Sie wissen, lieber Baron, die Beziehungen zu Sr. Excellenz — Santig. Wüßte ich nicht, wie wichtig das in einer diplomatischen Karriere ist, so könnte ich es jetzt an der Größe der Entbehrung sehen, die man sich auferlegen muß. ^ Fr. von Berck. Sie freuen sich wohl Zbres ungebundenen Lebens? Santig. Viel lieber möcht' ich mich gefesselt sehen. Fr. von Berck. Halten Sie sich für gebunden und Sie find es. der Lange dort ist der Herr von der Röhn, der alte Courmacher meiner Tochter, der zweite — Santig. Wie gnädige Frau? — Der alte? — Fr. von Berck (mißverstehend). Den Blonden meinen Sie? uun, alt ist er zwar noch nicht, wenn gleich über die erste Blüthe, und selbst über die zweite schon hinaus. Es ist ein Graf Garren. Wir trafen ihn im vorigen Winter in Venedig, wo er und Röhn sich uns durch ihren gemeinschaftlichen Freund Larachio vorstellen ließen. Santig. Das wird der Dritte sein, der eben fortging. Fr. von Berck. Wahrscheinlich. Röhn (grüßend). Ah Frau Hofräthin, gutzlle dountz kortuntz, Sie hier zu treffen! Garren. Za, gueä Glück, so unerwartet! 4 Sechste Scene. Larachio (tritt aus mit einem Kellner von rechts). Fr. von Berck. Meine Herren, ich bin auf's angenehmste überrascht. Larachio. O Frau von Berck! Ah, ah. welch' ein glückliches Zusammentreffen! Seit Venedig habe ich mir den Tag gewünscht. der mir erlaubte, wieder in Ihrer Nähe zu sein. Santig (für sich). Nun erkläre ich mir Gusti's hochfahrenden Ton. Sie muß bereits wissen, daß von ihren Anbetern eine ganze Heerde in der Nähe weidet. Larachio. Ist Ihr Fräulein Tochter auch zugegen? Fr. von Berck. Da kommt fie eben. Larachio. Und Ihr Herr Gemal? Fr. von Berck. Der ist genöthigt in der Stadt zu bleiben, denn die Beziehungen zu Sr. Excellenz — Auguste tritt aus, links. Garren. Fräulein v. Berck — s zu- Röhn. Fräulein Auguste — j gleich. Larachio. Mein Fräulein, ich halte es für ein besonders glückliches Vorzeichen, daß wir, kaum augekommen, Sie sogleich getroffen haben. Santig (für sich). Nun ich habe mich nicht getäuscht. Mit dem glücklichen Vorzeichen fängt's immer an. / Auguste. Sie find jetzt erst angekommen? Santig (für sich). Als wüßte fie's nicht. Fr. von Berck. Und wir müssen morgen schon abreisen. Auguste. Sie kommen doch heute auf die Reunion? Santig (für sich). Reunion? Auch gut. Ich gehe nicht. Kellner (zu Santig). Was befehlen Euer Gnaden? Santig. Scher' Dich zum Teufel. Garren. Wenn wir Hoffnung haben, die Damen auf der Reunion zu treffen, so kommen wir gewiß. Kellner (zu Röhn). Was befehlen Euer Gnaden? Röhn. Laß mich in Ruhe. Kellner. Kuriose Herren! Fr. von Berck. Wir kommen diesen Abend wahrscheinlich, um von allen Bekannten Abschied zu nehmen. Santig (für sich). Ich gehe gewiß nicht auf die Reunion. Kellner (zu Larachio). Was soll ich denn bringen? Larachio. Pack Dich! (Leise.) Fräulein, darf ich Sie um einen Tanz bitten? Auguste. Galant wie immer. (Sprechen leise fort.) Santig (sie beobachtend). Na ja, die Intimität ist schon fertig. Kellner. Erst rufen sie einen —(Zn Garren.) Gnaden Herr Graf, werden Sie mich auch fortsckicken? Garren (schnell leise). I bewahre. Bring' uns Wein und Frühstück dort auf den Tisch, für drei Personen. (Laut.) Wirklich, Fräulein, ich kann nicht glauben, daß wir Sie, kaum gefunden, wieder verlieren sollen. Kellner geht ab und kommt mit einem Diener, der Wein und Speisen trägt. Sie decke» den Tisch rechts im Vordergrund. Fr. von Berck. Wir haben noch eine große Promenade vor, und ich sehe, die Herren werden dejeuniren. Lon apxetit, meine Herren, Ihren Arm, Baron. Komm, Gusti revoir, meine Herren. Auguste. Adieu! f Garren. Ich habe die Ehre, ! Zugleich meine Damen. ! und sich Röhn. Auf Wiedersehen heute/ verbeu- Abends I gend. Larachio. Addis! ' 5 Siebente Scene. Fr. von Berck, Auguste und Santig ab durch den Hintergrund. Larachio. Sapristi! Ist das Mädchen schön! Gurren. Ja sehr schön, aber setzt Euch; her Wein wird warm und das Essen kalt. (Sie setzen sich und essen.) Röhn. Kennt keiner von Euch den Herrn, der ihr den Arm bot? Gurren. Ich nicht. Larachio. Ich auch nicht. Sie hat ihn nicht vorgestellt. Gurren. Das stellt vor. daß man ihn ohnedieß kennen muß. Er ist vielleicht der Courmacher der Alten. Röhn. Als ich eintrat, hörte ich allerdings von einem alten Courmacher reden, iiud sie sah auf uns. Larachio. Garren, der alte Courmacher kamst nur Du sein. Den vieux Saryon8 lvird das Courmachen durch langjährige Hebung so zur zweiten Natur, daß Ke es gar nicht mehr aufgeben können ob fie auch Een. Die Damen aus meiner Gegend erzählen noch jetzt von einem sehr galanten langen, älteren, endlich alten Herrn, der sich in seiner Liebenswürdigkeit selbst durch kn Tod nicht stören ließ, und die im Le- ben gewohnte Courtoifie als Geist weiter übte. So ein Stündchen jede Nacht wenigstens, da erschien er mit dem zwölften Uockenschlage in den Schlössern jener Uque, und war so ein gutes, liebes Ge- Unst — aber wirklich so ein charmantes Gespenst, daß die Damen ganz entzückt waren, und sich vor ihm, als Geist, so kenig fürchteten als wie zu Lebzeiten, wo von Geist keine Spur war. — Na, lach' K" nicht, Garren, Du bist auf dem besten ^ge em Pendant dazu zu liefern. Nöhn. Ja, ja, es stimmt auffallend — alter Courmacher — Garren. Was fällt Euch ein, Kinder, ich bin weder alt noch Courmacher, und der Courmacher einer Alten schon gar nicht. Aber bei der Jungen will ich Euch zeigen, was ich kann. Larachio. So? Röhn. Wenn Frau von Berck hörte, daß Du fie »die Alte« genannt hast, würde sie Dir's nie verzeihen. Garren. Und mit Recht, denn sie sieht wirklich noch sehr jung aus. Röhn. Du mußt ihr sagen, fie sähe aus wie Augustens Schwester. Garren. Das Hab ich ihr schon einmal gesagt. Kellner, noch eine Flasche. Larachio. Wenn aber die Tochter sich zur Schwester ihrer Mutier gemacht steht? Röhn. Dann wird fies natürlich auch nie verzeihen, wie man denn überhaupt nur dann mit einer von beiden gut sein kann, wenn man's mit der andern nicht ist. Larachio. Das ist bei Frauen ja gewöhnlich so Uebrigens kann das von großem Nutzen sein, wenn man nur die Verhältnisse und Umstände zu benützen und auszubeuten versieht. Garren. Aber wie kann man das? Larachio. Ich will Euch einen Fall aus meinem Leben geben. — Als ich noch in der nautischen Akademie studirte, mußte ich so eifrig Mathematik betreiben, daß diese trockene Arbeit mich fast mit der nassen Laufbahn, die ich gewählt, verfeindet hätte. Aber das Herz, seht Ihr, das Herz wollte den Anstrengungen des Geistes gegenüber sein Gegengewicht, und es sollte nicht leer ausHehen.Jch liebte damals, durch einen merkwürdigen Zufall geleitet, der sich in meinem ganzen Leben nie so frappant wiederholt hat, ich liebte damals drei Damen zugleich. Der Schleier des tiefsten Geheimnisses machte, daß jede mit einem Drittheil meines Herzens vollkommen zufrieden war. Da, o Nerhängniß! läßt ein neidisches Geschick mein Kleeblatt hinter all meine Jntriguen kommen und einen tiefen Einblick in die grenzenlose Verdor- 6 benheit meines jugendlichen Gemüthes thun. Das Geheimniß ist verrathen, und ich stehe im Begriffe alle Drei zu verlieren. Da — nun merkt auf die Entwickelung: Ich erzähle der Dame 8, daß ich das Verhältniß mit der Dame ^ lösen wolle; aber besagte ist lo besinnungslos eifersüchtig, daß ich das Schlimmste für sie (für die Dame 8 nämlich) von der ^ befürchten müßte, und daß, um das drohende Unglück von der 6 abzuwenden und die Rache der ^ zu verwirren, der Dame 6 den Hof mache. — Der Dame 0, Du verstehst mich doch, Garren? Narren. O ja, fast ganz. Larachio. Der Dame 0 vertraue ich dieselbe Geschichte von den Damen ^ und 8 an, indem ich diesesmal für 0 6 substituier und das ^ belaste, und erhalte sie so ebenfalls in der Angst und gefügig; und der Dame ^ rede ich das gleiche ein von 8 und 0, jetzt das 0 lassend, und für 8 substituirend. und so verwerthe ich aut eine sinnreiche Weise meine mathematischen Studien. (Die Andern locken.) Garren. Aber hier handelt es sich um Mütter und Tochter! Stehen denn Mutter und Tochter so schlimm mit einander? Röhn. Ich will Euch sagen, wie sie stehen: sie machen einander Concurrenz Larachio. Hi, Duells iäöe! i Zu- Garren. tzusl Gedanke! j gleich. Achte Scene. (Kellner kommt mit Wein.) Garren. Sie holder Jüngling, sind Sie der glückliche Besitzer eines Schachspieles? Kellner. Ja, Herr Graf. Soll ich's bringen? Röhn (s. s.). Ich wollte, ich wäre die guten Freunde los, und könnte Auguste sprechen. Larachio. Aha! Schach geht mich ai Garren. Ja 's ist gut zur Verdamm Bringen Sie mir's, edler Menschenfreund und sagen Sie mir, ist es bloß ein Phan tasiegebilde von mir, oder regnet es scho, wieder? Kellner. Mregnet schon wieder. Röhn. So?;Da können sie nicht lang ausble.ben. Larachio (f. s.). Ich wollte, ich könnt die Kleine allein sprechen. (Ab rechts.) Garren. Aber auf was fitz' ich dem eigentlich? (Stekt aus.) Röhn. Ern Buch! Larachio. Zeig her. Es i ind Gedichte u.z. geschrieben.! Zugleich Röhn. Lies vor. f Larachio (lesend). »Ich liebe Dich, il! liebe Dich.« Garren. Das könnte je- l der sagen. ! Zugleich. Röhn. Was Anderes. ! Larachio (lesend). »Ich weiß nicht, ward ich plötzlich dinM bin's vielleicht stets gewesen —« Garren. Das könnte auch jeder sagen. Du liest immer den Anfang, fang einmal mit dem Ende an. Larachio (lesend). »Ich aber sag' mit bittrem Scherz, Mein Fräulein! 's ist zum Lachen, Was man zerbricht, sowie ein Herz, Ist nicht mehr ganz zu machen.« Garren. Ah! das ist was Anderes, das gibt aus. Röhn (zu Garren). Damit droh' der 'leinen Berck, wenn Du ihr den N mackst. Garren. Lies weiter, statt zu spotte» Larachio. Jetzt kommt was Schont was Schwärmerisches. Garren. Was für's Gemüth Larachio (lesend). »O wär' die Märchenzeit noch da. Wo man mit Zaubertränken , Den Willen Anderer fesseln könnt Und die Gedanken lenken. 7 Ein Zaubertrank wirkt Vielerlei, Er zwingt sogar zu lieben, Die Zeit der Tränke ist vorbei, DerZauber-ist geblieben * (Kleine Pause.) Röhn (s. s.). Das müßte wirken, sie liebt Poesie. Garren. Was ist geblieben? Röhn (lachend). Der Zauber. Larachio. Garren, das sag' der kleinen Berck, damit besiegst Du uns gewiß. Röhn (f. s.). Uns? — Ich muß La- rachio zuvorkommen. Garren. Ach, ich kann mir das nicht merken. Larachio (s. s.). Aber ich will es. Garren. Du vertiefst Dich ganz in das Buch. Spiel lieber mit mir eine Partie Schach mit schwarzem Kaffee. Larachio (legt das Buch weg). Ich bin bereit. Wenn der unbekannte Verfasser wüßte, wie wir ihn anslachen. (Sie spielen.) Röhn (nimmt das Buch). Es ist wirklich drollig. Garren. Du ziehst. Larachio. Hieher. Garren. Ich sehe schon, Du wirst mich wieder plündern. Larachio. Röhn, wohin? Röhn. Ich will Wetterstudien machen. (Legt das Buch hin uud geht ab in den Hintergrund.) Larachio. Wer wie Du immer guten Humor hat, braucht kein Geld. Und dann heiratest Du die reiche Erbin. Garren. Ist die kleine Berck so reich? Larachio. Und wie! Auch hat ihr Vater eine einflußreiche Stelle. Garren. Sie hat mir sehr gefallen, Larachiv. Die Stelle? Garren. Nein, die Berck. Larachio. Du hast zu ziehen. So. Ich sage Dir, so eine Heirat ist eine entschiedene Karriere. Garren (zieht). Mit dem Läufer. Larachio (weiterspielend). Was? Garren. Ich werde sie zu machen versuchen. Larachio. Die Berck? Garren. Nein, die Karriere. Larachio. Du bist Gras, das wird ihr sicher imponiren. Larachio (aufhorchend). Hörst Du nicht Stimmen. Garren. Sie kommen zurück. Larachio (s. s.). Er hat sie im Garten gesehen und ist ihnen entgegen. Neunte Scene. (Es treten auf: Santig mit Frau v. B. und Röhn mit Auguste. Garren und Larachio erheben sich.) Garren. Schon zurück, meine Gnädige? Fr. v. Berck. Ja, das Wetter hat uns gezwungen Larachio (f. s.). Erführt sie am Arm. Verflucht! Fr. v. Berck. Aber lassen Sie sich nur nichtstören inIhrer Partie, meine Herren. Ich bitte, setzen Sie sich. (Garren und Larachio setzen sich und spielen weiter.) Röhn. Und Baron Santig, sagen Sie, kehrt nicht mit Ihnen in die Residenz zurück? Auguste. Nein. Baron Santig geht nach der Schweiz. Fr. v. Berck. Aber lieber Santig, für die Schweiz ist es zu spät. Auguste. Warum denn, Mama? Santig. Ich hatte in der That die Absicht- Fr. v. Berck. Die Jahreszeit tst zu sehr vorgerückt, und dann reist jetzt Alles nach der Stadt zurück. Santig (f. s.). Die Mutter will mich halten und die Tochter läßt mich laufen. Auguste. Aber Santig macht so gerne Landpartien im Hochgebirg. Santig (f. s.). Landpartien? Na da haben wir's. (Laut.) Was das Hochgebirg betrifft — 8 Fr. v. Berck. Es ist unmöglich, lieber Freund. Ueberall im Hochgebirg liegt frischer Schnee, und der Schnee ist in dieser Beziehung sehr gefährlich. (Weitergehend.) Ich glaube, daß wir bald das Vergnügen haben werden, Sie in unserem Salon zu sehen. (Schon in der Thüre links.) Nun, Gusti? Auguste. Ich möchte noch ein wenig im Freien bleiben. Mama. Priska packt meine Sachen. Zehnte Scene. (Santig und Fr. v. Berck ab links.—Auguste und Röhn sitzen links im Vordergründe. — Gurren und Larachio rechts beim Schach.) Auguste (leise wie das Folgende). Sie haben noch etwas auf dem Herzen? Röhn. Gusti, Sie sind nicht so wie sonst gegen mich. Auguste. Ich glaube Sie haben sich heute nicht über mein Benehmen zu beklagen. Eher ich über Ihre lustige Umgebung. Sie sagten mir einst, daß nur ich Ihre Seele ausfülle. Aber die Seele ist muthmaßlich größer geworden, oder ich noch kleiner. Röhn. Nur Ihre Abwesenheit hat mich jenen in die Arme geworfen. Wenn Sie mich wieder aufnehmen, verlasse ich die. aber Sie — Auguste. Nun? Welcher Missethat können Sie mich zeihen? Larachio (s. s.). Weiß Gott, er macht ihr seine Liebeserklärung. Garren. Heut' spielst Du schlecht. Röhn. Wer ist dieser Baron Santig? Auguste. Ach,den dürfen Sie mirnicht übel nehmen. Es ist ein Jugendgespiele, der lange Jahre im Ausland war und erst im verflossenen Winter zurückkam. Nun aber spricht er nur mit meiner Mutter, und mir sagt er Schmeicheleien wie einem Kinde, das nicht ganz leer ausgehen soll. Röhn. Es hat von jeher auch sehr gefährliche Kinder gegeben. Auguste (rasch). Ueberhaupt finde ich es sehr kränkend, wenn frühere Bekannte mich jetzt noch immer al' Kind behandeln, da ich doch verflossenen Winter durch meinen Eintritt in die Gesellschaft und auf allen Bällen und Soireen zur Genüge bewiesen zu haben glaube, daß ich sehr, aber schon sehr erwachsen bin. (Immer schneller und weinerlicher.) Und wenn nun dieser Mensch zu mir kommt, und mir mit seiner abscheulichen Schüchternheit etwas vorschwatzt, dann — dann könnt' ich ihn — dann könnt' ich mich selver — ach reden Sie mir doch nicht immer von ihm. Sie sehen ja, daß ich mich ärgern muß, wenn ich nur seinen Namen nennen höre. Röhn. Aber selbst dieser Aerger spricht für ihn, und — Auguste (wie früher). Ich bitt' Sie, reden Sie nicht immer von ihm. wenn ich einmal in Zorn gerathe, dann — (mn unterdrückten Thränrn) dann bin ich fürchterlich. Röhn. Ich überzeuge mich eben vom Gegentheil. Aber Gusti, wenn Sie mich täuschen! — Sie wissen nicht was aus dem Spiele steht. Larachio (immer unruhiger). Ich muß wissen, was dort vorgeht. Auguste. Ihr Herz wahrscheinlich? Röhn (ganz leise). Wenn man ein Herz zerbricht, kann man es nicht wieder ganz machen. A u g u st e. Das ist traurig. Garren. Aber Larachio! Du machst ja mit dem König einen Rösselsprung. Larachio(!ehraufgeregt). Ach, ich dachte er wäre zu Pferde. Röhn. O wär' die Märchenzeit nochda, wo man mit Zaubertränken den Willen Anderer zwingen konnte. Auguste. Sie erschreckenmichja! Möchten Sie mich zwingen. Röhn. Ein Zaübertrankwirkt Vielerle - Er zwingt sogar zu lieben. 9 Larachio. Lieben! jetzt Hab' §-d°u.>ich gehört. Garren. AberwasthustDu SM? (Larachio wirft das Schachbrett auf den Boden.) Larachio. Weg! ^ Garren. AberLarachio! I Zugleich und Auguste. Was ist das? i aufspringend. Röhn(f. s.). Verdammt!) Auguste, tzuol korrsur! Garren. tzuol Schrecken! 8 arachio. Ich bitte um Entschuldigung, meine Ungeschicklichkeit. Garren (steckt unbemerkt das Buch ein). H will mich damit in's Privatleben zu- lvckziehen. Röhn (s. s.). Wenn der arme junge Dichter wüßte, welche Nutzanwendung ich m seinen Werken machte! (Laut.) Mein Fräulein, auf heute Abend. (Verbeugt sich T) Warte, Garren, ich geh' mit Dir. Larachio (leise zu Auguste). Ich muß sie sprechen. Röhn (gehend). Und Du, Larachio ? Larachio. Ich folg' Euch nach. (Röhn W ihn mißtrauisch an, geht dann ab mit Harren). Larachio. Auguste! Quälen Sie mich icht. Diese Vertraulichkeit mit Röhn bringt mein Blut zum Sieden. Auguste. Jchdenke, erist JhrFreund? Larachio. Freund? Gibt es Freunde? Auguste. O, das würde mich betrüben, Mtiui Sie den Glauben an Freundschaft verloren hätten. Larachio. Auguste! welches Gefühl M noch Raum in einem Herzen, das >ebt? Die Liebe ist stärker wie alle Kraft ^ Willens, wie alle Macht dieser Erde. Vas früher auch in uns geleuchtet hat, es Lischt, oder wird überstrahlt von ihrem Minlischen Glanze. — Ich habe mich Am angeschlossen, um Nachrichten von 'Mm zu bekommen, weil ich von Ihnen m>l ihm reden konnte. Ich sage mich los von ihm und jedem, wenn ich in Ihrer Nähe leben darf. O wenden Sie fich nicht ab. Diese Hoffnung ist in meiner schönen Vaterstadt Venezia entstanden, als ich Sie zum ersten Male sah. Auguste. Za in Venedig war's schön! Larachio. Denken Sie noch dieser lieben Zeit? Vor mir steht sie noch klar mit all' ihren Einzelheiten. Entweder ich war so glücklich Sie zu sehen, oder ich schwelgte in der Erinnerung Sie gesprochen zu haben und wiederholte mir jedes Wort, oder ich hatte die Hoffnung Ihnen am andern Morgen wieder zu begegnen und war glücklich, und träumte dieschönsten Träume bei Tag und bei Nacht. Wie oft bin ich damals, wenn es auf der kiarikg. still geworden war, in die Oallo äel rmotto gelaufen, um Ihren Schalten noch einmal am Fenster zu sehen. Und entfinnen Sie fich noch unserer Gondelfahrt am Oana- I3.220 ? Auguste. Gewiß. Eine schöne Erinnerung bewahrt mau wie ein Kleinod, und wie an eine Lieblingsmelodie läßt man sich gerne d'ran mahnen. — Sie waren damals noch bei der Marine. Larachio. Ich habe quittirt, um Ihnen folgen zu können, und Sie find nun so kalt, — o, ich wollt' die Zeit der Zaubermärchen wäre noch, wo man mit Liebes- tränken fich ein Herz erzwingen konnte. Auguste. Was? Sie auch? Larachio. Auch? O haben Sie jemals einen ähnlichen Wunsch gehabt, Auguste? die Zeit der Tränke ist vorbei, die Liebe ist geblieben. Auguste. Herr Larachio, es ist genug. Verlassen Sie mich. Larachio. Wie kann Sie das so erzürnen, Auguste? Die Liebe wird ewig bleiben — Auguste. Genug, genug! Welch' ein unwürdiger Scherz! Verlassen Sie mich! Ich hätte Ihnen eine so abscheuliche Verstellung nicht zugetraut. Sie sprechen von 10 den Zeiten, da wir uns zuerst gesehen, Sie rufen Erinnerungen wach mit schmeichelnden Tönen, Ihre Lippen fließen ! der von Worten der Liebe und Leidenschaft und doch verspotten Sie mich nurund Jhr Herz weiß nichts von dem, was Ihr falscher Mund gesagt. Nochmals verlassen Sie mich, wenn ich nicht gehen soll. Von Ihnen hätte ich das nicht erwartet. Larachio. Also doch von einem Andern?! Fräulein, mit bittrem Schmerz sage ich Ihnen: Ein Herz, das man zerbricht, ist nicht mehr ganz zu machen. Auguste. Ah! Larachio (s. s.). Röhn soll mir das entgelten. (Geht rasch ab.) Auguste (allein). Was soll das heißen? Man weiß gar nicht, wie man mit den Leuten dran ist. Wer von beiden trägt die Schuld? — Larachio ist freilich ein Italiener, und Röhn? Wer kann dem in s Herz schauen? — Wahrhaftig, Santig ist noch der Ehrlichste von Allen. — Wenn der sich einmal so gegen mich erklärte, oder — lieber nicht so. Aber wenn er spräche, wenn — ich möchte mich ärgern über den Menschen, wie ich es von Kind heit auf gethan, und das Schlimmste ist, daß ich keinen Grund dazu habe. Aber das ist wieder seine Schuld. Wenn er mir Grund dazu gegeben hätte, könnte ich verzeihen, es verzeiht sich ganz angenehm, könnte mich mit ihm aussöhnen, eine Versöhnung, das ist so hübsch, aber er, er — um Gotteswillen, da kommt er gerade — nun wir köonen's ja versuchen. (Santig tritt auf von links.) Auguste (sanft). Ach lieber Santig. Haben Sie meine Mutter schon verlassen? Santig. Ja, die gnädige Frau wird jetzt Toilette machen für heute Abend. Wird es auch nicht für Sie Zeit sein, mein Fräulein? Auguste. Ich? Mein Gott, ich brauche ja so wenig Zeit zu meiner Toilette. Ich- bin ganz und gar nicht eitel. Santiq. So? Auguste (auffahrend). Was soll dich »So« bedeuten? Es scheint, Herr Bam Sie zweifeln an meinen Worten? Santig (begütigend). Gottbehüte, fiel bloß ein, daß eben Ihre Mama gesag! Sie würden nie fertig. Auguste (beruhigt). Ach, Mama es gesagt, dann sind Sie ja ganz unschul dig, und viel lieber bleibe ich noch eine, Augenblick hier, um mit Ihnen ein vn nünftiges Wort zu reden. Santig. Ich bin sehr glücklich, Frau lein — Sie wissen wohl, daß meine >" achtung — Auguste (f. s.). Hochachtung— (Laut Sagen Sie mir doch, warum Sie seh glücklich find? Santig. Warum? — Warum? - Weil mir scheint, daß Sie jetzt viel, soll ich sagen — viel milder, viel nach sichtiger gegen mich gestimmt scheinen weil — Auguste. Ja, ich bin auffallend mi Santig. Weil Sie bisher immer, n ich offen mit Ihnen red»n wollte, ganz wir als Kinder keine Geheimnisse vor ander hatten, wenn ich mein ganzes, voller Herz ansschütten wollte, da waren Sn immer so — so. wie soll ich sagen - Auguste. Wissen Sie das schon iviedei nicht? Santig. Immer so ungeduldig, s auffahrend, daß ich nicht gewagt habe z reden, so wie ich wollte. Nun bin ich ans angenehmste überrascht, denn den Wunsch ein vernünftiges Wort zu sprechen, Sie weben geäußert, habe ich nochm von Ihnen gehört. Auguste (beleidigt). So? Dasläßtnuch schließen, wie viel Sie von meiner Ver nunft und meinen Worten bisher gehalten haben. Wenn das die ganze Hochacht^ ist, wenn Sie auf diese Weise Ihr volles Herz ansschütten, da hätte ich besser ge than, es auch ferner nicht dazu kommen zu lassen. Santig. Ich habe das Unglück, Jh^ 11 immer zu mißfallen, und meine Aufrichtigkeit, das sehe ich, wird's nicht besser machen. Auguste. Es kommt so heraus, als ob ich Ihrer ganzen Nachsicht bedürfte. Santig. Sie find mir böse, und ich thäte am besten mich zu entfernen. Auguste (leise). Ich bin ja schon wieder gut. Santig. Wenn mir damit die Erlaub- mß ertheilt ist zu bleiben und zu reden, wie ich will, w'-n Ihre versöhnliche Stimmung wirklich überwiegt, dann nehme ich es oankbar an, aber dann muß ich auch zugleich.. . Auguste (unterbrechend). Sie glauben nun mit der Eitelkeit aller Männer, daß ich Sie halten, daß ich Sie um jeden Preis versöhnen will. Ich halte Sie nicht. Santig (verbeugt sich). Dann bleibt Alles, wie es war und ich gehe. (Ab.)' Auguste (allein). Er geht. — Er geht wirklich. — Zurückrufen kann ich ihn doch nicht? Und dann: war er nicht schon auf dem Punkte, mir Bedingungen vorzuschreiben? Ließ er nicht merken, daß meine Ver- söhnungsabfichten durchschaut seien? Ich glaube, er will mir verzeihen, das kann ich nicht zugeben, das ist gegen meine Würde. Und doch, wenn ich nur ruhiger hätte sein können-denn aufrichtig gut meint er's doch mit mir; das ist gewiß. Das nächste Mal will ich- Dort kommt der Graf. (Garren tritt auf.) Garren (für sich). Mir ist ganz infam zu Muthe, aber sie haben mir Alle dazu gerathen — (Laut.) Mein schönes Fräulein, störe ich Sie? — Auguste. O nein, Herr Graf, im Ge- gentheile, ich freue mich, daß Sie sich meiner erinnern. (Sie setzen sich.) Garren. Ihre Güte, Fräulein, macht mich kühner. Auguste (für sich). Er wird doch nicht mich - Garren. Als ich mir erlaubte, mich Ihnen von meinem Freunde Larachio vorstellen zu lassen, — hegte ich die verwegene Hoffnung. Sie würden auf mein Alter vergessen. Auguste. Sie wollen sich ehrwürdig machen, Herr Graf. Garren (für sich). Endlich muß es heraus. Mir fällt absolut nichts Besseres ein. (Laut.) Fräulein, ich wollte — ich wünschte — o — (sieht heimlich in's Buch.) Auguste (für sich). Er scheint befangen. Garren (decidirt). O wär die Märchenzeit noch da — Auguste (aufspringend), Herr Graf! — Garren saufstehend). Die Zeit, wo man mit Zaubertränken den Willen Anderer fesseln konnte. Augn ste (rasch aus und ab qehend). Das ist zu viel. Fahren Sie nicht fort. Garren (mitgehend, für sich). Jetzt Hab' ich einmal angefangen, und laß mich nicht einschüchtern. (Laut.) Ein Zaubertrank wirkt Vielerlei — Auguste. Er zwingt sogar zu lieben. Garren. Na, da sagen Sie's ja selbst. Auguste. Nein, das ist zu arg. Garren (für sich). Ich bin so weit gelegen schon ins Blut, wie der selige Mac- )eth sagt — (Laut.) Fräulein, die Zeit der Tränke ist vorbei — aber — irgend etwas ist geblieben. Auguste. Und ein Herz, das man zerbricht, ist nicht wieder ganz zu machen. Garren (erstaunt). Sie wissen's ja besser als ich. Auguste (zwischen Weinen und Lachen). O gewiß, ich weiß das sehr genau) ich weiß auch, daß ich auf eine abscheuliche Weise hintergangen wurde, daß man mich verhöhnt, verlacht, daß man mich demüthi- gen will, daß man seinen Spott mit mir treibt, aber ich weiß auch, daß ich das nicht ruhig hinnehmen werde, daß ich nicht geduldig still halten, daß ich mir nichts gefallen lassen werde. sJmmer schneller.) 12 Neben Sie nicht weiter, Herr Graf, ich will auch kein Wort weiter darüber verlieren. Nein, kein Wort mehr mit Ihnen, mit Röhn, mit Larachio, die sich, wie es scheint, verbündet haben, um mich zu kränken, die Alle zu glauben scheinen, ich sei wehrlos und es gäbe keinen edlen Mann mehr, der sich eines armen Mädchens annimmt, und es vor Beleidigungen schützt. Aber Ihr irrt Euch, meine Herren, Ihr irrt Euch. Zhr glaubt Alle, ich sei noch ein kleines Kind, und — (schluchzend) und ich bin's nicht mehr — nein — gewiß nicht — ich habe Erfahrungen gemacht, und — und ich werde mich hüten vor solchen — unmoralischen Menschen, - wo nicht einmal jeder — seine eigene Liebeserklärung macht — sondern alle drei — ein und dieselbe! (Stürzt heftig weinend ab nach links.) Garren (allein). Das haben wir schön gemacht. Das ist mir in meiner Praxis noch gar nicht vorgekommen. Und diese Suada, nein, diese Suada. -- Im Ganzen aber scheint nur, sind meine guten Freunde an der Blamage Schuld, und glauben vielleicht, ich werde mich noch auslachen lassen? Aber auch meine Gutmüthigkeit hat ihre natürlichen Grenzen, und wenn ich mir das gefallen ließe, müßte ich ein Schafskopf' sein. Röhn (ist bei den letzten Worten eingetreten). Hältst Du Monologe? Garren. Ich sprach von Dir. Röhn. Was soll das? Garren. Höre, Junge, ich habe auch meine ernsten Momente, und was zu viel ist, das ist zu viel. Röhn. Daran habe ich nie gezweiselt.. Garren. Und wenn Du glaubst, daß ich das so hinnehmen werde, so irrst Du Dich gewaltig, und wirst es noch ein- sehen, denn Du bist selbst so ein unmoralischer Mensch. Larachi o(v. links hereinstürzend).! Fast Röhn, wo bist du. Röhn? > zu- Röhn. Was gibt's denn da wieder?^ gleich unserer Larachio. Röhn, mit Freundschaft ist's zu Ende. Röhn. Ich glaube, Ihr sucht Streit mit mir? Garren. Oh, glaube was Du willst. Mit mir ist's auch zu Ende. Larachio. Recht, Garren, laß Dich nicht mit ihm ein. Garren. Ach geh', Larachio, Du bist auch so ein unmoralischer Mensch, wie sie gesagt hat. Larachio. Wie wer gesagt hat? Röhn. Aber was habt Ihr denn? Garren. Ich'will von Euch beiden^ nichts mehr wissen. " Larachio. Röhn, Du hast Dich elend benommen. Garren. Und Du nicht minder. Larachio. Was fällt Dir ein? Röhn. Aber um Himmels willen— Larachio. Aber in Teufels Namen. Garren. Das geht zu weit — Röhn. Ihr seid toll. Larachio. Und Du bist falsch. Röhn, tzuells iäes! Garren. tzusllo impkrtiusues! Larachio. tzuolle xorüäio! Garren. Duells Gemeinheit! Kellner (verstört hereinstärzend) fehlen die Herrschaften etwas? Garren. Meine Rechnung! M?in Bedienter soll packen. Ich reise mit dem nächsten Zuge ab. Röhn und Larachio. Ich auch. Garren (das Buch aus der Tasche ziehend). Verwünschtes Buch . . . Röhn und Larachio. Das Buch! Garreu. Daraus Hab ich Augusten vordeklamirt. Röhn und Larachio. Ich auch 3H auch. (Pause. Dann sangen Alle zu lachen an.) Garren (lachend), 's ist wunderhübsch. Kellner, keine Rechnungen. Wir bleiben hier. (Wirst das Buch links aus den Kellner. Zu Befehl. (Fürsich.) lich curiose Herren! (Ab rechts.) j 13 Röhn. Da darf ich mich gar nicht mehr vor ihr sehen lassen? Larachio. Ich noch weniger. Garren. Ich erst gar! Larachio. Wer hätte auch denken können, Garren, daß Du in Poesie machst? Garren. Hast mir ja selbst dazu ge- rothen. Röhn. Mir ist die Sache wirklich fatal. Garren. Beklagt Euch nur. Ihr seid noch gut durchgekommen, aber mir hat ft eine wunderschöne Rede gehalten. Röbn. Ich glaube, das Mädchen freut sich über den Unfrieden, den es stiftet. Larachio. Das sollen wir uns nicht gefallen lassen. Garren. So versöhnen wir uns wieder. (Reichen sich die Hönde.) Larachio. Aber das ist noch keine Rache. Garren. Unter diesen Umständen scheint mir eine edle Rache das Passendste. Larachio. Wie wär's, mir machten kr Mutter den Hof? Garren. Bravo! Eine andere Stellung iß uns in diesem Hause ohnedieß unmöglich. Röhn. Und die Kleine ärgert sich ge- H darüber. Garren. Gut denn, und habt künftig keine Geheimnisse vor mir, denn wenn unter guten Freunden die Diplomatie an- mgt, hört gewöhnlich die gute Freundest auf. (Alle ab durch den Hintergrund.) Santig (aus der Thüre links) Die Da- meii wolleen wissen, was der Lärm behüte, und nunist Niemand hier. Ach. dort fhen drei Herren in den Garten. Richtig, le find es, die zwischen mich uud mein Mcktreten. Augustens Courmacher. Eigent- i'ch, wenn ich meine Stellung im Berck scheu Mse vernünftig betrachte müßte ich sehr Mieden sein, in der Gunst der Frau vom Hause zu stehen, die ebenso schön, wie lie- Wwürdig genannt wird, aber eistlich Me ich keinen Grund vernünftig zu sein, M dann ist mir Gusti wirklich zu lieb. Ich werde das auf Dauer eben so wenig vor ihr verschwe gen können, wie vor mir. Mit all ihrem Eigensinn, mit all' ihren Launen lieb' ich sie - - kleiner Trotzkopf! Und wenn ich in ihre schönen Augen schaue — Himmel, sie ist mir gefolgt! (Auguste tritt aus aus der Thüre links. Hs dunkelt.) S an tig. Fräulein, es waren die Herren, die heute ankamen. Sie sind vermuthlich in Streit gerathen. Auguste. Wahrscheinlich, lieber Santig. habe ich diesen Unfrieden gestiftet, doch halte ich das nicht für ein großes Unrecht. Ihnen hätte ich größeres abzubitten. Santig. Fräulein, wie sind Sie jetzt so gut gegen mich. Auguste. Daß ich's bis jetzt nicht war, ist mein größtes Unrecht. Santig. Ich hatte gefürchtet Sie früher durch meine Ungeschicklichkeit gekränkt zu haben, denn gestehen Sie nur. Sie waren wieder einmal sehr erzürnt über mich. Auguste. Ich war voreilig und kindisch. Ich sehe das jetzt ein, und glaube, auch Sie, lieber Freund, müssen einsehen, daß ich mir ja alle mögliche Mühe gebe, de» schlimmen Eindruck durch freundlichen Ausdruck wieder zu verwischen, und Sie sagen ja selbst, daß ich so gut bin. Nicht wahr, ich bin sehrgut? Santig. Gewiß, Fräulein, nur habe ich Angst, daß dieser Waffenstillstand wieder nicht lange dauern wird. Auguste. Mein Gott, das hängt doch von Ihnen ab. Santig. Ich wüßte nicht wie, denn meine längere Gegenwart hat immer Ihren S wtt, Ihren Unwillen erregt, und meine Abwesenheit hat Sie auch nicht milder gestimmt, sonst hätte ich mich gleich wieder in ferne Zonen verbannt. Auguste Ach, kümmern Sie sich doch nicht um die fernen Zonen. Reisen ist schon gut, aber Sie sind, denke ich, genug gereist; zu viel, sonst hätten wir uns nicht so entfremdet. 14 Santig (ernst). Entfremdet, Augustes Nein, das mag ch nicht glauben. Fremd ist eine kurze Sylbe und fällt doch schwer, oft sehr schwer ins Gewicht. Ich magnicht daran denken, daß wir denen, die uns lieb und werth gewesen, jemals als Fremdlinge gegcnüberstehen. Was mir damals lieb war, das liebe ich noch, und davon werde ich nicht lassen in Ewigkeit. Auguste ss. s.). Wie ist mir nur? So hat er noch nie gesprochen. Santig. Gusti! Sre sind ja so gut — so schauen Sie mir jetzt ins Auge — nein, wenden Sie sich nicht ab. Ein, Wort für alle Zeit, ein Bl ck, der über unsere Zukunft entscheidet. Auguste (leise und unsicher). Aber lieber Santig — wr-.sfällt Ihnen ein? Wir - die wir uns schon kannten, wie wirklein waren Santig. Wir find aber nicht klein geblieben? Und Zeit ist's ans dem Kinderspiele Ernst zu machen. Gusti, machen Sie mich ganz glücklich, machen Sieden Plan unserer Väter zur Wirklichkeit, und seien Sie meine Braut, wicich Sie als Kind schon genannt. Auguste. Aber Santig — Santig. Gusti? Darf ich zu Ihrer Mutter gehen? Auguste. Lieber Santig — Santig. Darsich? O ich darf. Ihr Auge hnt's gesagt und Ihr Erröthen. Auguste (leise). Nun denn — so gehen Sie. Und wenn meine Mutter aufgebracht ist, weil ein Ritter ihrer Fahne zu der meinen schwört, so fürchten Sie nichts. Sie thut zuletzt was Papa will, Papa thut was ich will, und ich thu' was Du willst. Santig. Gusti! Du bist ein Engel. Auguste. Das haben mir schon Viele gesagt. Santig. Aber mir kannst Du's glauben. (Er umarmt sie.) Auguste. Was fällt Ihnen ein. wenn uns Einer sähe! Santig. O sah's die ganze Welt! (Ab durch die Thür links.) Auguste (allein). Lhatichrecht? Meine Wangen glnh'n. Aber er ist wirklich ei» guter Mensch. — Und jene? — Weimdaj Triumvirat gesprengt ist, desto besser. (Gurren, Larachio und Röhn erscheinen An« in Arm im Hintergründe.) Röhn. Ganz wie Du willst. Larachio. Ich lasse Dir gern den Vorrang. Garren. Wir werden uns schon vertragen. (Sie treten in den Saal ) Auguste. Himmel, sie find ja wieder beisammen undinnigeralsje. So'nTriumvirat hat ein zähes Leben. Fr. v. Berck (tritt aus von links. Santig folgt ihr.) Santig. Wirklich, gnädige Frau, der Tanzsaal ist schon erleuchtet. Fr. v. Berck (gereizt). Ich danke, Herr Baron, sür Ihre Zuvorkommenheit. Sie antworten, ehe ich Sie darum fragte. Auguste. Santig, Sie reisen also morgen auch nach der Stadt? Fr. v. Berck. Ich dachte, der Baro» geht nach der Schweiz. Santig. Für die Schweiz ist es doch schon zu spät. Auguste. Die Jahreszeit ist zu sehr vorgerückt. Fr. v. Berck. Sie ändern Ihre Ansichten sehr rasch. Santig. Ich sehe, daß jetzt Alles nach der Stadt zurück reist. Fr. v. Berck. Dann fallen auch Ihre projectirten Landpartien in's Wasser. Santig. In den Schnee, gnädige Frau, in dev Schnee, der jetzt üb-rall im Hoch' gebirge liegt, und in dieser Beziehungsehr gefährlich ist. Röhn o oreilend). Frau Hofräthin, man versammelt sich bereits, ich bitte um den ersten Tanz. Larachio. Ich um den zweiten. Garren. Und ich um — dev dritten- Fr. v. Berck. Wie eourtois, weine Herren. Ich sollte eigentlich meiner TB ter den Vorrang lasten. (Man hört Tanzmusik. Sie gibl Röhu den Arm.) 15 Santi g, Gusti, heute früh war es noch umgekehrt. Da wurden Sie von Röhn ge- ihrt. (Diener kommen mit Girandolen.) Auguste. Sie haben sich immer um Mama bemüht. Santig. Ich habe durch Ihre Mutter M den Weg zu Ihnen gesucht, aber jene Herren — Auguste. Haben durch mich nur den Veg zu meiner Mutter gefunden. Santig (drohend). Gusti, daß nur nicht nieder eine Verwechslung vorfällt. Auguste. Durch mich gewiß nicht, Larachio (inzwischen zu Trau v. Borck). i-iislle tarierte, meine Gnädige! Röhn. Sie werden alle überstrahlen. Narren, tzuel Geschmack! Santig. Da liegt ja mein verloren gebubtes Tagebuch. Alle. Tagebuch? Auguste. Darf ich hineinsehen? Santig. Wie in mein Herz. (Ein Die- m leuchtet.) Narren. O weh! Auguste (für sich lesend). »Jchabersag' — was man zerbricht so wie ein Herz ist nicht mehr ganz zu machen.« (Zu Santig.) Sie haben diese Gedichte geschrieben und mir nie gezeigt? Santig. Ich habe immer so gedacht und nie gewagt es auszusprechen. Augu st e. Hören Sie doch, meine Herren. (Liest.) »O, war die Märchenzeit noch da, wo man mitZaubertränken, Den Willen Anderer fesseln könnt', Und die Gedanken lenken.« Röhn. Ach sehr schön! Larachio. Wirklich talentvoll! Garren. Scheint mir aber nicht ganz neu. Auguste. Lesen Sie doch selbst, meine Herren. (Sie hält das Buch, die Andern sehen hinein.) R ö h n.» Ein Zaubertrank wirkt vielerlei« Larachio. »Er zwingt sogar zu lieben.« Garren. »Die Zeit der Tränke ist vorbei.« Santig (Augusten den Arm reichend). »Der Zauber ist geblieben.» (Der Vorhang fällt.) Druck »xd Papier von keopold Sommer L äomp. in Wie« - - ,.- » ÄZ-^ ^§ A« WM ^ 7 . !?s°7?rs - (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) Eine Frauengrille onginal-Lustlpitl in einem llct von Wilhelm Cappilleri. Personen: Trau Delmont, eine reiche junge Witwe. Falke, Notar. Louison, ihr Kammermädchen. See bürg, sein Adjunct. Elegantes Zimmer mit Mittel- und Seitenthüren ,pechts; auf der rechten »Seite im Vordergrund ein Toilettentisch. Links ein Kamin mit Nippessachen; weiter gegen dey Hintergrund ein Fenster mit Vorhängen. In der Nähe des Kamins ein Sopha, Favpr ein überdies Tischchen, daneben ein Stuhl. Im Hintergründe links eine spanische Wand, rechts ein Tnrelär. (Rechts und links vom Schauspieler.) Erste Scene. Zweite Scene. Frau Delmont (fitzt an dem Secretär, rin Bisset zusammenfaltend). So — nun >sts geschehen! Ich konnte mich lange entschließen (klingelt); allein er wünscht, verschreibt, mich baldigst zu sprechen, vin doch sehr begierig, sein Anliegen zu erfahren. Wiener Lheater-Reperl. Sk. 282 . V Vorige. Louison. Louison. Befehlen? Frau Delmont. Dieses Bisset an seine Adresse. (Gibt ihr dasselbe und steht ans.) Louison (für sich). Ra, endlich! Drei i 2 volle Tage einen so hübschen jungen Mann auf Antwort warten lassen, das ist doch unverzeihlich. Bei mir wäre so etwas augenblicklich erledigt. Frau Delmont (sich umsehend). Nun, worauf wartest Du noch? — Beeile Dich und hilf mir dann meine Toilette beenden. Louison. Zu dienen. (Ab.) Dritte Scene. FrauDelmont (allein). Der Wagen der Commerzienräthin muß bald hier sein. Wie lästig oftmals die Einladungen sind, und besonders für eine Dame, die wie ich vor Allem Einfachheit und stille Häuslichkeit liebt. Leider ist man gar so oft geuöthigt derlei Convenienzen beachten zu müssen. Vierte Scene. Vorige. Louison. Louison. Da bin ich wieder! Der Brief ist schon expedirt. Frau Delmont. Gut. (Setzt sich an die Toilette.) Louison (die während des folgenden Gespräches Frau Delmont das Haar ordnet). Entschuldigen, gnädige Frau, aber ich kann noch immer nicht begreifen, weßhalb Sie mit der Antwort so lange zögerten, da Herr Seeburg sich doch durch sein liebenswürdiges Benehmen und seinen bewiesenen Muth um diese Auszeichnung verdient machte. Frau Delmont. Du hast nicht Unrecht! Er hätte allerdings mehr Aufmerksamkeit verdient für die Entschlossenheit, mit welcher er das eigene Leben wagte, das unsere zu retten. Louison. Und wie pfeilschnell er den wilden Pferden in die Zügel fiel, die ohne diesen männlichen Muth den Wagen in den nahen Abgrund geschleudert. Das hätte ihm wohl Niemand zugetraut, der 1H» während der ganzen langen Reise stum und unbeweglich dafitzen sah. Frau Delmont. Eine Unbeweglichkeit, die mir aber doch nur mehr Schüchternheit schien. Louison. Was gnädige Frau wohl am besten bemerken mußten, da er, D Sie ihm Ihre Hand zum Danke reichte», selbe kaum zu berühren wagte und dabei sogar auffallend erröthete. Frau Delmont. Du irrst — ich bemerkte nichts. — (Etwas erregt.) Nun, bist Du bald fertig? Louison. Sogleich. — So! (Geh und holt den aus einem aus der linken Seile stehenden Stuhl liegenden Hut, sowie die Mantille, bei welcher Gelegenheit sie zm Fenster hinaussieht.) Gnädige Frau, der Wagen! — Für den Fall, daß während Ihrer Abwesenheit Herr Seeburg komm» sollte —? Frau Delmont. Bis dahin hoffe ich längst zurück zu sein. (Geht ab. begleite von Louison, die sofort zurürkkehrt.) Fünfte Scene. Louison (allein). Madame scheint eben nicht mit aparter Lust dieser Einladung gefolgt zu sein. Leicht begreiflich, daß sie ein häusliches Stillleben allen anderen Vergnügungen vorzieht. Ein Leben, das man aber, wie sie oft bemerkte, nur an der Seite eines geliebten Gatten recht vollkommen genießen könne. Ihre eigene Schuld, wenn sie es noch nicht genießt. Warum ist sie auch so wählerisch! Haben sich doch schon so Viele um ihre Liebe beworben, aber Keiner konnte diese gewinnen, bis auf Einen — den Husaren- rittmeister — der aber todt ist. warum hatte dieser mehr Glück? — Weil — ha, ha! — ich muß lachen; — er um allerdings auch im Uebrigeu eiu M 3 etter Manu — aber er gewann einen großen Stein bei Madame, weil er einen Hlllirrbart trug! Wir Evenstöchter >aben nun einmal häufig ganz absonder- iche Launen! Eines Schnurrbartes wegen inen Manu zu liebe»! Als ob es nicht >ic schönsten Männer ohne einen solchen >abe! — Lächerlich! — Mein Conrad, >kr Kammerherr — Kammerdiener wollte ih sagen, ist doch gewiß eine nette Ausgabe von Mann und trägt auch nicht das mindeste Zeichen eines Schnurrbartes; und zerr Seeburg trägt garkeinen Bart — wie hübsch ist der! Das ist auch der jnädigen Frau gar nicht entgangen. Na, venn Herr Seeburg auch noch einen rchnurrbart hätte, ich wüßte wirklich nicht - (Von außen wird geläutet; sie geht ab, ihrt jedoch gleich wieder mit Seeburg zurück.) Sechste Scene. Louison. Seeburg. Seeburg (beim Eintreten sich schüchtern "»sehend). Madame Delmont — ? Louison. Bitte nur einzutreten; die MdigeFrau dürfte bald heimkehren. So rüh hatten wir Sic nicht erwartet. Seeburg Nicht?—Ich solltemeinen, "us meinem Briefe — Louison. Der Inhalt ist mir nicht drkanut. Seeburg. Aber doch vielleicht die ^stcht meines Besuches. ^Louison. Wenn ich nicht irre, baten bloß um eine baldige Unterredurg. Seeburg. Allerdings — welche Madame mir gütigst gestattete. Doch ?>ozii erst diese Einleitung Ihnen gegenüber. die sich so freundlich erwiesen auf "»lerer Reise --- Louison. Wo wir Hals und Beine Machen hätten, wäre Ihr Heldenmuth "nsnicht zu^Hilfe gekommen. verbürg. Bitte, nichts von solcher Kleinigkeit. Was ich that, ist nicht bedeutender, als Ihr Dienst durch bereitwilligste Mitteilung Ihrer Adresse, um welche ich Sie heimlich bat. Louison. Welche Sie aber erst jetzt benützten. Wahrscheinlich hielten Sie es früher nicht für nöthig. Seeburg. Sie irren, meine Beste. — Allein— ich schäme mich es zu sagen. Louison. Nun? See bürg. Es fehlte mir der Muth. Lonison. Ha, ha, ha! Sie hatten den Muth, für die Person Ihr Leben zu wagen, und es fehlt Ihnen der Muth diese zu besuchen? Ha, ha, ha! — aber endlich haben Sic es doch gewagt? See bürg. Weil ich mußte — länger hätte ich es nicht ertragen. — Louison. Ich bitte, reden Sie deutlicher. — Seebnrg. Nun denn, ich will Ihnen etwas anvertrauen. Ich —(stockt verlegen). Louison. Was denn? Sie machen mich sehr neugierig. Seeburg. Ich — ich — ich liebe sie! Louison (vergnügt überrascht). Mich? mich lieben Sie? Ei warum haben Sie denn das nicht schon längst gesagt? Seebnrg (verlegen). Nein — ich meinte — nicht Sie — sondern — sondern sie! — Louison. Die — gnädige Frau? Seeburg. Ja wohl! Louison (beiSeite). Wie Schade '.(Laut.) Also das haben Sie ihr geschrieben? Seebnrg. Nein — ich — ich — ich schrieb ihr nur, ich hätte etwas Dringendes zu sprechet, um die Erlaubniß zu erhalten, Madame meine Aufwartung machen zu dürfen. Louison. Ah, ich verstehe! und nun Sie diese erhalten, werden Sie sprechen — gerade heraus! Seeburg. Nein — nicht so gerade— Louison. Was denn? Seeburg. Nur schreiben. Louison. Ha, ha, ha! Sie find ein i* 4 kurioser Mensch. Wüthende Thiere schrecken Sie nicht, und Sie fürchten sich vot einer Dame? Da hätten Sie sich freilich ein klein rvenib zu schämen. — Aber wenn Sie die gnädige Frau wirklich lieben und Ihnen, wir ich glaube, daran liegt, ihr Herz zu gewinnen, so will ich Ahnen ein ganz kleine? Geheimniß eröffnen, wenn Sie mir Ihr Wort geben, mich nicht zu verrathen. Aeeburg (reicht ihr vergnügt die Hand). Hier meine Hand! O ich bitte, eröffnen Sie. Louison. Nun denn — (sieht sich vorsichtig um und legt den Finger aus den Mund). Pst, pst! wissen Sie, was ein Schnurrbart ist? (Mit entsprechender Mimik). Seeburg. Ich schmeichle mir, den Gegenstand zu kennen. Louison. Nun, Sie müssen sich einen wachsen lassen. Seeburg (erschreckt). Wa — was — was sagen Sie? Wachsen lassen? — Ich? — so geschwinde einen Schnurr — Schnurr — Louison (einfallend). Bart — ja wohl! und dürfen, ehe dieser nicht vollkommen ausgebildet ist, sich auch nicht hier sehen lassen. See bürg. Einen Schnurrbart! (für sich) O Gott! Und mein Principal, der Notar, ist der wüthendste Gegner von Schnurr bärten. Er duldet um keinen Preis einen solchen. (Laut) Ja, aber das würde doch zu lange dauern. — Louison. Gebrauchen Sie Löwenpomade. Seeburg. Löwenpomade — jawohl — (bei Seite) Aber der Schnurrbart-Tiger, mein Principal — (laut) doch was würde Madame von mir denken, wenn ich jetzt — nachdem Sie mir erlaubt — nicht erschiene? Louison. Werden Sie krank. Seeburg. Krank?! — O Gott, wie gut Sie es mit mir meinen — aber — (für sich) mein Notar jagt alle fort, die nur Miene machen, sich ein Haar wachsen zu lassen! (Laut.) Nur einen Augenblick,- ich will ein anderes Mittel ersinnen. Louison. Ohne Schnurrbart keine Rettung! (Geht nach dem Hintergrund und beschäftigt sich.) Seeburg (bewegt aus- und niedergehend). Es ist zum Verzweifeln! Fällt mir dem gar nichts ein? Beim ersten Schattenrif von Schnurrbart bin ich um die einträgliche Stelle-wie es bereits vierzehn Adjunk ten seit einem Jahre geschehen. — (Plötzlich Von einem Gedanken freudig ergriffen.) Halt! ich hab's! ja, ja, so geht's, — famos! Ini Nebenhause befindet sich ein Friseur - und wozu wäre ich denn so lange Mitglied eines Liebhaber-Theaters gewesen, wem ich nicht wissen sollte, daß man Bärte auch aufkleben kann. — Wo die Jurisprudenz nicht ausreicht, hilft die Politik. Doch erst das Ministerium gewinnen. (ZuLouiso» ge wandt.) Hier genehmigen Sie einstweilen diese Kleinigkeit—(gibt dieser ein Goldstück) und nun helfen Sie mir redlich. Louison. Ein neuer Friedrichsd'or! Was soll ich damit? Seeburg. Einstecken. Louison (bei Snle). Nun, soetwas steckl ein kluges Kammerkätzchen jedenfalls gerne ein. (Laut). Und was habe ich dafür z» thun? Seeburg. Nichts. Louison (lächelnd). Das werde ich vielleicht zu Stande bringen. Seeburg. Wer weiß! Ich begehre das Höchste, was man von einem weiblichen Wesen fordern kann. Louison (betreten). Mein Herr Sceburg. Verschwiegenheit — über Alles, was Sie bis jetzt wissen und weiter sehen und hören werden. Geloben Sie mir dieß? Louison (mit komischem Pathos). ^ ist zwar ein großes Opfer — aber Sie verdienen es! Also — ich gelobe bei meiner Treue! Seeburg (bei Seite). Bei JhrerTreue- Ist zwar ein etwas leichter Schwur, doch 5 M ich ihm vertrauen. (Laut.) Es bleibt dabei. Louisvn. Aber nie ohne diesen! — Macht die Pantomime des Schnurrbartes.) Seebnrg (lacht). In einigrn Minuten bin ich wieder hier. Aus Wiedersehen, meine hübsche Alliirte! (Geht rasch ab.) Siebente Scene. Louison (allein). Bin doch begierig, >vas er vorhat. —Ein netter jungerMann, — nur etwas zu schüchtern wäre er mir als Geliebter, doch still, ich höre kommen! Es scheint die gnädige Frau zu sein. Tie darf von dieser Verschwörung nichts ahnen. Achte Scene. Louison. Frau Delmont. Frau Delmont. Hat Niemand nach »lir gefragt? (Legt ab, wobei ihr Louison behilflich ist.) Louison. Niemand. Frau Delmont. Auch kein Brief? Louison (lächelnd). Keiner! Gnädige Krau verweilten gar nicht lange. Frau Delmont. Lange genug, um mich wieder nach Hause zu sehnen. Louison. Gnädige Frau, ist der Thee gefällig? Frau Delmont. Nun ja! — (Louison ab.) (Delmont allein, nach der Uhr sehend.) Vier Uhr! Er wird mein Billet doch er ! halten haben? Oder scheint ihm dieß noch mcht einladend genug, seine seltene Schüchternheit zu besiegen? Neunte Scene. Vorige. Louison. Louison (mit einem Theeservice, welches sie aus den Tisch links stellt). Bitte! (Bon außen wird schwach geläutet.) Ja, ja! Frau Delmont (erschrickt leicht. (Bei Seite.) Vielleicht Er! Louison (im Abgehen). Gewiß der Verschworene. Frau Delmont (allein. Vor dem Spiegel). Wie fth' ich nur aus? — von der Luft so angegriffen — Zehnte Scene. Vorige. Louison. Louison (mitGelächter). GnädigeFrau Es ist da! Frau Delmont. Wer? Louison. Unser Reisegefährte. Frau Delmont. Und weßhalb lachst du so ansgelassen? Louison. Weil — weil er ganz verändert aussieht. Sie werden ihn gar nicht mehr kennen. — viel hübscher als damals! Ei hat — (Lacht.) Frau Delmont. Was hat er? Louison. Er — er hat — einen reizenden schwarzen Schnurrbart. Soll ich ihn eintreten lassen? Frau Delmont. Za wohl, Du närrisches Ding! (Unruhig.) Ich weiß nicht — Louison (öffnet die Thüre. Zu Seeburg, der einen schwarzen Schnurrbart trägt). Bitte einzutreten,die gnädige Frau erwartet Sie. Eilste Seene. ! Vorige. Seeburg. See bürg (bleibt verlegen an der Thüre stehen). Frau Delmont (sichtbar überrascht, bei Seite). Wirklich! (Pause. — Sie ladet Seeburg durch Handbewegung zum Sitzen ein.) Seeburg (bedeutet vorher Louison, die fortwährend schelmisch lächelt, ohne daß es Frau Delmont bemerkt, pantomimisch, zu schweigen, indem er zugleich mit dem in seiner — 6 Rechten haltenden Taschentuch ihr winkt, sich zu entfernen. — kr setzt sich gezwungen auf den neben dem Sopha stehenden Stuhl). Frau Delmont (sieht ihn scharf an). Mein Herr — See bürg (senkt die Blicke). Madame — Frau Delmont. Sie wünschen mich zu sprechen? Das Gefühl der Dankbarkeit sprach für Sic — und so war ich gleich bereit. Louison (imHiutergrunde für sich). Nach drei Tagen,-das nennt sie gleich. Seeburg. Bitte, zu viel Güte! Frau Delmont. Ich werde Ihren großen Dienst nie vergessen und würde mich freuen, Ihnen meine Dankbarkeit auch beweisen zu können. Seeburg. Sie beschämen mich. (Für sich.) Verdammter Bart! Louison (für sich). Es fehlt ihm schon wieder an Mull). Vielleicht ist meine Gegenwart daran Schuld. (Ab.) Frau Delmont. Ich bitte ungenirt mir Ihr Anliegen mitzutheilen. Seeburg (bei Seite). Anliegen? Ja wenn ich nur wüßte Frau Delmont. Nun, warum zögern>selbst nicht mehr, aber — (Hältabwechselnd Sie? !das Taschentuch vor den Mund.) Seeburg (etwas verwirrt). Ganz ge. miß, — aber (für sich) (das Tuch au de» Mund haltend). Verdammter Schnurrbart! (Laut.) Wiewohl der Empfang — (für sich) es ist zum Verzweifeln! Frau Delmont (für sich). Er wird immer schüchterner. (Laut.) Nun? Seeburg (stockt). Ein wenig dagegen spricht — da mein Eintritt keinen besonderen günstigen Eindruck auf Sie gemacht zn haben schien. Frau Delmont (verlegen). Mein Herr — Sie irren. Ihr plötzliches Erscheinen — die Veränderung (lächelt) und der Schnurrbart — S eeburg (rasch). Ja, ja wohl, der Schnurrbart! (Für sich.) O Gott! (Laut.) Diesen trage ich erst seit kürzester Zeit, weil — weil nur ein Bart den Mann vollkommen macht. Frau Delmont. Hierüber kann ich kein Urtheil fällen. (Ausweichend.) Doch um wieder auf Ihr Anliegen zu kommen — (Bei Seite.) Die Schüchternheit macht ihn völlig verwirrt. Seeburg. Anliegen? Das weiß ich Seeburg. Zögern? o nein — nie! Einer so liebenswürdigen Dame gegenüber — aber — Frau Delmont (mild). Bitte! keine Komplimente! ich liebe Aufrichtigkeit und Natürlichkeit. Seeburg (bei Seite). Sie liebt die Natürlichkeit und ich — schauderhafte Lage! (Laut.) Madame, — ich bin von Ihrer Großmuth und Freundschaft so gerührt— daß ich — daß ich — ein andermal so frei sein werde — (Springt auf und will ab.) Frau Delmont (für sich). Er ist doch gar zu befangen, ich muß ihn ermuthigen. (Laut.) Wie, Sie wollen mich verlassen . ohne mir Ihre Bitte mitgetheilt zu haben? Sie sollen gewiß eine recht theilnehmende Freundin an mir finden. Frau Delmont. Dann muß ich sehr bedauern. Seeburg. Ganz recht: bedauern Sie mich — verzeihen Sie mir, aber — (Tür sich.) Er löst sich los — (Laut.) Ein heftiger Zahnschmerz — (Für sich — immer unruhiger.) Teufel, nur jetzt nicht! Frau Delmont. Sie leiden? Seeburg. O sehr — sehr leide ich! (Mit Bezug.) Wenn Sie wüßten —! Frau Delmont(sürsich). DerAermfte! Seeburg für sich). Gott sei Dank, er hält wieder! (Laut.) Es ist bereits vorüber. Nun kann und will ich sagen, was ich i» dreizehn Briefen nicht gewagt. Frau Delmont. Dreizehn Briefe sagen Sie'? Seeburg. Der letzte war der dreizehnte. 7 Krau Delmont. !llnd ich habe nur einen erhalten!? — Seeburg. Weil ich die anderen zwölf tatt an Sie zu senden, immer wieder vernichtete. Frau Delmont (lacht). Das ist doch komisch! Seeburg. Ohne alle Komik, ich habe ie vernichtet, weil sie Dinge enthielten, die ich Ihnen zu offenbaren nicht wagte. Frau Delmont. Sie, dem derMuth nicht fehlte, sein Leben auf's Spiel zu etzen! Seeburg(ernst). Jchfürchtete Siednrch mein Geständniß zu beleidigen - und das hätte mich mehr als das Leben gekostet. Frau Delmont. Sehr galant! Wie aber — wenn ich Sie jetzt darum er- uchen würde? Seeburg. Dann — dann wäre ich genöthigt, — mich zu empfehlen! (Will rasch gehen.) Frau Delmont (piquirt). Das würde Hrer Galanterie kein glänzendes Zeugnis geben. Seeburg (kommt wieder vor). Sie haben Recht, Madame, ich bin — (Für sich.) Hweiß nicht mehr was ich bin! — (Laut.) Madame — (Für sich.) Es geht nicht, — aber es muß gehen! (Laut.) Lachen Sie mich aus, aber zürnen Sie mir nicht. — Ich — ich liebe Sie! (Fällt ihr zu Füßen.) An? — Jetzt antworten Sie mir nicht? Frau Delmont (überrascht — auf- Mgt). Mein Gott — mein Herr! — Seeburg (mit Bezug aus den Schnurrbart, bei Seite). Schon wieder! — (Laut.) Antworten Sie! (Faßt ihre Hand.) Frau Delmont. Ich bitte, — stehen Sie auf! mein Mädchen — Seeburg. Jetzt nicht — (Bei Seite.) Donnerwetter! (Laut.) O sprechen Sie. — ^nr ein Wort der Hoffnung. — ^ Frau Delmont (reißt sich los). Wenn ^>le besten würdig jsind! (Eilt ab in's Atbeazinrmer.) Zwölfte Scene. Seeburg (allein. Springtauf). Das bin ich! — Also sie liebt mich — ich bin der glücklichste Mensch auf Erden! doch wie, traue ich dem Glücke nicht zu viel, das nur an einem Haare hängt!? — (Sieht zum Fenster hinaus.) Aber was seh' ich? — Himmel, da kommt mein Prinzipal! — er geht in's Haus — was ist denn da zu thun? — Der Schnurrbart! — er darf mich um keinen Preis sehen! (Draußen Stimmen.) Ich höre ihn schon kommen! Fort, fort! (Will nach rechts.) Halt! da ist ja Madame, — das geht nicht! — Er kommt — zu spät! (Erblickt die spanische Wand). Rettung! (Verbirgt sich dahinter.) Dreizehnte Scene. Seebnrg. Louison. Falke. Louison, Ich werde Sie sogleich melden. Falke. Nein — nein — ich habe gar keine Eile. Bleibe nur, mein liebes Kind! Louison. Aber Sie wollten ja doch mit der gnädigen Frau sprechen. Sie haben sich schon so oft vergebens bemüht. Falke (bei Seite). Was aber ganz in meinen Plan paßt. Seeburg (sie belauschend). Er war schon öfter da? Sieh, sieh! — Louison. Ich werde Sie melden. Falke (sie zurückhaltend). Nicht doch — nicht doch! — lassen wir Madame ungestört; ich kann ja ein andermal, — es handelt sich ja bloß um eine Anfrage. Louison. Anfrage? Falke. Ja wohl, mein Engelchen! — Die aber gewiß nicht so viel Interesse bietet, als ein so liebes, herziges Ge- schöpschen! (Faßt sie an der Hand.) Louison (zurückziehend). Bitte, bitte — F alke. Na, na, warum denn so spröde? 8 ich meine es ja so gut mit Dir allerliebste Kleine! Louison. Ha, ha, ha? Herr Notar find bei jehr guter Laune. Falke. Ganz gewiß, Herzchen! — da mir doch einmal die Gelegenheit geboten, mit Dir, mein reizender Engel, allein zu sein — Seeburg (für sich)., Oho! Louison. Nebenan ist die gnädige Frau! Seeburg (guckt hervor). Und wir find auch noch da. Falke. Ei was gnädige Frau! Lasten wir jetzt diese. Ich fühle mich so mollig in deiner Nähe, Du allerliebstes Herz, daß ich keine Gefahr scheue — Louison. Aber Herr Notar! — Seeburg. Was hör' ich?! Falke. Du wirst doch vicht so albern sein, mich zu verrathen, wenn ich Dir gestehe, —Du —Du — kleines, herziges Ding, daß ich Dir sehr gut bin — (Faßt sie an der Hand.) Sehr gut— (Kneipt sie in die Wavge.)Du—Du—Zuckerpüppchen Du! Seeburg. Sehe Einer den alten Fuchs! Louison (sich immer sträubend). Aber Herr Notar! Falke. Nun, was ist's denn? (Bei Seite.) Ist das ein allerliebstes Wesen! Louison. In Ihren Jahren — Falke. JnmeinenJahren!—Papperlapapp! — In meinen Jahren versteht man sich erst recht auf so etwas. Man ist Kenner — dann wird man erst recht praktisch und will »von solchen holden Zauberlippen mit heißer Wonne Nektar nippen«. (Nähert sich ihr immer mehr und mehr — will sie umarmen.) Louison (sich losmachend). Herr Notar — der Scherz macht Sie ja ordentlich zum Dichter! Falke. Scherz? Mt mir gar nicht ein. Astes purer Ernst! Als Beweis hier dieses Pfand meiner notariellen Gefühle. (Steckt ihr einen Ring an den Finger.) Seeburg. Einen M«g? Na, in» Louison. Aber mein Gott, daski ich ja gar nicht annehmen! Falke. Warum nicht, allerliebste klm Kreatur? Ich verlange ja nichts, als ein kleines Gegengeschenk. Louison. Gegengeschenk? Hahaha! ich bin zu arm an Schmuck. . I Falke. Arm? im Gigentherl! Dies Blnmensträußchen au deinem Busen all Demantsträußchen—von deiner weicht» Hand an meine liebende Brust gestM würde mich überschwänglich glücklich machen. Seeburg. So?! Louison (lachend). Nun wenn e§ sonst nichts ist, das Sträußchen könne» Sie haben! Und au die Brust stecken will ich es Ihnen auch selber. (Thut es.) . Falke (benützt die Gelegenheit und küßt sie rasche Loulsoü (schreit laut aus). (Im Nebenzimmer links wird geklingelt.) Die gnädige Frau! (Atz durch die Seitenthüre.) Falke. M scheide in Fülle des Glückes! (Wirst ihr ein Kußhändchen nach dem andern nach, indem er rücklings statt -er Thüre der spanischen Wand zu geht, an die er so arg stößt, daß sie umsällt.) Vierzehnte Scene. Falke. Seedurg. Seeburg (stürzt hervor und vertritt Falke, der sich rasch entfernen will, den Weg). Donner-! Ei, guten Tag, Herr Notar! — (Beide sehen eine Weile einander ruhig an.) Falke (will ab). Erlauben Sie-— - See bürg. Wavum denn jetzt schon gehen? Nun wird es erst hübsch! — Herr Notar, wollten ja die gnädige Frau spachen- ^ . n Falke (erschreckt bei Seite). Teustl was ist das? (Verwirrt.) Mein Herr (Bei Seite.) Sollte der unS belailM 9 haben? (Zu Seeburg.) Erlauben Sie — Dill ab.) Seeburg (hält ihn zurück). Noch nicht! Falke (etwas barsch). Wer— wer — (siebt ihn scharf an). Wäre es möglich? Diese Aehnlichkeit! (Laut.) Mein Herr, ich glaube, wenn ich nicht irre, so sehen wir uns nicht das erste Mal. Seeburg. Mir scheint es auch so — Falke. Sind Sie nicht — Seeburg. Ganz recht — ja, ja, ich bin der, den Sie meinen. Falke (für sich). Jetzt weiß ich erst recht nicht wer es ist; — aber je mehr ich ihn betrachte, — nur der Schnurrbart — (Sieht ihn noch schärfer an.) Und doch — ich glaube nicht, daß ich mich täusche. Vielleicht eine Maskerade — ein Rendezvous mit dem Stubenmädchen. — (Laut.) Hr Name? See bürg (höflich). Joses Sigismund Bruno von Seeburg, Notars-Adjunct, Hnen wohl bekannt. Falke (sehr betreten). So? Ich danke Ihnen! (Bei Seite.) Also doch! — Jetzt heißt es sich aus der Schlinge ziehen. (Nimmt einen gezwungen barschen Ton an.) Glauben Sie ja nicht, daß ich Sie nicht erkannte, trotz Ihres falschen Bartes. Wie können Sie sich unterstehen, das Bureau in den Geschästsstunden ohne mein Wissen zu verlassen? Was haben Sie hier zu thun? He? Seeburg. Dasselbe was Sie, nur mit dem Unterschiede, daß Sie Geschäfte mit dem Stubenmädchen hatten und ich mit der Frau vom Hause. Falke (beißt sich in die Lippen; für sich). Verflucht! (Laut.) Wie — wie meinen Ne vag - Seeburg. Wie es wirklich ist. Sie gaben vor die gnädige Frau sprechen zu Zollen, um sich mit dem Stubenmädchen M amüfiren— ihr einen Ring zu verehren. — und was noch mehr, einen Üuß dafür zu nehmen. Wiener Theater-Repert. Nr. 282. Falke (verlegen). Herr — wer — wer ägt das? Seeburg. Ich selbst. Falke. Was? — Sie? —Sieselbst? Sie haben gehorcht? Seeburg. Und gesehen. Falke (für sich). Hm. hm! Da heißt es andere Saiten aufziehen. (Nimmt eine Prise; laut.) Lieber Freund, es gibt Dinge im Leben — See bürg. Wovon die armen Frauen sich nichts träumen lassen. Falke (bei Seite). Er meint meine Frau! (Laut.) Und was das Küssen anbelangt. das ist gar nichts so Schlimmes. Seeburg. So? Ich werde Ihre Frau Gemalin fragen, ob sie auch diese mildernden Umstände zuläßt. Falke (bei Seite). Malitiöser Mensch! Meine Frau will er fragen! (Laut.) Meine Fratk? Wenn Sie das thun, so find Sie morgen entlassen! Seeburg (sehr gelassen). Ich habe bereits eine andere Stellung. Falke (bei Seite) Alles umsonst! Er ist richtig im Stande und sagt es meiner Frau. Ich muß klein beigeben. (Laut.) Nu. nun, warum denn gleich so hitzig — ich habe das nur so ohne weiters in der Aufregung gesagt. Wie könnte ich Sie. meinen besten Bureaubeamten, so ohne weiters entlassen? Im Gegentheil! Sie find mir unentbehrlich — ich will Ihre Gage erhöhen. (Lächelnd.) Aber nun sagen Sie mir auch einmal aufrichtig, was haben Sie denn eigentlich hier vor? Was soll diese Metamorphose? (Auf denBart deutend.) Seeburg. Mein Lebensglück entscheiden. Falke. Der falsche Bart Ihr Lebensglück? Lächerlich! ha. ha! Seeburg. Die Dame des Hauses, die ich verehre und heiraten werde, will nur einen Mann mit einem Barte lieben. Falke. Geschmacklose Possen! Albernes Zeug. Aber — 2 10 Seeburg. Kein Wort weiter! Sie wird gleich erscheinen — ich bitte um Ihr Wort, nichts zu verrathen, sonst soll Ihre Frau — Falke Um Gottes willen, still von meiner Frau! Seeburg. Wenn Sie schweigen, sol Ihre Frau auch von diesem Stuben mädchen nichts erfahren. Falke. Abgemacht! Gegenseitige Ver- schwiegenheit wie das Grab; hier meine Hand! (Reicht ihm sie hm. Schlagen ein.) Und nun Gott befohlen. Seeburg. Auf Wiedersehen! Falke (im Abgehen, für sich). Der hat mir warm gemacht! Das ist mir, so lange ich Notar bin. nicht pasfirt. Wenn meine Frau den Witz erführe, bekomme ich ein ganzes Jahr Hausarrest. (An der Thüre mit einem tiefen Lomplimente.) Ich empfehle mich ergebenst Ihrer Wohlgeneigtheit! Seeburg (ebenso, sehr höflich). Ihr ergebener Diener. Fünfzehnte Scene. Seeburg (allein). Das geht ja prächtig! Nun noch die letzte Scene dieses tragischen Lustspieles. — (Fühlt an den Schnurrbart.) Alle Teufel, er ist schon wieder los! (Nimmt den einen Theil desselben herab und legt ihn vor den Spiegel am Kamin.) Sie kommt! (Sucht den Bart, dersich am rechten Rockärmel angeheftet.) Wo ist denn die andere Hälfte? Himmel, sie ist schon da! Mein Taschentuch — Sechzehnte Scene. Seeburg. Louison, Frau Delmont. Frau Delmont. Entschuldigen, Herr Notar — Wo ist er denn? Seeburg (reißt mit dem Taschentuch, welches er früher aus der Tasche zog und aus sie den Tisch legte, in der Verwirrung die Lisch, decke sammt dem Theegeschirr herab, hält dem Tuch; zugleich die Tischdecke vor den Mund und bleibt unbeweglich mit dem gegen den Spiegel stehen). Frau Delmont. Himmel! Louison. So ist's recht! (Lacht.) Frau Delmont (zu Seeburg), find noch da? (Besorgt.) Was ist Ihm Seeburg (fällt stumm in den Stuhl). Frau Delmont (erschrickt). Eine Ohm macht. — (Zu Louison.) Wasser! Louison (mit unterdrücktem Lachei schnell ab). Frau Delmont. Soll ich vielleich einen Arzt — ? Seeburg (verneint stumm). Frau Delmont (für sich). Mir leid um ihn! (Laut.) Ich werde doch einen Arzt schicken. Seeburg (springt auf). Nein, uein- ich werde schon selbst. (Nimmt den Hut will eilig ab, stößt aber an der Thüre mit der eben eintretenden Louison, welche auf einer Tasse ein Glas Wasser trägt, zusammen, s> daß das Glas zu Boden fällt, während er erschreckt das Tuch fallen läßt, und seitwärts o zurücktaumelt, daß er mit dem Gesicht zum Publicum zu stehen kommt.) Louison (aufschreiend). Ach! (Ur^ ich.) Die Liebe macht ihn blind. « Frau Delmont (den halben Barts^ bemerkend). Himmel, welcher Betrug!/^ Seebnrg(für sich). Jetzt ist es aus.!- , Meibt unbeweglich.inhöchsterVerwirrung.), Frau Delmont (für sich). Das ist j arg! Ein falscher Bart! — Wer hat ihm meme kleine Schwäche verrathen? (Laut.) Mein Herr, was soll eine Dame einem Manne denken, dessen trügerisches Benehmen dem Ihrigen gleicht? Ich mH Sie dringend bitten, mein Haus aus immer zu verlassen. Seeburg (hat in höchster Verwirrung dagestanden und mehrere Male versucht za reden, — vortretend). Madame, ich — ^ 11 (Bei Seite.) Ich bringe kein Wort über die Lippen! (Laut.) Ich gehe, mein Schicksal habe ich'verdient. Leben Sie wohl, Madame! (Geht langsam nach der Mittelthüre.) Frau Delmont (für sich). Er will wirklich fort. Er nimmt den Glauben an meine Thorheit mit. Das darf nicht sein. (Laut.) Warum gehen Sie? Seeburg. Weil Sie mrch's geheißen. Frau Delmont. Ein kluger Mann thut nicht immer, was Frauen sagen. Seeburg. Aber — Frau Delmont. Und glaubt auch nicht immer, was Frauen gesagt haben sollen. Seeburg. So hätte vielleicht Louison — (Schlägt sich auf den Mund.) Frau Delmont (bei Seite). ^ Also richtig — (Laut.) Sie zum Besten gehabt, wie ich selbst Louison. See bürg. Und meine ganze Todesangst um den falschen Bart wär' also — Frau Delmont. Vergeblich. Rächen Sie sich dafür an Louison. (Bei Seite.) Ich habe mich vortrefflich aus der Schlinge gezogen. (Laut.) Ihre Hand! (Reicht ihm die Hand.) Seeburg (ersaßt diese freudig, entzückt). Für ewig. Louison. Gnädige Frau — FrauDelmont (leise). Spitzbube — Du hast mich verrathen. Louison. Und Sie haben mich ver- läuguet — da find wir gerade quitt. (Der Vorhang fällt.) Lrmk uuv von L Sommer 'i:i^ ^ i '. ^ . - d-d'H'V 'd kK-H^i'^1 dch-. -. '» !.I^ di-d "c >«i. ^ j, »UAML VW Ein Nihilist. Lustspiel in einem Acte von Carl Orünäorf. Wien, 1874 WMshaussel'sche Buchhandlung (Joses Klemm) Druck von Leopold Sommer L Comp, in Wien. Personen: Freiherr von Schnorr. Adele, seine Gemalin. Hedwig, seine Tochter. Nicodemus, sein Diener. Hans Schnorr. Die Handlung spielt in einer Residenzstadt und zwar in der Jetztzeit. Die Bühne stellt ein elegantes Wohnzimmer, im Hause des Freiherrn von Schnorr, mit eleganter Einrichtung und moderner geschmackvoller Ausstattung vor. Im Vordergründe rechts ein hohes Fenster mit Draperie, nächst demselben ein kleines Arbeitstischchen mit einem Stuhl; aus der linken Seite der Bühne, im Vordergründe, ein mittelgroßer Speisetisch, bei welchem ein kleines Sofa und ein Sessel steht. Im Hintergründe aus der rechten Seite ein eleganter Bücherkasten, auf der linken Seite ein kleiner Speisekasten mit Aussätzen für Obst, Käse, Backwerk rc. Außerdem zweckmäßig vertheilt einige elegante Stühle, rechts und links drapirte Seitenthüren, im Hintergründe eine ebenfalls drapirte Mittelthür als Haupteingang. In dem Augenblicke, als der Vorhang sich hebt, sitzt der Hosrath mit seiner Frau und seiner Tochter am Eßtische, während der Diener eben ein reiches sogenanntes »deutsches Frühstück« servirt. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Erste Scene. Hofrath, Hofräthin, Hedwig, Nicodemus. Zweite Scene. Vorige ohne Nicodemus. Hedwig (ihre Theeschale hebend). Noch viele, viele solche Geburtstage wie der heutige, lieber Papa! (Stoßt mit ihrer Schale an die des Vaters.) Hofräthin. Was thust Du, mein Kind? mit Thee stoßt man nicht an. Hedwig. Ach Mama! Gott steht auf's Herz und nicht auf die Theeschale ! Hofrath. Kind, das ist wieder eine jener Aeußerungen, die ich nur sehr vngerne aus Deinem kindlichen Munde vernehme. Uebrigens sollst Du die Freude haben, mich ordentlich -.hochleben« zu lassen, wie cs die Mama meint und lvie es sich für anständige Leute geziemt. (Ruft.) Nicodemus! Eine Flasche von anno 11!'. Es ist nur noch Eine von den 12 vorhanden, die mir damals Se. Durchlaucht aus seinem Schlosse schickte. Dann find sie — Nicodemus (einfallend), bx! Hofrath (lächelnd). Wie? Nicodemus. Excellenz, wollt' ich — Zu Befehl! Hofrath. Nicodemus! Du kannst vier Gläser bringen, verstehst Du? Nicodemus (mit der Zunge schnal- O, ich fühle es sogar schon! Hofrath. Sollst Dir's auch schmecken Um, mein Alter! — Und jetzt geh' »ud beeile Dich. Hofräthin. Aber vorsichtig, Nicode- Ans. Nicht so wie das letzte Mal, wo vre uns von den Gläsern nur die Scherben brachten. .Nicodemus (beschämt). O Excellenz, Mehr! (Verneigt sich und geht.) Hofrath (ihm nachsehend). Das ist noch eine treue, ehrliche Seele aus jener guten, alten Zeit, die wir leider bald nur mehr aus der Sage kennen werden. Hofräthin. .Trinkt aber doch heimlich Deinen gutLu alten Wein und raucht Deine guten alten Eigarren. Hofrath. Das ist auch so aus der guten alten Zeit. Hedwig. Papachen, mir ist schon dir neue Zeit lieber. Hofrath. Die junge, willst Du sagen, mit ihren neuen Secretarien. Hedwig. Quälen Sie mich nicht mit solchen Scherzen. Hofrath (einsallend). Aus denen Du so gerne Ernst machen möchtest. Hofräthin. Du bringst mich da auf ein Thema, das ich längst gerne mit Dir in eingehender Weise besprochen hätte, und ich glaube, daß sich gerade der heutige Festtag zu einer derartigen familiären Discuffion am allerbesten eignet. Darf ich also die Debatte eröffnen ? Hofrath (einsallend). Du bist schon wieder, wie gewöhnlich, als erster und als letzter Redner eingeschrieben. Hofräthin. Aber Du, als die Regierung, hast dann das letzte Wort. Hedwig. Doch nicht in meiner Gegenwart. — Bitte! Bitte! — (Hebt mit reizender Schalkhaftigkeit, wie bittend, die Hände.) Erlaube mir, daß ich den Saal räumen darf, bevor die Debatte über mei» Lebeusglück beginnt. Theat.-Rep. Nr. S8S. 4 Hofrath. Im Gegentheil, ich wünsche, daß Du bleibst, und ich ertheile Dir sogar das Wort. Hedwig. Papa, Sie sind zu gütig; ich verzichte auf das Wort zu Gunsten der Frau Vorrednerin. Hofrath. Kinder, im Ernst gesprochen: Ihr geht mir da schon längere Zeit um den Bart, ich sage Euch aber: ganz ohne alle Aussicht auf einen Erfolg. Die Stellung des jungen Mannes, gegen dessen Charakter ich allerdings nichts einzuwenden hätte, ist noch eine gar zu untergeordnete, namentlich für den Schwiegersohn eines Sectionschefs, der, ich sage es nicht ohne Bewußtsein, nicht ganz ohne Chancen für einen Ministerposten ist. Hedwig (einsallend). Papa! ich will ja nicht seine Stellung. Hofrath. Ich verstehe. — Allein Du mußt wissen, mein Kind, daß eine bevorzugte Stellung, wie die meine, nicht nur große Rechte gibt, sondern auch hohe, oft schwierige Pflichten auferlegt. — Wer viel empfängt, muß auch viel zu geben verstehen! — (Er führt einen neuen Bissen in den Mund.) — Rücksichten find die Grundpfeiler des Staates! — Und jetzt lassen wir diesen Punct, wenn Ihr mir nicht meine Geburtstaglaune trüben oder gar verscheuchen wollt. Hofräthin. Aber Franz! Du thust eine Angelegenheit, die so tief in unser Familienleben eingreift, so kurzweg ab, wie die Petition einer Dorfgemeinde.— Herzen sind keine Actenstücke! Bedenke dieß! Hedwig (rasch einsallend). Ja, bedenken Sie dieß, Papa! Hofrath. Du hast auf's Wort verzichtet ! Hofräthin. Aber ich bringe da — Dritte Scene. Vorige, Nicodemus. Nicodemus (eintretenb). Da bringe ich den Eilfer! — Letzte Flasche! - Schluß des Spieles! (Er trägt eine mittelgroße Tasse, aus welcher eine Flasche Wein und vier Gläser stehen.) Hofrath. Du kommst wie gerufen. Nicodemus (stellt die Tasse aus den Tisch vor den Hosrath). Hedwig (für sich). Er hätte auch noch ein wenig warten können. Hofrath (die Gläser vollschenkend). So — so — und nun, Nicodemus, nimm dieß Glas, wir wollen nun ans meine Gesundheit trinken. Nicodemus (verschämt). Ach — Ex — wir — Ex? Hofrath. Nun — nun —! Nicodemus. Excellenz, ist das wirklich Ihr Ernst? Hosrath. Natürlich! Trink nur, Alter! Aber erst stoß an mit mir! Komm' her! So — (Er stoßt mit seinen, Glase an das des Nicodemus.) Nun, D trinke! (Nicodemus nippt.) Nur ganz uu- genirt! Nicodemus (trinkend). Excellenz, excellent ! Hofrath (lacht). Nun, solchen Wein hast Du wohl noch nie getrunken? Nicodemus. Ich — o — (Fürsich.) Jetzt weiß ich nicht, was ich sagen soll. Hosrath. Nun heraus mit der Farbe. Ja oder nein? getrunken oder nicht? Nicodemus (die Augen zu Bode" schlagend). Getrunken nein — gekosm ja — Hofrath (lächelnd). Also hat meine Frau doch Recht, wenn sie sagt, daß Du heimlich meinen Wein trinkst. 5 Nicodemus (ganz verlegen sich versprechend). Nur gekostet, Excellenz. - Hofrath. Ein andermal laß' auch das Kosten, sonst kostet es Dich den Dienst, hörst Du? Doch jetzt sag' mir, was wünschest Du mir eigentlich zu meinem 60 . Geburtstag? Trinke aber früher (er schenkt ihm ein), denn im Weine liegt Wahrheit und ich will jetzt von Dir die reine Wahrheit hören. Nicodcmus (den Wein trinkend). Ich wünsche Excellenz, daß Sie steinalt werden und immer mein guter gnädiger Herr bleiben! Hofrath. Nun, der Wunsch ist eben nicht ungeschickt. Komm' her, wir wollen nochmal die Gläser zusammcnklingen lassen. (Er schenkt das Glas voll, reicht es Nicodemus, welcher dann an das Glas des Hosrathes das seine anklingen läßt, angeheitert rufend.) Excellenz! hoch! höher! — am höchsten! — Hofrath. Und jetzt sage mir, was Du für einen Wunsch hegst. Nicodemus (verschämt). Den schluck' ich hinab. (Er trinkt.) Hofrath. Nur heraus damit. Nicodemus. Excellenz — Excellenz — Ach Gott — die Theuerung. H ofrath. Von der Du wohl verdammt wenig verspürst. Nicodemus. Aber ich fühle sie mit Ihnen, Excellenz, nnd so ein theures Mitgefühl thut weh! (Er wischt sich eine Thräne aus dem Auge.) (Fortsahrend.) Und deßhalb, Excellenz, weil jetzt Excellenz Alles so theuer bezahlen müssen, so bitte ich um eine Theurungszulage. Hofrath. Das ist eine ganz nette Logik; aber sollst sie haben, Alter, Deine Zulage für Dein edles Mitgefühl! Nicodemus. Excellenz! (Er küßt ihm die Hand.) Dieß ist heute Ihr schönster Geburtstag! Excellenz sind zwar oft geboren, aber so schön wie heute noch nie! — Hofrath. Sollst auch noch eine Cigarre aus meiner Specialitäten-Samm- lung haben! — Da — diese alte — (Er öffnet das Cigarrm-Etui und gibt ihm eine Cigarre.) Nicodemus (freudig). Ach, das ist eine von denen mit dem starken, guten, feinen Geruch. Hofrath Ei, — Du kennst genau meine Sorten? Nicodemus. Verzeihen, Excellenz, vom Kosten, nur vom Kosten. (Ablenkend.) Aber jetzt kommt die Hauptsache! — Excellenz! — Ich habe noch eine Ueberraschung, mit der ich jetzt rasch auskramen werde. — Das Gute zuerst, das Beste zuletzt! — Verzeihen, Excellenz, daß ich mich für einen Augenblick selbst in Skart lege; ich werde gleich wieder mit einem Trumpf erscheinen. Hofrath. Du machst mich neugierig. Also, beeile Dich! Nicodemus. Ich eile. (Er geht langsam durch die Mittelthür ab.) Vierte Scene. Vorige ohne Nicodemus. Hofräthin. Und jetzt, Franz, laß' uns auch ein Glas leeren auf die Erinnerung an einen Verschollenen, aber nicht Vergessenen! (Sie hebt das Glas und will anstoßen.) Hofrath (sein Glas zurückziehend). Warum bringst Du mir jetzt ein solche- Bild vor die heitere Seele; Du weißt doch, daß dieß der Punct ist, der immer brennt und nie vernarbt. Hofräthin. Und doch bitte ich Dich wiederholt — Hofrath (seufzend). Nun denn: Er soll leben! (Stoßt mit Frau und Tochter an.) Hedwig (innig). Ja, er soll recht glücklich leben, der arme Onkel! möchte 6 doch bald ein Lebenszeichen von ihm zu uns dringen, damit wir doch endlich erfahren, wo und wie er lebt. Hofrath. Möge er glücklich leben, uns aber stets ferne bleiben! Hedwig. Aber, Papa, ich begreife Dich nicht, Du bist sonst die Güte, die Sanftmuth selbst, und wenn das Gespräch auf Deinen verschollenen Bruder kommt, so spricht eine Bitterkeit aus Dir, die Deinem sonst so edlen Wesen gar nicht eigenartig ist. Hofrath. Kind, das verstehst Du nicht! »Nulier taeout in seeloma!« — Da handelt es sich um Principien, und bei Principienfragen da mögen fich weibliche Wesen möglichst fernehalten. Hofräthin. Hedwig, Du bringst den Vater um die gute Laune. Hedwig. Verzeih', Papa! daß ich mich mit Deiner Antwort nicht zufrieden geben kann; ich traue mir so viel selbstständige Denkkraft zu, auch beurthei- len zu können, ob der Grund, der Dick dem Onkel gegenüber so erbittert macht, auch dem Frauenherzen gegenüber ein triftiger, ernster, standhältiger ist. Hofrath. Hedwig, das istmit wenigen Worten gesagt. Vor 25 Jahren trennten wir Brüder, die einzigen Söhne meines edlen Vaters, uns plötzlich, weil unsere Wege zu sehr auseinander gingen. — Es war im Jahre des Unheils. — Ich strebte nach vorwärts und hatte ein edles, erhabenes Ziel im Auge, und ich hatte auch, Dank der Vorsehung, das Glück, zu steigen und immer zu steigen, während mein Bruder Hans auf der schiefen Ebene seiner entsetzlichen Umsturzgesinnungen rasch hinabglitt, zum politischen Emissär herabsank und endlich in Rußland verschollen und für uns verloren war. — Er warf fich dem Radikalismus in die Arme, der ihn hart an den Abgrund führte, indeß ich dem angebornen Triebe nach Stabilität, dem konservativen Zuge meines Herzens folgend, mich unter den Fittingen der allmächtigen Bureaukratie langsam hob und gradatim dehnte und endlich groß ward! Du stehst, mein Kind, und begreifst, daß unsere Ziele weltenweit auseinander lagen und daß unsere Begriffe von Gott und Staat sich diametral entgegenstanden! Deßhalb noch einmal: er lebe, doch fern, recht fern von uns. (Hebt sein Glas und leert es.) Fünfte Scene. Vorige. Nicodemus. Nicodemus (eine Tasse tragend, aus der ein versiegeltes Schreiben liegt). Excel- lenz, da ist sie! Hofrath (sich umsehend). Wer? Nicodemus. Die Ueberraschung. (Hält ihm die Taffe hin.) Hofrath (den Brief nehmend). Ein Telegramm? (Die Aufschrift lesend.) An den Hofrath Schnorr in Wien! — Kurz, aber bündig. Nicodemus. Ja, der Telegraf ist findig. Hofräthin (rasch). Von wo ist das Telegramm? Hedwig (ebenso). Von wem? Hofrath (der das Couvert geöffnet hat, lesend). Bruder! (Er hält inne.) Hofräthin und Hedwig (zugleich). Bruder!? Hofrath (tonlos wiederholend). Bruder — (Im Lesen sortsahrend und langsam lesend.) Reise heute von Krakau ab, bin morgen bei Dir! Werde bei Dir wohnen — Aufenthalt kurz. — Werde öffentliche Vorträge über Nihilismus halten. — Bruder Hans. (Er trocknet sich mit der Serviette die Stirne.) Nicodemus (für sich). Genau zwanzig Worte! — sehr ökonomisch! 7 Hedwig. Das ist schön, das ist herrlich! Hofrath (zu Hedwig). Unglückselige! Du jauchzest in einem Augenblicke, wo mir das Blut zum Gehirn dringt, als sollten alle Gefäße zerspringen! Hedwig. Um Gottes willen, Papa, ist Ihnen nicht wohl? Hosräthin. Franz, fasse Dich! Hofrath (im Stillen das Telegramm überlesend). Das Telegramm ist ja schon von gestern! Nicodemus (mit Stolz). Ganz richtig, Excellenz, gestern Abends hier angelangt. Hofrath (strenge). Und Du gibst mirs erst heute? Nicodemus. Ganz nach Hochdero Befehl, Excellenz. Hofrath (auswallend). Wie so? Nicodemus. Excellenz befahlen mir, ein für allemal, Ihnen Briefe niemals vor dem Schlafengehen zu geben, weil dieß Euer Excellenz Nachtruhe stören könnte, und trugen mir auf. Briefschaften , Zeitungen und dergleichen immer erst nach dem Frühstück zu übergeben. Hofrath. O Du E — Nicodemus (rasch). Excellenz! Hofrath (sich verbessernd). Eminent folgsamer Diener. Hofrät hin. Wenn das Telegramm von gestern ist, so muß Hans ja heute schon kommen. Hedwig (freudig). Er ist vielleicht schon da!? Hofrath. Leider ist dieß »vielleicht« wahrscheinlich! Nicodemus. Soll ich ihm entgegengehen? Hofrath (zu Nicodemus). Du bleibst! Hedwig. Sie sagten doch selbst, Papa, daß mein Onkel ein vortreffliches Herz habe! Hofrath. Kind! man kann ein ganz guter Mensch und dabei doch ein entsetzlicher Politiker sein! Hofräthin. Umgekehrt soll dieß noch öfter der Fall sein. Hofrath. Muß mir der Himmel gerade jetzt diese Prüfung schicken! (Er trocknet sich nochmals die Stirne und lehnt sich erschöpft aus das Sopha zurück.) Hofräthin. Franz, beruhige Dich. Hofrath. Jetzt, wo ich auf dem besten Wege nach oben, nach ganz oben bin, kömmt mir dieser Zufall zwischen die Beine und kann mich stürzen machen; Du begreifst die Situation nicht, in der ich mich befinde. Ein Nihilist, ein Urdemokrat, vielleicht sogar — Herrgott! — ich wage es kaum zu denken — vielleicht ein Kommunist, in meinem Hause, im Hause des Hof- rathes, des Freiherrn, des Minister- candidaten! Ihr ahnt das Entsetzliche nicht, das in diesem Verhängnisse liegt. Ich bin ruinirt, ich werde penfionirt, ich bin schon so viel als quiescirt! (Er schlägt sich mit der Hand vor die Stirne.) Nicodemus (der indessen theilweise den Tisch abgeräumt hat, für sich). Er ist ja ganz consternirt! Hofräthin. Aber Franz, ermanne Dich doch! Hedwig. Papa, fassen Sie sich! Hofrath. Ja mich werden sie fassen, o Gräuel! — Ein hofräthlicher Bruder, ein freiherrlicher Blutsverwandter, ein sectionschefliches Familienglied und — Nihilist!- Hedwig. Ist denn das etwas gar so Entsetzliches? Hofrath. Es ist entsetzlich, mein Kind! Hedwig. Aber Mama! Was ist denn eigentlich ein Nihilist? Hofräthin. Kind, da mußt Du den Papa fragen. Nicodemus (für sich). Jetzt weiß die nicht, was ein Nihilist ist! Hofräthin (ausstehend). Nun heißt 8 es vor Allem ein Gastzimmer für ihn in Bereitschaft setzen, denn er kann jeden Augenblick hier sein. Hofrath. Oriwon laosao! — Mein Haus, das Asyl eines Nihilisten, die Brutstätte der entsetzlichsten Doctrinen, der Lagerplatz eines Socialisten, ich vergehe, ich ersticke! — Hofräthin und Hedwig (umringen ihn von beiden Seiten, um ihn zu beruhigen). Hosrath. Laßt mich, laßt mich, ich muß in die frische Luft, ich muß in's Freie, die Mauern erdrücken mich, ich ersticke hier! — (Er will im Schlasrvck zur Mittelthüre hinauslausen.) Nicodemus (ihm entgegentretend). Excellenz blamiren fich ja, wenn Sie so auf die Gaffe laufen. Hofrath (sich selbst besehend). Wahrhaftig! ich bin im Schlafrock. Ich weiß nicht mehr, was ich denke. Mir ist, als hätte ich die Drehkrankheit. — In meinem Kopfe wirbelt's wie Schneeflockentanz, ich muß hinaus - — Luft! — ich komme um! Hofräthin und Hedwig (besorgt sich an ihn klammernd, alle Drei rechts ab). Sechste Scene. Nicodemus (allein), später Hans Schnorr. Nicodemus (schlau). Heute steht Gewitter im Kalenver und, wie mir scheint, donnert's schon recht vernehmlich, und das Alles, weil der Bruder des gnädigen Herrn ein Nihilist ist. Der dicke Bediente vom ruffischen Gesandten hat mir gesagt, ein Nihilist ist ein Mensch, der niemals Handschuhe trägt; nun, das ist allerdings nicht schön und nicht nobel, aber etwas gar so Entsetzliches finde ich in dieser Antipathie gegen die Handschch gerade nicht. (Er sieht seine beiden Händ, an, welche mit weißen gewirkten Handschuhe« bedeckt sind, deren Finger zu lange.) Schöner ist's freilich so! — Na, ich bin nur neugierig diesen havdschuhlosen Nihilisten zu sehen. (In demselben Augenblicke wird die Mittelthüre von außen weit ausgerissen und auf der Schwelle erscheint Hans Schnorr in einen großen Plaid gewickelt und bis hinauf vermummt, mit einem breitkrämpigen schwarzen Hute aus dem Kopse, braunroth behandschuht und eine ganz kleine Reisetasche in der rechten Hand tragend.) Hans Schnorr (im Eintreten). Da bin ich! Nicodemus (erschreckt). Da ist er! Hans. Hofrath zu Haus? Nicodemus (für sich). Nein, der ist's doch nicht, der hat ja Handschuhe! — Hans. Bruder zu Haus? Nicodemus (für sich). Ist's also doch? — Seine Excellenz — Hans. Schasskopf! Nicodemus. Zu Befehl, Excellenz- Hans. Was sollen Späße? Nicodemus. Bitte, voller Ernst! Se. Excellenz hochdero Herr Bruder ist im Zimmer da drinnen. Hans (für sich). Mußt' ich doch nicht, daß Vater Excellenzen zu Tage förderte. Nicodemus. Euer Gnaden! Hans. Narr! bin nicht »Gnaden«, heiße Hans kurzweg. Nicodemus (für sich). Also ist's doch ein Anderer! (Laut.) Verzeihen, Herr von Kurzweg Hans (auffahrend). Was soll das wieder? Ich bin der Bruder Deines Herrn, Esel! aber nichts weiter! — Nicodemus (für sich). Also ist ers halt doch! Hans. Erwartet er mich? 9 Nicodemus. Zu dienen, Herr Bruder! mit Sehnsucht. Hans. Kann's denken; Familie zu Haus? Nicodemus. Ganze zwei Stück, Herr Bruder! Hans. Gut! (Setzt sich gleich ruhig zum Tisch und ißt und trinkt rasch etwas.) Nicodemns (für sich). Ei, der ist schnell zu Hause hier — Hans (essend). Wo ist der Bruder? Nicodemus. Hier rechts nebenan! (Für sich.) Nihilisten scheinen guten Appetit zu haben! Hans. Gut! werde gleich hineingehen — Nicodemus. Verzeihen. Das geht nicht so wie in Rußland, ich muß Sie erst meinem gnädigen Herrn melden. Hans. Narrheit! Nicodemus. Nein, nur Pflicht. Verzeihen der Herr Bruder eine Frage: Haben der Herr Bruder Ihre hohen Effecten noch im Bahnhof? Hans. Nein. Nicodemus. Wo belieben also der Herr Bruder hochdero Herren Effecten zu haben? Hans (essend und auf die kleine Handtasche zeigend). Da! Nicodemus (gedehnt).So—o—o?— Hans (kurz). So! Nicodemus (für sich). Ah! jetzt geht mir ein Licht auf, ein Nihilist ist ein Mensch, der nichts ist und nichts hat! Hans. Was siehst Du mich so glohig an? Nicodemus. Ich habe mir gerade Ihren Standpunct klar gemacht. Hans (aufstehend). Mache Dir lieber Deinen klar! Hinaus vor die Thür, B will mit meinem Bruder allein M! Nicodemus (sich fest und unmittelbar vor die Thüre rechts stellend). Nicht UM die Welt lass' ich Sie so hinein, ich muß Sie erst melden. Hans (zornig). Melde das Deinem Herrn! (Versetzt ihm einen Schlag, packt ihn dann mit beiden Händen und wirst ihn einfach zur Mittelthüre hinaus; während dieser kurzen Action schreit Nicodemus in sehr ängstlicher Weise.) Siebente Scene. Hans, Hosrath (aus der Seitenthüre rechts kommend. — Bereits im Straßen- anzuge, mit Ordensband, Hut und Stock). Hofrath (im Eintreten). Was geht hier vor? Hans (auf ihn zueilend und ihn lebhaft bei der Hand fassend). Bruder (Pause.) Hast Du mein Werk über den Nihilismus gelesen? Hofrath. Gott sei Dank, nein! Hans. Lesest Du überhaupt nichts? Hofrath. Nichts Unanständiges! Hans. Erlaube mir. (Er fährt mit der Hand über seinen kahlen Schädel.) Hofrath (ihn unterbrechend). Erlaube vielmehr Du mir Dich zu fragen, ob Du denn noch immer nicht den realistischen Boden des behaglichen Wohlseins und der bürgerlichen Ruhe zu betreten, geneigt bist? Hans. Dinge, von denen Du da saselst, existiren gar nicht. Hofrath (einsallend). Für Dich leider nicht. Aber sage mir nur, ob Du denn von Deiner sinnlosen politischen Rabulisterei gar niemals zurückkommen willst? Hans. Niemals! (Er fährt wieder mit der Hand über seinen Kahlkops.) Hosrath. Sieh ! ich würde Dir den Weg ebnen, ja ich wollte jedes Opfer bringen, um Dich zu einem ordentlichen Staatsbürger, zu einem Menschen zu machen. 10 Hans. Sprichst schon wieder von Dingen, die eben nur für Dich existiren, die ich aber nicht kenne, wenigstens nicht anerkenne. — Jeder in seiner Art! — (Obige Bewegung der Hand, welche sich oft wiederholt.) Nihilismus ist meine Parole, Nihilismus steht auf der Fahne geschrieben, der ich folge, so lauge dieß bischen Hirn da drinnen noch phosphorescirt, so lang der Arm sich bewegen, die Hand noch sich ballen und die Zunge noch — fluchen kann. Hofrath (sich setzend). Unglückseliger! Du bist also nicht zu bessern? Hans. Weil Deine Besserung eine Verschlechterung wäre. Hofrath. Sag' mir nur um Himmels willen, was soll, was will denn eigentlich dieser verdammte Nihilismus heutzutage? Hans. Vorläufig soll er nur im Volke Wurzel fassen. Er soll sich festsetzen im Blute der Masse, wie der Blasenwurm; durch's Blut kommt er in s Gehirn wie der Blasenwurm, und wird dort groß und gedeiht. Hofrath. Du vergißt in Deinem pathologischen Exempel nur das Eine, daß der Blasenwurm den Organismus zu Grunde richtet, in dem er sich festgesetzt hat. Hans (begeistert). Das soll er auch! »denn Alles, was besteht, ist werth, daß es zu Grunde geht,« heißt es schon in der großen Bibel des achtzehnten Jahrhunderts! — Unsere Zeit ist die Periode des Eiterungsprocesses, später einmal werden die großen Eiterherde bloßgelegt und mit Messer und Feuer gereinigt werden. Hofrath (weicht vor ihm zurück). Entsetzlicher Mensch! bei dieser Operation möcht' ich nicht zugegen sein. Hans. Ja, Franz, so harmlos wie beim Hühneraugenausschneiden wird's dabei wohl nicht hergehen! Aber eine schlechte Operation, bei der es kein M gibt. Hofrath. Um Himmels willen, schweig! Du treibst mir den Angstschweiß auf die Stirne, wenn ich Dich höre, Du sprichst ja wie ein Apostel der Kommunisten! Hans. Bruder, verwechsle die Begriffe nicht, ich bin ein Profet des Nihilismus, daher ein Feind des Com- munismus. Daß diese beiden großen Factoren, mit denen die Welt endlich rechnen muß. aus einem und demselben Geschlechte und sozusagen aus derselben Urzelle abstammen, das mag wohl sein! — Aber sag' mir nur, bist Du denn gar nicht unterrichtet über das eigentlich: Wesen des Nihilismus? (Fährt sich mit der Hand über den Kops.) Hofrath. Aufrichtig gesagt, weiß ich sehr wenig! Hans. Und bist doch Hofrath. Hofrath. Eben deßhalb! Hans (lachend). Das glaub' ich Dir! Hofrath. Du scherzest, während ich in Verzweiflung bin. — Ueberblicke M die ganze Situation, die Du geschaffen Haft. — Du kommst hieher, Du wohnst bei mir, Du willst Vorlesungen, öffentliche Vorträge halten über den hierorts so sehr verpönten Nihilismus; mein Haus, das Haus des Freiherrn von Schnorr, das Haus des Hosrathes, des Sectionschess, soll gleichsam das Lagerhaus werden für Deine teuflischen Theorien! Hans. Denen die Praxis auf dein Fuße folgen wird! Hofrath. Unseliger Profet! M treibst mich zum Wahnsinn. Sag' "M doch, was für gottverbotene Principien verfolgt Ihr denn eigentlich, Ihr Nihilisten? Hans. Das will ich Dir sagen, ^ doch setz' Dich erst, dazu bedarfst T» Ruhe! 11 (Der Hofrath setzt sich rechts zum kleinen Tischchen und legt Hut und Stock darauf.) Hans. Also höre! (Mit Pathos.) Das große ^nl6 esäsQZ aller positiven Existenz ist das (bläst in die Lust) — Nichts! Die ausgesprochenste Passivität alles Zukünftigen in dem Schooße sich selbst unbewußter Gegenwart! Hofrath. Pardon! etwas langsamer! Hans (sortsahrend). Dieses Nichts ist die unendliche Unendlichkeit, die absolute llrnvandelbarkeit, die ewige Ruhe; — Hast Du mich verstanden? Hofrath. Aufrichtig gesagt: nein! — Hans. Das thut nichts. Ganz verstehen wir's selber nicht! — Höre also weiter! Hofrath. Nur behutsam! — Ich bin nervös! Hans. Die ewige Ruhe sollte nicht währen. Die Vorsehung, das Geschick, Gott, die Natur, die Urkraft, oder wie Du das zuerst anregende und ^ov6U8 nennen willst und magst, warf mit allmächtiger Hand in dieses ungeheuere Nichts (bläst in die Lust) plötzlich das Etwas, — die Existenz, — das Wesen, — das Seiende — Hofrath. Komm' nieder, Bruder, komm' nieder! Du schwebst in höheren Regionen; ich faste Dich nicht! Hans. Du wirst mich bald begreifen., Also: Wenn dieses Etwas ursprünglich auch nur ein Atom gewesen, so mußte schon ein Gegensatz, mo Kampf entstehen. Das Sich- gegenüberstellen zweier Größen ist stets der Beginn des Kampfes! — "7 Dieser Kampf, der bald eine Annäherung, bald ein Abstößen mit sich suchte, mußte neue Größen schaffen, sich dann dem Nichts feindselig gegenüberstellten und so die Heimstätte Ahliger neuer Existenzen wurden. M Emphase.) Und so entstand das «haos! Hofrath (sich den Kops mit beiden Händen fassend). Halt ein, Bruder, ich fühle bereits etwas vom Chaos! Hans. Jetzt hast Du mich begriffen! Das Nichts tritt bereits in Deinem Hirnkasten in die Rechte des Etwas. Du bist auf dem besten Wege ein Nihilist zu werden. Hofrath. Geh' zum Teufel mit Deinem ganzen tollen Kram von wirren Begriffen, die Du, wie ein Trödler, um jeden Preis an Mann bringen willst. — Ihr Alle seid sür's Irrenhaus reif! — Bruder, ich bitte, ich beschwöre Dich, last' ab von diesem Unsinn, der so harmlos aussieht und doch so gefährlich ist. Hans, (rectificirend). Harmlos ist und gefährlich aussieht! Hofrath. Bruder, versprich mir, — daß Du keine Vorlesungen über Nihilismus hältst; denn auf diesem Wege kommst Du — Hans (einsallend). Höre mich erst zu Ende! Hofrath. Du bist noch nicht fertig? Hans. Keineswegs. — Ich muß doch auch vom eigentlichen Zwecke sprechen. — Das Etwas, diese schillernde, herrlick gegliederte Schlange, wälzt sich nun in unendlichen Rotationen in den schrankenlosen Räumen des einstigen Nichts, und der Kamp? zwischen dem Bestehenden und dem Nichts wird fort und fort geführt, und oll und wird nach unseren Begriffen enden mit der Vernichtung des Etwas. Hofrath (entsetzt). Also Ihr arbeitet geradezu auf das Nichts hin? Hans (beide Arme ausstreckend). Mit allen Kräften! Hofrath. Entsetzlicher Mensch! Ihr eid also Feinde alles Bestehenden? Euch ist also nichts heilig? Hans. Ah! — doch! — der Be- 12 griff Raum — Raum — ist uns das Ewige' — Der wesenlose ungeheuere Raum! — Alles kannst Du Dir nach und nach wegdenken; Sonne, Mond und Sterne! nur den Raum nicht! — der Raum also ist das einzig Ewige, der Raum ist der Gottgedanke des Nihilisten! (Er streckt die Arme pro- setisch aus.) Hofrath. Mit diesen Ansichten kommst Du früher oder später in's Strafhaus! Hans. Beruhige Dich, Bruder! Wir leben in der Zeit der freien Forschung, der fessellosen Wissenschaft und ihrer Eonsequenzen; — mögen diese auch, als Samsons der Gedanken, an dem Gebäude des Altherkömmlichen rütteln! — Die Wissenschaft ist frei! — So lange ich meine Lehre als Wissenschaft behandle und dieselbe nur theoretisch verwerthe, so lange hat das Gesetz über mich keine Macht! — Und das Gericht kümmert sich um mich eben so wenig, als ich mich um die löbliche Polizei schere! Achte Scene. Vorige, Nicodemus (rasch eintretend). Nicodemus. Excellenz! Soeben brachte ein Polizeidiener dieses versiegelte Schreiben für Herrn Hans Schnorr. Hans. Für mich? Hofrath. Da haben wir's, er ist schon vorgeladen! Hans (das Decret eröffnend und still lesend) Eure Polizei ist rasch! — Man hat Sehnsucht, mich persönlich kennen zu lernen; dem Manne kann lleholfen werden. Hosrath. Was willst Du thun? Hans. Der höflichen Einladung sofort Folge leisten. Hosrath. Und die Vorlesungen bleiben lassen? Hans. Keineswegs! Jetzt werde ich sechsmal lesen anstatt dreimal. Hosrath. Du setzest mir die Faust auf die Kehle; ich muß sofort meine Demission einreichrn, Du ruinirst mich ja als Hosrath, als Sectionschef und als Menschen! Hans. Fall' in Dein bürgerliches Nichts zurück, ich aber. — ich gehe nun mit dem stolzen Bewußtsein eines Nihilisten!— Ja, Bruder! so ist's und so wird's kommen! Du, ich, Deine Familie, die löbliche Polizei, die ganze Welt muß zu Grunde gehen, und wenn nichts, gar nichts mehr exi- stirt, dann werden wir Nihilisten triumphiren, denn dann ist unser Ideal erreicht! — Servus! — (8r setzt rasch den Hut auf und eilt ab.) Nicodemus (ein Kreuz schlagend) Das ist ein Scheusal! Neunte Scene. Hosrath und Nicodemus (ohne Hans). Hofrath (im Zimmer aus- und abrennend). Der Satan hole alle Nihilisten und auch ihn, und wenn ei tausendmal mein Bruder! Es ist ja zum Verrücktwerden! Sag'. Nicodemus, wie sehe ich aus? Seh' ich jetzt nicht ganz verändert aus. wie ein Narr? Nicodemus. Excellenz, ich finde keinen Unterschied. Hofrath (ärgerlich). Eile ihm nach, sage ihm, er möge erst abwarten, bis ich selbst mit dem Polizeiminister gesprochen habe. Beeile Dich! 13 Nicodemus. Sehr wohl, Excellevz! ich fliege! (Geht ruhig zur Mittelthüre.) Zehnte Scene. Hofrath (allein). Hofrath (sich mit der Hand auf die Stirne schlagend). Es ist entsetzlich! Ich kann gar keinen Gedanken fasten, in meinem Kopfe gährt's und kocht's! — Was soll ich nur beginnen? Soll ich meine Resignation einreichen, damit man mir mit der Pensionirung nicht zuvorkömmt? Ich muß zum Polizeiminister, um ihn zu informiren. — (Pause.) Ich will ihn bitten, daß er dem Narren die Abhaltung seiner öffentlichen Vorträge direct verbiete. — (Mit beiden Händen agirend.) O Bruder! Bruder! warum bist Du aus der Art geschlagen! Etlfte Scene. Hofrath, Hedwig (von rechts kommend). Hedwig. Papa! was ist Ihnen? — Ich habe Sie noch nie in einem so aufgeregten Zustande gesehen! Hofrath (aus die Mittelthüre zeigend). Er ist schon vorgeladen! Hedwig. Wer? Hofrath (fast weinerlich). Mein netter Bruder, Dein sauberer Onkel! Hedwig. Wohin? Hofrath. Zur Polizei! . Hedwig. Nun, wenn's weiter nichts ist? — Sie werden doch einen verrückten Gelehrten nicht gleich einsperren? Hofrath. Er ist auch ein gelehrter verrückter und solche Leute sind stets Mtsgefährlich! Hedwig. Papa, Sie übertreiben wohl. Sie sehen die Sache durch die hofräthliche Conservativ-Brille an. In der Wirklichkeit wird's wohl so arg nicht sein. Hofrath (strenge). Hedwig, das verstehst Du nicht! Es ist arg. sehr arg, entsetzlich arg! Hedwig. Was ist denn da so Entsetzliches dabei? Hofrath. Meine Stellung ist com- promittirt, mein Haus ist compromittirt, mein Name ist compromittirt, Du bist compromittirt, Alles ist compromittirt! Hedwig. Um Himmelswillen, Papa, Sie sind ja ganz außer sich! Hosrath (erschreckt). Siehst Du, dieß ist schon die Eonsequenz seiner Schuld. Er hat mich aus mir selbst hinans- geworfen, ich bin ein Anderer geworden, bin nicht mehr der ruhige Staatsmann, der klare Denker, der überlegene Geist, und das Alles hat ein Nihilist gethan! — Wenn das so fortgeht, so macht der unselige Mensch aus meinem Verstand ein wesenloses Nichts, aus meinem Haus eine Brutstätte der Revolution! — Bei Gott, wenn es nicht Feigheit wäre und irreligiös zugleich, ich käme noch auf Selbstmordgedanken! Hedwig (erschreckt). Himmel! Papa! (Für sich.) Es ist die höchste Zeit, ihn zu beruhigen. (Laut.) Papa! ich habe einen Gedanken, und wenn Sie denselben billigen, so schaffe ich Ihnen Ihre Ruhe wieder und stelle den gestörten Frieden in diesem Hause und in Ihrer Seele wieder her. Hofrath (fast weinend). Wenn Du das könntest! Doch wie solltest Du, ein so harmloses, unerfahrenes Kind, ein solches Wunder zu Stande bringen? Hedwig. Wie? das ist mir selbst noch nicht ganz klar, doch mir sagt mein Herz, meine ahnende Seele, daß es mir gelingen wird, meinen guten, 14 lieben Vater aus diesem entsetzlichen Dilemma zu befreien. Lassen Sie mich allein, ganz allein mit ihm, ich werde ihn bekehren oder — vertreiben! Hofrath. Hedwig, wenn Du das zu Stande brächtest, dann würde ich Dich doppelt, dreifach lieben, Alles für Dich thun — und — Hedwig (rasch einfallend). Und für die Wünsche meines kleinen Herzens ein geneigtes Ohr haben? Hofrath, zwei geneigte Ohren, liebes Kind; zwei! — Du gibst mir ja dadurch das Leben wieder, und dieß erfordert doch zum Mindesten, daß ich Dein Lieb es leben nicht zerstöre. Hedwig (ganz entzückt). Also, Papa, heute noch ist der Nihilist aus Ihrem Hause. Hofrath (einfallend). Und morgen dafür Dein Secretär in meinem Hause. Hedwig (hält ihm die Hand hin, in die er die seine legt). Es gilt! Hofrath. Abgemacht! Hedwig. Doch jetzt, Papa, weg mit den Falten von der sonst so freundlichen Stirne, fort mit dem Schleier von Deinen lieben, guten Augen. (Sie umschlingt ihn zärtlich.) Hofrath (sie auf die Stirne küssend). Kind, Du hast mich durch Deine Zuversicht ganz umgewandelt. Ich athme wieder auf, ich freue mich wieder des Lebens, und das danke ich Dir! (Küßt sie nochmals.) Doch jetzt will ich hin zum Polizeiminister, um ihn einerseits zu beruhigen, anderseits aber auch, um ihn um seine Intervention zu bitten. (Er wendet sich zum Gehen.) Hedwig. Bis Sie zurückkommen. Papa, hoffe ich mein Werk vollendet zu haben. — Also auf frohes Wiedersehen! Hofrath (unmittelbar an der Thüre sich nochmals umwendend). Auf frohes Wiedersehen, Du kleiner schelmischer Apostel der Bekehrung! Glück auf! - Glück auf! — (Geht mit Hut und Stock durch die Mittelthüre ab.) Zwölfte Scene. Hedwig (allein). So leicht wird es wohl nicht gehen, wie ich es mir im ersten Augenblicke gedacht; doch der Preis ist zu verlockend, als daß ich nicht mit allen Anstrengungen der weiblichen List mich um denselben bemühen sollte. — Wie aber soll ich dem steinernen Gast, diesem eisigen Nihilisten entgegentreten? Soll ich ihm schmeicheln? Soll ich ihn bitten, umzukehren? Soll ich einen Bekehrungsversuch machen? — Ein solcher dürfte wohl bei einer so ungeberdigen, wilden Natur wie die des Onkels kaum zum Ziele führen. Wie aber anders? — halt! — ich hab's! — Gleiches mit Gleichem! — Aug' um Aug', Zahn um Zahn! — Ich will ihm als Bundesschwester entgegentreten, als sein zweites, in das Weibliche übersetztes »Ich«. — (Nachdenkend.) Wenn ich nur jemals etwas über Nihilismus gehört oder gelesen hätte! — Ei, wozu wäre denn der Brockhaus da? Da wollen wir 'mal in dieser Fundgrube des menschlichen Geistes suchen, vielleicht finden wir, was wir brauchen. (Sie geht zum Bücherschrank im Hintergründe, sieht hinein und sängt an zu suchen.) A — B —6 — D — E — F — G — H—I- K — L — M — N! also da ist's! bei »N« muß es sein. (Sie nimmt ein großes Buch heraus; geht damit nach vorne rechts zu dem kleinen Tische, legt das Buch darauf und fängt an zu blättern.) Na Ne — Ni, aha da ist's! Ni - Nihil — Nihilismus — (Liest.) .Nihilismus bezeichnet den Grad mystischer Passim- 15 tiit, bei welchem alles Denken und alles Wollen aufhört, und nur das göttliche ehrwürdige Nichts übrig bleibt!* — — (Nachdem sie diese Stelle rasch nochmals gelesen hat, legt sie den Finger nachdenklich an die Stirne.) — Jetzt miß ich so viel wie früher, nur das Eine ist mir klar, daß die Nihilisten eine ganz eigenthümliche, recht sonderbare. ja verrückte Seele sein müssen. Darauf hin und auf den Umstand, daß sie keine reellen Zwecke verfolgen, baueich meinen Plan, und so spiel' ich nieme Rolle. Dreizehnte Scene. Hedwig, Hans (zurückkehrend). Hans (aus der Thürschwelle stehend). Alles geordnet, alles bewilligt, die sreie Wissenschaft feiert einen neuen Triumph, ich werde schon morgen lesen und zwar: »Ueber die Grundzüge des reinen Katechismus des radikalen Nihilismus.« Hedwig (ihm entgegengehend mit Begeisterung). Profet in der Wüste! — Apostel des Nihilismus! — Johannes der Zukunftsidee, Prediger der reinen Vernunft, Märtyrer der Wissenschaft, schließe mich in Deine Arme! (Sie eilt auf ihn zu und umschlingt ihn.) Hans (ganz erstaunt zurückweichend). Mit wem habe ich das zweifelhafte Vergnügen? Hedwig. Du fragst noch, großer Aist des Zukunftsglaubens? — Sagt Dir nicht Deine Profetische Seele, wer ich bin? — Meldet fich nicht die Stimme der Natur? Hans (noch erstaunter), 's gibt keine Stimme der Natur! Hedwig. Ich bin Deine Schwester! Hans. Oho! (Für sich.) Scheint verrückt ! Hedwig. Ja, Deine geistige, Deine Bundesschwester, Deine Wahlverwandte, das Spiegelbild Deines eigenen Nichts! Ich bin mit Leib und Seele — Nihilistin! Hans (erstaunt). Nihilistin?- A-h! Hedwig. Ja, ich bin's, die Du genannt! Hans. Und was stellen Sie denn hier im Hause so eigentlich vor? Hedwig. Ich bin des Mannes Tochter, dess' Vater Dein Erzeuger war! Hans (den Satz rasch wiederholend). Meine Mutter? — meine Tante? — meine Nichte? Hedwig. So ist's. Doch mehr als Nichte will ich sein, und mehr als Schwester bin ich Dir, Dein Bild zog mir in's Herz hinein, und wohnen wird es ewig hier! Hans (für sich). Sie ist richtig verrückt. Sie spricht in Reimen! (Er geht zurück.) Hedwig (ihn an der Hand fastend). O entfliehe mir nicht, längst halt' ich Sehnsucht, einen Bundesbruder zu sehen, und kennen und lieben zu lernen. Ich sah, erkannte und liebte Dich! Hans (zurückweichend). Beim ewigen Nichts, die hat der Nihilismus um den Verstand gebracht. Hedwig (ihm nähertretend und ihn halb umschlingend). O entfliehe mir nicht, Du reiner Körper mit der krystallenen Seele; bleib bei mir, oder wenn Du fliehst aus dieser Wüstenei des hofräth- lichen Hauses, so nimm mich mit Dir, lass' mich mit Dir ziehen, ich will, gleich einer zweiten Jungfrau von Orleans, die rothe Fahne des Nihilismus schwingend, von Ort zu Ort mit Dir ziehen, Deinen Fersen folgend, Deinen Worten lauschend, Deine Predigten gie- 16 rig in mich aufnehmend, ich will ja nichts sein, als der Schatten Deines eigenen Seins, der Staub, der sich an Deine Sohlen heftet, die Luft, die Dein weiser Profetenmund in sich aufnimmt. — O flieh' mit mir in die ewigen Berge von Rußland!— dort im Kaukasus , auf grüner Wiesenmatte des blauen Kur wollen wir glücklich sein und an nichts Anderes denken, als an uns und an das ewige Nichts! (Das Ganze im Tone Parodist sicher Deklamation.) Hans. Halt, edle Jungfrau, vergessen Sie nicht, daß ich Ihr Onkel bin, und daß ich Ihrer Familie — Hedwig (rasch einsallend). Familie? — ein hohler Begriff; die Familie gilt uns ja nichts! Hans (für sich.) Es liegt Methode in ihrem Wahnsinn. Hedwig. Du wankest, Du stutzest, o glücklicher Stutzer! Du wirst mich diesem Jammerthal der Prosa entreißen und mich in die grünen Berge führen. O flieh mit mir und heute noch! — Auf, zum Ural! Hans (für sich). Sie scheinen nicht zu wissen, daß die Blutsverwandtschaft eine Ehehinderniß ist. Hedwig. Ehe? was ist mir die Ehe? ein Nichts, ein schaler Be- griff! Hans. Aber Ihre Eltern! Hedwig. Eltern? (Lacht laut aus.) Was ist dem Nihilisten Vater und Mutter?— ein Trödelkram, ein Nichts! (Sie bläst in die Lust.) Nichts! Hans (für sich). Beim Chaos! das ist eine echte Nihilistin! Hedwig (für sich). Mir scheint, ich imponire ihm. — (Laut.) Nun denn, Verkünder des Nichtsgedankens, lass' mich jetzt allein, ich will meine Kleider rasch zusammenpacken und dann mit Dir auf immer von hier ziehen, in die Heimat des Nihilismus, in das Vaterland un. seres großen Nichtsgedankens, in das große Reich, wo Alle Reussen! (Sie will ihn umarmen.) Hans (abwehrend). Mir wird ganz angst und bang! — Was soll ich thun? Wie soll ich mich benehmen? Hedwig (für sich). Ich habe ihn schon in die Enge getrieben. (Laut.) Wenn Du ein echter Nihilist, so fliehst Du noch heute, in der nächsten Stunde mit mir. Gib mir Dein Wort darauf! Hans (für sich). Was soll ich sagen? Hedwig. O geh'mit mir, jetzt gleich, eh' noch der Vater heimwärts zieht, so lang die Mutter emsig noch des Hauses waltet. Jetzt gleich flieh mit mir! — komm'! — o komm! Hans (für sich). Das ist eine verdammte Situation! Was soll ich thun? — Ich hab's! Hedwig (für sich). Er scheint zu schwanken! Hans. Wohlan! es sei! ich flieh mit Dir in unseren Kaukasus, doch nimm erst mit, was wir leider nicht entbehren können. Denn Alles ist dem Nihilisten Nichts, nur das ist ihm Alles, wovon er lebt, wovon er sich ernährt. Hedwig. Also Du fliehst mit mir? Hans. Ich fliehe! Hedwig. Hab' Dank, bald kehre ich Dir zurück, um ewig dann mit Dir vereint zu sein.— Leb' wohl, doch nur auf Augenblicke, süßer Dolmetsch des wesenlosen, ewigen Nichts! (Bläst in die Lust.) (Sie umschlingt ihn mit beiden Armen, küßt ihn, eilt dann zur Seitenthür links, wendet sich an derselben nochmals um und ruft, ihm einen Kuß zuwersend, mit dem Tone der Zärtlichkeit:) Auf Wiedersehen! — (Dann ab.) 17 Vierzehnte Scene. Hans (allein, — ihr nachblickend). Haas. Auf Nimmerwiedersehen! Entsetzliches Geschöpf, und doch be- -auernswerth zugleich. Wer ihr nur diesen Drang beigebracht hat? Doch was soll ich thun? — Sie ist im Stande, des Vaters Gasse anzugreifen und macht mich so zum Mitverbrecher. — Was ist da zu thun? — (Er geht zrsticulirend aus und ab.) Als echter Nihi- ift muß ich mich selbst zu läugnen und zu streichen wissen, mich von mir selbst abziehen und rasch verschwinden! Dieß ist das Einzige, das mir zu thun übrig bleibt. — So ist's! — (Er ergreift die Heine Handtasche, die auf dem Sessel liegt, wickelt sich rasch in seinen Plaid, setzt seinen Hut fest aus den Kops, zieht die Handschuhe w und sagt dann:) Das ist des Nihilisten Glück und Ende! — (Rasch zur Nittelthür ab.) — (In demselben Augenblicke, als Hans durch die Thüre hinaus- eilenwill, tritt ihm derHosrath entgegen, Hans drückt ihm stumm die Hand und will fort. — Der Hosrath hält ihn fest, saßt ihn mit beiden Händen bei den Schultern und bringt ihn bis ganz vorne auf die Bühne. — Während dieß geschieht, spielt sich nachstehende Scene rasch ab.) Fünfzehnte Scene. Hans und Hosrath. Hofrath Wo eilst Du hin? Hans. Fort! Hosrath. Weßhalb? Hans. Lass' mich! Hosrath. Erst muß ich wissen, wo- hn Du willst? Thea«-Rep Nr. rss Hans. Fort von hier, weit fort von hier! Hosrath. Warum? Hans. Weil ich nicht bleiben kann. Hosrath. Weßhalb nicht? Hans. Das kann ich Dir nicht sagen! Hosrath. Heraus damit! Hans. Nun denn — Du hast eine Närrin im Hause — Hosrath. Eine Närrin? Hans. Deine Tochter! Hosrath. Meine Tochter? Hans. Deine Tochter! Hosrath. Du scherzest! Hans, 's ist furchtbarer Ernst! — Sie ist eine vollendete Närrin! Hosrath. Davon habe ich bisher gar nichts entdeckt. An welcher Narrheit leidet sie? Hans (rasch). Sie ist -- Nihilistin! Hosrath (lachend). Meine Tochter? — Du bist wohl verrückt! Haus. I ch nicht, aber sie — total! Hosrath. Wirklich? Hans. Gewiß! Hosrath. Und hat sie Dir's selbst gesagt? Hans. Daß sie Nihilistin ist? ja! — Hosrath (für sich). Jetzt begreife ich! — (Laut.) Du nennst sie eine Närrin. weil sie dem Glauben huldigt, den D u predigst? Hans (für sicb) Jetzt sitz' ich fest!— (Sr hustet.) (Laut.) Der Nihilismus ist aber nicht für Weiber! — Hosrath. Der Nihilismus ist überhaupt für keinen Vernünftigen! — Er ist eine Tollheit, eine Krankheit, von der ich Dich so gerne heilen möchte! — Komm' her, Bruder und hör' mich ruhig an! — (Sie wollen sich setzen, in demselben Augenblicke öffnet sich die Seitenthür links und Hedwig kommt im Reiseanzug, mit Schachteln und Reisetaschen beladen, au- dem Seitenzimmer.) 2 ,72? triL? . Nk'-U--! --- Sechzehnte Scene. ' iiß HansHMath, jHebwig. - , v lchin -?lr. v - Später: die Hofräthin.': Hedwig (an dex Thüre stehen bleibend). Tönende Säule meines Herzens! — ich komme! (Sie streckt die Arme aus.) u. Hans (ausstzringead)< n Da ist fie l -— Jetzt hält mich nichts mehr! (Er will fort.) Hosrath (zu Hedwig). ^Er ist auf dem Wege der Besserung! Hofrath in (aus der Thüre rechts tretend). Bleiben Sie doch, lieber Schwager! Hans (an der Thüre stehen bleibend). Wenn sie nicht wäre, die Entsetzliche! (Er wendet sich zum Gehen.) Hedwig (in natürlichem, doch schalkhaftem Tone). Fürchten Sie sich nicht vor mir, Onkel! wenn Ihnen der natürliche Ton besser gefällt, so ist's mir noch lieber, ich kann auch natürlich sprechen. Haus (sie anstaunend)/ Wie? Hedwig (die Effecten ablegend). Ja, bester Onkel! ganz natürlich — ohne nihilistische Schwärmerei! Hans (mit'einem langen vielsagenden Blicke auf Beide). Ah — ! — Oh -! : Hofrath (bittend). Bruder! keim öffentlichen Vorlesungen! 'Hofräthin (ihre Hand darbietend). Schwager! legen Sie Ihr Wander- lehramt nieder! -Hedwig (sich an ihn schmiegend). Onkel! Nichts über Nihilismus! Hans' (mit einem tiefen Seufzer). Nihil! — (Reicht dem Bruder und der Schwägerin die Hände.) Doch nein, das geht ja nicht; — was werden meine Glaubensbrüder, meine politischen Gesinnungsgenossen sagen, was wird das Publicum sagen, wenn ich meinem System untreu werde! — Erlaubt mir wenigstens, daß ich Euch die Grundzüge des Nihilismus auseinandersetze — Alle: Morgen, morgen! Hans (im Eifer). Der Nihilismus ist jene herrliche Wissenschaft, welche Alles läugnet und nichts dafür setzt — Der Vorhang fällt langsam. (Hans spricht fort.) Ende. fr .8 Eine 8tunäe Kaiserin von Besterreich. Historisches Lustspiel in einem Lei von Adolph Oppenheim. Pendanl zu LeS Berfassers mit so vielem Beifall aufgenommenem Lustspiel; „Eine Stunde Kaiser von Oesterreich'. Wien, 1874. Wakiihaissn'sche Kachh»M»»g (Joskf Klemm». Druck von Leopold Sommer L Comp, in Wien. Personen: Kaiser Karl VI.. König von Ungarn und!Gras Sinzendors.t . «anserenrra'tke Böhmen rc. ^ras Althan, j geh- ^nserenzrathe. Maria Theresia, Erzherzogin von Oester-,Don Pedro von Toledo, Gesandterdet reich, Infantin von Spanien, seine Toch- Königs von Spanien, ter (18 Jahre alt). .Graf Lambert, Gesandter des Ehursürste» von Pfalzbaiern. s-anz SI-ph°°. H-rz°z «°n r°,hnngm. g,^ Lhursü-st.» Gräfin Llamm, Oberhosmeisterin der! Ehursachsen. Erzherzogin. ^Erster und zweiter Page. Ort der Handlung: Die kaiserliche Burg zu Wien. Zeit: 1735. Anmerkung -es Verfassers. Die Rolle der Erzherzogin Maria Theresia ist mit Sorgfalt zu nuanciren, und ich erlaut mir an die Darstellerinnen die Bitte zu richten, nicht zu viel zu thun, die Grenzen nicht j überschreiten und die Erzherzogin — die Tochter des gravitätischen Kaisers Karl Vl. - »i« aus den Augen zu verlieren. Der Dialekt ist an den Stellen, wo er sich thetlweise geltend n>M möglichst beizubehalten. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Henuich des Kaisers in derHosburg zn Wien. k>er Hinterprospect zeigt drei Thüren; die mittlere, der Haupteingang, größer als die anderen. — Sämmtliche Flügelthüren oben mit Bogen. Die Mittelthür ist geöffnet und läßt die Aussicht in den Wintergarten frei. Line Ampel hängt von der Decke herab. Vorn links ein Tisch mit Schriften und Büchern bedeckt, hinter demselben ein Lehnstuhl, vor dem Lehnstuhl ein Fußbänkchen. Vorne reckts eine Ottomane von rothem Sammt mit Gold, desgleichen die Stühle im Zimmer.) Erste Scene. Graf Sin zendorf und Graf Althan Wen beim Ausziehen des Vorhanges tief gebückt in Mitte der Bühne, nach einer kleinen Pause tritt aus der Seitenthür links, welche von zwei Pagen geöffnet wurde, Kaiser Carl VI). Kaiser. Wir grüßen Sie. (Pagen gehen durch die Mittelthür links ab.) Althan (stets steif und ceremoniell). Auf der strahlenden Stirne Euer römischkaiserlichen Majestät scheint eine schallende Wolke des Unmuthes zu lagern. Kaiser. Ja, wir find verdrießlich. Sinzendorf (wie Althan, stets steif n»d ceremoniell). Römisch-kaiserliche Majestät sind verdrießlich. Althan (nachsprechend). Sind verdrießlich. Kaiser. Das Ausbleiben der Nächst, ob der Courier, welchen der Her- von Lothringen ohne Wissen des Wriegsraths nach der bosnischen Grenze ^gesandt hat, eingeholt wurde, macht verstimmt. Althan. Geruhen römisch - kaiser- "cht Majestät die unterthänigste Be- ^üung, daß der Hofkriegsrath in Anzweiflung ist, weil die schönsten Plane des Hofkriegsraths durch das Theater-Repertoire Nr 2St, eigenmächtige Eingreifen und Absenden eines Couriers an den General Spork durch den Herzog von Lothringen vereitelt wurde. Schlägt der Erzhaudegen General Spork auf den Befehl des Herzogs von Lothringen los, so geben wir uns eine Bloße dem Bassa von Nissa gegenüber, welcher in die Gra- nitzer Militärcolonie sodann unfehlbar einfällt. Kaiser. Hm, schlimm, sehr schlimm! Sinzendorf. Schlimm! Althan (nachsprechend). Sehr schlimm! Kaiser. Der Herzog macht ein vä- nach dem andern. Sinzendorf. Gestatten (römisch- kaiserliche Majestät die unterthänigste Bemerkung, daß auch der Hosceremonien- meister, gelinde gesagt, über das neueste 8«vu6 des Herzogs dem Wahnsinn nahe ist. Kaiser. Was ist geschehen? — Sinzendorf. Der Herzog befand sich gestern mit Jhro kaiserlichen Hoheit der durchlauchtigsten Erzherzogin Maria Theresia auf der Jagd zu Ebersdorf. Nach den Gesetzen der Etikette darf Niemand auf der Jagd in Gegenwart eines Mitgliedes des erhabenen kaiserlichen Hauses ein Gewehr abdrücken oder den Hirschfänger entblößen. Nun kommt plötzlich ein wüthender Keuler dahergestürzt, der Jhro kaiserliche Hoheit die durchlauchtigste Erzherzogin allerdings vielleicht in Lebensgefahr versetzt hätte. Was thut der Herr Herzog von Lothringen? Er zieht ohne Erlaubniß des Hofjagdceremo- nienmeisters den Hirschfänger, wirft sich dann auf's Knie und läßt, so gewandt und kräftig, wie er ist, den Keuler auslaufen, und dies ohne Er- laubuiß des Hofjagdceremonienmeisters. Kaiser. Allerdings eine schlimme Verletzung der Etikette. Schlimm! » 4 Alt Han. Schlimm! Sinzend orf (nachsprechend). Sehr schlimm! Kaiser. Was haben Sie weiter vorzutragen, Graf Sinzendorf? Sinzendors. Zuvörderst das ausführliche Expose der Gründe und Argumente, welche in der obschwebenden und Eurer kaiserlichen Majestät geheimen Rath zur Begutachtung in engerer Sitzung unterbreiteten Frage — die Der- mälung der durchlauchtigsten Erzherzogin, auch Infantin von Spanien, Maria Theresia betreffend — die Wagschale auf die Seite des Jnfanten Don Carlos von Spanien und dem Hause Bourbon sich neigen machen. Kaiser (erregt). Spanien — ich will Spanien nicht! Sinzendorf. Und doch wurde Spanien der Bewerbung des Fürsten von Sachsen und dem Churfürsten Carl Theodor von Pfalzbaiern '.vorgezogen, denn Spanien — Kaiser. Nein, nein, Spanien ist ein Unglücksland für uns. — Einst war es der Schauplatz unserer Siege, unseres Glückes — die Franzosen wurden an allen Orten geschlagen; die Straße nach Madrid, die Thore unserer Hauptstadt standen uns offen — mit Madrid wäre ganz Spanien in unserer Hand gewesen. Da mußte der tückische Zufall uns den Streich spielen, der alle unsere Bestrebungen zu nichte machte. Es fehlte ein so geringfügiges und doch, um dem Glanze unserer Krone nichts zu vergeben, so nothwendiges Ding — es fehlte der Staats wagen, um unfern Einzug halten zu können, und darüber ging das Land verloren! — Sinzendorf. Ja, ja, es war ein ^ arger Streich des Schicksals. Kaiser. Und einem Sohne des Hauses Bourbon, das uns Spanien und beide Indien raubte, sollen wir die Hand unserer Tochter geben? Nimmer mehr! Sinzendors. Erlauben Eure rä misch-kaiserliche Majestät die unterthä nigste Bemerkung, daß sich die außer ordentlichen Gesandten von Spanien Chur-Sachsen und Pfalzbaiern seit zwe Tagen in Angelegenheit der Heirat ii den Mauern der Reichshauptstadt Wie befinden. Kaiser (erstaunt). Wie? Die Ge sandten befinden sich in unfern Mauere ohne daß wir Kunde davon erhalten? Sinzendorf. Die außerordentliche Gesandten befinden sich im streng sten Jncognito in Wien — ui das Terrain auf diplomatischem Weg zu sondiren, zu horchen, ob die Gaudi datur der Fürsten um die Hand de durchlauchtigsten Erzherzogin Maria Thi sia Allklang findet. Heute jedoch mol len die edlen Herren um die Gnad einer Audienz bitten, — und so da Inkognito brechen. Der Churfürst Cai Theodor von Pfalzbaiern sandte de edlen Grafen Lambert — Kaiser. Ah, den großen Philosoph und Mathematiker, wahrlich, solch' Gr sandter ziemt unserm kunstsinnigen Bei ter von Pfalzbaiern. Carl Theodor Candidatur wiegt schwer gegenüber m fern Ansprüchen auf Niederbaiern, wc mit uns unser Ahn Kaiser SigisiM belehnte. Sinzendorf. Der JnfantDon Car los von Spanien sandte den edlen A" tius Don Pedro von Toledo. Kaiser. Ein Mann Gottes, d! uns lieb und werth, ein Streiter di Kirche und ein Schützer des Ordens Ich Sinzendorf. Chur-Sachsen saaal den edlen Grafen Klein — Kaiser. Der große Musikfreund im Schützer der schönen Künste! Sie all sind uns — (Stimme des Herzogs hinter der Scene gleich darauf tritt heftig ein) 5 Zweite Scene. Franz Stephan. Die Vorigen. Franz St. (beugt das Knie). Verzeihung, Majestät! Kaiser. Was soll das heißen!? — Franz St. Gnade, Majestät! Soeben hörte ich durch den Generalissimus Prinz Eugen, meinen edlen Freund, über welche Frage hier entschieden werben soll, — ich wollte, ich mußte mich zu Ihren Füßen werfen, Sire, und bahnte mir den Weg mit Gewalt durch die Trabanten, welche den Eingang zu diesem Gemache hüteten. Kaiser. Was ist Ihr Begehr, Herzog von Lothringen? Franz St. Majestät, ich bitte um die Hand Ihrer Tochter, der durchlauchtigsten Erzherzogin Maria Theresia. Kaiser (ironisch). Ah! Sinzendorf (starr). Oh! Althan (ebenso). Ei! Franz St. Nochmals bitte ich um Verzeihung, Sire, daß ich mit Gewalt >ier eindrang, aber ich mußte sprechen, es zu spät ist, eh' Ihr Entschluß, Sire, mich vielleicht zum unseligsten aller Menschen gemacht hätte. Von einem eluzigen Worte Eurer Majestät hängt Tod und Leben für mich ab. Kaiser (streng). Euer Liebden wer- btn um meine Tochter? Sind das die Formen, in denen ein Prinz um eine Mertochter wirbt? Wir müssen in der Wt gegründete Besorgnisse um — Mer Liebden Gesundheit hegen. — Franz St. O Sire, lassen Sie ein- mal durch das Eis der Formen den varmen Hauch eines menschlichen Ge- W brechen, dem Odem, der von kluem Herzen aufsteigt, das in großer Leidenschaft glüht. Verzeihen Sie meiner Sprache, meine wohl ausgedachte Rede rollt sich mir im Kopfe umher. O Gott, ich weiß nicht was ich sprechen soll — Kaiser (sarkastisch)/ Dieser Umstand ist uns nicht entgangen! Franz St. Ich bin ein armer Prinz — ich habe nichts als einen glorreichen Namen und ein Schwert, ich kann der Erzherzogin kein Königreich, keine Kaiserkrone bieten — aber ich kann ihr ein Herz bringen! Und ein Herz — Majestät — o — ein Herz, das nicht von der kalten Politik aus Egoismus zur Liebe gezwungen wird. Sire, Sie bedürfen einer Stütze, eines Kämpfers für die pragmatische Sanktion, die Maria Theresia's Erbrecht feststellt. O lassen Sie mir diese Verteidigung — ich werde den letzten Blutstropfen hingeben, den letzten Odemzug für Gott und Sie! Kaiser (sarkastisch). Euer Liebden bedienen sich einer Redeweise, die an orientalischen Schwung erinnert. Ist es etwa in der Eigenschaft als künftiger Gemal meiner Erbtochter geschehen, daß Euer Liebden mir die Last meiner Regierung zu erleichtern suchten und nach eigenem Gutdünken, ohne Erlaubniß, wider Gesetz und Recht über Krieg und Frieden entschieden, und einen Courier an den General Spork absendeten mit dem Befehl, den Bassa von Nissa, wo er ihn finden mag, anzugreifen!? Franz St. Sire, ich that noch mehr. - Der Courier hatte auch einen Befehl an den Commandanten der Mi- litärcolonie mit— dem General Spork zu Hilfe zu eilen. Kaiser. Unerhört! Sinzendorf. Unerhört! Althan (nachsprechend). Unerhört! Franz St. Gebe Gott, daß der Courier zur rechten Zeit anlangt, denn sonst ist der General mit seinen Granitzern unfehlbar verloren. 6 Kaiser (erregt). Die Schlachtenplänc auszuarbeiten und Dispositionen zu treffen, ist Sache des Hofkriegsraths. Franz St. (herausplatzend). Auch Schlachtendummheiten zu machen. Kaiser. Herr Herzog! Althan. Majestät, wir sind starr! Sinzendorf (nachsprechend). Starr! Franz St. Verzeihung, Majestät, aber wovon das Herz voll ist, geht der Mund über. Und ist's nicht so? Majestät hatten die Gnade, mir die Er- lanbniß zu erlheilen, den General Spork auf seiner Jnspectionsreise unter den Granitzer Militärcolonien begleiten zu dürfen. Inmitten der Reise kamen die Schaaren des Bassa von Nissa, der nie Frieden hält, über die Grenze, um zu plündern und zu sengen. „Heiliger Sanct Florian/' rief der General, „jetzt können wir dir das Leder gerben!" und gab Befehl zum Sammeln. Kaiser (entsetzt). Dem heiligen Samt Florian das Leder gerben, welche Ruchlosigkeit. Franz St. (mit Feuer). Es wurde gesammelt, was zunächst stand: Panduren, Granitzer und etwa 200 Szekler, im Ganzen vierhundert Mann; so rückten wir aus — vorher dem Hofkriegsrath einen Courier sendend, um Hilfe und um einen Schlachtenplan bittend. Nach einem halben Tagemarsch sahen wir in einer Thalschlucht unter uns ein brennendes Dorf, in dem der Bassa von Nissa äscherte und plünderte; man hörte das Wimmern, Heulen und Schreien zu unserer Höhe empordringen. Nicht lange besonnen, waren wir in wenigen Augenblicken mitten unter ihnen. Kaiser. Welche Tollkühnheit — wenn nicht Ihr Heiliger Sie beschützt hätte! Franz St. (lächelnd an den Degen schlagend). O Majestät, das war der Heilige! — Wir jagten die Türken, welche an 4000 Mann zählten, in die Flucht, aber diese sammelten sich wieder und griffen uns an. Courier auf Courier sandten wir nach Wien an den Hofkriegsrath und baten um Hilfe und Instruction. Woche um Woche verging, beinahe aufgerieben durch Noch und Entbehrung zogen wir uns in die Schluchten zurück. — Da endlich kommt ein Courier aus Wien mit der Nachricht, — daß der Hofkriegsrath die Sache in Erwägung ziehen werde. Auf Bitten des hart bedrängten General Spork eilte ich hieher, nui den Hoskriegsrath zu bewegen, dem Gerat die verlangte Hilfe zu senden. Ich fand die edlen Ritter vom Papier — den Hofkriegsrath — an ihren Federn kauend, noch immer nachdenkend. — Und da vom Hofkriegsrath keine Hilfe zu erwarten, sandte ich selbst Couriere an den General und den Commandan- ten der Militärgrenze, dem General Spork zu Hilfe zu eilen, um Oesterreich eine Niederlage und die Schmach derselben zu ersparen. Kaiser (kalt). Sobald der Courier zurück ist, den der Hofkriegsrath sofort nach dem leider zu späten Bekanntwerden des unbedachtsamen Schrittes — dem Seinen, Herr Herzog, nachgesandt, wird der Hofkriegsrath über den Fall weiter entscheiden. Franz St. (für sich rasch). Meine Couriere werden nicht eingeholt werde» Meine Leute sind mir treu ergeben und kennen ihre Instruction für alle Fälle Kaiser (sortfahrend). Was Euer Lieb' den Träume in jüngster Zeit — h">' sichtlich unserer Erbtochter betrifft, so können wir nicht umhin, darüber Euer Liebden unsere allerhöchste Ungnade auszudrücken Schließlich wollen wir die ungeziemende Weise, wie Euer Liebden in diese Misere geheime Rathsconferenz einzudrin' gen beliebte und die unrespectueustn Gedanken, die in Dero Dortrag ver- 7 lautbarten, mit sechs Stunden engsten Zimmerarrestes geahndet haben. *) Franz St. (erschrocken). Majestät! Kaiser (macht eine verabschiedende Belegung). Franz St. (überreicht seinen Degen). O Gott! — Das ist mein Todesurtheil! M.) Kaiser (läutet). Page (tritt ein). Kaiser. Die Erzherzogin Maria Theresia Durchlaucht möge kommen. Page (ab). Kaiser (zu den Rathen). Ich freue mich des Eifers meines geheimen Raths in Betreff der Vermälung unserer lieb- lverthen Erbtochter. Ich werde noch heute die außerordentlichen Gesandten empfangen. O könnten wir in einem paffenden Gemal unserer durchlauchtigsten Tochter eine feste Säule unserer pragmatischen Sanktion finden! Dann könnten wir mit Simeon beten: Jetzt, Herr, laß deinen Diener in Frieden fahren! Page (tritt ein). Die Erzherzogin Maria Theresia Durchlaucht! Kaiser (zu den Rächen). Sobald der Courier ankommt, melde man es mir unverzüglich—und zu jeder Stunde. Dritte Scene. Die Vorigen. Maria Theresia stritt durch die Mitte rechts ein). Maria Theresia (nach zweimaliger Verbeugung ihm gemessen die Hand küssend). Watten Eure Majestät, meinen ..guten Morgen" darzubringen. Kaiser (reremoniell). Ich danke! (Winkt den Anwesenden. Alle ab, außer Maria Theresia und Kaiser.) Ich habe EuerLieb- *) Historisch. den hieher bescheiden lasten, um Euer Liebden eine Sache von höchster Wichtigkeit mitzuthesten. Seit Monden beschäftigt sich mein geheimer Confereoz- rath mit Euer Liebden Glücke. Dieser sowohl als mein Staatsrath haben nun Euer Liebden Vermälung beschlossen und bestimmt — (hält plötzlich inne). Was ist meiner Tochter? Maria Theresia (mit unterdrückten Thronen). O, es ist nichts! (Herzlich.) Ich hatte mich so gefreut, nach Monden mit meinem erlauchten Vater sprechen zu dürfen, — in sein Auge zu sehen und ihn zu fragen: ..Hast Du denn Deine Maria Theresia nicht mehr lieb, daß Du gar kein Verlangen mehr trägst, mit ihr zu reden, — sie zu sehen?" Das Hab' ich fragen wollen — und NUN — (die Thränen trocknend plötzlich wieder gemessen) Verzeihung, Majestät, ich — Kaiser (zieht sie sanft an sich). Mein Kind! Maria Theresia (ausjauchzend). Das ist der Ton des Herzens, der der Eti- quette starre Formen durchbrochen und zum Herzen dringt. O, laßt mich an dieser Brust ruhen und in das Dater- auge schauen — (wehmüthig) es geschieht ja so selten. Kaiser (streicht ihr Haar). Wie geht es Dir, mein Kind? M. Theresia (heiter). Jetzt wohl und heiter, wie Ihr seht!— Ihr habt mich sprechen wollen? Kaiser. Ja, der Vater wünscht mit der Tochter über das, was seinem Herzen jetzt vor Allem wichtig ist, über Deine Zukunft zu sprechen. (Setzt sich und gibt Maria Theresia ein Zeichen, dasselbe zu thun. Diese läßt sich zu seinen Füßen nieder.) M. Theresia (lachend). Ueber meine Zukunft? Der Gegenstand ist mir noch ziemlich fremd; doch Ihr werdet mich vertraut damit machen. Kaiser. Du bist nun achtzehn Jahre alt. 8 M. Theresia. PH! Nicht so laut, — sonst müßt' ich dieser Behauptung widersprechen, wie unumstößlich sie auch — leider ist. Kaiser. Ernst, meine Tochter, ernst! M. Theresia. So viel Ihr wollt, vielleicht mehr als Ihr wünscht. Kaiser. Mehr? Wie das? M. Theresia. Nun, ich weiß, daß Eure Liebe mich gern sröhlich und sorglos steht. Kaiser. Du bist aus dem Kreise der Kinder in den der Jungfrau getreten, und der erste Schritt, den unser Haus wie das Reich von Dir erwartet, die erste Pflicht, die Du gegen beide zu erfüllen hast, ist eine Vermälung. M. Theresia (mit Humor). Wußte ich doch, daß mein Traum von heute Nacht etwas zu bedeuten hat. Kaiser. Ein Traum? M. Theresia (mit komischem Pathos). Ja! Ich war kaum eingeschlummert, da legte sich mir ängstlich etwas auf die Brust — ein dunkler Schatten breitete sich über den Raum, ich sah empor, denken sich, kaiserlicher Vater, es war eine ungeheure Allonge-Perrücke mit vielen hundert und aber hundert wallenden Lockensträngen, die über mir schwebte, kreis'te, wirbelte. — Dann senkte sie sich und da, mit einem Male, lag das Ungeheuer auf meinem Kopfe, schwer und erstickend; ich wollte mich regen, Hilfe rufen, — keine Möglichkeit — ich dachte, es tödte mich. Da kam eine Hand, eine liebe Hand und strich mir den Lockenwulst aus der Stirn, — ich athmete wieder — sah wieder — es war die Hand des — (stockt). Kaiser. Des? M. Theresia (verlegen). Des — des — (rasch) nun, eine liebe Hand. Ich sehe nun, dieser Traum hatte etwas Prophetisches; ja, die Perrücke schwebt ober mir, sie senkt sich, bald wird sie mir den Athem rauben. Kaiser. Eine Perrücke? M. Theresia. Nun ja, die, welche das Symbol der allerdurchleuchtetsün Staatsweisheit unserer Geheimräthe und Minister ist. Kaiser (ernst). Ich erwarte eine ernste Antwort. M. Theresia (unbefangen). Ich kann darüber jetzt nicht entscheiden; dieser Schritt, diese Pflicht ist noch nie Gegenstand meines Nachdenkens gewesen. Kaiser (mit Bedeutung). Wirklich nicht? Doch bedarf es dessen? Ist es nicht klar wie der Tag? M. Theresia. Ach, wenn es nur ein Sonnentag wäre! (Sich schmeichelnd an den Kaiser lehnend.) Und wer, wenn es zu fragen mir vergönnt ist, soll denn der Erkorene sein? Kaiser. Es sind drei Prinzen, welche sich um Deine Hand bewerben. M. Theresia. Aber ich kann doch nicht alle drei heiraten. Kaiser (fortfahrend). Alle drei, angezogen durch den Ruf Deines seltenen Geistes, Deiner Anmuth und Frömmigkeit, haben sich um Deine Hand beworben und sandten im Geheimen Gesandte, welche die Werbung anbringen sollen. So sandte der edle Jnfant Don Carlos von Spanien — Du hast sein Bild - gesehen — M. Theresia (lachend, die Backen aufblasend). Ein dickes, aufgeblähtes Gesicht mit winzig kleinen Augen, großem Mund und so langen Ohren (deutet es an), voll Nichtigkeit. Kaiser (verweisend). Maria! M. Theresia. Verzeiht, das Gesicht ist auch zu Possirlich. Ich bin ja hier allein mit meinem gnädigen Vater. Oder soll ich auch hier eine Maske tragen? Kaiser. Gewiß nicht, meine Tochter- Der geheime Rath hat in engerer Sitzung gefunden, daß unsere Ansprüche an Spanien durch eine Heirat des 3"' 9 fanten mit unserer Tochter befestigt werden. Der Jnfant Don Carlos sandte als Werber seinen Erzieher, den edlen Don Pedro von Toledo, ein Mann von frommer Denkart — nach dem Wort Gottes — eine Säule der Kirche und ein Schützer des durch die intriganten Franziskaner hart bedrängten Ordens Zesu. — Der kunstsinnige Churfürst von Pfalzbaiern sandte seinen Freund, den Philosophen Graf Lambert, und der edle Churfürst von Sachsen den feinen Musiker, den Grafen Klein, den berühmten Verfasser des Buches: „Die Etikette und der Mensch." — Alle drei weilen seit einigen Tagen in unserer Hauptstadt. Noch haben wir gezögert, sie zu empfangen, weil es uns drängte, vorher ein Wort mit unserer Tochter zu sprechen. M. Theresia (ihm die Hand küssend). Ich danke Euch, mein gnädigster Vater, für den Zug Eures Herzens. Kaiser. Und was antwortet meine Tochter? M. Theresia. Muß ich denn wirklich heiraten? Kann nicht eine andere Prinzessin aus unserem Hause einen der drei edlen Prinzen — meinethalben alle drei zugleich heiraten? Kaiser. Ernst, meine Tochter! M. Theresia. Ach, gnädigster Va- ler, ich bin so ernst, als es mir möglich ist, meine gegenwärtige Lage zwingt mich schon dazu, aber trotzdem fühle ich mich jetzt wahrhaftig nicht gestimmt, kine Antwort zu geben. (Tür sich.) Wenn fs mir nur möglich wäre, Franz zu sprechen. Kaiser (gereizt). Nicht gestimmt? (Mit Bedeutung.) Nur das? Sind es mcht etwa Träume, denen unsere Toch- ler nachhängt und deren Verwirklichung eben nur Traum ist? M- Theresia (bestürzt). Wie das, Mein gnädigster Vater? Kaiser. Ich hoffe, meine edle Tochter weiß zu gut, daß die einstige Erbin von 20 Kronen ihre Wünsche öfter und strenger als jeder Andere seinen Pflichten unterordnen muß, um in so wichtiger Sache seiner Stimmung — oder seinen Träumen ein Recht einzuräumen. Wenn meine Tochter uns keine Antwort zu geben im Stande ist, so werden wir noch heute die Gesandten empfangen und nach unserem Ermessen und den Erwägungen des Staatsraths gemäß einen Gemal für unsere Tochter wählen. M. Theresia (dringend). Aber, gnä^ digster Vater, ich bitte mir nur ein wenig Zeit, eine ganz kleine, kleine Spanne Zeit zu lassen; (in weinerlichem Tone) ich kenne ja die edlen Prinzen nicht. Der Staat wird es doch nicht gar so eilig haben. Wenn ich schon mein „Ich" dem Wohle des Vaterlandes zum Opfer bringen soll, um die zwanzig Kronen vielleicht auf zwei Dutzend zu erhöhen, so will ich mir zuerst ein Bild von meinem künftigen Gemal schaffen, will mit meinem Innern zu Rathe gehen. Das sage ich jedoch meinem gnädigsten Vater vorher, daß, wenn der geheime Conferenz- und Staatsrath das Vollmondsgesicht des Jnfanten Don Carlos schön findet, dann soll der geheime Conferenz- und Staatsrath den edlen Don Carlos auch heiraten! Kaiser (gemessen). Euer Liebden scheinen zu vergessen, welche Achtung unseren Resolutionen und denen des geheimen Staatsraths gebührt und wir sehen ein, daß der kindliche Sinn unserer Tochter nicht fähig ist, unsere Politik zum Wohle des Vaterlandes zu begreifen. — Wir werden daher selbst wählen. (Wendet fick.) M. Theresia (dringend). O nein, nein, nicht so! Ich bin gewohnt, in jedem Entschlüsse meines kaiserlichen Herrn Vaters den Ausdruck der allerhöchsten Regentenweisheit und der natürlichsten Sorge für mich zu sehen. Aber hier in IN dieser für mich entscheidenden Lebensfrage laßt meinen kindlichen Sinn — mein Herz mitsprechen. Kaiser (ungeduldig). Es ist genug, ich gehe, die Gesandten zu empfangen. (Wendet sich.) M. Ther esia (plötzlich von einer Idee ergriffen, rasch). Gestatten mir nur noch ein Wort, gnädigster Vater. Kaiser (bleibt stehen). Dies wäre? M. Theresia. Nicht wahr, ein Kaiser muß sein gegebenes Wort halten? Kaiser (ernst). Gewiß! Ein Kaiser muß stets sein gegebenes Wort halten. M. Theresia (rasch lachend), Dann bitte ich auch meinen kaiserlichen Vater, mir sein gegebenes Wort zu halten. Kaiser. Wann gab ich unserer Tochter ein solches? M. Theresia (sanft). Erinnert sich mein gnädigster Vater eines Vorganges vor drei Jahren? Meine gute Mutter lebte damals noch. und mein kaiserlicher Vater feierte damals nach einer schweren, langen Krankheit sein Genesungsfest. — Allseits war Freude, Jung und Alt strömte herbei, dem Landesvater Glück zu wünschen. Meine gute Mutter brachte — es war im Monat December, ich erinnere mich noch wie heute — dem Genesenen beim ersten Schritt aus dem Krankenzimmer einen Veilchenstrauß. Und ich drängte mich, die Schranken der Etikette durchbrechend, durch Höflinge und Günstlinge — die böse Haushofmeisterin wollte mir den Zutritt wehren — zu meinem kaiserlichen Vater und überreichte ihm sein Bild, das ich selbst aus dem Kopfe während seiner Krankheit gemalt. Es hängt noch heute in Deinem Schlafgemach. *) Erinnert sich mein gnädiger Vater noch dieses Vorgangs? Kaiser (gerührt, sie an seine Prüft ziehend). Wie werde ich den Lichtpunkt meines Lebens vergessen? Ich bat meine Tochter damals, sich eine Gnade zu erbitten. M. Theresia. Ich schwieg, denn nicht um der Gnade willen brachte ich dies Angebinde meinem kaiserlichen Vater. Heute jedoch bitte ich mir diese Gnade zu gewähren. Kaiser. O sprich! M. Theresia. Sire, es ist eine Macht in Ihre Hand gelegt worden, die, nur eine kleine Stunde weise geübt, hinreicht, um Hunderte zu beglücken. Ich möchte einmal — nur eine kleine, kleine Stunde lang — nicht länger — Herrscherin, die Kaiserin sein. Kaiser (srappirt). Das ist allerdings viel. M. Theresia. Mein kaiserlicher Va- ter hat mir sein Wort gegeben, die Gnade, die ich mir ausbitte, zu erfüllen. Und ein Kaiser muß (lächelnd» — so sagten Eure Majestät ja vorhin selbst — stets sein gegebenes Wort halten. Kaiser (nachdenklich). Hm, das ist doch — M. Theresia (einfallend schelmisch» „Ein Kaiser muß stets sein Wort halten/' Kaiser. Euer Liebden haben unser Wort. Es sei! Wir übertragen unsrer erlauchten Tochter Maria Theresia unsere Macht von diesem Augenblicke an auf eine Stunde — aber die Ratification dessen, was Sie thun in dieser Zeit, behalten wir uns vor, wenn sie abgelaufen. Nun, lassen Sie sehen, wieSu regieren. Wir sind neugierig geworden (Es schlägt Ein Uhr.) M. Theresia (wie oben). Weise 7- nach dem Muster meines kaiserlichen Herrn Vaters. Bor Allem jedoch will ich die Herren Gesandten empfangen- Kaiser. Wie? Das ist nicht — *) Historisch. n M. Theresia. Majestät — die Macht ist für eine Stunde — in meiner Hand! Ich regiere! — Ich will aus dem Munde der Gesandten die Beschreibung der Kandidaten hören, bei mir sollen sie ihre Werbung anbrin- gen — dann will ich wählen — und mich entscheiden. Kaiser. Ich will Auftrag geben, daß man die Gesandten ohne Aufsehen zu Dir führe. (Ihr dieHand zum Kusse reichend.) Wir fühlen eine wahre Befriedigung in dem Gedanken, daß die schöne Stirn einer solchen Tochter einst die zwanzig Kronen unserer Königreiche zu tragen bestimmt ist. Also in einer Stunde! (Geht mit einem huldvollen Gruß durch die Mitte ab.) Vierte Scene. Maria Theresia (allem). O diese zwanzig Kronen! was sind sie gegen ein wahres inniges Gefühl!? Aber setzt ist nicht Zeit zu Sentimentalitäten — ich muß meine Zeit benützen. (Sinnend.) Ich habe einmal'eine tolle Komödie gesehen, wenn ich mich recht erinnere, heißt sie: „Die Freier." Darin soll ein Mädchen zur Heirat gezwungen werden— und diese entfernt die unangenehmen Freier dadurch, daß sie sich ihnen von der schlimmsten Seite zeigte, so daß diese selbst auf die Hand verzichten und froh sind, mit gesunden Gliedern davon zu kommen, denn das Mädchen trieb es toll mit ihnen. Ich Hab' mich darüber selbst krank gelacht. — Freilich wußte ich damals nicht, daß mir diese Komödie tiust zur Lehre dienen soll. Wenn ich "ur Franz sprechen könnte. Fünfte Scene. Maria Theresia. Gräfin klamm (durch die Mitte), dann Franz Step ha n. M. Theresia. Ach, Sie hier, Gräfin?! Gräfin klamm (mit einer tiefen Verbeugung ceremoniell). Durchlaucht! Ks ist die Stunde des Spazierganges. M. Theresia (lachend, rasch). Richtig! Es ist ja Ein Uhr! Ich vergaß heute wieder meine Stundeneintheilung?. (Zählend.) Morgens mit dem Glockenschlag 8 Uhr Verlassen des Bettes! — Von 8—9 Uhr Toilette! Bon 9—10 Uhr Betstunde, von 10 bis halb I I Uhr wird des Magens gedacht, von halb 11 bis halb I Uhr des Geistes, respective Empfang des Lehrers und Empfangnahme der Lehren in Gegenwart der Oberhofmeisterin. Von halb 1 bis 1 Uhr Andacht, von 1 bis 2 Uhr Spaziergang durch Orangerie und Park, von 2 bis 3 Uhr Betstunde, von 3 bis 4 Uhr wird flüchtig des Magens gedacht, von 4 bis 5 Uhr Andachtstunde, von 5 bis 6 Uhr wird der Musik gehuldigt , von 6 bis 7 Uhr Andacht und von 7 bis 8 Uhr zur Abwechslung Betstunde! Wenn das nicht ein fröhliches Leben ist. welches die Erzherzogin von Oesterreich, Infantin von Spanien und einstige Erbin von zwanzig, sage zwanzig Kronen, führt, so weiß ich nicht was besser ist. Aber heute, Gräfin, wollen wir die Orangerie und Park- Messung ansfallen lassen und dafür — Gräfin klamm. Unmöglich! Die Stundeneintheilung — M. Theresia. Bekommt heute mit Erlaubniß Sr. römisch - kaiserlichen Majestät meines erlauchten Vaters einen Riß und — Franz St. (tritt'rasch durch dir Seitenthür rechts). Verzeihung, ich — 12 M. Theresia (für sich). Er hier! Gott sei Dank! (Laut.) Gräfin, ich — ich habe vorhin auf dem Wege hieher — einen — einen Handschuh fallen lassen. GräfinClamm (erstaunt). Ich erlaube mir die unterthänige Bemerkung, daß sich derselbe an Höchstdero Hand befindet. — M. Theresia (verlegen). Ach ja — ich vergaß — ich glaubte ihn verloren. Was — ach ja — mein Flacon ließ ich in meinem Gemach! Ich bitte, liebe Gräfin, mir es — GräfinClamm (überreicht ein Flacon). Ich bemerkte dies und erlaubte mir es zu nehmen und anmit unterthänigst zu überreichen. M. Theresia (gereizt). Sie sind in der That sehr aufmerksam! (Für sich.) Unerträglich! Franz St. Ich möchte um gütige Erlaubniß bitten, den Fehler meines Eintretens gut zu machen und mich zurückziehen zu dürfen. M. Theresia. Gern würden wir die Erlaubniß geben, wenn wir Ihre Gegenwart, Herr Herzog, nicht für noth- wendig hielten. Gräfin Clamm (starr). Wie? Ich bitte unterthänigst mir die Bemerkung zu erlauben, daß die Etikette — M. Theresia (ärgerlich). Bah! Etikette! Uns ist die Gegenwart des Herrn Herzogs nothwendig, — ja sehr nothwendig, also — (Plötzlich.) Wie heiß es doch ist! Liebe Gräfin, — meinen Fächer, er befindet sich in meinen Gemächern. Gräfin Clamm (mit einem Blick aus den Herzog). Unmöglich, die Etikette — M. Theresia (wie vor). Aber liebe Gräfin, die Etikette nimmt mir die Hitze nicht fort und weht mir auch kein Lüftchen zu, das ist nur der Fächer im Stande, also - GräfinClamm. Könnte nicht indeß mein Fäch — M. Theresia (die Gräfin copirend). Die Etikette verbietet der Erbin von 20 Kronen einen Fächer der Gräfin Clamm abzuborgen. Gräfi.n Clamm (verbeugt sich tief, und geht, sich nach Maria Theresia und Franz Stephan umsehend, ab). Franz St. (will aus Maria Theresia zu). Dank! Dank! M. Theresia (mit strenger Miene). Herr Herzog — ein ernstes Wort! Sie traten unangemeldet ein! — Franz St. Lassen Sie mich einmal die Schranken der Etikette brechen, Erzherzogin. M. Theresia (stolz). Kaiserin, wenn ich bitten darf. Doch fahren Sie fort. (Setzt sich gravitätisch in den Lehnstuhl.) Franz St. Ich kann Ihnen den Trost geben, daß es das letzte Mal ist, wo ich die Etikette dieses Hofes verletze. Ich komme, um Abschied zu nehmen. M. Theresia. Abschied? Sie wollen abreisen? Franz St. Ja! M. Theresia. Und der Kaiser — weiß er — Franz St. Noch nicht. — Ich habe meinen väterlichen Freund Prinz Eugen beauftragt, ihm meinen Schritt zu melden und zu erklären: »An einem Hofe, wo man einen unabhängigen Fürsten des Reiches, weil er gegen die Dummheit des Hofkriegsrathes kämpfte und ihre Fehler gut machen will, den Arrest ankündigt, da erlaubt mir meine Ehre nicht zu bleiben." M. Theresia (ernst). Sie sprechen sehr unehrerbietig vom Hofe meines kaiserlichen Vaters, Herr Herzog. Unabhängig sind Sie nicht, wenn Sie als Officier in seinem Heere dienen -7 (Lachend.) Und der Arrest scheint Slt doch wahrlich nicht zu drücken. — 13 Franz St. O, zanken wir nicht, — nur in dieser Stunde nicht, Erzherzogin. Vielleicht kommt eine Zeit, wo es Sie reut, daß der arme Franz Stephan so unfreundlich hat scheiden müssen, wo das Bewußtsein Sie freuen würde, ihm mit wenigen gütigen Worten einen Talisman in die Fremde mitgegeben zu haben, der ihn in seinem Schmerze hätte aufrecht erhalten können. Glauben Sie das Scheiden sei so leicht? Glauben Sie, mein Herz blutet nicht, indem ich mich losreiße aus dem Hause, das mir so lange ein gastliches Asyl bot, in dessen Räumen all' mein Lebensglück erblühte, ein voller, reicher Segenskelch, genährt von der Sonne der Hoffnung — o Gott — (Kniet vor ihr nieder und drückt ihre Hand an seine Stirn.) Maria Theresia! M. Theresia (erhebt sich, mit komischem Ernst). O Franz! Doch still, Herr Herzog, nicht mehr in diesem Ton, wir müssen uns fremd werden von heute an — fremd, wie die Etikette und die Staatsklugheit dem Gefühle des Herzens fremd ist. Wir haben zulammen gespielt wie unbefangene Kinder — die Tage sind dahin; wir sind erwachsen, und nach der Meinung meines erlauchten Vaters, Sr. römisch-kaiserlichen Majestät, tritt jetzt der tiefe Ernst des Lebens mit seinen Forderungen vor uns. Ich werde nach Bestimmung der geheimen Eonferenzräthe einem Manne übergeben, um mich ein ödes und trübes Leben hindurch im Gehorsam zu üben. — Sie stellen sich an die Spitze eines Heeres und erobern mit der Schneide Ihres Degens oder, wenn Sie wollen, und es Ihnen besser dünkt, mit der Spitze der Diplomatenfeder eine neue Heimat statt der alten, statt Ihres schönen Lothringen, das Frankreich Ihnen stahl. (Pathetisch). Leben Sie wohl! Franz St. Maria Theresia — so gefaßt, so herzlos sprechen Sie das Alles aus? — Haben Sie denn keine Ahnung von dem Jammer, in welchen mich Ihre Worte stürzen — gehen Sie — ein solches marmornes „Leben Sie wohl!" mag ich nicht, selbst von Ihren Lippen nicht. — Gehen Sie, werden Sie Königin von Spanien, Kaiserin — thronen Sie in unnahbarer Höhe — das Herz, das Sie verschmähen — M. Theresia (für sich). Ob ein Weib wohl mehr geliebt werden kann? (Laut.) Wenn mich Ihre Worte nicht froh machten — könnte ich wahrhaftig böse werden, Herzog. Franz St. Froh? O Gott, und ich bin der Verzweiflung nahe! Sie mir entrissen! Sie, mein Lebensodem, aus Staatsgründen, aus Politik! Die Liebe sollte herrschen, und wo der arme Franz von Lothringen liebt, da sollte er schwerer wägen als der Großmogul und der Papst — M. Theresia (lachend). Aber Herzog, die wollen mich ja auch nicht heiraten! Franz St. Die Liebe, das reine und wahre Gefühl, die innere Stimme der Seele sollte über dem Gesellschafts- verbande schweben — den Staat durchdringen — M. Theresia (ihn copirend). Dem Hofkriegsrath präsidiren, die Staatsschulden bezahlen, dem Bancalitätszahl- amt die Cassen füllen, die Granitzer Compagnien in Subordination halten u. s. w. Sie haben bewunderungswürdige Regierungsgrundsätze, Herr Herzog! — ' Franz St. (wendet sich ab). O, Sie sind herzlos, grausam! M. Theresia (weich). Franz! (Nähert sich ihm, legt die Hand aus seine Schulter.) Die Welt mag ganz so schlecht sein, wie Sie sie schelten; nur das eine Gute müssen Sie ihr lassen, daß sie den Muthigen glücklich macht! 14 Franz St. Was soll der Fürst ohne Land mit Zimmerarrest? M. Theresia. Ausharren und meiner Staatsklugheit vertrauen. Vor einem halben Jahre entschlüpfte ich der Oberhofmeisterin und suchte die Freiheit. Ich lief durch den Park von Schönbrunn, durch Wald und Flur, bis in die Nahe Hetzendorfs, weit, weit in den Ort hinein. Auf einmal hörte ich lautes Schluchzen und Menschenstimmen; ich guckte über das Gebüsch hinweg, das mich deckte, und sah ein junges Mädel und einen Bauernbursch vor mir. (Im Wiener Dialekt.) „Anna-Mirdl," schrie der Bauernbua unter Weinen, „aus ist'S mit mir; man Dei Voder Di dem Rauscher-Lenzl gibt, so geh' i auf und davon, weit weg bis zu den Türken!" — „Obst da bleiben wirst," sagte die Anna-Mirdl ganz resolut, „wer wird denn glei die Couragie verlieren! Wan der Voder hab'n will, daß i den Lenzl nimm, muß i a dabei sein! G'scheit sein, Mich'l. und nit glei den Kopf verlieren, i wer mir schon den Lenzl von Leib halten und den Voder a Nasen dreh'n, die fich g'waschen hat." — Und still war der Mich'l und ang'schaut hat er die Anna-Mirdl mit ein' Blick, so seelenvoll, daß er ihr Herz troffen haben muß, an Schmatz hat er ihr geben, daß nur so 'kracht hat. (Nach einer kleinen Pause.) Nacher sein's Arm in Arm weiter gangen, ich ihnen nach, und ungekannt, wie ich war. Hab' ich mich heimlich nach dem Namen des Paares erkundigt. Vor zwei Wochen bin ich wieder der Oberhofmeisterin durchgangen, mein erster Weg war hinaus nach Hetzendorf, um mich nach dem Schicksal des Mich'l und der Anna-Mirdl zu erkundigen. (Freudig.) Richtig hat die Anna-Mirdl Wort g'halten und den Vodern a Nasen 'dreht, acht Tage früh'r find's traut worden und sein a glückliches Paar! Franz St. Was sott mir jetzt düst Idylle? M. Theresia (lachend). Was? Eine Lehr' soll sie dem klugen Herzog von Lothringen sein. Steht der kluge Herzog jetzt nicht g'rad' so da wie der dumme Mich'l von Hetzeadorf? Denkt nun, ich sei Eure Anna-Mirdl, und — Franz St. (freudig). Und? — M. Theresia (im Dialect). Laßt mich meinem kaiserlichen Herrn Voder eine Nasen drehen. Was die Anna-Mirdl kann, kann die Maria Theresia auch, denn sie liebt (ihm die Hand reichend, herzlich) ihren Michel auch. Sechste Scene. Vorige. Page (durch die Mitte). Page. Graf Lambert wünscht — M. Theresia (rasch). Ach. schon! Nun denn an's Werk. (Zu dem Page».) Führt ihn herein! (Page ab. — Rasch zu Franz Stephan). Nun, mein lieber Michel, sollt Ihr sehen, was die liebende Maria Theresia vermag. Begeben fich der Herr Herzog hier (nach rechts deutend) hinein, bis ich die drei Gesandten der Ehecandidaten empfangen. Franz St. (will sprechen). M. Theresia. Kein Wort weiter! Hören, sehen (ihm die Hand auf den Mund legend) und schweigen, bis die Nase gedreht ist. Auf Wiedersehen, mein lieber, lieber Michel! (Drängt ihn rechts ab.) Siebente Scene. Maria Theresia (allein). Dann Graf Lambert. M. Theresia Nun steh' mir der Gott'der Liebe bei! Einer meiner Lehrer 15 sagte mir einst: wer eine Krone trägt, muß seine Gefühle beherrschen, unterdrücken und eine Maske tragen können. Die Maske herbei! Nun, Herr Philosoph Graf Lambert, sollt ihr die Maria Theresia, „deren Geist deinen Herrn angezogen," kennen lernen. Da ich auf keine andere Weise zu meinem heiß- ersehnten Ziele gelangen kann — so müssen alle Mittel helfen! Wir wollen einmal Komödie spielen. (Gras Lambert wird vom Pagen ein- gesührt, sodann Page ab.) Graf Lambert (nach einer tiefen Verbeugung). Se. römisch-kaiserliche Majestät haben allergnädigst geruht, mir in geheimer Mission eine Audienz — M. Theresia (im Charakter eines albernen, verwöhnten Kindes, lacht plötzlich dumm). He, he, he! Sind Sie schön geputzt! Graf Lambert (verblüfft). Wie? M. Theresia. Also Sie kommen, mir einen Mann zubringen? (Lacht.) He, he, he! (Setzt sich nieder, deutet ihm an, Platz zu nehmen.) Graf Lambert (für sich). Sonderbar! (Setzt sich.) Mein allergnädigster Herr, der Churfürst Carl Theodor — M. Theresia (plötzlich dumm lachend). He, he, he! Diese Nase! Ach diese Nase! Ha, ha, ha! Nein, solch komische Nase habe ich in meinem ganzen Leben uoch nicht gesehen! Ha, ha, ha! Graf Lambert (für sich). Höchst sonderbar! (Laut.) Jhro Durchlaucht belieben zu scherzen. (Beginnt wieder.) Mein durchlauchtigster, allergnädigster Herr, Carl Theodor, Chur — M. Theresia (unterbricht ihn). Ha, ho! Sagen Sie — tragen Sie die Nase für alle Tage? Graf Lambert (starr). Durchlaucht! lTür sich.) Das ist ;a höchst sonderbar. Was hat sie denn nur mit meiner Nase? (Beginnt abermals.) Mtio durchlauchtigster, allergnädigster Herr, Carl Theodor — M. Theresia (wie vor). Carl Theodor heißt der Herr Churfürst? Hi, hi! Ist er schön, der Churfürst? Ha, ha! Ich freue mich schon auf das Heiraten — da kann ich doch Alles haben, was ich will, dann habe ich keine Oberhofmeistrrin mehr! Graf Lambert (wie vor). Mein durchlauchtigster, allergnädigster Herr, Carl Theodor, angezogen von dem Ruf — M. Theresia (hat ihn starr angesehen und geht langsam, ihn fortwährend ansehend, auf Lambert zu, — dieser weicht unwillkürlich zurück). Pst! Pst! Nicht rühren — still halten! Ich werd'S gleich haben — Pst! (Schlägt ihn mit der Hand auf die Backe, als ob sie eine Fliege weggesangen.) Patsch? Da Hab' ich sie! Ha, ha. ha! Graf Lambert (für sich). Ist da- die geistvolle Erzherzogin? Gott steh' uns bei! Es wäre Hochverrats diesen Geisteszustand der Erzherzogin dem Churfürsten zu verschweigen. M. Theresia (hat sich indeß mit der Fliege, welche sie in ihrer Hand hält, beschäftigt). Brrr! Hab' ich dich? (Zu Lambert.) Hab' ich diese Fliege nicht klug gefangen? O, ich bin klug — ich — Ha, ha, ha! Im „Reichspostreiter"*) steht, so oft ich Jemand fein danke auf seinen Gruß: „Die durchlauchtigste Erz- Herzogin Maria Theresia geruhte gestern in herablassender Weise den Gruß der Conferenzräthin X. L. zu erwidern. Schon oft hatten wir Gelegenheit, den Geist" — (lacht) Ha, ha, ha! „und die leutselige Weise der Erzherzogin zu bewundern." (Lacht.) Hi, hi! Ja, so steht's im „Reichspostreiter" und da muß es wahr sein, und ich bin auch *) „Wiener Zeitung" der damaligen Zeit. 16 gescheidt — so gescheidt — wie — (plötzlich lachend) Ha, ha. ha! Jetzt weiß ich nicht wie und was! Mein kaiserlicher Vater sagt: Wenn man im deutschen Reich im „Reichspostreiter" liest, daß ich klug sei und Geist habe, glaubt man es; an unserm Hofe will es Niemand glauben. Graf Lambert (für sich). Das glaube ich. M. Theresia. Mein zukünftiger Gemal ist also auch klug und gelehrt? Das ist recht, — dann passen wir zu- sammen. Graf Lambert (für sich). Gott bewahre meinen gnädigen Herrn vor diesem Unglück. (Man hört plötzlich einen kurzen militärischen Marsch — der jedoch sofort verhallt.) M. Theresia (eilt rasch ans Fenster, freudig). Die Hatschiere beziehen die Wache! — Hat mein zukünftiger Gemal an seinem Hofe auch Hatschiere? — Diese schönen Leute! Einer schöner wie der Andere! Und gewachsen sind diese Hatschiere, — gewachsen, — daß man sie gleich regimentweise umarmen möchte! Namentlich die Hauptleute! Graf Lambert (für sich). Auch die Tugend! M. Theresia (wendet sich wieder zu Lambert). Ist mein zukünftiger Gemal auch ein General und ein Reiter? „A Reiter muß sein!" Ich habe das Reiten von den Männern in Uniform gar zu gern. (Plötzlich.) Wissen Sie, Sie gefallen mir, Herr Graf, Sie sollen immer in meiner Nähe sein, aber reiten müssen Sie. Prinz Eugen hat mir und meinem kaiserlichen Vater einige im letzten Türkenkriege erbeutete feurige Pferde mitgebracht. Ihnen schenke ich die ,,Zulima", die sollen Sie reiten. Graf Lambert (für sich). Gott steh' mir bei, nun soll ich gar eine.,Zulima" reiten. (Laut.) Durchlaucht, in meinem Alter und reiten! Ich bin seit 40 Jahren auf kein Pferd gekommen. M. Theresia. Das ist um so komischer, wenn Sie am Pferde gebunden mit uns reiten. Hopp, hopp, hopp! Graf Lambert. Geruhen Durchlaucht, mich — M. Theresia (rasch aus ihrer Rolle fallend). Zu verabschieden? O ja, recht gern, ich bin froh — (wieder im Charakter) Schade, ich hätte mich noch recht gern mit Ihnen unterhalten, Sie sind zu komisch! (Ihn zur Thüre hinaus redend.) Und meinen künftigen Gemal, den gnädigen Churfürsten von Pfalzbaiern, laß' ich schön grüßen und ihm sagen, daß ich mich recht freue, ihn zu sehen, und daß ich es schon kaum mehr erwarten kann, seine Gemalin zu werden. Und gleich nach der Hochzeit muß er die böse Oberhofmeisterin entlassen, den» die brauch' ich dann nicht mehr, wenn ich meinen hohen Gemal Hab'. (Dumm lachend.) Hi, hi. hi! (Reicht ihm die Hand zum Kusse.) Adjes! Graf Lambert (ist an der Thüre angelangt, für sich). Gott sei Dank! Das wäre ja für meinen erlauchten Hem die Hölle. M. Theresia (immer lachend). Hi! hi! (Ihn verabschiedend) Adje! (Gras Lambert mit einer tiefen Verbeugung ab.) Achte Scene. Maria Theresia (allein). Dann Page M. Theresia (lacht aus vollem Halse> Hahaha! — Armer Graf, fast Hab' ich ihn bedauert. Welche Meinung von nur wird er an den Hof von Mannheim bringen! Das ist gewiß, daß man die Maria Theresia in der ganzen Pfalz- die Fürstenthümer Sulzbach, Neuburg, 17 die Herzogtümer Jülich und Berg mit inbegriffen, nicht mehr für die geistreiche Prinzessin hält; aber ebenso gewiß qlaube ich zu wissen, daß der edle khurfürst nun nicht mehr um die einstige Herrscherin von Oesterreich wirbt. Die Liebe hat mich zur Komödiantin gemacht. Was liegt mir daran, was die Welt von mir glaubt, wenn ich nur an's Ziel gelange und mein Franz mit mir durch's Leben geht. Page (meldet). Don Pedro von Toledo, Grand von Spanien, Connetable von Kastilien, der Gesandte Spaniens mischt — M. Theresia (ihn unterbrechend). Führt ihn herein! (Page ab.) Ha! ha! Fetzt freue ich mich eigentlich auf die ergötzliche Scene. Dieses Spanien glaubt in mir eine fromme Tochter der Kirche,— die Jesuiten ein gefügiges Werkzeug ihrer Pläne zu erblicken. „Angezogen von meiner Frömmigkeit," wie mein erlauchter Vater sagt, — „hat Spanien," - (schelmisch) also nicht der Jnfant — „sein Augenmerk auf mich gerichtet." — Ist das nicht höchst schmeichelhaft? Nun, ihr Lenker Spaniens — ihr Söhne der Kirche — ihr sollt das fromme Opferlamm Maria Dheresia kennen lernen. Neunte Scene. Vorige. Don Pedro von Toledo. Page (führt Don Pedro ein). Don Pedro (in reichster spanischer Tracht, den Rosenkranz in der Hand, tritt steif, aber mit demüthiger Verbeugung ein). 34 schätze mich glücklich — M. Theresia (einfallend, mit Majestät, — im Charakter der Herrscherin). Ich >Me mich, daß mein erlauchter Vater, römisch-kaiserliche Majestät, mir me Erlaubniß ertheilt, Sie zu empfan- Theater Repertoire Nr 28 t. gen, um aus Ihrem Munde die Werbung des edlen Jnfanten Don Carlos von Spanien entgegen zu nehmen. (Deutet aus einen Stuhl und setzt sich selbst; lächelnd.) Für eine Stunde übertrug mein allergnädigster Vater — mir die Krone— und zugleich die Wahl meines Gemals. Don Pedro (setzt sich). Mein allergnädigster König sehen mit tiefer Be- trübniß den wachsenden Unglauben, die Vermehrung des Protestantismus in den europäischen Staaten, deren Ausrottung und Verminderung als ein Gott gefälliges Werk allen Fürsten am Herzen liegen muß. — Mein Herr und allergnädigster König von Spanien wünscht sich zu diesem Zwecke inniger mit Sr. römischen Majestät Kaiser Carl VI. zu verbinden und sendet mich, eine Ver- mälung zwischen dem edlen Jnfanten Don Carlos und Jhro Durchlaucht Erzherzogin Maria Theresia anzubahnen; jedoch unter der Bedingung, daß Se. römisch-katholische Majestät die Hand zur Verminderung des Protestantismus und zum „ewigen Frieden" biete. M. Theresia (unterbricht ihn lebhaft). Mein Herr. Abgesandter! Sagen Sie dem König von Spanien, Ihrem Herrn, daß nach meinem bescheidenen Dafürhalten erzwungene und bedingte Freundschaften erzwungene und verdeckte Feindschaften find, — daher keine Bürgschaft für Aufrichtigkeit bieten. — Halbes Vertrauen — gar kein Vertrauen, — ein Vulkan, der immer gährt, während er sich außen mit falscher Hoffnung bekleidet, über Nacht Alles verschlingt. — (Lebhafter.) Diese Formel: „Zum ewigen Frieden" in den Friedenstractaten kenne ich schon, es ist eine ewige Lüge, die, in das Richtige übersetzt, bei beiden Parteien so viel heißt als: Ich halte Frieden, so lange es uns gerade paßt und in unserm Vortheil liegt. Wenn ich einst auf den Thron komme und gezwungen 2 18 werde. Kriege zu führen und Frieden zu schließen, so lasse ich in den Friedens- tractat setzen: „Zum ewigen Frieden, respective bis zum Loshauen bei nächster günstiger Gelegenheit." Darum nichts von ewigem Frieden, Herr Gesandter. Don Pedro (für sich). Heiliger Ignatius, welche Gesinnungen! (Laut.) Die Worte, welche ich soeben aus dem Munde Jhro Durchlaucht vernehme — M. Theresia (ihn unterbrechend). Sind Worte, die aus meinem Herzen kommen, und wie ich denke, so rede ich auch. Heuchelei ist meinem Herzen fremd. (Mit Bedeutung.) Ich freue mich herzinniglich auf meine Vermälung mit dem Jnfanten Don Carlos. Der Jnfant soll ein weiches, empfängliches Gemüth besitzen, und so Gott will, wird er, mit mir vereint, mir die Last meiner zwanzig Kronen tragen helfen. Wir werden uns bemühen, wenn wir einst auf den Thron unserer Väter gelangen, mein Oesterreich und vor Allem Spanien glücklich zu machen. Don Pedro (verlegen, spielt an dem Rosenkranz). O, das Wohl der Völker liegt auch dem edlen Jnfanten am Herzen. (Mit Nachdruck.) Der Jnfant fühlt als guter Katholik und frommer Christ nach dem Worte Gottes, daß auch er mit helfen muß an dem Ausbau der großen Kirche der Christenheit, an dem Bekehrungswerke des Unglaubens und des Protestantismus. M. Theresia (anfangs ruhig, dann steigernd, stellenweise in den Wiener Dialect verfallend). Ihr allergnädigster König erwartet doch nicht in Maria Theresia eine Katharina von Medicis zu finden? Oder soll der Jnfant von Spanien an meiner Seite über unser Oesterreich herrschen und vielleicht eine zweite Bartholomäusnacht herbeiführen? Dieser Plan mag vielleicht in Madrid Anllang finden, bei uns, in meinem Oesterreich, nicht. Achtzehn Jahre bin ich alt, ii Hab' außer dem Hof meines erlauchte, Vaters keinen gesehen, aber ich Hab, hier mehr als genug von den Jntrigue, und Cabalen der Höflinge und Jesuiten namentlich seit dem Tode meiner un vergeßlichen Mutter, gelernt. Ich bi, nur verstohlen auf wenige Stunde, hinausgekommen aus unsrer Burg ode, aus Schönbrunn, Hab' nur in Stunden das Volk kennen g'lernt; aber kein Unterschied g'funden zwischen den Men- schen. Warum soll ich, wenn ich die Regierung antrete, ein' Unterschied machen zwischen Katholik und Prote staut? — Sie sollen meine Unterthanen, meine Kinder sein. — Ich werd' st, umfassen mit gleicher Lieb' und wache, über sie mit gleicher Sorge. Ich will den Wohlstand meiner Völker so z« heben suchen, daß auch der genügst, Bauer am Sonntag sein Huhn im Topf, finden soll Ich habe während de, Regierung meines erlauchten Vater« die Krankheiten der Völker kennen gelernt. Sie leiden an „Pestbeulen" und diese muß man zu entfernen suchen Don Pedro (für sich). Der heilig, Ignatius bewahre Spanien vor solchem Regierungssystem. (Laut.) Doch dl, Religion, soll diese nicht auch — M. Theresia (ihn unterbrechend). Ein guter Regent muß sich so wenig wie möglich um die Religion seiner Völker kümmern und jeden nach seiner Art selig werden lassen. — Aber die Religion und die Völker werde ich und der edle Jnfast Don Carlos von Spanien, so es f" Gottes Rathschluß liegt, daß er n>e>n Gemal werden soll, von den „W- beulen" befreien, und diese sind: die Religionsfälscher und Priester, welche die Religion zum Deckmaote ihres Eigennutzes gebrauchen, das Volk gegenseitig wie zwei harte Stune durch aufrührerische Reden aneinander 19 kibtn, daß sie Funken sprühen, um aus cm Gewirre Nutzen zu ziehen. Ich >erde das Volk von einer übermäßigen lnzahl von Mönchen und Klöstern efreien, welche sich von Volkesblut mähren. Das Volk wird dann leicht lifathmen. (Kleine Pause, dann lächelnd.) keinen Sie nicht auch, Don Pedro von Mo? Don Pedro (verwirrt). Ich — das cht — (Für sich.) Das ist ja eine ketzerin in oxtima korma, und es wäre jochverrath, würde ich nach dem, was Gras Sinzendorf. ! Wie? Gräfin Clamm. f Kaiser (unwillig). Der Herzog! (Es schlägt zwei Uhr.) M. Theresia. O weh, meine Regentschaft ist vorüber; (bittend) aber mein gnädiger Vater wird großmüthig sein und (mit Franz St. vor dem Kaiser knieend) den Bund segnen. Er wird ein glücklicher sein, — denn zwei liebende Herzen haben ihn geschlossen. Kaiser (nach einer kleinen Pause, seine Hände auf die Schultern der vor ihm Knieenden legend). Ist es Dein Glück, Maria Theresia? — Ja, ja, di" Antwort sagt Dein Auge. So segne Gott Euch, liebe Kinder! M. Theresia (seine Hand ergreifend). Dank, Majestät! Graf Sinzendorf. Und die Untersuchung gegen den Herzog wegen Ab- sendvng des Schlachtenplanes und der Befehle — Kaiser (ironisch einfallend). Des Hof- kriegsrathes, darüber — M. Theresia (lachend). Darüber falle der Vorhang! — Gruppe. (Der Vorhang fällt.) Er entzieht mir seine HMe. Lustspiel in einem Acte von Gras Emerick Ataäion. Wien, 1874. Wickishauffcr'schk Bvchhan-lvng (Josef Klemm) Truis ron Leopold Sommer L Eomp in Wien. Personen: Bertha Ersach, eine junge Witwe. Guidobald Herbst. Rosalie, Bertha's Kammermädchen. Srene: Bertha s Boudsir. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. (Geschmackvoll möblirtes Boudoir mit einer Mittel- und Seitenthüre. Ein November- Schneemorgen.) Erste Scene. Rosalie (allein). Rosalie (vor sich am Tische eine Kassette voll schwedischer übertragener Lamen- handschuhe). Da habe ich wieder alle Hände voll zu thun; und das Handschuhputzen kömmt mir eigentlich gar nicht zu! (Grimassirend.) Da, offen gestanden. empört sich jedesmal meine seinfühlende Soübrettennatur gegen diese rohe, profane Arbeit, die ich auch längst schon mit gebührender Verachtung von mir gewiesen hätte, wüßte ich nicht, daß ich dadurch meiner Gebieterin eine empfindliche Demüthigung erspare. (Schadenfroh.) Denn daß der Handschuhmacher sicher nicht ermangeln würde, über ihre^ großen Hände allerlei böse Glossen zu machen, davon bin ich überzeugt. (Hin- geworsen.) Du lieber Himmel, er ist sa nicht blind. (Scheinheilig.) Aber Gott behüte, daß ich meine gnädige Frau in beri bösen Leumund der Leute brächte! ^iöone, das wäre ja niedrig gedacht Meinerseits und (die Locken schüttelnd) ^ieumerei, ich habe noch immer aristokratische Regungen in mir verspürt, me solch' einem Thun zuwiderliefen, i^'ch selbstzufrieden die Hände reibend.) ^m Abgehen für sich.) Eines muß ich aber gestehn: wenn alle Mörder so ausseh'n, könnte man sich nöthigenfalls entschließen, einen solchen zum Mann zu nehmen. Ich thät's augenblicklich, »venire ü terre," wie mein polnischer Gras immer sagte. (Ab in die Seitenthnre.) Siebente Scene. Bertha Ersach. Guidobald Herbst. Herbst (ist eingetreteu). Bertha (für sich). Da ist er! So wahr ein Gott im Himmel lebt, da ist er! Jetzt soll sich Alles entscheiden. Alles! Herbst (sich Bertha nähernd). Deine nervöse Anwandlung ist vorüber, wie ich hoffe, und Deine Thränen find ins- gesammt getrocknet, wie ich mit Freuden sehe. Haft Dich hübsch zusammengenommen, Bertha. Bin Dir recht dankbar dafür, obwohl Du mir noch sehr viel Liebes wirst erweisen müssen, um mir einige Entschädigung für das bittere Weh zu geben, das mir vorhin Dein rätselhaftes Benehmen verursachte. Ich habe viel gelitten. Bertha (kurz und scharf). Ich nicht minder. Davon kannst Du überzeugt sein! Herbst (ruhig). Das bin ich auch, liebe Bertha, und vergebe Dir aus ganzer Seele. Nur Eines . .. Eines kann ich Dir nicht verzeihen. Bertha (gespannt). Das ist? Herbst. Daß Du Dir Launen und Kapricen andichtetest, die Dir doch ebenso fremd find wie mir, z. B. (Er sucht einen Vergleich.) Was denn nur gleich? Die Lüge! Bertha (boshaft). Du lügst also niemals? Herbst (verletzt). Bertha! Bertha. Ich frage Dich nur so. . . scherzweise. Herbst (gekrankt). Dein „Scherz" thut weh! Bertha (spitz). Nicht daß ich wüßte! Herbst. Bertha! Was soll's? Die heutige Nacht hat Dich wie umgewandelt. Bertha (vibrirend). Nicht doch, das datirt weiter zurück. Herbst. Weiter zurück, sagst Du? Bertha (ihn scharf fixirend und langsam sprechend). So sagte ich. Und zwar... Herbst (athemlvs). Nun? Bertha (wie oben). Noch vom . . . (Sie hält inne.) Herbst (rasch). Dom? 10 Bertha (betonend). Vom 24. October. Herbst (schrickt leicht zusammen und wiederholt kleinlaut). Vom 24. October? Bertha (bei Seite). Ha! Er bebte zusammen! O kein Zweifel! (Triumphi- rend.) Er hat gemordet! Herbst (lächelt verlegen). Du erstaunst wohl über mein flüchtiges Erschrecken bei der Nennung dieses Datums. Nicht wahr? Bertha (hochathmend). In der That? Herbst. Wohlan, den Grund hievon will und muß ich Dir endlich erklären! Bertha (für sich). Oh, er ist ein routinirter Mörder, er scheut nicht einmal das Geständniß! Herbst. Ich habe damit lange gezögert, lange gezaudert. . . Eine lächerliche Scheu hielt mich stets davon zurück. Einmal indessen muß es mir vom Herzen 'runter. (Rasch.) Ich muß Dir's sagen, Bertha. Jetzt sagen. Der Augenblick ist zu günstig! Bertha (fällt ihm entsetzt in's Wort). Noch nicht, Guidobald, um Alles in der Welt — noch nicht! Herbst (erstaunt). Bertha! Bertha (hocherregt). Ich bin noch nicht gehörig gesammelt. Ich fühle mich noch allzu nervenschwach, die Schreckenskunde aus Deinem eigenen Munde zu vernehmen. Ich würde ohnmächtig werden. Herbst (der nicht begreift). Welche Anwandlung? Einigermaßen genant ist mir's. Aber schrecklich, schrecklich finde ich es durchaus nicht! Bertha (komisch verzweifelt, gleichsam zum Publicum). Er findet es nicht einmal schrecklich! Also so weit ist es schon mit ihm gekommen?! (Laut.) Aber was erstaune ich denn? Natürlich, einem Mörder ist nichts mehr schrecklich! Herbst (weicht einen Schritt zurück). Einem Mörder?! Ja was soll denn das? Bertha. Ach! Da ist mir das Wort entschlüpft, noch ehe Du selbst Zeit fandest, mir Dein blutiges Geständnis abzulegen! Herbst (mit wachsendem Staunen). Mein blutiges Geständniß?! Bertha. O sprich' es jetzt immerhin aus. Ich habe über meine Schwäche gesiegt. Die Ohnmacht ist beseitigt. Sprich' es aus das unglückselige Wort! Herbst. Aber Bertha! Was meinst Du denn um Gottes willen? Bertha (theatralisch). Sprich es aus: »Meine Hand hat von Menschen« blut geraucht!* — (Sie endet mit einem Aufschrei.) Herbst (völlig consternirt). Was soll nur das? Erkläre Dich deutlicher, soll ich nicht verrückt werden! Was hast Du nur? Was sprichst Du da für tolles Zeug? Bertha (wie oben, ihn bei der Hand fassend). Tolles Zeug nennst Du Dein blutig Handwerk, Jaromir? Herbst. Mein Kind, Gott straf mich! Du hast den Verstand verloren! Bertha. Ach! Ich wollte es wäre so. Aber leider Gottes sehe und fühle ich klar und deutlich, daß sich mein gräßlicher Verdacht nur zu genau erfüllt hat. Doch sei ruhig. Ich zürne Dir ja nicht und liebe Dich noch immer so innig wie zuvor. Auch ist die Sachlage nicht mehr zu ändern. Das Geschehene nicht mehr ungeschehen zu machen, denn, ach! (Dumps.) »Nimmer gibt das Grab zurück!« — Aber nun ich mich ausgesprochen habe, ist mir um Vieles leichter und Du siehst mich bereit, mit Dir zu fliehen, wie meine Namensschwester in der Ahnfrau, weiland Bertha Gräfin von Bo rotin; wenn auch nicht in die Gruft unserer Väter, so doch wenigstens nach — Amerika. Ach! Ich will ja gerne Alles, Alles thun, nur erfülle mir die einzige Bitte, Guidobald, und eröffne mir Dein Geständniß selbst. Aus Deinem eigenen Munde will ich Dein Bckenntniß hören, das ich vorhin unterbrach und dann, mit Dir vereint, tzuropa auf immer den Rücken kehren! Herbst (ganz verdutzt). Bei Gott! Ich verstehe kein Wort! Bertha (drängend). O sprich, Geliebter! Sprich! Herbst. Nun wohlan, so höre und unterbrich' mich nicht! Dein seltsam erregtes, unerklärliches Wesen bat mich ohnedieß schon ganz consus gemacht, so daß ich wirklich kaum weiß, wo mir der Kopf steht! Bertha (wie oben). Gestehe also. Gestehe! Herbst (schaut sic befremdet an). Aber Du bist sonderbar, Bertha! Eigentlich zu gestehen habe ich ja gar nichts. Alles was ich Dir zu eröffnen habe, ist nämlich, daß ich . . . Bertha (unterbricht ihn). O Gott! Gräßlich! Gräßlich. (Sie hält sich beide Augen zu.) Herbst (wie oben). Aber Bertha? Bertha (tiefaufathmend, läßt die Hände sinken). Ein Herzkrampf! . . Verzeihe mir! (Matt lächelnd.) Meine Nerven muffen sich eben erst nach und nach daran gewöhnen! Aber nun beichte wei ter, Guidodald. Du hast eben einzm gestehen begonnen, daß Du . . . Herbst (sortsahrend). Daß ich schon von Kleinauf nichts auf der Welt so ungern anfühle, als den Pfirsichflaum und . . . schwedisches Leder. Ja daß ich nm jeden Preis dessen Berührung vermeide, weil sie mir mein ganzes Nervensystem wie ein elektrischer Schlag durchzuckt. Am 24. Oktober hattest Du M ersten Male die unglückseligen Handschuhe an, die Du auch seither nicht mehr adlegtest. Ich wagte es natürlich nicht, Dir damals einen Einwurf zu mache» (st lächelt), denn ich kannte deine Vor- liebe für's schwedische Leder und mußte § daher seit jenem fatalen Abende verzichten, Deine mir so freundlich dargeboteneu Hände in die meinigen zu schließen! Bertha (die ihm mit höchster Spannung zuhörte, schreit nun aus). Du lügst! Herbst (betroffen). Bertha! Bertha (außer sich). Du belügst Dich und mich, Guidobald! Widerrufe! Herbst (völlig consternirt). Aber Bertha! Bertha (weinerlich). Widerrufe, sage ich. Widerrufe! Herbst (bestürzt). Was ficht Dich an? Mir bangt um Dich! Bertha (krampfhaft auf ihre Halbhandschube deutend). Das also, das allein war die Ursache, warum Du mir Deine Hände entzogen hast, Guidobald? Herbst. Natürlich. Bertha (enttäuscht). Und sonst — sonst hast Dn kein Geständniß zu machen? Herbst. Keines. Bertha. Dn bist also kein Mörder? (Bei Seite, seufzend.) O Jaroszynski! Herbst. Sehe ich darnach aus? Bertha (laut). Kein Verbrecher? (Bei Seite.) O Cartouche! Herbst. Wie kommst Du darauf? Bertha (fassungslos). Also nichts, gar nichts von alledem? Herbst. Nein. Gott sei gepriesen! Bertha (lächelt krampfhaft). O dann — dann bin ich ja von Rechtswegen das glücklichste Weib unter der Sonne — vorausgesetzt daß Du mir verzeihst, Guidobald? Herbst. Was denn, Bertha? Bertha (beschämt, leise). Nu, mein tolles Zeug von vorhin. Herbst. Ja, davon habe ich allerdings keine Sylbe verstanden. Das mußt Du mir noch erklären! Bertha. O ja. So ausführlich als möglich. Nur jetzt nicht. Meine Aufregung ist zu groß. (Sie hat mittlerweile ihre Handschuhe auögezogeu.) Da . . 12 nimm' nur meine Hand. Das schwedische Leder, die unschuldige Ursache meines abscheulichen Verdachtes, ist ja entfernt. Jetzt kannst Du mir getrost die Hände reichen! Herbst (glückselig ihre beiden Hände fassend). Das will ich auch, Du böser, garstiger, schöner Engel! Und Dir nock obendrein einen Kuß rauben, kleiner Argwohn! (Er umarmt sie.) Letzte Scene. Die Vorigen. Rosalie. Rosalie (für sich, ganz verblüfft, als sie die Umarmung der Beiden gewahr wird.) I Tn Gottesmutter, Du Gebeuedeite! Was sehe ich? Er küßt sie und halt ihre Hand in der seinigen? Barbaris me! Bertha (Rosalie bemerkend). Gut. daß Du da bist, Rosalie. (Leise zu ibr.) Mein Verdacht war unbegründet und nur eine Prüfung Deiner Verschwiegenheit. Rosalie (bei Seite). Wer's glaubt! Bertha. Da Du sie aber so Mustergut ig bestanden hast, (laut) sollst Du von heute ab Deinen Gehalt verdoppelt bekommen und — keine Handschuhe mehr zu putzen kriegen. Rosalie (aufjubelnd). Keine Handschuhe mehr zu putzen? Jst's möglich? Bertha. Ich schenke sie Dir ins- gesammt und (mit einem halben Seufzer) meine ganze criminalistische Romanbibliothek dazu, die mir den Kopf verrückt hm. Herbst (sie bei beiden Händen fassend). D Dank! Tausend Dank, mein holdes, süßes Weib! (Er zieht sie an sich.) Bertha (sinkt ihm in die Arme). Dein, Guidobald! Ganz die Deine! (Sie hab ten sich umschlungen.) Rosalie (für sich, entrüstet). Was?.. Also nicht einmal ein Mörder? (Komisch verächtlich.) k'i ckone würde mein polnischer Graf dazu sagen und sich den gesenkten Schnurbart streichen! (Erinoe- rungssklig, mit verdrehten Augen.) O Kasimir! Bogumil! Mieczislaw! (Gruppe.) (Der Vorhang fäll t.) Die Gräfin Egon Lolihausen. Salonstiiik aus der Wiener' '' ' 3 Acten (nach Madame Ancelot) Orus Emerickr 8tallion. Wien, 1874. Wallirhaufier'sche Auchhan-lung (Josef Klemm). Druck von Leopold Sommer L Comp, in Wien. »r,a ä^Iioalkssk esi 1v xarfum äs 1'ä.ms...« Oewiämet der liebenswürdigen, zartsinnigen Frau Marie Schöpfer, vrr,L in . Freundschaft und Verehrung vom Wien, im Lhristmouat 1873. Verfasser. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Personen: Die Gräfin Toni Lohhausen, Stiftsdame. Graf Egon Lohhausen, ihr Vetter. Gräfin Frieda Lohhauseu (geb. von Fabris), seine Frau. Baronin Arpadine Gregoresco. Die Handlung spielt in der Gegenwart auf Schloß Lohhausen in Oesterreich, vier Stunden weit von Wien. — Links und rechts vom Zuschauer auS bezeichnet. Arthur von Flchteneck. Rollmüller. William Klinker. Ein Diener. Eia Groom. Erster Act. Schöner alterthümlicher Salon mit einer bogenartig geöffneten Mittel- und zwei Sei- tenthüren. Ausblick in eine Gallerte oder in einen zweiten Salon. Links im Vordergründe ein Tisch mit allerlei Schreibgeräthe, daneben eine Chaise longue. Auf dem Tische steht ein zweiarmiger Kandelaber, dessen Kerzen herabgebrannt find. Rechts im Vordergründe ein hohes Spitzbogenfenster. Lin Spiegel. Blumenständer. Sommermorgen. Windsturm. Erste Scene. Die Gräfin Frieda Lohhausen (ruht eingeschlafen auf der Lhaise longue, neben ihr am Tische liegt ein offener Brief). Der Graf Egon Lohhausen. Zuletzt rin Diener. Egon (tritt zur Mittelthür herein, wirft Hut, Plaid und Reitgerte auf einen Stuhl und sagt für sich, ohne seine schlafende Frau zu bemerken:) Der abscheuliche Regensturm ! Ich bin ganz durchnäßt, und matt M Umsinken. Das war aber auch ein ermüdender Ritt von Wien bis hieher Theat Rep. N» LS6. Vier volle Stunden im Sattel. Aber mich' litt's nicht länger in Wien. Es zog mich zurück nach Hause. Und es find erst drei Tage, daß ich fort bin, (Lr seufzt und fährt sich mit der Hand über die Stirne.) Ach Gott! Ich bin zerrüttet an Herz und Seele und jeder Gedanke wird mir zum dumpfen Schmerz. Ich brauche Ruhe. Ruhe, Schlaf und Vergessen, denn diese Aufregung tödtet mich! (Lr ist der rechten Seitenthür zugeschritten und kehrt somit der schlafenden Gräfin den Rücken zu. Wie unwillkürlich mit gedämpfter Stimme.) Da drinnen schläft Frieda... das ist ihr Zimmer. Das Schlafzimmer meiner Frau .. . darinnen schläft sie jetzt vorwurfsfrei und sorglos wie ein Kind, (düster) während ich..! (Lr hält schmerzergriffen inne, wendet sich rasch um und geht auf die linke Seitenthüre zu, bleibt aber am halben Wege betroffen stehen, da er die Gräfin erblickt.) Hilf, Himmel! Frieda hier, zu dieser Stunde? Was soll das? (Er ist näher getreten und sein unruhiger Blick fällt jetzt auf den offenen Brief.) Ah! Da liegt ein Brief. Sie hat geschrieben und ist darüber eingeschlafen. iSo ist 's! (Lr verliert sich in ihren Anblick ! * — 4 —- und sagt wie abwesend.) Sie hat geschrieben und gewacht. Die ganze lange Nacht hindurch gewacht. (Besinnt sich.) Aber mein Gott! Weßhalb? Was ist's, das sie beunruhigt? Frieda (im Schlafe). Egon ... Egon (athemlos). Mein Name! (Er lauscht gespannt.) Frieda (wie oben). Und Du, Ar- padine ... meine liebe ... gute Arpa- dine, ich ... Egon. Arpadine Gregoresco, ihre beste Freundin! (Er nimmt das beschriebene Blatt vom Tische.) Ihr also hat sie geschrieben, ehe sie der Schlaf übermannte! (Er blickt fragend auf.) Wenn ich den Brief läse? ... Nein, nein. Ihr kleines Geheimniß sei mir heilig. Und doch; ist sie nicht meine Frau? Und sind nicht alle ihre Gedanken und Herzensregungen mein eigen? Ich habe ein Recht... (Besinnt sich und sagt dann bitter.) Nein, Egon, Du hast kein Recht. (Auslodernd.) Aber dessen ungeachtet will ich wissen, ob sie mich nicht haßt, und ob sie mich hätte lieben können, wenn ... (Entschlossen.) Ich lese den Brief. (Beginnt zu lesen.) »Theure Arpadine! Ich .. .* (Er läßt wie eingeschüchtert die Hand mit dem Blatte sinken.) Nein. Mir sinkt der Muth! (Sich ausraffend.) Eourage! Weiter! (Er liest.) »Ich habe Dir seit meiner Verheiratung nur flüchtig schreiben können, weiß ich doch kaum selber wie mir zu Muthe ist. Du weißt, liebe Arpadine, daß ich von meiner ersten Kindheit an unglücklich war. daß mein Vater, der vor meiner Geburt auf Reisen war, bloß nach Oesterreich zurückkehrte, um daselbst seinen Tod zu finden, daß meine Mutter bald darauf gestorben ist und mich auf ihrem Todtenbette der Oberin des Laere-eosur übergab, worin wir Beide erzogen wurden. Das Alles weißt Du, ebenso daß ich schon fest entschlossen war, den Schleier zu nehmen, als mich plötzlich eine Nichte der Oberin, die Stiftsdame Gräfin Lohhausen, für ihren Cousin, den Grafen Egon Lohhausen — zur Frau begehrte. Ich hatte Egon bereits gesehen und Dir, die Du ihn seit Deiner Verheiratung gleichfalls in den Wiener Salons bewundern lerntest, Dir brauche ich nicht erst zu sagen, wie ich es als eine unverdiente Gnade Gottes ansah, daß seine Wahl gerade auf mich fiel«. — (Er hält einen Augenblick gerührt inne.) Süßes Herz! (Weiterlesend.) »Sein Blick, seine Worte und tausend Zärtlichkeiten sprachen mir von seiner Liebe, und da es sein Wunsch gewesen war, mit seinem jungen Eheglücke in den Waldfrieden seines Schlosses zu flüchten, fuhren wir gleich nach der Trauung hierher, auf Schloß Lohhausen. Aber kaum angelangt, war Alles anders geworden. Egon wurde mit einem Male unruhig, schwermüthig und gleichgiltig, ja von da ab meidet er mich förmlich. Ich muß ihn in meiner Unwissenheit gekränkt ha. ben, und zerbreche mir schon den Kopf darüber und kann's nicht finden. Ach, daß Du jetzt bei mir wärest, liebe Arpadine, Du würdest mir sagen, was ich zu machen habe, um das Herz meines geliebten Mannes wieder zu gewinnen, das ich verloren zu haben zittere. Rathe und hilf' Deiner Freundin Frieda Lohhausen--Fabris.« — (Er bringt das Blatt in stummer Rührung an seine Lippen, gibt es dann aus den Tisch zurück und sinkt seiner Frau zu Füßen, ausbrechend.) Sie liebt mich. O, diese beseligende Gewißheit birgt eine Hölle für mich! Arme, arme Frieda!! Frieda (erwacht, aufhorchend). Das ist seine Stimme, die mich ruft! (Erblickt ihren Mann und jubelt auf). Ja, ja, er ist's. Egon! Er ist bei mir, er hat mich gerufen! Egon (ihr zu Füßen). Frieda! Frieda (setzt sich aus). Du bist's, Geliebter! Du bist's! Ich sehe Dich vor mir wie früher im Traume. Ganz st- 5 (In seine Betrachtung verloren.) Ja, das find dieselben Züge, das ist dasselbe Lächeln, derselbe süße Mund, das sind dieselben Augen, deren zärtlicher Blick mir das Herz aufblühen macht vor Glück und Seligkeit! (Sie faltet wie unwillkürlich die Hände und sagt dankerfüllt.) O, Gott ist gut! Egon (ist ausgestanden und setzt sich zu ihr aus die Chaiselongue). Also wirklich, Du hast von mir geträumt?.. Frieda. Mir träumte von jenem Tage, wo man mich mit Myrthen, Perlen und all' dem kostbaren Geschmeide schmückte, dessen flimmernder Glanz mich geblendet haben würde, (mit einem bezaubernden Lächeln) wenn ich für irgend etwas Augen gehabt hätte, als für den Spender all' dieser Herrlichkeiten — (Sie reicht ihm liebevoll beide Hände.) Für Dich, mein Egon! Egon (hingerissen). Frieda! Meine Frieda! Frieda (ausbrechend). Oh Egon, Geliebter! Du theilst Rang und Vermögen mit mir. Ich bin vereint mit Dir auf ewig, und Du entziehst mir doch die kostbarsten Güter Deines Herzens — Dein Vertrauen und Deine Liebe. O, laß' mich diesen Augenblick benützen und Dich fragen, was Du hast? Warum Du ein Anderer geworden bist? Theile mir den Schmerz mit, der m Deinem Herzen lebt, und der das lauteste Echo finden soll in meiner Brust! Egon (ist leise zusammengefahren, ergreift die Hand seiner Frau, führt sie an die Lippen und stößt sie dann wieder zurück. ^ ist aufgestanden und sagt vor sich hin). Bezwinge Dich! Sie darf Dein Ge- heimniß nicht erfahren! Frieda (ist gleichfalls ausgestanden), "gon, sage mir, was Dir ist? Laß' mich's misten. Ich bitte Dich. Ich frage ja nicht aus Mißtrauen oder aus Neu- Mde. Ich frage, weil ich Dich liebe. (Sie tritt näher und schaut ihn angstvoll an.) Ist etwas da, was wir zu fürchten haben? Sprich, Egon. Ich bin ja Dein Weib und die Angst ergreift mich. (Leise.) Ich ... ich fürchte mich. Egon (versucht zu lächeln). Sei nicht thöricht, Kind, und beruhige Dich. Deine erhitzte Einbildungskraft sieht Dinge, die nicht sind. (Sich zur Kälte zwingend.) Das monotone Leben, die Stille hier am Schlosse bringen Dich auf allerlei Hirngespinste. Dir thut Zerstreuung noth, mein Kind. Du hast ja Freundinnen in Wien. Schreibe ihnen. Bitte sie her zu Dir. Uebrigens die Baronin Gregoresco... Frieda (die bei den letzten erkältenden Worten ihres Mannes wie verschüchtert zurückwich, tritt nun rasch vor). Arpadine Gregoresco?.. Egon: Besucht uns ohnedieß heute noch. Frieda (erfreut). Zst's möglich? Egon. Ich habe sie gestern in Wien, im Stadtpark gesprochen. Es treffen heute auch noch andere Gäste ein. Frieda (traurig wie vorwurssschüchtern). Du hast — Gäste geladen, Egon?.. Egon (lächelt verlegen). Der Cousine Toni wegen. Die Aermste langweilt sich ja schon zu Tode hier bei uns. Frieda: Inden sechs Tagen ihres Hierseins? Freilich die Cousine liebt Niemanden. Ihr Herz ist frei. (Zaghaft.) Aber ich... ich zog die Stille, dieAbgeschiedenheit hier am Schlöffe allen Gästen der Welt vor. Mir schien mein Glück wie gehütet hier unter uns, fern von den Menschen. (Sie blickt ihn ängstlich an.) Egon (lächelt). Du bist ein Kind. Ein liebes, herziges, furchtsames Kind, das ich glücklich wissen möchte und mit ganz neuen Vergnügungen zerstreuen will. (Mit einer Wendung.) Weißt Du, liebe Frieda, daß ich Dir gestern in Wien charmante Toiletten besorgt habe? Sie müssen schon da sein. 6 Frieda Toiletten — mir? Die ich gar nicht mehr an Putz und Mode dachte! Aber ich will mich trotzdem sehr angelegentlich damit beschäftigen. (Innig) Die Toiletten find ja ein Geschenk von Dir, mein Egon. Und Du sollst sehen, ich werde ganz hübsch darinnen aus- sehen! (Tritt an den Spiegel.) Heute aber muß ich recht häßlich sein. Man wird mir die durchwachte Nacht anmerken. Egon. Was ist Dir aber auch eingefallen? Frieda. Nur Du bist Schuld daran, Bösewicht! denn Du gingst neulich fort, ohne Abschied zu nehmen. Ich wußte daher weder, wo Du hingegangen seiest, noch wann ich Dich Wiedersehen werde. Erst gestern Abend erfuhr ich durch Deinen Kammerdiener, den alten Bur- chard, daß er Dich heute Nacht erwarte. Da bin ich denn hier im Salon geblieben, den Du ja für alle Fälle passiren mußtest, um in Deine Appartements zu gelangen, damit ich die Erste sei, die Dir die gute Nacht gebe. Aber Du kamst lange nicht. Vom Thurme der Dorfkirche nebenan schlug eine Stunde nach der andern, ich zählte jeden Schlag mit bangem Herzen und wußte nicht mehr was beginnen. Ich habe gelesen. An Arpadine geschrieben. Bin an's Fenster getreten und Hab' hinausgeschaut in die Bergnacht, bis der Mond aufging und der Regensturm kam. Dann habe ich geweint, bitterlich geweint, und zu guter Letzt bin ich eingeschlafen. (Frohsinnig.) Und das war das Klügste gewesen von Allem, denn im Traume — bin ich Dir begegnet. Egon (entzückt). Frieda! Du gutes, herziges Kind! (Er macht einen Schritt auf sie zu.) Frieda (wirst sich ihm an die Brust). Egon! Mein Egon! Geliebter! Egon (stößt sie Plötzlich leicht von sich und bezwingt sich). Schelten soll ich Dich, bitter schelten, daß Du Deine Gesundheit so zwecklos auf's Spiel setzest. Sei vernünftig, Frieda. Schone Dich und ruhe Dich aus. Du bist blaß, ermüdet, abgespannt... Geh' auf Dein Zimmer, Kind! Frieda ( ie wieder betroffen und wie eingeschüchtert zurückgewichen ist). Du schickst mich fort, Egon? Egon. Ich fordere es — Deinetwegen, die Du ja so sehr der Ruhe benöthigst. Namentlich jetzt, wo wir stündlich Besuch erwarten. Frieda. Du befiehlst es? Egon. Ich bitte Dich darum. Frieda. Nun denn, es sei! (Gefühlsinnig.) Ich will Dir ja gerne Alles zu Gefallen thun, Du theuerer, geliebter Mann! (Sie geht der rechten Seitenthüre zu, bleibt aber, an deren Schwelle angelangt, stehen.) Egon (aushorchend). Mir ist, als sei schon ein Wagen angefahren! (Tritt an s Fenster.) Frieda (für sich). Er zürnt mir noch immer ein wenig. Aber das soll bald vorüber sein. (Naiv.) Was ich nur gethan haben mag? (Laut.) Auf Wiedersehen! Auf baldiges Wiedersehen, mein Egon! Ich will mich ein klein wenig ausruhen und mich dann nach besten Kräften schön machen! (Nähertretend.) Ach, Egon! Mir ist manchmal, als müßte ich niederknien und den lieben Gott recht herzlich bitten, er möge mich durch ein Wunder recht schön, recht gut und recht hold werden lassen — für Dich. Geliebter! (Sie hat ihn, ehe er sich's versah, rasch geküßt, und eilt ab in die rechte Seitenthür.) Egon (blickt ihr leuchtend nach). Wie schön und lieb sie ist! (Seufzend.) Ein Engel! ... Arthur von Fichteneck's Stimme (hinter der Scene). Gut. Melden Sie mich. Egon (horcht auf, wie wachgeschreckt). Diese Stimme klingt mir bekannt! 7 Ein Diener (tritt zur Mittelthüre ein). Diener (meldet). Herr von Fichteneck (und löscht gleichzeitig die Lichter aus). Egon. Fichteneck? Der Name ist mir fremd. (Zum Diener.) Laß' den Herrn eintreten. Diener (geht zur Mitte ab mit dem Elindelaber). Zweite Scene. Egon. Arthur von Fichteneck. Arthur (in der Mittelthür). Ich bin's, Egon— ich! Egon (überrascht). Wie! Seh' ich recht? Das ist ja der Gur — Arthur (fällt ihm, den Namen ergänzend in's Wort), ke. Ganz recht. Arthur Gurke. (Ernsthaft.) Aber ich bitte Dich, lieber Freund, um all' deiner Lieblingsgemüse willen lasse diesen unmöglichen Namen nicht mehr über deine gräflichen Lippen kommen! Egon (blickt ihn fragend an). Ja, wie so denn? Weßhalb? Arthur (tritt einen Schritt zurück, und wirft sich in die Brust). Sieh' mich an. Genau an. Vom Kopfe bis zum Fuße, und sage mir dann, ob man mit so einer Tournure den fürchterlichen, fieberschwangeren Gemüsenamen Gurke länger tragen kann und darf. Was? *) Egon (lacht unwillkürlich). Aber Dein Vater hieß doch ... ? Arthur (einsallend). Mein Vater hieß Gurke. Allerdings. Das war auch der einzige Fehler, den sich dieser sonst so rechtschaffene Manu zu Schulden kommen ließ, denn davon abgerechnet war er der beste aller Väter und hat mir als Erbtheil — eine Million hinterlassen. Was? (Mit einem schweren Seufzer.) Freilich eine Million, die er sich durch den Verkauf von — Baumwollmützen erworben hat. Baumwollmützen! Das Wort erstirbt mir jedesmal auf der Zunge. (Lacht krampfhaft aus.) 's ist, bei Gott! merkwürdig, daß sich Leute finden, die derlei Mützen tragen. Was? Mir unbegreiflich! Aber genug an dem, eben dadurch bin ich reich und elegant geworden, bin gesucht und in der Mode, und heiße — Arthur von Fichteneck! Egon. I der tausend! Arthur. Ja. Und ich komme Dich heimsuchen, alter Schulcollege, weil ich es Dir nie vergessen habe, daß Du mir immer gut warst, trotzdem Dein Vater ein reicher, erlauchter Gras, der meinige hingegen bloß ein armer Mützenfabrikant gewesen war. (Er schüttelt ihm die Hand.) Was? — Egon. Die Freundschaft ist ja, Gott sei Dank, weder au Namen noch an Wappenbücher gebunden. Arthur. Aber von nun an — wohlgemerkt! — existirt der Name Gurke nicht mehr. Dieser Name ist ausgelöscht aus allen Taufbüchern der Erde und aus allen Speisekarten meines Lebens. Den hat mein Vater mit in's Grab genommen, und alle Baumwollmützen dazu. Was? Ich heiße Arthur von Fichteneck, so zubenannt nach meinem schönen Bergschlosse Fichteneck in der Steiermark, besitze 50.000 fl. Renten, ein prächtiges Schloß, bloß fünf Stunden entfernt von Graz, ein reizendes Absteigequartier am Kärntnerring, Toiletten, die, wie Du siehst, der Mode mindestens um ein ganzes Jahr vorauseilen, eine Loge im neuen Opernhause, Vollblutpferde, einige Amou- retten in der Lauts ünaues und wenn Du nichts dagegen hast (reicht ihm die Hand), einen Freund in der hohen Gesellschaft! Was? *) Das »WaS* (Arthurs Gewohnhritswort) ist stets kurz und scharf au-zusprechen. 8 Egon (mit einem kräftigen Händedruck). Letzterer bleibt Dir unverloren, lieber — Arthur (fällt ihm mit komischer Hast in's Wort). Fichteneck. Ich bitte Dich um Alles in der Welt, nenne mich gleich Fichten eck. Dadurch wird Dir mein neuer Name mundgerechter. Probire also. (Nachhelfend). Lieber... Egon (lächelnd). Mein lieber Fichteneck! Arthur (komisch entzückt). Vortrefflich! Magnifique! Der Name klingt ordentlich ahnenreich in Deinem Munde. Man wittert Kreuzzüge und ahnt den Kammerherrnschlüssel! Was? Ich bin entzückt! Du hast ihn auch ganz glaubwürdig ausgesprochen. Ich danke Dir tausendmal! Egon. Deine drollige Laune, Arthur, wird mich wieder auf heitern wie in früheren Tagen. Das fühle ich. Arthur. Du bist also noch immer melancholisch? Auch als junger Ehemann? Denn Du bist ja verheiratet. Was? Egon. Seit einem Monat. Arthur. Ein Flitterwöchner obendrein! (Blickt ihn einen Augenblick an.) Schau, schau! Nun, da lobe ich mir mein Gar^onleben! Ich bin frank und frei und nichts bindet mich. Das ist — bequemer. Was? Egon (Menkend). Aber sage mir nur, wie hast Du mich denn hier ausfindig gemacht? Arthur. Ja, hast Du mich denn vorgestern nicht erkannt beim Wettrennen in der Freudenau?.. Egon. Du warst beim Rennen? Ich habe dich nicht gesehen. Arthur. Das glaube ich Dir. Aber hören hättest Du mich können — hören! Egon. Mir war wohl einen Moment, als ob Plötzlich mein Name wie aus einem Graben herauf an mein Ohr schlüge. Aber... Arthur (rasch). Das bin ich gewesen! Egon (ungläubig.) Du?... Arthur. Ja. Ich war's. Ich war die Grabenstimme. Ich rief Dich beim i Namen. Aber das muß ich Dir erzählen. Was? (Er setzt sich rittlings auf eine« Stuhl.) Egon. Erlaube mir Dir vorher eine Papyros zu offeriren. (Er thut es.) Arthur (nimmt eine Eigarrette). Norei. Du mußt nämlich wissen, lieber Freund, daß ich mir von dem Augenblicke an, wo ich die Million meines Vaters in Empfang genommen hatte, die Aufgabe stellte, mich königlich zu unterhalten. (Er raucht.) Ein löblicher Vorsatz, den ich damit beginnen wollte, die vornehme Welt, die hohe Aristokratie kennen zu lernen, respective mich darinnen einzuschmuggeln. Was? Ich habe mir deß- halb für's Erste den Namen meines steierischen Bergschlofles Fichteneck gegeben. Ich dachte zwar einen Augenblick daran, mir den Freiherrntitel anzueignen. .. Egon (erstaunt). So auf's Gerathe- wohl? Ohne alle Befugniß? Aber das geht ja nicht! (Er hat sich gleichfalls gesetzt.) Arthur (bläst den Rauch von sich). Doch! Das geht ganz gut, sage ich Dir. Wer ist denn heutzutage nicht ein klein wenig Baron? Was? Geld ist die Magnetnadel, die immer wieder ihren Pol findet! (Wirst sich in die Brust.) Und wenn man reich ist, so muß man sich eben einige »sociale Leckerbissen« gönnen. Was? — Nun denn, ich besitze ein englisches Pferd, den Luzifer — /in capitales Thier, der mich regelmäßig wöchentlich einmal abwirft. Aber beruhige Dich, ich gewöhne mich schon allmälig daran. — Besagten Luzifer habe ich nun gestern in der Freudenau geritten und Dich geraoe im selben Momente erkannt, als er mit mir in den Graben fiel, den er eigentlich 9 hätte übersetzen sollen. Aber was willst Du, lieber Freund? Luzifer hat so zeitweise seine Grillen, seinen Pferdespleen möchte ich fast sagen. Das Thier ist eben nicht umsonst echt englische Voll- blutrace. Was? — Ich lag also im Graben. Aber zum größten Glücke war der Boden lehmigweich, sonst hätten wir uns Beide darinnen unfehlbar das Gmick gebrochen — nämlich ich und der Luzifer. Ein feuriges, magnifiques Pferd, sage ich Dir, über besten Verlust ich mich in diesem Falle nie getröstet hätte. — Ich bin auch noch ganz matt im Rücken und wie gerädert. Aber was willst Du, lieber Freund, wenn man reich ist, so muß man sich nolons volens — Egon (fällt ihm mit Beziehung ins Wort). Einige »sociale Leckerbissen« gönnen. Ich verstehe! (Er lächelt.) Arthur. Also was ich sagen wollte? — Ja. Ich trachtete mithin ü tont prix die sogenannte exclusive Gesellschaft kennen zu lernen, das heißt in ihre Salons eingesührt zu werden. Aber Du lieber Himmel! Wie sollte ich das bewerkstelligen? Ohne Namen, ohne Geburt. ohne Protection! Ich — ein sociales Nichts, mit einem Damoklesschwert aus Baumwolle ober meinem Haupte? — Was that ich also?.. Ich machte einige Narrenstreiche und ein Paar Dummheiten obendrein, ließ, bildlich gesprochen, das Gold in meinen Taschen klirren, und siehe da! Sesam that sich auf! Ich ward acceptirt und m den hohen Eirkeln mit Freuden ausgenommen. Namentlich von den Ma- wans. Was? Egon (für sich mit Bitterkeit). Ja, M Daran erkenne ich unsere heutige Gesellschaft, die gerne ihr Wappen und aicht selten das Glück ihrer Kinder blindlings einer Million als Fußschemel unterbreitet. (Laut.) Und der Willkommgruß dieser Menge erfreut Dich? Diese Gesellschaft genügt Dir?.. Arthur (leicht). Sie unterhält mich. Und ich will unterhalten sein. Voilü! — Du indessen hast Dir ein anderes Glück erwählt, Egon, ein stilleres. Du lebst hier verborgen mit Deiner schönen jungen Frau, wie das Geheim- niß eines Glückes, und Euere gegenseitige Liebe läßt Euch auf alles Ändere vergessen. Geh', erzähle mir davon. Was? Egon (verlegen.)Du kennst.. (Er stockt.) Arthur (einsallend). Ich kenne vor Allem Dein Herz, Egon, das wie kein zweites geschaffen ist, Gegenliebe einzuflößen, aber auch festzuhalten. Egon (beklommen). Du scherzest. Arthur. Nein. Spaß ü. pari. Mir haben von jeher Deine strengen Grundsätze Achtung abgezwungen. Ich verehre Dich. Du kannst mir daher getrost Dein Inneres enthüllen, Egon. Egon (verlegen und traurig). Ich danke Dir, mein Freund, aber ich habe Dir nichts mitzutheilen — nichts zum Mindesten, was Du nicht schon weißt. Und dann... Aber man kömmt, wie mir scheint. . ? (Er geht nach dem Hintergründe.) Arthur (für sich). Es liegt ein Schatten aus seinem Glück. So viel steht fest. Aber ich will jetzt nicht weiter in ihn dringen. (Laut zu Egon.) ^ prope8, Egon, ich muß Dir noch einen Grund sagen, der mich hieher auf's Schloß gebracht hat. (Ist ausgestanden.) Egon. Nun? Arthur. Deine Cousine, die Stiftsgräfin Toni Lohhausen, hat mich hieher geladen. Egon .(überrascht). Du kennst meine Cousine? Arthur. O, ganz gut. Schon über ein Jahr. Diese Auszeichnung verdanke ich auch bloß meinem neuen Familiennamen und meinem Rufe als Mann von Welt und Löwe des Tages. 10 Egon (lacht). Ja die gute Ton- chette hat jeden Augenblick eine andere Schwärmerei. Bald überkömmt sie ein religiöser Anfall, dann trägt sie einen Rosenkranz als Bracelet, liest nur in der Bibel und belästigt Gott und alle Heiligen Tag und Nacht, bald versetzen sie archäologische Forschungen in Extase, und bald find es wieder unsere degagirten Komtessen, für die sie sich enthufiasmirt, weil sie in den »feinen« Lustspielen, die die hohe Aristokratie in ihren exclusiven Salons ausführt — den Cancan tanzen, zu wohlthätigen Zwecken. Wie gesagt, Cousine Toni schwärmt für jede Merkwürdigkeit, aber ihr vortreffliches Herz entschuldigt alle ihre — Arthur (fällt ihm in's Wort). Extravaganten. Ganz recht. Gräfin Toni ist eine hochherzige Dame, der ich zum größten Dank verpflichtet bin, denn sie hat mich in so manchen hocharistokratischen Salon eingeführt. Sie kennt alle Welt. Sie hat Alles gesehen, von den egypti- schen Pyramiden angefangen bis herab zu den Katakomben der Stefanskirche. Sie würde mit Wonne hundert Meilen zurücklegen, um die Nasenspitze oder das Ohrläppchen irgend einer berühmten Persönlichkeit zu erblicken, oder die regenfeuchten Steine eines historischen Schutthaufens zu durchforschen. In ihre Appartements am Kohlmarkt kann man nicht eindringen, dermaßen überfüllt find sie mit Vögel, ausgestopften Affen, chinesischen Pagoden und mit was weiß ich was Allem . .. Egon. Aber dessenungeachtet hat sie den besten Ruf der Welt, trotz ihrer Schönheit und Jugend — denn sie ist erst 27 Jahre alt — und das ist auch etwas, denke ich. Arthur (lachend). Bah! Das rechne ich ihr nicht so hoch an, oller am!. Die Liebe fände ja ebensowenig Platz unter dem Schutte ihrer bizarren Gedanken, als ein Mann Platz fände mitten unter ihren ausgestopften Affen. Was? (Er blickt links in dieScene.) Doch still! Da ist sie selbst! Dritte Scene. Die Stiftsdame Gräfin Toni Lohhausen. Arthur von Fichteneck. Graf Egon Lohhausen. Die Stiftsdame (eine allerliebste zerstreute, exaltirte Plaudertasche voll gesellschaftlicher Grazie, tritt aus der linken Sei- tenthüre. Sie hält in den Händen zwei ausgestopfte Vögel aus einem Zweige, ein Bündel fremdländischer Blumen, eine kleine Zeichenmappe und ein Miniaturdampsschiff, und legt sämmtliche Gegenstände während ihrer folgenden Reden allmälig auf den Tisch). 8cm jour, Herr von Fichteneck, lloujour. Ich bin soeben nach Hause gekommen, habe uur schnell ein bischen Toilette gemacht und erfahren, daß Sie da find. Seien Sie herzlich willkommen, dop» pelt willkommen, als erster Sommergast dieses Schlosses und als liebenswürdiger Verscheucher der Langenweile. (Komisch- wichtig.)Denn denken Sie nur, hier indem alten Ahnenschlosse, das für Geisterspuk wie geschaffen erscheint, läßt sich selbst um Mitternacht kein anständiges Gespenst ausfindig machen! Und ich schwärme für Gespenster und lasse mich für mein Leben gerne gruseln! Arthur (frappirt). Sie waren heute bereits aus gewesen, Frau Gräfin? Die Stiftsdame. Schon seit 4Uhr Morgens. — Unser Nachbar, der alle General Graf Linsky, hat mir diese znm Kolibris gegeben und damit meine schönt Vogelsammlung nahezu completirt. Reizende Thiere, nicht wahr? Ich bin ganz ouollanlirt und schwärme für Kolibri» .. . (Sir bemerkt jetzt erst ihren Cousin ) Ah, Du bist schon zurück, Egon? . - - Egon. Ich bin vor einer Stunoe angekommen. II Die Stiftsdame (zerstreut, ohne ihn auch nur weiter anzusehen und anzuhören). Das ist schön von Dir! . . . Heute bringe ich übrigens ganz besondere Raritäten mit. Erstens diese chinesischen Blumen, die ich eigenhändig in den Glashäusern des alten Generals gepflückt habe — natürlich mit behandschuhten Händen, denn die Blumen find giftig, reizend giftig, sage ich Ihnen, st js rakolls äu poison!... Dann dieß Miniaturmuster eines Dampfschiffes, um die Luft zu durchsegeln. Eine ganz neue Erfindung, womit man spielend 40 Meilen Luft in einer Stunde zurücklegen kann. Was sagen Sie dazu? Da wird man doch endlich reisen können! (Sprunghaft.) Aber weißt Du, Egon, daß Du seit den sechs Tagen meines Hierseins drei volle Tage auswärts zugebracht Haft? Egon (lächelt). Und Du, liebe Toni? DieStiftsdame (aufgeschreckt). Ich? Ron äisu! Ich brachte bloß zwei Tage bei der Baronin Valero zu, die eigentlich eine schreckliche Person ist und alle Kavallerie-Regimenter durchcokettirt wie eine Virtuofin auf Gastrollen, mir aber dessenungeachtet ein Autograph von Garibaldi gab und mir ein zweites von Döak versprach . . . Dann habe ich die Schloßruineu von Hohenburg besichtigt — reizendes Gemäuer, sage ich Euch. Die Fledermäuse flogen mir wie toll um den Kopf herum und es wimmelte nur von Eidechsen und kleinen Schlangen. Wirklich supsrbs! Ich war entzückt, und stieß einen Entsetzensschrei um den andern aus! Don da habe ich mir auch einen gothischen Säu- lenrest und ein Büschel Moos mitgenommen. Dann war ich noch zwei Tage abwesend, um ein Thal in Augenschein zn nehmen, dessen Wiesen nebel mir besonders angerühmt wurde. Und ich fand mich auch nicht enttäuscht, und habe ihn — den Wiesennebel nämlich — alsogleich in meine Aquarellmappe ixirt, denn ich schwärme für Wiesen und dergleichen! Lll disn?. .. Arthur. Eben dieser Ihrer Berechnung nach, waren Frau Gräfin in sechs Tagen . . . Was? Die Stiftsdame (fällt ihm erstaunt in'S Wort). Bloß fünf Tage abwesend. (Besinnt sich.) Nein, richtig, fünfeinhalb Tage. Egon (vorwurfsvoll). Und Frieda ist die ganze Zeit über allein geblieben! Die Stiftsdame. Ich that mein Möglichstes, aber sie ließ sich nicht bewegen mit mir zu kommen. Es ist überhaupt mit der kleinen jungen Frau nichts anzufangen. Nichts unterhält, nichts zerstreut sie. Sie ist immer traurig. Und oft will es mir fast scheinen, als drücke sie ein geheimer Kummer.. Arthur (bei Seite). Ah! Egon (beklommen lächelnd). Das bildest Du Dir bloß ein, liebe Toni! (Tast zugleich.) Die Stiftsdame (kopfschüttelnd). Nein, nein. Ich habe schon heute Morgen darüber nach gedacht und bin eigentlich nur deßhalb früher zurückgekommen; denn axrög tont habe doch nur ich diese Heirat gestiftet. Das Ehestiften ist zwar eine Passion von mir, aber ich setze dabei immer stillschweigend voraus, daß jede von mir arrangirte Partie glücklich ausfallen müsse. (Nervös.) Und deßhalb will und muß ich wissen, was Frieda hat. Mir läßt es keine Ruhe mehr. Ich will sie augenblicklich darum befragen. Hier befragen ... Egon. Aber liebe Toni. ..! Die Stiftsdame. Nichts da! Sie hatte ganz verweinte Augen am Tage meiner Ankunft. Das fällt mir jetzt gerade ein. Rothgeweinte Augen. Egon (beklommen). Du träumst, Tonchette. Frieda ist gemüthsstill und ruhig. Sie hat nicht Deine Lebhaftigkeit, Dein südliches Temperament, und das 12 verwechselst Du mit heimlicher Trauer und Schwermuth. Die Stiftsdame. Ta, ta,ta! Davon werde ich mich jetzt überzeugen. (Sie geht an Frieda's Zimnierthüreund ruft leise.) Frieda! Arthur (komisch - treuherzig). W i e, Gräfin, Sie wollen Ihre Cousine wirklich befragen? Aber bedenken Sie nur, daß eine junge Frau in den Flitterwochen und eine Stiftsdame, das heißt doch sozusagen mehr oder minder eine — ein Mädchen — Was? — Doch unmöglich Thema's berühren können, die... Die Stiftsdame (blickt ihn groß an und sagt gedehnt). Was? Arthur (völlig verdutzt herausstotternd). Nichts ... gar ... gar nichts! .Die Stiftsdame (zuckt leicht mit den Achseln). Also?! Arthur (bei Seite). Herrgott von Mannheim! So ein verschleierter Stiftsdamenblick hat etwas eigenthümlich Mundversiegelndes! Was? Egon. Auch ich bitte Dich, liebe Toni, davon abzustehen. Lasse vielmehr Frieda ihre Toilette beendigen und komme mit uns zum Dejeuner. Die Stiftsdame. Lieber Egon! Ich denke Frieda Lohhausen ist meine jüngere Cousine und ich bin überdießOka- noinesso! Ich habe daher ein Recht mit ihr zu sprechen und wenn Du mich daran hindern wolltest, müßte ich unwillkürlich denken, daß dem ein Geheim- niß zu Grunde liegt, ein Geheimniß, welches Du vor mir verbergen willst. (Sie blickt ihn forschend an.) Egon (mit erkünsteltem Gleichmuthe, nachdem er vorerst eine ungeduldige Bewegung unterdrückt hat). Nun denn, so spreche und befrage Frieda nach Herzenslust, liebe Toni. Die Stiftsdame. ^ 1a bonllsur! Dieß blinde Zutrauen Deinerseits überzeugt mich. Uebrigens will ich ja Deiner kleinen Frau bloß eine Frage stellen, deren Beantwortung mich hoffentlich vollends beruhigen wird. Aber nun lasset Euch nicht stören, meine Her- ren, und geht zum Frühstück. Ich habe zwar heute schon zweimal döjeunirt, das soll mich aber durchaus nicht abhalten ein drittes Frühstück einzunehmen. Ich habe immer einen schrecklichen Hunger, wenn ich Raritäten gesammelt habe. Also ^ckieu, 6t ü tout a l'bsurtz! Ich und Frieda werden gleich Nachkommen. . . Arthur. Gehen wir, Egon. Gehen wir. Was? (Er verbeugt sich und zieht den Grafen mit sich fort, der Miene macht zu bleiben. An der Mittelthüre angelangt rust sie die Gräfin zurück.) Die Stiftsdame (ruft ihnen nach). ^ propos. lieber Egon, bald hätte ich vergessen Dir mitzutheilen, daß Mister William Clinker noch diesen Morgen hier eintrifft. Er hat mich ersucht, mir Jemanden vorstellen zu dürfen, der mich in einer wichtigen Angelegenheit zu sprechen wünscht, und Du weißt ja, daß ich nie nein sagen kann, am allerwenigsten wenn meine Neugierdeaufge- stachelt ist. (Rasch hinzusügend.) Obwohl ich gar nicht neugierig bin. Gar nicht! Arthur. William, Reginald Clinker, der amerikanische Millionär, der unsere Wiener Sitten studirt und fast täglich unseren blaublütigsten Cavalieren im 6lranä ttötvl Festdiners gibt? O, ich denke, der ist überall willkommen. (Zu Egon.) Was? Egon. Gewiß. Die Stiftsdame. Ich habe auch darauf gerechnet. Also auf Wiedersehen, meine Herren, beim Döjeuner! (Egon und Arthur ab.) Vierte Scene. Die Stiftsdame. Frieda. Die Stiftsdame (tritt an die rechte Seitenthüre und ruft hinein) Frieda! 13 Frieda (tritt heraus). Ah! Dubist's, Tonchette? Die Stiftsdame. Ja. Ich bin es, Herzerl. Wir sind allein, und ich habe mit Dir zu sprechen. Dich um etwas zu befragen. Aber Du mußt mir ehrlich und offen antworten. (Nimmt sie unter den Arm und geht mit ihr über die Bühne aufs Sopha zu.) Ich meine es ja so gut mit Dir. (Beide haben sich gesetzt.) Also sage mir, liebes Kind, was zwischen Dir und Deinem Manne vorgefallen ist. Was Ihr habt? . . . Frieda. Vorgefallen? Nichts. Ich weiß von nichts. Die Stiftsdame (zutraulich). Ver- steh' mich wohl, oti^ris. Dein Mann war drei Tage fort gewesen, ohne Dir zu sagen, wann er rückkehren werde. Ja, er hat sich von Dir schon mehrere Male auf diese Art weggeschlichen — passe/,-moi le mol, aber ich finde keine Passendere Bezeichnung dafür. — Und Ihr seid erst Einen Monat verheiratet. lueoneevadlo! Um so unbegreiflicher, als Egon meines Wissens auswärts keinerlei Beschäftigung, keine Berufspflichten zu erfüllen hat. Was thut er also? Wo geht er hin, frage ich. Wohin? Frieda (ängstlich verwirrt). Das weiß ich freilich nicht. Auch würde ich nie den Muth finden, ihn darum zu befragen. Die Stiftsdame (im Richtertont). Ferner habe ich durch Josephine erfahren ... Frieda (unterbricht sie mit der Frage). Durch meine Kammerfrau? Die Stiftsdame (leicht hingeworfen). 3a. Die gute Person ist Dir, nebenbei össagt, schon ungeheuer attachirt und ich diu sehr froh, sie Dir überlassen zu haben. ^ Also, ich habe durch Josephine ferner "fahren, daß Egon fast nie bei Dir ist. (v'kirt sie.) Frieda (den Blick zu Boden). Ich habe "uch darüber bei Niemanden beklagt. Die Stiftsdame. Gut, gut. Das ist Alles recht schön, aber sage mir nur, was in aller Welt mackst Du denn immer und ewig allein. Hein? Frieda (innig). Ich denke immer und immer an Egon. Die Stiftsdame (gedehnt). So. Aber ich meine, das muß L 1a lonxus denn doch einigermaßen ermüden. Ueber- dieß habe ich Dich neulich weinen gesehen — Läugnen gilt nicht! — und Josephine sagte mir, daß sie Dich häufig in Thränen gebadet findet. Nun? Frieda. Wenn ich geweint habe, so geschah es ohne Grund, ohne alle Ursache — so waren es einfach — Launen. Die Stiftsdame (sich hoch ausrichtend). Launen, sagst Du? Kränkungen ohne Ursache? Und das sagst Du mir. Mir?! Nein, höre, liebe Frieda, derlei Phrasen sind vielleicht anwendbar arglosen, verliebten Männern, aber niemals einer Frau gegenüber. Nicht der bornirtesten. (Mit dialektischer Schärfe.) Wir Frauen haben niemals grundlose Launen, niemals einen unmotivirten Kummer. Merke Dir das! Denn selbst unsere scheinbar inkonsequentesten Handlungen entspringen jedesmal der Konsequenz, womit wir unsere Geheimnisse maskiren. Unser gänzlicher Mangel an Logik ist gerade unsere gefährlichste Logik, damit verwirren wir die größten Gelehrten, wie ungeübte Fechter nicht selten die ersten Fechtkünstler confondiren und besiegen. — Man belächelt beispielsweise meine Extravaganzen, mein lebhaftes Interesse an der ersten besten Nichtigkeit und sagt wohl: »Die Toni Lohhausen ist eine Närrin!* — Aber slltrs uou8 8oit äit, eliörie, mir ist es weit lieber, daß sich die bösen Zungen mit meinen Grillen beschäftigen, als wenn sie über mich zischeln würden: .Die Toni Lohhausen war jung, hübsch, gutherzig und geistreich, aber arm. Sie hat daher geduldig mitansehen müs- 14 sen, wie ihr selbst die dümmsten und häßlichsten Mädchen vorgezogeu und von unseren jungen Kavalieren vor der Nase weggeheiratet wurden, bloß — weil sie Geld hatten. Und so ist die Aermste einfach sitzen geblieben und eine sentimentale, lächerliche, alte Jungfer geworden!* - Denn heutzutage ist man ja mit sechs-, siebenundzwanzigJahren schon uralt in den Augen der abscheulichen Männer! — Und stehst Du, Frieda, das ertrüge ich nicht. (Vibrirend.) Dieß gemachte Mitleid würde mich rasend machen. Ueber meine Pagoden und aus- gestopften Vögel kann man allenfalls glossiren und sich lustig machen, aber nun und nimmer über die Narben meines Herzens, die mir heilig find. (Sie nimmt ihre Loufine liebvoll bei der Hand.) Du indessen, liebe Frieda, bist seit Kurzem das Weib eines Mannes, der aller Achtung und Liebe werth ist, Du bist vernünftig, Du liebst Deinen Mann und dennoch haben sich Deinem Glücke — Thränen beigesellt? (Weich.) Was soll das, Kind? Egon muß sich also Dir gegenüber etwas zu Schulden haben kommen lassen. Wie? Frieda (erschreckt). Das verhüte Gott! Die Stiftsdame (begütigend). Ich will es auch nicht glauben, aber endlich so ganz unmöglich wäre es gerade nicht par 1s tsmp8 hui eourt. Mein Gott! Die heutigen Männer! (Sie macht eine Nchselbewegung.) Na!.. Aber was beunruhigt Dich denn so eigentlich? Bist Du eifersüchtig?.. Frieda (kleinlaut). Ja, Tonchette. Manchmal überfröstelt mich die Angst, daß eine andere Frau ... Die Stiftsdame (gedankenlos da- zwischenwersend). Irgend eine alte Liebe... Frieda (springt entsetzt von ihrem Sitze aus). Ach Gott! daS wäre gräßlich! Die Stifisdame. Gewiß. Aber es kömmt leider vor. und will auch ertragen sein! (Sie ist gleichfalls aufgestanden.) Vrieda (leidenschaftlich). O , sage das nicht, Tonchette. Ich ertrüge es nicht und stürbe daran! Die Stiftsdame. Behüte! (Mit weh- müthiger Bitterkeit.) Man stirbt nicht so leicht; denn nichts ist so — katzen- zäh als die Liebe, die echte Liebe! Frieda (nachgrübelnd). Sollte Egon wirklich eine Andere lieb haben..? Die Stiftsdame. Das will ich nicht gesagt haben. Aber auffällig bleibt es immerhin, daß Egon sich so rasch veräo- dert hat, er. der doch als Bräutigam so verliebt gewesen war und Dich mit Zärtlichkeiten förmlich überhäufte. (Sie hat sich auf ein anderes Sopha gesetzt und zieht Frieda zu sich.) Voraus, ebörio, seit wann datirt denn seine Kälte, sein verändertes Benehmen?.. Frieda (fitzend). Du irrst Dich, liebe Toni. Egon hat sich in nichts geändert seit unserer Verheiratung, denn (völlig arglos) schon am Morgen nach der Hochzeit kam er nicht zum Frühstück. weil er in einer Geschäftsangelt- genheit verreist war, wie mir der alte Burchard sagte. Die Stiftsdame (bei Seite neiigier- selig). Was ist das? (Laut.) Am ersten Morgen, sagst Du? Aber das ist ja.. (Sie hält inne.) Frieda (unschuldig). Was meinst Du? Die Stiftsdame (es überhörend). Und seither .. ? Frieda (wie oben). Seither ist er fast immer zum Frühstück und zum Diner gekommen. (Kindlich.) Das find ja noch die einzigen Augenblicke, wo nm zärtlich miteinander sprechen. Die Stiftsdame (entsetzt). Vor den Domestiken?! Frieda. Nicht doch. Allein, GG unter uns. Wir sind immer allein beim Dessert. 15 Die Stiftsdame (gedehnt). So. Und... Abends? Frieda. Am Abend, wenn Egon da ist, machen wir regeknäßig einen Spa« ziergang zusammen. Aber er ist leider nur selten da. DieStiftödame. Sonderbar! (Nimmt ihre Hand und rückt näher.) Du armes, liebes, kleines Frauchen! So viel steht fest, mein Herr Detter hat Unrecht. Aber die Sache interessirt mich schrecklich, schrecklich, sage ich Dir. Kein Wunder übrigens, ich schwärme ja für dergleichen und habe Dich so lieb, so lieb, Herzerl! (Sie zieht Frieda ganz an sich und küßt fie.) Nun sage mir aber einmal, eböris, was beginnt Ihr denn, wenn Dein Mann zufälligerweise einmal zu Hause ist und Ihr Beide von En« rem Spaziergange heimkehrt? Was dann? (Horcht gespannt aus.) Frieda (lacht naiv). O, dann ist es gewöhnlich schon s o spät geworden, daß sich Jedes von uns zurückzieht und fick schlafen legt. Die Stiftsdame (horcht hoch aus und macht große Augen). Hein? . . Frieda (unschuldig). Wer wird denn aber auch plaudern wollen, wenn man ermüdet ist? Die Stiftsdame (bei Seite). Nein, diese Flitterwochen - Naivetät ist geradezu haarsträubend! Aber ich muß wissen ob..? (Laut.) Nicht wahr, ebäris, das hier (deutet auf die rechte Seitenthüre) ist — dein Zimmer? Frieda. Ja, Tonchette. (Anmuthig.) O, mein Zimmer ist reizend! Du mußt Dir's mal genau ansehen. lieber- Haupt entzückt mich dieß alte, schöne Schloß, und wenn ich manchmal zurück- denkeundmeinZimmerchenim 8avrö-oo6ur mit meinen jetzigen Salons vergleiche, so kann ich dem lieben Gott nicht genug danken für all' seine Güte. Ach, Ton- chktte, Egon ist so gut! DieStiftödame. Gut? Ja. Möglich. Wie man'S nimmt. Aber Deines Mannes »Güte* verhindert doch nicht, daß seine Wohnung . .. Frieda (fällt ihr arglos in'S Wort). Egons Wohnung ist drüben. Im Sei- tentract des Schlosses. Die Stiftsdame. Ei! Frieda. Ja. Und seine Fenster gehen in den Park. Die Stiftsdame (gedehnt). So. Frieda. Aber wie erstaunt Du mich anfiehst, Tonchette. Was ist Dir? Oder habe ich vielleicht... (Hält verlegen inne.) DieStiftödame. Nichts. Ich wollte Dir nur sagen, liebes Kind, daß in der Regel junge, glücklich verheiratete Eheleute stets nur Eine Wohnung haben. Frieda (aufhorchend). Nur eine Wohnung? Die Stiftsdame. Und das von Rechtswegen, Mann und Frau sollen sich niemals separiren. (Sich allmälig ereifernd und selbst montirend.) Und das ist auch nicht mehr als billig, denn entweder ist man verheiratet, oder man ist es nicht! (Sie ist aufgestanden.) Frieda (steht aus). Wie meinst Du das, liebe Tonchette? Die Stiftsdame (für sich). Ei, das ist originell! Jetzt soll ich ihr Aufklärung geben, ich, die ich, weiß Gott! viel klüger gethan hätte fie zu beruhigen, statt ihr Winke zu geben, die . . . Aber es ist auch ein unerhörter Fall! Vetter Egon ist ja rein . . . Ich begreife nicht! (Sie geht auf und ab.) Frieda (vor sich hin, bangen Zweifeln prei-gegeben). Mein Gott! Am Ende ist mir Egon wirklich untreu geworden? Vielleicht liebt er wirklich eine Andere, die er wiedergefunden hat und um derentwillen er mich verlassen wird? Ach Gott! Mein Gott! (Laut.) Hilf, rathe mir, Tonchette! (Sie weint.) 16 Die Stiftsdame. Vor Allem mußt Du Egon sprechen, ihm Vorwürfe machen und ihn zu einer Erklärung zwingen. Frieda (unter Thränen). Ich ihm Vorwürfe machen? O, nimmermehr! (Ausbrechend.) Aber wenn er eine Andere liebt als mich, wenn er mich verlassen hat, dann, Tonchette. dann nehme ich Gift und sterbe! (Läßt sich weinend in ein Fauteuil fallen.) Die Stiftsdame. Unsinn! Aber das kömmt davon, wenn man ein sechzehnjähriges Kind verheiratet. Eine Puppe, die nicht einmal ihre Rechte geltend zu machen weiß! Und das will eine Frau vorstellen! Armes, unschuldiges Kind! Fünfte Scene. Frieda. Die Stiftsdame. Arthur von Fichteneck. Arthur (durch die Mitte). Ich flüchte mich her, zu den Damen, denn mit Egon ist rein nichts anzufangen. Er spricht kein Wort und ist ganz tiefsinnig. Was? Frieda (erblickt ihn und steht rasch auf). Ein Fremder! (Sie trocknet sich die Augen und geht der rechten Seitenthüre zu.) Arthur (folgt ihr). Ei, Egon s ch w e i g t, und hier.... hier wird geweint wie ich sehe. Was soll denn das? Die Stiftsdame. Nichts soll es. Gar nichts. Sie sehen Sterne am Mittagshimmel, Herr von Fichteneck. Hier wird weder geweint, noch gelacht, noch geschwiegen. Die Gräfin Egon Lohhausen und ich haben ganz einfach einen neuen Toilettenkniff ersonnen, den wir jetzt ausführen wollen, Voilü tout! Und Sie wissen ja, ich schwärme für Toiletten und dergleichen! Entschuldigen Sie uns daher. (Zu Frieda.) Komm', Herzerl, folge mir. (Im Abgehen.) Der junge Mann kam dießmal sehr ungelegen, aber er ist von so guter, alter Familie, 6t 1rü8 a^ayant aprüs tout. (Beide Damen ab in die rechte Seitentüre.) Sechste Scene. Arthur von Fichteneck (allein). Arthur (der ihnen einen Augenblick verdutzt nachblickte). So unterhält man sich hier auf dem Schlosse? Deßhalb wurde ich hergelockt? So steht's mit dem Glücke der Neuvermälten? Mit Egon, meinem besten Freunde? O, dem muß abge- Holsen werden. Das kann ich nicht länger so mitansehen, dazu habe ich den Egon viel zu lieb. Für jetzt weiß ich nur so viel, daß die Gräfin Egon Lohhausen ein feenhaftes Ding ist. (Sieht nach rückwärts). Ah! Da ist er! Siebente Scene. Arthur. Egon. Egon (dnrch die Mitte, vor sich hin- sprechend). Nein, der Zustand ist zu peinlich. Ich ertrage ihn nicht länger — unmöglich! (Er läßt sich gedankenver- tiest rechts in ein Fauteuil fallen.) Arthur. Nun, Egon, was gibt's? Egon (ohne ihn zu. hören). Was soll ich thun? Was beginnen?! Arthur (tritt auf ihn zu und legt seine Hand auf Egons Schulter.) Egon! Egon (blickt aus). Du bist da? Arthur. Freund! Bruder! Sage mir was Dir das Herz abdrückt. Mr- traue Dich mir an. Schau, ich möchte Dir so gerne helfen ein Geheimniß zu verbergen, das Du in jeder Minute zu verrathen drohst. Egon (weich). Du bist gut, Arthur. Ich danke Dir. 17 Arthur. Wer von uns hat nicht einen wunden Fleck, seine Achillesferse? Nenne mir den Glücklichen! — Mein wunder Fleck zum Beispiel ist mein alter Name Gurke. Dieser Gemüsename verfolgt mich wie ein Gespenst bis in meine Träume hinein und verbittert mir Alles. Denn Du mußt wissen, lieber Freund, daß ich Unglückseliger mich fast jede Nacht halb todt esse an kleinen Pfeffergurken — im Traume nämlich, und dann regelmäßig mit einem Zndigestionsgefühl aufwache. Ist das nicht entsetzlich? Was... Dein wunder Fleck indessen sitzt anderswo, Egon, und heißt — Frieda! Du und Deine schöne sunge Frau, Ihr Beide seid nicht glücklich. Das ist's! Du siehst, liebster Freund, ich habe Dein Geheimniß erra- then. Jetzt kannst Du mir getrost Alles sagen. Egon (steht aus). Du hast Recht. Dir will ich mich öffnen. Deiner Theilnahme bin ich ja sicher. Arthur. Ich höre Dir mit dem Herzen zu. Egon (erzählt). Du weißt bereits, Arthur, daß ich der einzige Sohn des Grafen Günther Lohhausen war, ebenso, daß meine arme Mutter starb, als sie mir das Leben gab und daß mein lebenslustiger Vater nur wenig Zeit fand, ßch mit mir zu beschäftigen. Vor beiläufig 15 Jahren (meine Studien beschäftigten mich damals vollauf) schlug plötzlich das Gerücht an mein Ohr, daß die Verschwendung meines Vaters unsere Familie ernstlich zu beunruhigen beginne. Die Gläubiger — so hieß es — nahmen nicht nur Beschlag von seinen Gütern, sondern bedrohten auch die Besitztümer in Ungarn, die mir meine Mutter als Erbtheil hinterließ. Auf das hin wurde ein Familienratb zusammenbe- rufen. Mein Vater erschien mitten unter tuen und legte zur größten Ueber- raschung seiner Ankläger nicht nur die Theat.-Rep. Nr. »86. geordnetsten Vormundschastsrcchnungen ab, sondern wies obendrein den Vollbesitz eines großen Vermögens nach. — Um diese Zeit schickte er mich zur Beendigung meiner Studien nach Jena. Daselbst blieb ich fast ohne alle Nachricht von ihm, bis mir eines Tages ein Brief zukam, worin mir mein Vater eigenhändig von hartnäckigen Feinden schrieb, von Processen und allerlei absurden Verleumdungen. Später ließ er mich fast ganz Europa durchreisen und ich sab ihn damals bloß in langen Zwischenpausen und immer nur auf ein paar Tage. Er schien mich absichtlich von sich entfernt zu halten. Endlich, vor drei Jahren, in Venedig, erfuhr ich, daß er hier, auf Lohhausen, im Sterben liege und mich zu sehen wünsche. Arthur (einstreuend) Eben damals habe ich Dich in Wien wiedergesehen. Egon (weitererzählend). Ich kam zu spät. Mein Vater war bereits gestorben. — Er hinterließ mir ein schönes, über alle Erwartung große- Vermögen, das mich aber weder über seinen Tod. noch über die entfremdende Strenge zu trösten vermochte, die er stets mir gegenüber beobachtete. Daß ich Alles that. um möglichst viele Details über seine letzten Augenblicke zu erfahren, wirst Du begreiflich finden, Arthur, schon um mir ein Bild von ihm entwerfen zu können. Hatte ich ihn doch kaum gekannt! — Ich erfuhr jedoch bloß, daß sein Tod rasch und unerwartet erfolgte, und daß er seinem Hausarzte gegenüber von einem Testamente sprach, einem letzten Willen, der ein Unrecht wieder gut machen sollte. Aber leider — so sagte mir der Arzt — habe er nur mehr unzusammenhängend gesprochen, lose, abgerissene Worte. Nur Ein Name, ein zu wiederholten Malen ganz deutlich ausgesprochener Name blieb im Gedächtnisse des Arztes hasten, der Name Frieda von Fabris. Diesen Frauen- 2 18 namen soll mein Vater mit Angst ausgesprochen und die Trägerin desselben, mir, seinem Sohne, ganz besonders anempfohlen haben. — Das war Alles, Was ich von der Sterbestunde meines armen Vaters in Erfahrung bringen konnte, von jener letzten bangen Stunde, wo Jedermann nur mehr an die Gerechtigkeit Gottes denkt, da die Ungerechtigkeit der Menschen uns nichts mehr anhaben kann! Arthur (ganz erstaunt). Frieda von Fabris! Das ist ja. wenn ich nicht irre, der Mädchenname Deiner Frau? Egon (fährt fort Arthurs Frage übergehend). Von dem Tage an hatte ich keinen ruhigen Augenblick mehr. Ich mußte das Fräulein von Fabris finden. Dieser Gedanke war mir zur fixen Idee geworden und jagte mich drei volle Jahre durch alle Wiener Salons. Vergebens! Ich konnte sie nicht finden! Da endlich hörte ich den Namen Fabris von meiner Cousine Toni nennen, und bald darauf lernte ich auch schon die holde Trägerin desselben persönlich kennen und lieben; denn gleich der erste Eindruck war ein überwältigender gewesen und raubte mir Herz und Sinne! (Mit einem schweren Seufzer.) Ich bot ihr meine Hand an und legte ihr meine Reichthümer zu Füßen. Ich Unglückseliger glaubte damit einen Wunsch des Himmels zu erfüllen! Arthur. Pardon, daß ich Dich unterbreche, Egon, aber nicht wahr, Deine Frau war eine Waise, als Du sie kennen lerntest? Egon. Ja. Sie stand allein in der Welt und kein Verwandter reclamirte das Fräulein von Fabris. Mein Antrag wurde daher mit Freuden angenommen, und bald theilte meine Braut all' die Liebe, die sie mir eiugeflößt hatte. Arthur. Nun höre. Egon, daran finde ich eben nichts Schreckliches. Was? Egon (schmerzlich bewegt). Laste mich erst auserzähleu, Arthur! Arthur (besorgt). Wie blaß Du mit Eins geworden bist! Egon (saßt ihn bei der Hand und sieht ihn prüfend an). Darf — kann ich Dir mein Geheimniß auvertrauen, Arthur?! Arthur (gutherzig). Du kannst es. Egon. Glaube mir, ich bin Dir treu ergeben, und alle meine Tollheiten weichen jetzt dem redlichen Wunsche, Dm sorgenkraukes Herz zu beruhigen. Egon. Nun denn, so höre: Gleit nach meiner Trauung, sozusagen von der Stefanskirche weg, brachte ich Frieda hi eh er auf dieß Schloß, das ich festlich hatte Herrichten lasten, um meine junge Frau würdig zu empfangen. — Seit dem Lode meines Vaters hatte ich dich Schloß nicht mehr betreten. Ich betrachtete es daher als eine heilige Pflicht zu allererst jenes Zimmer zu besuchen, worin er seinen letzten Seufzer aushauchte, und welches seither versperrt geblieben war. Ein Schauer überfröstelte mich unwillkürlich, als ich das Zimmer betrat und darinnen alle Gegenstände unverändert wiedersah, die es bei Lebzeiten meines armen Vaters schmückten. Mit einer frommen Scheu trat ich auf seinen Schreib tisch zu, als plötzlich mein Blick auf eine Brochure fiel und auf einem Namen haß ten blieb. Es war derselbe Name, den mein Vater am Sterbebette ausgesprochen hatte, dem ich jahrelang nachgeforscht habe, und den meine mir soeben angetraute Frau als Mädchen trug -- der Name Fabris. Arthur (gespannt). Und diese Bro- chnre — Egon (fällt ihm hoch erregt in's Wort) Habe ich gelesen, verschlungen, den«' auf jeder Seite stand ihr theurel Name. Und diese Brochure war das Memoire eines berühmten Advocaten und enthielt die Rechtfertigung meines Da- 19 ierS, der in einem Duelle ohne Zen« grn den soeben nach Oesterreich zurück- zekehrten Herrn von Fabris erschossen hatte! Arthur (dazwischen werfend). In der Lhat! Jetzt erinnere ich mich, seinerzeit von diesem Sensation--Pro- cesse gehört zu haben. Ganz Wien war voll damit. Egon (finster). Wie? Man sprach davon und erinnert sich noch heutigen Tags daran? Nun denn so will ich hoffen, daß man sich auch daran erinnert, daß mein Vater vollständig gerechtfertigt wurde, daß seine Ehre — ser hält plötzlich wie beschämt inne), nein! dieß Wort wage ich kaum anzusühren. denn die Ehre meines Vaters wurde gerettet auf Kosten der Ehre einer Dame, der Frau von Fabris, Gattin jenes erschossenen Herrn von Fabris! I Arthur (der sich erinnert). Ganz recht. M wurde constatirt, daß Herr vonFa- dris nicht ohne Grund eifersüchtig war — Was? — und bloß aus England nach Hause kam. um sich an drei Personen zu rächen. An seiner Frau, seinem neugebornen Kinde und an dem Grafen Günther Lohhausen. Und jetzt erinnere ich mich ganz genau — jener Fabris hat Deinen Vater auf offener Straße überfallen, noch ehe er sein Haus betrat, und von irgend Jemanden erkannt oder begrüßt wurde. Egon. Ja. Und es wurde bewiesen, daß mein Vater bloß Nothwehr übte, indem er Fabris erschoß. Deßhalb wurde " auch freigesprochen. Frau von Fa- dris starb gleich zu Beginn des Pro- Gs und ihr Kind, ihr armes, unschul- dW Kind wurde ganz und gar versessen. Erst in den letzten Lebensstunden meines Vaters tauchte die Erinnerung me das verwaiste Mädchen wie eine «ewiffensmahnung in seinem reuigen Herzen auf, und als er an seinem ein- lamen Todtenbette mich beschwören ließ Frieda Fabris aufzusuchen und ihr eine schöne Existenz zu sichern, da regte sich endlich das Daterherz in seiner röchelnden Brust und er wollte seine Schuld dadurch abbüßen, daß er durch seinen Sohn das Unrecht wieder gut machen ließ, worunter seine Tochter bisher so unverdient zu leiden hatte! Arthur (faßt entsetzt seine Hand). Egon! Versteh' ich recht?! Egon (tief erschüttert, wie im Fieber). Za, Arthur. Ja. Frieda ist meine Schwester! Und ich liebe sie, liebe sie mit jedem Athemzuge meiner Seele, mit jedem Blutstropfen meiner Sinne bis zum Wahnsinn. Und seit einem Monat ist sie da, in meiner nächsten Nähe, mir angetraut als Weib, und weiß von nichts und ahnt nichts und bringt mir täglich erwartungsschüchtern ihre Liebe entgegen, sie, die Holde, Kindlichreine! Und ich muß sie fliehen wie die Sünde, muß ihr mit Kälte begegnen, sie von mir stoßen, muß ihre lichte, reine Seele mit dunklen Sorgen belasten und ihrrn Augen Thränen erpressen. ich, der ich gerne mein Leben gäbe, um das ihre zu verschönern! (Er fällt seinem Freunde schmerzüberwältigt und schluchzend in die Arme.) O Arthur, Freund! Das ist zu viel! Ich ertrag' es nicht! Arthur. Beruhige, fasse Dich, Egon. Man kömmt. Sie kömmt! Achte Scene. Die Stiftsdame. Frieda. Baronin Arpadine Gregoresko. Arthur. Egon, später ein Diener. Frieda (tritt zuerst aus der reckten Seitenthüre, znrücksprechend). Ei. so komme doch. Arpardine. Folge mir. Ich . - - (Sie bemerkt die Bestürzung ihres Mannes »nd hält inne.) Egon! 20 Die Stistsdame. Sagen Sie mir nur, meine Herren, ob es uns Damen zukömmt Sie aufzusuchen. Weßhalb versteckt Ihr Euch denn die ganze Zeit pour 1'amour äs Oisu?... Arpadine (bemerkt Arthur und fährt leicht zusammen. Bei Seite.) Er — hier?! Arthur (gleichfalls srappirt, halblaut zu Egon). Die Gregoresco! Was? Egon (der sich mühsam gesammelt hat, sagt gleichsam erklärend zu Arthur). Die vcste Freundin Friedas! Ich habe sie hiehergebeten. Sie wird uns aufheitern. Frieda (hat Arpadinens Bewegung bemerkt und bringt dieselbe mit Egon in Verbindung. Laut zur Baronin.) Was ist Dir, Arpadine? (Für sich.) Wie Egon verwirrt ist! Egon (tritt zu Arpadine). Tausend Dank, Baronin, für die liebenswürdige Eile, womit Sie unseren Wünschen nachgekommen sind. (Er küßt ihr die Hand.) Die Stistsdame (mischt sich in's Gespräch). Ja. Das sagt sich ganz hübsch, verhindert aber durchaus nicht, daß Keiner von Euch Nsssisui-Z da war, um den liebenswürdigen Ankömmling aus der Residenz aus dem Wagen zu heben und an der Schwelle des Schlosses zu begrüßen. Nein wahrhaftig, meine Herren! Ihr eilt der Zeit schon gar zu sehr voraus, und werdet geradezu insolent! Frieda (von einem plötzlichen V:rdachte ersaßt, für sich). Großer Gott! Wenn er — sie liebte?!.. Arthur (besorgt zu Frieda). Frau Gräfin! Ihnen ist unwohl. Sie sind plötzlich todtenblaß geworden! Frieda (versucht zu lächeln). Ich? Nein. Nicht doch, mein Herr. Mir scheint vielmehr als sei Arpadine, (verbessert sich schnell) die Baronin Gregoresco wollte ich sagen, ganz verwirrt und — blaß mit Eins. Egon (zu Arpadine). Ihre Ankunft Baronin, ist ein wahrer Segen. Sie muß uns Glück bringen. Arpadine (mit einem pikanten Lächeln). Glück? (Sie sprechen leise weiter.) Die Stistsdame. Aber so komme« Sie doch, meine Herren, holt das Versäumte nach. Der Vormittag ist reizend abgekühlt, die Sonne macht förmliche Lichtpfützen auf der Erde, und darinne» wate ich so gerne. Watet mir nach, Ns88isur8! Eine kleine Promenade de« schattigen Buchenwald entlang dürfte Allen willkommen sein, denke ich. Ach Gott! Ich schwärme für's Buchendunkel und dergleichen!.. Gehen wir also... Der Kiesweg ist trocken und der Schleppe ungefährlich. disn! (Sie wendet sich zum Gehen.) Ein Diener (durch die Mitte). Diener (meldet). Mister William Klinker und Herr Rollmüller. (Ab.) Die Stistsdame (ärgerlich). Ahs»! Gerade jetzt! (Ausleuchtend.) Aber das macht nichts. Sie sollen uns begleite«. (Leise zu Frieda.) Was thust Du den« da, elisris? Frieda (hat sich mittlerweile dn« Tische links genähert und ihren Brief nn Arpadine, den Egon in der ersten Scene gelesen hat, in die Hand genommen, auch nur eine Secunde Egon und Arpadine aus den Augen zu verlieren. Jetzt zerreis sie ihn und antwortet mit thränenerstickier Stimme ihrer Cousine). Ich zerreiße eiM Brief, den ich an eine Person gerW hatte, die ich für meine Freundul meine beste, treueste Freundin M Aber ich habe mich getäuscht. Sie U falsch. Falsch und grausam! Die Stistsdame (zwischen BessrgH und Neugierde kämpfend). Frieda?!. Frieda (halbweinend, mit gedaW " Stimme aus Arpadine zeigend). Seh' ^ Tonchette. Dort seh' hin! Das ist oi 21 Elende, die mir Egons Herz gestohlen hat! Die Stiftsdame (ebenfalls leise). Lu glaubst? Frieda (für sich, verzweifelt). Fassung! (Sie rafft sich gewaltsam auf, geht aus den verblüfften Arthur zu und sagt fieberhaft erregt.) Ihren Arm, Herr von Fichteneck! Ihren Arm. Hier ist's schwül und eng. H ersticke! (Mit einer einladenden Handbewegung und einem künstlichen Lächeln aus bm Lippen.) Ns8 äaw63 et uresZieurs! Eilen wir in's Freie! Egon (gibt der Baronin seinen Arm). Die Stiftsdame (rust den Abeilen- kn zu). Ich folge Euch nach mit meinen beiden Herren Gästen die ich vorerst empfangen muß. (Sie wirst ihnen noch einen Blick nach und sagt dann für sich, gleichsam an's Publicum gerichtet.) Nein, weiß Gott! Wenn man heutzutage so in's Innere einer Menage blickt, so tröstet man sich einigermaßen (mit einem bezaubernden Lächeln) eine alte Jungfer zu sein! (Sie wendet sich M Gehen.) Der Vorhang fällt. Zweiter Act. Dieselbe Decoration, nur wurde die Chaiselongue durch ein Fauteuil ersetzt. Mittagssonnenschein. Erste Scene. Stiftsdame. Rollmüller und William Klinker. Die Stiftsdame. Also wirklich, Alne Herren, Sie wollen sich durchaus acht unseren Spaziergängern anschließen? Keine Ueberredungskunst hilft? Ei, da W ich Ihnen schon nol6N8 vol6U3 eine puvataudienz ertheilen. Klinker (sehr kalt und feierlich. Er lächelt nie und spricht das Deutsch mit englischem Accent). Eben dieser Privataudienz wegen, wie sich Frau Gräfin auszudrücken belieben, ist mein Freund Rollmüller eigens aus Amerika, vom Ufer des Ontariosees hier eingetroffen. Die Stiftsdame (lacht). Deßhalb? Bloß deßhalb? Rollmüller. Ja, Madame. Klinker (leise zu ihm). Nennen Sie sie doch Frau Gräfin. Es gebührt ihr. (Laut.) Es verhält sich damit ganz so, wie ich Ihnen bereits mitzutheilen die Ehre hatte, Frau Gräfin. Mein Freund kommt schnurgerade aus dem gesegneten Lande der Freiheit und Gleichberechtigung. Herr Rollmüller ist übrigens ein sehr reicher Mann? Rollmüller. Immerhin nicht so reich wie Sie, Mister Klinker. Klinker (aufgeblasen). H. Das ist wahr. Ich bin der reichste Gutsbesitzer in der Louisiana. (Stolz.) Ich besitze über zweitausend Sclaven. Die Stiftsdame (lacht). Benei- denswertbes Land der »Freiheit und Gleichberechtigung«! Aber bitte, erzählen Sie mir davon. Ich schwärme für Sclaven und begreife nur Eines nicht, wie Sie sich entschließen konnten, dieß »gesegnete Land« zu Verlusten, Sir? Klinker (komisch ernsthaft). Aus dem einfachen Grunde, Frau Gräfin, um mich am Kontinente völlig unbehindert meiner Millionen zu erfreuen und nach Herzenslust Diners und Feste geben zu können, kostspielige, unpraktische Amüsements, die mir in Amerika versagt sind. . . Die Stifts dam e (fällt ihm lachend in s Wort). Der Freiheit wegen. Nicht so? Hübsche Errungenschaft das! Nun. hier zu Lande Hallen — wenigstens wir Frauen — diejenige Freiheit für die beste, die uns gestattet sich ungestört zu amüsiren und ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich annehme, daß 22 auch Ihr Freund mit der Absicht nach Wien gekommen ist, diese unsere Freiheit aufzusuchen und zu finden? Rollmüller (entsetzt). Ich mich unterhalten? Da sei Gott vor! (Ernst.) Nein. Mich bringt eine wichtige Angelegenheit. eine Angelegenheit, die mir sehr am Herzen liegt, über's Meer, in mein Vaterland zurück, hieher zu Ihnen, Madame. Eine Ange. . Klinker (stößt ihn mit dem Ellbogen leise). So sagen Sie doch, Frau Gräfin. Es gebührt ihr. Rollmüller (ärgerlich aufbrausend). Nun denn, Frau Gräfin in's Teufels- Namen! Weil ich doch schon einmal unterbrochen bin. (Er thut ein paar Schritte.) Die Stiftsdame (zu Klinker auslachend). Ihr Freund scheint mir noch ein bischen wild zu sein, das was der Franzose mit »8auva.A6« bezeichnet. Aber das thut nichts! Ich schwärme für Wilde und Dergleichen! Rollmüller (bleibt links stehen). Wild? Wild, sagen Sie, Madame? Nun ja. Ich habe allerdings Wilde gesehen, habe sogar mit ihnen verkehrt, aber davon können Sie sich überzeugt halten, Madame, daß ich meine Ideen und Anschauungen nicht aus ihrer Mitte geholt, sondern mir dieselben einzig und allein im Umgänge mit den sogenannten civilisirten Menschen angeeignet habe, das heißt mit Leuten, die nach allen Regeln des feinsten Anstandes lügen, heucheln, betrügen können und in deren Mitte man sich ganz ebenso leicht verlieren kann wie in den Urwäldern Amerika's — wenn man zufälligerweise keine Beobachtungsgabe und Menschenkenntniß besitzt. Die Stiftsdame (gutmüthig boshaft). Aber Sie besitzen zum Glück Beides, Menschenkenntniß und Beobachtungsgabe. Nicht wahr? Rollmüller (selbstzufrieden). Ich schmeichle mir ein außerordentlicher Phyfignomiker zu sein. Ueberhaupt gebe ich mich immer gleich, wie ich bin. Dar erleichtert das Bekanntwerden und dürfte auch uns Beiden jetzt zu Statten kommen in der hochwichtigen Angelegenheit, die mich herbringt. Die Stiftsdame (bietet Sitze an). Vor Allem aber bitte ich Sie, meine Herren, sich zu placiren. (Bei Seite.) Zeh bin schon schrecklich neugierig. (Sie setzen sich alle Drei.) Rollmüller (zur Stiftsdame). Sie sind eine schöne und gute Dame aus oen höchsten Gesellschaftskreisen, eine hoch- geborene Gräfin, während ich nur schlichtweg ein Kaufmann bin (die Stistsdame zuckt leicht zusammen), ein Mützenfabrikant. Nichts weiter. Mein Name ist Rollmüller. Firma Roll müller L Gurke. Die Stifts da me (rückt ein bischen mir ihrem Stuhle). Ach! (Für sich kläglich) Non vieu! Das find gräßliche Namen! Wie man nur so heißen kann! Roll müller. Ja. Rollmüller und Gurke. Und noch vor einigen Jahren waren wir in Wien stabil und hatten unsere Baumwollmützenhandluug aus der Landstraße. (Die Gräfin rückt wieder mit ihrem Sessel.) In Amerika indessen hat mein Mützenhandel einen solchen Aufschwung genommen, daß ich mich »n Verlaufe von ein paar Jahren vom Kaufmann zum Fabrikanten emporarbeitete. Später habe ich große Geschäfte gemacht. Und jetzt bin ich Banquier. Die Stiftsdame (ausathmend für sich). Banquier! Ah! (Sie rückt wieder etwas näher.) Rollmüller. Und ich verabscheue den Adel und die gesammte Aristokratie. Klinker (sehr ernsthaft). Ja, Man Gräfin. Wir verabscheuen den Adel uno die gesammte Aristokratie. Die Stiftsda me (lächelt). So. Deß- halb wohl, Mister Klinker, laden Sie zu Ihren Wiener Festdiners im Grand Hotel nur ausschließlich hochadelige Mittelthüre begleitet und sagt zurückkehrend). Ein vortrefflicher Mensch. Und so reich! Ein Millionär! Li raFols äss willions! Klinker (zieht seine Uhr aus der Westen- lasche und erhebt sich, die Frage der Gräfin absichtlich überhörend). Herr Rollmüller, Wie lange gedenken Sie zu sprechen? Rollmüller. Das weiß ich nicht. Wie soll ich das auch im vorhinein bestimmen? Klinker (sieht aus seine Uhr). Warum nicht? Bei uns in Amerika haben wir — wie Sie wohl selbst misten werden — Männer, die sieben volle Stunden hintereinander unausgesetzt sprechen. Za es gibt deren sogar, die es schon auf eilf Stunden gebracht haben. Roll müller. Möglich. Aber hier in Oesterreich sind wir noch nicht so mit. Auch will ich kein unnützes Wort verlieren. Klinker. Das ist ein Anderes. Ich werde also bloß einen Gang durch den Park machen, mir eine Pistole ausbitten und ein Dutzend Frösche schießen, Sie dann abholen und mit meinem Wagen nach Wien zurückfahren lasten, denn ich bleibe noch. Also auf Wiedersehen, Frau Gräfin. Ich habe hier nichts zu schaffen und will nicht zudringlich sein. Aber me kleine Schachtel will ich Ihnen denn doch schicken voller Kuriositäten, die Sie mir schon erlauben werden Ihrer berühmten Raritätensammlung beizufügen. Die Stiftsdame (emporschnellend). H! Wie liebenswürdig von Ihnen. 3ch bin schon im vorhinein ganz rnchantirt! Klinker. Einige chinesische Pagoden, die wunderschön mit den Köpfen wackeln und ein paar ausgestopfte Vögel — echt amerikanische Spottdrosseln. I'vvo äsli- eiouZ biräs. (kr verbeugt sich und geht ab durch die Mitte.) Die Stiftsdame (hat ihn bis zur Zweite Scene. Rollmüller. Die Stiftsdame, später ein Diener. Die Stiftsdame (hat sich wieder gesetzt). Sie sagten also vorhin, Herr Rollmüller? Rollmüller. Ich sagte, daß ich den Adel verabscheue, Madame. Aber un- glücksrligerweise hatte ich einen jüngeren Bruder, der nicht derselben Meinung war und den Narrenstreich beging, sich in eine norddeutsche Gräfin zu verlieben, die seine Neigung obendrein erwiderte.» Die Stiftsdame (rückt ihm etwas näher mit ihrem Sessel.) Ah! Die Gräfin liebte Ihren Bruder? Roll müller. Ja. Leider Gottes! Er war aber auch ein schöner, liebenswürdiger Junge, ein Mensch, dessen Wesen wie ein Licht durch alle Ritzen unseres eigenen, festverwahrten Seins drang. Man mußte ihm gut sein. Auch mir hatte er's angethan, so zwar, daß ich ihm Alles gab, was ich mir binnen zehn Jahren mühsam verdient hatte; baare 60.000 Dollars, nur um sein Glück zu fördern, denn eben diese Summe Word von der gräflichen Familie seiner Angebeteten bedungen, wenn anders die Heirat zu Stande kommen sollte. Die Stiftsdame (rückt näher). Das war eine brave, eine schöne Handlung von Ihnen. Rollmüller: Ich fürchte nein, Madame, denn schöne Handlungen sind, wie ich glaube, solche, die zum Glücke eines Menschen beitragen, und mein 24 Bruder Rudolf war nicht glücklich! Dank den kostspieligen Bedürfnissen seiner hochgräflichen Familie war sein ganzes Vermögen im Verlaufe von zwei Jahren bis auf den letzten Heller dahingeschwun- den. Ich war gerade damals in Indien und wußte nichts von seinem Unglücke, ahnte nicht, daß er die ganze Stufenleiter der Armuth durchkämpfen mußte, und das obendrein mitten in einer reichen, vornehmen und erbarmungslosen Gesellschaft. Denn kein einziger seiner hocharistokratischen Freunde, deren er zu Dutzenden besaß, würde ihm auch nur tausend Gulden geborgt haben, wenn er es gewagt hätte ihn darum anzu sprechen. Die Stiftsdame (wirft begütigend dazwischen). Wer weiß, Sie müssen nicht so arg aburtheilen. Rollmüller (fährt fort). Endlich, mitten in meiner Reisetour traf mich ein Brief, worin er mir mittheilte, daß er nach drei Jahren bitterster Noch wie durch ein Wunder in Irland eine bedeutende Erbschaft von einem Onkel seiner Frau behoben habe, die ihm endlich ein sorgenfreies Leben in nächste Aussicht stellt. (Schmerzlich bewegt.) Das war sein letzter Brief, denn bald darauf erfuhr ich, daß er gestorben sei. Ein gewaltsames Ende hatte den unglückseligen Rudolf Fabris auf immer den Seinen entrissen. Die Stiftsdame (frappirt). Fabris, von Fabris, sagen Sie? Rollmüller. Ja, Madame. Mein Vater hieß Fabris. Er war Officier in österreichischen Diensten und büßte durch unglückliche Spekulationen sein ganzes Vermögen ein, so zwar, daß ich von da ab den bürgerlichen Namen meiner seligen Mutter annahm und — Kaufmann wurde. Die Stiftsdame (noch ganz überrascht). Herr von Fabris, Rudolf von Fabris war demnach Ihr — Bruder? (Bei Seite.) Ich bin ganz schwindlig! Rollmüller (erinnerungsweich). Mein tHeu er er Bruder, den ich mit einer fast väterlichen Zärtlichkeit liebte, denn Sie müssen wissen, Madame, daß Rudolf um volle zehn Jahre jünger als ich gewesen und deßhalb als Knabe meiner Obhut anvertraut war. Ich habe ihn auferzogen, ihn nach seinem Herzen verheiratet und kehrte nach Oesterreich zurück in der Hoffnung, den Reichthum in sein Haus zu bringen. Aber es kam Alles anders. Grausam anders! Kaum angelangt, erfuhr ich, daß ich meinen Bruder durch ein Duell auf ewig verloren habe; und sein einziges Kind, seine Tochter, ward mir durch eine Heirat entrissen. Was thun? Was beginnen? Vor Allem galt es die Ursache des Duells in Erfahrung zu bringen. den Mörder meines Bruders ausfindig zu machen. Aber alle Nachforschungen blieben fruchtlos bis auf den heutigen Tag. Ich erfuhr bloß durch einen Brief William Clinker's aus Wien, er habe gehört, daß Sie, Madame, ein Fräulein Frieda von Fabris an einen Grafen verheiratet hätten. Frieda Fabris! Der Name fiel in mein Herz wie ein Feuerfunke! Das kann nur sie sein, Rudolfs Tochter! schrie es in mir auf und ich hatte nichts Eiligeres zu thun als Amerika zu verlassen und nach Oesterreich zu reisen, dem Endziele aller meiner Hoffnungen. (Er steht aus.) Und so kam ich hieher zu Ihnen und frage Sie jetzt, Madame, wem Sie meine Nichte gegeben haben? Wer jener Graf ist? Die Stiftsdame. Nun denn, ich kann Ihnen zum Tröste sagen Herr von Fabris, daß mein Vetter Egon Lohhausen . . . Rollmüller (unterbricht sie rasch^ Graf Lohhausen? Also doch! O, >ch erinnere mich auf diesen Namen 25 Und einstens, vor zwanzig Jahren. . . Die Stiftsdame (Mi ihm in's Wort). Haben Sie vielleicht meinen Onkel gekannt, Günther Lohhausen, Egons Vater? . . . Rollmüller (der sich entsinnt). Ja. Ja. Günther. Graf Günther Lohhausen. So hieß er. Ich habe ihn in der Thal im Hause meines Bruders kennen gelernt und mir thut es sowohl Jhret- als auch seines Sohnes wegen leid, Ihnen ganz ehrlich sagen zu müssen, daß der Graf Günther Lohhausen ein schlechter Mensch war. Die Stiftsdame (verletzt). Herr Rollmüller! Rollmüller. Ein schlechter Mensch, wiederhole ich, und wenn sein Sohn ihm oachschlägt, dann — aber Pardon, Madame, Sie wollten vorhin etwas sagen. Die Stiftsdame. Ich wollte Ihnen bloß mittheilen, daß mich mein Vetter Egon vor zwei Monaten beschwor in seinem Namen um die Hand des Fräulein von Fabris anzuhalten. Rollmüller. Und Sie haben dareingewilligt? Die Stiftsdame (sieht ihn ganz erstaunt an). Ich, mein Herr? Gewiß. Ei, da kennen Sie mich schlecht wenn Sie glauben, daß ich irgend eine Gelegenheit vorübergehen ließe, ein junges Mädchen zu verheiraten. Das wäre ja ganz gegen meine Grundsätze. Ich schwärme sür arrangirte Heiraten und dergleichen! Und warum sollte Frieda von Fabris nicht Gräfin Egon Lohhausen werden? Hebrigens hat mein Cousin bloß dem Zuge seines Herzens gefolgt und ganz ohne allen Eigennutz gehandelt, denn Frieda ist arm. Rollmüller (lebhaft, mit Ueberzeu- gung). Das ist unmöglich! Ganz und gar unmöglich. Die Stiftsdame. Und doch ist es so. Frieda hat kein Vermögen. Sie hat — weil wir schon dieß delicate Thema berühren — keinen Heller Mitgift bekommen. Und das ist eben ihr Glück . . . Roll müller (ironisch). Nun. wenn ihr Glück ebenso erwiesen ist, als ihre Armuth, dann . . . Die Stiftsdame. Ueber Ihre vorgefaßten Meinungen! Aber nun möchte ich Sie nur noch um Eines gebeten haben. Bleiben Sie ein paar Tage hier auf dem Schlosse bei uns. Ja? Rollmüller (komisch-entsetzt). Ich, hier bleiben? Mitten unter Eueren titel- stolzen Menschen? Um keinen Preis! Ueberdieß erwarte ich heute noch Nachrichten aus Wien, die endlich Licht in die Sache bringen und mich ausklären werden. Die Stiftsdame. Ich werde Ihnen in ein paar Tagen weit bessere Aufschlüsse geben, dafür stehe ich Ihnen, und . . . Ein Diener (tritt aus.) Diener (tritt zur Mitte herein). Die gnädige Frau Gräfin ist soeben von der Promenade zurückgekehrt, und läßt gräfliche Gnaden ersuchen, sich zu ihr bemühen zu wollen. Rollmüller (will abeilen). Was? Frieda ist hier? Hier auf dem Schlosse? Die Stiftsdame (hält ihn zurück). Bleiben Sie! (Zum Diener mit einer entlassenden Handbewegung.) Ich komme gleich zur Gräfin. Melden Sie es ihr, Louis. (Diener ab.) Und nun. Herr Rollmüller, eine Bitte. Calmiren Sie sich, machen Sie keine Scene und hören Sie mich gelassen an. Ihre Nichte ist die Herrin dieses Schlosses und wirklich hier, weil Sie es ja doch schon — herausgeklügelt haben! Rollmüller (in freudigster Erregung). Also wirklich? Frieda, die blonde, kleine 26 Frieda ist da? Ich kann sie heute noch, vielleicht schon in der nächsten Minute sehen und sprechen? Ach Gott! Der Gedanke hat mich ganz verwirrt. Ich weiß nicht mehr, was ich rede und was ich thue! (Zur Stiftsdame.) Ach ja. Ja. Ich bleibe. Ich thue blindlings Alles, was Sie befehlen. Mir zittert ja das Herz in der Brust! Die Stiftsdame (gerührt). Sie find ein guter, ein prächtiger Mensch, Herr Rollmüller, trotz Ihren Vorurtheilen, die ich aber bald besiegt haben werde, vorausgesetzt daß Sie binnen 24 Stunden völlig unparteiisch Alles beobachten wollen, was um Sie herum geschieht! Ich werde Sie hier als ... als was denn nur gleich... (nach einer momentanen Besinnung) ja, als Curiositäten- sammler vorstellen. Das wird am glaubwürdigsten erscheinen. Rollmüller. Meinetwegen! Ich fahnde zwar nach einer glücklichen Ehe und nicht nach Raritäten. Aber vielleicht ist gerade eine solche heutzutage die allergrößte Rarität. Die Stiftsdame (hält ihm lächelnd die Hand hin). Also — abgemacht? Rollmüller (schlägt ein). Abgemacht. Die Stiftsdame. ^u rsvolr äone! (Geht zwei Schritte und kehrt dann wieder um.) Aber da fällt mir eben ein, ich muß Sie doch vorerst fragen, ob Sie nicht vielleicht wirklich zufällig einige Eu- riofitäten auf Ihren weiten Reisen gesammelt und mitgebracht haben? Nou visu! Sie waren ja an der Quelle! Etwa ein paar Miniaturblöcke von den cor- dillerifchen Felsen? Oder einige Nferblu- men des Ohio? Eine chinesische Porzellanfigur? Ja wenn es auch nur ein Zahn des Präsidenten Lincoln wäre. Was immer! Ich nehme Alles, Alles dankbar in Empfang, versichere ich Sie, denn ich schwärme selbst für alte Zähne, wenn fie historisch find! Rollmüller. Nein, auf Ehre, ich besitze nichts dergleichen, und trachte nur stets neue Erfahrungsschätze und möglichst viel Geld mit heimzubringen. Die Stiftsdame. Jetzt, dazu hätten Sie wahrhaftig nicht so weit zu reisen gebraucht! — Uebrigens das soll uns nicht abhalten, unsere Pläne zu rea' lifiren. Gedulden Sie sich daher noch eiu klein wenig. Herr Rollmüller, und treten Sie vor Allem gesammelt und mit Ruhe Ihrer Nichte entgegen, und lassen Sie sich meinem Vetter gegenüber nicht etwa beeinflussen durch Ihre abscheulichen Vor- urtheile. Egon ist ein ganz charmanter junger Mensch, versichere ich Sie, und ich glaube, ich war sogar selbst einmal amouraeliss äs lui! denn ich schwärme für voilirte Blicke und dergleichen! (Im Abgehen für sich.) Nein, jetzt sitzt der alte Mann jahrelang an der Raritätenquelle und kömmt mit leeren Händen über den großen Ocean! Unbegreiflich! Aber ich bin nur froh, daß er, genau betrachtet, denn doch von guter Familie ist. (Ab in die rechte Seitenthür.) Dritte Scene. Rollmüller (allein). Roll müller. »Ein ganz charmanter junger Mann,« behauptet die Aristokratin. Das heißt für mich just so viel, als ein junger Mensch, der sich einzig und allein damit beschäftigt, der Welt zu gefallen, dabei aber zu Hause unausstehlich ist. O ich kenne nur zu gut die .charmanten« jungen Cavaliere von heutzutage, diese socialen Götzendiener! Ich würde jeden einzelnen davon augenblicklich unter Tausenden herausfinden. Aber still! Ich höre Schritte Vielleicht ist's der Graf aä psr 80 uaw? (Zuversichtlich.) Ich verlasse mich dießmal ganz und gar auf meinen Scharfblick. 27 Vierte Scene. Rollmüller. Arthur von Fichteneck. Groom. Arthur (bleibt an der Thürschwelle (Mtelthüre) stehen, den Rücken gegen das Publicum gekehrt, und spricht zu seinem elegant gekleideten kleinen Groom, der auswärts sichtbar ist). Du mußt augenblicklich nach Wien reiten, Willy. Was? Roll müller (im Vordergründe für sich). Er näselt, hat ein Fensterglas in's Äug' gekniffen und dutzt seinen Domestiken, das kann nur er sein! Arthur (wie oben. Absichtlich besonders laut sprechend). Ich bleibe noch circa acht Tage hier. Hörst Du? Acht Tage. Bringe mir daher ungesäumt mehrere Anzüge, Gilets, Beinkleider, Cravatenrc., damit ich ja nicht bemüssigt bin, zweimal in derselben Toilette zu erscheinen, denn selbstverständlich ziehe ich mich dreimal des Tags an. Was? Rollmüller (beobachtend wie oben, mit Ironie). Ein echter Cavalieri Und das nennt die Stiftsgräfin einen charmanten jungen Menschen. Ha! ha! Arthur (thut dergleichen, als habe er etwas vergessen, und zieht jetzt aus seiner Rocktasche ein kleines Notizbuch hervor, woraus er ein Billet nimmt, welches er mit gemachter Geheimthuerei dem Groom übergibt). Dieß Billet trägst Du zu Ihrer Durchlaucht der Fürstin Lori Is enstein in's Hotel Munsch. Hörst Du? Rollmüller (für sich). Das fehlte noch. Ein hübscher Ehemann. Bei Gott! Arthur (zum Groom). Geh' auch zum Obersten Baron Oermenyi, oder "ein. gehe lieber in den Club, Willy. Dort wirst Du am genauesten den Tag erfahren, wann der Oberst mit seinem Hector rennen wird. (Sehr laut.) Ich bin mit 300 Ducaten bei der Wette kngagirt! Was? Rollmüller (für sich). Der bringt meine Nichte noch auf den Bettelstab. Darauf wette ich! (Er setzt sich in ein Fauteuil.) Arthur. So. (Verabschiedet den Groom.) Jetzt eile davon, Willy. Reite nöthi- genfalls ein Pferd zu Tode, aber sei nur schnell wieder zurück. (Er tritt selbstzufrieden und eroberungssicher in den Salon und sieht sich enttäuscht und betroffen um.) I der tausend! Sie ist nicht da? Ich habe also umsonst gesprochen, mich vergeblich angestrengt? Was? Ei, xor daeeo! Das muß schleunigst reparirt werden. (Eilt der Mittelthür zu und ruft den Groom zurück, der alsobald sichtbar wird.) He! Willy! Willy! . . (Zum Groom.) Daß Du mir reinen Mund hältst über Alles, hörst Du? (Betonend.) Dir nicht etwa einfallen läßt der Kammerjungfer der Baronin Gregoresco meine wichtigen Aufträge der Reihe nach auszuklatschen? So. Jetzt mache Dich davon. Schnell! (Der Groom ab. Er tritt vor und reibt sich triumphirend die Hände.) Gott sei Dank! Meine Worte waren doch nicht in den Wind gesprochen, denn jetzt, wo ich dem kleinen, klatschigen Kerl Stillschweigen auferlegt habe, jetzt wird er nichts Eiligeres zu thun haben, als der Kammerjungfer Arpadinens — die nebenbeigesagt nicht ohne ist — Alles haarklein zu rapportiren. Ich bin doch ein Tausendsasa! Was? Rollmüller (für sich). Der Geck! Ganz wie sein Vater. Er sieht ihm auch ähnlich. Nur war der alte Lohhausen feiner. Arthur (erblickt Rollmüller). Ah! ein Fremder! Pardon, mein Herr... aber ich habe Sie nicht bemerkt, Sie find... Rollmüller (einsallend). Ein Cu- ri ositätenfreund. (Er ist ausgestanden.) Arthur. Kuriositäten? (Er sieht sich zeitweise um, als erwarte er Jemanden.) Die find heutzutage bereits ein über- 28 ivundener Standpunct und ganz aus der Mode. Sie existiren nicht mehr. Rollmüller (fiixirt ihn). O, ich denke doch. Es existiren noch welche. Arthur. Nein. Ich versichere Sie auf Ehre, die Kuriositäten sind total abgenützt und längst schon in die Rumpelkammer des Vergessend geworfen. Wenigstens für uns Aristokraten. Das Gothische findet sich nur mehr bei Nähterinnen vor, etruskische Vasen bei Maitressen, Chinoise- rien bei alten Jungfern, Kry- stall in den Kaffeehäusern und vergoldete Gegenstände bei den Wechselagenten! Wir —brauchen dergleichen nicht mehr! (Bei Seite.) Wo nur die Baronin bleibt? Sie läßt mich verteufelt lange warten. Was? Roll müller (für sich). Spreche mir Einer noch' mal von der Bescheidenheit unserer Cavaliere! Sein Vater war mindestens höflich. Arthur. Ich kann Sie versichern, mein Herr, daß der Eigentümer einer mit derlei antikem Trödel vollgepfropften Wohnung immer den Eindruck eines zu Grunde gegangenen Kaufmanns macht, der mit den übriggebliebenen Resten seines Magazins unfreiwillig groß thut. Es ist schrecklich, mauvai8 Asnro, sage ich Ihnen. Und Sie werden begreifen, daß wir Cavaliere eben nicht lüstern sind, der Geschmacksrichtung abgedankter Kaufleute zu stöhnen! (Er lacht verächtlich auf.) Was? Rollmüller (für sich entrüstet). Einstens gaben sie es billiger. (Er sixirt Arthur.) Arthur (bemerkt es). Sie sehen mich so erstaunt an, mein Herr? Wahrscheinlich gehen Sie nicht in die Welt, denn sonst . . . Rollmüller (als ob er nicht verstünde). Doch. Im Verlaufe von zwanzig Jahren habe ich schon zweimal die Reise um die Welt gemacht. Arthur (lacht). Ah, das tzuiproquo ist gut, ist köstlich! Sie haben mich mißverstanden, guterMann! Die Welt, die ich meine, unsere Welt nämlich, bewegt sich in dem kleinen, exclusiven Kreise von 32 Ahnen. Rollmüller (bei Seite, empört). Lasse! Diese Race ist ja heute noch tausendmal lächerlicher als in früheren Zeiten. Und das ist der Mann meiner Nichte. Schauerlich! Arthur (für sich). Die Baronin kann jeden Augenblick da sein. Ich muß mich daher dieses alten Raritätenkrämers so schnell als möglich entledigen. (Laut.) Sie müssen nämlich wissen, mein Herr, daß wir Aristokraten neuester Zeit Liebhaber der Natur geworden sind. Rollmüller (leicht hingeworsen). Warum nicht lieber des Natürlichen? Arthur (überhört es). Wir veranstalten ländliche Feste, Sonnenaufgangs- UöjsunkrZ, Soiröes äan8ant68 bei Mondschein, Ooütsr8 im Getreide und d erreichen und geben dadurch den Schriftstellern die beste Gelegenheit, darüber in den Wiener Journals reizende Feuilletons zu schreiben, Feuilletons, in denen jede Toilette ihr Recht findet, jeder kleine Aufschrei mit oder ohne Konsequenzen notirt, jedes Wort erwähnt wird. Und daß es ganz angenehm ist, sich Tags darauf in den Morgenblättern gedruckt zu finden, werden Sie mir wohl zugeben Was? Rollmüller. Nun, in meinen Jugendtagen war das anders. Da unterhielt man sich einfach der Unterhaltung wegen, und ich erinnere mich noch ganz genau, daß mir damals ein guter Freund, der alte Papa Gurke, sagte.. - Arthur (entsetzt ausfahrend). Wer?. - - Was . . . was für einen Namen nannten Sie da? Rollmüller. Den Namen Gurke. Ei, nicht wahr, der Klang dieses Na-, mens ist nichts weniger als aristokratisch, 29 und Leuten Ihres Schlages ist ein derartiger Familienname eine terra. ineoZ- iiita . .. ? Arthur (für sich kleinlaut). Ach, wo wäre das Glück! Roll müller. Firma Rollmüller und Gurke. Seinerzeit Mützenfabrikanten auf der Landstraße in Wien. Arthur (b-iSeitf). Weh'mir! Es ist um mich geschehen. (Er wischt sich die Stirne.) Rollmüller. Ihnen ist unwohl? Was fehlt Ihnen? . .. Arthur (mit einem krampfhaften Lächeln). Mir? Nichts. Gar nichts. Ich bin ge« sund . . . kerngesund. Was . . . was sollte mir auch fehlen? (Er versucht zu lachen, verhustet sich aber dabei.) Rollmüller. Also daß ich weiter erzähle: Der alte Cyprian Gurke, »Papa Gurke«, wie man ihn allgemein nannte, siarb, und hinterließ ein großes Vermögen und einen einzigen Sohn. Dieser Sohn — den ich oft auf meinen Knien geschaukelt habe — soll sich, wie man behauptet, seines ehrlichen väterlichen Namens schämen und sich einen erdichteten, aristokratischen Namen gegebenhaben. Tanneneck... Fichtenau, oder so wie. Ich habe den verteufelten Namen nickt behalten können, werde ihn aber demnächst erfahren. Arthur (bei Seite, verbissen). O der alte Folterknecht! Rollmüller. Aber mir, der ich ein erprobter Physiognomiker bin. Alles gleich am ersten Blick errathe und mich niemals täusche, mir soll der Junge Unterkommen. Na, der soll mich kennen lernen!.. Aber was schneiden Sie denn für Gesichter? Ihnen muß doch unwohl sein? Oder sollte diese sichtliche Aufregung bloß Theilnahme und Entrüstung fein über die nichtswürdige Schwäche jenes entarteten Buben?.. Gewiß. Das W. (Komisch zuversichtlich.) Ich täusche unch ja in derlei Dingen niemals! Arthur (vor sich hin). Ich weiß nicht, verhöhnt er mich oder verwechselt er mich bloß? So viel ist gewiß, mir steht der Angstschweiß auf der Stirne! Rollmüller (mit einer Wendung). Sie sind wie Ihr Vater. Arthnr (laut). Mein Vater? (Die Stimme versagt ihm.) Rollmüller. Ja. Ich habe ihn gekannt. Arthur (weiß nicht was er sagt). Das ist sehr schön von Ihnen. (Besinnt sich.) Sie kennen, Sie wissen also auch..? (Er stockt.) Rollmüller. Ich habe vor zwanzig Jahren mein liebes Oesterreich verlassen und mit Amerika vertauscht, bin daher um eine ganze Generation zurück. Aber Ihren Vater habe ich gekannt. Derselbe hat — und ich fürchte fast, daß Sie ihm auch hierin ähnlich sind — den Frieden so mancher Ehe getrübt und so manches junge Frauenherz irregeleitet und aus Abwege gebracht! Arthur (ganz verblüfft bei Seite). Papa Gurke? Der tugendhafteste Mützenfabrikant der unverdorbensten Vorstadt Wiens?.. Rollmüller. Er sündigte eben auf die äußeren Vorzüge hin, womit ihn Mutter Natur so verschwenderisch ausgestattet hatte! Arthur (lächelt geschmeichelt. Laut). Jetzt daß ich auf die Vorzüge, womit mich Mutter Natur verschwenderisch ausgestattet hat — wie Sie so überaus höflich find zu behaupten — ein klein wenig sündige, will ich gar nicht in Abrede stellen. Was? Aber daß mein seliger Vater... Rollmüller. O, Ihr Vater war — das muß ihm der Neid nachsagen — durch und durch Franä sei^neur. Das Spiel, der Luxus, die Frauen..! Arthur (mit wachsendem Stauneck). Mein Vater und Frauen?! (Für sich.) 30 Nein, das beruht gewiß auf einem Zrrthum. Rollmüller (fährt fort). Skandale, Abenteuer und Duelle die Menge! Arthur (bei Seite). Wenn mein armer Papa Gurke je in seinem Leben einen Säbel in die Hand nahm, so will ich alsogleich Mönch werden! Was? Rollmüller. Ja. ja, mein Herr! (Schlägt ihn auf die Schulter.) Ich habe Ihren Vater, den Grafen Günther Loh Hausen, genau gekannt. Arthur (aufathmend für sich). Ah! Jetzt errathe ich. Er hält mich für Egon. Ich bin gerettet! Roll müller. Und ich besorge ernstlich, daß sein Sohn... Arthur (fällt ihm hastig in's Wort). Unbesorgt. Der Sohn des Grafen Günther Lohhausen ist ein Ehrenmann. Rollmüller (mißt ihn zweifelhaft). Ehrenmann? Das Wort klingt schön. Sehr schön. Ist aber dabei elastisch wie ein Netz, in das man einen Stein wirft! Das Wort Ehrenmann ist heutzutage so ziemlich außer Curs gesetzt. Man glaubt nicht mehr daran. Ich sage daher mit dem dicken, seligen Papa Gurke: »Mir ist ein tugendhafter Mann lieber!« Arthur (zusammrnzuckend für sich). Schon wieder. Bei Gott! Wenn das so fort geht, bekomme ich eine Pfeffer- gurken-Jndigestion im wachen Zustande! Was? Rollmüller. Ich citire gerne ab und zu ein kluges Wort von meinem alten Freunde und wundere mich nur. daß sein Sohn so ganz aus der Art geschlagen sein soll, der kleine Turi Gurke, den ich um jeden Preis ausfindig machen muß! Arthur (bei Seite). Da sei Gott vor! Ich muß den alten Euriositätenränber nur schnell von hier verschwinden machen. Eö ist die höchste Zeit (Laut.) Aber nun müssen Sie die Denkwürdigkeiten dieser Gegend in Augenschein nehmen. Gehen wir, mein Herr, kommen Sie! (Er wendet sich zum Gehen.) Fünfte Scene. Rollmüller. Arthur. Die Baronin Arpadine Gregoresco. Arpadine (tritt sachte rechts aus Friedas Zimmer). Endlich bin ich entschlüpft! Rollmüller (bemerkt sie). Da ist Jemand. Eine junge Dame! (Aufleuchten!,.) Am Ende gar meine... (Er will aus sie zueilen.) Arthur (einfallend, tritt ihm in den Weg). Die Baronin Gregoresco. Rollmüller (enttäuscht für sich). Also nicht meine Nichte! . . . Arthur (leise zu Arpadine). Der alte Mann da ist mir unerträglich). (Laut zu Rollmüller.) Wir wollten ja den alter- thümlichen Schloßhof besichtigen, mein Herr. Was? Gehen wir also! Arpadine (hastig leise zu Arthur). Sie verlassen mich? Arthur (eben so leise zu ihr). Ich entferne bloß diesen Ueberlästigen! (Für sich mit unterdrückter Wuth.) Ö, der Elende soll mich nicht umsonst ein Rendezvous haben versäumen lassen und nicht ungestraft meinen echten Namen wissen! (Laut und krampfhastartig zu ihm.) Darf ich Sie also nochmals bitten mir gefälligst folgen zu wollen? Was? Rollmüller. Ich bin bereit und sage abermals mit Papa Gurke: »Zeitverlust ist eine himmelschreiende Sünde.« Arthur (vergißt sich). Mein Herr!! (Besinnt sich aber alsogleich und murmelt zwischen den Zähnen.) O der Misse- thäter von einem Raritätenkrämer! Rollmüller (für sich in Gedanken). Und mit so 'nem Gecken leben müssen . . . arme Frieda! (Er schüttelt den Kopf.) Arthur (aus Nadeln). Bitte, mein 31 Herr. Gehen wir. Gehen Sie gefälligst voran. Ich folge augenblicklich nach! (Flüstert mit Arpadine.) Rollmüller. Sehr wohl. (Er macht der Baronin eine Verbeugung und sagt für sich im Abgehen durch die Mitte.) Gr gleicht seinem Vater auf ein Haar. Der Typus eines Loh Hausen; ich bewundere nur meinen Scharfblick. (Selbstgefällig.) Aber darinnen war ich ja von jeher groß. Gin wahres Unicum! Arthur (fieberhaft erregt zu Arpadine). Ich bin bald zurück. Baronin! (Er küßt ihre Hand.) Beten Sie einstweilen, schönste Frau, daß ich nicht zum Mörder werde, denn wenn ich jetzt diesen alten Guriofitätenschwindler nicht eigenhändig in den Parksee tauche — dann ist Gott sehr gnädig! (Stürzt ab durch die Mitte.) Sechste Scene. Baronin Arpadine Gregoresco (allein). Arpadine (nachdem sie ihm einen Blick nachgeworfen hat). »Ich bin bald zurück. Baronin!« — Das sagte er so seltsam, so zuversichtlich, so ich weiß gar nicht wie! Ich glaube fast er denkt, ich habe ihm ein Rendezvous gegeben und bildet sich vielleicht sogar em, daß ich ihn liebe, weil ick neulich su pa8saut den Wunsch äußerte, er möge doch nicht immer und ewig den Schatten der Gräfin Lorberg abgeben. (Setzt sich rechts in rin Fauteuil.) Nein! Wie mir diese Mimi Lorberg unausstehlich ist, das kann ich gar nicht sagen. Diese affectirte Person ist mir in der Seele zuwider! Ich hasse sie, und finde sie auch gar nicht hübsch. Gar nicht! (Bibrirend.) Ich begreife die Männer mcht! Sie ist ja ganz und gar gemalt, und ich müßte mich sehr irren, aber ich glaube, sie hat links einen Höcker. Und die will die ganze Herrenwelt allein beherrschen, diese augenbrauenlose Cokette wagt es, mich mit kleinen Augen von oben herab zu messen, mich, die ich Götterbrauen aufzuweisen habe und ihre Tochter sein könnte?! Lächerlich! Aber das soll und muß anders werden und ihre Geringschätzung wird dem Neide weichen, sobald sie sehen wird, daß ich auch — gefallen kann! (Sie fällt in Gedanken.) Siebente Scene. Die Stiftsdame. Arpadine. Frieda. Ein Diener. Frieda (öffnet ihre Zimmerthüre uud tritt heraus, als sie die ganz in Gedanken versunkene Baronin bemerkt). Die Stiftsdame (folgt ihr und scheint sie von etwas abhalten zu wolleu). Ein Diener (folgt den beiden Damen mit einer großen Schachtel, die er links auf den Tisch stellt und dann durch die Mitte abgeht). Frieda (erregt, mit gedämpfter Stimme). Lasse mich, Tonchette! Lass mich sie ausforscheu. Ich muß wissen, ob sie Egon liebt und von ihm wiedergeliebt wird. Mein Leben hängt daran! Die Stiftsdame (ebenfalls leise, mit der Neugierde kämpfend). Wenn Du glaubst, ellöris?.. Arpadine (erhebt sich wie ausgeschreckt). Ach! Ihr seid es, meine Damen? Ihr!. Die Stiftsdame (links beim Tische). Ich habe da eine Schachtel voll schöner Sachen vom Mister William Clinkec erhalten. Sie kommen schnurstracks aus Amerika und mir zittern schon die Fingerspitzen vor Neugierde. Ich muß die Schachtel öffnen. Frieda hat Sie gesucht, liebe Baronin. Sie will sich endlich einmal wieder ausschwätzen und es läßt 32 sich jetzt hier ganz gut und ungestört ein Plauderstündchen halten. (Sie öffnet die Schachtel.) Frieda (innerlich erregt). Ja. Mich verlangt schon sehr darnach mit Dir zu sprechen, liebe Arpadine, umsomehr als wir uns beide seit unserer Laerö- eosur-Zeit denn doch sehr geändert haben, wie mir scheint. (Blickt sie ängstlich an.) Die Stiftsdame (mit dem Aus- packen beschäftigt, dazwischenwersend). O, die Baronin Arpadine ist vielleicht eine. .. Frieda (fällt ihr ergänzend in's Wort). Eine unverstandene Frau, wie man heute sagt. Die Stiftsdame (hat aus der Schachtel einen ausgestopften Vogel genommen und hält ihn zur Besichtigung in die Höhe). Der Vogel ist wirklich eine Rarität! Ein ganz neuer, mir unbekannter Genre. Und ich habe so viele Genres! Eine Spottdrossel! Die mauvame lanxus unter den gefiederten Sängern. Deli- ciös! Frieda (lächelt besangen). Ah, Du ziehst die Vögel in unser Gespräch herein, Tonchette! Die Stiftsdame. Pardon! Ich schweige schon. Ihr jungen Frauen könnt somit ungestört Euere. Herzen öffnen. Jedem das Seine. Voilä wa äövi86! Mir zum Beispiel genügt es, wenn ich meine Vogelsammlung von Tag zu Tag bereichere. Arpadine. Gerade wie Gregeresco, mein Mann. Der denkt auch nur — freilich in einem ganz anderen Sinne, an's Sichbereichern. Geld ist sein Wahlspruch, sein Morgen- und Abendgebet, und seine klirrenden Ducaten find meine Ketten! Frieda (arglos). Wie so? Ist er geizig? Arpadine (gelangweilt). Ach Gott! Nein. Sein ganzes Vermögen steht mir zur Verfügung! Frieda (die nicht begreift). Nun also? Arpadine. Aber das ist nicht genug. Frieda (macht große Augen). Noch nicht genug? Arpadine (mit falscher Sentimentalität). Bannt mir sein schnödes Geld die Langeweile aus dem Herzen? Frieda (naiv). Ja, was soll er denn thun, um Dich zu unterhalten? . . . Arpadine (sieht sie einen Augenblick betroffen an). Er — nichts. Aber ich — ich will es jenen Frauen nachthun. die sich amüsiren und die Langeweile nur vom Hörensagen kennen, (kindischtrotzend) denn ich will auch leben, und habe es satt, mit einem prosaischen Manne zu vegetiren, der den lieben Augustin auf dem Piano spielt und mir nur — Geschenke macht. — (Komisch entschlossen.) Von der nächsten Woche an nehme ich Stunden bei der Ulke, werde mich im Eancantanzen perfectionniren, mir, dem Hochsommer zum Trotze, eine Sacher-Masoch'sche Pelzjacke nebst einer Salonknute anschaffen, und mich so im Nu zur Gefeierten des Tages emporschwingen! Frieda (vor sich). Gräßlich! (Laut.) Aber... was ist denn das eine Gefeierte des Tages?.. Die Stiftsdame (hält einen aus- gestopften Papagei hoch in der Hand und sagt vor sich hin). Ein Papagei mit bundschillernden Federn und einem kleinen todten Herzen! Arpadine (zu Frieda, erklärend). Eine gefeierte Frau ist überall geladen, überall begleitet und ausgezeichnet. Sie hat als Zeitvertreib ein ganzes Heer von Anbetern, die sie alle anseufzen und ihr huldigen. Und das berauscht wie Opium! Die Stiftsdame (erhebt sich und geht aus Arpadine zu). Und wissen Sie was Anbeter sind, meine liebe Baronin? Anbeter sind Gläubiger, die Sie verfolgen, ohne daß Sie ihnen etwas 33 schulden und die sich schließlich doch immer— bezahlt machen! Frieda. Ich versiehe Dich nicht, Arpadine. Nur Eines fürchte — glaube ich zu ercathen. Du willst um jeden Preis geliebt sein — angebetet, wie Tu sagst. (Mit zitternder Stimme und einem matten Lächeln.) Aber von.... von wem denn?... Arpadine (mit einem Ansluge von Schadenfreude). Beunruhigt Dich das? Die Stiftsdame (rasch). Pardon, aber jetzt muß ich Sie schon auch fragen, auf wen Sie es so eigentlich abgesehen haben, kleine Circe? Arpadine (lacht). Auch Sie plagt die Neugierde, Gräfin? Auch Sie treiben mich in die Enge? Frieda (immer ängstlicher). Und. . . Und glaubst Du, daß es Dir gelingen wird? Liebt man Dich schon? Ja? lZie bängt gleichsam an ihren Lippen.) Die Stiftsdame. Und wie heißt der Ritter? Ist er blond oder schwarz? Hat er blaue Augen und was für eine Nase?.. Arpadine (lachend). O, das ist zu viel, das ist grausam, meine Damen! (Hält sich scherzweise die Ohren ;u.) Ich höre nichts. Ich bin taub! Sie überlreffen ja noch die spanische Inquisition. Jetzt gilt es daher rasch den Salon zu verlassen, sei es auch nur aus Furcht, man könne mir hier mit unsichtbaren Folterwerkzeugen endlich doch mein Ge- heimniß entlocken. Und das darf nicht sein! (Verbeugt sich lächelnd.) ^äisu äone, M 68 (lames! Zum Diner will ich in einer Toilette erscheinen, die meinen Ve r- n'thrungsplänen glänzend Rechnung tragen soll. Es gilt also auf der Hut sein, meine schönen Damen, denn ich bin gefährlich. Sehr gefährlich! (Sie eilt lachend ab durch die Mitte.) Achte Scene. Die Stiftsdame. Frieda. Die Stiftsdame (eilt an die Mittel- thüre, um sich zu überzeugen, daß Arpadine wirklich abgegangen ist, kömmt dann zurück und sagt zu Frieda). Höre Frieda, die gute Arpadine ist weiter nichts als eine — pa8862-inoi Io mot — eine dumme Gans. Eine Närrin, sage ich Dir, die ü tour prix Aufsehen machen will, und es mit Nächstem dahin gebracht haben wird, einen execrablen Ruf zu haben. Für alle Fälle aber ist das keine Rivalin, die Du zu fürchten hast, mein Kind! Frieda (seufzend). Das gebe Gott! Die Stiftsdame. Uebrigens wette ich, was Du willst, daß zwischen Dir und Egon bloß ein Mißv erstand niß obwaltet, das sich ganz leicht beheben ließe. Ich bitte Dich daher nur um Eines, Herzerl. Weine nicht! Unsere Thränen reizen und erbittern nur die Männer. Also weg damit! Und was die Welt betrifft, die soll und darf schon gar nie ahnen, daß eine von uns Frauen eines Mannes wegen Thränen vergießt. Diesen Triumph dürfen wir ihr nicht gönnen. Dazu ist sie viel zu schlecht. Wir müssen vielineyr heiter scheinen und glücklich aussehen. Das allein imponirt und entwaffnet die bösen Zungen! Frieda (treuherzig ausrufend). Ach Gott! Wie gescheidt Du bist, Ton- chette, wie erfahren und klug!! Die Stifts da me (leicht hiugeworfen). Stiftsdamenweisheit! . . (Nimmt sie bei der Hand.) Aber Du, liebe Frieda, hast das Alles nicht näthig. Das Glück steht vor Dir wie ein blühender Rosenstrauch. Du brauchst nur das kleine, schüchterne Händchen in die Rosenglut 3 Theat. Rep. Nr. 286. 34 zu tauchen und pflückst Dir Knospe um Knospe, Freude um Freude! Deßhalb folge mir, Frieda, und verständige Dich mit Deinem Manne! (Betroffen.) Aber was ist Dir? Was hast Du denn?.. Frieda (ist an's Fenster getreten). Er ist's. Er kömmt hieher. Egon! (Dom Fenster wegtretend, athmenlos zur Stistsdame.) O, bitte, Tonchette, bitte, lass' mich mit ihm allein. Ja? Aber nicht böse sein. Gelt? (Entschlossen.) Ich werde Deinen Rath befolgen und, wenn anders möglich, mir mein höchstes Gut. das man mir rauben will — nicht streitig machen lasten! Die Stiftsdame. So ist's recht. So gefällst Du mir, elläris! — Schön, gut und ein reines Herz voll Liebe — Darin liegt ja schon Dein schönster Sieg, mein gutes, süßes Mäderl! (Sie küßt sie aus die Stirne und geht links ab.) Neunte Scene. Egon und Frieda. Frieda (steht rechts und stützt sich an einer Fauteuillehne. Sie verliert sich in Gedanken). Egon (kömmt durch die Mitte und hält ein offenes Billet in der Hand. Er setzt sich links an den Tisch, ohne seine Frau zu bemerken). Was meint nur der Tollkopf Arthur? Ich verstehe kein Wort! Gr schreibt mir da, daß er, aus Furcht unter seinem echten Namen zur Rede gestellt zu werden, gezwungen war. sich einem alten Freunde seines Vaters, Herrn Rollmüller gegenüber, für mich auszugeben. — Immerhin! Ich werde ihn nicht Lügen strafen. (Erblickt seine Frau.) Ah, Du bist da. Frieda? Und ganz in Gedanken verloren! Frieda (ernst). Ja, Egon. Ich dachte soeben darüber nach, wie die Jugend für mich so eigentlich ein Unglück ist! Egon (im Fauteuil, lächelnd). Dieß -»Unglück* gilt allgemein für ein Glück. Frieda (mit einem wehmüthigen Lächeln). Sobald es vorüber ist. Möglich! Egon. Und weßhalb?.. Frieda (lieblich). Weil es so schrecklich schwer ist, das rechte Mittel zu finden, um . . . (Sie hält verlegen inne.) Egon. Nun? Um... Frieda. —Um geliebt zu werden. Egon. O, das versteht jedes Kind. Frieda (mit unschuldiger Koketterie). Aber ich setze den Fall, man täuschte sich hierüber. Was dann? (Sie schaut ihn fragend an.) Egon (verwirrt ausweichend). Du hast Geist, liebe Frieda, Talente in Hülle und Fülle. Du malst hübsch, spielst allerliebst Klavier, singst auch ganz nett mit frischer Stimme und hübschem Vortrage . . . Frieda (eilt aus ihn zu voll kindlicher Freude). Und das weißt Du Alles. Egon? Du hast Zeit gefunden, das zu bemerken? Mich zu belauschen? (Tief innig.) O, ich danke Dir, Geliebter! Ich danke Dir! Egon (für sich). Sie ist unwiderstehlich! Frieda (bei Seite, glückselig). Er scheint mich doch noch ein bischen lieb zu haben! (Laut.) ^ propv8, Egon, ich habe Dir noch gar nicht gedankt für die hergestellte Verbindung mit dem hübschen Gartenpavillon und meinem Zimmer. (Deutet nach rechts.) Der kleine Pa» villon ist entzückend, und es liest und träumt sich einzig darin. Ach. Egon. Wie soll ich Dir jemals all' Deine Güte lohnen?! Egon. Es freut mich, daß sich unsere Gedanken begegnen. 35 Frieda (frohlockend). Und mich erst! Aber Du magst sprechen von was Du willst, Egon, selbst über Dinge und Gegenstände, die mir ganz fremd find, ich verstehe Alles, und jeder Gedanke wird mir gleich zum Bilde. So ging es mir erst unlängst mit der Politik. Egon (lächelnd). I der tausend! Du befassest Dich jetzt sogar mit Politik? (Scherzhaft.) Nun, das kann Oesterreich nur Glück bringen! Frieda (mit einer Schmollmiene). Lache mich nur aus, Bösewicht! Es ist doch so. (Sie stützt sich graziös aus seine Schulter und sagt zärtlich.) Siehst Du, Egon, e- gibt einzelne Worte, die alsogleich Gestalt und Leben annehmen, sowie Du sie aussprichst. So zum Beispiele: »Va terland.* Tieß Wort war allezeit meines Lebens ein verwehter Klang für mich. Ich begriff es nicht. (Aufleuch tmd.) Jetzt aber ist mir das Wort in s Herz gedrungen von Deinen Lippen, jetzt liebe ich das Wort und weiß, daß das Vaterland der Flecken Erde ist, worauf Du geboren wurdest, dessen heilige Interessen Dein Mund stets sorgsam wahren wird und für dessen Wohlfahrt Du Dein Leben selbst in die Schanze schlagen würdest! Jetzt weiß ich, daß das Vaterland der Boden ist, worauf Du lebst, wo man Dich ehrt und schätzt, wo Du Deinem Kaiser nützen kannst und worauf ich, — Dein Weib, Dich liebe! Egon (drückt sie überwältigt an die Prüft). Frieda! Du mein Alles! Mein Glück, mein Schmerz, mein Vaterland!! Frieda (zu ihm auslächelnd, glückselig). Siehst Du. Egon, so verstehe ich die Politik! Egon (hingerissen). Und bei Gott! Kein Weid braucht fie anders zu verstehen. Diese holde Deutung entwaffnet jeden Politiker! Frieda (mit einer kleinen Gchmoll- vnene). 'Du betrachtest mich überhaupt noch immer als schüchternen saere-eoeur- Zögling. (Schalkhaft.) Das weiß der Herr Gemal freilich nicht, daß mich jedesmal, so oft ich ihn von meinem Fenster aus kühn nnd unerschrocken mit seinem Butterfly über breite Gräben setzen und steile Bergwege hinaufreiten sehe, die Luft anwandelt ihm's nach zu» thun. Egon. Du? (Ungläubig.) Geh'. — Frieda (nickt mit dem Kopfe). Ja, ja, ich. Allerdings hauptsächlich bloß deßhalb, um immer in Deiner Nähe zu sein und Dir in Momenten der Gt- fahr gleich hilfreich beistehen zu können. Ich habe mich auch deßhalb in Deiner Abwesenheit ein bischen im Reiten versucht. Egon (erstaunt). Wie? Frieda. Wolfhart, der alte Stallmeister Deines seligen Papas, ist mein Reitlehrer. Er hat mir schon einige Lectiooen gegeben und sastt, ich wäre sehr geschickt und gelehrig, was mir fast selber scheinen will, denn ich reite den Abdelkader wirklich schon ganz passabel. Egon (steht rasch auf). Um Gottes willen! Du ängstigst mich! Das feurige, störrische Thier geht oft durch und so ein Schreck könnte Dir den Tod geben! Frieda (anmuthig, mit einem liebreizenden Lächeln). Ei nu, wenn Du so sprichst, Männchen, dann bleibt schon nichts Anderes übrig, als mich gar nicht mehr allein zu lassen und beständig bei Dir zu behalten, denn nur dann wäre ich jeder Angst und Sorge enthoben. Und stieße uns in dem Falle selbst eine wirkliche Gefahr zu. so hätte ich eine solche Angst um Dich, mein Egon, daß ich auf mich sicherlich ganz und gar vergessen würde. Egon (gepreßt). Frieda! (Er wendet sich ab.) 3 * 36 Frieda. Und dann, siehst Du. Egon... (Sie blickt aus.) Aber Du wendest Dich ab von mir? Ei, sieh' mir Doch in's Auge. Betrachte mich! Zch habe mich ja schon »schön« gemacht und bereits! mit Deinen Geschenken geschmückt. Nun?! Wie findest Du die Toilette? Hübsch?. Egon, (ganz unter dem Banne ihrer I Schönkeit). Weit weniger hübsch als Dich! selbst in Deiner lichten, knospenden! Iugendschönheit..! Frieda (nimmt aufjubelnd seine Hand). Wirklich?! Egon (hält ihre Hand in der seinigen, 'n auslodernder Leidenschaft). Weit weniger schön als Deine Märchenaugen, als Dein kußblühendcs Lächeln, als Deine sinnbcrückende Kindlichkeit! (Lr besinnt sich plötzlich wie entsetzt.) Gott! Gott! Wie ich sie liebe! Aber — weg da! (Stößt ihre Hand fort und weicht ganz verwir-t zurück.) Ich weih ja nicht mehr was ich denke, was ich spreche. Zch bin außer mir! (Zn Frieda wild verzweifelt.) O, sieh' mich nicht so glühend an, heiße mich nicht Dir in's Äuge blicken und sprich' mir nicht von Deiner Liebe. Sage nichts was mich zwingen könnte, Dich zu meiden. (HerauSstoßend.) Gib mich frei, Unglückliche! Frieda (hilflos entsetzt). Mein Gott nu Himmel! Was ist denn geschehen?! Was habe ich gethan? Zch habe Dich sicher wieder gekränkt, ohne e? zu wissen.! Zch . . - Egon (fällt ihr ergriffen ins Wort). Du mich gekränkt, Du milder Engel des! lieben Gottes, die Du vollauf berechtigt! bist, die unglückselige Stunde zu verflu«! chen, die Dein junges Leben an das meine gekettet hat auf immer! Frieda (in Srtase). O nein, nein., Zch segne jene Stunde mit jedem Pulsschlag meiner Seele, denn sie gab mir das Glück! Egon (bitter). Ein Glück, das ein einziges Wort zerstören kann! Frieda (wie im Fieber). Egon! Was für ein Unglück bedroht Dich? Zst Dein Vermögen dahin, find Deine Tage gezählt? Ist ... Ach Gott! Zch bin so unerfahren im Leben und stand immer so allein, daß ich nicht einmal weiß, was für Unglücksfälle uns heimsnchen können. Für mich gibt es nur Ein Unglück — Dich zu verlieren! Egon (schaut sie starr an). Und wenn das geschähe?! Frieda (erbleichend mit erstickter Stimme). Was ... was soll geschehen. Egon? (Sie faltet wie unwillkürlich die Hände und schaut ihn wie hilfeflehend an.) Egon (verzweiflungsvoll). Ach Frieda, glaube mir, uns Beiden wäre es besser gewesen, wir hätten uns niemals gesehen! Frieda (entsetzt). Egon! Wie kannst, wie darfst Du so etwas sagen! Egon. Aber trotzdem vermag nichts auf Erden das heilige Gelöbniß ungeschehen zu machen, das ich in verschwiegenster Seele Gott am Traualtäre abgelegt habe, das heilige Gelöbniß Dich zu schützen und.Dich glücklich zu machen. Frieda! (Abspringend.) Aber sage mir, liebe Frieda, hast Du einen Wunsch, willst Du reisen? Soll ich Dir Feste geben? Oder würden Dich Diamanten freuen? O, bitte, sage mir, was Dir Freude geben, was Dich glücklich machen würde. Befiehl, und ich will Dir jeden Wunsch erfüllt zu Füßen legen! Frieda (ängstlich erstaunt). Ego"! Was soll das? Weißt Du denn noch immer nicht, daß all' mein Glück und alle meine Reichthümer in Deiner Liebe ruhen? Was sind mir dagegen alle Schätze der Erde, was ist mir der Himmel selber — ohne Dich! Egon (verwirrt). Sprich' nicht so. Frieda! Sag' das nicht! (Lüster.) Denn es kann ein Geheim niß zwischen uns liegen, ein Geheimniß, das mich immer wieder aus Deinen Armen reißt un mich von Dir jagen muß! 37 Frieda (stöhnend). Egon!! Egon (geht auf sie zu. Leidenschaftlich bewegt). Und doch nein. Nein. Tausendmal nein! Das ist unmöglich! Du wirst immer bei mir sein. Frieda. Immer. Du wirst stets meine beste Freundin bleiben, meine angebetete Le- densgefährtin. meine... Frieda (wirst sich ihm aufgelöst an die Trust). Ja. ja. Bei Dir. Egon. Immer bei Dir. An Deinem Herzen, in Deinen Armen — darinnen will ick leben und sterben! (Sie lächelt ängstlich zu ihm empor.) Aber weißt Du, Egon, daß Du mir vorhin fast — Schreck ein- geflößt hast? (Sie wischt sich eine Throne aus dem Auge.) Egon (wie aufwachend). Schreck! Schreck, sagst Tu? (Sein Blick fällt jetzt auf Frieda, die er entsetzt zurückstößt.> Du erschreckst mich, Frieda. (Stöhnend.) Du..! Frieda. Egon!! (Sie bringt das Taschentuch an ihre Augen und sagt vor sich hin.) Ach Gott! Wenn er mich wirklich verlosten müßte? Was dann? (Hilflos.) Wohin?. .. Zehnte Scene. Egon. Rollmüller. Frieda. Rollmül ler (erscheint in der Mittelbare, Frieda bemerkend). Eine junge Frau in Thränen.. ? Frieda (vor sich hin. gleichsam laut denkend). Ach! dann hätte die arme Weda wohl Niemanden mehr auf der ganzen weiten Erde! Rollmüller (hat ihre letzten Worte oufgefangen und tritt nun vor). Und wer !"gt Ihnen das? Ich bin ja da. Ich! (dkwegung Egon s.) Frieda (ganz betroffen). Wer sind... sagen Sie da, mein Herr?... Rollmüller. Ick stelle Ihnen in meiner Person einen Beschützer und treuergebenen Freund des Fräulein Frieda von Fabris vor. Frieda (wie oben). Sie kennen meinen Familiennamen? Roll müller (für sich). Also doch! mein Herz hat sie erkannt, 's ist wunderbar! Egon. Wie heißen Sie, mein Herr? Roll müller (laut). Mein Name thut gar nichts zur Sache, davon später. Sagen Sie mir lieber, ob es nicht Jammerschade ist, wenn ein paar so schöne Frauenaugen in Thränen schwimmen? Das vertrage ich nicht. So was drückt mir alten Mann das Herz ab ... (Nähert sich der Gräfin.) Wissen Sie, daß ich Ihretwegen hergekommev bin? Frieda. Meinetwegen^.. Rollmüller. Ja. Ich habe eine Krage an Sie zu stellen. Eine wichtige Frage. Ich möchte nämlich wissen, ob Sie Ihren Mann, den Grafen Lohhausen aus freien Stücken geheiratet haben?.. Frieda (blickt ihn erstaunt an). Aus Liebe. Aber ich begreife nicht... Rollmüller. Und trotzdem trübt schon der Kummer Ihr Liebesglück? Frieda (weicht einen Schritt zurück). Mein Herr! Egon (der die Beiden genau beobachtet hat, zu Rollmüller). Eine derartige Frage zu stellen ist eine Unverschämtheit, die — Roll müller (unterbricht ihn). Ruhe! Nachdem ich einzig und allein aus Ame rika bieher gekomen bin, um Nachforschungen zu halten, werden Sie es begreiflich finden, daß ich Fragen stelle. (Zu Egon.) Ach. das Herz in der Brust lacht mir, wenn ich sie ansehe. Sie ist aber auch wunderhübsch. Nicht wahr? Egon. Wunderhübsch! Ja. Roll Müll er (vertraulich zu Egon). Und seden Sie nur wie verlegen sie wird! 38 Eine reizende kleine Frau. Schade, daß sie nicht glücklich geworden ist! Egon (bewegt und lebhaft). Ach ja, Sie haben Recht, mein Herr. Ewig Schade! Denn wenn irgend Jemand alles Glück verdient, das uns die Erde bieten kann, so ist es sie. Rollmüller (schüttelt ihm gerührt die Hand). Mein Herr! Ohne Sie zu kennen, danke ich Ihnen für diese guten Worte und für die herzliche Theilnahme, die Sie dieser jungen Frau entgegenbringen. (Immer vertraulicher.) Und nun — unter uns gesagt — ist es nicht ein Unglück gewesen, daß man das liebe Kind an den Grafen Egon Lohhausen verheiratet hat? Egon (seufzend). Ein Unglück. — Ja. Rollmüller (bei Seite mit komischer Zuversicht). Jetzt, daß der junge Mann kein Kavalier ist, das habe ich gleich auf den ersten Blick weg gehabt. O, darinnen bin ich groß! Aber das thut nichts! Er ist mir deßhalb nur um so sympathischer! Egon (für sich). Ah, jetzt errathe ich! Der alte Herr ist sicher jener Herr Noll- müller, der den Arthur mit mir verwech« selt hat! Rollmüller (zu Egon). Aber wer zum Henker hieß auch den Gatten dieser jungen Frau gerade unter den Abkömmlingen jener blaublütigen Race suchen? Das hieß ja augenscheinlich ihr Lebensglück auf's Spiel setzen. Aber jetzt bin ich da, um sie zu schützen, und im Noth- salle dem unglückseligen Sckicksal gewaltsam zu entreißen, das sie bedroht. Frieda (rechts im Fauteuil für sich). O Gott! Egon (laut zu Rollmüller). Und mit welchem Rechte dürfen Sie sich als Schiedsrichter aufwerfen und über die Handlungsweise Anderer den Stab brechen, wenn ich fragen darf?... Rollmüller (mit Würde). Wenn man sich wie ich aus ehrliche Art durch seiner Hände Arbeit ein Vermögen erworben hat, so hat man auch das Recht die Narrenstreiche der Müßiggänger und Tagediebe zu tadeln. Auch kömmt jedem rechtschaffenen Menschen das Recht zu schlechte Handlungen schonungslos zu entlarven. Ich aber habe hierbei noch außerdem ein unbestreitbares Recht, indem sich das einzige Wesen, das mich noch an's Leben bindet, in den Händen eines jener jungen Männer befindet, die, dem schlechten Beispiele ihrer Väter folgend, Alles, selbst die heiligsten Empfindungen ihrer Herzen, ihren Vergnügungen und Paffionen aufopfern. Sehen Sie, mein Herr, diese Sorge martert und erbittert mick zugleich, denn wer sagt mir, ob sich die Sünden und Laster seiner Voreltern nicht auch auf den Grafen Egon Lohhausen vererbt haben?... Egon (unterdrückt eine Bewegung). Nein ! Mit aller Ruhe erlaube ich mir Ihnen zu sagen, daß es einem vernünftigen Manne übel ansteht die Reichen und Mächtigen von ehemals so in Bausch und Bogen anzuklagen und zu verur- theiten. Bevor Sie nachsichtslos das Unrecht der früheren Zeiten verdammen, blicken Sie doch ein bischen um sich und sehen Sie, ob denn die Gegenwart so ganz frei ist davon?! Du lieber Himmel! Weil ein Vermögen erst gestern erworben wurde, muß es dcß- halb immer rechtlich erworben sein? Ist man deßhalb weiser, weil man bei Bezahlung seiner Thorheiten knickert? Und etwa edler, weil man die Duellanten tadelt, anstatt sich zu schlagen?... Wenn die Manieren vergröbert sind, bergen sie darum eine größere Rechtschaffenheit? Und der Glanz, die gestickten Kleider und die ceremoniöse Höflichkeit vergangener Tage, wogen sie nicht zum Mindesten den Stallduft, den Cancan und 39 den Cigarrenqualm in den Damen- Salons von heute auf?... Rollmüller (hat ihm mit wachsendem Interesse zugehört). In der Thal! Sie mögen Recht haben, junger Mann! Cgon. Ueberlaffen wir es daher der Leidenschaft und der Parteilichkeit, die Vornehmen von einst anzuklagen; das unbefangene Urtheil aber, mein Herr, sieht deutlich, daß gerade die ärgsten Schreier deren Grimassen zu allererst nachäffen, sobald sie an ihrer Stelle sind. Lassen Sie beispielsweise nur Einen unserer Demokraten und sogenannten Adels fr esse r ein bischen Geld bekommen, so überfällt ihn also- bald das Hermelinsieber und das Knopfloch seines Frackes schmachtet förmlich nach einem Ordeusbande! — Setzen Sie also die Unvollkommenheiten, die Sie verletzten, ganz einfach auf Rechnung der allgemeinen Schwäche von uns armen Menschen und seien Sie gleichzeitig überzeugt, mein Herr, daß wir Männer wie Sie, die alle ihre edlen Grundsätze unversehrt zu bewahren wußten, umsohöher achten, je seltener mau solch' echte Tugend findet!... Rollmüller (ganz entzückt). Weise gesprochen, junger Mann. Sehr weise auf Ihre Jahre. Aber um meine Erbitterung zu begreifen, muß man die traurigen Erinnerungen kennen, die der Name Lohhausenin mir wachruft. (Erläuternd.) Es befand sich nämlich vor nahezu 18 Jahren unter den Freunden des Grafen Günther Lohhausen — den lustigen Freunden desselben, muß ich hinzusetzen — auch ein Herr von Fabris. Rudolf von Fabris. Frieda (erhebt sich jäh). Mein Vater? Egon (beklommen). Fabris?! Rollmüller. Rudolf Fabris, den gefährliche Freundschaften in's Unglück stürzten. Nähere Daten indessen mangeln mir, und es fehlen mir dadurch so zu sagen die Sprossen in der Leiter. (Zur Gräfin gewendet.) Aber vielleicht kann mir Fabris' Tochter die mangelnden Aufschlüsse geben? Frieda. Leider nein, mein Herr! Ich war ein Kind, als mir mein Vater plötzlich — durch einen Unfall, wie man mir sagte — auf ewig entrissen wurde. Rollmüller. Ja. Durch ein Duell mit . . . (besinnt sich) mit einem seiner lustigen Freunde, wie ich vermuthe. Egon (schmerzlich bewegt). Warum berühren Sie dieß traurige Ereigniß und detailliren es obendrein in Gegenwan seines Kindes, nachdem doch schon Jahre darüber verflossen find? Rollmüller. Weil Frieda von Fabris nach dem Tode ihres Vaters ein bedeutendes Vermögen geerbt haben mußte. Frieda (rasch). Da irren Sie sich, mein Herr. Ich habe nichts geerbt. Meine arme Mutter starb im Elend und nur die Barmherzigkeit trug Sorge für meine Kindheit. Rollmüller(ungestüm). Wer also hat Rudolf Fabris' Vermögen geraubt?! Egon (äußerst bewegt). Ja, hat er denn wirklich Vermögen besessen? Rollmüller. Er war reich. Sehr reich. Das weiß ich am besten. (Finster.) Ich wollte nur, ich wüßte schon eben so bestimmt, wer ihn getödtet hat Noch kenne ich nicht seinen Mörder. Aber er soll mir nicht entkommen. Ich werde ihn finden! Egon (für sich). Wenn er wüßte ...! Roll müller (zu Egon srappirt). Aber Sie scheinen ganz ergriffen, mein Herr! Ihnen ist unwohl? Egon (versucht seine Verwirrung zu verbergen). Nicht doch. Mich haben bloß Ihre seltsamen Fragen ein bischen aufgeregt, ebenso Ihre befremdende, fast unheimliche Neugierde, womit Sie die Vergangenheit umwühlen wie einen Friedhof, eine Vergangenheit, deren Erinne- 40 rung — wie mir däucht — die Zeit doch schon verlöscht haben müßte! Rollmüller (richtet sich hoch aus). Und wer sagt Ihnen, mein Herr, daß die Erinnerung daran bereits erloschen ist? Und weßhalb sollte die Zeit ein Verbrechen vergessen machen, dessen Opfer noch nicht gerächt ist? Weßhalb, frage ich Sie, sollten Rudolf Fabris' Reich- thümer seinem Kinde nicht zurückerstattet werden? Warum sollte nicht endlich die Schande und das Unglück an dem Schuldigen haften bleiben, der sich so lange Jahre hindurch frei und ungestraft des Lebens freute? Etwa weil sein Name mit zu den ältesten, geachtetsten und glänzendsten Oesterreichs zählt? Grund genug, umsomehr Grund ihm die Larve vom Gesicht herabzureißen und zu dem zu steinpeln, was er immer war und ist — ein Ehrloser! Egon (empört). Mein Herr! Frieda (beobachtend, für sich). Wie bewegt Egon ist! Wie aufgeregt! (Sie ist ausgestanden.) Rollmüller. Ein Ehrloser! Ich wiederhole es. Egon (sich zur Ruhe zwingend). Aber ich denke — um in eine Familie die Verwirrung und den Scandal in die Welt zu schleudern, sollte man nicht auf leere Gerüchte horchen, oder einem blinden Hasse Folge leisten, sondern vorerst prüfen. Genau prüfen. Ueberhaupt könnte da nur ein mächtiges persönliches Interesse allenfalls. . . Rollmüller (fällt ihm in's Wort). Aber mich leitet ja eben das theuerste, heiligste Interesse und ich habe ein Recht hiezu, mein Herr! Ein persönliches Recht, denn Rudolf von Fabris war mein — Bruder, und dieses junge Weib da ist meine Nichte! Egon. Was höre ich? Frieda. Wär's möglich? Roll MÜller (schließt die Gräfin in seine Arme). Ja, Frieda, Du kleines, liebes. süßes Goldmädchen! Ich bin Dein Onkel, Dein leiblicher Onkel und Hab' Dich lang genug schmerzlich entbehrt! (Feierlich.) Dein Vater ist todt und Dich finde ich in Thränen. Kind! Ich will daher Rechenschaft fordern, strenge Rechenschaft über meines Bruders Tod und über das Glück seines Kindes! (Zu Egon.) Darinnen besteht nunmehr der einzige Zweck meines Lebens. Das hat mich hergebracht über's Meer. Deßhalb habe ich gefragt und deßhalb bleibe ich jetzt hier. Genügt Ihnen das, mein Herr? Egon (sehr beklommen). Gewiß . . . Und dennoch erlaube ich mir eine Frage — Wollten Sie nicht vorerst — ehe Sie der scandalsüchtige.i Menge diese schrecklichen Geheimnisse preisgeben — mit mir darüber sprechen und dann auch mich anhören? . . . Rollmüller. Warum nicht? Ja. Frieda (mit rührender Würde). Zu allererst aber fühle ich mich verpflichtet hier laut zu bezeugen, daß der Graf Egon Lohhausen mir armen Waise groß- müthig und völlig uneigennützig seine Hand angeboten hat, daß er, Egon, nur er allein stets über mich und mein Schicksal zu verfügen haben wird, daß ich das Loos, das er mir beschieden hat, in Demuth annahm und mit Freuden Glück und Unglück mit ihm theilen will und nun und nie einen andern Willen, ein anderes Machtgebot anerkennen werde als das seinige! Rollmüller (für sich). Da haben wirs Sie verhimmelt ihn noch obendrein! (Aergerlich.) Daß doch die Taugenichtse stets die besten Weiber kriegen! Elfte Scene. Die Vorigen. Ein Diener. Diener (durch die Mitte). Herr Klinker bat soeben einen Expreßbrief aus 41 Wien erhalten, der wichtige Nachrichten für Herrn Rollmüller bringt. Herr Rollmüller möchte daher. . . Rollmüller (fällt ihm in's Wort). Gut. Ich komme gleich. (Diener ab.) Vielleicht erhalte ich jetzt endlich die ersehnten Aufklärungen über meines Bruders Tod? (Zu Clion.) In welchem Falle ich Sie selbstverständlich im Augenblick werde benachrichtigen lassen, mein Herr, denn Sie scheinen mir ein sehr ruhiger, vernünftiger und was die Hauptsache ist, ein gänzlich unbeeinflußter junger Mann zu sein. Und ich schmeichle mir ein ganz exquisiter Pbysiognomiker zu sein. Mein Scharfblick ist bekannt Ich bilde mir auch nicht wenig darauf ein. Egon (bei Seite). Entsetzliche Lage! Rollmüller (zu Frieda). Also Adieu, liebe Nichte. Auf baldiges Wiedersehen. (Er küßt sie aus die Stirne.) Du einzige. beste Freude meines Lebens! Mein Goldmädchen, Du! (Ab durch die Mitte.) Zwölfte Scene. Frieda und Egon. Frieda (die ihren Mann aufmerksam beobachtet ha). Egon! Egon (sehr aufgeregt, halb vor sich hin). Mein Gott! Sollten die Ereignisse noch schrecklicher sein, als ich befürchtete?! Frieda (geht besorgt aus ihn zu und faßt ihn bei der Hand). Deine Stirne ist bleich und Deine Hand zittert! Du leidest, Egon! (Da er ausfahren will, beschwichtigend.) O zürne nicht. Sei gut. Ich befrage Dich ja nicht um Dein Geheimnis. Ich sehe bloß, daß die Gegenwart meines Onkels Dich beängstigt und erschreckt. Und auch mir jagt sie plötzlich Furcht ein, denn mir ahnt, daß sie uns Unglück bringen wird! (sieberhaft erregt.) Fliehen wir daher! Ich kenne ja doch auf der ganzen weiten Erde nichts und Niemanden außer Dir, Geliebter! — Entfliehen wir also. Heute noch. In der nächsten Stunde. Ich bitte Dich! Egon (schaut sie ängstlich an). Fliehen? Frieda. Ja. Und lass mich bei Dir bleiben, Egon. Immer. Lass' mich endlich Deine Kümmernisse theilen, Dich trösten und aufrichten. Wie gerne wollte ich mit Dir vereint Gefahren, Sorgen und Elend muthig überwinden und hätte dabei nur gewonnen, denn bisher war ich bloß reich gewesen, dann aber würde ich — glücklich sein! Egon. Ach, Kind! Wenn es bloß gewöhnliche Mißgeschicke wären, die ich zu ertragen habe, Du würdest sie alle spielend überwinden, daran zweifle ich keine Minute. Aber mein armes, niedergejagtes Herz kämpft und ringt schon einen ganzen Monat hindurch Dir zur Seite zwischen einer Pflicht, die laut mahnt, und einer Leidenschaft, die mein Innerstes zerwühlt! Frieda (für sich, verzweifelt). So ist's doch wahr gewesen. Gott im Himmel?! Egon. Du kennst vom Leben nur die ideale Seite, liebe Frieda, Deine Lieblingsbeschäftigung ist das Träumen, und die Hoffnungen und die Illusionen sind Dein tägliches Brod. Ich habe daher immer wieder gezögert Deinem reinen, keuschen Mädchenherzen Einblicke zu gewähren in traurige, strafwürdige Handlungen. Es schien mir kaltherzig und grausam so mit Eins wie ein zündender Blitz mitten in den Knospengarten Deiner lichten Kindertränme zu fahren und sic einzeln zu entblättern. Frieda (kreuzt die Hände krampfhaft über die Brust zusammen). Was . . . was werde ich hören müssen? Egon (noch ausweichend). Auch habe ick noch immer gebofft, daß wir so werden 42 weiter leben können, daß der ehrenhafte Klang meines alten Namens, die Freuden der großen Welt und meine Freundschaft Deine Existenz erst noch glänzend und glücklich machen könnten — allein die grausame Neugierde, die uns umgibt, die unerwartete Ankunft dieses Verwandten, der eine Wahrheit aufzustöbern kommt, die besser ewig un- entdeckt bliebe, und nun gar die neue, fürchterliche Muthmaßung: mein Name, der Name Lohhausen, den ich bisher rein und fleckenlos wähnte, könne angegriffen und entehrt werden! Frieda (schreit aus). Nein! Egon. Das Alles bringt mich zur Verzweiflung, ja der bloße Gedanke hieran tödtet mich! Denn was hätte ich Dir dann geboten, Frieda, Dir, deren Leben hätte glücklich und friedlich sein müssen, und deren weiches Herz Zärtlichkeit und Liebe bedarf? (Mit schneidender Bitterkeit.) Ein müdegehetztes Herz, das in seinen dunklen Tiefen ein grausames Geheimniß birgt. Einen Namen, der Dir die Schamröthe in's Antlitz treiben müßte und vielleicht — um dem Ganzen die Krone aufzusetzen — ein Vermögen, das nicht einmal mir gehört! (Er lacht verzweifelt auf.) Frieda. Halt ein, Egon! Was kümmert mich Rang und Reichthum? Was die Welt? Die boshafte, schadenfrohe, erbarmungslose Welt?! (Besinnt sich und sagt mit einem wehmüthigen Lächeln.) Aber Du hast Recht, Egon. Ganz Recht. Ich bin eine Thörin, die nur in Illusionen lebt, ein dummes, übermü- thiges Ding, das da glaubte, ihr Mann könne all' sein Glück in ihrer Liebe finden, weil die seinige ihr selbst den Himmel vergessen ließe. Thorheil! Thor- heit! Thorheitü (Sie hat sich aus ein Ta- bouret gesetzt, ihr Köpfchen zwischen beide Hände genommen und weint bitterlich.) Egon (geht aus sie zu, ergriffen). Frieda! Weine nicht! Du sollst Alles wissen. Ich kann Dich nicht weinen sehen. Erfahre also . . . Dreizehnte Scene. Frieda. Egon. Die Stiftsdame. Die Stiftsdame (tritt lachend zur Mittelthüre herein). Eine volle Stunde im l'sts-a-töts? Bei Gott! das ist des Angenehmen schon zu viel, um so mehr, als Dich im Empfangssaale oben bereits zwanzig Personen erwarten, Vetter. Egon. Mich?... Die Stiftsdame. Lauter Gäste, die ich geladen habe. Also bitte, lieber Egon, begib Dich al sogleich zu ihnen. Rette meine Ehre und krame Deine ganze Liebenswürdigkeit aus. Ich und Frieda folgen Dir auf dem Fuße. Egon. Ich gehe schon und lasse Euch allein, fühle mich aber außer Stande in diesem Augenblicke Gäste zu begrüßen. Entschuldige mich daher, liebe Tom. (Links ab.) Vierzehnte Scene. Frieda. Die Stiftsdame. Die Stiftsdame. Was ist das? Egon ganz verstört und Du schon wieder in Thränen, Kind? ^lai8 yu'^-a-t-il äone? Frieda (ausbrechend). Ach, Tonchette, liebe Tonchette! Endlich seh' ich klar! Egon liebt mich nicht! Die Stiftsdame. Er liebt Dich nicht? (Rasch, gedankenlos.) Dann enterbe ich ihn! (Sich schnell verbessernd.) Verläugne ich ihn als eoumn ^ermaia wollt' ich sagen. (Mit einem Seufzer, anmu- thig.) Ich bin ja arm wie eine Kirchenmaus! Frieda (vertraulich). Auch habe ich erfahren, daß sich mein Schwiegervater 43 großer Vergehen schuldig gemacht hat. Was für Vergehen mögen denn das gewesen sein, Tonchette? Weißt Du nicht? . . . Die Stiftsdame (nach einer kleinen Pause). Mußt Du's wissen? Frieda. Müssen? Nicht. Aber ich erführe es gerne. Der Orientirung wegen. Die Stiftsdame. Nun denn so will ich's Dir in Gottes Namen armer- trauen. Mein Onkel Günther, Dein deau- xers, war nämlich — jetzt, wie soll ich Dir das expliciren? . . . (Hat sich besonnen.) Ja. Mein Onkel war etwas... (Macht eine Handbewegung.) Du verstehst mich schon? Frieda (offenherzig). Nein, Tonchette. Ick verstehe Dich nicht. Die Stiftsdame. Etwas leicht, »voIa§6« meineich. Er war nicht treu. Kein treuer Ehemann. Frieda. Er hat also nebst seiner Frau noch eine Andere geliebt?.. . Die Stiftsdame. Eine glaubst Du? - Er hat sie Alle geliebt! Frieda (weicht zurück, anmuthig entsetzt). Alle?! Aber das ist ja eine himmelschreiende Sünde! Die Stiftsdame. Jetzt ob es gerade eine himmelschreiende Sünde ist, weiß ich nicht, aber jedenfalls ist es ein großes Unrecht. — Ich lasse auch jeden Freitag eine stille Messe für ihn lesen, denn er war mein Lieblingsonkel — illal^rö Wut — (Gereizt.) Indessen gar keine Frau zu lieben, wie es Egon thut, das ist in meinen Augen — Gott verzeih' mir die Sünde — fast noch sträflicher! (Sie geht auf und ab.) Frieda. Ach! Wenn Egon wirklich keine Frau lieben würde. Tonchette, so wäre ja noch nichts verloren. Er sprach mir aber ganz im Gegentheile von einem . . . Die Stiftsdame (unterbricht sie neu- girrjäh und saßt sie ber der Hand). Von was sprach er?.. . Frieda. Von einem Geheimniß, von niedergekämpften Leidenschaften und einer ganzen Menge solch' schrecklicher Sachen! Ich will Dir auch jetzt kein Hehl mehr daraus machen, liebe Toni, und Dir ganz offenherzig sagen, daß mich Egon schon seit einem Monate förmlich meidet. Heute Morgens habe ich Dir das noch aus AZus verheimlicht, aber jetzt löst mir die Angst, die Furcht des Verlierens die Zunge. Ja, Tonchette! Ich spreche die volle Wahrheit wenn ich Dir sage, daß ich und mein Mann, seitdem wir verheiratet find, noch nie so eigentlich allein miteinander waren. Die Stiftsdame (scandalselig). Ist das die Möglichkeit? Frieda. Ab und zu, wenn ihm mein Traurigsein leid thut — und ich bin oft traurig— will es mir freilich scheinen, als habe er mich lieb, aber schon in der nächstfolgenden Minute schwindet diese Hoffnung und ich muß glauben, daß er mich verabscheut! Die Stiftsdame. Dich verabscheut man auch! Frieda. O, ich reime mir jetzt schon Alles zusammen. Er hat sicher, ehe er mich kennen lernte, sein Herz einer andern Frau geschenkt. Die sucht er jetzt auf und lacht und tändelt mit ihr. währenddem ich hier einsam in Thronen an ihn denke und ihn herbeisehne mit jedem Athemzuge meiner Seele! (Leidenschaftdurchwühlt.) Ach. Toni, liebe Toni! Mein Herz empfindet alle Qualen des Verlassenseins und der Eifersucht! — Wen liebt er? Wo ist sie, die Elende? Mit was für Zauberkünsten hat sie ihn an sich gelockt?... Ach Gott! Ich, die ich bisher nur zu lieben verstand, ich fühle in diesem Augenblicke, daß ich das Weib seiner Liebe hassen, tödtlich hassen könnte! 44 Die Eifersucht verzehrt mich, und das Gefühl der Rache hat sich mir wie ein Dieb in's wunde Herz geschlichen. Ich füh l's, Tonchette, die Rache würde mir Freude machen und mir wohl thun! Fünfzehnte Scene. Frieda. Rollmüller. Die Stiftsdame. Rollmüller (der die letzten Worte feiner Nichte gehört hat, tritt nun rasch vor aus der Mittelthüre). Nun wohlan, so räche Dich, Frieda, denn Er ist jetzt gerade bei ihr! Frieda (schrrckerstarrt). Wer denn, großer Gott? Wer... ? Die Stistsdame (säst zugleich). Doch nicht Egon und . . . (Sie halt inne.) Rollmüller. Einen Augenblick Geduld! (Erzählt.) Ich wollte eben, wichtiger Briefe wegen, meinen Freund William Klinker aufsuchen, als ich im Vorsaale unten den Grafen Egon Lohhausen herbeieilen und ganz verstohlen rechts in den Garten-Pavillon huschen sah. Er folgte augenscheinlich einer jun- gen Frau, die unmittelbar vor ihm in dem Pavillon verschwand. Aber zum Glück habe ich noch rechtzeitig ihr Profil erblickt und erkannte in ihr alsogleich dieselbe junge Dame, die heute Morgen — eben hier in diesem Salon — sehr ungehalten schien, den Grafen Egon nicht allein, sondern in meiner Gesellschaft anzutreffen. Frieda (die mit athemloser Spannung und wachsendem Entsetzen den Worten ihres Onkels gelauscht hat, schreit jetzt verzweifelt auf). ArpadineÜ Rollmüller. Ich ließ daher, ohne mich erst lange zu besinnen, für's Erste Briefe Briefe sein, sperrte — dem Impulse des Augenblicks folgend — die Beiden kurzweg ein, und postirte meinen Freund Klinker obendrein als Schildwache vor die Thüre des Pavillons und der ist dermaßen entrüstet über dieses schmähliche Rendezvous, daß er aus Leibeskräften sämmtliche Gäste als Zeugen herbeischreit. Frieda (eilt aufgeregt in die Mitte). Aber Sie haben ja dadurch diese Frau zu Grunde gerichtet! Die Stistsdame (entrüstet einsallend). Die Beiden auf ewige Zeiten unmöglich gemacht! Rollmüller. Aber bedenken Sie doch nur, Madame, der gewissenlose Mensch läßt seine liebe, brave, junge Frau in Thränen zurück, um sich kopfüber in die Arme einer — was weiß ich — zu stürzen! Die Stistsdame. Das ist allerdings imparäonnadlk! Frieda (faßt krampfhaft erregt die Hand ihrer Cousine und sagt athemlos). Still. Um Gottes Barmherzigkeit willen stille, Tonchette! Siehst Du denn nicht, wie mir das Herz pocht, wie meine Hände zittern und meine Pulse fiebern, wie elend ich bin?! Weißt Du denn nicht, was Eifersucht ist? Wie man da mit Eins grausam und böse werden, und sich dabei selbst verlieren kann?! Die Stistsdame. Aber daß es gerade ArPadi ne sein mußte, Deine beste Freundin, siehst Du. das empört mich! Frieda (verzweifelt). Finde mir lieber eine Entschuldigung für sie, die kleinste, schwächste Entschuldigung, Kousine! Beruhige mich! Sage mir, daß sie Egon liebt, ihn, den ja jede Frau, die bravste selbst — lieben muß, sie mag wollen oder nicht. Lüge mir etwas vor, damit ich ihr verzeihen und sie retten kann! Rollmüller (blickt die Stiftsdame fragend an). Was meint sie nur? 45 Die Stiftsdame (bei Seite). Zch er- rathe. Frieda (von einem plötzlichen Entschluß durchleuchtet). Aber nein. Ich brauche keine Fürsprache! Weder Er noch Sie, keines soll und darf vor irgend Jemanden erröthen. Ich werde sie davor zu schützen wissen. Ich — sein Weib! (Sie schreitet der Zimmerthür zu.) Rollmüller (für sich, gleichsam an's Publicum gekehrt). Hab' i ch's nicht gesagt? Je unglücklicher eine Frau durch ihren Mann gemacht wird, desto inniger hängt sie an ihm. Frieda (athemlos). Aber nun bitte, Onkel, eilen Sie zu Ihrem Freunde zurück. Sie können sich auch meinetwegen in den ... Pavillon begeben, wenn Sie gerade Lust haben. Alles, Alles! Aber nur fort! fort! Rollmüller. Nun. die Pavillonthür dürfte jetzt schon förmlich belagert sein von Neugierigen! Frieda (wie im Fieber). Um so dringender thut Eile noth. O! Ich bitte, ich beschwöre Sie. lieber Onkel, zaudern Sie keine Minute und fragen Sie mich um nichts! Rollmüller (verblüfft). Ich verstehe kein Wort. So viel weiß ich. Die Stiftsdame. Dann heißt es blindlings gehorchen. Das ist ohnedies der einzige Gehorsam, der den Göttern, den Monarchen und uns Frauen von Rechtswegen zukommt. Also fort! fort! fort! (Sie drängt Herrn Rollmüller, der ganz verdutzt d'reinsieht, zur Mittclthüre hinaus.) Frieda (hat gleich nach ihres Onkels Abgang rasch ihre Zimmerthür rechts geöffnet und sagt jetzt zur Siftsdame athemlos). Aber auch Du mußt Dich jetzt entfernen, liebe Tonchette, auch Du. damit Arpadine den Salon leer findet, wenn sie hierdurch, kommt. Und sie muß hier durchkommen, weil zum Glück eine versteckte Thür aus meinem Zimmer hinab in den Pavillon führt. Diese Thür will ich jetzt aufsperren und mich dann — den Tod im Herzen — auch entfernen! (Sie eilt todten- bleich ab in ihr Zimmer.) Sechzehnte Scene. Die Stiftsdame (allein). Die Stiftsdame (blickt ihr nach). Und solch' eine Perle, so eine schöne, brave junge Frau wird von ihrem Manne betrogen! Und da soll man auch nur eine Minute an das Heiraten denken? Unsinn! Zwar schwärme ich für die Ehe wie für alles Mystische, sie axaeirr mich, aber unter diesen Umständen—! (Erschreckt aufhorchend.) Doch fort! fort! Ich höre kommen! (Sie eilt ab durch die Mitte. Während dem öffnet sich die rechte Seitenthür.) I Stebenzehnte Scene. >Egon. Frieda. Zuletzt Arthur von ^ Fickteneck. ^ Frieda (tritt ängstlich umherspähend !aus der rechten Seitentbüre und sagt mit gedämpfter Stimme). Gott sei Dank! Es ist Niemand mehr da. Niemand! (Sie will wieder zurück in ihr Zimmer gehen, als sich Plötzlich die entgegengesetzte (linke) Sei- tenthüre öffnet uud Egon heraustritt. Sie erblickt ihn und schreit freudig-entsetzt auf.) Egon! Du — hier?! (Sie muß sich auf eine Fauteuillehne stützen, um nicht umzusinken vor freudigem Schreck.) Egon (kommt vor und deutet auf die ! linke Sritenthüre). Ja, Frieda. Ich war !die ganze Zeit hier nebenan und habe !das Zimmer noch mit keinem Schritt verlassen. 46 Frieda (glückverklärt). O Du großer, barmherziger Gott! (Sie läßt sich wie erschöpft in ein Fauteuil fallen.) Egon (leidenschast durchglüht). Ich habe auch Alles mitangehört und bin tief gerührt und wie geblendet! Frieda! Du bist ein Engel! (Er sinkt ihr zu Füßen.) Frieda (ausjubelnd mit rührender Zaghaftigkeit). Ach! Am Ende... Am Ende liebt er mich doch? . . . Egon (gesühlsinnig). Ja, Frieda. Ich liebe Dich. Nur Dich. Dich ganz allein! . . . Frieda (mit emporgehobenen Händen, glückselig). O Gott, Gott im Himmel oben! Du bist gut! (Vor Freude laut weinend.) Ich danke Dir! Arthur von Fichteneck (erscheint im selben Augenblick an der Schwelle von Frieda's Zimmer, rechte Sntenthüre, und sagt angstverstört, den Zeigefinger der rechten Hand schweigengebietend auf den Mund gelegt in bittendem Tone). Egon! Egon (erhebt sich jäh wie ausgeschreckt und entfernt sich von Frieda, die gleichfalls aufstehl). Arthur (bleibt an der Thürschwelle stehen, das Gesicht der kouliffe zugewendet, gleichsam um Jemanden abzuhalten hereinzutreten). Gruppe. Der Vorhang fällt. Dritter Act. Derselbe Salon wie in den beiden ersten Acten. Glühendes Abendlicht. Erste Scene. William Elinker. Arthur von Fichteneck. Die Stiftsdame. Zuletzt ein Diener. Beim Aufgehen des Vorhanges sitzt Frieda rechts. An ihrer linken Seite sitzt Arpadine aus einem Tabouret. Die Stiftsdame steht rechts von Beiden beim Fenster. (Die drei Da« men in eleganter Abendtoilette.) Frieda hält ein offenes Album auf ihrem Schooße, in welches die beiden andern Damen während der Scene ab und zu einen Blick werfen. Auf der andern Bühnenseite links an dem Tische, auf welchem die Kuriositäten der Gräfin Toni Lohhausen geblieben sind, sitzt Arthur von Fich- teneck. William Klinker steht an seiner Seite. Die beiden Gruppen sind durch die ganze Breite des Theaters getrennt. Die Stiftsdame (neigt sich zu den beiden jungen Frauen und deutet damit an, daß sie die beiden Herren vom Gespräche ausgeschlossen sehen will). Mir scheint, Herr Rollmüller liest im Parke unten die Wiener Briefe, die er bekommen hat, und Egon schreibt auf seinem Zimmer. Wir können also mit einander plaudern, als ob wir allein wären. Mister blinker ist so ernsthaft und Herr von Fichteneck so vorlaut und tactlos, daß wir ganz gut daran gethan haben, sie aus unserer Nähe zu verbannen. Ueber- haupt wollen wir den ganzen Abend hindurch kein einziges Wort mit Herrn von Fichteneck sprechen, zur Strafe dafür, weil er die Baronin Arpadine so rücksichtslos compromittirt hat! Arpadine (lacht). Mein Gott! Ich hatte ja gar keine Idee davon, daß es so gefährlich sei, ein Rendezvous zu gewähren! Aber so begeht man tausend Unvorsichtigkeiten und alberne Streiche bloß deßhalb, weil wir im Laerö-eoour gar nicht darüber unterrichtet werden, wie wir uns in solchen Fällen zu benehmen haben! Frieda (lacht). Aber liebe Arpadine, willst Du denn, daß man dort eine eigene Classe errichte . . Die Stiftsdame (fällt ihr lachend ins Wort). Wo man Vorlesungen über Rendezvous hält?. .. 47 Frieda (legte ihre Hand aus das Haupt Arpadinens). Ach, wenn dieses liebe Köpfchen nur ebenso vernünftig sein wollte, als es hübsch ist! Du herzige kleine Närrin! Arpadine. Nun. gib mir ein bischen von Deiner Vernunft, liebe Philosophin! Frieda. Philosophin, ich? Ach, nichts weniger als das. Aber ich habe in diesem Augenblicke so viel Freude im Herzen, daß ich Alles um mich herum froh sehen möchte! Und Dich vor Allem, liebe Arpadine! (Sie blickt aus's Fenster.) Aver sagt doch, gibt es etwas Schöneres als dieser Sonnenuntergang? Seht nur, wie er die Baumwipfel ganz purpurroth färbt, und hier auf dem Teppich diese spielenden dunkelgelben Lichter! ... Die Stiftsdame (am Fenster). Vrai- M6nt! Alles lebt und webt draußen. Die Luft klingt gleichsam. Es ist als ob alle Büsche in Flammen stünden. Arpadine. Wie kann man nur so für die Natur schwärmen, Gräfin? Mir ist das unbegreiflich! Die Stistsdame. Ach, liebe Baronin, ich rathe Ihnen, sich ebenfalls ein bischen Geschmack daran anzugewöhnen. Die Natur ist viel ungefährlicher als die Menschen, glauben Sie mir! Legen Sie sich daher lieber, anstatt zu cokettiren, eine Curiositäteusamm- lung an. Die Zeit, das Geld und die Mühe, die Sie auf Pagoden und ausgestopfte Paradiesvögel verwenden, wird wenigstens keine verlorne sein. Denn diese Dinger bleiben Ihnen immer, Baronin, während die Anbeter nichts weiter find als schöne Wandervögel, die Ihnen nicht einmal ein Federchen zurücklassen, womit Sie Ihren Hut aufputzen können! Und was schwerer wiegt als alles, ist: die ausgestopften Vögel bringen Einen in keinen üblen Ruf! (Alle Drei lachen.) Arthur (lächelnd zu Clinker). Es scheint, da drüben verschwört man sich gegen uns? Die Stiftsdame ist der Rädelsführer der Emeute, sie hat noch immer Rancüne gegen mich. Was? Clinker (sehr ernst und gravitätisch). Mein Herr, Sie scherzen stets, selbst über die ernstesten Dinge, über den Haß und über die Liebe der Frauen, über ihr Glück und über ihren Ruf! — In Amerika spielen wir nie mit dergleichen. Arthur. O, Ihr scherzt, wie mir scheint, überhaupt über gar nichts! Aber seht Ihr denn in Eurer nordamerikani- scheu Würde wirklich nicht ein, daß man gerade die traurigen Dinge ein bischen heiter und lustig machen muß? Was? Sehen Sie da zum Beispiel, die drei Damen schmollen mit mir. Sie wollen, daß ich heute nicht mehr in ihre lNähe komme und haben mich hieher in den Winkel verbannt. Ich wollte mich Ihnen früher nähern, aber da bin ich schön angekommen. (Betonend.) Ja ich bin fest überzeugt, daß. wenn ich sie alle drei der Reihe nach um Verzeihung bitten wollte, so würde mir dieselbe rundweg abgeschlagen werden. Was?.. Die Stiftsdame (herübersprechend, ohne hinüberzusehen). Jedenfalls, denn wir nehmen die Sache ganz ernst. Arthur (leise zu Clinker). Und ich nehme sie als Spaß. Die Stistsdame (wie oben). Diejenige Dame, welche Ihnen gestattet, daß Sie sich ihr nähern, ist schon compromittirt! Arthur (leise zu Clinker). Binnen zehn Minuten sollen alle Drei ihre Plätze verkästen und selber zu mir herüberkommen. Clinker (laut sehr ernsthaft). O! o! Ich wette um hundert Ducaten, daß das nicht geschieht. Arthur. Topp! Es gilt. Und ich 48 verlange obendrein nur fünf Minutenj Zeit. I Klinker (sehr ruhig.) Dann wette ich um zweihundert. Arthur (drückt ihm die Hand). Danke schön. Die Stiftsdame (zu den Damen). Ich bin zwar gar nicht neugierig, aber dießmal möchte ich doch wissen, auf was die Beiden da drüben wetten? denn ich schwärme für Wetten und dergleichen! Es agacirt mich! . . . Arthur (absichtlich sehr laut). Za, ja, lieber Mister Klinker, sämmtliche Kuriositäten auf diesem Tische hier und Alles, was Sie aus Amerika mitgebracht haben — selbst Ihre Millionen nicht ausgenommen,—ist rein nichts gegen das, was ich da in meiner Tasche habe. Was? Klinker. Oho! Arthur. Graf Bela Röchlin hat nichts Aehnliches in seiner Sammlung, versichere ich Sie, und die Fürstin Wanda Sumieska, unsere berühmteste Cu- riofitätensammlerin, hat mir ewige Feindschaft geschworen, wenn ich ihr dieß Kleinod nicht überlasse. Die Stiftsdame (vibrirend vor Neugierde). Was kann denn das nur sein? Arthur (zieht ein kleines Portefeuille aus der Brusttasche, nimmt ein zusammengefaltetes Papier heraus, öffnet es und zeigt eine Haarlocke). Was? Klinker (erstaunt ausrufend). Eine Haarlocke! Die Stif tsdame (athemlos). Von wem denn? (Nähert sich ein wenig und versucht zu sehen.) Arthur (thut noch nichts dergleicken, laut). Eine Haarlocke von dem Polen Koltschitzki, welcher Wien in der Türkenbelagerung gerettet hat! Sie ist authentisch, denn, schauen Sie nur her. dieses vergilbte Document da wurde es beweisen, wenn es überhaupt noch eines Beweises bedürfte. I Die Stiftsdame (nähert sich ihm). IO, Herr von Fichteneck, daß Sie eine so kostbare Sache, ein solches Juwel Hieherbringen. das ist zu liebenswürdig! Klinker (der sie kommen sieht, bei Seite). O! Arthur (bei Seite). Nummer Eins! (Ueberläßt ihr die Locke.) Die Stiftsdame (nimmt sie). Uillo tom msroi. Ich schwärme für polnische Locken! (Betrachtet dieselbe.) Die Locke ist reizend! Und wie gut sie erhalten ist! Rsmarhuadlo! Man sollte wahrhaftig glauben, daß sie erst gestern abgeschnitten worden sei! ' Arthur (für sich). Ist auch so. (Er hat mittlerweile eine Nummer des Bazars aus der Tasche gezogen. Laut.) Da habe ich ferner die letzte Nummer des Bazars. Sie ist dießmal hoch interessant, denn die Dame auf dem Modenbilde hat die neueste Sensationstoilette der Fürstin Jeva Giurgievich. Die pikante Fürstin macht Heuer überhaupt viel von sich reden. Was Sie aber kaum noch wissen dürften, Mister Klinker, ist, daß man sich in den Salons der Residenz verabredet hat, die schöne Frau nirgends mehr zu empfangen, und das auch bloß, weil man ihr — unerhörter Fall! — keine Liaison nachsagen kann. Was? Man fürchtet nämlich, die Fürstin müsse einen schrecklichen, unmöglichen Liebhaber haben — so etwas wi>' ein Vam- pyr oder der Sohn eines Henkers, da sie ihn so ängstlich verschweigt. Arpadine (die sich gleich bei Nennung des Nomens der Fürstin erhoben hat, neidisch). Diese geschminkte Serbin — denn sie ist weiß gemalt, oder vielmehr angestrichen — hat aber auch stets so unmögliche Toiletten. (Zu Arthur.) Lassen Sie doch 'mal sehen! Klinker (für sich). O! O! Arthur (bei Seite). Nummer zwei. (Er läßt den Bazar in den Händen der Baronin und zieht jetzt eine andere Zeitung aus 49 der Tasche.) Ei, was habe ich denn nur da? Ah, richtig! Diese Zeitung gehört für Egon, der will wissen, wo man eiuzeichnet für die *) Abgebrannten von Wagensdorf. Dieser Teufelskerl, weiß Gott wie er's anfängt, aber er hat immer Geld für jedes Unglück. Es gibt in der That wenig, sehr wenig Leute, wie er ist, Mister Klinker! Gewöhnlich haben die Gutherzigen kein Geld und die Reichen kein Herz! Aber wie anders Egon! Er ist ein ganzer Mann, ein vollkommener Cava- lierund einEngelherz obendrein! Was? Frieda (die bereits ausgestanden ist, sobald Arthur den Namen ihres Mannes nannte und wahrend seiner Lobrede stets näher auf ihn zukam, ist jetzt knapp bei ihm augelangt und lehnt an die Lehne seines Stuhles. Mit leuchtenden Augen.) Nicht wahr? . . . Klinker (bei Seite). O! Oü O!N Arthur (bei Seite). Nummer Drei! (Laut, sich erhebend, den Erstaunten asfecti- rend.) Was, Sie standen bei mir, Frau Gräfin, und haben gehört? (Lacht lriumphirend.) Mister Klinker! Was?... Klinker. Sie haben gewonnen! (Zieht ernsthaft ein Packet Banknoten aus seiner Tasche.) Die Stifts da me (lebhaft). Wie? Was, — was hat Herr von Fichteneck gewonnen? . . . Klinker. Seine Wette, daß Sie alle Drei, nachdem sie ihn von sich gewiesen hatten, ganz von selber wieder zu ihm kommen würden. Die drei Damen (kreischen aus, aus« einanderstäubend). Ah! !! Klinker (überreicht Arthur Banknoten). Hier ist Ihre Summe. Ich habe mich köstlich unterhalten. Arthur (nimmt sie). Schönen Dank. 3ch will mir davon den kleinen Araber *) Hier ist rin moinentgemäßes Wiener »malbsur äu )our* anzusühren. Theat. Rep. Nr. 286. kaufen, den Graf Emil d'Orsan loswerden will. Diese jungen Cavaliere verkaufen mir alle ihre schlechten Pferde für die Ehre ihres Umganges und das bischen Freundschaft, das sie mir zeigen. Sie glauben, ich merke das nicht! Was? Aber was wollen Sie? Es ist ein Handel wie ein anderer. Ich zahle ihnen ihre Klepper und sie dutzen mich als ihren besten Freund. Was?... Klinker (sehr ernsthast). Er scherzt über Alles. Arthur. Uebrigens ist es nicht mehr als billig, daß Sie heute ein kleines Ersatzgeld zahlen müssen für den Streich, den Sie uns gespielt haben, indem Sie uns diesen Hottentotten über den Hals gebracht haben, diesen Herrn Rollmüller! Die drei Damen (welche mittlerweile untereinander geplaudert hatten, nähern sich wieder). Frieda (zu Fichteneck). Was sprechen Sie da von Herrn Rollmüller? Arthur. Ich sage, Frau Gräfin, daß wir ihn mit Gottes Hilfe endlich losgeworden sind. Er ist abgereist. Die Stiftsdame. Er, abgereist? O, da kennen Sie ihn schlecht. Arthur (entsetzt). Was?! ... Klinker )(63. Er wird noch einige Tage auf dem Schlosse zubringen. (Leu- tet auf die linke Seitenthüre.) Da fragen Sie nur den Herrn Grafen. Die glühende Abendsonne ist währenddem verschwunden. Es ist dunkel geworden. Lin Diener (durch die Mitte) bringt zwei Armleuchter, die er auf den Tischen placirt und dann wieder abgeht. Mit ihm zugleich tritt Gras Egon ein. Zweite Scene. Die Vorigen. Egon. (Bleich, träumerisch, kömmt von links.) Arthur (geht auf ihn zu). Egon, höre, ich nehme Extrapost und gebe Dir hie- 4 50 mit Deinem Namen zurück, den ich vielleicht ein ganz klein wenig compromit- tirt habe im Verlaufe der zwei Stunden, während welchen ich ihn für Herrn Rollmüller getragen habe. Da jedoch dieses Individuum hier Wurzel faßt, so kann ich nichts Besseres thun, als auswandern. Egon. Lieber Arthur, ich muß unbedingt vorerst mit Dir sprechen. Frieda (voll Anmuth). Hoffentlich um Herrn von Fichteneck zurückzuhalten, lieber Egon! ... Er ist Dein Jugendfreund und weiß Dich so sehr zu schätzen! Auch wird Dich seine gute Laune aufheitern. Ach Gott! Ich möchte heute, daß die ganze Welt zufrieden sei und sich unterhalte! Aber kommt, meine Damen! Mister Klinker wird Euch begleiten, die beiden Herren werden hier plaudern, und ich — ich gehe Herrn Rollmüller aufsuchen. Egon (beklommen.) Was willst Du von ihm. Frieda . . .? Frieda (war schon bei der Mittelthüre und hat die beiden andern Damen hinausge- hen laßen. Jetzt kehrt sie zu Egon zurück und sagt ihm leise mit einem bezaubernden Lächeln.) Weißt Du, Egon, er hat mich früher weinen gesehen, und da will ich ihm jetzt sagen, daß seine Nichte, die Gräfin Egon Lohhausen, das glücklichste Geschöpf von der ganzen Welt ist! (Sie eilt eine Kußhand werfend ab, durch die Mitte, Klinker folgt ihr langsam.) Dritte Scene. Arthur und Egon. Egon (blickt der Gräfin nach). Ihre Fröhlichkeit thut mir weh. so weh. denn ich werde sie zerstören, ich werde sie in den bittersten Schnurz veiwan- deln müssen. Ach, Arthur! Unsere Lage wird von Tag zu Tag peinlicher, und die Ankunft dieses Herrn Rollmüller macht sie geradezu unmöglich. Arthur. Des Rollmüller, sagst Du? Herrgott, dieser -Mensch ist also eine Plage fürJedermann hier? Was?... Egon. Er hat meinen Vater gekannt. Arthur. Das weiß ich nur zu gut. Besitzt er doch die immense Keckheit, auch den meinigen gekannt zn haben, den Papa Gurke, und überall nach dessen Sohn zu fahnden! (Komisch-entrüstet.) Nu! Das lohnte sich der Mühe die Einwohner der Prärien zu verlassen, bloß um die Nase in die Angelegenheiten der Einwohner der Ringstraße zu tecken. Was? Zum Teufel, es gibt 'eine Gurken mehr! Die Race ist erlo- chen! Und an ihrer Stelle blüht die Race der Fichtenecks! (Wird ernsthaft und unruhig.) Aber was ist denn gescheit», Egon? Du leidest! . . . Egon. Und wenn ich leide, kannst Du Dich darüber wundern, Du, dem ich Alles anvertraut habe? . . . Arthur. In der That Deine entsetzliche Muthmaßung, daß Frieda von Fabris Deine Schwester sein müsse... Egon (unterbricht ihn). Und dieser Herr Rollmüller, weißt Du, wer er ist?... Arthur. O, ja wohl: ein unausstehlicher Kerl! Egon. Er ist Friedas Onkel, der leibliche Bruder des Herrn von Fabris. Arthur. Was?! Egon. Er weiß, daß dieser sein Bruder in einem Duelle seinen Tod fand, aber er kennt noch nicht die Hand, welche ihn getödtet hat, und er schreibt überall hin. um das zu erfahren! Arthur. Er muß also Alles wissen? Nein, eine solche Neugierde ist mir noch nicht vorgekommen! Egon. Soeben hat er Briefe erhalten, wichtige Briefe, die ihn ohne Zweifel von Allem unterrichten! Er ist ein Ehrenmann. Vom ersten Augen- blicke au habe ich ihn als solchen erkannt und überdies durch Herrn Klinker erfahren, daß seine Güte und die Rechtschaffenheit seines Charakters fast sprichwörtlich seien in den Vereinigten Staaten; aber er besitzt jene rauhe Offenheit der bürgerlichen Ehrlichkeit. Er wird — ich fühl's — einen Scandal provo- ciren, den ich um jeden Preis verhüten möchte. Arthur. Wenn ich Dir dabei irgendwie helfen kann, Egon, so verfüge über mich. Vorderhand bleibe ich selbstverständlich hier. Egon (drückt ihm die Hand). Ich danke Dir, mein Freund! Arthur. Du weißt ja wie gut ich Dir von jeher bin, Egon, ja, meine Ergebenheit für Dich ist so groß, daß ich mehr als den Tod — daß ich nöthigenfalls selbst den Namen —Gurke ertragen würde. Und damit glaube ich wirklich Alles gesagt zu haben! Was? . . . Egon. O, das was Du aus Scherz in Scene gesetzt hast, die Namensver- Wechslung, hat mir schon einen wichtigen Dienst geleistet. Da nämlich Herr Rollmüller nicht wußte, daß ich der Graf Lohhausen sei. hat er ohne Mißtrauen mit mir geredet, und dabei habe ich erfahren, was uns droht! . . . Und ich will auch ferner so mit ihm sprechen. ohne von ihm gekannt zu sein, und mich endlich zu jenem entsetzlichen Opfer entschließen, welches diese unglückselige Rückkunft mir auserlegen wird! Arthur. Nun, wenn es sich bloß darum handelt, daß ich noch weiter als Graf Lohhausen figurire, das ist mir außerordentlich angenehm! Ich muß nur Acht geben, daß ich mich nicht allzusehr daran gewöhne! Was? (Er sieht durch das Fenster.) Aber beim Scheine des Terraffencandelabers glaube ich da unten im Parke unfern gemeinschaftlichen Feind zu erkennen, welcher sich hieher wendet. Es ist daher hohe Zelt, daß ich mich aus dem Staube mache. Ja, ja. Er ist's! Und wie finster und hot- tentottenartig-aufgeregt er aussieht! Weiß Gott! Ich fürchte mich fast Dich hier mit ihm allein zu lassen. Was? Egon (faßt ihn bei der Hand). Ach Gott, Arthur, nicht ihn fürchte ich, sondern ... (Ablenkend.) Lass' mich allein. Später vielleicht will ich Deine Freundschaft in Anspruch nehmen, sobald ich nur etwas für die Zukunft beschlossen haben werde. (Arthur ab durch die linke Seitenthüre.) Für die Zukunft, die mir eine Seligkeit hätte sein können durch ihre Liebe! . . . Und das Alles ist vorbei, vorbei! . . . Vierte Scene. Rollmüller. Egon. Rollmüller (durch die Mitte). Ei, da sind Sie ja. junger Mann! Ich habe Sie schon überall gesucht. Egon. Und ich habe Sie erwartet. Rollmüller. Ich danke Ihnen. Sie haben vom ersten Augenblicke an mein ganzes Vertrauen gewonnen durch den herzlichen Anthcil, den Sie an meiner Nichte zu nehmen schienen Und dann, mein Herr, aufrichtig gesagt, alle andern Leute hier, in meiner eigenen Heimat, sind mir stockfremd, 's ist traurig, recht traurig, wenn man zwanzig Jahre lang in der Fremde gewesen ist. Heutzutage, wo Alles so schnell und mit Dampf geht, findet man nicht einmal mehr die Straßen und Alleen an ihrem alten Platze — um wie viel weniger die Menschen. Die nicht gestorben sind, haben mich vergessen, und ich kann Sie versichern daß ich ohne meinen Freund Clinker gar nicht gewußt hätte, wohin ich mich zu wenden habe — in Wien, meiner Vaterstadt! Kein Bekannter begrüßte 52 mich und an keinem häuslichen Herde erwartete mich ein Plätzchen . . . Egon. Was Sie da sagen, mein Herr . . . Rollmüller (fällt ihm ins Wort). Ist recht traurig, ja, ja, und thut weh. Egon. Jenen, die ein so braves, gutes Herz haben wie Sic, HerrNoll- müller. O, ich kenne Sie schon durch und durch. Und obwohl ich Ihnen fremd bin und meine Seele zu Tode betrübt ist in diesem Augenblicke, jetzt, wo wir uns zum letzten Male sehen. . . R o ll m üller (der nicht begreift). Was?.. . Egon. So soll man doch nicht sagen dürfen, daß ein Ehrenmann wie Sie, den man in der Fremde achtete und hochschätzte um seines Fleißes und seiner Rechtschaffenheit willen, in dieses unser gemeinschaftliches Vaterland zurückgekehrt sei, ohne daß ein Landsmann dessen Rückkunft gesegnet hätte! . . . Geben Sie mir die Hand, mein Herr, und möge Ihr Leben glücklich sein, recht wolkenlos glücklich in der Heimat, die ich jetzt vielleicht für immer verlassen werde! Rollmüller (ergreift dessen dargebotene Hand voll Eifer und Hast). O, ich nehme sie an diese Hand, mein Herr, lange genug habe ich mich schon einsam, verlassen und entfremdet gefühlt, und Ihnen verdanke ich jetzt nach zwanzig Jahren zum ersten Male wieder das Glück der Heimatlichkeit! Ich weiß zwar noch nicht wie Sie heißen, aber das thut nichts, Sie haben meinem alten Herzen doch wohl gethan, und meine dankbare Freundschaft wird Ihnen dafür Glück bringen! Egon. Und jetzt, Herr Rollmüller, was haben Sie mir zu sagen? Die Briefe, welche Sie bekommen haben. . ? (Er blickt ihn ängstlich an.) Roll Müller (zieht Papiere aus der Tasche). Der Inhalt dieser Papiere bestimmt mich, meine Nichte noch heute von hier fortzunehmen. Egon (athemlos). Was sagen Sie?!. Rollmüller. Das was ich vom Sohne gesehen habe und vom Vater Lohhausen weiß — Infamien, die der Sohn ebenfalls wissen muß. (Bewegung Egons). Ja, mein Herr, er muß es jedenfalls auch wissen — das Alles hat mir gezeigt, was ich zu thun habe. Ich kann eben nicht heucheln. Mein Herz liegt mir immer auf der Zunge und ich könnte dem Grafen Egon Lohhausen nicht mehr zwei Minuten gegen- überstehen. ohne ihm meine Indignation zu zeigen. Denn was ich ihm zu sagen habe, ist fürchterlich, und wenn er es leicht nähme, dann weiß ich wahrhaftig nicht wessen ich fähig wäre. Und wieder anderseits, wenn er Herz genug besäße, um seine Lage ruhig zu fühlen, dann . . . Egon (lebhaft). Nun, dann? . . Rollmüller. Meiner Seel', dann weiß ich erst nicht, ob ich den Muth hätte, es ihm in's Gesicht zu sagen Egon. Was wollen Sie also thun?... Rollmüller. Ich will ihm schreiben! Helfen Sie mir, mein Herr, es ist ein Freundschaftsdienst, den ich da von Ihnen verlange. (Geht zum Tische, worauf sich Schreibzeug befindet.) Aber sehen Sie nur her. Meine Hand zittert, es flimmert mir vor den Augen! Möchten Sie wohl so gut sein und statt mir zu schreiben? Egon (sprachlos). Ich, soll . .? Rollmüller. In meinem Namen und unter meinem Dictat dem Grafen Egon Lohhausen schreiben, um ihm die Gründe mitzutheilen, die mich bestimmen. seine Frau noch in diesem Augenblicke von hier fortzunehmen und aus seiner Nähe zu bringen. Egon (für sich, indem er zum Tische geht). Er weiß Alles, Alles. Nollmüller. Ihre Rathschläge sol- len mir dabei von Nutzen sein. Egon (setzt sich an den Tisch, matt und resignirt). Ich bin bereit, mein Herr! Rollmüller. Also bitte, schrei- den Sie. (Dictirr.) »Herr Graf! Rudolf von Fabris war mein Bruder; er befreundete sich mit dem Grafen Günther Lohhausen, Ihrem Vater, der sein böser Genius wurde.« Egon (hört zu schreiben aus). Mein Herr! Rollmüller. Schreiben Sie nur weiter. Das Alles muß er erfahren! (Dic- tirt.) .Zuerst ruinirte sich mein armer Bruder in seiner Gesellschaft . . .« Egon (wieder wie oben). Aber mein Herr . . .! Roll müller (dictirt). »Und mußte deßhalb Europa verlassen. Er kehrte aber wieder zurück, mit einer Million in der Tasche . . .* Egon (athemlos). Wie . . ?! Rollmüller. Mit einer Million in der Tasche, habe ich dictirt. (Dictirt wci- trr.) »Aber er betrat sein Haus nicht mehr. Aus dem Wege dahin wurde er getödtet und geplündert — durch den Grafen Günther Lohhausen!..* Egon (springt auf, außer sich). Das ist nicht wahr! Das ist nicht möglich, sage ich Ihnen! Und ich werde eine solche infame Lüge niemals nieder-- schreiben! Niemals! Roll müller (weicht erstaunt zurück). Mein Gott! Was haben Sie denn nur?! . . . Egon. Was ich habe, fragen Sie?.. O nein, vor einrr so schrecklichen Anklage kann und darf ich nicht länger schweigen, denn die Ehre des Grafen Günther Lohhausen muß ich verteidigen und koste es mein Leben und koste es mein Glück! Erfahren Sie demnach, d»ß ich Graf Günthers Sohn bin! Rollmüller. Sie?!. Egon (ruhiger). Ja, ich! Ich bin der Graf Egon Lohhausen, ich bin sein Erbe und der Gemal Ihrer Nichte! Rollmüller (ganz verwirrt). Sie, der Sie mir soeben die Freundeshand gereicht haben, Sie. der Sie so lieb aussehen und der Sie so gut find, Sie waren . . . Aber wie ist denn daS nur möglich? Ich weiß wahrhaftig nicht mehr, was ich von dem Allen denken soll! Egon. Ein Jrrthum, an dem ich unschuldig bin, veranlaßte Sie, einen meiner Freunde für mich zu halten, und in dem Augenblicke, wo ich Sie aufklären wollte, fand ich Sie so erbittert gegen den Namen, den ich trage, daß ich einen günstigen Moment ab- warten wollte, um mich auszusprechen. Aber vor einer solchen Anschuldigung, wie Sie hier jetzt gegen meinen Vater geschleudert haben, konnte ich nicht länger schweigen. Ja, ich wiederhole es, ich bin Frieda's Gatte! Rollmüller. Mein Gott! Mein Gott! Egon (mit tiefstem Schmerze). Erst nachdem ich Frieda's Schicksal an das meinige gekettet hatte vor dem Traualtäre, erst dann erfuhr ich jenes Duell. (Rollmüller macht eine Geberde dcS Unglaubens.) Ja wohl, mein Herr, dieses Duell, dieses schreckliche Duell, in welchem mein Vater vielleicht der Bedauernswerthere war. Nollmüller (für sich im Vordergründe). Sein tiefer Schmerz entwaffnet mich förmlich, und ich wage es gar nicht mehr das zu behaupten, was ich so sicher weiß. (Er deutet aus die Schriften in seiner Hand und sagt komisch-gutmüthig.) Ich begrefe nur nicht, wie mich dieß- ma l mein Scharfblick im Stiche ließ! «Egon. Und jetzt, Herr Rollmüller, will ich mich nicht länger Ihrem Willen widersetzen. (Gepreßt.) Sie können . . . Ihre Nichte . . . fortführen, sobald — Lies Ihnen beliebt. Noch ehe Sie hier ankamen, hatte ich schon an eine Scheidung gedacht. Die Umstände hatten sie mir geboten! Rollmüller (ganz erstaunt). Wie? Was sagen Sie da? . . . Egon. Es ist unnöthig auf diese peinliche Vergangenheit zurückzukom- men, mein Herr. (Sehr bewegt.) Frieda soll frei sein. Sie kann noch glück- lich werden. Ich hoffe es, ich — ich bete darum! Rollmüller (erregt). Aber Frieda wäre ja dann nur ein armes Geschöpf, dem man sein Erbtheil raubte, eine Frau, die von ihrem Gatten Versio« ßen wurde und ihr Vermögen . . . Egon. O, halten Sie ein! — Ihr eigener Wille war es ja. Frieda mit sich fortzunehmen, und Sie wissen, daß ich mich dem nicht widersetzen darf. .. Was indessen mein Vermögen betrifft, so besteht es eben nur aus jener Summe, welche, wie Sie sagen, Ihrem Bruder — geraubt worden ist! . . . Rollmüller. Da, in diesen Briefen — unter denen sich auch einer von seiner Frau befindet, der mir das Herz zerrissen hat, — darinnen ist der Beweis niedergelegt, daß mein Bruder Rudolf Fabris wirklich diese Summe bei sich trug; und diese Beweise sind so unumstößlich, daß sie vor allen Richtern ihr Recht behaupten werden! Egon (mit edlem Stolze). Ihr Recht? Gegen wen, mein Herr? Etwa gegen mich, um meinen Vater zu entehren und den Namen, den ich trage? O, da kennen Sie mich schlecht, wenn Sie glauben, daß ich einen Namen, an dessen Untadelhaftigkeit ich noch keinem Menschen auch nur den leisesten Zweifel gestattet habe, vor die Schranken des Gerichtes zerren lassen werde! Lieber die Ar- muth als eine solche Schmach! Lieber das tiefste Elend, als solch' eine Erniedrigung! — Uebrigens wozu soll mir jetzt noch der Reichthum? Wozu? Bei meiner Abreise werde in den Befehl erthei- len, daß Alles was ich auf der Welt mein eigen nenne, in Ihre Hände gelegt werde für Ihre Nichte. Und jetzt, mein Herr, erlauben Sie mir, daß ich Sie verlasse — Meine Kraft ist zu Ende!... (Links ab.) Fünfte Scene. Rollmüller (alle,'«). Rollmüller. Und die meinigr auch. . . . Was mußte ich da hören? Und wie in aller Welt ist es nur denkbar, daß das der Graf Egon Lohhausen ist? — Sein Vater war ein großer Taugenichts, das steht fest, aber meiner Seel', ich glaube, der Sohn ist ein noch viel größerer Ehrenmann, als der Vater ein Spitzbube war! Und wie ich ihn so reden hörte, da sind mir mit Eins alle meiue Rachepläne gleichsam unter den Händen verraucht. Er hat Geist der junge Mann, Geist, Verstand, ein vortreffliches Herz, edle Gesinnungen, Alles! Wie glücklich könnte Frieda mit ihm sein! — Und bei meiner Ehre, sie soll. . . (Erhält inne.) Aber dieser Plan, sich scheiden zu lassen, noch che ich daher kam ... Er muß sie also gar nicht ein bischen lieb haben? (Fallt in Gedanken.) Sechste Scene. Rollmüller. Frieda. Frieda (kommt leicht und srohfinnig aus ihrem Zimmer). Roll müller (überrascht). Ei sieh' da! Mein hübsches kleines Nichtchen! Mein Goldmädchen! Ach Gott! Wenn Du wüßtest, liebe Frieda, wie wohl mir 55 dieser Name thut! Onkelchen! Das klingt so lieb! Ah. das bringt mich wieder ein bischen in's Gleichgewicht, mein Herzchen! Frieda. In's Gleichgewicht! Aber wirklich. Sie sind ja ganz verwirrt. Und vielleicht bin gar ich Schuld daran? Heute Früh habe ich Sie ein bischen trübselig empfangen. Ich habe geweint, und das hat Sie vielleicht geärgert? Aber sehen Sie, Onkelchen, ich bin eben noch recht kindisch zu Zeiten und Sie müssen mir nicht böse sein, bitte! Rollmüller (ganz entzückt). Wie herzig sie ist! Frieda (sehr fröhlich). Sie hatten Angst, daß meine Ehe nicht ganz freiwillig geschlossen wurde und am Ende wohl gar nicht glücklich sei? Ach. darüber können Sie ganz ruhig sein, Onkelchen, ich habe Egon, meinen guten Egon gleich geliebt, und die Stunde, wo ich ihn zuerst gesehen habe, war die erste meines Lebens! Roll müller (bei Seite). O Gott, wie soll ich ihr sagen, was vorgefallen ist? Frieda. Aber seien Sie nur ganz ruhig. Onkelchen! Ein Jrrthum war Ursache, daß Sie Egon nicht erkannt haben, aber sobald Sie ihn einmal sehen werden . . . Rollmüller (laut seufzend). Aber ich habe ja mit ihm gesprochen! Frieda (lebhaft). Und da hat er et- was gesagt, was Sie so traurig machen konnte? . . . Rollmüller (nach einer kleinen Pause). Frieda, Kind! Wenn Du nun mit mir von da fortgehen müßtest, mit mir, der ich Deinen Vater so sehr geliebt habe und der ich Dich aus ganzer Seele lieb habe? . . . Frieda. Gerne, Onkelchen, gerne werde ich mit Ihnen gehen, und Egon auch, denn in Zukunft werden wir ja immer Alle beisammen bleiben. Nicht wahr? . . . Rollmüller (halb vor sich hin). Nein, nein. Ich kann es ihr nicht sagen! Frieda (die es gehört hat). Was können Sie nicht? Ach, ich meine, Sie können Alles! (Lacht.) Nur Eines nicht, und das ist, mich von Egon trennen! Rollmüller. Wenn ich Dich nun aber von hier — von ihm — fortführen müßte? Frieda (arglos). Ja glauben Sie denn, daß ich da jemals mitginge? Rollmüller. Oder wenn granfame Verhältnisse ihn zwingen würden, Oesterreich zu verlassen? . . . Frieda (blickt ihn groß an). Dann würde ich ihm folgen. Rollmüller. Wenn ein Unglück ihn getroffen hätte? Frieda. Dann würde ich erst recht an seiner Seite bleiben. R o ll m ül er (herausstoßend). Und wenn er Dich nicht liebte, armes Kind?... Frieda (erbleichend). Onkel! Wenn... wenn er mich nicht lieble, sagen Sie? O Gott! mein Gott!! Rollmüller. Was würdest Du dann thun? . . . Frieda (nach einer rathlosen Pause). Ich .. ich würde ihm dennoch folgen! Rollmüller. Und wenn eres wäre, der die Trennung verlangte? Frieda (starrt ihn an). Er? Egon?!.. Roll müller. Wenn Dein Mann sie fordern würde? Wenn er daran gedacht hätte seit dem Augenblicke Eurer Ver- mälung? Frieda (ganz verwirrt). Das — das verstehe ich nicht! Rollmüller (bei Seite). Ich auch nicht — meiner Treu! Frieda. Sagen Sie ihm doch — oder nein, sagen Sie ihm nichts! (Fie- berhast.) Aber wo ist er denn? Wo ist Egon? Ich will ihn sehen, ich muß mit ihm sprechen. Ich muß ihn 56 fragen! Denn Sie muffen sich getäuscht haben, Onkel, Sie können so etwas nicht von ihm gehört haben! Undenkbar! Wenn er sich von mir trennen will, muß er mich ja wegjagen! Und das ist unmöglich! Das thut der Egon nicht.... Vor dem Altar des lieben Gottes haben wir uns ja ewige Treue geschworen. Mein Platz ist an seiner Seite bis in den Tod! Und wenn er es auch jemals vergessen sollte, ich werde mich stets daran erinnern! Rollmüller (halb vor sich hin). Ja, ja. sie soll mit ihm reden, er soll sie sehen, denn vor diesen Thränen schmilzt mein ganzer Groll! (Geht nach links zn Frieda.) Weißt Du, Kind, er ist da drinnen! Frieda (eilt auf die Thür zu und öffnet sie). Egon hier?! . . . Siebente Scene. Rollmüller. Frieda. Egon. Egon (tritt links aus der Seitenthür). Frieda (ihm entgegen). O komme, komm' doch! Sage mir, daß er sich geirrt hat, oder wenn nicht, dann — dann will ich wenigstens von Dir selber mein Schicksal erfahren (mit erstickter Stimme) und gehen! Egon (traurig und bleich). Frieda! Frieda (zurückweichend). Wie blaß Du bist! ... O Gott! Gott im Himmel! (Wirst sich schluchzend ihrem Onkel an die Brust.) Ich bin verloren. Onkel! Ich muß fort! Fort von ihm! . . . Rollmüller (rathlos). Wie konnte ich auch das Alles vorhersehen! Was soll ich nur anfangen? Egon (mit trübem Ernste). Dieser Herr, Dein Onkel, wird Dir Alles sagen, Frieda! Du wirst von ihm erfahren, daß wir nicht länger unter ein und demselben Dache bleiben dürfen! ... Er ist ja selber deßhalb gekommen, um uns zu trennen. Ich habe ihm gehorcht — ihm und dem Geschicke. Wir hätten uns übrigens schon früher trennen sollen — aber ich gestehe es, ich fand nicht den Muth dazu. Frieda (mit gerungenen Händen). Egon !! Egon (gepreßt). Mögen Dir mm fortan wieder die friedlichen Tage blühen, denen ich Dich entrissen hatte! Frieda (in Verzweiflung). Aber mein Gott, ist denn das Alles möglich? Ach, Egon, Geliebter, Du weißt, daß es nicht möglich ist, Du kennst ja mein ganzes Herz und ich danke Gott dafür, daß er mir wenigstens gestattet hat Dir zu sagen, wie sehr, wir unaussprechlich ich Dich liebe! Schau, Egon, ich Hab' Dich so gern! Daß ich nicht einmal meinem Schicksal fluche, so traurig und trostlos es auch fortan sein soll, denn Du, Du wirst es mir ja auferlegt haben. Geliebter! (Matt lächelnd.) Du hattest mir Alles gegeben, Du nimmst mir Alles. . . Dein Wille . . . geschehe! (Sie sinkt halb ohnmächtig in ein Fauteuil.) Roll müller (eilt auf sie zu). Frieda!! Egon (zugleich). Frieda!! Roll müller (stellt sich zwischen Frieda und dem Grasen und stoßt Egon zurück). Fort da! Fort! (Zu Frieda.) Ja, armes Kind, sie waren immer grausam und erbarmungslos gegen alle die Deinigen, immer! Sieh' diesen Brief, den letz« ten, den Deine unglückliche Mutter schrieb. Sie hat ihn an mich gerichtet auf ihrem Todtenbette und erst heute sollte ich ihn erhalten! Sieh' und höre. Kind. (Er liest.) »Ich vertraue Ihnen meine geliebte Tochter an. Ihnen, dem Bruder Desjenigen, den ich so unaussprechlich geliebt habe, meinen Fabris, die einzige Gottheit meiner treuen Liebe!« — Egon (wie rlektrisirt durch diese Mies- 57 Worte). Was höre ich? Was lesen Sie da, mein Herr?! . . Rollmülter (feierlich). Den Brief von Frieda's sterbender Mutter. Egon (äußerst bewegt). Und Sie sagten? ... O bitte, lesen Sie das noch einmal! Noch einmal! Rollmüller (erstaunt). Diese Aufregung! (Liest bewegt.) »meinen Fabris, die einzige Gottheit meiner treuen Liebe. Ach! Ich habe den Tod meines Mannes so bitterlich beweint . . .« (Unterbricht sich.) Und mir schreibt sie das, mir. der ich sie so verkannt habe! — Egon (ängstlich drängend). O lesen Sie weiter, ich beschwöre Sie. lesen Sie weiter! Weiter! Rollmüller (liest). »Ich habe den Tod meines Mannes bitterlich beweint. Aber es war nicht genug an diesem Schmerze. Um die Ehre dessen zu retten, der meinen Fabris erschlug, hat man meine Ehre geopfert.« Egon (ausschreiend). Ist es möglich?! Rollmüller (liest). »Man hat geglaubt, daß ich meinen Gatten ver- rathen hatte, ich, die ich sterbe aus Schmerz über seinen Verlust.« Egon (für sich, sreudezitternd). O Gott! Großer Gott! So war es also nicht wahr? . . . Rollmüller (liest mit bewegter Stimme weiter). »Und deßhalb, Bruder meines Rudolfs, haben Sie Mitleid mit dem Kinde Ihres Bruders. Und Du, mein verklärter Fabris, verzeihe mir, daß ick nicht die Kraft und den Muth habe weiterzuleben für unser Kind, und nimm' mich auf da oben in Deine Arme, die meine Heimat find hier und dort!« Egon (entreißt ihm den Brief). Dieser Brief! O. dieser heilige, wnnderthä- tige Brief! (Er preßt ihn an seine Lippen und durchfliegt ihn gierig.) Frieda (erhebt sich). Meine gute, arme Mutter! Rollmüller (zur Gräfin). Und weißt Theat Rep. Nr 2 SS. Du, Kind, wer Deiner Mutter so das Herz gebrochen hat? Egon (leidenschaftlich). Halten Sie ein. mein Herr, halten Sie ein! Jetzt darf sie nie etwas davon erfahren! Rollmüller (sieht ihn erstaunt an, dann wendet er sich wieder zu Frieda). Hast Du nicht den Muth, mein Kind, dem Unglücke zu entfliehen, indem Du mir folgst? Egon (voll Seligkeit). Ihnen folgen, jetzt? . . . (Eilt aus sie zu, freudetrunken.) Hi eh er, Frieda, her zu mir, in meine Arme, an meine Brust! (Lr umfaßt sie leidenschaftlich.) Kennen Sie denn dieses junge Geschöpf, welches Sie muth los nennen, mein Herr? Sie hat alles Unrecht ertragen, ohne sich zu beklagen, das Unglück, ohne zu wanken! Sie hat Diejenige — gerettet, die sie für ihre Nebenbuhlerin hielt, und zwar in dem Augenblicke gerettet, wo ihr die Eifersucht das Herz zermarterte! Sie hielt mich, mußte mich für kalt, ungerecht und undankbar halten und sie hat mich dennoch geliebt! Aber so sehen Sie sie doch nur an! Ist sie nicht schön wie ein Traum? Schön wie die Tugend? Sie ist ein himmlischer Schatz, Sen mir Gott geschenkt hat und den ich nun und nimmer von mir lasten werde? Sie ist mein Gut, mein Glück! Meine einzige Liebe! Sie ist mein Weib! Frieda (aufgelöst in seinen Armen). Egon, mein Egon! (Kleine Pause.) Rollmüller. Ja was bedeutet denn das Alles?! Egon (halblaut zu ihm). Sie sollen Alles erfahren. Rollmüller (wie von einer plötzlichen Idee ergriffen). Halt! Warten Sie. Ich errathe.. . Sie glaubten. Sie befürchteten, daß... Ah, Sie find ein Ehrenmann! Wohlan denn kein Wort mehr von dem, was vergangen ist, zu Gunstender Zukunft! Seien Sie mein Neffe, und der Sohn möge die Sün- 5 * 58 den des Vaters sühnen! (Er zerreißt die Papiere, die er in der Hand hielt.) Egon. O mein Herr! . . . Frieda (zu Egon, anmuthig). Bösewicht! Du hast mich also bloß auf die Probe gestellt? Rollmüller (zum Grafen, ablenkend). Aber wer zum Teufel ist denn der Freund, den ich für Dich gehalten habe, Egon? . . . Letzte Scene. Die Vorigen. Die Stiftsdame. Arthur von Fichteneck. Die Stiftsdame (im Eintreten durch die Mitte). Lieber Egon, Herr von Fich« teneck will uns ü, tont prix verlassen! Rollmüller (srappirt). Fi.. Fi.. Fichteneck? Ah, das ist ja .. .?) Er geh- aus Arthur zu.) Arthur (bei Seite, kläglich). Hat mich schon! Rollmüller. Fichteneck. Ja, ganz recht. Er muß es sein. Das ist der Name, den fich der junge Gur.. . Egon (unterbricht ihn lächelnd). Halte ein, Onkel, bitte! Kein Wort, von dem was vergangen ist. Du hast es ja selber gelobt. Alle sollen künftig glück» lich sein! Arthur (geht zu Egon). Glücklich? Was? Egon (leise zu ihm). Ja, mein Freund. Ich bin es schon. Man hat Frieda's Mutter verleumdet. Frieda ist mein Weib. Rollmüller (auf Arthur deutend) Das also find die großen Herren von heute? Na, mir kann's recht sein. (Zu ihm.) Aber sage mir nur einmal. Junge, weßhalb bist Du denn eigentlich ein Geck, ein Blasirter, ein Verschwender geworden? Arthur (leise zu Rollmüller). Bah! Das Alles ist auch nur Maske wie mein Name. Ich bin im Grunde genommen ein ganz harmloser, guter Kerl. (Hält ihm die Hand hin.) Da, schlagen Sie ein. Was? Rollmüller (thnt es). Na, meinetwegen, junger Gur . . . Arthur (unterbricht ihn rechtzeitig). Pst! Rollmüller. Junger Fichteneck! Frieda (liegt an der Brust ihres Mannes und sagt zur Stiftsdame). Ach, liebe Tonchette! Ich bin so glücklich und wie im Hafen. Schade, daß Du nicht heiraten willst, schönes Cousinchen! Die Stiftsdame (wehmüthig lächelnd). Meinst Du, ellürie? (Seufzend gleichsam zum Publicum.) Als ob das auf uns ankäme! . . . Gruppe. Der Vorhang fällt. Druck und Papier lvn Vropold Eommrr L Äomp ln Kirn. Ludwig der vierzehnte. --40«- Lustspies in einem Act von M. A. Grandjean. Mit Beifall aufgeführt im Wiener Strampfer-Theater. Direktion Gallmeyer-Rosen. Wien, 1874. Wallirhausser'sche Vuchhandl«ng (Josef Klemm). Personen: Dr. Pendel, Professor der Naturgeschichte. Klara, seine Frau. Oeconomierath Glaubach, deren Oheim. Assessor Kitte. Frau von Harder. Malchus, Diener des Professors. Julius Ludwig, Studiosus. Die Handlung spielt in dem Hause des Professors. Das Aufführungsrecht ist nur zu erlangen durch die Theater-Agentur des Hrn Franz Kratz, VI., Gumpendorferstraße Nr. 35 in Wien. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. (Zimmer in deS Professors Hause. Ringsum Schränke mit Thieren, Mineralien u. dgl. Zwei Mittelthüren, von welchen jene links m den Salon, jene rechts nach der Straße führt. Zwei Seitenthüren, links zu Llara's, rechts zu Pendel's Zimmer. Im Vordergründe rechts ein Fenster. Line Pendeluhr. In der Mitte ein großer Tisch, mit Büchern u. s. w. bedeckt. Links rin Sopha, Stühle u. s. w.) Erste Scene. Malchus (steht an der Seitenthüre rechts und horcht). Er rührt sich nicht. (Klopft.) Herr Professor! (Vortretend.) Wenn der unter seinen Büchern und Ungeheuern fitzt, überhört er ein Erdbeben. Merkwürdig! Ich glaube, dem ist eine versteinerte Kröte lieber als unsereinem die beste lebendige Forelle! . . Ha, jetzt rückt er seinen Stuhl — nun kömmt er doch! Zweite Scene. Pendel (im Schlafrock, tritt aus seinem Studierzimmer, ein Buch unter dem Arme, eme kleine Schlange herabhängend an der Hand, und geht auf Malchus zu). Malchus (erschreckt). Ah. eine Schlange! Prof. Pendel. Ja, eine Schlange, mein Guter, sieh' sie uur an. Malchus. Pfui, wie kann man solch' nn garstiges Thier in der Hand halten! Merkwürdig! Theater-Repertoire Nr. 287 Pendel. Es ist gar nicht garstig! Betrachte es nur ein bischen näher! Sieh' diese prachtvollen blauen Ringe um die Augen — fürchte Dich nicht, es ist ein ganz unschädliches Reptil! Malchus. Ich will es schon glauben. (Pendel tritt ihm näher.) Ah — nicht so nahe! Pendel. Kindischer Mensch! Ich sage Dir ja, es ist keine giftige Species. Ich fing das nette Gewürm gestern zufällig auf dem Spaziergänge. Die Gattung ist ziemlich selten — 's ist auch ein wunderschönes Exemplar — da trug ich's nun mit heim. Aber — stelle Dir vor — in meiner ungeheizten Stube fror das arme Geschöpf und wurde ganz starr und wie todt. Da legte ich's unter mein Kopfkissen, und steh' 'mal, jetzt ist es wieder ganz frisch und beweglich! Da unten im Schranke Nr. 2 ist ein guter Platz, da wollen wir das Thierchen indessen beherbergen. (Oeffnet einen Wandschrank und legt die Schlange unten hinein.) Malchus. Was für ein Mann! Merkwürdig! Wenn der an Vater Adams Stelle gewesen wäre, der hätte an der Schlange Naturgeschichte studiert, statt iu den Apfel zu beißen, und wir Alle wären noch heute im Paradiese. Pendel (nachdem er die Schlange versorgt hat). ^ xropos, mich dünkte vorhin, ich hörte an meine Thüre pochen. Warst Du es? Malchus. Ja. Herr Professor, ich wollte Sie rufen, die gnädige Frau wünscht Sie za sprechen. Pendel. So? Was will sie? Malchus. Ich weiß nicht. Ah, da kömmt sie eben. (Ab Mitte rechts.) i * 4 Dritte Scene. Pendel. Clara. Pendel. Du hast nach mir gefragt, Clara? Clara. Ja wohl, ich vermuthete. Du würdest vergessen haben, daß wir heute — nun — Du hast es auch vergessen! Pendel. Was, mein Schatz? Clara. Daß heute unser Hochzeitstag ist, daß wir Gäste erwarten. Pendel. Gäste — Hochzeitstag — heute? Clara. Ah, deine Zerstreutheit nimmt sehr überhand. Habe ich nicht erst vorgestern noch erinnert — Du denkst also gar nicht an den 10. Februar? Pendel. 10. Februar — das ist heute? . . Ja, Du hast Recht, ich hatte vergessen. Clara. Das sehe ich. Die Speisestunde ist im Anzuge, aber mit deinem Anzuge bist Du nicht fertig. Willst Du wohl gleich den Schlafrock ablegen. Pendel. Wahrhaftig, ich habe noch den Schlafrock! Clara. Also spute Dich, mein lieber vergeßlicher Gatte, mache die nötkige Toilette, die Gäste können jeden Augenblick ankommen. Pendel. Hm — also heute große Tafel — Clara. Ja, Du hast ja deine Einwilligung gegeben, haben wir nicht vorige Woche Rath gehalten? Nach deinem Wunsche habe ich die Gäste gewählt und geladen. Pendel. Ja, ja, ich weiß. Wen haben wir aber geladen? Clara. Nun hast Du auch die Namen vergessen? Immer besser! . . Jetzt sag' ich sie Dir auch nicht wieder. Es sind lauter liebe Bekannte, im Ganzen zehn Personen, das macht also mit uns Zweien zwölf. Pendel (lächelnd). Aha! Clara. Was lachst Du? Pendel. Nun, wegen der Zahl zwölf. Ich wußte ja, daß Du gewiß nicht dreizehn Gäste bei Tische leiden würdest. Ich kenne deinen Aberglauben! Clara. Je nun, lieber Thomas, ich habe einmal eine Antipathie gegen die Dreizehn. Mir wäre der ganze Tag verdorben, wenn wir zu Dreizehn bei Tische säßen. Und die Sache ist auch nicht so ganz ohne Grund. Pendel. Ach ja, freilich! Clara. Ja, lache Du nur. Es ist doch so. Es bringt Unglück, wenn Dreizehn zu Tische sitzen. Pendel. Ja, ja, es stirbt Einer davon zuerst — die Andern später! Clara. Spotte nicht, ich glaube einmal — Pendel. Glaube was Du willst, Engel, ich lasse Dir ja Recht, ich lade Dir gewiß keinen Dreizehnten, es sind Zwölf übergenug. Clara. Ach, Du bist gar so leutescheu, manchmal muß man ja doch seine Bekannten sehen. Pendel. Ja. ja, aber warum eben essen sehen? Wo speisen wir? Clara (nach der Mittelthür links weisend). Im Salon! Pendel. Ha, wie das vornehm klingt! Im Salon! Nun gut, jetzt will ich meine Studierkutte abwerfen und mein Em- pfangscostüme vornehmen. Vierte Scene. Malchus. Vorige. Malchus. Herr Professor, der Diener aus dem Museum ist draußen. Pendel. Aus dem Museum— was will er? Malchus. Er bringt eine Kiste, dann ist wahrscheinlich wieder ein Krokodil oder sonst ein Seeungeheuer. 5 Pendel. Ah, da muß ich Nachsehen. (Zu Malchus.) Bringe die Kiste sogleich auf mein Zimmer. (Malchus durch die Mitte rechts ab.) Clara. Lass doch jetzt die Kiste! Es ist nahe an drei Uhr. Man kann jeden Augenblick kommen. Pendel. O, vor Allem muß ich wissen, was man mir aus dem Museum schickt. Clara. Aber Mann. Du wirst dann auf die Gesellschaft, auf die Speisestunde, auf Alles vergessen. Ich kenne deine gelehrten Zerstreutheiten. Pendel. Sei ruhig, beklagenswerthe Gattin, ich werde mich zusammennehmen. (Ab in sein Zimmer. Malchus kömmt zurück.) Malchus. So, die Kiste ist abgeliefert. Clara (ärgerlich). Du hättest auch von der fatalen Kiste schweigen können. Malchus. Ja — aber — Clara. Schon gut. Sieh' jetzt nach dem Salon, ob dort Alles bereit ist. Wenn die Gäste kommen, so führst Du sie gleich hinüber und meldest es mir; Frau von Harder ist ausgenommen — wie gewöhnlich. Fünfte Scene. Frau von Harder. Vorige. Fr. v. Harder (welche während der letzten Worte eintrat). Frau von Harder genießt den »kleinen Zutritt« und kömmt unangemeldet hier herein. Clara. Herzlich willkommen, liebe Auguste, Du bist pünktlich, ich danke Dir! (Zu Malchus.) Geh' nur jetzt und thue, wie ich Dir gesagt habe. (Die Frauen setzen sich. Malchus ab.) Fr. v. Harder. Ich bin doch die Erste auf dem Platze? Clara. Ja, ich war schon bange, Du könntest vergessen. Fr. v. Harder. Ei, was fällt Dir ein? Ist es nicht abgemacht zwischen uns, daß ich, so oft Du Gesellschaft hast, Dir in der Küche und im Salon beistehe, deine Gäste empfange, wo es nöthig ist, Dich repräsentire und ersetze, da man aus deinen zerstreuten Herrn Gemal nicht mit Sicherheit rechnen kann. Jetzt find die Habitues deines kleinen Salons schon gewohnt, mich als Repräsentantin zu erkennen, als wäre ich vom Hause. Clara. Bist Du nicht hier wie zu Hause? . . Sieh', Auguste, wir zwei sind ein Beispiel, daß Mädchenfreundschaften auch in der Ehe nicht zu erlöschen brauchen. Aber wir waren auch von jeher Ein Herz und Eine Seele — hatten nie Geheimnisse gegen einander. Fr. v. Harder. Ach, a proxo8 von Geheimniß — da fällt mir ein — Clara. Hast Du mir eines mitzu- theilen? Fr. v. Harder. Ah, kein Geheimniß, nur eine Neuigkeit — Herr Assessor Kitte, der Dir den Hof machte, ehe Du Frau Professorin wurdest — Clara. Ach, der fatale Mensch! Fr. v. Harder. Dieser fatale Mensch hat mir gestern eine Art von Liebeserklärung gemacht. Clara. Nun? Fr. v. Harder. Ich Hab' ihn abgewiesen wie Du. Wir waren da wieder Ein Herz und Eine Seele. Nein, wenn ich je wieder heirate, so wird gewiß nicht der Herr Assessor mein Eroberer. Ich wich ihm stets aus wo ich konnte. Dein Haus war immer ein sicheres Asyl gegen ihn — ich wußte, hier würde er gewiß nicht in Gesellschaft erscheinen. Clara. Ja — hier bist Du vor ihm sicher — ich lade ihn gewiß nicht. Aber — ich plaudere hier, statt nachzusehen, wie es mit den Vorbereitungen zum Mittagessen steht. Wenn mein Herr 6 Gemal da wäre, würde er sagen, ich sei — Sechste Scene. Vorige. Pendel. Pendel (aus seinem Studierzimmer, in einer Hand eine Schachtel, in der andern ein Papier, in welchem er liest). Die Klapper der schwarzäugigen Klapperschlange, ero1a1u8 llorriäu8 — Ah, das ist ein interessantes Stück! (Sieht starr und aufmerksam in die Schachtel.) Clara (welche rasch aufgesprungen ist, zu ihrer Freundin). Da hast Du ihn — noch im Schlasrock! Sieht er nicht einem Nachtwandler ähnlich? (Nähert sich dem Professor.) Thomas! Pendel (lesend). Nummer 7 , die surinamische Kröte, xipa vorrueoisa, ein wunderschönes Exemplar. (Stellt die Schachtel auf den Tisch, ohne jedoch von dem Papiere auszublicken, und ohne Frau von Harder zu bemerken, welche, von Clara teilweise gedeckt, auf dem Sopha sitzt.) Denke Dir nur, Dr. Lichtmann, mein alter Universitätsfreund, gegenwärtig auf einer wissenschaftlichen Reise im innern Afrika begriffen, schickt mir da eben eine Kiste voll herrlicher, ausgezeichnet conservirter Amphibien, Mollusken, Crustaceen, mehrere Schachteln mit Jnsecten und Käsern. (Stellt die Schachtel aus den Tisch und nimmt Exemplare heraus.) Clara. Aber, Thomas! (Aus Frau von Harder zeigend.) Hier ist — Pendel. Der Moschuskäfer, esramd^x m086lmtu8, die Wanderheuschrecke, aeri- äium lui§ratorium, ein prachtvoller afrikanischer Scorpion, 8 eorxic> ater, ein im lebendigen Zustande sehr gefährliches Thier, besonders für die armen Hottentotten. (Bleibt sinnend und seine Schätze beschauend vor dem Tische stehen.) Fr. v. Harder (lächelnd zu Clara). Nun möchte ich doch versuchen, ob er mich gar nicht bemerken will. Ich werde mich selbst dem gelehrten Herrn vorstellen. (Auf Pendel zugehend.) Guten Tag, Herr Professor! Pendel (fährt aus und steht Frau von Harder zerstreut an). Fr. v. Harder. Ihre ganz ergebene Dienerin. Pendel (verlegen). Gnädige Frau, ich bitte tausendmal um Entschuldigung — ich war so vertieft — verzeihen Sie — mein Negligö — (Will sich unter Verbeugungen entfernen.) Fr. v. Harder. O bleiben Sie — ich bin ja kein lebendiger Scorpion. Pendel. Aber mich halten Sie wohl für eine Art von Hottentotten, gnädige Frau? Fr. v. Harder. Ihr Tieffinn hat mich sehr amüsirt. Pendel (etwas beleidigt). Amüfirt? Ja, es mag spaßhaft gewesen sein!... Aber auch meine Nase scheint an Zerstreutheit oder Schnupfen zu leiden, denn Sie haben so viel vom Moschuskäfer an sich — Fr. v. Harder. Daß der Geruch meine Anwesenheit verrathen sollte, meinen Sie? Davon verstehen Sie nichts. Adieu, Sie Hottentotte! Clara (zu Pendel). Jetzt steh' zu, Thomas, daß Du aus dem Schlafrock kömmst! Es ist die höchste Zeit! Pendel. Ja, ja, ich gehe schon. (Ab in sein Zimmer.) Siebente Scene. Vorige (ohne Pendel. Gleich darauf) Glaubach. Fr. v. Harder. Guter, wunderlicher Mann! 7 Clara. Ja wohl, wunderlich. O, seine Zerstreutheit spielt ihm mitunter sehr arge Streiche. Mitunter fängt er plötzlich an laut zu denken. Ja, ja. Neulich waren wir beim Professor Stichmann — Du weißt, er liest über Finanzwisseu- schaften. Der hält der Gesellschaft einen langen Vortrag »über die Steuerkräfte des Staates«. Alles hört andächtig zu. Da sagt mein Mann mit einem Male ganz laut: »Dummes Zeug!« Du kannst Dir denken, wie verlegen die Andern wurden. Zum Glück kennt Professor Stichmann meinen wunderlichen Gemal — er lachte laut auf, Alles lachte mit — endlich auch mein Mann, ohne nur zu ahnen, daß er selbst die Ursache der allgemeinen Heiterkeit sei. Glaubach (durch die Mitte rechts, nach rückwärts sprechend). Nichts anrühren — es find zerbrechliche Sachen im Reisesack! (Tritt vor. Er ist im Reisegewand und trägt eine kleine Reisetasche um die Schultern.) Clara (freudig erschreckt). Onkel Bernhard! Fr. v. Harder. Der Herr Oeconomie- rath! Glaubach. Beides in einer und eigener Person. Ist das eine Ueberraschung, wie? Bin hier eigentlich nicht deinetwegen, Schatz; darfst Dir nicht Unbilden, daß ich 25 Meilen weit bloß wegen der Feier deines Hochzeitstages hergereist bin. Gott bewahre! Clara. Immerhin, Sie sind da, und das Uebrige geht mich nichts an. Glaubach. Hast Recht, geht Dich nichts an. Sollst es aber wissen, 's ist ja hier ein landwirthschaftlicher Kongreß. Weißt Du nichs davon? Clara. Kein Wort! Glaubach (zu Fr. v. Harder). Sie auch nicht, schöne Frau? Fr. v. Harder. Nicht das Geringste. Glaub ach. Da steht man's. Die wichtigsten Dinge werden ignorirt. Ja also, landwirthschaftliche Interessen haben mich hergeführt. Ich denke da was zu profitiren — vielleicht gibt's ein neues Pflugmodell — oder sonst praktische Vorträge über eine neue Dreschmaschine. Fr. v. Harder. Wenn dabei nur nicht leeres Stroh gedroschen wird. Glaubach. Schöne Frau, keine Bosheit — ich kenne Ihre antiöconomischen Gesinnungen. (Zu Clara.) Was macht dein gelehrter Professor Confufius? Ist er wohl? Ja? Na, freut mich... Vor Allem, Clara, eine Lebensfrage — Habt Ihr schon zu Mittag gegessen? Clara (plötzlich verlegen). Zu Mittag? ... Eigentlich — nein — noch lange nicht... Ich dachte, Sie hätten schon gespeiset? Glaub ach. Keinen Bissen. Also — ich lade mich zu Tisch. Es wird doch für einen hungrigen Oeconomierath noch etwas übrig bleiben? Ich habe darauf gerechnet und euern Malchus gleich beim Eintreten ermächtigt, ein Couvert für mich aufzulegen. Fr. v. Harder. O heute kömmt's auf ein Couvert mehr oder minder nicht an — wir haben große Tafel! Glaubach. So? Ein Festschmaus zur Feier des heutigen Tages? Desto besser! (Legt seine Tasche, Kappe u. s. w. aus den Tisch.) Clara (leise zu Fr. v. Harder). WaS machst Du? Er darf nicht zu Mittag bei uns bleiben. Ich kann ihn nicht brauchen. Fr. v. Harder (ebenso). Ach — Einer zählt ja gar nicht mit, wo Zwölf essen — Clara. Ah, er zählt sehr. Dann find's Dreizehn. Fr. v. Harder. Nun, und — (plötzlich verstehend, lacht). Ah so!... Glaubach (näher kommend). Worüber lacht man? Clara (rasch und leise zu Fr. v. Harder). Kein Wort davon. (Zu Glaubach.) Onkel- chen, was macht denn Ihre Gicht? 8 Glau back. Wie kommst Du denn auf einmal darauf? Clara. Nun — ich meinte nur — Glaubach. Na, es geht so ziemlich. Seit ein paar Wochen lassen mich meine Beine in Ruhe. Ich habe ein sehr einfaches Mittel — Fr. v. Harder. Ei, das wäre? Glaubach. Ja — simpel Franzbranntwein mit Salz — Fr. v. Harder. Und das hilft? Glaubach. Hilft unfehlbar... als Einreibung gebraucht. Man nimmt eine Maß Branntwein, gießt ihn in eine wohlverschlossene Flasche — Clara. Aber mit der Diät, Onkel- chen, wie steht's mit der Diät? Glaubach. Ja da muß ich freilich ein bischen enthaltsam sein. Mein Arzt hat mich ängstlich gemacht. Keine Trüffelpasteten, kein Wildpret, keinen Wein — Clara. Ah, sehen Sie, Onkelcheu, das war's, was ich wissen wollte. Franzbranntwein mag sehr gut sein, aber die Diät ist die Hauptsache — Glaub ach. Ja — freilich, das gehört dazu. Clara. Ein einziger Exceß im Essen und Trinken kann Ihre Gicht wieder bringen. Glaubach. O — ich bin auch sehr behutsam. Clara. Nun, sehen Sie, Onkelchen, bei einem Festschmause denkt man aber nicht an einen Gichtkranken — Fr. v. Harder (leise zu Clara). O du Schlange! Clara. Man ißt Trüffelpasteteu, man trinkt Champagner — wie heute zum Beispiel — Glaubach. Ah, natürlich! Clara. Wir wußten ja nicht, daß Sie kommen würden, Onkelchen. Glaub ach. Versteht sich. Ah, ich merke. Du hast Angst, ich könnte einen — Exceß begehen. Nun, sei ohne Sorgen — ich will mich zusammevnehmen und nur das Erlaubte genießen. Alle verfänglichen bedenklichen Schüsseln lasse ich mit stoischer Ruhe an mir vorübergehen. Clara. Nein, nein, ich traue Ihrer Enthaltsamkeit nicht — Sie könnten sich verlocken lassen — Fr. v. Harder. Ja, ja, Clara hat Recht. Einer Trüffelpastete gegenüber scheitern oft die besten Vorsätze. Clara. Das fürchte ich. Darum kann ich — so leid es mir thut, nimmermehr zugeben, daß Sie mit uns bei Tische essen — Glaubach. Aber Clara!... Clara. Nein, nein, mein lieber Herr Oeconomierath! Sie sind ein Gourmand und ich traue Ihnen nicht. Ich könnte es nicht verantworten, wenn Sie krank würden. Abgemacht, Sie werden auf Ihrem Zimmer speisen, Onkelchen! Glaub ach. Aber diese Besorglichkeit, Clara? Du warst doch sonst — Clara. Leichtsinniger? Möglich. Heute aber sage ich Ihnen: Besser bewahrt als beklagt. Nun, Sie sollen da drinnen mit Ihrem »Tischlein deck' dich« zufrieden sein. Eine gute Suppe, ein delicates Hühnchen, das frischeste Brunnenwasser — Glaubach. Nein — ein Tröpfchen Rebensaft doch — Clara. Durchaus nicht. (Zu Fr. v. Harder.) Auguste, hilf mir den störrischen Gichtpatienten bekehren. Fr. v. Harder. Herr Oeconomierath, geben Sie nach. (Bei Seite.) Ich will sehen, ob ich Ihnen nicht heimlich ein Tröpfchen Wein verschaffen kann. Glaubach. Edle Frau, wollen Sie das? Gut denn, ich ergebe mich. Clara (für sich). Gottlob — wir bleiben Zwölf! (Laut.) Kommen Sie, Onkelchen, ich geleite Sie auf 3hl Zimmer. Fr. v. Harder. So, nur hübsch 9 folgsam. (Leise zu Clara.) Ich gehe indessen in den Salon. (Clara führt Glaubach durch die Seitenthüre links ab. Fr. v. Harder entfernt sich durch die Mittelthüre links.) Achte Scene. Pendel (im Frack). Malchus (aus dem Seitenzimmer rechts). Pendel. Was Du sagst — Onkel Bernhard? Malchus. Ja — er wird mit zu Mittag speisen. Hat gleich ein Couvert für sich auflegen lassen. Pendel. Natürlich. Malchus. Ja, das wäre schon recht, aber der gnädigen Frau wird's nicht recht sein. Der Herr Oeconomierath ist just der Dreizehnte. Pendel. Der Dreizehnte!! Ach ja wahrhaftig (lächelnd), das wird meine Frau sehr geniren. Malchus. Der Dreizehnte verdirbt ihr das ganze Essen. Pendel. Ja— sie ist darinkindisch — aber was soll man machen — was man soll machen? (Es wird geklingelt.) Es klingelt Jemand. Sieh' 'mal zu. (Malchus geht Mitte rechts ab.) Hm, wenn ich nur wüßte, wie ich meiner Frau aus der Verlegenheit helfen könnte! Neunte Scene. Pendel. Kitte (von der Straße). Kitte. Herr Professor, entschuldigen, wenn ich störe — ich nehme Ihre kostbare Zeit nur auf zwei Minuten in Anspruch. Pendel. Herr Assessor — ah — bitte — sehr angenehm — bitte, nehmen Sie Platz. Womit kann ich dienen? Kitte. Ich appellire an Ihre Fürsprache, Herr Professor. Es handelt sich um die Verleihung eines Stiftungsplatzes für einen Studierenden an der Hochschule. Sie wissen, es ist ein eigener ziemlich bedeutender Fond zu diesem Zwecke gegründet worden. Pendel (welcher zerstreut zuhört). Geht mir gar nicht aus dem Kopf. Kitte. Es find nun eben Stiftungsplätze zu besetzen — ich glaube 10 oder 12 — Nicht wahr — 12? Pendel (seinen Gedanken nachhängend). Hm — dreizehn! Kitte. Dreizehn —um so besser. Vielleicht ist eben noch der dreizehnte frei. Pendel. Nein, der Dreizehnte ist eben schon da! — Kitte. Ah, sehr fatal! Pendel. Ja — unser Onkel Bernhard, der Oeconomierath — den kann man nicht abweisen. Kitte (etwas piquirt). O freilich, wenn da verwandtschaftliche Rücksichten in die Wagschale fallen. Pendel. Versteht sich — es ist doch der Onkel! Kitte (bei Seite). Er findet das ganz selbstverständlich. Pendel. Aber es bringt uns in Verlegenheit und jetzt, da Sie kommen, denke ich eben darüber nach — Kitte. Sehr freundlich, Herr Professor — Pendel (rasch). Wollen Sie mit uns zu Mittag speisen? Kitte (überrascht). Herr Professor — ich weiß nicht... Pendel. Ohne Umstände. Ja? Wäre mir sehr angenehm. Kitte. Es ist mir ein Vergnügen, Herr Professor, indessen — Pendel. Was indessen? Also abgemacht! Ja? Schön, Wie gesagt, ich bin Ihnen sehr verbunden. 10 Kitte. Ich begreife nur nicht — (Laut.) Und was den Platz anbelangt — wie steht's damit? Pendel. Platz? Meine Sorge. Einen sehr schönen Platz sollen Sie haben. Bitte, bemühen Sie sich indessen in mein Studierzimmer, Herr Assessor — finden drinnen allerlei hübsche Sachen, sehr Interessantes! (Drängt Kitte langsam in sein Studierzimmer.) Zehnte Scene. Pendel. Später Clara und Fr. v. Harder. Pendel (reibt sich vergnügt die Hände). So! den hätten wir engagirt! Nun soll meine Frau noch behaupten, daß ich zerstreut bin, an nichts denke und so weiter. Da habe ich ihr aus einer grimmigen Verlegenheit geholfen. Will ihr's nur gleich sagen, um ihr Gemüth zu beruhigen. (Geht zur Seitenthüre links und rust.) Clara, komm' doch 'mal ein bischen heraus! Clara (von links). Du hast gerufen? Ah, schon im Frack, das lass' ich mir gefallen. Pendel. Ja — ü propo8 — also, Onkel Bernhard ist da! Clara. Du weißt schon? Ja, der gute Onkel — hat mich sehr überrascht. Pendel. Kann mir's denken. Er wird mit uns speisen — Clara. Mit uns — das heißt — Fr. v. Harder (aus dem Salon kommend). Kinderchen, Alles ist in schönster Ordnung. Der Speisesalon ist bereit, seine Gäste zu empfangen — in der Küche wird heftig im Feuer exercirt und wenn das kleno ll'ilulo Publicum versammelt ist, kann's losgehen. Pendel. Schön — sehr schön! Aber was ich sagen wollte — der Onkel kommt denn doch gewissermaßen ungelegen — er ist ja der Dreizehnte! Clara. Wie? Du hast daran gedacht? Fr. v. Harder. Der Professor hat doch manchmal seine lichten Augenblicke. Pendel. Ja, boshafte Frau — der Professor hat nicht nur gedacht, er hat auch gehandelt. Mit einem Wort — ich habe noch einen Gast geladen! Clara. Einen Gast! Fr. v. Harder. Da haben wir's! Pendel. Ja — und was glaubt Ihr wohl, wen ich erwischt habe?.. Clara. Sei es wer immer, er ist — Pendel. Willkommen, das Hab' ich mir auch gedacht. Es ist der Assessor Kitte. Clara. Ah! Fr. v. Harder. Kitte! Pendel. Ja — er ist da drinnen in meinem Studierzimmer. Clara. Was hast Du denn da gemacht! Aber Thomas! Fr. v. Harder. Aber Herr Professor! Pendel. Nun, was ist's denn? Clara. Den Assessor zu laden, den zudringlichen Menschen — Fr. v. Harder. Der Ihrer Frau einmal den Hof gemacht hat. Pendel. Ja, richtig, aber das schadet nichts. Clara. So? Aber ich kann ihn nicht ausstehen. Fr. v. Harder. Und jetzt verfolgt der Herr mich mit seinem Attachement. Ich vermeide ihn, wo ich kann und nun laden Sie ihn zu Tische. O Herr Professor! Pendel. I zum Kuckuck, wer denkt denn an eure Weibergeschichten! Nun ist's einmal geschehen. Er muß dableiben, damit wir nicht Dreizehn sind. Clara. Aber Unglücksmensch, jetzt find wir ja erst recht Dreizehn. 11 Pendel. Wie so? Ich werde doch addiren können. Clara. Wir haben den Onkel beredet, auf seinem Zimmer zu speisen. Fr. v. Harder. Haben ihm angst gemacht mit seiner Gicht. Clara. Er wird also nicht bei Tische erscheinen. Fr. v. Harder. Es war somit Alles in der besten Ordnung. Clara. Und nun machst Du unser ganzes Arrangement zu nichte. Fr. v. Harder. So geht's, wenn die Männer sich in Wirthschaftsangelegen- heiten mengen. Clara. Ja wohl — kümmere Du dich lieber um deine Klapperschlangen! Pendel (welcher mehrmals umsonst versucht, das Wort zu ergreifen). Ah, nun wird's zu stark! Das ist mein Dank! Fr. v. Harder. Dank will er auch noch! Clara. Dafür, daß er eigens einen Dreizehnten einladet. Fr. v. Harder. Und dazu noch welchen Dreizehnten! Diesen zuwideren Assessor! Pendel. Nun, um so besser, wenn er euch so zuwider ist dieser Dreizehnte. Clara. Ah! Pendel. Freilich, da liegt doch nichts daran, wenn der stirbt! Clara. Hm, da ist gar nicht zu spaßen. Der ganze Tag ist mir verdorben Fr. v. Harder. Mir schmeckt kein Bissen, wenn dieser unangenehme Mensch mir gegenüber sitzt. Pendel. Aber gnädige Frau! Clara. Das war wirklich ein genialer Streich von Dir! Da kannst Du stolz darauf sein. Pendel. Na es war doch — gut gemeint, was weiß ich, daß er — und daß Ihr und daß der Onkel — ah — und das Alles nur wegen dem dummen Aberglauben — nichts als Aberglauben! (Geht verlegen und ärgerlich in sein Zimmer ab.) Eilfte Scene. Clara. Fr. v. Harder. Fr. v. Harder. Es ist wahr, gut gemeint hat er's eigentlich, dein Mann. Clara. Was haben wir davon? Verwirrung und Verdruß. Fr. v. Harder. Es bleibt nichts über, als sich in das Unvermeidliche zu fügen. Clara. O, nicht gleich so ohne Weiteres. Den Assessor müssen wir nun allerdings dulden, aber Dreizehn sollen wir darum doch nicht sein. Der Onkel muß heraus. Fr. v. Harder. Der Onkel! Clara. Muß heraus. Wir machen ihn wieder gesund — Fr. v. Harder (munter). Ja, wenn'S geht! Clara (ebenso). O freilich, es fehlt ihm ja nicht viel! Fr. v. Harder. Also probiren wir's. Clara. Probiren wir's — stehst Du — man muß allen Dingen nur die gute Seite abgewinnen! Haha! Zwölfte Scene. Glaubach. Vorige. Glaubach. Ungeheure Heiterkeit! Was lacht Ihr denn so? Clara. O, wir lachen über Sie, Onkel? Gla ubach. Was — Ihr untersteht euch! Fr. v. Harder. Ueber Ihre Ein» zelhaft, mit Fasten verschärft. Glaubach. Nun, ich kann euch sagen, mir gefällt diese Jsolirung gar nicht. Und Hunger habe ich, Sapperment, Hunger — wann wird's denn losgehen? Clara. Wir gehen in einer Viertelstunde zu Tisch und dann sobald wir fertig find — 12 Glaubach. Sobald Ihr fertig seid.. Clara. Dann werden Sie sogleich bedient. Glaub ach. Was? ich soll warten bis — Clara. Ja, Onkelchen, es gebt nicht anders. Wir haben nur den Malchus zur Bedienung — der kann nicht überall zugleich sein. Fr. v. Harder. Ein Tasse Bouillon werden wir Ihnen indeß schon zukommen lassen. Damit kann man eine Weile aushalten. Glau dach. So! Wie lange denn zum Beispiel? Clara. O, wir werden uns beeilen. In zwei Stunden können Sie speisen. Glaubach. So? Aufgewärmtes Zeug! Und ich soll nur frischgebratenes Fleisch essen. Clara. Ah — ja dann — Fr. v. Harder. Dann bliebe nichts über als — Glaubach. Als daß ich in's Gasthaus essen gehe. Was? Clara. Um Gottes willen, Onkel — das werden Sie uns doch nicht anthuu? In's Gasthaus gehen? Wer weiß, was Sie dort bekommen. Nein, das darf nicht geschehen. Glaubach. Pah, zwei Stunden warte ich einmal absolut nicht, auf keinen Fall. Clara. Ja, lieber Onkel — wenn Sie es riskiren wollen, mit uns am Mittagstisch zu speisen.. . Glaubach. Mit euch — Ihr meint ja aber — Fr. v. Harder (zu Clara). Weißt Du, Clara, man könnte es ja so einrichten, daß Einiges für den lieben Onkel spe- ciell gekocht wird — Glaubach. Nein, ich brauche keine Specialitäten. Ihr werdet ja doch nicht lauter unverdauliches Zeug auf den Tisch bringen. Fr. v. Harder. Ach nein, und ich würde schon Acht geben, daß Onkel Bernhard nichts genießt, was ihm schadet. Clara. Ja, so könnte es wohl ao- gehen. Gla ubach. Ihr macht überhaupt so unnöthiges Wesen mit mir. Es fehlt mir eigentlich gar nicht viel. Wenn ich nicht gerade krank bin, bin ich immer gesund. Fr. v. Harder. Ja, das glaube ich selbst, aber Clara war so ängstlich. Clara. Ich? bitte sehr, Du hast mich zuerst aufmerksam gemacht — Fr. v. Harder. Pardon — von Dir kam die Besorgniß — Clara. Da muß ich depreciren. (Die beiden Frauen agiren lebhaft dicht vor Glaubach's Gesicht mit den Händen gegen einander.) Glaub ach. Kinder, meine Nase ist ganz unschuldig an der Sache. Ereifert euch nicht! Es bleibt nun dabei, ich speise nicht auf dem Separatzimmer. Clara. Nein, Onkelchen, das wäre mir doch leid. Fr. v. Harder. Der arme Onkel Bernhard, so ganz einsam und allein — nein, das könnte mich wehmüthig machen. Clara (schmeichelnd). Ich würde immer daran denken müssen: das gute Onkelchen ist nicht unter uns. Gr geht uns ab. Glaub ach. Nicht wahr? Ja, das ist schön von Dir. Fr. v. Harder. Ja, Onkel Bern- hardchen soll sich mit unterhalten. Clara. Soll lustig sein. Fr. v. Harder. Soll Champag — nein, Champagner soll er nicht trinken. Glaubach. I wer weiß! Fr. v. Harder (leise). Pst! nur nicht zu übermüthig. (Zu Clara.) Wir haben ihn! 13 Clara. Gottlob, nun sind wir Vierzehn! (Die beiden Damen nehmen Glaubach in die Mitte und gehen mit ihm Seite links ab.) Dreizehnte Scene. Pendel. Kitte (aus der Seitenthüre rechts, im lebhaften Gespräche). Kitte (in gereizter Stimmung). Bemühen Sie sich nicht weiter, Herr Pro- sessor — Pendel. Nichts für ungut — wissen Sie, verstehen Sie — Kitte. O, ich verstehe, früher war Platz, jetzt ist wieder kein Platz — natürlich, da muß ich das Feld räumen. Pendel. Ich habe mich vielleicht nicht subtil genug ausgedrückt; sehen Sie, Herr Assessor, ich möchte Sie nicht kränken, aber ich habe nicht bedacht, meine Frau — Kitte. Ah, die gnädige Frau hat Einsprache gethan? Ja, da hätten der Herr Profeffor allerdings früher anfra- gen sollen, ob ich ihr genehm bin. Pendel. Entschuldigen Sie, Ihre werthe Persönlichkeit kommt da gar nicht in Frage. Aber es gibt Umstände — Kitte. Ach, machen Sie nicht so viel Umstände mit diesen Umständen. Basta, Sie weisen mir die Thüre, das ist ganz einfach — Pendel. Nein, nicht ganz einfach. Es ist eine sehr complicirte Geschichte. Meine Frau nämlich und deren Freundin, die Frau von Harder — Kitte. Ah, Frau von Harder ist da? O, nun ist mir Alles klar. Frau von Harder will mir ausweicheu, Frau von Harder hat sich hinter Ihre Frau Ge- malin gesteckt, Ihre Frau Gemalin hat dem Herrn Gemal einen Floh in's Ohr gesetzt — Pendel. Bitte, von einem Floh kann da gar nicht die Rede sein. Das kommt in unserem Hause nicht vor. Kitte. Wie gesagt, die Frau Gemalin hat Ihnen verboten, mich bei Tische zu behalten. Pendel. Verboten? Ich weiß nicht, wie Sie mir Vorkommen. Kitte. Aber ich weiß genau, wie Sie mir Vorkommen, Herr Profeffor. Pendel. Na, wie denn, wie denn? Kitte. Wie ein Pantoffelheld. Pendel. O — Pant — Kitte. Wie Jemand, der keinen eigenen Willen hat. Pendel. Ich protestire gegen solche Bemerkungen. Kitte. O, es ist wirklich schmachvoll, ein Gelehrter wie Sie, ein Profeffor, Mitglied der Akademie der Wissenschaften, Ritter des rothen Adlerordens vierter Claffe — Pendel. Bitte sehr, dritter Claffe. Kitte. Also dritter Claffe — und dabei ein Simandl erster Claffe! Pendel (zornig). Sim — das ist zu viel, Herr Assessor — nun muß ich Sie wirklich ersuchen — Kitte. Es ist eine Schande und ein Spott! Pendel. Herr Assessor, jetzt Hab' ich's genug! Wir find fertig miteinander. Kitte. O ja, vollkommen. Ich werde Ihnen und Ihrer Frau Gemalin nicht mehr lästig fallen. Adieu! (Ab durch die Mittelthüre rechts.) Vierzehnte Scene. Pendel (allein). Später Clara und Fr. v. Harder. Pendel. Ah! ist das ein unverschämter Mensch. Sim — Simandl, Pan> 14 toffelheld! Hält' ich gedacht, daß ich mich heute so ärgern muß! Pah, schütteln wir das ab. Ich habe mir zwar den Herrn da zum Feinde gemacht, aber ich bin ihn los, das ist mir gelungen und das ist die Hauptsache. Jetzt find wir wieder Zwölf. Na, meine Frau wird d'reinschauen, wenn ich ihr erzähle — aber das vom Simandl erzähle ich ihr nicht, nein, niemals! (Geht sinnend auf und ab.) (Clara und Fr. v. Harder aus dem Seitenzimmer links.) Clara (zu Fr. v. Harder). Ah, mein guter Mann — sieh' nur, wie er da in Gedanken wandelt! Fr. v. Harder. Sein tuux xa8 mit dem Assessor macht ihm Kummer. Clara. Wir wollen ihm doch gleich sagen, wie wir uns geholfen haben. (Geht auf ihren Mann zu.) Lieber Thomas! Pendel (die Frauen bemerkend). Ah, die zwei Jnseparables! (Zu Clara.) Holde Gattin — Clara. Mein verehrter Gatte — Pendel. Die Affaire mit dem Assessor — Clara. Macht Dir Kopfschmerzen? Lassen wir es dabeiz bewenden. Pendel. O nein — Clara. O ja, denn siehst Du, ich habe einen Ausweg gefunden. Pendel (schlau lächelnd). So? Nicht nöthig. Er hat auch schon früher einen Ausweg gefunden. Fr. v. Harder. Wer? Pendel. Nun, wer? Der Assessor. Clara. Welchen Ausweg? Pendel. Nun, den allernatürlichsten. Durch die Thüre. Er ist fort! Fr. v. Harder. Fort? Pendel. Ganz fort! Dort hinausgestürzt. Der kommt nicht mehr zurück! Clara. Du hast die Einladung rückgängig gemacht? Pendel. Das Hab ich. Es ging nicht ohne einige unangenehme Erörterungen ab, aber schließlich ging es doch. Der Assessor ist beseitigt — jetzt find wir wieder Zwölf! Gib mir dafür einen Kuß, ja? Clara (Pendel bei Seite schiebend, mit einem Seufzer). Ach! (Zu Frau v. Harder.) Was sagst Du nun dazu? Fr. v. Harder (zu Pendel). Sie haben da was Schönes gemacht! Clara. Aber Thomas! Fr. v. Harder. Aber Herr Professor! Pendel. Aber und immer aber! Jst's wieder nicht recht? Clara. Wir haben den Onkel beredet, nun doch bei Tische zu erscheinen — er hat eingewilligt, da schickst Du indessen den Assessor fort — jetzt find wir abermals unser Dreizehn. Pendel. Ah, da soll denn doch ein Donnerwetter d'reinschlagen! Ja wenn Ihr hinter meinem Rücken manövrirt, da geht's freilich schief! Clara. Ei, so lasse uns doch gewähren und operire nicht immer auf eigene Faust. Pendel (gereizt). Was? ich soll wohl auf dein Kommando warten? Clara. Das könnte nicht schaden. Pendel. Fällt mir gar nicht ein — ich bin kein Pantoffelheld, ich bin kein Sim — Clara. Aber Thomas! Pendel. Nein weder erster Classe noch zweiter Classe. Fr. v. Harder. Um des Himmels willen, Ihr werdet doch an eurem Hochzeitstage nicht Streit anfangen? Pendel. Sie haben Recht — es ist auch nur der Assessor Schuld. Er hat — na, lassen wir's gut sein. Clara. Was fangen wir nun an? (Glaubach erscheint an der Seitenthüre links und horcht dem Gespräche.) Pendel. Ja — guick kaeiemuZ nos — daß wir werden den Dreizehnten los? 15 Fr. v. Harder. Den Onkel können mr nicht noch einmal krank machen. Clara. Nein, er müßte glauben, wir hielten ihn zum Besten. Fr. v. Harder. Das' Einfachste ist - ich gehe. Pendel. O, gnädige Frau, was denken Sie! Clara. Du willst gehen, nein, unter keiner Bedingung. Dich kann ich nicht entbehren. Pendel. Aber die Dreizehn! Clara. Das Schicksal will es so! Das Verhängniß! Fünfzehnte Scene. Vorige. Glaubach. Glaubach (vortretend). Also das ist des Pudels Kern? Der Dreizehnte? Kinder, ängstigt Euch nicht weiter. Ich melde mich hiermit marode — ich speise allein. Clara. Sie haben gehört, Onkel? Glaubach. Alles. Es bleibt dabei — ich speise im Oadiuet 86pur6. Fr. v. Harder. Nein, es bleibt dabei, ich gehe fort. Glaubach. Schöne Frau, das ist unmöglich. Sie find bei Tische nothwendig als Aufputz — ich bin überflüssig. Fr. v. Harder. Nein, Sie gehören zur Familie. Sie dürfen nicht an der Tafel fehlen. Pendel. Erhabener Wettstreit des Edelmuthes! Aber so bleiben wir im statu yuo ante, die Speisestunde ist da und jeden Augenblick kann Malchus mit der Meldung an uns herantreten — Sechzehnte Scene. Vorige. Malchus. Malchus. Gnädige Frau, es kann servirt werden, wenn Sie befehlen. Clara. Sind unsere Gäste schon im Salon? Malchus. Ja wohl. Pendel. Wirklich Alle gekommen — Niemand ausgeblieben? Malchus. Es ist da — der Professor Nullenmacher, der Professor Haarspalter — Regierungsrath Duckrecht — — Doctor Sportelmann — Pendel (der an den Fingern nachzählt). Macht vier — Malchus (fortsahrend) . Professor Streitfest mit Gemaliu und Tochter — Pendel. Sind drei, macht sieben. Malchus. Hofrath Senfgeber mit Ge- malin. Pendel. Sind zwei, macht neun. Malchus. Macht neun. Pendel. Und wir Vier da — macht dreizehn! Es bleibt bei Dreizehn. (Malchus ab.) Clara (seufzend). Es bleibt bei Dreizehn! Gehen wir speisen! Pendel (für sich). In welchem Ton sie das sagt — gerade als ob's zum Schaffst ginge! (Glaubach hat Fr. v. Harder den Arm geboten — Clara nähert sich Pendel.) Gibt's gar keine Hilfe? — Wie wär's — wenn ich selbst ausbliebe — vielleicht ein kleiner Dergiftunasversuch — aber nur Versuch — bischen Unwohlsein, nichts weiter — (Nähert sich dem Fenster.) Clara (legt ihm die Hand aus die Schulter). Komm', Thomas! Pendel. Ja, Gattin, wir sterben zusammen! (Hat einen Blick aus dem Fenster geworfen —plötzlich ausschreiend.) Nein! 16 noch ist Rettung! (Rust zum Fenster hinaus.) Ludwig —Herr Ludwig? Glaubach (mit Fr. v. Harder umkehrend). Was hat er denn? Fr. v. Harder. Ich weiß nicht. Der Professor ist ganz aufgeregt. Pendel (zum Fenster hinausredend). Ja, Sie mein' ich — kommen Sie herauf, statim, 8ta1i88im6 — augenblicklich herauf! (Vom Fenster weg.) Gott sei Dank, er kommt! Clara. Aber sage mir nur — Fr. v. Harder. Herr Professor — nur nicht abermals eine — Unbesonnenheit! Pendel. Warum sagen Sie nicht lieber gleich: Dummheit? Nein. Diesmal nicht! Siebenzehnte Scene. Ludwig. Vorige. Ludwig. Herr Professor — Sie wünschen? Pendel (aus Ludwig losstürzend, schließt ihn in die Arme). Bester Ludwig, haben Sie schon zu Mittag gespeist? Ludwig. Ja wohl, Herr Professor. Schon vor zwei Stunden. Pendel. So? Haben Sie viel gegessen? Ludwig. Das nicht, Herr Professor — meine Mittel — Pendel. Sie könnten also wohl noch einmal essen? Ludwig. O ja, Herr Professor. Pendel. O ja? (Legt ihm die Hand aufs Haupt.) Sei gesegnet, Jüngling, für dieses Wort. Lieber Herr Ludwig, wollen Sie mit uns zu Mittag speisen? Gleich? Ludwig. Herr Professor — sehr viel Ehre — Pendel. Zugesagt — eingeschlagen! (Ludwig vorstellend.) Herr Ludwig, Studiosus, einer meiner fleißigsten Hörer. Er ist unser Vierzehnter — Ludwig der Vierzehnte — Es lebe Ludwig der Vierzehnte! Alle (lachend). Es lebe Ludwig der Vierzehnte! (Der Vorhang fällt.) Truck von Leopold Sommer L Comp. Heneral Laudon. -—- Geschichtliches Bolksstülk mit Gesang und Tanz in fünf Bildern Friedrich Kaiser. Wien, 1875. VßallirhiUl^T'lche Pschhan-lung (Josef Klemm). Personen. Kaiserin Maria Theresia. Franz der Erste, römisch-deutscher Kaiser. Erzherzog Josef, Kronprinz. Fürst Wenzel Liechtenstein, Keldmarschall. Gras Harrach, Feldmarschall, Präsident des Hoskriegsrathes. Gräfin Daun, Feldmarschallsgattin. Ignaz Baron von Koch, Eabinetssecretär der Kaiserin. Gideon Ernst Freiherr von Laudon, k. k. Keldmarschall-Lieutenant. Reinhold Freiherr von Laudon, sein Nesse, Oberlieutenant. Elara. Gras Wallis, Oberst. Horst, Oberlieutenant, Adjutant. Stein, Auditor. Hochstetten, Secretär der Staatskanzlei. Krummschnabel, Feldscherer. Woitic, kroatischer Feldpater. Doris, Major t Tannhorst, Fähnrich ! in der preußischen Armee. Brennebock, Prosoß s Helm reich, Kapitalist und Hausbesitzer in der Josefstadt. Resi, seine Tochter. Grub er, Schneidermeister. Lenore, dessen Frau. Franz, deren Sohn. Georg Eltner, Grenadier. Holos, Hußar. Wasil, russischer Soldat. Vroni, Marketenderin. Marianne Weißhuber, Müllerswitwe. Schmeidig, Bürgermeister von Schweidnitz. Eulalie, dessen Frau. Beneke, s Pluster, I Marthe, ? Einwohner von Schweidnitz. Ricke, I Hanne, ! Ein Prosoß. Generäle. — Adjutanten. — Freiwillige. — Soldaten. — Volk. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. erlies K»i>. Im Aürgerhaufe. Aermlich eingerichtete Stube mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren; — im Vorder« grund links ein Fenster, an demselben ein Nähtisch, von einer runden Bank umgeben, rechts ein langer Zuschneidetisch mit Tuch uud Schneiderwerkzeugen; an den Wänden Schränke und Stühle. Erste Scene. Franz. Lenore. Franz (sitzt aus der Bank am Nähtische, ein Kleidungsstück auf dem Schooße, die Nadel in der Hand, arbeitet aber nicht, sondern sieht sehnsüchtig durch das Fenster nach oben). Lenore (einen Korb am Arme tragend, tritt aus der Seitenthüre rechts, sieht auf Franz, macht eine Geberde der Unzufriedenheit, geht zu ihm und schlägt ihn von rückwärts aus die Schulter). Franz! Wo schaust denn wieder hin? Franz (schwärmerisch). Dorthin, wo meine Sonn' aufgeht! Lenore. Ich seh' nichts als ein fürchterliches Donnerwetter aufsleigen. Die Jungfer Rest — die Tochter von so ein' reichen Mann — und Du — ein armer Schneiderssell! Franz. Warum muß ich's denn sein? (Wirst die Nadel weg.) Mich ekelt's schon an! Lenore (gegen die Mittelthür horchend). Still! — Der Vater kommt! Zweite Scene. Vorige. Gruber. Grub er (tritt geschäftig durch die Mittelthür ein, zu Lenoren). Ah, bist noch z'Haus, Alte? Das ist g'scheidt! Denk' Dir nur, g'rad begegn' ich den Herrn Hochstetten — Franz. Den Secretär von der Staats - kanzlei, der vor zehn Jahren öfter zu uns 'kommen ist? Lenore. Hm! seine Besuch' haben weniger uns 'gölten, als dem quittirten Hauptmann — dem (zu Gruber) Du damals das Kammer! (gegen links weisend) umsonst überlasten hast — Gruber. Weil er mich dauert hat; — der arme Mann hat sich mit seinem Kommandanten, dem wilden Pandurenführer Trenk, überworfen g'habt. war in ein' Proceß verwickelt und hat deswegen nicht von Wien fort dürfen, obwohl er kein' Kreuzer Geld g'habt hat — bis ihm endlich der Herr Hochstetten doch wieder zu einer Officiersstell' verholfen hat — freilich tief drunt' an der Gränz'. Lenore. Da hast Du ihm noch a neue Uniform gemacht, ohne dafür was zu verlangen — so eine Verschwendung! Gruber. Verschwendung? — Wenn ich denk', daß der damalige arme Hauptmann jetzt der berühmte Feldmarschall- Lieutenant Laudon ist, so schäm' ich mich fast, daß ich so wenig, und bin. 4 wieder stolz d'rauf, daß ich doch etwas Hab' für ihn thun können! Lenore. Aber Du hast ja von dem Herrn Hochstetten reden wollen. Gruber. Ja — der begegnet mir g'rad in unserer Gassen. »Lieber Gruber,« sagt' er — »ich Hab' Ihn eben aufsuchen wollen, ich möcht' gern wieder einmal einen Löffel Suppe bei Ihm essen, aber ich brächt' noch einen Freund mit, der eben angekommen ist —* Lenore. Was? also zwei Gäst'!? Gruber. Er will Dir seine Nachbarin herschicken, eine Frau, die mit dem Kochen gut umzugeheu müßt' — Lenore. 's Kochen wärs Wenigste — aber 's Einkäufen —! Gruber. Da — (zieht aus der Westentasche ein Papierchen und gibt es ihr) da hast noch ein' Gulden, und jetzt schau halt, daß d' was Ordentliches kriegst; — einmal können wir uns ja auch ein' guten Tag anthun — und damit's ein' Spaß gibt, lad' ich den narrischen Bader auch noch ein. Franz. Den Krummschnabel —? Gruber. Er war als Feldscher bei der schlesischen Armee und weiß eine Menge zu erzählen. Also mach' kein so finsteres G'sicht — tummel Dich, daß d' auf'n Markt kommst — es soll heut' bei uns recht g'müthlich hergehen! O, es geht gar nichts über die Gemächlichkeit! (Eilt durch die Mitte ab.) Lenore. Ist das ein leichtsinniger Mann! Wenn er nur tractiren kann! Franz. Ja, Geiz kennt der Vater nicht, und er hat ja ohnedieß so wenig frohe Stunden! Lenore. Die kann man sich nur schaffen, wenn man Geld hat, aber — (das Papier betrachtend) was laßt sich denn für so ein Bancozettel viel einkaufen? Ich weiß wahrhaftig nicht, wie ich's nnstell'. (Geht nachdenkend aus und nieder.) Dritte Seene. Vorige. Clara. Clara (in einem einfachen bürgerliche» Kleide, tritt durch die Mitte ein). Franz (sie erblickend). Wir kriegen Besuch? Clara (etwas schüchtern). Ich bin doch hier recht bei der Frau Grüderin? Lenore. Die bin ich — was steht zu Diensten —? Clara. Der Herr Secretär Hochstetten — Lenore. Ah — dann ist also Sie die Frau, die er mir zur Aushilf' schickt. Clara. Ja, und wenn's Ihr recht ist, so will ich gleich statt Ihr auf den Markt — (Langt nach dem Korbe.) Lenore. Nur Geduld! — Wenn ich Sie einkaufen lass', muß ich Ihr auch's Geld mitgeben, und-(Blickt sie etwas mißtrauisch an.) Clara. Das ist nicht nöthig! Ich will schon indeß Alles auslegen — wir verrechnen uns später — zeig' Sie mir nur die Küche. Lenore. Die ist da! (Oeffnet die Seitenthür rechts.) Clara (wirft einen Blick hinein). Mit dem Geräthe werd' ich wohl nicht aus- langen, aber das thut nichts, ich werde Einiges von meinem eigenen herbeischaffen lassen. (Wieder hineinsehend.) Ah — dort ist noch ein Ausgang gegen die Straße, da kann ich aus- und eingehen, ohne Euch hier zu incommodiren. Laste Sie also nun nur mich gewähren, aber allein, dieß bitt' ich mir aus, denn Köchinnen haben auch ihre geheime» Recepte wie die Apotheker. (Ab nach rechts.) Franz (ihr nachsehend). Das ist eine recht liebe Person! Lenore. Wenn's nur was kann und nicht zu viel auslegt. Ich bin froh, daß ich nichts mehr zu thun Hab', so kann ich mich doch ein bissel in Staat wer- 5 fen. — Und Du zieh' auch Deinen Sonntagsrock an — für heut' ist's ohnehin aus mit der Arbeit! Franz. Ich wollt', es wär' für immer aus! (Ab mit Lenoren nach links.) Vierte Scene. Vorige. Krummschnabel (durch die Mitte). Helmreich. Krummschnabel (in der Uniform eines Feldscherers, militärisch carikirt, tritt durch die Mitte ein). Helmreich (eben auch eintretend unb ihn erblickend). Da treff' ich mit Ihm zu- samm', Bader Krummschnabel. Krummschnabel. Was Bader! man bittet um die gehörige militärische Titulatur: kaiserlicher königlicher wirklicher Unterfeldscherer — Helmreich. Und hat's im Civil nicht einmal bis zum Magister gebracht, aber freilich — im Krieg — wenn Noth an Mann ist, nehmen sie jeden hergeloffenen Kerl! Krummschnabel. Besser ein Hergeloffener, als ein Davon geloffener. In der Armee weiß man, was man an mir hat! Wo ich nicht dabei bin, geht's gleich schief — das hat jetzt der Feld- marschall-Lieutenant Laudon erfahren — Helm reich (aufmerksam). Der Laudon? (Für sich.) Vielleicht kann mir der (auf Krummschnabel blickend) Auskunft geben! Krummschnabel. Er ist nach dem letzten Feldzug nach Wien berufen worden, reist von Zittau ab, hat aber mich nicht mitgenommen. Was g'schieht? — Richtig — in Teplitz wird er schwer krank —' Helmreich. Man hat ihm aber gleich die g'schicktesten Aerzt' g'schickt, seine Frau ist auch zu ihm g'reift und hat ihn gepflegt, und hier hat ihn der kaiserliche Leibarzt, der Doctor van Swieten, ganz hergestellt. Krummschnabel. Hm! Der van Swieten ist kein ungeschickter Mann, aber wenn ich den Laudon behandelt hätt', so hätt' er's g'schwinder überstanden. Fünfte Scene. Vorige. Clara. Zwei Mägde. Clara und zwei Mägde (welche Tischgeräthe tragen, kommen von rechts). Clara. Stellt den Tisch (auf den Zuschneidetisch weisend) in die Mitte. Die Mägde (räumen den Tisch ab, stellen ihn in die Mitte, nehmen während des Folgenden weiße Tücher, reiche CouvertS und einige Tafelaufsätze aus den Körben, decken den Tisch, stellen Stühle an denselben und entfernen sich dann wieder nach recht-). Helm reich. Was g'schieht denn da? Krummschnabel. Der Herr Gruber gibt heute Tafel — ist Er auch geladen, Herr Helmreich? Helmreich (zornig). Ja — geladenl — werd gleich losgeh'n! Aber jetzt sag' Er mir, kennt Er den Laudon genauer? Krummschnabel. Ha! ich werd' ihn nicht kennen — als Kriegskamerad! Aber warum fragt Er? Helmreich. Na, sieht Er — ich bin bekannt als ein guter Patriot. — Ich möcht' mich gern bei der Armeelieferung betheiligen -- und wollt' zu dem Zweck mich an den Laudon wenden — wenn Er mir vielleicht einen Weg bahnen möcht' — es sollt' Sein Schaden nicht sein — Krummschnabel. Hm! hm! wollen sehen — wollen sehen! Helm reich. Vielleicht ging's, wenn ich mich hinter seine Frau stecket — kennt Ec die auch? Krummschnabel. Nein, sie war bei keiner Bataille, aber gehört Hab' ich von ihr; — er hat sie noch als Hauptmann geheiratet und in die Graniz mitgenommen — sie wird halt so eia Tschapperl sein, der's nur darum 6 zu Ihun war, Frau zu werden, denn ihn hat die Schönheit nie geplagt. Helm reich (heimlich). Was meint Er? wenn ich zuerst der ein schönes Brocatkleid spendiret? — Aber — wir find nicht allein — (Sieht sich um.) Clara (ist während der letzten Reden etwa- neugierig hinter die Sprechenden gekommen). Helm reich (sie erblickend, anfangs zornig). Was will Sie — ? (Sie mehr in'S Auge fassend, wohlgefälliger.) Ein nettes Figürl! Krummschnabel (ebenfalls überrascht). Potz Kürassier und Grenadier! ein mordsaubres Weibsstück! (Will sie am Kinne fassen.) Clara (zurücktretend und ihm einen strafenden Blick zuwersend). Was untersteht Er sich —? Krummschnabel. Ha! nehm' Sie das nicht übel! Wir Kriegsmänner find gewohnt rasch anzugreifen! (Will wieder zu ihr.) Helmreich (zu Clara). Fürcht' Sie sich nicht, ich beschütz' Sie! (Will sie um öie Mitte nehmen.) Clara (ernstlich böse). Soll ich um Hilfe rufen? Helmreich. Aber nein! Ich mein's ja gut, — aber sag' Sie mir nur, wer ist Sie denn? Clara. Im Augenblicke Köchin bei der Frau Grüderin — Helmreich. Die nimmt sich so hübsche Dienstboten auf? — Der Luxus! — Aber in dem Haus' — das kann ich Ihr sagen — wird Sie nicht lang bleiben. Clara. Warum nicht? Helmreich. Weil's den Gruber'schen bald selber schlecht geh'n wird; ich vernichte die ganze Familie — ich richt' sie zu Grund — ich ruinir' sie — — Clara. Aber was haben Ihm denn die armen Leute gethan? Helm reich. Stell' Sie sich nur vor, der Schneiderbub erlaubt sich meiner Tochter Liebesanträg' zu machen — Aber ich bi» noch da! Den Burschen verklag' ich bei der Keuschheitscommifsion — meine Tochter enterb' ich — ihr zum Possen Heirat' ich selber noch einmal und schaff' mir eine neue Familie an! — (Zu Clara.) Wenn Sie mir zu diesem Zweck förderlich sein will — (Sieht gegen die Thür links, welche eben geöffnet wird.) Ha! Aber da kommen sie — Mutter und Sohn! (Zu Clara.) Jetzt geb' Sie Acht! wenn Sie noch nie einen brennenden Löwen g'sehen hat, so schau Sie nur mied an! (Nimmt die Haltung eines Wüthenden an.) Sechste Scene. Vorige. Lenore. Franz, dann Gruber. Lenore ) (im Sonntagsstaate, treten au Franz j der Seitenthür links). Franz (Helmreich erblickend, erschreckt, leise zu Lenoren). Der Helmreich! Lenore (ebenso — zu Franz). Hab'' ich's nicht g'saat! Und wiar er dreinschaut! — 's gibt ein Unglück! — Clara (ist hinter die Beiden getreten, leise zu ihnen). Fürchtet nichts! Ich mach' ihn zahm! (Geht wieder auf die andere Seite, hinter Helmreich.) Franz (ihr verwundert nachsthend). Sie? — was will sie —? Gruber (tritt durch die Mitte ein)^ Lenore (leise). Gott sei Dank! — der Vater kommt! Gruber (auf den Tisch blickend). Ah! schon Alles gedeckt? — Und wie prächtig! (Tritt zu Lenoren.) Ja, sag' mir nur — Lenore (macht ihn ängstlich aus Helm- reich aufmerksam). Gruber (überrascht, leise). Der da —? Helmreich (leise zu Krummschnabel). Jetzt ist die ganze Schneidersippschaft beisammen. — Bock — Gais und Zickerl! 7 Jetzt soll Er was erleben! (Laut, strenge.) Daher zu mir! Alle Drei! Tenore (immer ängstlicher, will Gruber jurückhalten). Mann! — Ich bitt' Dich! Klara (leise). Herr Helmreich! Helm reich (noch zornig). Was soll's? Clara (winkt ihn freundlich lächelnd zu sich). Helm re ich (wendet sich zu ihr). Clara (flüstert ihm heimlich einige Worte zu). Gruber (macht sich von Lenoren los). Ah was! In meinem Haus soll er mich nicht insultiren! — (Tritt vor zu Helmreich.) Was steht zu Diensten? Helmreich (welcherClaras Mittheilung mit sichtbarer Ueberraschung angehört Hot, ohne sich umzusehen, zu Gruber). Warten! — Ein wenig warten! (Leise zu Clara.) Um Himmels willen! was Sie da sagt-! Clara (leise). Ist die reine Wahrheit — ich schwör' Jhm's! Nicht' Er darnach sein Benehmen! (Entfernt sich rasch durch die Thür rechts.) Helmreich (für sich). Donnerwetter! Da heißt's umstecken! Ich muß um jeden Preis hier zu bleiben suchen! Gruber. Na, Herr Helmreich! Was gibt mir denn die besondere Ehr'? Helmreich (plötzlich wie umgewandelt, überaus freundlich). Ah — mein lieber Meister! Nehm' Er's nur nicht übel, wenn ich vielleicht ungelegen komm', — wie ich seh' (aus den Tisch weisend) hat Er heut' Gäst' — Gruber (kurz). Ja — ein paar gute Freund' — Helmreich. Gute Freund? (Herzlich ihm die Hand entgegenhaltend.) Und da hat Er auf mich vergessen? Gruber (befremdet, Lenoren an-)^ sehend). Was ist denn das? Lenore (verwundert). Ich weißt Z' nicht wie mir g'schieht? Helmreich (scherzend zu Gruber). Gr ist ein recht schlimmer Mann! Er hätt' wobl seinen Franzl zu mir schicken und mich und — — (mit einem bedeutungS. vollen Blicke auf Franz) meine Tochter einladen lassen können — Franz (außer sich vor Freude). Was? — Die Jungfer Rest — bei uns essen? — Da wär' ja noch Zeit! — Helmreich. Na, so geh' Er hinüber und frag' Er's, ob sie mit Ihm gehen will? Franz. Ich geh' — ich lauf' — ich stieg'! — die Refi an unserm Tisch! — (Zu Lenoren.) Frau Mutter! heb' Sie mir ein' Platz neben ihr auf! — für mich braucht Sie nichts anzurichten — ich bring' mei Leibspeis' felber mit! (Eilt durch die Mitte ab.) Gruber (für sich). Ich kenn' mich gar nicht aus! Helm reich. Ein hübscher Bursch euer Franz! Gruber. Und ein braver Bursch, das ist die Hauptfach' — Krummschuabel. Er versteht nicht nur den Zwirn, sondern auch Amour- schaften einzufädeln — in die Augen zu stechen — Helm reich. Ha, ha. ha! Ich hab's wohl weg! Mein Gott! man muß seinen Kindern auch eine Freud' lassen — wir waren ja auch einmal jung! Lenore (für sich) Der lebt nicht mehr lang! Siebente Scene. Vorige. Hochstetten. Hochstetten (tritt durch die Mitte ein). Gott zum Gruß' allerseits! Gruber (ihm entgegensetzend). Ah. Herr Secretär! — herzlich willkommen! Aber was ist's? — allein? — Sie haben doch gesagt — Hochstetten. Daß ich noch einen Freund mitbringe; — dieser wird sich auch gewiß — aber erst etwas später einfinden. (Zu Lenoren.) Frau Gruberin! 8 Verzeih' Sie. daß ich Ihr Ungelegen- heiten bereite. Lenore. O bitt' — 's ist ja-eh' schon ein' Ewigkeit, daß wir uns nicht g'sehen haben. Hochstetten. Ich war in der letzten Zeit so vielseitig beschäftigt. Achte Scene. Vorige. Franz. Resi. Franz l (eilen Arm in Arm zur Mittel- Resi j thür herein). Franz (freudig). Da sein wir! Resi (eilt auf Helmreich zu). Vater! — Ich Hab' kaum meinen Ohren traut! — Er selber schickt den Franz zu mir — nach dem Spectakel. Helmreich. Red' nichts davon! — Ich war nur zornig, daß Ihr den Techtlmechtl so hinter mein' Rucken an- g'fangen habt — bin ich denn eiuTyrann? Franz. Herr Helmreich! Ich dürft' also wirklich hoffen? — Helmreich. Hoff' Er! — Aber jetzt seid Ihr alle Zwei noch fast Kinder; Er muß erst auf die Wanderschaft, — wenn er in ein paar Jahren zurückkommt und sein Meisterstück gemacht hat, dann — kann Er anfragen. — (Für sich, heimlich die Faust ballend.) Aber auf die Antwort soll er sich freuen! Resi. Was denn erst fragen? — Der Franz weiß ja eh', daß ich sein bin für alle Ewigkeit! (Sinkt an seine Brust.) Helmreich (seinen Unmuth mühsam bemeisternd, laut). Moderirt's Euch — Ihr seid noch nicht förmlich verlobt! — Da g'hörst Du (Resi am Arme fassend und sie heftig an sich ziehend) noch an die Seite Deines zärtlichen Vaters. (Leise drohend zu ihr.) Du bleibst, oder meiner Seel'! — (Laut, wieder milder zu Franz.) Und El hat sich auch noch in bescheidener Entfernung zu halten. Gruber. Ich denk', es könnt' nicht schaden, wenn wir indeß, bis angericht' wird, unS mit ein' Glas Wein auffrischen thäten! (Indem er Wein einschenkt.) Bin neugierig, was für Tropfen uns meine Alte besorgt hat! Kosten die Herren einmal! Krummschnabel. Darüber kann ich ein Parere ausstelleu — bin Kenner' (Riecht zum Glase.) Hm! Oäor tamoms- 8imu8 — douhU6ttia.riu8! (Koste!.) Bomben und Mörser! Diesen 6u8tu8! Reines Lebenselixir! — (Trinkt nochmals.) Hol' mich der Teufel! Der Wein, den wir — ich und der Laudon — bei dem großen Transportüberfall vor Domstädtl dem Preußenkönig weggenommen haben war, 'im Vergleich zu diesem edlen Getränke, reines Scheidewafser! Gruber. Vor Domstädtl? Ah — von der Affaire Hab' ich im Diarium gelesen. Krummschnabel. Ah was Diarium! Das kann ich Euch besser erzählen — denn ich war dabei! Gruber. Nun — so erzähl' Er doch! Krummschnabel. Die Sach' war so: Nachdem wir schon anno 1756 Teschen überfallen, 57 die Redoute bei Hirschfeld genommen hatten, haben im vorigen Jahr die Preußen Olmütz so lang belagert, bis ihnen schon der Proviant und die Munition ausgegangen ist. D'rum hat ihnen der König Fritz viertausend Transportwägen mit Brod, Mehl, Wein. Pulver, Kugeln und andern Lebensmitteln zuschicken wollen. Wir kriegen aber Wind davon — der Laudon beschließt die Wägen wegzunehmen — na — ich war gleich dabei! — wir waren im Ganzen 8000 Mann und gegen tausend Pferd' — ich war dabei — wir warten — richtig — jetzt kommt der Transport, — ein Zug, escortirt von vierzehntausend Mann unter dem General Ziethen, — wir bleiben ruhig, bis der Zug in einen Hohlweg einbiegt, — jetzt d rauf los! von allen Seiten gegen die feindliche Infanterie und Kavallerie — eing'haut haben wir 9 mörderisch! — zu'gangen ist's wie am jüngsten Tag! da fliegen Pulverwägen in die Luft — dort zerreißt's ganze Schwadronen — ich immer dabei! — Endlich zieht der Ziethen ab — laßt uns die Kanonen und Wägen — aber der ganze Hohlweg war auch mit Todten g'füllt — auch von unserer Seite sind an tausend Mann gefallen — ich war dabei — aber der Streich war gelungen — der Feind hat die Belagerung aufgeben muffen. — Grub er. Und der Laudon ist neuerdings avancirt! Krummschnabel. Ja, der Mann hat Glück! Vor zwei Jahren noch Major — jetzt Feldmarschall-Lieutenant — Großkreuz des Theresienordens — Baron! — Unsereins bringt's nicht vorwärts! Grub er. D'rauf ist die Schlacht bei Hochkirch g'schlagen worden. Krummschnabel. Was da geleistet worden ist, könnt Ihr nur von mir hören — denn ich war dabei! Neunte Scene. Vorige. Laudon. Laudon (im Mantel, den Hut auf dem Kopfe, ist während der letzten Rede durch die Mitte eingetreten und langsam bis hinter Krummschnabel gegangen; nun zu diesem). Vielleicht war ich auch dabei! Alle (sehen sich überrascht um). Krummschnabel (erschrecktvom Sitze in die Höhe fahrend). Heiliger Aesculapius! der Herr Feldmarschall-Lieutenant Laudon! (Bleibt wie versteinert stehen.) Alle (erheben sich rasch von ihren Sitzen; mit Staunen und Ehrfurcht). Laudon?! Franz (Laudon begeistert anstar- l rend). Der große Held—er selbst—?! I ^ Helmreich (für sich). Der Dienst- f ^ bot hat mir die Wahrheit g'sagt! / » Lenore. Mein Gott! trau' ich denn meinen Augen?! / Hochstetten. Ja, ja, glaubt es nur! (Zu Gruber, auf Laudon weisend.) Er ist's, den ich Euch angemeldet habe. Gruber (der bisher ebenfalls vor Ueber- raschung stumm dagestanden, nun erst wieder Worte findend). Er ist's — er ist's wirklich — der Herr Hauptm- was sag' ich? — Oberst — Pardon! General — Feldmarschall-Lieutenant! (Zu Laudon.) Verzeihen Ew. Gnaden, aber Sie sein so g'schwind avancirt, daß alle Chargen in mein' Kopf durcheinander - wurln! Laudon (vortretend und ihm die Hand entgegenhaltend). So mach' Er's kurz, und nenn' Er mich »Freund«. Gruber. Freund? Das geht nicht! — Ich — so ein Wurm und Euer Gnaden — so ein großer Herr! Laudon. Keine Umstände! — Seine Hand! Gruber (Laudon's Hand mit seinen beiden Händen fassend). Alle zwei, Euer Gnaden! alle zwei — und mich selber ganz dazu! — die Freud'! die Ehr'! — 's ist z'viel! (Vor Freude weinend.) Jetzt schießt's mir in die Augen auch noch — 's ist zu dumm! (Kaum mehr fähig zu reden.) Ich — ich kann nicht weiter! — (Zu Lenoren.) Lorl! Ich bitt' Dich! red' Du für mich! Lenore (ebenfalls ganz verwirrt). O mein Gott', wenn ich nur wüßt' was — ? Laudon. Nicht viel Worte! Ein herzlicher Handschlag zum Willkomm'! (Reicht ihr die Hand.) Nur näher! Lenore. Ich — ein Handschlag? (Wischt sich zuerst beide Hände am Kleide ab und geht dann zögernd näher.) Wenn Euer G'sireng erlauben! — (Faßt seine Hand und will sie küssen.) Laudon (rasch seine Hand zurückziehend). Was fällt Ihr ein! Ich freue mich Sie so wohlauf zu sehen. Lenore. O ich bitt ! —Euer G'streng sehen auch noch recht gut aus! Gruber (zu Lenoren). Aber Alte! Du 10 laßt den Herrn Feldmarschall-Lieutenant noch allweil stehen! (Zu Laudon.) Ich bitt' — nehmev's doch Platz — — legen's ab — thun's, als ob's z'Haus wären! — Sie erlauben schon — (Ist ihm beim Ablegen des Mantels behilflich, Laudon zeigt sich in voller Paradc-Unisorm mit dem Großkreuze und breiten Ordensbande.) Gruber (aus's Neue erstaunt). Die Uniform! Lenore. Der Orden! Laudon. Ich hatte eben Audienz bei Ihrer Majestät, und komme so, um meine Wirthe zu ehren. Gruber (mit einigem Stolze zu Lenoren). Seine Wirth' — das sein wir! — also uns z'Lieb! — Aber jetzt schau, daß ang'richt' wird! Lenore. Ja — gleich! (Eilt zur Seitenthür rechts und gibt Winke in die Küche.) Helmreich (leise zu Gruber). Aber stell' Er uns doch vor! Gruber. Ist wahr! (Zu Laudon, vorstellend.) Das ist der Herr Helmreich, Hausherr — Kapitalist — Helmreich. Und Patriot vom reinsten Wasser— das kann ich mich rühmen! Laudon. Rühm' Er sich erst, wenn Er mehr gethan als das, was seine Pflicht ist! Gruber (Resi vorstellend). Das ist seine Tochter — Resi (macht einen tiefen Knix). Laudon (nickt leicht mit dem Kopfe). Helm reich (für sich). Galant ist er just nicht gegen Frauenzimmer. Gruber (aus Krummschnabel und Hochstetten weisend). Die zwei Herren sein Euer Gnaden ohnehin bekannt — Krummschnabel (militärisch salutirend). Uoterfeldscher Krummschnabel, derzeit auf Urlaub, unterthänigst zu melden! (Bleibt fortwährend in dieser Stellung.) Gruber (auf Franz weisend). Und das ist mein Sohn, der Franz, der damals erst sieben Jahre alt war. Laudon (Franz wohlgefällig betrachtend). Hat sich stattlich herausgewachsen — (Zu Gruber.) Ich gratulire Ihm! Resi (etwas vortretend). Ich bitt' mir zu gratuliren, denn er ist mein Bräutigam. Laudon (die beiden jungen Leute betrachtend). Gibt ein hübsches Paar — aber zu jung — zu jung! Resi (heiter). Das gibt sich, Herr Feldmarschall-Lieutenant! Lenore (wieder vorwärts kommend). Darf ich jetzt bitten, Platz zu nehmen — Gruber (aus den obersten Platz am Tische weisend, zu Laudon). Euer Gnaden! ich bitt' — da obenan —! Laudon. Keine Rangordnung! (Setzt sich an das untere Ende des Tisches.) Gruber. Na ja, wo Euer Gnaden auch fitzen — ist's überall ein Ehrenplatz ! Alle (setzen sich). Laudon (zu Krummschnabel). So setz' Ec sich doch auch! Krummschnabel. Herr Fe ld marschall - Lieutenant commandiren zum Einhalten! (Mit der Pantomime des Essens.) D rauf los! (Salutirt nochmals und setzt sich neben Helmreich.) Zehnte Scene. Vorige. Zwei Mägde. Die Mägde (bringen Tassen mit Bouillon, credenzen dieselben und gehen dann abwechselnd ab und zu, um die anderen Gerichte auszutragen). Helm reich (leise zu Krummschnabtl). Wenn ich mich nur bei ihm recht beliebt machen könnt' —! (Laut zu Laudon.) Werden der Herr Feldmarschall-Lien- tenant Wien noch lang mit Hochdero Anwesenheit beglücken? Laudon. Ich bleibe nur noch zwei Tage, dann heißt's wieder in's Lager — wir dürfen dem Feinde keine allzulange Ruhe gönnen. Helm reich. Der Feind! — die preußischen Windbeutel — die Erdäpfel- sresser! — ha! mit denen werden wir schon fertig werden! Laudon (finster). Man besiegt die Feinde nicht, indem man sie schmäht! Helmreich. Verzeihen! — aber mein Patriotismus reißt mich hin — o, ich könnt' oft schimpfen wie ein Rohrspatz! — Der Preußenkönig — der Fritz —! Laudon. Ist ein großer Mann — ein ausgezeichneter Feldherr, mit dem mich messen zu dürfen ich mir zur Ehre rechne. Lenore. Aber z'wünschen wär's doch, daß der Krieg bald zu End' wär'; drei Zahr' dauert er jetzt schon! — Die Theurung! seit sie die Bancozettel ein- g'führt haben, ist ja fast nichts mehr einzukaufen! Grub er. Lamentir' nicht immer! — 'Was liegt an den paar Kreuzern, die wir mehr ausgeben, wo Tausende von unfern Landeskindern ihr Blut hergeben! (Zu Laudon.) Erlauben's. Herr Feldmarschall-Lieutenant, daß ich mein Glas erheb' auf das Wohl unserer tapfern Armee! Alle (stoßen mit ihren Gläsern an). Hoch! hoch! Helmreich (überlaut schreiend). Hoch die Armee! Hoch Maria Theresia! Hoch Laudon! — Ja, ich fühl's in diesem Augenblick , es ist die Pflicht eines Patrioten, für die Armee Alles zu thun. Ich will — ich muß auch etwas für sie thun! — Herr Feldmarschall-Lieu- tenant! Ich bin bereit, gleich tausend Gulden zu erlegen, wenn — Laudon. Nun — wenn? Helmreich. Wenn der Herr Feldmarschall-Lieutenant es dahinbringen, daß für den nächsten Feldzug mit mir ein Lieferungsvertrag abgeschloffen wird. Laudon (ihn mißtrauisch anblickend). Und warum sehnt er sich denn nach so einem Geschäfte? Helmreich. Na — man will sein Capital doch verwerthen — und dann schaut oft noch was Anders daber heraus! Der Bankier Fries ist für seine Lieferungen Baron — zuletzt gar Graf geworden — Laudon. Also deshalb? (Absertigend.) Wend' Er sich mit seinem Offerte an den Baron Grechtl, — der ist Proviant- Commiffär — Helmreich. Aber ich denk' doch, wenn der Herr Feldmarschall-Lieutenant für mich ein gutes Wort — Laudon (auffahrend). Ich bin kein Mäkler, und befasse mich mit Lieferanten höchstens, um ein Donnerwetter über sie loszulassen, wenn sie. um sich selbst zu bereichern, schlechtes Zeug liefern. (Sich bemeisternd, wieder freundlich zuGruber.) Euch aber dank' ich für eure guten Wünsche im Namen meiner braven Soldaten; sie verdienend wirklich, daß der Bürger ihrer liebevoll gedenke. Von Hunger und Durst gequält bewahrten sie ihren Muth; oft schon gänzlich erschöpft stürmten sie auf Einen Zuruf wieder begeistert vorwärts, und zu Lode getroffen hauchte so Mancher noch mit dem Rufe: Hoch Maria Theresia! Hoch Oesterreich! seine Seele aus — das klang ganz anders, als wenn (mit einem Blicke auf Helmreich) gewisse Leute nur beim üppigen Mahle und den Pokal in der Hand mit demselben Rufe ihre Vaterlandsliebe beweisen wollen. Krummschnabel (leise zu Helmreich). Bei dem richtet Er nichts aus, — das Hab' ich schon weg! (Man hört außerhalb der Scene eine Militärbande spielen.) Alle (außer Laudon). Was ist denn das? Laudon. Ah — ich errathe! Es beginnt heute auf allen Plätzen der Stadt die Werbung für die freiwilligen Grenadierbataillons, deren Errichtung nur die Kaiserin bewilligt hat. Franz. Freiwillige Grenadiere? Laudon. Meine Absicht ist's, junge 12 Heule zu meinem Armeecorps zu bekommen, welche nicht bloß weil sie müssen, sondern aus innerster Hingebung für unsere heilige Sache freiwillig die Waffen ergreifen. Sie werden nur für die Dauer des Feldzuges angeworben und können nach dem Friedensschlüsse wieder zu ihrem früheren Berufe zurückkehren. Helm reich. Ich glaub' nicht, daß sich da gar so Viele finden werden; unsern jungen Leuten g'fallt das Leben in Wien zu gut — sie fürchten sich vor jeder neuen Werbung. Franz (etwas hitzig zu Helmreich). Verdächtig' Er die Wiener Jugend nicht! — Wenn auch so Mancher nicht gern Soldat wird, so ist nur die lange Dienstzeit schuld, die ihn aus allen seinen Verhältnissen reißt und ihm fast die Rückkehr zum bürgerlichen Leben unmöglich macht, — aber an Courage sehlt's Keinem — Keinem! und wann's gilt, das Vaterland vor feindlicher Gewalt zu schützen, da ist Jeder bereit, sein Handwerkzeug mit der Muskete oder dem Säbel zu vertauschen. Ich begreif' nicht, daß Er das nicht weiß, was sich sogar die Türken g'merkt haben! Helmreich (beleidigt). Ja, wie red't Er denn mit mir? Resi. Der Franz hat Recht! und wenn ich jetzt ein Mann wär', mich duldet's keine Minuten länger im Haus! (Jubelgeschrei von außen: »Hurrah! Vivat!« — dazwischen wieder Musik und Trommelwirbel.) Laudon. Ha! es scheint draußen schon lustig herzugehen! Franz (zu Gruber). Erlaubt mir der Herr Vater, daß ich ein wenig Hinausschau? Resi. Wart'. Franz, ich geh' mit! (Steht rasch aus.) Helmreich (sie wieder aus den Sitz niederziehend, leise, drohend). Da bleibst! — (Laut.) Der Franz soll nur allein hinaus — er wird uns schon erzählen — Franz. Wie viel' — und wer alles von unserer Vorstadt sich anwerben laßt? (Zu Laudon.) Nichts für ungut! aber mich duldt's nicht länger in der Stuben — ich muß hinaus! (Nimmt seine Mütze von der Wand und eilt durch die Mitte ab.) Gruber. Heut' haben wir gar eine Tafelmusik! Aber jetzt bitt' ich auch dem Essen zuzusprechen. Eine Magd (trägt eben wieder ein neues Gericht aus). Gruber (nimmt ihr die Schüssel ab. die Speise besehend, sür sich). Was wir heut' Alles haben! (Leise zu Lenoren.) Sag' mir nur, wie bist denn mit'n Geld aus'kommen? Lenore (sür sich). Ja. wie? — Ich fürcht' mich schon auf d' Rechnung! Gruber (wartet Laudon mit der Schüssel aus). Darf ich bitten, Ew. Gnaden — Laudon (wirst einen Blick auf die Schüssel). Das ist ja — (zu Hochstetten) Herr Sccretär — Mir scheint, Ihr habt einen Derräther gemacht! Hochstetten. Ich? — wie komm' ich in diesen Verdacht? Laudon. Ihr müßt verrathen haben, daß ich mich einfinden werde, denn unbegreiflich wär's sonst, daß die guten Leute mir eben alle meine Leibgerichte vorsetzen — Lenore. Nein! Ich Hab' nichts g'wußt, meiner Seel'! Ich Hab' auch heut nicht selber 'kocht, — 's ist eine neue Köchin eing'standen — Helmreich. Eine ausgezeichnete Person! Sie verdient's, daß sie der hochansehnlichen Gesellschaft förmlich vorgestellt wird. Lenore. Wenn's verlangt wird — Laudon. Ja — laßt sie kommen! (Für sich, eine Börse aus dem Sacke ziehend.) Ich muß doch — 13 Lenore (geht zur Seitenthür recht-). Sie, Frau Nachbarin! (Oeffnet die Thür, prallt aber überrascht zurück.) Was ist das?! Eilfte Scene. Vorige. Clara. Clara (vornehm gekleidet und coiffirt, tritt aus der Seitenthür reckts). Gr über. Die vornehme Dam'—! Helmreich. Welche Derwand-f? lung? tZ- Krummschnabel. Die Gala! Laudon (wendet sich, und fährt, Clara erblickend, vom Sitze in die Höhe). Was seh' ich? Meine Frau? ! (Eilt aus sie zu.) Clara! Du hier —? Krummschnabel (niedergedonnert). Sie — die Frau Feldmarschall-Lieute- nantin —! Helmreich (für sich). Seine Frau! Und ich — Hab' ihr ein' Antrag g'macht! Clara (zu Laudon, seine Hand fassend). Verzeihe, lieber Gideon! Du sagtest mir, daß Du hier speisen wollest; — Du bist noch Reconvalescent. — da wollt' ich's verhüten, daß Du einen Diätfehler begehest, und drängte mich hier ein, um die Küche zu überwachen. Laudon (gerührt ihr die Hand drückend). Mein gutes, immer fürsorgendes Weib! Gruber. Aber »Weib!« — Die gnädige Frau Liebste —! Laudon. Sie ist mein Weib im besten und edelsten Sinne des Wortes, ja — ein echtes Soldatenweib, welches ihrem Manne nachgefolgt ist in das unwirthbare Gränzland, und dort seine treue Hauswirthin wurde. — Der Kriegslärm riß mich von ihrer Seite, weinend nahm sie Abschied von mir. aber mit keinem Worte versuchte fie's mich zurückziihalten; sie blieb allein — Clara. Aber die Berichte von Deinen Thaten haben meine Einsamkeit belebt und mich erhoben. Laudon. Erst als sie erfuhr, daß ich krank darniederliege, scheute sie die weite Reise nicht, um an das Schmerzenslager des Gatten zu eilen. — Habe Dank, Du gutes, braves Weibk (Küßt sie.) Lenore. Ich kann mich noch gar nicht fasten! — Die g'strenge, gnädige Fraw — und ich Hab' sie wie eine gewöhnliche Köchin-(Zu Clara.) Euer freiherrlichen Gnaden. können's mir verzeih'«? Clara. Ich muß Sie um Vergebung, bitten, daß ich Sie getäuscht. Lenore. Aber ich bitt', — das war mir ja die größte Ehr' — den heutigen Tag streich' ich im Kalender roth an. Clara. Dann erlaube Sie mir, daß ich Ihr zur Erinnerung das ganze heute benützte Service zurücktaste — und^ hier — (ihr eine Rolle in die Hand drückend) noch ein kleines Küchenregal. Lenore (die Rolle öffnend). Das Geld — Ducaten! — Mann, ich bitt' Dichl (Mt zu Gruber.) (Von außen ertönt wieder Hurrahgeschrei.> Zwölfte Scene. Vorige. Franz. Franz (eilt aufgeregt durch die Mittcl- thür herein, aus seiner Mütze steckt ein Blumenstrauß). Vater! — Mutter! Rest! Gruber. Was gibt's denn? Lenore (erschreckt). Was seh' ich? Franz! — um Gottes willen! — Das Sträußl! — Du hast Dich — Franz. Anwerben lasten! Ja, wie ich draußt auf'n Platz war und g'sehen Hab', wie sich die Söhn' aus unfern ersten Bürgershäusern hingedrängt haben zum Werbtisch, um sich einschreiben zu lassen — da ist mir so warm ums Herz worden — 's Blut ist mir zum Kopf g'stiegen, und hin Hab' ich müssen l Z »8 >s 14 Gruber. Aber jetzt — als Bräutigam ? Franz. Eben deswegen! Heiraten soll ich ja doch erst in Jahren — dazwischen sollt' ich auf die Wanderschaft; — gut, ich wander' — aber in's Feld, und will dort mein Meisterstück oblegen, indem ich das Sprichwort: »Furchtsam wie ein Schneider« Lügen straf'. — Rest! hast Du wasdagegen? Resi. Ich bin stolz darauf, daß ich so ein' Liebhaber Hab'; ich nehm' mir die Frau Feldmarschall-Lieutenantin zum Beispiel und halt' Dich nicht auf! Franz (zu Gruber und Lrnoren). Und Ihr. liebe Eltern! seid Ihr bös'? Gruber. Ich könnt' eigentlich Einsprach erheben, denn Du bist noch nicht majorenn, aber 's Land is in Noth — Jeder muß nach seinen Kräften was beisteuern — ich Hab' nichts als mein' einzigen Sohn — mein Fleisch und Blut — mein Um und Auf — (Faßt Franzens Hand und führt ihn zu Laudon.) Herr Feldmarschall-Lieutenant, da ist meine Kriegssteuer! Laudon. Ich nehm' sie in Empfang als die Gabe eines echten Patrioten! Ja, meine Herren! Sie sollen sedm. daß wir Schweidnitzer zu leben wist u! Woitic. Wir werden auch so f^ei sein zu leben — (Zu den Kroaten.) Leut'! das soll beut' lustiger Tag werden — essen — trinken — fingen — (sich besinnend, zu Laudon) heißt, wenn Excellenz nix haben dagegen — Laudon. Immer zu! — Eure Freude soll die meinige sein! Laßt die Spielleute kommen — dreht Euch im lustigen Tanze — Schmeidig. Tanz? — Ja, wir Bürger liefern die Tänzerinnen! — Die Herren haben unfern Frauen und Töchtern ohnehin nicht Zeit gelassen, ihre Ballkleider abzulegen. Laudon (zu den Soldaten). Mir richtet ein Plätzchen, von welchem aus ich euer fröhliches Treiben überblicken kann — Schmeidig. Ein Plätzchen für Seine Excellenz! — (Zu den Bürgern.) Meinen Stuhl aus dem Rathhanssaale — einen Baldachin aus der Kirche darüber! Laudon (zu Schmeidig). Laßt düs! laßt! Im Feld gibt eine Tromm einen ganz guten Sitz, und der schönste Baldachin für mich ist (aus die Fatzke aus dem Walle weisend) die kaiserliche Fahne! (Will gegen den Wall). (Inzwischen ist der Tag angebrochen — d.r Soldaten löschen die Wachseuer aus, — Einige von ihnen begeben sich aus den Wall und bereiten den Sitz für Laudon). Schmeidig (hat nach rechts gesehen — nun rasch zu dem im Abgehen begriffenen Laudon). Excellenz! — ich bitte nur noch einen Augenblick! — Die Frauen i'ommen — auch die meinige — Woitic (nach rechts sehend.) Da Kommens Weibsleut — (nach links sehend) da Musikanten — kann losgehen! 40 Zwölfte Seenc. Eulalie. Bürgerfrauen und Mädchen. Mägde. Militärspielleute. Eulalie (eine starkbeleibte ältliche Hrau, aber jugendlich und überladen geputzt) Dürgerfrauen und Bürgermädchen (sämmtlich in Balltoilette) Mägde (Körbe mit Speisen und Weinflaschen tragend) r: L kroatische Spielleute (phantastisch, halb national, halb militärisch gekleidet, kommen mit ihren Instrumenten durch die Thorwölbung). Schmeidig (geht Eulalien entgegen und saßt sie an der Hand). Die Kroaten (eilen auf die Mägde zu, bemächtigen sich rasch der Speisen und Getränke, sangen mit jenen zu kosen an u. s. w.) Kulalie (verschämt tbuend und zögernd). Gott! die Menge Soldaten! und wir — das zarte Geschlecht! Woitic (zu Eulalien). Fürcht' Sie sich nit, Frau Bürgermeisterin! Ihr geschieht nix, und wann Sie wär' allein unter ganzem Regiment! Schmeidig (Eulalien Laudon vorstel- lend). Meine theure Ehehälfte — Woitic (für sich). Ist schon Ehe- Dreiviertel! Eulalie (mit einem tiefen Knix). Ex- cellenz! wir schüchternen Frauen wagen es nur unter Ihrem Schutze — Laudon (zu den jüngeren Officieren). Nun, meine Herren! Seien sie die Ritter dieser Damen! Die Officiere (treten zu den Frautn und Mädchen). Schmeidig. Recht so! — Die Bürgerschaft ist von dem löblichen Militär zu einem Bunde geladen — Woitic (für sich). Und Frau Bürgermeisterin ist Buudeslad'! Die Musiker (beginnen zu spielen — rückwärts gruppiren sich Paare zum Tanze). Schmeidig (zu Laudon). Wenn Ew. Excellenz vielleicht meiner Frau die besondere Ehre erweisen wollen, —mit ihr— Laudon (kühl). Danke — ich war nie ein Tänzer! (Zu den Generälen.) Wir Alten müssen den Jungen den Platz räumen — kommen Sie! (Geht mit ihnen aus den Wall und läßt sich dort nieder.) Eulalie (zu Schmeidig). Ja, fordert mich denn Niemand zum Tanze auf? Woitic (für sich). Muß schon ich Werk der Barmherzigkeit thun! Hat heilige König David getanzt vor Bun- deslad'. kann ich auch tanzen mit Bun- de-lad'! (Zu Eulalien laut.) Komm' Sie, machen wir paar Ehrensprüng'! (Faßt sie um die Mitte, der Tanz beginnt und endet mit einer paffenden Gruppe.) Die weißen Mädchen (nun noch mit Blumenguirlanden geschmückt und grüne Lorbeer- und Palmenzweige in Händen haltend, kommen von beiden Seiten des Walle- hervor und halten die Kränze über Laudon'S Haupt.) Der Vorhang fällt. Viertes Kild. In Schönbrunn. Saal im kaiserlichen Lust» schloffe mit einer Mittel- und zwei Seitenthürrn; — rechts im Vordergründe ein mit Schriften bedeckter Schreibtisch, ein Lehnstuhl an demselben, ähnliche Stühle ringS an den Wänden. Erste Scene. kabinetssecretär Baron Ignaz Koch. Helmreich. Helm reich (tritt eben durch die Sei- tenthür links ein). Hab' ich doch endlich das Glück, Herr Kabinetssecretär —! Koch (ist am Schreibtische gestanden, mit dem Ordnen der Schriften beschäftigt und blickt nun auf). Ihr, Herr Helmreich! und hier — in den Gemächern Ihrer Majestät der Kaiserin — ? 41 - Helmreick (erschreckt). Um Gottes willen! (Will fort.) Koch. Nun — bleibt nur! Ihre Majestät haben eben in Ihrem Arbeits- cabinete die Frau Gräfin von Daun zu empfangen geruht; wenn Ihr mir also Wichtiges mitzutheilen habt — Helmreich (etwas nähcrtretend). Das Allerwichtigste! — Meine Tochter ist gestern Abend zurückgekommen — Koch. Es ist noch ein Glück, daß außer uns beiden Niemand weiß, daß fie sich damals heimlich aus eurem Hause entfernt hat. Helmreich. Sonst wär's aus mit der projectirtea Mariage — Koch. Ihre Majestät wünscht, daß Baron kreuz, ein ohne sein Verschulden verarmter Edelmann, sich durch einereiche Partie wieder rangire — da fiel mir ein, daß Ihr. Herr Helmreich, schon wiederholt, aber bisher immer vergeblich, um die Erhebung in den Adelsland angesucht habt — Helmreich (sehnsuchtsvoll). Ach ja! — DaS ist meine einzige Sehnsucht, davon träum' ich schlafend und wachend! Adelig! — und wenn - auch nur ein klein'- bisserl »von* ist — welche Seligkeit! — Na, Sie werden das am besten wissen — denn Sie waren ja auch ein ganz gemeiner bürgerlicher Ker — Mensch, will ich sagen— sein erst vor eia paar Jahren baronifirt worden. Koch. Es handelt sich nun um Euch — welche Mitgift wollt Ihr eurer Tochter geben? Helmreich. Wenn ich einfach geadelt werd', eine halbe Million — aber ich leg' noch waS zu, wenn ich am End' gar — in den Freiherrnstand- Koch. Es fände sich gerade heute eine Gelegenheit, eure Tochter Ihrer Majestät verstellen zu können. Es ist der Vorabend des Allerhöchsten Namens- festes — hier in Schönbrunn findet ein Parkfest statt, — zu welchem auch die Bürgerschaft Zutritt hat — wenn nun eure Tochter sich Ihrer Majestät nähern, ihr einen Blumenstrauß überreichen würde — dann würde ich schon das Weitere veranlassen, daß Baron kreuz- Helmreich. Wenn aber meine Resi — Sie kennen den Trotzkopf nicht so, wie ich — sie ist im Stand, Ihrer Majestät io's Allerhöchsteigene Gesicht zu sagen: »Den mag ich nicht — !* Koch (Helmreichs Arm kräftig fassend). Dieß zu verhindern ist eure Sache! Sie muß sich fügen — hört Ihr! — sie muß. wenn Ihr nicht mich zu eurem ewigen Feinde haben wollt. Helmreich (erschreckt).UmGotteS willen nur das nicht! — Ja — fie muß — o, ich Hab' schon noch einen Kappzaum in Bereitschaft, den ich ihr anlegen kann. Kock. Nun wohl! (Sich etwa» ängstlich umsehend.) Doch nun entfernt Euch — auf Wiedersehen heute Abend — (ihm die Hand reichend und besonders betonend) Herr von Helmreich! Helmreich. »Don — Herr von!* — Ah! mich macht daS Wort ganz schwindlich — ich find' nicht aus dem Schloß — nicht bei der Thür hinaus — Koch (ihn gegen die Thür links wendend). Dort — dort! nur rasch! — Ich höre kommen! Helmreich (ab nach link«). Zweite Scene. Koch. Laudon. Laudou (in Gala-Uniform mit den OrdenSabzeichrn, jedoch in Schuhen und Strümpfen, tritt durch die Mitte rin). Koch (ihn erblickend, für sich). Er — hier? — und gerade heute? — (Sich rief verneigend.) Excellenz! Ich bin freu- digst überrascht. Sie wieder einmal am allerhöchsten Hoflager begrüßen zu dürfen. Laudon. Ich bin erst gestern aoge- kommen — habe wohl bereit- schriftlichen Bericht über die letzten Affairen 42 eingesandt, halte es aber für meine Pflicht, dieselben mündlich zu ergänzen. Kann ich des Glückes theilhaftig werden, mich Ihrer Majestät zu präsentiren? Koch. Ihre Majestät sind zwar eben in Gesellschaft einiger hoher Damen — Laudon. Ich denke, meine Mitteilungen dürften die Kaiserin mehr inter- essiren, als die Stadtueuigkeiten, welche diese »hohen Damen« ihr zuzutragen pflegen (Kurz.) Haben Sie die Güte mich zu melden. Koch, (sehr devot). Augenblicklich, Excellenz! (Tür sich.) Wenn der Mann auch in höchster Gala erscheint, die rauhe Bärentatze guckt doch immer hervor — 's ist Zeit, daß ihre Klauen etwas gestutzt werden! (Ab nach rechts, nachdem er an der Thür sich nochmals lies vor Laudon verneigt hat.) Laudon (allein). Wie mir diese kriechenden, immer zusammenknickenden Antichambre-Menschen zuwider sind! Ich möchte sie einmal unter meine Dressur kriegen, ich wollte ihnen schon das »G'rad aus* beibringeu! Dritte Scene. Laudon. Erzherzog Zosef. Josef (noch im Jünglingsalter, in spanischem Hofkleide, tritt rasch aus der Seitenthür rechts). Ich hörte soeben — ah! da sind Sie ja — Laudon! Laudon (sich verneigend). Kaiserliche Hoheit —! Josef. Die »Hoheit« fühlt sich fast beklemmt, wenn sie einer Größe gegenübersteht. (Ihn schärfer in'S Auge fassend.) Ich sollt' es eigentlich vermeiden, mit Ihnen zusammenzutreffen, denn Ihr Anblick weckt in mir eine böse Leiden- schüft — Laudon (befremdet). Eine böse Leidenschaft —? Josef. Die des Neides!— Ja — ich beneide Sie um Ihren Ruhm, ich wäre beinahe versucht. Sie wie ein Räuber anzufallen, und Ihnen zuzurufen: »Theile mit mir!« Laudon. Würden kaiserliche Hoheit einen Gärtner um einen schwachen Zweig beneiden, den er von einem Baume schnitt, damit derselbe noch kräftigere Aeste treibe? Josef. Wie sollt' ich —? Laudon. Nun. was Eure kaiserliche Hoheit meinen Ruhm zu nennen geruhen, ist das schwache Reis, das ich mir holte, damit der große Baum, der Ruhm des österreichischen Herrscherhauses, sich mächtig entfalte. Josef. Und sollte es mir nur gestattet sein, die Früchte dieses Baumes zu genießen? — Warum erlaubt man mir nicht, ihn selbst zu pflegen? Der Bauer führt seinen Knaben hinaus auf das Feld, welches er ihm einst vererben will, lehrt ihn zeitlich, es richtig zu bestellen und läßt ihn theilnehmen an der Arbeit; — ich aber — ich bin bereits zwanzig Jahre alt, und noch hält man mich fern von allen wichtigen Geschäften und läßt mich vergehen im ungestillten Durst nach Thaten! — Ach, Laudon! Sie ahnen nicht, wie unglücklich ich oft mich fühle! — (Wirst sich in den Stuhl am Schreibtische und drückt die Hand an die Stirn.) Laudon. Mir ziemt kein Urtheil über die Verfügungen, welche die Weisheit Ihrer Majestät — Josef (sich rasch wieder erhebend). Ja, ich verehre die Weisheit, ich bewundere die erhabenen Reaententugenden meiner Mutter in so hoyem Maße, daß ich fast zweifle sie jemals erreichen zu können, aber es gibt keine Menschenweisheit, die nicht von üblen Rathgebern irregeleitet — keine Herzeusgüte, die nicht miß« braucht werden könnte! Laudon (blickt ernst schweigend vor sich hin). Josef. Sie schweigen — dazu bm auch ich verurtheilt! O — 's ist eine eigne Sache um das Schweigen! Schweigen können zeugt von Willens« 43 kraft, schweigen wollen von Großmuth, aber schweigen müssen zeugt vom Geiste der Zeit, und wir — wir leben noch in der Zeit des Schweigen-Müssens! Laudon. Kaiserliche Hoheit beurtbci- len die Verhältnisse vielleicht zu strenge. Josef. Ich begründe mein Urtheil nur mit Einem Worte, und dieß heißt: Cen- sur! Ich müßte verzweifeln an dem oster- reichischen Volke, wenn ich mich nicht dem Glauben hiogeben dürfte, daß es unter demselben noch Männer gibt, welche Kenntniß und Muth besitzen, auf manche Uebelstände hinzuweisen und zu ratheu, wie diesem abgeholsen werden könnte, aber darf dieß Einer auch mit dem redlichsten Willen? Sitzt nicht oben im Een- sur-Collegio der schwarze Mann mit der scharfen Schere, welcher jedem austau- cheuden Genius die Flügel stutzt? — O, hätte ich zu gebieten, es sollte anders werden, mir schwebt der erste Vers der Schrift vor Augen: »Im Anfänge war das Wort und das Wort ward Licht." Laudon. Wie Wenige gibt es aber, die das Licht vertragen können —! Josef. Dann mögen sie, aufgescheucht. fortflattern — diese Nachteulen und Fledermäuse! O. ich weiß sehr wohl, sie nisten nicht bloß in alten Thürmen, sie machen sich, so lang' es hübsch dunkel ist, auch breit in den Rathsstuben und in den Schulhäusern; durch sie wird dem Volke statt des wahren Glaubens Aberglaube, statt des freien Mannesfin- ues die Heuchelei gelehrt, durch sie werden nicht pflichtgetreue Staatsbürger, sondern Knechte herangebildet, über solche zu herrschen würde mich anekela! Ich fühle nur den Beruf in mir, dereinst der erste Sachwalter in einem Staate freier Männer zu sein! Laudon. Ist aber auch das Volk schon reif für Freiheit? Josef (fast heftig). Dann muß man ihm im Anfänge die Freiheit dictireu! Jeder, der schwimmen lernen soll, hat anfangs Scheu vor dem Wasser — was thut aber der Schwimmmeister? Er wirft seinen Zögling hinein in die Flut, dann lernt er es schon sich darin zu bewegen! Laudon. Weil er weiß, daß der Meister ihn doch am festen Gurte hält. Josef. Dieser Gurt ist das Gesetz — ohne Gesetz keine Freiheit — aber das Gesetz darf nicht von der Willkür gegeben, nicht von geistig beschränkten oder gar bestechlichen Richtern gehand- habt werden, und gleich bindend muß es sein für Alle; weder dem Geadelten noch den Gesalbten darf ein Hinterthür- chen offen bleiben, durch welches er entschlüpfen kann; — nur so wird es im Volke Achtung finden, und die Gerechtigkeit wird nicht mehr der sie selbst schändenden Folterkammern bedürfen. Laudon. Möge solchen Absichten nur auch das Vertrauen der Völker eutgegenkommen! Josef. Das Volk vertraut dem. welcher sich ihm gleichstellt. Ich will kein Vorrecht, und wenn in der allgemeinen Gefahr der Sohn des Bürgers sich dem Heere stellt, so darf der Kaisersohn nicht Zurückbleiben. — Laudon! Sie müssen mir eine Bitte erfüllen. Suchen Sie meine Mutter zu bewegen, daß sie mir gestatte, den nächsten Feldzug an Ihrer Seite mitzumachen. Laudon. Ich bedauere diesem Wunsche nicht entsprechen zu können — Josef. Nicht? — nicht? — warum nicht? Laudon. Ich glaube, Tw. Hoheit den besten Beweis meiner Verehrung zu geben, wenn ich mich rückhaltslos ausspreche: Auf dem Feldherrn lasten so viele Verantwortlichkeiten, daß er nicht auch die größte, die für das Leben deS Thronerben, übernehmen kann, — Ihre Anwesenheit im Felde würde mich befangen machen, abhalten von manchem gewagten Unternehmen — kurz, ich 44 wäre nicht mehr der Laudon, der ich bisher gewesen. Josef. Also nur um Ihretwillen — Laudon. Vor Allem um Ihretwillen, kaiserliche Hoheit! Meine Pflicht ist'S, für die Sache Oesterreichs mein Leben in die Schanze zu schlagen, die Ihrige ist'S, sich dem Lande zu erhalten. Sie haben mich gewürdigt, mich mit Ihren Absichten vertraut zu machen; dieselben zeugen von Ihrem edlen, warm empfindenden Herzen, — wie bedauernS- werth, wenn ein solches Herz im rauhen Kriegsleben — verhärtet würde! Josef. Sie halten mich also für zu weich? (Mit bitterem Lächeln.) Und meine Hofmeister beklagten sich, daß ich zu hart und störrig wäre! — Wer von Euch hat mein Wesen richtig ergründet? Sie nicht, und Jene nicht! Ich habe das Unglück, in einer Umgebung zu leben, die mich nicht versteht, und ich müßte fast irre an mir selbst werden, wenn mich nicht das Gottvertrauen erhöbe, daß eine Zeit kommen wird, kommen muß, in welcher ich die Welt zwingen werde, mich dennoch zu verstehen! (Ab nach links.) Laudon (allein). Hab' ich ihn ver- letzt? Ei nun — ich habe die Wahrheit gesprochen, — durch sie kann kein wahrhaft edler Fürst beleidigt werden! Vierte Scene. Laudon. Koch. Koch (kommt von rechts). Laudon (zu ihm). Nun —? Koch. Ich bedauere melden zu müssen, daß Ihre Majestät sich nicht bewogen finden, Ew. Excellenz zu empfangen. Laudon (beinahe auffahrend). Wie? — Nicht vorgelassen?! — Ihre Ma- jestät wird wohl eine spätere Stunde bestimmt haben? Koch (achselzuckend). Ich habe nichts davon vernommen — doch (blickt gegen die sich öffnende Mittelthür — in tiefster Devotion) Se. Excellenz der Herr Hof. kriegsrathspräfident, Feldmarschall Graf von Harrach! Laudon (tritt etwas mehr gegen linkt und nimmt eine militärische Haltung an). Fünfte Scene. Vorige. Graf Harrach. Generäle. Harrach (tritt durch die Mitte ein). Generäle (folgen ihm). Harrach (zu Koch). Wir find hieher befohlen worden. Koch. Ich werde sogleich die Ehre haben, Ihre Majestät von der Anwesenheit der Excellenzen in Kenntniß zu setzen — (Ab nach rechts.) Harrach (als ob er jetzt erst Laudons ansichtig würde, mit kaltem Stolze). Sit hier, Herr Feldzeugmeister —? Laudon. Ew. Excellenz gehorsamst aufzuwarten — ich hoffte, Ihrer Majestät — Harrach. Sie werden gut thun, w Ihrer Wohnung zu warten, bis Sie von Weiterem verständigt werden — (Wendet sich ab und spricht leise mit den Generälen.) Laudon (unangenehm überrascht, für sich). Was soll dieß —?! Koch (kömmt wieder zurück, zu Harrach). Die Excellenzen belieben sich indeß in den Nebensaal (auf die Thür links weisend) zu bemühen — Ihre Majestät werden alsbald zu erscheinen geruhen — Harrach. Ganz wohl. (Zu den Generälen.) Folgen Sie mir, meine Herren! (Geht mit kaltem Gruße an Laudon vorüber und nach links ab.) Die Generäle (desgleichen). Koch (ist nach seiner Meldung sogleich zur Seitenthüre links geeilt und hat beide Flügel derselben geöffnet; nachdem Harrach und die Generäle abgvgangen, folgt auch er ihnen). Laudon (den Abgegangenen nachsehend gleichsam betäubt). In welchem Tone sprach der Feldmarschall mit mir? — Und 45 die andern Generäle — meine Waffenbrüder?— Keiner hatte ein Wort des Willkomms für mich — mein Gruß selbst schien sie in Verlegenheit zu setzen! Ist dieß der Empfang nach einem Elege — ?! Wie? wenn irgend eine Verleumdung? — Der will ich selbst entgegentreten — ich will hinein — mitten unter sie und sie fragen: »Was habtJhr gegen mich?« Und wollen sie mir nicht Rede stehen, dann — (Will mit der Hand nach dem Degen greifen, besinnt sich aber rasch.) Wohin trieb mich das heiße Blut? — Der Feldmarschall hat geboten, des Weiteren gewärtig zu sein — gehorchen ist des Soldaten erste Pflicht, und widerfährt mir auch ein Unrecht, so wird das Bewußtsein, nie eine Pflicht verletzt zu haben, es mich standhaft ertragen lassen! (Ab durch die Mitte.) Sechste Scene. Gräfin Daun. Koch. Gräfin Daun (tritt rückwärtsgehend aus der Seitenthür rechts, macht an derselben »och tiefe Verbeugungen, woraus sie die Thüre schließt). Koch (tritt in demselben Augenblicke aus der Thüre links, für sich). Die Frau Gräfin — Gräfin Daun (erblickt, sich umwendend Koch, eilt rasch aus ihn zu, leise). 3ch habe gehörig vorgearbeitet — wie steht es dort? (Mit einem Blicke aus die Seitenthüre links.) Koch (ebenso leise). Die Herren Hof- kriegSräthe haben den Befehl bereits zu Papier gebracht — Graf Harrach ist entschlossen von seinem hohen Posten zurückzutreten, wenn ihm nicht Genug- thunng wird — Gräfin Daun. Sie wird ihm wer- den und allen Generälen, welche der Parvenue Laudon durch sein unverschämtes Glück in Schatten stellte. Benützen Sie den rechten Moment, das Schriftstück zur Unterzeichnung vorzulegen — ist dieß geschehen, dann setzen Sie mich sogleich in Kenntniß; ich sende einen Eilboten mit der frohen Nachricht an meinen Gemal. — Seien Sie unsers Danks im voraus versichert. — Koch (gegen die sich öffnende Seiten- thüre rechts blickend). Ihre Majestät —! Gräfin Daun. Ich entferne mich, doch werd' ich noch im Parke verweilen — dort hoff' ich Sie zu sehen! (Ab durch die Mitte.) Siebente Scene. Maria Theresia. Fürst Wenzel Liechtenstein. Koch. M. Theresia (tritt aus der Seiten- thüre rechts). Liechtenstein (ein sehr bejahrter Mann in FeldmarschallSunisorm, folgt ihr). M. Theresia (zu Liechtenstein). Ich Hab' auch Euch, lieber Fürst Liechtenstein, ersuchen lassen, der heutigen Konferenz beizuwohnen. — Ihr seid mir immer ein treuer Rathgeber — Liechtenstein. In dieser Sache, Majestät! wird Ihr großmüthiges Herz der beste Rathgeber sein. M. Theresia. Wie schön wäre die Welt, wenn man nur mit dem Herzen regieren könnte, aber das kommt oft in Streit mit dem Haupte, das die Krone trägt. Liechtenstein. Für Laudon sprechen auch Verstandesgründe. M. Theresia. Macht sie geltend gegen seine Ankläger! Freudiger als diese will ich den Vertheidiger hören, doch auch ihn nicht allein! (Zu Koch.) Die Herren meines Hofkriegsrathes! Koch (tritt zur Seitenthür links und öffnet dieselbe). Achte Scene. Vorige. Graf Harrach. Die Generäle. Harrach und die Generäle (treten von links ein, verneigen sich ehrerbietig vor 46 -er Kaiserin und bleiben in einiger Entfernung von ihr stehen). M. Theresia (steht am Schreibtische, aus welchen sie sich mit der rechten Hand stutzt). Ihr habt mich wissen lassen, daß Feldzeugmeister Laudon sich verschiedener Uebergriffe schuldig gemacht habe, weshalb er vor ein Kriegsgericht zu stellen sei. Harrach. Obgleich ich als Präsident des Hofkriegsrathes selbst die volle Be- ssugniß hätte, so will ich, eben weil es einen sonst sehr befähigten und verdienstvollen General betrifft, diese Maßregel nicht ohne besondere Ermächtigung Eurer Majestät ergreifen. M. Theresia. Das heißt: Ihr wißt, daß Laudon der Abgott des Heeres ist, und wollt dieses nicht gegen Euch erbittern, mir. so denkt Ihr wohl, wagt Niemand Vorwürfe zu machen, als — ich selbst. — Doch davor soll mich Gott bewahren! — Ueberzeugt mich also von der Nothwendigkeit solchen Verfahrens und erstattet mir einen klaren Vortrag. Harr ach. Vor Allem, Euer Majestät, muß ich mich gegen den Verdacht verwahren, daß irgend eine Gehässigkeit oder persönliches Interesse mich zu diesem Schritte bestimmt; es gilt lediglich die Würde der hohen Stelle, an deren Spitze ich zu stehen die Ehre habe, zu behaupten und ihre fernere Ersprießlichkeit zu ermöglichen. Der hohe Hofkriegs- rath ist eine Behörde, welche die glorreichen Vorfahren Eurer Majestät schon vor Jahrhunderten geschaffen haben, fußend aus dem Grundsatz: »Die Alten zum Rath — die Jungen zur That.« Bewährte Feldherren und Rechtsgelehrte find seine Mitglieder, und ihren nach reifer Erwägung gefaßten Beschlüssen hat sich jeder Feldherr, weß Ranges immer, zu fügen; es darf keine Schlacht geschlagen, keine Belagerung begonnen werden ohne ausdrückliche Zustimmung des Hof- kriegsrothes; so lauten die Satzungen des Institutes, so die Instructionen sämmt- licher Generäle. Nun aber kam, vor wenig Wochen erst, plötzlich die Kunde nach Wien, daß FUdzeugmeister Baron Laudon die Festung Schweidnitz im Sturm genommen habe. M. Theresia (in freudiger Rückerinnerung). Ja, das war endlich wieder eine frohe Botschaft nach so mancher traurigen. Wie jubelte die ganze Bevölkerung von Wien laut auf, als, nach altem Brauch, die zwanzig Postillone mit lustig schmetternden Hörnern durch das Thor unserer Burg hereinsprengten, und der ihnen folgende Courier, sich hoch in den Bügeln aufrichtevd, die Depesche in seiner Rechten schwenkte mit dem Rufe: »Sieg — Sieg! Schweidnitz ist genommen!« Und als er nun in mein Gemach geeilt, mir den Bericht von Laudon's eigener Hand überreichte, da wär' ich dem Manne — es war der Oberstlieutenant de Vins — beinahe um den Hals gefallen, — zog auch den schönsten Brillantring von meinem Finger und schenkte ihm denselben zugleich mit seiner Ernennung zum Obersten — Gott, ich weiß nicht, was ich Alles gethan hält' in der ersten freudigen Ueberraschung! Harrach (scharf betonend). Ueberlass chung — das ist's eben! Wußten Euer Majestät vorher von dem Unternehmen? — Nein. — War dem Hoskriegsrathe ein Plan vorgelegt, ja nur eine Meldung erstattet? — Nein! — Es hat dem Herrn Feldzeugmeister beliebt, auf eigne Faust dieß Croatenstückchen auszuführen. M. Theresia. »Croatenstückchen« nennt Jhr's? nun, dann wünscht' ich, alle meine Generäle wären Croaten! Harrach. Zu fürchten wär's, daß durch dieses, zufällig vom Glücke begünstigte Beispiel verleitet, auch andere Truppencommandanten, ohne sich erst um Befehle zu kümmern, frisch darauf 47 losschlügen, wo's ihnen eben vorteilhaft erscheint; gelockert wäre Sann jede Disciplin, eine geregelte Kriegführung unmöglich, das Heer würde sich auflö- seu in wilde Freibeuterbanden — und darum muß ein Exempel statuirt werden. Die Generäle. Ja, das muß geschehen ! M. Theresia (sie strenge anblickend). Es muß geschehen — wenn (sich hoch ausrichtend) Wir's befehlen, — doch Wir wollen vorher die Ansicht Liechtensteins vernehmen. — (Zu diesem sanfter.) Sprecht Ihr nun, lieber Fürst! Liechtenstein (zu Harrach). »Die Alten zum Rath« beliebte Se. Excellenz der Herr Hofkriegsrathspräsident zu sagen, nun, dann Hab' ich wohl auch ein Anrecht mitzurathen. Ich habe meine ersten Sporen unter dem großen Eugen verdient, und glaube diesem meinem Meister in der Kriegskunst nie Schande gemacht zu haben. Aber auch er, Oesterreichs Ritter und Retter, fand nicht immer die Billigung des HofkriegS- rathes, auch er wäre, wenn man strenge nach dem Buchstaben des Gesetzes und nicht nach dessen Geiste hätte Vorgehen wollen, demselben verfallen;' sein Monarch jedoch erkannte, daß das Genie sich nicht von starren Regeln ein- engen läßt, und daß sei» kübner, freier Aufschwung dem Staate mehr nütze als ein ruhiges Hinwandeln auf vorgeschriebenen Wegen. Und auch Laudon ist ein Genie; sein Adlerblick erfaßt das Ziel im rechten Momente und sein innerer Drang heißt ihn darauf losstürzen; wollt' er den Rath erst von der Ferne holen, so entschwänd' es ihm. Schweidnitzwar nur durch einen kühnen Handstreich zu nehmen, denn während Sie, meine Herren, geprüft und überlegt hätten, wäre der Preußenkönig mit seiner Ueber- wacht zum Entsätze gekommen, und wir hätten eine Niederlage statt eines herrlichen Sieges zu verzeichnen. Laudon jetzt strafen oder auch nur vor ein Kriegsgericht stellen heißt ihn verlieren — und wahrlich, wir haben nicht viele Laudons in der Armee. Harrach. Niemand verkennt seine Genialität, aber auch Wallenstein war ein Genie, und wohin hätte dieser Oesterreich gebracht? M. Theresia (zuckt bei der Nennung Wallenstein's unwillig aus). Harrach (der dieß bemerkt, eindringlicher sortfahrend). Je größer die Geister, desto gefährlicher können sie werden, wenn man ihnen alle Schranken öffnet. Ich wiederhole es, ich habe nicht mit der Person — nur mit der Sache zu thun, und wenn Laudon mein eigener Bruder wäre, ich müßte auf ein Kriegsgericht antragen. Das Recht vor Allem — nach gefälltem Spruche möge die Gnade Ihrer Majestät walten. Liechtenstein. Für den Mann von Ehre ist eine Begnadigung auch eine Strafe — Harrach (zu Liechtenstein). Gott ist mein Zeuge, daß ich mich gerne Ew. Durchlaucht Ansicht anschlösse, wenn auch nur Ein Entschuldigungsgrund vorläge, wenn Laudon nicht so ganz eigenmächtig gehandelt hätte! — Üebrigens unterwerfen wir uns der Entscheidung, welche die Weisheit Ihrer Majestät zu treffen geruhen wird. M. Theresia. Für-und Gegenrede scheinen mir gleich triftig, so möge denn diejenige von beiden den Ausschlag geben, welcher die Mehrzahl der Versammelten deipflichtet. — Wer für das Kriegsgericht ist, trete zu Harrach, wer dagegen, zu dem Fürsten Liechtenstein. Die Generäle (treten näher zu Harrach). Liechtenstein (gekränkt). Ich bin allein geblieben — habe also nichts mehr zu sprechen — (plötzlich einen Gedanken fassend) doch vielleicht zu handeln! 48 (Entfernt sich während des Folgenden durch die Mittelthüre.) M. Theresia (ernst vor sich hinblickend). Der Würfel ist gefallen — armer Laudon! Koch (hat rasch von einem der Generäle eine Schrift empfangen, und tritt, sich ehrfurchtsvoll verneigend, zu M. Theresia). Geruhen Ew. Majestät dieß Decret aller- gnädigst zu unterzeichnen. M. Theresia (wirft einen Blick auf die Schrift, dann zu Koch). Leg' Er's dort auf den Tisch — (Zu Harrach.) Es soll dem Hofkriegsrath zugemittelt werden. (Mit einer verabschiedenden Handbewegung.) Ich entlaste Euch in Gnaden. Harrach und die Generäle (nach einer tiefen Verbeugung durch die Mitte ab). Koch (hat den Abgehenden die Mittel» thür geöffnet, ist aber im Hintergründe erwartungsvoll stehen geblieben). M. Theresia (ohne auf ihn zu achten, im Vordergründe aus- und niederschrei- tend). Daß es so hat kommen wüsten! Ich halt' mich so sehr gefreut, den wackeren Laudon, sobald er nach Wien gekommen, zu empfangen, halt' auch schon Alles vorgerichtet, um ihm für die hohe Freud', die er mir gemacht hat. einen ganz ausnahmsweisen Lohn zu geben — wahrhaftig! wie eine Mutter, die ihren Kindern am Weihnachtsabend den Christbaum bereitet, halt' ich mich gefreut, und nun — (tritt zum Tische und nimmt die Schrift zur Hand) nun liegt die — Zuchtruthe da! Aber ich kann dem Harrach nicht Unrecht geben— es darf nicht Jeder machen können, was ihm beliebt — das Ansehen meines Hof- kriegsrathes muß gewahrt werden — (Mit einem schweren Seufzer.) So sei es denn — in Gottes Namen! (Setzt sich an den Tisch und unterzeichnet die Schrift, bleibt aber dann, das Haupt in die Hand stützend, gedankenvoll sitzen.) Koch (welcher fortwährend lauernde Blicke auf sie gerichtet hat, für sich). Unterschrieben! Wenn ich nur sogleich das Decret zur Weiterbeförderung erhielte. — (Will langsam vorwärts, bleibt aber plötzlich ste» hrn, da die Mittelthür sich öffnet.) Neunte Scene. Vorige. Kaiser Franz I.. Liechtenstein. Kaiser Franz I. und Liechten» stein (treten durch die Mitte ein). Koch (für sich). Seine Majestät der Kaiser. — (Tritt wieder zurück.) Kaiser Franz I. (nachdem er mit Liechtenstein einen Blick des Einverständnisses gewechselt, tritt anscheinend gleichgiltig vor). M. Theresia (aufblickend). Ah, Euer Liebden! Sie treffen mich in recht trüber Stimmung — 's ist mir in der Thal leid um Laudon — warum hat er auch den Streich gethan! Kaiser Franz I. (sich unwissend stellend). Welchen Streich? M. Theresia. Die Eigenmächtigkeit bei Schweidnitz! Kaiser Franz I. (sehr ernst). Dann müssen Euer Liebden mich bestrafen, denn mit meinem Vorwissen — auf meine Verantwortung hat Laudon gehandelt. M. Theresia (erfreut, sich rasch vom Sitze erhebend). Was sagen Sie —? Koch (tritt zum Tische vor, zu M. Theresia). Gestatten Euer Majestät, daß ich die Schrift — (Will nach derselben langen.) M. Theresia. Wart' Er, ich muß sie erst bestreuen! (Ergreift wie zufällig statt der Streusandbüchse das Tintenfaß und begießt die Schrift.) Koch (erschreckt). Um Gottes willen — die Tinte — und gerade über die Allerhöchste Unterschrift —! M. Theresia (lächelnd). Ich war wieder einmal ungeschickt! Koch (hastig). Es soll sogleich eine neue Reinschrift besorgt und Euer Ma- estät unterbreitet werden — 49 M. Theresia (streng). Wenn ich es befehlen werde! — Geh' Er! Koch (für sich). Da saß die Kugel schon im Centrum und fällt nun aus der Scheibe! (Schleicht betrübt durch die Seitenthür rechts ab.) M. Theresia (nun mit voller Herzlichkeit zu Kaiser Franz I., seine Hand fassend). Franz, mit deiner Aussage hast Du mir das beste Angebinde zu meinem Namenstage gegeben! (Bemerkt jetzt erst Liechtenstein, welcher mehr rückwärts stehen geblieben war.) Ah, Ihr auch da, Fü'st? (Lächelnd mit dem Finger drohend.) Ich errathe — Ihr beide habt schon wieder complottirt! — Nun — nun — dießmal verzeih' ich's gern. — (Hält ihm ihre rechte Hand entgegen.) Liechtenstein (tritt vor und küßt die dargebotene Hand). M. Theresia (seine Hand drückend). Ich Hab' doch Recht, wenn ich immer sage: Der Graf Traun ist mein Schild, der Khevenhüller mein Ritter, aber der Wenzel Liechtenstein mein Freund! (Zu Kaiser Franz, ihren Arm in den seinen legend.) Jetzt aber laßt uns in den Park hinab — mir ist nun wieder so wohl — so leicht um's Herz! (Ab mit Kaiser Franz I.) Liechtenstein (folgt). Zehnte Scene. (Verwandlung bei offener Srene. Das Parterre deS Parkes im Lustschlosse zu Schönbrunn, rechts und links Statuen, den Hintergrund nimmt ein bewaldeter Hügel ein.) Helmreich. Krummschnabel. Hof- Herren. Hofdamen. Hofherren und Hofdamen (bewe* gen sich mehr im Hintergründe der Bühne, entfernen sich aber während des Folgenden nach verschiedenen Richtungen). Helmreich und Krummschnabel (nun in Livilkleidung, kommen vom Vordergründe links). Lhe«t, Rrp. Nr. 288 . Helmreich. Also Er ist aus dem Militärdienste entlassen? Krummschnabel. Wie ich Euch schon erzählt Hab' — ich war in s Lazareth zu Schweidnitz commandirt — Helm reich. Wo auch der Gruber- Franz liegt? Krummschnabel. Ja, das ist auch ein lieber Kerl — ist der Sohn von meinem guten Freund — ich behandle seinen verwundeten Arm auf's Zärtlichste. aber rein aus Bosheit gegen mich wird er alle Tag schlechter — Helmreich. Das ist ja gut. sehr gut— Krummschnabel. Den Teufel auch! — Kommt da so ein schlesischer Civildoc- tor, sagt, meine Eur wär' ganz falsch, nennt mich angesichts des Commandan- ten einen Esel! — da Hab' ich quit« tirt — natürlich mit Beibehaltung de- Titels und Charakters — Helmreich. Macht nichts— ich will Ihm die Mittel schaffen, auf dem Lande wo eine Baderstube einzurichten, wenn Er jetzt, meiner Tochter gegenüber, so red't, wie ich Ihm g'sagt Hab' — Krummschnabel. Mit Vergnügen! So räch' ich mich am besten an dem Gruber-Franzl — ich amputir' ihm seine Braut weg — aber wo ist sie denn? Helmreich. Sie wartet dort in dem Pavillon, bis der allerhöchste Hof in den Park herab kommt — aber sieht Gr? — jetzt kommt sie heraus — ich ruf's her — (Geht mehr gegen links und winkt in die Scene.) Refi! — Resi ! (Wieder zu Krummschnabel.) Sie kommt! Krummschnabel(sürsich).Aufseinen Ruf? Da kommt da- Mädel zu ein' schlechten Ruf! Eilste Scene. Vorige. Resi (kömmt, in weißem Anzuge, daS Haupt mit Blumen geschmückt, vou links). 4 50 Resi (finster und etwas trotzig). Was will der Herr Vater? Helmreich. Ein anderes Gesicht wil ich einmal sehen! Dein ganzer Anzug ist so sauber — so nett und nur deine Stirn ist nicht ausgebügelt — sollt'st Dich schämen! (Etwas freundlicher.) Du schaust wirklich sehr lieb aus — ganz wie sich's für eine Braut paßt — Resi (rasch aufblickend). Braut?! (Erblickt jetzt erst Krummschnabel; in freudiger Ahnung.) Und Er — Er ist hier? (Eilt zu ihm.) Ich Hab' Ihn zum letzten Mal g'sehen im Lazareth zu Schweidnitz— am Schmerzenslager vom Franz — Er hat mir g'schworen, daß Er ihn nicht verlaßt, bis er ganz herg'stellt ist — Er hat ihn also curirt? Krummschnabel. Bring' Sie mich in keinen falschen Verdacht ! Ein Arzt ist nur da, um der Natur nachzuhelfen, wenn aber einmal die Natur nichts mehr thut, dann — (Zuckt die Achseln.) Helmreich (ist hinter Krummschnabel getreten, leise zu ihm). Recht so — nur fort in der Dicke! Resi (ist erschrocken zurückgesahren). Was — was sagt Er?! Krummschnabel (zu Resi). Erschreck' Sie nicht, — der Franz ist so viel als — aufgegeben! Resi (schreit entsetzt auf und wankt, einer Ohnmacht nahe). Helmreich (eilt rasch zu ihr und unterstützt sie). Resi ! um Gottes willen! Du wirst doch nicht in Ohnmacht fallen, da, im kaiserlichen Park? — das ist verboten! — (Zu Krummschnabel.) So helf' Er doch! Krummschnabel. Mir scheint, sie hat das Hin- und Herfallende — nur den Daumen ausdrehen! (Will zu Resi.) Resi (sich etwas erholend und Krumm- schnabel abwehrend). Nein—er hilft mir nicht! (Die Hand an's Herz pressend.) O — mein Herz! — (Sich ermannend.) Aber ich will stark sein — Alles ertragen — auch die gräßlichste Wahrheit — Krummschnabel. Na also — ich Hab' den Franz behandelt — Helmreich (leise zu Resi). Da kannst dir das Weitere schon denken — Resi (in höchster Verzweiflung). Er ist todt! — sag' Er's nur g'rad heraus! (Bricht in Thränen aus.) O mein Gott — mein Gott!'— Helmreich (winkt Krummschnabel »ja« zu sagen). Krummschnabel (Resi anblickend, mitleidig, für sich). Sie erbarmt mich doch — ein Bisserl muß ich ihn noch leben lassen! (Laut.) Nein, ganz aus isi's noch nicht — aber er wird sterben — mein Wort d'rauf — er wird sterben — (für sich) aber wann? weiß ich nicht. Resi (in tiefstem Schmerz). Und ich muß fern von ihm, muß da sein! Helmreich. Und sollst Dich jetzt erst deines Daseins freuen können. Träft' dich — ist's nicht der Franz, so ift's ein Anderer—und was für ein Anderer! Resi! Denk' Dir das Glück, Du sollst eine Frau Baronin werden — Resi (ihn starr ansehend). Vater! Davon kann Er reden — jetzt?! Helmreich. Ja, weil im nächsten Augenblick die — Kaiserin davon reden wird. Resi. Die Kaiserin? Krummschnabel. So ist's! Ihre Majestät hat bekanntlich nur zwei Privatvergnügen: entweder Mariagen zu stiften oder Nonnen einkleiden zu lassen, und g'rad bei Gelegenheit Ihres Namensfestes — Resi. Kein Wort weiter! (Will fort.) Helmreich (sie an der Hand zurückhaltend). G'rad jetzt ein sehr ernstes Wort weiter! (Zu Krummschnabel.) Lass' Er uns allein! Krummschnabel. Mit Vergnügen! (Für sich.) Ich bin froh, daß ich sort- 'omm', denn diese Tochtermarterei mitau- 51 zusehen. ist selbst für einen schlachtfeldgewohnten Feldscher zu gräßlich! (Geht gegen den Hintergrund rechts ab.) Helmreich (zu Resi). Jetzt kurz und gut — Du wirst deinem Bräutigam vorgestellt werden — Resi (macht eine heftige, abwehrende Bewegung). Helmreich (sie an der Hand fassend, in drohendem Tone). Wenn Du auch nur mit einer Miene ein' Widerwillen zeigst, so klag' ich Dich an, daß Du damals heimlich au- meinem Haus davongelau- fen bist —Du weißt, daß es Strafhäuser gibt, in welche die Kaiserin so sittenlose Frauenzimmer einsperren laßt— das soll Dein Loos sein, ich schwör' Dir's bei allen Heiligen! Resi (entschieden). Die Klag' wird der Herr Vater nicht Vorbringen, sonst tret' ich gegen Ihn mit einer andern — schwereren Klag' auf! Helmreich. Du gegen mich? Resi (leise, aber eindringlich). Es ist in Schweidnitz ein Brief von Seiner Hand in meine Händ' 'kommen, der den Beweis liefert, daß Er dem Feind' Proviant zugeführt hat — den Brief Hab' ich noch und trag' ihn (auf ihre Brust weisend) bei mir — tritt Er gegen mich auf, so — Helm reich (hat erschreckt Resi's Hand lcsgelasfen und ist zurückgetaumelt, faßt sich aber schnell, tritt wieder zu ihr; mit leiser bebender Stimme). So wirst Du deinen eigenen Vater an den — Galgen bringen! Resi (zuckt erschreckt zusammen). Helm reich (ihre Erschütterung rasch benützend, noch eindringlicher). Ja. ich bin rettungslos der Hand des Henkers verfallen, wenn Du auf die Art freie Hand behalten willst. — Thu' jetzt, was Du willst — ich aber — das sag' ich Dir — ich erfülle meinen Schwur! — (Es ist während der letzten Scene dunkel geworden, jetzt erscheint mit einem Male der Park von farbigen Lampen beleuchtet, und gleichzeitig hört man aus geringer Entfernung Festmusik.) Helmreich. Das Parkfest nimmt seinen Anfang — (Gegen vorwärts blickend.) Der ganze Hofstaat kommt aus dem Schloss' herab — Auf deinen Posten! — Der nächste Augenblick soll entscheiden — Adelsdiplom oder — (macht eine Handbewegung gegen seinen Hals) fürchterliche Balance! — Aber in der Situation waren schon mehrere Lieferanten — ich laß's d'rauf ankommen! (Zieht Nesi mit sich fort gegen links — beide ab.) Zwölfte Scene. Trabanten-Garden — Arcieren-Leibgar- den, ungarische Garden (treten zuerst von rechts im Vordergründe aus, die ersteren weisen das Publicum, welches sich mehr im Hintergründe sammelt, zur Ordnung). Kaiser Franzi., Maria Theresia, Erzherzog Josef, die Erzherzoginnen. Fürst W. Liechtenstein, Hofdamen, Hofherren (in Galakleidung), Graf Harrach. Generäle, Koch (treten vom Vordergründe rechts auf). M. Theresia (zu Liechtenstein). Ihr habt doch den Laudon berufen lassen? Liechtenstein. Nach Ew. Majestät Befehl. M. Theresia (sich rings umschend). Wo ist er denn? Liechtenstein. Wahrscheinlich wieder ganz im Hintergründe, 'sist so seine Art, als ob er beschämt wäre von seinen eigenen Verdiensten. Doch ich werd' ihn wohl aufsinden. (Entfernt sich gegen den Hintergrund links.) Koch (welcher mehr seitwärts von dem Hofstaate geschritten ist, tritt nun, sich ehrerbietig verneigend, etwas vor). Geruhen Ew. Majestät zu gestatten, daß nun einige Abgesandte der Bürgerschaft — M. Theresia (nickt zustimmend mit dem Haupte). Koch (winkt mit dem Tuche gegen links). 4 * 52 Dreizehnte Scene. Vorige — Resi — Helmreich (kommen mehr vom Vordergründe links), später Laudon, Fürst Liechtenstein. Resi (geht wankenden Schrittes an der Spitze der Mädchen, in der Hand einen prächtigen Blumenstrauß tragend; einige Schritte von dem Kaiserpaare entfernt sinkt sie in die Knie, hält den Blumenstrauß empor, will sprechen, bringt aber mit beklommener Stimme nur hervor). Eure — Majestät —! — M. Theresia (mit gütiger Herablassung). Ei, wie befangen das liebe Kind ist! Sie zittert ja wie Espenlaub! Nun — nun — steh' nur aut! Ich erlast' Dir gern den Spruch — weiß ja ohnedies. daß meine guten Wiener mich lieb haben und mir das Beste wünschen! Resi (hat sich erhoben und steht gesenkten Hauptes, dann, sich erst besinnend, tritt sie etwas näher zu M. Theresia und überreicht ihr den Strauß). M. Theresia (nimmt den Strauß). Ich danke Dir — der Strauß soll meinen Arbeitstisch schmücken. (Uebergibt denselben einer der Hofdamen, dann wieder zu Resi, sie wohlgefällig anblickend.) In der That — ein reizendes Mädchen — Zu Koch.) Das ist wohl — ? Koch. Die Tochter des hochverdienten Bürgers Hclmreich, Ew. Majestät unterthänigst aufzuwarten. Helm re ich (sinkt in die Knie, ganz verwirrt). Ew. Majestät! — Ich — die da — (auf Resi weisend) mein Werk — wir — o! verzeihen Majestät allergnädigfi — aber — ich finde keine Worte — das Glück — die Ehre —! M. Theresia. Steh' Er auf. Helmreich (sich erhebend). Wenn Ew- Majestät erlauben. — M. Theresia. Es wurde mir bereits bekannt, daß Er für Seine Tochter einen Bräutigam gewählt, den Baron Creuz — Resi (aus gepreßter Brust ansstöhnend). Ew. Majestät —! (Erhebt bittend die Hände zu ihr.) M. Theresia (überrascht). Was soll dieß- Helmreich (rasch). Jungfräuliche Verschämtheit! — Aber sie wird gewiß — mit allerhöchster Zustimmung — (Leise zu Resi.) Du weißt, was ich Dir g'schwo- ren Hab' —! M. Theresia (zu Resi). Ich wünsche Dir Glück, denn der Dir Bestimmte nt ein edler und schöner Mann — ich will also- Resi (noch im Kampfe mit sich selbst, für sich). Es gibt keinen andern Ausweg! (Mit muthiger Entschlossenheit, laut.) Ew. Majestät! Und wenn der Mann der Edelste des ganzen Reichs und schön wie der Erzengel Gabriel selber wär'— ich kann ihn nicht nehmen! M. Theresia (auswallend). Du kannst nicht —?! Resi. Dennich-ich bin bereits Braut- Helm reich (zornig, sich vergessend). Des Franz vielleicht? Dann- Resi (vor Maria Theresia in die Knie sinkend). Des —Himmels! — Ich Hab' — in dem gefährlichsten Augenblick meines Lebens das Gelübde gethan — in ein Kloster zu gehen! Helm reich (wie oben). Ungerochene —! M. Theresia (strenge zu Helmreich). Halt' Er an sich! Nach dieser Erklärung (hebt Resi sanft empor und legt ihre Hand aus deren Haupt) steht das Mädchen unter meinem Schutze — die väterliche Autorität reicht nicht so weit, daß sie von einem Gott gemachten Gelübde entheben könnte! (Zu Resi.) Ich will Dich einer würdigen Aebtissin empfehlen und selbst deine Brautmutter sein. Bis dahin — (sich zu einer der Hofdamen wendend) nehmen Sie, Frau von Petrasch, das gute Kind in Ihrem Hause auf, damit es sich dort zu seinem heiligen Berufe vorbereite! 53 Resi (eilt zu der Hofdame, sinkt derselben weinend an die Brust und geht mit ihr nach rechts ab). Helm reich (ganz erstarrt, für sich). Ich bin versteinert — ich bin zu Eis gefroren —! Koch (ist zu ihm getreten, leise). Macht, daß Ihr fortkommt, sonst begeht Ihr noch einen Unsinn — Helmreich (leise). Ich kann keinen größeren begehen, als der war, daß ich so eine Tochter zur Welt gebracht Hab'! (Verzweifelt, nach links ab.) M. Theresia (zu ihrer Umgebung). Ich pflegte sonst an meinen Festtagen rin Brautpaar auszustatlen, dießmal gilt's nur einer Braut, doch es ist mir Gelegenheit geboten, dem heutigen Tage noch einen schöneren Abschluß zu geben. Liechtenstein. Laudon (sind während dieser Scene vom Hintergründe links gekommen und unter den übrigen Generälen stehen geblieben). M. Theresia (Laudon erblickend, für sich). Ah — da ist er ja! (Laut.) Lieber Feldzeugmeister Laudon, tretet näher! Laudon (tritt zu ihr vor). M. Theresia. Ich habe noch nicht Gelegenheit gefunden. Euch meinen Dank für die letzte ruhmvolle Tbat, durch welche . Ihr nicht nur euer Feldherrngenie, sondern auch die Ehre der östencichischrn Waffen so glänzend erprobt habt, auszudrücken, ich will dieß jetzt thun. — (Winkt einem der Hofherren.) Ein Hofherr (tritt vor, auf einem Sammtkiffen das in Brillanten gefaßte Groß' . kreuz tragend). M. Theresia (das Kreuz nehmend und fortsahrend). Dieses in Diamanten gefaßte Großkreuz hat bisher mein geliebterSchwa- ger. der Herzog Carl von Lothringen, getragen. Nunmehr zum Großmeister des deutschen Ritterordens gewählt darf er kein anderes Zeichen als eben das die- scs Ordens tragen, und legte dieses Großkreuz in meine Hände zurück. Ich weiß keine würdigere Brust, welche ich jetzt mit demselben schmucken könnte, als die eure! Laudon (auf ein Kaie sinkend). Ew. Majestät übergroße Gnade — M Theresia (während sie das Kreuz an seiner Brust befestigt). Wird, deß bin ich überzeugt, Euch nur zu neuen Hel- denthatrn begeistern! (Trompeten und Pauken hinter der Scene — aus einiger Entfernung Geschützsalven.) Laudon (sich erhebend). Mein Leben für das österreichische Kaiserhaus! Franz I. (zu Maria Theresia). Ew. Liebden hegen die Absicht, jene Anhöhe (gegen den Berg im Hintergründe weisend) mit einer Gloriette zu krönen, möge sich aber dort heute schon zeigen, was Oesterreichs höchste Glorie ist. (Er winkt.) (Auf der Anhöhe zeigt sich in Flammenschrift der Name: »Maria Theresia.« — Feurige Garben steigen rings herum auf. die Fon- tcn'nen springen in magischer Beleuchtung — Musik fällt ein.) Alle. Hoch Maria Theresia! (Der Vorhang fällt.) Fünftes W. (Hadersdors und Belgrad. Park beim Schlöffe zu Hadersdorf — links im Vordergründe eine Gartenbank, rechts ein offener Pavillon, in demselben ein Tischchen und einige Stühle.) Erste Scene. Franz Gruber (allein). Franz (nunmehr ein Mann in der Mitte der Vierziger mit starkem Schnurrbarte, in einem Militärrocke, jedoch ohne Waffen, sitzt, aus emer kurzen Pfeife rauchend, auf der Bank links und sieht in die Scene). Wie sich dort an den Gesimsen vom Schloß die Schwalbrn sammeln — wie immer neue dazustiegen! Ja — 54 wir haben halt schon August und dal Franz (gelangweilt). Aber was geht rüsten sie sich zum Abmarsch! — (Vor denn mich an, was die Frau Weißhu- sich hinsehend.) Hm! Unsere Gedanken jberin g'sagt hat! sein auch Schwalben— wenn's in uns kälter wird, ziehen sie den wärmeren Gegenden, unsern schönen Erinnerungen zu! (Zeichnet mit seinem Stocke Buchstaben in den Sand.) Zweite Scene. Franz. Lenore. IN Lenore (über sechzig Jahre alt, einfachem nettem Anzuge, einen Schlüsselbund an der Seite, kommt vom Hintergründe links, geht bis zu Franz vor und sieht ihm über die Schulter), denn da? Schon wieder ob der Kalender gar Namen enthaltet! Franz (auf's Herz Kalender hat auch kein' andern! Lenore. Sollt'st Dich schämen' Was schreibst »Resi«, als keinen andern weisend). Der bist Lenore. G rad Dich geht's an, Franz! Du darfst nur ein freundliches Wort sagen — Franz. Um mich von einem reichen Weibe füttern z'lafsen! Lenore. Wär' doch noch immer besser, als daß wir dahier 's Gnadenbrod essen! Franz (auffahrend). Was Gnadenbrod! — Wie der Feldmarschall Laudon vor zehn Jahren das Gut Hadersdorf kauft hat, hat er mich zum Parkhüter und Euch, Frau Mutter, zur Beschließerin g'macht, wir müssen ihm dafür wohl dankbar sein, aber wir verdienen unser Brod — und das thu' ich lieber, als daß ich bei einem Weib, was mir ganz gleichgiltig ist, Lieb' robbot'! — Also nichts mehr davon! (Wendet sich ab.) Lenore (für sich). O, ich last' doch nicht nach! — Auf ein' Schlag' fallt kein Baum — (Sieht gegen rechts, laut.) jetzt schon ein Mann von vierundvierzig Aber wer kommt denn dort? — Der Jahren und noch allweil verliebt! Die Resi ist einmal im Kloster, also denk' Dir halt, sie ist g'storben. Franz (aufstehend). Reden wir nichts mehr davon! Was ist's denn weiter? — Das Leben ist ja nicht wie eine Komödie, die immer mit einer Heirat ausgehen muß! Lenore. Aber das Ledigbleiben taugt auch nichts! Wenn ich Dich so anschau — Du bist noch immer ein ganz stattlicher Mann — Franz. Aber (aus seinen linken Arm weisend) ein Krüppel. , Lenore. Ah was! Weil Du den einen Arm nicht mehr frei bewegen kannst, das macht nichts! Die Blestur g'reicht Dir nur zur Ehr' und — (bedeutungsvoll) die hübsche Müllerswitwe von Weidlingau, die Frau Weißhuberin, hat erst neulich g'sagt — Mensch kommt mir bekannt vor. Schau einmal! Franz (auch gegen rechts sehend). Mir auch — aber er weckt in mir keine angenehme Erinnerung. Dritte Scene. Vorige. Krummschnabel. Krummschnabel (bereits sehr gealtert, aber noch immer in asfectirter militärischer Haltung, in Civilkleidung, aber mit hoher schwarzer Cravate mit weißem Vorstoß, kommt von rechts). Ah, da stoß' ich bereits auf Vorposten! Franz. Die Stimm'! (Tritt naher zu ihm.) Das dumme G'sicht muß ich schon wo g'sehen haben! 55 Krummschnabel. Bitte, gleichfalls! — Auf Ehr', wenn ich den Herrn anschau — Franz. Was juckt mich denn auf einmal mein linker Arm so? — (Ihn fester ins Auge fassend.) Ja — meiner Seel' — er ist's! — Krummschnabel! Krummschnabel (ihn nun ebenfalls erkennend). Gruber-Franz! Alter Kriegskamerad! Lebt Er auch noch? Franz. Weil mich g'schicktere Aerzt' als Er behandelt haben, unter Ihm war' bald der Brand zu meiner Wunde 'kommen. Krummschnabel (Lenoren erblickend). Und das — die Frau Grüderin! (Tritt zu ihr.) Lenore. Kennt Er mich doch noch? Krummschnabel. Es wär' eineGrob- heit »nein« zu sagen! (Ihre Hand fassend.) Nun, wie geht's Ihr denn? Lenore. Ich dank', recht gut. Krummschnabel. 's ist niederträchtig! Lenore und Franz (beleidigt). Was? Krummschnabel. Pardon! Aber einem Arzt kann man auf seine Frag': »Wie geht's« nichts Unangenehmeres antworten, als »recht gut!« Wie kaun's denn nachher ihm gut gehen, wenn ihm jede Aussicht auf Praxis benommen wird? Frau z. Also Er malträtirt die Menschheit noch immer? Krummschnabel. Keine Anzüglichkeiten! — Ich Hab' die Baderstube in Weidlingau gepachtet — reut mich aber schon beinah' — ich hör', es soll da heraust eine so gesunde Luft sein! Franz. Aber was will Er denn hier? Krnmmschnabel. Sonderbare Frag'! — Sr. ExceUenz dem Herrn Gutsbesitzer meine Aufwartung machen — wenn er vielleicht meiner Hilfe bedarf — Franz. Hm, ich müßt' nicht, daß der Excellcnzherr an Hühneraugen leidet! Krumm schnabel (gekränkt). Die ewigen Sticheleien! — (Zu Lenoren.) Wo ist denn der Herr Gemal? Lenore (sich die Augen trocknend). Der — der ist seit sechs Jahren — Lodt! Krummschnabel. Was Sie sagt! — Und wie befindet er sich sonst? (Besinnt sich rasch.) Ja so! — Also g'storben? Franz (ernst). Ja, wer ist seit der Zeit, als wir uns zum letzten Male g'sehen haben, nicht Aller g'storben?.Die große Kaiserin und ihr Gemal — der Feldmarschall Graf Daun — Krummschnabel. Aber der Laudon lebt noch — Franz. Und wird, wenn er auch einmal todt ist, doch noch länger leben im Andenken aller Oesterreicher, als Diejenigen, die ihn haben stürzen wollen — Lenore (gegen den Hintergrund links sehend). Still! still! — Die Excellenz- srau! — Franz (ebenfalls hinsehend). Und mit ihr noch ein alter Bekannter — Krummschnabel. Ja, unser eh'ma- liger Feldpater. Lenore. Ec lebt jetzt als Weltpriester in Wien, kommt aber manchmal auf Besuch heraus — Franz. Ziehen wir uns zurück! Krummschnabel. Mit Vergnügen — ich war immer für den Rückzug! Alle Drei (treten mehr in den Hintergrund rechts). Vierte Scene. Vorige. Clara. Woitic. Clara (nun schon eine ältliche Dame, in einfacher Landtoilette, Woitic im bürgerlichen schwarzen Kleide, Schuhen und Strümpfen, nur durch di: Halsbinde als Priester kennbar, kommen vom Hintergründe links.) Clara (zu Woitic). Es ist recht liebenswürdig von Ihnen, geistlicher Herr, daß Sie uns wieder einmal heimsuchen. 56 Woitic. Thu ich gern, gnädige Frau, gefallt mir Heraußen besser als in der Stadt; — da heraus unter grüne Bäum' ist wahrer Frieden Gottes, aber d rin in Stadt — Clara. Nun, in der Stadt —? Woitic. Bin ich immer in Streit; — mir ist Alles recht, was Kaiser Jo- sef befiehlt, aber meinen Kollegen ist gar viel nicht recht, und da gibt immer Disput! Clara. Ach! es geht seit einiger Zeit bei uns auch nicht mehr gar so friedlich her! — Ja die ersten Jahre lebten wir so glücklich in unserer ländlichen Zurückgezogenheit, aber nun. seitdem der Krieg gegen die Türken ausgebrochen ist— Woitic. Ah — da wird altes Soldatenblut rebellisch— kann mir denken! — geht mir auch so! Clara. Mein Mann bekömmt immer die Berichte über den Verlauf — und damit ist er nun gar mcht zufrieden — Alles geht ihm zu langsam, Vieles scheint ihm unrecht angefaßt, da brummt und murrt er nun im ganzen Hause herum — Niemand kann ihn zufriedenstellen und ich weiß nicht, wie ich abhelfen soll — ach! ich bin ein recht geschlagenes Weib! Woitic. Na warten's, werd' ich schon bißl aufmischen! Clara. Ja, geistlicher Herr, thun Cie das! Ich weiß, er sieht Sie gern - Woitic (scherzend). Na — bin ich ja schöner Mann — ha, ha, ha! Clara. Suchen Sie ihn also zu zerstreuen, seine Gedanken von den ewigen Kriegsgeschichten abzulenken. Woitic. Werd' ich schon machen - (Sich umsehend.) Wo ist — ? Clara. Er ist in den Park herabge. gangen, aber in welchem Lhrile desselben er eben ist — ? (Bemerkt Lenoren.) Ah — Frau Grüderin! Suche Sie meinen Mann doch auf — sag' Sie ihm, daß ihn ein lieber Besuch erwartet. Lenore. Wie Excellenz befehlen! (Im Absehen für sich.) Dann such' ich aber die Weißhuberin auf! (Ab nach rechts.) Woitic (aus Franz weisend). Ah! — da treff' ich ja noch alten Bekannten! (Hält ihm die Hand entgegen.) Servus, Grenadier! — (Aus Krummschnabel weisend.) Und Pflasterschmierer auch! — Clara (zu Woitic). Wenn Sie sich wenige Augenblicke mit dieser Gesellschaft unterhalten wollen, so will ich indeß für einige Erfrischungen sorgen — Krumm schnabel. O bitt', Excellenz, machen Sie sich meinetwegen keine Nn- gelegenheiten! Clara. Ich werde sogleich wieder das Vergnügen haben! — (Ab nach links.) Krummschnabel (ihr nachsthend). Ist eine liebe Frau — Woitic. Ja, ist nicht bloß Excellenz- frau — sondern ist excellente Frau — DaS ist mehr! Krummschnabel. Und wie befinden sich denn Hochwürden? Woitic. Dank, gut — Krummschnabel (für sich, verzweifelt). Schon wieder. Woitic. Bissel alt werden wir wohl— Krummschnabel. Und leben in einer neuen Zeit, das ist das Unangenehme! Woitic. Warum? — Zeit ist wie Weib; wer sie versteht und gut mit ihr umgeht, den betrügt sie nicht; na — und wenn ein Alter kriegt neues Weib, kann er auch zufrieden sein! Krummschnabel Na, wir werden schon sehen, wohin's mit den Neuerungen der jetzigen neuen Zeit kommt! Bei der Armee sollen jetzt lauter wissenschaftlich gebildete Aerzte angestellt werden — na — wir wollen abwarten, ob dann weniger Soldaten erschossen werden! Ich sag's, der Kaiser Josef —! Franz, 's Maul g'halten! — Er ist hier auf dem Grunde und Boden 57 eines alten Soldaten, und ich bin auch einer — da wird also nicht über den Kaiser räsonnirt — verstanden? Woitic. (zu Kranz). Lass' Er ihn! Gibt ja kein größeres Compliment für einen Monarchen, als wenn — (auf Krummschnabel blickend) Dummköps' sein nicht zufrieden mit ihm! Krummschnabel (beleidigt). Dummköpf — ? ! Mir das! (Langt nach seiner linken Seite.) Ein Glück für Sie, daß ich in Civil bin — das hätte Blut gefordert! (Drohend.) Aber nur Geduld! wenn Sie sich einmal von mir barbiren lasten, dann — Woitic (gegen den Hintergrund rechts blickend). Still! kommt Excellenzherr! Fünfte Scene. Vorige. Laudon. Laudon (in bürgerlicher, etwas un- modischer Kleidung, einen Spaten in der Hand, kömmt vom Hintergründe rechts her). Guten Tag, Woitic! (Reicht ihm die Hand.) Woitic. Ah — Excellenz kommen von Arbeit? Laudon (verdrießlich). Ja — Hab' meine Zuckerrüben in Reih' und Glied' gestellt, weil ich keine Soldaten mehr habe! Krummschnabel (tritt vor, seine Hand militärisch salutirend an den Hut legend). Excellenz! Ich stehe zu Befehl! Laudon (mürrisch). Wart'Er. bis ich Krautköpfe einsctze! (Zu Kranz etwas freundlicher.) Lieber Gruber, bring' Er uns das Schachbrett und sorg' Er dann, daß wir nicht g'stört werden. Franz. Sehr wohl. Excellenz! (Geht.) Krummschnabel(leisezu Franz), Mich trumpft er allweil ab — ich merk s. er steht mich nicht gern in seinem Haus — er eifert noch immer! (Ab mit Kranz nach links.) Laudon (zu Woitic). Aber ich habe Sie gar nicht gefragt, ob Ihnen auch eine Partie gefällig — ? Woitic. Immer! — Muß doch letzte Partie einmal zu End' kommen! Laudon. Ja, die zieht sich in die Länge— 's wird imrntr hin- und hergeschoben, wie im letzten Jahre deS siebenjährigen Krieges — Woitic. Und am End' ist Partie aus. und hat Keiner was gewonnen. Laudon. Wie bei dem Friedensschlnß zu Hubertsburg — Woitic. Na — lassen wir Vergangenheit — wir sein noch da — freuen wir uns des Lebens — Laudon. Wenns nur ein Leben wäre, das der Müh' zu leben werth wäre! — Aber wenn Unsereins zur Nn- thätigkeit verurtheilt ist, kömmt man sich vor wie ein eingehender Jagdhund! — (Mit Lebensüberdruß.) Ah, — 's ist nichts mehr! — (Sieht gegen links.) Aber da kömmt das Schachbrett! — Spielen wir Krieg, da es uns nicht mehr gestattet ist, ihn im Ernst zu führen! Sechste Scene. Vorige. Franz. Franz (bringt ein Schachbrett mit aus« gestellten Figuren, und stellt es aus den Tisch im Pavillon, worauf er sich nach rechts entfernt). Laudon. Nun — Platz genommen! Beide (setzen sich an den Lisch). Laudon (daö Schachbrett überblickend). Die Stellung ist unverändert — Sie haben dcn ersten Zug — Woitic. O. Hab' ich mir ganz schlau überlegt ganze Wochen! (Zieht.) Laudon (lebhaft). So? — So? — ! Machen Sie den Zug zurück, oder Sie sins schach und matt! Woitic. Wie denn? 58 Laudon. Sehen Sie, gerade so wie Sie jetzt stand im bairischen Erbfolgekrieg das preußische Heer unter dem Prinzen Heinrich bei Budin mir gegenüber. Nun geben Sie Acht! — Ich führe den Thurm so vor — so hätt' ich's mit dem schweren Geschütz gethan — Woitic. Teufel — da steht König — Laudon (eifriger). Der Prinz Heinrich — Woitic. Noch ein Zug— (Verschiebt die Figur.) Laudon (wie oben). Nun den Springer — die Kavallerie vor! — Woitic. Matt — meiner Seel'! Laudon. Ja — so wär's gegangen — aber da kam Plötzlich der Befehl, keine Schlacht mehr zu liefern — man hatte, ohne daß ich d'rum wußte, bereits die Friedensunterhandlungen eingeleitet, und dadurch war ich um den größten Ruhm meines Lebens gebracht! — Meine militärische Laufbahn endigte — mit einem erfolglosen »Zwetschkenrummel«. Mein Leben gleicht einer Kerze, die nicht mit einem Hellen Anfflackern erlischt, sondern mit trübe fortglimmendem Dochte langsam und, kaum beachtet, abstirbt. (Stützt das Haupt iu die Hand.) Woitic. Ja, muß ich Excellenz sagen, daß sich hat ganze Welt gewundert, daß, wie ist ausgebrochcn vor zwei Jahren der Türkenkrieg, Sie nicht haben kriegt Kommando! Laudon (rasch aufftehend). Hab' ich mich denn nicht selbst gemeldet — war ich nicht beim Kaiser und Hab' ihm meine Dienste angeboten? aber er legte die Hand auf meine Schulter und gab mir freundlich die Antwort: »Mein lieber Laudon! Sie haben schon das Ihrige gethan, Sie sind schon gebrechlich, genießen Sie lieber Ihre Tage in Ruhe!« — (Mit tiefster Kränkung.) O geistlicher Herr! dieß Wort aus dem Munde meines Kaisers machte mich wirklich um viele Jahre alter — im Augenblicke fühlt' ich mich in der Tyat gebrechlich, denn — ich war nahe daran zusammenzubrechen. Ich bin alt — die Alten schiebt man zur Seite, aber (feurig) hätte der Kaiser in mein Herz gesehen, welches so heiß für ihn, für sein Reich und seinen Ruhm glüht — er hätte mich einem zwanzigjährigen Jünglinge vorgezogen! Woitic. Na, Majestät hat wollen zeigen, daß er selbst auch keine Gefahr — keine Strapaz scheut, und hat Kommando selber übernommen — Laudon. Um zu zeigen, daß man der vortrefflichste Regent und doch — ein unglücklicher Feldherr sein kann! Meine Zurückweisung würde mich, bei Gott! nicht schmerzen, wenn nur Andere Erfolge errungen, aber so — Woitic. Ja — (etwas leiser) geht schief in Türkei — Laudon. Es geht nicht vorwärts und das ist schlimm genug! — Ich begreife den Lascy nicht — (geht unruhig aus und nieder), die Armee in so weitem Umfange zu zertheilrn, wo die einzelnen Corps nichts richten können — die Soldaten in dem ungesunden Klima hinsiechen — Woitic. Soll Kaiser selber auch schon sehr krank sein! Laudon. Ja, um einen solchen Feldzug mitzumachen — dazu bedarf's stählerner Nerven, abgehärtet muß man sein von frühester Kindheit an — Woitic. Aber daß Niemand hat aufmerksam gemacht Seine Majestät darauf! Laudon. Wer denn? Wenn ein Fürst auch befiehlt, ihm das reine Quellwasser der Wahrheit zu reichen, so hat er in seiner Umgebung doch immer Leute, die ihm nur das lancZuckerwasser der Schmeichelei credenzen! Woitic (auch mehr erbittert) Verdammte Schranzen, miserable! Laudon (immer heftiger). Kriechendes Gewürm mit der ekligen kaltglatten Haut, das mit seinem giftigen Speichel die 59 edelsten Blüthen tödtetl (Geht in zorniger Aufregung aus und nieder.) W oitic (ebenfalls aus und niedergehend). Wär' ich Herrgott, commandirte ich Regiment Teufel, daß soll holen ganze Bagage! Siebente Scene. Vorige. Clara. Krummschnabel. Clara (kommt, während die beiden Männer noch polternd aus und niedergehen, von links). Krummschnabel (folgt ihr in einiger Entfernung). Clara (befremdet stehen bleibend). Mein Gott! was geht denn hiervor? Woitic (wieder ruhiger). O, ist nichts — such' ich nur Excellenzherrn bisserl aufzuheitcrn! Laudon (noch unmuthiz zu Clara). Was soll's denn wieder? Clara (etwas verletzt). Nun — nun! fass' mich doch nicht so rauh an! — Ich wollte nur fragen, ob das Gouter hier im Parke oder im Salon servirt werden soll? Laudon (wie oben). Mir gleich — wie's den Herren beliebt. Krummschnabel (sich verneigend). O ich bitt' — meinetwegen in der Herr- schaftskuchel. Achte Scene. Vorige. Franz. Franz (kömmt hastig von rechts). Excellenz! — Laudon (noch immer unwirsch). Ist denn keine Ruhe? — Hab' ich ihm nicht befohlen —? Franz (in militärischer Haltung). Hallen zu Gnaden, Excellenz! Jetzt muß ich stören — An's Schloßthor sind einige Officier' gesprengt gekommen, der eine von ihnen hat gesagt, er muß Ew. Excellenz sprechen um jeden Preis — (Gegen rechts sehend.) Er ist mir auf dem Fuß gefolgt und — da — da ist er schon! Neunte Scene. Vorige. Horst. Zwei Officiere. Horst (in der Uniform eines Majors, tritt rasch von rechts auf). Entschuldigen Excellenz —aber wir kommen im Aufträge Seiner Majestät des Kaisers, um Ihnen dieß Schreiben von Allerhöchstseiner eigenen Hand zu übergeben. (Zieht aus der Brusttasche ein großes versiegeltes Schreiben, welches er Laudon überreicht.) Laudon (von freudiger Rührung erfaßt). Ein Schreiben — von meinem Kaiser?! Er gedenkt also seines alten Laudon noch? (Erbricht mit zitternden Händen das Siegel und entfaltet den Brief — liest — sein Antlitz wird fast verklärt, sein Auge richtet sich begeistert nach oben und seine Brust hebt sich in stolzer Erregung.) Woitic (ihn verwundert mischend). Was geht vor? (ZuLaudon) Excellenz! bin ich nicht neugierig, aber gib ich Alles d'rum zu wissen, was geschrieben hat Majestät. — Laudon (gibt ihm das Schreiben). Lesen Sie selbst und laut! Woitic (feierlich). Brief von Seiner Majestät — Hut herunter! (Nimmt selbst den Hut ab.) Krummschnabel -(entblößen ebenfalls Franz ) ihre Häupter). Woitic (auf eine Stelle des Brieses weisend). Da steht mit fester Schrift großer Namen »Josef« (Küßt die Stelle.) Clara (zu Woitic). Lesen Sie doch — Woitic (gerührt). Wartens bissel, Excellenz! sein mir Augen übergangen! 60 (Trocknet sich die Augen.) Also habt Acht! (Liest.) »Ich befehle Ihnen nicht, mein lieber Feldmarschall Laudon das Kommando meiner Truppen zu übernehmen, aber ich bitte Sie, es zum Besten des Staates und aus Liebe für mich anzu- nehmen « Hör st (zu Laudon). Und was, Excel- lenz! beschließen Sie — ? Laudon (in jugendlichem Feuer auf- slammend). Wer fragt da noch? — Mein Kaiser befiehlt nicht, mein Kaiser bittet — und wenn ich auf der Bahre läge, sein Ruf würde mich zu neuem Leben erwecken! — Ja, ich fühl's. mein Blut jagt mit frischer Jugendlust durch die Adern, gleich dem Gießbache des Berges, wenn der Lenz ihn vom Eis befreit! Der Spätherbst des Lebens wird für mich zu einem neuen Frühling — es gilt die vergilbten Kränze durch neue, hell grünende, zu ergänzen! Klara (etwas betrübt). Und wann gedenkst Du abzureisen? Laudon. Heute — in dieser Stunde noch! Klara Aber, mein Himmel! es ist nichts vorbereitet — Laudon. Meine Uniform — meinen Degen! — dann bin ich zu dieser Reise vollkommen gerüstet! (Eilt noch links ab.) vfsi-°i-r° ! Woitic (den letzteren nachrufend). Warten's! geh' ich auch mit — muß mir Excellenzherr wieder Säbel leihen! Wann geht General Laudon, da bleibt Feldpater Woitic nicht zuruck! Will ich Türken katholisch machen! (Ab nach links.) Krummschnabel (ihm nachrufend). Meine Empfehlung an die Herren Musel leute. aber ich muß auf die Ehre ihrer Bekanntschaft verzichten — mich ruft Weidlingau, und in Hütteldorf ist's schö> ner als bei der Stadt Belgrad! Franz. Aber mich — mich muß der Herr Feldmarschall auch mitnehmen — das erbitt' ich mir von ihm als besondere Gnad' — (Spricht mit Krummschnabel fort.) Zehnte Scene. Vorige. Leuore. Marianne Weißhuber. Lenore, ) Marianne,einehübscheFraus (kommen von ungefähr dreißig Jahren inlvon rechts), bürgerlichem reichen Anzuge ! Lenore (Franz erblickend, leise zu Mariannen). Er ist noch da ! — Jetzt schau halt die Frau Weißhnberin, daß Sie ihn ein bissel zum Aufthauen bringt! Marianne (leise zu Lenoren). Ja, heut' will ich einmal g'rad heraus reden. Franz (sich umsehend). Wer red't denn da? Krummschnabel (Mariannen erblickend, für sich). Die schöne Müllerin! — Auf die Hab' ich schon lang eine Schneid' wie ein Barbiermesser!' — Ich muß den Galanten spielen! (Putzt sich zurecht.) Franz (zu Mariannen, kühl). Guten Abend. Frau Weißhuberin! (Zu Lenoren.) Frau Mutter! Sei Sie so gut und pack' Sie mir ein bissel eine Wäsch' in mein Ränzel zusamm. — Lenore (erstaunt). Wäsch'einpacken? willst denn verreisen? Franz. Ja — nur ein kleines Bissel in die Türkei — Lenore (erschreckt). Gott im Himmel! Marianne (rasch vortretend). Wasfallt Ihm denn ein, Herr Gruber! — Was hat denn Er in der Türkei zu suchen? > Franz. Zu suchen Hab' ich auf der ! ganzen Welt nichts mehr, aber bei mei- inem Excellenzherrn will ich bleiben — ^er geht zur Armee- 61 Len o re (fast weinend). Aber ich bitt' Dich um Alles in der Welt —! Marianne (zu Lenoren). Lass' Sie mich reden! (Zu Franz.) ^d Er, Herr Gruber! hör' Er mich an! Er hat sich gedient genug im Leben, da wär's doch Zeit, daß Er einmal d'ran denket, sein eigener Herr zu werden. Und das ist nicht schwer, es gibt ehrsame Witwen, die sich in der Einschicht nicht g'fallen — und — daß ich's nur g'rad heraussag' — ich red' von mir selber. Marianne (zurücktaumelnd). Wie wird mir denn? Krummschnabel. Endlich Eine, der übel wird! (Eilt zu ihr und unterstützt sie; im schmelzendsten Tone). Weißhuberin — Marianne —! Marianne (in tiefster Kränkung). Er— er schlagt mich aus! Krummschnabel (sie an seine Brust ziehend) Für diesen Ausschlag weiß ich ein' Umschlag — Franz (zu Lenoren). Also, Frau Mutter! pack' Sie meine Sachen. (Geht Eilfte Scene. Vorige. Resi. Resi (zwar nicht als Nonne, aber doch in einem schwarzen Gewände mit über Kop und Schulter geschlungenem Tuche, tritt von rechts, mehr rückwärts auf, bleibt aber, die Anwesenden gewahrend, stehen). Franz (schon etwas überdrüssig). Na also — da wird Sie schon einen zwei ten Mann finden — Marianne (Franz Plötzlich an der Hand fassend). Und — wenn ich ihn schon ge funden hätt' —? Franz (ganz ruhig). Meint Sie mich? Marianne (herzlich). Zu was viel Um- ständ'? — Ich sag' Ihm: -»Ja, Franz! Er ist's — Krummschnabel (für sich, erbittert). Geschmacklosigkeit ohne Gleichen! Franz (zu Mariannen). Sie irrt sich — mich kann Sie nicht g'funden haben — Marianne (seinen Arm loslassend, be fremdet). Warum nicht —? Franz (mit Selbstbewußtsein). Weil ich mich noch nicht verloren Hab'! Ein ehrlicher Mann gibt seine Hand nicht ohne sein Herz, und das gehört noch gegen links.) Leno re ('chmerzlich ihm nach-! rufend) Franz! lsrualeick> Marianne (ebenfalls nachru- t " ^ send). Herr Gruber! 1 Franz. Laßt es gut sein — mich halt' kein Rufen mehr zurück! (Will ab.) Resi (noch im Hintergründe). Franz! Franz (bleibt plötzlich wie festgewurzelt stehen). Die Stimm'! Lenore. Was ist's denn? (Sieht sich um — in höchster Ueberraschung). Die Resi! Franz (ohne sich noch umzuseheu, ganz außer sich). Re — Resi — ?! — Frau Mutter! Um Gottes willen! schau' Sie nochmals recht hin! denn wenn Sie sich g'irrt hätt' — ich — haltet's nicht aus! Resi (kommt vorwärts, legt ihre Hand auf Franz' Schulter, mit sanfter Stimme). Glaub's nur, Franz! — Ich bin's wirklich! Franz (wendet sich um, verzückt). Wirklich? — wirklich! — Resi! Du — bei mir! — (Will mit ausgebreiteten Armen an ihre Brust sinken, sein Blick fällt aber aus ihr Kleid — er tritt mit einiger Scheu zurück — mit dem Ausdrucke der Wehmuth.) Aber in dem Kleid —! Resi (heiter). G'fallt's Dir nicht? — Na — so — weg damit! (Wirst rasch das immer meiner Resi! Wenn ich also umsTuch und das Kleid von sich und zeigt sich Sie werbet, wär' ich jedenfalls ein nun in bürgerlicher Kleidung.) Falschwerber, und so tief bin ich noch Alle (überrascht). Ja — was soll denn nicht g'sunken — (Wendet sich ab.) j das? 62 Resi (zu Franz). Das Kloster, in dem ich war, ist aufgehoben worden — ich bin meines Gelübdes enthoben — Franz (sreudigst). Aufgehoben? Enthoben? (Tritt von ihr weg, mit Begeisterung). Wer mir jetzt noch was gegen den Kaiser Josef red't, den schlag' ich nieder! (Wieder zu Rest zurückkehrend und sie innig umarmend.) Du bist also der Welt — bist mir wieoergegeben? Resi (ihn sanft von sich drängend). Lass' — lass'! — schau mich nur erst recht an — auch ich bin seit der Zeit nicht jünger 'worden! Franz. Was liegt d'ran? — Engel haben ja kein Alter! (Umarmt sie auf's Neue.) Krummschnabel (zu Mariannen). Frau Weißhuberin! Ich muß es als einen Diätfehler erklären, wenn Sie der G'schicht' (aus die Liebenden weisend) länger zuschaut! Marianne (zu Krummschnabel). Ja— führ' Er mich fort! — Ich hab's gut a'meint mit dem (etwas verächtlich auf Franz blickend) Halbinvaliden. Krummschnabel (ihren Arm unter den seinen legend). O! es wird sich für ihn ein ganz Valider finden, der sorgfältig jeder Kugel ausgewichen ist. um einst einen geliebten Gegenstand mit zwei gesunden Armen umarmen zu können! (Ab mit ihr nach rechts.) Lenore (zu Franz.> Na, Franz! Soll ich noch einpacken? Franz. Nein — nein! — Jetzt bringt mich nichts mehr fort! (Zu Resi.) Also Du bist jetzt ganz frei und unabhängig —- kannst über Dich selbst verfügen! Resi (seufzend). No — majorenn bin ich derweil 'worden! — Aber eben deswegen — lass' uns erst ruhig so Manches besprechen — (Blickt aus Lenoren.) Lenore (lächelnd). Versteh'! na, ich geh' schon! (Für sich im Abgehen.) Weil er mir nur nicht fortgeht! (Ab nach rechts.) Resi (faßt Franz an der Hand und führt ihn zur Bank links). Setz' Dich da zu mir — (Beide setzen sich). So! — Und jetzt g'steh' mir's nur aufrichtig! Gelt — Du hast, wenn Du auch die ganze lange Zeit hindurch an mich gedacht hast, Dir mich immer nur so vorg'stellt, wie ich einmal war? Franz. Na ja — ein Bissel hast Dich wohl verändert — aber ich auch — das gleicht sich also aus. Resi. Nicht so ganz. — Du bist noch ein Mann in den schönsten Jahren, ich — (seufzend) ein altes Mädel — — Franz. D'rum heiraten wir, so bist Du wieder ein ganz stattliches Weiberl! Schau, Resi. weil ich Dich doch wieder g'funden Hab', so kommt's mir fast gut vor, daß wir so lang getrennt waren. Geliebt Hab' ich Dich doch immerfort, und ich möcht' sagen, es ist eine reinere, höhere Lieb' geblieben — wer weiß's, ob sich die so erhalten hätt', wenn ich Dich in der ersten stürmischen Leidenschaft errungen hält' — die Blüthen sein's ja, die im Sturm am ersten ab- gestreist werden; jetzt begegnen wir einander mit gereiftem Verstand — die Leidenschaft hat nichts mehr d'reinzu den —- und es wird ein um so inniger.c Bund werden, wenn Freund und Freundin sich die Händ' reichen, um den Rest des Lebensweges mit einander zu wandeln — (Hält ihr die Hand hin.) Na — schlägst ein? Resi. Noch Eins — mein Vater —^ — Franz. Der hat doch jetzt nichts mehr d'reiuzuredcn? Resi. Er thuk's auch nicht—- er hat nur verlangt, daß ich ihm den gewissen Brief, der sein Verbrechen beweist, verkauf' — Franz. Verkauf'? — Und das hast Du gethan? Resi. Er hat mir hunderttausend Gulden dafür gegeben — die g'hören jetzt uns — 63 Franz (aufspringend). Mir nicht — mir nicht! — Es ist das Geld, um was er den Staat betrogen hat, das brächt' uns kein' Segen — Resi. Was wolltest Du also damit thun? Franz. Es auf den Altar zurücklegen, von dem es genommen ist — Resi (fällt ihm um den Hals). Franz, das beweist, daß zwei Leut', die sich wirklich lieben, auch immer nur Einen Gedanken haben — denn das — das war auch mein Entschluß. — Da (eine Brieftasche hervorziehend) hast Du das Geld — verfüg' darüber. Franz. Still — still — der Feld- marschall. Zwölfte Scene. Laudon. Clara. Horst. Woitic. Diener, dann Franz. Resi. Krummschnabel. Marianne. Lenore. zuletzt Officiere. Volk. Laudon t Clara I Horst > (kommen von links). Woitic I Einige Diener I Laudon (in voller Uniform mit Uebcr- rock, kömmt mit beinahe jugendlicher Rüstigkeit). So! marschfertig! Woitic (trägt einen Säbel unter dem Arme). Ich auch! Geh' ich bissel als Missionär auf Reisen! Laudon. Ja, wir Alten wollen wieder einmal zeigen, daß wir's noch mit dem jungen Nachwuchse aufnehmen können! Franz. Excellenz! bevor Sie von uns scheiden, erlauben Sie gnädigst, daß ich Ihnen noch eine alte Bekannte aufführ' — (Auf Rest weisend.) Laudon. Ha! mein wackeres Mädchen von Schweidnitz! — Du hast Dich meinem Danke bisher entzogen — Resi. Den können Excellenz mir jetzt abtragen — Laudon. Wie denn? sprich schnell — Resi. Indem Sie mir den da (auf Franz weisend) abtreten! Laudon. Ha, ha! Bewährt sich das Sprichwort wieder: »Alte Liebe rostet nicht!« Nun — zugestanden, und was das Heiratsgut betrifft — Franz. So sein wirZwei uns gegenseitig das beste Heiratsgut! — Aber mein Schwiegervater will den heutigen Tag besonders feiern — er bittet daher Ew. Excellcnz, durch mich den Betrag von hunderttausend Gulden anzunehmen und beliebig für Kriegszwecke zu verwenden — (Neberrricht das Portefeuille.) Laudon. Angenommen — werde Sr. Majestät Meldung erstatten — und Euch - (zu Franz und Resi) Glück zum Ehestand! Woitic. Und von mir Segen, soviel Ihr wollt — Krummschnabel 1 „ , , Marianne ,b-°Ms Lenore °°" Krummschnabel (zu Woitic). Wenn Hochwürden noch einen Segen übrig haben, bitten wir Zwei (aus Mariannen weisend) auch darum. Ich Heirat' und leg' meine ärztliche Praxis nieder! Woitic. Schon wieder wohlthätiges Werk für Menschheit! — (Man hört von Seite links laute Stimmen und Menschengewoge.) Laudon. Was ist's? Lenore. Ach, Excellenz! Die Leut' aus dem Ort haben g'hört, daß Excel- lenz ins Feld ziehen, und da wollen sie Alle Excellenz nochmals sehen — sie sein nicht zurückzuhalten — Laudon. Nun — nur herbei —ich will von meinen Nachbarn und Unter- thancn noch kurzen Abschied nehmen! Officiere und i (eilen von links Volk beiderlei >uud rechts auf die Geschlechts ! Bühne). 64 Laudon (zu Clara). Du, mein gutes Weib, bist bei mir schon das Abschied- nebmen gewöhnt worden! Clara (sinkt an seine Brust). Mich hält die schon oft erfüllte Hoffnung auf- recht, daß Du als Sieger heimkehrst. Laudon. Ich vertrau, dem Gott dort oben — und dem in meiner Brust! (Die Bühne verdunkelt sich etwas — die Höhen erglühen im Abendroth.) Laudon (etwas trauriger sortsahrend). Es gilt einen — ach! vielleicht den letzten Freudenstrahl in das versiegende Leben meines Kaisers zu bringen. (Zu dem Volke.) Und nun lebt wohl Alle — Alle! Wendet eure Blicke gegen Osten — bald soll Euch von Belgrads Mauern her die srohe Siegeskunde werden! (Ab mit Woitic, Clara, Gideon und den Offi- rieren.) Franz (zu Resi). Wenn ich jetzt nicht bei Dir war', möcht' ich im Lager sein — ha! da wird's gleich ein neues Leben geben, und die Mauern von Belgrad werden von selbst zu wackeln anfan- geu, wenn das Lied ertönt — Laudon-Lied mit Chor. Franz. I. Zm Namen, den ein Held sich schafft, Liegt oft schon wahre Zauberkraft, Ist auch ermattet schon das Heer — Da tönt ein Ruf von ferne her — »Der Feldherr kommt!* Und neu belebt Bei diesem Ruf sich Alles hebt — Begeistert schallt's von Mann zu Mann: »Der Laudon — der Laudon rückt an!* Chor. Der Laudon — der Laudon rückt an! Franz. 2 . Der Name imponirt dem Feind, Der fiegessicher sich gemeint, Ein Schreckenswort wird jetzt ihm kund, Und bebend geht's vonMnnd zu Mund' — »Wird Der uns gegenübersteh'n, Dann müssen wir zu Grunde geh'n!« — Der Türk' fangt da zu zittern an — Denn der Laudon — der Laudon rückt an, Chor. Der Laudon — der Laudon rückt an! Währ-rid des Liedes verdunkelt sich die Bühne immer mehr — zuletzt wird sie durch vorne herabsinkende Schleiervorhänge ganz den Blicken entzogen — die Melodie des Liedes geht nach und nach in eine kriegerische über, bis sich die Vorhänge wieder heben, und ein großes Schlußtableau Laudon in dem Momente zeigt, in welchem ihm der besiegte Lommandant von Belgrad die Schlüssel überreicht. Der Vorhang fällt. LruL v»» krvpvld Lommer L Lomtz. i« Wie» Gin lebendes Aild —b-S- Familiensrenc in einem Acte M. A. Grandjean. Der Stoff ist einer Novelle von Jules Sandeau entnommen. Alle Aeetite vorbehalren. Men, 1875. Verlag der Wallishauffer'schrn Buchhandlung (Josef Klemm). Personen. Trau v. Starkenberg. Emilie, ihre Tochter. Llara, deren Freundin. Maienroth, ein Maler. Paul Welling, ein junger Oekonom. Ambros, Gärtner. Ort der Handlung: Ein Landgut der Frau v. Starkenberg in der Nähe der Residenz. Im Vordergrund der Scene links eine an das Wohnhaus anschließende Veranda mit der Aussicht aus einen Park; an dessen Ende ein BoSquet, bei welchem sich eine Ruhebank befindet. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Erste Scene. (Klara. Emilie in der Veranda. Elftere hält einen offenen Brief in der Hand, letztere ist mit weiblicher Handarbeit beschäftigt.) Clara. Ich sage Dir nochmals und immer wieder, Emilie, so ganz ohne Antwort darfst Du den Brief nicht lassen. Das hat der gute Paul nicht um dich verdient. Emilie. Wenn ich nur den rechten Ton zur Antwort finden könnte! Aus diesem Briefe spricht ein anderer Mensch, als Paul immer gewesen. Er schreibt anders, als er sich sonst im persönlichen Verkehr zu geben pflegte. Er sprach stets so zurückhaltend, diese Zeilen aber find so — wie soll ich sagen — aufgeregt, stürmisch, leidenschaftlich. Clara. Kann es denn anders sein? Der junge Mann besuchte seit Jahr und Tag euer Haus, stand in freundschaftlich- nachbarlichen Beziehungen, war wohlge- litteo und gerne gesehen. Da, vor einer Woche, als er wie sonst arglos und heiter mit uns beiden zusammensaß, überraschte deine Mutter uns alle, ihn aber am meisten und schmerzlichsten mit der Nachricht, für Dich habe sich ein reicher Bräutigam gemeldet. Deine Mutter kramte gleich alle Details dieser brillanten Partie aus, ohne zu ahnen, wie fie mit jedem Worte dem armen Paul einen Dolchstoß versetzte. Er war für fie so zu sagen als Milbewerber gar nicht vorhanden. Der arme Dulder litt seine Pein mit bedauernswerther Ruhe. In seines Nichts durchbohrendem Gefühle schied er, ohne mit einem Laut die innere Qual zu verrathen. Du ließest ihn ziehen ohne ein Wort der Ermuthigung. Emilie. Konnte ich anders? Ich selbst war von der plötzlichen Eröffnung so betroffen, daß ich kaum recht zur Besinnung gelangte. Das kam ja wie ein Sturzbad über mich. Erst als Paul mir beim Weggehen die Hand reichte, als ich fühlte, wie diese Hand in der meinen zitterte, da wollte ich sprechen, sein rasches Fortgehen ließ mir keine Zeit mehr dazu. Clara. Nun aber jetzt? Seit gestern ist dieser Brief Pauls in deinen Händen. Er bittet Dich um eine einzige, kurze, letzte Unterredung — er will aus deinem eigenen Munde erfahren, ob er wirklich nichts, gar nichts zu hoffen habe, und Du hast darauf keine Antwort? Emilie. Ich zage vor dem Gedanken, ihn noch einmal zu sehen und ich vermag nicht ihm zu schreiben, daß alles aus sein muffe zwischen uns Beiden. Clara. Du willst dich also wirklich fügen, lautlos fügen und den Baron heiraten? Emilie. Ich muß wohl! Mir fehlt die Elasticität der Widerstandskraft. Clara. Ich verstehe ganz gut, daß Du deine Mutter nur schwer aus ihren ZUufioneu reißen magst. Sie will nun einmal bei Dir Vorsehung spielen, und in den Willen der Vorsehung glaubst Du als gute Christin Dich fügen zu müssen, ha'be ich Recht? Emilie. Ungefähr ja! Urtheile selbst. Meine Mutter hat keine Ahnung davon, daß Paul Absichten auf mich habe, die über die Grenzen nachbarlicher Beziehung hinausgehen. Erführe sie jetzt, wie die Dinge stehen, so würde sie mich wahrscheinlich im Verdachte haben, daß ich das Verhältniß hinter ihrem Rücken leichtsinnig angesponnen, daß ich in unserem jungen Freunde Hoffnungen erweckt habe — Clara. Hast Du das nicht? Paul hofft ja doch, hoffte wenigstens bis vor wenigen Tagen. Emilie. Ich habe ihn nicht dazu ermuntert; ich kann nichts dafür, daß — Clara. Nun, vor mir brauchst Du dich nicht zu vertheidigen. Mir kannst Du aber auch nichts aufbinden, mir, der ich das Verhältniß habe entstehen, keimen und wachsen gesehen. Mir, der ich genau beobachtete, wie ihr angefangen habt Paul und Virginie zu spielen, mit dem einzigen Unterschied, daß »Virginie« Emilie beißt. Hat er dich doch auch einmal, ganz wie Paul seine Virginie über reißendes Wasser getragen. Jetzt freilich trägt er noch schwerer an seinem Kummer. Emilie. Aber sage mir doch, wie kann ich zurück? Du weißt, im letzten Wiruer sah mich Baron Knorrheim einige Mal in der Hauptstadt in Abend gesellschaften bei Tante Anna, der Schwester meines verstorbenen Vaters. Er er wies mir Aufmerksamkeiten, ich war artig, munter, ohne ihm irgend wie ent gegenzukommen. In mir konnte nicht die geringste Ahnung aufkommen, daß er die Absicht haben könne — Clara. Dich zur Frau Baronin machen zu wollen. Emilie (sortfahrend). Meine Mutter schien allerdings von lange her an eine Verbindung gedacht und die Anfänge dazu eingeleitet zu haben. Ich merkte nichts davon. Clara. Ja du ließest Dich schieben, ohne es zu spüren. Emilie. Erst im verflossenen Frühahr machte Mama hie und da Anspielungen, ich hätte dem Baron so wohl gefallen, er erkundige sich nach mir. Sie - ieß durchblickeu, er würde uns nächstens !)ier besuchen. Ich nahm das alles mit ruhiger Gleichgiltigkeit hin, ohne — Clara. Ohne Arges dabei zu denken. Emilie. Nun, »Arges« ist wohl nicht des richtige Wort. Clara. Ei, so findest Du ihn wohl gar nicht so arg? Emilie. Ach! Du quälst mich. (Fortwährend.) Verflossene Woche, an jenem Tage, von dem Du vorhin sprachst, war die Mutter zum letzten Male in der Residenz und kam freudestrahlend von dort zurück. Du warst mit Paul Zeuge ihres Entzückens. In einer Umarmung, unter Freudenthrä- nen verkündigte sie mir, der Baron habe um meine Hand angehalten, Baron Knorrheim, ein zweifacher Millionär. Clara. Ein zweifacher Millionär und Paul ein einfacher Oekonom, das ist freilich ein gewaltiger Unterschied. Emilie. Ich sah meine Mutter glücklich in dem Gedanken, daß sie mir eine glänzende Partie verschafft habe. Es war mir unmöglich dieses Glück, welches ja doch aus Liebe zu mir entsprungen war, durch eine Enthüllung zu vernichten, welche mir allerdings auf den Lippen schwebte, nachdem uns Paul verlassen hatte. Ich verschob dieß auf später. Clara. Du verlorst die Zeit, endlich auch den Muth und schließlich verlierst Du deinen Paul. Die Sache liegt ganz klar. Du siehst vor einem »entweder oder«, d. h. entweder höre ich auf die Vertraute deiner Liebe zu sein, und werde mit gütiger Erlaubniß deiner Frau Mama deine Brautjungfer bei der Vermälung mit Baron Knorrheim, oder aber Du entdeckst Dich deiner Mutter noch heute, es ist die höchste, die allerhöchste Zeit. Emilie (mit einem Seufzer). Ich wage es nicht! Ich habe nie im Leben meiner Mutter widersprochen. Sie hat viel Kummer erlebt. Sie hat Unglück gehabt. Jetzt hat sie Ausfickt, mir und durch mich sich selbst eine schöne Zukunft, wie fie glaubt, zu bereiten. Sie hat, ich weiß es, ieit Jahren den Wunsch in sich ge« trage», die ländliche Zurückgezogenheit, zu welcher wir durch unser mäßiges Einkommen gezwungen find, mit der Rückkehr nach der Großstadt zu vertauschen, sich wieder in jenen Kreisen zu bewegen, aus welchen fie schied, als ihr nach dem Tode des seligen Vaters erst dessen zerrüttete Vermögensverhältnisse klar geworden waren. Sie fühlt fich ja innerlich unglücklich darüber, hier sparen zu müssen. Clara. Mit einem Wort, aus ökonomischen Rücksichten darf der Oekonom nicht geheiratet werden? (Nach einer Pause, da Emilie nicht antwortet.) Liebe Emilie! Ich sehe, Du willst deinen Brautkranz als Märtirerkrone mit Anstand tragen. Sei es darum Nachdem Du Dich zuerst in Paul verliebt hast, wirst Du Dich nach und nach in den Gedanken verlieben, für deine Mutter zu leiden. Das ist schön, das ist antik, das ist großartig. Ich bewundere Dich, aber ich hätte es nicht gethan. Zweite Scene. Ambros, die Vorigen. Ambros. Pst! Emilie (sich umwendend). Was gibt'sH Ambros. Er spukt schon wieder draußen! Clara. Wer? Ambros. Nun! der verdächtige Mensch, den ich schon früher einmal bemerkt habe. Sie wissen ja — Clara. Warum ist er denn eigentlich verdächtig? Ambros. Schleicht er doch herum wie der Fuchs um den Gänsestall. (Beide Mädchen lachen.) O Pardon! Da habe ich was Dummes gesagt. Sagen wir also: wie der Marder um den Taubenschlog. Clara. Wie sieht er denn aus dieser Fuchs oder Marder? Ambros. Nun, so was man sagt »anständig«. Aber es gibt ja auch sehr anständige Spitzbuben. Emilie. Lieber Ambros, ich glaube Du hast unnöthige Angst. Was soll er uns denn anhaben? Ambros. Einbrechen, stehlen und rauben. Clara. Uns beide entführen und das Haus in Brand stecken. (Zu Emilien.) Ihr seid doch assecmirt? Ambros. Der Kerl hat ganz gewiß ausspionirt, daß die beiden jungen Damen allein find, daß niemand daheim ist. Clara. Bist du der Niemand, Ambros? Ambros. Wenn ich sage niemand, so meine ich die gnädige Frau, die nicht daheim ist. Emilie. Hast Du den Fremden angerufen? Ambros. Gott bewahre, ich habe ihn nur immer beobachtet, scharf beobachtet. Er wich nicht vom Flecke. Ja, sehen Sie nur! Dort entdecke ich etwas Schwarzes. (Die beiden Mädchen stehen auf.) Emilie. Ach! Was Du Dir einbildest! Das ist die alte Taxusgruppe. Ambros. Nein, weiter rückwärts. Sehen sie nur, das bewegt sich. Clara. Ambros, Du kaufst ja immer die schwarze Bibliothek? Ambros. Ja, Fräulein. Clara. Da drinnen stehen lauter so imfame Räubergeschichten, und nun siehst du überall Spitzbuben. Ambros. Ach! Ich sehe, was ich sehe! Da hinten ist's einmal nicht richtig. Ich lasse den Hund los. Emilie. Warum nicht gar. « Ambros. Mir scheint, dort steht er jetzt beim Springbrunnen. Emilie. Wo? Wo? (Beide Mädchen gucken nach der Richtung, welche Ambros anzeigt.) Clara. Ich sehe nichts. Emilie (etwas ängstlich). Za. es kommt mir nun selbst so vor. Ambros, lasse doch den Hund los. (Während der letzten Worte erscheint Maienroth hinter einem Gebüsch zur Rechten und geht aus die Veranda zu. Die Mädchen wenden sich bei dem Schall seiner Schritte) — (Emilie schreit laut aus.) Dritte Scene. Maienroth, die Vorigen. Maienroth. Entschuldigung, meine Damen, ich habe Sie erschreckt. (Beide Mädchen stehen noch sprachlos. Maienroth sortfahrend.) Ich irre nicht, Sie halten mich für eine Art von Fra Diavolo, Zampa, Abällino oder dergleichen? Emilie. Allerdings, d. h. wir nicht, sondern — Clara (setzt fort). Sondern unser vorsichtiger Gärtner und Hauswächter, der hatte ähnliche Gedanken. Maienroth. Eben dieser brave Mann allein ist Schuld daran, daß ich so unvermittelt hier eintrete. Er hielt mir nicht Stand, als ich ihn anrufen wollte. Ambros (entschuldigend zu den Mädchen). Ich sage ja, ich habe den Menschen, d. h. den Herrn nur beobachtet. Maienroth. Ah so, beobachtet als verdächtig, nicht wahr? Wie gesagt, es war mir nicht möglich, mich durch ihn anmelden zu lassen, so mußte ich denn etwas plötzlich erscheinen. Darf ich hoffen, daß die Damen mich gütigst für ungefährlich halten wollen? Clara. Ich meinerseits bin darüber vollkommen beruhigt. Was meinst Du, Emilie? Emilie. Ich denke wohl auch. Maienroth (lächelnd). Sehr gütig. Ihr Ambros braucht also den Hund nun nicht loszulassen? Emilie. Ach! Sie haben das gehört? Verzeihen Sie. Maienroth. Es ist an mir, um Verzeihung zu bitten. Gestatten Sie mir nun, meine Damen, Ihnen zu sagen, warum ich so etwas improvifirt hier eingetre- ten bin. Ambros (zu Emilien). Soll ich Sie nun wirklich mit dem Fremden allein lassen? Emilie. Ja. ja, Du magst gehen. Ambros. Zu weit weg gehe ich aber doch nicht, man kann nicht wissen — man kann nicht wissen. (Ab.) Emilie (weist auf einen in der Nähe stehenden Gartenstuhl, Maienroth nimmt Platz, die Mädchen setzen sich wieder an ihren Arbeitstisch). Maienroth. Weil ich schon mit der Thür in's Haus gefallen bin. so erspare ich mir eine weitere Vorrede. (Zu Emilien.) Sie sind allein im Hause, mein Fräulein, das heißt allein mit Ihrer liebenswürdigen Freundin? Emilie (ein wenig betreten). Allerdings. Clara (leise zu Emilien). Soll ich vielleicht Ambros rufen? Emilie (schüttelt den Kopf). Maienroth (zu Emilien). Ich habe absichtlich einen solchen Moment gewählt, um mich Ihnen in Abwesenheit der Frau Mutter zu nähern. Sie sollen bald erfahren warum. Nun zur Sache. Ach heiße Paul Maienroth. Emilie. Paul Maienroth, der berühmte Historienmaler? Maienroth Berühmt? Das ist zu viel gesagt. Mich wundert, daß mein Ruf zu Ihnen gedrungen ist. Clara. O, ich bitte, wir lesen ja die Blätter, z. B. die Jllustrirte Zeitung — Emilie. In dieser sahen wir neulich Ihr Porträt und lasen Ihre Biographie. Sie sind ja hier in der Gegend geboren? Maienroth. Ganz richtig. Das Ge- 7 burtshaus Paul Maienroth's steht nich weit von jenem eines — anderen Pan! — eines gewissen Paul Welling — Emilie (rasch). Sie kennen ihn? Clara. Mir scheint, da stehen wir vor einer neuen Verwicklung unserer Liebes affaire. Maienroth. Ich kenne Paul seit 25 Jahren oder wenn Sie wollen seit Tagen. Vor 25 Jahren habe ich ihn zur Taufe getragen. Fünf Jahre später verließ ich die Gegend und kam erst vor einer Woche wieder. Natürlich hatte sich Paul seither ein wenig verändert. Clara. Sie haben ihm auch genuc^ Zeit dazu gelösten. Maienroth (zu Emilien). Hat Ihnen der jüngere Paul je einmal von dem älteren erzählt? Emilie. Ach ja. ich weiß. Ein Guts befitzer aus der Nähe sollte sein Tauf pathe sein. Dieser war, glaube ich, im letzten Augenblick verhindert. Maienroth (fortfahrend). So ist es Ich, damals ein ganz junger Maler (sich unterbrechend mit einer Verbeugung), so wie ich jetzt ein nicht mehr gan^ junger Maler bin. hatte eben in dem Gute zugesprochen, welches die braven Pächtersleute, die Eltern des kleinen Schreihalses, bewohnten und welches dieser damalige Schreihals, jetzt Oekonom Paul Welling, noch heute bewirthschaftet. Ich sah die Verlegenheit der mir schon bekannt und lieb gewordenen Familie, als ihnen so zu sagen die wichtigste Person zur Taufhandlung plötzlich abhanden gekommen war. Schnell entschlossen bot ich mich als Stellvertreter an, der Antrag wurde dankend acceptirt, und so trug ich, nicht wenig stolz auf meine Würde, das Kind zum Taufacte in die Dorfkirche. Einige Jahre nach dieser Gott und den Menschen wohlgefälligen Handlung verließ ich die Gegend und das Land. Emilie. Ja — eine unglückliche Liebe war die Ursache. Maienroth. Woher misten Sie — Clara. O, aus der illustrirten Zeitung. Maienroth. Ach so? Der Teufel hole die Zeitungen — o — Sie entschuldigen. Nicht wahr, dergleichen von einer Jugendliebe liest sich ganz interessant in einer Künstlerbiographie? Es wird Reclame daraus. (Litirend:) »Paul Maienroth vertiefte sich von da ab ganz in seine Kunst, die Palette ward seine Braut und eine Reihe der seelenvollsten Bilder datirt aus dieser Zeit der verschmähten ersten Liebe.« Clara. Ja ja, ganz so ungefähr stand es in der »Illustrirten«. Emilie. Ist die Jugendliebe keine Erfindung? Maienroth. Leider nein. Ich wollte, der Verfasser der Biographie hätte nichts dergleichen von mir zu erzählen gehabt. Emilie. Ach, da bedauere ich Sie vom Herzen, ich kann mir denken, wie Ihnen gewesen sein mag. Maienroth. Als meine Herzensgeliebte einen Andern heiratete? Können Sie sich das denken? Emilie (ausweichend). Bitte, fahren Sie fort. Maienroth. Nach zwanzigjähriger Abwesenheit, die mich weit hinaus in die Welt führte, empfand ich das Bedürfnis das Fleckchen Erde wieder zu sehen, auf dem ich meine Kindheit, meine Jugend verlebte. Ich suchte unser Wohn- iaus auf, es wohnen fremde Leute darin. Ihnen galt auch mein Forschen nicht. Aber der Bach, in welchem ich damals meine Papierschifflein schwimmen ließ, die alten Nußbäume, auf denen ich herumgeklettert war, die Gartenmauer, welche ich mit meinen ersten Zeichnungen verunglimpft hatte, der schmale Pfad, auf dem meine selige Mutter mich die ersten Schritte machen ließ, und der Friedhof, wo sie begraben liegt, das waren die 8 alten Bekannten, welche ich aufsuchte, Diese tobten Gegenstände ließ ich zu mir reden und sie rührten mich zu Thränen. Clara. Sie find ein braves Herz, Herr Maienroth. Maienrolh. Noch ein Haus fesselte meine Schritte, jener Pachthof, in dem ich damals als Taufpathe fungirt hatte. Er stand noch so ziemlich so wie vor zwanzig Jahren. Die Pächtersleute waren freilich auch heimgegangen, doch der Kleine, d. h. ich meine unfern Paul, der lebte. Ich fand ihn trauernd, nach Mittheilung lechzend, eines Freundes bedürftig. Dieß wurde ich ihm nach wenigen Tagen, ein Freund, ein Verbündeter. Clara. Verbündeter? darauf habe ich gewartet, das hatte ich mir gedacht. Emilie. Wie soll ich das Wort verstehen? Maienroth. Ich komme zur Sache. Mein Fräulein, ich bin hier als Bevollmächtigter, als alter e§o Pauls mit der Frage: Welche Antwort haben Sie auf seinen Brief von gestern? Emilie. Don gestern? Sie kennen den Inhalt dieses Briefes? Maienroth. So ziemlich. Der junge Mann bittet dringend um eine letzte Unterredung mit Ihnen. Emilie. Allerdings, sehr dringend. Und was sagen Sie dazu? Maienroth. Was ich dazu sage? Zusagen! Clara. Nicht wahr? ganz meine Meinung. Welling ist kein Mann, den man so mir nichts dir nichts fallen läßt. Maienroth. Nein, das ist er nicht. Bleibt aber sein Brief ohne Antwort, so find wir beide, ich und er, über das Weitere einig. Paul verkauft seine Be- fitzung und verläßt diese Gegend. Emilie. Er verläßt fie — Maienroth. Ja, er geht mit mir auf Reisen nach Italien, nach Egypten, nach Indien, je weiter desto besser. Sie treiben ihn fort. Emilie. Ich? Aber mein Gott, was soll ich — Maienroth. Ihn kommen lassen — Emilie. Aber die Mutter — Maienroth. Eben deshalb. Ich halte eine Katastrophe für nothwendig. Emilie (erschreckt). Eine Katastrophe? Sie wollen — eine Katastrophe? Maienroth. Durchaus! Warum ich mir dieses etwas zu active Eingreifen erlaubte, soll Ihnen später klar werden. Genug an dem; ich möchte Paul glücklich sehen, denn er ist gut, — ich möchte ihn mit Ihnen verheiratet wissen, denn Sie lieben ihn ja, und auch Sie find gut. Emilie (verlegen und beschämt). Woher wissen Sie das? Maienroth. Was? daß Sie in Paul verliebt find, das sehe ich in Ihren Augen, so oft ich den Namen nenne; daß Sie gut find, weiß ick aus dem, wie die Armen und die Kinder von Ihnen sprechen. Clara. Sie meinen also wohl, die Kinder und die Armen reden die Wahrheit? Maienroth. In gewissen Dingen wohl. (Zu Emilien.) Also — Ihr Entschluß, mein Fräulein? Emilie. Was soll nur die — Katastrophe, wie Sie es nennen, jetzt noch helfen? Maienroth. Vielleicht doch, wenn ich mithelfe. Weisen Sie ihren Alliirteo nicht so kurzweg von der Hand. Das Fräulein (mit der Hand nach Clara weisend) — Clara. Ich heiße Clara. Maienroth. Also Fräulein Clara steht hinter Ihnen, ich stehe hinter Paul, das müßte doch sonderbar zugehen, wenn wir Zwei, ich und (zu Clara) Sie, Fräulein Clara, es nicht dahin brächten, daß die andern Zwei Eins werden. (Zu Emilien.) Also Sie lehnen nicht ab? 9 Emilie. Mir scheint, ich höre Mama kommen. Maienroth. Schon? Dann entscheiden Sie sich, nein oder ja? Emilie (leise). Ja. Maienroth. Gut! Dann also das verabredete Zeichen für Paul. (Nimmt seine Mütze, steckt sie aus seinen Spazierstock und wirbelt sie, zum Fenster tretend, in der Luft.) Clara. Das heißt wahrscheinlich — Maienroth. Das heißt, er darf kommen. So! das wäre geordnet. Nun mag die Mama erscheinen. Clara. Da ist sie auch schon. Vierte Scene. Frau v. Starkenberg, Emilie, Clara, Maienroth. Emilie (ihrer Mutter entgegeneilend). Ach! Mütterchen, wo bliebst Du so lange? Frau v. Starkenberg. Alles deinetwegen, Herzenskind. Emilie. Und siel) nur, da haben wir Besuch erhalten, ein Fremder und doch eigentlich kein Fremder, ein Lands> mann. Clara. Ein berühmter Landsmann. Maienroth. Der MalerPaul Maienroth, gnädige Frau. Erinnern Sie sich des Namens? Frau v. Starkenberg (zusammenzuckend). Ach, ja wohl. Maienroth. Und auch noch des Mannes? Frau v. Starkenberg (bemüht, ihre Erregung zu verbergen). Wie hätte ich ihn vergessen können! (Gibt ihm die Hand.) Maienroth. Wie lange haben wir uns nicht gesehen? Frau v. Starkenberg (gewaltsam in den Konversationston einlenkend). Sie haben sich in weiter, weiter Ferne Herumgetrieben, find Ihrem Geburtslande förmlich aus dem Wege gegangen. Maienroth. Nicht dem Lande, gnädige Frau, nur den Erinnerungen, die an diesem Boden haften. Ich mußte alte Wunden in der Fremde vernarben lassen. Emilie (bei Seite zu Klara). Was hat nur die Mutter und unser Maler, sie kennen sich gegenseitig, wie es scheint, seit lange, die Mutter war so seltsam bewegt. Clara. Ich bemerkte es wohl auch, warte nur. Maienroth. Ich bin wohl sehr überraschend gekommen, gnädige Frau, gestehen Sie es nur. Frau v. Starkenberg. Allerdings, ich war nicht darauf gefaßt; aber vor Allem lassen Sie doch das förmliche »gnädige Frau«. ich bitte Sie darum, lieber Maienroth. (Zu Emilien und Klara.) Denkt nur, Kinder, das ist ein alter, lieber Bekannter (speciell zu Emilien gewendet), ein werther Freund deiner Mutter. (Zu Maienroth.) Aber wie prächtig Sie aus- sehen, bester Maienroth. Und seit wir uns nicht sahen, ist doch eine schöne Reihe von Jahren verstrichen. Maienroth (ernst). Es find heute eben zwanzig Jahre. Frau v. Starkenberg. Zwanzig Jahre schon? Ist das gewiß? Maienroth. Gewiß! Ich habe sie gezählt, gnädige Frau. Frau v. Starkenberg. Schon wieder dieses häßliche Wort! Könnten Sie sich wohl entschließen wieder Emilie zu mir zu sagen, wie damals? (Da Maienroth sich stillschweigend verbeugt, wendet sie sich rasch ihrer Tochter zu.) Liedes Kind! Herr Maienroth soll Dir ein werther Freund sein, ich schätze ihn hoch. (Zu Maienroth.) Ja, wollen Sie der Freund meiner Tochter werden? Maienroth (Emilien die Hand reichend). Ich bin es schon, nicht wahr, Emilie? 10 Clara (leise zu Emilien). Ist Dir die Sache klar? Emilie. Ich vermuthe wohl. .. Clara. Es liegt auf der Hand. Jetzt verstehe ich die illustrirte Zeitung ganz. Seine erste Liebe ward deine Mutter. Emilie (mit einem leisen Schrei). Wirklich? (Beide ziehen sich ein wenig nach dem Hause zurück.) Frau v.Starkenberg. Nun also, liebster, bester Freund, affen Sie sich erst recht mit Ruhe besehen. Sie haben sich ja so zu sagen gar nicht verändert? Mich wundert nur, daß ich Sie nicht im ersten Augenblicke erkannt habe. Erzählen Sie mir doch ein bischen von Ihren Erlebnissen in den verschiedenen Welttheilen. Doch wozu! Weiß ich doch die Hauptsachen ohnehin. Maienroth (lächelnd). Aus der illu- strirten Zeitung. Frau v. Starkenberg (etwas verlegen). Ja wohl! Jndeß sind das doch nur trockene, flücht'ge Nachrichten, nur Silhouetten aus Ihrem Lebenswege. Aus Ihrem eigenen Munde möchte ich noch so Manches erfahren. Nun, dazu wird sich wohl Zeit finden, wenn Sie länger bei uns bleiben. Maienroth. Das wird nicht so lange dauern. Vielleicht nur noch einige Tage. Frau v. Starkettberg. Sprechen Sie im Ernste? Sie denken bereits wieder abzureisen? Maienroth. So ist es, werthe Freundin. Ich will fort mit einem jungen Freunde, den ich hier gefunden habe. Er will die Gegend verlassen (mit Betonung) aus einem ähnlichen Grunde wie jener, welcher mich damals vertrieb. So nehme ich ihn denn mit mir (winkt Emilien bedeutsam), wenn nicht eine Wendung noch möglich ist. (Emilie hat seinen Blick ausgefaßt, ergreift Clärens Hand und verläßt, sich nochmals nach Maienroth umwendend, die Veranda. Beide ab ins Haus.) Fünfte Scene. Maienroth, Fr. v. Starkenberg. Frau v. Starkenberg. Es schmerzt mich wahrhaft, daß Sie, kaum wiedergekehrt, schon wieder zu scheiden gedenken. So darf ich Sie nicht einnial bitten. Brautführer bei meiner Tochter zu sein? Emilie heiratet. Maienroth. Einen Baron, zweifachen Millionär, ich weiß es. Frau v. Starkenberg. Nun, Sie wünschen mir nicht einmal Glück dazu? Es wird eine glänzende Partie. Maienroth. Ja, was man so dergleichen nennt. Frau v. Starkenberg (risrig). Nun ja doch! Er besitzt ein Palais in der Stadt, einträgliche Ehrenstellen, führt ein glänzendes Haus- Maienroth (einfallend). Ist wahrscheinlich mehrfacher Verwaltungsrath und Ordenbefitzer.. Sagen Sie doch, liebe Freundin, wie alt ist dieser Baron? Frau v. Starkenberg. Nun, ungefähr so alt wie Sie. Maienroth. So! Ich kann nicht sagen, daß das zu viel ist, meine persönliche Eitelkeit verbietet es mir; indeß ich meine, wie alt ist der Baron als solcher? Verstehen Sie, ich meine, seit wann datirt sein Adelsbrief? Frau v. Starkenberg (ein wenig zögernd). Ich glaube seit fünf Jahren. Maienroth. Ahan! Und die Millionen find — ehrlich verdient? Frau v. Starkenberg. Wie können Sie zweifeln? Maienroth. Nun, ich frage ja nur. Uebrigens, offen gestanden, ich habe immer ein kleines Mißtrauen gegen diese so schnell aufgeschossenen Kinder des Glücks. Sie sind in der Regel innerlich nicht gesund. Solch' ein Millionär von gestern auf heute ist häufig ein Millionär von heute auf morgen. Aber nehmen wir 11 den besten Fall. Nehmen wir an, Baron Knorrheim bliebe Millionär, wie er's ist, und ein ehrlicher Mann, wie er's doch auch ist. Eins ist gewiß, seine 45 Jahre bleiben ihm. Frau v. Starkenberg. Nun. das ist ja doch kein so hohes Alter? Ueber- gens ist er erst 44. Maienroth. Erst 44 und Emilie? Frau v. Starkenberg. 18. Maienroth. 18? Also (leicht hinge- worsen) Fräulein Clara ist älter? Frau v. Starkenberg. Gewiß! Elara ist nahezu 22. Maienroth (wiederholend). 22? Doch um wieder auf unser Thema zu kommen, die Hauptfrage bleibt: »Was meint die Tochter von dem Gatten, welchen die Mama ihr erkoren hat?« Frau v. Starkenberg. Wie verstehen Sie das? Maienroth. Ich denke, liebe Freundin, es läßt sich nur auf eine Art verstehen. Aufrichtig gesagt, ich wußte schon etwas von der Herrlichkeit, mit welcher Sie Ihre Tochter überschütten wollen. ! Wir sprachen vorhin zusammen und wenn^ ich richtig gesehen habe, so ist das liebe Kind von diesem Glanze weder geblendet noch sonderlich entzückt. Im Gegencheil glaube ich an ihr eine gewisse Resignation zu entdecken. (Warm.) Zch frage > Sie, Emilie, mit dem Rechte eines alten Freundes frage ich Sie: Besitzt der Bräutigam Ihrer Wahl das Herz Ihrer! Tochter, fühlt sie sich zu ihm hingezogen, mit einem Wort: »liebt sie ihn?« Ist das klar genug gefragt? Frau v. Starkenberg. O, ich will eben nicht sagen, daß Emilie in ihren Zukünftigen vernarrt ist. Wie wäre es auch möglich, sie kennt ihn ja kaum erst. Eine Heirat ist ja auch nicht Sacke der Leidenschaft und der persönlichen Zuneigung. Die Liebe kommt wohl nach der Hochzeit. Maienroth. Und wenn sie nicht kommt? Frau v. Starkenberg. Dann geht's auch ohne sie. Maienroth. Vortrefflich, gnädige Frau. Ich bin nur ein einfacher Künstler, und Sie wissen gewiß den Marktpreis eines Gemals besser zu taxiren als ich. Aber sagen Sie mir doch, woher kommt dann die sichtliche Gedrücktheit, welche das junge Mädchen nicht zu verbergen vermag? fände ich sie Angesichts einer Dernunftheirat nur kühl und gleichgiltig, so würde ich das verstehen; es wäre der Ausdruck eines fein besaiteten und stolzen Gemüthes. Aber wie erkläre ich mir die Wolken auf ihrer Stirne, die Seufzer aus ihrer Brust, den matten Blick ihrer Augen, in welchen zuweilen eine Thräne glänzt? Sie leben Tag für Tag an ihrer Seite, und nichts von all' dem fällt Ihnen auf? Zch sage Ihnen, ich, das Kind ist unglücklich. Frau v. Starkenberg. Unglücklich! Meine Tochter? Maienroth. Sie ist es. Und sexen wir den Fall, das liebe Kind wäre nicht allein verurtheilt, liebeleer einen unbekannten Manu zu heiraten, denken wir noch an etwas Anderes. Haben Sie das Herz Emiliens geprüft? Sind Sie wenigstens ganz sicher darüber, daß darin keine Liebe für jemanden Andern schlummert? Frau v Starkenberg. Ach Gott! Daran erkenne ich Sie. Der reine Romantiker! Weil Emllie nicht imrner lustige Einfälle hat und vor Uebermutb sprudelt wie z. B. Clara, so belieben Sie in ihr schon ein Opfer zu erblicken Meine Tochter ist unter meinen Augen aufgewachsen. Wen soll sie wohl lieben? Irgend ein Ideal, vielleicht einen Wär- chenprinzen, ein Hirngespinnst? Maienroth. Seit vorigem Jahre empfangen Sie ja wohl in Ihrem häus- 12 lichen Kreise einen Nachbar aus dieser Gegend? Frau v Starkenberg. Den jungen Paul Welling? Ganz recht. Was wollen Sie damit? Maienroth. Ist es Ihnen niemals eingefallen, daß dieser junge Mann Ihre Tochter lieben könnte? Frau v. Starkenberg. Bei Gott, nein! Maienroth. Auch nicht daß Zhre Tochter in ihn verliebt sein könnte? Frau v. Starkenberg. Sie, in den jungen Menschen? Maienroth. Ja, in den jungen Menschen. Frau v. Starkenberg. In Paul, der nichts im Kopfe hat, als Grassamen, Hühnerzucht, Waldcultur und Milch- wirthschaft? Maienroth. Und wenn es nun doch so wäre? Frau v. Starkenberg. Ach! Sie find nicht klug. Maienroth. Und ich wiederhole, wenn sie ihn liebte, was dann? Frau v. Starkenberg. Nun, mein theurer Freund, wenn das der Fall wäre, so müßte sie ihn einfach aufgeben. Denn so viel steht fest, wäre auch mein Wort nicht schon verpfändet, so gäbe ich meine Tochter doch nie und nimmermehr einem Bauernsohn. Maienroth. Haben Sie sich denn wohl Mühe gegeben, diesen Bauernsohn näher kennen zu lernen? Ich sage Ihnen, er ist von tüchtigem Stoff. Frau v. Starkenberg. Ach, ich bitte Sie, ein junger Mensch mit be- schränkten Mitteln, der an der Scholle klebt und von der lieben Welt nichts kennt als seine Wirtschaft! Soll meine Tochter vielleicht bei ihm die Kühe melken? Maienroth. Nun, das Milchgeschäft ist im Grunde eine ganz anständige Erwerbsquelle. Es ist doch wenigstens immer eine Controle dabei, der Galaktometer. Bei anderen Geschäften kommt man oft viel später darauf, daß nicht Alles mit rechten Dingen zuging. Uebri- gens fällt es mir ja nicht ein, zu glauben, daß Welling's Frau mit der Milch zu Markte fahren soll. Er ist ja doch ein Landwirth größeren Styls, verdient alle Jahre rein seine sicheren paar tausend Gulden. Frau v. Starkenberg (ironisch). Wahrhaftig! Ein paar tausend Gulden? Vielleicht 3-, 4-, wohl gar 5000 Gulden, das ist ja ganz gewaltig viel. Glauben Sir im Ernste, mein naiver Romantiker, daß heutzutage ein junger Haushalt mit jährlichen 4- oder 5000 Gulden Staat machen rann? Maienroth. Ich glaube, daß ein solches Einkommen zu einer glücklichen Häuslichkeit vollständig ausreicht. Muß denn Staat gemacht werden? Liegt in der großen Welt das große Glück? Messen Sie die Seligkeit eines jungen Ehepaares nach der Zahl der Appartements, die es bewohnt, nach der Zahl der Bedienten, die es hält, nach der Ziffer der Pferde, die im Stalle stehen? Schlimm genug, wenn einem jungen Ehepaar sein Haus zu enge wird, wenn es nicht sein liebstes Glück zwischen vier Wänden und unter vier Augen finden kann. Frau v. Starkenberg. Erlauben Sie. Freund Maienroth, Sie malen da ein Stillleben und das ist ja nicht Ihr Fach, auch ist es nicht Mein Geschmack. Ich habe mir einmal etwas Anderes gedacht. Ich schwärme nicht für ländliche Einsamkeit, für die Freuden der Genügsamkeit und für die Poesie im Genre von »einer Hütte und ein Herz*. Ich habe jene Freuden kennen gelernt, ich habe diese Gattung Poesie durchgemacht und genug davon bekommen. Lassen wir das. Darüber werden wir nie zu einerlei Anficht gelangen. Heutzutage haben die Ledensbedingungen und die Lebensweise einen Umschwung erfahren, von dem Sie nichts zu wissen scheinen. Maienroth. Wollen Sie mir vielleicht vorrechnen, um wie viel Percent seit zwanzig Jahren Alles theurer geworden ist? Fcau v. Starkenberg. Auch das gehört zur Sache. Unter Leben verstehe ich nicht vegetiren. Heutzutage hat bei einer Heirat die Brieftasche auch ein Votum abzugeben. Maienroth. Und das Herz hat zu schweigen. Nicht wahr? Oder vielmehr, es wird nicht gehört, weil die stumme Ziffer lauter spricht. Die Liebe ist nichts mehr, das Budget ist Alles? Frau v. Starkenberg. Die Liebe hat nur einen Morgen, die Jugend hat nur einen Tag, die Romantik hat nur einen Frühling, aber das Leben ist lang, lieber Maienroth. Nochmals, brechen wir ab davon. Wenn Paul Welling seine Augen wirklich zu meiner Tochter erhoben hat, wenn er sich einbildet. Emilie könne die Seinige werden, so thut's mir leid, daraus kann nichts werden. Was das Mädchen anbelangt, das seien Sie ganz ruhig, sie denkt nicht an den jungen Menschen und hat niemals an ihn gedacht. Maienroth (ernst und bestimmt). Sie irren, Madame, sie denkt nur an ihn, sie liebt ihn. Ich habe den Beweis dafür. Frau v. Starkenberg (aufspringend). Das ist nicht möglich! Ich will Emilien rufen. Maienroth. Halt! Kaltes Blut. Frau v. Starkenberg. Ich will nichts weiter hören. Maienroth. Ein Wort noch! Lassen Sie eine halbe Stunde verrinnen, ehe Sie irgend etwas unternehmen, dann sollen Sie den Beweis haben, so deutlich Sie ihn uur wünschen können. Eine halbe Stunde also? Frau v. Starkenberg. Gut denn! Aber Sie irren sich, Sie müssen sich irren ; ich kann es nicht glauben. (Frau v. Star, kenberg rasch ins Haus ab.) Sechste Scene. Maienroth, Clara (welche während der letzten Worte im Hintergrund sichtbar wird, geht rasch auf Maienroth zu). Clara. Nun, Herr Alliirter, wie steht die Bataille? Maienroth. Ich hoffe, es kann noch Alles gut werden. Clara. Ach! I'out psut so rötadlir. Das hat Napoleon nach der Schlacht bei Wörth auch gesagt, aber es kam anders. Maienroth. Nun, ich denke nicht daran, die Waffen zu strecken. Ich habe eben, so zu sagen, den ersten Sturm gewagt, aber lange noch nicht alle Geschütze spielen lassen. Clara. Ach! ganz recht. Maienroth. Namentlich rechne ich auf eine maskirte Batterie, von welcher der Feind bisher keine Ahnung hat. Clara. So! Das ist wohl die bewußte Katastrophe? Maienroth. Sie haben es errathev. Aber nun muß ich der Mama Starkenberg nach. Ich darf sie nicht aus den Augen lassen, damit sie mir nicht etwa meine Minen zerstört. (Ab nach dem Hause in der Richtung, nach welcher Frau v. Starkenberg abgina.) Siebente Scene. Clara, Emilie, Paul. Clara (nach dem Hintergründe sehend). Ach! Das klappt ja vorzüglich; da kommt eben unser junger Landwirth mit Emilien. Ei! wie traurig beide die Köpfe hängen lassen, da bin ich zuversichtlicher. Ich habe Vertrauen auf unseren Schutzgeist. 14 Paul (im Austreten zu Emilien). Herzlichen Dank für Ihre Güte, Fräulein Emilie. Ich mußte noch einmal kommen, ich konnte nicht von hier scheiden, ohne mich noch einmal Ihnen gegenüber auszusprechen. Emilie. Aber lieber Welling, wozu brauchten Sie eigentlich erst eine Zusammenkunft zu erbitten? Niemand ver> wehrte Ihnen ja, unser Haus auch jetzt noch zu besuchen, so oft Sie mochten, wenn auch freilich — Paul. Wenn auch freilich als Zeuge, wie ein Anderer von jenem Glücke Besitz nimmt, welches ich für mich erträumt hatte. Nein, Emilie! Sollte ich Ihnen vielleicht zusehen, wie Sie die Ausstat- tuna für Ihre Hochzeit fertig schaffen? Clara. Siehst Du, da hat er Recht, Emilie. Denke Dir, wenn Du so vor seinen Augen den gewissen Namenszug oder das gewisse Monogramm, das verschlungene S. u. K in die Leibwäsche gemerkt hättest, da wäre ja jeder Stich in sein Herz gegangen. Emilie. Aber warum haben Sie auch früher sich nicht deutlich merken lassen, daß Sie (stockend) Sie — Paul. Daß ich Sie liebe? Clara. Nun ist's heraus! Das Wort höre ich heute zum ersten Mal. Paul. Es hatte für mich einen eigen- thümlichen Reiz, eben dieses Wort unausgesprochen zu lassen. Ich lebte beglückt in der stillen Gewißheit, daß Sie mir längst ins Herz gesehen hatten. So schaffte ich mir jeden Tag die reizende Verlängerung eines wonnigen Verhältnisses zu Ihnen, Emilie. Ich wollte den dünnen, zarten Schleier nicht heben, welchen Sie ja doch durchschauten. Ich wollte den frischen Morgen unserer Liebe so lange als möglich genießen. Clara. Darüber habrn Sie die andern Tagesstunden versäumt. Jetzt wird es plötzlich Abend und vielleicht geht Ihre Liebessonne unter (halb für sich), wenn nicht der neue Josuah, der uns erstanden ist, ihr Stillstand gebietet. Emilie (zu Paul). Ich verstehe Sie und habe Sie lange schon verstanden. Aber erst ein actives Heraustreten Ihrerseits hätte mir den nöthigen Muth gegeben. Clara. Sei so freundlich und suche jetzt keine Ausreden. Ihr hattet beide keine Courage, so liegt die Sache. Paul. Es ist nicht so leicht, den Sprung aus der Stellung des Hausfreundes in jene des Liebhabers auszuführen. Clara. Ah, den gewissen Sprung, bei welchem man auf die Knie fällt? Paul (zu Emilien). Es war auch die Gelegenheit nicht günstig. Wir waren nie allein, immer war Ihre Frau Mama dabei oder doch wenigstens Fräulein Clara. Clara. Sie geben mir in der deutlichsten Weise zu verstehen, daß ich jetzt wenigstens überflüssig bin. Paul. Nicht doch, so war's nicht gemeint. Emilie. Bleibe doch, ich bitte Dich. Clara. Nein, nein! Ich höre keine Bitte, Euer Bund braucht keine Dritte. (Geht nach dem Hintergründe des Hauses ab. Emilie und Paul folgen ihr langsam und verschwinden nach und nach hinter dem Gebüsch.)« Achte Scene. Maienroth und Frau v. Starkenberg (kommen aus dem Hause und bleiben im Vordergrund der Veranda). Frau v. Starkenberg. Die halbe Stunde ist um, ich warte auf die Beweise Maienroth. Ohne Sorge — ich halte mein Wort. Vorerst hier etwas Schriftliches. Frau v. Starkenberg. Was ist das? 15 Maienroth. Wie Sie sehen, ein Brief und zwar ein Liebesbrief. Emilie hat ihn an Paul geschrieben. Frau v. Starkenberg. Wie?.... Kann es denn sein! Geben Sie mir den Brief. Maienroth (bestimmt). Nein! Ich werde Ihnen den Inhalt nur vorlesen und das wird genügen. Bitte, setzen Sie sich. (Maienroth rückt einen Gartenstuhl der» art in den Vordergrund der Veranda, daß ^rau v. Starkenberg dem Hintergründe den Rücken kehrt, während er ihr gegenüber so Platz nimmt, daß ihm die Aussicht nach allen Seiten frei bleibt. Er entfaltet den Brief und beginnt:) Paul, mein theurer Paul, ich liebe Dich und muß Dich ver- lieren. Ich liebe Dich — Frau v. Starkenberg. Unglück« liches Kind! Das hatte ich nicht erwartet. Ich muß den Brief haben. (Streckt rasch die Hand darnach aus, Maien« roth faßt ihre Hand und hält sie zurück.) Maienroth. Geduld! Lasten Sie mich fortsahren. Frau v. Starkenberg. Finden Sie Vergnügen daran, mich zu foltern? Maienroth. Ich bitte, beruhigen Sie sich. Dieser Brief enthält nichts, was Sie verletzen könnte, nichts, worüber Jene zu erröthen hätte, die ihn geschrieben hat. Jedes Wort gibt Zeugniß für ein reines Gemüth, für ein edles, wackeres Herz. Hören Sie weiter. (Lesend:) »Paul, mein theurer Paul, ich liebe Dich und muß Dich verlieren. Ich liebe Dich und sage Dir Lebewohl. Vergib mir! Was konnte ich gegen den Willen meiner Mutter? Ich hatte dagegen nur meine stillen Lhrä« neu. Meine Widerstandskraft ist erschöpft. Mein theurer Paul, wir müssen uns trennen. Kaum weiß ich mehr, was ich schreibe. Mein Herz ist gebrochen, mein Kopf verwirrt. Ach, gute Mutter, Du ahnst nicht, was ich leide, Du nimmst mein Opfer hin, als wenn es mich nichts kostete. Du bist glücklich und vernichtest mein Glück für immer. Mein theurer Paul! Unser Verhältniß gilt nur als Kinderspiel und Liebesnarrheit. Du bist zu arm, Du bist nur von niederer Herkunft. jener Andere aber ist reich und vornehm. Das sind die Gründe, mit welchen man mich niederschmettert. Für Eitelkeiten, welche ich nicht versiehe, muß ich Dich ausgeben, weil meine Mutter nur einen Edelmann zum Schwiegersöhne will. Was wirst Du thun? Du kannst nicht hier bleiben. Erspare mir den Jammer, daß ich nahe an Dir vorüber unter deinen Augen mit einem Anderen zum Altäre. gehe. Verlasse mich. Gehe fort, weit fort von hier. Du nimmst meine ganze Seele mit. Ich werde Dich nicht mehr sehen, Dich, den Freund meiner Kindheit, den treuen Gefährten meiner jungen Jahre. Lebe wohl! Es ist bestimmt in Gottes Rath, daß man vom Liebsten, was man hat, muß scheiden. Lebe wohl für immer! (Frau v. Starkenberg hat das Vorleseg des Brieses mit zunehmendem Erstaunen und sichtlicher Ergriffenheit angehört. Als Maienroth endigt, läßt sie das Haupt finken und verdeckt die Augen mit den Händen.) Maienroth. Sie zweifeln wohl nicht an der Echtheit des Briefes? Er ist unterzeichnet »Emilie«. Jetzt sollen Sie ihn haben. (Gibt ihr den Brief.) Frau v. Starkeoberg (greift mit einer Hand hastig nach dem dargebotenm Brief, knittert ihn zusammen und hält ihn fest; nach einer Pause.) Es ist mein eigener Brief, den ich vor 20 Jahren an Sie geschrieben habe. Sie wollen mich damit demüthigen. Warum? Das hier ist meine Handschrift. Was wollen Sie daraus folgern? Machen Sie es mir zum Vorwurf, daß ich heute nicht mehr denke und fühle wie als junges Mädchen? Damals schien mir der Wille meiner Mutter tyrannisch. Heute finde ich. daß sie Recht hatte. Jetzt bin ich die Mutter. Das Leben hat mich in Man- 16 chem geändert, in Vielem gestählt. Rechnen Sie die Erfahrung für nichts? Maienroth Die Erfahrung? Darauf wollen Sie sich stützen? Nun denn! Sagen Sie doch, was hat Ihnen diese Erfahrung gelehrt? Haben Sie damit den Weg zum Glücke gefunden? War die Ehe, welche Sie eingingen, derart beschaffen, daß Sie Ihre Tochter in dieselbe Bahn drängen, sie den nämlichen Zufällen preisgeben wollen? Frau v. Starkenberg. Meine Ehe hatte wenigstens das Eine für sich, daß ich von vornherein auf alle Illusionen verzichtete. Diese Illusionen eben sind aber in der Regel sehr gefährlich bei der Heirat aus bloßer Neigung. Maienroth (heftig). Das sagen Sle, und sagen es mir? So kommt denn wirklick im Leben eine Stunde, in der man sich seiner Jggend nur erinnert, um sie zu verläugnen und zu höhnen? In der Jugend kämpft man muthig gegen die Klippen und später wird man selbst der Fels, an dem man die folgende Generation zerschellen läßt? Muß es denn wirklich immer so sein? Nein! Nicht immer! Ich danke meinem Schöpfer, daß ich nicht so (mit Betonung) praktisch geworden bin. in älteren Tagen vor dem Götzen der Selbstsucht das Knie zu beugen. Frau v. Starkenberg. Sie verstehen mich nicht. Hätten Sie es lieber, daß man die Jugend so frei gewähren lasse? Sollen die Vernunft und die Er- savrung sich unreifen Phantasien gänzlich unterordnen? Maienroth. Ich meine, die Vernunft soll sich nachsichtig zeigen, wo die Leidenschaft berechtigt ist, und statt sie zu unterdrücken, sie nur lenken. Ich denke mir die Erfahrung nicht losgeriffen von der Erinnerung an die Thräaen. welche sie gekostet hat. so daß sie Denen, welche nach uns kommen, erlauben kann, den Traum auszuträumen, welchen wir begonnen haben Ich möchte, daß der Abend nicht dem Morgen Hohn spreche; ich möchte endlich, daß der Glaube, der Enthusiasmus, die Selbstlosigkeit, alle diese erhabenen Gefühle, diese edlen Regungen des Herzens, nicht dazu verdammt sein sollen, ewig nur Illusionen der Jugend gescholten zu werden. Frau v. Starkenberg. Aber lieber Freund Maienroth, (achselzuckend) wozu ereifern Sie sich denn? Wenn man Sie hört, sollte man darauf schwören, es bandle sich da um das Schicksal von ganzen Nationen und doch ist hier nur von einer ländlichen Idylle, allenfalls von einer kleinen Elegie die Rede. Wozu der Lärm? Weil nicht alle kindischen Liebschaften mit der Ehe endigen, braucht man dock nicht an der Menschheit zu verzweifeln! Ja doch! Ja! Wir haben einander geliebt, wir haven beide unfern kleinen Roman zusammen gehabt. Nun, wir find Keines daran gestorben und ich finde Sie wieder als berühmten Künstler bei ziemlich gutem Witz, wie ich höre, und bei noch vortrefflicherer Gesundheit, wie ich sehe. Maienroth (sehr ernst). Wenn ich an meinen Erinnerungen nicht gestorben bin. so liegt es daran, daß dieser kleine Roman für mich die große Geschichte meines Herzens war, welche ich in einsamen Stunden immer wieder durchblätterte. Sie aber haben in der Welt Vergessen für das Erlittene gesucht, Sie haben, um sich über die Oede Ihres Gemüthes zu täuschen, dieß allen kleinen Eitelkeiten geöffnet. Sie find todt, ganz todt! Verstehen Sie mich? Von Ihrem Ehemals ist nichts mehr übrig, nichts mehr von jener Emilie, welche ich so sehr geliebt habe. Frau v. Starkenberg (verletzt). Herr Mai - (sich fassend) das war hart. Maienroth. Aber es ist wahr. Heute zur Stunde, als Sie mich wiedersahen, hat sich in Ihnen wohl eine Erinnerung geregt, welche nur etwas von dem Wär- 17 mtgrad vergangener Zeiten aufweisen kann? Jener Brief, der mich niemalverlassen hat, rief in Ihnen kein anderes Gefühl hervor, als den Aerger darüber, daß er einmal geschrieben werden konnte. Und nun wollen Sie spotten? DaS Gedicht Ihrer Jugend, die Liebe, ihre Freuden, ihre Kümmernisse, alles da- ist jetzt in Ihren Augen Vichts als ein altes Buch, in dem man nicht mehr weiter lesen mag? Das ist zu viel! Heute vor zwanzig Jahren, da gehorchte ich Ihnen, ich reiste ab, wir sagten uns ein letztes Lebewohl. Es war hier fast an derselben Stelle, und der Mond schien uns dazu, wie er es heute thut. Gedenken Sie dessen nicht mehr? Haben Sie Ihre Seufzer und Ihre Lhränen vergessen? Nun dann, so sehen Sie! (Während der letzten Rede Maienroth's ist der Abend hereingebrochen, der emporgestirgene Mond beleuchtet den freien Raum de- ParkeS und fällt mit vollem Strahl auf das am Ende befindliche BoSquet, während die Gestalten Maienroth's und der Frau v. Starkeuberg im Halbdunkel bleiben. Paul und Emilie, Arm im Arm, kommen aus dem Hintergrund des Parkes, Emilie nimmt auf der Bank imBosquet Platz, neben ihr Paul. Clara wird zwischen der Veranda und dem Bosquet in beobachtender Stellung sichtbar.) Neunte Scene. Maieuroth, Frau v. Starkeuberg, Clara, Paul und Emilie. Paul (im Hintergrund). Lassen Sie uns hier scheiden! Auf diesem Plätzchen, wo ich Sie zuerst gesehen, woltte ich Ihnen auch zum letzten Male die Hand drücken. Leben Sie wohl! Ich wünsche Ihnen — Emilie (ergriffen). Wünschen Sie mir nichts, denn Sie würden mir doch nur Glück wünschen, und ich werde es nie finden, nie! Jetzt erst weiß ich, was ich, Thent.-Rkp. Nr. S8S. au Ihnen verliere, etwas, was ich nicht mehr finden werde. (Paul kniet vor Emilien, sie legt die Hand aus seine Schultern und senkt weinend daS Haupt aus seine Stirne.) Maienroth (zu Frau v. Starkeuberg). Dort, Emilie, dort steh hin! Ist das nicht wie von zwanzig Jahren? Erkennst Du das lebende Bild? Beide jung, Beide werth, einander zu lieben. Has Leben öffnet sich vor ihnen im reichen Hoffnungsglanz. Sie lieben sich, wie wir uns liebten, und fie nehmen Abschied, wie wir eS gethan haben. Ihnen erklingt jetzt das traurige: »Es ist bestimmt in Gottes Rath, daß man vom Liebsten, wa- man hat, muß scheiden.* (Das Orchester intonirt hier leise die Mendels- sohn'sche Melodie und führt fie fort bi- zu dem Ruse Emilien-: »Meine Mutter!« wo es mit der zu den Worten: »Auf Wiedersehen!* gehörenden Liedstelle schließt.) Sieh hin, Emilie, das ist Deine Tochter, Dein einziges Kind. Willst Du es verantworten, wenn der Schmerz es tödtet? (Clara hat sich während der letzten Worte -er Gruppe im Hintergründe genähert und ist zu Paul getreten, welcher ihr die Hand reicht. Frau v. Starkenberg, welche beim Anblick der Scene im Bosquet, von Maienroth'- Worten ergriffen, sichtlich mit sich kämpfte, tritt au- der Veranda aus den Hintergrund zu. Emilie erblickt fie, fie springt auf und eilt ein paar Schritte ihrer Mutter entgegen. (Sprechend.) Meine Mutter! (Bleibt aber dann, angstvoll den Blick auf Frau v. Starkeuberg gerichtet, stehen. Clara hält Paul, welcher Emilien nachstärzen will, abmahnend zurück.) Frau v. Starkenberg (milde). Emilie! Mein Kmd! Du hast, glaube ich. von unserem jungen Freund Abschied genommen? (Zu Paul gewendet.) Sie wollen fort mit Herrn Maienroth. wie ich gehört habe, lieber Paul? Sollten Sie nicht zu halten sein? (Da Niemand antwortet.) Sie waren mir und , meiner Tochter stets lieb und willkom- 2 !8 men. Ohne ein Zeichen der Erinnerung wenigstens sollen Sie aus nicht ver- lasten. Emilie, ich möchte, daß unser Nachbar ein kleines Andenken von Dir mituehme. Gib ihm doch den Ring, den Du von mir seit deiner Kindheit am Finger trägst Emilie (hat den Versuch gemacht den Ring vom Finger abzuziehen; kopfschüttelnd). Liebe Mutter, ich kann nicht. Frau v. Starkenberg. Und warum nicht? Emilie. Der Ring sitzt zu fest am Finger; es ist unmöglich ihn abzuziehen. Frau v. Starkenberg. So? Dann gibt es nur ein Mittel, und Freund Welling ist so gütig, damit vorlieb zu nehmen. Kannst Du ihm den Ring nicht geben, so gib ihm (bewegt) gib ihm die Hand. (Sie legt die Hand Emiliens in jene Pauls und umschließt Beide mit ihren Armen.) Clara. Das lebende Bild hat gewirkt! (AusMaienroth zuspringend.) Ich kann mir nicht helfen, ich muß — Maienroth. Was? Clara. Ihnen einen Kuß geben. Maienroth. Nur zu. Frau v. Starkenberg (zu Maienroth). Nun! Lebt sie noch Ihre alte Emilie, oder ist sie tobt? Maienroth. Sie war nur eingeschlafen, ich habe sie geweckt. Clara. Allerliebste Gruppe! Nur ich bleibe in der Entfernung stehen? Maienroth. Nein! Treten Sie näher, recht nahe, bitte. (Mit Betonung zu Clara.) Ich habe da heute eine Ehe gestiftet, vielleicht sorge ich nächstens für mich selbst. (Streckt ihr die Hand entgegen. Clara reicht ihm die ihre und blickt verschämt zu Boden.) (Gruppe.) Der Vorhang fällt. einzige HoHler. iüMäei in zwei Reim von Alexander Graf Fredro. Lr-ts-- von Alexander Rosen, Mitglied des Mener Stadl-TheaterS. Zum ersten Male aufgeführt am 30. August 1873 am Wiener Stadt-Theater Direction Heinrich Laube. Alle Rechte Vorbehalten. Men, 1875. Verlag der Wallishausser'schen Auchhan-lurig (Aosef Aleam), Stadt, Hoher Markt 1. Besetzung am Wiener Stadt-Theater. Personen. Szumbalinski, Gutsbesitzer.Herr Keusche. Pauline, seine Tochter.Fräulein Schratt. Mathias von Gomirto.Herr Greve. Agathe, seine Frau.Fräulein Schüssel. Lasimir von Ratatinski.Herr Heinrich. Luise, seine Frau.Fräulein Schuberth. Lamilla.Fräulein Kühle. Peppi. . .Fräulein Kläger. August von Darsinski.Herr Urban. Heinrich von Marecki.Herr Bollmann. Balthasar, SzumbalinSki's alter Diener....... .Herr Tyrolt. Die Handlung spielt aus dem Gute SzumbalinSki's. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. erster Art, (Saal im Hause Szumbalinski's, im Hintergründe zwei Thüren, zwischen den zwei Thüren ein Buffet, rechts und links je zwei Thüren, die erste Thüre links ist eine kleine geheime Tapetenthüre, an welcher das Bild einer jungen Frau hängt. Rechts näher zum Publicum ein Fenster, neben demselben ein kleiner Tisch und ein Fauteuil. Links im Vordergründe ein Canaps, vor demselben ein kleiner runder Tisch, aus welchem Bücher und Zeitungen liegen. Ganz in der Mitte der Bühne ein ovaler Tisch, um denselben stehen vier Stühle. Da und dort Fauteuils nach Arrangement. Links zwischen der ersten und zweiten Thüre an der Wand hängt eine doppelläufige Flinte.) sprochen und sie hat Augen! (Kurze Pause.) Es ist eigentlich Unfinn, ihr nachzureiten! Hier habe ich Aussicht, Pau- linens Hand zu gewinnen, dort blamire ich mich wahrscheinlich. Hier bin ich zwar nicht verliebt, aber ich finde ein wohlerzogenes Mädchen und eine schöne Mitgift, dort eine unbekannte Größe, die vielleicht gleich Null ist. — Aber ich kann nicht anders, ich muß sie Wiedersehen und so bald als möglich! (Geht rasch nach dem Hintergründe rechts auf die erste Mittelthüre zu und stößt auf Balthasar, der eben mit einem Theebrett eintritt, aus welchem eine Theekanne mit Theeschalen steht.) Erste Scene. Heinrich (allein, tritt aus der zweiten Thüre rechts im eleganten Reiteranzuge). Sie ist reizend! und ich muß um jeden Preis erfahren, wer sie ist. Es steckt ein Geheimniß dahinter, das ist sicher! Des Försters Tochter ist sie nicht; — sie kann nur eine Fremde sein und Szum- balinski verbirgt sie. Warum hätte er uns sonst verboten, im Walde spazieren zu gehen? — Daß wir das Wild nicht aufscheuchen! — lächerlicher Vorwand. Oho, Herr von Szumbalinski! Das edle Wild scheint dich selbst sehr lebhaft zu mteressiren. — Ich reite hin, vielleicht gelingt es mir mit ihr zu sprechen. — Dis jetzt haben nur unsere Augen ge- Zweite Scene. Balthasar. Später Szumbalinski. Balthasar. Herr Jesus! Geben Sie doch Acht! Sie werfen mich ja sammt dem Service über den Haufen! (Reibt sich den Arm.) O Jugend, Jugend! (Setzt die Taffen aus den in der Mitte stehenden Tisch und geht zum Fenster.) Ist das ein verrückter junger Mensch! Ein Sausewind! Wie er auf dem Pferde dahin- agt wie besessen! Szumbalinski (tritt aus der zweiten Thüre links. Morgenanzug, Strohhut auf dem Kopfe, eine englische Jagdpeitsche in der Hand). Balthasar! Balthasar! Da eht er wie ein Klotz und starrt zum Fenster hinaus! Balthasar! Balthasar! 4 Balthasar (noch immer zum Fenster hinaussehend). Er jagt — er fliegt — Szumbalinski. Was— was fliegt? — He? Balthasar. Sehen Sie denn nicht? — Herr Heinrich! Jetzt sprengt er über die Straße, jetzt den Hügel hinauf am Wirthshaus vorbei. Blitz! Wie das rast — er ist gar nicht mehr zu sehen. (Entfernt sich vom Fenster und beginnt den in der Mitte stehenden Tisch zu decken.) Szumbalinski (der über die Schulter Balthasars zum Fenster hinausschaute). Hm, hm, der Junker scheint es verdammt eilig zu haben. (Nimmt den Hut ab und legt ihn sammt der Jagdpeitsche auf das Tischchen neben dem Fenster.) Er ist direct auf das Forsthaus zugeritten. (Reibt sich vergnügt die Hände.) Das geht ja prächtig! Diese für ihn, die zweite für den Andern! Ich habe es ja immer gesagt — gra- tulire dir, Szumbalinski! Dein System ist unvergleichlich. Balthasar (denTisch deckend). Wa—as meinen Sie? Szumbalinski. Mein System, — was geht das übrigens Dich an? Balthasar. Was murmeln Sie denn in sich hinein wie ein Mondsüchtiger? Szumbalinski. Herr Balthasar! Balthasar. Schelten Sie nur, am Ende kommt's doch heraus — SzÄMbalinstzi. Balthasar, nimm Dich in Kchti Balthasar. Daß wir nicht eins, sondern fünf Mädchen haben. Szumbalinski (pM ihn an der Brust). Ich erwürge Dich! 'Balthasar. Nichts, — gar nichts — werden Sie mir anhaben! Habe ich etwa das Geringste verrathen. ausge- plaudert? Nicht ein Laut ist über meine Lippen gekommen. Aber Dummheit bleibt Dummheit! das sage ich Ihnen in's Gesicht, und der settge alte Herr hätt' es auch grthan, wenn er noch am Leben wäre. Szumbalinski. Ist das eine Geduldprobe mit diesem alten Esel! Balthasar. Alt, aber gut. Ich kann nicht französisch parliren wie Ihr Hofmeister, aber wenn Sie Kinderstreiche machen, muß ich reden. Szumbalinski (indem er sich auf's Lanaps setzt). Also rede, altes Waschweib. was hast Du mir zu sagen? Balthasar. Vor Allem die Wahrheit! Ich möchte wissen, welche Vernunft darin steckt, daß Jemand, der fünf Töchter hat, jede anderswo erziehen läßt; so daß Eine die Andere gar nicht kennt und sich jede für die einzige Tochter hält. Die Eine lassen Sie in Warschau erziehen, die Andere bei Ihrer Schwester Dorothea in Podolien — nun, diese Beiden find Gott sei Dank schon verheiratet! — Die Dritte, und damit bin ich auch einverstanden, ist zu Hause, aber die Vierte, die Sie von Posen heimbrachtcn, verbergen Sie im Forsthause, und die Fünfte ist in Lemberg im Pensionat. Was. um Gottes willen, kann dabei Gutes herauskommen? — Nichts! Und wenn das die Schwiegersöhne erfahren! — Das Halloh! Was das für ein Spectakel geben wird, heiliger Florian! Szumbalinski (summt ein Liedchen, als ob er auf Balthasar nicht hörte, oder um zeigen zu wollen, daß ihm an seinem Gerede nichts liegt). Balthasar. Und wenn's am Ende noch herauskömmt. — daß Sie selbst! (Nimmt den Kopf zwischen beide Hände.) O mein! O mein! Nun, Sie mögen's verantworten, ich habe Sie oft genug gewarnt! (Ab durch die linke Thür im Hintergründe.) Dritte Scene. Szumbalinski. Unausstehlicher Haustyrann! Aber wenn er sich auch todt r-.det, — mein Plan wird dennoch aus- 5 geführt! (Aus die Stirne zeigend.) Da sitzt Verstand, da hat er gesessen und wird sitzen bleiben. — (Nach einer Pause.) Ja, so muß es gelingen! August heiratet Paulinen, Heinrich reist unterdeß ab, — mit einem Korbe zwar — aber bis über die Ohren in Camilla (er deutet nach der Richtung, in welcher das Forsthaus liegt) verliebt. Sobald Pauline verheiratet ist, kömmt Camilla nach Hause und dann ist's ein Leichtes, Heinrich in's Haus zu locken. Die Mitgift wird zum Scheine versprochen, bis zum Geben hat's noch lange Zeit. (Nach kurzer Pause.) Es war ein Strich durch meine Rechnung. daß das Pensionat in Posen aufgelöst wurde und Camilla unerwartet nach Hause kam, aber Heinrichs Liebe macht auch das wett. — Dabei also bleibt's, zuerst wird Pauline verheiratet, dann kömmt die Reihe an Camilla. Vierte Scene. Camilla. Szumbalinski. Camilla (im Reiteranzuge und Hute, die Reitgerte in der Hand, tritt im Hintergründe durch die Mittelthüre rechts ein). Hier bin ich, lieber Papa, Du hast gerufen! Szumbalinski. Camilla! Um Gottes willen, wie kommst Du her? Camilla. Zu Pferde, auf dem Braunen, den Du mir geschenkt hast. Szumbalinski. Gegen meinen ausdrücklichen Befehl; habe ich Dir nicht verboten herzukommen? Camilla. Sei nicht böse, Papa, ich hielt's nicht länger aus in dem langweiligen Forsthause, namentlich heute an Deinem Namenstage. (Will Szumbalinski, der sich wehrt, umarmen.) Szumbalinski. Ich danke. — Camilla. Ist das was Böses, wenn ich zu meinem Papa komme? Szumbalinski. Nun böse, —aber ich habe es ja Fräulein Belmont auf die Seele gebunden, Dich nicht einen Schritt weit allein zu lassen. Camilla. Ah. Fränlein Belmont schlief noch fest, als ich schon zu Pferde saß. Szumbalinski. Und dazu hält man sich französische Gouvernanten, die ein Heidengeld kosten! Camilla. Wozu mich auch verbergen, Papa? Ich konnte mir nicht erklären, warum Du mich seit meiner Rückkehr von Posen in ein geheimnißvolles Dunkel hüllst. Du wolltest mich gewiß überraschen, da Du das Waldhäuschen so elegant für mich eivrichten ließest. Ich wollte Dich auch überraschen. Szumbalinski. Ich danke für solche Ueberraschunq. Camilla. O mein Gott! Deine einzige Tochter, die seit ihrer Kindheit heute zum ersten Mal das väterliche Haus betritt. — Szumbalinski (verlegen). Einzige Tochter? Einzige Tochter! — Das genügt noch nicht, um Deinen Ungehorsam zu entschuldigen. Camilla (weinend). Ach mein Gott! Wie konnte ich das erwarten! (Wirst sich in den rechtsstehenden Lehnsessel.) Szumbalinski. Nun! nun! nun! — ich bin ja nicht mehr böse. Beruhige Dich, es kann noch Alles gut werden. (Rasch.) Hat Dich Niemand hier gesehen ? Camilla. Mich — gesehen — bis jetzt Niemand. Szumbalin-ki. Wer hat das Pferd übernommen? Camilla. Ein Reitknecht in lichter Livröe. Szumbalinski. Da haben wir's! Das ist Heinrichs Reitknecht! Camilla (rasch aufspringend, neugierig). Wer ist dieser Heinrich? Szumbalinski (breit). Was geht das Dich an? Camilla (schlägt die Augen nieder). 6 Mich? — gar nichts, ich frug nur so — so - Szumbalinski (sieht ihr in die Augen). Nur so — so — hm, hm! — (Nach einer kleinen Pause.) Höre mich an! Hier gilt's rasch zu handeln. Du gehst sofort zurück in das Waldhäuschen! Ich selbst will Dich begleiten. Du nimmst aber die Richtung nach Wyhoda und nicht nach Adelsberg. (Führt sie zum Fenster.) Sieh, dahin! (Während er hinausblickt) Himmel, es ist zu spät! Camilla. Mein Gott! Was ist denn geschehen? Szumbalinski. Nichts — nichts.— Weg vom Fenster! (Für sich.) August und Pauline figd auf der Terrasse. (Laut.) Herr des Himmels, was das Mädchen für Unheil anrichtet! Camilla (für sich). Ein Hinderniß? — Gott sei Dank, da habe ich vielleicht Aussicht, hier zu bleiben. Szumbalinski. Was fang' ich nur an? — (Sieht nach dem Fenster links.) Ich hab's! Komm' mit mir! Ich bringe Dich in das Thurmstübchen, da bleibst Du, bis ich Dich rufe. Aber entferne Dich um Gottes willen keinen Schritt weit aus der Stube! Camilla. Wie Du befiehlst, Papa, wenn ich nur hier bleiben darf. (Szumbalinski öffnet die Tapetenthür, durch welche Camilla abgeht.) Szumbalinski. Links ist die Treppe! Gib Acht, Du fällst — Du brichst Dir den Hals! O diese Kinder, diese Kinder ! (Ab durch die Tapetenthür, die er hinter sich zuschließt.) Fünfte Scene. Balthasar (tritt im Hintergründe durch die Thüre rechts ein). Euer Gnaden! Eine dringende Depesche ist angekommen! Aber was ist das? (llmherschauend.) Niemand hier? Ich habe ihn ja vom Hofe aus am Fenster gesehen. (Geht zur zweiten Thüre links.) Da ist er nicht. (Geht zur zweiten Thüre rechts.) Hier auch nicht. (Geht nach dem Hintergründe zur linken Mittelthür.) Auch hier nicht! Wo ist er denn hin? — Er ist doch nicht verschwunden ! Sechste Scene Szumbalinski. Balthasar. Szumbalinski (durch die Tapetenthür eintretend). Balthasar! Balthasar. Ah! Szumbalinski. Nun, was gibt's? Balthasar. Nichts, gnädiger Herr! Nichts! Ich bin nur so erschrocken. Da ist eine Depesche! Szumbalinski (öffnet daS Louvert). Besorge endlich den Tisch, und bringe das Frühstück herauf! (Liest halblaut für sich.) Schicken Sie uns eine Chaise und einen Frachtwagen zur Eisenbahnstation. Wir kommen mit dem Lemberger Früh- zuge. Casimir. (Geht unruhig auf und ab, bleibt schließlich vor Balthasar, der den Tisch deckt, stehen.) Herr Casimir langt heute an. Balthasar. Casimir! Unser Schwiegersohn? Da haben wir's. Hab' ich's nicht gleich gesagt, — das wird heute ein schönes Spectakel geben? Szumbalinski. Camilla ist auch hier. Balthasar. Wo? — Wo? Szumbalinski. Im Thurme. Balthasar. Bravo! Jetzt kann's augehen! Szumbalinski. Was ist da anzufangen ? Balthasar. Die Komödie ist fertig! Szumbalinski. Jetzt find wir ein« mal drinnen. — Casimir muß Wagen und Pferde bekommen. Last' aaspannen! Die Schimmel an den Phaöton, die vier Ponny an den Packwagen; aber befiehl dem Kutscher, im Schritt heimwärts zu fahren, damit die Pferde sich nicht über- 7 müden. Verstanden!? Zeit muffen wir gewinnen, das ist die Hauptsache! Balthasar. Ja, ja,—ich weiß schon; vielleicht ist auch der Zug so gefällig sich zu verspäten; aber helfen wird's doch nicht, die Komödie ist einmal fertig. (Ab durch die Mitte rechts.) Siebente Scene. Szumbalinski. Nun gilt's kaltes Blut zu bewahren! Bis zu Casimirs Ankunft habe ich zwei Stunden Zeit. Unterdeß kann ich — streng genommen — Paulinen mit August verloben. Heinrich reist ab, Camilla bringe ich in s Waldhäuschen, oder lasse sie hinbringen. So treffen nur August und Casimir zusammen, und erfahren auf diese Weise, daß zwei Schwestern da find. August ist ein Ehrenmann, üb erdieß in Paulinen närrisch verliebt, und wird also sein Wort nicht zurücknehmen. Casimir fitzt schon fest; er wird sich wohl ärgern und schelten, aber da er Luisen, seine Frau, liebt, wird er auch nicht zurücktreten. Also nur nicht verzagt! Achte Scene. Szumbalinski. Pauline. August. (Treten durch die rechte Mittelthüre im Hintergründe ein, nach ihnen Balthasar mit einem Samovar, welchen er auf daS Buffet stellt und abgeht.) Pauline. Lass' Dich umarmen, Väterchen! Viel Glück zu Deinem Namenstage! Szumbalinski. Guten Morgen, guten Morgen! August. Meinen herzlichsten Glückwunsch! Szumbalinski. Ich danke, meine Kinder. August (für sich). Meine Kinder? Das ist ein gutes Zeichen. (Laut.) Wir kommen aus dem Garten, es ist herrliches Wetter! Szumbalinski (unruhig). Aus dem Garten? Habt Ihr da Niemanden gesehen? August. Niemanden als Heinrich, der eben von einem Ritte zurückkehrte. Pauliue. Denke Dir. Papa, eine Amazone, eine Dame zu Pferde ist heute bei uns augekommen! Ich habe mich lebhaft nach ihr erkundigt, konnte aber trotz meiner Neugierde nicht erfahren, wer sie sei. Szumbalinski (verlegen). Rede doch kein so tolles Zeug, Du hast wohl geträumt? Pauline. O nein, Papa! Ich habe vom Fenster aus gesehen, wie der Reitknecht ein Pferd mit Damensattel in den Stall führte. (Zu Heinrich, der durch die rechte Mittelthüre eintritt.) Aber Herr von Marecki wird es am besten wissen, denn sein Reitknecht hat das Pferd übernommen. Neunte Sceue. Vorige. Heinrich. Heinrich. Erlauben Sie, mein Fräulein. daß ich die Herrschaften zuerst begrüße und Ihren Herrn Vater beglückwünsche. Szumbalinski (reicht ihm die Hand). Sehr erfreut, mein Herr! Heinrich Don was für einem Pferde ist die Rede? Pauline. Don einem Braunen mit Damensattel. Heinrich (aufmerksam). Mit Damensattel? (Für sich.) Heute habe ich meine Unbekannte nicht am gewohnten Platze gefunden. August. Ich habe zwar daS Pferd nicht gesehen. — aber ich weiß, daß sich Fräulein Pauliue, gleich als sie in den Garten kam, sehr lebhaft nach der Reiterin erkundigte. 8 Pauline. Ich aber hake sie leibhaftig gesehen, Papa, mit eigenen Augen. Szumbalinski. Nun ja, ja, am Ende ist's ja möglich — Ach ja! Ich erinnere mich, es mar — die Nachbar- pachten«, sie brachte — Tu«er zum Verkauf. Pauline. Eine Pachten« auf solchem Roß!? A ugust. Die Butter verkauft!? (Geht hinüber zu Paulinen.) SzumbalinSki. Nun ja, ja, — sie Hai die Butter nicht mitgrbrccht, sondern mir nur für den Winter — eio Paar Faß zum Verkauf angeboten. Heinrich (für sich). Diese Verlegenheit! Wäre es meine Unbekannte gewesen? Szumbalinski. Ich mar bald fertig mit ihr. — Das Geschäft ist längst abgemacht. — Sie ist wieder fort über alle Berge. — Pauline (leise zu August). Mein guter Vater, er ist ganz verlegen; gewiß will er mich überraschen. August (ebenso). Ganz gewiß. Balthasar (tritt im Hintergründe ein, in der einen Hand eine Pastete, in der andern eine Schüssel, die er aus den Tisch stellt, zu Paulinen). Fräulein Pauline, das Wasser kocht schon lange im Camovar, warum machen Sie den Lhee nicht fertig? (Stellt die Theeschalen aus den Tisch.) Pauline (geht nach dlM Buffet, Thee zu bereiten). Wahrhaftig, das habe ich ganz vergessen! Szumbalinski. Endlich! Also setzen wir uns. (Tür sich.) Nach dem Frühstück wird sofort die Verlobung vorge- nomwen. Setzen sich: August. Szumbalinski. Heinrich. Balthasar im Hintergründe. August. Sie erwarten heute gewiß zahlreichen Besuch? Bei dem schönen Wetter wird die ganze Nachbarschaft kommen. Szumbalinski. Glaube kaum. Unsere Nachbarn sind alle in's Bad gereist. (Für sich.) Mir übrigens sehr cn- genehm. Pauli ne (beim Buffet). Ich höre, daß ein Telegramm gekommen ist, Papa. Szumbalinski. Für mich? — Ich weiß nichts davon. Balthasar. Dos Telegramm ist uns zugekcmmen, enthält aber gar nichts von Wichtigkeit. Szumbalinski. Ja wohl, ein einfacher Glückwunsch. Pauline. Ich denke, man hat Besuch angcmeldet, denn ich sah den Wagen eben fortfahren, als Herr vou Ma- recki von seinem Ritt zurückkehrte. (Zu Heinrich.) Nicht wahr, Herr Heinrich? August (nach kurzer Pause). Heinrich! Fräulein Pauline fragt — Heinrich (wie aus einem Traume erwachend). Ja wohl, ja wohl! Der Kutscher Ianos war mit den Braunen fortge- fahren. Balthasar. Braunen? Was reden Sie denn? Es waren ja die Schimmel. (August und Pauline lachen.) Heinrich. Schimmel! Ja wohl Schimmel, möglich, daß es Schimmel waren; aber ich sah die Braunen. Verzeihen Sie, Fräulein, ich bin manchmal zerstreut. Pauline (leise zu August). Was haben die Beiden nur heute? August (leise zu Paulinen). Ich weiß nicht. (Kurze Pause, nach derselben hört man aus dem Thmme Camilla s Gesang; sie singt aus »dem Troubadour«.) Pauline. Was ist das? Szumbalinski. Was? Nichts — nichts! — Tie Köchin fingt ein Lied. Heinrich (sür sich). Diese Stimme! (Schnell von seinem Sitze aufspringend.) Wenn Sie erlauben, will ich gleich Nachsehen! Szumbalinski (springt aus und halt 9 ihn am Arme zurück). Aber Ihr Beefsteak wird kalt! Pauline. Das ist eine Arie aus dem Troubadour! Heinrich (will sich losmachen). Bitte, erlauben Sie! Balthasar (läuft zum Fenster und ruft, indem er sich hinausbeugt, mit starker Stimme). Se. Gnaden, der gnädige Herr befiehlt Ihnen, zu schweigen! (Alle setzen sich.) Szumbalinski (zu Heinrich). Setzen Sie sich doch, fie hört schon aus. Wegen eines Dienstmädchens das Frühstück zu unterbrechen! Heinrich (für sich). Meine Unbekannte ist hier! August. Das Dienstmädchen hat eine wohlausgebildete Stimme. Szumbalinski. Hat die Arie irgendwo gehört und fingt sie nach wie ein Ctaarmatz. Paul ine (für sich). Da geht was Besonderes vor. Szumbalinski (aus die Uhr sehend, für sich). Halb eilf! Die Zeit drängt, jetzt heißt es anfangen. (Laut.) Wohl be.omm's! (Steht aus.) Paulive. Ich habe meinen Thee noch nicht ausgetrunken. Szumbalinski. Lass' den Thee, mein Kind, ich habe eine wichtige Mittheilung! August. Wir hören! (Stehen Alle vom Tische aus und kommen vor; Pauline behält die Tasse in der Hand und schlürft langsam ihren Thee; Balthasar räumt den Tisch ab und sperrt die Pastete, Brot und Wein in den Lredenzkosten; Balthasar bleibt hinten.) Szumbalinski. Nun denn, mit aller Offenherzigkeit, ganz aufrichtig und ohne jede besondere Einleitung gesprochen, ich bin, wie Ihr wohl wißt und bezeugen könnt, weder ein Despot noch Tyrann. Pa ul ine. Das wissen und bezeugen wir, obgleich Tu uns nicht erlaubst, den Thee ruhig auszutrinken. (Gibt August die leere Tasse, welche er in die Mitte des Tisches setzt und wieder zurückkömmt) Szumbalinski. Bitte, unterbrich mich jetzt nicht! Also, wie gesagt, ich bin weder Despot noch Tyrann — habe ich das nicht gesagt? August. Darüber ist jakein Zweifel! Szumbalinski. Nicht wahr? —Ich bin ein offenherziger Edelmann, spreche wie ich denke, ohne meine Gedanken zu verhüllen oder zu verkleiden, in Wolle oder Seide zu wickeln. Balthasar (der sich im Hintergründe mit dem Abräumen beschäftigt). Nun so schießen Sie doch endlich einmal los! Szumbalinski. Balthasar, halr's Maul! ' Heinrich (für sich). Was er nur herausbringen will? Szumbalinski. Ich will gerade nicht befehlen, obwohl ich dazu vollkommen berechtigt wäre (Pauline will ihn unterbrechen) und von meinem Rechte Gebrauch machen könnte, aber ich will hier mit Euch, wie man zu sogen pflegt, im Familienkreise Berathung halten. Pauline. August. Worüber? Balthasar. Nun denn, worüber? Szumbalinski (aus die Uhr sehend, für sich). Schon drei Viertel! (Laut.) Mit einem Worte, es ist Zeit, daß unsere Verhältnisse klar werden. Herr August und Herr Heinrich. Sie haben beide Erlaubniß erbeten, um Paulinens Hand anzuhalten. Pauline. Aber Papa. Szumbalinski. Ich wiederhole Dir, unterbrich mich nicht! Ich bin schon im Geleise. Ich habe Ihnen geantwortet, daß ich meiner Tochter vollständig freie *Vahl lasse. August. Und das war sehr billig. Szumbalinski. Unterbrechen Sie mich nicht, Herr August! Nun denn, ich habe ihr io aller Billigkeit vollständig freie Wahl gelassen und Zeit zur Ueber- 10 legung gegeben. Aber nun verlange ich auch, Laß sich meine Tochter endlich entschließe und für Einen von Euch entscheide. Pauline. Aber wie soll ich das so plötzlich? Szumbalinski. Wie gesagt, ich bin weder Despot noch Tyrann, aber das will ich und befehle ich. (Blickt aus die Uhr, für sich.) Fünf Minuten vor eilf. (Laut.) Pauline, wähle! (Kurze Pause.) Du schweigst! Aber Du hast Herrn August angeblickt! Gut, ich willige ein! Balthasar. Ja wohl, wir willigen rin! August. Wie danke ich Ihnen, verehrter Herr von Szumbalinski! Szumbalinski. Schon gut, schon gut. Sie haben mein Wort und' ich das Ihrige. (Geht, sich die Hände reibend, im Zimmer auf und ab.) August (zu Paulinen). Und Ihre Einwilligung? Darf ich hoffen, mein Fräulein? Pauline. Da es der Wunsch meines Vaters ist, herzlich gern. August (ihr die Hand küssend). Tausend Dank, mein Fräulein! Heinrich (zu Paulinen). Ich sehe, daß August glücklicher ist, als ich; ich kann meinen Schmerz darüber nicht verbergen, aber ich hoffe, daß unsere Freundschaft nicht darunter leidet. Pauline (ihm die Hand reichend). Wir bleiben Freunde, nicht wahr, Heinrich? Heinrich. Aufrichtige und ehrliche Freunde! Szumbalinski (für sich, auf die Uhr sehend). Eilf Uhr. (Laut.) Nu. ou. Ihr werdet noch Zeit genug haben, Komplimente zu wechseln. Jetzt will ich nur noch bemerken, Herr August, daß mir Ihr gegebenes Wort für so viel gilt als eine Verlobung, ja für mehr als eine Verlobung, für so viel als eine vollzogene Trauung. Balthasar. Ein Wort, das wir gegeben haben, ist ein Wort. Stellung: Pauline. Szumbalinski. August. Heinrich (geht ans Fenster). Szumbalinski. Wenn sich daher, was Gott verhüten möge, meine Verhältnisse ändern, oder etwa unerwartete Ereignisse eintreten sollten, werde ich meinerseits mein Wort nicht zurücknehmen, und erwarte von Ihnen ein Gleiches! August. Aber, Herr von Szumbalinski! Ich schwöre Ihnen — Szumbalinski. Gut, gut! Ich baue auf Sie. Ich meinte nur, wenn etwa — mein Gott! man kann ja nicht wissen — unerwartete Ereignisse — — Auf Wiedersehen! Gute Unterhaltung! Pauline. Aber Papa! Es scheint, als wolltest Du Dich vor uns retten! Szumbalinski. Denke doch, daß ich heute schrecklich viel zu thun habe! Balthasar (öffnet die linke Mittel- thüre im Hintergründe). Ja wohl! Wir haben heute schrecklich viel Arbeit! Gehen Sie in den Garten, da können Sie sich die Zeit vertreiben! August. Da Papa es befiehlt, ge- )en wir. Pauline. Gehen wir, gehen wir. da man uns fortschickt! (Beide lachend ab.) Szumbalinski (sie zur linken Mit- telthür im Hintergrund begleitend). Geht, geht, meine Kinder! Heinrich (der während der letzten Scene öfter nach dem Fenster geblickt, ist auf die linke Seite der Bühne gekommen). Es ist erstaunlich; seitdem ich einen Korb bekommen habe, fühle ich mich sehr erleichtert! Jetzt aber entferne ich mich keinen Schritt weit, ehe ich Gewißheit über meine Unbekannte habe. Zehnte Scene. Szumbalinski. Heinrich. Szumbalinski (von der Mittelthür links zur Tapecenthür gehend). Endlich bin ich fic los geworden! Jetzt eilig an'S II Werk! (Indem er sich umsteht, erblickt ei Heinrich.) Ah. der ist noch hier! (Auf ihn zugehend.) Bester Herr Heinrich, empfangen Sie meinen herzlichen- Sei'n Sie versichert, daß, — auf Ehre — wenn es von mir abhinge. Heinrich. Ach ja! Ich bin nun einmal abgewiesen! August hat mehr Glück bei Fräulein Paulinen und mir bleibt nichts übrig, als meinen Schmerz ruhig zu ertragen. Aber ich weiß wenigstens meinen Freund glücklich und werde mich damit zu trösten suchen. (Drückt Szumbalinski die Hand, setzt sich sodann aufs Ca- nape und zündet eine Cigarre an.) Szumbalinski (für sich). Was soll denn das bedeuten? Der scheint sich ja hier förmlich ansiedeln zu wollen! (Zu Heinrich.) Ich freue mich herzlich. Sie so besonnen zu finden, lieber Herr Heinrich. und rechne darauf, daß Sie Ihren Besuch baldigst erneuern. Heinrich. Erneuern? Ich befinde mich so wohl hier, daß ich vorläufig gar nicht abzureisen gedenke. Szumbalinski. Wie meinen Sie? (Für sich.) Eine schöne Aussicht! (Laut.) Freue mich wahrhaft» recht herzlich (für sich) —daß Dich der Teufel hole! — (laut) und fürchte nur, daß Sie sich langweilen werden. Zwei Verliebte find wenig unterhaltend für einen dritten Unbethei- ligten; — ich bin ein alter Mann — Heinrich (für sich). Er will mich los werden, aber vergebens! (Laut.) O bitte, ich finde immer Zerstreuung. Legen Sie sich meinetwegen keinen Zwang an, sei'n Sie ganz ungenirt! — Szumbalinski (auf die Uhr sehend, für sich). Ein Viertel zwölf, zum Verzweifeln! (Laut.) Wenn Sie sich vielleicht durch Lectüre unterhalten wollen, meine Bibliothek steht zur Verfügung. Sie wissen ja. rechts vom Gange, die letzte Thüre- Heinrich. Danke bestens! Ich habe hier Feuillet's neuesten Roman gefunden. Szumbalinski. Puh! Es ist erstickend heiß hier! — Finden Sie nicht! — Kaum zum Aushalten! Ich könnte hier nicht lesen. Würden Sie nicht ein kühles Plätzchen vorzieh'n? Vielleicht die Laube, ein wahrer Genuß! Heinrich. Bitte, bemühen Sie sich nicht! Ich befinde mich hier ganz wohl. — Szumbalinski (für sich). Daß Dich das Donnerwetter—! Ich muß ihn allein lassen; vielleicht treibt ihn die Lange- weile zum Teufel. (Laut.) Verzeihen Sie, aber ich — die Hitze macht mir den Kopf schwer, ich gehe in den Garten, um ein wenig zu schlummern. (Für sich.) Ich muß gleich wieder hier sein! (Laut.) Mein Schlaf dürfte lange, sehr lange anhalten! Heinrich. Angenehme Ruhe! Szumbalinski. Sehr verbunden. (Für sich.) Hol' Dich der Geier! (Nimmt den Hut vom Tisch, ab links im Hintergründe.) Eilste Scene. Heinrich (steht von dem Tische lachend aus). Ich konnte mich kaum mehr enthalten! Jetzt aber habe ich keine Zeit zu verlieren! Ich muß ausfindig machen, woher der bezaubernde Gesang meiner reizenden Unbekannten kam! (Geht zum Fenster und schaut hinaus.) Zwölfte Scene. Heinrich. Szumbalinski. Szumbalinski (kommt von links, den Hut aus dem Kopf). Ich habe meinen Hut hier irgendwo liegen lassen- Heinrich (entfernt sich mit einem Sprunge vom Fenster). Den suchte ich eben! Szumbalinski (thut, als ob er den Hut suchte, für sich). Er war schon beim Fenster! Heinrich. Wo aber kann der Hut nur in? (Beide suchen eine Zeit lang im Zimmer.) 12 ' Szumbalinski. Ich ließ ihn bestimmt hier liegen. Heinrich. Natürlich, ich habe ihn ja selbst gesehen! (Den Hut aus Szumbalinski's Kops erblickend.) Er fitzt ja auf Ihrem Kopfe. Szumdalinski (mit gekünsteltem kr- staunen). Richtig! Hahahaha! Merkwürdige Zerstreutheit! Hahaha! (Mit Anstrengung lachend.) Hahaha! Heinrich (ebenso). Hahaha! Seltsam! Hahaha! Sehr seltsam! Szumdalinski. Unbegreiflich! Heinrich. Außerordentlich! Szumdalinski. Ich danke Ihnen. (Für sich.) Er geht nicht fort! (Heinrich begleitet ihn zur zweiten Thüre links. Szumbalinski ab.) Dreizehnte Scene. Heinrich. Später Camilla. Heinrich (zurückkvmmend). Kein Zweifel mehr! Sie ist hier verborgen! Aber wer ist sie? Wer kann sie sein? Vielleicht Szumbalinski's- Camilla (die Tapetenthür öffnend). Geschehe, was da wolle! Der Hunger quält mich so, daß — (Heinrich erblickend.) Ah! Heinrich (sie erblickend). Sie hier, mein Fräulein? Camilla (für sich). Mein Unbekannter! Heinrich. Ah, mein Fräulein, welche Freude, Sie hier zu finden! Camilla. Darauf war ich in der That nicht vorbereitet. Heinrich. Meine Ahnung hat mich also nicht getäuscht? Camilla. Ihre Ahnung? Heinrich. Ja wohl, mein Fräulein, wie ich von dem Waldhänschen heimwärts ritt — — Camilla. Sie waren also hingerittrn? Heinrich. Ja, mein Fräulein, aber vergebens. Camilla (für sich). Das ist schön von ihm. Heinrich. Ich ritt traurig wieder heimwärts, da icd Sie nicht sehen konnte, und doch sagte mir eine Ahnung, daß ich mich nicht von Ihnen entferne, daß ich mich Ihnen nähere. Camilla (für sich). Ich weiß nicht, was mir ist; ich werde matt, es dreht sich Alles im Kreise um mich herum. (Sinkt ohnmächtig auf den kleinen neben dem Tische stehenden Lehnsessel.) Heinrich. O mein Gott! Was ist Ihnen, Fräulein? Sie werden ohnmächtig! Fräulein! Mein Fräulein! Wasser, schnell Wasser! (Läuft im Zimmer herum, ohne Wasser zu finden.) Wer hätte das erwartet! Kein Tropfen Wasser zu finden! (Nähert sich Camilla.) Um Gottes willen, erwachen Sie, mein Fräulein! Gleich ohnmächtig vor Liebe, nun. das nenn' ich Leidenschaft! Fräulein! Mein liebes Fräulein! (Nach einer Pause). Soll ich vielleicht ein Mädchen rufen? Camilla lschlägt die Augen auf). Ich danke! Ich fühle mich schon wohler! Heinrich. Dem Himmel sei Dank! Die heftige Erschütterung! Camilla. Sie irren, mein Herr! Es mag lächerlich erscheinen, aber ich bin vor Hunger ohnmächtig geworden. Ich habe schrecklichen Hunger! Heinrich. Was hör'ich! Vor Hunger? Man wollte Sie Hungers sterben lasten? (Für sich, mit den Fäusten drohend.) O Szumdalinski! Camilla. Nein, mein Herr! Man wollte mich nicht Hungers sterben lasten; aber ich bin heute eine Meile weit geritten, ohne etwas zu mir genommen zu haben. Heinrich. Ein Gedanke, mein Fräulein! Es muß sich hier irgendwo eine Pastete finden. Camilla. Pastete? O suchen wir! Heinrich (zur kredenz eilend). Wir werden sie gleich finden. (Camilla eilt ihm nach, beide suchen eifrig im Kasten.) Da ist die Pastete! Jetzt noch Brot! 13 Camilla (bringt das Brot). Auch das haben wir. Heinrich. Wein! — Bitte, mein Fräulein, hier wird es bequem für Sie sein. (Läuft zu dem vor dem Lanaps stehenden Tisch, wirft die daraufliegenden Bücher und Zeitungen in die linke Ecke des Sofas und aus die Erde, immer links vom Zuschauer, und rückt den Tisch vor die rechte Ecke des Sofas.) Hier wird es gut sein! So, mein Fräulein. (Bringt die Pastete, das Brot und die Weinflasche von dem mittleren auf den kleinen Tisch.) Camilla (mit einem kleinen Teller). Hier sind die Teller. Heinrich. Bemühen Sie sich nicht. Fräulein! Auch das Besteck fehlt noch. (Eilt zur kredenz.) Camilla (für sich, indem sie sich setzt). Welch' ein guter Mensch! Heinrich (bringt das Besteck). Jetzt haben wir Alles. Camilla. Danke bestens! (Ißt; kurze Pause.) Heinrich (für sich). Sie ist reizend, und ein Appetit! ein Appetit! Camilla. Wollen Sie nicht Platz nehmen? Heinrich. Ich? In der That, unser heutiges Frühstück war so kurz und unruhig — Camilla. Es genirt mich wahrhaftig, allein zu essen! Bitte, helfen Sie mir; die originelle Lage, in der ich mich befinde. wird dadurch erträglicher. Heinrich. Wenn Sie erlauben? Camilla. Gewiß! Nehmen Sie doch Platz! Sie sehen, ich habe auch zwei Teller gebracht. Heinrich (bringt einen Sessel vom mittleren Tisch und setzt sich an den Tisch, den Rücken gegen das Fenster). Und ich zufällig zwei Bestecke. (Beide lasten sich's eine Zeit lang schweigend wohlschmecken.) Heinrich. Die Pastete ist vorzüglich! Camilla. Ausgezeichnet! Szumbalinski (tritt durch die rechte Mittelthür im Hintergründe plötzlich ein, erblickt sie. tritt schnell zurück und schließt die Thür hinter sich zu). Ah! Camilla. Was war das? Heinrich. Ich weiß nicht. Camilla. Mir war. als hätte Jemand gerufen. Heinrich. Ein Ah! Camilla. Nein, es war ein O! Heinrich. Ein O? Auch ich glaube ein deutliches O vernommen zu haben. Wenn Sie erlauben, will ich Nachsehen. (Steht aus und geht in den Hintergrund; blickt zuerst durch die linke und dann durch die rechte Miktelthür hinaus.) Camilla. Nun? Heinrich. Hier ist Niemand! Camilla. Wir haben uns also geirrt. Heinrich. Ich will nun aber auch ein Paar Gläser bringen. (Nimmt zwei Gläser aus dem Kasten.) Camilla (für sich). Wie aufmerksam er ist! Heinrich (setzt sich und schenkt Wein ein). Darf ich Ihnen dienen? Camilla Bitte! (Bride trinken.) Camilla (nachdem sie getrunken, lachend). Ich muß gestehen, daß wir auf originelle Weise Bekanntschaft machen! Heinrich (springt aus). Mein Gott! Bitte tausendmal um Entschuldigung! Ich habe mich noch nicht einmal vorgestellt! Mein Name ist Heinrich von Marecki. Camilla (mit leichtem Kopfnicken). Sie wohnen wahrscheinlich hier in der Gegend? Heinrich. Mein Gut liegt drei Meilen von hier. (Für sich.) Ich habe mich genannt, sie aber — Camilla. Wir find also Nachbarn? Da besuchen Sie wohl öfters meinen Vater? Heinrich. Ihren Vater? Camilla. Ja wohl, meinen Vater! Heinrich (für sich). Ich will thun, als verstünde ich sie. Vielleicht erfahre ich auf diese Weise — (Laut.) O öfter, sehr oft. 14 Camilla. Ich wundere mich, daß er mir nichts von Ihnen gesagt hat. Heinrich. Ich muß es bedauern. Camilla. Ach, ja doch! Er hat heute Morgen von Ihnen gesprochen. Heinrich. Ihr Herr Vater war heute hier, mein Fräulein? Camilla. Mein Vater? Heinrich. Ja wohl, Ihr Vater. Camilla. Verzeihen Sie, aber diese Frage — Heinrich (für sich). Ich glaube, ich war ungeschickt. Camilla. Sie fragen, ob mein Vater daheim war? — wo wäre er sonst ge- wesen? Heinrich. Da — heim—? Hier? — (Für sich.) Oho, SzumbalinSki! Das ist also so eine — linke Hand?-Ah! Das ist ganz was Anderes! Camilla (für sich). Sonderbarer Mensch. Heinrich (für sich). Nun weiß ich wenigstens, woban ich mich zu halten habe. Camilla. Sonderbar! Als mein Vater heute Herrn Heinrichs erwähnte, wußte ich gleich bestimmt, daß Sie dieser Herr Heinrich wären! Heinrich (mit verändertem Benehmen). Das finde ich nicht so sonderbar; wir hatten uns ja bereits kennen gelernt. Camilla (die Augen niederschlagend). Wenn man das Bekanntschaft nennen kann. Sie haben mich bei meinen Spazierritten manchmal gesehen — Heinrich. Wir unterhielten uns sogar miteinander. Camilla. Wir? Heinrich. Gewiß! durch Augensprache. Camilla (für sich). Dieser Ton! Heinrich. Gehen Sie nochmals zurück in das Waldhäuschen? Camilla. Papa will es so. Heinrich. Um so bester! Camilla. Ich verstehe Sie nicht. Heinrich (nähert sich ihr). Im Wald Häuschen können wir uns ungestörtersehen! ITapetenthür zeigend.) Camilla (auf die Tapetenthür zugehend). Sie erlauben, daß ich in mein Zimmer gehe. Heinrich. Seien Sie nicht so grausamk Ich muß sonst glauben, daß ich heute noch in das Waldhäuschen reiten soll, um mir dort Ihre Verzeihung für meinen Fehler zu erbitten. Camilla. Diese Beleidigung im Hause meines Vaters. Heinrich. Wie können Sie das Beleidigung nennen! Ich rede von Liebe — (Will ihre Hand fassen.) Camilla (zieht die Hand zurück). O mein Gott! wodurch habe ich diesen Schimpf verdient!? (Weinend ab durch die Tapetenthür.) Heinrich. Mein Fräulein! Vierzehnte Scene. Heinrich (ihr nachblickend, nach kurzer Pause). Das war keine Verstellung! Sie fühlt sich beleidigt und mit Recht, mit vollkommenem Rechte! Ja wohl, ein peinliches Gefühl sagt mir, daß ich eine Dummheit, ja noch mehr begangen habe. Aber wer konnte das ahnen? Dieser geheimnißvolle Aufenthalt im Waldhäuschen, diese einsamen Spazierritte, und schließlich weiß ja Jedermann, daß Szum- balinski nur eine einzige Tochter hat. Nein, nein, nein! Hier liegt ein tiefes- Geheimniß verborgen! Fünfzehnte Scene. Heinrich. Balthasar von rechts. Balthasar (in der Hand einen Staube wedel). Man muß hier ein wenig abstauben! Heinrich. Balthasar! Wer ist dieses Fräulein? (Aus die Tapetenthür zeigend.) Balthasar (für sich). Nimm dich zusammen. Balthasar. (Zeigt aus das an der Tapetei.thür hängende Bild.) Das ist die gnädige Frau, die selige — Heinrich. Ich meine nicht das Bild, sondern das Fräulein dort! (Aus die 15 Balthasar. Aha! (Auf das Fenster zeigend.) Dort im Garten, das ist Fräulein Pauline. Heinrich (ungeduldig). Stelle Dich nicht so dumm, Alter! Ich meine das unbekannte Fräulein aus dem Wald Häuschen! Balthasar. Aus dem Forsthause? — Aha! Das ist gewiß die Tochter des Försters. Heinrich. Lieber Balthasar! Du kenn i mich schon lange und weißt, daß ich ein Freund deines Herrn bin. Von mir wirf Du doch nichts Schlimmes voraussetzen Bitte, mein Freund, sage mir, wer ist diese Dame? Balthasar. Wenn ich aber nicht weiß, wen Sie meinen? Heinrich. Ich meine das Fräulein welches heute Morgens hier angekommen ist, welches vor einer Minute hier war mit dem ich eben jetzt gesprochen und auch gefrühstückt habe. Balthasar. Demnach haben Sie heute zweimal gefrühstückt! Heinrich (wüthend). Scher' Dich zum Teufel! Oder ich gehe lieber selbst! Aber das schwöre ich Dir, daß ich mich keinen Tritt aus diesem Hause entferne, eh' ich nicht Alles erfahren habe, und sollte ich bis zum jüngsten Tag hier warten! (Laust durch die rechte Mittelthüre im Hintergründe ab und wirst die Lhüre hinter sich zu.) Sechzehnte Scene. Balthasar. Hahaha! Erzürne Dich nach. Belieben, Jünkerchen, aus dem alten Balthasar bringst Du kein Jtü« pfelchen heraus. (Nach dem Tisch blickend, abräumen, und das geht so fort den ganzen Tag: Der alte Balthasar! Der liebe Balthasar! Ueberall der Balthasar. (Räumt uuterdeß den Tisch ab, und sperrt die Frühstückreste in die Lredenz.) Siebzehnte Scene. Balthasar. Szumbalinski. Szumbalinski (blickt durch die Hintere linke Mittelthür herein). Balthasar? Balthasar. Nun, was gibt's denn schon wieder? Szumbalinski. Ist Niemand hier? Balthasar. Niemand. Aber warum kommen Sie nicht herein? Fürchten Sie sich vor Jemand? Szumbalinski (eintretend). Wo ist Herr Heinrich? Balthasar. Im Moment hinaus- gerannt, als jagte ihn die Pest. Szumbalinski. Und Camilla? Balthasar. Die habe ich nicht ge- seh'n, aber Heinrich zeigte fortwährend auf diese Thür, und wollte um jeden Preis wissen, wer das Fräulein sei. Szumbalinski (für sich). Wer sie ei? Gr hat also nicht's ausgeplaudert, das ist ein Glück. (Laut.) Habe jetzt Acht, daß Niemand in dieses Zimmer gelangt, und kömmt Jemand, so suche ihn auf geschickte Art zu entfernen. Ich , Camilla zu holen, und führe sie durch diese Thüre (zeigt aus die Hintere linke Thür) hinaus. Balthasar. Sei'n Sie unbesoryt! Wenn ich Wache stehe, schlüpft keine Maus in dieses Zimmer. Szumbalinski. Also Achtung! (Geht durch die Tapetenthür ab.) an welchem Heinrich und Lamilla gesessen.) Wie schlau er das Fräulein hcraus- lockte! Und wie rasch sie die Pastete gefunden haben! Das ist ein Geriebener, der Herr Junker! Und die Wirtschaft hier! Jetzt kann ich auf's Neue wieder. Achtzehnte Scene. Balthasar. Wer sollte auch kommen? Herr August und Fräulein Pauline girren wie ein paar Turteltauben in 16 der Laube, Herr Heinrich rannte wie ein Verrückter davon. (Man hört hinter der Scene zweimal hintereinander Peitschenknallen.) Oho! das ist der alte Janos! Gewiß ist Herr Casimir angekommen. Nun, jetzt kann's erst recht angeh'n. (Der Vorhang fällt.) Zweiter Alt. Erste Scene. (Die Scene bleibt unverändert.) Gomirto. Agathe. Balthasar (im Hintergründe links). Gomirto (tritt durch die rechte Seitenthür im Hintergründe ein, trägt einen weißen Staubmantel, unter diesem einen grauen Reiseanzug, weiße Mütze in der Hand, einige Reisetaschen, unter diesen eine Jagdtasche. Kräftig und wohlbeleibt, beiläufig 40 Jahre alt, hinter ihm Agathe im Reiseanzug, in der Hand eine Tasche. Gomirto spricht langsam und phlegmatisch). Nun? Ist denn Niemand hier? Im ganzen Hause keine lebende Seele? Stellung: Gomirto. Agathe. Balthasar im Hintergründe. Balthasar. Jesus, Herr Mathias! Jetzt sind wir verloren. Agathe (Balthasar erblickend). Ah! das ist ja der alte Balthasar. Nun, wie geht's, Alter? Wo ist mein Vater? Ist er wohl und munter? Was macht er? Gewiß hat er wieder mit der Wirtschaft zu schassen. Daran erkenne ich ihn, er ist unermüdlich, ohne Rast und Ruhe, selbst an seinem Namenstage gönnt er sich keine Erholung. Und DÜ, Alter, bist noch immer frisch und gesund? Balthasar. Küss die Hand, Euer Gnaden! Gomirto. Nun, so sage doch — Agathe (legt die Reisetasche aus den Mitteltisch). Papa wird wahrscheinlich bald nach Hause kommen? Wir wollen ihn erwarten und unterdessen unsere Toilette ordnen. (Zu Balthasar.) Ist kein Spiegel hier? Balthasar. Hier nicht. Aber wenn die gnädige Herrschaft ertauben, will ich sogleich ein Zimmer öffnen. Gomirto. Also los! Agathe. Danke, Alter! Wir befinden uns hier ganz wohl. Hier können wir den Vater auch gleich bei seiner Nach- hausekunft sehen. Es geht also Alles gut bei Euch? Mein Gott, wie lange war ich nicht daheim! Aber, es ist Alles beim Alten geblieben. Der Vater gesund und rührig wie immer, und Eure Wirth- schaft! Höre, Alter, Eure Kornfelder find eine wahre Pracht! Es gibt doch weit und breit keinen besseren Landwirth, als meinen Vater! Balthasar. Das will ich glauben, und was für ein Landwirth! Das Rechnen versteht er! Gomirto. Das freut mich. Denn ich möchte auch einmal etwas von der Mitgift hören. Agathe. Rede doch jetzt nicht von der Mitgift. Papa glaubt am Ende, daß unser erster Besuch nur der Mitgift gilt; und wir wollten ihn an seinem Namenstage überraschen. 17 Gomirto. Ganz richtig, mein Schatz! Aber siehst Du, einige tausend- Agathe. Kein Wort mehr davon! Wir haben, Gott sei Dank, selbst genug und vorläufig nichts nöthig! Und dann weißt Du ja, daß ich die einzige Tochter bin, und das Vermögen endlich doch allein erbe! Gebe Gott, daß es so spät als möglich geschehe! Nicht wahr, Balthasar? Balthasar. Ja wohl, gnädiges Fräulein, Gott gebe es. Agathe. Fräulein? Höre, Mathias, er nennt mich gnädiges Fräulein! Was haben denn meine drei Jungen verschuldet. die ich bei der Tante zurückließ? Balthasar. Drei Söhne? wer hätte das geglaubt? Agathe. Ja wohl, drei frische Jungen! Du hättest Deine Freude an ihnen. Der eine so, der andere so, und der dritte so. (Zeigt ihre Größe.) Balthasar. Schau! schau! Wer hätte das gedacht? Gomirto. Werden auch was brauchen — die Jungen! (Für sich.) Nun, ich kann das Vermögen meines Schwiegervaters mindestens auf 150.000 Gulden schätzen. Agathe (nimmt aus ihrem Reisesack einen Kamm und ordnet ihre Haare). Es war doch recht vernünftig, daß Ihr für allfällige Gratulationsbesuche Pferde zur Station geschickt habt. Balthasar. Ja wohl; für allfällige Besuche. (Für sich, verzweifelt.) Womit wird nun Herr Casimir kommen?! (Szum- balinski öffnet die Tapetenthür, schrickt zurück und schließt sie rasch.) Balthasar. O! Gomirto. Was war das? Balthasar. Was? — Das? — Ach nichts! Ein kleiner Windstoß! Es ist ein schrecklicher Luftzug hier! Gomirto (rasch). Was? Luftzug? Den kann ich nicht ertragen. (Zu Agathen.) 7 l:cat.-Rep. Nr. 290. Wir könnten vielleicht in ein anderes Zimmer gehen, mein Schatz. Agathe. Ich habe nicht den geringsten Luftzug verspürt. Balthasar. O ja, es zieht hier manchmal sehr stark. Gomirto. Aber hast Du denn nicht gehört, Liebste, wie der Wind die Thür zugeschlagen? Du weißt, ich bin ein leidenschaftlicher Jäger und im Freien gegen Wind und Wetter unempfindlich; aber im Zimmer, wenn der Mensch erhitzt ist, kann ich keinen Luftzug ertragen. (Schlägt den Kragen seines Mantels auf.) Balthasar. Nichts gefährlicher als Luftzug, wenn der Mensch erhitzt ist. Ich will die Herrschaften sogleich in ein anderes Zimmer führen. Gomirto. Nun denn, mein Schatz! Agathe. Ich habe nichts dagegen, Mathias! (Zu Balthasar.) Also führe uns in ein anderes Zimmer. Wenn Papa nach Hause kömmt, sage ihm, daß wir angelangt sind, oder sage lieber nichts. Sage ihm nur, es sei Jemand gekommen, und führe ihn in unser Zimmer, — oder auch das nicht. Rufe uns hieher, das ist am besten. Balthasar. Zu Befehl, zu Befehl, ich werde sogleich rufen. (Geht zur ersten Thüre links und öffnet sie.) Bitte, hier herein! (Gomirto und Frau gehen hinein und nehmen ihre Sachen mit sich.) Balthasar (an der Thürschwelle). Bürsten und Waschtoilette werde ich sofort besorgen. (Schließt die Thür und geht gegen die Tapetenthür, bleibt aber in der Mitte der Bühne stehen.) Nein!. Zuerst will ich für Herrn Casimir Pferde bestellen. (Geht nach der im Hintergründe rechts befindlichen Seitenthüre.) Agathe (die Thür öffnend). Oder weißt Du was, Balthasar? Führe meinen Vater hieher in das Zimmer und klatsche dann m die Hände. Verstehst Du mich? Balthasar. Ja wohl! jawohl, Gnädige! Ich klatsche schon. 2 18 Agathe. Aber recht laut, hörst Du, Balthasar, Du mußt recht laut klatschen. (Geht zurück und schließt die Thüre.) Balthasar. Ja wohl, recht laut! (Schlägt die Hände zusammen.) Nun, das wird eine Komödie! (Ab.) Zweite Scene. Szumbalinski. Später Heinrich. Szumbalinski (die Tapetenthüre öffnend). Wieder eine Bombe! Ich für meinen Theil mache mich aus dem Staube. (Nach hinten rufend.) Camilla, mein Putchen, komm', wir reiten miteinander ins Forsthaus zurück! Heinrich (tritt durch die rechte Seitenthür im Hintergründe ein; wie Szumbalinski das Oeffnen der Thüre hört, tritt er schnell zurück, die Thür schnell hinter sich schließend). Nein, ich ruhe keinen Augenblick, bis ich die Sache nicht in's Reine gebracht und Verzeihung von ihr erlangt habe; hineinzudringen wage ich nicht; wie könnte ich sie nur herauslocken! Vielleicht wenn ich singe; aber ich heule, wenn ich singen will! Wenn ich ein Möbel umwerfe, um Geräusch zu machen, ist mir der verdammte Balthasar auf den Fersen. (Geht nach dem Fenster und blickt zum Thurme hinauf, hustet sehr laut.) Das nützt nichts. (Leise.) Fräulein, gnädiges Fräulein! (Hinausblickend.) Keine Antwort. (Er seufzt laut.) Dritte Scene. Heinrich. Ratatinski. Luise. (Ratatinski und Luise treten aus, bei ihrem Eintritt dreht Heinrich dem Fenster rasch den Rücken. Ratatinski ist sehr rasch und lebhaft im Sprechen.) Ratatinski (durch die rechte Mittelthür des Hintergrundes eintretend). Tod und Teufel! Das kann auch nur mir passiren! Luise. Beruhige Dich, Casimir. Ratatinski. Beruhige Dich! Beruhige Dich! Der Teufel mag sich beruhigen. Luise. Aber lieber Casimir, wir sind sa nicht zu Hause! (Heinrich erblickend.) Ach! Ein Herr! Ratatinski. Sie sind wahrscheinlich einer von den Nachbarn, mein Herr! Heinrich. Aufzuwarten! Ich nenne mich Heinrich v. Marecki. Ratatinski. Sehr erfreut! Stellen Sie sich vor, Herr v. Marecki, was mir passirt! Luise. Was kann das diesen Herrn interessiren? Ratatinski. Warum sollte es ihn nicht interessiren, nicht wahr, inein Herr? Denken Sie! Ich telegrafire heute Morgens aus Lemberg an meinen Schwiegervater. Heinrich. Wie? (Sieht ihn erstaunt an.) Ratatinski. Ich telegrafire an meinen Schwiegervater! Was ist denn dabei Erstaunliches?- Heinrich. Pardon, aber ich verstehe nicht? Ratatinski. Warum ich telegrafirt habe? Das ist ja sonnenklar, natürlich um Pferde, die mich bei der Station erwarten sollen. Was hätte ich sonst zu telegrafiren? Heinrich. Ja wohl, um Pferde! (Für sich.) Das Original amüsirt mich. Ratatinski. Der Lemberger Zug verspätet sich, natürlich weil ich in einem Waggon saß. Das gehört immer mit zu meinem Pech. Endlich kommen wir an; der Krakauer Zug, welcher hier mit dem Lemberger zusammentrifft, war bereits da. Ich will aussteigen, die Waggon- thüre ist geschloffen. Auch eine vernünftige Einrichtung! Ich harre also in Geduld, bis es dem Herrn Conducteur gefällt, mich zu befreien. Unterdeß sehe ich, wie ein dicker Herr, der mit dem Krakauer Zug anlangte, sich mit seiner -vran in einen Wagen setzt und davon- 19 fährt. Was kümmert das. mich? Natürlich nichts! Nicht wahr, mein Herr? Heinrich. Natürlich. Ratatinski. Natürlich! Fehlgeschossen! Es ist gar nicht natürlich. Hören Sie nur weiter! Der Conducteur öffnet endlich die Thüre, ich steige rasch aus, um doch einmal an's Ziel zu kommen, suche an allen Ecken und Enden die Pferde meines Schwiegervaters; was bekomme ich von einem Tölpel von Bahnwärter zur Antwort? Sie waren da, sind aber eben abgefahren. Hören Sie, abgefahren! Der dicke Edelmann mit seiner Frau ist abgefahren! Heinrich. In der That sehr unangenehm! Ratatinski. Das ist nicht unangenehm; eine Gemeinheit ist's. Aber Kreuzmillionendonnerwetter! Jchschwör's, daß ich den Menschen aufsuche, und so wahr ich Ra—ta—tins—ki heiße, wenn ich ihn erwische, schneide ich ihm beide Ohren ab! Luise. Aber ich bitte Dich. Casimir? Ratatinski. Nein! Ich schneide ihm die Ohren ab! Ich habe schon Anstalt getroffen mit einem jungen Officier, der uns einem anderen Wagen ausstieg mit einem Mädchen, noch dazu mit einem sehr hübschen Mädchen! Luise. Was? — Was sagst Du? Ratatinski. Das gehört nicht zur Sache. Ich will nur sagen, daß ich den jungen Officier ersucht habe, mir zur Auffindung dieses Edelmannes behilflich zu sein, und wenn er ihn findet, ihn augenblicklich zu fordern in meinem Namen. Luise. Aber das schöne Mädchen, wollen Sie mich nicht? — Heinrich. Hier muß ein Mißver- ständniß vorwalten, welches sich bald aufklären wird. Aber sagen Sie mir gefälligst, warum Sie hieher gekommen und nicht im Hause Ihres Schwiegervaters abgestiegen sind? Ratatinski. Wa—as? Heinrich. Warum Sie den Edelmann nicht im Hause Ihres Schwiegervaters — Ratatinski. Sind Sie bei Sinnen? Heinrich. Mein Herr! Ratatinski. Ich habe Ihnen ja schon gesagt, daß ich Casimir von Ratatinski heiße. Heinrich. Nun? — Und? Ratatinski. Nun — und! Ja wissen Sie als Nachbar nicht, daß ich Szum- balinski's Schwiegersohn bin? Heinrich. Nun, das ist wieder etwas ganz Neues! Ratatinski. Was Neues? Ich bin seit drei Jahren mit Szumbaliuski's Tochter verheiratet. Heinrich. Das ist denn doch zu viel! Eine Tochter! Dann wieder eine Tochter und nun noch eine dritte Tochter? — Ich muß Szumbalinski aufsuchen, um in's Klare zu kommen! (Laust durch die Mittelthüre im Hintergründe ab.) Vierte Scene. Luise. Ratatinski. Ratatinski. Kommen mir denn heute lauter Verrückte in den Weg? Eine Tochter, zwei Töchter, drei Töchter, und damit läuft er wie besessen ab, als hätt' ihn die Tarantel gestochen! Luise. Das kann sein, gehört aber nicht zur Sache. Aber Sie, mein Herr, Sie hatten trotz Ihrer Erregung noch so viel Zeit, zu bemerken, daß jenes Fräulein, welches mit dem Officier aus dem Wagen stieg, schön war. Ratatinski. Hol' mich der Teufel, wenn ich Dich verstehe! Luise. So, mein Herr! Sie verstehen mich nicht? Sie glauben wahrscheinlich, daß ich es nicht bemerkt habe, wie mein theurer Gatte mit jedem hübschen Frauengeficht, das sich während der Fahrt zeigte, zu cokettiren anfing? 2 20 Ratatinski. Liebe Luise, lass' mich zufrieden! Luise. So machten Sie's in Prze- mysl, in Lemberg, immer unter ganz geschicktem Vorwand, den ich aber so leicht durchschaute wie ein Fensterglas! (Jmitirend.) Liebe Luise, bleibe nur einen Augenblick! Ich will nur eine Cigarette rauchen. Nur ein Gläschen Cognac, liebe Luise! Ratatinski. Aber ich trinke ja jeden Tag mein Gläschen. Luise. Und in dem Garderobezimmer, wo ich Dich am Tage vor unserer Abreise traf, trankst Du dort auch Cognac? Ratatinski. Da? Da-ließ ich mir einen Knopf annähen. (Zeigt aus seinen Halskragcn.) Luise. Einen Knopf? An deinen Kleidern fehlen niemals Knöpfe. Ratatinski. Nun — er war durch heftiges Niesen abgesprungen! Luise. Durch Niesen? — Seit wann hast Du Schnupfen? Ratatinski. ZumKuckuck! Ich werde doch niestn dürfen. Luise. Ja, ja! Stelle Dich nur beleidigt! Ich kenne deine Taktik. Wenn mein Herr Gemal sich schuldig fühlt, schlägt er immer Lärm, um meine Aufmerksamkeit abzulenken. Ratatinski. Ich hatte also heute gar keinen Grund, aufgebracht zu sein? Luise. Gewiß haltest Du Grund, aber auch ich habe Grund. Deine Erregung ist heute eine ganz außergewöhnliche, Du bist sonst ebenso leicht besänftigt als erregt. Heute aber- Ratatinski. Eben deshalb lass mich mit deiner Elfersüchtelei zufrieden, denn ich verliere die Geduld! Luise. Warum aber fandest Du das Mädchen schön? Ratatinski. Fand ich sie? Nun, dann Hab' ick sie eben gefunden! Fünfte Scene. Vorige. Gomirto (an der Thürschwelle ohne Staubmantel). Gomirto. Balthasar! Wo bleibt das Wasser? Ratatinski. Was seh' ich, mein dicker Edelmann! Gomirto. Ratatinski. Luise. Gomirto. Pardon! (Will sich zurückziehen.) Ratatinski. Ah, Sie sind also hier, mein Herr? — Ich bitte Sie, auf ein Wort! Luise. Mäßigung, Casimir! Ich bitte Dich. Gomirto. Mit Vergnügen. Womit kann ich dienen? Ratatinski. Ich möchte erfahren, mit welchem Rechte Sie meine Pferde genommen haben? Gomirto. Ich? Ratatinski. Ja Sie! Sie, mein Herr! — Ich habe es mit eigenen Augen gesehen! Gomirto. Ich kenne und verstehe Sie nicht, mein Herr! Wo und wann hätte ich Ihre Pferde genommen? Ratatinski. Vor einer Stunde auf dem Bahnhöfe. Gomirto. Das ist ja ein förmlicher Ueberfallü Ratatinski. Was Ueberfall? Ja wohl, ein Ueberfall von Ihrer Seite! Aber Potz Donnerwetter, damit find wir wohl zu Ende. Luise. Ich bitte und beschwöre Dich, Casimir, sei ruhig. Gomirto (für sich). Was ist denn das für ein Unthier? Ratatinski. Sie werden mir Ge- nugthuung geben! Gomirto. Zu Ihren Diensten! Ich fürchte Ihre Drohungen nicht. Ratatinski (klatscht in die Hä: de). Gut, dann sind wir in Ordnung! 21 Sechste Scene. Vorige. Agathe. Stellung: Agathe. Gomirto. Ratatinski. Luise. Agathe (tritt rasch ein). Hier bin ich schon. Ah, Pardon! (Zu Gomirto.) Wer hat hier geklatscht? Gomirto. Dieser Herr hier, der Händel anfängt und behauptet, ich hätte ihm seine Pferde weggenommen. Ratatinski (zu Luisen). Hörst Du? Ich fange Händel an! Luise. Nur ruhig, lieber Casimir! Agathe. Das ist wirklich eine sonderbare Behauptung! Ratatinski. Verzeihung, meine Dame, das ist gar keine sonderbare Behauptung; wer fremde Pferde wegnimmt, muß sich diese Behauptung gefallen lasten! Agathe. Das ist unerhört! Wir haben fremde Pferde genommen? Ratatinski. Ja wohl. Sie sind mit den Pferden abgefahren, die man für uns zur Station geschickt hat! Agathe. Sie irren, mein Herr, denn diese Pferde hat der Papa für uns geschickt. Ratatinski. Luise. Der Papa? Agathe. Ja wohl, wer sonst als Papa? Ratatinski. Was sagst Du nun dazu? (Lacht.) Luise (bemüht sich, ihn zu beruhigen). Agathe. Bitte, was finden Sie an dem Papa Lächerliches? Gomirto (der von hier ab immer erregter wird). Last' mich, mein Schatz! Ich werde mit dem Herrn schon fertig werden. Ratatinski. Der Papa! — Das gefällt mir! Gomirto. Mir aber gefällt es gar nicht, daß Sie mit meiner Frau in solchem Tone sprechen! Ratatinski. Der Papa, — hast Du gehört? der Papa! Gomirto. Ich ersuche Sie, mein Herr! Agathe. Mathias, komm' doch und rege Dich nicht auf. Siehst Du nicht, daß es mit dem Herrn nicht richtig steht? (Zeigt aus die Stirne.) Ratatinski (zu Agathen). In der Thal? Glauben Sie? (Zu Gomirto) Sie scheinen nicht zu wissen, mein Herr, wer ich eigentlich bin? Gomirto. Was geht das mich an, wer Sie find? (Für sich.) Daß er ein Rhinozeros ist, sehe ich! Ratatinski. Mein Name — Luise. Aber beruhige Dich doch, Casimir! Sobald der Papa noch Hause kömmt — Gomirto. Agathe (drehen sich um). Der Papa? Ratatinski. Aha! Jetzt stutzen Sie! Sie wissen wohl nicht, mit wem Sie es zu thun haben. Sie wollen sich durch eine Finte aus der Affaire ziehen, um einen Edelmann zu hintergehen; das ist Ihnen aber nicht gelungen, denn mein Name ist von Ratatinski; ich bin Herrn Szumbalinski's Schwiegersohn. Gomirto (immer mehr ausgebracht). Mein Name aber ist Mathias von Gomirto, und ich bin Herrn v. Szumba- linski's Schwiegersohn. Ratatinski (wüthend). Sie find ein, ein — Filou! Gomirto. Sie find wahnsinnig! Ratatinski. Herr von Szumbalinski hat nur eine einzige Tochter. Agathe. Und die bin ich! Luise. Ich! Ratatinski. Das ist nicht wahr! Gomirto (völlig außer sich). Was? Sie unterstehen sich zu behaupten, daß meine Tochter nicht die Frau ihres Vaters ist? oder wollte ich sagen, nicht ihres Gatten Tochter ist? Ratatinski (ganz außer sich). Und Sie wagen es zu bestreiten, daß mein Schwiegervater der Gatte seiner Tochter ist? Agathe. Luise. Ich bin nicht die Tochter meines Vaters? Ratatinski. Das werden wir gleich sehen! Gomirto. Das wird sich zeigen! Agathe (auf das Canaps sinkend). Das überleb' ich nicht! — Luise (stürzt auf den aus der rechten Seite stehenden Lehnsessel). Ich vergehe vor Aerger! Ratatinski. Ich gehe, meinen Schwiegervater aufzusuchen! Gomirto. Und ich den meinigen! Ratatinski. Den meinigen! Gomirto. Den meinigen! (Ratatinski ab durch die linke, Gomirto durch die rechte Hinterthür.) Siebente Scene. Agathe. Luise. Agathe (weinend). Das ist schrecklich! Luise (weinend). Zu behaupten, daß ich nicht meines Vaters Tochter bin! Agathe. Sich im Hause meines Vaters meine Rolle anmoßen! — Luise. Es ist nichtswürdig! Agathe. Das hat man der Erziehung außer dem Vaterhause zu verdanken. Luise. Was wollen Sie damit sagen? Agathe. Ich will damit sagen, Madame, daß Sie Mißbrauch im Hause meines Vaters treiben. Sie benützen den Umstand, daß ich in Galizien bei meiner Tante Kunigunde erzogen wurde, und geben sich hier für mich ans. Luise. Bei Frau Kunigunde Low- uiczka? Agathe. Ja w ohl, bei Frau Lowniczka? (Ironisch.) Belieben Sie das zu wissen? Luise (ausstehend). Aber das ist ja unmöglich! Agathe ist ja dort noch als Kind gestorben. Agathe. Es scheint denn doch nicht, weil ich lebe, weil ich Agathe bin! Luise. Du, Du bist Agathe? Ich bin ja Luise! Bei Tante Dorothea in Podolien erzogen — Schwester! Agathe (aufspringend). Luise! (Stürzen sich in die Arme.) Luise. Ich hielt Dich für todt. Agathe. Und ich Dich, Papa sagte es. Luise. Mir auch. Agathe. Aus welchem Grunde? Luise. Das werden wir später erfahren. Welch unverhofftes Glück! Komm' nochmals an mein Herz! (Sie umarmend.) Agathe. Liebe, theure Luise! — Doch komm', wir wollen nach unseren Gatten schauen, die duelliren sich am Ende. Luise. Ja wohl, eilen wir! Vielleicht finden wir auch den Papa. Agathe. Also rasch! (Zu der linken Thür im Hintergründe, Luise aber zu der rechten.) Luise. Da gingen sie hinaus. Agathe. Nein, hier. Luise. Hier, meine Theure. Agathe. Ich versichere Dich! Luise. Aber wenn ich Dir sage! Agathe. Alleseins, wir wollen sie schon finden. (Beide durch die linke Mittelthür ab.) Achte Scene. Balthasar. Später Szumbalinski. Balthasar (tritt durch die rechte Mittelthür des Hintergrundes ein). Wie ich's vorausgesagt habe! Das ganze Haus ist auf den Kopf gestellt. Szumbalinski (öffnet behutsam die Tapetenthür). Wenn wir doch nur zu den Pferden gelangen könnten. Ah, Balthasar! Was gibt's? Balthasar. Es gehen schreckliche Dinge vor! Szumbalinski. Schreckliche Dinge? 23 Balthasar. Die Welt geht zu Grunde. Szumbalinski. Demnach kann ich Camilla noch nicht herausführen? Balthasar. Keine Spur! Keine Idee! Szumbalinski (in der Thüre, hinauö- sprechend). Liebe Camilla, wenn Du Dein Väterchen liebst, verlasse das Stübchen nicht. Komm' unter keiner Bedingung herunter! Den Grund will ich Dir später erklären. Nur bis dahin ruhig, mein Schätzchen. (Zu Balthasar.) Und die Anderen, was machen denn die? Balthasar. Was sie machen? Nun, Herr Casimir und Herr Mathias liegen sich wahrscheinlich in den Haaren. Szumbalinski. Und August und Pauline? Balthasar. Die sitzen in der Laube und kümmern sich um die ganze Welt nicht. Neunte Scene. Vorige. Ratatinski (tritt durch die linke Mütelthür des Hintergrundes ein, Szumbalinski macht einen Sprung gegen die Tapetenthür, wird aber von Ratatinski bemerkt). Ratatinski. Ah, endlich doch! Szumbalinski. Abgefaßt! (Balthasar ab im Hintergründe.) Ratatinski. Aber, wo zum Teufel waren Sie denn, Herr Schwiegervater? Szumbalinski. Wie geht'S, lieber Casimir? Ratatinski. Seit einer Stunde suche ich Sie wie närrisch, denken Sie! Szumbalinski. Komm', last' Dich zuerst umarmen! (Umarmt ihn.) Ratatinski. Das ist wirklich unerhört ! Szumbalinski. Wie brav von Dir, daß Du Dich an meinen Namenstag erinnerst! Ratatinski. Irgend ein Verrückter oder vielmehr ein Filou! Szumbalinski. Aber Du siehst wirklich prächtig aus! Wie geht es Deiner Frau? ' I Ratatinski. Sie ist hier, mit mir angekommen; aber jetzt ist nicht davon die Rede. Denken Sie sich, ein Abenteurer, der sich in Ihrem Hause aufhält, wagt mir in s Gesicht zu sagen, er sei Ihr Schwiegersohn. Szumbalinski. Erhitze Dich doch nicht, lieber Casimir! Ratatinski. Wer sollte sich da nicht erhitzen? Zuerst nimmt er mir die Pferde weg — Szumbalinski. Nur nicht so heftig, lieber Casimir, nicht so gereizt! Ta ist ein kleines Mißverständlich — Ratatinski. Das kann hinsichtlich der Pferde vorgefallen sein, aber — Szumbalinski. Nun sieh', lieber Casimir, die Wahrheit zu sagen,- komm' nur nicht gleich wieder in die Hitze! Ratatinski. Also heraus damit! Zu neun Teufeln! Szumbalinski. Du bist schon wieder Feuer und Flamme. Wie kann ich Dich da aufklären? Ratatinski (sich setzend). Nun, jetzt bin ich ruhig, vollständig beruhigt. Szumbalinski. Dieser Herr Go- mirto also, wenn ich mich so ausdrü- cken darf — Ratatinski. Ist ein verrückter Narr! Szumbalinski. Nun, das gerade nicht-sondern-aber- er ist auch mein-mein Schwiegersohn! — Ratatinski. Ach, lassen Sie die Späße, sie sind jetzt nicht am Platze! Szumbalinski. Ich, ich-aber ich-spaße gar nicht. Ratatinski. Hölle und Teufel! Ich bin jetzt nicht gelaunt. — Szumbalinski. Nun, nun, nur ruhig, lieber Casimir, Du sagtest ja eben jetzt'- Ratatinski. Nein, nein, Sre scherzen; wie kann er denn Ihr Schwiegersohn sein? Szumbalinski. Indem er mit mei- 24 ver zweiten, eigentlich meiner älteren Tochter verheiratet ist. Ratatinski. Was für eine zweite Tochter? Szumbalinski. Agathe, die bei meiner Schwester Kunigunde ausgewachsen ist. Ratatinski. So also? Gut! Aber ich bleibe auch keine Minute länger in diesem Hause. (Rust.) Luise! Luise! Szumbalinski. Aber, so sei doch vernünftig, Casimir! Ratatinski. Ich will nichts weiter hören. Ich mache mich augenblicklich fertig und reise mit meiner Frau ab. Szumbalinski. Kann ich dafür, wenn ich noch eine Tochter habe? Sie ist eben da. Ich konnte sie doch nicht ersäufen wie einen jungen Hund! Ratatinski. Ich sage gar nichts, sondern reise ab. Luise! Szumbalinski (für sich). Womit soll ich ihn nur besänftigen? Aha, ich hab's. (Nimmt die Jagdpeitsche, die aus dem Tische liegt.) Siehst Du, Casimir, das ist nicht recht von Dir. Ich war Deiner bedacht und Du verursachst mir dennoch Kummer. Ratatinski. Ja wohl. Sie waren meiner bedacht, das kann ich sagen. Szumbalinski. Gewiß dachte ich an Dich, ich erinnerte mich, daß Du ein leidenschaftlicher Jäger bist. Ratatinski (der im Hintergründe in höchster Erregung aus und ab ging, bleibt bei der linken Mittelthür stehen). Jetzt ist keine Zeit zum- Szumbalinski. Ganz richtig. Aber weil ich wusste, daß Niemand eine reichere Jagdrequifitensammlung besitzt als Du, habe ich ein Prachtexemplar für Dich gekauft. Ratatinski (thut einen Schritt gegen Szumbalinski). Was für ein Exemplar? Szumbalinski. Eine schöne Jagdpeitsche. Ratatinski (entfernt sich). Ich habe deren genug. Szumbalinski. Aber eine solche gewiß nicht. Das ist keine gewöhnliche Jagdpeitsche. Ratatinski. Sie-sagen- keine gewöhnliche. Zeigen Sie mal her! Na!-Doch nein, ich will sie gar nicht sehen. Szumbalinski. Sieh' sie nur an, eine solche hast Du nie gesehen- Ratatinski (nähert' sich). Nie gesehen? Szumbalinski. Sieh nur einmal an, das ist eine Jagdpeitsche, eine echte Jagdpeitsche. Wenn Du ausreiten willst, oder auch wenn Du nicht ausreitest, wann immer, nehmen wir an, Du hättest gerade Lust zu rauchen, so — siehst Du — brauchst Du nur diese kleine Schraube los zu machen (schraubt den obern und untern Theil herunter), nimmst aus deiner Lasche die Pfeife heraus und Du Haft sofort eine vollkommene türkische Pfeife. (Bläst in das Rohr.) Ratatinski (das Rohr aus Szumba- linski's Hand nehmend). Hören Sie, das ist gar nicht schlecht! Szumbalinski. Hab' ich Dir auch jemals was Schlechtes gegeben? Ist etwa deine Frau schlecht? Ist sie nicht gut? Nicht angenehm, nicht heiter? Spielt sie nicht reizend Clavier? Ratatinski (mit der Peitsche beschäftigt). Dagegen kann ich nichts sagen, aber sie ist furchtbar eifersüchtig. Szumbalinski. Weil sie Dich liebt. Ratatinski. Das ist auch wahr. Szumbalinski. Siehst Du, siehst Du, wie undankbar Du bist! Ratatinski (plötzlich lachend). Man muß schließlich lachen über Sie; aber erklären Sie mir mindestens — Zehnte Scene. Vorige. Luise und Agathe am Arme Gomirto's. (Linke Mittelthür.) Gomirto. Das ist Alles recht schön, aber mit Papa habe ich doch noch ein Wort zu reden. Agathe. Luise. Papa! Papa! (Umarmen Szumbalinski.) Szumbalinski. Wie geht's Euch, meine lieben Kinder? Stellung: Gomirto. Ratatinski. Agathe. Szumbalinski. Luise. Gomirto. Herr Schwiegervater! Szumbalinski. Lieber Mathias! Lass' Dich umarmen! (Umarmt ihn.) Ratatinski (schüttelt Agathens Hand). Stellung: Gomirto. Szumbalinski. Ratatinski. Agathe. Luise. Gomirto. Schon gut, schon gut. Sie haben mich d'rangekriegt; ich bin Ihnen doch aufgesessen. ' Szumbalinski. Aber was fällt Dir ein? Gomirto. Aufgeseffen bin ich, und fitze nun fest. Wie soll's denn jetzt mit der Mitgift werden? Szumbalinski. Der Mitgift?- Ratatinski (geht zu Gomirto und drückt ihm die Hand). Ja! Was bleibt uns Avd'res übrig, als wir theilen sie? Gomirto. Theilen! Die Mitgift theilen! Szumbalinski (für sich). Womit wär' denn der herumzukriegen? (Nimmt die Büchse von der Wand.) Gomirto. Im besten Falle bekommen wir jeder 50.000 fl. Szumbalinski. Höre, Mathias, ich habe eine Ueberraschung für Dich vorbereitet. Sieh' mal! Dieser Hinterlader, der ist für Dich bestimmt. > Gomirto. Ein Hinterlader? Aber hören Sie mal, Papa, man sagt, die gehen von selber los. Szumbalinski. Was fällt Dir ein? Es gibt kein sichereres Jagdgewehr als einen Hinterlader. Eilste Scene. Vorige. Heinrich. Stellung. Szumbalinski. Heinrich. Gomirto. Ratatinski. Agathe. Luise. Heinrich (stürzt durch die rechte Sei- tenthür im Hintergründe ein, zu Szumbalinski). Endlich also finde ich Sie! Szumbalinski (zu Heinrich). Ich bin sogleich zu Ihren Diensten. (Zu Gomirto.) Sieh', hier ist das Schloß. Stellung: Szumbalinski. Gomirto. Heinrich. Ratatinski. Agathe. Luise. Heinrich (zu Szumbalinski). Nur auf ein Wort, mein Herr! Erklären Sie mir doch — Stellung: Szumbalinski. Heinrich. Gomirto. Ratatinski. Agathe. Luise. Szumbalinski (Stellung: Gomirto. Szumbalinski. Heinrich. Ratatinski. Agathe. Luise.) (zu Heinrich). Einen Augenblick, wir gehen sogleich auf mein Zimmer. (Zu Gomirto.) Das ist das allerneueste System. Heinrich. Das Fräulein im Thurme? Szumbalinski (zu Gomirto). Wenn es fest verschlossen ist. kannst Du machen damit, was Du willst- Heinrich. Ist es Ihre Tochter oder nicht? Szumbalinski. Es geht in keinem Falle los. (Die Büchse in seiner Hand geht los.) Alle (erschrocken). Ah! Ratatinski. Um Gottes willen, was machen Sie? Gomirto. Direct an meinem Ohr vorbeigeschossen! Szumbalinski. Thut nichts! Es war nur mit Schrot geladen, bei Kugeln ist das was Anderes, da knallt es auch lauter! Gomirto (hält sich die Ohren zu). Ich danke ergebenst. Zwölfte Scene. Vorige. Camilla. Camilla (stürzt durch die Tapetenthür). Ein Schuß! Was geht hier vor? Szumbalinski. Camilla! Ich bin verloren! (Stürzt in den neben dem Ca- naps befindlichen Sessel.) Alle. Camilla! Camilla. Liebster Vater! (Mt zu ihm und kniet vor ihm nieder.) Dreizehnte Scene. Vorige. August. Pauline. Pauline (stürzt durch die rechte Mittelthür herein, nach ihr August). Mein Gott! Stellung: Pauline. Szumbalinski. Camilla. August. Heinrich. Ratatinski. Luise. Agathe. Gomirto. Was ist geschehen? Ah! Papa verwundet! Papa, theurer Papa! (Kniet auf der andern Seite neben ihm nieder.) Szumbalinski. Pauline! Ratatinski. Agathe. Luise. Camilla? Papa? Gomirto. Heinrich. August. Pauline? Papa? Ratatinski. Mein Gott, also wie oft find Sie denn Papa? Gomirto. Nochmals Papa! August. Wir hörten den Schuß und eilten hieher, um zu sehen, was vorge- fallen ist. Pauline (zu Szumbalinski). Bist Du unversehrt, lieber Vater? 6 — Szumbalinski (küßt Camilla und Pauline aus die Stirne). Ganz Wohl, meine lieben Kinder! Ratatinski. Herr Schwiegervater, was soll das bedeuten? Stellung: Heinrich. Camilla. Pauline. August. Szumbalinski. Ratatinski. Luise. Agathe. Gomirto. Szumbalinski (nach einer Pause). So hört denn! Als meine arme Frau — Gott Hab' sie selig! — nach Hinterlassung einiger gesunder Töchter das Zeitliche gesegnet, dachte ich als trauernd Hinterbliebener Witwer: Was soll ich nun mit den vielen Mädchen anfangen? Vermögen, ein schönes Vermögen ist wohl da, genügt aber höchstens für ein Mädchen! Wenn ich es unter sie theile, was kömmt auf eine? Gomirto (hat unterdeß die anwesenden Töchter gezählt). 31.500 Gulden. Szumbalinski. Wer nimmt sie zur Frau? Niemand. Da ich aber zwei verheiratete, aber kinderlose Schwestern hatte, die eine in Galizien, die andere in Podolien wohnhaft, brachte ich zu jeder von ihnen eine Tochter und ließ, als ich heimkehrte, das Gerücht verbreiten, meine Kinder seien aus der Reise gestorben. (Zu Ratatinski und Gomirto.) Bei meinen Schwestern machtet Ihr Beide die Bekanntschaft Eurer Frauen, und ich glaube behaupten zu können, daß Ihr vortreffliche Gattinnen habt. Gomirto. Das wohl, aber- Ratatinski. Weiter, wenn ich bitten darf, weiter! Szumbalinski. Pauline,meine dritte Tochter, habe ich zu Hanse erzogen und gerade heute mit Herrn August von Dar- sinski verlobt, der ein charaktervoller, ehrenhafter und höchst achtenswerter Mann, ein Mann von Wort ist. (Drückt August die Hand.) Die vierte hier, meine kleine Camilla, habe ich nach Posen geschickt, von wo sie eben jetzt zurückge- 27 kommen ist, über meine Erwartung voll- ständig ausgebildet. (Zu Heinrich.) Sie haben noch keine Zeichnung von ihr gesehen! — Salvator Rosa ist ein Stümper gegen sie; sie malt ganz ausgezeichnet! Nun, meine lieben Kinder, habe ich Euch aufgeklärt; umarmt und küßt Euch unter einander! Einigkeit, Liebe herrsche unter Euch! Ich gebe Euch Allen meinen Segen! Ratatinski. Gegen des Geschickes Mächte! — Da es einmal so ist. Gomirto. Nun, in Gottes Namen, umarmen wir uns! (Ratatinski und Gomirto umarmen sich, Pauline und Camilla nähern sich ihren Schwestern.) Agathe. Liebste Camilla! Luise. Meine Pauline! Stellung: Heinrich. August. Camilla. Agathe. Pauline. Luise. Szumbalinski. Ratatinski. Gomirto. Camilla. Pauline. Schwester! (Umarmen sich.) Szumbalinski (sich die Hände reibend). Gott sei Dank! Das wäre gelungen! Vierzehnte Scene. Vorige. Balthasar. Peppi. Balthasar (stürzt in Verzweiflung in's Zimmer). Die Peppi! (Nach ihm stürzt Peppi durch die rechte Mittelthür aus Szumbalinski zu und fällt ihm zu Füßen.) Peppi. Verzeihung, liebster Vater, Verzeihung! Szumbalinski. Peppi! Wo kommst Du her? Alle. Peppi! Ratatinski. Wieder eine Tochter? Luise. Aber das — Gomirto. Jetzt kommt kaum 30.000 Gulden auf einen Theil. Peppi. Papa, ich muß Dir ein Gr- ständniß machen, aber nur Dir allein, liebster Papa! — Insgeheim — Szumbalinski (zu den Andern). Bitte, erlaubt nur einen Moment! Ich will Euch auch darüber gleich Aufklärung verschaffen. (Zu Peppi, die er nach rechts in den Vordergrund führt.) Nun, was gibt's? Heraus damit! Warum kommst Du plötzlich von Lemberg nach Hause, und noch dazu allein? (Gomirto und Ratatinski haben sich nach rechts, die Andern nach links zurückgezogen.) Peppi. Das ist es ja eben, ich bin nicht allein gekommen. Szumbalinski. Mit wem denn also? (Für sich.) Was werde ich hören! Peppi. Mit einem Uhlanenofficier! — Szumbalinski (zornig). Ah, das ist doch zu stark! Aus meinen Augen, fort, aus meinen Augen! Geh' nach Lemberg zurück, oder wohin es Dir beliebt! Ich will nichts, gar nichts von Dir wissen! (Geht mit großen Schritten um den in der Mitte befindlichen Tisch. Ratatinski und Gomirto folgen ihm in gleicher Entfernung, als ob sie ihn sangen wollten, können ihn aber nicht erreichen. Peppi weint.) Agathe. Was hat denn das Mädchen angestellt? Szumbalinski. Was sie angestellt hat? Prächtig hat sie sich aufgeführt! Luise. Wie so denn, wie? Szumbalinski (nach vorne kommend). Durchgegangen ist sie mit einem Hußaren- lieutenant. Peppi (schluchzend), 's ist kein Hußar, Papa, ein Uhlanenofficier ist's! Agathe. Armes Kind! Sie weiß ja gar nicht, was sie gethan hat. (Bittend.) Papa! Szumbalinski. Lass' mich zufrieden, ich verstoße sie! Balthasar. Dann begehen Sie, weist Gott, eine Dummheit. Luise. Bedenke, Papa — der Officier hat sie ja nach Hause gebracht. 28 Szumbalinski. Dann soll er sie nur «jeder fortbringen, wohin es ihm beliebt. Camilla. Sei nicht so hart, Väterchen! Stellung: Camilla. August. Szumbalinski. Luise. Pauline. Peppi. Pauline. Wir bitten Alle für sie! Szumbalinski. Nein! Niemals! Agathe (zu Gomirto). Komm', hilf mir den Papa versöhnen! Stellung: Camilla. Gomirto. Agathe. Szumbalinski. Luise. Paul. Peppi. Luise (zu Ratatinski). Casimir! Stellung: Heinrich. Camilla. Gomirto. Agathe. Szum- Lalinski. Ratatinski. Luise. Paul. August. Peppi. Balthasar im Hintergründe. Ratatinski. Um Eine mehr oder weniger, darauf kommt's jetzt nicht mehr an. (Zu Szumbalinski.) Schwiegervater! Sie werden das arme Mädchen doch nicht dem Verderben preisgeben? Szumbalinski. Sie hat sich selbst preisgegeben. Unerhört? Ich lasse das Mädchen im Pensionate erziehen, sorge für sie — zahle Unsummen — da kömmt auf einmal so ein Hungerleider von Lieutenant, und weil er Säbel und Sporen und einen Czako trägt — husch! wirft sich ihm das Fräulein an den Hals. Balthasar. Warum haben sie Euer Gnaden nicht daheim erzogen? Agathe. Aber wer ist denn dieser Lieutenant, wie heißt er? Peppi. Jaromir — Heinrich. Wie? Peppi. Jaromir von Krotzki. Heinrich. Krotzki! Ah, den kenn' ich ja! Einer meiner besten Freunde, der wackerste Junge von der Welt! Balthasar. Hören Sie, Euer Gnaden! Szumbalinski. Ein wackerer Junge, der Mädchen entführt. — Scheren Sie sich mit Ihrer Freundschaft! August. Krotzki ist aus sehr guter Familie. Balthasar (halblaut zu Szumbalinski). Aus guter Familie! Szumbalinski. Was geht mich seine Familie an! Heinrich. Er hat ein bedeutendes Vermögen. Szumbalinski. Sein Vermögen (ruhiger und leiser) kümmert mich auch nicht. Balthasar. Das ist nicht wahr! August. Sein Bruder hinterläßt ihm über 100.000 Gulden. Szumbalinski (schnell). Ja, warum ist er denn nicht gleich mitgekommen? Wo ist denn der Herr — Lieutenant! Peppi. Er ist im Gasthof abgestiegen — er hat es nicht gewagt hie- herzukommen. Szumbalinski. Nicht gewagt? Unsinn! Ich bin ja auch kein Tigerherz. Balthasar! Lass' anspannen! Johann fährt sogleich in den Gasthof und bringt den Bräutigam des Fräuleins Peppi mit. Nun, was staunst Du noch? Balthasar. Ich eile, Euer Gnaden — er kommt im Galopp! Szumbalinski (zu Peppi). Komm' her, mein Kind! Umarme mich! Zuerst deinen Vater und dann deine Geschwister. Peppi (fällt ihm um den Hals). Meine Geschwister? Szumbalinski. Ruhig! — Später will ich Dir erklären — Agathe. Lass' Dich doch umarmen, liebe Schwester! Peppi. Von ganzem Herzen. (Umarmung.) Heinrich (zu Camilla). Darf ich nicht auf Verzeihung hoffen, da jetzt Alle so glücklich find? Camilla. Wenn's Papa erlaubt — Szumbalinski (rasch ihre Hände mein- 29 anderlegend). Liebet Euch untereinander! (Für sich, indem er sich die Hände reibt.) Mein System ist doch unvergleichlich! Stellung: Gomirto. Szumbalinski. Ratatinski. Gomirto. Das wäre nun vorläufig alles in Ordnung, lieber Schwiegervater; aber sagen Sie uns jetzt endlich im Ernste — der Wahrheit getreu — definitiv — wie viel Töchter haben Sie denn eigentlich ? Ratatinski. Hoffentlich war Peppi die letzte. Szumbalinski. Ja wohl, meine Freunde, das ist meine letzte Tochter. Darauf mein Ehrenwort! Gomirto. Aber Sie haben vielleicht Söhne? Szumbalinski. Nein! Ich hatte niemals einen Sohn. Aber da wir Alle so gemächlich beisammen find, fühle ich mich gedrängt, Euch ein Geständniß zu machen. Gomirto. Noch eins! Szumbalinski. Hört mich ruhig an, meine Lieben. Jetzt, da alle meine Töchter versorgt sind, müßte ich auf meine alten Tage ganz allein bleiben — Ratatinski. Sie wollen doch nicht etwa heiraten? Szumbalinski (halbleise, verlegen). Nein! Ich bin schon verheiratet! Alle. Ah! Szumbalinski. Vor beiläufig 8 Monaten habe ich mich insgeheim mit einer allerdings nicht reichen, aber herzensguten und ehrenwerthen Frau vermält. Ihr werdet sie kennen und lieben lernen. Gomirto. Danke, bin gar nicht begierig. Ratatinski. Wer ist sie? Szumbalinski. Eine recht behäbige Witwe. Gomirto. Die vielleicht auch eine einzige Tochter hat? Szumbalinski. Noch nicht; — aber wenn die Vorsehung, wie zu erwarten steht — die Familie mit einem neuen Sprößling segnen würde — Ihr werdet Euch gewiß so aufrichtigen Herzens freuen wie ich. Gomirto. Jetzt bekomme ich nicht einmal 25.000 Gulden. (Vorhang fällt.) Ende. Im Verlage der Walkishausser'fchen Wuchharrdtung sind erschienen: Mbum österreichischer Dichter. Neue Folge. (Zedlitz—Deinhardstein—Paoli Constant— Ebert — Mosenthal — Prechtler — Leitner — Hirsch — Beck — Meißner — Saphir.) Mit 12 Porträts, fl. 1.80. — Elegant gebunden fl. 2.30. Becker, M. A. Deutsches Wörterbuch in kürzester Form mit Rücksicht auf Rechtschreibung, auf Biegung und Abstammung, auf Worterklärung rc., in Leinw. gebunden fl. 1.40. Dreier, Ed. Die Herzogin von Thury. Histor. Roman, fl. 1. Bujanovics, A. v., Geschichte meiner zehn Vorstehhunde. (Praktische Beispiele sowohl über die Dressur des Hühnerhundes als auch über die Führung des ferm dreffirten Hundes, damit er nicht verliege.) fl. 1.30. Buzzi, A. v. Dramatischer Nachlaß, fl. 1.— Ealderon. Das Leben ein Traum. Dramat. Gedicht in 3 Acten. Für die deutsche Bühne bearb. v. C. A. West. 5. Ausl. Mit einem Vorworte von H. Laube, fl 1. Elegant gebunden, fl. 1.80. Ebersberg, S. Das Buch vom guten geselligen Ton. 2. Ausl. 30 kr. Ebstein, I. Die Backwerke. Handbuch für die Haushaltung, für Köche und Conditoren, m. 60 Holzschnitten, fl. 1. Fialkowski, N. Die zeichnende Geometrie (Construcüons-Lehre). 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In Prosa: „Ehe und Eisenbahn." — „Vergnügen und Passion." — „Aus den Augen Gelesenes." — „Verschiedene Sterne." — „Selbstbiographie eines Witzes." — „Etwas Kleines über große Männer." — „Fragmaier." — „Geschwind, was gibt's Neues?" — „Hinter dem Kutschbock." — „Gedanken über Worte." — „Fremdwörtliche Betrachtungen." — „Von der Jägerei." — „Schöne Leute." —In Versen: „Frauen und Vereine." — „Ungeduld." — „O welche Lust, Schauspielerin zu sein." Dritte Sammlung. In Prosa: „Zum Kapitel vom Schuldenmachen." — „Nur für Erwachsene." — „Irdische Seligkeiten." — „Wein, Weib und Gesang." — „Glossen über deutsche Sprichwörter." — „Ein Schmerzensschrei aus der Thierwelt." — „Wienerische Sprachsünden." — „Biblische G'schichten und Sachen." — „Schule und Leben." — „Im Kaffeehause." — „Gedanken über Tod und Teufel." — „Aus den Memoiren eines Affen."—In Versen: „Allerhand G'schichten." — „Aus dem Papier." — „Was man im Kalender sucht." — „Das Pfänderspiel." Vierte Sammtung. „Ein H6trl-Hausknecht," komische Scene für 1 Person. — In Prosa: „Gedankenstriche." — „Inserat und Annonce." — „Beim Chinesen." — „Bettler und Haufirer." — „Bei der Burg-Musik." — „Ein Vortrag über Köpfe." — „Frauen und Cigarren." — „Jndiscrete Plaudereien aus meinem Kleiderschrank." — „Allerlei Touristen." — „Nareiioss 60n2ala.nl." — In Versen: „Was in Wien Alles merkwürdig ist." — „Wer hat's g'sagt?" — „Blümel- Blamel." Von M. A. Grandjean sind im selben Verlage ferner erschienen: Mothe Kaare, Lustspiel in einem Act. — Aas Pamphlet, Lustspiel in einem Act. — Keimlich, Lustspiel in einem Act. — Aie geheime Mission, Lustspiel in drei Acten. — Am Klavier, Lustspiel in einem Act. — Kin Kut, Lustspiel in einem Act. — Aas hohe K, Lustspiel in einem Act. — Areiviertek auf Kits, Schwank in einem Act. — Kr kann nicht lesen, Posse in einem Act. — Kosten und Karren, Schwank in einem Act. — Kinen Kamen miss er sich machen, Posse in einem Act. — Immer z« Kause, Lustspiel in einem Act. — Kine fire Idee, Lustspiel in eimm Act. — Aer Stiefvater, Lustspiel in einem Act. — Aer Blaubart, Lustspiel in einem Act. — Kin empfindlicher Mensch, Schwank in einem Act. — Aie Prinzessin von Aragant, komische Operette in 3 Acten nach Nestroy's Lohengrin-Parodie. — Ludwig der Vierzehnte, Lustspiel in einem Act. — Kin lebendes Wild, Familienscene in einem Act. Truck und Psp'.cr ron Leopold Sommer .4 -lomp. in Ai,-.'. Mina. Schwank in einem Act. Nach dem Französischen frei bearbeitet von M. A. Grandjean. Alle Rechte Vorbehalten. Wien, 1875. Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt 1. Gelbling, Rentier. Rosa v. Feldt, dessen Nichte. Herr v. Weiler. Moriz Sturm. Marie, im Dienste Rosa's. Hellgrün, Tapezirer. Toni. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Das Aufführungsrecht ist nur zu erlangen durch die Theater-Agentur des Herrn Franz Kratz in Wien, VI. Gumpendorferstraße Nr. 3ö. Ein kleiner Salon mit einer Mittelthür, rechts und links Seitenthüren. — Links vorne ein Kamin, ober demselben ein Spiegel und ein Photographie-Porträt, ein Tisch, mit Zeitungen bedeckt, mehrere Stühle, im Hintergründe aus einem Stuhl Frauenkleider. Erste Scene. Marie (ein Tuch in der Hand, gleich daraus) Rosa und Gelbling. Marie. Ich bin doch kaum eine Stunde in diesem Dienste und hätte große Lust, wieder davonzugehen. Das Fräulein ist zwar sehr gut, aber sie benimmt sich gegen unsereins ein bischen gor zu vornehm; sie läßt sich in keinen Diseurs ein, — man verlernt bei ihr ganz das Reden; und gar der Alte, der ist ein unausstehlicher Brummbär, ha! da poltert er schon wieder herum. Gelbling (von rechts kommend). Verdammtes Quartier das — da bleibe ich nicht über Nacht! Wo ist meine Nichte? Rosa (von links). Hier bin ich, lieber Onkel. — Wie geht es Ihnen? Gelbling. Schlecht— sehr schlecht. Die Wohnung ist miserabel, die Möbel sind xauvrs — nicht einmal Vorhänge an den Fenstern. Rosa (geht zum Tische, auf welchem das Frühstück steht). Ich habe bereits den Tapezirer bestellt. (Servirt den Kaffee.) Jst's gefällig? Gelbling (setzt sich). Wenn ich nur den Banditen da hätte, der mich zwang, nach Wien zu gehen. Marie (bei Seite). Er hätte wirklich in der Provinz bleiben können. Gelbling. Zum Teufel! — Wer hat diesen Kaffee gemacht? Rosa. Das Mädchen. Theat-Rep. Nr. 291 . Gelbling. Das ist eine Gans! Marie. Wie? Rosa. Ich finde den Kaffee vortrefflich. Gelbling. Ich finde ihn höllisch heiß und finde ferner, daß es eine Impertinenz ist, Jemanden, der Eile hat. einen solchen Kaffee vorzustelleu. —Du wirst dieses Mädchen entlasten — ich will das Gesicht nicht mehr sehen. (Zu Marie.) Geh' sie und sehe sie nach, ob der Hausmeister keine Briefe für mich übernommen hat, — geh' sie! Marie. Ich gehe schon. (Für sich im Abgehen.) Hm, der will mein Gesicht nicht mehr sehen! Schau, mein Gesicht kann sich doch überall sehen lassen. (Ab.) Zweite Scene. Vorige ohne Marie. Rosa. Lieber Onkel, erklären Sie mir doch einmal, weßhalb Sie seit einiger Zeit so fürchterliche Launen haben! Gelbling. Weil ich seit einiger Zeit einen Proceß habe. Rosa. Ihre beständige Aufregung beunruhigt mich; ich fürchte für Ihre Gesundheit, deßhalb begleitete ich Sie von Graz hieher. Gelbling. Gutes Mädchen — Du hast ein gefühlvolles Herz, Du wirst meinen Kummer ermessen können, Du kennst meine Besitzungen bei St. Peter. Rosa. Ein kleines Paradies — ich war ja schon als Kind dort. Gelbling. Ein Paradies, ja, aber leider fehlt auch die Schlange nicht! — Vor einigen Jahren ließ ich eine kleine chinesische Brücke über den Bach bauen, der meine Besitzung von der meines 1 * 4 Nachbars trennte — Du kanntest meinen Nachbar? Rosa. Za wohl, Herrn Ramberg — ein interessanter Mann — Gelbling. Richtig — der ist die Schlange. Dieser Nachbar benützte meine Brücke. Er ging herüber. Rosa. Es ist doch kein Verbrechen, daß er auf Zhre Besitzung kam — Gelbling. Er benützte die Brücke fast täglich, aber nicht um zu mir, sondern um zu meiner Agathe, zu meiner Frau, zu gehen. Rosa. Er unterhielt die Tante, weil Sie sich immer mit Oekonomie beschäftigten, und Ihre Frau allein der Langweile Preisgaben. Gelbling. Das sagt Agathe auch — denk' Dir, ich war voriges Frühjahr ein paar Tage fern vom Hause, komme zurück und finde um 8 Uhr Morgens Herrn Ramberg bei meiner Frau. Rosa. Sie wollten wahrscheinlich eine Landpartie zusammen machen? Gelbling. Eine Stunde später ließ ich die Brücke abbrechen. Da hat der Herr Ramberg die Kühnheit zu verlangen, ich sollte die Brücke wieder Herstellen— auch meine Frau verlangt es, und, da ich mich weigere, bängt mir der Unverschämte einen Proceß an den Hals. — Was sagst Du dazu?! Rosa. Aber, irre ich nicht —Herr Ramberg ist ja vor kurzem plötzlich gestorben? Gelbling. Ja wohl. Der Erbe seines Vermögens und seiner Besitzung ist ein gewisser Herr Sturm. — Das ist eben entsetzlich! Sturm ist, wie ich höre, noch jünger und verlangt auch die Brücke. Er führt den Proceß fort. Zum Teufel! ich kann doch nicht jedem jungen Nachbar eine chinesische Brücke zu meiner Frau bauen! Lieber last' ich eine chinesische Mauer anfrichten! Rosa. Das ist eine fatale Lage! Gelbling. Man rieth mir, nach Wien zu fahren und mich an einen Advocaten zu wenden, dessen Adresse man mir gab — da bin ich nun — Rosa. Sie werden wohl den Proceß gewinnen? Gelbling. Das ist noch nicht Alles. Rosa. Noch nicht? Gelbling. Nein. — Rosa, denk' Dir — meine Frau hat an diesen Herrn Ramberg geschrieben — Rosa. Vielleicht eine Mittheilung über — Gelbling. Gewiß, eine Mittheilung, ganz gewiß! Aber was für eine — ich bin darin sicher curios mitgenommen. An diesem Brief hängt meine Ehre, den Brief muß ich haben. Rosa. Der Erbe des Herrn Ramberg wird ihn wohl herausgeben. Gelbling. Werweiß — dieser Brief hängt wahrscheinlich mit dem Proceß zusammen, liegt bei den Acten — wird bei der Verhandlung vorgelesen, und ich bin dem Gelächter bloßgestellt. Rosa. Sie quälen sich vielleicht grundlos — Dritte Scene. Marie kommt. Vorige. Marie. Es ist kein Brief für den gnädigen Herrn da. Gelbling. Ich mußt' es. wenn ich das alberne Ding schicke, bekomme ich kein Resultat. Marie. Albernes Ding? Herr! Gelbling (nimmt Hut und Stock). Geh' sie mir aus den Augen, unerträgliche Person. — Wenn der Advocat nicht nach meiner Idee zu Werke geht, breche ich ihm den Hals — Adieu, Rosa! (Schnell ab.) Marie. Unerträglich? Ich? Das hat mir noch kein Mann gesagt — der alte Brummkater — Rosa (verweisend). Marie! (Sanft.) Mein Onkel ist schlechter Laune — es wird sich geben — sei geduldig, ich werde Dich zu entschädigen wissen. Marie. Befehlen Sie, Fräulein — Rosa. Ich habe einige Einkäufe zu machen; wenn der Tapezirer, den ich bestellte, kommen sollte, so sage ihm, er möge vor Allem Vorhänge für die Fenster besorgen. (Nimmt Hut und Shawl.) Marie. Sehr wohl, mein Fräulein. Rosa. Ich muß trachten, diese Wohnung, die wir in Eile nahmen, etwas comsortabler einzurichten, um dem Onkel den Aufenthalt angenehm zu machen. — Ich komme bald zurück. — Bald hätte ich vergessen Dir zu sagen, der Tapezirer wird nach meinem Namen Feldt fragen. — Vergiß nichts. (Ab.) Marie (allein). Das läßt sich hören. Nun, wenn man entschädigt wird, so kann man sich schon hie und da etwas gefallen lasten. (Links ab.) Vierte Scene. (Man hört läuten.) Moriz (kommt mit einem Ueberrock am Arm durch die Mitte). Ah, das ist stark! Kein Mensch da und die Thür offen?! Vielleicht ist sie in ihrem Toilettezimmer? (Oesfnet.) Niemand! Beruhige Dich, ich bin kein Gläubiger! Vielleicht in ihrem Schlafzimmer? (Oesfnet eine andere Thür.) Niemand! Sie ist also wahrscheinlich bei einer ihrer Freundinnen. — Das thut nichts, ich bin doch endlich wieder bei ihr — bei meiner Nina — ich könnte eigentlich sagen bei mir — diese Möbel, ich erkenne sie — sie waren sehr theuer. —Alles ist, so wie ich es verließ — bis auf mein Porträt. — Nein, auch mein Porträt ist noch da — da, da hängt es. (Steht vor dem Kamin, halb gerührt.) Alles wie einst, bis auf Nina — die Undankbare. — O Nina! Man wird mich fragen: wer oder was ist diese Nina? Diese Nina ist! ganz einfach meine Geliebte, eine kleine reizende Blondine mit spitzbübischen Augen, deren Reizen zu Liebe ich mich veranlaßt fand, für sie den Zins, den Schneider, den Wirth — mit einem Worte das ganze ordentliche und unordentliche Budget durch ein volles Jahr zu bestreiten. — Endlich war meine Cassa erschöpft, ich ging auf's Land zu meinem Vetter, um neue Kräfte zu sammeln, denke nur an meine Nina — da bleiben ihre Briefe nach und nach aus. — Mein Vetter stirbt plötzlich — ich beerbe ihn — werde Geld- und Gutsbesitzer. — Mit voller Börse und schwerem Herzen setze ich mich auf die Eisenbahn — und hier auf dem Bahnhofe erzählt mir ein Bekannter, Nina habe mich gefoppt! Dafür will ich mich rächen — ich werde sie zerschmettern! — (Nimmt eine Cigarre aus seiner Tasche.) Wo sind denn die Zündhölzchen? (Sieht sich um.) Sie hat nicht einmal mehr Zündhölzchen. — Ab, mir scheint, ich habe welche bei mir in meinem Ueberrock. Nein — aber was ist denn das? (Zieht ein Packet Schriften heraus.) Ah — der Proceß gegen Herrn Gelbling wegen der Derbindungsbrücke, der gehört mit zur Erbschaft ich muß mich erst darüber instruiren — aber früher muß ich mich an Nina rächen. — Ah! da sind die Zündhölzchen! (Ein Brief fällt aus den Acten.) Was ist das? (Hebt ihn aus und liest.) »An Herrn Ram« berg. Lieber Freund! Sie erweisen mir einen großen Dienst, wenn Sie Ihr Versprechen halten und mich baldigst besuchen. Ich habe neue Musikalien erhalten und brauche Ihren Rath zur Auswahl des Werthvolleren darunter. Agathe.« Hm! Sollte mein Vetter Ram- berg bei dieser Agathe etwa den Freischütz gespielt haben? Hm, was geht's mich an, — das gehört nicht zum Proceß! Jn's Feuer damit! (Im Begriff den Brief in die Flammen des Kamins zu werfen.) Aber vorher kann das Papier 6 noch als Fidibus dienen. (Zündet seine Cigarre damit an.) So, und jetzt mag es verbrennen! (Wirft den Brief in s Feuer.) Fünfte Scene. Moriz, Marie (mit einem Besen). Marie. Merkwürdig — da riecht es nach Rauch—! Moriz. Wer ist denn die Person? (Geht auf sie zu.) Marie (erschrocken). Was machen Sie da? Bleiben Sie zehn Schritt'von mir. Moriz. Hältst du mich für einen Banditen? — Da meine Legitimation. (Gibt ihr Geld.) Marie. Einen Gulden? Sie find also kein — Moriz. Kein Dieb — wenigstens für den Augenblick nicht — aber wer bist Du? Marie. Das Stubenmädchen des gnädigen Fräuleins. Moriz. Des gnädigen Fräuleins? — Sie hat also die Toni entlassen? Marie. Welche Toni? Moriz. Die Toni meiner Zeit — ein Mädchen, das ihr sehr ergeben war und eine Virtuosität im Wegschicken der Gläubiger besaß wie Keine. Wie nennst Du Dich? Marie. Marie ist mein Name. Moriz. Bist Du zufrieden mit deinem Platz? Marie. Nun, es geht an. Moriz. Und — wie heißt er? Marie. Wer? Moriz. Nun, er, der gegenwärtige Herzkönig? Marie. Herzkönig?! Schöner Herz- könig das! —Ein alter Brummbär ist er. Moriz. So? Wo ist Nina? Marie. Welche Nina? Moriz. Nun. die Nina — dein (ironisch betonend) gnädiges Fräulein, wie Du sagst — Marie. Sie irren sich, das Fräulein heißt Rosa von Feldt. Moriz. Rosa von — (Bricht in lautes Lachen aus.) Ha! ha! ha! Das ist stark — die Spitzbübin hat ihren Namen geändert. Marie. Was sagen Sie? Moriz. Ja, unschuldiges Stubenmädchen, erfahre, daß diese Rosa von Bellt — Marie. Von Feldt — Moriz. Fellt oder Bellt — das ist jetzt gleich. — Zu meiner Zeit hieß Sie Nina Fischer. Marie. Wissen Sie das gewiß? Moriz. Komm her! (Nimmt sie bei der Hand und führt sie zum Porträt.) Betrachte dieses Porträt. Wer ist das? Marie. Mein Gott, das sind ja Sie! Moriz. Du siehst, ich gehöre zum'Hause. Marie. Und ich ließ mich von Ihrer strengen Miene täuschen — Moriz. Sie — eine strenge Miene — das ist zum Todtlachen! — Maske, nichts als Maske! Marie. Und ich habe sie für eine große Dame gehalten! Moriz. Für eine große Dame? weißt Du, was Toni that, wenn Nina die Dame spielen wollte? — Sie machte es so (macht eine lange Nase mit den Fingern) Marie (entrüstet). Das werde ich auck treffen. — Auch mit dem Alten werde ich curios discuriren. Moriz. Recht so. Marie. Er soll nur zum Speisen kommen — Moriz. Kommt er? Hier hast Du noch einen Gulden — avisire mich, wenn er kommt, und geh' jetzt in die Küche, ich werde Nina bier erwarten. Marie. Es ist entsetzlich, wie man sich die Leute jetzt ansehen muß, zu denen man in Dienst geht. (Mitte ab.) Sechste Scene. Moriz allein — dann der Tapezirer. Moriz. Ich fange bereits an mich an der treulosen Nina zu rächen. — Cs 7 scheint, daß sie eine neue Methode zu leben sich aneignen will. — Sie maskirt sich, aber ich will ihr den Spaß verderben. — Ich werde ihre Schliche verfolgen, ihr dann plötzlich zermalmend entgegeutreten und ihr zurufen: »Ich kenne Dich, schöne Maske!« Tapezirer (durch die Mittelthür hin- ausrusend). Ja, ja, ich habe verstanden. (Halblaut.) Ah, die Malerei ist grün, da werden wir dunkelrothe Vorhänge anbringen. Und dort drinnen — (Will nach rechts gehen, bemerkt Sturm und grüßt.) Habe die Ehre! Moriz (den Gruß mit kurzem Nicken erwidernd). Guten Tag. (Für sich.) Das ist gewiß er! Sieht aus wie ein Nußknacker! (Laut.) Sie werden erwartet, mein Herr! Tapez. Ja? Sehr schmeichelhaft. Moriz. Sind Sie schon lange io Geschäftsverbindung mit der Gebieterin dieser Appartements? Tapez. Erst seit kurzem. Aber ich hoffe, daß ich noch länger so glücklich sein werde. Moriz. Hm — sie hat keinen besonders guten Geschmack — es ist ja möglich! Tapez. (stutzt). Wie meinen Sie? (Da Moriz sich lächelnd abwendet.) Für jetzt besorge ich eine ganz neue Mö- blirung. Moriz. Ah schön, ein hübscher Anfang. Tapez. Die jetzige Einrichtung ist ja erbärmlich geschmackloses Zeug — armseliges Gerumpel. Moriz. Oho! Tapez. Der das gemacht oder ausgesucht hat, war ein Schafskopf. Moriz. Erlauben Sie — ich habe diese Möbel hier geliefert. Tapez. (für sich). Ah so — auch ein Tapezirer. gemeiner Brodneid! (Laut.) Ich versteht — Sie waren hier mein Vorgänger? Bedaure! Moriz. Und Sie find mein Nachfolger? Bedaure! Aufrichtig, hat sie Ihnen nichts von mir erzählt? Tapez. Nein — sie hat mir nichts erzählt. Genug, ich möblire die Wohnung neu für den Preis von 3000 Gulden. Moriz. Dreitausend Gulden! (Für sich.) O Du alter Gimpel! Tapez. Ich hoffe Sie werden mir nicht vielleicht in den Weg kommen — und mir Concurrenz machen. — Ich setze einmal etwas darein, diese Appartements zu möbliren. Auch können Sie neben mir gewiß nicht aufkommen. Sie find ein junger Anfänger — ich aber bin ein Mann am Platze — ich habe Mittel — ich heiße Hellgrün. (Gibt Moriz seine Karte.) Moriz (liest). Hellgrün, Tapezirer. — Sie sind Tapezirer? Tapez. Ja, und Sie— nicht auch? Moriz. Warum nicht gar — Also — Sie liefern die Möbeln —für Geld? Tapez. Versteht sich. Moriz. Haben Sie das Geld schon? Tapez. Bewahre! Das Fräulein ist mir gut. Moriz. Ist sie Ihnen gut? — Nun, wünsche viel Glück! Tapez. Wie? Sie glauben doch nicht? Moriz. Ich glaube nicht, ich weiß gewiß, daß Sie für Ihre Möbel keinen Kreuzer Geld sehen. Tapez. Was, Fräulein von Feldt — ? Moriz. Was Fräulein von Feldt — Nina Fischer heißt sie! Ja, ehrwürdiger Roßhaarkünstler, sie ist eine listige Spinne. — Ich war eines ihrer Opfer und rede aus Erfahrung. Noch ist es Zeit — benützen Sie diesen Wink — und Gott befohlen! Tapez. Ah! das hätt' ich nicht gedacht — aber ich danke Ihnen für die Warnung! Ei der tausend, da wäre ich gut angekommen! Schöne Geschichte! (Ab durch die Mitte.) 8 Siebente Scene. Moriz, dann Weiler. Moriz. Triumph! Die Rache blüht! — Der Tapezirer ist gerettet, und Nina behält die alten Möbel! Ha, wer kommt denn da wieder? Weiler (elegant gekleidet, tritt schüchtern ein, ein Bouquet in der Hand). Mein Herr — (Für sich.) Ich hoffte sie allein zu treffen. Moriz (bei sich). Ha, das ist auch nicht der Rechte — der alte Brummbär! Weiler. Vergebung, mein Herr, — ich kam — ich glaubte, Fräulein von Feldt — Moriz. Ah! Ich verstehe — (für sich) das ist der Mann des Herzens. Weiler. Ich werde wieder kommen — Moriz. Im Gegentheil — ich bin erfreut Ihre Bekanntschaft zu machen. Prächtiges Bouquet das — prachtvolle Kamelien — kostet wenigstens 7 Gulden. Ist es lange her, daß Sie die Camelien- dame kennen? Weiler. Mein Herr! Moriz. Sie können es mir vertrauen, ich bin ihr intimster Freund. Weiler. Wirklich!? Moriz. Ihr zweiter Bruder! Sie hat keine Geheimnisse vor mir. (Setzt sich.) Weiler. Ach, welch' ein Glück! Moriz. Sie lieben sie also? Weiler. Sie ist so schön — Moriz. Aber sie schminkt sich — wissen Sie das? Weiler. Mein Herr, das ist eine Verleumdung. Moriz (für sich). Er liebt, wie ich vergangenen Sommer liebte. (Laut.) Wo haben Sie diese charmante Dame kennen gelernt? Weiler. Auf dem Dampfschiff zwischen Linz und Wien — sie reiste mit ihrem Onkel — Moriz (für sich). Er hält den Alten für ihren Onkel, das ist zu naiv! — Aber ich war auch so — Weiler. Als ich sie hier wieder traf, wagte ich es mich ihr vorzustellen. — Sie empfing mich so liebenswürdig. Moriz. Was haben Sie ihr gebracht? Weiler. Ein Bouquet wie heute. Moriz. So? Nun ja, man beginnt mit einem Bouquet und endet mit einem Ameublement! Weiler. Ich verstehe nicht — Moriz. Ich bedauere. (Steht aus.) Wie heißen Sie? Weiler. Theodor Weiler. Moriz. Ihr Alter? Weiler. Dreiundzwanzig Jahre — Moriz. Haben Sie Vermögen? Weiler. Ich habe 6000 Gulden Revenuen. Moriz. Weiß sie diese Details? Weiler. Ja, mein Herr. Moriz. Sie muß Ihnen um den Hals gefallen sein. Weiler. Wer? Fräulein v. Feldt? Moriz. Nina Fischer — Weiler. Ich bot ihr meine Hand an — sie schlug sie aus. Moriz. Dann war diese Hand leer — Weiler. Ich werde Alles anwenden, um sie dennoch zu erhalten. Moriz. Braceletten — Cachemirs — Equipagen — Weiler. Gewiß! Moriz. Schicken Sie ihr nur auch Ihr Porträt. Weiler. Das werde ich nicht wagen. Moriz. Warum nicht? — Wagen Sie es getrost. — Wagen Sie dazu sogar einen schönen Rahmen. — Sie wird das Porträt über dem Kamin aufhängen — und wenn eines Tages ein unerfahrener junger Mann kommt, der sie Ihnen abtrünnig machen will, so werden Sie das Vergnügen haben, ihn bei der Hand zu nehmen (nimmt ihn bei der Hund und führt ihn zum Kamin), ihn zum Kamin zu führen und ihm Ihr 9 Porträt zu zeigen. — (Zeigt ihm das Porträt.) Weiler. Himmel — das ist Ihr Porträt! — Moriz. Und werden ihm sagen können: Auch ich trat mit einem Bouquet in dieses Zimmer. Weiler. Mein Gott! Fräulein Rosa— Moriz. Ist Nina Fischer. Weiler. Und Nina Fischer? Moriz. Ist eine hübsche Modistin. Weiler. Und der Onkel? Moriz. Ist von ihrer Fabrik. Weiler. Und ich — ich wollte sie heiraten. Moriz. Man kann sa auch eine Modistin heiraten. Weiler. Scherzen Sie nicht. — Ich liebte sie so warm. Moriz. Ich auch! Weiler. Aber genug — genug — Diese Schmach soll sie mir entgelten. — Leben Sie wohl — ich komme bald wieder. — (Stürzt ab.) Achte Scene. Moriz (allein). Bravo, in der That, ich bin zufrieden. — Ich räche mich — ja. kleine Nina — ich hoffe Dich zu vernichten. — Du hängst hier die Porträts Deiner Anbeter auf — wie der Jäger die Geweihe der erlegten Hirsche, wie der Indianer die Scalps seiner erschlagenen Opfer. Aber von nun an werde ich der treue Ekart fein und die armen Gimpel warnen, damit Du sie nicht rupfen kannst. — (Wirft sich bequem in einen Fauteuil und raucht seine Cigarre fort.) Nennte Scene. Marie, gleich darauf Rosa. Voriger. Marie (eilig). Sie kommt — sie kommt — Moriz. Ist sie allein? Marie. Ja! Moriz. Gut — geh' und komm' ja nicht auf den ersten Ruf — lass' Dich ein paarmal rufen. Marie. Das versteht sich. (Geht links ab.) Rosa (tritt aus). Moriz (bleibt sitzen und raucht). Ich will sie gebührend empfangen. Rosa (erstaunt). Mein Herr! —Sie wünschen? Moriz. Nichts von Ihnen, Fräulein. — (Bei Seite.) Eine Freundin von ihr — Rosa. Aber, mein Herr, was machen Sie in dieser Stellung? Moriz. Ich ruhe aus — da ich 35 Meilen gemacht habe, um hieher zu kommen. Rosa (bei Seite). Der Mann ist verrückt. (Laut.) Noch einmal, mein Herr, was wollen Sie bei mir? — In meiner Wohnung? Moriz. In Ihrer Wohnung? Rosa (rufend). Marie! (Zu Moriz.) Nun, mein Herr? Moriz. Dieser Ton — diese Sicherheit — und Nina kommt nicht zum Vorschein. — (Steht auf, zu Rosa.) Entschuldigen Sie, mein Fräulein, — wissen Sie gewiß, daß Sie sich in Ihrer Wohnung befinden? Rosa. Mein Herr. Sie kommen mir sehr sonderbar vor. Noch einmal, dich ist meine Wohnung! (Rufend.) Marie! Moriz. Wie — diese Möbel wären die Ihrigen? Rosm Gewiß, insofern man dich von einer möblirten Wohnung, die man gemiethet hat, sagen kann. (Rufend.) Aber Marie! Moriz. Eine möblirte Wohnung haben Sie gemiethet — zum Teu — ich bin also — (Für sich.) Ich merke. Nina wird nicht gezahlt haben, und ist ohne Möbelwagen ausgezogen. Rosa. Aber Marie! — Wo nur das Mädchen bleibt? 10 Moriz (verlegen). Mein Fräulein. Sie sehen mich in Verzweiflung — ich bin — genehmigen Sie meine vollste Achtung — ich habe die Ehre. (Verneigt sich und will gehen.) Rosa (ihn zurückhaltend). Nein, mein Herr, Sie werden bleiben. Ich muß Aufklärung haben. (Unwillig.) Marie! Zehnte Scene. Marie kommt. Vorige. Rosa. Nun ruf' ich beinahe eine Viertelstunde lang. Warum kommst Du nicht? Marie (schnippisch). Weil ich draußen zu thuu habe. Moriz (für sich). Bravo — und ich bin noch da. Rosa. Welcher Ton?—Ich glaube, Du hast vergessen, mit wem Du sprichst!? Marie. Ich vergesse nichts — was ich einmal weiß! Rosa. Unverschämte! Ich entlasse Dich auf der Stelle. Marie. Da liegt mir nichts daran. Ich weiß jetzt Alles! Nehmen Sie meine Huldigung. (Will ihr eine lange Nase machen. — Moriz fährt rasch dazwischen und sängt ihre Hand.) Rosa. Das ist impertinent! Moriz. Wirklich, das ist sehr impertinent! Marie (zu Moriz). Was? Moriz. Hinaus, kecke Person! Marie (zu ihm leise). Sie haben ja — Moriz (leise zu ihr). Du bekommst zwanzig Gulden. (Laut.) Hinaus — oder ich vergreife mich an dir. Marie. Ich gehe schon — ich mag ohnedieß hier nicht bleiben. — Wäre mir leid um meine Reputation! — Ja, noch Eins — der Tapezirer läßt sagen — eine schöne Empfehlung, er kann die Bestellung nicht annehmen. — Sie werden wohl wissen warum. (Ab.) Rosa. Das ist zu viel. Moriz. Ich beschwöre Sie, mein Fräulein, beachten Sie diese Beleidigungen nicht — Rosa (erhebt sich). Mein Herr! — Sie wissen die Ursache von all dem! Der Ton dieses Mädchens — das Benehmen des Tapezirers, — was hat das zu bedeuten? — Sprechen Sie — ich fordere es! — Moriz. Das ist eine sonderbare Geschichte. — Stellen Sie sich vor — aber das wäre zu lange. — Ich gäbe zehn Jahre meines Lebens — wenn — ich werde Ihnen das morgen erzählen — ich habe die Ehre — (Will sich empfehlen.) Gelbling (von außen). Tausend Donnerwetter — Rosa. Endlich mein Onkel — Moriz. Ihr Onkel — Jetzt wird es interessant — Eilfte Scene. Gelbling (kommt zornig). Vorige. Gelbling (eintretend). Hagelelement — das ist zu arg — Rosa. Was ist geschehen? — Gelbling. Kreuzdonnerwetter! — Rosa. Onkel, beruhigen Sie sich — ich bedarf Ihres Beistandes — Gelbling (zerstreut). Ich breche ihm den Hals — Moriz. Mir? — Ich danke schön. — Ich werde mich empfehlen. Rosa (zu Moriz). Bleiben Sie! (Zu Gelbling.) Onkel, ich werde insnltirt, und dieser Herr scheint die Ursache zu sein, (da Gelbling nicht hört) Onkel — dieser Herr! — Gelbling (zerstreut). Guten Morgen — mein Herr — freut mich Ihre Bekanntschaft zu machen. Moriz. Gleichfalls. Rosa. Aber Onkel — Gelbling (zu Rosa). Mein Proceß- gegner ist jetzt hier, der von wegen der chinesischen Brücke — eben sagt es mir 11 mein Advocat — (Moriz wird aufmerksam) wenn ich ihn aber treffe — diesen Moriz Sturm — Moriz. Er steht vor Ihnen. Ich habe also die Ehre Herrn Gelbling vor mir zu sehen? Gelbling. So heiß' ich! Sie find Herr Sturm? Was wollen Sie hier? Mich verhöhnen? Ich sage Ihnen — Moriz. Beruhigen Sie sich, — wer- ther Herr! Ich verzichte auf die chinesische Brücke — ich gebe den Proceß auf — hier find die Acten — (Gibt ihm die Acten. Für sich.) Das war die einzige Möglichkeit, ein bischen Haltung zu gewinnen, dieser Zug muß ihr impo- niren. (Indessen durchblättert Gelbling hastig die Acten.) Zwölfte Scene. Weiler (etwas nachlässig in der Toilette, tritt ein). Weiler. Guten Morgen, meine Holde. Moriz. Himmel — der Mann des Bouquets! Der hat noch gefehlt — Rosa (verwundert). Herr v. Weiler!? Weiler. Ich habe mich heute nicht melden lassen — wozu diese Ceremo- nien — unter uns! Moriz. Ah! Rosa (ausgebracht). Mein Herr! — Ich verbiete mir ernstlich — Weiler. Keine Komödie — ich weiß Alles — Moriz. Sie wissen gar nichts — Rosa. Mein Gott, insultirt mich denn heute alle Welt? — Onkel! Gelbling (hat, in den Acten blätternd, Alles überhört). — Kein Brief — Weiler. Ja, meine liebe Nina — ich weiß Alles — auch den Onkel kenne ich nun — Rosa. Das ist zu viel. (Sinktaufeinen Stuhl.) Moriz. Mein Herr! — Sie find ein Narr. — Wie können Sie es wagen diese Dame zu beleidigen? Weiler (zornig). Ah! Ich verstehe — man hat sich ausgesöhnt — Moriz. Glauben Sie was Sie wollen — aber — gehen Sie — Weiler. Sie haben mir einen Streich gespielt — aber Sie werden nicht lange der Bevorzugte sein. Rosa. Mein Gott! Moriz. Herr! Meine Geduld ist zu Eude — Weiler (von links auf ihn zugehend). Sie werden sich mit mir schlagen — Gelbling (fährt auf und packt ihn von rechts). Wo ist der Brief meiner Agathe? Moriz. Jetzt bitt' ich um ein Wunder ! Ich weiß mir nicht mehr zu helfen. Dreizehnte Scene. Toni (kommt durch die Mitte). Vorige. Toni. Entschuldigen Sie — die Thür war offen — Moriz. Gott — die Toni! Rosa. Was wollen Sie? — Toni. Mein Fräulein — Fräulein Nina hat beim Ausziehen hier ein Porträt vergessen — ich soll es holen. — (Moriz, den die Beiden losgelaffen haben, hat sich bei Toni's Eintritt, ohne von ihr bemerkt zu werden, in einen Stuhl geworfen und deckt sein Gesicht durch eine Zeitung.) Rosa. So nehmen Sie das Bild. (Toni nimmt das Bild vom Kamin herab.) Weiler. Ah, jetzt versteh' ich Alles! Ich Unglückseliger! (Zu Rosa flehend.) Mein Fräulein, können Sie mir vergeben? Rosa (wirft einen Blick auf das Porträt, welches Toni eben herabgenommen hat). Ha, dieses Porträt und — (nach Moriz hinübersehend) Herr Sturm — Weiler (zu Toni — mit einem Wink zu Rosa). Fräulein Nina — wohnte früher hier? Tont. Ja, Euer Gnaden. 12 Weiler. Und dieß Porträt ist ihr wohl sehr werth? Toni. Ach nein — sie will nur das Bild von einem andern Herrn in den Rahmen geben. — Er ist 10 Gulden werth. der Rahmen, sagt Fräulein Nina. Moriz (aufspringend). Das ist zu arg! (Zu Toni.) Eine schöne Empfehlung von mir. Toni. Oho, . Herr Sturm! — Das Hab' ich schön gemacht. (Ab.) Vierzehnte Scene. Vorige ohne Toni. Moriz (zu Rosa). Nun ist Ihnen wohl Alles klar. — Richten Sie gnädig — und (die Hand aus die Brust legend, zugleich mit einem Wink aus Weiler) verzeihen Sie! Rosa. Ich muß ja wohl. (Reicht Weiler die Hand zum Kusse und droht Sturm lächelnd mit dem Finger.) Gelbling. Ich werde später um eine Erklärung dieses Intermezzos bitten. Jetzt (zu Sturm) nochmals eine Frage — wo ist der Brief Agathens? Sturm. Wer ist Agathe? Gelbling. Meine Frau. Sturm. O! (Für sich.) Sapperment, den Brief habe ich ja verbrannt! Gelbling. Ich muß den Brief wieder haben — der kümmert mich mehr als der Proceß! Sturm (für sich). "Henri ich ihm auch sage, ich habe den Wisch verbrannt, er glaubt's nicht. Gelbling. Sie zaudern? Sie haben den Brief, geben Sie ihn her. Ich wieg' ihn mit Gold auf. Sturm (für sich). Schade — ich habe mir da ein gutes Geschäft verdorben. (Laut.) Der Brief enthält übrigens ganz gleichgiltige Dinge. Gelbling. Alleseins — ich muß ihn haben — todt oder lebendig. Sturm. Lebendig nicht, — aber todt — meinetwegen. (Zieht ein Papier aus der Tasche.) Hier ist er! (Da Gelbling auf ihn zustürzen will.) Halt! (Bei Seite.) Es ist eine alte Schneiderrechnung. (Wirft daS Papier mit Pathos in die Flammen des Kamins.) Der Brief ist verbrannt — ist todt! — Das Gold (zu Gelbling) schenken Sie den Armen! Der Vorhang fällt. Hute Unterhaltung! Dumoristica von I—IV. Sammlung. Dirlos >>er Wallishaufftr'schen Kuchhoodloos (Joses Klemm) in Wien, I., Kötzer Markt 1. Juhalts-Uebersicht: Erste Sammlung. „Er sucht einen Platz," komische Scene, 3 Personen. — „Ein Wiener Fiaker," komische Localscene, 2 Personen. — In Prosa: „Komplimente." — „Die Wiener Werkelmänner." — „Etwas über die Nase." — „Kegelbahn und Lebensbahn." — „Die Wiener-Maier." — „Die Kunst, Inserate zu machen." — „Zur Naturgeschichte der Damen." — „Humoristische Streiflichter." — „Gedanken über allerlei „Kinder"". — In Versen: „Was ist ein Jahr?" — „Die Gelegenheitsdichter." — „Alles durch die Frau." — „Ha, he, hi, ho, hu." — „Mir hat amal vom Teufel tramt." — „Ich bitte." — „Die Bürgschaft und der Taucher." — „Schon gut." Zweite Sammlung. In Prosa: „Ehe und Eisenbahn." — „Vergnügen und Passion." — „Aus den Augen Gelesenes." — „Verschiedene Sterne." — „Selbftbiographie eines Witzes." — „Etwas Kleines über große Männer." — „Fragmaier." — „Geschwind, was gibt's Neues?" — „Hinter dem Kutschbock." — „Gedanken über Worte." — „Fremdwörtliche Betrachtungen." — „Von der Jägerei." — „Schöne Leute." — In Versen: „Frauen und Vereine." — „Ungeduld." — „O welche Lust, Schauspielerin zu sein." Dritte Sammlung. In Prosa: „Zum Capitel vom Schuldenmachen."— „Nur für Erwachsene." — „Irdische Seligkeiten." — „Wein, Weib und Gesang." — „Glossen über deutsche Sprichwörter." — „Ein Schmerzensschrei aus der Thierwelt." — „Wienerische Sprachsünden." — „Biblische G'schichten und Sachen." — „Schule und Leben." — „Im Kaffeehause." — „Gedanken über Tod und Teufel." — „Aus den Memoiren eines Affen." — In Versen: „Allerhand G'schichten." — „Aus dem Papier." — „Was man im Kalender sucht." — „Das Pfänderspiel." Vierte Sammlung. „Ein Hötel-Hausknecht," komische Scene für 1 Person. — In Prosa „Gedankenstriche." — „Inserat und Annonce." — „Beim Chinesen." — „Bettler und Haufirer." — „Bei der Burg-Musik." — „Ein Vortrag über Köpfe." — „Frauen und Cigarren." — „Jndiscrete Plaudereien aus meinem Kleiderschrank." — „Allerlei Touristen." — „Uareli686 Oonralani." —In Versen „Was in Wien Alles merkwürdig ist." — „Wer hat's g'sagt?" — „Blümel- Blamel." Die I. Sammlung. 2. Auflage kostet 80 kr., II. Sammlung 60 kr., III. Sammlung 60 kr., IV. Sammlung 80 kr. ö. W. Von M. A. Grandjean sind im selben Verlage ferner erschienen: Hlothe Kaare, Lustspiel in einem Act. — Jas Pamphlet, Lustspiel in einem Act. — Keimkich, Lustspiel in einem Act. — Iie geheime Misston- Lustspiel in drei Acten. — Am Gkavier, Lustspiel in einem Act. — Gin Kul, Lustspiel in einem Act. — Jas hohe G, Lustspiel in einem Act. — Ireiniertet auf Gilf, Schwank in einem Act. — Gr kan« nicht lesen, Poffe in einem Act. — Kosten und Karren, Schwank in einem Act. — Gineu Aarnen will er stch machen, Poffe in einem Act. — Immer zu Kanse, Lustspiel in einem Act. — Gine stre Idee, Lustspiel in einem Act. — Jer Stiefvater, Lustspiel in einem Act. — Jer Blaubart, Lustspiel in einem Act. — Gin empfindlicher Mensch, Schwank in einem Act. — Iie Arinzesstu von Iragant, komische Operette in 3 Acten nach Nestroy's Lohengrin-Parodie. — Ludwig der Wierzehnte, Lustspiel in einem Act. — Gin lebendes Wild, Familienscene in einem Act.— Wina, Schwank in einem Act. Die im gleichen Verlage erscheinende Jagd-Zeitung, von Albert Hugo gegründet zu Neujahr 1888, wird zweimal im Monat ausgegeben, jede Nummer circa zwei Bogen stark, und kostet halbjährig 3 fl. 50 kr., ganzjährig 7 fl.; mit Zustellung 4 fl. und 8 fl. Für jeden Jahrgang ist auch eine elegante, goldgepreßte, grüne Einbanddecke ä, 1 fl. zu haben. Jede Buchhandlung übernimmt Bestellungen auf dieses anerkannte Fachblatt und liefert einzelne Nummern als Probe. Im Verlage der Wallisßausser'schen Wuchhandtung sind erschienen: Album österreichischer Dichter. Neue Folge. (Zedlitz —Deinhardstein—Paoli—Constant— Ebert — Mosenthal — Prechtler — Leitner — Hirsch — Beck — Meißner — Saphir.) Mit 12 Porträts, fl. 1.60.— Elegant gebunden fl. 2.30. Becker, M. A. Deutsches Wörterbuch in kürzester Form, mit Rücksicht auf Rechtschreibung, auf Biegung und Abstammung, auf Worterklärung rc., in Leinw. gebunden fl. 1.40. Dreier, Ed. Die Herzogin von Thury. Histor. Roman, fl. 1. Bujauovics, A. v., Geschichte meiner zehn Vorstehhunde. (Praktische Beispiele sowohl über die Dressur des Hühnerhundes, als auch über die Führung des ferm dressirten Hundes, damit er nicht verliege.) fl. 1.60. Duzzi, A. v. Dramatischer Nachlaß, fl. 1.— Calderon. Das Leben ein Traum. Dramat. Gedicht in 6 Acten. Für die deutsche Bühne bearb. v. C. A. West. 6. Aufl. Mit einem Vorworte von H. Laube, fl. 1. Elegant gebunden, fl. 1.80. Ebersberg, S. Das Buch vom guten geselligen Ton. 2. Aufl. 80 kr. Ebstein, I. Die Backwerke. Handbuch für die Haushaltung, für Köche und Konditoren, m. 60 Holzschnitten, fl. 1. Fialkowski, N. Die zeichnende Geometrie (Constructions-Lehre). Mit entsprechenden Beispielen der Anwendung auf das Projections-, dann Bau-, Maschinen-, Situations- und auf das figuralische Zeichnen. Ein Elementar-Unterricht für alle Zeichner und ein Nachschlagebuch für jeden Techniker. Mit 13VV Figuren anflÄ? Tafeln. Elegant gebunden fl. 5. Fladung, I. A- F. Populäre Vorträge über Physik für Damen. 3. Auflage. Mit Holzschnitten. 2 Bändchen. 1 fl. 50 kr. Fladung, I. A. F. Versuch populärer Vorträge über Astronomie ohne Berechnungen. Als Fortsetzung der Physik für Damen. Mit Holzschnitten. 80 kr. Fortwängler, C. Zur Pferdekunde. Kritisch und didaktische Blätter über Pferde - Erziehung und Bändigung, sowie über Reit- und Fahrkunst. 1 fl. 50 kr. Gämmerler, Theater-Director Carl, sein Leben und Wirken. Mit Titelbild. 50 kr. Die Geopferten. Roman vom Verfasser des „Treffkönig". 50 kr. Hartmann, PH. R. Glückseligkeitslehrt für das physische Leben des Menschen. Herausgegeben v. Schück. 3. Auflage, gebunden. 1 fl. Kaiser, Friede. Friedrich Beckmann. Heiteres — Ernstes — Trauriges aus seinem Leben. 50 kr Lamartine, Geschichte der Türkei. Deutsch v. Joh. Nordmann. 8 Bände. 2 fl. Lewald, A. Entwurf zu einer praktischen Schauspielerschule. 1 fl. Mautner, E. Lustspiele (Das Preis-Lustspiel — Gräfin Aurora). 1 fl. 50 kr. Moreto, Donna Diana. Lustspiel in 3 Acten nach dem Spanischen von C. A. West. 5. Aufl. Mit einer Einleitung von I. W. Apell. 1 fl. 50 kr. Elegant gebunden. 2 fl. 40 kr. Nitsche, A. Giftpflanzenbuch und Giftpflanzenkalender. (Beschreibung aller in Oesterreich und Deutschland vorkommenden schädlichen Gewächse.) 60 kr. Nordmann, I. Ein Wiener Bürger. Roman aus dem 15. Jahrhundert. 50 kr. Nealis, Ränke und Schwänke der heimatlichen Vorzeit. Mit 1 Stahlstich. 60 kr. Schönstein, G. Der Wiener Tausendsasa, der unentbehrliche humoristische Gesellschafter, wie er sein muß, oder die Kunst, Gesellschaften zu elektrisiren. 60 kr. Schönstein, G. Stammbuch für Liebe, Freundschaft und Hochachtung. Sammlung ausgewählter Stammbuch-Aufsätze rc. 30 kr. Sophie Schröder, wie sie lebt im Gedächtnisse ihrer Zeitgenossen und Kinder. Mit Porträt. 1 fl. 50 kr. Soldatenalbum im Krieg und Frieden, vom Verfasser der Feldsträußchen. 50 kr. Straube, E. Ein Wiener Früchtel. Roman. 50 kr. Struve, G. Eines Fürsten Zugendliebe. Drama in 5 Aufzügen. 80 kr. Tesche, W. Anweisung zum Drei-Schachspiele. Nebst einem zu diesem Spiele gehörigen Dreischachbrett. 70 kr. Tschabuschnigg, A. v. Humoristische Novellen. 80 kr. „ Gedichte. 2. Aust. Mit Porträt. 80 kr. „ Neue Gedichte. 60 kr. Dogl, I. N. Balladen, Romanzen, Sagen und Legenden. 3. Aust. 1 fl. SO kr. „ „ „ Die ältesten Volksmärchen der Russen. 1 fl. 50 kr. Wiener, W. Nach dem Orient. Reiseskizzen. 1 fl. 50 kr. Winternitz, K. Die allgemeine Buchhaltung als Inbegriff aller Buchungsarten. 3. Aufl. 2 fl. 50 kr. Wnrzbach, C. v. Von einer verschollenen Königsstadt. Ein romantisches Gedicht. 1 fl. „ „ „ Die Sprichwörter der Polen. Historisch erläutert. 2 fl. 40 kr. „ „ „ Das Elisabethen-Buch. Festalbum denkwürdiger Fürstinnen. Mit 1 Stahlstich. 60 kr. „ „ „ Mozart-Buch. 1 fl. 50 kr. Zedlitz, I. C. v. Todtenkränze. Canzonen. 70 kr. Im Verlage der Wallishaujser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Hoher Markt Nr. 1, sind erschienen: Wiener Koupkets von Berg, Berla, Mtner, Blank, Böhm, Doppler, Eberhard, Elmar, Feldmann, Flamm, Friese, Gottsleben, Grandjean, Grois, Grün, Gründers, Haffner, Juin, Kaiser, Kola, Langer, Megerle, Merlin, Morländer, Moser, Nestroy, Schönau und Anderen. Sechs Hefte a 50 kr. öftere. Währ. Die crllrslrcrusse r: s e uiärlrcrndlung pflegt seit fast 100 Jahren als Specialität die Theater-Literatur. Außer ihrem eigenen ältesten und neuesten Verlage unterhalt diese Buchhandlung das möglich vollständigste Lager von allen erschienenen Theaterstücken. Von dem allbekannten sind schon nahezu 300 Hefte erschienen, dasselbe wird fortgesetzt und nimmt jeäe Bucklianäkung inerauf Bestellungen an. Thksrrr-MtsloKk werden auf Verlangen gratis und frankirt zugestellt. Ein Kreuzer. -- Hriginal'-Uosse mit Gesang und Tanz in ärei Acten un^ ^8 Liüern von Carl Costa. Musik von ß. Kleiöer. Alle Neckte Vorbehalten. Wien, 1875. Verlag -er Wallishausser'schen Auchhandluag (Josef Klem m), Personen: Doctor Frank, Advocat. Doctor Frei, Eoncipient. Franz Scharrer, Inhaber eines Trödler- und Inkassogeschäftes. Helene, dessen Frau. Victor Pfeil, Buchhalter bei Scharrer. Andreas Blechl, Blasinstrumenlenmacher. Ursula, dessen Frau. Lini, Mini, Tini, Pini, Fini, Trini, Peter, Paul, Hansl, Lehrjunge bei Blechl. Elise Schild, Witwe. Julie, deren Tochter. deren Töchter. Gesellen bei Blechl. Stefan. Jungfer Portiuncula Drehaug. Stöckl, Knopsfabrikant und Hausbesitzer. Leander, dessen Sohn. Fritz Schall, Mediciner. Lori, Köchin. W-r.h, L°sii.r > , ^-»bxhn. Fruhaus, Porüer j > ^ Ein Dienstmann. Jean, Zählkellner. Lorenz, Kanzleidiener bei Dr. Frank. Ein Liqueursabrikant. Eine Greislerin. Ein Friseur. Ein Fleischselcher. Schreiber. — Nachbarsleute. — Reisende. — Gäste. — Kellner. — Expressen. — Dienstmänner. — Träger. — Sicherheits» Wachmänner. Die Handlung spielt in Wien. (Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt.) L. »Rechts« und »links« vom Darsteller. Erster Aet. Ersles Hilt. Ein geräumiges Kanzleizimmer mit einer Mittelhauptthüre nebst einer Seitenthüre links, die in die weiteren Zimmer des Advokaten Dr. Frank führt; — an der rechten Seitenwand ist ein Fenster; — die Möbelstücke bestehen in Actenschränken u. s. w., ferner in süns Schreibtischen, deren einer im Vordergründe rechts in der Nähe des Fen» sters postirt ist. — An der Rückwand links eine große Wandschlaguhr, rechts unweit der Thüre ein langer Divan für die Parteien. — Das Ganze beurkundet Wohlhabenheit und Akkuratesse. — Tag. Erste Scene. An vier Schreibtischen je ein Schreiber, an jenem im Vordergründe rechts Dr. Frei. — Hieraus von links Dr. Frank mit Acten. Nach Aufziehen deS Vorhanges einige Minuten Pause, welche durch die vier Schreiber durch hörbares Kratzen mit den Federn in komischer Weise auszufüllrn ist. — Dr. Frei revidirt während dieser Zeit Acten. — Hierauf schlägt die Wanduhr Lins. Dr. Frei (ausstehend). Ein Uhr! — Nun, meine Herren, schließen Sie ab. — Zugleich theile ich Ihnen im Namen des Herrn Chefs mit, daß Sie ausnahmsweise für heute frei find — Sie können daher Ihren Nachmittag nach Belieben verwerthen. — Auf Wiedersehen! Alle vier Schreiber (haben eilig ihre Hüte genommen, empfehlen sich und gehen Mitte ab). Dr. Frei. So, nun kann die Sache ungestört ihren Lauf nehmen. (Ist zur Seitenthüre links getreten und öffnet selbe.) Ich bitte, Herr Doctor, die Kanzlei ist geräumt. Dr. Frank (von innen). Sogleich! Dr. Frei (Acten zusammenlegend). Ein Acten-Volumen. das seinem absonderlichen Inhalte nach ein Unicum sein dürfte. Dr. Frank (mit Schriften in der Hand heraustretend). Wir bleiben also wohl ungestört?! Dr. Frei. Das Personale hat sich für heute entfernt. Dr. Frank. Gut, — die ganze Geschichte hat einen starken Beigeschmack von Extravaganz, und da ist es mir lieb, alle müßigen Zeugen in vorhinein zu beseitigen. Sie wissen, lieber Doctor, ich bin sonst kein Freund der Seitenwege, dießmal jedoch wollen wir. wenn es noth thut, schon des Zweckes wegen eine Ausnahme machen. — Etienne Sam- bourg, der Principal der Newyorker Firma Jamson, ist einer meiner ältesten und besten Klienten, ja, ich verdanke der Vertretung dieses Hauses den größten Theil meines Vermögens und somit bestimmt mich schon die Dankbarkeit, auf seine Wünsche einzugehen. Dr. Frei. Nun, es sind ja auch nur Wünsche, denen eine lautere Absicht zu Grunde liegt. - Dr. Frank. Allerdings, und dabei handelt es sich ausschließlich um seine eigenen Capitalien, über die er nach seinem Gutdünken zu verfügen hat. — Also lassen mir der Sache ihren Gang. — Vor Allem, lieber Doctor, baue ich in dem gewissen Punkte aus Sie, — Sie find der einzige Mitwisser. 1 * 4 Dr. Frei. O. Herr Doctor. ich verstehe zu schweigen. Dr. Frank (lächelnd). O, und dieß- mal wird wirklich Schweigen Gold sein, denn Etienne Sambourg ist der Mann der Erkenntlichkeit. — Ist bezüglich des Stefan Werner alles Nöthige durchgeführt worden? Dr. Frei. Ja wohl, er wurde in sämmtlichen in- und ausländischen Zeitungen aufgefordert, uns seinen jetzigen Aufenthalt bekanntzugeben. Hier sind die Belege dafür. Dr. Frank. Gut.— Und was die Uebrigen betrifft, welche sich auf unsere Aufforderung als Verwandte des Etienne Sambourg gemeldet haben — Dr. Frei. Ist hier das Verzeichniß. (lleverreicht ihm einen Act.) Dr. Frank (lesend). Andreas Blecht, Blasinstrumentenmacher, — Franz Scharrer, Inhaber eines Trödel- und Inkassogeschäfte-; — Fräulein Portiuncula Drehaug, Rathswaise, und Friedrich Schall, Mediciner. Dr. Frei. Sämmtliche hier ansässig. Dr. Frank. Sonach mit Stefan Werner im Ganzen fünf Interessenten. Dr. Frei. Richtig. Dr. Frank. Und Sie haben Sorge getragen, daß sie alle heute hier erscheinen? Dr. Frei. Wie Herr Doctor befohlen haben, — aus jede nächste Viertelstunde fällt eine Vorladung. Dr. Frank. Sonst haben wir wohl keinen Parteienbesuch zu gewärtigen? Dr. Frei. Nein, da ich unfern Kanzleidiener Lorenz beauftragte, außer Diesen Niemanden vorzulassen; zur größeren Vorsicht habe ich ihm überdieß bedeutet, sie mir einzeln anzumelden. Dr. Frank. Ganz gut! (Außen wird geläutet.) Dr. Frei. Ah, sie rücken schon an. Dr. Frank. Nun, so will ich alles Nöthige noch vordersten; — empfangen sie selbe, und wenn sie vollzählig sind, o avifiren Sie mich gütigst, ich werde die Sache selbst in die Hand nehmen. (Seitenthüre links ab.) Dr. Frei (ihm zur Thüre folgend). Sehr wohl, Herr Doctor! Zweite Scene. Kanzleidiener Lorenz (in Livree), hierauf von der Mitte Blechl. Dr. Frei. Lorenz (anmeldend). Herr Andreas Blechl. (Dann ab.) Blechl (ein starker Fünfziger, sein Aeuße- res verräth sehr bescheidene bürgerliche Verhältnisse, er hält einen Pack Papier in der Hand). Ist es erlaubt, Herr Doctor? Dr. Frei (ist wieder zu seinem Tisch getreten). Bitte nur hereinzutreten. (Auf den Divan weisend.) Ist es gefällig, Platz zu nehmen? Blechl. O, ich dank', ich sitz' ohnehin den ganzen Tag, — wenn man Blasinstrumente macht, kann man nicht dabei spazieren gehen. Dr. Frei. Ah, Sie haben also viel Arbeit? Blechl. Schaut aber doch nix heraus damit. — ich bitt' Sie, wenn man ein Weib und sechs lebendige Töchter hat. Dr. Frei. Ah?! Blechl. Ja, die Lini, Mini, Tini, Pini, Fini und die Trust, — eine sauberer als die andere — waon's uns vielleicht einmal die Ehre geben wollten — Dr. Frei. Sie find zu gütig — doch jetzt zu unserer Angelegenheit — Blechl. Ja Sie, Herr Doctor, da möcht' ich mir vor Allem eine Frag' erlauben. Dr. Frei. Sprechey Sie. Blechl. In der Zeitung is g'stan- dea, daß alle Verwandten des Etienne Sambourg aufgefordert werden, hierher ihre Adressen anzugeben, und zwar im eigenen Interesse. Dr. Frei. Ganz wohl. Blechl. Also nicht vielleicht ein Aufsitzer? 5 Dr. Frei. Was fällt Ihnen bei! Blechl. Na, wissen's, weil's mir schon einmal passirt is, daß ein Advocat, der meine Wohnung nit g'funden hat, mich auch öffentlich aufg'fordert hat, meinen Aufenthalt im eigenen Interesse mit- zutheilen, und wie ich mich dann g'meld't Hab', nachher hat er mich aus'pfändt. Dr. Frei (lachend). Nun, von uns haben Sie nichts zu befürchten. Blechl. Das is mir lieb. Dr. Frei. Sie stehen also zu Etienne Sambourg im verwandtschaftlichen Ver- hältniß? Blechl. Na, und das schon wie! — Meiner Großtant' der Stiefsohn — der Vetter war ein G'schwisterkind von der gottseligen Mahm ihrer Tochter, die eine leibliche Cousine von diesem Sam- bonrg war. Dr. Frei. Ah, also zweifellos. Blechl. Ah, Alles Schwarz auf Weiß mitgebracht! (Nimmt die Papiere aus ein» ander.) Mein Tauszeugniß — mein Ver- mälungsattest — mein Steuerbogen — da is auch die Bestätigung von meinem Hausherrn, daß ich derselbe bin. der bereits drei Vierteljahr ihm den Zins schuldig is — Dr. Frei (will ihn unterbrechen). Blechl (fortsahrend). Und da is auch das Zeugniß, daß ich geimpft worden bin. Dr. Frei. Aber das ist ja gar nicht nothwendig. Blechl. Was, das Impfen is nit nothwendig? — Erlauben Sie. wie leicht, daß man nicht die Schafblattern — Dr. Frei. Ich meine, daß jede weitere Legitimation vorläufig überflüssig ist. Blechl. Was, krieg' ich vielleicht nix?! Dr. Frei. Za, ja, lieber Herr, nur Geduld, bis Alles versammelt' ist, werden Sie dann die weiteren Mittheilungen erhalten. Blechl (nimmt Dr. Frei unterm Arm und führt ihn in den Vordergrund — vertraulich). Unter uns —ich bin kein Schmutzian — is' recht viel?! Dr. Frei. Darüber kann ich Ihnen keine Auskunft geben, die Packele sind versiegelt. Blechl. Aber, doch recht große Packele? Dr. Frei. Sie werden ja sehen — nehmen Sie vorläufig Platz! (Außen wird geläutet.) Lorenz (meldend). Herr Franz Scharrer! (Wieder ab.) Blechl (bei Seite). Verflucht, mein Detter, der Wucherer, dem ich noch 200 fi. schuldig bin! — Das ist mir sehr unangenehm. (Setzt sich.) Dritte Scene. Schar rer (von der Mitte, eine magere ältliche Wuchererfigur, sehr devot.) Vorige. Scharrer. Herr Doctor. ich bin so frei. Dr. Frei. Herr Etienne Sambourg ist also Ihr Verwandter? Scharrer. O, und ein sehr theurer — o, ich erinnere mich seiner noch recht gut; als junger strebsamer Mann ist er vor beiläufig dreißig Jahren ausgewandert, um sein Glück in der neuen Welt zu suchen. Dr. Frei. Und er hat es gefunden. Scharrer. Das freut mich. — Und daß er sich noch seiner armen Verwandten erinnert, das hat mich bis zu Thrä- nen gerührt. Es ist doch ein schönes Band das Band 8er Blutsverwandtschaft- (Außen wird geläutet.) Dr. Frei (aus den Divan weisend). Nun, wollen Sie vorläufig Platz nehmen. Scharrer (Blechl sehend). Ah, da ist ja auch mein lieber Vetter! Blechl (bei Seite). Hat mich sckon. (Sprechen leise weiter.) 6 Vierte Scene. Fräulein Portiuncula Drehaug (von der Mitte, eine nicht zu alte, dunkel gekleidete Erscheinung, welche den Eindruck einer Betschwester macht). Vorige. Lorenz (anmeldend). Fräulein Portiuncula Drehaug. (Ab.) Scharrer (zu Blechl). Unsere liebe gottesfürchtige Nichte. Blechl (bei Seite). Schon wieder Eine, der ich 30 Gulden mit 50°/, schuldig bin. Drehaug (im Eintreten). Gelobt sei Jesus Christus! Dr. Frei. Guten Tag, Fräulein! Sie find verwandt mit Herrn Etienne Sam- bourg? Drehaug. Er war mit meinem in dem Herrn entschlafenen Stiefonkel verschwägert, — ich habe ihn täglich in mein Gebet eingeschloffen. Scharrer (aufstehend, indem er zur Drehaug tritt und ihr die Hand küßt). Welch' ein Muster der Frömmigkeit! Drehaug (sehr freundlich). Ah, Sie hier, mein lieber Herr Onkel? Blechl (bei Seite). Die Tauben hätteu's nit schöner z'samm'tragen können! Dr. Frei (zur Drehaug). Wollen Sie es sich vorläufig hier bequem machen? Scharrer (Drehaug zum Divan führend). Kommen Sie, meine liebe Nichte! Blechl (ist ausgestanden). Drehaug (Blechl ersehend). Ah, unser guter Vetter — bleiben Sie doch! Blechl. O, ich danke, ich kann auch stehen. (Bei Seite.) Js jetzt eine^chand- bank, auf der ich gar nicht fitzen mag. Drehaug (zu Scharrer). Nun, lieber Onkel, wie gehen die Geschäfte? Scharrer. Mein Gott — Jncasso — man wird von allen Seiten geprellt. Blechl Aha, — der stichelt. Drehaug. Ist es wahr, daß Sie Ihren Buchhalter Knall und Fall entlassen haben? Scharrer Ah — Sie meinen den jungen Werth, — ganz richtig — denken Sie — ich scontrire meine Cassa und es ergibt fich ein Abgang von einem Kreuzer. Drehaug. Ah, wer hätte das dem jungen Menschen angesehen. Scharrer. Es ist zwar kein so bedeutender Betrag — Drehaug. Doch die Ordnungsliebe ist die Grundbedingung, Sie haben ganz Recht. Scharrer. Ich habe ihn sogleich davongejagt — er soll jetzt bei einer Bahn sein. Blechl (bei Seite). Wegen einem Kreuzer, das sieht dem Kerl gleich! (Außen wird geläutet.) Lorenz (meldend). Herr Friedrich Schall. (Ab.) Blechl (bei Seite). Endlich Einer, dem ich nix kothig bin! — Fünfte Scene. Friedrich Schall (von der Mitte, — ein junger Mediciner, jedoch mit nicht zu burschikosem Aeußern). Vorige. Schall (im Eintreten). Ah, wie ich sede, ist die hochachtbare Verwandtschaft bereits versammelt. Blechl (bei Seite). Hochachtbare! Mir scheint, der frozelt uns. Schall. Sie haben mich eingeladen, Herr Doctor. Dr. Frei (der wäbrenddem Acten geordnet und durchgesehen hnt). Ganz richtig — wollen Sie fich nur etwas gedulden; — ich erwarte nur noch den Letzten der Verwandtschaft. Scharrer. Was! wir sollen noch mit Jemand theilen? Drehaug. Ja, ich wüßte wirklich nicht, wer hiezu noch ein Recht hätte? Dr. Frei (aus den Acten lesend). Herr Stefan Werner. Scharrer (rasch). Ist verschollen — längst verschollen! 7 Dr. Frei. Ist jedoch seit heute angemeldet, um mit in seine Rechte zu treten. Alle. Ah! Blechl. Er lebt also! — Na, das g'freut mich — wie oft sein wir als Bub'n mitsammen Schulstürzen 'gangen, dann is er nach Hamburg kommen und is dort ein unmöglicher Handelsmann wor'n. Scharrer (gereizt). Der aber als Kridatar verschwunden ist, und seit jener Zeit für todt gegolten hat. Blechl. Ach was, wenn er auch als armer Teufel wieder zurückkommt — diese Arme bleiben dem alten Kameraden doch immer offen. Schall (Blechl die Hand reichend). Brav, Onkel, Sie sein halt doch alleweil a ganzer Mann. Scharrer (bei Seite zu Drehaug). Vagabund bleibt Vagabund, — und gleich und gleich gesellt sich gern. (Außen wird geläutet.) Lorenz (meldend). Herr Stefan Werner. (Dann ab.) Dr. Frei. Ah! Nun wird die Versammlung vollzählig — ich werde sogleich Herrn Dr. Frank verständigen. (Mit Acten in die Seitenthür links ab.) Sechste Scene. Etienne Sambourg (von der Mitte — ein humoristischer rüstiger Fünfziger, als Stefan Werner, in blauer Arbeitsblouse, sein Aeußeres hat das Gepräge des Bummlers, er trägt einen Kalabreser, in der Hand einen Knotenstock). Vorige ohne D r. Frei. Stefan (stets ungezwungen dominirend, schüttelt beim Eintreten von Hut und Blouse die Regentropfen ab). Hölle und Teufel, ist das ein verdammtes Hundewetter und ich Hab' meinen Regenschirm auf Cap Todesco vergessen. Drehaug (bekreuzt sich beim Ausrufe »Hölle und Teufel« und wechselt mit Scharrer Blicke der Entrüstung). Stefan. Ah, da ist wohl die ganze Sippschaft? Alle. Erlauben Sie- Stefan. Nun, nun, nichts für ungut, — ich meine es ja nicht so böse — (Reicht die Hände hin.) Willkommen in der Heimat! (Eine wird nur von Schall und Blechl angenommen — Scharrer und Drehaug wenden sich entrüstet ab.) Blechl. Stefan! Kennst mich denn nimmer, mich, den Blechl Matis, der mit Dir in d' Schul' 'gangen is? (Umarmt ihn.) Servus, alter Spezi! Stefan (Blechl die Hand schüttelnd). Nun, bist ein altes, aber wie es scheint braves Haus geworden. (Aus Schall deutend.) Das ist wohl dein Sohn? Blechl. Ah, das ist ja der Fritz Schall, der Sühn vom alten Schall Vettern, dem wir immer die Birn' im Garten g'schnipft haben. Schall. Nun, würdigen Sie auch den Sohn Ihrer Freundschaft! Stefan. Daran, junger Mann, soll's nicht fehlen. (Nach den klebrigen weisend.) Und wer find denn die beiden Herrschaften dort? Scharrer (vortretend, trocken). Franz Scharrer und das tugendsame Fräulein Portiuncula Drehaug, wenn Sie sonst noch etwas zu wissen wünschen. Stefan. O — ich habe vollkommen genug — lassen Sie sich weiters nicht stören! Blechl. Aber sag' mir nur, Stefan, wie is es Dir denn immer gegangen? Stefan. Wie sich das Glücksrad eben wendet. Bald oben, bald unten, bis ich schließlich der Sache überdrüssig wurde und Mes im Stiche ließ. — Der Durst trieb mich immer weiter fort durch die Welt. Blechl. Ja, ja, der Durst, o das kenn' ich! Schall. Man hat Sie für todt gehalten! Stefan. Und ich hatte alle Ursache, 8 dieses Gerücht möglichst verbreiten zu lassen, um nur meinen Gläubigern zu entkommen. Blechl (bei Seite). Sackerlot, das wäre auch kein schlechtes Mittel sür mich. (Zu Stefan.) Aber wie kommt's denn, daß Du selbst auf diese Aufforderung so lange kein Lebenszeichen von Dir gegeben? Stefan. Wie konnte ich ahnen — ich hatte mich der Nordpol-Expedition angeschloffen und erfuhr es erst nach meiner Rückkunft. Blechl. Was, Du warst auch bei den Eisbären? Ah, das mußt du mir einmal ausführlich erzählen. Schall. Nun, lieber Onkel, da wollen wir heute ein fröhliches Willkommen feiern. Blechl. Ja, und was das Andere betrifft, bist Du mein Gast. Scharrer (nach dem Seitenzimmer links weisend zur Drehaug). Endlich kommen sie — es ist die höchste Zeit, daß wir von dieser lästigen Freundschaft befreit werden. Siebente Scene. (Aus der linken Seitenthür) Dr. Frank und Dr. Frei (Heide mit Acten). — Vorige. Dr. Frank (begrüßt alle Anwesenden, welche sich sodann um ihn herumstellen). Meine Herrschaften, gehen wir kurz zur Sache über. Ich habe Sie zu mir bitten lassen, weil ich Ihnen von Seite Ihres Verwandten, Herrn Etienne Sambourg. Principal des Hauses Aamson in New- york, eine für Sie wohl nicht unerfreuliche Mittheilung zu machen habe. - Den Kern der Sache enthält dieser Brief, welcher von Herrn Sambourg an Sie Alle ergeht. Hören Sie somit: (Lesend.) Alle meine theuren Verwandten! Nahezu achtundzwanzig Jahre find es nun, daß ich meine liebe Heimat verlassen, um in der Fremde mein Glück zu versuchen. Wenn Gold wirklich das Glück der Menschheit ausmacht — nun, dann habe ich es gefunden, denn ich habe mir durch Fleiß und Arbeit mehr als eine Million errungen. Alle. Ah! Eine Million! Dr. Frank (sortfcihrend). Nun will ich abschließen. Die Sehnsucht nach der heimatlichen Erde treibt mich fort von hier, und der alte Bursche will wieder einziehen in der theuren Vaterstadt. — Alle, die meiner treuen Freundschaft noch gedenken, will ich um mich versammelt sehen, und Glückliche unter Euch zu machen, dieß soll meine Aufgabe sein. Arm wie eine Kirchenmaus ging ich in die Fremde; ich habe gearbeitet, und oft den Werth der geringsten Münze kennen gelernt, und so bin ich nun durch weise Sparsamkeit in der Lage, den Betrag von 100.000 Gulden meiner Verwandtschaft schon jetzt zu gute kommen zu lassen. Alle. Halloh! 100.000 Gulden! Dr. Frank (weiter lesend). Damit jedoch das Geld in die rechten Hände komme, so bestimme ich vorläufig für jeden meiner Verwandten eines der anliegenden Packete, deren jedes ein Geldstück enthält. Alle. Aha, Gold! Dr. Frank. Diejenigen, welche dieses Geldstück am höchsten zu verwerthen wissen, sollen mit dem größten Antheil Entlohnung finden. — Mit herzlichem Gruße Euer »Etienne Sambourg«. — Die weitere Entscheidung hat fich Herr Sambourg bei seinem persönlichen Eintreffen Vorbehalten. (Zu Frei.) Haben Sie die Packete? Dr. Frei (übergibt jedem Einzelnen ein versiegeltes Packet). Dr. Frank (links abgehend). Viel Glück, meine Herrschaften! Dr. Frei (folgt Dr. Frank lächelnd). Alle (in großer Erregung lösen das Siegel, jedes Papier ist in ein anderes gewickelt, so daß das Packet immer kleiner wird; während dieser Manipulation:) 9 Scharrer. Gewiß ein Doppel-Louisdor ! Drehaug. Ah, mir scheint ein Dollar! Stefan. Ich glaube gar nur ein Napoleon! Schall. Ah, wohl ein Fünf-Francs- Stück! Blechl. Vielleicht gar nur ein Dukaten! (Endlich haben sie daS letzte Papier beseitigt und Alle bilden nun eine Gruppe, u. z. Scharrer und Drehaug — und Stefan, Schall und Blechl, indem sie einander die Münze zeigen, jeder in seiner Art enttäuscht.) Ein Kreuzer! (Musik. Vorhang fällt.) Zweites Mä. Eine sehr große, ebenerdig gelegene Werkstätte des Blasinstrumrntenmachers Blechl. Im Mittelgründe nach links zu die Ausgangsthür, bestehend aus mit Glastaseln versehenen Doppelslügeln, deren einer als die mit den verschiedenen Blasinstrumenten belegte Auslage benützt wird. — Die Flügelthür hat überdieß nach außen eine hölzerne Ladenthür, welche die Werkstätte von der Straße ablperrbar macht. Unweit der Tbür nach rechts zu ist ein Fenster. — An der ersten Winkelseite im Hintergründe stehen gegen das Fenster zu der Länge nach drei Betten aus weichem Holze und zwar übereinander, wie es in Werkstätten mitunter noch üblich ist Links sind zwei Seitenthüren zur Wohnung der Familie, rechts ist eine Seitenthüre, die zur Küche führt. Im Hintergründe rechts steht der große, mit verschiedenen Instrumenten, wie mit dem nüthigen Werkzeug beladene Arbeitstisch, an demselben eine entsprechende Anzahl ziemlich schadhaft gewordener Arbeitsstühle. Auch die übrigen wenigen Einrichtungsstücke weisen auf ärmliche Bermögensverhältnisse hin. — Beim Beginne der Scene ist Heller Tag und die Straße durch die nicht geschlossenen Ladenfenster sichtbar. Erste Scene. Peter und Paul (am Arbeitstische fitzend, spielen Karten). Hansl (sitzt am Fenster und sieht schwärmerisch aus die Straße). Hierauf Scharrer. (Von der Mitte.) Peter. So. wieder a Püschen Bier verloren, mach'n mir noch ane — wer Saunigl wird, zahlt Alles. Paul. Wann aber der Master kummt? — Peter. Ah was, heut' wird nix g'ar- beit', — der Master is jetzt zum Advo- caten und holt sich an Surm Geld — da wird nacher eh's G'schäft auf'geb'n. — Also weiter, spiel' aus ! (Beide spielen weiter.) Hansl. O Gott! o Gott! Da drüben geht's grad aus'n Haus! Das schönste Stubenmadel, soweit die deutsche Zunge reicht. — O Lori, Du hast es mir mit deinen preußischen Zündnadelblicken an- gethan. Heut' Nacht bat mir von ihr tramt — sie is als Engerl ober mein' Bett hermng'flattert und hat mir mit die Flügeln Rosendüfte zugewachelt. Peter. Wieder verloren. (Wirst die Karten hin.) Paul. Ah, mir scheint unser Lehrbub speanzelt schon wieder mit dem preußischen Stubenmadel— Hansl! Hansl! Peter. Was is 's denn mit Dir? Hansl (ausstekend). Wer ruft da? P a u l. Mir scheint, er tramt schon wieder. Hansl (in den Vordergrund tretend, poetisch). Mein Herz — ich fühl' es schwellen — Peter. Ob'st aufhörst mit'n Herz und mü'n Schwellen — 's schaut nix aussi dabei! Paul. Ah, da kummt schon wieder der alte Wucherer spioniren. Scharrer (eintretend, süßlich). Ist mein lieber Vetter noch nicht zu Hause? Alle (kurz und grob). Na! — der Herr Master is net z' Haus! Scharrer (bei Seite). Sieht hier armselig aus. — Natürlich, die Kerls spielen, und der Meister sitzt beim vollen Glase. 10 Hansl (zu den Anderen). Wart' s, dem gib i den Sessel mit die 'brochenen Füß', vielleicht bricht er fich's G'nack ab. (Zu Scharrer höhnisch.) Js nit gefällig? Scharrer. Danke, werde ein andermal wieder kommen. (Abgehend.) Grüßen Sie mir den lieben Meister. Hansl (bei Seite). Der Kerl sitzt net auf! (Ihm folgend.) Dank' schön, werd' es ausrichten. — war uns ein großes Vergnügen — besuchen's uns bald wieder! — So, draußen is er! Jetzt heißt's unfern Salon ausräuchern! Paul. Geh' jetzt lieber hinüber ins Wirthshaus und hol' uns 5 Maß Bier. Hansl (hält die offene Hand hin). Peter. Was willst denn? Hansl. Geld! — Geld! — Geld! Peter. Wirdaufg'schrieben in'sBüchel! Hansl. Es sein aber schon so viel Bücheln voll, daß wir eine Leihbibliothek errichten könnten. Paul. Schau, daß D weiterkummst! Hansl. Gut, ich geh. (Bei Seite im Abgehen.) Vielleicht seh' ich die göttliche Lori! (Mitte ab.) Peter und Paul (machen sich nun mit den Justrumenten zu schaffen). Zwette Scene. Vorige. Lini, Mini, Tini, Pini, Fini und Trini (von der zweiten Sei- tenthüre links). Entröe (sehr frisch, und der Schluß in Tanzfiguren vorgetragen). Kehren, Putzen, Schaffelreib'n, Bügeln, Waschen, Näh'n, In der Früh um fünfe schon In der Küchel steh'n, Das is hoffentlich jetzt aus; Bringt Papa das Geld zu Haus, Wird's für uns ka Arbeit geb'n; Wir werden alle lustig leben, Noblen Putz und fein soupiren, Und immer nur cancaniren, canca- niren, cancaniren. (Nur einige Tacte Tanz, dann Tableaux.) Peter und Paul (klatschen in die Hände). Bravo! Lini. Ja, Schwestern, aus is's hoffentlich mit» Kochen. Waschen und Bügeln; so saubere Madeln wie wir brauchen keine Schüsseln zu reiben. Der Advoca- tenschreiber hat unserer Mutter heimlich g'steckt, daß wir beut' von an reichen Vetter aus Amerika a Menge Geld kriegen sollen, — folglich fangt von jetzt das lustige Leben an! Aus lauter Freud' Hab' i mir a schönes Seidenkleid bestellt. Mini. Ich mir a Diadem. Tini. Ja, und wir Alle suchen uns d'schönsten Sachen aus, die in Wien z'finden sein. Alle. Kost's — was's kost'! Dritte Scene. Vorige. (Don der Mitte das Stubenmädchen Lori, hierauf Hansl mit Bierzimenten.) Lori (ein Sparcassabüchel in der Hand, im Eintreten). Mamsellchens, schon Alles in der Ordnung, kann man schon gratu- liren? Lini. Jeden Angenblick erwarten wir den Vater, bitt' Sie. es wird so viel Geld sein — daß er so lang zum Zählen braucht. Hansl (im Eintreten Lori ersehend). Ah, da ist sie! — Die göttliche Lori! (Hat das Bier hingestellt und glotzt Lori an.) Lori. Was mir der dumme Junge immer so anglotzt! — Hör', wenn Du mir immer den Weg vertrittst, werd' ich Dir emal eine Packpfeife geben. Hansl. Eine Packpfeife, — ich rauch' ja gar nicht! Lori. Nu, ich meine, was man hier zu Lande eine Ohrfeige nennt! Hansl (bei Seite, entzückt). Eine Ohrfeige — von ihr — o Wonne! Lori. Nu, Mamsellchens, ich wollte mich nur anfragen, weil ich jerade aus der Stadt zurückkomme, ich habe näm- 11 lich wieder eine kleine Eivlaje jemacht in mein Sparcassabuch. Hansl (begeistert). Was, ein Spar- caffabuch hat sie auch? Lori. Ja, Mamsellchens, da wird Kreuzer zu Kreuzer zusammenjespart und so habe ick jetzt schon an 400 Julden. Hansl. O, und unsere Sparcassa is in der Dorotheergasse! Vierte Scene. Ursula (von der ersten Thüre links mit einem Zettel in der Hand). Vorige. Ursula. Na. Madeln, was is's denn? Is der Vater no net z' Haus? Lori. Nein, Frau Mutter. Ursula. Na, wo der Mann nur so lang bleibt — mich bringt schon die Neugier um. — Ah, die Lori! — (Begrüßung.) Aber jetzt muß i schau'n, daß's Nachtmahl da is, bis er z' Haus kummt. — Du, Hansl. geh' einkausen, da is Alles aufg'schrieben. Hansl (tritt zu Ursula, blickt jedoch verzückt immer nach Lori). Nein, diese Glutaugen! Ursula (immer aus d:m Zettel lesend). Zehn Kreuzer Kohlen. Hansl. Diese zarten Hände! Ursula. Zwei Kreuzerlabeln! Hansl. Diese Arme! Ursula. Ein Paar Leberwürste! Hansl. Diese Purpurwangen! Ursula. Einen Kreuzer rothe Rüben! Hansl. Dieser Kopf! Ursula. Ein Krauthappel! Hansl. Und der Wuchs! Ursula. A Butten Holz — So! — Jetzt lauf', wiarst laufen kannst. Lori (hat sich von den Uebrigen empfohlen und geht ab). Hansl (hat den Einkaufskorb genommen und folgt ihr entzückt). O Lori! (Ab.) Ursula. Madeln, jetzt schaut's, daß heut' noch 's Feuer am Herd brennt; wann uns 's Glück will, haben wir morgen schon an französischen Koch. (Sieht durch's Fenster.) Ah! da ku.umt ja mein Alter — aber was siech' ich — in einer solchen Gesellschaft, — wo hat er denn den auf'klaubt! Alle Mädchen. Ah! der Vater — der Vater! (Ihm entgegeneilend.) Fünfte Scene. Blechl (Arm in Arm mit Stefan durch die Mitte). Vorige ohne Lori. Ursula (ihren Mann betrachtend). Mir scheint gar, er is schon wieder ang'stochen! (Drängend zu Blechl.) No, Alter, was is 's denn? Alle Mädchen. Ja, Vater, redens! -Blechl (angestochen, jedoch nicht betrunken, abwehrend). Aushalten — Eins nach dem Andern — vor Allem stell' ich Euch da Euren Onkel vor — ein sehr lieber Mensch — wir haben Bruderschaft trunken — er hat Alles 'zahlt — Achtung — er kummt vom Nordpol! Peter und Paul. Ah! vom Nordpol? Ursula (geärgert bei Seite). Hätt' schon dort bleiben können! Blechl (seine Familie vorstellend). Mein Weib Ursula und da meine Töchter: Lini, Mini, Tim, Pini, Fini und Trini. (Zu Ursula.) Is mei Gast, bleibt bei uns! Ursula. Halt, da Hab' ich als Frau auch ein Wort mit 'dreinz'reden. Blechl. Maul halten — ich bin der Herr im Haus! Lini. Aber, Vater, was is 's denn wegen dem vielen Geld? Blechl. Ruhig, werd's es noch zeitlich g'nug erfahr'n. Ursula (erschreckt). Was, wir sein doch net durchg'fall'n? Blechl (zu Stefan). Red', Vetter, erzähl' Du ihnen die ganze Historie! — Na. der Durst! (Nimmt eine Pitsche und trinkt.) Hansl (ist- mittlerweile eingetreten). Ah, der Meister trinkt unser Bier aus! Stefan. Ja, meine Lieben, das ist 12 eine verteufelte Geschichte. — Der gute Detter Etienne Sambourg ist ein alter Hans Narr! So ein amerikanischer Sonderling, der noch bei Lebzeiten 100.000 Gulden an seine Verwandten verschenken will. Ursula. Na also, wir sein ja seine Verwandten. Blechl. Warten — paßt nur gut auf! Stefan. Damit aber das Geld in die rechten Händ' kommt, so will er uns Alle vorher noch einer Prüfung unter- zieh'n. Blechl. Nein, wie die Schulbub'n behandelt er uns. Ursula. No, sein wir vielleicht net ohnehin schon g'nug vom Schicksal geprüft ? Stefan. Jeder von uns hat somit beute ein Geldstück erhalten, und der es am höchsten zu verwerthell versteht, der soll den größten Anspruch haben! Ursula. No, wo is denn also das Geldstück? Stefan (zieht den Kreuzer heraus und weist ihn vor). Hier! Ursula. Was? — Ein Kreuzer? Alle, außer Blechl und Stefan. Ein Kreuzer!? Ooo! Blechl. Denk' Dir, Alte, die höchste Fructificirung eines Kreuzers. Hansl (zu Blechl). Wisten's was, Herr Master, leg'ns den Ihrigen in die englische Bank, in tausend Jahren san's a Kapitalist! Blechl. Dalk — wer weiß, ob wir tausend Jahr leben! Lini (traurig). Da is's also wieder nix mit mein' Seidenkleid? Mini. Und mit mein' Diadem? Tini, Fini, Pini und Frini. Ags is's — aus! Ursula (enttäuscht). Einen miserabeln Kreuzer! — Die Haar kunnt ma sich ausreißen. (Zu Blechl.) Und da hast Du, gottvergessener Mann, noch die Keckheit, mir einen solchen Patron (aus Stefan weisend) mit ins Haus zu bringen? Blechl (entrüstet). Weib, Du beleidigst meine Blutsverwandtschaft! Ursula. Eine schöne Verwandtschaft das sammt dein' verrückten Amerikaner. Blechl (aus Ursula zu). Du, ich vergreif' mi an Dir?! Stefan (ihn zurückhaltend). Halt, Vetter! Blechl. Hast Recht, Vetter, bist ein edler Mensch, — sie is ja nur ein Frau'n- zimmer; (gerührt) verzeih'n wir ihr's! Stefan. Nun, liebe Frau, find Sie unbesorgt, ich werde Ihnen nicht weiter lästig fallen; — ich kam ja doch nur, um Sie Alle zu begrüßen, und Ihnen Ihren Mann wieder nach Hause zu bringen; — mein Platz is in der Herberge. (Reicht die Hand zum Abschied.) Nichts für ungut! Blechl. Was, Du wirst doch net schon wieder geh'n wollen? Stefan. Last' mich, ich nehm's Euch wahrhaftig nit übel. — (Blechl die Hand schüttelnd.) Der gute Wille gilt mir für die That; — ich will Dir's treulich gedenken. — Lebt wohl! Blechl (fällt Stefan gerührt um den Hals und küßt ihn). Vetter, noch ein Bußl! Stefan (im Abgehen den Hut schwenkend). Auf fröhliches Wiedersehen! (Mitte ab.) Blechl. Da geht er, und i Hab' mi schon so g'freut, daß er mir vom Kap Todesco und vom Franz Josefs-Land erzählen wird. Ursula. O, i wollt', wir fitzeten dort, da fänden uns wenigstens kane Gläubiger. Blechl. Ja, und wann's uns fänden, könnt' ma 's wenigstens von die Eisbären z'sammfrefsen lasten. Ursula. Madeln, geht's also wieder Kochen, Waschen. Bügeln und Schaffelreib'n. Lini (indem sie mit den übrigen Schwestern, durch die zweite Thür links, weinend abgeht). 13 Nein, wieder arbeiten müssen, das hätten wir uns nit denkt. (Alle Mädchen ab.) Hansl. No, und wir fangen halt wieder an fest zu klopfen. (Alle setzen sich zur Arbeit.) Ursula. Das hat ma davon, wann man a bravs Weib is — nix als Elend — während dem Tandler seine Frau drüben ihren Mann betrügt und dabei in Ueberfluß lebt — o warum Hab' i das früher net g'wußt! Blechl. No, sei so gut, Alte! Sechste Scene. Dienstmanu (von der Mitte). Vorige (außer den Mädchen). Dienstm. Sans net bös, — können's ma net sag'n — wo Ihr Nachbar, der Herr von Prell, steckt, i klopf' schon a Viertelstunde, und ka Mensch macht ma auf! Ursula. Na, da können's lang klopfen. Dienstm. Was, is er vielleicht aus- 'zog'n. Hansl. Freili auszog'n, er gibt's jetzt nobel — Hötel Austria. Dienstm. (macht die Pantomime des Stehlens). Er wird do net- Ursula. Heut' Früh Habens ihn abg'holt weg'n falsche Wechsel. Dienstm. Ah, da legst di nieder, so a nobler Herr! Blechl. Na ja, jetzt san mer amal schon drin in der Nobless. Dienstm. Na, hat die Trafikautin a seine Nasen g'habt, — kummt Jhna der gestern auf d' Nacht zu ihr hinein und verlangt a Creditpromess' — ste legt's hin und begehrt: »Vier Gulden!«—Er greift in 'n Sack, beutelt in Kopf und sagt: Sapperlot, jetzt Hab' i' mei Geld z' Haus g'lassen, Wissens was, i schick's Jhna morgen. — Da beutelt aber die Trafikautin den Kopf, packt ihr Los und sagt: Es is gut. — D'rauf'haut er entrüstet an Zwanz'ger hin auf d' Bude! und schreit: »Schicken Sie mir's also morgen durch ein' Dienstmann in d' Wohnung, da is meine Adress'.« Ursula. Aha, da habn's ihm's jetzt bringen wollen? Dienstm. Ja, das haßt nur gegen baare vier Gulden. (Zieht die Promesse heraus.) Jetzt muß ich's halt wieder z'rucktragen—Mir is ordentli lad, wann i a Geld hätt', i behaltet mir's selber — aber i Hab' mir um meini letzten zwei Kreuzer grad' an Schnupftabak 'kauft; — heut' is grad' Ziehung, da könnt' ma mit 4 Gulden an Haupttreffer mit 250.000 Gulden machen. Hansl. Herr Master, 250.000 fl., das war a Fressen! Paul. No, wann's a a bist weniger war. Peter. No, so probir'n mer unser Glück! Dienstm. Ja, ja. mir is recht, wenn Sie 's wollen, da is. Blechl. Na, Alte, was sagst denn du dazu? Ursula, 's war Alles recht, — aber vier Gulden, woher nehmen wir s denn? Peter. Steuern wir also z'samm', vielleicht geht's; — i Hab' grad' noch 40 Kreuzer, da sein's. Paul. Da san a zwa Zwanz'ger von nur. Blechl. Alles was i z'samm'bring' is a Gulden 39 Kreuzer. Ursula. No, und i Hab' vom Kostgeld no an Gulden und 60 Kreuzer. Hansl. I Hab' beim Anmäuerln heut' 20 Kreuzer g'wonna. (Gibt selbe hin.) Blechl. Was, ang'mäuerlt hast? No wart, da werd'n wir später drüber reden. (Rechnet zusammen.) Was nutzt das Alles — das Ganze z'samm is halt do net mehr als 3 Gulden 99 Kreuzer. Dienstmann. Da is mir lad, aber da is 's nix mit uns — i muß d' ganzen vier Gulden niederleg'u. (Im Abgehen.) Pfiart Jhna Gott'. (Geht ab.) 14 Ursula. Js do recht schab' — wer waß — Blech! (erinnert sich plötzlich und durchsucht alle Taschen). Häusl. Sixtes, fixtes, wieder nix. Blechl (findet dann endlich den'Kreuzer in einer Westentasche). Bald hält' i d'raus vergessen, i muß ihn ja wo hab'n — a aushalteu, Dienstmaun — aushaltev — wir haben's schon — Da is er schon — der amerikanische Glückskreuzer. Hansl (hat den Dienstmann schnell wieder am Aermel führend zurückgebracht). I lass ihn nimmer aus. Blechl. So, da san jetzt die 4 Gulden, her mit der Promess. Dienstmanu. Das is a Red'! (Nimmt das Geld und hat es gezählt.) Richtig. — No, ich wünsch' viel Glück dazu. (Geht ab.) Hausl. Hollah! Blechl (die Promesse in der Hand haltend). Da hätten wir s jetzt — in einer Stunde können wir vielleicht lauter glückliche Leut' sein. Hausl. I kauf ma glei a Equipage, Hab s satt, immer bloßfüßig in der Welt herumz'renna. Blechl. I waß net, mir zittern vor lauter Aufregung ordeutli d' Händ'. Ursula (gutmüthig). Alter, Du hast a Bißl über'n Durst 'truukeu, komm' hinein nachtmahleu, und dann leg' Dich nieder. Hansl (liest die Promessennummer). Sr. 25, Nr. 37499. Wissen s was, Herr Master, i renn' zur Ziehung, und wann wir was g'wunna hab'n, kumm' i als reitende Staffelten z'ruck! Juchhe! (Mitte ab.) Ursula (Blechl führend). Kumm'. Alter, kumm', der Peter wird' schon 's Gwölb' zuspirr'n. Peter. O,verlassen'sJhnauur auf mi! Blechl (im Abgehen). Wann uns die Nacht a Treffer kummt', das wär' doch endlich amal a wirkliche gute Nacht! (Mit Ursula erste Thüre links ab.) Siebente Scene. Peter und Paul. (Es wird dunkel.) Peter (die Ladenthür schließend). So, zu i's,den Hansl lassn ma 's Fenster offen, er waß schon sein' Weg. Paul. Hörst, wann i so a paar tausend Gulden g'winvet, da lass i mir glei' meivi Stieseln vorschieben. Peter. Und i lass mir neuche Knöpf an mein' Sonntagsrock annah'n, das wird nobel ausschau'n. Paul. Aber was machen wir denn jetzt? Peter. Maßt was, legen wir uns nieder. Paul. Recht hast! — (Beide machen es sich bequem.) Peter. Und damit's a Hetz is, nehma ma dö Karten in's Bett und spieleu no um a paar Maß! Paul. Die wir dann morgen vertrinken — gilt schon! Peter. No, Paul, hilf mir auffi! Paul (stellt sich hin und Peter steigt aus ihn, um in die obere Bettstatt zu gelangen.) Peter. So, i lieg' schon! Paul. I kumm a glei nach. (Steigt in die zweite obere Bettstatt.) Peter. So richt' den Kopfpolster her, jetzt spiel'n wir! Paul. Licht brauch' ma kaus, der Mondschein thut's a. Beide (ziehen sich wechselseitig die Karten und spielen so statt auf einer Tischplatte aus dem Kopspolster, wobei sich Peter immer herunterbeugen muß). Peter. Na hörst, Du hast a Glück, — allerweil bin i der Saunigl! — Na, ich mag jetzt nimmer. (Gähnend.) Gute Nacht, Paul! Paul (ebenfalls gähnend). Gute Nacht, Peter! Beide (sangen an zu schnarchen). (Kleine Pause.) (Leise Musik bis zum Schluß.) 15 Achte Scene. Hansl (durch's Fenster, indem er einen Zettel in der Hand hält). Pete rund Paul. Hansl (säst athemlos). Sr. 25, Nr. 37499. (Nimmt eine Trompete und sangt aus Leibeskräften nach allen Seiten hin zum Blasen an.) Peter und Paul (erschreckt in die Höhe fahrend). No, brenot's denn? Hansl (schreiend). Nr. 37499! (Blast wieder.) Paul und Peter (fallen fast aus den Betten, um nur rasch hinunterzukommen und packen den noch immer blasenden Hansl). Red', Hansl! Hansl. G'wunna Ham mal! Peter und Paul (nehmen auch Trompeten und alle Drei blasen). Neunte Scene. Blechl, Ursula, Mini, Tini, Liui, Fini, Piui und Trini (von links, aus beiden Seitenthüren, mit Lichtern in der Hand, in Nachtkleidern). Vorige. Alle. Was is denn g'scheh'n? Hansl. Master, wir haben 20.000 fl. g'wunna! Blechl. Iss wahr. Hansl?! Alle. Na, das Glück! — Juchhe!! Blechl. Hansl, ich könnt' Dir vor lauter Freuden den Schopf beuteln. Hansl. Master, jetzt wird nix mehr beutelt. (Stolz.) Ich bin auch jetzt Rentier! Blechl. And das Alles halten wir den an Kreuzer zu danken; — ich macht' wissen, ob ihn Aner höher verwerthen kann — wer nimmt mir die 100.000 Gulden? Ursula. Richti', dö g'hörn a no uns. Hansl. Wird das a Leben wer'n. Blechl. Hansl, weck' d' ganze Nachbarschaft auf! Alles muß heraus aus'n Bett, die Nacht muß g'feiert werden. Hansl (Mitte ab, schreiend). Halloh! Blechl. Madeln, tragt's 's ganze Ku- chelg'schirr z'samm', nehmt's alle Wasch- trög' und kocht's Punsch d'riu! Alle Mädchen (rasch ab, und schleppen alle Geschirre herbei, wobei ihnen Ursula behilflich ist. Das Ganze muß ein Bild des tollsten Freudentaumels sein; die Einzelnen, wie sie Zusammentreffen, umarmen sich immer). Zehnte Scene. Lori mit Hansl (von der Mitte), die Greislrrin, der Branntweiner, der Fleischselcher Rauch, der Friseur Kratzer und andere Nachbarsleute (alle im Nachtkleide). Vorige. (Die Bühne wird hell.) Greislerin. Was! War's also wirklich wahr —! Lori. Sie hätten jewounen? —Ne, is det en pyramidales Glück! Alle Nachbarn. Wir gratuliren! Blechl. Kocht's und brat's, was Platz hat — heut' muß Alles d'raufgeh'n. — Kinder, seid's lustig und schenkt's die Gläser voll! (Muß Alles rasch geschehen.) Lini, Mini, Tini, Pini, Fini und Trini (mit Gläsern in der Hand). (Wiederholung des Entrseliedes.) Kochen, Kehren, Schaffelreiben, Bügeln, Waschen, Näh'n, In der Früh um fünfe schon In der Küchel steh n, Das is Alles endlich aus, Denn wir haben jetzt Geld im Haus, Keine Arbeit kann's mehr geben, Wir woll'n Alle lustig leben, Nabeln Putz und fein soupireo, Und immer nur und immer nur cav- caniren, cancaniren, cancaniren! Alle (mittanzend und singend). Und nur immer und nur immer cancaniren, can- canireu! (Schlußtableau.) Der Vorhang fällt. 16 Zweiter Aet. Drittes Mä. (Eine offene Straße. — Im mittleren Hintergründe ein Auslausbrunnen. — Erste Eou- liffe rechts ein offener Gewölbeladen mit der Firmatasel: »Trödler-und Jncaffo-Geschäft des Franz Scharrer;« — zweite Eouliffe rechts: »Frisir- und Rasir-Salon des O. Kratzer« mit dem üblicken Handwerkszeichen; — dritte Eouliffe rechts ein Gasthaus mit dem Schilde: »Zur Billigkeit.« — Erste Eouliffe links der decorativ dem zweiten Bilde entsprechende, vorläufig noch geschlossene Gewölbeladen mit der Firmatasel: »Andreas Blechl, Blasinstrumentenmachkr;« — zweite Eouliffe links ein Fragnergeschäft, an welches unmittelbar das offene Hausthor grenzt; — dritte Eouliffe ein Laden mit der Firmatafel: »I. Rauch, Fleischselcher;« — im Vordergründe rechts ein Bäumchen, an welchem eine Ruhebknk angebracht ist. — Tag.) Erste Scene. Am Auslausbrunnen mehrere Mädchen, die dann abgehen. Aus dem Hausthore links Lori mit einem Kruge in der Hand, zum Auslausbrunnen gehend. Hierauf aus der Barbierstube der Oberkellner Jean, geleitet vom Friseur Kratzer. — Sodann erscheint die Greislsrin unter ihrer La- denthüre. — Schließlich aus dem Inkassogeschäfte Helene mit Pfeil. Lori. Herrjott — is det wieder en Hochquellenjedränge— vu, Mamsellchens, jeden Sie mir och en bischen Raum, dat ik mir mein Krug anfülle. Kratzer (im Heraustreten zu Jean). Empfehle mich bestens, Herr Jean, bitte mich bald wieder zu beehren! (Wieder in den Laden ab.) Jean (ohne Kopfbedeckung — Kellnerfigur — indem er sich wohlgefällig das Kinn streichelt). So, jetzt sind wir wieder sein beisammen! Lori (ist mit dem Kruge in den Vordergrund getreten). Jean. (Lori ersehend, zärtlich). Ah, die schöne Jungfer Lori! Lori. Na, wenn wir auch jerade keene Venus find, aber proper find wir! Jean. Und das schon wie proper! — (Will sie umarmen.) Lori, meiner Seel' — Lori (abwehrend). Herr Jean — bleiben Sie mir drei Schritte vom Leibe! Jean. Aber, Lori, ich mein's ernst, schaun'ns, da in dem Wirthshaus »zur Billigkeit«, wo ich Zählkellner bin, dem Versammlungsort desKreuzervereins, Hab' ich mir auch kreuzerweis' a schöne paar Gulden zusammeng'spart — wie wär's, wenn wir Zwei ein — Paarl — Lori (mit Stolz). Bei uns Jebildeten in Berlin macht man solchen Anwurf nich uf der Straße; — wenn Sie von der Mamsell Lori wirklich etwas wollen — dann nehmen Sie mal neu schwarzen Frack und weiße Glacös und bemühen sich (nach dem Hausthor weisend) zweite Treppe hoch, Thüre links. (Mit einem Knix.) Juten Morjen, Herr Jean! (Rasch in den Fragnerladen ab.) Jean (ihr nachsehend). Ein gottvolles Frauenzimmer — aber ich lass' nimmer aus — sie muß mein sein! (Jn's Wirths- Haus »zur Billigkeit* ab.) Helene mit Pfeil (aus dem Trödlerladen). Helene (junge elegante Erscheinung — in großer Aufregung). Nein — ich vermag es nicht weiter zu erdulden; an einen Mann gekettet zu sein, den man haßt, — den man verachtet. — Seine Habgier verweigert mir bereits das Nothwen- digste. Pfeil. Und doch, gnädige Frau, ist es vorwiegend Ihr Vermögen — Helene. O das elende Geld, das diesen Heuchler verlockte, sich in unsere Familie einzuschleichen, um durch meine Hand in dessen Besitz zu kommen. — (Pfeil's Hand erfassend.) Victor, ich kann es nicht länger mehr ertragen! 17 Pfeil (rasch, indem er ihre Hand ersaßt hat, mit Heimlichkeit). Nun, Helene, so willigen Sie endlich ein — vertrauen Sie sich meinem Schutze an; wir wollen fliehen in ein fernes Land und uns dort eine neue Heimat gründen. Lori und die Gr eis l er in (sind beobachtend unter der Thüre des Fragnerladens sichtbar geworden). Helene. Ja denn, was auch daraus werden möge — es sei — Pfeil (küßt ihr entzückt die Hand). Helene! — Endlich! Helene. Aber auch mein ganzes Vermögen soll mit mir — o, ich will diesen Elenden bis in das Herz treffen. Pfeil. Mao beobachtet uns. Helene. Kommen Sie, wir wollen das Weitere besprechen! (Beide links ab.) Lori (vortretend). Hören Sie mal, Frau Nachbarin, da wittere ich eene jroßartige Ehebruchskomödie. Greislerin. Js mir schon lang nicht ganz richtig vorgekommen! Lori. Aber Recht hat sie — ich hält' es ihm och so jemacht, denn dieser olle Wucherer is ne eklige Kröte, dem ich es vom janzen Herzen verjönne. Gr eis lerin. O, die ganze Vorstadt vergunnt ihm's! Lori. Herrjott! da kommt er jerade, und noch dazu mit dieser Betschwester, — ne, Frau Nachbarin, solche zwee Je- statten uf eemal zu jenießen, det is zu viel für meeue schwache Constitution. — Jott erhalte Sie! (In das HauSthor links ab.) Greislerin (geht in ihren Laden ab). Zweite Scene. Scharrer mit Portiuncula Drehaug (aus dem Trödlerladen). Scharrer (im Gespräche). Ich habe meine Leute unter einem Vorwände beseitigt, damit wir ungestört verhandeln Theat-Rep. Nr. 292. können. — Also wir sind einig — Ich werde dieses Capital, das Sie mir anvertraut, möglichst gut verzinsen und den Gewinn theilen wir. Drehaug. Nehmen Sie nur so viel Interessen, als Sie erhalten können; das Volk verpraßt ja ohnehin das Geld, weshalb soll es also nicht zu einem guten Werke beitragen — ich habe nämlich gelobt, von dem Gewinn der Kirche ein neues Altartuch zu opfern. Scharrer. Ah, immer die fromme, gottesfürchtigeDame! —^ prop 08 ! Auch ich habe ein Gelöbniß gethan — Drehaug. Wie? Scharrer. Um jenen Kreuzer von dem amerikanischen Sonderling bestens zu verwerthen, nehme ich nun bei jedem Geschäfte, das ich abschließe, nebst den üblichen Zinsen noch überdieß einen Kreuzer in Abzug, den ich separat bei Seite lege, und so denke ich nach und nach ein hübsches Sümmchen zusammenzubringen, das mir ein Anrecht an die 100.000 Gulden geben soll. Drehaug. Sie erinnern mich gerade, daß ich heute noch zum Goldarbeiter sehen muß — Scharrer (verwundert). Was, zu einem Goldarbeiter? Drehaug. Ich ließ nämlich meinen Kreuzer in Gold fassen, um damit meine Namenspatronin, die heilige Portiuncula, in der Kapelle zu schmücken — eine fromme That ist ja der höchste Werth. Scharrer. Daran erkenne ich meine theure Nichte! Drehaug. Nun, so möge denn auf unserem Wirken der Segen des Himmels ruhen. — Gelobt sei Jesus Christus'. Scharrer (ihr die Hand küssend). In Ewigkeit. Amen!! (Geleitet sie bis zum HauLthor, wo er ihr nochmals die Hand küßt.) Drehaug (im Hausthore links ab). Scharrer (sich vergnügt die Hände rei« 2 18 bend). Die Capitalien mehren sich — noch das amerikanische Geld dazu und ich bin ein gemachter Mann. — (In die Scene links sehend.) Ah, der vagadundi- rende Vetter Stefan mit dem Studenten — solchen Bummlern muß man lieber aus dem Wege gehen — die Kerle scheinen mir ohnehin nicht recht geheuer, — ich werde mir noch ein Schloß an den Laden machen lasten. (Rasch in den Trödlerladen rechts ab.) Dritte Scene. Stefan (von links aus der Straße, immer in der früheren Kleidung, mit Fritz Schall Arm in Arm). Fritz. Nun, Onkel, Hab' ich Ihnen alle Merkwürdigkeiten Ihrer Vaterstadt so viel als möglich gezeigt. Stefan. Prächtig geworden dieses Wien — hält' es kaum mehr erkannt. — Diese stattlichen Häuser! Fritz. Ja, wer würde es diesen vergoldeten Mauern ansehen — welche Unmasse von Elend in ihnen wohnt. Stefan. Pah, was weiß so ein Junge wie Tu noch vom Elend — Frisch, fröhlich, frei — das ist der Wahl- spruch des Studenten. Fritz. Sie haben Recht, Onkel, meine Parole sei: »Vorwärts« — Meine Studienbücher find in den schlimmsten Lagen meine besten Tröster gewesen, und sie sollen es auch bleiben; ein Jahr noch und ich bin graduirterDoctor der Medicin. Stefan. Ein schöner Beruf! Fritz (begeistert). O, der schönste, den ich kenne! — Denken Sie sich, Onkel, der Familie ihren Ernährer, den Kindern ihre Mutter zu erhalten — in den Hütten der Armuth dem Tode sein Opfer abzuringen, das ist der Triumph der Wissenschaft. Stefan. Bravo, Fritz! Du bist ein wackerer Junge! — Doch jetzt komm', — ich habe Durst — hier ist ein Wirths- haus, wir wollen Ein's zusammen trinken. Fritz (lächelnd). O Onkel! Im Studentenleben da finden sich volle Köpfe, volle Herzen — aber leere Taschen — und heute ist auch bei mir ein Tag der Ebbe! Stefan. Pah! in meiner Tasche, da klimpern noch einige Thaler, komm'. Du bist mein Gast. Fritz (entschieden). Nein — ich danke! Stefan. Ah, der Herr Doctor find zu stolz — schämen sich wohl an der Seite eines alten Wanderburschen. Fritz. Onkel, mißdeuten Sie es nicht! — Gut denn, ich nehme Ihre Einladung an — doch vorher lassen Sie mich noch diesen Brief auf die Post geben. (Nimmt selben heraus.) Stefan. Ah, wahrscheinlich an die Liebste! Fritz. Meine Liebsteist die Wissenschaft! Stefan. Teufel! das sieht ja gar aus wie ein Brief mit Geld, ich glaubte, Du hättest keines! Fritz. Mein Monatshonorar für gegebene Unterrichtsstunden; — ich habe nämlich im Gebirge eine alte Muhme, die für mich, den armen verwaisten Studenten, viel geopfert; jetzt ist sie alt und erwerbsunfähig geworden, und ich halte es für meine heilige Pflicht, ihr die vielen Wohlthaten nach meinen besten Kräften zu vergelten. Stefan. Du bist ein braver Bursche. — Teufel, warum bin ich nicht der reiche Onkel aus Amerika, meiner Seel', Du solltest die ganzen L00.000 fl. bekommen. Fritz (lächelnd). Ha, darauf mache ich mir keine Hoffnungen, ich bin kein Mann des Geschäftes und werde wohl nur das mein nennen können, was ich mir durch eigenes Streben zu erringen vermag! — Also auf Wiedersehen, Onkel! Stefan (schüttelt ihm die Hand). Also auf baldiges Wiedersehen! Fritz (rasch rechte Seitencoulisse ab). Stefan (ihm nachsehend, dann lustig in's Wirthshaus mit den Worten ab). Ein prächtiger Junge! — 19 Vierte Scene. Elise Schild mit ihrer Tochter Julie (beide aus dem Hausthore links, — die Witwe eine kränkliche ältliche Frau mit einfachem, doch nettem Aeußern, gestützt von ihrer Tochter). Julie (im Heraustreten). Komm', theure Mutter, etwas frische Luft wird Dir wohlthuu — hier ist eine Bank — wir wollen uns hier setzen und lustig plaudern. (Hat sie zur Bank geführt und nimmt neben ihr den Platz ein.) Elise. Die herrliche Sonne — der schöne blaue Himmel — ich hoffte kaum mehr sie wiederzusehen! Julie. Banne alle trüben Gedanken, Du wirst ja jetzt wieder gesund und fröhlich werden. Elise. Gott gebe es — jetzt schon wäre mir ja der Abschied von dir. meinem einzigen Kinde, so schwer geworden. Julie. Sprich nicht so, Mutter. Elise. So ist das menschliche Wesen. Gestern noch am Rande des Grabes, heute das Herz voll frischer Hoffnungen. Julie. Die uns dießmal gewiß nicht täuschen werden — O, wir werden wieder glücklich sein! Elise. Glücklich?! (Julie unarmend.) Doch ja — in Dir ist ja mein ganzes Glück — Du bist mein Stolz — Du bist die feste Stütze meines Alters. Julie. Nun, liebste Mutter, sei nur wieder fröhlich — dann wirst Du bald gesunden, und wir können wieder weiter wandern zur alten Großtante im Dorfe, die uns ja ein Asyl angeboten. Elise. Daß es so kommen mußte! — Vor zwei Jahren stand unser Haus noch als eines der ersten in der Kaufmannswelt geachtet und beneidet. — Dein Vater trug mit Stolz seinen Namen — da kam Falliment um Falliment und — unser Haus sank mit in Trümmer. — Alles — Alles gaben wir hin, nur um die Ehre zu retten, und mit dem Bettelstäbe in der Hand verließen wir die Stadt, in der wir einst reich und angesehen lebten — um wieder fern unter fremden Namen eine neue Existenz uns zu gründen; jedoch das tiefe Weh' brach deines Vaters Herz, die nächsten Wochen machten mich zur Witwe, dich zur Waise! Julie. Mutter, reiß' nicht die alten, kaum vernarbten Wunden auf! Elise. Last' mich, es thut mir wohl, — ich — ist's mir doch, als umschwebte mich sein Geist! (Hat betend die Hände gefaltet; kurze Pause.) Mein Kind, das einzige Vermächtniß deines Vaters ist dieser Ring (zieht selben vom Finger), ein neuer Anfall meiner Krankheit soll mich nicht unvorbereitet treffen, nimm Du ihn, Julie! Julie. Nein, nein, Mutter. Elise. Nimm ihn nur und bewahre ihn, er kann Dir vielleicht noch von Nutzen sein! — Höre mich gut an, ich will Dir die Geschichte dieses Ringes erzählen. — Dein Vater war in seiner Jugendzeit Buchhalter in einem hiesigen Handlungshause und hatte sich schon damals durch Fleiß und Sparsamkeit ein kleines Vermögen erübrigt. Er lebte zurückgezogen und sein einziger zeitweiliger Genosse war ein junger Mann Namens Etienne Sambourg, der gleichfalls,jedoch in minderer Stellung, in einem Handelshause bedienstet war. Sambourg war ein lustiger, zwar armer, aber ehrlicher Patron, der sich des vollsten Ver- trauens seines Chefs erfreute. Eines Abends, er hatte eben für sein Haus eine Einkassierung von beiläufig 2000 Gulden besorgt, gerieth er in Gesellschaft von leichtlebigen Freunden; man spielte Hazard, und Sambourg verlor sein ganzes ihm gehöriges Taschengeld. — Zur rechten Zeit noch besonnen, riß er sich los, um die ihm anvertrauten Summen seinem Herrn abzuliefern — doch wie er das Geld durchzählte — er wußte selbst nicht wie, da fehlte ein Kreuzer — er stürzte zurück zum Spieltische, um diesen einen Kreuzer wieder zu erringen, 2 * 20 und verlor die ganze ihm anvertraute Summe! — Nun peitschten ihn die Furien der Verzweiflung hinaus, er setzte den Lauf der Pistole an seine Stirne — da führte die Hand der Vorsehung deinen Vater zu dem Unglücklichen und Sam- dourg war gerettet. (Pause.) Niemand sonst ahnte das Geschehene und ehrlich zahlte er das Geld wieder an meinen Gatten zurück. — Bald darauf wanderte Sambourg aus in die neue Welt, und er fand dort wohl sein Glück, denn wie wir selbst noch im Reichthum lebten, erhielt dein Vater von ihm eines Tages einen Brief mit diesem Ringe der Erinnerung an seine treue Dankbarkeit zugesendet. Julie. Nun, weshalb hat sich der Vater in seiner Noth nicht an ihn gewendet? Elise. Sein Stolz gab es nicht zu, da Almosen anzunehmen, wo er selbst Gutes gethan zu haben glaubte, und er verbot auch mir jede Einmischung. Julie. Arme Mutter! Elise. (Anwandlung einer Ohnmacht). Julie! Julie. Die Anstrengung — die Ge- müthserschütterung — Du hast Dich zu sehr aufgeregt. Elise. Es wird schon vorübergehen— nur etwas Ruhe! Julie (sie stützend). Ja, ja, komm,' liebste Mutter, ich will Dich zu Bette bringen. Elise. Ja, theures Kind. An deiner Seite lächelt mir das Leben wieder zu. Fünfte Scene. Blechl, Ursula, Lini. Mini, Lini, Fini, Pini und Trini; Peter, Paul und Häusl (aus dem Jnstrumentenmacher- laden, alle sehr elegant, letzterer mit Reitpeitsche und Reitstiefeln, dann geht Lori über die Bühne mit zwei anderen Dienstmädchen). Blechl. Lini, Mini, Tini, Pini, Fini, Trini, seid's alle beisammen? Alle Mädchen. Ja, Papa! Blechl. Gut, der Peter besorgt zwei Fiaker und da fahrt's in Prater hinunter! Ursula. Was Dir einfallt, jed's Madl muß ein eigenen Wagen haben! Blechl. Ah gut, weg'n meiner soll a jede in zwa z'gleich sitzen, mir können's jetzt thun. Peter. Soll der Hans'l net'n Laden zuspirr'n? Blechl. Was Dir eiufallt, laßt's n nur offen, das G'lumpert soll sich nehmen wer will! — I und mei Alte suchen jetzt derweil a neuche Wohnung! Lini. Ja, Papa, auf der Ringstraßen! Ursula. Mit zehn Salons! Lini. Ja, und überall an Balcon dazu, daß ma auf d' Leut h'nunterschau'n können. Hansl (ist herausgetreten). Blechl. Ah, da is ja der Hansl! — Hansl. Bitt mir aus, bei mir wird nicht mehr gehäuselt. — Ich bin kein Blasinstrumentenmacher mehr, — i bin jetzt Couponschneider! Lini. Ah und wie er ausschaut! Alle (lachen über Häusl). Hansl. Da gibt's nix z'lachen — i reit' jetzt Ln der Nobelallee so lang auf und ab, bis i polizeilich abg'schafft wir'. Lori (lachend). Herrje, da seht mal (aus Hansl deutend) diesen Krippenreiter au! (Ab.) Hansl. Was sagt Sie? Ich bin ein Krippelreiter! Lächerlicher Dienstbotenpack! Existirt nicht für unsereins — mir, dem an jedem Finger eine Baroneff' hängt. Blechl. Also kummt's, im Prater treffen wir uns beim ersten Kaffeehaus. Alle (setzen sich nach rechts in Bewegung). Hansl (folgt ihnen — sich von ihnen absondernd — im Abgehen). Eigentlich doch ein gemeines Volk — Keinen Chic! Man muß eben die Nobleff' schon mitbringen wie ich — ich — Johann von Nepomuk, so eigentlich Geburtsadel! (Stolzirt rechts ab.) 21 Sechste Scene. (Aus dem Hcmsthore links) Portiuncula Drehaug mit Julie. Drehung (im Heraustreten strenge). Das geht einmal nicht, liebe Mamsell. Sie wohnen jetzt bereits den dritten Tag bei mir, und ich habe noch keinen Zins gesehen. Julie. Mein werthes Fräulein, schenken Sie uns nur bis morgen Frist, wir erwarten Geld von der Großtante. Drehaug. Nicht eine Stunde mehr, ich bin eine Freundin der Ordnung, ich war ohnehin mit Ihnen zu nachsichtig; nun aber ist meine Geduld erschöpft. Sie haben den Monatszins mit 15 Gulden in vorhinein zu entrichten — ich gehe jetzt in die Kirche, und wenn ich zurückkomme, muß das Geld, so wahr mir die heilige Portiuncula in der letzten Stunde beistehen möge, auf einen Kreuzer bereitliegen, oder ich setze Sie sammt Ihrer Mutter augenblicklich auf die Straße. (Wendet sich nach rechts und ruft im Abgehen sich umwendend.) Hören Sie, auf einen Kreuzer! (Ab.) Julie (verzweiflungsvoll). Ach, wie hart doch die Menschen sein können — die arme Mutter würde diese Schande nicht überleben, nein, um keinen Preis darf Sie auch nur etwas davon ahnen! Aber wie soll ich so rasch das Geld beschaffen? Ich habe nichts, was irgend einen Werth hätte! (Indem sie sich betrachtet, erblickt sie den Ring an ihrem Finger.) Der Ring! — Nein, nein! Und doch, es muß sein! — O Vater! vergib deinem Kinde, aber es gilt ja das Leben der theuren Mutter! Siebente Scene. Scharrer (ist mittlerweile aus seinem Hause getreten und sperrt den Laden ab. Hieraus von links) Fritz Schall (und aus dem Wirths- hause) Stefan. Julie. Julie (zu Scharrer). Lieber Herr! Scharrer (sich rasch umwendend, indem er die Schlüssel schnell einsteckt). Was gibt's? Julie. Retten Sie mich aus einer verzweiflungsvollen Lage — hier dieser Ring — leihen Sie mir 15 Gulden, ich werde ihn morgen auslösen! Scharrer (nimmt den Ring — höhnisck lächelnd). Morgen' auslösen. Kenne ich! (Sie fixirend, rasch.) Ihr Eigenthum? Julie. Sie glauben doch nicht — Scharrer (rasch). Kümmert mich auch weiter nichts! Schall (ist ausgetreten und beobachtet). Scharrer (freundlich aus Julie zugehend, will ihr die Wange streicheln). Meinethalben, ich will barmherzig sein — weil Sie ein schönes Kind ist! Julie (zurückweichend). Mein Herr! Scharrer. Spröde?! Auch gut. Also 15 Gulden? (Nimmt seine Börse und zählt Geld.) Natürlich gegen 20 Gulden! So, da find 14 Gulden 99 Kreuzer. Julie (bittend). Herp. ich bedarf des Ganzen! — Es darf nicht ein Kreuzer fehlen! Stefan (ist ausgetreten). Scharrer. Lächerlich! —Dieser Kreuzer ist mein besonderes Gelöbniß. ich mache keine Ausnahme. Morgen hol' Sie den Schein. Julie. Herr, den Kreuzer! Scharrer (im Abaehen). Was ich gesagt habe, dabei bleibt's — basta! — Bettelvolk! (Rasch links ab.) Schall (vortreteno). Mein Fräulein, hätte ich eine Million, ich würde Sie Ihnen zu Füßen legen, — aber ich gebe Ihnen hier Alles, was ich habe, diese eine Münze (nimmt den Kreuzer heraus) die Ihnen fehlt — wenn Sie von mir dieses Geldstück nehmen, dann, mein Fräulein, rufeich mit Freuden aus: Es war für mich ein Glückskreuzer! Julie (verwirrt stammelnd, indem sie den Kreuzer nimmt). Mein Herr! (Sie wendet sich dem Haus zu, kehrt sich jedoch noch- 22 mals um, dem Schall einen Blick des Dan« kes zuwerfend.) Schall (sieht ihr entzückt nach). Stefan (überblickt mit freudiger Erregung den ganzen Vorgang). (Entsprechende Gruppe.) (Der Vorhang fällt.) Viertes Dilä. Die Absahrtshalle des Nordbahnhoses. — Placate, Tarife rc. rc. decken die leeren Wände. — An der rechten Seite sind die Bahncafsen, deren eine in der ersten Eoulisse rechts befindlich ist. Erste Scene. (Reges Leben. — Passagiere verschiedener Qualität, auch Kroaten, Rastelbinder rc. rc. gehen zur Kasse und lösen sich Karten. — Träger gehen ab und zu. — In der Kasse im Vordergründe sitzt Werth. Der Portier Früh auf, im Dienstanzuge, steht unweit dieser kaffe. — Hieraus von links Helene mit Victor Pfeil, selben folgt ein Träger mit dem Gepäck. — Schließlich von links aus einer Laffenthür der Friseur Kratzer mit seinem Barbierzeuge.) (Beim Aufziehen des Vorhanges kleine Pause, dann hinter der Scene einmaliges Läuten zur Abfahrt.) Früh auf (rufend). Personenzug — Brünn — Prag — erstes Läuten! Helene (imReiseanzuge,Hut mit Schleier, welch' letzteren sie jedoch beim Auftreten nach rückwärts geschlagen hat, sie trägt in der Hand eine Kassette — im Auftreten zu Pfeil). Kommen Sie rasch, Victor, daß unsere Flucht nicht vereitelt wird. — Die Kassette mit meinem ganzen Vermögen will ich selbst verwahren, besorgen Sie nur das Gepäck, ich werde indeß die Karten lösen! (Tritt zur Kasse hin.) Pfeil (Gleichfalls in Reisekleidern). Ganz wohl, Helene! (Zum Gepäckträger.) Reihen Sie die Sachen nur dort au, ich komme sogleich nach! Kratzer (ist in diesem Momente heraus). So, Alles ist rasirt, jetzt bin ich fertig! (Erblickt Helene und Pfeil; für sich.) Teuxel, meine schöne Nachbarin mit ihrem Buchhalter. Da is was los — aufpassen! (Stellt sich in die Nähe der Lasse so, daß er von beiden nicht gesehen werden kann.) Helene (das Geld aus den kassatisch hinlegend). Zwei Billets erster Klasse nach Prag! Kratzer (für sich). Nach Prag! das muß ich gleich dem alten Wucherer ver- züuden! (Mit Schadenfreude, indem er eilig linke Seite abläust.) Wird sich der giften. Werth (indem er Helene die Billete aussolgt und sie nun erkennt). Ah', gnädige Frau verreisen! Helene (für sich, indem sie rasch den Schleier überwirst). Himmel, unser früherer Buchhalter! (Verlegen zu Werth stammelnd.) Geschäfte! (Verläßt eilig die Kasse; zu Pfeil tretend.) Man hat mich erkannt. (Nimmt Pfeil's Arm.) Rasch. Victor, bevor wir verratheu sind! (Schnell mit Pfeil in den Hintergrund ab.) Pfeil. Keine Furcht, Helene, ich schütze Sie! (Ab.) (Hinter der Scene zweimaliges Läuten der Abfahrtsglocke.) Frühauf (rufend). Brünn—Prag — zweites Läuten! (Die erste kaffe rechts wird in diesem Momente frei.) Werth (steckt den Kopf bei dem Lassa- fenster hinaus — rufend). Herr Frühauf! Frühauf (tritt zur Kasse). Wünschen Herr kassier? Werth. Haben Sie jene Dame gesehen, die so eilig mit dem Herrn verschwunden ist? Frühauf. Ah, die mit dem Schleier? Werth. Ja, das war meine einstige Principalin, die junsie Frau des Scharrer. Frühauf. Ah, dieses miserablen Leute- chinders, mit dem, wie Sie mir erzählt haben, Sie diese Kreuzerg'schicht' g'habt haben? 23 Werth. Ja, wegen eines Caffadefi- cits von einem Kreuzer mir augenblicklich künden. — Lächerlich. — Nun, der junge Mensch, der mit ihr war, ist ihr jetziger Buchhalter, ich kenne ihn. (Lachend.) Mir scheint, sie brennt mit ihm ihrem Mann durch! Früh auf. Recht g'schieht ihm dem alten Gauner! Zweite Scene. Blechl, Ursula, Lini, Mini, Tini. Fini, Pini, Trini, Peter, Paul (von der linken Seite, alle reisemäßig gekleidet). Blechl (im Auftreten). San wir alle beisammen? Ursula. Ja, Alter! Blechl (zu den Mädchen). Habt's nix vergessen? Lini. Na, Papa! Ursula. Schau lieber, daß wir wei- terkummen! Lini. Ja, Papa, wir g'freu'n uns schon auf'n Kirchtag in Lundenburg. Mini. Ja, da werden wir flott tanzen. Peter und Paul. Und ob! Blechl (zählend). I. 2. 3, 4, 5, 6. 7, 8, 9 — mit*« Oberhaupt zehn Stück. Ursula. Hörst, Du zählst uns, als ob wir mit'n Lasttrain fahreten. Blechl (zur Casse). Zehn Karten nach Lundenburg. Werth. Erste, zweite oder dritte Klaffe? Blechl. Haben Sie vielleicht a erste Claffe mit Vorzug? Lini. Ja. so an Salonwagen! Werth. Nein! Blechl. Na, so mischen wir uns halt amal unter's Volk — gebn's uns erste Elaff'! (Legt das Geld hin und empfangt die Billets.) Frühauf. Einfieigen, meine Herrschaften! Blechl. (Frühauf ansehend, artig). Ah, wahrscheinlich der Herr Generaldirektor!? Frühauf. Mein Herr, keine Beleidigungen! — Blechl. Ah, entschuldigen, ich Hab' nur 'glaubt, weil's a so a brate Borden am Kapp'l hab'n. Frühauf. Ich bin der Portier! Blechl. So, das is schön! (Vertraulich.) Sie, sag'n Sie mir, is Alles in der Ordnung? Frühauf. Wie meinen Sie dat? Bleckl. No, ich mein' nur, sein vielleicht auf dieser Bahn auch einige Mi« huzenidämm'!? Frühauf. So was gibt's bei uns net! Blechl. Wiffen's, wir alle möchten halt doch wieder mit ganzen Gliedern zum Ofen heim kummen! Frühauf. Höchste Zeit is, einsteig'n! Ursula (drängend). Kumm', kumm', Alter! Blechl. Ja, ja — Lini, Mini, Tini, Fini, Pini und Trini, seid's alle beisamm' ? Alle Mädchen. Ja, Papa. Blechl. Also geh n ma. (Rasch mit Allen in den Hintergrund ab.) Frühauf (ihnen lachend nachsehend). A g'spaßige G'sellschaft übereinand'! (Außen tönt dreimal die Glocke.) Frühauf (rufend). Drittes Läuten! (Die Abfahrtsglocke, — man hört den Pfiff der Locomotive und das Geräusch, wie sich der Zug in Bewegung gesetzt.) Dritte Scene. (Von links Fritz Schall, am Arme führend Elise Schild, an deren anderer Seite Julie. — Ihnen folgt, von Er- steren unbemerkt, Stefan in seiner früheren Kleidung, schließlich Portiuncvla Drehaug in Wallfahrtskleidern.) Schall (zu Elise). Stützen Sie sich nur fest auf mich, Madame — ein kleiner Ausflug wird Ihnen wohlthun und die Landluft Ihre Nerven stärken. Julie. Wie gut Sie mit uns find, Herr Fritz! 24 Elise. Ja, wie können wir Ihnen danken, alle Ihre freien Stunden haben Sie mir, der armen Kranken, gewidmet. Schall. Vergessen Sie nicht, daß ich jetzt Ihr Arzt, und als solcher befehle ich Ihnen, nichts vom Danke zu sprechen, lassen Sie mir die Freude, Ihnen mit meinem kleinen Wissen nach Möglichkeit zu nützen. Elise. Als mich gestern jener Anfall überkam, da führte Sie ein glücklicher Zufall zur rechten Stunde in unser Haus, und Sie leisteten der Fremden hilfreiche Hand. Julie. Dafür, Herr Fritz, wird Ihnen mein Herz ewig in Dankbarkeit entgegenschlagen. Schall (feurig). Daun bin ich ja überglücklich ! (Zu Elisen.) Doch jetzt, Madame, wollen wir indeß in die Restauration, eine kleine Erfrischung thut Ihnen noth — ich werde schon die Billets besorgen lassen. Also frisch und fröhlich vorwärts. (Mit Elisen und Julien in den Hintergrund ab.) Stefan (ist nun in den Vordergrund getreten, indem er den Abgehenden nachsieht). Ganz verliebt bin ich in diesen Burschen, — er hat mir's angethan! — Ja, ja, fast ist's wie Eifersucht, die sich in mir regt gegen jenes Mädchen, das nun sein Herz befangen hält. — Muß doch was Schönes sein um ein liebendes Paar! Alter Thor! Hast über die Arbeit dein Herz vergessen — und stehst nun allein in der Welt da — ein dürrer Stamm! — Pah — auch gut! — Uebrigens, so viel ich erfahren, arme aber brave Leute. — Eine Tochter, die ihre Mutter so zärtlich liebt, wird auch ein braves Weib werden. — Gut Senn, der Junge soll glücklich werden. Drehaug (tritt von links auf). Stefan (sie ersehend). Ah, die Betschwester ist auch da. — Nun, Mamsell, wohin fahren denn Sie? Drehaug (bei Seite). Ah, der Landstreicher! (Zu ihm.) Stören Sie mich nicht in meiner Andacht — ich habe mich zur Wallfahrt in die Gebirgskapelle zu den drei Eichen verlobt und will mich daher von allen weltlichen Berührungen fernehalten — der Herr möge auch Sie erleuchten! — Gelobt sei Jesus Christus! (In den Hintergrund ab.) Stefan. Nun, für Lob aus solchem Munde wird sich der Herr bedanken. Ah, da will ich mir lieber einmal meinen Jungen ansehen, ja, so lange ansehen, bis ihn mir das Dampfroß entführt hat. (In den Hintergrund ab.) (Hinter der Scene einmaliges Läuten der Ab- sahrtsglocke.) Früh aus (ist in den Vordergrund getreten — rufend). Eilzug — Brünn — Prag — erstes Läuten! Vierte Scene. Neue Passagiere, und zwar durchaus besseren Standes. Gepäckträger. — Von links, Hansl, als Bergsteiger, komisch gekleidet, mit nackten Knieen und den sonstigen Utensilien, einen Bergstock in der Hand, mit ihm sechs andere junge Bergtourist en. (Man hörte schon hinter der Scene als Ehor ohne Orchesterbegleitung das bekannte Lied:) „Frisch auf ganze Compagnie. Mit lautem Sing und Sang. Bei frohem Liederklang Wird nie der Weg zu lang. Mann an Mann — rasch voran" rc. rc. (So weit es nothwendig.) Bergsteiger (treten singend auf). Hansl (selben zurusend). Halt! — Da sein wir — jetzt heißt's das hohe 0 hinunterschlucken. (Gibt einem der Touristen, der gleich zur Lasse geht, Geld.) So, da is Geld! — Sieben Karten I. Classe. (Zum Portier Frühaus gewendet.) Was, da schaun's halt. — (Aus seine nackten Knie klopfend.) Alles Natur! — Eisen! Früh auf. Ah, Sie fahren z'samm ? 25 Hansl. Ja, g'hör'u Alle zu mir — die Herren sind lauter Lehrbuben. Frühauf. Machen wahrscheinlich einmal eine Bergpartie? Hansl. O, is net d'erste Bergpartie; — war gestern erst bis ganz hoch oben am Galizinberg. Frühauf. Na, heut' geht's halt weiter! Hansl. Ja, wiffen's, ich Hab' jetzt eine Geliebte, das ist eine Marquisin — o, meine frühere, das war eine Durchlaucht — da aber wegen Mangel an Geldüberfluß diese Durchlaucht durchgegangen is, so Hab' ich jetzt diese — also daß ich's sag' — der Marquisin Hab' ich versprochen, daß ich ihr ein Eselweiß bring', no und da kraxeln wir halt so lang herum, bis wir eins finden. (Zieht ein rothes Buch heraus.) Schaun's, da Hab' ich mir auch so ein rothes Büchl 'kauft, — so wie man sagt — einen Abdecker. Frühauf. Ah, Sie meinen ein' Bä- deker. Hansl. No ja, also Bädeker, das is ja Wurst — d' Hauptfach' is, daß man's hat. — Uebrigens wird bald todt sein der Bädeker, jetzt gib ich einen heraus — Hab' schon alle Wirthshäuser aufg'schrieben — wird dann auch am Bahnhof da verkauft, Sie kriegen a Freiexemplar! — Frühauf. Ja, ja, aber jetzt gehn's nur; Sie haben schon Zeit. Hansl. Na, so kummt's also. Kama- raden — in Reih' und Glied. (Stellt sich an die Spitze.) Alle Bergsteiger (gehen, den Eingangschor wiederholend, in den Hintergrund). (Hinter der Scene zweimaliges Läuten der Abfahrtsglocke.) Frühauf (rufend). Eilzug — Brünn — Prag — zweites Läuten! (Ist dann zum Eassier Werth getreten, nach links weisend.) Ah! dort schauen's hin, da kommt der alte Wucherer herg'rennt! Fünfte Scene. (Von links stürzt heryor in höchster Aufregung Scharrer.— Eassier Werth. — Portier Frühauf, dann aus dem Hintergründe Stefan.) Scharrer. Gott sei Dank, die Eassa offen, es ist noch Zeit — dieses treulose Weib — dieser elende Betrüger — fort find sie mit dem ganzen Geld! Aber außer dem Barbier soll Niemand etwas davon wissen; ich selbst will ihnen nach — sie find fort mit dem letzten Personenzuge — ich überhole sie mit dem Eilzuge — und, früher als sie in Prag, überrasche ich sie dort und vereitle ihren schändlichen Plan. Stefan (ist im Hintergründe sichtbar geworden). Scharrer. Schnell nur das Billet. (Stürzt zur Eassa.) Prag — zweite Classe — rasch — rasch! Werth (laut und deutlich). 15 Gulden 94 Kreuzer. Scharrer (hat in allen Seitentaschen seine Brieftasche gesucht; bestürzt). Himmel, ich ließ in der Bestürzung meine Brieftasche liegen — ich war so eilig — doch ich habe ja die Börse — jene 15 Gulden. die ich eben eincasfierte. (Hat die Börse genommen.) Richtig! — Doch sonst nichts. (Sich erinnernd.) Ha, jene Kreuzer, die ich bei Seite gelegt — wo habe ich nur das Säckchen? (Greift in die rückwärtige Rocktasche und zieht ein Säckchen hervor; ausmachend.) Ah. da ist es — (Zählt erregt das Geld.) Gleich — gleich! 93 — es fehlt ein Kreuzer! Werth (barsch). Nun? Scharrer (nun Werth erkennend). Ah! Sie find es, Herr Werth — welch' ein Glück! Sie creditiren mir wohl diesen einen Kreuzer? Werth (trocken, barsch). Nein! Scharrer. Kennen Sie mich denn nicht mehr, mich, Ihren einstmaligen Principal? 26 Werth. Sie find hier für mich Par- tei wie jeder Andere. Scharrer. Hab' ich denn nichts bei mir. was ich als Pfand geben könnte? (Entdeckt den Ring an seinem Anger.) Hg, Der Ring von jenem Mädchen. (Zum kassier.) Hier, nehmen Sie diesen Ring als Deckung und geben Sie mir das Billet! Werth (barsch). Mein Herr, hier ist keine Pfandleihanstalt! Scharrer (wendet sich bittenden Tones an Frühauf). Herr, wollen Sie mir nicht diesen Liebesdienst erweisen — nur einen Kreuzer! Früh aus (sich höhnisch lachend abwendend). Was geht denn das mi an! (Geht nach rückwärts.) Stefan (tritt in diesem Momente in den Vordergrund links). Scharrer (ersieht Stefan und stürzt aus ihn zu). Herr, mein Lebensglück hängt von diesem Augenblicke ab — hier diesen Ring — leihen Sie mir Geld — ich witl's Ihnen mit Zinseszinsen reich vergelten. Stefan. Habe Alles verputzt — mein ganzes Vermögen ist dieser eine Kreuzer. (Hat selben aus der Tasche gezogen und zeigt ihn vor.) Scharrer (greift hastig nach dem Kreuzer und gibt ihm dafür den Ring — auf- athmend). Gott sei gedankt! Stefan (hat den Ring besehen und ruft in höchster, freudiger Erregung aus). Himmel. dieser Ring! — Ja, ja — es ist derselbe! Scharrer (wankend). Meine Glieder zittern! (Zur kaffe stürzend.) Nun rasch! Werth (schlägt das Laffasenster zu, mit Hobn laut ausrufend). Geschloffen! (Im selben Momente ertönt draußen die Glocke dreimal.) Frühauf (rufend). Eilzug —Brünn — Prag — drittes Läuten! Scharrer (klopft während dem immer an das kaffafenster, bittend). Herr Werth! — Herr Werth! (Man hört das Pfeifen der Locomotive und das Absahren des Zuges.) Scharrer. Zu spät! Weib, Geld — Alles — Alles verloren durch einen elenden Kreuzer!! (Sinkt vernichtet an der kaffe zusammen.) . (Entsprechende Gruppe.) Der Vorhang fällt. Dritter Act. Fünftes Mü. (Ein mit Luxus und Pracht ausgestatteter Saal, der durch hängende Kandelaber hell erleuchtet ist. Die Hinterwaud bildet das reichbesetzte Buffet. — Rechts und links je eine Aügelthüre; an den Seitenwänden laufen bis zur rückwärtigen Säulenhalle schmale sammtene Ruhebänke. — Im Hintergründe nächst der kredenz ein kleines leichttransportables Spieltischchen. — Abend.) Erste Scene. Peter und Paul (beide in Bedienten- livrse. Nach Aufzug des Vorhanges kleine Pause). Peter und Paul (stehen in der Mitte des Vordergrundes und betrachten einander mit gekreuzten Armen). Peter. So steh'u wir jetzt da! Paul. Heruntergekommen bis zu elenden Bedientenseelen! Peter. Alles verbügelt, nix als diese Livreen. Paul. Die notabene unsere Herrschaft a noch schuldig is. Peter. Aber aus is aus! — Heut' noch muß die Herrschaft ausrucken! Paul. Ja. der Master muß uns unser Geld z'ruckzahl'n, was wir ihm g'lieh'n haben. Peter. Ja. wir lassen net nach. (In den Hintergrund links sehend.) Ah, da kummt er grad! 27 Zweite Scene. (Aus dem linken Hintergründe Blechl im festlichen Ballkleide mit Hut, trägt in der Hand ein großes Packet, in welchem viele metallene Schmuckgegenstände sind. — Peter und Paul ziehen sich vorläufig zurück in den Hintergrund.) Blechl (sehr eilig und aufgeregt in den Vordergrund tretend). So, das wär' auch besorgt. (Aus das Packet weisend.) Sechs a halb Gulden — die aanzen Siebenundzwanzig Kreuzer-G'wölb' Hab' ich heut ausg'rennt — is das ein Schmuck — falsche Staner wie die Faust groß; — wird bei Beleuchtung Effect machen. — Die Welt darf nicht atmen, daß wir bereits caput sind. (Zu den rückwärts Stehenden.) Is der Hansl no net z'ruck? Peter. Na, wir hab'n ihn noch net g'seh'n. (Macht zu Paul Zeichen, wodurch er ihm andeutet, daß Letzterer zuerst mit Blechl zu sprechen anfangen soll.) Blechl. Wo nur der Bub bleibt, ich Hab' ihn noch mit d' letzten echten Pretiosen versetzen g'schickt — und i brauch' dringend 's Geld — ich steh' schon auf Nadeln! Paul (ist zu Blechl vorgetreten). Herr Master! Blechl (erzürnt). Hab' ich Euch net schon hundertmal verboten, Master z' sagen — man heißt mich Euer Gnaden — Esel! Paul. Also Euer Gnaden Esel. Blechl. Was. Du unterstehst Dich! Peter (ist auch vorgetreten). Na, kurz und gut, wir woll'n amal unser Geld z'ruck. Paul. Ja. meine 500 Gulden! Peter. Und meine 700 Gulden. Paul. Die wir Ihnen von unserm 'G'winnst baar und ehrlich g'lieh'n hab'n. Blechl (desperat). Das auch noch! (Nimmt Peter und Paul unter dem Arm, so daß er in die Mitte zu stehen kommt.) Männer — Freunde — Brüder! — Nur heut' noch Geduld! Wann mein Plan gelingt, so kommt morgen Alles schon in die Ordnung! — Peter. No, meinetwegen also — Paul. Den Tag wer'nwir noch warten. Blechl (indem er sie beide gerührt küßt). Ich hab's ja g'wußt, es geht nix über Peter und Paul! — Aber jetzt holt's mir meine gnädige Frau und auch meine Fräulein Töchter — ich muß Familienrath halten. Peter und Paul (jeder bei einer andern Seitenthüre ab). Blechl (sich den Schweiß von der Stirne trocknend). Is das ein heißer Tag für mich. — Aber wo nur der Hansl steckt. — der Jean creditirt nix mehr und wann ich ihm die heutige Tafel net in voraus bezahl', so Hab' ich a Menge Gäst' da und nix z' essen für sie — (In den Hintergrund sehend.) Ah endlich! Dritte Scene. Hansl (von der Mitte, keuchend, im Jockeycostum). Blechl. Blech! (drängend). Na, also was is denn? Hansl. Glei, glei, i muß nur a bißl a Luft schnappen. (Nimmt aus seinem Rocke Geld und gibt es Blechl.) So, da is — 450 Gulden habn's mir 'geben für'n ganzen Schmuck. Blechl. So wenig? Hansl. Den Gulden 20 kr. Hab' i mir glei ab'zogen. Blechl. Was für an Gulden 20 kr ? Hansl. No, das Letzte von mein' G'winnst, was ich Ihnen noch Hab' leihen müssen. Blechl. Ja, ja, gut is! Hansl. Richtig, bald hätt' i vergessen, (zieht ein Bracelet aus der Tasche und übergibt ihm selbes) das Bracelet da habn's net g'nommen, sie haben g'sagt, Vas wär' Trompetengold. 28 Blechl. Und mir hat's der Scharrer für echt ang'hängt. Hansl. Ja, Sie. den Scharrer, den alten Wucherer, Hab' ich auch begegnet; er laßt Ihnen sag'n, wann's ihm die 800 Gulden auf den Wechsel net heut' noch zahl'n, wern's 'pfänd't. Blechl. Kommt denn heut' Alles z'samm' — aber ich hoff' mir den a noch vom Hals z'schaffen — jetzt geh' — hol' d' Musikanten und führ's über d' Stieg'n auf der andern Seit' in's Zimmer (nach links aus die Seitenthür hin) h'nein, wo 's drinnen spielen wer'n. — Noch was, wann d' Gäst' da sein, mußt Du bei ihnen den Aufwärter machen; verstehst mich? Hansl. I waß schon, da geh' i mit der Tazen herum, so oft Einer was davon nehmen will, schau i, daß i weiter- kumm'. Blechl. Gut! Und wann das Ballet kummt, was i mir aus 'n Theater aus- g'lieh'n Hab', so führ's a derweil da hinein, bis i das Zeichen gib. Hansl. Ah! Fesche Tänz' mit Grup- pirungen! Blechl. Du — verführ' mir aber nit vielleicht ein Balletmädl. Hansl. Was? — Ich ein Balletmädl! Wo ich lauter Marquifinnen — gibt's nicht!—^amai8! — (Rückwärts ab.) Vierte Scene. Ursula (von der rechten Seitenthür in. Balltoilette, sehr geputzt, doch ohne jeglichen Goldschmuck). Blechl. Ursula (sehr gereizt im Auftreten). Nicht eine goldene Spennnadel mehr im ganzen Haus. (Zu Blechl gewendet.) Das kummt davon, wenn ma so an liederlichen Mann hat. der Alles nur verputzt. Blechl (wird nun gereizt). Wenn man so a leichtsinnige Frau hat, die Alles verwirthschaft'! Ursula (sich vor Blechl stellend). Hast net Du immer groß 'than, nix war Dir z' gut und z' theuer! Blechl (ebenso). Hast net Du immer in der Equipage herumfahren müssen? Ursula. Hast net Du am Ring a Wohnung haben müssen? Blechl. Und Du lauter Mahagonimöbel bis zum damastenen Himmelbett? Ursula. Wer hat denn immer fein papperln müssen? Blechl. Wer hat denn immer d' neueste Mode mitg'macht? Ursula. Wer hat denn immer alle Leut' so splendid und fein tractirt? Blechl. Wer hat denn alle Goldarbeiter aus'kauft? Ursula. Und was sag'n jetzt dieselben Leut ? nix als: der dumme Andresl! Blechl. Und die dalkete Urschel! Ursula (drohend mit geballter Faust, sich gegen Blechl stellend). Mann! Blechl (ebenso). Weib! Beide (sehen sich einige Minuten drohend an, dann brechen beide in Lachen aus). Blechl. Du Alte, mir scheint — wir hab'n einander nix vorz'werfen! Ursula. Kannst schon Recht haben. Alter! Blechl. D'rum is 's am g'scheidtesten, wir tragn's, wie wir es uns g'macht Hab n! Ursula. Mir is ja nur um meine armen Töchter. Blechl. Lass' 's gut sein, wann d' Lini d'rauf eingeht, dann wird Alles wieder gut. und dann wollen wir a brave und sparsame Familie sein.. Ursula (nach links* sehend). Meine Kinder! Fünfte Scene. Lini, Mini, Tini, Pini, Fini und Trini (von der linken Seitenthür, alle in Balltoilette, jedoch keine weiß gekleidet, — alle ohne Goldschmuck). Vorige. Ursula (ist ihren Töchtern schluchzend um den Hals gefallen und wird von ihnen beruhigt). 29 Lini (zu Blech! vortretend). Du hast uns rufen lassen? Papa, da sind wir! Blech! (sich räuspernd, dann in Positur stellend). Meine lieben Kinder! Mißliche Zeitverhältnisse, auswärtige Falliments, gescheiterte Schiffe — nun, daß ich es kurz sage: dem Hause Blechl droht ein großer Krach! Alle (schluchzen). Blechl (sortfahrend). Da wir nun kaum eine Staatshilfe zu hoffen haben, so sind wir auf die Selbsthilfe angewiesen. — Vor Allem gilt es, den Glanz unseres Hauses noch heute aufrecht zu erhalten. (Nimmt Lim an der Hand und führt sie in den Vordergrund.) Du, bisher noch un- geknickte Lilie, kannst unsere Retterin werden. Du sollst der weibliche Simson sein, auf daß das morsche Gebäude nicht gänzlich in Trümmer falle! Lini (verwundert). Was, ich, Papa? Blechl. Ja, Du, mein Engelskind! Lini. Ja, was soll ich denn? Blechl. Kennst Du den Knopsfabri- kanten Stöckl? Lini. Ja, Vater! Blechl. Nun, dann kennst Du noch gewisser seinen einzigen Sohn, den jungen Leander? Lini. Ah, den dummen Bub'u? Blechl. Dieser dumme Bub' wird der Besitzer von drei stockhohen schuldenfreien Häusern, und wenn Du einwilligst, seine Braut zu werden, is heute noch Verlobung, und morgen ersteht das Haus Blechl in ungetrübtem frischen Glanze, wie der Phönix aus der Asche! Ursula (schluchzend). Nein, wie der Mann schön reden kann. (Spricht Lini bittend zu.) Lini. Ich sollte also den zum Mann nehmen? Blechl. Ja, Karoline, lass' Dich erweichen von unseren Bitten, es ist das einzige Mittel, oder ihr müßt Alle wieder Schaffe! reib'n! Alle Mädchen (bestürzt). Schüssel - reib'n? (Stürmen alle auf Lini ein, bittend.) Lini. Nun so »ja« denn, in Gott's Nam'! Blechl. Ich mußt' es ja. (Gibt den Mädchen das Packet.) Da habt Ihr Brachen, Diadems, Bracelets, Ohrgehänge, Diamanten und Perlen und Alles, was Euer Herz begehrt! Ursula (umhalst Lini, schluchzend). Mein gutes Kind! Blechl. Sammelt's Euch, die Gäste werden bald da sein, lauter bekannte Leut', denen wir schuldig sein. Dem Branntweiner 300 Gulden für Rum und sonstige geistige Flüssigkeiten, die Greißlerin. die für Petroleum allein 97 Gulden kriegt — der Zählkellner Jean und der Fleischselcher, die bisher unsere Nährväter waren — der Friseur, dem ich alle Euere Haare noch net' zahlt Hab' — und so wird das eigentlich weniger ein Fest, als eine Generalversammlung von unseren Gläubigern sein. Ursula. Wann wir nur wenigstens von den amerikanischen 100.000 Gulden was kriegeten! Blechl. Die Stunde der Entscheidung wird auch nicht mehr ferne sein, und um mir eine gute Verwandtschaft zu erhalten, Hab' ich auch den Vetter Stefan und den Studenten eingeladen. Mini. Das is g'scheidt. der Fritz kann g'wiß Csardas tanzen. Alle (hoben mittlerweile die Gchmuck- sachen ausgepackt und besehen selbe). Blechl. So —Ihr wißt Alles, behandelt also unsere Gäste mit jener Achtung, die wir ihnen schuldig sind, und jetzt geht d'rum hin mit Traugott Feitl. (Rührende Verabschiedung.) Blechl (Ursula an der Hand zurückhaltend). Wann das auch mißlingt, dann bleibt mir nur noch das letzte Mittel: Ofenheim als Vertheidiger. Alle (außer Blechl bei der rechten Seiten- jthür ab). 30 Sechste Scene. Blechl (allein). Bl echt. No, wann ich bedenk', daß i durch an simpeln Kreuzer so a Menge Geld g'wonnen Hab', das ich in meiner Dummheit wieder auf lauter unnütze Sachen ausg'eben Hab', die alle kan' Neukreuzer werth san, so könnt' ich mir — nein! I tröst' mi, daß dös net mir allein so geht, da gibt's a Menge Sachen, die sehr werthvoll ausschau'n und a Menge Geld kosten, und wann man's betracht', san's kan' Neukreuzer werth. Couplet. Die Ehebruchskomödien, die san jetzt modern, Wo er bald, dann sie bald betrogen thut wer'n. Kavalier und Marquis und was sonst noch don ton, Steht da elegant im Pariser Salon. Prinzessinnen so reich, mit Schmuck ganz beschwert, Und doch san's moralisch kan Neukreuzer werth! Was man jetzt erfindet, es is net zum sag'n. Man macht jetzt Kanonen, die meilenweit trag'n, 's is sicher, daß man jetzt mit denen gewinnt, Das heißt, wann der Feind net, mit Hinterlist g'finnt, Vielleicht uns mit G'schütz'n noch bester beehrt, Nacher san wieder d' andern kan Neukreuzer werth! Z' nah' lieg'n d' Friedhöf', hat g'schrie'n Groß und Klein, Bis 's auf die Eentralfriedhofsfrag' 'kommen sein. Jetzt hab'n wir 'n Friedhof a Tagreis' von Wien, Wann's a biß'l schneit, kommt der Todte net hin, Z' Fuß kann er net geh'n und versinken thu'n d' Pferd', Das Klederling is a kan Neukreuzer werth! Das Jahr, das is klassisch, das muß i schon sag'n, Heut' kann man commod' sein Winterpelz trag'n; Doch kaum schlagt ein Fest an der Eislaufverein, Scheint d' Sonn' Ein' in der Früh' schon in's Bett a hinein — Z' Mittag thut's donnern und is der Müh' werth, Das Wetter is Heuer kan Neukreuzer werth! Man hat uns ein Land, ein ganz neues, entdeckt, Was sich bis zum Nordpol hinein weit erstreckt, Wo Alles vorKälte sogleich thut erfrier'n, 's geh'n Arm in Arm dort nur die Eisbär'» spazier'n, Die hab'n noch ihr Lebtag von Steuern nix g'hört, So a Land is für uns kan Neukreuzer werth. (Nach dem Couplet linke Seitenthüre ab.) Siebente Scene. Peter und Paul (sind im Hintergründe sichtbar geworden, hieraus vom Hintergründe Jean mit Lori Arm in Arm, Beide in Balltoilette). Paul. Jetzt wird's schon bald los- geh'n. Wieviel hast Du auf Deiner Uhr? Peter. Sieben Gulden. Paul (lachend). Richti — wir habn's ja versetzt! Peter. Ah', da kummen schon Gäste! — 3t — Paul. Da heißt's sich in Positur stellen! Jean (im Eintreten zu Lori). So, an- gebetete Lori — jetzt haben wir Alles, was wir brauchen, der Hauskauf is ab- g'schloffen, und morgen is unsere Hochzeit. Lori. Herrje, wer hätte jedacht, daß det so schnelle kommt' — vor acht Tagen noch Mädchen für Allens und morjen schon hochjeehrte Frau Wirthin! Jean. Wird das ein Leben werden! — Und weil ich mir so redlich das Geld kleivweis' mit Trinkgeldern erspart Hab', so soll unser neues Hötel in dankbarer Erinnerung das Schild führen: »zum goldenen Kreuzer!« Lori. Jeanchen, für diese jottvolle Idee sollst Du von mir uf der Stelle einen Kuß bekommen. (Küßt ihn.) Jean (nach dem Kusse). Reiner Syrup. Peter und Paul (sehen einander an und wischen sich lüstern den Mund ab). Lori. So, und jetzt will ich mal zu den Mädchens sehen; werden die Ojen macken, wenn sie hören werden: Lori Flinke, Hoteliersgattin »zum goldenen Kreuzer«. (Rasch linke Seitenthür ab.) Jean. So, und ich will derweil zum G'schäft schau'n! (Zu Peter und Paul.) Genirt's Euch weg » mir net. Ich bin nur früher 'kommen, um nachzuschau'n, ob meine Leute bezüglich des Buffets meinen Anordnungen nachgekommen find. (Geht mit Peter und Paul in den Hintergrund rechts.) Achte Scene. Fritz Schall (aus dem Hintergründe links im schwarzen Anzuge mit Stefan in bür« gerlich schlichter, jedoch nicht schwarzer Kleidung). Stefan (Fritz in den Vordergrund drängend). Komm' nur — sei kein Kopfhänger, wir haben die Einladung angenommen, folglich ein fröhliches Gesicht! Schall. Onkel, Sie wissen nicht, wie mir zu Muthe ist, seit gestern, wo Julie sammt ihrer Mutter verschwunden ist. Stefan. Nun, Sie werden sich ja wohl wieder finden. Schall. Wenn ich nur eine Ahnung hätte, wer jener ältliche vornehme Herr gewesen sein mochte, der, wie die Nachbarschaft erzählte, sie Beide in seinem Wagen mitgenommen. Stefan. Du wirst doch keinen Zweifel in die Herzensreinheit Juliens setzen? Schall. Bei Gott nicht! — Nur die Besorgniß, sie verloren zu haben, bedrückt mich sehr —nun sei es, wie es sei — wenn's nur zu ihrem Glücke führt; ich will versuchen, es als Mann zu ertragen. Stefan. Die Gesellschaft! Nun, Fritz, Kops in die Höhe! Neunte Scene. Blechl (von der linken Seitenthür). Ursula mit Lini, Mini, Tini, Fini und Trini. sowie Pini von der rechten Seitenthür, alle mit dem falschen Schmuck beladen; ihnen folgt Lori. Aus dem Hintergründe Friseur Kratzer, der Fleischselcher Rauch, die Greißlerin, der Branntweiner, Jean, Peter und Paul. Hansl geht dann mit der Taffe umher. — Schließlich der Fabrikant Stöckl mit seinem Sohn Leander. (Allseitige Begrüßung.) Blechl. Meine Herrschaften, es ist mir eine besondere Ehre — Ursula. Nein, diese Auszeichnung. Greißler in. Sie habn's ja hier wunderschön — und die prächtige Beleuchtung. Blechl (bei Seite). Sie spielt schon auf's Petroleum an. Branntweiner (zu Ursula). Ja, ja, Ihre Eleganz hat schon an g'wiffen Ruhm! Blechl (bei Seite). Jetzt fangt der Branntweiner mit seinem Rum an! 32 Kratzer. Wann i amak zu Vermögen kumm — muß a Alles a so sein — haarklein so — Bl echt (bei Seite). Der Friseur mit dem Haar! Rauch. Ja, ja. Ihr Lob is auf allen Zungen! Blechl (bei Seite). Der Selcher noch mit den Zungen! (In den Hintergrund sehend.) Ah, der alte Stock! mit sein' Jungen — mein Rettungsanker! Stock! und Leander (sind aufgetreten). Blechl (ist aus Stöckl losgestürzt und umarmt ihn heftig). Liebster Herr von Stöckl! Ursula (umarmt gleichfalls Stöckl heftig). Bester Herr von Stöckl! Lini (betrübt nach Leander sehend, bei Seite). Und der soll mein Zukünftiger werden! Stöckl (sich aus der Umarmung losmachend). Aber i bitt',Sie derdruckenmi ja! Blechl. Na, die Freud'! (Ihn der Gesellschaft vorstellend.) Herr von Stöckl, Hausbesitzer und der berühmteste Knopf- sabrikant der Gegenwart! Stöckl. Ja. dös is mei' Stolz — die Knöpf, die i mach' — das sein halt Knöpf'! Blechl (bei Seite). Das steht man an sein Bub'n! Ursula. Aber wie der junge Herr in d' Höh' g'schosseu is! Stöckl (zu Leander). Na, so red' do a was! Leander. O, ich bitt' — Stöckl. Er is vo so scheuch! — Aber jetzt, Herr Blechl, führeo's mir auch Ihre Familie vor! Blechl. Hier meine sechs Töchter — eine schöner als die andere — dieser Engel, das is die Lini, die Zierde meines Salons. Stöckl (zu Blechl abseits). Aha, also Diejenige, welche — wissen's, mei' Bua is zwar no a bist jung, aber i will 'n so g'schwind als möglich verheiraten, damit er mir net früher verdorben wird — wann wir also einig wer'n — Blechl. Meine Lini kriegt jetzt schon, wie ich g'sagt habe, den sechsten Theil. was ich Hab', und wenn wir Alle g'stor- ben sein, das And're. Stöckl. No, und i gib mein' Sohn a Haus mit, net an Kreuzer Schulden d'rauf! Blechl. Ja, ja, nur kane Schulden, daS Haff i — Stöckl. Da können wir glei heut' die G'schicht' in Ordnung bringen. Blechl. Vorerst Hab' ich Ihnen zu Ehren eine Ueberraschung bereitet. — Sie sollen seh'n, wie ich das Geld springen lassen kann. (Klatscht in die Hände.) Zehnte Scene. Vorige (ziehen sich nach beiden Seiten zurück. — Kurzes Ballet in Kostümen von Guldenzetteln. — Dann Ballet ab.) Eilste Scene. Vorige (ohne Ballet. — Schließlich Scharrer mit einigen Gerichtsdienern). (Bon der Tanzmusik'an spielt das Orchester leise fort bis zum Schluß des Bildes.) Stöckl (vortretend mit Blechl und Ursula). Blechl. No. was sagen Sie dazu? Stöckl. Wissens, 's is Alles recht schön, aber i wir do wieder geh'n. Ursula. No, war net übel. Blechl. Ja, warum denn? Stöckl. Na, daß ich's Ihnen offen sag', ich bin halt am Abend mei Partie Piquet g'wöhnt! — Blechl. No, wann's weiter nix is — da bin ja i auch da — He, Peter! Spieltisch und Karten! — Derweil kann die Jugend da drin tanzen! (Nach der linken Seitenthür weisend.) Peter und Paul (bringen rasch das Geforderte und stellen den Spieltisch in den 1 Vordergrund rechts). 33 Stöckl. Das is was Anders, das lass' i mir g'fall'n! Ursula. Jndess' wer' ich Ihren Herrn Sohn mit meiner Lim bekannt machen. (Arrangirt das Weitere.) Stock! und Blech! (setzen sich gegenüber im Vordergrund zum Spieltische so. daß sie beide das Profil dem Publicum zuwenden). Blechl. Wie hoch spielen wir denn? Stöckl. Wissens', i spiel' nie höher als 's Hundert um ein' Kreuzer! Blechl. Gut, is mir auch recht — also fangen wir an! (Beide spielen.) Lori (zu Jean aus Leander weisend). Herr Jott, sieh' 'mal den Jungen an, is det noch ein Jrünling! Peter und Paul (haben mittlerweile den Gästen Stühle vorgesetzt, die Anwesenden vertheilen sich in Gruppen und ein Th eil derselben setzt sich, der andere Theil geht linke Seitenthüre ab, um dort zu tanzen). Hansl (mit der Tasse, rufend). Punsch — Limonade — Mandelmilch! Lini und Leander (sitzen einander gegenüber, bei ihnen steht Ursula). , Hans! (zu Leander). Vielleicht a G'ftornes g'fällig! Lini. Ich weiß nicht, mein Herr, wie Sie das meinen? Hansl (zu Leander). Woll'ns vielleicht a paar Busserln? (Dann weitergehend.) Leander. Ich meine daß es draußen dagegen bereits kühl wird, — wenn es so sortgeht, so kriegen wir vielleicht bald — Blechl (beim Spiel). Vierzehn Bub'n! Leander (fortsetzend). So kriegen wir vielleicht bald Schnee. Lini. Kann schon sein! Leander. Geh'n Sie vielleicht gern schleifen? Lini. O ja — Sie wohl auch? Leander. Nein, wenn ich viel Bewegung mache, so bin ich gleich so — Stöckl (beim Spiel). Matsch! Lheat.-Rep. Nr. 292. Leander (fortfahrend). So bin ich gleich so hungrig, — und Papa zankt, wenn ich viel esse. Stöckl (am Spieltisch, erregt zu Blechl). Sie haben sich 50 ausgeschrieben und es waren nur neunundvierzig. Blechl. Aber erlauben Sie, ich wer' do nit — Stöckl (in steigendem Asfect). Ich lasse mich von Ihnen nicht betrüg'n!— Blechl. Was, i wegen an Kreuzer a Betrüger! — Sie find ein Schinutzian! Beide (haben sich erhoben). Stöckl. Ich ein Schmutzian, Sie elender Schwindler! Sie! Pfui! Blechl. Selber Pfui! Sie dummer Knopfmacher — Sie — meiner Seel', ich hält' gute Lust — und — Alles (läuft zusammen und will Ruhe stiften). Stöckl. Nicht eine Secunde länger bleib' ich in solcher Gesellschaft! —Kumm, Leander! Leander. Aber, Papa! Stöckl. Kumm, sag' ich, oder — Ursula (bestürzt). Um Gottes willen, Mann, was Haft denn gethan, — wir sein ja jetzt verloren! Blechl. Und Alles wegen an lumpigen Kreuzer! Hansl (stürzt herbei zu Blechl). Der alte Wucherer is da mit den Gerichtsdienern! Scharrer (mit Gerichtsdienern eintretend. den Wechsel in der Hand zu Blechl). Achthundert Gulden — können Sie bezahlen? Blechl (bittend). Aber Vetter — Scharrer (zu den Gerichtsdienern festen Tones). Pfänden Sie! Stöckl (zu Leander). Gott sei Dank! der Kreuzer hat uns noch gerettet. — Da wer'n wir in a schöne Sippschaft h'neinkummen! (Entsprechendes Tableau.) (Musik fällt ein. — Zwischenvorhang.) 3 34 Keckstes Mö. Ein großer, mit Lampions gezierter Garten. — An der rechten Seite eine lange, mit Servicen belegte und mit gefüllten Blumenvasen gezierte Tafel. — Im Vordergründe rechts eine Laube, links ein Gartentisch. — Alles ist sehr hell erleuchtet. — Abend. Erste Scene. Zean (mit einigen livrirten Dienern und dem Gärtner, welche noch mit der Ausschmückung der Tafel beschäftigt find). Jean (anordnend). Jetzt daher noch ein Bouquet, in der Mitte der Aufsatz und wir find fertig! — der gnädige Herr hat mich mit dem Arrangement des Festes betraut, und ich will diesem schmeichelhaften Aufträge Ehre machen! — Ah. verschwinden wir, es kommen schon Leut'! (Mit Allen in den Hintergrund ab.) Zweite Scene. (Bon der linken Seite Scharrer, einen Geldsack in der Hand, — mit Portiuncula Drehaug. Scharrer. Da wären wir also! Ein prächtiges Palais! — ein wundervoller Garten, würdig eines Millionärs. Drehaug. Jetzt also wird die Stunde der Entscheidung schlagen! Scharrer. Besorgen Sie nichts, uns ist der Antheil sicher, wir beide haben unsere Kreuzer gewiß am besten vertu erth et. Drehaug. Ich hoffe es! Scharrer. Es wird mir Trost bieten für das viele Leid, das mir mein treuloses Weib bereitet hat. Drehaug. Haben Sie also keine Nachricht von ihrem Aufenthalte? Scharrer. Keine! Drehaug. Armer Mann! Dritte Scene. Blechlmit Ursula (beide von links, Arm in Arm, ärmlich gekleidet, letztere mit einem langen altmodischen Ueberwurs). Vorige- Blechl. Da wär'n wir — mir scheint aber — wir werden bald wieder hinausgeworfen sein — zum Glück, daß der Garten zu ebener Erde liegt. (Die beiden Andern ersehend.) Uije, die Telegraphenstange is auch schon da — schaun' wir, daß ma auf d'andere Seiten kumma! (Weicht ihnen aus.) Ursula (im Hinübergehen, indem sie Scharrer giftige Blicke zuschleudert). Vergiften könnt' ich diesen Kerl! Vierte Scene. Fritz Schall (von links). Vorige. Blechl (Fritz ersehend, erfreut). Ah, der Fritz! Schall. Ja, ich bin auch da, aber nicht mit der Hoffnung, als reicher Mann fortzugehen — nein, darauf Hab' ich schon in vorhinein verzichtet; — ich bin nur da, weil ich neugierig bin, den edlen Mann kennen zu lernen, der auch als Millionär für seine ärmeren Verwandten noch ein Gedächtniß hat! Fünfte Scene. Dr. Frank mit Dr. Frei (treten aus der Laube rechts). Vorige. Dr. Frank. Ah, die Herrschaften find schon versammelt! Dr. Frei (die Versammlung überblickend). Ja, und, wie ich sehe, bereits vollzählig! Schall. Bitte, Herr Doctor, nein! — der Oukel Stefan fehlt noch! Dr. Frank. Sie meinen Herrn Stefan Werner? Schall. Ja wohl, denselben. 35 Dr. Frank. Herr Stefan Werner ist bereits todt! Scharrer (zur Drehaug). Gott sei Dank! Schall (bestürzt). Das ist ja nicht möglich, er war ja noch gestern frisch und gesund!? Dr. Frank. Beruhigen Sie sich, Sie werden bald hierüber Aufklärung haben. (Zu Allen gewendet.) Nun, meine Herrschaften, ich habe Ihnen mitzutheilen, daß ich von dem Besitzer dieses Hauses, Herrn Etienne Sambourg, bevollmächtigt bin. Ihre Rechnungslegung über tue Verwerthung jenes Geldstückes entgegenzunehmen. Ich bitte, Herr Andreas Blechl! Blechl (verlegen stotternd). Ich war — ich bin — ich habe — Dr. Frank (lächelnd sortsahrend). Sie haben mit Ihrem Neukreuzer für Ihren Lheil die Summe von 12.000 Gulden gewonnen. Blechl. Ja. aber ich bitt' — die schlechten Zeitverhältnisse — das Fleisch ist jetzt so theuer — Dr. Frank (lächelnd). Nun, ersparen Sie sich alles Weitere — die Pfändung ging ja durch unsere Kanzlei! Bl eckl. Ah, das g'freut mich — na, da dank' ich noch vielmals. (Zu Ursula.) Na, wie mir jetzt haß worden is. Dr. Frank. Herr Franz Scharrer! Scharrer (mit Stolz vortretend, indem er seinen Geldsack hinweist). Herr Doctor — hier find die Früchte meiner Arbeit — von jedem Geschäfte habe ich einen Kreuzer bei Seite gelegt, und so mit diesem einen Kreuzer das nette Sümmchen von 140 fl. 39 Kreuzer erworben. Dr. Frank. Fräulein Portiuncula Drehaug. Drehaug. Mein Kreuzer prangt, in Gold gefaßt, in der Kapelle, ich Hab' ihn hingegeben zu Ehren meiner Patronin, der heiligen Portiuncula! Dr. Frank. Und Sie, Herr Friedrich Schall? Schall. Ach, mich, Herr Doctor, fragen Sie gar nicht weiter! Ich Hab' meinen Kreuzer gleich Tags darauf verschenkt. — Wir Studenten find ja leichte Patrone. — ja, ja. verschenkt einem armen Mädchen! Dr. Frank. Nun. wir find zu Ende — der Herr des Hauses wird selbst die Entscheidung treffen! (Macht bei der Laube Raum.) Sechste Scene. Aus der Laube tritt der bisher unter der Maske des Stefan gewesene ktienne Sambourg in Höchst eleganter schwarzer Kleidung. Vorige. Dr. Frank (ihn vorstellend). Herr Etienne Sambourg! Alle (außer den beiden Doctoren). Das is ja — Sambourg. Derselbe, den Ihr Alle als Stefan Werner kennen gelernt. — Ich bin absichtlich unter dem Namen des Verschollenen unter Euch getreten, um so ungekannt unter Euch zu sein. — Stefan Werner lebt nicht mehr und gestern wurde mir sein Tod zur Gewißheit, da mich ein glücklicher Zufall seine Familie finden ließ, die nun in seine Rechte tritt. Doch jetzt zur Entscheidung! Detter Blechl, Sie glauben, den Kreuzer verwerthet zu haben, um Tausende von Gulden nutzlos zu vergeuden — Ihre Ansprüche sind verfallen, und ich habe dem strafenden Arm des Schicksals seinen Lauf gelassen. — Doch Sie waren mir ein guter Vetter und der will auch ich Ihnen ferner sein. (Reicht ihm die Hand.) Sie sollen an mir eine feste Stütze finden. Blechl (gerührt). O Herr von Stefan — diese Großmuth — Ursula (Sambourg weinend die Hand küssend). O Euer Gnaden, Herr Vetter — 3* 36 wir küssen tausendmal die Hand — aber Sie sollen seg'n, daß wir auch wieder was zu verdienen wissen — o — und wann's nur kreuzerweis' is — ja — ja — gleich bin ich wieder da. (Rasch linke Seite ab.) Sambourg (strenge). Sie, Herr Scharrer, hab'n Ihren Kreuzer mit den Thrä- nen, mit den Flüchen der Armuth belastet — machen Sie das mit sich selbst ab — in meinem Hause ist kein Raum für Sie! Scharrer (bei Seite). Verflucht! Sambourg (sich zur Drehaug wendend, mit leisem Spotte). Ihre fromme That so Ihrer würdig zu belohnen, dazu reicht meine schwache Kraft nicht hin. — Sie haben Ihre Münze der heiligen Por- tiuncula geopfert, so mag denn sie da oben es Ihnen auch entgelten! Drehaug (entrüstet). O, es gibt keine Religion mehr! Scharrer (indem er der Drehaug den Arm bietet). Kommen Sie, liebe Nichte, wir beide haben hier nichts mehr zu suchen! (Beide ab.) Blechl (sich erfreut die Hände reibend). Jetzt lasset 's mi noch amal pfänden! Sambourg (ist herzlich aus Fritz zugetreten). Du, Fritz, hast mit deinem Kreuzer ein Menschenherz errungen, das ist der höchste Werth. (Nach der Laube zeigend.) Hier sei Dein Lohn! Siebente Scene. Elise Schild mit ihrer Tochter Julie (treten aus der Laube—beide neu, elegant gekleidet). Schall (freudenvoll). Julie! Julie (ihn umarmend). Mein Fritz! Sambourg. Meines armen Stefans Familie, die ich durch einen glücklichen Zufall endlich gefunden habe! Elise. Siehst Du, mein Kind, dieser Ring hat uns doch Glück gebracht. Achte Scene. Gäste treten aus. — Von der linken Seite Ursula, Mini, Lini, Tini. Pini, Fini, Trini. Alle ganz gleich weiß gekleidet und gleiche rothe Maschen an der Seite, — ihnen folgt Hansl in seinem Jockeycostum und trägt am Rücken zwei Pauken, wie es bei öffentlichen Umzügen üblich war. Ursula hat zwei Paukenschlägel, jedes der Mädchen ein Blasinstrument in der Hand. — Die Gäste sind zum Tische getreten und die Diener haben alle Gläser gefüllt. Sambourg. Und nun, Freunde, laßt die Gläser füllen und stoßt mit mir an. Ursula. Halt, Euer Gnaden, Herr Vetter, wir sein auch da! (Alle Mädchen stellen rasch sich Hintex ihr aus, ihre Instrumente ergreifend.) Blechl (mit Stolz). Ja, meine ganze Familie als neue freie Damencapelle Blechl! Hansl (zu Ursula). Hau'ns nur fest zu — i verdien's net anders! Sambourg (das Glas erhebend). Alle Gäste (gleichfalls). Sambourg. Ein Hoch der Münze des Volkes, ein Hoch dem Kreuzer! (Im Hintergründe hat sich das Gebüsch getheilt, und es erscheint ein großer transparenter Kreuzer, um selben gruppirt das Ballet.) Alle (stoßen die Gläser an). Ursula (gibt mit dem Paukenschlägel den Mädchen ein Zeichen zum Beginnen). Alle Mädchen (markiren das Spielen, wobei Ursula heftig aus die Pauken schlägt!) (Im Orchester ein starkes Musikstück, ausschließlich von Blasinstrumenten sammt Pauken.) Ende. Druck und Papier von Leopold Sommer L Comp, in Wien. Auf dem Sprung Posse in einem llcl. Nach dem Französischen August Fresenius. Alle Rechte Vorbehalten. Men, 1875. Vertag -er Waltishausser'schen Duchhan-tung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt 1. Personen. Hupfer. Semmelkren. Gurke. Die Handlung spielt bei Semmelkren. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. (Tin Schlafzimmer. Im Hintergründe in der Mitte ein Bett mit Vorhängen, daneben ein Nachttisch. Rechts und links vom Bett Thü- ren, von denen die zur Rechten nach außen führt. An der ersten Eoulisse rechts eine weitere Thür. An der zweiten Eoulisse ein Tisch mit Schreibmaterial. Stühle, Sessel u. s. w.) Erste Scene. Semmelkren, später Hupfer. (Beim Ausgehen des Vorhangs ist es dunkel; Semmelkren liegt im Bett und schnarcht.) Hupfer (draußen heftig schellend). Mein Herr! — mein Herr! Semmelkren (ausmachend). He? ^ wer ist's? Hupfer. Machen Sie auf! machen Sie auf — machen Sie auf! Semmelkren. Wer ist da? Hupfer. Ich! — ich habe Eile — ich stehe in Flammen! Semmel kr en (aus seinem Bett aufstehend und eine Hose anziehend, nachdem er zuvor seine Nachtlampe angezündet hat). Ah! mein Gott! — brennt's hier im Hause? Hupfer. So beeilen Sie sich doch! Semmelkren. Zum Teufel! lassen Sie mir doch wenigstens Zeit, meine Hosen anzuziehen. (Bei Seite.) Diese Feuerwehr ist von einer Ungeduld! Hupfer. Ich erwarte Sie. (Er schellt von Neuem und ohne Aushören.) Semmelkren. Gleich! gleich! Hupfer. Schlafen Sie nicht wieder ein! Semmel kr en (indem er zu öffnen geht) Da bin ich schon, Feuerwehr, da bin ich — aber Wasser trage ich nicht — ich habe den Schnupfen. (Hupfer erblickend.) Ein Unbekannter! — ohne Helm! mein Herr, was wollen Sie? Theat.-Rep. Nr. 2S3. Hupfer. Mein Herr, ich habe mit Zhneu zu reden. Semmelkren. Mit mir zu reden! ja, wie viel Uhr ist es denn?! Hupfer. Zwei Uhr nach Mitternacht— Aber das thut nichts — ich halte es nicht länger aus! ich halte es nicht länger aus! Semmelkren (bei Seite, erschrocken). Zwei Uhr — ich hätte nicht aufmachen sollen. Hupfer. Mein Herr, ich bin ein junger Manu auf dem Sprung, sagen Sie mir unverzüglich, ob Sie es sind? Semmelkren. Ich! was? Hupfer. Der Vater — ja oder nein? Semmelkren. Ich bin Vater. Hupfer. Waren Sie, ja oder nein, diesen Abend im Rudolfsheimer Theater? Semmelkren. Ja, mit Familie — Aber ich sehe nicht ein — Hupfer. Saßen Sie Nr. 13, erster Rang, links?— Sagen Sie mir, saßen Sie gut? Semmelkren. Sehr gut. Hupfer. War nicht neben Ihnen ein junges Mädchen — mit Augen! einer Nase! — einem Mund! — Semmel kr en. Allerdings — meine Tochter Cornelia — Was weiter? Hupfer (seinen Paletot ausziehend). Das genügt. (Er erscheint in schwarzem Frack, weißen Handschuhen, wie ein Bräutigam gekleidet.) Mein Herr, ich bin ein junger Mann auf dem Sprunge, Ernst Hupfer aus Krems, und ich habe die Ehre, bei Ihnen um die Hand von Fräulein Cornelia, Ihrer Tochter, anzuhalten. Semmelkren. Oho! mein Herr, halten Sie mich zum Narren? Wie! Sie 1 * 4 dringen Nachts um 2 Uhr in mein Aller- heiligstes? — und faseln mir solchen Blödsinn vor! — Hupfer. Ich will heiraten — Semmelkren. Hinaus! Hupfer. Wie? Semmelkren. Mein Herr, erfahren Sie, daß ich im Nachtkasten zwei Dinge habe — Hupfer (ihn verschämt zurückhaltend). Pst! Dergleichen Dinge nennt man nicht! Semmelkren (fortfahrend). Ein Paar Pistolen für Einbrecher und ein Glas Zuckerwasser für mich — wenn ich huste. Hupfer. Sie haben den Husten? Semmelkren. Zum letzten Mal, machen Sie, daß Sie fortkommen — ich will schlafen. Hupfer. So legen Äe sich nieder. Semmelkren. So wie Sie fort sind. Hupfer. Ich? fort! ohne sie gesehen zu haben! ohne Cornelia wiedergesehen zu haben! Semmelkren. Ja wohl, sie wird sich extra für Sie ankleiden! Hupfer. Ah! das verlange ich nicht! Semmelkren. Das ist ein Glück. Hupfer. Sie soll nur kommen, wie sie ist, — ich bin ja nicht in ihre Kleider verliebt! Semmelkren. Aber, mein Herr — Hupfer. Ah so! Sie kennen mich nicht! ich bin aus Krems, mein Herr, und in Krems, wenn man liebt, wenn man ein junges Mädchen im Theater auszeichnet, fragt man nicht erst lange nach ihrem Namen, ihrem Range, ihrem Geschlecht — Semmelkren. Aber, mein Herr — Hupfer (feurig). Man folgt ihr. Wenn sie in einen Wagen steigt, so eilt man diesem nach, man steigt hinten auf — Semmelkren. Aber, mein Herr — Hupfer (ebenso) Man erhält einen Peitschenhieb, bautz! das thut nichts! — man fällt herunter, man steht wieder auf, man kommt zu dem Vater! Semmelkren. Aber, mein Herr — Hupfer (sortsahrend). Ein alter dicker Herr, der schläft; man sagt ihm: Wachen Sie auf, kleiden Sie sich an. verheirathen Sie uns! Semmelkren. S'nd sie Alle so in Krems? Hupfer. Alle! Semmelkren. Sie wünschen also meine Tochter zu sehen? Hupfer. Ja. Semmelkren. Nun denn, Sie werden sie nicht sehen — Hupfer. Sehr gut! Semmelkren. Siewollen sie heirathen? Hupfer. Ja. Semmelkren. Nun denn, Sie werden sie nicht heirathen. Hupfer. Sehr gut! Semmelkren. Jetzt, mein Freund, werde ich Sie an die Luft setzen. Hupfer. Ich will Ihnen was sagen: ich bin ein guter Kerl, ich gehe freiwillig! — aber — um wieder zu kommen. — Ich will indessen das Hochzeitsgeschenk kaufen. Semmelkren. Das Hochzeitsgeschenk! Hupfer. O! ich lasse mich nicht spotten. Semmelkren. Das ist zu stark! — Hupfer. Auf Wiederseh'n —Schwiegervater! (Hupfer ab durch die Hinterthür rechts.) ' Zweite Scene. Semmelkren (allein). Es ist erstaunlich, was man heutzutage erlebt! Der Sicherheit wegen will ich doch lieber zuschließen. (Er schließt die Thür zu.) Gurke muß vom Maskenball zurück sein; er kommt von St. Pölten, und ehe er sich verheirathet, wünscht er die Tänze der eleganten Welt kennen zu lernen — Ich Hab'ihn meinem Rafirer anvertraut — sie sind zum Schwender gegangen. Und dieser Andere hält bei mir um meine Tochter an! — mein Mädchen ist für Gurke bestimmt, — ein guter, blonder Jüngling, bei dem ich in hohem Ansehen stehe. Er hört wenigstens auf mich, wenn ich rede, und wenn ich nicht rede, hört er auch auf mich! (Lachend.) Und dann, dieser Teufelskerl lacht über Alles, was ich sage. — Das schärft meinen Witz — (Zum Publicum.) Neulich, das war doch gewiß nicht komisch, sage ich zu ihm: Gurke, ich gehe zu einem Be- räbniß — Puff, platzt er heraus und ält sich den Bauch vor Lachen! — Er ist eine lustige Haut. Unter uns. ich glaube, er steht sehr gut ungeschrieben bei meiner Tochter, seiner Cousine; sie haben sich vor zwei Jabren in St. Pölten kennen gelernt, und zwischen Vetter und Muhme —. Zum Unglück hat Gurke als ganzes Vermögen nichts weiter als einen Onkel, der einen sehr kurzen Hals hat — Das ist immerhin etwas besser als nichts — Und ein wenig muß man doch bei diesen theuren Zeiten auf's Geld sehen. Von der Liebe allein lebt sich's nicht — und Schuster- und Schneiderrechnungen kann man auch nicht damit bezahlen. Ich bin nicht reich und kann meiner Tochter nur eine bescheidene Mitgift geben. Ich fabricire Handschuhe zu 50 kr. ohne Naht. — Man merkt keine Naht, wie man mit der Hand der Naht naht, ist sie fort. Es ist ein Viertel auf Drei— der Esel hat mich aufgeweckt — was anfangen? Wie wär's, wenn ich Gurke aufweckte; er würde mir Gesell- schaft leisten — das ist seine Pflicht und Schuldigkeit, ist sein Beruf. (Er klopft an die Thür an der ersten Coulisse rechts.) He! Hollah! Gurke, he! Dritte Scene. Semmelkren, Gurke. Gurke (hinter der Scene). Ich schlafe! Semmelkren Das ist gleichviel, stch' auf. Gurke (ebenso). Sie find's, Herr Semmelkren? Semmelkren. Ja, eil' Dich. (Die Thür geht halb aus und der mit einer baumwollenen Schlasmütze bekleidete Kops Gurke's wird sichtbar.) Gurke. Sie sind unwohl, Schwiegervater? Semmelkren. Nein, ich langweile mich — Gurke (sehr stark lachend). Hahaha! Semmelkren (für sich). Ich habe schon wieder einen Witz gemacht. (Zu Gurke, der fortwährend lacht.) Es ist gut — Ich habe Dich aufgeweckt, damit Du mir Gesellschaft leistest. Gurke. Gesellschaft? gleich? Semmelkren. Doch nicht die nächste Woche! Gurke (lachend). Hahaha! (Plötzlich innehaltend.) Gott! Hab' ich Schlaf! Semmelkren. Der wird schon vergehen. Gurke. Und dann bin ich nicht angekleidet. — Ich bin im tiefsten Neglige. Semmelkren. So zieh' Dich an! Gurke. Ich kann nicht — meine Kleider sind bei dem Maskenverleiher geblieber. Semmelkren. So zieh' Dein Kostüme an! Gurke. Ja, Herr Semmelkren. (Bei Seite.) Gott! Hab' ich Schlaf! — (Der Kopf von Gurke verschwindet wieder.) Semmelkren (allein). Er soll lachen, bis der Morgen graut — da habe ich eine Beschäftigung. Vierte Scene. Hupfer, Semmelkren. Hupfer (draußen aus dem Fenstersims erscheinend). Lassen Sie sich nicht stören! Semmelkren. Wie'.schon wieder Sie? Hupfer. Ja wohl! Semmelkren. Und durch das Fenster?! 6 Hupfer. Ich dachte, daß Sie die Thüre verschlossen haben. Hoch wohnen Sie auch nicht, und so bin ich hier — (Springt herein.) Semmelkren. Aber was führt Sie denn zurück? Hupfer. Ein Gedanke. Beim Weggehen las ich Ihr Schild — »Semmelkren, Handschuhfabrikant«, und da rief ich mir zu: Ich brauche Handschuhe! Semmelkren. Mein Herr, ich benachrichtige Sie. daß ich nur en xros ver. kaufe. Hupfer. Und ich kaufe nur so §ro8. — Ich wünschte — na, warten Sie einmal — ich wünschte vierzigtausend Paare! Semmelkren. Vierzig? Hupfer (sich setzend). Sie werden mir dieselben einzeln anprobiren! Semmelkren. Wie? Hupfer. Rasch, ich bin auf dem Sprung. Semmelkren. Mein Herr, reden Sie im Ernst? Hupfer. In Geschäftssachen bin ich ernst wie eine Nachteule. Semmelkren. Und Sie sind zahlungsfähig? Hupfer. Wie ein Milliardär, ich zahle baar. Semmelkren (zu Hupfer, der sitzt). Nehmen Sie gefälligst Platz. Hupfer. Ist schon geschehen. Semmelkreo (bei Seite). Das ist ja ein brillantes Geschäft, vierzigtausend — ich werde ihm meine sämmtlichen alten Ladenhüter aufhängen. (Laut.) Mein Herr, wollen Sie mir erlauben meinen Frack anzuziehen? Hupfer. Wozu? Semmelkren. Ich weiß was ich einer solchen Kundschaft schuldig bin. (Er zieht sich hinter die Vorhänge zurück.) Hupfer (sein Notizbuch aus der Tasche ziehend). Wir sagen vierzigtausend Paar Handschuhe zu — (Zu Semmelkren.) Was kosten Ihre Handschuhe? Semmelkren (hinter den Vorhängen). 50 Kreuzer. Hupfer. Zu theuer. Semmelkren (ebenso). Ich laste Sie Ihnen für 48 Kreuzer. Hupfer (rechnend). Abgemacht! Das ist ein sehr gutes Geschäft. Semmelkren (angekleidet wieder hervortretend). So! Da bin ich wieder — Sagen Sie, es war doch ein rechtes Gluck, daß Sie im Theater waren. Hupfer. Das finde ich auch. — Wissen Sie, wo ich inzwischen war? Semmelkren. Nein. Hupfer. Ich habe die Wohnung hier im dritten Stock gemiethet. Semmelkreo. Wozu? Hupfer. Lächerliche Frage! Um mit Ihrer Tochter drin zu Hausen. Semmelkren. Wirklich! (Bei Seite.) Ist nur erst einmal das Geschäft gemacht, dann soll er bei mir hinausfliegen, daß es eine Freude ist! (Laut, indem er einen Larton öffnet.) Wenn Sie die Muster zu sehen wünschen — Hupfer (prüfend). Gewiß! — (Seinen Finger in den Handschuh steckend und diesen zerreißend.) Schlechte Näherei! Semmelkreo. Das ist absichtlich so, damit die Hände Luft haben. Hupfer. Das hat was für sich, namentlich in den heißen Zonen — für den Export find sie gut genug. Semmelkren. Ah! Der Herr macht Exportgeschäfte? Hupfer. Ich mache Alles, mein Herr, ich exportire, ich importier und ich colportire. Semmelkren. Sieh'! Sieh'! Sieh'! und bringt das viel ein? Hupfer. Ziemlich — Vor zwei Jahren hatte ich ganz genau eine Null in jeder Tasche. Semmelkreo. Und heute? 7 Hupfer. Habe ich einmalhundert- tausend Gulden. Semmelkreu. O! O! O! in zwei Jahren? Hupfer. Ah! Ich bin aus Krems! Brauchen Sie keinen Senf? Semmelkren. Wozu? Hupfer. Ich habe welchen abzugeben. Semmel kren. Sie verkaufen auch Senf? — Sie find ein glücklicher Mensch! Hupfer. Ja, und doch ist in meinem Leben ein Etwas, das mich wurmt, — das mich schwer drückt! Semmel kr en. Sauerkraut? Hupfer. Nein, ein Gewissensbiß. Semmelkren, ich verdanke mein Vermögen einer kleinen Lumperei. Semmelkren (vergnügt). So! das habe ich mir gedacht. Erzählen Sie mir das. Hupfer. Vor zwei Jahren war ich einfacher Commis bei einem Banquier in Krems. Eines Tages kam ein Mann, dessen Vertrauen ich besaß, zu mir und sagte mir etwa Folgendes: Hupfer, sagte er, ich reise nach Amerika, um mich dort zu verheiratheu; da ich keine Kinder in dieser Welt hatte, bekomme ich vielleicht welche in der andern. Ich besitze einen Neffen, einen Schafskopf, der mir zweimal im Jahr, am Neujahrstag und zu meinem Namenstag, feine orthographischen Fehler schickt. Vor meiner Abreise will ich etwas für dieses Rindvieh thun. Hier find 20.000 Gul- den, die Du ihm zustellen wirst sammt meinem Segen — und einer Grammatik. Semmelkren. Und Sie beeilten sich, ihm dieses dreifache Geschenk zu überbringen — Hupfer. Hier beginnt die kleine Lumperei. Ich war schon auf dem Wege zu ihm, da fiel mein Auge auf em Placat: Weine am Stock zu verkaufen. Semmelkren. Weine am Stock? Hupfer. Es handelte sich um das beste Gewächs in der Gegend von Oeden- burg. Ein brillantes Geschäft! Ich sagte zu mir, dieser Neffe kann 6 Monate warten, zog einen guten Freund zu Rathe, dieser heißt das Geschäft gut. Ich reise ab, komme bei dem Verkäufer au — wen finde ich dort? meinen Freund, der mir das Geschäft vor der Nase wegge- schuappt hat. — Was hätten Sie an meiner Stelle gethan? Semmelkreu (würdevoll). Ich wäre meiner Wege gegangen. Hupfer. Gegangen! Da sieht man gleich wieder den Handschuhmacher. Ich ging nicht, ich kaufte fünftausend leere Fässer. — Alles, was nur im ganzen Bezirk aufzutreiben war — nun war er gepritscht. Semmelkren. Aber da der Andere den Wein hatte? Hupfer. Er konnte ihn nicht einfüllen ohne meine Erlaubniß — ich hatte das Heft in Händen, Kurzsichtiger! Semmelkren. Was that er? Hupfer. Er trat seinen Handel mit 25 Percent Nachlaß au mich ab. Semmelkren (voll Bewunderung). O! o! o! (Bei Seite.) Er ist bewunderungswürdig ! — Das ist ein anderer Kerl als Gurke — und wenn ich es recht überlege — (Laut.) Und die 20.000 fl. des Neffen — Hupfer. Habe ich immer noch. Also wie ist's, Papa Semmelkren, verheira- then Sie uns? He! Semmelkren. Hören Sie, mein Freund. — Sie haben mir's angethan, — aber das ist Sache meiner Frau. Hupfer. Sie haben eine Frau? wo ist sie? Semmelkren. Da drin, in ihrem Zimmer — Hupfer (heftig an die bezeichnete Thür pochend). Gnädige Frau! — gnädige Frau! —ich ersuche Sie um die Hand Ihrer Tochter! Semmel kr en (der ihn zurückhalten will). Aber sie schläft — 8 Hupfer(sortsahrend). Das thut nichts— ich bin auf dem Sprung. Semmelkren. Sie ist taub. Hupfer. Ich werde bei ihr mit einem Sprachrohr anhalten. Eine Stimme (hinter der Scene). Herr Hupfer! Semmelkren. Sie werden gerufen. Die Stimme. Ich bin's, der Tape- zirer — Semmelkren. Der Tapezirer! — Hupfer. Ja, den ich wegen der Einrichtung meiner Wohnung oben bestellt habe. — Ich eile zu ihm — Adieu, Adieu! (Rasch ab.) Fünfte Scene. Semmelkren (ihm nachlausend). Aber, mein Herr, mein Herr! — Der Tapezirer, die Ausstattung — er verblüfft mich — (Gegen das Publicum vortretend.) Bei Licht besehen ist er eine vortreffliche Partie — und ein Kaufmann, der sich gewaschen hat, während dieser Gurke ein Einfaltspinsel ist, der zu Allem lacht! Sechste Scene. Gurke, Semmelkren. Gurke (im Kostüme eines Türken aus seinem Zimmer tretend). So! ich habe meinen Turban aufgesetzt. (Bei Seite.) Gott! Hab' ich Schlaf! Semmelkren. Da bist Du endlich? Gurke, wappne Dich mit Fassung, ich muß Dir einen harten Schlag versetzen — Gurke (lachend). Hahaha! Semmelkren (bei Seite). Ich habe schon wieder einen Witz gemacht. (Laut.) Du begreifst, daß ich meine Tochter nur einem thätigen, intelligenten, tüchtigen Manne geben kann — Gurke. Ja wohl — Gott! Hab' ich Schlaf! Semmelkren. Gurke, wenn ein Freund Dir allen Oedenburger am Stock vor der Nase weggeschnappt hätte, was würdest Du thun? Gurke. Ich würde mich wieder schlafen legen. Semmelkren. Ich will Dir auf die Spur helfen. Gurke, wohin kommt der Wein? Gurke. In den Magen. Semmelkren. Er begreift es nicht! — Gurke, ich habe Dir mitzutheilen, daß Du Dir meine Tochter aus dem Sinn schlagen mußt. Gurke. He? Semmelkren. Ich habe Dir mein Wort gegeben; aber ich nehme es zurück, wie jeder Ehrenmann es thuu muß. Gurke. Aber — ich liebe Ihre Tochter — ich muß sie lieben, hören Sie, ich muß. Wenn Sie wüßten — Semmelkren. Ich habe sie Herrn Hupfer, einem jungen Kremser, zugesagt, der mir vierzigtausend Paar Handschuhe abkauft. Gurke. Hat er sie bezahlt? Semmelkren. Bezahlt? Nein, daran habe ich gar nicht gedacht! — O Du Schwindler! Hupfer (hinter der Scene). Beeilen Sie sich! — Semmelkren. Er kommt. — Entferne Dich, Gurke, ich werde ihm meine Meinung sagen. Es ist ja klar, er ist ein Schwindler! Gurke. Ich bekomme also Ihre Tochter? Semmelkren. Du bekommst sie. Gurke. Dann gehe ich schlafen. (Ab.) Siebente Scene. Semmelkren, Hupfer. Hupfer (im Eintreten). Droben ist Alles im besten Zug; fürs Schlafzimmer habe ich veilchenblauen Sammt ausgewählt. 9 Semmelkren. Wirklich, Galgenstrick? Hupfer. Aber, Schwiegervater! — Semmelkren. Wie, Du Windbeutel, Du denkst noch immer daran, meine Tochter zu heirathen? Hupfer. Gewiß, aber — Semmelkren.Nun denn,rund heraus, ich halte Dich dazu für gänzlich ungeeignet. — Hupfer. Wie verstehen Sie das? Semmelkren. Du bist ein Schwindler, der mich aufsitzen läßt. Hupfer (an den Tisch tretend und rasch einige Worte schreibend). Nun denn, ich werde Sie überzeugen. (Zurückkom- mend und ihm ein Papier hinhaltend.) Hier. Semmelkren. Was ist das? Hupfer. Eine Quittung über die Mitgift Ihrer Tochter, 20.000 Gulden. Semmelkren. Was soll ich damit? Hupfer. Wenn ich nicht heirathe, bin ich verpflichtet, Ihnen diese Summe auszubezahlen, find Sie zufrieden? Semmelkren. Es ist also Ernst? Hupfer. Ich denke so viel bei Ihren Handschuhen zu verdienen. Semmelkren. Wie, an Handschuhen zu 48 Kreuzer? Hupfer. In England verkaufe ich sie mit Leichtigkeit um 60 Kreuzer. Semmelkren. In England! aber Unglückskind, der Zoll kostet fast so viel. Hupfer. Ich zahle keinen Zoll. Sie werden mir die Handschuhe in zwei Ballen verpacken, in den einen thun Sie alle rechten, in den andern alle linken. Semmelkren. Ja. Hupfer. Den ersten Ballen schicken Sie über Liverpool und den zweiten über Edinburgh. Wir zahlen weder Zoll noch Porto, die Handschuhe werden confis- cirt, — versteigert, ich kaufe fie wieder — in Bausch und Bogen zu 5 fl. das Tausend — lauter Handschuhe von einer Hand find ja werthlos, dann lege ich die beiden Hände wieder in einander und der Wurf ist gelungen. Semmelkren (außer sich vor Bewunderung). O! o! o! ich beuge mich vor Ihnen im Staube — ich will keinen andern Schwiegersohn als Sie — ich bevollmächtige Sie, meinem Kinde den Hof zu machen — Hupfer. Gleich — wo ist fie? Semmelkren (aus das Zimmer links deutend). Hier — aber erst später — zuvor wäre es vielleicht schicklich, bei der Mutter um sie anzuhalten. Hupfer. Gut. ich gehe zur Mutter. Semmelkren. Ich rathe Ihnen,recht laut zu schreien, weil sie. wie gesagt, etwas schlecht — Hupfer. Seien Sie unbesorgt, ich will ihr meinen Antrag ins Ohr brüllen. Wenn ich damit fertig bin, will ich mich gleich nach einer Amme umthun. Semmelkren. Nach einer Amme? Hupfer. Sie wissen, ich bin auf dem Sprung. (Ab.) Achte Scene. Semmelkren, Gurke, die Stimme von Hupfer. Gurke (aus dem Zimmer tretend, zu Semmelkren). Nun! ist' s erledigt? Haben Sie ihm den Standpunkt klar gemacht? Semmel kren. Ja, es ist Alles gut!— er heirathet — Gurke. Hupfer? Hupfer (hinter der Scene sehr laut). Ich bitte Sie um die Hand Ihrer Tochter. Semmelkren. Eben flüstert er seinen Antrag. Gurke. Warum er und nicht ich? Semmelkren. Warum? Gurke, wenn Du Handschuhe nach England zu schicken hättest, was würdest Du thun? — Nein, das ist zu hoch für Dich, und deshalb bekommt er meine Tochter. (Ab in's Zimmer der Frau.) 10 Neunte Scene. Gurke (allein). Er? Das wollen wir sehen. Der Unglückliche weiß nicht, daß— ich habe seine Tochter an den Rand eines mit Blumen überwachsenen Abgrunds gelockt — Ln der Umgegend von St. Pölten, Sitz einer Berghauptmannschaft, eines Bezirksamtes — das find Thal- fachen! Was aber diesen Hupfer betrifft, dem werde ich schreiben — und ihn von diesen Details unterrichten. Ja, das will ich — (Er setzt sich an den Tisch und schreibt.) »Mein Herr, ich mache Ihnen die Mittheilung« — (Spricht.) Mit wie viel T schreibt man Mittheilung? — mit drei! wenn ihm das zu viel ist. mag er sich die übrigen wegstreichen — (Er fährt fort zu schreiben.) Zehnte Scene. Gurke, Hupfer. Hupfer (ohne Gurke zu sehen). Ah! ich habe Halsweh vom Schreien. Gurke (schreibend, ohne Hupfer zu sehen). »Ein Kind —« (Sich besinnend.) Schreibt man Kind mit weichem D oder mit harten T? Mit wie viel N schreibt man Kind? Hupfer (ihn bemerkend, für sich). Sieh' da! ein Muselmann! Gurke (für sich). Mit drei! wenn es ihm zu viel find, mag er die übrigen wegstreichen. (Er fährt fort zu schreiben.) Hupfer (bei Seite). Er sieht mich nickt — meine Braut ist daneben — wenn ich mir eine kleine a Conto-Anficht nehmen könnte — Durch's Schlüsselloch— (Er blickt durch das Schlüsselloch der Thür an der ersten Louliffe links und prallt entsetzt zurück.) Himmel! Eine Andere! — Ich bin einem falschen Vater nachgegangen. Und die Verschreibung! Armer Hupfer! Gurke (ausstehend)'. Hupfer! find Sie das? — Hupfer. Ja — guten Tag — Allah! Allah! (Für sich.) Was thun? Die Unglückliche gleicht ihrer Mutter! — sie ist eine Semmelkreu — unverkennbar. Gurke (ihm seinen offenen Brief reichend). Mein Herr, lesen Sie das! — Das wird Sie interessiren. Hupfer. Ja, guter Türke. (Die Augen aus den Brief werfend.) Himmel! was habe ich gelesen? ein Ki... das fehlte noch! Gurke. Ich will Ihnen erzählen, wie es kam — es war während der Weinlese, — und wenn man Trauben liest, muß man diese doch abbrechen — »Ich breche mehr ab. als Du« - »Das ist nicht wahr!« — »Doch« — »Nein« — Ein Wort gibt das andere, man wird immer hitziger und — so kam es! — Hupfer. Wenn man nach mir fragt, sagen Sie, ich käme gleich wieder; ich ließe mich nur schnell rafiren — am Cap Wien! (Er will rasch abgehen.) Eilfte Scene. Gurke. Hupfer. Semmelkren. Semmelkren (Hupfer aushaltend). Meine Frau willigt ein. Hupfer (führt Semmelkren zum Schlüsselloch). Sehen Sie da hinein, legen Sie die Hand auf's Herz und sagen Sie, ob ich diese heirathen kann! — (Schaut selber hinein, schreit.) Das ist sie, das ist sie! — Haben Sie zwei Töchter? Gurke (hat ebenfalls hineingesehen). Das ist ja Therese, meine Schwester. Hupfer. Türke! Ich bitte Dich um die Hand Deiner Schwester! Semmelkren. Wie? Hupfer. Wenn es sein muß, werde ich Mohamedaner! Gurke. Nicht nöthig — Bewilligt! Semmelkren. Oho! und meine Tochter? — Sie vergessen, daß ich einen von Ihnen Unterzeichneten Schein in Händen habe. — Hupfer. Das ist wahr. — (Bei Seite.) 20.000 Gulden. Semmelkren. Zwar bin ich durchaus II nicht auf sie versessen — Gurke nimmt sie mit Freuden. Hupfer. Gurke! Sie heißen Gurke — aus St. Pölten. — Gurke. Sitz einer Berghauptmann- schaft. - Hupfer. Sie suche ich ja seit Monaten. Ihr Onkel schenkt Ihnen 20.000 Gulden. Herr Semmelkren, ich werde die Mitgift Ihrer Tochter dem Gemahl derselben auszahlen nebst einer deutschen Grammatik! Semmelkren. Ich bin's zufrieden. — Was meint Ihr? es ist 3 Uhr — wenn wir uns wieder zu Bett legten? Gurke. Gin trefflicher Gedanke! Hupfer. Gut! Gehen wir schlafen! Gurke (zu Hupfer). In meinem Zimmer stehen zwei Betten. Hupfer, (mit einem Blick auf das Zimmer, in welchem Therese ist). Ich nehme Ihr freundliches Anerbieten an — in Erwartung der besseren Dinge, die da kommen werden. (Während der letzten Rede zieht Jeder seine Uhr auf, dann sangen sie an sich zu entkleiden, plötzlich halten sie inne. Zum Publicum.) Seien Sie ruhig, meine Damen — ich bin auf dem Sprunge — aber verschämt und bescheiden. Ende. Hute Unterhaltung! Mmonstica von ^Ws. (Krcrnösecrn. I—IV. Sammlung. Aerlag der Wallishausser'slhen Kuchhmdloug (Joses Klemm) in Men» I., Koster Markt 1. Jnhalts-Uebersicht: Erste Sammlung. „Er sucht einen Platz," komische Scene, 2 Personen. — „Ein Wiener Fiaker," komische Localscene, 2 Personen. — In Prosa: „Komplimente." — „Die Wiener Werkelmänner." — „Etwas über die Nase." — „Kegelbahn und Lebensbahn." — „Die Wiener-Maier." — „Die Kunst, Inserate zu machen." — „Zur Naturgeschichte der Damen." — „Humoristische Streiflichter." — „Gedanken über allerlei „Kinder"". — In Versen: „Was ist ein Jahr?" — „Die Gelegenheits- dichter." — „Alles durch die Frau." — „Ha, he, hi, ho, hu." — „Mir hat amal vom Teufel tramt." — „Ich bitte." — „Die Bürgschaft und der Taucher." — „Schon gut." Zweite Sammlung. In Prosa: „Ehe und Eisenbahn." — „Vergnügen und Passion." — „Aus den Augen Gelesenes." — „Verschiedene Sterne." — „Selbstbiographie eines Witzes." — „Etwas Kleines über große Männer." — „Fragmaier." — „Geschwind, was gibt's Neues?" — „Hinter dem Kutschbock." — „Gedanken über Worte." — „Fremdwörtliche Betrachtungen." — „Von der Jägerei." — „Schöne Leute." — In Versen: „Frauen und Vereine." — „Ungeduld." — „O welche Lust, Schauspielerin zu sein." Dritte Sammlung. In Prosa: „Zum Kapitel vom Schuldenmachen." — „Nur für Erwachsene." — „Irdische Seligkeiten." — „Wein, Weib und Gesang." — „Glossen über deutsche Sprichwörter." — „Ein Schmerzensschrei aus der Thierwelt." — „Wienerische Sprachsünden." — „Biblische G'schichten und Sachen." — „Schule und Leben." — „Im Kaffeehause." — „Gedanken über Tod und Teufel." — „Aus den Memoiren eines Affen." — In Versen: „Allerhand G'schichten." — „Auf dem Papier." — „Was man im Kalender sucht." — „Das Pfänderspiel." Vierte Sammlung. „Ein Hötrl-Hausknecht," komische Scene für 1 Person. — In Prosa; „Gedankenstriche." — „Inserat und Annonce." — „Beim Chinesen." — „Bettler und Hausirer." — „Bei der Burg-Mufik." — „Ein Vortrag über Köpfe." — „Frauen und Cigarren." — „Zndiscrete Plaudereien aus meinem Kleiderschrank." — „Allerlei Touristen." — „NarekE Oousalaui." —In Versen: „Was in Wien Alles merkwürdig ist." — „Wer hals g'sagt?" — „Blümel- Blamel." Die I. Sammlung 2. Auflage kostet 80 kr., II. Sammlung 60 kr., III. Sammlung 60 kr., IV. Sammlung 80 kr. ö. W. Von M. A. Grandjean sind im selben Verlage ferner erschienen: Mathe Kaare, Lustspiel in einem Act. — Jas Wamphtet, Lustspiel in einem Act. — Keimkich, Lustspiel in einem Act. — Are geheime Mission, Lustspiel in drei Acten. — Am Klavier, Lustspiel in einem Act. — Kin Kut, Lustspiel in einem Act. — Aas hohe K, Lustspiel in einem Act. — Arriviertet auf Kits, Schwank in einem Act. — Kr kann nicht lese«, Posse in einem Act. — Kosten und Karre«, Schwank in einem Act. — Einen Kamen milk er sich machen, Posse in einem Act. — Immer zu Kaufe, Lustspiel in einem Act. — Eine stre Idee, Lustspiel in einem Act. — Aer Stiefvater, Lustspiel in einem Act. — Per Manöart- Lustspiel in einem Act. — Kin empfindlicher Mensch, Schwank in einem Act. — Me Mrinzesstn von Aragant, komische Operette in 3 Acten nach Nestroy's Lohengrin-Parodie. — Ludwig der Vierzehnte, Lustspiel in einem Act. — Kin teöendes Mild, Familienscene in einem Act.— Wina, Schwank in einem Act. Die im gleichen Verlage erscheinende Jagd-Zeitung, von Albert Hugo gegründet zu Neujahr 1858, wird zweimal im Monat ausgegeben, jede Nummer circa zwei Bogen stark, und kostet halbjährig 3 fl. 5V kr., ganzjährig 7 fl.: mit Zustellung 4 fl. uud 8 fl. Für jeden Jahrgang ist auch eine elegante, goldgepreßte, grüne Einbanddecke ä i fl. zu haben. Jede Buchhandlung übernimmt Bestellungen auf dieses anerkannte Fachblatt und liefert einzelne Nummern als Probe. Im Verlage der WaLishausser'schen Wuchhaudkimg sind erschienen: Album österreichischer Dichter. Neue Folge. (Zedlitz—Deinhardstein—Paoli—Constant— Ebert — Mosenthal — Prechtler — Leitner — Hirsch — Beck — Meißner — Saphir.) Mit 12 Porträts, fl. 1.50. — Elegant gebunden fl. 2.50. Becker, M. A. Deutsches Wörterbuch in kürzester Form, mit Rücksicht auf Rechtschreibung, auf Biegung und Abstammung, auf Worterklärung rc., in Leinw. gebunden fl. 1.40. Dreier, Ed. Die Herzogin von Thury. Histor. Roman, fl. 1. Dujauovics, A. v., Geschichte meiner zehn Vorstehhunde. (Praktische Beispiele sowohl über die Dressur des Hühnerhundes, als auch über die Führung des ferm dressirten Hundes, damit er nicht verliege.) fl. 1.50. Duzzi, A. v. Dramatischer Nachlaß, fl. 1.— Ealderon. Das Leben ein Traum. Dramat. Gedicht in 5 Acten. Für die deutsche Bühne bearb. v. C. A. West. 5. Aufl. Mit einem Vorworte von H. Laube, fl. 1. Elegant gebunden, fl. 1.80. Ebersberg, S. Das Buch vom guten geselligen Ton. 2. Aufl. 60 kr. Ebstein, I. Die Backwerke. Handbuch für die Haushaltung, für Köche und Conditoren, m. 60 Holzschnitten, fl. 1. Fialkowski, N. Die zeichnende Geometrie (Constructions-Lehre). Mit entsprechenden Beispielen der Anwendung auf das Projections-, dann Bau-, Maschinen-, Situations- und auf das figuralische Zeichnen. Ein Elementar-Unterricht für alle Zeichner und ein Nachschlagebuch für jeden Techniker. Mit 130V Figuren auf 1L7 Tafeln. Elegant gebunden fl. 5. Fladung, I. A. F. Populäre Vorträge über Physik für Damen. 3. Auflage. Mit Holzschnitten. 2 Bändchen. 1 fl. 50 kr. Fladung, I. A. F. Versuch populärer Vorträge über Astronomie ohne Berechnungen. Als Fortsetzung der Physik für Damen. Mit Holzschnitten. 80 kr. Fortwangler, C. Zur Pferdekunde. Kritische und didaktische Blätter über Pferde - Erziehung und Bändigung, sowie über Reit- und Fahrkunst. 1 fl. 50 kr. Gämmerler, Theater-Director Carl, sein Leben und Wirken. Mit Titelbild. 50 kr. Die Geopferten. Roman vom Verfasser des „Treffkönig". 50 kr. Hartmann, PH. R. Glückseligkeitslehre für das Physische Leben des Menschen. Herausgegeben v. Schück. 3. Auflage, gebunden. 1 fl. Kaiser, Friedr. Friedrich Beckmann. Heiteres — Ernstes — Trauriges aus seinem Leben. 50 kr. Lamartine, Geschichte der Türkei. Deutsch v. Joh. Nordmann. 8 Bände. 2 fl. Lewald, A. Entwurf zu einer praktischen Schauspielerschule. 1 fl. Mautner, E- Lustspiele (Das Preis-Lustspiel — Gräfin Aurora). 1 fl. 50 kr. Moreto, Donna Diana. Lustspiel in 3 Acten nach dem Spanischen von C- A. West. 5. Aufl. Mit einer Einleitung von I. W. Apell. 1 fl. 50 kr. Elegant gebunden. 2 fl. 40 kr. Nitsche, A. Giftpflanzenbuch und Giftpflanzenkalender. (Beschreibung aller in Oesterreich und Deutschland vorkommenden schädlichen Gewächse.) 60 kr. Nordmann, I. Ein Wiener Bürger. Roman aus dem 15. Jahrhundert. 50 kr. Nealis, Ränke und Schwänke der heimatlichen Vorzeit. Mit 1 Stahlstich. 60 kr. Schönstein, G. Der Wiener Tausendsasa, der unentbehrliche humoristische Gesellschafter, wie er sein muß, oder die Kunst, Gesellschaften zu elektrisiren. 60 kr. Schönstein, G. Stammbuch für Liebe, Freundschaft und Hochachtung. Sammlung ausgewählter Stammbuch-Aufsätze rc. 30 kr- Sophie Schröder, wie sie lebt im Gedächtnisse ihrer Zeitgenossen und Kinder. Mit Porträt 1 fl. 50 kr. Soldatenalbum im Krieg und Frieden, vom Verfasser der Feldsträußchen. 50 kr. Straube, E. Ein Wiener Früchte!. Roman. 50 kr. Struve, G. Eines Fürsten Jugendliebe. Drama in 5 Aufzügen. 80 kr. Tesche, W. Anweisung zum Drei-Schachspiele. Nebst einem zu diesem Spiele gehörigen Drei-- schachbrett. 70 kr. Tfchabuschnigg, A. v. Humoristische Novellen. 80 kr. „ Gedichte. 2. Aust. Mit Porträt. 80 kr. „ Neue Gedichte. 60 kr. Dogl, I. N. Blumen. Romanzen und Lieder. Cart. 1 fl. „ „ „ Balladen, Romanzen, Sagen und Legenden. 3. Aufl. 1 fl. 50 kr. „ „ „ Die ältesten Volksmärchen der Russen. 1 fl. 50 kr. Wiener, W. Nach dem Orient. Reiseskizzen. 1 fl. 50 kr. Winteruitz, K. Die allgemeine Buchhaltung als Inbegriff aller Buchungsarten. 3. Aufl. 2 fl. 50 kr. Wurzbach, C. v. Don einer verschollenen Königsstadt. Ein romantisches Gedicht. 1 fl. „ „ „ Die Sprichwörter der Polen. Historisch erläutert. 2 fl. 40 kr. „ „ „ Das Elisabethen-Buch. Festalbum denkwürdiger Fürstinnen. Mit 1 Stahlstich. 60 kr. „ „ „ Mozart-Buch. 1 fl. 50 kr. Zedlitz, I. C. v. Todtenkränze. Canzonen. 70 kr. Im Verlage der Wallishausser'schtn Buchhandlung (Josef Klemm) in Wien, Hoher Markt Nr. 1, sind erschienen: Wiener Kouptets von Berg) Berla, Mlner, Blank, Böhm, Doppler, Eberhard, Elmar, Feldmann, Flamm, Friese, Gottsleben, Grandjean, Grois, Grün, Gründors, Haffner, Juin, Kaiser, Kola, Langer, Megerle, Merlin, Morländer, Moser, Nestroy, Schönau und Anderen. Sechs Hefte ä. 50 kr. österr. Währ. Die crllislrausse r^s elr e ucirlrerrrdlurr^ pflegt seit fast 100 Jahren als Specialität die Theater-Literatur. Außer ihrem eigenen ältesten und neuesten Verlage unterhält diese Buchhandlung das möglich vollständigste Lager von allen erschienenen Theaterstücken. Von dem nllbcksnnten sind schon nahezu 300 Hefte erschienen, dasselbe wird fortgesetzt und nimmt jeäe Kixbkanälung hieraus Lcstellungea an. Ghkakrr-HaksloAk werden auf Verlangen gratis und fraakirt zugestellt. Druck und Papier von Leopold Sommer L Comp, in Dien. Meister Mast«, oder Zufall und Kunst Lustspiel in einem Acte « i s o r. Alle Rechte Vorbehalten. Men, 1875. Verlag -er Wallirhaisser'schen Puchhau-lung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt l. Personen: Puccio, Rath des slorentinischen Freistaates. Leonardo Pazzi, Mitglied der Signoria. Tommaso di Finiguerra (genannt Maso), Bildhauer und Goldarbeiter. Lorenzo, sein Sohn. Marietta, eine Wäscherin. Peppo, Andrea, Maso's Gehilfen. Die Handlung spielt zu Florenz im Jahre 1459 unter der Regentschaft Losimo bei Medici. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Das Aufführungsrecht ist nur zu erlangen durch die Theater-Agentur des Herrn Franz Kratz in Wien, VIII., Josefftädterstraße Nr. 34. Werkstätte Tommaso di Fimguerra's mit einer Mittel-, zwei Seitenthüren und einem Fenster rechts, an welchem ein mit grüner Seide überspannter Rahmen zur Dämpfung des Lichtes schräge befestigt ist, unter diesem ein Arbeitstisch, auf welchem Mappen, Grabstichel, Radirnadel und andere Werkzeuge wirr durcheinander liegen. Am Tische steht ein Stuhl mit hoher Lehne, neben demselben ein Tabouret; links steht ein Zeichentisch. Mehr im Hintergründe rechts aus einem Holzgestelle eine halbfertige Vase aus Thon. Zu beiden Seiten der Mittelthür stehen vergitterte GlaS- schränke, in welchen kunstvoll gearbeitete Schilde, Pokale, Armleuchter u. dgl. ausgestellt sind. Erste Scene. Maso. Lorenzo. Andrea. Peppo. Maso (ein Mann bei fünfzig Jahren, sitzt, den Schurz vorgebunden, auf dem Lehnstuhle am Arbeitstische rechts, mit dem Graviren einer runden, ungefähr sechs Zoll im Durchmesser habenden Goldplatte beschäftigt). Lorenzo (sitzt am Zeichentische links, ein großes mit Papier überspanntes Brett vor sich, auf welchem er mittelst Zirkel und Lineale Entwürfe zu Maschinen zeichnet. Bücher und Papiere liegen außerdem auf dem Tische). Andrea (arbeitet an der Thonvase) Peppo (steht am Eingänge vor einer Bank, aus welcher ein rundes Gefäß steht, in welches er durch ein Sieb ein schwärzliches Pulver rüttelt). Maso (den Grabstichel weglegeud). So!— nicht eine Linie mehr! — Ein echter Künstler muß es auch verstehen, die Hand zur rechten Zeit von seiner Theater-Repertoir Nr. 2S4. Arbeit abzuziehen, sonst verdirbt er das, was er besser machen wollte! (Sicht aus.) Lorenzo. Wieder mit einer Arbeit fertig, lieber Vater? Maso. Ja — (Die Goldplatte in die Hand nehmend.) Seht einmal! Lorenzo (steht aus und tritt zu Maso). Wahrhaftig wundervoll! Andrea (ist auch von seiner Arbeit vorwärts gekommen, die Platte besehend). Eine prächtige Arbeit! Maso. Ich denke, Seine Eminenza der Monsignore Cardinale kann zufrieden sein. Er hat die Platte für das Tabernakel von Santa Naria äol Lore bestellt. Andrea Ah! deshalb ist sie auch von gediegenem Golde Maso (stolz). Sage: deshalb ist sie von Tommaso di Finiguerra! — Das Gold ist das Geringste!—meine Kunst ist die Hauptsache! Indem ich so eine Zeichnung hineingravire, wird die Platte um einige Gran leichter, und dennoch um das Fünffache theurer. Ich gebe dem Gold erst seinen Werth! (Zu Lorenzo.) Sieh! wenn Du auch so etwas zu Stande bringen könntest? Lorenzo. Warum habt Ihr mich's nicht gelehrt? Maso. Ja, wenn sich das lehren, oder das Talent zur Kunst sich vererben ließe! — Aber das hast Du nicht, — ich erkannte dieß schon in Deiner ersten Jugend. Lorenzo. Und woran? Maso. Daran, daß Du schon frühzeitig eine besondere Fähigkeit zum Rechnen zeigtest. Lorenzo. Und deshalb? i * 4 Maso. Deshalb sagt' ich gleich: „Der ist keine Künstlernatur!" — Echte Künstler können nie rechnen! (Lachend.) Ich hab's nie gekonnt! Wenn ich hundert Zechinen im Sacke hatte, könnt' ich nie berechnen, wie lang' ich damit auskomme — war mit ihnen immer früher fertig als mit einer neuen Arbeit. — Ja, wär's nicht so gewesen, ich hätte mir längst einen Palast bauen können gleich dem Lucca Pitti's! Lorenzo. Und wäret dort vielleicht nicht so glücklich als hier in Eurer Werkstätte. Maso. Hm! um mich ist's mir auch nicht. So lange Cosimo dei Medici sich in Fiorenza behauptet, wird ein Künstler nie Mangel leiden. — Aber Dich, Lorenzo, säh' ich gern als einen reichen Mann. Lorenzo. Weshalb? Hab' ich nicht auch etwas erlernt, um mich und, wenn's dazu kömmt, auch eine Familie ehrenhaft erhalten zu können? Maso. Nun ja, Du hast Dich auf die Mechanik verlegt — auch eine schöne Wissenschaft, aber um solch' ein Geschäft selbstständig und im Großen betreiben zu können, braucht man Geld, viel Geld! Lorenzo. Hm! Darin habt Ihr wohl Recht. Maso. Sag' mir z. B., wie viel brauchtest Du wohl, um Dir eine Maschinenwerkstätte so ganz nach Deinem Sinne einrichten zu können? Lorenzo.Mit fünfzigtausendZechinen stellte ich wohl eine her, wie keine ihres gleichen im Lande sein sollte. Maso. Schön! Und wie viel würdest Du als Betriebscapital beanspruchen? Lorenzo. Zum Beginne wenigstens zwanzigtausend. Maso (nachrechnend). 50 — 20 — sind 70 — bleiben also noch dreißig- tausend für alle Zwischenfälle. — Lorenzo. Aber Vater, ich begreife nicht. — Maso. Ha, ha, ha! wie auch ich einmal so gut rechnen kann? Ja — (seine Hand auf Loreazo's Schulter legend) die Liebe zu Dir — die Sorge für Dein Glück hat mich's gelehrt. — Du sollst die hunderttausend Zechinen haben. Lorenzo. Ihr scherzt wohl? Maso. Ich scherze nicht, und Du brauchst nur Ernst zu machen. — Du kennst Signorina Angelica, die Tochter des reichen Leonardo Pazzi? — eine Schönheit, wegen welcher sich schon einige Nobili gegenseitig todtgeschlagen haben. Lorenzo (lächelnd). Dieß Vergnügen überlasse ich den Adeligen. Maso. Hast Recht! Du sollst Dich auch nicht für sie tödten lassen, sondern für sie leben. — Du hast Eindruck auf Sie gemacht. — Ihr Vater sagte mir's selber, er hat nichts gegen eine Verbindung, ich auch nicht. Lorenzo. Aber ich desto mehr! Maso (überrascht). Wie? — warum? Lorenzo. Weil es mir mein Stolz verbietet. Maso. Stolz? — Auf was hast Du Ursache so stolz zu sein? Lorenzo. Wenn auch jetzt noch auf nichts Anderes, so doch auf Euern berühmten Namen, den ich nicht dadurch beflecken will, daß ich mich an ein Weib — verkaufe. Maso (etwas verblüfft). Das sind — Du bist — (Für sich ärgerlich.) Nichts ärgert mich mehr, als wenn mir so widersprochen wird, daß ich keine Antwort d'rauf finde! Zweite Scene. Vorige. Puccio. Puccio (tritt durch die Mitte ein). Guten Tag, Maestro Maso! 5 Maso. Ah, Signore Puccio! seid mir hoch willkommen! (Geht ihm entgegen und reicht ihm die Hand.) Lorenzo (für sich). Gott sei Dank! der Besuch gibt mir Gelegenheit, weiteren Erörterungen auszuweichen. (Geht nach links ab.) Puccio (zu Maso). Ich halte Euch doch nicht ab? Maso. Höchstens von einem Ver- drusse, und dafür muß ich Euch dankbar sein. Aber wollt Ihr Euch nicht setzen? (Weist auf einen Stuhl am Tische links.) Puccio. Nicht hierher! Ihr wißt, wenn ich zu Euch komme, setz' ich mich am liebsten hieher (geht zum Arbeitstische rechts und setzt sich auf den dort stehenden - Lehnstuhl), weil ich hier am besten bewirthet werde. Maso. Wie König Midas mit Gerichten von Metall. Ihr wollt wieder neue Arbeiten sehen? Puccia. So ist's. Doch nicht bloß eigene Neugier führt mich zu Euch — Maso. Sondern auch — ich kann mir's denken — die Ungeduld Signore Cosimo's dei Medici, unseres verehrten Staatsoberhauptes? Puccio. Er hat vor längerer Zeit bei Euch eine Bestellung gemacht — Maso. Ja, ich sollte in die Altar- Platte, welche er für die ediesa 8an 6iovanlli kattmta bestimmt hat, ein Bild — die Krönung der Himmelskönigin darstellend — graviren — Puccio. Nun und wie weit seid Ihr damit? Maso. Ihr sollt es gleich sehen. (Geht zum Schranke, holt aus demselben eine ovale Erzplatte und stellt sie vor Puccio auf den Arbeitstisch.) Puccio (überrascht). Wie? bereits vollendet? Maso. Bis auf die Niellirung, welche ich heute noch an mehreren meiner Arbeiten zugleich vornehmen will — (Zu Peppo.) Ist die Masse bereitet? Peppo. Ja, Maestro. Eben Hab' ich sie zum letzten Male gesiebt. Maso (zu beiden Gehilfen). So geht und richtet den Schmelzofen! (Zu Andrea.) Du aber hülle früher die Form in ein feuchtes Tuch, damit der Thon nicht trocknet! Andrea (deckt über die Thonvase ein bereitliegendes großes Tuch, welches bis au den Boden reicht, und entfernt sich dann mit Peppo durch die Mittelthür). Puccio (hat indeß die Platte aufmerksam und staunend betrachtet). Ein Meisterwerk, wie Fiorenza in diesem Fache kaum ein zweites hat! Sowohl was die Composition als Ausführung betrifft. Maso. Das ist's eben, was mich über all' die anderen Pfuscher von Metallstechern stellt; diese bedürfender Zeichnung eines Andern, welche sie dann, ängstlich der Pause folgend, nachahmen; ich aber mache mir selbst meinen Entwurf — (zieht aus der Mappe ein Blatt heraus) nur in einigen kräftigen Umrissen, und dann beginne ich die Arbeit gleich in Metall — ich male sozusagen mit dem Grabstichel. Puccio (blickt in ernstem Sinnen fortwährend schweigend aus die Platte). Maso (befremdet). Aber Ihr seid so ernst? Habt Ihr vielleicht an dem Werke doch etwas auszusetzen? Puccio. Nichts, als daß es eben einzig ist. Maso. Wie soll ich das verstehen? Puccio. Seht, mir kömmt eben das Mißverhältniß in den Sinn, welches zwischen den Werken der Dichter und jenen der bildenden Kunst besteht. — Gefällt mir ein Gedicht, so kann ich für wenige Scudi eine Abschrift desselben haben; — aber solch ein Werk — und es ist doch auch ein Gedicht. Maso. Ja, das ist es! Aber ab- 6 schreiben läßt sich's nicht; — mich selbst widert's an, ein und dasselbe Bild zweimal zu machen, und ahmt es ein Anderer nach, so ist's schon nicht mehr dasselbe — nicht mehr mein Werk — eine falsche Linie verdirbt schon die ganze Wirkung. Puccio. Darum dürft' es eben keine Nachahmung sein, das Werk müßte gleichsam sich aus sich selbst immerfort auf's Neue erzeugen — Maso. Welch' sonderbaren Träumereien gebt Ihr Euch heute hin? Puccio. Nicht heute erst; — der Gedanke verfolgt mich, seit ich von der wunderbaren Erfindung hörte, die vor wenig Jahren in Deutschland Guttenberg- Maso (gleichgiltig). dem Bücherdruck? Nun, das war ein Leichtes. Bleistäbchen gießen, auf welchem der Buchstabe erhöht ist, wenn ich diesen an der Oberfläche schwärze und dann ein Blatt Papier fest darauf presse, so muß er sich abdrucken, das liegt ja auf der Hand. Puccio. Ja, nun Jhr's habt, nun liegt es freilich auf der Hand. Und doch sind Jahrtausende vergangen, bis es Einer fand. — Wer weiß, ob nicht auch für Eure Kunst etwas Aehn- liches — Maso (rasch). Das ist unmöglich. Meine Arbeit ist ja nicht erhöht, sondern vertieft. Ich bilde die Linien, indem ich das Metall herausgrabe, wie wollt Ihr also gerade die Stellen, wo eben nichts ist, abdrucken? Sagt doch. Puccio. Ja, wenn ich's sagen könnte, hält' ich's auch. Aber ich dächte — Maso (bereits ungeduldig). Lavore Minmlissimo? Ihr seid ein weiser Mann, sonst würde Cosimo Euch nicht zu seinem vertrautesten Freunde gewählt haben, aber wo in Kunstangelegenheiten wir Künstler selbst keinen Rath wissen — Puccio. Da kann vielleicht ein Zufall — Maso (aufbrausend). Zufall? — In der Kunst gibt's keinen Zufall! da ist der Gedanke, der kömmt von Gott! — dann das Künstler-Auge, welches anders sieht als das gewöhnlicher Menschenkinder — und endlich die durch viele Uebung sichere Hand. — Aber Zufall!! — Setzt doch den Künstler nicht dem Spieler gleich, der beim Zufall betteln muß. Puccio (sich etwas beleidigt vom Sitze erhebend). Nun — nun — es war nur ein Gedanke, der einer so leidenschaftlichen Erwiderung kaum würdig ist. Maso (sich wieder mäßigend). Vergebt! Nichts lag mir ferner, als Euch zu beleidigen. — Aber- Puccio (begütigt). Euch Künstlern muß man die leichte Reizbarkeit zu gute halten. (Reicht ihm die Hand.) Doch nun lebt wohl. Maso. Ihr wollt mich schon verlassen? Puccio. Um Cosimo den neuen Sieg Eurer Schöpfungskraft (aus die Platte weisend) zu berichten. Doch noch Eins! —Eure Handzeichnung wünscht er auch in seinen Besitz zu bringen. Maso (auf die Zeichnung in der Mappe weisend). Diese Handzeichnung —? Puccio. Ihr wißt, er gründet eine Sammlung von solchen Originalien berühmter Männer, darin müßt Ihr auch vertreten sein. Maso. Hm! — Ich fühle mich allerdings sehr geehrt, obwohl gerade diese Zeichnung — Puccio. Nun — diese? Maso. Ich bin bereits von Vielen, die sie gesehen, darum angegangen. Vom Cardinale — von Abaten Nobilis — ja, dem Signore Leonardi Pazzi Hab' ich's beinahe zugesagt, 7 indeß — (refignirt sich verneigend). Co- fimo bei Medici wünscht sie, und alle Andern müssen sich bescheiden. Das versteht sich von selbst. Puccio. Und er wird Euch auch am großmüthigsten dafür belohnen — auch dieß versteht sich von selbst. Ich hoffe Euch bald in seinem Palaste zu begegnen. — Auf Wiedersehen also. (Geht durch die Mittelthür ab.) Maso (ihn bis zur Thür begleitend). Ihr habt mich sehr erfreut durch Euern Besuch. (Nachdem Puccio sich entfernt.) Das ist im Grunde eine Lüge; — mir ist nichts zuwidrer als die Besuche dieser Günstlinge, die sich da mit ihren Kunstansichten breit machen, Unsinn schwätzen, um sich die Zeit zu vertreiben und sie mir zu stehlen! Das will eingebracht sein. (Nimmt die Goldplatte wieder zur Hand und ruft gegen die Mittelthür.) He! Peppo! Dritte Scene. Maso. Peppo. Peppo (zur Mittelthür eintretend). Ihr befehlt, Maestro? Maso. Bring' mir die Niello- masie. Peppo (bringt das Gesäß). Hier, Maestro! Maso (beginnt die Goldplatte mittelst eines Ballens, welchen er in die Masse taucht, einzureiben, befühlt sie dann mit dem Finger, hält sie gegen das Licht und schüttelt dabei wiederholt daS Haupt). Peppo (ihn beobachtend, ängstlich für sich). Er scheint unzufrieden. — Er schüttelt den Kopf. — Das thut er immer; so oft ich etwas nicht recht gemacht habe, schüttelt er nur den Kopf — der gute Meister — aber gewöhnlich den meinigen! Maso (zornig), luons 6 lampo! — Was ist da geschehen? (Zu Peppo gewendet.) Ladrone! wie hast Du wieder die Masse bereitet? Peppo (ängstlich). Wie gewöhnlich. Aus Silber — Kupfer — Blei — Schwefel — Borax — Maso. Aber in welchem Verhältnisse der einzelnen Bestandtheile zu einander? Du hast offenbar zu viel Borax dazu genommen. (Legt^die Goldplatte aus das Tabouret, greift hastig nach dem Gefäße mit der Masse, diese besichtigend, mit gksteigertem Zorn.) Ja Wohl! Alles zäh' und klebrig — die theure Mischung ganz verdorben. Oorpo äi öaeeo! (Stößt das Gefäß so heftig auf den Arbeitstisch zurück, daß ein Theil der Masse auf die daneben liegende Zeichnung überspringt und sie größtentheils schwärzt; außer sich.) Meine Zeichnung! — Ganz unkenntlich! — Gar nicht mehr zu zeigen. — Und Cosimo — der Car- dinale — Pazzi — alle wollten sie haben — Peppo. Nun, wenn Keiner sie bekömmt, kann sich auch Keiner beleidigt fühlen. Maso (noch mehr empört). Du wagst es noch zu scherzen, Ualeäetto! — jetzt sage deinen Ohren Lebewohl! (Will mit beiden Händen nach Peppo's Kopf langen.) Peppo (ängstlich zur Seite springend). Maestro! (Mit Wichtigkeit.) Thut meinen Ohren nichts, sie haben sich bereits hochverdient um Euch gemacht! Maso (finster). Deine Ohren? Peppo (sich ihm geheimnißvoll nähernd). Ja wohl, denn sie haben entdeckt, warum Euer Sohn einen solchen Widerwillen gegen SignorinaAngelica hat. Maso (plötzlich aus alles Andere vergessend, gespannt). Was sagst Du? Peppo. Ich habe mit diesen meinen beiden höchst verläßlichen Ohren gestern Abends im Garten hinter der Lorbeerhecke ein trauliches Gespräch 8 belauscht, welches Signore Lorenzo mit einem Mädchen pflog — Maso. Mit einem Mädchen? — Mit welchem? Peppo. Erkennen könnt' ich sie nicht — es war bereits zu dunkel, doch schien's mir nach der Kleidung eine Magd, oder sonst eine dienende Person — Maso. Eine Magd?— Und mein Sohn?! Ha! er scherzte wohl nur mit ihr? Peppo. Um so schlimmer, wenn er mit Schwüren scherzt. Maso. Mit Schwüren? — Du hörtest — Peppo. Wie er ihr bei Gott und allen Heiligen schwur, daß sie seine Frau werden solle. Maso. Es wäre entsetzlich! —aber weiter! — weiter! Peppo. Ja, weiter könnt' ich nichts vernehmen, als daß er ihr beim Abschiede noch zuflüsterte: »Also morgen,« und »morgen« wiederholte auch sie — dann trennten sie sich. Maso. Das wäre also heute! — Wahrscheinlich wieder Abends im Garten. Nun wartet! Bei diesem Stelldichein will ich mich auch einstellen! (Geht heftig erregt auf und nieder.) Peppo (für sich). Gott sei Dank. Das Hagelwetter geht auf einem anderen Felde nieder. (Horcht gegen die Seiten- thür links. — Laut zu Maso.) Ich hör' ihn kommen. — Verrathet Euch jetzt nicht. Maso. Nein, nein! im Gegentheil — ich muß ihn sicher machen. Vierte Scene. Vorige. Lorenzo. Lorenzo (tritt auS der Seitenthür links). Ihr seid noch zu Hause, Vater? Maso (sich beherrschend). Wie du siehst. Lorenzo. Ihr vergaßt doch nicht, daß Se. Eminenza der Cardinale Euch für heute nach dem Hochamte zu sich bestellt hat — Maso. Wahrhaftig! — Es muß schon an der Zeit sein. — Mir kam nur so viel Unerwartetes dazwischen — doch will ich sogleich jetzt — (Indem er Schurzfell und Arbeitsjacke abwirst, zu Peppo.) Schnell meinen Sammtrock, mein Barette. Peppo (holt Sammtrock und Barette von einem Kleiderrechen). Hier, Maestro. (Ist Maso beim Anziehen behilflich.) Maso (während er sich umkleidet, zu Lorenzo). Du bleibst doch jetzt im Hause, lieber Lorenzo? Lorenzo. Ja wohl — jedenfalls bis zu Eurer Rückkehr. Maso. Ist mir lieb. Hab' auf alles wohl Acht und schließe hinter mir die Thür — es zeigt sich seit einiger Zeit wieder verdächtiges Volk in den Straßen. Lorenzo. Seid ganz unbesorgt — ich will Eure Schätze treu bewachen. Maso (leise zu Peppo). Vormittags geht er nicht aus — die Zusammenkunft ist also jedenfalls Abends. (Wieder laut zu Lorenzo.) Nun leb' wohl, mein Sohn. (Zu Peppo.) Folge mir. (Im Abgehen leise zu Peppo.) Ich muß rasch fort, denn Verstellung ist nicht meine Sache, und in mir kocht's und brodelt's wie in einem Schmelztiegel. Komm'! Komm'! (Rasch ab durch die Mitte.) Peppo (folgt ihm). Lorenzo (allein). Er ist fort — dem Himmel sei Dank! — Denn auf seinen Ausgang halt' ich mit Sicherheit gerechnet. Unsere Wäscherin, die alte Pina, ist krank, ihre liebliche Base, Marietta, muß also heute statt ihrer die fertige Arbeit zu uns in's Haus bringen—und da überredete ich sie denn, daß sie nicht gleich zu unserer Haushälterin gehen, sondern früher hier 9 hereinkommen möge. Doch das verabredete Zeichen. (Eilt zum Fenster und entfernt den Lichtdämpfer von demselben.) Das Fenster ohne Blende zeigt ihr, daß ich allein bin. (Durch's Fenster hin« aussehend.) Ha! Da kömmt sie bereits die via äoila aeala herab! (Winkt ihr mit der Hand Grüße zu.) Wie schwer das arme Kind an dem Bündel Wäsche trägt. Nun, das soll bald anders werden. (Eilt gegen die Mittelthür und öffnet sie.) Nur herein, mein Engel. Seele meines Lebens. Fünfte Scene. Lorenzo. Marietta. Marietta (eine Menge Wasche in einem großen weißen Leinentuche eingeschlagen auf dem Kopse tragend, steht außerhalb der Mittelthür — noch zögernd.) Nein. — Nein — ich wag' es doch nicht. (Will wieder fort.) Lorenzo. Welch' neues Bedenken? (Tritt zur Thür hinaus.) Marietta. (Schlingt einen Arm um ihre Hüfte.) Marietta (bemüht sich loszumachen und sich dabei ängstlich umsehend). Bei allen Heiligen. Laßt mich. Wenn's Jemand sähe —! Lorenzo. Damit uns Niemand sieht — komm' herein. (Zieht sie sanft in's Zimmer.) So! — Da bist du! Marietta (fromm zum Himmelblickend). Heilige Jungfrau, vergib mir! Lorenzo (eilt zur Thür zurück und will sie schließen). Marietta (es bemerkend, ängstlich und rasch). Schließt die Thür nicht zu. Lorenzo. Aber es könnte uns Jemand überraschen. Marietta. Es soll nichts geschehen, wobei wir uns vor einem Ueberrascht-' werden fürchten müßten. Lorenzo. Nein, nein, Marietta, wenn die Gehilfen meines Vaters kämen — Dich hier träfen — dein guter Ruf fordert es. (Schließt die Thür ab.) Marietta (dem Weinen nahe). Da haben wir's. Meines guten Rufes willen muß ich mit ihm allein — in einem versperrten Zimmer — o daß ich mich überreden ließ! (Schluchzt.) Lorenzo (zu ihr zurückkommend). Aber worüber weinst Du denn? Marietta. Weil mein Beichtvater, der Padre Benedetto, Recht hat! Lorenzo. Worin? Marietta. Er sagte mir immer: »Der Weg zur Hölle ist mit guten Vorsätzen gepflastert.« Nun Hab' ich die ganze Nacht hindurch überlegt und geschwankt, ob ich Eurer Bitte, hierher zu kommen, nachgeben sollte oder nicht, und endlich faßt' ich den festen Vorsatz: »Nein, ich thu's nicht, ich thu's gewiß nicht.« Und nun — kam ich in die Nähe Eures Hauses — sah Euch am Fenster — und — die guten Vorsätze — der Weg zur Hölle — Lorenzo. Nein, der Weg zum Himmel! (Will sie wieder umschlingen.) Marietta (rasch zurücktretend). Erst den Weg zum Altar. Anders öffnet sich der Himmel nicht. Lorenzo. Nun ja! wir wollten ja eben besprechen, auf welche Weise wir's dahin bringen. Aber lege doch das Bündel ab! Marietta. Nein, nein! »Schwere Lasten tragen, ist ein Mittel gegen die Sünde,« sagt Padre Benedetto. Nun, schwer genug ist das Bündel. Viele Wasche und noch ganz feucht obendrein. Daran seid auch Ihr Schuld; um pünktlich da zu sein, macht' ich's mit dem Plätten kurz. Lorenzo. Aber so mach' Dir's doch bequem! Marietta. Nein, ich will mir's nicht bequem machen! 10 Lorenzo. Um so besser, so kannst Du Dich nicht wehren, wenn ich — (Eilt mit ausgebreiteten Armen auf sie zu ) Marietta (flüchtet bis gegen das Ta- bouret, das Bündel aus ihrem Haupte wankt, sie wirst es rasch aus das Tabouret und die auf demselben liegende Goldplatte; dann strenge). Nicht einen Schritt näher, Lorenzo! Ihr seid ein Elender! Lorenzo (zurückweichend). Dieß Wort! Marietta. Verdient Ihr — nicht meine Liebe. Ich forderte gestern Euern Schwur, daß Ihr mein Vertrauen nicht mißbrauchen — ja nicht einmal einen Kuß begehren sollet — und jetzt- Lorenzo (beschämt). Ich habe gefehlt — ich erkenn' es. Doch beschuldige deine Reize, den Magnet — nicht das Eisen, welches sich unwiderstehlich zu ihm gezogen fühlt. — O, blicke nicht so finster! Verzeihe mir, Marietta! Marietta. Nur unter Einer Bedingung! Lorenzo. Und diese ist? Marietta (gebieterisch). Schließt sogleich die Thür aus! (Aus die Mittelthür weisend.) Lorenzo (zögernd). Diese Thür—? Marietta. Schließt sie auf, sag' ich — oder bei Gott! ich springe zum Fenster hinaus! Lorenzo. Nun —damit Du siehst, daß ich mein Unrecht erkenne — (Schließt die Thür aus.) Marietta. Und nun begebt Euch dort hinein! (Aus die Seitenthür links weisend.) Lorenzo (traurig). Wie? — ich soll Dich verlassen? Marietta. Zur Buße Eurer Sünde. Gehorcht, oder Ihr seht mich nie — nie wieder! Lorenzo. Mädchen, Du übst auf mich eine Gewalt wie kein anderer sterbliches Wesen. Aber (bittrnd) gib' mir die Hand zu Zeichen der Ver- söhung! Marietta (reicht ihm die Hand, sanfter). »Man soll seinem Beleidiger verzeihen,« sagt Padre Benedetto. Doch nun geht! Versucht es nicht mir zu folgen — ja seht mir nicht einmal nach! Lorenzo. Um deiner Liebe nicht verlustig zu werden — gehorche ich. (Ab durch die Seitenthür links.) Marietta (allein, ihm nachsehend.) Ach, wie schwer fällt es mir, so hart gegen ihn zu scheinen, nur damit er nicht merke, daß ich — (mit einem Seufzer) es nicht bin. Doch jetzt fort! Wenn nur nicht eben Jemand um den Weg ist — (Geht zur Mittelthür, öffnet sie nur ein wenig, steht durch die Spalte — fährt aber sogleich heftig erschreckt zurück.) Allmächtiger! Maestro Maso —hastigen Schrittes kömmt er auf's Haus zu — wenn er mich hier findet — (Sieht sich ängstlich im Zimmer um.) Wo verberg' ich mich? (Zhr Blick fällt auf die verhängte Vase.) Ah — dort! — Vielleicht find' ich später einen Augenblick, unbemerkt zur Thür zu gelangen. (Verbirgt sich hinter dem die Base bedeckenden Tuche.) Sechste Scene. Marietta. Maso. Maso (kömmt hastig zur Mittelthür herein). Als ob ich mich heute noch nicht genug geärgert hätte, muß ich mich noch über mich selbst und meine Vergeßlichkeit ärgern! — Ich eile da fort zum Cardinale, und auf halbem Wege fällt mir erst ein, daß ich die Goldplatte, welche er zu sehen wünscht, nicht bei mir habe! (Ist bis zu seinem Arbeitstische vorwärts gekommen, auf welchem er sucht). Nun — wo ist sie denu? 11 (Hebt die Mappe, Zeichnungen und andere Gegenstände in die Höhe.) Ich hatte sie doch hier! — nun freilich! — Hier rieb ich sie mit dem Niello ein — und jetzt — nicht zu finden! — Sollt' ich Sie dorthin? — (Eilt zum Arbeitstische links, und hebt auch alle auf demselben liegenden Gegenstände in die Höhe.) Nein! auch hier nicht! (Sich selbst befühlend.) Zu mir Hab' ich sie nicht gesteckt — wo ist sie also? — (Immer ängstlicher und erregter.) k'ulmins! — es wird doch nicht — ein Diebstahl?!-ha! das Gold wiegt hundert Zechinen! — Ich fand die Thür unversperrt — (Wendet sich gegen den Hintergrund.) (Der Vorhang, hinter welchem sich Marietta verborgen, bewegt sich etwas.) Maso (gewahrt dieß — überrascht für sich). Was rührt sich dort? — Sollte sich der Gauner noch hier verborgen Hallen ?— ha! mir soll er nicht entkommen! —Doch Vorsicht! (Zückt ein in seinem Gürtel steckendes kurzes Stilett und geht entschlossen aus den Vorhang zu, laut mit drohender Stimme.) Wer ist hier? Marietta (hinter dem Vorhänge sich ängstlich zusammenkauernd, für sich). 8anta madonna! steh' mir bei! Maso. Nichts zu hören? — so will ich sehen! (Erhebt mit der rechten Hand das Stilett zum Stoße und reißt mit der linken das Tuch von dem Gestelle.) Marietta (sinkt vollends in die Knie und erhebt die gefalteten Hände flehend zu Maso). Maestro! — Erbarmen! Maso (überrascht). Ein Mädchen?! — (Bleibt, Marietten starr anblickend, die Hand mit dem Stilette noch immer erhoben, regungslos stehen — nach einer Pause — mehr für sich). Ein schönes Mädchen! — wie sie vor mir kniet, ein herrliches Modell zu einer Maddalena! (Laut, weniger strenge.) Steh' auf! Marietta (angstvoll auf das Stilett blickend). Um der Barmherzigkeit willen! — was wollt Ihr mir thun? Maso (steckt das Stilett wieder ein). Nichts, wenn Du aufrichtig bekennst! — Doch steh' auf! (Da Marietta zögert, aus sie zutretend und sie an der Hand in die Höhe ziehend, befehlend.) Steh' auf! — und komm' hervor! (Zieht sie mit sich in den Vordergrund — sie wieder betrachtend, für sich.) So jung! — so schön! — und schon? — — (laut) Sprich, Unglückskind! wer bist Du? Marietta (vor Angst kaum der Sprache mächtig). Ich — ich bin — die Nichte Pina's. Maso. Der alten armen Witwe, welcher ich aus Mitleid Arbeit gab? Marietta. Ja — derselben! — sie ist heute krank, deshalb mußte ich statt ihrer die Wäsche — (auf das Bündel weisend) hieher — Maso. Hieher — in die Werk- stätte? Marietta (mit gesteigerter Angst). O verzeiht, Maestro! Ich — ich weiß — es war unrecht. Maso (milder). Nun — ich will Dich nicht unglücklich machen! — Doch gestehe reumüthig! Marietta. Gestehen? (Für sich.) Kann — soll ich seinen Zorn auf Lorenzo's Haupt lenken? — Nein! — nein! — er soll nicht erfahren — Maso (für sich). Ich habe Mitleid mit ihrer Todesangst! (Laut, noch milder.) Ich will Dir das Geständniß erleichtern! — Deine Jugend — deine Armuth — an solche Geschöpfe macht sich der Teufel am liebsten. Marietta (erschreckt). Der T- (Bekreuzt sich.) Gott sei bei uns! Maso. Du mochtest wohl ohne schlimme Absicht gekommen sein — Marietta (rasch). Ja, Maestro! gewiß, ohne schlimme Absicht! Maso. Aber da fandest Du die Thür offen — Marietta. Ja — ja — so war's! 12 Maso. Du erblicktest denverlockenden Schatz — Marietta (verschämt). Ja — ja — so war's! Maso. Dein Schutzengel verließ Dich — Du griffest darnach — Marietta (hastig). Nein! nein! das Hab' ich nicht gethan! Maso (heftiger). Nicht? — Ist etwa das Goldstück von selbst in deine Tasche gesprungen? Marietta (nicht begreifend, ängstlich). Gold?! — Um des Himmels willen! wovon sprecht Ihr? Maso. Wovon sonst, als von der Scheibe gehämmerten Goldes, welches Du hier entwendet! Marietta (stößt einen Schrei aus und finkt vernichtet zu Boden). Maso (sie betrachtend, für sich). Nun erfaßt sie erst die Größe ihres Unrechts. — Hier ist noch Besserung zu hoffen! (Indem er sie ausheben will, laut und milder.) Nun, steh' nur auf, es soll Niemand davon erfahren, aber (strenge) gib heraus, was nicht dein ist. — Sogleich! Marietta (sich empört von ihm losreißend und in die Höhe fahrend). Ich — ich — eine Diebin?! Maso. Wie? — Du willst jetzt doch wieder läugnen? Marietta (heftig). Ich habe nichts zu läugnen. Gott sieht in mein Herz! Maso (vom Zorn hingerissen). Aber ich will in deine Taschen sehen! — Gibst Du die Beute nicht gutwillig heraus, so untersuch' ich Dich am ganzen Leibe. (Geht aus sie zu.) Marietta (außer sich). Rührt mich nicht an! Maso. Wir wollen doch sehen. (Faßt sie an beiden Armen.) Marietta (ringt sich heftig los und reißt ihm dabei den Dolch aus dem Gürtel). Zurück! oder — Gott vergebe mir — (Steht mit drohend geschwungener Waffe.) Maso (weicht entsetzt einen Schritt zurück). Mein Stilett! — Willst Du einen Mord? (Rust.) He, Andrea! — Peppo! — Lorenzo! Siebente Scene. Vorige. Lorenzo. Peppo. Andrea. Andere Gehilfen. Andrea, j .. Nennn ! («len zur Mütelthur herein). Gehilfen) Lorenzo (von links herauseilend). Gott im Himmel! was seh' ich? Maso. Eine Diebin! — Eine Banditin! — Ergreift sie! Peppo, j Andrea ! (wollen auf Mariette zu). Die Gehilfen) Lorenzo (eilt zuerst zu ihr und faßt ihre das Stilett haltende Hand). Eine Waffe — in deinen Händen?! Marietta (noch glühend vor Entrüstung). Es war die Nothwehr des von ihm bedrohten Schamgefühls! Peppo. Schamgefühl? (Zu Maso im Tone des Vorwurfes.) Maestro! Maso. Ha! sie schämte sich nicht zu stehlen, sondern des Diebstahls überwiesen zu werden! Lorenzo. Diebstahl? — Marietta! Marietta (in Thränen sausbrechend). Mein Gott! ich weiß von nichts! — Ich schwöre es bei meinem Seelenheil! Maso. Versündige Dich nicht noch mehr. (Zu Peppo.) Du kannst es bezeugen, daß ich die Goldplatte hier in der Werkstätte ließ — Peppo. Die Goldplatte? — Ja, die Hab' ich gesehen. Ihr riebet sie mit dem Niello ein und dann — (Blickt auf das Tabouret, erstaunt.) Merkwürdig! Maso. Was denn? Peppo. Ihr legtet die Goldplatte dorthin und jetzt — liegt ein Wäschbündel dort. 13 Lorenzo (rasch zu Peppo). So sieh' doch nach, ob nicht unter demselben — Peppo. Ja so, das wäre möglich. (Tritt hinter das Tabouret und hebt das Bündel so aus, daß man dessen untere Fläche sieht, aus welcher das Bild Johanns abgedruckt erscheint.) Lorenzo (erblickt die Goldplatte, aus welche er sogleich hinstürzt). Hier — hier ist sie ja! (Erhebt die Platte.) Marietta. ,Gepriesen sei der Allmächtige! (Zu Maso.) Seht Ihr, Maestro! Maso (hat den Abdruck aus dem Lin- nentuche erblickt, ist etwas näher getreten und steht sprachlos, seine Augen starr aus daS Bild gerichtet). Lorenzo (Maso erstaunt anblickend). Was ist Euch, Vater? (Folgt der Richtung von Maso's Blicken und gewahrt ebenfalls das Bild, überrascht.) Ha! — dasselbe Bild, welches hier auf der Platte — dort auf dem Linnen! Peppo. Wo? (Dreht das Bündel um, so, daß das Bild nach oben kömmt, läßt erstaunt jenes zu Boden fallen und schlägt beide Hände über den Kops zusammen.) lüiraeolo miradilmZiluo! Marietta (eilt zu dem Bündel). Dieß Heiligenbild! Und als ich die Wäsche in das Tuch band, war dieses weiß wie ein Lilienblatt. Hat Gott ein Wunder gewirkt? Die übrigen Gehilfen (umringen staunend das Bündel). Maso (sie alle wegdrängend). Zurück Alle! mich — mich laßt sehen. (Kniet sich zu dem Bündel nieder, das Bild genauer betrachtend.) Es ist unvollkommen, theils verwischt — theils fehlen ganze Strichlagen — aber doch — es ist ein Beginnen — eine Spur, die verfolgt Werden Müßte — (mit raschem Entschlüsse aufspringend) die ich verfolgen Will! (Geht mächtig erregt aus und nieder.) Peppo (besorgt, ihm nachgehend). Was ist Euch, Maestro? — Hat das Wunder — (Mit einer Handbewegung nach der Stirne.) Maso. Wunder? — Wo der Verstand anfängt, hört das Wunder auf. Doch — (Wieder für sich.) Soll ich Diesen (aus die Gehilfen weisend) erklären? Nein, die Erfindung muß mein Geheimniß bleiben. (Laut zu den Gehilfen.) Entfernt Euch! Peppo. Wir sollen fort? Maso. Ja — geht, ich will's! — Doch Du — komm' her — (Zieht einige Münzen aus der Tasche und reicht sie Peppo.) Da — nimm. Peppo (erstaunt das Geld betrachtend). Drei Scudi? — Ja — wofür denn? Maso. Dafür, daß Du heute das Niello so schlecht bereitet hast. (Für sich.) Denn nur so könnt' es die Farbe lassen. Peppo. Dafür? — Nun, wenn Ihr wieder etwas recht Verdorbenes braucht, um den Preis könnt' Jhr's bei mir immer haben. (Zu den Gehilfen.) Kommt in die Osteria. Wir wollen auf des Maestro Gesundheit trinken! (Eilt mit den Gehilfen durch die Mitte ab.) Maso (geht rasch ebenfalls zur Mittelthür und schließt sie hinter ihnen). Marietta (ängstlich leise zu Lorenzo). Er wird Auskunft von mir verlangen— kann ich ihm sagen — Lorenzo (leise zu Marietta). Noch darf er um unsere Liebe nicht wissen. Lass' nur mich statt Deiner sprechen. Maso (kömmt wieder vorwärts, etwas beschämt zu Marietta). Dir Hab' ich großes Unrecht abzubitten — Marietta. Sprecht nicht mehr davon, das ist vergeben und vergessen. Maso. Warum verbargst Du Dich aber? Wie kamst Du überhaupt hier herein ? Lorenza (rasch). Soeben erzählte sie's mir. Ich hatte die Thür offen gelassen — sie ging vorüber — sah Eure kunstvollen Arbeiten — nun, 14 wen würden diese nicht anziehen? Sie wollte sie besehen — doch da hörte sie Euch kommen, und warf, erschreckt, ohne zu achten wohin, das Bündel auf die Platte. Marietta (leise zu Lorenzo). Wie Ihr lügen könnt — Lorenzo (leise). Eine Nothlüge — Marietta (leise). Ist wohl keine Sünde, sagt Padre Benedetto. Maso (ist indeß wieder zu dem Bündel getreten und betrachtet den Abdruck). Aber Lorenzo, komm' doch her! — Sieh, wie sich das abgedruckt! Lorenzo. Nun — die Masse war weicher als das Metall — da drückte sich die feuchte Leinwand durch das Gewicht tiefer in die eingegrabeneu Linien und nahm die Farbe an, das ist ganz natürlich. Maso (säst ärgerlich) Freilich — freilich ist's natürlich. Aber unnatürlich ist's, daß ich auf etwas so Einfaches nicht schon längst verfiel. Aber da mußte erst ein Gehilfe eine schlechte Arbeit liefern — Lorenzo. Ja — es scheint, als ob die Menschheit überhaupt nur durch Fehler und Jrrthümer zur Vollkommenheit gelangen könnte. Maso (hastig Lorenzo's Hand fassend). Und wir — wir wollen dieß. Was dem Ungefähr nur halb, das soll der Ueberlegung vollkommen gelingen. Nur sogleich und rasch an's Werk. Du mußt mir helfen! Marietta. Und wenn ich Euch auch dabei an die Hand gehen kann, befehlt nur! Maso. Du bist ein gutes, liebes Kind. Lorenzo (zu Maso). Ja, laßt sie an der Arbeit theilnehmen. Sechs Hände richten mehr als vier — Maso (hat die Goldplatte wieder zur Haud genommen). Diese Platte? — Nein! Das Gold könnte durch den wiederholten Druck leiden. (Legt^sie weg und nimmt die ovale Metallplatte.) Diese ist von hartem Erz. Mit dieser wollen wir's versuchen. (Beginnt die Platte mit dem Niello einzureiben.) Lorenzo. Und feines Papier, ein wenig befeuchtet, wird sich zur Aufnahme der Farbe noch mehr eignen als die stärkere Leinwand. Maso. Magst Recht haben, richte welches. Lorenzo (nimmt von seinem Arbeitstische einen Bogen Papier und breitet ihn aus). Nur schnell — etwas Wasser! Marietta. Dort (gegen die Thonvase weisend) sah ich ein Gefäß — (Holt schnell von dort einen Krug herbei.) Laßt das Befeuchten mir —ich versteh dies — von der Wäsche — laßt mich nur. (Stellt sich an den Arbeitstisch und beginnt das Papier zu besprengen.) Maso (wendet sich um, und betrachtet Marietta wohlgefällig — leise zu Lorenzo). Wie anmuthsvoll sie sich zur Arbeit anstellt. — Das schöne weiße Händchen. Lorenzo. Nicht wahr? — Es ist als ob die Finger eines Engels Thau auf Blumen sprengten. Maso (zu Lorenzo). Kein übles Gleich- niß, in der That. (Tritt zu Marietta und faßt ihre Hand.) Marietta (verschämt). Was wollt Ihr, Maestro? (Will ihm die Hand entziehen.) Maso. Nun, nun, lass' dir's nur gefallen. Wo wir Bildner schöne Formen sehen, da zieht's uns hin. Und ist's unsere Schuld, daß Ihr Weiber gar so schöne Formen -(Faßt sie am Kinne.) Marietta (zieht sich zurück). Maestro! Maso (von ihr weg zu Lorenzo tretend, leise). Wie sie erröthet. Das sah ich noch bei keinem meiner Modelle. (Laut.) Aber nun an die Arbeit. (Trägt die Erzplatte zu dem Tische links — zu Marietta.) Jetzt breite das Papier darüber -- .15 nur ganz flach und eben. Hab' Acht! Hab' Acht! Marietta (saßt das Papier nur mit den Spitzen ihrer Finger und breitet es behutsam über die Platte). Jst's so recht? Maso. Vortrefflich! Kein Fältchen bildet sich! — Nun schnell das Bündel. Marietta. Wartet — wartet! Ich denke, es wird besser sein, wenn ich zuerst nur eine dünne Schichte darüber breite — es wird sich weniger verschieben. Maso. Eine sehr kluge Vorsicht.— Ja — mach' es so. Marietta (nimmt aus dem Bündel eine dünne Lage Wäsche und breitet dieselbe vorsichtig über das Papier). Maso (leise zu Lorenzo). Das Mädchen hat Verstand. Wie schnell sie das Zweckmäßige erkennt. Was sind dagegen meine andern Gehilfen für plumpe Tölpel. (Laut.) Jetzt aber das Beschweren — (Will das Bündel nehmen.) Lorenzo. Wartet, Vater! — Legt das flache Zeichenbrett darüber. Maso. Richtig! Ja! (Legt das Zeichenbrett über die Leinwandlage — zu Marietta.) So, nun fass' Du es an den beiden unteren Enden — ich an den oberen. (Beide fassen das Brett in der beschriebenen Weise an.) Nun ein Gewicht darauf. (Zu Lorenzo.) Dort den kleinen Amboß. Du kannst ihn wohl heben? Lorenzo (bringt schnell einen kleinen Amboß und hebt ihn auf das Brett). So — NUN laßt nur los. (Nachdenkend.) Hm! wenn ich auf das obere Brett die Hebelkraft in Anwendung brächte — wie schnell ging dann die Arbeit! Maso. Du magst dieß das nächste Mal versuchen — jetzt aber laß uns sehen — nimm die Last weg. Lorenzo (hebt den Amboß wieder ab). Maso (zieht hierauf die Leinwand- überlaze weg — aufgeregt innehaltend). Ich zitt're fast vor Erregung. Marietta. Erlaubt, daß ich das Blatt abhebe. Maso. Ja — ja — Du fassest es zarter an. Marietta (zieht langsam das Papier von der Platte — die Zeichnung erscheint vollständig abgedruckt). Seht doch! — Seht! Maso (nimmt ihr fast zitternd vor Freude das Blatt aus der Hand — ausjubelnd). Gelungen! Gelungen! (Das Blatt Lorenzo hinhaltend.) Sieh' nur. (Wieder zu Marietta.) Und Du auch. Es ist, als ob meine Platte sich in einem Spiegel gesehen und dieser ihr Bild dauernd festgehalten hätte. Und so werden meine Werke sich alle vervielfältigen — vertausendfachen lassen. Nicht bloß Fiorenza — die Welt wird wissen, was Tom maso di Fini- guerra ist! Lorenzo. Und bedenkt, der ungeheure Gewinn! Wenn Ihr für solch' ein Bild, zu dessen Erzeugung eine Minute genügt, nur Einen Zecchino begehrt, so trägt's im Tage fünf- bis sechshundert. Maso (welcher indeß das Bild wieder aus den Arbeitstisch gelegt hat, beinahe erzürnt). Der fängt zu rechnen an, in diesem Augenblicke! Nein! Du hast nicht eine Ader von einem Künstler. Nicht der Gewinn — das Gelingen ist der Quell meiner Freude. O, kommt — kommt her an mein Herz! (Zu Marietta.) Du vor Allem. Du, die als ein Engel des Segens in mein Haus — (Umarmt und küßt sie ungestüm.) Marietta (will sich sanft sträuben). Maestro — was thut Ihr? Lorenzo (ist aus ihre Seite getreten, leise zu ihr). Duld' es nur, denk' — ein Vater küsse Dich! Maso (Marietta wiederholt küssend). Noch einen Kuß — und noch einen! O, ich könnte ja jetzt die Welt umarmen! Nimm' Du Alles für sie 16 in Empfang! (Küßt sie nochmals, dann von ihr wegtretend, für sich.) Ich weiß nicht wie mir geschieht, es ist als ob mit jedem Kusse eine Flamme in mich herüberzuckte, als ob ich auf's Neue mit Jugendkraft und Jugendlust belebt würde. (Wendet sich wieder gegen Marietta.) O Mädchen- (Sein Blick fällt auf Lorenzo — für sich.) Der Rechenmeister ist noch da! (Laut.) Höre, Lorenzo, was — was sagtest Du vorhin von — Hebelkraft? Lorenzo. Ja— ich habe in meiner Werkstätte (aus die Seitenthür links weisend) einen derartigen Apparat, wenn ich den zum Zwecke des Abdruckes — Maso (rasch zustimmend). Ein sehr guter Gedanke! Lass' uns keinen Augenblick versäumen! Gehe schnell hinein! — Richte Alles — dann — rufe uns! — So geh' doch — geh'! Lorenzo. Ich gehorche. (Leise zu Marietta.) Diese Stunde ist entscheidend für unser Glück — habe das im Auge. (Rasch ab nach links.) Maso (zu Marietta). Komm' her! Marietta (zu ihm tretend). Was wollt Ihr, Maestro? Maso. Nicht wahr — Du fürchtest Dich jetzt nicht mehr vor mir? Ich erschien Dir wohl vorhin wie ein rechter Wehrwolf? Na sieh' — das — das war — Marietta. Ganz begreiflich, Ihr kanntet mich ja nicht, glaubtet, daß ich Euch so Werthvolles entragen wolle — Maso (saßt ihre Hand). Hm! Du könntest jetzt vielleicht etwas mit von hier sortnehmen, was mehr werth ist als zehn solche Goldplatten. Marietta (erschreckt). Was meint Ihr? Maso. Das Geheimniß der neuen Erfindung. Du allein weißt — außer meinem Sohne — um dasselbe. Wenn Du nun hingingest — es einem Andern verriethest — Marietta (rasch). Nein, Maestro! Befürchtet dieß nicht. — Ich gelobe — ich schwöre Euch — Maso (sie näher an sich ziehend). Mehr als jeder Schwur bindet oft gemeinsamer Vortheil. Sieh', wenn Du — mit meinem Hause — mit meinem Geschäfte so innig verbunden — so — so wie ein Glied der Familie — Marietta (freudig). Was sagt Ihr? Noch fass' ich's nicht — Maso (für sich). Der Antrag will mir nicht recht von den Lippen! — Ich bin fünfzig Jahre — (Sich ermutigend.) Ei was, man ist nur so alt, als man sich fühlt — und wissen muß ich — (Laut, säst mit Ungestüm.) Sage, Mädchen, könntest Du mir gut sein? Marietta. O gewiß, von ganzem Herzen! (Sich an ihn schmiegend.) Ich würde Euch lieben, wie — — (Es wird zuerst an der Mittelthür gerüttelt, dann heftig gepocht.) * Maso (sich unwillig umsehend). Was ist's? Puccio's Stimme (von außen). Oeffnet, Maestro Maso! Maso. Das ist Signore Puccio. — Gerade jetzt! — Doch (rasch zu Marietta) wir sprechen weiter. Ich werde mich des Besuches rasch entledigen. Geh' nur indeß hier hinein. (Oeffnet die Seitenthür links.) Marietta. Hier hinein? — Zu Lorenzo? Maso. Ja — setzt die Versuche fort. — Aber nimm Alles mit — hier — die Platte — das Niello — die Ueberlage. (Während er und Marietta rasch die benannten Gegenstände ausräumen.) Seht, daß Ihr was Rechtes zu Stande bringt. So — das Bündel auch. Marietta (für sich). O, wie wird Lorenzo erfreut sein, wenn er hört — (Es wird neuerdings gepocht.) Maso (gegen die Mittelthür rufend). Sogleich! sogleich! — (Drängt Marietta 17 sanft in das Seitenzimmer.) Entferne Dich rasch. (Schiebt das Bündel auch hinein, macht die Thür wieder zu und eilt gegen die Mittelthür, welche er ausschließt.) Achte Scene. Maso. Puccio. Leonardo Pazzi. Puccio) (treten zugleich durch die Pazzi j Mittelthüre ein). Maso (überrascht). Wie?— auch Ihr, Signore Pazzi? Pazzi (sehr reich gekleidet, in seinem ganzen Wesen den Geldstolz zur Schau tragend). Wenn Ihr dieß gewußt hättet, Ihr würdet wohl nicht so lange gesäumt haben, uns zu öffnen? Maso. Vergebt, doch eine dringende Arbeit — Puccio. Von welcher wir Euch nicht lange abhalten wollen — Pazzi. Ja, ich hoffe Ihr werdet unfern Streit bald Entscheiden. Maso. Euern Streit? Pazzi. Ja — ich traf Signore Puccio — und er sagte mir, daß er eben aus dem Wege zu Euch sei, um die Zeichnung des Altarblattes — Puccio. Die Ihr (zu Maso) mir für Cosimo zugesagt! — Jst's nicht so? Maso. Hm — ja — allerdings — Pazzi. Doch mir — ich bin's überzeugt — geben werdet! Ich habe Euer Wort? Maso. Das ich auch halten werde! Puccio (erstaunt). Was? — Und Cosimo? —Er sendet Euch durch mich bereits den Ehrenlohn (Zieht eine Börse heraus.) Hundert Zecchini! Pazzi. Was Cosimo bieten kann, das kann Leonardo Pazzi verdoppeln. — (Zieht ebenfalls eine Börse heraus.) Maso (für sich). Hier hundert — hier zweihundert? — Wenn ich nur Theater-Repertoir Nr. 294. wüßte, ob — (Blickt gegen die Seitenthür links.) Puccio (zu Maso). Ich fürchte doch nicht, daß das höhere Angebot Euch bewegen kann, Euren Gönner zu beleidigen? Pazzi (zu Maso). Wollt Ihr, um ein gnädiges Lächeln des Medici zu erzielen, den Schwiegervater Eures Sohnes zurücksetzen? Maso. Nein — nein — Keines von beiden soll geschehen! Ich will Euch beide gleich zufriedenstellen! — Geduldet Euch nur einen Augenblick. (Eilt rasch in das Seitenzimmer links ab.) Puccio. Was hat er vor? Pazzi. Beide zugleich? Puccio. Er sagte doch, daß er die Zeichnung nur einmal — und — (erblickt den aus den Tisch liegen gebliebenen Abdruck — erfreut.) Ha! hier ist sie! (Langt schnell darnach.) Pazzi (legt ebenso rasch seine Hand aus das Bild). Halt! Halt! Noch ist sie nicht Euer! Puccio. Verderbt das kostbare Bild nicht! Pazzi. Und wenn ich's thu' — ich kann's bezahlen! — Ja, eh' ich's dem stolzen Cosimo, der nur freigiebig ist, um die übrigen alten Geschlechter zu verdunkeln, überlasse — eh' soll es in Stücke gehen! (Will das Bild zerreißen.^ Neunte Scene. Vorige. Maso. Maso (kömmt wieder zurück, mehrere Blätter in den Händen tragend — zu Pazzi). Was beginnt Ihr? Pazzi (zu Maso). Sprecht rasch! — Wem gehört dieß Blatt? Maso (zwischen Beide tretend). Ruhe — Ruhe vor Allem! (Nimmt ihm das Blatt aus der Hand.) Dieß Blatt — das erste r 18 Erzeugniß einer neuen Kunst — dem Beförderer aller Künste — (Gibt es Purno.) Pazzi (ergrimmt). Wie? — Und mir —? Maso: Euch' — das vollkommen Gleiche! (Gibt ihm eines der mitgebrachten Blätter.) Pazzi (das Blatt erstaunt betrachtend). Wahrhaftig! (Indem er aus Puccio zugeht und den Abdruck mit dem Original vergleicht.) Das vollkommen Gleiche! Puccio. Bei der heiligen Jungfrau! Zug für Zug das Original! — Wer hat dieß Wunder zu Stande gebracht? Lorenzo (der mit Marietta in der Thür erschienen ist). Die Liebe, Signor, und ein glücklicher Zufall; er hat der Welt eine neue Erfindung gebracht und mir (auf Marietta weisend) eine reizende Braut! Puccio. Ein Zufall? Maso und Pazzi (zugleich). Eine Braut! Lorenzo mit Marietta (auf Maso zugehend). Marietta, mein theurer Vater, die Dir eine treue Tochter sein wird. Maso. Eine Tochter! — Pazzi. Und meine Angelica mit ihren hunderttausend Zechinen? — Lorenzo. Sie mag glücklich damit sein, Signor. Die Liebe rechnet nicht. Maso (nach kurzer Pause für sich). Der Junge hat Recht. — Fünfzig! (auf Marietta blickend), und — achtzehn — Wo warst du, Alter? — Du hast auch nicht gerechnet. — (Etwas lauter.) Die Liebe und der Zufall sind unberechenbar. Puccio (der unterdeß den Abdruck, den er Pazzi aus der Hand genommen, fortwährend mit dem Originale verglichen hat). Der Zufall, Maestro Maso, —erklärt mir diesen wunderbaren Zufall! — Maso. Er ist unerklärlich wie alle Wege der Vorsehung und doch klar — ein Finger Gottes — denn wenn ein Zufall die Welt erschaffen hätte, so wäre noch ein Gott nöthig gewesen, um sie so schön zu ordnen, so herrlich zu gestalten. Lorenzo. Vater! Euer sei der Ruhm, uns das Glück der Liebe! (Kniet mit Marietta vor ihm nieder.) Maso. Und uns allen gemeinsam der Segen! (Breitet seine Hände segnend über das Paar aus.) Pep Po und Andrea (die während der letzten Reden eingetreten sind). Hoch Maestro Finiguerra! Hoch das glückliche Brautpaar! Schluß. Druck von Leopold Eornrnrr Comp. " zwei Stühlen Schwank mit Gesang in 1 Act von Friedrich Kaiser. Alle Rechte Vorbehalten. Men, 1875. Verlag -er Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm). Personen: - Herr von Blind st ein, Rentier. Fritz von Blindstein, sein Neffe. Hans, Pächter einer Alpenwirthschaft. Gr etch en. Georg, Blindstein's Diener. Mathis, ein Bauer. Ein Zitherschläger. Musikanten. Landleute. Den Kühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Das Aufführungsrecht ist nur zu erlangen durch die Theater - Agentur des Herrn Franz Kratz, Wien, VIII. Iosefstädterstraße 34. Gebirgsgegend, rechts nach hinten zu ein Häuschen im Schweizerstyl, davor Blumenbeete und Baumgruppen, dabei Tisch und Bänke. Hinten führt ein Weg in's Thal. Erste Scene. Fritz. Mehrere Bauernbursche. Fritz. Nun wißt Ihr, wie ich Alles haben will. — Sobald es dunkel wird, verrichtet still Eure Arbeit, damit man im Hause nichts bemerkt, bis wir mit den Musikanten den Maibaum hieher- bringen! Für den Augenblick brauche ich Euch nicht mehr. (Die Bursche ab.) Ich sollte nun auch fort! — doch kann ich diesen Platz nicht verlassen, ohne mein Gretchen, wenigstens auf einen Augenblick, gesehen zu haben. (Will ins Haus.) Zweite Scene. Fritz. Georg (aus dem Hause). Georg (aufgeregt). Nein, das ist kolossal! pyramidal! Fritz (überrascht). Was seh ich? — Georg! Georg. Ha, Sie, junger Herr? — Fritz. Du hier? Georg. Ja, wenn ich noch allein hier angekommen wäre; aber Ihr Herr- Onkel ist auch angekommen — und Sie — nun Sie werden erst recht ankommen! Fritz. Wie? mein Onkel?! — und er läßt mich hier aufsuchen? Georg. Nun. im Eiseng'werk waren Sie nicht — und man sagte uns, daß Theater-Repertoire Nr. S95. Sie nirgends sicherer zu treffen wären als eben hier. — Fritz. Wie — er weiß bereits? — G e org. Alles, Alles! (Für sich.) Und ich weiß jetzt noch mehr, als Alles! Fritz. Und wie nahm er die Nachricht auf? Georg. Haben Sie jemals einen wüthenden Löwen gesehen? Nein? — Gut, oder einen feuerspeienden Vesuv? Nein! Einen in die Luft fliegenden Pulverthurm auch nicht gesehen? — Dann können Sie sich auch gar keinen Begriff von der Stimmung Ihres Onkels machen! Es ist aber auch darnach! Junger Herr, glauben Sie, weil Sie da auf dem Gute im Gebirge leben, können Sie sich nach Belieben versteigert, oder weil auf den Bergen die Freiheit wohnt, können Sie sich solche Freiheiten herausnehmen? — Ein Ver- hältniß mit einer Sennerin? Und wenn's noch so ein gewöhnliches Abenteuer wäre, ging's noch an, aber daß Sie sogar redliche Absichten haben, das ist schändlich, empörend! Fritz. Und was beschloß der Oheim zu thun? Georg. Vor der Hand schickte er mich voraus, um das Terrain zu recog- nosciren, bald aber wird er mir folgen, um dann wie ein verheerender Blitz in dies Haus zu fahren. Fritz. Warum nicht gar! und gerade heute — am Vorabende ihres Geburts- 4 festes, zu dem ich eben die Vorbereitungen traf. — Ich will sogleich zu ihm. — Georg. Wird Ihnen nichts nützen! Sie wissen, daß er Ihnen ohnehin schon seit einiger Zeit nicht mehr recht grün ist — warum durchkreuzten Sie auch seine schönsten Pläne. — Fritz. Ich? Georg. O, stellen Sie sich nicht so unschuldig! Entsinnen Sie sich denn nicht mehr einer gewissen Maske, mit welcher Sie im verflossenen Carneval auf der Redoute bekannt wurden? Fritz. Ja, es war eine liebenswürdige, geistreiche Dame; sie intriguirte mich auf so reizende Weise, daß ich, obwohl ich sie nicht bewegen konnte, die Larve zu lüften, mich dennoch beinahe in sie verliebt hätte. — Georg. Wenn nur Sie sich in die Dame verliebt hätten, ging's noch an, aber daß diese Dame sich in Sie verliebt hat, — das war höchst störend für Ihren Herrn Onkel. Fritz. Für meinen Onkel? ich begreife nicht. — Georg. Weil Sie nicht wissen, wer diese Dame war, aber ich weiß es. Es ist Frau v. Hellenau, die reizendste, jugendlichste Witwe, überdies Erbin des ungeheuren Vermögens ihres verstorbenen Gemahls, der aber in seinem Testamente, zu dessen Exekutor er Ihren Herrn Onkel ernannte, festsetzte, daß seine Witwe, im Falle sie sich nochmals vermählen wollte, nur dann im Besitze des Vermögens bleiben solle, wenn Ihr Herr Onkel nach reiflicher Prüfung des Bewerbers die Wahl gebilligt hätte. — Fritz. Nun, an Bewerben! wird's wohl nicht gefehlt haben? Georg. O, Bewerber wie Sand am Meere! Aber Ihr Herr Onkel ist ein sehr gewissenhafter Exekutor, — er gab unter Allen nur einem einzigen Bewerber seine Zustimmung — und dieser war er selbst! Fritz. Wie, mein Onkel? Er denkt noch ans Heiraten? — In seinem Alter! Georg. Sprechen Sie das Wort „Alter" gar nicht aus, wenn Sie von Ihrem Onkel sprechen — er hat noch gar kein Alter, will keines haben — spielt noch den muntern Rou6 und hoffte auch, bei Frau v. Hellenau zu reüssiren, — bis sie nach jener verhäng- nißvollen Redoute ihm erklärte, daß nun ihre entscheidende Stunde geschlagen und daß sie Sie oder Keinen zu ihrem zweiten Gemahl wünsche! Fritz. Deßhalb also drängte er mich, sogleich die Residenz zu verlassen und hier die Verwaltung seines Gutes zu übernehmen! — Und hat ihm dieser Coup bei Frau v. Hellenau etwas genützt ? Georg. Vor der Hand nicht! Die Dame war durch seine Mittheilung sehr bitter enttäuscht — wurde schwermüthig, und reiste endlich zu ihrer Zerstreuung nach Hamburg, wo noch ein Prozeß über einengroßen Theil ihrer Erbschaft in der Schwebe ist. — Fritz. Nun, ich wünsche ihr, daß sie mich recht bald vergißt — denn ich denke jetzt wahrhaftig nicht mehr an sie! — Aber die Zeit drängt — mein Onkel kann jeden Augenblick hier herauf kommen — was ist zu beginnen? — Georg, lieber Georg! Du kennst alle Launen und Schwächen Deines Herrn — ersinne ein Mittel, hier einen Auftritt zu verhindern — Du bist doch sonst so ein durchtriebener Spitzbube. — Georg. Ich fühle mich durch diese schmeichelhafte Anerkennung sehr geehrt, und — ja, ich will Ihr Vertrauen rechtfertigen. Fritz. Wirklich? — Wirklich? — Sage mir nur, wie ich mich dabei zu halten habe? Georg. Sie? — (nachdenkend.) Hm, Sie haben sich gar nicht zu halten, sondern im Gegentheil sich so schnell als möglich zu entfernen und Ihrem 6 Onkel nicht früher unter die Augen zu treten, als bis i ch Ihnen dazu rathe.— Fritz. Aber das kleine Fest, welches ich für heute angeordnet habe? — Georg. Kann ungehindert stattfinden ; Ihr Onkel wird noch selbst daran Theil nehmen! Fritz. Ich begreife Dich nicht — Du hast eine Zuversicht — Georg. Wie sie nur einem Genie eigen ist! Ha, ich fühle einen Columbus in mir, ich sage: wir müssen ein Land finden, also muthig drauf los gesteuert ! Fritz (horcht). Ich höre Stimmen, den Waldweg herauf kommt Jemand — Georg. Das ist mein gnädiger Herr, Ihr ungnädiger Onkel — jetzt nur schnell auf einem andern Wege fort. — Fritz. Ja, ich muß fort! — Aber, Georg, mein ganzes Schicksal liegt in Deinen Händen, rette das Glück meiner Liebe, und unbegrenzt, wie diese, soll auch mein Dank sein! (lauft ab.) Georg (allein). Ja, es liegen verschiedene Schicksäler jetzt in meinen Händen. — Die Situationen, in deren Mittelpunkt mich der Zufall versetzte, haben vor der Hand noch den Anschein, als ob sie sich auf ein Trauerspiel mit Liebe, Kabale, giftige Limonade und Mord und Todtschlag hinauswachsen wollten — aber ich will sie zu einem Lustspiel, einer Farce, einem pudelnärrischen Schwank umarbeiten, und wenn nicht heute noch das Stückchen mit einer glücklichen Vereinigung der Liebenden schließt, so will ich mich selber auspfeifen. Ich muß nur schnell an die Inscenesetzung schreiten. (Ab ins Haus.) Dritte Scene. Georg. Blindst ein. EinFührer. (Während dieser Scene beginnt es zu dämmern.) Führer. So, Ew. Gnaden, da sein wir ja schon! Blindst, (in Sommer-Toilette, geckenhaft gekleidet, Strohhut auf der sorgfältig frisirten Perücke, goldene Brille.) Schon? Eine volle Stunde bergauf, auf einem Wege, den kein anderer Mensch, als ein geborner Gemsbock, gehen sollte! — Dazu meine Kurzsichtigkeit — trotz der Brille sehe ich nicht, was mir nnter die Füße kommt — es war ein fortwährendes Stolpern! — Aber, Gottlob! nun bin ich auf der Höhe — und hier — ist das Haus dieser Mimili, dieser Neffen« Verführerin! Gut, geht nur — auf dem Wege hinab habe ich schon meinen Begleiter! (Führer ab.) (vorkommend.) Ah, da ist ja mein Bursche! Georg! Georg. Ah, Sie da, gnädiger Herr! Verzeihen Sie, ich — ich bin noch gar nicht bei mir! Blindst. Um das handelt es sich auch nicht, sondern ob du bei ihr warst, bei der Person — hast du sie gesehen? Georg. Was sehen! Geschwelgt habe ich in ihrem Anblick, die Größe der Natur bewundert, die so ein Geschöpf schöpfen konnte! O, warum haben Ew. Gnaden mich mit dieser Mission betrauen müssen! Meine Ruhe ist dahin, ich bin ein verlorner Mensch! Blindst. Du bist ein Esel! Georg. O, Ew. Gnaden werden auch noch in die Lage kommen! — Dieses Wesen — nein, nicht Wesen — Erscheinung ! Phänomen! Fata morgana! Blindst. Der Bursche ist verrückt geworden' Hat sie dir am Ende einen Liebestrank beigebracht? Georg. Nein, sondern saure Milch — aber von ihren Händen credenzt schmeckte sie wie ein Pfiff Nektar! Blindst. Also ist sie wirklich so hübsch? Georg. Hübsch? — Was ist Alles hübsch? Eine Köchin, ein Stubenmädchen — das nennt man hübsch — aber diese — für diese ist das Wort „schön" noch eine Injurie! dafür gibt's gar keinen andern Ausdruck, als exotisch! 6 Blindst. Wahrhaftig! Du machst mich beinahe neugierig! Aber 's nützt ihr nichts, und wenn sie die medicaische Venus selber wäre, so will ich als Vandale handeln, als Tyrann! Georg. Das wird Ihnen gar nicht möglich' sein, wenn Ew. Gnaden sie sehen. — Blindst. Ei was! ich mache die Augen zu und sag' ihr alle Grobheiten, dann geht's schon. Georg. O, ich wüßte ein anderes, viel angenehmeres Mittel! Wenn ich an Ew. Gnaden Stelle wäre — wie Ew. Gnaden noch immer ein Mann sind. — Blindst. Ja, das bin ich noch immer. Georg. Ich würde den Herrn Neffen auf eine ganz eigene Weise von seiner Leidenschaft heilen! Blindst. Nun, so rede — rede! — wie denn? Georg. Wenn Ew. Gnaden sich selbst recht freundlich dieser allerliebsten Pächterin näherten, ihr etwas den Hof machten, sie für sich selbst einzunehmen suchten. — Blindst. Hm, das wäre eine ganz eigenthümliche Heilmethode. Um meinen Neffen zu kuriren, soll i ch einnehmen! Georg. Ich versichere Ew. Gnaden, die Medizin wäre gar nicht bitter! Blindst. Hm! Und, Georg, sage mir aufrichtig — meinst Du, daß es mir gelingen würde. — Georg. Was ist Ew. Gnaden noch nicht gelungen? Blindst. Ja, 's ist wahr, wenn ich an meine Triümphe in der Residenz denke. — Georg. Und dann so ein Alpengewächs, - dem imponiren Sie ja förmlich! Blindst. Es wäre allerdings Etwas, wenn ich meinen Neffen, der doch um einige Jahre jünger ist, als ich, verdrängte. — Georg. Es wird ein Hauptspaß! hahaha! Blindst. Na, ein bischen Ernst möcht' ich wohl auch machen, hahaha! Georg. Was der junge Herr für Augen machen wird, hahaha! Blindst. Und wie ich ihn dann auslachen will, hahaha! Georg. Ich könnte jetzt schon bersten vor Lachen, hahaha! Blindst. Bist ein Hauptspitzbube, Georg! hahaha! (Beide lachen laut, zugleich hört man vom Hause her Gretchen ein Lied trällern.) Blindst. Was ist das? Georg. Das ist sie — sie wird herauskommen — schnell, bereiten sich Ew. Gnaden zur Attaque! Blindst. Ich bin doch nicht deran- girt von der Tour? Georg. Die Tour sitzt ganz gut. Ew. Gnaden sehen aus, wie ein Adonis — nur Eins gefällt mir nicht! Blindst. Was denn? was? sag's schnell! Georg. Aufrichtig gesagt — die Brille. - Blindst. Meine Brille? Georg. Ja, sie giebt Ihnen ein so gewiß altmodisches, pedantisches Air, und Ew. Gnaden haben gerade in Ihren Augen so etwas Schwärmerisches — Schmachtendes, das wird ganz von den Gläsern gedeckt. — Blindst. Meinst Du? Georg. Auch wird dadurch die eigentlich griechische Form Ihrer Nase beeinträchtigt! Blindst. Du hast Recht, ich weiß auch gar nicht, warum man die Brille gerade auf der Nase tragen muß — Georg. Weil immer der Untere für die Fehler der Obern büßen muß! (Mau hört das Trällern im Hause näher.) Georg. Schnell, schnell, geben Sie her — sie soll an Ew. Gnaden gar keine Schwäche, auch nicht die Ihrer Augen wahrnehmen — (geht aus die andere Seite). 7 Blindst, (nimmt die Brille ab). O, gar so schwach sind meine Augen nicht — nimm sie, stecke sie in das Etui - Georg. Hier bin ich, Ew. Gnaden — hier! Blindst. Ah so! — die Dämmerung nimmt aber stark überhand! (giebt ihm die Brille.) Georg (steckt sie ein). So — und jetzt treten wir vor der Hand etwas zurück, bis eine passende Gelegenheit kommt — (führt ihn an der Hand zurück). Vierte Scene. Vorige. Gretchen (in etwas idea- lisirtem ländlichem Kostüm aus dem Hause). Gretchen. Am Berg is a Bleaml — im Thal s'andre fern, Und s' hab'n die zwa BlKmln sich halt gar so gern; Sie nicken einander so freuudli oft zua Als hätten's im Herzen ka Rast und ka Rua. Es wispeln die Blatteln: zu mir komm, mei Schatz! Aber 's nutzt nix — es kann halt doch keins von sein' Platz — So a Lieb von die Bleaml'n, die war mir schon z'dumm, Mei Bua muß bei mir sein, so oft i sag: kumm! Georg (leise.) Nun, also jetzt — Courage! Blindst. Ha, daran fehlt's mir nie beim Angriff! (umfaßt sie.) Greichen (erschreckt). Ah! wer ist's denn? Blindst, (graziös). Ein Fremder, der gern ein Bekannter werden möchte! Gret ch en (ihn messend). Aha! hält i mir's do glei denken können, daß's wieder so a zug'reister Hudriwudri is — Blindst, (leise). Hudriwudri sagt sie — das ist lieb! Greichen. So a Sommerfliegen, wie's alleweil auf's Land rauskommen, wenn in der Stadt drin einmal d'Fenster aufgmacht wer'n! Blindst. Und sich nur dort feststen, wo sie Honig finden! (will sie umfangen.) Gretchen (macht sich los). Ob's auf- hörts! s'ist nit zum Sagen, was die jungen Leut jetzt glei für a Keckheit hab'n! B l i n d st. (für sich). Die jungen Leute ! s'ist wirklich ein allerliebstesKind! Formen hat sie, sag' ich Dir, Formen — so elastisch — rein Gutta Percha (will sie umfassen.) Gretchen. Aber, was ist denn das? Blindst. Verzeih, ich bin etwas kurzsichtig — Greichen. Deswegen werd's do nit mit die Hand sehen wollen! — Und kurzsichtig? Hat Augen, wie a Falkl! Blindst, (leise). Meine Augen scheinen ihr wirklich zu gefallen — (blickt sie schwärmerisch an). Gretchen (sich kokett abwendend). Was er für Blick auf Ein' abfeuert —! Blindst. Befürchtest Du vielleicht Feuergefahr? G reichen. Na — in d' Assekuranz Hab i mi just no nit einschreiben lassen! Blindst. Sie ist himmlisch! (laut.) Weißt Du auch, was das weibliche Herz für eine Assekuranz hat? Gretchen. I moan, sie nehmen's bei kaner an — hätten ja z' viel Brandschaden z' ersetzen! Blindst. Aber feuerfest und vor jedem Einbruch sicher wird so ein Herzchen, sobald es einmal liebt — so eine erste Lieb ist die Wandfüllung, durch welche keine Flamme dringt, und zugleich das Schloß, zu welchem kein anderer Schlüssel mehr paßt! 8 Gretchen. Meiner Seel! Ihr red'ts so gescheidt — und wann i nachdenk — mögli war's schon! Blindst. Du hältst es nur für möglich? — Hast Du denn noch keine Versuche angestellt? Gretchen. I? — No nit! Blindst. Wie? (für sich.) Ah, nun fängt der Dialog an, interessant zu werden! (Laut.) Wie? Du wärst also noch gar nie verliebt gewesen? Gretchen. Js mir no nit ein- g'falln! Blindst. Geh — geh! Verstelle Dich nickt — so ein Mädchen, wie Du — solltest noch gar keinen feschen Burschen gefunden haben? Greichen. Hm! nach'gangen sein mir wohl schon gnua und verwehren kann i ihnen's eh nit, wann sie si just 's Leben umsonst nunterfressen wollen. B lindst. Also, Dir hätte noch Keiner — gar keiner gefallen? Gr eichen. Hm! wann mir a imm- rigs Mal Einer g'follen hat — i bin gar gescheidt — mit'n Verliebtsein allein war's ja nit g'richt. — Blindst. Freilich nicht! Aber wenn Dich Einer heiraten wollte — ? Greichen. Grad' dös is's, was mir bang macht! — Wer kennt si denn aus mit die Buam? — Schauts, die kämen mir alle für, wie d' Meer- schaumköps, die mei Vetter oft kauft — so lang's no neu sein und weiß, schaun's alle aus, als wann's ka g'fehlts Aderl hätten — aber wie man's nachher anraucht, kommen d' Makeln und d' Sand- körndln zum Vorschein. Blindst. Der Vergleich ist süperb! — aber sieh — wie wär's denn, wenn, um bei diesem Vergleiche zu bleiben, Dir ein Kopf angeboten würde, der nicht mehr so ganz neu wäre. — Gretchen (schelmisch). Mant's vielleicht den Eurigen? (faßt ihn am Kinn.) Laßt's einmal anschaun! hat si nit übel ang'raucht! Blindst. O Gott — o Gott! wie das durch und durch gruselt! (zieht den Kopf zurück, hält ihre Hand fest.) Nicht — nicht! Das halte der Henker aus! und das liebe Patschchen — rein Velour! (küßt ihre Fingerspitzen.) Oh! magnetische Funken sprühen aus ihren Fingerspitzen — es durchzuckt mich elektrisch-galvanoplastisch! Mädchen! Engel! so war mir noch nie zu Muthe wie in Deiner Nähe! Gretchen. Schaut's nur den an! Jetzt Hab' i glaubt, der wär' anders, als die andern, und derweil is er accu- rat so, wie die andern! Blindst. Meine Schuld ist's nicht, daß man in Deiner Nähe ein Anderer wird! Alpennymphe! Waldnixe! Feenkind! Ein Wort! und Du machst mich närrisch vor Entzücken. — Gretchen. Mit Ein' Wort soll i eng schon narrisch machen können? Na, da müßt's wohl eh nit weit hinhaben! und was war denn das für a Wort? Blindst. Sage mir — könntest Du mich — mich lieben? Gretchen. Jetzt geht's! Für ein G'spaß bin i z' guat! Blindst. Nein — Ernst, heiliger Ernst! Willst du Beweise? — Hierzu Deinen Füßen — < kniet.) — Geht dies Wort so schwer über Deine Lippen? Gretchen. Das nit — aber i möcht' Euch ja do nit wahnsinnig machen! Blindst, (springt auf). Ich weiß genug! Wonne! Entzücken! — Maho- med müßte auf seinen siebenten Himmel noch eine Etage bauen, wenn ich ein passendes Quartier für meine Seligkeit finden sollte! Gut, gut! sprich nichts! aber mimisch drücke Dich aus — ein Kuß sei Dein Dolmetsch! Gretchen. Was fällt Euch ein! — da (zeigt auf Georg). Blindst. Ja so — rs^aräsL Iss äomssti^uss! Du hast recht! Auch muß so eine Götterkost nur unter vier Augen 9 genascht werden — also gieb mir ein Rendezvous! Gr eichen Was ist das? Blindst, (für sich). O Unschuld! Sie weiß noch nicht einmal, was ein Rendezvous ist, und das Wort ist doch bekannt, so weit die deutsche Zunge reicht! (laut.) Also — ein Stelldichein' Greichen. Das haben wir nit im Haus! Blindst, (für sich). Sie ist auch auf deutsch unschuldig! (laut.) Ich meine, bestimme mir einen Ort, wo ich, mit Dir allein, ein Stündchen kosen könnte. — Greichen. Allein? — Mit mir allein? Das kann i Eng nit sagen — denn i — i bin überhaupt nie allein — der alt' Vetter is all'weil z' Hans — bei ihm muß i bleiben — g'rad nur auf d' Nacht — da sperrt er' S Thor zu — nachher geh' i in mei Kammerl nauf — seht's, das Fenster! g'rad oberm Thor — das is mei Kammerl — und wann da a Licht brennt — da bin i allan! Blindst. Wenn das Hausthor zugesperrt ist? Danke für die Auskunft! Greichen Hahaha! Ihr Stadtleut' seid's do aber gar z' dumm — na, mehr als i g'sagt Hab', kann i Eng nimmer sagen! B'hüt Eng Gott! (Ab in's Haus.) Blindst. Nein— bleibe, Luftgestalt — sphärische! Ein Wort noch! — bist du denn unsichtbar geworden? (Die Thür des Hauses wird verriegelt.) Was ist das? Georg. Sie ist eben in's Haus und hat das Thor zugeschlossen. B li nd st. Zugeschlossen? — Ah, das ist ja verflucht! — Ich bitte Dich — Du hast doch Alles gehört? Georg. Ich habe gehört — gesehen und gestaunt! Ein so schneller Sieg ist noch nicht vorgekommen, seitdem die Weltgeschichte steht! — Ich lasse mir's nicht nehmen, Ew. Gnaden müssen mit dem berühmten Veui vicii vioi verwandt sein! Blindst. Ja, meine Siege sind immer im Fluge — aber hier, was Hab' ich von dem Siege, wenn ich ihn nicht benutzen kann? Ein Mädchen, welches den ganzen Tag über nicht allein ist, ist das zweckwidrigste Geschöpf. — Georg. Aber, Ew. Gnaden, leiden Sie denn auch an einer moralischen Kurzsichtigkeit? Blindst. Ich leide an gar nichts Moralischem. Was meinst Du? Georg. Haben Sie denn ihre Andeutungen nicht bemerkt? Sie sagte: wenn das Hausthor zugesperrt ist — Blindst. Das ist's ja eben — wenn das Hausthor zu ist, dann ist Alles zu! Georg. Aber an dem Fensterlein ober dem Hausthor — (wendet ihn dahin und zeigt nach dem Fenster.) Blindst. Da ist Licht oben! Georg, bind da — (auf die Stirn.) geht noch kein's auf? Sagte sie nicht, daß sie dann allein in ihrem Kämmerlein ist? Blindst. Ja wohl! Aber im ersten Stock! Da könnte höchstens ein schwärmerischer Märzenkater hinauf! Oder kannst Du mir Flügel besorgen? Georg. Diese nicht — aber — dort sehe ich eine Leiter. — Blindst. Eine Leiter? Wie? Du muthest mir zu, daß ich nächtlicher Weile wie ein Dieb — Georg. Aber haben Ew. Gnaden denn noch nie etwas vom „Fensterln* gehört? Blindst. Fensterln — meiner Treu! jetzt fällt mir's ein! Georg. Das ist hier ländlich sittlich ! Blindst. Nun, ländlich wohl, aber sittlich? Doch diese Frage erörtre ich nicht! Du meinst also? — Georg. Daß die niedliche Aelplerin gar nichts anderes erwartet, als daß Ew. Gnaden thun werden, was jeder 10 verliebte Bua thut. (Das Fenster wird geöffnet.) Blindst. Ich soll mich also bübisch benehmen? Georg. Hahaha! Was sagt' ich! das Fenster ist bereits geöffnet — Wollen Sie das Täubchen vergebens schmachten lassen? Blindst. Nein, nein, Grausamkeit war nie mein Laster — und das Abenteuer ist ja zu köstlich — hole die Leiter, lege sie sicher an — aber mache keinen Lärm! (Georg holt die Leiter und lehnt Sie an das Haus.) Blindst. 's ist wirklich kolossal! Eine avsnture pan exoslleneo! — ohnehin schon 500 Klafter über der Meeresfläche und noch steigen! Georg. Pst, pst, kommen Sie doch! Blindst, (schleicht hin). Bin schon da — sie ist doch fest? Georg. So fest wie Jakobs Himmelsleiter! Blindst. Also — frisch gewagt! Gieb mir die Hand! Halte die Leiter, bis ich vollends oben bin! (steigt.) Georg. Ew. Gnaden müssen ein Lied dazu singen; das ist so Mode! Blindst. Kommt mir auch nicht daraus an — fällt mir eben so was ein — (steigt hinauf und singt.) Dirndl, schläfst schon oder kennst mich nicht? Oder sind dies deine Fenster nicht? Verwandlung. Stübchen im Hause. In der Hinterwand ein geöffnetes Fenster, vorn ein Tisch mit brennender Lampe, Seiten- thüren links und rechts. Fünfte Scene. Hans. Dann Blind stein. Hans (lauschend aus der Seitenthür) Pst, pst! s' Vögerl wird glei im Schlaghäusel sein! bleibt nur alle auf Eurem Posten und thut, was ich Euch sag'- Blindst, (erscheint außen am Fenster.) Gretchen! Gretchen! (Hans hustet leise.) Ha, es wird gehustet! So viel ich sehe, Niemand hier! Oh, sie verbirgt sich wohl nur — — (ängstlich sich an's Fenster klammernd.) Was ist das? die Leiter weicht unter meinen Füßen! Georg! verdammter Schlingel! (Man hört die Leiter fallen.) — Da haben wir's! Der Bursche ist fort, die Leiter umgefallen — es giebt keinen Rückweg mehr — ich komme mir vor wie Cortez, nachdem hinter ihm seine Schisse verbrannt waren — also vorwärts — (steigt in's Zimmer.) ich hoffe doch, daß es hier keine Menschenfresser giebt. — Hans (tritt vollends aus der Seitenthür.) Was hör' i denn da für a Stimm? Blindst. Alle Teufel, es scheint nickt Gretchen zu sein! Hans. Wer ist's denn! (leuchtet.) Ha — da -- da! — Blindst. Hat mich schon! Hans. Hervor, Du — (will ihn packen.) Blindst. Ruhig, edler Gebirgsbewohner! Nur keine Mißverständnisse! — ich — ich wollte nur — Hans. Was sieh ich? — Meiner Seel! Der Herr — den Hab' ich ja die Ehr' z' kennen — Blindst. Wie, ihr kennt mich? Hans. Wohl! wohl! Hab' Ew. Gnaden ja schon vor a paar Jahren g'sehn, auf ihrer Herrschaft drunten — und — der gnädige Herr -dabei uns — die Ehr! B lind st. O bitte — meinerseits das Vergnügen — Hans. Aber so spat — und auf dem Weg. Blindst. Hm —es ist — es war — nun, lieber Alter! ich sehe, ich habe einen Mann von Bildung vor mir — wir werden uns leicht verständigen. — 11 Hans. Das will i wohl hoffen — aber reden Euer Gnaden nur — Blindst. Aller Wahrscheinlichkeit nach seid ihr auch einmal jung gewesen — wart gewiß auch einmal verliebt. — Hans. Und wie! Mein Gott! wie mei Alte a no jung war — völli verrückt war i — was Hab' i da nit Alles ang'stellt. — Blindst. Nun seht - in der Lage bin ich auch — Eure Anverwandte — Gretchen ist doch Eure Meee? Hans. Mahm, Mahm! - aber i bin so viel als ihr Vater, bin ihr Ger- Hab — Blindst. Nun seht, das Mädchen hat mir nun vollends den Kopf verdreht. — Hans. Ah — jetzt g'spann i was! — Sie hat mir, wie's hamkommeu is, was verzählt von an bildsauberu Herrn. Blindst. Ja, der bin ich! Hans. So? so? Ah, das g'freut mi (hält ihm die Hand hin.) Blindst. Mich auch! (schlägt ein.) Hans (schüttelt ihm derb die Hand). Das is amal a Bekanntschaft, gegen die i nix einz'wenden Hab — und die Grell — sie weis no gar nit, was ihr für a Ehr', für a Glück widerfahren is — (ruft.) Grell! Grell! so kimm do! Blindst, (für sich). Das ist ja ein liebenswürdiger Greis — charmanter Mann — was man nur sagen kann — charmanter Mann! Sechste Scene. Vorige. Gretchen. Gretchen. Was wollt's denn, Vetter? Hans. Da — schau her! Gretchen. Jesuß — der Herr — da?! Blindst. Ja, ich habe mir die Freiheit genommen — Hans. Und du weißt no gar nit, wer er is? Gretchen. Wer fragt denn darnach? Hans. Das ist der Herr von Blindstein, der Gutsbesitzer von drunt — Gretchen. OmeiGott— u. der — ? Hans. Ja, der hat, wie sich's für ein ehrlichen Mann ziemt, mir als dein Gerhab sei aufrichtige Lieb' zu dir g'stan- den — Gretchen. Wirkli? wirkli? — Na, und Ihr — ? Hans. Na, daß i da nix dagegen Hab, kannst Dir wohl denken! Gretchen. Alsdann Alles schon in Ordnung! (umarmt Hans.) Vetter! Vetter! das war mir ja gar nit im Traum eing'falln, daß das Alles so g'schwind mögli wär! — so a Herr! so aHerr! — und i! I kenn mi gar nit aus vor Freud! da wer'n einmal die andern stolznaseten Dirndln schau'n! die Verwaltrische, der Koaner recht war, und die z'letzt do den einaugeten Förster g'nommen hat, und die Müller-Leni, die glaubt, Gott weiß wen's hat — weil der Schulg'hilf um Sie ang'halten hat — und nachher die Gamshubrische mit ihrem Salzpraktikanten — wann jetzt i dahersteigen wer' mit so ein Bräutigam! Blindst. Bräutigam? Gretchen (faßt seine beiden Hände, entzückt). Herr! i kann Eng gar nit sagen, wie mir ist! Blindst. Ich, wahrhaftig, ich weiß es auch nicht, wie mir ist! Gretchen. Und wann — wann glanben's denn, daß schon d' Hochzeit sein könnt' ? Blindst Hochzeit? Hans. Na, lang nausschieben thun wir's auf kein' Fall — a langer Brautstand thut ka gut — also ma'n i, weil mir schon so weit sein, könnten wir glei All's in Ordnung bringen — B lind st. In Ordnung bringen? — was denn? Hans. Na, i Hab mir für so ein Fall schon ein Contrakt von unserm 12 G'richtSschreiber aufsetzen lassen — er liegt da in der Lad' — da dürfen nur d' Namen hineing'schrieben wer'n — Blindst. Halt, halt, lieber Mann, nur nicht gar so rasch — so etwas fordert doch einige Ueberlegung — Gretchen. Ein' Ueberlegung — ? Hans. Ein — Ueberlegung?! — Herr! habt's nit Zeit g'habt, z' überlegen, bevor's zu dem Fenster reingstie- gen seid's? Blindst. Mein Gott, was thut man nicht Alles, wenn man verliebt ist? Hans. Da thut man eben Alles — man Heirat! Blindst. Entschuldigt — man kann auch — Hans. A schlechter Kerl sein, der ein' ehrlichen Madl ihren Ruf — ihren Frieden stiehlt, und nachher nix mehr von ihr wissen will — aber so Einer — so will i z' Gott hoffen, sein Ew. Gnaden nit — i will's hoffen, denn sonst - Blindst. Nun — sonst — Hans. Na, i wollt Ew. Gnaden nur sagen, wie i's in solchen Fällen mach — s' ist nämlich* schon g'schehn, daß Burschen aus der Nachbarschaft den nämlichen Weg probirt haben — Blindst. Ah — das ist aber eine Unverschämtheit, —! H ans. Da Hab i halt g'wöhnlich so ein frech'n Kerl bei d' Brust packt — (faßt Blind stein). Blindst. Was thut Ihr? Hans. I zeig's Ew Gnaden nur — hab's a wen'g glupft — bis zur Thür g'schupft, (drängt ihn zur Thür, und öffnet Sie) da draust is d' Gsindstuben — da sitzen unsre Knecht — schaun's Ihnen an — Blindst. Herr Gott — lauter Riesen! Hans. Die müssen ihn hernach bis zu sein Haus hamprügeln — Blindst (für sich). Gott! wo bin ich hingerathen! (Man hört erst fern, dann näher, ländliche Musik). Gretchen. O mein! was is denn das? (eilt zum Fenster.) Blindst. Musik? Ich werd' am End' mit melodramatischer Begleitung hinausgeworfen! Gretchen. Vetter! Vetter! a Menge Leut' zieh» da herauf mit Fackeln — d' Musikanten sein dabei — und einen g'waltigen Maibaum tragen's — Hans. Das gilt Dir! Morgen ist ja Dein Geburtstag — das gebet grad a gute Gelegenheit — Blindst. Zu was? - Hans. Wann's Ihnen jetzt glei unterschreiben wollten — den Hausbrauch wißen's jetzt — also reden's — g'fqllen hat Ihnen mei Mahm — nit wahr? Blindst. O sehr — ist überhaupt eine recht liebenswürdige Familie — Hans. Und so ganz leer is a nit — ihr Vater hat sei Geld z'samm- g'halten — Blindst. Geld hat Sie? Hans. Die Wirtschaft — am Grund sind keine Sätz — Blindst. Keine Grundsätze? Hans. Und 50.000 fl. liegen für sie in der Sparkassa. Blindst. 50 — 50.000! hm! hm! das Mädchen ist erst nicht ohne Bildung — Hans. Also, überlegen's Ihnen's g'schwind! i füll' derweil d' Schrift aus — (setzt sich au den Tisch und schreibt). Blindst (für sich). Allerdings — die Sache ist zu überlegen — wenn ich's nicht thu, giebt's einen fürchterlichen Scandal, und wenn ich's thäte — hm! 's wär immer eine Gattung Triumph über meinen Neffen — freilich — Frau von Hettenau! — ei was! diese Frau hat keinen Geschmack — wer weiß, ob ich überhaupt reüssirte — dazu schwebt ein Theil ihres Ver- 13 mögens noch im Prozesse — und jedenfalls ist sie die Taube auf demDache, diese der Spatz in der Hand — noch dazu ein recht lieber Spatz — hol mich der Teufel, ich unterschreibe — laßt einmal sehen! (liest, stutzt.) was, ein Reugeld von 40.000 fl. ? Hans. Das ist nur für den Fall, daß Sie, ohne Verschulden der Braut, z'rucktreten wollten — Blindst. Aber 40 — Hans (drohend). Ja, denken Sie denn an's Z'rucktreten? Blindst. Ich? — Gott bewahre! Hans. Na, also vorwärts! Blindst. Gott! was um mich für ein Geriß ist — (unterschreibt). Hans. So ist's recht — jetzt kann i Euch glei unten als a Brautpaar aufführen, und das Fest war' z'gleich 's Verlobungsfest — " Gretchen. Was? heut noch Braut? heut noch Verlobung? Jetzt nutzt nix — jetzt muß i Ihnen a Bußl geben. (Küßt ihn). Blindst. Ha! so ein Kuß! so was bekommt man in der Stadt gar nicht! Siebente Scene. Vorige. Fritz . G eorg. Georg. Alle Wetter! der Herr Vetter! Fritz (freudig überrascht). Sie hier, theuerster Onkel? und Sie drücken Gretchen an Ihre Brust? Georg (leise.) Sehen Sie, so habe ich Ihren Onkel gestimmt' Fritz. Sie verzeihen mir also — sind einverstanden? Hans. Versteht sich! schon Alles ab'gmacht. Halloh ! heut soll's noch hoch hergehn.! Musi und Tanz! Juche'.heut macht selber noch ein Sprung mit! (Ab.) Fritz. Also wirklich? heut noch die Verlobung ? O, wie Sie mich überraschen, lieber Onkel! Blindst. Ja — es ist alles Mögliche geschehen, um Dich zu überraschen. Fritz. Aber, Gretchen! warum bleibst Du mir so fern —? G re tchen (leise). Der arme junge Herr! I weiß, er is auch in mi geschossen — hat sich auch Hoffnung g'macht — bringen's ihm's nur langsam bei — F r i tz. Was sprichst Du so heimlich? komm doch an mein Herz! Gretchen. Junger Herr! Fritz. Welche Sprache! Gretchen, bist Du denn nicht mehr mein liebes Gretchen? Gretchen. Junger Herr! die Sprach taugt nimmer für uns zwei! — I Hab Ihnen ang'hört, wie's mir von Ihrer Lieb' vorfantasirt haben, aber i — i selber Hab no gar nit gewußt, was a wahre Lieb is — aber jetzt Hab' i ein Schatz, und der Schatz is mei Bräutigam, und drum gieb i Ihnen Ihr Wort z'ruck, und Sie brauchen gar nix mehr von dem z'halten, was's mir versprochen haben! das is 's letzte, was i Ihnen z' sagen Hab, das andre wird Ihnen Ihr Herr Vetter sagen — b'hüt Ihnen Gott. (Ab.) Fritz. Sie giebt mir — mein Wort zurück? — ein Bräutigam? — Onkel! Um Alles in der Welt! können Sie mir Aufklärung geben? Sagen Sie — wer, wer ist der Bräutigam? Blindst. Nun — und wenn ich ihn Dir nenne — was würdest Du thun? Fritz. Ich brächte den Elenden um! Blindst, (für sich). Herr Gott! diese Augen! (laut.) Und „Elender " sagst Du? höre — Du weißt nicht, wer — Fritz. Gleichviel — wer er auch sei — unter meinen Händen müßte er fallen — B lin d st. (für sich). Wäre nicht übel! aber ich glaub's wahrhaftig, er wär's im Stande — Fritz. Nun, Onkel, werd' ich's endlich erfahren? 14 Blindst. Gleich, gleich! (leise zu Georg.) Ich bin weiter gegangen, als ich ursprünglich wollte — ich bin wirklich der Bräutigam — Georg (erstaunt). Wie? Sie? nicht möglich! Blindst. Ja — 's ist ein lait aoeomxli — aber ich weiß nun nicht, wie ich's ihm beibringen soll — ich fürchte, er verfällt in Tobsucht! Georg (leise). Ja, da ist die höchste Vorsicht nöthig, sonst erleben Sie etwas! Blindst. Erleben? — wenn er mich umbringt? Georg. Halt! ich hab's, das wäre ein Ausweg! (setzt sich an den Tisch und schreibt.) Fritz. Onkel, ich beschwöre Sie, spannen Sie mich nicht länger aus die Folter! Blindst. Lasse nur dein Blut sich etwas abkühlen! Fritz. Mein Blut — abkühlen? — Nicht anders, als im Blute meines Nebenbuhlers! Blindst. Entsetzlich! (Zu Georg.) Bist Du denn noch nicht fertig? Georg. Ja — hier — (hält ihm die Schrift hin.) Blindst. Was soll das? Georg. Man muß ihm schnell einen Ersatz bieten — Sie wissen, Frau von Hellenau hat ihn schon als Maske interessirt — sie liebt ihn, also unterschreiben Sie hier, daß Sie gegen diese Wahl nichts einzuwenden haben — Blindst. Wie? das soll ich —? (Fritz nimmt eine Büchse von der Wand, untersucht das Schloß.) Georg. Um Gotteswillen! sehen Sie —; Blindst. Was hat er denn? Georg. Eine Flinte — B l ind st. Gott im Himmel! Georg. Er spannt den Hahn! Blindst. So sag' ihm doch, er soll das Geflügel in Ruh lassen — Georg. Unterschreiben Sie, dann stehe ich für Alles! Blindst. Nun denn — im Grunde liegt ja jetzt nichts mehr dran! (unterschreibt.) Georg (nimmt die Schrift). Jünger- Herr ? Fritz. Was soll's? Georg. Legen Sie gefälligst die Flinte weg — es läßt sich nicht ruhig debattiren unter diesem Einfluß — ich bitte! Fritz (thut es). Nun sprich! Georg. Lesen sie zuerst diese Schrift. — Ist das ein bischen ein Ersatz für so eine Landdirne — die schönste, reichste Frau. — Fritz. Und wäre sie eine Göttin, und ständen ihr alle Reichthümer der Welt zu Gebote, ich kann keine,, keine mehr lieben! (giebt ihm die Schrift zurück.) Blindst. Aber ansehen wirst du Dir sie doch — weißt Du was, reise ihr sogleich nach, nach Hamburg, wo sie gegenwärtig ist. — Georg. Nach Hamburg? — dort ist sie ja gar nicht mehr. — Blindst. Wie so? — was weißt du? Georg. Ein Bote brachte eben einen Brief (zieht ihn hervor.) Ich kenne die Handschrift der Frau v. Hellenau, aber das Postzeichen ist von der nächsten Stadt. — Blindst, (nimmt ihn). Ein Brief von ihr — gieb schnell her! (liest.) „Mein theuerster Freund!" Hörst Du, theuerster Freund! „In Eile meldeich Ihnen, daß ich meinen Prozeß glänzend gewonnen habe." (Für sich.) Das hat nun für mich kein Interesse mehr! „Ich bin bereits auf der Rückreise und habe meinen Entschluß für meine Zukunft bereits gefaßt. Ich habe mir nun die Ueber- zeugung verschafft, daß nur Sie — (stockt, zittert, schreit). Um Gotteswillen, lies du — denn meinen Augen traue ich nicht mehr! Georg (liest). „Habe mir nun die Ueberzeugung verschafft, daß Sie der 15 Einzige sind, der mich wahrhaft, um meiner selbst willen und ohne Eigennutz, liebt!" Blindst. Ich könnte beinahe scham- roth werden — aber lies weiter—weiter,! Georg, fliest). „Ich gelobe daher, Ihnen gleich nach meiner Ankunft meine Hand zu reichen, und Sie zum Herrn meines Vermögens zu machen! Treffen Sie indeß alle Vorbereitungen zu unserer V ermählung. Ihre Sie herzlich liebende Emilie von Hellenau!" — Blindst. Einen — einen Stuhl! Ich werde ohnmächtig! (sinkt in den Stuhl.) Dies Bekenntniß — diese Zusicherung — setzt - jetzt — (springt auf). Aber nein! Ich habe jetzt keine Zeit, ohnmächtig zu sein — ich habe jetzt etwas Anderes zu thun! Aber was? was? das weiß vor der Hand nur Gott allein! Georg. Aber Ew. Gnaden — ich sehe ja gar kein Hinderniß — Sie sind ja erst Gretchens Bräutigam. — Fritz. Was? Sie, Onkel? Sie Gretchens Bräutigam? Blindst, (kleinlaut). Ja — verzeih mir — ich will's mein Lebtag nicht wieder thun' Fritz. Sie? (plötzlich lachend.) Hahaha! Onkel! Sie? hahaha! Blindst. Höre, du lachst grob! Fritz. Das ka nn ja nicht mit rechten Dingen zngegangen sein! Blindst. Nein, ich bin verführt worden! Fritz. Es ist auf einen Scherz abgesehen ! Blindst. Aber nein — verfluchter Ernst! Ich habe einen Kontrakt unterschrieben und — Herr Gott! wenn ich ohne Verschulden der Braut zurücktrete 40.000 fl. Reugeld — und wenn sie noch mit der Hälfte davon zufrieden wäre, mit der Reue nämlich! — Fritz. Aber, da muß ja doch geholfen werden können! Blindst. Freilich — eS muß — es muß — aber wie? G eorg. Ich hab's — ich hab's! Blindst. So gieb's her! Georg. Es steht ja im Kontrakt: wenn Sie ohne Verschulden der Braut zurücktreten! Blindst. Ja — ja - aber — Georg. Also muß das Mädchen etwas verschulden, und — wenn der junge Herr wollte. — Blindst. Wahrhaftig! Ja, so — so allein ging's! Fritz! Mein Goldjunge! Du könntest das zu Stande bringen — thu mir's zu Liebe! Fritz. Aber was denn? Blindst. Höre mich an! — Ich selbst werde dir Gelegenheit verschaffen, mit Gretchen allein zu sein — Fritz. Ich wünsche nichts anderes — ich bin überzeugt, daß sich dann Alles aufklären wird. — Blindst. Damit ist aber nicht geholfen — Du mußt sie überreden, mit Dir zu entfliehen. — Fritz. Entfliehen — jetzt, bei Nacht — wohin? Blindst. Das ist Alles eins — wenn Du Dich nur auf ein Stündchen mit ihr im Walde verbirgst, so habe ich Rechtsgrund genug, zurückzutreten. Fritz. Aber Gretchens Ruf. — Blindst. Den kannst Du dann selbst restauriren — kannst sie heiraten — ich gebe Dir meine Zustimmung. Fritz. Um diesen Preis thue ich Alles! Achte Scene. Vorige. Hans. Hans. Na, jetzt ist's aber Zeit, daß wir zum Tanz gehen — Ew. Gnaden werden doch keine andere Tänzerin wählen, als Ihre Braut. — Blindst. Ich? (leise zu Fritz.) So geht's am besten — während des Tanzes 16 — versiehst Du — (laut.) Ich, gewiß — es wäre mir ein Vergnügen, Gretchen zum Tanze zu wählen, aber ich habe mir den Fuß übertreten, und bin wegen dieser Uebertretung nicht wahlfähig — aber mein Neffe wird so gut sein, meine Stelle zu vertreten — komm nur, komm — (leise.) ich werde den Alten etwas länger heroben zurückhalten, damit Du ungehindert bist — während des Tanzes entführe sie, auch wider ihren Willen — 's ist Alles eins — wenn sie nur entführt ist, das Uebrige nehme Alles ich auf mich! (Alle ab.) Verwandlung. Die frühere Decoration, vor dem Hause ein geschmückter Maibaum, an den Bäumen zwischen Guirlanden farbige Lampeu, Tische und Stühle. Neunte Scene. Math is. B auern u. Bäuerinnen. Musiker. Zitherspieler. , Mathis. Halt — jetzt halt's a Weng aus mit'n Tanz — da kommt unser Zitherschlager — kommt's nur her! (Zitherspieler tritt auf.) Ihr kommt's grad zurecht — setzt Euch daher uud spielt uns a saubres Liedl auf! (Der Zitherspieler spielt, die Bauern bewegen sich nach der Melodie und fangen an, in die Hände zu klatschen und zu tanzen, und zu jauchzen.) Zehnte Scene. ^ Vorige. HanS. Blindstein. Hans. Alloh! da gehts ja schon recht lusti her! — Aber Ihr müßt's erst wissen, was wir heut für a Fest feiern! Math iS. Nu, was denn? Hans, 's ist nicht nur der Geburtstag — 's ist d' Verlobung von meiner Mahm — Alle. Was? Was? Hans. Ja, sie ist Braut — und da — da steht der Bäutigam! Alle. Vivat! Vivat! Blindst.Halt — halt! Einen Bräutigam kann man doch nicht allein leben lassen, ich will mit meiner Braut leben — wo ist sie denn? Hans. Ja, wo ist's denn? — Sie hat mir g'sagt, sie geht derweil herunter. — Mathis. Sie hat ja eben noch mittanzt. — Blindst. Alle Teufel! was soll das? Meine Braut abhanden gekommen? Hans. Na, na, sein's nur ruhig, sie wird nit weit weg sein — (zu den Bauern.) Aber, so schaut's euch doch um! Eilste Scene. Vorige. Georg. Georg (scheinbar athemlos). Nein — nein — schaut Euch nicht um — bedeckt lieber Eure Augen, daß Ihr den himmelschreienden Frevel nicht schaut — Blindst. Hans. Was ist's denn? was ist denn geschehn? Georg. Gnädiger Herr! mein armer gnädiger Herr! Blindst. Arm? wieso arm? Sprich, Hiobs-Postillon! Georg. Ihre Braut — Blindst. Nun — was ist's mit ihr? Georg. Ich komme eben durch den Wald — da unter einer dichten Baumgruppe sehe ich sie — in den Armen Ihres Neffen! Blindst. Wie—in den Armen!—Entsetzlich ! grauenhaft! Alter! was habt Ihr mir da für eine Katze im Sack verkauft? Hans. Aber hören's, das ist ja gar nit Möglich — (zu den Bauern.) Geht's 17 glei — sucht's es auf — an der Stell' soll's daher kommen zu ihrem Bräutigam! (Einige Bauern nach hinten ab.) Blindst. Bräutigam? der Teufel ist noch Bräutigam! Ich— eine solche Braut? Ich frage Euch alle, wer unter Euch würde so eine Braut noch als Braut erkennen, die mitten unter dem Verlobuugsfeste sich mit einem jungen Burschen wegstiehlt? Bauern. Wir Keiner! Blindst. Es ist gegen allen Anstand ; wenn sie noch gewartet hätte, bis nach der Hochzeit! Aber, so — es ist himmelschreiend! weltempörend! kontraktbrechend ! Ich nehme sie nicht — mein Ehrenwort darauf! Bauern. Ah — da kommen's ja schon! Blindst. Man schleppe sie hierher, daß ich den Stab über sie breche! Zwölfte Scene. Vorige. Fritz. Greichen. Fritz. Hier sind wir — Blindst. Ha, sie sucht sich zu bemänteln — aber, das ist nicht der Mantel der Unschuld! Gretchen (in einen Mantel eingehüllt). Nein, Herr Testaments-Exekutor! ich bedarf keiner Hülle mehr! (wirft den Mantel ab und erscheint in eleganter Toilette.) Alle. Was ist das? Blindst. Wie wird mir denn? Georg. Wollen Sie sich nicht Ihres Augenglases bedienen? (reicht ihm die Brille.) Blindst. Alle Wetter! Frau von Hellenau! Alle. Frau von Hellenau? Gretchen. Welche, um die Wahrheit Ihrer Angaben und den Gegenstand ihrer Liebe (auf Fritz) zu prüfen, diese Alpenwirthschaft miethete und sich für die Nichte dieses ihres Hausverwalters (auf Hans) ausgab — Ihr Neffe liebte mich auch als solche, während Sie in die Falle gingen, die ich mit Hülfe einiger Bundesgenossen Ihnen stellte! Blindst. Hoho! Ich bin Wahlprü- fungs-Commissär — ich erkläre diese Wahl für ungültig — Georg. Hoho! hier ist Ihre Schrift, worin Sie der gnäd. Frau die Vollmacht geben, frei zu wählen — Blindst. Auch Du, Brutus? Aber auch ich habe etwas Schriftliches — (zieht den Brief hervor.) hier geloben Sie, mir Ihre Hand zu reichen — Gretchen. Besehen sie doch gefälligst die Adresse — Blindst. An Herrn — an Herrn — Geo rg. Fritz von Blindstem. — Der Brief war an Ihren Herrn Neffen. Blindst. Teufel! die Adresse Hab' ich ganz übersehen! Also, kein Gretchen, keine Frau von Hellenau? Ja, wie heißt denn das? Georg. Das nennt man „zwischen zwei Stühlen!" Mathis. Aber das is fatal, jetzt haben wir uns schon Alle darauf g'freut, daß uns die Jungfer Gretl heut a paar Liedeln zum Besten geben wird, aber jetzt, wo die Jungfer Gretl a gnädige Frau is — Gretchen. Wird sie Eure Wünsche doch nicht täuschen. Wenn ich auch nicht mehr das ländliche Kleid trage — in mein Herzen bleib i doch unter allen Verhältnissen eine echte Oesterreicherin, die recht gern d' Sprach red't, die ihre lieben Landsleut' reden, und ihnen.wanns ihnen a Freud macht, nie a lustigs Lied versagt! Alle. Bravo! Ende. Soeben ist im Verlage der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) Wien, Hoher Markt Nr. 1, erschienen: gesammelte heitere D»ortrage von Josef Wetzl. 10 Hefte jedes im Preise von 30 kr. Oest. Währ. 60 Pfennige. Inhalts-Uebersicht: 1. Hest. An die Künstler. Tragisch oder Komisch. (Vortrag für eine Dame.) Ein altes Götzenbild. Was a Bauer ned Alles sein möcht. Frei nach Darwin. Abgekühlte Heißsporne. Der Pfarrherr vom Kahlenberge. Pscheschitschek. Eine Ballphrase. Die Speckvertheilung. (Zur Beamten-Aufbesserungsfrage.) Schnadahüpfeln Nr. 1—6. 2. Hest. 3. Hest. Enorma oder der Druiden-Barbier. Opernkonfusion in 1 Akt. Die Entstehung der ersten Ballet-Tänzerin. Vaterfreuden eines Berliners. Plausck des Publikums über die Oper „Margarethe." (Prosa.) Was hat die Welt ruinirt. Ein fünfstockhoher Hausherr von Neu-Wien. Meinungsverschiedenheit. Der Fuchtige. Z'weg'n dem Schnee. Der Schah in Schah. Stoßseufzer eines Arithmetikers. Amors Lexikon. (Dialekt-Scherzi Nante's Christgedanken. Der Müller und sein Kind. Pimpelmeier's Träume. Sam. Schnorrers Lebens- und Börseregeln. Gottschalk Schlemmer. (Eine schauderhafte Murithat.) Es hat 'rer, es giebt 'rer, aber man findt 'rer halt nicht. Nach der Speckvertheilung. (Fabel für kleine Beamte.) Der erste Katzenjammer. Der Zopfabschneider. (Eine grausliche Ballade in Chignonversen.) Diurnisten Abc. Schreiben des Herrn Jstvan Farkas an seinen Sohn Lajos. (Prosa.) i Gerechte Entrüstung. - ! 4. Heft. Jeremias Pechhuber. (Solo-Scene.) Christbescheerung. Der hilflose Sepp. Bor der Kassa-Eröffnung. (Prosa.) Der Invalide nach der Leichenfeier. Raubritter. Was Alles in der Weltausstellungs-Rotnnde zu finden war. Am Eis. Biblische Geschichten. Das Kabel. Das Husten. Schnadahüpfeln Nr. 7 -12. / Kin Seelen-Gelegraf. Posse in einem Akt Friedrich Kaiser. Alle Rechte Vorbehalten. Men, 1875. Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm). Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Personen: - Christof Weltmann, Kaufmann aus der Provinz. Clara, seine Frau. Grün, Handlungs-Reisender. Ein Zimmerkellner. Ort der Handlung: Wien, Den Kähnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Das Aufführungsrecht ist nur zu erlangen durch die Theater - Agentur des Herrn Franz Kratz in Wien, VIII., Iosefstädterstraße 34. Zimmer in einem Hötel mit einer Mittel- und zwei Seitenthüren, an der Rückwand hängt eine Pendule, deren Zeiger nahe auf Zwölf weisen. An der Seitenwand rechts steht ein großer Trumeau. Im Vordergründe links ein Tisch, an demselben ein Divan und Fauteuils. (Beim Aufziehen des Vorhanges ist die Bühne ganz finster. Erste Scene. Ein Zimmerkellner. Wellmann, G r ü n. Zimmerkellner (tritt, einen Armleuchter mit brennenden Kerzen tragend, zuerst durch die Mittelthür ein, und stellt jene auf den Tisch). Well mann und Grün (erscheinen Arm in Arm unter der Mittelthür). Grün. So! Jetzt Hab' ich Sie bis in's Hotel, bis zur Thür Ihres Quartiers begleitet, jetzt sag' ich Ihnen nochmals gute Nacht und — Wellm a nn (in heiterster Stimmung). Was „gute Nacht" !? Ich bin noch gar nicht schläfrig (zieht ihn vollends mit sich herein.) Sie müssen mir noch Gesellschaft leisten. (Zum Zimmerkellner.) Kellner! — Bringens uns ein paar Gläser Grog und Cigarren. Zimmerkellner. Sogleich! (Ab, durch die Mitte.) Grün. Aber bedenken Sie doch — s'ist schon spät Nachts, — wir stören vielleicht die Passagiere in den Nebenzimmern. Wellmann. S' sein keine da. (Auf die Scitenthür rechts weisend.) Das Kabinet g'hört noch mir; s' steht mein Bett drinn — und die Thür (auf die Thüre links weisend) führt Wohl in ein anderes Passagier'Zimmer, das aber nicht besetzt ist, — ich Hab' mich, wie ich fortgegangen bin, selbst überzeugt; — also keine Umstände! Zimmerkellner (kommt und bringt zwei Gläser Grog und Cigarren auf einer Tasse, die auf den Tisch gestellt wird) Befehlen sonst noch etwas? Wellmann. Gar nichts, als daß's uns allein lassen! Zimmerkellner. Sehr wohl! (ab durch die Mitte.) Weltmann. (setzt sich an den Tisch) So! Niederg'setzt — zug'langt! (schiebt ihm die Tasse zu.) G rüN (hat sich ebenfalls gesetzt). Danke, danke, es ist gegen meine Gewohnheit. — Weltmann. Ah was, papperlapap! Gewohnheit! Wenn man einmal anfangs gewisse Gewohnheiten streng einzuhalten, so fangt man auch an, alt zu werden. Ich Hab das an mir selbst erlebt; vor zehn Jahren Hab' ich mich in unserer kleinen Provinzstadt selbstständig etablirt, — s' G'schäft geht gut, aber s' Leben ist unter den Krähwinklern verdammt langweilig, das geht so ein Tag wie den andern: Aufstehen — in's Gewölb gehn — Essen gehn — wieder in's Gwölb — uachtmahlen — schlafen gehen! — Ich sag' Ihnen, ich war schon nah' dran, so ein rechter alter Hauskater zu werden.— ! Grü n. Bis i ch Sie überedete, mich I auf meiner Reise nach Wien zu begleiten. 4 Weltmann. Ja — s' war ohnehin Zeit, daß ich mit meinen hiesigen Geschäftsfreunden wieder einmal persönlich verkehre! — Ich Hab' mich also aus- g'macht — bin mit Ihnen — und dahier hat gleich ein anderes Leben ang'fangt! — Ich Hab' meine alten Collegen troffen, — lauter fidele Häuser, die lassen mich gar nicht mehr aus! Von einer Hetz' gehts zur andern — kein Tag vor Mitternacht in's Bett — ha, ha! das frischt auf! — Ich werd' völlig wieder zum flotten Burschen, obwohl ich gar nicht weit mehr zu dem verhäugnißvollen Fünfziger Hab. — Grün (sich erstaunt stellend). Nicht möglich! Weltmann. Ja, ja, s' ist schon aso! aber (vertraulich), wer's nicht weiß, brauchts just nicht z'erfahr'n. — G r ü n. Es würd'es ohnehin Niemand glauben, der Sie in der heutigen Gesellschaft gesehen hat. We ll M a NN (vergnügt lachend). Ja — ha ha ha! heut Hab ich's ein bissel schießen lassen! s' war aber auch Alles so lustig — der Champagner famos! (steht auf.) Grün (ebenfalls aufstehend). Und Ihre Tischnachbarin so interessant! Weltmann. Aber schon wie! — Ist ein schlechter Kerl, mein Freund, der Spediteur Tollingcr! sagt mir, wie er mich eing'laden hat, gar nichts! Ich Hab g'laubt, wir werden so als Garyöne unter uns sein, derweil tresi' ich dort ein halbes Dutzend Damen vom Ballet! Grün. Und Sie, — Sie Glücklicher! erhalten gerade den Platz neben der Pikantesten von Allen, der Signora Nigrelli. Wellmann. Ja, gerad neben der Mari et ta! Grün. Ah! Sie nennen sie schon beim Vornamen? Wellmann. Missens, es klingt schöner (etwas schwärmerisch) Marietta! Uttd (geschmeichelt). Sie hat mir's erlaubt, daß ich sie so nennen darf! — Mir war ordentlich leid, daß die Gesellschaft so zeitlich aufbrochen ist. Grün (mit verschmitztem Lächeln). Na — die Fortsetzung folgt ja morgen! Weltmann (etwas verlegen). Morgen? Ich wüßt' nicht!- Grün. Läugneu Sie nur nicht! Ich hab's ja gehört, wie die Nigrelli Sie für morgen zum Souper eing'laden hat. — Weltmann (etwas ärgerlich). Aber, so kommt doch Alles auf! — Na ja! sie hat mich eing'laden, aber wahrscheinlich nicht mich allein. Grün (ironisch). Oh, sonst hätten Sie die Einladung wohl gar nicht angenommen ? Weltmann. Das ging' ja gar nicht an ! Sie wissen ja, daß ich seit zwei Jahren Ehemann bin. Grün. Haben Sie dies der Nigrelli auch gesagt? Wellmann. Hm! s' hat sich just keine Gelegenheit g'funden; und — Wissens, wann sie vielleicht Ihnen fragt, so- Grün. Ich verstehe! Sein Sie ganz ruhig; — ich werde weder die schöne Tänzerin ans Ihre Frau, — noch diese auf Jene eifersüchtig machen. Wellmann. Eifersüchtig? Ach Hörens auf! Haltens mich denn für so ein Gecken, daß ich glauben könnt', ich hält' die Marietta in mich verliebt g'macht? Ich bildt mir das nicht einmal bei meiner Frau ein! Grün (mit erhöhter Aufmerksamkeit). Was sagen Sie? Ihre Frau sollte Sie nicht lieben? Wellmann. Na ja, — lieben — so, was man „recht gern haben" nennt, — wie man halt ein' Menschen, der's gut mit Einem meint, und dem man Alles verdankt, gut ist; aber zwischen so einer Lieb' und dem eigentlichen 5 „Verliebt sein" ist ein himmelhoher Unterschied! — Grün. Aber, wie ist's denn dann gekommen, daß Sie überhaupt heirateten? Weltmann. Mein Gott! Sie hat mir halt g'fall'n; sie war ein armes, braves Mädl, was keinen Vater, keine Mutter, kurz Niemanden auf der Welt g'habt hat, — ich war schon ein g'stellter Mann, Autorität in dem kleinen Stadl, und da, wie ich sie g'fragt Hab', ob sie meine Frau werden wollt, hat sie, glaub' ich, aus lauter Respekt sich nicht traut, „nein" zu sagen. Und so ist's geblieben— sie thut, was 's mir in Augen ansieht, kennt keinen Widerspruch, — ich mag sagen, was ich will, so antwortet sie: fimitirend.) „Ja, lieber Christof" oder: „wie Du glaubst, lieber Christof!" — G r ü n. Nun, das ist ja sehr liebenswürdig ! Well mann. Na ja, aber — aufrichtig g'sagt: s' wird mit der Zeit langweilig! Da is ein Diskurs mit so Einer vom Theater, wie die Marietta, was ganz anders! Wie da die Witz hinüber und herüber zucken — und dabei das Benehmen! Bald die höchste Grazie, — bald wieder so eine echt geniale Lege- rität! — Oh! so was Pikantes bringt meine Frau in Ihrem ganzen Leben nicht z'sam! Grün. Aber sag'n Sie mir nur noch das Eine, wie benahm sich denn Ihre Frau bei Ihrer Abreise? Wellmann. Hm! Im Anfang hat sie sich wohl ein bischen ängstlich gezeigt, daß sie jetzt so allein im Haus bleiben soll, und beim Abschied — hahaha! da is sie gar romantisch worden! Grün. Wie so? — Wellmann, s'ist gar zu kindisch! hahaha! Denkens Ihnen nur — ich Hab' ihr versprechen müssen, daß ich alle Tag auf d'Nacht, bevor ich mich schlafen leg, mit dem Leuchter in der Hand vor den Spiegel stell' und mit lauter Stimm': „gute Nacht, Clara!" ruf! — und so hat sie g'sagt, würd' sie's auch machen, so lang ich fort bin, und immer, bevor sie zur Ruhe geht, „gute Nacht, Christof" sagen. Grün. Hm! Ein sonderbarer Einfall! Sie will wahrscheinlich, daß dieses „Gute Nacht" für den Herrn Gemal eine Art Gewissenserforschung sein solle. Wellmann. Ah! gar keine Red! — Wissen's, sie hat da nur was g'lesen vom Magnetismus und magnetischen Rapport, und da glaubt sie, daß auf die A r t durch ein lebhaftes Aneinander- Denken so eine Art von Telegrafen zwischen uns auf'gricht wird', so daß ich etwas von ihrer, und sie was von meiner „guten Nacht" spüren würd', — hahaha! — s'st in Grund zu dumm! Grün. Und hab'n Sie während Ihres hiesigen Aufenthaltes den mysteriösen Spruch täglich gesagt? — Weltmann. Ja — warum denn nicht? Ich hält' mir freilich dabei immer selber in mein Spiegelg'sicht hineinlachen mögen! Grün. Und werden Sie die Worte auch heute sprechen? Weltmann (stutzend). Was wollen Sie? — warum sollt' ich grad heute nickt? — Grün, Sie fragen noch? Aber s' ist spät geworden und ich will morgen zeitlich auf sein, um den Train nicht zu versäumen. — Wellmann. Also Sie wollen wirklich morgen fort? Grün. Ich muß — im Aufträge meines Chef's. — Aber in ein paar Tagen bin ich wieder zurück, und Sie haben mir ja versprochen, so lange hier zu verweilen; es bleibt doch dabei? (Hält ihm die Hand hin.) W ellmann, (schlägt ein). Na ja — wenn Sie wirklich nicht länger ausblei- ben, als ein paar Tag. — 6 Grün (ihm die Hand drückend). So leben Sie denn wohl, — auf baldiges Wiederseh'n! Wellmann. Glückliche Reis — und gute Verrichtung. Grün. Gleichfalls, lieber Herr Wellmann! gleichfalls! — Gute Nacht! — (Ab durch die Mittelthür.) Wellmann (ihm nachrufend). B'hüt Ihnen Gott! Grün (öffnet nochmals die Mittelthür, steckt den Kopf herein, und ruft). Vergessen Sie nicht auf das gewisse: „Gute Nacht, Clara!" hahaha! (verschwindet rasch). Zweite Scene. Wellmann (allein — ärgerlich ihm uach- rufend.) Ah ! Gehn's zum Teufel! - Ich wußt nicht, warum ich's grad heut nicht thun sollt! ? Was Hab' ich denn eigentlich gethan?— Daß ich ein bissel galant gegen die Tänzerin war? Hab' ich vielleicht dabei auf meine Frau vergessen? — Gott bewahr'! Grad 's Gegentheil! Mir ist's (sich hinter den Ohren krauend.) nur zu oft eing'fallen, daß ich (seufzend.) verheiratet bin! — Ich seh' also gar nicht ein, warum mir grad' heut das „Gute-Nacht" sagen, schwerer fallen sollt!? Ja, ich will's sagen, und dann in's Bett! (nimmt den Armleuchter und tritt vor den Spiegel, sich selbst betrachtend.) Hm! Auf Ehr! für meiue Jahr schau' ich noch recht gut aus — heut' noch besser als sonst; — das macht, weil ich eiu bissel aufg'mischt wor'n bin. Und b'sonders, wenn'S Licht so von oben hineinfallt (Hebt den Leuchter höher) macht sich die Physiognomie recht interessant und das Interessante interessirt ja die Damen am meisten, b'sonders die geistreichen, wie die Marietta! (besinnt sich plötzlich und stellt den Leuchter auf den Toilettentisch unter dem Spiegel). — Ich bin aber im Grund doch ein schlechter Kerl! Soll meiner Frau gute Nacht wünschen und denk dabei an -— ! — Nein, nein! das ist nicht schön von mir. Also — gut (erhebt den Leuchter wieder.) Teufel! da sein ja a paar graue Haar! Da muß ich gleich den Friseur d'rauf aufmerksam machen (stellt den Leuchter wieder weg.) Na ja, warum soll ich meinen Taufschein auf'n Kopf herumtragen, wenn ich, heut Abend bei dem gewissen Souper — bei der Marietta — hahaha ! (sich vergnügt die Hände reibend), s' kann recht unterhaltendlich wer'n, b'sonders, wenn nur so Wenige, als möglich, eing'laden sein — sie — ich — und hm! sonst brauchen wir eigentlich gar Niemanden mehr! he, he, he! Eine kleine Gesellschaft, aber gewählt. (Die Uhr an der Wand schlägt 12. Sieht sich fast erschreckt nach der Uhr um.) Kurios! Jetzt hätt' mich das Geräusch mitten in der nächtlichen Still' fast erschreckt! —Zwölf Uhr! — Die Geisterstund'! — Die ist so recht geschaffen zu einem geistigen Rapport! — Also drauf und dran! — Nur, damit's einmal überstanden ist. (tritt wieder vor den Spiegel, erhebt den Leuchter und beginnt.) Gute Nacht, Mariet — (sich besinnend, ärgerlich über sich selbst.) Das ist zu dumm! Kommt mir jetzt die Marietta in's Maul, während ich meiner Frau — wie heißt sie nur g'schwind? — ja — richtig — „Clara" — ich muß mir's nur recht lebendig vorstellen. (Als ob er mit der Hand etwas vor sich Schwebendes verscheuchen wollte.) Ich seh' immer nur die Marietta! ob Du weggehst! Meine Frau will ich sehen. So — und jetzt nur geschwind! — (Nachdem er sich gleichsam einen Anlauf genommen, absichtlich sehr laut.) Gute Nacht, Clara! Dritte Scene. Weltmann, eine Stimme. Eine weibliche Stimme (von außen.) Gute Nacht, Christof! 7 Weltmann (heftig erschreckt, läßt beinahe den Leuchter fallen, zitternd.) Was War das? Von dorther — (auf die Thür links weisend), hat's mir nur so im Ohr geklungen, oder hat das Zimmer ein Echo! ? Nein! nicht möglich! Das Echo macht aus einer Clara keinen Christof! Es war also was Lebendiges, was mir zu- g'hört, mich ausg'spott' hat! Wer hat sich da einlogirt? Courage! — dem G'spenst muß ich auf die Spur kommen; — ich will Licht in der Sach' haben (nimmt den Armleuchter, tritt zur Seitenthür, klopft). Keine Antwort? Was soll das? (klopft noch stärker an.) Noch immer nichts? (rüttelt am Schloß.) Es ist zugesperrt! Ah — der Schlüssel steckt! Wenn nur nicht inwendig ein Riegel vorgeschoben ist! — Ich probir's! — (dreht den Schlüssel um, die Thür geht auf.) Ha! offen! — (will in'S Nebenzimmer.) Vierte Scene. Weltmann. Clara. C l a r a (in einfachem Kleide, ohne Hut, tritt aus dem Nebenzimmer ihm entgegen). Wellmann (erschreckt zurücktaumelnd) Was seh' ich? — Clara! (mehr für sich, indem er den Leuchter niederstellt.) Meine Frau! (laut zu Clara.) Aber, Weiberl! wie kommst denn Du daher? C l ara (sich anfänglich beherrschend und sanft stellend.) Sei nicht bös, Christof! Ich — ich Hab dich nur überraschen woll'u! — Weltmann (noch etwas verwirrt) So? — überraschen? — (sich zu einem scherzhaften Tone zwingend). Na, hahaha! Das ist dir wirklich g'lungen! Also bist Du mir nachg'reist? Vermuthlich erst jetzt angekommen? Clara. Nein, ich bin schon den ganzen Abend hier! Wellmann (für sich). O je! da bin am End' ich an'kommen. Clara. Das Zimmer (gegen links weifend) ist zum Glück leer g'standen. — Weltmann (mit einem unterdrückten Seufzer — fick erfreut stellend.) Ja! hahähä ^ — Das war ein rechtes Glück! — Clara. Da Hab' ich's also bezogen — Hab' laugmächtia g'want — Hab' schon glaubt, Du kommst heut' gar nicht mehr z'Haus — bis ich Dich endlich reden g'hört Hab'! Weltmann. Aha! Gelt! weil ich das „gute Nacht, Clara" so laut gesagt Hab? — Du hast Dich wenigstens überzeugt, wie gewissenhaft ich mein Versprechen erfüll! — Clara. Ja, davon Hab' ich mich überzeugt! Wellmann. Und da hast Du drauf g'antwort! ? ha! ha! ha! Ein sehr guter Spaß! — Und ich — ich Hab' nicht einmal gleich kennt, daß Du's bist! — Es war aber auch gar nicht Deine „gewöhnliche Stimm" ! — Clara (jetzt erst mit dem Ausdruck innerer Kränkung). Ich war auch nicht in der gewöhnlichen Stimmung! — Wellmann (errathend, für sich). O Weh ! Sie hat mehr g'hört. Aber ich fecht mich schon heraus, mir glaubt sie Alles! (laut, scherzhaft drohend). Weiberl k Mir scheint, Du hast g'horcht? — Schau, das ist nicht gut! — Dadurch wird man nur mißtrauisch, — man schnappt dabei nur einzelne Worte auf — ohne allen Zusammenhang. Clara (immer mehr hervorbrechend.) Nein, nein! Ich weiß den ganzen Zusammenhang! Die Tänzerin — diese Marietta — Wellmann. Aber das ist ja noch gar kein Zusammenhang — erst eine kleine Bandlerei! — Clara. Red nicht — ich weiß Alles — Alles — (spricht das letzte Wort fast vor Thränen erstickt, wirft sich auf den Divan und birgt die Augen in ihr Sacktuch). Wellmann (für sich). Teufel!s'steigt j ein Wetter auf — s' sangt schon zum 8 Tröpfeln an! Jetzt heißt's gescheidt sein! (tritt zu ihr, sehr sanft.) Na, na, na! Clari! Du mußt mich erst ruhig anhören, — ich weiß, Du bist ein g'scheidtes Weiberl — mit dir kann man vernünftig reden — (setzt sich zu ihr.) Clara (sich halb zu ihm wendend und seine früheren Reden parodirend.) Ja! lieber Christof! Wellmann. Siehst, in einer Gesellschaft von lustigen Lebemännern wird man lächerlich, wenn man'den gar so „Soliden" spielen will — das wirst doch einsehen? Clara (wie oben). Ja, lieber Christof! Wellmann. Du wirst es ganz natürlich finden, daß man da ein Spaß mitmachen muß! — Clara (wie oben). Wie Du glaubst, lieber Christof! (plötzlich heftig, indem sie vom Sitze aufspringt.) Gelt ? wenn ich auch jetzt aus Deine Reden nichts anderes antworten möcht, das wär Dir nicht so langweilig ? (wendet sich erbittert von ihm ab.) Wellmann (für sich.) A jed's Wörtl weiß sie! Clara (immer gereizter). Aber mit dem „lieben Christof" ist's jetzt a u s — für immer aus! Ich Hab' dir gar nichts mehr zu sagen, als (im strafenden Tone) Gute Nacht, Christof! — (will fort.) Wellmann (sie rasch zurückhaltend). Aber um Gotteswillen, Clara, — Du willst doch nicht jetzt auf und davon? — Wir müssen uns doch erst gegenseitig aussprechen? Clara. Das heißt, Du willst Dich aus reden! — aber das hilft Dir jetzt nichts mehr! — Du hast mich selber um den Glauben an Dich gebracht, und darum (trocken) gute Nacht! (will fort.) Wellmann. Aber, Clara! Du warst sonst immer so nachgiebig — Clara. Ja, ich Hab' mich nie traut, Dir zu widersprechen, denn ich Hab' mich g'fürcht, Dich zu beleidigen, Du warst ja förmlich mein Abgott, ich hätt' auf Dich schwören, für Dich in's Feuer gehen können, und dafür Hab' ich glaubt, müßtest doch Du auch eine recht innige Liebe zu mir haben, — derweil — Hab' ich Dir nur grad so — g'fall'n. (Wendet sich wieder von ihm ab und wirft sich auf den Divan.) Wellm ann (überwältigt, eilt zu ihr). Liebe — himmlische Clara! Clara (trotzig). Versprich Dich nicht! Du hast „Marietta" sagen wollen! Wellmann. Aber nein, nein! Von der ist ja gar keine Red! — Mein Gott! wenn Du mich nur anhören wolltest! — Clara. Gut! Ich will Dich anhören! — (Wendet sich wieder zu ihm.) Also red — red! Wellmann (für sich). Wie fang' ich's denn nur am g'scheitesten an? Clara. Aber die Wahrheit will ich — nichts weiter als die Wahrheit! — (Näher zu ihm tretend mit drohender Geberde.) Ich bitt' Dich um Gotteswillen, red' die Wahrheit! We l lman n. (Für sich ) Das Weib ist heut' gar nicht mehr zum Kennen! — Aber im Grund g'fallt's mir in ihrer Eifersucht. Clara. Na, wird's einmal? Weltmann. Siehst, liebe Clara! s' ist schad', wenn Du dich d'rüber ärgerst, aber Ihr Frauen, wollt nie einsehen, daß so ein kleines Nebenabenteuer der Lieb' zu Euch ja nichts schad't — daß wir im Gegentheil gerao darnach Euch nur um so lieber hab'n! — Clara. So? so? - Ich dank' für die gute Lehr! — vielleicht kann ichs auch auwenden! Weltmann (hoch aufhorchend). Was? Clara! was red'st Du da? Clara. Hm! Es könnten sich ja auch für mich so kleine Nebenabeu- teuer finden! — Mach' Dir nichts draus — ich werd' Dich hernach noch lieber haben! - 9 Wellmann. (Außer sich.) Herr Gott! im Himmel! solche Ansichten —! (Will zu ihr.) (Es wird an der Mittelthür gepocht.) (Ueberrascht.) Was soll das ? Wer ist's? Fünfte Srelle. Vorige. Grün. G rün (von außen). Herr Wellmann! Sind Sie noch auf? Weltmann. Der Grün! (Für sich.) Was will denn der noch? Clara (für sich). Der kommt mir just z'recht! — (Laut.) So ruf doch „herein"! — Wellmann. Glaubst? - Na, wanns Dir recht ist — (ruft.) Nur herein! Grün (tritt rasch, M. ein). Lieber Well — (erblickt Clara und bleibt ganz verblüfft stehen.) Gnädige Frau! — — Sie hier? — Ist's denn möglich? Wellmann. (Sich sehr heiter stellend.) Ja, — sehn's, das macht das magnetische Fludrium! — Ich Hab'heut das „gute Nacht, Clara" ! mit so einer Herzenssehnsucht g'sagt, daß's sie's nicht nur g'spürt hat, sondern selber zu mir hergezogen worden ist! — Aber sagen's mir, was hat denn Sie wieder daher zurückg'führt — ? Grün (noch immer verlegen, auf Clara blickend). Ich — ich vermißte meine Retour-Karte für die Eisenbahn — und da glaubte ich — ich habe sie bei Ihnen verloren — Weltmann. Hab' zwar nichts bemerkt, aber Nachsehen muß man doch — (Nimmt den Leuchter und sucht auf dem Fußboden des Zimmers). Grün (wartet den Moment ab, in welchem Wellmann in der rückwärtigen Ecke des Zimmers sucht, dann rasch und leise zu Clara). Haben Sie meinen Brief denn nicht gelesen? Clara. (Aengstlich auf Wellmann blickend.) Ja, ja! Grün. (Leise.) Und sind dennoch hier? Clara. (Leise ) Um mich zu überzeugen, ob mein Mann länger hier bleibt! Grün. (Leise.) Gewiß — er gab mir sein Wort darauf — Clara. (Leise.) Dann — (mit einem koketten Blick.) fahr' ich morgen wieder nach Haus zurück! — Grün (entzückt leise.) Himmlische Frau! Und ich folge Ihnen! Wellmann (läßt das Suchen, blickt auf die Sprechenden, stutzend, für sich). Was hab'n denn d i e mit einand' so heimlich z'wispeln? (vortretend, laut.) Sie! dahier ist das, was Sie suchen, nicht! — Grün (zu Wellmann.) Bemühen Sie sich nicht weiter — der Verlust ist nicht so groß! — Entschuldigen Sie nur, daß ich gestört habe, — ich konnte ja nicht ahnen, daß —(mit einem Blicke auf Clara.) Clara. Oh! mich haben Sie gar nicht gestört! — (mit einem vorwurfsvollen Blick auf Wellmann.) Ich denk' heut' ohnehin nicht mehr auf's Schlafen, und — (mit einem sehr freundlichen Blicke auf Grün.) Wenn Sie uns noch länger mit ihrer liebenswürdigen Gesellschaft erfreuen wollen — Wellmann. Aber, der Herr von Grün muß ja morgen früh, zeitlich auf der Eisenbahn sein. — Clara. Bis dahin sein ohnehin nur mehr ein paar Stunden, die lassen sich leicht wegplaudern ! (zu Grün.) Oder fürchten Sie, daß Ihnen bei uns die Zeit zu lang wird? Grün. Wie wäre dies möglich, Wenn — (sich galant gegen Clara verneigend ) ein Engel der Zeit seine Flügel leiht! — Wellmann (für sich.) Fader Cur- schneider! (Laut zu Clara.) Aber die ganze Nacht aufbleiben! daran bist Du ja gar nicht gewöhnt! - Clara. (Jetzt und bei ähnlichen Stellen immer Wellmann's frühere Reden copirend: 10 Was „gewöhnt"! — Wenn man einmal anfangt, seine Gewohnheiten streng einzuhalten, fangt man auch an, alt zu werden! — und daran denk' ich nicht! — Ich will auch einmal ein fideles Haus werden, auch einmal die Nacht bei einem Glas Champagner zubringen! — Geh', Alter! — b'stell ein'! — Weltmann. (Verletzt, für sich.) Ich weiß nicht, warum Sie mich allweil «Alter" nennt! (laut zu Clara.) Aber bedenk' nur, um die Zeit! Clara. Was Zeit! — Erst um zwölf Uhr soupiren ist nobel, und ich, (vorwurfsvoll) ich war heut' noch bei kein Souper! — Schau also, was noch zu haben ist! — (Zu Grün.) Nehmens nur Platz! — (Setzt sich auf den Divau, und weist auf den links vor ihr stehenden Fauteuil ) da — an meiner grünen Seite! — Wellmann. (Für sich.) Mir wird grün und gelb vor die Augen. Clara (zu Grün.) Oder wünschen Sie lieber auf dem Platz von mein' Mann zu sein! — Weltmann. Was? — Auf m e i n' Platz? Da darf Niemand anderer sein, als ich! — (Setzt sich.) Clara. (Zu Wellmann.) Du bist aber so oft an derw e itig beschäftigt, daß's wohl bald nöthig wär, sich um einen Ersatzmann umzuschau'n! — Grün. Nach italienischer Sitte — einen Oavaliers servsnts, — einen Ritter. — Weltmann. Der mich in Harnisch bringet! — Da wird nichts d'raus! — (Sehr gereizt zu Grün.) Hören Sie! — nichts wird d'raus! — Meiner Frau leist' schon ich alle Dienste! Clara. Das seh' ich! Wie lang Hab' ich schon g'sagt, daß Du für ein Souper sorgen sollst, — schau doch nach, was noch zu haben ist — Weltmann. (Für sich.) Sie schafft mich fort — aber ich geh' um keinen Preis! (klopft an eines der Gläser.) He da! Kellner! Clara Ja, so wird er Dich hören! — (Zu Grün.) Ob's denn was Schwerfälligeres gibt, als so ein' Ehmann! — Ich bin überzeugt, gegen S i e dürft' ich so ein' Wunsch nicht zweimal aussprechen! — Grün. Nicht einmal! denn ich würde jeden Wunsch in der Feuerschrift Ihrer Augen lesen! Weltmann (für sich). Na, genirts Euch nicht! G r ü U. (Aufstehend, zu Clara.) Und deß- halb will ich auch jetzt sogleich Alles besorgen, — iu 5 Minuten muß ser- virt sein! (Küßt ihr die Hand und eilt durch die Mittelthür ab). Wellmann (vom Tische aufspringend, um auf und nieder zu gehen). Zeit hat er aber g'habt, der Windbeutel, daß er fort ist — sonst hätt' ich aus ihm selbst ein Fricassö g'macht! — Diese freche Scherwenzelei! — Und Du — ich glaub gar, Du wärst mit ihm allein geblieben! Clara (leichthin). Warum denn nicht? Ich — und er —, und na, — und sonst Niemand! Eine kleine Gesellschaft, aber gewählt! Wellmann. Du hast auch alle seine Galanterien ang'nommen, ja ihn noch so gewiß dazu herausgefordert! Clara (ebenfalls aufstehend). Aber, lieber Christof! Du wirst doch ein- sehen, daß ich lächerlich würd, wenn ich in einer heiteren Gesellschaft die Prüde spielen wollt! Da heißt's gleich „die Landpomeranzen!" — Da muß man schon ein' Spaß mitmachen! — Wellman n. Ich kenn das' Im Anfang ist's Spaß, dann wird Ernst draus! Clara (ihm die Hand auf die Schulter legend). Und wenn auch! Schau, nach so einer kleinen Neben-Liaison wissen wir Frauen unsere Männer erst zu schätzen. Weltmann (entsetzt). Herrgott! Das Weib ist ja eine leibhaftige Mormo- 11 nenn! Clara! Ich bitt' Dich um Alles in der Welt! hör auf mit solche Reden! Der Gedanke, daß Du solch' einen Verführer auch nur anhören könntest, bringt mich zur Verzweiflung! — Jetzt seh' ich's erst ein, wie unsinnig lieb ich Dich Hab! — Um den Preis, D i ch mir zu erhalten, ließ' ich meinetwegen ein ganzes Oorxs äs Lallst über die Klinge springen! Also! Verzeih' mir den Fehltritt — auf meinen Knien bitt' ich d'rum! (sinkt vor ihr in die Knie). C lara (sieht mit mitleidigem Lächeln zu ihm herab). Und der war einmal mein Abgott! — Jetzt seh' ich, daß Du doch nur ein gewöhnlicher Mensch bist! — Wellmann, Ja, ich kann nichts davor, daß ich's nicht weiter bracht' Hab; — aber eben deswegen! — Ich habe menschlich, wenn auch nicht mehr ganz jugendlich gefehlt ! Sei also auch Du nicht gar so unmenschlich! — Bedenk', es steht geschrieben: „Der Gerechteste sündigt siebenmal des Tages"! Clara. Na, das ist wohl von Dir nicht zu befürchten! aber wir wollen annehmen: Ein Mal ist kein Mal, und deßhalb —, (sich zu ihm niederbeugend). Gnad' für Recht walten lassen. Wel lmann (entzückt aufspringend). Also — Du verzeihst mir? Clara. Es heißt, daß eine Frau in dem Augenblicke, in welchem sie verzeiht, am schönsten ist! — Wellmann (sie umschlingend) Bist ein Engerl! Aber Du — um eins möcht' ich Dich doch inständigst bitten. Die G'schicht mit dem Herrn von Grün, der sich da als Schlange in mein Paradies schleichen und meine Eva verführen will — Clara. Dießmal hat die Schlange zuerst den Adam verführt, und der — hat richtig anbissen! — Wellmann. Was? — Du meinst mich? — Warum nicht gar! — Clara. Ja, Dich hat er zuerst überredt, daß Du auf einige Zeit nach Wien reisen sollst, damit er mich bei uns zu Haus allein treffen könne. Wellm ann. Alle Donnerwetter! — Clara. Ja, während Du dahier auf'n Leimrüthel fest gepickt wärst, hat er wieder heim reisen wollen — Weltmann. Aber, das ist ja kaum glaublich! — Clara. So les den Brief —(einen Brief hervorziehend) den er an mich zu schreiben sich unterstanden hat! — Weltmann (nimmt hastig den Brief und durchfliegt ihn). Oh, Du niederträchtiger Kerl! — Dieser Brief- Clara. War die Ursache, daß ich nicht zu Haus geblieben, sondern Dir nachgereist bin, während (ihm mit dem Finger drohend) Du — Wellmann. Reden wir nicht mehr von der Dummheit! — Ich g'steh's ja, diesmal war ich das schwache G'schlecht; — aber der Grün — Clara (aufhorchend). Still! still! Ich hör' ihn kommen. Weltmann. Ueberraschen wir ihn mit einem Schlnßtableau! (wendet Clara mehr gegen die Mittelthür und drückt sie an seine Brust). Sechste Scene. Vorige. Grün. Zimmerkellner. Grün (eilt durch die Mittelthür herein, bleibt aber mit aufgerissenen Augen stehen) So! — Da bin ich wieder! Zimmerkellner (folgt ihm mit einem Tragbrette, auf welchem sich Speisen und Bouteillen in Kübeln befinden). Grün. Was seh' ich? — entschuldigen (verwirrt.) Ich Wollte eben — das Souper — Clara. Ich danke schön — wir wollen nichts von dem, was Sie auskochen, wir begnügen uns mit unserer Hausmannskost. (Küßt Wellmann.) 12 Grün. Ich verstehe nicht! Weltmann. Vielleicht Verstehens mich besser, wenn ich Ihnen sag', daß Ihre Retour-Karte gefunden ist! — da haben Sie's! — (Hält ihm den Brief hin.) Grün (den Brief nehmend, vernichtet). Alle Teufel! mein Brief! — Clara. Behaltens ihn! — Wo zwischen zwei Seelen eine solche Tele- grafen-Verbindung herg'stellt ist, wie zwischen mir und mein lieben Mann, kommt Ihre Post immer zu spät an! — Grün. Alle Teufel — ich empfehle mich bestens! (will hinaus, stößt aber dabei so heftig an den Zimmerkellner an, daß dieser die Tasse fallen läßt.) Clara. Hahaha! ang'richt ist's! Ich bitt' nehmend Platz —wir halten nicht mit (wendet sich mit Wellmann gegen die Thüre links, zum Abgehen.) Beide. Recht guten Appetit! Grün (verzweifelnd zu Boden blickend). Ich wünsche wohl gespeist zu haben! Ende. Druck aus I. B- Wallishausser's k. k. Hoftheater-Druckerei. Mor dem Irühstück Dramatischer Scher? in einem Akte nach dem Polnischen des I. A. Graf Fredro von Alexander Rosen. Alle Rechte Vorbehalten. Wien, 1875. Verlag der Wallishausser'schcu Buchhandlung (Josef Klemm) Personen; 4 ' Frau v on Dorner. Matchen, ihre Nichte. ^ ^ Adolf, ihr Neffe. J^an, Bedienter bei Frau von Dorner. Spielt auf dem Landgute der Frau von Dorner, in der Nähe der Residenz. Den Sühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Großer Garten, rechts im Hintergründe ist ein Landhaus sichtbar, mit dem Ausgange auf eine niedere Terrasse, von der einige Stufen zur Bühne führen. — Aus der Terrasse ein gedeckter Tisch, Gartensofa und Stühle, links bei der dritten Coulisse ein kleiner Pavillon mit Stufen und einer Thüre, rechts im Vordergründe, unter einem Baume, eine Gartenbank, vor derselben ein runder Tisch. Die Bühne muß tief und breit sein, damit Adolf und M ali im letzten Auftritt genug Raum haben, nach verschiedenen Richtungen umherzulaufen.) Erste Scene. Adolf (kömmt aus dem Pavillon, in der Hand hält er ein Packet). Die ganze Nacht Hab' ich kein Auge zugemacht. Ich bin zu aufgeregt. Mein Abiturientenexamen ist glänzend bestanden, ich bin maturus, reif! — Vom Kopf bis zur Zehe ein reifer Mann. Der Stephansthurm und das Gymnasium mit seinem Seneca und Professoren liegen in neblichter Ferne hinter mir. — Für zwei Monate bin ich frisch, froh und frei, mein eigener Herr! Es ist doch ein ganz anderes Leben hier auf dem Lande. Man athmet förmlich auf! (Ath- met tief auf.) O diese herrliche, würzige Luft! der goldene Sonnenschein und der drückende Dunst der Stadt! (Schaut umher.) Hier ist, wie ich sehe, Alles beim Alten geblieben. Seit den drei Jahren meiner Abwesenheit hat sich nichts verändert, nur die Eichen sind größer und stärker geworden Dort auf der Wiese habe ich mit Malchen Verstecken gespielt. Ich habe sie nicht vergessen und will das Kind überraschen. Da Hab' ich eine reizende Puppe für sie mitgebracht. (Nimmt aus Theater-Repertoire Nr. 297. dem Packet eine große, angekleidete Puppe.) Sie hat natürliches Haar und bewegliche Augen! Was wird Malchen für Augen machen, wenn sie das prächtige Geschenk sieht! (Auf- und abgehend.) Meine liebe Tante scheint heute länger zu schlafen als sonst. Ich habe der Dienerschaft verboten, ihr meine nächtliche Ankunft zu melden. Wenn sie aber, wie jeden Morgen, auf die Terrasse kömmt und ruft: —„ Johann, das Frühstück" — da will ich wie ein Osus sx muebina, vor sie hin treten und mich an ihrer Ueberraschung ergötzen! Ob sie mich wohl wieder erkennt? Und was sie zu meinem Schnurrbart sagen wird? (Nimmt aus der Tasche eine Spiegelbürste, spiegelt sich darin und dreht an der glatten Oberlippe.) Merkwürdig, daß er hier links noch immer nicht recht wachsen will! — Du stehst mir also jetzt offen, Welt meiner Träume, in deiner ganzen herrlichen Wirklichkeit! — Frauen, Pferde und Hunde! herrliches Trio, wie verführerisch breitest du deine Arme aus! (Schlägt sich auf die Brust.) Doch bezwinge dich Herz, mäßige deine Freude, vergessen wir nicht, daß wir Männer sind. (Nach kurzer Pause.) Der Vorrang gehört 4 ebenfalls den Frauen! Man muß einen Kriegsplan entwerfen, ein Kriegsplan ist die erste Aufgabe. Natürlich muß es ein geheimer sein, ein ganz geheimer Kriegsplan! — Es giebt reizende Frauen hier in der Umgegend, — mit welcher machen wir den Anfang? (Pause.) Da ist vor Allem die Frau des Notars in Wohlbach, ein ganz niedliches kleines Weibchen; pah! da wird's nicht viel Mühe kosten. Man besteigt ein feuriges Roß, macht einige Fensterpromenaden, ein Blick verwirrt sie, sie erkundigt sich. Wer mag nur der stattliche junge Reiter fein? Ich gebe meinem Pferde die Sporen, sie erschrickt, ich lasse die Zügel schießen und vontrs ä, tsrrk spreng' ich davon, bald aber kehre ich wieder zurück, und in acht Tagen habe ich ihr Herz erobert! In Grünwaldau sind drei Fräulein, — ja wohl, nach ihr zu diesen. Doch nein, da würde es gleich heißen, ich sei zur Brautschau gekommen, das wäre mir unbequem — nein, nein! Eigentlich will ich ja ganz etwas Anderes! Ich muß eine große, kolossale That vollbringen, ein Sensationsereigniß, das mich mit einem Schlage in die Oefsentlich- keit und in den Mund des Publikums bringt! Ich muß gleichzeitig in Wien, Prag und Graz das Tagesgespräch bilden, das Ereigniß muß in allen Kreisen von sich reden machen, sogar im adeligen Clubb muß es discntirt werden. (Pause.) Aber was könnte das sein? Wie mache ich mir einen Namen? Ich hab's. Eine Entführung! Eine Entführung! Aber wohin entführe ich sie? Ich habe kein eigenes Schloß und kein Reisegeld. — Es wird am Ende doch besser sein, diesen Plan vorläufig noch nicht auszuführen. (Pause.) Vielleicht wenn ich einen Brand stifte. Das macht Effekt! Ich will ein zweiter Herostrat werden. Ich zünde die Nationalbank an, das kann mich politisch unsterblich machen! Zweite Scene. Mali, Adolf. Mali (kömmt vom Hintergründe rechts gelaufen, ohne Adolf gewahr zu werden.) Adolf ist angekommen, aber wo ist er? (erblickt ihn.) Ah! Adolf (ebenso). Ah? (Versteckt die Puppe hinter feinem Rücken.) Mali (verwirrt.) Verzeihung, mein Herr! ich glaubte- Adolf (ebenso.) Verzeihung, Fräulein Mali. Ich glaubte, Herr Adolf sei angekommen. Adolf. Zn ihren Diensten, mein Fräulein, ich bin heute Nacht angekommen. (Für sich.) Wer ist diese Dame ? Mali. Meine Tante schläft noch. Adolf (für sich). Mali! (Laut.) Fräulein Malchen, ich habe Sie kaum wieder erkannt. - — — Mali. Ach, ich Hab' Sie gleich erkannt, aber ich glaubte nicht, daß — Adolf (nimmt Stellung). Daß ich so aussehe! Ja nun, die Zeiten ändern sich, und wir mit ihnen. Sie sind schön und groß geworden. (Für sich.) Fort mit Dir! (wirst die Puppe in's Gesträuch.) Mali. Ja, ja, das sagt die Taute auch! Adolf (für sich). Wie kindisch sie ist! (Laut.) Und doch, mein Fräulein, ist es mir, als ob ich noch immer unser Matchen vor mir sähe. Mali. Oh, wenn Sie wüßten, wie wir uns Alle ans Ihre Ankunft gefreut haben! Adolf (für sich). Sie ist noch immer ein Kind, aber ein schönes Kind; es wird am besten sein, wenn ich mich ihr gleich in meiner wahren Gestalt präsentire! — (Laut.) Auch ich freue mich, wenn ich mich, fern von dem lärmenden Geräusche der Residenz, einige Zeit auf dem Lande erholen kann. Wien ist gegenwärtig wie ausgestorben. Alles geht in die Sommerfrische oder in's Bad. ü Unsere Salons sind geschlossen. Man ist in Verlegenheit, wo man Abends seine Tasse Thee nehmen soll. Mali. Ist es denn so schwer, in Wien eine Tasse Thee zu bekommen? O, wir haben ausgezeichneten! Adolf (mit vornehmem Lächeln). Das ist nicht buchstäblich zu nehmen. Ich wollte damit nur sagen, daß die gute Gesellschaft um diese Zeit die Residenz verläßt. Man nennt dies bei uns „Laison worts^. Erst nach zwei, drei Monaten kehrt die Gesellschaft wieder zurück. Unser Leben beginnt wieder. Mali. Ich verstehe, dann werden Sie sich wieder amüsiren. Adolf. Je nachdem. Für mich hat, offen gestanden, das Alles keinen Reiz. Mali. Auch der Carneval nicht? Adolf. Auch der nicht. Ich mag mich nicht einmal daran erinnern! Es giebt nichts geschmackloseres für mich als einen Ball. Das Gedränge, die drückende Atmosphäre in den Salons, die Rücksichten, Galanterien, die man als Cavalier zu beobachten hat, und das ewige Tanzen, eine wahrhafte Taglöhnerarbeit. — Auf dem letzten Gymnasiasten-, (sich verbessernd) Studentenball, bei welchem ich gezwungen war, als Counts-Mitglied zu fun- giren, gestand ich der Gräfin Leo, mit welcher ich tanzte, ganz offen, daß ich das Tanzen eigentlich satt habe, aber ich bin's meiner Stellung in der Gesellschaft schuldig, und mein Entschluß, nicht mehr zu tanzen, würde unsere ganze Damenwelt gegen mich in Aufruhr bringen. Mali. Ach, und ich tanze für mein Leben gern! Adolf. Das finde ich natürlich! denn erstens haben Sie dieses Vergnügen noch selten genossen, und zweitens sind Sie viel jünger als ich. Mali. Ich glaube, ick könnte mich ja niemals anstauzen. Adolf. Ja, ja, das glaubt man anfänglich immer! Mali (füllt ihm rasch in's Wort). Erinnern Sie sich noch, wie gut wir uns vor drei Jahren am Namenstage unserer Tante amüsirt haben? Bis 11 Uhr Nachts durften wir tanzen, der Schullehrer spielte Klavier. Adolf (macht bei dem Worte Schullehrer eine verächtliche Bewegung). Mali. Sie tanzten damals fortwährend mit mir, wir glitten aus und fielen auf den Boden. (Lacht.) Adolf- Ach, damals waren wir Beide noch Kinder. Sprechen wir nicht mehr davon. Mali. Ja wohl, lassen wir das, und besprechen wir lieber, was wir jetzt unternehmen werden. Ich habe bereits einen Plan! Adolf. Sie hat auch einen Plan! Mali. Vor Allem wollen wir recht früh aufstehen. Adolf. Dagegen muß ich feierlichst protestiren. Ich bin gewohnt, lange zu schlafen, ausgenommen: ich gehe auf die Jagd. Mali. Gut. Dann stehen wir erst um 7 Uhr auf, dann machen wir tägliche Spaziergänge in die Umgegend, — es giebt reizende Partien hier. Adolf. Ich bin, offen gestanden, kein Freund dieser Ausflüge. Was hat man auch davon, wenn man sich da und dort ein paar Stunden herumtreibt, und dann wieder müde und abgespannt zurückkömmt. Mali. Jawohl, aber unsere Spaziergänge sollen auch einen ganz besonderen Zweck haben. Tante liebt es, wenn sie am Frühstücktisch frische Blumen sieht, wir wollen daher die schönsten Feldblumen pflücken, sie in einen Strauß binden, und Tantchen soll entscheiden, wessen Strauß der schönste ist. Adolf (spöttisch). Wahrlich, einsehr unschuldiges Vergnügen, aber ich habe keine Lust zu dieser Strauß-Concurrenz und gönne Ihnen gern den Preis. 6 Ich pflege mich nicht mitBlumen zu unterhalten. Mali. Und warum nicht? Kann es was Schöneres als Blumen geben? Aber ich habe Ihnen noch nicht Alles gesagt. Es wäre zwar klüger, wenn ich es noch geheim hielte, um Ihnen die Ueberraschung nicht zu verderben. — Doch Sie erfahren es am besten gleich jetzt. Bei diesen Spaziergängen werden wir nicht allein sein, es wird uns Jemand begleiten — Rathen Sie einmal, mein Herr, wer? Nun! Adolf. Ich bin sehr ungeschickt im Räthsellösen. Mali. Nun denn, ich will's Ihnen sagen! Ich habe für Sie ein reizendes weißes Lämmchen auferzogen. Adolf. (Lacht laut auf.) Alle Wetter! Das ist ja wahrhaft idyllisch. Mali (betrübt). Ich glaubte, Ihnen damit eine große Freude zu machen. Adolf. Ueber diese kindischen Schwärmereien bin ich längst hinaus. Meine Passion sind jetzt nur die Jagd, Pferde und die Weib-wollte sagen das Ballet. Nur diese drei Dinge interessiren mich. Apropos, Pferde! Wie sieht's in den Ställen der Tante aus? Gewiß miserabel! Ich wette, daß die Reitknechte untauglich sind. Ganz natürlich muß ich hier reformatorisch auftreten. Was für Pferde hat die Tante gegenwärtig? Mali (immer gedrückter). Haben Sie denn die vier Schimmeln vergessen? Adolf. Was! die alten Mähren leben noch! Sie werden noch immer angespannt, vielleicht an die alte halboffene Kalesche! Nun ich gratulire der Tante zu dieser Equipage! Ich meinerseits verzichte aus den alten Rumpelkasten. Mali. Tante ist ängstlich; sie fürchtet sich mit anderen Pferden auszufahren. Aber die alten Schimmel sehen noch ganz gut aus, wenn sie im Galopp fahren. Adolf. Diese im Galopp!! Mähren im Galopp! Urrglaublich! Ackergäule im Galopp! Das muß gut aussehen. Es fehlte nur noch, daß ein paar Füllen mit Glöckchen neben der Kutsche einherlaufen. Mali. Wir haben drei Füllen! Adolf (mit komischem Entsetzen). Also wirklich drei! Nun, da haben wir's! Mali. Sehr schöne Thiere! Adolf. In Kukuks Namen! Wer fährt heutzutage mit Füllen? Unerhört! Was es hier für naive Leute gibt! Mali. Das Braune wird Ihnen gefallen! ein sehr munteres Thier. Taute ließ es für Sie " aus dem Gestüte hereinbriugeu. A v o l f (spöttisch). Gewiß ein Araber! Mali. Ein prächtiges Pferdchen, der alte Kaspar hat es dressirt. Adolf. Der alte Kaspar! Ein famoser Stallmeister! Aber der hat ja gar keinen Begriff von der Reitkunst. Ich wette, daß er den Sattel noch immer in die Mitte setzt, ganz deutsch, während wir englisch satteln, vorn, ganz vorn, beinah' auf dem Nacken. Wie kann man auch so einen alten Esel- Mali. Aber, Herr Adolf! Wie können Sie vom alten Kaspar so sprechen, unser alter Kaspar, der Sie zum erstenmal auf's Pferd setzte. Adolf (etwas verlegen). Sie haben Recht, das war Unrecht von mir; ich war zu heftig, es war nicht schön von mir, aber ein Kind auf's Pferd setzen ist keine Kunst und beweist gar nichts. Doch genug von den Pferden, das werden wir schon arrangiren. Aber, sagen Sie, Fräulein Mali, wie ist es denn mit dem Keller bestellt, denn ohne Wein kann ich nicht leben. Mali. Wir trinken nie Wein. Aber Tantchen wird wohl für Sie gesorgt haben. Adolf. Dann hat Sie wohlgethan, denn ich trinke gern und zwar viel, sehr viel. Ich war schon zweimal 7 berauscht, und ich vertrage was. Einmal, erinnere ich mich, hatten wir unser fünf einen ganzen Eimer Punsch getrunken, ein andermal wieder — Mali. Lieber Gott, was wird die Tante dazu sagen? Adolf. Die. Tante? (sich zusammennehmend.) Nun, was kann sie sagen? Mein Examen habe ich bestanden, ich bin reif! ein ganz reifer Mann! Komisch, daß unsere täglichen Bedürfnisse den Frauen so erschrecklich scheinen! Ein lustiges Frühstück, ein pompöses Mittagmahl und Souper mit gebrochenen Hälsen, Pfropfenknallen, Gläserklirren und perlendem Wein, Juchhe! Von Morgen früh bis Abend spät, von Abend spät bis Morgen früh! Das ist ein Leben! Mali (sehr niedergeschlagen). Ein solches Leben werden Sie leider bei uns nicht führen können! Das, was wir Ihnen bieten können, wird Sie, wie ich höre, kaum befriedigen. Aber ich bitte Sie herzlich darum, lassen Sie's der Tante nicht merken, denn es würde sie tief betrüben. Sie müssen wissen, Herr Adolf, daß Sie ihr einziger Gedanke sind. Ihr einziger Wunsch ist, Ihnen recht viel Freude zu bereiten. Adolf (gerührt). Meine liebe gute Tante! (Fällt in den früheren Ton zurück.) Beruhigen Sie sich, mein Fräulein, ich weiß, wie ich mich zu betragen habe! Mali. Ich hätte noch eine Bitte. Die Tante will Sie mit dem Pferde überraschen. Thun Sie doch, als wüßten Sie gar nichts davon. Adolf (mit Würde). Ich werde das in mich gesetzte Vertrauen zu ehren wissen, mein Fräulein, ich bin discret. (Stolz.) Einmal sollte sich ein Mitschüler, wollte sagen, College, mit einem Rittmeister der Dragoner schlagen, ich war in die Sache eingeweiht. Mali. Und was haben Sie gethan, um das Duell zu verhindern? Adolf. Ich? Für was halten Sie mich, Fräulein Malchen? Ehrensachen sind heilig! Eine Ehrenbeleidigung kann nur mit Blut gesühnt werden. Niemand hat dabei etwas zu sagen, als die Secundanten, deren verdammte Schuldigkeit es ist, die Versöhnung unmöglich zu machen. Wenn man mich in diesem Handel zum Ehrenrichter wählt, fließt Blut. Aber die Sache kam anders. SiegabenSich vor Sonnenaufgang ein Rendezvous im Prater, kamen pünktlich an, warfen rasch ihre Mäntel ab, stellten sich en xui-äs, und in dem Augenblicke, als sie den entscheidenden Stich auf Leben und Tod führen sollten- (macht eine fechtende Bewegung gegen Mali, die ängstlich zurückweicht.) Mali. In dem Augenblicke — Adolf, (mit plötzlicher Ruhe). Versöhnten sie sich. Mali. Ah, das war schön von ihnen. Adolf. Pfui! und abermals pfui! Bei mir hätte die Sache eine andere Wendung genommen. In solchen Dingen versiehe ich keinen Spaß und will nichts von Versöhnung wissen. Bei mir heißt's Piff, paff und damit Punktum. Basta. Mali. (Für sich.) Das ist ein schrecklicher Mensch! Adolf. (Von ' der erzielten Wirkung befriedigt.) Mein Fräulein, ich wollte Sie nicht ohne Grund erschrecken. (Nach einer kurzen Pause.) Ich höre, daß es in der Umgegend tiefe Sümpfe und Enten giebt, und habe mich zu diesem Zwecke mit Patronen und einem Dutzend Kugeln versehen. Dergleichen schadet niemals. Bevor die Tante erwacht, will ich zur Jagd fertig sein, ich will noch heute den Anfang machen. Auf Wiedersehen, mein Fräulein! (Verbeugt sich leicht und geht, ein lustiges Jägerlied singend, in den Pavillon ab.) Dritte Scene. Mali. Mali. Jetzt geht er morden! Ach Gott, ach Gott! was ist aus diesem Adolf geworden! Er kennt nur Abenteuer, Kugeln, Duelle und Champagner! Es ist fürchterlich! Früher war er so sanft, so freundlich, und jetzt, ich möchte laut weinen. (Fängt zum Schluchzen an). Wie Hab' ich mich gefreut, ihn wieder zu sehen, die schönsten Pläne hatte ich ausgedacht, ach, ich habe ihn so lie — (schluchzt). Bor einigen Wochen saß ich mit meiner Arbeit in dem kleinen Kabinet neben dem Zimmer der Tante, Frau von Mühlbaum war zu Besuch, sie sprachen lebhaft mit einander, und ich hörte zufällig, wie Tante sagt: «Sobald Adolf seine Studien beendet hat, kömmt er zu uns auf's Land, hier unter meinen Augen mag er sich vervollkommnen, und zu einem tüchtigen Landwirthe heraubilden. Nachher will ich ihn verheiraten." Hierauf sprachen sie leise weiter; aber meinen Namen habe ich deutlich vernommen. Seitdem war mir so seltsam zu Mathe, Thränen füllten meine Augen, und ich war doch so glücklich, ich habe immer und immer wieder an Adolf gedacht, und konnte ihn gar nicht vergessen, und jetzt! O mein Gott! (weint). Er ist so leidenschaftlich! (erschreckt.) Am Ende hat er schon jemand umgebracht! (tragisch.) Ich soll die Frau eines Mörders werden! Niemals! — Es ist Alles verloren, und ich — — ich-kann nicht seine Frau werden. (Legt die Hand auf's Herz.) Ach, wie das hier drückt und schmerzt. (Pause.) Wenn er nur wüßte, welchen Kummer er mir verursacht, aber nein, er hat anderes im Sinne und würde mich nur verlachen! Ich müßte mich zu Tode vor ihm schämen. Ich habe von Lucretia gelesen, die sich den Tod gab, weil Sextus sie durch seine Liebe beleidigt hatte. Aber verlacht und verspottet zu werden, ist noch kränkender. Nein, nein, eher den Tod! Ich will ihm aus dem Wege gehen, ihm nimmer wieder in's Gesicht sehen u — — und — ewig unverheiratet bleiben, (ab.) Vierte Scene. Adolf (kömmt aus dem Pavillon mit einer Büchse und einer Jagdtasche.) Drinnen ist's zu heiß, ich will meine Patronen hier fertig machen. (Schaut sich um.) Sie ist fort! (Geht zu dem auf der rechten Seite stehenden Tisch, lehnt seine Büchse an den Baum, und öffnet die Tasche, aber so, daß ihr Riemen ein wenig herabhängt, und nimmt Patronen, ein Pulverhorn, eine Schrotbüchse und Werg heraus.) Das gefällt den Frauen. Es liegt etwas Ritterliches in solcher Beschäftigung. Also angefangen! (macht Patronen.) Wenig Pulver und viel Ladung, nein umgekehrt, viel Pulver und harte Patronen, darin liegt das Geheimniß. (Sieht sich um.) Sie ist nirgends zu sehen, wie Schade! Man sagt, das Gewehr stößt, wenn mau scharf geladen hat, ein alter Jäger aber meint: wer viel säet, wird viel ernten. Laden wir also scharf, wenn's auch stößt! (Pause.) Es ist unglaublich, wie schnell sich diese Mädchen entwickeln! Wie groß und schön das Kind geworden ist. (Schüttelt Schrot in das Gewehr.) Stoß zu, nach Belieben! — Das ist die Hauptsache! — Ohne Ueberhebung, ich kann mit mir zufrieden sein, denn ich habe sichtlich Eindruck auf sie gemacht. Ich habe sie in Staunen gesetzt, geblendet! Vielleicht Hab' ich zu viel gethan, denn sie war erschrocken, aber das schadet nicht. Ein Franzose sagt! «Bei den Frauen ist nur ein Schritt von der Furcht zur Liebe." (Pause.) Mali ist noch sehr naiv, sie 9 glaubte in mir noch (nimmt Vogelschrot.) den alten Adolf zu finden, der mit ihr gespielt hat, und siehe da, statt seiner fand sie-ist dieser Werg schlecht! (wirft den Werg fort !) einen vollkommenen Manu. (Pause.) Sie hat ein reizendes Lächeln, ihre Zähne sind blendend. (Eine Patrone fällt zur Erde.) Hol dich der Kukuk! Wie herzlich sie mir entgegen kam! Welch schlanker Wuchs, und die kleinen Füßchen! Nein, ihre Füße Hab' ich gar nicht gesehen, — aber ich schwöre, daß sie zierliche, kleine Füße hat. (Indem er das sagt, verschüttet er das Pulver.) Bei meinem Anblicke wurde sie roth, gerieth in Verwirrung und senkte den Blick zur Erde. (Bemerkt, daß er das Pulver verschüttet hat.) Was Teufel Hab' ich da gemacht? (Will es wieder aufheben.) Wie bring' ich das Wieder in die Tasche? (unterbricht sich.) Sie hat wahrhaft prächtige Angen! (entfernt sich vom Tisch.) Es liegt etwas Bezauberndes darin. (Mit steigendem Gefühl) Aus ihren Blicken leuchtete Freude, ihr liebliches Gesichtchen war ganz verklärt, wie aufmerksam lauschte sie auf jedes Wort und wie groß und rührend schaute sie mich an, mit ihren wunderblauen Augen; dann wurde sie ernst, betrübt, ich glaube gar, ich habe eine Thräne gesehen. (Aergerlich.) Ich bin doch ein rechter Taugenichts. Ich habe sie beleidigt, gewiß! Ich war unfreundlich und roh, indem ich sie Verlachte. (Wird immer weicher.) lind sie ist so gut, so sanft, sie verleugnet sich selbst und denkt nur an Andere; mit welch süßer Stimme sagte sie: „Ich bitte Sie, lassen Sie das meine Tante nicht wissen!" Wie rührend konnte sie bitten, und ich habe sie nicht einmal angehört, ihr nicht einmal ein freundliches Wort gegeben. Liebes, gutes Herz! Und ich habe sie beleidigt, zurückgestoßen. (droht mit der Faust.) Ach, ich möchte mich-Und dieses Mädchen --ich liebe- ja wohl, ich möchte mein Leben für sie lassen. (Pause.) Aber nicht genug, daß ich kalt und gleichgültig gegen sie war, ich habe sie sogar erschreckt. Wie flehentlich sie ihre kleinen Hände rang, und ich, dessen Pflicht es wäre, sie zu vertheidigen, zu schützen, ergötzte mich an ihrer Angst. Das war ein unedles, verächtliches Betragen. Ich gäbe mein Herzblut hin, wenn ich es ändern könnte. (Panse.) Wie herrlich hätte dies Wiedersehen sein können! Als Matchen mir freundlich entgegen kam, da hätte ich rasch auf sie zngeben müssen. Unsere Augen hätten sich gegrüßt, und unsere Herzen verstanden. Sie wäre vor mir stehen geblieben, ich aber hätte ihre Hand ergriffen, (das Folgendespricht er schnell und mit immer mehr Wärme.) Sie sinkt an meine Brust, ich umfasse sie, ich stürze ihr zu Füßen, und verschämt blickt sie nieder, während ich ihre Hände mit glühenden Küssen bedecke. Sie sucht sich mir zu entziehen, ich flehe um ihre Liebe, da endlich beugt sie sich zu mir herab, und ihre holden Lippen stammeln: „Dein ist mein Herz und wird es ewig bleiben." Ich muß hin zu ihr, mich zu ihren Füßen werfen, gestehn, daß ich gefehlt, daß ich sie liebe, anbete, daß ich nicht ohne sie leben kann. Zu dir, Malchen, mein süßes, theures Mädchen! (wendet sich, und läuft nach rechts.) Fünfte Scene. Mali. Adolf. Mali erscheint bei den letzten Worten Adolfs im Hintergründe, sie ist sehr niedergeschlagen und will auf die Terrasse gehen, sie hört die letzten Worte Adolf's und bleibt in Gedanken versunken mit niedergeschlagenen Angen stehen. Mali (kalt). Haben Sie gerufen, Herr Adolf? Adolf (bleibt stehen, verlegen). Ich — — — verzeihen Sie — — ich 10 -wollte fragen, ob Fräulein Mali einen Spaziergang gemacht hat. Mali (für sich). Fräulein? (laut., Ich promenirte ein wenig im Garten. Adolf. Ich wollte nur-das Wetter ist heute wunderschön. Mali. Es Wird heiß werden. Adolf Heiß! Ja wohl, es ist auch jetzt schon sehr heiß, auch jetzt ist's schon (für sich.) — — — Wenn mir doch nur ein vernünftiges Wort einfiele! Mali, (immer mit niedergeschlagenen Augen). Die Tante wird bald erwachen. Adolf. Ja wohl, sie wird erwachen! (Mali blickt ihn verwundert an, er wird dadurch noch mehr verwirrt.) Ja wohl, ich denke auch, gewiß, warum sollte sie nicht erwachen, das ist ja natürlich; auf die Nacht folgt der Tag, man erwacht, steht auf, kleidet sich an, darum wird auch die Tante erwachen. Mali (lacht laut auf). Adolf (für sich). Sie lacht mich aus! Mali (wendet sich ab und sucht ihr Lachen zu verbergen). Wir werden bald frühstücken, ich muß gehen, den Kaffee zu bereiten. (Wendet sich, als ob sie gehen wollte, gegen die Terrasse) Adolf (folgt ihr mit flehender Geberde). Fräulein! (Mali bleibt stehen und wendet sich zu ihm.) Ich habe Ihnen so viel zu sagen, ich möchte Ihnen gestehen, daß ick — — den alten Johann gebeten habe, ja - — den alten Johann habe ich gebeten- (für sich) ich bringe es nicht über die Lippen. Mali. Sie haben den alten Johann um etwas gebeten? Adolf. Um nichts, um gar nichts, ich wollte nur sagen, daß ich Sie, mein Fräulein, bei meiner Ankunft nicht begrüßt habe. Mali. Wie? Adolf. Das heißt, ich habe Sie wohl begrüßt, aber nicht so^ wie- Mali. Ich verstehe Sie nicht. Adolf. Nun ja, mein Fräulein, ich sagte, daß unsere gegenseitige Begrüßung keine solche Begrüßung war, wie eine Begrüßung — — — (für sich) Ich verwirre mich immer mehr und mehr. Einen Augenblick, nur einen Augenblick hören Sie mich an, mein Fräulein, und Sie werden mich gleich verstehen. Sehen Sie, mein Fräulein, z. B. ich sage nur zum z. B., wenn Sie z. B , eine Festung wären, und ich der feindliche General — — — Mali (verletzt). Sie wollen vielleicht Soldaten spielen, verzeihen Sie, diese Zeiten sind vorüber, ich bin kein Kind mehr. Adolf. Gewiß nicht. Ich wollt mir nur einen Vergleich — erlauben Sie, Fräulein. — Mali. Nein, tausendmal nein, bitte verschonen Sie mich! (wendet sich um und beginyt nach der Terrasse zu gehen.) Adolf. Ja doch, liebes, —aber wir könnten vielleicht das Lämmchen ansehen. Mali (kehrt freudig um). Meinen Sie das wirklich im Ernste? (besinnt sich plötzlich.) Nein, nein! das wird Sie langweilen. Ich will Ihre Höflichkeit nicht auf so harte Proben stellen. Adolf. Auf die Probe stellen! Kein Gedanke, obwohl es mir anfänglich schien, doch nach reiflicher Ueberlegung habe ich mich überzeugt, daß ich eigentlich die Lämmchen nicht ausstehen,- daß ich die Lämmchen anbete. Mali (für sich). Er will mich zum Narren halten. (Laut.) Sie sagten ja vorhin, ein solcher Zeitvertreib sei kindisch und lächerlich, verspotteten ihn, ich gebe Ihnen Recht, lassen wir das Lämmchen. Adolf. Gut denn, so gehen wir spazieren. Mali. Das ermüdet Sie und ich komme ja eben von einem Spaziergang. Adolf (mit Wärme). Ermüdet mich! Ein Spaziergang an einem so prachtvollen Morgen, bei einem Sonnenschein, der so milde ist wie Mondesleuchten. Giebt I es etwas Herrlicheres, als an dem User 11 der blauen Bäume und im dunklen Schatten des rauschenden Baches, Arm in Arm träumerischzu wandeln? (Mali lacht auf.) Sie lachen, mein Fräulein, Sie lachen, weil Sie nicht ahnen, wie sehr ich leide, welche Schmerzen ich ertrage, Sie kennen die Qual eines Herzens nicht, das überströmen möchte und nicht kann, nicht überströmen kann! Mali. Mein Herr, ich verstehe Sie nicht! Adolf. Auch jetzt noch nicht, weil Sie mich nicht verstehen wollen, weil Sie es nicht aussprechen wollen, das eine Wort, jenes Wort. — Mali. Welches Wort? Adolf. Das Wort, von welchem mein Leben abhängt, das in meinem Gehirne wühlt, mir Sinn und Verstand verwirrt und mein Herz zu einem schaurigen Abgrunde macht. Mali Mr sich). Es wird mir bange vor ihm. Adolf. Ich verzweifle, ich bin dem Wahnsinn nahe, ich tödte mich. Ja aber nicht mich allein tödte ich, ich tödte — — nein! ich wage das Wort nicht auszusprechen, — Fräulein! — (macht einen Schritt gegen Mali, die erschreckt zurücktritt.) Mali. Herr Gott! Er ist verrückt! Wie komme ich nur fort von hier? Adolf. Länger ertrage ich es nicht, (scheint eine lange Zeit mit sich zu kämpfen, dann wendet er sich plötzlich um, und ruft für sich mit Entschluß:) Muth! Süßer Engel! Mali. Herr, mein Gott! Er ist wirklich verrückt geworden! (Schnell ab ins Haus.) Sechste Scene. Adolf (allein). (Folgt ihr einige Schritte und bleibt sodann stehen.) Jetzt läuft sie mir gar davon. Sie lacht mich aus und läuft davon. (Nähert sich, das Gesicht mehr dem Publikum zugewendet, gedankenvoll dem Tische) Sie wollte mich nicht verstehen, was wird sie jetzt von mir denken? Da stand sie vor mir, länger als eine halbe Stunde stand sie hier, und ich konnte kein Wort finden, ich, der ich ihr so viel zu sagen habe. Jetzt, da sie fort ist, Hab' ich die schönsten Ideen. (Pause.) Was wäre leichter- gewesen, als ihre Hand zu ergreifen — (ergreift den Riemen der Jagdtasche) und vor ihr hiugekniet (kniet vor dem Tische nieder) auszurufen: „Thenres Malchen, ich liebe dich! Gebiete über mein Leben, mein Blut, du bist all' meine Hoffnung, mein Glück, seitdem ich lebe, das holde Bild meiner Träume. Jeder Herzschlag, jeder Gedanke ist dein, du bist meine Seligkeit, mein Alles! Ich bitte, ich beschwöre dich, sprich es aus, das einzige Wort, an dem meine Ruhe, mein Leben hängt, sprich es aus, daß du mich liebst!" (Ergreift mit beiden Händen den Riemen und küßt ihn leidenschaftlich.) Und ich (springt auf und wirft die Jagdtasche zu Boden) stand da wie ein Schuljunge, und sie hat mich ausgelacht. — Nein, ich kann diese Schande nicht überleben. Ich habe mich lächerlich gemacht, und sie kann mich nicht mehr lieben. Alles ist verloren. Die Räder meines Schicksals stehen still, die Würfel sind gefallen! Ich will meinem elenden Leben ein Ende macken. (Pause.) Doch welchen Todes sterbe ich? — (Geht in Gedanken vertieft auf und ab.) Ein Dolchstich ist nicht sicher genug und schmerzt. Stürze ich mich in's Wasser? Ich kann schwimmen. Nein ! das ist absolut unmöglich, der Anblick eines Ertrunkenen ist gräßlich, und in wässrigen Kleidern liegt zu wenig Poesie. — Vergiftung wäre das schönste, aber hier bekommt man kein Cyankali. Diese Todesarten sind verwerflich, sie gefallen mir nicht. Ich will sterben ohne gewaltsame Mittel. Nichts soll mich entstellen oder abschreckend machen. 12 Mit bleichem Anlitz, bleichen Lippen sollen sie mich finden, das Haar in wirren Locken herabhängend, die erstarrte Hand auf der Brust, die andere malerisch auf dem schwarzen Mantel hiugestreckt, das wäre ein erhabener Anblick. Mali würde schluchzend auf mich Hinstürzen und die kalte Hand mit Thräuen benetzen, dann würde ich langsam die gebrochenen Augen aufschlagen — aber nein, so weit darf ich nicht gehen. (Pause.) Wie aber wäre es möglich, diese tragische Katastrophe in Scene zu setzen? Aha! Am besten ist's, ich stürze vom Pferde und breche mir den Hals (reibt sich vergnügt die Hände). Bravo! prächtig! Ich breche mir den Hals! das ist eine herrliche, originelle und noch nie dagewesene Idee! Aus Liebe hat sich noch Niemand den Hals gebrochen. Ich bin der erste Halsbrecher aus Liebe! Doch halt! Daß sie nicht etwa glaube, es sei zufällig ohne vorhergehenden Entschluß geschehen, daß sie nicht etwa glaube, ich sei ein schlechter Reiter; damit sie erfahre, was sie an mir verloren hat, werde ich ihr schreiben. Sie soll wissen, was sie an mir verloren hat, sie soll mich wenigstens in der Erinnerung lieben. (Reißt aus seinem Notizbuch ein Blatt heraus, und will mit einem xorte-cia^on, der auch mit einer Feder versehen sein muß, schreiben.) Nein, nein! Das darf man nicht mit Bleistift, das muß man mit Blut schreiben. (Sucht in allen Taschen ein Federmesser.) Wo zum Teufel habe ich mein Federmesser hin? Aha! da ist's! (Oeffnet die Klinge). Wo fließt es am schnellsten? (Nachdem er eine Zeitlang herumgefühlt, um die richtige Stelle zu finden, nickt er endlich mit dem Kopfe, schlägt die Manschette am linken Arme auf und sagt leise). Wenn's nur nicht die Ader ist. — (Ritzt sich in die Hand) Ach! (wirft das Federmesser weg und ergreift die verwundete Hand.) Znm Teufel, es kömmt noch kein Blut! — Da ist es schon! Jetzt schnell geschrieben! (Stößt die Feder aus dem porte-era^on heraus, fängt das Blut sogleich aufund schreibt.) „Angebeteter Engel!" Ach, wie es brennt! „Göttliches Matchen! Ich liebe dich mehr als mein Leben, ich sterbe um deinetwillen! — Das Blut erstarrt, - Sie weiß genug — wenn sie das Blatt hier findet. (Legt das Blatt auf den Tisch.) Doch, so kann es der Wind leicht wegtragen! (legt das Pulverhorn darauf.) Und jetzt kleiden wir uns um, in diesem Anzuge kann ich doch nicht den Hals brechen, (nach links rufend) Kaspar! Ein Pferd! (ab in den Pavillon). Siebente Scene. Mali (kömmt von rechts, sehr unruhig schaut nach allen Seiten umher.) Es läßt mir keine Ruhe! Ich muß ihn sehn! Er war so verwirrt, vielleicht geht es ihm jetzt schon besser. Wahrscheinlich war es nur eine Congestion oder ein kleines Fieber. Wenn man ihn nur dazu haben könnte, daß er sich ins Bett legt und Lindenthee trinkt; ich hätte ihn nicht allein lassen sollen. Aber ich war so entsetzt, daß ich erst im Zimmer wieder zu mir gekommen bin. Uebrigens wär er, offen gestanden, selbst als Wahnsinniger nicht so fürchterlich. Anfänglich hat er sogar recht vernünftig und sanft gesprochen, aber es kam mir vor, als hätte er das Fieber. Ach Gott, ach Gott! Was dies liebe Wien für Unheil anrichtet! Was nur die Tante sagen wird, wenn sie erwacht! Sonderbar, daß sie gerade heute länger schlafen muß. Armer, armer Adolf; was in der Welt hat ihn denn so außer sich gebracht? Vielleicht hat er zu viel Punsch getrunken! — Ach nein, dann wäre er zornig ge wesen, und hätte Händel gesucht, und er war ja so sanft! Er war leidend, sichtlich leidend und ergriffen, wie oft hat er den Schweiß seiner Stirne getrocknet, und dann sprach er so warm, so feurig. — Er wollte Abschied von 13 mir nehmen und mir noch etwas sagen, nur in dem Augenblicke kam er mir fürchterlich vor, als er aus mich zustürzte undausrief: „Muth, süßer Engel!" (Nach kurzer Pause.) „Süßer Engel" diese Worte galten mir, aber warum schrie er „Muth!" Ich fürchte, es steht nicht richtig mit seinem Kopfe. — Wenn er gesagt hätte „Süße Mali!" — Doch man sagt, daß es auch Fälle giebt, in denen man aus Liebe wahnsinnig wird. — Aber, was rede ich da! - Heute Früh sah er mich kaum an, das Hab' ich ihm auch übel genommen, und wie wäre es dann möglich, daß die Liebe so plötzlich — Auf einmal singen auch seine Augen zu sprechen au, und er sah mich so innig, so herzlich au — Ach.es wäre doch jammerschade, wenn — (geht in Gedanken versunken auf und ab.) Vielleicht ist das Nebel noch zu heilen wenn man nur wüßte. — (Schlägt die Augen auf und schaut nach den linken Conlissen, als ob sie dort etwas bemerkte. Ab.) Achte Scene. Adolf (tritt aus dem Pavillon, trägt einen Hut mit breiter Krempe und einen Almaviva- Anzug, nämlich: einen gewöhnlichen schwarz drapirten Mantel, einen kurzen Reitrock, enge weiße Hosen und hohe Reiterstiefeln, in der Hand eine Reitpeitsche, Haltung, Sprache, ist sehr pathetisch). Nur noch wenige Minuten und Alles ist aus! Ich verlasse dieses Schattenreich, in welchem das Glück mir auch nicht ein einzigesmal gelächelt hat. (Pause.-Wohin ich auch immer blicken mag, zurück in die fernen Jahre meiner frühen Kindheit, ich finde nur thränen- volle, schmerzenreiche Erinnerungen. (Zeigt auf das Haus.) Dort strömten einst meine Thränen bei den Kläugen jenes Klaviers. (Zeigt auf die Bank.) Hier auf dieser Bank erging ich mich in Seufzern. (Läßt seine Reitpeitsche knallen.) Und was erlebte ich, als ich das Mannsalter erreicht hatte! Ich habe nur einmal geliebt, nur einem holden Wesen habe ich mein Leben geweiht, und diese Eine hat mich verlacht, verspottet. — Darum will ich ein Ende machen mit mir, ein Ende mit diesem schwergeprüften Leben. — Nur ein Sprung und Alles ist aus ! - Mali, leb' wohl!— (geht mit gravitätischen Schritten nach links ab und verschwindet hinter dem Pavillon.) Neunte Scene. Jean auf der Terrasse. Mali. (Jean tritt aus dem Hause auf die Terrasse, trägt ein Kaffeeservice, bemerkt, daß sich Adolf entfernt hat. Während des folgenden Auftrittes deckt er den auf der Terrasse befindlichen Tisch zum Frühstück und sieht den Auftretenden lächelnd zu. Mali tritt auf ohne Jean zu bemerken, einen Strauß Tausendschön in der Hand, die sie langsam entblättert.) Er liebt mich, liebt mich nicht, liebt mich, liebt mich nicht, (wirft die Blumen zur Erde.) Auch meine letzte Hoffnung ist dahin! Er liebt mich nicht! — Ach, er wird nie zur Vernunft kommen! (bedeckt ihr Gesicht mit dem Taschentuch?, macht einige Schritte gegen den Tisch und berührt so den auf dem Boden befindlichen Tornister.) Was ist das? Diese Unordnung! Hier ist was vorgegangen! (Sieht das Briefchen.) Ein mit rother Tinte geschriebenes Bittet. — Diese Züge — das ist seine Hand ! (liest) „Süßer Engel!" (sich unterbrechend) Immer nur dieser Ausdruck! (freudig weiter lesend) Angebetetes Malchen! Ich liebe dich mehr als mein Leben, und darum sterbe ich ! — Ach! (sieht das Federmesser auf der Erde und wirft das Taschentuch weg.) Diese entblößte Klinge! Er hat sich getödtet. Erliegt gewiß todt in einem Strauche, ohne Hülfe, ohne Rettung! (läuft nach links.) Zehnte Scene. Adolf. Jean auf der Terrasse. Adolf kömmt von links von der Seite, nach welcher er ab- 14 gegangen war, in dem bezeichnten Reitrocke, seine Kleider find mit Koth bedeckt, er ist blaß und hinkt.) Es ging nicht! Ich lebe noch. Aber ich habe einen verfluchten Purzelbaum gemacht. Und den Selbstmord Hab' ich auch satt bekommen. Das Pferd ist kein englisches, aber es ist dock von verdammt feuriger Race. Wer Teufel hätte das geglaubt! — Kaum als ich im Sattel saß, gab ich ihm die Sporen und im Galopp gegen den Zaun. Nach einigen Sprüngen ist er erreicht, ich sprenge darauf los, haue dem Pferde eins in die Weichen, aber statt des Sprunges bäumt sich das Pferd, und Wupp! lag ich auf allen Vieren über dem Zaun! Der Gefahr wäre ich glücklicherweise entronnen, aber.das Pferd ist direkt auf die Weide gerannt! So geht es mir das ganze Leben hindurch, das Unglück ist mir stets auf den Fersen. (Geht mit verschränkten Armen und gesenktem Kopfe auf und nieder und erblickt die Blumen auf der Erde.) Was sehe ich? Diese Blumen, diese Blätter, Tritte kleiner Füßchen ! (findet das Taschentuch.) Sie war hier! Matchen! O! wenn sie die Blumen gefragt hätte, ob ich sie liebe. Matchen! theures, geliebtes Matchen! Eilfte Scene. Frau Dorner, Mali, Jean. (Im Hintergründe läuft Mali rechts über die Bühne. Kaum ist sie in der Coulisse verschwunden , kömmt Adolf aus der Coulisse vio-L-vis und hinkt über die Bühne. Beide laufen einigemale über die Bühne, immer in entgegengesetzter Richtung, als ob sie einander suchten, aber immer so, daß sie einander nicht sehen und nicht Zusammentreffen. Frau Dorner tritt aus dem Hause auf die Terrasse, man sieht, daß Jean leise mit ihr spricht und indem er das Lachen gewaltsam unterdrückt, bald auf Mali, bald auf Adolf deutet, endlich erscheint Mali von links, Adolf von rechts, indem sie auf einander zulaufen, rufen sie beide) Ah ! (und umarmen sich rasch.) FrauDorner. Jean das Frühstück! (Bei diesem Ausrufe schrecken Mali und Adolf von einander zurück, Frau Dorner kömmt von der Terrasse herab, und nähert sich ihnen mit offenen Armen. Nach kurzem Zögern laufen sie beide zur Tante, diese schlinget einen Arm um Adolf, küßt seine Stirne, Mali aber kniet vor der Tante nieder und ergreift ihre andere Hand. Der Vorhang fällt. Knopfloch - Schmerzen. Posse in l Akt von Dr. B F. Eirich. Repertoirstück des k. k. -riv. Theaters in der Josefstadt in Wien, des Victoriatheaters in Berlin, rc. rc. " Alle Rechte Vorbehalten. Me», 1875. Verlag der Wallishansser'schen Buchhandlung (Josef Klemm). Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Personen: Baron Trottheim, fürstlicher Rath. Adelgunde, seine Frau. Helene, beider Tochter. Werner, Fleischhauer und Würstler. Dr. Eduard Werner, dessen Sohn. Der Secretär des Fürsten. Pamphnucius, Diener beim Baron. Die Handlung spielt in der Residenz eines kleinen Fiirstenthums. (Rechts und links vom Publikum aus genommen.) Den Hähnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Salon in Trottheims Hanse, sehr elegant möblirt. — Mittel- und Seitenthüren. Links ein Fenster. In der Mitte der Bühne ein runder Tisch, um diesen herum Stühle. Links beim Fenster eine Blumenetagere. Rechts ein Kamin; auf diesem steht eine Kassette. Erste Scene. Trottheim, Adelgunde. Trott. Nein, Gundchen, so etwas hat die Welt noch nie erlebt! Einem Wurstler einen Orden zu verleihen! Einen Orden! ohohoh! — Fürchterliche Kunde! Unsere traditionellen, unbeugsamen Grundsätze haben eine Bresche erlitten, eine unverbesserliche Bresche! Oh! über diese verdammten modernen Theorien! Orden! Bisher Privilegium des Adels, sie werden jetzt an profane Alltagsmenschen verschleudert. Gleiches Recht will man für Alle haben. — Gleiches Recht für Adel und Volk, für Civil und Militär — dies heißt: uns stürzen und auf unseren Trümmern ein neues Geschlecht aufbauen — ohohoh! Adelg. Aber, Mannerle, Du nimmst die Geschichte viel zu ernsthaft! Trott. Ich — ernsthaft? — oh! au oontraire, ich lache — sieh nur, wie ich lache stacht gezwungen). Ein dekorirter Würstler! Adelg Lieber Mann — dem Verdienste seine Krone. — Werner hat viel für den Staat gethan, seine Belohnung gilt nicht dem Würstler, sie gilt dem verdienstvollen Patrioten. Trott. So? Und was hat er denn gethan, dieser verdienstvolle Patriot? Adelg. Hat er nicht mit Aufopferung seines Lebens der Armee im vorjährigen Feldzuge Ochsen zugetrieben — Trott. Ja, als Assentirungskomissär., Adelg. Hat er durch seine Unerschrockenheit nicht einen Theil der Armee vom Hungertode gerettet? Trott. Er war Armeelieferant und hat damit nur seine Pflicht gethan. Adelg. Heutzutage ist es ein großes Verdienst, als Armeelieferant nurseine Pflicht zu thun. Trott. Du magst Recht haben, aber dafür hätte der Titel eines „Hof- und Armeelieferanten" genügt. — Man muß sich ja schon beinahe schämen, einen Orden zu tragen, da er nicht dem wahren Verdienste, sondern der Großsprecherei, Renommisterei und Reklamehascherei verliehen wird. Wenn heute der Sultan oder sonst ein Herrscher eine Rundreise macht, bekommt jeder, der's Wagen- thürl aufmacht „für besondere Verdienste" einen Orden! Adelg. Was willst Du damit sagen? Trott. Daß — daß — Adelg. Daß Du Dich kränkst, für Deine Verdienste noch kein rothes Band tragen zu können. — Trott. Was Dir nicht einfällt — ich — ich — Du weißt ja — auf Ehre — es ist doch ein Skandal. Adelg. Du widersprichst Dir selbst — einmal sagst Du, es sei eine Ehre, keinen Orden zu tragen, dann sehnst Du Dich selbst darnach. So seid Ihr Männer! 4 Zweite Scene. Vorige, Helene. Hel. Me Zeitung bringend). Guten Morgen, Papa und Mama! Wie habt Ihr geruht? Habt Ähr von Eurem Töchterlein geträumt? Gewiß nicht! — Trott. Träume sind Schäume, mein Kind, deßhalb will ich von Dir gar nicht träumen! Was bringst Du? Hel. Deine Zeitung — der Bote hat sie eben gebracht! Trott. Gib her, mein Kind, am meisten interessiren mich jetzt die Speiszettel der Regenten, welche man als Leitartikel bringt. — Es ist dies das einzige Mittel, den Leuten genießbare Artikel zu geben. (Setzt sich an den Tisch und liest.) Hel. ft. S. zu Adelgunde.) Liebste Mama, hast Du schon in der bewußten Sache aus den Strauch geklopft? Adelg. Es war noch keine Gelegenheit dazu — Du siehst ja, wie mürrisch er ist. Hel. Ach! ich verzehrt die Ungeduld — wenn ich nur schon wüßte, was wir hoffen können. Adelg. Nur Geduld — an mir soll's nicht fehlen. Hel. Hätt' ich nur eine Ahnung, welche Pläne Papa mit mir hat — ssie will abgehen links). Adelg. Du gehst? H el. Ja wohl — auf mein Zimmer — ich will meinen trüben Gedanken Audienz geben, (Ab links.) Dritte Scene. Vorige ohne Helene. Trott, (springt wüthend auf). Es ist rein zum Teufel holen! Adelg. Was denn schon wieder? Trott. Da höre nur, was in der heutigen Zeitung steht, (Liest.) „Seine Durchlaucht fuhr gestern Abends, bei eiubrechender Dunkelheit durch die Löwengasse, als plötzlich, aus unbekannter Ursache, die Pferde scheu wurden, und in rasendem Carriere dahinsausend, das Leben Sr. Durchlaucht der größten Gefahr aussetzten. Nur dem heroischen Muthe eines wegen der Dunkelheit unbekannten Mannes, welcher den Pferden in die Zügel fiel, und sie zum Stehen brachte, ist das Leben unseres thenren Fürsten zu danken. Diese Heldeuthat geschah vor dem Hause des Herrn Baron Trottheim." — (Spricht.) Nun, was sagst Du dazu? Vor unserm Hause, und wir wußten gar nichts davon. Adelg. Ich bin höchst erstaunt. — Trott. Ach! Hätte nur ich das Roßglück gehabt, diesen Rossen in die Zügel fallen zu können — ich hätte gewiß — Adelg. (indem sie zum Fenster geht.) Einen Orden bekommen — nicht wahr? Trott, (seufzend). Ach ja! Adelg. Ei — ich glaube, es sei eine Ehre — Du — sieh nur hinüber, dort steht der Werner, er hält ein Zeitungsblatt in der Hand, eine Menge Leute umgeben ihn — er deutet auf unser Haus — Alles sieht herüber. — Trott, (zum Fenster gehend). Wie er dort steht und sich in die Brust wirft — laß mich aus — ich mag diesen Prahlhans mit seinem rothen Bande gar nicht sehen. - Aber warte nur — heute Abend soupirt der Secretär des Fürsten bei uns — ich will Dir schon Deine Suppe eiubrocken — es ist zum Lachen, trägt er seinen Orden auch im Geschäft — eine Wurst gehört in Dein Knopfloch — aber kein Orden. Adelg. Geh', geh' — ereifere Dich nicht — wenn Du Dich in Deinen Zorn hinein redest, machst Du immer nichts als Thorheiten. Trott. Weib, bring mich nicht zur Verzweiflung — ein Deutscher wird nie zornig — und Dummheiten macht er auch keine. Adelg. Lächerlich! 5 Trott. Sag' mir nur eine einzige Dummheit, die Du mir vorznwerfen hast, und ich will schweigen — nun? Ade lg Eine? — Auch gut! Nenne es vernünftig, daß Du Werner's Sohn abgewiesen hast! Oder können wir uns einen besseren Schwiegersohn wünschen, als diesen jungen Doctor? Trott. Doctor hin, Doctor her — sein Vater ist Würstler — diese Schande verwischt kein Doctorat — Adelg. Und der Orden? Trott. Nun, der Orden — das heißt — weißt Du — nun ja — Unsinn! Vierte Scene. Vorige, Pamphnucius. Pamph. Herr Baron, der Friseur wartet. Trott. Gut, Nutzerl!-— sDiener ab.) Halt! Du, hast Du nichts von der gestrigen Geschichte gehört? Pamph. Gehört? Oh! Mehr als das! Ich weiß, wer Sr. Durchlaucht das Leben gerettet hat. Trott. Wie, Du weißt?Heraus mit der Sprache! Pamph. Der junge Dr. Werner — ich hab's mit eigenen Augen gesehen. — Trott. Mensch! Du lügst!—Doch nein — nein — dort steht ja der Alte und triumphirt — oh Du mein Gott — jetzt wird der Vater noch Baron, Gras, oder gar auch ein Fürst — und der Junge — oh Du mein Gott — szum Diener). Gut, Nutzerl, Du kannst gehen. Mener ab.) Du, Guuderl — was glaubst — man muß politisch sein — vielleicht, nun ja, wer weiß — soll ich den Alten nicht zum Souper rufen, vielleicht, daß ein diplomatischer Schachzug zwischen Helene und dem Doctor und zwischen dem Doctor und Helene wieder — nun — Du versiehst mich doch — he? Pereat jeder Zwist, Vivat die Freundschaft! lNimmt Hut und Stock.) Adelg. Aber, ich begreife Deinen Umschwung nicht — Trott. Ist auch nicht nöthig — Du weißt, ich bin ein Diplomat aus der alten Schule — deren Pläne und Absichten merkt kein Mensch! Richte Alles auf's Glänzendste zum Souper — der Alte und sein Junges müssen heute bei uns speisen. fD. d. Mitte.) Fünfte Scene. Adelgunde Allein). Wenn sich diese Männer nur nicht in Heirathssachen mischen würden — wir Frauen wissen solche Dinge am Besten zu arrangiren — aber sie glauben immer Alles besser zu verstehen — diese Herren der Schöpfung. Sechste Scene. Adelgunde, Helene flinks). Hel. feilt freudig herein). Du, Mama, so eben ging der Vater hinüber zu Herrn Werner — ich sah, daß« sie sich die Hände reichten, Grüße austanschten, und vor lauter Höflichkeit beinahe auf der Gasse stehen blieben. Weißt Du, was das zu bedeuten hat? Adelg. Ich weiß noch gar nichts. Hel. Oh doch! Doch! Aber Du willst mir nichts verrathen. Geh, böses Mütterchen, rück' heraus mit der Farbe. Adelg. Du bist eine wahre Schmeichelkatze — wohlan — ich glaube — sein Widerstand beginnt etwas nachzulassen. Hel. Also wird drüben Conferenz gehalten? Wann ist die Hochzeit? Oh, ich bin überglücklich! Adelg. Nur nicht so rasch, liebes !Kind, so weit sind wir noch nicht. ^ Hel. Ach, Mütterchen! hilf mir das j Eis völlig schmelzen. 6 Adelg. Sei außer Sorgen, Du weißt wie ich Dich liebe, von mir aus soll Alles aufgeboten werden, um Dein und dadurch unser Glück zu erzielen. Hel. Ach! Wie wird sich Eduard freuen, wenn er die Botschaft vernimmt — Mutterl, ich möchte die ganze Welt umarmen und mein Glück in lauten Jubeltönen verkünden. Adelg. Das lasse hübsch bleiben — vorläufig schweige gegen Jedermann. Hel. Auch gegen Eduard? Adelg. Auch gegen ihn! Hel. Wie? Er, der so bitter mit mir gelitten, er sollte jetzt nicht meine Freude mit mir theilen? — Das wäre grausam, ja, undankbar. Adelg. Nun, nun — etwas darfst Du ihm schon merken lassen, aber nur nicht zu viel — wer weiß, welchen Ausgang die Sache noch nimmt, und die Enttäuschung wäre Eduard viel bitterer als Du ahnst. Hel. Ach! Wenn er jetzt nur käme! Adelg. Das könnte leicht geschehen. Hel. Wieso? Adelg. Dein Vater ladet ihn und seinen Vater für heute Abend zum Souper ein. Hel. Ach! Das ist herrlich k Das ist prächtig! Aber, sag' mir nur, woher diese plötzliche Umwandlung? Adelg. Das darf ich noch nicht ver- rathen — die Zeit wird Alles lehren. Hel. Ach Mutter! Du machst mich selig — wie wird sich der gute Eduard freuen! Einen Kuß, Mama, für diese Botschaft — skiißt siej und jetzt schnell an meine Toilette sAb linkss. Siebente Scene. Adelgunde salleins. Ob doch der Doctor dem Prinzen wirklich das Leben gerettet hat? Es kann wohl kein Zweifel sein, wenn der Diener es mit eigenen Augen gesehen hat— der junge Mann macht dadurch wirklich sein Glück, und Helene könnte es mit ihm machen — wenn mein Mann nur nicht Alles durch sein rüdes Auftreten verdarb — denn der Doctor ist ziemlich empfindlich — hat auch Recht — man soll ihn seiner selbst willeu zum Schwiegersöhne nehmen, nicht seiner Auszeichnungen halber. Achte Scene. Vorige, Trottheim. Trott, jathemlosj. Der Helle Todesschweiß steht mir aus der Stirne — mich trifft der Schlag — Weib — einen Stuhl — oder ich falle um ssie schiebt ihm einen Stuhl zu, er sinkt Hineins. Adelg. Damian, was ist Dir? Was ist geschehen? Trott. O! Es ist zum Verzweifeln - Adelg. Was denn? Trott. Ich könnte aus der Haut fahren, wenn ich eine zweite hätte. Adelg. Aber, so erkläre mir doch - Trott. Ja, ja, vielleicht lindert ein Geständniß meine Schuld — aber vorher — sieh, ob Niemand horcht. Adelg. Wer sollte denn horchen? Trott. sheftigs.Sieh nach, sag ich Dir! Adelg. Ja, ja — ssie sieht nach den Thüren und kehrt Zurücks. Trott. Ein Spion könnte horchen — und dann — oh mein Gott! Wenn Jemand meine Greuelthat ahnte - Adelg. Damian, Du spannst mich auf die Folter! Trott. Ich bin es schon — oh! könnt' ich Lethe trinken, um Alles zu vergessen — doch ha! Vielleicht hat er es nicht bemerkt —vielleicht ahnt er es nicht — oh! dann bin ich gerettet, und er ist gestürzt, blamirt für ewige Zeiten. Adelg. Wer? Trott. Der Ordenswürstler! Adelg. Wirst Du mir endlich erklären? 7 Trott, (sieht sich ängstlich um). Komm' näher — noch näher — ser flüstert ihr das Folgende halblaut in's Ohr) ganz nahe! (er zieht eine Extrawurst aus seiner Rocktasche). Kennst Dn das? Adelg. Nun, eine Wurst! Trott. Ja, aber was für Eine! Eine fürchterliche Satanswnrst — Adelg. Wieso? Trott, (schaudernd). Ich habe sie gestohlen ! Adelg. Wie — Du kannst Dich derart erniedrigen — daß Du stiehlst — und noch dazu eine Wurst? Trott. Bst! Jammere leise, ganz leise! — Doch zuerst höre, dann verdamme mich ! Du weißt, ich war drüben bei Werner — er empfing mich zwar freundlich, aber gnädig und herablassendem Würstler und einen Rath herablassend empfangen — es ist zum Tollwerden. Adelg. Weiter, weiter! Trott. Auf meinen Gruß titulirt er mich gar: „Herr Nachbar" ist Dir diese Keckheit schon vorgekommen? Den fürstlichen Rath mit: „Herr Nachbar" anzusprechen. Adelg. Zur Sache! Trott. Ich war mit Werner allein im Laden und lud ihn für heute zum Souper — und was glaubst Du, was er mir erwidert: „Ein simpler, schlichter Bürger taugt nicht in so vornehme Gesellschaft." Aber das sprach er in einem so höhnischen Tone, daß ich — Adelg. Gut, gut, aber ich sehe noch immer nicht ein — Trott. Thut nichts — höre nur weiter. Ich sprach vom Heiratsprojekte zwischen Helene und seinem Sohne — wieder ein Refus: „Ich glaube kaum, daß mein Sohn Lust haben wird, die verlorene Position wieder einzunehmen" — dabei grinste er — als wollte er sagen: „Jetzt wird mein Sohn Graf — und dann brauche er keine Rathstochter zur Frau, die nichts hat." Adelg. Siehst Du, warum hast Du mir nicht früher gefolgt! Trott. Leider! Aber nein! Mein Plan mnß gelingen, dann ist er gestürzt — und ich schlage seinen Sohn ans — Adelg. Da kommt die arme Helene in jedem Falle zu kurz. Trott. Zuerst den Ausland — dann das Glück. — Als wir so sprachen, sah ich grimmig auf seinen Orden, den er so arrogant im Knopfloch trägt — und wir setzten uns. Ein Knecht begann Würste mit gehacktem Fleische zu füllen, und Werner beugte sich über die Würste — Plötzlich sah ich ihn an — der Orden fehlte, ohne daß er's bemerkte. Ich sah ihn weder am Tische, noch am Boden — eben wurde eine Wurst zugebunden und — Hella! blitzt mir ein Gedanke durch den Kopf — der Orden steckt in der Wurst. — Ich dehue das Gespräch aus, bis Leute kommen, die der Knecht bedient — da — jetzt kommt der fürchterliche Moment — da versuchte mich der Teufel — ein Griff und die richtige Wurst war in meinem Sacke — aber da trat der junge Doctor ein — grüßte kalt, blickte mich ironisch an, und ging auf der anderen Seite ab — Adelg. Mein Gott — er hat Deinen Diebstahl gemerkt — Trott. Das ist auch meine Furcht — aber ist sie unbegründet, dann — ich sage nichts, als dann — Adelg. Nnn, was willst Du dann beginnen —? Trott. Ihn auf den Pranger stellen — lasse nur gleich noch einige Stück Würste von derselben Sorte — aber drüben von Werner, kaufen. Diese stellst Du uns heute Abend, wenn der Secre- tär des Fürsten bei uns soupirt, auf ' den Tisch. Er soll diese Wurst in seine Hände bekommen, darin den Orden ' finden — das gibt einen unbändigen Skandal, der natürlich bis zum Fürsten : dringt. Dieser wird sich dann hüten, einen Menschen, der Gegenstand des 8 allgemeinen Spottes ist, mit ferneren Auszeichnungen zu bedenken. Adelg. Aber, Damian — ist das edel? Was hat er Dir gethan, um eine solche Rache — Trott. Verschone mich mit Deiner Predigt — ich thue, was mir gefällt — Adelg. Und Helene? Trott. Bleibt vorläufig noch ledig, bis sich eine andere Partie findet — den Sohn dieses arroganten Wurstlers bekommt sie nie und nimmer. Früher nicht und jetzt schon gar nicht. Adelg. Und wenn er Deine unvorsichtige Handlung bemerkte — ? Trott. Ah ! das wäre fürchterlich — dann bin ich blamirt — Neunte Scene. Vorige, Helene. Hel. Mama, ich habe ihn eben gesprochen — Trott. Wen? Hel. Meinen Eduard. Trott. Deinen Eduard? Du unterstehst Dich nie wieder, ihn auch nur anzuschauen. Hel. Aber, liebster Vater — Mama hat mir ja eben erlaubt — Trott. Du schlägst Dir ihn aus dem Kopfe, sonst — Adelg. steife zu Trottheim). Du — sie hat ihn gesprochen, vielleicht hat er etwas fallen lassen, was unseren Vermuthungen auf die Spur helfen könnte. Trott. Das ist wahr! (Zu Helene.) Was hat er zu Dir gesprochen? Hel. Das weiß ich selbst nicht — seine Reden waren so unverständlich — er sprach von einer sonderbaren Neuigkeit, die sich bei uns ereignet hätte. — Trott, steife zu Adelgunde). Hörst Du ? — fSteht auf und muß sich an die Stuhllehne stützen). Hel. Die Entdeckung derselben gehe von ihm aus — Tr 0 t t. strocknet sich die Stirne mit der Hand und hält dabei das Sacktuch in der anderen.) Ich schwitze Blut — Hel. Und er hätte einem so ehrwürdigen alten Herrn eine solche That gar, nicht zugemuthet — Trott, ffucht mit der leeren Hand sein Taschentuch und ergreift die Wurst). Das ist mein Todesstoß! ffällt in den Stuhl.) Adelg. steife zu Trottheim). Er wird Alles verrathen! Hel. Dann sprach er seine Hoffnung aus, jetzt meine Hand erhalten zu können — Trott. Ich athme neu auf — denn, wenn ich mich seinem Wunsche füge, dann schweigt er vielleicht. — (Trocknet sich den Schweiß mit der Wurst ab — merkt dann den Jrrthum — zu Adelgunde.) Versteck die Wurst! Geh — schau, daß ich den jungen Menschen herüber bekomme — ich muß ihn sprechen — und das um jeden Preis — Hel. Das wird kaum möglich sein, denn er ist eben in die fürstliche Kanzlei geeilt, um dort die ganze Geschichte an- zuzeigen — Trott. Mich trifft schon Wiederder Schlag — stpringt wüthend auf.) Ha! warte, elende graduirte Würstlerseele — Du willst mich an den Pranger stellen, damit ich ein Werkzeug Deiner Pläne sei? Adelg. So beruhige Dich nur — Trott. Das auch noch? Mein Schwiegersohn willst Du werden ? Nimmermehr ! — Oooh! Das wird ein nie dagewesenes Aufsehen geben — Ein Rath, der eine — oh! — ich kann diesen gemeinen Namen gar nicht über die Lippen bringen — Hel. Ja — was ist denn vorgefallen? Was hat Eduard denn verbrochen? Trott. Das fragst Du noch? Hel. Natürlich — ich weiß es ja nicht. Trott. Mehr hat er gethan, mehr, als ich ihm je verzeihen kann — einen 9 unschuldigen Scherz, den er zufällig bemerkte, will er zu meinem Nachtheilc ausbeuteu, um mich um meine Stellung und um meinen ehrlichen Namen zu bringen. Hel. Nein, nein, Vater, das kann er nicht thun — Trott, swüthend auf und abgehend). Und doch ist es so — er streut aus, ich sei ein Dieb — ich habe gestohlen — gestohlen eine — oh! wäre es noch etwas Honettes gewesen — aber 's ist nur eine — eine schmähliche, ganz gemeine oooh! H e l. Vater, da muß ein Jrrthum obwalten, mein Eduard ist eines Verrathes ebenso unfähig, wie Du eines Diebstahles. Trott. Du bleibst jetzt vielleicht ledig für immer — denn, wer wurde Dich von nun an heiraten wollen; aber, wenn Deine Zukunft vernichtet ist, dann denke: daß sich zwischen einer glücklichen Vergangenheit und einer unseligen Zukunft ein drohendes Gespenst erhebt — in der Gestalt einer Wu—u—urst! Hel. Einer Wurst? Vater, jetzt begreife ich erst recht gar nichts! Trott. Oh, mein Gott! Ueber meinem Haupte schwebt die Damokleswurst an einem Haare. Zehnte Scene. Vorige, Diener. Dien, sbringt einen Brief). Ein Brief an den Herrn Baron aus der fürstlichen Kanzlei. Trott. Mein Todesurtheil — gib her — fDiener ab). Von der Hand des Secretärs. sLiest.) „Ihre erstaunliche That verhindert mich, heute beim Souper zu erscheinen. — Herrn Doktor Werner's Anzeige überraschte uns Alle, denn, aufrichtig gesagt, wir hielten Sie dessen nicht für fähig. Da Herr Dr. Werner persönlich Sr. Durchlaucht Bericht erstattete, bin ich -gezwungen, heute Abend mit Hochdemselben diesbezüglich zu con- feriren." — Da haben wir's — ein Us- lus in oxtimn torina — er verschmäht es sogar, mit mir an Einem Tische zu sitzen — doch — noch ist alle Hoffnung nicht verloren — der Brief lautet zu schonungsvoll— vielleicht werde ich ganz einfach quieszirt, ohne daß es zu einem öffentlichen Prozesse kommt — o — gerechter Himmel — und das Alles wegen einer Wur—u—rst. Ich möchte rasend werden! — Alles entdeckt — quieszirt — schmachvoll dekorirt — sbestürzt ab). Eilfte Scene. Adelgunde, Helene. Hel. Um Gotteswillen, liebe Mutter — erkläre mir, was geschehen ist — träume oder wache ich — Papa — Wurst — Eduard — Dieb — Anzeige — mir dreht sich Alles im Kopfe herum. Ade lg. Armes Kind! ich beginne selbst zu glauben, daß Du Dein Herz an einen Unwürdigen verschenkt hast. sLmks ab.) Zwölfte Scene. Hel. sallein). Ihr möget sagen, was Ihr wollt, und mag der Schein noch so gegen ihn zeugen, ein liebendes Herz hegt Vertrauen in sein Ideal, und ich weiß, er verdient doch, mein Ideal zu sein — aber meine Fassungskraft und Kombination sind zu Ende. Me Thüre öffnet sich, Eduard erscheint in derselben.) Ach! da ist er — jetzt vorerst auf den Zahn fühlen, dann auftreten, wie es einem guten Kinde gebührt. 10 Dreizehnte Scene. Helene, Eduard. Ed. Mt ihr entgegen^. Meine liebe, meine theure Helene, so ist es denn wirklich wahr, daß Ihr Vater sich endlich einmal unseren heißesten Wünschen fügt? Hel. Ach! Sie rechnen also mit Sicherheit darauf, daß Sie die Wurst an Ihr Ziel führt? Ed. Die Wurst? — an mein Ziel? H e l. Nur keine Heuchelei — läugnen Sie, daß Sie beim Fürsten Audienz hatten? Ed. Nein, ich läugne nicht. Hel. Sie machten ihm eine Anzeige — Ed. Ja wohl — aber, Helenchen — lassen Sie diese Lapalie — Hel. Wie? Sie nennen es eine La- palie — und mein Vater war empört, außer sich vor Wuth über Ihre Denun- zirung. — Ed. Wie ist das möglich? Es geschah in der besten Absicht — Ich hoffte, auf diese Weise Ihre Hand am sichersten zu erreichen. Hel. Durch diese Wurst?! Ed. Was wollen Sie nur mit dieser Wurst? Hel. Dasselbe wollte ich Sie fragen. — Ed. Mich? Ach! Das wird nett! Hel. Wollen Sie Alles offen und ehrlich bekennen? Ed. Ja, was denn? Hel. Die Wurst ist der Tod meines Vaters, und Sie sind sein Mörder — Sie werden wohl begreifen, mein Herr, daß ich weiter' keine Gemeinschaft pflege mit dem Mörder meines Vaters. Leben Sie wohl für immer! Ed. Aber, Helene — Hel. Leben Sie wohl — E d. So hören Sie doch — Hel. Ich will nichts mehr hören. Eilig links ab.j Vierzehnte Scene. Ed. salleinst In Teufels Namen, ich falle aus den Wolken — Was ist hier geschehen? Ist Helene verrückt geworden? Ihre fixe Idee mit der Wurst ängstigt mich ernstlich. „Diese Wurst ist der Tod meines Vaters, und Sie sind sein Mörder" — snachdenklichl Acb was! Hol's der Fuchs, verstehen kann ich's doch nicht — hm! hm! Diese Wurst die Barrikade zwischen ihr und mir — hm! hm! Fünfzehnte Scene. Eduard, Adelgunde slinksst Ed. Meine Gnädige — Adelg. Wie, mein Herr, trotz Ihrer That, haben Sie doch noch den Muth, unser Haus zu betreten? Ed. Erlauben Sie, Fräulein Helene hat eben — Adelg. Antworten Sie, was konnte Sie noch zu uns führen? Ed. Erlauben Sie, Frau Baronin — die Vorgänge des heutigen Tages sind mir derart räthselhaft — daß ich nun schon um den Schlüssel zu denselben bitten möchte. — Ihr Herr Gemahl hat vor einer Stunde im Laden meines Vaters — Adelg. Halten Sie ein, Herr Doktor! Es war ja nur eine Wurst! Ed. sb. Sst Sie auch? Ja, ist denn das ganze Haus eine Wurst geworden? sLaut.j So erklären Sie mir doch die Bewandtniß mit — Adelg. Oh, es geschah nicht der Wurst halber, sondern wegen ihres Inhaltes. — Ed. Erlauben Sie — gibt es denn auch inhaltsleere Würste? — sb. S.j Alle Beide sind nicht bei Sinnen. Adelg. Sagen Sie mir, was hat Sie zu Ihrer Anzeige veranlaßt? 11 Ed. Mein Gott, die beste Absicht von der Welt! Adelg. So? Wenn sich Ihre guten Absichten auf Blamagen gründen, dann verzichten Sie auch mit Ihren Absichten auf Helene — denn sie wird nie den Verräther ihres Vaters lieben oder heiraten können. Mb, sehr erregt.) Sechzehnte Scene. Ed. sallein). Hol' der Geier das ganze verrückte Geschwätz — und die Wurst obendrein — Ah! da kommt der Baron — Gott sei Dank — der wird mir's hoffentlich erklären. Siebenzehnte Scene. Eduard, Trottheim. T ro tt. sentrllstet). Wo ist der Schändliche? — Ach! hier — E d. serregt). Mein Herr — Trott. Betreten Sie nie wieder die Schwelle meines Hauses! E d. Jetzt reißt mir die Geduld! Werden Sie mir endlich erklären — Trott. Das auch noch? — Denken Sie an die Wurst! Ed. Der Teufel hole alle Würste der Welt — was kümmert mich Ihre Wurst — oder wollen Sie mich damit an das Gewerbe meines Vaters mahnen? Wollen Sie mir sein ehrliches Handwerk wie die Erbsünde an den Kopf werfen? Das verbiete ich mir als Sohn meines Vaters! Trott, sb. S). Ah! er will leugnen — es reut ihn vielleicht — warte, Dich fasse ich auf der andern Seite — ich muß mir doch volle Gewißheit verschaffen, sonst finde ich keine Ruhe mehr. sLaut.) Waren Sie heute beim Fürsten? I E d. Ja wohl! Trott. Haben Sie dort eine, mich betreffende Anzeige gemacht? Ed. Ganz richtig! Ich hatte das Recht dazu — denn ich habe Sie erkannt! Trott. Nun — ist Ihnen wohl Alles verständlich — aber vor Ihrer Denunzirung hätten Sie mich sprechen sollen, dann hätten Sie erfahren, daß das Ganze nur ein Scherz war! Ed. Ach! dann gratulire ich — denn dieser Scherz trägt Ihnen einen Orden. Trott. Ha! da blitzt die Bosheit hervor! Fassung! Herr, ich!-Aber, ich bin ja gefaßt, ich bin ja ganz ruhig — sdabei zittert er vor Wuth) und so sage ich denn ganz ruhig: Eher — eher — bekommt der Henker mein Kind, als Sie — Sie — Ehrabschneider! Sie -fwüthend ab.) Achtzehnte Scene. Ed. lallein). Da könnte eine Engelsgeduld in Fetzen gehen! — Sollte vielleicht eine Unvorsichtigkeit meines Vaters — ? Ha, das ist möglich ! Er hat vielleicht seinen aristokratischen Eigendünkel durch ein Präsent von Würsten verletzt. Ja, so wird'S sein! Quasi, um den Besuch des Barons zu erwidern, hat er ihm Würste gesendet, im Glauben, ihm dadurch zu schmeicheln - oh! es ist rein — Neunzehnte Scene. Eduard, Sekretär. Sekr. ld. d. M.). Ah! Sie hier, liebster Doktor? Nun, Alles in Ordnung? Ed. Ja — in babylonischer! S ekr. Wie meinen Sie das? 12 Ed. Das weiß ich noch selbst nicht recht, aber ich glaube, eine Unvorsichtigkeit meines Vaters hat den Baron gekränkt, und ich muß es büßen. Sekr. Nun, wenn's weiter nichts ist, das wollen wir schon wieder ausglei- chen — ich habe hier ein kleines Pflaster für verletzte Eitelkeit. sZieht dabei ein in Pergament gehülltes Etui aus der Tasche.j Das wird ihn schon kuriren — vertrauen Sie nur mir. Ed. Ach! Herr Sekretär, ich wäre Ihnen unendlich dankbar — Sekr. Wenn ich dieses Ding nur irgendwo verbergen könnte — wo es theilweise auffallen würde — ich will den Baron damit überraschen — und hat er es bis zum Souper nicht gesunden — dann erst mit der Farbe Herausrücken! Ach! eine Cassette — hier hinein! siegt Pergament und Etui in die Cassettep So! Nun noch schnell eine Visite, dann bin ich wieder hier — auf Wiedersehen, Herr Doktor, ans recht fröhliches Wiedersehen! sAb.j Zivamigsie Scene. Eduard, Helene. Hel. Eduard — verzeihen Sie — Ed. Holdes Kind — Ihre niedergeschlagene Miene ängstigt mich — ick weiß, unsere Trennung geht Ihnen ebenso zu Herzen, wie mir — wir leiden beide — Hel. Ich komme im Aufträge meiner Mutter — Ed. Und Sie befiehlt — ? Hel. Nichts! Sie bittet nur, Ihrem Vater das zurückzugeben, was uns Beide trennt! sReichtihm die in ihr Sacktuch halb eingewickelte Wurst.s Ed. Also doch! H e l. Geben Sie ihm die Wurst, sobald als möglich, denn eher findet mein Vater weder Ruhe noch Rast. Ed. Oh! theure Helene! Fassen Sie Muth — wir dürfen nicht getrennt werden — denn ich schwöre Ihnen, er soll seine Taktlosigkeit ab- bitten. Hel. Das thut er nie und nimmer! Ed. Er wird und muß es thun — denn er wird die Schmutzerei dieser That wohl erkennen. Hel. Sprechen Sie nicht so, Eduard — Ed. Oh! Es hat mich tief empört! — Was ihn nur dazu verleitet hat?! Hel. Nehmen Sie hin — Mt ihm die Wurstj. Ed. Und nur Eine! das nenn' ich schon die höhere Schmutzerei! Hel. Ich versichere Sie — es waren nicht mehr! Ed. Oh, Du reine Seele — Dich darf und kann ich nicht verlieren — seilt ab, will die Wurst in den Hinteren Rocksack stecken, verliert sie jedoch, ohne es zu bemerken - ab.j Eiimndzwlmfigfie Scene. Hel. allein sruftj. Eduard! er ist schon fort — was soll ich jetzt mit der Wurst beginnen, weder Vater noch Mutter dürfen sie sehen, sonst ist neuerdings Zwist im Hause shebt sie aufs — Eduard muß sie mit sich nehmen, so wie ich ihn wieder sehe — doch wohin verbergen? — Ach! in die Cassette sieht Niemand — söffnet die Cassettes dort ist sie gut aufgehoben. — Ein Papier — snimmt das Pergament und wickelt die Wurst hinein.j So ! damit man sie auch dann nicht sehe, wenn die Cassette geöffnet wird sabj. Zweiundzwansigste Scene. Trottheim, Adelgunde svon der entgegengesetzten Seitej. Trott. Du hast Dich sicher getäuscht, denn er hat uns ja abgesagt. 13 Ade lg. Ich werde doch den Sekretär kennen? Eben als ich eintreten wollte, schloß er die Cassette wieder zu. Trott. Ich habe wahrlich kaum den Muth, hinein zu sehen — der Sekretär ist ein schonnngsvoller Mensch — er wellte mir meine Entlassung nicht persönlich übergeben und hat — Adelg. Warte, ich will gleich sehen — Trott. Nein, um Gotteswillen noch nicht — nenne mich noch ein letztes Mal: Herr Rath — dann, dann bin ich auf Alles vorbereitet, nur einen Moment noch laß' mich im Bewußtsein schwelgen, Rath Sr. Durchlaucht zu sein. Ade lg. Vielleicht ist Deine Strafe doch nicht gar so arg. Trott. Wo denkst Du hin? Es ist ja Ordensdiebstahl — nicht aber Entwendung einer fremden Wurst — der Orden ist mehr als 25 fl. werth — folglich ist meine That ein Verbrechen — und nur die außerordentliche Gnade des Fürsten könnte mich vor einem öffentlichen Prozesse bewahren. Ade lg. Hat die Cassette geöffnets. Du, komm doch näher, sieh' nur nach, was das ist — sreicht ihm das Papier — er rollt es auf und findet die Wursts. Trott. Nah — aaah! — eine Wurst! sHält sie mit zwei Fingern in die Höhe und fällt halb ohnmächtig in einen Fauteuil.s Ade lg. Gerechter Himmel! Was soll das bedeuten? sliests Meinem Wahlspruche: „Gutes lohnen, Böses strafen" — gemäß, verleihe ich Ihnen, lieber Baron, den beiliegenden Orden, mit dem Wunsche, ihn morgen im Bureau an Ihrer Brust glänzen zu sehen. Trott. Um Gotteswillen! Das auch noch! Nein! sspringt auf.s Das ist zu viel! O Schmach und Bosheit! Diese Blamage ! sProbirt den Orden am Knopfloches so soll ich mich auf der Straße und in der Kanzlei zeigen? swie frühers einen Wurst- ordeu — o Ironie!! sEr verbirgt schnell die Wursts. Dreiuildstvanzigsle Scene. Vorige, Eduard, Werner. W ern. sschnell eintretends. Herr Baron, entschuldigen Sie, die Geschichte ist mir schon zu toll. Mir scheint, mein Sohn hat den Verstand verloren — Ed. Oder Sie, Vater, schämen sich die Wahrheit zu gestehen szu Adelgundes Frau Baronin — ich bitte — lösen Sie das Räthsel mit der verhängniß- vollen Wurst. Hat der Herr Baron die Wurst — Adelg. Aus dem Laden Ihres Herrn Vaters? Ja! Wern. Aus meinem Laden? Von mir? Trott. Leider! Wern. Sie lügen! Trott. Wie? was? ich lüge? sbemerkt auf Werner's Brust einen Orden.s Ach! Sie — Sie haben Ihren Orden? Wern. Warum denn nicht? Trott, sathemlos gespannts. Und als ich bei Ihnen im Laden war? W e rn. Da nahm ich ihn unvermerkt herunter, weil ich bemerkte, daß Sie ihn mit scheelen Augen ansahen — Trott. Das hält mein Verstand nicht mehr aus! Wern. Jetzt trage ich ihn wieder, weil ja auch Sie dekorirt sind — T ro tt. Oh! Sie können noch spotten ? Wern. Ich? Es steht ja im heutigen Abendblatte. Trott. Auch schon in der Zeitung? — Jetzt sucht mich zusammen, denn ich bin maustodt. sSinkt in den Stuhl.s Vierundzwanzigste Scene. Vorige, Secretär, Helene. Secr. Ah! die Gesellschaft schon versammelt — um Himmelswillen — Herr Rath, was seh' ich? Adelg. Gnade für ihn, Herr Secretär, Gnade! 14 Secr. Wofür? Wern. Als ich ihm seine Auszeichnung mittheilte, fiel der Herr Baron in Ohnmacht. Secr. Die unerwartete Freudenbotschaft ! — Herr Baron - - erholen Sie sich! Trott. Diese Schande G— ist — gebt mir Gift! Secr. Er träumt — aber mein Mittel soll ihn erwecken fgeht zur Cassettef. H e l. feilt ihm nachf. Halten Sie ein! Sie tödten meinen Vater! Secr. Beruhigen Sie sich — ich heile homöopathisch! fnimmt das Etui) Herr- Baron, Sie haben — Trott. Ja denn — ich hab's ge- than — vielleicht lindert mein Geständ- niß — ja, ich war's — Secr. Der das Leben des Prinzen gerettet hat — ganz richtig — und dafür sendet er Ihnen dankbarst seinen höchsten Orden Heftet ihn auf Trottheim's Brustf. Trott, faufjauchzendf - Ich — ich habe — ich habe also nicht? — Ed. Ich sah gestern Ihre helden- müthige That und darin bestand meine Anzeige beim Fürsten. Trott Darin? fumarmt ihn.f Edler Mann — Wern. Herr Rath, meinen besten Glückwunsch! Trott. Also, das stand in der Zeitung? fb. S.f Ja, wie ist das möglich — Pamphnutius erzählte mir ja — hoho! er wird nichts mehr erzählen — denn es geht mir ein Licht auf — widerrufen darf ich nicht, sonst bin ich wieder blamirt — hm — hm! flautf Du, Gunderl, hast Du nicht bemerkt, daß ich seit einiger Zeit nachtwandle? Adelg. Nun — mitunter stehst Du wohl auf — aber — Trott. Heise zu ihrf. Aha! da werde ich die Heldenthat vollbracht haben — was so ein Sonnambulismus mitunter Werth ist —! fnimmt Helene bei der Hand.f Nehmen Sie's Mädel und denunziren Sie ihr, was Sie wollen. Diener fmeldendf. Das Souper ist servirt! Trott. Gott sei Dank! Mein erster Toast gilt den Würsten des Herrn Werner. Gruppe. Der Vorhang fällt rasch. Grau — schau—wem?! Charactergemälde mit Gesang in drei Akten Carl Gründors. (Die Idee theilmeise nach Gerstäcker.) Musik von Adolf Müller. (Im k. k.-priv. Theater an der Wien mit außerordentlichem Beifall gegeben.) Alle Rechte Vorbehalten. Men, 1876. Verlag -er Wallishaulser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) Stadt, Hoher Markt Nr. i. Personen Ersetzung rin Thrutrr nn drr Wien. Herr Gottfried D olling er, ein reicher Kaufmann . . . . Louise, dessen Gattin . Olga, seine Schwester . Clara, seine Tochter . Albert Henkel, ein junger Amerikaner . Josef Lossenwerder, Comptoirist bei Dollinger. Hedwig, dessen Schwester. Zachäus Maulbeer, ein Scheerenschleifer. Jungmann, ein Wiener Stutzer. Herr.v. Quellerl, i Hessen Freunde. Herr v. Pintscher, s ^lien Freunoe. Pillner, ein Doktor. Mixter, ein Apotheker . Pelzmann, em Bürger. Schreibmeier, ein Beamter. Langsam, ein Fuhrmann . Dreiviertl, ein Börsenspekulant. Chrisostomus Schmerkel, Wirth zum „fliegenden Bartwisch" Elise, dessen Frau. Herr We igelt, ein Agent . Stiefliczek, ein böhmischer Schuster. j ^ ^ ^ i ^ ^ Ein Gast. Ein Briefträger. Sabine, Dienstmädchen . . . EinBedienter.. - Eine Gerichtsperson . Sim on, ein Wächter. Ein Kellner. Mehrere Nebenpersonen. (Gäste, Diener, Zuschauer.) Herr Liebold. Frau Arbesser. Frau Clossegg. Frln. Berthal. Herr Grimm. Herr Schierling. Frln. Laber. Herr Rott. Herr Seidl. Herr Röhring. Herr Buel. Herr Swoboda. Herr Bauer. Herr Schmidt. Herr Boulet. Herr Rank. Herr Müller. Herr Grün. Frln. Stummer. Herr Findeisen. Herr Schütz. Herr Schert. Herr Oberhofer. Herr Maier. Herr Jtali. Herr Stein. Frln. Rudini. Herr Hermann. Herr Greif. Herr Blank. Herr Steiner. (Die Handlung spielt in Wien, in der Jetztzeit. Der erste Akt Vormittags, der zweite Nachmittags, der dritte um acht Tage später.) Erster Akt (Ein elegant möblirtes Zimmer; in der Mitte ein zum Frühstück gedeckter Tisch mit Champagner-Caraffen. Um den Tisch sitzen die betheiligten Personen; ein Stuhl bleibt frei; rechts an die Mauer angestellt, steht ein Sekretär mit einer Lade zum Sperren; links ist ein Fenster mit der Aussicht in den Garten). Erste Scene. Herr Dollinger, Frau Dollinger Clara, Olga. Do llinger (mit einem vollen Glase in der Hand). Aus Dein Wohl, liebes Clärchen! Bleib' immer so heiter, so unbefangen, so kindlich, wie Du bist. Das ist Deines Vaters bester Wunsch! (trinkt.) Clara. Danke, liebes Väterchen! Doch kann ich nur heiter sein, wenn Ihr alle es auch seid. Mütterchen macht heute an meinem neunzehnten Geburtstage ein Gesicht, als ob's mein erster wäre. Nicht böse sein! — Es ist kindisch von mir, ich weiß es; aber ich möchte, daß Ihr heute alle so ausgelassen lustig wäret, wie ich's selber bin. Fr. Dollinger. Glaub'mir, liebe Tochter, Dein Frohsinn erweitert mir das Herz; aber dennoch Hab' ich heute ein so banges Vorgefühl, wie eine böse Ahnung. Clara. Ah, geh', was sollst Du denn heute Böses ahnen? Heute darf ja schon mir zu Ehren nur lauter Gutes arriviren. Theater-Repertoir 299 . Dollinger. So ist's recht, Clara! Treib' der Mutter die bösen Grillen aus dem Sinn. Du bist ja die privi- legirte Grillenverscheucherin unserer Familie und könntest wohl die Hälfte Deines Frohsinnes an meine Schwester abgeben; da hättet Ihr dann gerade Beide genug. Clara. Also Hab' ich jetzt um die Hälfte zu viel? Verzeih', Vater, das liegt im Blut! Olga hat wahrscheinlich zu schweres, dickes — Olga. Und Du, so scheint es, hast sehr leichtes, dünnes — Clara. Weißt Du, wie uns Beiden zu helfen ist? Ich werd' Dir's gleich expliciren. (Feierlich.) Wenn ich jetzt aus diesem Europa-Leben mit Ehe abgehe, dann vermache ich Dir meinen überflüssigen Humor mit der einzigen Te- ftaments-Clausel, daß Du verpflichtet seiest, mit diesem Capital meine lieben Aeltern fortwährend zu unterhalten. — Ist 's euch so recht? Ja? Fort mit den Falten! (Küßt dem Vater die Stirne.) Dollinger. Na, ua, schon gut! Fr. Dollinger. Mich bekümmert nur der Gedanke, wie Dir's drüben gehen wird. 1 » 4 Clara. Mit Gottes Hilfe so gut, wie herüben. Fr. Dollinger. Denke nur, so fern von uns Allen — allein! Clara. Aber, mein Gott, ich bin ja nicht allein, mein Albert — Fr. Dollinger. Das ist 's ja eben, was mir so zu Herzen geht, daß er, der Fremdling, der Amerikaner, den wir erst seit sechs Wochen kennen, der einzige sein soll, der mein Kind in Leid' und Freud' zur Seite hat, wenn er vielleicht nicht so reich an Herz — Clara. Fort, fort mit solchen Gedanken! Die Art und Weise, wie wir ihn kennen lernten, spricht laut für sein gutes Herz. Würde er sonst sein eigenes Leben daran gesetzt haben, um mir das meinige zu retten? Dollinger. Der Umstand war aber auch der einzige Grund, der mich bestimmte, meine Einwilligung zu geben zu einer Allianz mit Amerika. Er hat ja als dein Lebensretter quasi eben so viel Anspruch auf Dich, als ich, Dein Lebensgeber. Clara. Ich erinnere mich noch mit Schaudern an jenen Moment. Wir waren an jenem Tage außerordentlich lustig und ausgelassen und hatten über die Leute Witze gemacht, die umherstanden; nota Kons, mein Bräutigam war auch unter denen. — Kaum waren wir aber eingestiegen, um auf dem See umher zu fahren, bog ich mich vor lauter Muthwillen zu sehr aus dem Schiffchen hinaus, und ehe ich's denken konnte, lag ich besinnungslos im Wasser. Ich wäre wahrscheinlich gar nicht mehr auf's Land gekommen, wenn nicht Albert mit der Schnelligkeit des Gedankens sich in's Wasser gestürzt und mich im Nu herausgezogen hätte. Dollinger. Das war Deine zweite Taufe, durch die Du nun bald den Namen Deines Bräutigams bekömmst. Clara Welche schon früher mehrmals zum Fenster hinausgesehen). Aber ich bemerke, daß der eigentliche Held jenes Tages heute lange auf sich warten läßt. Ah, da kommt er! Ja, ja, er ist's! die Flagge der Liebe mag wehen. Winkt zum Fenster hinaus mit dem Tuche.) Und wie er eilt! Ja, eile nur, Du holst die Schläge meines hochklopfenden Herzens doch nicht ein! Wieder wehend.) Dollinger. Halblaut.) Das ist doch ein närrisches Kind! Clar a. Und darum doppelt glücklich, erst als Kind und dann als Närrin! Jetzt muß er schon auf der Stiege sein! Gleich wird er eintreten! Ich eile ihm entgegen! Will hinauseilen.) Olga. Das ist ja ganz gegen die Würde des Weibes! Fr. Dollinger. Olga hat recht; ein Bischen Selbstbeherrschung könnte Dir nicht schaden. Clara. Wenn Du es meinst, Mutter, nun in Gottes Namen! Jetzt sollt Ihr 'mal sehen, wie ich mich beherrschen kann! Zweite Scene. Vorige. Henkel. Henkel (rasch eintretend). Den besten Morgen allerseits! Clara san seinen Hals fliegend). Endlich, endlich, lieber Albert! Fast war ich schon böse, (Henkel macht eine Bewegung). Nun, erschrick nur nicht, ich sagte ja: Fast; jetzt ist schon wieder Alles gut! (Sie umarmt ihn herzlich). Dollinger sleise scherzend zur Frau). Das nennt sie Selbstbeherrschung! Henkel (überreicht ihr ein Etui). Entschuldige, liebe Clara; dies kleine Geschenk, das ich dir zum Geburtstag bestimmt, ist eben erst fertig geworden. Clara (Das Etui öffnend). Ach, das ist ja herrlich! Wirklich geschmackvoll! Das sind ja prächtige Steine! (Sie reicht das geöffnete Etui den Neltern hin, wendet 5 sich rasch wieder zu Henkel.) Doch der Order ist mir noch tausendmal mehr Werth. sSie reicht ihm die Hand, die er zärtlich küßt.) Dolliuger. Jetzt, liebe Kinder, kommt meine Geburtstags-Ueberraschung. Heute Abend wird Eure Verlobung gefeiert. Clara und Henkel. Ist 's möglich? Clara. Ach, freudiger hättest Du mich gar nicht überraschen können! Henkel. Meinen innigsten Dank, lieber Schwiegervater. sZu Clara.) Also heute noch, mein liebes, liebes Bräut- chen. Clara. Ach Gott, ich bin so glücklich, so glücklich, daß ich weinen muß vor lauter Seligkeit. Dritte Scene. Vorige. Lossenwerder smit einem Paket. Lossenwerder ist ein kleiner Mann von beiläufig 28 Jahren, unansehnlich in seinem Aeußern, etwas buckelig, sehr bescheiden angezogen und so ganz eingeschüchtert, sobald er in Gesellschaft erscheint, daß er fast gar keinen zusammenhängenden Satz sprechen kann. Er zerreißt oft die einzelnen Worte; sein Stottern ist aber durchaus kein Naturfehler, sondern nur eine aus übergroßer Schüchternheit herrührende Sprachujifähigkeit und Zungen-Un- folgsamkeit! Es ist daher die Aufgabe des Schauspielers, diesen ganzen Character wohl aufzufassen und streng durchzuführen.) Dolliuger sfreundlich). O, Lossenwerder, was bringen denn Sie Gutes? Ist das für mich oder für meine Clara? C lara. O gewiß für mich! — Onkel Carl hat wahrscheinlich an meinen Geburtstag gedacht! Lossen wer der sunzusammenhängend sprechend). So ein Geschenk wäre wohl nicht zu verachten; es sind 8000 fl., die für den Herrn Papa gehören! sUebergibt einen Brief.) Dolliuger fliest schnell.) Schon recht! Aber, lieber Lossenwerder, warum bringen Sie mir das herauf in die Wohnung, jetzt, wo ich eben ausfahren will? — Warum geben Sie das Geld nicht dem Cassier? Loss enw e r der. War eben nicht da! Dollinger. Ja, dann läßt sich eben nichts Anderes machen! Geben Sie mir das Paquet, und jetzt, Losseuwerder, trinken Sie auch ein Glas auf das Wohl meiner Tochter, deren Geburtstag heute ist. Lossenwerder. O, ich wei—wei— weiß, wo—wollte auch bereits meine Gratu — tu — tulation anbringen. — Fräu—Fräu—Fräulein Cla—Ca—Clara — Dollinger fhalb lachend). Na, schon gut! schon gut! Meine Tochter nimmt den Willen für's Werk, fschenkt ein Wasser- glas mit Champagner voll.) So — und jetzt, liebe Clara, credenze Du dem Lossenwerder selbst ein Glas. Sei Du ihm Hebe! Lossenwerder fganz zerflo ssen). Ja wohl He—He—He—Hebe! Clara sfreundlich) Wollen Sie auf meine Gesundheit trinken, lieber Lossenwerder ? Lossenwerder. O Gott, eimerweis ! fEr trinkt das volle Glas in einem Zuge leer.) Dolliuger. Nun, Lossenwerder, das war ein edler Zug! Hat 's geschmeckt? — Ja? Lossen wer der fentzückt und fortwährend in den Anblick Clara's ganz versunken). O, de—de—delikat, Herr Do—Do — Dollinger. Dollinger fnimmt das Paquet vom Tische, geht zum Sekretär, in dessen Lade der Schlüssel steckt, öffnet, legt das Geld hinein, und zieht dann den Schlüssel ab). Liebe Kinder, ich deponire einstweilen das Geld da in Eurem Sekretär. Clara, bewahre Du mir den Schlüssel. Clara. Mit Vergnügen! O, ich werde so gewissenhaft sein, wie ein Cassier, der Caution erlegt hat. Dollinger fgütig). Ah, Lossenwerder, Sie noch da? 6 Lossenwerder laufgeschreckt). Verzeihen Sie, ich da—da—dachte — Dollinger swohlwollend). Sie glaubten, ich hätte noch einen Auftrag für Sie? — Nein, gehen Sie nur! Unterhalten Sie sich heute recht gut! Lossen Werder. Meinen dopp — dopp — doppelten Dank! Dolliuger. Es gilt schon der einfache, lieber Lossenwerder! Losse nw er de r sverb engt sich und geht ab). vierte Scene. Vorige, ohne Lossenwerder. Olga. Eine zudringliche Personnage, dieser Lossenwerder! Ich kann ihn nicht leiden. Was sagen Sie dazu, lieber Henkel? Henkel. Ja wohl — ja wohl — sehr widerlich! Clara. Er hat aber ein vortreffliches Herz. Dolliuger. Und ist die treueste Seele von der Welt. Olga. Eine treue Seele in solcher Körperhülle ist mir undenkbar. Er macht einen so peinlichen, fast unheimlichen Eindruck auf mich. Dolliuger. Liebe Schwester, seine mißgestaltete Persönlichkeit bringt bei Dir diesen Eindruck hervor. Bedienter feintretend). Der Wagen ist vorgefahren! Dolliuger. Also kommt, Kinder, wir wollen die schöne Morgenstunde benützen. Sie begleiten uns doch, lieber Schwiegersohn in sxe? Henkel. So gern ich gleich mit von der Partie sein möchte, ist es mir doch unmöglich, da ich wegen der heute bevorstehenden Festlichkeit noch wichtige Anordnungen treffen muß; dann eile ich zu Pferde Ihnen vsntrs ä. tsrrs nach, und werde Sie im Nu eingeholt haben. Clara sihm die Hand gebend). Ich werde schon dafür sorgen, daß wir nicht zu schnell fahren. Henkel. Also auf baldiges Wiedersehen! Adieu, theuere Clara! iAb.) Dolliuger. Nun, Kinder, seid Ihr bald in Ordnung? Clara swelcbe indessen Hut und Shaw! umgenommen). Ich bin schon fertig! Olga l welche das Gleiche gethan). Auf mich braucht Ihr auch nicht zu warten. Dolliuger. Nun, die Mutter ist schon bereit, sie ist beim Anziehen, wie immer, die Erste fertig. Also vorwärts, kleine Carawane! Me ab.) Fünfte Scene. Meine Pause, während welcher eine leise Musik den Ucbergang von lärmender Gesellschaft zum Frieden der Leere einer Wohnung ausmalt; dann hört die Musik Plötzlich auf.) Löss o nwe r de r stritt vorsichtig mit einem reich blühenden Rosenstock zur Thüre herein, und geht mit leisen, bebenden Schritten in den Vordergrund; sobald er allein ist, wird er geläufig im Sprechen.) 'L-ie sind fort, und haben mich nicht bemerkt, wie ich auf dem Treppenabsätze hinter der großen Statue kauerte. Hätten Sie mich mit dem Rosenstock da wahrgenommen, so wäre ineine ganze Freude, sie zu überraschen, zu Nichte geworden. sSich umsehend.) Mir ist ordentlich bange ums Herz, so bange, als ob ich ein Verbrechen begehen wollte, und ich will doch nur Clara eine Freude im Geheimen bereiten. Ich darf ja nur liebend von ihr träumen! Und das selbst würde mir die schnöde grausame Welt schon als Frevel annehmeu, daß ich, der Mißgestaltete, es wage, von der vollendeten Schönheit zu träumen. — O Welt, du bist grausam, daß du so nach der Außenseite urtheilest! Du ahnst nicht, wie sehr der Himmel durch ein reiches Herz entschädigt für die verkürzte, verunstaltete Hülle! sStellt den Rosenstock 7 an's Fenster, rechts gerade neben dem Sekretär). Da steh', Du stiller Bote, den ich mit meinen Thränen befeuchtet und mit meinem Lebensodem groß gezogen! Duste aus deine Seele, die auch ein Theil der meinigen ist! Sie wird Deinen Wohlgernch einathmen! und dies Theilchen meiner Seele in sich aufnehmen! Leb' wohl! Mßt die Rosen). Und jetzt eben so unbemerkt fort, wie ich gekommen. M.) Verwandlung. sKurze, offene Straße; rechts das Haus des Herrn Dollinger.) Sechste Scene. Maulbeer fein Scherenschleifer, kommt mit seinem Schleiferkarren von links auf die Bühne; er ist ärmlich, doch aber originell gekleidet; ein alter, weißer verdrückter Hut, eng anliegende, nur bis an die Knöchel reichende Nanking-Beinkleider, ein langer, fadenscheiniger erbsengrüner Rock, der in der Achselgegend ganz farblos ist, und ein gekrauster Backenbart charakterisiren seine äußere Erscheinung. Sein Alter ist beiläufig 40 Jahre. Sein Charakter ist unter den Begriffencharakteristisch-origineller Lump aufzusassen, und die humoristische Seite ist vorzüglich nach außen zu kehren). Entree-Lied. sJm Ritornell ruft Maulbeer: „Scheeren- schleif! Messerscharsschleif!") 1 . Ein Scheerenschleifer ist der Mann Von großer Wichtigkeit, Weil man sehr Vieles finden kann, Was heut' zu Tag braucht Schneid. A Scheer', a Messer ohne Schneid' Js wie ein Mensch ohn' Witz; Denn was beim Menschen Pfiffigkeit, Js bei der Scheer' der Spitz. 2 . Gar Manchem scheint so schön die Welt, Und doch geht's Leb'n zu End'; Was gebet der für vieles Geld, Wenn er's anschweißen könnt'! Talent und Kunstsinn, Lieb' und Treu', Kredit und Ehrlichkeit, Und solche Sachen mancherlei Ha'm schon sehr noth a Schneid! 3 , Und gar in manchem Prachtsalon Thät ich manch' guten Griff; Man findet dort so manchen Mann, Der nöthig hätt' ein' Schliff. Doch bis man Alles schleifen könnt', Was jetzt is ohne Schneid', Da brauchet man zehntausend Händ', Und eine Ewigkeit! Der Scheerenschleifer ist ein Künstler, mehr als jeder Andere; denn eö gehört schon unendlich viel dazu, einem Menschen ein bischen Schliff beizubringen, um wie viel mehr gehört dazu, dem rohen Eisen Politur zu geben! ? Und doch sieht unser Einen Jeder über die Achsel an! Ja, tadeln ist leicht, kleinmachen keine Kunst, bei Seite setzen kein Verdienst! Aber tiefer eindringen, selbst in das Seichteste, dazu gehört mehr, als blos aus der vierten St. Annen-Elaste ausgestoßen worden zu sein! Ich scheine zwar nur ein einfacher Schleifer, bin aber ein dreischneidig Geschliffener. Ich könnte mich ebenso gut Professor der Schleifistik oder Doktor der Scheereologie nennen, denn ich treibe meine Kunst mit Virtuosität. — Aber woher dieser Schwung, woher dieser Gedankenflug? Mt Stolz.) Ich bin für etwas Höheres geboren, aber ich Hab' meinen Taufschein verloren. Zuerst war ich — was war ich denn zuerst? — Ja richtig, zuerst in meiner frühesten Jugend schrieb' ich Tag, d. h. ich war Tagschreiber bei einem Advokaten. Der Advokat hatte eine Tochter; diese Tochter war eine Perle; diese Perle wollte ich fassen ; diesen Wunsch 8 nahm mir der Doktor übel und jagte mich davon. — Da nahm sich ein alter Kollektant meiner an, und ich ward Kollektanten - Stellvertreter - Praktikant. In der Kollektur, wo ich war, wurde sehr viel gespielt und sehr wenig gewonnen ; das, dacht' ich mir, ist ein Wink des Himmels, und wie ich einmal gar soviel Hunger g'habt Hab', ließ ich mich verleiten, einen Zwanziger, der auf fünf Nummern g'setzt worden is, für meine Privatzwecke, d. h. für meinen hungerigen Magen zu verwenden, und die fünf Nummern nicht zu besetzen. Und siehe da, drei Nummern von den Fünfen kommen heraus, der glückliche Terno- macher kommt herein und ich wäre selbst beinahe gesetzt worden, wegen 20 kr. Endlich wurde ich Scherenschleifer, denn das ist die einzige Kunst, wo einen die Kunden nicht um ein Mo- ralitäts- oder Impsungszeugniß fragen. Und beides brächte mich sehr in Verlegenheit. Mit der Moralität Hab' ich mich nie stark befaßt, und geimpft bin ich blos vom Allerwelt-Impsarzt, dem Schicksal, wor'n, wodurch ich aber vor den bösen Blattern: Hunger, Elend und Noch, und wie sie alle heißen, durchaus nicht bewahrt worden bin. Ich bin davon gehörig zerfetzt wor'n ich kenn' mich fast selber nicht mehr! Mein jetziger Stand halt mir Stand, und es geht mir am Besten, wenn's recht rund um und um geht. Wacht durch die Mimik das Drehen des Rades nach.j Aber jetzt stell' ich mich wieder daher auf den Platz und schrei wieder wie gewöhnlich so lang, „Scheerenschleifer, Messerschleifer!" bis die Dollinger'schen mir das gewöhnliche Sechserl herunterschicken, damit ich wieder um ein Haus weiter geh'. sSchreiend.j Scheerenschleifer, Messerschleifer ! Siebente Scene. M aulbeer. L oss enw erd er. Lossen Werder saus dem Hause schleichend, um nicht gesehen zu Werdens. Maulb e e r. sihn bemerkends. Was Teuxel, Herr v. Lossenwerder, was schleichen Sie denn heut aus'n Haus heraus, als wenn Ihnen, um mich nobel auszuquetschen, die Hühner die Semmeln genommen hätten? Lossenwerder sfrappirts. Ich? schleichen? Maul beer. Oder nennen Sie das vielleicht gehen, wenn Sie wie ein Trüffelhund, mit der Nasen auf der Erden, sich an der Mauer hindrucken ? Lossenwerder sverlegens. Ich dru— dru—drucken? Maulbeer. Na, gesteh'n Sie's nur, Ihnen iS was über's Leberl g'laufen! Was is denn arrivirt? Vielleicht kann ich Ihnen dienen, Wo fehlt's? Los se n w erd er. Nirgends! Maul beer. Ich hätt' wieder geglaubt, überall! Sie sitzen zu viel und arbeiten zu fleißig, das macht dickes Blut, und dickes Blut macht dumm! Los senwerder. Herr Maulbeer — Maulbeer. Ohne Ihnen dadurch im Geringsten nahetreten zu wollen! Aber 's is wahr. Is denn das ein Leben, was Sie führen? Sitzen vom frühen Morgen bis spät in die Nacht, auf einem Fleck und schreiben vom Fleck weg. Schau'ns mich an! Ich vergeude die kostbare Zeit nicht so, wie Sie; 12 Stunden verschlaf' ich, 6 verrauch' ich, 5 vertrink' ich, in der übrigen Zeit aber arbeite ich unermüdet. Lossenwerder slachends. So? Maulbeer. Diese übergroße Anstrengung hat mich auf den genialen Gedanken gebracht, auszuwandern. Europa ist für meinen Geist zu klein. Ich will mich hinüber verpflanzen, um den Jenseitigen zu zeigen, was ein dießseitiger 9 Schleifer für ein seingeschliffener Weltmann sei. Lossenwerder. Sie wollen nach Amerika? Da müssen Sie ja über's Meer! Das ist weit! Maulbeer. O, ich weiß sehr wohl, daß nach Amerika ein Bissel weiter is, als bis nach Stockerau, weiß auch, daß man nicht in einer Waitzzillen die Reise hinüber machen kann, weiß auch, daß das Meer viel bewegter ist, als die deutsche Presse; allein das Alles schreckt mich nicht! — Uebrigens müssen Sie mich nicht für so dumm halten; ich versteh' von Geographie und Geschichte mehr, als Sie von Ihrer dalketen Buchhaltung. Lossenwerder. Das war grob, aber heute beleidigt mich gar nichts. Maulbeer. Das war schon so ein Vorgeschmack vom freien Amerika. Jetzt bin ich schon wieder ganz civilisirter Europäer. Lossenwerder. Schon gut! Adieu! (will fort.) Maulbeer (ihn aufhaltend). Ah, Sie haben gewiß ein nothwendiges Geschäft, weil Sie unsere geistreiche Conversation mit einer so raschen Wendung abbrechen wollen. Lo s s en werder. Ich Hab' heut' nur ein Geschäft, mich nämlich gut zu unterhalten. Ich will jetzt ein Bißl in's Freie; mir ist das Herz so voll! Maul beer. Sie, da weiß ich Rath! Trinken's eine Flasche Oesterreicher: da werden Sie sehen, wie Ihnen ohne Alles Freie ganz leicht um's Herz wird. Lossenwerder. Ich geh' sonst in der Regel nie in's Wirthshaus. Maulbeer. D'rum gehen Sie heute, denn eine Ausnahme macht die Regel erst zur Regel! L oss enwerder. Aber Vormittags! Maulbeer. Für den Durst gibt's keine Kanzleistunden, und übrigens wird Ihr Magen auch nicht bös sein, wenn Sie ihm einmal einen guten Morgen wünschen. Lossenwerder. Da haben Sie wohl Recht! (Halblaut für sich.) Ich werde auf Ihre Gesundheit trinken! Maulbeer. Auf meine Gesundheit wollen Sie trinken! O, ich bitte, das ist zu viel! Laden Sie mich nur ein, das thue ich dann schon selber. Loss enwerde r. Nun, meinetwegen, kommen Sie mit! Auf ein Glas Wein kommt's mich heut' nicht an! Maulbeer. O, mir kommt's auch auf mehrere Gläser nicht an! Mein Wahlspruch heißt: „Je mehr, je besser!" Aber wohin wollen Sie denn geh'n? L ossenw er der. Zum besten Wein! Maulbeer. Wozu in die Weite schweifen? Sieh', das Gute liegt so nahe! Da drüben am Eck ist ein Weinhaus, da kommen Vormittags lauter sehr anständige Leute hin! — dorthin laßt uns ziehen, d. h. Sie zieh'n voraus, u. ich werd' dann mit Vergnügen Nachzügler sein! Lossenw erder. Allein geh' ich in kein Wirthshaus! da geh' ich lieber gar nicht! Maulbeer. Aber Sie sind doch ein kindischer Mensch; ich komm' ja gleich nach! Lossenwerder. Nein! nein! Die Leut begaffen mich immer so höhnisch, wenn ich an einen öffentlichen Ort komme; deßhalb zieh' ich mich so sehr von aller Welt zurück. Maulbeer flachend). Sie sind ein urg'spaßiger Kerl! Na, also kommen's halt; ich führe Sie dort ein. Führen Sie sich dann gut auf, damit man Sie nicht etwa hinausführt, denn es wär mir wirklich leid um Sie! Sie lieber, origineller Kauz, Sie! (Zieht ihn bei'm Arme nach der Coulisse links). Verwandlung. (Eine sehr geräumige Wirthshansstube. Vorne, an dem Tisch rechts sitzen Schreibmaier und 10 Pelzmann; am Tische links vorn sitzen der Doktor und der Apotheker; an einem weiter rückwärts stehenden Tische links sitzen drei Gäste. Die frühere Straßen-Decoration muß so sehr vorne hängen, daß bei der Verwandlung schon Alles rückwärts stehen kanns. Achte Scene. Doctor, Apotheker, Pelzmann Schreibmaier, Dreiviertl, Fuhrmann, Zwei Gäste, Kellner. Pelz mann sam ersten Tische rechts), 's is fast schab', daß wir heut bei dem prachtvollen Wetter da im Wirthshaus sitzen. Schreibmaier. Was uutzt's schöne Wetter, deshalb wird's doch nicht billiger! Unser Herrgott kann wachsen lassen, so viel er will, so wissen sie's doch immer hinaufzutreiben. Dreiviertl sam dritten Tisch). Nun, was meinen Sie, soll ich verkaufen oder behalten? Werden sie steigen oder fallen? Fuhrmann sim blauen Kittels. Ich Hab' Ihnen schon einmal gesagt, daß ich mich nicht auskenn bei'm Papierln. Ich weiß nur soviel, daß wir Fuhrleut' in der verfluchten Zeit ganz auf'n Hund kommen müssen! Jetzt ban'n's ja schon in jedes Nest hin eine Eisenbahn! Eine Zeitlang war noch der Semmering unser Trost. Seitdem's aber dem alten Herrn auf der Nasen herumtanzen können, jetzt is da a nix mehr! Nachher haben wir uns auf den Transport von der Südbahn zur Nordbahn verlegt. Jetzt habn's uns zum Trotz a Berbindungsbahn. Das is ja a höllische Zeit! — He, Kellner, a Flaschen vom Besten, den's habt's! Dreiviertl. Verlegen Sie sich aus die Papiere; da wer'n sie die Zeit gleich hübsch finden. Nur speculiren in Papieren! He! ein Pfiff! Doctor sam zweiten Tisch). Stoßen wir einmal au, lieber Freund Apotheker; die jetzigen guten Zeiten sollen leben! Apotheker sdas Glas nehmend). Ah, da bin ich dabei, Herr Doctor ! Ich habe alle Ursache mit der jetzigen Zeit ganz zufrieden zu sein. Uebrigens thun Sie für mich Ihr Möglichstes; Sie verschreiben ja, als wenn's sein müßte! Ihre Patienten lassen bei mir eimerweis Me- dicin machen! Doctor. Also ans eine bleibende so gute Zeit! sSie stoßen an und trinken aus.) Pelz mann. Heda, eine Flasche Hochheimer! — Ja, ich sag's Ihnen, wenn die schlechten Zeiten noch eine Weile so fortdauern, so sind wir Bürgersleut' alle miteinander betteltuti! S ch r eib maier szum Kellners. Mir auch eine Flasche detto ! (zu Pelzmann.) Was wollt's denn Ihr Bürger sagen, aber wir Beamte — Pelzmann. G'rad Ihr habt's es leicht! Ihr kriegt's Euer Sicheres, das is Euch jeden Monat gewiß, aber wir — Schreibmaier. Je gewisser das Einkommen, desto ungewisser ist oft das Auskommen. Ihr Bürgersleut' habt's es viel bequemer; wenn's Brod und Fleisch aufschlagt, so schlagen Eure Waaren auch auf, aber wir — Pelzmann. Aber Ihr, Ihr kauft sie dann nit! Mit einem Wort, trinken wir aus bessere Zeiten! Stoßeu's an! S ch reibmaier lanstoßend). Ja wohl, auf baldige, bessere Zeiten ! sTrinken auss. Doctor (ganz entzückt). So ein Glas guten Weines ist die beste Medicin. Apotheker. Um Gotteswillen, sa- gen's das nit so laut; Sie beeinträchtigen mir ja 's Geschäft! Doctor. Das Medicament möcht' ich Jedem verschreiben. Apotheker. Na, sein's so gut! da müßt' ich gleich bei meiner Apotheken ausstecken, um nicht z' Grund zu gehen. i Dreiviertl. Nun, lieber Freund, ^ was werden Sie thun? ! Fuhrmann. Ich werd' mir eiu 11 Land suchen, wo's noch keine Eisenbahn gibt. Dreiviertl. Lieber Freund, da werden Sie müssen in den Mond reisen, und da sind Sie noch nicht sicher, ob man nicht eine Bahn hiubaut. Da gehen Sie lieber auf die Börse. Fuhrmann. Da geh' ich lieber aus der Welt! Dreiviertl. Nun, nach Belieben! Glückliche Reis'! Wenn Sie jenseits gut ankommen, so schicken Sie mir den neuesten Cours-Zettel! Neunte Scene. Vorige. Maulbeer mit Lossenwerde r. Maulbeer (den Lossenwerder vorziehend). Aufgeschaut, meine Herren! ich bring' Ihnen eine noch nie dagewesene Erscheinung! Bitte, behandeln Sie mir dieselbe mit Sorgfalt, damit mir ja nix d'ran g'schieht an der Rarität! Es war' ewig Schad'! Ich muß mich gleich wieder empfehlen, doch nur auf kurze Zeit! — Also, saus aäieu! bald komm' ich eh ! (Läßt den Lossenwerder verlegen in der Mitte stehen, und eilt dann im Hintergründe ab). Schreibmaier. Was Teuxel, Herr Lossenwerder, was bringt denn Sie in's Wirthshaus? Lossenwe r de r (verlegen). Der Herr Maulbeer hat mich hergebracht! Pelzmann (lachend). Das haben wir geseh'n. Aber ist denn heut' Ihr Geburtstag, daß Sie so üppig sind? Loss enwerder. Meiner nicht, aber — Schreibmaier. Aber von Jemand is ein Geburtstag? Lossenwerder (immer verlegener^. Ja. Schreibmaier (lachend). Merkwürdiger Tag! — Nun, wenigstens kann man den Leuten jetzt widersprechen, wenn sie behaupten: Ihr wäret ein solcher Geizhals, daß Ihr Euch das ganze Jahr nicht einen Schluck Wein vergönnt! Aber einen Grund muß Euer Erscheinen doch jedenfalls haben. L o ssen w erd er. Und das einen bedeutenden! Pelzman n. Darf man ihn vielleicht wissen? Lossenwerder (innig). O! der ist mein heiligstes Geheimniß! Pelz mann. Ah, ein Geheimniß, das ist was anders! Schreib maier. Setzen Sie sich doch zu unserm Tisch! Lossenwerder. Wenn Sie erlau —lau—tauben! Pelzmann. Was werden Sie denn trinken? Lo ss e nw e r d er (ganz leise). Kellner, eine Flasche Rheinwein! Pelzmann. O Donner und Doria, Sie geben's nobel! L oss enwerde r. Nur heut'! Heut' ist mir nichts zu theuer! Schreibmaier. Was Teufel ist denn heut' für ein Geist in Sie gefahren ? Lo ss enwerder. Ein guter, glauben Sie mir das! Zehnte Scene. Vorige. Iungmann (ein Stutzer). Herr v. Quellerl und Pint scher (Jungmann's Freunde). (Herr v. Quellerl trägt einen kurzen Sammt- rock, langes, wallendes Haar, übergeschlagenen Hemdkragen, weiße Hose und eine Art vers- v!s; unter dem Arme trägt er ein Heft Schriften, und in der Hand hält er ein Stöckchen.) Jung mann. Meine Herren, ich glaube Ihnen heute einen ausgezeichneten Genuß zu bereiten, indem ich Ihnen hier meinen Freund Quellerl, der g'rad erst aus Baiern angekommen ist, vorstelle. Ich sag' Ihnen nichts, als: 12 sein Wahlspruch heißt: „Was sie haben, wollen sie nicht, und was sie wollen, haben sie nicht!" Das wird Ihnen genug sein, wie's allen genug war, die das gelesen haben! Pelzmann. Ah, sind Sie der! Queüerl sgeheimnißvoll). Pst! Ja ich bin — der — aber nur pst! Pelz mann. Der auf die Deutschen so hart zu sprechen ist, daß er's immer mit hartem T schreibt. Jungmann. Mein Freund Quellerl wird uns den unvergleichlichen Genuß bereiten, sein Trauerspiel vorzulesen. Schreibmaier. Aber das dürfte doch zu lange dauern! Quellerl. O! fürchten Sie das nicht, bei mir hat das ganze Trauerspiel nur 6 Bogen! Dreiviertl. Wei, da kömmt auf ein' Akt nur 1^ Bogen! Doctor. Wollen Sie nicht lieber ein lustiges Trinklied zum Bestengeben? Quellerl. Ich schreibe nur traurige Spiele und Geographie in Versen, sonst nichts! Pelzmann. Geographie in Versen? Quellerl. Ja wohl, und jetzt Hab' ich ein neues Einmaleins in gereimten Alexandrinern unter der Feder! Doctor. Ah, das muß ein Meisterwerk sein! Quellerl. Und durch und durch teutsch! Jung ma N N sLossenwerder bemerkend). Ah, was seh' ich, Herr Lossenwerder! Sie im Wirthshaus?! — Das ist ja das zehnte Weltwunder! Mher tretend.) Und noch dazu bei einer Flasche Rheinwein, das ist schon gar ein naturhistorisches Phänomen! Sie haben gewiß etwas Erfreuliches erlebt! Lossenwerder svom Weine erregt). Ja—ja wohl! Was sehr Erfreuliches! Inugm ann. Ich errathe wohl auch, was Ihnen arrivirt ist, Herr Lossenwerder, Sie sind verliebt! Me lachen.) L ossenwerder sverbirgt das Gesicht, indem er sich abwendet). Iuugma n n. Na, schämen Sie sich nicht, 's ist Ihnen halt auch einmal was Menschliches passirt! — O! Sie sind ja purpurroth im Gesicht! Das ist das höchste Stadium der Liebe! sDer Kellner bringt den Wein.) Jung mann. Den großen Tisch daher in die Mitte. Vier Flaschen Rheinwein, wir wollen einmal heute schon Vormittags recht lustig sein, nicht wahr, iü68 smi8? Alles ^durcheinander). Ja, ja! Das ist recht! Nur fidel! Wan gruppirt sich um den Tisch all libitum.) Lossen wer der saufstehend.) Aber ich mu—mu— muß jetzt geh'n! Jung mann sihn haltend). Warum nicht gar! Sie mü—mü— müssen jetzt bleiben,' nicht wahr, rns8 awm? Me lachen.) Lo s s e n werder. Aber ich kann nicht. Sch reib maier. Ah, Sie müssen sich jetzt mit uns da an den gemeinsamen Tisch setzen! Da Hilst kein Sträuben! Inngman n. Sie müssen mit uns Bruderschaft trinken! sDie Meisten haben bereits an dem großen Tisch Platz genommen.) Alle. Ja, ja, mit uns müssen Sie trinken! Jung mann. Geselliger Trunk ist eine wahre Medicin! nicht wahr, Herr Doctor? Doctor sschon angestochen). Ganz meine Ansicht; denn wer so wie ich — in die Tiefe der Natur eindringt. sTrinkt). Jungmann. Also, Doctor, nehmen Sie an unserm Tische Platz! Doctor ssehr inflammirt). Mit Vergnügen ! Alle für Einen! Jung mann. Und Einer für Alle! Das wäre was für Sie! — Ein Doctor für alle Kranken! nicht wahr, M68 Ällüs? sDoctor und Apotheker setzen 13 sich zum großen Tisch. Lossenwerder, welcher diesen Augenblick benützt, will sich forttrollen, und ist schon fast an der Thüre, als er von Jungmann erblickt, und unter Lachen beim Rock gefaßt und zurückgezogen wird). Jungmann. Oho, Herr Lossenwerder! Das geht nicht! Sie wollten sich Holländisch empfehlen! Lossenwerder swill sich losreißen). Ich mu-mu— muß fort! Jungmann flachend). O, mir kommen Sie nicht aus! sDeklamirend.s Den Teufel halte, wer ihn hält! Er wird ihn nicht so leicht zum zweiten Male fangen! Lossenwerder sreißt sich los und erreicht die Thttre). Iungmann. Haltet ihn auf! haltet ihn auf! Mehrere fasten den entfliehenden Lostenwerder bei den Schultern und Füßen, und tragen ihn unter Lachen und Schreien wieder in den Vordergrunds. Inn gm a nn. So ist's recht! fDekla- mirend.s Ganz will ich ihn haben, ganz! sAllgemeines Gelächter.) Lossen Werder. A—a— Aber! Jung mann. Was aber? Nichts — aber! Sie sind und bleiben unser Gefangener! Machen Sie nicht noch einen Versuch, zu entfliehen, sonst brennt Sie der nächst Beste mit einem Seitel- stutzen nieder! — Setzen Sie sich daher zu uns und wenn Ihnen vielleicht um's Geld leid thut, so trinken Sie auf unsere Rechnung ! Nicht wahr, ms« am!« ? Lossen Werder fbeleidigt). Da—da —das dürfen Sie nicht glauben, ich kann selber za—za—zahlen! Iungman n. Das steht Ihnen frei! Lossenwe rd er. Und vie—vie - viel zahlen. Iungmann. Das steht Ihnen noch freier! Lossenwerder faufgeregt). Und Alles zahlen. Jungmann. Ah! das steht Ihnen am freiesten! Lll dien! Wir nehmend an! Aber Sie müssen in der Mitte sitzen, als der Held des Tages! Alle. Ja! ja, in der Mitte, neben Qnellerl. sSie zwingen Lossenwerder, der nun schon etwas aufgeräumt, sich zu setzen und thun dann das Gleiche. Ueberhaupt muß diese Scene sehr rasch und tumultuarisch gespielt werden. Die Ordnung in der sie sitzen, ist folgende: Jungmann. Dreiviertl. Pintscher. Doctor. Lostenwerder. Quellerl. Apotheker. Pelzmann. Drei Gäste. Schreibmaier. Fuhrmann. sDer Kellner bringt immer sogleich das Verlangte.) Jungmann. Also, jetzt kann die Sitzung beginnen; jedenfalls kann sie geistreicher werden als manche andere. Lossen wer der shitzig). Rheinwein für die ga—ga—ganze Gesellschaft! Jungmann. Sie sind ja wie ausgewechselt. Also fdie Anwesenden zählend.f 1, 2, 3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 10, 11, 12, 13 Flaschen, schnell wie der Wind! Doctor laufschreiend). Dreizehn? — Herr Gott! Wir sind dreizehn! da muß Einer über 's Jahr sterben! Jungmann Machend). Wenn Sie das sagen, unser Doktor! dann hat das allerdings etwas Ominöses. Schreibmaier. Uebrigens ist das ein alter Aberglaube. Doctor. O, glaubeu Sie das nicht! fhalb lallend.) Dringen Sie nnr ein — in die Tiefen der Natur, so wie ich — Jungmann. Mir scheint, Sie sind heute schon zu tief eingedrungen! Doctor ffortfahrend). Dann werden Sie so Manches sehen — was Sie nicht geglaubt hätten ! Me lachen.) Schreibmaier. Aber, Lossenwerder, Sie sind ja ganz stumm geworden! Lossen Werder. O, ich fü—fü — fühle mich so glücklich! Iungmann. Nun also, Sehen Sie, das Glück können Sie sich öfter bereiten! Lossenwerder fexaltirt). O nein, nur heute! Jungmann. Nun, wie Sie wollen! — Aber jetzt sein Sie lustig! Wenn man sich glücklich fühlt, muß man jubeln, lärmen, toben. 14 Lossen wer der. Je—je—jeder nach seiner Art! Jungmann. Lossenwerder, Sie müssen uns etwas singen; nicht wahr, nw» amis? Alle. Ja, er soll singen. Lossen Werder. Aber — Jung mann flachend). Ah, es giebt keine Ausflucht! Singen müssen Sie! Alle fmmultuarisch). Singen! Singen! Jungmann fihm eine Zeitung überreichend.^ Da haben Sie eine Zeitung! Da können Sie gleich vom Blatt singen ! Aber früher steigen Sie auf den Stuhl, damit man Sie wenigstens sieht! Alle. Ja, ja, auf den Stuhl! L oss enwerd e r. Nun meinetwegen! fEr steigt, vom Weine bereits erhitzt, auf einen Stuhl.) Jungmann. Ruhe! Silentium! Silence! Achtung, meine Herrn! Lossenwerder singt! fAllgemeine Stille, hie und da von Lachen unterbrochen. Lossenwerder fträgt das folgende Lied zart und ohne zu stottern vor). I. Strophe. Sie weiß es nicht, sie ahnt es nicht, Wie still mein Herz für Sie nur glüht, Mich reizt ja nicht ihr Angesicht Bezaubert hat mich ihr Gemüth! fNach der ersten Strophe, während welcher sich Alle gegenseitig ganz starr betrachtet hatten und in stummer Verwuuderung dasaßen, werden einzelne „Ah" vernehmbar; jedoch schweigt gleich Alles wieder, wie er weiter singt.) II. Strophe. Ich kann nur beten still für Dich, Kann beten für Dein Wohl und Glück; Und Seligkeit durchglühet mich, Wenn mich nur einmal trifft Dein Blick' Alle. Bravo! Bravo! Jungmann. Ja, sagen Sie mir, sind Sie 's oder sind Sie 's nicht? Schreib maier. Lieber Lossenwer- der, von welchem Componisten ist denn das reizende Lied? Lossen wer der sbescheidens. Vo— vo— von mir! Alle. Was? Ist das möglich? Jung mann. Und der hübsche Text dazu? L offenw er der. Auch vo—vo—von mir! Jung m a u n. Das sieht Ihnen Niemand an. Nicht wahr, mes amis? Lossenwerder, der zweite Quellerl, lebe Hoch! Alle. Lossenwerder Hoch! fAllgemeiner Jubel.) Loss e nwerd er. Und sie le—le - lebe Hoch! Iungmann. Wertst denn diese „sie' ? Lossenwerder ssich sammelnd). Nu» die Ge—Ge—Gesellschaft! Iungman n. Lossenwerder, von wem haben Sie singen gelernt? Lossen Werder. Vo-vo—vonmir- selber ! Iungman n. Das ist köstlich! Er hat Alles von sich selber! Der Mann ist ein Universal-Genie! — O! Es gibt noch verborgene Talente. Sch reib maier. Aber es entdeckt sie Niemand! Quel lerl. Oh, ich bitte, was wäre ich ohne meinen Entdecker? Jung mann. Noch' eine Strophe müssen Sie singen! Lossenwerder. Es ge—ge— geht nimmer! Jung mann. Es wird schon geh'n! Noch eine Strophe! Alle. Ja, ja, noch eine Strophe! Lossenwerder fsehr exaltirt). III. und letzte Strophe. Heut' ist mein schönster Lebenstag, Denn edle Freunde fand ich heut', Die mit gar frohem Herzensschlag Getheilt die laute Seligkeit! Alle. Ah? Bravissimo! Bravo! Lossen wer der Mn Glas schwingend). O! ich bin der Glü—Glü—Glücklichste! Alles so—so—soll leben! Alle sgegenseitig anstoßend, tumultuarisch). Hoch! Hoch! Hoch! 15 Letzte Scene. Vorige. Maulbeer (in Eiles. Maulbeer. Atz, Lervrw liumilis- 8IMU8! Das sind Geschichten! horrend! Das sind Neuigkeiten! Außerordentlich! Das sind Thatsachen! Entsetzlich! Das sind Ereignisse! Haarsträubend! Nur schnell ein volles Glas! Alle. Was gibt es denn? Was ist denn gescheh'n? Lossen Werder. Was ist denn lo — lo—los? Maulbeer szu Lossenwerders. Atz, wie ich zu bemerken Gelegenheit habe, sind Sie bereits im obern Stock! Na, das ist gut, da wird Sie die Geschichte nicht so sehr angreifen, die im Doüin- ger'schen Hause g'scheh'n is! Alle ^besonders Lossenwerders. Was ist denn g'scheh'n? Maulbeer. Eine G'schicht ist g'schehn, die in der Geschichte, die alles Geschehene berichtet, einst als laetuni insrk- rvüräieum dastehen wird!' Alle. Nun, was denn, was denn? Maulbeer. Ein Sekretär im Dol- linger'schen Haus hat sich, während die Andern aus waren, 8000 fl. wegnehmen lassen, ohne ein Wort zu sagen. Jung mann. Warum hat er nichts g'sagt? Maul beer. Weil er von Holz und daher stumm ist. Moral der Geschichte! Die 8000 fl. sind gestohlen. Lossen Wer der swieder ganz nüchterns- Ge—ge—gestohlen? Maulbeer. Na ja, wie man aber auch so dumm sein kann, 8000 fl. in einem Sekretär liegen zu lassen, das begreif' ich nicht! Ich leg' mein Geld immer in die Bank. Jung mann. Erzählen Sie uns doch die näheren Umstände! Maulbeer simmer scharf den Lossenwerder fixirends. Was Umstände! Der Dieb hat nicht viel Umstände gemacht! Während alle Andern aus waren, war er d'rin! Das ist der ganze Umstand! Eine kühne Sprengung des Schlosses am Sekretär, ein kecker Griff in denselben, das ist der ganze Witz von der Eiubruchs-Comödie. Sch reib maier. Und auf wen hat man denn Verdacht? Maulbeer. Auf wen? Auf Niemand. Das ist ja das Dumme von den Leuten; ich begreif gar nicht, wie man so unverdächtig sein kann! Ich Hab' schon einen Verdacht! L oss enw erd e r und Alle: Sie? - Nun? Maulbeer. Er ist zwar noch ein Bissel nebelhaft, aber immer mehr und mehr kriegt er Form und Festigkeit! Schreibmaier. Und hat der Dieb keine Spur zurückgelassen? Maulbeer. O ja, und zwar eine höchst originelle, aus der man schließen könnte, daß es ein Gärtnerbursche gewesen wäre, der durch's Fenster eingestiegen sein könnte. Lossenwerder und Alle: Nun? Maulbeer. Denken Sie sich, es ist noch nicht dagewesen! Der Gegenstand, den der Dieb zurückgelassen und der ihn verrathen muß, ist — Alle. Nun? M aulbee r sLossenwerder fixirends. Ein blühender Rosenstock! Lossen W e rd e r saufschreiends. Rosenstock! Ah! (Sinkt ohnmächtig auf seinen Stuhl zurück-! sAllgemeine Gruppe des StaunenS.s Maul beer shervorgehends. Hat ihn schon! Schau! Schau ! Der treue Diener! — Ja, da heißt's wohl: „Trau, schau, wem!" Der Worhang fasst. Zweiter Akt (Dieselbe Decoration wie im ersten Akte. Der Rosenstock am Fenster). Erste Scene. Herr Dollinger. Frau Dollinger. Clara.Olga. Olga sfitzt am offenen Fenster gegen die Straßes. Fr. Dollinger. Seht Ihr, Kinder! Nicht umsonst war ich heute von einer bösen Ahnung gequält! Da haben wir nun das Unglück! Dollinger. Nun, das Unglück ist eben nicht so groß, da habe ich schon größere Verluste mit Ruhe ertragen. Olga. Aber, Bruder! ein Hausdiebstahl ist doch etwas Fürchterliches! Dollinger. Wer sagt denn aber, daß es gerade ein Hausdieb gewesen sein müsse? — Kann nicht auch ein Fremder die Lokalität ausspionirt und den günstigen Zeitpunkt abgepaßt haben, um während unserer Abwesenheit durch den Garten in's Haus zu schleichen, oder kann hier durch dieses Fenster vom Garten snach rechts zeigend) aus eingestiegen sein? Olga. Dazu gehört eine zu große Kühnheit, welche nur einem, mit unserer Wohnung sehr gut vertrauten Menschen zuzumuthen ist. Dollinger. Du weißt aber, daß bereits strenge Hausuntersuchung gehalten worden ist, und daß sich bei sämmt- lichen Domestiken nichts Verdächtiges vorgefnnden hat. Olga Bei den Domestiken im Hause, ja! — Aber bei Einem außer dem Hause noch nicht! Dollinger. Du meinst bei Lossenwerder! Da ist es nicht nöthig! gegen ihn hege ich keinen Verdacht! Olga. Und ich halte gerade ihn finden Verdächtigsten! Dollinger. Was berechtigt Dich, von ihm so Arges zu denken? Olga. Die Aussage, welche der Scherenschleifer Maulbeer vorhin, als Du nicht hier warst, gegen ihn gethan hat. Dollinger. Der Unberufene drängt sich in diese Angelegenheit mit einer Keckheit und Anmaßung, die mich empört. Ich brauche seine Angaben gegen meinen treuen Lossenwerder nicht! Uebrigens ließ ich mir den guten Mann bereits holen und werde seine Aussagen nun selber genau prüfen, bevor ich auch nur dem leisesten Verdacht gegen Lossenwerder Raum gebe ! Clara. Unendlich leid ist es mir, daß der Dieb die brillantenen Ohrgehänge, welche ich von der Großmutter zum Andenken hatte, mit fortnahm; das kann ich ihm nicht verzeihen! 17 Dollinger. Gerade durch diese könnte er sich am ersten verrathen! Clara. Dafür war er aber so galant, mir als „Louvsmr äe volsur" diesen blühenden Rosenstock zu verehren. Bedienter Mt eins. Euer Gnaden, der Scherenschleifer. Dollinger. Laß ihn kommen! Bedienter (öffnendj. Sie sollen eintreten! Zweite Scene. Vorige, Maulbeer (vorder Thüre.j Maulbeer (noch draußen). Bitte um einen Augenblick Geduld! — O, ick weiß, was der bon-ton erfordert! Ich bin ein geborner Lontonivr! erst muß ich mir die Stiefel abputzen. damit ich nicht in den noblen Salon ein Stückel Straßen hineinbring'! Das wäre ü äone! (Wischt sich sorgfältig die Schuhe ab.) Dollinger (streng). Ohne Umstände! Nur herein! Maulbeer (tritt eins. Dollinger. Sie haben gegen Lossenwerder hier bei meinen Leuten eine Aussage gethan, die — Maulbeer. Die ich gerade vor Gericht wiederholt habe! Dollinger (ihn anfahrend). Wie können Sie sich das unterstehen, ohne mich vorher zu befragen, ob mir Ihre Angabe auch genehm sei? Manlbeer. (gänzlich eingeschüchtert.s Erlauben Euer Gnaden, ich dächte, die Wahrheit wäre immer genehm! Und ich Hab' ja bloß die Wahrheit gesagt! Dollinger. Sie sehen wahrscheinlich mit den Augen des Hasses oder des Eigennutzes. Sie nehmen sich darum so heiß um die Sache an, weil Sie auf reichliche Belohnung hoffen! Da irren Sie sich! das sag' ich Ihnen im Voraus. Maulbeer (sich selbst besehend, bei Seites. Hab' ich denn ein Glasfenster Theater-Repertoir 2»9. vor meinem Herzen, daß der so bequem hineinschan'n kann? Dollinger (sehr scharfs. Worin bestehen denn Ihre Verdachtsgründe? Maulbeer. Erlauben Euer Gnaden, wenn Sie mich noch ein paar Mal so anschnauzen, so trau' ich mich gar keinen Verdacht mehr zu haben, viel weniger, ihn klar und deutlich auseinander zu setzen. Dollinger. Also, Sie wollen den Lossenwerder während unserer Abwesenheit aus'n Haus geh'n gesehen haben? Maulbeer. Das heißt, ich Hab' nicht wollen, aber ich Hab' ihn sehen müssen, weil er g'rad gegen mich hergeschlichen ist! Denn mir schien, daß er schluch! Und ich glaube, daß derjenige, der, aus einem Hause kommend, sich so gewiß an der Mauer hindrückt, daß der von Haus aus ein drückendes Gewissen haben mnß! Also Verdacht, gegründeter Verdacht! Dollinger. Wie schien denn sein Gemüthszustand? Maulbeer. O — der war echt französisch. Dolling er (streng). Was soll das heißen? Maulbeer. Das heißt, durch und durch zerrissen! z. B. Er hat mir auf meine ganzen Fragen nur lauter halbe Antworten gegeben, ferner hat er meine groben Beleidigungen, die ich, wo möglich, Jedem anhänge, mit edler Selbst- verläugnung ausgenommen und hat mich für meine Grobheiten noch eingeladen, das thut doch Keiner, der seinen Verstand beisammen hat. Dollinger. Und haben Sie im Gesichts-Ausdruck nichts Besonderes bemerkt ? Maulbeer. O ja, da Hab' ich eine auffallende Bemerkung gemacht — er hat einen unlogischen Blick. Dollinger. Was soll denn das nun wieder? 2 18 Maulbeer. Das werd' ich Ihnen gleich erklären. Wie wir so unten vor dem Hause miteinander geplaudert haben, hat er in einem fort mit dem einen Auge gegen die Sparkasse und mit dem andern gegen's Versatzamt hing'schaut — jetzt frag' ich, ob das logisch ist? Dollinger (wie höhnisch). Sonst haben Sie nichts an ihm bemerkt? Maulbeer. Sonst nichts? Ist denn das nicht genug? Uebrigens ist es mir vorgekommen, als ob es dem guten Mann bedeutend lieber gewesen wäre, wenn er mich, oder vielmehr, wenn ich ihn nicht gesehen hätte; übrigens das kann auch individuelle Abneigung, spe- cielle Antipathie gewesen sein — denn wie gesagt — ich will Niemandem was Böses Nachreden. sBei Seite). Ich Hab' die ganze Courage verloren. Dollinger sstreng). Und doch haltet Ihr ihn für den Dieb? Maulbeer (erschreckt). O — ich bitte — Gott bewahre — warum nicht gar — ich traue zwar sonst dem Besten das schlechteste zu, aber beim Lossenwerder will ich durchaus nicht behaupten, daß er! — o! Gott bewahre! sJmmer verlegener werdend.) Jetzt schon gar nicht! — nachdem Euer Gnaden so gut von ihm denken — mit einem Wort, ich weiß jetzt gar nichts mehr. Dollinger. Sie sind ja ganz konfus geworden! Clara. Sie dürfen sich nicht ein- schüchtem lassen! Der Papa ist nicht so bös, wie er scheint! Erzählen Sie ihm nur Alles! Dollinger. Ja, reden Sie nur, ich werde Sie nicht mehr unterbrechen. Maul beer. Wenn Euer Gnaden gnädigst erlauben, so bin ich so frei, wieder Athem zu schöpfen! — Ach! Sehen Euer Gnaden, was ich Ihnen bisher erzählt habe, das sind erst die Anfangsbuchstaben im Alphabet meiner Verdächte! Die Hauptsache kommt erst. Dollinger. Da bin ich begierig. Maulb eer. Nachdem ich mich mit dem Lossenwerder in ein Gespräch eingelassen Hab', worin er mir gesagt hat, daß ihm heute etwas so Angenehmes widerfahren is, sein wir in's Wirthshaus miteinander gegangen, oder vielmehr ich habe ihn dahin begleitet, und bin gleich wieder fort. Ich Hab' indessen von dem Diebstahl gehört, der da vorgefallen ist, und unwillkürlich Hab' ich an Lossenwerder gedacht! Ich geh' gleich hin in's Wirthshaus, finde ihn da mitten in einer lustigen Gesellschaft, die er traktirt, und zwar in einem Zustande, den man im Hochdeutschen „Fetzen- nennt. Ich erzähle dort die ganze Geschichte, er wird dabei nüchterner, und wie ich zum Schluß sag': daß der Rosenstock den Dieb verrathen wird, schreit er auf: „Rosenstock", und fallt wie a Holzbutten um! Dollinger. Das ist allerdings ein sonderbarer Umstand, aber in meinen Augen nicht sehr verdächtigend. Olga. Aber, Bruder, ich begreife Dich nicht! Maulbeer steck geworden). Ja! ich begreif' den Bruder auch nicht! Dritte Scene. Vorige. Henkel (hereineilend). Henkel. Bester Schwiegervater, ich komme soeben vom Gericht. Auf Ihr Ersuchen und Ihre Bürgschaft ist Lossenwerder einstweilen nicht verhaftet. Jedoch auf die Aussagen des Herrn Maulbeer konnte selbes nicht umhin, sogleich eine Hausuntersuchung bei ihm vornehmen zu lassen, und was glauben Sie nun, was man in seiner Wohnung unter einem Laden des Fußbodens fand? Alle (gespannt.) Nun? Henkel. Ein Paquet mit 3000 Gulden! Alle. Wirklich? 19 Dollin ger (sagt gar nichts, sondern geht ein Paar Mal im Zimmer aufgeregt auf und ab). Olga. Jetzt seht Ihr doch, daß ich Recht hatte. Fr. Dollin ger. Das hätte ich nicht gedacht! Maulbeer. Ja, es ist nichts so fein gesponnen, es kommt an's Licht der Sonnen. Henkel (den Maulbeer erst bemerkend). Ah — Herr Maulbeer, Sie sind ein rechtschaffener, braver, vortrefflicher Mann! Maulbeer O, ich bitt', das ist zu viel auf einmal. (Bei Seite.) Das ist der Erste, der mir das sagt. Henkel. Wir sind Ihnen Dank schuldig! Wollen Sie als Kammerdiener in meine Dienste treten? — Ich nehme Sie mit nach Amerika. Maulbeer. Nach Amerika? (Bei Seite). Da kost' mich die Reise nichts! (Laut). Ja wohl, ich bin dabei! Mit Leib und Seel' dabei! DolliNger Klingelt, ein Bedienter erscheint). Lossenwerder soll schnell herauf kommen! Bedienter. Sehr wohl! (ab.) Clara. Lieber Vater, sei sanft, damit Du den Armen nicht gleich im Voraus einschüchterst. Dollin ger. Bin ich denn ein Tyrann? Gegen ihn am wenigsten! Henkel (zu Clara). Du scheinst den Bedauernswerthen noch immer verthei- digen zu wollen, dadurch wird er fast beneidenswerth. Vierte Scene. Vorige. L os s en w erd er. Lossenwerder (tritt bleich und verstört aussehend durch die Thüre ein, und bleibt an derselben stehen. Alle wenden die Blicke nach ihm. Maulbeer hat sich ganz in den Hintergrund zurückgezogen, so daß ihn Lossenwerder nicht bemerken kann). (Stumme Pause.) Dollinger (in gutmüthigem Tone). Lossenwerder! Ein böser Mensch ist heute während unserer Abwesenheit in's Haus geschlichen und hat nebst einigen Juwelen auch noch das Geld entwendet, welches Sie mir selbst gebracht, und das ich, wie Sie wissen, dort in jenem Sekretär eingeschlossen habe. Deßhalb frage ich Sie jetzt, waren Sie während unserer Abwesenheit noch einmal im Hause, und warum? Lossen Werder (will mit furchtbarer Anstrengung sprechen, bringt aber keine Silbe heraus). Doll in ger (ihm die Hand auf die Schulter legend). Lieber Lossenwerder, Sie sind jetzt zu sehr aufgeregt, beruhigen Sie sich erst, das Sprechen wird Ihnen jetzt schwer, schöpfen Sie erst ordentlich Athem, und dann antworten Sie mir mit einem einfachen Ja oder Nein! Clara (leise zu Olga). Sieh' nur, wie er zittert, der Arme! Olga (leise). Das macht das böse Gewissen! Dollinger (betonend). Nun also, jetzt sagen Sie mir, waren Sie nach unserer Ausfahrt noch hier im Hause? Lossenwerder (mit Anstrengung). Ja! Dollinger (erstaunt). Auch hier in diesem Zimmer? Lossenwerder* (wie oben). Ja! Dollinger. Was wollten Sie da? Lossenwerder. Das ka — ka — kann ich nicht sagen! Dollinger. Das müssen Sie aber sagen, wenn wir anders nichts Uebles von Ihnen denken sollen! L osseNWerder (nach innerem Kampfe). Ich ka —ka — kann nicht! Clara (plötzlich erleuchtet). Ah, ich hab's! Der arme Lossenwerder wollte mir eine Freude machen zum Geburtstag, und stellte mir wahrscheinlich, um j mich zu überraschen, heimlich den blühen- 2 * 20 den Rosenstock an's Fenster — nicht wahr, lieber Lossenwerder — so ist es? Lossen Werder (senkt erröthend den Kopf). Dollinger (zu Lossenwerder hintretend, und ihm die Hand auf die Schulter legend). Lossenwerder, Sie werden einsehen, daß das ein fatales Zusammentreffen der Umstände ist, daß Sie g'rade zu einer Zeit im Zimmer waren, zu welcher hierein Verbrechen begangen wurde. Haben Sie Niemanden bemerkt, haben Sie keinen Verdacht? LosseNWerder (mit vieler Anstrengung). Nein! Henkel (einfallend). Dann werden Sie es sehr begreiflich finden, daß der ganze Verdacht auf Sie allein fällt. Lossenwerder (mit Anstrengung zu Henkel). Herr! Dollinger (im strengen Tone). Ohne Einwurf! Sagen Sie selbst, muß ich nicht nach All'dem an Ihre Schuld glauben? Während unserer Abwesenheit ist der Sekretär dort erbrochen, und das Ihnen bewußte Geld daraus entwendet worden. Sie waren heimlich im Hause, Ihre heutige Geldverschwendung, die bei Ihnen etwas Außerordentliches ist, dann Ihre Verlegenheit, läßt dieses Alles nicht auf das Schlimmste schließen? — (Kleine Pause). Machen Sie jetzt Ihren Fehltritt, so weit es möglich istz wieder gut, und gestehen Sie offen und frei, was Sie mit dein übrigen Gelbe gemacht, wo Sie es verborgen haben, und ich selber will dann Alles thun, was in meinen Kräften steht, um Ihnen Ihre Strafe zu erleichtern. Lossen Wer der (stand während der letzten Rede wie eine Marmorsäule; nur ein leises Zittern aller Glieder verräth, daß noch Leben in ihm sei; bei den letzten Worten Dollinger's bricht er zusammen, und umfaßt weinend dessen Knie.) (Kleine Pause.) Alle (in tiefer Bewegung, selbst Henkel). Dollinger (sich ermannend). Ein aufrichtiges Geständniß ist das Einzige, was ihre Schuld vermindern kann. Lossenwerder (Mit Anstrengung). Ich weiß ja von nichts. Dollinger (strenge). Das wflgen Sie mir zu sagen!? — Woher haben Sie dann das viele Geld, das man bei Ihnen verborgen gefunden? Lossenwerder (darüber erschreckt, daß man schon Untersuchung gehalten). Mei — mei — mein Ersparniß! Olga (leise). Wie frech er noch zu lügen sich getraut! Dollinger. Jetzt ist meine Geduld erschöpft; wenn Sie mir nichts gestehen wollen, so wird das Gericht Sie zum Geständniß zwingen, erbärmlicher Dieb! Lossenwerder (nach furchtbarem innerem Kampfe vom Boden aufspringend und wild anfschreiend) Dieb! (mit männlicher Festigkeit). Ewiger Gott! Du bist mein Zeuge, ich bin unschuldig! Dollinger. Jetzt wird ihm das trotz seiner Bethenerung Niemand glauben. Jetzt seh' ich es ein, daß sein ganzes Wesen nur List und Verstellung war. Lossen Werder, (bedeckt sich weinend das Gesicht mit beiden Händen.) Dollinger. Wollen Sie, Herr Maulbeer, so gut sein, den Menschen da so lange zu bewachen, bis ich die Verhaftung veranlaßt habe. Maulbeer (verlegen), 's geschieht mir zwar schwer, aber wenn Ew. Gnaden befehlen, so bin ich so frei, zu dienen Dollinger (zu Lofsenwerder). Verlaß' er mich! Er fällt jetzt dem Gerichte anheim! Adieu! Lossenwerder. Herr Dollinger! Sie nehmen mir mein Leben, wenn Sie mir meine Ehre nehmen! Dollinger (nachdenkend). Wenn vielleicht die Zeugen vom Geständnisse Ihn abhalten, so bin ich bereit, Ihn unter vier Augen zu vernehmen. Hat er mir etwas allein zu sagen? 21 Lossenwerder. Nein! Dollinger. Nein! — Also Gott besohlen! swittkt mit der Hand hinaus.s Lossenwerder ssieht sich im ganzen Kreise um. Alle stehen abgewandt, nur Clara sieht ihn theilnehmend ans. Fräulein Clara! ein Wort des Trostes von Ihnen! Clara. Warum haben Sie uns das gethan? Lossenw erde r. Auch Sie! — O Gott! sgeht ab — Maulbeer folgts. Fünfte Scene. Vorige ohne Lossenwerder und M a u l b e e r. Clara. Das ist aber doch recht hart von Dir, Vater, daß Du den armen Lossenwerder so fortführen läßt — von dem abscheulichen Maulbeer! Dollinger. Jetzt laß ich dem Gesetze freien Lauf, er hatte ja die Wahl zwischen meiner Milde und des Gerichtes Strenge, warum gestand er nicht reu- müthig? Henkel. Lassen wir das jetzt; vergessen wir wo möglich einen Vorgang, der bald die ganze Freude des heutigen Tages zerstört hätte: Fr. Dollinger Hat sie auch zerstört, denn Ihr könnt unmöglich, liebe Kinder, daran denken, heute, an dem Unglückstage wirklich noch Eure Verlobung zu feiern! Henkel. Warum nicht, liebe Schwiegermutter, dieser Umstand ist, so betrübend er auch sein mag, doch wahrhaftig zu geringfügig, um deshalb einen so wichtigen heiligen Moment hinauszuschieben. Dollinger. Lieber Henkel, ich stimme Ihnen ganz bei, und sowie sich meine liebe Frau nur etwas erholt haben wird, ist sie gewiß auch unserer Meinung. Fr. Dollinger. Aber, sagt Kinder, muß es denn gerade heute sein? Dollinger. Was bestimmt ist, — das bleibt bestimmt! Henkel. Also beeile ich mich, meine Anstalten zu treffen, und um 5 Uhr spätestens bin ich wieder bei meinem theueren geliebten Bräutchen! sKüßt sie auf die Stirn.s Dollinger. Lieber Schwiegersohn, ich gehe gleich mit Ihnen, und Du, liebe Frau, schmücke indeß unser Clärchen für den wichtigsten Augenblick ihresLebens, das wird Dich ausheitern und zerstreuen. Also lebt wohl Alle mit einander, in einer Stunde bin ich wieder zurück. Mit Henkel ab.s Sechste Scene. Vorige ohne Dollinger und H en k e l. Clara sheiter scheinen »vollends. Nun, Mutter, jetzt werd' ich aber gleich bös werden, wenn Du nicht bald ein festtägliches Gesicht machst; Du weißt ja, daß eine Verbindung mit meinem Albert mich überglücklich macht! Fr. Dollinger. Ja, ja, liebes Kind, aber es hätte mir doch besser gefallen, wenn Dein Bräutigam nicht gar so fest darauf bestanden wäre, daß die Verlobung gerade noch heute stattfinde. sAlle drei ab.s Verwandlung. sEin Wirthshausgarten. Mehrere Tische von Gästen unbesetzt, einige Stufen führen vorn Garten hinaus auf die Straße, welche vom Garten durch ein Gitter geschieden ist. Im Hintergründe erblickt man die Thürme von Wien.s Siebente Scene. Schmerkel sder Wirths, Elise ffeine Frau. Beide aus dem Hause kommend, welches links an die Coulisse angebaut ist.s 82 Elise. Aber sag' mir nur, was ist Dir denn? Du gehst ja herum, wie ein Verrückter! S chmerkel Ae bei der Hand nehmendj. Weib! ich Hab' ein Ideal im Kops! Elise, Na, was sich der Mann Alles einbildt, jetzt glaubt er wieder, er hat ein Lineal im Kopf! Schmerkel. Kurzsichtiges Evakind! Nicht Lineal! Ideal! wennst nix dawider hast! Elise. Ich bin nicht kurzsichtig, aber Du bist verrückt; was ist denn das, ein Ideal? Sch merke! srvichtigs. Ein Ideal, das ist — das ist — das — jetzt weiß die uit, was ein Ideal is! — Ein Ideal das is — na, das is halt ein Ideal! Elise. Ah so, jetzt weiß ich erst recht nichts. Sch merkel. Und weißt Du, wer mein Ideal ist? Der Wirth von Hetzendorf, das ist mein Vorbild, wennst nix dawider hast. Elise Ah geh', hör auf! Laß dich nicht auslachen! sbei Seite.j Der Mann ist richtig überg'schnappt. Schmerkel. Ich war im Josefstädter Theater, und da Hab' ich den Wirth von Hetzendorf in seiner Glorie g'seh'n, und seitdem Hab' ich keine Ruh!! Dieser Wirth von Hetzendorf hat meinen Ehrgeiz aufgehetzt! Ich muß um jeden Preis auf's Theater! Elise. No, sei so gut! Du wirst doch in Deinen alten Tagen nit ein junger Anfänger werden wollen? Schmerkel. Weib! Das verstehst Du nicht! Dafür hast Du keinen Sinn! Mt Schmerz.j O! warum Hab' ich ein Weib, das keinen Sinn hat! Ich will ja nicht zum Theater, ich bin ja ehrgeizig! Ich will auf's Theater, wennst nix dawider hast. Ich zahl einem Dichter 12 Maß Heurigen, wenn er mich auf's Theater bringt. Ich muß auf's Theater, ich muß g'spielt werden! Elise. Der Mann is rein aus- g'wechselt! Schmerkel. Denk' Dir den Stolz, diese Ehre, wenn ich auf allen Straßenecken oben pick mit großen Lettern: „Der Wirth vom fliegenden Bartwisch". In aller Früh werd' ich schon ang'schla- gen, und da bleib' ich picken, bis mich Abends a Schusterbub, oder sonst wer herunterreißt. O Wonne! O Entzücken! Ich muß g'spielt werden! Ich thu's gar nit Anderst! Um jeden Preis muß ich auf's Theater! Elise. Ich bitt' Dich, hör jetzt auf, die Gäst wer'n gleich da sein. Schmerkel sentzücktj. Is das heut a bißl a Tag, daß einem Wirth das Herz lachen muß, besonders, wenn man so a hübsch' Gartel vor der Linie hat, und so einen guten Heurigen schenkt, wie ich, — wennst nix dawider hast! Elise. O dawider hätt' ich sehr viel, denn bei Dir muß man wirklich sagen: Dusche nkst Deinen Wein, is denn das a Preis? — Wenn Du das so forttreibst, da bin ich neugierig, wohin wir kommen! Schmerkel. Auf einen grünen Zweig werden wir kommen, denn ich vereinige alle Eigenschaften in mir zu einem ausgezeichneten Wirth, der es verdient, auf die Bühne zu kommen. Erstens zügle ich mir meine Gäste durch ungeheure Billigkeit, zweitens bin ich dann gegen meine Gäst' unsinnig grob, dadurch erhalt' ich sie mir, und drittens, Hab' ich ja a saubers Weiberl, was nix anders brauchet, als wie ein' bessern Humor, das heißt — wennst nix dawider hast! Elise. Na, sei so gut, wirf mir meinen Humor vor. — Schmerkel. Schau, ich kann grob sein, gegen die Gäst, ich bin ein Mann, und als solcher Herr der Schöpfung, aber Du solltest a Bissel schmiegsamer sein! — 23 Elise. O, Du verblendeter Ehemann! — der Du in Deiner Dummheit verlangst, was Andere von ihren Weibern befürchten! Schmerkel. Mit einem Worte, ich verlange von Dir ein anderes Benehmen, ich prätendire es, ich bin Dir gegenüber ganz Prätendent! Das heißt, wennst nix dawider hast! Elis e. Sei nur nit gleich so massiv, sonst prätendirst Du mir was heraus, was Dir nicht ganz angenehm wäre. Schmerkel. Jetzt silentium, es kommen schon die Gäst'! und da heißt's Friede im Haus, oder wenigstens Waffenstillstand! Siehst Du, da versammelt sich schon Einer! Heute wird's wieder unsinnig voll bei mir! wennst nix dawider hast! Elise. Na, dawider habe ich wirklich nix. Schmerkel. Na also, siehst Du, jetzt versteh'» wir uns schon wieder! Achte Scene. Vorige, Stiefliczek sein böhmischer Schusters. Stiefliczek (eintretend)- Mit Verlaub, kann ich haben Seitele Thaler? Elise. Sollen sogleich bedient sein! (Ab, bringt ihm aber nichts.) Stiefliczek. Erlauben Sie, is e Herr Weigelt, was is e Agent amerikanische für Auswanderer deutsche — noch net da? Schmerkel. Na, das sehns doch, daß Sie der Erste sein, oder glauben's vielleicht, ich versteck' meine Gast', wie ein Dieb? Stiefliczek. Abe bitt'ich um Ver- schuldigung, Hab' ich nit gewußt, daß Sie sein so grübe Kerl! Schmerkel. Selber Einer, Wenns nix dawider haben. Stiefliczek. Ich wart'ich auf ihn, füll kummen noch mit Andere mehr, was wullen's trinken hier heute einige Massele Wein. Schmerkel. Ah so — das is was Anders, ja ich sag's — mein Gasthaus wird bald berühmter werden, als wie der Matschakerhof; man tritt jetzt schon ordentlich auf lauter Gäst'. Stifliczek. Ale — seh' ich noch keinen. Schmerkel. Ja, wissen's warum? Stiefliczek. No, proczpak? Schmerkel (lachend). Weil sie erst kommen werden, Wenns nix dawider haben. Stiefliczek. Ah su! Ale was haben's Sie für Sprichwurt — unsinnige — dalkete — Schmerkel. Ich a Sprichwort, da Werdens Ihnen wohl irren, da müßt' ich auch was davon wissen, Wenns nix dawider haben. Stiefliczek. Na, jetzt haben's ja g'rad wieder sagte! Schmerkel (ihn copirend). Was Hab' ich sagte? Stiefliczek. Na,SprichwurtJhriges — verrücktes — von Habens nix dawider. Schmerkel. Ah, das ist ja kein Sprichwort — das is ja nur so eine noble Redensart von mir, wenns nix dawider haben. (Sich umwendend.) Ha! da wimmeln schon wieder zwei herein, ja, ich sag's — heut' wird's bei mir zum Brechen voll! Neunte Scene. Vorige, zwei Bürger. Erster Bürger. Schnell eine halbe Heurigen. Z weiter B ürger. Mir eine Maß dito, aber schnell. Schmerkel. Dito schenk' ich keinen! Uebrigens können's schon a Bißel warten. — Ich seh' do g'rad noch Einen 24 hereinpovln, da geht'S dann gleich in ein' Aufwaschen! So einzelnweis wär' das ein ewiges G'lauf, das zahlt sich g'rad aus, daß man sich die Stiefel zerreißt, wegen so a paar dalkete Gast — Wenns nix dawider haben! Zweiter Bürger. Ah, das is a grober Kerl, der Wirth. Erster Bürger. Schenkt aber einen delikaten Heurigen und billig. Zweiter Bürger. Nachher, wegen meiner, laß' ich mir die Grobheiten schon g'fallen. Zehnte Scene. Vorige. Ein Gast. Gast. Eine halbe Heurigen — aber geschwind — geschwind — ich Hab' ein' Eselsdurst. S chmerkel. Das sieht man Ihnen an, Wenns nix dawider haben! (Der Gast, welcher jetzt angekommen, setzt sich an einen alleinstehenden Tisch, am Eingang des Gartens.j Schmerkel. Na warum nit gar! Das ging mir ab! So zerstreut dürfen bei mir die Gast' nit sitzen l Ah, das kenn' ich schon! Weg'n Abfahr'n! — Das is nix! Da setzt's Euch z'samm! (Zieht ihn beim Rock vom Tisch weg und führt ihn zu den zwei Bürgern j Stiefliczek (schreiendst Apotom! — Herr Wirth! Sie lassen mich ja verdursten — wie lang' soll ich noch warten auf Seitele meinige? Schmerkel. Na, Sie werden Ihre lumpigen paar Kreuzer auch noch früh genug los werden, wenn Sie's aber gar so eilig haben, so gehen's um ein Häusel weiter, zu meinem Nachbar — der auch ausgesteckt hat, da kriegen's aber a Trankel, daß's morgen gleich mit dem Extra-Wagen nach Währing hinausfahren! — Das war wieder sehr gut. Oh, ich muß noch auf die Bühne kommen, ich thu's gar nit anderst. (Ab.j Eilfte Scene. Vorige. Weigelt und zwei Bauer n. Weigelt (von Außen redendst Ich zahle Alles, kommt nur mit herein. Beide Bauern. Mit Verlaub! Weigelt. Wir müssen heute gar viel mit einander plaudern, und, wo könnte man das wohl besser, als hier im Freien, bei einem Krug Heurigen, in einem offenen Garten, wo nicht gleich Jeder jedes Wort auffängt und zuträgt! (Mittlerweile sind alle Drei ein- getretenst Beide Bauern. Mit Verlaub! Weigelt. Also setzt Euch, liebe Freunde, und laßt Euch gnt gescheh'n. Beide Bauern. Mit Verlaub! (setzen sich.j Weigelt (schreiendst He! Wirthshaus! — wo steckt denn der Hotelier oder vielmehr Besteller? Schmerkel (anfretendst Na, na! Was is denn das für ein Geschrei? Vielleicht kriegens eine — Weigelt. Was? Schmerkel. Na, eine Maß! mein' ich. Weigelt. Ah! so! ja, Nur schnell! Stiefliczek (sich näherndst Ah! Gospodin Weigelt! Grüß Ihnen Gott! Hab' ich warten schon halbe Stund' auf Ihnen. Weigelt. Ach, sind Sie schon da, Herr Stiefliczek? Na, freut mich — freut mich, nehmen Sie nur gleich Ihren Wein daher zu unserem Tisch — Stiefliczek. Ale — Hab' ich noch net kriegte Seitele meinige. Weigelt (zu den Bauernst Der Herr Stiefliczek will auch auswandern, Ihr könnt dann gleich mit einander auf einem Schiff hinüber fahren. BeideBauern. Mit Verlaub ! St i ef l i cz e k. Ja, ich will wandern aus, weil freute mich nicht mehr hier, 25 is mir Sprach' hier zu Hochdeutsch. Apotom, sagen's mer, wie reden's drüben in die freie Amerika? We igelt. Dort spricht man frei nach dem Böhmischen! Stiefliczek. Ah, das is e gut! S chmerkel Hat indessen den bestellten Wein gebracht, und zn den zwei Bürgern so heftig auf den Tisch gestellt, daß er aus dem Glase aufspritzt.s Zwölfte Srene. Vorige. Maul beer. Maulbeer Hintretends. Ah, servus tuiluilissimus, das ist ja schön, die ganze ehrenbedürftige Gesellschaft versammelt, und ich bin, wie es scheint, der Letzte, also auch der Beste! We igelt. Ach, Herr Maulbeer, auch schon da! Also, schöne Frau Wirthin, bringen Sie jetzt 2 Maß für den Tisch! Nur schnell! SchMerkel Hat indessen von einem Tische weiter rückwärts, an dem ordinäre Gäste Platz genommen, das Tischtuch herabgezogen und ganz ruhig fortgetragens. Maulb eer sstille zu Weigelts. Uebri- gens, lieber Herr Weigelt, werden Sie sich wundern, daß ich erst so spät komm'! Ich war' bald gar nicht gekommen, denn Sie müssen wissen, ich bin seit heut' in einer famosen Stellung, als quasi Sekretär bei einem reichen Amerikaner. Ich bin nur gekommen, weil ich Ihnen versprochen Hab', heut' wieder den Lockvogel zu machen! Heut' is aber 's letzte Mal! Weigelt Ebenfalls leises. Ah Teufel! Das thut mir leid'! an Ihnen verliere ich sehr viel bei meinem Geschäft! Also heute unterstützen Sie mich noch? Maul beer. Nach Kräften! Hei Seites. Wart', Agent! Heute sollst Du einmal schwitzen vor Augst bei meinen Lügen! Weigelt stauts. Meine Herren! das ist der Herr Maulbeer, ein berühmter! Scheerenscharfmachungs - Kunstbeflissener, der auch auswandern wird, und Euch mit Rath und That an die Hand gehen will — Stiefliczek. Sie Werdens uns geben .Rath und That — das is e Glück — unsinnige, große — S chmerkel Hat indessen ganz ungenirt mit dem Rücken sich an einem Tisch gelehnt, an dem ebenfalls Gäste Platz genommen haben.s Weigelt sleises. Je mehr Sie lügen, desto mehr zahle ich. Maul beer steifes. Je mehr Sie zahlen, desto mehr lüge ich. Weigelt stauts. Also, setzen wir uns ganz gemüthlich zusammen stAlle setzen sich.s Und hört mich jetzt au! sFrau Elise hat den Wein gebracht, und geht abs. Zuerst einmal feuchtet Eure Gurgeln au, dann plaudert's sich gleich viel besser! Beide Bauern. Mit Verlaub! strinken.s Weigelt. Also, Kinder, wenn Ihr auswandern wollt — Bauer Matz. Das heißt, mit Verlaub; wollen thaten ma schon, — aber trau'n than ma uns nit recht. Maulbeer Hramarbasirends. O Pfui Teufel! Nit trauen ! Man muß sich Alles trauen! Macht es so, wie ich! Ich war auch schon drüben! sBei Seite.s Drüben über der Donau! Stiefliczek. Ale, seins schon storben Viele an Krankheit gewisse, pfuiteuflige — grauSlige — was seins am Meer zuhausige! Weigelt. Ah, Ihr meint die Seekrankheit ! Maul beer. O, das is jetzt ein reiner Spaß ! Da nimmt man Seidlitz- pulver, die helfen für Alles! Bauer Matz. Gut wär' das freili — aber, ob's a wahr is. Maulbeer. Aber, wenn ich's Euch sage, ich war ja selber drüben. O mir ist es brillant gegangen. 26 Stiefliczek. Ale — proczpak seius denn kommen wieder alle zurück? Maulbeer. Warum? Aus Sanitäts-Rücksichten! Mein hohler Stockzahn hat das Klima nicht vertragen können, und so bin ich ihm zu Liebe wieder zurückgegangen. BauerGörgl. Das is recht schad'! Maulbeer. Was? Bauer Görgl. Daß Sie wieder z'rückkommen san! M aulbe er. swegrückend für sich). Mir scheint, der Bauer hat eine Schärfe auf mich! Weigelt steife zu Maulbeers. Nehmen Sie sich in Acht vor dem, der ist ein Steirer! Maulbeer sebenfalls leise zu Weigelt.s Ein Steirer, g'horsamer Diener! Sie! da thun wir zwei Platz wechseln; denn, wenn ich so nah' neben ihm sitz', ist er im Stand', und haut mir bei der nächsten Lug' eine steirische Watschen herunter! sSie wechseln wirklich die Plätze.) sXL. Die frühere Ordnung am Tische: Wei- gelt. Maulbeer. Görgl. Matz. Stiefliczek. Die nunmehrige Ordnung: Maulbeer. Weigelt. Görgl. Matz. Stiefliczek). W eigelt. Nur ruhig! Hört mir lieber zu! — die Hausthiere brauchen dort nicht gefüttert zu werden. Sie nähren sich selbst. Man treibt sie nur ganz einfach Morgens in den Wald hinaus, wo sie sich selbst verköstigen! Maulbeer. Ja, sie speisen ladls ä'llvts! beim grün' Baum! 30 kr. pr. Ochs — ohne Wein! B auer Gö r g l flachend). Dös war a billige Speiseanstalt für Ihnen! Maulbeer O, ich bitte! sbei Seiles. Das is an' echter Steirer! Gegen den trau' ich mich nichts mehr zu sagen. — Mit einem Worte, Amerika ist das gelobte Land, wo Milch und Honig fließt. Sie werden's vielleicht nicht glauben, aber ich geb' meine Cavallerie- Paroll zum Pfand. D'rüben ist ein Bach, in dem wirklich Milch fließt. Dieser Milchstrom, der fließt nachher weiter unten, beim „amerikanischen Schanzl" — durch ein Thal, wo lauter Caffeebäume steh'n, und noch weiter unten, denkts Euch, da sitzen die Wilden in tiefster Morgen-Negligee am Ufer und tunken da ganz gemüthlich ihre Badner - Kipfel zum Frühstück hinein. Bauer Görgl saufstehend). Na, jetzt Hab' ich's gnua! Zum Foppen sein mir viel z'wenig dumm, und Oes viel z'wenig g'scheit! Maul beer. Naturforscher behaupten das Gegeutheil! Bauer Görgl sschreiend). Wollt's Oes uns für'n Narr'n halten? Maul beer sebenso). O, ich bitte, da is von einem Dafürhalten gar keine Rede! Schmerkel. Na, na, was is denn für ein Dispotat? Werdet Ihr gleich's Maul halten? sonst werf' ich Euch Alle sechs hinaus! Maul beer. Aber wir sin- ja nur fünf! — Schmerkel. Macht nix! So werf' ich Einen zweimal hinaus! Weigelt sleise zu Maulbeer). Aber was treiben Sie denn? Sie verdammter Mensch! Sie schaden mir ja mehr, als Sie mir nützen. Sie lügen ja zu unverschämt ! Maulbeer. G'rad' Hab' ich anf- hören wollen, weil g'rad der Wein a gar wor'n is. Weigelt. Nun, nun beruhigt Euch! Setzt Euch nur wieder! Ich schenk' Euch reineren Wein, als der sauf Maulbeer zeigend.) Schmerkel swelcher schon früher aus dem Hause gekommen war, und dem Gespräche zugehört hatte, tritt vors. Was hör' ich? Sie wollen einen reineren Wein schenken als der is, den's bei mir kriegen? Na, Ihnen werd' ich ein Extra-Faß an- zapfen! Wenn Ihnen der Wein nit recht 27 is, so kriegen's gar keinen! (Nimmt ihm die Flasche vom Tisch und trägt sic fort.s Weigelt. Aber, lieber Herr Wirth! Das ist ein Mißverständnis Schmerkel. Kriegen gar kein! Hab' ich g'sagt! Und dabei bleibt's! (Stellt den Wein auf den andern Tisch zu den drei Güstens. Da trinken Sie ihn! Zahl'n um zwei Kreuzer weniger dafür! Dreizehnte Scene. Vorige. Hedwig (draußen am Gitter vorbeigehend; man sieht, daß sie nur mühselig sich fortschleppen kann, sie trägt einen kleinen Bündels. Hedwig (tritt beim Gitterthor Hereins. So nahe bin ich schon dem Ziele! und kann es doch nicht erreichen! Ich kann nicht mehr, meine Kraft ist erschöpft! (Sinkt zusammen.s Alle (sich umwendends. Was ist denn das? Schmerkel. Da schaut's her, das arme Madel ist ohnmächtig, dem müssen wir helfen! (Maulbeer, die beiden Bürger und Schmerkel sind zur Thür geeilt, und haben das Mädchen aufgehoben, sie führen e8 hervor, und setzen es auf einen Stuhl.s Schmerkel (reißt den Böhmen vom Stuhl wegs. Sehn's denn nit, daß wer krank is! gehn's doch weiter! (DerBöhme bleibt ganz verdutzt stehen, indessen wird Hedwig auf den leeren Stuhl gesetzt.s Schmerkel (fächelt ihr Kühlung mit dem Fürtuch.s So! erholen's Ihnen doch — Maulbeer. Das ist gewiß eine verfolgte Unschuld, weil sie voller Staub ist. Schmerkel. Unschuldig schaut sie wenigstens aus, wenn Sie nichts dawider haben. Maulbeer. Spritzen wir ihr a Bissel Wasser in's Gesicht! (Er thut es.s Schmerkel. Sie schlagt die Augen auf, Wenns nix dawider haben! Maulbeer. Richtig! Sie tritt in das Stadium der Augenaufschlagung. Hedwig. Wo bin ich denn? Schmerkel. Beim fliegenden Bartwisch! — wenus nix dawider haben. Hedwig. Wie kam ich da herein? Maulbeer (galants. Sie geruhten an der Gartenthüre auszuruhen, indem Sie durch einen gänzlichen Zusammensturz sämmtlicher Gliedmassen „Ihr-nicht - mehr - von - der - Stelle - können" manife- stirten. Hedwig. Ich danke Ihnen, meine Herren, für Ihren gütigen Beistand! — jetzt ist mir aber schon wieder besser — jetzt will ich wieder weiter! Schmerkel. Was fallt Ihnen denn ein? — In dem Zustand kommen Sie ja nit fünf Schritte weit. Laben's Ihnen erst a Bissel, essen's und trinken's auf meine Rechnung. Hedwig. O, Sie gütiger Mann, meinen innigsten Dank! (Sie gibt ihm die Hand. In demselben Augenblicke, tritt Elise aus dem Hause und sieht dies.s Elise (Halblauts. Was is denn das? Mein Mann thut ja Einer schön, und noch dazu einem jungen Madel. Schmerkel. Ich werd' gleich meine Frau holen, wenn's nix dawider haben. Elise. Ich bin schon da, Du Ungeheuer, und seh, was für eine Unterhaltung Du hast; Du unterstehst Dich vor meinen Augen mit einem jungen Madel zu scherwenzeln! — Na wart! Schmerkel. Aber Lisi, sei doch g'scheit, das is ja eine zusammengefallene Unschuld — geh', Weiberl, hol a Glaserl vom Besten herauf aus dem Keller und bring' a Stttckerl Braten mit, damit sich das arme Geschöpf a Bisserl erholen kann. Elise. Ah, das ist was Anderes! Mitleid ist mir nicht fremd, und damit Du siehst, was Du an mir für ein sanftes, nachgiebiges Weiberl hast, so hol' ich schnell was. (Ab.s Schmerkel (zu Hedwigs. Ich möcht gern wissen, wo Sie Herkommen, wo 28 Sie noch gar hin wollen, weun's nix dawider haben. Hedwig. Ich bin eine arme Waise, die frühzeitig ihre Eltern verlor und nnn aus der weiten Gotteswelt Niemand hat, dem sie angehört, als einen Bruder, welcher schon seit einem Jahre hier in Wien bei einem reichen Kaufmann als Buchhalter angestellt ist; ich selbst war seit meinem zehnten Jahre bei einer einfachen, aber herzensguten Beamtenfamilie in Steiermark als Kindermädchen im Hause, da schrieb mir mein Bruder vor längerer Zeit, daß er mir hier in Wien ein recht gutes Plätzchen in irgend einem Hause besorgen wolle. In der Voraussetzung nun, daß er dies bereits gethan hat, will ich meinem lieben, lieben Bruder dadurch eine recht große freudige Ueberraschung bereiten, daß ich ihm morgen, an seinem Geburtstage, persönlich meinen Glückwunsch darbringe. Deßhalb verließ ich meinen Dienst, um hieher zu reisen; doch, da ich nur sehr- wenig Geld erspart hatte, so konnte ich die Reise nur zu Fuße machen, und das ungewohnte anhaltende Gehen hat mich so angegriffen, daß ich gerade jetzt der Ermattung erlag, jetzt — wo ich meinem süßen Ziele schon so nahe bin! — Nun wißt Ihr Alles! Schmerkel. Sie Fräuln, Ihre G'schicht g'hört auch aufs Theater! Vielleicht werden wir einmal mitsammen gegeben! in fünf Akt! Da hören wir gar nit auf! Elise szurückkommend.) So! — Da bring' ich Wein und Braten, nur jetzt frisch d'rauf los — lassen Sie sich's schmecken, liebe Kleine! Schmerkel. Thun's ganz, als weun's zu Haus wären, wenn meine Frau nix dawider hat. Hedwig. Ach, was seid Ihr doch für gute freundliche Leute — nicht umsonst hört' ich so viel von der Herzensgüte der Wiener. sJßt und trinkt.) Schmerkel. Ja, wir thun's gar nit anders, aber erlauben's, in welchem Kaufmannshaus is denn ihr Herr- Bruder? Hedwig Beim Herrn Dollinger. Maul beer. Beim Dollinger! — so?! — und wie nennt sich denn der Herr v. Bruder? Hedwig. Joses Lossenwerder! Alle ^erstaunt). Losseuwerder? Schmerkel steife zu einigen Gästen). O, Du armes Madl, jetzt is das eine diebische Schwester! mir thut's herzlich leid um das arme Hascherl! sScheu zu Elise). Das heißt, weun's Du nix dawider hast! Maul beer. Sie weiß noch gar nicht, daß ihr Bruder ein professionir- ter Schlüpfer geworden ist. sElise spricht leise mit Hedwig, welche am Tische sitzt.) Schmerkel sheimlich). Wissen's was, meine Herren, legen wir was z'sammen für das arme Trutscherl, damit sie jetzt nit gar in Noch und Elend kommt, machen wir ein kleines Kotlet z'sam', unterstützen wir sie! Maulbeer. Ja, stützen wir sie unter! Schmerkel simmer leise zu den Gästen) Ich leg einen Gulden dort auf das Teller, da soll Jeder jetzt seine Gabe darauf legen! Jeder was er will, ganz ohne Zwang! Wer aber z'wsnig gibt, kriegt unbändige Grobheiten! — Stiefliczek. Ah. das is a Idee — ausgezeichnete — famose, da sein's von mir 20 Kreuzer. Erster Bürger. Wir Bürger sein dabei; da is von uns Zwei'n ein Gulden. Schmerkel sgeht mit dem Teller herum, um das Geld darauf zu legen.) Na! —- Und Sie, Herr Weigelt, Sie amerikanischer Menschentandler, Sie werden doch auch was geben? Weigelt. Ich habe nichts Kleines bei mir! 29 Schmerkel. So geben's halt was Großes. Sie haben's ja! Sie Chineser! Maulbeer. Ich lege ein Zehnerl auf den Altar des Vaterlandes, und übernehme dann gleich die angenehme Pflicht, ihr das Geld heimlich in ihren Bündel hinein zu praktiziren! sJeder der Anwesenden legt noch still eine Kleinigkeit ans den Teller.j Schmerkel. Na, da haben's das ganze Gerstel, es ist hübsch viel! Schaun's, daß nix wegkommt! Maulbeer sdas Geld nehmcnds. Reden Sie indeß mit dem Mädel, damit sie nichts merkt, ich werd' derweilen hinterrücks handeln. sEr geht nach rückwärts, wo ihr Bündel liegt, und gibt ihr das Geld heimlich hinein.s Schmerkel szu Hedwigs. Na, wie schmeckt's Ihnen denn? Hedwig. Doppelt gut, weil die Gastfreundschaft das Mahl gewürzt hat. sAnfstehends. Doch jetzt nehmt meinen Dank, ich muß fort, um noch vor Abend bei meinem lieben, lieben Bruder zu sein! Schmer ke l (bei Seite zu den Gästens. Sollt' man ihr's nit lieber gleich sagen, damit sie nicht etwa d'rin zu sehr erschrickt? Maulbeer. Nachher erschreckt Sie halt Heraußen, das ist der ganze Unterschied! Schmerkel. Wissen Sie wohl die genaue Adresse vom Dollinger'schen Hause? Hedwig. O, das werd' ich wohl leicht finden. Schmerkel. Na Hörens, Sie haben einen kuriosen Begriff von Wien. Sie glauben vielleicht, es is a so ein Nest, wie das, wo Sie her sein, Wenns nix dawider haben! Maulbeer sfür sichj. Das Madl ist hübsch,' scheint unverdorben, hat keine Adresse, wie wär's, wenn ich mich als Cicerone antragen würde! Schmerkel Ach umschanends. Ja ! Wenn nur — wer — war! — der — ' Maulbeer. Ich wär — der — der, das heißt, wenn's dem Fräulein recht ist, ich führ' Sie nicht blos zum Haus, sondern auch hinauf zur Hausfrau, o, ich bin sehr gut mit ihr! Hedwig. Ich weiß nicht, wie ich für so viele Bereitwilligkeit danken soll! M an l b eer flakonischfl O, ich bitte — das findet sich. Schmerkel. Das ist schön von Ihnen, Herr Hetschebetsch! Maulbeer Maulbeer — bitt' ich — Maulbeer! Schmerkel. Das ist Alles eins! Ich Hab' halt g'wußt, daß so ein G'fraß is. Maulbeer. Also, mein Fräulein, darf ich wagen, Ihnen meinen Arm anzutragen, um Sie zu stützen? Hedwig fihren Bündel nehmend). Danke schön, ich bin jetzt nicht mehr so müde, wie zuvor! Maul beer. Thut mir leid, ein Bißchen hätten Sie schon noch müd bleiben können! Hedwig. Lebt wohl, ihr guten, guten Leute. Gott Vergelt' es Euch! Elise. Ist gern geschehen! Schmerkel. Also mit Gott, wenn's nix dawider haben! Sie, Herr Ribisel! Geben's Acht! daß dem Madl nix g'schieht! Und Sie, Fräulein, haun's Ihm nur eine herunter, wenn er sich nit gut aufführt! Also Adieu! — Maulbeer. Also, jetzt geht's los, jetzt wollen wir unser Glück Prokuren; ich will Ihnen Alles expliciren, Sie da im Hause introduciren, dort gleich Alles arrangiren, und im schlimmsten Falle gleich condoliren. W mit Hedwig.) Vierzehnte Scene. Vorige, ohne Maulbeer und Hedwig. Ein Gast. Sie, Herr Wirth! Das Rostbratlis schlecht! 30 Schmerkel. Sein's froh, daß Sie das haben! Das is ein Rostbratl mit Zwiebl! Bei Ihnen mach' ich eine Ausnahme! Ein Anderer kriegt den Zwiebl allein. Wei gelt. Jetzt setzen wir uns aber wieder, und nehmen unsere Angelegenheit wieder vor! Bauer Matz. Aber, Sie dürfen uns nit a so 's Maul machen, wie der Andere ! Wei gelt. Ah, was denkt Ihr von mir! Fünfzehnte Scene. Vorige. Ein Briefträger. Briefträger. Mit Erlaubniß, ist ein gewisser Herr Weigelt da? We igelt. Da bin ich! Briefträger. Ich suche Sie heute schon überall. Da ist ein dringender Brief aus Amerika. Alle. Aus Amerika! Weigelt. Nur her damit! Briefträger (gibt ihn). Aber ich krieg' 30 kr. dafür! Weigelt. Das ist viel! Da steht gewiß recht was Gutes d'rin! Da; (gibt ihm Geld.) Briefträger. Danke gehorsamst. (Lb.) Weigelt. Jetzt werdet Ihr gleich sehen, was man mir Gutes schreibt. Gewiß wieder ein Danksagungsbrief! An den Wohlgebornen Herrn rc. Da sieht man, daß ich sogar in Amerika angesehen bin. (Er öffnet den Brief.) Ah, inwendig wieder: Euer Wohlgeboren! (Räuspert sich.) Also jetzt gebt acht! Mt lauter Stimme.) Sie sind ein nichtswür— iHustet einige Male.) Beide Bauern. Na, weiter um ein Haus! Weigelt. Ein plötzlicher Anfall von Husten, stehe gleich wieder zu Diensten! (Hustet.) Schmerkel swelcher indessen neugierig herbeigekommen, stellt sich hinter den Stuhl Weigelt's, und sieht ihm unbemerkt über die Achsel in den Brief). Weigelt (lesend.) (jedoch so daß er sich während des Lesens einige Male verspricht, und die rechten Worte herausliest). Sie sind ein nichts — weniger als eigennütziger Mensch! Sie haben durch Ihr fortwährendes, wohlgemeintes Zureden, daß ich nach Amerika auswandern soll, meinen tausendfachen sFluchj Dank verdient, der Ihnen auch sicher werden wird ! Mir geht's famos, einem (Hund) Schoßkind des Glücks könnte es nicht besser geh'n. Ich habe vollauf zu lesen, und komme wahrscheinlich als (Bettler) Millionär nach Europa zurück. Sagen Sie dies meinen Landsleuten, damit Keiner Ihren Rathschlägen sein Ohr verschließe. Sie wahrheitsliebender, edler Mann! Weigelt darf die Worte, die eingeklammert oben stehen, nur halb aussprechen, sich gleich wieder korrigirend). Sch merket. Ah, du verfluchter Kerl! (Reißt ihm den Brief aus der Hand.) Erst üker'n Wein schimpfen und jetzt die Gäst betrügen! Na wart', Hallunk, Du kriegst Deine Schläg', — wennst nix dawider hast. Beide Bauern. Z'weg'n was denn? Weigelt shalblaut.) Schweigen Sie — ich bitte Sie! Sch merkel. Ah, gar ka Idee, — solchen Gaunern muß man die Larven vom Gesicht herunter reißen, Wenns nix dawider haben! Weigelt. Schonung, Herr von Schmerkel! Schmerkel. Ah was! — Ja, Ihr sollt's erfahren, was das für ein Bandit im Gehrock is! Weigelt (dringend). Herr Wirth, meinen Brief! Schmerkel. Aha, jetzt wird Dir Angst und bang ! Gelt, der Brief genirt Dich in meiner Hand! Ja, hört's nur, was da eigentlich drin steht. Jetzt will jich ihn Euch vorlesen, wenn der da nix 31 dawider hat. (lesend.) Sie sind ein nichtswürdiger Schuft! Alle. Was? Schmerkel (lesend). „Sie haben durch Ihr fortwährendes, verdammtes Zureden, daß ich nach Amerika auswandern soll, meinen tausendfachen Fluch verdient, der Sie auch sicher treffen wird." Beide Bauern. Was war das? (Streifen die Aermel auf.) Stiefliczek. Ale sadrazene! Schmerkel. Ruhig, dummes Volk, hört's nur weiter! (lesend.) „Mir geht's trostlos! Einem Hund kann es nicht schlechter gehen! Ich habe nicht einmal Brod genug und werde als Bettler nach Europa zurück kommen. Sagen Sie dies meinen Landsleuten, damit Keiner mehr Ihren bestialischen Rathschlägen sein Ohr öffne, Sie lügnerischer Hund, Sie!" — Alle Na, warte! Weigelt. (will davon, wird aber festgehalten.) Bauer Gör gl. Oha, da bleib'n! Wir müssen uns ja erst bedanken! (Drohend.) Weigelt (fortwollend), 's ist schon so gut! Bauer Görgl. Ah na, a klane Erkenntlichkeit müssen's schon nehmen. (Stößt ihn in die Seite.) Weigelt. Aber ich bitt' Sie! BauerGörgl. Brauchen nit z'bit- ten! Das kriegens schon so! (Stößt ihn in's Genick.) Stiefliczek (von Weitem zusehend). Das is e recht! Nur furt af su! Schmerkel (freundlich und sanft, so daß Weigelt Hoffnung schöpft.) Halt, das is nix! Der Garten g'hört zum Wirths- haus, und da muß ich die Gastfreundschaft aufrecht erhalten! Aber draußen auf der Straßen, da ist neutraler Boden! Da hant's den schlechten Kerl tüchtig durch. In England machen sie's auch so! Und da hat Niemand was dagegen ! Alle. Ja, ja, hinaus mit ihm, hinaus! (Die Anwesenden packen Weigelt, der sich sträubt, fest an, und tragen ihn auf den Schultern hinaus.) Stiefliczek (immer nur von Weitem). Ah! su is e recht! — Nur fest halten — Spitzbub — niederträchtige — schlechte — abscheuliche — verdammte ! (Geht erst nach den Andern schimpfend ab). Schmerkel. (allein). Das warmem Meisterstück! Jetzt komm' ich g'wiß auf's Theater! Uud Sie wer'n seh'n, ich g'fall ungeheuer! Ich geh dreißig Mal hintereinander! Ich werde gestochen, gezeichnet, gemalt, gedruckt, sogar ausg'haut! Alle meine Stammgast' müssen kommen und unsinnig applaudiren! (Zum Publikum, die Mütze abnehmend). Sie dürfen auch kommen, Wenns nix dawider haben! (Vertraulich.) Können auch einen Kranz mitnehmen! Ich Hab' nix dawider! (Ab.) Verwandlung. (Zimmer zu ebener Erde im Hause Dollinger'S, im Hintergründe ein Balkonfenster mit der Aussicht auf einen großen Platz, das Balkon- fenster (von großen Dimensionen) ist offen.) Sechzehnte Scene. Fr. Dollinger (aus der Seitenthür rechts kommend). Sie sind fort zur Verlobung. Ich bin zu angegriffen, um ihnen zu folgen. Da rollen sie hin, die Wagen. Gott gebe seinen Segen. (Bleibt beim Fenster mit gefalteten Händen stehen. — Kleine Pause.) Ein Bedienter (tritt ein). Ew. Gnaden, draußen steht der Scheeren- schleifer und bittet, vorgelassen zu werden! Fr. Dollinge r. Laß't ihn herein kommen. (Bedienter ab.) Was mag er wollen? 32 Siebzehnte Scene. Vorige. Maulbeer. Hedwig (bleibt an der Thüre stehen.) Maulbeer (bescheiden vortretend). Ah» Ew. Gnaden sehen schon wieder gut aus. — Haben sich schon erholt von dem Schreck — was ist denn ein so kleiner Verlust für das Haus Dollinger, das spüren Sie kaum! Fr. Dollinge r. Erinnern Sie mich nicht an diese mißliebige Geschichte. Maulbeer. Mißliebig, das ist wahr, aber wie gesagt, was sind 8000 fl. für einen so reichen Mann, wie der Herr Dollinger. Fr. Dollinger. Zur Sache, wen bringen Sie da! Ma ulbeer (leise). Das ist eine arme Waise, ein liebes Mädel, aber ein be- dauernswerthes Geschöpf, auf das ich gerne die ganze Gunst übertragen wissen möchte, die Sie mir seit heute Morgen zu schenken belieben. Fr. Dollinger. Was wollen Sie denn eigentlich? Maulbeer (leise). Ich will Ew. Gnaden bitten, daß Ew. Gnaden das arme Mädel recht freundlich aufuehmen, obwohl sie Hedwig Lossenwerder heißt. Fr. Dollinger. Lossenwerder's Schwester! Maulbeer. Ja wohl, sie kommt, um ihren Bruder hier im Hause anf- zusuchen. weil sie nicht weiß, in welchem Hause sie ihn jetzt finden würde. Fr. Dollinge r. Das arme Mädchen, aber was soll ich mit ihr? Maulbeer. Sie sollen ihr vorläufig verschweigen, was mit ihrem Bruder vorgegangen ist, damit sie's erst nach und nach erfährt, denn das Mädl ist von so zarter Constitution, daß sie vielleicht der Schlag treffet, wenn sie — Fr. Dollinger. Ich verstehe, und es hat weiter nichts bedurft, als zu wissen, wer sie ist, um sie gewiß mit aller Schonung zu behandeln und ihr das Traurige ihrer Lage zu verschweigen. Maulbeer. Ew. Gnaden, diese Gnade macht Ew. Gnaden alle Ehre! Ich Hab' mir's gleich gedacht, daß ich mich bei der gnädigen Frau an den richtigen Mann gewendet Hab'. Also küß' die Hand. Ew. Gnaden, Sie müssen wissen, Ew. Gnaden, ich habe für diese Person eine eigene Inclinetschen. Fr. Dollinger. So! das macht die Arme noch bedauernswerther. Maul beer. O, ich bitte Ew. Gnaden ! Zu schmeichelhaft! (Küßt ihr die Hand.) Fr. Dollinger. Na, jetzt gehen Sie mit Gott! Maulbeer (leise zu Hedwig). Na, jetzt haben Sie gesehen, wie gut ich mit der gnädigen Frau bin! — G'rad' — daß wir uns nicht dutzen, sonst Alles! (Laut) Küß' die Hand, Ew. Gnaden! (Sich selbst vergessend) Scheer-, Messerschleif! O! ich bitt' tausendmal um Entschuldigung! (Ab.) Achtzehnte Scene. Vorige ohne Maul beer. Fr. Dollinger (freundlich). Sie sind wohl weit hergekommen? Hedwig. Drei Tagreisen weit! Aber wenn's auch noch mehr gewesen wäre, um meinen lieben, guten Bruder zu sehen, ginge ich noch weiter. Fr. Dollinger (bei Seite) O, Du armes Kind! (laut) Das wird wohl nicht so bald sein können! Hedwig (erschreckt). Wie so? Fr. Dollinger. Er hat in unserm Aufträge eine längere Geschäftsreise unternommen, von der er erst in einiger Zeit zurückkehren wird! Hedwig. So?! Wie lang kann denn das dauern ? 33 Fr. Dollinger. Das hängt von Umständen ab. Vielleicht Jahre lang. Hedwig. O du mein lieber Himmel, da ist ja meine ganze Freude verdorben! — Dann bin ich umsonst den weiten Weg gewandert! Was werd' ich denn jetzt anfangen, ohne ihn — allein — Fr. Dollinger. Allein sollen Sie nicht bleiben, ich nehme Sie in mein Haus — hier sind Sie mit Allem versorgt und können ruhig abwarten. — Hedwig. Bis mein Bruder kommt? — O, Sie liebe, gute, gnädige Frau! (Sinkt gerührt zu ihren Füßen und küßt ihr die Hand.) Fr. Dollinger (selbst gerührt, sie aufhebend.) Schon gut, mein Kind — schon gut — erholen Sie sich jetzt nur, ich werde Ihnen ein Zimmer anweisen lassen, damit Sie sich umziehen können — denn heute ist bei uns ein kleines Fest, die Verlobungsfeier meiner liebsten Tochter. Hedwig. Der Himmel segne sie — und gebe ihr recht viel Glück! — Doch eine Bitte hätte ich, nennen Sie mich Du! — Ich bin nicht gewohnt, daß man zu mir „Sie" sagt, und von Ihnen vollends thäte es mir herzlich wehe, gnädige Frau! Fr. Dollinger. Nun denn, Du armes Kind, Dein Wunsch sei Dir erfüllt. Hedwig (ihr die Hand küssend), tausend Dank für diese neue Gnade! Jetzt fühl' ich mich so wohl, — so glücklich — so heimisch! — Es ist mir mit einem Male, als ob ich eine Mutter, als ob ich eine Heimat hätte. — Das süße Gefühl der Kindesliebe durchströmt zum ersten Male meine Brust! Sie machen mich durch das Eine Wort zum seligen, glücklichen Kinde! Fr. Dollinger. Armes Kind! Du bist ja ganz außer Dir! Beruhige Dich doch! Jetzt werden sie bald vom Notar zurück kommen, da wirst Du den prächtigen Brautzug sehen! Sieh' — hier von diesem Fenster kannst Du sie kommen sehen. Wir wollen näher treten! — Siehst Du? Da kommen sie schon zurück! Dort! Hedwig (aufschreiendst Herr-Gott im Himmel! Nein! Nein! Das kann ja nicht sein! Das ist ja nicht möglich! Da — da sehen Sie hin! Mein Bruder, ja, ja, es ist mein Bruder! Von der Wache geführt! Um Gottes Willen! was bedeutet das ? Warum diese Schmach ? — reden Sie, reden Sie! Fr. Dollinger (gedämpftst Er hat uns Geld entwendet! Hedwig. Gestohlen!—Nein! Das ist nicht wahr ! (zum Fenster hinausrufend) Bruder! Sie lügen! Alle lügen! Du bist kein Dieb! (Während der letzten Rede hat man draußen den Lossenwerder wirklich von der Wache vorüber führen gesehen, bei den Worten „bist kein Dieb!" ist er eben auf der Mitte der Brücke angelangt, sieht Plötzlich her zum Fenster, wirft dann einen Blick zum Himmel, und stürzt sich sichtbar über das Brückengeländer. Die Wachmänner bilden eine Gruppe des Staunens.) Fr. Dollinger (beim Sturz.) Gott steh' ihm bei! Hedwig (stößt einen Schrei aus, hält die Hand vor's Gesicht und sinkt unterm Fenster zusammen.) Fr. Dollinger (ist um sie bemüht.) (Außen Alles sichtbar.) Der Vorhang Mt. Theater-Repertoir 299. 3 Dritter Akt (Elegantes großes Zimmer in Dollinger's Hause, Henkel's nunmehrige Wohnung vorstellend, mit einer Mittel- nnd zwei Seitenthüren. Rechts ein Sekretär, daneben ein Sofa.) Erste Scene. Maulbeer. Zwei Bediente. fBe- diente tragen mehrere Reisekoffer herein.) Maulbeer fim eleganten schwarzen Anzug mit weißer Halsbinde, ordnet an, wie selbe zu stellen sind). So, da den einen Koffer auf diesen Stuhl, diesen andern daher! —Gut! Jetzt seid Ihr in Gnaden entlassen! Adieu! Ein Bedienter fzum andern leise). Na, wie sich der Scherenschleifer jetzt patzig macht! Maulbeer. Comment? Mir scheint gar? Ihr murmelt! Ich verbiete mir jegliches Gemurmel! Adieu! sBedimte ab.) Maulbeer sallein, sich in die Sofa- Ecke werfend). Na, eine Sitzung aus dem Sofa ist mir lieber, wie manche andere! Ich muß sagen, ich befinde mich in meiner neuen Stellung als quasi Sekretär sehr wohl! Es könnt' mir gar nit wöhler sein! Jetzt wohnen wir, ich und mein Herr, bereits 8 Tage hier im Hause Dollinger, weil morgen die Hochzeit gefeiert wird, und wir gleich nach der Trauung abreisen; denn mein' Herrn brennt's schon ordentlich unter den Füßen da in Europa! Um uns das Einpacken tzt eaetera zu erleichtern, da hat uns, mir und meinem Herrn, unser Herr Schwiegerpapa eine gastfreundliche Wohnung in seinem Hause angeboten! Und ich muß sagen: da wohnt sich's recht wohnlich! Die Hedwig ist auch hier im Haus, aber die is mir zu tragisch, das lieb' ich nicht! Da is mir die Sabine, das Stubenmädchen, lieber, die is so — so — so — ich finde keinen Ausdruck, der das ausdrücket, was ich gern aus-- drücken möcht! Ach! wenn ich nicht irre, so kommt sie da, die Eine, die ich meine, die Engelreine, hoffentlich nicht blos zum Scheine! Zweite Scene. Maulbeer. Sabine saus links). Maulbeer. Ah,Mademoisell Sabine! Guten Morgen! Wie haben Sie zu ruh'n geruht! Wie befinden Sie sich? Sabine. In dem Augenblicke nicht wohl! Maulbeer. Oho! Macht Ihnen vielleicht meine Gegenwart Magenbeschwerden? Sabine. Na, 's könnt wohl sein, daß mir Ihre Abwesenheit besser anschlaget ! 35 Maulbeer. Holdes Sabinatscherl! Sie sind sehr ungastfreundlich, gegen einen Gast, wie ich! Sabine. Ich Hab' Sie nicht eingeladen ! Mein Gast sind Sie nicht! D'rum empfehle ich mich Ihnen! Will ab.) Maulbeersiie anfhaltend). Oho! Nit so schnell! Sagen's mir doch wenigstens, wie geht's denn der liebenswürdigen Patientin? Sabine. Der Hedwig? Besser! Heut darf sie zum ersten Male aus- fahren; sie schaut aber noch sehr angegriffen aus! 's is aber kein Wunder! Kaum kommt sie in Wien an, so sieht's den eigenen Bruder als Verbrecher von der Wache wegführen und mitten im Schrecken muß's noch zuschau'n, wie er von dem Brückengeländer sich in den Fluß stürzt! Das ist zu viel auf einmal! — Maulbeer. Is aber doch noch immer gar nix gegen das, was mir einmal arrivirt ist! Ich Hab' von Weitem zuschau'n müssen, wie sich meine erste Geliebte in die Arme eines Dragoners gestürzt hat, und ich Hab' sie nicht herausziehen können, weil ich Hab' fürchten müssen, daß er am End' den Sab'l 'rauszieht, so — daß ich gleich in den letzten Zügen lieg! ! Und so habe ich sie müssen sinken sehen, bis sie ganz im Strom der Leidenschaft untergegangen is! Das will was sagen! Die Fräulein Hedwig, mein Gott! Die hat's besser g'habt, die hat's wenigstens g'sehen, wie man ihren Bruder wieder lebendig herausgezogen hat! Sabine. Das hat sie eben nicht mehr g'sehen, denn sie ist gleich im ersten Augenblick ohnmächtig worden, und ist durch einige Stunden gar nicht zu sich kommen! Maulbeer. Wenn das nur mir einmal passiren möchte! Sabine. Was? Maulbeer. Daß ich recht lang' zu mir nicht kommet, denn, wenn man nicht bei sich ist, so muß man bei Jemand Anderem sein, und da möcht' ich gar so gern' einmal, daß ich bei Ihnen wär'! Sabine. Strapazieren Sie sich nicht! — Sagen's mir lieber, greift Sie denn das gar nicht an, daß der arme Lossenwerder Ihretwegen sich das Leben hat nehmen wollen? Maulbeer. Meinetwegen? O, ich bitte, das wäre zu viel Ehre! Meinetwegen? Wie so? Sabine. Na, natürlich! Wer war es denn, der ihn angezeigt hat? Sie! Niemand Anderer! Wer war denn Schuld, daß er so schnell verhaftet worden is? Sie! Niemand Anderer! Wer is es denn, den deßhalb Alle hier im Hause, mit Ausnahme des gnädigen Herrn, verachten? Sie! Niemand Anderer! Maulbeer. Erlauben Sie, Alle verachten mich hier im Hause? Sabine. Mit Ausnahme des Herrn, Alle! Maulbeer. Gar Alle? Sabine. Ja! Alle — Alle—Alle. Maulbeer. Jh! Lassen's ein Bißl handeln! Sabine. Nein, nein, nein, nein! Alle! Alle! Alle! Maulbeer. So sagen Sie doch wenigstens: Hassen; denn vom Haß zur Liebe ist nur ein Sprung; Verachtung aber schließt alle Liebe aus! Ich bin ja der bravste, redlichste, leutseligste, nachgiebigste, sanfteste, beste Mensch von der Welt! Und daß ich hie und da meinen Nächsten ein Bißl schade, wo's g'rad leicht möglich ist, das geschieht oft in der besten Absicht. Sabine. Also, Sie gesteh'ns selbst zu, daß Sie schadenfroh sind? O pfui! Ich begreife nicht, wie man so einen Menschen gern haben könnte! Maul beer. Und ich begreife wieder nicht, wie man so einen Menschen nicht gern haben sollte! 3 * 36 Sabine. Wenn man Ihre Gefühle abwägen würde, dann kämen g'rad vier Vierting Schlechtigkeit auf's Pfund! Maulbeer. Also, Sie halten mich gar für einen schlechten Menschen? Ach, Fräulein, Sie — Sie beurtheilen mich zu sehr von der Schattenseite! Ich bin nur bös, wenn der Wind aus Südost bläst. Sabine. Sie dreh'n den Mantel überhaupt nach'n Wind! Maulbeer. Da haben Sie recht; das ist aber auch das einzige Studium, das sich lohnt, das Barometer-Wind- Studium! Dabei läßt sich's dsvs leben! Uebrigens, weil Sie vom Abwägen der Gefühle gesprochen haben, so muß ich Ihnen sagen: Wägen's einmal meine Liebe zu Ihnen, da werden's gleich sehen, wie schwer die is — wie Gold! Sabine. Sie! Blei ist noch schwerer! Uebrigens sagen Sie mir, wie wägen denn Sie überhaupt die Lieb? Nach'n preußischen Gewicht? Maulbeer. Wie? Das sollen Sie gleich hören! Duett. I. Strophe. M a u l b e e r. Die Lieb' ist schwer, die Lieb' ist leicht, Nachdem sie halt das G'wicht erreicht! Sabine. D'rum führen Sie ein Beispiel an, Wie man sie wägen kann. Maulbeer. Ein' alte Schachtel is verbrennt, In einen Jüngling sehr; Sie rennt ihm nach auf Schritt und Tritt, Ihm wird um's Herz so schwer! Doch fünszigtausend Gulden sie Mit Herz und Hand ihm reicht, Da sagt der blonde Jüngling schnell: Jetzt ist das Lieben leicht! Sabine. Nicht wahr, im Geldsack, unentdeckt, Ist Eure Liebe tief versteckt? M a u l b e e r. Die Zeit ist schwer, das Brod ist klein, Das wirkt auf's G'wicht der Liebe ein. S abine. Ah, das ist stark, auf meine Ehr'! Sie sind fürwahr ein lieber Herr! O! Schmutzian von einem Mann! Du hast dich jetzt blamirt, Und gar zu leicht und gar zu seicht Vor mir Dich demaskirt! M a u l b e e r. O, hör mich an! Ich bin ein Mann, Der sich gar nie blamirt; Es wird oft leicht das Ziel erreicht, Wenn man sich klug maskirt! II. Strophe. Maulb e er. Man mißt die Lieb' nach Längen auch; Die kurze Lieb' ist stark im Brauch! Sabine. So führen Sie ein Beispiel an, Wie man sie messen kann! Maulbeer. Im Brautstand mißt die Liebe man Noch nach der Klafter aus; Man glaubt, die Dauer dieses Glück's Reicht bis in's Alter 'naus! Die Braut erscheint ein Engel uns, Doch sind wir Mann und Frau, Verliert die Lieb' sich Schuh für Schuh, Der Engel wird Wauwau! Sabine. Die Ehe also ist bei Euch Das Grab der Liebe auch zugleich? M a u l b e e r. Doch ob die Mitgift groß, ob klein, Wirkt auf die Läng' der Liebe ein. Sabine. Ach! das ist stark auf meine Ehr! Sie sind fürwahr ein lieber Herr! O, Schmutzian von einem Mann! rc. rc. swie bei der 1. Strophe.) sNach dem Duett Beide ab.) 87 Drille Scene. Henkel saus Rechts). Endlich sind diese langweiligen 8 Tage vorüber! Clara's wegen mußte die Trauung bis morgen verschoben werden, weil sie sich einbildet, diese sentimentale Hedwig müsse mit ihr nach Amerika gehen. Wie soll ich es verhindern? Dieser Maulbeer scheint mir ein schlauer Bursche zu sein, den ich durch Versprechungen zur Creatur meines Willens machen werde. (Klingelt.) Vierte Scene. Henkel. Maulbeer (eintretend.) Maulbeer. Was steht zu Diensten? Henkel. Lieber Maulbeer, Sie werden so gut sein, setzt wieder auf die Post zu gehen und nachzusragen, ob nicht ein ko6t6-i68tunt6 Brief unter der Adresse: „Hermann Soldegg" für mich dort liege. Wenn dies der Fall ist, so bringeu Sie mir denselben sogleich hierher, aber vorsichtig; meine Braut braucht ihn nicht zu sehen! Maulbeer stachelt.) Henkel. Was wollen Sie mit diesem stummen Lächeln sagen? Maulbeer. Verzeihen Ew. Gnaden, das ist nur so eine Privatlächlerei von mir; das darf Sie nicht tone),Iren, wenn ich privat lächle. Henkel. Ich will aber wissen, was das bedeutet. Maul beer. Na, mein Gott! Ew. Gnaden sind ein feiner Mann! Sie kommen aus dem Lande des Onoutelloueü, warum sollten Sie da nicht ein elastisches Gewissen mitgebracht haben? Henkel. Ich versteh' Sie nicht! Maulbeer. Na, ich meine nur, es gibt Fälle, wo ein Bräutigam noch an gewissen Nachwehen, die von der Zeit herstammen, wo er noch nicht Bräutigam war, leidet, wo z. B. ein verborgenes Kind oder eine verlassene Geliebte den Bräutigam oft in tausend Aengsten bringen. Henkel. Pst! stille! Maulbeer. Nicht wahr, jetzt verstehen Sie mich? Henkel. Ja, doch weiß ich nicht — Maulbeer. Ob Sie mich einen Blick in die cavaern obseurn Ihres Herzens thun lassen sollen? Ganz nach Belieben! Neues werd' ich in dem Guckkasten in keinem Falle sehen. —Und warum sollten Sie nicht Ihre Braut hintergehen ? Wenn ich ein feiner Mann wär', wie Sie, ich hätt' neben meiner Brüllt noch wenigstens ein Dutzend; so aber habe ich nicht einmal eine Braut. Henkel (vertraulich). Maulbeer, ich halte viel aus Sie! Maulbeer. Werden nie Ursache haben, ungehalten zu werden. Henkel. Das hoffe ich auch. Ich habe eine eigene Shrnpathic für Sie und glaube, daß Sie mich nicht täuschen. Maulbeer. Sympathie ist höhere Eingebung, und höhere Eingebung täuscht nie. Henkel. Also hören Sie! — Sie waren schlau genug, das Wahre zu er- rathen; ich hoffe aber, daß Sie auch schweigen können! M au lb ee r (bethenernd). Verschwiegen, wie die egyptische Mumie beim Abwickeln. Henkel. Sie sind der Mann, wie ich ihn brauche! Ich will Sie in's Vertrauen zieh'n! Es soll Ihr Schaden nicht sein! Maulbeer. Einmal war's doch schon mein Schaden, daß mich Einer in's Vertrauen gezogen hat, denn diesen haben sie dann eiugezogen, und da wär ich bald mitgezogen worden. Seitdem Hab' ich vor'm „Jn'svcrtrauenziehn" Ungeheuern Respekt! — Jetzt bei Ihnen ist das was Anders! Euer Gnaden können nur zarte Geheimnisse haben, die mich nicht compromittiren. 38 H en kel. Also die besagten Briefe kommen von einem Mädchen, mit dem ich früher in intimen Verhältnissen lebte, das mit mir aus Amerika kam, und das gegenwärtig in Bremen lebt, von wo aus ich die gewissen Briefe erhielt. Maulbeer. Das ist echt amerikanisch! Wir Deutsche bringen so Etwas gar nicht zusammen, denn der Deutsche hat ein kleines Platzel, ein kleinwinziges Pünkterl, was er in seiner Einfalt „Gewissen" nennt; aber das Platzel wird oft zum mörderischen Kampfplatz der Leidenschaften, das Pünkterl wird oft zum riesigen Berg, der sich auf die Brust legt und den Athem versetzt. Und dagegen hilft keine Philosophie, wenn man sie auch mit Eminenz absolvirt hätte. Henkel. Wenn Sie reinen Mund halten, so bekommen Sie von mir 500 Dollars! Maulbeer. Erlauben Sie, wieviel ist das auf Deutsch? Henkel. Tausend Gulden! Maulbeer. Werde ganz reinen Mund halten! Henkel. Jetzt eilen Sie aber, Ihren Auftrag zu vollführen; ich sehne mich schon — Maulbeer ^ironischst Nach Ihrer schönen Braut, nicht wahr? Henkel stachelnd). Gut gegeben! Gut gegeben! Maulbeer. Immer zu Diensten! Will gehen.) Henkel stn leichtem Tone). A propos! Erkundigen Sie sich im Vorübergehen beim Gefängnißwärter, wie es dem Lossenwerder gehe? Meine Braut wünscht es zu wissen, um die Mamsell Hedwig trösten zu können. Maul bee r. Sehr wohl! sBei Seite.) Hedwig trösten? Das wäre mein Beruf. Als Hedwigtröster wär ich ganz am Platz. Henkel, vookM Hedwig! Da fällt mir ein, Sie könnten mir da einen Rath geben. Sie sind ein schlauer Kopf! Es ist mir nicht angenehm, daß diese Hedwig mit nach Amerika gehe. sGeheim-' nißvoll und leise.) Wie könnte man sie beseitigen? Maulbeer Erschreckt). Herr Gott, das geht zu weit! Solche Sachen müssen Sie von mir nicht fordern! Sie haben wohl auf das gewisse deutsche Platzel vergess en? Henkel. Was ist denn weiter? Maulbeer. Was weiter is? Das Gericht mit langem Arm! Henkel. Ich hätte Sie nicht für einfältig gehalten! Ich möchte es ja nur Hintertreiben, daß Hedwig mitgehe! Da sollen Sie mir an die Hand gehen! Maul beer. Ich Hab' geglaubt, ich solle ihr an 's Leben gehen! Henkel. O, wie plump! Wie ich sehe, sind Sie zu feineren Aufträgen nicht recht geeignet. Es fehlt Ihnen der Schliff! Maulbeer. Wenn ich einige Zeit in Ihrer Schule gewesen bin, werde ich hoffentlich so geschliffen sein, wie Sie es wünschen. Aber Ew. Gnaden, ich sag's Ihnen im Voraus, ich Hab' oft lichte Augenblicke, wo der deutsche Michel in mir erwacht, und dann bin ich mit Einemmal wieder der ehrlichste Kerl von der Welt! sAb.) Fünfte Scene. Henkel Mein). O, ihr schwerfälligen deutschen Naturen! Langsam klimmt Ihr da hinan, wo wir mit einem Sprunge oben sind ! Uebrigens scheint mirder Maulbeer verläßlich, und ich hoffe Alles von seiner Verschlagenheit. 39 Sechste Scene. Henkel. Clara und Hedwig jaus Rechts.) Clara. Lieber Albert, ich komme, um nachzusehen, ob Dir in Deinem neuen Haushalt nichts abgeht und Dir zugleich unsere kleine Reconvalescentin oorzustellen. H enkel fihr entgegengehend). Es sreut mich, Ihnen zur Genesung Glück wünschen zu dürfen. Hedwig. Ach, wie soll ich Beiden danken? Ihnen, meinen Wohlthätern! Ich habe keinen Dank, als meine Thrä- nen! Lassen Sie mich Ihre Hand küssen, es ist mir ein Bedürfniß! sWill Clara's Hände küssen.) Clara. Wenn Du nicht willst, daß ich böse werden soll, so lass' das! Hedwig. Wann werde ich zu meinem Bruder dürfen? Clara. Heute noch, liebes Kind! Hedwig. Heute noch? O, welches Glück! Henkel. Du wirst verzeihen, liebe Clara, ich habe noch wichtige Gänge zu besorgen! Beim Mittagstisch sehen wir uns wieder! Clara. Nicht früher? Ach, geh, doch! Laß die Geschäfte! Doch Eins, lieber Albert! Lass' mir den Schlüssel zum Sekretär da; ich werde Dir indeß Alles sorgfältig einpacken, damit Du selbst aller Mühe überhoben bist! Albert. Den Schlüssel?! Nun ja, thue Das, liebes Kind! Da hast Du ihn! Doch meine Papiere, Schriften und Dokumente, welche sich in der obersten Lade befinden, dürfen nicht in Unordnung gerathen, die werde ich selbst einpacken! Und nun lebe wohl! liebes Bräutchen! Auf baldiges Wiedersehen! sAb.) Siebente Scene. Clara. Hedwig. Clara. Du glaubtest mir Dank schuldig zu sein; darf ich Dir einen Vorschlag thun, diese vermeintliche Schuld mit einmal abzutragen? Hedwig. O, wüßten Sie mir solche Möglichkeit, so wäre ich überglücklich! Clara. So höre mich an! Ich werde schon übermorgen mit meinem künftigen Manne von hier nach Amerika abreisen. Mir bangt jetzt mit einem Mal vor dieser weiten — weiten Reise! Ich liebe meinen Albert herzinniglich; — doch wird mir bange bei dem Gedanken, so ohne Mutter, ohne Schwester, ohne irgend ein weibliches Wesen von hier fort zu gehen! — Ich bedarf einer Begleiterin, einer Freundin: Willst Du es sein? Willst Du mit einem einzigen „Ja" mich wieder froh und zur ewigen Schuldnerin machen? Hedwig. Mir bricht das Herz, Ihnen, meiner Wohlthäteriu, irgend eine Bitte verweigern zu müssen; doch diese kann — kann ich nicht erfüllen! Ich darf meinen Bruder nicht verlassen ! Was würde der Arme leiden, wenn er nicht die Hoffnung hätte, mich dann und wann zu sehen? Nein, nein! Das kann, das darf ich nicht; daß ich es nicht darf, bohrt mir ein Messer iu's Herz! sWeint.) Clara. Sei ruhig, Kind, sei ruhig! Geh', weine nicht! Komm' Mein Gott! Wie aufgeregt Du bist! Jetzt mach' ich mir's zum Vorwurf, daß Du durch mich wieder gekränkt worden bist. Hedwig fim Abgehen). O, das geht vorüber ! Unsere Freundschaft aber dauert fort! Clara. Ewig. fBeide durch die Seiten- thür ab.) Maulbeer fallein kommend). Da Hab' ich den geheimnißvollen Brief für den Herrn, und da fanf den Kopf deutend) Hab' ich die Antwort für die künftige 40 Frau. Diese ganze Briefgeschichte macht mir aber Gewissensscrupel! Ich werd' fast bedenklich! Ich Hab' einmal gehört: „Der Mensch soll manchmal bei sich selber Einkehr halten", das heißt, er soll ein eliambrs Karni in seinem Innern beziehen und ein Bißl nachschauen, wie's da ausschaut. Ja, mein Gott, ich wär schon oft gerne bei mir selber eingekehrt, aber in dem Hotel moi-msrns" war's mir immer zu schmierig, und da bin ich nun gleich wieder ausgezogen. Aber heut' muß ich mich einmal ein Bissel selber revidiren und mein zerrissenes Gewissen flicken! Ich habe immer geglaubt, ich bin ein guter Kerl; die Sabine behauptet aber das Gegentheil! Sollte ich am Ende wirklich ein schlechtes Subjekt sein? Ich muß mir selber ein Bissel auf die Kappen gehen, damit ich mir hinter meine eigenen Schlich' komme! Ah, da seh' ich die Mamsell Sabine im Zimmer d'rin! Die soll mir Auskunft über mich selber geben! — He! Mamsell Sabine, auf ein Wort! Achte Scene. Maulbeer. Sabine. Sabine. Auf ein Wort? Nun wegen meiner; aber nur nit mehr; was wollen Sie? Maulbeer. Erstens: ich will Sie fragen, ob ich mit dem gnädigen Fräulein sprechen kann. Sabine (will abs. Ich werde gleich fragen! Maulbeer. Halt! Halt! Nicht so schnell! dann zweitens will ich Siefragen, warum Sie mich so wegwerfend behandeln? Sabine. Darum, weil ich Sie für ein mauset suvais halte! Maulbeer stachends. Was? Moschee? Sie kommen ja in's Türkische hinein! Mit der Moschee! Ach, Sie wollen sagen! mauvaig 8uM! O! O! Stubenmädlseele! wenn Du wüßtest, wie mich das kränkt! Meiner Seel', wenn ich wüßte, wie ich Ihnen könnt das Gegentheil beweisen — Sabine. Wie? durch eine gute That, wenn Sie einer solchen fähig sind! Manlbeer. O! Wie gerne thät ich für Sie gut! Aber sagen Sie, wie? — Halt! Ich hab's! Ich Hab' das Mittel in Händen, Ihnen zu beweisen, daß ich kein schlechter Mensch bin. Sabine. Nun, so brauchen Sie das Mittel! Maulbeer (bedeutend betonend). Wenn wer was weiß, was weit wichtiger wäre, wie wer weiß was, und der dann das Ding durch deutliche Darstellung darthut, thut der dann dadurch diese dankenswerthe That? Sabine. Was haben's gesagt? Maulbeer. Jetzt will ich mich näher expliciren! Entscheiden Sie! Wie und was meinen Sie, wenn Einer die Zukunft einer Person, die betrogen wird, dadurch rettet, daß er diesen Betrug noch zur rechten Zeit entdeckt? Sabine. Das ist nur Pflicht; das ist noch keine gute That! Manlbeer. Wenn aber Einer dadurch, daß er redet, 1000 fl. verliert, die er kriegen soll, wenn er schweigt; und er redet dennoch — Sabine. Dann ist es edel von ihm! Manlbeer. Das will ich thun! Aber sagen Sie mir, was hat der zu hoffen, der so eine edle Entdeckung macht? Sabine. Daß man den wieder für einen Menschen halten wird. Manlbeer. Sonst nip? Sabine. Wenn dem das zu wenig is, so hat der gar kein Talent zum Gutthun. Manlbeer. Schaun's diese Hand an! Was bemerken Sie an dieser Hand? 41 Sabine. Nix besonders! Daß sie hübsch groß is, sonst nix! Maulbeer. In dieser Hand steht jetzt das ganze Lebensglück eines Menschen! Rufen Sie mir die gnädige Fräul'n! Ich muß dringend mit ihr sprechen! Sabine. Mit unserer Fräul'n Braut? Doch nicht in der Angelegenheit? Maulbeer. Rufen's nur die Fräul'n! Das Weitere werden Sie schon hören; oder fragen's, ob ich hineintreten darf zu ihr! Sabine. Da bin ich wirklich neugierig ! Maulbeer. Das scheint nicht, sonst hätten's schon laug die Fräul'n g'ruft! Sabine. Na, na, wegen dem Augenblick wird's nit gleich zu spät sein! Ich gehe schon ! W.j Neunte Scene. Maul beer salleinj. Wegen dem Augenblick wird's nit zu spät sein! — Kurzsichtiges Geschöpf, Du hast keinen Begriff von der Wichtigkeit des Augenblick'«! Ein einziger Augenblick Verzögerung ist oft ein Verlust für eine Ewigkeit! — Wie viele Menschen, die sonst ganz gute Rechenmeister siud, haben sich g'rad im Entscheidungsmoment verrechnet und kommen um einen Augenblick zu spät. — Zehnte Scene. Maulbeer, Clara saus der Seiten- thür.j Clara. Was bringen Sie mir Gutes? Maulbeer. Herr Lossenwerder ist bereits vollkommen hergestellt und erwartet mit Sehnsucht seine Schwester. Clara. Ich danke Ihnen für diese Nachricht, ich werde sie gleich der armen Hedwig mittheilen. sWill ab.j Maul b eer szögerndj. GnädigeFräuln! Ich — ich — Clara. Nun, was ist Ihnen denn? Sie sind ja ganz verlegen, was bei Ihnen etwas ganz Ungewöhnliches ist. Manlbeer swie in einer Visionj. Der Teufel der Habsucht hat in dem Augenblick einen Zweikampf in meinem Gewissen! Ein fürchterliches Duell! Nur einige Augenblicke noch! — So! — Noch ein paar kräftige Hiebe nach dem Satan! — Er zankt noch! Er zuckt noch, er zappelt noch! Ach! — sauffeufzendj Jetzt ist er hin! — Clara serschrecktj. Mein Gott! Was fehlt Ihnen denn? Sie reden ja ganz irre! Maulbeer. O nein! Ich red' wahr! Das Duell ist aus! Jetzt kann ich reden! — Gnädige Fräul'n! Fassen Sie sich, was ich Ihnen zu sagen Hab', ist ein Eiswassersturz über die Gluth Ihres reinen Herzens! Und so ein Douche ist lebensgefährlich! Clara. Himmel! Was werd' ich hören müssen? Maulbeer. Sie glauben sich Ihrer selbst willen geliebt? — Sie sind im Irrthum! Sie sollen blos die D'rauf- gabe sein — auf Ihr Heiratgut! Clara. Unverschämter Mensch! Wie können Sie cs wagen — Maulbeer. Ich wage nichts dabei! Ich habe die Beweise in Händen! Und sag' Ihnen noch einmal: Sie sind betrogen! Nicht blos dadurch, daß Sie nicht geliebt werden, sondern dadurch, daß Ihr künftiger Herr Gemal jetzt schon eine Andere liebt! Clara. Woher nehm' ich nur die Geduld, Sie anzuhören? Maulbeer. Nehmen Sie sich jetzt auch nur die Zeit, meine Beweise ruhig anzusehen! 42 Clara. Was für Beweise können das sein? — erdichtete! Maul beer. Nein! Blos geschriebene! Hier haben Sie einen Brief von der gegenwärtigen Geliebten Ihres zukünftigen Gatten. (Gibt den Briefs Clara (erschreckt). Was sagen Sie? (Den Brief rasch in die Hand nehmend.) Maul beer (ruhig). Von der gegenwärtigen Geliebten Ihres zukünftigen Gatten! Clara. Was soll das? An Herrn Soldegg? Maulbeer. Das ist nur so ein Postrestante-Namen! Auf der Post heißen wir Männer immer ganz anders als zu Hause! Clara. Wahrhaftig! Eine Frauen- haud! — Und Sie glauben, daß der Brief an ihn sei? — Maulbeer. Ich weiß es, weil ich ihn in seinem Aufträge abholte. Clara. Mensch! Oder Satan in Menschengestalt! Warum bringen Sie mir dann diesen Brief? Maulbeer. Weil Ihnen jetzt eine solche Entdeckung noch nützt; sind Sie aber einmal seine Frau, dann würden Sie Ihr ganzes Lebensglück durch eine solche Entdeckung einbüßen! Also aus Menschlichkeit! Nun lesen Sie! Clara (will ihn rasch öffnen, plötzlich inne haltend). Was will ich thun? Einen Brief öffnen, der an ihn adressirt ist? Ist das nicht ein Verbrechen? Maulbeer. Wie man's nimmt, wenn Frauen zu Gerichte sitzen, ist es kein's! — Clara. Nein! Nein! Das geht nicht! Das darf ich nicht! — Maul beer (ruhig). Dann geht'S vielleicht anders! — Sie haben nicht das Herz dazu, einen Brief zu erbrechen, aber einen bereits erbrochenen zu lesen, werden Sie sich doch getrauen? Clara. Und hätten Sie einen solchen ? Maulbeer. Das nicht; aber ich weiß einen solchen! Clara. Wo? Wo? Um Gotteswillen, wo? Maulbeer. Ich habe, ohne es zu wollen, zufällig bemerkt, daß der Herr von Henkel einen solchen Brief, den ich ebenfalls von der Post geholt habe, in einem kleinen Mahagoni-Kistchen verborgen hat, das dort im Sekretär, im obersten Fach rechts steht! Clara (erschreckt). Dort im Sekretär, sagen Sie? Im obersten Fach rechts? Manlbeer (ruhig). Im obersten Fach rechts. Clara (bei Seite). Diese Lade zu öffnen, hat er mir verboten. Maulbeer. Ja, das glaub' ich! Clara (überlegend). Doch, ich habe den Schlüssel! Hab' ihn von ihm selbst eben erhalten! Ist das ein Wink des Himmels?! — Maul beer. Natürlich! Der Himmel winkt mit Schlüsseln! Also nur rasch aufgesperrt und sich überzeugt! Clara. Darf ich aber auch? Maulbeer. Mein Gott! Wenn Sie lang' fragen, so kommt der gnädige Herr eher zurück. Clara. Sie haben recht! Also rasch! (Sie sperrt auf und hebt hastig einige Bücher heraus ) Hier ist nichts; da auch nichts! Maulbeer. In die Tiefe muß man steigen! Soll sich uns das Wesen zeigen! Clara. Bei Gott! Da ist's! (Hebt es leidenschaftlich heraus.j Maul beer. Dees! bonum! Clara (immer leidenschaftlicher). Verschlossen! Und doch nirgends eine Oeff- nung für den Schlüssel zu sehen! Maulbeer. Es hat eine geheime Feder! Man darf nur einen Druck machen! Geben Sie nur her! Auf die geheimen Drücke verstehe ich mich! Clara (gibt es zitternd in seine Hand). Da — da — nur schnell, um Gotteswillen schnell! Maulbeer. Ah! Da ist die Feder! (Drückt d'rauf; die Lhatouille springt auf.) 43 Clara (reißt selbe leidenschaftlich dem Maulbeer aus der Hand, wirft einen Blick hinein, bebt bis in's Innerste zusammen und hält sich einen Augenblick lang sprachlos an der Lehne des Sofa's, um das Umsinken zu verhindern.) Maul beer. Ew. Gnaden! Sie sein ja todtenbleich? (5 lara shat sich mühsam gefaßt und setzt sich auf das Sofa). Es geht vorüber! sStellt die Chatouille auf den Tisch.) Sie hatten Recht, Maulbeer! Die Chatouille enthält die Briefe! Maulbeer. So lesen Ew. Gnaden doch einen — Clara smit stockender Stimme). Äst nicht mehr nöthig! Ich bin bereits überzeugt — von der Wahrheit — Gehen Sie schnell zu meinem Vater — Sagen Sie ihm: Das Lebensglück seines Kindes — nein — nein, sagen Sie! nichts! Nur bringen Sie mir meinen Vater, schnell, schnell, hieher! Suchen Sie ihn auf! — Ueberall! Nur schnell, schnell! Maulbeer (bei Seite). Das arme Fräulein ist ja ganz außer sich! Da Hab' ich was Schön's ang'richt! (Zu Clara.) Aber mit'n besten Willen! Beruhigen Sie sich, Fräulein, ich werd' den Herrn Papa gleich haben! sAb.) Eilfte Scene. Clara sallein). Jst's denn möglich, daß es einen solchen Menschen geben kann! Das ist das Unerhörteste, was je einer Liebenden geschehen! Was bleibt mir jetzt noch vom Leben? — Weiblicher Stolz! Du bist das Einzige! Du sollst mich erheben! Dich soll er jetzt kennen lernen, er, der mit mir ein schändliches Spiel getrieben! — Irr' ich nicht? Eilende Schritte! Das ist er! Jetzt, Herz, schweig still! Vernunft, sei stark! Zwölfte Scene. Clara, Henkel. Henkel sNoch unter der Thüre). Du siehst, ich habe mich beeilt! Liebe Clara! — Himmel! Wie siehst Du aus? Clara sbleibt hochaufgerichtet stehen und sieht ihn durchbohrend an). Henkel sbetroffen). Was ist Dir denn? Clara (welche am Secretär vor der Chatouille stand, so daß selbe Henkel nicht be« merken konnte, nimmt Plötzlich die Chatouille und hält selbe geöffnet dem Henkel vor die Augen mit den Worten): Dieb! Henkel sbricht in sich selbst zusammen). (Kleine Pause.) Henkel (aufspringend). Wer durste es wagen? Clara (mit stolzer Ruhe). Ich, bis zu jenem Augenblicke Ihre Braut — ich durfte es — Henkel (niederkniend). Gnade! Was ich that, geschah aus Liebe! Die Leidenschaft verführte mich! Um Dich zu erringen, ward ich ein Verbrecher! Clar a. Um mich zu erringen? War ich Ihnen nicht schon zugesprochen, als dies geschah'? War's nicht am Verlobungstag ? Henkel. Ja, an dem unglückseligen Vormittag war eine Schuldforderung fällig, deren Bezahlung auch nicht einen Tag Aufschub erleiden konnte; in der Verzweiflung that ich den Schritt! Nur aus Liebe zu Dir, Clara! Clara (empört). Auch das aus Liebe? (Zeigt den Brief, den Maulbeer gebracht, und der am Secretär lag.) Henkel (erschreckt). Ha, verflucht, ich bin verrathen! Clara. So wie ich, verkauft, verrathen ! Henkel. Also banquerot, ganz ban- querot! Clara. An Ehr' und Liebe, wie ich durch Sie! Fliehen Sie, so schnell Sie können! Das ist das Einzige, was Sie 44 vor dem Gesetze retten kann! Fliehen Sie, in der nächsten Minute! Fort, fort von hier! Henkel (erschreckt). Wie, Clara, Du wärst im Stande, mich dem Gerichte zu überliefern — Mich, Deinen künftigen Gatten?! Clara. Sie glauben also, daß ich im Stande wäre, einen armen Menschen, einen Märtyrer um Ihretwillen ein Opfer Ihrer Schandthat — Henkel (sie unterbrechend^. Ha! Lossenwerder ! Clara. Noch länger schmachten zu lassen, da ich nun von seiner Unschuld überzeugt bin! Sie glauben, daß dies irgend ein Weib im Stande wäre?! Ihnen freilich gilt das Lebensglück eines Menschen nichts! Sie haben mit kalter Ueberlegung das meinige zertreten! Oh, fort, fort, eh' die Verachtung mich überwältiget ! Henkel. Leb' wohl auf immer! Will ihre Hand ergreifen.) Clara (mit Ekels. Rühren Sie mich nicht an! Ihre Hand ist befleckt! Ich werde Gott inbrünstig um baldiges Vergessen Ihres Namens bitten! Henkel. Also Sie verachten mich? Sie wollen mich vergessen? Jetzt wird es Ihnen ein Leichtes sein, mich zu vergessen! Was ich aber nun thue, das wird Sie nicht berühren; das Hazard- spiel meines Lebens, das ich bisher mit Glück betrieben, hat in der Karte umgeschlagen; jetzt heißt es nur noch „Va dangue"! (Stürzt zur Seitenthür links ab.) Dreizehnte Scene. Clara (allein). Noch eine Minute, und meine Kräfte wären gebrochen! Es ist so fürchterlich, den verachten, verstoßen zu müssen, den man einst liebte! — Gott, steh' Du mir bei und hilf Du mir tragen ! Send' mir einen Trostengel! Vierzehnte Scene. Clara, dann Frau Dollinger. (Stimme der Mutter von Außen, rechts aus der Seitenthüre). Mein Gott, was ist denn vorgefallen? Clara (erleuchtet). Ach, meine Mutter! (Die Thür öffnet sich). Clara (fliegt der Mutter an die Brust, umarmt sie krampfhaft, und bleibt eine Sekunde in der Stellung.) Fr. Dollinger. Um Gottes Willen, Clara, liebes Kind, was ist Dir denn geschehen? Clara. O Mutter, Mutter! Ich bin das unglücklichste Wesen auf Gottes weiter Welt! Ich bin die Braut eines — Verbrechers! Fr. Dollinger (erschreckt). Was sagst Du? — Henkel — Clara. Ist ein Fluchwürdiger! Fr. Dollinger. Und Lossenwerder? Clara. Schuldlos, wie ich immer dachte! Fr. Dollinger. Du armes, armes Kind! Weiß Hedwig schon, daß ihr Bruder — Clara. Du hast Recht, mich daran zu erinnern! Noch weiß sie nichts! Im eigenen Unglücke vergißt man das fremde. Doch komm, wir wollen ihr jetzt die Entdeckung mittheilen, die sie so erheben wird, wie sie mich vernichtet hat! Komm, komm, das ist Balsam und wird meinen Schmerz lindern, indem er ihren Kummer verscheucht. (Beide ab. Fünfzehnte Scene. Herr Dollinger. Maulbeer (im Eintreten.) Maulbeer. Wie ich Ihnen sage, ich soll kein Wort verrathen; es ist mir strengstens aufgetragen! Dollinger. Auf meine Verantwortung ! 45 Maulbeer. Ich kann Ihnen nur so viel sagen, daß ich der gnädigen Frl. Tochter eine wichtige Entdeckung gemacht habe, deren Bestätigung sie in der Chatouille da gefunden hat! Dollinger (nähergehend). In der Chatouille? (hineinsehend). Hiinmel! Was muß ich sehen? Die gestohlenen Ohrgehänge in einer Chatouille, die dem Henkel gehört!? — Maulbeer. Was hör' ich da?! — Das ist ein merkwürdiges Zusammentreffen ! Dollinger. Jetzt errath' ich den fürchterlichen Zusammenhang! Armes, armes Kind! (Nimmt die Chatouille und geht damit in das Zimmer rechts.) Sechzehnte Scene. Maul beer (allein). Das is ja eine enorme Geschichte mit der Chatouille! Ich Hab' bloö der gnädigen Fränl'n aus Mitleid die Untreue Ihres Bräu- tigam's entdecken wollen, und bin dadurch wider Willen zum Entdecker eines Verbrechens geworden. Das ist höhere Fügung! Zum ersten Mal' Hab' ich nach meiner bessern Eingebung g'handelt, und das eine Mal war so entscheidend! Ich Hab' mir eingebildet, der Herr von Henkel ist ein Ehrenmann, und jetzt zeigt ihn die Wirklichkeit g'rad als das Gegentheil! Es wär' wirklich nothwendig, daß der Mensch vor'm Herzen ein Fenster! hätte, zum hineinschau'n, damit man sich nicht so oft täuscht. Aber mein Gott, es gäbet so Vieles, was sehr nothwendig wär', und doch nit is! Couplet. 1 . A Hofmeisterstell is wo leer in an Haus: Von zwei, die sich melden, weist Einer sich aus Mit prächtige Zeugniß, doch ist er nicht fesch! Der Andere fährt vor in ein' noblen Kalesch'. Das G'wand von dem Einen ist schofl und alt, Das and're von Gungl, doch noch nicht bezahlt. Zum Ein' sagt die Hausfrau: „Es ist mir sehr leid', Zum andern sagt's freundlich: .. s' is Alles bereit"! Der G'schwuf is der Aufg'nommene und mit Plaisir; Dem Andern, dem Weisen die Diener die Thür'. Man muß halt jetzt G'schwuf sein, a ' Hirn hab'n, a laar's — (Na, 's is just nit nöthi, aber noth- wendi war's!) 2 Wir haben ein Flüsserl, ein schlimmes in Wien; Das Flüsserl hat allerhand G'spaßeln im Sinn; Bald rieselt's so sanft wie ein Bacherl daher, Was is dann Vanille gegen solchen Odeur? Dann kommt's wie ein Bergstrom, glei pfutsch is der Damm, Da reißt's oft die herrlichsten Zinshäuser z'samm! Es schwabt oft den Leuten die Einrichtung fort, Als wär es zu Wasser ein Möbeltransport, Die Leut' thun schon jetzt gar kein Wort mehr verlier'n: Nur manchmal da hört man noch Ein' lamentir'n: Ein Damm macht's, der nit alle Jahr geht auf d' Ras' — (Na, 's is just nit nöthi, aber noch- wendi war's!) 46 3 . Zwei Freunde, die haben einander so gern, Als wenn sie zwei Körper in einer Seel' wär'n. Da nimmt sich der eine a Frau, doch o weh! Der Andre sagt: „Freunderl, i dank für den Thee"! Ich komm zu Dir, so wie früher in's Haus, Doch mit'n Heirat'n da laß mi aus! Das Weiberl lad't häufig den Freund zu sich ein; Natürlich, der Arme steht sonst ganz allein! So is halt der Freund setzt a Hausfreund auch wor'n, Und hat seinen Weiberhaß fast schon verlor'n. Der Ehemann, der wirft den nit naus mit die G'spaß — (Na, 's is just nit nöthi, aber noth- wendi war's!) 4 . Die Eisenbahn is a Erfindung famos; Jetzt über die Berg', na so was is groß! Es geht halt wie g'schmiert, und man rollt glei so weit, Ja, Mancher is g'rollt schon gar in d' Ewigkeit. Das macht aber nix, denn das is doch ganz rein, So gar ohne Todte kann die Bahn halt nit sein. D'rum kenn ich Ein', der hat so großen Respekt, Daß er vor einem Omnibus völlig erschreckt ; Und weil mit'n Wechselnstell'n oft g'schieht Malheur, So nimmt er Billeten und läuft nebenher. Und sieht er an Bahnwachter, fallt er in d' Fräs — (Na, 's is just nit nöthi, aber noth- wendi war's!) 5 . Das Reisen auf'n Dampfschiff, das is halt Laut xout. Die Luft is so rein und auf'n Wasser die Ruh'; 'S is herrlich, is göttlich, ein reiner Genuß! Erfinder der Dampfschiff', nimm meinen Kuß! So schwärmt in Extase ein Herr Passagier, Wie's Nacht wird, geht er in's Cajüten- Quartier; Wie herrlich der Schlaf auf'n Dampfschiff muß sein! So ruft er und legt sich in's Bett harmlos hinein, Doch liegt er kaum, thut er a Gesellschaft schon g'spür'n, Die ihn maltraitirt, daß man hört lamentir'n: O Zacherl, mit'n Pulver geht mit auf d' Ras — (Na, 's is just nit nöthi, aber noth- wendi war's!) 6 . Wie gemüthlich, wenn so in ein Ort auf'n Land, Der Chef der Gemeinde mit Allen is verwandt! Der Fleischer is sein Schwager, der Bäck sein Cousin, Der Krämer sein Bruder, wie is das so schön! Der Schuster sein Onkel, die Wirthin sein' Mahm, Die Andern sein Göden und Godeln zusamm'. Kommt Einer, der nit mit dem Gerstl verwandt, Und hat gegen ein' Vettern a Klag', i küß d' Hand, Der kommt noch für's Klagen in Kotter hinein; Denn daß Vettern z'samm halten, no, das is rein! 47 War's nit g'scheiter, man nehmet dem 's Amtl, sein schwar's? (Na, 's is just nit nöthi, aber noth- wendi war's!) 7 . Ein alter und schiecher, doch steinreicher Mann, Der all' seine Wünsche befriedigen kann, Der hat wo ein schönes, jung's Madel erseh'n, Die brav is, doch leider allein ganz muß steh'n. Er macht ihr ein' Antrag, doch sie sagt ganz kalt: „Ich Hab nur mei Ehr', doch auf die ich was halt'!" Doch er, der wohl weiß, daß der Schmuck leicht verführt, Schickt ihr Brillanten, daß förmlich blind wird; Er laßt mit Präsenten halt eher nicht nach, Als bis ihre Grundsätze endlich wer'n schwach, Ein Schöckel für so eine Courmacher- Race. (Na, 's is just nit nöthi, aber noth- wendi war's!) 8 . Da sitz ich neulich im Wirthshaus beim Wein, So kommt ein Herr Doktor, ein junger, herein, Der setzt zu mein Tisch sich, begehrt dann an Wein, Und fchütt' in den Wein dann ein Pulver! hinein! Erlaubens, frag ich ihn, „was thun's denn in Wein?" Da sagt er bedächtig: „Ja, das muß jetzt sein!" Das is nur ein Gegengift gegen den Wein, Damit mir das Trankl nit schädlich kann sein. Wer das nit beobacht, der is schon verlor'n, Sein Magen wird in Kurzem ein Bleiberg sein wor'n, Man muß jetzt so vorsichtig sein, bei dem G'fraß — (Na, 's is just nit nöthi, aber noth- wendi war's!) Verwandlung. (Ein großes Gefängnißzimmer, rechts ein vergittertes Fenster, rückwärts an der Wand auf der einen Seite der Thür steht ein einfaches Bett auf eisernen Füßen, daneben eine Bank, auf der andern steht ein wohl versehenes bürgerliches Bett, daneben ein Stuhl.) Siebzehnte Scene. Lossenwerder, Simonfin einer Jacke). Lossenwerder (sitzt auf der Bank beide Hände auf die Knie gestützt und den Kopf wiegend). Simon fliegt im Bett, laut schnarchend.) (Kleine Pause.) Lossen Werder lsingt in sitzender, träumerischer Stellung). „Sie steht mir unerreichbar fern! Und nie werd' ich mit ihr vereint! Ich liebe sie, wie einen Stern, der licht in's dunkle Leben scheint!"- (Aufstehend). Das Lied war der Schwanengesang meines Glückes! Mit dem Liede nahm ich Abschied von meiner Welt! Nach dem Lied hat man mich ausgestrichen aus der Zahl der Ehrlichen und meinen fleckenlosen Namen vermaledeit! Ja! Dienet nur den Menschen Jahre lang treu und redlich, und laßt 'mal durch einen bösen Zufall den Schein eines Verdachtes auf Euch fallen, so werden eben diese Menschen nicht einen Augenblick zögern, den Stab über Euch zu brechen, Euch zu verdammen! Der Mensch dort schläft schon wieder und schnarcht, als ob sein ganzer Körper aus den Fugen ginge. 48 Simon (im Schlafe). „Habe zu melden; nichts vorgefallen!" Lossen Werder. Der träumt vom Rapport, scheint also ein Soldat zu sein! (ihn rüttelnd). He! Schlafen Sie schon wieder? Ich möchte gerne mit Ihnen sprechen! Wachen Sie doch auf! Simon (reibt sich die Augen). Ah! Sie sind's! Lossen Werder. Sagen Sie mir einmal, warum sind Sie denn da? Simon. Wegen Ihnen! Lossenwerder. Meinetwegen? — Wie so? — Simon. Wissen Sie, ich muß Acht geben, daß Sie nicht etwa wieder einen Versuch machen, sich selber umzubringen, ich bin Ihr Lebenswachter! Lossenwerder. Ah, so ist das! Aber für eine Wache scheinen Sie sehr schläfriger Natur! Simon. Ich, schläfrig? Wer sagt das? Lossenwerder. Nun, Sie schliefen ja eben! Simon. Was Ihnen nicht einfällt; ich stelle mich nur so, um Ihnen glauben zu machen, Sie wären jetzt ganz unbewacht, aber probirn's nur einmal, und thun's Ihnen was an, wenn ich mich so schlafend stell'; da werden's gleich sehen, wie ich Ihnen das Messer aus der Hand reiß'! Lossenwerder. Aber ich habe gar kein Messer» Simon. Oder was halt nachher haben, ich reiß Ihnen Alles aus der Hand! Ja, mein Schlaf ist nur Verstellung, um Sie zu prüfen! Das ist nur ein Kunstschlaf! Lossen Werder. Diese Verstellung klingt aber sehr natürlich, Sie schnarchen ja entsetzlich! Simon. Das ist auch wieder Kunst! Ich bin ein g'lernter Schnarcher, blos um derartige Gefangene, wie Sie, zu täuschen, um Ihnen Gelegenheit zu geben — Loss enwerder. Das ist wohl Alles möglich; allein vorhin ist es mir sehr deutlich vorgekommen, als ob das kein Kunstschlaf gewesen wäre! Simon. Na, sein's so gut, und sagen's das dem Gefängniß-Jnspektor! Der glaubt's am End', und entlaßt mich meines Dienstes! Ich Hab' ohnehin Nur aus Gnaden diese ruhige Stell' gekriegt ! Lossen Werder. Sie scheinen mir auch ein guter Mensch zu sein! Simon. Aber streng im Dienst! Sehr streng, (gähnt.) Lossen Werder stachelnd). Das scheint mir! Simon (treuherzig). Sie, geb'ns mir d'Hand, daß Sie sich nix thun! Lossen wer der. Da, meine Hand! Simon. So! Jetzt werd' ich sehen, ob Sie Wort halten, ich werd' mich wieder niederlegen, und ein Bissel schlafend stellen, damit ich Sie so besser prüfen kann! (Legt sich.) Lossenwerder (bei Seite) Der Mensch nöthigt mir wahrhaftig, trotz meiner trübseligen Stimmung, ein Lächeln ab; das ist ein Muster von treuherziger Gutmüthigkeit! Simon (schnarcht.) Loss enwerder. Beneidenswerther! Gib mir einen Theil Deines Schlafes, wie glücklich wär ich da! Und Du hättest noch genug! — (Man hört draußen das Schloß aufsperren.i Man öffnet! Vielleicht für sie! Für meine theuere Schwester! (Die Thüre öffnet sich, und mit dem Rufe): „Bruder, theuerer Bruder!" (stürzt Hedwig zur Thür herein, welche hinter ihr gleich geschlossen wird. — Bruder und Schwester stehen in stummer Umarmung und halten sich fest umschlungen.) Achtzehnte Scene. Lossenwerder, Hedwig, Simon (im Bett, nicht schnarchend.) Hedwig. Bruder! Ich bringe Dir Deine Ehr' zurück! Deine Unschuld ist 49 entdeckt! Du stehst vor den Augen der Welt wieder rein da! Vor meinen Augen warst Du es immer! Lossenwerder. O süßer Trostengel ! Ich danke Dir! (Umarmt sie weinend.) Hedwig. Ich bin nicht allein hie- hergekommen! Lossen wer der (freudig erschreckt, sich umwendend.) Neunzehnte Scene. Vorige. Clara. Clara (eintretend und ihm die Hand reichend). Lieber Lossenwerder! Lossen werd er. Frau — Fräulein Clara! Sie selbst! Clara. Der Augenblick Ihrer Erlösung ist gekommen! Mein Vater ist soeben bei Gericht, um demselben Ihre Unschuld darzuthun, und den wahren Thäter zu nennen! Lossenwerder. Und wer ist das? Clara. Ich war seit 8 Tagen seine Braut! Lossenwerder. Ist es möglich? Henkel?! Clara. Dem Himmel sei Dank! er hat mir noch zu rechter Zeit die Augen geöffnet! An seiner Seite wäre ich grenzenlos elend geworden! Lossenwerder. Beruhigen Sie sich! Noch ist nicht Ihr ganzes Lebensglück verloren! Sie werden an der Seite eines würdigeren Gatten diesen Erbärmlichen vergessen lernen! Clara. Lossenwerder! Wenn mein Herz je wieder froh wird, so sind Sie es, dem ich es widme! Sie haben es verdient! Sie haben um mich gelitten! Sie sind meiner Liebe Werth! Lossenwerder (weinend). Clara! Der Traum ist zu süß, um wahr zu werden! Theater-Repertoir 299. Zwanzigste Scene. Vorige. Gerichtsbeamter. (Die Thüre wird mit Geräusch geöffnet. Simon erwacht und springt auf). Gerichtsbeamter. Ich komme, um Ihnen, Herr Lossenwerder, im Namen des Gesetzes, Ihre Freisprechung von aller Schuld anzukündigen, und Ihre j augenblickliche Freilassung zu bewerkstelligen. Der Thäter hat, die Unmög- ! lichkeit einer Flucht wohl einsehend, sich soeben dem Gerichte selbst gestellt! Alle Drei. Selbst gestellt?! Gerichtsbeamter. Er hat ein umständliches Bekenntniß seiner Schuld abgelegt, und das Gericht ist bereit, Ihnen jede thunliche Satisfaction mit Vergnügen zu geben. (Ab.) Simon (welcher indeß vorgekommen). Na, so sehen's! — Wär's nit Schad', wenn Sie sich was angethan hätten!? 'S is a Glück, daß ich auf Ihnen so gut Obacht geben Hab'! (Ab mit dem Gerichtsbeamten.) (Während der früheren Reden sind Herr Dol- linger, Frau Dollinger, Olga, Maulbeer und Sabine rückwärts an der offenen Thür erschienen und lauschend stehen geblieben.) Vorige. Herr Dollinger, Frau Dollinger, Clara, Olga, Maulbeer, Sabine (ohne Gerichtsperson und ohne Simon). Hr. Dollinger (vortretend.) Lieber Lossenwerder! Ich betrachte Sie von heute an als meinen Sohn, und Ihre Schwester wie meine Tochter! Wenn dies im Stande ist, Sie das Erlittene vergessen zu macken, so wäre mein heißester Wunsch erfüllt! Lossen wer der (seine Hand fassend). O bester, einziger Mann! Ich weiß mich vor lauter Glück und Freude nicht zu fassen! O Gott im Himmel! Du vergiltst mir ja überreichlich meinen kurzen Schmerz! (Gruppe.) 4 50 Maulbeer (leise zu Sabine). Sabi- natscherl! Das Alles ist mein Werk! Hält' ich geschwiegen, so war' das Alles anderst! — Ich glaubet halt, jetzt verdienet ich auch eine kleine Belohnung, z. B. Ihr liebes Batscherl, Sabinatscherl! Sabine. Erst dann, wenn Ihnen der Herr Lossenwerder verziehen hat ! Also probir'ns Ihr Glück! Maulbeer szu Lossenwerderj. Herr Lossenwerder ! Ich war ein — ich finde gar kein' Ausdruck für das, was ich Iwar! Aber jetzt bin ich gebessert, ja! Ganz und gar gebessert, und es fehlt !mir nix zum Glück, als — Ihre Verzeihung ! Lossen wer der. Die haben Sie schon lang! — Sie waren ja nur das Werkzeug in der Hand der ewigen Vorsehung! Maulbeer. Tausend Dank! — Jetzt wird mir auf einmal der nagelneue Sinn des uralten Sprichwortes klar: „Trau, schau, wem?!" — Per Vorhang Mt. Vieser 8e»«1r-L2>1iorIielL ^ - >-7^- -r>- -- WM N!7(il_ieo vkfr Y^^655en5cn.^l^7 bkX letzt« Mtzerl». Eine Aspen-Scene von Johann Gabriel Seidl. Zum ersten Mole dargestellt im k. k. priv. Theater an der Wien, am 11. Dezember 1844. Alle Rechte Vorbehalten. Wien, 1876. Verlag der Wsllishausser'schen Buchhandlung (Joses Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. ' r k < Anmerkung. Die auf den Bühnen an der Wien und in derLeop oldstadt, in Brünn, L inz, Pre ßb urg Wr. Neustadt, Raab, Baden, Hietzing, München, Regensburg u. m. a. mit so vielem Beifalle aufgenommene Alpen-Scene: „'s letzti Fensterln," findet in der nachfolgenden dramatischen Kleinigkeit ihre Fortsetzung. Den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt. Das Aufführungsrecht ist nur zu erlangen durch das Theaterbureau des Herrn Ed. v. Drathschniidt, I. Lothringerstraße 3, in Wien. Red'n thoan mit ananda: da Saldad Mathies und d' Schwoag'rin Rosel. s's Ganz! g'schiecht so a drei Jahrl'n nach'm „letzt'n Fensterl'n.^ s's Einwendigi von ana Schwoaghütt'n, wo Mas drinad iS, was einig'hört, namla: a Tisch, a Kast'n, zwoa Stühl', a Küb'l rc. rc. an-r an'm Nag'l hängt da Schwag'rin ihr Sunntagsg'wand'l: aKid'l, a Haub'n, a Mieda, a Fürta, mit Bandeln u. s. w., auf-r an'm andan Nag'l hinbei am Tram hängt a Jaga- g'wand; da greane Rock, da Hut mi'm Goams- bart, d'Hos'n, da Stuz'n u. s. w. In da Mitt' is dö Thür, daneb'n a Fenster mit kloani Scheib'n, von denan die oani z'brocha-r is, durch's Fenster siecht ma-r auf d'Alm ausii. An da Seit'n is noch a Thürl, was in a Kamma führt. D'Sunn' is netter im Unta- geh'n begriff'n.j Erster Auftritt. Da Mathies fin-r an'm weiß'n Röckl, wie-r a Saldad, mit-r an'm silbanan Denkpfenning auf da Brust, a Kapp'l au'm Kopf, a Binkerl auf da Schulta und an'n Steck'n in da Hand, tritt eina, schaut sich umadum und schreit Iuhe! — 's is noh Allas, wie's g'wes'n is! 's Stüb'l, Da Tisch und da Kast'n und d' Stuhl' und da Küb'l, — Schau, d' Scheib'n geht sogar durt am Fenster! noh a, An dö ih amahl z' kräfti anpempert ha —! fbimerkt da Nof'l ihr Sunntags'gwand'l.f Da siechst as, da hängt ja ihr Sunntagsg'wand'l, D' Hanb'n, 's Kiderl, und 's Mieda und 's Fürta mi'm Band'l. Theater-Repertoir 30 !. Mein Oad! — noh dös nämlichi, was ihr Hab' bracht, Wie s' ersti Mahl zuathadi hat auf mih g'lacht. — Daß s' lebt, dös is g'wiß! — War' denn sunst Allas noh, Wie 's vor und eh' g'wes'n is, heunt ah a so —? Sie lebt, und dös is ma-r ah g'nua vur da Hand, Was 's sunst noh is-? — San ma nur wieda beinand, Ast wer'n ma schon Weida dischk'rirn! — Aba Han? Wann'S nit a so war', was war's nach« — ? Nan, nan! Ih bin noh da Matthies, wie vur dö drei Jahr', Und d' Rosel wird d' Rosel sein, da hat's koan' G'fahr! — Ih kann's gar nit sag'n, wie ma-r is, — mir is gut, Und doh wieda nit gut, mir kruselt's im Blut, Wo ih geh', wo ih steh', wo ih sitz', wo ih loahn', San ma d' Füaß' wie-r a Blei, is ma 's Herz wie-r a Stoan. Ih brinn', — und mih friert, — ih möcht' s' seg'n schon vur mir, Und wann s' kimat, ih stund' wie da- dadert vur ihr. — Rundumadum nix, was ih nit schon hätt' kennt, Und doh Allas, wie neuch-mein! ih bin's halt entwöhnt.' — Wann ih s' nur amahl wieda recht hör' und recht siech', Wann ih nur anmahl wieda mein Iaga- haut krieg', 4 Mein Röck'l, mein grasgrean's, mein'n Stutz'n, mein Hut Mi'm Goamsbart — s^wie-r a so umadum rennt, dablickt er auf oanmahl sein Jagag'wand auf'm Nagl am Tram.) Du mein God! — Mein Hab' u. mein Gut, Mein Um und Auf, — richti, — mein ganz's Jagag'wand, Wie-r ih's z'rucklass'n Hab', so hängt's durt an da Wand. — Ja, Mosel, jetzt siech' ih, du hast an mih denkt: Weil's Vögerl war ansg'flog'n, hast's Hänserl herg'hängt. Sie hat noh nit eintrieb'n; — 'S iS schon hübsch spat; Sie laßt sich halt Zeit, weil s' dohoam jetzt nix hat, Ans was sa sih g'fren'n kinnt'. - Ja, sunst um dö Stund', Da hat sa sih sreili koan Rast nit vagunnt, Erst gar an-r an'm SainSta, wie helmt, o da hat s' Schon längst drobmad passt auf ihr'm g'wöhnlinga Pla; Bei dö Stoanfelsna, wo ma-r in'S Thal abi schaut, Und hat, wie s' mih daseg'n nur hat, g'jodelt so laut, Daß ih g'wisst Hab', sie siecht mih und waß, daß ih kim': So hat's a Wal' dauert, — aft wieda — koan' Stimm'; Wann s' Sieb'ni d'rnnt lant'n, so hört ma's herob'n," Da Hab' ih ma denkt; „Schau, ietzt bet't s' für dih drob'n." — Ja, — ih sag'S halt und sag's halt, und bleib' halt dabei, A Derndal muß frumm sein, sunst iS 's ah nit treu, sam Fenstas Aba — halt! — ietzt knmmt was auf d' Schwoaghütt'n zua, — Ih waß nit, iS sie 's, — oder is 'S nur a Kuah. sma hört allahand Kuahglockna) Ja — d' Hölmadi is 'S, — dö iS allwal voran — Jetzt ruck'n ah d' Andan schon kling, kloanglad an, Dö rothi Tirol'rin, — d' schwarz' Lis'l, — d' Frau God'l, — Dö Z'wazladi, — d' Grofin, — und hintnah da Jod'l, — Jetzt d' Kalm', und dö Gass'n, — da fehlt nit oan Stuck, — Und durt — durt beim Stad'lthürl, mih schlagt's völli z'ruck, — U mein God — sie iS 's, — ja sie is 's, ans-r a Hoar, So bnnkad und staimi und lieb, als wie s' war; Nur ausschan'n thut s' schlechter, und jodeln mag s' nit, Wann Oan'n halt was grima thut, geht'S nit damit; — Heunt' aba, — nan heunt! — Jetzt geht s' eini in'n Stall, Und richt' noh Alls z'samm, nacha kimt s' allimahl; Sie soll mih nit seg'n gleih, sie soll mih darath'n, A goar z' gachi Frelld' kann Oan'm ah leicht schad'n. — Ih schleich' mih stad anssi, vasteck mih in'S Gstäud', — Mein Herz wird ma selba schan sag'n: .Jetzt iS 'S Zeit!" sEr packt seiui sieb« Zwetschben z'samm und schleicht sich aussij. Iwritrr Austritt. D' Mosel lvon au«wendi, »vährad da Mathie« beim Fenstert vabeischlupft). Mein Schaz iS in Walschland, Und ih bin dahoam, Und doh san ma beinanda: DöS glaubat ma koam. > iietzt kummt s' eini, nnd wirft, wa« s' mit ! hat, n Strohhut, 'n Rechen, d' Sage« u. s. w. j wega, und macht sich allahand z' thoan.) Dös macht halt, weil d' Lieb' A so weit g'länga kann: Koam daß sa sih hindenkt wo, Kimt s' schon dnrt an. — — So geht halt oan Wocha-r um d'andri schön stad! — Ih sollt' ma was kocha; — ah! — 's war' ma' nur lad: Mir schmeckt'S so alloan nit, — au'm SamSta schon goar, Wo allwal da Matthies mein Mitessa war. A steirischa Sterz und a Schwammsnpp'n d'rauf. Ja — dös is a Nachtmahl g'west, lusti vollauf. So aba, so uöth' ih ma d' Biss'n nur 'nein. Und denk' bei-n an'n ied'n: „Wo wird er jetzt sein? Leicht is a grad hungri, leicht war' a z' todt froh, Hält' er was davon, — und ih urass' a so. Leicht sticht er au'm Feind just, anstatt'- in a Brod, Leicht iS a blessirt, oda goar schon Halbs todt." — Nan — leb'n thnt a g'wiß noh, sunst hält' a ja g'schrieb'n, Oan' Antwnrt dö iS a so schuld! noh blieb'n: Er find't halt schwär Oan'n, der erm schreibt nach sein'm G'fnhl, Wie-r ih schwär Oan'n findt, der ma lest, wie-r ih will. Denn was zwoa Balicbti sih sogat'u - gern, Dös sollt' halt koan Dritt's goar nit seg'n und nit hör'n. (Sie ziegt zwoa vawuzelti Brieferln au«'m Brnstlaz.) Zwoa Brieferln — iS frcili nit viel für dv Zeit. — Und do san s' mein Rcichthnm, mein' oanzigi Freud'; Ih kann s' mit'n Augnan nit les'n nach Lust. D'rnm les' ih s' mi'm Herz'n, und trag' s' ans da Brust. (Sie steckt s' wieder ein) Ma g'spürt jetzt 'n Tag schon! — Hab'n d'runt in da Pfoar Nit Sieb'ni noh g'läut't, is da Himmel so kloar, Und' d' Snnn' is schon schtafri, ma siecht s' koam noh mehr, — (beim Fenstert aufsi guckad) Und dnrt blinzelt dös Sterndal, dös g'wissi, schon her. (Sie loahnt sich, als wann s' trama that, an'« Fenster und fingt): Dös Sterndal, dös g'wissi, DöS kenn' ih, mein Schaz, Schaust d u hin, schau' i h hin, Glaub' mir, i darath'S. (Wie s' z' jodeln anhebt, fallt da Matthie« draußt in'« G'sang ein, sie fetzt a und fchreit) U mein God —! (Weil All « still bleibt, moant f', daß sa sih g irrt und falsch g'hört hat.) Nan — nan! — (Sie jodelt; wie da Matthie« wieder einfallt, fetzt s' wieda a, und sagt halb« lachad, halb« woanad.) DöS iS g'spaßi! — (Sie jodelt wieda, da Matthies mit) (srendi) DöS G'schall! (Jetzt jodeln f' mitananda-r in d' Wett, lachad und woanad, wie'« kummt, da Matthie« kimmt eins, wirft sein'« ganz'n Kram weza, bral't d' Arm' au«; d' Ros t waß nit, soll f' oda soll f' nit, und schreit nur:) Mein MathieS! — Da Matthies. Mein' Roscl! — D' Roscl. Bist du'S! — Da Matthies. Allimahl! D' Rosel. ?lm End' iS 'S dein Geist! — 6 Da Matthies. So probier's, ob ih's bin. D' Rosel. Vaschwind'st nit? — Da Matthies. Ei — kumm' nur! D' Rosel. I trau' mih nit hin! (Endli nimmt sa sih an'n Rand, und rennt erm in d'Arm, mit'n Ausruf) Non — alli gut'n Geister lob'n God den Herrn! Da Matthies. fwährend a s' halst und druckt) A Geist ah müßt' nohmahl lebendi da wer'n! D' Rosel. Ja, Matthies, Letzt siech' ih's, Letzt g'spür' ih's — Juhe! Du bist's alssa Ganz«, wie vor und wie-r eh, — Dein G'schau und dein Druck und dein' ganzi Manier, — Aba sag' nur, wie kimmst denn so Herda zu mir? — Da Matthies. Non — halt auf zwoa Füass'n! D' Rosel. Und Letzt bist daham? — Da Matthies. fnachdrücklij. Auf Urla! — D' Rosel. Auf Urla!?— Dös war' ma-r im Tram Nit eing'fall'n, daß ih dih sollt seg'n bei der Zeit, Wo allwal noh g'raft wird, — (so wissen's halt d' Leut') In Walschl and, — was waß ih?— und goar drunt inKran; — Und mir z' Lieb' bist kema so weit her, allan? Da Matthies. A Schazerl, wie du, und a Lieb', wie bei mir, Da kummt ma schon vurwärts, da geht ma nit irr. Jetzt aba, mein Rosel, ietzt mußt ma gleih sag'n, Wie-r is 's da denn ganga? — D' Rosel. Mein — mir? — wie kannst frag'n? Schlecht — Aba du hast ma gar viel zum vazähl'n: Was hast denn d n g'macht, seits dih hast muss'n stell'«? Da Matthies. Viel und a nit viel! Bei'n Saldadnan, mein Kind, Und namla im Krieg, da geht AllaS gar g'schwind. — Kam bin ih da drinng'steckt in meiua Montur, So war's mit'm Fried'n schon kehr- umd'hand zua. In Walschland, hat's g'hoass'n, da rührt sih da Feind; Gut, also frisch eini! — Ast san ma halt heunt Wie gesterd, und muring wie heunt, in oan'm Ad'n G'marschirt, just als war'« ma zwoanz'g Jahr' schon Saldad'n. — Auf d'Noth exazir'n hab'n ma g'lernt auf'm Wech, Und wann's amal losgeht, is so Allas Pech; Ob's d' grad oda krump gehst, ob hin oda her, Auf's G'raschi kummt's an da, auf's Herz und ans d' Ehr': 9 a, d' Saldad'n san bravi Leut', döS muß ma sag'n, Und koan schlecht« Bua kann koan' Muschked'n nit trag'n. D' Rosel. Dös siech' ih an dir! — Und warst ah in da Schlacht? Dös muß völli schiech sein, wann's uma- dum kracht. — Da Matthies. A Tanz is ma lieba, dö muß ih da sag'n, Aba wann ma-r amahl drinn is, is'S ah zum datrag'n. Es war, als wann s' g'wart't hätt'u, just bis i kumm, Denn kam san ma-r eing'ruckt, so geht's schon: Bum, Bum! Hörst, Rosel, da is uns wohl entarisch wur'n, Bei'n a'm Har hätt'n nia-r allisammt 's G'raschi valur'n. Mir wa'n halt Rekrut'n, noh Waserln im Dernst, Derntweg'n hab'n uns d' Alt'« ah g'srozelt und g'hearnzt; Dös Ding hat uns g'magerlt, da hab'n ma-r uns batzt, Und da Herr General hat uns a recht zuag'hatzt, Und da Feldpater hat uns sein'» Seg'n aft noh geb'n, Und so eini in Gottsnam' auf Tod und auf Leb'n. (er singt:) „Nur hübsch langsam, hab'n s' g'sagt, nur hübsch langsam voran, „Daß dö Landwiahr schön stad hint'n nachmarschiren kann" — Laßt's nur Zeit, liebi Leut', wer'n schon g'schwinda noh wer'n. Wann's an'm Ernst ankummt, wann ma d'Kugeln pfeif'n hör'n! Und so war's, und da Feind, der hat's g'spürt, wer man san, Todti g'nua hab'n ma g'habt, aba-r Ausreißa kan'n: Wann's sein Hoamet betrifft, wann's sein'n Koasa geht an, Stellt da-r Oesterreicher allimahl sein'n Mann! Wann's so pufft, wann's so kracht, is 's wahrhaft! nit z' trau'n, So a-n Eisenknödel mag ah da Stiarksti nit vadau'n; Hab'n uns ah nit recht g'schmeckt, aber eini hab'n ma s' g'nöth't, Und'n Feinden erna G'frast wieda z'ruck- zahlt um dö Wett'. Wann ma siecht, wie-r a Herr, den da Koasa Bruada nennt, Mit uns geht, mit uns steht, als Kamrad'n uns dakennt, — So a Wurt in da Gfoahr, so a Beispiel voran, — Ja — da stellt a-n Jeda iedsmahl fest sein'n Mann! Ausmarschirt san ma gnua, aba z'ruck- kema nit, — Non, was is's? — Amahl g'sturb'n ist für d' Ewigkeit a Fried'! Derndal, laß da's nit g'ren'n, Derndal, gib ma dein' Hand, Hast ja selba zu mir g'sagt: „Matthies mach' ma nur koan' Schand'." (auf sein'n Denkpfenning weisad) Da schau' her auf mein G'schmuck, 's is mei'm Koasa sein Purträ: Trag' 'hn auf da Brust ietzt ah, nit blos in da Brust, wie-r eh'; Ja, dös G'fühl: „Ih Hab' dearnt, und mein Herr hat brav mih g'nennt, Wird mein Stolz und Glori bleib'n bis an mein End'! D' Rosel. Ja, Matthies, ietzt bin ih recht stolz erst auf dih, Und gifti wer'n kinnt' ih schon frei üba mih, 8 Daß ih da nit nachzog'n bin hint'n au'm Wag'n: Ih war' ja gut g'wes'n zum Fass'l Nachtrag'«. Da hält' ih dih als Markatenterin g'labt, Und hält' da, wann's d' blüat't hast, a Pflasterl aufpappt. Da Matt hi es. Non, — wann's d' ah nit mitwarst, warst dearnat bei mir, Bei mir auf da Ras', und bei mir im Quatier, Und bei mir in da Schlacht, und bei mir im Spital'. — D' Rosel. So hast doh dein Mierk's kriegt? — Da Matthies. , A wengerl, — ahmahl — Ih bin goar nit Harb drüba. — D' Rosel. Is 's gleichwohl gut? — Da MatthieS (zagt au'm Denkpfenning). Der Pfenning zahlt tausendmahl dös Tröpf'l Blut! — Jetzt aba, mein Rosel, Hab' i h da vazahlt, Jetzt red' ah, was d' du hast g'macht, seit s' mih hab'n g'stellt. — Maßt noh-'s letzt! Fensterln, — dös Herzload mitsamm, — Wie wahr is's Letzt worn, was ma—r oft g'sunga hab'n: „Und wann ih a trauri bin, „Wir doh oan's singa, „Denn dö traurige Zeit .Wird dö lustigi bringa." —?— Warst bald Wieda tröst't oda hast dih recht kränkt? Hast oft für mich bet't und hast gern an mih denkt? D' Rosel (singt-) Am Sunnta da Hab' ih godsjamerli g'woant. Und bin wie-r a Waserl vur'm Kirch- thoar draußt g'loanht; Am Monta da war ma so bang auf da Alm, Und da Hab' ih ma denkt: war' ih lieba-r a Schwalb'n, — U mein! — lieba-r a Schwalb'n ! Am Irta da hat mih halt ah nix recht g'frent, Denn das, was mih g'frent hätt', dös war halt so weit; Am Mitwoch, da Hab' ih koan'n Seg'n g'habt, koan Glück: Wann's Herzerl halt krank is, hab'n d'Händ ah koan G'schick, — U mein! — d' Hand' ah koan G'schick! Am Pfingstta da bin ih ganz schlafari wur'u, Am Freita da hält' ih a Kuah bald valnr'n; Und am Samsta, am SamSta, — du waßt schon, z'weg'n we? Am Samsta da Hab' ih grad g'moant, ih vageh', - ll mein! — grad, ih vageh'! Da Matthies. Du Hascherl, so ahnd hat'S da than?! D' Rosel. Ja — a so! Und so wie d' erst' Wocha, war'S d' letzt! ah noh. — Heunt' aber is Atlas gut, All'S wie vawischt. Dein Red' hat ma 'S a-g'welkti Herzerl aufg'ftischt. Und was ma-r ah g'fehlt hat, i denk' nimma dran: Unsa Vieb' is nit aus, nan, sie fangt erst recht an. — 9 »lba, mein God, i plausch', und du kuuliust so weit her, Wirst hungari sein und leicht dursti noh mehr; So thu-r als wie suust'n, und mach' dih kammod, Jh hol' auS'm Keller a Mili, a Brod, — Oda möchst gern an'n Schofkaf, an'n Buda-r, an'n Sterz, — Was Warm'S? — Da Matthies. Mir is s o schon warm gnua uma 's Herz. D' Rosel. Mein! — 'S Herz und da Mag'n, döS san zwa r-alei Sacha: Wann d'Lieb' machat satt, war leicht Hohzat macha. — Jh las' nur drent umi, du rast' da hereut, Heuut' geht'S schon nit aus ohui Haupt« tractament. ssie last furt.) (er spen'lt 'u Denkpfenning von Rockel aba) Nur oans lass' ih ah als a Iaga nit z'ruck: DöS bleibt für an'n ierd'n Stand 'S kostbarsti G'schmuck! (er geht mit da ganz'n Guadrob' durch - Thürl in d' Kamma.) Virrter Austritt. D' Rosel (kummt nach ana Wal ganz anpackt; unter oana-r Jarx'n hat s' an'n Lab Aas', unter der andan an'n Lab Brod, in der oan'n Hand tragt s' a Schüfst mit Brein, üba Zwerch a Wurst, in der andan zwoa Arüg'ln mit Mili und Dass«; im Brnstlaz hat s' a Tabagbladan steck'n, und im Mal hall t s' a Nasenraukerl; d' rrst'n Wurt't redt s' noh mit da Pseis'n im Mal.) Da iS Alls, was ih g'fund'n Hab'. — d' Mili, — da Kas' — (sie thut oan- uach'n andan, wie s' aS nennt, hin) A Wurst, — und a Brod, — und a Brein — Dritter Austritt. Da MatthieS (alloan, noch oana Wal). So Hab' ih ma's denkt, und ietzt bleib' ih dabei: Bin d' längst! Zeit Bua g'west, ietzt nihm ih a Wei; Und mein Wei wird a Schwoagrin, a Schwoagrin muß'S sehn, Und mein Schwoagrin iS d' Rosel und d' Rosel wird mein! Ih waß, was ih därf, und ih waß, was ih muaß, — (er zirgt sein Rockel au-) B'fürt' God Herr Saldad! (er nimmt '« Jagag'wand vom Nag'l) Musst Iaga, schön'« Gruaß! (ietzt nimmt s' a- Nasenraukerl au-'m Mal) und aus G'spaß Ah sein Nasenraukerl, uud — (ietzt ziegt s' die Bladan füra) d' Bladan Tabag; — Er hat s' amahl lieg'n lass'» drob'n auf da Schwoag Beim Zwerg'lbam, wo ma-r im Schad'n san g'sess n; Ih Hab' erm s' oft geb'n woll'n und allwal vagess'n, — Ietzt wird'S 'hn g'wiß g'freu'n. denn koan noh so kloan'S Ding 3s dem, der Oan'S gern hat, zum Freudmach'n z' 'ring. (sie rich't All » z'samm) So, Alias war' z'sammg'richt't, uud AllaS war recht, Für s Esf'n iS g'sorgt, nur mi m Trunk da steht'S schlecht; A Mili iS ablachti, 'S Wassa-r iS lar, 10 Und da Weinberlthee is auf dö Alma gar rar. Er muß sich halt denk'n, er steht noh vur'm Feind. (weil s' 'n Matthies nindascht siecht) Er is in da Kamma da drin, wie ma scheint; G'wiß hat er a wengerl sich hing'legt auf d'Stra. Er muß ehrli matt sehn, ih moan', ih war's ah: Von Walschland bis aussa, non — dös is schön weit, I glab', ma dasiecht's nit z'höchst drob'n auf dö Schneid'. (ma hört von Thal auffa d' Glock'n zum Gebet läut'n) Just Sieb'ni! (sie laßt All's lieg'n und steh'n, und fangt z' bet'n an) Ih dank' da, mein God, allizeit, Heunt' aba goar schön für dö b'sundari Freud'; Bifrei' mi von G'foahr'n, gib ma 's täglich: Brod, Beschütz' uns vor Krieg und vor Gran- gad und Noch, Und dahalt' meint Kalm und biwoahr' meini Küah', (Dawal s' so bet't, is da Matthies in Jaga- g'wand mi'm Denkpfenning auf da Brust stad beim Thür'l aussag'schlich'n; er ziegt 'n Hut a, falt't seini Hand' üba'n Stuz'n, hört ihr zua, und bet't mit.) Und laß mein'n lieb'n Matthies noh länga bei mir, Und tröst' mih, wann's Herz oft vor Loadwes'n blüat't, Und schick' ma dein Schutzengel, daß a mih b'hüat't! (wie f' auSbet't hat, schleicht fih da Matthies hinta si, klopft s' auf d' Schulta und sagt) Da Matthies. Ih dank da. mein Rosel, schau, dös g'freut mih recht: A Lieb', dö so srumm is, dö is ah gwiß echt. — Geh', gib ma-r a Buß'l —! D' Rosel (wie sa fih umdraht, um erm 's Buß'l z' geb'n, bimerkt s' erst, daß er andaisch kload't iS) Wie schaust'S denn d u aus? (lachad) Hast as g'fund'n, dein Schäler? —Ih hab's bei dir z' Haus, Wie's d' furtbist, dabedelt von deina Frau Mahm, Und durt als a-n Andenk'n hing'hängt an'n Tram, Damit ih, wann's d' du ah lang aus- bleibft im Krieg. Doh wenigstens alli Stund' was von dir siech'. — Schau', — hat's richti gleih g'funden: — da kennt ma d' Natur, Du bist halt a Jaga, und hast halt dein' Spur. Da Matthies. Non, Rosel, wie g'fall' ih da? Passt's ma noh guat? D' Rosel. Ah ja! Da Matthies. Und dös Büchserl» da Goams- bart au'm Huat? D' Rosel. Paßt Atlas ganz prächti. — Da Matthies. Und da Pfenning da drauf? — D' Rosel. Der putzt erst das Ganz! goar masterli auf. Da Matthies (als ob er s' auslins'n möcht') Sag',—„Weiß—oder Grean"—an was g'wöhnast dih g'schwinda? — D' Rosel. An's „Grean." 11 Da Matthies. Moanst? — D' Rosel. Is ja für d' Aug'n schon viel g'sünda! Und grcan san ja d' Wiesna und grean san ja d' Felda, Und grean san ja d' Alma-r und d' Gart'n und d' Wälda, Und grean is da Hoffnung ihr Leibfarb' sogar, Bloß weil s' a so schön iS, — sag' selbst, iS 's nit woahr? Da Matt hi es. Und OanS hast vagess'n: — da-r Auswärts vatreibt Das Weißt vom Winta, sein Grean aba bleibt. Schau', — derntweg'n möcht' ih halt ah grean Wieda sehn! — D' Rosel. Wann'S d' därfast! — Da MatthieS. Z'weg'n we nit? D' Nosel. Ruckst nit Wieda ein, Wann'S aus iS mi'm Urla? — Da MatthieS (resolut). Ei — was? Ih bin da, Und ih geh' nimma furt! — D' Rosel. Non, — so hol'n s' dih halt a! — Geh', MatthieS, geh', red' nit so mach' ma nit bang, Ih waß's, was 'S da kost't. 'S iS a sauera Gang; Aba schau', du hast g'schwnr'n, warst a brava Saldad, Und ih g'spür'S g'wiß am best'n, wie hart ih dih g'rath'. Als au'n brav'n Saldad'n da Hab' ih dih gern, Brauchst drum koan nixnutziga Iaga nit z'wer'n. Da, schau' auf dein' Brust, — und sei brav, wie bisher! Wann'S länger a dauat, so g'freut's um so mehr. Da MatthieS. Geh', Rosel, daeifer' dih nit, hör' mih an: Ih will ja nix, was ih nit därf und nit kann. D' Rosel. Ja,wie denn? — So red' doh — Da MatthieS. Du magst ja nix hör'n — D' Rosel. Dein Urla? — Da MatthieS. Wann'S d' willst, kann a Aschied draus wer'n. — D' Rosel. A-n Aschied? — Waö bist nacha denn? Da MatthieS. Invalid. D' Rosel. A geh', so schau'n s' aus' — geh', döS glab' ih da nit. Da MatthieS. „An'n Hieb nba 'S G'sicht und an'n Schuß in-r an'n Arm: „Wann'S Herz nur noh frisch iS und d' Lieb' nur noh warm' — Maßt, wie ma dös g'snnga hab'n? — D' Rosel. Non, — und iS 'S woahr? — 12 Da Matt hi es. Halbs woahr und Halbs nit, — kurz, mi'm Derua-r is 's goar. D' Rosel (volla Freud). Hast an'n Schuß? — Da Matthies. Ja, in'n Fuaß. D' Rosel. Hast an'n Hieb? — Da Matthies. Ja — au'm Arm, Und noh a paar Pecka von allahand Farb'n. — Ja, Rosel, 's Muschket'ntrag'n that's nimma recht, Und 's Marschir'n noh weit weniger, ah wann ih möcht': D' Patron« dö that'n mih g'walti bischwer'n Und 's Tornisierl dös wurd' ma bald z' aufsassi wer'n. Derntweg'n hab'n s' ma's freig'stellt: Will ih mih nit sorg'n, So bin ih vom Koasa-r aus deckt und geborg'n Ast nehman s' mih auf in-r a Haus in da Stadt, Wo ma Zeit seines Leb'ns sih nit z' kümmern mehr hat. Aba kann ih und will ih mih selb« noh rühr'n. Und mein Glück in da Welt mit was Andam probir'n, Non — so woll'n s' mih nit nöth'n, so dank'n s' ma schön, Und zahl'n ma-r auf d' Hand was und lass'n mih geh'n. Und aft — D' Rosel (volla Neugierd). Noh — und aft? — Da Matthies. Wir' ih Wieda — D' Rosel Was wirst? — Da Matthies. A Jaga, wier ehnda! - D' Rosel (ungläubi). Schau', daß d' dih nit irrst! Da Matthies. Nan, — Rosel, ih thu' mit nit irr'n, 's is so. Als Jaga, da thut's as schon allenfalls noh; A Jaga, der steht und der geht, wo 's 'hn g'freut, Und wann's 'hn wo reißt, non, so laßt a sih Zeit, Und wann erm was zuastößt, so hat a sei Wei, — Halt wann er oan's hat, — und dö springt erm schon bei — D' Rosel (als wann ihr was einfallat). A Wei? - Da Matthies. Schau, — ih ruckat'gern aussa damit, — I schäm' mih nur- D' Rosel (sie zupft am Fürta) Z'we denn? Da Matthies. Ih bin — Invalid — D' Rosel. Dein Herz dös is g'sund, und dein' Lieb' dö is treu, — Und schau', mit mein'm Schönsehn is 's ah schon vabei! 13 Da Matthies Geh' sag' nix vom Schönsehn, was is 's denn vamit? Dö Schönheit vageht, aba d' Hübschi- keit nit; Ja, Derndal, mein' Freud'; Nur dein' Aufrichtigkeit Und dein frummi Manier- Hat mih herbracht zu dir; Jh Hab' da mein'n Hoamgang; mein Mahm hat dawal, Wie's d' wissen wirst, 's Zeitlich! g'segn't: von mei'm Thal, Dös ih g'iarbt Hab', kaff' ih ma-r a Häusl, a kloan's, Und wann Atlas beinand is, aft fehlt ma nur — oan's! Ros'l, — magst mih noh? — D' Rosl. Dös is a dalkati Frag'! Da Matthies. Rosel, magst mih ah heirat'n? D' Rosel (fallt erm in oana Freud um-a-n Hals) Ja — ja — ih mag (ganz glückli singan f' mitananda:) Da Matthies und d' Rosel. Schw-agrin j cv, / Schwoagrin l letzt bleib'n ma bei- ^ t Iaga i nand: Dein Herz, dös g'hört mein schon vier Joahr', Und letzt krieg' ih zum Herz'n ah d' Hand ! Brav bin ih Brava bist ^ ausg'ruckt in's Feld, Und i brav ruck' ih jetzt s . ^ ""d l brava ruck'st ah Ja j -7 s Glück und ! ! Stolz aus da W-lt Is: — a—n ehrlich« Oestreicha z' sehn! (Dawal a s' so oana Glori und Victori mit ananda singa und jodeln und ananda schön th oan, is da Monschein auffakima-r und schaut erna durch's Fenster zua.) Verlag der Wallishausserichen Buchhandlung (Joses Klemm), Wien, Hoher Markt 1. Sakuntaka. Drama in fünf Aufzügen. Für die deutsche Bühne bearbeitet von A. Donsdorf. I fl. 20 kr. Oata^ina Oonnano. H i st o r i s ch e s Drama in fünf Aufzügen von A. Forstenheim. 1 fl. 20 kr. Donna Diana. Lustspiel in 3 Akten nach dem Spanischen des von /Vugu8tin lVIoroto von ß A W-st 5. Aufl. Mit einer Einleitung von I. W. Apell. 1 fl. 50 kr. Elegant gebunden 2 fl. 40 kr. Leben ein Traum. Dramat. Gedicht in 5 Acten nach dem Spanischen des Oalätzron ätz la Larva, für die deutsche Bühne bearbeitet von C. A. West. 5. Aufl. Mit einem einleitenden Vorworte von H. Laube, fl. 1. Elegant gebunden, fl. 1.80. Sophie Schröder, wie sie lebt im Gedächtnisse ihrer Zeitgenossen und Kinder. Mit Porträt. 1 fl. 50 kr. Mum österreichischer Dichter. Neue Folge. (Zedlitz — Deinhardstein — Paoli —Constant — Ebert — Mosenthal — Prechtler — Leitner — Hirsch — Beck — Meißner — Saphir.) Mit 12 Porträts, fl. 1.50. — Elegant gebunden fl. 2.50. Entwurf zu einer von Au q. Lewa! d. Preis 1 fl. Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Hoher Markt Nr. 1. Kesarnmekte heitere Wortrage von Zosef Weyl. 12 Hefte, jedes im Preise von 30 kr. Oest. Währ. — 60 Pfennige. Inhalts-Übersicht: 1. Heft. An die Künstler. Tragisch oder Komisch. (Bortrag für eine Dame.) Ein altes Götzenbild. Was a Bauer ned olles sein möcht. Frei nach Darwin. Abgekühlte Heißsporne. Der Pfarrherr vom Kahlenberge. Pscheschitschek. (Dialektscherz.) Eine Ballphrase. (Bortrag für eine Dame.) Die Speckvertheilung. (Zur Beamten-Aufbesserungsfrage.) Schnadahüpfeln Nr. 1—6. 2. Heft. Amor's Lexikon. (Dialektscherz.'» Nante's Christgedanken. (Berliner Dialekt.) Der Müller und fein Kind. Pimpelmeier's Träume. Sam. Schnorrer's Lebens- und Börseregeln. Gottschalk Schlemmer. (Eine schauderhafte Murithat.) Es hat 'rer, es giebt 'rer, aber man findt 'rer halt nicht. (Vortrag für einen Herrn.) Nach der Speckvertheilung. (Fabel für kleine Beamte.) Der erste Katzenjammer. Der Zopfabschneider. (Eine grausliche Ballade in Chignonversen.) Diurnisten-A-B-C. Schreiben des Herrn Jstvän Färkäs (Stuhlrichter aus Groß-Betsovits, an seinen Sohn Lajos, Hörer der Technik in Wien. (Prosa in Ungar. Jargon.) Gerechte Entrüstung. (Oesterreichisch.) 3. Heft. Enorma oder der Druiden-Barbier. Opernkonfusion in 1 Akt. Die Entstehung der ersten Ballet-Tänzerin. -üaterfreuden eines Berliners. (Berliner Dialekt.) Plausch des Publikums über die Oper „Margarethe" v. Gounod. (Dialektscherz in Prosa). Was hat die Welt ruinirt. Ein fünfstockhoher Hausherr von Neu-Wien. Meinungsverschiedenheit. (Oesterreichisch.) Der Fuchtige. (Oesterreichisch.) Z'weg'n dem Schnee. (Oesterreichisch.) Der Schah in Schah. Stoßseufzer eines Arithmetikers. 4. Heft. Jeremias Pechhuber. (Solo-Scene für 1 Herrn.) Christbescheerung. Der hilflose Sepp. Vor der Kassa-Eröffnung (Dialektscherz in Prosa). Der Invalide nach der Leichenfeier. Raubritter. Was Alles in der Weltausstellungs-Rotunde zu finden war. Am Eis. (Melodie: Wie ich bin verwichen —) Biblische Geschichten. I — HI. Das Kabel. Das Husten. (Vortrag für 1 Herrn.) Schnadahüpfeln Nr. 7—12. 5. Hest. Die goldene Hochzeit. (Festscene für 2 Personen.) Festgruß zur Feier der silbernen Hochzeit geliebter Eltern. Zur goldenen Hochzeit. Prolog zur Eröffnung einer Krippe. Zum Bau eines Kinderhospitals. Zum Tage Allerseelen. Graue Haare. (Trilogie.) Die Schöpfung des WeibeS. » „ « (Parodie.) Jtzig erzählt Schillers „Wilhelm Tell." (In jüdischem Jargon ) Monolog des schönen Fiaker-Poldls. (Wienerisch. ) Der Äienfluß an die Väter der Stadt. Bauerntrost. (Oesterreichisch.) 6. Heft. Sommer, Herbst und Winter in der Residenz. Humoreske. (Vortrag, theils in Prosa.) Ich und mein Humor. (Vortrag des Fräulein Gallmeyer.) Die Schöpfung der Musikinstrumente. Der Beamten Weihnachtsbaum. Der bestrafte Philosoph. D'Ros'l in der Stadt. (Oesterreichisch.) Subrosa und in gereimter Prosa. (Vortrag für eine Dame.) Der Verbannte. Die Helden des Hühnerhofes. (Fabel.) 7. Heft. Unter vier Augen. (Komische Scene für zwei Herren.) Der Raupe mütterliche Lehren. (Zeitgemäße Fabel.) Eine haarsträubende Ballade. (Für zweistimmigen Männerchor mit Begleitung einer verstimmten Harfe.) Ballregeln, wie solche Herr Fekete Läjos, Stuhlrichter von Kis-Becskerek, seinem Sohne Jmre zu ertheilen Pflegt, wenn derselbe in Wien sich belustigen will. (In ungar. Jargon.) Lori. (Bürgerliche Parodie.) Eine alte Nheinsage. (Ballade.) Narren-Quadrille. Warum's in Pfarrer ka Katzenmusik g'mocht hob'n. Eine musikalische Glosse. Der Flügel eines Engels. Philisterglück. 8. Heft. Zwei Patti-Enthusiasten. («scene für 2 Herren). Privatmeinnng des Färkns Jstvän, Stuhl- richterszuMä,ros-Vrffarhely,über die Schwaben und ihre jetzigen Zustände. (In Ungar Jargon.) Ein entrüsteter Tiroler an die Oesterreicher, (Dialekt.) Der alten Jungfrau Klage. (Vortrag für iDame.) Der Ritter von Tackenburg. Ballade von Schillerlebcn. (In jüdischem Jargon.) Der Pechvogel. Häd, Bürsch'l, geh' du nicht auf Börs'. (In ungar. Jargon.) Der EissportSmen. (Vortrag für 1 Herrn in Prosa.) Am Sylvesterabend. (Gesprochen von Carl Treumann.) In der Sylvesternacht. Das Märchen von einer Mutter. (Frei nach Andersen.) Trost im Alter. 9. Heft. Schulzen's Lieschen will Schauspielerin werden, (Vortrag für eine Dame.) Der Albrechtsbrunnen in Wien. (Dialekt.) Philiströse Lieder von Joh. Mehlwurm. Was dich nicht brennt, das blase nicht. (Dialekt,) Eine Hundesitzung. Weltweisheit. Die Theatermutter. (Vortrag für 1 Dame.) Biedermaier's Ansicht über Malerei. Sylvestergruß. Lebensregeln, wie solche Färkäs Jstvän, Stuhl-! richter zu Märos-Bäsarhely, seinem Sohne Lajos zu ertheilen pflegt. (In ungar. Jargon,) Glaube, hoffe, liebe! Ständchen. (Musik von Schubert.) Der ungläubige Thomas. (In Musik gesetzt! von Käsmaier.) Zeitgemäßer Traum. 10. Heft. Die Afrikanerin. (Solo-Scene für 1 Herrn.) Volkesstimme — Gottesstimme. Der Detektiv. Die Civilehe in Ungarn. (In ungar. Jargon, I Prosa.) Das Wunderkind. (In jüdischem Jargon.) Eine biblische Reminiscenz. (Dialekt.) Baron Sprudelwitzen's Ansicht über Friedrich I Schiller. (In Berliner Dialekt.) Ich wünsch' glückselig's neues Jahr. Treue. Der französische Schneider. Da Pechvog'l. (Niederösterreichisch.) 11. Heft. Antigone, oder das grauenhafte Verhängniß einer altgriechischen Königsfamilie in Folge genealogischer Verwutzelung. Ans Purzbichler's poetischem Tagebuche Isaak Silberschein. Beschaidene Ansicht des Herrn Ferenz Fekete Lajos über Karl Voigt. (Prosa in ung.Jargon .) In der Menagerie zu Schönbrnnn. Eine Kandidaten-Rede. (Prosa). Flotte Bursche. 12. Heft. Der Dampfmüller und sein Kind. Zeitgemäßes Bolksdrama mit bedenklichem Anfang und befriedigendem Ende. Ein Blick in die Zukunft. Die Tanne. Weihnachtslegende. Unterthänigster Vortrag des Stuhlrichters Jstvan Farkas über Alterthumskunde. (Prosa im ungarischen Jargon.) Recept zu einer Zukunftsmusik. Schmuel Silberschein's Bilanz mit unserm Herrgott. (In jüdischem Jargon.) Noch eine Kandidaten-Rede. Wird fortgesetzt. Wein Leopold. Original-Volks stick mit Gesang in 3 Akte» «nd 6 Dildern >» Musik vom Kapellmeister C. I. Konradin. Alle Rechte Vorbehalten. Wen, 1876. Verlag der Wallishaulser'schen Buchhandlung (Josef Klemm). Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Personen. Besetzung im Lsrtthruter in Wien. seine Kinder Willner, Rechnungsoffizial . . Natalie, seine Frau .... Marie l. Anna > seine Töchter . . Emma I . Gottlieb Weigel, Schuhmacher Clara, s Leopold t Mehl meyer, Claviervirtuose .... Minna, Dienstmädchen bei Weigel . . Rudolf Starke, Werkführer bei Weigel Hampel, I. Trenker, > Gesellen . Beit, I. Pepi, Lehrjunge . Gottlieb, l ^ , .... Carl, - . . . . Sandor . Schm alb ach. Mie lisch. Herr Schmidt. Eine Wäscherin. Georg, Zählkellner. . Kellner Kellnerbube Lieferant Miethsparteien, Schumachergesellen, Lehrbuben, . Herr Karutz. . Frau Schäfer. . Fräulein Gilbert. . Fräulein Hartmann. . Fräulein Meersberg. . Herr Matras. . Fräulein Perl- . Herr Wüst. . Herr Blasel. . Fräulein Jäger. . Herr van Hell. . Herr Duchoslav. . Herr Tatzl. . Herr Zeleny. Fräulein Amatour. Kl. Machatschek. . Kl. Juhn. . Hr. Kracher. . Herr Fischer. . Herr Hildebrandt. . Herr Skribanek. . Frau Mettenleitner. . Herr Schert. . Herr Neugebauer. . Herr Grünfeld. . Herr Meier. . Kl. Geck. . Kl. Janik. > Herr Müller. . Herr Scribani. . Herr Hoffmann. Gäste, Kellner rc. rc. Zwischen dem 1. und 2. Akte liegt ein Zeitraum von 2 Jahren, zwischen dem 2. und 3. Akt ein Zeitraum von 5 Jahren. Den Kühnen gegenüber als Wnnuscnpt gedruckt. Erster Akt. Erstes Bild. Einfach möblirtes Zimmer bei Willner. Eine Mittelthüre, zwei Seitenthüren, rechts ein Fenster. Davor ein Nähtisch, nebst Stuhl und Fußbank. Links zur Seite ein altes Sofa, davor ein mit einem Tischtuch bedeckter Tisch; auf demselben einige Basen mit frischen Blumen, kleine Geschenke, Stickereien u. s. w. und ein Napfkuchen. Erste Scene. Willner. Natalie ssitzcu am Kaffeetisch). Marie. Anna. Emma fsteheu beim Aufzuge des Vorhanges jede ein Bouquet in der Haud). Marie. Anna. Emma. Wir gratuliren! Willner. Dank Euch, Kinder, Ihr seid so gut und habt sicher spät in die Nächte hinein gearbeitet, um mich so reich beschenken zu können. fAuna, Marie und Emma haben sich zum Tische gesetzt.) Natalie. Laß' gut sein, Alter, die Mädchen haben es gewiß gerne gethan. Marie. Du weißt ja, wie glücklich es uns macht, Dir eine kleine Freude zu bereiten. Willner. Könnte ich Euch nur vor Entbehrungen schützen. Natalie. Du hast gar nicht nöthig, Dich zu beklagen, Alter. Wir sind Gottlob Alle gesund, und haben genug, uns satt zu essen. Emma. Ach was, wir haben doch noch immer das Nöthigste gehabt, und sehen wir nicht jederzeit ganz allerliebst aus? ssteht auf und dreht sich kokett! Theater-Reprrtoir SOS. um.) Bewundere mich, was fehlt an meinem Kleidchen — nicht eine Masche, nicht ein Saum, nicht eine Falte! W illner. Das muß wahr sein, nett seid ihr immer. Natalie. Du aber nicht, Alter, Dein Rock ist ganz aus der Mode Willner. Ich trag' ihn doch erst das fünfte Jahr — E m m a. Mit solch' einem Nock kann man nicht Rechnungsrath werden. Willner. Und warum nicht, — Naseweis? Emm a. Ein alter Rock vermindert Dein Ansehen. Willner. Ein neuer aber ver mindert mein Einkommen. Emma. S' ist auch zu arg, daß der Staat nicht einmal so zahlt, daß seine Beamten moderne Röcke tragen können. Willner. Das versteh'st Du nicht, Hanswurst, der Staat braucht Beamte, aber der Beamte braucht keinen Staat! — Bei euch jungen Mädchen ist das Anders, Ihr wollt heiraten. Emma. Wenn wir wollten, könnten wir alle Tage heiraten! 1 * 4 Willner. Ich wäre begierig zuj wissen, wen? ! Emma. Wen? Da wäre vorerst! der Sohn von unserem Hausherrn, ein sehr hübscher, junger Mann — Marie. Laß' doch die Scherze! — Willner. Bildest Du Dir wirklich ein, daß er sich um Dich bekümmert! Emma. Von Einbildung kann hier gar nicht die Rede sein. Wenn der junge Herr Weigel ausgeht, bohrt er seine Augen förmlich in unser Fenster, seht Ihr, so! Ist das kein Beweis? — Natalie. Wenn der sich wirklich um Eine von Euch bewerben sollte, ich sagte: „Nein!" Emma. Sei getrost, Mütterchen, ich sagte auch „Nein." Anna. Weshalb? Natalie. Er ist Iustizbeamter und der Erbe dieses Hauses, aber er erfreut sich keines guten Rufes. Marie. Ich glaube, liebe Mutter. Du bist mit Deinem Urtheil etwas zu vorschnell. So viel ich weiß, oder vielmehr gehört habe, trifft die Schuld für den etwas zweifelhaften Ruf des Sohnes mehr den Vater. Er hängt mit einer wahren Affenliebe an ihm, hat ihn verhätschelt und verzogen und von Jugend auf jeden seiner Wünsche, fast noch ehe er ausgesprochen war, erfüllt! — Die überschwengliche Empfehlung des Vaters erweckt gegen den Sohn eine Antipathie, welche, so glaube ich wenigstens, durchaus nicht gerechtfertigt ist. Emma. Na, da habt Ihr's ja! Marie wirft sich zu seinem Vertheidiger auf — das ist die Harmonie verwandter Seelen — Sie ist es, der seine Fensterpromenaden galten. Marie (aufstehend). Ich finde Deine Späße sehr unpassend, liebe Emma! Emma (Marie umarmend, gutmüthig). Du bist mir doch nicht etwa böse? — Marie (leise, sehr erregt). Ich bitte Dich — höre auf — Du marterst mich. E IN m a (erstaunt). Was sagst' Du? Willner (zu Marie). Nun, Marie? bist Du schon fertig mit dem Frühstück? Mari e. Ja, ich habe heute die Küche und muß dafür sorgen, daß der GebnrtS- tag-Braten an's Feuer kommt. (Ab.) Zweite Scene. Vorige ohne Marie. Willner (zu Emma). Nun, Hanswurst, — auch keinen Appetit mehr? Emma. Im Gegentheile.jetzt kommt der schöne Gugelhupf an die Reihe (setzt sich, ißt). Anna. Was hattest Du denn mit Marie? War sie Dir ernstlich böse? — Emma. I bewahre! (mit vollem Munde.) Aber Ihr kennt sie ja; — ihr gutes Herz duldet nicht, daß mau über Jemand Schlechtes spricht. Natalie. Immer hübscher, als wenn man sich über Jemanden moquirt. Emma. Der Stich gibt kein Blut, denn ich moguire mich über Jedermann, und würde nicht einmal dulden, daß man sich über Jedermann moquirt. Anna (spöttisch). Z. B. über unsern Zimmerherrn, den Herrn Mehlmeyer. Willner. Der überall, wo er geht und steht, Clavier spielt. Natalie. Von dem man keine andere Antwort kriegt als Triller und Passagen. Emma (gereizt). Da haben wir's! Wenn ich Euch nicht unterbreche, laßt Ihr mir kein gutes Haar an Mehlmeyer. Und was thue ich? — Ich sage Euch — Herr Mehlmeyer ist nicht nur ein interessanter Mann, sondern auch ein genialer Künstler, außerdem hat er was zu hoffen. — Er hat einen ^ reichen Bruder in Bremen, eine reiche Tante in Hamburg, und einen reichen Onkel in Amerika. Wenn Einer stirbt, erbt er was. Natalie. Emma, sprich nicht so laut, wenn er Dich hörte, könnte er am Ende glauben, daß — E m m a. Was? Daß ich nicht „Nein" sagen würde, wenn er mich fragte, ob ich ihn heiraten will! Natalie. Aber Emma! Emma. Nein, nein! — Scherz bei Seite — ich habe Ahnungen, paßt auf, es passirt was! Neulich, als wir zusammen vierhändig spielten, machte er allerlei verfängliche Anspielungen. Wenn meine rechte Hand im Discant zu thun hatte, suchte seine linke Hand immer den Baß, und wenn ich mit dem einen Fuß den Pianodämpfer drückte, drückte er mit dem anderen Fuß immer Forte. Ihr sollt' sehen, er macht mir nächstens einen Antrag. Anna. Ach, Du bist närrisch! — Emma saufspringendst Anna, das muß ich mir ernstlich verbieten. Will» er Ihr werdet Euch doch nicht zanken! Natalie. Wir wollen uns gleich in Ruhe mit Herrn Mehlmeyer befassen. Anna, bringe mir mein Aufschreibebuch, bringe mir auch Feder und Tinte, heute ist der Erste, da will ich die Rechnung für Herrn Mehlmeyer zusammen stellen, als kleine Erinnerung, denn Verliebte sind gerne vergeßlich! Willner. Schon ^10 Uhr! Um lO Uhr muß ich bei Gericht sein. Natalie. Bei Gericht? Willner saufstehendst Du weißt ja, Zeugenschaft im Prozesse des Hausherrn gegen den armen Flickschneider — sm Emmas Na, Hanswurst, woran denkst Du denn? Emma Ich! — An gar nichts! Ich werde in die Küche gehen und Marie beim Kochen helfen. sAnna kommt zurück mit Buch und Schreibzeugs. Willner. Du auch! - Sapperlot! Da darf ich mich wohl auf lucnllische Genüsse vorbereiten! Ich bin sehr begierig. sAb rechts.s sEmma und Anna räumen das Kaffeegeschirr zusammen und gehen damit ab.s E Nt m a sim Abgehens. Ich muß jedenfalls erfahren, was das mit Marie und dem jungen Weigel für ein Be- wandtniß hat- sAb.s Dritte Scene. Natalie, später Mehlmeyer. Natalie sschreibts Zins für einen Monat — 15 st. — ses klopft links.s Klopfte nicht da Jemand? — Nun kommen die kleinen Auslagen sKlopfeus Das ist an Mehlmeyer's Thüre, Herein! — sMehlmeyer tritt von links ein, er trägt ein Nachthemde ohne Kragen und Manschetten, er hat den Rock bis an den Hals zugeknöpft und sucht zu verbergen, daß er noch nicht Toilette gemacht hat. Mehlmcyer hat ein dünnes Schnurbärtchen und lange blonde Haare, die ihm öfters über die Stirne in'S Gesicht fallen, er wirft die Haare dann mit einer raschen Kopfbewegung zurück. Fast unaufhörlich trällert er Melodien und Passagen vor sich hin — auch bewegen sich seine Finger nebenbei, als ob er Clavier spielte. Wenn er in der Nähe eines Möbelstückes steht, so trommelt er, leise summend, auf demselben herum; auch selbst Personen, mit denen er im Gespräch ist, berührt er, in Gedanken immer Clavier spielend, mit den Fingern.s Anmerkung. Doch wird der Darsteller des Mehlmeyer zu bedenken haben, daß er in dieser Charakteristik eines Clavicrvirtnosen nicht zu weit geht und durch Uebertreibung nicht etwa die komische Wirkung abschwächt. Me hl meyer. Ich wünsche guten Morgen. sWirft die Haare zurück.s Natalie. Guten Morgen, Herr Mehlmeyer — schon so zeitlich auf den Beinen? Mehlmeyer. Zeitlich? — Allerdings. wenn man bedenkt, daß ich die Nacht — dudilie. sMarkirt mit den Händen in der Luft eine Passage.s 6 Natalie. Wie? Mehlmeyer. Wir hatten gestern nach dem Concert noch tüchtig gesof — Gesellschaft! S' war so eine Art Festessen — wir haben festgegessen und festgeso — Natalie. Und wahrscheinlich auch fest getrunken? Me hl meyer. Ja, das haben wir auch — Tempel und Makao — Ma- karoni — waren auch da — kurz es war sehr gemächlich, dudilie. Natalie. Was verschafft mir denn die Ehre Ihres frühen Besuches? Mehlmeyer stetzt sich an den Tisch). Ich bin so frei! Ah — Gugelhupf — Blumen! Natalie. Es ist heute der Geburtstag meines Mannes, sbetonend) der erste Juni. — Mehlmeyer. Geburtstag! — sEinen Tusch markirend) Da gratulire ich vom Herzen! — Natalie. Mein Mann ist am l. Jukü geboren. Mehlmeyer. Am 1. Juni? So! Ich bin am 20. Oktober geboren. Wie gesagt, ich gratulire. Wacht eine Passage am Tisch, wobei er eine Blumcnvase hinabwirft). Natalie. Ah!! - Mehlmeyer. (Hebt die Vase auf.) Verzeihen Sie, ich dachte eben an die ungarische Rapisode vom Lißt, ich sage Ihnen, wie der auf den Tasten herumspringt — Sehen Sie nur, ich kann doch wahrhaftig etwas greisen. Mlt ihr die ausgebreitete Hand vor das Gesicht.) Aber — Natalie. Bitte, Herr Mehlmeyer, das intereffirt mich gar nicht. Mehlmeyer. So! Natali e. Lassen Sie mich ein wenig ungestört rechnen, denn Sie wissen ja — am Ersten hat inan Manches zu ordnen! — Mehlmeyer. So! sTrällernd.) Natalie. Ich beschäftige mich eben mit Ihrer kleinen Monatsrechnung. Mehlmeyer. Da wünsche ich Ihnen viel Vergnügen. Mr sich.) Mit meiner Monatsrechnung beschäftigt sie sich und ich will sie um 5 fl. anpumpen. Drinnen sitzt eine Wäscherin und wartet, bis ich sie bezahle ; da sie mir früher meine Wäsche nicht geben will — hier beschäftigt man sich mit meiner Monatsrechnung, und ich kann nicht einmal vor beiden Gefahren entfliehen, denn ich stehe noch im Nachthemde da — das verdammte Makao — dieser Bube, die ganze Nacht nicht gekommen. Soll ich mich am Ende doch der Alten anvertrauen! — ich möchte es versuchen — Lalala bumbum! Natalie shat bisher an den Fingern berechnet und geschrieben). So — hier ist Ihre kleine Rechnung, ich wollte sie Ihnen eigentlich mit dem Frühstück hineinschicken. — Mehlmeyer. Ja wohl, morgen — Natalie. Nein, heute. Mehlmeyer. Heute habe ich schon gefrühstückt. Natalie. Das thut nichts! Mehlmeyer. Glauben Sie! Freilich heute oder morgen — stattet die Rechnung und steckt sie ein). — Das bleibt sich gleich. Natalie. 20 fl. 54 kr. für Zins, Frühstück und kleine Auslagen — Mehl meyer. Ganz richtig, 20 fl. 54 kr., dazu noch die 5 fl., macht zusammen — Natalie. Wie? Mehlmeyer. Ich hätte nämlich eine Bitte — Natalie. Nun! Vierte Scene. Mehlmeyer. Ich wollte — kennen Sie den Fenerzanber von Richard Wagner? Natalie ^verwundert den Kopf schüttelnd). Nein! Mehlmeyer. Nein — schade! — Aber Fräulein Emma kennt ihn — wir haben ihn unlängst vierhändig gespielt — wunderbar — großartig, — didilidie — Oh! Fräul'n Emma ist sehr musikalisch! Natalie ffür sich). Wie kommt er ans Emma! flaut.) Sie wollten mich aber doch um Etwas bitten? Mehlmeher. Ganz reckt — wissen Sie — wenn ich vorhin sagte, 5 fl. dazu — ich habe einen reichen Bruder in Bremen, eine reiche Tante in Hamburg und einen reichen Onkel in Amerika — wenn Einer stirbt — erbe ich was! Ja wohl! — fJst nähergekommen und berührt unwillkürlich mit den Fingern Natalien'» Schulter.) dudilie! — Natalie fweicht erschrocken zurück). Mehlmeher. Entschuldigen Sie!— Natalie ffür sich). Der Mensch kommt mir heute so sonderbar vor, sollte Emma doch recht haben? Mehlmeyer. Ich bring'S gar nicht heraus — aber es muß sein — flant mit einem gewissen Anlauf.) Gerade herausgesagt — Natalie. Nun! Mehlmeyer. Meine Wäscherin ist drinnen und — Natalie. O, dann lassen Sic sich ja nicht aufhalten, unsere Angelegenheit können wir auch später abmachcn. Guten Morgen, Herr Mehlmeycr. fRecht« ab.) M eh l me y er fverdntzt). Es war mir sehr unangenehm. Das habe ich dumm angefangen, sie hat gar nichts gemerkt. — Aber ich muß meine Hemden haben fsucht an» allen Taschen da» Geld zusammen.) 1—2—3—4—5—6 Zehnerln, 3 Kreuzer — das macht 63 kr. und damit soll ich 5 fl. bezahlen. Was fange ich an! Mehlmeyer, später Emma, Wäsch erin. E m m a fvon der Dritte). Wer hätte das von der stillen Marie gedacht! Ein heimliches Liebesverhältnis! — fErblickt Mehlmeyer, erschreckt anfschreiend) ha! — Mehlmeyer. Habe ich Sie erschreckt, Fräul'n Emma? Emma fkokett). Ich dachte nicht, Sie hier zu finden! Mehlmeyer Ich hatte eine kleine Unterredung mit Ihrer Frau Mutter — E IN IN a. So? ffür sich, indem sie sich an den Arbeitstisch setzt). Sollte er schon mit ihr gesprochen haben? Mehlmeycr ffür sich, Emma von der Seite betrachtend). ES ist zwar ein kühner Gedanke — aber in der Noth frißt der Teufel Fliegen, — ob ich Sie anpumpe! — Natürlich! — flaut.) Störe ich vielleicht? Emma. Nicht im Mindesten! Mehlmeye r. Dann bin ich so frei — fsetzt sich zu ihr). Mein Fräulein - ich weiß nicht, wie Sie über mich denken? Dudilie — dum — Emma. Ich bewundere Ihre Virtuosität im Spiele! — Mehl meyer. O! Sie sind sehr gütig — sehr liebenswürdig — wahrhaftig — und wenn ich wüßte, daß ich Ihnen, ohne Sie zu erzürnen, etwas sagen darf? — Emma ffür sich). Warum denn nicht? das klingt gerade so, als wollte er — Mehlmeyer. Sehen Sie — zuerst wollte ich eigentlich mit Ihrer Frau Mutter darüber sprechen nun möchte ick es aber lieber Ihnen sagen — Emma. Ich glaube auch, daß das richtiger ist. — Mehlmeycr. Sie glauben um so besser! Wir sind uns ja auch um 8 Ende nicht mehr so ganz fremd! — ftrillert eine Passage auf der Lehne des Stuhles.) Emma. O nein! Mehlmeyer. Ich habe Ihnen, glaube ich, schon über meine Verhältnisse gesprochen. Ich habe einen reichen Bruder in Bremen, eine reiche Tante in Hamburg und — Emma. Einen reichen Onkel in Amerika. — Wenn Einer stirbt, erben Sie was! Mehlmeyer. Erbe ich was — richtig! Es fragt sich nun, ob Sie darauf hin, d. h. — ob Ihnen diese Sicherheit — Emma sbei sich, erfreut). Es ist richtig, er will mir einen Antrag machen — flaut.) Herr Mehlmeyer, Sie täuschen sich in mir. Ich rechne durchaus nicht auf Ihren reichen Bruder in Bremen und Ihre reiche Tante in Hamburg und Ihren Onkel in Amerika! — Mehl meyer. Ich auch nicht, d. h. wenn sie sterben, erbe ich was. . . . . Das ist sicher. Emma. Sie denken gewiß nicht so schlecht von mir, daß Sie glauben, ich würde mein Lebenlang die Hände müßig in den Schooß legen. Ich bin zur Häuslichkeit erzogen und habe mir durch meiner Hände Arbeit schon manchen Gulden erspart. Mehlmeyer fnäher rückend). Oh ! Das ist schön von Ihnen. La la la — das freut mich sehr. fBei Seite.) Sie weiß, um was es sich dreht, und kommt mir bereitwilligst entgegen. Ein gutes Mädchen, das muß man sagen. fLaut.) Mein Fräulein: — Mein Fräulein: — Emma! — Ich weiß nicht, wie ich es Ihnen sagen soll? Ich befinde mich in einiger Verlegenheit. Emma. Sie, ein Künstler — der immer mit Damen umgeht? — Mehl meyer. Eigentlich habe ich mehr den Buben poussirt! — Emma. Wie? — Mehlmeyer. Da spreche ich schon wieder Unsinn! Aber ich will Muth fassen, und Ihnen Alles gestehen. Emma fbeiSeite). Darauf warte ich ja! — Mehlmeyer fergreift ihre Hand). Liebe Emma! — fschlägt einen Triller mit ihrer Hand.) Emma fzieht ihre Hand zurück). Nicht doch! — Das kitzelt! — Mehlmeyer. Schade! — Jetzt war ich im besten Zuge! — Wäscherin. Nun, wie ist's denn, Herr Mehlmeyer, länger kann ich nicht mehr warten. fHat den Kopf zur linken Seitenthür hereingesteckt.) Mehlmeye r. Ja, ja, ich — fschlägt die Thür zu.) Emma. Was bedeutet das? Mehlmeyer. Das war — das ist ja eben die Geschichte — liebe Emma. fErgreift ihre Hand.) Emma fbei Seite). Kein Zweifel — er liebt mich! — Mehlmey er. Werden Sie mir aber nicht böse sein? — Emma fverschämt). Warum soll ich Ihnen denn böse sein? — Mehlmeyer. Nun also — frascher Anlauf). Dann leihen Sie mir 5 fl. — Emma faufspringend). Was? Weiter wollen Sie nichts von mir? Mehlmey er. Vorläufig genügt es, denn die Wäscherin will ihr Geld, und ich bin ganz blank — So! — jetzt ist's heraus! Dudiliedum! Emma. O Pfui! Mehlmey er.Nnn sindSie doch böse!— Emma. Böse? Oh — Sie irren sich, mein Herr — hier — 1—2—3 — 4—5 — hier haben Sie die 5 fl. — ich fühle mich durch Ihr Vertrauen sehr- geschmeichelt, — oh Sie — pfui! — Schämen Sie sich. fZornig im Abgehen.) Oh, es ist schändlich! — Ich erwarte eine Liebeserklärung, und nun pumpt er mich an. — Wissen Sie, was Sie sind, 9 mein Herr? (im Abgehkn.f prrrlump — das sind Sie! — srasch ab.) Mehlmeyer Ein gutes Mädel, die Emma, sie hat mir doch die fünf Gulden gegeben, schade, daß ich nicht ^ mehr verlangt habe. Nun — ein an- deresmal! — Vielleicht begnügt sich die Wäscherin mit der Hälfte. Aber das weiß ich — ich rühre im Leben keine Karten mehr an. Jedesmal verliere ich im Tempel — von nun an spiele ich nur halber Zwölf! Tralala. fAb.f Fünfte Srene. (Weigel, ein derber Handwerksmeister, etwa üO Jahre alt, dunkles Haar, sehr rüstig. — Trägt Ringe, dicke Uhrketlc und einen Rohrstock mit vergoldetem Knopf.— Sein Auftreten ist ein sehr sicheres und selbstbewußtes, tritt durch die Mitte ein.) Entree-Lied. Es gibt für mich nur eine einz'ge Wonne, Es ist das Höchste mir in der Natur, Mein Sohn, mein Leopold, das ist meine Sonne. Ich bin kein Mensch mehr, Vater bin ich nur — Zwar eine Tochter Hab' ich noch, das weiß ich — Und wahrlich, sie ist auch ein gutes Kind, Doch ist sie noch so brav und noch so fleißig, Für ihre guten Seiten bin ich blind — (Meine einzige Passion, ist mein Sohn ist mein Sohn! —) 2 . Ich brauch' kein Schnupftabak und keine Cigarren — Nur Fleisch und Zuspeiö is bei mir der Brauch — Ich kleid' mich einfach, nicht wie d'Modenarren, ! Trink' kein Champagner, Wasser thnt ! es auch. Ich thn nicht fischen, thu auf d'Iagd ^ nicht gehen, ^ War ans der BörS noch nicht ein ein- zigmal. Man hat mich nie in ein Theater g'sehen, War nie beim Sperl und im Dianasaal — (Meine einz'ge Passion — is mein Sohn, is mein Sohn.) Mein Vater war Schuster, hat Geld g'habt und einen einzigen Sohn — grad so wie ich. Aber was hat mein Vater für mich gethan? Nix! — Er hat mich anfwachsen lassen, so lang ich > wollte. Wie ich so weit war, hat er sich hinglegt, und ist g'storbn; und hat mir nix hinterlassen, als sein Geld und die Kunst, aus Leder, Pech und Draht Stiefel zu machen - das ist doch nicht schwer — das kann a jeder Schuster — Was nutzt mir das Geld? Ich bin (sieht sich um) — allein kann ich davon reden — ein ganz ungebildeter Mensch. Ich befinde mich mit der Grammatik in einem ewigen Kampfe, und das kränkt mich! Oh, warum gab es in meiner Jugend noch keinen gütigen Schulrath, der nachlässige Eltern zwung — zwingte — zwikte — zwang — da sehn Sie's — zwang, ihre Kinder in die Schule zu schicken?! Aber so wachs — wichs — wuchs ich auf, ohne Guminasinm, ohne Universium, nicht einmal von der gedoppelten Buchhaltung Hab' ich ein Dunst. Da Hab' ich mir's aber zug'schwor'n — Gottlieb, Hab' ich g'schworn, wenn Du einmal einen Sohn kriegst, und er ist ein Bub, so muß er lernen, was in ihm hineingeht, damit er nicht so dumm bleibt wie sein Vater, den jeder Schusterbub beschämt, der richtig lesen und schreiben kann! der etwas vom Adiciren und Subtraktiren versteht, und ich habe mein Wort gehalten. (Freudestrahlend.) Mein Leopold, das is a Bissel ein anderer Kerl als 10 ich — ha — ja — Studirt hat er sogar — Jux hat er studirt! Kanu jeden Augenblick Minister wer'n, — ja — wenn er will — ja, aber er will nicht — o, mein Leopold ist gar z'scheidt. Aber ich Hab auch den Bengel gern — das glaubt gar Niemand. Alles, was er sich wünscht, das kriegt er, wozu war denn sonst 's Geld da! Mein Leopold soll anders von mir reden, als ich von mein Vater. Er weiß es nicht, wie ich mit der Grammatik ver- feindt bin. Meine Tochter Clara schreibt meine Briefe, und muß mir alle Tag die Zeitung vorlesen, da kann ich überall mitreden, wo politirt wird. Auch a Bibliothek Hab' ich mir anf'gricht — ja — Schiller und Göthe. Die kann ich gut unterscheiden — der Schiller is in Rinds- und der Göthe in Schweinsleder gebunden, na und auf Leder versteh' ich mich — ja! — Sechste Scene. Weigel. Willner. Willner fvon rechts mit Hut und Stock, zum Ausgehen bereits. Entschuldigen, Herr- Weigel, daß ich Sie warten ließ, meine Tochter sagte mir, daß Sie mich zu sprechen wünschen — Weigel. Ganz richtig! — Willner fnach der Uhr sehends. Eine Viertelstunde Hab' ich noch Zeit, dann muß ich zu Gericht — Weigel. Das ist eben mein Fall Willner. Ich bitte, sprechen Sie! deutlicher — Weigel. Wird geschehen! — ssetzt sich, und deutet auf einen Sessel.s Bitte, setzen Sie sich — Willner sgereizts. Danke sehr. Thun Sie, als ob Sie zu Hanse wären. Weigel. Bin's ja — mein eigenes Haus noch dazu — es handelt sich nämlich um meinen Sohn, meinen Leopold! Kennen Sie meinen Herrn Sohn — meinen Leopold — ach was, Sie müssen ihn kennen — Willner. Nur von Ansehen — Weigel. Aber was für ein Ansehen, is das ein Ansehen — he? — ein schöner Mensch? Willner. O gewiß! — Weigel. Er ist auch beim Gericht — mein Sohn — hat Jux studirt! — Willner. Ja ja — es muß so was sein. Weigel. Er ist jetzt schon der berühmteste im Landesgericht — Willner. So? Weigel. Sein Amnsiment steht bevor, er wird bald -- jetzt weiß ich nicht, sagt man Jnquisit oder Inquirent? Willne r. Das kommt ganz auf die Person an, bei Ihrem Herrn Sohn wird man wahrscheinlich Jnquisit sagen. Weigel. Ja, ja — Sie können schon Recht haben. Also — mein Sohn will ein Reitpferd — natürlich suche ich jetzt ein's für ihn — wer's hat, kann's thun — Willner. Ganz richtig! — Weigel. Für meinen Sohn ist mir nichts zu theuer. Zum Pferde brauche ich aber auch einen Stall, den muß ich im Hanse bauen lassen. Da muß der Flickschneider Lehn er aus dem Hause. Willner. Bedenken Sie, der Mann hat sechs Kinder, die nach Brod schreien. Weigel. Ganz richtig. Das Geschrei muß in meinem Hause ein Ende nehmen — er muß hinaus — Willner. Ist denn sein Vertrag abgelaufen? — Weigel Gar kei' Red! — Sonst hält' ich ja gar nit z'kündigen braucht. Voller Rücksicht Hab' ich ihm g'sagt: Herr Lehner — Sie müssen aus'n HauS — es handelt sich um mein Sohn! — Was glauben Sie, was mir der kecke Mensch zur Antwort gibt? — „Das iS mir sehr Wurst". Ein Mensch, der 11 nicht einmal Brod g'nug hat, sagt zu I Weigel Mein). Detomren Sie mir: „Das ist mir sehr Wurst!" Na, j meinetwegen nach Recht und Gewissen der soll's büßen— Ich Hab' ihm geklagt — heute ist Tagsatzung — also auf ihre Zeugenaussage kann ich rechnen — Willner. In wie ferne? Weigel. Na, was Sie früher g'sagt haben, vom Geschrei der sechs Kinder — Willner. Wer hat das gesagt? — Weigel. Reden wir nit viel drüber, Sie als Partei werden wissen, waS Sie mir schuldig sind .... Willner. Ich Ihnen schuldig — ? Bis zum nächsten ZinStermin meines Wissens keinen Krcnzer. Ich zahle meinen Zinö pünktlich. Weigel. Na, das ist ja selbstverständlich — Wenn ich sage schuldig — dann meine ich als Hausherr — Respekt — die nöthige Achtung! — Willner. Erlauben Sie, ich muß mir Alles, was ich vom Leben beanspruche, vorerst verdienen. — Versuchen Sie's auf demselben Wege mit der Achtung — Weigel. Bersteh' ich nicht — ist mir zu hoch. — Bedenken Sie nur — wie viel Rücksicht ich gegen Sie hatte — Willner. Sie — gegen mich? Weigel. Ja! Sie beziehen doch seit einem halben Jahre einen Theuerungs beitrag? — Willner. Allerdings! Das ist ja kein Gehcimniß! Weigel. Ich habe aber bis jetzt noch keinen Gebrauch davon gemacht. Willner. Wovon? Weigel. Na, von dem TheueruugS- beitrag. Ich Hab Ihnen noch nicht gesteigert! — Willner. In der That, sehr groß- müthig — UebrigenS bin ich verpflichtet, unparteiisch nach Recht und Gewissen meine Aussage zu deponircn und — das werde ich thun! sWillner ab.) — und nach was und wie Sie wollen — wenn Sie nur das genau anssagen, was ich will! — Denn der Lehn er muß n'aus! - Siebenle Scene. Voriger. Mehlmeyer. Mehlmeyer Mn Links). Nicht einen Kreuzer hat sie nachgelassen, und ick» habe doch bis jetzt geredet. — Jetzt bin ich noch eben so blank, wie früher. — Tralalala! Ah Herr Weigel! lBei Seite.) Wird angepumpt. Weigel. Sie sind noch nicht fort — Sie wcrd'n zur Tagsatzung zu spät kommen — und Sie sind doch ein Hauptzeuge — Mehl meyer. Hauptzeuge? Wie so? - Weigel. Wie bringen Sie die Nächte in meinem Hause zu? Mehlmeye r. Meisten'« gar nicht. Weigel. Sie sind mein Mann. Mehlmeyer. DaS freut mich. Wissen Sie, daß ich einen reichen Bruder in Bremen — Weigel. Sie müssen das Geschrei von den Schneidcrskindern bestätigen — Me hl meyer. . . . Eine reiche Tante in Hamburg .... Weigel. Daß Sie keine Nacht zu Hause schlafen können — Mchlmeyer. DaS kann ich beschwören — dann einen reichen Onkel in Amerika — Tralalala! — Weigel. Und daß der Schneider mit seinen sechs Kindern und seiner Frau aus dem Hause muß. — Mehlmeyer. Ja, ja, — Wenn Einer davon stirbt, so erbe ich was! Dudilie! — Weigel. Von den sechs Kindern? Mehlmeye r. Nein — mein reicher Bruder in Bremen, meine reiche Tante 12 in Hamburg ober mein reicher Onkel in Amerika. Weigel. Ah, so! — Mehl meyer. Wenn Einer stirbt, erbe ich was. — Borgen Sie mir ans diese Sicherheit fünf Gulden — Weigel. Hm! Nach der Tagsatzung — Mehlmeyer. Gut, Herr Weigel, ich will mich vorläufig mit dieser Zusage begnügen. Weigel. Sie sind ein sehr gefälliger Mensch. Vergessen Sie nicht, pünktlich zu erscheinen und klug auszusagen. — Mehl m eher cher schon an der Thür ist). Ich will d'ran denken — aber vergossen Sie unr nicht auf ineine Forderung. Tralala. M.) Achte Scene. Weigel Mein). Ich muß den Prozeß gewinnen und dann wird gleich der Stall baut. Wird g'wiß ein ordentliches Stück Geld kosten. — Denn, wenn die Wohnung auch für den Flickschneider mit sechs Kinder gut genug ist, mein'n Sohn sein Pferd, kann ich so'n Aufenthalt nicht zumuthen! Und für mein Leopold laß' ich nur ein ordentlichen Stall bauen — denn mein Herr Sohn is an Luxus gewöhnt. Auch's Pferd muß schön sein — a echte Race — vielleicht a Kreuzigung zwischen an Engländer und ein Araber oder gar einen vollblütigen Araber — Nr. 2. Schlich von Nr. 1. sSingt.s „Schon das Höchste der Rösser, das'S gibt auf der Welt" - Kauf ich mein' Herrn Sohn für das „Thenerste Geld." (Denn meine einz'ge Passion, is mein Sohn, is mein Sohn! —) Awischen-WorHailg. Erster Akt. Zweites Bild. Die Musik von Nr. 2 geht in die Zwischenmusik und aus dieser in den folgenden Anfangs- Chor über. Zimmer bei Weigel. Eingang d. d. M. Links 2 Seitenthüren, die erste führt in Leopold's, die zweite in das allgemeine Wohnzimmer. Rechts eine Seitenthüre, welche in die Werkstätte führt. Ebenfalls rechts, vorne ein Fenster, davor ein Tisch und Stühle. Einfaches Meublement. Erste Scene. Hampel, Veit, Trenker, Gesellen, Lehrbuben. Nr. 3 Ehor. Hampel. Also vorwärts, aus is die Feierstund — Frisch an die Arbeit — heut' is um fünfe Feierabend, wir haben heute Versammlung im Vereinslokal. lGesellm und Lehrbuben ab.) Zweite Scene. Hampel, Minna ^ist während des Chors eingetreten und staubt ab.) Hampel. Guten Morgen, schöne Minna. sKneift sie in die Wangen.) Minna. Na? Was soll diese Zudringlichkeit? Sie kecker Mensch! 13 Hampel. Warum sind Sie denn heute so grob zu mir, schöne Minna? Minna. Heute? Bin ich sonst vielleicht höflicher zu Ihnen gewesen? H amp el. Wenn auch nicht zu mir. aber zu Anderen. Gestern Abends um ^9 Uhr z. B. — Hab' ich Sie unterm Hausthor gesehen mit — Minna. Das war mein Cousin! Hampel. So, so? Dann hörte ich so ein eigenthümliches Schnalzen, wie— Minna. Das war ein Abschiedskuß — er verreist. Herr Hampel, von Ihrer Ehrenhaftigkeit als Schuster erwarte ich, daß Sie reinen Mund halten. H ampel. Wenn Sie wünschen, daß ich reinen Mund halten soll, müssen Sie ihn mir verschließen. Minna. Womit? - Hampel. Mit demselben Siegel, welches Sie dem Cousin anfgedrückt haben. Minna. Ich sollte eigentlich nicht, aber — (küßt sich mit Hampels. Minna. Das wirst Du bleiben lassen. Pepi. Grad! gleich geh' ich 'rein. (Wendet sich zur zweiten Thüre links.s Minna. Sei g'scheidt, Pepi — ich schenk' Dir ein Sechserl. Pepi. Was nutzt mir a Sechserl? (hält die Hand aufs. Minna. Kauf' Dir Cigarren. Pepi. Sie fassen mich bei der schwachen Seite, aber ick laß' mich nicht überrumpeln. Minna. Was willst Du denn noch? Pepi. Ich verlange Communismns, Gleichberechtigung. Der Gsell' soll nix vor mir voraus hab'n — ich will auch a Bußl! — Minna. Ah geh — Du bist ein dummer Bub! Pepi. Gut, so werd' ich — (will zur Thüre.s Minna. Bleib' doch — Ich sag's ja — diese Männer — diese Männer — Ah — 's ist Einer wie der Andere. (Küßt ihn.s Pepi (stellt sich auf die Zehen und küßt sies- Dritte Scene. Werte Scene. Vorige. Pepi. Pepi. Wünsch wohl gespeist zu hab'n. Hampel. Wer hat Dich gerufen, Du dummer Bnb', Du? Pepi. Ich Hab'ein Schnalzer g'hört! Hampel. Du hast wohl lange nicht den Knieriem g'spürt? —na warte! — (Ab rechts.s Pepi. Das is eine nette Aufführung, das werd' ich der Fräulein Meisterin sagen. Vorige. Leopold. (Aus der ersten Thüre linkss. I Leopold (mitHut und Spazierstöckchen, sehr elegantst Guten Morgen! Minna (erschrockenst Oh! — Pepi (ebensos. Oh! (Lauft rechts ab.s Leopold. Ich habe Sie wohl gestört ! — Minna. Ach, junger Herr, wie können Sie so was denken. Pepi ist ja noch ein Kind! — Er hat mir blos was besorgt, und da — Leopold. Haben Sie ihm ihren Dank abgestattet? Ich finde das ganz 14 in der Ordnung. — Haben Sie eine Haarnadel, Minna, der Handschuh geht so nicht zu. Minna. Ja, ja, das werde ich! — Erlauben Sie. (Beschäftigt sich damit, den Knopf zu schließen.s Leopold. Sagen Sie, Minna. Pepi hat wohl ein Briefchen an Ihren Bräutigam besorgt? Minna. Oh nein, wie sollte ein armes Dienstmädchen zu so was kommen ? Leopold. Nun, das kommt doch zuweilen vor? Minna. Nun ja, es macht sich vielleicht — einen Schatz Hab' ich schon. Leopold. Oho! Wertst denn das? Minna. Er ist beim Militär. Leopold. Wo denn? M i n n a. Bei den Husaren! So — jetzt ist er zu! — Leopold (Sie am Kinn sassends. Ich danke Ihnen, schöne Husarenbraut! (küßt sief. Fünfte Scene. Borige. Clara. (Zweite Thür links.s Clara (mit Briefs. Guten Morgen, Leopold! Minna (erschrockens. Ha! (Minna abs. Leopold (verdrießlich.! Höre, Clara, das war ganz überflüßig, daß Du so hereinplatzest und das arme Mädchen erschreckst. Clara. Lieber Leopold, ich möchte Dich bitten, etwas weniger vertraulich mit unserem Dienstmädchen zu verkehren. Das Bischen Respekt, welches man heutzutage noch genießt, geht dadurch ganz verloren. Dann schickt es sich auch nicht, für Dich am allerwenigsten. — Leopold. Warum soll gerade ich mir ein so großes Gewissen daraus machen, ein hübsches Mädchen zu küssen? Das sehe ich durchaus nicht ein. Clara (verlegens. Weil — Leopold. Nun, weil—? Clara. Leopold sei nicht böse — Du hast auf Deinem Tisch einen offenen Brief liegen lassen — ich habe einen Blick hineingeworfen, er interessirte mich sehr. Da ist der Brief. (Gibt ihm einen Brief.s Die mir unbekannte Marie beruft sich in Deinem Briefe auf Deine Schwüre ewiger Treue und Liebe. Hat sie ein Recht dazu — woran wohl nicht zu zweifeln ist — dann ist es unrecht von Dir, das erste beste Dienstmädchen zu küssen. Leopold (ärgerlich bei Seite, indem er den Brief zerknittert und einsteckts. Daß ich den Wisch auch liegen lassen mußte. (Laut.s Ich muß Dir sagen, daß es mir durchaus nicht angenehm ist, auf Schritt und Tritt von Deiner Spionage verfolgt zu werden Clara. Pfui, Leopold! (weich.s Das habe ich nicht um Dich verdient. — - Leopold. Thn mir den einzigen Gefallen und werde nicht sentimental. (Will gehen.s Clara. Sei unbesorgt, ich will Dich nicht verscheuchen, im Gegentheil, ich möchte Dich so gerne an uns, an das Haus fesseln, und darum hat mich die Entdeckung, daß Du liebst, daß Du Dein Herz an ein Mädchen verschenkt hast, mit freudiger Hoffnung erfüllt. Weiß der Vater davon? Leopold. Wie käme ich dazu, ihn zum Vertrauten meiner Liebschaften zu machen? Clara. Nun, wenn Du heiraten willst. Leopold. Heiraten? hahaha! Du bist wirklich sehr komisch, Clara. Clara. Wie, Du denkst also nicht ans Heiraten? Leopold. Nein, solche Dummheiten kommen mir durchaus nicht in den Sinn. 15 Clara (bei Seite). Das arme Mädchen! Leopold (sich nach rechts wendend). Ist der Bater in der Werkstatt? Clara. Nein, er ist auf's Gericht gegangen. Leopold. Sapperlot! Was hat der Alte auf dem Gericht zu suchen? Etwa mich? Damit würde er kein Glück haben. Clara. Er will den Flickschneider, der im Hof wohnt, auf die Gasse setzen. Leopold sgleichgiltig). So? Weß- halb? Clar a. Das solltest Du nicht wissen ? Leopold. Wie käme ich dazu? Clara. Der Bater will aus den Räumen, welche die arme Familie bewohnt, ein Stallgebäude für Dein Reitpferd machen lassen. Leopold. Ach richtig, das hat er mir erzählt. (Cigarren nehmend.) Clara. Leopold, die Leute sind sehr arm, sie haben eine große Familie — mochtest Du nicht beim Vater ein gutes Wort einlegeu? Wenn er es bei Gericht durchsetzt, ist der arme Mann mit ,Weib und Kindern obdachlos. Ein Wort von Dir würde genügen. Leopold (brummt sie an). Mein Gott! man kann doch nicht für alle armen Leute Obdach schassen! Sie werden eine andere Wohnung finden. — Clara (bittend). Sei nicht so herzlos! Leopold. Ich sehe schon, Du hast heute Deinen larmoyanten Tag — dagegen ist nicht anzukämpfen, aber Du wirst wohl nichts einzuwenden haben, wenn ich mir lustigere Gesellschaft aufsuche. Guten Morgen, Clara. (Ein Liedchen trällernd, ab d. d. Mitte.) Clara (ihm nachrufend). Leopold! (Mit einem Seufzer.) Er hört mich nicht, er ist ein kalter, selbstsüchtiger Mensch. Was Wunder auch! Die blinde Liebe meines Vaters hat ihn dazu erzogen. — (Ab zweite Thüre links.) Sechste Scene. Rudolf Starke. (Ruft an der Seitenthüre rechts.) Pepi! (vorkommend.) Ich bin statt des Mittagsessens eine Stunde im Prater spazieren gegangen. Mit nüchternem Magen und im Freien kommen Einem die besten Ideen — mein Entschluß ist gefaßt — heut' geht's los! — Pepi! — Siebente Scene. Rudolf. Pepi (von rechts). Pepi. Haben Sie mich a'rufen? Herr Rudolf? Rudolf. Ja (zieht den Rock aus.) Pepi. Aha — jetzt gibtö Prügel! Rudolf. Da -- trage den Rock und den Hut in die Werkstatt und bring' mir meine Schürze. Pepi (verwundert). Weiter nichts? Rudolf. Du kannst mir auch den neuen Stiefel von meinem Tisch', den Pechdraht und die Aale mitbringen. Pepi. Wollen Sie denn hier arbeiten? Rudolf. WaS geht das Dich an? Pepi sretirirend.) Jetzt gehts loö! Rudolf. Halts Maul und bring die Sachen. Fix! Pepi (im höchsten Erstaunen). Der haut noch immer nicht, — dann muß was passirt sein. (Rechts ab.) Rudolf (mit großen Schritten auf und abgehend). Wenn sie mich aber abblitzen läßt — was dann? Einerlei, einmal muß ich's doch probiren — denn eher finde ich keine Ruhe. Pepi (von rechts). Hier ist die Schürze. Rudolf. Gut. (Bindet sie um.) Pepi. Und den Stiefel? R u do ls identet auf einen Stuhl neben dem Tische rechts.) Dorthin! — Du, Pepi — ich Hab heut was vor, was Wichtiges ! Pepi. Ah! Rudolf. Ja! Du kannst mir den Daumen halten. Pepi (nach seiner Hand greifend^. Warum nicht, — gebend ihn nur her. Rudolf. Dummer Bub! wenn ich sag'.- Du sollst mir den Daumen halten, so heißt das, Du sollst Deinen Daumen halten. Pepi. So — so — snachdenkend.j Wenn Sie aber sagen „halt dein Maul!" — wem sein Maul soll ich dann halten — das Meinige oder — Rudolf. Wo ist denn der Knieriem ? Pepi szurückweichends. Es ist doch richtig. Rudolf. Was ist richtig? Pepi. Die G'sellen sagen: Sie wären die lebendige Uhr in der Werkstatt. Rud olf. Wie so? Pepi. Weil Sie jede halbe Stunde schlagen. sAb.s Rudolf. Warte, Bengel! — Ich bin etwas aufgeregt, das ist g'rade die richtige Stimmung — Nu los! sKlopft an der 2. Thür links.s Achte Scene. Rudolf. Clara. Clara svon Junens. Wer ist da? Herein! Rudolf sösfnet die Thür ein wenig und spricht in das Zimmer hinein.j Ich bin es, Fräulein Clara, ich wünsche einen guten Morgen. Clara svon Junens. Guten Morgen, Herr Starke. Wollen Sie nicht näher treten. Rudolf setwaö verlegens. Ja — daö heißt, ich wollt' eigentlich fragen, ob Sie heut' nicht, wie gewöhnlich, hier ein bissl nähen oder stricken? Ich wurde Ihnen dann Gesellschaft leisten, das heißt, wenn — Clar a sauftretend, ein Strickzeug in der Hands. Warum wollen Sie denn nicht in mein Zimmer kommen? Rudolf. Das thäte ich schon ganz gern, aber — am Ende könnten die teilte glauben — sstockt verlegen.s Clara. Daß wir Heimlichkeiten mit einander hätten? slächelnd.s Schwerlich, lieber Herr Starke. Wie sollten Sie in solchen Verdacht kommen? Ich bin ja eine alte Jungfer. Rudolf sabwehrends. O, bitte, bitte, so war es nicht gemeint, - im Gegen- theil! Sehen Sie, hier bin ich nahe bei der Werkstatt, und wenn was vorfällt — Clara. Es scheint demnach, als hätten Sie mir was zu sagen! Rudolf. Ja, sehr was Wichtiges. Clara. Da bin ich begierig. sSetzt sich an den Tisch rechts.s Rudolf. Wenn Sie erlauben, arbeite ich dabei — ich kann dann besser reden. sSetzt sich ebenfalls an den Tisch, nimmt den Stiefel zwischen die Knie und arbeitet eifrig.s Sie wissen doch, Fräulein Clara, ich habe im vorigen Monat meine Schwester ausg'heirat. Clara. Gewiß, ich war ja auf der Hochzeit. Rudolf. Sehen Sie, so lang die ledig war, dachte ich immer, ich müßt' auch ledig bleiben, denn Vermögen habe ich doch keines, und wenn man verheiratet ist, dann fallen doch so allerlei Kleinigkeiten vor — das macht Sorgen, und ich wollte mir nicht mehr Sorgen machen, ehe ich meine Schwester ordentlich verheiratet hätte. Clara. Sie sind ein braver Mensch, ein guter Bruder, Herr Starke. Ich wünschte, ich hätte auch einen solchen Bruder. Rudolf serfreutj. Wirklich? Clara. Ganz gewiß. Rudolf. Na, sehen Sie, die Mali is jetzt gut versorgt, ihr Mann ist ein ordentlicher Mensch, hat ein gutes Geschäft, und was will man mehr?! 17 Derethalben könnt' ich meinetwegen auch an mich denken. (Pause). Sagten Sie was? Clara (nicht vom Strickzeug aufseheud). Nein! Rudolf. Sehen's, für's Wirthshaus bin ich nicht, und wenn man nicht in's Wirthshaus geht, so fühlt man sich allein zu Haus so ungemüthlich. Die Mali is jetzt doch auch nicht mehr da, und mit abgerissenen Knöpf' und Löcher in die Strümpfe geht man nicht gerne herum. Clara. Das heißt, Sie wollen sich auch verheirathen? Rudolf. Richtig, das möcht' ich. — Clara. Nun, es wird Ihnen nicht schwer fallen, eine ordentliche und gute Hausfrau zu finden. Rudolf. Ja, das sagt sich leicht. Es ist wohl wahr, es gibt eine Menge Mädchen, aber ich verstehe das Courschneiden nicht, ich könnt' nicht lang h'rum suchen. Am liebsten griffe ich die erste Beste heraus, das heißt die Nächste. Grade so wie der Sicherheitsmann, der mich packte, wie ich in der vordersten Reihe stand, beim Einzug des Schah. Der Mann hat immer g'schrier'n: Zurück! Und schließlich hat er mich beim Kragen gepackt! Ich bin ja ganz unschuldig, sag' ich darauf, die da hinten drängeln! Das weiß ich, sagt er, aber so weit kann ich nicht g'längen. — Schau'ns, Fräulein Clara, so gehts mir auch! Ich kann auch nicht so weit langen! Gott mag wissen, wo die Rechte ist, und wenn mir nicht eine vor der Nasen sitzt, — so daß ich nur zuzugreifen brauch', so wird nie was d'raus werden. Clara. Haben Sie denn schon eine Wahl getroffen? Rudolf. Ja, ich wüßt'schon, welche ich möcht'! - Aber ob Sie mich will! Clara. Haben Sie denn noch nicht angefragt? Theater-Repertoir 303. Rudolf. Nein, sehen Sie, ich bin doch sonst gewiß kein feiger Kerl, aber dazu — dazu — fehlt mir die Courage. Clara. Ei was! Ein Mann, wie Sie, kann dreist überall anklopfen; jedes brave Mädchen wird sich geehrt fühlen. Rudolf. Meinen Sie? Clara. Ja, das meine ich. Rudolf (noch eifriger den Pechdraht auseinander ziehend und ohne zu Clara aufzusehen). Na, wenn Sie meinen, dann möcht' ich halt so frei sein, und bei Ihnen, Fräulein Clara, anfragen, ob Sie mich heiraten wollen? Clara (läßt vor Schreck das Strickzeug zur Erde fallen und stößt einen Schrei aus, und sinkt in den Stuhl zurück). Ha! Rudolf (wirft den Stiefel fort und springt auf). Herr Gott! Was is denn? Na ja, da liegt sie — ohnmächtig vor Schreck über meine Frechheit. (Gießt sich Master aus einer Caraffe in die Hand und bespritzt Clara einige Male das Gesicht, aber ohne sich ihr zu nähern.) Clara (sich mit dem Taschentuche das Gesicht trocknend). Bitte, hören Sie aus! Es war sehr unrecht von Ihnen, Herr Starke, solchen Scherz mit mir zu treiben. Rudolf (erstaunt). Scherz? Clara. Ich habe meine jüngeren Jahre der Erziehung meines Bruders gewidmet, wenn auch, wie ich leider selber eingestehen muß, mit wenig Erfolg. Daß ich jetzt nicht mehr in den Jahren bin, einem Maune, wie Ihnen, begehrenswerth zu erscheinen, das weiß ich, deßhalb brauchen Sie mich nicht durch Ihren Spott zu kränken. Rudolf. Hören Sie, Fräulein Clara, so müssen Sie die Geschichte nicht drehen. Wenn Ihnen mein ehrlich gemeinter Antrag nicht paßt — was ich nicht vorausgesehen Hab' — dann können Sie einfach sagen: Nein, Herr Starke, ich danke, Sie sind mir zu grob, zu ungebildet, zu arm — was weiß ich! Aber mir in's Gesicht sagen, daß ich Scherz 2 18 mit Ihnen treibe, daß ich Sie verspotte, das kann ich mir nit g'sallen lassen. Clara (ängstlich, zweifelhaft). Herr Starke — Sie wollen im Ernst —? Rudolf. Was denn? Clara (zögernd). Mich — heiraten? Rudolf. Ja doch, ist denn das ein so großes Verbrechen? Ich dachte, Sie würden es vielleicht gemerkt haben, daß ich Ihnen gut bin, so recht vom Herzen gut. Und weil Sie immer so freundlich zu mir waren, dacht' ich — na, es war dumm von mir, reden wir nicht weiter davon. fNimmt den Stiefel unter den Arm und will nach der Werkstatt gehen.) Entschuldigen Sie, Fräulein Clara. — Clara fvor Freude weinend). Hahaha! Herr Starke — Rudolf — Rudolf fsich umwendend). He? Clara. So bleiben Sie doch! (Streckt ihm zögernd die Hand entgegen.) Rudolf. Was machen Sie denn für ein Gesicht? Wie sehen Sie mich denn an? Grade, als ob — Clara fnickt lächelnd mit dem Kopfe). Rudolf. Schockschwerenot!)! Wirft den Stiefel gegen eine Thttre, läuft zu Clara und ergreift heftig ihre Hand.) Sie sagen nicht „Nein"? Sie wollen meine Frau werden? Clara (verbirgt den Kopf an seiner Schulter). Rudolf. Hurrah! (umfaßt Clara, dreht sie herum, setzt sie dann aus einen Stuhl und füllt vor ihr auf die Knie nieder.) Clara, liebste Clara! Mir ist so kannibalisch wohl. Ich könnte Bäume ansreißen, vor Vergnügen. Clara. Ich begreife nur immernoch nicht, wie Sie dazu gekommen sind, sich in mich zu verlieben, mich heiraten zu wollen. Rudolf. O, ich Hab' Sie schon so lange gern, ich wußt' es blos nicht. Aber als mir der Gedanke gekommen war, daß ich auch eine Frau, einen eigenen Hausstand, haben möchte, da sagte ich gleich zu mir: Keine andere wie die Clara. Ich glaubte ja nicht, daß Sie einwilligen würden. Jetzt haben Sie es aber doch gethan — und das werd' ich Ihnen nie vergessen. Clara. Aber mein Vater — Rudolf (aufstehend). Mit dem lassen Sie nnr mich reden. Wir wollen auch gar keine langen Umständ' machen! Clara. Was wird er nur dazu sagen ? Rudolf. Was soll er sagen? Wenn Sie einwilligen, kann er doch nichts dagegen haben. Ich bin ein anständiger, ehrlicher Kerl, ich versteh' mein Handwerk, wir werden schon unser Auskommen finden. Heute gleich, noch in dieser Stunde, werd' ich mit ihm sprechen. (Verlegen.) Fräulein Clara, vorhin in der Ueberraschung bei der unverhofften Freude — da habe ich vergessen — Ihnen ein Buße! zu geben. Darf ich jetzt vielleicht —? Clara, lieber Rudolf, ich habe mit freudigem Herzen eingewilligt, die Ihre zu sein und will mich bemühen, Sie so glücklich zu machen, wie Sie es verdienen. (Umarmt ihn). Rudolf (küßt Clara). Meine Clara! Sie sind jetzt meine verliebte Gelobte — gelobte Verliebte, nein — geliebte Verlobte, und ein schlechter Kerl will ich sein, wenn ich Ihnen je eine trübe Stunde mache. Ich zieh' mir den Rock an, und dann halte ich, wie sichs gehört, bei dem Alten an. Auf Wiedersehen, meine liebste, herzallerliebste Braut! (Faßt ihren Kopf zwischen beide Hände, drückt einen herzhaften Kuß auf ihre Lippen, will sie dann noch einmal küssen, sagt aber, zurückweichend : „Nachher" und geht rasch nach rechts ab.) Clara (Rudolf nachsehend). Mir ist, als ob ich träume. Wie hätte ich auch so viel Glück erhoffen können! Vergüte, liebe Mensch! Mir ist es jetzt erst recht klar, wie gut auch ich ihm bin — 19 Neunte Seene. Clara. Weigel. Weigel (durch die Mitte milchend). Nein, so eine Frechheit — das hat die Welt noch nit g'seh'n! — Clara. Wie? Weigel. So lang ich Hausherr bin. is mir so was noch nit passirt! Clara. Was is denn g'scheh'n, Bater? Weigel. So ein Mensch! — So ein verhungerter Kanzleihocker — bewohnt bei mir für lumpige 700 Gulden den ganzen halben vierten Stock, und der Mensch hat gegen mich ausg'sagt, daß der Flickschneider a ganz' ruhige Partei is. — Clara. Du warst also beim Bezirksgericht? Weigel. Ja! Clara. Nun? Weigel. Abgewiesen bin ich mit meiner Klage. Clara. Gott sei Dank! Weigel. Der Flickschneider bleibt im Hause, und ich, der reiche Schuh- waarenfabrikant — der Hausherr — muß das dulden? Ah, da soll der Teufel Hausherr sein. Clara. Aber, lieber Vater! — Weigel. Ich ergreif'n Rekurs — ich appelir' und der Mehlmeyer — laßt sich gar nit sehen — kommt nit einmal 'nauf. Na wart's. Setz' dich dahin, und schreibe! Clara. Aber? Weigel. Schreib', sag' ich ! Clara. Da will ich's Schreibzeug holen. (Sie holt Papier und Tinte.) Zehnte Seene. Vorige. Mehlmeyer. (Mehlmeyer athemlos.) Mehlmeyer. Da bin ich, Herr Weigel! — Komme eben vom Bezirksgericht — Alles in Ordnung, nicht wahr? — Denn man sagte mir, ich sei gar nicht mehr nöthig. Tralalala. Weigel. Sie Unglücksmensch — warum waren Sie denn nicht zur rechten Zeit oben? Mehlmeyer. Es fragt sich, was ist die rechte Zeit? Ich war um 9 Uhr vorgeladen — bin um halb 10 Uhr hinaufgegangen und war um 11 Uhr schon oben. Weigel. Anderthalb Stunden, die paar Schritte? Mehlmeyer. Ich mußte im Vorbeigehen geschwinde eine Stunde geben. Wissen Sie Dudeldudeldieu. — Weigel. Der gibt eine Stunde — und ich verliere den Prozeß! — Mehlmeyer. Verloren haben Sie ihn — das macht nichts. Mein Schüler und ich, wir haben vierhändig den ersten Akt der Walküre gespielt. Ich sage Ihnen, herrlich! Weigel. Niederträchtig! Mehlmeye r. Wenn Sie das sagen, zeigen Sie, daß Sie gar nichts davon verstehen. Weigel. Es ist zum Rasendwerden! M e h l m e y e r. Vor Entzücken! Du- deldie! Weigel (ihn iiberschrciend). Vor Wuth ! — Sie sind ein Narr — Ihnen verdank' ich den verlornen Prozeß — ich könnt' Sie umbringen vor Zorn. — Mehlmeyer. Ah, lassen wir das, deßhalb bin ich nicht hier — ich komme wegen der versprochenen fünf Gulden. Weigel. Das ist unverschämt! — Mehlmeyer. Erlauben Sie, ich habe einen reichen Bruder — Weigel. Die Geschichte kenn' ich schon — strengen's Ihnen nit unnöthig an. Mehlmeyer. Wenn Einer stirbt, so erbe ich — Weigel. Einen Schmarrn, und den kriegens auch von mir! — Punkti dixum. (Zu Clara.) Schreib! So soll ihm noch kein Mensch die Wahrheit gegi — gegei 2 * 20 — gezogen haben — (diktirt). Mein Herr! Eie hatten heute bei das Bezirksgericht die Unverschämtheit — wo steht Unverschämtheit? — Clara. Hier! Weigel. Ist sie groß genug? Clara. Das weiß ich nicht — ich war nicht dabei. Weigel (diktirt). — Die Unverschämtheit gehabt, gegen mich auszusagen. — Solche Leute brauche ich nicht in meinem Hause — ich kündige Ihnen daher Ihre Wohnung, woraus Sie sehen können, was Ihr Hausherr kann — Ihr Zimmerherr, der Lump muß hinaus. Mehlmeher (vorkommend). Den Lumpen nehmen Sie augenblicklich zurück, oder w i r sehen uns beim Bezirksgericht. Weigel. So nimm den Lumpen weg und schreib Hungerleider. Mehlmeye r. Ist auch erlogen, denn ich kann meinen Hunger gar nicht leiden. Weigel. So schreib' „Narr!" Mehlmeye r. Den laß' ich meinetwegen gelten, Tralalala — (Mehlmeyer ab.) Clara (bestimmt). Den Brief kannst Du nicht wegschicken. Weigel. Warum nicht? Clara. Du würdest Herrn Willner beleidigen. Weigel. Das will ich ja. Clara. Das ist aber unrecht, denn Herr Willner hat seine Pflicht erfüllt, indem er als Zeuge die Wahrheit gesagt hat! Zudem kommt seine Aussage einer- armen und unglücklichen Familie zu Gute. Weigel. Ei! Schau' einmal! Die Bagag' is Dir viel mehr ans Herz g'wachsen als Dein Bruder Leopold. Clara. Allerdings. Wenn es sich blos um die Befriedigung seiner Laune handelt. Weigel. Willst Du vielleicht auf Leopold schimpfen — Du! (drohend.) Das vertrag' ich nicht! Er is mein Herz- bünkerl und kriegt sein Pserdestall — verlaß' Dich d'rauf. — Gib mir den Brief! Clara. Du kannst Dir große Unannehmlichkeiten bereiten, — wenn Du den Brief absendest! Weigel. Das ist meine Sache — her damit! Clara (erregt). Nein —das Unrecht soll wenigstens nicht durch meine Hand geschehen — ich kann es nicht zugeben, selbst auf die Gefahr hin, Dich böse zu machen! (Zerreißt den Brief.) Weigel. Ah! (starrt sie verblüfft an.) Du unterstehst dich? (nimmt den Stock und holt wie zum Schlage aus.) Clara (weicht zurück und streckt die Hände Weigel abwehrend entgegen.) Eilfte Scene. Vorige. Rudolf. Rudolf (im Rock, die Mütze in der Hand, tritt in demselben Augenblicke von rechts ein, als Weigel drohend auf Clara zugeht. Er tritt rasch zwischen ihn und Clara). Hoho! Was sind das für verdächtige Bewegungen? Weigel. Was wollen Sie! Scheren Sie sich in die Werkstatt! Clara. Nein, Rudolf, bleiben Sie! In Ihrer Gegenwart wird es mein Vater nicht wagen, mich zu schlagen. Rudolf. Schlagen? Die Clara schlagen! Und warum? Weigel. Weil sie ein boshaftes Ding ist, die ihren Bruder verleumdet. Rudolf. Ach so, das Herzbünkerl ist wieder der Zankapfel. Hören Sie, Herr Weigel, es is ein Skandal, daß Sie sich von Ihrer Affenliebe so weit verblenden lassen, daß — Weigel (die Arme in die Seite stemmend). Mensch! Was untersteht er sich? Rudolf. Richtig, ich sprech', als ob ich schon zur Familie gehörte. (Zu Clara.) Ach so, der weiß noch nix, wie? Na, daß ich es kurz mache. Die Clara und 21 ich, wir haben uns vorhin verlobt, und ich bin eben gekommen, bei Ihnen um Ihre Tochter anzuhalten. Weigel. Herr Gott! Nu tanzt der Teufel mit seiner Großmutter. Ah! Ich Hab' wohl nicht recht gehört? Clara. Es ist so, wie er sagt, Vater; ich habe eingewilligt, sein Weib zu werden. Weigel. Mädel, bist Du verrückt? Du willst den Menschen da heiraten? Rudolf. Und warum nicht? Weigel. So einen Menschen — der — der — Rudolf. Na? Weigel. Der nix hat und nix is, als ein ganz ordinärer Schuster? Rudolf stichig). Sie Habens nöthig! Was sind Sie denn anders als ein Schuster? Weigel. Daß ich nix ander's» bin als ein Schuster, is nicht meine Schuld. Ich kann es meinem Vater heut noch nicht verzeihen, daß er mich nit wenigstens Doktor oder so was hat werden lassen. Darum aber werde ich noch lange nicht zngeben, daß sich meine Tochter wegwirft. Wenn ich sage, wegwirft, dann meine ich — Sie! Clara. Vater, Du beleidigst mich, wenn Du so nichtachtend von Herrn Starke sprichst. Weigel. Herr Starke iS ein Schu- stergeselle, mein Geselle, dem ich hiermit mein Haus verbiete. Clara. Vater, überlege, was Du thust. — Wenn Du Herrn Starke das Haus verbietest, trennst Du Dich auch von mir — ich werde ihn nicht verlassen. Weigel jachselzuckend). Geh' doch, ich halt Dich nit! Clara (das Gesicht mit beiden Händen bedeckend). O, mein Gott! "Rudolf. Ruhig, Clara, es wird so schlimm nicht kommen. Zwölfte Scene. Vorige. Leopold. Leopold ston der Mitte). Was bedeutet das — was geht denn eigentlich hier im Hause vor? Alle Parteien stehen im Hofe beim Flickschneider und als ich vorbeiging, zischelten sie sich untereinander zu, da ist er! Der Schuster als Cav alter. Und dabei sahen die Leute so drohend aus, als ob sie gegen mich was im Schilde führten. Weigel. Sie sollen sich nur unterstehen ! Die ganze Bagage jag' ich raus! Allen Parteien wird gekündiget. Aber noch besser, g'steigen wer'ns um 25 Prozent! Wahrscheinlich hat sie der Flickschneider aufgehetzt. Aber da schau' Leopold die Neuigkeit da an, das is schon das Allerbeste. Dein Fräulein Schwester und der Herr Schusterg'sell Starke wollen sich heiraten. Leopold. Nicht möglich!? Weigel. Das Hab' ich auch g'sagt! Is Dir je so eine Frechheit von ein' simplen Schuster Vorkommen? Rudolf. Herr! Clara sfällt ihm ihn die Arme). Leopold. Ich begreife nur Clara nicht. Daß dem Herrn Starke da Dein Vermögen sehr begehrlich erscheint, ist am Ende nicht zu verwundern. Rudolf. I! Da soll doch gleich — Clara jhält ihn zurück). Weigel. Richtig, mein Geld sticht ihm in die Nase! Ihr sollt's nit z'kurz kommen. Wenn Du den Menschen heiratest, sind wir geschiedene Leut! Aber das Vermögen, das Deine Mutter in's Haus bracht hat, die 10.000 Gulden sollst haben. An dem Tag', wo Du Hochzeit machst, werde ich das Geld für Dich eintragen lassen aus mein Haus. Leopold (bei Seite). Oho, so war's nicht gemeint. Rudolf. Behalten Sie Ihr Geld, ich will es nicht. 22 Weigel. Ich laß' mir von Ihnen nichts schenken, Sie Erbschleicher! Rudolf (sich von Clara loSmachends. Nun ist's aber genug. Ich will mich um Clara's Willen zusammennehmen, sonst würde ich Ihnen und Ihrem säubern Herrn Söhnchen anders auf den Pelz rücken. Weigel. Leopold, gib mir Deinen Stock. (Nimmt Leopold's Spazierstöckchen und hält es abwehrend gegen Rudolfs. Leopold (flüchtet sich hinter Weigels. Rudolf. So viel aber will ich Ihnen doch sagen: Vergessen thue ich Ihnen den Schimpf, den Sie mir Heute angethan haben, nie. (Tritt zur rechten Seitenthürs. Gut, daß Ihr da seid! Euer Altgesell nimmt Abschied von Euch, und von dem Haus für immer! Dreizehnte Scene. Vor ige. Hampel, Veit, Trenker, Pepi, Gesellen,». Lehrbuben. Gesellen und Lehrbuben (durcheinander). Was ist geschehen? Rudolf. Der Vater, der jagt seine Tochter aus'n Haus, weil sie mich heiraten wird! Der Meister jagt seinen braven Altgesellen fort, weil er seine Tochter heiraten wird! B'hüt Euch Gott, Kinder, und wann's einmal an Arbeit brauchts, so kommts zum Meister Rudolf Starke, der wird (mit Bezichung.s g'wiß immer Arbeit g'nug hab'n! Weigel. Hinaus — Alle Beide augenblicklich hinaus! Clara. Vater! (sinkt bittend in die Knie.) Weigel. Du hast die Wahl zwischen uns und ihm! ' Clara. Ich kann nicht anders, Vater. Weigel. So geh'! Rudolf. Steh' auf, Clara! Denken Sie an die Stund', Herr Weigel. Sie werden sich vielleicht noch einmal nach Ihrer Tochter sehnen — dann führt der Weg zu ihr an mir vorüber. Daß es mit Ihrem prahlerischen Reichthum nicht zu lange dauert, dafür wird dieses Früchtel von Sohn schon sorgen, und wenn Sie am Hungertuche nagen, so denken Sie an Ihr verstoßenes Kind. Denken Sie der jetzigen Stund' und vergessen Sie nicht, was ich Ihnen jetzt sage: Bevor Sie nicht vor mir auf den Knien liegen, wie Ihr Kind vor Ihnen jetzt gekniet hat, bevor bekommen Sie in meinem Hause kein Stück Brod! So! (Den Hut aufsetzend.j Jetzt komm', Clara! (Ab mit Clara und den Gesellen.) (Melodram, die Musik zum Refrain von Weigel's Entreelied. Erst leise). Knde des ersten Aktes. Zweiter Akt. Drittes Md. (Sehr elegant auSgestatteter Salon mit Mittel- und Seitenthüren). Erste Scene. Minna. Lieferanten, l. Kellner. Rr. 6 Lhar. Lieferanten. Wir sind so frei und präscntiren Die Rechnung für den jungen Herrn. M i n n a. Man wird sie alle honoriren — Chor. Gewiß, ein Zweifel liegt uns fern. Rur möchten wir gehorsamst bitten — Die Zeiten sind jetzt gar so schlecht — Cin jeder hat Verlust erlitten — Daß man uns bald bezahlen möcht'. rc. rc. Minna. Meine Herren! Ich verstehe Ihre zarte Anspielung; — Sie wollen sagen, wenn Sic recht bald das Geld für Ihre Rechnungen kriegen, würden Sie sich einen kleinen Abzug zu meinen Gunsten gefallen lassen. Erster Lieferant. So ist es, mein welches Fräulein Zweiter Lieferant. Nicht, daß wir eS so nöthig brauchten, aber man hat doch auch bei den schlechten Zeiten Verluste — Minna flkgt die Rechnungen, welche ihr die Lieferanten während des Chorcö eingehändigt haben, auf den Tisch linksst Verlassen Sie sich auf mich, ich werde dafür sorgen, daß Ihre Rechnungen noch heute bezahlt werdend Die Lieferanten fsich nm Minna drängendst Mein liebes Fräulein, im Voraus unfern Dank! M i n n a fvornehm grüßendst Ans Wiedersehen, meine Herren! Chor rep et. fDann Alles ab, bis anfj: Zweite Scene. , Minna falleinst Ein ganz hübscher > Posten, hier als Wirthschafterin — das ! ist gar nicht zu läugnen. Blos Pater , und Sohn — kein weibliches Wesen außer mir — keine Markt-Controle ! wie bei Frln. Clara; da gibt cs nie i Zank — selbst bei dem gewagtesten Schmu, — immer Zufriedenheit und ! Eintracht — So 'n einträgliches Leben, ! habe ich noch nie geführt. Dritte Scene. Minna. Sandor. Sandor lvon der Mittest on — lion — was anderes — 1»on Morgen! jAb.) Emma sattem). Ha ha ha! Vater und Sohn haben sich ordentlich geärgert, und ich hege die Hoffnung, Marie gründlich zu heilen von ihrer Leidenschaft für diesen säubern Herrn Leopold, der ihrer so ganz unwürdig ist. Da lobe ich mir doch meinen Mehlmeher, der, wenn auch nicht immer den Kopf, doch das Herz ans dem rechten Fleck hat. Freilich war es sehr komisch, als er mir seine Liebe erklärte, ja, Jeder hat da so seine eigene Weise. Couplet. Die Männer sind meistens gar schnell bei der Hand, Wenn es gilt, uns die Lieb zu erklären. Verschiedene Manieren hat jeglicher Stand, Und ein Jeder mag anders wohl schwören — Kommt ein Student mit heit'rer Miene, Naht einem Mädchen sich frank und frei, Schwört ihr auf Ehr', als ob's ihm schiene, Daß er gar sehr, ach! verliebt in sie sei! Er spricht: Ich liebe Dich, du kannst mir's glauben. Bald mach' ich Dich zu meiner Braut, Muß Dir zum Pfand ein Küßchen rauben, Bald wirst Du mir ja angetraut — Des Abends spät, des Morgens früh Studier' ich na und das schon wie — Bald angestellt zu sein, Dann bist Du mein. O der Spitzbube, 's ist gar nit wahr. Des Abends spät, des Morgens früh, Sitzt er beim Glas Erampampuli — Crampimpumpampuli. 2 . Ich denk', so ein Liebster, der wär mir zu flott, Einen andern muß man sich erwählen, Es ist an Amanten führwahr keine Noth, Und ich denke, da kann es nicht fehlen. Kommt zum Exempel in ein Städtchen, Eine neue Garnison — Macht' der Soldat dem hübschen Mädchen, Seine Erklärung im feschesten Ton — „Schönes Kind, holdes Kind, ich bin Dir gut, Ich schwör'S bei meinem Federhut, Ich schwör'S bei meinem Säbel gut, Mit frischem kecken Muth — ^ Wo ich sei, ewig treu will ich bleiben Dir, ^ Marschiren wir auch fort von hier, ^lnd bin ich dann ein Offizier, 32 Ja dann heiraten wir. WerS glaubt! Sie lauscht, sie schweigt, es ist ihr so kurios — Er g'fällt ihr, die Uniform, sie sitzt ihm so famos — Erstürmt wird das Herzerl, da gibt es kein Pardon - Es ziehen die Krieger mit Trommelschlag davon - Doch ach, ein andres Städtchen, Wohl auch ein andres Mädchen, Das ist das End vom Lied - Drum könnt' der Soldat wohl mein Liebster nicht sein, Einen andern muß mau sich erwählen, Die Zahl der Amanten ist wahrlich nicht klein, Und ich denke, da kann es nicht fehlen. 3. Kommt ein Beamter, still und schüchtern, 300 fl. hat er Gehalt. Ist ihm der Magen noch so nüchtern, Fühlt doch sein Herz auch der Lieb' Gewalt — Er spricht: „Mein Fräulein, Sie sind mir theuer in der That, Ach ich liebe Sie so sehr — In 30 Jahren vielleicht, Bin ich Rechnungsrath — Dann Heirat' ich Sie auf Ehr! Schöne Aussicht. Ach ja, spricht sie, ich warte halt, Bin ja erst 20 Jahre alt — Na, da müßt' ich bitten, das wär nicht mein Mann — Einen andern rc. rc. sDann ab). Zehnte Scene. M in N a svon der Mitte). Nun, endlich ist das schnippische Fräulein auch gegangen. sRichtet das Kaffeegeschirr zusammen.) Ich möcht' nur wissen, was die zwei Beamtenstöchter bei uns wollten! Eitfte Scene. Minna, Leopold, Schwalb ach. Leopold. Ich danke Ihnen, Herr Schwalbach, daß Sie so bald Wort gehalten. Schwalbach seinfach, spießbürgerlich). Ich halte immer Wort, auf die Minute. Leopold. Gewiß! Ihre Pünklichkeit ist sprichwörtlich; Minna, hole meinen Vater, sage, Herr von Schwalbach sei da! Minna sbei sich). Wer ist denn das? Den kenn' ich gar nicht. ^Rechts ab.) Leopold. Herr von Schwalbach! Schwalbach. Lassen Sie das Herr von — ich verabscheue Titel, die mir nicht zukommen. Leopold. Fräulein Emilie befindet sich doch wohl? Schwalbach. Ja! Leopold. Ich liebe sie so innig, oh, wenn Sie meiner Sehnsucht nur bald ein Ziel setzen wollten. Schwalbach stracken) Das wird von Umständen abhängen. Leopold. Hier ist mein Vater! Zwölfte Scene. Vorige. Weigel. Minna sv.rechts). Weigel ssehr modern). Oh, mein Werthester Freund, ssrviteur, M 1'Iion- N6ur, Hab die Ehr'. Schwalbach. Diener, Herr Weigel! Weigel. Was darf ich Ihnen vorsetzen? Schwalbach. Wie? Weigel. Wir müssen ein Glas Wein zusammen trinken, vielleicht ein Ollateauäerl, direkte aus Lafitte. Schwalbach. Danke. Weigel. Oder Champagner, Rüderer oarts pantseli — trinken wir nur eine Flasche Rüderer, brauchen sich gar nicht 33 zu geuiren, kostet jetzt fünf Gulden, aber das macht nichts, liegt bei mir im Keller, ich halt' was auf ein gutes Weiuderl und bezieh' Alles direct vom Weinhandler. Sch walbach. Danke, ich trinke keinen Wein! Weigel. Ach schade! Sch walbach. Ich setze voraus, daß Ihnen der Zweck meines Besuches bekannt ist. Weigel. O gewiß! Minna geh! Minna (bei sichs. Ich höre wieder Nichts! Es ist abscheulich. (Mit dem Kaffeegeschirre ab.s Dreizehnte Scene. Porige ohne Minna. Leopold. Bielleicht ist es Ihnen erwünscht, Herr von Schwalbach, mit meinem Pater allein zu sprechen? Soll ich mich entfernen? Schwalbach. Nein, das was ich Ihrem Herrn Pater zu sagen habe, geht ja Sie am meisten au. Weigel. Sehr richtig. (Schwalbach eine Cigarre präsentireuds. Cigarre gefällig ? Echt importirt 180 Thaler ohne Zoll, den Zoll rauch' ich extra! Schwalbach. Danke, ich bin kein Raucher. Weigel. Auch nit! Aber essen thun Sie doch? Vielleicht ein Caviar-Semmerl mit Lachs, oder so etwas! Schwalbach. Bitte, kommen wir zur Sache, meine Zeit ist gemessen! Leopold (schiebt Schwalbach einen Stuhl hin, dieser setzt sich und dankt Leopold mit einer leichten Kopfbewegungj. Schwalbach. Ihr Herr Sohn hat um die Hand meiner Tochter Emilie augehalten. Dieser Antrag kam mir nicht unerwartet, denn meine Tochter hatte mir schon vorher erklärt, daß sie in einer Verbin- Theater-Nepertoir 303. düng mit Ihrem Sohn das Glück ihres Lebens sehen würde. Weigel (hat sich ebenfalls einen Stuhl genommen und dicht neben Schwalbach gesetzt. Leises. Das kann ich mir lebhaft vorstellen. Ich soll es zwar in seiner Gegenwart nicht sagen, aber es ist ein ausgezeichneter Mensch. Leopold. Aber, Vater! Weigel. Das hast Du gehört. (Zu Schwalbach.j Was sagen Sie zu den Ohren? Schwalbach. Sie können sich wohl denken, daß ich als vorsichtiger Geschäftsmann und gewissenhafter Vater vorher Erkundigungen einziehen mußte, ehe ich mein Jawort gab. Weigel. Und deßhalb kommen Sie zu mir? Das ist vernünftig. Da sind Sie an der richtigen Quelle! Schwalbach. Ich habe mir erlaubt, auch anderweitig Erkundigungen einzu- ziehen, und ich muß offen gestehen, das, was ich über Ihren Herrn Sohn erfahren habe, ist nicht gerade das Vorteilhafteste. Leopold. Wie?!!! Weigel. Verläumduug! Es hat ihn Einer augeschwärzt. Schwalbach. Ich pritfe zu genau, als daß man Jemand bei mir anschwärzen könnte; ich lasse mir auch ebenso wenig etwas weiß machen, und wenn Ihr Herr Sohn von Ihren glänzenden Vermögensverhältnissen erzählt hat, — Weigel. Das ist richtig, das Vermögen iS da! (Wirft sich stolz im Sessel zurück.s Schwalbach. Sie täuschen sich vielleicht hierüber selbst, Herr Weigel. Aber gleichviel, ich lege keinen allzugroßen Werth ans die Vermögensumstände meines zukünftigen Schwiegersohnes. Weigel (Schwalbach vertraulich auf die Knie klopfends. Es ist ja auch Nebensache, wenn Einer so viel Geld hat wie Sie. 3 34 Schwalb ach. Sie vermachen also, daß ich reich bin. Weigel. Kleiner Schäcker! Als ob mir das mein Leopold nicht gleich gesagt hätte. Schwalb ach. So; Leopold (bei Seite). Er wird noch Alles verderben. Schwalb ach. Nun, Herr Leopold hat ganz Recht, wenn er in meiner Tochter eine reiche Erbin sieht, die — Leopold. Herr Schwalbach, Sie werden mir hoffentlich glauben, wenn ich versichere, daß nicht dieser Umstand — Schwalbach. Bitte, unterbrechen Sie mich nicht. Weigel. Es ist ja wahr, was redest Du da drein? Wir sind grad im besten Zug. Schwalbach. Vor allen Dingen bestimmt die Moral, die Ehrenhaftigkeit des Charakters den Werth eines Mannes! Weigel. So is es, und mein Leopold is ein Muster — Schwalbach. Ich muß leider widersprechen, aber wenn Ihr Herr Sohn ein etwas leichtes, sogar frivoles Leben führt, so trifft die Schuld dafür zum Theil auch Sie, Herr Weigel. Weigel (erstaunt). Mich? Schwalbach (lächelnd). Ja! Sie! Sie sein, wenn auch vielleicht nur aus übergroßer Zärtlichkeit und Liebe, zu nachsichtig, zu vertrauensvoll gewesen; ein Vater hat ernste, strenge Pflichten für die Erziehung seiner Kinder. Weigel. Ich habe auch alles Mögliche gethan. Schwalbach. Aber doch wohl umsonst ! Weigel. Im Gegentheil, es hat mir a Massa Geld kost. Aber das schadt nix, und wenn es noch mehr kostet, ich gebe Alles für meinen Leopold, und wenn ich als Bettler sterben soll. Schwalbach. Als Bettler sterben wäre noch nicht das Schlimmste, wenn Sie nur nicht als Bettler leben müssen! (Aufstehend.) Doch kommen wir zum Ziele. Ich will glauben, daß aufrichtige Liebe einen jungen Mann, selbst wenn er bis Dato ein sehr leichtsinniges Leben geführt hat, zur Umkehr, zu ernsten, soliden Gedanken kräftigen kann, auch dem Herzenswunsch meines einzigen Kindes keinen starren Eigensinn entgegensetzen — Weigel. Das wäre auch gemein. Schwalbach. Aber erst muß ich Überzeugtsein, daß die Liebe Ihres Sohnes zu meinem Kinde eine wirklich aufrichtige ist, und daß sie ihn anspornt, ein neues Leben zu beginnen, sich eine Stellung zu erringen. Weigel. O, mein Leopold hat sehr gute Aussichten. Schwalbach. Für gute Aussichten, mein lieber Herr Weigel, braucht man ein Perspektiv, aber keine Frau. Ich verlange Beweise, Thatsachen. Und bis dahin muß ich, so leid es mir auch meiner Tochter wegen thut, - Nein sagen. Leopold. Das heißt? Schwalbach. Das heißt, junger Mann, ich erlaube Ihnen, um meine Emilie zu werben, oder besser, sie sich. zu erwerben. — Versuchen Sie es, ich will sie gern dabei unterstützen, Adieu! (Weigel die Hand reichend.) Mein lieber Herr Weigel — Weigel. Alles in schönster Ordnung, wir sind einig. Ob das ein paar Wochen länger dauert, d'rauf kommts ja nicht an, es war mir sehr angenehm, ich werde Sie Hinausgeläut — gelitten. Schwalbach. Sie sind zu freundlich. Weigel. Bitte, bitte! (Geleitet ihn unter vielen Lomplimenten zur Mittelthttre hinaus und folgt Schwalbach). Vierzehnte Scene. Leopold (allein). (Erregt auf und abgehend.) Ist das nicht zum Tottwerden! Auch dieser letzte 35 Rettungsanker soll reißen? Nein! Dreitausendmal, nein! Emilie liebt mich, sie liebt mich leidenschaftlich — vielleicht könnte man sie überreden? Ja, das muß glücken. Was der Alte mir nicht freiwillig geben will, das werde ich ihm ab trotzen. Es soll mir ein ganz besonderes Vergnügen sein — mich für diese Stunde zu revangiren! hahaha! Fünfzehnte Scene. Leopold. Mie lisch. Mielisch (ein verkommenes Subjekt mit heuchlerisch kriechender Unterwürfigkeit). Es freut mich ganz ausnehmend, Sie bei so guter Laune anzutreffen. Leopold (barsch). Was wollen Sie? Mielisch. Es ist die Stunde, wo ich Ihrem Herrn Vater die Zeitung vorzulesen habe. Leopold. Mein Vater wird gleich hier sein! Will gehen.) Mie lisch (ihm den Weg vertretend). Ihrer guten Empfehlung verdanke ich diese angenehme Stellung. Leopold. Schon gut, ich verlauge keinen Dank. Mie lisch. Und ich möchte doch gerade, daß Sie mich zu Dank verpflichten. Leopold (stutzend). Was heißt das? Mielisch. Ich bitte um 500 fl. Leopold. Sind sie toll? Mielisch. Beinahe scheint es so, denn ich sehe immerwährend die Polizei hinter mir. Jeden Augenblick fürchte ich eine schwere Hand auf meiner Schulter lasten zu fühlen, welche mir in die Ohren schreit: Im Namen des Gesetzes! Ich möchte diesem unheimlichen Gedanken gerne entfliehen, aber wohin soll mau seine Flucht lenken, wenn man kein Geld hat? Ich bitte daher um 500 fl. Leopold. Lassen Sie mich in Ruhe, ich habe selber kein Geld! Mielisch. O, das ist schlimm — dann weiß ich meinem bedrängten Gewissen nicht anders Ruhe zu schaffen, als daß ich durch Ihre leider so verführerische Ueberredungskunst zum Mitschuldigen einer Fälschung geworden bin und Ihren liebenswürdigen guten Herrn Vater, welcher im Lesen und Schreiben etwas hinter den Anforderungen der Zeit zurückgeblieben ist, veranlaßt habe, seinen Namen, seinen ehrlichen Namen, anstatt, wie er glaubte, unter einen Brief, auf einen Wechsel zu setzen. O, wer weiß, mit welcher Summe Sie dieses Acceptchen ausgesüllt haben. Leopold. Ich habe den Wechsel gar nicht benützt, ich habe ihn zerrissen. Mielisch. Das ist hübsch von Ihnen. Aber mein Gewissen läßt mir doch keine Ruhe, — ich werde Ihrem Herrn Vater Alles gestehen! Leopold. Auch das noch! (Laut.) Mielisch, Sie sind ein Schurke. Sie sollen die 500 fl. haben. Mielisch. Wann? Leopold. Morgen. Mielisch. Dann werde ich den Druck meines Gewissens noch einen Tag zu ertragen suchen. Leopold (bei Seite). Jetzt bleibt mir keine Wahl mehr. — Schnell zu Emilien! (Will durch die Mitte ab und stößt auf Weigel.) Sechzehnte Scene. Vorige. Weigel. Weigel. Hopsa! A, Leopold, Du, so hör' doch! Dein Schwiegervater- gefällt mir recht gut. Ich ihm auch, natürlich. Wir wer'n uns öfter besuchen. Heut' treffen wir uns beim Tauber. Du kommst doch auch? Leopold. Ja gewiß, aber jetzt laß' mich, ich habe Eile! (Mitte ab.) 3 * 36 Siebzehnte Scene. Borige, ohne Leopold. Weigel. Ah, Mielisch, da sind Sie ja nun? Mielisch. Alles bestens besorgt. Weigel. Sie haben also das Geld? Mielisch (überreicht Weigel ein geschlossenes Couverts. Wohlgezählte 2000 st. Die Abrechnung vom Banquier liegt bei. Weigel. 2000 fl.? Da verliere ich ja beinahe die Hälfte. — (Sieht das Cou- vert flüchtig durch, steckt es dann zu sich.) Mielisch. Es ist traurig, aber wer verliert heut' zu Tage nicht? (Die Zeitung nehmend.) Soll ich Ihnen die Börsennachrichten vorlesen? Weigel. Börsenachrichten und das neueste Politische. Ich komme heut' ausnahmsweise in gebildete Gesellschaft, sehr gebildete, wo viel von Politik gesprochen wird — man muß da mitreden können. (Setzt sich links). Mielisch. Gewiß. (Bei Seite.) Es kitzelt mich, den alten Schwachkopf einmal ordentlich anzuführen. Warum auch nicht, da ich morgen schon auf der Reise bin. Weigel. Na, also, was gibt's denn Interessantes? Aber warten Sie ein Bissel! (Setzt seine Augengläser aus.) So, jetzt lesen Sie! Mielisch (scheinbar in der Zeitung lesend). Die Reise des Papstes nach Berlin ist nunmehr beschlossene Sache; kio Nouo wird am 13. künftigen Monats dort eintreffe n. Weigel. Was? Der Papst geht nach Berlin? Mielisch. Wissen Sie denn das nicht ? Sie waren gestern sehr beschäftigt, als ich kam, Sie wollten die Zeitung selb erlesen. Weigel. Richtig, ich erinnere mich, es stand gestern schon was drin! Also der Papst geht nach Berlin! Mielisch. Es werden dort schon große Vorbereitungen getroffen. Weigel. Ah! Das hätte ich aber nicht geglaubt! Soust uoch was Interessantes? Mielisch. Nicht viel, außer der Geschichte mit dem alten Holl! Weigel. Was ist's mit dem alten Holl? Mielisch (liest). Es bestätigt sich, daß Herr von Holl die auf ihn gefallene Wahl angenommen hat. Weigel. In den Reichsrath? Mielisch. Aber Herr von Weigel, Sie wissen ja gar nichts! Die Chinesen wollen einen neuen Kaiser haben. Weigel. Was? Der alte Holl soll — Mielisch. Kaiser von China werden- Weigel (rutscht vom Stuhle auf die Erde). Ah, da legst Dich nieder! Mielisch (eilt zu ihm, ihm aufhelfend). Haben Sie sich ein Leid gethan? Weigel. Nein! Aber der alte Holl hätt' mir bald leid gethan! Na, für heut' Hab' ich g'nug mit der Politik. Mielisch. Haben Sie heut' sonst noch was für mich zu thun? Vielleicht Briefe schreiben? Weigel. Sehens dort einmal den Pack Rechnungen durch, und machenS mir dann einen Auszug, aber schreiben« deutlich, damit ich'S lesen kann. Mielisch. Sehr wohl, Herr Weigel. (Ab.) Weigel. Was man da Alles aus der Zeitung erfährt. Der alte Holl, — Kaiser von China. Wird er's annehmen? Der Kaiser von China soll ein ganz gutes Einkommen haben, und hier in Wien wird's so alle Tage theurer! Nein, diese diplomatischen Verwicklungen. Na ja, man muß das nur so recht verstehen! Wer selber sowie ich ein halbeter Diplomat ist — für den ist das nicht schwer. 37 Couplet. 1 . Der Pitt, der Fox, der Palmerston, Der Talleyrand zur Zeit, Der Kaunitz, der Napoleon, Das war'n gar g'scheidte Leut — Schlau die Gedanken zu verberg'n, Man d' Sprach erfunden hat — (Wer selbst noch nie is ang'schmirt wor'n, Das ist kein Diplomat.) 2. Für d' Lebensmitteln war'n so hoch — Die Preise gar noch nie — D' Fleischhacker sag'n, es geht halt nit, Zn theuer is d'Regie - D'rum wird auch s' Fleisch nit billiger, Wie 's Publikum begehrt — (Wer selber unter'm Rindvieh is Der kennt auch seinen Werth.) 3 . Ein Herr, der auf sein' ganzen Kopf Kein Haarl Haar mehr hat, Der lest' in einer Zeitung von lamio eliinin Pomad — Er stürzt zum Parfümeur in's G'wölb. Schaut ihn an, verwundert sich. — (Schmiert Der sich denn nit selber ein, Der is so kahl, wie ich.) 4 . Die Gäste klagen allgemein, In d' Wirthshäuser mit Recht. Die Preis' für's Essen sein enorm, Und doch is meistens schlecht. Doch schaut man h'rum, hat jeder Wirth A Bäucherl rund und nett. (Ja, wann der's Bratl selber frißt, Da wer'n die Gäst nit fett.) 5 . Die oriental'sch e Frage wird Nit g'löst, das hat man weg — Die Türken Ihnen selber nix — Es geht halt nit vom Fleck. Sie warten, bis das Fatum tragt Die Tauben in ihr Maul. (Wem selbst bescheert ein Türkenlos, Der weiß es, sie sind faul.) (Dann ab.) inertes Bild. (Hotel Tauber. Saal beleuchtet, geordnete Tische.) Erste Scene. Willner. Natalie. Marie. Anna. Emma. Mehlmeyer. Rudolf. Clara ssitzen am Tische vorne rechts.) Schmidt (Tisch links.) Kellner. Gäste. Rudolf. Kellner, bringen Sie noch Bier! Clara. Rudolf, Du trinkst zuviel. Du kannst das nicht vertragen. Rudolf. Ah was, heut', wo uns der Herr Rath die Ehre erweist, mit uns ein Krügel Bier zu trinken, soll ich auf jeden Schluck achten? Nein, heut' wird über d' Schnur g'haut! Willner. Ja, Freund Starke, heut' ist's egal, ob ein Glas zu viel wird oder nicht. Mein' Alte hat mir für alle Fälle bereits ein Ablaß ertheilt. Natalie. Trinke nicht zu viel, lieber Mann, bedenke, daß wir uns in einem öffentlichen Lokale befinden, und wenn Du einen Spitz hast, dann weinst Du immer. Willner. Hahaha! Einstweilen aber lache ich noch, und bin sehr vergnügt, folglich vertrag' ich noch was. Kellner! 38 Rudolf. Ein Glas Bier, aber frisch! Willner. Mir auch! Rudolf. Na, und Sie Fritz? Mehlmetzer spricht mit Emma, indem er sie mit dem linken Arm umschlungen hält, während die rechte Hand unwillkürlich auf Anna'S Schultern trommelt). Dudiedldidum! Rudolf. He! Mehlmetzer! Sie fan- tasiren wohl wieder einmal miteinander! Mehlmeyer. Ach, laßt uns in Ruhe! Wir haben sehr wichtige Dinge im Kopfe. Nicht wahr, Emma? Emma. Wir beschäftigen uns mit einer sehr reelen Frage, nämlich, wie viel Geld wir zum Heiraten brauchen. Rudolf. Keinen Kreuzer, wenn Ihr Euch liebt. Nicht wahr, Clara ! szärtlich.) Dann gehts auch so. sUmarmt und küßt sie.) Alle. Bravo! Clara. Aber, Rudolf, mir scheint, du hast schon zu viel getrunken. Rudolf. Weil ich Dich küsse? Schlechtes Weib, Du! Bin ich etwa weniger zärtlich, wenn ich nüchtern bin? Willner. Es ist wahr, Ihr lebt wie die Turteltauben miteinander. sWei- nerlich.) Das rührt mich tief! sStreckt die Arme nach Clara aus.) Natalie, wo bist Du denn? Natalie. Aber, Karl, Du machst uns Schande, alle Leute blicken schon auf Dich! Zweite Scene. Vorige. Sandor, Minna. S a n d o r fan einen Tisch, Mitte). He! Kellner! Jean skommt). Befehlen? Sandor. Kennen Sie Koch Ujfalvi, was macht hier Gultzas, Perkelt, Pa- prikaschnitzl und ungarisches Rephuhn? Jean. Bitte sehr, natürlich! Sandor. Dann sagen Sie ihm, daß sein Freund Sandor da is, mit Braut! Jean. Große oder kleine Portion? Sandor. Wird Ihnen schon sagen, mein Freund Ujfalvi! Jean. Sonderbar! Aber was liegt daran, ich laß' halt auftrag'n. sAb.) Clara shat Minna beobachtet). Nein, ich täusche mich nicht. sGeht zu ihr) Minna! Minna sfreudig). Ah, mein gutes Fräulein Clara, d. h. Frau von Starke. Wie gehts Ihnen denn? Gut, nicht wahr ? Mir auch, das ist mein Bräutigam! Sandor ssteht auf, salutirt). Clara sdaukend). Freut mich! shalb leise, erregt.) Du bist doch noch beim Vater? Minna. Gewiß! Clara. Wie geht es ihm, ist er gesund ? Minna. Und ob! Clara. Und mein — mein Bruder? Minna. Oh, der ist immer lustig! Clara. Und spricht mein Vater zuweilen von mir? Minna. Von Ihnen? Wann ich aufrichtig sein— soll. Nein; ich hab's ein einzigsmal versucht, da is er aber fuchsteufelswild worn, Sie Wissens ja — sdeutet auf Starke). Clara sseufzt tief). Ach ja! Rudolf. Clara, wo steckst Du? Clara siegt, gegen Minna gewendet, den Finger auf den Mund und tritt zum Tisch zurück). Da bin ich schon. Rudolf. War das nicht Minna? Clara, ich will nicht hoffen, daß Du Dich mit denen einlaßt. sDrohend.) Du kennst mich! In dem Punkte laß' ich nicht mit mir spaßen. Marie. Was habt Ihr denn? Clara. O nichts, nichts! Dritte Scene. Vorige. Weigel sdurch die Mitte). Weigel. Der alte Schwalbach is noch nit da, wo soll ich mich hinsetzen? 39 Jean. Vielleicht hier gefällig? Weigel. Na, wegen meiner. Von da aus Hab' ich auch immer die Thür im Aug'! Sapperlot, da is ja die Minna. Minna. Guten Abend, gnädiger Herr! Weigel. Was machst denn Du da? Minna. Sie haben mir ja erlaubt auszugehen. Weigel. Aber grad daher! Minna. Es ist das feinste Local. Wei g e l So, (bei Seite). Recht schön! Da komm' ich ja in eine recht passende Gesellschaft. Jean. Befehlen! Weigel. Vor Allem a Bier! Clara (sieht Weigel). Mein Gott! Alle (am rechten Tisch). Was gibt's denn? Was ist geschehn!? Clara. Rudolf, ich bitt' Dich. (Starr nach ihrem Vater blickend ; zu Rudolf.) Dort, sieh' hin! Rudolf (Weigel bemerkend). Na, was gibts denn dort, ein neuer Gast, den wir beide, (hart) hörst Du, Clara, den wir beide nicht kennen. Das ist Alles! Wir sind hier in einem öffentlichen Locale, in dem man sichs gefallen lassen muß, mit Gott weiß wem zusammen zu treffen. Aber Ruh soll man uns lassen, (springt auf und droht mit der Faust.) sonst - Clara (erfaßt Rudolfs Hand und blickt ihn bittend an, worauf er sich wieder setzt). Weigel (hat bei Rudolfs letzten Worten hinüber gesehen). Da ist ja meine — Alle Hagel, da sitzen sie ja alle beisammen, wo bin ich ich denn da hingerathen? Soll ich gehen? Nein, pfui, Alter, das wäre feig, ich bleib'. (Setzt sich wieder nieder.) Willner. Wir waren so vergnügt, und jetzt auf einmal, (weinend) das verstimmt mich. Mehlmeher (aufspringend, will zu Weigel.) Rudolf. Was wollen Sie dort? Mehlmeyer. Er ist mir noch 5 fl. schuldig, seit zwei Jahren! Rudolf. Er— Ihnen — unmöglich! Mehlmeyer. Gewiß, ich Hab' sie mir wollen ausborgen, dann kam's aber nicht mehr dazu, und so Hab' ich bis Heute mein Geld noch nicht. Rudolf (strenge). Bleiben Sie hier, oder wenn Sie hingehen, dann bleiben Sie dort! Mehlmeyer. So, da bleib' ich doch lieber hier, Trallala rc. (Setzt sich.) Weigel. Ich schau nit hin, aber i spür's, daß mich Alle anschau'n, wenn ich mich nur verstecken könnt', ach, die Zeitung. (Nimmt sie Schmidt weg.) Nicht wahr, Sie erlauben! Schmidt (der geschlafen, erwacht, reibt sich die Augen). Was fällt Ihnen denn ein, sehen Sie denn nicht, daß ich die Zeitung lese? Weigel. Sie schlafen ja! Schmidt. Dann warten Sie, bis ich ausgeschlafen habe. (Nimmt ihm die Zeitung wieder weg.) Clara. Rudolf, laß' uns nach Hause gehen! Rudolf. Weßhalb? Ich unterhalte mich vortrefflich. sAbsichtlich laut.) Ich verzehre hier mein Geld, das ich mir durch meine Arbeit verdiene. Ich kann jedem Menschen frei in's Auge sehn! (Trinkt.) Noch ein Glas Bier! Weigel. Der Kerl will mich ärgern, — Mein Herr! (Zu Schmidt.) Was halten Sie vom Papst? Der geht jetzt nach Berlin! Schmidt. Was? Weigel. Und dann vom alten Holl ! Der soll Kaiser von China werden? Schmidt. Hm! Weigel. Freilich, da ftehts ja, gleich da. Schmidt. Das ist ja die Lotterieliste! Weigel. Na, so stehtS unten, lesen'S nur! Schmidt (springt auf . Es is schon richtig, bei dem is 's nit richtig. Das is a Narr! Kellner zahl'n! Das is a Narr-! (Rasch ab.) 40 Weigel. So, nun ist der Tisch leer! Wenn nur der alte Schwalbach bald käme. Sandor. Kellner! Jean. Befehlen! Sandor. Warum bringen Sie denn das Essen nicht? Jean. Sie haben ja noch nichts bestellt. Sandor. Ich habe Ihnen doch gesagt, sie sollen zu Koch Ujfalvi gehen. Kellne r. Wenn Sie etwas wollen, müssen Sie es bei mir bestellen. Sandor (bestellt.) Kellner sab.) Vierte Scene. Vorige. Schwalbach. Schwalbach. Ah, da sind Sie ja! Weigel ssehr erfreut). Nun also, da sind Sie ja, und ganz außer Athem, warum sind denn so gelaufen? Schwalbach. Mein Herr! (Gäste werden aufmerksam.) Weigel fbietet ihm einen Stuhl an). Schnaufend Ihnen nur erst a Bissel aus! Schwalbach. Ihr Sohn ist ein niederträchtiger Bube! Weigel (laßt den Stuhl fallen). Was sagen Sie? Clara. Leopold! Rudolf. Sitzen bleiben! Schwalbach. Wissen Sie, was der Taugenichts gethan hat? Er hat meine Tochter beredet, mich zu bestehlen, er wollte sie entführen. Aber auch sie hat er betrogen, denn er hat es vorgezogen, sich allein aus dem Staube zu machen. Aber die 2000 fl. welche sie mir entwendet, die hat er mitgenommen. Ihr Sohn Leopold ist ein Dieb. Weigel. Herr! fErgreift das Glas mit einer Bewegung, fetzt es langsam an den Mund. Pause.) Weigel fbesinnt sich, zwingt sich gewaltsam zum Lachen.) Rudolf. A bah! Was weiter! Der junge Herr hat sich in der Eile vergriffen und statt des Mädchens das Geld erwischt. Clara fvorwurfsvoll). Rudolf! Weigel. Herr Schwalbach! sSich gewaltsam zur Ruhe zwingend.) Ich sollt' recht bös sein, daß Sie so schlecht von meinem Leopold denken. Er hat wohl die Absicht gehabt, Emilie zu entführen, weil sie heute Früh so grausam mit ihm waren, aber er dachte, es würde Ihnen unangenehm sein, d'rnm hat cr's gelassen. Schwalbach. Er ist aber fort. Weigel. Eine kleine Geschäftsreise. Schwalbach. So? Und mein Geld, meine 2000 Gulden? Weigel. Die hat er mir für Sie übergeben, da sind sie. (Gibt ihm Mielisch's Geld, bei Seite). Das ist das Letzte! Rudolf. Ich wett', der Alte lügt! Schwalbach (steckt das Geld ein). Es mag gut sein so, Sie werden aber begreifen, mein Herr, daß wir von nun an geschiedene Leute sind. Leben Sie wohl! (Ab.) Melodram. Weigel sschwankt). Ich weiß nit, mir is so, (hält sich an die Lehne). Clara (wankt). Mein Vater! Rudolf shält sie zurück) Du hast keinen Vater mehr, Du gehörst zu Deinem Mann! (Gruppe.) Weigel (sich gewaltsam aufrichtend). Was wollts denn? Laßt mich, mir ist nichts, — gar nichts — ssingt). Meine einz'ge Passion is, sbricht zusammen, von Minna und Sandor unterstützt, wankt er ab) sGruppe.) Per Vorhang fällt. Dritter Akt. Fünftes Bild. Eine Dachstube mit einer Eingaugsthüre und einem Fenster. Aeußerst armselige Einrichtung, nur das Nothwcndigste. Eine alte Bettstelle mit einem Strohsack und einer wollenen Decke im Hintergründe, daneben ein halbzerbrochener Stuhl; seitwärts links ein Schustertisch mit den dazu gehörigen Gerätschaften und ein Schemmel daneben. An einem Nagel an der Wand hängt ein alter Rock und eine Mütze. Erste Scene. Weigel. Emma Hinter der Scene). Nr. 11. Duett. Weigel. Die muntere Lerche da unten im Haus is a wahrer Schatz. Wenn ich so spät in die Nacht hinein gearbeitet Hab' und Früh nit aus den Federn will, wenn ich Federn sag', so mein' ich natürlich Strohsack! Dann weckt mich immer das lustige Zwitschern meiner Lerche und erinnert mich, daß Zeit is, an die Arbeit zu gehen. Dicß- mal heißt's, sich's tummeln, denn übermorgen is schon der Erste, und mir fehlen noch 80 kr. auf die fünf Gulden. Der David iS doch ein guter Kerl, daß er sich mit fünf Gulden monatlich begnügt. Freilich, wenn ich gesagt hält', es is net meine Unterschrift, der Wechsel iS g'fälscht — pfui, Gottlieb, Du wärst im Stande, Dein eigen Fleisch und Blut in's Criminal zu bringen. Du bist ein ganz gemeiner Kerl! Pfui Tenpel! (Pause.) (Lächelnd.) Aber warum ich auf mich schimpf', ich thu's ja doch nicht. (An den Fingern rechnend). )500 st. habe ich für meine Möbel und für meinen andern Plunder kriegt. Fünf Jahr, in jedem Monat fünf Gulden, macht 300 Gulden, also fehlen blos noch 200 Gulden. Sind die abg'arbeit, dann bin ich bereit zum Abrutschen. Wann mich der liebe Herrgott ruft, leg' ich mein' Leisten und mein Leder hin, und fahre beruhigt als ehrlicher Kerl in die Grube. Bis dahin heißt's aber, darauf los arbeiten. Wenn der Mensch noch so ehrlich ist, und er hat kein ehrlichen Namen, so is er ein Lump! Und das soll mir Keiner nachsagen. lArbeitet ruhig weiter.) Zinnie Scene. Weigel. Minna. Minna. (Mitte, mit einem Korbe am Arm). Guten Morgen, Herr Weigel. Na, schon wieder bei der Arbeit? 42 Weigel. Muß sein, Minna, und deshalb nimmst Du mir's auch nit übel, wann ich mich nit stören laß', nit wahr? Nimm Dir doch den Fauteuil her und setz' Dich zu mir, dann können wir zur Arbeit plaudern. Minna sthm es). Wenn's erlaub'», Herr Weigl, so bin ich halt so frei. Weigel. Na, Minnerl, was macht denn Dein Auskocher-G'schüft, geht's gut? Minn a. Dank' der Nachfrag! besser als ich's erwart Hab! Wir haben jetzt auch für unsere Gäst' ein Mittagstisch eingerichtet. Weigel. So, wer kommt denn da zu Euch? Minna. Na, ein paar arme Studenten, Comfortable-Kutscher, ehemalige Bankvirektoren, kurz Alles durcheinander. Weigel. Rentirt sich's denn? Minna. Man verdient g'rad' nit viel, aber 's Lokal wird populär. Weigel. Und Dein Mann, Deine Kinder? Minna. Alles g'sund, Gott sei Dank. Weigel. Das is die Hauptsache. Minna (verlegen). Herr Weigel, ich hält' a schöne Bitt' an Ihnen. Weigel. Nur zu, Du wirst Dich doch nicht geniren. Minna. Ich Hab' nämlich heut' fttr'n Mittagstisch ein Gansl braten. Nun will man doch ganz sicher sein, ob man bei die Gäst' keine Schand einlegt; d'rum möcht' ich wohl ein sachverständiges Urtheil hören. Sie sind doch Kenner, wenigstens von früher (rasch). Wollen Sie die Gans nit pro- biren? (Holt aus dem Korbe eine Gänsekeule und präsentirt sie Weigel. Weigel (schielt nach der Gänsekeule und athmet wollüstig den Duft ein). Hm! Ah! Dein Vertrauen schmeichelt mir sehr, und wenn Du wirklich meinst, daß mein Urtheil maßgebend is. Minn a. Gewiß, Herr Weigel, gewiß! Weigel. Dann halte ich es für meine Pflicht (greift nach derselben und beißt hinein). Weißt Du, daß ich keine Gans mehr zu sehen kriegt Hab', seitdem Du von mir fort bist? M inna (seufzend). Ja, ja, die Zeiten haben sich geändert. Weigel. Na und ob! Früher z. B. war mir meine silberne Uhr nit genug, und ich ließ sie vergolden; nachher mußt' ich die goldene Uhr wieder versilbern. Minn a. Aber a bissel besser könnten Sie 's schon haben, Herr Weigel, wenn Sie nur wollten. Weigel. Wie meinst Du das? Minna. Erstens haben wir Sie doch so oft gebeten, bei uns zu essen, wenigstens am Sonntag. Weigel. Du weißt, ich geh' nicht gern unter Menschen, und dann habe ich auch gar keine Zeit, viel auszugehen, ich muß arbeiten. Minna. Sie müssen sich aber doch auch Ruh' gönnen und a Biss'l Zerstreuung, das sind Sie sich schuldig. Weigel (halb für sich). Wenn ich sonst Keinem was schuldig wär' als mir, dann ging's schon, aber so. Minna. Und wenn Sie auch nit zu uns kommen wollen, es leben doch andere Leute, die Ihnen näher stehen, ganz nahe, Ihre — Weigel (hat während Minna's Worten immer heftiger auf die Sohlen geklopft und zwar absichtlich, um ihre Stimme zu übertönen. Er steht jetzt auf.) So, die Sohlen sind jetzt fertig. Minna (ebenfalls aufstchend, bei Seite). Davon will er nicht hören, der alte Trotzkopf. Weigel. Minna, Du hast mich doch nicht verrathen? Minna. Herr Weigel, ich Hab' Ihnen versprochen, zu schweigen, und ich werd' mein Versprechen halten. Weigel. Dann ist's gut. Jetzt kommen die Stiefletten von Fräulein 43 Laura, die im ersten Stock wohnt. (Nimmt einen Damenstiefel und setzt sich wieder an die Arbeit.) Minna. Wenn Sie doch wenigstens etwas mehr für Ihre Gesundheit thun wollten, Herr Weigel. Weigel. Mir fehlt nichts, i bin ganz g'sund! Minna (nimmt eine Flasche Wein aus dem Korbest Sehen Sie, hier wäre ein Flascherl Rothwein, den mein Sandor neulich abgezogen hat. Weigel. Wein? Wo denkst Du hin, das ist viel zu theuer für mich. Minna. Er ist ja nit so theuer, wir beziehen ihn ja billig aus Ungarn. Probieren Sie nur, ja? Weigel. Nein, Minna, ich will mich gar nit an spiritiöse Genüsse gewöhnen. Reines Wasser ist das Beste, dabei bleibt der Kopf klar. Minna (legt seufzend die Flasche wieder in den Korb.) Wenn Sie aber auch gar nix von mir annehmen wollen. Weigel (freundlichst Ach ja, Minnerl, sorg' nur für viel Arbeit, die nimm' ich immer an. Ich verlange ja nit, daß Ihr die neuen Stiefeln bei mir machen laßt, aber die Flickereien. Du hast mir jetzt lang nix bracht. Minna. O, ich will gleich zu. Haus nachseh'n, morgen komm' ich wieder. Weigel. Du willst schon gehen? Minna. ES ist Zeit, ich mnß in die Küche. Adieu. Herr Weigel! Weigel. Adieu, Minnerl! (Hält ihr die Hand hin.) Minna (verlegenst O! (Wischt ihre Hand an der Schürze abst Weigel (besieht seine schwarze Hand und sagt dann lächelndst Wisch' Drr'S nachher ab. Minna (schüttelt Weigel kräftig die Hand). Adieu! (Im Abgehen bei Seite.j Es iS doch ein Jammer einen reichen Mann zu sehen, der noch ärmer iS, als Unsereins. (Ab. Dritte Scene. Weigel (allein). Ein gutes Mädel, die Minnerl. Weiß recht gut, was sie mit die andern Leut' g'meint hat, die mir nahe steh'n. Aber ich will nit, ja, wann ich nit so runter gekommen wär', wenn ich sage runter gekommen, so meine ich eigentlich raufgekommen; denn früher Hab' ich Mezzanin gewohnt und jetzt wohn' ich Dachstube. Na, ich Hab' mich halt zu hoch verstiegen, ändern kann ich's nicht mehr, machen wir halt die doppelten Absätz' an die Stiefletten — arbeiten wir an der Fräulein Laura ihrer Größe weiter. (Arbeitet.) Vierte Scene. Weigel. Emma. Emma (in einfachem Kleide mit Schürze und Morgenhäubchen, tritt leise ein). Hier muß es sein. Richtig, da sitzt ja auch der Schuster. Es scheint ein ganz alter Mann zu sein. (Räuspert sich laut) Hm! hm! Weige l (aufblickend). Da is Jemand, i Fräulein Laura am Ende? Nein, die is es nit. Vielleicht eine neue Kundschaft. (Steht auf.) Sie wünschen, mein Fräulein? Emma. Ich bin verheiratet, mein ! Herw, wohne hier im Hause unter Ihnen ! und wollte Sie fragen, was — (bei Seite). Mir is doch, als hätte ich das Gesicht schon gesehen. Weigel. Nun was? Emma. Mein Mann ist ein bischen furchtsam, ich bin es vielleicht weniger, aber eS gruselt Einem doch, wenn man des Nachts, wenn Alles im Hause still ist, immerfort so ein einförmiges Geräusch hört. Es kommt von hier oben und darum wollt' ich mich erkundigen, was Sie des Nachts machen? 44 Weigel. Das is eine sonderbare Frag'! Ich arbeit'! Emma. Mitten in der Nacht? Weigel. Ja, der Tag hat blos 12 Stunden, das is zu wenig für ein' armen Flickschuster. (Aengstlich.) Aber Sie wollen sich doch nicht etwa beim Hausherrn beklagen? O, thun Sie das nit, er kündigt mir am Ende, und — Emma. Auch die Stimme kommt mir so bekannt vor. Mein Gott, Sie sind doch nicht? Entschuldigen Sie, es ist mir so, als hätten wir uns gekannt vor längeren Jahren. Mein Familienname ist Willner, Emma Willner. Weigel (erschrickt und wendet sich ab). Ach so! Emma. Und Sie? 9a, Sie sind es, Herr Weigel. Weigel (schweigt). Emma. Sie schweigen? Ich irre mich also? Weigel (finster). Nein, Sie irren sich nicht. Emma. Aber diese Veränderung, wie es hier aussieht?! Weig e l. Soll ich für meine Flickschustern vielleicht einen Laden am Graben aufmachen? Emma. Verzeihen Sie die Frage, es geht Ihnen wohl sehr schlecht? Weigel. Wenn es Ihnen Vergnügen macht, — 9a! Emma. Vergnügen? O, Sie glauben gar nicht, wie mich diese Entdeckung traurig macht. Es verstimmt mich, es schnürt mir die Kehle zu; ich werde keines meiner lustigen Lieder mehr singen können. Weigel. Wie? Dann sind Sie wohl die muntere Lerche, die jeden Morgen unter meinem Fenster zwitschert? Emma. Mein Gesang stört Sie? O, ich will von nun an still sein. Weigel. Im Gegentheil, ich wollte sogar den lustigen Fratzen einmal sehen, der so viel lustige Lieder kann. (Finster.) Also Sie sind's? ! Emma. Wenn Sie das gewußt > hätten, würden Sie wohl nicht den Wunsch gehabt haben, den lustigen Fratzen bei sich zu sehen. Das wollen Sie doch sagen? Weigel (bestimmtst 9a! (Freundlich.) Aber da es nun einmal g'schehen is, bin ich weiter nicht böse darüber. Ich verspreche Ihnen sogar, mich des Nackts möglichst ruhig zu verhalten, aber ganz kann ich das Arbeiten nicht einstellen. Emma. Herr Weigel, wann das Ihre Tochter wüßte?! Weigel (raschst Sie kennen Clara? Sie kommen mit ihr zusammen? Emma. Ich eigentlich weniger, aber meine Schwester Marie. Weigel. Ja richtig, die Marie. Es hat mir damals recht leid gethan. - Sie wissen ja, was ich mein', denn Ihre Schwester gefiel mir recht gut, die ist wohl auch schon verheiratet? Emma. Nein, sie hat es vorgezogen, eine alte Jungfer zu werden. Weigel. O, warum denn? Emma. Sie will es zwar nicht eingestehen, aber wir alle wissen es, sie liebt noch immer Ihren Sohn. Weigel (freudig Emma's Hand küssendst Wirklich? Ah, das ist hübsch von ihr, sehr hübsch. (Mit einem Seufzer.) Schade d'rum! Emma. Herr Weigel, ist es wahr, daß Ihr Sohn in Amerika ist? Weig e l. Seit fünf Jahren in Amerika, oder anderswo, ich weiß es nit. Emma. Sie haben also gar keine Nachrichten von ihm? Weigel (schüttelt den Kopf). Emma. Ach, Sie sind recht zu bedauern. Weigel. Ich? Wie so? Weil sich mein Sohn nit mehr um mich kümmert ? Daran bin ich selber Schuld, — ich allein. Emma. Sie? Der Sie sich für ihn geopfert haben? 45 Weigel. Eben darum. Mein Leopold is, von Jugend auf, d'ran g'wbhnt wor'n, nix auf der Welt mehr zu lieben als sich. Was kann er dafür, daß ich so ein Esel war, und ihm so a schlechte Erziehung gegeben Hab'. Ich will gar nit beklagt sein, ich Hab' mir die Suppen eingebrockt, ich muß sie auch ansessen, freilich, bitter schmeckt sie, das is wahr. Emma. Aber Clara? Weigel. Still davon! Wenn Sie sie kennen, wird sie Ihnen auch gesagt haben, was ich ihr gethan Hab'! E m m a. Ach, das ist ja längst vergessen. Weigel. Nein, so was vergißt man nicht, und wenn sie auch wollte, aber sie hat einen Mann, und der haßt mich, er hat auch ein Recht dazu. Ich will mich nicht zwischen die Beiden drängen. Emma. Sie verkennen Herrn Starke; er ist ein braver, biederer Mann. Weigel. Kinderl, wenn sich zwei Männer so gegenüber gestanden sind, wie wir Beide, da giebt's ein' Knacks, der läßt sich nicht so leicht mehr heilen. Em ma. Hätten Sie denn gar keine Sehnsucht, Ihre Enkelkinder wenigstens zu uiparmen und zu küssen? Weigel fwehmitthigs. Meine Enkel? Emma. Zwei prächtige Buben. Der eine heißt Gottlieb. Weigel Mt freudestrahlendem Gesichts. Gottlieb? Grad' wie ich! hahaha! fEr lacht nach und nach immer heftiger, bis sich das Lachen in ein leises Schluchzen verwandelt. Er sinkt auf den Arbeitsschemel nieder und trocknet sich die Augen. Pause.s Es muß hier rauchen. Emma stritt leise näher und kniet neben Weigel auf die Erde nieder.) Nr. 12. Lied. schäme dich der Thränen nicht, Verbirg nicht scheu Dein Angesicht, Das ist ja g'rad das Menschenherz, Es weint in Freuden und im Schmerz. O, glaube nicht, Du seist kein Mann, Weil noch Dein Auge weinen kann, Was sich hier d'rinn im Herzen regt, Das hat ja Gott hineingelegt. Weigel fEmma freundlich anblickend). Also, Gottlieb heißt er? Emma. Ja! Herr Starke wollte zwar Anfangs nicht. Weigel. Das glaub' ich gern. E m m a. Aber da kam die schwere Stunde, in der kein Mann seiner Frau etwas abschlägt; da bat sie ihn, wenn's ein Bub' wird, soll er Gottlieb heißen. Er in seiner Herzensangst sagte „Ja," und wenn er einmal „Ja" gesagt hat, dann bleibt's dabei. Weigel fnachdenkends. Gottlieb! (Lächelnd.) Is der Bub' hübsch? Emma. Ein freundliches, offenes Gesicht und ein gutes Herz hat er. Weigel. Das hat er von ihr, von der Clara. Emma faufstehends. Papa Weigel, ich habe eine Idee! Schräg gegenüber von Clara's Wohnung ist ein Kaffeehaus, wenn wir dorthin gingen und eine Stunde abpaßten, wo Starke nicht zu Hause ist? Weigel saufstehends. Sie wollen mich in sein Haus führen? Nein! Emma. Wenn Sie nicht wollen. Sie könnten ja auch im Kasseehause warten, ich hole dann die Kinder herüber, den kleinen Gottlieb. — Weigel. Den kleinen Gottlieb! Emma. Ueberlegeu Sie sich die Sache, ja? oder nein! Es ist abgemacht, heute Nachmittag gehen wir, jetzt kann ich nicht, ich muß dafür sorgen, daß mein Mann etwas zu essen findet, wenn er vom Stuudengeben nach Hause kömmt. Also auf Wiedersehen, Herr Weigel. Weigel fin Gedankens. Auf Wiedersehen ! Emma fkehrt ums. Herr Weigel, als ich Sie vorhin wieder sah, so verändert, so gut, da schnitt es mir tief in's Herz, 46 daß ich Ihnen vor 5 Jahren — Sie wissen wohl noch warum — so unangenehme Dinge sagen mußte. Damals war's nothweudig, jetzt aber möcht' ich's gern wieder gut machen. Sie kommen doch heute Nachmittag, nicht wahr, Großväterchen ? Weigel. Großväterchen! Ja, ich komme! Emma swirft ihm einen Kuß von der Thüre aus zu) Adieu, Großväterchen! Witte ab.) Weigel. Großväterchen! (Barsch). Gottlieb! Alter Narr! Was machst Du für Dummheiten. Was kümmern Dich die Kinder von Dein Todfeind! (Weich.) Aber sie sind doch meine Enkel, der eine heißt sogar Gottlieb wie ich, ich werd' doch die Buben sehen dürfen. O gewiß, das darf ich, das ist doch sicher uit unbescheiden. Couplet. 1 . Geht's mir auch schlecht, man hört mich doch nicht klagen, Auch ohne Trost kann ich mein Loos ertragen, Nur meine Enkel sehn, das wünsch' ich mir, Dann geh' ich wieder in mein Dachquartier, So einfach und bescheiden! 2. Fünfhaus und Rudolfsheim hab'n aus der Zeitung Erfahr», es gibt a neue Wasserleitung, Weil überdieß a Jed's sich dort beklagt, So kriegen's auch Wasser, aber wie gesagt, Sehr einfach und bescheiden. 3. Weil jetzt die Kleiderstoffe sind so theuer Und auch das Sparen angezeigt is Heuer, So geh'n die Damen, wie's jetzt Mod' is, Bald wie die Eva einst im Paradies, So einfach und bescheiden. 4. Es braust der Sturm, es blitzt und regnet wacker, An seinen Schlag gelehnt steht ein Fiaker, Und sagt zum Passagier, der vor ihm steht, Sie woll'n in Prater fahr'» ? I aber nöd ! So einfach und bescheiden. 5. Für arme Leute gibt es Institute, Die helfen Jedem gern mit frohem Muthe, Wenn Einer für ein' Rock ein Gulden entlehnt, So zahlt er monatlich nur 10 Prozent, So einfach und bescheiden. 6 . S' hat einer Aktien kauft zu sein Vergnügen Hat z'Haus Brigittenauer-Domus liegen, Wenn Dividende auch bezahlt nicht wird, Sind doch die Zinsen, die man einkassirt, So einfach und bescheiden. 7. Wie das Malheur is g'schehen mit den Briefen, Sieht simulir'n man einen Detektiven, O wüßt, ich, wer die Post hat defraudirt, Oder doch wenigstens, wo er logirt, So einfach und bescheiden. 8 . O Gott, seufzt Einer, ich möcht' nur auf Erden Gar nichts als Reichstags-Deputirter werden Ich bin nicht links, nicht rechts, bin ganz neutral, Nur die Diäten brauchet ich a Wal — So einfach und bescheiden. 9. Um d' Gasbeleuchtung dreht sich jetzt die Frage, Sie debattiren beim helllichten Tage, Doch bei der Nacht, wenn man spa- ziern gehn möcht', Da sieht man erst die Gasbeleuchtung recht, So einfach und bescheiden. 47 10 . Der Mensch treibt Luxus, selbst noch nach dem Tode, Ein Wagen mit 4 Pferden, so ist's Mode, Das wird jetzt anders, man macht nur bekannt, Mein' Schwiegermutter, die wird heut verbrannt, So einfach und bescheiden. Sechstes Bit-. Ein einfaches, aber behagliches Zimmer bei Rudolf Starke. Eine Mittelthüre. Im Hintergründe ein Büffet, Sofa, Tische, Stühle rc. Erste Scene. Rudolf. Marie fsitzen an einem links stehenden Tisch und trinken Kaffee. Clara am Buffet, schneidet für die neben ihr stehenden Knaben Gottlieb und Karl Butterbrodes. Marie sRudolf einen Brief zurückgebend, welchen sie soeben gelesen hats. Ach, Herr Starke, es klingt doch Alles so aufrichtig, so ehrlich. Glauben Sie noch nicht, daß er ein anderer Mensch geworden ist? Rudolf sden Brief einsteckends. Ja, ich glaub's, die Noth ist eine gute Schule, aber ich weiß nicht, ob man ihm ein so weichmüthiges Ding, wie Sie sind, ohne Besorgniß anvertrauen kann. Marie. Wer spricht denn von mir? Ich habe längst Verzicht geleistet. Rudolf ffhr lachend drohendst Na, na, nicht lügen! Clara ssich umwendendst Was habt Ihr denn da wieder für Heimlichkeiten? Das kommt mir nun bald verdächtig vor. Rudolf. Nicht neugierig sein, Clara, eS handelt sich vielleicht um eine Ge- burtstags-Ueberraschung für Dich. Clara. Für mich? Gott lieb. Mutter, ich Hab'Hunger. Clara, Gleich, gleich! Carl. Für wen ist denn das große Butterbrot» ? Clara. Für Dich, Carl. sGibt ihm ein Butterbrod.s Carl. Ach, so klein? (Setzt sich auf die Erde und ißt.s Rudolf. August! Gott l ie b szu Claras- Meint der Vater mich? C lara sgibt ihm Butterbrodst Natürlich! Rudolf. August! Komm her! Gottlieb sgeht zu Rudolfs. Da bin ich, Vater! Clara svorkommends. Warum nennst Du den Buben immer August? Er heißt doch Gottlieb! Rudolf. Er heißt Gottlieb — August, und soll sich an beide Namen gewöhnen. Clara. Ach was! Er wird noch ganz irre. Rudolf. An mir? Ich denke nicht! August, gehe in die Werkstatt und sage Hampel, er möchte Herkommen. Gottlieb. Gleich, Vater! fAb lmks.s 48 Zweite Scene. Vorige ohne Gottlieb. Clara. Ich muß Dir sagen, Rudolf, daß ich Dir ernstlich böse bin. Rudolf So? Clara. Ja! Hast Du mir nicht versprochen, daß der Knabe Gottlieb heißen soll? Rudolf. Gewiß, und er ist auch so getauft worden. Clara. Aber Du nennst ihn nicht Gottlieb. Rudolf Habe ich Dir das auch versprochen? Clara. Schäme Dich, Du, der Du immer damit Prahlst, daß Dein Wort eine Brücke sei, fester wie Holz und Eisen. Rudolf (ist aufgestandeu uud faßt Clara um die Taille). Cl ar a sweudet schmollend den Kopf ab). Rudolf. Du bist also sehr unglücklich, einen so schlechten Mann zu haben? Clara. Ach, geh' nur! Rudolf fschelmischj. Du hast Stunden, in denen Du bereuest, meine Frau geworden zu sein? Clara fweudet sich rasch um und umarmt ihn). Nein, gewiß nicht! Dritte Scene. Vorige. Gottlieb. Hampel. Gott lieb fvon links). Vater, hier ist Herr Hampel. Clara smacht sich rasch von Rudolf los und setzt sich aus das Sofa, neben Marie.) Rudolf. Hören Sie, Hampel, wer hat mir denn die neuen Stiefel gemacht? Hampel. Ich glaub', der Böhm! Rudolf. Ich Hab noch extra gebeten, Ihr sollt mir ein paar bequeme Stiefel machen, es ist ein Skandal, daß ich in meiner eigenen Werkstatt nicht ein paar ordentliche Stiefel kriegen kann. Ich werde mir sie noch selber machen müssen. Hampel. Nein, Meister, ich werd' Ihnen 's Maaß nehmen, und dann können wir ja an neuen Leisten machen. Rudolf. Ja, nachher! fNimmt vom Tisch ein paar Geldrollen). Es ist heute Samstag, da zahlen Sie den Wochenlohn aus. Der Pozibil ist einen Tag ausgeblieben. Hampel fentschuldigeud). Ja, am Mittwoch, wie die Leich' von seiner Frau war. Rudolf. Ich weiß! sLeise zu Hampel). Schieben Sie ihm den Zehner mit unter den Lohn, fgibt ihm Geld) aber sorgen Sie dafür, daß er sich nicht bei mir bedankt. Hampel. Ach, Meister Sie sind doch — Rudolf. Still! Nachher können Sie mir Maaß nehmen. Hampel fgeht nach liuks ab). Rudolf sauf der rechten Seite zu Gottlieb). Hast Du Deine Aufgabenschon gemacht? Gotl lieb. Ja, die ganze Tafel voll. Rudolf. Daun kannst Du mit Carl ein Stündchen auf dem Hof spielen. Clara. Gottlieb! Gottlieb fzu Rudolf). Meint die Mutter mich? Rudolf. Natürlich, geh' hin! Gottlieb fzu Clara gehend). Waö befiehlst Du, Mutter? Clara. Gib gut auf Carl acht, wenn ihr auf den Hof geht, seid nicht so wild. Gottlieb. Aber Ball dürfen wir wohl spielen? Clara. Ja, aber keine Fensterscheiben einwerfen. Gottlieb fCarl, der noch immer auf der Erde sitzt, an der Hand nehmend). Komm, wir gehen in Hof. sAb mit Carl durch die Mitte.) 49 Vierte Scene. Vorige ohne Kinder. Clara (zu Marie!. Also, ich soll nichts von Eueren Heimlichkeiten erfahren? Marie. Ich darf nichts sagen, frage Deinen Mann! Clara. Ach der! Bis man aus dem Brummbären ein Wort herauskriegt. Rudolf. Vielleicht laß' ich mich doch erbitten. Marie (aufstehends. Ach ja, thun Sie's, mich druckt es so wie so, daß ich vor Clara ein Geheimniß haben soll? Clara jedenfalls aufstehends. Ihr macht mich neugieriger. Marie (zu Rudolfs. Soll ich Euch allein lassen? Rudolf (lächelnd!. Na, das hat doch nicht solche Eile. — Marie. Ja, ja! Clara wäre am Ende wirklich im Stande und dächte — Nein, das ist dummes Zeug. Aber sagen Sie ihr Alles, es ist besser so. Adieu! Ich sehe Euch heute noch. (Ab durch die Mittes. Fünfte Scene. Vorige. Mehlmeher. Mehl M eher (tritt durch die Mitte ein, begegnet Marie, flüstert ihr etwas in's Ohr und legt dann zum Zeichen, daß sie schweigen soll, den Finger auf den Munds. Marie (schüttelt den Kopf und geht rasch ab). Clara (während dessen zu Rudolfs. Nun, Du abscheulicher Geheimnißkrämer? Rudolf. Oho, wenn Du so an- fängst und Dich nicht auf's Bitten legst, erfährst Du gar nichts. Clara. Ach, quäle mich doch nicht länger! Rudolf. Na, meinetwegen. Theater-Repertoir 303. Clara (spitzt neugierig die Ohrens. Mehl m eher (vortretends. Ich störe doch nicht? Clara (zurückfahrend, bei Seites. Ach, das ist aber ärgerlich. (Setzt sich auf's Sofa und nimmt ein Strickzeug zur Hands. Rudolf. Ah! der Tausend, der Mehlmeher, ein seltener Besuch. Mehlmeher. Aber sehr angenehm, nicht wahr? Meine Frau ist auch da. Clara. Die Emma? Wo denn? Mehlmeher. Sie hat die Buben abgefaßt, d. h. sie spielt mit ihnen in dem Hof. Clara. Kommt sie denn nicht herein? Mehlmeher. Ja wohl, gleich, sie hat nur noch einen kleinen Gang. Rudolf. Na, wie geht's in der Ehe? Mehlmeher. O, ich danke, recht gut. Wenn ich nur nicht so viel Stunden geben müßte, oder wenn ich sie wenigstens zu Hause geben könnte! Aber in den 3. Stock klettern die jungen Damen nicht gern. (Leise zu Rudolf, ihn in die Seite stoßends. Du, Starke, ich habe Dir etwas zu sagen, meine Frau hat eine Entdeckung gemacht. Dudeldidum! Rudolf. Wirklich? Ah, da gratuliere ich. Mehlmeher. Ach, dummes Zeug! Ich muß es Dir allein sagen, wenn Deine Frau fortgeht. Rudolf. Damit wirst Du wohl vorder Hand kein Glück haben, sie wartet auch auf eine Entdeckung. Mehlmeher. Dann komm mir nach, ich erwarte Dich nebenan im Kaffeehaus. Apropos! Was ich Dich fragen wollte, (trommelt eine Passage auf Rudolfs Schulterns. Du bist doch nicht böse, daß ich Dir das Geld noch nicht znrückgegeben habe? Rudolf. Was für Geld? Du bist mir ja nichts schuldig. Mehlmeyer. Nein! Ach das freut mich. Ich dachte, weil ich schon alle Bekannte — Dudeldidum! Dann kannst Du mir wohl 10 Gulden borgen? 4 50 Rudolf. Sitzt Du schon wieder drin? Mehlmeye r. Nur so eine vorübergehende Verlegenheit. Du weißt ja, ich habe eine reiche Tante in Bremen, einen reichen Bruder in Hamburg und einen reichen Onkel in Amerika. Wenn Einer stirbt — Rudolf (fortfahr eud). Erbe ich was. M ehlmeher. Nein, ich. (Auf seinen Hut trillernd). Also Du willst nicht? Rudolf. Wir werden s ehen. Wozu brauchst Du das Geld? Mehlmeher (legt seinen Arm in Rudolfs Arm). Weißt Du, ich will meiner Frau eine große Freude machen. Sie beklagte sich gestern Abends, daß ich so schlechte Zigarren rauche. Uebermorgen ist ihr Geburtstag, da möchte ich ihr so ein kleines Kistchen schenken, feine Milares, ich rauche sie ihr vor. Rudolf. Das ist allerdings sehr- liebenswürdig von Dir. Mehlmeyer. Die Sache ist also abgemacht, (drückt Rudolf die Hand, geht dann zu Clara.) Adieu, Frau Starke, ich komm' später noch einmal und hole Emma ab. Dudeldidum! (Ab von der Mitte.) Sechste Scene. Rudolf. Clara. Clara (rasch aufstehend). Endlich ist er fort. Nun schnell, ehe uns wieder Jemand stört. Rudolf. Nicht so aufgeregt! Setze Dich ruhig hieher und höre mir zn! (Führt Clara zu einem Stuhl.) Clara (setzt sich, Stuhl rechts.) Rudolf. Es sind jetzt fünf Jahre her, daß Dein Bruder plötzlich verschwunden ist. Clara (aufspringend). Leopold?! Rudolf. Ruhe! (Drückt sie sauft nieder auf den Stuhl). Niemand hatte etwas von ihm gehört, und er war so gut wie verschollen. Da vor ungefähr einem Jahre krieg' ich einen Brief von einem frühern Bekannten, der vor längerer Zeit verschwunden war, um sein Glück über dem Ocean zu versuchen. Mein Bekannter hatte dort die Bekanntschaft eines andern Bekannten gemacht, und glaubte, es würde mich interessiren, wenn er mir über ihn Mittheilung machte. Clara (aufstehend, sehr erregt). Du hast Nachrichten von Leopold? Rudolf. Ruhe! (Drückt sie wieder auf den Stuhl nieder). Ich War allerdings neugierig genug, diese Correspondenz fortzusetzen, und so erfuhr ich denn nach und nach, daß der junge Taugenichts allerdings hart vom Schicksal verfolgt worden ist, aber doch, wie es scheint, eine sehr heilsame Kur durchgemacht hat. Er hat gelernt zu arbeiten, sich nützlich zu machen. Nach allerhand abenteuerlichen Unternehmungen ist er schließlich auf den Handel gekommen. Na, dachte ich mir, ein Handelsmann mag es noch so ehrlich meinen, wenn er kein Geld hat, ist er ein Lump. Da habe ich denn ein paar Gulden genommen, viel habe ich ja nicht, und Hab' sie ihm geschickt. Clara (sitzen bleibend und bittend ihre Hände nach Rudolf ausgestreckt). Rudolf, ich bitte Dich, martere mich nicht! Was ist aus Leopold geworden? Rudolf. Ich hoffe, ein braver Kerl. Und wenn ich Dir rathen soll, Du weißt, ich habe Deine 10.000 Gulden nie angerührt, dann gib ihm das Geld, ich glaube, es wird gute Zinsen tragen. Clara. Und wenn Du zehnmal Ruhe sagst, ich kann mich nicht mehr halten (springt auf). Du lieber, guter — einziger Mann! (Fällt ihm um den Hals). Rudolf. Na, na, Clara, erwürge mich nur nicht! Die Geschichte ist auch noch gar nicht zu Ende. Clara (sich die Augen trocknend). Wie? 51 Rudolf. Der Junge hat noch alte Liebschaften im Kopf. Clara. Liebschaften? Doch nicht etwa die Marie? Rudolf. Und das gefällt mir eigentlich am Besten von ihm (Zieht den Brief aus der Tasche, gibt ihn Claras. Da, lies den Brief! Clara. Mein Gott! Ich bin ganz wirr' vor Freuden. Was soll denn nur geschehen? Du hast gewiß etwas mit ihm vor. O sag' mir Alles! Rudolf (abwehrend). Ruhe, später! Zuerst geh' in Dein Zimmer, lies in Ruhe Deinen Brief, er ist lang, genug, dann können wir uns ja aussprechen! Jetzt habe ich auch einen kleinen Gang. C lara (streckt Rudolf die Hand entgegen). Rudolf, wenn ich manchmal auch ein Bischen brummig bin, nicht immer so, wie Du's gern möchtest, sei mir nicht böse, ich habe Dich so lieb, so lieb, ich kann's gar nicht sagen. Rudolf (sie sanft von sich drängend). Geh', Alte, geh! Ich weiß schon, wie ich mit Dir d'ran bin. Clara (geht nach der Thür rechts, als sie dieselbe öffnet, tritt ihr Emma entgegen, legt den Finger auf den Mund und deutet in das Zimmer. Clara stößt einen halb unterdrückten Schrei aus). Ha! Rudolf (erschrocken). .Was gibts? Was ist Dir? Clara. O nichts, nichts, ich bin so aufgeregt, ich will schnell den Brief lesen. (Eilig ab nach rechts, man hört die Thüre schließen.) Siebente Scene. Rudolf (allein). Aha, sie schließt sich ein! Ha, ha, sie will sich durchaus nicht stören lassen bei der interessanten Lectnre. Wie sie sich freut, daß aus Leopold ein ordentlicher Mensch geworden ist. Jetzt will ich aber doch hören, was Mehlmeher eigentlich von mir will. Achte Scene. Emma, dann Weigel, Gottlieb, Carl. E m m a (öffnet vorsichtig die Thüre rechts und spricht zurück). Die Luft ist rein, er ist fort. (Sie tritt ein). Weigel (Karl auf dem Arm, Gottlieb an der Hand, tritt ebenfalls von rechts ein furchtsam). Sie meinen also, daß ich's wagen kann? Emma. Hier zu bleiben? Gewiß! Clara will ein' Augenblick allein sein, um einen wichtigen Brief zu lesen, und die Buben drüben lassen ihr keine Ruh! Na, habe ich meine Sache gut gemacht? Weigel. Bis jetzt sehr gut. Wenn nur — (sieht sich ängstlich um.) Emma. Ach, wer wird so ängstlich sein! Uebrigens hat ihn mein Mann jetzt in der Arbeit und bereitet ihn vor. Weigel. Herrgott! Sie wollen ihm doch nit sagen lassen, daß ich —? Emma. Natürlich. Meinen Sie denn, daß die Kinder es nicht ausplaudern würden? Weigel (hat sich auf einen Stuhl rechts gesetzt, und die Kinder auf die Knie genommen). Ja, das is schon möglich, sag' einmal, Gottlieb, hast denn Du g'wußt, daß Du einen Großvater hast? Gott lieb. Na, so dumm werd' ich doch nit sein! Alle Kinderhaben ja einen Großvater. Karl. Ich auch? Weigel. Ja, Du auch. (Zu Göttlich). Die Mutter hat Dir's wohl erzählt? Gottlieb. Die Mutter? Nein, die hat immer g'weint, wenn ich nach dem Großvater g'fragt Hab. Und der Vater — Weigel. Na, was hat Dein Vater g'sagl? Gottlieb. Ich weiß nicht, ob ich es wieder sagen darf. Weigel. Nur zu, ich kann schon einen Puff vertragen. Also? 52 Gottlieb. Er hat g'sagt, Du wärest zu stolz, um mit uns umzugehen. Weigel. Zu stolz? Na, wenn es weiter nix wär', darüber würden wir uns schon einigen. Gottlieb. Du bleibst also jetzt bei uns? Weigel. Schwerlich. Dein Vater kann mich nicht leiden. Gottlieb. O doch! Mein Vater ist gegen alle Menschen gut, er kann blos die Gesellen nit leiden, die zu viel trinken. Trinkst Du auch viel? Weigel. Nein, Gottlieb, ich eß' nit einmal viel. Rudolf fvon Außen). Nein! Das ist nicht möglich. Emma fwelche an der Mittelthür gehorcht hat). Das ist seine Stimme. Gott lieb. Der Vater kommt! sspringt auf die Erde.) Weigel fsteht auf und stellt Karl auf die Erde). Ich Wünschte, ich Wär' in meiner Bodenkammer. Nennte Scene. Vorige. Rudolf, Mehlmeyer. Rudolf stritt erregt durch die Mitte ein)- Mehlmeyer stolgt Rudolf und spricht leise mit Emmast Gottlieb flaust Rudolf entgegen). Vater! Rudolf fsieht Weigel starr an, bei Seite). Er ist es wirklich! fZu Gottlieb)- Geh' hinaus, nimm den Bruder mit! Gottlieb. Bist Du böse? Rudolf fbarfch). Geht, sage ich. G ottli eb. Komm', Karl! fNimmt Karl an der Hand, und geht furchtsam mit ihm von der Mitte ab.) Zehnte Scene. Vorige, ohne Gottlieb nnd Karl. Weigel fverlegen die Mütze in der Hand drehend, und sich zu einem Lächeln zwingend). Herr Starke. Rudolf fbei sich). Er sieht zum Erbarmen aus. fLaut). Was wollen Sie hier? Weigel. Ich? Ich wollte — ich suchte — Rudolf. Sie suchen Arbeit, nicht wahr? Weigel. Arbeit, bei Ihnen? Rudolf. Ich wüßte nicht, was Sie sonst hier zu suchen hätten. Melden Sie sich in der Werkstatt, steigt nach links), dort, bei dem Altgesellen Hampel, Sie kennen ihn ja? Weigel feingeschüchtert). Ja, richtig, Hampel, den — kenn' ich fmit langsamem Schritte nach links gehend) Dann will ich — in — in — die — die Werkstatt gehen — gehen — gehen. Rudolf stampft mit sich selbst und macht eine Bewegung, als wollte er Weigel zurückhalten, sagt aber dann leise und engerisch). „Nein"! Weigel (geht nach links ab). Cilfle Scene. Vorige ohne Weigel. Emma. Herr Starke, was haben Sie gethan? Mehlmeyer. Ich habe nie geglaubt, daß Du so hartherzig sein kannst. Rudolf ferregt auf und abgehend). Hartherzig! Wißt ihr nicht, daß dieser Mann mich beschimpfte, mich auf den Tod beleidiget hat? Emma. Er ist alt, schwach und hülflos. 53 Rudolf. Ja, ja, aber ich hab's geschworen, daß er kein Stück Brod in meinem Hause essen soll, ehe er nicht vor mir auf den Knien gelegen, wie seine Tochter vor ihm. als er sie zum Hause hinaus stieß — meinetwegen! Meinetwegen! fWild). Ich hab's geschworen und fweich) wünschte — ich hätt's nicht gethan. Zwölfte Scene. Vorige. Clara. Clara fvon rechts, freudig). Ich habe gelesen, ich weiß jetzt Alles. O, Rudolf! Dir verdanke ich die Rettung meines Bruders. Mt zu Rudolf.) Emma. So bitte ihn, daß er sich auch Deines Vaters erbarmt. Clara. Rudolf, Du weißt? Du hast ihn gesehen? Wo ist mein Vater? E m m a. Er hat ihn in die Werkstatt geschickt, aber ich glaube nicht, daß der alte Mann lange anshalten wird. Clara fangstvollf. Was heißt das? Rudolf. Clara erinnerst Du Dich der Stunde, wo ich Dich zum Weib begehrte ? Clara. An diese Stunde denkst Du jetzt? Rudolf. Ich werde sie nie vergessen. Clara, nimm — was Du willst — Alles, was ich habe, gib es ihm — aber Dein Vater und ich können nicht unter einem Dache Hausen. Ich hab's geschworen. Clara. Im überwallenden Zorn. Dein Herz wußte nicht, was Dein Mund sprach. Rudolf. Laß mich! Und läge dieser Schwur auch wie ein Fluch mein Leben lang auf meiner Brust, eher will ich diesen Alp ertragen, als vor mir selbst zum Lügner werden Clara fdie Hände ringend). >0, über Viesen Starrsinn! Dreizehnte Scene. Vorige. Hampel, Weigel. Hampel fmit einem Maaß in der Hand von links). Meister, soll ich Ihnen jetzt Maaß nehmen? Rudolf. Maaß nehmen? Ja wohl, Hampel, kommen Sie, sticht den rechten Stiefel aus.) Sie wissen ja, wo mich der Schuh drückt. Emma steife). Jetzt weiß ich's auch, ich will ihn von dem Druck erlösen, flaust zur Thür links, öffnet sie und winkt Weigel.) Mehlmeher flaust Emma nach). Was willst Du? Emma. Du wirst's schon sehen. Weigel stritt von links ein.) Clara stvill ihrem Vater entgegen.) E m Nt a fzu Rudolf, unbefangen). Sie brauchen ein paar neue Stiefel, nicht wahr? Rudolf. Ja. Nehmen Sie's übel, wenn ich mir in Ihrer Gegenwart Maaß nehmen lasse? Emma. Bewahre, wir sind ja alte Freunde. Aber ich dachte, da Sie doch Herrn Weigel Arbeit geben wollten — Herr Hampel, geben Sie mir doch das Maaß! Hampel (gibt ihr erstaunt das Maaß). Das Maaß? Hier! Emma. So könnte er, dachte ich, gleich ein Probestück machen. Alle. Wer? Clara. Mein Vater? E M M a fWeigel das Maaß hinhaltend). Bitte, bitte! fLeise.) Sie thun es für Clara. Weigel stachelnd). Ja, warum sollt' ich's auch nicht. Es is ja keine Schand', es is ja mein Geschäft. fNimmt das Maaß und kniet langsam vor Rudolf nieder.) Darf ich um den Fuß bitten. fAlle folgen mit gespanntester Aufmerksamkeit dieser Scene.) Emma (steht hinter dem Stuhl, auf welchem Rudolf sitzt und beugt ihren Kopf über die Lehne, Weigel bittend ansehend.) 54 Rudolf (betrachtet den vor ihm knienden Weigel mit starren Blicken.) Emma (klopft Rudolf auf die Schultern und flüstert ihm lächelnd zu). »Ehe er nicht vor mir aus den Knien liegt" (ihm mit den Fingern drohend). War's nicht so? Rudolf (mit dem Ausbruch größter Freude). Ja, ja! (streckt seine Arme in die Höhe, erfaßt Emmas Kopf und küßt sie herzlich.) Das vergesse ich Ihnen mein Lebtag nicht, Sie — Sie Hannswurst, wie Sie Ihr Vater immer nannte. (Er springt auf.) Weigel (hält Rudolfs rechten Fuß fest). Rudolf. Aber, Papa Weigel, Schwiegervater! Lassen Sie mich doch los und stehen Sie auf. (Er hüpft umher.) Nicht den Fuß, die Hand will ich Ihnen geben. Wir haben uns ja noch nicht einmal begrüßt — nach so langer Zeit. (Hebt Weigel in die Höhe und streckt ihm die Hand entgegen.) Weigel (erstaunt zu Rudolf). Ist das wirklich Ihr Ernst? Sie können vergessen? Rudolf. Ja, ja, sehen Sie mir das nicht an? Die alten Geschichten sind begraben, seien Sie mir willkommen in meinem Hause. (Drückt Weigel die Hand). Mehlmeher. Die Dissonanz löst sich auf. Deidideldum (er holt mit beiden Händen aus.) Nr. 15. Melodram. (Nach Mehlmeyer's letzten Worten fällt das Orchester mit einem leisen Quartettsatz ein, welcher in die Schlußmusik überleitet.) Weigel (zu Clara, welche neben ihn getreten ist). Clara, Du hast Recht g'habt, daß Du lieber mich aufgabst, als ihn; er ist besser, als — Clara (einfallend). Besser als Du glaubtest, ja. Er ist es auch, der Leopold gerettet hat. Weigel. Mein Leopold, mein Herr- Sohn! Er lebt? Er ist gesund? Clara. Mehr als das, er ist durch Rudolf's Unterstützung ein braver Mensch geworden und wird in vielleicht nicht allzulanger Zeit wieder ganz der Unsere sein. Weigel. Mein Leopold! Seht Ihr, seht Ihr, Ihr habt's nie glauben wollen, aber ich hab's immer gesagt: Es steckt ein guter Kern in dem Jungen. Vierzehnte Scene. Vorige. Marie (Gottlieb und Karl an der Hand durch die Mitte.) Gott lieb. Vater, ich wollte nicht, aber Tante Marie sagt, wir könnten wieder — Rudolf (hat inzwischen den Stiefel wieder angezogen). Kommt nur, Kinder, und Du, Gottlieb — Gott lieb. Meinst Du mich? Rudolf. Natürlich, geh zum Großvater und frag' ihn, ob er bei uns bleiben will? Gottlieb (zu Weigel). Willst Du? Weigel. Ob ich will. (Zu Rudolf) Es ist gewiß edel von Ihnen, daß Sie mir nichts nachtragen und mich sogar bei Ihnen aufnehmen, und ich bin Ihnen auch dankbar dafür, so lang' ich lebe! Aber, Rudolf, daß Sie meinem Jungen, meinem Leopold beigestanden und geholfen haben, dafür werde ich Ihnen auch noch dankbar sein, wenn ich nicht mehr lebe — denn, Kinder, lachts mich aus oder nit — aber mein Leopold — Marie (ist vorgetreten, und hat leise die Hand auf Weigel's Schulter gelegt.) Weigel. Hahaha! Die Marie — die begreift mich g'wiß! (singt:) Denn meine einzige Passion, Js mein Leopold, is mein Sohn! Der Vorhang Ende. Soeben ist im Verlage der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) Wien, Hoher Markt Nr. 1, erschienen, und in allen Buchhandlungen zu haben: gesammelte heitere Vorträge von Josef Weyl. 10 Hefte, jedes im Preise von 30 kr. Oest. Währ. — 60 Pfennige. Inhalts-Uebersichl: 1. Heft. An die Künstler. Tragisch oder Komisch. (Vortrag für eine Dame.) Ein altes Götzenbild. WaS a Bauer ned olleS sein möcht. Frei nach Darwin. Abgekühlte Heißsporne. Der Pfarrherr vom Kahlenberge. Pscheschitschek. (Dialektscherz) Eine Ballphrase. (Bortrag für eine Dame.) Die Speckvertheilung. (Zur Beamten-Auf. besserungsfrage.) Schnadahüpfeln Nr. 1—K. 2. Hcst. Amor'S Lexikon. (Dialektscherz.^ Nante's Christgedanken. (Berliner Dialekt.) Der Müller und sein Kind. Pimpelmeier'S Träume. Sam. Schnorrer'« Lebens- und Börseregeln. Gottschalk Schlemmer. (Eine schauderhafte Murithat.) Es hat 'rer, cs giebt 'rer, aber man findt 'rer halt nicht. (Vortrag für einen Herrn.) Nach der Speckvertheilung. (Fabel für kleine Beamte.) Der erste Katzenjammer. Der Zopfabschneider. (Eine grausliche Ballade in Chignonversen.) Diurnisten-A-B-C. Schreiben des Herrn Jstvän Färküs (Stuhl- richtcr aus Groß-Betsovits, an seinen Sohn LajoS, Hörer der Technik in Wien. (Prosa in ungar. Jargon.) Gerechte Entrüstung. (Oesterreichisch.) 3. Hest. Enorma oder der Druiden-Barbier. Opern- konfnsion in 1 Akt. Die Entstehung der ersten Ballet-Tänzerin. Vaterfreuden eines Berliner«. (Berliner Dialekt.) Plausch des Publikums über die Oper „Margarethe" v. Gounod. (Dialektscherz in Prosa). WaS hat die Welt ruinirt. Ein fünfstockhoher Hausherr von Neu-Wien. Meinungsverschiedenheit. (Oesterreichisch.) Der Fuchtige. (Oesterreichisch.) Z'weg'n dem Schnee. (Oesterreichisch.) Der Schah in Schah. Stoßseufzer eines ArithmetikerS. 4. Heft. Jeremias Pechhuber. (Solo-Scene für 1 Herrn.) Christbescheerung. Der hilflose Sepp. Vor derKassa-Eröffnung(Dialektscherz in Prosa). Der Invalide nach der Leichenfeier. Raubritter. Was Alles in der WeltausstellungS-Rotunde zu finden war. Am Eis. (Melodie: Wie ich bin verwichen —) Biblische Geschichten. I — III. Das Kabel. DaS Husten. (Vortrag für 1 Herrn.) Schnadahüpfeln Nr. 7—12. 5. Hest. Die goldene Hochzeit. (Festsceue für 2 Personen.) Festgruß zur Feier der silbernen Hochzeit geliebter Eltern. Zur goldenen Hochzeit. Prolog zur Eröffnung einer Krippe. Zum Bau eines Kinderhospitals. Zum Tage Allerseelen. Graue Haare. (Trilogie.) Die Schöpfung des Weibes. „ „ ,, (Parodie.) Jtzig erzählt Schillers „Wilhelm Teil." (In jüdischem Jargon.) Monolog des schönen Fiaker-Poldls. (Wienerisch.) Der Wienfluß an die Väter der Stadt. Bauerntrost. (Oesterrcichisch.) 6. Heft. Sommer, Herbst und Winter in der Residenz. Humoreske. (Vortrag, theils in Prosa.) Ich und mein Humor. (Vortrag des Fräulein Gallmeyer.) Die Schöpfung der Musikinstrumente. Der Beamten Weihnachtsbaum. Der bestrafte Philosoph. D'Ros'l in der Stadt. (Oesterrcichisch.) Subrosa und in gereimter Prosa. (Vortrag für eine Dame.) Der Verbannte. Die Helden des Hühnerhofes. (Fabel.) 7. Hest. Unter vier Augen. (Komische Scene für zwei Herren.) Der Raupe mütterliche Lehren. (Zeitgemäße Fabel.) Eine haarsträubende Ballade. (Für zweistimmigen Männerchor mit Begleitung einer verstimmten Harfe.) Ballregeln, wie solche Herr Fekete Läjos, Stuhlrichter von Kis-BecSkerek, seinem Sohne Jmre zu ertheileu pflegt, wenn derselbe in Wien sich belustigen will. (In Ungar. Jargon.) Lori. (Bürgerliche Parodie.) Eine alte Rheinsage. (Ballade.) Narren-Quadrille. Warum'« in Psorrer ka Katzenmusik g'mocht hob'n. Eine musikalische Glosse. Der Flügel eines Engels. Philisterglück. 8. Heft. Zwei Patti-Enthnsiasten. (Scene für 2 Herren). Privatmeinung des Jstvän, Stuhlrichters zu Müros-Vusarhelh,über die Schwaben und ihre jetzigen Zustände. (In Ungar. Jargon.) Ein entrüsteter Tiroler an die Oesterreicher. (Dialekt.) Der alten Jungfrau Klage. (Vortrag für iDame.) Der Ritter von Tackenburg. Ballade von Schillerleben. (In jüdischem Jargon.) Der Pechvogel. Häd, Bürsch'l, geh' du nicht auf Börs'. (In Ungar. Jargon.) Der Eissportsmen. (Vortrag für 1 Herrn in Prosa.) Am Sylvesterabend. (Gesprochen von Carl Treumann.) In der Sylvesternacht. Das Märchen von einer Mutter. (Frei nach Andersen.) Trost im Alter. 9. Heft. Schulzen's Lieschen will Schauspielerin werden. (Vortrag für eine Dame.) Der Albrechtsbrunnen in Wien. (Dialekt.) Philiströse Lieder von Joh. Mehlwurm. Was dich nicht brennt, das blase nicht. (Dialekt.) Eine Hundesitzung. Weltweisheit. Die Theatermutter. (Vortrag für 1 Dame.) Biedermaier's Ansicht über Malerei. Sylvestergruß. Lebensregeln, wie solche Färkäs Jstvän, Stuhlrichter zu Märos-Väsarhely, seinem Sohne Lajos zu ertheilen pflegt. (In Ungar. Jargon.) Glaube, hoffe, liebe! Ständchen. (Musik von Schubert.) Der ungläubige Thomas. (In Musik gesetzt von Käsmaier.) Zeitgemäßer Traum. 1«. Heft. Die Afrikanerin. (Solo-Scene für 1 Herrn.) Volkesstimme — Gottesstimme. Der Detektiv. Die Civilehe in Ungarn. (In ungar. Jargon, Prosa.) Das Wunderkind. (In jüdischem Jargon.) Eine biblische Neminiscenz. (Dialekt.) Baron Sprudelwitzen's Ansicht über Friedrich Schiller. (In Berliner Dialekt.) Ich wünsch' glückselig'« neues Jahr. Treue. Der französische Schneider. Da Pechvog'l. (Niederösterreichisch.) Druck aus I. B- Wallishausser's t. k. Hoftheater-Druckerei. Die neue Magd. Schwank in einem Äkt von Särnmtliche Rechte Vorbehalten. r N l»2'-'3 ' l'!i i::- ^ ttvchs »1 chH mÄsr.' ^3^0. u: ^ 3 . Wien, 1876. Vertag der Wallishausser^schen Buchhandlung (Josef Klemm) Stadt, Hoher Marlt Nr. 1. Dieses Stück sowie die zu dem ßouplet komponirte Musik von Kduard Kremser sind ausschließlich nur durch das Theaterbureau des Herrn Ed. v. Drathschmid (I., Lothringerstraße Nr. 3) in Wien zu beziehen. Personen. Ringelmann, Specereiwaarenhändler. Frau Ringelmann. Amalie, beider Tochter. Lampe, Commis bei Ringelmann. Herr von Sprudler. Resi,Magd. Den Dühnrn gegenüber als Manuskript gedruckt. „Die neue Magd" gehört, strenge genommen, nicht in's „W iener Theater- Repe rtoir." Sie ist in Wien nicht zur Verwendung gelangt, jedoch ohne ihr Verschulden. Im Strampfertheater war sie angenommen, schon zum Erscheinen bereit — da stellte dieses seine Thätigkeit ein. Die Komische Oper nahm sich der Verlassenen an, aber auch bei diesem Kunsttempel war sie bald vor die geschlossene Thür gesetzt. So ist nun die „neue Magd" herrenlos, ich sende sie also mit diesem Für- und Vorwort von Wien weg in die weite Welt; möge ihr draußen freundliche Aufnahme und gute Behandlung zu Theil werden. Wien, im September 1875. M. A. Grandjean. Ort der Handlung: Entree- und Speisezimmer bei Ringelmann. Links zwei Seitenthüren, die erste in's Familienzimmer, die zweite zu Herrn Ringelmann, rechts eine Seitenthür in Amalien's Zimmer. Rechts im Vordergrund ein Fenster, nächst demselben eine Nähmaschine. Inmitten des Zimmers ein Tisch mit Wäschstücken rc. belegt, nahe demselben zwischen den beiden Thüren links ein Kleiderständer. Etagere rc. an den Wänden. Im Hintergrund eine Glaswand, durch welche man in die Küche und in's Vorzimmer sieht, in der Mitte der Glaswand eine GlaSthür, hinter derselben als Abschluß der Scene die den Eingang, respektive Artsgang der Wohnung bildende Hauptthür. Erste Scene. Hr. Rittgelma n n (ist beim Aufziehen des Vorhanges eben im Begriffe den Schlas- rock abzulegen und dafiir einen Rock von dem Kleiderständer zu nehmen). Fr. Ringelmanu (sipt links, beschäftigt, Grünzeug in die Suppe zu putzen). Amalie (arbeitet rechts an der Nähmaschine). Fr. Ringelmann (zu ihrem Mann). Aber hör' einmal, Du wirst doch nicht den neuen Rock nehmen wollen? Hr. Ringelmann. Warum denn nicht? Fr. Ringelmann. Wozu denn? In's Geschäft ist der alte wirklich gut. Wer wird denn das neue Gewand gleich ruiniren! Hr. Ringelmann. Ich bitt'Dich! In dem alten Rock und in der alten Kappe, da seh' ich ja aus, wie ein Bettelmann. Amalie. Es ist wahr, Mutter, einem Chef sieht der Vater so gar nicht gleich. Hr. Ringelmann. Nicht wahr, Mali? Fr. Ringelmann. Ah was Chef, ein Specereiwaaren-Geschäft ist kein Bankhaus. Wer sieht denn, wie Du aussiehst? Du gehst von hier über die Stiege durch den Hof gleich rückwärts Theater-Repertoir SOS. in's Magazin hinein und stehst im Gewölb. Es wäre wirklich unnöthig, den neuen Rock zu nehmen. Amalie (lachend). Der Vater wird schon bis zum nächsten Sonntag warten müssen. Hr. Ringelmann (der inzwischen den alten Rock angezogen und eine Schirmkappe aufgesetzt hat). Na also, seien wir halt wieder hübsch folgsam, wie wir es gewöhnt sind. Jetzt ist es aber auch höchste Zeit, daß ich hinunter gehe, sonst machen mir meine Leute wieder Dummheiten. Fr. Ringelmann. Einen Augenblick warte noch, ich muß Dir etwas sagen. Hr. Ringel mann. Jetzt Hab' ich wirklich keine Zeit mehr. Fr. Ringelmann. Ah was, auf 5 Minuten wird es nicht ankommen. Hör' mich an. Hr. Ringelmann (der schon im Be- griffe war, nach der Thür zu gehen, kehrt um). Also, was gibt'S denn? Fr. Ringelmann. Ich weiß, es wird Dir wieder nicht recht sein. Hr. Ringel mann. Was denn also? Nur geschwind heraus damit. Fr. Ringelmann. Wir bekommen heute eine neue Magd. 1 4 Hr. Rin g e lmann. Ah sapperment, das ist mir unangenehm. Fr. Ringel mann. Ja, es geht nicht anders. Hr. Ringel mann. Wir haben ja seit einem halben Jahr alle Augenblick ein anderes Gesicht. Ich kann mir kaum die Namen alle hinter einander merken. Auf die Hanni kommt eine Lisi, auf die Lisi eine Lein, auf die Leni eine Kathi, auf die Kathi eine Cili; jetzt Hab ich mir die Cili kaum ordentlich angeschaut, kommt wieder' eine andere. Fr. Ringelmann. Du brauchst Dir gar keine ordentlich anznschauen, verstehst Du! Hr. Rin gelmann. Natürlich! Ich soll nur Augen für dich haben. Ist die Cili schon nicht mehr da? Fr. Ringelmann. Nein, ich habe ihr gestern auf die Nacht den Laufpaß gegeben. Hr. Ringelmann. Warum denn? Fr. Ringelmann. Weil es mit ihr nicht mehr auszuhalten war. Hr. Ringelman n. Das sagst Du immer. Fr. Ringelman n. Na, du meinst doch nicht, daß ich eine Frau bin, mit der es nicht auszuhalten ist. was? Hr. Ringelmann. Das heißt, je nachdem. Fr. Ringelmann. Ich bitt' mir's aus. Ich gehe ohnedieß mit den Dienstboten zu nachsichtig um, und bin die gute Stunde selber. Ich verlange nur, daß man thut, was ich will. Hr. Ringelmann. Ah so! Fr. Ringelmann. Das heißt, ich meine, von den Dienstboten verlange ich das; bei Dir ist es was anderes, du bist der Herr. Hr. Ringelmann. Ich bitte Dich, ich weiß recht gut, daß ich nie einen eigenen Willen gehabt habe. Wenn ich einmal ein Testament mache, so ist mein letzter Wille vielleicht der erste, der respektirt wird. Fr. Ringelmann. Schämst du dich nicht, so zu reden, was soll denn das Kind denken. Was Mali ? du kennst mich, so lange ich auf der Welt bin, d. h. ich will sagen so lange du auf der Welt bist, mit mir ist es gewiß zum aushalten. Amalie. Ah ja, das schon Mutter. Fr. Ringel mann. Na, ich wollt dir's auch nicht rathen, daß du etwas anderes sagst. Hr. Ringel mann. Aber warum hat denn eigentlich die Cili so Knall und Fall fort müssen? Fr. Ringelmann. Warum? Frag' nur die Mali. Hr. Ringel mann. Die Mali, wie kommt denn die dazu? Fr. R in gelma nn (zu ihrer Tochter). Na red' nur, sag' es nur deinem Bater. Amalie. Ja, weißt du Bater, gestern Abends, da war wieder unser Commis heroben, der Herr Lampe, und da hat die Mutter gemeint — Fr. Ringelmann. Ich Habenichts gemeint, ich habe gesehen, daß die Cili aufgepaßt hat, ob ich's nicht bemerk', daß er heraufgeschlichen ist. Der Mensch findet alle Augenblick eine andere Ursache, um aus dem Gewölb herauf zu laufen, wenn er glaubt, daß ich nicht daheim bin. Amalie. Er hat aber nie ein un- rechtes Wort mit mir geredet. Fr. Ringelman n. Alles eins! Der Techtl-Mechtl muß einmal ein Ende haben. Cili war mit ihm einverstanden und hat mit ihm gehalten, da Hab' ich der Geschicht' einmal ein Ende gemacht, basta! Amalie. Es war ja vom Vater so gut wie bestimmt, daß ich den Herrn Lampe heiraten werde Hr. Ringel m a n n. Ja freilich, bis Zu dem Augenblick, wo deine Mutter 5 angefangen hat, diesen Herrn von Sprudler zu protcgiren. Amalie. Den ich nicht ausstehen kann. Hr. Ringelmann. Ich auch nicht. Es wird uns aber allen zweien nichts nutzen, nicht wahr Gattin? Fr. Ringel mann. Na! Der Herr von Sprudler wird doch ein ganz anderer Mann sein, als dieser fade Lampe; ein Specereihandlungs - Commis, ein Mensch, der gar nichts gleichschant. Hr. Ringel m a n n. Wenn ihn aber das Madl gern hat? Ich bitt dich, was war denn ich vor 20 Jahren! Ein Specereihandlungs-Commis bei deinem Vater. Ich Hab auch nichts gleichgeschant, ich Hab auch kein Geld gehabt, sowie der Herr Lampe. Aber ich war fleißig, Hab' etwas verstanden, so wie der Herr Lampe, und du warst in mich verliebt, gerade so, wie die Mali in Lampe. Deine Mutter hat freilich auch eigentlich nichts von mir wissen wollen, aber dein Vater, Gott Hab ihn selig, das war ein Mann, der hat in den Tisch gehaut (schlägt auch in den Tischt und hat zu deiner Mutter gesagt; Sapperment hat er gesagt, sie soll Ihn haben und stad bist, hat er gesagt. Fr. Ringel mann (spöttisch). Sei du so gnt, und mache meinen Vater nach! Hr. Ringelmann. Du meinst, jetzt ist's zu spät dazu! Kannst Recht haben. Amalie. Es ist aber wahr, Mutter, ich war' mit dem bescheidenen Herrn Lampe ganz zufrieden. Fr. Ringelmann. So? Und der bescheidene Herr Lampe mit Dir? Versteht sich! Du bist ja das einzige Kind, und wir haben unser Geld nur für Dich und nachher vielleicht für ihn? Amalie. Aber beim Vater ward ja just auch so. Fr. Ningelmann. Still! Da hat's Kind nichts drein zu reden. «Zn Ringel- mann.) Sei so gut, hetz du mir noch die eigene Tochter gegen mich auf. Mit Dir, weißt Du, war das doch ein anderer Fall. Ich Hab, wie wir geheiratet haben, und Du das Geschäft übernommen hast, nie das Heft ans der Hand gegeben. Hr. Ringel mann. Das weiß ich. Fr. Ringel mann. Darum haben wir eS aber auch zu etwas gebracht, weil ich so war. Die Mali, die ist piel zu gut, die ließ den Lampe, wenn er ihr Mann wird, schalten und walten, wie cs ihm gefällt und deswegen basta, zum zweiten — Hr. Ningelmann (schlägt in den Tisch) und zum drittenmal (zu seiner Tochter). Mali, ich kann dir nicht helfen, deine Mutter hat dich dem Herr von Sprudler zugeschlagen, du gehörst schon ihm (setzt die Kappe wieder auf, die er während des Gespräches abgelegt hatte). Sö, jetzt sind wir von der neuen Magd ganz ans alte Familieng'schichten gekommen. Hättest du lieber gar nicht von der Dicnstbotengeschichte angefangen. Fr. Ringelmann. Ich Hab' dir cS doch sagen müssen, daß ein Wechsel vergeht, damit du nicht erschrickst, wenn du ein neues Gesicht siehst. Hr. Ringelmann. Na, ich erschrick nicht so leicht, d. h. wenn das neue Gesicht ein Bißerl sauber ist; aber du hast eine eigene Passion, mir nur lauter schieche dienende Geister in'ö Hans zu bringen. Ist die neue auch wieder so eine Vogelscheuche? Fr. Ningelmann. Ich kenne sie noch gar nicht, eS ist mir eine recom- mandirt worden, die heute einstehen soll, sie kann jeden Augenblick kommen. Hr. Ringelmann. Also Gott befohlen, jetzt habe ich höchste Zeit. (Ab durch die Thür im Hintergrund ) 6 Zweite Scene. Frau Rin gelmann, Amalie, später Nesi. Amalie. Mutter, bleibt es wirklich bei dem „Basta"? Fr. Nin gelmann. Natürlich! Da kannst du weinen und dein Vater reden, so laug ihr wollt. Ich wüßte nicht, was da geschehen müßte, damit ich auf eine andere Meinung komme. Amalie. Aber! Fr. Ringelmann. Gib dir keine Müh, mit dem Lampe muß es aus sein. (Es wird an der Außenthllr geläutet). Ah, das wird die neue Magd sein, geh mache auf. (Amalie steht auf, öffnet die Außenthür und Rest tritt ein). Res i (einen Zettel in der Hand). Bitt, bin ich hier recht? Ich soll da bei der Frau von Ringelmann einstehen. Fr. Ringel mann. Ach ja, eS ist schon recht, ich warte schon mit Schmerzen. Resi. Ja, ich bitt, gnädige Frau, ich Hab mich a bist verspätet, nicht wahr? Da ist aber nur die Tramway schuld. Zuerst sind wir die längste Zeit gefahren, hernach sind wir die längste Zeit gestanden, nachher sind wir aus dem Geleise gekommen, wie das schon geht, hernach haben wir aussteigen müssen, hat die längste Zeit braucht, bis wir wieder weiter gekommen sind, ich Hab' mich aber dabei recht gut unterhalten. Ich Hab mich so an einen Riemen angehalten, neben mir waren zwei Herrn, die haben sich an mich angehalten, wie das schon geht, und so oft der Wagen angehalten hat, haben wir drei immer einen Schupfer mit einander kriegt. Es ist a Hetz in der Tramway. Fr. Ringelmann (für sich). Mir scheint, die plauscht gern viel. (Laut.) Also höre mich geschwind an, damit du weißt, was du zu thun hast. Zuerst merk die Eintheilung von der Wohnung (öffnet nach und nach die betreffenden Thüren). Da drin ist mein Zimmer; hintenan ist ein Kabinett von meiner Tochter, sie heißt Mali, daß du es gleich weißt R e s i. Küß' d'Hand, Fräulein Mali. Fr. Ringelmann (fortfahrend). Das hier ist das Zimmer vom Herrn. Daö muß besonders ordentlich gehalten werden. Der Herr ist sehr streng, das merk dir gleich, (zu ihrer Tochter.) das sag ich den Dienstboten immer von deinem Vater, damit sie sich vor ihm fürchten sollen, wahr ist's aber nicht; denn der, mein Gott, laßt Alles augeh'n! So, da draußen ist die Kuchl; das Vorzimmer, das siehst von hier aus. So, jetzt laß mir ein bischen deine Zeugnisse anschauen. Nesi (zieht Papiere heraus). Da, gnädige Frau. Stoßen's Jhuen aber nicht daran, daß ich nicht sehr lange in einem Dienst war; ein Vierteljahr, ein halbes Jahr ist schon das längste. Da bin ich nicht daran Schuld. Ich bin überall mit dem besten Willen eingestanden, Hab aber meistens so viel ausgestanden, daß ich bald wieder ausgestanden bin. (Nach einer Pause, während Frau von Ringelmann in den Zeugnissen blättert.) Kann ich da nicht gleich a bist mithelfen, gnä' Frau? Ich mein, beim Grünzeugputzen? Fr. Ringelmann. Meinetwegen, setz dich her da. Resi (nimmt Platz und beginnt ebenfalls Grünzeug zu putzen). Wissen's, gnä Frau, Alles was recht ist, aber die Herrnleute müssen halt auch ein Einsehen haben. Da war ich z. B. bei der Frau von Kurtzenhofer, a recht a rari Frau, aber Sie hat mir halt gar kein Ausgang geben wollen, na und das werden Sie selber einsehen, das geht nicht, wenn man den ganzen Sommer nichts Grün's sieht als höchstens das da in der Suppen, wird's an doch zu dick. Na, und nachher bei die Strebel- mayer'schen, da wär's nicht so schlecht gewesen; er war ein recht ein rarer Herr, mit ihm wär ich schon gut aus- 7 kommen, aber sie, wissen's, sie, die Frau, na ich will keinen Menschen was Schlechtes Nachreden. Fr. Ringelmann. A, die Frau von Strebelmayer! hm die kenne ich. Amalie. Ah, nicht wahr, Mutter, daß ist die dicke Bäckermeisterin, die voriges Jahr in Grinzing gewohnt hat. Resi. Ja, ja, die ist's schon. Bier Kinder, zwei Pintsch, drei Dienstboten und eine Gonvernante waren wir im Haus. Ah, das war Ihnen schon göttlich. Das Nobelthun auf der einen Seite und nachher wie das schon geht — das Bäckermeisterische auf der andern Seite. Bor den Leuten hat die Frau von Strebelmayer dann und wann mit den Kindern a bißerl französisch paperlt (ausspottcnd). Von62 !ei, Xui^lie! Hat aber die nicht gleich parirt, da hat sich die Frau Mama gleich vergessen und hat helllaut g'schrien .Wennst jetzt nicht glei hergehst, du Fratz, so reiß ich dir die Ohren aus". Amalie (lacht). Ja, das ist wahr, so dergleichen Hab' ich öfter gehört. Fr. Ringel mann. Man soll überfeine Dienstherrn nicht so ausspotten, das schickt sich nicht. Resi. Mein Gott, gnä' Frau, mit der Frau von Strebelmayer war ich halt ewig im Krieg, bei der halt's kein Dienstbot ein Jahr aus und wann's ihr das Kriegsjahr, wie es beim Militarist, doppelt rechnen. Fr. Rin gelmann. Das Zeugniß von ihr lautet auch nicht sehr schmeichelhaft. Resi. Ich war ja mit ihr bis bei der- Polizei, weil sie mir hat das Wort „moralisch" nicht hineinschreiben wollen, und warum! Weil sie mich a mal mit an Fuhrwesen-Korporal im Beethovengang hat spazier» gehn sehn. Jetzt frag ich Ihnen, gnä' Frau, was ist da unmoralisch? Der Beethovengang gewiß nicht, und ein Fuhrwesen's - Korporal noch viel weniger. Fr. Ningelmann. Von wem ist das Zeugniß hier? Ich kann die Unterschrift nicht lesen. Resi. DaS? (lacht). Das ist von einer Schustersgattin. O, den Leuten ist's damals, wie ich bei ihnen war, nicht besonders gangen: sie haben zu viel Familie g'habt, na ja, wissen'S, es is zu g'schwind nacheinand mit die Taufen gegangen. Ja, und obendrein alleweil Zwilling! Bei dem Schustersind die Kinder- immer gleich paarweis da g'wesen, wie die Stiefletten. Na, die Leute jetzt befinden sich ganz gut, seit sie von einer Tant was geerbt haben. Da g'hört halt a Glück dazu. (Seufzend.) Ja, zu einer Erbschaft komm ich nicht. Ich Hab in mein Leben nichts geerbt, als einmal die Schafblattern. Fr. Ringel mann. Das letzte Zeugniß da ist ja gar von einer Ballettänzerin, wie bist denn da hingekommen? Früher in lauter Bürgershäusern und dann auf einmal — Resi (spricht weiter). Auf einmal mit ein Sprung zum Ballet! Seh'nS daö ist so! Fräulein Alma, wie sie sich jetzt nennt, heißt eigentlich bloß Sali und war eine Schulkameradin von mir. Gelernt hat sie aber nie was. Sie hat nie viel im Kopf gehabt, allweil aber hat sie in der Schulbank mit die Füß hernmg'schlankelt, es hat sich also schon damals gezeigt, wo eigentlich ihr Talent steckt. Na, und jetzt geht'S ihr brillant, obwohl die keine Erbschaft gemacht hat. Sie ist mir einmal begegnet, wie ich just vazirend war, wie das schon geht, sie erkennt mich, fragt mich, wie es mir geht, na ich dank, so so, sag ich, ich Hab just keinen Dienst. So, sagt sie, und ich brauche just jemanden. Magst du nicht zu mir kommen, wann's dich vielleicht nicht genirt, bei einer Schulkameradin > einzustehen. A na, sag ich, warum denn? 8 Na und so bin ich zu ihr gangen. Vor den Leuten, wann just a da warn, Hab ich Fräulein Alma zu ihr gesagt, und Hab ihr die Brieferl die gekommen sind, ans silbernen Tassen entgegen ge- tragen. Wann wir allein war'n, Hab ich ihr dann und wann g'sagt: Hörst Sali, du bist eine Urschl, da hat sie gelacht, und so san wir gar nicht übel mit einander ausgekommen. Endlich haben wir uns, wie das schon geht, zertragen und zwar wegen einen jungen Menschen, der immer hingekommen ist, und dem ich einmal ein Maul angehängt Hab'. Fr. Ringel mann. Ah, es war gewiß ein Verhältniß zwischen der Alma und dem jungen Mann? Nesi. Na, ein Verhältniß war nicht zwischen ihnen; denn sie ist klein und er ist groß. Er war übrigens auch, wie ich gehört Hab' Bräutigam. Amalie. Bräutigam? Und macht einer Ballettänzerin die Kur? Nesi. Ja, wie das schon geht! — Aber ich möcht die nicht sein, die der heiraten will. Es hat mich selber verdroßt», wie er immer von ihr geredet hat, und eben deswegen Hab ich ihm einmal meine Meinung gesagt. Denken's Ihnen (zu Frau Ringclmanu) sagt er einmal zu der Sali, d. h. zu der Alma: es hilft nichts, lieber Engel, meine Eltern wollen durchaus, daß ich, was man sagt, eine gute Partie mach. So nimm ich halt dieses bürgerliche Ganserl, weil'ö eigentlich ein Goldfasan ist. Fr. Ringelman n. Das ist wirklich ordinär. Na, von meiner Tochter soll Einer so reden, dem würde ich was erzählen. Amalie (zu Nesi). Also darum hast du mit dem jungen Herrn einen Auftritt gehabt? Resi. Na, und was für einen Auftritt, wie ich aufgetreten bin! In der ganzen Nachbarschaft habn'S es gehört. Fr. Ringel mann. Ein Dienstbote soll sich zwar in das nicht hinein - mischen, was im Haus vorgeht, aber in dem Fall kann ich dir nur recht geben. Es zeigt, daß du eine honette Person bist. Resi. Gott sei Dank, gnä' Frau, das sam ma'! s' Maul am rechten Fleck, aber s' Herz auch. Stellen Sie sich nur vor, Fräulein, (zu Amalie) das fällt mir jetzt ein, wie ich Ihnen so anschau. Sagt er einmal: „Meine Zukünftige macht sich die ganze AuSstaffirung selber, sie ist eigentlich nichts, als eine lebendige Nähmaschin." Fr. Ringclmann. Na, das ist schon ein netter Patron; Lebendige Nähmaschin'! (anfstehend) Empörend! So ein Windbeutel! Nesi (ausstehcnd.) So, ich bin auch fertig. Fr. Ringel mann. Jetzt Hab ich einige Gänge zu machen. (Zu Resi.) Meine Tochter wird dir sagen, wie bei uns der Hausbrauch ist. Vor der Hand merk'dir eins vor allem: Sperr' immer die Thür gut zu und paß auf. daß Niemand hercinkommt, der nicht herein gehört. Resi. Schon recht, gnä' Frau. Fr. Ringelmann. Es schleicht jetzt allerhand verdächtiges Gesindl in den Häusern herum, da darf man nicht leichtsinnig sein. (Hat währenddem Hut und Mantille genommen und ist im Begriffe zu gehen.) Halt! Bald hätte ich noch was vergessen. Es wird dann wahrscheinlich ein junger Mensch kommen, ein Student, dem der Herr dann und wann etwas zukommen läßt (zu Amalie gewendet.) Du kennst ihn ja, Mali? Amalie (von der Arbeit anfstehend). Ja, ja, ich weiß schon, Mutter, der Herr Stttrzcnhofer. Fr. Ringelman n. Richtig! (Zu Resi.) Er kriegt alle Monat einen Gulden und diesmal auch ein bißl ein abgelegtes Gewand vom Herrn, (zu Mali.) Du weißt ja, was für ihn zusammengerichtet ist. 9 Amalie Ich weiß schon, Mutter. Dort liegt Alles bereit. Fr. Rin gelmann (zuNesi). Wann also der junge Mensch kommt, so führ' ihn zur Mali, die wird ihm schon geben, was ihm gehört. Hast mich verstanden ? Resi. Ja, gnä' Frau, wird Alles ordentlich geschehen. Fr. Ringel mann. Also Adieu! Amalie. Küß d' Hand, Mutter. Resi. Küß d' Hand, gnä' Frau. Fr. Ringel mann (zuNesi). Gut zusperren! (Zu Amalie.) Behüt dich Gott, Mali, in einer Bicrtelstund' bin ich schon wieder da. Drille Scene. Resi, Amalie. Amalie. So, jetzt kannst du damit anfangen, die frische Wäsch' dort aus- znbügeln. Kannst umgeh'n damit? Resi. Na, war nicht schlecht! Amalie. Draußen in der Küche ist der Bügelladen. (Resi geht in die Küche.) Amalie (für sich). Wie fang' ich's denn nur an, daß ich ihr sag', wenn der Herr Lampe vielleicht heraufkäme, so soll sie ihn hereinlassen. Nach der strengen Instruktion von der Mutter paßt jetzt daö gar nicht. In der einen Beziehung ist's schade, daß die Cili nicht mehr da ist. Es ist schwer eine neue Person da in's Geheimniß zu ziehen. (Resi kommt mit einem Bügelladen, legt ihn über 2 Stühle, ergreift das ebenfalls herbei, gebrachte Bügeleisen, nimmt Wäsche zur Hand und beginnt die Arbeit.) Resi. So also, gch'n Mas an. Lang wär ich aber nicht Zeit hab'n, dann muß ich zum Kochen schau'n, muß zusetzen. Amalie (etwas zerstreut). Na, das hat schon noch Zeit. Resi. Ja? Na wann man nur bei der theuern Zeit überhaupt noch etwas zum Zusetzen hat, dann ist's eh gut. Da war ich einmal bei einem Klampferer im Dienst, der hat freilich nicht zum Zusetzen gehabt, weil der Klampferer Alles verklopft gehabt hat. Wann er mit einem Habemus heim gekommen ist, hat die Klampf'rerin ans Galt ö' Geschirr zusammen geschlagen, nachher, wenn nichts mehr zum Zusammenschlagen da war, hat's die Händ' übern Kopf zusammengeschlagen. Mit einem Wort, ein Klampfererg'sind ! (kleine Pause.) Aber was haben Sie denn Fräulein Mali? Sie sind so pensiv! Ihnen geht gewiß etwas im Kopf herum? Amalie. Mir? Gar nichts. Resi. O, ich kenn' Jhnen's an, Sie wollen'S nur nicht sagen, aber ich bring'S doch heraus. Ich Hab' ein eigenes Talent, ans Einem etwas herauszubrateln. Wann ich z. B. wissen will, was eine Partei im Haus für ein Bratl hat an einem Sonntag, so fang' ich das HerauS- brateln so an: Ich begeg'n die Köchin mit dem Einkanfkorb, wir bleiben a bist steh'n und plauschen von allerhand wie das schon geht, nachher sag' ich: .Ah, Sie, was das Geflügl heut' wieder für eine Theuerung hat, ein Ganserl, nicht einmal großes, kostet 3 fl." Warum nicht gar? sagt sie. Das ist schon genug für mich. Jetzt weiß ich, daß s'heut bei ihr kein Gansl hab'n. Darauf kommt der zweite Angriff. „Sie, und das Kälberne ist auch wieder then- rer!" Was? das Kälberne auch? sagt sie, möcht aber wissen warum? Jetzt weiß ich, Daß ihre Leut' auch kein Kälbernes zn Mittag haben. Endlich sag' ich znm dritten: „Einen Hasen Hab' ich woll'n kaufen, begehren'S da für einen 2 fl. und eS ist gar nichts d'ran." A na, sagt sie, ich Hab' heut' einen ganz schönen Hasen kriegt um 1 fl. 80 kr. Sehn's, jetzt weiß ich, daß ihre Herrnleut zu Mittag einen Hasen haben. Amalie (lacht.) Das ist freilich sehr diplomatisch. 10 Rest. Jetzt sagen Sie mir aber Fräulein, bei wem diene ich denn eigentlich? Amalie. Was, das weißt du gar nicht? Nesi. Nein! Ich bin da hergeschickt worden mit einem Zettl, da ist daraus gestanden „Frau von Ningelmann, Adresse so und so." Amalie. Na, also, da weißt Du ja den Namen. 9tesi. Ja aber, ich bitt', es ist doch ein Herr da, wie ich gehört Hab, und wenn so der Herr daher kommt, so möcht' ich doch wissen, wie ich ihn zu tituliren Hab? Amalie. Na, Herr Ningelmann. Rest. Sonst nichts? Amalie. Was denn sonst? Der Vater ist Specereihändler. Resi. Ah, was man sagt, Materialist? Na, sehn's jetzt ists gut, Sie müssen wissen, ich bin schon einmal in eine schreckliche Verlegenheit gekommen, weil ich nicht gewußt Hab', wer mein Herr eigentlich ist. Da war ich nämlich bei einer Frau von Weiß im Dienst: Mehr Hab ich nicht vernommen, als daß sie Weiß heißt. Es war am ersten Tag, wie ich cingestanden war. Die Frau gibt mir einen Zettel und sagt, geh zum Herrn in's Bureau und gib ihm das. Wo ist denn das Bureau, frag ich. Im Lanrenzergebäude sagt die Frau. Gut, ich geh in's Lauren- zergebäude, komm zum Portier und sag: .Sie, ich such' da einen gewissen Weiß?" Weiß? sagt der Portier, da haben wir sechs. Jetzt, ist's gut, denk ich mir. Wer soll er denn sein, sagt der Portier, Beamter oder Amtsdiener? Ah, sag ich, ich bin bei ihm im Dienst, ein Amtsdiener wird er wohl nicht sein, ich glaub schon ein Beamter. Ein Beamter? sagt der Portier, da haben wir 4, die Weiß heißen. Ist er ein alter Mann oder ein junger? Na, sag ich, nach der Frau, wird's wohl ein alter sein. Na, sagt der Portier, alte Weiß haben wir drei. Wie schaut er denn aus? Ja, sag ich, wenn ich das wnßt, ich kenn ihn gar nicht. Aber warten's, sein Porträt Hab ich g'sehn, er hat eine Glatzen. Ein Weiß mit einer Glatzen? sagt der Portier, da haben wir zwei. Jetzt war's mir schon zu viel. Und eine rothe Nasen hat er, sag ich, wenn ihm'ö der Maler nicht zu Fleiß gemalt hat. Ah, ein Weiß mit der rothen Nasen, ah, jetzt weiß ich's, sagt der Portier, das ist der Herr Rechnungsrath Weiß. Jetzt sind wir in Ordnung. Da gehn'S dort hinten über'n Hof, die Thür, die Ihnen entgegen schaut, im II. Stock, da werden Sie ihn finden. So Hab ich erst erfahren, bei wem ich eigentlich im Dienst bin. Amalie. Na, zu Mittag wirst du den Vater schon kennen lernen, wie er ausschaut, indessen weißt du, was er ist. Resi (setzt das Bügeleisen ab.) Jetzt Hab ich aber höchste Zeit, daß ich in die Kuchl schau. Amalie. Und ich geh meine Kanarienvögel füttern, die armen Thierl werden schon mit Schmerzen auf mich warten (ab in ihr Zimmer). Vierte Scene. Resi (dann Lampe). Na, also, sein wir halt wieder einmal in ein' neuen Dienst. Werd' segn, wie lang's dauert. Ich Hab' bis jetzt öfter g'wechselt. S' ist wahr, ich bin ein bissel ein unruhiger Geist, aber s' kommt halt auch auf'n Dienst an. Couplet. Manchesmal, das kann ich sagen, Braucht man schon ein' guten Magen, 11 Namen will ich hier nicht nennen, Aber Herrnleut lernt man kennen, Na, was die mitunter treiben, Ganze Bücher könnt' man schreiben. Frauen giebtS schon gar recht rare, Echte Furien-Exemplare, So recht hantig, böse Zangen, Alleweil grantig, die verlangen, Daß man wegen die paar Gulden Alle Plackerei soll dulden, Sich von früh bis spat soll schinden, Herr, verzeih' mir meine Sünden, Aber manchmal hat's mich g'rissen Anszutheilen — von die g'wissen. Alles hat ja seine Grenzen, Nix is z'wider als das Penzen, Wenn man eh' flink bei der Hand is Und wird ausg'macht, daß'S a Schand is, Wenn man so ein' bösen Drachen Durchaus gar nix recht kann machen, Wird Ein' die Geduld zu wenig Ah, da dank' ich unterthänig. Tag für Tag ein ewig's Hetzen, Nie kommt man zum Niedersetzen, Allerhand so G'schichten, Sachen Soll man da auf einmal machen: Kinder in die Schule führen, Fratzen, die Ein' nur sekiren, Die Ein' frozeln aus der Gassen, DaS muß man sich g'fallen lassen. Nachher heißt's auf d'Freiung lausen, Mit die Weiber streiten, raufen, Auf'n Burgring, gleich daneben, Sehr pressant ein' Brief abgeben, Sagt man z'Haus dann: „Euer Gnaden, G'rennt bin ich, ich Hab' kein Athem," Heißt's: „Nur g'schwind die Zeit benutzen, Und ein bissel Zimmer putzen. Alleweil thun's Ein' nmmersprengen, Resi, heißt's, geh Wäsch aufhängen, Resi, fütter' jetzt die Zeisserln, Resi, führ' die Hund jetzt äußerln, Resi, nachher gehst du rollen Das is ja zum Teufel holen! Und dabei soll man nix brechen, G'schicht Ein was, so muß man blechen, O, ist oft lauter altes Graffel, Rinnen thut das Wasserschaffel Und der Krug hat lang ein' Fehler, Sprung hab'n eh die meisten Teller, Aber laßt man eines fallen, Muß man's für ein neues zahlen. Das wird ein natürlich z'wider Man legt seine Stelle nieder, Kommt mit der Frau fest übereinand' Und sagt: Für den Dienst küß' ich d' Hand. (Es wird geläutet.) Resi (geht zur AuSgangSthür und sieht durch das Guckloch.) Wer ists? Lampe (von außen.) Ich bin's. Resi. Ja, das kann a jeder sagen. Lampe (von außen ) Machen's nur ans, ich bin geschickt. Resi. Ob Sie geschickt oder ungeschickt sind, das kann ich von da inwendig nicht ausnehmen. Zn wem wolln's denn? Lampe. Zum Herrn Ringelmann. Resi. Der ist nicht zu Hause. Lampe. Die Frau auch nicht? Resi. Nein! Lampe. Aber die Fränl'n vielleicht? Resi. Ja, die ist zu Hans. Lampe. Na, also, dann ist's schon recht. Resi. Ja? (gegen das Publikum gewendet.) Na, er kennt ja die ganze Familie, er wird doch nicht verdächtig sein, (öffuet die Thür. Lampe tritt schüchtern ein, er ist in sehr unscheinbarem Geschäfts- Kostüm und hat ein Käppchen auf dem Kopfe.) Lampe. Also die Fränl'n ist allein zu Haus? Resi. Wie ich Jhneu sag. Lampe. Sie sind ganz neu da, Sie kennen mich nicht. Resi. Nein ! Aber ich kann mir's schon denken, wer Sie sind und was Sie wollen. Lampe. So! Glauben Sie? Resi (bei Seite). Schrecklich schüchtern ist er, der arme Ding, aber gar nicht übel. (Laut). Na, gehen'S nur hinein da zur Fränl'n Mali. 12 Lampe. Zn der Fräul'n? Nesi. Ja, von der krieg'ns Ihren Gulden und dießmal auch ein abgelegtes Gewand. Lampe (betreten). Abgelegtes Gewand ? Resi (mitleidig). Ja, es wird Ihnen wohl thun, nicht wahr ? Na, und wann's fortgeh'n, schan'n Sie sich bei mir a bist in der Knchl um, ich gib Ihnen eine warme Suppen. Lampe. Suppen? Resi (bei Seite.) Armes Hascherl! Ganz erfroren sieht er ans. (Laut.) Na, jetzt schann's nur, daß hinein kommen zur Fräul'n Mali (schiebt ihn bei den Schultern gegen die Thiir von Mali's Zimmer, öffnet die Thür und ruft hinein:) Fräul'n Mali, da ist der Student, der um's G'wand kommt (schiebt Lampe vollends hinein, und schließt die Thür hinter ihm). Meiner Seel, wenn ich nicht meinen Fuhrwesenskorporal hält, in den Studenten könnt' ich mich verlieben. (Geht in die Küche hinaus und man hört sie draußen ein lustiges Lied trillern.) Fünfte Scene. Amalie (kommt mit Lampe wieder ans dem Zimmer heraus). Amalie (zu Lampe). Das ist aber merkwürdig! Was brauchen denn Sie heute für eine sonderbare Kriegslist, Lampe? Gleich in mein Zimmer kommen. Sie, das ist stark. Lampe. Vitt, Fräulein Mali, ich bin ganz unschuldig. Die neue Magd da hat sich durchaus einbildet, ich müßte ein armer Student sein. Amalie. Der das abgelegte Gewand und einen Gulden bekommt. Lampe. Ja wohl, ich komm' aber nur (ergreift Amaliens Hand). Amalie. Bst, daß die Resi nicht aufmerksam wird. Lampe (läßt die Hand wieder los). Ich komme nur auf einen Sprung heimlich herauf, um Ihnen zu sagen — Amalie. Ruhig, nicht so nahe her zu mir, die Resi guckt just wieder herüber. Lampe. Schan'n Sic, Fränlein Mali, da Hab ich eine gute Idee. Weil ich schon als armer Student hereingekom- men bin, so bleib ich vor der Hand in der Rolle, damit die draußen nichts merkt. Wo ist denn das Gewand, das ich krieg'n soll? d. h. was der Andere krieg'n soll? Amalie. Die Idee ist nicht übel (geht und hebt das am Boden liegende Bündl auf) da liegt alles zusammengerichtet (öffnet es) da ist ein alter Comptoir-Nock. Lampe (absichtlich laut sprechend.) D der Nock ist ja noch ganz schön (etwas leiser sprechend) Fräulein Mali, so kann das nicht länger fortgehen, ich reib' mich auf dabei. Resi (aus der Küchenthür tretend.) Ich bitt, Fräul'n. Lampe (laut.) Ich laß mich beim Herrn Vater tausendmal bedanken. Amalie (zu Nesi). Waö willst Du denn? Resi. Ich brauche ein Schmalz. Amalie (gibt ihr die Schlüssel). Da sind die Schlüssel zu der Speis. (Resi nimmt die Schlüssel, geht ein paar Schritte zurück, bleibt aber beobachtend stehen). Lampe. Sehen Sie, Mali, Sie wissen, ich Hab' Sie so gern. Amalie (leise.) Acht geben, die Nesi horcht (beugt sich zu dem Bündel und nimmt eine Weste heraus). Lampe (besieht die Weste sorgfälltig von allen Seiten und spricht dabei) Wenn die Frau Mutter nicht war, die einen Pik auf mich hat, so wär Alles anders. Resi (für sich). Merkwürdig, der Student mustert das alte Gewand, wie ein Iud, der's kaufen will. Lampe. Ihre Frau Mutter ist im Grund eine gute Frau, aber (dreht wieder 13 die Weste herum) (laut) es ist schade, hinten hat sie einen großen Fleck eingesetzt. A in al ie (zur Rest). Was willst Du denn noch? Resi. Ah, ich Hab nur fragen wollen, wann zu Mittag g'essen wird. Amalie. Um 1 Uhr. Resi. Schon gut (geht wieder ein paar Schritte zurück.) Lampe. Es ist wirklich schrecklich, wenn man mit den ehrlichsten Absichten von der Welt so verstohlen einschleichen muß (zärtlich werdend) O Amalie, ich bitt Sie, geben Sie mir — A IN alie (welche bemerkt, daß die Resi noch immer lauscht, greift in die Tasche). So, da haben Sie Ihren Gulden. Lampe (beugt sich nieder und küßt ihr nochmals die Hand.) Entweder werden wir ein Paar, oder ich werd ein Narr. Amalie. Na, jetzt ist's schon wieder genug mit dem Handküßen, sonst fallt's aus (beugt sich wieder zu dem Bündel nieder.) Lampe (geht ihr nach). Ihr Herr Vater sollt halt Herr im Haus sein, aber leider, er ist nur (sieht sich wieder nach Resi um) (laut) ein alter Schlasrock (nimmt den Schlafrock und breitet ihn auseinander) Ganz ausgezeichnet gut conservirt (leise) Mali, ich bitt Sie, geben Sie mir ein Bußl. A mali e. Was fallt Ihnen denn ein? Lampe. Der Schlafrock deckt Alles (küßt Sie schnell, Amalie laßt einen leisen Schrei hören, Resi kommt herzu). Resi. Was war denn das? Amalie (rasch zu Lampe.) Ziehen'« einmal an den Schlafrock, ob er nicht zu lang ist. Lampe. O ich bitt, da vor Ihnen. Resi. Ah, warum denn nicht wann's die Fräul'n erlaubt (zieht ihm den Rock aus und den Schlafrock an! Sie, der ist schön warm, der ist gut beim Studiren, da ersparn Sie eine Klafter Holz im Winter (es wird an der Außenthür geläutet.) Resi. Ah, da hat wer geläutet, (geht nach der Thür zu). Lampe. Um Gotteswillen, wenn das ie Mutter ist. Amalie. Wo ist denn auf einmal Ihr Muth. Lampe. Ich weiß nicht, wo der ist, ich muß ihn in der Geschwindigkeit verloren haben. Bitt Sie, Fräulein Mali, verstecken's mich, ich geh in Ihr Zimmer. Amalie. Warum nicht gar, auf keinen Fall. Resi (im Hintergrund). Was haben denn die zwei, mir scheint die streiten (es wird zum zweiten Mal geläutet.) Ja, ja, ich komm schon (Amalie geht rasch in ihr Zimmer, Lampe benutzt den Augenblick, wo Resi ihm den Rücken kehrt, schlüpft in die Küche hinaus und verschwindet dort.) Sechste Scene. Resi (sieht zum Guckloch hinaus.) Mir scheint, es ist ein Stadtträger (öffnet die Thür ein wenig) Nein, es ist keiner (will wieder zusperren. Ringelmann hat schnell den Fuß zwischen die Thür gesteckt, drängt die Thür mit Resi zurück und geht mit raschen Schritten durch das VorhauS in's Zimmer.) Resi (ihm nacheilend). Der redt' nichts und deut' nichts (faßt ihn am Arm) Was ist denn das für eine Manier? Hr. Ringelmann. Manier? Na die gefällt mir (betrachtet sie genauer) Aber sie gefällt mir wirklich gar nicht übel. Die ist offenbar unsere Neueste, die mich noch nicht kennt. Resi. Was schann'S mich denn so kurios an? Hr. Ringel mann. Ist die Frau zu Haus? Resi. Nein! Hr. Ringelmann. Desto besser. Wo sind denn die Schlüssel? Resi (zaghaft werdend.) Was für Schlüsseln? Hr. Ringelmann. Der Schlüsselbund mit den Schlüsseln zu allen Kästen! Resi (die den Schlüsselbund an der Schürze trägt, nimmt ihn ab und will ihn verstecken.) Ich weiß es nicht. 14 Hr. Ningelmann. Ah, ich hab's ja schon scheppern gehört. Resi. Er hat's scheppern gehört! (immer ängstlicher werden). Was Wollen Sie denn mit den Schlüsseln? Hr. Ringelmann. Was ich damit will! Aufsperren natürlich. Nesi. Aufsperren mit Gewalt? Hr. Ringelman n. Zu was denn? wann ich die Schlüssel Hab, brauche ich keine Gewalt. Resi (für sich,. O Gott, o Gott! Den Menschen Hab ich so unvorsichtig einlassen, der hat nichts Gutes vor. Hr. Ringel mann. Mir scheint, die halt mich für einen Einbrecher; der Spaß ist nicht übel, lassen wir's a bisl bei dem Glauben. (Laut und rauh). Also her mit den Schlüsseln oder — Resi (wirft zitternd die Schlüssel hin und flüchtet sich hinter den Tisch). Ja, aber thun's nur mir nichts. Hr. Ri N g elMaN N (ihr nachgehend). Nein, dir geschieht nichts, aber schrei' nicht, mach keinen Lärm. Resi. Nein, mauselstad bin ich. (Läuft um den Tisch herum.) Hr. R ingelmann (ihr nachgehend). So bleib steh'n. (Gebieterisch). Ob'st stehn bleibst! Resi (ist wieder in den Vordergrund ge- kommen, Herr Ringelmann faßt sie bei der Hand). Was wollen Sie denn von mir? Meine Sachen sind noch gar nicht da, ich kann Ihnen nichts geben. Hr. Ringelmann (im drohenden Ton). Wenn ich aber doch was wollte? Resi (mit gefalteten Händen). Nur nicht mein Leben. Hr. Ringelmann. Nein, das nicht (halt ihr beide Hände fest), aber einen Kuß muß ich haben. Resi. O mein Gott, o mein Gott! Hr. Ringel mann. Nun, wird's? (Resi gibt ihm einen Kuß) das heißt nichts, ich will zärtlicher geküßt sein. (Resi küßt ihn noch einmal). So, das laß ich mir gefallen. (Mit inponirender Gebärde). Jetzt stellst du dich mit dem Gesicht dort an die Wand, zählst langsam bis 50, und schaust dich nicht eher um, sonst bist du ein Kind des Todes, hast du mich verstanden? Resi. Ja, ja, ich gehorch schon. Hr. Ringelmann. Also anfangen! (Geht, während Resi das Zählen beginnt, lachend und nach ihr umblickend in sein Zimmer ab.) Siebente Scene. Resi (allein). Ich sags ja, auf 1 , 2, 3, kann man ein Malheur haben, sogar zwischen den 4 Wänden, wenn man nur 5 Minuten allein ist. Meiner 6, so viel Augst Hab ich in meinem Leben noch nicht auSgestanden, alle 7 Todsünden büßt man ab. Die Frau hat mir noch gesagt, gib 8, aber 9, hereinlassen Hab ich ihn müssen, oh ich könnt mir 10, 11, 12 Ohrfeigen geben. Er wird jetzt alle 13, 14 Zimmer ausräumen. Er hat vielleicht noch 15, 16, 17 Spießgesellen bei sich, ich armes Madel bin erst 18, 19, 20, 21, 22, (es wird geläutet), warten's a bissel, 23, 24 Jahr alt, aber an den Tag werd' ich ewig denken, 25, 26, das setz' ich in die Lotterie, Räuber 27 extra, (ruft) Fräul'n Mali, hört denn Niemand — 28, 29. L am p e (schleicht sich aus der Küche hervor und will den Schlafrock ablegen, dagegen sein Gewand nehmen). Ich muß jetzt schau'n, daß ich mich hinaus schleichen kann. Resi. Wer geht denn da hinter mir? 30, 31, 32. Lampe. Was treibt denn die? Resi. 33, 34,35, 36.37. Lampe (tippt Resi auf die Schulter). Sie! Resi (aufschreiend). 38, ich zähle ja eh, 39 - Lampe. Sagen Sie mir nur, was war denn das für ein Lärm? Resi (ohne sich umzukehren). Ah, das ist der Student, 40. Ich bitt Sie recht 15 schön 41, 42, sperrn'S g'schwind auf. (Es wird wieder geläutet). Lampe. Ich? Warum nicht gar! (leise). Wann's die Frau war. Resi. So tummeln's Ihnen 43, 44. Lampe. Aber sagen Sie mir nur. Resi. 45, sie sind, 46, ein Hasenfuß. 47, 48, 49, (laut). 50, Gott sei dank, (kehrt sich um, sieht «ach allen Seiten). Er ist nicht da. (Zu Lampe, der ihr nahen will). Gehn's, Sie sind a ein rares Mannsbild, Sie. Lampe. Ich zieh mich wieder in meine befestigte Position hinterm Herd zurück, (will wieder nach der Küche verschwinden, wird aber von Resi an der Schnur des Schlafrock'ö gefaßt.) Resi (hält Lampe zurück). Nichts! Da werden Sie jetzt bleiben. Schämen Sie sich! (pocht rasch an die Thür von Amaliens Zimmer.) Fräulein Mali, kommen'S heraus, (zu Lampe, der ihr ausreißen will). O, sie kommen mir nicht auö. (Geht zur AuSgangSthür, um zu öffnen. Lampe von ihr festgehalten, deckt sich hinter Resi.) Achte Scene. F r. N inge l IN a n n (tritt ein). Amalie (kommt aus ihrem Zimmer). Resi, Lampe. Fr. Ringel m a n n (beim Eintreten). Nu, wie oft werd ich noch läuten müssen? (geht rasch einige Schritte gegen die Mitte der Scene zu). Resi. (Lampe hinter sich herziehend). O, gnä' Frau, wann Sie wüßten. A m ali e (zu Resi). Was gibt's denn, was ist den los? Lampe (noch immer von Resi festgehalten). O Gott, wann nur ich los wär. Fr. Ringelman n. Ist was passirt? Resi. Bst, nicht so laut, gnä' Frau. Eingeschlichen hat sich Einer. (Schiebt mit einer plötzlichen Wendung Lampe vor). Ob Sie hervorgehen werden. Fr. Ringelman n. (Lampe bemerkend). Oho, was soll denn das heißen? Amalie. Ja, Mutter, ich weiß selbst nicht. Fr. R in g elm a nn (zu Lampe). Was wollen denn Sie schon wieder da, und im Schlafrock? Mali, was heißt das? R e s i. Ich bitt, das ist ja der Student der's G'wand kriegt. Fr. Ningelmann. Was, Student! Unser Commis ist's, der ein Aug' auf die Mali hat; und den hast du herein lassen, dumm'S Ding? Resi. Mein Gott, was Hab denn ich g'wußt. Also der ist der Fräul'n Mali im Kopf herumgegangen! Aha! Amalie (zu Lampe). Dießmal sind wir schön erwischt. Fr. Ri nge l mann (zu Resi). Jetzt merk dir's aber, daß du den MuSje da nie mehr aufmachst, der g'hört nicht herein. Resi. O Gott, das wär noch'ö Wenigste! Es ist noch ein anderer herin, der gar nicht herein g'hört. Fr. Riugelmann. So, wer denn? Resi. Ein Dieb. Fr. Ringelmann (aufschreiend). Was? Amalie. Ein Dieb? Resi. Ein Räuber! Lampe. Ha, ein Räuber; jetzt ist ein Mann nothwendig, da bin ich. Resi. Er hat ein Messer der Räuber. Fr. Ringelmann. Aber wo ist er denn nur? Lampe (hat einen Stock ergriffen). Ja, wo ist er? Resi. Ja, da war er, er muß sich wo verkrochen haben. Lampe. Wir werden ihn schon herauskitzeln. Fr. Ringelmann. Ja, ich bitt Sie, verlassen's uns jetzt nicht. Lampe. O, ich bleib da. Sie gnädige Frau, wann ich ihn umbring, den Räuber, krieg ich nachher die Amalie? Fr. Ringelman n. Nein, das nicht. Lampe. Dann behüt Ihnen Gott. 16 Fr. Ringelmann (ängstlich aufschreiend). Na, wir reden später davon. (Zu Rest.) Wie schaut er denn aus, der Räuber? Resi. Himmelhoch und baumstark. Er hat mir die Schlüssel weggeuommen. Fr. R i n g e l m a n n. Gott, die Schlüsseln! Resi. Ja, und ich Hab ihm müssen mit Gewalt zwei Buß'ln geben. Lampe. Na, das ging noch an. Resi (ist während dem Herumgucken in die Nähe der Thür Ringelmann's gekommen und ruft:) Halt, da drin hör' ich was! Fr. Ringel mann. Was, da drin, im Herrn sein Zimmer? Resi (guckt durch's Schlüsselloch). Ja, da drin steht er, vorm Schreibtisch. Fr. Ringel mann. Den hat er g'wiß schon aufgebrochen, (guckt ebenfalls durch's Schlüsselloch). Es ist richtig, da drin steht wer, er dreht uns den Rücken zu. Lampe (Fr. Ringelmanu wegdrängeud). Erlaubend! Ja, daö ist ein Mann, aber himmelhoch und baumstark ist der nicht. Fr. Ringelina n n (zu Lampe) Ich bitt Sie, bleiben Sie bei der Thür stehen, daß er uns nicht auskommt. Ich ruf derweil hinunter um den Hausmeister (geht zum Fenster) und du Resi, lauf geschwind fort, und hol' einen Sicherheitswachmann. Lampe. Hausmeister, Sicherheits- Wachmann und ich, na, wir werden ihn doch halten können. (O, er kommt uns nicht aus.) Neunte Scene. Herr Ringelmann (aus seinem Zimmer kommend. Vorige.) Hr. Ri n g e l mann (gelassen heraus- tretend). Was gibts denn da für ein Spektakel Heraußen? Fr. Ringel mann. Ja, was ist denn Das? das ist ja der Herr. Amalie. Der Vater? Lampe. Der Herr Principal? Resi. Was denn nicht noch? Fr. Ringelmann. Das soll der Räuber sein? Resi. Jetzt kenn' ich mich selber nicht aus. (Geht auf Ringelmanu zu.) Sein'ö oder sein's nicht? Hr. Ringel mann. Was? Fr. Ringel mann. Das ist mein Manu, wo ist aber der Räuber? Hr. Ringelmann. Ah, das wird ein Mißverständlich sein. Fr Ringel mann. Gott sei Dank, desto besser. Aber die Angst, die ich ausgestanden Hab'. Lampe. Jetzt Hab' ich wieder keine Aussicht, den Principal kann ich nicht umbringen. Resi. Was machen's denn nachher solchen G'spaß mit dem Messer und hernach mit die — Fr R in gel man n (einsallend.) Aha; ja richtig. (Zu Resi.) Also derselbe ist es doch, dem Du hast die zwei Bußl geben müssen, was? Resi. Ja, mir scheint schon. Hr. Ringelma n n. Tschaperl, Was hast denn das sagen müssen. Resi. Ja, ich bitt', ich Hab ja nicht gewußt, daß Sie der gnä' Herr sein, sonst hätt' ich ja nichts g'sagt. Fr. Ringelmann. So? Na, das thät ich mir ausbitten für die Zukunft. (Zu Ningelmann.) Räuber spielen, s' Madl abküssen, was ist denn Dir heute eingefallen ? Und da schau her ! (führt Lampe vor.) Während Du solche Dummheiten machst, schleicht sich der Herr Lampe als armer Student da ein. Amalie. Nein, Mutter, er hat sich nicht dafür ausgegeben. Resi. Ja, das ist wahr, gnä' Frau, ich Hab' nur geglaubt, er ist's. Fr. Ringelmann. Und die Mali hat Dich beim Glauben lassen? Kommt auf eins heraus! (fortfahrend zu Ringelmann.) Den Lampe sind ich da im 17 Schlafrock gemüthlich in unserer Wohnung herumspazieren, ein Skandal, eine Schand und ein Spott vor der Nachbarschaft, wenn das aufkommt, und wann's der Herr von Sprudler erfahrt, geht am Ende die ganze Partie zurück. Resi (bei dem Namen aufhorchend.) Sprudler? Da hör ich ja wieder ganz was neues. Hr. Ringel mann. Na, das war das größte Unglück nicht. Fr. Ringelmann. Das sagst Du, aber ich sag' Dir. Resi. Gnä' Frau, darf ich Ihnen was sagen? Fr. Ringelmann (streng.) Da hast du gar nichts drein zu reden. (Es wird geläutet.) Geh' aufmachen. (Zu Lampe.) Und Sie schau'n, daß Sie sortkommen. Ziehn's den Schlafrock da aus und machens Ihnen auf die Strümps'. . Zehnte Scene. Die Vorigen. Hr. Sprudler (tritt ein, ohne Resi, welche sich lauernd zur Seite drückt, zu bemerken). Amalie (ihn erblickend). Der Herr von Sprudler ift's. Fr. Ringel mann. Ich Hab mir's ja gedacht, da haben wir jetzt die Pasteten ! Lampe (noch im Schlafrock und den Stock in der Hand). Daß ich den nicht hinausprügeln darf, das ist schade. Sprudler (vorkommend.) Guten Tag allseits, küß die Hand Frau von Ringelmann. Fräulein Amalie, Sie sehen heute wieder aus, wie eine Mensch gewordene Rose. Lampe (bei Seite) . Fader Kerl. Resi (bei Seite zu Amalie). Sagen Sie mir Fräulein Mali, möchten Sie den Herrn Sprudler wirklich haben? Theater-Revertoir 303. Amalie. O nein! Du weißt ja doch jetzt — Resi. Also den falschen Studenten da drüben? Warten's, vielleicht kann ich Ihnen helfen. Sprudler. Aber ich weiß nicht, ich finde die Stimmung hier so beklommen, ist etwas vorgefallen? Fr. Ringel mann. Na, eigentlich nicht. Hr. Ringel mann. Nein, wir haben uns nur a bißerl alterirt wegen einer Dummheit. Fr. Ringelmann. Ia,^vegen dem Lampe, ich muß schon sagen. Sprudler. Was seh' ich, Herrn Lampe und im Schlafrock? Fr. Ringelman n. Ja, wissen Sie, der gehört eigentlich nicht ihm. Na, das wär eine ganze Geschicht, wenn ich Ihnen das erzähl'n wollt. Ich sag Ihnen nur so viel, jetzt ist's ganz aus mit dem Herrn. Sprudler (zu Herrn Ringelmann). Ist das wirklich so? Fr. Ringelmann Wenn ich sag, es ist aus, so ist's basta! Sie krieg'n die Mali. Spdud ler (auf Amalie zugehend). Gut, so erlauben Sie denn, daß ich den Verlobungskuß auf Ihre schönen Lippen drücke. Amalie (retirirend). Nein ich bitt', jetzt nicht. (Zu Resi.) Wann Du mir helfen willst, jetzt ist die höchste Zeit. Sprudler (für sich). Sie benimmt sich zwar sehr dumm, aber sie hat Geld, drücken wir ein Aug' zu. (Laut zu Frau Ringelmann.) Ich kann Ihnen gar nicht sagen, Frau Ringelmann. — Resi (vortretend). Ja, freilich können Sie der Mutter gar nicht sagen, was Sie über die Tochter bei der Alma g'red't hab'n. Sprudler. Herr du mein Gott, die Resi! Resi. Ja, die Resi, das freut mich, daß Sie mich gleich kennen. 18 Fr. Ringelmann. Was ist denn das? Hr. Ringelmann. Mir scheint, da erleben wir eine neue Ueberraschung. Resi (zu Frau Ringelmann). Wissen Sie gnä' Frau, daß das derselbe schöne Herr ist, der immer zu der Fräul'n Alma gekommen ist. Fr. Ringelmann. Zu der Ballettänzerin ? Resi. Ja, der nämliche. Sprudler (tritt zu Resi). Ich bitte Dich, schweige, ich gib Dir, was Du verlangst. Fr. Ringelmann. Was wird denn da gewispelt? Resi. O, der Wispelt mir laug' gut. (Zu Frau Ringelmann.) Das ist der Bräutigam, der gesagt hat: Er nimmt das bürgerliche Ganserl, weil's ein Goldfasan ist. Sprudler (zu Frau Ringelmann). Ich bitt' Sie, gnädige Frau, Sie werden doch einem solchen Paperl nichts glauben! Resi. Was Paperl? Ein Paperl erfind't nichts, ein Paperl red't nur nach, was er gehört hat; und Hab' ich's von Ihnen gehört oder nicht, wie Sie gesagt haben (mit erhobener Stimme, einen Papagei nachahmend) »Sie ist eigentlich nichts als eine lebendige Nähmaschin'" (wiederholend) Lebendige Nähmaschin'. Läugnen's, wann's können! Hr. Ringelmann (zu seiner Frau). Na, was sagst Du denn jetzt? Lampe (hat inzwischen den Schlafrock abgelegt, seinen Rock angezogen, und die Kopfbedeckung in die Hand genommen, zu Frau Ringelmann.) Gnädige Frau, soll ich vielleicht jetzt den Herrn Sprudler hinauswerfen? Fr. Ringelmann (rasch). Warten Sie, bis es Ihnen geschafft wird. Lampe. O, ich bittt', wann's nur nicht zu lang' dauert. Du bist der Mann und Vater, du wirst wissen, was du zu thun hast. Hr. Ringel mann. Aha, jetzt bin ich gut dazu. Na, meinetwegen, ich thu's, Weil's mich freut. (Wirst sich in die Brust.) Herr von Sprudler! Sie wissen, ich Hab' Sie nie ausstehen können, aber ich hab's Ihnen nicht sagen dürfen, weil's meine Frau nicht gelitten hat. Unter den gegenwärtigen Umständen macht es mir das größte Vergnügen, Sie aufmerksam zu machen, daß sich dort hinten in der Mitte die Thür befindet, verstanden! Sprudler. Ich muß sagen, auf eine so ordinäre Manier- Lampe (ihm in's Wort fallend, nimmt die Nähmaschin in die Hand.) Wann's jetzt nicht gleich gehen, so werden Sie kennen lernen wie schwer eine Nähmaschin ist? (Sprudler entfernt sich mit eiligen Schritten.) Fr. Ringelmann. Das ist eine schöne Geschichte. Was thun wir jetzt? Lampe (setzt sich in Positur, und tritt mit ceremoniöser Haltung vor Herrn Ringelmann hin.) Herr Prinzipal! Dürfte ich mir vielleicht jetzt erlauben, um Fräulein Amalie anzuhalten? Hr Ringelmanu. Sie sollen sie haben. (Umarmung der beiden Liebenden.) Fr. Ringelmann. Meinetwegen, es bleibt nichts ander's übrig. Resi. Na, ich glaub', für den ersten Tag Hab' ich genug gethan. (Zu Frau Ringelmann.) Sehn's, gnä' Frau, Sie hätten bald etwas Schönes angerichtet, wenn ich als erfahr'ne Köchin nicht zur rechten Zeit dazukommen wär. Hr. Ringelman n. S' ist wahr! Alte, sie ist gescheidt, uns're Neuche. Von mir aus hat sie ein Bußerl verdient. Fr. Ringel mann. Was fängst Du wieder an — Schämst dich nicht, ein Mann wie du, ein Fünfziger! Resi (schnippisch). Freilich, so ein Fünfziger hat das z'widere, daß man ihn nicht wechseln kann! Fr. RlNg elman N (zu ihrem Mann). Per Sorhang fasst. Die alte Wagd. Schwank in einem Äkt von M. A. Grandjean. (Fortsetzung zu „Die neue Magd".) Sämmtliche Rechte Vorbehalten. Wien, 1876. Vertag der Nlaltishausser'schen Buchhandlung (Joses Klemm) Stadt, Hoher Markt Nr. 1. ' Das Aufführungsrecht ist nur zu erlangen durch das Theaterbureau des Herrn Ed. v. Drathjchmid, (I. Lothringerstraße Nr. 3, in Wien). Personen; Lampe, Specereiwaarenhändlcr. Amalie, dessen Frau. Adolf, beider Sohn. Resi, Köchin. Nanni, Küchenmagd. Fabian, Hausknecht. Tigel, Provisor in einer Apotheke. Louise, dessen Tochter. Pr aus er, Fabrikant. Frau Pr aus er. Eugen, » ^ ) deren Kinder. Clara, 1 Ni a r i e. Den Kühnen gegenüber »ls Msmrscnpt gedruckt. „Die alte Magd" erfuhr in Wien das gleiche Schicksal, wie „die neue Magd" (s. diese). Im Strampfertheater, später in der komischen Oper, wo sie Unterkommen gefunden hatte, mußte sie den geschlossenen Hallen Valet sagen. Sie hat nun in Wien dermal keine Aussicht und macht sich also nach auswärts auf den Weg. Ich denke, die „alte Magd" ist verwendbar und lebenskräftig genug, um auch fern von der Heimat ihr Fortkommen zu finden. Wien, im September 1875. ' . c. M. A. Grandjean. Ort der Handlung: Empfangzimmer bei Lampe. In der Mitte Ausgang nach der Küche und dem Vorhaus. Links führt eine Thür nach den Familiengemächern, rechts eine Thür in Adolfs Zimmer. Im Vordergrund links ein Fenster. — L>ofa mit Fauteuils rc. Im Hintergründe, zunächst der Thür, ein Tisch. Erste Scene. Lampe, Frau Lampe. Fr. Lampe. Ja, heut' ist der 15. Februar, heut' sind's 28 Jahre, daß wir verheiratet sind. Haben wir denn nicht vor 3 Jahren an dem Tag die silberne Hochzeit gehabt? Lampe. Meiner Seel', es ist wahr. Aber wenn du mich nicht erinnert hättest, ich hätt' diesmal in den Tod darauf vergessen. Fr. Lampe. Unbegreiflich, wie man sich so einen Tag nicht merken kann, den Tag, an dem man geheiratet hat. Lampe. Sei froh, das ist ein gutes Zeugniß für dich, das beweist, daß ich glücklich bin. Wenn einer unglücklich verheiratet ist, erinnert er sich schon alle Jahr' an den Tag; da gibt'S ihm alle mal einen Riß, wie in einem Fuß, in dem man die Gicht hat. Also heut' schon 28 Jahr! Man soll gar nicht glauben! 28 Jahr! Wie einem die Zeit vergeht im Ehstand! Gerade wie in einem Theater. Na, ja, man hat auch Abwechslung dabei, wie in einem Theaterstück. Lustige Scenen traurige Scenen, langweilige Scenen, auch dann und wann stürmische Scenen. Fr. Lampe. Na, so was man sagt, einen ordentlichen Auftritt haben wir doch noch nicht miteinander gehabt. Lamp e. Na, aber der Dialog war mitunter etwas lebhaft, und er wär' noch lebhafter wor'n, wann ich nicht immer der Gescheidtere gewesen wär. Fr. Lampe. Oho! Lamp e. Na, das heißt, ich Hab' nachgegeben und war stad. Ja, apropos! Wann wir 28 Jahr verheiratet sein, so ist auch die Rest 28 Jahr bei uns. Fr. Lampe. Freilich, weil sie von meinen Eltern her zu uns als jungen Eheleuten in's Haus gekommen ist. Lampe. Schau, schau! Das alte Möbel halt lang' aus. Fr. Lampe. Das heißt, du mußt sagen, ich halt's lang' aus mit ihr. Es gehört manchmal eine himmlische Geduld dazu. Sie hat ihre Mucken ganz gehörig. Ich muß mir gar oft zureden und denken: „Laß geh'n, sie wird alt." Lampe. So wie du. Fr. Lampe. Sei stad! Wird wunderlich — Lampe. Wie du. Fr. Lampe. Sei stad, sag' ich. Na, das ist nicht zu leugnen, sie hat mitunter einen bösen Humor. Lampe. Aber sie ist 'dabei eine gute Seel', magst sagen, was du willst. Wir sollten ihr doch heut' für ihre 28- jährige Dienstzeit auch eine Ueberra- schung machen Fr. Lampe. Na, sagen wir ihr auf! Lampe. Geh' weg, du könnt'st gar nicht mehr ohne sie leben. Ich bin nicht den ganzen Tag zu Haus und du mußt jemanden haben, mit dem du streiten . 1 * Theater-Repertoir 304 . 4 kannst. Da paßt die Rest ganz gut zu dir. Ich weiß, sie schenkt dir nichts. Fr. Lampe. Nun, und deswegen soll ich ihr vielleicht jetzt was schenken ? Na, man darf die Leut' nicht verwöhnen. Sie nimmt sich ohnedieß genug heraus. Eigentlich thut sie ja mit mir gerad, als wenn sie die Frau im Haus war. Vor ihr fürchtet sich Alles mehr als von mir, sie dominirt das ganze Haus, Alles kommt zu der Rest, Alles fragt die Resi; und wenn ein Dienstbot' bei der Resi in Ungnad' ist, so muß ich ihn weggeben, ob ich will oder nicht. Lampe. Aber dafür kannst du ihr auch Alles anvertrauen. Wir haben die ganze Woche im Geschäft zu thun. Die Resi hat immer das ganze Haus geführt, und wann sich wer mit ihr nicht vertragen hat, so hat's g'wiß immer ein Hakerl dabei g'habt. Daß sie dann und wann ein bißerl resch ist, das ist richtig, schad't aber nichts. Sie war ja eine zeitlang Alles in Allem: Köchin, Küchenmädl, Wasserweib, Zimmerputzer, Kindsfrau, Alles, nur keine Ammel. Schau, den Adolf hat sie eigentlich erzogen, der hängt an ihr, als wie an seiner Mutter. Fr. Lampe. Mehr, als an seiner Mutter, das ist's ja eben! Den Adolf hat sie ganz im Sack; sie hofmeistert ihn gern de so, als wenn er noch ein kleiner Bub' wär. Lampe. Oh, das schad't dem gar nicht. Du siehst ihm eh' zu viel durch die Finger. Fr. Lampe. O nein, da muß ich bitten Lampe. Lassen wir's gut sein. Also studieren wir, mit was wir der Resi eine Freud' machen wollen. Fr. Lampe. Wart', ob sie uns nicht noch eine Gall macht. Lampe. Warum nicht gar! Fr. Lampe. Na, es vergeht selten ein Tag, wo nicht ein Krawall los ist. (Man hört Lärm aus dem Vorhaus). Na, was sag' ich, ist schon wieder was passirt! (Nanni tritt ein.) Was gibt's denn draußen? Zweite Scene. Lampe, Frau Lampe, Nanni. Nan ni (klagend, mit etwas böhmischem Dialekt). Gnä' Frau, mit der Resi ist nicht auszukommen. Just hat sie mir wieder nassen Fetzen in's Gesicht geworfen. Lampe. Ach was, das wird nicht so bös gemeint gewesen sein. Fr. Lampe. Aus welcher Ursach' denn? Nanni. Was braucht die viel Ursach', wann man sie schief anschaut, ist gleich Teufel los. Lampe. Na, na, so ganz unschuldig wird die Nanni nicht zu dem nassen Fetzen gekommen sein. Nanni. Nein, bitt', Hab' ich gar nichts gethan — da laß ich mir nicht mehr gefallen. Wenn meine 14 Tag aus sind, geh ich aus dem Dienst. Lampe. Na, da kommt die Resi selber, jetzt wird man gleich das Nähere hören. Dritte Scene. Vorige, Resi. Fr. Lampe (zu der eintreteuden Resi). Sag mir, was sangst denn schon wieder an? Resi. Na, was werd' ich denn anfangen? Die Nanni hat sehr g'schnap- pig gemeint, ich soll ihr helfen beim Abwaschen, da Hab' ich gesagt, wart' dir hels' ich, und Hab' ihr den nassen Fetzen in's Gesicht geworfen. 5 Ar. Lampe. Na, mit einem nassen Fetzen ist ihr leicht geholfen. Resi. Sie soll mir keine kecken Antworten geben. Ich bin 28 Jahr im Haus. Fr. Lampe. Mein Gott, das wissen wir! Aber das ist jetzt seit 2 Monaten schon die dritte, die wegen dir aufsagt. Resi. So. hat die auch schon ausgesagt? das ist ein wahres Glück. Fr. Lampe. Du bist aber auch ein bißerl Schuld, Resi, das muß ich dir schon sagen, (zu Nanni gewendet) geh nur du derweil hinaus, Nanni, wir reden noch miteinander. (Zu Resi.) Du mußt halt nicht gleich so gach sein, das geht ja nicht. Ich kann doch nicht wegen dir alle Augenblick Dienstboten Wechseln. (Nanni geht ab). Resi. So, na so sag'n's mir auf, gnä' Frau, geniren Sie sich nicht, für was bin ich denn 28 Jahr im Haus, machen's keine Umstand', eine solche wie ich, kriegcn's ja bald, natürlich, was liegt denn dran! Lampe. Na, Resi, nur nicht gleich wieder anfbegehren! Wer redt denn vom Fortgehen bei dir! Resi. Aber ich red' davon. In der Kuchl neben mir kann ich keine brauchen, die mir nicht parirt, ich bin für Alles verantwortlich, so will ich auch neben mir Leut haben, die was leisten. Fr. Lampe. Na ja, eö ist alles schon recht, aber — Resi. Ja, ich kann nicht dafür, daß heutigen Tages die Dienstboten nicht mehr so sein, wie'S damals waren, wie wir alle miteinander noch jung gewesen sind. Das ist ja ein G'frett und ein Elend mit dem jungen Volk! Die eine bricht Alles, was sie anschaut, die zweite vergißt Alles, was man ihr sagt, die dritte versteht einen gar nicht recht, was man will, sowie jetzt die Böhmin da. Putzen — ja, spazierengeh'n, Parade machen, das können sie, aber bei der Arbeit ist keine was nutz. Fr. Lampe. Das ist Alles richtig, aber trotzdem — Resi (fortfahrend). Einen Ehignon, der 7 Pfund schwer ist, den kann so ein Goscherl schon tragen; wann sie aber ein Schaffet Wasser auf den Kopf nehmen soll, ist das ein Lamento, als wann'S Hirn auseinander ging. Wann's wissen, daß der Liebhaber unten paßt, da können sie 94 Mal hintereinander über den 4. Stock hinunter laufen, wann man's aber fortschickt, daß sie etwas holen sollen, da ist ihnen gleich die Stiegen viel zu hoch. Dabei wollen sie sich nichts sagen lassen, glauben, sic sind alle g'scheidter, verstehen mehr. Ja versteht sich! gar nichts wissen's, zu gar nichts sind's z'brauchen. Lampe. In Vielem hat sie recht (zu seiner Frau). Du hast ja selber oft genug über die Leut' geklagt. Fr. Lampe. Ja ja, aber wenn ich klag', so bin ich die Frau, und wenn ich streng bin, so bin ich die Frau; aber es kann mir nicht angenehm sein, wcnu's im Haus heißt: „Bei mir halt keine aus, nicht wegen mir, sondern wegen der Resi, denn die Resi ist ein Drach — " Resi (auffahrend). Was, ich ein Drach! Fr. Lamp e. Ich, sag' nur, waK die Leut sagen. (Zu Lampe). Was meinst du? Lampe. Na, weißt du, Frau, du mußt halt annehmen, daß, wie gesagt, die Resi, so was man sagt — Fr. Lampe (ihn unterbrechend). Es ist schon recht, du nimmst immer ihre Partei. Lampe. Mich gehen überhaupt diese Angelegenheiten gar nichts an. Wann die Resi eine hinausbeißt, ist das keine Ursache so in Extase zu kommen. Ich geh jetzt in'S Gewölb' hinunter. (Ab.) 6 Vierte Scene. Frau Lampe, Resi. Fr. Lampe. Ist das ein Mann, statt daß er den Dienstboten einen Herrn zeiget, verliert er sich immer. Resi (boshaft). Wen der uns einen Herrn zeigen soll, so muß der Herr auch der Herr sein. Fr. Lampe (heftig). Na, ist er's vielleicht nicht? Resi. Ich muß schon bitten, nein. Zu reden hat er ja eigentlich nichts. Das ist gerade so, wie es bei Ihren seligen Herrn Eltern war. Sie sind der Frau Mutter nachgerathen, die auch zu Haus 's Heft in der Hand gehabt hat, und der Herr Lampe, der beim seligen Herrn Vater das Specereige- schäft gelernt hat, der hat von seinem Herrn halt auch gelernt hübsch pariren, und Gott einen guten Mann sein lassen. Fr. L ampe. Jetzt ist's genug, so was laß' ich mir nicht sagen. Resi. Ei was, von mir können Sie sich das schon sagen lassen. Ich bin 28 Jahr im Haus. Uebrigens, wie gesagt, wann ich Ihnen nicht recht bin, so machen's Jhnen's anders. Gott sei Dank, ich werd nicht verhungern. Ich Hab 800 fl. in der Sparkassa, nicht vielleicht Körblgeld, was ich mir breit geschlagen Hab', nein, ehrlich verdiente 800 fl. Es ist ein wahres Glück, daß ich's dem Placht nicht geben Hab'. Die sind sicher die 800 fl. Fr. Lampe. Spielst du schon wieder deinen letzten Trumpf aus mit dem Fortgehen? Laß mich aus mit deine dalkerten 800 fl., da wirst du weit damit springen Resi. Na mit 800 fl. in Papier springt man weiter, als wenn man's in Silber hält. Fr. Lampe. Wie so? Resi. Natürlich, weil's Silber viel schwerer ist. Na sehn's, ich bin schon wieder gut aufgelegt.. Also sind wir nicht mehr Harb aufeinander und schließen wir Frieden. Fr. Lamp e. Du bist wirklich eine merkwürdige Person, thust gerade, als wenn ich dir was angethan hätt. Uebrigens, es ist schon recht. Schau nur, daß die Nanni eine Weil' noch bleibt. Resi. Ich der Nanni ein gutes Wort geben, keine Idee! Nicht einmal dran denken gedacht zu werden. Sehn's, gnä' Frau, ich weiß schon eine andere. Fr. Lampe. Ja, ich soll die Dienstboten nehmen, die dir gefallen, das geht gut! Kochen muß ich, was du willst, einkaufen soll ich, was dir gefällig ist, ich werde am End nur die Leut mehr cin- laden dürfen, die dir zu Gesicht stehen, und wenn der Adolf heiraten soll, werd' ich dich fragen müsse», ob dir seine Braut anständig ist. Resi. Könnt' nicht schaden! Sehen Sie, weil wir just davon reden, die Louis' vom Provisor in der Apotheken — Fr. Lampe. Na, was ist's mit der? Resi. DaS ist die, die Sie ihm zuschanzen wollen, gnä' Frau, diese Provisorische, und da sag' ich Ihnen, die Provisorische Braut gefallt mir gar nicht. Fr. Lampe. Aber mir schon. Da haben wir's! Du hättest gewiß eine andere für ihn in Petto! Vielleicht dieselbe, die mein Mann protegirt? — Resi. Die FabrikantenS - Tochter, die Prauser'sche Clara? Die wär' noch eher zum mitnehmen, aber sie paßt auch nicht für den jungen Herrn. Fr. Lampe. So ? Das sind übrigens Familien-Angelegenheiten. Resi (schnippisch). In die ich nichts drein zu reden Hab, meinen Sie, nicht wahr? Aber ich sag Ihnen doch, die Provisorische wird nicht dem Adolf seine Frau, definitiv nicht. Fr. Lampe. Das werden wir ja sehen. Resi. Freilich werden wir's sehen und erleben, wann wir's Leben haben. 7 Fr. Lampe. Uebrigens, meine gute Resi, werden wir uns deswegen nicht erhitzen, reden wir von etwas Anderem. Resi. Wie es gefällig ist, gnä' Frau. Fr. Lampe. Heut' sind es 28 Jahre, daß wir verheiratet sein und gerade so lange bist du auch bei uns im Dienst. Resi. Stimmt schon. Fr. Lampe. Wie alt warst du damals, wie du zu uns von den Eltern übergetreten bist? 19 Jahr, nicht? Resi. Stimmt auch. Fr. Lampe. 19 und 28, das macht? Resi. Beim Zählkellner heißt es: „19 und 28 macht 62." Fr. Lampe. Warum nicht gar! N e s i. Na, ich sag, beim Zählkellner, der irrt sich ja immer zu hoch. Fr. Lampe. Na also, 19 und 28 macht 47, also bist du 47 Jahr. Resi. Na ja! Aber wissen's, gnä' Frau, daß Sie mir mein Kuchlbüchl nachrechnen, ist ganz in der Ordnung, aber warum Sie mir meine Jahr nach- rechnen, das seh' ich nicht ein. Fr. Lampe. Mir scheint gar, du bist noch eitel. Resi. Fällt mir nicht ein. Aber wenn ich bei Ihnen nachzurechnen an- fang, Sie waren damals 20. Fr. Lampe. Oh, ich bitt', 17. Resi. Oh, ich bitt, erzähl'n Sie mir nichts! Sie waren 20! Sehn's, da haben Sie's, jetzt fang ich zum Rechnen an! Also 20 und 28 das macht 48. Sie haben um ein Jahrl mehr als ich, das nützt Alles nichts. Fr. Lampe (halb lachend, halb ärgerlich!. Mußt denn du all'weil Recht haben? Resi. Immer nicht, aber oft. Fr. Lampe. Na also, was ich sagen wollt: Zu dem heutigen Tag wollen wir dir gern eine Freud' machen, sag' mit was denn, du alte Rechthaberin du — Resi (gemüthlich). Wann'S mir eine rechte Freud' machen woll'n, so bleib'nS recht gesund, daß Sie's noch 28 Jahr mit mir aushalten. (Küßt der Frau die Hand). Fr. Lampe. Na, na, so red g'scheidt, sag', was du gern hätt'st. Resi (wieder brummig). Eine Ruh' hätt' ich gern! Ich mag gar nicht daran erinnert werden, daß ich schon bald um die Dienstprämie einkommen kann. Fr. Lampe. Oho, da sind 28 Jahr noch viel zu wenig. Resi. Ja, cs ist wahr! Neulich Hab ich gelesen, die Jüngste, die die Prämie kriegt hat, die hat schon 34 Dienstjahr gehabt. Da ist ja so eine Dienstboten - Prämie schon bald gleich eine Anweisung auf die Fußwaschung. Lassen wir es jetzt gut sein, gnä' Frau, ich Hab' eine Menge zu thun wegen denk großen Kaffee heute. Es kommen also die Provisorischen, die Fabrikan- tischen und der Herr Eugen. Fr. Lampe. Ja! Schau nur, daß du ein gutes Obers kriegst. Resi. Ja, ich werd schon mit der Frau LiSl ihre Küh reden, daß sie sich heute besonders auszeichnen. Fr. Lampe. Na, also, behüt dich Gott dawcil. (Bei Seite.) Eine recht brave Person, wenn sie nur nicht immer Recht haben möcht. (Links ab.) Resi. Eine recht gute Frau, wenn sie nur nicht immer streiten möcht. Fünfte Scene. Resi allein, (sieht sich im Zimmer um). Das heißt wieder zusammengeräumt! Der Nanni muß man überall nachgehn. Da liegt noch der Abstaubfetzen, Schlamperei! (geht zum Fenster, öffnet es und schüttelt das Abwischtuch hinaus). So schön, da schaut der Sicherheitswachmann herauf, er droht mir, weil ich's Tuch beim Fenster hinausgebeutelt Hab, schreibt mich schon wieder auf, vielleicht krieg 8 ich wieder eine Vorladung zu der Polizei, das wär, glaub ich, die 147. — Ich werd' ihm gleich was hinunterrnfen, so eine kleine Wachebeleidigung oder was, es ging gleich in Einem. (Tritt vom Fenster zurück). Bei der Behörde haben sie schon einen ordentlichen Respekt vor mir, und wann's mich anschrei'n, schrei ich noch ärger. Gott sei Dank, ich nehm's mit der bißigsten Kräutlerin am Markt auf, so werd ich doch auch mit so einem Commissär fertig werden. Die Aufhackknecht in der Fleischbank, auch eine gediegene Race, die trau'n mir auch nicht mehr; seit ich einmal dem Letzten sein Beischl vor die Füß geworfen Hab, seitdem krieg ich's beste Fleisch. Jmponiren muß man können, das ist's! Wann einer von die Geschäftsleut', so ein Heulmaier von dem Gewerbe, der immer wehklagt und dazu Bier trinkt, amol sein Arbeit, wie's gewöhnlich geschieht, nicht zur rechten Zeit liefert, und eine Ausred' um die andere findet, so darf die Frau nur mich schicken, ich bring ihn am ersten dahin, daß er Wort halt. Ich geh ihm in der Werkstatt nicht vom Gnack, das heißt, wann er in der Werkstatt ist. Ist er nicht dort, so verfolg' ich ihn Abends bis zum Heurigen oder Vormittags bis zum Gollasch in's Wirthshaus oder Nachmittags ins Kaffeehaus, wenn er dort unnöthiger Weise tarokirt, das wissen alle da in der Näh, der Tischler, Schlosser, Anstreicher, Glaserer, Tapezierer u. s. w. und darum werden wir gut bedient. So ist's! Ja, wann man nicht so wär, wo wär man denn! Sechste Scene. Lampe, Resi. Lampe. Ist die Frau schon fort? Resi. Ja, ja, kommens nur, Sie können's riskiren. Lampe. Na, du thust gerade als — Resi. Als wann Sie sich fürchteten. Na manigsmal ist's der Fall. Lampe. Na, na, ich Hab' allen Respekt vor der Frau, aber wann ich was durchsetzen will . . . Resi. So krieg'n Sie einen Schmarn aber kein Aepfelstrudl. Lampe. Wie so Aepfelstrudl? Resi. Na, glauben Sie, ich hab's nicht gehört, daß Sie schon 3 Freitag um einen Aepfelstrudl betteln, und daß Sie keinen krieg'n, weil der Fran die Maschansker für ihren theuren Gemahl zu theuer sind. Lampe. Ja, das sind halt finanzielle Schwierigkeiten. Resi. Gehen's, ich bitt' Ihnen, die gnä' Frau thnt manchmal gerade, als wenn wir schon auf's Verhungern ausgingen. A Dutzend Maschansker können wir scbon noch bestreiten. Ich werd' Ihnen was sagen, gnä' Herr! Morgen mach ich Ihnen einen Aepfelstrudl und die Maschansker gehen auf meine Rechnung. Lampe. Nein, nein, ich bitt' mir'S aus. Resi. Das müssen Sie annehmen, sonst bin ich bös. Ich bin 28 Jahr im Haus, Sie sind 2 8 Jahr verheiratet, und wenn ich Ihnen einen Aepfelstrudl auftrag, und Sie essen ihn nicht, so sag ich auf. Lampe. Na. also, in Gottes Namen, rück' heraus mit dein Aepfelstrudl. Resi. Schön! Uebrigens, Sie sind nicht ohne Ursach da zu mir gekommen, gnä' Herr, ich seh' Ihnens an, es druckt Ihnen was. Lampe. Was soll mich denn drucken? Resi. Das weiß ich nicht. Das Mittagmahl wohl nicht, die Nockerln waren pflaumig und 's Rindfleisch war weich, also heraus mit der Färb! Lampe. Du bist eine merkwürdige Person! Du siehst einem gleich Alles an! 9 Resi. Na, wissen's, guä' Herr, mit dem Lesen, was man in der Schul' lernt, Hab ich's nie sehr weit gebracht, aber ich lese den Leuten vom Gesicht ab, was sie auf dem Herzen haben; also, ich bitt', schütten's Sie'S aus, Ihr Herz! Lampe. Na, eS ist keine so böse Geschicht'! Mir ist nur ein kleines Malheur passirt. Ich biu in das Bild von der Schwiegermutter hineintreten. Die Schwiegermutter hat ein Loch durch'S aanre Gesiebt. Resi. Das ist gut! Wie haben's denn das angefangen? Lampe. Na, du weißt's, das Bild ist wegen' Abstauben herunter genommen gewesen. Gestern auf die Nacht, wie ich aus dem Gewölb komm', geh' ich in der Finster durch'S Zimmer, stolper', tritt mit dem Fuß in die leinwanderne Schwiegermutter und reiß' ihr'S G'sicht mitten auseinander. Resi. Kann man das nicht Zusammen« äh'n ? Lampe. Probir's, ob's geht, wann man'S auch a bisserl bemerkt, so sagen wir, ver Firniß ist gesprungen, wann'S aber nicht ging, so — (zögernd) sei halt so gut und nimm den Riß auf dich. Resi. Ah, was nicht noch! Ich soll sagen, ich bin hineintreten! Die gnä' Frau halt schrecklich viel auf das Bild! Lampe. DaS weiß ich, eben deswegen — Resi. DaS ist viel verlangt. Lampe. Geh', thu' mir den Gefallen! Du halt'st eher einen Sturm ans als ich. Resi (lachend). Glauben Sie? Na, ich werd's probiren! Ich nehm diesen Fehltritt auf mich und hoff', mein Ruf wird nicht darunter leiden. Lampe. Ich dank' dir recht schön. Resi. Jetzt werden's aber doch eingestehen, daß Sie sich fürchten. Lampe. Nein, nicht das, aber — Resi. Lassen wir's geh'n, ich nehm's auf mich, sein Sie ganz ruhig. Lampe. Mir ist wirklich ein Stein vom Herzen, Adieu. Resi. Küß' die Hand, gnä' Herr. (Lampe links ab.) Siebente Scene. Resi allein, dann Adolf. Resi. Jetzt frag ich, ob das ein Simandl ist oder nicht. Ich möcht wissen, warum's dem, wie er ein kleiner Bub war, reden gelernt haben. Zu reden hat er jetzt gar nichts, so war die ganze Müh' umsonst. (Bemerkt Adolf, welcher etwas schüchternd von rechts eintritt.) Ah, jetzt kommt der junge Herr! Gerade Recht, mit dem Hab ich ein Wörtl zu diskuriren. Adolf. Guten Tag, Resi. Resi. Wünsch guten Tag, junger Herr. Der tausend, wo stecken Sie denn, heut Hab' ich Sie noch gar nicht gesehen. Adolf. Ja. weißt du, ich bin heut' etwas spät aufgestanden, und da Hab' ich gleich in's Geschäft müssen. Resi. Ja, Sie haben sich so heimlich ! aus Ihrem Zimmer fortgeschlichen, wie Einer, der ein böses Gewissen hat. Adolf. Böses Gewissen? Was dir nicht einfällt! Resi. Na, ich mein' nur — so kommen's amal a bisserl her zu mir. Adolf. Warum denn? Resi. Na. was fragn'S denn eine Weil', kommen's her, sag ich (zieht ihn zu sich, und macht sich an seiner Halsbinde zu schaffen). Wie schaut denn das Hals- bindl aus, das haben Sie ja ganz windschief um. Adolf. So, da muß der Spiegel daran Schuld sein. Resi (während sie noch mit ihm beschäftigt ist).^Ich glaub, das ist noch von gestern. Sie sind in der Nacht, scheint mir, ein bißl schief gegangen, wie'S zu Haus gekommen sind. ! Adolf. Ah, keine Idee! 10 Nesi. Nur nichts reden, ich Hab Alles gehört, Sie sind im Borzimmer überall angestoßen, eh's in's Bett gefunden haben, (nimmt seine Rockklappe in die Hand). Haben Sie den Rock gestern augehabt? Adolf. Freilich. Resi (richtet an der Rockklappe). Mit was habn's denn den angeschüttet? Sie, mir scheint gar, da riech' ich einen Champagner heraus. Adolf (verlegen). Champagner? Resi. Also, Hab ich recht? Champagner müssen Sie trinken, na warten's, das sag' ich der Frau Mutter. Adolf. Sei so gut! Behandelst mich g'rad, als wenn ich noch ein kleiner Bub' war. Resi. Ich Hab Ihnen, wie Sie ein kleiner Bub' waren, am Arm herumgetragen und Hab Ihnen dann und wann auch Plesch geben, wann Sie schlimm waren; herumtragen kann ich Ihnen jetzt nicht mehr, aber wann Sie liederlich werden — Adolf. Liederlich! Wer red't denn gleich von liederlich. Resi. Still sein's! Wie viel Uhr war'S denn gestern und vorgestern? Adolf. Na, gestern war's nicht gar so spät. Resi. Was? ein Uhr war's! Adolf. Ah na, 3/4 auf ein Uhr. Resi. Ah was! ^ auf eins oder eins, das ist Alles eins. Das sind wir nicht gewohnt von Ihnen. Die Frau Mutter hört Ihnen nicht, der Vater redt nichts; Ich hör aber und ich red' auch. Mir scheint, Sie sind neuerer Zeit in etwas gar zu lustiger Gesellschaft. Adolf (nimmt die Resi schmeichelnd mn die Achsel). Geh, brumm' nicht all'weil, Resi. Resi (stutzt). Schmeicheln! Jünger- Herr, Sie haben kein gutes Gewissen. Adolf (verlegen). Was du Alles merkst. Resi (bei Seite). Ich will wetten, der hat auch ein Anliegen, aber nicht so wie sein Bater wegen einem Aepfelstrndl, wer weiß, was für eine Pasteten da herauskommt. Adolf (nach einigem Zögern.) Schau, Resi, ich muß dir sagen, deine Ahnung ist nicht so ganz ohne — Resi. Aha! Adolf. Na, darfst nicht vielleicht glauben, daß weiß Gott was geschehen ist. Aber schau, ich bin jung, ich bin 26 Jahr alt, der Vater halt mich etwas kurz, leben will der Mensch doch. Resi. Zum Leben braucht man keinen Champagner. Adolf (fortfahrend). Na, dann und wann will man doch auch eine Unterhaltung haben, nnd da kommt's vor, daß man mehr Geld ausgibt, als man just bei sich hat, nnd so ist es halt gestern geschehen — (cs wird im Zimmer nebenan geläutet). Resi. Die Frau Mutter läutet, ich kann jetzt Ihre Beicht' nicht weiter anhören. (Sieht Adolf halb lächelnd, halb mitleidig an.) Sie sind ein schöner Mensch. Adolf. Aber der Mutter nichts sagen. Nesi (spottet ihm nach und spricht, wie kleine Kinder sprechen). Nein, nix Mutter zagen, nix peitsch, peitsch, Dolfi wieder brav sein, Dolfi nimmermehr thun . . (Geht lachend ab.) Achte Scene. Adolf allein, dann Lampe. Adolf. Das ist dumm, daß ich uicht Hab' Alles sagen können, das Aergste war schon Heraußen. Ich Hab die Resi bitten woll'n, daß sie mir mit 50 fl. aushilft, die hat ja 800 fl. in der Sparkassa. Was thu' ich denn jetzt? Ich Hab gespielt, — ich Hab verloren, s' Geld muß ich haben. (Lampe tritt von links aus dem Zimmer.) Es bleibt nichts über, ich muß mich doch an den Bater machen. 11 Lampe (zu Adolf). Was suchst denn du da? Adolf. Nichts, Vater. Lampe. Warum bist du denn nicht unten im Geschäft? Adolf. Ich bin nur herausgegangen, weil — Lampe. Schau, daß der Zucker und Kaffee nach Mariahilf hinauskommt, der heute früh bestellt worden ist, und das Petroleum in die Iosefftadt, komm' mir bald nach, hörst! (will fort). Adolf. Nur auf ein Wort Vater. Lampe. Waö denn? Adolf. Lieber Vater, ich bin jung, ich bin 26 Jahr alt, Sie halten mich etwas kurz, leben will der Mensch doch. — Lampe. Wie leben, gut leben? Adolf. Dann und wann will man doch auch eine Unterhaltung haben, und da kommt's vor — (Fabian tritt zur Miltelthür herein). Fabian. Herr Lampe! Lampe. Was gibt'S? Fabian. Von der Escompte-Bank sind's da, einen Wechsel einkaffiren. Lampe. Nichtig ja! 950 fl. sind fällig. (Zu Adolf.) Du mir scheint, da kommt was Verdächtiges nach; wir reden später darüber (mit! Fabian ab.) Neunte Scene. Adolf, dann Frau Lampe. Adolf. Jetzt wischt mir der Vater auch davon! Er hätt' mich gewiß nicht stecken lassen, wann ich ihn recht an- lamentirt hätt. Was thu' ich! (Frau Lampe tritt aus ihren Zimmer). Es nutzt nichts, ich muß in den sauren Apfel beißen, und die Mutter anrcden. Fr. Lampe. Ah gut, daß ich dich seh! Du weißt doch, daß wir heute Gesellschaft krieg'n. Adolf. Ja, Mutter! Der Fabrikant Prauser mit Familie, dann der Provisor Tigel mit seiner Tochter — Fr. Lampe. Ja, mit der Louis'! Na, wie ist's? Schau, Adolf, du weißt, ich thät es gern seh'n, wenn du dich wegen der Louis' einmal entscheiden möchtest. Adolf. Na, ich werd schon schan'n (Bei Seite.) Ich muß die Mutter jetzt gut erhalten, sie darf nicht wissen, wie mir um's Herz ist. Fr. Lampe. Also nimm heut' die Gelegenheit beim Schopf und erklär' dich einmal, hörst! Adolf. Ja, ja Mutter! Aber ich hätt' noch ein Anliegen. Fr. Lampe. Was denn für ein Anliegen? Adolf. Aber Sie dürfen nicht bös sein. Fr. Lampe. Na, keine lange Vorred'. Vielleicht eine andere Liebschaft? Adolf (Schnell). Nein, nein! Ich mein' jetzt ganz was anders! Seh'ns, liebe Mutter, ich bin jung, ich bin 26 Jahr alt, ich werd' etwas kurz gehalten, leben will der Mensch doch — Fr. Lampe. Aber nicht liederlich, hoffe ich. Adolf (für sich). Immer unterbrechen's mich, wann ich vom Leben red, (laut fortfahrend.) na, dann und wann will man doch auch eine Unterhaltung haben, und da kommt'ö vor, daß man mehr Geld ausgibt, als man just bei sich hat, und so ist eS halt gestern ge- scheh'n — Fr. Lampe. Was ist gescheh'n? Zehnte Scene. Vorige, Herr und Fra u Prauser Clara, Eugen. Adolf. Herr Gott, jetzt werden wir schon wieder gestört! 12 Fr. Lampe (zu Adolf). Ich bitt' mir die Fortsetzung später aus. (Geht den Ankommenden entgegen). Das ist schön, daß Sie schon so zeitlich kommen. (Zu Engen). Schon wieder zurück von der Reise? Eugen. Oh, schon seit acht Tagen. Fr. Lampe (zu Prauser). Na, Herr Prauser, Sie befinden sich wieder recht gut? Prauser. Na, ich weiß nicht, — ich werd' doch wieder nach Carlsbad müssen. Fr. Prauser. Ach, geh, du hast immer was zu lamentiren. Fr. Lampe. Na, und die Fräulein Clara darf man nicht fragen, die schaut aus wie's Leben. Fr. Prauser. Versteht sich, was soll denn der fehlen (leise zu Clara). So red' was. Clara (ebenso), Was denn, Mutter? Adolf. Was die Fräul'n heute wieder für eine superbe Toilette hat, wirklich sehr geschmackvoll. Fr. Prause r. Alles selber gemacht, Alles selber gemacht. Das Kleid, das Hütl, der Aufputz — Alles selber gemacht. (Leise zu Claras Aber so red' doch Was. Clara (ebenso). Ich weiß nichts, Mutter. Fr. Lampe, (für sich». Ein schreckliches Simperl. das Mädl. «Laut). Darf ich bitten, indessen da zu mir herein zu spazieren — ja? ^ Geht mit Prauser, dessen Frau und Tochter in ihr Zimmer links ab.) Eugen. Ich werd' gleich die Ehre haben, Frau Lampe. I Eilfte Scene. Eugen, Adolf. ! Adolf «für sich). Der Eugen ist jetzt > meine letzte Hoffnung. Ein alter Freund,! wie er, wird mich nicht im Stich lassen. > Eugen. Ich Hab dich ja noch gar nicht recht gesehen, seit ich zurück bin. Adolf. Ja, es ist wahr. Ich Hab nicht Zeit gehabt, dich zu besuchen, das thut aber nichts! Wenn wir einander auch nicht sehen, haben wir uns doch immer lieb. Eugen. Versteht sich, und wie! (Sie schütteln sich die Hände). Wir kennen uns ja fast so lange als wir auf der Welt sind. Adolf. Ja wohl! Darum braucht auch einer vor dem andern kein Ge- heimniß zu haben. Engen. Gott bewahr! Wir können einander alle unsere Schandthaten an- vertranen. Adolf. Na, im Ganzen sind wir ein paar sehr brave Menschen. Engen. Oh ja, gewiß! Adolf. Trotz all'dem kann's manchmal Vorkommen, daß man a bißl über die Schnur haut. Siehst du, z. B. ich bin jung, ich bin 26 Jahr — Eugen (ihm ins Wort fallend). Du, du bist ein gesetzter, solider Mensch, ein Musterexemplar! Adolf. Na, na! Enge n. Bitte sehr! Aber schau, weil wir schon auf das Kapitel kommen, ich bin 25 Jahr alt, der Vater halt mich etwas kurz, leben will der Mensch doch — Adolf (für sich.) Himmeltausend, die Geschieht geht umgekehrt! Eugen (fortfahrend). Na, dann und wann will und muß der Mensch doch auch etwas mitmachen, und da kommt's vor, daß man mehr Geld auSgibt, als ' man just bei sich hat. > Adolf (für sich). Aber ganz meine Worte, ganz meine Lage, da möcht' Einen doch ein Donnerwetter erschlagen! 13 Siebente Scene. Vorige, Tigel mit Louise. Adolf. Der Herr Provisor sammt Tochter. (Zu Eugen). Jetzt mußt du mir deine Geschichte schon später erzählen. Eugen (für sich). Sapperment noch einmal, das ist zuwider! (Laut zu Adolf.) Also auf später, aber du mußt unreinen Augenblick schenken. (Ab ins Neben- zimmer.) Tigel. Geehrtester Herr Lampe sunior! Wir sind so frei. Adolf. Es ist uns ein unendliches Vergnügen, daß wir Sie wieder einmal bei uns sehen. Es geschieht ohnedieß so selten. Louise. Wir sehen Sie aber auch gar nicht mehr bei uns drüben. Tigel. Mein Gott, liebes Kind, so ein junger Herr der hat ganz andere Unterhaltungen. Da giebt's Vereine, Tauzkränzchen — Louise. Tanzkränzchen! Mir scheint, der Herr Nachbar tanzt gar nicht gern. Ja, die jungen Herren sind schon so. Adolf. Oh, bitt recht sehr! Wann ich einmal das Vergnügen hält, Sie wo zu treffen, Fräulein, würde ich mir gewiß alle Mühe geben, so schön zu tanzen, und so viel zu tanzen, und immer mit Ihnen zu tanzen, so lang Sie's erlauben. Tigel (leise zu seiner Tochter). Na, siehst du, hörst du, das klingt gar nicht übel. Louise. Ist schon recht! Herr Lampe, ich werd' Sie das nächste Mal beim Wort nehmen. Bin neugierig, wie lang Sie aushalten, ich sag' Ihnen, wenn ich in's Tanzen komm', da hör' ich gar nicht mehr auf, ich tanz 'Sie zu Tod. Adolf (leise). Ich glaub', die könnt' Einen auch zu Tod reden. (Laut.) Ist es vielleicht nicht gefällig, jetzt zur Mutter hinein zu spazieren? Herr von Prauser sammt Familie sind schon drinnen. Tigel. Ja ? na, da gehen wir hinein, auf Wiedersehen, Herr Lampe. (Tigel und Louise ab ins Nebenzimmer links). Dreizehnte Scene. Adolf, dannResi und Nanni. Adolf. Wann ich nur mit mir ins Klare kommen könnt', welche von den zwei Mädeln ich eigentlich nehmen soll. Die Mutter will die Eine, der Vater will die Andere und ich — ich will eigentlich keine von den Zweien. Aber die — die ich gern hält', die Marie, die krieg ich auf keinen Fall. Ich darf'S nicht einmal ahnen lassen, daß mir die gefallt. Und wie sie mir g'fallt! Nicht zum sagen! Aber das Wichtigste wär' für den Augenblick, daß ich weiß, wo ich 50 fl. Herkrieg' ! die bin ich einmal schuldig. Ick muß morgen früh zahlen, geht's wie der Wöll! (Resi und Nanni erscheinen mit Kaffeegeschirr und fangen an auf dem Tisch zu serviren). Resi (zu Nanni). So, daher stellen. Haben wir Alles? 9 Schalen? Nur nicht Alles so stark angreifen, sonst haben wir wieder lauter Scherben. Nanni. Ah, Ihne kann man gar nichts recht machen. Resi. Nicht räsonniren, Böhmin, bei dir wärs nothwendig, man ließ das ganze Kaffeegeschirr von Gußeisen machen, packst Alles an, wie ein Waschbär. Nanni. Schimpfen'S mich nicht Waschbär, das leid ich net. Resi. Halt dich nicht auf, der Waschbär ist bei Hof in der Schönbrunner - Menagerie, hat das schönste Leben, arbeit' nichts und laßt sich fleißig füttern. So ein Menagerie-Vieh ist zu beneiden. Na, jetzt geh nur wieder und schau, daß du nicht niederfallst. (Nanni ab.) 14 Resi (zu Adolf). Also, apropos, weil ich just noch ein bißl Zeit Hab, wie war's denn da früher, was ist gestern geschehen? Adolf. Na also, laß dir sagen: Ich Hab' müssen Revanche geben, Hab' müssen Champagner zahlen. Resi. Aha, also Hab' ich recht gerochen. Adolf. Nun, und zuletzt, da haben wir ein Spielerl gemacht. Resi. Spieler! ? Hazardiren? Das wird ja immer schöner. Adolf. Kurz herausgesagt, ich Hab 50 fl. verloren, und die muß ich zahlen. N e s i. Natürlich, so thun Sie's halt. Adolf. Ja, wann ich nur wüßt, wie! Ich krieg meine Besoldung erst in 14 Tagen, es geht mir knapp, und da Hab ich dich bitten woll'n — Resi. Ich soll Ihnen pumpen? 50 fl., was glauben Sie denn? Adolf. Ich weiß, du hast ja. Resi (ihn unterbrechend). 800 fl. in der Sparkassa, ja, und da soll ich Ihnen aushelfen? Adolf. Ich bitt' dich schön, ich werd dir das Geld in Raten zurückzahlen. Resi. Sie sind ein schönes Möbel, ein Möbel auf Raten. Adolf. Geh', laß' mich nicht stecken. Resi. Ich werd' Ihnen was sagen, Sie sollen das Geld haben. Adolf. Du bist ein Engel! Resi. Wartens nur, Sie müssen mir dafür einen Gefallen thun. Adolf. Was denn für einen Gefallen ? Resi. Sie müssen sich einmal entscheiden, ob Sie die Louise oder die Clara aussuchen, das Herumtrenzen heißt nichts! Sie haben Zeit, daß Sie heiraten und eine ordentliche Frau kriegen, die Ihnen ordentlich in die Corda nimmt. Adolf Das thust du ohnehin, Resi. Resi. Hören Sie mich an! Sie kommen zu keinem Entschluß, das seh' ich schon, ob Sie die Louise oder die Clara nehmen sollen. Mir sind eigentlich alle zwei nicht recht. Adolf. Mir auch nicht. Resi. Was? Adolf. Wie ich dir sag. Resi. Wer war' Ihnen denn nachher recht, wenn man fragen darf? Vielleicht eine andere? Adolf. Ja. Resi. Kenn ich die? Adolf. O, sehr gut. Die Marie ist's. Resi (die Hände zusammenschlagend) Die Marie, die Handschuhmacherstochter ! Die Nähterin! (Packt Adolf plötzlich beim Kopf, und küßt ihn). Die sollen Sie haben! Adolf (überrascht). Resi! Resi. Die sollen Sie haben, sag' ich und mein ganzes Sparkassabuch dazu, wenn Sie's brauchen. Ich wollt' nur, es war' hundertmal so viel. Mein Gott, wie hätt' ich das ahnen können. O, Sie Heimlicher, Sie! Nein, die Marie, mein Herzpinkerl! Mit ihrer Mutter bin ich ja in die Schul' gegangen und die kleine Mariedl Hab' ich wie oft auch im Arm getragen, wie sie so — war. In das Madel bin ich ja selber völlig verliebt. Freilich ist sie arm, ihr Vater hat eine Menge Kinder, ich glaub 3 Paar Zwilling — aber das macht nichts, es wird gehen, es muß gehen. Adolf. Wie denn nur? Resi. G'schwind muß es gehen. Die Eltern müssen überrumpelt werden. Adolf. Die Mutter drängt wegen der Louise, der Vater wegen der Clara. Resi. Und ich dräng' wegen der Marie. Sie verflixter Mensch, Sie, unter drei Mädeln kriegen Sie die sauberste, grad wie der Paris in der schönen Helena. Adolf. Wenn ich sie nur schon hält'. Resi. Vor Allem haben's Courage. Gleich heut' muß die Bombe platzen. Herrgott von Mannheim, das wird eine Explosion geben! 15 Adolf. Muß es denn noch heut' sein? Resi. Ja, das ist das gescheiteste. Perlassen Sie sich nur auf mich. Sie greifen fesch an, ich komme dann mit Succurs, wann's sein muß, mit'n schwerem Geschütz, der alte Moltke wird'S schon machen. (Marie tritt ein). Adolf. Da ist die Marie! Resi. Ausgezeichnet, ganz a propos. Die könnt gar nicht a propoperor erscheinen. Laden Sie's zum Kaffee ein. Adolf. Zum Kaffee? Resi. Ja. Adolf. Und nachher? Resi. Nachher? Na, nachher kommt der alte Moltke. Gott helfe weiter! Vierzehnte Scene. Vorige. Marie. Marie (welche sich während der letzten Reden bescheiden im Hintergründe hielt und die mitgebrachte Arbeit auf einen in der Nähe stehenden Tisch legte.) Wünsch' guten Tag, junger Herr, grüß' Gott, Resi! Da Hab' ich die fertige Arbeit gebracht. Resi. Schon recht, Herzerl. Wie geht's denn immer, gut? Ja, daö freut mich (stößt sie leise scherzhaft mit dem Ellbogen in die Seite) SappermentSmädel du! Marie. Kann ich die gnädige Frau sprechen? R e s i. Ja, ja, sie wird gleich heraus- kommen. Wart' nur einen Augenblick — der junge Herr wird dir Gesellschaft leisten. Nicht wahr, Herr Adolf? Adolf. O, mit dem größten Vergnügen. ' Mari e. Aber ich weiß nicht, ob sich das schickt. Resi. Warum denn nicht, Tschapperl, sei nicht so kindisch! (leise zu Adolf) Sie müssen's ein wenig vorbereiten, erstens und nachher, nicht vergessen, sie muß zum Kaffee dableiben. (Nimmt im Zurückgehen Marie sanft beim Ohrläppchen.) Du lieber Fratz, Du! (Ab.) Fünfzehnte Scene. Marie. Adolf. Marie (für sich). Was hat denn nur heut' die alte Resi. Sie ist so sonderbar. Adolf. Nehmens Platz, Fräulein Marie! (trägt einen Stuhl herbei.) Marie (deprezirend). Sie sind zu gütig, junger Herr. Adolf. Bitte, bitte — ich habe Ihnen etwas zu sagen. (Marie nimmt Platz — Adolf trägt auch für sich einen Stuhl herzu und setzt sich neben Marie.) Marie. Sie, junger Herr — mir? Adolf (nach einem Eingänge des Gespräches suchend.) Ja — sogar sehr viel. Sehen Sie, Fräulein Marie. — Marie. Bitte, nennen Sie mich nicht Fräulein — Adolf. Nicht, wie denn — Marie. Na, bloß wie ich heiße! — Marie. Adolf. Gut, aber dann dürfen Sie auch mich nicht mehr „junger Herr" nennen. Marie. Wie denn? Adolf. Nun, bloß wie ich heiße: Adolf. Marie. Oh, Gott bewahre, junger Herr — das geht nicht. — Adolf. O, warum denn — pro- biren Sie 's nur. Marie. Nein, nein, aber meinetwegen: „Herr Adolf." Adolf. Nichts „Herr" bloö Adolf. Geh'ns, Marie, machen's mir die Freud. Marie. Um keinen Preis — das klingt so gewiß vertraulich. 16 Adolf. Na, so soll's klingen. Marie (rückt den Sessel ein wenig bei feite). Wie meinen Sie? Adolf (für sich). Die Geschichte ist verflucht schwer anznpacken. Wenn ich nur die Rest hinter mir müßt'! (laut) Sagen Sie mir, Marie, was haben Sie denn für Arbeit gemacht? Marie. Zwei Hemden Hab' ich gestickt und ein Dutzend Schnupftücher gemerkt. Adolf. So. Schnupftücher haben Sie gemerkt. . . Haben Sie sonst nichts gemerkt? Marie. Was denn, Herr Adolf. Adolf. Mit Ihrem dummen „Herr!" — Pardon das ist mir so heraus gerutscht — liebe Marie. Marie. O, ich bin nicht beleidigt, Herr Adolf. Adolf. Sagen Sie doch auch „lieber Adolf". Marie (ausweichend). Also bitte — was soll ich denn sonst noch gemerkt haben? Adolf (für sich). Ich komme nicht weiter. (Laut). Ich meine, ob Sie an mir nichts gemerkt haben? Marie. An Ihnen? (besieht ihn forschend.) Sie haben sich den Knebelbart abrasiven lassen. Adolf. Das mein' ich nicht. Marie. S' ist schad', der Knebelbart hat mir sehr gut gefallen. Adolf. So? Da werd' ich ihn wieder wachsen lassen, Alles laß' ich mir wachsen, wenn's Ihnen g'fallt, so lang, wenn Sie wollen, den Bart, die Haar, die Nägel- Marie (lachend). Oh, da müßten Sie ausschauen wie ein Orangutang. Adolf (ein wenig betroffen). Ich dank' Ihnen. Marie. Nein, das heißt — ich — oh, Herr Adolf, sein Sie nicht böse (streckt ihm unwillkürlich die Hand entgegen.) Adolf (die dargebotene Hand rasch fassend). Ich bin gar nicht böse darüber — gar Nicht (Marie entzieht ihm sanft die Hand, ehe ihr aber dieß gelingt, hat Adolf auf dieselbe einen Kuß gedrückt.) Marie. Was thun Sie denn? Adolf. Ich küsse Ihnen die Hand — mehr darf ich ja nicht küssen. Marie (aufstehend).. Herr Adolf, Sie haben mich bis jetzt immer wie ein anständiges Mädel behandelt, ich bitte Sie, auch ferner dabei zu bleiben. Adolf. Nein, dabei will ich nicht bleiben. — Marie. Oh! Adolf. Das heißt, ich will — o Marie, wenn Sie wüßten — Marie. Ich mag nichts mehr hören. Adolf. Sie wollen nicht hören? Gut, der nicht hört, muß fühlen (ergreift Plötzlich Marie's Hand nnd legt diese auf sein Herz) so fühlen Sie also, wie's da klopft. Und warum klopft's, Marie — weil ich Sie liebe — unmenschlich liebe! Marie (betroffen — unter Thränen). Um Gotteswillen, Adolf! Adolf (jauchzend). Adolf! ohne Herr — oder ja — er soll dein Herr sein — so stehts in der Schrift, dein Herr und Gatte vor Gott und der Welt! willst du, Marie! (umarmt sie.) Marie fdie Umarmung sanft ablehnend). Ach — es ist ja nicht möglich! Sechzehnte Scene. Vorige. Herr und Frau Lampe, gleich hinter ihnen sämmtliche Gäste, dann Resi. Fr. Lampe (welche den übrigen vorangeht und eben noch zurecht kommt, die letzten Worte zu hören). Was ist nicht Möglich? Adolf. Ah, die Marie meint, Sie kann unmöglich zum Kaffee dableiben. Fr. Lampe. Ja, wer hat Sie denn eingeladen? 17 Adolf. Noch Niemand, Mutter, ich Hab' der Marie nur gesagt, (mit ent- schiedener Betonung) der Vater werde sich das Vergnügen ausbitten. (Lampe sieht erstaunt auf.) Fr. Lampe (leise zu Adolf). Ah, das bitt' ich mir aus. Adolf. Schön—also, Sie, liebe Mutter ? Fräulein Marie, meine Mutter (die Stimme erhebend) wird sich freuen, wenn Sie dableiben wollen. Fr. Lampe (verwirrt.) Ja, ja — ich bitte — recht sehr (für sich) was hat er denn nur, der Adolf? La mp e (zu Adolf). Sag' mir nur, wie ist dir denn das eingefallen? Adolf. Mir ist es auch gar nicht eingefallen. Fr. Lampe. Na also — Resi (vortretend). Aber mir! Fr. Lampe. Ah, da hört Alles auf. Resi (halb für sich). Nein, da fangt erst was an. (Herr und Frau Lampe begeben sich zur Ge- sellfchaft, welche in lebhaftem Wechselgespräch achselzuckend das Borgefallene bekrittelte und sich von Marie zurückzog, so daß diese isolirt stehen bleibt. Die Uebrigen nehmen am Kaffee- tische Platz.) Resi (welche mit Adolf und Marie im Vordergründe bleibt, zu Adolf.) Also wie ist Ihnen jetzt? Adolf. Ich bin im Himmel, Sie liebt mich. Ich lass' sie nicht aus, und wenn's und wenn's — Resi. Und wenn's Graz gilt, wol- len's sagen, mit sammt'n Schloßberg. Gut ist's.Ietzt führen's also (mit Betonung.) Ihre Braut zur Gesellschaft. Batterie — vor! Adolf (geht auf Marie zu, welche zuletzt, die Hände auf die Brust gedrückt bald nach Adolf bald nach der Gesellschaft blickend, regungslos stand.) Fräulein Marie, ich bitte! Marie (leise). Dank, Dank Adolf, aber — Sie sehen (nach der Gesellschaft deutend) dort ist kein Platz für mich, (geht rasch auf Frau Lampe zu, sich verneigend) Theater-Repertoir 304 . ! Verzeihen Sie, gnädige Frau, ich werde nicht länger belästigen. (Will nach der Aus- gangSthüre.) Adolf. Marie! (Marie hält unwill- kürlich inne.) Einen Augenblick. Marie (geht zögernd, mit niedergeschlagenen Augen auf Adolf zu. Dieser nimmt ihren Arm und geht mit ihr nach dem Tische zu.) Komm hieher, Marie, da ist noch Platz für dich! (Drückt Marie sanft auf einen schnell herbeigeholten Stuhl.) Resi. Erstes Geschütz — Feuer! Bum! Fr. Lampe. Was? Er sagt gar Du zu ihr! Adolf. Ja, liebe Mutter, erlauben Sie mir für Marie bei dem Du zu bleiben, ich hoffe, Sie und der Vater werden sich auch bald daran gewöhnen. Resi. Zweites Geschütz — Feuer! Bnm! Adolf. Marie sitzt nämlich hier nicht als Nähterin, — was vielleicht die Nachbarschaft genirt — Fr. Lampe. Als was denn? Resi. Drittes Geschütz — Feuer! Bum! Adolf. Als meine Braut! (Alle springen auf.) Resi. Kernschuß — Bum! Mitten in's Hauptquartier! Marie. Adolf — Adolf — es ist nicht möglich! Tigel. So was ist noch nicht dagewesen. Was sagst du, Louise? Louise. Wenn man sich so vergißt, Hab' ich nichts zu sagen, als: ich wünsche viel Glück zu dem raschen Entschluß. Fr. Pr aus er. Es ist empörend. So red' doch was, Clara! Clara. Geh'n wir, Mutter! Prauser. Diesmal hat die Clara das einzig Richtige gesprochen, Geh'n wir. Eugen. Also, du willst nicht mein Schwager werden? Da ist mir leid. Ich hätte dich gern — Adolf. Um 50 fl. ersucht ? 2 18 Eugen (verdutzt). Ja. Adolf. Die sollst du haben! (Die ganze geladene Gesellschaft entfernt sich.) Siebenzehnte Scene. Lampe. Frau Lampe. Adolf. Marie. Resi. Fr. Lampe. Adolf! Ich bitt' dich um Alles in der Welt, thu uns das nicht an. Marie. Gnädige Frau — ich will mich nicht in Ihre Familie drängen, wenn ich Ihnen zu schlecht bin. Adolf. Zu schlecht? Das Wort wird Niemand sagen, kann Niemand sagen. Lampe. Nein, nein, es sagt's auch kein Mensch. (Zu Marie). Sehen Sie, es wär auch Alles recht schön, aber wir haben andere Absichten mit unserm Sohn gehabt. Resi. Ja, das heißt, Vater und Mutter haben jedes eine andere Absicht gehabt, jedes hat eine andere Zukünftige protegirt. Hält' hxx Adolf die Eine oder die Andere genommen, so wär's immer dem Einen oder dem Andern vom verehrten Elternpaar nicht recht gewesen — das hätt' am Ende ein Zerwürfniß zwischen zwei alten Eheleuten gegeben. Um das zu vermeiden, hat sich also der Adolf rasch resolvirt und hat eine Dritte auserkoren. So sind wenigstens die Eltern darüber einig, daß die ihnen allen Zweien nicht recht ist. . Fr. Lampe. O, ich kann mir's ja denken, die Resi hat da geschürt und geschürt- Resi. Geschürt Hab' ich, das ist wahr, aber brennt hat's schon lang vorher. Nicht wahr, Herr Adolf? Adolf. Mutter, Vater! sehen Sie nur die Marie ein bischen mit anderen Augen an — Sie müssen ihr gut sein. Lampe. Ja, 's wär schon recht, aber der Vater ein armer Handschuhmacher.' der nichts hat als ein halb Dutzend Kinder — drei paar Zwillinge. Resi. Na, und ist denn das finden Mann ein Vorwurf, daß er die Kinder paarweis hat, wie die Handschuh? Fr. Lampe. Ich kann nicht begreifen, wie man da noch einen Spaß darüber machen kann. Resi. Und ich begreif' nicht, wie Sie die Geschichte so ernst nehmen können. Daß der Sohn eine Andere geliebt hat, als die, die da die Eltern lieber gehabt hätten, das ist auf dem Theater schon in tausend Komödien dagewesen und immer haben auf die letzt die Eltern gute Miene zum bösen Spiel gemacht. Also — heraus mit dem Segen! Lampe (blickt seine Frau an). Gattin, was thun wir? Fr. Lampe (achselzuckend). Geben wir nach! Marie. Gnädige Frau! Adolf. Mutter! Fr. Lampe (zu Marie). Ich hoff, du wirst eine dankbare Tochter sein. Resi. Hurrah, das du ist erobert. (Zu Herr und Frau Lampe). Sie werden sehen, das wird ein sauberes Ehepaar! Hat auch der Vater Handschuhmacher nichts, so hat Gott sei Dank der Vater Specereihändler mehr als genug, und die Heirat ist nebenbei eine Unterstützung f ür da s K leingewerbe! Per Vorhang Mt Karl der Kühne. v > , Lnflspief in einem Akte von Sämmtliche Rechte Vorbehalten. Wen, 1876. Vertag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) Stadt, Hoher Martt Nr. 1. Das Aufführungsrecht ist nur zu erlangen durch Ed. v. Drathfchmid, Wien, I. Lothringerstraße Nr. 3. Personen. Besetzung im Wiener Strrdlthrnler. Graf Otto Helm' .Herr Glitz. Gräfin Adeline, seine Gemahlin.Frl. Albrecht. „Karl der Kühne" .Herr Tewele. Friederike, (dreizehn bis vierzehn Jahre alt ).Frl. Necker. Die Handlung spielt auf dem in der Nähe von Wien gelegenen Landgute des Grafen Helm. Zeit: Gegenwart. Äen Kühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Scene. Ein eleganter Gartensalon. Durch eine, aus Schnitzwerk bestehende Wand, au der sich Epheu und sonstige Schlingpflanzen in die Höhe ranken, kann inan nach dem Hintergründe zu einen Theil des Gartens und in perspectivischer Ferne auch die Billa sehen. In hem Fond und links der Bühne befinden sich je eine Thür. Der Salon ist mit entsprechender Elegance möblirt. Erster Austritt. Gräfin Adeline. Graf Helm. Gräfin jsitzt auf einer Ottomane, nachlässig hingestreckt und lieStj. Graf sgeht. ziemlich aufgeregt, mit großen Schritten auf und nieder, bleibt dann vor der Gräfin stehen nud blickt sie lange starr und ernst ans. Gräfin fläßt nach einigen Augenblicken das Buch in ihren Schoß sinken und sieht dem Grafen ruhig und nicht unfreundlich ins Gesichts. Graf. Nun sind es drei Monate, seit wir verheiratet sind, seit Sie mir vor Gott und der Welt zugeschworen, eine treue, ihre Pflichten liebevoll er- füllende Gattin durch das ganze Leben zu sein und — Gräfin flächelnds.Und? Graf. Und? Sie fragen noch? lPathetisch.j Guter Gott! Du hast Tausende und aber Tausende Frauen geschaffen, bei denen das Saitenwerk der Herzens - Claviatnr nach ein und demselben Systeme gearbeitet ist, Frauen, deren geistige Gebilde sich derart gleichen, daß keines derselben durch einen blassen Farbenton oder durch eine hingehauchte Nuance hervorgehoben wird. Warum muße gerade meine Frau eine Ausnahme machen? Warum nicht dieselbe Leinwand, derselbe Rahmen, dieselben! Farben und — I Theater-Repertoir SOS. Gräfin fmit heiterer Betonung). Derselbe Pinsel? Graf. Unterbrechen Sie mich nicht, Gräfin. Bitterer Ernst liegt heute in meinen Worten und ich wünschte mir die Tragik eines Jeremias, um Ihnen mit gehöriger Würde den Verfall unseres ehelichen Tempels predigen zu können. Gräfin. Ha, ha, ha! Sie sind heute köstlich, lieber Graf. Seit den drei Monaten unserer Ehe haben Sie fast keinen Tag vergehen lassen, an welchem Sie mir nicht eine Strafpredigt hielten, und statt zu ermüden, scheint es, daß Sie sich in der letzteren Zeit mit steigendem Eifer, mit gewaltigerer Anregung dieser erbaulichen Mission widmen. Anstatt ruhiger, kälter und — paräonn62 moi — vernünftiger zu werden, wie ich es — leider vergebens — gehofft, werden Sie nur immer fanatischer. Graf. So ist es! In den ersten Tagen unserer Ehe war ich nachsichtiger. Ich besaß eine größere Dosis Langmuth als ich jetzt habe, die aber, infolge unmäßigen Gebrauches, bald auf die Neige ging. Auch war ich vernünftiger als ich es jetzt bin. Allerdings! Denn ich hielt Ihr sonderbares Benehmen für eine, dem klösterlich ! erzogenen Mädchen leicht verzeihliche I Prüderie, die Sie mit der Zeit abstrei- 1 4 fen würden. Später glaubte ich, Sie wären eine durch Lecture verschrobene Schwärmerin, und ich spielte den Kalten, den Gleichgiltigen, ich ging noch weiter und wollte Sie eifersüchtig machen, um Ihre extremen Vorsätze durch dieses nicht ganz ungewöhnliche, aber stets sicher wirkende Mittel zu biegen. Alles mißlang! Meine Gleichgiltigkeit, meine Kälte stimmten Sie freudig, meine Versuche, Sie durch Eifersucht umzustimmen, hatten nicht den geringsten Erfolg. Die Photographien stadtbekannter Soubretten, die blonden Haarlocken, die Liebesbriefchen, welche ich Ihnen, gleichsam wie zufällig unter die Augen brachte, legten Sie, auch ohne ein Sterbenswörtchen darüber zu verlieren, aus meinen Schreibtisch. Kurz, Alles, was das Herz der liebenden Gattin aufs tiefste verwunden kann, das ließ Sie vollkommen unversehrt. Gräfin Gitters. Sie glauben?! Graf strregts. Mehr als das. Ich bin überzeugt, Sie haben einen Abscheu vor mir, Sie hassen mich, unsere Verbindung ist Ihnen eine unerträgliche Last. Gut denn. Ich will Sie von derselben befreien. (Wehmüthig.j So innig ich Sie auch liebe, Adeline, ich sehe endlich ein, daß es besser ist, wenn wir uns trennen. Ich habe Ihrem Vater geschrieben, er möge dringender Angelegenheiten halber zu uns kommen. Da wollen wir die traurige Affaire in der geeignetsten Weise zu Ende bringen. Gräfin (erhebt sich raschj. Meinen Vater? Warum haben Sie das gethan, Herr Graf? Wozu dem alten Manne Kummer bereiten? Graf. Ich gestehe gerne zu, daß er meine letzte Hoffnung ist. Vielleicht werdenseine Ermahnungen, seine Bitten und, wenn nöthig, seine Thränen Sie erweichen, das Glück dreier Menschen nicht zu zerstören; denn auch Sie dürften durch unsere Trennung nicht glücklicher werden. Gräfin (lebhaftst Gewiß nicht, denn ich achte, schätze und verehre Sie. Graf. Aber Sie lieben mich nicht! Gräfin. Sie mögen recht haben, !denn die Liebe (schwärmerisch^ muß alle > Bedenken zerstreuen, sie darf keinen Vorbehalt gestatten und kann nicht die Freiheit einräumen, Charakterfestigkeit wahren zu wollen, die Liebe raubt uns das Licht der Augen, sie macht uns taub gegen die Stimme der Vernunft und löscht unsere Erinnerung weg von der Tafel des Gedächtnisses. Der Liebe gelten, Vergangenes und Zukünftiges nichts ihr ist die Gegenwart Alles. Sie hat kein Wie und Warum, gleicht nicht dem Bache, welcher der plätschernden Quelle entspringend, Berge und Hügel vorsichtig unlgeht und sich durch grüne Wiesen behaglich dahinschlängelt, sie gleicht dem Feuer, das der raschzündende Blitzes- strahl, aus finsterem Gewölle zischend, gerade auf denjenigen Gegenstand schleudert, der kühn und stolz, dem verheerenden Funken gleichsam trotzend, in die Höhe strebt! — Das, so glaube ich, ist Liebe und so darf ich das Gefühl, das mich zu Ihnen zieht, allerdings nicht nennen. Graf (ist während obiger Worte unruhig auf- und abgegangen und stellt sich vor die Gräfin Hins. Sie werden also nie die Meine sein wollen? Gräfin. Bin ich's nicht? Graf (bitterst Wohl. Gesetzlich sind Sie es der Welt gegenüber. Sie wurden Ihrem Vater zuliebe meine Gattin, wurden eine Gräfin Helm, aber Sie haben blos meinen Namen angenommen, mein Herz schlagen Sie aus. Gräfin. Graf, Sie sind heute ebenso ungerecht, als Sie es gestern und vorgestern gewesen. Erinnern Sie sich genau! Sie kamen in nnser bürgerliches HauS. Mein Vater gewann Sie lieb. Auch mir flößten Sie Sympathien ein. Sie machten mir den Hof. So lange Ihre Neigung keine concreten 5 Formen annahm, so lange Sie sich in den Grenzen gesellschaftlicher Conve- nienz bewegten, kam ich Ihnen mit der größten Zuvorkommenheit und mit der freundlichsten, offensten Miene von der Welt entgegen. Eines Tages machten Sie mir eine Liebeserklärung, — Sie verzeihen, wenn ich so weit aushole, aber es scheint mir geboten, Ihr Ge- dächtniß aufzufrischen. — Wie habe ich Ihre Liebeserklärung ausgenommen? Graf smürrischs. Wozu das jetzt! Gräfin stuhigs. Ich bitte! Ich habe Ihnen feierlichst erklärt, daß ich nicht das Recht habe, Liebesbetheuernngen anzuhören, nachdem ich Ihre Gefühle nicht erwiedern könne und auch nicht dürfte. Sie drangen in mich nach der Ursache. Ich bat Sie, mich nie zu befragen, und, wenn Sie mich wirklich lieben, dieses Gefühl aus Ihrem Herzen mannhaft zu bannen und mich zu vergessen. Sie drangen um so stürmischer in mich, ich aber blieb standhaft. Sie nahmen meinen Vater, dem ich allein von einer großen Familie geblieben, zum Alliirten. Mein Vater strebte nach einem gräflichen Schwiegersöhne und beschwor mich, Ihre Hand anzunehmen. Vereint spannten Sie und mein Vater mich alltäglich auf die Folter. Wohl gestand ich ein, daß ich gegen Sie nichts einznwenden hätte, daß Sic mir lieb und Werth sind, daß ich Sie vielleicht lieben könnte, aber ich blieb standhaft. Mein Vater wurde krank, sterbenskrank. Die Aerzte erklärten, er müsse hinsiechen, wenn ich seinen Wunsch nicht erfülle. Nun gut. Ich sagte Ihnen zu, daß ich Ihre Gattin werden wolle, aber nur um das Leben meines Vaters zu erhalten ; Sie ergaben sich auf Gnade und Ungnade und statt Ihr Joch, wie es dem Helden in jeder Lebenslage geziemt, würdig und ohne Murren zu tragen, heulen Sie und quälen mich täglich mit Vorwürfen, die weder Ihrer noch meiner würdig sind. Graf. Aber, nron clieu, konnte ich ahnen, daß Sie einen Eisklumpen statt eines warmen Herzens im Busen tragen? Gräfin. Nein, das konnten Sie nicht ahnen, denn ich habe ein so warmes Herz wie Sie, aber ich kann meinem Herzen Zwang anthun, während Sie der willenlose Sklave des Ihrigen sind. Graf. Sie werden mich also nie lieben können? Gräfin. In dem Sinne, wie Sie es meinen, wohl schwerlich! Graf lbeißt sich heftig in die Unterlippe.s Gut denn, ich erwarte Ihren Vater! Zweiter Auftritt. Friederike. Vorige. Friederike (hüpft lustig Hereins. Vetter, ein recht drolliger Herr ist soeben hier in einem Miethwagen ein- getrosfen. Ich stand just vor der Thüre, als der Wagen daselbst hielt Der Herr, wirklich ein recht komischer Kauz, sprang aus der Kutsche, fragte mich, indem er mir auf die Wangen klopfte, ob dies die Villa des Grafen Helm sei. Ich sagte: Ja wohl. Nun fragte er und ergriff dabei meine Hand, die er sodann recht eindringlich besah, was ich denn hier im Hause wäre? Nun, mein Gott, was sollte ich antworten? Nichts, sagte ich, ich bin die Cousine der Frau Gräfin. Das ist aber schön! meinte er, küßte mich auf die Stirn und bat mich, ich soll Sie, Vetter, auf eine angenehme Nachricht vorbereiten. Fein behutsam vorbereiten, sagte er, denn es ist nicht gut, freudig überrascht zu werden, da man, namentlich, wenn man vollblütig ist, auch daran sterben könne. Also, meinte er, ich soll Ihnen, Vetter, nur tropfenweise beibringen, daß „Karl der Kühne" eingetroffen sei, 6 um seinem Otto zu huldigen! — Ein recht drolliger Kauz das! Graf snachdenkends. „Karl der Kühne". Was soll das bedeuten? Wir leben doch' nicht im Carneval. Ich begreife nicht — Friederike. Aber merken Sie nicht, Better, daß der drollige Herr sich nur einen Spaß erlaubt? „Karl der Kühne" war doch ein mittelalterlicher König, der Herzog von Burgund nämlich, der aber heute unmöglich mehr leben kann, nachdem er 1477 gestorben ist. Graf. Gewiß! Doch gehe jetzt hinaus und sage „Karl dem Kühnen", er ist mir willkommen. Friederike fab). Graf fzur Gräfin gewendet heiter). Ich erinnere mich endlich. Es ist dies ein einstiger Kamerade von mir, ein recht lustiger Mensch, der mit mir bei den Dragonern gedient und wegen seiner Ungenirtheit, Damen gegenüber, «Karl der Kühne" genannt wurde, er ist eigentlich ein Baron Horstenhöh. Gräfin ferbleicht und ringt nach Fassung.j Horstenhöh? Graf. Wenn angenehm, werde ich Ihnen meinen Freund Karl vorstellen. Er — Gräfin stn ungeheurer Aufregung). Karl?! — Entschuldigen Sie! Ich — ich bin — momentan nicht in der gehörigen Stimmung, ich kann Niemanden sprechen und will durch die kleine Thür ungesehen in den Garten gehen, um ihm — dem Herrn, nicht begegnen zu müssen. fGeht, ohne auf Antwort zu warten, durch die Thüre links in den Garten.) Graf fsieht ihr erstaunt nach). Dritter Austritt. Karl der Kühne. Graf. Karl der Kühne sspringt lustig in den Salon und dem Grafen an den Hals). Grüß Gott, lieber, alter Otto! Pst! pst! kein Wort! Ich weiß schon, Du willst mich willkommen heißen. Laß das. fDen Oberrock ablegend und auf einen Gefiel werfend.) Ich bin überzeugt, daß Du ?mich willkommen heißen würdest, auch ! wenn Du mich zu allen Teufeln wünschtest. Pst! pst! Kein Wort! Zwischen j uns braucht's keiner Complimente. Setze Dich! fDrückt den Grafen aufs Tana- pve uno setzt sich ihm gegenüber.) So! — Nun ja. So bin ich endlich bei Dir. Wie lange ist's daß wir uns nicht gesehen? Drei Jahre? Was? So viel werden's sein. Aber dick bin ich geworden, wie? Graf. Du siehst superb aus! Was treibst Du, seit Du quittirt hast? Karl. Erinnere mich nicht an die häßliche Geschichte. S' war ein dummer Jude, der mich dazu getrieben. Nichts ist mir verhaßter als ein dummer >Iude! Ein Jude soll eben nicht dumm tein. Ein Jude muß es verstehen, auf dem dünnen Haarbreiten Seil, das zwischen Recht und Unrecht schwebt, die ganze Zeit seines Lebens zu balau ciren, ohne daß er das Gleichgewicht verliert. Dem pfiffigen Juden darf ein -Spatz im Teller nicht lieber sein, als die Taube am Dache, weil man nacb langer Geduld und Ausdauer, durch List und Verschlagenheit die Taube schließlich doch in die Schüssel bekommt. Die alte Theorie paßt für uns, die, wenn wir Geld brauchen, auch nientals Geduld und Ausdauer haben. Was? Also, da er nicht warten wollte, der unjüdische Jude, so — Gras. Quittirteft Du den Dienst, und von diesem Augenblicke an bliebst Du uns verschollen. Karl. Ja. Ich reiste mit der kleinen Giulietta, weißt', die schwarze Ballerine, die mich das meiste Geld gekostet, fort, um mit ihr nach Italien zu gehen. Früher aber fuhren wir nach Prag, weil ich da meinen älteren Bruder 7 hatte, den ich tüchtig anbohren wollte. Ich zog mit der Schwarzen, welche, wie alle Weiber, die mich kannten, rasend in mich verliebt war, in ein Hotel. Da lebten wir etliche Tagen, bis mein Bruder mit dem Gelde herausrückte. Um nun keine weiteren tollen Streiche zu machen, übergab ich dem Mädchen die Summe, welche ich vom Bruder erhalten, und das war der dümmste Streich, den ich begehen konnte, denn das Frauenzimmer ging mir mit der ganzen Summe durch. Denk Dir die Blamage, ein Frauenzimmer, das mich so geliebt! Graf slachends. Der Donner! Karl. Rief ich ebenfalls. Aber ich tröstete mich schließlich. Mein Bruder mußte abermals herhalten, und ich ging nach Hamburg, um mich bei der Marine engagiren zu lassen Als österreichischer Officier war es mir ein Leichtes, Unterkunft zu finden, aber das Hin- und Hersegeln, der Kohlen- tranSport und ähnliches dummes Zeug mehr langweilten mich honend, ich ließ die Geschichte im Stiche und ging nach America. Graf. Bravo! Da wirst Du endlich den Leichtsinn abgestreift haben und ein praktischer Mann geworden sein. Karl. Keine blasse Idee! Es ist lächerlich, wenn man meint, daß alle Leute die nach America gehen, klüger werden. — Ich bin der Alte geblieben. Graf. Was trieb Dich wieder von America fort? Karl. Trieb mich? Du hast Recht. Mich treibt es immer fort. Mein Schicksal hat schon solche Launen. Was mich also fortgetrieben? Der Fluch, der auf mir lastet. Graf. Ein Fluch? Karl smit komischem Ernsts. Ein Fluch! Seit fünf Jahren lastet auf mir ein Fluch, der mir noch einen steinernen Gast auf den Buckel laden wird. Ich bin ein Don Juan wider Willen. Du lachst ? Hast Du einige Augenblicke Zeit? Graf. Ja wohl! Karl. So höre. Ich war ein junger Bursche, eben aus der Cadetenschule gekommen, als ich in Wien die Bekanntschaft eines jungen, reizenden und herzlich lieben, aber bürgerlichen Mädchens machte, das sich in der Pension bei meiner Tante befand — meine Tante besaß nämlich ein adeliges Erziehungs-Institut, in welches aber auch Bürgerliche ausgenommen wurden, natürlich, wenn sie gut bezahlen konnten. Ich machte dem Kinde den Hof; das arme Wesen verliebte sich rasend in mich und schwur mir ewige Treue. Als ich jedoch sah, daß die Geschichte ernst zu werden schien, grauste mir vor den Dingen, die da kommen könnten. Ich bitte Dich, man ist als junger Kerl gar so naiv- Da wollte ich wieder ein- lenken und machte dem Kinde klar, daß wir uns nicht heiraten können, da ich Soldat sei und erst dem Kaiser dienen müsse. Nuu schwur sie, mir stets treu bleiben und ihr Herz nie einem anderen Manne vergeben zu wollen, schwur es beim Grabe ihrer Mutter. Sic war mütterlich nämlich eine Waise. Denke Dir nun meine Unbehaglichkeit! Ich war jung und zu ehrlich, irm ans einer solchen Vernarrtheit Capital schlagen zu wollen. Heiraten konnte ich doch die Arme nicht, erstens war ich dazumal ein verhältnißmäßig blutjunger Mensch, dann von altem Adel und schließlich liebte ich sic auch nicht derart. Du verstehst mich doch wohl, alter PracticuS? Ich konnte sie leiden, so wie man ein junges Wesen, das recht hübsch und poetisch angehaucht ist, leiden kann, aber — aber na ja, an'S Heiraten kann man bei jeder Con- naissancc doch nicht denken?! G r a f llächelndj. Ich versiehe! Ich verstehe! 8 Karl. Was verstehst Du? Du verstehst gar nichts. Mein Verhältniß zur Kleinen blieb bis zum letzten Augenblick klar und rein w i e Krystall. Ich habe nur indirect gesündigt, indem ich es zuließ, daß ich ein unschuldiges Mädchen bis zur Raserei in mich verliebte. Kurz ich machte reißaus, rückte in Garnison und habe das Mädchen seit jener Zeit nicht mehr gesehen, natürlich ihr auch nicht geschrieben. Graf. Hast Du auch nichts gehört von ihr? Karl. Ach ja! Sie ist mir, wie ich vor meiner Abreise nach America indirect vernommen, treu geblieben! Graf. Und was gedenkst Du nun zu thun? Karl. Aufsuchen will ich sie, will ihr die Narrheit aus dem Kopf schlagen und ihr sagen, daß ich — verlobt bin. Graf. Bravo, ich gratulire! Karl. Possen! Bin's ja nicht. Woher?! Werde doch nicht den Unsinn begehen! Könnte ich denn bei der mir angeborenen Don Iuanerie einem Weibe treu bleiben? Du lachst schon wieder? Lache nicht, das ist der Fluch! Jedes Frauenzimmer, mit dem ich verkehre, verliebt sich in mich. Bin ich hübsch? Nein. Du siehst es. Bin ich geistreich? Nein. Du hörst es, aber ich liege so zwischen geistreich und hübsch, bin was Mittelmäßiges, Alltägliches, und das ist mein Malheur, denn da auch die meisten Frauenzimmer von diesem Schlage sind, verlieben sie sich in mich! So ist's! Auch in America erheben sich die Frauenzimmer, trotz ihrer, nach europäischer Auffassung, unweiblichen Erziehung, nicht über die glatte Ebene der Mittelmäßigkeit, und da verliebten sich denn alle Frauenzimmer, die mir in den Wurf kamen, in mich. Alle wollten sie, ich sott sie heiraten, da ich aber keine einzige mochte, so trieben sie mich bis über den Ocean. Gottlob, da bin ich und snach der Thür blickend) da ist auch die Kleine! Vierter Auftritt. Friederike. Vorige. Friederike sknixt vor Karl, kichernd). Verzeihen Sie, Vetter, wenn ich st ö r e. Cousine nicht da? Sie wird gesucht. Graf. Nein, liebes Kind, sie wird durch den Garten hinauf gegangen sein. Friederike. So? Dann gehe ich ebenfalls hinauf stilixt abermals schelmisch vor Karl. Im Abgehen, für sich). Bin doch neugierig, was die Männer miteinander so viel zu schwatzen haben. Ich werde lauschen; vielleicht gibtS was Interessantes für Cousine. sGeht knixend ab.) Fünfter Auftritt. Graf. Karl. Karl. Ein reizendes Kind, das! Graf. Oie Cousine meiner Frau. Karl. Deiner Frau? Nichtig. Aber sboshaft) sonderbar, höchst sonderbar! Graf. Was findest Du so sonderbar? Karl. Du bist verheiratet, ich komme zu Dir heraus, um Dich als Ehemann zu sehen, um auch Deiner Frau meine Aufwartung zu machen. Nun sitzen wir schon die längste Zeit da, schwatzen und schwatzen, und Dir fällt nicht ein, mir ein Wort von Deinem Weibe zu sprechen. Graf strichelnd). Hast du mich überhaupt schon zu Wort kommen lassen? Karl. Allerdings nicht. Aberder Umstand, daß die Stimme Deines ehelichen Glückes nicht soviel Gewalt hatte, mich zu überschreien, scheint mir verdächtig. Du wirst unwillig! — Otto, bist Du glücklich? 9 Gras (verlegen). Meine Frau ist schön, geistreich, feingebildet, tugendhaft und herzensgut. Karl. Ein herrliches Zengniß, dem ich unbedingt glaube, aber — Gras. Aber? Karl. Du scheinst nicht glücklich zu sein. Graf. Ich bin es! Karl. So wirst Du des Glückes nicht froh! Man kann glücklich sein, ohne es zu fühlen. Schon der Gegensatz vom Unglück ist Glück, man fühlt ihn jedock) nicht. Schon, daß Du die Vorzüge so recht zu präcisiren weißt, daß Du sie genau aufzählen und sie beim rechten Namen nennen kannst, klingt befremdend. Dem glücklichen Gatten ist das geliebte Weib Alles in Allem, und wer beim erhabenen Anblicke der anfsteigenden Sonne eine ruhige und correcte Analyse der einzelnen Farbentöne des Horizontes gibt, den hat das wundersame Bild wohl befriedigt, berauscht aber hat es ihn nicht. Graf (lächelnd). Gebirgsbewohner, die den schönen Anblick eines poetischen Sonnenaufganges tagtäglich genießen, staunen darüber, daß Fremden ein Wunder dünkt, was ihnen zum Alltäglichen geworden. Karl. Freund, ich will nicht zudringlich sein. Aber ich glaube, Du bist entweder nicht mehr der alte, offene, mittheilende und mittheilungswarme Freund, oder Du bist unglücklich, sehr unglücklich! Graf (wendet sich ab). Karl. Du wendest Dich ab, bleibst mir die Antwort schuldig? Es ist also, wie ich vermuthet. Mache mich zum Mitwisser Deines Kummers. Vielleicht siehst du nur Phantome, und meine unbefangenen Blicke dürsten klarer sehen. Graf. Nun denn, rathe mir, wenn Du kannst. Meine Frau liebt mich nicht. Karl. Beweise! Graf (ms Ohr ihm wispernd): Sie geht jeder Zärtlichkeit behutsam und mit kalter Berechnung aus dem Wege und weist jede leidenschaftliche Regung meinerseits entschieden zurück. Karl. Bist Du ihr treu geblieben, seit Ihr Euch kennt? Graf. Bin es. Karl. Wo hat sie ihre Erziehung genossen? Graf. Sie ist von mütterlicher Seite aus Waise und verlebte ihre Jugend theils in einem Institute, theils in einem Kloster. K arl. Dann ist die Erziehung nicht schuld daran. — Haßt, verabscheut sie Dich? Graf. Nein, sonst ist sie voll Freundlichkeit und Herzlichkeit gegen mich. Karl. So? (Nach kurzem Ueberlegen). Nun da ist sie in einen andern Mann verliebt. Graf. Unmöglich! Sie hat, seit sie aus dem Pensionate gekommen, zumeist mit mir verkehrt. Karl. Weißt Du auch, was im Pensionate geschehen? Graf. Im Pensionate? Lächerlich! Karl. Lernte nicht auch ich das Mädchen, das sich in mich vernarrte, im Pensionate meiner Tante kennen? Stelle mich übrigens Deiner Frau vor. ich werde sie studiren. Steht es so, wie ich vermuthet, dann will ich Dir wenigstens Klarheit verschaffen-. Graf. Auf welche Weise? Karl. Auf die einfachste. Ich werde mich in Deine Frau verlieben. Graf. Bist Du verrückt? Karl. Danke Gott, daß Dich Deine Frau nicht gehört. — Der auf mir lastende Fluch soll Dir zum Segen werden. Graf. Du faselst! Karl, kas 6u lout! Du kennst mein Unglück. Bis jetzt hat sich noch jedes Weib, dem ich Liebe vorgeschwatzt, 10 in mich verliebt. Ich werde mich stellen, als vernarrte ich mich in Deine Frau. Mir widersteht Keine! — Nimmt sie meine Erklärung auf, ohne mich aus dem Zimmer zu jagen, ohne mich einen Insamen zu schelten, dann hast Du Alles gewonnen, denn da hat sie bisher Niemanden geliebt und ich werde mich so betragen, daß sie reuig in Deine Arme fliegt und bei Dir um Liebe und Verzeihung bettelt. In andern Falle jedoch liebt sie entweder Dich oder einen Andern und — da hast Du auch nichts verloren. Graf. Mensch, glaubst Du venn gar nicht an die felsenfeste Treue der keuschen Gattin? Karl. Gewiß! Aber bei der keuschesten Frau darf man es auf eine harmlose Probe ankommen lassen. Graf. Aber es ist doch möglich, daß die Frau weder mich, noch einen Andern liebt, ohne deshalb ihrer ehelichen Treue etwas zu vergeben?! Karl. Allerdings! Aber schon die Art und Weise, wie eine honette Frau in solchen Fällen die Liebesbetheuerungen eines Dritten anhört, läßt auf Vieles schließen. Du schüttelst den Kopf? Nimm an, Deine Frau ist krank. Ich bin ein Arzt. Sie ist so krank, daß jedes Wag- niß mit ihr gestattet ist. Wirst Du dem Arzte ein Experiment verbieten, das der ^kranken in keinem Falle schaden, in einem Falle jedoch ihr vielleicht nützen kann? Graf. Keineswegs. Aber hier ist der Fall ganz anders. Wer hat Dich zum Herzensarzt diplomirt? Wie, wenn Du Dich bei dieser Cur wirklich in meine Frau verliebtest?! Aus dem Scherze ist schon oft ein Ernst geworden. Karl. Dann verliebe ich mich auch ohne dieses Experiment. Uebrigens sei ruhig. Ich kann nicht eine Einzige lieben, denn ich bete Alle an! Gibst Du mir freie Hand? „Karl der Kühne", wie mein Spitzname aus der schöne« Garnisonszeit her lautet, wird auch dießmal siegen! Graf. Es ist dies ein unwürdig Spiel! Karl. Die Schöpfung eines ehelichen Glückes ist kein unwürdig Spiel. Graf. Aber die Mittel sind's, die Du in Anwendung bringen willst. Karl. Auch diese nicht! Es stehen sich hier Gift und Gegengift, Fieber und Chinin gegenüber. Stelle mich Deiner Frau vor. Graf shalb unwilligs. Es ist ein Unsinn ! Karl. Nimm es, wofür Du willst. Nur laß mir freie Hand. Stelle mich Deiner Frau vor. Gras smit den Achseln zuckmds. Du bist ein Narr! — Gut, ich führe Dich zu meiner Frau! Karl. Komm! „Was man von der Minute ausgeschlagen, gibt keine Ewigkeit zurück!" sBeide ab.s Sechster Austritt. Gräfin. Gräfin stritt rasch und ziemlich aufgeregt aus der Thür links in den Salons. Sie sind fort, hinauf in das HauS! Wahrscheinlich suchen sie mich. Mich! O Gott, darf ich ihn denn Wiedersehen, ihn, dem ich ewige Treue gelobt, ihn, dem ich die Schwüre gebrochen? — Wie mach' ich's, daß er mich nicht erblickt?! — Ich kann, ich darf ihn nicht mehr sehen! — Mein Schwur gab ihm Rechte auf mich. Ich habe dieselben wissentlich verletzt. — Wenn er mich noch mit demselben Feuereifer liebt und — vergißt, daß ich das Weib eines Anderen bin? — Ich zittere für ihn! — Für ihn? Warum nicht auch für mich? Bin ich gewappnet? Bin ich des Sieges meiner Pflicht, meiner Ehre so sicher? Oder! 11 — Oder sollte die Zeit, die lange Trennung, die Reife meines Denkens den Blüthenstaub meiner Gefühle ab- gestreift haben? Liebt man noch, wenn man fürchtet? (Erschrickt.) Mein Gatte! (Ruhiger.) Mein Gatte? Gestattet das Ideal meiner kindlichen Träume in meinem Herzen einen Raum noch für meinen Gatten? — Warum fliege ich nicht Karl an die Brust? — Er ist hier! Was hält mich ab? — Es kann nichts Gutes sein! Was soll er hier? — Er ist für mich, ich bin für ihn verloren. — Ewig — ewig verloren! (Sinkt bei diesen Worten sinnend auf ein Fauteuil, nach einer kürzeren Pause tritt Graf Helm, von Karl gefolgt, rasch in den Salon.) Siebenter Austritt. Graf. Karl. Gräfin. Graf. Ah, da sind Sic! Gott sei Dank! Ich suchte Sie im ganzen Hause. Richtig, Sie waren im Garten. Mein armer Freund brennt vor Ungeduld, meiner schönen Gattin seine Aufwartung machen zu dürfen. (Den Arm Karl'« ergreifend.) Erlauben Sie mir, Ihnen meinen Jugendfreund und Kameraden, Herrn Karl v. Horstenhöh vorzustellen. Karl (der während obiger Worte die Gräfin mit starren Blicken, das höchste Erstaunen ansdrückend, angesehen, macht dann eine linkische Verbeugung). Gräfin (mit sichtlicher Verlegenheit kämpfend, hat bei den obigen Worten ihre Blicke auf Karl ruhen lassen, die nach und nach immer größere Enttäuschung manife- stiren. Verbeugt sich kaum bemerkbar). G r af (harmlos). Ihr thut ja, als hättet Ihr eben Eadetenschule und Pensionat verlassen?! Karl (unruhig). Eadetenschule? Gräfin (betroffen). Pensionat? Graf. Na ja! Uebrigeus, liebe Gräfin, ist mein Freund Karl, der, wie ich hoffe, auch bald der Ihrige sein wird, ein charmanter Junge, der alle Zuvorkommenheiten einer freundlichen Hausfrau verdient. Ich muß jetzt ins Dorf zum Amtmann, und vertraue unseren Gast bis zu meiner baldigen Wiederkehr Ihrer Obhut an. Adieu, mu ellöre! (Bemerkt das Mienenspiel auf den Gesichtern von Karl und der Gräfin.) Ihr scheint etwas überrascht? Seid Ihr Euch wohl schon mal im Leben begegnet? Karl (verlegen). Ich glaube, daß ich schon einmal die Ehre hatte — im Fluge — Gräfin (fast zugleich mit Karl). Ja wohl. — Auch ich — ich glaube — Graf (heiter). Desto besser, so habt Ihr jetzt Gelegenheit nähere Bekanntschaft zu machen. Auf Wiedersehen denn, Adieu! (ab.) Achter Austritt. Karl. Gräfin. Friederike. Karl und Gräfin (sehen sich einige Augenblicke verlegen an). Karl (für sich). Himmel, es ist Adeline ! Gräfin (ebenso). Gott, wie ist er verändert! Karl (unterbricht die Pause). Frau Gräfin! (Pause.) Gräfin. Herr von Horstenhöh! (Pause.) Karl. Nach längerer Abwesenheit vom Vaterlande traf ich vor einigen Tagen in Wien ein und da ich hörte, mein Freund Otto sei verheiratet und lebe auf einem Landsitze, kam ich hie- her, ich wußte aber nicht — Gräfin. Wer seine Gattin sei. Karl. Allerdings konnte ich nicht vermuthen — Gräfin. Daß ich meine Schwüre brechen werde! Sie haben ein Recht mir diesen Vorwurf zu machen, ich hätte meinem Versprechen treu bleiben sollen, 12 culch trotzdem Sie, seit dem Sie in Ihre Garnison gezogen, nichts mehr von sich hören ließen. Karl. Verzeihung! Wir waren fast noch Kinder, als — Gräfin. Wir uns gegenseitig schwuren, nur für einander zu leben und uns über das Grab hinaus die Treue zu wahren Karl. Es war ein schöner Traum! Sie waren eine junge Poetin, machten Verse — Gräfin. Und auch Sie waren ein junger Schwärmer, von dem es schien, daß des Lebens Prosa stets ihm ferne bleiben werde. Karl, Man wird älter, vernünftiger, praktischer. Gräfin (betonend). Sie haben diese Metamorphose rasch durchgemacht. Karl. Temperament! Es scheint, auch Sie — denn Sie haben geheiratet. Gräfin. Mein Vater drang in mich. Er wurde todeskrank, als ich mich weigerte. Um des Vaters Leben zu erhalten, habe ich meiner Liebe den Tod gegeben. Auch hätte ich, da Sie mich vergessen, keinen vernünftigen Grund angeben können. (Wendet sich ab.) Karl (für sich). O weh, sie liebt mich noch! Armer Otto! Darum seine Schwester und nicht seine Gattin! Gräfin (für sich.) Das ist der Mann nicht mehr, der mir einst ein höheres Wesen schien. Der Gott ist allzusehr Mensch geworden! Karl (für sich). Ich muß mich ihr aus dem Kopfe schlagen! (Laut.) Frau Gräfin, Otto ist sehr unglücklich. Er liebt sie. Gräfin (gekränkt scheinend.) Sie scheinen um so glücklicher! Karl. Otto betet sie an und ist ein Mann voller Vorzüge und Tugenden. Sie haben mich geliebt, ehe Sie ihn kannten und das gibt mir ein Recht — Gräfin (ernst). Die Zeit hat Ihre Rechte verwirkt, Herr von Horstenhöh, und wie sehr auch die Wucht der Verhältnisse, der gebrochenen Schwüre mein Gewissen belastet, ich bitte Sie, haben Sie Erbarmen mit mir! Pochen Sie nicht auf Ihre Rechte. Um meiner Ruhe willen flehe ich Sie an, verlassen Sie uns, meiden Sie mich, auch dann, wenn mich die Verhältnisse von meinem Gatten trennen sollten. Wenn auch der Graf auf mein Herz keine Ansprüche hat, über die Ehre des Namens, den ich trage, stehen ihm alle Rechte zn. Auch Sie sind ein Ehrenmann, Her-r v. Horstenhöh, aber — Karl. Sie fürchten — Gräfin. Ich will den Mann, der mich grenzenlos liebt, nicht noch unglücklicher machen, als er schon ist. Ich beschwöre Sie, verlassen Sie uns, wir dürfen uns nicht mehr sehen. - Ich höre Schritte! Gehen Sie, um Gotteswillen! Lassen Sie Ihren Wagen in Bereitschaft setzen. Suchen Sie meinen Gatten im Dorfe auf. Eine Ausrede dürfte sich finden. Schützen Sie ein dringendes Geschäft vor und — man kommt! — Leben Sie wohl! Karl (greift nach seinem Obcrrocke.) Leben Sie wohl, Frau Gräfin! Ich — Friederike (tritt in den Salon). Gr äs in (steht halb abgewendet). Karl (geht, sich vor der Gräfin verbeugend, schweigend ab). Friederike (sieht ihm erstaunt nach). Neunter Auftritt. Friederike. Gräfin. Friederike. Cousine, geht er denn fort, der drollige Herr? Gräfin (sich umwcndend). Ah, Du bist's, Friederike?! Friederike. Warum entfernt er sich? Gräfin. Herr v. Horstenhöh? 13 Friederike. Ja, der lustige Herr, der sich „Karl der Kühne" nennt. Gräfin (besinnt sich). Er hat sich erinnert, daß er noch heute in Wien ein wichtiges Geschäft zu besorgen hat. Friederike. Da wird Vetter Otto sehr überrascht sein. Gräfin. Kaum, er dürfte es schon wissen. Friederike. Oh nein, er weiß nichts. Ach, Cousine, ich habe Dir eine interessante Geschichte zu erzählen. Gräfin (zerstreut). Laß das jetzt. Ich bin eben nicht gelaunt Friederike. Die Geschichte betrifft Dich. Gräfin (aufmerksamer). Mich? Friederike. Ja, Dich! Cousine, Du liebst nicht den Vetter Otto? Gräfin. Mädchen! Wer setzte Dir so tolles Zeug in den Kopf? Friederike. Ich hab's gehört, Otto hat's gesagt. Gräfin (überrascht). Otto! ? Friederike (neigt sich zu ihr flüsternd). Ich habe gelauscht! Die Neugierde hat mich ungemein geplagt, das muß eine Krankheit sein, Cousine. Je älter, desto neugieriger werde ich. Gräfin (dringend). So erzähle doch! Friederike. Cousin Otto beklagte sich bei dem Herrn — ich kann seinen Namen nicht behalten — nun bei ..Karl dem Kührren", daß Du ihn nicht liebst. Gräfin (die ganze Scene ziemlich aufgeregt). Otto hätte das gesagt? Friederike. Ja! Dann sagte er noch etwas, dies jedoch so leise, daß ich es nicht hören konnte. Gräfin. Und was erwiederte Herr v. Horstenhöh? Friederike. Er meinte, Du müßtest einen Anderen lieben und er wolle dies bei Dir erforschen. Ja. Dann sagte er, wenn Du nicht einen Anderen liebst, so wird er — ei, Du mein Gott, der drollige Herr sprach gar so konfuses Zeug zusammen. Gräfin. Was sagte er?' Friederike. Er wollte sich stellen, als wäre er in Dich verliebt. Ihm, «Karl dem Kühnen', wiederstehe Niemand. Wenn Du ihn dann nicht aus dem Zimmer jagst, wird er sich so betragen, daß Du dem Consin Otto reuig in die Arme fliegst, denn Du bist krank, sagte er. — Bist Du wirklich krank? Und ist der Herr ein Arzt? Gräfin. Schändlich! Und was sagte Otto? Friederike. Denkst Du, ich konnte Alles hören? Sie flüsterten kaum hörbar und wenn ich mich nicht Deinethalben gar so sehr angestrengt hätte — Gräfin (ungeduldig). Du hast also die Antwort Otto'S nicht gehört? Friederike. Ich hörte nur, wie er zu ihm sagte: „Gut, Ich führe Dich zu meiner Frau!" Gräfin (steht einige Zeit nachdenkend und wendet sich dann, wie von einer Idee plötzlich erhellt, rasch gegen Friederike). Gehe, Kind. Herr von Horstenhöh dürfte noch im Hause sein. Eile! Ich laß ihn bitten, mir das Vergnügen zu mache». Aber rasch und Du bleibe droben. Gehe! Friederike. Ist es wahr, daß Du Otto nicht liebst? Du bist ja sonst so gut! Du liebst ihn; nicht wahr? Gräfin. Gewiß! Aber spute Dich! Friederike (im Abgehenj- Warum solltest Du ihn nicht lieben! (Ab). Zehnter Auftritt. Gräfin, dann Karl. Gräfin (in zorniger Aufregung.) Mich so zu behandeln! Mit meinem Herzen dachten Sie Komödie zu spielen! — Sie sollen es büßen. (Ruhiger.) Otto hat freilich nur einen Strohhalm ergriffen. Ihm war Alles willkommen, 14 was ihm Hoffnung bringen konnnte. — Hoffnung! — Durfte er hoffen, durch eine blöde' Intrigue mich zu überrumpeln? — Doch er wußte nicht recht, was er that! Aber Karl! fSchaudernd.1 Brrrr! (Bitter auflachend.) Welch eine Thörin bin ich gewesen! Wie konnte ich nur so blind sein! — Aber ich will mich rächen! — Ich werde (Karl wird an der Thüre sichtbar). Pst! Da ist er! Karl (tritt erstaunt und etwas schüchtern herein). Sie haben befohlen, Frau Gräfin? Gräfin. Herr v Horstenhöh! Haben Sie anspannen lassen? Karl. Der Kutscher ist eben im Begriffe. Gräfin. Sie werden nicht allein fahren. Karl (erstaunt). Nicht allein? Gräfin. Ich gehe mit Ihnen. Karl. Mit — mit mi — mi — mir? Wo — wohin? Gräfin. Wohin Sie wollen. Nach America, Africa, Asien, nach dem Nordpol, wenn Sie wollen. An Ihrem Herzen wird mich nirgends frieren. (Mit geheucheltem Pathos.) Karl, ich — kann nicht leben ohne Sie! — Seit ich Sie wieder gesehen, bin ich wie verzaubert. Tausend unsichtbare Fäden ziehen mich zu Ihnen. Einst glaubte ich Sie zu lieben, jetzt bin ich in Sie vernarrt! Karl (dumpf). Mein Fluch! Gräfin (setzt, während sie spricht, einen Hut auf und nimmt eine Beduine um). Die Gelegenheit ist günstig. Mein Gatte ist abwesend. Ich nehme nichts mit mir. — Was brauche ich noch, wenn ich Sie habe ? — So. Jetzt entführen Sie mich! Karl. Frau Gräfin! Bedenken Sie, Ihr Gatte! Gräfin. Ist mir gleichgiltig! In Ihren Armen trotze ich einer ganzen Welt! Sie sollen mein Beschützer, mein Erlöser sein. Komm, Geliebter! Karl, (halblaut). Oh weh, mein Fluch! — (laut) Prüfen Sie sich vorerst. Es wird sich legen. Sie sind aufgeregt. Sie könnten bereuen. Es ist nicht immer gut, sich von momentanen Eindrücken regieren zu lassen. Bedenken Sie, was die Welt dazu sagen wird. Es wird ein Scandal werden! Gräfin (spöttisch). Und Sie nennen sich »Karl der Kühne"? — „Karl der Feigling" soll Ihr Name sein! Karl. Meinetwegen, aber nehmen Sie Raison an. Gräfin. Nein. Sie entführen mich! Die Geister, die Du riefst, Du kannst sie nicht mehr bannen! Warum sind Sie wiedergekehrt? Ich glaubte, mein Kopf werde siegen über mein Herz. Nein! Mein Kopf wurde geschlagen. Ich habe, seit ich Sie wieder verlieren sollte, keine Vernunft mehr, denn mich erfüllt voll und ganz nur Liebe, heiße, süße Liebe! Karl, ich bete Dich an! — Kommen Sie rasch. Die Domestiken werden glauben, wir machen einen Spaziergang und ehe mein Gatte wiederkehrt, find wir über alle Berge. (Nimmt seinen Arm.i Komm, Geliebter — oh weh — es ist zu spät — mein Gatte! Elster Austritt. Vorige. Graf, dann Friederike Graf (bleibt erstaunt an der Thür stehen). Gräfin (läßt Karls Arm fahren und wendet sich mit geheucheltem Ernst au den Grafen). Ich dachte zwar, Sie nicht mehr zu treffen! Nun ist'S anders gekommen. Thut nichts! Jetzt sollen Sie den Grund meines sonderbaren Betragens Ihnen gegenüber kennen. Dieser Herr ist'S, denn ich liebe! (Pause.) Karl (zeigt pantomimisch, daß er nichts dafür könne.) Gräfin. Ich lernte ihn kennen, als ich fast noch ein Kind war. Er schwur, mich ewig zu lieben und ich habe geschworen: ihm nie untreu zu werden. Bis zu diesem Augenblicke gehörte nur 15 mein Herz ihm. Jetzt bin ich ganz die Seine. Sie machten mir den Vorschlag, daß wir uns trennen sollen — Wohlan! Ich verlasse Sie und ziehe mit ihm! Karl lgegen den Grafen). Otto, Kamerad, Freund, zürne mir nicht. Ich bin unschuldig! Es ist der Fluch! (vor der Gräfin auf die Knie sinkend.) Ich beschwöre Sie, Frau Gräfin, bei Ihrer Ehre, bei der Liebe ihres unglücklichen Gatten, nehmen ? ie Vernunft an. Ich bin Ihrer Liebe nicht Werth. Ich habe Sie nie geliebt! Denke auch zu leichtsinnig, um ein Weib lieben zu können. Bleiben Sie bei Ihrem Gatten und lassen Sie mich ziehen! Gräfin flaut und lustig auflachend). Herr v. Horstenhöh! Sie sind ein Narr! Nur Ihre grenzenlose Eitelkeit, die Sie glauben läßt, daß Sie unwiderstehlich sind, macht Sie so blind, die plumpe Falle nicht zu bemerken. Allerdings glaubte ich als junges, unvernünftiges Mädchen, daß ich Sie liebe, allerdings erhielt sich in mir dieser Glaube, so lange Sie nur in der Phantasie vor meiner Seele standen, aber von dem Augenblicke an, als ich Sie, den Leibhaftigen, wiedersah, bin ich überzeugt, daß ich Sie nie geliebt habe, daß der Karl, der mein Sein ansfüllte, niemals existirt hat. Ich spielte jetzt eine Komödie mit Ihnen, zur Strafe, aber nicht für Sie, sondern für meinen Gatten, der seine Frau höher achten und nicht zugeben hätte sollen, daß sie eventuell von einem eingebildeten Gecken compromittirt werde. Der Worhar Ihre Gattin hatte Ihnen heiliger sein sollen, Herr Graf. Staunen Sie mich nicht an, meine Herren! Ich weiß Alles, und kenne den Plan, den fverachtungsvoll) Karl der Kühne ausgeheckt und zu dem der Herr Gras Helm, aus Kosten seiner Gemalin, seine Zustimmung gegeben. - Graf fsiukt neben Karl auf die Knie vorder Gräfin hin). Verzeihen Sie mir, Adeline! Mir hat Verzweiflung den Kopf geraubt, ich liebe Sie bis zur Raserei. Lassen Sie mich büßen für mein Vergehen, nur verlassen Sie mich nicht. Adeline, habe Erbarmen init mir! fSenkt den Kopf.) Karl. Seien Sie nicht herzlos, Frau . Gräfin! Gräfin fzu Karl). Erheben Sie sich, mein Herr, es steht Ihnen nicht zu, vorder Gattin eines Anderen zu knieen. Karl faufstehend und auf den Grafen reizend). Und er?! Gräfin. Der Gattin ziemt's, ihren Gatten aufzurichten. (Reicht ihm die Hände.) Erheben Sie sich, mein Gemal! Graf (sie bei den Händen haltend). Adeline, kannst Du mir verzeihen? Gräfin. Ja! Graf. Und wirst Du mich auch lieben können? Gräfin fin seine Arme sinkend). Ich werde es lernen, Otto! Friederike fall der Thür crscheinend)- Der Wagen des Herrn „Karl der Kühne" steht vor der Thüre. (Gruppe.) z fällt rasch. Soeben ist im Verlage der Wallis lMsser'schen Buchhandlung '(Josef Klemm) Wien, Hoher Markt Nr. 1, erschienen, und in allen Buchhandlungen zu habe«: gesammelte Heitere Vorträge von ZVsef W e y l. 10 Hefte, jedes im Preise von 30 kr. Oest. Währ. — 00 Pfennige. Inhalts-Nebersicht: 1. Heft. An die Künstler. Tragisch oder Komisch. (Vortrag für eine Dame.) Ein altes Götzenbild. WaS a Bauer ned olles sein möcht. Frei nach Darwin. Abgekühlte Heißsporne. Der Pfarrherr vom Kahlenberge. Pscheschitschek. (Dialektscherz) Eine Ballphrase. (Vortrag für eine Dame.) Die Speckvertheilung. (Zur Beamten - Auf- besserungSfrage.) Schnadahüpfeln Nr. 1—6. 2. Heft. Amor'S Lexikon. (Dialektscherz.^ Nante'S Christgedanken. (Berliner Dialekt.) Der Müller und sein Kind. Pimpelmeier's Träume. Sam. Schnorrer'S Lebens- und Börseregeln. Gottschalk Schlemmer. (Eine schauderhafte Murithat.) ES hat 'rer, es giebt 'rer, aber man findt 'rer halt nicht. (Vortrag für einen Herrn.) Nach der Speckvertheilung. (Fabel für kleine Beamte.) Der erste Katzenjammer. Der Zopfabschneider. (Eine grausliche Ballade in Lhignonversen.) Diurnisten-A-B-C. Schreiben des Herrn Jstvän Färkäs (Stuhl- richter aus Groß-Betsovits, an seinen Sohn LajoS, Hörer der Technik in Wien. (Prosa in ungar. Jargon.) Gerechte Entrüstung. (Oesterreichisch.) 3. Heft. Enorma oder der Druiden-Barbier. Opern- konfusion in 1 Akt- Die Entstehung der ersten Ballet-Tänzerin. Vaterfreuden eines Berliners. (Berliner Dialekt.) Plausch des Publikums über die Oper „Margarethe" v. Gounod. (Dialektscherz in Prosa). Was hat die Welt ruinirt. Ein fünfstockhoher Hausherr von Neu-Wien. Meinungsverschiedenheit. (Oesterreichisch.) Der Fuchtige. (Oesterreichisch.) Z'weg'n dem Schnee. (Oesterreichisch.) Der Schah in Schah. Stoßseufzer eines Arithmetikers. 4. Heft. Jeremias Pechhuber. (Solo-Scene für 1 Herrn.) Christbescheerung. Der hilflose Sepp. Vor der Kassa-Eröffnung (Dialektscherz in Prosa). Der Invalide nach der Leichenfeier. Raubritter. WaS Alles in der Weltausstellungs-Rotunde zu finden war. Am Eis. (Melodie: Wie ich bin verwichen —) Biblische Geschichten. I — III. Das Kabel. Das Husten. (Vortrag für 1 Herrn.) Schnadahüpfeln Nr. 7—12. Druck aus I. B. WalliShausser's t. k. Hotheater-Drucker«. Jalscße Locken. » Schmauk in einei» LIKt nach dein französischen Alle Rechte Vorbehalten. Wien, 1876. Verlag der Wallishaulser'fchen Buchhandlung (Joses Klemm). Das Aufführungsrecht ist nur zu erlangen durch die Theater - Agentur des Herrn Franz Kratz in Wien, VIII., Iosefstädterstraße 34. Personen. Hrsetzung im Strampkerthrater in Wien. Herr von Kipfel .. Herr Schweighofer. Eulalia, seine Frau.Fräulein Bach. Süßholz .Herr Stäuber. Streitberger .Herr Gschmeidler. Gudula, Dienstmagd im Gasthofe .... Fräulein Wallbeck. Die Handlung spielt in Villach in einem Gasthofe. (Rechts und links vom Zuschauer aus.) Zum erstenmllle aufgeführt den 18. September 1874 am Strampfertheater in Wien. Den Kühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Ein gemeinschaftlicher Saal in einem Gasthofe, eine Thür im Hintergrund, 2 Thüren rechts und links an der 2. Coulisse; 2 andere Thüren an der dritten Coulisse links und rechts. Die Hintere Thüre rechts trägt die Nummer 7, diejenige an der 2. Coulisse links die Nummer 6 und die Hintere links Nr. 8. Links vorn ein Tisch mit einem Arbeitskorb, einer angefangenen Stickerei, Vögel, u. s. w. Rechts ein kleiner Tisch, Zeitungen, Sessel, Stühle, Bilder. Erste Scene. Gudula, später Süßholz. GUdUla (mit einem Flaschenkorb durch den Hintergrund eintretend). Ich komme von der Quelle, wo ich Wasser für das Frühstück unserer Patienten holte. (Ihren Korb im Hintergründe rechts niederstellend.) Alle Wetter! Das Wasser hat ein gehöriges Gewicht — natürlich, es enthält Eisen. Ich werde mich hüten davon zu trinken! Ich hätte Todesängsten, daß mir der Magen einrostet. Süßholz (geheimnißvoll durch den Hintergrund eintretend und mit leiser Stimme rusend.) Kellner! Gudula (sich umwendend). Sieh' da! Ein Fremder! Süßholz. Still! Wenn man Dich fragt: Du kennst mich nicht, Du hast mich nie gesehen! Hier sind zwei Gulden. (Er gibt sie ihr) Gudula. Zwei Gulden! Wünschen der gnädige Herr ein Glas Wasser? Es enthält Eisen. Süßholz. Nein! Ich mache mir den Teufel aus Deinem Eisen, Kellner! (Gudula anblickend.) Ach so! Du bist ein Frauenzimmer! Gleichviel! Kellner, ist ein wüthender Ehemann hier abgestiegen, welcher einen eleganten jungen Mann verfolgt? Theiter-Repertoir 306. Gudula. Nein, mein Herr! Süßholz. Dann gib mir ein Zimmer. Gudula (auf die Thür rechts deutend). Nr. 7 ist frei. Süßholz (einen Blick in da« Zimmer werfend). Nr. 7, eine Mauer als VI8-K- vis. Die Aussicht paßt mir. Ich nehme Nr. 7. Gudula (nach rechts gehend und das Felleisen bei einem Ende packend). Ich will das Bett überziehen. Süßholz (sie zurückhaltend, iudem er in seiner Hand das andere Ende vom Felleisen behält) Warte, — vergiß nicht, daß, wenn man nach mir fragt, Du mich nicht kennst, mich nie gesehen hast! Hier sind 2 Gulden (er gibt sie ihr und läßt das Felleisen los). Gudula (bei Seite). Noch zwei! Solche Badegäste lobe ich mir! (Laut) Wollen der gnädige Herr mir seinen Namen sagen? Süßholz (mißtrauisch). Wozu willst Du meinen Namen wissen? Gudula. Um sagen zu können, Sie wären nicht zu Hause, wenn Jemand' nach Ihnen fragt. Süßholz Das ist richtig! Oskar Süßholz, aber nur für Dich! Für die übrige Menschheit bewohnt Nr. 7 eine Negerfamilie, die das gelbe Fieber hat. (Bei Seite.) Das ist zum Besuche 4 nicht einladend! (Laut, indem er in seiner Tasche sucht.) Hier sind 2 Gulden. (Sich besinnend). Ach so! Ich habe sie Dir schon gegeben. Gudula (bei Seite). Das wäre kein Hinderniß ! (ab mit dem Felleisen in Nr. 7.) Zw eile Scene. Süßholz, später Gudula. Süßholz (allein). Ich bin in einer- verfluchten Lage! Vor 8 Tagen war ich in Reichenau, am Semmering, zwischen einer stocktauben Taute und einer sehr- nachsichtigen Brünette, deren Gatte uns durch seine Abwesenheit entzückte. Versprachen nie von diesem Manne und waren recht glücklich! Da, o Jammer, empfing ich eines schönen Morgens dieses Briefchen. (Er zieht aus seiner Tasche einen Brief, den er liest.) „Mein Gatte ist vorhin unerwartet angekommen, er hat Ihr Porträt gefunden, er hat geschworen, Sie zu tödten, und sei es am Ende der Welt! Wenn Ihnen Ihr Leben theuer ist, fliehen Sie!" (spricht.) Mein Leben ist mir theuer-; ich lief zum Bahnhofe, setzte mich in den ersten besten Zug, fest entschlossen, nicht eher auszusteigen, als bis es nicht mehr weiter gehe, und so bin ich in Villach augekommen, einen wüthenden Ehemann auf den Fersen, denn er verfolgt mich, das weiß ich gewiß. In Marburg bat mich ein Herr mit einem höchst verdächtigen Gesicht um Feuer; sollte er das gewesen sein? Es wäre schrecklich! Ich kenne diesen .Mann nicht, ich habe ihn nie gesehen, während er, er hat meine — Mir bleibt nur ein Mittel, seinen Verfolgungen zu entrinnen: ich muß einige Monate auf Nr. 7 zubringen. Was thue ich aber, um vor langer Weile nicht zu sterben? Nummero 7 ist grün tapeziert, ich werde es blau tapezieren, das gibt immerhin eine kleine Zerstreuung. — Der Ehemann muß ein Wütherich sein, nach dem was Edgardine mir gesagt hat. Edgardine ist nämlich der Name der sehr nachsichtigen Brünette! Ein Name, so reizend, wie sie selber! Diese Taille! Diese Augen! Diese Haare! Eine ordentliche Mähne! Sie wachsen so üppig, daß sie ihren Freundinnen immer davon abgibt, und man merkt es gar nicht! In 8 Tagen sind sie wieder nachgewachsen. Das ist keine Lüge, ich habe sie selbst wachsen gesehen! — Gudula (aus Nr. 7 tretend). Gnädiger Herr'. Süßholz (erschrocken). Jemand hier? Ich bin nicht zu Hanse! Gudula. Ihr Zimmer ist bereit. Süßholz. Ah! Du bist's! Gudula. Was befehlen Sie sonst noch? Süßholz (nach rechts gehend). Vier- Rollen blaue Tapete und etwas Kleister! (Ab in Nr. 7.) Dritte Scene. . Gudula, später Kipfel. Gudula (allein, erstaunt). Die wird er doch nicht frühstücken wollen? Kipfel (tritt durch den Hintergrund ein und bleibt an der Thüre Nr. 6 zweite Coulisse links horchend stehen. Er hält ein Arzneifläschchen in der Hand. Als Gudula ihn gewahr wird, sagt sie sich bei Seite). Da kommt ja auch Nr. 6 von seinem Morgenspaziergange zurück, der ist immer traurig, er bildet sich ein, seine kerngesunde Frau sei todtkrank. Kipfel (sich umwendend, erblickt Gudula und geht auf sie zu, traurig). Gudula! Wie geht es ihr heute Morgen? (Er steckt das Fläschchen in die Tasche.) Gudula. Wem? > Kipfel. Meiner armen Eulalia! 5 Gudula. Sehr gut! Die gnädige Frau hat soeben gefrühstückt! Kipfel. Du verheimlichst mir etwas! Was hat sie gegessen? Gudula. Ein großes Beefsteak mit Spiegelei. Kipfel. Sie hat sich mit einem Beefsteak abgeqnält. Sie hat sich mit einem Spiegelei gemartert! — Arme Frau! Gudula. Sie hat sich auch mit einer Omelette gemartert und mit zwei Schalen Thee, und zwei Schinkenbroden. Kipfel. Das ist beängstigend! Das bestärkt mich in meiner Befürchtung, daß sie die Auszehrung hat. War der Arzt schon da? Gudula. Nein, er sagte gestern, es sei überflüssig. Kipfel. Schon wieder Einer, der sie aufgibt! G u'd u l a. Aber der gnädigen Frau fehlt ja gar nichts, und sie sagt, sie sei vollständig gesund. Kipfel. O, sie ist ein heldenmüthiges Weib! Gudula. Das Essen schmeckt ihr. Kipfel. Heldenmuth! Gudula. Sie schläft gut. Kipfel. Heldenmuth! Sie ist krank, sehr krank; wenn sie lauft, bekommt sie Herzklopfen. Gudula. Das bekomme ich auch. Kipfel. Wenn die Glocken läuten, klingt's ihr in den Ohren! Was meinst Du? (Ueberlegend.) Sollte das aus dem Magen kommen? Gudula. Was fällt Ihnen ein! (Sie nimmt im Hintergründe ihren Flaschen« korb.) Kipfel Glr sich, eine Karte aus der Tasche ziehend). Man hat mir ans meinem Spaziergange diese Karte zugesteckt. (Er liest ) „Mademoiselle Amanda, berühmte Somnambüle aus Paris, ist soeben in Villach eingetrosfen, wo sie einige Borstellungen geben wird. Auch ertheilt sie Unterricht im Magnetisiren" (Gesprochen.) Wenn ich sie konsultirte? Ich glaube zwar nicht daran, ich bin nicht so dumm — aber da die Aerzte uns aufgeben (Zu Gudula.) Weißt Du, wo Mademoiselle Amanda wohnt? Gudula. Bei uns Nr. 12, im zweiten Stock. Kipfel. Danke. Gudula (ihren Korb mitnehmend, ab durch den Hintergrund). Eulalia (tritt aus Nr. 6.) Vierte Scene. Eulalia. Kipfel. Eulalia (mit lächelndem und von Gesundheit strotzendem Gesichte eintretend). Guten Tag, Kipfelchen! Kipfel (für sich). Wie sie abgemagert ist! Nur noch ein Schatten! (Laut.) Du stehst zu früh auf — schläfst zu wenig. (Auf einen Sessel deutend.) Setze Dich, ruhe Dich aus! Eulalia. Aber ich bin ja gar nicht müde, es geht mir ausgezeichnet, ich habe mit wahrem Heißhunger gefrühstückt! Kipfel. Zeige mir Deine Zunge! Eulalia. Du langweilst mich! Ich werde schließlich selbst glauben, ich sei krank. Kipfel. Ob Du es bist! (Für sich.) Ihre Stimme hat so etwas Fieberhaftes, Schneidendes. Eulalia. Und Alles deßhalb, weil ich vor acht Tagen die Unvorsichtigkeit beging, zu lange zu walzen. Es befiel mich ein leichter Schwindel, eine kurze Ohnmacht, in 5 Minuten war Alles vorüber, ich bin jetzt gesünder, als Du. Willst Du einen Spaziergang machen? Kipfel (bei Seite). Diese Willenskraft! Dieser Muth! Der reine Zuave! (Laut, indem er ihre Hand erfaßt). Armes Weib! (Bei Seite, indem er auf seine Uhr sieht). Der Puls ist matt. (Laut.) Laß einmal Deine Zunge sehen! 6 Eulalia. Schon wieder! (Sie nimmt eine Stickerei aus dem Arbeitskorbe.) Kipfel (bei Seite). Sie Will mir die Zunge nicht zeigen. Da ist keine Zeit zu verlieren, ich werde Mademoiselle Amanda konsultiren. (Er geht nach hinten.) Eulalia (nach rechts gehend). Wo gehst Du hin? (Sie arbeitet im Gehen.) Kipfel (wieder nach vorn kommend). Nirgends hin — ich gehe auf und ab. (bei Seite). Aber ich muß etwas von ihr haben — Die Halskrause — oder eine Haarlocke! Das ist noch besser! (Sich Eulalia nähernd mit einer Scheere, die er von dem Tische links genommen hat). Wenn ich, ohne daß sie es bemerkt — Eulalia (sich umwendend). Was betrachtest Du denn so eifrig? Kipfel. Nichts — nichts — das heißt, doch —ich betrachte Deine Haare. Eulalia. Siehst Du die zum ersten Male? (Sie geht nach dem Hintergründe links). Kipfel (ihr folgend). Deine schönen Haare, die in malerischen Wellenlinien herabfallen — (indem er einige Harre abzuschneiden sucht) herabfallen auf den Nacken. Eulalia. Was machst Du denn da mit der Scheere? Kipfel. Ich? — nichts — ich wollte nur ein wenig plaudern. (Gefühlvoll) Eulalia — schenke mir eine Locke! Eulalia (zurückweichend). Aber, Mann, wo denkst Du hin? Kipfel. Eine von hinten — das bemerkt man nicht, für mein Medaillon! Eulalia Was fällt Dir ein? (Sie setzt sich an den Tisch links, und fährt fort zu sticken.) Kipfel. Das ist jetzt Mode, alle Ehemänner gehen jetzt mit Haaren — im Medaillon nämlich, am Kopf haben sie's nicht immer (er schneidet ihr rasch eine Locke ab). Haare, die sie mit Mühe und Schlauheit erobert haben. So! Es ist gelungen! (Er legt die Scheere wieder ans den Tisch.) Eulalia (aufstehend und ihre Stickerei weglegend). Was treibst Du denn? Kipfel (rasch). Auf Wiedersehen, liebe Frau! Das wächst wieder, beruhige, Dich, das wächst wieder! (Ab.) Fünfte Scene. Eulalia, später Streitberger. Eulalia (allein). Das wächst wieder! (Mit der Hand nach dem Hinterkopfe fahrend). Er hat mir richtig eine Locke mitten aus dem falschen Zopf geschnitten! Und er wird die Haare meiner Freundin Edgardine in ein Medaillon thun! Armer Mann! Es war unrecht von mir, ihm nicht einzugestehen — Mein Friseur behauptet, meine Haare fielen mir aus, und da rieth er mir, sie abzuschneiden. In einem Monat, sagte er, werde man nichts mehr davon bemerken. Streitberger (hinter der Scene). Herr Kipfel? Das ist hier? gut! Ich danke! (Er tritt durch den Hintergrund ein.) Eulalia. Herr Streitberger. Streitberger (bei Seite). Da ist sie! (Laut und sehr ehrfurchtsvoll). Gnädige Frau, erlauben Sie mir, Sie ganz ge- horsamst zu grüßen. (Bei Seite). Ist dieses Weib schön! Eulalia. Welche Ueberraschung, Sie in Villach zu sehen! Sie bringen uns doch ohne Zweifel Ihre Frau, meine Freundin Edgardine, mit? Streitberger. Nein — meine Frau ist wo anders — sie hat ihre Bäder und ich habe die meinigen! Eulalia. Wie! Sie verlassen sie? Streitberger. Was ist da zu machen? Wir haben verschiedene Temperamente ; ihr wurde kaltes, mir warmes Wasser verordnet. In Folge dessen habe ich meine Frau mit ihrer Tante, die taub ist, nach Reichenau geschickt, und ich, ich bin nach Villach gegangen — als ich hörte, daß Sie auch hier seien, Sie, die Güte, die Schönheit, die — 7 Eulalia (ihn unterbrechend). Herr Streitberger, ich liebe die Komplimente nur in Gegenwart meines Mannes. Streitberger. Oh! Verzeihung! Verzeihung! Eulalia. Er muß jeden Augenblick zurückkommen, er wird sich freuen, einem Freunde die Hand drücken zu können, (mit Nachdruck) einem wirklichen Freunde. Streitberger (verlegen). Gewiß, gnädige Frau — Eulalia (grüßend). Mein Herr! (Ab in Nr. 6.) Sechste Scene. Streitberger, später Kipfel. Streitberger (allein). Schon wieder abgeblitzt mit meiner Liebeserklärung, immer dieselbe Geschichte, und ich bin doch nur deßhalb von Wien hierhergekommen, habe mir von einem Reisenden, einem famosen Berliner, der auch nebenbei in Versen macht, vier herrliche Phrasen komponiren lassen. Aber sobald ich dieselben über meine Lippen bringen soll, ist meine Zunge wie gelähmt. Diese Frau hat etwas Majestätisches, sie sieht aus, wie die Statue der Sittsamkeit, gemeißelt von der Hand des Anstandes. Das ist auch vom Reisenden (er tritt an die Thüre von Nr. 6 und wirft Kußhände nach der Thüre). Kipfel (durch den Hintergrund, bei Seite). Ich war bei ihr! Schlief sie? Schlief sie nicht? Wer kann das entscheiden? Streitberger (sich umwendend). Sieh da! Kipfl! (Er geht auf ihn zu). Kipfel (ihm die Hand schüttelnd). Du hier, altes Haus? Durch welchen Zufall? Streitberger. Ich habe einen schlechten Magen, ich muß Mineralwasser trinken. Kipfel. Hast Du meine Frau gesehen ? Streitberger. Sie hat mich soeben verlassen. Kipfel (mit einer kläglichen Miene). Nun? Was sagst Du? Stre itb erger. Was soll ich sagen? Kipfel. Sie hat sich sehr verändert, nicht wahr? Streitberger. Unbedeutend, etwas stärker ist sie geworden. Kipfel. Stärker! — Meine Frau! S t r e i t b e r g e r. Nun ja! Der Ehestand schlägt ihr gut an. Kipfel (ihm tief ergriffen die Hand drückend). Ich danke Dir, lieber Freund! — ich danke Dir sehr, aber es ist unnütz ... ich habe Muth! Streitberger. Was hast Du? Kipfel. Ick habe soeben eine Magnetiseurin um Rath gefragt. Streitberger. Wegen Deiner Frau? Kipfel. Ich habe dieser eine Locke von ihr gegeben. Streitberger. Nun? Kipfel. Anfangs sagte sie: „Oh! oh!" Du begreifst meine Lage, ein Ehemann, dem man „oh, oh" sagt! S tr e i t b er ger. Weiter! Kipfel. Dann sagte sie: „Ah! ah"! Ich gestehe, dieß hat mich wieder ins Leben zurück gerufen! Du begreifst — „Ah! ah!" Das will so viel sagen, als „Ah, ah!" Streitberger. Und was hat sie verordnet? Kipfel. Nichts, sie hat mir ge- rathen, Eulalia magnetisch zu behandeln — Streitberger. Und Du willst sie wirklich magnetisiren lassen? Kipfel. Mehr als das! — Ich selbst werde sie magnetisiren. Streitberger. Verstehst Du denn das? Kipfel. Seiner Zeit habeich darüber gelesen — und für 10 fl. hat 8 Mademoiselle Amanda mir eine Lektion gegeben. Ich habe ihre beiden Daumen ergriffen — ich habe ihr scharf in die Augen gesehen. Sie ist eine reizende Frau! Streitberger. Alter Sünder — Kipfel. Oh, nein! Damit ist's vorbei. Wenn man eine Frau hat, welche die Glocken läuten hört — Streitberger. Was für Glocken? Kipfel (nach links gehend). Davon später — mich drängt es, meine magnetische Kraft zu erproben. Du erlaubst doch, lieber Freund? Wird sie mir wohl ihre Daumen anvertrauen? (Ab in Nr. 6). Siebente Scene. S treitberger, später Süßholz Streitberger (allein). Sie hört die Glocken — was für Glocken? Sollte der gute Kipfel übergeschnappt sein? (Er deutet auf seine Stirne und geht nach hinten.) Süßholz (tritt, einen Frack ausbürstend, aus Nr. 7). Ich langweile mich gotteslästerlich in meinem Nr. 7. Um Abwechslung zu haben, will ich meine Kleider ausbürsten. (Er kommt auf die linke Seite der Bühne zu stehen). Streitberger (ihn bemerkend). Ein Badegast! (Er kommt wieder nach vorn.) Süßholz (bei Seite). Alle Wetter! Da ist Jemand! Streitberger (Süßholz grüßend). Mein Herr — Süßholz. Mein Herr - (bei Seite.) Das ist der Mann, der mich in Marburg um Feuer angesprochen hat. Ich mache mich aus dem Staube. (Ergeht auf sein Zimmer zu.) Streitberger (zu Süßholz, ihm den Weg versperrend). Mein Herr, sind Sie schon lange in Villach? Süßholz. Nein, mein Herr, nein — Das heißt, seit nenn Jahren — (bei Seite.) Sollte das der Ehemann sein? I Strei tberg er. Seit neun Jahren? Dann müssen Sie die Gegend genau kennen? Dürfte ich Sie um Auskunft über Einiges bitten? Süßholz. Ich weiß nichts — ich kenne nichts — wir sind drin eine Mohrenfamilie, die das gelbe Fieber — Streitberger (lachend). Sie sind ein Mohr! Sie? Süßholz, (rasch). Ja, mein Herr, ja — das heißt, nein — ich nicht — mein Vater und meine Mutter sind Mohren! Streitberger (lachend). Ah! Dann bitte ich Sie um die Adresse Ihrer Wäscherin. Die kann Mohren weiß waschen! Süßholz tbei Seite). Wie er mich ansieht! (Laut.) Ihr Diener, mein Herr! (Geht auf Nr. 7 ab.) S t r e i t b er g e r. Der ist nicht gesellig. Achte Scene. Streitberger, Kipfel, später Eulalia. Kipfel (aus Nr. 6 tretend, mit leiser Stimme). Streitberger — Streitberger. Was giebt's? Kipfel. Es ist gelungen! — Sie schläft! Streitberger. Sie schläft? Kipfel. Wahrhaftig! Ich glaubte nicht daran, — ich hielt ihr die Daumen und dachte mir: Du bist doch ein recht alberner Mensch, solche Dummheiten zu treiben, — als plötzlich ihre Augen starr wurden. Ich muß magnetisches Fluidum haben. Streitberger. Nicht möglich! Kipfel. Ueberzeuge Dich selber! -Willst Du sie sehen? Streitberger. Ja. Kipfel. Ich werde sie kommen lassen. (Er streckt den Arm aus, Eulalia tritt in 9 somnambulem Zustande aus Nr. 6 und geht in die Mitte der Bühne). Da ist sie — einen Stuhl — (Streitberger schiebt einen Sessel hinter Eulalia, Kipfel macht eine gebieterische Geberde, Eulalia setzt sich.) He! siehst Du? (Er tritt an die rechte Seite seiner Frau) Das Erstaunlichste dabei ist, daß sie gefühllos ist. Streitberger. Wirklich? Kipfel. .Ich habe sie gezwickt, sie hat nicht geschrieen. — Ich habe sie gekitzelt, sie hat nicht gelacht. Sieh, ich (küsse) sie! Und ich bin noch dazu nicht einmal rasirt (er küßt Eulalia.) Streit berger (von der andern Seite des Stuhles). Das ist außerordentlich erstaunlich! Man sollte es nicht für möglich halten. Das muß ich doch auch einmal probiren! (Küßt sie von seiner Seite). Kipfel (sie von Neuem küssend, entzückt). Sie fühlt nichts. Streitberger (sie ein zweite« Mal küssend). Sie fühlt nichts. (Er will sie wie. der küssend Kipfel (zu ihm tretend und ihn zurück- haltend). Für den Anfang ist's genug. Man darf nichts übertreiben! Streitberger. Gut, die Fortsetzung felgt. Kipfel Ein Gedanke! Wenn ich sie über ihre Krankheit befragte? Streitberger. Was für eine Krankheit? Kipfel. Ich habe gerade eine Haarlocke von ihr bei mir. Da ist sie! (Er zieht die Haarlocke aus der Tasche.) Streitberger (die Haarlocke be- trachtend). Sonderbar! Genau dieselbe Farbe, wie bei meiner Frau! Kipfel. Es wäre herrlich, wenn sie hellsehend wäre! Anfgepaßt! (Erlegt die Hand auf den Kopf seiner Frau, in feierlichem Tone). Eulalia, hören Sie mich? Eulalia. Ja, mein Freund! Kipfel. Sie hört mich! Streitberger. Ich glaubS gern, Du brüllst ihr ja die Ohren voll. Kipfel (zu Eulalia). Fühlen Sie sich in der Stimmung, meine Fragen zu beantworten? Eulalia. Ja! Kipfel. Wir werden sehen (ihr die Haarlocke in die Hände steckend). Was ist das? (indem er Streitberger allerlei Zeichen macht). Still! sage nichts. Eulalia. Das ist — (nach langem Zögern.) Das sind Haare! Kipfel (entzückt). Sie ist hellsehend! Streitberger, meine Frau ist eine Hellseherin ! Streitberger (bei Seite). Durchtrieben ist sie! Ich wette, sie schläft nicht! Kipfel. Sehen Sie die Person, der diese Haare gehören? Eulalia (lachend). O ja! Kipfel. Sie hat gelacht, sie erkennt ihre Haare wieder. Sprechen Sie uns von dieser Person. Eulalia. Oh! Ich sehe sie vor mir, ganz deutlich vor mir! (plötzlich). Ah! Die Unglückliche! Kipfel (erschrocken). WaS ist's? Schwebt sie in Gefahr? Eulalia. In großer Gefahr! Streitberger. WaS sagt sie? Kipfel (in Verzweiflung). Wo sitzt ihr Leiden? In der Brust? Eulalia. Nein, es rührt von ihrem Manne her. Kipfel. Bon mir! Sollte ich ihr etwas Schädliches eingegeben haben? Eulalia. Ein Theil der Schuld trifft auch sie, denn sie ist eine Kokette. Streitberger. Was sagt sie? Kipfel. Eine Kokette! (Zu Eulalia.) Sie hat also einen Liebhaber? Eulalia. Sie hat drei Liebhaber. Kipfel (verblüfft). Drei? Streitberger (bei Seite). Alle Wetter! Und sie gesteht eS ein! Sie schläft wirklich! Kipfel. Drei Liebhaber! Das wäre ja unerhört! Streitberger, glaubst Du an den Magnetismus? 10 Streitberger. Nein! Kipfel. Ich auch nicht. Streitberger. Das sind Dummheiten — wecke sie auf! Kipfel. Ja. (Er macht Anstalten sie zu wecken, besinnt sich jedoch wieder eines Andern). Also wirklich drei Liebhaber? Eulalia. Einer davon liebt sie — im Geheimen — Streitberger (bei Seite). Alle Teufel, sie wird mich denunciren! (Laut). Wecke sie auf! Eulalia. Er ist ihr nachgereist, um sich zu erklären Streitberger. Jetzt ist sie im Zuge. Kipfel. Wie heißt er? Streitberger. Wecke sie auf! Wecke sie auf! Kipfel (ungeduldig). Nicht doch! (Zu Eulalia gebieterisch.) Wie heißt er? Eulalia (nach langem Zögern). Ich kann ihn nicht nennen. Streitberger (bei Seite). Ich athme wieder auf. Eulalia (aufstehend). Aber ich sehe ihn vor mir, er ist gefährlich, er ist verführerisch, er ist schön! Kipfel (geht nach links.) Streitberger (bei Seite). Kipfel wird mich, nach der Beschreibung muß er mich erkennen! (Laut) Genug! Jetzt ist's genug. Kipfel. Aber laß mich doch in Ruhe! (Er erfaßt die Hand seiner Frau.) Eulalia. Er wird sie zu einem Ausflug auf Eseln entladen — in den Hirschengraben. Kipfel. Hirschengraben? Streitberger (bei Seite). Das muß in der Umgebung sein. Eulalia. Sie wird dieselbe ablehnen wollen — Kipfel. Gott sei Dank! Eulalia. Aber ihr Verführer wird drohen, sich zu tödten. Kipfel. Der Feigling. Streitberger (bei Seite). Sie schreibt mir vor, was ich zu thun habe. Eulalia. Wenn sie diese Einladung annimmt, ist sie verloren. Kipfel (wütheud). Aber sie wird sie nicht annehmen ich werde sie daran verhindern (indem er lebhaft gestikulirt, hat er den Arm seiner Frau geschüttelt. Diese Bewegung weckt sie auf. Streitberger stellt den Stuhl wieder an das Tischchen rechts, von wo er ihn geholt hat. Kipfel hat die Haarlocke wieder zu sich genommen.) Eulalia (erwachend). Das ist eigen- thümlich — ich weiß nicht, mir ist so sonderbar — mein Mann — Herr Streitberger — Sie waren hier — was ist denn vorgefallen? Ich glaube gar, ich habe geschlafen. Streitberger. Nichts, schöne Frau. (Zu Kipfel.) Nicht wahr? Kipfel (wütheud die Zähne auf einander beißend). Nicht das Allergeringste. Eulalia. Ich kann die Augen kaum offen halten vor Mattigkeit. Kipfel (würdevoll). Gehen Sie auf Ihr Zimmer zurück, das Sie nie hätten verlassen sollen. Eulalia. Was hast Du denn, lieber Kipfel. Streitberger. Der liebe Kipfel hat sich eingetunkt. Kipfel. Dein lieber Kipfel! (Sie bei Seite nehmend.) Ich brauche nur e i n Wort zu sagen! Ich überwache von jetzt ab alle Esel — (er geht nach dem Hintergründe rechts.) Eulalia. Alle Esel! Streitberger (zu Eulalia). Erlauben Sie mir Ihnen meinen Arm anzubieten, (er giebt ihr den Arm, leise und rasch). Sie sind ein Engel — ich werde Esel besorgen. Eulalia. Was für Esel? ^ Streitberger (leise). Still! So schweigen Sie doch! Eulalia (bei Seite). Ich verstehe kein Wort. (Laut.) Ich habe heftige Kopfschmerzen, und ich kann mir gar nicht erklären, wie ich dazu komme. (Ab in Nr. 6.) 11 Streitberger (vergnügt bei Seite.) Mein Weizen blüht, meine Aktien steigen. Neunte Scene. Streitber ger. Kipfel. Kipfel (seine Arme kreuzend). Nun? Was sagst Du dazu? Streitberger. Angenehm ist das gerade nicht. Kipfel (mit Nachdruck). Du glaubst also daran? Streitberger. An was? Kipfel. An den Magnetismus! St reitberg er. Nein! Kipfel. Ich auch nicht! Drei Liebhaber, und ich suchte ihre Krankheit im Magen. Streitberger. Du übertreibst, sie hat nur einen. Kipfel. Ist das vielleicht nicht genug? Ein gefährlicher, schöner, verführerischer Mann? Wer aber ist es? Wie ihn ermitteln, diesen Don Juan, der Weiberherzen durch Esel erobert? (Plötzlich.) Oh! Ein Gedanke! Streitberger. Der ist? Kipfel. Nichts. (Bei Seite). Ich werde sie nochmals einschläfern! Und dann muß sie mir ihn nennen, sie mag wollen oder nicht! (Er geht nach links.) St reitber ger. Wo gehst Du hin? Kipfel. Meine Zeitung lesen. Aber so sage mir doch, ob Du an den Magnetismus glaubst? Streitberger. Nein! Kipfel. Ich auch nicht. (Ab in Nr. 6.) unnöthig strapazirt! Ich hoffe, daß es in Villach Esel gibt. Mein Bewußtsein sagt mir, es gibt welche! (er ruft:) Kellner! Stubenmädchen! — Hausknecht! Gudula (durch den Hintergrund). Sie haben Nr. 5. (Sie deutet auf die Thüre an der zweiten Loulisse rechts.) Streitberger. Nr. 5 — gut. (Tritt näher, geheimnißvoll). Gibt es hier zu Lande Esel? Gudula. Ja wohl, mein Herr, tüchtige Esel. Streitberger. Sehr gut! Ich wünsche zwei. Gudula. Die können Sie haben. Streitberger. Beeile Dich! Gudula. Sogleich, gnädiger Herr! (ab durch den Hintergrund.) S treitberger (allein). Jetzt brauche ich nur noch meine Pistolen, die nicht geladen sind, zu nehmen, —und zu drohen, ich wolle mich erschießen. Es ist sehr bequem, ein Programm zu haben! Aber ich bin hier völlig unbekannt. Wo zum Teufel ist denn der Hirschengraben? (Ein Buch von dem Tische links nehmend). Da liegt ein Bädecktr! (er durchfliegt das Buch.) Eilfte Scene. Streitberger. Süßholz. Süßholz (bei Seite, indem er, ohne Streitberger zu bemerken, gähnend aus Nr. 7 tritt). Meine Mauer langweilt mich! Ich wußte nicht, was ich machen sollte, da habe ich der Abwechslung wegen ein paar Nankinghosen angezogen! Streitberger (bei Seite). Ah! Der ungesellige Herr! (Er legt das Buch wieder auf den Tisch.) Zehnte Scene. Streitberger, später Gudula. Streitberger (allein). Sie liebt mich und ich habe meinen Reisenden Süßholz (bei Seite). Schon wieder dieser Reisende! — Er belagert meine Thür! Das hat was zu bedeuten! (Ec will wieder auf sein Zimmer gehen.) Streitberger (ihn beim Arm zurück- haltend). Um Vergebung, mein Herr! 12 Süßholz (indem er sich loszumachen sucht). Entschuldigen Sie mich, — ich will ein paar Zwilchhosen anziehen. — Streitberger (ihn zurückhaltend). Einen Augenblick! Können Sie mir sagen, wo der Hirschengraben liegt? (Er läßt ihn los.) Süßholz (bei Seite, niedergeschmettert). Der Hirschengraben! — Dort war es, wo ich Edgardine traf! — Kaltes Blut! (Laut). Der Hirschengraben? Ich war noch nicht verheiratet, mein Herr. Streitberger (lachend). Sehr gut! Sie sind ein Witzbold? Süßholz. Ein Bischen, was man so für's Haus braucht! (Bei Seite.) Er lacht! Er ist es nicht! (Er setzt sich an den Tisch rechts, auf welchem er eine Zeitung nimmt.) Streitberger (folgt ihm und spricht leise mit ihm. Zwölfte Scene. Vorige. Kipfel. Kipfel (aus Nr. 6 tretend, ohne die Andern zu sehen, bei Seite). Sie hat ihn mir beschrieben. Er trägt eine weiße Weste und nankingene Beinkleider! Die Nankinghosen mögen sich vor mir hüten! (Er bemerkt Streitberger'S Hosen von hinten). Ah, — da ist ein Paar! (Indem er Streitberger auf die Schultern klopft, laut.) Mein Herr! — Streitberger (sich nmweud end). Was? Kipfel. Ah! Dn bist's? Guten Tag! (Er will ihm die Hand geben, besinnt sich je« doch eines Anderen). Nein. Streitberger. Ich plauderte mit diesem Herrn. Kipfel (entdeckt Süßholz und tritt nach links). Süßholz (steht auf). Kipfel (bei Seite). Noch Einer! — Zwei paar Nanking? Welcher ist der Rechte? Streitberger (bei Seite). Was hat er denn? Kipfel (bei Seite). Die Westen werden mir Gewißheit geben. (Er sieht, daß ihre Röcke zugeknöpft sind.) Zugeknöpft alle Beide! Süßholz (bei Seite). Wie er mich ansieht! — Ich gehe wieder auf mein Zimmer! Kipfel (indem er an der einen Hand Streitberger und an der andern Süßholz, die sich beide aus dem Staube machen wollten, zu- rückführt). Um Vergebung (mit verbissener Wuth). Wer leiht mir einen Bleistift? Streitberg er. Ich! Süßholz. Ich! (Beide knöpfen ihre Röcke auf, sie haben beide weiße Westen an.) Kipfel. Zwei weiße Westen! — Das ist zu stark! Süßholz (ihm einen Bleistift anbietend). Mein Herr, hier ist ein Bleistift. Kipfel. Was soll ich damit? (wüthend.) Ick brauche ihn nicht mehr, verstehen Sie mich, Mann mit der weißen Weste. Süßholz (bei Seite) Was hat er? Dreizehnte Scene. Vorige. Gudula. (Durch den Hintergrund.) Gudula (hereinlaufend und sehr laut). Die Esel sind bereit! S tr e i tb erg er (bei Seite, sehr erschrocken). Alle Wetter! Kipfel. Die Esel? — Esel sind bestellt worden? Streitberger (bei Seite). Ich bin verloren! Kipfel (zu Süßholz). Das haben Sie gethan, Mann mit der weißen Weste? Süßholz. Nein, (bei Seite.) Was hat er nur mit der weißen Weste? 13 Streitberger (leise und rasch zu Gudula). Zehn Gulden für Dich, wenn Du mich nicht nennst! Gudula (leise). Wie? Kipfel (zu Gudula). Also sprich! — Der Augenblick ist feierlich! Wer hat die Esel bestellt? Gudula (zögernd). Ich — ich glaube, es War — (sie sieht Streitberger an, der ihr Zeichen macht). Kipfel. Rede! Oder ich schläfere Dich ein. Gudula. Run denn, — es war — Sie waren es! Kipfel. Ich??? Streitberger (bei Seite). Bravo! Süßholz (beiseite). Dieser Mensch ist ein Narr! Er verlangt Esel, er verlangt Bleifedern — und weiß nichts davon! Kipfel. Wie? Du wagst zu behaupten, ich sei es gewesen? — Ich?!! Gudula (sehr bestimmt). Ja, mein Herr. Strei tberg er. Du wirst es vergessen haben. Kipscl (die Beiden mißtrauisch anblickend). Wahrscheinlich — (zu Süßholz). Wahr- scheinlich, Mann mit der weißen Weste! Süßholz (bei Seite ). Schon wieder meine Weste! (Er geht nach hinten). Streitberger (bei Seite). Ich komme mit einem blauen Auge weg! (Ergeht nach hinten und spricht mit Süßholz.) Kipfel (bei Seite). Es ist klar, sie haben diese Karthner-Unschuld bestochen! (Für sich im Vordergründe). Jetzt heißt's schlau sein! Ich werde ihnen eine Falle stellen! (leise zu Gudula.) Höre! Ich gebe Dir das Doppelte von dem, was man Dir versprochen hat. Gudula (leise). 20 Gulden? Kipfel (bei Seite und rasch, die Faust gegen Süßholz ballend). Ah! O Du Galgenstrick! (Sich zurückhaltend.) Doch vielleicht ist's Streitberger! (Die Faust gegen Streit, berger ballend.) O Du Galgenstrick! steife zu Gudula). Du siehst hier diese beiden Männer? Gudula (leise) Ja! Kipfel (leise). Flüstere einem Jeden von ihnen ins Ohr: „Vorsicht, der Mann weiß Alles!" Gudula (leise). Alles, was? Streitberger ( kommt links wieder nach vorn, Süßholz rechts). Kipfel (leise). Das geht Dich nichts an! Geh, ich bezahle Dich. Gudula (bei Seite). M i r ist's recht! Kipfel (seinen Zwicker aussetzend). Jetzt aufgepaßt! Gudula (leise zu Süßholz, indem sie an ihn herantritt). Mein Herr! Süßholz (leise). Was? Gudula (leise). Vorsicht, der Mann weiß Alles! Süßholz (indem er auf den bei dem Tische stehenden Stuhl niedersinkt, bei Seite). O Weh! Kipfel (bei Seite). Er hat gezuckt! Er ist's! (Leise zu Gudula.) Du kannst gehen! Da! Gudula. Nur 10 Gulden? Und der Andere? Kipfel. Es genügt; aber Du, Gudula, bekommst nur 10 Gulden. (Laut zu Streitberger). Verlaß uns, ich habe mit diesem Herrn zu reden. Süßholz (bei Seite). Mein letztes Stündlein hat geschlagen! Streitberger (bei Seite). Was geht denn vor? Das muß ich erfahren. (Ab in Nr. 5.) Gudula (ab durch den Hintergrund.) Süßholz (bei Seite). Jetzt platzt die Bombe! Vierzehnte Scene. Kipfel, Süßholz. Kipfel (sich groß und breit vor Süßholz hinstellend). Mein Herr,— der Mann weiß Alles ! Und der Mann steht vor Ihnen! Süßholz (aufstehend). Das dachte ich mir, Sie kommen von Reichenau? 14 Kipfel (erstaunt). Was? (mit einer verschmitzten Miene.) Vielleicht! Vielleicht! Was haben Sie zu Ihrer Rechtfertigung vorzubringen? Süßholz. Ich? Nichts! Ich bin ertappt! (Er nimmt seinen falschen Bart und seine blonde Perrücke ab und erscheint mit schwarzen Haaren). Verstellung ist weiterhin unnütz. (Er legt das Alles auf das Tischchen.) Kipfel erstaunt). Wie! Alles das gehört nicht Ihnen? Süßholz. Nein! Kipfel. Wozu diese falsche Behaarung ? Süßholz. Um nicht erkannt zu werden. Sie besitzen ja meine Fotografie. Kipfel (erstaunt). Ich? (mit einer ver» schmitzten Miene.) Vielleicht! Süßholz. Woran haben Sie mich denn erkannt? Kipfel. An Ihren Beinkleidern. Süßholz. So? (auszukneifen suchend.) Ich werde andere anziehen! Kipfel (ihn zurückhaltend). Das ist jetzt unnöthig! Mein Herr, ich muß Genugthuung haben. Süßholz (bei Seite). Da haben wirs. sLautj. Ich bin zu Ihren Befehlen, mein Herr, aber beeilen wir uns. Kipfel (sehr sanft). Ich bin berechtigt, Sie zu tödten, mein Herr. Süßholz. Gut. Kipfel. Aber mir schwebt eine andere Genugthuung vor. Süßholz. Was für eine? Kipfel. Eine schrecklichere! Eine grausamere! Eine rafsinirtere! Süßholz (sehr aufgeregt). Ah! Aber, mein Herr — K i pfe l. Ich habe mir vorgenommen, Sie zu Grunde zu richten. Sie sollen aufhören, gefährlich zu sein, verstehen Sie? Süßholz. Nicht ganz! Kipfel. Meine Frau wird gleich kommen. Süßholz. Sie ist hier? ! Kipfel (mit krampfhaftem Lachen). Ja, sie ist hier! Süßholz. Sie ist von Reichenau angekommen? Kipfel (ohne zu verstehen). Reichenau? (mit einer verschmitzten Miene.) Vielleicht! Ich lasse Sie allein mit ihr. Süßholz. Ah! Sie sind zu gütig. Kipfel. Aber ich verlange, daß Sie sich von der unvortheilhaftesten Seite zeigen, grob, tölpelhaft, widerwärtig, plump, unhöflich — Süßholz. Das ist unmöglich! Kipfel. Damit sie zu sich selbst sagt: Du mein Gott! Einen solchen Flegel konnte ich lieben! Sie fangen damit an, Ihren Hut auf dem Kopfe zu behalten, was doch sehr ungehobelt ist. Süßholz. Vor einer Dame, niemals. Kipfel (sehr sanft). Sie vergessen, daß ich berechtigt bin, Sie zu tödten. Süßholz. Das ist richtig! Gut! Ich werde sie nicht grüßen. Kipfel. Sodann sagen Sie ihr Grobheiten. Süßholz. Wie? Kipfel (auf Nr. 6 deutend). Da drin werde ich Alles hören. Sagen Sie ihr, sie habe grüne Augen, schwarze Zähne, eine rothe Nase — Süßholz. Aber — Kipfel. Ich will es! Gehorchen Sie, oder fürchten Sie meinen Zorn! Sagen Sie ihr, sie habe eine Gänsehaut, Fuchshaare, eine Elefantentaille n. s. w. Das ist aber noch nicht Alles! Süßholz. Noch etwas? Kipfel. Ich verlange ferner, daß Sie ihr in den feurigsten Ausdrücken Ihre Liebe gestehen, Ihre Liebe zu einer verworfenen Person! Süßholz. Ich kenne keine ver- ! worfene Person. Kipfel. Sagen Sie, zu Ihrer Wäscherin, das wird ihren Ekel erregen! Sie werden ihr widerlich erscheinen. 15 Süßholz (protestirend). Aber, mein Herr! Kipfel. Sie vergessen, daß ich berechtigt bin, Sie — Süßholz. Gut, es ist abgemacht. Kipfel. Ich will sie holen, setzen Sie einstweilen Ihren Hut auf. (Süßholz thut es.) Nicht so, mehr nach der Seite, wie ein vacirender Handwerksbursche. (Er richtet ihm den Hut zurecht, leise.) Er sieht abscheulich aus! (Laut, indem er ihm freundschaftlich mit der Hand zuwinkt) Auf Wiedersehen. (Bei Seite). Hundsgemein! (Ab in Nr. 6.) Fünfzehnte Scene. Süßholz, später Streitberger. Süßholz (allein). Kreuzdonner- wetter! Das ist eine abscheuliche Situation! Arme Edgardine! Ich soll ihr erklären, ich sei in meine Wäscherin — Streitberger (der auf den Fußspitzen aus Nr. 5 geschlichen ist, klopft ihm aus die Schulter). Jetzt haben w i r ein Hühnchen mitsammen zu pflücken. Süßholz. Was? Streitberger (auf Nr. 5 deutend). Ich war da, ich habe Alles gehört! Diese Dame wird gleich kommen, und wenn Sie nicht artig und respektvoll gegen sie sind, dann jage ich Ihnen eine Kugel durch den Kopf! Süßholz (erschrocken). Sie? Womit? Streitberger (eine Pistole aus der Tasche ziehend). Hier! (Bei Seite.) Sie ist nicht geladen. Süßholz. Teufel! Streitberger (auf sein Zimmer deutend). Ich gehe da hinein, und ich laste Sie nicht aus den Augen! Bei der ersten Unschicklichkeit, bei der ersten Unhöflichkeit . . . paff — todt! sind Sie! I Süßholz (schaudernd). Brrr! ! Streitberger (ihm den Hut vom Kopfe nehmend und ihm denselben unter den Arm steckend). Vor Allem nehmen Sie den Hut ab, das schickt sich für keinen artigen Cavalier, und vergessen Sie nicht, puff — aus ists (ihm freundschaftlich mit der Hand zuwinkend, ab in Nr. 5). Sechzehnte Scene. Süßholz später Kipfel und Eulalia. Süßholz (allein). Das wird immer besser! Ich kann doch nicht mit Artigkeit unverschämt und mit Flegelei ehrerbietig sein. (Er geht nach hinten.) Kipfel (aus Nr. 6). Still! Da ist meine Frau! Süßholz (bei Seite). Nun kann's losgehen. Ki p fe l (Eulalia hereinführend). Komm, liebes Weibchen, erlaube mir, Dir diesen Herrn vorzustellen. Herr — Herr (leise zu Süßholz.) Ihr Name? Süßholz (leise). Oskar! Kipfel. Herr Oskar! Ein Freund von mir, der sehnlichst wünscht, Deine Bekanntschaft zu machen. Eulalia (grüßend). Mein Herr — Süßholz (grüßend, ohne sie anzusehen). Gnädige Frau! Kipfel (zu Süßholz, leise). Setzen Sie Ihren Hnt auf. Eulalia (setzt sich an den Tisch links und arbeitet). Süßholz (leise). Nachher. (Zu Eulalia, ohne sie anzusehen.) Seien Sie versichert, gnädige Frau, daß nur ganz gegen meinen Willen — (sie ansehend) Ah, mein Gott! Kipfel. Was? Süß Holz (Kipfel bei Seite ziehend, leise) Diese da ist Ihre Frau? Kipfel. Ja! Süßholz (leise). Das ist nicht die rechte, ich kenne sie nicht. 16 Kipfel (ungläubig, leise). Machen Sie keine Geschichten! S ü ß h o l z (leise). Wenn ich Ihnen aber schwöre! Kipfel (leise). Schweigen Sie und setzen Sie Ihren Hut auf! (Laut zu Eulalia.) Mein Engelsweibchen, dieser liebe Oskar behauptet, er habe schon oft das Vergnügen gehabt, Dich in Gesellschaften anzutrefsen. Eulalia. Ah! (Süßholz ansehend.) Um Vergebung, mein Herr, ich entsinne mich nicht — Kipfel (bei Seite). Sie auch nicht! Sie ist sehr schlau, aber wir werden gleich sehen! (Laut.) Ich muß fort, ich habe einen Brief zu schreiben, dieser gute Oskar wird Dir Gesellschaft leisten, das ist ein reizender junger Mann — (leise zu Süßholz). Ihren Hut (laut zu seiner Frau). Sehr gut erzogen, (leise zu Süßholz). Ihren Hut, (leise zu seiner Frau.) und von einer Artigkeit gegen Damen! (Leise zu Süßholz.) So setzen Sie doch in drei Teufels Namen Ihren Hut auf! (Er setzt ihm den Hut auf den Kopf) oder ich schieße Sie über den Haufen. Süßholz. Womit? Kipfel (ihm eine Pistole zeigend, leise.) Hier ! (Er nimmt die Mitte der Bühne ein.) Süßholz. Noch eine Pistole! Kipfel (bei Seite abgehend). Wenn > er unverschämt wird, stürze ich heraus j und gebe ihm zwei Ohrfeigen; er fordert j mick, ich habe die Wahl der Waffen und Wähle keine. (Ab in Nr. 6.) Siebzehnte Scene. Eulalia, Süßholz. Eulalia (arbeitend). Sie sind ein Freund vom Reisen? Süßholz (halblaut). Ich wollte, ich wäre in China! Eulalia. In China? Süßholz. Ja, in China! Eulalia (die ganze Scene über stickend ) Mein Herr — (sie deutet auf einen im Hintergründe stehenden Stuhl, Süßholz nimmt denselben und setzt sich in einiger Entfernung von Eulalia nieder. Als sie bemerkt, daß er den Hut auf dem Kopfe hat, bei Seite). Er hat wohl Kopfweh! (Laut.) Mein Herr, wie gelangt man ins Innere von China? Süßholz (nach Worten suchend). Mein Gott, gnädige Frau, man gelangt hin. Es ist eine große Mauer ringsherum, aber durch die Risse, die sie hie und da hat, schleicht man sich hinein. Kipfel (singt hinter der Scene) Es ritten 3 Reiter wohl über den Rhein — Süßholz (bei Seite). Der Ehemann. Ich muß von der Wäsche reden. Eulalia. Erzählen Sie! Was ist Ihnen in China am meisten ausgefallen? Süßholz (bei Seite). Sie ist langweilig mit Ihrem China. (Laut). O, Vielerlei — Kipfel (singt hinter der Scene). Aber außi, außi, außi komm ich gleich. Süßholz (der heftig zusammen gefahren ist). Da sind vor Allem — die Wäscherinnen! Eulalia (lachend). Wie? Die Wäscherinnen! Süßholz. Ja, Weiber, die waschen. Sie müssen wissen, in China gibt es Grobwäscherinnen und Feinwäscherinnen, das ist ein sehr merkwürdiges 2and. Eulalia (bei Seite). Macht er sich über mich lustig? (Laut.) Gedenken Sie ! lange in Villach zu bleiben? ! Süßholz (rasch). O. nein! Sowie ich kann, mache ich, daß ich fort komme, 'denn ich langweile mich gräßlich. > Eulalia. Danke! Sie sind sehr 1 galant! (Man hört Streitberger rechts laut husten.) Süßholz (rechts, indem er aufsteht). Ah, Teufel! Ich war grob! (laut und rasch). Wenn ich sage, daß ich mich hier langweile, so meine ich natürlich nur, wenn ich allein bin, (galant.) In so angenehmer Gesellschaft dagegen — ' Eulalia. Das ist etwas Anderes! 17 Kipfel (laut hustend, steckt eine Pistole zur Thüre heraus). Süßholz (sich mit seinem Ellbogen deckend). Niederträchtig! (Bei Seite.) Ich war artig! Eulalia. Was? Süßholz (sehr laut). Ich spreche nicht von Ihrer Gesellschaft. Eulalia. Wie? (Streitberger laut hustend steckt ebenfalls eine Pistole zur Thür heraus.) Süßholz (sich mit seinem Ellbogen deckend, bei Seite). O weh, ich war grob! (Er deckt sich wechselweise und rasch mit seinen beiden Ellbogen.) Eulalia (aufstehend). Was haben Sie denn? Süßholz (sehr bewegt). Nichts! Nichts! Es ist so heiß hier . . doch natürlich, zwischen zwei Feuern — (er nimmt in der Verwirrung seinen Hut ab, setzt ihn jedoch rasch wieder auf, bei Seite.) Nein, ich vergaß! — Eulalia. Aber Sie erbleichen! Sie leiden! Ich will meinen Mann rufen, (sie ruft.) Kipfel! Süßholz (rasch). Kipfel! Wie! Sie sind Frau von Kipfel? Die Freundin EdgardinenS? Eulalia. Nun? Süßholz. Dann kenne ich Sie ja! Sie haben einen falschen Zopf? Eulalia. Mein Herr! (leise.) Schweigen Sie doch! Achtzehnte Scene. Vorige. Kipfel, später Streitberger. Kipfel (rasch aus Nr. 6 und auf Süßholz zutretend). Mein Herr, Sie sind ein Verlaumder! Eulalia. Lieber Mann! Kipfel. Er bekommt 2 Ohrfeigen. Streitberger (aus Nr. 5, zwischen Kipfel und Süßholz tretend). Das ist meine Sache. Eulalia (bei Seite). Ah! Mein Gott! Ein Streit um meinetwillen! (Laut, indem sie neben Süßholz tritt.) Halten Sie ein, meine Herren! Der Herr hat wahr gesprochen, diese Haare sind falsch. Kipfel. Sie sind falsch! Dann ist auch jene Locke, die ich vorhin bei Dir abgeschnitten habe — Eulalia. Falsch. Kipf el (seine Frau küssend). Ah! Wie freue ich mich über diese Falschheit. Daun gehen Dich ja die Esel gar nich.ts an! Sie sind Sache der Anderen, der Haareigenthümerin! St rei t b er g er. Wem gehören diese Haare? Eulalia. Ihrer Frau! Streitberger. Meiner Frau? Süßholz (bei Seite). DaS also ist der Ehemann? S treitberger (unbesonnen). Meine Frau — und diese Eselspartie nach dem Hirschengraben? Wo liegt der Hirschengraben? Eulalia. Am Semmering bei Reichenau. Str eitbe rg er. Donnerwetter! Ich reise — Süßholz. Nehmen Sie mich mit. S t r e i t b e r g e r. Gut! Kipfel, glaubst Du an den Magnetismus? Kipfel. Nein! Streitberger. Ich auch nicht. ß r, d e. Verlag der Wallishaufser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Hoher Markt Nr. 1. gesammelte Heitere Hortmge von Josef Weyl. 12 Hefte, jedes im Preise von 30 kr. Oest. Währ. — 60 Pfennige. Inhalts-Aebersicht: 1. Heft. An die Künstler. Tragisch oder Komisch. (Vortrag für eine Dame.) Ein alte« Götzenbild. Waö a Bauer ned olles sein möcht. Frei nach Darwin. Abgekühlte Heißsporne. Der Pfarrherr vom Kahlenberge. Pscheschitschek. (Dialektscherz.) Eine Ballphrase. (Vortrag für eine Dame.) Die Speckvertheilung. (Zur Beamten-Auf. befserungSfrage.) Schnadahüpfeln Nr. 1—K. 2. Heft. Amor'« Lexikon. (Dialektscherz. Nante'S Lhristgedanken- (Berliner Dialekt.) Der Müller und sein Kind. Pimpelmeier'« Träume. Sam. Schnorrer'« Leben«- und Börseregeln. Gottschalk Schlemmex, (Eine schauderhafte Murithat.) Es hat 'rer, es giebt 'rer, aber man findt 'rer halt nicht. (Vortrag für einen Herrn.) Nach der Speckvertheilung. (Fabel für kleine Beamte.) Der erste Katzenjammer. Der Zopfabschneider. (Eine grausliche Ballade in Ehignonversen.) Diurnisten-A-B-E. Schreiben des Herrn Jstvnn Fürkä« (Stuhlrichter au« Groß-Betsovit«, an seinen Sohn Lajos, Hörer der Technik in Wien. (Prosa in Ungar. Jargon.) Gerechte Entrüstung. (Oesterreichisch.) 3. Hest. Enorma oder der Druiden-Barbier. Opernkonfusion in 1 Akt. Die Entstehung der ersten Ballet-Tänzerin. Vaterfreuden eine« Berliner«. (Berliner Dialekt.) Plausch de« Publikums über die Oper „Mar- garethe" v. Gounod. (Dialektscherz in Prosa). Was hat die Welt ruinirt. Ein fünfstockhoher Hausherr von Neu-Wien. Meinungsverschiedenheit. (Oesterreichisch.) Der Fuchtige. (Oesterreichisch.) Z'weg'n dem Schnee. (Oesterreichisch.) Der Schah in Schah. Stoßseufzer eine« Arithmetiker«. 4. Heft. Jeremias Pechhuber. (Solo-Scene für 1 Herrn.) Ehristbescheerung. Der hilflose Sepp. Bor der Kassa-Eröffnung (Dialektscherz in Prosa). Der Invalide nach der Leichenfeier. Raubritter. Wa« Alle« in der Weltausstellung-.Rotunde zu finden war. Am Eis. (Melodie: Wie ich bin verwichen —) Biblische Geschichten. 1 — III. Da« Kabel. DaS Husten. (Bortrag für 1 Herrn.) Schnadahüpfeln Nr. 7—12. 5. Heft. Die goldene Hochzeit. (Festscene für 2 Personen.) Festgruß zur Feier der silbernen Hochzeit geliebter Eltern. Zur goldenen Hochzeit. Prolog zur Eröffnung einer Krippe. Zum Bau eines Kinderhospitals. Zum Tage Allerseelen. Graue Haare. (Trilogie.) Die Schöpfung des Weibes. ,. ». .. „ (Parodie.) Jtzig erzählt Schiller- „Wilhelm Tell." (In jüdischem Jargon.) Monolog de- schönen Fiaker-Poldls. (Wienerisch.) Der Wienfluß an die Väter der Stadt. Bauerntrost. (Oesterreichisch.) Theatralischer Hlnsmn. poffe in vier Vorstellungen mit Gesang und Tan; nebst Vorspiel, Nachspiel und Zwischenakten von Morländer. Musik von Kapellmeister Eduard Stolz. Alle Rechte Vorbehalten. Men, 1876. Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm). Das Aufführungsrecht ist nur zu erlangen durch den Verfasser, Budapest VI. , Altgaffe 27. § Drn Dühnen gegenüber als Wnnuscript gedruckt. Personen -es Vorspiels and der Zwischenspiele. Kugler, Hausherr in der Stadt. Gregor, sein Sohn, Blasel, ein Kapitalist. H elm, Kommissär. Eppstein, ein alter Herr. Stern, sein Begleiter. Laura, eine junge Dame. Therese, ihr Stubenmädchen. Radlinger, Wirth zum blauen Bock in Staubendörfel. Florian, Kellner. Omelette, Zimmerkellnerin. Krautkopf, j Friesenmüller, s Lilienstengel, ) Mitglieder einer ambulanten Schauspielergesellschaft. Fräulein Rosenknospe,) Gerichtsdiener. — Zwei Wächter. —Ein Kutscher. — Hausknechte. Der Hauptvorhang fällt nur dreimal, nämlich nach dem Vorspiel und zum gänzlichen Schluffe, und nach der Oper. Nach jeder der vier Vorstellungen fällt eine kleinere Courtine und die Entr^e-Akte werden durch Zwischenspiele auSgefüllt. Erste Vorstellung: Trauerspiel in Versen von einem unbekannten Dichter. Personen: Earacalla, römischer Kaiser.Herr Gregor. Geta, sein Bruder. „ Krautkopf. Macrin, Prätor. „ Lilienstengel. Livia, seine Tochter, Geta'S Geliebte.Frln. Omelette. Ein römischer Soldat .Herr Friesenmüller. Zweite Vorstellung: Opera «eri», ^lusiea 6e1 Maestro 8p!nati. Personen: Kasio. O»rxouiNaäa . 6»drioIa . Thor der Krieger. 8ixuor Orsxorio. ^ Xrautkopkui. 8ixr». Omslelttu». t 8ssr. k'rieseumüllerio. 8ixra. koseullnospslin». Dritte Vorstellung: Die Eirrsiitffe von Mißlichkeiten auf eine durch Unglück zerstreute Familie. Modernes moralische- Drama. Personen: Graf Geraldini .Herr Gregor. Langenschopf, ein alter Soldat. „ Friesenmüller. Tremolo, Ziegenhirt. „ Krautkopf. Ros alinde, Ziegenhirtin.Frln. Omelette. Vierte Vorstellung: Die arkadischen Schäfer. Ländliche- mythologisches Divertissement, theils getanzt, theils pantomimisch. Personen: Loridor, 1 j« . . . Palemon, s M y r t i l, ein anderer Schäfer . . . . Lalista, Nymphe. ....... t Mr. Krautkopf, j „ Lilienstengel. „ Gregor. Mlle. Omelette. Mr. Friesenmüller. Thrater»Reprrtoir S07. ' . r gvMrHE zHD ^ ''' aosi' ^ - .. V'^- .7 r v! .«K«V nrK . - . ./. . ^ . . rHoL r»K?i»S, . sNL>sr»D ' .^aZiuurL ^ . .. > . - -^.. .,. - . ., ..»HnB '«»»? .»r«G »r,KlMtt.riri': „ .. . » . . .-. . . . . . . . '. . n r r ) » ... . . ..^. . . . -rck»ri»O » V»H »fl»? ,sr «l 4 » .rrZSnnn^W rrrH .. , . . . . . «W ,A-V^ '.7- ME-.'«.- ' '< >>. . :MLM«U rrrr«L^ ' ,.-.7-5. > «A ? ok «sk»oXLkocrO - -^ .. . i ^ -:> ^ ^ ^ ^ '>" ' ' ^ ^ Sk5 -.Ä '< ' ^ . .L»tt<«»i»m<) ^k^jS ............. »!sr,6»^ > ., ^ ? ...^7^. ^:- . . . ... .-ns^5t««,.»-F '»'. ^'As , . 77/ ^77W:DHE WVL " »?»L Mltzvtt chM4 rmr »»rr>?GjWM «-y ^ L -- . ' .. ' < ,.- '^-V - -'. tzLrr-^ > ". - .»chWoro« »RMsvM. . -'<---7^ ' ^', ' .'. . . ...^. rorv ^ " .rrLLmkns'ttrF . . . ^ . iMsG rM» m> .?tza,tz?ir»tz» »8 ' 7 ., .^ . ... ttiSn»tzi^,«Iym»IL . - . .« . . .. . <- D? '' ^ ' ' -.-. . ..,7' . "-.7?'5MÄBr-Äi imiS ! .^föchL »r-Hisv?,« rr^ ^jnmmsrnaq GM-i .tzLs^L »mA irrchj:tz»?L-ikflm -W?;chi2s. .Mn^nkß- .rM r ^. ^»7 . z ,rs "ki , » - ' r.n,r^L m v»»ÄtzL i , ^ ^ . ... . - j .namrloV ^ .,-pnW .>-i ': "."'. '. "7'wi 7^r?7k '' . : P^irrnI: .,r§T"7.''^ 7 ...... -. 7-'.^ 'kM'./«M^.^. . s-k ».V-Iu. '' .. ^.«klSnrv^F .E .»-'7 ."- . ..'». -. ^' . ^.77 .» .» 4-k ^vV-^ ' Vorspiel. Entr^e-Saal im Gasthofe, links und rechts von 31—36 numerirte Thüren der Passagierzimmer. Mittelthüre. Rechts im Vordergründe ein kleiner Tisch. Erste Scene. Florian (öffnet die Mittelthür, Laura und Therese, LartonS, Mäntel und Shawl« tragend, treten eins. Florian (indem er eine Thür recht- aufschließts. Nr. 35, mein gnädiges Fräulein! Ohne Zweifel werden Sie über Nacht bei uns bleiben? Laura. Wir müssen wohl, weil vor Morgen keine Postpferde zu haben sind. Therese (indem sie mit den Reise- requisiten in da- geöffnete Zimmer abgehts. DaS wird eine saubere Unterhaltung werden, in dem langweiligen Nest. Laura (zu Florians. 9a, für Reisende ist Ihr Staubendörfel ein langweiliges Exil, Herr Gar^on. Flor, (pfiffigs. O, nicht immer. Heute, zum Beispiel, haben wir eine großartige Unterhaltung. Laura (lächelnds. Kegelscheiben, Bolzenschießen, oder vielleicht gar ein Kränzchen. Flor. O höher hinauf — höher — wir haben heute Theater in Staubendörfel. Laura (froh überraschts. Was Sie sagen! Sind denn Schauspieler hier? Flor. Noch nicht — aber wir erwarten ihre Ankunft jede Minute — eine große Truppe von 32 Personen. Laura. Ach — das ist herrlich! Und wo ist denn daS Schauspielhaus? Flor. Hier in unserm Hotel wird gespielt — im Tanzsaale. Än dem ist drei Tage gebaut und gehämmert worden — jetzt ist das Theater fix und fertig. — Parterre — Sperrsitze — Gallerten — Logen — Laura (indem sie ihm Geld gibts. Da haben Sie ein Trinkgeld, Herr Gar^on, aber sorgen Sie ja, daß ich eine Loge bekomme. — Therese — Therese — wir werden heute das Theater besuchen in Staubendörfel. — Da haben wir Stoff, morgen zu lachen und zu plaudern im Postwagen! Hahaha; in ihr Zimmer.s Zweite Scene. Radlinger. Kugler und Helm. Florian. Radl. (bekomplimentirends. Bitte nur hier herein zu spazieren, meine Herren. — Ein zweispännigeS Zimmer, Florian! — frische Passagiere sind angekommen. Flor, (schnell ein Zimmer öffnends. Numero 6 ist gerade leer geworden. Kugl. Bor Allem eine Flasche Wein, denn wir sind durstig wie die böhmischen Musikanten. 6 Radl. Geschwind eine Flasche Me- doc, Florian! — Geschwinde! — Flor, släuft durch die Mittelthür ab, bringt gleich darauf eine Flasche Wein mit zwei Gläsern und stellt Alles auf den Tisch rechts). Helm seinschenkend). Wie wir hören, soll heute Theater in ihrem Hotel sein, Herr Wirth? Radl. sschmunzelnd). Ibeatro xran- äioso, fs.rno8o, meine Herren, tamo8o! Ku gier strinkends. Ist bei der Truppe nicht ein brünetter junger Mensch, der — Helm sleise zu ihm). Pst! Fallen Sie nicht mit der Thür in's Haus. sLautzu Radlinger). Können wir eine Loge haben, Herr Wirth? Flor. Der alte Herr auf Nr. 3 und die Dame auf Nr. 5 haben auch Logen bestellt. Radl. Das thut nichts! Die Loge neben der des Prinzipals ist noch nicht vergeben; die sollen Sie haben, meine Herren! Helm steife zu Kugler). Um so weniger kann er uns entwischen, wenn wir ihn in der Nähe haben! sLaut zu Radlinger.) Was ist denn der Herr Prinzipal für ein Mann? Radl. Nobel, äußerst nobel! Kapitalist! reich, wie Rothschild! Der nur aus Liebe zur Kunst, aus Passion Schauspiel-Director geworden ist. Helm sleise zu Kugler) Es ist schon der Schwindler, den wir suchen. sES wird auf Nr. 35 geläutet.) Flor. Gleich, gleich! — Ich bin schon da, meine Damen! sEilt in das Zimmer Nr. 35.) Dritte Scene. Vorige. Omelette. Später Florian aus Nr. 35. Omel. stritt singend mit einer großen Flasche Wasser und einem Abstaubebesen durch die Mitte ein). Au Dir bin i komma, Zu Dir hat's mi g'freut! Zu Dir geh' i nimmer, Der Weg is mir z'weit! Kugl. Sapperment, was ist das für ein hübsches Kind? O M e l. smacht ihnen einen Knix und singt): In der That, mein Wuchs ist nickt übel, Und ich bin eine Magd doch nur! Helm. Ein recht lustiges Stubenmädel ! Omel. sprechend). Stubenmädel! Ich! — O nein ! Respekt, mein Herr! Respekt! — Ich bin Elvria', Papageua, Elisena, Zerlina, Rosina, Zaida und Lucia di Lammermoor. Radl. Plaudern Sie nicht dummes Zeug und thun Sie Ihre Schuldigkeit, Mamsell! — Omel. ssingend). Lustig ist's auf der Welt, Haben d' nobeln Leut kein Geld Is für uns auch kein Schand, Wenn wir keins haben! Radl. Aber so singen Sie doch nicht immer, in Teufelsnamen; das schickt sich ja nicht! Omel. ssingt): Blond von Locken oder braun: Hell von Aug' und — Radl. Alle Millionen Donnerwetter. Kugl Aber so lassen Sie sie doch. sZu Omelette). Geniren Sie sich nicht! Sie gefallen uns schönes Kind! Omel. sdroht ihm mit dem Besen). Schelm Du, ich trau uicht recht, Männer sind gar so schlecht! Tralalalala, la, la, la, la, la! Radl. Auf alle Fragen antwortet sie mit einem Jodler! — istreng). An die Arbeit, Sie sind nicht da, um meinen Passagieren was vorzujodelu, Mamsell! Flor, skommt eiligst aus Nr. 35 und nimmt Omelette die Wasserflasche weg). Geschwind in die Küche Mamsell! — Ein gebratenes Huhn auf Nr. 35 — Ihr Geschäft hier werd' ich indessen besorgen! 7 Must mit der Wasserflasche auf Nr. 35, kommt daun zurück und geht zur Mitte ab). Rabl. Na, haben Sie nicht gehört, Mamsell? Ein gebratenes Huhn ist bestellt. O m e l. ssingt): All' meine Pulse schlagen Und das Herz wallt ungestüm! Süß Entzücken — entgegen ihm! sAb durch die Mitte.) Kn gl. Hahaha! Das ist ein sonderbares Stubenmädchen! Radl Ach, es ist eigentlich kein Stubenmädchen! Sie ist nur im Versatz bei mir. ß°lm. j 3- V«'atz? Radl. Ja, sie war Schauspielerin bei einer wandernden Truppe, die vor ein paar Monaten in meinem Salon gespielt hat! — Die Leute haben gegessen wie Wölfe, getrunken wie die Bürstenbinder, und Schulden gemacht, wie, wie sag ich denn gleich? Wie halt Schauspieler Schulden machen ! Wie eS bei der Abreise zum Zahlen gekommen ist, hat kein Einziger einen Groschen Geld in der Tasche gehabt. Ich Hab' ihre Effekten pfänden wollen, aber ihr ganzer t'unäus in8truetu8 bestand aus gemalten Fetzen, hölzernen Rittersäbeln und Harnischen ans Pappendeckel! — Da hat mir der Prinzipal endlich seine erste Liebhaberin versetzt. M wird von Außen geläutet). Ach, das werden die Künstler sein; jetzt wirds gleich luftiger zngeh'n im blauen Bock! sruft, indem er hinauseilt) He! Hausknecht! Stubenmädchen! Florian! Zweiunddreißig Couverts in den Speisesaal! — Geschwind, geschwind, Hände und Füße in Bewegung, damit Niemand was zu klagen hat. liierte Scene. Kugler. Helm. Kn gl. Nun was sagen Sie, Herr Kommissär? Helm. Ich sage, der Prinzipal dieser Truppe von 32 Personen ist Niemand Anderer, als der Schwindler, den ich suche. Kugl. Aber der Wirth sagt, er wäre ein Kapitalist! Helm. Er spielt diese Rolle überall, um sich Kredit zu erschwindeln, verleitet Söhne und Töchter wohlhabender Bürger, zum Theater zu geh'n, entlockt ihnen Geldsummen, führt sie in irgend eine Gauklerbude der Provinz, macht Schulden, geht durch und läßt seine Leute in Noth und Elend zurück! Kugl. Und Sie glauben, daß auch mein Sohn —? H e l m. Ihren Sohn hat er sogar verleitet, mit einer Choristin aus der Residenz davon zu laufen und sich seiner Truppe in Staubendörfel anzuschließen. Kugl. sdrohend). Ich drehe dem Taugenichts den Hals um, wenn — Helm. Keine Uebereilung, damit uns die Vögel nicht davon fliegen! — Wir müssen der Vorstellung ruhig beiwohnen und wenn wir Ihren Sohn auf der Bühne sehen, dann ist auch der Prinzipal mein Mann! — Wir warten das Ende der Vorstellung ab, um alles Aufsehen zu vermeiden, und fangen dann zwei Fliegen mit einem Schkg! sJndem sie auf Nr. 36 abgehen.) Entwischen können sie uns dann nicht mehr; dafür werden meine Leute sorgen! s«b.) Fünfte Scene. Gregor. Radlinger. Radl. shinter der Scene). Ja, mein Herr, was machen denn Sie? Warum sperren Sie denn die Wagen-Schupfen Zu? Greg, sdraußen). Das geht Sw gar .nichts an! — Die Wagen - Sckupfen 8 ist mein — ich miethe — ich zahle sie! — Mein Comfortable ist drin. — Wo ist der blaue Bock? Radl. seintretend). Ich selbst bin der Wirth! Greg. Sie sind der blaue Bock! Na, wenn Sie der blaue Bock sind, so zeig' ich Ihnen hiemit an, daß ich die Wagen-Schupfen zugesperrt und die Schlüssel in meine Tasche gesteckt habe. Radl. Aber mir war so, als ob ich im Wagen ein Frauenzimmer hätte schreien gehört? Greg. Warum nicht gar, das war kein Frauenzimmer, das war nur der Fuchs von meinem Comfortable, der um Heu geschrien hat! Das geht Sie übrigens gar nichts an, — die Wagenschupfen gehört mein, ich bezahle Sie mit einer Million, sobald ich die 15 Gulden 36 Kreuzer rückständige Gage von meinem Direktor bekommen werde, der mir durchgegangen ist! Radl. Wir haben also kein Geld? Greg. Am 28. November ist mein Geburtstag! Radl. Ich frage, ob Sie bei Cassa sind? Greg. Herr! Unterstehen Sie sich etwa, mich für einen Cassier anzusehen? — Wissen Sie, wer ich bin? Am Montag vorige Woche war ich regierender Graf von Burgund; am Dienstag Schwiegersohn des König Lear, am Mittwoch Hamlet, Prinz von Dänemark, am Donnerstag Caligula, am Freitag Spiegelberg in Osten und Westen; gestern erst bin ich Lumpacivagabundus gewesen und wenn Sie mich heute nochmals fragen, ob ich Geld habe, so werde ich Abälino, der große Bandit! Hihi! Verstanden, blauer Bock? Radl. Sie gehören vielleicht zur Gesellschaft? Greg. Ja, Hauptmann bin ich von der Bande! Carl Graf von Moor! Ein weißer Mohr! Und darum Räuber und Mörder! — blauer Bock. Radl. Wo sind die Andern? Greg. Die Andern Hab' ich in den böhmischen Wäldern zurückgelassen; dort singen sie: „Ein freies Leben führen wir!" und müssen fechten wie die angeschossenen Eber, wenn sie sich durchschlagen wollen. Aber jetzt genug des unnützen Geplauders! Geschwinde was zum essen! Zwei Couverts. Radl. Aber Sie sind ja allein! Greg. Ich bin der kühne Donner und der schnelle Blitz, folglich bin ich zwei — allein! Vorwärts! Ein Huhn mit Salat für mich und einen Fasan mit Compot für den Fuchs an meinem Comfortable auf die Stund. Radl. Na, mir ist's recht! Herr von Blasel zahlt Alles. sAb durch die Mitte.) Sechste Scene. Greg, sallein). Mir ist's auch recht, wenn der Herr von Blasel zahlt; ich weiß zwar nicht, Werder Herr von Blasel ist, aber einerlei! In meinen Angen ist er ein honneter Mann, wenn er für mich bezahlt! Wenn mich hier jetzt zufällig ein junger Mann aus guter Familie träfe, mit dem ich in meiner Jugend Anmänerln gespielt habe, und würde mich fragen: I, tausend Sapperment! Gregor? Wie kommst denn Du hieher nach Stanbeu- dörfel? — so würde ich ihm antworten: Schau lieber Junge, das ist so: vor 3 Monaten ungefähr machte ich die Bekanntschaft von dem äußerst gebildeten noblen Theater-Direktor Pappenheim, der mir zu Ehren eine glänzende Soiree arrangirte, welche ich bezahlen mußte, weil er zufällig seine Brieftasche vergessen hatte. — Um halb zehn Uhr 9 lernte ich eine ganz allerliebst, aber äußerst schüchterne, tugendhafte und spröde Choristin von der großen Oper kennen; um halb eilf lagen wir uns in den Armen und schwuren uns ewige Liebe und Treue, um halb zwölf Uhr erfuhr ich, daß sie vom Herru Direktor Pappenheim als Prima-Donna für die Saison in Persewitz und Strupfenberg gewonnen sei, und um halb Eins ließ ich mich, wie ein zweiter Don Alonzo, als erster jugendlicher Liebhaber und Heldschwärmer für die Saison engagiren, nachdem ich dem Herrn Direktor vorher noch 100 Gulden geliehen, weil er zufällig seine Brieftasche vergessen hatte. Drei Tage später fuhr ich bei Nacht und Nebel mit meiner geliebten Omelette nach Persewitz in einem Comfor- table auf die Stunde, wo uns der Herr Direktor Pappenheim an der Spitze seiner ganzen Gesellschaft feierlich empfing, und mich bei dieser Gelegenheit gleich noch um 200 Gulden bat, weil er in der Stadt zufällig seine Brieftasche vergessen hatte. — Nachdem ich mich auf diese Weise rein nur durch mein Talent zum Liebling des Direktors emporgeschwungen hatte, spielte ich 14 Tage lang alle ersten Helden und Liebhaber wahnsinnig schön; da mich aber der Herr Direktor Pappeuheim alle Tage fleißig anpumpte, weil er zufällig immer seine Brieftasche vergessen hatte, so mußte ich ihm endlich durch die Blume zu verstehen geben, daß meine Brieftasche leer gepumpt sei! — Bon diesem Augenblick an vergaß er nicht mehr seine Brieftasche, aber mich vergaß er; denn eines schönen Morgens war er mit seiner ganzen Gesellschaft spurlos verschwunden. Schuster. Schneider, Kesselflicker und Handschuhmacher fallen über mich her und verlangen, daß ich die Pappenheimischen Schulden bezahlen soll; ich werde grob, fasse Schläge für das ganze Regiment Pappenheim, werfe mich in meinen Comfortable auf die Stunde, den ich zum Glück noch immer bei mir hatte, und fort gehts über Stock und Stein meiner geliebten Omelette nach — nach Strupfenberg! Dort fahre ich direkt zum Theater — man gibt die weiße Frau, eine Glanzrolle meiner Omelette! Die Oper ist gerade aus und im ganzen Hause lärmt man: Bravo! RosenknöSpel! Aha, denk ich, jetzt nennt man sie hier Rosen- knöspel, um mich von ihrer Spur abzuleiten, und stelle mich zur kleinen Hinterthür zwischen die Enthusiasten! Endlich tritt eine Dame in Burnus heraus. Bravo! RosenknöSpel! schreit man ihr entgegen — Bravo! RosenknöSpel! schrei ich, packe sie, schiebe sie in meinen Comfortable auf die Stunde, springe auf den Bock, werfe den besoffenen Kutscher hinunter und heißa! Fort geht'S hieher nach Staubendörfel direkt in den Wagenschupfen hinein. Dort will ich jetzt mit meiner geliebten Omelette einiges Geflügel zergliedern und dann fort mit ihr in meinem Comfortable auf die Stunde nach Amerika — wir werden schnell dort sein. Aber Sapperment, was ist denn das für eine miserable Bedienung hier! Heda Kellner, Stubenmädl, blauer Bock — wie lange soll sie deun noch warten, die hunger- leidende Menschheit, ins Teufel-namen! Siebente Scene. Omel. Boriger. O mel. lsingt im Eintretmj. Nur Geduld. Ich komm ja schon! Greg. Himmel! darf ich meinen Augen trauen? Omelette mit Back- Hendel. Omel. (freudig überrafchtj. 'Leh' ich recht, Gregor? Greg. Wie bist denn Du aus dem verschlossenen Wagenschupfeu heraus- 10 gekommen? Und wie hast Du in meinem Comfortable auf die Stunde dieses Hendel braten können? Omel. Ich versteh kein Wort! Greg. Du wirst mich gleich verstehen. Ich sage nichts als: Bravo, Rosenknöspel! Bravissimo, Rosenknöspel! Omel. Sag' mir nur, ob Du närrisch geworden bist! Was weiß denn ich von einem Rosenknöspel? Greg. Nicht, Himmel-Donnerwetter! Da Hab ich am Ende eine falsche weiße Frau in meinem Comfortable auf die Stunde entführt! Also Du bist kein Rosenknöspel? Wie kommst Du denn in den blauen Bock, und wie kommt dieses Hendel zu Dir! Omel. (tragisch). Ach, mein lieber Gregor, die Bahn der Kunst ist voll Dornen! Greg. Voll Dornen, ja, aber doch nicht voll Backhendel. Ich bitte um Aufklärung, Mamsell Omelette! Warum bist Du hier? Omel. Weil ich hier um 15 Gulden 36 Kreuzer versetzt bin! Greg. Versetzt? Gerechter Himmel! — Unglückliche! Da verfällst Du ja nach 14 Monaten, vom Tage der Einlage an gerechnet, und wirst an einen Tandler verkauft, wenn Du nicht ausgelöst wirst? Wahrscheinlich hat Dich der Herr Direktor Pappeuheim versetzt, weil er zufällig seine Brieftasche vergessen hatte! Omel. (mit Pathos). In jener unheilvollen schwarzen Nacht, als der blaffe Mond aus dem gewitterschwangeren Wolken- Greg. Ich bitt' Dich, spiel jetzt nicht ein modernes Trauerspiel, sondern sprich in einem vernünftigen Deutsch mit mir. Omel. Also in jener Nacht, als wir Persewitz in aller Stille verließen, um uns den Schmerz des Abschieds zu ersparen — Greg. Vom Schuster, Schneider, Bäcker, Fleischer, Barbier, Conditor rc. rc.; ich weiß — Omel. Wollt' ich nicht fort ohne Dich, mein Gregor, aber der Direktor sagte mir, Du wär'st dicht hiuter mir in einem Comfortable. Greg. Ha, der schwarze Verräther! Und wohin ging dann die Reise? — Nach Strupfenberg? Omel. Nein, hieher nach Stauben- dörfel. — Wir kommen hier an; nicht nur ohne Dich, sondern auch ohue unfern Direktor, der mit dem größten Theil der Gesellschaft unsichtbar geworden war. — Nicht mehr als 6 Mann war das ganze Häuflein unserer Getreuen ! Greg. Da spieltet ihr hier Comödie, machtet flott wieder neue Schulden, konntet nicht zahlen, bei der Abreise wurdet ihr gepfändet; Du als einziges, werthvolles Effeklstück von der ganzen Masse wurdest auf 15 Gulden 36 Kreuzer geschätzt, und bist zur öffentlichen Feilbietung mit dem großen Siegel des hohen Handelsgerichtes belegt. O, ihr Götter! Omel. Kannst Du zahlen, Gregor? Greg. Nein, mein Kind, zahlen Hab' ich von meinem Direktor nicht gelernt, aber durchgeh'», das Hab' ich von ihm gelernt. Ich nehme Dich mit nach Amerika! — Dieß Huhn hier nehm' ich auch mit — das können wir nothwendiz brauchen. Achte Scene. Vorige. Blasel und Radlinger (treten a lempo durch die Mitte eins. Radl. (hat eine Schüssel, auf welcher ein Fasan rc. liegts. Da ist der Fasan. Greg, (auf ihn zustiirzends. Noch so ein Vieh! — Her damit, blauer Bock! 11 — Auf Nimmerwiederseh'n. Herr von Blasel zahlt Alles. Mt Omel. durch die Mitte ab.j Radl. Was Teufel hat denn der mit meinem Stubenmädel? Blasel. Der Mensch steckt Alles ein! Das muß einer von meiner Gesellschaft sein. Radl. Na. wenn sie Alle so sind wie der, so wird mein blauer Bock auf den Kopf gestellt in ein paar Tagen. Blasel. Das geht Sie gar nichts an, wenn ich mir's gefallen lasse; es ist meine Passion, wenn's recht d'runter und d'rüber geht. Radl. Die Passion wird Ihnen Geld kosten. Blasel. Ich bin ein Kapitalist, der jährlich seine 20.000 Gulden zu verzehren hat! — Begreifst Du, was das sagen will, armer miserabler Wurm! Radl. Das begreif' ich wohl, aber wie sich Ew. Gnaden mit dem vielen Geld hier bei uns in Staubendörfel ansiedeln können, das begreif' ich nicht. Blasel. Weil ich gesonnen bin, diese Herrschaft zu kaufen; ich werd' Euer Gutsherr. — Ich habe mir das dümmste Volk ausgesucht zu meinen Unterthanen, um mit ihnen am besten zu harmoniren. Radl. (freudig). Dann haben wir gewiß für immer Theater im blauen Bock. Blasel. Der blaue Bock soll mein Hoftheater werden; ich laß' mich's was kosten, denn das Theater ist mein einziges Vergnügen, was ich seit 20 Jahren habe. Radl. Seit 20 Jahren? Blasel. Ja! Schauen's, vor 20 Jahren Hab' ich mich scheiden lassen von meiner Frau, weil ich ihr extra aufgetragen Hab', mir einen Sohn auf die Welt zu bringen. — Glauben Sie, sie hat das gethan? Nein — justament hat sie sich mir zum Trotz von einer Tochter entbinden lassen. Nachdem ich von meiner Frau geschieden war, Hab' ich Reisen gemacht, um mich zu zerstreuen. Aber nirgends habe ich Ruhe gefunden; überall ist mir was abgegangen! — Anfangs glaubte ich, meine Frau — aber nein — die war'ü nicht, was mir abgegangen ist. Radl. Was denn sonst? Blasel. Ein Theater, aber nach meinem Geschmack! — Ich will Alles auf einmal genießen an einem Abend! — Trauerspiel, italienische Oper, Drama und Ballet! — Mit so einer einzigen Portion aus der Residenz, die oft gar nicht zu genießen ist, bin ich nicht zufrieden, darum Hab' ich mich an einen Theater-Agenten gewendet und der hat mir Alles zusammengestellt in 14 Tagen. Radl. Warum sie nur so lange ausbleiben! — Das Publikum versammelt sich schon im Saale. sE« wird von außen stark giläutet). Neunte Seene. Vorige. Florian, dann Kraut- k op f, Fr ie s en m ü l ler, Lilien- sten gel und Rosenknospe. Florian sstürzt Hereins. Sie sind da, sie sind da! Blasel. Alle zwei und dreißig? sLärm von außen.) Florian. Ich Hab' nur ein Paar- gesehen, aber die haben schon Lärm gemacht für zwei und dreißig. Blasel. Sind interessante Damen dabei? Flor. Nur eine einzige Hab' ich bemerkt, die iS ihnen schon von Weiten in die Arme gefallen, ans unserer Wagenschupfen heraus. 12 Blasel. Aus der Wagenschupfen? Radl. Aha, das ist die, die der Schwiegersohn vom König Lear eingesperrt hat. Rosenknospe fweiß gekleidet, von Krautkopf und Friesenmüller geführt, wankt in's Zimmers. Die Hölle siegt, Ihr Götter, rächt den Frevel! Blasel. Was ist denn geschehen? Krautk. Unsere Primadonna ist aus dem Strupfenberger Kunsttempel in die Staubendörfler Wagenschupfen entführt worden. Entführt als weiße Dame mitten aus dem wüthenden Heer der Enthusiasten! O, der Dämon der Verführung vermag Alles, besonders wenn er Banknoten hat. Blasel Wer hat sie denn entführt? Radl. Na, der Prinz von Dänemark, der vorhin das Backhendel in die Tasche gesteckt hat. Friesenm. Fassung, Fassung, Fräulein Rosenknöspel, so was passirt Ihnen ja nicht zum erstenmale. Rosenk. fschwachs. Ach, ich sterbe. — Wenigstens 6 Wochen kann ich das Theater nicht betreten. Blas el fzieht einen Ring vom Finger und schiebt ihn an Rosenkn. Hands. Auch nicht, wenn Ihnen der Doktor dieses kleine Brillant-Ringelchen verschreibt? Krautk. Sie erholt sich schon bedeutend. Es ist keine Störung im Re- pertoir mehr zu befürchten. Rosenk. fmit Pathoss. Mein Herr, ich werde Sie nie vergessen. Friesen m. fzu Blasel). Allem Anscheine nach haben wir die Ehre, unfern verehrten Prinzipal Blasel Edlen von Blasebalg zu begrüßen. fTiefe Verbeugung.) Krautk. fzu Blaself. Wie? — Sie sind der große Kunst-Mäcenasinus, der mit so ungeheueren Kosten so gediegene Kunstkräste gewonnen hat, für sein Institut allhier da, daß er jedem Hoftheater einen Fechter von Ravenna vorgeben könnte? Herr V. Blasel, ich kann nichts thun als schweigen und nichtssagend staunen und bewundern. Blasel fstolz). Ja, ich bin Blasel! Krautk. Wenn Sie sterben, schreib' ich eine Komödie auf Sie, großer Mann ! Blasel. Mit wem Hab' ich denn eigentlich die Ehre? Krautk. fvorstellend). Das hier ist Lilienstengel! — Ich glaube, ich brauche Ihnen nichts weiter zu sagen, als daß das Lilienstengel ist. Er spielt Devrient und Madame Birch-Pfeifer, heut' spielt er den Wallenstein und morgen die Waise von Lowood; das ist ihm wie gemaust. Blasel. Der, mit dem Aussehen? Krautk. Nach Linnö'S Naturgeschichte soll die wirkliche Waise von Lowood noch etwas häßlicher gewesen sein — Das hier ist Friesenmüller! — Ich glaube, ick brauche Ihnen sonst gar nichts zu sagen, als daß das Friesenmüller ist. Blasel. Sehr bescheidene Leute, das muß man sagen. Krautk. Das ist eine wahre Perle für die Direktion. Mit der einen Hand ist er Sekretär, mit der andern Dramaturg ; mit einem Fuß dirigirt er das Orchester, mit dem andern tanzt er Pepita; singt wie Lablache, bläst Waldhorn, spielt außerdem zärtliche Väter, jugendliche Liebhaberinnen, wenn es sein muß, sogar alte Weiber, macht den Fuchs der Miß Ella! — Das ist ein Kabinet- stück für Sie, Herr Prinzipal! Blasel. Merkwürdig! Und Sie, mein Herr? Krautk. Ich heiße Krautkopf; ich glaube, ich brauche Ihnen nichts weiter zu sagen, als das ich Krautkopf heiße, unterdeß — 13 Blasel. Unterdeß? Krautk. Nur unterdeß! — Wenn ein Künstler berühmt ist, so sagt man, er hat sich einen Namen gemacht, und doch ist das nur ein alltäglicher Künstler, der sich nur einen Namen machen kann; ich mach' mir an jedem Ort einen andern Namen; jetzt können Sie sich schon denken, was ich für ein Künstler bin! Den poetischen Namen Krautkopf Hab' ich nur Ihnen zu Ehren gewählt! Blasel. Oh! Ich werde ihnen dankbar sein. Krautk. Sie können stolz darauf sein, daß Sie einen Krautkopf haben. Um ihnen einen Beweis meines grenzenlosen Vertrauens zu geben, bitte ich Sie, mir 50 Gulden zu leihen, ich habe zufällig meine Brieftasche vergessen. Blasel Ah, mit dem größten Vergnügen! (Sucht in der Brusttasche.j Ah, das ist merkwürdig! — Ich Hab' auch meine Brieftasche vergessen. Krautk. (verblüfft). Also später? Blasel. Ja — später — vergesse ich sie noch eher — als früher. Fries, (zu Lilienstj. Aha, der sitzt ihm nicht aus. Lilienst. Wie der arme Gregor! Blasel. Aber jetzt bitte ich, mir die andern Herrn und Damen vorzustellen. Alle. Welche Andern? Blasel. Na, die andern 28! Sie sind ja nur Vier, und ich habe mir eine Gesellschaft von 32 Personen verschrieben. Krautk. Wir Viere sind die zwei und dreißig. Blasel. Was? Krautk. Das heißt wir gelten für 32. — Gesetzt den Fall, es hätte Ihnen Einer 32 Gulden zu zahlen und gibt Ihnen 4 Goldstücke, jedes von 8 Gulden im Werth, wären Sie da bezahlt oder nicht? Blasel. DaS wohl — aber — Krautk. Nun sehen Sie, Herr- Prinzipal, wir sind auch solche Goldstücke und Sie werden sich überzeugen, daß Jeder von uns seinen Mann stellt für 8 Mann. Blasel. Mir scheint, der Theateragent hat mich angeschmiert. Krautk. Ah, so was thut ein Theateragent nicht. Friese nm. Und wenn er auch zufällig einmal einen Direktor blau an- laufen läßt, so ist er gewissenhaft genug, gleich dafür wieder ein paar Schauspieler zu betrügen, bloß damit sich keiner rühmeu kann, daß er einen Vorzug hat. Blasel. Da bin ich schön blamirt. Ich Hab' für heute Trauerspiel, italienische Oper, Drama und Ballet austrommeln lassen — das Publikum versammelt sich schon — wie kann ich so eine Arbeit liefern mit 4 Personen. Krautk. Aber ich bitte Sie, wofür halten Sie uns denn, Herr Prinzipal? — Was wären wir denn für Künstler — wenn so was nicht ein Kinderspiel für uns wäre! Blasel. Wie? Sie Viere wären im Stande —? Krautk Ihnen gleich auf der Stelle ein Trauerspiel, eine italienische Oper, ein Drama, und ein Ballet aufzuführen. Alle Vier. Und das großartig noch dazu! Krautk. DaS ist ja Alles schon arrangirt zwischen uns! Sie werden sich gleich überzeugen. (Zu Radlinger-.f Holt den Theaterzettel aus dem großen Frachtwagen herauf. Radl. Lauf, Florian. Krautk. Helfen Sie ihm, Herr 14 Wirth, und nehmen Sie noch ein Paar Hausknechte mit, sonst bringen Sie den Zettel nicht vom Wagen herunter. R ad l. findem er mit Florian abläuft). Himmel! Was muß denn das für ein Theaterzettel sein? Blaset. Wenn wir nur wenigstens eine junge Dame für jugendliche Liebhaberinnen hätten? Rosenkn. Jugendliche Liebhaberinnen, spiel ja ich, Herr Prinzipal. Blaset. Ja, die alten jugendlichen Liebhaberinnen, aber für die jungen jugendlichen Liebhaberinnen brauch' ich Eine. Zehnte Scene. Vorige. Omelette und Gregor. Omel. fim Eintreten). Nein, ich will nichts mehr wissen von Dir! Du bist ein Ungeheuer. Gregor. Aber ich bitte Dich — Alle. O Omelette und Gregor! Willkommen, willkommen! Greg. Ah, Herr Direktor Pappenheim! Omel. Himmel! Er ist es! — fzu Krautk). Theseus, warum hast Du Deine Naxos verlassen? Krautk. Da sieht man's. Berg und Thäler kommen nicht zusammen, aber Menschen und Schauspieler. Wie konntet Ihr mir das thun, theure Kunstgenossen?! — Wie konntet Jhr's über's Herz bringen, mir durchzugeh'n, mir, Eurem Direktor, der für Euch wie ein zärtlicher Vater gesorgt hat. So was greift die Gesundheit an! — Euretwegen Hab' ich eine Rundreise durch ganz Deutschland gemacht. Greg. Haben Sie auf dieser Rundreise nicht ihre.Brieftasche vergessen? Blasel fschnell). Also ein neues Künstlerpaar? Krautk. Und was für ein's! — Das müssen Sie gleich auf der Stelle engagiren, Herr Prinzipal. Omel. Ich bin dabei! — Aber auslösen müßt ihr mich erst beim Bock- wirth' — Ich bin hier um 15 Gulden 36 Kreuzer versetzt. Fahr' Du nur allein nach Amerika! Ich mag keinen Liebhaber, der andere Frauenzimmer in die Wagenschupfen entführt. R osenk. fzärtlich). Was! — Gregor, Sie haben mich entführt? — Oh, warum Hab' ich das nicht früher gewußt? Greg. Also Sie, Mamsell Schab- lowitz, Sie waren das Rosenknöspel? — Pfui Teuferl, warum Hab' ich das nicht früher gewußt. fZu Omelette.) Also es ist Dein fester Entschluß? — Du trittst hier in's Engagement und fährst nicht mit nach Amerika? Omel. Nein, ich bleibe da. Gregor. Wohlan, so bleib' ich auch hier, meine Herren, als jugendlicher Schwärmer und Heldenjüngling. Krautk. So ist ja auf einmal das Schauspiel mehr als komplet! — Jetzt brauchen wir noch einen leichten Tenor. — Da könnten Sie vielleicht aushelfen, Herr Prinzipal! — Nach Ihrem Organ zu urtheilen, scheinen Sie ein sehr leichter Tenor zu sein. Blasel fgeschmeichelt). Ja — in meiner Jugend war ich ein famoser Sänger! fsingt). „Dieß Bildniß ist bezaubernd schön" rc. rc. Alle. Lravo! bravissimo! Krautk. Ein Tenor wie ein wä- lischer Hahn! Nur etwas belegt. — Herr Gregor wird schon aus Gefälligkeit die Tenorpartien übernehmen. Außerdem müssen Sie noch den Cara- calla und den Geraldini spielen. 15 Lilienst. Bitte! den Geraldini haben Sie mir zugesagt. Gregor. Ja, wenn ich nicht da bin. Jetzt spiel' ich den Geraldini. Lilien st. Das wollen wir sehen. Gregor. Ja, das wollen Wirsehen. Lilienst. Ich geb' nicht nach. Gregor. Ich auch nicht, lieber Herr. Beide (streitend). Ich spiel' den Geraldini, ich! Friesenm. Ruhig, meine Herren! Nur nicht gleich wieder schlagen! — Ich bin Regisseur! — Ich bitte um Ruhe. Eilfte Scene. Vorige. Radlinger u. Florian und zwei Hausknechte (schleppen eine Papierrolle, so breit wie die Bühne, herein.) Alle. Der Theaterzettel! der Theaterzettel! (Der Zettel wird halb aufgerollt.) Ah famos! Ausgezeichnet! Blaset. Meine Herren, da Hab' ich eine originelle Idee! — Den Zettel können wir gleich als Vorhang brauchen für mein Hoftheater. Alle. Herrlich! Das ist neu! Das ist noch nicht dagewesen. — Die Ouvertüre! Ins Theater! ins Theater! (Musik.) . (Vorhang fällt.) (Das Orchester spielt einen Walzer oder sonst irgend eine heitere Piece bis zum Beginn des Zwischenspieles.) Wenn das Theater in Ordnung ist und der vordere Vorhang aufgezogen wird, so hängt auf Eoulifse I. der auf der andern Seite näher detaillirte Vorhang (Theaterzettel herunter), welcher die später von den Darstellern zu benützende Bühne noch verschließt. Der Platz vom Proscenium bis zur I. Eoulifse links und rechts wird durch zwei erbaute Logen ausgefüllt — zwei Parterre- Logeit, zwei im zweiten Rang, doch müssen die Logen fest gebaut und die darin sitzenden Personen vollkommen sichtbar sein, weil letztere in fortwährender Eorrespondenz mit einander stehen müssen. Theater in Zum er Aus oeoo^enliiclie Großes Trmeispicl. Großes Drama. Zum ersten Male: Trauerspiel in Versen von einem unbekannten Dichter. Personen: Caracalla, römischer Kaiser. Geta, sein Bruder. Macrin, Prätor. Livia, seine Tochter... . . Ein römischer Soldat. Die Handlung spielt in Rom. Herr Gregor. Herr Krautkopf. Herr Lilienstengel. Frln. Omelette. Herr Friesenmiiller. Hierauf zum ersten Male: Opera 8eria. Nusioa äel Maestro Kpinati. kerZOna^^i: I>la8!o, eavaliere. OarKOuiilaäa, veeelrio t/ranno .... Oalrriola, la sua pupila. Ooro äie ^uerrieri. 8^r. Ore^orio. 8^r. Xraut^opiini. 8^ra. Omeletlina. l 8§r. k'rieLenmUlIerio. j 8sia. 1io86n1rriü8p6lina. Staubkndörfel. ften Male. Vonatellung en. Große italienische Oper. Großes Ballet. Zum ersten Male: Die Ginflüffe von Mistlichkeiten auf eine durch Unglück zerstreute Familie. Modernes moralisches Drama. Personen: Graf Geraldini.Herr Gregor. Langenschopf, ein alter Soldat.Herr Friesenmüller. Tremolo, Ziegenhirt . . '.Herr Krautkopf. Rosalinde, Hirtin.Frln. Omelette. Zum Beschluß, zum ersten Male: Die arcadischen Schäfer. Ländlich-mythologisch-idyllisches Divertissement, theils getanzt, theils pantomimisch. Personen: Coridor i «Herr Lilienstengel. Pal°m°n. s Sch-f-r m Ark»d.en.itzerr Kr-u.,°pf Mhrtil, ein anderer Schäfer.Herr Gregor. Calista, eine Schäferin.Frln. Omelette. Cupido.Herr Friesenmüller. Thrater-Repertoir SV7. 18 Zweiter Rang Bänke Erster Rang Parterre Hier hängt der große Theaterzettel als Vorhang. Zweiter Rang tzl Bänke Die Schrift auf dem Theaterzettel muß groß und deutlich sein, damit das Publikum in allen Räumen denselben lesen kann. 2 Souffleur 2 Erster Rang Parterre 19 Wenn die Bühne gestellt ist, gibt der Inspizient auf der Bühne das Zeichen. Die Musik im Orchester endet, der Hauptvorhang geht auf und es beginnt das Zwischenspiel. Blasel slinks im ersten Rang in der ProsceniumS-Logemit einem großen Opernglas), Kugler und Helm neben ihm in der Loge. Rechts im ersten Rang in der Loge Laura undTherese — nebenan Eppstein und Stern. Die Parterre-Logen und der zweite Rang sind mit stummen Personen ausgefüllt. Blaset (wohlgefällig umherblickend). Ein sehr schönes Publikum! — Lauter Elite ist versammelt! Und was ich da vig-ä-vm gegenüber für ein schönes vis-L-vm von mir vis-k-vm habe. (Lorgnettirt die Damen.) Therese (zu Laura). Fräulein, Sie haben eine Eroberung gemacht. Laura flachend). Wahrscheinlich an dem Bürgermeister von Staubendörfel? Ep pst. Was sagen Sie zu diesem Vorhang, Herr v. Stern? S tern (trägt Schnur- und Knebelbart). So eine Idee kann nur in dem Kopfe eines Narren entspringen. Blasel (hinüberredend). Sie, ich bitte, das war mein Kopf, junger Herr! Stern. Thut mir leid, aber ich nehme meine Meinung nie zurück. Blasel. Sie, nehmen Sie sich in Acht! — Wissen Sie, mit wem Sie reden? — Ich bin ein reicher Mann ich Hab' jährlich meine 20.000 Gulden zu verzehren! Stern. Das ist ein großes Glück, denn wenn Sie kein Geld hätten, so müßten Sie verhungern. - Helm (zu Kugler). Der Schwindler sitzt hier nebenan und renommirt schon wieder wie gewöhnlich frisch d'rauf los. Kugler. Lassen Sie ihn nur ja nicht entwischen. Blasel. He! Da oben raucht Einer eine Zigarre! Sie, das Rauchen ist nicht erlaubt in meinem Hoftheater. Nehmt's ihm 'S Zigarrel weg. Stern (ärgerlich). Aber zum Teufel, Ruhe im Theater! Blasel. Was? Sie? - Reden Sie mit mir? Stern. Mit wem denn sonst, als mit Ihnen, der fortwährend plappert, als wie ein altes Weib. Blasel. Altes Weib? Plappert? (Zu seinen Nachbarn) : Sie, meine Herren, können Sie mir nicht sagen, ob man aus einer Loge auch Jemand hinaus werfen darf? T h er. (zu Laura). Wie sich der dicke Herr ärgert. Laura. Es scheint der Herr Intendant des Theaters zu sein. Blasel (für sich). Ich seh' nicht ein, warum ich mich' mit dem arroganten Kerl da drüben ärgern soll! Ich werde mich lieber mit den Damen beschäftigen, die da in einem fort auf mich herüber kokettiren! Kann ich vielleicht mit Bonbons aufwarten, meine Schönen? (Nimmt eine Düte aus der Tasche und wirft sie Lauren und Theresen hinüber). Laura und Th er. (lachend). Ah! Sie sind zu galant! Blasel. Apfelsinen Hab' ich auch da (macht Miene, auch hinüber zu werfen). Laura u. Therese. Halt! Um Gotteswillen! — Sie Wersen uns ja Löcher in den Kopf. (ES beginnt im Orchester die Ouvertüre.) Alle. Ruhe! Ruhe! Das Trauerspiel beginnt! (Die Rolle des Blasel muß in den Händen eines gewandten und sehr be- liebten Darsteller« sein; e« bleibt dem Talent und der Laune de« Künstler« überlasten, durch passend angebrachte Lxtemporo die Zwischenspiele zu würzen.) Nach der Ouvertüre geht der Vorhang in die Höhe — das Trauerspiel beginnt. 2 * Erste Vorstellung Garacalta. (Römischer Saal mit Bogen.s Erste Scene. L i v i a. Als Caracalla jüngst durchschritt das Forum, Sah er mich an, halb süß, halb schadenfroh, Verstohlen zwar, zu wahren das De- corum, Doch flammt und glüht und brennt er lichterloh! — Inkeß mein Geta muß den Wurfspieß schwingen Fern, zwischen Syrakus und Bukarest, Legt der Tyrann mir seine Satans- Schlingen, Und gibt dem Vater Prätor streng Arrest! Blasel szu Helms. Wer ist im Arrest? — Ihr Vater Peter? Helm. Ach, schweigen Sie. (Man hört in der Louliffe mit einer Latte auf das Podium stampfen.s LiVia saus ihren Träumen erwachends. Ihr Götter! Seine Schritte! Das ist Geta! Blasel. Was? — das sind seine Schritte?— der junge Mann hat recht zarte Schritte am Leibe. Livia sfortfahrends. Mein Geta, der mich tausendmal umschlang. Mit dem ich aus der Liebe Alphabeta Die ersten Lieder des Entzückens sang. (Stampfen hört auf.s O komm', mein Geta! komm', mein süßes Hoffen, ES hüpft mein Herz! die Arme steh'n Dir offen! Zweite Scene. Li via. Geta. Ein römischer Soldat (der sich in der Mitte im Hintergründe auf- stellt). Geta (in römischer Kriegertracht, mit einem ungeheuren Helm, in ihre Arme stürzend, mit Pathos). Servus! L i v i a. Mein Herz schlägt liebeglühend Dir entgegen. Geta. Da lieg' ich wieder, wo ich sonst gelegen ! L i v i a. Wie ist mir doch so wohl an Deiner Brust! 21 Geta. O Römerjungfrau, welche deutsche Lust! Welch' minne-wonnig-süßes Wiederseh'n! sAuf den Soldaten zeigend.) Sieh hier, mein großes, tapfres Römerheer, Es pflegt ins WirthShauS lieber zwar zu gehen, Als Stand zu halten gegen Schild und Speer, Doch hat eS kühn, mit ruhmgekrönter Stirne, Gefechten und geliebt den ganzen Tag! In Feindes Lande ist nicht eine Dirne, Der unbekannt, was Rom im Zorn vermag; Doch sprich — wo ist mein Bruder Caracalla? Er ritt in Galla, hieß es, auf das Land! — L i v i a. Was sagst Du? Caracalla in Galla? G e t a. Bebst Du vor Galla oder Caracalla? L i v i a. Ach, nur vor Caracalla in der Galla! G e t a. Wie faß ich das? — Wie reim' ich das zusammen? L i v i a. Er glüht für mich in heißen LiebeS- flammen! L i v i a. Mein armer Vater muß ja sitze», Uud mich verfolgt der gräuliche Th- ranu! Geta. Dich? Livia. Mich! Geta. Wo? Livia. So! Geta. Was? Livia. Das! Geta. So lügen denn die Bande der Natur Und Bruderliebe ist Chimääääre nur; Nicht länger kann ich hoch zu Rosse traben An dieser kriegerischen Front vorbei, sAuf den Soldaten zeigend.) ES würde mich, gleich einem feigen Knaben, Verhöhnen meiner Tapfern Feldgeschrei ! sDaS Schwert ziehend.) Geliebte, laß den Göttern uns ergeben Und unfern Bund besiegeln mit dem Leben! — Nimm dieses Schwert, Geliebte meiner Seele, Und wenn Du mich noch heiß und innig liebst, So stoß eS tief in die Brust Dir, oder Kehle, Bis Du den letzten Seufzer von Dir gibst. Geta swüthend). Ha, darum Caracalla in der Galla? Livia stm größten Schmerz). Ja, darum in der Galla Caracalla! Geta. Und kann Dein Vater Prätor Dich nicht schützen Dein Vater Prätor ist ein ganzer Mann! Livia stragisch). Wie? — In das Herz mir bohren diesen Stahl — lNaiv.) Es muß ja gleich nicht sein — ein ander Mal Blasel. Aha — das ist eine Geriebene, die Römerin. Geta. Bedenke, Deiner Tugend droht Verderben ! 22 Li via. Ach, lieber das noch, als so jung schon sterben. Blasel. Das kann ich ihr nicht verdenken. Geta. So will ich denn zu meinem Bruder fahren, Du aber harre mein in Sehnsucht, Kind, Bald soll der böse Wütherich erfahren, Daß unsre Bande unzertrennlich sind. Mein Schicksal ruft mich jetzt zu blut'- gen Thaten, Ich lasse hier im Schutz der Götter Dich! Der Sturm beginnt, der Feldherr ruft: Soldaten! Ich führe Euch zum Ruhm!. — D'rum folget mich! (Stürzt link« ab, der Soldat folgt ihm.) Dritte Scene. Liv ia. Ach, wär' ich Aermste lieber nicht geboren. Erlöschen will der Hoffnung letzter Schein. (Man hört Brummen hinter der Scene.) Was soll der Lärm? O Himmel! Die Lictoren Und Caracalla stürmen wild herein! Vierte Scene. Livia. Caracalla. Soldat (welcher mit Geta abgegangen, kehrt mit einem grünen Kranz statt de« Helme« auf dem Kopfe von rechts, statt dem Schwerte da« Lictorenbeil (FaSceS) tragend, stellt sich wieder in die Mitte wie vorher.) C a r a c. Lictoren! Keiner wag' es, sich zu rühren, Sonst laß ich 25 Euch diktiren! Livia fb. S.f. Mein Blut erstarrt und meine Wangen bleichen, Am Enb diktirt auch mir er was dergleichen (will abgehen). Blasel. Das war' nicht übel! C a r a c. Halt! Nicht entflohen! — Schön auf dem Platz geblieben! Was zitterst Du? Ich will ja nur Dein Glück! Ist es denn ein Verbrechen, heiß zu lieben Der Schöpfung schönstes, jüngstes Meisterstück! Laß' Dich umarmen, Kind! Livia. Pfui, Caracalla! So herzt ein Sclave die gemeine Magd. C a r a c. Was liegt daran? In Kittel oder Galla - Der Mensch bleibt Mensch, wenn ihn die Liebe plagt. Livia (bewegt für sich). Wie schön er ist, wie er mein Herz bewegt, Jetzt weiß ich bald nicht mehr, für wen es schlägt; Das aber fühl' ich klar: der größte aller Schmerzen Ist wohl der Zwiespalt mit dem eignen Herzen. Blasel. Siehst Du's, da hast es. C a r a c. Ich will den Himmel bau'n Dir hier auf Erden, Und meine schönste Sorge sei Dein Glück! Livia. O laß mich, Fürst! Ich will Vestalin werden, Ich thu's nicht gern' — 23 Blasel. Ich glaub's! — Es wär' auch ewig Schade! Li via sfortfahrends. Doch zwingt mich das Geschick! Carac. Wenn ich, Dein Herr und Kaiser, es vergönnte; So aber hängst Du ab von meiner Huld. Ich bitte zwar, wo ich befehlen könnte, Doch mach' es kurz, sonst reißt mir die Geduld. Zwar ist mir bei Weibern Gewalt zuwider, Für Sclavensinn weiß Liebe keinen Dank: Man legt sich unsanft selbst auf Rosen nieder, Wenn man bemüssigt wird dazu durch Zwang. Viel lieber greife ich zu gold'nen Waffen, Um Weibertrotz zu schlagen aus dem Feld, D'rum biet ich Dir, was nur Dein Herz mag schaffen. Im Jahr 10 Millionen Nadelgeld, Und außerdem noch Logen, Equipagen, 'neu prächtigen Pallast mit 10 Etagen, Bei Gott, es kauft die ganze Normandei Dir Caracalla, und die Walachei! L i v i a. O halte ein! Soll ich vor Schmach vergehen! sB. S.s Wie kann ein schwaches Weib da widerstehen? Blasel. Beißt schon an. C arac. Du willst nicht, Weib? Du willst mir widerstreben, Du willst nicht lieben? — Ha, so magst Du beben! Bei allen Göttern und Donnerwettern, Bei allen Tritonen und meinen Kanonen, Bei Cerberus, dem Höllenhund, Bei Pluto'S schwarzem Teufelsschlund, Bei Allem, was furchtbar ist, schwör' ich zu werden Das gräulichste, scheußlichste Scheusal auf Erden — Und wenn alle Menschen ich um einst gebracht, Dann, Weib, hast nur D u mich zum Mörder gemacht. sZum Soldaten, der sich nicht rithrt.s Hinaus, ihr Lictoren, zum Prätor Macrin, Erschießt mir ihn erst, dann erdrosselt mir ihn. sSoldat langsam ab.s L ivi a. Halt, Halt! — Umsonst. — Sie gehen! Es ist zu spat! O Götter, ändert diese blut'ge That! C a r a c. Ha! Zitterst Du? Das alte Stück Kabale Und Liebe ist wie Limonade matt. Herbei, Ihr Römer, seht in diesem Saale An meinem eignen Trauerspiel Euch satt. Fünfte Scene. Vorige. Geta sohne Helm, erscheint im Hintergrunde.s Livia Mets. Erbarmen! — Höre mich! C a r a c. Ich will nichts hören! Mein mußt Du sein — sagt auch das Schicksal Nein! Geta stritt vors. Das Schicksal läßt sich nicht umsonst beschwören, Im Grabe nur wird meine Livia — Dein! sErsticht Laracalla mit dem Schwert.s 24 Carac. Ha! Ich sterbe! Glaset. Bravo! Geta Hält Caracalla im Arme). So schön starb Niemand noch, und nirgends nie, O Bruder, stirb getrost, Du stirbst für sie. Carac. So stirb auch Du so schön, verwegner Knabe! (Entreißt ihm das Schwert und ersticht ihn.) Blaset. Bravo! (Trocknet sich die Thriinen miteinem großen weißen Schnupftuch.) Jetzt sind schon zwei abgestochen. Geta (taumelt nach links). Begrabt uns Beide in dem eig'nen Grabe! L ivia. O weh mir, o Himmel! sei mir gnädig, Sie alle Zwei sind todt und ich bin ledig. Blaset. Das is wirklich fatal. Sechste Scene. Vorige. Macrin. Soldat (wie früher mit dem Helm und Schwert). Mac rin (tritt düster in die Mitte, die Leichen anstarrend, mit weißen Haaren und Bart, auf dem Kopf einen grünen Kranz, langer Tunika). Sie stehen Beide vor dem Strafgericht! O Sterbliche, scherzt mit den Göttern nicht! Er tödtete den Bruder, hört' ich sagen, Und ward vom todten Bruder selbst erschlagen. Carac. (sterbend). Leb' wohl, o Livia. Geta (wie oben). O Livia, leb' wohl! Blasel. Der ist noch nicht hin. Livia (pathetisch). Des Todesengels Schritte hört ich schallen. D'rum will ich selber rasch zu Grabe geh'n. O Vater, wolle mir ein Wort vergönnen, Ein großes Räthsel sei Dir offenbar! Ich hätte Geta niemals lieben können, Weil ich verliebt in Caracallawar! Geta (richtet sich fitzend auf, schneidet eine Grimasse der Enttäuschung, fällt wieder zurück). Carac. (ebenso, Miene der Ueberra- fchung). Blasel. Jetzt werden sie wieder lebendig. Li vi a. Ich kann nicht leben mehr! — Ihr Götter, schaut, So stirbt die Römerin — die Helden - braut! (Erdolcht sich, fällt links hinter Geta.) Blasel. Bravo! Jetzt sind's drei, aber für die ist Schade. Carac. Leb' wohl, o Livia! Geta. O Livia, leb' wohl! Blasel. Der hat ein zähes Leben. Macrin (langsam und ernst). Da liegt auch sie, um nimmer aufzustehen ! Wie wird ein großes Weib im Tode klein! — Soll einsam ich nunmehr durch's Leben gehen? — Soll Niemand fürder mein Gefährte sein? Nein! zehnmal Nein! — auch mich ereilt Verderben. Stix, nimm mich auf, ich bin bereit zu sterben! 25 fNimmt das am Boden liegende Schwert, prüft die Schärfe am Daumen, schneidet sich den Hals ab, fällt rechts hinter Earacalla.) Blasel. Bravo! Viere, aber für den ist kein Schade. Earac. Leb' wohl, o Livia! fStirbt.j Geta. O Livia, leb' wohl! fStirbt.j Blasel. Na endlich! Der Soldat fwelcher bis jetzt regungslos und ohne alle Theilnahme hinten auf seinem Platze stand, geht langsam vor zu den Tobten, setzt sich in ihrer Mitte auf die Erde nieder, ersticht sich ganz gelaffen und legt sich auf den Rückens. Blasel. Bravo! Alles abgestochen! Bravissimo! (Zwischenvorhang fällt.) ßude der Tragödie. Zwischenspiel nach dem Trauerspiel. Blasel ftrocknet sich die Augen). So ein trauriges Trauerspiel habe ich in meinem ganzen Leben nicht gesehen. Stern. Hahaha! — Das dümmste, was mir jemals vorgekommen ist! — Ein grenzenloser Unsinn! Blasel. Was? Ich glaube gar, der Hans-Narr da drüben mit seinem Gasbart, der lacht. Sie! wenn's nicht anf- hören mit Ihrem G'lachter, so hol' ich gleich an Wächter. Stern fspöttischj. Was? Sie wollen mir das Lachen verbieten? — Soll ich etwa weinen über den Unsinn? Blasel. Unsinn? — Wenn fünf Menschen elend zu Grunde gehen? Mr sich.f Wenn ich wüßte, daß ich ihn träfe, ich würfe ihm meinen Operngucker in's Gesicht. Helm fzu Kuglers. Also Sie glauben wirklich, daß der römische Kaiser Cara- calla Ihr Sohn war? Kugler. Ich werde doch meinen Sohn Gregor kennen. Helm. So ist auch kein Zweifel mehr, daß unser Nachbar hier in der Loge der berüchtigte Schwindler Pappenheim ist. Blasel fauf die Damen hinüberrufend). Sie, mein Fräulein! — Ist Ihnen auch so heiß? Soll ich Ihnen ein Bechert Gefrorenes schicken? Laura. Ich danke Ihnen, mein Herr. Blasel. Nicht Ihnen, Ihre Kameradin Hab' ich gemeint. Laura flachend). Ach, wenn's so ist, bitt' ich tausend Mal um Entschuldigung. Blasel. Ich bin wirklich sehr echauffirt! Sie sind auch echauffirt? — Das macht die Rührung! — Es geht uns Allen nicht besser! — Jetzt will ich einmal Nachsehen, wie sich denn Alles unterhält. fBlickt durch sein Perspectiv 26 im ganzen Haus herum.) Allgemeine Rührung. (Sieht auf die Galerie.) Ah, aha, guten Abend, Fräulein Pepi! Sein Sie auch da? Sagen Sie doch gefälligst Ihrem Herrn Papa, er soll mir ja morgen Früh meine lackirten Stiefel bringen — ich brauche sie sehr noth- wendig. Ein sauberes Mädel, die Pepi! — Wenn ich nur oben bei ihr wäre! — Ich werd' ihr nachher aufpassen. (Macht Zeichen hinauf.) Stern. Mein Herr! Sie betragen sich sehr unanständig im Theater. Blasel. Der Gasbart gibt mir kein' Ruh'! Sie, meine Herren! Helm. Was wünschen Sie? Blasel. Sollen wir den da drüben nicht hinauswerfen? Helm (mit Beziehung). Lassen's Sie's gut sein! — nach dem Theater werden wir unfern Mann packen. Blasel. Aha! — So wart ich so lange. Helm. Sagen Sie mir doch, Herr Prinzipal, wer war denn der junge Mann, der in dem Trauerspiele die Rolle des Caracalla spielte? Blasel. Ah, das ist ein junger Künstler aus einer sehr achtbaren Familie, das hat mich aber auch was gekostet, bis ich den daher gebracht habe! Helm (zu Kugler). Nun also? Kugler. Wenn ich nur dem säubern Direktor den Hals umdrehen dürfte. Blasel. Recht charmante Herren sind da neben mir. (Zieht wieder eine Düte heraus und ruft.) Wünschen Sie vielleicht Kastanien, meine Damen? Laura. Nein, wir verbieten uns ein zweites Bombardement. Stern. Herr! Seien Sie doch nicht so unverschämt gegen fremde Damen. Blasel. So! (Rückwärts in seine Loge rufend): Sie, Herr Stenzlberger! schicken Sie mir den Wächter herauf. Stern. Sie sollten eher in ein Bierhaus gehen, und nicht in's Theater! Blasel. Du verdammter Gasbart, Du! Ster n. Herr, zum Donnerwetter — Alle. Ruhe, Ruhe! Die Ouvertüre beginnt — die Oper, die Oper. (Im Orchester wird gestimmt). Blasel. Aber Eins lass' ich mir nicht nehmen, meine Damen. Nach der Oper ist ein Zwischenact von zehn Minuten, damit die Sänger sich erholen können, und damit wir uns erholen, so komm ich hinüber und führe Sie in die Credenz; ich zahle, was Sie wollen, Gefrorenes, Limonade, Bier, geselchte Würstel mit Kren, was Sie wollen. (Ouvertüre beginnt.) Alle. Ruhe, Ruhe! Zweite Vorstellung KsrAollillnä«. Eine Säulenhalle. Fenster, Seitenthüre im Ritter-Style.) Erste Scene. X 3.8 io. süeeitativ.) 0 eiolo! (^uitaro Vono^ia 1s. Kella, e la mia Naitro88a! — O mia Kella! Nia Oakriola! sOavatina.) 0 mia eara, o Oakriola, 0 eara, o (iakriola; 0 eke doloro! O oke (lolore! O eara, earina! O eke doloro! sk'oriosa.) 0 eke dolore! O eke dolore! O Dio! 0 vio! sLcbsrr».) 0 eke dolore! per mio euere! — 8empre eantaro, gempre man^iaro, 8empre pollcaro, e 8empro eantare! äk! 0 eke dolore, per mio euere ete. Blaset ssingt nach der Arie). 0 eke dolore! kor mio euere! Alle. Ruhe, Ruhe, Pst! ^ a 8 i o. sNveitativ.) 0 euoretti, mie ^uorriori, Infanterie, (Kavallerie, Infanterie, Oa- vallerie! Zweite Scene. I'empo di Nareia. ^ a 8 io. Chor der Krieger szwei Personen,Friesenmüllerund Frl. Rosenknospe, ersterer die Eavallerie, letztere die Infanterie repräsentirend, stellen sich nach Choristen- Manier). s6kor.) k,a eielo, xuerrieri! ^oi 8iamo Infanterie! k,a eielo, ^uerrieri! (Kavallerie! ^.ndiamo! — l^larokiamo! ^ndiamo! ete. ^ a 8 io sunter dem Ehor). Lwiva la katailla! krava la mitrailla! ^.ndiamo! Narekiamo! sl'utti.) ^ndiamo! — ^larekiamo! sSie marschiren ab.) Blüsel sapplaudirt wüthend und ruft ^»»io heraus). Sehr schön! Aber der Chor ist zu stark. Mehrere. Ruhe, Ruhe! Dritte Scene. 0 akriola stritt aus und geht während des RitornellS über die Bühne hin und her; sie ist als Ritterfräulein gekleidet, trägt einen langen Schleier). 28 Blasel (wie er sie sieht). Aha, jetzt kommt meine krima Domra assoluta — das ist wahrscheinlich die Geliebte von dem jungen Krieger, der mit seiner Mannschaft in die Krim gezogen ist. Die ist aber sauber, die gefallet mir. Stern. So schweigen Sie doch. 0 ab» rio 1 a. s^ris.) o mio oaro Naoio, b^asio — mio euoro, OarAOuillaäa mio tutoro, Diu torrilrilo elio Otliollo! O b^asio va partiro 8sn2a mi äi eouäuiro! Blasel sbeim Staccato). Ah, das ist Stukatur-Arbeit. ) 8 trtztta.) atkroso tirauno, ?u n'avoto mio mauo, Ho, no, no, no, no, l'u n'avoto mio mano! O mio earo b^agio, Nio amoroso! Jo Io ^ura Da mia mano! et eetera ^6ro80 tirauno ete. Blasel sapplaudirt wüthendj. Bravi! Bravi! Oabrriola sverbeugt sich und geht links ab.) Blasel. Aha! Jetzt geht sie gewiß, die Oadriola, und sucht ihren Liebhaber. — Richtig, hat ihm schon. Vierte Scene. Xasio. Oaliriola. skoeitativ.) Oalrr. O Dio! Oli mio Naoio! I^asio. O Oalrriola! Da Irr. O mio Oaro! Xasio. O mia Dara! D aIrr. O momento iurtunato! sBeide gehen zurück). Blasel. ^8ino, heißt er. Stern. Warum nicht gar! Hamo heißt er. Blasel. Mir werden Sie's nicht sagen. Oabriola und Na8io streten vor). Ouetto. 0 a i) r i o 1 a. Nio Ha8io — porollo, porollo, porello kartir in Auorra? In partiro csui mi Auarcla, l'u partiro, oll! in Auorra, Ro^aräato il tiranno! II intamo tiranno! H a 8 i o. D voro, voro, voro, voro, 8i. Oallr. II mo vuolo opou8aro! ^ a 8 io. D voro, voro, voro, voro, voro, voro, 8i! Blasel. Der singt ja immer das nämliche, der ^ino! s^IIsAro.) ^.ll to 8oIo, il mio euoro! Dneoro, onooro, onooro! jrepet.) a 8 i o. ^ll to 8o1o, il mio euoro! ^.ll, io oono, io oono eaporo Dnooro, oneoro, oneore. sNach dem Duett treten dl» 8 lo und (ÜLdrioIa in die Coulisie, kommen auf den Applaus wieder heraus, verbeugen sich und bleiben auf der Scene.) Blasel. Bravi! Bravissimo! heraus Dallriola! heraus! ^.8ino heraus! sNachdem sie kommen). Aha! die sind bloß deßwegen abgegangen, damit wir sie Herausrufen sollen; thun wir ihnen also den Gefallen. Fünfte Scene. Vorige. Dar^ouillada sim Ritter.Lostüme, schwarzer Perrllcke mit einer großen Glatze, in Eisenrüstung, von Zeug, darüber einen großen Ueberwurf, Dolch im Gürtel, Schnur- und großen Knebelbart, komische Halskrause, Schwert an der Seite). 29 OarA. stritt zwischen Beides. Od di- rore! Blasel. Aha, das ist der Tyrann, der La 6 o öu880, der sieht fürchterlich aus. oarA. OIi kurore! 0 a d r. Od eielo! (lorrstt). (Oarxl. wechselt mit I^Lsio wüthende Blicke.) O a r A. Voi parlate! Voi ä'amors! kesti, Resti! LiAuora Oro^ui! — OmtoAlü! Nia raddla! (Schließt mit tiefem Baß). Blasel stiefen Baß). Bravo! Bravo! Bravo! Xasi o. (^Ilexro.) Va, va, tirauuo! Veedio oo^uluo! Mo amoro! mio aruore! (Repetirt). OarA. (wüthend). Loldati pr68ti Vioiü AU68ti, kre8to plouoiato! kroeipitato! (Repetirt.) Xagio. Va, va, tirauuo! Lrava, tua furoro! (Wenn diese« Tempo endet, gehen x»sio und OLrxouillaä» in den Hintergrund, ziehen langsam die Schwerter und kämpfen sehr langsam.) Blasel sbeim Fechten). Ein hitziger Kampf! Oadriola (löst sich die Haare auf und wird wahnsinnig). Blasel. So! jetzt ist die närrisch geworden, die arme Oadriola! — Das ist die erste italienische Oper, wo eine wahnsinnige Scene d'rin vorkommt. — Sie erkennt ihren Liebhaber nicht mehr. Oadr. (kennt weder Nasio noch 0»r- eouillLä» mehr). (Ehor. (Die zwei Personen treten von link« hinten emüthlich auf, gehen bi« in die Mitte, verengen sich tief gegeneinander und gehen dann handwerksmäßig recht« und link« an ihre Plätze, wo sie da« .Finale mit gleichgütigen Gesichtern und solchen Gesten mitsingen. Frln. Rosenknospe ist umgezogen als Ritterdame im Sammt-Schleppkleid und Schleier.) (k'inals.) Oadr. (im Wahnsinn singend). Irala la la! 1a! la! 1a! la! la! Xa8io. 8i Hodo! Oarx. O momeuto! per 8ua ta- nÜAlia! Odor. Ode koAlia! Ode to^lia! Oruäol momeuto! ^ as. und 0 a Irr. ^ send, tausend Dank! (Der Hörnerschall verliert sich immer mehr.) Jos. Und jetzt sag' D u mir Deinen Wunsch — laß ihn recht schwer aus- falleu, je schwerer, desto lieber ! (Marianne läßt den Kopf auf die Brust sinken). Kathi. Sei nicht so albern, wünsche Dir etwas recht Prächtiges und Großes! Mar. Ach Herr — ich hätte wohl einen Wunsch! Jos. (freudig). So? Nun laß' ihn hören — ich schwöre Dir, er soll erfüllt werden. Mar. Ihr habt's geschworen, also hört — hier steht unser HauS — trinkt ein Glas Milch und eßt ein Butter- brod bei uns — sonst wünsch' ich nichts! 6 Jos. (will sie entzückt umarmen, bezähmt sich jedoch und legt seine Hand auf ihr Haupt). Ich wollt' ich war' ein Bauer und dürfte nie wieder von Deiner Seite gehen. Topp! ich nehme Deine Einladung an und wahrhaftig, ich bringe gehörigen Appetit zum Mahle. Fünfte Scene. Vorige, Konrad. Konr. (tritt auf die Schwelle seiner Thüre und sieht wie Marianne, Josef, auf deren Schultern gestützt, und Kathi zur Pforte kommen). I daß doch — was ist denn das für ein Aufzug? Mar. Grüß Gott, Pater, wir bringen Dir einen Gast. Jos. Dem Eure Kinder das Leben gerettet haben. — Kathi. Woran ihm sehr viel liegen muß, denn er bezahlt eS kaiserlich — da sieh nur den prächtigen Ring, den er mir zur Belohnung gab. — Konr. Um so geringen Dienstes willen? Jos. (lächelnd). Meint Ihr? Kon r. Müßt mich nicht mißverstehen Herr, seine Pflicht erfüllen darf man nicht so hoch anrechnen. — Doch! seid willkommen, das Wenige, das wir haben, will ich gerne mit Euch theilen; Ihr Mädels hättet aber auch schon lange zu Hanse sein können. Kathi. Wären es auch gewesen, wollten den Herrn, als wir ihn ohnmächtig hieher brachten, in unsere Stube legen, Mariandl meinte aber, die freie Luft würde ihm besser thun, und so sitzen wir schon lange da drüben unter dem Baume. Mar. Ich will Euch gleich etwas für den Magen bereiten. Komm' Kathi, Du gibst dem Pferde des Herrn frisches Heu. (Beide schnell ab). Sechste Scene. Josef, Konrad. Jos. Eure Marianne ist ein herrliches Mädchen. K o n r. Sind Beide meines Herzens Freude und Trost, sind flink wie ein Reh und fleißig wie die Bienen, und doch gräme ich mich, so oft ich sie an- blicke. Jos. Weßhalb? K o n r. Weil ich arm bin und ihnen nichts hinterlassen werde; weil die Kathi heiraten könnte, wenn sie eine Aussteuer hätte, so aber muß ich einen jungen braven Burschen abweisen, der das Mädel liebt und den sie wieder liebt, weil er und sie nichts besitzen, und mit nichts kocht man nicht einmal Wassersuppe, noch viel weniger eine ganze Hauswirtschaft. Jos. Dafür laßt von heute an mich sorgen — legt das Glück Eurer Kinder getrost in meine Hände! K o n r. Ach Herr! wie Vergelt — Jos. Nichts davon! Man soll nie mals Gutes ftiften um der Vergeltung willen! Konr. (will seine Hand erfassen, Josef reicht sie ihm). Aber Gott darf es wohl vergelten? Jos. Ja — sogar mit Zinsen, aber nicht an mir — sondern an meinen Untergebenen! Siebente Scene. Porige, Kathi. Kathi (hereineilend). Gleich ist das Mahl fertig! (Sie deckt den im Garten befindlichen Tisch, wobei ihr Konrad behiflich ist und leise mit ihr spricht.) Jos. (b S.). Ach ! wie glücklich müßte es sich leben auf diesem stillen, blumigen Stück Erde, fern von allem Getriebe 7 und allen Kämpfen des Lebens, und gar an der Seite eines so reizenden Wesens wie Marianne — es wäre eine Idylle — wie sie wohl dem einfachen Bauer, nicht aber einem armseligen Kaiser beschicken ist — ach! Kon r. (zu Josef). Die Geschichte Eurer Lebensrettung klingt recht schauerlich ! Achte Scene. Vorige, Marianne. Mar. (kommt mit Brod, Milch, Butter und weichen Eiern). So! da ist Nahrung für Euren hungerigen Magen, möge eS Euch wohlbekommen. Jos. (sich zum Tische setzend). Danke, schön, Mariandl. (Konrad spricht abseits mit Kathi, Josef beginnt zu essen.) Kathi (leise zu Konrad). Ich denk', es muß ein sehr reicher Herr sein, der wohl unser und der Mariandl Glück machen könnte — schaut nur wie zärtlich er sie anblickt, er drückt ihr die Hand und seufzt dazu — ja! wenn das Mädel nur vernünftiger wäre, ihr ist es gleichviel ob wir arm bleiben oder- reich werden. Wenn sie nur wollte, wir könnten uns ein Bauernhaus kaufen und ich könnte meinen Valentin heiraten — K o n r. (ebeu so). Wenn aber dabei Mariandl's Ehre in Tausch gegeben würde?! (Kathi hebt den Finger mit dem Ringe empor und läßt ihn in der Sonne glitzern, Konrad blickt ihn lüstern an.) Kathi. Wenn sie nur viel solche Steine hätte, eS würden sich genug Freier finden die sich wenig darum kümmern möchten, ob sie vor ihnen schon einen Liebhaber gehabt oder nicht! Konr. Schweig' — wenn die selige Mutter Deine gottlosen Worte hören würde, sie müßte sich im Grabe umdrehen ! Jos. Nun nehmt Ihr nicht bei uns Platz? Kathi, mußt ja auch hungrig sein! Kathi. Nun, so, was für's Haus gehört, kann ich schon an Hunger auf- weisen. (Konrad und Kathi setzen sich.) Konr. Ihr seid wohl aus Wien, gnädiger Herr? Jos. Ja, lieber Alter! Konr. Kennt Ihr wohl auch unfern lieben Kaiser Josef? Jos. Ja — das heißt, so ziemlich gut! Konr. Ach Herr, den möcht ich wohl einmal so recht nahe sehen,, bevor mich der liebe Gott hinüber ruft zu meiner Alten! Jos. Warum möcht Ihr ihn sehen? Kon r. Warum ich ihn sehen möchte? Ei diese Frage, weil ich den Mann kennen möchte, für den ganz Oesterreich beten sollte, daß er tausend Jahre leben möge! Jos. Habt Ihr ihn so lieb? Konr. Ob ich ihn? — Wie den lieben Herrgott selber, obwohl (leisr) die Pfaffen sagen, daß er des Teufels sei! mag's aber nicht glauben, hat schon Recht, wenn er den übermüthigen Schwarzen den Habersack etwas höher hängt, beten sollen sie und fasten, aber nicht — Jos. Bst! nicht so laut, wenn Euch der Herr Pfarrer hört, werdet Ihr ex- communicirt! Kour. Ach! Gott bewahre, das ist ein gar lieber, grundgescheidter Mann, der selber so denkt wie ich! Freiheit soll sein, Freiheit in der Kirche und im Staate, Freiheit vom letzten Juden an bis zum Kaiser selbst hinauf! Jos. Wenn Alle so denken würden, könnte der Kaiser leicht regieren, aber — Kathi. Ihr müßt doch mit dem Himmel auf sehr gutem Fuße stehen — Jos. Warum denn? Kathi. Weil er Euern Augen sein schönstes Blau geliehen hat — ich kann 8 gar nicht aufhören es zu bewundern! (Josef küßt Marianne verstohlen auf die Schulter, -sie zuckt zusammen.) Kon r. (bemerkt eS — etwas unwillig). Vergebt, daß ich Euch erinnere — es wird bald dunkel, Ihr habt weit bis nach Wien, und mußt bald anfbrechen! I o s. (traurig). Ihr habt Recht, der Traum ist zu Ende — doch, könnt Ihr mir kein Nachtquartier geben? Konr. Wüßte nicht wo! Hab nur ein Bett und das steht in der Schlaf - kammer meiner Töchter — sie schlafen selber d'rin. Jos. Nun, so gebt mir ein anderes Lager — es muß ja kein Bett sein! M a r. (ängstlich). Nein, nein — geht nach Hause. (Eilt zu ihrem Vater.) Kathi. Bist närrisch Mariandl, der Herr kann ja vor Müdigkeit nicht weiter — wir machen uns in einer Ecke ein Lager von Heu — und Ihr mögt das Bett benützen — daran kann doch Niemand etwas Schlimmes finden! Jos. (prüfend). Das mein' ich auch! Es sind ja der Mädchen zwei! Kat hi. Und es geschieht in allen Ehren! Konr. Die großen Herren haben eine andere Ehre, als wir armen Dorfleute ! (Marianne hält schluchzend ihre Schürze vor das Gesicht.) Jos. Nun, bedenkt Euch schnell! Kon r. Ich weiß mir keinen Rath — doch halt — dort seh' ich den Herrn Pfarrer gehen — den werde ich rufen und fragen — erlaubt er es, dann möget Ihr in Gottesnamen da schlafen, er ist ein frommer Mann, er hat stets noch das Beste gerathen. Jos. Wohlan, der Pfarrer soll entscheiden — ich will ihn selber um seinen Ausspruch fragen. (Konrad eilt ab, Kathi blickt Josef und Mariandl verschmitzt an und geht Konrad nach, Mariandl merkt dies, springt scheu und ängstlich vom Stuhle auf und will fort, Josef hält sie zurück). Mariandl, Du willst mir entfliehen, Du beurtheilst mich nach meinen Worten und traust mir nicht — Kind, sieh mich an, fest schau mir in's Auge — (nimmt ihren Kopf in seine Hände) so — und jetzt sage mir — könnte ich Dir ein Leid zufügen ? Mar. (ihr Antlitz erhellt sich). Nein, nein — das Herz müßte mir brechen, wenn ich dem lieben Herrgott und meiner Mutter nicht ebenso ins Gesicht sehen könnte wie Euch — nein, ich täusche mich nicht in Euch! Jos. (blickt gegen Himmel). Beschütze Du diese Unschuld, wie ich Dir schwöre, sie zu beschützen und sie zu ehren! Neunte Scene. Vorige, Konrad und Kathi kommen zurück mit dem Pfarrer. (Josef bleibt einige Sekunden zu Mariandl gewendet, damit sein Gesicht dem Pfarrer noch entzogen werde.) Kon r. So! da bringe ich den Herrn Pfarrer! Wohlan, sprecht, darf dieser Herr in der Schlafkammer meiner Töchter übernachten? Pfar r. Ihr fragt — ? Jos. (wendet sich zu ihm und spricht lächelnd). Um Euer Urtheil zu hören, ließen wir Euch hieher bitten. Pfarr. (hat Josef unruhig und forschend betrachtet). Konrad, sinkt in die Kniee, Eurem Hause ist große Ehre wiederfahren, vor Euch steht der Kaiser. Mar., Kathi und Konrad. (Mariandl sehr schmerzlich, die andern Beiden mit jubelnder Stimme) Der Kaiser! (Konrad nnd Kathi fallen aus die Kniee, Mariandl lehnt sich vernichtet an die Laude und weint.) Jos. (zuerst sehr unmuthig, bekämpft sich jedoch und sagt dann lächelnd). Ja denn, ich bin der Kaiser, doch steht auf Kinder, die Liebe wohnt im Herzen und nicht in den Knieen — wenn meine Völker mir ihre Herzen zu Füßeu legen uud dabei aufrecht stehen bleiben, so ist mir das 9 viel lieber, als sie fallen in die Kniee und ihre Herzen lehnen sich gegen mich auf. Nun, Herr Pfarrer, jetzt entscheidet; Vater Konrad weiß nicht, ob er mich in der Schlafkammer seiner Töchter schlafen lassen soll, oder nicht. — (Der Pfarrer läßt kurze Zeit unschlüssig den Kopf finken, Kathi triumphirt, Konrad blickt ängstlich auf die Lippen des Pfarrers.) Ihr zögert? Als Herr des ganzen Landes werde ich doch über die eine Schlafstelle verfügen können! Pfarr. Ueber die Schlafstelle ja, aber nicht über die Ehre der beiden Mädchen. Jos. (fein Gesicht hellt sich auf). Wohl gesprochen, Herr Pfarrer — eine andere Entscheidung hätte ich Euch nie verziehen, — Ihr seid ein Ehrenmann und wollte Gott, wir hätten lauter Priester Eures Schlages, eS stünde dann besser um UNS. Pfar r. Majestät haben leider Recht, gar viele unseres Standes ziehen die todte Hand dem Wirken der Liebe, die Aufreizung gegen Kaiser und Gesetz den Pflichten des Staatsbürgers und der Versöhnung vor. Jos. (feine Hand auf des Pfarrers Schultern legend). Betet, daß mir Gott ein langes Leben schenke, und Ihr sollt sehen, daß ich der Herr in meinem Staate bin und kein Anderer! (Zu Konrad). Habt Dank, daß Ihr mich in meiner guten Meinung über Euch nicht enttäuscht habt, — mein Pferd in Eurem Stalle sei zum Lohne dafür Euer Eigenthum, — wollt Ihr mir'S aber verkaufen, so meldet Euch morgen im kaiserlichen Marstall und Ihr sollt tausend Dukaten dafür bekommen. Kathi (freudig). Tausend Dukaten? K o N r. (will Josef - Hand küssen). O Herr Kaiser, der Himmel segne Euch, jetzt darf der alte Konrad ruhig sterben, denn seine Kinder sind versorgt! Kathi. Und ich kann meinen Valentin — ach! da kommt er eben, — Valentin! Valentin! Val. (von außen). Käthe! darf ich! Jos. Ei, Jungfrau Kathi, sie möchte wohl heiraten? Kathi. Ja freilich; d. h., wenn der Herr Kaiser eS erlauben! Jos. Nur zu, mein Kind! Zehnte Scene. Vorige, Valentin. Val. (springt jubelnd herein, wie er aber die vielen Leute sieht, bleibt er verblüfft stehen). Ah! Jos. Nur herein, Vater Konrad gibt Dir seine Tochter Kathi zur Frau — nicht wahr, Alter? Konr. WaS mein Kaiser befiehlt, soll mit Freuden geschehen! Val. Der Kaiser!? Jos. Warum erschrickst Du so vor dem Worte „Kaiser?" Der Kaiser ist eben so ein Mensch wie Ihr Alle, — brauchst Dich nicht zu fürchten. Ich will mich nach Dir erkundigen lassen und wenn Du'S verdienst und versprichst die Kathi glücklich zu machen, so will ich für Dein Fortkommen Sorge tragen. Val. Ach, Herr Kaiser, die Leut' sagen wahrlich nicht umsonst, er sei ein Engel, zu gut für diese Welt; aber zum Danke will ich auch schauen, daß der Herr Kaiser recht viele Soldaten — Kathi (hält ihm den Mund zu). Pst! von so etwas spricht man nicht! Jos. (lachend). Nun, nun — er meint'S ja gut — recht hast Valentin, aber auch tüchtige Soldaten möcht ich haben! (Er blickt sinnend auf Marianne, welche noch immer an der Laube lehnt, nimmt ein Stück Papier au- seinem Notizbuche und schreibt darauf, dann geht er auf sie zu.) Mariandl, auch für Dich will ich sorgen, hast mir ja das Leben gerettet, da nimm', dein Vater soll morgen damit * 10 zum Grafen Rosenberg gehen und sich 500 Dukaten als Heiratsgut für Dich abholen ! (Reicht ihr das Papier.) Mar. (ohne es zu nehmen). 500 Dukaten? Ihr habt der Kathi einen schönen Ring geschenkt, ist der Ring mehr Werth als dieses Papier? Jos. (schmerzlich enttäuscht). O nein, fünfhundert Dukaten sind der fünffache Werth des Ringes, Du kannst wohl zufrieden sein! M a r. (ergreift ungestüm das Papier und eilt damit zu Kathi). Kathi, Du hast gehört, der fünffache Werth, — gib mir Deinen Ring und nimm dieses Papier! (Kathi thut es rasch und freudig.) Ach! (steckt ihn an den Finger.) Herr Kaiser — eher will ich betteln und hungern, als mich von diesem Ringe trennen — er darf nie von meinem Finger kommen, nicht im Leben und nicht im Tode — das schwöre ich bei der Jungfrau Maria. Sein feuriger Strahl soll meine Sonne sein, die mir dort hinüberleuchtet ! Jos. (breitet die Arme aus und geht einige Schritte auf sie zu, als wollte er sie umarmen, steht aber Plötzlich still, läßt die Arme sinken und seufzt tief auf). Herr Pfarrer, meine Frau Mutter wird mich ängstlich erwarten, geleitet mich zum Posthause. (Zu Konrad). Hört in Allem auf den Rath Eures HerrnPfarrers, er ist ein würdiger Vertreter Gottes auf Erden und ein kluger Mann! (Schüttelt ihm die Hand, zu Valentin und Kathi.) Liebt Euch und vergeht nicht auf Euern Josef, er wird bei Euren Buben Gevatter stehen. (Sie verbeugen sich, Josef klopft Kathi auf die Wange, dann geht er zu Marianne, nimmt ihre Hand und küßt sie — leise) Leb' wohl und vergiß mich — ein Kaiser darf nie an sein eigenes, er muß nur an das Glück seines Volkes denken! (Eilt rasch aus dem Garten, bemerkt auf der Hecke jenes Tuch, mit welchem Marianne seine Schläfe benetzt und ihre Thränen getrocknet, ergreift es, preßt es so, das Marianne es sieht, an seine Lippen und eilt fort; der Pfarrer ihm nach. Valentin und Kathi umarmen sich. Konrad breitet seine Hände segnend gegen Josef nach, Marianne macht einen Schritt, als wollte sie ihm folgen, hält aber inne und murmelt traurig.) Mar. Er darf nicht an sein eigenes Glück denken! Per Vorhang fasst. Miß Ilora Welton Posse mit Gesang in einem Auhnge von Theodor Taube. Alle Rechte Vorbehalten. Wen, 1876. Verlag der Wallishaulser'schen Buchhandlung (Josef Klemm). Stadt, Ho her Markt Nr. 1. Das Aufführungsrecht ist nur zu erlangen durch das Theater - Bureau des Herrn MeUin: Engelgaffe Nr. 1 in Wien.' Personen. Besetzung im Atrumpkerthester. Glatzl. Barbara, dessen Frau . Gröschel, Glatzl's Freund . Miß Flora Welton, Kunstreiterin . . . Frau Stangelmayer, eine arme Witwe . Franzi, deren Pflegekind . Lisi, Dienstmädchen bei Glatzl . Packelberg, ein Dienstmaun. Ein kleines Mädchen von 6 Jahren . . . . Herr Grün. Frau Dietz. Herr Schwabe. Fräulein Gallmayer. Fräulein MalinowSky. Herr GottSleben. Ort der Handlung: Glatzl's Wohnung. Mit großem Beifalle 16mal im Wiener Strampferthe ater unter der Direktion Gallmayer - Rosen und auch in Berlin, Prag und an andern Orten aufgeführt. Den Bahnen gegenüber als Wsnuscript gedruckt. Hübsch möblirtes Zimmer, das Arrangement zeigt von Sorgfalt und Nettigkeit in einem bürgerlichen Haushalte. In der Mitte die allgemeine Ein- und Aus- gangsthüre. Rechts eine Thüre, welche in das Schlafzimmer führt, links die Thüre in das Kabinet. Erste Scene. Lisi (vor ihr steht Packelberg, welcher ihr einen schwarzen Frack übergibt.) Packelb. Hab die Ehre. Mein Compliment. Unterthäniger Diener. Wünsch' guten Morgen. Eine schöne Empfehlung von Herrn von Grösch el und da schickt er dem Herrn von Glatzl den Frack zurück, den er ihm geliehen hat. Lisi (den Frack besehend). Hat denn der gnä Herr seinen Frack ausgeliehen? Ja, ja, der g'hört schon sein, ich kenn' ihn an dem Schlupferl, was er sich zum Anhängen der Salvatormedaille machen hat lassen. Packelb. (erstaunt). Ah — Salvatormedaille?! Was hat er denn an- g'stellt, daß ihm das passirt ist? Lisi. Ang'stellt? Hören's, Sie plauschen aber einen Stiefel zusamm'. Seine Tugendhaftigkeit! Seine Verdienste um die Gemeinde! Sein ehrenhafter Ruf!-. . Packelb. Ah, versteh'! Diesem mackellosen Vorleben hat er'S zu verdanken. Wann ihn nur der Orden nit auch so druckt, wie'S mi da druckt. Na ja, die G'schicht mit meiner Tochter, die ich seit ihrer Geburt nimmer z'segen kriegt Hab', und die sich jetzt waß Gott wo unter fremdem Namen in der Welt herumschlagen muß — Lisi. Ah. Packelb. Ja — so was thut Ei'm in sein' alten Tagen weh, der jugend- Theater »Repertoir SOS. liche Leichtsinn, der rächt sich nachher in Gewissensbissen. Lisi. Reden'S, Herr Packelberg — wie war denn die Sach'? Erzählen'- mir'ö einmal. Packelb. O nein, die Sach' war zu traurig. Lisi. Heraus damit! Packelb. Nan, nan, wann die Sach' nit so traurig wär', aber so ist die Sach' zu traurig. Lisi. Reden'S nur — Packelb. Nan, nan, wann eine Sach' so traurig iS, da muß man gar nichts reden von der Sach'! Lisi. Wird nicht so arg sein. Packelb. O ja, da haben Sie gar kein' Begriff, was das für eine traurige Sach' war. (Ab) Lisi. Wann ich Sie aber d'rum bitt'! Packelb. (schon draußen). Nein, nein, die Sach' iS zu traurig — Lisi. B'halt Dein Geheimniß für Dich! (Sieht ihm nach und schüttelt mit dem Kopf, geht mit dem Frack zu einem Garderobekasten, will öffnen, findet denselben aber verschlossen.) Oha! Zug'sperrt.' Jetzt Hab i ganz vergessen d'rauf. daß die Frau Glatzl nie offen laßt. O in ihrer Häuslichkeit da is sie sehr genau. (Legt den Frack auf einen Stuhl.) Ich hab'S aber trotzdem sehr gern, denn wenn man seine Pflicht bei ihr treu und ordentlich erfüllt, da is sie die gute Stund selber. (D. d. Mitte ab.) 1 * 4 Zweite Scene. Barbara (von rechts, indem sie in die Thüre ruft.) Na, was is denn, Alter! Stehst no nit auf?! Na, na — der Mann is hent' nicht zu erwecken. Ich möcht' nur wissen, wo er den Riesen- schlaf auf einmal herg'nommen hat? Peter hörst nit?! Halb neun is schon! Er dürft' rein ans einem Künstlerabend g'wesen sein und das ist doch nicht der Fall, er war ja gestern im Circus! (Schließt die Thüre und kommt hervor.) Na, er wird halt nach der Borstellung etwas länger im Wirthshaus sitzen blieben sein, da wird'S ja oft 12 Uhr, man weiß rein gar nit wie. Lisi! Lisi! Lisi (d. d. Mitte). Guten Morgen! — Sie schaffen? Dritte Scene. Barbara. Lisi. Barbara. Ist das Frühstück schon am Herd? Lisi. G'rad Hab i Feuer g'macht. Barbara (nimmt ihre Geldbörse zur Hand.) Gut, derweil das Frühstück kocht, kannst Du g'schwind einkaufen gehen, da hast Du 's Geld, nimmst — Lisi. An Fasan? Barbara. Freilich, was denn? an Fasan — hat sich ausgefasaut! Lisi. Aber heunt is doch dem Herrn sein 55zigster Geburtstag . . . Barbara. Und wenn gleich sein 150zigster war, des is Alles ans, — die Zeiten sein zu schlecht, — ein Paar Rostbrateln nimmst. Lisi. Der Herr ißt aber 's G'flügel so gern. Barbara. Rostbraten sein heutzutag schon G'flügel, und eS hat allen Anschein, als ob die Saverlati die Fasanen der Zukunft würden. Da! (gibt ihr Geld.) Lisi. Gleich werd' ich wieder da sein. (D. d. Mitte ab.) Vierte Scene. Barbara (allein). Is ganz a brav's Madl, die Lisi — i bin wirklich froh, daß ich's Hab, denn bei den jetzigen Zeiten ist das ein Kreuz mit die Dienstboten — schrecklich' (erblickt den Frack.) Na ja, da hat man's! Schon wieder eine Schlamperei! (nimmt den Frack.) 's is halt Keine ganz so, wie's sein soll! (geht zum Garderobekasten, öffnet denselben mit einem Schlüssel aus ihrem Schlüsselbunde.) Sein die Taschen ordentlich ausg'räumt — (zieht ein Papier aus einer Tasche des Frackes heraus,» nein, da is schon wieder ein Papierlwerk d'rinn. (Hängt den Frack in den Kasten, »nacht die Thüre zu und öffnet das zusammengefaltete Papier.) Was iS das? Ein Brief ohne Couvert, das hat er wahrscheinlich schon weggeworsen — kommt mir verdächtig vor. (Liest.) „Geehrter Herr! Verzeihen Sie, daß es eine Ihnen Unbekannte wagt, diese Zeilen an Sie zu richten. Das Gefühl der Menschlichkeit, des Erbarmens ist es, welches mich zu diesem Schritte veranlaßt." (Spricht.) Ja, waö ist denn das? (Liest.) .Sie wissen, daß Sie vor einer Reihe von Jahren als freier Bursche ein Verhältnis; mit einem armen Mädchen Namens Flora an- knüpften. Sie wissen, daß dieses Ver- hältniß nicht ohne Folgen blieb." Zu einem wunderschönen Mädchen ist die Frucht jener Liebe herangereift, — das bedauernngswürdige Geschöpf hat Sie, den Vater, noch nicht einmal gesehen. Wollen Sie dieses arme, unschuldige Wesen auch jenen Zufälligkeiten und Gefahren des Lebens aussetzen, welchen die bedauernswerthe Mutter des Kindes preisgegeben war? Nein, das können Sie, das dürfen Sie nicht! Setzen Sie doch endlich einmal Ihre falsche Scham bei Seite und üben Sie Ihre Vaterpflicht, der Segen des Him mels wird sie dafür lohnen. — Ihr Töchterchen, welches gleich der Mutter Flora getauft wurde, werden Sie in 5 der Grasteufclgasse Nr. IN finden.! Achtungsvoll Ihre ergebene N. N.' ! (Sinkt in einen Stuhl.) Ah! ah! ah! Mein , Mann, mein Peter hat ein Kind und nie hat er vor mir eine Erwähnung davon gemacht! Mein Gott! Mein Gott! Die Schand! die Schand! Wann er nur wenigstens was g'sagt hält', der Mann, aber na, — so weit laßt er's kommen! Am End' werden noch die Nachbarsleut' auf mich zeigen und lispeln: Da schant's 's nur an die, — die macht sich jetzt da brat bei ihm, die spielt die Frau und das arme Madl mit'n Kind hat er sitzen lassen. — Na, na, das ertrag' i nit — (Nach einigem Nachdenken.) Aber kann i ihm'S am End' verargen, daß er mir nix g'sagt hat? Bin i nit mit meiner verflixten Eifersucht selber Schuld, daß er sich nie was Zusagen traut? (Stehtrasch und entschlossen auf.) Na — na — so kann's, so darf'S nit bleiben. Ich muß in's Reine kommen, — heut' noch — gleich, wann er aufg'standen iS! Ich werd' ihm's schon auf eine zarte Weise beibringen. (Links ab.) Fünfte Scene. Glatzl (von rechts). (Spricht.) Das Liedel hat's mir wenigstens zehnmal gestern vorg'sungen, die Miß Flora Wel . . . (sieht sich ängstlich um, halblaut.) Die Miß Flora Welten. — Ich war nämlich gestern im Circus, gleich neben dem Stall, — dort wo die Kavalier steh'n und die Bujaza außakommen, dort Hab' ich die Bekanntschaft mit dera Kunstreiterin, mit der Miß Flora Welten g'macht. Große Hetz — Souper zahlt — champagnisirt — im Fiaker z'Haus g'führt — Bussel beim Hausthor kriegt — (klatscht in die Hände.) Höchster G'spaß g'wesen. Wann nur mein' Alte nix bemerkt hat, — ich Hab' mir nämlich in mein Schwibs eine ganze Schalen voll schwarzen Kaffee über mein' neues weißes Gilet g'schütt'. — Ah, da kommt's. Sechste Scene. Glatzl. Barbara (von link«). Barbara. Guten Morgen, Alter Glatzl. Guten Morgen. B arbara (für sich). Er schaut wirklich sehr blaß und angegriffen aus! Heut' is Dein Geburtstag, Alter, ich gratulir' Dir! Glatzl. Dank Dir, — dank Dir, waß schon, daß Du mir nix Bös's wünsch'st! (Er ist etwas verschwärmt, lächelt recht innig Lisi (bringt das Frühstück, stellt es auf vergnügt und singt halblaut:) den Tisch — dann ab., Nur nit Trübsal blasen, Barbara. Na, wie hast Dich denn Thu' Dich hennt begrasen, gestern unterhalten? Schenk'ein Glaserl nach dem andern ein; j Glatzl. Recht gut, — Du diese Alle Bitterkeiteu, Bujazzeln, das sein Dir ungemeiu Die Dir's Leb'n verleiden, spaßige Kerln —- Die ersaufen im Champagner-Wein! ^ Barbara. Na — und die Rei- D'rum stoß an, mein Brüderl, , tcrinucn ? I druck Dich an's Miederl, > Glatzl. Hm? Reiterinnen? O, die Hoch dem Noah, der den Wein entdeckt! ^ interessiren mich nit. (Setzt sich zum Tische.) A Näuscherl is und lieber, ! Barbara. Geh', geh', thu nicht so. Als das schönste Fieber, > als ob Du Dich auf einmal ganz ver- Und d'rum trinken wir, so lang's uns ändert hätt'st, — glaitbst ich kenn' Dich schmeckt. I nit von früher her. 6 Glatzl. Aber Alte, geh'zur, rühr' nit immer so alte G'schichten auf. (Nippt von der Schale und stellt sie wieder hin.) Barbara. Es gibt aber so manche alte G'schicht, die immer neu bleibt. Glatzl. Immer neu? Wie meinst Du das? Barbara, Hm! Man hat öfters einen Fleck da, (zeigt auf die Brust) den man stets vertuschen will, den aber a g'scheidte Frau dennoch bemerkt. Glatzl (wollte eben wieder von der Schale nippen, stellt dieselbe weg und ruft): Einen Fleck! (f. s.) Hat richtig schon das Gilet erwischt. Z'widere G'schicht! «Nach einer Pause laut.) Na gut, Wenn Du's weißt. — ich will's g'stehen — es war eine Unvorsichtigkeit von mir — ich bereu's — aber lassen wir die G'schicht' ausgeh'n. Barbara. Was? Ausgeh'n? Na — na, — 's handelt sich da um die Flora ! Glatzl (steht überrascht auf). Was? Was sagst Du von einer Flora? Ich weiß nix! Barbara (ist ebenfalls aufgestanden.) Läugne nit! ich hab'S bereits erfahren. Glatzl (unwillkürlich.) Ah! Barbara. Ja, Du, Duhastmir's freilich nie g'standen, wenn ich nicht durch einen Zufall d'ranfkommen war'. Glatzl (unwirsch). Plauderei. Barbara. Nenn' es meinethalben wie Du willst, — ich sag' Dir nur so viel, jetzt muß einmal Mode gemacht werden! Glatzl. Mode? Wie so? Barbara. Schweig — A arm's Madl bethören — das bringt bald Einer z'samm ... jedoch .. . Glatzl. Aber ich bitt' Dich, Alte — es war ja bloß a kleiner G'spaß . . Barbara. Nun, ich sag'Dir, daß dieser kleine G'spaß jetzt schon sehr groß worden is, und daß von diesem kleinen G'spaß, wie Du ds nennst, ein großer Theil der Schand' auf mich fallt. Glatzl (für sich). Ich möcht' nur wissen, wer das wieder ausplaudert hat? (Laut.) Na ja, Alte, ich will's nicht läugnen, — ich Hab'ein'klein'SchwibS g'habt, aber Alles in Ehren — Alles in Ehren! Barbara (ironisch). Alles in Ehren — (sie bezähmt sich.) Gut, höre mich an! Ich will Dir zeigen, daß ich vernünftig genug bin, um zu verzeihen — zu vergessen — Glatzl. Alte. Barbara. Was vorbei ist, ist vorbei, — ziehen wir in Gottesnamen einen Schleier darüber. Glatzl (freudig). Bravo! Engelherz! (umarmt sie, f. s.) Götterweib! Barbara. Na, na, na, na, laß'nur geh'n, wir sein no nit fertig. Ich Hab' g'hört, die Flora soll ein sehr hübsches Madel sein? Glatzl (verlegen.) Ich weiß mich gar nimmer zu erinnern, — ich sag' Dir's ja, ich Hab' einen SchwibS g'habt, ich kennet's gar nimmer, wenn ich'S heut' auf der Gassen seh'. (Es wird geklopft.) Pst! Es kommt wer! — Herein! Siebente Scene. Vorige, Frau Stangelmayer, Franzi (mit einer Papierrolle, welche von einem Rosabändchen zusammengehalten wird.) Barbara. Ah, die Madam Stan- gelmaher mit'n Franzi, den Du zu der Firmung g'führt hast. Grüß Ihnen Gott! (Leise zu Glatzl) Zieh'doch Deinen schwarzen Rock an — siehst nit, daß sie gratnliren kommen? Glatzl (ebenso.) Ja, ja, ich geh' schon — (im Abgehen nach rechts.) Vermaledeite Tratschereien! Oh, das war b'stimmt 's letzte Mal, daß i an verfluchten Kerl g'macht Hab'! 's allerletzte Mal! (Rechts ab.) Barbara. Na, wie geht's denn immer? 7 Stangelm. Wie's halt einer armen Witwe gehen kann. Nit gar gut, die schlechten Zeiten. Barbara. Freilich, und seitdem sie den Franzi im Haus haben . ., der kost' doch auch a Geld! Stangelm. Mein Gott, hätt' ich das arme Kind, um das sich gar Niemand hat annehmen wollen, vielleicht Hinausstoßen sollen? Na — und wenn's mir auch noch so schwer ankommt, ich b'halt' den Franzi bei mir. Barbara. Oh, Sie haben wirklich a edles, a gutes Herz, liebe Frau, na gengens nur hinein, gratuliren'S dem Herrn Göden. Stangelm. Wir sind so frei — (nimmt den Knaben an der Hand.) Komm', Franzi, komm'! (rechts ab.) Achte Scene. Barbara (allein). (Blickt den Abgehenden nach.) Also dieses arme Weib scheut sich nit, für ein fremdes Kind die Sorge zu übernehmen, — und ich? Na — na — mein Entschluß steht jetzt vollkommen fest, — ich nehme die Flora in'S Haus. Lisi! Lisi! Neunte Scene. Barbara, Lisi (d. d. Mitte). Lisi. Befehlen? Barbara (gibt ihr den Schlüsselbund). Meinen Hut! Meinen Shawl! Lisi. Sogleich! (öffneteinen Kasten und gibt die Sachen heraus.) Barbara (indem sie sich ankleidet). Hör' mich au, Lisi. Ich fahr' jetzt da gleich hinüber in die Grasteufelgasse Nr. 111. Ich hol' dort die Flora ab. Ein Fräul'n wird bei uns essen, — sie wird auch da bei uns bleiben — Lisi. Ueber Nacht? Barbara. Ja, und das zwar nit nur heut', wahrscheinlich für immer. Lisi (erstaunt.) Für immer? Barbara. Ja wohl, für immer! ff. s.j O Gott! Wenn sich Vater und Tochter nach so langer Trennung gerührt in die Arme stürzen, — das wird eine rührende Scene — ein ergreifender Moment werden. (Durch die Mitte ab.) Zehnte Scene. Lisi, bald darauf Glatzl, Frau Stangelmaher, Franzi (vonrechts). Lisi. A junge Fräul'n sollen wir noch in'S HauS kriegen? Ich bin gar nit entzückt d'rüber! (Beschäftigt sich mit Abstauben). Glatzl (im Auftreten zu Frau Stan- gelmayer und Franzi): Na ich dank' Euch recht schön für die Gratulation — StaNg elM. (unterm Abgehen gegen die Mittelthüre) : Oh, i bitt, Herr Göd, das is ja unsere Schuldigkeit — Sie thnn ohnedieß so viel für uns, als ob der Franzi ihr eigenes Kind war'. Glatzl. Na, sein'S so gut. Pfirdt Euch Gott! Stangelm. Küß' die Hand, Herr Göd, wir danken vielmals. — Komm' Franzi. (Mit dem Knaben ab.) Glatzl (kommt hervor). Das An- gratuliren iS a bißl z'wider, b'sonders, wann man ohnedieß so Kopfweh hat. wie ich heut'. (Zu Lisi) : Na, was staubst denn Du noch immer so eifrig um? Lisi. Laut Befehl! Wissen'S denn nit, gnä' Herr, daß wir eine neue Einquartierung kriegen? Glatzl. Einquartierung? Wir? Da? Lisi. Ja, ja, ein junges Fräul'n! Glatzl. A junges Fräul'n? Geh', was plauschst denn Du z'samm! 8 Lisi. Ganz bestimmt, gnädiger Herr, die Frau is g'rad fortg'fahren. um die Fräul'n z'holen. Gleich werdend da sein. Glatzl. Ja, was für a Fräul'n denn? Ich kenn' mi nit aus, so red' doch! Lisi. Ei, i kenn's nit, Frl. Flora hat's g'sagt, sie wohnt in der Gras' teufelgassen Nr. 111. Glatzl. Grasteufelgassen Nr. 111? lf- li Himmel, das is das Haus, wo die Miß Flora Welton wohnt (laut.) Und von dort holt meine Frau ein' Fräul'n und bringt's . . . Lisi (ergänzend^ da her und die Fräul'n wird da bleiben, da essen .... Glatzl ff. s.s Ah, ah, was hat denn das Weib vor? Eine Konfrontation, Beschämung, Abbitte! Das halt i nit aus! fZu Lifts : Mein Hut, mein Rock! Außi möcht i! Lisi. Was is denn jetzt wieder? (Eilt und bringt die Sachen.) Da — bitte! Glatzl (setzt den Hut auf, f. s.) So, die soll's jetzt mit ihr ausmachen, wie sie will, i bleib nit da! i geh'fort, das Gewitter wird sich da entladen, i geh' derweil draußen im Sonnenschein spazieren. -- nur ka Donnerwetter, — das wär' so eine schöne GeburtStag- bescheerung. Hinaus! hinaus! (Stürzt d.d. Mitte ab.) Eilfte Scene. Lisi (allein). (Sieht ihm kopfschüttelnd nach.) Sein die Alle auf einmal verrückt worden? Was muß denn da nur los sein? (Geht zu einem Fenster rechts.) Wie der Alte davon rennt, er dürft' was g'stohl'n hab'n. (Geht zum Fenster links.) So und da kommt die Frau die Stieg'n herauf, die Fräul'n is a dabei — ah, ah, ah! IS das eine auffallende Person und die Binkeln und Schachteln, was sie mithaben — die kommt richtig mit ihr'm ganzen Graffelwerk daher — na, das wird eine schöne Wirtschaft. — Ah, da sind's schon. Zwölfte Scene. Barbara, Miß Welton. (Beide mit Schachteln, Taschen und Koffern bepackt, d. d. Mitte.) Lisi. Welton (bleibt zwischen der Thüre stehen) Aber na, — liebe Frau, — diese Aufmerksamkeit, ich begreif' gar nit — Sie entschuldigen schon — ich bin ganz überrascht — wirklich wahr — diese Ehre — Jessaß na — Barbara. Nur herein da, mein liebes Kind. Geniren's Ihnen uit, thun'S so, als ob's schon die längste Zeit da zu Haus Wär'n. (Nimmt ihr die Schachteln ab.) Geh, Lisi, hilf doch! (Lisi eilt auch herbei und hilft das Gepäck ordnen). Welton. Danke vielmals, danke! Das hält' i mir wirkli nit denkt, gleich nach meiner Ankunft in Wien — diese Freundlichkeit ich weiß gar nicht, wie ich dazu komm'!. Barbara. Laß' nur einstweilen gut sein — (heimlich). Du wirst heute noch eine Erfahrung machen — . . ich . . doch setz' Dich jetzt. Welton. Ich Hab' ohnedieß schon Erfahrungen gemacht — sehr viel Erfahrungen, — aber das hier, — nan — Barbara «zu Lisi). Wo is denn der Herr? Lisi. G'rad' is er über Hals und Kopf fortg'stürzt. Barbara (mit einer Beweguug des Uuwillens). Ah! das is aber fatal! lzu Weltou.) Nur komod mache», keine Umständ', — betrachte mich so, als ob ich deine Mutter wär'. Lisi (f. s). Ich versteh' nit, diese Person! (Kopfschüttelnd durch die Mitte ab.) 9 Dreizehnte Scene. Vorige ohne Lisi. Welton. Mutter? (mit einem Blick des Zweifels.) Oh! Sie scherzen, gehn's zu liebe Frau, — wieso kommt denn das? Barbara. Nit Scherz, — es is das mein voller Ernst. Du wirst späterhin Alles erfahren. Vor der Hand wünsch' ich nur, daß du mich wie eine Mutter betrachten und lieben lernen sollst. Welton. Also wirklich? Aber ich weiß noch immer nit — Barbara. Ich versteh' — du, mein liebes Kind, kannst dich nicht in das Muttergefühl hineindeuken. Welton (schelmisch lächelnd). Ah, das am End' schon. Barbara. Nein, nein, eS muß dir erst g'sagt wern. Welton (wie oben). Oh Sie täuschen Ihnen. — ich weiß bereits. Barbara. Was? Du weißt —? Welton (wie oben). Versteht sich. Barbara (mit neugieriger Hast). Nun? Welton (wie oben). Ich bin selbst Mutter. Barbara (schlägt bestürzt die Hände Zusammen.) Ah! Welton. Na, es is ja am End' weiter nix dabei, warum sollt' ich denn verschweigen, — nachdem Sie . . . Barbara. Was? Im vollen Ernst. Du bist Mutter? Welton. Ganz bestimmt! Ich täusche mich in der Art nie! Barbara. Du hast also . . . Welton. Ein kleines Mäderl mit 6 Jahren, so — ein kleines Stuzerl, geht aber schon in die Schul'. Barbara ,f. s.) Himmel thu' Dich auf! Jetzt iö mein Mann sogar Großvater! (Laut.) Und wo iS das Kind? Welton. In der Kost. Barbara. Und der Vater? Welton. Oh, ein Halodri, der sich nicht kümmert, nicht umschaut um mich und nm's Kind. Barbara (f. s.) SchöneBescheerung! Auch das hat der Alte am G'wissen! Oh, diese Männer! diese Männer! (Laut.) Du hast Dich also mitsammt dem Kind von Deiner Arbeit erhalten müssen? Welton. Versteht sich. Barbara. Was hast denn eigentlich für eine Arbeit g'lernt? Welton. Zuerst am Nudelbret- schimmel! Barbara (schlägt wieder die Hände zusammen). Ah! Ah! Ah! Am Nudel- bretschimmel! — Also Kunstreiterin?! Welton (wird von nun an immer ungenirter.) Ja wohl, Kunstreiterin, — haben's nit g'lesen — Anschlagzettel: „Orunck volnt", großartige Exer- citien zu Pferde, ausgeführt von Miß. Flora Welton! Das bin ich! — „Xon po88umus" auf 12 ungesattelten Pferden — ich! — „Liquidation", in Freiheit dressirt und vorgeführt — ich! — „Oonto enrront" auf dem fliegenden Trapez — „Diacb^Ion" vom Trambulin aus — Alles ich! Barbara. Schrecklich! (Für sich.) Jetzt begreif' ich erst. — Das Vatergefühl hat ihn gestern in den EircuS getrieben. Schrecklich! Welton. Schrecklich? Ah nein, wenn man'S kann, geht's ganz leicht! B'sonders auf'm Nudelbretschimmel — Allons! Hopp! hinauf 'S is nit schwer — ich wett'. Sie bringetenS auch z'samm'. Barbara. Ich? Oh! (Wendet sich ab.) Welton. Warum denn nit? Wir haben Eine g'habt, die war schon 70 Jahr alt und hat noch immer auf m Seil tanzt. Barbara. Ah! Welton (rückt 2 Stühle zusammen). Freilich, — doch da g'hört fortwährende Uebung z'HauS dazu — (benützt die Stuhllehne nach Art der Turner als Barren.) So z. B. muß man'S immer machen. 10 B arbara. Himmel, Du brichst mir ja meine Sesseln. Welton. Oh nein, das halten'« schon aus! Oder so — (schickt sich an, eine Sesselpyramide aufzustellen und will die- selbe erklettern.) Barbara (eilt hin und hindert sie an der Ausführung dieses Vorhabens). UlN Gotteswillen! Wann ein Unglück g'schieht! Welton. Ah Larifari, das geht ja Alles famos! (Sie voltigirt über einen Stuhl.) Barbara (welche sie hindern will.) Iessaß gib Ruh! I kann so was nit seh'n. Welto »(indem siedenKleiderstock nimmt). Aber wer wird denn gar so ein Hasenfuß sein! Da! (Hält den Kleiderstock quer vor sich hin in die Luft.) Halten's einmal den Kleiderstock, so hoch Sie können, in die Luft — ich spring' d'rüber! Barbara. Oh, um keinen Preis in der Welt! Welton (nöthigt ihr den Kleiderstock auf.) Es g'schieht nix, Sie werden's seh'n. Barbara (sich wehrend). Nein, nein, nein, — ich mag nit — (nimmt ihr den Kleiderstock weg und trägt ihn an seine alte Stelle.) Ueberhaupt — das Geschäft mußt Du aufgeben, — das war' mir das Wahre, ach Du lieber Himmel! Welton. Was G'schäft! 's is ja a Kunst! O wenn ich ihr nur zeigen könnt'! (Nimmt ein Messer vom Tisch.) Halt! Ich hab's! Ganz was Ungefährliches — (führt sie zu einer Thür.) Da stellen's Ihnen her. (Stellt sie mit dem Rücken an die Thüre.) So, — ich geh' jetzt daher — (geht an das entgegengesetzte Ende der Bühne.) Jetzt werf' ich daS Messer so, daß eS dicht neben Ihnerer Wangen in der Thür stecken bleiben muß. (Schwingt das Messer.) Barbara (stößt einen heftigen Schrei aus und flüchtet sich hinter die Lehne des Kanapee-.) Aaah! Welton. Aber, aber, aber, so eine Aengstlichkeit — ich kann gar nicht begreifen. — Barbara (kommt hervor). Ich begreif' auch nicht, — Dich begreif' ich nicht. — Gib her da (nimmt ihr das Messer weg.) Laß' doch amal diese g'fähr- lichen Sachen — ich Hab' schon völlig eine Ganshant. Welton. Ah, da darf man bei uns nit so heigli sein. Da fliegen mir öfter in der Manege vom Pferd 'rnnter, daß alle Rippen krachen. Barbara (verhält sich das Gesicht). Hu! — Welton. DaS macht aber nix — da kommen die Clowns herausgesprungen — Hai! Hai! AllonS, Vorwärts Cousin und mit a paar lustige Salto- mortale wird der unfreiwillige Purzelbaum sofort vertuscht Barbara. Fürchterlich! Welton (zündet sich eine Cigarette an und setzt sich mit kühn gekreuzten Beinen auf da« Kanap6e.) Nit gar so fürchterlich, wie man sich'S vorstellt, — freilich kann man sich beim Seiltanzen, beim Riesenlustsprung und am hohen Reck sehr- leicht 's G'nick brechen, — auch wenn einer die abgeschossene Kanonkugel nit recht erwischt, kann er mauStodt sein, — ebenso sein die Künsten, die am Plafond gemacht werden, äußerst lebensgefährlich, — auch von den Pferden is schon mitunter Einer oder der Andere zu Tod' troffen wor'n, aber sunst iS 'S ganz a ruhig's Brod, a leichter Erwerb, man verdient sich'S Geld so zu sag'n im Flug. Barbara. Entsetzlich! Ja, sag' mir nur, mein Kind, wie bist denn Du zu der schrecklichen Kunstreiterei 'kommen ? Welton. Wie? Pah! — Ich Hab' ja schon allerhand probirt und mitgemacht, nur um mich in der Welt durchzubringen! Geburtsort — Findelhaus. Eltern — unbekannt, — Niemand hat sich um mich kümmert. — was thut da der Mensch nit Alles? Barbara (f. s.). Na — na — das kann der Mann sein Lebtag nit 11 verantworten. (Laut.) Du erzählst mir nächstens Dein' LebenSg'schicht, die muß sehr interessant sein. Jetzt mnß ich Dir aber Etwas zum Essen z'sammrichten. Ab.) Vierzehnte Scene. Welton (allein). „Etwas zum Essen." In diesen drei Worten liegen die Motive meines ganzen Lebens! Etwas zum Essen, war mein erster Gedanke, mit dem ich mich angelegentlichst beschäftigte, da ich mir dieses Etwas selbst besorgen mußte. „Etwas zum Essen" führte mich auf die Bahn der Kunst, setzte mich allen Verführungen aus und „Etwas zum Essen" ist auch der Schild, den ich allen Jenen entgegen halte, welche über mich und mein Thun die Nase rümpfen, weil sie immer Etwas zum Essen hatten. O! mein Gott! Durch welches Ras- finement habe ich oft Etwas zum Essen — habe ich mein ganzes Dasein erkämpfen müssen. Couplet. Schon als ganz ein kleines Wauxerl, Hab' mit Büscherln ich hausirt, All'S hat g'sagt: „Ui je das Pauxerl!" Wenn man ist vorbeispaziert. „Schau'n'S gnä' Herr, die schönen Veigerln. Frisch erst brockt, no nit verdruckt!" Hab' i g'ruft und mit die Aeugerln freundli gukt. (Da- Zweigespriich imitirend.) Er (gleichgültig). Nix, nix, ich kauf kein Büscherl. Sie (in bittendem Tone), nur 4 Kreuzer, so geh'nS, Fräul'n! Er (strenger). Fahr' ab! Sie ( naiv unbefangen ). Schueeglö- ckerln Hab' i a. Er (mürrisch). Geh'! Geh'! Geh'! Sie (wie oben). Oder vielleicht Tag- und Nachtveigerln? Er (wüthend). Kreuz dividomine! Sie (ruhig lächelnd). Gut, so laß' ich au Kreuzer nach. E r ( verzweifelt). Ja, wird man Dich denn gar nicht los? Sie (trocken). Nan. Er (in drohendem Tone). WaaaS? Sie (wie oben). Ja. Er (entrüstet). Ha! Sie (vorwurfsvoll). So? Er (mit dem Bewußtsein mächtiger lieber- legenheit herausfordernd). Nun?!!! Pause. Sie (schelmisch bittend). So gehen-, kaufenS mir a Büscherl ab, daß ich doch was einnimm. Er (durch ihre Beharrlichkeit völlig umgestimmt). Hehe — Hehehe, Hehe, verflixter Schnabel! Na meinethalben — da hast ein Sechserl. Verteufeltes Mad'l! Na die — die wird schon recht! (Singt:) So mußt' ich kämpfen 5 Jahre beinah' Als Kind schon um'S Dasein mit Raffinement. 2. Hernach d'rauf, in später« Tagen, Hübsch gewachsen, fesch und nett, Wollte ich mein Glück erjagen Und ging unter das Ballet. Dort war'- eine eig'ne Sache, Ich vergiß mein Lebtag nicht Diese Sprach, die man ohne Worte spricht. (Spricht:) Beim Ballet wird nämlich bloS mit Kost ja Händen und Füßen, d. h. auf trivial, für die mit allen Vieren gesprochen. Wer da > nit sehr geübt ist, der versteht kein 12 Wort. — Zum Beispiel: (sie stellt sich im Hintergründe auf, tänzelt dann, ängstlich um sich blickend, mit über dem Busen gekreuzten Armen zur rechten Loulisse und kauert sich dort halb nieder.) Das heißt: „Ich bin eine Jungfrau, Namens Fio- rella, die Tochter eines reichen Pächters am Fuße des Vesuvs, welche sich jetzt im Walde verirt hat." (Sie schnellt empor und tanzt mit graziösen Attitüden ein paar mal im Kreise herum.) Damit Hab' ich jetzt ausgedrückt, daß ich das Rauschen eines lilaseidenen Oro8 cko ^aplos-Mantels eines Fremdlings vernommen habe, der gerade von Genua kommt. — Jetzt werde ich mittheilen, daß halb Hoffnung, halb Angst meine Seele erfüllt. (Dreht sich rasch auf einem Fuße um.) So! Nun sage ich! Wenn nur mein Pietro käme. (Sie wiegt den Oberkörper hin und her und tänzelt dabei auf die andere Seite der Bühne.) Jetzt nenn' ich die Adresse; nämlich: Mein Pietro wohnt dort, jenseits des Berges, gleich links das zweite Haus im Dorfe Nr. 18 neu (tanzt zurück, das Gesicht fortwährend gegen das Publikum gewendet und dabei mit dem ausgestreckten Zeigefinger immer nach einer Richtung weisend.) Was nun folgt, heißt: Die Stimme Pietro's dringt zu meinen Ohren. Ha, er ruft meinen Namen ! (Hält die Arme halbkreisförmig über den Kopf und tanzt eine Schnellpolka.) So! und jetzt schrei' ich: Pietro, mein Retter! (stürzt tänzelnd vorwärts und simulirt eine Umarmung) (Richtet sich empor und singt): So mußt' ich kämpfen durch Jahre beinah' Als Tänzerin nm'S Dasein mit Raffinement 3. Trotz der Plage, trotz der Mühen Hab' ich es nicht weit gebracht, Ach, ich Arme mußte fliehen Mit dem Vorschuß einst bei Nacht. Ich sann, um die Noth zu schlichten, Auf ein Mittel, das modern, Und fing schließlich an zu dichten Ganz im Style von Jules Verne. (Gesprochen): Ich bin Hergängen, Hab' die Feder eintunkt, ang'fangt: Titel! (imitirt da« Schreiben bei einem Stehpulte.) Die Begleitung der Venus beim Durchgang' durch die Sonne. (Punkt.) Jenseits des Ozeans, (Beistrich) im Krnzitürkensakra- ment, (Beistrich) traf ich im Monate Juli mit dem Luftschifffahrtcapitän Bramarbas zusammen. (Punkt.) In seiner Gesellschaft fand ich Adrienne Lecouvreur, den guten alten Alexander DumaS, (Beistrich) und den Max Waldstein; (Strichpunkt) sowie verschiedene andere bekannte Persönlichkeiten. lSchlußpunkt.) Glauben Sie, (Beistrich) Hub ich an, (Beistrich) daß wir die Venus bei ihrem Durchgänge begleiten können? (Fragezeichen.) Nichts leichter als das! (Ausrufungszeichen) erwiederte Bramarbas. (Punkt.) Vierzehn Tage später war eine Ricsenleiter angefertigt. Man hätte mit derselben den ganzen Erdball gleich einem Zwirnknöllerl umwickeln können. Den 16. September begannen wir emporznsteigen, am 34. desselben Monats waren wir der Sonne schon auf einen Büchsenschuß nahe. Die Sonne theilte uns mit, daß die Venus ihren Weg durch die Luft nehme. Es schien uns zu gefährlich, ihr auf demselben zu folgen. Wir beriechen. Da fand Bramarbas die richtige Idee. Wir ließen uns die betreffende Luftlinie mit Bretern belegen und dies zwar in der Weise, wie der Weg, gelegentlich der Frohnleichnamszüge, in allen großen katholischen Städten belegt zn werden Pflegt. Damit war der schwierigste Theil der Aufgabe gelöst. Am 9. Dezember empfingen wir die Venus mit ausgesuchter Galanterie. Max Waldstein bot ihr den Arm. Wir sahen, wie wohl Milliarden von Fernrohren 13 von der Erde aus auf uns gerichtet waren, bis unsere Mission zu Ende war. Die Rückkehr zur Erde bewerkstelligten wir mit einem von der Sonne ausgeborgten Riesenparaplui, welches wir als Fallschirm benützten und mit dem wir nach 8tägigem Sturze in der Nähe des Hhmalaia bei einer 20.000- jährigen Ribiselstaude landeten. Alexander Dumas hatte bloß eine kleine Hautabschürfung am linken Dekorum zu beklagen. Max Waldstein und Kapitän Bramarbas hatten sich eine namhafte Outrirung zugezogen — aber Adrienne Leconvreur und ich kamen ganz wohlbehalten zur Erde nieder. — Zu haben in allen Buchhandlungen, Preis 2 fl. 50 kr. (Singt:) So mnßte ich kämpfen um's Leben auch da Vermittelst der Dichtkunst mit Raffinement. 4 Doch auch dieses hab'n die Leute Später nimmermehr goutirt — Und d'rum bin ich eben heute Gar im CircuS engagirt. Am Trapez und hoch zu Pferde Hab' ich viel zu Stand' gebracht, Hab' auch ganz zu eb'ner Erde Als Jongleur Furor gemacht. (Spricht:) Ja das ist nicht so leicht, mit einer fünfzig Pfund schweren Kugel zu schupfen, Teller dabei auf einem Staberl auf der Nase balanciren und mit der anderen Hand zwölf Eier jongliren. — Aber ich Hab' die G'schicht halt los! (Sie nimmt den Teppich vom Tisch weg und breitet ihn mitten im Zimmer am Boden aus.) So! da produzire ich. (Eilt vor- wärt« und macht eine Attitüde nach Art der Gymnastiker vor dem Beginne einer Piece.) So! jetzt roll' ich die große Kugel her. (Jmitirt da« Herrollen einer großen Kugel mit dem Fuße, hebt die Kugel ans, wirft die selbe hin.) Bum! (Hebt die Kugel wieder auf und beginnt da« Spiel mit einer solchen zu imitireu. Später nimmt sie eine kleinere, eine 3. 4. 5. und 6. Kugel dazu — schließlich einen Teller, welchen sie auf einem Stäbchen drehend balancirt, dasselbe auf die Nase stellt und dabei fortwährend mit den Kugeln spielt.) (Die« geschieht selbstverständlich Alle« unter entsprechender Musikbegleitung.) (Schlußattitude, dann singt sie:) So mußte ich kämpfen, ob dort oder da, Halt stets um mein Dasein mit Raffinement. 15. Srenr. Welton, Barbara (später) Glatzl. Barbara (beim Eintreten). So! Ich Hab' für Dich aufdeckt. (Auf den eben eintretenden Glatzl zueilend.) Endlich bist Du da! Schon lang' erwart' ich Dich mit Sehnsucht! We lton (f. s.). Jcssaß mein Sou-!^ tineur von gestern! Glatzl (schrickt heftig zusammen, f. s. )./H Himmel! Die Alte hat's richtig da-l^ herbracht! B arb a r a (bemerkt da« gegenseitige Er- staunen, f. s.)- Vater und Tochter, — sie scheinen sich gegenseitig erkannt zu haben. Der ergreifende Moment naht! (Laut zu Welton) : Setz'Dich, meine Liebe. (Zu Glatzl.) lind Du komm' her, Dir Hab' ich etwas zu sag'n. Schau hin auf dieses Madel, sie is fremd — Glatzl. O nein! Barbara. Wie? Glatzl. Das heißt ja! —ja! — Barbara (zu Welton gewendet.) Und Du, — blick' hin auf diesen Mann — Welton. Ich habe bereits das Vergnügen — Glatzl (winkt ihr zu schweigen). Pst! pst! 14 Barbara (bemerkt dies.) Ihr kennt's Euch also? Welton (zögernd). Ich kenne den — den Herrn da — allerdings von gestern — aber sunst wüßt ich nit — Glatzl (lebhaft einfallend). Ja, ja. Du kannst versichert sein, es ist so, sie kennt mich zwar, aber sonst weiß sie nicht — Barbara (leife). Was iS weiter. Ich Hab' Dir ohnedem schon verzieh'«. Glatzl (f. s.) Ich versteh' das Weib nit, sie iS verrückt. Barbara (leife.) Um mich kurz zu fassen, — sie bleibt jetzt da, — ich hab'S angenommen. Glatzl (ebenso). Was? Ah! Barbara (laut). Ich Hab' ja ohnedies kein Kind, so Hab' ich mir denkt, sie - Glatzl (laut). Das geb' ich durchaus nit zu. Welton. Also deßhalb, weil ich ein Kind, meine kleine Flora Hab', der Streit! (fängt zu weinen an). D mein Gott, was kann ich denn dafür, daß mich ein falscher Mann so betrogen hat. Barbara (zu Welton). Komm' mein Kind, verlaß' Dich nur auf mich, was ich Dir versprochen Hab', das wird auch gehalten — (hat sie zur Thür links geführt.) Geh' nur derweil hinein und wein' nicht, - bald wirst Du und der Vater auf ewig vereint sein. Welton. Ah, der Lump, der sich g'wiß sein Lebtag nimmer um mich umschauen wird. (Links ab.) Sechzehnte Scene. Barbara, Glatzl. Barbara. So, — jetzt hast es aus dem Munde von Deiner eigenen Tochter g'hört, was Du bist! Glatzl. Von meiner eigenen Tochter? Barbara. Na ja, — Du bist doch der Vater von ihr. Glatzl (gedehnt). Ii — i — ich? Aber Weib, was fallt Dir denn ein? Sie ist ja gar nit meine Tochter. Barbara (zieht den Brief hervor und gibt ihm denselben.) Da iS der offenkundige Beweis, — fremde Leute schreiben solche Briefe — Du bist nicht nur bloß Vater, Du bist sogar Großvater! Glatzl (entsetzt). Großvater! (besieht den Brief.) Den Brief kenn' i gar nit. (Gibt ihn Barbara zurück.) sF. s.f AuS der Alten soll der Teufel klug werden, i Hab' ja mein Lebtag kein Kind g'habt, vielleicht gibt mir doch die Kunstreiterin Aufklärung. (Laut.) I geh jetzt zur Kunstreiterin hinein, — Du wirst staunen, was da herauskommt! Paß' nur auf! (Links ab.) Siebzehnte Scene. Barbara, gleich darauf Gröschel. Barbara. O diese Mannsbilder, das sein fürchterliche Menschen. Gröschel (d. d. Mitte). Guten Tag. (Sieht sich verlegen um.) Barbara (f. s.) Ah der Gröschel, — das iS erst der Wahre. (Laut, in kaltem Tone): Guten Tag, — Sie wünschen? Gröschel (verlegen). Ich möcht' gern' — ich hält' gern — iS der Glatzl nit z'HauS? Barbara. Sie möchten gern, daß mein Mann mit Ihnen wieder auf ein' Maskenball — zum Heurigen . . . Gröschel. O na, — es handelt sich — Barbara. Um einen andern liederlichen Streich — Gröschel. Sie täuschen Ihnen diesmal großartig, — i Hab' mich geändert, gründlich geändert. Ich werd' jetzt heiraten und ein ordentlicher braver Hausvater werden. 15 Barbara. Was? Sie? Na, Gott geb'S! daß das wahr wär'. Aber was hat Ihnen denn auf einmal dazu bestimmt ? Gröschel. Ich Hab' mit an Madel vor ein paar Jahren ein Verhältniß g'habt — Barbara (ergänzend.) Welches nicht ohne Folgen blieb. Gröschel. Errathen. Eine Freundin von ihr hat mir einen Brief g'schrie- ben, — ich soll mich doch um das Kind annehmen. Barbara (stutzt). Wie? (f. s.s Ja, das iS ja die nämliche G'schicht' wie — Gröschel. Und nun will ich Alles wieder gut machen, (Welton und Glatzl treten heraus und bleiben horchend rückwärts stehen) will die Flora heirate». Weltou (leise.) Ah! Glatzl (leise). Na, so segen's! Gröschel. Aber ich Hab' den Brief in dem Frack von Glatzl vergessen und Glatzl (f. s.) O Du Hallunk! Barbara. Himmel, der Brief in mein' Mann sein Frack? . . . Glatzl (vortretend. ) Gehört meinem Freund Gröschel, dem ich gestern mein' Frack g'lieh'n Hab. Welt on (die Arme au-breitend.) Kilian! Gröschel (ebenso) Flora! (Um. annnng.) Kannst Du mir verzeihen? Welton. Alles ist vergeben und vergessen! Gröschel (zu Welton.) Oh Flora, ich Hab' Dich — Du hast mich — aber Du hast bisher nicht das Glück gehabt, Deinen Vater zu kennen. Welton (freudig erregt.) Dn hast vielleicht erfahren? Er soll Botschafter fein, in einer Uniform. Gröschel. Botschafter? Ja, so was AehnlicheS (stößt die Mittelthüre auf, man erblickt Packelberg mit einem kleinen Mädchen an der Hand.) DaS ist der Vater! Packelb erg. Tochter! Welton. Vater! (Umarmung.) Barbara. Aber was ist'S denn mit dem Fleck von da? (Dentet aus die Brust.) Lisi (eilt mit einem weißen Gilet von recht- herein, breitet dasselbe aus, man bemerkt darauf einen großen braunen Flecken.) Iefsaß na — wie dem Herrn sein Gilet auSschaut — Glatzl (deutet darauf) Da iS der Fleck! Barbara (freudig überrascht.) Dann iS Dein Fleck wieder da — (drückt ihn an'S Herz.) Packe lberg. Und Euer Fleck ist da ! (Breitet segnend die Hände über die vor ihm knieenden Gröschel und Flora Welton, welche da» kleine Mädchen in ihrer Mitte haben.) Lisi (betrachtet kopfschüttelnd den Flecken am Gilet.) Ende. Druck von I. B. Wallilhaullrr in Wien. Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Joses Klemm), Wien, Hoher Markt 1. Sakunlaka. Drama in fünf Aufzüge n. Für die deutsche Bühne bearbeitet von A. Donsdors. I fl. 20 kr. Oatanma Lonnano. Historisches Drama in fünf Auszügen von A. Forstenheim. 1 fl. 20 kr. Donna Diana. Lustspiel in 3 Akten nach dem Spanischen des von /Vuguslin l^oeoto von ß A West. 5. Aust. Mit einer Einleitung von I. W. Apell. 1 fl. 50 kr. Elegant gebunden 2 fl. 40 kr. Das Leben ein Traum. Dramat. Gedicht in 5 Acten nach dem Spanischen des Oalsseion ck« la Larva, für die deutsche Bühne bearbeitet von C. A. West. 5. Ausl. Mit einem einleitenden Borworte von H. Laube, fl. 1. Elegant gebunden, fl. 1.80. Sophie Schröder, wie ste lebt im Gedächtnisse ihrer Zeitgenossen und Kinder. Mit Porträt. 1 fl. 50 kr. Album österreichischer Dichter. Nene Folge. (Zedlitz — Deinhardstein — Paoli —Constant — Ebert — Mosenthal — Prechtler — Lettner — Hirsch — Beck — Meißner — Saphir.) Mit 12 Porträts, fl. 1.50. — Elegant gebunden fl. 2.50. Entwurf zu einer Praktischen Schauspielerschule von Äug. L e w a l d. Preis 1 fl. Aus I. B. WalliShaufirr'S k. k. Hofthrater-Drullerei. Der barmherzige Hruder. Posse mit Zesang in 7 Zjiidern von Musik von Kapellmeister Carl Millöcker. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Wien, 1876. Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm). Die Attsführmigsbewilligllttg ist nur zu beziehen durch die Theater-Agentur des Eduard Mellin in Wien, Engelgasse Nr. 1. _ Personen. Erstes Bild. IM Kloster der Hr. Elchheim, barmherzigen Brüder „ Girardi, Der Prior Pater Earl Oberarzt Bruder AmbroS .Hr. PunseliuS. Zinsler, Handschuhmacher . . „ Friese. Florian, ein Maurer . . . . „ Oberhofer. Mali.Frl. Jules. Barmherzige Brüder. Patienten. Zweites Bild. Fritz Steindl s Brüder l Hr. Szika. Pater Carl l ° 's „ Girardi. Stowaßer, pensionirter Findelhausschreiber . . . „ Martinelli. Jacob, Diener bei Fritz ... „ Büchner. Drittes Bild. Thomas Keppler, Messerschmied. Hr. Rott. Mali, seine Tochter.Frl Jules. Frau Anna Pichl, Fiakerswitwe, deren Tante.„ Geistinger. Schorschel, Lehrjunge bei Keppler Kl. Trebitsch. ZinSler.Hr. Friese. Der Prior Pater Earl Fritz Steindl Frau Pichl Keppler Zinsler Michel . Gorischek Plöchl Schlick . Knill Fiedler . Ruschitzka Kugler, Fleischhauer l Wiener Bürger vom wölck Schottenfeld, Kugler'S ' ^ / Freunde. Ein Schatzmeister. Ein Schreiber . Bereiusmitglieder, Wäscher und Wäscherinnen,Nach barn und Nachbarinnen. Ein Fiaker. Martinelli. Szika. Girardi. Stowaßer Fritz Steindl Pater Earl Gablers Kaschke. Gradl l Kunden.„ Bittuer. Gorischek, Mehlmesser. . .... Gärtner. Plöchl, Rauchfangkehrer . Schlick, Fleischhauerknecht Knill, fürstlicher Leibjäger Fiedler, Schneidergeselle. Ruschitzka, Chevauxleger Ein kleines Mädchen (von 6 Jahren). Nachbarn und Nachbarinen. Volk. Thalbot. Rüdinger. Jäger. Entreßer. Fink. Hr. Biertes Bild. Frau v. Hasenöhrl.Frl. Irma, ihre Tochter. Fritz Steindl . Pater Earl . Stowaßer. Frau Pichl . Franz, Bedienter ! Hasenöhrl Michel, Fiakerknecht bei Frau Pichl. Gin kleines Mädchen. Frl. Herzog. Eichmann. Szika. Girardi. Martinelli. Geistinger. Hr. Seeberger. Schreiber. LiebcSny. Wustes Bild. Hr. Eichheim. „ Girardi. ,, Szika. Frl. Geistinger. Hr. Rott. Friese. „ LiebeSny. „ Gärtner. „ Thalbot. „ Rüdinger. Jäger. „ Entreßer. „ Fink. „ Liebold. Kroßek. Martinelli. Sechstes Der Prior Pater Earl Fritz Steindl Frau Pichl Keppler . Mali . Frau v. Hasenöhr Stowaßer Zinsler Ein Vertrauter Bild. Der Prior Pater Earl Fritz Steindl Mali . . Zinsler Frau Pichl keppler Gorischek Plöchl . Schlick . Knill . Fiedler Ruschitzka Hochzeitsgäste Hr. Eichheiin. „ Girardi. „ Szika. Frl. Geistinger. , Hr. Rott. Frl. JuleS. Herzog. Hr. Martinelli. „ Friese. Romani. iebentes Bild. . Hr. Eichheim. „ Girardi. „ Szika. Frl. JuleS. Hr. Friese. Frl. Geistinger. Hr. Rott. Gärtner. Thalbot. Rüdinger. Jäger. Entreßer. Fink. Volk beiderlei Geschlechtes. lStraßenjungen. Mädchen. Sicherheitswachen. Anfgeführt im Theater an der Wien. (Z»m ersten Mal am SO. Oktober 1874). Erster Akt Erstes Bild. (Ordinationszimmer in einem Spitale der barmherzigen Brüder. Allgemeiner Eingang durch die Mitte; dieser Eingang gewährt Aussicht in ein Vorhaus, in welchem Statuen angebracht sind, welche durch die dort Hangende Lampe entsprechend beleuchtet erscheinen. Recht und links je zwei Glasthüren. Die erste links vom Publikum führt in die Apotheke, die zweite in ein Operation-- ziilliner, die erste rechts in einen Krankensaal, die zweite in die Klause des Oberarztes. Im Ordinationszimmer eine Bibliothek, ein Kasten mit chirurgischen Instrumenten u. s. w.) Erste Scene. Volksgestalten, die alle das Gesicht eingebunden haben. Florian, ein Maurer, der hinkt und andere Personen, welche sich ärztlichen Rath holen möchten. Bruder Ambros steht in der Mitte der Bithne. Ambros (zu Jenen, die links vom Publikum stehen). Also lauter Patienten? Alle (links). Zu dienen, Hochwürden? Ambros. Gleich wird Allen gedient werden! Da kommt ja schon der Herr Oberarzt von der Visite. (Zieht sich zurück.) Zweite Scene. Vorige. Pater Carl, (der Ober- arzt, hinter ihm einige Brüder, die sich, nach- dem sie die Thür schloßen, mit Recepten in dieApotheke oder mit Büchern durch den Mittel- eingang entfernen.) Theater. Repertoir 310. Alle (treten achtungsvoll zurück). Pater Carl (die Krankentruppe überblickend). Ei der Tausend, so a Gedräng! Ja Lenteln, was treibt's denn? Alle Zähntweh in einer Zeit, wo beinah kein Mensch was zum Beißen hat?! (Zum Maurer). Und der Florian? erst unlängst vom G'rüst g'fallen, is er heut schon wieder da? Florian. Ich bin jetzt beim Bau von der neuchen BörS und da Hab ich mi halt a Bißel übertreten. Pater Carl (den Fuß flüchtig besehend). Na, wann bei der neuchen Börs keine anderen Uebertretnngen Vorkommen, wär's eh gut. Also nur hinein da Alle, zu mein Supplenten und in zehn Minuten werd's Alle ausbessert sein. (Drängt Alle in die 2. Thüre links.) 1 * 4 Dritte Scene. Pater Carl (geht aufgeregt auf Uttd ab.) Pater Carl. Das sein lauter gewöhnliche Kranke und keine modernen Patienten, g'rad so wie dö im Kranken - saal! Dem Ein fehlt's auf der Brust, dem Andern im Hals, der dort hat sich verbrennt, der Andere leid't an der Gicht, aber Jeder sieht's ein, daß er krank is! Er nimmt die Medizin, er is Ein dankbar für ein Rath, er will's weg haben sein Krankheit. Ja mit solche Leut ist zu red'n! Die sein leicht zu curir'n. Aber alle diese Leut', die sich denken, sie haben'S g'fangt, derweil Jeder zappelt im Netz seiner Begriffsverwirrung. Da hängt sich Aner auf, wegen unglücklicher Lieb' zu einer Person, deren Neigung einen anständigen Charakter desparat machen müßt, da dnelliren sich Zwei, weil der Eine den Andern ein Esel g'haßen hat. Ans d'Letzt hat der Ane um ein Aug weniger, aber es steh'n statt ein Esel zwa da, dort springt Aner ins Wasser, weil er seine Gläubiger net zahln kann, als ob's net eigentlich die Gläubiger hätten thun müssen, wo Sie hinschau'n nichts als lauter Patienten! Schon wieder Einer! Vierte Scene. Voriger. Zinsler (mit verfchie. denen Packeten, Skarnitzeln und Flaschen, ander Apotheke). Zinsler, (der es sehr eilig hat). Sehr gut, Herr Oberarzt, daß ich Ihnen find — ich Hab eine Idee! Pater Carl. Schon wieder? Schrecklich! Zinsler (Alles auf den Tisch legend oder stellend). Aber diesmal etwas Sensationelles. (Selig). Damit wir gleich fertig sein — ich gründe wa- und brauch ein Präsidenten. Pater Carl. Nein, nein, lassen's Ihnen nur allan wegführ'n. Zinsler. Redens nicht a so, Hochwürden. Diesmal is es was Edles, Großes, Erhabenes! Pater Carl (abwehrend). Ich verzichte! Zinsler. Aber geistlicher Herr, Sie wern's bereuen! Laßen's den Bismark noch a Weil so fortwirthschaften, stengens eh ohne G'schäft da! Haltens zu mir! Pater Carl. Is mir leid, aber ich kenn Ihre Ideen! Zinsler. Sie thun ja grad so, als ob ich ein bedenklicher Charakter wär! War mein Plan wegen der neuen Gasanstalt vielleicht net gut? Mein Projekt war nämlich vor Allem, nimmst 15 Millionen Schulden auf — Pater Car l. Das is a guter Gedanken ! Zinsler. Aber mir scheint, die Commune is mir d'ranf kommen und schnappt mir jetzt meine Idee weg. Pater Carl. Und die neue Religion, die Sie im verflossenen Jahr ang'fangt Huben? Was war'S denn mit der? Zinsler. Famos is g'wesen, aber die Zeit war zu schlecht für's Kleingewerbe. Pater Carl. Und wie war er denn beschaffen Ihr Glauben? Zinsler. Erstens waren wir gegen das Wiedersehen nach dem Tod, wir haben nämlich alle zu viel Gläubiger! Dann wollten wir uns die Bischöf selber wähl'n, weil jeder neue Bischof hätt ein Einstand zahlen müssen. Pater Carl. Aber an Gott haben's doch glaubt? Zinsler. Nein! Wir waren sehr gespannt mit Gott. Bei uns war nur das Irdische göttlich. Man sagt ja auch, das Bier iS göttlich, die Patti iS göttlich u. s. w. 5 Pater Carl. Aber ein Himmel hat's do geben bei Euch? Zinsler. O ja! Pater Carl. Und wer hat denn g'wohnt da oben im Himmel? Zinsler. Der Sothen. Wir waren in dem Punkt Materialisten, für uns hat nur das Greifbare existirt. Nur was wir sehen, war für uns da. Der Greisler z. B., bei dem kann man was aufschreiben lassen, den gibt's. Pater Carl (lachend). Ach ja, so machen Sie das? ZinSler. Ergo war die Humanität unser Gott. Wer was hergeben hat, war bei uns ein Engel. Bei zehn Gulden haben die Heiligen ang'fangt und hat nach'n Krach aner fünfe her- g'schenkt — das war a Wunder! Aber wie wir haben wollen bei der „Bretzen" die erste Meß lesen — san mir aber untersagt wor'n. Pater Carl. Also nicht reussirt? Zinsler. Ueberhaupt lassen's mich mit dem letzten Jahr ans! Bis auf die Nordpolfahrer iS ja da jeder Mensch z'Grund gangen. Pater Carl. Na, und was ist denn Ihre neueste Idee. ZinSler (die Hände sich reibend). Eine brennende Frage! Pater Carl. Und die war'? Zinsler. Ein LeichenverbrennungS- Verein! (Da Pater Carl unruhig wird). Aeußerst billiger Tarif. Der dickste Herr zu 15 fl. sammt der Urne. Aber da bleibt nicht eine Zechen über. Hoher Adel wird bei bengalischem Feuer verbrennt, Kinder bis zu vier Jahren zahlen die Hälfte, Schwiegermütter unentgeltlich. Pater Carl (auf- und abgehend, für sich). Also wieder dabei, eine vernünftige Idee durch unberufene Einmischung zu ruiniren! Zinsler. Denkens Ihnen, ich Hab' alle Aussicht, daß sich der Magistrat betheiligt, weil er da auch noch den !Todten einhatzen kann. Die Statuten einfach und überraschend! Paragraf I. Jedes Mitglied zahlt monatlich 30 Kreuzer — Pater Carl (stehen bleibend). So? Wofür denn? Zinsler. Von was lebet i denn, bis alle Mitglieder verbrennt san? Pater Carl (vorwurfsvoll)- Und Sie haben wirklich net so viel Rücksicht vor einer Zeitfrag, die Berufene lösen müssen, daß Sie im Hintergrund bleiben. Zinsler. Aber, geistlicher Herr, lesen's doch ehnder die Statuten, (will ihm dieselben geben) Wo ich Nachweis, wie gesund das Verbrennen is! Lesen's z'erst, wie billig ich ganze Familien hineinfeu'r und daß es im Abonnement viel billiger kommt, und nachher schimpfen's! Pater Carl (drohend). Ich sag' Ihnen, in diese Sach' werden Sie sich nicht hineinmischen! Zinsler. A, bravo! So reden Sie mit mir, wo Sie hätten an der Spitze vom Ofen stehen können? Ich knmm' her, damit Sie mir a Paar- Hundert Gulden leihen, die Selchkuchel zu einer Prob' überlassen, daß Sie als Präsident — Pater Carl. Noch so a Wort, und ich laß'n wegführ'n, den Herrn. ZinSler (zornig). Sehr schön! das is also mein Dank? Wissen Sie, daß ich Ihnen seinerzeit gar nicht anzünd? Lassen Sie Ihnen verbrennen, wo Sie wollen, in mein' Ofen kommen Sie mir nicht hinein! Pater Carl. Man waß net, soll man lachen oder wanen über den Menschen! Zinsler. Weinen wer'n Sie erst, wann Sie die Urnen sehen, die ich auf'n Häferlmarkt einkanft Hab. Schaun'S Jhnen'S nur an, mein Magnesium, mein kohlensanres, mein Petroleum und mein Vitriol, Sie wer'n nicht ang'schütt' 6 damit, mein Ehrenwort d'rauf! Sie glauben vermuthlich ich kann nix, hehe! Wissen Sie, daß ich alle Tage probir? Das kein Viech sicher iS im ganzen HauS vor mir, daß heut Nacht ein Küniglhaas in Flammen aufgangen iS, daß — halt, richtig! (Zieht ein Papierl au« der Gilettasche.) WaS glauben'«, waS das war? A Gasbock! Gestern iS er noch auf der Glacis spazieren gangen, (er schleudert mittelst eine- Nasenstüber« die Asche in die Luft). Heute iS er a Stäuberl mit sammt die Hörndel — so verbrenn ich! Pater Carl. Schauen'S, es gibt Kämpfe, Freund, die leicht lächerlich wer'n, wenn sich der Unverstand betheiligt — Käinpfe — ZinSler. Leihen also nichts? Treten dem Vereine nicht bei? Pater Carl. Nein, im Gegentheile, wo ich Ihnen hinderlich werden kann, soll'S geschehen. Sie san a Handschuh- macherg'sell, machen's Handschuh! ZinSler. Nur zu! Woll'n nicht Präsident sein? Pater Carl. Gott behüt mi! ZinSler. Selchkuchel auch nicht? Pater Carl. Im Gegentheil, ich wert»' die Polizei aufmerksam machen, daß Sie auch schon Los' auf Raten verkauft haben. ZinSler. Ich weiß, das war nicht schön von mir, aber immer besser! Also Clericaler durch und durch? Fähig zu Allem? Pater Carl (will ans ihn zu). Aber Freund — ZinSler. Geh'n'S weg — könnten mich höchstens in die Hand beißen! Pater Carl. Narr! ZinSler. Aber ganz gut — man muß seine Leut kennen lernen. Also Feindschaft bis zur Urne! Zahn um Zahn! Sie wissen von mir was —! ich weiß was von Ihnen! Pater Carl. Von mir, und das wär? ZinSler. Eine G'schicht, Hochwürden, eine G'schicht — wann die public wird, stehen Sie so klein da, daß Sie (zieht ein kleines Hiiferl hervor) also verbrennter in meiner Urne Numero Eins Platz hätten. Eine fürchterliche G'schicht! Pater Carl. Und ich, der Pater Carl, der barmherzige Bruder — ich wär der Held dieser Affair? ZinSler. Ich sag Ihnen, die Civil- ehe kriegen wir aus Rache, wenn ich das der Negierung erzähl'. Aber Sie wollen'- ja nicht anders. (Packt seine Sachen zusammen, indeß Pater Earl unruhig auf. und abgeht.) Unberufener Mensch, ich! Ideenruinirer! Vorurtheil! Handschuh ! (Hat endlich Alle« beisammen.) Wir reden uns noch, geistlicher Herr, denn meine Feindschaft geht bis zum Ofen- thürl, weit hinaus übern Rauchfang! Pater Carl (nachdenkend). Und er red't so bestimmt, als wenn er wirklich was wußt. ZinSler. Eie woll'n mir den Betrieb einstell'n? Gut werd' ich der Welt erzähl », wie man barmherziger Bruder wird. Sie werden dann gemieden sein, wie die Pest — die Kettenbrücken zwischen uns ist abgebrochen Pest bleibt hier, — Ofen geht, ich empfehl mich, geistlicher Herr! (Schnell in die Apotheke ab.) Sechste Scene. Pater Carl allein. Pater Carl. Er iS wohl verrückt halb und halb, wie kommt er aber ganz ohne Grund ans so ein' ! Anklag? Himmel —welche Erinnerung und g'rad in dem Augenblicke! 7 Siebente Scene. Voriger. Mali (ärmlich aber nett ge» kleidet). Mali (bleibt unter dem Eingang stehen und seufzt mehmüthig.) Geistlicher Herr! Pater Carl (auf sie zutretend). Wie, Kind, Du suchst mich auf — mich, der ich Deinetwegen heut' in diesem Kleid? — Was is Dir denn g'scheg'n? Mali. Net wahr, es iS a bissel sonderbar, daß i grad bei mein' Todfeind anklopf, aber — Pater Carl. Todfeind? Ich? Dir? Vielleicht darum, weil Dir damals der Mediciner net g'fallen, weil Dir sein Bruder, der junge Officier mehr in die Augen g'stochen hat —? Ich bin Dir heut dankbar dafür! Mali. Sie hab'n mir also die Kränkung verzieh'« ? Pater Carl. Vom Herzen, denn Du hast mir dafür eine neue Welt er» schlossen, die der Leidenschaftslosigkeit! Ich bin damals aus Zorn in - Kloster gangen, um Dich zu ärgern, aus BoS- heit möcht i sagen — aber bald Hab ich in unsere Krankenzimmer die Erfahrung gemacht, daß eS noch ein edlere Lieb gibt, als die zu einem einzelnen Weib, — die Lieb zur ganzen Menschheit! Damals vor sechs Jahren, bevor ich Theologie studirt Hab, bevor ick Priester wor'n bin, warst Du mein Mali. Jetzt (auf die Krankenzimmer deutend) iS mein Mali das Unglück, und das iS eine verläßliche Person, die kummt immer wieder, die verlaßt mi nit, und ich bin Dir daher verpflichtet für die Bekanntschaft, die ich da herin g'heirat Hab. Mali. Gott sei Dank, daß Sie mir Alle- vergeben. Pater Carl. Ich war wohl auch Patient 1t Tag damals, moderner — bin, schroff abg'wiesen von Dir, eilend- hin auf die Ferdinandsbrucken — will schon' nunterspringen, da fallt mir ein: IS sie bestraft, wann ich waschelnaß werd'? Nein, denk ich mir! Denn bist amal todt, bist auch vergessen. Du mußt aber eine Art Trauermarsch bleiben, der iu ein' Hochzeitswalzer hinein klingt, mußt bei ihr die Erinnerung wach halten an a vernichtete Existenz. In'S Kloster mit Dir — damit sie weiß, daß Ihretwegen ein Mensch sein Leben vertrauert — aber schau, der liebe Himmel hat'S eing'richt, daß ich just bei die Barmherzigen anläut, daß ich mich hier in die gesammte Menschheit verlieb und daß ich heut abseits von der modernen Unterhaltung die schönsten Stunden verleb. Mali. O, ich bin glücklich, daß Sie Ihren Frieden g'fnnden hab'n. Pater Carl. Na. und mein Bruder — i hör nix von ihm — aufrichtig g'sagt — wir sind uns a Bißel fremd seit damals — seid'S denn no net verheirat ? Mali (weinend). Geistlicher Herr — Pater Carl. Also ledig? Schau, schau! Und das klane Geschöpf, was gleich im ersten LiebeStrubel um jeden Preis hat das Licht der Welt erblicken müssen — ? Mali (bitterlich weinend). O, wann Sie Alles wußten, Hochwürden! Pater Carl. Ich waß aber gar nix! Also red, mein Kind, red! Mali. ES san jetzt g'rad sechs Jahr — Sie waren damals Student, Ihner Herr Bruder war Lieutenant — Pater Carl. Und du warst a brave, solide MesserschmiedStochter vom Strozzi- schen Grund. Aber wann der Strozzische Grund auch ein Grund iS — ein Grund zum Liederlichsein iS er doch nicht. Mali. Ja. wann ma da- immer bedenket. Aber Sie — net böS sein, geistlicher Herr — Sie hab'n mir net g'fall'n. 8 Pater Carl. War mir sehr unangenehm damals — aber siehst, leb jetzt do no. Mali. Jhner Herr Bruder hingegen war so viel sauber, reden hat er können wie a Buch — 's Heiraten hat er mir a versprochen — Pater Carl. Aber, wie halt das schon is bei die modernen Institute, is halt nicht eing'löSt worden der Coupon. Mali (erzählend). Er hat richtig qnit- tirt, und endlich is der Tag ang'ruckt, wo ich mein alten Vätern Hab Alles entdecken wollen — da — da — da schreibt er mir, er muß rasch fort auf drei Monat. Pater Carl (staunend). Aber, daß Alle g'rad in dem Augenblick immer fort müssen. So oft Hab ich das schon! beobacht. Mali. In dem Brieferl war a Geld, damit ich in der schweren Stund net mittellos bin — ein Hunderter war's, den ich ihm auf der Stell z'ruck- g'schickt Hab. Mein' ehrlichen Namen will ich, Hab ich ihm geschrieben — aber ka Geld! Pater Carl. Na, und er? Mali. Kein Antwort! Ich frag nach, ob er fort iS — er war gar net verreist. Ich will zu ihm, man laßt mi net vor! Ich schreib wieder — Alles umsonst! Da — nach wochenlangem Weinen — eS war das mein letzter HoffnungSanker — schleich ich mich fort in einer Nacht, lauf hin in sein Gassen und wart hingekauert beim Thor, bis er z'haus kommen wird. Endlich — nach Mitternacht saust a Fiaker daher; lustig, vom Champagner > erhitzt, springt er singend heraus, wirft dem Kntscher a Banknoten hin, der fahrt über Stock und Stein, und ich und der Fritz san allan auf der Straßen unter Gottes freiem Himmel. Pater Carl. Aber Kind, hätt er Dir's bei der Nacht schriftlich geben sollen? Mali. Er langt nach der Glocken, da umfaß ich seine Knie, will'» frag'n, bitten, beschwören, aber die Stimm versagt mir und ich spür'S, wie er mich unwillig wegdrängt von sich. Ich stamme! was von Erinnerungen, daß ich ohne ihn nöt leben kann, daß die Sckand meinen Vätern unter d' Erd brächt, und daß er sein heiliges Ehrenwort einlösen soll —da, Hochwürden, das war wie a Stich in's Herz, wie a Blitzschlag in'S Gehirn, als ob sich der Wahnsinn niedersenket in dem Augenblick auf mein Denken, und als ob sich in dem Moment meine Lieb in unauslöschlichen Haß verwandelt hätt, denn wissen Sie, was er gesagt hat zu dem Weib, das sich vor ihm gewunden auf der Erd?— „Was willst Du denn von mir, Du liederliches Ding? Du brauchest halt einen reichen Vätern für die Frncht der Siind?" Pater Carl (auffahrend). Das hat mein Bruder — ? Mali (athemlos). Bevor ich aber ein Wort g'funden Hab' ans diese Anklag', bevor ich noch gesammelt war, der Sprache mächtig und fähig, den ganzen Schimpf zn fassen, war er fort. Pater Carl. Vielleicht hast Ursach' geben zur Eifersucht? Mali (abwehrend). Nicht- — nichts — nichts. Pater Carl. Vielleicht haben böse Lent' was g'redt'? Mali. Nicht-, Hochwürden. Ich war ihm einfach lästig, denn er war bereitverliebt in viel a Schönere als i. Aber war eS deshalb nöthig, mich zu treten? Was wär'S denn weiter? Hält' er mir- vertrant. Hätt' er doch offen g'sagt: Mali, stell' Dich meinem Glück nöt in Weg — Herr, weiß Gott, eS wär mir 's Herz gebrochen dabei, aber so thener war mir der Mann, daß ich mit Thrä- 9 nen in die Augen vor Frend' und Schmerz g'lacht hätt' an sein Hochzeitstag. So aber hat er die Mutter seines KindeS wie einen Hund behandelt. PaterCarl. Und was war'S mit'n Kind? Mali (sich die ThrSnen trocknend). Wie a Diebin hah' ich bei mein' Batern auf Ausreden sinnen müssen, a weitschichtige Tant hat mir beim Lügen g'holfen, derweil bin ich arm wie a Dienstbot hin- g'schlichen in das HauS, wo die Kinder auf d' Welt kommen, deren Väter nur so viel Courage haben, a Weib zu täuschen, aber nöt den Muth, die Schuld mit ihm zu tragen. Pater Carl (forschend). Und eS iS im FindelhauS verblieben? Mali (überglücklich). Ich hab's bei mir. Pater Carl. Ohne daß Dich Dein Vater z'rißen hat? M ali. A guter Gedanken von meiner Tant hat mir mein Mutterrecht gewahrt! Sie hat mein' Vätern eing'redt, daß man sich bei die schlechten Zeiten um ein ehrlichen Verdienst umschau'n muß, daß man bei die Kosikinder. die man aus'n FindelhauS kriegt, was erübrigt, und auf die Art haben wir die kleine Wettel seit sechs Jahren im Haus — Pater Carl. Ohne daß der Vater waß - Mali. Daß das arme Madel das Kind is von seiner eigenen Tochter! Und da- derf er a sein Lebtag net erfahren, es brächt'n unter die Crd. Pater Carl. Ja, i laß'S net auS- trummeln. Na, und red', soll ich hin zu mein' Brüdern, der bös iS auf mich, weil mein Hab und Gut dem Kloster zugfall'n is, soll ich ihm zureden, daß er sein Unrecht- Mali. Net um die Welt! Denn ich haß'n, ich verabscheu'«, e- iS unweiblich, wann ich'- sag. daß ich lachen könnt' an sein Todtenbett, aber, weiß Gott, ich thu'S — Pater Carl. Geh, geh, geh, wird nöt so arg sein! Oder soll ich ihm sagen, daß er ein Beitrag leisten sott für das Kind? Mali. Ich, was nehmen von dem Mann, der im Stand war zu glauben, ich spiel mit dem Heiligsten Comödie? Ich, was nehmen für a Kind, das er nicht für das seinige hält? — Eher verhunger ich damit! Pater Carl. Also ganz unversöhnlich? Und hast nix für ihn als Verachtung? Mali. Und will mi freuen wie a Kind, wann i hör', daß ihm ein Unglück passirt iS. Ihnen bitt' ich aber, daß'S ihm sagen, ich brauch keine Brief von ihm, i nimmS nöt an, i leS'S nicht, die Schrift wär' mir verhaßt. Pater Carl (erstaunt). Er hat Dir g'sckrieben? Mali. Sagen'S ihm, ich hätte Sie gebeten, ihm den Brief uneröffnet z'ruck- zubringen Ihnen, sein Brüdern, hätt' ich'S erklärt, wie ich denk' über ihn. Pater Carl. Gut! Aber ich, ich derf'S ja lesen. Mir hat er ja nöt 'S Heiraten versprochen. (Erbricht den Brief und liest.) »Mein Fräulein! Vielleicht iuteressirt es Sie, zu erfahren, daß ich an dem Morgen, da Sie dieß empfangen, nicht mehr —" Mali (HSrt die ersten Worte gleichgiltig an, sängt plötzlich »u zittern an). Pater Earl. Heiliger Gott — mein Bruder — Mali. Was schreibt er? Daß er nicht mehr? — — Pater Earl. Nicht mebr am Leben ist! - Mali. IesnS Maria! (Stürzt wie leblos zu Boden.) Pater Carl. Und Du willst ihn hassen, verabscheuen? — Du hast lachen wollen an seinem Todtenbett-— Du? Mali (erhebt sich und ruft, von einem Sedanken erfaßt). Aber ja, ja. es steht ja d'rinn — (vor Freude lachend), morgen, 10 morgen — heut lebt er noch! Hochwürden, noch ist es Zeit, Sie können ihn noch retten! Pater Carl (seinen Hut ergreifend). In Gottes Namen, ich versuch's. (Im Hintergrund schleicht Zinsler herbei, den Prior des Stiftes mit sich ziehend.) ZinSler. Seh'n Sie's, Herr Prior, die dort war's! Prio r. Nichtswürdig! Pater Carl (sich fort und fort mit dem Schnupftuch die Augen trocknend, da Mali bittend sich an ihn klammert). Na ja, ja, ich thu ja Alles für Dich und Dein Kind, ich geh ja schon. Vielleicht cnrir ich ihn und Dich, denn ihr Alle seid's ja doch nichts anders als moderne Patieiüen! (Gruppe.) Der Zwischen-Vorhang fällt Verwandlung. Zweites Md. (Abends.) (Elegantes Garyonzimmer bei Fritz Steindl; Mittelthüre, welche offen steht und Aussicht in ein entsprechend eingerichtetes Vorzimmer gewährt, das durch eine Hängelampe erleuchtet ist. Rechts vom Publikum eine Seitenthüre. Links in der Ecke des Prospektes ein Erker, wie sie an den Ecken der neuen Ringstraßen Häuser zu sehen sind. Man sieht durch die Fenster desselben die beleuchtete Stadt.) Erste Scene. (Aus jenem Hause, welches dem Erker gegenüber liegt, klingt Tanzmusik herüber; der Bediente Jacob, welcher eben eine große Lampe aus dem Vorzimmer bringt, bleibt lauschend stehen). Jacob. Wirklich großartig, wie'S heut bei dem Millionär d'rüben zugeht! Diese Equipagen und die Beleuchtung — so a Reichthum! G'horsamer Diener, da Wern a mal die Armen a Geld kriegen, wann der die Augen zumacht! (Musik verstummt. Tritt nach vorne und stellt die Lampe auf den Tisch. Man hört von einer Dachkammer herab die Klänge einer Harmonika.) Uj Jesses, der Flickschneider im Bodenkammerl! Untersteht sich so a Mensch, heut fidel zu sein, wo der Baron einen Ball gibt. Aber es iS Zeit, daß ich aufbett' d'rinn für'n gnädigen Herrn. (Auf dem Weg stehen bleibend.) Wenn ich so denk, daß dieses Volk, was arbeitet, kein besseres Kissen hat, als ein gutes Gewissen, ich begreif nöt, wie man auf so was schlafen kann. (Rasch durch die Seitenthüre ab.) Zweite Scene. Fritz Steindl, eine elegante Figur, Monocle in'S Auge gezwängt, eine Cigarre in der Hand, kömmt »lach entsprechendem Melodram langsam durch'S Vorzimmer, bleibt, sich mit der Zigarre beschäftigend, unter der Thüre stehen und singt reflectirend, nur nach und nach vorwärts kommend, Hut und Handschuhe ablegend: Für was als man lebt? Es iS rein nmasnnst. Was neues zu finden, das wär ja a Kunst; 11 In der Früh, wann ma anfslehl, die Zeitungen nimmt, Steht d'rinn' alle Tag nur das Nämliche b'stimmt; Daß ma gut sein mit Rußland und gut mit Berlin, Ueberschwemmnng und Wasser, ka Geld hier in Wien, Und daß's net bekannt iS, was's wern wird mit'n Gas — Kurz immer und immer der nämliche G'spaß! Ja, wann's mir so ginget, wie dem da drüben, K I». donlieur! Der waß doch, warum er lebt! Aber ich? Ich komm' mir vor als wie ein Eisenbahnzug. Das Schicksal ruft: Eiusteigen, fertig! Trara! Und ich kann jeden Augenblick abfahren! — Jacob! Dritte Scene. Boriger. Iacob (von rechts). Jacob. Befehlen Euer Gnaden? Fritz. Den Brief auf die Post gegeben ? Jacob. Sau Alle im Kastel, bis auf den an die Messerschmiedstochter, den hat der Hausmeister mitg'nommeu, weil er sich bei ihren Vätern sei Knchel- messer holt. Fritz. Der an die Schauspielerin auch expedirt? Jacob. Krieg'« ihn alle Morgen in der Früh. Fritz. Gut. Marsch! Jacob (für fick,). So Hab' ich'S gern, weil man'S glei merkt, daß mau bei wem is. Denn diese anständige Behandlung bei der bürgerlichen Claß. — Fi donc! (Will fort.) Fritz. Halt! (Jacob bleibt stehen.) Wann geht der letzte Zug von der Franz-Josefs-Bahn? Jacob. Ich glaub, um halber Zehn. Fritz (für sich, beinah erschreckt). Er wird doch nichts gemerkt haben von meinen Selbstmordgedanken? (Laut). Noch Eins. Wenn ich amal stirb, heut' oder Morgen, die Uhr dahier, die Knöpf, meine Ring g'hören ihm. Jacob. Wie befinden sich denn Euer Gnaden? Fritz. Und jetzt hinaus! Jacob (für sich). Fahrt Ein schrecklich an, aber nutzt Alles nix — is elegant. (Ab durch die Mitte.) Viert e Scene. Fritz allein. Gott ist allmächtig, lernt man in der Schul! Wie ich so ein Katecheten Lügen strafen könnt! (Zieht die leeren Hosentaschen heraus.) Soll da zwa Gulden anssa nehmen, Gott, wann er's im Stand is! Das weiß ich, die Religion bringt mich nicht ab von meine Entschlüsse. (Zieht die Brieftasche). So viel Hab' ich g'rad noch, um in der ersten Class' bis Nnßdorf zu fahren — und dann schöne blaue Donau nimm' mich auf. Noch a gute Zigarren her, noch a Blick auf meine Herrlichkeiten und Abschied genommen von Allem! (Grüßt ein Bild.) Net bös sein Papa — mein Gott, zu Ihre Zeiten war Alles billiger, Sie haben leicht reden. (Zn einem Zweiten.) Adieu Mama, Sie hab'n immer g'sagt, ich werd a Lump — Recht hab'n'S g'habt. (Zum Secretär). Servus, alter Schreibtisch, gelt? — hast zu viel dalkerte Liebesbrief herhalten müssen, reich mir a Ladel zum Abschied; lebt's wohl -Alle — lebt'S wohl! 12 Fünfte Scene. Vorig er. Stowaßer, (ein pensionirter Fiudelhausschreiber, großer Mann, bramar- basirend, militärische Figur). Stowaßer. Pardon, Herr Nachbar, stör' ich vielleicht? Fritz (für sich). Ui JeseS, der alte Stowaßer, der allen Leuten S'Umbringen anrath't. Stow. Bring' die Abendblätter zurück. (Legt dieselben zurück). Sehr interessante Nachrichten! (Reibt sich die Hände.) Einfacher, zweifacher und dreifacher Selbstmord. Fritz. Und das heißen Sie interessant ? Stow, (bramarbasirend). Weil's Necht haben die Lent. Ich bitt' Sie, was hat man denn auf dieser Welt? Nichts als das Bissel Esse«, Trinken, Schlafen, sich unterhalten, was zu schenken kriegen, auf'S Land gehen u. s. w., ah — es iS zum AuSderhautfahren! Fritz. Aber erlauben Sie mir, Herr von Stowaßer, Ihnen geht ja eigentlich gar nix ab. Sie haben Ihre Pension vom FindelhauS. Stow. So, soll ich die a net hab'n? Fritz Hab'n eine Fran mit ein Vermögen. Stow. Hätt' ich vielleicht a Bettel- weib heirath'n soll'n? Fritz. Haben einen Sohn, der Ihnen auch noch unterstützt. Stow. Die 700 Gulden S'Iahr, das iS a Tusch! Fritz. Sein frisch und g'sund. Stow. Ja, soll i krank a no sein, da müßt ich ja doch gleich a Pistolen nehmen und — Fritz. Es geht Ihnen ja eigentlich gar nix ab! Was lamentiren'S denn so herum? Stow, (entrüstet). Sehr gut! Also die paar Groschen und weil ich im Sommer am Land logir und iß und trink und fahr' und a Bissel herumras — das iS a Existenz? Reden Sie a so wie die Andern? Ich bitt' Sie, was Hab' ich denn heut' g'macht den ganzen Tag! In der Früh liegt man schon ans Zeitlang bis Eilfe im Bett. Fritz. So thät i halt was! Stow. Sehr gut, arbeite» a no? Für so a Leben dankert ich. Aber einen Tag wie den andern! Man steht auf, frühstückt, geht spazieren, raucht a Zigarre nach der andern, mittagmahlt, schlaft — Fritz. Fahrt wohin, jausent, nachtmahlt — Stow. Kummt herein antostelt, trinkt ans lanter DeSperation a Paar Krügel Bier — setzt sich dann in'S Kaffeehaus, damit der Tag aus wird, oder spielt Billard — Fritz. Gewinnt a zehn — fünfzehn Gulden — Stow. OefterS mehr a — aber kann das eine Anregung sein für ein Charakter? Ich versichere Sie, wann meine Frau uit war' — die der Schlag treffet, eine Kugel vor'n Kopf» das wär' noch meine einzige Passion. Fritz (forschend). Sie glauben also auch, daß man Heutzutag nichts G'scheid- tereS thnn kann — Stow. Als ein rasches End'! Wann ich mir'- so anschau, wie sich Mancher herunter wurstelt, wegen die paar Gulden, mancher Mensch, dem leicht g'holfen wär, wann ihm irgend ein Faullenzer die paar Kreuzer schenket, so ein Kerl, der den ganzen Tag net weiß, was er vor Zeitlang anfangen soll. Fritz. Ja, es gibt so Menschen. Stow. Aber martert sich lieber zu- samm', so ein G'frettbrnder, statt daß er Ans, Zwa, Drei — bum! ich versteh' die Leut' nicht. Fritz. Sie finden eS also begreiflich, daß in der neueren Zeit alle Augenblick ein Anderer — 13 Stow. IS denn da- überhaupt eine Welt, für die man sich opfert? Was such' ich denn in dem Nest — Europa? Ich sag' Ihnen, bis daher Hab' ich'S. Fritz (erzählend). Was thäten Sie dann erst, wenn Sie z. B. 35 Jahre alt wär'n — Stow. Laugenessenz oder Bitriol. Fritz Hören'» mich doch nur ehnder an — und Sie hätten ihr ganzes Geld anbracht? Stow. Frag' ich Sie, iS da der Galiziberg nicht der beste AnSwkg? Fritz. Wann Sie von einem Mädel auf das Schändlichste betrogen worden wären? Stow. No, was red', ich denn immer? Da geh' ich am Boden, such' mir ein Dippelbanm ans — Fritz. Und wann Sie dann eine Schauspielerin kennen g'lernt hätten — Stow. Eine vom Theater! Gleich in'S Wasser. Fritz. Ein Mädel, für das Sie mit Freuden das Letzte hingegeben haben, damit sie endlich beim Kirschner zum ersten Mal auftretcn kann, damit sie, ihr Mutter und der Kirschner a Freud' erleben — Stow. Alles in die Donau. Fritz. Und wann Sie sich auf ein» mal sagen müßten! Du bist ein Bettler, kannst nix mehr thun für den Engel und stehst zwecklos da auf der Welt? Stow. Und da können Sie noch fragen? Wann ich ohne Kreuzer Geld dasteh? Glauben», ich lasset mich aus- lachen von die Leut? Nimm' ich mir im Hotel a Zimmer, sperr ab, bleib' aus Menschenhaß die Zech schuldig, und Punkto Zehn zieh' ich das Futteral heraus — Eins, Zwei, Drei, bums — aus! Fritz. Meiner Seel', Sie haben Recht! Stow. Soll ein Ehrenmann, der Alles verputzt hat. vielleicht auf einmal zum Arbeiten anfangen? Fritz. Net wahr, das wär' so a Blamasch? Stow. Soll ein gebildeter Mensch, der nie vor Zwa z'HauS kommen iS, vielleicht nachher um Sieben im Bett liegen, und um Sechse aufsteh'n in der Früh? Fritz. Was, daß er sich lächerlich machet? Stow. Kann ein Mann von Charakter, der in seinem dreißigsten Jahr ohne Stellung dasteht, der nie a Zeit g'habt hat, was z'lernen, vielleicht jetzt anfangen, sich hinterher zu bilden, damit das dalkerte Volk, was was kann, S' Maul halt? Fritz. Als ob das a Kunst wär, was können? Freilich wird'S Stimmen geben, die — Stow. Die faden Leut', die sich auf die Sittenrichter Hinausspielen, wer'« sagen, hätt' sparen sollen und dergleichen.' Fritz. Als ob man da die Leut dazu brauchet? Stow. Hält' ein anderer Mensch werden, hätt' sich an seine Eltern erinnern soll'n — Sie kennen ja das Wischiwaschi. Fritz. Und da» Alles kann einen Charakter nicht umstimmen — Stow. Schon deßweg'n nicht, weil da» Volk sonst höchstens glaubt, man steht an, auf seine Achtung. Sie! — der Gedanken — wann ich wußt, daß die Leut' auch von mir denken könnten, ich speculir' auf Ähner Achtung — und mann nicht meine Frau wär' — eine Kugel vor'n Kopf, wär' noch meine einzige Passion. Fritz. Ja wann ma so a Frau hat, wie Sie, die immer der Schlag trifft, kann man leicht reden! Aber was soll ich lang herumlaviren (sich setzend). Herr Stowaßer — ich selber bin der junge Mensch! Was sagen Sie jetzt. Stow. Was? Wie wären? Sie haben Alle» (deutet mit den Händen da« Seldverputzen an). Und Sie selber wollten ? 14 (Weich). Unglücklicher, junger Mann, welch' entsetzlicher Gedanke! (Langsam wieder in seine Tonart einlenkend.) Freilich, wenn ich bedenke, wie Sie damals von jener Mali — ich war ja der Erste, der Ihnen, fern von jeder Plauscherei, eine Mitteilung — Fritz. Und d'rum reden's, Hab' ich Recht oder nicht, wenn ich ein End' machen will? Stow. Herr, was soll ich da sagen? Soll ich Ihnen einreden, daß man auch als armer Mensch glücklich sein kann? Was? Soll ich Ihnen kommen mit derer Kreuzerlabelpoesie? Soll ich Ihnen eine Unterstützung antragen? Was ge- niren mich a paar hundert Gulden? Aber sind Sie der gemeine Mensch, der sich ohne Aussicht auf's Z'rnckzahl'n dem Schein des Herausfiloutirens aussetzet? — Freilich nach einer solchen Vergangenheit wie die Ihrige, ich be- greif's! Fritz. Sie werden mich aber ver- theidigen vor der Welt? Stow. Da fragen Sie noch? (Enthusiastisch.) Wie gern sterbet ich mit Ihnen, denn diese Welt mit ihre Enttäuschungen, beim Fenster möcht' man hinaus — Fritz. Aber Sie könnten Ihnerer Frau auf'n Kopf fallen! — Doch eine Vitt! Gehn's mir morgen zu meiner Irma! Sagen's Ihr, daß ich die Welt verlassen Hab', weil ich ihr nicht mehr nutzen kann, weil ich arm und hilflos worn bin — Stow, (geröhrt). Werd' ihr sagen, daß mein Zureden nix g'nutzt hat — Fritz. Daß ich ihr Glück wünsch' für's ganze Leben — Stow. Und daß Sie das Bissel, was noch da war, mir (bis zu Thräueu gerührt.) ihrem einzigen Freund, dem alten Stowaßer (ihn umarmend) zum Andenken hinterlassen haben. Fritz. Ich Hab' zwar kein Wort g'sagt, aber in Gottesnam ja! Stow, (vor Schmerz brüllend). Nein' diese Welt, diese undankbare; das Volk, das schlechte! und wie ^nan einen solchen Menschen behandelt, daß ihm aber rein gar kein anderer Ausweg übrig bleibt. (Ihn noch einmal umarmend). Steindl! sagen mir im Tod Du zu einander! (Küßt ihn). Freund, Bruder — Du sagt er zu mir, das halt i uöt aus! (Stürzt durch die Mitte ab.) Sechste Scene. Fritz allein. Fritz (auch gerührt). Wenigstens Aner, der mich begreift. Aner, der das große Maul der Welt stopfen wird. Soll nur morgen wer loszieh'n über mich, der wird ihnen schon 's Wilde hernnterrän- men ! sMan hört läutens. Noch a Besuch? Wer ist's? Siebente Scene. Voriger. Pater Carl. Pater Carl. Ich bin's, Dein Br uder. Fritz. Du, heut', jetzt in dem Augenblick? P a t er Carl (freudig). Ja, und fort- geh'n thu i a nimmer. Fritz. Aber ich bin ja bös ans Dich. Pater Carl. Gelt, und doch bin ich so keck. Fritz. Denk' nur, z'erst die Mali — Pater Carl. Natürlich, da Hab' ich mich infam benommen. Fritz. Dann gehst Du in's Kloster, schenkst Dein Geld 'n Stift, und wann Dein Bruder was braucht — wie steht er da? Pater Carl. Und doch bin ich so indiskret und nimm Dich bei der Hand 15 — (thut dies.) druck Dich an's Herz und bußel Dich ab und dank' unfern Herrgott, daß ich Dich find' frisch und g'sund. Fritz. IS mir leid, ich muß fort. Pater Carl. Geh' i mit. Es is zwar schon halber Zwölfe, aber das iS ja die schönste Zeit zu einer Unterhaltung. Fritz. Oder vielmehr, ich Hab' Wichtiges zu schreiben Pater Carl. Plag'Dich nöt. Mich kriegst nöt aussi. Fritz. Es schickt sich auch gar nicht daß ein Geistlicher so spät in der Nacht außer HauS iS. Pater Carl. Das sag' i a. Fritz. I Hab' kein Bett für Dich. Pater Carl. Schlaf' ich auf der Erd'. Fritz. Ich schlaf' selber nicht zu Haus. PaterCarl. Recht hast, geh'n wir fort miteinand. Fritz. Kurz gesagt, Du bist mir unangenehm. Pater Carl. Noch kürzer, da bleib' ich da. Fritz (mit dem Fuße stampfend). Aber das is ja Polizei, das schaut aus wie eine Beschränkung meiner persönlichen Freiheit — Pater Carl. An contrair. Dn möchst Dich gern auflösen und ick besteh' d'rauf, daß Du beisamm' bleibst. Fritz. Wie, Du weißt? Pater Carl. Ja! Fritz. Die Mali hat Dir — ? Pater Carl. Ja! Fritz. Du bist da, um — Pater Carl. Ja! Fritz. Sie will also sprechen mit mir? Pater Carl. Nein! Fritz. Alter G'spaß! Will a Geld? Pater Carl. Neuer G'spaß! Nehmet kan's! Fritz. Möcht wieder von der Lieb' anfangen? Pater Carl. Au contrair! Fritz (mit dem Fuße stampfend). Also, was willst denn nachher? Pater Carl. Strampfen mit die Füß? Dös kann i a. (Stampft mit dem Fuße). Vor einer Dummheit will ich Dich bewahren. Fritz. So? Wann ich nicht mehr leben will, das Wär' dumm? (Stampft mit dem Fuße.) Pater Carl. Freilich, weil Du gar nöt waßt, was leben haßt. (Stampft.) Fritz. Und das sagst Du mir in mein eigenen Quartier? (Stampft ) Pater Carl. In welchem Quartier als Du willst! (Stampft) Fritz (mit der Hand auf den Tisch schlagend). Hörst Du, was zu viel is, is zu viel! Pater Carl, (nimmt eine Base vom Tisch und haut sie um die Erde). Und jetzt is's mir schon Alles eins! Fritz (wüthend auf- und abgehend). Aber mich, Bruder, mich wirst Du nicht abhalten! Ich Hab' d'rinn' a Pistoln — Pater Carl. Und ich Hab' heraust zwa Händ', mit die ich jetzt schon die Thür zusperr'. (Zieht den Schlüssel ab.) Fritz. Aber dahier liegt ein Dolch — Pater Carl. Den ich soeben in den Sack steck. (Thut es.) Fritz. Aber auf Ans hast Du vergessen, auf'S Fenster, da stürz' ich mich hinunter auf'S Pflaster — Pater Carl. Wann ich Dich nicht herin halten thät' bei die Füß' — Fritz (mit dem Fuße stampfend). Du willst mich also durchaus nicht umbringen lassen? Pater Carl (mit beiden Füßen stampfend). Nein! Fritz. Aber wann mich 'S Leben nimmer freut? Pater Carl. So werd' ich Dir'S zeigen, wie man'S genießt. 16 Fritz. Soll i mi auslachen lassen von der Welt? Pater Carl. Gewinn' ihr eher a Achtung ab, nachher lachst eS Du aus! Fritz. Ich Hab ka Geld. Pater Carl. Da müßt sich heut' ganz Wien vergiften. Fritz. Wo soll i An'S hernehmen? Pater Carl. Berdien' eins! Fritz. Aber schau, red'n wir ruhig d'rüber. Ich steh' ohne Freund da — (Musik im Hause vla-L-vi».) Pater Carl. Is net wahr. Fritz. Ich Hab' kein Zweck auf der Welt. Pater Carl. IS net wahr. Fritz. Also, was iS denn wahr? Pater Carl. Daß Du nix bist als a moderner Patient. Fritz. Mir fehlt nix als das Geld von dem Millionär da drüben. Pater Carl. Ich werd' Dir sagen, was Dir fehlt. A LebenSanfgab. Du bildest Dir ein, die ganze Menschheit iS bloS da, um Dich zu unterhalten! Und dann g'hörst zu Jenen, bei denen'S Tagwerk auf d' Nacht anfangt. Je an- ständiger die Gesellschaft, um so g'schwin- der schläfst ein — kummst aber zum Sperl, wirst elektrisch; die Natur iS Dir a Fadaise, in der frischen Luft sangst zum Husten an, im Ballsaal aber, wo a g'sunder Mensch verschmachten möcht', da — wann Du ang'stri- chene G'sichter siegst, falsche Blumen, falsche Haar, falsche Leut — da thaust Du auf, denn in der Unnatur, da bist Du in Deinem Element! Fritz. Also blitzdumm steh ich da auf die Art? Pater Carl. Wann Du da- Unbekanntsein mit der Freude so nennen willst — ja! Wann ein Mensch ver- nunftloS erscheint, sich selber den Krieg erklärt, und gewissermaßen der Carlist seine- Dasein- iS, ja! Ja, endlich, wann Aner zuletzt das aufgeben will, was er schon längst verlor'n hat — sein Geist! Fritz. Wie mich der herstellt! Pater Carl. Wann Du ein Mad'l a G'wand kaufst — das nennst Du Lieb' und so verwechselst Du ein göttliches Gefühl mit gewöhnlicher Gefälligkeit. Du glaubst mehr an Schwott als an Gott und hast nur ein Wesen vor Augen, Dein Ich — Fritz. Und das Ich ist auch die Hauptfach. Pater Carl. Ja wohl, aber da- Ich. daß Du net zu Wort kommen laßt: 'S bessere Ich. Fritz. Bruder — sekir mi net! Schau, ich Hab' schon Brief auSg'schickt an alle Leut' — wann i morgen net todt bin, sink' ich vor Schand in dieErd'. Pater Carl. Es iS Dir also bloS wegen dem Urtheil der Welt! Fritz. So werd' ich wenigsten- bedauert. Pater Carl (für sich). Na. wart, Dich will ich curiren. — Gut, Du sollst sterben, aber nur für die Welt. Sollst in der Zeitung d'rinn stehen als „der bekannte Lebemann mit die' zerrütteten Vermögen-Verhältnisse.* sollst eS kosten, die Nachrede Deiner Bekannten! Red', Bruder — wie willst Du geh'n aus der Welt? (Musik von Außen.) Fritz. Bei Nußdorf in die Donau. Pater Earl. Ja, das than mir. Wir legen Dein Hut hin zum User, Dein Stock, Dein Röckel, die unvermeidliche Brieftasche mit der Visitkarte, ein Sprung — und wir fein auf der Straßen! Dann, täuschend maSkirt, schaust Dir alser Lebendiger die Wirkung Deines Selbstmorde- an — Fritz. Meiner Seel, ich kann ja dann noch immer — Pater Carl. Hörst Dir die Verzweiflung Deiner Irma an, suchst die treulose Mali Ham, und wirst es so am Besten erfahren, ob Du noch Ber- 17 pflichtungen zu erfüllen hast auf der Welt. G'fallt Dir mein Plan? Fritz. Ich schlag ein. Pater Carl. Vielleicht lernst Du dann kennen, daß mancher Glanz erlegen, daß mancher Reichthum - (Man hört aus einiger Entfernung einen Schuß, die Musik verstummt plötzlich, Unruhe von der Straße.) Pater Carl. Was war denn das? (Eilt zum Erkerfenster.) Fritz. Mir scheint gar im Palais. Pater Carl. Beim Millionär? Fritz. Die Massa Leut vor sein Haus! Was muß denn da vorg'fall'n sein? Achte Scene. Vorige. Jacob. Jacob. Euer Gnaden, so ein Ereigniß. Fritz. Was iS denn loS? ^Ja c ob. G'rad' war der Ball drüben im schönsten Gang — die nobelsten Leut' fahren vor nacheinand — da tritt ein Beamter in Uniform ein und fragt nach'n Herrn im Haus — Fritz. Doch nicht Aner vom G'richt? Jacob. A Bedienter lauft zum Herrn — der wird blaß, greift nach ein Revolver — ein Schuß, Alles stürzt hinein — zu spät — denn er war todt! Fritz (ergreifend). Der reiche Mann, der mit die schönsten Pferd im Prater — verhaften haben'S ihn wollen und er iS todt? (Harmonika-Musik ertönt.) Pater Carl. Was wunderst dich denn? Wird halt unpäßlich gewesen sein da d'rinn, war a moderner Patient! Dagegen ist der Flickschneider heut lustiger, als je! Der hat zwar keine ! Million, aber a besser'- Ich, der gibt ! keinen Ball, aber eS klopft auch kein ! Polizei-Commissär an — der iS g'sund! (Gruppe.) Der Awifchen-Borhaug fällt. Verwandlung. Drittes Bild. (Tag.) Werkstätte de- Messerschmiede- Thomas Keppler. MittelauSgang auf die Straße, daneben ein großes Ladenfenster, zwei Seitenthüren. Armselige Einrichtung, da da- Locale zugleich als Wohnzimmer dient. Die bei Messerschmieden nothwendigen Utensilien. Erste Scene. Keppler, rin skhr aufgrregter, immer arg- wöhnifcher, alle Menfchen außforschender Mann von beiläufig 45 Jahren, ist eben bei einem Schleifstein beschäftigt, von dem er jeden Augenblick weggeht, um mit dem vor ihm stkhendrn Lehrburfchen Schorschel zu debattiren. Keppler. Und dort iS Dein Binkel, marsch! Theater-Reperlotr SU». Schorschl. Aber, Herr Keppler, nehmen'- doch Raison an! Keppler. Gute Lehren geben a no? Himmelherrgott, no a Wort und ich zerreiß Dich in der Luft! Schorschl (ruhig). In ein konstitutionellen Staat zerreißt man kane Buben. Und dann Hab' ich überhaupt nix ang'stellt. Da- heißt ja, ich Hab' der Fräul'n Mali a Bouquet bracht — 2 18 aber wer hat mir's geben? Mein Mahm, die Kräutlerin. Keppler (zornig, vorkommend). Wer hat Dir'S geben? Die Kräutlerin? A Mahm? Kecker Bua! Von ein jungen Mann hast es, der Dir g'sagt haben wird: Ueberreich ihr's, wenn der alte Esel net da iS. Schorschl. Ich läugne nicht, daß vom alten Esel öfter die Red iS — aber diesmal san Sö gar nit erwähnt wor'n. Die Mahm hat g'sagt — Keppler. Die Mahm! Bua, ich fahr' aus der Haut! O, so a Herr mit ein Glasel wird's g'wesen sein in einer Hosen, die unten brat wird, mit solche Hemdknöpf und mit ein Angot- stecken — mich halt's öS net für ein Narren — Schorschl. Aber wenn ich schon sag, die Mahm — Keppler. Marsch! Denn a Lehr- bua, der hinter mein Rücken mithilft, die Tochter verführen — meiner Seel, ich rennet ihm amal a Dutzend Federmesser in Leib. Schorschl. Zu reden iS nix mit Ihnen, mit gefährliche Drohungen san's a bei der Hand — der G'scheidtere gibt nach — geh ich! (Zündet langsam eine Zigarre an.) Aber wann ich das heut' in unserm Verein erzähl, wie Sie ein Lehrbuben behandeln, kriegen'S gar kan mehr — wer'n's ausg'schlossen aus unfern Cartelverband. Keppler. Kerl, wannst net auf der Stell — Schorschl (mißt ihn mit Verachtung und geht, eine Rauchwolke vor sich hinblasend, stolz ab). Ausg'schlossen wer'n's! (Ab.) Zweite Scene. Keppler allein, später Mali, zuletzt Frau Pichl. Keppler (hastig im Zimmer auf- und abgehend). Foppt mich no der Bua! Aber i laß mir'S net nehmen! Wie kommt a Kräutlerin zu ein' Bouquet? Das ist curschneiderische Einleitung! (Zornig.) Und ich kenn' ihn net, den Menschen, und ich kann ihn nicht packen bei der Brust und ich darf ihm nicht sagen: (stöhnt vor Zorn.) Filou, Du unterstehst Dich — Mali (aus der Seitenthüre links, eine Kaffeetasse tragend). Guten Morgen, Vater, ich bring den Kaffee — Keppler (auf sie zugehend und sie bei der Hand fassend). Kind — aufrichtig — kaue erlogenen G'schichten — steigt Dir Aner nach oder net? Mali. Aber Vater! Keppler. Irgend ein frisirter Herr mit ein g'schekaten Hemd und g'spitzte Galloschen? Um'S HalStüchel a Ringel und lichte Handschuh? Mali. Aber Sie wissen ja, Vater daß i mein Lebtag net Heirat. Keppler. Also flanirt Kaner, wann's dunk'l wird, durch die Gassen und wird brennroth, wan man'n anschaut! So aner mit ein G'sicht, das auf a Watschen wart't, wie ein auSdirrteS Feld auf a Wetter? Mali. Wie köunten'S denn glauben, daß i — Keppler. Und Du gehst net drei- bis vier Mal um a Wasser, obwohl gar ka Mensch an's trinkt im Haus, Dein Vater schon gar nit? Mali. G'wiß glauben'- wegen dem Buschen! Fragen's doch am Platzl 'n Schorschl sein Mahm. Es san Blumen aus ihrem Garten und Sie haben daher Unrecht than, dem armen Lehrbuben. Keppler (immer fideler werdend). Also nix — gar nix — i mi g'irrt? — Du noch allerweil a braves, unverdorbenes Kind — Mali — komm her an mein Herz, Du gutes Töchterl, mein Stolz und mein Alles! (Selig.) Wann Du Dein ganzes Leben fort so unschuldig bleibst, das muß Dir unser Herrgott an Deine Kinder vergelten. 19 Mali. I denk nur an ein' anzigen Mann und der Mann san Sö! Keppler. Denn Kind, wenn ich je was höret, daß Aner von dieser gewissen Gattung auch bei Dir sein Glück probiren wollt — Du — ich hab'S geschworen damals — da gibt's a Verbrechen am Strozzischen Grund. Mali. Damals? Was manenS denn, Vater? Keppler. Du bist noch in der Wiegen g'legen, Mali — wir haben zu der Zeit im dritten Stock logirt, da hat's ein Ereigniß geben in dem HauS — ein Ereigniß — dort hängt noch die Pistol'n! (Eine Thür öffnend, man gewahrt eine Stiege.) Und da herunt' is er g'leg'n! Mali. Ja, wer denn? Keppler. Der schöne Baron, der Deiner seligen Mutter auf Schritt und Tritt nachgangen is und den ich g'rad erwischt Hab, in mein eig'nen Quartier, wie er'S hat küssen woll'n wider ihren Willen. Dein Mutter lauft just zum Fenster und will den Menschen, der wie a Verbrecher hereing'schlichen war, wegführ'n lassen, da knmm Vir i z'HauS - ich, a Mann, dem sein bürgerliche Ehr' über Alles geht, mit dem der Radetzky g'redt hat und bei dem der Hof seine Rasirmesser schleifen laßt. Mali. Und Sie haben richtig die Pistolen g'nommen — Frau Pichl (eine fesche Fiakerewitwe, eine Puppe unterm Arm, erscheint unter der Lhüre). Keppler. Zieg'n auf 'n Hahn, leg an auf ihn und will g'rad losdrucken, krieg' ich einen Renner in die Seiten — Fr. Pi ch l. Von mir — ein solchen — Keppler. Ja, von Deiner Taut, und i laß'S fallen, die Pistol'n — Fr. Pichl. Und auf diese Art is Dein Vater noch so jung! Keppler. Wie so? Fr. Pichl. Na ja! Weil'S zu Ihre vierzig Jahr sonst zwanzig Jahr dazu kriegt hätten. Keppler. Aber damit war'S nöt gar. Ich nimm ihn beim Kragen, amal drahen und unten is er g'legen auf der Erd. Fr. Pichl (ironisch). Was? Hat der Herr Vater Beweismittel, die jedem Menschen einleuchten müssen? Mali. Jesses, der wird sich weiter nöt zng'richt haben! Keppler. War nöt so arg. Fünf Zähnt hat er sich halt eing'schlagen. Mali. Das haßen Sie nix? Fr. Pichl. Und den Arm hat er sich a auskegelt. Mali. Na hör'n'S! Keppler. Und die zwa Füß hat er sich brochen. Fr. Pichl. Aber sonst iS ganz gut auSgangen. Und weil's den Papa nachher auf zwa Monat einkastelt haben, — da hast sein Zorn gegen alle nobeln Herrn! Keppler. Mich ein Bürger am Platz - Fr. Pichl. Der dem Kaiser acht Jahr gedient hat u. s. w. Recht is Ihnen g'scheg'n. Es gibt a Menge so Leut wie Sö, die sich ein bilden, sie derfen, weil's brave Soldaten waren, hintendrein grobe Bürger wer'n. Keppler. Ich, der ich die Tapferkeitsmedaille — Fr. Pichl. Alles recht schön, aber was brauche» Sie im Civil tapfer zu sein? Hättens klagt auf Ehrenbeleidigung, 'S Bezirksgericht will a leben. Keppler. Himmel Laudon, in mir lebt halt no der alte Deutschmeister! Fr. Pichl. So richten'S ihn ab nach'n neuen Reglement. Keppler. Reden Sie, was Sie ! wollen, wann der Mali Aner nah kommt in solcher Absicht, als wie der damals — und — wann i statt zwa Monat 20 Jahr sitz, den bring i um! lMali und Fr. Pichl schrecken zusammen.) 2 * 20 Fr. Pichl. Ja, im Stand wären Sie'S schon. I setz den Fall — es iS nöt so, aber nehmen wir's an — Jhner Tochter wurd' heut oder morgen be- trog'n von ein jungen Mann — Keppler. Erstich ich's alle Zwa. Fr. Pichl. Sie, wann Sie den Feind immer so behandelt hätten — Afrika und Amerika g'höret schon uns. Sö san ja mehr Don Carlos wie Messerschmied. — Aber Gott sei Dank, iS die Mali noch nicht betrogen — Mali (ängstlich). Der Vater kann also ganz ruhig sein. Fr. Pichl. Und wann ihr doch ein Unglück passiret heut oder morgen, bin i da. I Hab dem Kaiser zwar nöt gedient, aber was sich g'hört, waß i do! (Auf seine Ohren deutend.) Sie haben'- a Bißel dahier! Bockbaniger Vater über- einand, dem man sich nix zu sagen traut — Sie — Sie — Sie alter Deutschmeister Sie — Keppler (erregt und neugierig). Was, was? IS vielleicht was zu entdecken — heraus damit, auf der Stell — Dtali (leise zu Fr. Pichl). Um Gottes- will'n still! Fr. Pichl (nach und nach weinerlich werdend). Was soll denn sein? Glauben'-, wir wer'n uns vielleicht fürchten vor Ihnen. Wann'S was wär, so wär'S halt was. Was rollen'S denn so mit die Augen? Thun ja rein, als ob man was g'stohln hätt da herin — i kumm gar nimmer her! Lächerlich! Da! Ein Wurstel Hab i bracht, iS das vielleicht a was Unrechts? Keppler. Ich Hab schon glaubt — Fr. Pichl. Greifen'- 'n an, ob'S vielleicht a nobler Herr iS, a klaner. Sö Grandian, Sö! Für die Wette! g'hört er, für'S Kind, für'- fremde, weil heut der Geburtstag iS von dem Waserl, wo man wegen Ihnen da — gar dumm — meine Nachbarn bringen a a Jeder was. Icl> bitt Ihnen gar schön, trinken'- Ihnern Kaffee und lassen ^ Ein a Fried. Ich bin auck a Frau l«m Platz! (Weinerlich.) Ich waß nöt, was der Mann hat, daß er Ein in aller Früh — i kumm gar nimmer her! (Weinend rasch mit Mali links ab.) Dritte Scene. Keppler (allein). Gleich darauf Gabler, ein eleganter junger Mann. Keppler. Waß der Teufel, was die Zwa für ein Techtelmechtl haben. Aber i kumm schon no d'rauf! Vielleicht gar, daß sie, die Tant Liebesbrieferl — (Sieht nach seinem Ladenfenster, vor welchem soeben Gabler steht). Himmel! Schon wieder Aner! Und was für Aner? Die Niederträchtigkeit schaut ihm bei die Augen heraus. (Da Gabler, um sich die Stirne abzuwischen, den Hut abnimmt). Abtheilt a no in der Mitt, das sei» die Wahren! Was? Er thut, als ob ihm was g'fallet bei mir? Schaut d' Messer an? Mir scheint gar, der will herein? Na der kommt mir -'recht. Gabler (eintretend). Eine Frage, Herr Meister! Keppler. Sie eine Frag? Bei mir? Was wollen denn Sie bei ein Messerschmied? Gabler. Was sonst als ein Messer! Keppler. Sie mit dem G'sicht ein Messer? Schau ich wirklich so dumm aus, daß man mich in mein eig'nen Quartier für'n Narren halten darf? Gabler. Sie haben, wie ich bemerkte — Keppler (für sich). Hat'- schon bemerkt. Gabler. Eine ganz neue Gattung, wie ich glaube — Keppler (immer zorniger, für sich). So a Gattung Töchter hat er no net g'seg'n. Ein kecker Ding. Gabler. Gewiß ist auch die Qualität eine vorzügliche? 21 Keppler. Na ja, denn für Ihnen muß'- was B'sonderS sein. Gabler. Ich meine nämlich die Rasirmesser, die ich in der Auslage sah. Keppler. Um einen Vätern zu bal- biren? (Ihn bei der Hand fassend.) Einen Mann, der g'rad wegen einen solchen wie Sie — mir scheint er hat die nämlichen Stiefeln an — junger Mensch, ich schämet mich an Ihrer Stell! Gabler. Herr, was haben Sie denn? Keppler. Eine Tochter, der Sie narbsteigen, und der Sie wahrscheinlich gestern daS Bouquet — Gabler. Ich geh zum ersten Mal durch diese Gasse, wa- kümmert mich — Keppler. O, so hat der auch g'redt, der d'runt g'leg'n iS. Der hat auch g'sagt, er weiß gar nicht, daß ich eine Frau Hab — aber herunterg'flogen iS er doch. Gabler (entschieden). Wollen Sie mir ein Messer geben oder nicht? Keppler. Ja, daß nachher, alle Augenblick kommeten, schleifen lassen — i kenn das — nöt um die Welt? Gabler. Dann Gott befohlen, Sie Narr Sie! (Seht ab.) Keppler. Der Ton von so ein Menschen! Gift sich jetzt, weil ich'n d'erwischt Hab; glaubt, er sitzt schon warm im Nest, derweil liegt er d'raußt! Hahaha — und wann er mir 'S ganze G'wölb abkaufen wollt — net amal ein Taschenfeitel kriegt er von mir, meine Kundschaften müssen anderscht auSschauen. (Da Herr Gradl, ein kleiner bucklichter Mann, in ziemlich schäbiger Toilette eintritt.) O er« gebener Diener, so was laß ich mir g'fall'n, das san meine Leut, dein kauf i mit Schaden. Keppler. Was Sie wolle», lieber Herr! Suchen'- Ihnen was aus (prüfen- tirt ihm eine Lade.) Große, klaue, zwei , Klingen, viere, achte! Bitte! Was. iS !daS ein schöner Tag heut? Ka Wind, net zu kalt, uet zu warm? Und was macht die Familie, wann ich fragen darf? Gradl. Ich bin ledig. Keppler. Natürlich, so ein gsetzter err g'fallt ihnen net den Madeln. ennen'S mein Tochter? Gradl. Habe nicht die Ehre. ! Keppler ,sür sich). Die Andern kennen'- Alle! Is halt a Mensch, a ho« i netter! Mit dem laß i 'S ausgehn! j Papierene Krägen. d'Hosen z'kurz, das laß ich mir g'falleu — Gradl («n Federmesser wählend). Und ^as kost das dahier. Keppler. Wir Zwa wer'n uns da I net herumstreiten. Geben'- mir, was ' wott'n. Gradl. Dreißig Kreuzer gib i. Keppler Iesse« ja. (Wickelt da« Messer in Papier.) Verlier zwar ein Gulden dabei — aber so a Kundschaft vertreib'», fallt mir net ein. Gradl. Serviteur. (Ab.) i Keppler (ihm mit der Mütze in der j Hand folgend). Schaffen'« bald wieder — , meine Empfehlung zu Haus — a charmanter junger Mann! (Unter der Thür.) Jetzt setz ich mich hinüber zum .Hahn!" und paß auf. ob net vielleicht doch Einer patroullirt. («b). Fünfte Scene. ! von link« :Frau Pichl zu Malie, vierte Scene. i die ihr weinend folgt. y, . ! Fr. Pichl (ein Zeitnng«blatt in der voriger. Gradl, mit einer hohen Hand). Es iS amal net ander» und Fistelstimme. todt i- i§dt; Da steht die ganze Be- Gradl. Kann ich ein Federmesser! schreibung. (Li,«t.) »Der Todtensprung haben? ! in der schwarzen Lacken. DaS vergessene 22 Staberl, das geheimnißvolle Paraplui u. s. w. u. s. w. Mali. Also doch? (Verhüllt sich das Gesicht.) Fr. Pichl. Und Du hältst es nöt, Dein Versprechen? Du hast ja doch g'schworeu, Du wirst lachen an sein Todestag. Mali (sinkt an Frau Pichl's Brust). Fr. Pichl. Recht fidel! Aber Hab ich's nöt immer g'sagt? Ich kenn den Haß — wann man Ein gern hab'n möcht und man kriegt'n nöt! Mali (weinend). Denken's Ihnen nur, Frau Tant, geht aus der Welt, ohne sein Maderl ein einzig'smal g'seh'n zu hab'n — Fr. Pichl (auch weinend). Und laßt uns da steh'n mit ein Kind wo der Vater im Wasser liegt und die Mutter in der Tinten. Mali (ihre Thränen trocknend). Is also zu spät kommen, der Barmherzige. Fr. Pichl (schluchzend). Mein Gott, die Leut haben halt viel z'thun. Reißen auch öfters Unrechte Zähnt! Vielleicht hat er ein Unrechten gerettet. Mali. Sei's, wie der will, aber jetzt derf der Vater sein Namen schon gar nöt erfahrn. Sie können sich denken, Tant, daß sich die ganze Welt seinetwegen 's Maul zerreißen wird, ich wirf ihm kein Stein nach in's Grab. Der Vater is gar rabiat, wie schreiet der herum? Leichtsinnig war er so, der Fritz, wie wurd erst g'redt von ihm, wann die Lent erfahr'» thäten, daß er mich betrogen und daß er sein Kind herzlos verlassen hat. Fr. Pichl. Recht hast! Wann auch er auf Dein Ehr vergessen hat, bewahr Du ihm die seine. Mali. Und Sie, nöt wahr, Sie verrathen mi nöt? Fr. Pichl. Hältst Du die 1294erin zu so was fähig? Die Tax ja, aber die Freundschaft, die vergiß i nie. Ich hab's Deiner Mutter am Todtenbett versprochen, daß i di b'hüt, und so solls a g'schegn, bis i selber ausspann. Ich halt zu Dir bis zu meiner letzten Stund. Und wann mir Aner traut, dem werd ich nachher zagen, ob ich zum schwachen G'schlecht g'hör. Und jetzt geh eini und Wan Di aus, sonst kommt er z'Haus der treue Diener seines Kaisers, und kennt Dir was an! Mali. O, mein armes, verlassenes Kind! (Rasch links ab.) Sechste Scene. Frau Pichl allein. Gleich darauf Z i n S l e r. Fr. Pichl (die Hände auf dem Rücken, auf- und abgehend, entschlossen). Is und bleibt für die Leut a fremd's Kind! Geht überhaupt die Leut gar nix an! Ob sie's anerkennen oder nicht, mir san ja nicht Spanien, daß wir uns so ca- priciren d'rauf — Zinsler (der leise eintritt). Gnä Frau! Fr. Pichl (ihn wenig beachtend). Drüben is er, im Wirthshaus, der Messerschmied. Zinsler. Um so besser. Ich muß Ihnen was unter vier Augen — Fr. Pichl (auf- und abgehend). Nix, nix, ich laß mi net verbrennen. Zinsler. Nur ein Wort. Fr. Pichl. Gasanstalt fang i a kam an und mit Religion bin ich bereits verseh'n. Zinsler. Einen Moment! Fr. Pichl (vor ihm stehen bleibend) Was haben denn Sie mit meine zwa Katzen g'macht? Zinsler. Im Interesse der Civiln sation war ich so frei, sie probeweise zu verbrennen. Fr. Pichl. Ein Anten geht mir auch ab — 23 Zinsler. Sie, da weiß ich nix; das heißt, ich werd nachschau'n unter meiner Aschen, wann was da is — Fr. Pichl. Und dem Stallpagen sein a paar Iuchterne wegkommen Sie san a schöner Zimmerherr. Zinsler. Die Jnchternen, das iS wahr, die liegen in der Urne, aber wann ich's durchsetz, daß ich den ganzen Gemeinderath zum Verbrennen krieg, ersetz ich Alles. Aber entrs-vous! Wollen Sie geschwind ein gutes Werk thnn? Fr. Pichl. Wissen denn Sie, wie so was ausschaut? Zinsler. Dann reden's doch der Fräuln Mali zu, daß sie mich zum Gesponsen erwählt. Fr. Pichl (erstaunt). Sö, die Mali, Sö? Gehen's, lassen's Ihnen anschan'n. Ziusler. Mit Vergnügen. (Nimmt verschiedene Positionen ein.) So oder so? Ich glaub, von der Seiten mach i mich am besten. Fr. Pichl. Mit dem G'sicht wollen Sie's Madl? Zinsler. Wann Sie wo a billig's anders wissen, a übertragen's — Fr. Pichl. Mit dem G'wachs? ZinSler (stolz). Es gibt vielleicht schönere Männer, unbemitteltere gewiß nicht! Fr. Pichl. Aber Sie san ja nix und hab'n ja nix. Zinsler (stolz). Kann ich also auch nicht das Unglück erleb'n wie der Napoleon. Fr. Pichl. So viel ich mich erinner, warn's ja schon dreimal im ConcurS. Zinsler. Uebung macht den Meister. Ja! Ich habe bereits dreimal diese ehrenvolle Erwähnung in der Wiener- Zeitung genossen. Fr. Pichl. Mit der Polizei habn's auch schon zu thun g'habt. Wenn ich nicht irr, solln'S sogar schon auf'n Schub g'wesen sein? Zinsler (selig). Sie, da iS aber die Polizei schön aufg'sessen. Denn wie ich in meiner Heimat ankommen bin — die leiden mich noch weniger! Am andern Tag war ich schon wieder auf Landeskosten in Wien. Fr. Pichl. Eing'sperrt warn's a schon. Zinsler. So was passirt Ein leicht. Ueber den Punkt Hab ich oft g'redt mit'n Bazaine. Fr. Pichl. Und, meiner Seel, Sie waren ja amal so quasi verheirat't und haben vier Kinder g'habt. Zinsler. Bloß altkatholisch. Gelten alle nicht. Fr. Pichl. Und mit dieser Vergangenheit wollen Sie anklopfen bei ein ordentlichen Madl? Zinsler. Ja, wie so ordentlich? Fr. Pichl. Herr Zinsler? Zinsler. Ich denket, wir passen ganz gut zusamm — ich und die Mali. Sie braucht von meiner Vergangenheit nix zu reden — i red nix von der ihrigen. Fr. Pichl (für sich). Himmel, steh mir bei, der waß was! (Laut). Ich muß Ihnen sagen, daß ich Ihre Reden vorder Hand gar nöt begreif. Zinsler Vielleicht bin ich deutlicher, wenn ich Ihnen sag, daß ich den Vater kenn von der Mali ihr'n Kind — Fr. Pichl (für sich). Heilige Mutter- Gottes ! Zinsler. Aber 'S Madel g'fallt mir, er kann's do net heiraten — Sie wissen ja, wer amal da drinn is — Fr. Pichl (für sich). Im Wasser, mant er — Zinsler. Was das Kind betrifft, das laß ich auf mich schreiben, is ohnedem nur ganz a kleines. Der Messerschmied laßt a Bißl was springen und 24 ich kann mein Ofen etablir'n! Müßten ja froh sein, Alle miteinander, wann'S amal zudeckt iS, die Schand. Fr. Pichl. Sie reden von der Schand? ZinSler. Ich bin da Fachmann. Fr. Pichl. Is das Wort Lump a Beleidigung? ZinSler. Und wie! Da thäten's a Bißl was hören von die G'schwornen. Fr. Pichl. Danke. Hält Ihnen bald beleidigt. Aber das sag ich Ihnen, daß Sie schon seit langer Zeit veracht't wer'n hier im Haus. ZinSler. So? Fr. Pichl. Nöt bloß von mir, sondern auch vom Vätern und von der Tochter. ZinSler. Is das gewiß? Fr. Pichl. Weil Sie ein gemeiner Verleumder san. Das Kind iS gar net von der Mali. Es iS von einer Gräfin. ZinSler. Ja, ja! Gräfin Messerschmied. Fr. Pichl. Von einem russischen Obersten is es. ZinSler. Von ein Russen? Sag'n wir von ein Chinesen! Macht sich besser! Fr. Pichl (immer verlegener). Es war nämlich eine Gräfin, die auf der Reis' nach — ZinSler. Nach der Alsterstraßen — Fr. Pichl. Der Oberst hat nämlich in Krieg müssen — ZinSler. Sehr a schöner Roman, Wissens was, erzählend das Alles dem Vätern. Ich hol'n herüber. Ich deut bloS an derweil, vielleicht überlegen sich'S die Herrschaften unterdessen. Mich schön freundlich empfangen, wann ich wieder kum, thun, als ob so ein Ehrenmann noch nicht dag'wesen wär, allgemeines Bnßi, Segen, Aussteuer, eine Art Hochzeitstafel — erste Tour ich und Sö — oder auf der Gassen. Schaun'S, wie schön als ich tanzen kann! (Tanzt bei der Mittelthüre hinan».) Siebente Scene. Frau Pichl allein. Fr. Pichl. Ja, was mach ich denn nur? Soll i der Mali? — Die iS im Stand und thut sich was an in der Todesangst. Aber wann er richtig dem Vätern entdeckt — Gott sei Dank, das iS Rettung! Achte Scene. Vorige. Gorischek, ein Mehlmesser. Plöchl, ein Rauchfangkehrer, Schlick, ein Fleischhauerknecht, Knill, ein fürstlicher Leibjäger, Fiedler, ein Schneider- geselle und R n s cb i tz k a , ein Ehevauxleger»; Jeder von ihnen hat ein Kinderspielzeug unterm Arm. Alle (verbeugen sich). Frau von Pichl! Fr. Pichl. Meine Verehrer, und wie ich seh, is Jeder so aufmerksam — Gorischek. Sie haben amal g'sagt, daß nur derjenige Mann ein Aussicht bei Ihnen hat, der net auf'n Namenstag von der Fräul'n Mali ihr'n Kostkind vergißt; (zeigt ein Pferd aus Radeln). D'rum war ich so frei, nebst meiner Photographie — a ja so, die Hab ich hier (sucht im Sacke). P l ö ch l. Ich diese Küchel — Schlick. Von mir die Wieg'n. Kost zwa Gulden. Knill (einen Riesenball übergebend) Diese kleine Aufmerksamkeit iS von mir. Fiedler. O'est ruvi! (Zeigt einen Ziegenbock, der »Mäh" schreit, wenn man beim Kops drückt.) Rnschitzka (zeigt einen Säbel). tt"d ich Hab ich nichts Passenderes g'funden für Madel. Fr. Pichl. Meine Herren — wirklich, das iS zu viel; das Bräunl, der Sabel, der GaSbock, ich muß Ihnen sagen, daß mich das ergreift und wann ich ja heut oder Morgen wieder zum Altar treten möcht (alle Liebhaber spielen sich auf die Geschmeichelten hinaus). — Einer von Ihnen müsset'« sein. Alle (zugleich für sich). Aha, ich! Fr. Pichl. Derjenige, welcher — wird mich verstehen. Alle (für sich). Versteh! Fr. Pichl. Aber meine Herrn — eine Bitte. (Mit schweren Herzen). Wer wird mir die erfüllen? Gorischek. Brauchen'« a Mehl? Plöchl. Soll i mi waschen? Schlick. Wollen'« ein feine« Bradel? Knill. Wollen« fahr'n in mein Herrn sein Wagen? Fiedler. Wollen'« a Klad? Ruschitzka. Oder tanzen auf Wahrin- gerspitz? Fr. Pichl. Nix von all dem. Meine Herrn, Sie wissen, ich hält vor sieben Jahr den reichen Flecksieder heiraten sollen. Acht Tag vor der Hochzeit ißt er um drei Gulden Zweschben, wird krank, legt sich hin, die ersten Doctor'n haben ihn behandelt, e« war daher ka Rettung — hin iS hin. Gorischek. Hab zwar nie was g'hört davon — Fr. Pichl (für sich). Jetzt haßt'S Lügen, wa« Platz hat. (Laut). Er hat daher sein Kind, da« ich bereit« unterm Herzen getragen Hab, nicht mehr als da« Seinige anerkennen können. Alle. So, so, so, so! Fr. Pichl. Mein Gott, ein unbewachter Augenblick — ein Moment — die Herrn wer'n wissen, wir Frauen san schwach — Alle (durcheinander). Freilich — am Ende — e« war ja doch — er hat ja woll'n — sie iS noch immer — Fr. Pichl (die Betrogene spielend). Mit emem Wort ein Angenblick und o mein ^ott ! Hgr sich.) Gut iS gangen! Hab schon Famili! (Laut.) Und seg'n«, da« lS mein Geheimniß! Da« Kostkind von der Mali, denken« Ihnen da« Malheur, iS mein eigene« Kind! Alle. Na, und. und, und — Fr. Pichl. Segen Sie meine Herrn, bi« heut iS e« mir gelungen, da« Geheimniß zu verbergen. Cavaliere wie Sö, wissen ja, wa« Ehre iS, fallt'« jetzt dem Messerschmied ein, er will durchaus die Eltern kennen lernen. Wann mir aber schon an mir nix liegt, soll ich den Verwandten vom alten Herrn — (für sich) wie haß ich'n denn g'schwind?— (Laut.) Vom Herrn von Mostböck so wa« anthun? Net um die Welt! Meine Herrn! Sie san a Jeder ledig ! Alle. Ja. wohl! Fr. Pichl. Keiner von Ihnen braucht sich zu geniren vor der Welt. Alle. Net ein Idee! Fr. Pichl. Cavaliere sind Sie auch! sFür sich.j Da« g'fallt ihnen besonder«. (Laut.) Ja wohl Cavaliere! E« iS viel verlangt von Cavaliere, aber vielleicht iS Auer von Ihnen Cavalier genug, daß er einsteht für den Verstorbenen und daß er sich auf a Vietelstund für'n Vätern ausgibt als Cavalier! Gorischek. O ich bitte — Knill. Js nit der. so iS der — Fiedler. Für eine solche Frau ? ! Ruschitzka. Und wann Zwilling j war'n, thät ich auch. Fr. Pichl. Also wirklich Cavaliere! ;O ich werd dem Betreffenden dankbar >sein für'- ganze Leben. Still! Urunlk Icrne. Keppler mit Stowaß er (sehr auf. geregt zurückkommend.) Keppler. Und Sie reden auch so g'wiß daher, so curioS. Stowaß er. Ich was reden in einer Familien-Angelegenheit? Eher 26 nehmet i doch gleich a Balbiermesser — Ans, Zwa, Drei, aus! Keppler. IS ja a ganze Versammlung da bei mir. Aber g'rad recht! Ich brauch Zeugen. Fr. Pichl. O ich weiß! G'wiß hat Ihnen der Herr Zinsler allerhand Andeutungen zu kosten geben, und G'schich- ten erzählt — Stow, (zu Frau Pichl.) Ich versichere Sie, G'schichten — wann das in mein Haus vorkommt und wann mein Frau nöt wär, mach i a Fenster auf, a Satz, unt bin i! Fr. Pichl (lächelnd). Es handelt sich um das Kostkind, ich weiß es, Herr Vetter. Nun denn, damit Sie da nur ja beruhigt san, damit um GotteSwill'n nöt auf a Unrechte Person der Verdacht kommt — mein Gott, ich bin schlecht erzogen, der Umgang, die Lecture, an- geborner Leichtsinn, keck bin ich a — ich bin die Mutter. Keppler. Was, Sie, die Wittib, Sie hätten ans amal a Kind? Stow. Sö, wann ich a Wittiber bin und ich krieg a Kind — Fr. Pichl. Es sieht mir zwar nöt gleich und ich waß selber nicht recht, wie's war, aber ich bin's. Keppler. Schau, schau, schau, schau! Und bei mir is das so eing'schmuggelt wor'n. Hat g'haßen, wär aus'n Findelhaus, derweil is's ganz aus der Näh? Und wer is denn der Vater, wann ich fragen darf? Stow. Aber Freund, wo wird der sein? Der hat sich g'wiß schon lang verschossen, was thät denn der auf der Welt? Fr. Pichl (verlegen). Der Vater, fragen Sie? Auf Ja und Na wer'n Sie auch den Cavalier kennen lernen. (Man hat gesehen, wie sich die sechs Liebhaber während der letzten Scene herumgestritten haben; endlich tritt Gorischek vor und sagt dem Keppler leise ins Ohr:) Gorischek. Machen's kein Aufseg'n eS is von mir. Keppler (leise). Sie san's? Der Mehlmesser also ? (Zu Stowaßer.) Denken's Ihnen, der Gorischek — (Fast gleichzeitig wird Keppler von Schlick seitwärts gezogen.) Schlick (leise). Bleibt aber unter uns — der Vater bin ich. Keppler (immer erstaunter, für sich). Also nicht der Gorischek? (Zu Stowaßer.) Bild't sich der dort ein — derweil der da — Stow. Still, sunst gibt's ein Unglück! Wann mir das — Knill (wie früher, leise). Wann's es schon durchaus wissen müssen — (deutet auf sich.) Keppler. Sö auch? Sö, Herr Stowaßer, die Zwa dort, die glauben, derweil der dahier — Fiedler und Plöchl (sagen dem Keppler gleichzeitig ins Ohr). Aber Ihr Ehrenwort, 's is von mir. Keppled. Aber Madam Pichl, das war ja no nöt da! Ruschitzka (führt Keppler ganz seitwärts). Bin ich Papa! Keppler. Ah, Ah! Militär und Civil, alle Nationalitäten? um Gotteswillen, Madam Pichl! Stow. Gnä Frau, Sö san in aner Lag, wo ich als Weib von Ehre — F r. Pich l. Ein Jeder hat ihm was in'S Ohr g'sagt! Wann ich nur wnßt, welcher Cavalier als's is? Keppler (zu dem eintretenden Zinsler, welcher allerlei Hausleute herbeigewinkt hat). Ja, mein lieber Freund, das geht ja mi gar nix an. Die Madam Pichl is a selbstständige Frau, und wann die a bißl leicht is und gut zahlt für ihr Kind, warum sollS nöt in der Kost sein bei uns? Zinsler (der von Stowaßer immer gestoßen wird, damit er schweige). Also von der Fiakerswittib wär die Wettet? Fr. Pichl. Und wann's noch zehnmal so viel Leut mitbracht hätten! Schaut's 27 mich nur an Alle! Nein, ich bin nicht die solide Frau. Iessas, Iessas, das is a Schand! (Die öffentliche Meinung ausspottend.) „Tragt die Nasen so hoch, und so was" — hätt's a net uothwendig. (Energisch.) Ich bin die Mutter. (Alle Neuhinzukommenden staunen.) Alle sechs Liebhaber. Und ich, ich bin der Vater! Fr. Pichl. O verflucht! Ziusler (höhnisch) Was? Das kann man ihr nicht nachsagen, der Frau von Pichl, daß sie ohne Vätern dasteht. (Zu Keppler.) Aber Sö, sonst so a verständiger Mann, Sie glauben das Alles? — Fragen's doch den Herrn da aus'n Findelhaus. Der wird Ihna sagen, wie hier au armer Vater betrog'n wird von der eigenen Tochter! Keppler. Was redet er da? Ziusler. Daß die Fräul'n nix nutz is — Keppler. Mensch — Ziusler (lächelnd). Und daß sie — die Feindin des Schwindels — die Frucht ihres Leichtsinns in'S HauS geschwärzt hat? Keppler (zu Stowaßer). Und Sie? — Richtig ja! — Sie waren ja amal dort im Amt — es is so wie er sagt? Stow. Herr, ich findet's begreiflich, wann Sie jetzt a Seidel Gift — aber ein Ehrenmann fragt mich, es is wahr! Keppler (steht vernichtet da). Und dös is mein Ouartier? (Hebt einen Stuhl.) Und munter bin i a! fGreift nach seinem Kopss. Und das is mein Kopf, ja, ja, er is! Bin betrogen und mit Schand is er bedeckt, der ehrliche Namen! Fr. Pichl (die sich entschuldigen will). Herr Keppler — Keppler Kan Ansred! Sie haben's ja gut g'mant — Sie und die Herrn da! — Ihr habtS dem alten Kampel durch a Komödie die Thränen ersparen wollen, war a G'spaß — recht lustig — aber mit ihr her — mit der Betrügerin — mit mein Kind — M a l i (tritt aus der Thllre links, die kleine Wettel an der Hand, nachdem sie die letzten Worte vernommen). Vater ! Keppler. Na, und Du strafst es nöt Lugen? Es is denkbar, was die Leut erzählen, denkbar — Mali. Vater, ja — die Klane is mein Kind, und die Mutterlieb war's, die mich verleitet hat, es in's Haus zu bringen. Keppler. Hin also mein ganzer Traum von ein zukünftigen Glück, und richtig mein Ehr das Opfer von einem — (ein Messer ergreifend und krankhaft lustig werdend.) Aber halt, hahaha, auf die Hetz hätt ich bald vergessen, juchheh ! ich Hab ihm ja was versprochen, dem G'wissen, und der kriegt's a! Hahaha! (Plötzlich ernst werdend.) Mali! Ich sollt dich sort- jagen aus'n Haus mit Schand und Spott — aber na, Alles verzeih ich Dir! Aber nur Ans begehr ich - den Namen von dem Mann, den Namen und d'Adreß — Mali. Vater, das wer'n Sie nun und nimmermehr erfahr'«. Keppler. Wie? Ich sollt'» net kennen lernen, soll'n net krieg'n unter meine Händ und darf ihm net das Messer — Zittsler (da der Pater Carl mit der Sammelbüchse eintritt, höhnisch.) Sie wer'n doch nöt an barmherzigen Brüdern umbringen wollen — oder begehren's etwa, daß er's heirathen soll? Keppler (von Sinnen auf ihn loSge- hend). Wie — der da — es wär möglich — der hat? Nun, dann nimm's hin — was ich versprochen — Fr. Pichl (springt rasch dazwischen). Um Gotteswillen, Vetter, zum zweiten Mal bewahr ich Euch vor dem Verbrechen — Pater Carl. Kranker Mensch, so willst Du Deine Ehre reparir'n? Fritz (in der Maske eines Leichenbitters der Entreprise, durch einen Vollbart unkenntlich). Durch einen Messerstich, der den 28 Unrechten trifft! Da stechens's her! (Zeigt auf einen Partezettel). Denn Der da is's g'wesen. Mali (die Einzige, die den Geliebten sofort erkannt, schreit laut auf). Das Ang, der Blick, Himmel! (Sie weint vor Schmerz und Freude, reißt ihr Kind an sich, das Frau Pichl an sich gezogen und lispelt, den Ginge- tretenen starr ansehend und ihm das Kind hinhaltend, vor sich hin). Er lebt, er lebt ! (Dem Keppler entsinkt, da er den Partezettel liest, das Messer.) Tableau. Actus. Zweiter Akt Viertes Bild. Elegantes Zimmer mit Mitteleingang und zwei Seitenthnren bei Frau Hasenöhrl. Comfortable Einrichtung einer Modedame. Erste Scene. Frau Hasenöhrl, das Stubenmädchen Therese, der Bediente Franz, (alle drei haben Zeitungen in den Händen). Frau Hasenöhrl (weint). A so a guter Mann! Net a Hendel hält er tödten können! Und mir nix, dir nix, todt ohne Doktor! So was möcht i nöt erleben. Mein armes, armes, armes verlassenes Kind! (Man hört im Neben- zimmer Llavierspielen.» Franz (weinerlich tröstend). Aber die Fräul'n spielt da g'rad was aus der Operette Fagott — blonde Penttcken und schwarz da- Kotlett. Fr. Hasenöhrl (für sich). Ein schreckliches Madl! (Laut). Aber mein Gott, was thut man nöt Alles im Schmerz! Franz. Was soll'n wir denn sagen, wann sein nächster Verwandter, der barmherzige Bruder nachfragt? (Musik verstummt.) Fr. Hasenöhrl (traurig). Schenkt'- ihm a paar Kreuzer! Therese. Der wird g'wiß fragen, ob nöt ein Erbschaft da iS — a herg'- lieh'neö Geld oder so was! Fr. Hasenöhrl (immer weinend). Bin ich die Frau, die was z'ruck giebt — will ich sagen, die was auSleicht? Mein Gott, eS war a guter Mann, aber z'wenig g'habt hat er halt! Franz. Gnä'Frau, a Bitt! Wann uns der Barmherzige hamsucht, i genir mi vor ihm. Wie mein alter Vater g'sunder weg iS aus sein Spital, hat ihm der Geistliche fünf Dukaten g'lichen, damit er seine GreiSlerei wieder auf- machen kann. Da thät i halt die gnä Frau gar schön bitten, wann'- mir den jetzigen und den nächsten Monatlohn — damit i — denn wann er mich sicht — ich steh so kurios da! Fr. Hasenöhrl. Kinder, i bin so außer mir heut, daß i net um die Welt a Geldtasche! angreifen könnt. Wann ich denk, so jung, a Mensch wie Mili und Blut und in die Donau, wo sich nit einmal da- Sperrschiff hineintraut. (In Thränen ausbrechend.) 3ch muß mich auSwanen d'rinn! (Schnell ab in die Sei- tenthüre links.) 30 Zweite Scene. Therese. Franz. Franz (die Thränen trocknend). Die Frau ist die reine Wasserleitung. Therese. Im Grund aber, wann man's beim Licht betracht't, was geht denn uns der junge Herr an? Franz. War ja doch blos a liederlicher Ding! Therese. A Geldverwichser! Franz. Und Nachtschwärmer! Red'n wir lieber von was G'scheiterm! (Sie umschlingend.) Ich sag dir nur, wann ich in der näcksten Linzer Ziehung ein Terno mach, so sein wir in 6 Wochen — ui Iegerl, der Dnkatenmann! Dritte Scene. Vorige. Pater Carl. Pater Carl. Ist's erlaubt? Therese. O, ich bitt! Franz (für sich). Der will heilig sein Geld. (Laut bissig.) Hochwürden, glau- ben's ja nicht, daß ich vergessen Hab! Therese (sich an der Entschuldigung be. theiligend). Nein, auf Ehr, in der Beziehung können's Ihnen auf'n Franz verlassen. Franz. Es gibt zwar mitunter Momente, wo der Augenblick eintritt, daß man g'rad nit a tempo, auf die Stund — Therese. Aber wegen so a paar Groschen wird man sich am End a net auSrichten lassen. Und ich find es daher höchst sonderbar — Franz. Ja, und undelicat! An so ein Tag, wie heut — Therese. Wo man eh net waß, wo Ein' der Kopf steht — Franz. Aber trotz alledem — gut — ja, weil'S gar a so penzen — Sie soll'n heut noch Ihner Geld hab'n. Therese. In einer Stund! Franz (für sich). So? mir scheint, die hat eins. In zehn Minuten! Therese (für sich). Ahan, hat die paar Netsch. (Laut) Vielleicht gleich auf der Stell! Franz (leise zu ihr). Gib her! Therese (leise). Ich? Ja, ich Hab nix! Franz (leise). Was schneid'st denn nachher so auf! Therese. Unterdessen werd' ich Ihnen bei der Gnädigen melden! Franz. Und ich Ihnen bei der Fräul'n! Beide (stolz ab). Vierte Scene. Pater Carl allein. Pater Carl (ihnen staunend nachblickend). Als ob i was z'ruckbegehrt hält! Ich red ka Wort und die thun, als ob i's schon pfänden wollt. A Sterbender hat mir'S damals vermacht, die sechs Ducaten! (Einen hervorziehend.) Aner is no da! Die andern fünfe sein dem armen Tobias z'recht kommen, der uns im Vaterhaus auf seine Arm herumtragen hat. Sie haben gute Zinsen einbracht. (Sich umsehend). Also das war der Himmel vom Brüdern. Ich bin wirklich neugierig, wie die Engeln da ausschau'n! Fünfte Scene. Voriger, Franz zurückkehrend, gleich darauf Frau Hasenöhrl. Franz. Kommt schon, die Gnädige. Bitt aber recht sehr, meine Geldangelegenheit geht Niemand was an. Pater Carl. Is schon gut. Franz. Ich brauch da gar kane Anspielungen — Gott sei Dank, ich war schon mehr schuldig! 31 Pater Carl. Pfirt Ihnen Gott! Franz (im Abgehen). Es ist wirklich schrecklich, was sich die Lent herausneh- men, wann's a paar Kreuzer z'sordern haben! (Durch die Mitte ab.) Pater Carl (überwallend). Himmel- sak-halt, halt, halt! (Sehr ruhig.) Himmel, sag — iS Dir schon so a Mensch Vorkommen, so a verrückter? Fr. Hasenöhrl (nunmehr in schwär» zer Tranertoilette, bleibt unter der Thür stehen). Die Nasen, die Augen — wann Sie um drei Köpf größer wär'n, er is bloS noch amal so dick und andere Haar- Hat er — meiner Seel, der ganze Herr- Bruder ! Pater Carl. Meine lieb e gnä Frau, Sie kennen das Unglück, was uns troffen hat? Fr. Hasenöhrl. Du gerechter Heiland, ich sag Ihnen, die ganze Nacht Hab ich kein Ang zug'macht! Pater Carl. Die Fräul'n Irma soll verliebt g'wesen sein in mein Brüdern? Fr. Hasenöhrl. Wie todter sitzt'S Ihnen d'rinn im Zimmer! (Man hört wieder Elavier spielen.) Pater Carl. Muß sich auf's Clavier g'setzt hab'n! Fr. Hasenöhrl isür sich.) Unver« besserlich, das Madl! (Laut.) Nur im Schmerz. Wissens, die Musik is noch ihr einziger Trost! Pater Carl (mit Beziehung auf da- Musikstück „der Wenzel kommt"). Natürlich, und die Melodien von diesem Mendelssohn haben halt einen eigenthümlichen Reiz! (Musik verstummt.) Fr. Hasenöhrl. Aber was verschaff uns denn die Ehr? Vielleicht, ob was da iS? Mein Gott, i und ein Unrechter Kreuzer, da hätt i die Höll auf der Erd. Wir hab'n das Wenigste g'habt von ihm. Pater Carl. Aber es steht doch in der Zeitung, daß er alser auszogner in's Wasser g'sprnngen is! Fr. Hasenöhrl. Ich versicher Ihnen, da hätt eher i no was z'födern ! Pater Carl. So? Na, da san Sie ja eh gut d'rau, denn ich bin blos da, um Ihnen ein großes Glück zu verkünden. Fr. Hasenöhrl. Mir und mein Töchterl? Pater Carl. Wie mein Bruder noch Officier und in Ungarn stationirt g'wesen iS, hat er da nnt ein alten Verwandten kennen g'lernt, a G'schwister- kind von der Mutter ihrer Schwägerin, ein reichen Gutsbesitzer, ein Millionär — Fr. Hasenöhrl. A Millionär? Ja, es gibt schon noch ordentliche Leut! Pater Carl. Gestern in Wien an- g'kommen, hört er das Unglück. Denkens Ihnen, is blos herg'rast, um ihu an Kindesstatt anzunehmen! Fr. Hasenöhrl. Der Millionär? DaS iS ja, was ich alleweil sag, wo die Noth am größten is — Pater Carl. Knmmt der Ungar mit'n Schnellzug. Denkens Ihnen, hat ihm sein Gut, seine Ochsen, seine Schaf, die Roß und sein ganzes Geld hinterlassen wolln — Fr. Hasenöhrl. Da schau'ns Ihnen an! Ich sag's ja alleweil, ohne Ungarn kölmen wir nit bestehn — Pater Carl. Hat wott'n, daß die Hochzeit auf sein Schloß g'feiert wird — Sie hätt'n g'lebt, wie unser Herrgott in Deutschland, denn in Frankreich kann man nimmer sagen. Fr. Hasenöhrl. Mein Tochter vielleicht gar in der Equipage? Vor ein Kutscher mit einer auSg'fransten Hosen? Ich, die ehemalige Paraplui- macherin hätt derfen die Bauern karbatschen lassen — und jetzt — was sagen's zu die jungen Leut? Pater Carl. Aber hören'S mich nur an, er knmmt her zu Ihnen und 32 will sich von Allem überzeugen, ob die Irma wirklich a braves Madel iS. Fr. Hasenöhrl. Die Irma? So a gebildetes Geschöpf hat er noch nicht g'seg'n der Krawat — will ich sag'n der Magyar! Pater Carl. Ans ihrem eigenen Munde will er's vernehmen, daß sie den Verstorbenen wirklich so gern g'habt hat — (Llavierspiel hinter der Scene.) Fr. Hasenöhrl. Na, da wird er was hör'n! (Für sich.) Obst aufhörst! Pater Carl. Seg'n's die ruft in ihrem Schmerz schon wieder den Offenbach an! Und wann er find't, daß die Irma das Glück verdient, daß sie noch rein und unverdorben iS — nimmt er Euch mit auf's Gut und betracht't Ihr Kind als sein Tochter! (Musik verstummt ) Fr. Hasenöhrl. Ich im Ernst oben ausser schau'n beim G'schloß? Pater Car l. Ein Heiduken kriegen'S auch! Fr. Hasenöhrl A Haiduk? In ein Iankerl? A Federl am Huterl? (Läutet.) Ja, was fang ich denn an? Reff. Franz! (Diese erscheinen.) Z'samm« ramen, Kinder, der Unger kommt! Sie, ich Hab am Boden ein alten Zriny, wie wär's, wann wir den hier anfhängen thäten? Oder, Himmel, ja! Ein ungarisches Repphendel laß i ihm machen; Sie, das wird'» g'fren'n, und ein Kalpak setz ich auf — Franz, wissen'- was, nehmen'« Sporen — Reff — Gute Nacht heißt Iolzekal — Irma, ein Millionär mit Ochsen nimmt uns an KindeSstatt an! (Rasch links ab.) Sechste Scene. Therese. Franz. Pater Carl. Therese (umschießend und zusammenräumend). Da haßt'S aber jetzt dazu- schau'n, wann uns a Millionär Ham- sucht! ! F r a n z (für sich.) Ein Ungar? Am End krieg ich von dem die Ducaten! (Heftiges Läuten.) Fran z. Ha! Der Ungar iS da, (Sie stellen sich zum Eingang. — Gruppe.) Siebente Scene. Vorige. Fritz (als alter, korpulenter Ungar, die rechte Hand auf einen Stock gestützt). Fritz. Servus allerseits, alär 'srol- ! Franz (sich tief verbeugend). Ich werd mir gleich a Bilde! entlegen bei ihm. — (Laut.) Buda-Pest, Deäk, Kiräly, Debre- czin, GulyaS, CziSmenmachcr, Eszter- häzy. (Geht stolz nach link« ab.) Fritz (sieht ihm befremdet nach). Red, ruaiee, sag, was will denn der verfluchter Kerl! Pater Earl. Alle- lauter Freud, Herr Onkel, daß der Millionär da iS. Therese (macht einen Knix vor Fritz). Ich bitt, wen soll ich anmelven, Euer Gnaden? Fritz. Fekete LajoS, Vicegespan und Gutsbesitzer aus MaroS-Bäsarhely! (Therese ab.) Achte Scene. Pater Carl. Fritz. Fritz (in natürlichem Ton hastig). Also wie steht'S? Gelt? Außer sich die Irma? Pater Carl. Ein Schmerz, sag ich Dir, daß der Bvsendorfer d'raufgeht. Fritz. In Ohnmacht g'fallen ver- muthlich? Pater Carl. Hab'n schon dreimal fortg'schickt um'n Clavierstimmer. Fritz. IS ein Engel, das siegst Du jetzt ein? Pater Carl. Ich Hab von dem Engel bis jetzt bloS den Flügel bemerkt. 33 Da hast ein Ducaten. Wann Du schon ^ auftritt'st als Millionär, mußt bei^ passender Gelegenheit herumwerfen damit. Fritz. Mit dem anzig'n Stück da? Pater Carl. Mehr Hab i net, theil Dir'n ein. Still, die Mama! >(Therrse und Frau; öffnen die Flügelthüre, Frau Hasenöhrl kommt in Trauertoilette, bleibt unter der Thür stehen, sieht Fritz an und ruft:) ^ Fr. Hasenöhrl. Die G'stalt. die j Haltung, meiner Seel, bis auf's G'sicht und die Dicken, der ganze Fritz! (Selig.) Herr von LajoS! (Streckt die Arme au«). Fritz (zu Pater Earl). DaS iS also Schwiegermutter? (Da Pater Earl bejaht.) Isten dort«, keckves mnmLm (breitet seine Arme au«). Da her, an Herz von alten Fekete! Fr. Hasenöhrl (fliegt ihm an die Brust und weint an seinem Busen). I- da- a lieber Mann, 'n Vice sein G'spann! Fritz (leise zu Earl). Ich denk, e- wird sich gut machen, wann ich jetzt zum Herumwerfen anfang? (Laut.) Werd ich selber schwach. (Zu Franz.) knrätom, bitt ich Sie um Sessel! Franz (höflich). O, mit dem größten Ketskemöt! (Stellt ihm einen Stuhl hin.) Fritz. So, »mies, da haben Sie Kleinigkeit! (Gibt ihm den Ducaten ) Franz. O, das iS ja viel zu terem- tetv! (Zu Frau Hasenöhrl). Gnä Frau, i- doch a Magnat. Da schau'n- her, a Ducaten! Fr. Hasenöhrl (für sich). Meiner Seel! Schau ob's ein österreichischer iS? Ob Schlögelmühl d'rauf steht? Franz (,„ Pater Larl leise). Sö hörn'S; bm i nur mehr Viere schuldig. (Gibt ihm den Ducatm.) Pater Carl (leise zu Fritz). Da hast, wirf herum. Fritz (für sich). Jetzt hat er auf einmal ein zweiten? (Laut». Liebe- Fräulein, 6äes erierLw, bin ich so ergriffen, daß Muß ich ersuchen um GlaS Wasser. Therese (bringt ans einer Taffe eine "e Wasser). Bitte! Thrater-R^ertoir »io. Fritz. Haben Sie Kleinigkeit! (Gibt ihr den Ducaten.) Therese. Was mir auch? (Zu Franz) Du — a Ducaten. Da hast'n! (Gibt ihn Franz.) Franz (zu Pater Earl, ihm die Münze gebend). Da habenS'n. Pater Carl (leise zu Fritz). Wo hat er'S denn her? Franz (leise zu Pater Earl). San'- nur mehr Drei. (Stolz.) Solche Leut kommen zu uns! Ein ander- Mal net so ängstlich, geistlicher Herr! Fritz. Ü-k, daß wir nicht Ein- in'S Andere reden, liebe Madam Schwiegermutter, Frau von Ehrenhasel — Fr. Hasenöhrl. Hasenöhrl! Fritz. Sag ich ja Ehrenhasel — möcht ich jetzt uwhLrn doch sprechen mit Tochter, Fräul'n Irma, wo mir hat lrixzess öeoöm, istsn mit» getheilt, daß iS sie so engel-gut und brav und KLt, daß kann nicht leben ohne seiner. Fr. Hasenöhrl. Ferenz — da- g'fallt ihm — geh'nS sagen'- der Irma» sie soll sich zusammenraffen und soll a Bißel aufhör'n mit der Kränkung — der Onkel iS da! Fritz (zu Franz). Und halt a Bißel vLrjon, weil san Sie gar so gefälliger Mensch, r»r ed»tt», nehmen'- Kleinig- ' keit ! Franz, Therese und Fr. Hasen- öhrl (zugleich). WaS? Schon wieder Ein? Franz (gibt Pater Larl den Ducatm). San wir auf zwa. So zahl ich! (Rasch link« ab.) Pater Carl (gibt Fritz die Münze). Da hast'n! Fritz (leise zu ihm-. Der muß rein den Schnapper im Sack hab'n. ((Die Seitenthür link« öffnet sich und Irma . im schwarzen Echleppkleid rauscht herau«, hinter ihr Franz.) Fritz. Da- i» also — die dort — Irma, arme- Madel verlassene-, kum > her an Brust von Fritz sein Onkel, 3 34 Lut^a termAtzltst! is mir jetzt schon Alles ans — von Dein zukünftigen Vätern! Irma (ernst). Aber, liebe Mama, Halten Sie doch diesen alten Herrn nicht zum besten! Fr. Hasenöhrl. Irma, was treibst denn? Denk doch an Haiduken! Irma. Ihr Herr Neffe ging wohl aus und ein bei uns im Hause — aber wenn er mir zu Liebe auch manche Tollheiten beging — ich habe ihn nie dazu ermuntert. Fritz. Is das der ganze Schmerz? Irma. Schmerz? Sott ich Sie täuschen und wehklagen? Herr Steindl war einer jener Schwätzer, wie sie den Elevinnen der Theaterschulen zu Dutzenden nachzulaufen pflegen, ein guter, aber herzlich einfältiger Mensch! Fr. Hasenöhrl (für sich). Versankt uns dö 'n Ungarn. Fritz. Und Sie haben nie geliebt mein Fritzl? Irma. Und Hab ihn auch niemals zu Erwartungen herausgefordert. Ich plauderte mit ihm, lachte über seine drollige Manier — aber lieben — ihn — einen Mann mit dieser Prosa? — Nimmermehr! (Fritz spricht einige ungarische Worte, die seinen Schmerz auSdrücken und verhüllt sich sein Gesicht.) I r m a. Wahrhaftig, hätte ich jemals geahnt, daß die Geschenke, die er mir aufdrängte, seinen Untergang einleiten sollten, ich hätte sie gleich anfangs zn- rückgewiesen. Auf Liebe jedoch konnte er umsoweniger rechnen, als mein Herz längst versagt war, an einen Mann von Rang und Adel — (Fritz flucht in ungarischer Sprache.) Irma. Und nun sagen Sie selbst, ob man von mir begehren kann, daß ich jammere und wehklage? Ich bedauere den Armen, wie man eben einen Mann bedauert, der einem gleichgiltig gewesen. Handelt es sich aber um die Sachen, die er mir geschenkt — Mutter, geben Sie Alles heraus — ich verzichte darauf! (Ab.) Fr. Hasenöhrl (wrint). So an Unglück! Aber z'rnckgeben Ihn i nix! Fritz. Jetzt is mir schon Wurst! Da haben Sie noch Ducaten! Franz (gibt denselben Pater Earl). So, da is der Vierte! Den fünften schenk ich Ihnen — san wir Quitt! Pater Carl lleise). Nimm! Fritz (leise). Was hast denn? Gib's doch gleich Alle auf amal her! Neunte Scene. Vorige. Stowaßer. St 0 Waßer (eine Zeitung in der Hand, da er Frau Hasenöhrl weinen sieht). Aber gnä Frau — schab um's Schnupftüchel, weg'n so ein Filou! Fritz. Ah, ah, ah! Pater Carl (Fritz vorstellend). Vice- gespan Fekete, unser Onkel! Stow. Herr Vicegespan, alle Achtung vor Ihrem andern Neffen da — aber ich bedanre! Fritz (für sich). Dem sag ich jetzt sehr höflich eine ung'rische Grobheit. (Mir Eompliment.) Kut^s, terinxettet det^sr! Stow. Gleichfalls, Herr Vicegespan, aber der hat Ihnen a schöne Schand g'macht! Fritz. Na, Larätom, redens, hat Ihnen vielleicht Auftrag geben, Verstorbener? Stow. An wen denn? Denkt denn so ein Falott? Pater Carl (zu Fritz). IS a guter Freund von Dir? Nöt? Stow. Wann ich mich so erinner, was ich dem liederlichen Ding für Gefälligkeiten erwiesen Hab — auf a Pulverfaß möcht man sich setzen! Fritz. Sö? Ihm Gefälligkeit? 35 Stow. Was war da Alles zum erzählen! Alle Tag zahlt für ihn im Kaffeehaus, nie z'ruckkriegt ein Groschen. Ich will ein Menschen im Grab nix Nachreden, aber wann er bei mir in Visit war — hintendrein is immer was abgangen ! Fritz. teremtette! Stow. Wann der nöt wo was hat mitgeh'n lassen — nicht lebendig will ich sortgeh'n von da! Fritz. Und das iS ganze Verthei- digung? Stow. Kann i dafür, daß er so ein Tagdieb war, ein charakterloser? Da schau'n Sie'S an, die arme Mutter! Aber wanen's nöt, Frau Hasenöhrl. San's froh, daß er'S nöt g'heirat't hat, Ihre Irma, denn ich kann'S Ihnen jetzt sag'n, er hat a Kind mit aner Messerschmiedstochter — Fr. Hasenöhrl. Was? Fritz. Und das sagen Sie? Stow. Und drum is's das G'scheid- teste, man lacht zu der Affaire. Hahaha! Is halt a liederlicher Ding weniger auf der Welt. Hahaha! Fr. H a s e n ö h r l. Ja, ja, meiner Seel — wann ich so nachdenk drüber — Pater Carl. Herausschan'n thut um und um nix! Fr. Hasenöhrl. In, Grund, g'wesen is er ja nix. Ehr hätt man eh kane aufg'hoben — (Alle werden nach und nach sehr heiter.) Stow. Hahaha, hör'nS auf — ich halt'S nöt aus! (Alle lachen um die Wette.) Fritz. Lhen, das laß ich mir gefall'n, das is Hetz! (Singt ein kurze« ungarische« ungemein lebendige« Lied, da« sofort »n einen Csardas übergeht.) (Toller Jubel, an dem sich Alle, die Dienstboten mit inbegriffen, betheiligen. Nur der barmherzige Bruder betrachtet lächelnd die burleske Scene. Während Alle toll durcheinander tanzen, heftige« Läuten, nnd in dem Augenblick als der Tanz schließt, öffnet sich die Thüre und Frau Pichl tritt ein.) Zehnte Scene. Vorige. Frau Pichl. Fr. Pichl. Ich bitt, geh i da recht? Ich such eine Famili, wo Alles in der größten Desperation sein soll? Fr. Hasenöhrl. Ja, ja, das sind schon wir! Stow. Wo sich die große Schand ereignet hat? Wir hab'n die Ehre! Fr. Pichl. Und Sö, geistlicher Herr', Sie treiben sich auch da herum? Pater Carl. Nur als Ehrenmitglied ! Fritz. No, bät, schöne Frau, tanzen'S mit bei Selbstmordkränzchen. Fr. Pichl. Muß Ihnen Allen sehr- gut geh'n den Herrschaften, weil's gar so gut aufg'legt sein. Die Herrschaften werden vielleicht dem Tobten zu Ehren noch ein Schieberischen tanzen woll'n — ich geh gleich. (Zu Frau Hasenöhrl.) Da iS die Rechnung! Fr. Hasenöhr l. Was für a Rechnung ? Fr. Pichl. Die Fiakerin bin ich, die den Herrn Steindl g'führt hat im Unnummerirten. Fritz (für sich). Auf Die Hab ich ganz vergessen! Fr. Hasenöhr l. Und was geht das mich an, wann ich fragen derf? Fr. Pichl. Na, die letzten vier Monat iS er halt kothig blieb'n. Pater Carl (für sich). Die wird 'n nöt abbürsten. Fr. Hasenöhrl. Und da kommen Sie zu mir? Fr. Pichl. Wer soll'S denn sonst zahl'n, die zwölfhnndert Gulden? Mer iS denn drinn g'sessen alle Tag im Wagen wie Sö? Wer hat mir denn 'n neuchen Ueberzug mit der weißen Färb ruinirt, wie die Fräul'n Tochter? Aber wann i a zugieb, daß Sie'n nöt anfg'nommen habn — eS gibt ja an g'wissen point ck'bonnkur beim Menschen — 3 * Fr. Hasenöhrl (bestimmt). Bei mir> gibt's so was «ich! ! Fr Pichl. Schaun's, die ganze Welt erzählt, daß sich der junge Mann g'opfert hat für Ihn er Haus. — Wer'n Sie jetzt woll'n, daß ein arme Fiakerswittib, die schon paßt auf das Geld und schon Schulden drauf hat, herumschreit auf der Gassen: „Ter Liebhaber von der und der Fräul'n hätt'S ruinirt." Wer'n Sie zuhör'n, wie ihm die Nachbarschaft das beliebte moderne Schimpfwort in die Grub'n nachschleudert, das Wort: Schwindler? Stow. Das war er! Da nimm i Blausäure d'rauf! Fr. Hasenöhrl. Liebe Frau, das iS Alles recht schön g'redt, aber wie komm ich dazu — Fr. Pichl. Sie vollzieg'n g'wiß nur sein letzten Will'n, wann Sie ein armes Weib bezahl'n, das heut zwei Menschen zu versorgen hat. sein verlassenes Madel und sein eigenes Kind! Fritz. Na, ölltz5 keckves jü mamrlm! zahl'ns Fiakerweib — Fr. Hasenöhrl. Ich bitt Sie, man muß jetzt seine Groschen beisamm behalten — Stow. Und nachher begreif i das Geflenn nöt. Wann's mir nöt z'sammgeht auf der Welt, der Habern iS theuer, und sitzt eh Alles ans der Tramway — geh i wo auf a Brucken-Ans, Zwa, Drei — Fr. Pichl. So, und geh als vernünftige Frau aus der Welt? Na, das Umbringen paßt nur für Verzweifelnde, für Verbrecher und Trotteln. Verzweifeln thu i net, denn wann i a moring 'S Zeug verkaufen muß, was weiter? Werd i betteln mit diese Arm? I bin no frisch und g'sund und kann arbeiten. Verbrochen Hab i nix, denn der Staatsanwalt iS für mich sehr a unterhaltlicher Herr. — Und ob sich a Trottl umbringt, das waß i nöt. (Zu Stowaßer.) Hab'n Sie Ihnen schon jemals umbringen woll'n? Stow. Ich? Hören Sie — Fr. Pichl (bimnd). Gehn'S. gnä Frau. (Ihre Stimme wird von Thränen erstickt). Machen's a Sünd gut von dem Verstorbenen. Vergessen'- nöt, daß anderswo bitterlich g'want wird über sein Tod und g'rad von Jene, die er unglücklich g'macht hat, und daß meine Forderung da die Zukunft der Verlassenen sicherstellen soll — (sinkt in die Knie) es is zum erstenmal, daß ich's thn, die Pichl-Anna is nur beim Sarg von ihrer Mutter kniet - aber so bitt ich Ihnen — gleichend die Forderung aus! Fr. Hasenöhrl. Zum letztenmal — ich zahle nichts. Gehn'S zum G'richt! Fr. Pichl (sich langsamer hebend). Zum G'richt? Ihn verklagen, den Vater unserer Wettel, sein Namen eintrag'n lassen dort in a Protokoll? Erinnern lassen ihn im Amtsblatt, daß alle Leut sagen: Der Vnmp, sogar den Fiaker hat er betrogen? Na, mein liebe Frau, das thut sie nöt. die 1294erin. Die, das iS gar a pfifsig'S Weib, die zerreißt lieber d' Rechnung, wirft's hin und sagt: Küß d' Hand, Euer Gnaden, mir san schon quitt! Oder habn'S schon g'hört, daß a Fiaker a Kundschaft hat pfänden lassen? DaS hat's nöt geben in Wean und wird'S ewig net geben! — 3a, 's Zeuget, daS geht d'rauf, meine Kropfperl'n a, aber liegt glei wieder nix dran, waschen mir halt für die Wettel! San ganz andre Leut nie- derbögelt wie i, werd ich'S a vertrag'n mein Kracherl! — Mir san schon fertig miteinand. Fr. H as enö h rl. Liebe Frau, er is mir leid, aber ich als Mutter — Fr. Pichl (hastig). Was? Was? WaS hab'nS da g'sagt? Mutter? Sö a Mutter? Dös wer'nS do auf der Stell z'rucknehmen? Mi nöt zahl'«, seg'nS, daS laß i mir g'falln, aber sich für a Mutter ansgeb'n, d'Lent für'n Narr'n halten, na! 37 Fr. Hasen öhrl. Bin ich denn vielleicht keine Mutter? Fr. Pichl. Sv? Nein. Sie san blos Tochter-Inhaberin! Jetzt gengen'S aber do glei, sonst laß i Ihnen an- schau'n in einer Hütten! Seg'nS, jetzt muß i lachen. Und no weit mehr, als Oes alle miteinand. Hahahahahaha, die a Mutter! Hahahaha, auweh mein Seiten! Bitt Ihnen gar schön, hör'nSanf — (Ihr Gelächter steckt die Uebrigen an. Alle beginnen langsam zn lachen, so wie früher.) Fr. Hasen öhrl. Meine Herren, ich find das sehr sonderbar! Fr. Pichl. A Mutter, die von der Tochter erhalten werden will, die da — hahaha! (Alle lachen mit.) Fr. Hasen öhrl. Eine imfame Person! (Ab links.) Fritz. ^2 «llatta, da laß ich mir gefallen, das iS Fran, was sich g'wa- schen hat! Kumm her, Zwasitzige, daß gib ich Dir Bussel. Fr. Pichl (die Thür öffnend, r« steht der Fiakerkutscher Michl mit der kleinen Betty im Borhau»). Mir a Bussel? Na, aber wann Sie schon so freigebig san — Die bnsseln'S ab! Und wann Sie gar so reich san lind durchaus wem annehmen woll'n, wie die Köchin draußt sagt — Dö da können'» betrachten und versorgen wie Ihr eigenes Kind — Stow. Die Wettet von der Messerschmiedstochter — Fritz. Armes, verlassenes Wesen! Stow. Wo ich ihm so oft g'sagt Hab: Mensch, handelt man so an sein eigenen Kind! Fritz. Und Sie sagen, eS iS sicher von ihm? Stow. A Jurament leg ich ab — Fritz. Na, dann kumm her, Wettel, zu altem Bicegespan! (Er drückt da» «ind an'« Herz.) Fr. Pichl. Schau'nS, Sie g'fall n mir. Zahl'n Sö die paar Gulden! Fritz. Zahl'n, ich ? Nöt an Kreuzer, aber Kind nimm ich an. Will ich gern hab'n g'rad so, als war ich Papa! Neffe, barmherziger, , hab'n wir jetzt Kind miteinand — khen! Renn ich jetzt mit ihr zu Zuckerbäcker, kauf ich Wuchtel und Preßburger Beugel und schick ich dann durch Neffen barmherzigen! Ehnder muß ich mir aber noch Her; erleichtern! (Stellt sich vor die Thür links und schreit, indem er zeitweise Stowaßer auf die Achsel klopft und ihn schüttelt:) Hat il^en «lletetlon Ic«ckv6^rt allrrrtum u virlre UAvrm! Oll srrrinür, oll wtentolen vorju 6n. Lnnell rr llit- »Irrrrtrun «!«- temot rUckormi. — Oll 1i sü- ^rocköllo, lletock ll6t oi8/.ii^null llrua- wirill, a^r»s 2 t«'»färL valüll. — Xo cko- fo^sckoin tragend, neben ihm der Prior. j ZinSler (auf die Thüre der Frau! Pichl zeigend). Dort, fegen Sie dort, I Herr Prior — dort iS der Schlus! ! Prior. Wie aber, wenn Sie durch eine unbedachte Anklage den Rnf eines Priesters gefährden, der bisher als Zierde unseres Ordens galt? ZinSler. Aber Hochwürden, 'S Kind iS a amal da, das iS g'wiß, wo hat 40 sie's her, 's Kind? Ein platonisches Kind is noch nicht auf d'Welt kommen! Prior. Aber man erzählt doch, daß ein mittlerweile Verstorbener — Zinsler. Herr Prior, lassen'- Ihnen doch nicht foppen mit solche Prioritäten. Disputir'n wird da Niemand was hinauf, es müßt sich sonst höchstens Aner vor Schand umkehren in der Urne. (Zieht einen Brief hervor.) Was sag'n Sie zu diesem alten Bittet- doux von ihm, was ich vor sieben Jahraus der Stiegen g'fuuden Hab — Prior (durchfliegt es). Wahrhaftig! Zinsler. Lesen's uur: Ohne Dich, unmöglich! Seit jenem Tage, wo ich Dich gesehen — immer taucht Dein Bild vor meine Seele! Was, Hochwürden? Das kennen wir! Auf einmal — wie die Sach bedenklich wird, geht er in's Kloster. Das könnt a Jeder thun! Prior. ES trifft allerdings zusammen. Zinsler. Denkens nur, muß die Arme in ein Haus, was ich aus Achtung vor dem Cölibate gar nicht auS- sprechen will. Prior (auf seinen Gedankengang ein. gehend). Ja, ja. Und der Vater blieb immer unbekannt. Zinsler. Aber ich und Gott, wir Zwa seg'n Alles! Warum nennt sie'n denn nöt den Vätern? Sie kann nöt und darf'S nöt? Weil es sich um ihn handelt, um ein geistlichen Herrn. Prior (unruhig auf- und abgehend). Es ist kein Zweifel — und ich werde zum Heile unseres Klosters ein Exempel statuiren! — Sie haben wohl hier im Hause ein Geschäft? Zinsler (auf seine Binkel deutend). Hab g'rad wieder einkauft. (Für sich.) Lauter G'raffelwerk zum Verbrennen. (Auf eine Ofenröhre deutend, die in den Hof reicht und au» welcher Rauch herausqualmt.) Dort, wo's außerraucht — dort is mein Etablissement. Prior. Handeln vermuthlich mit geräucherter Waare. Zinsler (zustimmend). Es is so eine Art Selcherei mit idealem Hintergrund. Werd vielleicht auch einmal die Ehre haben. (Ueberreicht ihm feine Karte.) Solide Bedienung! On parle auch kran^ai8. Reparaturen werden billigst besorgt. Prior (der die Karte gelesen). So, so, so. Sie beschäftigen sich also mit Leichenverbrennungsversuchen ? Zinsler (auf seine Thür weisend). Vielleicht gefällig? — Heut ist Ge- sammtübung! Prior. Ich danke, ich werde hier den Pater Carl abwarten. Zinsler. Is mir leid, denn heut stell ich Ihnen eine Hitze her — da is Ihnen VöSlau. Tramsö dagegen. Der ganze Verein schaut heut zu — wie ich diese Binkeln verbrenn. Aber is halt um und um zu wenig! Verbrenn eh Alles, was ich find auf der Gaffeu — aber mein Ofen — von der G'schwindigkeit haben Sie keine Idee! Hochwürden, wenn ich so frei sein darf — bitte ein Exemplar! (Gibt ihm ein Büchel.) Prio r. Ah, die Statuten Ihres Vereines ! Zinsler. So, jetzt krieg ich dreißig Kreuzer! Prior. Ich trete ja nicht bei. ZinSler. Bitte, Paragraph Eins: „Wer dieß Büchel in die Hand nimmt, zahlt dreißig Kreuzer!" Das iS bei mir schon so eing'rickt'. Prior. Nun in GotteSnamen! (Gibt ihm Geld.) Zinsler. Dafür können Sie jetzt sterben, wann Sie wollen! (Sein Häferl hervorziehend). Hochwürden, war mir eine Ehre! (Gewahrt bei der Thür der Frau Pichl ein Paraplui.) Himmel, ein Para- plui! Her damit und hinein in die Flammen für die Idee! (Rasch recht» ab.) 41 Zweite Scene. Prior allein. Gleich darauf Pater Carl, da« Kind auf dem Arm. Prior (auf. und abgehend). Ein Narr, — doch bin ich ihm dankbar für seine Offenbarung. Umgiebt sich mit dem > Schein der Ehrbarkeit, um uns schließlich dem Gespötte der Welt preiszugeben! Wie erbärmlich! Pater Carl (erschreckt). Der Prior! Prio r. Allerdings! Sie haben wohl Ursache, bei meinem Anblick verlegen zu werden! Pater Carl. Ich? Prior. Keine Ausflüchte — ich weiß Alles! Unwürdiger! Als ein Gleiß- ner sind Sie bisher unter uns gewandelt, und während Sie durch heilige Pflichten an die Außenwelt gefesselt waren, haben Sie Weihen erschlichen die Sie nun schänden! Pater Carl. Ich? Prior (heftig). Sie, der Sie es wagen, die Frucht der Schmach an der Hand, vor mich hinzutreten? Pater Carl. Herr Prior, ein Wort könnte da Klarheit schaffen — aber, weiß Gott, es steht ein Menschenleben — das Glück einer Familie auf dem Spiel! Prior. Heuchelei! Pater Carl. Ich ruf Gott zum Zeugen an — Prio r. Meineidiger Priester, halten > Sie ein! Pater Carl. Bei der Heiligkeit unseres Berufes, Herr, bei all den glücklichen Erinnerungen, die mich fesseln an unser HauS — Sie thun mir Unrecht, Prior! P rior. Und ich will Offenheit, jetzt, in diesem Augenblick! — Soll der Verdacht noch länger wurzeln, soll einem Einzelnen zu Lieb das Ganze leiden? Unantastbar, wie unser Orden war, so soll er'S bleiben uud darum Wahrheit! Wer ist der Vater dieses Kindes? Nicht ich allein, die ganze Vorstadt soll heute noch Gewißheit haben! Pater Carl. Ich kann'S — ich darf'S nicht sagen! Prior (strenge). Nicht? Sie kennen eine höhere Rücksicht als jene für die Priester-Ehre? Dann heut noch fort aus unserer Gemeinschaft! Im Correc- tionshauS mögen Sie die weiteren Entschlüsse unseres Vorstandes erwarten. Nicht eine Nacht mehr unter unserem Dache! (Schnell ab.) Dritte Scene. Pater Carl allein. Pater Carl. Also fortgejagt und dem Gespött anheimgegeben? Ich, der ich (wischt sich eine Thräne aus dem Auge) Aber mir scheint gar — schäm Dich, Pater Carl! WaS iS denn weiter g'scheg'n? Verurtheilt von der Welt! Getreten, weil sie ein Opfer braucht! Die fremde Schuld auf mich geladen und ich ertrag'S und führ ein Menschen zur Erkenntniß! Ich schaff ein Kind sein Vätern, stell'- wieder her, zerstörtes Glück — hahaha! — ich denk, obwohl entlassen, heut bin ich erst a rechter Priester! Komm Klnd, ich führ Dich zu Deiner Mutter und dann hin in s Stift, mein Binkerl g'holt, fort und abg'wart't, bis sie heranruckt, die Auferstehung meiner Priesterehre! (Ab mit dem Kind.) Vierte Scene. Frau Pichl kommt mit dem Fiakerkutscher Michel au- dem Wagenschoppen. Fr. Pichl (selbst weinend). Da hilft ka Flennerei. 'S Zeuget wird heut noch 42 licitirt. (Hieb den Viechern 'S letzte Büschel Heu, Wassers nnd nachher spannst es ein. Michel. Frau Pichl! — Ich mi trennen von die Roß, das überleb i net! Fr. Pichl. Ich waß's, Du warst a braver Kutscher, bist'nie ab'gstraft wor'n auf der Polizei, weil's Dir nie Nachkommen sein — aber es geht nimmermehr. Nur mit schwerem H^'Zen hin i vor drei Monat hin zu dem Fleischhacker um a Geld! Er hat mich amal heiraten woll'n, und ich wär jetzt a reiche Frau, wanu ich'n g'uumma hätt, aber das Anzige, was mir g'fallen hat bei ihm, das war sein Kälbernes von der Nieren. Na, Hab i g'sagt! — Häst'n dafür jetzt seg'n soll'», wie ich als Bittstellerin vor seiner g'standen bin. „So weit san mir also?" hat er g'heanzt, „ganz am Schaffel! Bei der Lina?" Und mit einer Schadenfreud, daß ihm's G'sicht völlig aus'n Leim gangen iS, hat er mir hing'legtdie 700 fl. „Sah, nehmen's den Schmarrn, Sö hoppatat- schige G'frettschwester!" Das war sein Red und alser lacherter iS er sitz'n blieb'n in sein Affenkastel, in der Cassa. Michl. Und jetzt will er's kaufen auf der Lizitation und selber wegfahren will er mit'n Zeugl, damit Sie Ihnen recht gift'n, so haßt's! Fr. Pichl. Geht'S, wie der will, richt'S her Alles. Schau, daß's die Stangall'n nit bemerken — der Ane iS wohl blind, aber krump is nur der Händige, und wann's a den Dampf hab'n alle Zwa, sunst san'S bis auf'S Alter a Paar ganz respektable Roß! Michl. Aber schau'n's, Frau Pichl — Sie hab'n ja a Stuck a sechs G'schäfts« leut, wo a jeder froh wär, wann's'n nehmen thäten! Fr. Pichl. Ah was, ich Hab ka Zeit zum Heiraten. So was ginget mir no ab. Und dann, ich will nicht abhängen von ein Mann. Auf Ja und Na hätt man da a Menge Kinder — Michl. Na, wer waß's? Fr. Pichl. Ich weiß es. Und so was kann i net brauchen. Na, na, na, na! Amal verheirat't g'wesen nnd nie wieder. Michl. Sie hab'n ja do g'lebt wie die Taub'n. Fr. Pichl. Das nit, aber wie die Nachtigallen, bei der Nacht hab'n wir immer g'schlag'n. Aber tummel Dich, die Zeit ruckt an! Michl (im Abgehen). In Gott'snam! Aus is'S mit'n „Fahr' mer, Euer Gnaden !" (Ab in den Stall.) Fünfte Scene. Frau Pichl allein, gleich darauf der alte K eppler (sehr derangirt nnd etwas ange' stochen). Fr. Pichl. Heiraten? I? Sein Zeit auf so ein Art versamen! Wo ich gar net waß, wo mir der Kopf steht! Wo sich Alles umbringen will in dem HauS, wo man in Ein' fort wem beim Schopf — wieder Aner! Keppler (forschend). San'S allan — kann ma reden mit Ihnen? Fr. Pichl. Nur näher, ka Herr da, ka eleganter! Keppler. Nur, wann mein Tochter weg is, denn von ihr und vom Kind will ich nix hören und nix seg'n! Fr. Pichl. Ich bitt Ihnen gar schön! Sie kummen ja doch bloS deß- wegen! Keppler. Ich? Zu derer Tochter, die mich um mein ehrlichen Namen bracht hat! Fr. Pichl. Ja, zu derer kommen Sie. Reden so g'wiß herum, als ob Sie'S verstechen könnten — aber Larifari — halten'S ja doch nit aus ohne ihr! Keppler. Sie kunnten glauben? 43 Fr. Pich l. Sie, zu Ihrer Zeit iS bei die Deutschmeister zwar noch g'wichst wor'n, aber so durchg'wichst wie ich sau Sie uicht. Glauben'-, ich kenn Ihnen'S nicht an, daß Sie gern die Wette! auf der Schooß hätten? Keppler. Ich? Was geht mich denn die Wettel an? Weil ich diese Biskoten da im Sack Hab? Die Hab ich kriegt als Zuwag beim — Selcher — was fratscheln'S mich denn aus? Fr Pichl. Na, weil'- gar so schön bitten — kummen'S mit in Gott'snam! K,e p pler. Ich bitten, daß ich a halbe Stund spielen derf mit der Wettel und daß i dabei bin, wann sie'S schlafen leg'n, wer sagt Ihnen das? Just geh fort! Fr. Pichl. Da wer'nS bleiben! Keppler. Sie mir befehl'n? Ja, Frau, san'S verrückt? Fr. Pichl. Was schrei'nS denn a so! Glauben'« i furcht mi? Ihnen führ' ich an ein Zwirnsfaden herum! Keppler. Sö? A Weib, mi? Fr. Pichl. Ich, Ihnen, hier, gleich! Schaun's nur, wie'S auSschau'n? Ka Krawatt'l, Alles verdäpscht. Und da hängt gar a Knopf weg! Wartens, i nah'n Ihner an! Keppler. Wann'S so gut sein woll'n. Fr. Pichl (hat Zwirn nnd Nadel ge- nommen und zog den Faden durch den Rock, für sich). Hab'n schon dran, jetzt zieg ich'n langsam zu seiner Famili! (Laut.) Da kommen'S her, da sich i besser! Keppler, Wer iS denn Schuld, daß's mich schon wieder suchen vom G'richt? Sie — sie ganz allan — aber. wann'S no so viel Vertraute ausschicken, alser Lebendiger kriegen'S mi nöt! Fr. Pichl. Gehn's, hör'n's auf nnd thun's nit so rabiat! Kommen'S her, ba^ttegt mein Wachs! (Zieht ihn nach Keppler. Todt soll er sein, sagt'S — iS ja net wahr! Red't bloS a so, damit ich'n nöt find! Lugt, weil ihr der Liebhaber mehr Werth is, als wie der ehrliche Nam von ihrem Vätern! Aber gut, ganz gut! Zug'spirrt Hab i mein G'schäft, verschleudert is ganze Gerstel, ich waß, wo ich jetzt hinraS — Fr. Pichl. In's Branntweinhans. 'S Billet hab'n's schon g'nommen, ich riech's. Keppler (auffahrend). Und wann'S a so war, wen geht's was an? Fr. Pichl. Mi, die Mutterstell vertritt bei Ihnern Kind! Die Welt — die verlangt, daß Sie a Kind nit blos in die Welt setzen, sondern eS auch begleiten im Leben mit Rath und That. Keppler. Gute Lehren a no? Pfirt Ihnen Gott! (Will fort). Fr. Pichl. Justament, dableib'n! Keppler. Verfluchter Zwirn über- einand! Fr. Pichl (immer nähend und den Keppler heranziehend.) Zah'nS nit so an — dort iS die Scheer! (Zieht ihn zum Fenster, für sich.) Na, was Hab i g'sagt? Aber endlich Hab ihn beim Fenster (Laut.) Da schau'n'S eini, Sie z'widerer Herr Sö — wie sie'S just abbusseln, Ihner Fotografie! Keppler. Jesses, die Mali, und wie verwant als sie ansschaut, und wie ihr'S Kind am Hals hängt — und wie aus'n G'sicht g'schnitten is ihr das Madel und mir sicht's a a Bissel gleich! Also, darum der Zwirn? Tausend Dank, liebe Frau — g'schwind eini zu Ihr! — Aber — siech i recht — er iS ja wieder da — er — der damals — also doch? — Er, der barmherzige (greift nach dem Messer, da« auf der Erde liegt.) Jetzt muß ich hinein! Fr. Pichl (vor ihn hintretend, den Faden fallen lastend.) Wann ich nicht Wär, die Ihnen wieder vor dem Verbrechen bewahrt! Nein, nein, Ihnen führ ich nicht am Zwirnsfaden, für Ihnen g'hört der spanische Janker, Sie Narr! Da kummen Sie mir nicht herein, bis Sie 44 ein anderer Mensch worn sein! Nit ehnder, bis Sie wissen, was Vaterpflicht is — bis Sie einseg'n, daß die gesunkene Tochter noch tausendmal mehr werth is, als der durch den Branntwein unzurechnungsfähig gewordene Vater! (Rasch ab in's Haus, man hört, wie ein Riegel vorgeschoben wird.) Sechste Scene. Keppler allein. Keppler. Gibt also Unterstand? Und der Geistliche ist's! Kan Aussicht auf ein ehrlichen Abschluß! Es ist undenkbar, daß der alte Messerschmied jemals seine Hand breiten kann über a glückliches Paar — das Kind bleibt ewig a Findling — und da draußt schnofelt schon wieder a Vertrauter! (Wirft das Messer weit weg von sich.) Soll'n die's allan genießen, die Schand — ich ertrag's nimmermehr! (Rasch nach! rückwärts ab). Siebente Scene. Fritz (als polnischer Jude, tritt spähend auf.) Entr6e - Lied. Hier soll sein was Schönes zu verkaufen, Hab ich heut am SalzgrieS gehört, D'rnm komm ich der Erste gelaufen, Damit'S net ein And'rer verzehrt! Ich handle mit Hoisen, mit alte, An Damen verkauf ich Chignons, An Kunstfreunde Bilder, gemalte Und kauf nach'« G'wicht die Coupons. (Rasch in seinen eigenen Ton übergehend und lustig herumtanzend.) Ich bin ka Iud — i bin vielmehr A sehr a fescher Geist, Der's einzusegen anfangt erst, Was eig'ntlich leben heißt! (Wieder zum Judenjargon zurückkchrend und sich mit einem Male wieder beherrschend.) Doch hier bin ich der Iud, ein Schütz, Der in das Schwarze trifft, Und hoffentlich, Iehovah gäb's. Was Gottgefällig'« stist! (Sieht sich bedächtig nach allen Seiten um.) Da kommen schon die anderen Lici- tirer! Achte Scene. Voriger, Gorischek, Plöchl, Schlick, Fiedler, Ruschitzka. Später Sch ätz meist er, Schreiber, Fr. Pichl. Gorischek. Also es bleibt dabei. Jeder gibt 150 Gulden, so retten wir ihr's Zeugl — Plöchl. Der Fleischhacker geht g'wiß nit höher, als sein Schuld is, bis 700 Gulden. j Schlick. San wir Numero Sicher! Knill. Wann nur nicht am End der Iud dort! Fiedler. Daß aber diese Juden überall dabei sein müssen. (Schätzmeister mit Schreiber.) Ruschitzka. Werd ich gleich machen. (Packt ihn beim Kragen.) Marsch, Iud, da iS nix zu handeln! Fritz. Gott über die Welt, warum beschädigen Sie mir mein Bonjourl? (Zu dem eben eintretenden Schätzmeister und Schreiber.) Herr Protokoll, die wollen mir liquidiren! (Applaus bei ZinSler.) Fritz. Herr des Lebens, was für a Raucken! (Sieht ins Zimmer.) Die schwitzen da drinn wie die Bär'n! Fr. Pichl (aus der Thüre tretend. Die Massa Leut, das is ja a schreckliches G'riß. Gorischek. Keine Angst! Die Andern. Wir san da! 45 Fr. Pichl. Dank recht sehr — aber's war mir leid, wann sich die Herr'n unnöthigerweis anstrengen möchten. Alle (verbeugen sich.) Bitte sehr! Fr. Pichl (zu Fritz). Und Sie, Sie lizitir'n a mit? Fritz. Jach Hab gehört von Ihre Araber, möcht ich machen a Geschäft — Neunte Scene. Vorige, Kugle r und seine zwei Freunde Knöllerl und Göschl, (echte Brillantengrundgestalten.) Kugler (ausspottend). Wird machen a Geschäft, d. h. wann der Iud gibt, was der Fleischhacker zahlt. 8ritz (zieht einen Geldsack und stellt ihn auf den Tisch, der mittlerweile hereingebracht wurde und auf dem ein Zettel mit der Aufschrift 600 fl. angebracht ist). Herr des Lebens. er mant, ich bin nicht bei Cassa. Ich bin a stanreicher Mann! Kugler. Packst denn nöt ein mit die paar Zwanz'ger! (Seine Brieftasche hinwerfend.) Schau Dir die Frau Mutter da an! (Zu Fr. Pichl.) Ich hab'S g'schwor'n beim Gabesam, daß i z'HanS fahr in dem Zeug. P löchl (zu Fr. Pichl). Aber geben's Obacht, wie wir'n auffitreib'n! G ori sch ek. Denn die Frau Pichl im Stich lassen — ewig nöt! Schätzmeister. Nehmen wir zuerst die Pferde. Der AuSrufungSpreiS ist 400 Gulden, wer gibt mehr? Gorischek. 401! Plöchl. Zwei! . Schlick. Drei! > -r°,ch, Kugler. 500! Fritz. Für solche Pferd? Wann ich da fahr im Prater am l. Mai, kommt mir ka Ringlspiel vor! Sechse! (Sehr rasch). G Kn gler. Siebene! ( Fritz. Achte! i Kugler. Himmelkreuz-was treibt denn der Iud? Die Viecher san ja nit Siebazig Werth! Göschl. Laß Dich net schrecken!! Knöllerl. Gäbet's der Iud, wann sie's net Werth wären? Kugler. 1000! Fritz. Für a paar solche Thier? Der Ane is voll Blut— vorlauten^ Niederfallen — Kugler. Fufzehne! Und über Haupt, wo hat denn der Iud a Geld? Fritz (stellt rasch noch zwei Geld säcke auf den Tisch. Haste geseh'n — er siecht ka Geld! Kugler. Kinder, es is ein Unsinn ! / Göschl. Und wannst zum Gabesam kummst — willst, daß'S haßt, der polnische Iud hat den Fleischhacker z'samm- prackt? Kugler (wüthend). Zwatausend! (Die sechs Liebhaber umarmen sich.) Gorischek. IS gerettet! Knill. Nit'S Drittel werth! Plöchl. Der Iud iS a Götterkerl! Schätzmeister. 2000 Gulden zum ersten, zweiten und — Fritz. San mer zu theuer! Schätzmeister. Zum dritten Male! Die Pferd g'hören Ihnen! Göschl. Gratulier! Knöll. Fest hast'n niederbögelt! Kugler. I fahr weg damit und nöt der polnische Iud. Fr. Pichl. Na, die Schand werd i a no ertrag'n! Ich fürcht nur, daß er Ihnen den Wagen weglizitirt! Schätzmeister. Wagen und Geschirre 600 Gulden! Alle sechs Liebhaber (zugleich). Neune! 46 Fritz. Tausend! Kugler. Für den alten Kasten — na! Knöll. Wann'S der Jud gibt, da is was dahinter! Göschl. Vielleicht is wo a Geld eing'naht, der Jud waß, was er thut! Kugler. Eilfe! Sch ätz meist er. Einhundert zum ersten — Fritz. Vierzehue — Kugler. Fufzehne — Fritz. Sechzehue — Kugler. Hiimnellaudon, Zwatau- send! Schätzmeister. Zwatausend zum ersten, zum zweiten und — Fritz. Is mir zu theuer. Krieg ich am Tandelmarkt um 35 an Schöner»— Sch ätzmeister. Zum drittenMale! Sie haben auch den Wagen erstanden! Nuodlibet. C h o r. Ehre, Ehre- Lob sei dem Sieger dargebracht Sinnreich hat er es ausgedacht, Ehre, — Ruhm und Lob — Sei dem Sieger dargebracht. Göschl. O edelster Fleischhacker, Du hast gesiegt wie immer Hast lizitirt ganz wacker, Ruhmbedeckt ziehst du null Ham Zum Gabesam. — Fritz. Schaut nur her — welck' eine Massa Geld ich Hab' in meiner Cassa Einem Rothschild bin ich gleich — Und staanreich! (Er schüttet Steiner au« den Geldsäcken.) „Jai — soi raffinirt — E — soi gescheidt, San doch nur uns're Leut." Chor und Soli. Nun fort — (Polka.) Gib nnr Acht schön, daß den Rößerln Net a Unglück paßirt. Daß nur kan'n von den Arabern Uebel auf'n Weg wo wird. Seit drei Wochen haben'S kan Habern Und ka Futter mehr kriegt. Du wirst Aufsehen machen sicher, Wenn man dieses Zeug erblickt. Die sechs Liebhaber (hervortänzelnd). Ha — welche F—r—eu—de Freude. ES ist gelungen unser Plan, Zu Ende Alles L—e—ei-de, Wähle jetzt. Frau Pichl. Nein — Nein — Nein! Die sechs Liebhaber (erstaunt). Der Jud wird ihr Geliebter sein! Frau Pichl. Schaut's Euch die SalzgrieSlockerln an, Und den Kaput, den er hat an. Dös Hüaterl — Ach- Da wird ma notens — volens schwach. (auf Fritz deutend). Das iS mei' Bua — DaS iS mei' allerliabster Bua! — Chor (rept.) DaS iS ihr Bua rc. Die sechs Liebhaber. Richtig iS'S der Jud! Fritz mit Chor. Taididi toi — Frau Pichl. (Dialog.) Hörn's, was is denn dös für a G'sangl? SingenS das am laugen Tag? F r i tz. Das iS die Wacht am Salzgries! 47 Die sechs Liebhaber. Zum Magistrat! Zum Magistrat! Wird sie der Iud wahrscheinlich fiihr'n Den Glaub'n verliert's, Civil-Eh' wird's, Was thut man da — es zu fistiren. Laßt klingen süße Melodien Dir zum Preis. Frau Pichl. Bin ich ein Nordpolfahrer, Daß Ihr mich singts hier an? Ein lib'raler Pfarrer Oder sonst 'n, berühmter Mann? WaS brauch' ich En're Rührung — Ziegt's Eng're Handschuh aus — Sunst gibt's ein' Arretirung, Ich will a Rua im HauS. — (Zu die sechs Liebhaber.) Plärmente Als Präsente Sö — i dank für dös Oaäsuu. Pfehl mich Ihne, Schamsta Dina, D' Madam Pichl iS's schon so. Chor (repi.) Schlick. I Hab' am Land gnä' Frau, A HauS — in Weidlingau — Hab' Gäus' und Anten, Hendeln und a liabe Sau. Gehn'S kummanS — sagen- „Ja" I stichs glei Alle a — Mir schiabenS in d' Röhr'n h'nein, Die Gäns' und 'S Schwein. Jodler. Wäschermädeln (aufmaschirend.) Madeln kummt'S nur — meiner Seel — Da is 's lusti — kreuzfidel Da wird g'jodelt, g'strampt und g'sunga, Und am End no uma g'sprunga Is wo so a Remasuri, San mir Alle da vom Thuri, Machen a — no — in ans Unser G'schra! — Ein Wäsch er mädel. Daneb'n gibt- heut a G'spusi — Da wird der Amon singen. Der Drahanek macht Musi, Da wern'n ma g'hörig springa. Chor (rept.) Lalala — (Die sechs Liebhaber immer dringender.) O laß Dich doch bewegen, Erhöre mich — denn sieh — Ich liebe — Ich liebe dich vom Herzen O — bliebe — nicht das Gefühl der Schmerzen — O laß dein Herz dich erwärmen, Und Hab Erbarmen Mit mir Armen. Frau Pichl. Sie schmeicheln zwar Dem Eitelkeits-Gefühle. Doch Sechse san mir Auf Ehr doch zu viel — Die Wahl wird einem schwer Bei so sechs Cavalier. Drum glaub' ich auf Ehr — Daß i Wittib bleib'n wär — Alle seid ihr so lieb und honett und so sauber, Indeß so zärtlich wie ein Turteltauber. Keiner soll durch das Urtheilssprüchel Unglücklich wern von mir, der Madam Pichl. Die sechs Liebhaber (wie wahnsinnig) Die letzte Hoffnung ist dahin — — (Im herbsten Schmerz versunken, finden sie sich plötzlich wieder erheitert wie in einer stetigen Jugend »Traum - Erinnerung und singend ganz entzückt ) WaS mir vor 4—5 Jahren Für secks Hallodri waren, So sechse gibtS unter Tausend Oft net an! — ES gibt in unsrer Zeit Wohl a no junge Leut — Doch was wir Sech- Für Kampeln g'wesen san. 48 Frau Pichl. Ach, verzeiht meine Herr'n Cavaliere, Wenn ich meinen Spruch modifizire, Ach End doch noch mein Herz hier verliere Und vielleicht kapituliere, Mich nicht länger mehr weig're, ziere — Und im Gegentheil Alles frappire. Mich nochmals in den Ehestand verliere Einer — Einer von Euch muß's sein — Fritz (zu gleicher Zeit.) Schau nur— schau — wie schlau — Wie so listig und fein, Sie ist die Frau — Wie sie listig und schlau — Kann sein. ZinSler (kommt mit seinen, vom Rauch geschwärzten Vereins-Mitgliedern aus dessen Wohnung.) Chor. O — welch ein Jammer, Schant's uns nur an, Drin in der Kammer Selcht der Mann. Voller Rauch und Rus, Alles iS ruinirt! — ZinSler Verstopft war bloS eine Ofen-Röhre drin'n, Meine Hoffnung, mein Alles ist dahin. Meiner ersten Production schon Entziehens die Subvention schon, Vor Rauken san Sie g'rennt. Chor. Vor Rauken sann mir g'rennt. Z i n S l e r. Und die Zweite und die Dritte Und die Vierte — na ich bitte, No viel schlechter. Chor. No, viel schlechter. Z i n S l e r. Net amal das Heu hat brennt! — Chor (rept.) Z i n s l e r. Und die Letzte, die war wirklich Herrlich prächtig anzusehen — Eine G'sammt-Uebung nit gehen! — Z i n S l e r. 's Magnesium naß, schau'n aus wie h Mohren, Der Dampf — der Rauch — die Confusion — Alle san ma g'selcht drin worn. Chor (repet). Z i n S l e r. Es wird der Verein Gleich aufg'löst sein. Chor (repet). Z i n S l e r. G'wiß schreiben sie'S malitiöS, Ruinir'n nur s' ganze G'schäft! S'laßt Kaner sich bei mir verbrennen. Chor und Soli. Hinüber zu dem Feste, Ha, welch' ein Jux — welch' ein Tag voll Freud' Drahanek, Kränzchen bei derer Zeit, Weinlesefest und Schlafhaub'nball, Das gibtS in Wien bloS, und net überall ! — Actus. Dritter Akt Sechstes Bild. (AermlicheS. getünchtes Zimmer bei der Fiakerin Frau Pichl. Ein Mitteleingang, 2 Seitenthüren auf jeder Seite, wovon die beiden links in ein Nebenzimmer, jene rechts aber in die Wohnung ZinSlerS führen. Ziemlich im Vordergrund ein einfaches Himmelbett; in dessen Nähe ein Tisch, auf welchem sich viele Medicinflalchen befinden.) Erste Scene. Keppler im Bette; die Vorhänge sind zu- gezogen, er schläft. Mali, Fritz (sie stehen am Bette de« schlafenden Keppler). Mali. Pst, still! Da schau nur Fritz, was Du ang'stellt hast? (Läßt den Bor- Hang fallen.) Fritz. Aber gut g'macht a. Just am Weg zu mein Brüdern, g'rad auf der Kettenbrücken siech ich, wie sich a Mann hinüberschwingt über'- G'lauder! Nit g'loffen — g'flog'n bin i zum Ufer! Hinein mit zwa Herrn in'S erste, beste Schinakel. g'rudert Hab i, wie der Tiroler Klotz und nit 3 Minuten san vergangen, so d'erwisch ich'n beim Kragen. Mali (vorwurfsvoll). Na und wie Du g'seg'n hast, daß eS der Vater iS von dem Madel, das Du ohne Grund verlassen und- Fritz. Mali geh — nix mehr red'n von der Vergangenheit und laß uns lieber denken an die Zukunft! Schau, Theatrr.Reprrtoir SIO. wie aus ein Traum erwacht komm i mir vor! And're Begriffe tauchen auf da d'rinn — and're Ansichten vom Leben. Mali, eS war ein guter Gedanken, daß i lebendig blieb'n bin, denn viel, viel, unendlich viel Hab ich gut zu machen auf derer Welt-— Mali. Aber jetzt fort, fort- denn nur langsam derfen wir ihm'S beibringen, daß Du derjenige bist! Fritz. Aber wie — wann ich selber — Mali. Nur nix unüberlegt'-! Die Frau Pichl wird'S schon machen, daß er uns segnet, uns und unser Kind. — Pst — still — er rührt sich! Fritz. Pst! Still ! (Schleicht sich hinaus.) (Mali geht nach links ab.) Keppler (im Bette träumend). Wettel, Wettel, wo iS denn die Wettel? (schnarcht . Zweite Scene. Der Prior. Frau Pichl ,schiebt die Vorhänge bei Seite und fühlt den Puls KepplerS>. 4 50 Prio r. Wir hätten der Bitte seiner Tochter nicht nachgeben und den alten Mann, den man uns vorgestern in's Spital brachte, dort behalten sollen. Sie haben ihm doch schon mitgetheilt, daß heute die Copulation seiner Tochter stattfindet? — Fr. Pichl. Wir trauen uns ja net. Der iS im Stand und sticht uns in seiner Rasch den Bräutigam ab, wie ein Pogauner! Blut will er seg'n, schreit er immer! (Weinerlich.) Soll sich a englisch's Beefsteak machen lassen. — Prior. Nun, geben Sie ihm nur regelmäßig in jeder Vietelstunde einen Eßlöffel voll aus dieser Flasche und es wird besser werden. In einer halben Stunde den Meliffenthee. Fr. Pichl. Glei setz i'n zu! Prior. Und wenn Sie ihm eine Freude machen wollen, so sagen Sie ihm, daß er eines gewissen Auftrittes wegen keine strafgerichtlichen Folgen zu fürchten hat. Man verlangte von uns ein ärztliches Zeugniß und da wir ihn als einen krankhaft erregten Menschen schilderten, ließ man über Antrag der Gerichtsärzte die Anklage fallen. Fr. Pichl. Muß also nicht vor die G'schwornen? Gott sei Dank, das hat ihn ja am Meisten gist, daß'n seine guten Freund sitzen seg'n ans der Anglo- bank. Prior. Anklagebank! Fr. Pichl. Was Unangenehm'- halt! Gleich bin ich da mit'n Thee! (Links ab.) Dritte Scene. Prior (allein. Gleich darauf Fritz von der Straße). Prior. Wie reim ich das zusammen? Vor wenigen Tagen, als ich ihn aufforderte, Wahrheit zu bekennen — leere Ausflüchte und heute geht dasselbe Mädchen mit einem Anderen zum Altar? (Gewahrt ein Ordenskleid am Nagel hängen.) Und da eines seiner Ordenskleider — hier im selben Hause? Die Thränen — als er das Kloster verließ — die Zuversicht, daß er es wieder betreten werde — — wer lüftet den Schleier des Geheimnisses ? Fritz (der die letzten Worte hörte). Vielleicht ich, — geistlicher Herr! Die Frau Pichl hat mir zwar streng verboten, das Zimmer da zu betreten — ich könnt ihren Plan verderben, — aber ich Hab' mir'S vorg'nommen, ich muß selber reden mit dem Alten — — — Prio r. Wer sind Sie junger Mann ? Fritz. (Späht zuerst durch die Vorhänge, um nachzusehen, ob Keppler schlafe.) Der unbarmherzige Bruder eines Barmherzigen. Prio r. Und was weiter ? Fritz. Mein Bruder war halt das Lamm, das die Sünden eines Schöpsen auf sich genommen hat! Prior. Wie? Um Ihnen gefällig zu sein, gab er das Ansehen seiner Stellung Preis? Fritz. Um mich zu schützen vor dem sein Messer — um meine Mali zu curiren, den da, mich und Ihnen! Prior. Mich? Fritz. Natürlich. Denn Sie hab'n ja auch den Stab brochen über mein Brüdern, ohne zu wissen warum. Prior. Gemach, mein Freund, ich habe nicht verurtheilt ohne Beweis in Händen. O, ich durchschaue Sie! ES ist der umgekehrte Fall. Sie opfern sich für Ihren Bruder. (Den Brief herweisend.) Siud das seine Züge? Ja, oder nein? Fritz. Ja, ja! Er hat's auch gern g'habt, das Madel, als Student. Aber der iS auch aus jener Zeit. Jetzt lesen's den! (Gibt ihm einen Brief.) Prior (liest). „Lieber Fritz! Wenn Du noch glauben könntest, daß ich mich hingezogen fühl zu Deinem Bruder heut wirst Du anders denken! Weil ich mir ein- für allemal seine Bewerbungen 51 verbeten Hab, — Du weißt eS ja, mein Herz ist Dein — tritt er schon Morgen in'S Barmherzigen-Kloster! Mali." — Und dieser Bruder wären Sie? Fritz. Und der ungerechte Richter, der san Sö! Prior. Das unlautere Bündniß bestände also nicht? Keine Verpflichtung kettet ihn an's Weltliche? Fritz. Er iS a treuer Bruder, a braver, geistlicher Herr! Prior (unruhig). Dieser Brief — die Drohungen jenes Kranken — ja, ja, eS trifft zusammen — doch halt — sein Bruder soll doch ertrunken sein! Fritz. Noch nicht! Denn wie Sie seh'n, geht er wieder herum in Wien! Prior. Sie sind eS also wirklich, und jenes Kind — Sie sind der Vater? Nun dann soll er auch heute noch wieder der Unsrige sein! Vorher hol ich mir noch Gewißheit bei der Braut! (Links ab.) Vierte Scene. Fritz. Keppler im Bette. Fritz. (Geräusch im Bette). Mir scheint gar, er rührt sich. Ob jetzt die Fiakerin dagegen iS, oder net. Was kann er mir denn thun? Ich gleich auS! Verkünd't sein wir Einmal für drei Mal, erfahren muß er's, außa damit! Aber pomali, Pomali! Wie mach ich'S denn nur, daß ich ihm's nach und nach beibring? (Gewahrt die Soutane). Bruder, verzeih mir die Sünd. aber eS gilt a gut'S Werk! (Wirft schnell das schwarze -leid über seinen Körper, das nebenbei gesagt, die übrigen geistlichen Merkmale alle entbehren kann.) ^v, jetzt will ich — (blickt durch'« Fenster). Ein altes Weib, der Stowaßer! Dem Weich ich an«! (Rasch ab, die zweite Thür links.) Fünfte Scene. Keppler im Bette. Gleich darauf Stowaßer. Keppler. Heda, Frau Pichl — Niemand da?! Stowaßer. Servus, alter Freund! Aber so san die Menschen! Da lassenS'n liegen und verschmachten. Bevor ich so elend zu Grund geh — na — schluck ich ehnder a Vierkreuzerstückl, daß ein End is! Keppler. Freund — wollen'S mir ein G'fall'n erweisen? Stow. Nein, daS thu i net. Möchten- g'wiß ein Revolver? Gelt? — Aber ich so woS auf mich nehmen, weil die Tochter, die miserable, sich nöt umschaut um'n Vätern? Nöt um die Welt! Keppler. A Seit! Wein möcht ich und sonst nix! Stow. Seitel Wein? In der Gassen haben'S an niederträchtigen — kann Ihnen zwar schaden — 'n Tod können'- hab'n davon — aber ich schlag 'n Sterbenden nix ab. Glei bin i wieder da! (Ab durch die Mitte.) Sechste Scene. Keppler allein. Gleich darauf Fritz im schwarzen -leid, aus der zweiten Seitenthür links. Keppler. Den Durst, das war noch nicht da! (Rauh) Wettel? (Immer ziirt. licher) Wettel! Wo iS denn mein klane Wettel? (Lispelnd.) Wettel, kum her a Bißel zum Großvätern — so geh doch Wetterl — kum schön zum alten Herrn! Fritz. Was wünschen Sie denn, lieber Herr? Keppler (für sich). Wer ist'- denn? (Erkennt Fritz). Aber sich i recht — da- G'sicht — der Mann, der mich anS'n Wasser zog'n hat — a Barmherziger war'- ?! 4 * 52 Fritz (gibt ihm einen Eßlöffel Medicin). Ich bin schon so ein frommer Mann! Keppler lnimmt's). Pfui der Teufel! (Für sich.) Wann nur der schon da war mit'n Gumpolds! Fritz. Nun, geht's schon besser? Keppler. Ganz passabel — aber im Vertrauen — g'fallt mir net da! Lieget lieber drüben bei Eng! — No lieber im Wasser! Siech dahier mein Tochter und ihr Kind, siech a lauter Leut, die i nöt leiden kann! Fritz. Nun, lieber Herr Keppler (für sich) wann i nur ein Uebergang findet! (Laut.) ES gibt Momente im Leben — wir sind alle Menschen — Keppler. Für mi steh ich gut! Fritz. Warst net auffig'stiegn — warst net abag'sall'n! Keppler. Sagen's amal, is's da weit bis zum nächsten Wirthshaus? Fritz. Der sündhaften Menschen gibt es viele! Keppler. Aber WinterbierhanS gibt'- nur ein Anzig'S! Fritz. Ich seh, Sie sind gefaßt — jetzt kann ich Ihnen auch das Uebrige sag'n! Keppler (für sich). Wann ich nur wußt, wie ich den wegbring? Fritz. Mein Kleid sagt Ihnen — wer ich bin, ein frommer Bruder — Keppler (für sich). A lasterhafte Schwester war mir lieber! Fritz. Sie sind krank und stehen vielleicht bald vor Gott. Wie aber werden Sie stehen vor ihm? Keppler. Er wird mi schon niedersetzen lassen! Fritz. Bedenken Sie, daß Sie mit einer schweren Schuld auf dem Gewissen oben anklopfen wollen? Petrus wird Ihnen nicht öffnen! Keppler. Hausschlüssel Hab i kan — bleib i halt oben hängen in der Luft. Fritz (für sich). Mit dem is gar nix z'machen! Gr wird gar net gerührt! (Laut.) Versöhnen Sie sich doch eher mit jenem Barmherzigen, dem Sie so Unrecht gethan! Keppler (auffahrend). So? Hat er denn net als Student? Fritz. DaS war ja ich — (sich verbessernd) das war ja — ich schwör es Ihnen, sein leiblicher Bruder. Können Sie lesen? Keppler. BloS das Geschriebene! Fritz. Danken Sie Gott, daß Sie nicht auch das Druckte zu lesen verstehen. Aber ein Blick in diesen Brief und Sie wissen Alles! (Reicht ihn den früher erwähnten Brief.) Keppler (liest). Und das soll a Trost sein für mi? Is er denn nit todt der Andere? (Bissig) Kann i mi denn vergleichen mit ihm? Ja, wann er lebet — dann knnnt ich ihm sagen, (recht höhnisch) daß i so gern Alles vergiß, daß mir nix d'ran liegt an dem Bißel Einsperr'n — daß i — Fritz. Nun so erfahren Sie denn — er lebt! I Keppler (auffahrend und sich rasch , aussetzend). Er lebt, sagen Sie — erlebt? — Im Ernst? Fritz. Er lebt im Ernst und war bloS todt aus G'spaß! Hab heut grab g'redt mit ihm in sein Quartier! Keppler. Sie mit ihm und hierin Wien? (Ist aufgesprungen und läuft wie verrückt im Zimmer auf und ab. Fritz ist hinter ihm her.) Lebt? Und i lieg da und kann ihn net drucken an's Herz? Fritz. Wer'ns Ihnen niederlegen auf der Stell? Keppler. Ich dahier im Bett, wo mir eigentlich gar nix mehr fehlt? Auf der Stell such ich'n auf! (Zieht den Rock de- Fritz an, der ans einem Sessel hängt.) Fritz. Sie, mein Rock! Keppler (im Auf- und Ablaufen den Rock anziehend). Ein eleganter Herr mit abgetheilte Haar und ein Monocle? A Stutzer mit ein dreiecketen Eravatel und ich hier im Bett? (Steckt einen Stiefelzieher zu sich.) Den muß ich ja seg'n! 53 Fritz (für sich). Was? Den Stiefel- zieher nimmt er mit? Der will mich d'erschlcigen! Keppler. Ein Mensch, der sich jahrelang net kümmert um sein leibliches Kind — mit ein ausg'schnitt'nen Gilet? (Ergreift einen Stock.) Dem muß ich Was sag'n — Fritz (für sich). Ein Stecken auch? (Laut.) Is erst gut, wann's fortgengen, — ja suchen's ihn auf! Keppler. Wo ich weg'n seiner bald den Barmherzigen erstochen hält? (Nimmt einen Zuckerklopfer vom Tifch.) Das wird ein herrliches Wiederseg'n! (Läuft ab.) Siebente Scene. Fritz. Fritz (händeringend). A ganzes Arsenal packt er ein — das iS ja ein schrecklicher Kerl! Wann ich dem sag — daß ich's bin derjenige — der nimmt richtig den Stiefelknecht! Und soll ich vielleicht raufen mit mein zukünftigen Schwiegervätern? Der soll mi nur suchen auf der Wied'n — derweil heirath'n mir am Thury! Und sie hat mir'S so verboten die Madam Pichl — wann das aufkommt, das der weg is. (Man hört Frau Pichl von Junen sprechen.) Himmel, die Frau Pichl — da bleibt nix über, als ich spiel derweil den Patienten. Achte Scene. 8 ritz im Bette. Bon links Frau Pichl mit dem Thee; hinter ihr Mali. Fr. Pichl. Dahier is also der Thee! und auf amal muß er trunken wer'n, hat er g'sagt, und ohne Zucker! (Stellt chn hm.) Fritz (für sich). Jetzt kann i schwitzen sur'n Andern! Mali Soll i Ihnen stützen, Herr Bater? Fritz (brummt). Fr. Pichl. Aber schau'ns Herr Keppler, Alles was recht is. Ja, die Mali hat g'fehlt — sie hält aufrichtig sein sollen — ich selber — ich weiß — es war net recht von mir das Blümel Blamel mit dem Kind — aber haben Sie uns jetzt mit dem Sprung von der Brucken net auch a Schand g'macht? — Fritz (läßt unwillig die Borhänge zufallen und brummt.) Fr. Pichl. Macht er die Vorhang zu! Is das ein Antwort? Benimmt man sich a so, wann man mit ein Fuß im Grab steht? Han? Den Thee trin- ken'S auf der Stell, Sie z'widerer Ding Sie! Fritz (langt mit der Hand um den Thee zieht ihn hinein). Mali. Ah was, ich sag ihm'S! — Fritz (bläSt vor sich hin, für sich). Ein Hitz hat der Pantsch — Fr. Pichl. Natürlich! WaS, man wird sich da noch länger genir'n! Red mein Kind, geht's jetzt a so oder a so! M a l i. Bater — was sageten's denn, wann ans Ja und Nein, die Ehr' Ihrer Tochter wieder herg'stellt wurd? Fritz (brummt). Fr. Pichl. Ja, was woll'ns denn nachher? Sie, jetzt vergeht mir bald selber die Geduld! Die Schalen geb'nS außa! Fritz (giebt zwischen den Vorhängen die Tasse heraus. Für sich). Todtenübel is mir d'rauf! Mali. Der Mann, Bater, der mich zu Fall gebracht hat — — ich derf'n heut nennen, er is net todt — er lebt, is zur Einsicht kommen, führt mich zum Altar und gibt mir sein' ehrlichen Namen! — Fritz (brummt etwas, wie: „Ah laßt's mich geh'«, ich will «ix wissen von Euch*). Mali. Und Sie seg'nen uns net? — 54 Fritz (zum Publicum). Da iS der Morawetz nix dagegen! Fr. Pichl. Sie knmmen nöt in die Kirchen um Biere! Wo der Doctor erlaubt hat, a Viertelstund auf sein, schad't ihnen nix! Fritz (brummt). Fr. Pichl. Wissen'S i bin a Lampel — aber mit Ihnen — nein! Mein Seliger war auch a harter Kopf, aber a so Eigensinn — wann i das waß — nimm i Ihnen gar nit her. Aber mach Dir nix d'raus, Kind, der Gugelhupf iS fertig, der Butter iS g'spritzt, d'Schunken iS wie g'mal'n, Der dahier soll Dir Dein Hochzeitstag nöt Verderb'«. Du gehst hinein jetzt und ziegst Dich an, und dann in die Kirchen, und dann wird g'jausent, und dann heirat'st und ob jetzt der Vater dabei iS oder nöt. Mali. Ohne Segen von ihm? Fr. Pichl. Segn i Di! (Unwillig.) Da knotzt er sich eini in die Tuchent und glaubt, das iS a Manier! (Wischt ihr die Thränen weg, entschieden.) Jetzt derfen'S gar nöt aufstehn! Derfen gar nöt dabei sein! Müssen lieg',, bleib',,! Da d'rinn wird tanzt und Sie wer'n dahier einnehmen. Und extra laß i Ihnen an's machen in der Apotheken, daß'S Ihnen'S merken soll'n! Mali (sehr innig). Vater — um Vier- Uhr in der Earmeliterkirchen! (Links ab.) Fr. Pichl (weinerlich). Und ich sag Ihnen nur, ich — ich gib Ihnen keine Umschlag mehr! Im Tag neun Mal um'n Doctor — man thutS ja gern, aber der Mensch muß ein Einseg'n hab'n! Meine Pölster — man gibt'S ja her — i deck mi zu jetzt mit ein alten Barchentrock — aber an Dank muß ma seg'n. Das iS die Schal'n von meiner Firmgodel, 14 Gulden Hab i dem Tapezierer zahlt für den Himmel da, fünf Nacht bin i aufblieben und g'schmeckt hat'S Ihnen mein Panadel — aber einseg'n muß der Mensch! (Geht laut weinend links ab) Rennte Scene. Fritz allein. Gleich darauf Stow aß er. Fritz (schiebt die Vorhänge zur Seite). Strapaziren sich ganz umsunst alle zwa — bin ja eh auf ihrer Seiten — aber was soll i denn thun? Himmel, wann das aufkummt, daß ich den alten Kepp- ler— ? Und dieses Schwitzen, und no dazu für wen Andern — und der Thee! In mir geht Alles umadum! Schon wieder wer da! Stow, (eintretend, das Seidel Wein in der Hand). Ja, mir iS'S recht — wann'S Ihnen gut thnt, das iS Ihre Sach. Da haben'«',,! (Gibt ihm den Wein.) Fritz (für sich). Auf',» Thee auffi? Abi damit! (Trinkt). S tow. (setzt sich auf einen Stuhl zu Füßen de- Bette». Da» Gesicht de» Fritz erscheint durch die hohe Tuchent und da« Tuch, welches Fritz umgebunden, maSkirt. Sich auf den Tröster hinausspielend). Freund, Freund, ich kann Ihnen nur sagen, glücklich, wer'S Überstunden hat! Fritz (für sich). Der Kerl fangt schon wieder an! Stow. Ja, die Leut haben leicht reden — Sie wären ein Esel! Recht hab'n'S g'habt! Dieser Leichtsinn, wo man hinschaut! Nehmen wir nur diesen Schwindler — der da mit Ihrer Toch- ter — die Haar steh'n Ein zu Berg! Fritz (für sich). Der muß was Unangenehmes wissen für'n Alten, sonst thät er nit trösten kommen! (Trinkt). Stow. Wie der Mensch sauft — eine Banda beisamm! (Laut.) Denkens Ihnen nur, wie er g'wirtschaft't hat, dieser Steindl! Mir disputirt er, bevor er fort iS, seine Möbel hinauf, find ich in ein Lad'l unter alte Brief fünf 55 blanke Tausender, die dem liederlichen ^ Ding gar net abgangen san! Fritz. Was, Sie haben bei ihm — in ein Ladel—? Stow. Wissen Sie — so a Leichtsinn — a Geld, wo sich ein Anderer aufhelfen könnt, geht'S gar net irr, waß vor lauter Zeitlang net, was er hat — wirft's wo hinein in a Ladel. denkt gar nimmer d'ran, verschlaft ein Vermögen — ein solcher Vagabund! ^ Zehnte Scene. Fritz allein. Fritz. Der iS mir g'rad z'recht kommen! Und jetzt, hol'S der Teufel, die Zeit rückt an, seg'n laßt er sich nimmer, der Schwiegervater — ich muß mich ja anzieg'n zur Hochzeit und ka Rock da, daß ich über die Gassen geh'n kann. (Will fort.) Fritz (mit dumpfer Stimme). Und wirklich Tausender san'S? Stow. Hab ich etwa kane Aug'n im Kopf, waß ich vielleicht nit, wie a Tausender auSschaut? (Zieht eine Brief, tasche heraus.) Die da san'S. (Gibt sie ihm.) Fritz (hält sie zitternd in den Händen). Stow. G'hör'n natürlich jetzt mein — aber giften thut man sich doch — Fritz (sieht ihm plötzlich in'« Gesicht). G'hören nicht Dein! Stow, (springt auf). Million — Fritz. G'hören mein! Und die Möbeln auch! Alle-! Stow. Wie? Wa - ? Das iS sein Geist! Fritz (den Ungarn aus dem zweiten Act spielend). Ra liät, da dank ich Dir, Larätom, für Freundlichkeit. Stow, (ängstlich). Himmelsackerlot — Fritz. Istonem, Hab ich denkt, daß hast mich auch vergessen, Xut^r» tsrsm- tste! Stow, (entsetzt). O verflucht, Ungar war er auch! Fritz (spricht einen ungarischen Satz de« Inhaltes, daß ihm solche Niederträchtigkeit mcht vorgekommen sei, und weist Stowaßer ^ schließlich mit einem Fluche die Thüre). Stow, (der sich vor dem perorirenden Fritz immer flüchtete und wie: „Aber schaun'S — es is wahr — ich sieg« ein," immer Ein-! Wendungen erhob, stürzt ab). Eilste Scene. Fritz, Pater Carl. Pater Carl (hereinstürzend). Daß ich Dich nur find endlich — um Alles in der Welt, was hast denn ang'stellt, Bruder, Weißt Du von dem Auflauf in Deiner Gassen? Der alte Messerschmied rumort dort herum in Dein alten Quartier. Fritz. Er iS mir auSkommen! Pater Carl. Dein Rock hat er an, und das ganze Haus in Allarm — und nix zu reden mit ihm — iS exaltirter als je — Fritz. Wenn das die Mali erfahrt — ! Pater Carl. Und die Madame Pichl, die ihm'S ruhig hat beibrin gen woll'n. Maßt Du, daß der viel-l . leicht a zweites Mal in'S Wasser) L springt? Fritz. Da muß man hin auf der Stell! Pater Carl. Wann aber die Niemand finden im Bett? Fritz. Eine Idee! Leg Du Dich hinein derweil. Pater Carl. So? Und wer bringt denn den alten Keppler zu sich? Fritz. Nimm ich den ersten Besten, der kommt. Servus, Herr v. ZinSler! 56 Zwölfte Scene. Vorige. Zinsler. Zinsler (sehr desparat aus seiner Wohnung). Meine Herren — Pater Carl (für sich). Der muß uns heransreißen. (Laut.) Gern vergiß ich auf Alles, aber eine Gefälligkeit. (Sie hängen sich Beide ein und gehen mit ihm rasch auf und ab.j Zinsler. Meine Herrn! Fritz. Sie haben uns zwar viel an- gethan — Pater Carl. Mir besonders. Aber 'S is Alles verzieg'n — wann Sie uns nur diesmal gefällig san. Zinsler (der endlich zu Worte kommt). Sehen Sie, ich brauchet bloS 300 fl. Fritz. Bagatell! Aber daß er hier in diesem Bett liegen sollt, das is Ihnen ja bekannt? ZinSler. Und ich krieg's also! Aber wann? Den er geht schon auf und ab der Vertraute — Pater Carl. Auch dauerts ja höchstens bloS 15 Minuten — Zinsler (endlich wieder zu Wort kommend). Allerdings ja, ich Hab manchen Leuten ihre Sachen verbrennt — Fritz. Aber Sie waren ja immer ein gefälliger Mensch! Gehn's, leihens mir Ihuer Bonjourl! (Sie ziehen ihm dasselbe rasch aus). Zinsler. So schön, die zieg'n mi aus am hellichten Tag! Pater Carl. Und nachher legen's Ihnen dort in's Bett! ZinSler. Ich im Bett? Wegen was denn? Aber sehr gut, ja! O sind ein paar edle Männer! Denn wann do der Vertraute kommt — Fritz. Sind Sie der alte Keppler! Zinsler. Sie erlauben mir also, daß ich mich hier versteck? Sie unterstützen mich also im Augenblicke der Liquidation? Pater Carl. Und wann Sie'n gut spielen den alten Herrn — Fritz. Kriegen's die 300 fl. (Beide ab.) Dreizehnte Scene. Zinsler. Gleich darauf der V er tra ute. Zinsler. Gerettet! Obwohl mich meine Actionär anzeigt hab'n bei der Polizei! Was müß'n denn die g'macht hab'n mit dem Alten? Am Cnd ein Verbrechen?! Vielleicht seg'n wir uns gar Alle in dem nenchen Kriminal- Gesellschaftswagen? (Klopfen an der Thür.) Der Vertraute! (Deckt sich zu.) Die Eispressung des Tegetthoff beginnt! Herein! Vertrauter. Entschuldigen, der Herr Zinsler zu Haus? Zinsler (deutet mit dem Finger auf die Thür rechts vom Publikum). Dort, dort! Ve rtr. Ah, wahrscheinlich der kranke Herr von Keppler? Gratulier, Hab schon g'hört, daß Sie besser sind! Zinsler (für sich). Als mein Ruf? Nein! (Laut.) Gefällig Platz zu nehmen? Vertr. Danke. Muß den dort arre- tiren! Zinsler. Segens — ich Hab mir's immer denkt — mit dem kommt'S noch amal so weit. Bert r. Der war schon im Mutterleib nix nutz! Zinsler. Im Mutterleib! Viel früher schon! Aber daß so a Mensch auf's Reden nix gibt? Die Behörden haben's doch g'wiß gut g'meint mit ihm! Vertr. Alles umsonst! Zinsler. Ich glaub bei solche Leut müßt noch der Stecken her! Vertr. Das is eS ja, was ich allerweil sag. Fangt er da ein Verbrennerei an! 57 Zinsler. So ein Unsinn! Stat^ daß er Handschuh machet! Aber was, > den wern's jetzt karnifeln? ! Vertr. Das können's Ihnen denken!! Wo er was g'fnnden hat, die Sachen > von wildfremde Leut — in Ofen steckt er's eini! ' Zinsler. Is das wahr? Ah, ah'.! Da g'hört wirklich a Keckheit dazu! Vertr. Jetzt mach'n wir aber kaue Umständ mehr! Jetzt kriegt er seine acht Monat und dann wieder fort mit ihm, am Schub! Zinsler (für sich). Immer das alte Repertoir. Die Leut können ka G'schäft machen! Bert r. Doch L propos Herr Keppler, wie schaut er denn ans beiläufig? Zinsler. Na, iS so in meiner Statur, hat meine Augen, die Nasen hat er auch von mir und als besonderes Kennzeichen: wann er uießen thut, macht er immer 'S Maul dabei auf! Vertr. Ahan! Zinsler. IS nur schad, daß diese Gattung so schwer zu erwischen iS. Vertr. Also nicht zu Haus? Zinsler. Ja, der wart Ihnen, bis Sie daher kommen. Mi wundert nur. daß sie net verlangen — er soll im Bett da liegen? Da wär'S Z'samm- packen freilich a G'spaß! Vertr. Komm ich halt Abends. Aber bleibt natürlich unter uns Alles; nöt daß Sie ihm vielleicht was ver- rathen? Zinsler. Erlauben Sie mir — da müßt ich höchstens akrat so Aner sein, als wie er. Im Gegentheil, wann ich Ihnen g'fällig sein kann — Vertr. Alle Achtung! Ein charmanter Mann, der Herr Keppler! Und da sagen die Leut, das war a z'widerer Mensch. Ich empfehl mich! Aber den Andern, den wer'n wir in die Batz nehmen — g'horschamer Diener! (Ab.) Vierzehnte Scene Zinsler im Bette. Gleich darauf F r. Pichl, später der Prio r. Zinsler. Also Abends kommt er wieder — wo bin i derweil? Ich nimm mir meine 300 Gulden und dann adio Wienerstadt. Fr. Pichl (von links). Kann'» gar nimmer anschauen, den Grandian. Die Galt steigt mir auf, wann ich's nur sieh, das G'sicht. lNimmt unwillig die Medicin- flaschen vom Tische und schüttet einige Tropfen ans einen Löffel.) Die Viertelstund ist um — einnehmen soll'ns. Zinsler (für sich). Warum schreit'S mich denn so an — ich Hab ja gar nichts gethan (Nachdem er eingenommen.) Da krieg i jetzt extra zwa Gulden Fr. Pichl lstrenge.) Da nehmenS ! Is Ihnen besser? ZinSler (beutelt den Kopf, für sich). Auf dös? Fr. Pichl. Das iS die Straf Gottes ! Wollen's reden lassen mit Ihnen? Ja oder Na? ZinSler ldeutet „Ja", fürsich.) Viel- leicht hör ich was Neuch'S? Fr. Pichl (setzt sich auf den Stuhl, der beim Bette steht). Sie haben g'wiß mein altes Schwarzblattl kennt — net wahr? Heut in der Früh is's hin worden. Mein Daxel. der immer so schön 's Aportel bracht hat — niederg'führt habenS'n gestern. So geht a Mensch nach'n andern hinüber. Wie lang wird'S dauern, fahr'« a mir zwa mit der Tramwah nach Simmering außi, oder der daneben — der Hallunk — verbrennt uns zu lauter Aschen, und wann Glatteis is, streut der Hausmeister auf mit uns! Seg'n Sie, das is das Leben, eh man sich umschaut, liegt man schon drei Jahre auf der Schmelz! Net wahr, da thäten'S Ihnen aber nachher giften, wann z'Allerseelen Niemand aussi kämet zu Ihnern Grab, wann net amal eine InSlichtkerzen brennet an dem Tag, 58 und wann net ein Anzig's von uns zu „Müller und sein Kind" ginget, aus Achtung vor Ihnen! Zinsler (weinend). Um Gotteswillen hör'ns auf! Fr. Pichl (für sich). Ahan, das hat'n packt! Hat do no a Herz! (Laut.) Wann Sie a kinderloser Vater wär'n, i saget ja nix. So aber — wann ich denk — und wann ich so nimm — (Thriinen ersticken ihre Worte.) Das iS daS dritte Schnupftuch el heut! Zinsler (heult im Bette). Fr. Pichl. Net wahr, ja? Sie seg'nS ein? (Glücklich.) San nimmer bös? Wer'nS segnen die Mali? Hab ich'S doch g'wußt! Dafür Wer'nS amal leichter hinübergeh'n, als'« glauben — Zinsler (für sich). In d'Alservorstadt! Fr. Pichl. Und wann Ihnen ja Gott amal zu sich nimmt — Zin sl er (für sich weinend). Der wird sich auch ein andern Zimmerherrn wissen. Fr. Pichl. Wern's sitzen bei die Gerechten und Flügerln wern'S kriegen und ein Engel wer'ns sein! (Geht laut weinend tief gerührt recht« ab). Zinsler. Die können mir wirklich was d'rauflegn. Dös Flaschel und dö Massa gute Lehren — ui Iegerl, jetzt geht'S erst an! Prior. Was hör ich? Der liebe Himmel soll Sie erleuchtet haben? Zinsler (sich da« Gesicht verhüllend, weinerlich). Mit dem englischen GaS der Erkenntniß! Prior. O glauben Sie mir — der Segen der Eltern baut den KindernHäuser! Zinsler (weint). Also wieder eine neue Baugesellschaft? Prior. Dafür wird Sie Gott einst gnädig aufnehmen in das Himmelreich! Zinsler (heult wieder). Wann ich nur schon dort wär in dem Franz- Josefs - Land. Prior. Ich eile fort, um die beiden Brüder aufzusuchen und sie von ihrem Glücke zn verständigen. (Schnell ab.) Füichehnle Scene. Zinsler. Diese guten Lehren für 300 fl. — ist zu billig! — Und recht Hab ich, denn wenn heutzutag irgend etwas noch so poetisch anfangt — der Schluß ist doch immer eine prosaische Pointe. Couplet. Weit entfernt vom Stadtgetriebe, Wo der Landmann Furchen zieht. Wo Kartoffeln, Kraut und Rüben Und der türk'sche Weitzen blüht Und wo niemals ungestraft der Wand'rer nächtlich heimwärts wallt, Hat der Bauverein die Klafter Um 700 Gulden gezahlt! 2. Wunderbare Abend - Röthe, Sie vergoldet dort die Flur, Zu besingen sie?— Ein Göthe, Er allein vermöcht es nur, Seht, dort an der Bergeslehne Die kein Mensch erklimmen kann. „Bleibt just wieder stecken jene Gottverdammte Eisenbahn." 3. Herzerstarrend sind die Schrecken, Die des Nordpolfahrers harren, Wehe dem, der zu entdecken, Kämpfen will mit den Gefahr'n, Tiefe Nacht, die ewig dauert, Ungethüme stürmen ein. Bei der Rückfahrt selbst noch lauert, Ueberall ein Gesangs-Verein. 4. Duftig, luftig, wolkenähnlich, Flüchtig wie der kühle Wind, Tanzt des Abends wie gewöhnlich Im Ballet ein schönes Kind, Ihre Mutter „Aethermassa, Papa Zephyr" schuf den Leib. — „No, natürlich der Vater war a Waß'rer, d'Mutter a Lavendl-Weib," 59 5. Wo Libussa einst vor Jahren Nur im Morde fand Genuß Und CzikoS wilde Schaaren Rächten den Johannes Huß, Dorthin wendet heut zu Tage Sich der Blick, früh und spät, „Schwebt auf jedem Mund die Frage Kummt der Wenzel — oder net?" 6 . Ach, hat Niemand denn Erbarmen, Seht den Mann gebeugt und verzagt, Schwer beladen hat den Armen Das Schicksal, das er beklagt, Diese Bürde zu ertragen, Herr ich kann'S nicht! —Oschrecklich Loos, „Denn, in einem Tramway-Wagen Sitzen eilf Herrn auf seiner Schooß. Der Zwischenvorhang fällt. Herwandlung. Siebentes Bild. (Straße. Im Hintergründe links eine Kirche mit einem Treppenaufgang nach Art der Karlskirche auf der Wieden. Zu beiden Seiten der Stiege ist Volk beiderlei Geschlechts aufgestellt. Die Leute blicken alle erwartungsvoll nach dem Kircheneingang.) Erste Scene. Pater Carl von recht». Volk. Pater Carl. Nicht zu finden! Umringt von Gassenbuben soll er fort- g'loffen sein, der verrückte Messerschmied! Soll'- wirklich im letzten Augenblick mißglücken, mein Rettungswerk? Zweite Scene. Bon 2 Wachen begleitet ZinSler. Vorige. Stimmen au» dem Volk : Der ZinSler, der Leichenverbrenner! ZinSler. Hochwürden! (Zu den Wach-! männern.) Halt! Bei Fuß! (Zu P. Earl.) Was sagen Sie zu der Auszeichnung? Eben laßt mich die Regierung holen — ich soll's jetzt auf dem Steinfeld Probieren! Pater Carl. Was Sie sagen? Is aber Ihner richtig'- Feld, das bei Stein?! ZinSler. Die Regierung hat das Verdunkeltwer'n satt — ich soll's Herausreißen ! (Zu dem Volk.) Seht's Kinder, war aber auch a kühner Griff von mir! Pater Carl. Und wo gehn'- denn jetzt eigentlich hin? ZinSler. Zu einer längeren Sitzung. Eine Commission bestehend aus 3 Landes- gerichtSräthen und einem Hof- und GerichtSadvocaten werden meine Angelegenheit untersuchen und zwölf ge- schwor'ne Feinde de- Rückschrittes sollen dann bestimmen, ob Ja oder Nein! Pater Carl. Ahan! Aber wie kommt'- denn, daß Ihnen die zwa Wächter auf Schritt und Tritt nachgehen ? ZinSler. Eine Ehrenwack krieg ich sogar vor mein Quartier! Doch, net 60 wahr, hat lang dauert, bis die Regierung die Einführung beschlossen hat? Pater Carl. Wann'S nur dafür jetzt a dauernde Anstellung hab'n? ZinSler. Auf a Jahr schließ ich jedenfalls ab. Volk, pfiert Dich Gott! Adieu, Alle! (Zu den Wächtern.) Und Sie bleiben jetzt knapp bei mir! Daß mir Keiner fortgeht, ich sag Jhnen's ich versteh kein G'spaß in dem Punkt. (Rasch mit der Wache ab). Alle. Hahaha! Pater Carl. IS a schöne Urne, in was der auf d'Letzt hineinkommen is! Volk. Die Brautleut! Die Fiakerin! (Alle laufen seitwärts ab). Pater Carl. Und ich bleib da, damit ich noch jeden Feind abwehr, bis Alles vorüber. Dritte Scene. Pater Carl. Keppler, verstört, von rechts, umgeben von Volk. Man hört von Weitem den Ruf: „Der nar» rische Messerschmied!" Keppler. Der narrische Messerschmied, ja, aber halt, da is ja Aner, wann a net der Nichtige, so doch sein Bruder. (Faßt ihn bei der Hand.) RedenS, geistlicher Herr, wo is denn der Mann, der uns in'S Elend bracht hat? In sein Quartier iS er «et! Pater Carl. Also bin'S denn not ich? Ich hätt ja a schon soll'n transchirt wer'n von Ihnen. Keppler. ES iS wahr, ja, ich Hab Ihnen damals Unrecht than, i bitt Jhnen's auch ab, aber jetzt gilt's, mi auszugleichen mit Jhnern lebendig gewordenen Brüdern. (Zum Volk.) Wißt,S Leut, dem sein Bruder iS a fescher Mann, mit Manchetten und umg'legte Kragen ! Pater Carl. Und wann ich Ihnen sag, wo er iS, möchten's'n g'wiß gleich fassen bei der Brust? Haben vielleicht gar wieder a Messer im Sack und bevor er no redt, ans, zwa, drei, wär's Unglück fertig! Keppler. Und halt er'S net verdient? Volk red! WaS, soll a Vater znschaun, wie man' bringt um sein Ehr? Pater Carl. Aber wer weiß's ob er'S nit gut machen will sein Verbrechen! Keppler. Der? Volk. Oi, der! Fallt ihm net ein! Pater- Carl. Ob er die Mali heut nit in Lieb an's Herz drucken thät! Keppler. Er? A Mann, der sein Kind so erbärmlich im Stich lassen hat, der sich Jahre lang nit kümmert um Mutter und Kind — Volk, red — was sagst denn hazu? Volk. Fallt ihm net ein! Pater Carl. Vielleicht hätt er'S Ihnen schon lang gern selber g'sagt. Aber eS iS ja net zu reden mit Ihnen! Bevor man's Maul aufmacht, hat man schon ein Knchelmesser im Bauch! Aber wann Sie schon durchaus Ihren Zorn anSlassen müssen (für sich) und wann'S Bolk schon ein Opfer begehrt — die Trauung wird just vorüber sein (laut) da in der Kirchen hat er sich versteckt. Keppler. Dort? Da is erd'rinn? Pater Carl. Ein hübscher Mann iS'S, in ein schwarzen Frack — Keppler. O aus 100 Leut find i'n heraus, vom G'sicht leS ich's herab. Na wart, i werd Dir lernen, mein Tochter — (eilt die Treppe der Kirche hinan, da öffnet sich die Kirchenthür). Mali und Fritz treten als eben getrautes Ehepaar heraus. Hinter ihnen Frau Pichl im echten Fiaker-Sonntagsstaate, ihre Kropfperlen um den Hals, fesche Haube u. s. w. die kleine Betty führend; Gorischek und Ruschitzka als Beistände die andern 4 Liebhaber als Gäste, hinter ihnen Volk. 61 Keppler. Wie — wa-das, der dort — verheirathet san's (bricht in ein Gelächter aus, zerbricht ein Messer das er aus dem Sacke zog). Hahaha und ich — Sie sau a lieber Kerl — her da an'S Herz vom verrückten alten Messerschmied! — Fr. Pichl (in heftiges Weinen aus- brechend). Gut is er wieder-ver- zieg'n hat er — jetzt bin i im Stand und nimm Ein von meine Sechse — Alle sechs (nähern sich ihr). Fritz. Carl — das dank i Dir — Prior (ans dem Volke tretend und dem Pater Carl die Hand reichend), lind daS hast Du gut gemacht. — Du barmherziger Bruder! (Gruppe.) Musik fällt stürmisch ein. ActuS. Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Hoher Markt 1. Sakuntaka. Drama in fünf Aufzügen. Für die deutsche Bühne bearbeitet von A. Donsdorf. I fl. 20 kr. Oaianina Oonnano. H i st o r i s ch e S Drama in fünf Aufzügen von A. Forstenheim. 1 fl. 20 lr. Donna Diana. Lustspiel in 3 Akten nach dem Spanischen des von Augustin IHonvIo von ß A West 5. Aufl. Mit einer Einleitung von I. W. Apell. 1 fl. 50 kr. Elegant gebunden 2 fl. 40 kr. Das Leben ein Traum. Dramat. Gedicht in 5 Acten nach dem Spanischen des Lalützi'vn <1e Irr Kare», für die deutsche Bühne bearbeitet von C. A. West. 5. Anfl. Mit einem einleitenden Vorworte von H. Laube, fl. 1. Elegant gebnnden. fl. 1.80. Sophie Schröder, wie lie lebt im Gedächtnisse ihrer Zeitgenossen und Kinder. Mit Porträt. 1 fl.- 50 kr. Album österreichischer Dichter. Neue Folge. (Zedlitz — Deinhardstein — Paoli —Constant — Ebert — Mosenthal — Prechtler — Leitner — Hirsch — Beck — Meißner — Saphir.) Mit 12 Porträts, fl. 1.50. — Elegant gebunden fl. 2.50. Entwurf zu einer Praktischen Schauspielerschule von Au g. Lewa! d. Preis 1 fl. Nu» I. B. WalliShausler'« t. t. Hofthratrr-Druckern. Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Hoher Markt Nr. 1. Kesarnmekte heitere Horträge ^ von Josef Wevl. 12 Hefte, jede- im Preise von 30 kr. Oest. Währ. — 60 Pfennige. Inhalts-Aeberflchl: 1. Hrst. An die Künstler. Tragisch oder Komisch. (Vortrag sür eine Dame.) Ein alte- Götzenbild. Was a Bauer ned olle- sein möcht. Frei nach Darwin. Abgekühlte Heißsporne. Der Pfarrherr vom Kahlenberge. Pscheschitschek. (Dialektscherz.) Eine Ballphrase. (Vortrag sür eine Dame.) Die Speckvertheilnng. (Zur Beamten-Auf. besserung-frage.) Schnadahüpfeln Nr. 1—K. 2. Heft. Amor'- Lexikon. (Dialektscherz.) Nante'- Ehristgedanken- (Berliner Dialekt.) Der Müller und sein Kind. Pimpelmeier'- Träume. Sam. Schnorrer'- Lebens- und Börseregeln. Gottschalk Schlemmer. (Eine schauderhafte Murithat.) ES hat 'rer, es giebt 'rer, aber man findt 'rer halt nicht. (Vortrag für einen Herrn.) Nach der Speckvertheilnng. (Fabel für kleine Beamte.) Der erste Katzenjammer. Der Zopfabschneider. (Eine grausliche Ballade in Lhignonversen.) Diurnisten-A-B-E. > Schreiben der Herrn Jstvän Färkäs (Stuhl- richter au» Groß-Betsovit-, an seinen Sohn LajoS, Hörer der Technik in Wien. (Prosa in Ungar. Jargon.) Gerechte Entrüstung. (Oesterreichisch.) ». Hest. Enorma oder der Drniden-Barbier. Opern» konfusion in 1 Akt. Die Entstehung der ersten Ballet-Tänzerin. Vaterfreuden eine- Berliner-. (Berliner Dialekt.) Plausch de- Publikum« über die Oper „Mar- garethe" v. Gounod. (Dialektscherz in Prosa.) Was hat die Welt ruinirt. Ein fünfstockhoher Hausherr von Neu-Wien. Meinungsverschiedenheit. (Oesterreichisch.) Der Fuchsige. (Oesterreichisch.) Z'weg'n dem Schnee. (Oesterreichisch.) Der Schah in Schah. Stoßseufzer eine- Arithmetik«-. 4. Heft. JeremiaS Pechhuber. (Solo-Scme für 1 Herrn.) Ehristbescheerung. Der hilflose Sepp. Vor der Kaffa-Eröffnung(Dialektscherz in Prosa). Der Invalide nach der Leichenfeier. Raubritter. Wa- Alle« in der WeltauSstellungS-Rotunde zu finden war. Am Eis. (Melodie: Wie ich bin verwichen —) Biblische Geschichten. I — IU. Da« Kabel. Da« Husten. (Vortrag für 1 Herrn.) Schnadahüpfeln Nr. 7—12. 5. Heft. Die goldene Hochzeit. (Feststen« für 2 Personen.) Festgruß zur Feier der silbernen Hochzeit geliebter Eltern. Zur goldenen Hochzeit. Prolog zur Eröffnung einer Krippe. Zum Bau eine- Kinderhospitals. Zum Tage Allerseelen. Grane Haare. (Trilogie.) Die Schöpfung de« Weibe«. „ » « « (Parodie.) Jtzig erzählt Schiller« „Wilhelm Tell." (In jüdischem Jargon.) Monolog de« schönen Fiaker-PoldlS. (Wiene- risch.) Der Wienfluß an die Väter der Stadt. Bauerntrost. (Oesterreichisch.) 6. Heft. Sommer, Herbst und Winter in der Residenz. Humoreske. (Vortrag, theil« in Prosa.) Ich und mein Humor. (Bortrag de« Fräulein Gallmeyer.) Die Schöpfung der Musikinstrumente. Der Beamten Weihnachtsbaum. Der bestrafte Philosoph. D'Ros'l in der Stadt. (Oesterreichisch. Für eine Dame.) Subrosa und in gereimter Prosa. (Bortrag für eine Dame.) I Der Verbannte. ! Die Helden de« HühnerhofeS. (Fabel.) 7. Heft. Unter vier Augen. (Komische Scene sitr zwei Herren.) Der Raupe mütterliche Lehren. (Zeitgemäße Fabel.) Eine haarsträubende Ballade. (Für zwei- stimmigen Männerchor mit Begleitung einer verstimmten Harfe.) Ballregeln, wie solche Herr Fekete LäjoS, Stuhl- richter von KiS-BecSkerek, seinem Sohne Jmre zu ertheilen pflegt, wenn derselbe in Wien sich belustigen will. (In Ungar. Jargon.) Lori. (Bürgerliche Parodie.) Eine alte Rheinsage. (Ballade.) Narren-Quadrille. Warum'S in Pforrer ka Katzenmusik g'mocht hob'n. Eine musikalische Glosse. Der Flügel eines Engels. Philisterglück. 8. Hcst. Zwei Patti'Enthusiasten. (Scene für 2 Herren.) Privatmeinung des Färküs Jstvün, Stuhl- richterSzuMüroö-Vüsarhely,über die Schwaben und ihre jetzigen Zustände. (In Ungar. Jargon.) Ein entrüsteter Tiroler an die Oesterreicher. (Dialekt.) Der alten Jungfrau Klage. (Bortrag für iDame.) Der Ritter von Tackeuburg. Ballade von Schillerleben. (In jüdischem Jargon.) Der Pechvogel. Hüd, Bürsch'l, geh' du nicht auf Bärs'. (In ungar. Jargon.) Der EiSsportSmen. (Bortrag für 1 Herrn in Prosa.) Am Sylvesterabend. (Gesprochen von Earl Treumann.) In der Sylvesternacht. Das Märchen von einer Mutter. (Frei nach Andersen.) Trost im Alter. 9. Heft. Schulzen'-Lieschen will Schauspielerin werden. (Vortrag für eine Dame.) Der Albrecht-brunnen in Wien. (Dialekt.) Philiströse Lieder von Joh. Mehlwurm. WaS dich nicht brennt, das blase nicht. (Dialekt.) Eine Hundesitzung.. Weltweisheit. Die Theatermutter. (Bortrag für 1 Dame.) Biedermaier'- Ansicht über Malerei. Sylvestergruß. Lebensregeln, wie solche Fürkäs Jstvün, Stuhlrichter zu MäroS-Büsarhely, seinem Sohne LajoS zu ertheilen pflegt. (In ungar. Jargon.) Glaube, hoffe, liebe! Ständchen. (Musik von Schubert.) Der ungläubige Thomas. (In Musik gesetzt von KäSmaier.) Zeitgemäßer Traum. 10. Heft. Die Afrikaner»!. (Solo-Scene für 1 Herrn.) Bolkeöstimme — Gottesstimme. Der Detektiv. Die Livilehe in Ungarn. (In ungar. Jargon, Prosa.) Da- Wunderkind. (In jüdischem Jargon.) Eine biblische NeminiScenz. (Dialekt.) Baron Sprudelwitzen'S Ansicht über Friedrich Schiller. (In Berliner Dialekt.) Ich wünsch' glückselig'« neues Jahr. Treue. Der französische Schneider. Da Pechvog'l. (Niederösterreichisch.) 11. Heft. Antigone, oder das grauenhafte Verhängniß einer altgriechischen Königsfamilie in Folge genealogischer Berwutzelung. Au« Purzbichler'S poetischem Tagebuche. Mylord und der Teufel. Bescheidene Ansicht des Herrn Fekete LajoS. Stuhlrichters in Maros-Vüsürhely, über den Prozeß Offenheim (Prosa in ungar. Jargon). In der Menagerie zu Schönbrunn. Isaak Silberschein. (In jüdischem Jargon.) Zeitgemäße Bemerkungen eine« Ungarn über Prof. Karl Vogt, resp. „Darwinsche Lehre". Zur Schubertfeier. Wunschbüchlein für verschiedene Neujahrs- Gratulanten. 12. Heft. Der Dampfmttller und sein Kind. Zeitgemäß zur Operette adaptirtes Bolksdrama mit bedrohlichem Anfang und befriedigendem Ende. Frei nach Raupach. Die Tanne. Weihnachtslegende. Eine kleine Buffe. Kindereien. Richard Wagnerischer Stil. Sonderbare Wirkung de« Weine«. Spanische Romanze mit Wiener Originaltext Sokrates. Eine Eandidaten-Rede7 Recept zu einer Zukunftsmusik. Diverse Drachen. 13. Hest. Nero. Bürgerliche- Familiendrama in 2 Akten- Unterthänigster Bortrag de« Stnhlrichter- Jstvün Fürka« au« MüroS-Büsarhely über Alterthumskunde. (Prosa in ungar. Jargon.) Noch eine Candidaten-Rede. (Prosa.) Flotte Bursche. »LL' Diese Sammlung wird fortgesetzt. Druck au» 2- B. Walli»l>ausser's l. k. Hostheater - Druckerei. Hold im Landwerk. Volksposse mit Gesang in 3 Abheilungen und 6 Bildern von M. Bernard. Alle Rechte Vorbehalten. Men, 1876. Verlag der Wallishaulser'schen Buchhandlung (Joses Klemm). Das Aufführungsrecht ist nur zu erlangen durch die Theater - Agentur des Herrn Josef Kratz, VIII. Bez., Iosefstädterstraße Nr. 34, in Wien. Personen. Gut mann, Schustermeister. Barbara seine Frau. Robert «... «... ^ s beider Kinder. Julre t Fanni, eine Anverwandte l Florian, egen I bei Gutm Franz, j Sepperl, Lehrjunge ' Georg Leicht, ein Schneidermeister. Ferdinand Waldner, Maler. Mali, seine Schwester. Eufrosine Hitzig. Sebastian Schwefel, ein zu Grund gegangener ZUndhölzelfabrikant. Schulze, ein Berliner. Mayer, ein Wirth. Rosa, seine Tochter. Schielhuber, ein Theaterdirector. Mayenstedt, Lokalsängerin Schustergesellen, Dienstmänner, Bahnwächter, Sicherheit-Wächter, Reisende, Pflanzer, Gäste» Schifs-leute rc. Zwischen der 1. und 2. Abtheilung liegt ein Zeitraum von 14 Monaten, zwischen der 2. und 3. Abtheilung ein Zeitraum von sech« Wochen. Ten Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Erster Zweiter ^ Dienstmann. Sturm, Held und Liebhaber Lachmayer, Dichter Mascherl, Garderobierin bei Schielhuber. Erster ^ Pflanzer. Zweiter Eine Fremde Lord Haerthmann. Erste Scene. Gutmann'S Laden. Recht« eine Thür zur Wohnung, link« eine Thür zur Werkstätte. Die Mittelthür ist von Gla« und gewährt Aussicht auf die Straße, neben der Thür link« ein großes AuSlagfenster, iu welchem elegante Stiefletten ausgestellt find. Im Vordergrund rechts ein Zuschneidtisch mit Bret, Laden, Leinwand und Schcere, links Waarenkasten, ein Tisch und mehrere Sessel (von Sammt wo möglich). Das Ganze gibt Zeugniß von Wohlhabenheit, von Eleganz. Gutmann steht beim Tisch mit einer Schrift in der Hand, weiter rückwärts 10 bi« 12 Gesellen, darunter Franz und Florian. Die Gesellen find in Sonntagsstaat. Gutmann slegt die Schrift zusammen). So? — Net mehr verlangt'«? Da« ist ja gar net viel! Franz. Da« mein i selber! G u t m a n n. Aber sonst seid'« g'sund! Franz. Ganz g'sund! GUtMaNN (wirft die Schrift ärgerlich aus den Tisch). Daraus wird nix; — das sag' ich im Voraus. (Wieder gutmüthiger.) Sagt'S mir nur, Leut', was fallt Euch denn ein? WaS pfnscht'S denn in ein Andern sein Handwerk? Ihr seid'S ja Schuster und keine Geilerer! Wenn die Schuster auch noch Stricke machen, so werd'n die Leut am End zu wenig zum Aufhängen, und Ihr müßt'- bei Euch selber den Anfang machen. (Mehr zu sich selbst.) Ich wollt noch nix sagen, wann sch meine Leut schlecht halten thät, aber geht ihnen ja nix ab. — Oder — siegen die Gesellen) sind vielleicht die Betten schlecht? Theater. Rrpertoir Sil. Franz. Ah, das net, wir sind ordentlich zudeckt! Gut mann. Oder die Kost? Franz. Kocht wird gut, aber keine Abwechslung giebt'S. S'ganze Jahr sieht man kein Spargel, oder Karfiol, oder Backhendl — Gutmann. Und keine Schnecken! Franz. Zur Abwechslung wären'S auch net schlecht. — Gutmann. Ja, Schnecken! Habt'- net ohnedem Viermal im Jahr Euern Braten? Und kriegt'S da net was Euch g'hört? — Einen Schustervogel? Franz. Das ist schon wahr! — aber — Gutmann. Was aber? Franz. Sie wollen also durchaus, daß wir Stricke machen? G utmann (gutmüthig zornig). Die Stiefel sollt's fertig machen, das will ich. Geht's jetzt h'nein, gebt'S den Lehrbub'n kein schlecht'- Beispiel und arbeit'S; und nach'» Feierabend werd' ich seh'n, was ich thnn kann. Franz (zu den Andern). Ich hab'S ja g'sagt, der Meister ist ein vernünftiger Mann, mit dem man schon reden kann. Also kommt'S, gehn wir zu der Arbeit. (Alle Gesellen, außer Florian, link« ab.) Gut mann. Jetzt heißt'S wahrhaftig „Geduld verlaß mich nicht". — Die Leut drohen unser einen, sie arbeiten nix. verlangen doppelten Lohn, aber wollen weniger Arbeitszeit, das ist ja ein umkehrteS Verhältniß (nimmt die Schrift.) Ich Mttß doch das meiner 1 * 4 Alten lesen lassen. (Wendet sich zum Gehen, sieht Florian, erstaunt.) Du bist noch da, Florian? Florian. Ja, jetzt bin ich noch da; aber es wird gar net mehr lang dauern, so werd' ich ganz wo anders sein als Sie — ja bald werden uns Hundert und Hundert Meilen von einander trennen. Gutmann. Sag' mir, Florian, rappelt's bei Dir, oder bist vielleicht schon ganz verrückt. Florian (komisch tragisch). Leider nein ! O ich wäre dann glücklich — denn jetzt bin ich unglücklich. Gut mann (unwillig). Dein Plauschen versteht der Teufel! Floriau. Ein Beweis, wie g'scheid't ich red! Gutmann (ärgerlich). Jetzt geht mir aber bald die Geduld aus. Florian. Mir ist's schon lang auS- gegangen ! Gut mann. Jetzt red, was ist'S? Florian. Nix ist'-! Gutmann. Was soll denn das heißen? Florian. Ich arbeit nix mehr! — (gravitätisch.) Ich Hab' Ihnen den letzten Borschub geleistet. Gutmann (erstaunt). Ja, warum denn? Florian. Ich liebe sie! Gutmann. Was! — Mich? Florian. Warum net gar — sie — die Fanni! Gutmann. Hahaha — also die hat Dich. (Deutet auf die Stirne.) Hör' auf mit die Dummheiten! Florian (erstaunt). Dummheit? O Meister, haben Sie nie geliebt? — (Pause.) Sie sind zu bedauern. Sie können also auch nicht die Grausamkeit begreifen, mit welcher Fanni ein treues Herz von sich stieß. Da- halt ich nicht aus, ich wandere aus, ich gehe fort von hier — weit fort — Gutmann. Na, so wandere aus, ich halt Dich nicht. Aber Du mußt net glauben, daß Dir in der Fremde die gebratenen Vögel in's Maul fliegen. Kannst Du net Dein Brot in der Heimat verdienen? Florian. Ich will in der Ferne meine Liebe ersticken. Ich geh — o, da braucht der Meister gar nicht zu lachen, eS sind schon ganz andere der Liebe wegen in die Fremde gezogen. Gutmann. Und wann reist denn schon fort? Florian. Heut auf den Abend — ich und ein Freund, wir fahren zusammen — fahren Sie jetzt nicht zu- samm, seien Sie gefaßt, mich sehen Sie nie wieder. Gutman n. Na, so geh, ich halt Dich net aus. Ein Wiener geht, und zehn Böhm kommen dafür, auf die Art könnt'- doch am End noch sein, daß Wien die böhmische Hauptstadt wird. (Für sich im Abgehen.) Wie ich halt sag', Geduld verlaß mich net. (Recht- ab.) Zweite Scene. Florian allein. (Sieht Gutmann nach.) O Du prosaischer Alltagsschuster, Du hast keinen Begriff, was eS heißt an der nonnenhaften Kälte eines Weibe- alle Bemühungen scheitern zu sehen. — O Fanni, ich kann'S noch immer nicht begreifen, wie Du nicht mit beiden Händen nach mir griffen hast. Ich versteh' doch mein Geschäft, bin in den höchsten dienstbotlichen Kreisen als ein Muster von einem Mannsbild bekannt, und doch wurde meinen heißen Bewerbungen ein kalte- «Ob'st weiter gehst- zu Theil. (Sieht auf die Gaste.) Ha, dort kommt sie, die Mörderin meines LebenSglückeS. — Ich will mit Don CarloS'scher Seelenruhe von ihr Abschied nehmen. (Tritt nach rückwärts daß er von Fanni nicht gesehen wird.) 6 Dritte Scene. Fanni. Voriger. Fanni mit «nein Einkaufskorb am Arm durch die Mitte. Lied. ES hat ein jed'S Madl ein andere Freud, Die Eine vertändelt mit'n Lesen die Zeit, Die Andere lacht sich den Buckel voll an, Wann sie einen Alten für 'n Narr'n halten kann; Die Dritte, die möcht' eine werthvolle Uhr. Und d' Vierte ein HauS und ein Wagen dazur. Die Fünfte hat wieder nur Sinn für das Geld, Und wo es ein Jux giebt, die Sechste nie fehlt. Das Alles Ihn ich aber sehr leicht entbehr'«, Weil ich halt nur singe — nur singe so gern. Mich fesselt kein Kleid und kein Schmuck und kein Geld, Ein Mannsbild schon gar net, daS war für mich g'fehlt, Kein Ball, kein Theater, kein Ringelspiel fahr'n, Das sind lauter Sachen, wo z'finden sind d' Narr'n, D'Natur nur allein, die thut mir noch g'fall'n. Die laßt sich doch anschau'n und laßt sich net zahl',,. Die kann man bewundern bei Tag und bei Nacht, Mit wahrem Vergnügen, daß'S Herz ein'« oft lacht. Ja Dich, Du Natur, will ich nicht entbehr'» Du liebst ja die Lieder, bei Dir kann man'S hör n. fSpricht.) Ach Gott, das singen, daS geht mir über Alle-. Wenn ich mich gift', fang' ich ^ znm singen an, und — weg ist der Zorn. Daher Hab' ich mir schon oft denkt, wann ich einmal Frau wurd' — ich sag nur wann — und es fanget mein Mann mit mir zum Streiten an, so singer't ich, denn der Gesang dringt zum Herzen. — DaS seh' ich beim Herrn Göden; der singt auch den ganzen Tag, freilich net so schön, wie ich, aber er singt — und der Florian erst flacht.) Hahaha stiehl Florian.) Ui, Sie stehen da? Florian. Sie staunen, daß ich stehe, Sie sind gewohnt, daß ich liege, zn Ihren Füßen, da- ist anders geworden; ich gehe und werde mir fern von hier Ruh' erretten. Fann i. Der Florian wird doch net — Florian. AuSwandern? Ja! Wo- hin? Das weiß ich zwar noch nicht, aber je weiter, desto bester! Faun i. Aber Florian, sind's denn g'scheidt? Florian, k^on !Un,)moi«eU« das giebtS net. — Seit Sie mich mit Ihrem Marmorherzen um das Bisserl gebracht haben, was wir als Unterscheidungszeichen vor den Asten haben, und mich zum Toggenburgischen Gfrett verdammten, seit der Zeit weiß ich, daß mich AenßereS nur von, Affen unterscheidet. Bevor ich aber geh', widme ich noch für Ihr Stammbuch dieses Blättchen. — Da, nehmen Sie'S. lZieht ein Blatt Papier hervor ) ES ist daS Letzte, was ich in altvatcrländischer Begeisterung geschaffen — fGiebt ihr da» Blatt.) Fanni fliest). Ja, das versteh' ich net! Florian. Aha! kommt- Ihnen spanisch vor ? Fanni flächelnd). Ja. wirklich! Florian fmit afsectirtem Anstand). Geben Sie her! — fNimmt da» Blatt, liest:) Wer nie sein Brot in Thränen aß, Wer niemals einen Rausch gehabt, Der kennt euch nicht, ihr Schicksalsmächte, 6 Ihn magst Du, entrinn ich, erwürgen. Ist halt ein Schwung d'rinn. — Net so ein z'sammklaubts Wesen, wie Andere schreiben. Fanni. Florian, bei Ihrem Talent wundert'S mich, daß Sie sich nicht ganz aufs Dichten verlegen. Florian. Das kann ich hier nicht! Fanni. Ja warum denn net ? Florian. Weil ich erst Franzos werd'n muß, um als deutscher Dichter zur Geltung zu kommen. — Doch leben Sie nun wohl — ich scheide ohne Groll. — Sollte ich einst wiederkehren, so schenken Sie mir eine Thräne. sMit Affect.s Sollte ich aber begraben sein, o möge ich Ihnen dann willkommen sein. — ^revnir — »prmem boliem — ackio — duonen notte« — Psürt Ihnen Gott. — sAb in die Derkstätte liuk-.s Fanni. Psürt Ihnen auch Gott — Sie verkanntes Genie. — Hahaha! Ein guter Kerl, aber dumm — dumm, dumm, gar so viel dumm. — Aber jetzt schnell zu der Julie und ihr sagen, daß noch der Ferdinand heute einen Versuch machen wird. — Das arme Madl dauert mich wirklich von Herzen, hat den Menschen so viel gern, und darf ihn nicht heiraten, weil er — der Kunst und nicht dem Handwerk ange- hört. — Und der eiserne Schädl vom Herrn Gödn ist net zum brechen, viel leicht geht'S mit List, wir werd'n ja seh'n. — sAb nach rechte s Vierte Scene. Georg Leicht stammt durch die Mitte, er ist auffallend nach dem Journal gekleidet, Reitgerte rc. Zwicker rc.s Lied. WaS All'S ein Schneider leisten kann, Man sieht'S oft gar net ein, Der Schneider erst, der macht den Mann. Wie er gemacht soll sein. — Fehlt'S in der Schulter oder Brust, Im Sack, kurz überall; Das ist der Schneider sich bewußt, Er deckt die Fehler all. Wenn irgendwo der Bilsen fehlt, Die Wadeln mangeln ganz, Das wird vom Schneider hergestellt, Der schafft das her am Glanz. Ja Alles, was nicht g'hört an'S Licht, Der Schneider deckt im Nu, Nur wann'S dem Menschen da gebricht, sauf die Stirne zeigend.s Das deckt kein Schneider zu. 2 . Findt oft ein Gschwuf nach Müh' und Plag' Ein reiches Brautchen süß, DaS dankt er höchstens nur dem Frack, Den er noch schuldig iS. Daß Mancher in ein'n schönen Kleid Glaubt er ist. Gott weiß, wa-? Dankt er nicht diese kind'sche Freud' Nur einem Schneidermaß; Daß oft ein ganz gemeiner Wicht Sehr vornehm geht einher, Daß man nicht seine G'meinheil sicht, Gereicht nur uns zur Ehr. Daß Künstler wir, na. giebt das nicht Ein jeder gerne zu? Nur wann'S halt ein'» da ob'n gebricbt, sauf dir Stirne zeigend s DaS deckt kein Schneider zu.' sSpricht.s Wer kennt nicht das Sprichwort: Kleider machen den Mann! — Und doch hap- pertS mit dem Sprichwort; denn wann Kleider allein den Mann machen würden, dann wäre es vielen alten Jungfern mit Geld ein Leichtes, den sehnlichsten ihrer Wünsche im ersten besten Kleider« Verlag selbst zu erfüllen. — Kurzum, das Sprichwort hinkt! — Ich frag, wenn man z. B. dem bekannten Apollo im Belvedere, der als Prototip der ManneSschönheit dasteht, einen Frack 7 ang'legt und einen Cilinder aufg'setzt hält' — wäre er dann schöner? Wann der die Mannesstärke versinnlichende Herkules mit einem zuknöpfelten Ueber» zieher, statt des Löwenfells nm, dar« g'stellt wurd, schaut er vielleicht martialischer aus? — Ich glaub' uet! — Ich behaupt sogar, Kleider sind ein Ueberfluß! — Das bestätigt schon das klassische Alterthnm. — Diogenes, der in einer großen bevölkerten Stadt — Menschen zn suchen — halb nackert herumg'rennt ist, bewies der nicht trotz seiner sicherlich sehr paradiesischen Adjustirung, daß er sehr warm an- g'legt wär? Man spricht auch von einem Mantel christlicher Nächstenliebe — ich bitt' Ihnen, wie groß müßt der Mantel sein, und was kostet der, nm die Schwachen der jetzigen Menschen bedecken zu können! — Die Kleider bezeichnen aber auch gar oft die Handlungen und Lagen eine- Menschen nach Innen. Wenn z. G. Einer sieht, daß er nur alsSchliefer vorwärts kommen kann, und er thut's net, ist er da net ein rechter Janker? Ein Anderer, der ans einmal zu etwas kommt, und glaubt, er braucht gar nicht» mehr z'thnn, ist der net ein bequemer Srblafrock? Und g'schieht ein solchen net recht, wann er mit der Zeit Kap nt wird? — Aber was ist denn da», wie lang' muß ich denn noch steh'n, bi- wer kommt? Will man vielleicht haben, daß ich einen Pelz mache? — Ah, da hör' ich Stimmen, da- ist der Herr Papa! Fünfte Scene. Gutmann, Barbara, Julie, Voriger. Gutmann sin, «ustretknl. Ich bitt' Dich mach mir einmal ein End''. Barbara. Ja, ja ich bin schon still, ich siech schon, daß Du keine Ber« nnnft annehmen willst. — Gutman n. So? Schau, jetzt ans einmal. — Hast Du in die 25 Jahr, die wir glücklich und zufrieden mit einander g'lebt haben jemals „Nein" g'sagt, wann ich was hab'n wollt? Warst Du net immer einverstanden mit dem, wa» ich gethan, und Hab' ich net immer vorher gsragt: Wawerl, was meinst, wir werd'n da- so oder so machen? — Und jetzt, jetzt auf einmal, weil ich mein Kind net in'S Unglück jagen will, jetzt hätt' ich ans einmal keine Vernunft l Barbara. Ich weiß ja, Alter, daß dn'S gut meinst, aber — Gutmann. Aber? Barbara stelle zu Gutmann). s'Madl hat halt den Ferdinand gern. Gutmann szu Julies. Hast Du ihn wirklich so gern, daß Du den Witten Deines Vaters nicht erfüllen kannst? Julie stögernds. Vater, so wahr ich Dir verspreche, nicht gegen Deinen Willen zu heiraten, eben so offen bekenne ich Dir, daß ich keinen andern Mann lieben kann. Gutmann. Da- ist ein dumme- Reden, »ich kann net." — Wie Du stricken hast lernen müssen, hast auch g'weint und g'sagt »ich kann'- net" — und geht'» jetzt net prächtig von der Hand? Barbara. Stricken ist aber auch was Anders, als Heiraten. Gutmann. Gehtauf ein'- hinaus, ob's ein Strumpf strickt oder ein Strumpf Heirat, bleibt sich gleich — Strumpf ist Strumpf: — Georg sbei Seite). Dank für die Rekommandation! Gutmann. Weil ihr zwei aber immer noch net klar sehen wollt'-, warum ich gegen die Heirat bin. so will ich'- Euch sagen. — Vor Allem kennst Du meine Anhänglichkeit, meine Lieb' zum ehrlichen Handwerk, daher soll 8 meine Tochter einen Handwerker, und keinen Künstler, am allerwenigsten aber so einen Farben spielenden Künstler, einen Maler, zum Mann sich wählen; ja wenn er doch wenigstens ein Zimmermaler wär, so ließ ich mir'S noch g'falln; aber nein, er ist ein Bilderund Portraitmaler, und dann, Du weißt Alte — ich bin net stolz, aber schau in unsere Familie, und noch einen Blick in das Wallnerische Haus. — Der Herr Vater hat'S mit seiner Kunst so weit 'bracht, daß er als Mandelbogenmaler hätt verhungern können, wenn sich net der Herr Bruder erbarmt, und ihn als Schreiber in die fürstliche Kanzlei bracht hätt; die Fräulen Tochter, die Erstgeborne, hat die Frau Mutter so vcr- zogen, daß sie kaum 13 Jahre alt, schon durchgangen ist, und nichts mehr von sich hat hör'n lassen; der Herr Sohn, statt ein ehrliches Handwerk zu ergrei- fen, hat den weggelegten Pinsel seines Vaters ergriffen und ist ein Maler word'n; die einzige Mali — und die hat eine Maschin zum Nähen, also auch uoch halb der Kunst zugewendet — verdient sich ihr Brot auf eine ehrliche Weise, und darf sich nicht fürchten einmal verhungern zu müssen wie ein Künstler; daher bleibts dabei, was ich gesagt, halt der Schneider um Dich au, so kriegt er von mir meine Ei«' willigung; er ist ein Handwerker, daher der Mann, unter dessen Schutz ich Dich allein geborgen weiß. Georg stritt vors. Vortrefflich — vortrefflich, Herr Gulmann, Ihre Grundsätze sind Goldes werth. Gutmann (erstaunt). Sie waren da? Georg. 9a, Ich Hab Alles gehört! Barbara. Und doch überlegen Sie sich nicht die Sache reiflicher? — Doch halten Sie um die Hand der Juli an? Georg. Warum überlegen! Meine Zukünftige ist schön und jung, der Vater giebt die Einwilligung, die Tochter ist folgsam, die Mutter darf nicht- reden, und der Geliebte, der zieht fort—also mir nicht gefährlich; wozu also bedenken? — Sechste Scene. Ferdinand. Vorige. Ferdinand. Ist eS erlaubt? stammt von der Mitte.s Julie seilt ihm entgegen). Ferdinand! Georg stritt dazwischen). Bitte. Gutmann sverlegen). Sie wünschen? Vielleicht ein Paar Vorschub? Ferdinand. Nein! — Ich komme Abschied zu nehmen, ich will versuchen in der Ferne mir eine Zukunft zu gründen. Gutinan n. Traurig, wenn das Einer im eigenen Vaterland nicht thun kann. Georg. Der Herr Gutmann vergessen, daß dieser Herr ein Künstler ist, und wir in Oesterreich sind. Ferdinand. Gerne bliebe ich, wenn Herr Gutmann in die Verbindung — Gut mann seinfallend)' Mit meiner Tochter einwilligen ? — Nie! Neisen'S in GotteSnamen, mit der Juli ist'S nicht-. Ich Hab Ihnen'- schon g'sagt, gegen Ihre Person Hab ich nix. — Sie sind brav, solid, rechtschaffen, aber — Sie sind kein Handwerker; und so eine Verbindung ist gegen mein' Grundsatz. Das Handwerk hat einen goldenen Boden, sagt das uralte Sprichwort — und — es ist ein wahr Wort, ich hab'S bei mir erfahren. — Ich steh auf festen Füßen, Gott sei Dank — und nur durch mein Handwerk. Daher kann man mir'S auch net übel nehmen, wenn ich die Existenz meiner Tochter nur dann gesichert weiß, wenn sie einem Handwerker ihre Hand reicht. — Ferdinand. Dann stünde eS wahrlich um Gelehrte und Künstler schlimm, wenn nur das Haudwerk allein den goldenen Boden uns finden ließe, und 9 ich wünsche vom Herze», daß Ihre Ansicht nicht durch bedauerliche Ereignisse eine schmerzvolle Widerlegung findet. Julie. Vater, wenn Dir das Lebens- glück Deines Kindes am Herzen liegt, so - Gutmann. So wird das g'scheh'n, was ich für gut befunden. — Der Herr Leicht halt um Deine Hand an, — gut — ich gieb meine Einwilligung, hier (nimmt Julie« Hand und legt sie in die Ge- org'ss und meinen Segen dazu. — Punctum. Letzte Scene. Florian. Fanni. Die Vorigen. (Fanni ist von recht«, Florian von link« im Reisekleid ausgetreten.) Florian. Kommens, Herr Waldner, es ist die höchste Zeit! Ferdinand. Leben Sie wohl, Julie, möge Gott Sie glücklich werden lassen. Julie (weinend). Ferdinand! — Mutter! — (sinkt in die Arme der Mutter.) Florian (gegen Fanni). Leben Sie wohl, Fanni! Fanni. Lied. ES giebt 'nen Gruß, der schmerzlich klingt, Der schmerzerfüllt vom Mund sich ringt, Der Thränen press't und Leiden schafft, Den Starken nimmt den Muth, die Kraft; Der tief gefühlt, nie kennt die Lust, Der schwer beengt des Menschen Brust! Was ist das für ein Gruß? Wenn spendest Du den Gruß? Wenn ein Liebes von Dir scheiden soll, Dann rufst Du zu ihm: Lebe wohl! Lebe wohl! (Die beide« letzten Zeilen können im Thor wiederholt werden. — Ferdinand steht in ab- gehender grüßender Stellung. — Georg mit übereinand geschlagenen Beinen blickt lächelnd auf die Abgehenden — Gutmann recht« mit zu Boden gesenktem Blick, Barbara hat Julie im Arm — Florian schwingt den Hut. —) Der Zwischen Vorhang fällt. Zweites Bild. Erste Scene. Die Scene stellt die Borhalle eine« Bahnhöfe« vor, recht« die Lasten, link« der allgemeine Eingang, der Hintergrund bildet den Ausgang, die Scene muß hier sehr belebt sein; Träger, Dienstmänner, Bahnwächter. Sicherheitswäch- ler und Publicum muß im beständigen Auf- und Abgehen die Scene beleben. Eufrosine (eilt in etwa« auffallender Toilette — (Reisetoilette) auf die Bühne; sie ^iigt Tasche und Sonnenschirm in der Hands. Punktnm — 8nti« — aus ist's! — Oetzt Hab ich's satt. — Wo das ganze starke Geschlecht ein Faß Bier höher schätzt — als (schwärmerisch) ein sanfte-, weibliches Wesen, ausgerüstet mit allen Tugenden und einem liebevollen Herzen, das groß genug wäre, um eine Armee treuer Männer in sich aufzunehmen; da ist meine- Bleibens nicht mehr; — ich gehe! — (Mit der Miene der Beharrlichkeit.) 25 Jahre fahnde ich auf ein reputir liches Mannsbild — (mit Pathos) aber nirgends war so ein Vogel zu erwischen. Ich geh jetzt in die südlichen Länder, wo eS noch Sitte ist mit Guitarre nnd liebe- 10 athmenden Romanzen züchtige Frauen auf die Gassen zu locken und in stiller Nacht zu entführen. — Herr- Gott — das laß ich mir g'falln — da kann ich bald in der Hoffnung sein, einen stolzen Freier zu meinen Füßen zu sehen, während ich da, bei der Sauer^ kranttemperatur in Ewigkeit zu kein Mann kommet. Zweite Scene. 1. und 2. Dien st mann, Vorige. 1. Dicnstmann fträgt einen Koffer und eine Schachtel). I bitt' gnä' Fräulen i gieb die Sachen gleich auf. fAb.) Eufrosine. Versteht sich! 2. Dienstmann strägt zwei Hunde). Die Hundeln soll ich auch aufgeben? Eufrosine. Nein, von diesen Sinnbildern der Treue trenne ich mich nicht, und zwar so lange nicht, bis sich so ein Herr der Schöpfung den Fineterl oder den Zamperl zum Muster nimmt und mir an der Seiten oder hinter mir — das ist mir schon Alles eins — durchs Leben folgt. — sBetrachtet den Dienstmann.) Der Mensch war so übel nicht — )sich erinnernd.) Jetzt kenn' ich ihn erst, das ist ja derselbe, der schon durch einige Tage auf mein Fenster g'schaut hat! — Am End ist das gar kein Dienstmann — sondern nur ein Detektiv. — Da draus muß ich kommen bevor ich abreise. — fZum Dienst- mann.) Geb'nS her die Hnnderln. 2. Dienstmann. Zu Befehl! — Die lieben Viecherln werd'n froh sein, wenn'S wieder bei Ihnen sein können, sgiebt die Hunde Eusrofinen; streckt dann die Arme an« und seufzt.) Ah! Eufrosine. Er seufzt? — Himmel! — Meine Ahnung, sflir sich.) und ein recht kräftiger Mann. — Sagen'« mir nur, warum hab'n'S denn zuvor g'seufzt? 2. Dienstmann. Mir haben die Arm schon weh gethan von den Hund tragen! Eufrosine senuänscht). Ja so! — sfiir sich.) UebrigenS kann das Schüchternheit sein, die erwachte Liebe zu gestehen. — (Zum Dienstmann.) Tragt das G'schäft doch etwas? 2. Dienstmann. I trag gnug — aber 'S G'schäft nix. — Bin heut wieder wie ein angemalter Türk gestanden, ohne ein Kreuzer Geld zu verdienen. — Wie i aber gnä' Fräuler g'sehn Hab mit die Hnnderln, da Hab i rein glaubt, i bin im Himmel. Eufrosine ffür sich erfreut). Ha. er war im Himmel — wie er mich g'sehn hat — er liebt mich! — Gott sei Dank, vielleicht kann ich noch dableib'n. — fZum Dienstmann.) Er ist doch nicht gezwungen, Dienstmann zu bleiben? — Er kann sich ja seine Stellung verbessern, er ist ja noch jung — und — sgewiß verschämt) gar nicht Übel, er kann noch sein Glück machen. 2. Dienstmann fsenfzt). O, mein Gott! Eufrosine )f«r sich). Er seufzt abermals? — Er schlagt die Augen nieder? — Kein Zweifel, er liebt mich — fzum Dienstmann.) ES kann sich Jemand für ihn interessiren — mit einem Wort, der sein Bestes will. — Ich selbst — ich bin schon so ein gutes Herz — ich wäre nicht abgeneigt für sein besseres Fortkommen ein Opfer zu bringen. — 2. Dien st manu ferstaunt). Ja wie g'schieht mir denn ? Wie halt ich denn das Alles verdient? O Euer, Euer, Gnaden sind ja ein Engel — so gut — so lieb — Eufrosine. Was? — Ich bin ein Engel? — Ich bin gut? — lieb? ffür sich.) Da- hat mir halt noch Keiner g'sagt! — Triumph, der liebt mich — fzum Dienstmann.) nu — nu — eS ist ja ein christliches Werk, etwa- für seinen n Nächsten zu thtttt. (Für sich.) O Gott, wenn er nur schon mein Allernächster wär! (Zum Dienfimann.) Wenn er will, kann er gleich bei mir bleiben; — Alles andere wird fick dann später finden. — Versteht er mich? 2. Dienstmann. Euer Gnaden! — O mein Gott — verzeihen«, aber das Glück! (Will ihr zu Füßen fallen 1 Eufrosine ffür sich). Er wird stürmisch — saperlot, der g'fallt mir immer bester. (Zum Dienstmann). Also abgemacht, wir bleiben beisammen! 2. Dienstmann. Aber, wer könnt denn da ,Na* sagen? O Euer Gnaden, ich werd dankbar und treu sein, wie — Eufrosine. Treu! (schwärmerisch.) Treu willst Du mir bleiben? 2 Dien st mann. I schwör'«! Eufrosine. Dann steht unserer Verbindung nichts mehr im Wege! 2. Dienstmann. Gar nix! — Wie i mich gfreu — und die armen Kinderln, kein Noth werdn'S leiden dürfen! Eufrosine fverfchämtl- Kinder? — Nein wahrhaftig nicht! — (Für sich.) Wie gefühlvoll er ist — der giebt einen Ehemann — g'horsamer Diener! 2. Dienst mann. Aber net wahr — Sie Urlauben schon, daß i gleich löffnet die Arme wie zum Wegweisen). Eufrosine. In meine Arme zu stürzen? — Nur zu! 2. Dienstma n n (erstaunt). Ah das net. — zu mein Weib. Eufrosine (aufschreiend). Er hat ein Weib? — Er ist verheiratet? — Mich trifft der Schlag. Vrittk Scene. 1. Dienst mann. Vorige. 1. Dienstmann (zurückkommend). So. Euer Gnaden, Alles ist aufgeben, da sind die Recepiffe. I bitt um mein Lohn. (Giebt ihr die Recepiffe.) Eufrosine (erwachend, giebt Geld). Da. da habt ihr und fort nun, aus meinen Augen. 1. Dienst mann (nimmt dasGeld, zum Zweiten). Die muß umg'schnappt sein! 2. Dien st mann. Und i, gnä Fräuter? Eufrosine lstürmisch). Fort, sag ich — fort! 2. Dienstmann Ah, da muß i bitten! (ab mit dem ersten im Gespräch). Eufrosine. Wieder bitter getäuscht! O die Männer — sie sind nur geschaffen, um uns zu quälen. — Selbst diese Dienstmänner — die doch laut Institutsprogramm zu allen Verrichtungen zu haben sein sollen, selbst die, wenn man heiraten will, so hat so ein Mensch ein Weib. Wieder eine Aussicht verschwunden. O, die Männer! die Männer! (geht zur Lassa, dann ab). Vierte Scene. Sebastian (ärmlich aber nicht zerrissen gekleidet, mit Zündhölzelkistchen bepackt, hat ein große« rothe« Paraplui unterm Arm). Lied. Wer Licht heut auf der Welt verbreit'». Dem geht'« dann zum Verdruß, Ak'rat als wie vor langer Leit Dem Herrn Prometheus. Den hab'n zur Straf an Felsen g'schmid't Die Herren Götter schlimm. Und speisen mußt mit Appetit Ein Geier d'Leber ihm. Heut hat ein Lichtfreund auch sein G'frett Und Pech, wird er daglängt. Ihm frißt ein Geier d'Leber net Doch wird er zuchig'hängt. (schreit) Strafhözel! Fidibus!—(spricht.) I bin zwar kein Prometheus, aber mein grundsätzliches Lichtverbreiten Hab ich ordentlich büßen müssen. — An einen Felsen habn'S mich net ang'schmiedt, 12 aber wo anders bin ich hübsch lang pick'n blieb'n. — Das sind aber nur die Folgen, wenn man als Zündhölzel- sabrikant ein erleuchtendes Streben hat. — Ich Hab glaubt, wenn ich zur Ver- brennung der Finsterniß wirk, mir ein Bildl einz'legen, mein Glück z'machen, ja Schnecken, derweil Hab ich einsehn müssen, daß, wenn man überall der Welt ein Licht aufstecken will, einem selbst dann kurios heimg'leucht wird. — Das genirt aber net. — Ich halt mich an die letzten Worte des Dichterfürsten Göthe: „Mehr Licht! Mehr Licht!" Gewiß hat der unsterbliche Mann im prophetischen Geiste verrathen, daß noch sehr viele Lichter auftanchen müssen, bis so Manche klar sehen können, was und w o es uns überall noch fehlt. — Bor Allem erhellen mich meine Zündhölzel selber, und was bis vor Kurzem bei mir in tiefer Nacht g'legen ist, strahlt nun in goldenem Lichte: die Ueberzeugung nämlich, daß ich in Wien als armer, blanker Schwefel ohne Erfolg verrauchen müßt, daß mir aber wo anders der erforderliche Phosphor zum Glückszündhölzel noch zu Theil werden kann. Fünfte Scene. Florian. Voriger. Florian sin blauer Reiseblouse, Felleisen und Stock tritt von links aus.s Sebastian ssieht Florians. Das ist ja der Florian! Reis't denn der fort? — sgeht ihm entgegen.s Florian! Florian. Ja, was machen denn Sie da? Sebastian. Ich weiß'S noch net. — Ich bin betteltutti! Du weißt, Zünd- hölzelfabrikant war ich net lang! — Mein menschenfreundlicher Hausherr hat mich so lang alle Monat g'steigert, dies mir z'viel word'n ist, und ich gar kein ZinS mehr zahlt Hab. — Der Fabrikant wurde ausgezogen, die Gläubiger haben den Konkurs eröffnet, und das Gericht war so menschenfreundlich, mir unentgeltlich auf einige Zeit ein Freiquartier in der Alsergasse Nr. 1 zu geben, wo ich Betrachtungen anstellen könnt über den Werth des Lichts und der Freiheit. — Jetzt ist mir auf- g'sagt word'n, und ein großer Schwindler hat dem kleinen Cridatar seine Wohnung bezogen. Weil ich mir aber beim Konkurs kein anständiges Vermögen Hab erwirtschaften können, so fahr ich lieber ab, und schau, ob ich denn wo anders den Leuten ein Licht aufstccken kann. Florian serfreuts. Sie reisen fort? Wohin? Sebastian. Ich weiß noch net! Florian. Net? Ich werd Ihnen'- sag'« — Sie gehn mit mir nach Amerika! Sebastian s besinnt sich etwas, dann reicht er ihm die Hands. Gilt schon! — Schlecht» als da kann'S mir dort auch net gehn. Aber was treibt denn Dich fort? Florian. Auch ich bin Cridatar, bei mir hat das Herz ConcurS ang'sagt. Mich treibt die Liebe fort, so wie diesen Unglücklichen. sZeigt auf den eintretenden Ferdinand.s Sechste Scene. Julie. Ferdinand. Robert. Mali. Vorige. Ferdinand sin Reisetoilettes. Ich dank Euch, daß ihr mir das Geleite gegeben. Florian. Ich kann mich net einmal beim GreiSler sein Pintscherl bedanken, der mich begleiten wollt, weil ihn fein Herr z'ruckg'jagt hat. Ferdinand szu Julies. Keine Thräne, Julie, ich kann ja wieder kommen. 13 Florian. Ich komm aber nimmer z'ruck! Julie. Mein Ferdinand, ich wiederhole Dir, nur Dich allein liebe ich, nur an Deiner Seite vermag ich glücklich zu werden. Mag mich auch der Starrsinn meines Vaters an die Seite eines ManneS fesseln, den ich nicht einmal zu achten vermag, Lieb' und Treue werd' ich doch Dir bewahren. Ferdinand (umarmt fiel. Meine geliebte Julie! Mali (welche weiter rückwärts gestanden, eilig). Um Gotteswillen, Juli — dein Vater kommt. Florian. Na, jetzt kann'S unter- haltendlich werden, verhau'n wir uns g'schwind! Ferdinand. Wohin? Siebente Scene. Gutmann. Georg. Vorige. Gutmann (inner der Scene). Ah, glauben Sie das, es war sehr schlimm wenn in ein solchen Fall die Polizei einem Hintergangenen Vater nicht beistehen wurde. Sebastian. Polizei Hot er g'sagt? — Da geh ich! — Florian (halt ihn zurück). Da bleib'n! Gutmann (ist indeß anfgetreten mit Georg). Wir sind noch zur rechten Zeit kommen, abgegangen ist der Zug noch nicht, folglich ist der auSgeflogene Vogel noch zu erwischen. — He da! Polizei! Ferdinand (welcher sich mit Julie, Mali und Robert zur Rechten zurückgezogen, tritt ihm entgegen). Machen Sie nicht unnöthig Scandal. Herr Gutmann! Gutmann. Ah! — Wer sagt denn unnöthig? — Wenn einem Vater seine Tochter durchgehn will, und er protestirt dagegen öffentlich, ist das denn eine nnnöthiger Scandal! Georg. Lächerlich! Ferdinand. Ja wahrlich lächerlich haben Sie sich beide gemacht, denn Julie ist nicht hier, um mit mir zu reisen, sondern hatte mich nur begleitet, und zwar in Gesellschaft ihres Bruders. Gutmann. So? — Das ist sehr leicht g'sagt, aber sehr schwer glaubt. Julie und Robert (zugleich). Gewiß, lieber Vater, Ferdinand sprach die Wahrheit! Gut mann (beide betrachtend). Jetzt ist mir erst leid, daß ich net z'spät kommen bin. damit ich euch die Ueberzeu- gnng geben könnt, daß er net die Wahrheit g'sagt, sondern ganz was Anders in Schild g'führt hat. — Er hat sich halt denkt, ist mein Schwester einmal mit ein Mann durchgangen, kann'S dem Schuster seine Tochter auch Prokuren; aber er hat die Rechnung ohne den Wirth gemacht, denn ich der Vater, dieser Tochter, werde ihren sauberen Liebhaber bevor dem Gericht übergeben, damit er sich künftig solche Extrafahrten bester überlegt. — He da, Polizei! Ferdinand (entrüstet). Herr! Sind Sie ruhig! Julie. Ferdinand, e- ist mein Vater! Gutmann. Polizei! Polizei! Alle sauf der Bühne beschäftigten stummen Personen). Was ist's denn? Was giebt eS denn! Gutmann. WaS giebt? Keine Polizei, wenn man eine braucht, und ein Madelräuber, wenn man keinen braucht. Eufrosine (drängt sich vor). Wo ist der Mädchenräuber? Gutmann. Dort steht er, der arme Sünder! Eufrosine (eilt ans Ferdinand zu, nimmt ihn unter dem Arm und zieht ihn mit sich fori). Komm mit mir; bevor eS zu spät! (Ab in den Bahnhof). Sicherheit« Wächter stritt vor). Wer hat um Wache gerufen? Gutmann. Ich? Sicherheitswächter. Warum? 14 Gutmann. Einen Mädchenräuber sollen Sie arretiren, einen Menschen, der meine Tochter da entführen wollte. Sicherheitswächter. Wo ist er? In diesem Augenblick ertönt die Bahnhof« glocke, man hört den gellenden Pfiff de- Loko- Motivs, die beiden großen Thüren im Hinter» grund sind offen und man sieht den Waggon, au« welchem Ferdinand und Florian fder mit Sebastian zur Zeit, wo Ferdinand abging, auch in den Bahnhof sich begebens mit den Sack» tüchern zum Abschied wehen, sich langsam fortbewegen. Die auf der Bühne stehenden Personen haben sich nach dem Glockenzeichen nach recht« und link« gestellt und sehen dem abfahrenden Zug nach. Gut manu. Dort im Waggon! — Da hat man'S! Sind schon wieder zn spät kommen! Ist schon abg'fahrn! Unter Lachen der auf der Bühne stehenden Personen fällt der Vorhang. Knde der ersten -ölheikung. Zweite AVIlieilung ! 'l... Drittes Bit-. Erste Scene. Ein fotografisches Atelier, die Mitteldeco- ration bildet ein großes Bogenfenster mit Terrasse und herrlicher Fernsicht. Rechts und links eine Thür, rechts ein Tisch, woraus ein großes Portrait in Goldrahme — Mädchen als-Braut — aufgestellt ist; weiter zurück ein zweiter Tisch mit Glasplatten, link- eine Säule, praktikable- Gitter, blaue Vorhänge, rc. wie bei Fotografen; Rahmen, Bilder, Lbjecte. im Vordergründe links ein Tisch, aus welchem Albums liegen, Sessel und Fauteuil. Florian allein. Steht beim Tisch itt lichter Blouse mit Schurz und Ansteckärmel und putzt Gläser. Ich denk', mit sechs Dutzend Platten hab'n wir heut' g'nug. sEr legt da« Tuch weg und geht vor.) S'G'schäft geht gar net schlecht. Ich hält' mir'S net denkt, wie vor einem Vierteljahr der Lehrherr g'storb'n ist, und in Ermanglung lebender Nachkommenschaft den Waldner zum Universalerben aller Kisteln, Kasteln und Kesseln eing'setzt hat. daß sich das Geschäft noch mehr heben wird. Er hat nicht einmal seinen Namen noch auf'n Schild. — Da- macht nix, bin ja ich sein Gehilfe. sSieht gegen die Thür rechts.) Kann noch immer seine Julie nicht vergessen der Romeo; eS geht halt dem Armen so wie mir. Wenn ich aufsteh ist »Juli* — will ich sagen "Fanni" mein erstes Wort; wann ich z'Mittag was süßes Hab, denk ich an das saure Kraut, was die Fanni so gut g'macht hat, daß ich mir'S nie z'essen Hab traut; und erst auf die Nacht, wann ich schlafen geh, da denk ich erst recht auf die Fanni. — Kurz, wo ich geh und steh, ist nur Fanni mein Gedanke, und doch hat sie zu mir immer g'sagt: Schaun'S, daß Sie weiter kommen. Na, ich glaub, ich bin weit genug. lGeht zum Fenster.) Da hat man's, rucken schon die Kundschaften an. — Ui, da wird der Waldner ein Freud haben. Unsere Reisegefährtin, die verliebte Klapperschlange, hat uns richtig auSkundschaft. Die mnß eine Nasen haben, um saubere Mannsbilder aufzufinden.sGegkn die Thüre links.) Aber Du irrst Dich, an Florian'« Treue und Keuschheit sollen Deine Verfüh- rungSkunste scheitern, Du schieche Syrene. Zweite Scene. Eufrosine. Voriger. EUfrosine sander« aber auffallend gekleidet). Ha, was seh ich! Sie sind ja einer meiner Reisegefährten zu Wasser und zu Land, einer meiner SeladonS! Florian. Ja, aufzuwarten, ich bin so ein Unglücklicher. — O, wie g'freu ich mich, eine so alte liebe — a will 16 ich sagen eine so liebe alte Bekannte wieder zu sehen. — Wann ich das mein Chef sag, dem wird übel vor Freud, so was darf inan ihm nur zizerlweis beibringen. Eufrosine. O, auch ich schätze mich sehr glücklich Sie wieder gefunden zu haben. Ich bin hin- und hergezogen und Hab beinah schon alle Hoffnung aufgegeben, bis endlich hiehergekommen, wo ich in Erfahrung brachte, daß Herr Waldner diesem Atelier vorstehe. Nun Hab ich mich auf die Strümps g'macht und bin auf den Flügeln der Sehnsucht hiehergeeilt, um meinen lieben Landsleuten eine angenehme Ueberraschung zu bereiten. Florian. Das ist eine kuriose Ueberraschung; (bei Seite.) ich Hab mir's aber gleich denkt, daß heut noch ein Unglück g'schieht, mich hat heute Nacht die Trud druckt. — Eufrosine. Mein Hauptzweck aber ist: Ich will mich von Herrn Waldner verewigen lassen. Florian. S' war aber auch jammerschad, wannso ein G'sichterl verloren gieng. Eufrosine. O Sie Schmeichler! — Mein Bild soll im Album meines zu« künftigen Gatten ein Plätzchen finden. Florian. Sie sollen nach Ihrem Wunsch bedient werden. (Bei Seite.) Nach mein Wunsch wurd'S h'nauS- g'feiert. Eufrosine. Ich freue mich schon auf mein Bild, kaum kann ich'S erwarten. Florian (bei Seite). Die haben schon so viel sitzen laffen, daß sie sich in einer interessanten Stellung sehen möcht. (Laut.) Wünschen sie sich in schwebender Lage oder als Gruppe machen zu lassen? Eufrosine. Das soll Herr Waldner bestimmen, wie ich ihm am besten gefalle, so lasse ich mich machen. Florian sbei Seite). Da wird schier ein anderer Fotograf ein G'schäft krieg'n. (Laut.) Nur einen Augenblick, bitte ich um Geduld. Ich eile meinen Chef zu benachrichtigen, was ihn für ein Glück zug'stoßen ist. fRecht« ab.) Dritte Scene. Eufrosine allein. Jetzt ist eS schon ein Jahr, daß ich dieses männerreiche und an reichen Männern so reiche Reich erreicht habe, und noch immer bin ich selbst am Orte meiner letzten Hoffnung ein alleinstehendes Mädchen. Zwar glaube ich am Ziele meiner irdischen Wünsche zu sein, denn jener hagere blonde Jüngling, der täglich stolzen Schrittes vor meinem Hanse vorübergeht, dessen Auge immer an meinen Fenstern haftet, der mir neulich sogar ein unsinniges Trum Bouquet zum Fenster g'worfen hat, dieser interessante, geheimnißvolle schüchterne Jüngling ist gewiß in mich verliebt; den pack' ich nächstens z'samm, ermuthige ihn durch ein gefühlvolles Gillet und dann bin ich eine — Vierte Scene. Florian. Ferdinand. Vorige. Florian fim Auftreten). Ganz g'wiß, sag ich! Ferdinand. Ah, Fräulein! Seien Sie mir willkommen. fReicht ihr die Hand.) Eufrosine. O, Sie charmanter Herr von Waldner. Es hat mir keine Ruh lassen, bis ich Ihnen um den Hals fallen kunnt. fThut es.) Florian ffür sich). Da hat man'S, g'schieht ihm schon recht, ein anderes Mal wird er sich ihr vorsichtiger nä Hern. 17 Ettfro sine fmacht eine Bewegung, als ob sie sich Florian in gleicher Weise nähern wollte). Florian sspringt zurück). Ich dank' recht schön, ich muß net von Allen hab'n. fEs wird geklopft). Da hat man'- schon, wieder wer! Herein! Fünfte Scene. Schulze. Vorige. Schulze stritt ein, in einem sehr herab- gekommenen Eostitin nach Art der Berliner, dabei modisch mit Augenzwicker). Florian sprallt zurück, so daß er an Eufrofinen zu lehnen kommt). Himmel, aus'n Kikeriki ist Einer au-kommen. Eufrosine. Ha, mein geheimniß- voller Seladon! Schulze sim Berliner Dialekt). Juten Tag! Ferdinand. Sie wünschen? Schulze. Ich stelle mir Ihnen vor als Erfinder mehrerer die Fotografie zur höchsten Stufe der Vollkommenheit bringenden Verbesserungen in optisch- Physikalisch-technischer Beziehung. — AllenS natürlich nur durch höhere Berliner Intelligenz und nenne mir Iott- fried Heinrich Schulze, geboren zu Potsdam, gebildet zu Berlin. — Ferdinand. Obwohl sehr erfreut, auf fremdem Boden einen Deutschen begrüßen zu können, so muß ich doch mit Bedauern erklären, daß ich mich nicht berufen fühle, Ihre gewiß schätzen-- werthen Erfindungen zu erproben. Eufrosine. Ach, das ist Schade, ich hätte so gerne gesehen, daß gerade Sie, Herr Waldner, sich da- Verdienst erworben hätten der Erste zu sein, diesen gewiß epochemachenden Erfindungen die Bahn gebrochen zu haben. Schulze sküßt ihr feurig die Hand). Iottvolle- Weib, geistvolle Dame! Thrater-Rkperloir »N. Eufrosine (für sich). Sollte der nicht ein berühmter Mann sein? Er ist ein Deutscher, und herabgekommen ist er auch! fLaut.) Verzeihen Sie. mein Herr, waren Sie nicht bei der letzten Versammlung der Thierärzte — Florian fbei Seite). Gegenstand de- Forschen-! Schulze. In Berlin! N—ja! Doch erlauben Sie, Ihnen, meine Herrschaften zu offenbaren, daß e- nicht die engen Iränzen einzelner Felder von Kunst und Wissenschaft sind, die ich mir vornahm mit höherer preußischer Intellijenz zu düngen — o nein — der Kreis meines Wirken-, den ich mir gestellt habe, ist da- Weltall, und Alle- in demselben, was einer Verbesserung bedarf. Florian. Sie. da gehn'- nur g'schwind nach Wien, da werdn's mit lauter Verbessern gar net fertig. — Ferdinand fbei Seite). Ein Narr! Eufrosine. Ich schwelge schon im Vorgenuß, die Gattin dieses unsterblichen Manne- zu sein. Schulze. Sehen Sie, Verehrteste, so habe ich jehört, daß der Cultur- zustand hier zu Lande noch immer auf einer so nieder» Stufe steht, daß e- nur mehr einem echten Berliner gelingen kann, Civilisation und Intellijenz zn haben; — diesen Segen auf Land und Leute zu streuen. Ich hatte eigentlich dieß Allen- ursprünglich für die Wiener zu thun im Sinne jehabt. Florian. Ah, hören- ans! Merkwürdig wie gut die Berliner sind — beim Fleischselcher die — natürlich! Schulze. Ganz alleene für die Wiener, aber meine Bestrebungen kamen ihnen janz spanisch vor, und da dachte ich mir denn, herrje, det müsse mich hier jelingen. Ferdinand. Da- mag sein, dock glaube ich, daß zur Erreichung Ihres Zwecke- Ihnen mein Atelier wenig er- 2 18 sprießliche Dienste leisten dürfte; zudem bin ich mit Bestellungen so überhäuft, daß ich Ihnen meine volle Aufmerksamkeit nicht zuwenden kann. Schulze. Ich erhalte also Refus? Mir auch recht! Der höhern Berliner Jntellijenz kann dieß jar nichts anhaben, habe also nichts zu suchen — Florian (macht die Thür auf). Als die Thür! Schulze. Weßhalb ich mir erjebenst drücke! (wendet sich stolz zum Abgehen.) Florian (bei Seite). Wenn der sich noch drucken auch will, nachher bricht er ab! Eufrosine (hält Schulze am Rock zurück). Halt, verkanntes Genie, mein Geist, mein Herz gehört Dir, leihe mir Deinen Arm, ich folge Dir! (Mit Schulze Arm in Arm ab.) Sechste Scene. Florian. Ferdinand. Florian (macht die Thür zu). Ich möcht nur wissen, warum die ver-ruckte Gredl fort ist, sie ist doch noch nicht ausgenommen. Sie, das wär ein Köpferl für die Auslag! Ferdinand. Du bist ein Narr! Florian (sieht zum Fenster). Ui, die Senore kommt, die schwarze. Ferdinand. Dann geh, lasse mich allein! Florian. Na Wartens, das sag ich der Julie. Ferdinand. Schweig, laß mich allein! Florian. Ich geh schon, ich will ihr tets-ä-tete Ihnen net stören, aber das sag ich Ihnen, vergessen- nicht auf meine Julie, nein, will ich sagen, auf Ihre Fanni, nein, das ist ja schon wieder net recht, auf meine Fanni und Ihre Julie! (Link« ab.) Siebente Scene. Ferdinand, dann die Fremde. Ferdinand (stellt einen Fauteuil zu dem Tisch, wo die Albums liegen.) Sie kommt! Sonderbar! Obgleich noch immer ungetheilt Julie mein Herz besitzt, so kann ich doch eines gewissen Bebens mich nicht erwehren, so oft ich diese Spanierin sehe — denn für eine solche halte ich sie. Fremde (im reichen schwarzen Seidenkleide, da« Gesicht verschleiert nach spanischer Sitte, sie ist 28 bis 30 Jahre, elegant.) Ferdinand. Senora würdigt das bescheidene Atelier eines Deutschen mit Ihrem Besuche! Fremde. Ich bin gewohnt Wort zu halten! Ferdinand. Senora hatten de» Wunsch geäußert, einige Proben in meinem Atelier zu besehen. Fremde. Ja, Ihr Bild in der Ausstellung. da- man mit Recht mit dem ersten Preis betheilte, hat meine ganze Aufmerksamkeit in Anspruch genommen. .Das Gebet der Braut." Ihr Bild ist sinnig erfunden und ebenso kunstvoll ausgeführt und ich muß gestehen, daß ich überrascht war zu hören, Sie seien auch Fotograf. Ferdinand. Der Zufall hat mich dazu gemacht. Ich kam hier an und fand als Fremder bei dem verstorbenen Besitzer dieses Ateliers, der ein Deutscher war, nicht nur gastliche Aufnahme, sondern auch reichlichen Verdienst. Er lehrte mich und ich verstand auch bald die Fotografie. Jetzt bin ich alleiniger Besitzer dieses Geschäftes, denn Kunst nenn' ich'S nicht. Fremde (hat sich indeß gesetzt und die Fotografie. Album« durchblättert). Wer ist dieses Mädchen? (auf ein Bild zeigend, im Album.) Ferdinand. Die Tochter eines Wiener Bürgers. Fremde. Ein schöne- Mädchen! 19 Ferdinand (begeistert). Und ein gutes, ein edles Mädchen! Fremde. Es scheint, als hätten Sie das Mädchen nicht bloß mit Künstleraugen betrachtet. Ferdinand. Warum sollte ich läugnen? Ja sie war, ja ist meine Liebe, die ich im Herzen trage. Sie war eine Jugendgespielin. War eS also Wunder, wenn der Keim der Liebe schon in früher Kindheit in unsere Herzen gepflanzt wurde? So hofften wir denn an Jahren vorgeschritten das glücklichste Paar zu werden; allein die starren Ansichten des Vaters, der ein wohlhabender Bürger ist, und nur im Handwerk allein den sichern Beden des Lebensunterhaltessucht, trennten uns. Das Mädchen ward gezwungen, einem Handwerker die Hand zu reichen, den sie nicht liebte. Darum verließ ich die Heimat, vielleicht findet sie doch im Leben eine Würze: Ruhe und Zufriedenheit! Fremde. Also Frau ist sie? Ferdinand. Ich glaube; als ich Abschied nahm, war Verlobung. Fremde. Ich bedauere Sie, denn wahre Liebe ist selten, und kehrt selten wieder! Ferdinand. Nie! Nie! Fremde. Mitleid, Theilnahme läßt oft das entflohene Glück: Die Liebe wieder finden. Ist ein krankes Herz nicht am meisten für theilnehmende Freundschaft empfänglich? Wie leicht entspringt da nicht die Knospe der Liebe, die wie durch einen Zauber zur üppigen Entfaltung gelangt. sSteht auf.) Theilen Sie nicht meine Meinung. Ferdinand (bei Seite). Du irrst, schöne Spanierin, in Deiue Netze geh ich nicht! Fremde. Nun? Ferdinand. Senora, ich kann erklären — Fremde (hat inzwischen das Bild auf den andern Tisch gesehen, erschrickt, starrt das Bild an, und hält sich an der Lehne des SefselSs. Ferdinand snach einer Pauses. Senora, Sie sind unwohl ? Fremde strocknet sich die Stirnej. Es ist vorüber, nichts. (Nach einer Pause.) Wer ist jene Dame hier als Braut? Ferdinand. Meine Mutter! Fremde serfreut, innere Bewegung ver> rathends. Ihre Mutter? O mein Gott, ich — snach einer Pause.) War Ihre Mutter nicht eine geborne Dorn? Ferdinand. Ja, ganz recht, ihr Vater war fürstlicher Verwalter! Kennen Senora unsere Familie? Fremde smit einer Ohnmacht kämpfend). Ja — ich kannte —sie — lebt Ihre Mutter noch? Ferdinand. Dann Senora stünde ich nicht hier! Fremde sdaS Weinen unterdrückend) Tobt—todt — snimmt rasch Ferdinands Hand.) Ich habe viel, — sehr viel mit Ihnen zu sprechen, sspricht diese« in Ab« sähen und wird dabei von Ferdinand in den Fauteuil geleitet.) Ferdinand. Mein Gott, — Senora (unterstützt sie.) Achte Scene. Haerthmann. Vorige. Haerthmann (öffnet die Thür und bleibt erstaunt stehen). Oock ckam, der Lady in die Arm von eine Mann! Fremde (ermannt sich, schiebt Ferdinand sanft von sich.) Ferdinand. Wenn Sie befehlen, ich rufe einen Arzt. Fremde. Danke — danke — es ist vorüber. Ich werde Sie ja Wiedersehen. Ich kann mich jetzt entfernen. (Sicht nun den Lord, mit stolzer -opfbewegung). Ich grüße Sie, meine Herren ! (Lb.) 2 » 20 Neunte Scene. Haerthmann, Ferdinand. Haerthmann sder mit Ferdinand die Fremde bis zur Thüre begleitet hat.j sZurück- kehrendl. Gentleman, ich muß fragen, wie ist gekommen, das ist geworden unwohl der Lady in Ihre Arm. Ferdinand. Was berechtigt Sie zu dieser sonderbaren Frage? Haerthmann. No Lire, nix sonderbar, ich sein Lord Haerthmann und dhun lieben der Lady. Ferdinand. Gilt Ihnen die Ohn- macht, in welcher Sie die Dame trafen, so sonderbar? als eine Folge des Alleinseins? Haerthmann. Ves Lire, ^68 8iro. Sie dhun auch lieben der Lady, ich dhun auch lieben der Lady, und wenn Sie nix wuollen aufhören und lieben der Lady, so müssen Sie sich mit mir schießen über die Hangeschiff. sZieht ein großes rotheS oder gelbes Sacktuch und zwei Pistolen hervor.) Ferdinand. Mein Herr, Ihre Besorgnisse werden wohl bald schwinden, wenn Sie von mir erfahren, daß ich diesen Boden wohl nie betreten hätte, wenn mich nicht ein ungünstiges Geschick von dem Mädchen getrennt hätte, welches ich allein nur lieben kann. Wenn Sie Mylord, um die Hand der Senora werben, kann Ihnen ein armer unbedeutender Mann, mit einem selbst verwundeten Herzen ein Hinderniß sein? Haerthmann sgerlthrt). Sire, wenn ich Sie haben gekränken, so muffen Sie mir verßeihen. Ach, ich dhun der Lady so lieben, so — so — wie ich nie Hab geliebt ein Mensch in der ganzen Wualt. Ich geb Ihnen meine Hand und bitte Sie zu sein mein Freund, weil Sie dhun lieben mit keiner Hoffnung wie ich. Ooä cioa k°rienä, Ooä sAb langsam, bei der Thür kehrt er um, geht ganz vor und sagt zu Ferdinands Sie müssen machen 50000 Fotografie von mein Gesicht. sAb.s Zehnte Scene. Ferdinand, dann Florian. Ferdinand. Der so reiche, — und doch dabei so arme Mann! was nützen ihm seine Schätze — kann er sich damit sein LebenSglück erwerben? Florian skommt eilig). A Spectakel. das ist net schlecht. Hörens, stürzt da draußen die Portion vlä Lnßlrrncl an mir vorüber, sagt nix als dadldidldumdei, druckt mir 5 Goldstück in die Hand, und wie ich ganz verblüfft frag: Ich bitt Euer Gnaden, soll ich vielleicht etwas herauSgeben, folgt ein zweites Dadldidldumdei und zugleich das gänzliche Verschwinden der olä enxiandisetiev Portion. Ferdinand lächelnd). Du machst mich beinahe lachen; Du bist — Florian. Ein Narr — das weiß ich. Lachens zu, g'schieht ohnedem selten, oder gar net. Ferdinand. Du bist ein guter Mensch, doch laß mich nun, ich will noch einmal schreiben, und dann in die Luft, ich will mich zerstreuen, und Du sollst mich begleiten. sAb recht«.) Zehnte Scene. Florian allein. Florian sfieht ihm nach). Ich sl>^ ihn begleiten! Ja, wohin denn? Vielleicht zum Heurigen? Wein, das giebtS net in Amerika, da giebtS kein G'schwandner: O G'schwandner, was bist du für eine selige Erinnerung. Es ist zwar gar oft net schön zugangen, weil halt verschiedene- Bolk z'samm kommen ist. aber lustig 21 war'-. Verschiedenes Volk! Man sollt eigentlich denken, eS giebt nur ein Volk, da irrt man sich aber gewaltig; Volk ist gar ein weitgehender Begriff! Eouplet. Beim Brunnen sitzen in ein Kreis Die Köchinen vom Grund, Und schimpfen über Herrn und Frau, Den Hausknecht und den Hund. D' Frau'n sind BiSgurn, Tratschen, Zangen. Die Herrn gewöhnlich schlecht, Kurz -'Herrschaft ist mit eiu' Wort Dem Volk halt niemals recht. Doch schmeicheln können- aus dem F, So schmeichelt keine Katz, Beim Herrn, wie bei der Frau sich ein DaS Völkl äolrro nar. 2. Ein Journalist, ein Menschenfreund, Der nicht im Solde steht, Der mit dem Zeitgeist Hand in Hand Ganz unerschrocken geht; Der wird, weil er für Volksfreihcit Gekämpft mit aller Macht, Durch monatliche Kerkerhaft Zum Schweigen nun gebracht. — Die Finsterlinge haben nun Erreicht, was sie begehrt; Doch wird der Mann in Kerkerhaft Vom Volk nur hoch geehrt. — 3. Ein Böhm' der mit sein Bünkerl ist Als Bub einst kommen her, Der sitzt gar in ein Ausschuß jetzt Als hau-gesessner Herr. Man ist dafür, daß werd' erbaut Ein' neue Schul am Grund Weil d'alte nun gefährlich ist, Für-'Kinder auch net g'sund. Da schreit der Böhm: A gieb' ich Stimm' Auf Schulbau zu nur dann; Wann deutsche Bulk buckbanige ^ botem böhmisch kann. 4. Casino giebt eS viele hier, Wozu, das weiß man wohl, Man wünscht da nicht, daß auch belehrt Gemeines Volk sein soll, ES soll't dem Volk die TageSpresf Noch ganz entzogen wer'n, Das wünschen'- im Casino d'rinn Die guten lieben Herrn. Ja dieses Volks haßt VolkeSwill Kann - Freiheit net vertrag'n, O Kaiser Josef einmal nur Thu noch das Völkl jag'n! 5. Ein Mann, der auf der Börse spielt Und glücklich spekulirt, Der freut sich stets, wann wo was N'schicht. Was d'Börse alterirt. — Giebt'- wo ein Krieg, ist S' Schlachten groß, Ist groß dann auch sein' Freud', Denn sind auch zwanzigtausend todt, So ist ihm da nicht leid. — Was kümmert sich der Börsenmann Um eines Volkes Weh, Es geh'n ja die Papiere so, Wie er'S gewünscht, in d'Höh. — 6. Es steht in jeden Zeitungsblatt Tagtäglich groß g'nug d'rin, Zu lesen, wo man billig - Geld Für Waar'n bekommt in Wien. In Gold und Geld, das sieht man jetzt Ang'schrieb'n an jeden Haus, Man sollt fast glaub'n den Armen wird'- Umsonst getheilt da aus. Doch geht Ein'- h'nein, versetzt ein' Uhr Und kriegt ein Fünferl drauf; Da sieht er dann, was Wuchervolk Nennt ein soliden Kauf. 22 Viertes Bild. Erste Scene. Eine Hafenansicht. Links ganz vorne ein Hau« mit Veranda und der Aufschrift „Deutsche« WirthShau«". Auf der Veranda und vor derselben Tische und Sesseln. Sebastian. Rosa. Rosa fkommt mit Sebastian von recht«, auf da« Haus zeigend s. — „Hier bin ich zn Hause". Sebastian. Also da? — Schau, schau — deutsches WirthShaus! Ich weiß net, in mir wird eine so urwüchsige, lichtenthalerische Gemüthsstimmuug wach, daß ich Dich mit Freude« umhalsen könnt. — Aber sag' mir nur, edle Amerikanerin, in was für einer Beziehung siehst Du denn zu diesen überseeischen Keuschen — der Fa^on nach! bist Du von meiner Heimat. R osa. Das gehört meinem Vater! Sebastian ffür fichs. Eine Haus- herrnStochter — sie wird immer in- tressanter. sLaut.f Aber verehrungswürdiger Sprosse eines amerikanischen Stein- häuSlbesitzerS, bist Du eine echte Amerikanerin, eine in allen Ernst dada in'S Leben Getretene? Rosa. Und was läßt Sie meine Abstammung bezweifeln? Sebastian. Das kann ich eigentlich net sagen; ich Hab hakt so eine Ahnung, ich trauet mich beinah um ein Packl Fidibus z'wetten; Du bist meine Landsmännin! Rosa. Und Sie sind! Sebastian. Ein Wiener, gebürtiger strozzi'scher Gründler, erzogen aber bin ich in der Iosefstadt word'n, weil ich zu die Piaristen hält in die Schule gehn solln. Rosa lfreudigf. Also ein Wiener, nun, Ihr Vaterland ist auch das meine! Sebastian fschlägt die Hände zusam- menf. Fix Laudon, das iS Eisen. — Amerikanische Vaterlandskameradin.jetzt schau Dich zitta um a paar Meldzettel um, denn ich geh slandipeda bei Eng z'Bett, und wenn ich auch die ganze Nacht in einer Weinboding hockerln müßt; denn ich Hab das Umwandern in der neuen Welt schon satt. Rosa. Nun, so kommeu'S mit zu meinem Vater, er wird sich freuen einen Landsmann bewirthen zu können. fMit Sebastian ab in'S Hau«.f Imkite Scene. Georg, dann Mäher. Georg fkommt vom Hintergründe im herabgekommenen Eostitm eine« Stutzer« mit Reitgerte oder dünnem Stöllchens. Da bin ich nun auf dem gepriesenen Boden des freien Amerika, und der lange Arm der österreichischen Gerechtigkeit strengt sich vergebens au, mich beim Schopf zu erwischen. — Eine schöne Einrichtung eigentlich, daß auf diesem Boden ein jeder Spitzbub von den Widerwärtigkeiten des Lebens, die ihn durch die Gesetze der europäischen Staaten drohen, geschützt dasteht. — Aber was nutzt mich eigentlich dieser Schutz? Ich Hab keinen halben Kreuzer mehr, und wenn sich mir nicht bald Gelegenheit bietet, meme dießseitS mir erworbene Kunst der Schwindlerei zur Geltung zu bringen, so kann ich bald mit deu Bestien der hiesigen Wälder mein Mittagsmahl halten. — Aber so weit wird'S net kommen, denn Wien ist ja gegen Amerika in Bezug des Schwindel noch sehr weit zurück, und ich glaub in Wien wird schon so g'schwindelt, daß ein Schwindler vor Schwindel schwindli wird. — 23 Mayer (kommt aus dem Hau- lächelnd). Ein närrischer Kauz der Wiener, aber ein Vollblut-Wiener, der laßt sich's schmecken; hat vielleicht schon tagelang g'hungert der arme Teufel. (Wischt Tische und Sessel ab.) Georg (bei Seite). Er speist Hungrige, folglich scheint das eine gefühlvolle Seele zu sein! Jetzt weiß ich net, soll ich mich als Hungriger vorstellen, oder soll ich ihm mit Nobles entgegentreten? Ich werd das Letztere thun — das imponirt mehr. (Richtet sich seine Haare, spielt mit dem Stock und geht weiter vor, Laut.) Sind Sie Garden dieser abgelegenen Kneipe? Mayer (tritt au- der Veranda, sieht Georg verächtlich an, nach einer Pause, beleidigt). Gar^on? — Kneipe? — Ich bin der Wirth und das ist ein deutsches WirthShauS. Sie müssen daher wo anders hingehn, was Sie suchen — und wohin Sie g'hören — eine Kneipe — finden'S weiter südlicher. (Bei Seite.) Da hast eine. Georg (bei Seite). Grober Kerl! (Laut.) Zu essen und zu trinken kann man doch haben? Mayer. Natürlich, — um'S Geld Alles. Georg. Das ist Nebensache! Mayer. Ich halt das Geld für die Hauptsache. Haben Sie sich zu fragen erlaubt, ob Sie bei mir essen und trinken können, so kann ich mir erlauben Sie zu fragen: Haben Sie Geld? Georg (lächelnd). Ihre Menschen» kenntniß scheint nicht weit zu reichen, denn sonst müßten Sie sofort erkannt haben, daß ich reich bin. Mayer. Hahaha, daß ich net lach! Georg. Ich Hab um 20.000 Dollars Land gekauft. Hm? Was? Um 20.000 Dollars — und da dieses Land nicht weit von hier ist. so will ich mich hier einlogiren. Ich pflege mich immer so zu kleiden, um nicht durch Eleganz meinen Reichthum zu verrathen. Das merken Sie sich (Nimmt eine Zigarre ander Tasche, bei Seite.) Ist schon niedergedonnert. — Komm heraus, Du letzter Glimmstengel! (Schneidet die Spitze ab.) .Feuer!" Mayer. Ich bitt, gleich. (Siebt Feuer bei Seite). Bei mir z' Haus werd'n solche Leut Vagabunden genannt! Georg (sich setzend). Was giebt'S zu essen? Mayer. Bei mir ist österreichische Kost, aber gute — Georg. DaS wußt ich, ich bin ja aus Oesterreich, — aus Wien! Mayer (erfreut). Ist's wahr! Das g'freut mich! Was wünschen'S denn ; ein Rostbratl, Gollasch, Schwäbisch mit Nockerln. Georg. Bor der Hand eine Flasche Wein, dann ein Rostbratl. Dritte Scene. Schulze. Vorige. Schulze (liest). Deutsches WirthShauS? Da wollen mir mal rinjehen. Mayer ssieht Schulze). Soll das vielleicht auch ern verkleideter Reicher sein? Schulze. Sie, hören Sie mal, sind Sie Herr Mayer? Mayer. Zu dienen. Schulze. Ne, da« ist merkwürdig, wie verbreitet die Familie der Mayer ist, sogar hier in Amerika finden sich solche. Georg. Und an der Spree giebt'S wieder so viel Schulze. Schu lze. Ianz wohl — ich bin auch ein Schulze — (setzt sich zu Georg.) Sind Sie auch ein Deutscher? Georg. Nach der jetzigen Einthei- lung g'hört zwar mein Vaterland nicht zu Deutschland, aber deßwegen bleiben wir Oesterreicher doch deutsch mit Leib und Seel. 24 Schulze sgiebt Georg die Hand). Freut mir, Bruder! Preußen und Oesterreich Hand in Hand! Georg. Da thun wir noch warten! Mäher Hat Wein gebracht, und geht von nun ab bald ab bald zu — je nachdem es erforderlichst Schulze. Bruder Oesterreicher! Ein Wort im Vertrauen! Georg. Das wird schwer halten; — wir Oesterreicher haben schon so oft vertraut, und am End' waren wir die Ang'setzten Schulze. Bei mich nich — strinkt.) Schmeckt gut! Georg. Und billig! S ch ulze. Wie so? Georg. Weil ich nicht zahle! Schulze. Ne Bruder — ich zahl nich. Georg. Ich noch weniger — Schulze. Aber — fsieht ängstlich umher.) Der Wirth — Georg. Muß froh sein wenn ich seinen Wein trinke und aus seiner Küche etwas esse. — He da, Herr Wirth — mein Rostbraten — Mayer. Gleich sollen Sie bedient werden. — sJm Abgehen.) Wachsames Auge werde ich aber doch auf die Beiden haben. sGeht in das Haus und bringt dann das Verlangte.) Vierte Scene. Sebastian, Vorige. Sebastian falls dem Hause kommend, spricht leise mit Mayer und macht dann eine bejahende Geberde). Schon gut! sGeht zum Tisch, wo Schulze und Georg sitzen.) Servus, meine Herren! Georg knickt verächtlich mit dem Kopf.) Schulz e snickt auch mit dem Kopf spricht mit Ciprian weiter). Sebastian sbei Seite). Nu, die zwei Flegeln muß ich mir doch ein wenig verguunen. — sZu Georg.) Sind Sie net auch von mein Metier ? Geo rg sstolz). Sind Sie ein Professor der Kleiderkunst? Sebastian. Nein, aber Jhner G'stell hat mich erinnert an mein Handelsartikl — ich sabricire nemlich alle Arten von Zündhölzl. Georg. Grober Kerl! sbei Seite.) Sebastian szu Schulze). Und wem Hab' ich hier die Ehre. — Schulze slüftet den Hut)- Ich bin Jottfried Heinrich Wilhelm Schulze! Sebastian. Hab mir's aber gleich denkt, freut mich! Schulze sstolz). Bin aus Berlin jebürtig. Sebastian. Ah, geboren sind Sie auch, warum net gar? — Aber net wahr, g'fressen haben's noch Keinen? Schulze. Sie wollen mir beleidigen? Sebastian. Allianz will i grad net schließen mit Ihnen, Sie wehe Intelligenzfigur. — Schulze. Weßhalb insultiren Sie mir? Sebastian. Ich Hab auf gut österreichisch grüßt. Sie haben auf gut impertinent gedankt. Ich Hab mich revangirt, also reden wir wieder freundschaftlich mit einander, damit die Welt sieht, daß Preußen und Oesterreich doch am End gute Freunde sind — in Amerika Fünfte Scene. Schielhuber, Lachmayer, Meien- stedt, Sturm, Mascherl, Vorige. Schielhuber sim Auftreten) särger- lich). Da soll der Teufel ein Theater- director sein, wenn das Durchgehn so modern wird. 25 Meienstedt. Und doch nirgends ein Durchhaus! Schielhuber Hörn's auf mit ihre schlechten Witz. Es ist ja schrecklich, — und grad die schönsten noch dazu. Meienstedt. Ich bitt mir's aus, g'hör ich vielleicht zu die wilden? Wie könnt denn ich sonst die schöne Helena spielen. Schielhuber. Aber darum nicht den Muth verlieren, Kinder. Wir sind auf einem Boden, wo unserer Kunst goldene Lorbeeren blühen. Unser Ensemble ist exquisit und unser Repertoir so vollständig. — Lach meyer. Daß wir sehr leicht eine Offenbachische Operette aufführen können, die in Griechenland spielt. Sturm. O laßt nur mich los! Tod und Hölle, Millionäre werden wir, sag ich euch. Wenn ich so mit hochgeschwungenem Schwerte hinausdonnere: Der Freiheit eine Gasse — Lach meyer. So geb ich Dir mein Wort, daß Sie Dich da eben so gut objectiv behandeln, als wie wo anders. Da wird's eben so gut ein IX. Bezirk mit einer aerarischen Brummaschin geben. Meienstedt. Frau Mascherl, meine Triests sind doch alle in Ordnung? Mascherl. Du lieber Himmel, die sind ganz defect. Me Yen sie dt. Dann bin ich auf- 8'legt! Schielhuber. Was die Säulen Meiner Unternehmung? Bon hier an kommen nach und nach immer mehr Gäste, Pflanzer, Schiffleute, Matrosen rc. und besetzen die Tische. Sebastian shat theilweise den Schauspielern zugehört.j Die sind mit dem Tespiskomfortable hergruscht. Das sind !o ewige Gastrollenreiter. sGrüßt fies. Sie verzeihen schon, wenn ich mir die Freiheit nimm' Sie zu bitten als wandernder Feuer- und Lichtverbreiter Ihnen Gesellschaft zu leisten. Sturm. Ha, ein Mime! Lachmeyer. Oder vielleicht Redac- teur einer frommen Zeitschrift. Sebastian. Net einmal denken! Ich befasse mich nicht mit zündenden Phrasen, sondern ausschließlich mit fisischen Brennstoffen, und Breter haben für mich nur dann eine Bedeutung, wenn es solche sind, aus denen Stras- hölzel gemacht werden können, kurz, ich bin Zündhölzelerzeuger sSetzt sich.s G eorg szu Schutzes. Das ist natürlich, daß ich mich etabliere als Professor der Kleiderkunst. Schulze. Da empfehle ich Ihrer Aufmerksamkeit meine preisgekrönte Brochure „Ueber die Verpflanzung höherer Intelligenz in den Gewerbestand. Georg. Dank, werd' davon Gebrauch machen. Schulze. Ich gedenke mir hier zu vermahlen, dann in die Heimat meiner Jattin nach Wien zu übersiedeln, um dort eine Actiengesellschaft zu gründen zur Hebung höherer Intelligenz. Es kommt nur darauf an, ob ich mir werde neutralisiren können. Georg. Macht nichts, schaun's nur, daß Sie in Wien Finanzminister oder Journalist werden können, für die ist in Wien immer eine sehr feiste Existenz, denn vorm ehemaligen Schottenthor wird beiden sehr warm g'macht. Mayer sgiebt Zeitungen auf den Tisch.s Gefällig vielleicht! Georg. Schau, schau, deutsche Zeitungen! Mayer. Bei uns liegen alle Journale auf. Georg. Merkwürdig; bei uns sitzen die meisten auf! 26 Sechste Scene. Eufrosine. Vorige. Schulze. Ach, da ist meine Angebetete, (geht ihr entgegen.) War schon janz in Verzweiflung holdeste Dame, doch siehe, da Sie kommen, erinnern Sie mir, daß die Venus erst spät Abends sichtbar wird. Eufrosine. Sie sind zu liebenswürdig. (Für sich.) Der ist aber schon unausstehlich geistreich. (Setzt sich mit Schulze.) Siebente Scene. Florian. Ferdinand. Vorige. Florian (im Auftreten zu Ferdinand). Ich bitt Ihnen, sinds nur jetzt ein bisserl fidel, denkens nur, wir kommen unter Landsleute. Schau'ns, wie ich noch daheim war, und mich g'kränkt Hab, so bin ich g'schwind in's Wirthshaus und um den Gram meiner Liebe in einen antedeluvianischen Affen zu tödten. Ferdinand. Glücklicher Mensch! Florian. Da schaun's Ihnen nnr um und um, Alles fidel und gemüthlich. Alles sitzt wie beim Heurigen in Hernals beisamm. Ferdinand. Komm, hier ist ein Tisch! (Geht nach links.) Sebastian (zu Florian). Florl, was ist's, hast noch immer nix für mich? Wenn ich noch lang da ohne G'schäft bin, so sag ich wieder Concurs an. Florian. Nur Zeit lassen, ich Hab alle Hoffnung Sie zum englischen Iokey zu machen. Schulze. Herr je, det fotografische Sujet! Georg (wendsk sich um — sieht Florian — dreht sich schnell wieder um, und nimmt das Sacktuch vor das Gesicht). Ui, jetzt bin ich gut ankommen, jetzt heißt's gut fortkommen. — Florian (erstaunt). Ja, Hab' ich denn recht g'sehn? Ferdinand. Was hast Du? Florian. Ich — ich Hab' nix — aber dort sitzt Einer, der ein schlechtes G'wissen zu haben scheint. (Auf Georg zeigend.) Dort sitzt der Juli ihr Mann, oder Bräutigam, das Professerl der Schneiderkunst. Ferdinand (springtauf). Wie? Leicht? Florian. Gewiß! Ferdinand (zu Georg). Mein Herr! Georg (für sich). Hat mich schon! Ferdinand (klopft Georg auf die Achsel). Ist es gefällig Herr Leicht! Georg. Nun Keckheit verlaß mich nicht. — (Zu Ferdinand.) Sie wünschen? Florian. Sehr viel! Ferdinand. Sind Sie verheiratet? Georg. Ich bin Ihnen keine Rechenschaft schuldig. (Will fort.) Florian (hält ihn auf). Halt Professerl, hast glaubt, Du bist in Wien, wo das Abfahrn so leicht ist? — Geor g. Laß er mich! — (will fort.) Ferdinand (hält ihn auf). Sie werden nicht von der Stelle — Florian. Schneiderl, ich Hab' ein paar gute Freund, die thun mir schon den Gefallen und Dich ein bisserl frisieren. Georg (greift ängstlich nach feinem Kopf). Frisieren? — Ferdinand. Reden Sie! Florian. Red, was ist's mit'n Gutmann! Georg. Ich seh' nicht ein — (will fort.) Florian (mit Ferdinand halten ihn). Redst' net? — Gensdarm sind gleich da! 27 Georg (ängstlich). Der alte Gutmann — der hat die Julie g'heirat — der Robert ist nach Amerika — ich bin ein Volksdichter — die Fanni ist ein Schuster — Florian. Fanni? Ferdinand. Fassen Sie sich! Florian. Oder wir fassen Ihnen — reden's! Georg. Ich Hab Alles g'sagt! Ferdinand. Das war ein Kauderwelsch ! Georg. Die Sprach' red' ich gar nicht! Florian. Macht nix —wir Habens doch verstanden. — Ferdinand. Was ist's mit Gutmann ? Georg. Der ist zu Grund' gegangen — ist ein Bettler! Florian. Und die Fanni? Georg. Ist bei ihm! Ferdinand. Und die Julie? Georg. Ist meine Frau! Ferdinand. Ihre Frau? spackt ihn.) Du lügst, Schurke, sprich die Wahrheit. Georg. Ich Hab' die Wahrheit gesagt. — Lesen Sie selbst. — (Zieht Papiere aus der Tasche und giebt sie Ferdinand). Ferdinand (durchsieht schnell die Papiere, läßt sie dann fallen und packt wieder Georg). Wahrheit! Und wie kamst Du Erbärmlicher hieher? Warum hast Du Dein Weib verlassen? — Georg (sucht sich loszureißen). Das kümmert Sie nichts. Ein Pflanzer (hat sich durch die Umstehenden gedrängt, zu einem Andern). Das ist ja derselbe Bursche, der mir das Portefeuille kapern wollte. Ein anderer Pflanzer. Derselbe ist's. Der soll uns nimmer entmischen. (Wollen Georg fasten) Georg (ist in demselben Augenblick durch eine geschickte Wendung Ferdinand entwischt, rafft schnell die Papiere zu sich und entflieht nach dem Hintergrund rechts, im Ablaufen). Ein Narr, der sich erwischen ließe! Alle. Er flieht! Mayer. Meine Zeche! Ferdinand. Mir soll er nicht entkommen ! (Georg nach.) Florian. Da muß ich auch dabei fein. (Im Ablaufen stößt er an den eben auftretenden Haerthmann heftig an, so daß dieser sich faßt im Kreise dreht.) Letzte Scene. Haerthmann. Fremde. Vorige. Haerthmann. Oh — Ah — Oh! SebastiaN (unterstützt Haerthmann und führt ihn vor.) Haerthmann. Sie sein nicht der Mann? Sebastian. Der Ihnen so unsanft g'stoßeu, nein, der bin ich nicht. — Ein Pflanzer. Er flieht dem Flusse zu. Ein Anderer. Da, da, er springt hinein — schlechter Schwimmer — er taucht — i der ist verloren. — Ein Pflanzer. Wenn ihn der Schiffer nicht erhascht! Mayer. Na, der ist so gut als verloren, der beste Schwimmer ist ja nicht im Stande die reißendste Stelle des Flusses zu durchschwimmen. Ein Pflanzer. Na, der Schiffer hat ihn doch geentert! (Alle verlassen den Hintergrund und besetzen wieder die Tische.) Fremde. Er ist also fort? (Zu Sebastian, mit dem sie gesprochen.) Sebastian. Das heißt für den Augenblick, vielleicht kommt er wieder her! 28 Sturm (kommt aus dem Hintergründe zurück, schwingt seinen Stock). Kinder, es war schauerlich, der arme Teufel ist todt — mausetodt — nichts half mehr. Sebastian. Und der schwarze Herr, der ihm nachg'loffen, wo ist der? Sturm. Der ließ die Leiche in die Hütte tragen, und jubelte fast, und rief: „Nun fort nach Europa!" Fremde (erschrickt). Nach Europa? (Faßt Haerthmann bei der Hand und führt ihn vor). Lord! Verschaffen Sie mir die Gelegenheit nur einmal noch mit diesem deutschen Künstler zusammen zu treffen, meine Hand sei der Lohn. Haerthmann (küßt ihr die Hand). O ^68 — ^68! In Europa! Per Aorhang fasst fchness. Dritte Abtheilung. Fünftes Bild. Erste Scene. Einfaches Zimmer, ärmlich aber rem, mit einer Seitenthür und einer Mittelthür, rechts ein Fenster, neben welchem ein Schustertisch nebst Werkzeugen und alten Stiefeln sind, auf einem Dreifuß sitzt Gutmann und hämmert und singt dazu, ohne Orchesterbegleitnng. Gutmann dann Barbara. Gutmann fsitzt und singt). Hat der Mensch ein gut's G'wissen A bisserl Arbeit dazur, So hat er für's Leb'n ja In d' Haut eini gnur. Barbara fkommt durch die Mitte mit einem Einkaufkorb, ein Umhängtuch um, eine einfache Haube auf). Du bist halt immer gut aufg'legt. fStellt den Korb auf den Tisch, legt das Tuch ab.) Gut mann. Soll uns Armen vielleicht das einzige Vergnüg'n, das Singen, als Luxus des Leben betrachtet und auch besteuert werd'n? Barbara. Dir wnrd das Singen aber g'wiß vergehen, wann Du d'rauf denken möchst, daß Du heut den Lederer seine Rate net zahlen kannst. Gutmann flächelnd). Denkt Hab' ich d'rauf! Aber was nutzt das? Hat der Lederer so viel Tausend von mir schon kriegt, so wird er wegen die paar Hundert Gulden sich auch net äng'stigen: er weiß daß ich arbeit, und daß mir unser Herrgott immer noch g'holfen hat, das weiß ich. Barbara. Recht hast Alter — er hilft grad da am ersten, wann man's am wenigsten erwartet. Gutmann. So? Da hat er g'wiß schon g'holfen! Barbara. Noch net! Aber die Hilf ist nah. (Nach einer Pause.) Du Alter, ich sag Dir was, aber falsch darfst net werd'n. Gutmann. Warum denn? Barbara. Ich Hab den Robert g'sehn. Gut mann sfinster). Ich kann Dir d'Augen net verbinden. Barbara. Ich Hab mit ihm g'redt! — Du Alter — er wird kommen! Gutmann fspringt auf). Wann? Barbara. Heut! Vielleicht bald! GutMann fbindet seinen Schurz los). Julie! Julie svon Innen). Komm schon Vater! Gutmann. Bring mir mein Rock heraus. Ich muß den Nachbarn abhol'n, wir müssen in eine Versammlung. 30 Zweite Scene. Julie. Vorige. Julie (kommt mit dem Rockt. Hier Vater! Barbara (unwillig). Hättest den Rock schon d'rinn lassen können, Dein Vater darf gar net fortgehn. G utmann. Was? Ich darf net fort? Bin ich net der Herr im Haus? Barbara. Du Alter, vergiß Dich net, die Julie ist da. Gutman n. Ja so, wann wir zwei mit einander was abz'machen haben, braucht s' eig'ne Kind net dabei z'sein. (nimmt den Rock, zu Julie.) Geh, mein Kind, geh! Julie (bittend). Vater, geh nicht fort. Gut mann. Kann ich denn dableiben, wenn Deine Mutter Leut kommen laßt, die ich net sehen will. Barbara. Dein Bruder, der Robert wird kommen. Julie. Und darum? Vater, das ist nicht recht! Gutmann. So! War das vielleicht auch reckt, daß er seiner verrückten Idee nachgangen ist? Er hätt soll'n ein Schuster bleib'n, wie sein Vater, hat der sein Brot noch immer g'funden, so war der Herr Sohn auch net z' Grund gangen. Julie. Vater. Robert hat sich ja nicht von Dir losgesagt, er hat nur gesucht aus dem Nutzen zu ziehen, was er durch Studien erlernt. Gutmanu. Also Du giebst ihm auch recht, Du bist auch gegen mein ehrlichs Handwerk? Julie. Das nicht, lieber Vater, aber nicht jeder kann ein Handwerker sein. Gutmaun. Das ist wahr, es kann net lauter Schuster geben. Aber schau dem Tischler sein Sohn an, was ist er? Ein Tischler! Was ist dem Bücken sein Sohn? Ein Bäck und dem Drechsler sein Sohn, was wird der? Ein Drechsler, und so gehts fort, der Sohn wird immer das, was sein Vater ist, und ist der ein Kaiser, nu, so wird halt sein Sohn ein Kaiser! Dritte Scene. Robert. Vorige. Robert (ist elegant gekleidet, ohne auffallend.) Vater! Gutmann (sieht ihn an, wendet sich dann stumm ab, betrachtet ihn aber verstohlen.) Julie. Robert! Robert. Mutter, Sie sagten doch! Barbara (ärgerlich). Daß — daß Dein Vater ein dicken Kopf hat! G utm a nn (zu Robert). Was willst denn? Robert. Vater, verzeih, wenn ich ohne Deine Einwilligung gekommen, aber die Mutter — Gut mann. Hat dir was weiß g'macht, hat dich ang'logn, mit einem Wort — (für sich.) Schaut aber ganz nett und sauber aus. Robert. Vater, ich hatte nicht ohne Absicht den heutigen Tag gewählt; er ist für mich ein Festtag, wie er für Dich vor 24 Jahren ein Freudentag war. Die Mutter sagte, Du jubeltest damals, (nach einer Pause) es ist mein Geburtstag! Gutmann (nachdenkend, dann weich und gemächlich). Richtig, ist schon wahr, da hat Deine Mutter net g'logen. Da Hab ich g'jubelt, Hab voll Stolz und Freud Dich auf meinen Händen em- porg'hoben und zu meine Freund' und Nachbarsleut mit lachendem Herzen g'sagt: Da — da ein Bub'n hat mir der Himmel g'schenkt, ein Bub'n! Aber die Freud war natürlich, denn ich Hab glaubt, der Himmel hat der Menschheit ein Schuster mehr geben. Es ist anders kommen. Ich Hab Dich in die Schul gehn lassen, daß Du was lernst — ja 31 g'lernt hast — fleißig auch noch; aber in den heutigen Schulen lernt ein Schuster mehr als er z'wissen braucht, und so ists kommen, daß Du ein Strich durch meine Rechnung gemacht hast, hinter mein Rücken in Bücher herumkramt und Dich von dem Teufel der Eitelkeit erfassen lassen; bist Dichter word'n. Vielleicht kannst Du's dem Schwaben Hans Sachs nachmachen, ich weiß net — bleib bei Deiner Idee, ich Hab ja nix mehr z'reden, Du bist ja majorän. Robert. Eben darum bin ich gekommen. Ich wollte mir Deinen Segen erbitten, und — diesen wirst Du wohl Deinem Sohne nicht versagen. Gutman n. Meinen Segen? Wozu? Robert. Vater! Ich habe eine Anstellung, ich kann nun Mali mir zur Gattin nehmen. Sie ist zwar arm. — aber — Gutmann. Das thut nix — Dein Mutter hat auch nix g'habt. Barbara. Oho, hast Dn doch selbst mein Erbtheil behoben. Gutmann. Richtig — ist schon wahr, wie ich den Advokaten, die Stempel und die Taxen zahlt Hab g'habt, sind g'rad 11 fl. 19 ^ kr. blieben, aber das hat mich net genirt, denn Deiner Mutter Herz und Händ waren ein gar großes Kapital; ich Hab daher gegen Deine Heirat nix, ich gieb Dir meinen Segen. Robert stützt ihm freudig die Handj. Dank, tausend Dank. Und nun noch eine Bitte. Gutmann fabwehrendj. Schon gut, was willst denn noch? Robert. Ich habe einen kleinen Ueberfluß, Vater nimm, es ist wenig, aber vom Herzen gegeben. fHalt ihm die Brieftasche hin.j Gutmann fstauntj. Du? — Geld? Und noch dazu ein Überflüssiges? Da bist Du der erste Dichter, dem das Passirt — swehrt abj. Na — na — ^ Zugleich, denk an Lederer. Robert. Vater! Julie. Vater! 1 Barbara. Alter, Gutmann fnach einiger Ueberwindungj. Gut — ich nimm's, es ist ja Alles ein's, wem ich's schuldig bleib das Geld! Vierte Scene. Seppe rl. Vorige. Seppe rl stommt eilig durch die Mittef. Master! Master! fSieht Roberts. Ui —der Mosje Robert — und so schön! Gutmann Nun, was ist's denn? Sepperl. Master, grad wie i zum Thor g'kommen bin stu Robert.s Na, aber wie schön, als Sie heut anzog'n sein. Gut mann. Ja, Kerl, wirst jetzt einmal reden? Sepperl. I red ja so alleweil — also daß i sog, wie i zum Thor komm, steht da — was glaubn's, wer? Gutmann. Dummer Bub, so red! Wer denn? Sepperl. Der Schwefel! Master, der muß ein bisserl reich sein — nu — — Sie werden ihn gleich seh'n! — Gut mann. Ist denn der schon wieder z'ruck. Fünfte Scene. Sebastian. Vorige. Sebastian stritt ein, elegant nach englischer Mode gekleidet, er behält den Hut auf, die Hände in der Tasche und äfft in Sprache die Engländer nachs. Guaden Morgen! Gutmann fhat ihn angesehen, nach einer Pauses. Sie sind der Schwefel? Sebastian. is schon a so — derselbe Schwefel, der als zu Grunde gegangener Fabrikant ausgewandert und als g'stellter Kammerdiener eines echt englischen Lord wieder eing'wandert is. 32 Gutmann. Und die anständige Manier aber verloren hat — denn bei uns ist's noch immer gebräuchlich, wenn man in ein Zimmer tritt, daß man den Hut herunter nimmt. Sebastian. Das ist englisch! Gutmaun. Bei mir impertinent. Sebastian. Aber englisch um so mehr. — Gutmann. Was wollen's? Sebastian. Ich nix — aber mein Herr, der Lord bedarf Ihrer, ich Hab Ihnen empfohlen. Braucht viel, zahlt t'schentelmännisch! Da (giebt ihm eine Visitkarte.) Gutmann (liest). Lord Haerthmann, Hütteldorf Nr. 27, Abends 7 Uhr. Sebastian. 7 Uhr, Verstanden? Julie. Das ist sonderbar, auch ich erhielt einen Auftrag in dasselbe Haus zu kommen. Gutmann. So machen wir gleich zusamm' die Landpartie. (Zu Sebastian.) Herr Schwefel, Sie haben mich rekom- Dann fällt der mandirt, ich dank Ihnen, jetzt aber ver- zeihn's, ich bin zuvor gestört word'n und ich Hab' noch Einiges mit meiner Familie zu besprechen. (Zu Sepperl.) Du Sepperl gehst gleich zum Lederer und sagst ihm, daß i gleich kommen werd'. Also g'horsamer Diener! Kommt's Kinder. (Mit den Andern, Seite ab.) Sepp erl (durch die Mitte ab). Sechste Scene. Sebastian allein. (Sieht Gutmann nach). Der nennt mein Benehmen impertinent, und ich war doch nur englisch, er entgegnet mir aber mit einem stillschweigenden Hinauswurf. — Ich verzeih ihm, er ist ein Unglücklicher und mit solchen muß man Mitleid haben. Einlage-Couplet. Zwisch env orhang. Sechstes Bild. Erste Scene. Ein Gartensalon, beide GlaSthüren im Hintergründe sind offen und gewähren Ausgang in den Garten; Tische, Fauteuils, Blumen, Spiegel rc. Links am Tische steht ein Bild, wie bei Ferdinand in der II. Abtheilung. Erste Scene. Haerthmann, Florian. Haerthmann sitzt links im Fauteuil und hat die Füsse auf einem nebenstehenden Sessel liegen. Florian (kommt vom Garten, durch die Mitte.) Aha, die spanische Flotte ist nicht da, und das englische Kauffarth eischiff liegt gemächlich im Hafen. Jetzt gilts! (Geht vor). Euer Gnoden, Herr von Lord, ich bitt gefälligst um einen Act der Großmuth, die bei allen echten Britten zu finden ist. Haerthmann. Uas wuollen Sie? Florian. Euer Gnaden, Herr von Lord, Sir! Unglückliche Liebe bewog mich auf unbestimmte Zeit aus meiner Heimat zu scheiden, nun wieder zurückgekehrt, erfahre ich, daß die Angebetete 33 meines Herzens wirklich in mich verliebt sein soll. Nun möchte ich Sie unerkannt prüfen, ob sie meiner Liebe, die mit der Glut eines Spaniers zu vergleichen ist, der zum Schwitzen eingenommen hat, noch würdig ist. Ich will mich daher als närrischen Engländer vermas- keriren, und deßhalb thät ich euer Gnaden bitten, mir von Ihnen ein G'wand zu leihen. — Haerthmann. Sie dhun lieben anä unliaxp^ — unglücklich lieben? Oh — dann ich Aorvon Ihnen, uas Sie vollen — nicht ein Rock — ich geb Ihnen ßwei Rock — drei Rock. Florian ssehr erfreut). O vergelt's Gott tausendmal — das ist zu viel. Haerthmann. Das machen tlrrio tausend Osts, dreitausend Rock. (Lächelnd.) Was dhun ich mit so viel Garderobe. Florian. Schenken Sie's halt solchen Künstlern, die in Komödien ü 1a schönen Helena z'thun haben, die können schon noch ein bisserl ein G'wand brauchen. Haerthmann (erhebt sich langsam — setzt einen Fuß nach dem andern auf den Boden). Er dhut lieben! Oh ich uill kor Irowo Alles dhun, daß er kann sein glücklich, denn ich weiß, wie sehr es dhut weh ßu lieben — und ohhh I lovo also mi lioartlr is also rvounäort. — O 0oä Aovo wo 5alw kor w)? rouuck lieartli. Florian. Euer Gnaden Herr von Lord; der Gott der Liebe möge Ihnen hold sein! Haerthmann. Der God von die Lieb! For dieß Wunsch ich uill Ihnen ßein vor^ äankkar — ^es — 5^ 0oä, und uan ^orro sevaotliart der Frauenzimmer, was Sie haben gescheuten, so perfect Ihr Herß und ihre Hand — ich schenk ßu die Hochzeit 500 Pfund Sterling, was machen 5000 Gulden von Neu «Währing; wenn aber nicht uill der Frauenzimmer — Sie muß mit mir — de Frauenzimmer. Theater-Repertoir 311. Florian. O bester aller Lörde, bevor die Meinige ihre Hand zum Kampfe gegen Sie gebraucht, wird sie dieselbe lieber mir am Altäre reichen, denn die Aussicht auf das 500 Pfundgewicht giebt einen kuriosen Nachdruck. Haerthmann (für sich). O wär ich auch an die Ziel. (Langsam ab nach links) Florian (sich vor ihm verbeugend). Ich wert» mich englisch empfehlen! (Zu Haerthmann:) I äonlc ^ou Naster Aaoä 5^ RwAO Oliarto — lriltlo 5o^ Ooutlowaiw, Nanelrostor, kalworslou N^earä kilrlos, N^lacl^ LuläoK. (Dann ab rechts.) Zweite Scene. Sebastian. Julie. Fa uni. Sebastian (führt Fanni und Julie durch die offene Gartenthür). Ich bitte nur vorwärts zu spazier'n, nur net fürchten! Julie. Aber sag'n Sie mir, Herr- Schwefel, was sollen wir denn eigentlich hier? Sebastian. Das ist eine diplomatische Frage, deren Beantwortung da drinnen erfolgen wird, (zeigt auf die Thür, wo Haerthmann abging) denn ich habe den Auftrag, Fräulein Julie dahier eintreten zu lassen. — Bitte! Julie. Ich allein? Sebastia n. Sie allein! (Geht vor und öffnet die Thür.) Fanni. Ja, was soll denn ich nachher thun? Sebastian. Sie werden nicht allzulange allein bleiben. — (Zu Julie:) Bitte! Julie (zögert.) Fanni. So geh nur — was fürchft Dich denn? Julie. In Gottes Namen — mir schlagt das Herz gewaltig! (Ab.) Sebastian (macht die Thür zu, wenn Julie ab ist und geht durch die Mitte, wo eben Florian erscheint, ab.) 3 34 Dritte Scene. Florian. Fanni. Florian sals Spiegelbild Haerthmanns). Ha! Da ist sie, die Angebetete! Fanni. Mir klopft auch mein Herz, und weiß net warum? Florian. Jetzt thät ich ihr viel lieber zu Füssen fallen als Komödie spielen. (Laut.) Fanni serschrickt). O mein Gott, ein Mann! Florian. ^68 — ich sein ein Mann! — Fanni. Euer Gnaden befehlen? Florian. Sind Sie Fanni Nelken- maher? Fanni smacht einen Knix). Fanni Rosenmayer! Florian. Rose oder Nelke — alles eins — also Miß Fanni Hosenmayer — ich bin Schreibträger von einem Brief — nein Briefträger von einem Schreiben, das ich bekommen von mein Frieund Master Florian Glätt. Fanni. Was? Von Florian? Her damit! Florian. O das geht nicht so geschwind, mein Frieund hat mir getragen auf - Sie zu probiren. — Fanni. Was? Der Florian Glatt? Florian. Glätt — Glätt — wenn ich bitten darf — Fanni. Glätt oder Glatt — das ist alles eins, für mich bleibt er der Florian, lieber Herr, dem ich vom Herzen gut bin, und auch immer gut war. Ich seh es ein, es war unrecht von mir, daß ich ihn für einen Narren g'halten Hab. Florian. Offenes Geständniß! Fanni. Ich hab's tausendmal bereut, aber wie er einmal fort war, da war's auch schon zu spät. sVerbirgt ihr Gesicht.) Florian Ergriffen, sucht in allen Taschen nach einem Tuch, da er keines findet, trocknet er sich die Thränen mit den Schößen seines Rockes). ^68) ^68 — das sein die Folgen von die Tyranei. — Fanni. O Sie haben recht! Florian. Mein Freund hat gesagt, wenn Sie kommen zu Miß Fanni, so geben Sie ihr diesen Kuß, und wenn sie Ihnen wieder einen für mich giebt, dann reisen Sie zurück und bringen mir diesen Kuß, ich werde wissen, was ich zu thun habe. Fanni. Mein lieber Herr, das ist net wahr — und wann — daun liebt er mich auch nimmer, dann brauch ich auch den Brief nicht, dann können's ihm sagen, daß ich nicht eher froh werde, bis er wieder kommt, mir verzeiht — und mir selber ein Bußl giebt. Florian swill sie umarmen, ermannt sich aber und giebt ihr einen Brief). Hier, der Brief! Fanni sküßt den Brief, erbricht ihn, erstaunt). Da steht ja nichts drin! Florian shat indeß Rock, Perrücke und Bart abgeworfen; mit natürlicher Stimme). Dafür steht aber was da! Fanni! sbreitet die Arme aus.) Fanni sin höchster Freude). Florian! sUmarmung.) Ja, bist Du's denn wirklich? Florian. Von Fuß bis zum Kopf! Aber Fanni, sag mir, warst Du mir treu? Fanni. Das sollt wohl ich fragen, denn ich Hab mir sagen lassen, daß das Leben in Amerika sehr frei sein soll — die Damen noch mehr emancipirt sind als hier! Florian. So! Also emancipirt sind hier schon die Damen? — Ah, da bitt ich doch zuvor um eine Aufklärung — ich muß wissen, wie weit diese Emanci- pation gegangen ist. Fanni. Die kannst Du haben — hör nur zu. — 35 Duett. Faun i. Es ist mein lieber Florian, Ein wahres Wort gewiß, Daß, der mit unsrer Zeit net geht, Ein Zöpferlheld nur is. Drum wirst Du wohl als g'scheidter Mann Auch nicht dagegen sein, Wenn Deine Braut emancipirt In Eh'stand tritt hinein. — Florian. Wann ich zum Weib Dich nehmen soll, Muß wissen ich vor All'n, Ob Du mir auch emancipirt Kannst fernerhin gefall'n. Drum sag jetzt, Schätzchen, offen jetzt, Wie weit hast Du's getrieben, Was ist von Deiner Weiblichkeit Mir armen Mann geblieben. Fann i. So höre mich an, WaS ein Weib AU's kann. Florian. Ich werd Dir dann sag'n, Ob ich's kann vertrag'». Faun i. Ein Weib kann jetzt s'Geschäft betreib'«, Wie früher nur ein Mann, Sie kennt das Haben und das Soll, Weil Bücher führ'n sie kann. Florian. Als G'schäftslokal gieb ich Dir gleich Die Küchel ganz allein. Da kannst Du auch Dein Büchel führ'n, In d'Kuchel g'hörst hinein. — F a n n i. Ein jedes G'schäft weißt Wechsel ans, D'rum sind wir nicht dageg'n. Florian. Ich dank recht schön, auf's Wechseln, Du, Will ich mich nicht verleg'». Faun i. Die Politik, die ist ein Feld, Wo wir uns kennen aus. Florian. Wann Du nur so politisch bist, Daß z'Grund geht net das Haus. Fa nni. Auch Cigarretten schmauchen wir, Nach Tische zum Kaffee. Fl orian. Da thut Dir dann ein Stund darauf Der Kopf unsinnig weh. F a n n i. Die Mannsfeld und die Hornischer Die hören wir gar gern. Florian. Und da willst Du mit der Natur, Zum schwachen G'schlecht noch g'hör'n; Sei still, Ich will Net weiter Dich hör'n, Denn das Ist, was Mich kann nicht bethör'n Mötzlich tragisch.) sZanberschleier.) Lebe wohl, geliebtes Wesen, Theuere Fanni, lebe wohl; Liebe, die ich Dir erlesen. Bleibe Deines Glück's Symbol. Fann i. Hahaha, ist das zum Lachen, Nimmt er Spaß für Ernst gleich hin, Was soll ich Verkannte machen, Daß ich ihm dieselbe bin. sGeht zu Florian, schmeichelnd.) Floriani, Um Di wan i. sRaimund's Barometermach.) Florian sauf das Herz die Hand legend.) sZauberflöte.) In diesem tiefen Grunde, Da schlummert Rache nicht, Du hörst aus meinem Munde, Daß Lieb' nur zu Dir spricht. Laß Deine dummen Schnacken Und sei ein deutsches Weib, Nur Liebe soll d'rinu wohnen, Im edlen keuschen Leib. 3 * 36 Fanni. Aber halt ein wengel schmauchen — Florian. Aber halt ein wengel rauschi. Fanni. Nein! — Nein! — Nein! — Nein! Das darf nicht sein! Ich will Dir angehören Mit reiner Lieb' allein, Will Dir allhier nun schwören, Wie Du willst, nur zu sein. Florian. Dann komm in meine Arme Und fühl das wonnig' Beben. Dein Herz auch da erwärme Zum frohen friedlich' Leben. Beide zusammen. Ich Hab ihn — sie — nun wieder, O selige Lust. Die Freude der Liebe Erfüllt meine Brust. Mach dem Duett Beide rechts ab.) Vierte Scene. Ferdinand, dann Fremde. Ferdinand fvom Gartens. Sie will mich sprechen? — Es sei! — Nun soll sie aber auch erfahren, daß Dankbarkeit nicht Liebe ist. Sie muß ihrem Wahn entrissen werden, denn schon zu lange weile ich unter diesen Mauern. fEr ist blaß, und zeigt erst gegen Schluß der Scene fieberhafte Erregung.) Fremde fvon links kommend, bei Seite). Er ist schon hier! Sei ruhig, Herz, und faß Mnth! fGeht vor.) Ferdinand ferblickt fies. Gnädige Frau! Fremde. Dem Himmel sei Dank, Sie sind gerettet! Ferdinand. Gnädige Frau, ich danke Ihnen so viel, daß ich zweifle jemals im Stande zu sein, Ihre Güte zu vergelten. Fremde. Sie werden mich noch lieben, und dann bin ich ja für Alles entschädigt. Ferdinand fbei Seiles. Unseliges Verhängniß! — Sie liebt, während ich sie kalt von mir stoßen muß. Fremde. Wir sind allein und ungestört. fSetzt sich, nach stummer Bewegung setzt sich auch Ferdinand vis-L-vis.s Ihre Erkrankung hat es gefügt, daß ich erst heute mit Ihnen sprechen kann. — Ich möchte Ihnen so gerne einen Roman — aus dem Leben — erzählen. — Wollen Sie ihn hören? Ferdinand. Ich bin bereit! fBei Seite.) Was soll nun das? Fremde faufathmends. Eine Mutter hatte eine Tochter — lieblich, schön und gut — so sagt man — kein Wunder also, wenn sie der Mutter Abgott war! Da wollte der Zufall, daß der Direktor einer Balletgesellschaft sich in dasselbe Haus einmiethete, in welchem die Mutter mit ihrer Tochter wohnte. Ein Begegnen dieser mit dem Direktor war unvermeidlich. Oefterer Theaterbesuch erfolgte, und mit diesem erwachte die Begierde in dem Mädchen, auch eine gefeierte Tänzerin zu werden. Bitten, ihren Wunsch verwirklichen zu dürfen, scheiterten, ja, die für das Wohl ihrer Tochter besorgte Mutter, untersagte jeden ferneren Theaterbesuch. — Das war Oel in's Feuer gegossen. — Nun verkehrte das Mädchen nur im Geheim mit dem Direktor und klagte demselben mit Thränen im Auge das Leid. — Das Mädchen zählte noch nicht 13 Jahre. Der Direktor, ein Mann vom Egoismus nur beseelt, der schon im Stillen die Bortheile berechnete, welche ihm durch dieses Mädchen zufließen würden, verstand es durch seine Bilder das Mädchen zu veranlassen, daß es — 37 Ferdinand (hat immer, mit steigender Aufmerksamkeit zugehört und sich langsam erhoben). Fremde. Lassen Sie mich vollenden — Ferdinand (kalt). Es ist nicht nöthig, da ich den Schluß ja selbst hin- zusügen kann. (Spricht das Folgende mit wachsender Erregtheit.) Dieß Mädchen, der Abgott einer Mutter, vergaß die grenzenlose Liebe derselben, gedachte nicht der Sorge, und hielt nicht auf Ehre und Tugend. — O sie muß sich trefflich wohl gesuhlt haben in dieser Gesellschaft, denn sie war taub für öffentliche Aufrufe in Zeitungen, sie schwelgte ja in dem Vorgenusse ihres kommenden Glückes, sie sah sich als gefeierte Tänzerin, begafft — besohlt — und bezahlt — reichlich bezahlt für gestattete glückliche Schäserstunden. — Und während sie so Natur und Recht mit schamloser Gleichgiltigkeit mit Füßen trat, lag die arme Mutter auf dem Todtbette — ein wehmuthsvoller Blick nach oben, ein leiser Hauch „Marie" und die gemarterte Seele entfloh! — Fremde (hat gezittert während dieser Rede, schreit weinend auf). Marie! ihr letztes Wort! O Mutter! Mutter! Ferdinand (kalt und wieder ruhig). Ich denke, wir haben nichts weiter Mehr zu sprechen. (Wendet sich znm Gehen.) Fremde. Bruder, halte ein! Höre mich, ich bin nicht so schuldig. Daß ich entfloh, war unrecht und ich habe es tief bereut, was aber weiter geschah — an dem Hab' ich keinen Theil. — Ich ward fortgeführt und durch Monate auf Reisen, ich kam nach England, ich bat schreiben zu dürfen, umsonst; es gieng auf's Neue fort zu Schiffe. Als ich wieder Land betrat, befand ich mich m Mexiko und in der Gewalt eines reichen Spaniers, an den ich verkauft war. — Er war edler als meine Räuber, er erklärte sich, zu seiner Gemalin mich erheben ;n wollen. — Ich willigte ein, denn dadurch hoffte ich, an meine Mutter schreiben zu können. Ich schrieb nun Brief auf Brief — doch nie kam eine Antwort. — Ich gieng mit meinem Gatten nach Nordamerika, wo er bei einer Jagd vom Pferde stürzte, und in Folge des Sturzes starb. Ich war die Erbin seiner Reichthümer, durfte aber laut Testament erst zehn Jahre nach seinem Tode Amerika verlassen, mich wieder vermälen. — Mein Forschen während dieser Zeit blieb vergebens. — Endlich finde ich Dich — den Bruder — ich will mich Dir zu erkennen geben, da reistest Du nach Europa — ich eile Dir nach, finde Dich wieder, aber erkrankt zum Tode. Der Himmel erhört mein Flehen, er läßt Dich gesunden und nun willst Du mich kalt zurückstoßen — mich verdammen? Bruder, bei dem Andenken unserer guten Mutter — die gewiß ihre Hände versöhnend entgegenhalten würde, (kniet nieder) flehe ich Dich an, mir zu verzeihen, die Hand zu reichen Deiner gebeugten unglücklichen Schwester. Fünfte Scene. Haerthmann. Mali. Vorige. Haerthmann (ist mit Mali aufgetreten und kommt rechts zu stehen, Mali links). Gentlemen, wenn Signora weinen so viel, werden die schönen Augen trüb UNd blind. (Legt die Hand Ferdinands in die der Fremden.) Sie müssen verßeien, sonst box. Malie. Ferdinand verzeih' wie ich! Ferdinand (überwältigt,heftig gerührt). Komm, Schwester, komm in meine Arme! Marie (Fremde). Mein Bruder, mein lieber guter Bruder ! (Gruppe.) S ebastia n (kommt vom Garten). So was sieht man gern, und doch muß ich's aufwecken. — Euer Gnaden! Marie (Fremde). Was-ist's! 38 Sebastian. Es ist der Herr da — den ich bestellt Hab. Marie. Ja so — er kann ein- treten. — Sebastian sab). Marie. Bruder, trete nur einen Augenblick zurück, ich möchte nicht gerne, daß man Dich sogleich sähe. — FerdiN and (tritt mit Mali gegen den Hintergrund rechts, so daß sie von Entmann nicht gesehen werden. Sechste Scene. Gutmann. Vorige. Haerthma n n Hat sich gesetzt). Gutmann smacht etne Verbeugung). Ich Hab die Ehre einen guten Abend zu wünschen. Haerthman n. Ah, Sie sein der Mann, der macht für der Fussen die Handschuhe? Gutmann. Ich bin der Schuster Gutmann! Marie (Fremde). Lieber Herr Meister, ich habe Sie rnfen lassen, weil ich aus Amerika zurückgekehrt, Ihnen Papiere zu übergeben habe, die Ihnen von großer Wichtigkeit sein dürften. — (Uebergiebt ihm aus einer Cassette Papiere.) Hier! G u t m a n n ^erstaunt). Mir? — sticht die Papiere durch.) Der Trauschein meiner Tochter mit Leicht? — Was?. — Der Todteuschein von Leicht? — Meine Tochter ist Witwe? Marie (Fremde.) So iffs; mithin auch kein Grund mehr vorhanden, Ihre Einwilligung der Verbindung mit Ferdinand Waldner entgegen zu sein. — Gutmann (lächelnd). O meiu Gott, gnädige Frau, wer weiß, wo der ist! Marie (Fremde). O nicht so weit, als Sie denken. (Winkt Ferdinand, der vortritt.) Ferdinand. Werden Sie nun mir Julie zur Frau geben? Gut mann. Ja, wie g'schieht mir denn? — Ich fahr doch nach Hüttel- dorf heraus, und komm mir da vor, als wär ich in ein Zauberschloß. Sie sind also auch da? — Und noch alleweil ein Maler? noch alleweil also Künstler? Ferdinand. Habe mir als solcher aber Geld erworben! Gutmann. Mein lieber Herr Waldner, Sie müssen sich durch mein Aeußeres nicht täuschen lassen und glauben, daß durch meine Armuth ich auch in meinem Grundsatz bankerot worden bin. Mir bleibt das Handwerk noch gleich heilig — denn Kaiser und Könige zeigten, wie sehr der Bürger, der Handwerker zu ehren, zu schätzen ist, dadurch, daß sie ihre Söhne eine Profession erlernen ließen. — Und seh'n's, jetzt, wo ich um Alles gekommen, was jahrelanger Fleiß mir einbrachte, kann ich doch selbst in meinen alten Tagen mit'n Werkzeug in der Hand mir und den Meinigen eine anständige Existenz verschaffen. Ferdinand. Ich bin aber nicht Maler allein, ich bin auch Fotograf. Letzte Scene. Barbara, Julie, Mali, Robert, Florian, Sebastian, Fanni sind nach und nach aufgetreten, Vorige. Gutmanu. Ist der kein Künstler? Florian. Warum net gar. — Da wär'ns ja die Schuster auch, weil bei denen auch Alles schwarz erscheint — waun's fertig ist. Gutmann. Auf die Art also könnt ich auch noch Fotograf werden? Florian. Warum net? Ein gläsernes Vogelhäuser!, ein schwarzes Umhängtüchel und ein paar gute Freundinen vom Ballet, die bereit 39 sind, ihre Tricots für's Anslagkastel verewigen zu lassen und der Fotograf ist fertig. Gutmann. Na, Wissens was, kom- mens morgen. Barbara. Alter geh', gieb doch Dein Segen dem doppelten Paar! Florian. Die Alte kennt sich aus, sie weiß, daß er ein Freund von Doppeln ist. (Zu Gutmann.i Master, wir sind da net im Gemeinderath, wo Alles aus d'lange Bank g'schoben wird. Marie. Mein Bruder, wie meine Schwester erhalten jedes ein Kapital zur Aussteuer. Haerthmann. Und ich geb zur Aufnahm ihre Geschäft 1000 Pfund. Gutmann. Wenn eine Festung so bestürmt wird, da muß sie sich ergeben. — Da Kinder, da habt's meinen Segen seid's glücklich. «a.»! Ardi'naud. ! G>"° Schwester! Marie szu Haerthmannj. Hier, mein Freund, meine Hand für's Leben! Florian. Master, wir geh'n in Compagnie. Wenn wir nur in Wien alle Fotografen zum Doppeln, alle Greißler zum Vorschieben und alle Jnkassogeschäftsinhaber zum Austreiben krieg'n, so muß unser Werkstatt so groß werd'n als wie s' Tullnerfeld und wir liefern dann den deutlichen Beweis, daß ein braver Handwerker net verhungern darf. sGruppe.j Vorhang Mt Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Joses Klemm), Wien, Hoher Markt 1. Sakunlaka. Drama in fünf Aufzügen. Für die deutsche Bühne bearbeitet von A. Donsdorf. I fl. 20 kr. Ostsring Oornsro. H i st o r i s ch e s Drama in fünf Aufzügen von A. Forstenheim. 1 fl. 20 kr. Donna Diana. Lustspiel in 3 Akten nach dem Spanischen des von Augustin i^orsto von K A West. 5. Allst. Mit einer Einleitung von I. W. Apell. 1 fl. 50 kr. Elegant gebunden 2 fl. 40 kr. Das Leben ein Travm. Dramat. Gedicht in 5 Acten nach dem Spanischen des Onläeron äo 1a önres, für die deutsche Bühne bearbeitet von C. A. West. 5. Aufl. Mit einem einleitenden Vorworte von H. Laube, fl. 1. Elegant gebunden, fl. 1.80. Sophie Schröder, wie sie lebt im Gedächtnisse ihrer Zeitgenossen und Kinder. Mit Porträt. 1 fl. 50 kr. Album österreichischer Dichter. Neue Folge. (Zedlitz — Deinhardstein — Paoli —Constant — Ebert — Mosenthal — Prechtler — Leituer — Hirsch — Beck — Meißner — Saphir.) Mit 12 Porträts, fl. 1.50. — Elegant gebunden fl. 2.50. Entwurf zn einer Praktischen Echauspielerschnle von Äug. Lewald. _ Preis 1 fl. __^ Aus I. B. Wallishausser's k. k. Hoftheater-Druckerei. 14 DgZ Milmsdel lim Tmlmch. Miener Posse mit Gesang i» 5 Zjitdern von Musik vom Kapellmeister Frau) Roth. Alle Rechte Vorbehalten. Zen Höhnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Men, 1876. Verlag der Watlish ausser'scheu Buchhandlung (Josef Klemm). Stadt, Hoher Markt Nr. i. Das Aufführungsrecht ist nur zu erlangen von dem Verfasser: Anton Bittnrr, Josefstadt, Piaristengaffe Nr. 7, in Wien. Erstes Bild. „Wiener SLraßenkeöen.' Emilie von Wallberg . . Frl. Dory. Gustav Riedel, deren Secretär Hr. Liebhardt. Theodor Moll, deren Casfier Hr. Kraft. Tonerl, Milchmadel . . Frl. Schwarz. Egidius Hirschl, Friseur . Hr. Ros«. Frau Seferl, Kräutlerin . Frl. Geisler. Personen. Nettl, Dienstmädchen. Lottl, Rest, Strampfl, ein Schreiber Ein Diener der Frau von Wallberg.Hr. Conrad Frl. Ferry. Frl. Valerie. Frl. Vanini. Hr. Bill. Ein Jude. Zündhölzelüerkäufer. Eine alte Frau. Ein Hausirer. Ein kleiner Knabe. Ein Dienstmann. Ein Fiaker. Ein Werkelmann. Zweites Bild. „H welches Glück auf Krden." Personen. Emilie von Wallberg. . Frl. Dory. Gustav Riedel .... Hr. Liebhardt. Theodor Moll .... Hr. Kraft. Adam Brüller, Milchmaier Hr. Küstner. Kathi, sein Weib . . . Frl. Vanini. Tonerl, deren Ziehtochter Frl. Schwarz. Egidius Hirschl . . . . Hr. Rosä.. Jeremias Brandt . . . Hr. Krauser. Sebastian Knöllerl, p. Rath Hr. Tauber. Theodor, ein Kind. . . Ella Nosenbaum. Gabler.Hr. Jungwirth. Klara, seine Frau . . . Frl. Ulrich. Pitscher.Hr. Wolf. Rest, seine Frau . . . Frl. Landl. Hubler.Hr. Linbrunner. Mina, seine Frau ... Fr. Eckert. Malzet.Hr. Schmutz. Franziska, seine Frau . . Fr. Schmutz. Der närrische Schorschel. Hr. Liebwerth. Michel. — Eine Kuhmagd. Die Handlung spielt in Dornbach in einer Milchmaierei. Dieses Bild spielt 3 Tage später als das 1. Bild. Drittes Bild. „Water und Gochter." Personen. Frau von Wallberg . . Frl. Dory. Sebastian Knöllerl. . . Hr. Tauber. Frau Schachtelhalm, seine Wirthschafterin ... Fr. Burkholzer. Jeremias Brandt, sein Diener Hr. Kräuser. Springerl, Tanzmeister . Hr. Stollenberg. Tonerl.Frl. Schwarz. Der närrische Schorschel. Hr. Liebwerth. Damen vom Ballet. Viertes Bild. „Kirr lustig-trauriger Maskenball." Personen. Frau von Wallberg . . Frl. Dory. Theodor Riedel.... Hr. Liebhardt. Egidius Hirschl .... Hr. Rose. Tonerl.Fr. Schwarz. Jeremias Brandt . . . Hr. Kräuser. Springerl, Tanzmeister . Hr. Stollberg. Frau von Schöberl . . Frl. Kerry. Laura, s . . . . Frl. Werner. Rosine, / ihre Töchter. Frl. Hois. Elementine, ! . . . . Frl. Geisler. Frau von Feldern . . . Frl Valerie. Frau von Schmalzet . . Frl. Wimmer. Rest, ihre Tochter . . . Frl. Stolz. Herr von Stoppel. . . Hr. Himmler. Herr von Bröselmayer . Hr. Konrad. Herr von Hinterhuber . Hr. Wolf. Pitscher.Hr. Mandl. Gabler.Hr. Jungwirth. Hubler.Hr. Schmutz. Malzet.Ht. Stern. Brüller.Hr. Küstner. Kathi, seine Frau . . . Frl. Vanini. Fünftes Bild. „Asses geht gut aus." Personen. Egidius Hirschl . . . Tonerl, seine Frau Satt ) deren Kinder. Knöllerl. Der närrische Schorschel Jeremias Brandl . . Anna seine Frau . . Frau von Wallberg . Riedel.Hr. Liebhardt. Dieses Bild spielt 5 Jahre später als das 4 Bild. Hr. Rose. Frl. Schwarz. Rosa Kudols. Amalie Aix. Hr. Tauber. Hr. Liebwerth. Hr. Kräuser. Fr. Burkholzer. Frl. Dory. Die Rollenbesetzung ist nach Len Vorstellungen im JosclstnLter-Thenter in Wien gegeben- Erstes Bild. Großer Marktplatz in einer Vorstadt. Links ein ebenerdiges Haus mit einem Kaffeehaus. Vor demselben stehen einige Tische und Stuhle, die von Oleander- bäumeu umgeben sind. Rechts und links kleine hölzerne Marktstandeln, an welchen Obst, Gemüse, Mehl und Eier verkauft werden. Ein alter Werkelmann spielt auf einem Leierkasten einen Walzer und Lehrbuben und Kinder tanzen dazu und springen lustig herum. Zündhölzelmadeln, Hausirer, Juden, Dienstmänner gehen auf- und nieder. Greisler mit Butten, Frauen und Dienstboten kaufen ein. Beim Aufziehen des Vorhanges schreit Alles durcheinander. Erste Scene. Frau Seferl, Kräutlerin. Nettl. 8ottl. Nesi und noch mehrere Dienstmädchen stehen vor dem Stand der Frau Seferl. Alle Dienstboten fschreienf. Ein'n guten Dienst brauchen wir! Züudhölzelmadel flaut ausrufendf. Salonhölzeln, 2 Packeln um 1 Kreuzer. Ein Jude. Handeln! Handeln! Oebstleriu. 20 Zwetschken um 1 Groschen! Fiaker. Fahr'n ma a Gnad'n? Alte Frau. Bastwascheln! Ein kleiner Junge. 3 Buschen Lawendel! Nettl. Also, Frau Seferl, wir Madeln braucheten Alle gute Plätz. Fr. Seferl. Und i gute Dienstboten. Lottl. San mir die vielleicht net? Rest. Uns kann man um d'Finger Wickeln! Fr. Seferl. Und d'Frauen draht's um 'n Daum! Theater-Nepertoir. SIL. Nettl. Mein Gott, so a Gnädige is oft a rechte Bisgurn! Lottl. I Hab a Solche g'habt! Neuli bin i in der Nacht um 3 Uhr mit unserm Zimmerherrn z'Haus kommen und die Frau Klampferin hat sich d'rü- ber aufg'halten. Alle Dienstboten flachens. Resi. Der Meinigen is net recht, daß mein Geliebter nur a Korporal is, mir g'fallet auch a Stabsoffizier besser, aber beim Kriegsministerium kann man sich halt die Mannschaft nicht ausleichen. Lottl. Bei der Zeit muß man mit dem ersten Besten a Verhältniß anfangen ! Nettl. Und bandelt man z'Haus mit'n gnädigen Herrn was Heimlich's an und kommt d'Frau dahinter, macht's an Mordspektakel. Alle Dienstb ote n. Es is nimmer zum Aushalten! Zündh vlzeljunge. Znndhölzl! Jude. Handeln! Oebstlerin. 20 Zwetschken um 2 Kreuzer. 1 » 4 Fiaker. Fahr'n mir a Gnaden? Alte Frau. Frische Bastwascheln! Kleiner Bube. 3 Buschen Lawendel um 1 Kreuzer. Fr. Seferl. Also Madeln, kommts morgen wieder her, vielleicht finden sich solche Platz, wie ihr welche braucht's. Alle. Psürt Gott, Frau Seferl! sAlle nach verschiedenen Seiten ab.s Zweite Scene. Vorige. Egidius Hirschl. Entree - Lied. Es gibt sich're Zeichen, die zeigen uns an, Was Alles in Zukunft geschehen noch kann. Sau d'Hausmaster höflich, so kommt — das is klar — Man kann darauf rechnen, sehr bald s'nene Jahr. Grüßt Einen a Dichter recht frenndli gerührt, Wird g'wiß von ihm bald a nen's Stuck aufgeführt. Und nießt der Herr Bismark und sagt man: „Helf Gott!" Gibt's nächstens an Krieg dann, o Jammer und Noth! (Das sind so von heut, Die Zeichen der Zeit). 2 . Sagt Einer: „Wie geht's?" recht zärtlich besorgt, Jst's sicher, daß er sich 5 fl. ans- borgt, Wird's Rindfleisch stets thenrer, kann man sich's erklär'», Daß d' Ochsen bei uns hier sehr- hochgeschätzt wer'«. Wenn Aner a böhmischen Köchin nachsteigt, Zeigt's an, daß er zum Panslavismns sich neigt. Und sagt wo ein Sultan zum Volk: „Meine Lieb'n," So wird, das is sicher, a Steuer aus- g'schrieb'n. (Ja, das sind von heut, Die Zeichen der Zeit). Alles hat seine Zeichen! Frißt ein Hund Gras, kann man sicher sein, daß er sich die Zähn' an keinem Karbonadl ausbeißt. Die alten Weiber aber bringen heraus, daß in 14 Tagen a Reg'n kommt und der Map ist für sie a Prophet, der nit amal a „Fides" zur Mutter hat. Die bejahrten Frauen wissen überhaupt Alles! Da aber „Alles zu wissen" nur die Anfgab von weisen Gelehrten is, sind diese großen Männer, von dem Standpunkt aus beurtheilt, eigentlich auch nur eine Art alte Weiber. Ein Unterschied epistirt aber — und der is? — daß eine alte Kaffeeschwester in e i n Tag mehr ausrich t't, als der g'schei- teste Professor in 10 Jahren. Dritte Scene. Vorige. Ein Herr kommt aus der Thüre des Friesemladens. Der Herr szurücksprechendj. O Sie Esel! Egidius. Sie scheinen von sieb selbst zu sprechen. Herr. Nein, von Ihrem Gehilfen, der mich balbirt und in d'Nas'n g'schuitten hat. Egidins. Mein Gott, das is leicht g'scheh'n. Hat man ein so großes Hans-Jörgel-Heft mitten im G'sicht, so wie Sie, kann man froh sein, wenn's um a Stückel kürzer wird. H e r r. O Sie-flaust ab.s Egidius sruft ihm nachs. Weiß schon, was sag'n woll'n. Behaltens den Esel für sich — ich empfehl mich! 5 Vierte Srene. Lori ge. Strampfl mit Schriften unter dem Arm. Strampfl. Bitt — wo wohnt Herr Saxheim, Doctor der Rechte? Egidius. Da drüben auf der linken Seite hat er seine Offizin. Strampfl. Kanzlei, wollen Sie sagen. Egidius. Gar ka Red! Es ist eben so eine Anstalt wie die meinige, weil dort ebenfalls so gut als wie bei mir, die Lent balbirt werd'n! Strampfl. Servus! Dank schön! lAbs. Egidius fzieht eine Zeitung aus dem Sacks. Muß nachschan'n, was in der Welt vorgeht. Dienftmann fvon rückwärts Vorkommens. Herr Egidius, was lesen Sie denn? Egidius. Die Eisenbahn-Uuglücks- fälle, um mich a bißl zu erheitern! Dienftmann. Was gibts Neu's? Egidius fliest). Ein alter Mann ist gestern im betrunkenen Zustand in die Donau g'stürzt. Dienst mann. Gräßlich! Wer hat Schuld an so ein'm Unfall? Egidius. Der Gemeinderath. Dienftmann Wie? Egidius. Natürlich! Man dürft' ja nur aus Vorsicht aus beiden Seiten der Donau, vom Schänzel ang'fangen bis hinab zum schwarzen Meer, a festes E'lander machen lassen, daß sich die Betrunkenen anhalten könnten. Aber bie Commune thut nix für die ärmere Class'! Wo soll denn das hinkommen?! Weht sich um.) Aber wo bleibt denn heut mein' G'liebte so lang? Alles is schon am Platz, nur mein Tonerl nit, das schöne Milimadl voll Dornbach! fGehen rückwärts und Plaudern mit den Marktleuten.) Fünfte Scene. Vorige. Emilie v. Wallberg. Gustav Moll. Thod or Riedel. Fr. v. Wallberg. Kommen Sie meine verehrten Begleiter, nun sind wir an dem Ort, wo wir „Halt" machen! Moll. Sagen Sie uns, meine Gnädige, was haben Sie hier in der entlegenen Vorstadt zu suchen? Riedel. Nahe an der Linie, wo der Abhub des Wiener Volkes existirt. Ich fürchte, daß mir Einer meinen neuen Minder an treibt. v. Wallberg. Aber, Herr Riedel, Sie sind doch immer ängstlich! Riedel. Ich habe gehört, man kommt hier leicht in einen Streit, der aber nicht durch ein Duell entschieden wird, sondern, man erhält als Ausgleich ein paar Ohrfeigen! Moll. Lächerlich! v. Wallberg fironisch). Sollte man Sie beleidigen, werde ich Sie als Frau beschützen! Riedel. O zu gütig! fKüßt ihr die Hand.) Moll. Und ich als Freund! v. Wallberg. Ihnen mangelt aus Bescheidenheit die Energie als Mann anfzutreten. Sie haben nicht einmal den Muth, einer hübschen, jungen Dame die Cour zu machen! Riedel. Wer hat das Ihnen gesagt, meine Gnädige? v. Wallberg. Mein eigenes Bewußtsein! Ich weiß, Sie gehören unter die reiche Zahl meiner Verehrer und Sie fanden es noch nicht der Mühe Werth, mir einige galante Worte zuzu- flüstern, z. B. daß ich eine junge, schöne Witwe sei und daß Sie glücklich wären, von mir einen günstigen Blick zu erhalten. Eine ähnliche Sprache sollten Sie führen, flachend) um wenigstens den kleinen Beweis zu liefern, daß ich für Sie nicht gänzlich ohne Interesse bin. 6 Riedel. Ja, wenn ich so etwas sprechen könnte, aber das bringe ich nicht heraus — sonst hätte ich Ihnen das schon längst gesagt. v. Wallberg flächelud). Wirklich? Da ist Ihr Freund Moll schon ein gewandter Anbeter! Moll. Schmeichle mir! Habe aber bis dato noch durchaus keine Resultate erzielt. Was hilft es mir, daß ich Ihnen schon einige Male Liebe und Treue geschworen, im Moudenschein meine Gefühle aushauchte, den Nachtigallen mein Lied klagte, — Sie lächelten nur über meine Bethenerungen. v. Wallberg. Weil Sie ein gewöhnlicher Courmacher sind, der zu viel sagte — während Herr Riedel zu wenig sprach. — Ich will Sie nun mit dem Zweck bekannt machen, weßhalb Sie mich hieher begleiten mußten. Moll. Ich bin neugierig, v. Wallberg. Setzen wir uns nun unter das Zelt dieses Kaffeehauses, um ungestört plaudern zu könuen. Moll. He, Marqueur! 3 Tassen Kaffee! Marqueur fbringt Kaffee.) v. Wallberg. Meine Herren, wenn Sie jetzt oft meine Gestalt bewundern, können Sie sich kaum denken, daß ich als Kind von 7 bis 9 Jahren äußerst schwächlich und kränklich aussah. Moll. Kaum denkbar! Riedel fsür sich). Ich red'kein Wort! v. Wallberg. Meine Eltern gaben mich deßhalb hinaus auf's Land, nach Dornbach in die Molkenkur. Da lernte ich in der Ziehtochter des Hauses eine Freundin kennen und in kurzer Zeit liebten wir uns — und waren ein Herz und eine Seele. Moll sgalantj. Gnädige Frau, so ein sympathisches Verhältniß mit Ihnen würde ich auch wünschen. v. Wallberg, flächelnd). Ich glaube eine schwesterliche Zuneigung würde Ihnen nicht genügen. Doch zur Sache! Ich und die kleine Tonerl waren vom frühen Morgen bis zum späten Abend immer beisammen, suchten Blumen aus dem Felde, Wauden Kränze, schmückten uns damit, spielten Braut und Bräutigam, und die Puppen waren unsere kleinen Kinder, die wir herzten und küßten! Ich erinnere mich noch, wie wir dieselben in Schlaf wiegten und ein Wiegenlied sangen. fThut als hätte sie ein kleines Kind auf dem Arm, und singt.) O Kindleiu schließe die Augen, Benütze die goldene Zeit, Denn glaub mir, es schläft sich nicht immer So süß und so gut als wie heut. O schlafe ein, Mein Kindelein! Moll und Riedel fklatschen in die Hände). Bravo! v. Wallberg. Wie, man ruft mich? fBerneigt sich wie eine Schauspielerin.) Ah, da muß ich schon noch eine Strophe singen! fsingt.) Stellt Kummer und bittere Sorge Einstens ans Lager sich her, Dann schläfst Du von Träumen gequälet, So süß und so gut auch nicht mehr. O schlafe ein, Mein Kindelein. Moll und Riedel. Bravo! v. Wallberg. Genug des Beifalls! Nun kommt die Pointe meiner Jugend- geschichte. Als ich damals nach 2 Jahren, die glücklichste Zeit meines Daseins, die ich in Dornbach verlebte, — meine volle Gesundheit wieder fand, wurde ich aus meiner Seligkeit herausgerissen! Der schöne Traum der Kindheit war zu Ende nnd die nackte Wirklichkeit begann. Eines Tages fuhr eine elegante Equipage mit gallonirten Dienern vor und meine Mutter und eine sram zösische Gouvernante erklärten mir, daß ich nun nach Hamburg in ein Mädchenpensionat komme, um eine feine Erziehung zu erhalten. Tonerl flog bei 7 dieser Nachricht weinend nud schluchzend in meine Arme, ich schloß sie ebenfalls Thränen vergießend an meine Brust, und mit Gewalt mußte man uns tren- mi. Wir schwuren, uns nie zu vergessen und ewig Freundinnen zu bleiben. > Moll Und ist dieß geschehen? v. Wallberg. Leider nein! Im Pensionate wurde ich durch 10 Jahre strenge überwacht, und kein Brief wurde c»> seine Adresse befördert. Tonerl konnte mir ebenfalls nicht schreiben, Iveil sie meinen Aufenthalt nicht kannte. Dann wurde ich an einen alten, reichen Mann verheiratet — der vor kurzer Zeit starb, mir sein Bcrmögen hinterließ — und seit der Zeit fühle ich mich selbstständig, frei und besitze die Mittel, meine Freiheit und Selbstständigkeit festzuhalten. Moll. Da haben wir, Ihre Anbeter, also wenig Hoffnung! Riedel. Und wir sind gezwungen, im fremden Glück über das eigene uns zu trösten. v. Wallberg. Nicht verzagt, meine Herren! Wer weiß, was die Zukunft bringt. 14 Tage bin ich nun in Wien und meine Ausgabe ist, meine ehemalige Jugendfreundin aufzusuchen—ohne daß ich mich zu erkennen gebe. Als junge Witwe fühle ich mich vereinsamt und sehne mich nach einer Freundin, die mit voller Seele und mit treuem Herzen an mir hängt, und hoffe diese zu finden an meiner einstigen Spielkameradin. Moll. Das bezweifle ich. Riedel. Ich auch. Moll. Weil das Mädchen nicht jenen Bildungsgrad besitzt, um Ihre Freundin und Gesellschafterin zu sein. v. Wallberg. Bin ich nicht reich? Kann ich ihr nicht alle möglichen Lehrer und Meister halten, die sie vielleicht schon in einem halben Jahre salonfähig Machen? Bis zu jener Zeit halte ich sie auf meiner einsamen Villa verborgen, um sie nicht dem Gespötte der nobeln Welt preiszugebeu. Sechste Scene. Vorige. Ein Bedienter. Bedienter. Gnädige Frau, ich sollte Ihnen melden, wenn das Milchmädchen von Dornbach angefahren kommt. Sehen Sie dorthin — fdeutet im Hintergründe in die Conlisse.l Da kutschirt sie eben durch die Linie herein! EgidiUs siommt mit vielen Leuten von rückwärts^. Juchhe! Mein Madel, die Tonerl kommt! Alle. Der fesche Geist von Dörnbach ! Siebente Scene. Porige. Tonerl. Toner! klommt kutschirend und schnalzend auf einem kleinen Milchwagen, der mit zwei großen Hunden bespannt ist, im Galopp hereingcfahren; springt vom Wagen, schnalzt mit der Peitsche. — Alles gruppirt sich um sie herum, und sie singt.j Entree-Lied. Fahr i mit mein'm Zeuget Von Dörnbach in d' Stadt, Muß All's mir ausweichen Schrei „Hi" laut und „Hott"! Und wer mir in Weg kommt, Liegt gl ei, will er's hab'n, Mit Wag'n und Rösser Drnnt i m Linagrab'n. I bild' mir was ein drauf, weil es von mir heißt „Die Tonerl von Dornbach ist ein fescher Geist." Jujuju! Iujuju! Jujuju! Volk. Iujujuju! 8 Toner!. Was sag'ns zu die Sulteln? 0 schan'n Sie's nur an, Die laufen — daß d' Tramway Nit Nachkommen kann. Wir san schon in Wian drin, Das bleibt amal g'wiß. Wenn d' Pferdbahn no lang nit Beim Roßwechsel iS! Ich bild mir was ein drauf, weil es von mir heißt: „Die Tonerl von Dornbach iS a fescher Geist." Jujnju! Iujuju! Volk. Iujujn! Iujuju! Alle Umstehenden Zeichen ihr die Handel- Grüß di Gott, Tonerl! Toni. ServuS! Na, meine Herrschaften, was sagt'S zu meiner Mili- Equipasch? (Deutet auf die Hunde.f San das a paar CaradocS, was? Wär i mit dem Distanzreiter, der nach Paris a Wochen braucht hat, mit mein Zeuge! und meine kelterten Araber mitg'fahr'n, 1 war' schon in 8 Tagen dorten gewesen. Die Pariser hätten a bißel g'schaut, wann i um a halb'S Monat früher bei der französischen Taborlina auf amal ankommen wär! Alle flachenj. Natürlich! EgidiuS. Du sitzt ja am Bock wie der Graf Szandor? Tonerl. Oder wie der gußeißernc Prinz Engen auf Burgplatz! EgidiuS. Tonerl, i bin stolz auf Di, weil Du bald mein Weib wirst. Alle. Wir gratuliren! EgidiuS. In 3 Tagen feiern wir in Dornbach beim höchsten Heurigen unsere Verlobung und in 14 Tagen ist unser Hochzeit! Tonerl. Und Alle seid's dazu ein- g'laden! EgidiuS. A Tafel sollS geben, daß sich die Tisch biegen. Dien st m a n n. Von uns wird KeinS fehlen! KommtS, Lenteln, weil wir heut no nit so nobel speisen können, essen wir halt in der Thee- und Sup penanstalt! Besten Appetit! Alle (lacheudj. Besten Appetit! (Alle ab bis auf — Achte Scene. Tonerl, EgidiuS, Fr. v. Wallberg, Moll, Riedel. Moll. Nun, wie gefällt Ihnen, meine Gnädige, Ihre Jugendfreundin? Riedel. Finden Sie dieselbe nicht ganz anders, wie damals? v. Wallberg. Durchaus nicht! Eine urwüchsige Gutmüthigkeit spricht aus jedem ihrer Worte; das Herz sitzt ihr auf der Zunge. Doch hören wir, wie sie mit ihrem Geliebten plaudert. Tonerl. Egidi, mi freut'S, daß Du mich erwart hast und daß Du da bist! (Reicht ihm freundlich die Hand.j EgidiuS. Mein Dasein laßt sich nicht bezweifeln, weil mich erst neulich die geprüfte Madam Mayer um die 10 fl. g'fordert hat, die sie von meiner verstorbenen Mutter für meine Indie- weltsetzung noch zu kriegen hat. Tonerl. Hast Dn ihr'S zahlt? EgidiuS. I Hab sie vertröst auf meine baldige Heirat — Da gibt es dann AehnlicheS in die Scene zu setzen, und da bleib i ihr dann — daß es kein'n Irrthum gibt — Alles mitanand schuldi! Tonerl. So werd ich sie zahlen! Ich bin der Frau zu großem Dank verpflichtet, wärst Du nicht auf der Welt, Egidi, wen sollte ich gern haben? EgidiuS. Ein'n Andern! Tonerl. Den möcht' i net! I kann nur Ein'n lieb haben, und der bist Du! EgidiuS (stolzf. Das hab'n schon Viele zu mir g'sagt! Tonerl. Was? 0 EgidiuS. Ewig werd' ich Dir nur! allein ang'hören, hat a Marchande des Modes aus der Engelgassen zu mir g'sprochen und 2 Jahr später war sie schon zum dritten Mal mit cin'm buck- lerten Schneider vcrheirat't. So seid ihr Weiber! Tonerl. Egidi. i bin anders! — Red nit so, sonst steigt mir'S Blut in Kopf und wann i rabiat bin — fgeht mit ausgestreckten Fingern ans ihn lo«) so — so — Egidi nS. So — so Hab ich Dich am liebsten: Deine Augen rollen da wie glühende Raketcln im Kopf herum und in solchen Momenten bin i ganz neapolitanischer ^azzaroni, der sich an den Ausbrüchen des Vesuv's ergötzt. Tonerl, sind wir amal verheirat, gift' ich Dich den ganzen Tag, nur daß Du immer schöne Angen machst. Tonerl. Gut! Um Dir recht /g'falln, sollst'« ganze Jahr kein' freundlichen Blick von mir krieg'n. O Du mein lieber, guter Egidi? sFällt ihm um den Hals.) Na, wie befind'st Du Dich denn, wann i so freundli mit Dir bin'? EgidinS. Dank ,eS muß gleich gut sein. Tonerl. Und jetzt — fküßt ihu.) Egidi ns. Dank — jetzt befind' ich mich besser! So a frisches Bussel is dock die größte Delicateß! Wir können unserm Herrgott net g'nug danken für das Vergnügen, daß er in der Welt's Küssen eing'führt hat, um daß sich auch die armen Leut auf a billige Art gut unterhalten können. Da hast Dein Bussel wieder z'rnck! lKüßt sik.) I mag Dir nix schuldig sein! v. Wallberg stammt aus dem Zelte des Kaffeehauses auf die Straße.) Meine Herren, ich habe nun mit dem Mädchen ein Wort allein und im Vertrauen zu sprechen! Bitte, mich bei meinem Wagen zu erwarten! Moll. Wie Sie wünschen! sMoll und Riedel ab.) v. Wallberg szu Toner!). Entschuldigen Sie eine Frage — Tonerl. Bitt nur z'reden! Mit'n Rcd'n kommen d' 2eut z'samm'! EgidiuS. Und wann'« z'samm- kommen, wird entweder g'raft — v. Wallberg. Was ? EgidiuS. Oder sie vertrag'» sich! v. Wallbcrg. Darf ich wohl um Ihren wcrthen Namen bitten'? Tonerl flachend). Von an werthen Namen iS bei mir ka Red! Wann inan nit aus einer Familie stammt, die a Geld hat, so heißt man gar nix bei der Zeit! EgidiuS. So ist'S! Tonerl. Woll'nS aber wissen, wer i bin'? Die fesche Tonerl, 's Milimadel von Dornbach! v. Wallberg. Dann sind Sie, die ich suche — Tonerl fbefremdet). Was hab'ns g'sagt? v. Wallberg. Haben Sie nicht gehört'? Tonerl. Wann a großer Wind geht, hör' i oft schlecht. EgidiuS. Unsere Ohren san oft net drcssirt für ein noblen DiScnrs. v. Wallberg. Hören Sie, liebe Toner!, ick habe an Ihrer Person ein eigenes Interesse! — Ich kann Ihnen nicht die Ursache sagen, aber Ihr natürliches Benehmen hat für mich einen eigenen Reiz, und ich suche ein solches Wesen, die durch eine» guten Humor mir die trüben Stunden ver- scheuckt! Ich mache Ihnen deßhalb den Antrag, Sie in mein HauS zu nehmen, wo Sie Alles haben, was nur Ihr Herz begehrt. Tonerl. Gnädige Frau. Sie san sehr freundlich — aber mein Herz verlangt nur Eins, und das iS mein Liebhaber, der Egidi, der mich in 4 Wochen heirat't! HöchereS gibtS für mich nit!. 10 Egidius. Und für mich existirt a nix Zweit's auf der Welt, als mein Tonerl. fUmarmt sie.) v. Wallberg. Hören Sie: ich bin eine reiche Frau und will Sie glücklich machen. Ton erl. Aber i bin's ja so! — Und zwar durch mich selbst! Ich weiß nit, was Sie unter dem Wort „glücklich" verstehen? Vermnthlich, daß Sie in einer noblen Equipasch fahren mit ein'm goldbortirten Johann auf'n Bock und a paar Brettlhupfer, die d' Wagenthürln auf- und zumachen, wann Sie, die Gnädige, aus- und einsteigen. Na so was ging' mir noch ab! Ihr Glück besteht vielleicht darin, wenn Sie Brillianten, Diamanten tragen und Kropfperlen, seid'ue Mautillen, Schleppkleider, mit denen's die Ringstraße z'sammkehr'n und alle Mannsbilder Ihnen anschaun, wanns in einer wirbelnden Staubwolken auf ein Aug'nblick sichtbar wer'n. Na, so was fehlet' mir no, wann mich die Leut' auslacheten! Sie gnädige Frau, nennen das vielleicht a Glück, wann's sitzen in einer Losch, in so ein'm viereckerten Sammtkastel und schaun von da aus mit ein Paar- Gläser, die's an ein Schnürl auf der Nas'n trag'n, mit ein Aug auf's Theater und mit'n andern Aug' in's Parterre — und wann der Komiker abgeht und recht g'fallt, machen Sie's so mit der Hand — szeigt das Applaudiren, wo nur zwei Finger die andere Hand berühren.) Das heißt applaudiren! Für so a Unterhaltung küß i d'Hand! Wünsch wohl g'speißt z'hab'n! Gesten Appetit zu einer solchen Remasori! flacht.) Egidius. Recht hast Tonerl! v. Wallberg. Sie mißverstehen mich! Tonerl. Was brauch i a Equipasch? Meine Füß sind so frisch und g'sund, daß i allein damit laufen kann. Was brauch i Brillianten und Kropfperlen — i Hab a kan Kropf! Was soll i mit meine Schleppkleider d' Ringstraße z'sammkehr'n? Dafür is die Transportg'sellschaft da. Wann i so mit an Höchen Chignon die Küh melchert, daß müßt' sich gut machen — und der Jodel spießert mich auf. Was brauch i im Theater in so ein goldausg'schlagenen Trücherl drin z'sitzeu, 15 fl. dafür zahl» und a G'frorns z'essen; ich Hockerl auf der letzten Gallerie am Jucheplatz, iß a paar Würstel mit Kren und wann mir „der Müller und sein Kind" gut g'fallt oder a anders Stuck, was lustiger is, so pasch i, daß die zehn Finger in der Luft nmaflieg'u und schrei ..Außa Matras! Außa Blasel!" Und mach um meine 30 kr. ein Scandal, daß 's Theater einfall'n könnt. So unterhalt i mi und das is a Passion. Egidius. So leb'n mir, die Leut aus der Vorstadt. Tonerl. Na, was sagen Sie, meine Gnädige? Hab i 's Zeug zu einer- echten Wienerin? So Wachsens da bei uns heranst auf die flotten Gründ — in der nobeln Stadt is a ganz anders Klima — da dürr'n d' Madeln ab, bevor's nur zeiti war'n! v. Wallberg. Ich muß Ihnen sagen, liebe Tonerl, ich bin mit Ihren realistischen Ansichten theilweise einverstanden — aber nur theilweise; der schönste, edelste, theuerste Stein, wenn ihm der Schliff und die Fassung fehlt, hat immer nur einen minderen, untergeordneten Werth! Tonerl. Sie glaub'n also, i sollt g'schliff'n und eing'faßt wer'n? Egidius. Lackirt und vergold't wie a Gaslatern vorm Zi-anä Hotel. Tonerl. I hätt' also kein Werth? Egidius. Für mich den höchsten! Die Tonerl is für mi das Theuerste! Wann ich's in Versatzamt traget, krieget i auf sie wenigstens 10000 fl. Tonerl. Ah, so viel geb'ns für mi net her! 's wär a ein Unglück, wann's mi so hoch schätzerten — so gern als 11 Du mi hast — ließt mi verfall'« und löserst mi Dein Lebtag nit mehr aus! Egid i us Machend). Könnt' schon sein! Touerl slachends. Ganz g'wiß. v. Wallberg. Ich glaube, daß Sie sich in Ihren jetzigen Verhältnissen glücklich fühlen, nur weil Sie nichts Besseres kennen; Doch legen Sie Ihre Zukunft in meine Hand, und eine neue Welt von Freuden und Genüssen sollen Sie kennen lernen. Ich bilde Sie heran zu einer Weltdame. Sie werden feinere Manieren und Sitten annehmen, ich führe Sie in die besten Kreise, und durch einen höheren Bildungsgrad bekommen Sie andere, edlere Anschauungen, und Sie werden dann Ihre jetzige glückliche Gegenwart spöttisch belächeln. Tonerl. Was, i sollt mi auslachen? Könnt' mir nit einfall'n! Und wann i no 100 Jahr lebet, bleibet i dieselbe! Sie woll'n mi in's Garn locken, doch i bin a feiner Hecht und schlupf aus der Schlingen, eh' ich mi erwischen laß. Was Sie mit mir für Absichten hab'n, weiß i nit, aber vermuthli nit die besten. Empfehl mich Ihnen, meine Gnädige, bleib'ns g'sund, i bin's a und extra warm aug'legt — so brauchend mir nit einz'heizen. Das gibt's bei mir nit — ewig nit! Sayerdibichs! s Dreht Frau von Wallberg mit den Fingern eine lauge Nase, setzt sich auf Milchwagen und singt nach der Melodie des Entreeliedes:s Aufg'sessen bin i Ja, daß muß i sag'n Aufg'sessen, mit Ihnen, sDeutet auf Frau v. Wallbergs. Doch da, auf mein Wag'u Und nun fahr i lusti Und glücklich nach Haus! sZu Frau v. Wallbcrg:s Lach Sie meine Gnädige, Zum Schluß noch recht aus. I bild mir was ein d'rauf, weil es von mir heißt: „Die Toner! von Dornbach is a fescher Geist!" Iujujuju! sSchnalzt mit der Peitsche; Egidins und alle Leute, die auf der Bühne waren, laufen dem davonfahrenden Wagen nach mit lautem:s Iujujuju! Fr. v. Wallberg ssieht ihr nach und bedeckt mit beiden Händen ihr Gcsicht.s Knde des ersten Wildes. Zweites Bild Freie Gegend. Links im Hintergründe ein ebenerdiges Bauernhaus; vor demselben ordinäre hölzerne Tische und Stühle. Ein Brunnen links. Aus dem Dachfenster hängt eine lange Stange heraus mit einem Bündel Tannreisig und eine Tafel mit der Aufschrift: „Heurigen." Erste Scene. Der verrückte Schorschl finit einem kleinen Vogelwerkel an einem Riemen, ärmlich angezogen sitzt auf dem Rand des Brunnensf. Entree-Lied. sLied mit Werkelbegleitung.f 1 . Den narrischen Werkelmann haaßen mi d'Leut Und bilden sich ein, daß sie selber san g'scheid, Sie frag'n gar nit, was mi im Herzen so druckt So daß's mir mein' Kopf manchsmal macht verrückt. I könnt G'schichten erzähl'«, die das Herz thäten rühr'n, „Aber i laß statt meiner mein Werk! discurir'n." sSpielt auf dem Werkel fort.f 2 . I komm in viel Häuser, siech' bald dös und das, Wo als wildfremden Menschen mir d' Aug'n werd'n naß, Wo über fremd's Unglück ich's eig'ue vergiß, Und i selber gern helfert', wann's mögli wär, g'wiß. I könnt' G'schichten erzähl'n, die das Herz thäten rühr'n, „Aber i laß statt meiner mein Werkt discuriren." sSpielt auf dem Werkel fort.f Ist das a Leben? A Kugel sollt ich mir durch den Kopf jagen, dann hätt' jeder Schmerz und jedes Leid a End! Zweite Scene. Voriger. Jeremias Braudl. Jeremias ikommt aus dem Bauern- Haus, seufzendf. Ah! wenn man wie ich — als 22-jähriger Jüngling — in Dörnbach Kellnerbur beim Heurigen is, könnt' man, — hätt' man Zeit — jeden Augenblick verzweifeln. Mein Principal, der Milimann gibt mir nur so viel zum Essen, daß i jeden Tag dreimal verhungern könnt', an ein Fasttag krieg i nur die Hälste von dem, was i eh' nit Hab! Da kannAner es satt krieg'n und g'nur hab'n, wann er nix kriegt. Die Gäst' lassen net a Bröckerl stehn; paß i net gut auf, schlucken's zum Schluß noch hamlich 13 a Gabel oder ein Löffel hinab und i kann den Eßzeug ersetzen. Ah, da sitzt der alte verrückte Werkelmann. He, Schorschl, was machst denn? Schorschl. Unglück thu i ausbrüten! Jeremias. Das is a hübsche Beschäftigung ! Aber i thn fast a dasselbige! Ja, wenn man zu was a Talent hat — Schorschl. Das Schicksal bild't schon seine Talente ans! Jeremias. Ihr G'schaft muß ein sehr gutes einnehmendes sein. Schorschl. A Almos'n z'geben, is leicht, wann ma's hat, aber a Almos'n z'n ehma wann ma's braucht, fallt Ein'm oft schwer. Jeremias. Sie müssen ja ein ans- gebreitetes G'schaft hab'n, an alle Eckstein' sieht man Jhna in ganz Wien betteln, und heut scheinen Sie dasselbe in Dornbach zu thun? Schorschl. Wer bettelt? I nit! Ich verdien' mir meine paar Kreuzer mit mein' Werkl. Jeremias. Sie thun alleweil so heimlich — und über Ihre Berhältnisse kann man nichts recht erfahren. Schorschl. Weil i von mir nix Gut's sag'n könnt'. Daß i amal in meiner Jugend a großer Lump war, wird Jhna wohl nit interessiren. Jeremias. Warum nit? Es is immer a Vergnügen zu wissen, mit wem man die Ehre hat — Schorschl (mit einem schmerzlichen Anflug von Humors. Vor 30 Jahr'n bin i no der größte Hallodri g'wes'n. War a reicher Fabrikantenssohn und mit die Guldenzetteln Hab i mir die Pfeifen anzunden. Jeremias. Da hat's außag'rancht! Schorschl. Die Herrlichkeit hat net lang dauert, bald war 's letzte Restl verputzt — Hab Weib und Kiud im Elend z'rucklassen, bin bei Nacht und Nebel fort in die weite Welt. Jeremias. Na hörn'S, Sie san a hübscher Herr! Mi freut'S wirkli, Sie kennen g'lernt zu hab'n. Schorschl. Nun Hab ich mir damals vorg'nommen g'habt ein ordentlicher Mensch z'wer'n! Jeremias. Wie's nix mehr g'habt hab'n? Ja, da ist's schwer, a Lump z'sein, wenn ma nix hat— i weiß das von mir! Schorschl. I Hab in der Schweiz eine Anstellung als Werkführer kriegt, und so viel verdient, daß ich mein'm Weib und Kind Geld schicken konnte, was zum Leben nothwendig war. Jeremias. Jetzt g'fatt'ns mir schon a bißl besser, aber do no nit recht. Schorschl. Nach kurzer Zeit hat aber unser lieber Gott mein Weib zu sich g'nommen! Jeremias. Das hätten eigentlich Sie thun sollen. Schorschl. Mein klein's Töchterl is dann von Bauernleut freundlich auf- g'nommen word'n — und i Hab alle Monat 's Kostgeld g'schickt. Bald aber hat mich ein Unglücksfall troffen. Mein' linke Hand is mir in's Schwungrad kommen — und seit der Zeit bin i a Krippel, derben Arm in der Schlingen trag'» muß — und mit dem andern kann i nix thun, als mein Werkel spielen. Jeremias. Sie sind a Virtuos auf dem Instrument — der Richard Wagner is nichts gegen Jhna. Schorschl. Nun Hab ich's Heimweh kriegt und mi durch die Welt fort- g'werkelt, bis i nach Wien kommen bin. Jeremias. Und hab'n Ihre Tochter aufg'sucht? Schorschl. Ka Red! Die darf nie erfahr'», daß i da bin. Witt ihr ka Schand machen, wenn's heißert, ihr Vater is a Werkelmann! Jeremias. Und Hab'ns das Madel schon g'seh'n? Schorschl. Alle Freitag komm i in das Haus — und da laßt sie sich von 14 dem traurigen Werkelmann was Lustig's aufspielen. Wer i bin, bleibt aber für sie ein ewiges Geheimniß! — In 5 Minuten bin i wieder da, i Hab da was Nothwendiges z'thnn. Pfirt Gott, Herr Jeremias. (Geht links ab.) Jeremias. Der sagte „Herr" zu mir? Das ist der einzige Mensch, der mi so titulirt. Dritte Scene. Voriger. Eine Kuhmagd. Kuhmagd. Da schickt Jhna die Tonerl a Schunkenban, sie weiß, daß S' alleweil hungrig san und Sie soll'ns hamli essen, daß der Herr oder d'Frau nit sieht. (Giebt ihm ein Schinkenbein.) Besten Appetit! (Ab.) Jeremias. Das einzige gute Wesen im Haus ist die Tonerl. (Sieht sich um.) O je — da kommt der Herr von Brüller — i hör'n schon mit seine juchtenen Schinackeln! (Versteckt das Schinkenbein mit der Hand hinter dem Rücken.) Vierte Scene. Jeremias. Brüller. Brüller (ihn anschreiend). No, was stehst denn Du da und stielst unser« Herrgott den Tag ab? Jeremias. Herr Brüller, unser Herrgott hat so viele Täg, daß er froh iS, wann ihm a paar g'stohl'n wer'n. Brüller. Was reißt denn so 's Maul auf? Jeremias. Weil i hungrig bin, und da wart' i, ob mir nit vielleicht a paar bratene Taub'n hineinflieg'n. Brüller. Die flieg'n Dir aber net hinein? Jeremias. Leider na! Sie müssen mei Adreß nit wissen! Brüller. Vielfraß! Dn lebst nur für Dein' Mag'«! Jeremias. Natürli! Es war undankbar, wenn i net den erhalten möcht', der mi erhalt'! Brüller. I begreif nit, wie man in einer so hübschen Gegend immer hungrig sein kann. Jeremias. Was Hab' i von der schönen Natur? Kann i mich mit'n schönsten Morgenroth satt essen? Kann i mit'n Blumenduft meine Stiefeln doppeln? Kann i aus dem G'sang der Nachtigallen a warmes Nachtjankerl machen? Brüller. Aber was stehst denn so kurios da? Die rechte Hand am Rucken? Mir scheint, Du versteckst was? Jeremias. Gar ka Red! (Nimmt rückwärts mit der linken Hand das Schinkenbein und zeigt die leere rechte Hand her.) I Hab nix! Brülle r. Aber in der andern Hand? In der linken? Jeremias (nimmt wieder rückwärts das Schinkenbein mit der rechten Hand und zeigt die linke leere Hand.) H^ ich auch nix, da seg'ns. Brüller. Aber in der andern? Jeremias. Ja wie viel Hand' soll ich denn hab'n? Brüller. Zeig alle zwa z'gleich her — oder — (geht mit geballter Faust auf Jeremias los.) Ieremias (zeigt. erschrocken seine beiden Hände her und das Schinkenbein fällt auf die Erde. Brüller. Was erblick' ich? Jeremias. A Schunkenban! Brüller. Das hast Du g'stohl'n! Es gehört mein! (hebt dasselbe auf.) Jeremias. Freilich! Aber Sie sind ebenfalls ein Dieb, weil Sie mir's jetzt wieder g'stohl'n hab'n! Fünfte Scene. Vorige, Kathi. Kathi (kommt eilig mit einem Brief aus dem Hanse.) Adam, wo bist Du? 15 B r ü lle r. Hier unter dem Apfelbaum ! Kat hi. Da schau her — eiu Brief ist ankommen — und zwar auf der Post! Brülle r. Das is nit möglich! Ich Hab in mein'm Leb'n noch kein' Brief kriegt! Kat hi. Da muß wo ein Ereigniß g'scheh'n sein! Brüller. Vielleicht is der türkische G'sandte g'storb'n? Kathi. Hast Du ihn kennt? Brüller. Gar ka Red! Der Bürgermeister hat mir erzählt, daß er schwer krank sein soll! Kathi Also les g'schwind den Brief! Brülle r. Aber i kann ja nit lesen. Les'n Du. Kathi. Aber i kann ja a nit les'n! Brüller. Jeremias, les Du uns den Brief vor! Jeremias. Ich? Brüller. Du hast ja g'sagt, wie'st in mein Dienst eing'stand'n bist, daß Du lesen kannst. Jeremias. Ja wohl! Mr sich.) Deßhalb kann ich's do nit. Brüller. Also, was steht drin? Jeremias. Das möcht' i a gern wissen! Brülle r. Also, fang an! Kathi. Les! Jeremias. Aber nit umsonst! Wann's mir 50 kr. geb'n! Brüller. O du Brandfchatzer! Da hast's! fGibt ihm Geld.) Jeremias Mr sich). I les halt das, was mir grad einfallt. fLiest aus dem Brief.s „Geehrter Herr Brüller." Brüller. Sehr freundlich! Jeremias. „Geehrte schöne Frau Brüllerin!" Kathi. Ah, is das liebenswürdig! Jeremias. „Ihr seid Beide in Dornbach allgemein bekannt!" Brüller. Und geachtet! Jeremias. „Allgemein bekannt! Sie, Herr Brüller als der dümmste Kerl—" Brüller. Wie? Jeremias. „Und Ihre Frau als die größte Bisgurn —" Kathi. Was? Jeremias. Da steht's! Lesen Sie's selbst, wann's mir's nit glauben! fLauft ab.) Kathi. Wann uns nur wer sag'n könnt', ob das in dem Brief wirklich drin steht? Brüller. Ah, da kommt grad der verrückte Schorschl, der alte Werkelmann ! — He — da her! Schorschl. Küß' die Hand! Brüller. Les uns den Brief vor — kriegst nachher a Seidl Wein dafür. Schorschl. Vergelt's Gott! fliest). „Geehrter Herr Brüller!" Brüller. Der Brief geht grad so an, wie ihn der Jeremias g'lesen hat. Kathi. Vielleicht hört er a so auf! Brüller. Das war' ein Unglück! Schorschl fliest). „Ich habe erfahren, daß Ihre biedere Landleute seid" — Brüller frasch). Nur weiter! Wanns so fortgeht, kriegst statt an Seidl — a Halbe! Schorschl. — „Und wende mich in einer wichtigen Angelegenheit an Euch, und Ihr werdet davon einen großen Nutzen haben —" Brülle r. Nur g'schwind! Was kommt nach? — Ihr kriegts noch a Seidl! Schorschl. — .ich weiß,die Toner! ist nicht Euer eigenes Kind, sondern ein angenommenes fmit zitternder Stimme) und der Vater von dem armen Wurm war ein Vagabund —" Brüller. Weiter — Schorschl fhält sich den Kopf). Mir flimmerts vor den Augen — ich kann nit lesen — Kathi. Aber was kümmert Jhna ! die G'schicht? 16 Schorschl Wer weiß! — Mi greift's halt an! Brüller. Lesen's! Schorschl (lesend). „Ein Vagabund, der in die Schweiz durchgegangen ist — und Weib und Kind im Elend zurückgelassen hat." Brüller. Muß das a Lump gewesen sein! Schorschl. Wer weiß — Kat hi. Was, Sie woll'n so an herzlosen Menschen vertheidigeu? Dann san Sie grad a so a Lump, wie der eine war! Schorschl. Küß d' Hand für die freundliche Beurtheilung! Brüller. Les! Schorschl (liest). „Die Schreiberin dieses Briefes ist eine reiche Dame und bietet Ihnen 5000 st. an, wenn Sie ihr die Tonerl, Ihre Ziehtochter, abtreten, welche Sie als Adoptivtochter ausnehmen wird." Brüller. Kathl, 5000 fl. soll'n wir für das Madel krieg'n. Kat hi. So viel Geld kanns ja auf derer Welt gar uit geb'n! Brüller. Für ' 5000 fl. soll sie's Madel nehma! Kathi. Die Briefschreiberin muß a bißel a verrückte Gretl sein. Um 100 fl. lasset' i ihr's! Brülle r. Heut kommt's noch aus'n Hans! Schorschl (mit Energie). Das wird nit g'scheg'n — da Hab' ich auch a Wörtel dreinz'reden. Brülle r. Ja wer san denn Sö? Schorschl (sich besinnend). Ja so! — Der Garniemand! Der verrückte Schorschl — der überall dreinred't — aber es geht mi ja nix an — bin schon still — mäuserlstill! (hält sich den Mund zu). Brüller. Les, was noch im Brief steht! Schorschl (lesend). „Ich und einige gute Freunde kommen heute noch nach Dornbach, um den Handel zum Abschluß zu bringen. Bitte das Schreiben als Geheimniß zu bewahren. Mit Achtung, von Wallberg." Brüller. Weib, komm, daß wir den Taufschein von der Tonerl Herrichten und 's Jmpfungszeugniß — 5000 fl. krieg'n wir — das Glück! Komm, Kathl — Herr Schorschl, statt einer Maß könnens jetzt ein ganzen Eimer austrinken! (eilt mit Kcithi in's Hans ab.) Sechste Scene. Schorschl allein. Was Hab' i erfahr'n? Mein Töchterl will man verkaufen? Na, das geht nicht. Da muß der verrückte Schorschl, wie mich die dummen Leut' heißen, den G'scheidten spielen. Kommt sie wirklich hier von Dornbach weg, werde ich jeden Schritt von ihr bewachen, denn es handelt sich ja um das Lebensglück meines Kindes! (Geht rechts in den Vordergrund ab). Siebente Scene. S ebastian, Kn öl lerl, The o d or, (ein Kind von 6 Jahren.) Kn öllerl. (Ein Mann mit einem laugen schwarzen Rock, mtt einem hohen Hut mit breiten Krempen. Aus dem zugeknöpfelten Nock sieht aus der Brust der Kops eines kleinen krau- Perten Pintscherls heraus. Er droht mit einem spanischen Rohr nach rückwärts in die Straße, ans welcher man ein lautes Geschrei und Gelächter von vielen Kindern hört.) Verwünschte Buben! Wie Einer mich noch verfolgt, rufe ich nach einem Sicherheitswachmann und laß Euch Alle einsperren! (Gelächter von rückwärts.) Ah, jetzt laufen sie davon. Wenn ich nur wüßte, weßhalb Sie mich auslachen? Theodor. Herr Onkel, wenn's mir nit wieder den Schopf beuteln, 17 wie das so oft geschieht, will ich Ihnen sagen, weßhalb Sie ausg'lacht werden. Knöllerl. Nun? Theodor (lachend). Weg'n den g'spaßigen Hund, der so melancholisch zwischen die Knopflöcher sein Kopf heraussteckt und weg'n dem Hut mit die breiten Krempen. Knöllerl. Dummes Volk! Meine Schwägerin, die Frau von Wallberg hat mich da herausb'stellt nach Dörnbach; was i z'thun Hab, wird's mir schon sagen. Das is a Kreuz, wenn man weder den klein Bub'n z'Haus lassen kann, noch weniger aber mein Finetterl, mein kleines Hunderl, der mein Alles auf der Welt is. — Ist das a liebs Thierl! Theodor Halb weinend). Herr Onkel, trag'ns mi, i kann nimmer gehn. Knöllerl. Aber Theodorl, i Hab ja den Finetterl am Arm und der is noch müder wie Du — und kann ka Ml mehr rühren. Theodor. I a nit. Knöllerl. Wein' nit! — sonst veckst mir's Hunderl auf! Das arme lüecherl hat kan Augenblick a Ruh! Setzt sich mit dem Hund und mit Theodor >us die Bank.) Theodor. Herr Onkel, bitt noch M a Zwieback. Knöllerl. Nix mehr da! Ich Hab wr mehr 2 Stück und die g'hörn für'n Mettel, daß er sich auf der Tramway Hg verhalt. Achte Scene. Vorige, Jeremias. Jeremias (mit einem kleinen Bündel). )er Herr Brüller hat mich davon Mt und zum Abschied noch den Schopf beutelt! Das war rührend! 'une Hand hat sich von mein'm Kopf nit trennen können. Jetzt muß i um ein'n andern Platz umschau'n! Theater-Repertoir SIS. (Sieht Knöllerl.) Küß d'Hand, gnä' Herr! Immer frisch und g'sund? Knöllerl. Kennen Sie mich? Jeremias. Na! Aber deßwegen können Sie doch frisch und g'sund sein. Was macht der Kleine? (Zwickt Theodor in die Wange.) Knöllerl (meint, er spricht vom Hund, den er schmeichelt). Dank — es friert ihn — er zittert — Jeremias (betrachtet nur Theodor mitleidsvoll). Er scheint a kleins Fieber z'haben! Knöllerl (kratzt den Finettel an den Ohren). Ich glaub auch! Jeremias (streichelt Theodor). O der arme Kerl! Wie heißt er denn? Knöllerl. Finettel. Jeremias. Was? Ihr Sohn heißt Finettel? Knöllerl. Ah der — ich Hab glaubt, Sie erkundigen sich nach mein Hunderl? Jeremias. Ah, is das a liebs Viecherl. Knöllerl. Kein zweit's solch's Exemplar in ganz Europa! Seit a paar Tagen is er kränklich — Jeremias. Man siehts ihm an. Das schwarze Hundert schaut a bißl blaß aus. Knöllerl. Die schön' langen Ohren, die er hat? Jeremias. Wenn ma nit g'wiß wußt, er is er Pintscherl, könnt ma glaub'n, er is a Esel! Knöllerl. Wie er Ihnen freundli anschaut? Jeremias. Er halt mi vielleicht für a Lungenbratl! Knöllerl. Finetterl, willst vielleicht dem Herrn a Bußerl geben? Jeremias. Ah, das wär' zu viel. 2 18 Knöllerl. Heut' iS sein Geburtstag! Drum Hab ich ihn auf's Land g'führt. Vor 3 Jahrn is er bei ein'm Bandel- kramer aus Zwettel auf d'Welt kommen. Jeremias. Da kann man sehen, was ein Bandlkramer Alles machen kann. Knöllerl. Und fein g'speist hat erhellt ! A Viertel Gansl, a Biegel Hendl und 2 Portion Linzertorten. Doch trag'nS mir mein Hund nach — ich geh voraus — weil ich in ein'm HauS z'thun Hab, wo ich ihn nit mitnehmen kann. Krieg'« dafür 50 kr. Jeremias. O Seligkeit! Küß den Hund — küß die Hand, Witt ich sag'n! (Nimmt den Hunds. Soll i den Theodor vielleicht auch trag'n? Knöllerl. Ah, der kann laufen! Jeremias (für fichs. Der Finettel war a g'scheider Kerl, daß er a Hund wor'n iS und ka Theodor. Knöllerl. Sehens, ich Hab viele Sachen gern, aber mein Finettel ist mir das Höchste. (Singt:s Gern Hab ich a gut'S GlaSl Bier oder Wein, A Brathendl mit Salat, das iS auch sehr fein, Gern Hab' ich a Madel, mollert, sauber und nett, Gern Hab ich a Spanferkel und a g'füllt'S Omelette; Doch lieber als Alles und noch mehr dazu, Finetterl, Finetterl, Finetterl bist Du! (Gibt dem Hund ein Bußerl und geht ab.s Jeremias. Also fein g'speist hast Du, mein Hunderl? lGibt ihm einen leichten Schlag auf den Kopfs. A Viertel GanSl? (Beutelt ihm den Schopfs. Besten Appetit! — A Biegel Hendl? (Beutelt ihn Mieders, und 2 Linzertorten? Da hast noch a Paar! (Siebt ihm mit der Hand einige Puffers. Wünsch wohl g'speist zu hab'n! (Ab mit Finettel und Theodor.s Neunte Scene. Frau v. Wal lberg (verkleidet als klt- gante Wäscherins. Knöllerl. Moll und Riedel (verkleidet als Bolksfiguren au» dn untern Schichte mit Kappeln rc. rc.s Brüller und Ka thi (kommen au« dem Baueruhaur, die Andern folgen s Brüller. Kommens nur meine Herrschaften, es ist noch kein Menscb da, und nehmen'- hier Platz! (Deutet aus einen Tisch, der link» im Vordergrund steht-! Fr. v. Wallberg. Nun, ist unsere Verkleidung gut? Kathi. Na, i glaub-! Guä Frau schauen ans, als ob Sie als Wäscherin auf'n Himmelpfortgrund gebor'n war n! Moll. Und wie sehen wir aus? Brüller. Wie die keck'ften Hau- hei-rnsöhne von Ottakring. Alle (lachen.s Riedel (»ngstlichs. Glauben Sie nicht verehrter Milimann, wenn fremde Gäste kommen, daß diese mit uns eine Rauferei anfangen und mich vielleicht schreckliä durchkarpatschen? Brüller (lachends. Mögli war'- schon! Sie müssen halt sich ruhig ver halten und net z'keck auftreten. Riedel. O ich rühre mich nicht. v. Wallberg. Setzen Sie sich, meine Herren! (Zu Brüller und Kathi.s Ihr hab> die 5000 fl. und ich habe es schriftlich, daß Ihr die Toner! bestimmen werdet mir zu folgen und bei mir zu bleiben Brüller. Alles in der Ordnung. Kathi. Wir hab'nS Geld und 'S Madel muß schon thun, was wir ihr besehl« v. Wallberg. Sie soll eS nicht bereuen, sich mir anvertraut zu habe«- Brüller. Nehmens Platz, gnädig Frau! Da kommt schon a Schaar vo« meine täglichen Gäst' — die Unter Haltung wird glei loSgeh'n. Riedel. Das nennt der eine Unter Haltung, wenn wir vielleicht Alle tüchH durchschaut werden. Alle (lachen.s 19 Zehnte Scene. Vorige, Hubler, Pitschler, Gabler, Malzel lkommen als echte Wienerbürger hübsch angezogen nach veraltetem Schnitt, aber nicht karrikirt, mit verschlungenen Händen, die sie gegenseitig über die Achsel gelegt haben, singend ans der ersten Toulisse links.) Die Frauen der Männer und die Töchter derselben kommen ebenfalls mit, das ist die Llara, Resi, Mina, Franziska.) Alle vier Wiener fsingen:) Wie wir in frlihern Jahr», Fidele Brüderln war'n, San maS no jetzt, wenn a scho alt, Hab'n täglich unfern Plausch, Auf d'Nacht an Riesenrausch, Wo Jeder auf die Nas'n fallt, Dulie — Dulie! Malzel lfingt-1 D' Weinbeißer haaßenS uns — Hubler, Pitschler, Gabler HaaßenS uns! Malzel. Wir saus a no ganz g'wiß — Hubler. Pitschler. Gabler. Ganz g'wiß — Malzel. Weil halt der höchste Heurige. Hubler. Pitschler. Gabler. Heurige! Malzel. Für uns das Allerhöchste iS! Hubler. Pitschler. Gabler. 'S Höchste iS! Alle vier Bürger. Dulie! Dulie! ^Schlagen mit ihren spanischen Rohren auf den Tisch — Prosa). He WirthShauS! Hubler. Wein her! Pitschler. Vom besten! Malzel. Auftrag',»! Gabler. In große Krügel»». EiMe Scene. Vorige. EgidiuS. EgidiuS sim schwarzen Frack, weißen Glacehandschuhen). Servus, meine Herrschaften ! Alle. Ah, der Egidi, unser guter Freund! EgidiuS. Ich seh, die Herrn sau schon lusti Augusti? So g'hört sich'S. Unser alt'S Europa wackelt so nach allen Seiten, mir scheint, es hat an Rausch, und eS iS nothwendig, daß wir uns, Jeder a ein antrinken, damit wir ebenfalls wackeln, vielleicht stell », wir durch unsere gegenseitige Wacklerei das Gleichgewicht her, daß unser marodiger Welt- theil wieder feststeht! i Hubler. Nothwendig war'S! Malzel. Sie san schwarz anzog'u, Herr Egidi, geh'n Sie zu einer Leich? ! Egidi. In so fern eine Berhei- rathung oft das Grab der Liebe ist. Zwölfte Scene. Vorige. Tonerl. stritt ein im weißen Kleid, mit einem Kranzel auf dem Kopf und hört die letzten Worte von Sgidius). Was? So red'st Du an dem Tag, wo unser Verlobung iS? Alle. Ah, die Tonerl! EgidiuS. Jetzt wird'S mir glei mitten im Sommer den Pelz waschen. Tonerl sstemmt die Hände in die Hüfte). Wie? So red'st D»h vor unserer Hoch zeit und »vaS wirst Du dann erst sagen, wann i Dein Weib bin? EgidiuS. Dann werd i denselben DiScurS führ'n! Alle flachen.) Tonerl fihm entgegentretend). Egidi! EgidiuS fjhr ebenfalls entgegentretend). Toner!! Tonerl. So wer'n wir uns gegen- übersteh'n. 2 * 20 Egidius. Weil wir aber in derselben Stellung nit immer bleib'n können — was wird da g'scheg'n? Tonerl. Da muß halt Eins oder 's Andere nachgeb'n. Hubler. So is! Egidius. Wer wird der sein? I oder Du? Tonerl. No i! Weil i Di lieber Hab, als Du mi! Gabler. Sehr gut! So red't a mein Alte! Tonerl. Der G'scheidere wird immer am ersten gut! Malzel. I bin der Dümmere. Mein Weib muß m i r kommen! Tonerl. Man kann do nit immer bös bleib'n? Man muß sich versöhnen! Egidius. Wie thut man dös? Pitschler. Da könnt' i Auskunft geb'n! — Resi Mschlers Frans. Wirst still sein! sHält ihm den Mund zu.s Tonerl. Man kommt sich näher — szu Egidius.s Rühr' Dich! Hübler. Ganz wie die Meinige! Egidius skommt einen Schritt nähers. Da bin i! Tonerl. Noch näher! H übler. Wann i red'n könnt' — Mina. Na, sei so gut! Tonerl. Dann packt man sein Weiberl um die Mitten und sagt: Sei wieder gut! — No so red! Egidius. Sei wieder gut! — Und was weiter? Tonerl. Dann gibt er ihr a Bußerl und sie san versöhnt. Egidius. Da hast eins, wir san wieder gut! (Fällt ihr um den Hals und küßt sie.s Burger und Frauen. Bravo! sStoßen mit den Gläsern an und rufen:s Hoch! v. Wallberg. Ah, sind das ge- müthliche Leute! Moll. Ja, aber in unseren feinen Salons ist es fremd, daß es noch so eine Herzlichkeit im Wiener Volke gibt! Riedel. Wenn mich Keiner durch- prügelt, bin ich froh! Knöllerl. Was wird indessen mein Finettel machen? Gabler. Schneid't aber die G'sell- schaft da drüben traurige G'sichter! Hubler. Keinö red't a laut's Wort. Egidius. Die müssen mir a bißel ausmischen, (ruft zu dem Tisch.f He Leuteln, warum seids denn nit lustig? Singts G'stanzeln — fidele Lieder — beim Heurigen muß ma's loslassen! Tonerl. Singts uns was vor, wir lassen nachher a unsere feschen Tanz' los! v. Wallberg fzu Molls. Antworten Sie. Moll. Wir werden so frei sein. Egidiuö. Also Zitherspieler, richt's Euch! fDie Zitherspieler stellen in der Mitte von den beiden Tischen einen Tisch und stimmen ihre Zithern.s Riedel. Ich bitte Sie, gnädige Frau von Wallberg, Singen Sie etwas, sonst werden die Leute böse und hauen mich durch, daß ich mich nicht rühren kann. Knöllerl. War ich bei mein' Finettel! v. Wallberg. Ich werde versuchen - Moll. Aber etwas Volksthüm- liches — Riedel. Ein „Duliede" muß dabei sein, wir singen im Chor mit — Musikanten richten! V. Wallberg (will local singen, kann es aber nicht; sie singt:s Auf den Bergen, wo der Gamsbock springt — Dulie — Knöllerl, Moll. Riedel sim Chors Dulie, Dulie! v. Wallberg. Und die Schwägerin schöne Lieder singt, Dulie! — Knöllerl, Moll, Riedel. Dulie! Dulie! — 21 v. Wallberg. Bringt der Bub der Dirn ein' Blumenstrauß, Dulie — Knöllerl, Moll, Riedel. Dulie — Dulie. v. Wallberg. Ob'n am Gebirge ist die wahre Lieb zu Haus —Dulie — Knöllerl, Moll, Riedel. Dulie! Dulie! Alle Gäste. sAm rechten Tische haben schon während des Liedes heimlich gelächelt, nun aber brechen sie in ein lautes Lachen aus.s Riedel sdesperats. Sie lachen uns aus. Jetzt werden's mich gleich durch - prügeln! Knöllerl. Mich auch! Ich dank mein' Gott, daß ich mein Finettel nit bei mir Hab! Egidius. Meine Herrschaften, Sie hab'n nit schlecht g'sungen, aber z'viel zu gemüthli! Wir können's anders. Und i und die Tonerl wer'n unsere harben Tön' loslassen! Alle. Ja, ja! Duett. T o n e r l. Zwei Täuberlu, die sitz'n Ganz hoch auf'n Bam, Thun Herzen und schnaberln, Weil's gern sie sich Ham. Dulie — Dulie. Chor der Wiener Bürger und Frauen. Dulie — Dulie — Dulie. Egidiu s. Und i und mein Derndal Wir lachen ha, ha, Was ihr könnt's, ihr Täuberlu, Das können wir a. Dulie — Dulie. lEgidius und Tonerl umarmen und küßen sich.s Wiener Bürger und Frauen. Was ihr könnt's, ihr Täuberlu, Das können wir a! Dulie — Dulie! sAlle Herren und Frauen umarmen und küßen sich.s Gabler szu dem Tisch linkss. Na, Leuteln, wollt's nit a Theil nehmen an unserer Unterhaltung! Kommt's her zu uns! Malzet. Wollt's als Wäscherleut nit a lustig sein? v. Wallberg. Unser Hiersein hat einen ganz andern Zweck. Wir sind auch nicht Die, für die Ihr uns haltet — sondern Städter! Ich bin keine Wäscherin, heiße Frau von Wallberg und so sehe ich aus swirft die alte Joppe ab und steht im Seidenkleide da, nimmt die Haube ab und erscheint mit einem Lhignon.s Moll. Und so sehen wir aus! Riedel. Ja — so! Aber ich bitt, mich nicht durchzuhauen. sBeide werfen ihre Ueberzieher ab, ihre Kappen und die Perrücken und stehen in eleganter Toilette da.s Alle svoll Erstaunens. Was ist das? v. Wallberg. Eine kleine Maskerade! Der Faschingszug in Dörnbach hat ein großes Renomms und wir haben nur der Zeit vorgegriffen, weil noch nicht der Carneval ist. Tonerl. Was seh ich? Das is ja die gnädige Frau — v. Wallberg. Die Sie unerkannt hier belauschen wollte in Ihrem harmlosen Humor und die Ihnen in Wien den Antrag gemacht hat, als reiche Frau Sie glücklich zu machen. Alle. Wie? Tonerl. Das geht nit. So gern i mein' Nas'n gern a bissel in die noble Welt Hineinsteckert. Wann i schon wollt' und ein' klein' Gusto hätt', so erlau- bertens ja gar nit meine Zieheltern, die mi lieb hab'n als ob ich ihre eigene Tochter wär — und mei zukünftiger Mann, der Egidi, gebet's ja a nit zu, weil er mich in 4 Wochen schon heiraten will. 22 Alle. Ganz natürlich! v. Wallberg. Liebe Tonerl, die Verhältnisse haben sich anders gestaltet. Weder Ihre Zieheltern noch Ihr Geliebter stellen Ihnen ein Hinderniß entgegen, wenn Sie mir folgen wollen! Tonerl. Ja, was für eine geheime Macht hat denn das bewirkt bei allen denen, die mich gern g'habt hab'n? v. Wallberg. Die Macht, welche die Welt beherrscht, die Macht des Geldes. Tonerl. Red' Egidi! Egidius. I Hab 2000 fl. kriegt. Tonerl. Und Du hast für diese Summe meine Lieb verkauft? Egidius. Ich hab's gethan, daß wir a Aussteuer krieg'n zur Hochzeit. Tonerl. Und die Zieheltern? Egidius. Haben 5000 fl. kriegt! Tonerl. Was? I bin von Alle, die mich lieb g'habt hab'n und an denen i g'hängt bin mit ganzen Herzen, verkauft wor'n wie a Waar, die man an ein' Juden verhandelt? Das is schmachvoll ! Denkt's Ihr Leuteln nit a so wie ich? Alle. Das is a Schand und a Spott! Tonerl. Und Sie, gnädige Frau, woll'n mi vielleicht zwingen, daß ich mich auch an Sie verkauf? Das gibt's nit. So viel Geld existirt gar nit auf der Welt! Da kann ich nur antworten, wie der Israelit im Hof ruft: „Nix zu handeln, nix zu handeln." — Alle. Recht hat's die Tonerl. v. Wallberg. Sie täuschen sich. Ich will Sie nicht zwingen — ich habe die besten Absichten — und es freut mich, daß Sie nicht der Reichthum bestimmt. Sie haben Ihren freien Willen, das zu thun, was Sie wollen, und mich leitet nur eine uneigennützige, vielleicht fixe Idee, Sie glücklich zu machen. Sie werden einst, vielleicht bald von mir erfahren, weßhalb ich mich bemühte, Sie zu meiner Freundin zu machen. Tonerl. Was hör ich? Sie meinens wirklich so gut mit mir, wie Sie's sagen? Und Alle, von denen ich denkt Hab, sie wollen mein Bestes, die stoßen mich zurück. — Soll der Undank nit bestraft werd'n? Ja, Sie verdienen's nit anders! Gnädige Frau, ich bin die Ihrige und in Ihre Hand leg' ich mein' Zukunft! sErfaßt ihre Hand und küßt dieselbe.) Und nun Leutel, lebt's wohl! Dir, Egidi, sag i kein «Pfirt di Gott," der liebe Schöpfer könnt' sich aufhalten, wann i mit so ein' Wort von Dir Abschied nehmert! sSingt:) O welches Glück auf Erden A noble Fräul'n z'werden, Mit Perl'n und Diamanten Zu fesseln die Amanten, In langen Schleppen schweben, Die Füßerln zierlich heben, Zu tanzen im Salon Mit thurmhohen Chignon! Lebt wohl! Lebt wohl! Lebt wohl! sWirft Kußhände nach allen Richtungen und reicht Frau von Wallberg die Hand. Eine Reihe von schön livrirten Bedienten macht Spalier. Im Hintergründe sieht man den Hiutertheil einer eleganten Equipage, und Wallberg mit Tonerl steigt ein.) Chor von Allen. Lebt wohl! Lebt wohl! Lebt wohl! sJn dem Augenblick, als Tonerl und Wallberg in den Wagen steigen, fällt rasch der Vorhang. Knde des zweiten Wildes. Drittes Bild Ein abgeschlossener Theil eines Blumengartens auf der Villa der Frau von Wallberg. Links ein großes offenes Lusthaus im Schweizerstyl. In demselben befindet sich ein Toilettetisch mit großem Spiegel. Ein Sofa und einige Stühle. Links ein kleiner Tisch mit kalten Speisen und einer Flasche Wein. Rechts im Freien ein Arbeitstischchen mit zwei Lehnsesseln. Rückwärts über die Bühne ein eisernes elegantes Gitter mit einem Thor, durch welches man auf die Straße kommt. Erste Scene. Frau von Wallberg. Tonerl. sBeide haben Stickrahmen vor sich.j v. Wallberg. Du bist ja schon eine ausgezeichnete Stickerin? Tonerl. Leider, v. Wallberg. Wie? Tonerl. Ich thät lieber was anders! Statt sticken möcht' ich lieber am Feld Gras abmähn, statt tanzen lernen lieber die Antln und Ganseln ins Wasser treiben, und statt französische Lectionen z'nehmen, möcht ich lieber die Kuh welchen. v. Wallberg. Das ist Hoch keine Beschäftigung für eine Dame?! Toner!. Aber die bin ich ja nit und die will i nit werd'n! v. Wallberg. Aber Antoinette! — Tonerl. Ich bitt Sie, Frau von Wallberg, sag'nS doch Toner! zu mir, wenigstens dann, wann wir allein sind, das Wörtel klingt so bekannt und freundlich an meine Ohren, und hör lch mich Antoinette tituliren, so glaub ich, ich werd für ein Narrn g'halten. v. Wallberg. Lächerlich! Höre mich an. Seit 4 Wochen bist Du schon auf meiner Villa! — Tonerl. Gnä Frau — sans nit bös — aber da is a bissel fad — v. Wallberg. Einsam, willst Du sagen! Was Dir mißfällt, hat gerade den größten Werth! Die Villa liegt nur 2 Stunden von Wien entfernt, ist abgeschlossen von allem lärmenden Verkehr und man kann sich der ungestörtesten Ruhe hingeben. Tonerl. Das is wahr! Man könnt' jede Minuten einschlafen. Gnädige Frau und ich bewohne im vorder» Trakt 14 Zimmer, in die gehen wir den ganzen Tag spazieren oder hockerln wo beisamm in ein Winkerl. v. Wallberg. Und plaudern vertraulich — Tonerl. Na ja — mir fallt aber oft nix ein. Mit'n Dienstpersonal stehn wir in keiner Verbindung als mit'n Stub'nmadel, die Ein'm beim Aufräumen mit'n Bartwisch unter der Nas'n rumfahrt. 24 v. Wallberg flachend). Du malst ja unser Landleben sehr humoristisch aus! Tonerl. Im hintern Trakt wohnt Ihr Herr Schwager, der den ganzen Tag mit ein dummen Bedienten und einer alten Wirthschafterin disputirt weg'n sein Finetterl, der immer kränklich is und ausg'führt werd'n muß. v. Wallberg. Und doch hat dieses abgesonderte Stillleben unsere Herzen näher verschwistert. Du bist während dieser Zeit meine Freundin geworden, der ich Manches mittheile. Denke Dir, in 8 Tagen ist meine Verlobung mit Herrn von Moll. Tonerl. O Sie glückliche Frau! Da gratulir' ich Ihnen vom ganzen Herzen. Ich Hab nur einen Wunsch, daß mich mein Egidi auch bald heiraten möcht. v. Wallberg. Du bist immer egoistisch. Denkst immer mehr an Dich als an mich! Tonerl. Entschuldigend — ver- zeihens — ich nimm doch den wärmsten Antheil an Ihrem Glück! v. Wallberg. Er ist gestern nach Hamburg gereist. Tonerl. Ja, was macht er denn dort? v. Wallberg. Nach dem Tod meines Mannes Hab ich dort bei einem soliden Bankhaus mein ganzes Vermögen in guten Papieren deponirt, und diese macht er nun flüssig, bringt mir die große Summe, die ich ihm nach unserer Hochzeit als Aussteuer und als dem Verwalter meines Reichthums zur Verfügung stelle. Tonerl. Iesas! Mir wird angst und bang, wenn ich so was hör. Thuns das nicht, gnädige Frau, er könnt's leichtsinniger Weis' anbringen und Sie hätten dann nichts! v. Wallberg stachelnd). Aber wo denkst Du hin? Tonerl. Ja, i trau den Mannsbildern nit recht. Wer hätt's denn von mein' Egid glaubt, daß er mich um 2000 fl. verkauft hat? v. Wallberg. Er liebt dich deßhalb doch noch! Am Tage meiner Verlobung gebe ich hier ein großes Fest, einen Maskenball — Tonerl. Gott sei Dank, endli wird in das langweilige Leben a frische Mischung hineinkommen. — Jetzt wird's mir erklärlich, warum mir der Balletmeister alle Tag Unterricht gibt; ich muß da meine Sprüng machen, d'Fiiß aufheb'n, g'spreizt dahersteig'n, wie der Schimmel im Renz sein' Circus! v. Wallberg. So ist es! Er studirt Dir ein Jockei-Tanz ein. Du und andere Mädchen vom Ballet, die er bereits unterrichtet, müßt Euch pro- duciren, und heute schon will er hier im Garten eine Probe halten. Tonerl. Da krieg'n wir vermnthli sehr schöne G'wandeln. v. Wallberg. Costüme willst Du sagen. Der Garderobe-Schneider hat soeben Deinen Anzug gebracht, den er nach dieser Figurine verfertigte. So Wirst Du aussehen! sZeigt ihr ein kleines Bild.) Tonerl fbetrachtet dasselbe und ruft aus). Fix Laudon! ist das schön! Da muß i ja ausschau'n wie a Engel! v. Wallberg. Der wirst Du sei» und allgemein bewundert werden. Tonerl. Ach, wenn mich nur mein Egidi seh'n könnt', der wurd' von meiner Schönheit verrückt! v. Wallberg. Und hat Dir nicht auch der Gesangslehrer ein Reitlied einstudirt? Tonerl. Freilich! Da kommen lauter hopp, hopp im Galopp vor — ich Hab beinah mir schon die Zung auskegelt. v. Wallberg. Das Lied mußt Du singen während des Tanzes. Du wirst Sensation erregen! 25 Tonerl. Freilich! Das wird a Hetz wer'n. v. Wallberg. Ein Amüsement! Tonerl. Lusti abageh'n! Da kann man sich doch einmal fidel unterhalten! v. Wallberg. Nun, mich freut es, wenn ich Dich vergnügt sehe, Du bist immer so melancholisch! — Tonerl. Und wissen's, was mir abgeht? v. Wallberg. Nun? Tonerl. Vater und Mutter! Wie ich noch in Dornbach war. Hab ich Beides g'habt. Die Brüllerischen Ehe- leut' behandelten mich wie ihr eigenes Kind, und i Hab gar nit g'fühlt, daß sie nit die rechten Eltern war'n, sie hab'n mich geliebt, ich Hab sie gern g'habt und i war glücklich! Seit i aber fort bin, seh ich, daß ich ein arm's, verlassenes Waserl bin, welches ganz allan dasteht in der Welt. v. Wallberg. Hast Du nicht in mir eine zweite Mutter gefunden? Tonerl (im herzlichem Tone). Frau von Wallberg, Sie handeln so an mir, als ob Sie's wirklich wär'n, hab'n Nachsicht mit meine Fehler, mit meine Ungezogenheiten: Sie sind so liebenswürdig, daß Ich Ihnen schon oft um den Hals fall'n hält' mögen, um Sie als liebe Mama an meinHerz zu drücken. v. Wallberg Warum hast Du Deinen Gefühlen einen Zwang auferlegt? Tonerl. Weil i mi nit traut Hab! Die Courage hat mir g'fehlt — doch jetzt, wo Sie mir auf halben Weg freundlich entgegenkommen sein, ruf ich aus: O Sie meine liebe gute Mama! sStürzt an ihre Brust, kniet sich dann nieder Md küßt ihr die Hände.) v. Wallberg (hebt sie auf). O Du meine liebe, gute Tonerl! Ton erl (freudig aurrufend). „Tonerl" sagen Sie zu mir? v. Wallberg. Nun kann ich Dich so heißen, ich bin ja Deine Mutter! sTibt ihr einen Kuß und eilt ab, um ihre Gefühle zu verbergen.) Zweite Scene. Tonerl allein. Tonerl. Bin i a glücklichs Madel! Ietzr Hab i wieder a Mutter! Und doch fehlt mir Eins, nemlich ein Vater! Und zwar der rechte! Er lebt — i weiß g'wiß — in der Schweiz — der alte verrückte Schorschl steht mit ihm in Briefwechsel und hat immer den Brüllerischen Leuten alle Monat a Kostgeld für mich bracht! — Er war sein Jugendfreund und kennt die Schicksale seiner ganzen Familie! — Mit Erlaubniß der Frau von Wallberg wird der Mann mich heut b'suchen und vielleicht bring aus ihm ich was heraus, was er mir bis jetzt verschwiegen hat! (Geht ab.) Dritte Scene. Fr. Schachtelhalm. Jeremias. Jeremias (trägt einen großen Spiegel). Frau Wirthschafterin, Helsens mir, daß ich den Spiegel da aufstell'n kann. Fr. Sch a ch te lh. (Beide stellen den Spiegel rechts auf.) Aber was hat denn der Spiegel da im Garten zu thun? Jeremias. Der gnädige Herr hat's g'schafft! Sie wissen, er sitzt am Abend mit sein' Finettel hier im Garten und da geht täglich nach dem Feierabend der Vergolder vom nächsten Ort vorüber, und da muß ihn der mitnehmen, um die Rahm' frisch herz'richten. Fr. Schachtelh. Also geh'n wir in die Küchel und Helsens mir. Jeremias. Kann nicht! Da im Gartensalon liegt der Finettel auf ein'm rothen Sammtpolster und wenn er munter wird, muß ich's gleich dem Herrn von Knöllerl melden. Stehen wir mit diesem Viech was aus! Fr Schachtelh. Die besten Sup- perln muß i ihm kochen! 26 * Jeremias. Ich weiß's, zum Frühstück kriegt er a Kipfelkoch! I Hab diesem Pintscherl heut die ganze Nacht kalte Umschlag aufleg'n müssen, weil der gnädige Herr sich einbild't hat, er hätt' Kopfweh! Fr. Schach telh. Ja in dem Haus, da steht man was aus. I bin 5 Jahr da —. Jeremias. I 14 Tag, aber i schau, daß i weiter komm! Fr. Schach telh. Was hat er denn heut mit Jhna für ein' Verdruß g'habt? I Hab von ein' Hut was g'hört! Jeremias. Das ist der, den i aufhab, mit die breiten Krempen, ersteht mir gar nit zu mein G'sicht, ich schau aus, als ob ich wo als Mitglied von ein' Casino auskommen war'. Fr. Sch ach telh. Warum hab'ns denn ein' solchen kauft? Jeremias. Ich Hab' mir'n ja nit kaust, ich Hab mir'n aus dem Garderobekasten, wo noch 6 so alte Hüt' lieg'n, g'nommen. Ich Hab ihn mit Schmalz g'schmiert, dann ausbögelt, daß er recht glanzt — und er schaut jetzt g'rad so gut aus wie der neuche Hut von Herrn von Knöllerl. Fr. Schacht elh. Und da hat's wegen dem an Streit geb'n? Jeremias. Und was für ein'n! Er hat brüllt wie a hungriger Löw, der wo aus einer Menagerie auskommen is, und g'schrien, „wenn er noch amal mich mit dem Hut sieht, so treibt er mir'n bis an Hals an, daß mein Kopf ob'n beim durchg'schlagenen Deckel rausschauen muß." Knöllerl. (Stimme hinter der Scene). Jeremias! Fr. Sch ach telh. Der gnä Herr ruft — der scheint heut wieder gut auf- g'legt z'sein — ich schau, daß i in die Küchel komm! (läuft ab.l Knöllerl (abermals hinter der Scene). Jeremias! Jeremias (schreit). Da bin i! Jetzt heißts aber den Hut iu's Gebüsch werf'n, sonst gibt's ein Unglück! (Wirft den Hut in einen Strauch.) Vierte Scene. Jeremias, dazu Knöllerl. Knöllerl (besorgt). Was macht der Finettel? Jeremias. Dank für die freundliche Nachfrag! Der hohe Patient schlaft, scheint sich a bissel besser zu befinden. Ich Hab ihm den Puls griffen, er geht ganz ruhig! Knöllerl. Gott sei Dank! Ah, ist das heut a Hitz ! (Er nimmt seinen Hut ab und stellt ihn auf den Tisch.) Was steht man jetzt bei der Zeit mit so ein'm armen Thier aus? I frag, is das a Leb'n, wenn man jetzt in Wien ein' Hund hat? Das is ja schon ein Leb'n unterm Hund. Jeremias. Da heißts in der Zeitung, alle Tag wer'n a paar Hund wttthend, nit wahr? Knöllerl. Bald muß er ein' Maulkorb trag'n, bald wieder kein'! — Dann muß er an der Leine g'führt wer'n — Jeremias (lachend). Leine! So ein Ausdruck, als ob wir Preußen wär'n. Spagatschnür l heißt's bei uns auf wienerisch! Knöllerl (hebt den Schleier vom Wagen und sieht hinein). Also der Finettel schlaft! G'schwind in die Küchel, daß 's Brathendl ferti is, wenn er munter wird! (läuft in die Eoulifse ab.) Jeremias. Is das ein verrückter Mensch! Den Hut hat er vergessen — ich muß ihm den gleich nachtragen — er verkühlt sich gleich, wann er im bloßen Kopf herumlauft, — er iS noch heiklicher als sein Finettl. (Betrachtet den Hut). Aber grad so schaut er aus, wie der meinige! I muß ihn probirn, ob er mir paßt! (Stellt sich vor den großen Spiegel und setzt den Hut auf). FamoS! 27 Fünfte Scene. Jeremias. Knöllerl. Knöllerl (kommt zurück). Mein Finettel schlaft und schnarcht, daß es a Freud is. Jeremias. B'sonders, wenn ich ihn nach der Seite aufsetz', steht er gar gut. Knöllerl. Was macht denn der Jeremias? (sieht in das Lusthaus). Er hat den Hut aus'n Kopf, den ich ihm verboten Hab, jemals wieder aufz'setzen. Na wart — Jeremias. Das Hüterl steht mir wirklich nit schlecht, auch wann ich ihn mehr rückwärts im G'nack trag (Setzt ihn nach rückwärts auf.) Knöllerl (wüthend). Du wirst ihn gleich um'n Hals hab'n. I 'muß an dem Kerl mein' Zorn auslassen. (Schleicht sich hin, hebt die flache Hand in die Höh und treibt ihm den Lylinder an, daß der ganze Kopf des Jeremias darin stecken bleibt.) Jeremias (schreit laut auf). Ah! Knöllerl. Den Hut wirst Du nimmer aufsetzen! Jeremias (hat den Kopf herausgezogen aus dem gänzlich zusammengequetschten Hm, lachend). Gnädiger Herr wer'n den Hut a nit mehr trag'n. Knöllerl. Könnt'mir net einfall'n, jemals den Deinigen aufz'setzen. Jeremias (lachend). Aber is ja der Ihrige! Schaun's nur 's rothe Futter an, der mein' hat a blau's. Knöllerl. Himmel! Wie is denn der auf Dein Kopf kommen? Jeremias. I Hab ihn halt aufg'setzt. Knöllerl. Weißt, was der kost' hat? 7 fl. Jeremias (lachend). Das Antreiben kommt Ihnen theuer zu stehen! Als Hut is er nimmer z'verwenden, aber Sie können sich a Zugharmonika draus Machen lassen. (Zieht den Hut auf und zu.) Knöllerl. Und Du lachst mi noch aus? Fort, in 5 Minuten darfst Du nicht mehr da sein, oder ich laß dich mit ein' Sicherheitswachmann wegführen! Ieremias. I kann schon allein geh'n, ich brauch ka Begleitung. (Nimmt seinen Hut aus dem Strauch, wo er ihn hineingeworfen hat, schwenkt ihn in der Luft und sagt, indem er ihn stolz aufsetzt). Empfehl mich! (läuft lachend ab.) Knöllerl (will ihm nach). Er is schon fort! Sein Glück, sonst hätt' ich den Kerl in der Luft z'riss'n. Jetzt is durch das G'schrei der Finetterl munter word'n. Na wart, heut fahr'n wir aus — zum Weigel und da trink ich mir ein kleinen Schweigel! (Geht rechts ab.) Sechste Stelle. Frau v. W al lb er g. Springerl. Springerl. Bitte, meine Gnädige, hier Platz zu nehmen. Betrachten Sie diesen Schlafsessel als Loge. — Die Probe soll sogleich beginnen. v. Wallberg. Hoffen Sie Gutes? Sp ringerl. Stets das Beste. Und fällt ein Arrangement von mir durch, wie es schon öfter geschehen, so ist das verehrte Publikum die Schuld, welches oft auf eine erhabene Idee nicht eingeht — Gnädige Frau, soll die Vorstellung beginnen? v. Wallberg. Bitte! Springer! (gibt mit einer großen Glocke ein Zeichen). (Die Musik beginnt) Tonerl (an der Spitze tritt ein, hinter ihr folgen 7 oder 11 Damen, alle in reizenden Jockei-Costüm mit Reitpeitschen rc. rc. Alle machen mit den Füßen parodirend die Schritte vom Pferde nach, mit einer Hand führen sie gleichsam die Zügel und mit der andern hauen sie sich mitunter selbst mit der Reitpeitsche. Sie reiten unter Musik vor und Toner! voraus, gleichsam als Chef der Jockei's. Lied mit Chor. T o n e r l. Hopp! Hopp! Hopp! Im Galopp 28 Pfeilgeschwind Wi( der Wind. Rasend ohne Ruh, Halt nicht auf Unfern Laus. Drauf und dran Roß und Mann „Gehts im Circus zu." Alle „Rasend ohne Ruh Gehts im Circus zu" T o n e r l. Und die schönen Madeln, Chor. Madeln — T o n e r l. Schau'n auf unsre Wadeln, Chor. Wadeln — T o n e r l. Wenn auf's Pferd wir steigen, Chor. Steigen — T o n e r l. Schlanke Taillen zeigen — Chor. Zeigen — T o n e r l. Glatt wie d' Hopfenstangen — Chor. Stangen — To nerl. Möchten's uns umfangen — Chor. Umfangen — T o n e r l. Unter Liebesqualen — Chor. Qualen — T o n e r l. Um den Hals uns fallen, — Chor. Fallen! — T o n e r l. Ja, wir haben großes Renommö, Wir, die kleinen, niedlichen Iokeys. Chor. Ja, wir haben großes Renommö, Wir, die kleinen, niedlichen Jockeys. (Alle tanzen reitend um die Bühne herum, Tonerl an der Spitze und dann ab in Galopp in den Hintergrund.) Spring erl (schreit laut.) Lorenz und Peter (kommt Einer rechts, der Andere links heraus mit großen brennenden Gluthpfannen und beleuchten die Gruppe.) Springer! (springt in die Mitte und indem er eine Glocke läutet, schreit er :) AktUS! Da wir aber keinen Vorhang noch haben, kann auch keiner fallen! Must ab. Alle ab im Zuge.) Siebente Scene. Fr. Schachtelhalm. Jeremias. Jeremias (kommt mit dem breitkrempigen Hut und mit einem kleinen Binkerl, das er an einem Stock über die Achsel trägt.) Ah! Da gehts lusti zu! Mir scheint, das sind wandernde Kunstreiter, die keine Rösser hab'n, weils mit die eigenen Füß galoppiren! (Ruft zurück:) FrauWirth- schafterin, kommend, Sie sind auch da- vong'jagt wor'n wie ich, ein gleiches Schicksal bindet uns aneinander! Fr. Schachtelh. (kommt mit 2 großen Binkeln und Schachteln, die an einem gefüllten Reisesack hängen). So, da bin i Mit meine sieb'n Zwetschgen! Jeremias. Das iS schon vielmehr Obst als was Sie sag'n; wenn man aus die 7 Zwetschgen an Röster macht, könnt' man schon im Versatzamt was drauf krieg'n. 29 Fr. Sch achte lh. Das Hab ich mir seit Jahrn Alles z'sammeng'spart. Jeremias. Ich schätze Sie hoch! Mir könnt' man so was nicht nachsag'n. Wr sich.s Die hat Geld, mit der muß ich was anbandeln. Fr. Schach telh. O, ich Hab noch mehr; ich besitz auch a Sparcassabüchel von 1000 fl. Jeremias. Na, was Sie für Vorzüge hab'n! Glücklich der Mann, der einst eine solche Frau bekommt! Fr. Schachtelh. Ja, aber es find't sich halt keiner, der mich zur Frau macht. Jeremias. Dann hab'n Sie auch, wenn ma Sie nit so recht g'nau anschaut, ganz a hübsches G'sichterl. Fr. Schachtel h. fsich beschämt stellend). O sagen Sie mir keine solchen Schönheiten ! Jeremias. Was Sie für schöne rothe Händ' hab'n! Fr. Schachtelh. Das is vom Feuer. Jeremias fergreift ihre Hand und zieht sie näher). Hab'n Sie so viel Feuer? Fr. Schachtelh. Ja in der Küchel am Herd! Jeremias. Am häuslichen Herd? O da möcht' ich mich mit Ihnen niederlassen — das heißt, wann er nit grad stark g'heizt is! Fr. Schachtelh. O Sie Schlankl! Sie wissen so schön daherz'red'n — Jeremias. Gott, was Sie für schöne Aug'n hab'n, ganz die Färb wie ich amal a blau's Westel davon g'habt Hab. Dann die Nas'n — so grad mitten im G'sicht — so eine Hab i schon lang nit mehr g'seh'n. Fr. Sckachtelh. Bitt Sie, hör'ns auf, Sie könnten Ein ordentli verrückt machen. Was woll'ns denn, daß S'gar so lieb mit mir san? Feremiaö sschlägt schüchtern die Augen zu Boden). I trau mir's nit z'sag'n — nemli nit laut — Fr. Schachtelh. So sag'ns mir'S hamlich in's Ohr. Jeremiaö fwispelt ihr etwas in die Ohren.) Fr. Schachtelh. Is das wahr? Sie san also in mi verliebt? Jeremias. Bis über die Ohren — und die sind bei mir das Höchste. Haben Sie mir nicht auch was Hamlich's zu sag'n? Fr. S ch a ch t e l h. fdeutet ja, geht zu ihm und sagt ihm ebenfalls etwas in die Ohren.) Jeremias. Einverstanden! Wir fangen a Greislerei an und mit der Butt'n auf'n Bnckel und mit der Schmalzdosen in der Hand führ' ich Dich zum Altar! lKüßt sie.) Doch jetzt b'stell ein Wag'n, daß wir mit unsere Sachen nach Wien kommen und bei der Lina wern's sag'n, wenn wir hineinfahr'n: Da kommt die Bagasch! fBegleitet sie nach rückwärts, sie geht ab, er kommt zurück.) Jeremias fallein). Heut in der Früh war ich noch ledig und in 14 Tagen bin ich vielleicht schon verheirat. Ja, der Mensch kann ein Unglück oft über Nacht hab'u! Ich wünschert mir nur, daß mir's durch's ganze Leb'n so gut ging, wie dem Pintscherl von Herrn von Knöllerl. Die Viecher sind überhaupt manchmal zu beneid'n und man möcht' ausrufen: O Du glückliches Thier! Couplet. 1 . A Schneider, der leider Kein' Zins zahl'n kann, Schaut unten im Prater Die Erdzeiserln an. Und denkt sich, wie glücklich, Wie unendlich reich Sind doch diese Viecher, Geg'n mich im Vergleich; Denn kan's zahlt ein ZinS — hat doch a Quartier, „O Du glückliches Thier! O Du glückliches Thier!" 30 2 . Mesch ores, capores," Ruft ein Banquier, „Credit sind gefallen, Schrei Ach ich und Weh!" Und lusti wie immer Empfangt ihn sein Hund, Weiß nichts von der Börse, Die richt ihn nit z' Grund Da denkt sich der Herr: — Kein Krach macht was Dir, „O Du glückliches Thier! O Du glückliches Thier!" 3. Eiu alter Verwalter Der wirft aus sein Haus Nach Zehn! den G'liebten Der Tochter hinaus Das Madel erblickt drauf Im Mondschein am Dach Ein' Kater, der schleicht keck Sein' Weiberl da nach! Da seufzt's — ach der kommt noch — nach Zehni zu ihr — „O Du glückliches Thier! O Du glückliches Thier!" 4. A Fistel-Tenoristel Is heisrig, schon wie, Da hört er vorm Fenster Laut krahn: Kik'riki! Da seufzt unser Sänger Mit heimlichem Grimm: Hat doch dieser Hahn g'wiß A göttliche Stimm', Der kräht 'S hohe A — was i Hab gar nie — „O Du glückliches Thier! O Du glückliches Thier!" 5. A Lehrbu wird prügelt Soviel als man kann. Er schaut in Schönbru n n d'rauf 's Rhinoceros an. Da hau'n grad 6 Wächter, Es theilt sein Geschick, Es spürt kane Schläg nit, Die Haut is zu dick. Hätt' ich a a solche — wie gut gings dann mir! ,O Du glückliches Thier! O Du glückliches Thier!" 6. A Mucker, a Schlucker A Witwe sehr liebt, Die s ü ß ihrem Paperl A Bußl grad gibt. Da denkt sich der Schlucker: Ganz klar seh ich ein, Man sollt' statt a Mensch Stets a Paperl nur sein! Den Tschockerl, den liebt sie, küßt'n ab schon als wie — „O Du glückliches Thier! O Du glückliches Thier!" 7. Im Erker vom Kerker Sitzt e i n Journalist, Der mit a paar Spatzen Da einkastelt ist. Er sagt: Diese Spatzen Hab'nS gut da im HauS, Die flieg'n durch die Fenster Frei ein, frei aus. Kein Spatz sitzt wie i weg'n Preß- proceß hier — ,.O Du glückliches Thier! O Du glückliches Thier!" (Nach dem Lorrplet ab.j Achte Scene. T o n e r l. Tonerl (kommt in gewöhnlichen Kleidern aus der Villa.s Der Freund meines Vaters kommt. — Ich muß ihm gleich 'S Thor aufmach'n — ja so, es is eh' offen — ich weiß vor Freud gar nit, was i thun will. 31 Neunte Scene. Vorige. Schorschl. Schorschl (kommt zur Thür und spricht). Fräula Tonerl, darf ich Ihnen a Visite machen? Tonerl. Kommen's nur, i Hab Ihnen ja eing'laden. Schorschel. I mach mein Handkuß. Tonerl. Handkuß? Gehn's, machend keine solchen G'schichten! Wenn i a schönere Kleider trag, bin i do no die alte Tonerl. Da setzend Ihna nieder! (Nimmt ihn bei der Hand und führt ihn zu dem gedeckten Tisch) — und aufgessen muß Alles wer'n bid auf deu letzten Bissen, und kein Tropfen Wein darf in der Flaschen bleib'n. Schorschl. Das is ja a ganze Tafel!? Tonerl. Ja heut wer'nd b'sonders tractirt, und wissend, warum? Weil mein Geburtstag is. Schorschl (vom Stuhl aufspringend). Ihr — ? — Da fand ja heut 19 Jahr alt. Tonerl. Wie wissend denn das so g'nau? Schorschl. Weil i bei der Tauf war. Tonerl. Und hab'n meine Eltern a rechte Freud g'habt, wie i auf d'Welt kommen bin? Schorschl. No, i glaub's! B'sonderd der Vater, er hat den klein' Nickel, der Sie damals waren, auf den Händ'n herumtrag'n, g'herzt, druckt und abbusselt — und vor Freuden g'weint wie a klans Kind — und wann i mich noch d'ran erinner', kommen mir jetzt a die Thränen in d'Augen, wann i denk, was der Mann in dem Augenblick für ein glücklicher Vater war — (verhüllt sich weinend das Gesicht und fällt mit dem Kopf auf den Tisch). Toner!. Aber Herr Schorschel, Sie san ja ganz außer sich? Kommen's zu sich — erholen Sie sich — trinkens ein Schlüpfer! Wein ! (Giebt ihm ein Glas voll). Schorschl. Dank schön — mir is schon besser. Ton erl. Und jetzt essens! Schorschl. Bin so frei! (Ißt.) Tonerl. Und jetzt will i Ihnen ein' Plan mittheileu. Ich Hab der Frau von Wallberg Alles erzählt, daß ich eine große Sehnsucht Hab', meinen Vätern zu sehen. Und mein Wunsch soll erfüllt werd'n. Sie selbst will mit mir in die Schweiz reisen, nach Zürich, wie Sie mir g'sagt hab'n — dort sott er leb'n? Schorschel. Dort war er — Tonerl. Er wird schon noch dort sein — oder wir werden erfahren, wo er iS — und wir reisen ihm nach und finden müssen wir ihn, und wär' er am End' der Welt! Schorschl. Ich glaub, daß Sie ihn nit so weit z'suchen brauchen. Toner!. Ach, wie schlagt mir bei dem Gedanken mein Herz so frendig, daß ich bald — vielleicht recht bald — ihn in meine Arme schließen kann. Schorschl. Und Ihr Vater? — Tonerl. Wenn er mich sieht, wird er eben so glücklich sein, wie ich's bin. Glauben Sie, das is ka Frend für so ein' alten Mann, wenn er auf amal a Tochter hat, die a brav's Madel iS und an ihm hängt mit einer Lieb, die er noch gar nit kennt hat? Ach, wie freu ich mich, wenn wir in die Näh' von der Stadt kommen, in der mei' Vater lebt! Wie werd' ich anfjubeln, wenn ich vor dem Haus steh, wo er logirt! Auf jed's Fenster werd ich schauen, ob er nit vielleicht herausschaut, der alte Herr mit'n grauen Kopf und mit'n lächelnden G'sicht — so stell i mir ihn vor. Dann werd' ich athemlos über d'Stieg'n laufen, an die Thür klopfen — er wird „Herein" sagen, mi groß anschau'n und frag'n, was i will. Und ich werd' ausrusen: Mein Vätern will i umarmen! 32 Schorschl. O mein Gott! Tonerl. Er wird vor mir stehen, wie Sie jetzt vor mir stehen — meine Hüg' werd'n ihm bekannt Vorkommen, er wird sich an meine verstorbene Mutter erinnern — ich seh ihr gleich — ich werd die Händ nach ihm ausstrecken — er ebenfalls die seinigen — und er wird ausrufen- Schorschl vergißt sich, streckt unwillkürlich die Hände aus und ruft mit zitternder Stimmej. Tonerl! fwill auf sie zustttrzen, besinnt sich — bleibt plötzlich ruhig stehen und feine überwältigenden Gefühle maskirend, beginnt er in lächelndem Tone.f Ich war ein' Augenblick der verrückte Schorschl! Was treib ich? Hab ich mich so lebhaft in die Sach hineindenkt — Tonerl. I a! — I Hab in mein' Gedanken schon mein' Vätern g'hört — es war aber nur ein schöner Traum! Ach warum war das nit Wirklichkeit? Schorschl. Träume gehen oft in Erfüllung: — Wartens ruhig ab — und Ihr Vater hat an Ihnen denkt und er schickt Ihnen zu Ihrem Geburtstag das goldene Ringerl — fer zieht einen Ring vom Finger.j Er is sein Ehring, den ihm bei seiner Hochzeit Ihre Mutter am Altar an den Finger g'steckt hat — und er laßt Ihnen das Beste wünschen — Tonerl/ O du theueres Angeden ken! fbetrachtet den Ring.f Es ist der Ring, den meine Mutter meinem Vätern an den Finger g'steckt hat — und die Folge davon war, daß a Jahr später die fesche Tonerl auf d'Welt kommen is. fKüßt den Ring.j Schorschl. Doch i muß fort — i weiß nit, was i red' — was i denk — möcht' Ihnen a was wünschen — doch was denn nur? Fallt mir schon ein! Ich wünsch Ihnen, daß Sie noch recht viele glückliche Geburtstäg an der Seite Ihres alten Vaters verleben möchten! Lebens wohl, Tonerl, vielleicht erfüllt unser Herrgott meinen Wunsch, und erhört die Bitte eines armen alten Manneö. fLäuft durch die Mitte ab. Tonerl betrachtet den Ring und drückt denselben an ihre Lippen.f fUnter leiser Musik fällt der Vorhang.f Hnde des dritten Wildes. Viertes Bild Großer Salon auf der Villa der Frau von Wallberg. In der Mitte ein großer Tisch mit Sofas und Sessel. An den Wänden kleine Tischchen mit Sesseln. Aus- und Eingangsthüren bei jeder Coulisse sowohl rechts als links, wie auch im Hintergründe. Beim Aufziehen des Vorhanges hört man aus dem Nebensaal eine Quadrille. Sämmtliche Gäste sind Masken und promeniren einzeln oder in kleinen Gruppen auf und ab, kommen und gehen nach Belieben. Personen die in Balltoilette sind, tragen Halblarven. Die Bedienten sind als Mohren angezogen, die mit Tassen, welche angefüllt mit Bäckereien, oder mit gefüllten Champagnergläsern, hernmgehen und den Gästen dieselben präsentiren. Erste Scene. Springerl, Fr. v. Schöberl mit ihren Töchtern Rosina, Laura und Clementine. Herr v. Stoppel, Herr v. Brösel mayer, Herr v. Hinterhuber, rc. rc. Frau von Feldern. Springerl fzu den Gästen, die herumstehenj. Meine hochverehrten Damen und Herren, um Sie mit den Lokalitäten vertrant zu machen, mache ich Ihnen zu wissen: Hier ist der große Versammluugösaal, von da aus ist links der Tanzsaal und rechts der Speisesalon. Im rückwärtigen Trakt rechts das sogenannte Gemüthliche, eine oberösterreichische Bauernstube, wo bei der Zither und süßen Holz fesche G'stanzeln gesungen werden — Alles von mir arrangirt. — Die Künstler und Virtuosen haben keinen bestimmten Ort für ihre Produktionen, sie halten ihre Vorträge nach Belieben. — Ah, da kommt die Frau von Wallberg. Theater-Repertoir »in. Zweite Scene. Vorige, Frau von Wallberg sin eleganter Balltoilette mit einer Halblarve vor dem Gesicht und am Arme geführt von Riedel.f v. Wallberg. Meine verehrte Gesellschaft! fverneigt sich.f Die Männer fkttssen ihr die Handf. Die F r a n e n fverneigen sichf. Sehr erfreut! v. Wallberg. Ich muß durch alle Säle die nächtliche Heerschau halten, um mich zu überzeugen, ob meine werthen Gäste sich amüsiren. Herr v. Stoppel. Wir unterhalten uns göttlich! Herr v. Bröselmayer. Auch nicht anders möglich! Die feinste Welt von Wien ist hier versammelt! Frau v. Schm alzl. Die Spitzen der Gesellschaft! Frau v. Schöberl. Ich und meine Töchter! 3 34 Laura. Wir fehlen auf keinem Maskenball! Rosine. Wir bilden stets den Mittelpunkt der Elite! Clementine. Und der feinen Kreise. Frau v. Feldern. Wahrhaftig! Ich sehnte mich schon lange darnach, eines Ihrer Feste besuchen zu dürfen, mir wurde so viel Schönes davon erzählt. v. Wallberg szu Frau von Feldern). Zu gütig, meine Gnädige. Um meinem heutigen Maskenball ein besonderes Lustre zu geben, wird im nächsten Augenblick eine bedeutende Celebrität hier erscheinen. Alle. Nun, und wer ist die? v. Wallberg. Jules Verne! Alle. Wie? v. Wallberg. Der berühmte französische Romanschriftsteller, der in seinen humoristischen Romanen «die Reise um die Welt und nach dem Mond" das intelligente Lesepublikum in das höchste Entzücken versetzte. — In jedem Salon liegen seine Werke in zahlreichen Exemplaren aus und diesen berühmten Mann, der auf der Durchreise ist, habe ich eingeladen in meinen Salon, um heute einen humoristischen Vortrag zu halten. Alle. Charmant! Herr v. Bröselmayer. Das wird ein Hochgenuß werden. Frau v. Schöberl. Wenn er Euch sieht, liebe Töchter, werdet Ihr in seiner- nächsten Brochure vielleicht Hauptrollen spielen. Laura. Und am Titelblatt als die drei Grazien erscheinen! v. Wallberg. Verehrte Gäste, ich finde, daß in diesem kleinen Cercle noch kein rechter Humor einen Höhepunkt erreicht hat! He Jean! Champagner! sJean und mehrere Bediente schenken ein und präsentiren den Gästen die vollen Gläser.) v. Wallberg. Doch Champagner ohne Gesang mundet nur halb — und ich singe deshalb ein heiteres Liedchen dazu. Alle. Bravo! Bravo! v. W a llb er g ssingt ein Lied mit Chor). Nehmt das Glas nun rasch zur Hand, Führt es zu der Lippe Rand, Lasset leben schöne Frauen, Die mit Liebe und Vertrauen Euch die zarten Hände reichen Und die Herzen sich erschleichen. Alle schwarzen, blonden Mädchen, Ob sie heißen Anna, Gretchen, Die stets treu sind auch geblieben Und sich ließen innig lieben, Sollen leben hoch! hoch! hoch! Chor. Hoch! hoch! hoch! v. Wallberg. Trinkt und schlürft — Chor. Trinkt und schlürft — v. Wallberg. Das edle Naß — Chor. Das edle Naß — v. Wallberg. Leert zum Rand - - Chor. Leert zum Rand — v. Wallberg. Das volle Glas! Chor. Das volle GlaS! v. W allberg. Hoch! hoch! hoch! Alle. Hoch! hoch! hoch! sStoßen mit den Gläsern an und trinken aus.) v. Wallberg. Nehmt das Glas nun rasch zur Hand, Führt es zu der Lippe Rand, Lasset leben holde Damen, Die das Herz mit Gluth entflammen 35 Welche mit dem Schnupftuch fächeln, Aus den Logen Euch zulächeln, Die mit ihren Feuerblicken Brandraketen schicken Und in manchen faden Gecken Wahre Liebe noch erwecken! Sollen leben hoch! hoch! hoch! Chor. Hoch! hoch! hoch! v. Wallberg. Trinkt und schlürft — Chor. Trinkt und schlürft — v. Wallberg. Das edle Naß — Chor. Das edle Naß — v. Wallberg. Leeret aus — Chor. Leeret aus — v. Wallberg. Das volle Glas! Chor. Das volle Glas! v. Wallberg. Hoch! hoch! hoch! IStoßen an mit den Gläsern. Frau von Wallest eilt nach dem letzten Hoch in den zweiten daal. Man hört im zweiten Salon das Orchester eine Quadrille spielen.) . Spring erl. Meine Herrschaften, jetzt beginnt die Riesen - Quadrille — bllte mir zu folgen, weil ich kein gutes ^änzerpaar entbehren kann. lAb in den zweiten Saal.) Saal)^ ^ ^rwärts - sAb in den zweiten Dritte Srene. Tonerl. Egidius. Tonerl (in prachtvoller Balltoilette). Nun, Egidi, wie g'fall ich Dir? Egidius sim schwarzen Frack, Klapphut, elegant, ballmäßig). Reizend! Ich glaub, der heilige Petrus hat 's Him- melthürl offen lassen und da' is ihm ein Engel auskommen — und der bist Du! Tonerl. Du siehst ja ebenfalls sehr fein — wie der feinste Cavalier! Egidius. Das bin ich auch! Tonerl. Aber sag mir nur, auf welchem außerordentlichen Weg hast Du denn eine Einladungskarten kriegt aus unfern Ball? Egidius. Durch einen glücklichen Zufall. — Du mußt nemlich wissen, ich bin nun der gesuchteste Friseur in Wien und allen berühmten und reichsten Männern, die im Hotel Grande absteigen, richte ich die Köpfe zurecht, das heißt: Ich frisir' sie. Ein Franzose ersten Ranges, eine literarische Capaci- tät ist gestern angekommen — man holt mich augenblicklich, um mich als Haarkünstler in Anspruch zu nehmen. Als ich den berühmten Franzosen frisirt hatte, kommt eine Einladungskarte von Frau von Wallberg zu dem heutigen Ball — er liest dieselbe und bricht in ein lautes Gelächter aus. Tonerl. Und warum denn? Egidius. Er hat aus'grufen „Die Deutschen müssen glauben, ich bin ein wildes Thier, welches nach Wien gekommen ist, um sich öffentlich ansehen zu lassen", hat die Karten mir vor die Füß geworfen und ist wüthend davonge- laufen. — Ich Hab den Eiuladungs« brief aufg'hoben — denselben eing'steckt — und bin nun damit hier als Jules Verne. Tonerl. Du wirst doch nicht wagen — 3 * 36 Egidius. Eine Vorlesung zu halten? Ja wohl! Tonerl. Dn hast ja keine Kenntnisse. Egidius. Ich habe Jules Verne's Schriften durchgelesen, auch das Con- versationslexicon und werde einen solchen geistreichen Unsinn mit einer solchen Schnelligkeit vortragen, daß die Zuhörer nit klar werden sollen, ob sie den größten Blödsinn gehört haben oder die geistreichsten Gedanken. Der aufgelegte Schnur- und Voübart gibt mir ein interessantes Aussehen und ich werde in der nobeln Welt ebenso Sensation machen wie Du — und unsere Herzen werden sich dann wieder näher stehen. Komme nnd stelle mich der Frau von Waüberg vor! Laers äu noni! Französisch i kon! xar1s2-vou8 traneais, wird geb'n a Gaude! xranäs Hetz es wird Wer'n — mit monsisur Jnlss Vsrns! Wirft sich in die Brust, reicht Toner! den Arm und geht mit ihr in den andern Salon.) Werte Scene. Jeremias fAls Mohr gekleidet, mit einer Taste feiner Bäckereien.) Pitschler, Hübler, Malzel, Gabler mit ihren Frauen und Töchtern. Me in komischen Masken.) Brüller und seine Frau. Jeremias. Jetzt Hab'- ich die Herrschaften durch alle Säle g'führt, haben Alles ang'schaut, jetzt aber müssend in's G'müthliche und sich dort still verhalten — und wann die Fräula Tonerl Zeit hat, wird sie Jhna schon a Visite abstatten. Frau Kat hi fals Gretel). Js das a Leb'n da! 12 G'frorne Hab i schon g'essen. Brüller. I 7 Pollakeln. Malzel fals Türk). Mit ein' Harlekin Hab i a Gaude g'habt. So oft er mi g'seh'n hat — und er is mir alle Augenblick begegnet, hat er mir mit einer Pritschen a Paar runterg'haut und zum Schluß den Schopf beutelt! fLachend.) Mit dem Menschen Hab i mi göttlich unterhalten. Alle. Das is halt a G'spaß! Frau Gabler. I muß g'steh'n, für mi is so a Maskenball das Höchste! I Hab mir grad die Mask g'wählt, worin ich die Herr'n zum Besten halten kann, weil's mi no jed'smal auf'n Maskenball für'n Narrn g'halten hab'n! O Gott, das is mei größte Freud, so a Unterhaltung! Jeremias. Also kommens und sag'ns kein' Menschen, wer Sie sind, weil Sie als ganz andere Personen die Eintrittskarten erhalten haben! fAlle links ab.) Fünfte Scene. fFrau von Wallberg kommt am Arme Riedels) Frau von Schöberl, Laura, Rosine, Clementine, Herr von Stoppel, Herr von Br ö s e lmaher Herr von Hinterhuber, und viele Ballgäste bilden einen Kreis um rstan von Wallb erg. v. Wallberg. Meine Herren und Damen, ich habe Ihnen für die zwölfte Stunde eine Ueberraschung bereitet. Alle. Und diese ist? v. Wallberg. Ich werde Ihm nm diese Zeit meinen Bräutigam, Herrn von Moll, verstellen. Alle. Wir gratuliren! Herr v. Bröselmayer. Und ist der Herr Bräutigam noch nicht hier? v. Wallberg. Leider nein! Auf den Flügeln des Dampfes fährt er jetzt von Hamburg nach Wien; halb 12 Uhr kommt er auf dem Nordbahnhof an, meine Equipage bringt ihn so rasche 37 möglich hieher — Schlag 12 Uhr — er ist der Mann der größten Pünktlichkeit — wird er erscheinen, und im nächsten Augenblick ist unsere Verlobung, und 4 Wochen später werde ich ihm als glückliche Gattin meine Hand am Altäre reichen. Herr v. Bröselmayer. Viel Glück! Alle. Wir wünschen dasselbe! Siebente Seene. Vorige, Springer!. Springerl svon rückwärts eintreteud). Meine Herren und Damen, ich stelle Ihnen einen der größten Männer Frankreichs vor (winkt nach rückwärts). Achte Seene. Vorige, Egidius (tritt ein als Jules Verne). Egidius. ^I688!6ur8 6t IH68 äaw68! Ich heiße Jules Verne, habe die ganze Welt umschifft, eine Reise nach dem Mond unternommen und Sie kennen meine Werke! Dieselben haben bei allen intelligenten Völkern Enthusiasmus hervorgerufen. Was ich aber Alles durchgemacht, ist noch nicht im Druck erschienen, lebt noch wie ein buntes Durcheinander in meinem Gehirn, und Sie werden mich vielleicht für einen Lügner, ein Schwindler halten, wenn ich Ihnen meine Erlebnisse erzähle, die ans Unglaubliche grenzen. Doch Alles >st Wahrheit und wird bestätigt von einem Reisekollegen, der ein blindge- borner Eremit vom Berge Prazzo ist und Alles mit eigenen Angen gesehen hat. Alle. Bravo! Egidius. Hört! hört! Verehrte Hörer und Hörerinen! Was werden Sie sagen, wenn Sie das Conservatorinm in den Dardanellen gesehen hätten? Da erblicken Sie einen zwei Meilen langen Spiegel von Jungfernwachs ausgelegt, der mit einer Stecknadel aus hölzernen Zwirn geöffnet werden muß, um die Gewitterwolken zu zerstreuen. Während dieser Zeit hört man auf dem Berliner Molkenmarkt das deutsche Vaterland singen, welches auf Richard Wagnerische Manier für die preußische Festung Spandau componirt wurde. In demselben Augenblick erblickt man einen großen Stockfisch in Felsen ausgehauen mit Vatermörder und Manschetten von Jtzig Beitel — Alles um 27 kr. — und derselbe erscheint gerade, als der Mond in's letzte Viertel tritt und als himmlischer Bäck ein Kipfel macht. Im Hintergründe sieht man ein gepolstertes Kornfeld mit chinesischen Maikäfern besetzt, die auf zahmen Apfelbäumen gefischt werden, deren Zweige aus Siegellack bestehen, und was die Schweizer einen Katechismus nennen, und der in engster Verbindung steht mit der Hin- wegschwemmung des Rollerdammes und mit den Unglücksfällen auf der Knöpferlbahn, mit der ich in 5 Minuten ab- reisen werde, und empfehle mich der geehrten Gesellschaft auf baldiges Wiedersehen im fernen Jenseits als ihr gehorsamster Weltreisender und Märchenerzähler, der als Nachfolger des alten deutschen Münchhausen sich einen neuen französischen Namen geschaffen hat und der heißt: Jules Verne! (verbeugt sich und läuft ab). Herr v. Brösel mayer. Was ist denn das für ein Mensch? Herr v. Stoppel. Der muß aus dem Narrenthurm auskommen sein. Herr v. Hinterhuber. Leben wir denn noch? So ein Mensch könnt' ein' ja z'todt reden! Spring erl. Nun bitt' ich meine Herren in den kleinen Saal mir zu folgen, 38 wo die englischen Gymnastiker ihre Pro- dnctionen beginnen. Alle. Das ist was für uns! Me rückwärts ab.) Neunte Scene. T o n e r l. Tonerl. Alles is lustig, Alles freut sich, nur i kann nit mitspringen, mitsingen, mittanzen, mitjubeln! I muß a nobles, fades Fräul'n spiel'n, g'spreizt und aufputzt herumsteig'n, wie a Pfau, der stolz im Kuchelgarten auf die Kölch- pletschen a Promenad macht. Na, diese Noblesse Hab i satt, es muß anders wer'n. Zehnte Scene. V ori g'e. Egidius. Egidius stritt ein und hört die letzten Worte, die Tonerl spricht). Das sag ich auch! So kann's nit bleib'n! (Nimmt den Voübart ab). Das Comödiespielen is aus und jetzt will i wieder so red'n, wie i immer mit Dir g'sproch'n Hab. Tonerl. Was könnt'st mir denn Du noch z'sag'n hab'n. Egidius. Daß ich Dich noch immer gern Hab — mehr noch als wie ehmals, — mit jed'n Tag. als i Di nit g'seh'n Hab, is mein' Lieb g'wachsen. Tonerl. Und die meinige is mit jedem Tag mehr vergangen. Glaubst Du, ich könnt's vergessen, daß Du mi um 2000 fl. verkauft hast? Den Zieheltern könnt' ich's verzeihen, daß sie mich um's Geld losg'schlag'n hab'n, aber daß Du inein Herz und mein' Lieb mit Wucherzinsen verschachert hast, das kann ich Dir nit vergess'n — mit nns zwei is aus! — Egidius. Aber Tonerl, Ich seh's ein — i Hab g'fehlt — mich hat das viele Geld verblend't — aber nur ein' Augenblick — seit ich's im Sack Hab, brennt mi jeder Kreuzer wie a glühende Kohl'n — und i bin da, um's der Frau von Wallberg z'ruckz'geb'n, — denn sonst geh ich in Flammen und Feuer auf, und daß i net als abbrennter Lieb' Haber vor Dir steh — rett' mi Tonerl, versöhn Di mit mir — sei wieder gut! Reich mir Dein' Hand — Dein Herz verlang i net, ich weiß's ja, das g'hört doch mein, so lang i leb! Is nit so, Tonerl? (Reicht ihr die Hand.) Tonerl. Leider. I weiß, daß Du die Wahrheit red'st in dem Augenblick! Was soll i also lügen? — Und wann Du bereust und wieder der alte Egidi bist, so bin i halt wieder Deine alte Tonerl. (Fällt ihm nm den Hals, er küßt sie) Eilfle Scene. Vorige. Frau von Wallberg. Fr. v. Wallberg. Was seh ich? Tonerl (lachend). Dasselbe was neulich i auch g'seh'n Hab, als ich plötzlich in's Zimmer treten bin, und wie der Herr von Moll, Ihr Bräutigam, Ihna ebenfalls Busseln geb'n hat. Egidius. Was die reichen Leut thnn, thnn a die Leut ans'n Volk! Für Ihnen is das a g'wöhnliche Speis, für uns aber is das a Bratel! v. Wallberg. Ich dachte, Du bist bös aus Deinen Geliebten? Tonerl. Das is bei uns nur a vorübergehendes, klanes Wetter, a paar Blitzer! — und im nächsten Augenblick scheint' schon wieder die Sonn'! v. Wallberg. Sie haben sich unerlaubt hier eingeschmuggelt unter einem fremden Namen — Egidius. Um die Gelegenheit zu finden, Ihnen die 2000 fl. wieder zu- 39 rückzugeben. sWirft die Brieftasche auf den Tisch.) Da sind die Silberlinge, mit welchen der Judas, der ich war, das Theuerste verkaufen wollte. Tonerl. So hätt'st Du damals schon reden soll'n, wie Du das Geld ang'nommen hast, dann war' ich in meinem lieben Dornbach blieben und hält' zu meinem Unglück die große feine Welt nie kennen g'lernt. v. Wallberg. Zu Ihrem Unglück? Tonerl. So ist's! Sind's nit bös, daß i das aussprich, was mir auf der Zungen liegt. Gnädige Frau, Sie hab'ns immer gut mit mir g'meint, doch alle Ihre Versuche, mich glücklich z'machen, sind Ihnen mißlungen; ich war a lnstig'S Zeiserl, die in der freien Natur ihre Liebeln g'sungen hat, seit ich aber da in ein' schön's Vogelhaus, das mit goldene Staberln umgeb'n is, eing'sperrt bin, ist's aus mit mein' guten Humor — laß 's Köpferl hängen, weil mir eins fehlt, was ich von Jugend ausi g'wohnt war — die Freiheit! v. Wallberg. Und wenn ick Deinen Käfig öffnen würde? Tonerl. Dann flieget' i lusti hinaus in die Welt und thät' Dankeslieder jubeln, weil i dann wieder die bin, die ich war, das lustige Zeiserl! Egid ius. Und ich, der lockere Zeisig, das Mand'l flieget' mit Dir! Wir baueten uns wo a warm's Nest und lebeten glückli und zufried'n wie einst der Adam und die Eva im Paradies. v. Wallberg. Nun, ich will Eurem ^lück nicht hinderlich sein. Tonerl, Du bist frei und kannst macken, was Du willst. Toner!. I küß die Hand! sThut es.) Egid ins. Detto mit Obers, so muß i red'n, weil a Milimadl mein' G'liebte sKüßt ihr die Hand.) v- Wallberg. Und was willst Du thun? " Tonerl. Grad das, was Sie machen, gnädige Frau. Sie feiern heut um 12 Uhr Ihre Verlobung und in 4 Wochen darauf ist Ähre Hochzeit, und an dem Tag, wo Sie Ihrem Herrn Bräutigam die Hand am Altar reichen, hei- rath i mein Egidi. v. Wallberg. Ich wünsche Dir alles Gute und für eine reiche Aussteuer werde ich Sorge tragen. Am Tage meiner Vermählung machen ich und mein Mann eine Rundreise durch die Welt. Nach 5 Jahren kehren wir zurück, und mein erster Besuch bist dann Du, um zu sehen, wer glücklicher geworden ist, ich oder Du. Tonerl. Gott wird's geb'n, daß wir's Beide sind. v. Wallberg. Und dann sollst Du's erfahren, weßhalb ich Deine Freundin war, weßhalb ich Deine zweite Mutter werden wollte, und welche Interessen mich fesselten, Dick glücklich machen zu Wollen. sKüßt sie auf die Stirn und geht ab.) Zwölfte Scene. Ton erl. Egid ins. Tonerl. Und nun fort! Egidi ns. Und alle Freund' und Bekannten, die im Gemüthlichen sitzen, müssen uns in ihre Wagen mit z'HauS fahr'n lassen nach Dornbach. He, j Leuteln, kommt's außa — und a die j Zitherspieler! Dreizehnte Scene. Tonerl. Egid ins. Hubler. Gabler. Malzel finit Frauen und Töchtern.) Alle. Was gibts? Egidius. Abg'fahr'n die Toner! fahrt a mit! wird! Und 40 Tonerl. Und bin wieder die, die i war, das fesche Milimadl von Dörnbach. Zithernspieler rührt euch und legts los! lSiugt.) Lied mit Chor und Zitherbegleitung. T o n e r l. ,A noble Fräula z'werden, O welches Glück auf Erden!" Hab einst i g'rufen aus. Nach meine Küh und Lamperln Und g'süllte Miliamperln Sehn' i mi wieder z'Haus, Und lach' und lach' und lach' „Die noble Welt recht aus." Chor. Die uoble Welt jetzt aus. T o n e r l. Beim „Sacher" fein soupiren, Dazu Champagnisiren, A Musik hör'n vom Strauß — Doch statt Delikatessen, Thu G'selcht's mit Kuöd'l i esseu, Js das a leck'rer Schmaus! Und lach und lach und lach „Die noble Welt recht ans" Chor. Die noble Welt recht aus. T o n e r l. Die seid'nen Kleider, den Chiguon, Wo lauter falsche Haar san dron, Den laß i da im Haus, fnimmt den Lhignon ab, legt ihn auf den Tisch.) Die eigenen Haar am Köpferl Mit g'flochtene zwa Zöpferl — fKehrt sich um und man sieht zwei lange Zöpfe.) Da schau i fesch dann aus Und lach und lach und lach „Die noble Welt recht aus." Frau v. Wallberg Mt während des Gesanges ein und setzt sich auf das Sofa). Tonerl flaust zu Fr. v. Wallberg, welche auf einem Sofa sitzt und küßt ihr die Hand, und den Refrain singend, eilt sie durch die Mittelthüre ab, alle folgen.) v. Wallberg I verhüllt sich das Gesicht). O glückliches Geschöpf! Wer wird glück- licher werden, ich oder sie? sEs schlägt 12 Uhr.) Die Stunde der Verlobung! — Ich höre seine Schritte — er kommt! — fLäuft mit ausgebreiteten Armen gegen die Thüre.) Dreizehnte Scene. Vorige. Riedel. Riedel stritt ein mit einer telegrafischen Depesche). v. Wallberg. Ist Theodor von Hamburg angekommen? Riedel. Nein! Nur diese Depesche! fGiebt dieselbe Frau von Wallberg.f v. Wallberg ferbricht mit zitternder Hand das Couvert, liest den Inhalt der Depesche, fällt ohnmächtig ans den Lehnstuhl und lispelt). Lesen Sie! Riedel fliest). „Das Bankhaus Hauer L Comp. benachrichtigt Sie, daß die große Summe, welche Sie bei uns deponirt hatten, von Herrn von Moll erhoben wurde — und dieser heute Nacht mit dem Gelde auf einem Schraubendampfer nach Amerika durchgegangen ist." v. W allb e r g fausrufend). ich unglückliches Geschöpf! fSiukt Riedel weinend an die Brust.) fBon der Straße aus hört man den Refrain des Liedes, welches Tonerl singt.) Jetzt fahr'n wir lustig z'Haus Und lach und lach und lach Die noble Welt recht aus. Chor. Und lach und lach und lach Die noble Welt recht aus. fWährend des Schlusses des Liedes fällt der Vorhang.) Ende des vierten Wildes. Fünftes Bild Großes geräumiges Zimmer. Das Meublement ist anständig, ein Sofa, Schlafsessel und gepolsterte Stühle rc. rc. Im Hintergrund ein Doppelbett. Zu dem ober'n Bett kann man nur mittelst einer Leiter gelangen. Erste Scene. T o n e r l. fEgidiuS' Frau sitzt an einem Tisch rechts und näht. Mali, Sali, zwei Mädchen von 4 Jahren sitzen ebenfalls an dem Tisch, haben Bücher vor sich liegen an« welchen sie bnchstabiren. Knöllerl und der verrückte Schorschl, beide in Schlasröcken mit Pantoffeln und Hauskappeln, sitzen an einem Tisch und spielen mit alten Karten Mariage. Ieremia 6 liegt in dem obern Bett und schläft) Mali, Sali flaut buchstabirend). b-i, bi, b—a ba, b—o bo, b—u bu! - schorschel fwirft eine Karte auf den Tisch). Treff Siebner! Knöllerl. G'stochen mit'» Zehner! Spiel'ns aus! Schorschel. Herz König! Knöllerl. G'stochen! Schorschel. Sie hab'n ein Eselsglück! Knöllerl faufspringend). Nur keine Beleidigungen! Mali, Sali. B—i bi, b —a ba, b—o bo — Schorschel. Ruhig Kinder, nit so laut buchstabir'n! Knöllerl. Man weiß gar nit, was man ausspiel'n soll, Herz oder Pique! Mali. Machen Sie kan so ein Lärm, Großvater — Sali. Wir wissen nit, ob wir b—i bi, oder b—u bu, sagen soll'n! Schorschel. Kecker Schnabel! fklopft mit der Faust auf'n Tisch). Willst still sein? Knöllerl. Ruhig! Mali. Na! Sali. Wir müssen laut lernen! fklopfen mit den Taferln auf den Tisch.) Knöllerl. Wir laut mariaschen! Tonerl fschreit laut aufs. Aber machtS do ka so an Spektakel! fschreit noch ärger:) Könnts denn nit ruhig reden? Jeremias fder oben im Bette munter wird, setzt sich auf und schreit noch lauter als Alle.) Kann ma denn nit ein Augenblick a 2 oder 3 Stund schlafen? Tonerl. O Sie Faullenzer, Sie hab'n sich z'beklag'n! Sie thun ja so nix anders, als den ganzen Tag im Bett lieg'n. Jeremias. Soll's Bett vielleicht auf mir lieg'n? Tonerl. Kinder hörtS vom Lernen auf! Nehmt Eu're Puppen und geht'S in'S Gartel und thuts sie's dort ein- schlafern! Mali und Sali fnehmen die Puppen und gehen singend in die Seitenthür ab.) Toner l. Herr Knöllerl — 42 Knöllerl. Was gibt's? Tonerl. Mir is, als hält' i in der Küchel was fallen und gleich d'rauf ein' bellerten G'witscher g'hört! Knöllerl saufspringend). Himmel! Vielleicht is mein Finettel aus der Bratröhr'n, wo er sein Betterl hat, herabg'stürzt — wenn dem Hundert was g'schechert, i thät' mir was an. sLäuft ab.) Schorschl fgeht zu Tonerl nnd streichelt ihre Wangen). Na, liebs Töchterl, Du bist ja recht fleißig und arbeit'st Tag und Nacht! Tonerl. Und 's wär gar nit noth- wendig. Vor 2 Jahren is binnen 4 Wochen 's Brüllerische Ehepaar g'storb'n und weil's ohne Anverwandten war'n, hab'ns uns die Milchmaierei mit Haus und Hof hinterlassen, 's Glück verfolgt uns orndlich. Schorschel. Du und Dein Mann hast a viel Leut zu erhalten. Du und er — san 2 Personen; dann die 2 Zwilling — so a Zwilling is grad so viel, als ob er einzeln auf d'Welt kommen war! Dann wie Du erfahr'« hast, daß ich Dein Vater bin, hast mich aus'n Armenhaus g'nommen und die paar Kreuzer Pfründnergeld reichen nit aus, so a guts Leb'n z'führ'n, wie i bei Dir Hab. Tonerl. Vater, i bin ja glückli, daß Du Deine alten Tag bei uns so z'fried'n verleb'« kannst. Ich werd Dir schon a guts Paperl kochen, daß's Dich erhalt und auf ein Rauchtabak und a Seitl Wein wird täglich a no übrig bleib'n. Schorschel. O Du gute Tochter! Und weißt, was mi freut, daß d' Leut mi nimmer für ein Bettelmann halten, der i niemals war. Der Greisler grüßt mi freundli, der Hausmeister nimmt sein'« Hut ab und ka Mensch nennt mi mehr den verrückten Schorschl. I bin aber a anders wor'n, die Sehnsucht nacb Dir hat mi oft ganz damisch g'macht und wie a Radl san mir die Gedanken durch's G'hirn g'lofen — jetzt bin i ruhig, weil i glückli bin und überall sag'n kann, Du bist mein lieb's, gut's Töchterl! sKüßt sie und geht ob.) Jeremias. So, jetzt muß i auf- stehn! sSteht ouf, im selben Augenblick tritt er einige Bettbretter durch und er steht mit den Füßen auf dem Boden.) Soll i oben hinaussteigen? Na, i kriech lieber unten durch! sKriecht unter dem Bett hervor). Gott sei Dank, daß gut ausgangen is; a Unglück auf der Knöpferlbahn is nit g'scheh'n! Tonerl. Herr Jeremias, eine Nacht Hab i Ihna bei uns schlafen lassen; jetzt schauns aber, daß z'Hans kommen zu Ihrer Frau und bitten Sie's, daß's wieder gut wird. Jeremias. Ja, die wird wieder gut! Da küßt eher der Teufel in der Höll ein' arme Seel — als mi mein Weib wieder in's Haus lasset. Tonerl. Was is denn Schuld, daß S' mit ihr net auskommen? Iere m i a s. Weil i täglich was Hab, was i nit hab'n soll! Toner!. Und das ist? Jeremias. Ein' klein Rausch! Tonerl. Und mitunter auch ein großen ? Jeremias. Nein, meine Affen sind alle von einer Gattung, haben immer die gleiche Größe. Tonerl. Können's Ihnen das viele Trinken nit abgewöhnen? Jeremias. Nein! Bei mir gehts wie auf der Eisenbahn — nach a paar Pfiff wird abg'fahrn, aber da Hab ich schon mein' Dusel! Tonerl. Könnens also nit viel vertragen? Jeremias. Das ist eben meine Krankheit! Ein Anderer kann 3 Maß trinken und d'Frau merkt's nit; kommt er z'Hans, er wird von sein Weib freundlich empfangen, besonders wenn er ein' Gugelhopf oder sonst was zum 43 Schnabuliren bringt. Die Meinige steht aber schon hinter der Thür mit ein'm spanischen Röhrl nnd da klopft's mir am Leib 's G'wand aus! Tonerl stacht). Da hat's Recht. Jeremias. Wann i schon All's verklopft' Hab, is das von ihr eine unnöthige Beschäftigung. Tonerl. Jetzt müssens halt schauen, daß Sie sich allein in der Welt fortbringen ! Jeremias. Da werd i net weit kommen! Tonerl. Sie können lesen, schreiben, rechnen — Jeremias. 6 mal 6 is 36! Tonerl. Sind noch ein junger Mann — Jeremias. 6 mal 7 is 42! Tonerl. Ihre Frau ist zwar älter! Jeremias. 6 mal 8 is 48! Tonerl. Und in a paar Jahre ist sie — Jeremias. 6 mal 9 ist 54 und 6 mal 10 is 60! So alt wird's nit wer'n und da erb' ich dann die Greis- lerei! Tonerl. Na, auf das dürfens nit warten! Sie müssen was anfangen. Was möchtens denn am liebsten wer'n? Jeremias. Hausherr vom Tratt- nerhof! Tonerl stacht). Sie haben keinen schlechten Gusto! Wo gehens denn jetzt hin? Jeremias. Fort! Aus der Welt! Tonerl. Was hab'ns denn da in dem Binkerl? Jeremias. Einen Apparat, mit dem man mit rasender Schnelligkeit in's ferne Jenseits gelangen kann. Ich Hab in der Apotheken Cyancali begehrt, aber sie hab'n mir keins geb'n. Da bin ich Zu ein' bekannten Photografen gangen und er hat mir für meine letzten paar Tulden ein' fotografischen Apparat verkauft — da ist er — auch Cyancali ist dabei — ich find's aber nit heraus, in welchem Papierl es is — mir bleibt also nix anders über, als das Ganze löffelweis zu verschlucken — und in einer Viertelstund Hab' ich schon den ganzen Apparat aufg'essen und 5 Minuten später lieg i schon vergift' wo auf der Straßen und bin maustodt! Tonerl. Da wird aber Ihre Frau desperat sein, wann's hört, Sie sein g'storb'n! Jeremias. I werd's dann auch sein, aber nachher is z'spät. Tonerl. Also, was hat Ihr Weib g'sagt, wie's gestern Ihnen davon g'jagt hat? Jeremias. Sie hat mir nach- g'rufen: wann i noch amal betrunken komm, laßt's mi nit mehr bei der Thür hinein. Tonerl. Na also, da is ja leicht abg'holsen. Jeremias. Wie so? Tonerl. Kommens amal z'Haus und hab'ns kein Rausch! Jeremias. Richtig! Auf das Hab' i noch gar nit denkt! Hätt' die Frau a Freud, waun i nach 4 Jahr'n amal ganz grad in's Zimmer kommet — ich glaub, sie wär' im Himmel — denn, wenn i nüchtern bin, was beinah noch nie Vorkommen is, hat sie mi immer sehr gern — ich sie auch — wir leb'n wie die Engeln! Tonerl. Na also — so kommend halt heut amal ohne daß S' was im Kopf hab'n, z'Haus und morgen wieder so und übermorgen a — Jeremias. Und so fort 's ganze Jahr! — Tonerl. Und Sie wer'n mit Ihrem Weib glückli sein. Jeremias. Richtig! O sie ist eine gute Seele — ich kenn's. Wann ich gebessert bin, holt's mir denn selber täglich als Belohnung a halbe oder a Maß Wein ans'n WirthshauS. Im 44 Zimmer daham darf i schon a bissel an Schwipps hab'u, aber nur uit z'Haus kommen mit ein. — I dank Ihnen Frau Hirschl, für den guten Rath. Kerzengrad will i durch die Gassen gehn und wann mich mein Weib vom Fenster aus so daherkommen sieht, wie's mich noch nie g'sehn hat, wirds mir bei der Thür um'n Hals fallen und wir werden selig sein. O war' i nur schon ohne Rausch z'Haus! Empfehl mich! (Durch die Mitte ab.) Toner! (lachend). Wenn er bei ein' Wirthshaus vorüber geht, wird's schwer möglich sein! Zweite Scene. Tonerl. Egidius. Egidius (schön fein aber vorstädtlich angezogen kommt aus der Thüre links. Er raucht eine Cigarre). So a Zweikreuzer- Cigarrl ist ein Hochgenuß — aber net, wann man's raucht — sondern wann man's so nimmt und haut's um d' Erd! — Ach da wird Ein'm gleich leichter um's Herz. (Wirft die Cigarre auf den Boden). Grüß di Gott, Tonerl! O Du liebs Weiberl! Da schau her — das prachtvolle Armband — es ist a Präsent. (Zeigt es ihr in einem Etui.) Tonerl. Ja wie kommet' denn ich zu so ein kostbar'n G'schenk? Egidius. Denk nur nach, was war denn vor 5 Jahr'n an dem Tag? Tonerl (ausrufend freudig): Unsere Hochzeit! Egidius. Und wie wir z'Haus kommen sein von der Kirchen, hat die Frau von Wallberg aus uns im Zimmer g'wart' und Dir eine Aussteuer geb'n von 1000 fl. Tonerl. O die gute Frau! Sie hat halt doch mein Glück gründ't! Egidius. Ja wohl, auf dem Geld war der Segen Gottes! Tonerl. O wann die liebe Frau, die mir a zweite Mutter hat sein wollen, die Freud sehet, wie wir zufrieden sind. Egidius. Ihr, glaub i, wird's nit so gut gehen wie uns. Tonerl. Und ihr Wunsch, — nach 5 Jahren uns aufz'suchen, — das is der heutige Tag — um mich zu fragen, wer glücklicher is, ich oder sie — geht nicht in Erfüllung! Egidius. Ja, wann wir a Hoffnung hätten, daß 's heut kommen könnt', horcheten wir ja schon lang von der Früh bis am Abend auf jeden Schritt, und wann's so auf amal anklopfet' an die Thür — (im selben Augenblick klopft es an der Thür.) Toner! (aufschreiend). Himmel! — Vielleicht — Egidius (ruft laut). Herein! Dritte Scene. Vorige. Frau von Wallberg an Riedels Arm tritt in das Zimmer. v. Wallberg (im einfachen Reise- Uebermurf). Wohnt hier Herr Egidius Hirschl mit seiner Toner! und Familie? Toner! (laut ausrufend): Ja, wir san's! (Stürzt auf sie zu und küßt ihr die Hand.) Frau von Wallberg, meine zweite Mutter! (Stürzt zu ihren Füßen.) Egidius (fällt auch auf den Boden). Und ich lieg auch da! — Die Freud — ich zitt're am ganzen Körper — mein Weib auch — heb'ns uns auf — wir sind so schwach und hinfällig, daß wir uns über uns nicht erheb'» können. Riedel (reicht beiden die Hände und hebt sie in die Höh.) Egidius. Wo san denn die Mali und die Sali? Tonerl. Bitt Platz z'nehmen! Egidius. Auf ein' gepolsterten Sessel! 45 Ton erl. Gnädige Frau scheinen müd' zu sein von der Reise. Egidius. Bitte sich nur niederzusetzen ! v. Wallberg (fetzt sich). Machen Sie sich wegen meiner keine Ungelegenheiten. Egidius. O, heut' wird's ganze Haus g'stürzt und g'wend't, der Keller muß beim Bodenfenster herausschau'n. Wo san denn die Kinder'? (Ruft in die Thüre rechts.) Heraus, junge Leute! Vierte Scene. Vorige. Mali. Sali. Mali und Sali. Waö schafft der Herr Vater? Egidius. Herr Vater! Ist das eine Erziehung! Nobel Schani! Der höhere Peter! — Der gnädigen Frau küßt's d'Hand, d'Fingerspitzeln abschlecken, Buckerl machen und schön red'n. Mali und Sali. Wir küssen die Hand! Egidius. Die Händ' sagt man, weil die gnädige Frau zwei hat. — Nun muß ich Ihnen auch sagen gnädige Frau, daß ein alter Bekannter von Ihnen bei mir logirt — (ruft in die zweite Thür rechts.) Herr Knöllerl sammt Finettel! v. Wallberg. Wie, der ist hier? Fünfte Scene. Vorige. Knöllerl (mit Finettel auf dem Arm.) Knöllerl. Was will man denn von mir? Egidius. Eine Umarmung! — Da schau'ns hin! (Deutet auf Frau von Wallberg.) Wer da is? Knöllerl. Meine verehrte Schwägerin. v. Wallberg. Mein lieber Schwager! (Reicht ihm freundlich die Hand, die er küßt.) Da treff' ich ja lauter alte Freunde aus früheren, vergangenen, besseren Zeiten — und ich fühle mich überglücklich in diesem Kreis, in dem ich mich zufrieden fühlte. Egidius. Jetzt heißt's auftragen, Hendl abstechen, Gäns, Enten, die jungen Fadeln! Tonerl. Aber wir hab'n ja keine! Egidius. So stechen wir den Finettel ab! Knöllerl. Eher mich — aber mein Finettel geb ich nicht her! Egidius. Jetzt kocht's und brat's, das muß a Tafel wer'n, wie bei der Hbchzeit von Canaan. Wir san zwar keine Juden, aber gut essen können wir auch. Tonerl, in die Kachel, Kinder helfts der Mutter beim Guglhupf-Ab- treiben, Herr von Knöllerl, richten's 'n Finetterl ab, daß er bei Tisch aufwarten kann und Sie, meine Gnädige, begeben sich in's noble Zimmer mit die rothen Sessel und ruhen sich aus. Herr von Riedel, begleiten Sie die Frau von Wallberg und lesen Sie ihr etwas vor aus'n „Krakauer-Kalender," oder „Die beiden Waisen," die schon 14 Tag aus'n Tisch lieg'n beim Lumpazivagabundus. (Riedel führt Frau von Wallberg ab. Touerl geht mit Mali und Sali. Knöllerl tragt seinen Finettel ab.) Egidius (allein). Diese Frau von Wallberg scheint auch durch die Verhältnisse etwas herabgekommen zu sein, wie so viele Andere, die recht Flausen g'macht haben. Man kann sagen! Gar ist's mit die G'schichten, der Schwindel iS aus! Couplet. 1 . Wer einst hat ein Frack tragen von Gunkel sehr fein, Kauft jetzt sich ä Jankerl vom Tan- delmarkt ein, 46 Der d'feinsten Cigarr'n hat g'raucht nur am Grab'n Klaubt jetzt alle Stumperl im Stadtpark zusamm'. Der g'wohnt hat am Ring, is in Währing jetzt z'Haus, „Gar ist's mit die G'schichten, der Schwindel is aus." 2 . Wer einstens sein Nas'n hat hoch trag'n hinauf, Der tritt' sich vor Elend jetzt selber schon d'rauf, A Dame hat g'habt sehr ein schönen Chignon, D'Frisur ganz voll Gold, wie d'Frau von Maintenon. A roßhaarens Polsterl hat's g'macht jetzt daraus — „Gar ist's mit die G'schichten, der Schwindel is aus." 3. Wer einstens a Schöne hat g'habt in Böslau, Dem g'fallt jetzt unbändi sei eigene Frau — Wer einst nur mit Pferde hat g'habt a Passion, Den stell'n jetzt d'Fiaker als Wasserer an, Und Abends geht ganz waschelnaß er zu Haus — „Gar ist's mit die G'schichten, der Schwindel is aus." 4. Ein Herr kauft in England an Mops um 10 Pfund Und jetzt is der Mann leider selber am Hund — Bei kroveneeaux hat er g'speist einst ganz hck, Sitzt jetzt in der Volksküche! wo in der Eck, Dort ißt er a Zuspeis' als leckeren Schmaus — „Gar ist's mit die G'schichten, der Schwindel is aus." 5. Für Patti und Rosst hat Einer g'schwärmt nur, 50 Gulden der Sitz — nit zu theuer, ka Spur. Mit Damen, die nicht die solidesten war'n, Ist er auf die nobelsten Bälle gefahr'n. Und jetzt führt zum Zobel a Wäscherin er 'naus — „Gar ist's mit die G'schichten, der Schwindel is aus." 6 . Wer einstens gelebt hat als feiner Magnat, Steht jetzt auf dem Hof als ein Zwie- felkrawat, Wer einst auf der Börs' Millionen verdient', Is froh, wann beim Kramer Pomeranzen er g'winnt, Auf „grad" oder „ungrad" spielt er im Wirthshaus — „Gar ist's mit die G'schichten, der Schwindel is aus. ' sGeht ab.j Sechste Scene. Frau von Wallberg stammt von der Seite links, sieht sich umj. Wenn ich dieses Zimmer betrachte, wird die Erinnerung wach an meine Kinderzeit, die ich vom sechsten bis zum neunten Jahre hier heiter verlebte. Ich und die Tonerl, die jetzige Frau des Hauses, liebten uns aus voller Seele. Hier liegen die Puppen auf dem Tisch, wie damals die uus'rigen. Wir wiegten sie auf unfern Armen, sangen sie in Schlaf und gaben ihnen Namen. — 47 Sie hat keine Ahnung, daß ich ihre Freundin einst war. Sie soll es aber heute noch erfahren. Ich werde sie an ihre Jugend erinnern, sie wird mich erkennen, und aufleben wird' in ihrem Gedächtnisse die kleine Emilie! Ah, da kommt sie! Siebente Scene. Frau von Wallberg. Tonerl. Tonerl. In der Küchel is Alles in der schönsten Ordnung. In einer kleinen halben Stunde speisen wir! Es kost' mich nur ein' Lacher, wenn ich sag so fein, als wie beim Sacher! Gnädige Frau, Sie wissen, ich Hab' immer den herzlichsten Antheil an Ihren Leiden und Freuden g'nommen — und ich muß vielleicht ein traurig's Fleckl berühren, wenn ich frag: Was haben Sie seit den 5 Jahren Alles erlebt? v. Wallberg. Sie kennen die traurige Katastrophe, daß ich eine telegraphische Depesche erhielt, daß mein Bräutigam mit meinem ganzen Vermögen von Hamburg nach Amerika die Flucht ergriffen hatte. Touerl. Ich habe Sie aber damals gewarnt — v. Wallberg. Mir fällt auch der Denkspruch des großen Dichters ein: »Was kein Verstand des Verständigen sieht, das übet in Einsalt ein kindlich Gemüth." Tonerl. Küß d'Hand für das Com- Pliment. v. Wallberg. Nach 6 Wochen erhielt ich erst sichere Nachrichten, daß Herr Moll sich in New-Aork aufhalte. — Ich unternahm in Begleitung meines Secretärs Gustav Riedel die weite Reise, um vielleicht einen Theil meines Reichthums zu retten. Tonerl. O Sie arme gnädige Frau! v. Wallberg. Wir kamen in der amerikanischen Weltstadt glücklich an. Durch geschickte deutsche Agenten entdeckten wir seinen Aufenthalt. Er bewohnte das erste Stockwerk eines schönen Palastes, und 20 Schritte vor demselben stiegen wir aus — er stand auf dem offenen Balkon, erblickte mich, stieß einen lauten Schrei aus, schlug sich an die Stirne und stürzte durch die offene Thüre in seinen Salon. Wir kamen an seine Thüre — wir klopften an — keine Antwort — auf einmal hörte man einen Schuß und den Fall eines schweren Körpers auf den Boden. 'Nun wurde die Thüre gesprengt, und was erblickten wir? Der junge Mann, er lag in seinem Blute und in der Hand hielt er krampfhaft einen Zettel, den er im letzten Augenblick geschrieben hatte — und auf diesem standen die Worte: „Lebe wohl, Emilie, ich war aus Leichtsinn ein Schurke geworden, und um eine solche Existenz nicht weiter zu führen, jagte ich mir eine Kugel durch den Kopf; der Rest Deines Vermögens liegt in meiner eisernen Cassette. Dein Dich bis in den Tod liebender Theodor. Tonerl sweinendj. 's Herz könnt ein'm brechen! v. Wallberg. Mir ist es auch gebrochen! Doch ich danke Gott, daß dieser Mann nicht mein Mann geworden ist. Tonerl. Und was war es mit Ihrem großen Vermögen? v. Wallberg. Lassen wir diese Frage — brechen wir überhaupt ab von diesem Thema! Versetzen wir uns in heitere Tage. Denken wir an unsere Kinderzeit! Ton erl. O die war schön! B'son- ders die meinige, ich Hab so a liebe Spielkameradin g'habt. v. Wallberg. Ich auch. Tonerl. Wir hab'n uns sehr gut vertragen. 48 v. Wallberg. Das war auch bei uns der Fall! Und doch ist es einmal zwischen uns zu einem großen Streit gekommen — Tonerl. Wir haben auch oft dis- putirt — v. Wallberg. Wir hatten Jedes so eine Puppe ans dem Arm, snimmt die beiden Puppen und gibt Toner! eine), und gingen auf und nieder um unsere Kinder einzuschläfern — Beide sgehen mit den Puppen auf und ab.) Tonerl. Das haben wir auch ge« than — und dazu gesungen: Eia popeia! v. Wallberg. Eiapopeia! — (Lied.) Ton erl. Du bist meine Jugendfreundin, die Emilie! (Breitet die Arme aus.) v. Wallberg. Und Du meine gute Tonerl! (Umarmt sie.) Achte Scene. Riedel, Egidius, Knöllerl, Sali und Mali. Egidius. Was gibts denn da? Eine allgemeine Umarmung! v. Wallberg. Und die Beantwortung der Frage: wer von uns Zweien nach 5 Jahren die glücklichere sei. Sie ist entschieden: Wir sind es Beide. Den größten Theil meines Vermögens habe ich gerettet — durch diesen Herrn — und aus Dankbarkeit reichte ich ihm meine Hand — und seit 3 Jahren sind wir das glücklichste Ehepaar! Tonerl. Und wir sans seit 5 Jahr'n! Egidius. Und glücklich durch uns selber word'n! Neunte Scene. Vorige, Jeremias und seine Frau . Regina. (Jeremias und Regina Schachtelhalm haben die letzten Worte Egidius gehört.) Jeremias. Und wir auch! Ich bin heut zum ersten Mal ohne Rausch z'Haus kommen und mein Weib, statt mich wie gewöhnlich durchzukarbatschen, ist mir um'n Hals g'fall'n. Wir sind jetzt ebenfalls glücklich. Knöllerl. Und ich bins auch! Weil ich meine gute Schwägerin wieder Hab und mein Hunderl wieder g'sund is. (Singt.) Nun leg'n wir uns ins Bettel Ich — und mein Finettel! Tonerl (singt). Wer's Glück nit in sich selber find't, Den lach i sicher aus — Man suchts vergebens in der Welt, Findt's nur im Familienleb'n Und kommt was Traurig'S vor> Verliert's oft Viel's, verliert's nur nit Im Unglück den Humor! Chor. Verliert's oft Viel, verliert's nur nit Im Unglück den Humor! (Allgemeine Gruppe.) Knde. Moderne chrasel. Lalyrische Zeitposse mit Gesang in 8 Bildern von Eduard Dvru. Rtnsik uom Rnpe tlmkiger «frnuz Roth. Alle Rechte Vorbehalten. Men, 1876. Verlag der Wallishaulser'lchcn Such Handlung (Josef Klemm). Stadt, Hoher Markt Nr. t. Für Deutschland und Oesterreich-Ungarn nur zu beziehen durch den Verfasser Eduard Dorn, in Wien, Neubau, Kirchengasse Nr. 10. i. Bild „Vorbereitungen." ii. „ „Der Gimpelsang." lii. „ „Eduard und Kunigunde." IV. „ „Der entführte Bräutigam." v. Bild „Machnlle." vi. „ „Das Schwindel-ConsortM auf dem Dache." vir. „ „Hochzeit oder Kriminal." vm. „ „In der Besserungs-Anstalt." Personen. Krsetzung nrn k. k. prib. Josefslndter-Thentel Baron Rinaldo Belasqnez de EazadoreS, Präsident Robert Humbug, , Direktoren . Dr. Bertram Rabe, j ^'rektoren. Eduard Fuchs, Agent. Ws^ ^ ^ ZwÄ,r s ^ ^ Lorenz Kräcker, Bureaudiener. Isidor Löwenstamm, Börscn-Galopin, später Bankier Jstvan Komlossy, ein reicher Schweinehändler aus Ungarn . . . Irma, seine Tochter. Johannes Rapagetel, Hülsenfruchthändler aus Böhmen. Babuschka, seine Frau. Hansitschkn, sein Söhnchen . Vroni Reitlinger, eine Schwäbin. Signora Julietta Pallavicini, eine Ballettänzerin. Ein Polizeikommissär. Franz Pitzberger, Corporal bei Deutschmeister. Kunigunde Blnnzerl, eine reiche Fleischselcherin, Witwe. Mali > . Fanni i Ladenmädchen bei Blnnzerl. Schwartling, Knecht bei Blnnzerl. Lorenzo Spatisaccilio, ein Salamimann. ; r-»i Herr Licbhardt. „ Tauber. „ Kraft. „ Rosö. „ Groß. „ Bittner. „ Möller „ EnderS. „ Liebwerth. „ Kräuser. „ Kü stner. Frln. Schwarz. Herr Schmutz. Frln. Kirchhofer. Kl. Höcker. Frln. Nippicher. Frln. Dory. Herr Müller. „ Himmler. Frau Schmutz. Frln. Weiß. „ Groß. „ Wallner. „ Röder. Herr Linbrunner. „ Jungwirth. Ein Oberkellner. Ein Herr. Eine Dame. Ein Proletarier. Ein Schusterjunge. Eine Köchin. Zwei Diener des Bankinstitutes. Knechte. Diener. Wachmänner. gäste. Volk. Die ersten 7 Bilder spielen im Jahre 1873, das 8. Bild 1876. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Erstes Bild. „Vorbereitungen." Elegantes Zimmer bei Rabe. Rechts ein Tisch, auf welchem ein Kaffeeservice und ein Kistchen Cigarren. Erste Scene. Rabe (im Schlafrock, eine Cigarre rauchend). Humb ttg (eben durch die Mitte eintreteud). Rabe. Ah — da bist Du ja? Seit 2 Tagen Hab' ich Dich erwartet! Nun, wie ist'S? Hast Du eine Wohnung gefunden? — Humbug (sich auf's Sofa werfend). Alles! Alles! — Laß mich nur erst ein wenig Athem holen! Rabe. Viktoria! Humbug. Ach — das hat Arbeit gekostet? Aber jetzt soll's Vergnügen beginnen! — Rabe (wartet ihm auf). Hier hast Du ein Glas MaraSquin, trinke! Aber I dann erzähle — ich stehe auf glühenden Kohlen! — Humbug. Die Wohnung Schotten- nng vw-L-vw der Börse, (trinkt) prachtvolle Einfahrt, (trinkt) Stiege mit vergoldetem Geländer (trinkt) — im 1. Stock großartige Wohnung — 8 bis 0 Zimmer — ich weiß es nicht ganz genau— aber ich hätte mich beinah' verirrt, in den Salons die herrlichsten Spiegel stänkt aus, stellt das GlaS weg und steht dann auf). Theater.Strpertotr S 13 . Rabe. Bravissimo! Humbug. Die Plafonds mit erhabener Arbeit — Alles reich vergoldet — aber ein bisserl theuer? Rabe. Was thut das? Das ist gleichgiltig! Humb u g. Ich habe auf 9 Jahre Kontrakt gemacht! R abe. Vortrefflich ! Aber jetzt müssen wir uns beeilen, das Ganze zu mö- bliren?! — Humbug. Das Ganze? Wozu? Vorzimmer, Bureaus und EmpfangS- salon sind bereits möblirt, und zwar prachtvoll! Das Uebrige benöthi- gen wir vorläufig nicht! Rabe. Schlaukopf! Das hast Du gut gemacht! Also prachtvoll möblirt? Humbug. Wahrhaft fürstlich! Ich habe deu Möbelhäudler, mit seinem Conto, der bei 3000 fl. beträgt, in 8 Tagen bestellt! Wenn wir ihm nur die Hälfte ausbezahlen können? Ich hoffe, daß bis dahin der Schweinehändler mit seinem Gelde gekommen ist! Fuchs versprach, ihn selbst herzubringen. Rabe. Apropos! Hast Du Fuchs herbestellt? ^ Humbu g. Ja! Er hat erst einen j Besuch bei seiner angeb etetenIrma, 2 » 4 der Tochter jenes Schweinehändlers, zu machen, dann wird er da sein! — Rabe. Erzähle jetzt, wie hast Du unsere Bureaus eingerichtet? Humbug. Du wirst überrascht sein! — Im Vorzimmer 2 livrirte Bediente in Roth und Gold! — Wartesalon: Nenaissancemöbel, schwere Portieren, Mosaiktisch, worauf Album mit allen Finanz - Größen von Rothschild angefangen bis zum rothen Mayer! Dann — Cassenbureaux 2 Werthheimische Nr. 1. — Gitter, Zahltische von Marmor, schwarze Pulte, Ebenholz- Imitation ! Porzellan-Aufschriften, kurz Alles ans das Exquisiteste!! — Rabe. Wen hast Du denn zn Cassieren bestimmt? Humbug. Einstweilen Hab ich einen gewissen Griff engagirt, einen Routinier ! Rabe. O weh, den kenn ich! Vergiß Dich nur nicht, ihm in Wirklichkeit Geld anzuvertrauen! ? Humbug. Hälft Du mich für so naiv? — Als Bureaudiener Hab' ich einen geriebenen Kerl gewonnen, ich kenne ihn von früher her, er heißt Lorenz Kracher und nimmt nur Dienste bei Kaufleuten, Banquiers — die im Begriffe sind, Bankerott zu machen!! — Nabe (lachend). Sehr gut! Und da er einen Bankerott definitiv bei uns v orau s s etzt — Humbug (einfallend). War er sofort bereit, in unsere Dienste zu treten! Er wird sich Dir noch heute vorstellen! Täglich erhält er 5 fl., fft ein bischen viel — aber, wir können Felsen auf ihn bauen! — Auch ist er ein prächtiger Agent für unsere Strohmänner, die wir brauchen! Er kennt unbemittelte Leute, die er für ein Billiges zn besorgen versprach! Nabe. Hast Du mit unserem Chef Rücksprache genommen — und ihm eingeschärft, daß er nicht vergessen möge, seine sämmtlichen Orden während der Geschäftsstunden anzuheften? H U M bNg (mit Emphase). Don liinal- äo Vo1n8^u62 äs Oanaäores wird Mt allen Orden besteckt erscheinen! — Rabe. Jetzt gilt es, auf unsere Vor-Annonce, die seit 8 Tagen an allen Straßenecken prangt, mit einem ausführlichen Programm in's Gefecht zu geh'n! (Er zieht ein Papier hervor.) Ich habe es aufgesetzt, hier ist es! Wir müssen mit mächtigen Posaunenstößen die Reklame blasen! (Lesend.) Das untrüglichste Mittel, um schnell reich zu werden, bietet das neue internationale Fruktiflzirungs-Raten-Renten-Jndustrial- Agrikultur-Bank-Institut. „Es belehnt die niedrigste Einlage von Baargeld mit 12^2 Perzent, und zahlt auf Wunsch der Comittenten diese Interessen im Vorhinein!" Dieser Kopf des Plakates mnß in Farben gedruckt, an beiden Seiten mit 10 Händen versehen sein! — Dann folgt das ausführliche Programm. — Von den Unterschriften muß die des Chefs in Lapidar - Schrift hervorleuchten, mit Angabe aller seiner Orden und Titel! — (gibt ihm das Papier.) Also, besorge es gefälligst, lieber Humbug! Humbug (nimmt es). Her damit! Rabe. Ah — da hör' ich Fuchs kommen?! — Zweite Scene. Vorige. Fuchs (durch die Mitte trällernd, er ist nach der Mode elegant gekleidet) Fuchs (singt die Stelle des Mafsetta aus Don Juan). Liebe Brüder, mit Leichtsinn im Herzen u. s. w. Ah, da seid Ihr ja alle Beide! Rabe. Wir erwarten Dich! Humbug. Hast Du einen neuen Fang gemacht, weil Du gar so lustig bist? 5 Fuch s.Z w e i! Zwei Fänge! Ah, die Weiber? Die Weib er! Ich sage Euch, wenn man mit den Weibern liebenswürdig ist, geht Alles in der Welt! Rabe. Erzähle! Humbug. Laß hören! Fuchs. Heute Früh war ich am Nordbahnhofe! Es ist eine Hauptfach' die Bahnhöf' im Auge zu behalten ! Man kann sich dort der Neuangekommenen am sichersten bemächtigen! Humbug. Weiser Daniel! Rabe. Rede weiter! Fuchs. Ich promenirte also in der Halle auf und ab, und suchte unter all den fremden Gestalten nach einigen, jener gutmüthigen Gesichter, die nur darauf zu warten scheinen, daß ein Netz über sie ausgeworfen wird, in welchem sie sich unfehlbar fangen! — Plötzlich seh' ich eine Familie daher kommen — M ann. Frau und ein Knäbulein! Aus ihrer Tracht, und aus ihrer Sprache merkte ich, daß sie dem Lande der heil. Wenzelskrone angehören, und aus einer üppig gefüllten Brieftasche, die die sorgsame Gattin und Mutter aus dem Busen zog, entnahm ich, daß es eine reiche Bauernfamilie sein müsse? Und so war es auch! — Aber was thun, um mit ihnen bekannt zu werden? Ich nahm wieder einmal Zuflucht zu meinem gewöhnlichen Hilfsmittel, das noch niemals versagt hat! — Die böhmische Familie suchte einen Wagen, es war keiner mehr am Platz! — Höflich trat ich an das Familienoberhaupt heran, "nd sagte: Sie finden keinen Wagen, ich habe meinen Fiaker da, erlauben Sie, daß ich Ihnen denselben zur Verfügung stelle? Der Gatte und Vater stotterte etwas wie „nobliche Herr, freundliche gütige" hervor, die Gattin, ein rundliches junges Frauchen, mit schelmischen Augen, wurde purpurroth, machte einige Buckerln, graziöse Buckerln -- die Böhminnen sind überhaupt sehr- graziös —' Rabe und Humbug (zugleich). Weiter! Weiter! Humbug. Deine graziösen Details kannst Du Dir ersparen!! — Fuchs. Also, sie machte einige graziöse Buckerln, und sagte: „Werden wir ihnen gewiß dankbar sein, für gütige Freundlichkeit, außerordentliche" — und drückte mir dabei die Hände, daß ich geglaubt Hab', sie sind in einem Schraubstock eing'spanut! In welches Hotel wollen Sie? Frag ich — „z u Schimmel weiße"! Ah, zum weißen Roß! Vorwärts also! Die rundliche bunkige, mollete Böhmin setzt sich sogleich an meine Seite, daß mir ganz heiß wurde!! — Beide. Weiter! Weiter! Fuchs. Im Hotel angelangt, mußte ich mit dem Gatten sogleich eine Flasche leeren! Er erzählte mir, daß er Hülsenfruchthändler, und nach Wien gekommen sei, um einen Theil seiner Capitalien fruchtbringend anzulegen! — Auf meinen Rath bauend, wird er Euch sein ganzes Baarvermögen, und sämmt« liche Erbsen und Fisolen der heurigen Ernte Eurem Institute zur Frnk- tifizirung übergeben! Humbug. Um diesen Artikel loszuschlagen, müssen wir uns sogleich mit einigen Strafhausverwaltungen in Verbindung setzen! Fuchs. Dazu möcht' ich nicht rathen, denn am Ende liefert Ihr für Stein und Garsten eure künftige Verprovian- tirung! ? Humbug. Impertinenter Spaßvogel?! — Aber Du hast noch von einer zweiten Eroberung gesprochen. Fuchs. Ja freilich, und was für eine? Eine Schwäbin! Denkt Euch eine Schwäbin? — Ein mudelsauberes Schwabenkind. Nundbackig, ein paar braune Aeugle, wie a Rehkitzle, a Göschele zum Küße, und a Füßele hat das Maidle, eigentlich zwei Füßle so nett und bakschirli — 6 Humbug. Aber, was geht das uns an? Rabe. Zur Hauptsache! Humbug. Trägt sie etwas dem Geschäfte? Fuchs. Höre, Humbug, bist Du ein prosaischer Mensch! Freilich trägt sie was dem Geschäft' — Aber man kann doch auch ein bisserl schwärmen?! — Humbug. Zuerst immer das Ge« schüft, dann meinetwegen schwärmen! Also? — Fuchs. 3000 fl. hat sie von einer Taut' geerbt, die sie Eurem Institute übergeben will, und sie war ganz entzückt, daß ich ihr so hohe Prozente dafür in Aussicht stellte! Humbug. Laß Dich umarmen, Du bist ein ganzer Fuchs! Rabe. Ein Goldfuchs! — Und wie stehst Du mit Komlossy? — Fuchs. Diese Angelegenheit ist perfekt! Er nennt mich bereits seinen lieben Schwiegersohn! Gestern sagte er mir, daß er Euch 100 Mastschweine, die in diesen Tagen ankommen sollen, zum Vertrieb übergeben möchte, wenn er wüßte, daß Ihr Euch damit befassen wollt!! Humbug. Alles nehmen wir, woraus man Geld schlagen kauu! Her mit den Schweinen! Das wird ein Geschäft für Dich, Fuchs! Wirf Dich mit Grazie einigen Fleischselcherinen an den Hals und schau, daß Du dabei die Schweine so hoch als möglich losschlägst! Fuchs. Kinder, ihr müßt mir nicht zu viel aufbürden? Ich habe Glück bei den Weibern, das ist wahr. Aber bedenkt, was ich Alles zu bestreiten habe! Und vorerst müssen die Bakonher doch hier sein, dann ist es an der Zeit, das schweinerne Geschäft in Angriff zu nehmen!! — (ES wird geklopft.) Humbug. Man kommt! Rabe. Herein!! — Dritte Scene. Vorige. Lorenz Kracher(trittein.) Lorenz. I bitt, ich möcht' gern zum Herrn Rabendoktor! Rabe. Zu Dr. Rabe wollten Sie sagen? — Lorenz. Ja, ja! Ist schon richtig! Humbug (;u Rabe). Das ist der neue Bureaudiener, von dem ich Dir erzählte! — Lorenz. Ja, ich wollt beim Herrn Doktor meine Aufwartung machen, damit er sieht, mit wem er'S z'thun kriegt!! — Rabe. Mein Freund Humbug kennt Sie ja, und das ist mir genügend. Lorenz (pfiffig lächelnd). Ah, freili kennt er mich, der Herr von Humbug? War ja schon zweimal bei ihm iin Dienst? Einmal vor 10 Jahren, wie er zum zweiten Mal Bankerott gemacht hat — und nachdem wieder vor 3 Jahren, wie er zum fünften Mal umg'worfen hat! — Ah, bin ganz gern beim Herrn v. Humbug g'wesen — a rarer Herr — sehr a rarer Herr!! Herrn Fuchs kenn i auch! den ehemaligen Geschäftsführer (zu Humbug) von Ihnen! — Das ist ein Schlaukel? Steigt a biß'l gern den Weibern nach — aber dafür nimmt er's mit den Wechselnnterschriften net so g'nau!! — (Zu Rabe.) Na, und was Ihnen anbelangt? Persönlich Hab' ich zwar noch nicht das Vergnügen gehabt, aber — was ich von Ihnen g'hört Hab — Ihre Eonduite — allen Respect! Ihre Vergangenheit war für mich sehr maßgebend, daß ich den Dienst überhaupt angenommen Hab! — Sie waren ehemals Notar, mußten aber dieses Metier aufgeben — weil Sie, glaub ich, einmal — aus Versehen, Waisengelder, die Ihnen anvertraut waren - haben wech sein lassen!? Darauf haben Sie längere Zeit einen unfreiwilligen Aufenthalt auf ihrem Landsitze, bei Stadt Steyr 7 genommen, ick glaube, Garsten heißt! >as Lustschloß, wo Sie ein höchst be-! chauliches Stillleben führten und nur! iner Marotte nachhiugen, die darin! estand den ganzen Tag Hanf zu upsenü! — Rabe Laß er die Auseinandersetzung >uf dem Gebiete seiner historischen For- chmigen! — Genug — wir kennen ins. Lorenz (gemüthlich). Ja wohl, und >as ist die Hauptsache, meine Herren, >ei einem Geschäft wie das Uns'rige! Nabe. Wo dienten Sie denn zuletzt, nein lieber Lorenz? Lorenz (lächelnd). O je, bei einem Zascherl! — In meinen Augen eigent- ich ein Esel! Er hat mit 40"/o aus- jeglichen! Das Hab' ich gar nicht mit mschau'n können, und bin gegangen! Lor diesem Dienst war ich bei einem Mn, das war ein Kerl! Allen Respekt! Der hat ein Modewarengeschäft g'habt, hat umg'worfen und mit 14"/<, ausgestichen! Tags darauf strahlte in seinem Äuslagekasten folgende Annonce: „Endlich ist es uns gelungen, unseren Konkursgläubigern gerecht zu werden, was uns in den Stand setzt, unser Warenlager mit halbem Verlust zu verkaufen, und hoffen wir damit das Vertrauen des Publikums zu verdienen!" Humbug und Fuchs (zugleich). Haha! Sehr gut! Rabe. Sie haben also immer bei Bankerotteuren gedient! Lorenz. Das versteht sich! Ich nimm gar keinen Platz an, wo ich einen Bankerott nicht schon in Voraus wittere! — Wissen's, wo die G'schicht recht auf'n Schwindel herg'richt wird, das san meine liebsten Platz'! Da kommen nachdem die Mündiger, die bestechen uns, um über die Lage der Herrschaft Nachricht zu erhallen; natürli steckt man 'S Geld ein, und lügt ihna ein' blauen Tenxcl vor! Die Wahrheit wird man net sagen?! Ah na! Da bin ich viel zu gewissenhaft und rechtschaffen dazn! Rabe. Und haben Sie selbst niemals etwas bei den verschiedenen Bankerotten eingebüßt! — Lorenz. Ah na! So g'scheidt bin i schon! I laß mir meinen Lohn immer im Voraus geben! — Darum bin ich auch eigentlich heut hergekommen, um mir denselben von Ihnen zu erbitten! (Hält die Hand gegen Humbug hin.) Humbug. Wie? Was ? Rabe. Sie werden doch nicht glauben — Lorenz (schnell einfallend). Daß die Herrn Bankerott machen? Ah na, das setz ich bei Ihnen nicht mehr voraus! Hnmbug. Na also? Was denn? Lorenz (lakonisch). Daß Sie eines schönen Morgens wahrscheinlich durch- brennt san — wann ich das Bankhaus aufzuspcrren komme! ? Humbug. Aber Lorenz! Fuchs (der sich Cigarren rauchend auf ein Sofa geworfen, laut auflachend). Hahaha! Lorenz. Sicher ist sicher! Seg'ns, der Herr Fuchs dort lacht schon! — Nur keine Verstellung meine Herren! Aufrichtigkeit und Ehrlichkeit gegen einander ist die Hauptfach bei unseren Geschäften! Auf 14 Tag wenigstens muß ich meinen Lohn immer im Voraus bekommen! Per Tag 5 fl. macht 75 fl. (Hält die Hand auf.) Her mit'n Mos! Humbug (hat die Brieftasche gezogen und gibt ihm das Geld). Nun, da hat er seinen Lohn! Aber, daß Er unserem Institut so wenig Vertrauen entgegen bringt, das ist nicht schön von ihm!? Lorenz (lakonisch). Na, schön ist es nicht, aber gut! Aber i bitt Ihnen, i Hab ja das größte Vertrauen, daß Sie die Leut ordentlich anschmieren werden, aber — Humbug (einfallmd). Schon gut, schon gut! Jetzt trachte er nur, daß in 3 den Kassenbureaux Alles in Ordnung kommt. Lorenz. O, da ist Alles bereits in der größten Ordnung! — Humbug. Sind die Cassen schon angekommen? Lorenz. Freilich! Die 2 Werthheimischen stengen schon oben in der Parad, und schön Hab ich's ang'füllt, schön, Sie werden a Freud haben!? Humbug. Womit denn? Lorenz. Ich Hab' bei einem Greißler 40 Pfund schönes, in Farben bedrucktes Papier kauft das Pfund um a Zehnerl! Ich sag' Ihnen's, das repräsentirt sich wie die schönsten Obligationen! Damit ist der Tresor ang'füllt! Die Banknoten- Portefeuilles stecken voll mit Hutmacher- Adressen! Schau'n g'rad aus, wie die Tausender! Zwei große Schüsseln mit Gold daneben, in einer jeden 4 Pfund Messing-Dandas, das Pfund ä, 70 kr. Na, und in den untern Fächern, stengan die Sack' mit'n Silber! — Die Kiesel- staner, die d'rinn' san, Hab' ich von der Donauregulirung g'nommen! Ich sag ihna's, wann ma' so ein'Sack hinhaut — ein Ton? Zucker! Schwör'n thuns d'rauf, daß Silberthaler d'rin san! (Zieht einen Zettel hervor.) Da Hab' ich's Zettel für die Auslagen! (Lesend.) Eine Million in Obligationen: 4 fl. 50 kr. — Goldvorrath: 6 fl. 20 kr. — Silberschatz : 50 Säcke — 14 fl. — Kostet Ihnen also das ganze Vermögen Ihres Bankinstitutes: 24 fl. 70 kr., billiger war's net herz'stellen! Fuchs (lachend). Haha! Ein Götterkerl ! Humbug. Laß er mir diese Rechnung einstweilen! Lorenz. Ah na! Es ist mir schon lieber, wenn Sie die Uebernahme ihres Vermögens gleich begleichen! Ich bin ein Freund der Ordnung! Humbug. Nun, da hat er die paar Gulden auch noch, er zudringlicher Mensch! (Gibt ihm da« Geld.) Lorenz (hartnäckig). Ja, in dieser Beziehung bin ich obstinat! Mein „Soll' und „Haben," muß immer in der Ord- nung sein! (Es klopft.) Humbng. Man kommt! Rabe. Herein! — Vierte Scene. Vorige. Kralle (tritt ein.) Kralle (mit einer Spitzbuben-Phvsiog- nomie, bartlos, immer höflich und geschmeidig) Verzeihung, meine Herrn, daß ich mir die Freiheit nehme? Humbug (erstaunt). Das ist ja - so wahr ich lebe? — Das ist ja der Kralle?! Kralle. Ja wohl, Herr Humbug! Ich habe vernommen, daß unter Ihm bewährten Leitung, ein Institut entstehe» soll, für welches Sie einige Cassiere be- nöthigen, und nahm mir daher die Freiheit, mich Ihnen als ein Solcher anzubieten! Humbug (entrüstet). Ah, da hört sieh wirklich Alles auf? Sie haben wirklich die Frechheit? — Kralle (lächelnd). Ja, warum den» nicht? Humb u g. Ja, ist denn Ihr Ge- dächtniß wirklich so kurz, daß Sie nicht mehr wissen, was zwischen uns vorge fallen? — Kralle. Ah ! das weiß ich sehr gut! Sie meinen wegen den lumpigen paar Gulden, die ich damals Ihrer Cassa entnahm? Ich bitte Sie? Das war ohnedies nur das Geld Ihrer Gläubiger?! Und Sie werden mir doch nicht weiß mache» wollen, daß Sie bei dem Institute, welches Sie jetzt in's Leben rufen, ehrliche Cassiere anstellen wollen? Die könnten Sie ja gar nicht gebrauchen! ^ Wär' auch die größte Blamage! Nein, nein, nehmen Sie nur wieder mich, und ich gebe Ihnen mein Wort, Sie sollen Ihre Freude an mir haben! 9 Humbug. Jetzt, was sott mau dazu sage» ? Kralle. Gar nichts, als daß Sie mich mit einem hohen Salair enga- giren! — Alle (lachen). Humbug (vor Wuth lachend). Hihi! Meine Freude werd' ich an ihm haben? Hehe! Einen notorischen Dieb! — Danken Sie Gott, daß ich damals ein Auge zudrückte, und Sie nicht der Behörde anzeigte. Kralle (wirft ihm lächelnd einen Blick zu). Sie wußten wohl, warum Sie es unterließen, Herr Humbug. Humbug. Nun, warum denn? Kralle. Sie werden mir einränmen, daß Sie es nur mir danken, wenn Sie bei Ihrem letzten Bankerotte nur 3 Monate bekamen. Hätte ich gesprochen, wären wohl mindestens 3 Jahre daraus geworden! — H u m b n g. Lächerlich! — Der schleckte Geschäftsgang, unverschuldete Unglücksfälle, dann der Brand im Magazin zwangen mich znm Konkurse! — Sie sind ein unverschämter Mensch! Dort ist die Thüre! Kralle (bleibt lächelnd stehen). Ihre unverschuldeten Unglücksfälle bestanden wahrscheinlich darin, daß Sie 40 Kisten feine Waare um den halben Einkaufspreis nach Odessa und Bukarest verkauften ! Humbug. O verflucht! Kralle (näher kommend). Und was jenen Magazinsbrand betrifft, so hatte ich damals Gelegenheit Ihre Talente um ein neues bewundern zu können; denn ich wußte bis dahin nicht, daß Sie ein ganz perfekter Kunstfeuerwerker, ein zweiter Stuwer sind! Humbug. Wie? Was? Kralle (leise und schnell). Ich sah durch das Schlüsselloch der Magazins- thüre, als Sie die große Flasche Petroleum über leere Kisten, Packpapier und alte Waarenreste goßen, und daun — Humbug (hält ihm den Mund zu). Pst! Kralle (laut). Nun? Hab' ich Hoffnung? Humbug. Hm! Sie sehen ja als Cassier viel zu jung aus? Man kann kein Vertrauen haben, wenn man Sie ansieht? Dieses bartlose Gesicht! — Kralle. Ich werde mir einen Bart anfkleben. Fuchs (sieht ihn an). Wenn er sich einen Bart anfklebt, dann kann sich's machen. Rabe. Ich denke auch! Loren z. Engagirens nur den Herrn Kralle, da giebt's a Hetz! Ein alter Bekannter ist er auch von Ihnen, also haben Sie sich wenigstens nicht zu geniren ! — Humbug. Wie viel Gehalt verlangen Sie? Kralle. Ich glaube 300 fl. monatlich ist nicht zn viel? Humbug. Was fällt Ihnen ein? Lorenz. Er wird schon handeln lassen! Kralle. Unter 200 könnte ich aber die Stelle nicht annehmen! Lorenz. Aha! Humbug. 125 fl. monatlich, keinen Kreuzer mehr! Kralle (schnell). Abgemacht! Geben Sie mir die 25 fl. als Vorschuß, denn ich sitze auf dem Trockenen! Humbug. Das auch noch? (Zieht die Brieftasche und zählt ihm das Geld auf.) Sie sind ein schöner Gauner! 5— So ein Spitzbub! 10 — Wenn ich nur könnte, wie ich möcht! 15— Ihnen zahlet ich anders aus! 20 — Sie sollten mir d'ran denken! 25 — Die hättens verdient, aber mit einem Haslinger! Das sag' ich Ihnen aber auch gleich: Geld kriegen Sie nicht einen rothen Groschen unter die Finger! 10 Kralle. Wozu brauch ich eine leere Cassa? Wenn ich nur das Vertrauen meiner Herrn Chefs im Uebrigen besitze! (Mit einer Verbeugung.) Humbug. Verhöhnen will er uns auch noch? O Sie Musterbild aller Cassiere! (Er nimmt ihn beim Kinn.) So jung, so schön, und schon so ein Grasel. Kralle. Früh übt sich, was ein Meister werden will! (Verbeugt sich vor Humbug). Schlußgesang. Alle (fingen). Wir sind nun beisammen Die Ritter von Griff, Die Gimpel zu fangen Mit Vorsicht und Schiff! Fruktifiziren Leute anschmieren, Fremde znführen, Die's Geld verlieren, Ist unser Amt Bald wird's bekannt! Repetition. Per Vorhang Mt. Zweites Bild. „Der Gimpelfang." Elegant und geschmackvoll eingerichtetes Cassen-Bureau. Rechts eiue Barriere mit Zahltischen von Marmor, darüber 2 Aufschriften: „Einzahlungs-Cassa" und „Auszahlungs-Cassa," die beiden feuerfesten Cassen dahinter, in der früher beschriebenen Weise angefüllt. Links 3 Schreibtische, hinter welchen die Buchhalter sitzen, vor ihnen große Bücher. Elegante Sofa's und Stühle. Links 2 Thüren, über der einen die Aufschrift: „Chef" über der anderen „Wartesalon.* Wenn die Mittelthüre aufgeht, sieht man in ein elegantes Vorzimmer. Erste Scene. Baron Ninaldo. Humbug. Rabe. Lorenz. Griff. Kralle. Die 3 Buchhalter. 2 Diener in gestickten Livreen. Humbug. Na, was sagst Du? Wie gefällt Dir das Haus, das Meublement, die ganze Einrichtung! — Rina ld o (mit 3 Orden an der Brust). Es ist Alles prächtig und magnisique, das Entree, der schöne Empfangssalon, und das Cassen-Bureau hier! Rabe. Alles geschmackvoll und nobel! Humbug (auf die Diener zeigend). Sieh Dir einmal die Diener an? He? Was sagst Du? Rinaldo. Prächtig! Die Kerls strotzen ja von Gold? Humbug. Nicht wahr? Sind auch schon vorzüglich dressirt! (Zn den Dienern). Was habt ihr zu thun, wenn Leute kommen? Erster Diener. Unter Komplimenten die Thüre aufreißen. Zweiter. Ihnen die Röck' auszieh en ! Erster. Wenn's fortgehen, anziehen helfen! Zweiter. Wenn die Herrschaft ver- längnet sein will — Erster. Niemanden herein lassen! Zweiter. Wenn Jemand grob wird — Erste r. Hinauswerfen! Lorenz (einfallend). Ah na! Das ist mein Geschäft, das werde ich besorgen. Humbug Also geht jetzt auf Euren Posten! (Die beiden Diener durch die Mitte ab.) Humbug (zu Griff und Kralle). Hier hast Du unsere beiden Cassiere! Herr Griff, stellen Sie sich einmal an die Cassa, will sehen, was Sie für einen Eindruck machen. (Sie stellen sich an die Cassen.) Rinaldo (besieht sie von der Ferne durch'S Lorgnon, und sagt dann leise zu Nabe:) 12 Die Kerl's sehen wie ein paar Ganner aus! ? H n m b u g (arr-mgirend). Nehmen Sie ein Portfeuille in die Hand, und thun Sie, als ob Sie viel Geld einzunehmen hätten! — Griff 1 stellt sich in Positur). Das werde ich wohl treffen! Das Auszahlen würde mir wohl schwerer fallen! — Humbug (sieht ihn von allen Seiten an). Machen Sie keine faulen Witze! — Na — es geht! — Ein Bischen mehr Aplomb und Würde könnte nicht schaden! — Setzen Sie einmal eine Brille auf! Griff (thut es). Hab mir schon eine zurecht gelegt! — H n m bug (sieht ihn an). Ach ja! Das ist gleich etwas Anderes! So laß' ich mir's gefallen! Jetzt sehen Sie Vertrauen erweckend aus! — Lorenz (für sich). Ich gebet ihm kein Sechserl aufz'heben! — H n m bug o ma miteinander zu wirthschafte an- Mge könnte! — Der Herr Füchsle, den i am Bahnhof kenne g'lernt Hab', M wie i akomme bin, hat mir verkoche, daß er an mei G'schwisterkind schreibe wird! Ja! O, der Herr Füchsse Theater-Ripertoir S13. ist gar a brav'S Herrli und hat so viel a aufrichtig'- und ehrlich'S G'sichtle! Net wahr? Humbug. Ja, das versteht sich! Die Rechtschaffenheit selber! — Vroni. Gelt? Und er Hot mir halt den Rath gebe, i sollt mei' Geld einstweile bei Ihne aufhebe gebe, damit 'S ma nit g'stohle wird, und i könnt a Interesse dafür erhalte, meint er? Humbug. Das versteht sich! 12^2 Perzent pr. Anno, macht vierteljährig für 3000 fl. 93 fl. 75 kr. Wo haben Sie die 3000 fl. Vroni (zieht das Packet aus dem Busen). Da, da Hab ich'S! Es sind aber nur würtebergische Gulden? Humbug. Das macht nichts, nur her damit! (Nimmt ihr das Geld ab.) Auf die Empfehlung des Herrn Fuchs wollen wir Ihnen das Geld ab nehmen! Vroni. O Du lieber Heiland von Scherzlinge, Sie sind gar zu gütig. Humbug. Wollen Sie die vierteljährigen Perzente im Voraus? Vroni. B'hütS! O nein! I laß' z'sammkomme und anwachse bis mir Hochzeit mache, i und mei G'schwister- kind! Einstweile aber geh i in Dienst, ja! Bin ja a g'lernte Köchin! Freili! Humbug (zum Buchhalter). Eröffnen Sie einen Conto über 3000 fl., wie heißen Sie? Vroni. Veronika Reitlinger, aus Gundelfinge, Bezirk Scherzlinge, Kreis Eßlinge, 5 Stunde von Stuttgart, der Hauptstadt im Schwabeland.Das Schutz- pockenzeugniß Han ich a bei mir! (Will es hervorziehen.) Humbug (sie verhindernd). Das ist Alles nicht nöthig! — Vroni. So? I Hab' glaubt! (Wen- det sich und sieht Lorenz, der Säcke über die Bühne schleppt.) Sie! WaS schleppe Sie denn da — in die Säck? Lorenz (stellt die Säcke hin). Lauter Silberthaler, aus der Nationalbank! — 2 18 Vroni (staunend). Lauter Silberhaler ? Ach, Du mei Hergöttli! (Schnell' zu Humbug.) Sie, Herrli! Wann i mei Geld wieder hole thu, könnt ich's net in solchene Silberthaler ausbezahlt kriege? — Humbug. O ja! Den Gefallen können wir Ihnen schon thun! Vroni (freudig). Ja? — Nu so dank' ich ihne im Voraus dafür! (Zu Lorenz.) Wie viel ist denn drinn' in so a Sack? Lorenz. Tausend Gulden! Vroni. Da krieg ich nachher 3 solchene Säck, nit wahr? Humbug. Das versteht sich! Vroni. Lasset mich einmal ein' aufhebe! (Sie thut es.) Uf! Ist das aber schwer? Ma sollet frei meine, es sein lauter Steiner drin, so a G'wicht hat's?! Lorenz. Ja! O ja!! — Humbug. Treten Sie jetzt einstweilen hier in diesen Salon! Die Quittung sollen Sie dann erhalten! Vron i. Na, da hab'n wir aber nach- herscht schon zu schleppe, i und mei Deutschmeister, wenn wir unser Geld wieder abhole komme?! Aber die Silberthaler sind halt gar so viel e schönes Geld!! (Wirft einen sehnsüchtigen Blick auf die Säcke und geht in den Wartesalon). (Wie Vroni ab ist, setzt sich Alles erschöpft nieder und ruht aus.) (Pause.) Humbug. Laßt uns ein wenig Athem schöpfen! L orenz (sich setzend). Ja, es ist sogar nothwendig, denn ich muß aus meinem Buckel schon Hühneraugen haben! Kr al le (grinsend zu Humbug) Ich bitte, wollen wir das Geld, was Sie soeben eingenommen, nicht in die Kasse legen? Humbug (Hönisch lachend). Ach, nein lieber Kralle! Das wollen wir nicht thun?! — Kralle. Ei ei! Wie vorsichtig Herr Bureauchef? Humbug. Ja, Vorsicht ist die Mutter der Weisheit! Lorenz. Ganz richtig! Und der Hm v. Humbug wäre der Vater der Dummheit, wenn er Ihren Händen das Geld anvertrauen wollte! — Kralle (tänzelt auf seinem Platz hin, und singt dabei den Anfang der Arie aus k'r» Oiavoio.) Trala la la la! (Es läutet.) Humbug (springt auf). Schnell auf die Plätze! Leute kommen! (Alles rennt wieder geschäftig hin und her, die Cassiere an die Lassen, die Buchhalter zn ihren Pulten u. s. w. Fünfte Stelle. Vorige. Komlossy und Fuchs (werden unter der Thüre sichtbar.) Komlossh (blickt sich verwundernd um, er ist im Nationalkostüm). ^2 esoää- latOSÜN 826 p! Humbug (herumschießend). Eilen Sie sich mit den laufenden Parteien fertig zu werden, Sie müssen dann noch den Londoner Wechsel mit 12000 fl. bei Königswarter einkassiren! (Zum Buchhalter.) Haben Sie die 8000 Napoleondor, die wir von Epstein erhalten, abgeschrieben? Ja? Gut. (zum Cassier.) Die 80.000 Dollars müssen noch auf das Haus Schnipferig in Philadelphia gezogen werden! Fuchs (ihm in den Weg tretend). Hier ist Herr von Komlossy, von dem ich Ihnen erzählte, daß er ein kleiues Kapital ihrem Institute zur Fruktifi- zirung übergeben will. Komlossy (reicht ihm die Hand). ui'ÄsäAOLtsI! Ich bin so frei, und habe mir erlaubt — . , Humbug (wie zerstreut). Ach ja, Ich erinnere mich! Komlossh. Ilrum Fuchs, mem zukünftiger Schwiegersohn, hat ni>r gesagt, Sie werden belieben — 19 Humbug. Wie viel wollen Sie m, bei uns einlegen? Komlossy. Vorläufig wenn Sie Heben, Hab ich 10.000 fl. da! Humbug (lächelnd). 10.000 fl. Ich eiß wirklich nicht, ob ich einen so einen Posten noch annehmen darf? nsere Unternehmungen und Spekula- onen sind so großartig, daß ein so einer Betrag uns nur Unannehmlich- iten verursacht. Komlossy. O war mir aber leid? Humbug. Warten Sie, ich will 1 unserem Chef anfragen! (Geht an die hüre links.) Herr Baron, ich bitt auf n Wort. Rinaldo. (erscheint an der Thüre). Zas wünschen Sie? Humbug. Dieser Herr wünscht sich it einer Einlage von 10.000 fl. bei iseren Unternehmungen zu betheiligen! l ist durch Herrn Fuchs an unser M empfohlen. Rinaldo (scheinbar verstimmt darüber), der Sie wissen ja, daß wir so kleine eträge nicht acceptiren können? — Humbug. Ich dachte, Herr Baron, eil Herr Fuchs den Herrn bereits lipfohlen — Rinaldo (hinwerfend). Mag's drum n, Herrn Fuchs zu Liebe! — Aber Zukunft bitte ich alle Beträge, die ^000 fl . nicht übersteigen, zurückzu- sisen! An dieser Usance wollen wir Halten! (Dreht sich um und geht wieder lein). Komlo ssy (zu Fuchs). Laratorn, Hab' !. Ihnen zu verdanken! (zu Humbug.) E ich gewußt, daß Sie belieben so he Perzente zu bezahlen, hält' ich noch uiges Geld, was Hab' ich zu Haus Hssen, auch noch mitgenommen! Humbug. Wieviel haben Sie noch Hause! Komlossy. Ao llät, werden seiu so ' vls 15.000 fl. Werd' ich aber gleich selben meiner Frau, daß sie mir.das ^ soll herschicken! Humbug. Daran werden Sie gut thun! Denn bei größeren Einlagen zahlen wir 13 bis 18 Perzent! Komlossy (sich kratzend). Ioi, joi! Thut mir aber leid! Fuchs. Herr Komlossy hat mich ersucht, bei Ihnen zu vermitteln, daß Sie ihm eine Sendung Schweine, die heute angekommen, durch Ihr Institut zum Vertrieb übernehmen, das Geld hiefür einkassiren, und auf seinen Konto gutschreiben. Komlossy. Wenn es wär möglich möcht ich bitten darum! Humbug. Eigentlich ist es kein angenehmes Geschäft, aber da Sie mit unserem Hause in Verbindung stehen, so wollen wir ein Auge zudrücken. Komlossy. LÖ 82 ÖNÖW, urain! Das ist sehr gütig von Ihnen. Humbug. Wie viel Schweine sind es? Komlossy. Sind g'rad hundert Stück Bakonher! Aber da ist keine unter 3 Centner! Humbng. Haben Sie die Frachtbriefe bei sich, damit man die Sendung beheben kann! Komlossy (Zieht die Brieftasche). Wenn Sie belieben, da Hab ich Alles! Hier ist der Frachtbrief, Fracht bis Wien ist schon bezahlt! (Gibt ihm die Frachtbriefe.) Humbug (ruft zum Buchhalter hinüber). Also eröffnen Sie einen Konto für Herrn Komlossy! Nr. 1. 10000 fl. baar zu 12^2 Perzent. (Zu Komlossy.) Wo haben Sie das Geld? Komlossy (gibt es ihm). Hier belieben! Sind lauter Tausender. Humbug (nimmt es ihm aus der Hand). Nr. 2. 100 Stück Schweine, zum Vertrieb nach Marktpreis, Erlös auf Rechnung als Einlage, ebenfalls zu 12^ Perzent! Fuchs (leise zu Humbug). Biete ihm die halbjährigen Zinsen an! Humbug. Aha, damit er das andere Geld auch noch herbringt! 2 * 20 Komlossy (hat sich während dessen staunend umgesehen). Lorenz (kommt mit Säcken). Die 50.000 Silber-Rubeln aus Petersburg hier angekommen, wo sollen wirs hinwerfen? (Läßt einen Sack auf Komlofsy'S Füsse fallen). Komlossy (aufschreiend). Au! ^.n^am ! Oj! Oj! Humbug. Kann er nicht ein wenig aufschauen? Lorenz. Ja, ich bitt', der eine Sack is so viel schwer, i hab'n nimmer erhalten kinna! Humbug (bei Seite). Spitzbube! (Laut.) Werfe er die Säcke dort in die Ecke! Wenn das Geld darin kontrollirt ist, kommt es zur Anglobank als Zahlung! — Herr von Komlossy wünschen Sie die halbjährigen Zinsen in Vorhinein ? Komlossy. Wenn Sie belieben, möcht ich schon bitten gefälligst, weil ich mich Hab' ganz ausgegeben einstweilen! Humbug. O Sie können auch gleich die ganzjährigen Zinsen beheben, wenn Sie es wünschen? Komlossy. Nein, bitte, das wäre zu viel verlangt! Jetzt brauch ich nicht, sollte ich benöthigen, werden Sie belieben mir zu zahlen, nicht wahr? Humbug. Zu jeder Stunde mein Herr! (Zum Buchhalter.) Also die halbjährigen Zinsen in Vorhinein betragen 625 fl. (Zu Kralle hinüber rufend.) Haben Sie so viel kleine Noten in der Kassa? Kralle (spitzt). Nein! Ich wollte eben in die Bank schicken! Komlossy. Belieben Sie vielleicht in der Nähe wechseln zu lassen? Kralle (kommt schnell vor mit gierigen Blicken). Ja, ich bitte! — Ich werde zu unserm Nachbar eilen! In einigen Sekunden bin ich wieder zurück. (Er spannt die Finger aus.) Komlossy (nimmt rasch aus den Händen Humbugs, der gerade die Tausender in der Hand aufgeblättert hält, um sie zu zählen, eine Banknote weg, sie Kralle hinreichend.) Sein sie so gefällig und belieben Sie, Herr Cassierer? Kralle (nimmt den Tausender rasch und stürzt damit ab). Ich beliebe! Ich eile! Ich fliege! (ab.) Humbug (schnell bei Seite). Höll und Teufel! Den seh' ich nimmer wieder! (Will rasch nach.) Komlossy (nichts ahnend hält ihn fest). Ich möchte Sie bitten Larolom — wenn Sie belieben — mich vorzustellen dem Chef des Bankhauses — weil ich ihn möcht einladen zur Verlobung meiner Tochter. Humbug (macht Fuchs ein Zeichen). Das wird Herr Fuchs besorgen! Ich muß schnell dem fortgerannten Kassier etwas Nachrufen ! (Er winkt Lorenz, Beide schnell durch die Mitte ab.) Fuchs (schnell). Kommen Sie, ich führe Sie zum Chef des Hauses - indessen wird man Ihnen hier Ihre Papiere ausfertigen! (Nimmt ihn untem Arm.) Komlossy. Ü6l^686n! äer^k! Lieber Freund, mir ist ein Stein vom Herzen, daß mir die Herren haben abgenommen das Geld?! Und weil ich Hab' mit Schweine jetzt auch nichts zn schaffen, — wollen wir uns unterhalte»! MüssenS mich herumführen in Wiener stadt, Wissens — (heimlich) wo sei» schöne Madel? Fuchs (drohend.) Aber! Aber! K omlossy (im Abgehen). Pst! MM A^ümötv8 lexeckesedb! (heimlich lockend.) Io! Ixen ^'o! (Beide links ab.) (So wie die Beiden ab sind, hört Alles z» arbeiten auf und ruht sich aus.) Humbug (kommt zurück). Weg? A»I und davon! Der Hallunke ist durchgegangen ! Ich mußte nur schnell selbst wech seln gehen, damit wir ihm die Interesse» ausbezahlen können. 8 or enz (kommt athemlos.) Humbug. Nun? Lorenz (setzt sich erschöpft). ^ ist pfutsch! — In ein Komfortable » 21 er hinein g'sprungen — und hat mir! noch eine lange Nasen herauSg'macht! — Humbug. Was soll ich machen? Lärm schlagen — zur Behörde laufen -darf ich nicht! Hol' ihn der Teufel. Lorenz. Den Grasel! Humbug (sieht gegen die Thüre). Still. Man kommt! Schnell an die Arbeit! (Alle- rennt wieder geschäftig hin und her.) Sechste Scene. Vorige. Napagetel. Babuschka mit dem K n a b e n, Vroni (aus dem Wartesalon). Vroni (zu Humbug). Verzeih'n Sie — aber mir wären da drinne bald die Auegle zug'falle! Mit die Leut da kann i Schwabekind net rede! Ich versteh' »et a' Wörtle von ihrer Sprach? — Was sind's denn für LandSleut? Humbug. Edle Böhmen! Vroni. Ei, was der Tausend? Böhme seinS? — Sixtes! SixteS! — Das ist so viel als wie Mausefallehändler. die die Reindle z'sammbinde, net wahr? Humbug. Was fällt Ihnen ein? Napagetel (pikirt). Was sagte Schwäbin, daß san'S me? MauSfall- händler? Humbug. Beruhigen Sie sich! Babuschka (ärgerlich). Mi san'S me Nation königliche! Mi Habens me Krone von WenzeSlauS Heilige af Kupp! Napagetel (einfallend). Und Löw vrüllete mit Schwas in duppelte Wappen! Babuschka. Schwabin dalkete! Broni. I du meiü I haa ja nichts vogege eiz'wende? WillS ja gern glaube. Ihr die Krön vom heilige Wenzl, !" vure Kopp habt? Meinetwege! Deß- halb brauchtS mi net glei so angfahre! "7 Bei mir daheim sein ebe die Böhme Zigeuner!! Napagetel. Was — Zigeuner? Humbug (dazwischen). Ich bitte, meine Herrschaften! Fechten Sie diese Nationalitätsanschauungen aus, wo Sie wollen — nur nicht hier, wenn ich bitten darf! (Nimmt vom Buchhalter die Papiere, zu Brom.) Hier haben Sie die Empfangsbestätigung für ihre Einlage. Vroni (nimmt den Schein.) Ja. ja! Na, i geh' schon! SeinS Sie so gütig und sage Sie dem Herrn Füchsle, daß er mir d' Antwort aufs Briefle, was er mei Bräutigam g'schriebe hat, glei bringe soll, wie er mirs verspreche hat! Gelt? Humbug. Ja, ja! Ich will- bestellen ! Vroni. Na, so lebe Sie jetzt wohl! (Zu Napagetel.) Und nix für ungut, Herr kölnischer Löw — mit der heiligen Zigeunerkron! (Ab.) Napagetel. Schwabin dalkete! Hat kein Begriff, was isse Nation politische, freiheitliche! Babuschka. Aerger di nit! Napagetel. A do muß me sich giften — hört me so was? Rastelbinder — Zigeuner! Babuschka. Isse halt schwäbische Dalkete. Hanschitzku. Maminka! vei mi Gollatschen, welki? Babuschka (gibt ihm eine sehr große Gollatschen). Da hast — aber jetzt meltacll ! Humbug. Hier, Herr Napagetel, haben Sie Ihre Papiere! Napagetel. Aha! Aha! Also können mir jetzt geh'n? Ist alles in Ordnung, nicht wahr? Humbug. In der schönsten — darauf können Sie sich verlassen! — Babuschka. Bitt ich Ihnen gar- schön — wenn Sie sengS Herrn Fuchs — laß ich ihm bitten, sollt er uns besuchen — weil hat uns versprochen — wird er uns führen in Prater nubliche, wo isse der WurschthannS — und auf Schönbrunn, wo sanS da Hellefant, und Vieche, wilde, gräßliche! Und wo isse 22 Schwende mit Garten mit Musik Strau- ßische, wo kann ich tanzuwat, mit Beleuchtung bengalische! — Humbug (begleitet sie gegen die Thür). Ja, ja! Ich werd's bestellen! Babuschka (schüttelt ihm die Hand). Also, bleibn'S me b'hüt Ihne Gott! Napagetel. Lebns mi g'sund! (Beide wollen ab.) Löwen st amm (stürzt herein). Hab' ich Ihnen gesagt, ich brings zu was? (Rennt Napagetel übern Haufen). O Verzeihung! Napagetel. O isse gern g'schehn. (Napagetel mit seiner Familie ab.) Löwen st amm (sehr rasch in höchster Ex. tase). Nu — was Hab ich Ihnen gesagt? Wie steh' ich jetzt da? Seh'n Sie mich an! Seh'n Sie mir nix an? So seht n' künftiger Millionär aus! — umbug. Potztausend! öwenstamm. Von jetzt an heißt es nix mehr! Renn! Löwenstamm renn! Verlierst de auch die Absätz von die Stiefel, verdienst Du Dir doch a paar Sechserl! „Es hat sich ausgerennt!" (Steckt beide Hände in die Tasche.) So sieht'n künftiger Kapitalist aus! Humbug. Sie?! Löwenstamm. Ja, ich, wie Sie mich da ansehen! Vor 2 Stunden noch a Schnarrer, jetzt e' angehender Rothschild! Heißte Kopp? Heißte e' Spekulationsgeist?! Hab ich Ihnen gesagt, ich brings zu was. „Bin ich e Genie?" Humbug. Aber wie so denn, mein lieber Herr Löwenstamm. Löwenstamm. Aha! Jetzt bin ich auf einmal der liebe Herr Löwenstamm! Früher hat es geheißen: „Rennen Sie dahin! Rennen Sie dorthin." Ka Herr, ka nix! So ändern sich die Zeiten und die Sitten? Jaaaü! — Vielleicht sehen Sie in mir sogar noch einmal — a Baron Löwenstamm! — Alls meinen rothen Kopp haben Sie sich bis jetzt auch immer Witze erlaubt? Hat auch aufgehört! Von Morgen an erschein ich verschwürst an der Börse! Wie e Italiener — wie e echter Spaniol wert ich auSsehen! — Französisch werd ich lernen — Singen werd' ich lernen - Deklariren werd ich lernen — Theaterspielen — Alles, Alles werd ich lernen. In die feinsten Soäereien werd ich mich einladen lassen! Ich werd beweisen der Welt was werden kann aus e' Menschen, der vor 2 Jahren noch herum ist gegangen hausiren mit Bleistift, Siegellack und Stahlfedern! — Meine Austräge werd' ich geben an der Börse mit einer — die sich gewaschen hat! (Zmmer feuriger und exaltirter.) Der Steiner und der Beer, den Kreuzer und der Kornfeld, die mich haben früher beini Schopf genümmen — wenn ich bin zu lang ausgeblieben — werden sich jetzt vor mir bücken und unterwürfig werden sie mich fragen: was belieben Sie heute zu machen, Herr Baron Löwenstamm. Gehe» Sie mit Baubank in die, in die Lieb — oder kontreminiren Sie Anglo?Und Schmelkes, die Cigarrenschnorrer, wird sich neben mir hinstellen und die Nasenlöcher aufreißen, und seufzen und sagnn „Gott, Herr Baron, was rauchen Sie für feine Cigarren "? Und ich werd ihm herablassend eine schenken, und dabei ausrufen, daß es Alle hören : Raggalliu Nr. 1, das Stück kostet 50 Kreuzer! Dann werd' ich hineinspringen in mein Equipage, und werd' zuschlagen 's Thürs daß es kracht, und werd herausgrOr mit der Hand, auf Springer oder TodeN die grad Vorbeigehen! Abends werd ich sitzen in e Parterre-Loge bei Offenbach ^ mit der ausgeschnittenen Weste M groiße Manschetten mit goldene KW u. gelbe Händschäch, und werd mich hinW lahnen mit's Perspektiv, und werd h»>' überlachen und mit die A'gen zwinkern auf die schönen Damen, mit die geschminkten G'sichter, und mit'n Wie" voll Wonne, weil dekotletirt! Humbug (lachend).. Hahaha! b sind rein des Teufels? Aber wie wollen Sie denn das Alles anstellen? 23 Löwen stamm. Ja a! Das ist mein Geheimniß! ? Siebente Scene. Vorige. R i n a l d o. Komlossy. Fuchs und Rabe (kommen von links aus der Thür. Bis jetzt hat Alles theilweisc Löwenstamms Reden zugehört, wie Komlossy sichtbar wird, ist Alles wieder in geschäftiger Bewegung.) Rinaldo (nach einer kleinen Pause). Aber Herr Geschäftsleiter? (sieht auf die Uhr). Es ist bereits 2 Uhr vorüber? Sperren Sie die Cassen — heute können wir keine Zahlungen mehr annehmen l — Humbug (hat auf seine Uhr gesehen). Richtig! Sie haben recht Herr Baron! (Zu Lorenz). Schließen Sie die Schalter! Meine Herrschaften, kommen Sie morgen, heute kann nichts mehr angenommen Werden! — (Lorenz schließt die Schalter. Griff die Lassen.) Alle (durcheinander). Aber ich bitte? Ich warte bereits seit einer Stunde! Ich muß heute noch abreisen! Haben Sie gefälligst Rücksicht. Ein Herr (vordrängend). Meine 6000 fl. bitte ich noch anzunehmen! Humbug. Mit solchen Kleinigkeiten befassen wir uns von heute an gar nicht mehr! (Drängt sie zur Thüre). Auf Morgen! Adieu! Adieu! (Alle Statisten ab.) Rinaldo (zu den Schreibern). Sie können ebenfalls gehen, und vergessen Sie nicht, meine Herren, morgen eine halbe Stunde früher zu kommen, es gibt viel zu thun! 1- Buchhalter (übergibt Schriften an Komlossy). Ich bitte, hier sind Ihre Quittungen und Papiere! (Alle Schreiber, Griff und Lorenz verbeugen sich gegen Rinaldo und gehen durch die Mitte ab.) Komlossy. XösLÖvöm uram! (Sieht in die Papiere.) Ah, Alles in bester Ord- ^MNg! (Steckt die Papiere ein.) Also, Herr Baron, Sie werden belieben und mir Ehre erweisen beizuwohnen dem Verlobungsfest meiner Tochter — was in 14 Tagen in mein Hotel, wo ich wohn, stattfinden wird? Rinaldo. Gewiß! Ich werde kommen ! Komlossh. XösLönöm! — Und die andern Herrn alle da — sind auch höflichst eingeladen! Löwenstamm (sich vordrängend). Ich werde gewiß erscheinen! Komlossy. Diesen Herrn da Hab' ich noch nicht die Ehre zu kennen?! Löwen st amm (wirft sich in die Brust.) Ich bin der Bankhaus-Chef Isidor Löwenstamm und Compagnie! — Komlossy (reicht ihm die Hand). Ah — das ist schön von Ihnen! — Also Sie werden belieben zu kommen! Löwen st amm. Gewiß! Komlossy. Lls1^686n nrnm! Also auf Wiedersehen, Herr Baron! Lieber künftiger Schwiegersohn — ich erwarte Sie heut Abends! Leben Sie wohl Herr Bankhausschaaf, Tigerschwamm, 'I'iZstslsm ur«,8aAoäat! (Er verbeugt sich, sie begleiten ihn bis an die Thüre, Komlossy ab.) Rinaldo (gegen Löwenstamm losfahrend). Wie können Sie sich unterstehen, Sie frecher Mensch, und sich als Banquier giriren? — Löwen st amm. Beleidigen Sie mich nicht, Herr Baron, sonst ist eS aus mit unserer Freundschaft! Rinaldo. Freundschaft? Mit Ihnen? Löwen st amm. Sehn Sie mich nix so über die Achsel an — Sie könnten- bereuen! Einmal! Humbug. Der kleine Isidor scheint entweder verrückt geworden zu sein, oder irgend einen Geniestreich ausgeführt zu haben — denn er betheuert — er sei ein angehender Kapitalist. Löwen st amm. Das bin ich auch, und ich werd'S beweisen! Humbug. Also beweisen Sie! Alle. Ja! Beweisen Sie! 24 Löwen stamm. Gut. — Aber ich verlange für die Beweisführung, daß Sie mich in Ihre Compagnie ausnehmen?! Rinaldo. Wie viel Kapital haben Sie? Löwenftamm. In ein paar Tagen — mehr wie Sie! Rinaldo. Lächerlich! Löwen stamm. Lächerlich? (Zieht rasch Zwei Tausender-Banknoten hervor.) Was ist das hier? Ein Tausender! Und das da? Auch e Tausender! Der dais e Mandel — und das da e Weibel! Und die zwei werden in e paar Tag' Junge kriegen; — sie werden sich vermehren, sag ich Ihnen, wie der Sand am Meere! (Rinaldo will darnach greifen.) Ah na, angreifen laß ich sie nix. Rinaldo (hinsehend). Es sind richtig Tausender! Löwen st am m. Verlassen Sie sich daraus! Alle vier. Erzählen Sie! Wie kamen Sie dazu. Humbug. Haben Sie an der Börse gespielt? Löwenstamm. Ich? Na! — Rothschild hat für mich gespielt! Humbug. Was soll das nun wieder? Löwen st amm (geheimnißvoll) . Kennen Sie Simchele Katz? Humbug. Wer soll den kennen? — Löwen st amm. Simchele Katz ist mei Freund und gleichzeitig iS er Hausknecht — Stubenbodenwichser, Ofen- Heizer bei Rothschild! Ahnen Sie was? Jetzt kommt 's Geheimniß! — Alle. Endlich! (Alle stecken die Köpfe zusammen.) Löwen st amm (geheimnißvoll aber mit rapider Schnelligkeit und quecksilberner Beweglichkeit gestikulirend). Seit 2 Jahren Hab ich gespart und zusammen gescharrt mit Müh und Hunger 200 fl. Löwenstamm, Hab' ich mir immer zugerusen — laß krachen Dein Magen und spar Dir zusammen jeden Kreuzer, auf daß Du dereinst werden kennst e' reicher Mann! >— Und der feierliche Monument ist gekümmen, und ich Hab endlich beisammen gehabt das viele Geld! Jetzt Hab' mir meinen Kopp angestrengt über das „Wie" und „Was"? — In welchem Papier willst Du Dich auszeichnen? Wirst de gehn in die Lieb oder die Koutremine? Wie ich gestern wieder so mein Gehirn zermarter, und dabei renn über'» Schottenring, ruft es hinter mir: Löwenstamm, was rennst de? Ich dreh mich um — ist es gewesen Simchele Katz! Grüß Dich Gott, wie gehts, was machst Du, was treibst Du, bist Du noch bei Rothschild? Ja — sagt er! — Gott — wenn ma aus dem Baron Herausquetschen könnt einen Tag früher, was er Tags drauf macht auf der Börs!? sag ich: — Da ist gar nichts hinaus zu quetschen, denn der Herr Baron schließt sich alle Abend mit die Herrn Motadores von der Börs' ein in sei Zimmer, und das Zimmer hat gepolsterte Thüren, wo Du nicht durchhören könnst a Wört'le, sagt er! Steht nix drinnen im Zimmer, eppes a Ofen? sag ich — Ja, es steht drinnen e schwedischer Ofen mit e Kamin von Außen zu Heizen — sagt er! Gefunden, schrei ich! Dieser Schwed is mei Haus, meine Villa, meine Lustschloß — mei Ofenheim ! Ich willinihm hereinkriechen, ich will hören, will spekuliren, will a reicher Mann werden! — Wir haben uns vor Freude geküßt und getrennt! Abends zwischen 9 und 10 bin ich drinn g'steckt im Ofen, und Hab' gespitzt meine Ohren, und da Hab ich gehört, wieder Herr Baron hat gegeben den Befehl zur heutigen Schlacht: „ Meine Herren"! Morgen werden inkognito sämmtliche kleine Banken in die Höhe getrieben! Mit der Leopoldstädter Baubank sangen wir an. Mehr Hab' ich nicht zu wissen gebraucht! Wie e Raketl bin ich rausgefahren aus'n Ofen, bin gelosten, und Hab mir ausgesucht den Steiner! Wie theuer geben Sie mir morgen 100 25 Leopoldstädter? — Mit 102, sagt er! Ist gemacht sag ich — hier 200 fl. Deckung! — Ich renn zu Haus, will schlafen, kann nicht! Seh lauter Rothschilds vor mir — wälz mich in Geld- säck! Renn auf der Gaff' herum bis der Tag graut — endlich kommt die Börsenzeit! — Meine Leopoldstädter sangen erst ganz langsam zu steigen an — dann immer höher höher — auf einmal sein so gestanden 122! Mein Geld schrei ich! Die Differenz hat gemacht gerade 2000 fl. — Steiner hat gezahlt — und da sein die 2 Tausender! Nü? was sagen jetzt? Rinaldo. Sie sind ein Genie! Humbug. Wir nehmen Sie als Afsocis! Fuchs. Mit der Bedingung, daß er jeden Tag im Ofen sitzt! Alle drei. Ja! Unter der Bedingung ! Löwen stamm. Eingeschlagen — es gilt! DaS heißt so lange als Sim- chele Katz den Ofen nicht Heizen muß, denn dann hört sich der Spaß auf! Humbug. Richtig! Nun aber vorsichtig Freunde — und das größte Stillschweigen über unser Geheimniß bewahrt! Alle (singen die Melodie au- k'r» v!»vo1o). Vorsichtig, leise — Niemandes gewahrt, Kriecht Abends er in den Ofen hinein, Stillschweigend unser Geheimniß bewahrt, Bis Millionäre einst wir alle sein! Pst! Pst! Pst! u. s. w. (Sie legen die Hand vor den Mund, schütteln sich vergnügt die Hiinde u. s. w.) Der Vorhang fällt. Drittes Bild „Eduard und Kunigunde." Elegantes Zimmer bei Frau Blunzerl. Rückwärts an der Wand das Portait ihres verstorbenen Eheherrn, eine dickwanstige Gestalt mit rother Weinnase. Erste Scene. Frau Blunzerl sitzend, vor ihr steht V r o n i. Blunzerl (eine resolute, etwas korpulente, freundliche Frau von 32 Jahren, sehr gut konservirt. Sie trägt ein einfaches aber nettes Perkailkleid, weiße Schürze, die Arme nackt, um Leib einen Gürtel mit Messer im Futteral und Wetzer). Als dann, es ist gut. — Sie kann als Köchin einstehn bei mir. — Was verlangt Sie denn Lohn? — Vroni. Thun Sie halt, was recht und billig ist — mei lieb's Fraule! — Sie g'falle mir so gut, — daß ich kei große Lohn beanspruch! Blunzerl (bei Seite). Das is a mal a Gnügsame! (Laut.) I wir ihr halt 10 fl. geben! Vroni. O, da bin ich höchst zufriede! — I han's ja auch net nöthig aus große Lohn z'schaun — weil i selbst a paar tausend Gulden Geld Han! Wenn mich's Fraule nur a bissel glimpfli b'handelt? Blunzerl. Na jetzt — in der Bamwoll wird's bei mir net eing'wik- kelt. — Mir san viel Leut im Haus! Vor einer Arbeit muß ihr net grausen! — Vroni. O g'wiß net! Ich bin ja d' Arbeit g'wöhnt! Aber — e' Bitt hätt i! Blunzerl. Na — was denn? Vroni (schamhaft). I' trau mir's net z'sage! Schau's Frauele e bisseln auf d' Seit! — Blunzerl (lachend). Was hat denn das narrische Madel? (Sie wendet sich zur Seite.) Na — als dann? Vroni. I Han — i Han — Blunzerl. Na, was „han'st" denn? Vroni. A Liebhaber! Blunzerl. Aha! Is um deZeit? Ich Hab mir's aber glei' denkt, daß so was aussa komma wird! Vroni. Ja — i bitt — es ist aber e ehrliche Lieb, das. Und e Lieb in Ehre — darf me net verwehre — das hätt unser Herr Pfarrer in Gundelfing'n g'sagt! Ja? — Blunzerl (lächelnd). Na — wanns der Herr Pfarrer zu ihr schon g'sagt hat — i will'n net Lugen strafen! — Wer is er denn ihr Liebhaber? Vroni. Mannsbild! — Blunzerl (lächelnd). Dös kann i mir wohl denken! Narrische Schwabin ! 27 Vroni. Na — er ischt halt mei Bräutigam! Blunzerl. Aha! — Na — und hat er ka Geschäft? Vroni. Ei ja wohl — freili hat er eins! Soldat ischt er — Korporal bei Deutschmeister. Blunzerl. Alsdann Deutschmeister! Vroni. Freili ja! Aber wenn wir uns heirate — nachdem ischt er mei Mann — und kei Deutschmeister mehr. Blunzerl. Und wo is er denn jetzt? Vroni. Ja, das weiß i selber nit! — Er marschirt wahrscheinli wo in der Welt herum ! Ich Hab ihm schreibe lasse, daß er nach Wien komme söll — s' Reis'geld werd i ihm scho schicke, Han i ihm schreibe lasse — und daß wir uns bei Wien da ankaufe, heirate, und miteinander wirthschafte wölle! (Seufzend.) Aber bis heute, hat er no net g'antwort! Blunzerl. Na — wann er halt kommt, will ich ihm erlaub'», daß er's hamsucht! Vroni (freudig). Io ! I kusch d'Hand! (Küßt ihr die Hand.) Blunzerl. Na ja — so geh' halt jetzt in die Küchel, und laß schau'n, was dei schwäbische Kochkunst vermag und kann! Vroni. O, Sie werde schon z'friede sei! I Han ja beim Bischof in Stua- gart koche g'lernt! Ei ja? Und dann war ia IV2 Iährli bei unserm Herrn Pfarrer z' Gundelfing'n Köchin g'west! Der war a kei' Kostverächter! I wers scho mache, daß es Ihne schmecke soll! — Küsch die Hand! (Küßt ihr die Hand und geht freudig ab.) Blunzerl (allein). A recht a g'spa- ßig's Frauenzimmer is die Schwabin! Und a saubers Mensch übereinander! Da muß i Acht geben — sonst gibt's unter meine Knecht wieder a' Remasuri! — Zum Glück hat sie schon ihren Theil, an ihren Deutschmeister! — Schwartling (tritt ein). I bitt, gnä Frau — a Sauhandler iS da. — Blunzerl (aufspringend). Net eina lassen! — War net übel, da in's schöne Zimmer. Mit seine kothigen Stiefel und noch« däs G'rüchel! Er soll nur drunt bleiben im Hof — i' wir schon mit ihm reden. Schwartling. Ja, i bitt — den könntens scho eina lassen, so a Sau-. Händler is mir no net Vorkommen! Der hat glanzlederne Stiefeln, auf die Füaß und weißlederne Handscha, auf die Händ — einen schwarzen Gehst- hindre am Leib — a Butten am Kopf, de glanzt wie a Spiegel — und rieachen thuat er — rieachen —.? Gar net wie a Sauhandler, so viel guat! Kurz a G'schwuf, a noblicher, wie er a im Buach - steht! Blunzerl. Und dös soll a Sauhandler sei? Schwartling. Ja — wenigstens sagt er — er hätt Säu zum verkaufen! — Blunzerl. Na — so laß'n eina! Schwartling (öffnet die Thüre und geht dann ab). Zweite Scene. Vorige. Fuchs. Blunzerl (für sich.) Ah! — Das ist aber a sauberer Mensch! Fuchs (nach einer Verbeugung leise für sich). Das ist also die reiche Fleischselcherin, die mehr Geld hat als sie schwer ist — und das will viel sagen?! (Laut und einschmeichelnd.) Hab'ich die Ehre — mit Frau von Blunzerl zu sprechen? Blunzerl. O, ich bitt — die Ehr' ist ganz meinerseits! Nehmens Platz — wenn ich bitten darf! — Fuchs (küßt ihr die Hand). Ich küß' die Hand meine Gnädige! (Setzt sich.) 28 Blunzerl Mit was kann ich dienen — wenn ich fragen darf? Fuchs. Ich erscheine vor Ihnen im Aufträge des internationalen Kom- missionS- und Bankinstitutes für Agrikultur und Landwirthschaft, und nehme mir die Freiheit, Ihnen eine Partie Bakonyer, seine Waare, znm Verkauf anzubieten. Es sind 100 Stück. — Die Waare steht heute 24 fl. — Wenn Ihnen die ganze Partie beliebt, so sind wir in der Lage, Ihnen dieselbe mit 22^/2 zu berechnen — selbstverständlich loco Bahnhof — Abtrieb aus Ihre werthen Kosten und Gefahr! — Blunzerl (etwas verlegen.) Ich muß gestehen, Sie bringen mich ordentlich a bißel in Verlegenheit! — Sie schau'n so — ganz anders aus ' — reden so g'schmaki und sein — gar net wie a Sauhandler — und wir i mit solchem Leut z'reden g'wöhnt bin? — Fuchs. Ich bitt, meine Gnädige, — reden Sie, wie sie's gewohnt sind — in Geschäftssachen hört bekanntlich die Gemächlichkeit auf. — Blunzerl (kokettirend.) O, ich kann auch schon andersder reden — wanns g'rad d'raus ankommt? Unser einer hat — Gott sei Dank — auch seine Büldung genossen! — Als dann i bitt — wie hab'ns g'sagt? 100 Stückeln — schwere Waar' — und den Zentner wollend — lassen mit — Fuchs. 23 Gulden. Blunzerl. 23 Gulden? Habens kane Trichinen? Fuchs. Wer? Ich? Blunzerl. O warum net gar! Die Säu mein ich! Fuchs. Keine Spur! Feine Waare! Blunzerl. Wär net z'theuer — wenn man's alle gleich brauchet und abstechen kunnt. Aber i' brauch halt nur alle Wochen 30 bis 40 Stückeln — und die Waar so lang fressen z'lassen — is halt nacha a ka Erspar- niß! Machen ma halt 22 fl.? Fuchs. Weil Sie eS sind — schöne Frau — meinetwegen! Die Waare müßte aber bis Morgen Mittag abgenommen werden! (Er hält ihr die Hand hin.) Blunzerl (schlägt ein.) Na — gut ist's. Fuchs. Abgemacht! (Küßt ihre Hand.) Was Sie für ein rundes, liebes, fettes Patscherl haben — und die lieben Fingerln? (Bei Seite.) Wie die Brat- würsteln! — Blunzerl (geschmeichelt.) O, Sie Schmeichler! Fuchs. Und diese wunderschönen Brillantringerln? Blunzerl. Die sind noch von mein' Seeligen! — Fuchs (stellt sich erfreut.) Sie sind Witwe? — Blunzerl (seufzend.) Ja! Schon seit drei Jahren. — Fuchs (ihr die Cur schneidend.) Sie seufzen, meine Gnädige? — Wenn man noch eine so schöne Frau ist, wie Sie es sind, hat man wahrlich keine Ursache zu seufzen! Oder seufzen Sie über den entsetzlichen Verlust ihres Gatten? Liebten Sie ihren Gatten so sehr? Blunzerl (zeigt auf das Bild.) Dort hängt sein Porträt! Urtheilen Sie selber, ob ich unter solchen Verhältnissen die Liebe jemals kennen lernte. — Fuchs (hinsehend.) Das war Ihr Gatte? — Arme Frau! Blunzerl (die Augen zu Boden). Ja wohl! Fuchs. Sie haben Wohl auch keine Familie? Blunzerl. Leider nein! Was nützt aller Reichthum, wenn das Herz arm und liebeleer bleibt? — Ich Hab' meinen Seeligen, aus Befehl meines Vaters—der in der Beziehung ein Tyrann war — heiraten müaßen! Mei Vater war Fleischhacker, der Fleischhacker Hackelberger in Meidling. Eines Tages kommt er von der Regie z' Haus — 29 ich war damals 18 Jahre alt — und ka übles Madel — das darf i' scho sagen! Fuchs. Wer wird daran zweifeln? — Sie sind jetzt eine reizende Frau! — Blunzerl. Als dann sagt mei Vater zu mir: „Kundl", Du heiratst den reichen Fleischselcher Blunzerl, in 4 Wochen is d' Hochzeit — ka Wiederred — Du kennst mi — kan Muckazer — oder i hol 'n Ochsenzean! — Fuchs. Schrecklich! Blunzerl. Ja wohl! — Und schrecklich war für mich unsere 9-jährige Ehe! Fuchs. Aber daß Sie sich so gut dabei konservirten? Blunzerl. Wiea? — Ja so! Ja, — das Konservatorium war schon gut! Abgeh'n Hab' i mir nix lassen! G'lebt hab'n ma fein! — Na ja — 's G'schäft hat's ja a tragen! I Hab mei Villa in Weidlingau — mei Equipage immer g'habt. Alle Vergnügungen san mir zu Gebote g'standen. Bin durch ihm jetzt a reiche Frau — aber — was nutzt das Alles — Wenns Herz dabei halb's verhungert ist! Fuchs (sie zärtlich ansehend.) Und denken Sie jetzt nicht mehr daran, diesem Herzen die langentzogene Nahrung zu geben, nach der es sich sehnt? — Blunzerl. Ah — ich bitt Ihnen! Ein' Alten mag i net — denn dös Hab' i mir schon g'nossen gnua? Und a junger — a fescher — der mir g'fallet — wird'S sich's überlegen — und a Ueber- tragene zum Altar führen! — Denn Wissens ! Für'n Narren halten lieaßet i mi net! Mit' ein „Blimel-Blamel" laß i mi nimmer abspeisen! O na! Da sollt mi Aner nachdem kenna lernen! Fuchs. So ein Elender, der Sie betrügen könnte — verdient ja eine lebenslängliche Marter ! Gnädige Frau! Ich gesteh' Ihnen — ich — ich bin sonst nicht schüchtern — gehe gern g'rad aus'S Ziel loS — aber es gibt Geständnisse, die man nicht thun kann — besonders nicht, wenn man fürchten muß, die Person, an die man sie gerne richten möchte, zu beleidigen? B lunzer l (ahnungsvoll). Mein Gott, Sie drucken Jhna ja ganz geheimnißvoll aus? (Kokettirend). Wer wär denn nachdem die Person,- dera Sie a G'ständ- niß z'machen hätten? Fuchs. Versprechen Sie mir, nicht bös zu werden? Blunzerl. Sein's kein Kind? Redens nur! Fuchs. Wohlan! Der Gegenstand meines Geständnisses sind Sie! Blunzerl. Ich? (Für sich.) O Du mein Gott, der geht aber scharf drein! Fuchs. Sie verlangten, daß ich reden soll, ich will es thun, auf die Gefahr, - Ihren Zorn — herausfordern. Blunzerl (schnell). O nein! Fuchs. Es gibt eine geheime Sympathie, welche die Menschen magnetisch aneinander zieht! Glauben Sie an diese Sympathie, meine Gnädige? Blunzerl. Ob ich d'ran glaub! Ja wohl, ja wohl, ich g'spür' auch so was? (Stupst ihn.) Reden's nur weiter! Fuchs (schnell). Diese Sympathie fühlte ich, als ich Sie sah, als ich Sie reden hörte, und während ich jetzt in Ihrer Nähe weile! O, ich weiß, es ist kühn von mir — Blunzerl (einfallend). Aber nein! Redens nur weiter! Fuchs (schnell). In meinem Herzen schrie es aus, als ich Sie sah! Das ist das Weib meiner Träume, mein Ideal, in dessen Nähe das Leben eine ununterbrochene Reihe von Vergnügen, von Genuß für mich wäre. Blunzerl (heimlich entzückt). O Gott, o Gott! — Redens weiter. Fuchs. Wohlan, ich liebe Sie! (Sinkt ihr zu Füßen.) Ich wage es Ihnen zu sagen, was ich im tiefsten Herzensgrund verborgen halte! (Springt plötzlich auf.) Was Hab' ich gethan? Sie wer- 30 den mich jetzt aus ihrer Nähe verbannen, aber das wird mich nicht hindern, Sie dennoch zu lieben! (Will ab.) Leben Sie wohl! Blunzerl (hält ihn beim Frack)- Obs dableiben! Wie könnend denn glauben, daß ich darüber Harb bin? Sie Bösewicht! O Gott, o Gott! Wann ich Ihnen nur a glauben könnt', daß Sie wirklich ein aufrichtig's beständig's G'fühl für mich empfinden? Fuchs. Was soll ich thun, um Sie davon zu überzeugen? Ich bin zu Allem bereit, um Sie von meiner unendlichen Liebe zu durchdringen!! (Er rückt ihr näher). Blunzerl. Schau'ns mich nicht so an, Ihre Blicke gengen mir durch und durch! Fuchs (entzückt). Ist es wahr? O Sie zeigen mir ein Paradies! Blunzerl. Ich möcht' Ihnen schon noch mehr zeigen, Sie Schlanke!, Sie?— Aber, mein Gott, ich laß mich da mit Ihnen in Sachen ein, und ich weiß noch gar nicht, wer Sie sind, und wie Sie heißen? Fuchs. Ich gehöre zum Consortium des internationalen Fruktifizirungsinsti- tutes, besitze ein ziemlich bedeutendes Vermögen in allen Gattungen Fonds und heiße: Eduard Fuchs! Blunzerl (entzückt). Edoward heißen Sie? Fuchs. Ja! Gefällt Ihnen der Name? Blunzerl. G'wiß! Heiß ich doch Kunigunde! Fuchs. Es hängt von Ihnen ab, und ich nenne Sie noch heute: meine Kunigunde? Blunzerl (ihn zärtlich anschielend). Und hab'ns ka zärtlich's Verhältniß früher zu lösen? Fuchs. Nicht das mindeste! Blunzerl (mit dem Finger drohend). Sie! B'sinnen Ihnen? In dem Punkt verlang' ich Offenheit! Sie werden doch in Ihrem Alter schon a G'spusi g'habt hab'n? Fuchs. Na ja! Hie und da einmal eine flüchtige Liebelei, das geb' ich gern zu, aber von einer wirklichen Liebe war dabei keine Red'. Blunzerl (zärtlich). Eduward! Schaun's mir in die Augen! (Ihn betrachtend.) Ja! Ja! Ich glaub's Ihnen! Sie haben etwas in Ihrem Blick, wo man Zuatrauen haben muß! — Sie sau der Mann, für den ich Sie halte, und Sie sollen meinem Witweustand ein End' machen! Fuchs (schnell). Wann? Wie bald? Blunzerl (schnell). O, Sie Ungestümer! Meinetwegen schon in 4 Wochen! Fuchs (ihr zu Füßen). O, Sie eröffnen mir den Himmel! — Blunzerl. Aber jetzt stengans auf, und setzens Ihnen da neben mir. (Sie zieht ihn zu sich auf's Sofa). Nähender — nur ganz nah ! So, jetzt hör'ns mich an! Fuchs. Ich lausche Ihren Worten mit Herz und Ohr! Ach! Bald werd' ich Sie immer hören! Blunzerl. Das war hübsch gesagt. Also, Sie können sich wohl denken, daß mir als einer reichen unabhängigen Witwe, seit dem Tod meines Mannes, schon oft Anträge gemacht worden sind? Fuchs. O das glaub ich! Und nicht blos ihres Reichthums wegen, der gewiß bedeutend sein mag? Blunzerl. Na, meine 3 Zinshäuser und mein Baarvermögen, was ich in Silberrenten liegen Hab', kann ich immer auf a halbe Million veranschlagen, da rechn' i mei' G'schäft no gar net dazu«! Fuchs (schnell einfallend). Aber ich bitte, wer wird denn davon sprechen? Ihre Liebenswürdigkeit, Ihre Reize sind für mich mehr Werth als eine ganze Million! Also in Silberrenten haben Sie ihr Geld liegen? Blunzerl. Ja, lauter Silberrenten und Bankpsaudbriefe! Im Ganzen bei 200.000 Gulden! Fuchs. O, ich habe ja nicht g'fragt, wie viel Sie besitzen? Sie möchten mich 31 beleidigen, theuerste Kunigunde, wenn Sie das dächten! Ihre Liebe allein soll mich beglücken! Blunzer (entzückt). Das war wieder schön g'sagt, lieber Eduward! (Sie schlägt die Augen nieder). Und dafür dürfens Ihnen auch das erste Bußl nehmen! Fuchs. Ach! (Er küßt sie.) Blunzerl (für sich). Wie er mich gern hat? Fuchs (schnell.) Aber, Innigstgeliebte! Ich möcht' Ihnen rathen, mit Ihrem Geld zu spekuliren? Ihre Papiere tragen Ihnen 5 bis 5^ Perzent, was ist das? Bei unserem Institute können Sie 15 bis 20 Perzent erhalten, und zwar gleich im Voraus, wenn Sie wollen auf ein ganzes Jahr! Blunzerl. Gengang's. Fuchs. Mein Wort darauf! Blunzerl. Ist gut, davon reden ma ein anders Mal! (Rückt näher.) Jetzt wollen wir von unseren Herzensangelegenheiten sprechen? Alsdann, ich glaube, daß Ihr leidenschaftliches Herz das meinige begreift und versteht? Fuchs. O gewiß! Gewiß! Wenn Sie die 200.000 Gulden in unser Institut einlegen, so erhalten Sie — Blunzerl (ohne darauf zu hören, einfallend). Eine innere Stimm' sagt mir, daß ich mit Ihnen glücklich sein werde? Fuchs. O sie lügt nicht, diese innere Stimme, gewiß nicht! Aber, wenn Sie die 200.000 Gulden. Blunzerl (wie oben). Gleich, wie Sie bei der Thür herein kommen sein, haben Sie einen Eindruck auf mich gemacht, einen Eindruck, wie bisher noch kein Mann auf mich gemacht hat! Fuchs. Das ist die Sympathie der Seelen! Aber wenn Sie die 200.000 Gulden zu 20 Perzent bei unserem Institute — Blunzerl (einfallend). Wenn Sie erst mein Mann sind, dann machen Sie mit dem Gelde, was Sie wollen! Fuchs (enttäuscht). Ah so? Blunzerl. Meintwegen spekuliren Sie damit nach ihrem Gutdünken, ich versteh a so uix davon! Mein Vermögen ist ja dann auch Ihr Vermögen ! Fuchs. So wie Ihnen das Meinige zur Verfügung steht! Blunzerl. Also, Sein wir einig? Fuchs. Einig, für's ganze Leben! Blunzerl. Besiegeln wir unseren Herzensbund mit ein Bußel! Fuchs (küßt sie). Ach! (Schnell b. S.) Jetzt ist Sie petschirt! Vroni (ist ^ l'slnpo eingetreten, eine Schürze vorgebunden, einen Kochlöffel in der Hand). Soll i zu die Leberknödle — ah, Du mein Herrgöttle? (Beide fahren auseinander.) Blunzerl. Wie kann sie ohne anzuklopfen herein kommen? Vroni (sieht Fuchs). Ah, daß Dich 's Mäusle beißt? Das ist ja gar der Herr Fuchs? Fuchs (für sich). Die Schwäbin! Blunzerl. Was? Du kennst den Herrn Fuchs? Vroni. Na, ob ich ihn kenn? Er hat sich ja meiner angenommen, wie i' ganz fremd in der großen Wienerstadt ankomme bin! Blunzerl (nimmt Fuchs bei der Hand). Eduward! I will net hoffen, daß diese Person irgend welche Rechte auf Ihna hat? Fuchs (schnell bei Seite). Gott sei Dank, daß ich mit der Schwäbin nichts ang'fangen Hab' (laut und siegesbewußt). Fragen Sie das Mädchen selbst, und Sie werden erfahren, wie ungerecht Ihr Verdacht ist. Blunzerl (barsch). In was für einer Beziehung stehst Du zum Herrn Fuchs? Red! Ist er Dein Liebhaber gewesen? Red! Hat er Dir 's Heiraten versprochen? Red' sag ich! Vroni (mit lachendem Gesichte). Aber lieb's Fraule, das ischt ja Alles net mögli? Erschtens: Han i' mei' Liebhaber 32 scho, und zweitens, kann i kein andern heirate als den mein, und drittens: ischt da davon zwische uns zwei niemals die Red' gewese! — Der Herr Fuchs war mir nur behülfli, mei' Gedli anz'lege, und a Briefle zu schreibe an mei' Deutschmeister! Von daher kenn' i ihm, nix weiter! Blunzerl (aufathmend). Ah so! Fuchs. Wie steh' ich jetzt da? Blunzerl. Verzeihung! Fuchs. Die Unschuld ist stets geneigt zu verzeihen! Blunzerl. Den Versöhnungskuß. Fuchs (bei Seite). Jetzt werde ich diese Küßerei bald satt haben! (Laut.) Wohlan, den Versöhnungskuß! (Küßt sie.) Vroni (freudig). Ja, wie ischt mer denn? Hat's Frauele vielleicht gar den Herrn Füchsle gern? Blunzerl. Er ist mei Bräutigam und in 4 Wochen ist d' Hochzeit, neugierige Schwabin! Vroni (klatscht in die Hände) DaS ist g'scheidt! Das ist a Freud! Da macht 'S Frauele aber e Glück! Denn die Ehrlichkeit und die Aufrichtigkeit schaut dem Herrn Füchsle bei die Aeugele 'raus! Net wahr? Blunzerl (an seinem Halse). Ja! Ja! O mein süaßer Eduward! Fuchs. O meine mollete Kunigunde! Gruppe. Per Vorhang Ml. Viertes Bild „Der entführte Wräutigam." Großer erleuchteter Saal in einem Hotel. Im Hintergründe ein mit Lampions festlich beleuchteter Garten. Erste Scene. Komlossy und Fuchs. Komlossy. Laratom, es ist gut, daß Sie sein gekommen ein bissel früher, können wir noch Manches mit einander besprechen! Irma, meine Tochter, putzt sich schon auf zum Empfang für die Gäste! Haben Sie besorgt alle Einladungen ? Fuchs. Alle! Ich habe auch einige Geschäftsfreunde von uns noch geladen. Komlossy. Js mir recht — Jetzt baratom! Sie haben mir versprochen, daß Sie mich wollen unterrichten, in dem neuen Tanz, was mir hat sehr gut gefallen, wie wir waren vorgestern in Walhalla, was haben getanzt die schöben Madeln! — Nom lotsLSneir 9,3 nwak, möcht ich gern, daß Sie heut, am Berlobungstag von meiner Tochter, diesen Tanz arrangiren! Fuchs. Ah, Sie meinen den Cancan? Komlossy. lAon! Fuchs. Meinetwegen! Das kann geschehen ! Theater-Repertoir 313 . Komlossy. Aber ich möcht ich auch mittanzen! Laratom, werden Sie mir jetzt zeigen, will ich meine Tochter damit überraschen! — Fuchs. Gut. — (bei Seite.) Der wird sich gut machen als Cancantänzer? (Laut.) Also passen Sie auf. Der ganze Tanz besteht in der Hauptsache aus Geberden! Das Ganze ist sehr leicht! Komlossy. Heliosen! Freu ich mich schon d'rauf unbändig! Fuchs. Stellen Sie sich mir gegenüber ! So, jetzt merken Sie auf! Dieser Las, den ich Ihnen jetzt vormache, heißt: on avant äoux! (Er trällert zu jenem die betreffende Cancanmusik. Jetzt wiegt er sich affektirt hin und her, schlendert einen Fuß in die Luft, klascht sich aus die Schenkel, und bleibt dann auf einem Fuß stehen.) So. Jetzt machen Sie mir das einmal nach. Komlossy. Iltja! So hoch schlendert man Fuß in Luft? Und dann klascht man sich dabei auf Schenkel? Fuchs. Das versteht sich? Die Damen in der Walhalla haben es ja grad so gemacht, das haben Sie ja gesehen! 3 34 Komlossy. IZsn! lA6v! Na, das wird schön werden! (Komlossy tanzt, Fuchs singt dazu die Melodie und gibt mit den Händen den Takt). Fuchs (während Komlossy tanzt). Gar nicht übel? — Tralalala, nur immerfort, lalala, hau'n Sie sich fest auf den Schenkel, lalalala, Wersen Sie den Fuß höher, so, so ist's recht! (Für sich.) Aber der ganze Schönbrunner Pepi! — Komlossh (erschöpft aufhörend). Das ist aber eigentlich Rackerei? — Fuchs. Wenn Sie sich ein paar Mal üben, wird's leichter gehn! Also, jetzt kommt das Lalanesr: vvtrs äame! Heben Sie einmal beide Arme in die Luft, strecken Sie die Hände über den Kopf Ihrer Dame, so als wenn Sie ihr den Chignon herunter schlagen wollten, und dann drehen Sie sich dabei fortwährend um sie herum, die Arme in der Lust haltend! So, das war gar nicht übel ausgeführt! — Komlossh (der Alles linkisch und komisch nachgeahmt hat). Ah — das ist ja reine Gliederverrenkung! — Fuchs. Jetzt kommt das Kavaliersolo! Zum Kavaliersolo gehört etwas ganz Besonderes! Sehen Sie, so etwas zum Beispiel, schauen Sie her! (Er tanzt und singt). Komlossh (zusehend). Aha! Laratom, Sie schau'ns aus, als ob Sie schneiden Hulz, mit Sag! Fuchs. Ja, das muß so seitt! Dann richtet man sich auf, klascht sich mit der linken Hand auf den Hinterkopf, so, und drückt den Daumen der rechten auf die Nase! Sehen Sie, so! Komlossy. Aha! Wie machens — die Gassenbuben! — Fuchs. Getroffen! Also versuchen Sie jetzt das Kavaliersolo! (Er trällert.) Komlossy (tanzt). Wann ich nur nicht Gleichgewicht verlier? Zweite Scene. Vorige. Irma erscheint im Hintergründe, während noch Komlossy tanzt. Irma (in ungarischer Nationaltracht aus vollem Halse lachend). Hahaha! ^2 Is- ton' 826 relmi 6 rt! ^rt^a! Ni bajz öimolr? — Hahaha! Sie tanzen ja einen Cancan! — Komlossh (wischt sich die Stirnej. Ja freilich, er hat mir gelernt! Hab' ich Dich wollen damit überraschen! Irma. Hast Du mich auch überrascht, lieber ^.t^a! Komlossh. Nicht wahr? Ja, das glaub ich! Fuchs. Fräulein Irma, holde Braut. Sie sehen bezaubernd aus! — Komlossh. Muß bezaubernd aus- schaun, ist ja ungarisches Vollblut! - Sag mir Üon^ ära? Irma. tiöorära war ei malt! — K 0 M l 0 ss y (sieht schnell auf die Uhr). Meiner Seel, ist schon so spät und wir tanzen da. Sind schon Gäste da? Irma. Alle! Warten sie nur im Speisesaal, bis ich werde erscheinen mit Herrn Bräutigam. Komlossy. Na, dann wollen wir gleich gehen! (Zu 2 Kellnern, die eben über die Bühne eilen.) Aufträgen jetzt im Speisesaal! Kinder, nehmt Euch zärtlich unterm Arm und geht's. Fuchs (reicht ihr den Arm). Holde Braut! Irma. Lieber Bräutigam! (sie gehen). K oml 0 ssy (ihnen nachsehend). haben sich gern wie ein paar Turteltauben! Freu ich mich, daß ich Hab'so braven Schwiegersohn für meine Tochter in Wien gefunden! Il^an äerelL!(Ab) (Kellner eilen mit großen Braten-Schüsseln über die Bühne.) 35 Dritte Scene. Vroni kommt mit dem Oberkellner aus dem Garten in den Saal. Oberkellner (im Auftreten). Aber meine Allerbeste, das geht jetzt nicht! Herr Fuchs ist jetzt sehr beschäftigt, und kann Sie unmöglich anhören! Vroni. Aber er muß wisse, daß ich da bin, und ich muß mei' Post ausrichte! Ich war schon in seiner Wohnung, und habe sie mir g'sagt, daß er hier z'finde ist! Oberkellner. Ja, ja! Hier ist er schon, aber nicht zu sprechen. Vroni. Gehet Sie nur hinein zu ihm, und saget Sie, die Reitlinger- Broni sei da, und hat ihm was aus- z'richte von seiner Braut! — Oberkellner (staunend). Von seiner Braut? Vroni. Nu ja! Was gibt's da z'staune? Von seiner Braut, mit der er in 8 Tage Hochzeit mache thut, die reiche Frau Kunigunde Blunzerl! — Oberk ellner (noch mehr staunend). Seine Braut? Vroni. Nn höret Sie, jetzt werde Sie mich aber bald bös mache, wenn Sie so ungläubi die Aug'n anfreiße? Glei gehet Sie hinein, und melde Sie ihm, daß — oder i geh'selber! (Macht Miene hinein zu gehen.) Oberkellner (hält sie zurück). Das min ich nicht zugeben! Uebrigens Essen Sie sich in der Person irren! Herr Fuchs ist ohnedies bei seiner Braut? Er feiert eben heute sein Verlobungsfest mit Fräulein Irma Kom- lossh! — Bro n i (höchst erstaunt). W—a—a— a-a—s? Oberkellner. Nun ja! Was gibts Zn staunen? Vroni. Was da z'staune gibt? Ei, Petz Blitz und Hagelschrott! Da wird's wohl was z'staune gebe, wenn er sich schon 14 Täg mit meiner Frau verlobt hat! Oberkellner. Das ist nicht möglich! Es wird ein anderer Herr Fuchs sein, den Sie meinen! Füchse gibt's genug! Uebrigens Hab ich zu thun, und keine Zeit, Sie darüber aufzuklären! Adieu! (Eilt davon). Vroni (allein). Was thu ich nur jetzt? — Sollte wir uns gar getäuscht habe in dem Herrn Füchsle, und sollt sei aufrichtig's ehrlich's G'sichtle nur a Maschkerad, und er am End gar a großes Spitzbüble sei? Dort kann ma neigucke in den andern Saal! (Sie geht an die Thüre, öffnet sie ein wenig und sieht hinein.) Richtig! Da sitze sie beisamme und schnabuliere! (Sieht näher hin.) Ja, meiner Seel, dort sitzt er! (Hält sich die Brust.) Herrgöttle von Biberach, hat'smir aber jetzt a Stich gegebe! (Sieht wieder hm). Dort sitzt er mit e schönen Frauenzimmer! Bei die Händ thue sie sich halte, nnd sähe sich einander zärtlich an, und er macht grad e so a aufrichtig's G'sichtle wie immer, als ob nix vorg'falle wär? — Ah, da muß i geh', da muß i laufe, das muß i verzähle! Ja! Das ist mei' Christepflicht! (Droht gegen die Thüre hin.) O Du garstigesJüchsle Du? Mir kommts jetzt beinah' schon so vor, als ob Du uns mit Dein ehrliche G'sichtle getäuscht hät'st! Gott blunsch! Das wär aber doch wirkst beinah' zum Schlag treffe! G'schwind fort! G'schwind! (Eilt durch den Garten ab). Vierte Scene. Löwen stamm, Rinaldo, Rabe, Humbug (aus dem Saale von rechts). L ö W e N st a M M (elegant gekleidet, mit Juwelen und Brillanten überladen, schwarz gefärbte Haare). Nun Freunde? Was sagt Ihr zu meiner Italienerin? Ist das 3* 36 e Schönheit? Ist das e Bissen? Eine blonde Italienerin ist doch eine Rarität ? (Er hat einen Orden im Knopfloch). Rinaldo. Es ist wahr, das Mädchen ist eine Rarität! Löwen st a m m. Ich liebe das Apa- rate, drum Hab' ich sie mir beigebogen. Humbug. Es ist wahr, es ist ein seltenes Geschöpf! Löwen stamm. Ich soutrenire sie, weil sie eine Seltenheit ist! Was glaubt Ihr, was Sie mich bis jetzt gekostet hat? Seit 14 Tagen 10 Stück Tausender! Humbug. Sapperment, das ist viel? Löwenstamm. Wie haißt viel? Für e schönes Weib is Isidor Löwenstamm gar nichts zu viel! Und dann Hab ich Euch schon erzählt, wie sie tanzt? Gott! Sie tanzt mit einer Grazie und dabei mit einer Sicherheit! Göttlich! Die Göttin der Tanzkunst wie heißt Sie doch, die — die Terpentinschoire is a Bleipatzen dagegen ! Hab' ich nicht Recht, wenn ich mir die Freud' vergönn? Verdien' ich's nicht? Ein Abend in Rothschild's Ofen ersetzt mir Alles wieder. R inaldo (sieht auf die Uhr). Freundchen, es ist 9 Uhr durch! Du mußt Dich beeilen! Du weißt, der morgige Tag ist wichtig! Humbug. Sehr wichtig! Ich habe heute an der Börse von einem Rückschlag der kleinen Banken stark munkeln gehört und wie Du weißt, sind wir bis über die Ohren engagirt? — L öWe nst a m m (komisch protzig). Sie sollen munkeln wie sie wollen — die Schnorrer! — Für mich ist nur maßgebend, wenn Rothschild munkelt! Und seinen ersten Munkler hör ich doch — und wir können uns darnach richten! Rabe. Ich wäre dafür, daß wir uns bei Zeiten zurückziehen, uud unseren Gewinn einstreichen. Löwenstamm (schnell). Davon will ich nichts wissen! Humbug. Ich auch nicht! Löwenslamm (hitzig). Bevor ich nicht die erste Million im Sack habe, will ich nichts hören vom Zurückziehen! Rabe. Aber die Course können sich auf dieser Höhe nicht behaupten! Der Schwindel steht ja schon auf dem Zenith! L ö w e n st a m m. So lang Rothschild will — wird er dort stehen bleiben! — Und wenn er wird kommandiren, er soll herabsteigen — der Schwindel vom Zenith — bin ich doch der Erste der es weiß — und wir können noch früher heruntersteigen als der Schwindel — und haben unfern Rebach gesichert! Rinaldo. Er hat Recht. Humbug. Wir können noch warten! LöWeNstaMM (sieht in die Coulissen). Ah', da kommt Sie — meine Iulietta! Fünfte Scene. Vorige. Iulietta Pallavacini, in großer Toilette aus dem Saale von rechts. Iulietta. 0 mio euro Isiäoro! Was haben ich gehört? Du wollen verlassen diese Festlichkeiten? Du wollen mich lassen ganz alleinig — unter so viele fremde Cavaliere? Ich werde mich fürchten! Löwenstamm (zu den Andern). Na, was sagt Ihr zu der Unschuld? - Fürchten thut sie sich vor Euch? — (Sie tröstend). Nein, meine süße Iulietta, Du brauchst Dich nicht zu fürchten — es sind meine Freunde, bei denen ich Dich zurücklasse! (Sie streichelnd.) Iulietta. O Jsidoro! Muffen Dn denn fort? Löwenstamm. Du weißt doch, liebes Herz, daß ich alle Abend bei Rothschild geladen bin! — Der Baron kann meinen Rath nicht einen Tag entbehren! Ich bin so zu sagen — sein Orakel! Was ich sage, gilt! Verstehst Du mei Herzpüppchen? 37 Julietta. 8i! — Aber Du seien vielleicht einer großer — und es seien nicht wahr — daß Du gehen mußen zu der Barone Rothschild! (Plötzlich eifersüchtig). Am Ende gehen Du zu einer anderen Signorina, die Dir gefallen besser als ich? (Leidenschaftlich.) O Jsidoro! Wenn ich komme hinter eine solche Betrug — dann sin ammasato! Oorpo äi Haeeo — ich möchte werden Kuriosa wie eine wilde Thier — wenn man rauben will sein Kind! (Sie hat einen Dolch gezückt.) Löwen stamm (entzückt). Wie sie mich liebt! Ist das e Leidenschaft? Die is im Stand und begeht einen Massenmord um meinetwillen! Nein, mei Herz, ich schwöre Dir zu — zerplatzen soll ich — Julietta (einfallend), o mente! Llio earo H.mieo! (Ihn streichelnd). Du sollen nicht zerplatzen! Nicht! Löwen stamm. Das gute Herz! (Er küßt sie.) Ich schätze meine Liebe! (Küßt sie.) Wahrhaftig! Du bist mir ans Herz gewachsen! (Küßt sie.) Begehre was Du willst von mir! (Küßt sie.) Du bist mir lieber als (küßt sie.) als — 10.000 Stuck Anglo zu 215 — und das will viel sagen! — Und jetzt leb' wohl — denn ich muß leider Gottes fort! — (Will ab.) Julietta (hält ihn). Warten Du noch eine Moment! — Löwenstamm. Was willst de, mei Herz! . Julietta. Wann kommen Du morgen zu mir? Löwenstamm. Nach der Mittags- börs', mein Engel! Julietta. So spät? — Ich brauchen morgen Früh 1000 Riorini für die Rechnung von die Sneider! LöwenstaMM (zieht die Brieftasche). Wenns weiter nix ist? Da hast de die 1000 Riorini! (Gibt ihr einen Tausender). Aber jetzt laß mich los — denn ich nuiß gehen! Julietta (steckt den Tausender in den Busen, und umarmt ihn leidenschaftlich.) O Hello Hellissimo Isiäoro! Löwen st amm (an ihrem Halse). Heißte Glück, was ich Hab! — Reich bin ich! A schöner Mensch bin ich jetzt auch! e spanischen Orden Hab' ich! Geliebt bin ich, daß es ordentlich schon e Schand is! Und zu Rothschild bin ich alle Tag geladen! Herz mei Herz, was verlangst de noch mehr! (Reißt sich los). Lebt wohl Freunde! Morgen Früh Punkt Neune im Bureau! (Wirft Julietta Kußhändchen zu.) ^.äio Oarn earissima! (Schnell für sich.) Ich muß mich eilen — Simchele Katz wartet ans mich bei der Kaminthür! (Eilt ab.) Julietta (eilt in den Saal zurück). Rinaldo (lachend). Nun — was meint Ihr zu dieser Liebe? — Humbug. Daß diese Julietta ihren Romeo — wie man auf italienisch sagt — ordentlich aussackeln wird! Rabe. Still, hier kommen unsere Opfer! Humbug. Ich will Komlossh auf den Zahn fühlen, wegen der 12.000 Gulden! Rinaldo. Richtig! Thue das! — Sechste Scene. Vorige. Komlossh. Fuchs mit Irma. Napagetel, Babuschka mit dem Knaben. Julietta, Griff. Erste r und Zweiter Buchhalter, und noch viele Herren und Damen. (Die Gesellschaft bildet Gruppen, es wird von den Kellnern Eis und Champagner servirt.) Ko Ml o ss h (im Auftreten). Ah, Heliosen ! Da sein ja die Herrn! Suchen wir sie schon überall! Humbug (ihm entgegen). Wir hatten nur einige Worte mit unserem Geschäftsfreunde zu sprechen, der, wie Sie wissen, bei Rothschild geladen und fort mußte! 38 Komlossy. Belieben wahrscheinlich mit Rothschild in großen Geschäfts Unterhandlungen zu stehen? Humbug (nimmt ihn bei Seite). JlN Vertrauen gesagt, es handelt sich um einen Abschluß — wo Millionen zu gewinnen sein werden! Komlossy. Io, Jo! Und meine Frau hat mir noch immer nicht geschickt das Geld? Humbug (achselzuckend). Schade! Sie hätten bei dieser Gelegenheit 20 bis 25 Perzent damit verdienen können! Komlossy (schnell). Wenn bis morgen nicht da ist Geld, werd' ich gleich tele- grafiren! Geld muß kommen! Wenn Sie belieben, nur dann noch anzunehmen ? Humbüg. Nun — ja! Ihrem Schwiegersohn — Herrn Fuchs zu Liebe! Komlossy (drückt ihm warm die Hände). LÖ82ÖNÖM urarn! (Wendet sich zur Gesellschaft.) Und jetzt, meine Herrschaften, da Sie Alle sind hier versammelt, bin ich so frei, und stell' ich Ihnen feierlich vor, wie sich gehört und gebührt, meine Tochter, Irma Komlossy — als verlobte Braut — mit Herrn Eduard Fuchs als ihr Bräutigam. (Tusch.) Alle. Vivat Hoch ! Wir gratulireu! Wir gratulireu! Komlossy. Wenn Sie belieben — sind alle Herrschaften geladen zur Hochzeit in 4 Wochen. Alle. Wir sind darüber erfreut! Wir werden erscheinen. Komlossy. äor^ll! Und jetzt wollen wir lustig sein, und uns unterhalten! Vielleicht gibt Jemand etwas zum Besten — und später wollen wir bissel tanzen. Fuchs. Wenn uns meine schöne Braut mit einem ungarischen Liedchen beglücken wollte? Alle. Ach ja! Wir bitten darum! Irma. Oll, an ur lsletts jasaAos! Ich bin keine Sängerin! Komlos sy. Sei nicht so bescheiden. Ich weiß du kannst singen, also sinz' Nationallied. Irma. 82NV686M! Lrisr orömwel! (Lied, Einlage.) (Nach dem Liede klatscht Alles in die Hände.) Napagetel (entzückt). O, da war xi6AQ^! Da war fein! Babuschka. Veitl Jnhannes — mi kenne me auch geben Bestes? - Tanz — nationalitätische! Alle. Ja, ja! Eine National-Polka!- Napagetel. Na — Babuschka wenn Du willst? Meinetwegen! (Nationalpolka getanzt von Napagetel, Babuschka und Hansitschku. Einlage.) Komlossi (nach dem Tanze). Aber jetzt allgemeine Lustigkeit! lllsrn tstsrisM 3,2urnaiL — tanzen wir Oanean. Irma. I»6n! Ixsn! Alle. Vorwärts! 6n avant! (Oktncan.) Letzte Scene. (Während des Oaneans tritt plötzlich im Hintergründe, drohend gruppirt: BlUNzerl mit 4 Knechten, darunter Schw artling ans.) (Der Tanz wird abgebrochen.) Alle. Was ist das, was wollen die Leute? (Musik.) Auodlibet. B lunzerl. (Necitativ.) Vasallen und Knechte! Stehet hier still. Geb' ich das Zeichen — Ihr wißt, was ich will! — (Die Knechte ab.) 39 Fuchs (ängstlich für sich sprechend). Heiliger Bafnuzius — meine zw eite Braut! Komlossh (singt aus Profet). Wer ist jene Frau dort? Blunzerl (Profet). Wer ich bin? Wer ich bin? Wer ich bin? (Plötzlich Schnappermelodie.) Ich wier's jetzt gleich sagen Und wir' net lang fragen, Wer mir'n aussafanga aus der Mitt', Er hat mich betrogen, Hint und vorn angelogen, Js das eppa nix? Na i' bitt! Alle (Blaubart). Mir scheint, jetzt giebt's einen Skandal, Es war ja nicht das erste Mal — Daß einer zwei Verlobte hat — Das findet sich in jeder Stadt! — Blunzerl. Ha! Wie sie steh'n und wie hingaffen, Als sähen Sie ein Wunderthier — Steh' ich hier! Ich bin verlobt mit jenem Lassen Und sie da auch, so wie ich? Lächerlich! Mir hat er die Ehe versprochen, Die Ehre — die Ehre — treibt mich jetzt nun zu diesem Schritt! Ja a a a Ich hol' ihn vom Verlobungsfeste — Und justament jetzt geht er mit! Alle. Sie holt ihn vom Verlobungsfeste — Und justament jetzt geht er mit! Äabuschka (mit Schadenfreude, Polka.) äo^6 Schabernak Aber isse äokselis Weil hat heiraten versprochen Einer Andern jede Wochen! Am Schabernak "der isse äolrselis äair! . Alle. Als äo^e Schabernak ^ber isse äoksells äair! — Irma (schmerzlich singt). O, Edusch! Edusch! Eduschka! Blunzerl. Kommt zu mir > Dieser G'schwuf, ! Macht die Cur s Mir allein, ) sagt er — Spricht von Liebe l Und vom Glück, Z Herzenstriebe, / O wie fein! — der Grasel! Irma (aus Fatinitza). O Eduschka! Eduschka! Eduschka a — Was hast Du Alles schon durchgemacht? Alle. O Eduschka! Eduschka! Eduschka Was hast Du Alles schon durchgemacht? Irm a (Ernani). Jetzt steht mein Herz in Flammen, Ich halte nicht mehr mich zurück, Mag mich die Welt verdammen, Ich laß' ihn nicht — laß nicht mein Glück! (Sie packt ihn). Blunzerl (spricht). So! Na, da werden ma nocha glei a Mode machen! (Sie pfeift.) Die 4 Knechte (treten ein.) Blunzerl (singt Freischütz). Fort! Werft das Scheusal in die Wolfsschlucht! (Sie packen ihn, Irma läßt ihn nicht los.) Irma. O Eduschka Eduschka, Eduschka a! Was wird mit Dir noch durchgemacht? Blunzerl. (Fledermaus). Er wird so lang Bis er mein Mann Bei mir jetzt internirt! Am Hochzeitstag Laß ich ihn aus, Er keine mehr anschmiert. (Fuchs hat sich gesträubt, jetzt werfen ihm die Knechte ein großes Tuch über den Kopf und tragen ihn im Triumphe fort.) Blunze rl (jodelt dazu, der Chor begleitet sie. Sie verhöhnt ihre Nebenbuhlerin u. s. w.) Hollo de ro! Irma (fällt in Ohnmacht). Gruppe. Vorhang Ml. Dekoration des zweiten Bildes. Erste Scene. Die Lassen stehen offen. An einem Tische links sitzen : Lorenz, Griff, 1. und 2. Buchhalter und spielen Tarock. Neben ihnen Weinflaschen und Gläser. Lorenz (das Glas erhebend). Der Fruktifizirungs - Schwindel soll leben! Vivat hoch! Alle. Vivat! Lorenz (zu Griff). Se, aber die Hetz müssens mir später erzählen, die's gestern abg'setzt hat, mit dera Fleischselcherin, und mit'n Herrn Fnchs? Hahaha! Griff (spielend). Ja, das war a Hauptgaudium! Das hättens seh'n müssen! Lorenz. I bin nur neugierig, was der Ungar jetzt thuan wird? Griff. Der ist süchtig und geht ihm mit'n Hackel nach! Wann der'n erwischt, no nacha bsürt Di Gott, Fuchs! Lorenz. Sie, halt, was thnn's denn? Sie haben eh schon einmal den Sküs ausg'spielt? Griff. Was Ihnen einfallt! 1. Buchhalter. Ja, ja! Früher wie ich denn Neuuzehner zugeben mußte! Lorenz. Segn's, Sie schlechter Kerl! Daß Sie das Betakeln nicht lassen können? Griff. Sie werden schon entschuldigen. aber das is nur ein Erbfehler von mir, und den g'wöhnt man sich nicht so leicht ab! Da, jetzt hätt' i Ultimo g'macht! Lorenz. I glaub's gern, wanns 'n Sküs zweimal ausspielen! Geb'ns noch einmal! Griff (er mischt). Meintwegen! Hebens ab! Lorenz (hebt ab. Griff schlägt die Volte). Hat schon wieder den Sküs unten. Ah, was Sie für a Mischerei verbringen? Geb'ns noch einmal, oder Sie werden mi glei' süchtig machen! Griff (gibt auf's Neue). Was Sie aber für ein mißtrauischer Mensch sein! Heben's ab! — Lorenz (hebt ab). Ja, i Hab' schon so meine Mucken! Griff (schiebt mit dem Nockärmel einige Sechserln auf seine Seite). Lor e nz (schreit). Halt! Halt! Sie Mordgrasel! Da haben Sie mit'n Aernm von mein Geld 2 Sechserln übri g'streift- 41 Griff (sich zornig stellend). Was Ihnen einfallt! Ah, jetzt spiel' ich gar nimmer mit! Lorenz. Js mir a recht! (Die 2 Diener kommen). (Militärmusik in der Entfernung.) BeideDiener. Die Deutschmeister marschiren über d' Ringstraßen! Lorenz (aufspringend). Vom Fenster d'rin können mas seh'n! Alle. Ja, ja! Schnell! Schnell! (Alle 6 stürzen durch die Thüre links, und lnsfen dieselbe offen stehen. Griff macht einen Satz zurück, und nimmt von Lorenzens Platz einige Sechserln fort, dann den Andern schnell nacheilend. Die Musik währt in der Ferne fort, bis alle 6 aus dem Salon wieder auf der Scene erscheinen.) Zweite Scene. Komlossh und I r m a (durch die Mitte, Beide sehr aufgeregt). Irma. Hissen es llallllatlun äolvA! Witt ich endlich wissen, wie ich d'ran bin! Komlossh (wischt sich die Stirne), üa sn niaAnänak solnslc, nk!—Ich kann nimmer laufen, bin ganz capnt! Ich möcht mich an Deiner Stell' gar nicht mehr um ihn bekümmern! Dein Bräutigam ist ein Onssiniisr, laß ihn laufen! Irma. lAsn ^t^n, wenn ich war' davon überzeugt, daß er ist ein ^.kass- iotoravolä, möcht ich ihn lassen laufen! Aber — ist er mir ja entführt geworden gewaltsam. — Vielleicht ist er auch unschuldig ! Komlossh. Glaub'ich nicht d'ran! Jedenfalls hat er der Anderen auch versprochen sie zu heiraten! (Wild.) Uhu. tsrsrnlstts, ich will kommen auf Grund. Er hat Dir versprochen Dich zu heiraten, muß er Dich heiraten, ob will oder nicht! Irma. Usl^sssn! 1^ XsA^sänÄc ^2 urnuk! Komlossh. Wart'Spitzbub, werden wir Dich schon kriegen! (Sich umsehend.) Aber was ist das? Gar Niemand ist hier? Cassen dort stehen offen? Kann Jemand herein kommen und stehlen! Was ist das für eine Wirtschaft! Mein Geld ist auch dort in der Cassa, werd' ich geh'n znschließen! (Er geht hinter die Barriere, und ist im Begriffe die offenen Lassen zu schließen.) Irma (sieht durch die Thüre in den Salon). Dort steht ganze Dienerschaft, und schaut zum Fenster hinaus! Komlossh. Derweil kann man hier paar Millionen forttragen! (Er sieht näher.) Aber, was sein denn das für spaßige Dukaten? (Nimmt eine Schüssel heraus.) Irma, komm her! Sag mir geschwind, täusch' ich mich? Sein das wirkliche Dukaten? Irma (ist hinzu getreten). Das da? Nein! Das sind so, Marken — wie man hat zum Kartenspielen. Komlossh (starr). Istsnsrn, sind wirklich von Messing! Irma (schlägt die Hände zusammen). Am Ende sind sie gar Alle Betrüger, ^bja! Komlossh (erschrocken). ^ Istsn ns aäja! (Er nimmt schnell ein Portefeuille.) aus der Cassa und revidirt es). Was ist das? Das sind ja keine Tausender! Das sind Adressen von Hutmacher! Irma. O ^.tja! Sind wir betrogen! Komlossh (zieht sein Taschenmesser). R.ubja tsrsmtstts, muß ich haben vollständige Ueberzeugung! (Er schneidet einen Sack auf.) Steiner! Irma. Kieselsteiner! Komlossh. Dukaten von Messing, Tausender von Hutmacher, Silberthaler aus Kieselsteiner? (Nimmt Irma bei der Hand und zieht sie vor.) Das sind ja, lin-idlos, Oassrnbsrs, Bankrottirer! Oj! Oj! Was sollen wir jetzt machen? I r m a (legt den Finger auf den Mund). Pst, ! Gehen wir langsam wieder I hinaus, und schnell auf Polizeibehörde! 42 Komlossy. I§6N) Recht hast! Oj, könnt ich mir raufen aus alle Haar! Komm! Komm! G'schwind auf Polizeibehörde! (Beide schnell und leise ab.) (Musik schweigt jetzt.) (Alle 6 kommen jetzt wieder aus dem Salon zurück, die beiden Diener durch die Mitte ab.) Lorenz (im Auftreten). Fesche Leuteln san's die Deutschmeister! Griff. Keck und verwegen! Die Edelknaben von Hoch und Nieder! Lorenz. Na, diesmal werden's ja doch a paar Tag hier bleiben dürfen, so Hab' i g'hört! Griff. Schon möglich! Lorenz. No, — was is denn? Spielen ma weiter oder net? Griff. Na, — meintwegen. 1. Buchhalter. Bin auch dabei. Lorenz (setzt sich und besieht sein Geld). Was ist denn das? Ich Hab' doch 8 Sechserln da liegen g'habt, und jetzt liegen nur 3 da? Griff. So! Ah, das ist aber merkwürdig. Lorenz (schlägt zornig auf den Tisch). Ob ma denn den Rücken kehren kann? Mit de Augenbram stehl'ns am 's Geld weg, in dem Diabsg'schäft. Griff. Iaa! Es istnicht zu glauben. Dritte Scene. Vorige. Humbug (in aller Hast). Humbug. War Niemand da? Lorenz. Nein, ich bitt, gar Niemand ! Humbug (wirft sich in einen Stuhl und wischt sich die Stirne). Schrecklich! Schon 1 Uhr vorbei! Aus der Börse große Panique, — alle Course mit rapider Schnelligkeit gefallen, fallen noch immer tiefer! Entsetzen, — Wehgeschrei an allen Ecken — dazu kommt der verdammte Löwenstamm noch immer nicht! (Springt auf). Da muß etwas vorgesallen sein, etwas Schauderhaftes! RiNaldo (kommt bleich und erregt). Ist er noch immer nicht da? Humbug. Nein. Rinaldo. Unsere Papiere sind um 30 bis 40 fl. zurückgegangen! Gehen noch immer zurück. Humbug. Wir sind verloren! Rinaldo. Und was das bedeuten soll, weiß ich nicht! Unten an der Ecke begegnet mir der Ungar Komlossy, erhebt seinen Stock, und schreit mir in die Ohren: Ualrlo! ! Und stürzt fort! Was heißt das? Humbug. Uslrlo, heißt Räuber, und Oa, 26 mii 6 r, Galgenstrick. Rinaldo (zu Lorenz). War er vielleicht hier? Lorenz. Wer? Rinaldo. Der Ungar. Lorenz. Ka Gspur! Vierte Scene. Vorige. Löwen stamm (wankt zerschmettert zur Thüre herein). Humbug. Da ist er! Alle. Endlich! Endlich! Rinaldo. Wie sieht er aus? Humbug. Schwarz! Alle. Wie a Mohr! Lorenz. Wie a Rauchfangkehrer! Löwen stamm (nach Luft schnappend). Zu spät — Alles aus — vorbei — a Stuhl, die Gebeine schnappen mir zu- samm! (Sie stellen ihm einen Stuhl, er fällt hinein). Rinaldo. Rede! Humbug. Sprich! Alle. Was ist geschehen? . Löwen stamm (nach Luft schnappend). Die Welt geht unter, der jüngste Tag bricht an, Alles ist eaxoros! Mei Geld ist hin, Euer Geld ist hin, mei Equipage is beim Teufel, meine Julietta geht in Fransen aus — aus! Alle. Erzählen. 43 Löwen st amm (mit komisch unterdrücktem Weinen). Das läßt sich beinahe nicht erzählen? Wanen könnt ma so viel, daß ma in Thränen schwimmen könnt, wie in a Komunalbad! Wie ich gestern Abend hinauf komm' zu Rothschild, steht Simchele Katz schon an der Thüre, und hat mich erwartet! „Mach geschwind," sagt er, „die Herrn sind schon beisammen! Mit a Sprung war ich im Kamin und im Ofen drinn! — Sie haben gehabt a heftige Debatte! Ich spitz die Ohren, und horch! Aus einmal hör ich den Baron rufen: „Das nutzt Alles nichts meine Herrn, halten kann sich der Schwindel nicht länger, also stürzen wir ihn hinunter! Morgen große Oontrsrnine auf allen Linien!" Humbug. Schrecklich! Rinaldo. Entsetzlich! Alle. Schauderhaft! Löwenstamm. Das Schauderhafteste kommt erst! In dem Monement, wie ich das hör, aus dem Munde des Gewaltigen, gibts mir e Riß, und ich muß nießen, a so (er nießt heftig). „Hels Gott!" schreien se Alle drinn' im Zimmer, ich fall vor Schreck beinahe in Ohnmacht, lahn mich a bissele stark an, der Ofen platzt, und drinnen lieg ich im Zimmer, mitten unter die Ma- tatores! Alle (schnell). Entsetzlich! Löwen st amm (schneller). „Veräthe- rei! Ein Spion!" Schreien Sie Alle durcheinander, reißen mich hin, reißen mich her, der Baron stürzt hinaus, ich höre zwei mächtige Ohrfeigen klatschen, und dann, wie man Jemanden über die Stiege hinunterwirft — — das war Simchele Katz! (Weinend.) Wollte Gott, sie hätten mich auch hinausgeworfen? Aber nein! Eingesperrt haben sie mich in e Zimmer in Arrest und haben mich drin gelassen bis heut Mittag nach Börsenschluß! Vor einer Viertelstund haben sie mich ausgelassen! 3ch renn auf die Börs', so schnell wie in meinen schönsten Galopintagen (plötz- lich komisch schmerzlich aufschreiend.) Aus! Zu spät! Verloren! Der Krach war schon da! Verloren! Mechulle — mit Strümp und Schuh! (Fällt in den Sessel.) Rinaldo. Esel! Humbug. Schafskopf! Rinaldo. Rhinozeros! Humbug. Haifisch! Warum hast Du genießt — genossen? Jetzt sind wir pfutsch! — Kerl, ich könnte Dich — Rabe (bleich und athemlos.) (Die beiden Diener folgen ihm auf dem Fuße). Rabe. Alles ist verloren! Der Regierungs-Kommissär und die Polizei kommt — die Untersuchung! Man will uns arretiren! (Alles rennt entsetzt durcheinander). Lö W e N sta MM (springt in die Höh)- Die Polizei! Die Polizei! Alle. Entsetzlich. Humbug. Schnell — verbrennts die Bücher! Rinaldo. Alles forträumen, was uns kompromittirt! Humbug. Die Millionen aus der Kassa in den Ofen! Schnell! (Sie bemühen sich die Bücher in den Ofen zu stecken, es geht nicht). Löwen st amm (guckt angstvoll zum Fenster hinaus). Die Polizei is schon unten im Hof, wir kommen nicht mehr hinaus! Lorenz (der früher hinausgegangen, kommt schnell wieder herein). Sie san schon auf der —Stieg'n sie kommen schon herauf! Rinaldo. Die Thüre zusperren! (ES geschieht.) Löwen st amm (hängt sich zum Fenster hinaus). Das ganze Haus ist mit Polizei umstellt! Wohin? Wohin? Lorenz. Ich weiß ein Ausweg! Durch den kleinen Ausgang über die Hintere Stiegen, und anf'n Boden! Rinaldo. Ja, ja! Nur schnell! Rabe. Recht so! Humbug. Die Bücher mitnehmen — 44 die Schriften! Vielleicht retten wir uns über die Dächer? (Man hört die Thüren krachen.) Lorenz. Sie sprengen schon die Thüren ein! Rinaldo. Rette sich, wer kann! Fort! Alle. Fort! Fort! (Musik.) (Alle stürzen tumultuarisch durch die Thüre links ab, bepackt mit Büchern, Schriften, Geldsäcken, Portefeuilles u. s. w.) (Die innere Mittelthür kracht und springt auf.) Komlossh. Ei nPoliz eikommissär an der Spitze von 8 Sicher« heitsmännern. (Pause in der Musik.) Komlossy. Sie sind fort! P o l izei kommissär. Das Nest ist leer! Komlossh. Iltz'a toromtetts! Radlog sind dort hinaus! Polizeikommissär. Schnell ihnen nach. Alle. Vorwärts! (Musik fällt stark ein. Alle links ab.) Vorhang fasst. Sechstes Bild. „Aas Schwindel-Konsortium auf dem Aache." Das Dach des Hauses mit Schornsteine und Bodenfenster. Man sieht über Dächer der Häuser mit Ranchfängen, Kuppeln, Blitzableitern, in der Perspektive Horizont und Thurmspitzen. Rinaldo. Humbug. Rabe. Löwenstamm. Lorenz. Griff, die 2 Buchhalter, die 2 Diener, (in ängstlich lauschenden Gruppen gegen ein großes Bodenfenster, bepackt mit jenen Gegenständen, die sie früher forttrugen). (Musik und Gesang.) Auodlibet. Alle (aus Indigo). Alles ist verloren, loren, loren, loren, loren, Das Schicksal hat sich gegen uns verschworen schworen. HNMb ug (auf dem First sitzend). Auf dem Dache sitzt ein Greis, Der sich nicht zu helfen weiß! Alle (wie oben, nur in einer tieferen Tonart). Alles ist verloren u. s. w. L ö w e n st a m m (weinend aus Czar und Zimmermann) Emst spielt ich in Anglo, in Baubank so gern — Agent war, für mich nur, Herr Itzig Stern! Doch jetzt bin ich rnaellulls — hin ist all mein Geld! Vergänglich, ach vergänglich ist All's auf der Welt! Alle (einfallend). Vergänglich, vergänglich ist All's ans der Welt! Alle (wie oben, nur jetzt in einer ganz hohen Tonlage). Alles ist verloren, loren, loren - Lorenz (aus Freischütz). (Guckt zum Bodenfenster hinein.) Dort, aus des Bodens Mitte, steigt ein Sicherheitswächter auf! LöWeNstaMM (Freischütz). Weh' mir! Und ich kann nicht hinab! (Sieht ängstlich zum Dache hinab.) Humbug (höhnisch.) Hasenherz! Klimmst ja sonst wie eine Gemse! (Eine kolossale Baßstimme, aus dem Bodenfenster durch ein Sprachrohr gesungen aus Don Juan.) Ihr Graset, höret uns! Ihr seid verloren! Alle (zusammenschauernd aus Zampa.) Er ist da, er ist da, er ist da! Der Mann mit die Sicherheitswachter! (Unsichtbarer Chor aus dem Boden, aus Robert der Teufel.) 46 Die Schurken, sie haben betrogen so > sehr, Wo nehmen sie jetzt einen Gimpel noch her! (Hohnlachen.) Ho ho ho ! Ho ho ho! illebergang zu Die Schnipfer sitzen Alle fest ^lu^aus Und das ist jetzt das AberbeslIwirdrepetirt. Schlu ßsatz (aus Tannhäuser). (Ein Theil das Gewinsel der Geigen nachahmend.) Aj, Aj, Aj, Aj! Pilgerchor (fällt ein). Wehe Euch! Es hat euch nun erreicht das Verhängniß! Wehe Euch! Ihr Alle kommet jetzt in das Gefängniß! (Während dieses Finales kommen aus allen Bodenlöchern und auch aus einigen Schornsteinen Sicherheitswächter und nehmen die ganze Bande gefangen. Löwenstamm versucht Alles, um sich zu retten und klettert schließlich auf die Spitze eines Blitzableiters. Humbug will kopfüber durch einen Schornstein entkommen, er wird herausgezogen.) (Der andere Theil.) Waih, waih, waih, waih! Komische Gruppe. Per Vorhang Ml. Siebentes Bild. „Kochzeit oder Griminal." Elegantes Zimmer. Erste Scene. Frau Blunzerl im Brautkleid, Fuchs, als Bräutigam, Vroni und P i tz b e r g e r. Pitzberger. Wie's halt jetzt glauben, Frau Blunzerl! Entweder — wie i' g'sagt Hab', Sie zahlen die 3000 Gulden — oder i geh' von da direkt auf's G'richt — und der Herr- Fuchs geht nacha mit Ihnen net zu der Hochzeit, sondern wandert wo anders hin! Blunzerl (aufgeregt zu Brom). Und hat sie wirklich gar nix zurück kriegt von ihre 3000 fl.'? Vroni (weinend). Nei — gar nicht ein' Kreuzer! Bei G'richt habe sie mir verzählt, es sei nix dag'wese — und in die Silbersäck, die i Hab' steh' g'sehe — da wäre nur Kieselsteiner drei g'wese^! O, der Füchsle hat mi' an- g'schnuert mit seiner Rekommandation --.denn er hat scho ganz g'wiß g'wüßt, daß das keine ehrliche Leut sein, wo i' niei Geldli hintrag, sondern vermascht kerirte Spitzbube und Betrüger! O, wein Herrgöttli! Zu was is jetzt mei' Bas' g'storbe? Die Erbschaft Han i' verlaberirt — und mei' Bräutigam, wird mi g'wiß jetzt ohne Geld a' sitze lasse! O Jammer und Noth! O oo! (Sie schluchzt.) Pitzberger. DöS giebt's net! I halt mei' Wort und mei' Versprechen, wann'st a' nix hast, Vroni, ich mach's net wie g'wisse Leut, die nur 'S Geld heiraten woll'n — und die Person nur so überhapS in Kauf nehmen! — I will damit nix g'sagt haben, Frau Blunzerl! Allen Respekt vor Ihna — Se sau a' raisonable Frau — und es thut mir lad um Ihua! — Aber — den guaten Rath möcht i' Ihna geben: wann's den G'schwufen dort wirkli heiraten — legen's Ihna ein' ordentlichen Ochsenzean z'recht! Fuchs (auf ihn zu.) Frecher Mensch! Pitzberger (tritt ihm dicht unter die Nase). Na, waS is? Fuchs (weicht zurück). Die Leut' sind von einer Keckheit! Pitzberger. Ah, bis jetzt no net! I Aber wann wir unser Geld net krieg'n I— nocha erst können- was verleben! Blunzerl (zieht eine kleine Brieftasche). Ihr sollt euer Geld haben! ! Vroni (freudig). Ja? Ich kriegs? 48 B lunzer l (gibt ihr 3 Tausender). Ja, ja! — Eins — zwei — drei! Sei sie ein andersmal g'scheidter! Und jetzt will i aber ein' Ruh' haben! Vroni (hocherfreut). O ja, das solle Sie habe — lieb's Franke (küßt ihr die Hand.) Ich bedank mi schönstens und wünsch Ihnen viel Glück im Eh'stand und ein große Seegen Gottes obe drei! — Aber 's Füchsle müsse Sie kurz halte, den gute Rath geb'ich Ihna! — Und jetzt lebe Sie wohl! I Han meine 3000 Gulde wieder und mein Deutschmeister obe drei! Gelt? Is doch besser, daß wir 's ,Geldli wieder habe! (Hat Pitzberger unterm Arm genommen.) Pitzberger (lachend). Na ja — besser ist's schon! Komm Vroni! Wir wollen einander glückli machen — denn wir zwa passen z'samm! Vroni (drückt seinen Arm an sich). Freili! Freili! (Schnell) Und jetzt könne mer heirate, und wirthschafte wann mer wolle. — und auch für unsere Nachkomme sorge! Gelt! (Beide beglückt ablaufend.) Fuchs (fingirt Gewissensbisse). O, ich Elender! Ich Erbärmlicher! (Er läuft hin und her.) Blunzerl (ihm nachsehend). Was sagenö? Fuchs. Verdien ich wohl diesen Engel? Blunzerl (für sich). Schau? Er hat mich doch recht gern! (Geht ihm nach.) Aber bleib'ns doch stehn! Fuchs (immer auf und ab). Die Güte dieses Engels drückt mich zu Boden! Blunzerl (ihm nach). Rennens doch net immer hin und her! Bleibens endlich steh'n! Fuchs. Ich kann nicht! Ich muß aus ihrer Nähe entfliehen! (Will ab.) Blunzerl (hält ihm beim Frack). Aber, wo woll'ns denn hin? Fuchs. Mich in'S Wasser stürzen! Blunzerl (schnell). Hörn's auf! Und jetzt setzens Ihnen da her zu mir! (Zieht ihn am Frack zu sich aufs Sofa.) Fuchs. O, ich verdiene Ihre Liebe nicht! Nur in den Wellen der Donau wird mein Gewissen Ruhe finden! Blunzerl. Redeu'ö kan Unsinn — in die Donau — bei dera Kälten? Da bleibend sitzen! So — (sie rückt ganz nahe). Schaun's mich an! (Für sich, während Fuchs einen bittenden Blick ihr zuwirft). Was er für schöne Augen hat — der Taugenichts! (Laut.) Ich bin geneigt Ihnen zu verzeihen — vollständig zu verzeihen— aber ich verlange Aufrichtigkeit — und Ehrlichkeit! Sie —i' bin a guats Weib — Sie werden mich noch kennen lernen! Aber — in der Lieb' versteh' i kein Leichtsinn, und kan G'spaß! Alles verzeih ich — wann mich aber mein Mann einmal in diesem Punkt hintcr- gehen wollte — nachdem sollt' er mich von einer Seite kennen lernen — die er sich g'wiß net hätt' träumen lassen! Fuchs (zärtlich ihre Hand küßend). Seit dem ich Sie kenne Kunigunde — weiß ich gar nicht mehr, daß es auf der Welt noch andere Frauen giebt. Blunzerl (geschmeichelt). Ist das wahr? Fuchs. So wahr — als meine Liebe zu Ihnen! Blunzerl. WaS war's denn aber nachher mit der Irma der Tochter des Ungar'S? Fuchs. Diese Person hat sich mir förmlich an den Hals g'worsen! Der Zufall führte mich mit ihr zusammen! Ihr Vater und ich — wir wohnten in einem Hotel zusammen, und da ist sie alle Tag Abends an meine Thür gekommen, und mich gebeten, ich soll ihr erlauben, ihr Licht anzünden zu lassen! Blunzerl (schnell empört). Die freche Person! Und Sie haben ihr's anzünden? Fuchs. Was könnt ich denn machen? So ungefällig könnt ich doch nicht sein! Ich habe — 49 Blunzerl (entfallend). Genug! Ich will nix weiter hören! — Wann Sie mein Mann sind — werden Sie Keiner mehr a Licht anzünden — dafür steh' ich Ihnen! Fuchs. Niemals wieder, ich schwör's! — Von mir aus sollen alle Frauen im Finstern bleiben — nur Sie, Kunigunde, werden mir im ewigen Lichte strahlen! Blunzerl (entzitckt für sich). Wie schön als er reden kann — der schlechte Mensch! (Laut.) Nun denn — ich will Ihnen Ihre leichtsinnigen Streiche verzeihen ! Fuchs (küßt ihre Hand). O Engel! Blunzerl (fortfahrend). Den Ungar- Hab' ich herb'stellt! Ich will ihm das Geld zurückerstatten, welches er, wie er angiebt, Ihretwegen bei dem Schwindel- Institut verloren hat! Versprechen Sie mir, ein ordentlicher Mensch zu werde« ? Fuchs. Ja! Blunzerl. Ein treuer, liebender Gatte und Vater? Fuchs. Ach, ja! Blunzerl (giebt ihm die Hand). Gut! — Jetzt sind wir ausg'söhnt! — Geben Sie mir den Versöhnungskuß! Fuchs (zögert). Ach — Kunigunde! Blunzerl. Küssens mich — ich wills! Fuchs (küßt sie). Blunzerl. Noch a mal! (Er küßt sie.) So is recht! Zweite Scene. Vorig e. Komlossh (tritt» lempo ein.) Komlossh. Iä regelt Xivänok! Wünsch' ich wohl gespeist zu haben! (Beide fahren aus einander.) Belieben Sie sich nicht stören zu lassen? Bin ich nur gekommen zu fragen, meine liebe Frau Geschäfts-Collegin — ob Sie wollen zahlen für Ihren Herrn Bräutigam — was er mich hat angeschmiert — oder - ob ich soll gehen zu Gerichtsbarkeit, und soll Anzeige machen? — Theater-Repertoir 31 S. Fuchs. Bemühen Sie sich nicht! Blunzerl. Sie soll'n Ihr Geld kriegen! Morgen Früh kommen's her — da wollen wir abrechnen! Ist Ihnen das genug! Komlossh. Heliosen! Bin ich damit zufrieden! Haben Sie Ihren Bräutigam theuer genug bezahlt! Wünsch ich Ihnen nur, daß Sie auch finden, daß er ist so viel Geld Werth! — Meine Irma ist sehr zufrieden gewesen — Blunzerl (schnell). Was? Komlossh (ergänzend). Daß er sie hat sitzen gelassen! Blunzerl. Ach — so! Komlossh. Ist sie schon wieder Braut mit einem Anderen! Aber diesmal werden wir Hochzeit beschleunigen! Blunzerl. Da thnn Sie recht d'ran! Dritte Scene. Vorige. Schwartling (tritt ein, schwarz befrackt, ein Sträußerl im Knopfloch, die riesigen Hände mit Baumwoll-Glacöe über- zogen). Schwartling. I bitt' die Hochzeits- gäst' san im Saal schon versammelt! Alles ist z'sammg'stampert und in der höchsten Wix! Unsere Ladenmadeln als Brautjungfern, das ist schon 's Höchste! Solln's einer kuma? Blunzerl. Ist denn schon Zeit? Schwartling. Ah freili! Is ja schon zehne vorbei! Blunzerl (Fuchs einen schmachtenden Blick zuwerfend). So wollen wir denn den Schritt sür's ganze Leben wagen, der unsre Herzen ans ewig bindet! Nachher giebt's nix mehr z'kokettlren, nix mehr z'schamariren, Eduward. Fuchs. Ah nein, Kunigunde! Blunzerl (zu Schwartling). Lassen's die Hochzeitsgäst einer! Schwartling. Ja! (Geht ab.) Napagetel's (Stimme von Außen). Hochzeit kanne nicht stattfiuden! 4 50 Babuschka (von Außen). Muß me erst haben Geld unsrige! Blunzerl. Was ist das? Fuchs (ängstlich). Der Napagetel mit der Gattin! Vierte Scene. Vorige. Napagetel. Babuschka und Hansitschku. Napagetel (schnell). Da isse Pane Fuchs, — da isse! Sie Werdens uit heiraten diese Frau! Werdens mi zahln früher unser Geld, 5000 — Gulden! Babuschka (schnell). Ja, was mi habn's g'sagt, füll me legen af Perzent af Bank—mit Schwindel grusse! Sa- trazeni! — Napagetel. Und wanns Werdens nicht zahl'n gleich uns, wer me gehn gleich af Pulizei und wer me machen Anzeige, betrügerische! Babuschka. Ja! Da wer me! - Blunzerl. Still, Still! Ihr sollt's Euer Geld haben! — Fuchs (fingirt Reue und Leid). O lassen Sie mich, holde Braut! Die Fluthen der blauen Donau sollen meine Schande bedecken. (Er will ab). Blunzerl (hält ihn fest) Na freili! Jetzt lass i Jhna noch a laufen und ersaufen, wo i schon so viel ansg'legt Hab' für Ihnen! Sagen's mir noch Eins: San die 5000 Gulden das Letzte, was Sie auf dem G'wisseu haben, Sie garstiger Mensch? Fuchs (seufzend). Ja, das Letzte! (Schnell für sich.) Bis auf die, die nach der Hochzeit kommen werden. (Laut). Aber ich kann diese Opfer nicht annehmen (will wieder fort). Blunzerl (hält ihn). Ob's da bleiben wieder ? Jetzt, vor der Hochzeit möcht er mir davongeh'n! Schaut's da her! (Zieht die Brieftaschen schnell.) Da habt's die 5000 Gulden, dalkerts, böhmisch Volk! — Und ein anders Mal laßt's Enk net von dem nächstbesten Schwindler anschmier'n! (Sie giebt ihnen das Geld). Fuchs (leise). Aber Kunigunde! Blunzerl. Jessas richti, der Schwindler ist ja mein Bräutigam! Napagetel. Ah, da bedank me uns schönstens! Babuschka. Und wünsch me Ihnen Glück und Segen grüße mit Kindele klane! Schwartling (meldet). Die Hoch- zeitsgäst'! — Fünfte Scene. Vorige. Viele H ochzeitsgäste, 2 Beistände, Mali, Kathi, Fanni, Resi, als Brautjungfern. Blunzerl. Endlich! Fuchs. Wir wollen uns beeilen! Blunzerl. Kommt vielleicht noch Einer und will a Geld haben? Fuchs (zärtlich). O Kunigunde! Sie thun mir weh'! Blunzerl (schnell). Na, na, Alles ist verziehen und vergessen, wenn Sie mich dafür aufrichtig lieben! Fuchs (betheuernd). Kunigunde! Sie sollen meine Liebe kennen lernen! Blunzerl. I bin neugierig d'rauf. (Die 4 Ladenmädchen halten die Tücher vor die Augen.) Blunzerl. Was ist Euch denn, Madeln? Warum wein'ts denn? Heut ist ja a Freudentag? Mali. Weil ma halt no net wissen, wie ma d'ran sein! Kathi. D' Frau Heirat jetzt und mir krieg'n ein neuchen Herrn! Resi. Und weil halt d'Frau immer so gut mit uns war. Fanni (einfallend). So wissen ma halt jetzt net — ob der neuche Herr mit uns a so nachsichtig und gut sein wird! 51 Fuchs (lüstern bei Seite). Da sind ja 4 prächtige Madeln? Zum anbeißen. (Geht auf sie zu). Na, na, tröstet Euch, ihr guten Kinder! Ich werde Euch gewiß nicht hart behandeln — und Ihr sollt mit eurem künftigen Brodherrn gewiß zufrieden sein. (Er hat Fanni in die Wange gekneipt.) Blunzerl. (schlägt ihn fest auf die Hand). Diese Versicherung ist durchaus nicht nothwendig! Die Madeln im Haus geh'n den Herrn gar nix an — der Gegenstand g'hört in mein Departement! Verstanden! (Sie sieht ihn etwas drohend an.) Fuchs (für sich, reibt sich die Hand). Mir scheint, die versteht kein G'spaß! (Laut). Aber Kunigunde? Blunzerl (mit dem Finger drohend). Eduward! Sie wissen, was Sie mir versprochen haben? Fuchs (etwas kleinlaut). Ja, ich Weiß! Blunzerl. Alsdann merkens Jhnen's! Die Herrn Beistand! (Zwei komische dickwanstige Gestalten als Beistände treten vor.) Blunzerl. So, — Und jetzt marschieren ma in Gottesnamen in den neuchen Ehestand ein! (Alles ordnet sich zum Abgang.) Die 4 Mädchen (singen aus Frei' schütz). Faun i. Wir führen Braut und Bräutigam Zur Hochzeit jetzt mit frohem Sang. Wo sie vereint für's Leben dann — O, — Vielen ist es oft zu lang. Alle 4 (zugleich). Schöner, froher Freudentag. — bei der Nacht! Mit Jubellust und Freude, Zieh'n wir zur Hochzeit jetzt. (Alles wendet sich zum Gehen, die Musik währt fort.) Na pagetel (schadenfroh zu Komlossy). . Ah, da wird a schöne Ehestand werden? Was glaub'ns? Komlossy (lachend). 17^ keil nski! Hoho! Ich glaub halt, jetzt wird der Fuchs den Balg verlieren! (Beide lachen und gehen den Uebrigen nach. Das Orchester fällt jetzt schnell und scharf wie höhnend mit der Melodie vollstimmig ein). Per Vorhang fällt. 4 * Achtes Bild. (Nachspiel.) „In der HLeslerungs-Anstnl't." (spielt 3 Jahre später im Winter,.) Reich ausgeschmückter Fleischselcher-Laden. In der Mitte Glasthüre und Auslage-Kasten auf die Straße, Gassenfront mit Schnee bedeckt. Rechts ein langer Verkaufstisch von Marmor mit Wage und allerlei Wurstsorten bedeckt. Die Wände bedeckt mit Würste, Schinken, Fleischstücken u. s. w. Hinter den Verkaufstisch eine Thüre mit Glasguckerl. Links an der Ecke brodelt ein eingemauerter Kessel, in welchem Würste gebraten werden. An der Front links 3 Tische unbedeckt, kleine Teller, Messer und Gabel darauf, Stühle davor. Erste Scene. Blunzerl. Mali und K a t h i , am VerkaufLtisch. Fanni, beim Kessel beschäf. tigt. Eine Dame. Ein Proletarier. Ein Schusterjunge. Eine Köchin, und noch viele Leute, die sich herandrängen um einzukaufen. (Wenn der Vorhang aufgeht.) Alle (durcheinander). Geb'ns mir mein Schafbraten! Zwei Blunzen! 8 paar Frankfurter! A schön's Ripplets, Atem Jungschweinernes! 20 Knackwürst! Meine Grammeln! 2 Kilo Schmalz! Blunzerl. Halt! Halt! Halt! Hübsch Eins nach dem Andern! Alsdann (zum Schusterjungen.) Was kriegst Du? Schusterjunge. 3 Bandl Safa- ladi, und nachdem 3 Meter Bratwürsteln! (Sie gibt ihm das Verlangte.) Mali (zum Proletarier). Was krieg'n Se? Proletarier. Ein Liter Grammeln aber mit an Gupf! Kathi (zur Köchin). Was krieg'n Se, Jungfer Köchin? Köchin. 2 Kilo und 20 Deka Schmalz! Schusterjunge (zu Fanni). Bratens ma bald meine Augsburger aussi, daß i weiter kumm. Fanni. Glei kriegst's! Blunzerl (zu einer Dame). Mit was kann ich denn dienen, meine Gnädige? Dame (besieht die Waare durch ein Lorgnon). Ich möchte gern etwas Feines, — zum Thee. Blunzerl. A schöne Zungen war da, a ganz a frische! Dame. So! Was kostet das Kilo? Blunzerl. 1 fl. 60 kr., wenn ich bitten darf. Dame. Ach, wie theuer! Was kostet denn das halbe Kilo von jener Salami? Blunzerl. Von der ung'rischen da? 90 kr. 53 Dame (die Nase rümpfend). Wie daß Alles aber theuer geworden ist? Geben Sie mir lieber 5 Deka Preßwurst! Blunzrel (für sich ärgerlich). Jetzt gehst denn no net? Mir scheint, die Gnädige is mit ihre 5 Deka auf der Daken (Gibt ihr das Verlangte.) Fuchs (kommt durch die Thüre hinter dem Verkaufstisch, mit einer Schwinge voll Bratwürste, er ist etwas korpulenter geworden, und trägt sich wie ein Fleischselcher. Sein ganzes Aussehen etwas spießbürgerlich). So Kinngundel! Da sein die Bratwürst'ln! Die Hab' i alle allein g'macht! Blunzerl (kurz). Ist gut! Jetzt schau nur dazu, daß die Schunken in die Selch kommen, die Leberwürste fertig werden und die Blunzen! Abg'stochen muß auch noch werden heut! Schau nur, daß d' fertig wirst mit Deine Knecht! Fuchs (kleinlaut schmeichelnd). Kuni- gunderl, ich Hab' glaubt, i dürfet dann a bisserl zum Gabesam ins Kaffeehaus gehen, net Kunderl? Blunzerl. Na, Edawardl! Deine Kaffeehaus-Brüderln haben bis Morgen «Zeit — d' Arbeit geht voraus! Geh nur, und schaut's daß fertig werd's! Was ist denn mit der Salami? Fuchs. Glei werd i Dir's herschicken! Glei! Blunzerl. Na, g'schwinder nach- anauder, d' Leut warten schon d'ranf! Fuchs (schnell). Ja, ja! Ich geh schon! Sei guat, Kunigunderl! Sei guat! (Eilt ab.), Blunzerl (für sich lachend). Den Hab' i mir herg'richt auf'n Glanz! Der Parirt! Eisen! iDie Käufer haben sich während dieser Scene zum Theil entfernt.) Zweite Scene. Vorige. Löwenstamm. Löwen stamm, (steckt den Kopf zur Thüre herein). Bleistift, Siegellack, Stahlfedern ! Fanni. Wir brauchen nix. Löwen stamm (kommt herein). Vielleicht doch? Blunzerl. Is der klane Jud scho wieder da? LöWenstamm (in schlechten Kleidern, an einem Bindfaden eine kleine Chatouille um den Hals, in welcher seine Waare liegt). Sie haben recht, gnädige Frau von Fuchs. Jetzt bin i freilich a klaner Jud, aber früher war ich a großer, a gewaltiger Jud, a Matador! Der Herr Gemahl kennt mich noch aus jener Zeit. Blunzerl. Ja, ich weiß! Sie waren ja auch einer von die Graseln, die vor 3 Jahren d' Leut betrogen und aus- zog'n haben! Löwen stamm (schnell). Gott soll hüthen! Betrogen Hab' ich gar Niemanden, das haben die Andern gethan! Und ausgezogen Hab ich scho gar Keinen, im Gegentheile, angezogen, schön angezogen Hab ich so Manche, mit schwere seidene Kleider! (Für sich schwärmend.) 0 Julietta! (Laut.) Vielleicht kaufen Se mir doch was ab? Blunzerl (schnell). Aber i bitt' Jhna, mir hab'n von der Kram so viel herum liegen. Sie müssen g'rad glauben, mir essens. Löwen stamm. Wollte Gott, die Menschen gewöhneten sich an, bei die schlechten Zeiten Siegellack zu essen — oder Bleistift und Stahlfedern! Wenigstens machet ich e Geschäft! Gehn Sie, Frau von Fuchs — ich Hab' heut' noch nix verdient! Mei Magen knurrt — wie e sibirischer Wolf, der acht Tage nix gefressen hat! Blunzerl (lächelnd). Abkaufen thu 1 Ihnen nix — aber auf a Trümmerl Wurst kommts ma net an — wann i wußt, daß Sie's essen dürfeten — weils halt net koscher ist! Löwenstamm. Ah, ich bitt Sie gar schön! Bei die Geschäfte noch koscher essen auch? (Seufzend.) Die Zeiten sind vorbei, wo ich bei der Leni 20 bis 30 Ü4 Gulden für a koscheres Mittagsmahl gezahlt Hab! — Wenn ich aber, wie jetzt, nur die Wahl Hab zwischen koschere Kieselstaner — und einer trefenen Wurscht — nehm ich dock gewiß die Wurscht! Blunzerl. Alsdann — wolln's a' Trümmerl? Lö w e nsta mm (entschlossen). Den Hals kanns nicht kosten. Geb'ns her a Trümmerl Extrawursckt mit a 2 Kilo! Blunzerl (lachend). Na — da hat er a Trumm — weil er a so a g'spaßiger Kerl is! (Sie schneidet ein großes Stück Wurst herab.) Löwenstamm. G'spaßig bin ich? Groißer Gott! Wenn Sie wüßten, mit welchem schmerzlichen Gefühl ick in die Wurscht hineinbeiß! (Beißt in die Wurst, daß der Saft heraus spritzt.) Wana könnt ma — sog ich Ihnen! — Blunzerl. Gebts ihm a Stückl Hausbrod dazu ! (Fanni gibt ihm ein Stück Brod.) Löwen st amm (mit großem Appetit essend). Ich dank! — (Im Vordergrund sprechend, halb für sich). Groißer Moische Rebeneh! Sieh herab auf Deine Kinder in Israel — so weit is es bereits mit Ihnen gekommen — daß sie von Deinem Gebote abfallen und Chaserwürst in ihrer Noch essen müssen! (Er setzt sich und ißt weiter). Mali (kommt zu Blunzerl uud sagt ihr leise etwas ins Ohr.) Blunzerl (frappirt). Was? In der Selchkuchel? Mali. Ja! Blunzerl. Ah — da muß i aber glei! (Zu Mali rasch.) Geh, gleng ma g'schwind den Ochsenzean herunter! (Mali gibt ihn ihr). Na wart — Du g'freu di! (Eilt durch die Thüre hinter dem Verkaufstisch ab.) Kathi und Fanni (zugleich leise zu Mali). Was giebt's denn? Mali. Der kriegt wieder sei Fetten ! (Sie bedienen die Kunden weiter, die jetzt nnr noch aus einigen Personen bestehen.) j Drille Scene. Vorige. Jnlietta (durch die Mitte.) Inlietta (einfach und ärmlich gekleidet, sie ist korpulent geworden, mit einem großen Einkaufkorb am Arm). Lonaserrn, 8itz-nora! Haben Sie schon zusammen gepocken meine Sachen? einque — 5 Kilo Salami, 3 Kilo Nortatello! Löwen stamm (erschrickt). Diese Stimme!? Die Wurscht bleibt mir im Hals stecken! — Faun i. Ja, Frau Spazifazilio! Da is schon Alles z'sammg'richt für Ihnen! Inlietta. Lello! Werden gleich bezahlen! Wie viel moken ans? Fanni. 10 fl. 28 kr. Inlietta. Lens! Löwenstamm. Sie ist es! Inlietta (hat gezahlt). Hier ist meine Geld! ^äio! (Sie will fort.) Löwen stamm (vertritt ihr den Weg). O Iulietta! Inlietta (sieht ihn an). Oosa! Löwenstamm. Kennst Du mich nicht mehr? Deinen Isidor? Deinen angehenden Baron, mit dem ehemaligen schwarzen Kopf — und mit'n spanischen Orden, Deinen Isidoro — den Du früher so beMsinie gefunden hast! Inlietta (erkennt ihn jetzt). — Oll äio! Oll poverino! Löwenstamm. Ja wohl! Sehr poverino! Am poverinersten! (Sentimen- talisch.) O Iulietta! Wo ist Deine Liebe geblieben — wer brachte mich d'rum? Iulietta (leise). Kilemsio! — Ich Dich nicht kann hören mehr von Liebe sprechen — weil ich bin jetzt eine Sig' nora — eine Frau! Löwensta m m. Eine Frau bist Du? Und verheiratet? Iulietta. 8i! Meine Mann ist eine Tyranno — eine Wntherich — er sein sehr eifersüchtig! Löwen st amm. Das glaub ich — ich wär's auch! 55 Iulietta. Ick haben meine Herzen vor 2 Jahren verschenkt, für eine Sala- mutschi! — Löwen stamm (schnell). Was ? Groißer Gott! Verschenkt hast De Dein Herz wegen einer Salamiwurscht? Iulietta. Nisnts! Ich haben mein Herz gegeben an eine Salamimann! Salamutschi! Oaso, Dur^, ! Oapigsi! Löwenstamm. Ach ja — jetzt versteh ! Dein Gatteäst Salamimann! Da kenn ma sehn, was der Krach hat Alles an- gerichtet! So tief sind die Balletteusen im Preis gesunken, daß ma jetzt aus ihnen Salamiweiber macht! O o o o! Iulietta. O, ich seien sehr unglücklich mit meine Mann! Er verstehen keine Spoßen! Löwenstamm. Warum hast'n dann geheiratet, Julietta? Julietta. Weil ich hoben mußen! Nalaästto Krach hat verschlungen Alles von meine Habseligkeiten! Löwenstamm (mit der Faust drohend). Der walaäetto Krach soll sich nur e Krie schneiden. Julietta. Ich sein gewesen in Nissr — Lxaeiiaeilio hoben mich gelernt kennen — und so sein ich geworden seine Frau. Löwenstamm. O Julietta! Hättest mir einen einzigen Tausender herüber gerettet aus jener Zeit, wo das Geld ist gelegen für mich auf der Gassen! Aus jener Zeit, wo ich Dich anbetete. Julietta. No iutsliev! Löwen stamm, (umfaßt Sie leidenschaftlich.) Wir möchten fliehen! Gleich möcht ich Dich entführen, so wie Du da bist, mit sammt Deiner Dicken, den Korb und die Wttrscht! In einem fremden Lande würden wir uns e niederlassen, und dort leben wie e paar Turteltauben, bis die Würschte anfge- gessen sind! Julietta geb mer a Kusch! (Will Sie küssen.) Vierte Scene. Vorige. Spaci facilio. Spacifacilio (als Salamimann gekleidet, ist a ll'smxo durch die Mitte eilige- treten.) iUalaäetto! (er zieht das Messer, und stürzt zwischen Beide.) Oorpo äillaeeo, wisero Üiavolo! Julietta. 0 vio! Löwenstamm (hat sich schnell hinter einem Tisch verkrochen). Jetzt kann es mir gut ergeh'n! Spacifacilio. ker äio! Was wollen dieser Restia von Oio! Seien er Deiner Oavallisro? Orvio! Ich schneiden ihm auf den Bauch! (Will auf ihn los.) Julietta (wirft sich dazwischen), ^juto ! ?aei! Er seien einer alter Bekannter, und er hoben mir sehr viele Gutes gethan! In aniruu mia! Spacifacilio (ruhiger). So! Ich hoben gemeint, er wollen Deine Unschuld verfuhren! Löwenftamm (hinter dem Tisch). Heißt e Einfall? Mit was soll ich sie jetzt verfuhren? Mit e Stängel Siegellack vielleicht? Spacifacilio. Was sagen er? Mir scheint, er spotten Dich aus! Nalaäetto — Julietta (schnell), ^ll via! ^äiamo si. (Sie ist bemüht, ihn fort zu ziehen.) Spacifacilio (die Zähne gegen Löwenstamm fletschend). Oll xovsriuo via- volo! Julietta (zieht ihn fort), ^mieo, Avanti, Avanti. (Beide ab.) Löwenstamm (nachrnfend.) Ja Wohl, — Avanti, uvanti! — und brach die Handi! (Die Mädchen lachen). LöwenstaINm (kriecht hervor). Da bin ich gut draus gekommen! So e erhitzter Salamimann is Alles im Stand! — Fanni. Mir scheint, Sie haben mit dera Italienerin a mal a klane Gspusi g'habt? 56 Löwensta m m. A klaue? Das war schon a große Gspusi! — Die Gspusi hat mich schwere Tausender gekostet! Fa uni (ungläubig). A gengaus! Löwen stamm. Zerplatzen soll ich, wenn es nicht wahr ist? Sie war eine — eine Balletteuse! Wissen Sie, was das heißt? Fanni. A jegerl! Das san halt dö beim Theater — wo alle mal a ganzer Rudel auf amol aussa kommt — und de nacha mit de Füaß allerhand Massematten machen! Löwen stamm. Richtig! Gott, wie gut Sie sich auszudrücken versteh'»! Die Italienerin hat auch beim Ballet früher Massematten gemacht mit de Füaß! Fanni. Oj, dös kunnt i a—wanns grad d'rauf aukommet! Löwenstamm. Ist's wahr? Sie — da Heirat' ich Sie! (Schnell sprechend.) Wenn Sie mir keine Massematten vormachen. und wie Sie behaupten, mit die Füß gute Massematten zu machen im Stande sind, jetzt, wo alle Massematten so schlecht gehen, daß man befürchten muß, trotz aller Massematten, die man den Leuten Vormacht, eine allgemeine Massemattenstocknng wird das Ende vom Lied sein! — Sie, karol äe lionneurs — wenn Sie das können, Heirat ich Sie vom Fleck weg! — Fanni. Na, ich will Sie überzeugen, gengans ma's an! (Duett.) (Sie tanzen und singen nach Arrangement.) (Menuett.) Nr. 1. S i e. Damals, wo man noch züchtig und galant Er. Am Fingerspitzel der linken Hand, Sie. Das Fräulein führt' mit bangen Schritten, Er. Die Aeltern um den Tanz zu bitten! Sie. Verschämt die holde Jungfrau blicket, ^ Er. Des Jünglings Augen still entzücket, S i e. Schüchtern mit verschämten Wangen, Er. An ihrer Formvollendung hangen! Beide. Ach wie schön, ach wie züchtig, ach wie Machten's damals Massematten mit die Nr. 2. (Walzer.) Si e. Dann später der Lanner Er. Das war halt Aner, Sie. Der konnt's aufmischen, E r. Stets mit ein' Frischen! S i e. Wie der noch gefidelt im Apollo-Saal, Er. Der jetzt is a'brennt ganz wurz und kahl — S i e. Wie's noch hat reiche Bürger gegeben — Er. Damals, ach damals, da war'S a Leben! Sie. Wie noch die Leut vom Brillantengrund, Er. Net so wie hentzutag warn am Hund — Sie. Wo noch der Schani „Laschani" g'habt hat, Er. Wo ma' fidel war früh oder spat! Sie. Wo uns die bachenen Henderln, Henderln, Er. Und die gebratenen Enterln, Enterln, S i e. Von selbst san gepflogen in's Schnaberl, Schnaberl, 57 Er. Wie so groß als mei' Hut s' Kreuzerlaberl ! Ä e i b e. Ja! — Als d' Wiener Bürger Geld noch hatten, Damals war'n freili noch gute Massematten ! Nr. 3. S i e. Eh' der Fasching noch zu Ende Führt der Karl'seine Mali, Bon der neuen Noßauerlände, 'raus zum Schwender ganz pomali! Sie srisirt und sie putzt sich, So gut es geht bei diesen Zeiten — „Ach wie freu' ich auf den Tanz mich! „Hör d' Musik jetzt schon von Weiten! Er. Er derweil holt aus dem Kasten Seinen Frack und seine Weste! Aus der Stirne Sorgen lasten — Denkt er seiner Kassenreste! „Die Geschäfte gehen bitter, s'Schwechater kostet der Liter 30 Kreuzer baar und blank, Auf dem Ball — no ich dank!! (Dialog.) Er. Sie gehen also zum Schwender auf'u Ball. Nachdem sie sich durch 6 Stunden müd und matt getanzt haben— S i e. Sie ihren Chignon verloren, und ein galanter Färberg'sell ihr 3 Ellen Schlepp heruntertreten hat — Er. Wird das Zeichen zur letzten Quadrille gegeben und der Schwott schreit: Ein vis-a-vis! Ein vis-a-vis!— Sie. Da reißt sie ihren Adonis Mn letzten Mal hinein in den Strudel — Er. Und es entspinnt sich während des Tanzes zwischen Beiden folgendes zeit- gemäß's katzenjämmerlich's Gespräch: — (Quadrille.) (Sie tanzen und sprechen dazu. Musik piano.) Sie. Du Karl, was is denn a so? Werd'n ma net bald was essen? Das Sperrschisf meines Magens kann den Eisstock meines Hungers bald nicht mehr aufhalten! E r. Sei guat mei Goscherl! Sei guat! Am Grunde der Taschen meines Frackes schlummert ein Bändel Safa- ladi in süßer Gesellschaft zweier Wecken ! Nach dieser Quadrille verzehren wir an einem kühlen unbelauschten Orte unser herrliches 8ouper. Sie. Gott sei Dank! Und a Bier werden ma hoffentlich a dazu trinken, was? Ich Hab' schon einen Endsdurscht! Er. Dn vergißt, mein Engerl, daß unsere Kasse erschöpft ist, bis auf die 4 Reservesechserln, die wir zur Heimfahrt für den Stellwagen brauchen! S i e (entsetzt). Was? Ka Bier?! — Da gengan ma lieber z'Fuß z'Haus,— aber a Bier muaß i jetzt trinken! E r (entsetzt). Vom Schwender bis auf die Roßauerländ? (Singt). Und er gehorchet dem Befehl Nimmt die letzten 4 Scheßtakeln. — Sie. Sie trinkt das letzte Restl Bier Und drauf thuns heimwärts wackeln! Beide (singen, während sie sich einhängen und müd und schläfrig fort torkeln): Der heurige Fasching gegen frühere Jahr, Ka G'spur mehr, der reine Schatten, Daran sein Schuld nur ganz und gar Unsere über faulen Masematten, Masematten! Masematten! Fünfte Scene. Rinaldo, Humbug, Rabe, (alle drei in pittoresken Lumpenkostüme, jeder ein kleines Binkerl unterm Arm, hinter ihnen Fanni und Mali. — Mali geht sofort durch die Thüre links ab. Fanni bleibt). Fanni (zn Rinaldo). Was krieg'ns denn? 58 Rinaldo. Eine Blunze! (Setzt sich.) Fanni (zu Rabe). Und Se? Rabe. Eine Blunzen! Fanni (zu Humbug). Und was krieg'n Sie? H NMbNg (vor Kälte schnappernd). Eine Blu—blu—n—ze— Fanni. Alsdann drei Blunzen! Glei wer'n mas haben. (Sie geht an den Kessel, hantirt dort, und servirt dann die Würste.) Löwenstamm (betrachtet die Angekommenen von der Seite). Das sind drei sonderbare Blunzenritter! — Ich weiß nicht der Ane, — der mit die langen Füß, der kommt mer so bekannt vor! Humbug. Ist der Herr zu Hause? Fanni. Ja, i glaub! Rabe. Wir möchten ihn gerne sprechen! Rinaldo. Um ihm eine wichtige Angelegenheit mitzutheilen! Löwenstamm (bei Seite.) Jetzt kommt mir der Andere auch bekannt vor! Aber — richtig — das sein ja! Meiner Seel! (Stürzt an den Tisch.) Verzeihen Sie! Haben Sie nicht vor drei Jahren zu der Schwindlerbande gehört — die — (er erkennt sie.) ja, ja, Sie sind es richtig! R i n a l d o. / « Isidor! Rabe. Löwenstamm! Humbug. k H,"° Laß Dich umarmen! Löwen stamm (weicht zurück). Ah na! Freundschaft schließen thun wir net wieder miteinander! (Bei Seite.) Die sehen noch ärger aus wie ich! (Laut.) Ich bin jetzt der Ehrlichkeit in die Arme gestürzt, und Hab' die Aussicht wieder e anständiger Mensch zu werden! (Bei Seite.) Wo die nur Herkommen müssen! (Erbetrachtet sie fortwährend von der Seite.) Alle drei (die Achsel zuckend). Uns auch recht! (Setzen sich und essen.) Humbug (zu Fanni.) Also, liebes Kind — melden Sie dem Herrn des Hauses, daß wir ihn zu sprechen wünschen. Mali (kommt aus der Thüre zurück). Fanni. Geh Mali, schau wo d' Fra» is! (Schnell leise.) I kann net da fort, die Kerln schau'n ma zu verdächtig aus! Humbug. Aber Sie sollen ja den Herrn rufen und nicht die Frau? Faun i. Na ja, is e recht! D' Fran is bei uns der Herr im Haus! Alle drei (gezogen). So? (Man hört vorder Thür gleschen und Ohrfeigen aus- theilen.) Fanni. Ni! Da giebts wieder was! Mali (sieht durchs Guckerl). Da kommt eh der Herr in an Renna! — Löwenstamm. Mir scheint, da kriegt Einer Makes! Humbug. Da setzt's Hiebe! Sechste Scene. Vorige. Fuchs (stürzt angstvoll herein, springt über die Budel, hinter ihm mit erhobenen Ochsenzean Blunzerl, hinter ihr Refi, die weinend in der Thüre stehen bleibt.) Fuchs (im Herausstürzen). Hörst net auf? Blunzerl. Wart', Dir wir i helfen! (Fuchs ist hinter den Tisch gekrochen, wo die Drei essen. Rinaldo, Humbug und Rabe haben sich aus Tische und Sesseln ängstlich geflüchtet mit ihren Tellern und Würsten. Komische Gruppe.) Fuchs (hinter dem Tisch). Aber i Hab' ja gar nix gethan, Kunigunderl! Blunzerl. I hab's schon g'sehn, Du schlechter Mensch! Beim Goder hast Du's g'halten — schön than hast ihr! Fuchs. Aber es is ja nicht wahr! Schau! Blunzerl (mit dem Fuß aufstampfend) 's Maul hältst! Wahr is! Ob's jetzt fira gehst da? Ich muaß Dir noch a Paar herunterwixen. 59 Fuchs. I mag net! Blunzerl. Gehst net fira? Fuchs. Na! 8 öwenstamm. Ist das e Eigensinn! Blunzerl. I sag Dir's — mach mi net falsch! — Dn gehst jetzt fira! Fuchs. Und justament net— schau! (Schlägt mit der Hand auf den Fußboden). Ich will Dir beweisen, wer der Herr im Haus ist! Löwen stamm (lachend). Haha! Er wird beweisen, hinterm Tisch! Blunzerl. Du willst mir was beweisen? Du! Du abgekrachter — Don - .Inan! Gehst fira da! (Sie nimmt ihn beim Ohr. und zieht ihn hervor.) F u ch s. Aber Kunderl — hör mich - hör mich an! Es ist ja Alles nicht wahr! Du bist im Irrthnm! Hör mich an — schau! Blunzerl (zornig). Red die Wahrheit! Fuchs. Aber Goscherl — meiner Seel — schau — sei guat! Sixt, so war's: D' Resi kommt zu mir in die Selchkuchel — weinender — und sagt - i soll ihr helfen, es is ihr was ins Aug g'fallen — und sie bringt's net heraus! Blunzerl (zu Resi). Is das wahr? Resi (flennend). Ja — i bitt! Fuchs. Geh her da, sag ich, i will schaun! Drauf stell ichs gegen die Lichten - und richtig hat's was d'rinn g'habt. Blunzerl. Is das wahr? Resi. Ja, i bitt! — Fuchs. I nimms beim Kinn, damit's kein Zucker macht, und ziag ihr a großmächtige Gelsen heraus. Blunzerl. Was? A Gelsen, jetzt mitten im Winter. Fuchs. Na, so war's halt nachher a Flieg'n, so genau Hab' ich's net an- g'schaut. Blunzerl. Is das wahr? Resi. Ja, i bitt'! Fuchs. Na sixtas? Und da bist Du nachher dazuakommen, und das Uebrige keißt eh, und mein Buckel leider auch! Blunzerl (beruhigt). Na, wann's a so is, so verzeih ich Dir. Fuchs (dumm d'reinschauend). Du verzeihst mir! Aber i Hab' jetzt meine Schlag'. Blunzerl. Na meinetwegen, so verzeih ich Dir die Schlag' auch no! (Sie legt den Ochsenzean auf den Verkaufstisch.) Löwenstamm (für sich). Die Frau versteht's, das muß ihr der Neid lassen. F anni (zu Fuchs). Ich bitt, die Herrn da, möchten mit Ihna reden! Fuchs (erstaunt). Die Herrn? Blunzerl. Was san das für Herrn? Die da? Na, die schauen guat aus! (Barsch.) Se! Was haben Sie mit mein' Mann z'reden? Was? Rinaldo und Rabe (zugleich zu Humbug). Nimm Du das Wort. Humbug (schwadronirend). Entschuldigen Sie, Frau von Fuchs, wir sind noch ein wenig in unserem Aeußern de- rangirt, weil wir so eben von der Reise kommen, aber Sie müßten uns trotzdem erkennen! Wir und Ihr Herr Gemahl waren ja früher die besten Freunde. Rinaldo. Den wir so sehr verehrten. Rabe. Und liebten. Fuchs (sie ansehend). Jesses, das sind ja gar — Alle Drei. Nu freilich, sind wir's! Humbug. Der Humbug! Rabe. Der Rabe. Rinaldo. Und der Baron Caza- dores! Alle Drei (Sie drängen sich an ihn heran und wollen ihm die Hände reichen). Deine Hand, alter, lieber Bursch! Blunzerl (schnell dazwischen). Ah na! Solche Händ greisen nicht mehr wieder in mein Eigenthnm! Was wollen Sie denn eigentlich hier bei uns? Humbug (renommirend). Wir sind gekommen, um den Herrn Gemahl — Rinaldo (Einer dem Andern das Wort ans dem Munde nehmend, und sich vor- 60 drängend). Verschiedene lukrative Projekte vorzulegen — Rabe. Zu welchen wir seine Mitwirkung — Humbug. Und einige Tausend Gulden Geld benöthigen! — Unsere Projekte schließen nämlich lauter neue Erfindungen in sich. Blunzerl. Wie man die Leut anschmiert vielleicht? Humbug. A, wo denken Sie denn hin? die erste Erfindung betrifft — Rinaldo. Die mathematische Berechnung — Rabe. Wie man auf die leichteste Art einen Terno in der Lotterie machen kann! Humbug. Ja! Geben Sie uns zum Beispiel 100 Gulden — Blunzerl (einfallend). I wir mi hüaten! Was ist's mit der zweiten Erfindung? Humbug. Die zweite Erfindung ist ein Luftballon! — Blunzerl. Mit dem Sie mich steigen lassen wollen? Humbug. O nein! Unser Luftballon fliegt wie der Vogel in der Luft, und legt in der Stunde 50 Meilen zurück! Wenn Einer damit durch die Lnft fährt — ist er gar nicht mehr eiuzuholen? Blunzerl. Das is eine sehr gute Erfindung für Ihna, — wanns a mal durchbrenna woll'n!-Was hab'ns denn noch erfunden? Humbug. Ferna haben wir ein Privilegium erhalten aus die Erfindung „wie es bald besser wird!" Blunzerl. Na, wie denn? Wie wird's denn endlich amal besser? Humbug. Ja, — das ist unser Geheimniß! — Wir haben es nnr einer Person mitgetheilt, das ist der Herr Finanzminister, — aber bei dem sind wir sicher, der sagt's nicht weiter! Blunzerl. Sagen Sie mir, wo sein Ihnen denn diese Erfindungen alle eingefallen! — Humbug. Wir haben seit 3 Jahren Zeit gehabt, — über die Beglük- kniig der schwer heimgesnchten Menschheit nachzudenken! Blunzerl. Aha! Studirt hab'ns drüber? Wo denn? Auf welcher Universität? Humbug. Nun, — da — da an der Donau! Schöne Gegend — unweit Krems! Blunzerl. Sagen ma in Stein? Ans der hohen Schul zu Erbsien, — net war? — Humbug. O weh! Rabe. Die Geschichte geht schief. Rinaldo. Nichts zu machen. Hnmbng. Wir sind durchschaut. Blunzerl. Aha! Stehts jetzt da, wie die armen Sünder? Kaum aus'm Zuchthaus herausgelassen, denkts schon wieder an neue Betrügerein, — Ihr, modernen Grasel — Ihr? Ja freili! Auf die Unwissenheit, auf die Dummheit spekuliren iS freilich leichter! D' Leut anschmiern, bringt größeren Gewinn, als ehrlich zu arbeiten und der Menschheit zu nützen! den da (auf Fuchs deutend), der durch seinen Leichtsinn damals in eure Hände gerathen ist, — den Hab ich mir jetzt her'gricht, daß ich ihn wieder seg'n lassen kann! — Und ihr elenden Kerln, die Ihr mich damals um so viel Geld gebracht habts — kommst da her und versucht's mich auf's Neue zu prellen, — oder gar meinen Mann zu verführen? Ach — da möcht ma ja glei! lzormg) Geh' Mali — gleng ma n'Ochsenzean übri! Mali (giebt ihrihn schnell in die Hand)- Alle Drei (stürzen Kopf über zur Thür hinaus). Alle (lachen). Hahaha! Blunzerl. Wie's rennen! 61 Fanni. So, jetzt haben's d'Würscht > net zahlt? Blunzerl. Laß's laufen, die Haderlumpen ! Fuchs. Kunigunderl! I bin stolz auf Dich — denn Du hast Dich benommen, wie Simson gegen die Philister! Löwen stamm (fällt vor ihr auf die Knie). Gott — Frau von Fuchs! — Nehmen Sie mich auf in Ihre Besserungsanstalt! Auf Ehre, ich will werden a ordentlicher Mensch! Blunzerl. Versprechens zu arbeiten? Löwen stamm. Wie a Löw! Wie a Bär! Blunzerl. Aber als Jud? Und das schweinerne G'schäst? Löwenstamm. Macht nip! Ich bin eh' schon a verdorbener Jud — weil ich Hab früher schon vom Wurschtbaume der Erkenntniß gegessen! Ich will mich emancipiren und meinen Stammesgenossen mit gutem Beispiel voran gehen! Fuchs. B'halt man' da, den Inden ! Blunzerl. Na — meinetwegen! Er soll da bleiben, und 's G'schäst bei uns lernen! Löwenstam m. Die Wurstmacherei? Abgemacht! Gott was aus e Menschen Alles werden kann! Erst kommt er auf die Welt, er wird e Hausirer, dann Börsen - Galopin, später e angehender Millionär, noch später e Schnorrer, und zuletzt lauft er ein in den sicheren Hafen der Wurschtfabrikation! (Zu Fuchs). Hab ich Ihnen nicht immer gesagt: Ich bring's noch zu was? Blunzerl. Wenn man den redlichen Willen hat zu arbeiten, kann man's immer noch zu was bringen während der „moderne Graset" seine Laufbahn im Zuchthaus beschließt! — Schlußgesang. Blunz erl. Manch' moderner Grasel, Als unschuldig's Hasel, Geht in der Wienerstadt so stolz herum! Lebt nur vom Betrügen, Und vom Leutanlügeu, Freut sich, daß die Menschheit noch so dumm! Doch plötzlich packt den Lackel D' Nemesis beim Frackl, Und mit der ganzen Herrlichkeit is Rest! Alle. Doch Plötzlich packt den Lackel D' Nemesis beim Frackl, Und mit der ganzen Herrlichkeit is Rest! Per Worhang fällt. Gnde Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Hoher Markt Nr. 1. Gesammelte heitere Worträge von Zosef Weyl. 13 Hefte, jedes im Preise von 30 kr. Oest. Währ. — 60 Pfennige. Juhalts-Uebechcht: 1. Heft. An die Künstler. Tragisch oder Komisch. (Vortrag für eine Dame.) Ein altes Götzenbild. Was a Bauer ned olles sein möcht. Frei nach Darwin. Abgekühlte Heißsporne. Der Pfarrherr vom Kahlenberge. Pscheschitschek. Dialektscherz. Eine Ballphrase. (Vortrag für eine Dame.) Die Speckvertheilung. (Zur Beamten-Aufbesserungsfrage.) Schnadahüpfeln Nr. 1—6. 2. Heft. Amor's Lexikon. Dialektscherz. Nante's Christgedanken. (Berliner Dialekt.) Der Müller und sein Kind. Pimpelmeier's Träume. Sam. Schnorrer's Lebens- und Börseregeln. Gottschalk Schlemmer. (Eine schauderhafte Murithat.) Es hat 'rer, es giebt 'rer, aber man findt 'rer halt nicht. (Vortrag für einen Herrn.) Nach der Speckvertheilung. (Fabel für kleine Beamte.) Der erste Katzenjammer. Der Zopfabschneider. (Eine grausliche Ballade in Chignonversen.) Diurnisten-A-B-C. Schreiben des Herrn Jstvän Färkäs (Stuhlrichter aus Groß-Betsovits, an seinen Sohn Lajos, Hörer der Technik in Wien. (Prosa in Ungar. Jargon.) Gerechte Entrüstung. (Oesterreichisch.) 3. Heft. Enorma oder der Druiden-Barbier. Opernkonfusion in 1 Akt. Die Entstehung der ersten Ballet-Tänzerin. Vaterfreuden eines Berliners. (Berliner Dialekt.) Plausch des Publikums über die Oper „Margarethe" v. Gounod. (Dialektscherz in Prosa.) Was hat die Welt ruinirt. Ein fünfstockhoher Hausherr von Neu-Wien. Meinungsverschiedenheit. (Oesterreichisch.) Der Fuchtige. (Oesterreichisch.) Z'weg'n dem Schnee. (Oesterreichisch.) Der Schah in Schah. Stoßseufzer eines Arithmetikers. 4. Heft. Jeremias Pechhuber. (Solo-Scene für 1 Herrn.) Christbescheerung. Der hilflose Sepp. Vor der Kassa-Eröffnung (Dialektscherz in Prosa). Der Invalide nach der Leichenfeier. Raubritter. Was Alles in der Weltausstellungs-Notundc zu finden war. Am Eis. (Melodie: Wie ich bin verwichen -) Biblische Geschichten. I — III. Das Kabel. Das Husten. (Vortrag für 1 Herrn.) Schnadahüpfeln Nr. 7—12. 5. Heft. Die goldene Hochzeit. (Festscene für 2 Personen.) Festgruß zur Feier der silbernen Hochzeit geliebter Eltern. Zur goldenen Hochzeit. Prolog zur Eröffnung einer Krippe. Zum Bau eines Kinderhospitals. Zum Tage Allerseelen. Graue Haare. (Trilogie.) Die Schöpfung des Weibes. ,, „ .. „ (Parodie.) Jtzig erzählt Schillers „Wilhelm Tell." (In jüdischem Jargon.) Monolog des schönen Fiaker-Poldlö. (Wienerisch.) Der Wienfluß an die Väter der Stadt. Bauerntrost. (Oesterreichisch.) 6. Heft. Sommer, Herbst und Winter in der Residenz- Humoreske. (Vortrag, theils in Prosa) Ich und mein Humor. (Vortrag des Fräulem Gallmeyer.) Die Schöpfung der Musikinstrumente. Der Beamten Weihnachtsbaum. Der bestrafte Philosoph. D'Ros'l in der Stadt. (Oesterreichisch. M eine Dame.) Subrosa und in gereimter Prosa. (Vortrag für eine Dame.) Der Verbannte. Die Helden des Hühnerhofes. (Fabel.) 7. Heft. Wer vier Augen. (Komische Scene für zwei Herren.) Der Raupe mütterliche Lehren. (Zeitgemäße Fabel.) Eine haarsträubende Ballade. (Für zweistimmigen Männerchor mit Begleitung einer verstimmten Harfe.) Ballregeln, wie solche Herr Fekete LäjoS, Stuhlrichter von Kis-Becskerek, seinem Sohne Jmre zu ertheilen pflegt, wenn derselbe in Wien sich belustigen will. (In Ungar. Jargon.) Lori. (Bürgerliche Parodie.) Eine alte Rheinsage. (Ballade.) Narren-Quadrille. Warum's in Pforrer ka Katzenmusik g'mocht hob'n. Eine musikalische Glosse. Der Flügel eines Engels. Philisterglück. 8. Heft. Zwei Patti-Enthusiasten. (Scene für 2 Herren.) Privatmeinung des Färkäs Jstvän, Stuhlrichters zu Märos-Väsarhely,über die Schwaben und ihre jetzigen Zustände. (In ungar. Jargon.) Ein entrüsteter Tiroler an die Oesterreicher. (Dialekt.) Der alten Jungfrau Klage. (Vortrag für iDame.) Der Ritter von Tackenburg. Ballade von Schillerleben. (In jüdischem Jargon.) Der Pechvogel. Häd, Bürsch'l, geh' du nicht auf Börs'. (In ungar. Jargon.) Der Eissportsmen. (Bortrag für 1 Herrn in Prosa.) Am Sylvesterabend. (Gesprochen von Carl Treumann.) In der Sylvesternacht. Das Märchen von einer Mutter. (Frei nach Andersen.) Trost im Alter. 9. Heft. Schulzen's Lieschen will Schauspielerin werden. (Vortrag für eine Dame.) Der Albrechtsbrunnen in Wien. (Dialekt.) Philiströse Lieder von Joh. Mehlwurm. Was dich nicht brennt, das blase nicht. (Dialekt.) Eine Hundesitznng. Weltweisheit. Die Theatermutter. (Vortrag für 1 Dame.) Biedermaier'« Ansicht über Malerei. Shlvestergruß. Lebensregeln, wie solche Färkäs Jstvän, Stuhl- achter zu Märos-Väsarhely, seinem Sohne Lajos zu ertheilen Pflegt. (In ungar. Jargon.) Maube, hoffe, liebe! Ständchen (Musik von Schubert.) Der ungläubige Thomas. (In Musik gesetzt von KäSmaier.) Zeitgemäßer Traum. 10. Heft. Die Afrikanern!. (Solo-Scene für 1 Herrn.) Volkesstimme — Gottes stimme. Der Detektiv. Die Civilehe in Ungarn. (In ungar. Jargon, Prosa.) Das Wunderkind. (In jüdischem Jargon.) Eine biblische Reminiscenz. (Dialekt.) Baron Sprudelwitzen's Ansicht über Friedrich Schiller. (In Berliner Dialekt.) Ich wünsch' glückselig'« neues Jahr. Treue. Der französische Schneider. Da Pechvog'l. (Niederösterreichisch.) 11. Heft. Antigone, oder das grauenhafte Verhängniß einer altgriechischen Königsfamilie in Folge genealogischer Verwutzelung. Aus Purzbichler's poetischem Tagebuche. Mylord und der Teufel. Bescheidene Ansicht des Herrn Fekete LajoS. Stuhlrichters in MaroS-Väsärhely, über den Prozeß Offenheim (Prosa in ungar. Jargon). In der Menagerie zu Schönbruun. Isaak Silberschein. (Ju jüdischem Jargon.) Zeitgemäße Bemerkungen eines Ungarn über Prof. Karl Vogt, resp. „Darwinsche Lehre". Zur Schubertfeier. Wunschbüchlein für verschiedene Neujahrs- Gratulanten. 12. Heft. Der Dampfmüller und sein Kind. Zeitgemäß zur Operette adaptirtes Bolksdrama mit bedrohlichem Anfang und befriedigendem Ende. Frei nach Raupach. Die Tanne. WeihnachtSlegende. Eine kleine Buffe. Kindereien. Richard Wagnerischer Stil. Sonderbare Wirkung des Weines. Spanische Romanze mit Wiener Originaltext. Sokrates. Eine Candidaten-Rede. Recept zu einer Zukunftsmusik. Diverse Drachen. 13. Heft. Nero. Bürgerliches Familiendrama in 2 Akten. Unterthänigster Vortrag des Stuhlrichters Jstvän Färkas aus Märos-Väsarhely über Allerthumskunde. (Prosa in ungar. Jargon.) Noch eine Candidaten-Rede. (Prosa.) Flotte Bursche. ST" Diese Dammlung wird fortgesetzt, Verlag der Wallishausserichen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Hoher Markt 1. Sakuntaka. Drama in fünf Aufzüge n. Für die deutsche Bühne bearbeitet von A. Donsdors. 1 fl. 20 kr. Oatanina Oopna^o. H i st o r i s ch e s Drama in fünf Aufzügen von A. Forstenheim. 1 fl. 20 kr. Donna Diana. Lustspiel in 3 Akten nach dem Spanischen des von /Vugustin IVIorsto von ß. A. West. 5. Aust. Mit einer Einleitung von I. W. Apell. 1 fl. 50 kr. Elegant gebunden 2 fl. 40 kr. Das Leben ein Traum. Dramat. Gedicht in 5 Acten nach dem Spanischen des dnlätzron äo ln Lnrerr, für die deutsche Bühne bearbeitet von C. A. West. 5. Aufl. Mit einem einleitenden Vorworte von H. Laube, fl. 1. Elegant gebunden, fl. 1.80. Sophie Schröder, wie sie lebt im Gedächtnisse ihrer Zeitgenossen und Kinder. Nt i t Porträt. 1 fl. 50 kr. Album österreichischer Dichter. Neue Folge. (Zedlitz — Deinhardstein — Paoli —Constant — Eberl — Mosenthal — Prechtler — Leitner — Hirsch — Beck — Meißner — Saphir.) Mit 12 Porträts, fl. 1.50. — Elegant gebunden fl. 2.50. Entwurf zu einer Praktischen Schauspielerschnle von Aug. Lewald. _ Preis 1 fl. Aus I. B. Wallishausser's k. l. Hoftheater>Druckerei. Ehre für Liebe. Aebesdrama in 5 Auszügen, mit Benützung einer Erzählung uns dem Französischen von Alle Rechte Vorbehalten." Wien, 1876. Verlag der Wallishaujser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Das Aufführungsrecht für Bühnen ist nur zu erlangen durch den Verfasser Eduard Dorn, in Wien, Neubau, Kircbengasse 10. Personen. Graf Henry von Roland Helene, seine Gemahlin. Baronin 1^6» clk Witwe, Roland's Tante. Cäsar von Santrelle. Baron von Antrichard, Procnrator. von Lesparre, Generaleinnehmer. JuleS Fremont, Arzt. Graf Boussy. Marquis von Vezay. Nlln" ! Fleurette, HelenenS Kammerzofe. LkSL-ist-r.! Martin, Laienbruder des Klosters zu St. JaqueS. IL- ! Aweitt« l «amn>-rm»dch-n. Ein Portier. Der Obmann der Geschworenen. Nebenpersonen. Die erste Abtheilung, in drei Auszügen, spielt auf dem Schlosse des Grafen Roland, und in Lyon. Die zweite Abtheilung, in einem Aufzuge, spielt 6 Jahre später, in Gens. Die dritte Abtheilung, in einem Aufzuge, spielt auf dem Schlosse des Grafen, 3 Monnte später. Arn Höhnen gegenüber als Mnnuscript gedruckt. Erster Akt (Großer von Säulen getragener Saal, in der Mitte eine breite Glasthüre, die durch schwere Portieren geschlossen werden kann. Rechts und links zu beiden Seiten der Glasthüre alkovenartige Nischen, in jeder derselben steht ein kleiner Balzac und ein kleines Tischchen; die Nischen sind mit Portieren zu schließen. Durch die Glasthüre geht man über 2 Stufen aufwärts auf eine Terrasse mit Blumen geschmückt und gelangt dann 2 Stufen abwärts in den offenen Park. Rechts und links im Saale Thüren mit Portieren. Alles athmet die ausgesuchteste Eleganz. Blumentische, Vasen, Statuetten u. s. w. . Links vom Hintergründe ein vergoldeter Käfig, in welchem sich ein grüner Papagei schaukelt.) (Rechts und links stets vom Schauspieler.) Erste Scene. Won hört Jagdhörner, die sich in immer weiterer Entfernung verlieren.) fPause.s Fleurette fsteht an der Mittelthüre und sieht in den Park hinaus. Fleurette ist em junges, pikantes rosenwangigeS Mädchen, mit schelmischen Augen). Ho ! Wie das schmettert, wie das jubelt! — Der Zug verliert sich in der langen Kastanien- Allee — und jetzt, — sind sie um die Ecke! — Doch — was ist das? Einer kommt zurückgesprengt? In der Jägersprache bedeutet das Unglück! Ein Jäger, der etwas vergißt, schießt gewiß fehl! ^etzt hält er still! — Mein' Seel — das ist ja — Herr von Santrelle? — ^ steigt ab? Er führt das Pferd in das Dickicht? — Was soll das heißen? Eum hat er die Jagd verlassen? — ^etzt kommt er auf's Schloß zu! Was? A glaube gar, er macht mir Zeichen? Richtig! — Sollte er vielleicht um Theater-Repertoir 314 . meinetwillen zurückgekommen sein? — Warum nicht?! — Es lohnte sich wohl auch der Mühe? Wacht ein Zeichen.) Meinen Sie mich? sFreudig.) Ja, ja! Er meint mich? Er nickt mir zu — er kommt — er ist da! O Gott, o Gott! Zweite Scene. Vorige. Cäsar von Santrelle. Cäsar sschnell aber vorsichtig über die Stufen der Terrasse schreitend. Er ist 28 Jahre alt, ein schöner Mann in des Wortes vollster Bedeutung; schwarze Haare, kleinen Schnurr- und Knebelbart, funkelnde Angen, etwas bleich. Er trägt jetzt ein elegantes Jagdcostum). Mamsell Fleurette! Fleurette. Herr von Santrelle? Cäsar snimmt sie schnell bei der Hand und kommt mit ihr in den Vordergrund). Vor allen Dingen dank' ich Ihnen, mein hübsches Kind, daß Sie mich sogleich verstanden, als ich Ihnen zuwinkte. 1 * 4 Fleurette (kokett). O, Ihr Geberdenspiel ist sehr ausdrucksvoll, Herr Cäsar! Cäsar (ihr schmeichelnd). Wissen Sie, daß Sie sehr reizend sind? Fleurette. Ich beuge mich vor Ihrem Urtheil, denn Sie sind Kenner! Cäsar. Es ist unmöglich, daß Sie unter einer so liebenswürdigen Hülle nicht auch ein zartfühlendes Herz trügen? Fleurette (schelmisch). Glauben Sie das wirklich? Cäsar. Ich bin davon überzeugt, und darum — erwarte ich einen Dienst von Ihnen! Fleurette. Einen Dienst? Und worin besteht er? Cäsar (§in Rosabriefchen hervorziehend). Dieses Billet. — Fleurette (gedehnt). Dieses — Billet — ? — Cäsar (ihr in's Ohr). An Ihre Gebieterin ! Fleurette (für sich freudig). Ha! Also doch? (Schnell laut, sich böse stellend). Herr von Santrelle, was verlangen Sie von mir? — Cäsar. Sie weigern sich? Fleurette. Gewiß! Cäsar. Und warum? Fleurette. Weil ich muß! Cäsar. Warum müssen Sie? Fleurette. Ich kann nicht — darf nicht! Die Frau Gräfin würde es mir niemals verzeihen! Cäsar. Im Gegentheil! Ihre Gebieterin würde es Ihnen nicht blos verzeihen, sondern Ihnen dafür großen Dank wissen! Fleurette. Ha! —Also— ist die Sache schon — verabredet? Cäsar. Das durchaus nicht! — Aber—es ist sehr wichtig, daß die Gräfin den Inhalt dieses Briefes erfährt ! Fleurette. Sie Hersprechen mir also — Cäsar (schnell). Ja, ja! Mit meinem Ehrenwort! Zögern Sie nicht länger, mein schönes Kind, und übernehmen Sie die Mission! — Fleurette (langt nach dem Briefchens Wohlan! Ich füge mich! Ach Gott, — ich bin so schwach. Cäsar. Sagen Sie vielmehr, so gut — Fleurette (hat den Brief unter ihr Busentuch verschwinden lasten). Ah! Was thut man nicht Alles seinem leidenden Nebenmenschen zu Liebe! Cäsar. Dafür haben Sie die Güte dies von mir anzunehmen! (Hält ihr eine gefüllte kleine Börse hin.) Fleurette (sich unwissend stellend). Was ist das? Cäsar. Das Porto — 10 Louis- d'or! (Schnell für sich.l Die letzten ! Fleurette (mit einem Knix). Sie sind eben so gut, als hübsch! (Nimmt rasch die Börse und läßt dieselbe in ihrer seidenen Schürze verschwinden.) Cäsar (nimmt sie um die Taille). Also, vergessen Sie nicht, daß mein Brief, noch ehe es Nacht wird, abgegeben sein muß! — Es handelt sich um die wichtigsten Interessen meines Lebens! Adieu! (Er küßt sie schnell auf den Nacken und eilt ab durch den Park.) Fleurette (allein). Jetzt verspricht es hier auf diesem langweiligen Schlosst interessant zu werden! Gott sei Dank! Endlich etwas Romantisches! (Zieht das Briefchen hervor). Ein Stelldichein für diese Nacht! .Tugend meines Lebens/ würde die Frau Baronin ausrufen - „das war allerdings mehr wie 10 Louis- d'or Werth!" — Ei, ei, ei! — Sieh einmal? Und wie gut sie die Heilige zu spielen versteht? - Was gehts mich an? — Ich bin ein kluges Mädchen, und die in meine Tasche gefallenen Goldmünzen sind nur der Anfang des Goldregens, den ich in einen Wolkenbruch zu verwandeln wissen werde! (Neugierig mit dem Finger das Couvert auseinander^ schiebend und hineinguckend.) Wenn ich lM' 5 auch ein wenig davon entziffern könnte, was da drinnen steht?-Nichts! Es geht nicht! — Ach, die Frau Baronin! (Verbirgt schnell den Brief wieder.) Dritte Scene. Vorige. Leda eis D8xois86s von links auftretend. 8eda (eine alternde Kokette von 45 Jahren, die durch Schminke und Putz ihre ehemalige Schönheit zu ersetzen sucht. Sie trägt jetzt ein weißes Spitzennegligäe mit Seiden- biindern geputzt, ihre falschen Haare in langen Locken; mit einem Fächer auftretend). Ah — eben recht, Florettchen? Ich habe mit Dir zu sprechen! (Geht an den Käfig des Papageies.) Nun, Cocotte? Cocottchen? Du plauderst gar nicht, wenn Dn mich siehst? Schnell einen Fuß! So. (ZnFleu- rette.) Ach, Hab die Güte, mein Kind und stelle den armen Vogel hinaus, unter die Blumen! (Fleurette nimmt den Käfig und stellt ihn zwischen Blumentöpfe auf die Terrasse.) So, mein Kind! Und NUN komm, laß uns berathschlagen, welch' ein Kleid ich Abends zum Soupä tragen soll! (Wirft sich schmachtend auf ein Sofa.) Weißt Du, daß ich rathlos bin? H schwanke zwischen meiner strohgelben Crepp-Illussion und meiner rosafarbenen Atlas-Robe! Es fehlt Dir nicht an Geschmack, meine gute Florette; ich bitte Dich daher um Deinen guten Rath! Alenrette (an ihrer Seite). Sie sind Ezugütig, Frau Baronin! Wie soll ich Hrem Vertrauen ans würdige Weise entsprechen? Einer Dame wie Sie, steht Alles gut! Leda (lächelnd). Das ist wahr, meine Tochter! Ach, indem ich Dich meiner Nichte schenkte, habe ich ihr einen Schatz, einen Juwel übergeben! Doch kommen tvm zu einem Entschluß! Also? — Fleurette. Wenn Sie mir erlau- Frau Baronin, so will ich das Orakel befragen, welches Kleid wir Wählen sollen! (Eilt an eine Blumenvase.) Hier haben wir eine gelbe Nelke, und hier, die Blume der Liebe, eine halbgeöffnete Rose! (Sie nimmt die beiden genannten Blumen aus der Base.) So. Und jetzt werfe ich die Blume hier in meine Schürze, und die gnädige Frau Baronin, werden Rosa oder Gelb ziehen, und darnach die Wahl unsers Anzuges treffen! So, ich bitte?! (Hat gethan, wie sie gesagt, und hält nun schelmisch vor ihr knieend die Schürze hin.) Leda (zimperlich). Ach Gott, ich fürchte mich! Flen rette. Courage! — Leda (greift in die Schürze und zieht mit den Fingerspitzen die Rose hervor). Nun, da! Fleurette (sich freudig stellend). Triumph! Die Farbe der Liebe!? Leda (schmachtend). Die Farbe der Liebe! — Geistreicher konnte das Orakel nicht antworten! Fleurettchen, ich schenke Dir das gelbe Kleid, nicht für ein Königreich möcht' ich es wieder tragen! Fleurette (küßt ihr die Hände). O, ich danke, danke Frau Baronin! Leda (in allen Tonarten modulirend). Liebe! Liebe! Liebe!! O Cupido, Sohn der Venns, es ist Deine Stimme, die ich vernehme! Das Rosa ist Deine Lieb- lingSfarbe, es lebe das Rosa! —Sage mir, mein Kind, habe ich heute einen reinen Teint? Fleurette. Die Frische, und der Sammthauch ihrer Wangen sind unvergleichlich, gnädige Frau! Leda. Glaubst Du, daß ich eben so gut aussehe wie meine Nichte? Fleurette (mit unverschämter Heu- chelei). Mein Herz würde es betrüben, wenn ich Sie beleidigen sollte, aber eS ist leider mein Fehler stets die Wahrheit sagen zu müssen! Leda. Heraus damit! Fleurette. Sie, Frau Baronin, scheinen mir um 3 bis 4 Jahre mehr 6 zu zählen, als die Frau Gräfin! Verzeihen Sie mir meine Aufrichtigkeit!? Leda. Ich lobe Dich deßwegen! Complimente sind mir verhaßt! Wenn Du sprichst, mein Kind, dann weiß man doch, daß Du sagst, was Du denkst! Ach, Fleurettchen, ich fühle, daß es mir viel Mühe kosten wird, Dich zu ersetzen. Doch, ich habe Dich meiner Nichte gegeben und kann Dich nicht zurücknehmen ! Aber nun, beschäftigen wir uns mit ernsten Dingen! — Wenn ich die Rosa-Atlas-Robe trage, muß noth- wendigerweise mein Haarputz aus Corallen bestehen! Oder meinst Du, daß ich Perlen nehmen sollte? Perlen verleihen meiner Physiognomie etwas Orientalisches! Ach, welche Erinnerungen weckt dieses Wort in mir! Fleurette. Waren Sie vielleicht einmal im Orient, gnädige Frau? Leda. Ach, leider nein! Aber — (seufzendj. Ich war einmal mit einem Türken bekannt! — Fleurette. Mit einem schönen Türken? Leda. Ach, freilich mein Kind! Er war Attache bei der türkischen Gesand- schaft und hieß Mehemed Ali, der edle junge Mann! Was sag ich? Ein junger Gott war er! Fleurette. Ich habe mir erzählen lassen, gnädige Frau, daß die Türken eine ganze Menge rechtmäßiger Frauen haben? Leda (schwer seufzendj. Das ist leider wahr, meine Tochter! Die Sitten ihres Landes, und die Lebhaftigkeit ihres Blutes gestatten ihnen nicht, die Freuden einer einzigen und beständigen Liebe zu würdigen! Fleurette. Die armen Leute! Leda. Wie oft'versprach mir Mehemed, sofort nach seiner Rückkunft nach Constantinopel seine Favoritineu köpfen zu lassen! Fleurette. Köpfen zu lassen? Leda. Mein Gott, ja! Er hing eben mit gar zu großer Liebe an mir, der theure Freund! Fleurette. Und hielt er auch dieses Versprechen? Leda. Ich habe keinen Grund daran zu zweifeln? Seine Aufrichtigkeit kannte, gerade so wie die Deinige, mein Kind, keine Grenzen! Ach, er liebte mich grenzenlos! Und was für einen wunderschönen Bart erhalte? Seine Zähne waren weiß wie Perlen! Seine schwarzen Augen funkelten wie Sterne! Sein Costüm gab einen Begriff von der fabelhaften Pracht in „Tausend und eine Nacht"! — Ach! Fleurette. Dieser Mann muß ja förmlich geblendet haben? Leda. Ja, das ist das richtige Wort, er blendete! Ich will heute Abend den Zechinenkopfschmuck, den ich von ihm besitze, zum Andenken an Mehemed tragen! Leg' ihn mir auf meine Toilette. Also, das Kleid haben wir bestimmt? Fleurette. Was nehmen wir für Schmucksachen? Leda (sinnend). Zunächst, das Armband von dem Oberst. Fleurette schelmisch lächelnd). Za, aber — gnädige Frau Baronin — Leda. Nun, weßhalb lachst Du? Fleurette (schelmisch). Verzeihung, aber Sie vergessen, gnädige Frau, daß Sie 3 Armbänder von drei Obersten besitzen! (Schnell an den Fingern herzählend ) Der eine stand beim 7. Dragonerregiment, der zweite beim Regiments Royal Allemand und der dritte bei den Hw ßaren! Welcher von den drei Obersten — ich wollte sagen, welches von den 3 Armbändern wird Ihnen gefällig sein? Leda. Alle drei! Fleurette. Alle drei? (Für sich! Das heißt in Erinnerungen schwelge»! Und welchen Fächer, wenn ich bitten darf? Leda. Jenen, auf welchem der berühmte Horace Vernet ausdrücklich M 7 mich die Geburt der Venus und das Urtheil des Paris gemalt hat. Dieser große Künstler verehrte mir jenen Fächer aus Dankbarkeit, als ich ihm für sein berühmtes Gemälde: „Der Raub der Sabinerinen" saß! Flen rette. In welchem Costüm, gnädige Frau? Leda. In welchem Costüm? Nun, in einem Costüm, welches mir sehr gut stand! sSchlägt sie lächelnd mit dem Fächer aus die Backe.j Jungfer Naseweis! Wie kann Sie so indiscret fragen? Fleu reite. Verzeihen Sie, Frau Baronin! Leda. Schon gut, schon gut! — Sage mir, weißt Du, wer von den Herren heute hier soupiren wird? — Flen rette. Nun, ich glaube Alle, die mit auf die Jagd sind: Der Herr Marquis von Vezah, der Herr Graf von Boussh, der Herr Procnrator, der Herr Generaleinnehmer, Dr. Frcmont und Herr Cäsar von Santrelle. Leda sschmachtendj. Cäsar von Santrelle! Wie findest Du ihn? Fleurette szilpft an der Schürzest Ich wage es nicht, meinen Gedanken Worte zu leihen! Leda. Ich erlaube es Dir! Sage, lvas Du denkst! Fleurette. Wohlan! Von allen diesen Herrn würde ich ihm den Vorzug geben. — Leda. In der That? Nun, Du hast keinen schlechten Geschmack? Ich theile ihn mit Dir. Dieser Mann besitzt einen >o distinguirten blassen Teint, er hat ?v große, schwarze und doch so sanfte Augen, daß ihr Blick bis in's Innerste des Herzens dringt. Und eine ausgezeichnete Tournüre und einen Bart, ach! Welchen zauberhaften Schnurrbart! Hebrigens ist er auch der Held von hundert galanten Abenteuern! Und von mehr als tausend schönen Thorheiten! Fleurette. Wirklich, gnädige Frau? Leda. Ohne Zweifel! Wußtest Du das nicht ? Fleurette. Mein Gott, nein! Was hat er denn gethan? Leda. Erstens hat er sich rninirt, mein Kind! Fleurette. Ich sollte meinen, das sei unrecht von ihm? Leda. O durchaus nicht, denn er hat sein Vermögen auf die nobelste und geschmackvollste Weise verschwendet, mit thenren Pferden, fürstlichen Livreen, offener Tafel und dergleichen! Seine Erfolge in der Liebe sind nicht zu zählen! Eben so wenig als seine Duelle! Ueberdies hat er auch eine große Zahl verheirateter Frauen aus der besten Gesellschaft geliebt! Fleurette. Und was sagten die Männer dazu? Leda. Sie wurden wild, Cäsar versetzte ihnen Degenstiche, dann sagten sie nichts mehr! Er warein Don Juan, ein Richelieu, ein Casanova! Ich schwärme für ihn, ich finde ihn reizend und liebenswürdig, und mache kein Geheimniß daraus! Fleurette slächelnd und scheinbar absichtslos hinwerfendst Nun, Frau Baronin, ich glaube, daß die Frau Gräfin ebenfalls ihrer Meinung huldigt? Leda saufhorchendst Meine Nichte? Fleurette. Nun ja! Leda. Sie sollte auch Cäsar bemerkt haben ? Fleurette. Ich möchte es beinahe behaupten! Leda. Und was veranlaßt Dich zu dieser Vermuthung? Fleurette. Seitdem Herr von Santrelle beinahe jeden Tag das Schloß besucht, ist die Frau Gräfin träumerisch und zerstreut? Ich finde sie bleich und in Gedanken versunken, und bin fest überzeugt, daß ihre Augen jetzt oft einen Ausdruck annehmen — ach, einen Ausdruck, den ich früher nicht bemerkt habe! 8 Leda. Und das ist Alles? Meine liebe Fleurette, Du täuschest Dich! — Meine Nichte ist erst seit 4 Jahren vermählt, ich habe ihre Ehe selbst gestiftet! Helene hat noch nicht Zeit gehabt, ihres Mannes, den sie anbetet, überdrüssig zu werden und es ist unmöglich, daß sie sich so schnell mit einem anderen Manne beschäftigt! — Ueberdies hat sie Grundsätze, ganz vortreffliche Grundsätze und ich würde für sie einstehen, wie für mich! Sie ist tugendhaft und ich wav> es auch! Fleurette schnell bei Teiles. Das ist aber schon lange her! Leda. Es ist mir jedoch lieb, mein Kind, daß Du mir dies gesagt hast! — Ich werde recognosciren! O ich besitze viel Erfahrung, nichts kann mir entgehen und entdecke ich, daß das hübsche kleine Herz meiner Nichte, sich Cäsar von Santrelle zuneigt, so werde ich dem guten Kinde heilsame Rathschläge geben. Ich werde sie auffordern, zu ihrem Gatten zurückzukehren! Ja! Das werde ich! Und sollte es schon zu spät sein, nun dann —dann werde ichihrrathen, ihre Vorsichtsmaßregeln so zu treffen, daß die Ruhe ihrer Häuslichkeit so wenig als möglich gestört werde. Kurz, ich werde meine Pflicht thun. Fleurette. Wie immer, Frau Baronin ! Leda. Ja, wie immer! Die Pflicht vor Allem! Dies ist mein Wahlspruch, an dem ich stets festgehalten habe, und Gott weiß es, daß mein Gewissen ruhig ist, und daß mein Gatte der selige Baron von Espoiss^s ein glücklicher Mann war! Ach, liebes Fleurettchen, welch ein vortrefflicher Ehemann war der selige Baron? Ein Herz von Gold! Er war stets von wahrhaften Freunden umgeben, und was sein war, gehörte auch ihnen! Ich habe ihn sehr betrauert, siehst Du, siehst Du mein Kind, ich glaube, ich betraure ihn noch! (Bemüht sich, eine Thräne herauSzupressen.s Fleurette (sieht zur Seite, schnells. Die Frau Gräfin! Leda (raschs. Laß uns allein! Schnell, mein Kind, geh! Fleurette (rasch rechts abs. Vierte Scene. Vorige. Helene (von links kommend.s Helene (22 Jahre alt, von blendender Schönheit. Sie kommt langsam und träumerisch, eine Rose in der Hand, die sie sinnend betrachtet, bis in die Mitte der Bühne, dann leise seufzend und den Blick aufschlagend gewahrt sie erst Ledas. Du hier — liebe Tante? Leda (geht auf sie zns. Sonderbar! (nimmt sie an der Hand und betrachtet sies. Höchst sonderbar! Helene. Was findest Du sonderbar? Leda. Weißt Du, liebe Nichte, daß ich Dich ein wenig bleich finde? — Helene (mühsam lächelnds. Ich glaube, daß ich weder mehr noch weniger bleich bin, als gewöhnlich! Leda. Still, still, liebes Kind — ich täusche mich durchaus nicht! Du bist blaß wie eine Lilie, und das ist nicht natürlich! In Deinem Alter war ich auch bleich, aber ich hatte Rosen auf den Wangen! — Helene (sreimüthigs. Du warst viel schöner als ich! Du weißt, daß ich niemals viel Farbe hatte! — Leda. Davon weiß ich durchaus nichts! Ich erinnere mich, daß im vorigen Jahre noch, das zarteste Roth sich mit dem Schnee deines Teints verschmolz! — Warum ist der Schnee allein zurückgeblieben? — Helene. Das weiß ich nicht, und gebe Dir die Versicherung, daß ich niemals etwas davon bemerkt habe! Leda. O schweige! — Ich gestatte die Lüge nur dann — wenn sie Nutzen bringt — und den hat sie bei mir 9 nicht! — Dein Lächeln und dein Kopfschütteln kann mich nicht überzeugen! — Deine Augen verrathen Alles! Sie sind träumerisch und schwärmen in feuchten Wolken! Helene. Täuschung, liebe Tante! Leda. Nein, nein — es ist Wirklichkeit, liebes Kind! Helene. Aber, ich schwöre Dir — Leda feinfallendst Schwöre nicht! Ich würde Dir darum weder mehr noch weniger glauben! — Hast Du kein Vertrauen mehr zu mir? — Helene. Wie kannst Du so etwas denken? — Leda. Wohlan — so sei offen gegen Deine gute Tante — die Dich so sehr liebt! — Komm mein Engel — setzen wir uns! fSie zieht sie zu sich auf ein Sofa.f Sage mir Alles! — Was geht vor?? — Helene. Ich verstehe nicht, was Du meinst?! — Leda. Das ist unmöglich! — fNäher rückendst Es hat sich irgend etwas in Deinem Leben verändert! — Langweilst Du dich? — Helene. Nicht im mindesten! Leda fihre Neugierde wächst, sie setzt alle Hebel der Ueberredung auf. Man langweilt sich zuweilen, ohne es zu wissen? — Ich habe das Alles durchgemacht! — Die Stunden scheinen länger zu werden — die Zerstreuungen amusiren nicht mehr — die Nerven werden reizbarer — man erzürnt sich über die geringste Kleinigkeit — und man schließt sich endlich ein, um — zu weinen! — Empfindest Du diese Symptome, mein Herz?! — Helene. Nein! Leda fraschf. Hat Dein Mann Dir vielleicht etwas zu Leide gethan? — Helene fstanncndst Mein Mann? — Wie wäre das möglich? Und warum sollte er mir etwas zu Leide thun? — Leda. Warum? - O himmlische Naivität! — Die Männer, mein Engel, thun uns in geistiger Beziehung stets etwas zn Leide! Sie handeln stets unrecht an uns —! Merke Dir das! — Der selige Baron äs — mein Gatte — war ganz gewiß ein sehr würdiger Mann, ich lasse seinem Angedenken vollkommene Gerechtigkeit widerfahren; aber — dennoch gebe ich Dir die Versicherung, daß er mir mehr als einmal nicht die volle Anerkennung zu Theil werden ließ, die ich verdiente! — Aber, so sind die Männer! Auch der Beste taugt nicht viel!? — Helene. Du irrst! Henri ist ein ganz vortrefflicher Gatte! — Leda. Du wagst vielleicht nicht ans richtig mit mir zu sprechen, weil Du glaubst ich sei im Stande Partei für ihn gegen Dich zu ergreifen? Du irrst! — Die Frauen sind einander Hilfe und Schutz schuldig, und ich würde ohne zu zögern, alle Neffen der Welt verlassen — um Deine Partei zu nehmen! — Helene. Ich weiß, wie gut Du bist, liebe Tante — aber — die Zwistigkeiten, die Du voraussetzest, sind in keiner Weise vorhanden!? — Leda ferstanntst Wie? — Dein Gatte giebt Dir — nachdem ihr bereits seit 4 Jahren vermält seid — nickt den mindesten Grund zur Klage? — Helene. Nein! Nicht den mindesten ! Leda fhoch erstauntst Das ist wunderbar! — Das ist unerhört! — Er ist gegen Dich noch ganz derselbe, wie am ersten Tage? — Helene. Ja! Leda. In jeder Beziehung? Helene. In jeder Beziehung! — Leda. Seine Zärtlichkeit hat sich also nicht vermindert? Helene. So wie Henri vor 4 Jahren gewesen — so ist er heute noch! Leda fhoch erstauntst Merkwürdig! Aenßerst merkwürdig! — Du besitzest also noch alle deine Illusionen? Es ist keine Enttäuschung eingetreten? — Hast 10 Du Dir Dein geträumtes ideales Glück unversehrt bewahrt? — Helene (einen Augenblick zögernd, dann). Ja, liebe Tante! 8 eda (die Hände hoch hebend). Tugend meines Lebens — das nenne ich eine glückliche Frau! — Aber — ich begreife jetzt, wie es um Dich steht! Deine Situation wird für mich klar, wie der Tag! — Dein Gatte ist derselbe geblieben — aber — Du — Du liebst Deinen Mann nicht mehr! — Helene (erröthend aufspringend). Liebe Tante — was sagst Du da? Leda (schnell). Die Wahrheit! Helene. Ich — sollte Henri nicht mehr lieben? Ist das Dein Ernst? Leda. Mein vollständiger Ernst! — (Sie an der Hand wieder zu sich ziehend). Bleibe, mein Engel, und setze Dich; — laß uns gelassen über dieses Thema weiter sprechen! — Du hast einen Gatten, den Du für untadelhaft zu erklären beliebst! Und anstatt heiter zu sein wie eine Grille im Frühling — bist Du träumerisch — traurig — schwer- müthig! Diese Traurigkeit hat ihren Grund — und ich kenne ihn! (Pause.) Helene (hat den Kopf gesenkt und schweigt.) Leda. Dn schweigst? — Wohlan, ich will für Dich sprechen! — (Ihr in's Ohr.) Du stehst im Begriffe — einen Andern zu lieben! — Helene (weinend). O Tante, was Hab' ich Dir gethan, und wie verdiene ich diesen beleidigenden Argwohn?! — Leda. Aber Närrchen — Du zweifelst doch nicht an meiner Zärtlichkeit! Beruhige Dich doch nnr! — Du hältst mich vielleicht für eine grimmige, strenge, spanische Dnenna, welche Tag und Nacht umherspionirt, um einem eifersüchtigen Ehemann die süßen Träume eines zärtlichen Herzens zu verrathen? — Haha! O Du armes, gutes Täubchen! — Im Gegentheile? Ich bin die verkörperte Nachsicht! — Niemand auf der Welt hat die Liebe jemals besser verstanden — als ich, und fühlt mehr Interesse für die süßen Wunden — welche ihre scharfen Pfeile schlagen!? — (Rückt näher und umschlingt Helene.) Horch auf, mein Kind was ich Dir sage! — Man hat nicht die freie Wahl — zu lieben oder nicht zu lieben! — Ich kenne Deine Grundsätze — und bürge für Deine Tugend! — Aber — ist eine Frau weniger rechtschaffen, weil sie — ohne es zu wollen — vielleicht — ohne es zu wissen — irgend einem Manne ihre Beachtung schenkt? — Das Herz ist oft stärker als der Wille — und wenn es spricht — muß man es hören! — Helene (mit erhobenen Blick). Wenn man aber vor Gott geschworen hat, seinen Mann zu lieben — dann hat das Herz nicht mehr das Recht zu sprechen! — Leda (sarkastisch). Allerdings! Es hat nicht das Recht, aber — das Herz nimmt sich zuweilen das Recht! — Helene. Man muß ihm schweigen gebieten! Leda. Das ist leicht gesagt — aber schwer gethan! Das Herz gleicht wieder- spänstigen Kindern — je mehr man ihnen einschärft zu schweigen, desto lauter schreien sie! — Helene. Und Du glaubst — jeder Widerstand wäre vergeblich? Leda. Gewöhnlich ist er es! — Helene. Ach, liebe Tante, ich möchte Dir nicht glauben? Leda. Warum nicht? Helene. Weil Deine Moral furchtbar entmuthigend ist! — Leda. Meine Moral ist unangreifbar, und ich will es Dir durch ein Beispiel beweisen! — Ich behaupte also! Dn bist nicht im Stande, Dein Herz zu hindern, sich einem jungen schönen Manne zuznneigen — sagen wir — (wir absichtslos.) Herrn Cäsar von Santrelle zum Beispiel? — Doch — 11 was ist Dir, Kind? Du zitterst? Du erbleichst?! — Helene stängt bei Nennung des Namens heftig zu zittern an, und droht ihrer Tante in die Arme zu sinken). Laß — laß mich! Es geht vorüber! Leda. Helene, liebes Kind, fühlst Du Dich unwohl? Helene san ihrem Halse in Thränen ausbrechend). O Tante, liebe Tante! Warum hast Du diesen Namen genannt?! — Leda shocherfrent). Wir werden sogleich mehr darüber sprechen, liebes Kind! — fbesorgt.) Zunächst aber — wie fühlst Du Dich? — Helene. Es war nur eine vorübergehende Schwäche! — Ich bitte Dich, antworte mir — warum hast Du diesen Namen genannt? — Leda. Aus dem einfachsten Grunde von der Welt? Cäsar ist ohne Widerspruch der schönste, der liebenswürdigste, der distinguirteste, der romantischste, der poetischste — kurz der idealste der jungen Männer, welche das Schloß besuchen! — Kannst Du mir widersprechen ? Helene steife). Du bist grausam, sehr grausam — ohne Mitleid! Leda. Aber warum denn, meinEugel ? Helene steife). Weil Du mich etwas fragst — was ich mir selbst nicht zu gestehen wagte! — Leda strohlockend lächelnd). Ah! — Mein liebes Kind — ein getheiltes Geheimniß ist keine Bürde mehr — besonders ein HerzenSgeheimniß! — Also — komm mein Engel! Sage mir Alles! Du wirst sehen, wie froh und glücklich Du Dich dann fühlst! — fSie schließt Helene zärtlich in ihre Arme.) Helene. Was könnte ich Dir sagen, liebe Tante — was Du nicht schon wüßtest?! Leda. Wie? Was ich nicht schon wüßte? — Aber liebes Kind, ich weiß ja noch nichts? — (Schnell fragend ) Was ist denn eigentlich geschehen? Auf welche Weise ist die Liebe entstanden? Was hat Cäsar zu Dir gesagt? Auf welchem sinnreichen und galanten Wege hat er Dir das erste Geständniß seiner Liebe gethan — und was hast Du ihm darauf geantwortet? — Sprich! Rede! Erzähle! — Helene. Aber liebe Tante — was setzest Du Alles voraus? Leda. Ich setze nicht das Mindeste voraus, mein Täubchen — und warte, bis Du mir die Thatsachen erzählt haben wirst! — Also beginne mit dem Anfänge! sSetzt sich zurecht.) Mit Cäsars Erklärung! Helene. Aber Herr von Santrelle hat mir ja noch niemals gesagt, daß er mich liebe! Leda stchnell). Dann hat er es Dir also geschrieben? Helene. Nein! Leda stchnell). Dann haben seine Augen Dir es auf beredte Weise zu verstehen gegeben? Helene. Sein Blick ist niemals dem meinigen begegnet! Wenn er ihn auf mich heftete — beeilte ich mich, die Augen niederzuschlagen! Leda (staunend). Unglaublich! Helene. Ich weiß von dieser Liebe durchaus nichts, und hoffe vom ganzen Herzen — daß sie nicht existirt! Leda. Du hoffst, nicht geliebt zu werden? Helene. Ja, liebe Tante! Leda. Unbegreiflich! — Und warum ? Helene. Weil es ein Unglück für Herrn von Santrelle wäre, sein Herz einer Frau zu weihen, welche nicht mehr frei ist, und niemals die Seine werden kann! — Leda ssie anstaunend). Allerdings! — Es sind dieß Gesinnungen, mein Kind, die Dir zur größten Ehre gereichen! — Dennoch — darf man nicht allzusehr darauf bauen! — Noch hat Cäsar nicht gesprochen — aber er wird sprechen! 12 Helene (schnell). Er wird es nicht wagen! Leda. O, die Männer wagen Alles! Und dieser steht durchaus nicht in dem Rufe, daß es ihm an Keckheit fehle! — Er liebt Dich — das ist gewiß! Und weißt Dn warum? — Weil Du ihn liebst! — Helene (zitternd, schnell). Ich weiß es nicht, ob ich ihn liebe — und überdieß weiß er nichts davon — und wird auch nie etwas davon erfahren! — Leda (schnell). Solche Dinge erfahren die Männer stets! Sie besitzen darin einen wunderbaren Instinkt! Das Klopfen Deines Herzens kann dem Blick eines Liebenden nicht entgehen — da ja schon unparteiische Augen es bemerkten! — Helene (schnell und erschrocken). Was sagst Du? Wer hat etwas errathen, was ich mir selbst nicht gestand? Leda. Erstens: ich! Und vor einer halben Stunde erzählte mir Fleurette die ganze Geschichte! Helene (schmerzvoll). O, mein Gott, ist es schon so weit gekommen? Ein Kammermädchen behauptet die verhäng- nißvollen Geheimnisse lesen zu können, die ich in meinem tiefsten Herzen verborgen glaubte! Leda. Aber beruhige Dich, Kind! Helene (schluchzend). Unglückliche, die ich bin? Leiden ist nichts — aber errötheu — vor einer Dienerin erröthen? O 0 o! (Leidenschaftlich heftig). Aber — was Hab' ich denn gethan, um eine solche Demüthigung zu verdienen? Leda. Aber, liebes Täubchen, Dn quälst Dich ganz ohne Grund! Ich kenne Flenrette! — Sie ist ein artiges Mädchen! Auf ihre Verschwiegenheit kannst Du bauen! — Helene (sich aufrichtend, ihre Angen funkeln). Diese Unverschämte soll keine Stunde mehr in meinem Hause bleiben! Leda (bestürzt). Du willst Fleurette sortschicken? Helene. Ich will sie fortjagen! Leda. Wie! Dieses Kleinod! Diesen Juwel? Helene. Ich werde sie mit Schimpf und Schande davonjagen! Leda. Aber daran würdest Dn sehr unrecht thun. Helene. Warum? Leda. Weil die Rache nicht bloß die Freude der Götter — sondern auch die der verabschiedeten Diener ist! — Helene. Was frage ich darnach? Ich habe nichts zu verschweigen -- mir nichts vorzuwerfen! Leda. Herzchen — denke an den Spruch: „Der Gerechte sündigt täglich siebenmal"! — Fasse Dich, man kommt! (Zwei Lakayen bringen brennende Kerzen in Armleuchtern und stellen dieselben auf Tisch und Kamin.) Ein Lakay (meldet). Der Herr Graf haben einen Piqueur voransgesendet, die Damen zu benachrichtigen, daß die Jagdgesellschaft in 10 Minuten Hiersein wird! Leda. Es ist gut! — (Lakai) ab.) Mein Gott, ich muß ja an meine Toilette denken! Leider muß ich unser interessantes Gespräch jetzt ruhen lassen! — (Im leichtfertigen Tone.) Du wirst mir später auf ganz umständliche Weise das Ticken Deines Herzens von der Stunde an erzählen, wo es angefangen hat finden schönen Cäsar zu schlagen! — (Umarmt sie wirderholt.) Auf Wiedersehen, mein Täubchen! (Schnell). Hüte beim Souper Deine Blicke und nimm Dich in Acht, daß mein Neffe nicht etwas bemerke! Bade Deine Augen mit frischem Wasser, Kind, man sieht, daß Du geweint hast! — Denn — wenn die Frau rothe Augen hat — so will der Mann stets wissen, was der Grund davon ist! — Ach, die Männer sind in diesem Punkte unverschämt neugierig! — Adieu, mein Engel! (Hüpft rechts ab.) Helene (allein). O mein Gott! Mein Gott! Durch welche höllische Gewandtheit ist es einer fremden Neu- 13 gier gelungen in meinem Herzen zu lesen, auf den Grund meiner Gedanken hinabzntauchen? Ha! — Da ist sie! — Fünfte Scene. Vorige. Fleurette svon links.) Fleurette. Ich komme, Frau Gräfin, anzufragen — ob Sie meiner Hilfe für die Toilette zum Soupö nicht bedürfen? — Helene skurz). Nein! Fl eurette (an Helene herantretend). Aber — Ihr Haar scheint mir nicht ganz glatt zu sein — und wenn Sie erlauben, so könnte ich — Helene seifig und schroff). Mademoiselle! Sie brauchen mir Ihre Dienste nicht anzubieten! Wenn ich derselben bedarf — werde ich sie verlangen! Fleurette sschnell für sich). Oho! Da ist ein Gewitter im Anzüge? Ob ich das Billet jetzt bestellen soll? Was Hab ich dabei zu riskiren! - sLaut). Erlauben Sie mir also, daß ich mich entfernen darf, Frau Gräfin? — Helene. Ja! Fleurette. Bevor ich dies thue, muß ich mich jedoch eines Auftrages entledigen! Helene. An mich? Fleurette. Ja, an Sie, Frau Gräfin! Helene. Dann mach' schnell, ich will allein sein! Fleurette szieht das Briefchen hervor und hält es Helene hin.) Helene sohne darnach zn greifen). Was ist das? Fleurette. ES ist ein Brief, wie Sie sehen, Frau Gräfin! Helene smit flammendem Blick). Von Wem! — Fleurette swird etwas verlegen). Frau Gräfin — ich — weiß nicht! — Helene. Wie? Du weißt nicht, von wem das Billet kommt? — Fleurette. Das heißt — ich kenne nickt den Namen — Helene. Ich nehme keine Briefe an — als durch die Post! — Nimm ihn wieder mit! — Fleurette. Aber — Frau Gräfin? Helene sstreng). Genug! — Fleurette. Frau Gräfin — ich glaube zu errathen, von wem dieses Billet kommt! — Helene. Ah — Du erräthst es? Fleurette. Ja, Frau Gräfin! Helene slauernd). Dann sprich — beeile Dich! — Fleurette stachelnd). Ich vermnthe — ich habe vollen Grund zu glauben, daß Herr von Santrelle der Verfasser dieses Briefes sei! — Helene skleine Pause, ihre Augen schießen Blitze). Mademoiselle! — Man wird Ihnen den IahreSbetrag ihres Lohnes auszahlen — Sie gehören nicht mehr zu meiner Bedienung! — Fleurette sbestürzt). Sie schicken mich fort? Helene. Ich bedarf Ihrer Dienste nicht mehr! Fleurette. Wodurch bin ich denn so unglücklich gewesen — ? Helene. Das zu wissen kann Ihnen so ziemlich gleichgültig sein, Mademoiselle! — Sie werden bezahlt — gehen Sie! — Fleurette sihren Zorn verbergend). Es ist gut! — Auf Ihren Befehl will ich noch heute das Schloß verlassen! Helene. Ich rechne darauf! Fleurette. Sie werden mich znrück- wünschen, Frau Gräfin! — Helene. Das bezweifle ich! Fleurette. Ich aber bin davon überzeugt! — Ich empfehle mich zu Gnaden, da ich wahrscheinlich nicht mehr das Glück haben werde, Sie wieder zu sehen! sSie macht eine Verbeugung, legt den Brief auf den Tisch, und will ab.) 14 Helene fdies bemerkend). Halt! — Sie vergessen etwas! fZeigt auf den Brief). Fleurette. Ich glaube nicht, Frau Gräfin! Helene. Diesen Brief? Fleurette. Er ist an seine Adresse gelangt! Helene fstreng). Ich befehle Ihnen aber, Mademoiselle, ihn wieder mitzunehmen und der Person zurückzugeben, von welcher Sie ihn haben! Fleurette fetwas boshaft lächelnd). Ich habe die Ehre Ihnen bemerklich zu machen, Frau Gräfin — daß ich nicht mehr in Ihren Diensten bin, folglich auch keinen Befehl mehr in diesem Hanse zu empfangen habe! — fSie macht einen graziösen Knix und geht rasch ab.) Helene fallein). Das also sind die gefährlichen Nattern, welchen so viele arme unkluge Frauen die Ehre ihres Namens, die Ruhe ihres ganzen Lebens anvertrauen! — O! Es erfüllt mich mit Furcht und Scham! — Und — er! Er hat gewagt mir zu schreiben? fSchmerzlich und beschämt.) Mein Gott, hat er denn gehofft, daß ich seinen Brief lesen werde? Die Tante hat Recht! Die Männer schrecken vor keiner Kühnheit zurück! fJhr Blick fällt auf den Brief.) Das Bittet soll er sofort uneröffnet zurück erhalten! -- Aber wie? Auf welche Weise? Soll ich es Jemanden anvertrauen? — Das geht nicht! Es könnte mich auf's Neue compromittiren! — Soll ich es ihm selbst zurückstellen? Unmöglich! Ich darf es ja nicht angenommen haben! — Ich werde es verbrennen! Ja — so sei's! fSie nimmt mit einer gewissen Scheu den Brief auf, und will damit zum KaminsimS, auf welchem ein Armleuchter steht. Im Moment tritt Graf Roland ungesehen durch die Mitte ein, frap- pirt stehen bleibend.) Helene fam Kamin stehend). Die Flamme verzehre jede Spur seines Daseins! fSie hält den Brief gegen die Flamme.) H enrh fzuckt zusammen). Was ist das? fDann schnell vorgehend und mit verstellter Freundlichkeit ausrufeud:) Helene! — Helene fzitternd). Mein Himmel! — fZerknittert rasch den Brief in der Hand, und läßt ihn in den Busen gleiten). Du — hier — Henry?! — Henry. Wie Du siehst? fGeht lang, fam auf sie zu). Doch, was ist Dir? fJm Tone liebreicher Theiluahme.) Du wankst? — Was ist Dir? Bist Du leidend? — Helene fstammelnd). Ja! — Ein wenig! Seit einem Augenblick! Henry fgeleitet sie nach dem Vordergrund). Was empfindest Du? Helene. Ich kann es selbst nicht genau angeben! Eine Art Bedrückung — es flimmert mir vor den Augen! Henry. Soll ich Fremont, den Arzt, holen? Helene frasch). Nein, nein! — Beruhige Dich, Freund! Es scheint — als würde mir jetzt schon wieder besser! — Henr y. Fühlst Du Dich stark genug trotz Deines leidenden Zustandes dem Souper beizuwohnen — oder soll ich Dich bei unseren Gästen entschuldigen? — Helene fschnell). Nein, nein! Ich werde kommen! Henry fihr die Haare aus dem Gesichte streichelnd). Um so besser, denn Deine Abwesenheit würde große Trauer bei einem Mahle hervorgerufen haben — das ein heiteres zu werden verspricht! — Helene. Geleite mich auf mein Zimmer, Henry — dort wird mir ganz wohl werden! — Ach! Wie gut Du bist! fSie küßt seine Hand, die er um ihren Nacken geschlungen.) In Deinem Arm — an Deiner Seite verschwindet jedes schmerzliche Gefühl! — Henry fsie zärtlich betrachtend). komm! Komm — mein Engel !Komm! — fSie hat ihren Kopf an seine Brust gelehnt, den er mit der Hand zärtlich streichelt, während er sie langsam abführt.) per Vorhang Mt. Zweiter Akt. Es ist Nacht. Dieselbe Dekoration wie im 1. Akte, mit dem Unterschiede, daß die Thüren in der Mitte geschlossen sind. Man sieht durch die Glasscheiben auf die von zwei schönen Candelabern hell beleuchtete Terrasse und in den Park. — In Mitte der Bühne eine reich besetzte Tafel mit Weinen und Früchten. Der Saal ist luxuriös erleuchtet — im Kamine links brennt ein Feuer. Erste Scene. Mn Haushofmeister steht am Ende der Tafel, mehrere Lakaien um ihn herum. — Helene tritt von links ein, in einer anderen Toilette, die Dienerschaft verbeugt sich.s Haush ofmeiste r. Geruhen, gnädige Frau Gräfin, einen Blick auf meine Arrangements zu werfen, und mir zu sagen, ob ich etwas daran ändern soll! Helene fwirft einen Blick über die Tafel u. s. w und sagt dann:s Cs ist gut. — Gehen Sie jetzt und lassen Sie in zehn Minuten zur Tafel läuten! Haushofmeister. Sehr wohl, Frau Gräfin! fGiebt den Dienern einen Wink, sie entfernen sich mit ihm durch die Mitte.s Helene falleins. Ich bin allein! — Ich muß eine Entscheidung treffen! — Die Ankunft meines Gatten verhinderte mich vorhin, jenen entsetzlichen Brief der Flamme zu übergeben! — fSinnend.s War es ein Fingerzeig der Vorsehung, daß ich ihn trotz meines Widerstrebens lesen sollte? Und warum nicht? — Wenn ich ihn lese — wer wird es erfahren? — Wer? — Du fragst? Dein gewissen! — fSie zieht rasch den Brief hervor, sieht sich schnell um, beugt sich zum Kamine hinab, wirft den Brief hinein, daß er hell aufflackerud verbrennt.s Da! — Da! Sei todte Asche! — Meine Pause, sie stützt sich auf das Kaminsims und sieht der Flamme zu.s Was man fest will — das kann man auch! — Lieber wollte ich eine That begehen, die mich zwänge — über mich selbst zu erröthen! — Zweite Scene. Vorige. Leda fvon rechts, m dem früher erwähnten Rosakleide u. s. w.s Leda. Da bist Du ja, mein Kind? — Höre! Wenn Du es so fortmachst — und meine auf Erfahrung sich stützenden Rathschläge so schlecht befolgst — so sage ich Dir im Voraus, daß Du Dich sehr bald auf ganz abscheuliche Weise compromittiren wirst! Du hast Fleurette fortgeschickt — diesen unbezahlbaren Schatz von einem Mädchen — weil sie Dir einen Brief überbrachte, von — Helen e ffällt ihr erschrocken in'S Worts. Sprich den Namen nicht aus, ich bitte Dich! — 16 L eda. Warum nicht? (Lebhaft und neugierig.) Wo ist der Brief ? Ich will ihn lesen! O gieb! Helene. Ich besitze ihn nicht mehr ! Leda. Was hast Du damit gemacht! Helene. Ich habe ihn so eben verbrannt ! L e d «..Verbrannt? Aber Du entsinnst Dich doch noch dessen, was er enthielt und wirst es mir haarklein erzählen? Helene. Ich habe ihn nicht gelesen! Leda (ungläubig). Wie? Nicht einmal gelesen? Helene. Nein, liebe Tante! — Leda. Ist das wahr? — Helene. Ich schwöre es Dir! Leda (schmollend). Das ist aber nicht recht von Dir, liebes,Kind! Daß man einen Brief zurückweist, wenn man ihn nicht anzunehmen braucht, das begreife und billige ich! Aber wenn man ihn einmal in Händen hat, so liest man, und verbrennt erst dann! Helene. Ich hoffe, daß dieses Billet das erste und letzte dieser Art gewesen, und daß ich keines dergleichen wieder erhalten werde! Doch ich verplaudere die Zeit! Henry erwartet mich! Erarbeitet mit dem Rentmeister in seinem Zimmer, und ich versprach ihn zum Soupe abzuholen! (wirft einen Blick nach rechts.) Da kommen auch die Herren bereits? Verzeih, ich gehe! (Wendet sich nach links). Leda (nach rechts kokettirend). So Warte doch, ich gehe mit Dir! — Da kommt er ja, dieser Adonis! Ach! Ein herrlicher Mann! Helene (rasch). Leb wohl! (Rasch links ab.) Leda (lachend). Ach, sie läuft, als ob der Böse in Person hinter ihr drein wäre! O Tugend meines Lebens, welch eine unerfahrene Frau ist meine Nichte! Haha! (Sie eilt ihr nach.) Dritte Scene. Cäsar und D r. Fremont (von rechts auftretend. Die Herren haben sämmtlich ihr Jagdkostüm mit dem schwarzen Salonanzuge vertauscht.) Cäsar (lachend auftretend). Hahaha! Was Du mir da sagst, Freund, predigst Du tauben Ohren! Fr emo nt. Lache nicht, Cäsar, ich bitte Dich! C ä s ar. Also, meine Zukunft beunruhigt Dich? Fr emo nt. Sie beunruhigt mich nicht nur, sondern sie erfüllt mich mit Entsetzen! Cäsar (leicht). Wohl darum, weil Du wähnst daß ich ruinirt sei? Pah! (Setzt sich.) F r e m o n t (schnell sprechend). Nein! Nicht darum! Ich glaube, daß Du vollständig im Stande bist, Deinen zerrütteten Vermögens umständen wieder aufzuhelfen, sobald Du Dir nur ernstlich dle Mühe nehmen willst! Uebrigens kann für einen Mann mit Deinem Namen und Deiner Intelligenz der Mangel nicht existiren! Cäsar. Hierin bin ich ganz Deiner Meinung, und begreife daher nicht Dein Entsetzen? Fremont. Du sollst es sogleich begreifen! (Leise). Wohin glaubst Du, daß Deine Liebe zur Gräfin Roland führen werde? Cäsar (zuckt zusammen). Was sagst Du da? Fremont. Die Wahrheit! Verstelle Dich nicht. — Cäsar, ich weiß daß Du ein Mann von Ehre bist. —Gieb mir Dein Ehrenwort, daß Du die Gräfin nicht liebst, und ich werde Dir glauben ich werde mich glücklich fühlen, Dir zu glauben! (Pause.) Du schweigst? Dein Schweigen sagt eben so viel, als das vollständigste aller Bekenntnisse! Was könnte es Dir auch nützen den Augen- 17 schein zu leugnen? Ich habe Dich seit Wochen beobachtet, uud was ich gesehen, läßt in meinem Gemüthe auch nicht den Schatten eines Zweifels übrig! Cäsar lsteht auf und ergreift seine Hand)' Fremont! Du bist mein Freund, mein wahrer Freund, das weiß ich! Wohlan! 9a, Du hast Recht, ich liebe die Gräfin! Fremont. Das heißt: Du glaubst sie zu lieben! Cäsar fernst). Fremont! Du lästerst! - Ich bitte Dich, vergleiche das, was ich bis jetzt empfunden, nicht mit dem, was gegenwärtig in meinem Herzen vorgeht! Fremont! Freund! Ich sage Dir! Ich liebe zum ersten Male, und mit einer Liebe, die nur mit dem Leben enden wird! Fremont. Gut. — Ich gebe zu, daß Deine Krankheit gefährlich, aber nicht unheilbar ist! Du wirst genesen! Cäsar. Ich will nicht genesen! Fremont. Du mußt wollen! Dein Gewissen gebietet es Dir, denn die, welche Du liebst, würde unfehlbar mit Dir zugleich ihren Untergang finden! Cäsar. UnglückSprofet! Fremont. Höre Cäsar! Nehmen wir an, daß die Gräfin Dich wieder liebt, daß sie um dieser Liebe willen ihre Pflichten vergäße und mit Füßen träte! Wäre dieß ein Glück? Cäsar (leidenschaftlich). Es wäre der Himmel! Fremont. Bis zu dem Tage, wo der Blitz herniederführe! — Der Graf gehört nicht zu jenen Männern, auf welche man die Worte des Psalmisten aawenden kann: Sie haben Augen, um nicht zu sehen, uud Ohren, um nicht zu hören! Ein einziges unkluges Wort, ein schlecht verhehlter Blick würde hin- reichen, um ihm Alles zu verrathen! Was würde dann geschehen? Cäsar Leichtfertig). Parbleu! Es wiirde das Natürlichste geschehen: Wir würden einige Degenstiche wechseln! Theater-Repertoir S 14 . s Fremont. Du irrst! Schlagen würde der Graf sich nicht mit Dir! Cäsar. Was würde er sonst thun? Fremont. Das weiß ich nicht, das aber, was er thun würde, wäre entsetzlich, davon bin ich fest überzeugt! Ich kenne ihn, ein Charakter wie er, rächt sich nicht auf gewöhnliche Weise! Möchtest Du sie vielleicht der langen Marter, einer unversöhnlichen Rache preisgeben? — Cäsar. Glaubst Du, daß ich mein Ideal nicht dieser Rache zu entreißen wissen würde? — Fremont. Aber wie? Cäsar. Wir würden miteinander fliehen, und unsere Liebe unter einem fernen Himmel verbergen! Fr emont. Du sprichst von Fliehen? Träumst am Ende gar von einer romantisch gelegenen Villa, mit einer Laube von Rosen und Lorbeeren, an den Ufern des Comersees? Um diese schönen Träume verwirklichen zu können, muß man aber reich sein und jetzt bist Du arm! Cäsar. Das nichtswürdige Geld! Fremont. Cäsar! Ich bitte Dich, sei vernünftig? C ä s ar. Du weißt, daß die Liebe stärker ist, als alle Vernunftgründe der Welt! Fremont. Du beharrst also bei Deinem Vorsatze? Cäsar. Ich muß, denn ich liebe! Fremont. Du willst das Glück und die Ehre zweier Männer und einer Frau auf eine Karte setzen? Cäsar. Ich liebe! Fremont. Ohne Bedenken, ohne Gewissensbisse willst Du Deinen Weg verfolgen ? Cäsar. Ich liebe, alles Andere ist mir nichts! Fremon t fmit einem Seufzer). Nun höre, ich will es versuchen Dich gegen Deinen Willen zu retten! Die 20.000 Francs, deren Du bedarfst, um Deine bedrohte Freiheit zu retten, jene 20.000 2 18 Francs, die ich Dir angeboten, nehme ich hiermit wieder zurück, ich werde sie Dir nicht geben! Du wirst daher schon morgen dieses Schloß verlassen müssen, entweder um Frankreich zu meiden, oder in's Schuldengefängniß zu wandern! Meine Pause.) Cäsar (achselzuckend mit Ironie). Das, was Du mir da sagst, kommt mir nicht unerwartet! Aber Deine gewaltige Beredsamkeit konntest Du Dir ersparen! (Spöttisch lachend.) Haha! Du hast berechnet, daß ich möglicherweise in einem Duelle mit dem Grafen fallen könnte, und dann Deine 20.000 Francs verloren wären! Du hast Recht! Jeder ist sich selbst der Nächste! Fr emo Nt (ihn betrübt betrachtend). Deine Worte verwunden mich nicht, mein armer Freund! Ich will Dir nur noch zurnfen: Nimm Dich in Acht! Cäs ar. Ah pah! Jetzt wo Dein Geld nicht mehr gefährdet ist, werden sich Deine Ahnungen rasch beschwichtigen! (Er dreht sich auf dem Absatz um, und geht den eben eintretenden Herren entgegen). Fr emo Nt (für sich im Vordergründe). Ich habe meine Pflicht gethan, habe Alles versucht, gebe der Himmel nur, daß kein Unglück geschehe! Vierte Scene. Vorige. Lesparre, Vezah, B 0 lls sh (die schon etwas früher von rechts aufgetreten sind.) Bonss y (zu Cäsar). Schade! Jammerschade, daß Sie dem Beginn der Jagd nicht beiwohnen konnten! Vezay. Wie kann aber auch ein Jäger etwas vergessen? Das bedeutet ja eine bestimmte Niederlage für ihn? Boussy. Ein herrlicher Vierzehnender war es gleich zu Anfang, der flüchtig wurde! Graf Roland gab das Signal — und im Verlaufe einer halben Stunde war er gestellt! — Lesparre seine corpulente Figur). Ich bitte Euch, verschont mich jetzt mit Euren Iagdgeschichten! Ich bin ausgehungert wie ein sibirischer Wolf! Cäsar. Aber lieber Lesparre, wenn die sibirischen Wölfe Ihre Corpulenz besitzen, dann können sie getrost von ihrem Fette zehren! Alle flachen). Lesparre. Lacht nur, ihr Grillen, und doch weiß ich, daß es Euch nicht besser ergeht! Aber Spaß bei Seite, unsere liebenswürdige Wirthin läßt ein wenig lange auf sich warten! Wir werden sie jedenfalls sehr glänzend und strahlend erscheinen sehen, aber trotz meiner wohlbekannten Galanterie, wäre mir jetzt eine Wildpretpastete und eine Flasche alter Champertin lieber, als die feinste Damentoilette! Cäsar. Nur Geduld! Ein aufgeschobenes Vergnügen ist dann um so ergötzlicher! Lesparre. Der spricht von Vergnügen? Freundchen, ich nenne es ein Bedürfnis;! Mein hungernder Magen schlägt Revolte, und ich schwöre Euch, daß er die Koketterie, durch welche die Stunde des Sonp^s verzögert wird, aufrichtig verwünscht! Fremont. Die Verwünschungen Ihres Magens sind am Unrechten Orte, denn die Frau Gräfin ist durchaus nicht kokett! Lesparre. Doktor, Sie lästern! Nicht kokett, das wäre ja ein Verbrechen ? Ich verehre die Koketterie, wenn die Qualen des Hungers nicht eine Art Cannibalen ans mir machen! (Eine Glocke wird geläutet.) Lespar (freudig aufseufzend). Ach') Ach! Die Stunde der Erlösung naht- Was Luccullus bei Baja nach der gewonnenen Schlacht gefühlt haben muß, empfinde ich jetzt! Alle (lachen). . Lesparre (nach links blickend). Mein schönster Stern geht auf, und h^r 19 folgen die Trabanten! fAuf die eintreten- dm Diener zeigend.) Fünfte Scene. Vorige. Henry mit Helen en am Arm, An t r ichard mit L eda am Arm von links auftretend, ihnen folgt der Rent- meister. Gleichzeitig von rechts mehrere Lakayen, Speisen tragend, an ihrer Spitze der H aus h ofM e iste r. Die Speisen werden auf den Tisch gestellt, die Dienerschaft stellt sich im Hintergründe auf, und bedient während deS Soupäs dann die Gäste. Henry flaunigf. Nun, meine Herren, wir haben Ihren Appetit auf eine harte Probe gestellt? Verzeihung! Daran ist dieser Herr da, mein Rentmeister Schuld, der die personifizirte Pünktlichkeit ist! Er wollte seine Rechnungen durchaus noch heute vor meiner Abreise nach Lyon abwickeln ! Rentmeister. Verzeihung, Herr- Graf, aber es war der bestimmte Tag und dann wollte ich eine Summe von 30.000 Franks keinen Tag länger Ihrer Verfügung entziehen! Henry fklopft ihm auf die Schulter). Schon gnt, Freund! Ich kenne Ihre Gewissenhaftigkeit, und respektire dieselbe. Meine Abwesenheit wird hoffentlich nicht länger als 8 Tage währen. Bei meiner Rückknnft wollten wir dann über die Verlängerung des Pachtvertrages für Pierre Rouge sprechen. Adieu! lEr entläßt ihn, der Rentmeister verbeugt sich ehrerbietig und geht ab. Henry greift Plötzlich in die Brusttasche.) O Weh ! Wo doch nur meine Gedanken sind? fEr zieht ein mit einer Schleife versehenes Geldpaket hervor.) Ach habe vergessen das Geld, die 30.000 Francs des Rentmeisters oben ein- zuschließen! Sei so freundlich, liebe Helene, und nimm das Geld zu Dir! laicht.) Verwahre eS einstweilen hier, und nach dem Soup6 nimmst Du es Ulit hinauf, nicht wahr? Helene fängstlich). Ich soll eine so bedeutende Summe in Verwahrung behalten ? H e nry flächelnd). Du fürchtest wohl, der Köder einer so reichen Beute müßte eine Räuberbande in's Schloß locken? Haha! Lege es einstweilen bei Seite, und mache Dir darüber keine Sorge, mein Kind! Helene fnimmt das Paket, und schließt eS in die Schublade eines eleganten Kastens, der im Hintergründe, zwischen Alkoven und Mittelthüre steht, und steckt den Schlüssel zu sich.) Henry. Zu Tische, meine Herren! Zu Tische! — Helene fladet die Herren ein sich zu setzen, die Herren verbeugen sich und nehmen ihre Plätze.) Henry lwährendsich Alles setzt, zum Haushofmeister gewendet). Lieber Collin, sorgen Sie dafür, daß Gearep die Trakehner entspannen möge. sZu Antrichard.) Mit diesen Pferden sind wir in 4 Stunden in Lyon! H a us ho fmeister sab.) sDie Diener beginnen zu serviren.) Helene. Aber daß Du noch heute abreist, lieber Henry, ist mir höchst unlieb! Henry. Liebes Kind, ich habe dem Herrn Prokurator mein Wort gegeben. Helene. Des Nachts zu reisen, wenn man es am Tage thun kann? Antrichard. Seien Sie ganz unbesorgt, Frau Gräfin! Die Straße ist vortrefflich, und 6 Meilen ist ja doch eigentlich nur eine Spazierfahrt? Ihr Gemahl wäre Ihnen morgen früh, lauge vor Sonnenaufgang entrissen worden wenn er nicht noch heute mitführe; denn die Session der Assisen, deren Mitglied er ist, beginnt morgen Schlag 9 Uhr! — Helene sschmollend). Warum läßt Du Dich aber anch wählen? Henry. Närrchen! Das LooS bestimmte mich zum Mitglied der Jury, für diesen Monat! 2 20 Antrichard (mit Laune). Ja, Frau Gräfin! Die Pflichten des Staatsbürgers müssen auch respektirt werden! Helene. Und wie lange wirst Du fortbleiben? Henry. Eine Woche, nicht länger! Helene. So lange? Henry. Hast Du nicht Gesellschaft? Die Herren bleiben noch 3 Tage hier, indem sie die begonnenen Jagden fortsetzen ! Auch habe ich die Absicht Dich während dieser Zeit zu besuchen, oder noch besser, Du machst mir die Freude Deines Besuches!? Leda (klascht in die Hände)- Ach, ja, ja! Ich fahre mit Dir, liebe Nichte, dann wohnen wir gleich einer Kriminalverhandlung bei! Das wird ein kostbares Amüsement sein ?(Zu Antrichard.) Haben Sie doch ein paar schöne Verbrechen auf der Liste, Herr Procnrator? Antrichard (lächelnd). Schöne Verbrechen? Ich weiß nicht, was Sie so zu nennen belieben, Frau Baronin? Leda. Nun, ich meine — etwas Sensationelles! Zum Mindesten, einen Mord! Antrichard. O, ich kann sogar mit einem Doppelmord dienen! Leda (freudig). Ja? Ach, wie herrlich! (Schnell.) Sie werden uns den Tag an- zeigen, und uns die besten Plätze reser- viren lassen, nicht wahr? Antrichard. Wenn es Ihnen Vergnügen macht, gewiß! Leda. Ein außerordentliches Vergnügen! (neugierig.) Und wer ist der abscheuliche Bösewicht, der diesen Doppelmord verübt hat? Antrichard. Dieser abscheuliche Bösewicht —ist der ehrlichste Mann von der Welt! Leda. Wenn er einen Menschen umgebracht hat? — Antrichard. Ja, Frau Baronin! Er hat seine Frau umgebracht - Leda (einfallend). Seine Frau? Antrichard. Ja, seine Frau. (Trinkt.) Und auch den Mitschuldigen derselben! Leda (gedehnt). Ah — er war also? Antrichard. Hiutergangen worden! Ja, Madame! Er war ans schmachvolle und nichtswürdige Weise hintergangen worden, ohne eine Ahnung davon zn haben! — Die Augen gingen ihm erst aus in dem verhängnißvollen Momente, wo er die Schuldigen überraschte! Leda. Er hat seine Frau umgebracht? Ach, wie entsetzlich! H au shofme ister (kommt zurück und sagt halblaut zu Henry). Darf ich nm einen Augenblick bitten, Herr Graf? Henry (steht auf). Meine Herrschaften, ich bitte einen Moment um Entschuldigung! (Er geht um den Tisch herum und kommt in den Vordergrund. Die Tischgesellschaft conversirt leise weiter.) Henry. Nun, Eollin? — Ha u sh o f me ist er (geheimnißvoll). Dieser Brief wurde soeben für Sie übergeben, Herr Graf! Henry (besieht den Brief,lesend). „Dem Herrn Grasen Roland sofort und unter vier Augen zu überreichen." Wer brachte den Brief? Haushofmeister (leise). Ein Bauernbursche kam vor 5 Minuten in die Halle, legte den Brief in meine Hände, und ehe ich ihn noch befragen konnte, war er wieder verschwunden! Henry (kleine Pause). Es ist gut! -Kein Wort darüber! Haushofmei ster (verbeugt sich und zieht sich zurück.) H en ry (öffnet den Brief, fährt zusam' men und fängt zu zittern an). Was ist das? Mir schwinden die Sinne! — Fassung! Fassung! — (Liest.) „Ihre Frau wird heute Nacht eine Zusammenkunft haben." (Seine Augen stieren vor sich hin.) Haa! ^ Ohne Unterschrift! Wer ist der geheim- nißvolle Warner? — Sollte der dämmernde Verdacht in meiner Seele zur Gewißheit werden? O o o! — Helene (ruft). Nun, Henry? 21 Henry. Gleich! Gleich! (Leise.) Verstellung steh mir bei! (Laut.) Da bin ich — da bin ich schon! (Eilt an den Tisch und nimmt seinen Platz ein.) Helene (zu Henry halblaut). Was war es denn? Henry (mit verstellter Gleichgiltigkeit). Nichts, mein Engel, gar nichts! Plackereien! — Ein Pächter bittet nm Verlängerung des Vertrages! — Wo waren wir in unserem Gespräche geblieben? Was war es doch? Le da. Es war von jenem Doppelmord die Rede, lieber Henry, der nun vor die Assisen kommen soll! Henry. Ach ja, jetzt entsinn' ich mich! Leda. Lieber Herr Procurator, erzählen Sie uns doch noch etwas darüber? Sie erzählen so gut, und ich zitt're förmlich darnach! Was war er für ein Charakter? Welchem Stande gehörte dieser rachsüchtige Mann an? Antrichard (trinkt und ißt ruhig weiter). Dem Stande der Arbeiter, Frau Baronin! Er hatte sich durch Muth und Sparsamkeit einen gewissen Grad von Wohlstand erworben! Er hat seine Frau angebetet, ist bereit gewesen für sie Tag und Nacht zu arbeiten, nur um die Bedürfnisse seiner über Alles geliebten Margarethe zu befriedigen — umsonst! Sie betrog ihn lauge Zeit auf die schändlichste Weise, und sein blindes Vertrauen zu ihr machte die Schuldigen nur noch dreister, bis endlich ein Ertappen auf frischer That unvermeidlich war! Eine wahnsinnige Wuth bemächtigte sich seiner, er ergriff einen schweren Hammer, den der Zufall ihm m die Hand führte, erschlug auf der Stelle die beiden Schuldigen, rief dann die Diener des Gesetzes herbei, indem er sagte: Hier seht, was ich gethan habe, richtet mich! (Pause. Helene und Aäsar schlagen die Augen zu Boden, Henrys Augen schießen Blitze auf Cäsar und Helenen, Veda blickt neugierig und verlangend noch Mehr zu hören auf Antrichard hinüber). Leda (zu Antrichard). Reizend, Reizend! Herr Baron! Ein Schauer läuft mir dabei über den Rücken! Die Lage des armen Mannes ist interessant, und ich beklage ihn von ganzem Herzen! Ich gebe gerne zu, daß nichts unangenehmer sein kann als — Sie wissen, was ich sagen will — zu werden — und es zu erfahren! Deshalb verlange ich auch durchaus nicht, daß er zum Tode ver- urtheilt werde, nein! — Ich wäre zum Beispiel nur — für lebenslängliches Gefängniß! Denn — gestraft muß erwerben, da sich ja doch seine Handlungsweise durchaus nicht rechtfertigen läßt? Konnte er seiner Frau nicht vernünftige Vorstellungen machen ? Oder, wenn es sein mußte — ihr — einige Hiebe verabreichen? — Aber gleich alle Beide um's Leben bringen, und noch dazu durch Hammerschläge — o pfui! Mein Himmel, wohin sollte es wohl kommen, wenn alle unzufriedenen Ehemänner ohne Weiteres zum Degen oder Messergriffen? Die Pariser Bluthochzeit wäre nichts dagegen! Das Gesetz muß strenge Rechenschaft über das vergossene Blut verlangen! Habe ich nicht Recht, Herr Prokurator? Antrichard. Im Allgemeinen haben Sie allerdings recht, denn das Menschenleben ist heilig! Leda. Besonders das des Weibes, weil dieses schwach und wehrlos ist!! Nicht wahr? Antrichard (lächelnd). Ja, Madame. Lesparre (mit umgebundener Serviette, vor sich einen gesülzten SchweinSkopf). Die Frau Baronin hat recht! Schwach und wehrlos ist die Frau in solchen Fällen — geradeso, wie dieser Schweinskopf hier vor meinen Angriffen wehrlos ist! (Er haut ein.) Leda (zimperlich). O pfui! Welch ein Vergleich? Antrichard. Das Gesetz wird den Mord niemals gut heißen, aber — es 22 giebt Fälle, wo die Tödtung zu entschuldigen ist! Le da. Das sagt das Gesetz? Antrichard. Allerdings, Madame! Leda. Dann hat das Gesetz Unrecht! Henry. Nein, liebe Tante, das Gesetz hat Recht! Ich Witt Dir für meine Behauptung auch gleich die Argumente anführen. — Zum Beispiel: Ein Dieb bricht des Nachts in mein Haus, um mich zu berauben, und wenn ich ihn daran hindere, mich zu tödten! Ich feuere eine Pistole aus ihn ab, erfüllt — so ist diese gerechtfertigte Tödtung kein Mord, und wird auch niemals als solcher bestraft werden können! Le da. Lieber Henry, Du sprichst von einem Diebe, ich aber spreche von einem Liebhaber, das ist nicht einerlei! Henry smit eisiger Ruhe, aber blitzenden Augens. Der Liebhaber ist ein Dieb, der Dir das Theuerste raubt, was Du auf der Welt hast, Deine Ruhe, Dein Glück, die Freude Deines Lebens, den Schlaf Deiner Nächte, die Ehre Deines Namens, die Hoffnung Deines Alters! — Leda. Am Ende wirst Du gar nach Deinen seltsamen Begriffen jenen Arbeiter für unschuldig erklären? H enry smit leuchtenden Augens. Ja ! Mit Enthusiasmus! — Leda spikirts. Schön! Dann mache ich Dir mein Compliment! Du billigst also die Handlungsweise des Mannes, der seine Frau ums Leben bringt? Henr y. Ich billige seine Handlungsweise nicht — weil — weil die auf diese Weise geübte Rache mir ungenügend erscheint, weil nach meiner Meinung die Züchtigung nicht auf der Höhe des Verbrechens steht, welches sie begangen! Leda sbestiirzts. Wie? Glaubst Du denn, daß es eine Strafe gibt, welche schrecklicher sei als der Tod? H enry seifig und ruhigs. Allerdings, glaube ich es! Leda. Und welche? Henry. Das Leben — das ganze Leben, welches die Schuldige in der unmittelbaren Nähe des getäuschte» Gatten zubringen muß, der in seinem kalten Zorne unversöhnlich ist, wie das Fatum der Dichter des Alterthums! Ich schwöre Dir, die Existenz der Ehebrecherin muß unter diesen Umständen eine Marter sein, mit welcher sich keine andere vergleichen läßt! Leda. Hör' auf, Henry! Mich schaudert ! — Antrichard. Ich stimme dem Herrn Grafen bei! Eine solche Strafe scheint mir für die Schuldige entsetzlicher als der Tod! Haushofmeister stritt ein). Ich bitte, Herr Graf, es ist angespannt — zur Stunde, wie Sie befohlen hatten! Henr y ssieht auf die Uhrs. Ah, ist es Zeit? — Ja, richtig! sEr steht auf.s sAlleS erhebt sich.s Henry szum Haushofmeisters. Haben Sie nichts vergessen? Ist Alles im Wagen? Haushofmeister. Ich habe Alles pünktlich beigepackt! Henry swinkt mit der Hands. Dann gut! sZu Antrichards. Lieber Baron, auf ein Wort! sEr nimmt Antrichard unterm Arm und kommt mit ihm in den Vorder- grund.s sDie übrige Gesellschaft bleibt im Hintergründe und unterhält sich in Gruppen.s Helene, sspricht mit dem Haushofmeister während Henry'S Gespräch mit dem Procurators. Henry sleise zu Antrichards. Ich habe Ihnen ein Geständniß zu machen! Antrichard. Ein Geständniß? Henry. Nicht wahr, lieber Baron, ich gelte für einen Mann von tadellosen Sitten? Alle Welt glaubt es wenigstens, und Sie glauben es auch? Antrichar d. Ohne Zweifel. Henry sim leichtfertigen Tones. NUN, sehen Sie, dieser Ruf ist ein augemaßter 23 Ich bin nicht mehr Werth, als so viele andere Ehemänner! Ich habe Maitressen ! Ja, ja, staunen Sie nicht Freund? Vorhin erhielt ich ein Bittet, daß mich meine Geliebte diese Nacht sehen will! Wir werden zusammen fortfahren, aber ich werde Sie eine halbe Stunde von hier in St. Iaques verlassen! Beruhigen Sie sich, ich werde dennoch bestimmt und pünktlich auf dem Platze sein! Da haben Sie mein Geständniß, das ich Ihnen in der Voraussetzung anvertraue, auf Ihre Verschwiegenheit rechnen zu dürfen! Antrichard (betroffen). O, mein Freund! Ich will Ihnen keine Vorwürfe machen, ich habe nicht das Recht dazu; aber ich will Ihnen nur sagen, daß Sie da eine meiner liebsten Illusionen zerstört haben! Bis heute hatte ich die Eintracht und das Glück Ihrer Häuslichkeit bewundert — und jetzt — — Henry. Jetzt verachten Sie mich, nicht wahr? Antrichard (schmerzlich). Ich verachte Sie nicht, ich beklage Sie! Henry (drückt ihm die Hand). Ja — beklagen Sie mich! (Mit verhaltener Ge' miithöbemegung.j Beklagen Sie mich — denn auch ich hatte einen schönen Traum geträumt, der zerronnen ist! Beklagen Sie mich, denn jenes Glück, welches Sie erwähnten, ist für mich verloren! lEin eleganter Wagen fährt vor der Terrasse auf, die Diener ergreifen die Lichter, reißen die Saalthüre weit auf.s Henry (wendet sich). Ah, nun ist es Zeit! Helene (auf ihn zukommend). Versprich mir, lieber Henry, bald zurück zu kommen! Henry. Vor allen Dingen vergiß Du Dein Versprechen nicht, und besuche mich sobald Du willst! — Leda. O, wir werden kommen! Und Sie, Herr Procurator, reserviren uns die besten Plätze, nicht wahr? (Antrichard nickt zustimmend.) Helene (umarmt ihn zärtlich). So — leb' wohl, Henry! — Was ist Dir? (Erschrocken.) Dein Herz hämmert, und Deine Hand ist glühend heiß? Du fieberst ! — Henry (ausweichend). Was Dir einfällt? Es ist nichts — der Wein! Meine Herren, auf Wiedersehen, und viel Amüsement zur morgigen Jagdpartie! — Alle (durcheinander). Auf Wiedersehen, Herr Graf! Glückliche Fahrt! Henry (in heftiger innerer GemüthS- bewegung, Helene leidenschaftlich umarmend, und auf die Stirne küssend. — Pause). Leb' wohl! — Und gedenke meiner! — Hörst Du? Gedenke meiner! — Leb' wohl! (Er reißt sich von ihr los, schnell für sich.) Ist sie falsch, dann stürzt der Himmel ein! (Er eilt ab, Antrichard ist voraus in den Wagen gestiegen, Henry folgt. Stummes Spiel. — Man sieht, wie Henry aus dem Wagen Helenen die Hand reicht, die klebrigen winken ihm Abschied zu, die Pferde ziehen an, der Wagen rollt von dannen). (Gruppe.) Der Zwische nv orh ang fällt. Verwandlung. Dieselbe Dekoration. Es ist finstre Nacht, die Lichter sind ausgelöscht, die Tafel ist fortgeräumt, die Portiören sind an den Thüren, Nischen und Fellstern herab- gelasseu, die Uhr auf dem Kamine zeigt auf 11V 2 . 24 Erste Scene. Hele ne sim weißen Spitzennegligäe, einen Armleuchter in der Hand, kommt von links, mit ängstlicher Miene behutsam und leises Helene ssie sieht sich erst um, stellt das Licht auf den Kamin, geht dann rasch an den Kasten, wo sie das Geld verschlossen hatte, zieht einen Schlüssel, sperrt auf, ergreift das Paket, und sagt freudig Athem holend). Gott sei Dank! Da ist es noch! — Unversehrt! — Meine Nachlässigkeit ist unverzeihlich! — sSie legt das Paket mit den Banknoten auf die Marmorplatte des Kasteus, und ist im Begriffe die Lade zu schließen). Doch, nun schnell fort, und das Geld oben eingeschlossen! Mötzlich entsteht ein Geräusch vor der offenstehenden Thüre, sie hält erschrocken inne.) Horch ! Ein Geräusch! — sZitternd horchend.) Vielleicht habe ich mich geirrt? — Des 'Nachts, wenn Alles so still ist, täuscht man sich sehr leicht! — Allmächtiger Gott! Nein! — Das sind Schritte — rasche Schritte —?! Ein Dieb! — sSie läßt in der Angst Alles liegen, das Geld aus dem Kasten, die Lade bleibt offen, und will rasch durch die offene Thüre — Cäsar tritt ihr entgegen - Helene fährt zurück — Pause.) Zweite Scene. Helene und Cäsar. Cäsar sda er sie entsetzt zurücktaumeln sieht). Habe ich Sie erschreckt, Madame? Verzeihung! — Helene szitternd aber gebieterisch). Herr von Santrelle — was wollen Sie hier? — Cäsar sfrappirt). O, Madame, ich beschwöre Sie, sprechen Sie leiser, und bedenken Sie, daß man Sie hören kann! Helene. Was frag' ich darnach, und was habe ich zu verheimlichen? — Ich frage Sie nochmals, mein Herr, was wollen Sie hier? — Cäsar setwaS zögernd). Mein Gott? Mit einer Verbeugung.) Erwarteten Sie mich denn nicht? — Helene sstarr). Ich Sie erwarten? Rasen Sie, mein Herr? — sSchnell.) Das Geld, welches mir mein Gemahl vor seiner Abreise zur Verwahrung übergab — habe ich hier vergessen — ich kam, um es zu holen! — Ich Sie erwarten? — Diese unsinnige Frage ist eine neue Beleidigung! — Cäsar srasch und in Aufregung.) Ich sollte Sie beleidigen? — O Madame, Sie wissen, daß ich lieber sterben, als Sie auch nur mit einem Gedanken beleidigen würde! — Haben Sie Mitleid mit meiner Unruhe — und verzeihen Sie mir, wenn ich eine Frage an Sie richte! — Jenes Billet, welches ich Ihnen zustellen ließ, jenes Billet, in welchen! ich mich Ihnen zu Füßeu warf, um von Ihnen diese Nacht, in diesem Saal mit einer Unterredung beglückt zu werden — haben Sie dieses Billet erhalten? Haben Sie es gelesen? — Helene. Wie? Wie? — O, nun begreife ich Alles! sJm schmerzlichen Zorne über diese Zumuthung, beinahe weinend, schnell und fieberhaft.) Sie haben geglaubt, mein Herr — Sie haben, indem Sie mich hier fanden, gewagt zu glauben, daß ich zu dem Stelldichein käme, daß ich vielleicht der Stunde noch voraneilte ? — Aber, welche Meinung machen Sie sich von mir, mein Herr? Was für eine Frau, glauben Sie, daß ich sei? — sNoch schneller.) Das Billet, welches Sie die Unverschämtheit gehabt, an mich zu richten — habe ich nicht gelesen! Ich habe es verbrannt — ohne es zu öffnen — und das unverschämte Geschöpf, welches sich erlaubte, es mir zu bringen — aus meinem Dienste gejagt! — Nun, mein Herr, wissen Sie Alles! — sZvrnig.) Gehen Sie mir aus dem Wege — ich will wieder in mein Zimmer hinaus! — 25 Cäsar (wie vernichtet aber schnell). Haben Sie die Güte mich anzuhören? Helene. Ich habe nichts von Ihnen zu hören — ich bleibe keine Minute länger hier! — Cäsar (flehend). Haben Sie Mitleid? Helene. Noch einmal, mein Herr - machen Sie mir Platz! (Sie will einen Schritt gegen die Thür thun.) Cäsar (stellt sich ihr entgegen, sehr rasch und voll Feuer). Es ist unmöglich, daß Sie mich mit diesem entsetzlichen Gedanken verlassen, daß ich Sie beleidigen wollte! Sie — die ich hoch und heilig halte wie die Engel des Himmels — wie die fromme Frau, welche meine Mutter war! — Ja! — Ich bat Sie um eine Zusammenkunft, Madame, aber nur — um Ihnen aus ewig Lebewohl zn sagen! — Helene (macht einen Schritt zurück — zitternd nach einer Pause). Sie — verlassen - Frankreich —? — Cäsa r. Ich verlasse Frankreich — und das Leben! — Helene (leise, zitternd). Sie wollen — sterben? Cäsar. Ja, Madame, ich bin entschlossen von einem Dasein zu scheiden, dessen Bürde mich zu Boden drückt! Helene (zitternd, ohne ihn anzusehen). Giebt es kein Mittel — Sie von diesem Entschlüsse abzubringen? — Cäsär (freudiger). Es gibt ein einziges — Sie allein können es in Anwendung bringen! (Pause.) Darf ich sprechen? — Helene. Werden Sie mir nichts sagen — was ich nicht hören darf? — Cäsar. Es ist das Geständniß eines Sterbenden, welches ich Ihnen in wenigen Worten ablegen will! Helene (nickt.) Cäsar (beginnt zu erzählen, Anfangs mit einer gewissen lakonischen Energie, geräth ^ immer mehr ins Feuer). Madame ! Ich habe übel gelebt — habe mein Vermögen vergeudet — und nun tragen die Thorheiten meiner Vergangenheit ihre bitteren Früchte! Ich bin so vollständig verloren, als es in dieser Welt ein menschliches Wesen sein kann — welches nur seine Ehre und seinen Namen unverletzt zu bewahren gewußt hat! — Mein Ruin ist vollkommen! — Ich werde verfolgt — die Gläubiger kennen kein Erbarmen — Morgen bin ich auf der Flucht; — entweder bin ich Gefangener, oder todt! — Helene (macht bei Seite eine Bewegung, die ihr Mitleid für ihn bekundet.) Cäsar (fährt fort). So steht es mit mir, Madame! — Haben Sie daher die Güte mich ohne Zorn zu Ende zu hören, wie Sie eine Stimme hören würden, die ans der Verbannung oder aus dem Grabe kommt! — Wie verzweifelt auch die Lage ist, in die ich durch meine Schuld gerathen bin — so verhehle ich mir doch nicht, daß es mir möglich wäre, mich wieder aufzurichten! Mit dem Namen, den ich trage, mit meinen Kenntnissen die ich mir erworben, kann ich mir ein anderes Vaterland schaffen, und das Leben von Neuem beginnen! — Dazu aber muß man den Muth haben — zu leben — zu kämpfen — und dieser Muth fehlt mir! — Wozu soll ich leben? — (Mit schmerz, licher Resignation.) Ich habe auf dieser Welt keinen einzigen aufrichtigen Freund! — Niemand interessirt sich für mich — alle Herzen sind für mich geschlossen — keine wohlwollende Hand streckt sich aus, um die meine zu drücken? — Nach welcher Seite ich mich auch wende — so sehe ich nur eine ungeheure Wüste! — (Pause). Helene (trocknet sich bei Seite die Augen.) Cäsar (leise, aber im Tone der glühend, sten Leidenschaft fortfahrend). Und NUN, Madame — will ich Ihnen das Mittel meiner Rettung nennen! — Mitten in dem großen Schiffbruch, der mich verschlungen, ist ein Einziges mir geblieben 26 — mein Herz! — Dieses Herz liebt zum ersten und auch zum letzten Male! Dieses Herz liebt ohne Hoffnung und ohne Wünsche! — In dieser einzigen Liebe vereinigen und verschmelzen sich unbegrenzte Anbetung und unendliche Achtung! Nichts Irdisches, nichts Gemeines mischt sich mit der Flamme, welche mich verzehrt und läutert! — Ich habe mein Leben ihr gewidmet, die ich liebe, ohne von ihr etwas dagegen zu verlangen — sie kann darüber verfügen wie über ihr Eigenthum! — sie muß dieses Geschenk annehmen — sonst werfe ich es von mir! — Wenn diese Frau sich von mir entfernt, indem Sie das Antlitz abwendet — so ist Alles aus — in einer Stunde bin ich todt! — (Er kniet.) Aber, ich werde leben — ich werde Kraft und Muth zu einer besseren Zukunft haben, wenn ich weiß — (schmelzend) daß ich ein mitleidiges Herz hier zurücklasse — und wenn die, welcher mein Leben geweiht ist, mir ihre Hand reicht, und mir sagt: „Lebe"! — Helene (hält ihm abgewendet die Hand hin, sich heimlich die Augen trocknend, und sagt halblaut:) Leben Sie! — Cäsar (küßt wonnetrunken ihre Hand). Q, nun bin ich gerettet! — Helene (entzieht ihm schnell die Hand) Seien Sie Ihres Wortes eingedenk — gehen Sie, nm nie wiederzukehren — und vergessen Sie niemals, daß ich Ihnen ein ewiges Lebewohl gesagt habe! — (Sie geht rasch einige Schritte, im Begriffe das Geld von der Platte de« Kastens zu nehmen — bleibt plötzlich erschrocken stehn.) Mein Himmel — es kommt Jemand! — (Geräusch in der Entfernung, ein Lichtstrahl fällt durch die offen stehende Thüre links.) Cäsar (ist aufgesprungen, gegen die Thüre eilend). Leute kommen durch den Corridor! (Er schließt schnell die Thüre und sperrt sie ab.) Helene (wankend). Sie stürzen mich in's Verderben! -- Cäsar (sehr schnell). Nein! Ich rette Sie! Ich schwöre Ihnen, daß Sie nicht compromittirt werden sollen! Helene (händeringend). Aber wohin, um aller Heiligen willen? Cäsar. Ich springe hier durch's Fenster auf die Terrasse! (Er reißt die Portiören von der Mittelthüre auseinander, man sieht draußen Diener mit Fackeln stehen, er prallt zurück.) Zn spät! Allmächtiger Gott! Henrh's (Stimme von Außen). Leuchtet näher und gebt gut Acht, daß er nicht entwischt! Helene. Er? — Mein Gatte —? Q o o! (Sie fällt in Ohnmacht, Eäsar sängt sie auf.) Cäsar. O Qual! — Wohin? Ha, dort, dorthin! (Schleppt sie zur Nische rechts, zieht die Portiöre weg, uud läßt sie sauft auf den Balzac gleiten, schließt dann schnell wieder die Portiöre.) (Während dies geschieht, ertönt abermals die Stimme Henrh's von Außen.) Henrh (an der Thüre rüttelnd). Die Thüre aufgemacht! Wenn ihr nicht öffnet, so wird sie eingeschlageu! Cäsar (verzweifelnd). Q, ich Elender! Sie ist verloren durch mich! Henry (von Außen). Hieher, zu mir! Erbrecht die Thüre! Der Mensch, der sich hier versteckt hält, ist ein Dieb — wenn er zu entrinnen sucht, so schlagt ihn nieder! (Man hört die Thüre krachen.) Cäsar. Ein Dieb sagt er? — Ha! Ja, ich bin ein Dieb! — Dort das Geld! Ich will ein Dieb sein, um sie zu retten! (Er eilt an den Kasten, worauf das Geld liegt, reißt das Band, welches es umschließt, herab, verstreut einige Banknoten auf den Teppich, behält das Uebrige in Hä«' den, zieht die Schublade noch weiter auf, und bleibt in der Nähe des Kastens stehen). (Jetzt wird die erbrochene Thüre aufgerissen, und herein stürzt:) 27 Dritte Scene. Henry, vr. Fremont. Lesparre. Der Haushofmeister und mehrere Diener mit Lichtern in den Händen. Muse, und passende, in der Situation begründete Gruppe.) Fremont shalblaut und hoch erstaunt). Cäsar — Du — hier? Lesparre febenso). Herr von San- trelle? Wer hätte das gedacht? Cäsar fstammelnd). Herr Graf — ich war ruinirt — ich war verloren — glaubte mich durch ein Verbrechen retten zu können! Gott hat mich gestraft, er ist gerecht — ich bin ein Elender, und verlange keine Gnade von Ihnen! Fremont. Was? Ein Dieb, Du? Unmöglich! Lesparre shalb für sich). Ich dachte Wohl, daß es ein schlimmes Ende mit ihm nehmen wird! lDie Diener sammeln die verstreuten Banknoten auf.) Henry sgeht mit funkelnden Blicken auf Cäsar los und faßt ihn mit eisernem Griff am Arme und führt ihn rechts in den Vordergrunds. Ja, es ist wahr, Sie sind ein Elender — aber ein Dieb sind Sie nicht! Cäsar. Herr Graf, ich habe mein Verbrechen gestanden, und könnte auch den Augenschein nicht längnen! Ich gehöre jetzt der Justiz an! Henry steife, vor Zorn bebend, mit heiserer Stimme). Glauben Sie mich durch die Einbruchskomödie, die Sie so eben mit wunderbarem Talente spielen, täuschen zu können? Ich bitte Sie, eine bessere Meinung von meinem Verstände zu haben ! Sie opfern sich für Ihre Mitschuldige ! Ich nehme dieses Opfer auch an! Der ganzen Welt gegenüber halte ich Sie von dieser Stunde an für das, was Sie sein wollen, nämlich für einen nächtlichen Dieb; und ich versichere 2>e, es wird mir zur großen Freude gereichen, den Buhlen meines Weibes auf den Galeeren zu sehen! Cäsar fstammelnd). Sie ist unschuldig, ich schwöre eS Ihnen bei meiner Ehre — Henry feinfallend). Bei Ihrer Ehre? Bei der Ehre eines Banditen? Wir wollen doch sehen, ob Sie auf der Bank des Assisengerichtes auch von Ihrer Ehre sprechen werden! sWendet sich von ihm ab, tritt in die Mitte, laut.) Meine Herren, Sie haben Alles gesehen! — Prägen Sie sich das Gegenwärtige fest ein, denn Sie werden vor der Behörde über die Thatsachen, deren Zeuge Sie sind, Ihre Aussagen zu bestätigen haben! Die Ergreifung auf frischer That ist offenkundig! Hier sehen Sie das erbrochene Möbel, hier die Bankbillets, sdie Diener überreichen sie ihm) und hier steht der Schuldige! Uebrigens gesteht er sein Verbrechen, und wie könnte er auch leugnen? — Oeffnet die Thüre! fDie Mittelthüre des Saales wird geöffnet, auf der Terrasse werden Diener mit Fackeln sichtbar.) Einer meiner Leute wird sogleich zu Pferde steigen und die Gens- darmerie herbeiholen! Ich bin kein Freund von unnöthiger Härte; deshalb werde ich diesem Menschen, den wir noch vor wenigen Stunden unfern Freund nannten, nicht die Hände auf den Rücken binden lassen! Fremont. Schrecklich! Lesparre. Unglaublich! Henry. Wir wollen nun diesen Saal verlassen und diesen Menschen in die Portierswohnung eskortiren! — Gehen Sie voran! — Ihr Leute habt ein wachsames Auge auf ihn! Sollte er sich zur Wehre setzen, so braucht Gewalt! fMit einer gebietenden Bewegung.) Vorwärts! Cäsar fbleibt vor Henry stehen). Ihre Drohung ist überflüssig, Herr Graf! Sie wissen recht wohl, daß ich keinen Widerstand leisten werde! 28 Henry. Woher soll ich daö wissen? Als ich Ihnen heute die Hand drückte, war ich auch weit entfernt zu ahnen, daß es die eines Diebes sei! Cäsar fstößt einen Ton voll Schmerz hervor). O o o! Henry. Nur immer voran, meine Herren! Ich folge sogleich! Cäsar sgeht wankend durch die Mitte ab, Alles folgt mit Mienen und Geberden des Entsetzens.) Henry sbleibt an der Mittelthüre stehen, bis Alles ab ist. und die Lichter im Parke verschwinden, dann zieht er die Thiire zu — Pause). Erst er und dann sie! sSeine Blicke schweifen umher, zeigt auf die Thiire rechts.) Durch jene Thüre kann sie nicht entkommen sein, ich habe sie verschlossen! sMit tigerhaftem Blick.) Ha! Dort! Dort! sGeht an die Portiöre, hinter welcher Helene liegt, und zieht dieselbe ganz zurück.) Da ist Sie! sVoll Schrecken.) Ist Sie todt? fällt der V fHorcht.) Nein! sFreudig.) Sie lebt! Sir lebt, für meine Rache! — Aber schnell muß gehandelt werden! fRuft mit unterdrückter Stimme zur Thüre links hinaus) Heda, Charles! Rufen Sie rasch die Mädchen der Gräfin! Rasch! sKommt zurück.) Wie ich sie liebte? — Vorbei! Vorbei! Die Liebe ist todt in meiner Brust, gestorben — und eingesargt! fZwei Kammermädchen der Gräfin erscheinen) Henry sergreift seinen Hut, den er bei seinem Erscheinen sortgestellt, hastig und mit verstellter Besorgniß). Die Gräfin kam herab, und als sie von dem entsetzlichen Vorfall hörte, wurde sie ohnmächtig! Bringt sie rasch auf ihr Zimmer! Sorgt für ihre Genesung, als gälte es euer Leben! Ich eile, nm den Doktor herzusenden! sEr geht rasch durch die Mitte ab, die Mädchen eilen auf Helenen zu, während dessen) orhang rasch. Dritter Akt. (VerhandlnngSsaal des Assisengerichtes zu Lyon.) (Ein im Renaissancestyl dunkel gehaltener, nicht allzugroßer Saal. Rechts und li»ks im Vordergründe ein offener Eingang ohne Thüren. Links 2. Coulisse die Thüre zum Berathnngszimmer für die Geschworenen. — In der Mitte ein langer Tisch, auf einer 1 Fuß hohen Erhöhung, grün gedeckt mit Kruzifix und brennenden Kerzen. In der Mitte sitzt der Vorsitzende, zu beiden Seiten die Räthe und Protokollführer. — Im Hintergründe hinter dem Tisch erhebt sich die Galerie der Zuschauer. Links, neben dem Tisch, gegen den Vordergrund der Raum für die Geschworenen. Ganz im Vordergründe links eine Reihe Stühle für die Zeugen — Rechts am Eingänge 2 Gensdarmen, links am Eingänge ein Portier.) Erste Scene. Die Verhandlung ist im vollen Gange. Antrichard als Vorsitzender des Gerichtes in seiner Amtstracht, neben ihm die Räthe und Protokollführ er. Rechts Cäsar neben dem Stuhl stehend und sich mit der Handstützend. Die 12 G es ch w o r e n e n aus ihren Plätzen. — Als Zeugen befinden sich bereits auf der Bühne Dr. Fremont, Lesparre, der Haushofmeister und mehrere Diener. Die Galerie im Hintergründe ist gefüllt mit distinguirtem Publikum. Es befinden sich darunter viele Damen in eleganter Toilette, die Cäsar tviihrend seines Verhörs belorgnettiren u. s. n>. Antrichard seine Schrift vor sich, in die er von Zeit zu Zeit einen Blick wirfts. In der Nacht des 4. Oktobers, zwischen 11 und 12 Uhr, sind Sie in einem Saale des Schlosses Roland, neben einem erbrochenen Möbel stehend angetroffen worden. In diesem Möbel befanden sich BankbilletS, welche um Sie herum auf dem Teppich lagen ! — Ist das Alles wahr? — Cäsar. Ja. Antrichar d. War das Möbel von Ihnen erbrochen? Cäsar. Ja! Antrichard. In welcher Absicht hatten Sie das gethan? Cäsar. In der Absicht, mich der Summe zu bemächtigen, die es enthielt! Antrichard. Sie halten also noch immer Ihre Geständnisse aufrecht? Cäsar. Ja, ich halte sie aufrecht! Antrichard. In welchem Augenblicke faßten Sie zuerst den Vorsatz zu diesem Verbrechen? Cäsar. In dem Augenblicke, wo ich die Frau Gräfin die BankbilletS in ein Schubfach der Chiffonisre schließen sah! - Antrichard. Kennen Sie die schwere Bedeutung Ihrer Aussage? 30 Cäsar. Ich kenne sie — und nehme die Folgen davon ans mich! Äntrichard. Wie fingen Sie es an, um Ihren Plan in Ausführung zu bringen? Cäsar. Ich wartete, bis alle Bewohner des Schlosses sich schlafen gelegt hatten; — dann verließ ich mein Zimmer, schlich mich in den Saal, und erbrach die Chiffoniere! Antricha r d. Hatten Sie die Thüre, die aus dem Corridor in den Saal führt, hinter sich zugemacht? Cäsar. Nein! Den Schlüssel drehte ich erst dann im Schlosse nm, als ich im Corridor ein Geräusch hörte, welches mir verrieth, daß ich überrascht werde! Äntrichard. Was hofften Sie davon, indem Sie sich einschlossen? Cäsar. Zeit zu gewinnen, um durch die Glasthüre über die Terrasse zu entfliehen! Äntrichard. Warum versuchten Sie dies nicht? Cäsar. Weil ich Leute auf der Terrasse sah, die mir die Flucht unmöglich machten! (Kleine Pause.) Äntrichard. Seit Ihrer Verhaftung habe ich meiner Pflicht als Beamter gemäß Ihre Vergangenheit einer genauen Erörterung unterzogen — Mitten unter unzähligen Thorheiten einer stürmischen Jugend habe ich dennoch den Beweis gefunden, daß Ihre Ehrlichkeit bis zu jenem verhängniß- vollen Tage — mackellos und fleckenrein war! — Welche Umstände haben Sie bewegen können, mit dieser ehrenvollen Vergangenheit plötzlich zu brechen, und als Verbrecher — nicht mit einem leichten Vergehen — sondern gleich mit einem qualiflcirten Diebstahle aufzutreten ? Cäsar. Ich war vollständig ruinirt — ich sah nur Elend und Mangel vor mir! Äntrichard. Aber 30.000 Francs sind noch immer kein Vermögen für einen Mann, der wie Sie, weit größere Summen durchgebracht hat!? — Cäsar. Die 30.000 Francs würden mir es wenigstens möglich gemacht haben, eine dringende Schuld zu bezahlen und meine Freiheit zu retten, die durch Schuldarrest bedroht ward! Äntrichard. Sie sollten also verhaftet werden? Cäsar. Ja, den nächstfolgenden Tag, wenn ich nicht bezahlte! Äntrichard. Und Sie stahlen, um zu bezahlen? Cäsar. Ja! — Äntrichard (winkt, Cäsar setzt sich). Herr Doktor Fremout! Was wissen Sie uns über diesen Punkt zu sagen? — F remont (sich erhebend). Herr Pro- curator! Das Verbrechen scheint mir wie Ihnen offenkundig, und dennoch schwöre ich Ihnen, daß ich nicht an das Verbrechen glaube! Cäsar (zuckt zusammen). Äntrichard. Und auf welche Gründe stützen Sie sich? Fremont. Ich stütze mich auf die genaue Kenntniß, die ich von dem Charakter und dem Herzen des Herrn v. Santrelle habe! — Cäsar ist mein Schulkamerad und mein Jugendfreund! Ich habe in seiner Seele stets gelesen, wie in einem offenen Buche! — Erjagte Ihnen, er wollte jene 30.000 Francs stehlen, um eine Schuld zu bezahlen, und seine bedrohte Freiheit zu retten? — Ich aber sage Ihnen, Herr Procu- rator, daß ich ihm zwei Stunden früher 20.000 Francs zu diesem Zwecke an- geboten hatte! — (Allgemeine Bewegung.) Cäsar (aufspringend). Herr Procu- rator! Dr. Fremout, dessen Freund ich zu sein die Ehre hatte, sagt Ihnen nicht die ganze Wahrheit! — Äntrichard. Erklären Sie sich! Cäsar. Es ist wahr, daß Dr. Fremont mir die 20.000 Francs anbot! Ern 31 wenig später aber, an demselben Abend, nahm er dieses Anerbieten wieder zurück — oder — knüpfte wenigstens Bedingungen daran — (etwas zögernd.) die ich nicht annehmen konnte! Antrichard. Und worin bestanden diese Bedingungen? Cäsar (zögernd). Erlauben Sie mir - darauf nicht zu antworten! Antrichard ssich an Fremont wendend). Herr Doktor! Die Justiz muß Alles wissen, um sich Aufklärung zu verschaffen! Ich richte die Frage nun an Sie, worin bestanden jene Bedingungen? — Cäsar (wirft ihm einen flehenden Blick zu.) Fremont (zögernd). Herr Procurator! Es handelt sich hier — um ein Ge- heimniß — welches nicht mir gehört — und meine Ehre macht es mir gebieterisch zur Pflicht, Schweigen zu bewahren! — Cäsar swirft ihm einen dankenden Blick zu.) Antrichard. Dann will ich es versuchen, uns von anderer Seite Licht in dieser Sache zu verschaffen! — (klingelt.) Portier (tritt vor). Antrichard. Die Frau Baronin äe Lsxoikses möge eintreten! — (Portier ab.) Zweite Scene. Porige. Leda (in großer Toilette hereinrauschend.) Le da (Cäsar erblickend). Mein Gott — ü>ie bleich er anssieht! Ist es möglich, daß man ihn mit gemeinen Verbrechern zusammen in ein Gefängniß geworfen hat?! — Entsetzlich! — (Zu Cäsar schnell und eifrig sprechend.) Ihre Unschuld svird an den Tag kommen, thenrer, junger Freund, und Sie werden aus dieser ganzen Sache weißer hervorgehen als frisch gefallener Schnee! Ich, für meine Person habe niemals an Ihnen gezweifelt — hören Sie wohl — niemals in meinem Leben ! (Wirft ihm einen koketten Blick zu). Ich bin auch bereit Lanzen zu brechen mit Jedem, der Sie anzugreisen sucht! — (Geht rasch an den Verhandlungstisch.) Herr Baron von Att- trichard! — Ich hoffe, daß Sie in keiner Weise auf mich rechnen, Herrn von Santrelle anzuklagen! Ich erkläre Ihnen auf Ehre und Gewissen, daß die, welche behaupten, er habe gestohlen — Narren, oder Bösewichte sind! — Stehlen! Er? — Wenn er Geld gebraucht hätte, glauben Sie, daß die Börsen seiner Freunde nicht weit für ihn geöffnet gewesen wären? — Um nur von mir zu sprechen! — Ich habe 40.000 Livres Rente, und wenn Herr von Santrelle mir die Ehre erzeigt hätte, mich um ein Darlehen von 100.000 Francs zu bitten, so würde ich mir dies nicht zweimal haben sagen lassen; und erkläre ihm auch jetzt noch, daß die fraglichen 100.000 Francs ihm vollkommen zur Verfügung stehen! — Antrichard (nach einer kleinen Pause). Frau Baronin — ich habe Sie aus- sprechen lassen! Doch uun möchte ich eine Frage an Sie richten! — Wie erklären Sie sich die Anwesenheit des Herrn von Santrelle in dem Saale des Schlosses Roland, in jener Nacht des Diebstahls? — Leda (lächelnd). Ich? — Ich erkläre sie gar nicht! — Indessen, das Feld der Muthmaßungen ist groß! — So scheint mir zum Beispiel ein — verliebtes Rendezvous etwas weit weniger Unwahrscheinliches zu sein, als ein Verbrechen ! Antrichard. Sie vergessen, Frau Baronin, daß ein Möbel erbrochen wurde, daß ein Diebstahlsversuch stattgefunden hat! Ein Liebes-Rendezvous würde Alles dies nicht erklären! — Leda. Vielleicht doch! — Herr Baron, erlauben Sie mir wohl, daß ich Ihnen eine kleine Geschichte erzähle, 32 die mir selbst, von — einem Bekannten, einem Oberst und Freund meines seligen Mannes — erzählt wurde! Antrichard. Aber, Frau Baronin, welche Beziehung — Le da (einfallend). O, die Beziehung ist wichtiger als Sie glauben, und kann Ihnen etwas, was uns in diesem Augenblicke dunkel erscheint — sehr- hell erscheinen lassen! — Antrichard. Nun — dann sprechen Sie! Le da (hat sich gesetzt). Jener fragliche Oberst — war der schönste Mann seines Regiments, unter welchem doch kein Mann stand, der weniger als 5 Fuß 8 Zoll gemessen hätte! (Sich »erschnappend.) Und ich versichere Sie, daß das Glück, welches er bei den Damen machte, in ganz Frankreich, und sogar im Auslände Aufsehen erregte! Er war ein ächter Don Juan und konnte ohne zu prahlen, behaupten, auf diesem Gebiete alle anderen Männer übertroffen zu haben! — Eines Tages nun — dieser Vorfall trug sich in einem Schlosse Deutschlands zu! — (Zupft an ihrem Taschentuchs.) Eines Tages hatte der Oberst ein Rendezvous mit einer schönen Dame, welche — ich glaube — Wilhelmine hieß, und zwar in einem Boudoir, in welchem ein mit Schmucksachen gefülltes Kästchen stand! — Während der Oberst und Wilhelmine von ihren Herzensangelegenheiten plauderten — öffnet sich ein Fenster — ein Mann, ein Diener des Schlosses, springt in das Boudoir herein — nimmt das Kästchen unter den Arm, und sagt zu dem bestürzten Oberst und der erschrockenen Baronin: „Gnädiger Herr und gnädige Frau — Sie können auf meine Verschwiegenheit rechnen, wie ich aus die Ihrige! Ich habe nichts gesehen — und Sie kennen mich nicht — nicht wahr? — Gute Nacht l" Und der kecke Bursche entfernte sich mit einer graziösen Verbeugung, durch das Fenster, von wo er gekommen, und überzeugt von der Verschwiegenheit der beiden Liebenden, die ihn nicht ver- rathen konnten, ohne sich selbst zu ver- rathen! — Das ist die Anekdote! — Nun aber haben wir keinen Beweis, daß auf dem Schlosse Roland nicht etwas Aehnliches geschehen sei! — Cäsar (erregt). Herr Procurator! Die Frau Baronin hat Ihnen eine Geschichte erzählt, die nichts beweist, als höchstens ihren menschenfreundlichen Wunsch, mich der traurigen Lage zu entreißen, in der ich mich jetzt befinde! — Aber — ich bin schuldig, und alle Bemühungen der Welt werden nicht im Stande sein, mich unschuldig erscheinen zu lassen! — Leda (geht auf Cäsar zu). Klagen Sie sich au, wie Sie wollen, mein lieber, allzugewissenhafter Freund! Wir werden Sie selbst gegen Ihren Willen retten! (Leise und an ihn herantretend.) Und wenn ich vielleicht von einem — gewissen Briefchen spräche? Cäsar sin höchster Aufregung schnell, leise, ungesehen einen Dolch ziehend). Madame, wenn Sie nicht wollen, daß ich mich auf der Stelle tödte, so schweigen Sie! Leda (unterdrückt einen Schrei). O, mein Gott! — Ja, ja! Ich will schweigen! (Geht wankend hinüber und setzt sich.) Antrichard. Die Aussagen der Frau Baronin sind beendet! (Klingelt.) Portier (tritt vor). Antrichard. Der Herr Graf und die Frau Gräfin Roland! Portier (ab). Dritte Scene. Vorige. Henry (tritt ein.) Henry (sich verbeugend). Aus Ihren Befehl, Herr Procurator — 33 Antrichard (einfallend). Ich habe eine Vorladung auch an die Frau Gräfin ergehen lassen! Wie kommt es, küß Sie nur allein erscheinen, Herr Graf? Henry. Sie wissen, Herr Procu- rütor, daß meine Frau seit jenem Un- glückstage leidend ist! Sie konnte aus diesem Grunde schon keiner der Pro- lokollverhandlungen beiwohnen, und heute, am Tage der Hauptverhandlnng wurde ihr Plötzlich so schlecht, daß sie düs Bett hüthen muß! (Seufzend). Es wird eine geraume Zeit vergehen, ehe sie sich nur einigermaßen erholen wird! Antrichard (zu Fremont). Wenn ich nicht irre, so sind Sie der Arzt der Frau Gräfin? Fremont. Ja, Herr Procurator, ich bin es! Antrichard. Ist ihr Zustand wirklich von der Art, daß sie diese kleine Reise nicht ohne Gefahr unternehmen keimte? Fremont (achselznckend). Diese Frage kann ich nicht beantworten, ich bin nicht gerufen worden! Antrichard (mit einem Blick auf Henry). Das ist aber eigenthnmlich? Henry (schnell). Herr Procurator, ich habe mich in die Wünsche meiner Frau fügen müssen, welche Niemanden empfangen will und sich weigert, selbst hinsichtlich des Arztes eine Ausnahme zu machell! Fremont. Die Frau Baronin hier, sagte mir soeben, die Gräfin sei wirklich sehr leidend, und gefalle sich in absoluter Einsamkeit! Henry. Sie hören es, Herr Prokurator ! Meine Frau könnte Ihnen auch durchaus keinen Aufschluß geben, sie lveiß nichts, sie hat nichts gesehen! — Rur durch mich allein kennt sie einige der näheren Umstände der traurigen Angelegenheit, die uns jetzt beschäftigt! Was kann es nützen, sie zu befragen, da Sie die Gewißheit haben, nichts don ihr zu erfahren? Theater-Reperloir 314. Antrichard (sehr ernst). Ich glaube, ich allein habe zu benrtheilen, was zu thun nützlich und angemessen ist, Herr Graf! Portier (meldet). Die Frau Gräfin Roland! (Allgemeine und sensationelle Bewegung.) Vierte Scene. Vor ige. Helene (tritt ein). Fremont (leise zu Leda). Jetzt komm es zur Entscheidung! Leda (ebenso). Ich sehe voraus, daß mein Nesse ans dem Felde geschlagen wird! Helene (ganz in Schwarz gekleidet, sehr bleich, wankt einige Schritte vor). Hier bin ich, Herr Procurator! Henry (bebend). Liebe Helene, welche Unklugheit? Warum kommst Du so allein? Weshalb gingst Du nicht gleich mit mir, da Du Dich im Stande fühltest, die Reise auszuhalten! (Er macht eine Bewegung, als ob er sie zärtlich unterstützen will.) Helene (weist seinen Arm sanft zurück, und geht langsam, wie eine Nachtwandlerin an den Tisch, stützt ihre Hand auf, und sagt dann tonlos, als ob sie im magnetischen Schlafe spräche). Sie haben mich rufen lassen, ich gehorchte Ihrem Befehle! (Im Publikum der Galerie, nur flüsternd aber beinahe zugleich:) 1. Gruppe. Was wird geschehen! 2. Gruppe. Jetzt wird eS tragisch! 3. Gruppe. Eine schöne Dame. Cäsar (fängt heftig zu zittern an, und trocknet sich den Schweiß von der Stirne). Antrichard (ist aufgestanden). Frau Gräfin, es thut mir unendlich leid, daß Sie in dem leidenden Zustande, in welchem ich Sie erblicke, Ihr Schloß verlassen haben! Ich bitte Platz zu nehmen! Helene (bleibt stehen). Ich danke! Ich besitze, Gott sei Dank, noch Kraft 3 34 genug, um Ihnen zu antworten. Befragen Sie mich! (Heftig zitternd.) Henry (schnell). Sie sehen, daß die Gräfin sich kaum ans den Füßen zu halten vermag! Im Namen der Menschlichkeit beschwöre ich Sie, daß sie sich entfernen darf? Helene (in fieberhafter Erregung ein- fallend, schnell). 9m Namen der Menschlichkeit fordere ich Sie dagegen auf, das, was sofort geschehen muß, nicht um eine Minute zu verschieben! Wir sind nur sterbliche Menschen, und mein Gewissen kann sich erst beruhigen, wenn ich gesprochen! Befragen Sie mich! O! (Drängend.) Befragen Sie mich! Antrichard. Ich habe nur eine einzige Frage an Sie zu richten, Frau Gräfin! — Was wissen Sie in Bezug auf den Diebstahl, als dessen Urheber Herr Cäsar v. Santrelle sich bekennt? Helene (die Augen am Boden, aber mit fieberhaftem Enthusiasmus). Ich Weiß, daß Herr Cäsar von Santrelle unschuldig ist, daß er sich freiwillig in's Verderben stürzt, um mich zu retten! Auf der Galerie, sehr schnell wie ein Peleton- feuer aufeinander: 1. Gruppe. Das ist groß! 2. Grupp e. Das ist schön! 3. Gruppe. Es ist erhaben! Cäsar. Sie ist von Sinnen! ^ Henry. Sie ras't! Cäsar. Im Namen des Him-lLL mels, glauben Sie ihr nicht. « Le da. Himmel, wie ergreifend! Mein Neffe war nicht würdig, eine solche Frau zu haben! Cäsar (zu Fremont, der au ihn herangetreten ist). Rette sie, oder in einer Minute siehst Du mich als Leiche! (Zeigt ihm den Dolch.) Fremont. Still! — Muth! Antrichard (steht auf.) Herr Doktor Fremont! Von welcher Art ist in diesem Augenblicke der physische Zustand der Frau Gräfin? Fremont (nähert sich der Gräfin). Helene (streckt ihm schmerzlich lächelnd ihre Hand entgegen). Doktor, hier ist meine Hand, ich gebe Sie Ihnen mit vollem Vertrauen! Fremont (greift ihr den Puls, blickt ihr eine Zeitlang in die Augen.) (Allgemeine Spannung.) Antrichard. Nun? Fremont (ruhig und fest). Herr Pro- curator! Allzustarke GemüthSbewegungen haben eine Gehirnaffection, begleitet von heftigem Fieber herbeigeführt, und daher eine Störung der geistigen Fähigkeiten veranlaßt! Die Justiz kann sich in diesem Augenblicke auf die Aussage, die wir soeben gehört, nicht stützen! Hel ene (reißt ihre Hand los, und gehl auf Henry zu). (Allgemeine Bewegung.) Cäsar (leise und innig zu Fremont). Dank! O Dank Dir, Freund! Helene (ungestüm zu Henry). Mein Herr, Sie wissen recht wohl, daß ich nicht wahnsinnig bin! Sie wissen, daß ich nicht rase! — Sagen Sie es doch? Sagen Sie die Wahrheit! Henry (indem er sie ganz in den Vordergrund führt, leise und sanft, im Tone, wie man mit einem kranken Kinde spricht). Liebe Helene! Entweder bist Du wirklich wahnsinnig, und dann ist dieser Mensch ein Dieb, der auf die Galeere kommen muß, oder, Du bist bei völligem Verstände, und dann ist dieser Mensch-^ Dein Buhle! Die Schlußfolgerung ist unwiderleglich und zweischneidig, wie Dn siehst! — Ja, es ist wahr, Du bist nicht wahnsinnig und ich weiß es! (Noch leiser.) Aber es beliebt mir Dich dafür halten zu lassen! Die Gerechtigkeit, die mich an ihm rächen wird, wird mich gleichzeitig an Dir rächen! Helene (aufschreiend). Ha! Nichts- Würdig! Nichtswürdig! (Sie fällt ohnmächtig um, Henry fängt sie auf) (Allgemeine Bewegung.) Leda (aufspringend). Meine Nichte wird ohnmächtig! O mein Gott! Henry. Helfen Sie, Doktor! Le da. Ich will mich dem armen Kinde widmen! Antrichard. Das Verhör der Frau Gräfin ist zn Ende, man bringe sie nach Hause! Henry. Sie erlauben wohl, Herr Procurator, daß ich mich ebenfalls entfernen darf? Antrichard. Bleiben Sie, Herr Graf, wenn ich bitten darf! Henry. Aber der Zustand meiner Gemahlin? Antrichard. Ich bezweifle, daß es der Frau Gräfin angenehm sein wird, in dein Augenblick, wo sie die Augen aufschlägt, sich Ihnen gegenüber zu befinden ! (Er winkt Henry sich zu setzen.) Während dieser letzten Rede Antrichard'S, mrde Helene, von Fremont und Leda unterstützt, abgeführt.) Henry. Nun wohl, ich gehorche Hnen. (Setzt sich.) Antrichard. Herr Graf! Würde es Ihnen belieben, meine Neugier in Bezug auf einen Punkt zu befriedigen? Henr y. Was wünschen Sie zu wissen ? Antrichard. Ich wünsche zu wissen, wieso es gekommen ist, daß Sie damals >» der Nacht des 4. Oktobers, gerade >» dem Momente auf dem Schlosse eintrafen, um Herrn von Santrelle auf frischer Thal de« Diebstahls zu ertappen? Jene plausiblen Gründe, welche Sie damals anführten, um sich von mir in St. Iaques zu trennen, genügen mir nicht! Ich wünschte die eigentlichen wahren Gründe ihrer Rückkehr auf's Schloß zu wissen? (Henry schweigt.) Was ist aus jenem Billet geworden, welches Sie, angeblich von einer Dame erhalten haben wollen, und dessen Inhalt Sie bestimmte, sich von mir zu trennen? Henry (etwas verlegen). Ich habe es vernichtet! Antrichard. Das ist mir nicht lieb! Hoffentlich werden Sie mir die Wahrheit nicht verschweigen, was es enthielt? Henry (steht auf, stolz). Herr Baron, ich werde nicht mehr antworten! Ihre Fragen setzen mich in Erstaunen! Was ich gethan habe, geht nur mich allein an! Ich kehrte nach dem Schlosse zurück, weil es mir beliebte, dahin znrück- zukehren! Ich habe Ihnen in dieser Beziehung keine Rechenschaft zu geben! — Bin ich angeklagt? Findet die Justiz in meinem Leben etwas Verdächtiges? Wenn dieß der Fall ist, so lassen Sie mich verhaften! Dieß wird Ihr Recht sein! Bis dahin aber bin ich frei und gedenke meine Freiheit in jeder Hinsicht zu wahren! Ich habe meinen Aussagen gegen jenen Verbrecher nichts mehr hinzuzufttgen! Mein Platz ist jetzt bei meiner leidenden im Fieberwahnsinn befangenen Frau, Herr Baron, und ich bitte Sie um die Erlaubniß, mich zu ihr begeben zu dürfen! (Er verbeugt sich gegen Antrichard und geht festen Schritte« ab.) (Kleine Pause.) Antrichard. Ich habe nur noch einige Formfragen an den Angeklagten zu richten, und sehe mich leider dann geuöthigt, das Beweisverfahren abschließen zu müssen, und den Wahrspruch der Herren Geschworenen abzuwarten! (Fremont und Leda kommen jetzt zurück.) Antrichard. Wie steht es um das Befinden der Frau Gräfin? Leda. Ach, sehr schlecht, Herr Baron ! Eben ist sie mit meinem Neffen fort- gefahren! — O, mein Neffe hat sich in dieser Angelegenheit sehr schlecht benommen, und seien Sie überzeugt, Herr Baron, daß ich ihn dafür enterben werde. (Sie setzt sich erschöpft.) Antrichard. Das wird Ihre Sache sein, Frau Baronin! (Kl. Pause.) Herr von Santrelle, ich richte jetzt zum ! letzten Male die Frage an Sie: „Ist 3 * 36 es wahr, daß Sie den Diebstahl begehen wollten nnd bleiben Sie bei Ihrem bisherigen Geständnisse?! — Cäsar snach einer kl. Pause, dann festst Ja! Ich bleibe dabei! 8 eda strocknet sich die Augenst Der Unglückliche! Antrichard. Und auf die Erklärungen der Gräfin haben Sie nichts zn erwidern? — Cäsar. Nichts, als daß die Gräfin gewiß nur im Fieberwahnsinn gesprochen hat! — Antrichard. Bedenken Sie, daß Sie Ihrer Ehre verlustig werden?! Cäsar. Ich weiß es! Antrichard. Daß Sie vielleicht die Galeere erwartet?! — Cäsar. Ich werde jede Strafe für mein begangenes Verbrechen zu ertragen wissen! — Antrichard. Dann bin ich zu Ende — und ich ertheile Ihrem Verteidiger das Wort! Winkt mit der Hand und zeigt auf einen, am unteren Ende des Tisches sitzenden schwarzbefrackten Herrn.) Cäsar. Ich bitte den Herrn Advokaten, der officiell zu meiner Verteidigung bestimmt wurde, das Wort nicht zu ergreifen! Einen Mohren wäscht man nicht weiß — und etwas, was nicht zu entschuldigen ist — entschuldigt man auch nicht! — Ich habe eine schlechte That begangen — ich muß daher auch die Strafe dafür tragen — sonst wäre die Gerechtigkeit nicht die Gerechtigkeit! — Mein Urtheil laute wie es wolle — es wird in meinem Herzen nur Ergebung und Neue finden! Le da. Der Aermste! — Antrichard serhebt sich feierlich von seinem Sitze, die klebrigen am Tische Sitzenden desgleichen, sowie auch die Geschworenen). Die Herren Geschworenen werden sich nun zur Urtheilsberathung zurückzieheu - ich unterbreche demnach die Sitzung bis zur Urtheils-Publikation! Wachen! Führen Sie den Angeklagten ab! Fr emo nt. Ist es mir erlaubt, Herr Prokurator, mit dem Gefangenen einstweilen zu sprechen? Antricha rd. Es sei Ihnen gewahrt! sCiisar mit Fremont gehen rechts hinein, die Wachen begleiten sie; die 12 Geschworenen gehen links in die 2. Thüre, Antrichard und mehrere Räthe mit ihnen. Auf der Galerie beginnt pantomimisch eine aufgeregte Diskussion über diesen Nechtsfall.) Le da sdie schon etwas früher gegen Les« parre eifrig zu gestikuliren begann). Und ich sage Ihnen, es ist nicht wahr! — Les parre. Also behaupten Sie, er wäre unschuldig? Leda saufgeregt und immer schnell). Ja, das behaupte ich — und gegen alle Welt! Lesparre. Aber Frau Baronin - bedenken Sie doch — die Thatsache?- Leda. Ich will Nichts bedenken - gar Nichts will ich bedenken! Les parre. Aber Madame — wir haben ja doch mit eigenen Augen gesehen — Leda. Und was? Was wollen Sie daraus schließen? Le sparre. Zum Mindesten so viel, daß wir nicht den Staar hatten — als wir ihn mit den gestohlenen Bauk- billets in der Hand antrafen! Leda. Ja, mein Herr, ich behaupte, Sie hatten damals den Staar — oder vielmehr, Sie haben ihn jetzt auch noch! Lesparre. Aber Madame, was Sie da sagen, verstößt ja gegen alle Logik! Leda. Was kümmere ich mich um Ihre Logik? Ich urtheile mit meinem Herzen — da sitzt meine Logik! — Lesparre. Sich wegen eines Verbrechers so zu ereifern?! Leda sheftig). Dieser Verbrecher taugt mehr als Sie! Lesparre. Madame!! — Leda. Mein Herr!! — Lesparre. Zwingen Sie mich nicht, den Respekt gegen Sie aus deu Augen zu setzen! 37 Le da. An Ihrem Respekt liegt mir durchaus Nichts! Lesparre ^steht unwillig aufs. Madame, ich räume Ihnen das Feld! — Heiraten Sie Herrn v. Santrelle, wenn es Ihnen beliebt — doch lassen wir die Sache ruh'n! Leda ssteht ebenfalls auf und stellt LeS- pmes. Und wenn ich ihn heiratete, mein Herr? Was hätten Sie dagegen zu sagen? — Wissen Sie, mein Herr, Sie, der Sie einen schlechten Witz machen wollen, daß ich vollkommen bereit wäre, Herrn v. Santrelle meine Hand zn reichen, mein Herr, wenn er mir die Ehre erzeigte, mich darum anzugehen?! - Wissen Sie, daß ich mich geehrt fühlen würde, seinen Namen zu tragen? ! - Was können Sie darauf antworten, mein Herr?! — 8 esparre szurückweichends. Kein Wort, Madame! Kein Wort! 8eda ^mit Geringschätzuugs. Und daran thun Sie auch sehr wohl — bei Gott! Ha! Wenn ich ein Mann wäre, so sollte die Sache nicht so abgehen, und ich hätte Sie schon gezwungen, Ihre Impertinenzen znrückznnehmen! — Mein Herr Generaleinnehmer. Vergessen Sie nicht, in Zukunft nie wieder ein Wort mit mir zu sprechen! Ich kenne Sie «>icht mehr!! — fWeudet sich von ihm abs. 8esparre. Ich werde es nicht vergessen, seien Sie davon überzeugt! — sAuf der Gallerte leifeS Gemurmels. Sie kommen! Sie kommen! — fDie Geschworenen treten ein, nach ihnen Antrichard mit den Rathen, sie nehmen ihre Plätze stehend ein. — Hierauf erscheint von der "entgegengesetzten Seite Cäsar mit Fremont Arm in Arm, die Wachen folgen.s Leda sbei Seites. Mein Himmel! Die Entscheidung naht! — fZumHaus- Hofmeister.) Lieber Cotlitt — verlassen Sie mich nicht — bleiben Sie in meiner Nähe?! — Wir Frauen sind eben nur schwache Geschöpfe! — F remont szu Cäsars. Muth, Freund! Cäsar. Den Hab' ich! — Antrichard. Im Namen der Republik von Frankreich — wie lautet das Urtheil über Cäsar von Santrelle?! Der Obmann d er G e s chwore- n e n shält ein Blatt Papier in Händens. Bei meiner Ehre und meinem Gewissen, vor Gott und Menschen, das Verdikt der Geschworenen lautet: „Ja, der Angeklagte ist schuldig!" Leda. O, Hunmel! Antrichard fmit einem Anfluge von Rührungs. In Berücksichtigung vieler mildernder Umstände mache ich von dem mir zustehenden Rechte Gebrauch, indem ich die niedrigste Strafe bestimme, die das Gesetz für ein derartiges Verbrechen vorschreibt! — Demnach ver- nrtheile ich — den Dieb — Cäsar Santrelle — zn einer 5jährigen Ga- leerenstrafe! — Leda. Er ist verloren! sstützt sich schwankend auf den Haushofmeisters. Cäsar smit leuchtenden Augen, indem er Fremont die Hand drückt). Sie ist ge- j rettet! — I Gruppe. Der Vorhang fällt. Werter Akt Ganze Tiefe des Theaters. Zwei ineinander gehende reich ausgestattete Cursäle des ersten Etablissements in Genf. Im Hintergründe ans dem 2. Saal gelangt man über eine Terrasse an den See, mit Fernsicht der reizenden Ufer. Erste Scene. sEntfernte Concertmusik.) sJm 2. Saale großes Gewoge der promeni- renden Curgäste aus aller Herren Länder. — Der Dialog der handelnden Personen wird im 1. Saale geführt.) Messaline und Cleopatra sin den Vordergrund kommend). Messaline. Ich sage Dir. ich gebe meine Bemühungen auf, es ist umsonst! — Dieser Mann ist ja von Eis!! — Cleopatra flachend). Haha! — Findest Du das auch? Messaline. Wenn er nur nicht gar so reich wäre! Ich hätte meine Eroberungsgelüste schon längst eingestellt — aber es lohnte sich wohl der Mühe einen solchen Goldvogel zu erhaschen ! — Denke Dir, 8 der schönsten englischen Pferde stehen in seinem Marstall! Seine Dienerschaft ist auf das Exquisiteste livrirt! Seine Villa am See ist ein wahres Bijou! Was seine Freigebigkeit betrifft — so grenzt dieselbe beinahe an Wahnsinn! — Kürzlich schenkte er einer armen Bänkelsängerin hundert Louis, blos aus dem Grunde, weil das Mädchen Helene hieß! — Wäre er ein Engländer, so ließe sich dieser Spleen erklären, aber bei einem Franzosen?! — C leopatra. Dieser Herr Cäsar v. Bracieux ist jedenfalls ein Sonderling! Aber weit mehr als sein enormer Reichthum, zieht mich seine auffallende und fremdartige Schönheit an! — Dieses schöne marmorbleiche Gesicht, mit den großen schwarzen Augen — die träumerisch und melancholich aus Alles blicken, was ihn umgiebt! — Ach! — In diesen Augen liegt eine ganze Welt von LiebeSgeheimniffen; — und ich wette Tausend gegen Eins an seinem Herzen nagt ein geheimer Liebesgram! Messaline ssieht nach links). Ha! Siehst Du ihn? — Cleopatra. Wo? Messaliue. Dort — mit dem Bettelmönch, der sich seit einigen Tagen hier herumtreibt! — Cleopatra. Er kommt hieher ! — Laß uns ihn beobachten, komm! — Ah! Von diesem Manne geliebt zu werden, muß das Paradies auf Erden sein!! sWirft einen Blick zur Seite, indem sie in den Hintergrund geht.) Messaline. O Du Ausbund der Schwärmerei! hahaha! — Wenn ich das in Paris bei den Mabiles von Dir erzähle — lacht man Dich aus! Komm', dort geht der dicke Eng' länder mit dein Petroleum-Nabob aus 39 Amerika!' Lassen wir unsere Pfeile los ! haha! Komm'! Komm'! sBeide in den Hintergrund ab, wo sie sich in's Gedränge mischen.) Zweite Scene. Cäsar und Martin der Laienbruder svon links im Gespräche). Cäsar sbleich, ein Vollbart umsänmt sein Gesicht, ganz schwarz wie in Trauer gekleidet.) Also bei Lyon — aus dem Kloster St. Jaques sind Sie? Martin sein alter Mann mit schneeweißen Haaren, trägt das Gewand des Klosterordens — weiß mit dunkelblau — eine Sammelbüchse in der Hand). Aus St. Jaques — ja, ja — mein edler, guter Herr! — Cäsar swirft einige Goldstücke in die Büchse). Dann ist Ihnen wohl auch das Schloß des Grafen Roland bekannt ? — Martin. I freilich wohl, freilich! — sSeufzend.) Leider ist die Herrschaft das ganze Jahr nicht im Schlosse anwesend. Die Frau Gräfin sei krank, sagte man uns! Du lieber Himmel! — Die gnädige Gräfin hätte sich sicher unseres Unglücks erbarmt, als das Kirchlein abbrannte — denn — sie ist gar eine milde, edelherzige Dame! Cäsar sseine Rührung unterdrückend — nach einer kleinen Panse). Und wie viel bedürft Ihr — um das Kirchlein wieder aufzubanen? — Martin. Viel Geld — viel! — Bei 15.000 Francs! — Und wir sind arm! — Cäsar szieht die Brieftasche). Hier sind 3 Bankbillets jedes zu 5000 Francs! Neisen Sie nach Hanse und übergeben Sie dem Qnardian des Klosters das kÄeld mit dem Bemerken, er möge für die Gesundheit und das Leben der Gräfin Gebete halten! — sUebergiebt ihm das Geld.) Martin szitternd vor Freude). Ach! Herr! Dieses große Geschenk — ich weiß mich nicht zu fassen! — So kommt es wohl am Ende gar von ihr? — Cäsar. Von Jemandem — der um die Gesundheit und ihr Leben sehr besorgt ist! — Forscht nicht, guter Alter? — Nehmt das Geschenk ruhig hin und wenn ich einmal in jene Gegend kommen sollte, will ich meine Freude daran haben, euer Kirchlein wieder aufgebaut zu sehen ! — Martin sstreichelt ihm die Hände). Ja, ja! Das müssen Sie, mein edler, großmüthiger Herr, das müssen Sie! — O — die Freude — und erst jene unseres Ouardians, wenn der Bruder Martin mit einer so großen Summe von seiner Bettelreise heimkehrt! — Gottes Lohn auf allen Ihren Wegen, edler Herr! — Und nicht wahr, Sie werden nicht vergessen, uns in unserer Abgeschiedenheit zn besuchen?— Mein Himmel, die Freude! Die Freude! — Unser Gebet für die gütige Gräfin — und auch für Sie — es wird Erhörung finden — es wird! — Mir ist es wohl noch vergönnt vor meiner Abreise mich bei Ihnen zu beurlauben, großmüthiger Herr? — Cäsar. Gewiß! — Kommen Sie, lassen Sie uns noch ein Wenig plaudern; doch nicht hier — promeniren wir ein Wenig unten am See! Ein Gespräch mit Ihnen gewährt mir große Freude! sEr nimmt ihm unter den Arm.) Martin. O, der Herr beschämen mich! Ich bin ja nur ein armer Laienbruder ! — Cäsar. Schlägt in der Brust des Bettlers ein Herz voll Einfalt und voll Menschenliebe, so adelt dies ihn höher als Glanz und Macht des Reichthums. Kommen Sie, guter Alter! ! sBeide znr Seite ab.) 40 Dritte Scene. Dr. F re m on t mit L eda fam Arme, durch die Mitte eintretendj. L ed a fim Auftretens Charmant! Charmant! Dieser liebe, gnte Doktor! — Welch' unerwartetes Vergnügen! Das nenne ich eine glückliche Begegnung! Fremont fetwaS ängstlich um sich blickendsi Und wie steht es mit Ihrem Befinden, Frau Baronin? — Sie sind so schön und verführerisch wie je! — Le da Metts. Ach, mein Gott, ja! Ich verändere mich einmal nicht! Eine liebenswürdige Fee hat mir einige Dutzend Flaschen, gefüllt mit dem Wasser der ewigen Jugend, in die Wiege gelegt! — Sind Sie schon lange hier lieber Doktor? — Fremont. Seit 3 Monaten! Le da. Um so besser! Da kann man Manches von Ihnen erfahren! — Ich bin so eben erst angekommen — seit 4 Uhr Nachmittags! — Fremont. Allein? Le da. Nein. — Mein Neffe und seine Gattin begleiten mich! Fremon t. Die Gräfin von Roland ? Leda. Ja wohl. — Die gute Helene! Ich verlasse sie fast gar nicht mehr! Fremont. Wie steht es mit der Gesundheit der Frau Gräfin? Leda. Beklagenswerth! Doktor! — Beklagenswerth ! — Das gute Kind hat sich von den Folgen ihrer Gemüthsbe- wegnng bei jener furchtbaren Angelegenheit — die Sie ohne Zweifel nicht vergessen haben — niemals wieder erholen können! — Jetzt waren wir 4 Wochen in St. Maurice — und auch keine Besserung! Fremont. Also hoffte die Gräfin durch die heilkräftige Wirkung der Quellen von St. Maurice ihre Gesundheit wieder herznstetten? Leda. Ach, glauben Sie das ja nicht! Mein Neffe führte Sie dahin — wie er sie überall hinführt! Fremon t. Was wollen' Sie damit sagen, Fran Baronin? — Leda. Ich will sagen, daß mein Neffe, nach jener schrecklichen Katastrophe vor 6 Jahren, die vornehmsten Aerzte in Paris Zusammenkommen ließ, sie über die Krankheit seiner Gattin z» konsnltiren! Diese Herren verordnten, als alleiniges Heilmittel — Zerstreuung! — Bewaffnet mit diesem Aussprüche der Aerzte, welchen er buchstäblich nahm, hat mein Neffe seit 6 Jahren seine Zeit damit zugebracht, daß er seine Gattin mit unglaublicher Hart näckigkeit — zerstreut! — Das arme Kind hat keinen Augenblick Ruhe mehr, so sehr muß sie sich unablässig und rastlos amüsiren und zerstreuen! Im Sommer empfangen und ermüden uns: Trauvitte, Monako, Baden, Ostende, PlomMres, die Schweiz, — kurz alle Orte, wo man sich amüsirt, unter dem Vorwände sich zu kuriren! — Während des Winters in Paris versäumen wir keine Vorstellung der großen Oper, oder bei den Italienern und besuche» jeden Abend 3 bis 4 Salons! - Während des letzten Winters bin ich keinen Tag vor 6 Uhr Morgens in'S Bett gekommen — und meine Nichte macht es ebenso! Was sagen Sie zu dieser Lebensweise? Fremont. Ich kenne keine Constitution, die stark genug wäre, um dieselbe auf die Länge auszuhalten! — Leda strinmphirendj. Ausgenommen die Meinige, Doktor! — Ich bin von Stahl! — Ich biege mich, breche aber nicht! Fremont. Aber nach dem, was Sie mir erzählten, ist dies bei der Frau Gräfin nicht der Fall? — Leda. Ach — leider nein! Das arme Kind welkt dahin — wie eine geknickte Lilie! — Nun, Sie werden sie ja in einigen Augenblicken sehen, und sebst urtheilen können! 41 Fr emo nt sängstlichs. Wie, in einigen Augenblicken? Le da. Allerdings! Man giebt heute hier einen Ball — Henry und Helene werden ans dem Ball erscheinen! — Fremont. Ans dem Ball — erscheinen ? Leda. Was ist dabei zu verwundern? Fremont. Die Frau Gräfin ist ja kaum angelangt, sie muß ja müde und erschöpft sein? — Le da. Das stelle ich auch gar nicht in Abrede; mein Neffe ist aber einmal nicht der Mann, der eine Minute verliert! — Die Ermüdung läßt er nicht gelten — er läßt nichts gelten als die Zerstreuung! — Fremont. Das ist aber grausam! Le da. Er behauptet, es sei nur Pünktlichkeit und eine Kur gehe ihrer ganzen Wirkung verlustig, wenn sie unterbrochen wird! — Mspringend.j Apropos, Doktor ! Da Sie seit 3 Monaten hier sind, so müssen Sie ja auch wohl genügend bekannt sein ? Gleich nach meiner Ankunft habe ich über die Notabilitäten der eleganten Welt, die sich in Genf befinden, Erkundigungen eingezogen! Erzählen Sie mir doch ein wenig von jener interessanten Persönlichkeit, von jenem Löwen der Saison — der schön und geheimnißvoll zugleich sein soll! — Fremont. Wie heißt denn dieser Wundermensch? Leda. Cäsar von Bracienx — hat man mir gesagt! Frem ont finit einem Seufzer). So? — Nun, ich sehe schon, daß Sie uns auf der Fährte sind, und daß es besser ist, ich enthülle Ihnen, was Sie zu Wissen wünschen! — Leda. Allerdings, lieber Doktor! Fremont. Die Mutter Cäsars v. Santrelle — des Verurtheilteu — hieß vor ihrer Trauung Bracienx! — Leda saufhorchend). Wie? Was Sie sagen? — Aber, dann sind Herr v. Santrelle - und Herr v. Bracieux ja miteinander verwandt? Fremont. Noch mehr als dies! — — Bracieux und Santrelle — sind ein und dieselbe Person! Leda ssetzt sich schnell und affektirt eine Gemüthsbewegung). Ach, Doktor! Halten Sie mich — es wird mir ganz sonderbar! — Zum Glück habe ich immer ein kleines Flacon englisches Salz bei mir suchen Sie rasch in der Tasche meines Kleides! Suchen Sie! sFremont überreicht ihr da- gewünschte Fläschchen.) Großer Gott! Er — hier? Mein Held! — Er? — Der ritterlichste aller Männer! Der sublimste aller Liebhaber, die es je in der Vergangenheit gegeben hat und in der Zukunft geben wird! Er hier? sSpringt auf.)- Ich werde ihn also sehen ? — Ich werde ihn in meine Arme schließen! Ich werde seine heroische Handlungsweise laut verkünden ! — Fremont. Das thun Sie ja nicht, Frau Baronin! Bedenken Sie, daß seine Vergangenheit begraben bleiben muß! Leda. Ach ja, ich vergaß, Sie haben Recht! Sie haben stets Recht! Ich werde mich bezwingen! Fremon t. Können Sie den Grafen Roland nicht bestimmen, Genf sofort wieder zu verlassen? Leda. Ich, meinen Neffen zu etwas bestimmen! Tugend meines Lebens, wo denken Sie hin? — Ihn? — Er ist ein Mensch wie von Erz! Fremont. Dann werde ich mich bemühen, daß Cäsar noch heute Genf verläßt! Leda sschnellj. Aber ich werde ihn vorher sehen! Sie müssen es mir versprechen ! Fremon t. Nun wohl, ich verspreche eS Ihnen! Leda. Sie müssen mir es zuschwören ! Fremont. Gut, ich schwöre eS Ihnen! 42 Le da. Sagen Sie mir Herzensdoktor, gedenkt Cäsar vielleicht sich zn verheiraten? Fr emo nt. Ich glaube nicht! Aber, darf ich wissen, weshalb Sie diese Frage an mich richten? Leda finit dem Fächer spielend). Nun, weil ich eine junge Witwe kenne, eine Dame mit viel Geist, die 40.000 Francs Renten besitzt, und die, wie ich bestimmt weiß, nicht abgeneigt wäre — Fremont slächelnd einfallend). Ich glaube Frau Baronin, daß die Aussicht ans Erfolg, bei ihm fast gleich Null zu betrachten ist! Le da. Ich sollte doch meinen, eine hübsche Frau, und 40.000 Livres dienten — Fremont sei,»fallend). Sind allerdings etwas ganz Verführerisches, aber Cäsar ist eben schwer zn verführen! Leda. Sagen Sie mir, Doktor, man sagt, daß Herr von Bracieux Millionär sei? Fremont. Und man hat Grund dieß zu sagen! Leda. Wie ist das möglich, da Herr von Santrelle vor 6 Jahren völlig rninirt war? Fremont. Versprechen Sie mir zu schweigen? Le da. Ich werde stumm sein, wie das Grab! Fremont. Wie Sie wissen, wurde Cäsar nach seiner Verurtheilnng nach dem Bagno von Brest abgeführt! Le da lftufzend). Ach! Mein Herz blutet noch bei dem Gedanken! Fremont. Gleichzeitig mit ihm verließ auch ich Lyon, um nicht wieder dahin zurückzukehren! Leda. Wo gingen Sie denn hin, Doktor? Fremont. Nach Brest, als Arzt, ich wollte mich von meinem unglücklichen Freunde nicht trennen! — Leda. O Selbstverleugnung! O rührende Freundschaft! (Drückt Fremont die Hände.) Doktor — wundern Sie sich nicht, wenn Sie meine Thräne» fließen seh'n! Fremont. In Folge der Empfehlungsbriefe die mir der Procurator von Lyon mitgab, ward ich ohne Schwierigkeit nebenher zum Oberarzt des Bagno ernannt, wodurch ich in die Lage kam, Cäsar jeden Tag zu sehen, und durch alle in meiner Macht stehenden Mittel seine Leiden zu lindern. — Es dauerte nicht lange, so beschäftigte man sich in der Stadt sehr vielfach mit dem adeligen Galeerensklaven; auch erfuhr man sehr bald, daß ich meine Praxis in Lyon aus dein Grunde aufgab, um meinem Freunde zu folgen! Man übertrieb de» Werth dieser einfachen Handlungsweise, uud ich wurde in kurzer Zeit der beschäftigst Arzt der ganzen Stadt! — Jeder wollte von meiner Hand cnrirt, oder in'S Jenseits befördert werden! Leda. Ah, die Leute von Brest, besitzen Geist und Herz! Fre m o n t. Unter meinen Patienten befand sich ein nnverheirateter Eng länder, ein Millionär ohne Familie! Eine Abzehrnngskrankheit setzte ihm furchtbar zu. und machte es möglich, mit mathematischer Genauigkeit die Zahl der Tage zu bestimmen, welche er noch zu leben hatte! — Dieser Eng länder fragte mich fortwährend über Cäsar ans, und ich glaubte ihm keinen der Umstände verschweigen zu dürfen, die Sie selbst kennen! Zu der von mir vorauögesehenen Stunde erlosch sein Leben sanft und beinahe ohne allen Schmerz! Sein, bei einem ersten Notare der Stadt hinterlegtes Testament wurde geöffnet, und eS fand sich, daß Cäsar zum alleinigen Erben der drüt halb Millionen, die er hinterließ, ein gesetzt war! Leda. O der würdige Mann! dü habe es immer gesagt, in diesen Engländern steckt wirklich viel Gutes! 43 Fremont. Nach Ablauf seiner fünf! Jahre war Cäsar in den Besitz seines Erbtheiles gesetzt, und nun lebt er sei^ einem Jahre im Auslände, denn der Aufenthalt in Frankreich ist ihm verhaßt, und ich begleite ihn! — Leda. Und glauben Sie, daß er immer noch an Helenen denkt? Frem ont. Er nennt den Namen der Gräfin Roland niemals; — aber dennoch glaube ich. daß seine Liebe weit entfernt ist zu verlöschen! Leda. Und ich glaube, daß meine arme Helene ganz einfach aus Liebe zu ihm stirbt! Fremont fichnelll. Eben deßhalb muß eine Begegnung zwischen Beiden um jeden Preis vermieden werden! Ich eile, ihn anfznsuchen! Leda shat sich gewendet!- Ah, hier kommt mein Nesse, mit seiner Gemahlin ! Vierte Scene. Vorige. Henry mit Helen en sai» Arm durch die Miltes. Leda sauf Helenen zueilcnds. Sieh doch nur, mein Kind, welch einen Freund wir hier getroffen haben? Henry ssein Gesicht hat eine gelbe wachSartige Farbe angenommen, die Leidenschaft hat verheerende Furchen in sein Antlitz gegraben. Als er Fremont erblickt, beißt er sich auf die Lippen, und sagt dann mit verstellter Freundlichkeit!. Irre ich mich nicht? Ist es wirklich Herr Doktor Fremont, den ich vor mir zu sehen die Ehre habe? Fremont fsich gemessen verneigend!- Sie irren sich nicht, Herr Graf, und ich theile die Ehre dieser Begegnung! Wie mir die Frau Baronin erzählte, so sind erst heute angekommen! Gedenken Sie eine gewisse Zeit hier in Genf zu verleben, Herr Graf? Henry. Einen Monat, glaube ich, vielleicht auch noch länger, wenn Helene sich hier wohl fühlt! Es wird das ganz auf sie selbst ankommen. — Ich habe keine anderen Wünsche, als die meiner Gattin! — Und Sie, Herr Doktor ? Ich weiß, Sie haben Lyon vor Jahren verlassen? Sind Sie vielleicht hieher übersiedelt? Ueben Sie jetzt hier Ihre Praxis? — Fremon t. Nein, durchaus nicht! Ich bin bloS als Fremder hier! Henry. O wie schade! Wir hätten uns sonst keinen besseren Händen an- vertrauen können. Meine Gemahlin ist lange leidend gewesen, aber in Folge einer sorgsamen Pflege mW einer vortrefflich geregelten Lebensweise, geht es jetzt vollkommen gut mit ihr. Nicht wahr, liebste Helene? Helene fist in glänzender Balltoilette, ganz mit Rosen geschmiickt, über ihr bleiches Gesicht ist eine rührende Resignation gebreitet. Schmerzlich lächelnd!- Ja, mein Freund! Ich fühle, daß ich bald nicht mehr leiden werde! Leda. Wie schön und reizend Du bist, liebes Kind! Komm, wir wollen die Herren mit einander plaudern lassen, und einen Gang durch die Salons machen, die jetzt sehr belebt sind, und wo Du alle Köpfe verdrehen wirst! Auf Wiedersehen, Doktor! fSie nimmt Helene am Arm und geht mit ihr durch die Mitte und dann rechts hinein-! Henry fjhr nachfehendj. Das Alter ist eine Chimäre; — meinen Sie nicht auch, Doktor? Meine Tante wird niemals alt! — Fremont. Allerdings! Die Frau Baronin hat sich wunderbar conservirt! Henry. Ihr leichter Sinn conservirt sie! — Sie haben meine Frau gesehen; was meinen Sie zu ihrer Gesundheit? Fremont. Soll ich offen mit Ihnen sprechen ? Henry. Ich bitte Sie darum. Fremont. Nun, dann muß ick Ihnen sagen, daß die Frau Gräfin sehr krank ist! 44 Henry (boshaft lächelnd). Sie irren sich, Doktor; Helene hat sich nie besser befunden! Fr emo nt. Es ist unmöglich, daß sie dieses Leben von fortwährenden Strapazen und unaufhörlichen Festlichkeiten noch lange aushält, wozu Sie sie zwingen! Henry flatternd). Wer hat Ihnen das gesagt? Fremon t. Die Frau Baronin hat mich mit Ihrem Systeme bekannt gemacht ! Henry. Die'Frau Baronin ist eine lächerliche Thörin, weiter nichts! — (Wieder höhnisch lächelnd.) Uebrigens, die Strapazen des Vergnügens sind ja eben das, was den Frauen Zähigkeit und Kraft verleiht! Außerdem handle ich so, in Folge einer mir von den Aerzten ertheilten Verordnung! — Die Fürsten der medizinischen Wissenschaft zu Paris haben mir befohlen, meiner Frau Zerstreuung zu machen, und ich gehorche ihnen, so gut ich kann! Fremont (empört). Herr Graf, diese Zerstreuungen sind geradezu mörderisch. Henry (etwas drohend). Nehmen Sie sich in Acht, Doktor — was Sie da sagen, ist sehr ernst! Fremont. Es ist die Wahrheit! Hen r y. Wissen Sie, daß Ihre Worte beinahe eine Anklage in sich schließen? Wissen Sie, daß ich das Recht hätte, dieselben übel zu nehmen, und — lbesinnt sich). Ah pah! (Sieht gleichgültig auf seine Uhr). Ich habe dem Lord Dud- ley eine Ecart6-Partie zugesagt, er erwartet mich im Spielzimmer! — (Tritt an Fremont heran, und sagt sarkastisch lächelnd). Man hat zu jeder Zeit Aerzte gesehen, welche ihre Kranken um'S Leben brachten, und sich das Monopol der Ausrottung bewahren wollten! Zu dieser Zahl gehören ohne Zweifel auch Sie, und Sie fürchten nun, daß ich Ihnen Concurrenz mache! — Beruhigen Sie sich, ich werde das nicht thun! — Ich sage Ihnen nicht Lebewohl, Doktor, ich sage auf Wiedersehen! (Verbeugt sich leicht, und geht durch die Mitte und dann rechts hinein). Fremont (allein). Er hat kein Erbarmen! Er wird auch nie Erbarmen haben! Ich muß ihn noch beklagen! Denn was hat er nicht leiden müssen, bis er sein Herz zu diesem Grade versteinern konnte? — Doch nun gilt es Cäsar auszusuchen! Die Begegnung muß auf alle Fälle verhindert werden! Fünfte Scene. Vorige. Helene (rechts aus dem Vordergründe auftretend). Helene (aufgeregt, bleich und fiebernd). Doktor! Fremont (wendet sich). Himmel — die Gräfin! (Er eilt ihr entgegen, um sie zu stützen.) Helene (abwehrend). Nein, Doktor, ich werde nicht fallen.' (Seltsam lächelnd.) Ich scheine schwach zu sein — aber ich bin stark! (Ruhig, im Tone eines unwiderruflichen Entschlusses.) Doktor — meine Tante hat mir Alles gesagt: Cäsar ist hier, — ich will ihn sehen. Fremont. O mein Gott, das fürchtete ich! (Schnell.) Madame, ich beschwöre Sie, entsagen Sie diesem verderblichen Vorhaben! Helene. Ich will ihn sehen. Fremon t. Aber das ist Wahnsinn! Haben Sie nicht schon genug gelitten! Wollen Sie sich denn gänzlich ZN Grunde richten? Helene (mit rührender Resignation). Glauben Sie, Doktor, daß es möglich sei, noch vollständiger zu Grunde gerichtet zu werden, als ich es schon bin? Sechs Jahre lang habe ich nur in der Hoffnung und Erwartung des heutigen Tages gelebt! (Mit fiebernder Entschlossenheit.) Ich sage Ihnen, ick will Cäsar 45 seh'n! Sie sind sein Freund, führen Sie mich zn ihm! — Fremont. Im Namen des Himmels, bedenken Sie — ! Helene. Was soll ich bedenken? Fremont. Die Vergangenheit! Helene. Eben, weil ich mich dieser erinnere, will ich eine Stunde des Glückes, um mich für 6 Jahre der Qualen zu entschädigen! F r e m o n t (will ab). Lassen Sie mich ihn wenigstens davon unterrichten? Helene Mt ihn). Nein! Ich dürste darnach, den Schrei zu hören, welcher sich seinen Lippen entringen wird, wenn er mich erkennt! F r e m o n t. Aber die Welt — ? Helene. Die Welt existirt für mich nicht mehr! F r e m o n t. Und Ihr Herr Gemahl — ? Helene. Was frage ich darnach? — Der Mann, dessen Namen ich trage, ist nicht mehr mein Gatte — sondern mein Feind — mein Henker! — Sie wissen, daß ich den Verrath, für welchen er sich rächt, nicht begangen habe! — Ich bin meines Eides entbunden — meine Seele gehört dem, welcher mir mehr als sein Leben — der mir seine Ehre geopfert! (Schmerzlich, im Tone eines weinenden Kindes). Uebrigens sehen Sie mich an — Sie sind Arzt — Sie kennen die Symtome des nahenden Todes! Sie sehen, daß die heiße Bitte, welche ich an Sie richte, der letzte Wunsch einer Sterbenden ist! — Haben Sie Erbarmen mit mir, Doktor! — Führen Sie mich zu ihm! — Fremont (ergriffen). Wohlan, ich will Alles thun — aber ich schwöre Ihnen, ich weiß nicht, wo ich Cäsar in diesem Augenblicke finden soll! — Helene (plötzlich mit freudig leuchtenden Augen, verklärt, im Tone einer Seherin). Ha! — Sie brauchen ihn auch nicht zu suchen! — Er kommt! Ja, ja! Er kommt! — Er kommt! — Fremont (starrt Sie an) Wer? Cäsar? - Helene. Ja, ja! — Die Schläge meines Herzens verkünden es mir! — O, ich wußte eS wohl, daß eine innere Stimme mir zurufen würde: „Da ist Er!' — (Sie bleibt vor sich hinstarrend, in freudiger Extase, den Rücken dem eintretenden Cäsar zugewendet, stehen.) Fremont (wendet sich). Wo? — Beim Himmel — 'sie spricht wahr! Sechste Scene. Vorige. Cäsar (ist durch die Mitte eingetreten.) Cäsar (bleibt betroffen stehen. Pause). Mein Gott — träum ich? — Ist es ein Trugbild — eine Vision, die entschwinden wird? — (tritt vor) Helene! — Helene (zitternd ihm ihre Hand entgegen streckend). Ja — ich bin es! Cäsar (ergreift ihre Hand, dieselbe mit Küssen bedeckend). O Allgütiger! Ich danke Dir! — (Pause.) Helene (ihn betrachtend). Cäsar! Mein Freund! Mein armer Freund — Sie haben viel gelitten! — Cäsar (in Thränen). Ich habe für Sie gelitten — dafür bin ich nun belohnt — denn ich sehe Sie wieder! — Helene. O mein Freund! Wie grausam machte der Gedanke an Ihre Qualen, die meinigen! — Cäsar. Ihre Qnalen? — Sie waren unglücklich? — Helene. Wir hatten einen und denselben Henker — einen unermüdlichen und grausamen Henker, der gegen mich eben so erbarmungslos war, wie gegen Sie! — Cäsar — meine Kräfte sind zu Ende, wie mein Muth! Cäsar. Helene! Wollen Sie, daß ich Sie räche? Helene (verzweiflungsvoll). Nein! Aber ich wünsche, daß Sie mich retten! 46 Cäsar. Wohlan! Fliehen wir! Wollen Sie fliehen ? Dies ist Rettung! — Helene (schnell). Ja, ja! Fliehen wir — verbergen wir uns so, daß er unsere Spur niemals wiederfinde! Cäsar. O, seien Sie gesegnet, für diesen Entschluß! Die Zukunft bleibt uns —Sie werden glücklich leben! — Helene. O nein, mein armer Freund! Aber ich werde getröstet sterben, und die Hand eines Freundes wird mir die Augen zudrücken! — Cäsar. Höre, Fremont! Fr emo nt. Was soll ich thun? Cäsar (sehr rasch). Eile in unsere Wohnung, ohne einen Augenblick zu verlieren! — Hier ist der Schlüssel zum Sekretär — stecke alles Gold zu Dir, was Du finden wirst — so wie das mit Wechseln gefüllte Portefeuille — laß anspannen — bringe den Wagen an den Fuß dieser Terrasse — nimm keinen Kutscher — fahre selbst — Du hast mich verstanden, Freund! Geh! Ich erwarte Deine Rückkunft, wie der zum Tode Vernrtheilte seine Begnadigung erwartet! — Fremont. Was willst Du thun? Cäsar. Ich will fort! Fremont. Mit ihr? — Cäsar. Ja — mit ihr! Fremont. Ihr werdet verfolgt — Cäsar. Man wird uns nicht eiu- holen! — Schnell! Fort! Thu', wie ich Dir sagte! (Drängt ihn fort — Fremont eilt durch die Mitte ab.) Cäsar (eilt auf Helenen zu). Nur noch kurze Zeit Geduld — und Sie sind gerettet! — O Helene! Die schlimmen Tage sind vorüber! Vergessen Sie die Stürme, und trocknen Sie Ihre Thränen, denn jetzt bricht die schöne Zeit unseres BlüthenglückeS an! Helene. Diese Worte der Liebe und Hoffnung! O welche harmonische Musik aus Ihrem Munde! — Mein thränenreicher Freund! Ich weiß, wie Sie mich lieben! — In tausend süßen Schmerzen fühlt' ich es! — Der schmachbedeckte Kittel des Galeerensträflings — es war das Kleid Ihrer Liebe! — Cäsar. Wie ich Sie liebe! Ihr edles Herz hat es begriffen — aber niemals kann ich Ihnen jene unermeßliche Liebe schildern — die meine Seele — die mein Fleisch und Blut ist! Was siud Worte, um das wiederzugeben, was iu mir vorgeht? Kann das Unendliche mit Worten ausgedrückt werden? — Und auch Sie lieben mich — und Gott lohnt Ihre Liebe dadurch, daß er uns znsammenführte! — Helene (schaudernd). O mein Freund! Sprechen Sie nicht von Gott! Cäsar. Und warum nicht? — Helene. Sie lästern, wenn Sie seinen Namen anrufen! Unsere Liebe ist eine verbrecherische — vielleicht eine, ans welcher der Fluch des Himmels ruht? Cäsar. Glauben Sie das nicht, Helene! Gott verzeiht uns — denn er hat unsere Herzen gebildet! Hoffen Sie, fürchten Sie nichts mehr! — Das böse Geschick ist müde uns zu verfolgen — und uns gehört die Zukunft und das Glück! — Kommen Sie! Eilen wir fort von hier! Und in einigen Tagen ist das Meer zwischen Ihnen und Ihrem Henker! — (Er nimmt ihren Arm.) Helene (klammert sich an ihn). Ja — eilen wir! Fort! Fort! — (Sie wollen durch den 2. Saal im Hintergründe durch das Gewühl abgehen, Henry, den man früher nicht bemerkte, steht plötzlich wie ein Gespenst vor ihnen.) Helene (zurückfahrend). Ach! — Cäsar. O — zu spät! — Henry, (im Tone spöttischer Höflichkeit). Ich glaube, Frau Gräfin, Sie haben sich in dem Cavalier vergriffen? -- Wenn Sie das Fest zu verlassen wünschen, so werde ich die Ehre haben, Sie nach meinem Wagen zu geleiten! (Ohne Cäsar eines Blicks zu würdigen). Ihren Arm — Madame! — 47 Helene (wankt, und sinkt wie zerschmettert auf ein Knie.) Henry (faßt Sie beim Handgelenk, zerrt sie etwas gewaltsam in die Höhe, und nimmt ihren Arm.s Helene sschmerzlich aufstöhnend). Oh - o! sDas nun folgende Gespräch wird halblaut aber sehr rasch geführt.) Cäsar fstellt sich Henry entgegen). Mein Herr! Der Mann, welcher Hand an eine Frau legt — ist ein Nichts- würdiger! — Henry (ihn messend). Sagten Sie etwas zn mir? — Cäsar. Ich sagte, Sie seien ein Nichtswürdiger! — Henry fverächtlich). Ah pah! - Sie stehen mir im Wege — treten Sie auf die Seite! Cäsar fkrenzt die Arme und stellt ihn). Der Augenblick, wo wir unsere Rechnung ausgleichen wollen — ist nun gekommen! Henry. Machen Sie mir Platz, mein Herr — ich kenne Sie nicht! — Cäsar fdrohend). Herr Graf Roland — nehmen Sie sich in Acht! Henry fetwas lauter). Gehen Sie mir aus dem Wege — ich habe es Ihnen schon zweimal gesagt! — fIm Hintergründe bilden sich Gruppen, die auf merksam werden.) Cäsar. Alles, was Sie mich haben erdulden lassen, will ich Ihnen verzeihen! Die Qualen aber, welche Sie diesem Engel bereitet haben — werde ich Ihnen niemals verzeihen! — Henry (höhnisch). Dieser Engel ist mein Weib! Cäsar. Sie lügen! — Die Bande, welche Sie vereinigten, haben Sie selbst zerrissen! Henry. Zu Ihren Gunsten vielleicht! — Cäsar. Diese Henkerrolle sollen Sie nicht mehr lange spielen! Henry. Wer wird mich daran hindern? Cäsar. Ich! Henry. Auf welche Weise? Cäsar. Dadurch — daß ich Sie tödte ! Henry (höhnisch lächelnd). Und wie wollen Sie das bewerkstelligen? Cäsar. Indem ich mit Ihnen einen Gang auf Leben und Tod machen werde! — Henry (schlägt ein höhnisches Gelächter auf). Hahaha! Im Zweikampf? Wie? Wirklich? Im Zweikampf? — Schlägt man sich vielleicht mit einem Banditen? — Cäsar (will sich wüthend auf ihn stürzen). Ha! — Elender- (Einige von den anwesenden Gästen stürzen sich dazwischen.) 1. Gruppe. Was giebt es denn? 2. Gruppe Was geht hier vor? Henry. Was hier vorgeht, meine Herren, — ist nicht würdig Ihre Aufmerksamkeit zu erregen! Es handelt sich um einen Menschen, den man ans diesen Salons hinansjagen soll! 1. Gruppe. Er ein Elender? Cleopatra. Herr von Bracienx? Messaline. Unmöglich! 2. Grupp e. Sie sind von Sinnen! Henry. Nein, ich bin nicht von Sinnen - aber Sie haben sich betrügen lassen! Dieser Mensch, welchen Sie Herr von Bracieux nennen — heißt: Cäsar von Santrelle — und war ein Galeerensträfling! (Alles prallt entsetzt zurück.) Alle. DaS ist unmöglich! Henry (fest). Was ich sagte, werde ich beweisen! — Auf die Anzeige des Grafen Roland, wegen eines im Schlosse desselben während der Nacht verübten Einbruchdiebstahls ward Cäsar von Santrelle vor 6 Jahren durch den Assisenhof von Lyon zu fünfjähriger Zwangsarbeit verurtheilt! — Der Graf von Roland aber — bin ich selbst! — (Pause.) Henry (triumphirend). Uebrigen-, sehen Sie ihn nur an — diesen Men- 48 scheu! Er könnte sich vertheidigen, und mir antworten — aber die Wahrheit steht ihm auf dem Gesichte geschrieben! Elender! Entfernen Sie sich! Im Namen aller ehrlichen Leute befehle ich Ihnen diesen Saal zu verlassen! — Und nun komm, liebe Helene! Dieser Auftritt hat Dich angegriffen! Komm! Eilen wir nach Hause! — Helene fstammelnd vor Schmerzen). O o o! Sie tödten mich! Henry fleise). Das ist mein Wille! fLaut). Komm, liebe Frau! fEr führt sie durch die Menge ab, Helene wirft einen letzten Blick auf Cäsar.) 1. Gruppe fhalblaut). Wer hätte das gedacht? 2. Gruppe. Er, eiu Verbrecher? 3. Grupp e. Ein Galeerensträfling! fAlleS geht hinter Roland ab, verächtliche Blicke auf Cäsar werfend.) Bruder Martin fder während besetzten Auftrittes auf die Bühne gekommen war, wird jetzt sichtbar. Er bleibt von Allen allein zurück, ihn mitleidig betrachtend.) Cäsar fder vernichtet und zermalmt bis jetzt dastand). Erde — Himmel — stürzt auf mich zusammen! — Die Welt hat keinen Raum mehr für mich!! Martin stritt näher, mitleidig und gefühlvoll). O doch mein guter Herr! — Mag auch die Welt Sie verachten — ich weiß ein stilles Plätzchen, wo die Menschenliebe wohnt; dort, dort heilt man solche Wunden, die böse Menschen schlagen! Kommen Sie mit mir?! fEr streckt ihm die Arme entgegen.) Cäsar fVon einem Gedanken erfaßt.) Ja, Ja! Bei Euch wohnt das Mitleid und die Liebe! Dort will ich genesen! Komm, Du guter Alter, ich folge Dir!! fEr stützt sich auf Martin und geht wankenden Schrittes ab.) Der Vorhang fällt. Muster Akt Alls dem Schlosse des Grafen Roland. (Dekoration des ersten Aktes.) Erste Scene. Auf der Terrasse vor der Glasthüre sitzt im Lehnsessel H eleNe, das Gesicht gegen den Park zugewendet, umgeben von 2 Kammerzofen, welche seitwärts stehen und 2Lakayen. - Im Saale steht Henry, im Jagdanzuge, Fre m ont kommt von der Terasse, wenn der Vorhang aufgezogen, in den Saal zurück. Henry sder gleichgiltig und kalt ein Buch auf den Tisch wirft, in dem er gelesen, zu Fremont, der hereinkommt.f Nnn, Doktor? Wie finden Sie die Gräfin? Fremont snach einer kleinen Pause, halblaut.) Ihre Leiden gehen zu Ende! Henry sruhig und kalt). Wie meinen Sie das? Fremont (ergriffen.) Daß Sie bald still und schmerzlos entschlummern wird - für immer!! Henri seifig.) So! Also es geht zu Ende; und auch Sie haben gegen ihre Krankheit nichts vermocht, auch Ihre Kunst kann die Gräfin nicht retten!! sLiichelnd.) Ja, die Herren Aerzte, die den Sitz einer Krankheit zu kennen wähnen und zum Schlüsse eingestehen müssen, daß ihre Kunst nichts vermag?! Fremont. Sie haben mich rufen lassen, als es zu spät war! Theater-Repertoir 3l4. Henry. Das ist gewöhnlich die Ausrede, wenn die Herren nicht helfen können. Ich habe Sie nach jener schändlichen Katastrophe in Genf auf besonderen Wunsch der Gräfin, der ich einmal nichts abzuschlagen vermag, zu ihrem Leibarzt bestellt. Ich sagte zu Ihnen: Bemühen Sie sich, in Bezug ans die Wiederherstellung meiner Gemahlin glücklicher und geschickter zu sein, als alle Ihre berühmten Kollegen. Sie versprachen Linderung ihrer Leiden; es sind 3 Monate seitdem vergangen, und nun? Was haben Sie ausgerichtet? Wo ist das Resultat Ihrer Bemühungen? Worin besteht es? Ich sehe eine Sterbende vor mir! Fremont (halblaut aber fest.) Herr- Graf! Haben Sie den Mnth, vor mir zum Mindesten die Maske fallen zu lassen, welche Ihnen lästig sein muß, und die mir weder Ihr Gesicht noch Ihr Herz verbirgt! Sie wissen recht wohl, was Sie gethan! Seit länger als 6 Jahren verfolgten Sie unabläßig das Werk Ihrer Rache! Seit jener Zeit rächten Sie sich an einer armen Frau, die nichts verbrochen hat! Henr y. Doktor, ich verstehe Sie nicht! Fremont. Sie verstehen mich wohl, und wissen, daß ich der Freund Cäsar's v. Santrelle war! 4 50 Henry. Schlimm genug für Sie, Doktor, denn Sie waren der Freund eines Diebes! Doch zu was soll dies führen? Meine Leute warten, es ist schon spät, ich will zur Jagd! (Will ab.) Fremont sfest.) Einen Augenblick noch, Herr Graf! Ich werde diesen Schimpf, den Sie dem edelsten, dem großmüthigsten der Menschen auch jetzt noch zufügen, nicht so hinnehmen! Herr Graf, ich fordere dafür Genngthuung! Henry sihn messend.) Gut. Nach der Jagd, oder morgen, wann Sie wollen. Fremont. Wenn Sie mehr Herz und Gewissen hätten, würden Sie einen Unschuldigen nicht haben vernrtheilen lassen, würden Sie eine Unschuldige nicht langsam durch Qualen und Martern gemordet haben! Henry saufflammend, aber halblaut mit schneidender Stimme, indem er Fremont's Hand ergreift.) Ha! Was sprechen Sie da! Eine Unschuldige? Und das eigene Ge- ständniß dieser Unschuldigen? sPause.) Sie sprechen von Qualen und Martern ? Bon ihr e n Qualen? Aber ich? Wissen Sie, was ich gelitten habe? Wissen Sie nicht, daß meine Rache ein zweischneidiges Schwert ist? Oder meinen Sie, der Haß und die Rache wären voll Blüthenduft? Ahnen Sie nicht, wie viel Qual mich die Befriedigung dieser Lust kostete? Blicken Sie auf mein Haar, das grau geworden. Zählen Sie die Furchen meines Gesichtes. Begreifen Sie, was meine Rache nur lückenhaft machte? Ich konnte sie nicht verwunden, ohne mich selbst zu verletzen, und doch konnte ich nicht leben, ohne sie zu verwunden! Begreifen Sie nicht, daß sie mein Peiniger war, wie ich der ihrige bin — und daß dieses schreckliche Band zwischen uns dauern muß, bis zn ihrem oder meinem Tode? fLinks ab.) Fremont fsieht ibm entsetzt nach, nach einer kleinen Pause.) Dieser Mensch ist ein Dämon, der Hölle entstiegen. Ich hatte recht! Er wird unversöhnlich bleiben, bis zu ihrem Tode! Und sie, die Heilige dort? Soll ich es wagen? Soll ich den letzten Wunsch einer Sterbenden erfüllen ? Die Gelegenheit wäre günstig. Der Graf ist zur Jagd, die Baronin ist nach Lyon, um Einkäufe zu machen und er ist in meiner Nähe und ersehnt den Augenblick! Die Dienerschaft wird ihn als Beichtvater betrachten und in ihre Nähe lassen. sEr steht sinnend.) 1. Kammerzofe svon der Terrasse hereinrufend). Ach, Herr Doktor! Kommen Sie doch schnell — helfen Sie! Fremont seilt ans die Terrasse.) Lassen Sie die Gräfin in den Saal tragen! — So. — Nur hübsch behutsam! sHelene wird von den Lakayen mit dem Stuhle hereingetragen.) Fremont sum Sie beschäftigt, zieht ein Fläschchen, tropft daraus auf ein Tuch, und wischt damit sanft über ihre Stirnes. Sie erholt sich! — Da — Sie schlägt die Augen wieder auf! — Wie fühlen Sie sich, Frau Gräfin? — Helene sblickt um sich). O wohl, - sehr wohl — lieber Doktor! sSie reicht Fremont die Hand.) Fremont sleise). Wen suchen Ihre Augen? — Helene ssie winkt der Dienerschaft zurückzutreten, dann leise). Ihn — ihn — Doktor! Sie versprachen mir doch? Fremon t. Ich wollte warten, bis der Graf zur Jagd ist! — Helene. Ich fühle, daß die Schläge meines armen Herzens so matt sind — und — bald ganz erlöschen werden! sWie ein Kind weinend und Fremonts Hände streichelnd.) Haben Sie Mitleid mit der Sterbenden — Doktor! Erbarmen Sie sich — meiner geängstigten Seele -- die nach Erlösung schmachtet! — Fremont ssich die Augen trocknend) Wohlan — es sei! Ich erfülle Ihren letzten Wunsch — und hole ihn! -- Helene. O Dank! Dank! Fremont. In wenigen Minuten ist er bei Ihnen — verkürzen Sie seinen 51 Aufenthalt — denn wenn ich wieder komme, muß er fort sein! — versprechen Sie mir dieses? Helene. Ja — ja! Dann wird er fort sein — und sseufzend) auch ich! - Eilen Sie, Doktor — Eilen Sie! Fremont snimmt seinen Hut vom Tische, wirft noch einen Blick auf Helenen und geht dann rasch durch die Mitte ab). Helene snach einer Pause.) Ich werde ihn sehen! Bald, bald! Ein letztes Mal! — Nur bis dahin — halte noch du gequältes kleines Ding, da! fPreßt die Hand auf's Herz.) Was werde ich ihm sagen? — O viel — viel! — Guter Gott! Schenke mir nur noch so viel Lebenskraft — dann - sterbe ich beseeligt! — Haush ofmeister stritt leise von links ein.) Befehlen die gnädige Gräfin vielleicht Etwas? — Helene. Nein — Collin swinkt ihn zu sich.) Sagen Sie - Collin, — wann kehrt der Graf von der Jagd zurück? Hau sh ofmeiste r. Der Herr Graf sind nicht zur Jagd! Wider Erwarten hat er die Jagd abbestellen lassen! — Eristim Schloße, und hat sich in seinem Zimmer eingeschlosseu! Helene sdie gespannt anfhorchte). Im Schloße? — Nicht zur Jagd?— Gleichviel! Gleichviel! — sSie winkt, Haushofmeister zieht sich znrück.s Was Hab' ich «och zu fürchten? Was zn verlieren? - Mein Leben? — Es gehört ihm ^ meinem Peiniger — er soll eö haben! — Ich zahle ihm meine Schuld 7 - und — freudig! freudig zahl' ich sie! — sSie schließt die Augen.) i^äsar swird ans der Terrasse sichtbar, der Haushofmeister geht auf ihn zu und spricht mit ihm einige Worte und kommt dann herein!. Haushofmeister slcise an Helene herantretend!. Gnädigste Gräfin! Ein Mönch ans dein Kloster St. Jaques Minscht Sie zn sprechen? — Dr. Fmnont sendet ihn — sagt er! Helene shat die Augen in Verklärung geöffnet.! Ha! — Ja ja — Collin — lassen Sie ihn kommen! Er wird den letzten Trost mir spenden! — Lassen Sie ihn kommen — schnell! — Und — swie besinnend-! Collin — entfernen Sie die Dienerschaft — ich will allein mit ihm sein! Haush 0 fmeister sverbengt sich vor Helenen, geht auf die Terrasse, ladet Cäsar ein, in den Saal zu kommen, zeigt auf Helenen, verbeugt sich gegen Cäsar, und giebt dann der Dienerschaft einen Wink, die sich mit ihm durch die Thüre links entfernt-! Cäsar sist eingetreten, als Laienbruder eines Klosters gekleidet.) sCäsar und Helene allein.) Cäsar snach einer Panse herantretend, mit tiefem Weh). Helene!! Helene sreicht ihm die Hand). Mein Freund! — Cäsar sknieend.1 O warum mußte sich diese Stunde so lange verzögern?? Helene. Nicht wahr?! — Nun — ist der Augenblick gekommen — Cäsar — um ihnen ein langes Lebewohl zn sagen! — Waffnen Sie sich mit Math! — Für mich ist bald Alles vorüber — ich scheide! — Cäsar slcise weinend). Unmöglich! Unmöglich! Helene. Ja, ja! Sehen Sie mich nur an — es ist gewiß!! — Cäsar. Stirbt man denn auch, wenn man so geliebt wird — wie ich Sie liebe, Helene? Helene. Ja! Und eben darum sterbe ich gerne — jetzt! — Ich preise Gott — der vor 3 Monaten — nicht die Verwirklichung jener Flucht gestattet hat — die ich damals herbeisehnte! — Wissen sie mein Freund — was in dieser feierlichen Stunde — bei der ich jetzt angelangt bin — mich mit Stolz und Glück erfüllt? — Es ist die Reinheit unserer Liebe!! — Die glühende Leidenschaft — in welcher schon seit langer Zeit unsere Herzen schlagen — trägt nicht den Makel des Irdischen! 52 Cäsar! — Wir haben auf Erden ein Leben der Thränen und Schmerzen gehabt — im Himmel lächelt uns dafür eine Ewigkeit des reinsten Glückes und der Freude!! — Cäsar. O Helene, ich will mit Ihnen gehen! — Im Leben getrennt, wollen wir im Tode uns vereinen!? — Helene (schnell). Nein, nein! Ich gehe voran — und erwarte Sie!! — Wenn mein Wille Ihnen heilig ist — so vergessen Sie nie, daß ich Ihnen verbiete, die Stunde eigenmächtig zu beschleunigen!! — Schwören Sie mir, zu gehorchen — bei unserer Liebe!? — Cäsar. Ich schwöre es bei unserer Liebe!! — Helene. Dank — heißen Dank! — — O wie Sie mich damit beglücken?! — Oft wird meine Seele bei Ihnen weilen — und Sie trösten! Ich werde Sie sehen — ja, ja! — Ich werde zu mir sagen: er denkt an mich — er betet für mich — er liebt mich noch immer!! Ich werde Gott um das Ende ihrer Verbannung bitten — Gott wird mein Flehen erhören — er wird uns vereinen — um uns nie wieder zu trennen!! — Cäsar. Nie, nie wieder!! (verbirgt sein Gesicht in ihrem Schooßs. H enrh (von links auftretend leise und langsamen Schrittes bleibt er im Hintergründe stehen.) H elene ijhre Hand auf EäsarS Kopf legend). Jetzt kommt der Schlaf, jener lange Schlaf — von dem man nicht wieder erwacht!! — Geben Sie mir ihre beiden Hände, Cäsar! — Soso ! Ich will sie in den meinigen fühlen, wenn ich einschlafe! — Mein Leben konnten Sie nicht haben — mein Tod aber - gehört wie Sie sehen — Ihnen allein Ja! Mein Tod gehört Ihnen allein!! — Henrh (dumpf im Hintergründe). Der Tod eben so wenig als das Leben!! — Cäsar (springtauf.) Ha! Er?? (in verzweifelnder Wuth). Gott sendet Sie hierher! Henry. Glauben Sie! Cäsar. Schau dorthin, Henker - dein Opfer entrinnt Dir! Sie ist frei — denn sie ist todt! — Deine Rache ist zu Ende und die meine beginnt! Das Gesetz der Vergeltung ist das gerechteste, das es giebt! — Du hast gemordet — Du mußt sterben !! Henry. Gut, es sei! — Sie wollen einen Zweikampf — ich nehme ihn an! Cäsar. Einen Zweikampf? Wie? Einen Zweikampf? Hahaha! Schlägt man sich wohl mit einem Galeerensträfling? Sagtest Du nicht so? - Du hattest Recht! — Der Galeerensträfling schlägt sich nicht — ermordet! Er mordet! (hat in wahnsinniger Wuth eine» Dolch gezückt, und stößt ihn Henry mitten in die Brust. — Der Dolch bleibt in der Brust Henry'S.) Henry (hält sich die Wunde mit dem Dolch). Ha!! — Meine Rache wird schöner und vollständiger — als ich sie jemals zu träumen wagte! — Lebend schickte ich Dich zur Galeere — todt schicke ich Dich auf's Blutgerüst!! — (er wankt einige Schritte gegen die Thür, und ruft hinan«). He da! — Leute! Hilfe! Mörder! Mörder! (er taumelt Plötzlich zurück, und stürzt vor dem Stuhle, wo Helene sitzt todt zusammen). Cäsar, (auf Helene starrend). Nein! Klage mich nicht an — arme Märtyrerin — ick bin kein Mörder — ich bin nur ein gerechter Richter?!! H eleNe (hat mit weit geöffneten Augen stehend, dem Borgange zugesehen, ohne sich vom Fleck zu rühren. — Jetzt beugt sie sich mühsam zur Leiche nieder, greift krampfhaft nach dem Dolche der in Henry'S Brust stecken blieb, und zieht ihn schnell heraus, mit erhobenem Dolche stehen bleibend.) (Dienerschaft stürzt im Momente, wo Helene den Dolch herausgezogen hat — von allen Seiten herbei — von rechts Fremont. Alle (halblaut). Um Gotteswillen - was ist geschehen? — (Die Dienerschaft bleibt händeringend im Hintergründe). 53 Fremont. ^erblickt Henry'« Leiches Unglücklicher! Was hast Du gethan? — Helene (schnell). Man beschuldige Niemand! — Ich — ick selbst habe sechsjährige Qualen — gerächt —- ich — ich habe meinen Gatten gemordet! Gott wird mir — ein barmherziger — Richter sein! (sinkt in den Stuhl zurück und läßt den Dolch zu Erde fallen.) Cäsar (an ihrer Seite flüsternd). Engel meines Lebens — mit dieser Lüge willst Du scheiden? — Helene, (flüsternd). O küsse mich mein Geliebter! (Cäsar küßt sie.) Mit diesem ersten und letzten Kuße nimmst Du diese Lüge von meinen Lippen! — Leb wohl — ich — harre — Dein! — (stirbt.) (Gruppe.) Musik. Per Vorhang Ml. Gnde In der Jänner 1876 neu begründeten MalLisyausser'schen Immlmg Deutscher Mhlimmrkk sind bisher erschienen: 1. Das Trauerspiel des Kindes. Schauspiel in 2 Acten von Sigmund Schlesinger . . . fl. 1.20 2. Eine Jugendsünde. Schwank in 3 Acten von Julius Findeis en .fl. l.20 3. Tiberius. Tragödie in 5 Acten von Julius Grosse . . fl 1.50 4. Der Seelenretter. Lustspiel in 1 Act von Hedwig Dohm. fl. —.90 5. Das heiß' Eisen, ein Nürnberger Fastnachtsspiel von Hans Sachs. Für die neuere Bühne eingerichtet von Rud. Genre . fl. —.50 6. Corstz Atfetdt, der Reichshofmeister von Dänemark. Trauerspiel in 5 A. und einem Vorspiel von Martin Greif. 2. Aufl. . . fl. 1.80 7. Dschingiskhan. Lustspiel in 1 Act von Karl Gutzkow. . fl. —.60 8. Die Philosophie des Unbewußten. Lustspiel in 1 Act von Oscar Blumenthal . . fl. — 90 9. Reine Hände. Lustspiel in 4 Acten von M. Ocribauer . fl. 1.20 10. Der Tanzboden. Dramatische Kleinigkeit in 1 Act von Moriz Epstein. fl. —.70 11. Rose und Distel. Schauspiel in 1 Aufzuge .... fl. —.80 In dieser Sammlung tverden in rascher Aukeinanderiolge erscheinen: Ein Achtundvierziger. Orig. - Volksstück in 6 Bildern von Eduard Dorn. Bretislav. Trauerspiel in 5 Acten von Herman Schmid. Brüllvogel. Schwank in 1 Act von Paul Perron. Camöens. Trauerspiel in 4 Acten von Herman Schmid. Eine deutsche Frau. Schauspiel in 3 A. von Herman Schmid. Didier. Schauspiel in 3 Acten, nach Pierre Verton, von Betty Paoli. Don Ltuixote. Von Herman Schmid. Durch Champagner. Lustspiel in 1 Act von Betti Aoung. Ehre für Liebe. Liebesdrama in 5 Acten, mit Benützung einer Erzählung ans d. Franzos, von Eduard Dorn. Ein ernster Heiratsantrag. Lustspiel in 1 Act von Sigm. Schlesinger. Franz Schubert. Orig.-Singspiel in 1 Act von HanS Max. (Musik mit Benützung Schubert'scher Motive von Franz v. Suppö.) Frau Sonne. Lustspiel in 1 Act von Sigmund Schlesinger. Fürst und Stadt, oder: Die Münchener Kindeln. Volksstück in 5 Acten von Herman Schmid. Eine gute Lehre. Schwank in 2 Acten, nach einem italien. Stoff, von Heinrich v. Littrow. Ich liebe Sie! Lustspiel in 1 Act, frei nach Charles Hugo, von F. Zell- Im Posthause. Lustspiel in 1 Act, frei nach dem Polnischen des I. Korze niowski von Hans Ma x. Ein Kuß. Lustspiel in 1 Act von H e i n- rich v. Littrow. Ludwig im Bart. Trauerspiel in 5 Acten von Herman S ch in i d. Mmmer von Ehre. Schauspiel in 4 Acten von Charles Garand. Deutsch von M. A. G r a n d j e a n. Maximilian. Von Herman Schmid. Melsenhausser. Volksdrama in 8 Bildern von Cduard Dorn. Nero. Trauerspiel in 5 Acten von Martin Greif. Der neueste Scandat. Komödie in 3 Acten von Theodore Barriere. Deutsch bearb. von F. Zell. Einzige berechtigte Bearbeitung (für das Wiener Stadt-Theater). Des Bnkels Liedchen. Schwank mit Gesang in 1 Act, frei nach d. Polnisch, des Ioh. Alex. Graf Frcdro, von Hans M a x. Ein Bpser der Patienten. Lustspiel in 1 Act von Sigmund Schle sing er. Ein Dpscr der Wissenschaft. Lustspiel in 1 Act von Sigmund Schle sing er. Paul de Kock. Lustspiel in 1 Act von Carl Weiß. Poesie und Prosa. Von Herman S ch m i d. Der preußische Landwehrmann und die französische Bäuerin. (Kurmärker und Picarde.) Komische Scene mit Gesang, nach einem Genrebilde bearb. von Friedrich Kaiser. (Musik von Franz v Sn PP ä.) Die Schraube des Glücks. Lustspiel in 1 Act von Sigmund Schlesinger. Der Selbstmörder. Von Herman Schmi d. Spartarns. Trauerspiel in 5 Acten von Franz Koppel. Straßbnrg, oder: Eine deutsche Stadt. Trauerspiel in 5 Acten von Herman Schmid. Thassito. Tragödie in 5 Acten von Herman Schmid. Der Theuerdank. Lustspiel in 5 Acten von Herman Schmid. Eine Tragische. Dramat. Scherz in 1 Act von Sigmund Schlesinger. Die Veilchen. Lustspiel in 1 Act von M. v. Eschenbach. Die Veilchendame. Orig.-Volksstück mit' Gesang, mit einem Vorspiel und in 6 Bildern von Eduard Dorn. (Musik von C. Millöcker.) Warum haben Sie das nicht gleich gesagt ? Schwank in 1 Act von Paul Perron. Fanlippe. Lustspiel in 1 Act von Heinrich v. Littrow. Zu treu. VonSigmund Schlesinger. Zuvor die Mama. Lustspiel in 1 Act, frei nach d. Polnisch, des I. Kor- zeniowski, von Hans Max. Der Zweck heiligt die Mittel, oder: Der Kapellenbauer. Orig. - Charakterbild mit Gesang in 7 Bildern von Eduard Dorn. (Musik von Karl Kleiber.) Der Beginn unseres Theater-Verlages fällt in die Zeit der Gründung de« Wiener Burgtheaters und bildet mit unserem Theater-Sortimente und mit unserem Theater- Antiquariate das größte und vollständigste Lager dramatischer Literatur, in dem auch selten gewordene und im Handel gar nicht vorkommende Piecen zu finden sind. Von dem bekannten „Wiener Theater-Repertoir" sind soeben Heft 300 bis Heft 314 ausgegeben worden (die neuesten Producte von Berg, Bittncr, Dorn, Eirich, Grandjean, Kaiser, L'Arronge, Morländer, Rosen, u. A. enthaltend). Von Grandjean's „Gute Unterhaltung" ist Bändchen 4, von „Weyl's gesammelten Vorträgen" sind Heft 11-13 neuerdings erschienen. Wien, April 1876. Wattishauster'scht Hllchhan-tung, (Aosrf Klemm). Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Hoher Markt 1. Sakuntala. Drama in fünf Aufzügen. Für die deutsche Bühne bearbeitet von A. Donsdors. 1 fl. 20 kr. Ostsring Oornsro. H i st o r i s ch e s Drama in fünf Aufzügen von A Forstenheirn. _1 fl. 20 kr. Donna Diana. Lustspiel in 3 Akten nach dem Spanischen des von Augustin fläorsto von K. A. West. 5. Allst. Mit einer Einleitung von I. W. Apell. 1 fl. 20 kr. Elegant gebunden 2 fl. Das Leben ein Traum. Dramat. Gedicht in 5 Acten nach dem Spanischen des Oalätzron ätz 1a Karo» für die deutsche Bühne bearbeitet von C. A. West. 6. Ausl. Mit einem einleitenden Vorworte von H. Laube, fl. 1. Elegant gebunden, fl. 1.80. Sophie Schröder, wie ste lebt im Gedächtnisse ihrer Zeitgenossen und Kinder. _ Mit Porträt. 1 fl. 50 kr. Album österreichischer Dichter. Neue Folge. (Zedlitz — Deinhardstein — Paoli —Constant — Ebert — Mosenthal — Prechtler — Leitner — Hirsch — Beck — Meißner — Saphir.) Mit 12 Porträts, fl. 1.50. — Elegant gebuntzen fl. 2.50. Entwurf zu einer Praktischen Gchauspielerschule von A u g. bewald. —__ Preis t fl. Au» I. B. WalliShauffer'S k. k. Hoftheater-Druckerei. Der Kerrgollsbruder Volksschauspiel mit Gesang in 5 Akten von Alle Rechte Vorbehalten. Wien, 187«. Verlag der Walliohausser'scheu Buchhandlung (Joses Klemm). Stadt, Ho her Markt Nr. 1. Das Aufführungsrecht ist nur zu erlangen durch die Agentur der Deutschen Genossenschaft dramatischer Autoren und Componisten in Leipzig. Personen. Hochburger, ein reicher Schafhändler, genannt „Der HerrgottSbruder." Martha, sein Weib. Anna, seine Tochter. Der Steinbauer. Weingart, Unterhändler. Der Rautenkranz-Steff. Der Hiesel. Die Kathrein. Der Waldhornwirth. Seine Magd. Der alte Schaffner, genannt „Der Wunderdoktor." Der Kilian, Schafhirt bei Hochburger, t seine Der Ruppert, Militärurlauber /Söhne. Der Kaufmann Gäbler, Agent einer Versicherungs-Gesellschaft. Der Musikant. Ein Bursche. Die Meßner-Leni. Der Präsident im Geschworenengericht. Der Staatsanwalt. vr. Rothman, Vertheidiger. Der Amtmann. Geschworene. Landjäger. Bursche und Mägde. Ort der Handlung: Das bairische Hochgebirge. Die ersten 3 Acte spielen vor Einführung des Schwurgerichtes. Der vierte Akt 5 Jahre später nach Einführung desselben. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Erster Akt. (Beim Rautenkranz-Wirth.) An Tischen gruppirt Bauern und Bäuerinnen, Mägde und Knechte, Schäfer, alle in weißen Zwilchröcken, roch ausgeschlagen, und roth eingenäht; der lederne Gurt mit glänzenden Messingringen schärpenartig über die Schulter gelegt. Erste Scene. DerR auten k r an z -S teff. B nr sch e. Mägde. Hiesel Kathrein. Chor. Juchhe! St eff. Wahr iS! Zitherspieler, jetzt gib acht, den Rautenkranzwirth sein einziger Sohn red't jetzt mit Dir. Nimm Dein Glampfen! Bursche. Ja sing uns ans, sing uns ans. S t e f f. A Baum und a Sträußl Und a Schneid und a Häusl, Und a Diandl dazu Hat a lustiga Bua. Chor. Und a Diandl dazu Hat a lustiga Bua. (Jodler.) Steff. Aba 's Hutschen auf a Baum 3s gar g'fährli ba'n Wind Wia's Schlofen ban Diandl Wann da Bau'r dazua kimmt! Chor (wie oben.) Theater-Rrpertoir 3IS. Steff (zu Hiesel). Geh leih ma Dei Diandl Zan Umaslankir'n, Die mein hat was brocha Und kann sich nicht rühr'n! Hiesel (seine Dirne zurückziehend). Und's Diandl ausleih'n Dös thuat halt ka guat, Ma kriegt'S neama z'rnck Wia ma'S ausleih'n thuat. Chor (wie oben.) Zweite Scene. Vorige. Kilian. Kilian (mit einem Krückenstock). Dank Euch für die Ehr'! S'thut an armen Schafhirt völlig wohl, amal tüchtig ang'sungen z'werden, wie die Heiligen in der Kirch'! Steff. Na, Kilian, just z'wegen Deiner — Hab ich meine Tanz nit loslassen! 1 * 4 Die Mägde. Die Frechheit! Kilian. Nöt? Und 's is do in meine Ohren 'neindrungen, als wenn i wer Rechtschaffener war'! Geh, Zitherschlager, greif nomal 'nein in die Saiten, der Rautenkranz-Steffel der zahlt's schon! St eff. S'is Marktag und da soll'n Alle leben! Nur a fein säuberlich's bitt' ich mir aus. Kilian. Meine Schuah hab'n koan Bod'n Und mei Rock is von Lod'n, Und d' Hosen von Fliespapier Guat geht's ma nia! Chor. Und d' Hosen von Fliespapier Guat geht's ihm nia! Kilian. Grüß Di Gott, Steff, Der Herr ist mit Dir, Du bist voller Gnaden, Geh, zahl a Maß Bier. (Gelächter.) Na, also, s' hat Euch ja doch g'falle, wann's a nur aus der Gurgel von an Schafknecht kommt. — Was kann 's Liadl dafür! — Und weil's mich so brav ang'hört habt's, mach ich den blitzsauber« Diandln noch a aparte Freud. Kathrein (hochnäsig). Der Kilian uns? Kilian. Nit so absprecherisch sein, feins Diandl. A blanke Uniform soll den Madeln doch immer in die Augen stechen! — Komm führa mein Brüderl. Dritte Scene. Vorige. Ruppert. Mägde. Der Ruppert! Ruppert. Ja, der Ruppert! Grüß Gott allesammt. — Grüß Gott, Steff! Hab Urlaub krieagt — und da freut's mich, daß ich Euch Alle beisamm triff, um mein Einstand zu halten. Steff. Grüß Gott, Herr Soldat! Alle. Grüß Gott! Kathrein. Aber braun is der Ruppert word'n! Ruppert. Ja, ja, Kathrein — grüß Gott! (Reicht ihr die Hand.) Das is schon so, wenn man durch sechs Monat mit der Feuerwaffen z'thun g'habt hat. — Kilian. Aber besser braun als schwarz — das soll'n auch die Herrn g'sagt hab'n, die dabei in's Gras bissen haben. — Steff. Na und jetzt seid's auf Urlaub? Sprecht's nur ein bei mein Vater! — An Tisch und Bett und a frischer Trunk is bei uns immer z'finden für die Uniform vom König! Ruppert. Und wenn ich's auszieh, nit a? Steff (ausweichend). Natürlich ! — Werd's Euch doch nit mit der Uniform schlafen legen! (Man hört eine geräuschvolle Musik, Tusch und Vivatrufen.) Alle. Der Hochburger! — Der Hochburger! (Die Burschen und Mädchen ab.) Steff. Verzeiht's! Da is der Hochburger! — Jetzt geht der Markt erst los! — Mir is wichtig, daß ich unter die Ersten bin, die ihn begrüßen. (Ab.) Vierte Scene. Kilian. Ruppert. Ruppert. Kilian, der Hochburger kommt. Erlaub Bruder, ich möcht dabei sein — die Anna grüßen. Kilian. Hast's nit vergessen ? Wollt lieber, hätt'st Deine Liebe dräust in's 5 Schlachtfeld n'eing'legt! Du, der nix hat und nix is. — Ruppe rt. Hab' ich nit g'nua und bin i nit gnua? Hab' i nit a frisch Herz unterm Brustlatz? — Bin i nit Soldat und Hab' i nit Theil am Sieg? Kilian. Ja, Ruppert, Du bist der bravste Bub', den ich kenn' — ich Hab Dich so lieb, als ob ich Dein Vater war', wenngleich wir dieselbe Mutter haben. Aber, Ruppert, Du kehrst jetzt z'ruck, Du ziehst den Waffenrock aus und was bleibt Dir übrig, als der Zwilchkittel, den Dein Bruder tragt? Ruppert. Na, Bruder, ich komm' mit frohe Aussichten! Dem Hochburger sei Anna is mir gut — wie heut is mir noch, wie's mir beim Abschied d' Hand druckt hat! — Kilian. Hinterm Rücken ihres Vaters ! Ruppert. Und fangt vielleicht eine ordentliche Liebschaft anders an? — Gib Acht, die Anna iS dieselbe blieben. Kilian. Aber a der Alte? — Der Hochburger, der Herrgottsbruder, der's Maul macht, daß er mehr Kronthaler im Vermögen hat, als zwei Gaul zieh'n können, der mit seine Rappen und seiner Kutsche nur gleich in die Stuben 'neinfahren möcht' — damit man recht sicht, was er is, der gibt sei Tochter nicht an sein Schafbuben weg! Ruppert. Vielleicht doch! — Was war der Hochburger anders als a Knecht, wie er die reiche Bäuerin g'heirat' hat? Kilian. Und was is er anders noch jetzt? Dem Hochburger sein ganz Unglück liegt in seinem Spitznam: „Der Herrgottsbruder!- So heißen die Bauern Jeden, der glaubt, daß Alles vorher bestimmt ist! Gib Acht, heut' g'schieht noch was! — Ich schau dem Bauern auf die Finger! — Ich waß, wie's steht in dem stolzen HauS! Wann der Hoch- burger heut' seine Schaf nit losschlägt, wann er großsprecherisch, wie er is — sich verleiten läßt, mehr zu kaufen, dann is er verloren! Und dann Ruppert, wenn er nix mehr, nix mehr hat, nix mehr is, wenn ihm die Execution 's Bett unter'm Leib lospfändt, dann is die Zeit kommen, dann, aber nur dann blüht der Weizen für Dei Lieb'. Ruppert. Da is, Da is. Fünfte Scene. Vorige. Anna. Anna (in reicher, oberländischer Tracht, brauner Spencer, schwarze Seidenschürze, schwarze Haube mit am Kinn geknüpften Bändern: mit sichtlicher Frende). Ruppert, da seid's ja! (Reicht ihm die Hand.) Ruppert. Ihr, Ihr seid's so freundlich mit mir! Habt's Dank! Hab's nit verwinden können, mußt Euch zuerst in der Heimat begrüßen, und gleich habt'S mich kennt trotz der Uniform. A n n a (mit Wohlgefallen). Die verschandelt d' Leut' nit! — Und brav habt's Euch Alle g'halten dräust, und wann's auch da herin ka Ehrenpforten für Euch giebt, mit deutsche Jungfrauen und dem Siegesknß wie in der Residenz, wir wissen's a ohne Bürgermeister, was wir an Euch baben! Ruppert. Anna! Ich bin glücklich, daß Du das sagst — Du, die reiche Anna! Anna. Ach was reich! Dürfen die Reichen ka Herz haben? Und wann mein Vater noch tausendmal mehr Goldfüchs hält' — ich bin Euch gut! Ruppert (ihre Hand ergreifend). Ich dank' für das schöne Wort! Sechste Scene. Vorige. Hochburger. Weingart. H 0 ch bur g er (bartlos, mit schwarzem breitkrempigem Hute mit handhohen Silberschnallen im Sammetbande, schwarzem Sammetrock, kragenlosen, einreihigen Scharlach- 6 weste mit Silberknöpfen, im Gespräch mit Weingart, aus der Thüre links kommend). Siebzehn Gulden das Paar und keinen rothen Heller weniger! — Der Hochburger laßt nicht mit sich handeln! — Sonst nehm ich's Vieh lieber heim. 'S is mir so lieb wie baar Geld. (Weingart ab.) Ah, die Anna! — Und wer is denn das? Ruppert. Der Ruppert, der auf Urlaub kommen is! — Kennts mich denn nit? (Will ihm die Hand reichen.) Hochburg e r (zurücktretend). Hab denkt, so was müßt i ch früher erfahren als die Anna! Anna. Der Ruppert hat mich nit g'sucht, Vater! Der Zufall hat's wollen! Hoch bürg er. Der Zufall is gar a g'fährlicher Herr! Bringt uns oft in's G'red; bringt oft a Madel um die Reputation — macht an Buben verrückt, der sich Ding in' Kopf setzt, die 'nausmüssen! Verstanden! Kilian. Und warum müssen's denn 'raus? — War vielleicht der Hochburger so streng mit sich selbst? Hochburger (aufgebracht). Schweig, Kilian, Du hast z'reden, wann'st g'fragt wirst! — Zier Dich nit, wenn Du gegen Dein Brod Herrn sprichst, dem Du dankbar sein sollst, daß er Dich unter ehrliche Menschen bracht hat! Kilian. 'S is schön vom Hochburger, daß er mi immer an's Zuchthaus erinnert, wo ich anderthalb Jahr g'sessen bin wegen der lumpigen Rauferei! — Vielleicht kommt noch der Tag, wo ich „Gelt's Gott!" sagen kann! Ruppert. Bring ihn nit auf, den Hochburger! Hochburger. Freilich, gieb ihm noch a gut's Wörtl — dem Menschen! — Pfiffig bist — das hast vom Bruder! — Mußt Dir a Bild'l einlegen beim reichen Bauern, damit, wann Du heut oder morgen anklopfst bei ihm mit'm Bettelstab — er ein „Herein!" sagt. Ruppert (wüthend). Herr! — Ich Hab noch nie bettelt und ich thu nix, was den Rock schänden könnt, den ich trag! — Hochburger (einlenkend). Das glaub' ich a! — Drum bleiben wir gut Freund! — So lang ka Dritt's in's Spiel kommt! — Und da die Anna den Dis- cours mit die Herrn Soldaten weniger gut z'führen weiß als ich — so werd i ch in Zukunft mit ihm den Plausch abhalten! So is recht! — Will er vielleicht jetzt a Halbe trinken auf aut Freundschaft? Ruppert. Wenn Jhr's gut meint! Hochburger. Allemal! — Da hat er Geld! Ruppert. Danke gehorsamst! — Will warten, bis ich einmal eine Halbe mit Euch trinke. Vor der Hand Hab ich schon noch, um von mein Geld a Glas aus Euer Wohlsein zu trinken. B'hüt Gott, Anna! Komm Bruder! (Beide ab.) Siebente Scene. Vorige, ohne Kilian und Ruppert. Hochburger. Geh' nein, Anna, der Rautenkranz - Steff hat für Dich schöne Lieder! — Sei zuthätig! A n n a. 'S nutzet nix, wenn i „mag nit" saget. Ä kenn Euch! (Ab.) Achte Scene. Vorige, ohne Anna. Später Weingart. Hochburger (zu dem zurückkommenden Weingart). Wie steht's mit 'm Markt? Wein gart. Schlechte Aussicht! — Das Ansgebot is z'groß — die Nachfrag' z'gering. Händler und Fabrikanten drücken die Preis' und baar Geld is 7 knapp. All's will auf Zeit kaufen ! An's furcht das Andere! Hochburger. 'S is Alles Lug und Trug! — Aller Handel und Wandel! - Der Ane betrügt den Andern so oder so. Wein gart. Und der's ehrli meint, kommt heut' z' Tag nimmer durch! — Ich bin's lebendige Exempel! — Hab' a Haus und Gut g'habt und an Schafhandel! Hab' kein Gluck g'habt in der Schafhalterei und heut renn' ich um im blauen Kittel, als Unterhändler, muß mich abweisen und anfahren lassen wie a Schuljung'! 'S thut weh! Hochburger (groß). 'S muß Euch g'holfen werden! Wenn schon ich kan Handel mach' — öS sollt's nit darunter leiden! - Lauft's naus auf den Markt, der Hochburger verkauft nit — na — er kauft! Weingart. Wie, Ihr wollt's? — Es habt's ja selbst so große Schafbe- ständ! — Hochburger (sich auf den ledernen Geldgurt schlagend). Ich hab's ja! — Heiß' nit z'wegen nix „der reiche Hochburger," fahr' nit z'wegen nix in mein Baronen- Fuhrwerk. Der Markt haßt Hochburger! — So will ich's haben! Wein gart (freudig). Die Bauern werden losen! (Ab.) Neunte Scene. Hochburger allein. Keck muß man ihr in's G'sicht schaun — der Gefahr — dann verschwind't's! — 'S is wie bei an' Gespenst! — Für die Anna is mir nit bang — die heiratet in Rautenkranz hinein — und für mich — ich kenn nur an' Unglück — die Armuth! Aber ich Hab an Talisman dagegen, mein' Hellen Kopf! — Da arbeiten sich die dummen Teufeln krumm und lahm — und ich schau zum Fenster 'raus und Hab meine grün' Safianpantöffeln an und verdien' dabei in einer Stund mehr als ihr in drei Monat! — Wenn a mei Geldkatz dicker ausschaut von auswendig als von einwendig — der Hochburger hat ja Credit auf zehn Markttag'! — Zehnte Scene. Vorige. Steinbauer. Steinbauer. Kaufen wollt's, Hochburger? Hab' mir's nit denkt! — Habt's ja so Eure Stall' voll! Hochburger. Halb und halb versagt für draußen! Steinbauer. So, so! — Ich ver-' kauf' — und wenn Ihr mit mir a G'schäft machen wollt' — ich Hab' an Ausbund von Woll und Schaf — alle wolltreu — ein Haar dem andern gleich. — Der Stappel vom besten Fluß und gleich und rund. — Ich hab's Zeugniß. vom Schultheiß, wo meine Schaf' ge- weid't haben, daß keine Krankheit dort und a kein krank's darunter war — Hochburger. Beim Steinbauern braucht's ka Schrift. Seid als faden- grader Ehrenmann bekannt. — Steinbauer (b. S.). Er schmeichelt! Wo will der Hochburger hinaus? Hochburg er. Zu 16 Gulden kauf ich, so viel Ihr habt's — Steinbauer. Eingeschlagen? Hochburger. Eingeschlagen! — Der Weingart übernimmt's! Steinbauer (gedehnt). Der Weingart? Hat der Eu're Geldkatz? Hochburger. Dos nit! — Aber ös seid's do ka Kramer, bei dem man's Geld in der Hand tragen muß! Steinbauer. Bin a Kramer, was die Moneten angeht. Hochb u rger (stolz). Bin ich Euch nicht gut? 8 Steinbauer. Das seid's. Aber daß Jhr's bleibt, is baar Geld 's Beste. Hochburger. Is Euch mei Schwager, der Schaufler David auch nit gut? — Steinbauer. Der Schaufler David? — Wenn er sich verbürgt, kann ich bis Fastnacht mit dem Geld warten. Hochburg er. Abgemacht! Stein bau er. Abg'macht! (bedeutend.) A Kramer is der Steinbauer g'rad nit — aber a Mensch, der mit seine fünf Sinne ganz z'frieden sein kann! (Ab.) Eilfte Scene. H o ch bur g er (allein). Was meint der alte Hallnnk'? — Sollt er mehr wissen als die Andern? — Er hat an' Verdacht! — Der muß zerstreut werden! Heut' noch soll er sein ganz's Geld haben und wenn's mein Letztes war'! — Zwölfte Scene. Hochburger. Weingart. Weingart (mit einer Schreibtafel, in Eile). Heidi! Mir flunkert's vor den Augen! Hochburger, macht's die Ställ' auf, Lämmer kommen, so weit Ihr schauen könnt! Hochburger (besorgt). Du hast doch nicht gegen baar abg'schlossen? Wein gart. Durst ich's denn? Wenn ich auch g'wollt. — Der Hoch- burger heißt's, is uns lieber als der Bank ihre Bürgschaft! Hab' sie Euch z'sammgestellt die Posten — da — Zeit- hämmel und die Braken dazu, rein verschenkt. Soll ich weiter kaufen? Hochburger (die Tafel prüfend). Auf Zeit! Auf Zeit! Wein gart. Mit'm Hochbnrger sein' Nam' kauf' ich den ganzen Markt ein! (Ab.) Dreizehnte Scene. Hochburger (allein). Mir flim- mert's vor den Augen ! — Hundert und hundert und hundert Paar! Und zehnmal hundert sind Tausend! — Jeder neue Einkauf brennt mir auf die Nägel! — Aber ich muß vorwärts! Ich kann nicht z'ruck. Und heut' über's Jahr kann ich vielleicht selbst so herumrennen, wie a Schweißhund, wie der Weingart, der anslugt, wo a Freitrunk zu erhaschen is ! — (Tusch hinter derScene und Rufen: Vivat der Hochburger.) Schreit's zu, schreit's zu! — So werd's a schreien wann der Hochburger am Pranger steht! — O, Herr Gott im Himmel! — War ich ja bisher Dein Schoßkind! — Hast aus dem armen Knecht an' reichen Bauern gemacht — laß mich nit sinken — schon wegen mein Kind! — Zeig' mir an Ausweg — an Ausgang! — (Mächtiges Glocken- gelänte, auffahrend). Was is das? — Is das nit Feuersignal? — Wo brennt's denn? — Haha — bin ich denn a Narr — das is — das is — (in die Knie sinkend). Der Abendsegen! (Zieht seinen Hut, wieder anfspringend). Herr Gott im Himmel! — Is das Dei Hand? Ist sie das? — Ich soll — aber nein — nein — das iS unmöglich! Vierzehnte Scene. Voriger. Gäbt er. Gäbler. Die Sonn' geht unter! -- Und Ihr seid's noch immer auf die Füß? — Habt'S Euch noch ka Nuh' vergönnt! — Ja, ja, die reichen Lent' können nie g'nug kriegen! - Wo Tauben san, fliegen Tauben hin! Der Weingart, den verdrucken's förmlich! — Sie werfen ihm das Vieh geschenkt auf'n Hals! Könnt' nicht ruhig sein in der 9 Nacht, wenn ich d'ran dächt', weun'st aufstehst, kannst ein Bettler sein! Hochburger. Was meint Ihr damit? Gäbler. Was ich mein'? Daß der Bauer profitiren soll von die Stadtherrn ihre Einrichtungen! — Wenn a Feuer auskommt? — Ho ch burger (erschrocken). A Feuer! Gäbler. Was thut's denn so erschrocken? — Wer hat das wüthige Element in der Hand? — A Unglück iS'S allemal und der heilig' Florian is auch nit immer bei der Hand! Hochburger (wie versunken). A Unglück ! Gäbler. Aber 's laßt sich ertragen, wenn's Einem auf die Stell', wo ma sei alt'S G'lump steh'n g'habt hat, a groß, neues Schloß hinbau'n! Hochburger (zögernd). Ich bin dagegen! — Ich Hab' so meine Vor- urtheil! — So a Brandversicherung — entsetzliches Wort — kommt mir so vor, wie wenn ich mir selbst das Sterbehemd schneiden sollt. Gäbler. Wenn Alle so dächten, dann käm' ich mit meine Prozent für die Versicherung kurz weg! — Hab letzthin sogar den Herrn Pfarrer versichert — Hochburger (nachdenklich). Den Herrn Pfarrer? Gäbler. Ja 's Leben und 's Haus! — Der Schultheiß is a eintragen, überall hängt 'S schwarze Taferl mit die zwei rothen in einander geschlungenen Händ', nur beim Hochburger soll's fehlen? Das seid's Eurem Weib, das seid'S Eurer Anna schuldig. Hochburger (entschlossen). Ja, wahr is! Wegen mein Kind! — Richt's z'samm, den Bogen, in einer Stund' muß ich versichert sein! Gäbler. Auf wie viel? Hochburg er. Ihr wisst, was ich Werth bin! Gäbler (verwundert). Der Hochbnr- ger is doch a ganzer Kerl, mit dem sich reden läßt! sAb.s Fünfzehnte Scene. Hochburger allein. Hochburger. Hat den Menschen Niemand g'schickt? Is erselb st kommen ? Und unser Herrgott sollt nix davon wissen? — Na, Hochburger, das is a Wink von oben! — Von oben? Vielleicht! Na, der Teufel spricht nicht durch die geweihten Glocken und doch — nein — nein! — Ich will nix wissen von der Brandversicherung — nix wissen! — (Will ab). Sechszehnte Scene. Hochburger. Kilian. Kilian (ihm entgegentretend). Nehmt Ihr's mit? Hoch bürg er (mühsam seine Aufregung verbergend). Was willst, Schuft? Kilian (verbissen). Man braucht ka Schuft zu sein, wenn man auf'n Vortheil von sein' Herrn bedacht is. Draußen stehn ausgehauene Baumstumpf, 's is das prächtigste Kienholz, bei uns is weit und breit ka solch's z'finden, wir könnten's unter'» Kutschenbock legen. Ho chburg e r (wie im Fieber). Kienholz? — Zu was das Kienholz? Kilian (absichtslos). Zum Anzünden! Hochburger. Kerl, Du stehst mit dem Satan im Bund! Kilian. Ich? — Gott behüt's! — Die Frauen haben nix so gern, als wenn's sehen, daß der Mann auch auswärts an sein Haus, an die Wirtschaft denkt. Das wär a Gelegenheit dazu! Euer Weib g'freut das mehr, als das schönste Seidentüchel. 10 Ho ch burger (ruhiger). Gut, Kilian! Nimm mir mei' Heftigkeit nit übel! 'S is mei' heiß Blut. Kilian. Der Hund is nit g'wohnt, daß ihm sein Herr die Schlag' abbitt! (Ab.) Siebenzehnte Scene. Hochburger allein. Ich war zu streng gegen den Kilian! (Sich den Schweiß abtrocknend.) Will's gut machen! Was kann er dafür? — Er hat ka Ahnung, was da drin vorgeht, ka Ahnung, daß er nur a Werkzeug is in der Hand des Zufalls ! Nein — Gottes! Ich fühl's, heut in acht Tagen muß Alles rein sein mit mir. — Und was bleibt mir über, weun's schief geht? — Mich selbst umzubringen, oder, dem Fingerzeig folgen! (Von Außen die Stimme der Meßner-Leni.) Kauft's Kerzen! Wer kauft Kerzen? Achtzehnte Scene. Hochburger. Meßner-Leni. Leni (ein Mädchen von 7 Jahren mit einem Bund großer Wachskerzen über die Scene gehend). Kerzen Hab' ich zu verkaufen ! Hochburger. Mädel, komm her! Was hast? Leni. Kerzen! Wißt Ihr's denn nicht? 'S is so Sitte am Markttag', daß die Bauersleut die Wachskerzen einkaufen für's ganze Jahr! Hochburger. Und sind die Kerzen schon geweiht? Leni. Na, gewiß auch! — Ich bin ja das Kind vom Meßner, die Meßner- Leni! Wir haben den heiligen Segen im Haus! — Wer so a Kerzen kauft, hat 's ganze Jahr ka Unglück zu befürchten ! Vier und zwanzig Stunden brennt so a Kerzen! 'S is ausgerechnet ! Hochburg er. Und wer zwa Kerzen kauft — Leni (treuherzig). Is besser dran, als wer nur eine kauft — Hochburg er (entschlossen). Ich nimm's ganze Bund! Leni. Juchhe! Ihr kauft's das Glück haufenweis! Hochburger Da hast drei Kron- thaler! Leni. O nein, vom Hochburger nehm' ich kein Geld! Der Vater wird schon selbst kommen! Juchhe! (Ab.) Neunzehnte Scene. Hochburger allein. Is s'Fener a Himmels- oder a Teufelsgab? Fliegt mir nit All's zu? Muß ich's nit thun? Die Glocken, das Holz, die Kerzen! Mir ist, als müßt ich damit sengen und brennen! Auf die Minuten hin is berechnet, wie lang dies Licht brennt und ist's nieder, und find's ka Nahrung seiner Flamm' mehr, dann erlischt's, findet es aber neue, weithinziehende, dann — (die Kerzen in die Höh hebend.) O Herr, Du zeigst mir ja selbst den Weg! A Kind bringt mir den Schlüssel zu Reichthum und Glück! Zwanzigste Scene. Hochbnrger, Gabler, Steinbauer. G übler (mit einer Schrift und Tinte und Feder). Hoch bürg er. Gebt's her da — da is mei' Name. Steinbauer. Ei, ei! Der Hoch' burger hat's gnädig! Is ja ganz ver- 11 wirrt, unterschreibt a Schrift, die er gar nicht g'lesen hat. Hochburger. Seid Ihr mein Vormund? Kenn die druckten Brandbrief'! Is Auer wie der Andere! Gabler (scherzend). So, jetzt habt's Euch dem Teufel verschrieben! Hochburger Was sind das für G'spaß! — I hör so was nit gern! Gabler. Nix für ungut! — Man spaßt gleichwohl, wenn man a G'schäft g'macht hat! Ste i nba n er. Ih r habt's a G'schäft g'macht, ja! — Aber die Brandversicherung ? Die müßt's über' S Jahr fragen. Hochburger (aufgebracht). Glanbt's, daß ich die Raten nit einhalt? — Fehl- g'schossen Steinbaner! — Ich zahl auf 5 Jahr voraus! — Und da Ihr den Hochburger nicht recht zu kennen scheint, bei Heller und Pfennig zahl' ich auch Euch anf'm Fleck aus, sollt's sehen, mit wem Ihr hantiert! Kommt's rein in die Stuben — Gabler (ihm einen Krug reichend). Früher an Trunk anf'm Hochburger sei Wohl! (anstoßend.) Sollt's leben! Hoch bürg er. Sollt's leben! Und jetzt kommt's nei! (Alle wollen ab). Steinbauer. Heda, Hochburger! Vergeßt's auf die Kerzen nicht! Einundzwanzigste Scene. Vorige. Kilian. Hochburger. Da is ja mein Knecht, der Kilian! (Zu Kilian). Leg's nans in die Kutsch! (Tusch und Bivatschreien hinter der Scene. Alle ab, bis auf Steinbaner und Kilian.) Zweiundzwanzigke Scene. Kilian, Steinbaner. (Indem Steinbaner dem Kilian die Kerzen giebt). Steinbaner. Gieb Acht, Kilian, ! daß Du Dir nit die Finger verbrennst, wenn die Kerzen anznnden wer'u! Kilian Was meint Ihr damit, Steinbaner? St ei n b a u e r. Ich — o nix! Ich bin halt schon 88 Jahre alt, und da redt man oft Unsinn z'samm! — Was kümmert's uns, wann's 'm Hochbnrger so recht is! — Der zecht und trinkt und die Bauern johlen ihm zu! — Eris besser dran als Unsereine r, wenn er noch so viel trinkt, ihm schabt a Brand nix, er is ja in der Brandver- sichernng! (Ab.) Dreinn-zwanzigste Scene. Kilian allein. Kilian. Steinbaner, Steinbaner! 's Blut gerinnt mir zu Eis, wann ich d'ran denk', daß wahr sein könnt! — Steinbaner, Deine Augen dringen tief in die Seel'! Vierun-zwanzitzste Scene. Kilian, Rn pp ert. Rn pp ert (verstört). Es is aus! — Alles aus! — Kilian. Was hast? — Mein Gott, wie siehst denn aus? Ruppert. Du weißt, wie freundlich die Anna zu mir war, wie's mich noch vordem Vater vertheidigt hat! — Wie der Tanz losgeht, stiehl ich mich in die Stuben, da is sie beim Ranten- kranz-Steff g'standen, hat sich die Hand ! halten lassen und hat ihn g'rad so i aug'schaut, wie mich. Ich Hab' glaubt, ! ich seh nit gut, geh hin und bitt' die Anna um an' Tanz. Da hat's mir g'sagt: „Bin schon versagt für heut" und der Stesf lacht mich höhnisch an und sagt: „Muß denn grad Eine von 12 der Herrenstub sein?" In der Nebenstube laufen g'nug Mägd' herum! — Ich Hab dem Menschen nicht g'autwort, denn der Schmerz is z'groß, ich lauf' zu Dir, Bruder und sag' Dir, daß ich a unglücklicher Mensch bin! (Wirft sich ihm um den Hals.) Kilian (begütigend). Ruppert, Rup- pert! A Soldat und Thränen! — Das hätt' ich Dir Voraussagen können von der hochnäsigen Brut, das und noch Anderes! Merk', was ich Dir jetzt sag': Der Hochburger und'S ganze Dorf hat's nit vergessen, daß ich im Zuchthaus war! — Bei jeder Gelegenheit Hab' ich's ans der Schüssel! — Aber jetzt krieg' ich G'sellschaft, a neuer Kandidat steht auf der Zuchthauslisten und dieser neue Kandidat is nit etwa'n verlumpter Kerl, a g'meiner Schäfer, na, dieser Kandidat fährt stolz im „Baro- nenführwerk," schnalzt kaum mit der Zung, wenn ihm Unsereins grüßt, mit an' Wort, der neue Zuchthäusler is Niemand anders als der Hochburger, der Herrgottsbruder! Ruppert (sich ängstlich umsehend). Um Gotteswillen! Lass' so was nit hören! Kilian. Recht hast, Ruppert, jetzt iS noch ka Zeit zum reden! — Der scheinheilige Spitzbub is groß und mächtig! Der kann den Herrgott vom Kreuz herunterleugnen, und 's wird ihm glaubt. Ich will mich ducken und warten, und treten, und schlagen lassen, bis ich den Beweis Hab' und Hab' ich den, dann richt ich mich hoch und stolz empor und schüttet den Zuchthausstaub aus den Fetzen vom Schäfermantel ! Me in g'hört dann dem Bauern sei G'höft und sei Haus und sein Grund und a die Anna, und z'Kreuz muß die Dirn vor Dir kriechen, bitten muß sie Dich, daß Du sie zum Altar führst und wann's so weit is, dann geh' ich gern wieder in'S Zuchthauswinkel z'ruck, wann ich nur hör, daß Du glücklich bist! (Fällt ihm um den Hals.) Ruppert. Um Gotteswillen, Kilian! — Du red'st im Fieber! Auf's Unglück Deines Dien st Herrn spekulierst? Kilian. So was is a Soldat nit g'wohnt! Aber Unsereins, der vom Schicksal schon durchg'weicht is — Unsereins greift das nit an. Ruppert. Und was ist's mit dem Hochburger? Kilian. Was mit ihm is? Komm daher, damit uns Niemand hört und schau mir auf die Lippen. (Leise anhebend.) Der Hochburger hat sich verspekuliert; der Hochburger is keine zwei Groschen werth, und da er sieht, 's geht nit mehr, hat er sich haushoch versichern lassen, und jetzt zünd't er sein Haus an! Ruppert. Jesus Maria! Kilian. Ja, Ruppert, da schlag ein in mein verknöcherte Hand. Dein Brn- der sorgt für Dein Glück. — Ruppert (sich losringend). Nein, Kilian, das iS a teuflischer Handel — und ich kann nit dazu Amen sagen! (Läuft fort.) Fünfundzwanzigste Scene. Kilian allein. Kilian (ihm nachblickend). Äist so dumm, wie ich, bevor ich auf der hohen Schul' war! Aber ich will für Dich sorgen und dem Hochburger sei Tochter kriegt doch Niemand Anderer als Du, so wahr ich im Kriminal g'sessen bin Zweiter Akt (Wohnstube bei Hockburger. Im Hintergrnnde ein offenes Gangfenster, vorne eine Schwarzwälder Uhr.) Erste Scene. Martha (sitzt am Spinnrocken, das Gebetbuch vor sich, es dunkelt. Man hört Schläge an'S Hausthor vom Annageln der Brandtafel). Martha (aufspringend). Also wahr! Wahr! S' G'höft iS versichert! Mir ist's, wie wenn ich den Nagel in mein' Sarg schlagen hört! (Pause.) Zweite Scene. Martha. Hochburger. Hochburger (im schwarzen Mantel, tritt ein hinaussprechend). Untersucht's die Laternen, ob's alle feuersicher sind! — Grüß Gott, Martha. Martha (über feinen Anblick erschreckt). Jesus! Hochburger. Was hast, Martha? Martha. Gieb den schwarzen Mantel weg! — Mir war's, als stünd'der Todtengräber hinter mir. Hochburger (den Mantel ablegend). Kindisch Weib! — Könnt bös sein, daß Du für mich ka sreundlich'S Mörtel hast. Martha (ihn umarmend). Verzeih, Hochburger! Ich bin so schreckhaft! — Ich werd' alt! Da find't man sich nicht so bald in die neuen Sachen! Hochburger. Meinst die Versicherung ? M a r t h a. Hätt'st damit noch warten können, bis ich todt bin. Hochburger. Was red'st daher, Du sterben! Martha. Bin ja 15 Jahr älter als Du! Hab' schon einmal vor Dir die Freuden des Ehestand'S g'nossen und a die Leiden — hab's z'sammg'richt mein Bünkel für die Reise! Ich möcht sorgen, daß ka Ueberfracht herauskommt und drum, Hochburger, es nutzt nix, es muß heraus. — Seit dem Du auf dem Markt warst, ist mir'S immer g'we- sen, wie wenn die Deck und Alles, was drauf iS, mir aufm Kopf lag'! Hochburger. Mir iS auch immer bang g'wesen — es geht einmal — ein — Feuer aus — d'rum Hab' ich die Tafel anschlagen lassen. — Aber wenn auch die Sach versichert iS, was nutzt's, aber, wenn Eins von uns umkäm — Martha. Mir schaudert'-! — 14 Hochburger, (weggewendet). Da Hab' ich mir schon oft gedacht, da zum Fenster hinausspringen — (deutet nach rechts.) Thut man sich keinen Schaden, weil der Dunghausen da is. — Martha (aufschreiend). Hochburger! Um Gotteswillen! s's schon so weit mit uns? Hoch bürg er. Was meinst? Martha. Auf meinen Knien bitt ich Dich — antwort — mußt anzünden? Hochburger. Steh auf, Martha! Martha. Schwör', daß nit so is. Hochburger. 'S is nit so! Martha. Schwör's! Hochburger (mit Ueberwindung). Mich soll die Sonn' nie mehr bescheinen, nie mehr warm machen, wenn ich nur einen Gedanken an so was Hab'! Martha (aufstehend). Du hast's geschworen, Hochburger, jetzt bin ich schon g'faßter. Jetzt kann ich Dir auch sagen, daß ich heut schon a unendlich traurige Nachricht kriegt Hab'! — Hochburger. Was ist's? Martha. Mei Tochter erster Eh' die Kohlenhofbäuerin, Dein Stiefkind is krank! — Sie verlangt nach der Mutter. — Ich wollt hingehn, aber weil Niemand im Haus und auch dieAnna beim Rauteukrauzwirth blieben is, um die Wirtschaft zu lernen, so muß ich bleiben. Hochburger (sich vergessend, ausbrechend). So mußt Du gehen! Martha. Hochburger, was ficht Dich an? Du weis't mich ja aus dem Haus naus! Hochburger. Sollt ich's nit! — Hab so für mein Stiefkind so wenig thun können! Die Mutter g'hört zum Kind! Du mußt sie Pflegen in ihrer Krankheit, Du nur kannst ihr helfen! Martha. Hochburger, ich dank Dir für Dei gut's Herz. — Jetzt seh ich, daß Du mein Kind gern Haft! Vergieb mir den Verdacht, den ich g'hegt Hab'!-— Wie muß er Dich kränken! — Und dann, seitdem ich mei Tochter krank weiß, leidt's mich nit mehr z'Hans, der Schlitten is ja noch ang'spannt, ich sitz gleich auf — Hochburger. Thu das! Martha. Leb wohl, mei guter Mann! (Ab.) Dritte Scene. Hoch bürger allein. Ho ch burger (vortretend)- A Zentnerlast is mir vom Herzen! Jetzt erst kann ich leichter athmen! (Man hört Schellengeläute vom davonfahrenden Schlitten.) O Herr! Wunderthätig räumst Du mir den Weg! — Wer so auf Gottes Wort hört, kann nimmer a Sünd' begehen. (Es ist dunkel geworden.) Vierte Scene. Hochburg er, der alte Schaffner. (Vom Monde grell beleuchtet, erscheint am Fenster das Gesicht des alten Schaffner.) Schaffner (am Fettster, die Pfeife im Munde). Amen! Hochburger (erschreckt). Wer spricht da? Schaffner. Der alte Schaffner! Verzeiht's a Vätern, daß er sich um sei Kind umschant! Ich such mein Kilian! Und da der nirgend z'finden is, muß ich Euch fragen, wo Ihr ihn hinthan habt? Hochburger. Er is ka Schmuck- fach, daß man ihn in' Schrank aus- b'wahren muß! — Schaffner. Und doch möcht ich für'n Schrank voll Schmuck mein Kind nit eintauschen ! — Er und der Ruppert! San mir alle zwei an's Herz g'wachsen! 15 Bin jetzt 87 Jahr alt und da hat man kan' Aussicht, andere Buben z'kriegen, wenn man die verlieren sollt, wenn man auch als Zauberer im Dorf und als Wunderdoktor bekannt is! Für'n Tod giebt's kein Kräutel! Hochburger. Und was wollt's vom Kilian? Schaffner. Daß er z'Hans kommen soll. Hochburger. Aus mein' Dienst? Schaffner. 'S is bei Euch nimmer g'heuer! Hochburger. Wie so? Schaffner (hereinkommend). Mit Verlaub! Und an' guten Abend! Hochburger (dringend). Wie so nimmer g'heuer? Schaffner. Seitdem das schwarze Taferl mit die zwei rothen Hand' draußt aufg'nagelt is! — Ja, schaut's mi nur so an mit Eure zwei Augen wie die Brandraketen! — Meine alten Bauer fangen nimmer zum brennen an! Hoch bürg er. Ihr redt's so sonderbar ! ^Schaffner. Ich? — Nur ich? — S' ganze Dorf red't so sonderbar! Wißt Ihr's denn nit, was bei der Feuerspritzen g'schehen is? — Wie der Schmied das Thor in der Hand hat, um zuzuschließen, da hören wir, grad so genau wie das Picken der Schwarzwälder Uhr da, da hören wir, wie die Spritzen, von selber, zweimal pumpt — Md als ob man's hüben und drüben heben thät! — Und's war kein Menschenseel'beim Pumpenwerk! — „Gebt's Acht! Eh 3 Tag' vergehen, brennt's im Ort" sagt der alt' Schmied. Und die Schulbuben rennen durch's Dorf und schreien überall! „In drei Tagen brennt's!" - Hochburger. Das Gescheuteste is dann, man macht den Aberglauben zu Schanden und giebt doppelt Acht, daß kein Unglück auskommt. Schaffner. Aber Brennen is nit immer ein Unglück, im Gegentheil! — Wie ich in Euern Schafstaü komm', da drängen sich alle Lämmer um mich zu — mir is ganz entrisch worden! Hab mein Feuersegen g'sprochen und bin daher — und da bin ich und bleib ich — bis ich mein Kilian Hab'! — Hochburger. Da dürft's Ihr lange warten! — Hab' den Kilian über Feld geschickt, dürfte jetzt beim Rautenkranz sein, wo die Anna is! — Bleibt über Nacht aus! Schaffner (aufathmend). Dann bin ich erleichtert! — Nix für ungut! — Wenn man so an weißen Schädel hat, da weiß man manch's Sprüchlein auf der Welt. Und wann's amal a Salben braucht's gegen an Biß, gegen Frost und audere Uebel, wendt's Euch an den alten Schaffner; er will Euch dankbar sein, daß Ihr sein Sohn in der Nacht aus'm Haus g'schickt habt's! (Ab.) Fünfte Scene. Hochburger allein. Hochburger. Aberglauben oder Verdacht? — Verdacht! — Verdacht auf den reichen Hochburger? — Verdacht! Hat die Pumpen a G'hirn, kann die Pumpen mir Possen spielen? — A neuer Wink is! Vorg'schrieben is's, daß a Unglück — daß a Feuer ausbricht! — Mein Weib iS fort, die Anna is fort, der Kilian is fort, fast steh ich allein mit der brennenden Fackel im Haus! Herunter, alt'S Gemäuer! — Wie drohend schau'n die Pfosten auf mich! — Verkohlen sollt's, die ihr den Hochburger als armen Knecht g'sehen habt's, die Decken liegt mir auf der Brust! — Hinauf in den Speicher! Eh 24 Stunden vergehen, fahrt das alte G'lump zum Teufel, a neues, schön's Haus, das mir der Herrgott selber aufbaut, steht 16 auf seinem Fleck! - Erst das Haus is dann mein wahr's Eigenthum! — Als Knecht fahr ich fort, als Herr komm ich z'ruck! (Hundegebell; erschrocken). Was is das? (Zum Fenster.) Der Paß- auf draußen? — Dem Kilian sein Hund? — Er hat ihn z'Haus lassen bei die Schaf, soll ich mich von an Hund erschrecken lassen, 's ganze Dorf red't davon, daß a Feuer ausbricht und des Volkes Stimme is doch immer Gottes Stimme! (Vorhang fällt). Verwandlung. (DaS Innere einer Scheune. In den Ecken und einzeln zerstreut große Wolljacke. In der Mitte hinten die Tenne, aus deren Oeffnung die Spitzen einer Leiter zu sehen. Im Vordergründe rechts au einem Balken eine hohe Schichte gespaltenes Kienholz. Es ist Nacht. Hochburger erscheint nach einer Pause im schwarzen Mantel, die Blendlaterne in der Hand.) Sechste Scene. Hochburger (sieht sich vorsichtig nach allen Seiten um, verschließt die Thllren. Er setzt sich auf einen Ballen, um sich auszuruhen, nimmt seinen Hut ab, trocknet sich den Schweiß ab. Er setzt den Hut auf und drückt ihn tief in die Stirne. Bei dieser Bewegung entfällt ihm das Gebund der 4 Kerzen. Er erschrickt, beugt sich nieder, und rafft langsam die Kerzen zusammen. Er geht zum Ballen rechts, nimmt sein Messer heraus und schneidet an den vier Ecken Löcher und setzt die Kerzen eine nach der andern hinein. Er räuspert sich wie nach gethaner Arbeit, erschrickt selbst über seinen Laut, und fängt, wie um sich Muth zu machen, mit sich zu reden an.) Hochburger. Kalt heut'! — 'S is entrisch da! — I waß nit, ich hat' a sakrische Lust zum Karteln! Aber so dumpf is's da, die Latern' wirft so a falsch Licht, muß Heller machen! (Zündet mit der Laterne langsam die Kerzen an, geht fort, dann wieder zurück.) Will nit knausern S'an geweihte Kerzen! (Zündet die zweite au. Indem er die dritte und vierte anzündet). Ah, da schaut's aus, wie bei einer Hochzeit oder bei einer Tauf', oder bei an' Grab! I st's vielleicht a Grab, das Grab von an ehrlichen Namen? — Hochburger, z'wegen was bist Du da? (Fest.) Ich bin da, weil's bestimmt is! — Heut' Nacht hat mir so schön träumt! — Ueber a große, weite Haid' bin ich gangen. — Da hat's Funken g'regnet, die sind mir in's G'sicht g'flogen und auf mein Mantel, aber zünden haben's nit und bin drunter Weggängen, wie unter Schneeflocken, und wie ich weiter komm', war a ganze Säulen von Funken und hin und her san's g'flogen, so lustig wie die Dirn beim Tanz, und plötzlich is mein Vater vor mir g'standen, hat die Hand auf mein Schulter g'legt und g'sagt: „Es regn't Gold!" Den Traum hat mir der Herrgott eingeben. Die Anna wird glücklich sein — mei Weib wird glücklich sein — und ich! — Jetzt in 1? Stunden und in nochmal 12 Stunden is All's vorüber! — Und je länger Du zauderst, desto länger liegst auf der Folter und der Satan treibt's G'spiel mit Dir! —Heraus das Pulversackerl! — Und heraus das Pulversackerl! — Und dahin in's Kienholz — und das dahin! — Koan Mensch hat mich g'se- hen als Gott! — Siebente Scene. Hochburger. Kilian. Kilian (der unterm Kienholz versteckt lag, sich blitzschnell hoch aufrichtend mit Donnerstimme). Und der Teufel! Hochburger (zusammenstürzend). Jesus, Maria und Josef! (Pause.) Hochburger (richtet sich langsam auf.) 17 Kilian. Todt seid's nit, das Hab' ich g'wußt, (höhnisch.) denn 's is Euch was Anderes besti in int! — Es müßt's am Galgen verfaulen! Hochburger (aufschreiend). Kilian! Um Gotzteswillen, was willst Dn hier? Kilian. Euch Gesellschaft leisten! Züsch au'n, wie Ihr das Ding anstellt, damit ich's meinen Freunden erzählen kann, wenn ich wieder in's Zuchthaus komm'! — Hochburge r. Wovon sprichst Du? Kilian. Von was anders als vom Brandstifter? Hochburge r. Wer darf das sagen ? Kilian. Sagen — na beweisen — probier's und leug'n's ab, Du Hallnnk! Hochburge r. Kilian! Kilian. Die zwei Pulversäck zeugen deutlich gegen Dich! — Verfallen is der Hochburger mit Hans und Hof und Treu und Glauben an den Schafhirten Kilian, den Zuchthäusler! Was Du mir je gethan, mit Wncherzins zahl ich's heim, das schwör ich, so wahr diese Kerzen Dir die Seel' ausbrennen werden! Hochburge r. Schrei nit so, Kilian! Kilian. Wer könnt uns denn hören? Die Knecht', die schlafen weit weg und der Paßauf, mei Hund, der hat ja ka Stimm'! Hochburger (mit Anstrengung). Kilian, was verlangst, was muß ich Dir thuu? — Kilian. Halb Part, Bruder, halb Part! — Habt's ja so a schön's Töchter! im Haus, mein Bruder Heirat die Anna — und wenn Hans und Hof in dem seine Händ' sein, daun will ich schweigen und vergessen, daß ich Euch hält' in's Kriminal bringen können! Hoch bürg er. Du forderst groß, Kilian! Kilian. Willst — oder willst nit? Will Dich nit zwingen — Hoch bürg er. Ich muß! — Kilian (sich reckend). Gut! - Jetzt Theater--Repertoir 315 . sollst sehen, daß Du's mit an ganzen Kerl z'thun hast! — Während Du nur mit tausend Paternoster Dich an die That g'macht hast, Hab i g'handelt; halb, wie Dei Vorsatz, war die Ausführung ! Fleißig muß's dabei zugehen und's Äug nit nach oben oder unten, nein, grad aus, da schau her! — Die zwei Schrauben! — Heut morgen war ich im Spritzenhaus, und die zwei Schrauben, die Hab' ich von dort losg'löst, da is ein Seil, das Hab' ich mit Karr'n- salben g'schmiert, mit Fett getränkt, ^s is a Leiter, um's Feuer blitzschnell in den Nebenbau auf'u Heuboden z'leiten! Hochburger. Du — Du bist — a schlechter Mensch! Kilian (höhnisch). Hoho! Pfeift'L wieder aus dem Loche? Ich bin nit schlechter und nit besser als hundert Andere, die in der Kutsch dahersausen! Seit meiner Kindheit hat mich's Schicksal wie an'Hund behandelt, Hab'glaubt, 's muß so sein und Hab' mich duckt und nit g'mukst, wie ich Schläg' und Püsf kriegt Hab' wie a Vieh! — Vom Herrgott is All's bestimmt und der Pfaff auf der Kanzel hat mir's Sakrament vorg'halten und ich Hab' an die Kirchensteiner mir die Stirn wund g'rieben! „Kommst in' Himmel, Kilian, kommst in Himmel!" — Hab glaubt, 's wird besser! — Ja, g'fehlt! Den Pfaffen hat's Seelenheil fett g'macht! Mich nit! — Und wie ich Dich g'sehen Hab', und seitdem ich weiß, wie sich die reichen Leut aus der Verlegenheit winden, Hab ich aufg'hört das geduldige Schaf zu sein! Ich will a Mörtel mitreden! Das G'schick, was mir die Menschen g'schafft haben, schleud're ich z'ruck, a neues Leben Witt ich anfangen und dazu mußt Du mir helfen, so wie Du jetzt in meiner Gewalt bist! Und mukst Dich, Hochburger, hast Lust nimmer nach der Pfeifen vom Schafhirten zu tanzen, so spazierst mit mir in's Zuchthaus 'ein! 2 18 Hochburg er. Du bist a Gottesfrevler! «Fiebernd.) Wir zwa — wir thun kein Gut — Kilian. Oho! Probier's nur. Willst allan der G'singelte sein, der über die dummen Bauern lacht, wenn's vom Himmel und Höll schwatzen? Hat'sje an Herrgott geben, so is ihm die miserable Wirtschaft auf der Welt längst z'wider worden, und hat den Teufel an die Regierung g'lassen. Hochburger. Kilian, Du bist a gottloser Patron! — Aber na — ich bin in Deiner G'walt, ich will thun, was Du sagst, wannst hier bleibst, wann's Feuer angeht und zuschaust, daß kein Menschenleben z'Grund geht! Kilian. O, Du heuchlerischer Sackerwolter! So besorgt bist worden! — Davon fahren möcht'st, dem Kilian das Haus Massen, damit's ihn beim Kragen fassen, wenn die Leut vom Kriminal die Hand nach den: Brandstifter ausstrecken? Na, Hochburger, mitmachen mußt — von der ersten Feuersäulen bis zur letzten und Hand in Hand mit Dir geh ich zur Brandkassen und lass' uns die Hellen Kronthaler aufzählen, und mein'm Bruder g'hören's Alle und Niemand darf sich muksen im Haus, denn ich Hab die Hand drauf g'legt! — Hochburger (ausbrechend). Der Teufel spricht aus Dir, elender Zuchthäusler — die Gurgel schnür' ich Dir Ztt! (faßt ihn wüthend an.) Kilian. Zu Hilfe! Hochburger. Dich ermorden is a gut's Werk — denn Du läugnest unfern Herrgott! (Er ersticht ihn., Kiliau. Zu Hilfe! — ich bin — hin! Hochburge r.Jetzt redt a Wörtel mit! — Schleuder's zurück das G'schick, das Dir der Herrgott g'schafft hat — und fang' an das neue Lotterleben! — B'hüt Gott Haus uudHof — ich seh Euch nit mehr wieder! Dritter Akt (Beim Waldhornwirth. Kronleuchter. Tische und Stühle.) Erste Scene. Der Wirth. Die Magd. Wirth. Flugs! Flugs! Mädel! — Nimm 'd Fuß' in die Hand! Magd Da könnt' ich erst recht nix thun! — Die Händ' g'frieren mir immer ein! — So barbarisch kalt war's noch nie! Wirth. Leg' Dich i'n Kachelofen 'nein ! Magd. Ja, wenn's Sommer war', thät' ich's schon! — Aber jetzt! — 'S brennende Holz war ka guter Schlafkamerad ! Wirth. Dem brennenden Holz, Dirn, hat schon Mancher sein' Reichthum z'verdanken! Rasch die Kerzen an- zunden vom Kronleuchter — glänzen muß All's heut' beim Waldhornwirth — daß die Hochzeitsleut noch in 25 2ahr'n davon sprechen. Magd. Das heißt, wann sie's erleben ! Ich waß nit, was die Leut' am Heiraten haben! Wirth. Da muß man's halt pro- biren und selbst heiraten! Magd. Wann's nur auf a Prob ankäm' — da wär' ich schon dabei — aber's Leben lang — na da sing ich lieber: Manch Diandl, das sehnt sich Halbtodt um an' Mann, A Dian, die kein Schatz hat, 2s viel besser no d'ran? Wirth. Und doch giebt's wieder a Lied'l, was a nit Unrecht hat: Die heil'gen drei König Hab'n ein einzigen Stern, Drei Bub'n hat's Diand'l, Wie wird denn das wer'n? Na, wie g'fallt dir das Lied? Magd. Mir, viel besser, weil ich a Dirn bin! Wär ich a Bua, thät' ich mich kratzen! Wirth. So, den nothwendigen Plausch haben wir g'halten — jetzt a an die Arbeit! Zweite Scene. Vorige. Musikanten. 1. Musikant. Grüß Gott! Waldhornwirth, da is a Kälten! Wirth. Grüß Gott! Wir werden gleich nachlegen. 1. Musikant. Wo? Wirth. Da im Kachelofen. 1. Musikant. Ich bitt Euch, da richts nix aus — das Unglück sitzt bei die Musikanten immer einwendig. Stellt's aufi die Schnapsflaschen auf's Pultel — und Ihr könnt'S den Kachelofen abtragen lassen. Wirth. Da'S aber auf der Welt noch andere Leut giebt, als Musikanten, werd' ich ihn doch noch steh'n lassen. 2 * 20 I. Musikant. Habt's Recht! Für 'die andern Leut' der Ofen — für uns die Flaschen — stellt's uns das Ding 'naus. (Gehen auf die Tribüne. Der Wirth ab.) Dritte Scene. Vorige, ohne Wirth. Magd (indem sie die Lichter anzündet, singt.) Und hört ma wo Zithern schlag'u, So laßt's an' ka Rast, ka Rua, S' G'blüt hebt zan' tanz'n an — Die Dirn' schmatzt der Bna! Vierte Scene. Vorige. Wirth (unterm Arm den Rautenkranz Steff, ihm nach drei Bauern.) Wirth. Meiner Six — der Steff! Es laßt Euch mal im Waldhorn seh'n? Steff. Wo's a Hetz giebt, da is der Steff dabei! Wirth. Hab' g'laubt, seid's mondsüchtig wor'n, und steigt's einer gewissen Anna auf's Dach? Steff. Wißt's was? Das Dach is mir noch immer z'weng holperig und a no a weng z'steil! — Aber wenn das Dach amal besser eing'legt is — dann will ich nix verreden. Wir th. Aha, versteh's schon. Seid's a waidlinger Bub. Es braucht's halt no a paar Tausender mehr! Steff. Muß für mein' Bub'n sorgen! Wirth. Ihr, Buben? — Ihr seid's ja ka Dirn' und Vater seid's a no nit! Steff. Aber a Ammel bin i! Da schaut's her — die drei baumlangen Kerl'n — kaum komm' ich in a Wirths- hans — muß ich's trinken lassen! (Alle lachen.) Ein Bursche. Dafür müssen mir aber auch sein G'spaß anhören, und, wenn er noch so an' dummen Einfall hat, lachen, daß wir im G'sicht reih wer'n wie die Krebsen! Wirth. 'S is in der Stadt und am Hof a nit anders! Ein Bursche. Nur daß die Hofleut' nit roth wer'n! Wirth. Natürlich! Weil die rothe Färb' bei Hof nie b'liebt g'west is! Ein Bursche. Welche Färb' is denn dort am beliebtesten. Wirth. Grau! Dabei laßt sich am besten regieren, weil man nit auf die Finger und in die Karten schau'n kann! Ein Bursche. Wie, is's denn mit schwarz? Wirth. Amal war die Färb' bei alle Höf' sehr gut ang'schrieben! — Aber sie hat schon ihren Glanz verlor'n! (Schellengeläute und Peitschenknall.) Him- melfixlaudon! Da san' schon die Brautleut' ! Musikanten rührt's Euch — langt's ein in die Saiten, blast's ans Eure Backen und ös schreit's — — was Platz hat - Vivat hoch! (Tusch. Alle schreien:) Vivat! Fünfte Scene. Vorige. Hochburger. Hoch bürg er. Was macht's denn für Narrheiten? Empfangt's mich ja g'rade, als wenn ich der Kaiser war'! Alle (erstaunt). Der Hochburger! Hochburger. Freilich; der Hochburger! Habt's g'wiß wen Andern derwart? Wirt h. 'S is a Hochzeit im Dorf! - Ho ch burger (lachend). Und da habt's mich mit'm Bräutigam verwechselt? Musikanten, der Hochburger wird Euch schadlos halten! (Tusch. Auf Steff zu- gehend.) Sapperlot! Da is ja der Steff! — Grüß Gott! — Na na — was schaut's mich den» so an? Steff. I? — o — wegen nix! - Hab' mich nur g'wundert, daß Ihr 21 HauS und Hof im Stich laßt's und für die Nacht wegfahrt! Hochburge r. Muß mein Weib ab- hol'n! — Und a die Anna ! — Wißt's ja, wie ich an der Familie häng'! Steff. So habt's Ihr schon g'hört? Hochburger. Was denn? Steff. Daß Eure Stieftochter vom Kohlenhof g'storben is? H o ch burger (außer sich). G'storben ? — Und ihr Geld fallt an uns? Steff. Na sicher! H 0 chb Urger (schlägt eine wütheude Lache auf). Haha! — So verfluch' ich all's Geld und Gold auf der Erd'! — 'S is dem Teufel sei Spielkamerad! — Umsonst — umsonst — All's umsonst! — (Stürzt au einen Tisch.) Steff. Um Gotteswillen, Hochburger! Wirth. Hättet müssen vorsichtiger sein! Der Hochburger hat vor 22 Jahren sei Stieftochter gern g'habt und hat'S heiraten wollen. Aber sei Frau hat's mt zugeben — und hat ihn lieber selbst " g'nommen! 'S is heut schon vertrautscht! —Was ma sich auch Müh giebt, Lustigkeit eiin z'bringen — 's geht All's verkehrt! — Die sträfliche Kälten dräust! — Der Hungerbruuu is zu'gfroren und das erinnern sich die ält'sten Leut' nicht! — Wenn's Unglück wollt' und s' kam heut' Feuer aus, ma hält' kein Tropfen Wasser zum Löschen, das ganze Dorf war' verloren ! H och b urg e r (aufspring end). Und waun's ganze Dorf d'ran und d'rauf ging — was verschlüg's! Wirth. Hochburger! Was habt's! Gebt's Ruh! Hochburger. Laßt mich aus — Ihr — und 's ganze Dorf! Aus Sünd uud Eitelkeit z'sammg'setzt! Aner speknlirt auf's Geld vom Andern! — A Bauernhochzeit! — Und da werden Kerzen anzunden — wie in der Kirch' am Auferstehungstag ! Wie leicht brennt die Kaluppen ein — aber 's macht nix — Ihr seid's ja versichert! Was kümmertS Euch, wenn die Bersicheruugssummeu immer größer werden und den armen Häuslern und Einsichten das Stroh unter'm Leib wegfresseu! — Ihr fragt's den — (steht Plötzlich wie vom Schlag ge- gerührt.) Horcht's! Horcht's! (Mächtige Fenerglockenzeichen.) Wirth. Das is die alt' Kathreiu' — die Feuerglocken! Steff. Jesus Maria! Alles (rennt wild durcheinander.) Steff. Und's riecht in der Luft so gräulich — Herrgott — das Feuer is im Dorf! — Kommt'S retten — retten! (Alles wendet sich zum Abgehen) Sechste Scene. Vorige. Steinbauer. Steinbauer. Bleibt's Leuteln! ! Bleibt's da ! Wirth. Wo brenuts denn? Stein bau er. Gleich werdt's es erfahren, Leuteln und gebt's fein Acht! (Geht ans Hochburger zn und legt ihm die Hand auf die Schulter.) Hochbnrger! Hochburger (zuckt zusammen.) Steinbauer. Wißt's, wo's brennt? Hoch bürg er. Wie kann ich? St ein bau er. In Euerm Haus — schon über 2 Stund — Alles (entsetzt). Beim Hochburger! Hochburger. Bei mir? — Zu Hilf'! Rettet — rettet! Was steht Ihr so müßig da? Steinbauer (wilthend). Was sprengst die Leut wie die Narren hin und her! 'S is nix z'helfen, Leut!— Das Haus is an alle 4 Ecken angegangen, eb' man's g'wußt hat! Alles. Heiliger Gott! Steinbauer. Schaudert's, Ihr Leuteln! — Und habt's noch nit All's g'hört! — Steff. Noch was? 22 Steinbaner. Das sseuer is g'legt! (Allgemeine Bewegung.) Hochbnrger. Wer darf das sagen? Stein bauer. Gleich werdt's ihn da haben den Amtsverweser, der's Euch in's G'sicht sagen wird! — An Spitz- bub'n haben wir — 's is der Kilian, der noch gestern die Kloben aus der Spritzen heraus g'stohlen hat! Hochburger. Und der — is — eing'liefert? Steinbauer. Das wird er sicher, wenn er nicht mitverbrennt is! Siebente Scene. Vorige. Der alte Schaffn er. Amts- verweser mit dem Actuar, zwei Landjägern und Bauern aus dem Dorfe. Steinbauer. Da kommts Gericht und jetzt wer'n wir vielleicht den zweiten Hallunken kriegen! Schaffner (Hochburger am Arm packend). Da — da Hab' ich ihn! — Mordbrenner, gieb mir mein Kind raus! Mein Kind! Hochburger (ihn fortschleudernd). Was faßt mich an mit Deine grizzigen Hand' ? — Ist's Brauch den Erstbesten anzuklagen? — Ich wend' mich an's G'richt — da is der Herr Amtsverweser — Herr Amtmann — (will ihm die Hand geben). Amtmann (ausweichend). Das nachher — Hochburger (als ob er'S nicht bemerkt hätte). Herr Amtmann, ich verlang' mein Recht! - Amtmann. Und das soll Euch unverkürzt werden! ^ Schaffner (aufschreiend). Mein Kind will ich! — Mein Kind! Amtmann. Ich Hab' Euch schon gesagt, Kilians Leichnam wurde verkohlt ans den Trümmern hervorgeholt! j Schaffner. Mein armes Kind! — So will ich Rache an Hochburger! — Er allein is der Mordbrenner! Amtmann. Das bildet eben den Gegenstand der Untersuchung — und damit Ihr desto schneller zu Eurem Rechte kommt — verhaltet Euch ruhig! Hoch bürg er. Ja, Herr Amtmann, Licht muß in die Sache kommen — ich geb nit nach — und wenn mein letztes Hemd d'rauf gehen sollt! Amtmann. Vorläufig haben Sie nur zu antworten und sich jeder Bemerkung zu enthalten. Ich ersuche die Anwesenden — außer den Betheiligten — das Zimmer zu verlassen. (Alle ab, bis auf Amtmann, Actuar, Hochburger und Schaffner). Achte Scene. Steinbaner (Im Abgehen). Ihr werdt's noch zeitlich g'nug erfahren, daß ich Recht Hab'! (Ab). (Mittlerweile wurde ein Tisch mit zwei Kerzen an der Seite rechts bereit gestellt, an welchem der Amtmann und der Actuar Platz nehmen. Die beiden Landjäger stellen sich an den Ausgang). Amtmann. Hochburger und Schaffner, Ihr könnt auch Platz nehmen. Schaffner. Ich neben dem Mordbrenner? — Nimmermehr! Amtmann. Setzt Euch dorthin und seid ruhig! Es sind nur einige Vorfragen, die ich an Ort und Stelle zu erledigen habe. Schaffner, auf was gründet Ihr Eure Anklage gegen den Hochburger? Schaffner (unter Schluchzen). Der Kilian hat mir heut vor acht Tagen g'sagt, daß der Hochburger mit dem Plan umgeht, die Versicherung zu betrügen und sein Hans anzuzünden. Amtmann. Was habt Ihr darauf zu erwiedern? Hochburger. Der Kilian — Gott 23 Hab' ihn selig — man soll den Tobten »ix Uebles Nachreden — aber 's steht schon in den Akten — der Kilian war im Zuchthaus — ich Hab ihn aus Gnad und Barmherzigkeit ins Haus g'nommen; aber er war unverträglich. Ich Hab' ihn öfter auf die Finger klopfen müssen — er kann mich leicht aus Rach' in's G'red g'bracht haben. Amtmann. Was schaut Ihr immer zu Boden? 'S war doch sonst nicht Eure Art? Hoch bürg er. Herr Amtmann, ich steh' das erstemal vor Gericht. — Mich — mich blend't das Licht! Die Kerzen - 's is so hell im Zimmer — Schaffner. Im Zuchthaus werdt's darüber nicht zu klagen haben Amtmann. Ruhe, Schaffner! — Hochburger, wie lang sind Sie hier? Hochburger. Seit einer Stund! Amtmann. Und wie lang vom Hans abwesend? Hoch bürg er (gewichtig). Seit 10 Stunden. Amtmann. Wann haben Sie den Kilian das letzte Mal gesprochen? Hochburger. Das kann ich mich nicht besinnen. Amtmann. Warum nicht? Hochburger. Der Kilian is mir nie g'wichtig g'nug erschienen, daß ich mir's letzte G'spräch mit ihm hält' merken sollen. Amtmann. Hat Kilian Ihnen gegenüber nie eine direkte Beschuldigung ausgesprochen? Hochburg er. Was für eine Beschuldigung? Amtmann. Der Brandstiftung? — Antworten Sie! Hochburger (fest). Nie! Amtmann. Gewiß nicht? Hochburger. Ich bin der Hochburger, dem sei erst's Wort gilt. Amtmann. Sie sind hier Angeklagter, und die nehmens nie mit 'n Worten genau. Hochburger. Es ist hart für einen Ehrenmann, sich so was sagen z'lassen. Uebrigeus kann ich durch Zeugen beweisen, daß ich mein Haus ursprünglich gar nicht versichern wollt' — daß ich nur dem Drängen des Kaufmann Gäbler nachgegeben. Er war's, der mich dazu überred't hat. Amtmann. Wußten Sie von dem Tode Ihrer Stieftochter, der Kohlenhofbäuerin, als Sie vom Hause wegfuhren ? Hochburger. Nein, ich Hab's hier erfahren. Amtmann. Sie lebten nicht in ganz geordneten Vermögensverhältnissen ? Hochburger. Fragen's nach, Herr Amtmann im Dorf wie mein Credit steht! Amtmann. Nicht das will ich wissen! — Ob Sie vollkommen rangirt sind? Hochburger. Ich Hab' einen ausgedehnten Schashandel und Hab' viel Wagniß, aber auch großen Gewinn. Amtmann (mit Bezug). Vielleicht wäre das Unglück nicht geschehen, wenn die Kohlenhosbäuerin früher gestorben wäre? Hochburger. Wer kann das wissen —was bestimmt is — is bestimmt! — Schaffner. Und Euch ist das Zuchthaus „bestimmt"! — Amtmann. Ruhe! — Die Justiz- Pflege hat sich gleichwohl nicht mit den ..Bestimmungen" abzugeben, sondern mit den Fakten. — Faktum ist, daß Sie sich in letzter Zeit in große Spekulationen eingelassen haben — Faktum ist, daß die versicherte Summe den Werth des Versicherungsobjektes weitaus überstieg — und Faktum ist, daß Sie jetzt nach dem Brande finanziell besser stehen als vorher. Hochburger. Mich soll auf der Stelle der Teufel holen — Amtmann (unterbrechend). Leider kann die Justiz auf die gefällige Mit- 24 Wirkung dieser Persönlichkeit nicht zählen. Der Teufel ist in solchen Fällen ein höchst unzuverlässiger Patron. Es könnte denn doch sehr gut möglich sein, daß Sie Ihr Haus angezündet — und daß Sie der Teufel nicht holt! Hoch bürg er Ich Hab' Religion! Amtmann. Auch die italienischen Diebe, die sich mit dem Zeichen des heiligen Kreuzes bedecken, bevor sie ans der Kirche die Gold- und Silbergeräthe stehlen. HochbUrger (sich in die Brust werfend). Soll Einer anftreten gegen mich. Sechs- undfnnfzig Jahr' leb' ich ans der Welt und nit Schwarz nnter'm Nagel Hab' ich Unrecht gethan! — Wenn mein Vater heut' aus seinem Grab anfstünd', er müßt sagen, daß ich mich schon als Kind durch Bravheit anszeichnet Hab'! — Ich bin kein Spieler — ich bin kein Trinker — und jetzt sollt' ich plötzlich den Kilian umbracht haben? Was brächt mir das Leben eines Schafhirten für Gewinn, für Nachtheil? Schaffner. Ich wüßt An, der drauf antworten könnt' — der Paßanf, der dräust herumschnoffert, der Paßanf, dem verbrannten Kilian sei Hnnd! Hochburger. Schaffner! — Du bist Feind gegen mich! — Ich nehm Dir's nit übel! — Aber Du wirst's amal bereuen, was Du an mir than hast. (Mit wahrem Gefühle.) Wenn i mit mein' halben Leben Dein Kilian wieder anf- wecken könnt' — wenn ich's ungeschehen machen könnt — die vierundzwanzig Stund' — ich thät's! Und da schwör ich's vor allen Leuten — ich lass' Dir's nit entgelten — ich will Dir helfen, wo ich kann! Du hast ja Dein Sohn verloren! Du könnt'st mein Vater sein — ich will mich denken lassen, mein Vater lebt noch amal! (Sinkt in den Stuhl und verhüllt dar Gesicht.) Schaffner. Er is a Heuchler! Er halt unfern Herrgott für'n Narr'n, warum nit a uns. Hochburger. A Heuchler ich? — Soll mich mei Schöpfer in der Sterb'- stund verlassen, wenn ich nit wahr g'sprochen Hab'! — Ich bin unschuldig an Kilian sein' Tod! Da steh ich! Wer auf Gottes Erdboden kann sagen: „Der Hochburger is a Brandstifter!" (Schlägt auf den Tisch links. Von der Erschütterung fällt der Kronleuchter mit den vier Kerzen zur Erde, direkt vor Hochburgers Füße.) Hochburger. Jesus Maria! Die geweihten Kerzen! Die Kerzen! (Stürzt zusammen.) (Der Landjäger will den Luster ausheben.) Amtm an N (steht auf und weist ihn mit der Hand zurück.) (Er geht dann zu Hochburger und legt dem Z lsammengesnnkenen die Hand auf die Schulter.) Hochburger! Bekennt Eure Schuld! — Ich kenn Euch! — Ihr hättet in Eurem Leben keine ruhige Stund'! — Habt Ihr das Haus mit solchen Kerzen angelegt ? Hochburger (richtet sich nach einer Pause groß auf). Ich weiß nicht, was Ihr wollt'! Ist das erlaubt? — Ich will, daß das zu Protokoll genommen wird! Amtmann. Das wird's auch ohne Ihren Wunsch! (Giebt das Zeichen zum Aufheben des LnsterS.) Hochburger (sich fassend). Ich glaub nit' daß der Richter so inquiriren darf! Amtmann. Beruhigen Sie sich! Der Luster fiel von selbst herab! Hochburger (erleichtert ). Von selbst? Amtmann. Ich aber frage Sie, wie werden Sie uns diese Aufregung erklären? Hochburger. Ich bin erschrocken. Das is Alles! — G'rad solche geweihte Kerzen stehen in der Minute vor der Leich' meiner Stieftochter! — >Wir waren amal Liebeslent' — und >das, — das is mir eing'fallen — wie 25 ick mir denkt Hab', — jetzt liegt sic auf hem Laden! A in t m a n n (zum Aktuar). Sonderbar! Man hört von außen Martha's Stimme:) Ich muß hinein zu ihm! Hinein zu min' Mann! A IN t IN a n N (zum Landjäger). Sie komme! Rennte Scene. B orige. Martha. Martha. Um Gotteswillen, da bist Dn ja! Ick Hab' Dich wieder in meinen Arm! — Na, na, Herr Amtmann, Sie hülfen mir mein Mann nit nehmen — und wenn er schon in den Thurm muß — ich geh mit — ich bleib' bei ihm — >vir san als christliche Eheleut' von Gott z'sam'geben und kein Mensch soll mich von der Brust meines Mannes lvegreißen können! Amtmann. Wissen Sie, wessen Ihr Gatte angeklagt ist? Martha. Ich weiß, ich hab's g'hört! Das ganze Dorf red't davon! — Aber mein Mann is unschuldig! Amtmann. Ich habe Sie vorerst nicht rufen wollen. Ich mache Sie aufmerksam, daß Sie sich der Nechtswohl- that des Gesetzes bedienen und sich der gerichtlichen Aussage gegen Ihren Mann klitschlagen können! Marth a. O nein! Ich kann reden so gut wie er! A m tman n. Also, Sie halten Ihren Mann für nnscknldig? Martha. Ja! Amtmann. Und haben Sie nie ein Wort über die Brandstiftung mit Ahrem Manne gesprochen? Martha. Mit dem Hochburger? Amtmann. Ja, antworten Sie! Sie werden dann Ihre Aussagen zu beschwören haben! Hochbn rg e r (bei Seite). Heiliger Gott! Martha. Nie! Amtmann. Sie können es beschwören ? Ho ck bnrger (leise). Martha! Martha (fest). Ja! Amtmann (aufsteheud). So dank' ich vorläufig! Das Weitere im Gerichtshaus ! Hochburger. Ich bin frei? A m t m a n n. Noch nicht! Sie folgen uns vorläufig. Hochburger. Darf ich in meinem Fuhrwerk fahren? Amtmann. Wir können zusammen fahren. (Auf die Landjäger deutend.) Meine beiden Burschen geben uns das Ehrengeleit! Ihre Frau kann Sie begleiten. (Wenden sich zum Gehen.) Schaffner. Herr Amtmann, das ist ans? Und mir — mirkann's Gericht kan' Trost geben? Amtmann. Sie sehen, Hochbnrger kommt in Haft. Schaffner. Und dort kann er frei gelassen werden? A m t m a n n. Freigelassen, wenn sich seine Schuld nicht beweisen läßt — Schaffner Und was jetzt Vorkommen is — is nicht g'nng Beweis? Amtmann. So viel ich weiß — nein! — Wir richten nach menschlichen Einrichtungen! Das letzte Urtheil spricht ein Höherer! Kommen Sie! Hochbnrger (zu Schaffner). Schaffner, was ich g'sagt Hab' — bleibt g'sagt! — Ich kann Dir nit grollen! — Du sollst von uns wie's Kind im Hans g'halten sein — so oder so! (Ab.) Zehnte Scene. Schaffner (allein.) A Stück Brod für mein todten Kilian? — Und's Gesetz kann übern Schurken kein Schuldig 26 sprechen, wenn der Schurk das G'setz übern Daum drehen kann? — Mein alten Schädel dafür — der Hochburger iS doch der Mordbrenner! — Und der Hochburger geht frei aus! — Frei vom Gericht, aber nit von mir! So lang' ich an' Athemzug Hab' — will ich dem Hochburger in's G'sicht schrei'n, daß er a Mordbrenner is'! — An seine Fersen will ich mich heften — ich will mich hineinschleichen in sein Herz und nicht müd' werden, an sein G'wissen anzuklopfen. Und wenn der Hochburger von Würd' zu Würd' steigt — und wenn er sich 'naufstellt neben den Herrgott in's Tabernakel — ich fühl's doch da drin, wer mein Kind umbracht hat! (Spielt 5 Jahre später.) (Hütte des alten Schaffner, reich ansgeschmückt mit Fledermäusen und Zanber- symbolen. Im Hintergründe ein alter Schrank. Es wird Abend.) Erste Scene. Schaffner lsitzt am Tisch vorn und raucht. Man hört Vivatschreien und Freudenmusik hinter der Scene. Schaffner (an's Fenster gehend.) Blast zu, Stadtzinkenisten, blast ihn an Euern neuen Schultheiß, den Hochburger ! — Wie ich's vorausg'sagt Hab', is 's eingetreten. Jeder, der früher den lautesten Verdacht ausg'sprochen, wind't sich jetzt vor dem neuen Bürgermeister! — Nur Einer ist noch bei seiner Meinung geblieben, das is der alte Schaffner! — S' G'richt hat ihn frei sprechen müssen ! — Hat's denn Zeugen geben? Und a „Schuldig" ohne Beweis könnt' nit g'sprochen werden. — Heut z' Tag is das anders! Wir haben's Schwurgericht! Heut z' Tag schaut man an Hallunken in's Herz! — Hochburger, wann Du heut himkämst vor'S G'richt — heut wärst Du verloren — mit all' Deiner Schurkerei! Zweite Scene. Schaffner. Ruppert. Ruppert. Grüß' Gott, Bater! Schaffner. Ruppert, denkst doch noch dran, daß Du ein Vätern hast? Ruppert. Hab's nie vergessen! Schaffner. Und doch treibst Dich seit drei Tag' im Dorf umher, und hast noch nit Zeit g'habt, an Dein Vätern z'denken! Nupper t. Mich haben's gleich auf's Amt 'naufg'holt. Hab' dem neuen Schultheiß mein' Urlaubspaß übergeben müssen; denn ich bin jetzt frei vom Militär und Hab' nur noch die Herbstübungen mitz'machen. Sch a f f n e r. Beim Schultheiß warst? — Beim Hochburger? Ruppert. Ja, Vater! Schaffner. Beim Mordbrenner! Ruppert. 'S kränkt mich, Vater, daß Du noch immer den Verdacht hast! — Wie könnt' a Mensch mit an' Verbrechen belasst — so aufrecht daher gehen! — Der Hochburger iS als Ehrenmann bekannt, steht jetzt ang'seh'ner da als je — sie haben ihn sogar auf die G'schwornenliste g'setzt. Schaffner. In's Schwurgericht? — O Herr Gott! Und das laßt zu? Ruppert. Du thust ihm Unrecht,- Vater! Der Hochburger war so gut gegen mich! 28 Schaffue r. Ich weiß, was er vor hat — er will Dir sei Anna geben — er will sich loskaufen! Denn merk's, junger Bursch, so aufrecht und stolz der Hochburger daher geht, einwendig schaut er z'rissen ans! 'S is ihm in ganzen Körper so kalt, es friert ihn innerlich, selbst wenn er am Ofen sitzt — und fast verbrat! — Bei der Schult- heißenwahl hat er a Glas warmen Wein um das andere hinnnterg'schütt' und er hat sich nit erwärmen können! Rnpp recht. Ja, ja — ich erinnere mich! — Und er hat mich beten, Dich z'sragen, Vater, ob Du kein Mittel dagegen weißt! Schaffner. Der Hochburger muß selbst kommen, sonst hilft kei Sympathie. Ruppert. Hilf ihm Vater! Vergiß auf den Haß. Man kann sich täuschen! Auch ich Hab' mich in der Anna täuscht! — Die Anna is mir gut — thu's wegen mein Lebensglück! Schaffner. Willst Du die Tochter des Mörders Deines Bruders heiraten? In alten Zeiten hat ein Bruder nit g'ruht, bis er für das Blut seines Bruders Rache genommen! — Und Du willst hingehen und dem seine Tochter heiraten? — Hast den Kilian schon ganz vergessen? — Schau her — da is sein Mantel — da is sein Hut! (Holt Alles aus dem Schrank.) Denk', er selbst stünd' vor Dir und ruft Dich zur Rache auf. R u ppert (auf die Kleider stürzend, die Schaffner auf dem Tische ausbreitet, von der Erinnerung übermannt.) Mein armer, unglücklicher Bruder! — Schaffner. Laß fließen Deine Thränen; denn dem Kilian sein Unglück verdient's! — Ruppert. Könnt' ich Dich in's Leben rufen, Kilian, Du muß'ts ja wissen, ob der Hochburger Blutschuld auf sich g'laden hat! S chaffner (von einem Gedanken belebt). Willst's erfahren, Ruppert! Ruppert. Du fragst, Vater? Schaffner. Und wenn's in Deiner Macht steht, Ruppert. auf die Wahl' heit zu kommen — wirst's thun? Schwör's — schwör's bei Deiner Seligkeit! Ruppert. Ich schwör's, wie wenn ich vor der Fahne stünde! Schaffner. Also hör' zu! Du siehst jetzt dem Kilian gleich, wie er vor Jahren ansgesehen hat. G'rad so war sein Bart — die nämliche Größ' — die nämlichen Haar — zieh an vom Kilian den Rock — setz auf sein Hut und geh hin zum Hochburger, wenn er's am wenigsten glaubt — und ruf ihn an mit dein Nam' Deines Bruders und gieb Acht, was er drauf sagt! — Ruppert, leg' Dei Hand auf mei Herzgrub! Ich treib's nimmer lang! — Damit vererb' ich Dir mein Nach' am Hochburger ! — (Er küßt ihn auf die Stirne.) Ruppert, gedenk' Deines Schwurs'! Ruppert. Ich werd's nit vergessen! — Und Gott geb's, daß der Hochburger besteht! — Schaffner. Und jetzt, Ruppert, gehst nunter zum Hochburger und richt'st ihm aus die Post! Selbst muß er kommen. Ruppert. Sei nicht hart mit ihm, Vater! S' geht mir ins Herz. (Ab.) Drille Scene. Schaffner allein. Später Steinbaue r. Schaffner. Geh nur, Du hast's weiche Herz von der Mutter! — Aber den Schwur, den hältst — ich kenn Dich! — Mehr will ich nit von Dir! Steinbauer. Grüß' Gott! Schaffner. Wer — wer is denn das'? Stein bau er. Sollt mich kennen, bin der Steinbaner! 29 Sch a ffn er. Der Steinbaner in der Men vom Schaffner? Stein bau er. Der Steinbaner bei an' ehrlichen Menschen, das klingt weniger verwunderlich. Der Steinbauer hat's nie mit die Hallunken gehalten, selbst nit, wann's in der B'hörd' sitzen. Gott zum Gruß! (Reicht ihm die Hand). Schaffner (ei nschlagend.) Ich Maß »it, mit wem ich's z'thun Hab', und doch »immt's mich Wlmder — Es werd's doch ka Tränket brauchen? — Steinbaner. Warum nit? Wenn ich damit unsere Gemeind' von an' Aussätzigen befreien könnt! — Schaffner. Auch Ihr seid's der Ansicht? Steinbaner. Ob ich's bin! Nit etwa'm, daß mir der Hochburger im Weg' stünd', nit etwa«, daß ich selber Schultheiß sein möcht' — ich brauch die Buckelkratzerein nit, um mei G'wissen zu betrügen — na — weil ich sieh — ivie's böse Beispiel Früchte trägt, Ausroden müssen wir das Unkraut — wollen wir nicht selbst uns und unsere Kinder zu Grund gehen lassen. Schaffner. Was ist denn wieder g'schehen? Steinbaner. Bier Stund von da hat der Weingart sich vom Hochbnrger sei Geld a Branntweinbrennerei auf- bant — und a versichern lassen! — Sei G'schäft is thalab gangen — was liegt näher als dem Hochbnrger nach- Z'grathen! — Vorgestern hat der Weingart sein Haus anzunden. Schaffner. Wirklich? Steinbaner. Und sich davon g'macht! — Er hat aber nit an den Zugwind gedacht — und das Feuer is zu früh ausbrochen, am Hellen Tag und Man hat gelöscht und gefunden, daß die Fässer, in denen Branntwein sein sollt, >nx als Wasser enthalten. Zwölf Jahr Zuchthaus sind ihm g'wiß! S' ist Brandstiftung und Defraudation! Schaffner. Kommt die Sach' nit vor's Schwurg'richt? Steinbaner. Allerdings! Schaffner. Und der Hochbnrger sitzt auf der G'schwornenbank? Steinbaner. So gut wie ich! Schaffner. Jetzt g'freut mich mein Loben! Was gilt's Recht auf der Welt — wann a Schurk' 'S Recht verhunzen kann. Steinbaner. Oho, Schaffner! 'S is nit so weit! Sitzen auch noch Andere neben dem Hochburger.' Wir werden schon den Schwarzkünstler Weingart einthun. damit die Brandsteller nit immer größer wird! — Ich kenn' den Hochbnrger, die Larven, die er vor'm G'sicht hat, drückt ihn lang — vor sei Weib hat er die Achtung verloren — vor sei Kind — Schaffner, wenn Einer den Hochbnrger zum G'ständniß bringen könnt — Ihr wärt's! Schaffner. Ich — wie so? Steinbaner. Wann die Schluß- Verhandlung is, gehts nei zum Hoch' bnrger — stellts Euch vor ihn hin — und redt's ihm in's G'wissen. Deswegen steh' ich vor Euch! Das Verbrechen hat breite Füß' — 'S is a Zeichen gräßlicher Sittenverwilderung! — Wenn die Sturmglocken heult, fühlt das Volk nit mehr Mitleid — höchstens Zorn — in der Regel aber a teuflisch Frohlocken, daß es wieder g'liugt den Staat zu Gunsten eines Schurken zu betrügen! — Müßig steht Alles herum und die Zimmerleut freuen sich auf frischen Verdienst! Schaffner. Ihr habt's Recht, Steinbaner! — Ich will mein Leben dran setzen, die Schurkerei zu entlarven! Steinbaner. Ich wußt', ich geh' heut' kan g'fehlten Weg! Schaffner. Wie — das weiß ich selbst nit gut; aber s' muß geh'n! und wird geh'n! — Doch halt — 30 (zum Fenster naussehend.) — Da steigt Jemand auf mein Hütten zu — 's is der Hochburger.Geht's da hinaus,Steinbauer! Steinbaner. Der Hochburger kommt zu Euch um a neues G'wissen! (Ab.) Vierte Scene. Schaffner. Dann Hochburger. Schaffner (sich die Pfeife zurecht legend und sich an den Tisch setzend.) So, jetzt bin ich gefaßt! Hochburger. Das is nix, für'n alten Schaffner, in solch einer elenden Hutten z 'wohnen. Schaffner. 'S macht nix, Herr- Schultheiß — aber feuersicher iS 's. Hochburger. Freilich, 's iS ja der heilige Florian dräust ang'nagelt! Schaffner. Dräust? — Der heilig Florian sitzt bei mir in der Brust. Ver- zeiht's, mei alte Hütten is uit ein- g'richt' für so an hohen Besuch, wie der Herr Schultheiß is — Hab' nur an' Sessel und da i schon nimmer gut stehen kann, so müßt schon auf eigene Füß bleiben. Hochburger. 'S macht nix! Dem alten Schaffner nehm' ich's nit übel! — Hm — und wie lebt's denn sonst? Schaffner. Sonst bin ich schon a sakrischer Bub'! 'S halt bei mir nie was recht an! — Hab' so a schlecht's Gedächtniß! — Wenn Einer heut a Hallunk is — Hab' ich's schon morgen vergessen! — Und wie geht's Euch, Herr Schultheiß? Hochburger. Muß Eure Kunst in Anspruch nehmen — für mich und mei Weib! Schaffner. Wo fehlt'S denn? Hochburger. Seitdem ich im G'fängniß war, bring' ich die Kellerkälten nicht aus mir raus ! 'S is mir, wie wenn ich ein Eisklumpen im Herzen hält'! — Ich Hab' g'meint, im Sommer ist's besser; aber 's is nit so. Schaffner. Wenn ich Euch helfen sollt', müßt' ich zuerst wissen, von was das is. Hochburger. Ich bin kein junger Bursch mehr, und ich Hab' in der letzten Zeit z' viel erlebt! Schaffner. Mein Großvater hat mir einmal erzählt von ein'm ähnlichen Fall! Da hat Einer an' falschen Eid g'schwor'n! Hochburger. An' falschen Eid? Schaffner. Nit vor G'richt; aber in die Händ' seiner Frau ! 'S war ein ausgiebiger Spitzbub! Seine Frau hat ihn g'fragt! „Hast Du das und das gethan?" Und er hat seine drei Finger in die Höh' g'hob'n und g'schrierü „Mich soll die Sonn' nit mehr bescheinen — nie mehr warm machen, wenn ich nur an' Gedanken an so was Hab'! Und richtig, 's hat ihn immer g'froren! Hochburger (zuckt zusammen). Schaffner. Der Spitzbnb' hat sich denkt, Gottes Sonn' scheint über Gerechte und Ungerechte — wird nit so kapnzirt auf mich sein! Aber abtrumpft! 'S is ihm immer kalt g'wesen, dem Lumpen! Es hat ihn g'fröstelt mitten im Sommer — mitten in die Hundstag' — bis er sei Verbrechen eing'standen hat. Hochburger (ausweichend). Und was rath' Ihr mir? Schaffner. Was mei Großvater dem Spitzbub'n g'rathen hat: einz'g'steh'u! Hochburger. Was? Schaffner Was Ihr auf der Seel' habt! Hochburger. Nun denn, ich wm nit länger mit Euch in Uufried' leben! — Was dem Kilian in mein' Haus g'schehen, ich will'S an' Vater und Bruder wieder gut machen! — Der Rup- pert kriegt die Anna — Ihr zieht's zu unS! 31 Schaffner. Und glaubt's, dann hört Euer Frost auf? — Aber vorläufig das An — dann das Andere — jetzt haben wir's derweil mit Eurem Frost zu thun! — Der Hund, der Paßaus könnt' Euch helfen! Hochburger. Der Hund vom Kilian? Schaffner. Ja, laßt'S Ihn bei Euch im Bett schlafen! Hochburger. Bin nit g'wohnt aus mein' Bett an Hundsstall zu machen! Schaffner. Ja nit! —'S war nur mei Rath! 'Sis a absonderliche Krankheit — verlangt a absonderliche Kur! — Wer a gut's G'wiffen hat, der kann's schon riskiren! Hoch bürg er. Sonst hilft nix? Schaffner. Nix! (bei Seite.) Na, mart', Hattunk', Dich faß' ich, wo Du nur z'fassen bist — und wo gäb's bei dem bigotten Bauern a bessern Zipf als sein' Aberglauben! — (laut.) No a Mittel gäb's — hab's Euch aber nit zumuthen wollen, 's iS mehr für an' Knecht! Hochburger. Vor Gott sind wir Alle gleich! Schaffner (bei Seite). Vor'm Teufel a, Du scheinheiliger Schuft! Hochburger. Also raus damit! Schaffner. Gegen Frost iS gut, sich morgen vor Tag — in Wasser waschen, das man vom Menschenblut abg'nommen hat und dann drei Stunden vor die Sonn' im Mittag stehen und drei Stund' nachher ohne auSschnau- fen Erlenholz sägen, daß man im Vollmond g'schlag'n hat. Hochburger. Das iS a barbarisch' Mittel! Schaffner. 'S iS a a barbarische Krankheit! Hochburger. Habt's kan's gegen böse Träum' ? Schaffner. Schau, schau, verlangt's ja meine ganze Apotheken! Dem Herrn Schultheiß muß man immer g'horchen. Also gegen böse Träum muß man auf dem Schaffell schlafen und vor dem Schlafengehen Thee von Brennnesselwurzeln trinken. Hochburger (nach einer Pause). 'Sis traurig, daß 's so weit hat kommen müssen! — Wir uns Feind! — Hab' von je a Sympathie für Euch und die Familie g'habt — Hab' für'» Ruppert g'sorgt, ich bin a reicher Mann — ich geb' heut' oder morgen meiner Anna Haus und Gut — der Ruppert hat's Mädel gern — ich bin nit dagegen, wenn Ihr den Freiwerber macht. Schaffner. Na, Hochburger, na! — Was der Jung' für Sprüng' in der Welt macht — ich kann nit immer bei ihm sein! Aber mit mein Wissen und Willen g'schieht das nie! Zwischen Euch und meiner alten Hütten steht die Leich' meines Kilian — ich Verkauf s nit, mei Seeligkeit, für die paar Jahrl'n , die ich vielleicht da auf der Erd' fortkrabbel! — Die Rechnung is g'schlossen, und so lang Euch m e i Herz nit frei g'sprochen hat, könnt Euch der Balsam vom Papst nit retten in mein' Augen! Das is mei letzt's Wort! Hochburger. Schaffner, Ihr seid's undankbar. — Auch ich leb' nit mehr- lang — ich fühl's! Wir können aber unsre Händ' noch vereinigen zu an' guten Werk! Beweisen wir, daß wir vergeben und vergessen können — geben wir die jungen Leut' z'samm' — denkt 's is a Promeß' für den Himmel! — (Niedersmkend). Vergeben und Vergessen ! Schaffner. Hochburger! 'S erste Mal in mein' Leben fühl ich mit Euch Mitleid! — 'S iS furchtbar, wenn ich Euch Unrecht thu! — Aber mit an' Wort könnt'S Ihr den Verdacht weg- wälzen — mit an' Wort — die Kinder glücklich machen! Hochburger (außer sich). Das Wort — 32 Schaffner (steht auf, geht zum Schrank, nimmt eine Kiste heraus). Hochburger,'s is das Theuerste, was ich auf der Welt Hab' — Hochburger, das — das nimm' ich mit in's Grab! — Ich will's Euch zeigen — Hochburger (in freudvoller Erwartung). Schaffner! — Schaffner. Da kommt's her — denn da scheint der Mond her! — Ich mach's auf die Kisten und Ihr legt's dann die Hand' nein, und schwörts bei dem, was drin findt's, daß Ihr unschuldig seid an Kilian sein' Tod! Hoch bürg er. Ich will's! Schaffner. Ich mach's auf die Kisten! — So — und jetzt gebt's mir Euren Arm und zieht's ihn nit z'ruck bis ihr All's wißt — zuckt's nit mit die Augen — seid's schrecklos — so — Hochburger (weggewendet — bleich). Mei Hand g'spürt an' runden Körper — Schaffner (mit schrecklicher Stimme). 'S is dem Kilian sein Todtenschädel! Mit mein' Nägeln Hab ich den Schutt durchwühlt — 's is das Einzige, was von mein Kind übrig is! — Hochburge r. Heiliger Gott! (will die Hand zuritckziehen, Schaffner hält sie fest.) Schaffner. Schwör auf den Tod- tenkopf, daß Du unschuldig bist! Hochburge r. Jesus! Schaffner. Schwör's! Jede Minute, die Du schweigst, schreit wieder Dich, Mordbrenner! — Hochburger, schwör'! - Hochburger (aufschreiend). Du bist a liederlicher Lump! — Mich verhext Du nit! Die Ueberreste Kilians müssen ehrlich begraben werden! Schaffner. Nimm sie mit — nimm sie mit — wenn du kannst! Hochburger. Morgen ordne ich an, daß All's begraben wird! — Gieb Acht, daß sich All's wiederfind't — oder Du sollst spüren — wer ich bin! (Ab.) Schaffner (allein zur Kiste niederstürzend). Kilian — Dein Todtenschädel hat g'sprochen! — Kilian ich dank' Dir! — Jetzt stirb' ich nochmal so leicht! Künftcr Akt (Im Hintergründe ein langer, mit grünem Tuche bedeckter Tisch für den Gerichtshof. In der Mitte desselben das Kreuz von zwei Kerzen umgeben. Rechts ein Tisch für den Staatsanwalt, im Hintergründe links der Tisch des Verteidigers. Hinter diesem die Anklagebank. Im Vordergründe rechts die Schwurgerichtsbank für zwölf Personen. Ihr gegenüber hinter der Anklagebank ein langes Gitter — hinter demselben die Zuhörer.) Erste Srene. Hochburger (schwarz gekleidet), D r. Roth mann (der Vertheidiger.) Dr. Roth mann. Ich freue mich, Sie auch heute bei unserer Schlußverhandlung in Ihrer Function als Geschworener. begrüßen zu können! — Seien Sie überzeugt, daß Ihre Mitbürger es hoch zu schätzen wissen, welches Opfer Sie ihnen bringen. Hoch bürg er. Lieber Doctor, ich komm' mir schon so vor wie ein lebendig Begrabener. Seit dem Tode meiner Martha geh' ich um, wie mein eigenes Gespenst. Ich erschreck' vor mir — vor meiner Stimm' — mir kommt's so vor, als ging ich selbst mit meiner Leich'. — Dr. Rothmann. Das sind die angegriffenen Nerven! Zwei Leichen im Dorf auf einmal! Der alte Schaffner, der mit einem Fluche gegen Sie auf den Lippen starb, hat nie ein gutes Leben geführt, und sein Tod entsprach seinem Leben! Theater-Repertoir 315. Hochburger. Er is g'storben, ohne sich mit mir zu versöhnen! — Das Schicksal ist hart gegen mich! Zweite Scene. Vorige. Der S t ein bau er (mit noch 10 Geschworenen, die auf der Geschworenenbank Platz nehmen). Steinbauer. Gott zum Gruß ! Dr. Roth mann (in die Hand einschlagend). Grüß Gott! Steinbauer (zu Hochburger). 'S is heut' 's letzte Mal! Wie steht's mit'm Frost? Hochburger. Im Gleichen! 'S is die rechte Stimmung für die Menschenmetzgerei ! Steinbauer. Das is a hart's Wort für an' Wahrspruch vom G'schwornen- gericht. Wißt Ihr's schon, der Weingart hat dem Ausspruch entgehen und sich selbst umbringen wollen. Er hat den Kalk von sein' G'fängnißwänden ab- g'fressen! Aber er ist schon so weit hergestellt, um sein Urtheil anzuhören! (Die Geschworenen setzen sich. Der Zuhörerraum füllt sich; in der Loge wird Anna sichtbar in Trauerkleidern.) 34 Dritte Scene. (Aus der Mittelthür tritt der Staatsanwalt im blauen Militärfrack mit amarant- rothem Kragen, Trefsenhut und Bandelier, mit goldgefäßigem Degen. Cr hat Schriften unterm Arm, die er auf seinem Tische ausbreitet. Sodann erscheint der Präsident mit zwei Richtern. Alles erhebt sich.) Präsident (läutet. Ein Gerichtsdiener erscheint.) Präsident. Lassen Sie den Angeklagten eintreten. Weingart (äußerst bleich — hinter ihm zwei Landjäger mit blanker Waffe.) Präsident. Wir fahren heute in den Plaidoyers fort und ertheile ich dem Vertheidiger des Angeklagten, Herrn Dr. Rothmann, das Wort. Dr. Rothmann. Hoher Gerichtshof und verehrte Mitbürger! Fünf volle Tage sind wir hier versammelt, Gerichtstag haltend über eine Anklage, die einen bisher geachteten Mitbürger aus Ihrem Kreise, aus dem Kreise seiner Familie gerissen hat. Es ist Jakob Weingart, der bleich und erschöpft von der langen Voruntersuchung, Ihrem Wahrspruche entgegenharrt! — In vielleicht nicht vier Stunden ist über Jakob Weingart das Urtheil gesprochen, ein Urtheil unter den Segnungen der für uns neuen Institution des Schwurgerichtes, ein Urtheil, nicht nach dem strengen Buchstaben des Gesetzes — für welchen nur die juridischen Facta gelten, nein, ein Urtheil aus der innersten Ueberzeugung heraus, wobei die heilig gehaltene Ehre des richtenden Geschworenen uns die sicherste Gewähr ist, daß nicht Neid, Mißgunst, versteckter Haß in einem Momente ihr grinsendes Gesicht zeigen, wo das Lebensglück eines Mitbürgers auf dem Spiele steht. Auch ich bin von dieser Ueberzeugung durchdrungen, und wenn ich dennoch das dem Angeklagten durch das Gesetz eingeräumte Recht der Bertheidigung vertrete, geschieht eS nicht, Mohren weiß zu waschen und meinen Clienten auch gegen das Stäubchen eines Verdachtes zu schützen — ich fasse meinen Beruf anders auf. Auch ich stehe hier im Dienste der Wahrheit, stehe hier im Dienste des Rechtes, und ist der Angeklagte schuldig, so falle er nicht trotz, sondern mit mir. Ich bin Ihr Mitbürger, so gut als es Weingart war. Spräche ich für das Verbrechen, würde ich mich selbst eines solchen schuldig machen und das Brandfeuer, das heute meines Nachbars Haus verzehrt, züngelt morgen in das meine, ein schrecklicher Mahnruf der beleidigten Wahrheit. Es kann nicht Gegenstand meines Schluß-Plaidohers sein, alle im Laufe der Verhandlung vorgekommenen Momente zu recapituliren, Ihnen abermals das düstere Gemälde zu entrollen, das noch zu deutlich in Ihrem Gedächtnisse lebt! — Mir erscheint es wichtig, den Lebenslauf des Angeklagten zu verfolgen, in dem Bewußtsein, daß nur verwahrloste Erziehung solche Ausschreitungen gegen die bürgerlichen Gesetze erzeugen kann. Weingart ist, wie Ihnen bekannt, das Kind ehrlicher Eltern! — Viele, die heute als Geschworene mitzusprechen haben, werden sich noch des aufgeweckten Knaben erinnern, der, die Freude seiner armen Eltern, schon in seinem zwölften Jahre für den Lebensunterhalt seiner Geschwister mitsorgen konnte! — In seinem fünfundzwanzigsten Jahre treffen wir Weingart bereits mit Schafen handelnd, sich ein kleines Vermögen erringend, und als die ungünstigen Ge- schäftsconjuncturen sein sauer verdientes Geld nur zu bald auffraßen, ist Weingart als Unterhändler auf den Schafmärkten thätig — nicht müde werdend, das Interesse seiner Auftraggeber zu wahren. Da lächelt ihm zum zweiten Male das Glück. 35 Gerstner, der den Geschäftssinn Weingarts lang erkannte, bietet ihm die Compagnie beim Betriebe einer Branntweinbrennerei. Weingart legt all sein Geld, all seinen Credit in's Unternehmen und als auch dieses Geschäft nicht mit Glück gesegnet war, ergreift Gerstner die Flucht; das Gehöft wird ein Raub der Flammen und Aberglaube und Skandalsucht ruhen nicht, bis sie Weingart als Brandstifter auf der Anklagebank sehen! Ich sage Aberglaube und Skandalsucht, verwandter als es scheint — und ich will dies mit einem kurzen Worte begründen. Blicken wir auf die Erziehung des Volkes, so müssen wir uns sagen, daß noch vor einem Jahrzehnt — ja bis in unsere Tage hinein — der Aberglaube die absonderlichsten Früchte trieb! Kein elementares Ereigniß traf ein, ohne daß gerade die Bildner des Volkes ein skandalsüchtiges Vergnügen darin fanden, dies als die besondere Stimme Gottes zu preisen, als ob der Herrgott nicht andere Mittel und Wege fände, zu seinen Geschöpfen zu sprechen, als in der mit Electricität geschwängerten Luft; als ob nicht die Brust eines Jeden den wahren Altar Gottes verschlösse, als ob nicht in der Brust eines Jeden die geistigen Berührungspunkte mit dem Schöpfer aller irdischen Dinge lägen. — Der Junge eines Hirten, der bucklich auf die Welt kam, ward als Zeichen aufgerufen für die Verruchtheit seines Vaters, er ward herumgepufft und geschlagen, ihm die Möglichkeit geraubt, sich Mensch unter Menschen zu fühlen! — An der Schule, an der Kirche ist es gelegen, diesem Fanatismus entgegenzusteuern — die Schule, die Kirche hätten die Kanzel der wahren Aufklärung sein sollen, das Asyl der Unterdrückten, der Lebensodem der Elenden ! — Heute sind es just sechs Jahre, daß ein geachteter Mitbürger, der jetzt unter den Geehrtesten auf der Geschworenenbank sitzt — eines ähnlichen Verbrechens bezichtigt war! Hochburger, der Schultheiß unseres Dorfes, ein Ehrenmann vom Scheitel bis zur Sohle, erfuhr gleichermaßen die ruchlose Um- garnung abergläubischer Jnzichten. Auch er ward von Weib und Kind weggerissen und in die Hände des Gerichtes überliefert. WaS die Verdammung auf der Gaffe schrie, ward zum Grabe seines ehrlichen Namens, aus dem er erst nach vierwöchentlicher Untersuchungshaft, doppelt geachtet, hervorging. Auch Hochburger seufzte unter dem Joche jener Lebensmaxime, die Alles „vorherbestimmt" sein läßt — eine grausige Beschönigung eigener Trägheit, der weiteste Schutzmantel der frechsten Laster. Wenn Hochburger, dem der Aberglaube und bigotter Fanatismus ruckweise die Brandfackel in die Hand gedrückt, verblendet vom Irrwahn dieser „Vorherbestimmung" diese Brandfackel wirklich in sein Haus gesteckt hätte — ich wäre der Erste gewesen, seine Verteidigung zu übernehmen — ich wäre an der Hand des Verbrechers unter Sie hingetreten, hätte an Schule und Kirche geklopft. Hochburger (hört tiefbewegt zu.) Präsident Ich bitte, solche nicht zur Sache gehörigen Anzüglichkeiten zu unterlassen. Sie stehen hier nicht auf der Bühne. Dr. Roth mann. Ich stehe Hierim Dienste der Wahrheit — ich halte meine Gründe zur Sache der Wahrheit und zur Illustration des vorliegenden Falles gehörig. Präsident. Die vor Jahren spielende Angelegenheit des nunmehrigen Herrn Schultheißen Hochburger ist längst aus den Annalen der Justiz gestrichen; nochmals darauf zurückzugeheu, wäre eine Beleidigung eines Herrn Geschworenen, die ich mit allen mir zu Gebote stehenden Mitteln fahnden müßte. Ueber die Sache ist längst Gras gewachsen. 36 Vierte Scene. Vorige. Ruppert. Ruppert (als Schäfer, im Hut und Mantel, genau so wie Kilian im 1. Act.) R Uppert (über die Barriere springend.) Das ist sie nicht! Die Gräber gehen auf. Ich will sehen, wie der Hochburger einen Brandstifter verurtheilt! Hochburger (anfspringend, nach vorn.) Kilian! — Jesus! Du da? — Ja, ja, hoher Gerichtshof — ich — ich bin nicht unschuldig! — Ich Hab' mei Haus in Brand g'steckt - Hab' den Kilian umbracht! — (Sinkt nieder.) (Allgemeine Aufregung.) Anna (vorkommend). Nein — nein! Vater! — Das ist nit möglich! — Du — Du bist unschuldig! Steinbauer (vorkommend). Hochburger, Du glaubst nit, wie gern ich Dich jetzt Hab'! — Dr. Roth mann (hat mit Weingart gesprochen und ist zum Präsidenten gegangen.) Ruppert. Vergebt mir, Hochburger, ich hab's dem Vater geschworen! Hochburger (sich langsam aufrichtend). Was — was is' denn das? Herrgott im Himmel! Jetzt — jetzt is' mir-so leicht, als war' ich frisch geboren! — Der Frost ist verschwunden — mir ist warm! Die Sonn' scheint mir hinein tief in's Herz — ich fühl's — bin ich auch ein Verbrecher — so bin ich doch a Mensch! — Präsident (läutet). Ich erkläre die Sitzung für geschlossen und habe die mir eben von Dr. Rothmann zugekommene Erklärung zu konstatiren. Weingart hat sich ebenfalls der Brandstiftung schuldig erklärt! (Bewegung.) Hochburger. Weingart, auch Du? — Steinbauer verurtheilt ihn milde — ich — ich hab's verschuld't! Dr. Rothmann. Nicht Sie! — Was ich in meiner Vertheidigung ausgesprochen — ich will's wahr machen: Hand in Hand mit dem Verbrecher tret' ich vor Kirche nnd Schulhaus und rufe: memento raori! Hochburger. Was geschieht mit der Anna? Ruppert. Ich Hab' Dir den Vater geraubt — ich will für Dich sorgen! Ich bring' Dir den Segen des alten Schaffner! Hochburger. Amen! H n d e. Wessenßauser. Volksdrama in 8 Bildern von Alle Rechte Vorbehalten. Wien, 1876. Verlag der Wallishaulsrr'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Mit Vorbehalt aller gesetzlich zustehenden Rechte, den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt, und für Deutschland und Oesterreich - Ungarn nur zu beziehen durch den Verfasser Eduard Dorn, in Wien, Neubau, Kirchengasse 10. Offizier der Nationalgarde. Offizier der akademischen Legion. Personen. Wenzel Cäsar Mess enhauser, Schriftsteller, Oberkommandant der National garde, ehemals Offizier in der österreichischen Armee. General Josef Bem, Chef der Mobilgarde und des Vertheidigungssystems. Robert Blum, Mitglied des Parlaments zu Frankfurt. Dr. Becher, Herausgeber des Journale« „der Radikale," Hauptmann der Na tionalgarde. Borosch, Reichsrathsdeputirter. F r a nz I a hn, Senior einer Studentenverbindung, Hauptmann der akademischen Legion. Baron du Beine, Hauptmann der Nationalgarde. B a r o n von K elte rn. Zweiter) »-«mder-IH, Erster j Zweit er Dritter Vierter Erster Zweiter Pauline von Lubomirsky. Franz Gr über, ehemals Soldat, Diener Messenhauser'S. Äwrum Chaizes, genannt Dr. Adolf Chaises. Polykarpus Hecht, Tandler. Der laute Schani, Der Diamanten-Gustel, ) Mobilgardisten Der rothe C arl, Der Krawallpoldl, Tonerl, Marketenterin. Moses Mandelkracher, Mobilgardist. Rebekka, seine Frau. J g n'-V/' s «'"der. Ein Major, ) Ein Hauptmann,! der Armee. Ein Lieutenant, s Erster Zwei ter Erster Zweiter Proletarier. Dritt er Eine Ausruferin. Der Stabsprofoß Der Feldkaplan. Nebenpersonen. Zeit der Handlung: Vom 12. Oktober bis 16. November 1848. Ort: Wien. Sereffaner. sRechts und link« stet« vom Schauspieler.) Erstes Bild. Die Ernennung. Wohnung Messenhauser's, bescheiden möblirt. Rechts ein Bücherschrank, Links. am Fenster Schreibtisch mit den Büsten berühmter Dichter. Franz Grub er mit Paulinev. Lubomirsky durch die Mitte eintretend. Erste Scene. Franz Hocherfreut). Liebe, goldene Fräul'n! Jetzt san's also doch zu uns nach Wien kommen! Jeden Tag haben wir Jhna schon mit Sehnsucht derwart'!! Paul ine. Ist Ihr Herr nicht zu Hause, Franz? Franz. Leider nein! Aber er muß bald zurückkommen. Mit'n Dr. Becher ist er heut Früh fort — und hat als g'wiß versprochen, um diese Zeit z'Haus z'kommen! Schad, schad? — PauliNe flegt Hut und Shaw! ab). Beruhigen Sie sich — ich kann warten — und warte gern! Will mich einstweilen mit Ihnen unterhalten! Franz. Mit mir? — O o! Ich werde mir zwar alle mögliche Mühe geben — aber! — fDie Hände zusammen» schlagend.) Ach Fräul'n! Fräul'n! — Paul ine stachelnd). Nun, was hat er denn plötzlich? — .Franz sstaunend). Aber wie Sie schön sein?! Noch viel, viel schöner als eh scho' waren! Theater«Repertoir Paul ine. Pfui! Er Schmeichler! Franz. Na, na! G'wiß is wahr! — Erlaubend, daß ich diese weiße Hand küssen darf? — Pauline. Nun da! Franz sküßt ihre Hände.) Pauline. Wie geht es Ihrem Herrn? Wie lebt Ihr! Franz. Dank der Nachfrag! G'sund san ma' — ja!s' Geld wird uns manchmal z'wenig — aber dann wird g'spart, bis der Buchhändler wieder ein's schickt! Der Herr ist gar fleißig, ah das muaß ma' schon sagen?! — Na — und ich halt halt das Haus in Ordnung! Thua kochen, waschen, z'samräumeu! Pa ul ine. Hat sich der Herr betheiligt bei der Volksbewaffnung? Franz sschnell). Nein, bis jetzt noch nicht! Gott sei Dank — I sag „Gott sei Dank" — weil ich seit einigen Tagen allen Respekt kriegt Hab — von dera „Volksbewaffnung!"Und wann ich 100 Jahr' alt werden sollt — den Anblick, den ich am 6. Oktober S 4 am Hof gesehen Hab' — könnt i' nimmer vergessen! Ich bin in derNacht mit'n Herrn hingangen, Hab' ein Leintuch mitg'nom- men — bin hinauf g'stiegen auf'n Kandelaber— und Hab den geschändeten Leichnam damit verhüllt!! — Im z'Hausgehen hat der Herr zu mir g'sagt: „Jetzt ist es aus, mit der errungenen Freiheit"! Pauline. Ja wohl! Und für diesen einen Mord wird man Hekatomben opfern! — Franz. Und drum glaub ich auch — s'wär das Beste — wann wir so bald als möglich Hochzeit macheten — Sie Fräul'n mit mein Herrn — und Wenns nachher gleich fort von hier — und den alten Franz mitnehmen wollten! Das wär's G'scheidteste, so glaub i! — Pauline. Er weis also, warum ich hier bin? Franz (schmunzelnd). Freilich! — Alles weiß ich! Ich bin ja dem Herrn Mesfenhauser sein bester Freund, — Wie er noch Kadet war — Hab ich ihm schon ausklopft, die Uniform nämlich! O er sagt mir Alles — weil er weiß, daß ich's treu und redli moan! — Er hat mir erzählt, daß die gnädige Frau Taut in Lemberg g'storben ist — und Ihnen zur Universalerbin eing'setzt hat — und daß Sie jetzt frei über ihre Hand verfügen können! — Na — und da moanet i' halt — weil Sie Ihr liebes Herz meinem Herrn eh schon zum Präsent g'macht hab'n — wann Sie ihm jetzt auch gleich das schöne, weiße Handerl gebeten — weil's a so zum Heiraten g'hört! — Nicht wahr? Pauline (lächelnd). So ist es! — Aber weßhalb sollen wir sogleich aus Wien entfliehen? Franz (rasch). Das ist nothwendig! Pauline. Fürchtet er für seinen Herrn? Franz. Ja! — Und warum — das will ich gleich sagen. — Seit a Paar Tagen ist ein Herr ankommen — sie nennen ihn: General Bem! — Von auswendig schaut er eigentlich aus — als wie a bürgerlicher Handschuhmacher — aber wann er red't — wann er red't — ah — da merkt mer's nachdem schon — daß er a General sein muaß! — Alsdann — dieser General Bem — der den Herrn schon von früher kennt und nachdem der Dr. Becher — die sitzen mit'n Herrn beisammen — ganze Nächt' oft! Und da reden's und debattiren's über ein neues Vertheidigungssystem — über zweckmäßigen Barrikadenbau — über Einführung der Mobilgarde — was weiß ich, über was noch Alles! — So viel ich Hab' entnehmen können — so glaub' ich — sie woll'n den Herrn Messenhauser d'ran kriegen, daß er ein Oberkommando bei der Nationalgard' übernehmen soll! — Pauline. Warum soll er das? Franz. Net wahr? — Warum, frag' i? Jetzt, da die ganze Freiheit eh schon verpantscht ist?! — Er hat die ganze Zeit nix damit z'thun g'habt — soll er ihnen vielleicht jetzt, wie man sagt — „die Kastanien aus'm Feuer holen?* — Nix da! — Weil er ein Buch g'schrieben hat über ein „neues Exerzier-Reglement", nach welchem sie jetzt Schuaster, Schneider, Handschuhmacher und Greißler einexerzieren — glauben sie, er wird ihnen auf'n Leim gehen und eine Komman- dantenstell' übernehmen!! — Aber, halt? — Da hör' ich ihn ja kommen? — Ja, ja — er ist's! (Oeffnet). Da schaun's, lieber Herr — wer ankommen ist? — Zweite Scene. Vorige. Messenhauser. (Tritt ein! Messenhauser (ist in Civilkleidung, trägt einen dunklen Sammtrock, Helles Be>n- kleid, schwarzes Tuch, leicht um den Haw geschlungen, einen deutschen Hut auf dem Kopses- 5 Pauline?! Leitstern meines Lebens! Sie sind es also Wirklich?! Mt auf sie zu Md küßt wiederholt ihre Hände.) Pauline. Nun? Hab' ich Wort gehalten? Mes s enh auser. O, nun ist Alles gut — da Sie gekommen, noch jetzt gekommen!! — Franz! Sorge, daß uns Niemand stört! Ich bin für Niemanden zu sprechen! ? Franz (freudig). So ist's recht! — Und gnädige Fräul'n — Heimlich) wovon wir früher g'red't haben?! — Lassen's'n nimmer mehr aus ! Heut' noch Meisen — in 4 Wochen Hochzeit — und* — auf'n alten Franz nachher net vergessen?! (Schnell ab.) Messen Haus er sPauline schwärmerisch betrachtend). Ich kann mein Glück noch immer nicht glauben — nicht fassen? Sie hier, bei mir! — Der schönste Traum meines Lebens geht in Erfüllung in nie gehoffter Weise!! — O Sie sind ein Engel! Pauline slegt ihre Hand auf seine Schulter). Schwärmer!! Ihr Engel ist nur von Fleisch und Blut! Hat Herz und Nerven wie andere Menschenkinder! - Konnten Sie glauben, daß ich jemals hätte vergessen können, was ich Ihrer treuen Liebe schulde?! — Seit unserer ersten Begegnung sind 2 Jahre verflossen! — Ihr Geständniß, welches Sie mir damals im Schloßparke meiner Tante ablegten — lebte in meinem Herzen fort ! Sie schwuren: „Daß nie eine Andere Ihr Herz besitzen werde"! - Sie haben Ihren Schwur treu gehalten! Nun denn! Lieb' um Liebe! Treue um Treue! — ich bin gekommen, um Sie nun zu fragen : Wollen Sie eine Elternlose — eine Verwaiste — die Niemanden auf der Welt besitzt als -Sie; — wollen Sie sich dieses Waisenkindes erbarmen und es zu ihrer Gattin erheben?! — Messenhauser. O dieses Ueber- nmß von Huld drückt mich zu Boden! sZu ihren Füßen.) Theuerste Pauline! Wenngleich des Priesters Mund unfern Bund noch nicht gesegnet — hier schwöre ich in Ihre Hand, daß ich Sie behüten will als meine Gattin, wie das Licht meiner Augeu! Daß ich Sie verehren und lieben werde bis zum letzten Pulsschlag meines Herzens! M steht auf.) Mit diesem Kusse auf Ihre reine Stirne sei der Bund besiegelt!! — M hält sie umschlungen.) Pauline fzärtlich). O mein Gemahl! — Und so soll es zwischen uns bleiben bis an's Ende! — (Ihn umschlingend.) Nein, nein! — Kein Ende!! Nock über's Grab — bis zu den Sternen!! Messen Hauser (flüsternd). Bis zu den Sternen!! — Franz Hon Außen). Ich darf nicht Herr! Bem Hon Außen). Du unterstehst Dich? Franz. Das ist mir Alles eins! Meinetwegen sein Sie General oder Feldmarschall — ich lass' Sie nicht hinein!! — Messenh auser. Welch' ein Lärm! Bem Hon Außen). Ordre parken! Hinweg — wenn ich befehle! (Die Thüre wird aufgerissen, Bem hat Franz an der Brust und schleudert ihn zurück.) Dritte Scene. Vorige. General Bem sin Civilkleidung, einen Krückstock in der Hand, auf einem Beine etwa« hinkend.) Bem. Er will mir den Eintritt verweigern, wenn ich so Wichtiges seinem Herrn hinterbringe! fKommt vor und erblickt Pauline.) O — Pardon! — Eine Dame! (Lächelnd.) Freund! Ich muß Dir gesteh'« — für ein zärtliches lele-a-tete hast Du Dir die Zeit jetzt unglücklich gewählt! M essen h auser (etwas zornig.) Josef — ich bitte Dich mit Achtung zu sprechen! 6 (Faßt sich.) Fräulein Pauline v. Lubomirsky — meine verlobte Braut! — General Bem! Bem (etwas verlegen.) O — Pardon mein Fräulein! Ich werde mich nicht früher über meine begangene Ungeschicklichkeit beruhigen — bis ich nicht Ihre Verzeihung — in Ihren schönen Augen werde gelesen haben! Pauline stachelnd). Das ist bereits geschehen — General! (Reicht ihm die Hand.) B e m (dieselbe küssend). Ich danke Ihnen, edle Landsmännin! (Leise zu Mefsenhauser). Du — ich bin zwar schon ein alter Knabe und habe mich auf die Weiber niemals recht verstanden — aber — das versteh' ich — daß diese schön ist! karol ä'lionneur! Messen Hauser (leise). Sie ist ein Engel! (laut.) Doch was bringst Du so Dringendes? Bem. Errathest Du nicht? — Nun werd' ich doch wohl mit einem Kommando betraut werden?! Du bist zum Oberbefehlshaber der gesammten Nationalgarden ernannt worden!! P auline (für sich). O mein Gott! Messenhauser. Was sagst Du? Franz. Da hab'n mer's. Bem. Die Deputation wird gleich erscheinen. Ich bin ihr vorausgeeilt, um Dir die Freudenbotschaft gleich zu hinterbringen! Alles ist glänzend durchgegangen! Auf der Aula — dieStudenten- Legion hat den Ausschlag gegeben! Kürnberger hat bereits 2 Plakate von Stapel gelassen, die Deine Eruennung dem Volke bekannt geben! Messen Hauser (zögernd.) Und — wenn ich die Kommandantenstelle — nun doch nicht annehme? Bem (hocherstaunt.) Nicht annehmen? Sprichst Du das — oder ein Mensch, der seine Sinne verloren? Messenhauser. Josef! — Versteh' mich recht! — Ich denke doch, es steht mir frei, zu thun und zu lassen — was ich will?! B em (einfallend). Donnerwetter, nein! Es steht Dir nun nicht mehr frei! — (rasch.) Du hast Dich selbst um die Stelle beworben —Deine Freunde haben Alles daran gesetzt, um Dir gegen alle Parteiumtriebe den Sieg zu verschaffen, und nun hegst Du den Gedanken zurückzutreten?! — (Mit bitterer Ironie und einem Seitenblick auf Pauline.) Das hättest Du früher wissen müssen, daß Du es vorziehst — in idyllischer Zurückgezogenheit den Freuden glücklicher Flitterwochen zu leben — als für die blutig erkaufte Freiheit, die Fahne voranzutragen! (Aufflammend.) Und wenn Du jetzt ablehnst — so ist es die Handlungsweise eines Abtrünnigen, eines Schwächlings -ich will nichts Schlimmeres sagen! Me s s e n h au s er. Bezähme Dich! Bem. So ist es — und nicht anders! — Jetzt thue, was Du willst! — Messenhauser (mit sich kämpfend). Seit ich sie wieder sah — ringen zwei Stimmen in meiner Seele. Die Eine zeiget mir den Weg zu jenem Tempel, der im Sonnenlicht der Freiheit glüht! — Die Andere — zieht mit magischer Gewalt mich hin zu ihr — die einen Himmel mir geöffnet, in den mein trunknes Auge schwelgend blickte! (Zu Pauline.) O sprich Du! — Aus Deinem Munde laß mich vernehmen, welchen Pfad ich soll betreten? Sprich! Dein Wort sott entscheiden! Pauline (an seiner Brust). Folge Deinem Herzen! Wohin es Dich auch leitet, ich bleibe Dein — und kein Ton des Vorwurfs und der Klage soll jemals über meine Lippen kommen! Du kannst nicht unrecht handeln — dies ist mein Glaube! — Franz (im Hintergründe bewegt.) fragt der Herr nicht! Ich bin freilich nur sein Diener — aber ein treuer Diener! Und weil ich mir dessen be- 7 wußt bin, erlaub' ich mir ihn an seine eigenen Worte zu erinnern, die er am 6. Oktober zn mir gesprochen: „Jetzt ist's vorbei mit der errungenen Freiheit" ! Rufe svon Außen). Hoch Messen- hauser! Unser neuer Kommandant! — B e m sschnell). Hörst Du sie! ? Vierte Scene. Vorige. Dr. Becher ssreudig hereinstürzend.) Becher sin der Legionsuniform). Sieg! Sieg auf allen Seiten! Einstimmig wurdest Du auf der Aula gewählt! Sie gab den Ausschlag! Laß Dich umarmen, Freund! An allen Straßenecken wird Deine Ernennung bereits knndge- geben! sJmmer rasch und im vollen Eifer.) Ich habe die Vorsorge getroffen, die Plakate noch vor Deiner definitiven Ernennung drucken zu lassen! — Doch — was ist Dir Freund? — Du schweigst nachdenkend. Messenhauser. Und — ich könnte nicht mehr zurück — sagt Ihr? Bem und Becher szugleichs. Zuruck? — Wo denkst Dn hin?! Messen Hauser smit einem tiefen Athemzuges. Nun denn — die Würfel sind gefallen — das Schicksal fordert mich heraus — sei es denn! Ich nehm' ihn auf den Kampf! Musik: (Nationalgardemarsch von Außen.) Rufe: Hoch Messenhauser! Dr. Becher. Die Deputation kommt, um Dir das Diplom deiner Ernennung feierlichst zu überreichen! — Messenhauser fhervorhebend). Und ist es ausgefertigt, wie ich es begehrte? Denn nur unter der Bedingung erklärte ich mich bereit das Oberkommando zu übernehmen, wenn der Minister — die Notabeln des Reichstages — und die Gemeindevertretung der Stadt Wien, meine Ernennung wünschen — und dieselbe unterzeichnet haben! ? — Dr. Becher. Alles ist erledigt, wie Dn es verlangt hast! Hier kommt die Deputation! H^'e die Bestätigung aus ihrem Munde!! Fünfte Scene. V orig e. Die Deputation erscheint, sie besteht aus 2 Gemeinderäthen, 2 Offizieren der Nationalgarde und 2 Offizieren der . akadem. Legion. sMusik fchweigt.) Erster Gemeind erath sseierlich): Im Namen des Herrn Ministers des hohen Reichstages, der Bürger und Gemeindevertretung der Stadt Wien, haben wir die Ehre, Ihnen hiemit das Dokument zu überreichen, welches Sie, Herrn Wenzel Cäsar Messenhauser, zum Obercommandanten sämmtlicher Garden ernennt! — Vertheidigen Sie unsere Stadt, gegen jeden Feind, der unsere Freiheit zu vernichten bedroht, im Sinne der uns verliehenen Constitution — zum Wohle des Volkes — und unseres Vaterlandes!! — Messenhauser snimmt das Diplom.) So sei es denn: mit Gott — für unsere schwer erkaufte Freiheit — und zum Wohle unseres Vaterlandes!! — Becher sivinkt mit einem Sacktuch zum Fenster hinaus.) sTusch von unten und Rufe): Vivat! Der neue Oberkommandant ! Hoch! Messenhauser! Vivat hoch!! Per Vorhang fällt. Zweites Bild. Moses Mandelkracher Hauptquartier im Belvedere. Großer ebenerdiger Saal, im Hintergründe Terrasse, mit der Aussicht über den Belvederegarten hinweg auf die Stadt Wien, am Horizont der Kahlen- und Leopoldsberg. (Rechts ein langer Tisch mit Schriften, Bücher und Schreibgeräthe.) Erste Scene. General Bem (sitz mit 4 Offizieren der Nationalgarde am Tische. Ein Offizier der Nationalgarde- Cavallerie steht vor Bem.f Bem fjetzt in Legionsuniform, Mantel, hohe Reiterstiefelf: Also — wie stark ist die Nationalgarde-Cavallerie im Ganzen? Offizier. 400 Mann, General! Alle einexerzirt und wohlberitten! Bem. Ah bravissimo! fzu einem Offiziere, der neben ihm sitztf : Schreiben Sie, Herr Hauptmann, ich mache meine Notizen für mich! fthut es in sein Notizbuch.f Also 400 Garden wohlberitten! — Für den Anfang nicht so übel! Werde schon etwas aus ihnen machen! — Und — sind sie alle bereit zum Einhauen in einer Schlacht? — Denn — ich beabsichtige einen Ausfall zu machen!! — Offier fverdutztf: Zur Schlacht? — Zum Einhauen in einer Schlacht? — Herr General — dazu ist Keiner bereit! Bem fhört auf zu schreiben). Nicht? — Ja — wozu denn? Blos zur Parade? Um spazieren zu gehen — ausgeputzt - wenn Strauß am Wasserglacis Musik macht? — Stecken Sie blos in den schönen Uniformen, um mit den Frauen zu kokettiren? He!? — Offizier. O nein, General! Wir werden uns dem Dienst nicht entziehen — wir sind Bürger und kennen unsere Pflicht; sie lautet: Haus und Hof zu vertheidigen und unsere Familie zu beschützen! Das ist unsere Ausgabe! — Doch, in einer Schlacht haben wir nichts zu thun! — Bem flosfahrendf. So?! — Nun, dann kann ich nicht Einen Mann davon gebrauchen! — (Barsch) : Adieu! — (Offizier salutirt und geht ab.) Bem fsieht ihm nach). Und Das wiü Revolution machen?! Also — keine andere Cavallerie, als meine 60 Mann der Polen-Legion!! — Hm — damit freilich ist nicht viel auszurichten! -- Und ohne Cavallerie — nur mit meinen 4000 Mobilgarden — wäre ein Erfolg bei einem Ausfälle, wie ich ihn pro- jectirt hatte — mehr als zweifelhaft!! — (Steht rasch auf.) Meine Herren! Verschwenden Sie die Zeit nicht unnütz 9 mit Schreibereien! — Gehen Sie auf Ihren Posten — beobachten Sie den Feind — und senden Sie mir von 10 zu 10 Minuten genaue Rapporte! Adieu! — fDie beiden Offiziere salutiren und gehen ab.) Bein fallein). Schlecht steht es um unsere Sache — sehr schlecht! — Ja — mit gewöhnlichen Mitteln bringt man keine Revolution zum siegreichen Abschlüsse!!-Ach — er ist auch kein Commandant, wie er unter diesen Umständen sein müßte! — Der eiserne Wille fehlt! Schreiberei! Sentimentalität! Wortemacherei! Das ist eine schlechte Kurmethode, wo die Mäuler der Kanonen bereits auf uns gerichtet sind! fSetzt sich.s Wenn mich meine Wunden freibt sich das Bein) von Ostrolenka zu jucken anfangen — daun ist dies kein gutes Zeichen!! — Gewöhnlich schlägt daun das Revolutionswetter zu unserm Nachtheil um — und seit ein Paar Tagen reißt's mich gewaltig! — fBlickt zur Seite.) Ah — da kommt er! fVerwuudert.) Und in Aufregung? — Endlich einmal! — Welchem Umstaude ist das zuzuschreiben? ! fGeht in den Hintergrund.) Zweite Scene. Vorige. Messenhau sser in Uniform mit 2 Offizieren von rechts im Vordergründe kommend. Erster Offizier fim Auftreten). Diese Maßregel wird Ihnen Feinde machen, Herr Commandant! Messen Hauser fin Aufregung). Ich kümmere mich den Henker um solche Feinde!— Das Blatt— „die Geißel" Mird unterdrückt! — Senden Sie meinen Befehl an die Platzpolizei! — sEr hält ein Zeitungsblattin Händen.) Ist es nicht eine Schande?— Blätter voll Unflath und Eckel besudeln die gute Sache der Freiheit!! — Ich bin ein Vertreter der wahren Preßfreiheit und schütze sie, wo ich kann! — Aber, ich will auch dafür sorgen, daß die Freiheit des Geistes nicht durch die roheste Ungebundenheit befleckt werde! — Die wahre Preßfreiheit soll das Recht handhaben, und über solche Verbrechen der beleidigten Menschheit zu Gericht sitzen — die das Gesetz nicht straft; denn — Mancher, der den Galgen nicht fürchtet, zittert vor der Feder, die die Wahrheit verbreitet! — Aber eine Schmach wär' es, wenn man Schand- blätter, wie diese „Geißel", bestehen ließe, die Gewalt und Plünderung predigen , und in brutaler cynischer Weise das Volk irre leiten! — Und das will Preßfreiheit heißen?! — Ich nenne es Preßfrechheit!! fEr zerreißt da« Blatt und wirft es unwillig fort.) Erster Offizier. Sie sprechen mir aus dem Herzen — aber böses Blut wird es machen!! Messenhauser. Der Rechtlichdenkende muß mit mir sein — und an den Uebrigen liegt mir wenig! — Fertigen Sie den Befehl aus und senden Sie ihn ab! — Erster Offizier. Zu Befehl! fAb.) Messen ha User fzum zweiten Offizier). Geben Sie mir die Papiere! fDer Offizier legt ihm die Schriftstücke nach der Reihe vor. Messenhauser hat sich gesetzt.) Was ist das? — Ah, bezüglich der neuen Adjustirung! — Ganz gut! —- Die Federbüsche müssen ein wenig niedriger werden! fGibt die Zeichnung zurück; sieht in ein zweites Blatt.) Regelung des Wehrlohnes! fUnterzeichnet.) Soll sofort beschleunigt werden! — Was ist das? Verpflegungskanzlei — Paßvorschriften — und Auditoriat! — Alle drei Gegenstände sind sehr wichtig! — fEr unter- schreibt.) Erster Offizier fkommt). Die beiden Bataillone, die Sie Herr Ober- 10 commandant zu inspiciren wünschen, haben sich bereits ausgestellt! Messenhauser. Ich werde gleich erscheinen! Erster Offizier stalutirt und geht ab.) Messenhauser fübergibt dem zweiten Offiziere die unterschriebenen Papiere.) Lassen Sie diese Befehle sofort an die Orte ihrer Bestimmung abgehen! Zweiter Offizier. Zu Befehl! M.) Dritter Offizier stammt von links und meldet zu Bem, der bis jetzt im Hintergründe stand): Herr General! Auf den Höhen des Wienerberges, im Kroatenlager wird es lebendig! Adjutanten sprengen hin und her! Von der Kuppel des Daches können Sie Alles beobachten ! Bem. Wird nicht viel sein! — Gut — ich komme gleich! fBem winkt, Ossi- zier ab.) Messenhauser fder aufgestanden, bemerkt jetzt erst Bem.) Du hier? — Bem stammt langsam vor, ironisch): Za, Freund! — Ich hörte — wie Du die Federfuchser zu Paaren treiben willst! — Ferner — wie Du neue Adjusti- rungen — Federbüsche anordnest! Paraden abhältst — Dich um Verpflegsund Paßgeschichten kümmerst — und in einem Tag mehr Papier beschreiben läßt — als ich mein Lebelang bei all meinen Unternehmungen verbraucht habe! sGeht an ihn heran, mit fester Stimme): Vergiß nicht, daß es an der Zeit wird, sschlägt an den Säbel) mit dieser Feder schreiben zu lassen — und in Lapidar- Schrift, in die Reihen unserer Feinde!! — Nichts für ungut—Herr Oberkommandant! Es war eben nur meine Meinung! — Adieu! sGeht links im Hintergründe ab.) Messenhauser ssieht ihm lächelnd nach). Alter Haudegen — fürchtest Du Dich, daß Dein Schwert Dir rostig wird? — Ja, ja! Ich bin Euch zu milde, ein Schwärmer — was weiß ich!! — Freilich ja! Ging es nach euren Köpfen — ihr ständet nicht an, aus Wien ein zweites Saragossa zu machen, und die Stadt, im Angesichte des Feindes an allen vier Ecken anzuzünden — und so der Welt ein Beispiel — nicht von Freiheitssinn — sondern von Freiheitsraserei zu geben!! — Ausbauen soll sie, die göttliche Himmelstochter — und nicht zerstören!! Eure Freiheit aber, gleicht dem Würgengel — der zerstampfend, niedermähend, Alles vernichtet, was der Fleiß von Millionen seit Jahrhunderten geschaffen!! - Das Schicksal hat mich auf diesen Ehrenplatz gestellt, aus welchem ich in jenen Grenzen auszuharren gedenke bis an's Ende, getreu meiner Pflicht, die ich zu verantworten habe vor Gott und meinem Herzen, das für das Schicksal dieser Stadt schlägt!! — sErwill abgehen durch die Mitte.) Dritte Scene. Franz stritt ihm entgegen.) Mess enha user. Ah, Franz, Du hier? Was bringst Du? Franz. Ein' Brief von der gnädigen Fräula Braut! Messen Hauser. Von ihr? O gieb schnell! Franz. Da ist er schon! sGibt den Brief. Messenhaufer liest.) Ist das eine Aufführung? Seit 3 Tagen Habens Ihnen net anschaun lassen? Ah gen- gans zua! So eine Braut z'haben — und gleich 3 Täg auszubleiben?! — Wissens! Mir dürfeten Sie's net a so machen? Meiner Seel — da wärs aus mit der Freundschaft! Messenhauser fhat den Brief freudig durchgelesen. Lächelnd). Was plauderst Du da? Bin ich Herr meiner Zeit wie ehedem? — Sie ängstigt sich um >mich! — Eile zu ihr, und melde ihr 11 tausend herzliche Grüße, und daß ich Sie in einer halben Stunde abzuholen komme! Ich habe jetzt noch eine Revue abzuhalten, dann bin ich bei ihr! Geh, und melde ihr das! Leb' wohl! (Rasch ab, rechts Vordergrund). Franz (ihm nach). Ich begleit Ihna! Herrgott lauft der! — Ich muß ihm ja sagen, daß sie eh schon im Fiaker vor'n Belvederegarten wartet! — (Geht ihm nach.) Vierte Scene. (Tumult von Außen). Es treten auf von links im Hintergrund : 2 Offiziere, die früher mit Bem zu thun hatten, der laute Schani, der Dia m anten - G ustl, der Kra- Wall-Poldl — Hecht, als Mobilgarden mit aufgepflanzten Gewehren. Sie eskortiren den jammernden Moses Mandel kr ach er/ Hecht. Nur her da mit'n Juden! Wart! Dich werd'ns zwiefeln! Poldl. Weiter! Weiter kane Um- ständ machen! — Moses (jammernd). Nicht erleben soll ichs! Weh' geschrien! Weh! — G u stl. Hörst net auf mit den Gser- res?! — Schani (scharf ausgeprägter Piz). Laßts'n geh'n jetzt! — Es wird se' Herausstellen ob'st schuld! bist oder net — mei lieaber Moiseö! — Moses sbetheuernd). Ich schwör's bei dem Gott meiner Väter, daß ich bin unschuldig! Unschuldig wie mei Namensvetter, der große Moses, als er ist gelegen noch im Binsenkörbl! iZappelnd.) Gott hilf mir: Jehova steh' mir bei! 3. Offizier. Wo haben Sie die Papiere? Schani (übergibt ein Papier). Da ist der Rapport vom Compagnie-Comman- danten! — Moses. E braver Mann, unser Compagnie-Commandant! Leben soll er 100 Jahr!! — 4. Offizier. Ich melde es dem General!? — 3. Offizier. Es wird gut sein — dann kommt die Sache rasch zum Abschluß! - 4. Offizier (rasch ab). Moses (schnell). Rasch zum Abschluß ? Rasch zum Abschluß? — (Aengstlich nachrufend.) Euer Gnaden, Herr Offizier! Wo laufen Sie so schnell hin? Die Sache eilt doch nicht? Ich kenn warten !! — Den Generalen will er holen, hat er gesagt? — Moses, Moses — was steht Dir da bevor? — 3. Offizier (der die Rapporte gelesen). Das sind ja höchst gravirende strafwürdige Verbrechen! Moses. Wie heißt graviren? Wie heißt strafwürdig? — Wegen 180 Paar abgetragene Stiefel? — Wo steckt da die Gravur? 3. Offizier (barsch). Man wird ihm seinen Standpunkt gleich klar machen!! M o s e S (schnell). Aber Euer Gnaden, das verlang' ich gar nicht! Zu was diese Umstände? Ich verlang' mir nix a klaren Standpunkt. — Es ist mir viel lieber, Sielaffen mich im Unklaren über mein' Standpunkt — und ich kenn' laufen! (Betheuernd.) Ich will wahrhaftig nicht aufgeklärt werden — ich steh' nicht d'rum! — 3. Offizier. Das wird sich finden! Moses. Es wird sich finden, hat er gesagt! Moses! Moses! Was wirst de da erleben? B e m (von Außen). Wo ist der Kerl? Er muß baumeln! Ich lasse ihn erschießen ! — 3. Offizier. Die Stimme des Generals! Ich hör' ihn kommen! Moses (zitternd). Ich hör' und sieh schon gar nix mehr!! — 12 Fünfte Scene. Vorige. Bem und der 4.Offizier (rasch auftretend.! B e in (im Auftreten zornig!. Wo ist der Verräther? 3. Offizier. Hier — Herr General! Vem (auf Moses losfahrend!. Also — nicht nur Insubordination, auch noch konspiriren mit dem Feind! Höll' und Teufel! — Wo ist der Rapport? (3. Offizier übergibt denselben; zu Schani-! Erzählen Sie kurz! Schani (räuspert sich!- Dös is a so g'wesen — Herr General — g'horsamst z'melden: — Der Moses is bei unserer Kompagnie, bei der 8. Mir stengan jetzt an der Sofienbrucken — mir haben ein' schweren Dienst, bei Tag und Nacht! Der Moses aber is ein' Tag komma — und 3 Tag is er glei' wieder ausblieb'n! Hecht. Ja! Einmal hat ihm dös g'sehlt — 's andere Mal wieder das! Moses. Das ist nicht wahr! Weder dös noch das hat mir gefehlt — aber Bauchweh Hab' ich gehabt! So ist es, Euer Gnaden, Herr Generalleben!! fAuf Hecht zeigend-! Der da — ist mei' Feind! Ihm ist nur darum zu thun — . mich bei Ihnen anzulahnen! Bem (barsch!. Schweigen! Moses (fährt zurück.! Wie e Fisch!! — Bem. Weiter im Rapport! Schani. Na — und heut' is erhalt a wieder nit da g'wesen! Sagt der Compagnie-Commandant zu mir: „Geh'n's zum Moses und schau'n's, ob er krank is, und wann's net der Fall is — bringen'sn' glei' mit!" — I' geh' alsdann hin zu ihm — wer net daham war — ist der Moses! Sei' Weib, d'Iüdin, kommt ma entgegen und schreit und jammert, und sagt — sie wüßt net, wo ihr Mann hinkommen is! Während i' mit der Jüdin debattir', kommt mir der Diamantengustl da nach — und sagt: ,,J' soll z'ruck komma, der Iud' wär' schon da! Sie hätt'n na a'g'fangt, weil er an die feindliche Armee Stiefeln verkauft hätt'"! — Moses (rasch!. Euer Gnaden! Euer Gnaden, Herr Generalleben — lassen Sie mich erzählen, wie ist gewesen die Angelegenheit mit die Stiebeln — und hernoch sollen Sie urtheilen, ob ich bin unschuldig oder nicht!! — Bem. Nun — so erzähl' er in Henkersnamen, was er Vorbringen kann zur Entschuldigung seiner Verbrechen! Aber faß er sich kurz!! — Moses (erzählt schnell, aus Angst verliert er jedoch einige Male den Faden seiner Geschichte!- Kurz — ganz kurz, Euer Gnaden! — Ich heiß' Moses Mandelkracher, bin aus Preschborg gebertig — mei' Vater war der alte Mandelkracher, der sei' Gewölb gehabt hat am Schloßberg, weil er hat gehandelt mit alt' Eisen! — Bem (ungeduldig!. Donnerwetter! Was brauch' ich das zu wissen? Kurz! Was zur Sache gehört! Moses (erschrickt!. Ganz wohl — Euer Gnaden! — Also: — ist gekommen vor 8 Tagen zu mir mein Freund Haimann aus Preschborg! — Haimann is a G'schwisterkind von mir — seine Mutter schoppt die besten Gäns' — und macht große Geschäfte mit Gänselebern nach Wien her! Sie hat a'mal a Leber zu Stand' gebracht, die hat gewogen fünfthalb Pfund — Bem (losfahrend!. Hol' ihn der Henker! Erzähl' er, was zur Sache gehört! Moses. Sehr wohl, Euer Gnaden! — Also — wo bin ich nur gleich stehen geblieben? Ja! — Also so is es gewesen : (Sehr rasch jetzt bis zu Ende erzählend.! Kommt vor 8 Tagen Haimann zu mir und sagt: Du — sagt er — Mandelkracher, wir können machen zusammen e' gutes Geschäft, wo wird sein dabei e' schönes Stück Geld zu verdienen! Ich bin gekommen gestern von Preschborg und Hab' unterwegs angetrofsen 13 — die kroatische Armee! Heißt aus- geseh'n — sagt er — sie haben keine Sohlen mehr auf die Stiebeln, mit ein' Wort, sie gehen barfüßig! Mandelkracherleben — sagt mein Freund Haimann zu mir — weißt de was? Mir werden zusammenkaufen alle alten Stiebel, die werden aufzutreiben sein in Wien, werden sie verkaufen an die kroatische Armee und werden verdienen daran: Gold!! — Haimannleben — sag' ich zu mein' Freund — das Geschäft scheint mir sehr koscher zu sein, aber sag' mir nur: Wie wird man hinausbringen die Stiebeln nach der kroatischen Armee? — Mandelkracherleben — sagt mei' Freund Haimann — laß das nur sein meine Sorge!! — Gut. — Darauf haben mer unsere Kapitalien zusammengeschossen und haben aufgekauft in Wien Stiebel — 180 Paar!! — Vorgestern Nacht hab'n mer aufgepackt alle Stiebel auf e' Schinakl — und sind damit gefahren hinunter nach Kaiser Ebersdorf! — Sein in der Früh gekommen, zu geh'n, die Balmachomes — die Soldaten — und haben sich mit großer Freud' angezogen die Stiebel — und uns für jedes Paar gezahlt — 6 silberne Zwanziger ! Hätten wer gehabt 1000 Paar — auch hätten wir sie angebreugt!! — B e m. Ist er fertig? Moses. Noch nicht — ich bitt'! Heut' Früh, als mer sein zurückgekommen, hat man uns abgefaßt — hat uns nebich 's Geld e weggenommen — und hat mich behandelt wie e' Verbrecher ! Da — sauf Hecht zeigend) der Tandler Hecht ist Schuld an Allem! Er hat mich gedennunzirt — weil er hat nicht selber machen können das Geschäft! Aber der schlechte Kerl wird schon a mal dafür brennen — in Geh- henamü — Hecht. Ja freili'! Brenna wir i' — weng' ein' Juden? Bem. Ist er zu Ende. Moses. So is eS gewesen — Herr Generalleben! Hecht süberreicht sein Gewehr). Da Hab' i' sein G'wehr mitgenommen — 's Zündloch hat er mit Blei verstopft — damit's net losgehen soll! — Moses. O Du schlechter Kerl! — sLaut.) Euer Gnaden! Das Hab' ich darum gethan — weil ich mir gedenkt Hab': Schießt Du nix hinaus — schießen se nix herein!! — Ich bin e' gut- müthiger Mensch — und will mich nix verfeinden mit'n Feind!! — Bem. Feigling!! — Moses. Sie haben recht, Euer Gnaden — Courage Hab' ich keine, wenigstens nicht viel! Lassen Sie mich sein e' Feigling!! Bem szu den Offizieren gewendet.) Meine Herren! Sie haben das eigene Geständniß dieses Abtrünnigen gehört! — Was hat derjenige verdient, der mit dem Feinde conspirirt — ihn unterstützt? Sprechen Sie! 3. und 4. Offizier. Nach Stand und Kriegsrecht: Den Tod! — Bem sfest.) So ist es! Nach beiden Rechten: Den Tod!! Moses shoch erschreckt und zitternd). Machen Sie keine G'späß mit mir? So e' Scherz kann e' Menschenleben kosten!? - B e m. Er wird nur zu bald erfahren, daß es Ernst ist! sZum 4. Offizier.) Beordern Sie 6 Mann, in den Garten hinaus — dort an der Mauer! sOffizier ab.) Bereit' er sich vor! Wenn er noch etwas zu sagen hat, so spreche er — es sind ihm nur noch wenige Minuten zu leben vergönnt!! Moses sbebend). Wenige Minuten?! Mllt auf die Knie.) Gott meiner Väter, steh' mir bei! Haben Sie Mitleid und Erbarmen Euer Gnaden, Herr Generalleben!! — Ich Hab' Weib und Kinder zu Haus' — die muß ich ernähren!! Ich Hab' wollen a bissel was verdienen, darum Hab' ich gemacht das verbotene 14 Geschäft! — Sie sagen ich Hab unterstützt den Feind? — Womit Hab ich ihn unterstützt, Großer Gott? — Wenn ich ihm hätt' geliefert — Waffen — womit er uns kenn' weh thun! Aber so? — Was wird er uns thun mit die alten Stiefel? Er wird uns nix thun damit! — Und wenn er wird hereinkommen zu marschieren, der Feind — so is es doch ganz gleichgültig für uns — ob er kommt baarfüßig — oder er hat Stiefeln an — der Feind! (Wim- mernds Erbarmen! Haben Sie Mitleid mit ein' armen Juden, der nix versieht, von die gewaltigen Kriegsaffairen! ?! Bem. So viel versteht er doch davon, daß er Unrecht gethan — und das ist genügend! — (Im Hintergründe marschieren 6 Mann mit Gewehren über die Bühne. 4. Offizier (zurückkehrends. Alles ist bereit, Herr General! Rebekka (von Außens. Wo ist mein Mann? Mein armer Mann?! — Moses. Da kommt Rebekka — mein Weib — zur guten Stunde! sschreits Rebekkaleben!! — Sechste Scene. Vorige. Rebekka mit ihren 2 Kindern von 2 Nationalgardisten verfolgt. Rebekka. Laßt mich, Laßt mich! — (Herbeistürzend.s Moses! Was ist gescheht? Was will man Dir anthun?! Moses (raschs. Noch is nix geschehn, aber gleich wird man mir was anthun! Werf Dich mit die Kinder da nieder, vor dem allmächtigen Gewaltshaber! Deinen Moses will man erschießen und todt machen!! — Rebekka (aufschreiends. Allmächtiger! Wirst sich mit den Kindern Bem zu Füßen.s Gnade! Haben Sie Erbarmen, gnädigster Herr! Bem (ungeduldigs. Hol' der Henker das Gezetter! Wer hat die Frau eingelassen? Schafft sie fort! Rebekka (energischs. Ich laß mich nicht fortschaffen, Herr! Und wenn Sie meinen Mann tödten — müssen sie mich auch todt machen — mich und meine Kinder! — Moses. Ja! Alle Viere müssen Sie massakriren lassen! (Sie wimmern und jammern leise weiters. 1. Offizier stritt eins. Der Herr Oberkommandant! — Siebente Scene. Vorige. Messenhauser, Paulinen am Arm führend, treten rasch ein. Messen Hauser. Was geht hier vor? Was soll der Aufzug? Bem. Hier — dieser Jude! Ver- rath! Treubruch! Conspiration mit dem Feinde! Sein Urtheil ist bereits gesprochen! — Man muß ein Exempel statuiren! — Fort mit ihm! — Me 2 Nationalgarden und Mobilen wollen Moses anfassens. Moses. Gnade!! l Rebekka. Erbarmen!! ; zugleich Die Kinder sweinends. s Lassen Sie den Vater leben! Messen Haus er (abwehrends. Halt! Pauline sleise zu Messenhausers. Eä- sar! Sieh die armen Kinder — das jammernde Weib — und handle nach Deinem Herzen!! — Messen Haus er. Wo ist der Bericht des Compagnie-Hauptmannes? 3. Offizier (überreicht den Rapports. Messenhauser (durchlieft denselbens. Hm! Ich kann mich eines Lächelns nicht erwehren! (Zu Bem gewendet.s Und was sollte eine Verurtheilung dieses armen Schelmes unserer Sache nützen? — Er hatte keine Ahnung, daß das, was er gethan, ein Verbrechen so 15 schwerer Art sein könnte!! — Bedenke doch — es gilt ein Leben!! — Bem. Pah! Das Leben eines Juden! Messe nhanser. Gilt wie jedes andere! Es ist ein Menschenleben! — sZu Moses.) Dies ist seine Frau? Moses sweinendj: Ja, Euer Gnaden! Meine Rebekka — mein armes Weib! Messenhauser. Und dies — seine Kinder? Moses. Ja! das ist das Fannerl — und das ist der Jtzigel! — Messe nhanser snach einer kleinen Pause). Steh' er auf — und geh' er mit Weib und Kinder nach Hause!! — Sein Geld, das man ihm abgenommen, soll man ihm wieder geben. — Erlangt nicht für den Waffendienst! — Moses szitternd). Wa — was? Gnädigster Retter — ist's wahr — wirklich wahr? Rebekka seben so). Gottes Segen über ihn! M essenhauser stachelnd). Und in Zukunft dehne er seine Handelsgeschäfte nicht weiter aus — als es gestattet ist! — Geh' er mit Gott!! — Moses frafft Weib und Kinder auf, zitternd und bebend und unter Thränen mühsam die Worte hervorstammelnd). Jehovah! Jehovah sei mit ihm! Und schreib' es ein — in das Buch der ewigen Vergeltung! Omeen! Omeen! — Rebekka swiederholend). Omeen!! sMoses berührt im Abgehen Messenhauser'8 Kleider und wankt mit seiner Familie ab. — Die 4 Mobilgarden folgen.) Messen Hauser sreicht Bem die Hand). Verzeih' Josef! Ich konnte nicht anders! ? Bem sunt unterdrücktem Aerger): Du bleibst ein — Schwärmer!! Pauline shat Mefsenhausers Hand ergriffen und neigt sich zu ihm) Ein edler Schwärmer!! — sSanfte Musik.) Gruppe. Der Vorhang fällt Drittes Bild Keikig ist das Kigentljum. Dekorationen: Der Kohlmarkt; in der Perspektive ist ein Theil der Michaeler- kirche, so wie die kais. Reitschule sichtbar. Im Vordergründe eine Barrikade quer über die Straße. (Bivouak von Nationalgardisten und Legionären.) Gesang. Laßt Gesänge durch die Lüfte Mit der Wahrheit Flammenpfeilen Ueber Oesterreichs Länder eilen, Ueber Moder seiner Grüfte! Jubelt eine Schlachtenweise Metzelt die entmarkten Glieder Unsrer feigen Zeiten nieder, Freiheit schafft in ihr Geleise! Seid Ihr siegreich heimgezogen, Nehmt uns Auf in Eure Mitte, Laßt durch unsres Sangesblüthe Kränzen Eure Siegesbogen! — Hurrah! — Während der folgenden Scenen ist im Hintergründe ein fortwährendes Gehen und Kaminen, begleitet mit stummem Spiel. Es bilden sich Gruppen, welche eifrig debattiren, dann sich wieder auflösen u. f. w.) Von rechts treten auf: Bem, Becher, du Beine und mehrere Offiziere in Aufregung. Bem firn Auftreten): Ein Schreckschuß, weiter nichts! Se. Durchlaucht meint, wir werden sofort zu Kreuz kriechen! — Becher. Weiß man nicht, wer die Proklamation anschlagen ließ? Man sollte solche gesinnungslose Schufte an den Pranger stellen! — Bem. Aufhenken!! — Du Beine feine Figur, wie Don Oui- xotte, er hält eine Proklamation in den Händen). Aber bedenken Sie doch, meine Herren, die Proklamation des Fürsten Windischgrätz, worin er über Wien und Umgebung den Belagerungszustand und das Standrecht verhängt — ist und bleibt doch immer eine Thatsache, die erörtert zu werden verdient! Lassen Sie uns dieselbe doch noch einmal durchlesen!! — Bem faufgebracht). Ersparen Sie uns diese Lektüre — Herr Baron du Beine! Becher. Sie haben recht, die Proklamation ist eine Thatsache— und zwar eine sehr traurige! — Vor drei Tagen noch erging vom Kaiser ein Manifest an uns des Sinnes: Daß es sein fester, unveränderlicher Wille sei, die seinen Völkern gewährten Rechte und Freiheiten in ihrer ganzen Ausdehnung ungeschmälert zu lassen, 17 und der gute Kaiser verbürgte uns diese Errungenschaften nochmals mit seinem kaiserlichen Wort! — Und heute ? Heute dekretirt Fürst Windischgrätz von Lundenburg aus über Wien den Belagerungszustand und das Standrecht! Diese traurige Thatsache beweist, daß die im Finstern schleichende Camarilla, trotz des kaiserlichen Wortes ihr Medusenhaupt abermals zn erheben wagt!! — B e m. Es ist Gewalt — für Recht! Wohlan! So wollen wir denn auch Gewalt mit Gewalt vertreiben! Becher. Recht so! (Ruft.) Herunter mit der Proklamation! — Alle (im Hintergründe.) Herunter damit! Herunter damit! (Sie reißen die Proklamation von den Straßenecken herunter.) Bem (nimmt du Beine die Proklamation aus den Händen und zerreißt sie in Stücke.) In Fetzen damit! Das sei unsere Antwort! Und wer von meinen Mobilen von ergeben oder capituliren spricht — laß' ich erschießen — aufhenken!! — Becher (blickt in die Coulisse). Hier kommt Messeuhauser! Bem. Ah, der bringt Nachricht aus der Reichstagssitzung! Me umringen ihn.) Zweite Scene. Vorige. Messenhauser. Bem. Nun, wie ist die Sitzung abgelaufen ? Messenhauser. Gut! Sehr gut! — Die Rechtlichgesinnten trugen den Sieg davon! Bem. Erzähle, wie lief's ab! Alle. Erzählen! Erzählen! Me ss e Nh a N s e r (zieht ein' Papier her- vors. Hier habe ich eine Abschrift aus dem Protokolle, welches den Beschluß des Reichstages enthält! — Bem. Lies vor! Alle. Vorlesen! Vorlesen! Theater-Repertoir 316 . M e s s e n h a u s e r. Die Debatte gipfelte in dem Ausspruche, daß man der Gewalt das unbeugsame Gesetz entgegen halten müsse, und schließlich wurde Folgendes zum Reichstagsbeschlnsse erhoben: (Er entfaltet das Papier.) Einige. Stille! Andere. Hört! Hört! — (Alles lauscht.) Messen Haus er (lesend). „In Betracht, daß die Herstellung der Ruhe und Ordnung, wo sie wirklich gefährdet sein sollte, nur den ordentlichen konstitutionellen Behörden zukommt; in Betracht, daß nach dem wiederholten Aussprüche des Reichstages und des Gemeinderathes, die bestehende Aufregung in Wien nur durch die Aufstellung der drohenden Truppenmassen um Wien unterhalten wird; in Betracht endlich, daß das kaiserliche Wort vom 19. Oktober die ungeschmälerte Aufrechthaltung aller errungenen Freiheiten, so wie ganz besonders die freie Berathung des Reichstages neuerdings gewährleistet, so erklärt der Reichstag: daß das Verfahren des Fürsten Windischgrätz nicht nur ungesetzlich, sondern eben so sehr gegen die Rechte des Volkes, als gegen die Rechte des erblichen konstitutionellen Thrones feindlich sei!! — Becher. Ein Hoch den Männern des Reichstages! Alle (flammend). Vivat hoch! Es lebe der Reichstag! — Messenhauser (hat das Papier zusammengefaltet). Von diesem Beschlüsse wurden sogleich Minister Wessenberg und Fürst Windischgrätz durch Eilboten in Kenntniß gesetzt! — Meine Herren! Als dieser Antrag mit allen gegen zwei Stimmen zum reichstäglichen Beschlüsse erhoben wurde — da brauste ein Jubel- Orkan durch den Saal, wie ich ihn nicht wieder gehört habe!! — O Freunde! (Begeistert.) Das war der Moment, in dem der gesetzliche sittliche Volksgeist, 2 18 auf dem unerschütterlichen Felsen seines guten Rechtes — der Gewalt mit offener Brust sich entgegenstellte!! — Bem finit Sarkasmus). Freund — das ist sehr hübsch gedacht und gesprochen, aber in der Praxis sieht sich die Sache anders an — weil? — Nun — weil das Volk leider auch einen Leib hat, welchem der besagte Fels gegen den Kartätschenhagel rechtloser Willkür und Gewalt — gar keinen Schutz bietet!! — Worte! Phrasen! (Energisch.) Tha- ten müssen jetzt sprechen! Nur Thaten!! — Messenhauser. Wir können nichts unternehmen, was wir nicht gesetzlich auf dem legalen Boden unseres Rechtes und nach Beschluß des Reichstages Verantworten können! (Uebergibt einem Offizier das Papier.) Eilen Sie damit in die Druckerei und sorgen Sie dafür, daß binnen einer Stunde an den Straßenecken diese Antwort auf die Proklamation Sr. Durchlaucht zu lesen ist! (Offizier ab.) Du, Becher, sorgst für einen ausführlichen Artikel im „Radikalen" für morgen! Ich selbst werde denselben, bevor er in die Presse geht, redigiren! — Becher (sieht auf die Uhr). Ich will thuu, wie Du sagst! — Doch es ist bald 3 Uhr! Um diese Zeit soll ja Robert Blum und Fröbel mit dem Dampfschiff in Nußdorf anlangen? Willst Dn sie uicht empfangen?! — Messe uh auser. Ich habe eine Deputation beauftragt, dies für mich zu thun und die Herren im Hotel „zum Erzherzog Carl" einzuquartieren! Doch war' es mir lieb, wenn Du Dich der Deputation anschließen wolltest! — Meine Zeit ist heute gemessen! Jetzt muß ich in den Gemeinderath. — Ich will erfahren, ob mein Antrag bezüglich des Wehrlohnes für minder bemittelte Garden durchgeht und das Geld für diesen Zweck vom Minister bewilligt wird! — Bem. Der Minister muß es bewilligen ! Denn, wenn er diejenigen bezahlt, die auf uns hereinschießen — so seh' ich nicht ein, warum er nicht auch die bezahlen soll, die hinausschießen!! — Na, sieh zu, daß wir die Löhnungen für die armen Proletarier bewilligt erhalten! Ich reite jetzt auf die Landstraße, meine Ver- theidigungswerke zu inspiciren! Dort bin ich zu finden, wenn sich etwas ereignen sollte ! Adieu! (Ab mit 2 Offizieren.) Dr. Becher (rasch). Und ich empfange die Frankfurter Deputation, Blum und Fröbel! M e ss enha us er (schnell). Mich triffst Du in einer halben Stunde in der Stallburg! — Leb' wohl! — (Messenhauser und Becher ab mit Offizieren zu verschiedenen Seiten. Während dieser letzten Reden ist die Bühne leer geworden, die Com- Parserie hat sich in die Couliffe gespielt.) Du Beine (allein). Wie das enden wird — weiß nur der liebe Gott — und — Se. Durchlaucht der Feldmarschall Fürst Windischgrätz — den ich im Innersten meines Herzens herbeiwünsche — um dieser Rotte den Garaus zu machen! (Spektakel hinter der Scene.) Was ist denn das wieder? — Eine Schaar bewaffneter Proletarier! Sie stürmen hieher? Es wird immer gruslicher! Das Beste wird sein, ich salvire meinen Leib und strecke die Fühlhörner erst heraus, wenn die Luft der Reaktion zu wehen beginnt! (Schnell ab.) Drille Scene. Ein Rudel Proletarier, bewaffnet mit allerlei Waffen, darunter einige Weiber, mitten unter ihnen Chaises. Im Hintergründe schleicht sich Moses herum. Alle (durcheinander im Auftreten). I^ ja! So muaß g'scheh'n! Der Herr Dokter is unser Mann! Der versteht's ! — Uns woll'ns derhungern lassen! 19 1. Proletarier. An uns denken's z'letzt! Wir wollen ihnen aber zeigen, daß wir selber an uns denken! 1. Weib. Recht so! Wer sich selber hilft — dem hilft Gott! So steht's in der Bibel! — Alle (stürmisch). Selber wollen wir M helfen! 1. Proletarier. Der Gemeinderath thut nix für uns — der Sicherheitsausschuß a net — und der Reichstag schon gar nix! — Der Herr Doktor Chaises da hat's g'sagt — und eahm glaub'n ma! Er is a g'scheidter Mann und halt's mit'n Volk! Der Herr Doktor soll leben! Vivat!! Alle (brüllen). Der Herr Doktor Chaises! Vivat hoch! — 1. Weib (schwingt eine Schnapsflasche). Und i' lass'n extra leben den Herrn Doktor! Der versieht uns!! (Trinkt.) 2. Weib. So ist's! Er laßt ein' armen Menschen a' a' wen'g was zua- kommen!! — Chaises. (Näheres über die Charakteristik dieses Erzbetrügers im Anhänge des Stückes.) Freunde! Brüder! Hört mich an! — Alle (durcheinander). Still! Hörn ma'n an — n' Herrn Doktor! 1. Prolo tarier. Mir hörn' eahm gern zua, weil er die Sprach red', die mir verstengan ü Einige. So ist's! Andere. Eisen! Alle. Still jetzt! Hörts zua! Moses (im Hintergründe bei Seite.) Wo Hab ich doch das Gesicht schon gefehlt ? (Sinnt nach.) Chaises. Freiheit!Gleichheit! Brüderlichkeit und Selbsth ilfe!! - Das sind die 4 Säulen, auf welchen der Tempel unserer Errungenschaften ruhen muß!! — Freiheit — die haben wir, ^ott sei Dank! Gleichheit und Brüderlichkeit sind aber bis jetzt nur ein leerer Wahn geblieben — und wir sind entschlossen, uns dieselben äs taeto — zu erringen, durch die Selbsthilfe! Alle (stürmisch.) So ist's ! Hoch! Die Selbsthilfe! 1. Proletarier. Sehr g'scheidt red' er, der Herr Doktor! Einige. Wi'r a Buach! Alle. Still jetzt! Chaises. Freunde! Brüder! — Ich weiß, was Euch am Herzen liegt! Ihr seid arme Leute — Familienväter — seid so lange ohne Verdienst — und doch zögert man mit der Löhnung, die man Euch versprochen! Ist das recht? Alle. Na! Gewiß net! Chaises. Habt ihr nicht mitgeholfen uns die Freiheit zu erringen? Seid Ihr nicht bereit dieselbe zu vertheidigen, wenn sie bedroht wird? — Der Banns von Kroatien belagert bereits den südlichen Theil der Stadt! Fürst Windisch- grätz kommt von Norden, und umklammert uns von jener Seite mit seinen Truppen! Aber sie sollen nur ankommen ! Ihr, die Ihr zu siegen gewohnt seid — Ihr werdet ihnen eine fürchterliche Niederlage bereiten — dessen bin ich gewiß! — Aber für Eure beispiellose Aufopferung, wollt Ihr auch einen Lohn haben ! Ist das mehr als billig?! Alle (stürmisch). So ist es! Hab'n müaßen was davon! Chaises. Man verlangt von Euch, daß Ihr das Eigenthnm jener Feigen — jener Erbärmlichen bewachen sollt, die gesinnungslos aus Wien geflohen, um ihren Leib in Sicherheit zu bringen! Soll es da nicht erlaubt sein, einen Theil des Eigenthums jener Verräther sich anzueignen, um sich vor Hunger zu schützen? — Wollt Ihr lieber darben, mit Euren Familien? Seid Ihr so weichherzig, Brüder, daß ihr Euch nicht selbst helfen wollt?! 1. Proletarier (flammend). Na! Mir san net so weichherzig! Alle (wild durcheinander). Gewiß net! den Verräthern g'schicht ganz recht! — 2 * 20 1. Proletarier (feurig). So g'scheidt wie der Herr Doktor hat noch Kaner g'redt!? Moses (schnell bei Seite). A Misse- meschune soll er einnehmen dafür! 1. Proletarier (wild). Der Herr Doktor Chaises soll unser Anführer sein! Ihm woll'n ma' g'horsam sei — und kan' Andern! 2. Proletarier. Was er sagt — gilt! Eisen! Alle. Was er sagt — gilt! (brüllend.) Hoch, unser Anführer! ! 1. Proletarier. Alsdann — wo soll'n ma zuerst anfangs zum ausrama? 1. Weib. Natzl! Gengans mer's an bei den Goldarbeiter da! (Zeigt auf einen Laden.) 2. Proletarier. Gilt schon! Thua's Stemmeisen aussa! 2. Weib In den Uhrmacherladen kinnts a net schlecht sein, Ferdl? 3. Proletarier. Gilt! Gengen mer's an! Alle (stürmisch). Vorwärts! Gengan mer's an! (Sie machen Miene die Gewölb- thüren der Kaufleute aufzusprengen.s Vierte Scene. Vorige. Jahn mit einer Schaar bewaffneter Garden der Legion. Jahn (eine riesenhafte Gestalt, mit langem Vollbartes. Was geht hier vor? - Heda, Leute! Was wollt Ihr thun? 1. Weib (rasch). Das geht kan Menschen wos an! 2. Proletarier. Wir gehorchen nur nnserm Hauptmann und Anführer! 1. Proletarier (schnell). Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und Selbsthilfe! Das san die 4 Säulen, die den Tempel der Freiheit tragen müaßen! Mir san grad' drüber, uns die vierte Säul'n aufzubau'n! Alle. Ja, ja! So ist's! Jahn (energisch dazwischen fahrend). Halt! (Kommandirt.) Fällt das Bajonnet! (Die Garden, die mit ihm gekommen, fällen das Bajonnet,und befinden sich jetzt im Centrum, gegen die Proletarier die Gewehre kehrend.) Einige. Was wär das? Andere. Ihr seid's gegen nns? Alle. Hauts ös z'samm! Jahn (zieht rasch seinen Säbel). Zurück! — Der Erste, der es wagt uns anzutasten, dem spalte ich den Schädel ent zwei! (Kleine Pause. Alle sind von der Energie Jahn's betroffen.) Jahn (fortfahrend). Was seid Ihr im Begriffe zu thun? Räubern gleich, wollt Ihr das Eigenthum Eurer Mitbürger Euch aneignen! — Wollt Euer bisheriges Betragen mit einem Verbrechen besudeln? Glaubt Ihr, daß der Diebstahl jetzt erlaubt sei? (Messenhaufser mit 2 Offizieren ist im Hintergründe jetzt aufgetreten.) Alle. Der Diebstahl? Jahn. Ja! Gemeiner Raub ist es, was Ihr ausüben wollt! O Pfui! Pfui! 1. Proletarier. Na, na! Mir hab'n halt glaubt, mir san im Recht! Jahn. Wer sagt das? 2. Proletarier. Wir haben uns ja net viel nehmen woll'n, nur a weng was —! 3. Proletarier. Ja! Weil ma ka Löhnung kriegen! 1. Proletarier. Und do a leben woll'n! Jahn. Eure Löhnung ist so eben bewilligt worden! — (Bewegung.) Zeder wehrhafte Mann, erhält von heute an für eine 24stündige Dienstzeit 40; -- eine 12-stündige 20 Kreuzer Entlohnung, nebst Brod und Wein! Alle. Ist das wahr? Messen Haus er (vortretend). verbürg es Euch, mit meinem Ehrenworte ! 21 Alle (weichen einige Schritte znrückst Ah, der neuche Oberkommaudant! Mess enhausser (fortfahrendst Allen Mobilen wird der rückständige Sold ausbezahlt! Und von heute an tritt jene, von dem Herrn Hauptmann hier bekanntgegebene Lohnerhöhung ein! — Ueberdieß sichert der Gemeinderath im Einverständnisse des Herrn Ministers, allen Wittwen der im Dienste Gefallenen eine jährliche Pension von 200 Gulden zu! 1. Weib (raschst Der brave Gellt einderath! Alle. Vivat! Der Gemeinderath! 1. Proletarier. Und der Herr Oberkommandant! Vivat hoch! Alle. Vivat! 1. Proletarier. Der Herr Oberkommandant, das is unser Mann! Der verstehts Volk! Der weiß, wo's uns weh thut! — Chaises (will sich nach der Seite hin aus dem Staube machenst Moses (vertritt ihm den Wegf Vleiben Se noch a bisserle, Herr Doktor. 1. Proletarier (raschst Auf die Art hätt' ja aber der Herr Doktor da nachher Unrecht, mit seiner Aufhusserei! 2. Proletarier (schnellst G'wiß a no! Er hat aus uns Dieab machen Wöll'n! CH aises (will abst ^Moses (hält ihn gewaltsamst Vleiben Se, bleiben Se doch! Messen Hauser (erblickt jetzt erst Chaisesst Wie? Dieser hier, hätte Euch — ? 1. Proletarier (schnellst Ja! Der Herr Doktor Chaises da! Moses (schnell, mit Hohns. Chaises? Chaises? — Wie heißt? — Und e Herr Doktor is er gar auch? — Püh! -- Was in einer solchen Zeit ans e Polnisch Iudenjüngel Alles werden könne! Alle. Wie? Was? . Moses (fortfahrendst E Doktor? E Ichöner Doktor! — E' Balbierergesell is er! — So soll ich e so gesund sein! Und wollt Ihr wissen, wie er heißt: Awrume Chaizes heißt er! So wahr ein Gott über mir ist, nicht anders! Und e Demokrat will er sein? Freilich! Ausgewachsen bei Demokraten! Wißt Ihr, was er ist? E Schwindler, e Ganef! Im vorigen Jahr war er noch eingesperrt in Pest, weil er hat gemacht falsche Wechsel! 1. Proletarier. Was? A polnischer Jud? Einige. A' Schwindler! Andere. A' Betrüger! Alle (stürmischst Schlagts 'n nieder! Schlagts 'n nieder! Messe nhaus er (abwehrendst Haltet! (Zu Chaizes, der bebend vor ihm steht.s Elender! Nachdem man Sie bereits vor Wochen aus der Legion, wegen infamen Betragens und Geldunterschlagung, ausgestoßen — erfrechen Sie sich dennoch ihre Umtriebe zu erneuern, das Volk irre zu leiten, und aufzureizen! Gewissenloser Schuft! — Geben Sie Ihren Säbel ab, augenblicklich! (Er giebt einem Offizier den Säbel.l Und hier, (geht auf ihn losj das dreifarbige Band, welches Sie frech um Ihre Brust geschlungen, herab damit! (Er reißt ihm das schwarz-roth goldne Band hernnter.s Ein Kerl wie Sie, soll das Symbol, für das wir kämpfen, ferner nicht mehr beschimpfen! — Infam ansgestoßen ans unserem Bunde, soll es in Zukunft Jedem freistehen, wenn Sie es noch einmal wagen sollten, Ihre verbrecherischen Wühlereien zu erneuern — Sie, wie einen tollen Hund niederzumachen! — Fort! Chaises (entflieht schnellst Moses (ruft ihm nächst Awrnm Chaizes, lauf, verkriech Dich in e Mauseloch! (Zwei Proletarier schlagen ihre Gewehre nach ihm an-j Messenhauser (verhindert esst Ruhig, Ihr Leute! Laßt ihn laufen! Er verdient nicht von Euren Kugeln zu fallen! 22 1. Proletarier. Wahr ist's! Lassen mern laufen, den Haderlumpen! Da, unser Herr Oberkommandant, das is a raisonnabler Mann! Vivat hoch! Alle. Hoch der Herr Oberkommandant ! Messenhauser. Ich danke Euch für Eure gute Meinung! Aber, seid auch in Zukunft immer eingedenk des Spruches! „Heilig ist das Eigenthum!" — Lebt wohl! fEr geht mit seinen Begleitern und Jahn, dem er im Abgehen die Hand drückt, rechts zur Seite ab.) 1. Proletarier (schnell). Wahr ist's! Nix is g'scheh'n! Recht hat er, der Herr Oberkommandant! 2. Proletarier (rasch). Und — „Heilig ist das Eigenthum!" Alle. „Heilig ist das Eigenthum!" 2. Proletarier. Her da mit aner Kreiden! Schreibt's auf überall an die G'wölbthüren! (Sie schreiben schnell auf mehrere Thüren „Heilig ist das Eigenthum." Der 2. Proletarier schreibt im Vordergründe auf eine Thüre:) Heulich ist da Eichendumm! 3. Proletarier. Das is ja falsch g'schrieben? 2. Proletarier. Laß mi nur geh'n! 3. Proletarier flachend). Mir scheint, Du hast Deine Studien der Ortografie auf der Höchen Schul' zu Gablitz genossen? 2. Proletarier fwährend er zu Ende schreibt). Ah was! Wann's nur ehrli g'mant is! Unser Herrgott schaut auf's Herz — und net auf d' Ortografie! — fRufe aus der Ferne.) Vivat! Robert Blum! Vivat hoch! Alle fdurcheinander). Was gibts denn? Was ist denn los? — 1. Offizier fkommt.) Der Abgeordnete des Frankfurter Parlaments, Robert Blum, wird im Triumphe durch die Straßen geleitet! Alle. Da müaßen ma a' dabei sein! Mehrere fdie hinaus sehen.) Sie kommen! Sie kommen daher! Fünfte Scene. fUnter fortwährenden Vivats, Hüteschwenken u. s. w. Robert Blum in einem offenen Fiaker, 2 berittene Nationalgarden vor dem Wagen, begleitet von einer Masse Volk, Frauen und Mädchen, Nationalgarden, Mobilgarden und Arbeiter. Die Mädchen und Frauen werfen Blumen in den Wagen.) Mehrere. Vivat! Das Reichsparlament ! Andere. Vivat! Robert Blum! Alle.Hoch, der Mann der Freiheit! Blum. fDer Wagen hält still; er hält ein Blumenbouquet, in der Hand und steht aufrecht im Wagen den Hut stellt er auf den Rücksitz.) Geliebte Wiener! Siegreiche Waffenbrüder einer großen Nation! Der Empfang, den Ihr mir bereitet, beglückt mich hoch! — Stolz erfüllt meine Brust, blick' ich auf Euch! — Im Namen des Nationalparlameutes zu Frankfurt Hab' ich Euch eine Lob- und Dankadresse gebracht, die ich auf dem Tisch des Reichstages hinterlegt habe! — Eure Vertreter aus Oesterreich sowohl, als auch diejenigen des gesammten deutschen Vaterlandes, senden Euch durch mich ein jubelndes „Glück auf" und bitten Euch, daß Ihr muthig fortschreiten möget auf der betretenen Bahn! — Alle. Vivat! Vivat! Blum. Ja! „Fortschreiten" das ist das Flammenwort, welches unsere Herzen auch ferner entzünden muß! Fortschreiten auf der eingeschlagenen Bahn und vor Allem keine Schonung gegen Diejenigen, die nach „rückwärts" wollen! Gegen diese werde ein Vernichtungskampf ohne Erbarmen geführt! Alle. Bravo! Vivat hoch! Blum. Herzliebste Wiener! Zur Ausdauer erlaube ich mir Euch ZU 23 inahuen — zur Ausdauer, edle Freiheitskämpfer ! Bedenket, daß der Einzug des feindlichen Heeres in Wien — Euer moralisches Todesurtheil wäre! — Alle. Bravo! Ja wohl! Sehr wahr! Blum. Ihr habt die Bewunderung der Welt erregt — Dankadressen von der halben Weltkugel für den Helden- muth Eurer März- und Maitage erhalten! — Bleibet jetzt nicht zurück! Zeiget der Menschheit, daß Ihr die Freiheit eben so standhaft behaupten als erringen könnt! — Alle. Bravo! Blum. Mein höchstes Glück aber wird darin bestehen, Euch auf Eurem Ruhmeswege zu begleiten — sei es nun zum glänzenden Siege — oder sollte es mir bestimmt sein — zum glorreichen Tode! — Alle sjubelndj. Bravo! Hoch! Vivat, Robert Blum! Vivat Hoch! — Musik. Gruppe.j Per Worhang fasst. Viertes Bild Der Kampf um die Sosienörücke. Dekoration: An der Sofienbrücke unter den Weißgärbern. Um den Brückenkopf im Halbkreis anschließend an die Rasumoffskhstraße eine Barrikade mit 2 Kanonen. — Auf der Barrikade weht eine weiße Fahne; daneben steht ein Mobilgardist (der rothe Carl) als Schildwache. — Es ist früh am Morgen, im Verlauf der Scene wird es Tag. Erste Scene. Schani. G u st e l. Poldl und mehrere Mobilgarden schlafend an der Barrikade. Carl steht Wache. Hecht im Vordergründe aus einem Stein sitzend, in sein Notizbuch heimlich schreibend. Hecht fhalblaut). Gott sei Dank, bald haben wir's Überstauden! Der Fürst Windischgrätz' ist in Hetzendorf, jetzt müaßts zum Kreuz kriechen — Mordbagaschi! — Bald gehts aus ein' andern Ton! — Da Hab' i schon a schöne Liste beisamm! — So wie das erste Militair in Wien einruckt, werden die Mauserln aussi kitzelt aus die Löcher! 10 Gulden hat mir der Herr in der Stadt drinn per Kopf zug'sogt! — Um eine solche Belohnung kann man sich schon a bissel a Müh' geben! Schani fträumend). Tonerl, bringst ein Caffee? Kriegst a Buße!! — Wann ma die Croaten — auf Camanadeln z'sam hacken — und firti san mit dera ganzen Mischgot, zum Heurigen nocha! Hast g'hört? — Nocha lassen mers umgehn, auf der Gelb'n! — Tonerl! Dös muaß a Schweigel werden, der muaß dauern von Lepoldi bis Maria Lichtmeß! fEr kollert von seinem erhöhten Lager herab.) Zweite Scene. Vorige. Tonerl mit einem dampfenden Kessel und einem großen Korbe. Tonerl Jetzt schauts solche Schlafhauben an? Tag ist's — und sie kugeln noch immer in die Federn — ah will sagen — zwischen die Pflaster- staner herum! fSchreit.) Auf nacheinander ! Der Feind kommt! Die Croaten san da! Alle fspringen auf und greifen zu den Waffen.) Wo? Was? Wo ist der Feind! Tonerl flachend). Haha! Dort drenten — im Prater! Ich Hab Enk nur verschrecken wollen! Alle ffrendig.) Ah, die Tonerl, mit'n Caffee! Sch a n i. Gott sei Dank, was Warm's! fGiebt ihr einen Kuß.) ^ 25 Mag'n is schon z'samm g'schnorft als wie an' alte Tabakblättern! Gustl. In mein Bauch is an ordentliche Eisgruaben. Tonerl, thua d' Häferln aussi! — Tonerl. (Sie holt kleine Töpfe aus dem Korbe und schenkt ein.) Ja, ja! Poldl. Hast Kipfeln a bracht! Ton erl. Ja, Schnecken! Kipfeln werns Enk bachen! Bin froh, daß i das Brot da derglengt Hab! Poldl (weinerlich). Kaue Kipfeln? Tonerl fihn ausspottend). Kane Kipfeln? — An' anzige Gschrade Hab' i no derwischt! Die g'hört aber für mein Schani! Schani (komisch pathetisch). Edle Seele! Diese Gschrade werd' ich Dir nie vergessen! Die Gschrade pickt unsre Herzen unauflöslich aneinander! — O, Tonerl! Her mit der Gschrade! (Nimmt rasch die Semmel.) Und was ist's denn mit'n Obers? (Hält das Töpfchen hin.) Tonerl. Obers? Da schauts her! (Zeigt ein winziges Töpfchen vor.) Das ist die ganze Mili die i' krieg'n Hab kenna! Das Töpferl kost 30 Kreuzer! (Sie gießt Jedem ein wenig in den Caffee.) Schani. Uijegerl! Das wird ja net a mal a Kapuziner! Tonerl. Die Küah, die z' Wien eing'stellt waren, sind alle den Weg alles Fleisches gewandert! Von dera die Mili is, das war die letzte, grad hab'n sie's g'schlag'n! 9 Hab' a 5 Pfund a Ripplats von ihr gnuma, davon kriegts öS auf z' Mittag, schweinerne Camanadeln! — Schani. O holde Zauberin! Sie »lacht aus altem Kuafleisch — jung- schweinerne Camanadeln! Carl (während er oben auf der Barrikade seinen Caffee trinkt). Ah, da legst di nieder! Schau der so an kecken Seressaner an? Alle. Was giebts denn? Carl. A' Seressaner steht dort drenten an der Donau und wascht sich! - Schani. Is halt a reinlicher Mensch! (Steigt hinauf.) Meiner Seel! (Lachend.) Schau der a so an kecken Schnipfer an, hat gar kan Schenirer! 'S rothe Manterl, 's G'wehr und die Mützen hat er Herobern Damm nieder- g'legt! — Carl (lakonisch). Putz'n mer'n weg! (Er legt an.) Schani (ihn hindernd). Gehst net! Möchst net auf ein' Unbewaffneten schieaßen? — I Hab' an Idee, a Hetz — a Grandhetz! — Alle (durcheinander). Was denn? Was denn? Schani. Derweil der sich dort wascht, nehmen wir eahm sei G'wehr und seine Klader weg! — Alle (lachen). Hahaha! Gilt schon! Dös gibt a Mordhetz! Poldl. Ja, aber wer traut sich übri? Schani. Wer? I trau mi! — Ton er l (aufkreischend). Schani! Da bleibst! Schani (steigt hinauf). Sei stad! Aus sein rothen Mantel kriegst Du das schönste Klad. damit gehst mit mir den Fasching am Wahringerspitz! (Ereiltüber die Barrikade.) Tonerl. Ob'st da bleibst, sag i'! Jessas und Josef, wann eahm was gschicht? Schani! Schani (von der andern Seite der Barrikade). Halt n' Brodladen und mach ka Gserras, glei bin i wieder da! — (Man sieht ihn über die Brücke laufen. Alle begleiten sein Thun mit ihren Blicken.) Carl. Er rennt schon über die Brucken! Poldl. Wanu's 'n nur net derseg'n! Carl (zeigt hinüber.). Dorten beim großen Bam, 200 Schritt weiter, steht a ganzes Träuberl Seressaner beinander! — Tonerl. Wann's 'n derseng'n? O mein Gott! O mein Gott! — Carl. Jetzt is er bald dabei! Poldl. Ui Jessas! — 26 Tonerl (angstvoll). Wos is denn? Poldl (rasch). Sie hab'n 'n derseg'n! Ton er l (schnell). Heilige Mutter Gottes! Carl (sehr schnell). Jetzt hat er's ! Er hat's schon! Er hat eahm 's Gwand weggnommen! Hahaha! — Die Uebrigen (die hinüber seh'n). Ja, ja! Er hat's schon! Tonerl (beugt sich hinüber und schreit). Schani renn! Renn Schani! Alle. Er kommt schon! Tonerl. Heiliger Leopold, steh' ihm bei! — (Zwei Schüsse krachen.) Tonerl. Heilige Muatter Anna! Schani (kommt über die Brücke gelaufen, ersteigt die Barrikade, und bleibt oben stehen. Er trägt in den Händen Mantel, Gewehr, Gurt und Mütze des SeressanerS. — Er macht eine lange Nas' hinüber.) Da! Oes kinnts mi' Buckelkraxen tragen! (Noch ein Schuß fällt, die Mütze fliegt ihm vom Kopfe.) Tonerl (hält sich die Augen). Aus ist's! — Alle. Bist blessirt? Schani (springt herab). Gut is ganga, nix is g'scheh'n! — Alle. Hurrah! - Toner! (geht wüthend auf ihn zu). Hörst! Wannst' mir noch a mal so an Schrocken einjagst? (Reibt auf.) Meiner Seel, i kunnt Dir jetzt a Flaschen awa Hann, daß der — Schani (frappirt). Was? — T onerl (fällt ihm um den Hals). Na, na! Bist ja do mei Bua! Mei' kecker- ster verwegenster Bitz vom Turhbrückl! Schani (hebt die Mütze auf). Der Schnipfer hat guat zielt! Da is's Loch in der Mützen! — Tonerl (nimmt die Mütze). Gieb her! Die setz' i jetzt auf! Und mit an Stolz will i daher steig'n, wie ka zweite von alle harben Gründ, drentern und herentern Alserbach! Inh! Kommts! Lassen ma a paar Schnapper aussi! Alle. Gilt schon! Inh! — Lied. Wer kann mit Recht so stolz jetzt sein, Wir i vom Thurybrückl? Der harbste Bua vom Grund ghört mei, Der allerhöchste Zwickl! Croaten, Böhm' und Seressaner, Freuts Enk nur, mei Bua is Aner, Der's an jeden awaputzt! 2 . Oes glaubts, öS habts uns scho' im Sackl? Ah, da muaß i lachen! Eh kimmt erst das große Packl — Dös wird furchtbar krachen! Croaten, Böhm und Seressaner, Freuts Enk, unter uns is Kaner, Der's Enk net glei awaputzt! 3. General Bem ist unser Führer, Da giebts nichts zum lachen: „Vorwärts, ruft er, kan Schenirer"! „Wann a d' Kugeln krachen"! Croaten, Böhm und Seressaner, Freuts Enk, General Bem is Aner, Der's den Enkern awaputzt! — Schani (hat sich den Mantel umge- nominen, die Mütze aufgesetzt, den Leibgurt umgeschnallt, und stolzirt jetzt als Seressaner costumirt, auf und nieder). Da schauts Enk' an Seressaner vom Thurybrückl an! — Alle (lachen). Hahaha! Tonerl. Aber der ganze Tabak- kramer-Schild! Alle (lachen). Moses (in der Coulisse). Handeln! Was zu handeln? — Alle (hineinsehend). Uj ! Der Meises! (Hecht entfernt sich.) Dritte Scene. Vorige. Moses (tritt auf von links). Moses (an Bindfaden angereiht hängen ihm über den Rücken und um den Leib viele 27 alte Eylinderhiite.) Was zu handeln? Schöne Eylinderhüt Hab ich da! Feine Augströhren! Alle (lachen). Wie schaut denn der aus? Schani. Moises! Was willst mit den Haufen Angstbntten? Moses. Was ich damit will? E Geschäft machen will ich damit! — Alle (lachen). Hahaha ! Mit de alten Pintsch? MoseS. Ihr lacht mich aus? — E richtiger Spekulant von heutzutage muß mit der Politik gehn! — Nach den Märzerrungenschaften, Gott soll se leben lassen hundert Jahr, hat man a Jeden, der e so a Cylinderhut getragen, so lang auf die Hühneraugen getreten, bis er'n e weggeworfen hat! Alles hat ma wollen unter einen Hut bringen, und das ist gewesen, der deutsche Hut! In jener Zeit Hab ich mich stark verlegt auf den Einkauf von alte Cy- linder! Warum? Darum: Weil sie waren spottbillig! — Den schönsten Hofrathscylinder Hab icb gekauft um e Zehnerl! Für e gewöhnliche Angstbntten von e Magistratsrath Hab ich nicht mehr gegeben als 5 Kreuzer! Und e so Hab ich bald das größte Lager gehabt in dem Artikel, was zu finden war, vom Salzgries bis hinauf in die Judengasse! Und ich Hab meine Cylin- der gehätschelt und gestreichelt, geklopft und gebürstet und eingeschmiert mit Pomad, dabei Hab ich sie getröstet, und zu ihnen gesagt: „Habt nur Geduld, es ist noch nicht alle Tage Schabbes, es wird schon wieder e Zeit kommen, wo ihr das Tageslicht nicht zu scheuen habt, denn so wie Regen und Sonnenschein wechselt, so geht es auch in der Politik, und die Bäum wachsen nix in ein Jahr in den Himmel hinauf"! So Hab ich immer zu meine Cylinder- Aschenbrödl gesprochen, und heut früh Hab' ich mir e Parthie mitgenommen, um der politischen Witterung auf den Zahn zu fühlen! Richtig! Es hat gar nicht laug gedauert, Hab ich 6 Stück verkauft gehabt, jeden zu ein Gulden! Schani. Dös is net recht von Dir, Moses, weil ma ja doch net wissen, wie ma dran sein! Moses. Wie ma dran sein? Gott soll uns beschützen, aber bös sein mer d'ran, sehr bös! — Schani. Wieso denn? Alle. Red, warum? Carl. Weshalb? Moses. Wieso? Warum? Weshalb? Wißt Ihr denn nicht, was vorgeht? — Ihr müßt doch wissen, daß der Reichs- tagsbeschlnß nix mehr angetroffen hat den Fürsten Windischgrätz in Lnnden- burg, weil er hat in der Zwischenzeit das Hauptquartier nach Hetzendorf verlegt gehabt? Alle. Ja, ja! Das wissen wir: Moses Also hat man ihm erst können Vorgestern mittheilen den Reichstagsbeschluß ! Was er hat darauf gesagt, wißt Ihr nicht? Alle. Na. das wissen ma net! Moses. Gut. — Ich wills Euch sagen: „Binnen 48 Stunden, hat er gesagt, das ist bis heute früh 9 Uhr, muß ganz Wien gekapitulirt haben, hat er gesagt! Und e Jeder muß abgelegt haben die Waffen, die Säbel, die Gewehre, woraus man schießt mit Pulver und wenn das wird nicht geschehen sein bis 9 Uhr, wo er aufsteht vom Frühstück, wird lassen auf Wien schießen mit eiserne Kanonenkugeln ' — hat er gesagt! — Alle. Ist das wahr? Moses. So soll ich e so gesund sein? Wie die Deputation hat zurückgebracht diese Nachricht wieder in die Stadt, hat sich gleich aufgemacht der Herr Minister Pillersdorf nach Hetzendorf und hat sich Sr. Durchlaucht genaht mit der ergebensten Bitte: „Nicht gar so streng mit uns in'S Gericht zu I gehen!" — Der iS aber schön ange- 28 kommen, der Herr Minister! — „Mit Rebellen unterhandle ich gar nicht und ich ford're unbedingt Unterwerfung!" Hat er gesagt! — Na, jetzt könnt Ihr (Luch denken, wenn er den Herrn Minister schon so abfertigt, wie er erst uns abseitigen wird! Ich sag' Euch: Gebraten am Spieß bei lebendigen Leib werden ma Alle! — fJn weiter Entfernung fällt ein Kanonenschuß.) Moses flanschend.) Still! Habt Ihr gehört! Alle flanschen. Noch 2 Schüsse fallen.) Ja richtig! Das is g'schoffen! — Schani stuft). Jeder ans seinen Posten! fAlles geräth in Bewegung.) Moses ffür sich). Ich verbrauch mich hinter meine Angströhren! Mit einer komischen Bewegung abeilend.) Jahn fmit einer Truppe Legionäre). Schani. I bitt', Herr Hauptmann, was bedeutet das Schießen? Jahn. Die 3 Kanonenschüsse bedeuten, vaß die 48stnndige Bedenkzeit für die Uebergabe der Stadt verstrichen, und die Unterhandlung als gescheitert zu betrachten ist! — Schani. Alsdann, gehts los? Jahn. Jedenfalls! Alle. Hurrah! Jahn. Außer den bereits gestellten harten Bedingungen, fügte Fürst Win- dischgrätz noch die hinzu, daß ihm eine Anzahl Personen ausgeliefert werden, unter welchen in erster Reihe sich: Bem, Pulsky, Dr Schütte, Dr. Becher. Bueran, Hammerschmidt und 12 Legionäre, befinden! — Doch, ich muß fort, Ihr Wißt NUN genug! — fGiebt ein Zei- chen mit dem Säbel und maschirt mit seiner Truppe ab.) Schani. Mehr als g'uug! Zu den Waffen! Alle. Zu den Waffen! Schani fsieht in die Eoulisse). Da kommt unser Kommandant! Hoch, General Bem! Alle. Hoch! General Bem! Vierte Scene. Vorige. Bem fmit seinem Stabe zu Pferde). Bem fnachdem er abgestiegen). Kinder! Jetzt kanns losgeh'n! Tapfer gehalten, oder ihr sollt mich kennen lernen! — Alle. Hurrah! B e m. Hab' ich's nicht gesagt, wie's kommen wird? Der Teufel hole alle Federfuchserei und alles Parlamentiren! Zeigt Ihr dem den kleinen Finger, sagt ich, will er die ganze Hand! Gebt ihr ihm die ganze Hand, wird er uns verschlingen wollen mit Haut und Haar! — Auf mich hats die fürstliche Durchlaucht ganz besonders abgesehen? Haha ! Na, wollend erst abwarten! — Erst noch einen Waffengang, und weun's für mich der letzte sein sollte in diesem Leben! — Alle. Hoch! General Bem! Bem. Kinder! Die traurige That- sache kann ich Euch nicht verschweigen: Wenn Fürst Windischgrätz die Stadt besiegt, dann liegen alle Errungenschaften auf der Bahre! Dann wird eine finstere rauhe Stimme sich erheben, bei deren Ton die Grüfte des Spielbergs sich gähnend öffnen, um viele eurer Kampfesbrüder zu verschlingen! — Darum ruf' ich Euch zu: „Wir müssen siegen, oder — ehrenvoll in diesem Kampfe sterben — lieber, als uns schmachvoll ergeben!" All e. Sieg! Oder ehrenvollen Tod! — Bem. Herab mit der weißen Fahne von der Barrikade! fEs geschieht.) Jeder auf seinen Posten! — fEr sieht über die Barrikade durch ein kleines Fernrohr.) Aha. Da drüben wird es bereits lebendig! — Die Croateuschaaren formiren sich! fSteigt herab.) Indien! Wir haben einen Angriff zu gewärtigen, noch eh' ich's vermuthet hätte! — Wer kommt da in aller Hast? 29 Schani. A' Adjutant vom Hauptquartier ! 1. Offizier (athemlos). Der Herr Obercommandant schickt mich mit dem Befehl an Sie, Herr General, daß Sie durchaus nichts unternehmen sollen, bevor Sie nicht vom Oberkommando den Befehl dazu erhalten! Bein. So! 1. Offizier. Minister Kraus und das Parlamentsmitglied Herr Brest! haben sich nach Hetzendorf begeben, um einen letzen Appell an des Fürsten Herz zu wagen und mildere Bedingungen zu erlangen! Sie sind bis jetzt noch nicht zurück gekehrt! — B e m. Hahaha! — Also an des Fürsten milden Sinn wollen Sie appelliren? An sein mildes Herz? — Da sieht man, mit welchen Fantastereien, dieser Mondscheinschwärmer — mein Freund Messenhauser — sich befaßt! — 1. Offizier. Herr General! — Bem (rasch). Ich nehme den Ausdruck nicht zurück und bin bereit ihm Rede dafür zu stehen! (Schlägt an den Säbel.) Er ist mein Freund, aber zum Oberkommandanten taugt er nicht! — (Feurig und schnell sprechend.) Auch melden Sie ihm, daß ich seine Befehle nicht ferner mehr respectiren kann und auch nicht will! Ich werde in meiner Position verharren und bei dem geringsten Zeichen eines Angriffes, mich mit meinen Leuten vertheidigen bis ans den letzten Mann! — (Leidenschaftlicher.) Apel- liren an sein Herz? — Lachen könnte man darüber, wäre die Sache nicht so verteufelt ernst! — Begreift denn Niemand bei Euch drinnen im Hauptquartier, daß jeder Appell au das Des- Poten-Herz Sr. Durchlaucht des Fürsten Windischgrätz eine neue Niederlage uns bereitet? — Das heißt ja „unsere Schwäche" dem Feinde verrathen? — (Wild.) Wenn ich zu befehlen hätte, ich ließe Diejenigen, die zu diesem Schritte gerathen, füsiliren! Ja! Ja! Staunen Sie nicht, Herr, das ist mein vollständiger Ernst! — Einige. Die im Hauptquartier san Verräther! Andere. Nieder mit denen, die uns verrathen wollen! Alle. Nieder mit Ihnen! Bem. Hören Sie diese Stimmen? — Melden Sie, was Sie hier gehört! Adieu! 1. Offizier schnell ab.) (Schon während der letzten großen Rede Bein'S war sehr entfernter Kanonendonner hörbar, der jetzt immer näher kommt, aber doch nicht zu laut sein darf.) (Jubel hinter der Scene.) Eljen, die Ungarn kommen! Eljen! Bem. Was bedeutet dieser Jubel? Was ist geschehen? (Eine Schaar Nationalgarden ziehen über die Bühne.) Ein Nationalgardist (zu Bem). Die Ungarn, unsere Brüder, kommen uns zu Hüls! Eljen! Alle. Eljen! Die braven Ungarn! (Sie ziehen vorüber.) B e m (aufschreiend). O, wenn es wahr wäre! — Ah, da kommt Dr. Becher! — Bruder ist es wahr? — Dr. Becher (tritt auf mit 2 Offizieren mit Staub bedeckt.) Wahr! Wahr, Freund! (Sehr schnell.) Die Ungarn kommen uns zu Hülfe, haben bei Fischamend den Feind angegriffen! — Hörst Du den fernen Kanonendonner? — Juble Freund! (Ihn leidenschaftlich umarmend.) Leb Wohl! Ich eile auf meine» Posten, zur Marxer- linie! (Ab mit den Offizieren.) Bem (vor Freude lachend und weinend). Hahaha! Ist es denn wahr? Ist es denn wirklich wahr? -Unterdessen appelliren die drinnen an sein Herz! Ja wohl! Wir wollen auch appelliren, (zieht den Säbel.) aber mit Flammen- znngen und eisernen Fäusten, wollen wir versuchen, dieses Marmorherz zu erweichen ! — (Einzelne Gewehrschüsse fallen jetzt in unmittelbarer Nähe.) 30 Bem (eilt auf die Barrikade). Aha ! Die da drüben wollen richtig das Konzert mit uns eröffnen ! (Die Schüsse fallen jetzt schneller aufeinander.) Aufgepaßt! sEr kommandirt.) Halbe Compagnie! rechts! Halbe Compagnie! links! — Die Uebrigen halten sich an die Häuser in der Reserve! (Trommelwirbel.) Ah, sie kommandiren zum Sturm! Nur immer heran! — Nicht früher schießen, als bis ich's befehle! — (Die erste Truppe Seressaner und Croaten kommen jetzt dem Publikum sichtbar über die Brücke.) Aufge- paßt — Kanoniere — Feuer! (Die Kanone wird abgefeuert.) Ganze Compagnie ruhig, ordentlich zielen, Feuer! fDie Salve wird abgegeben. Hierauf großes Gefecht. Die Seressaner erstürmen die Barrikade, werden zum Theile von den Mobilgarden zurückgeworfen, die Brücke steht in Brand. Bem steht oben auf der Barrikade mit der Tricolore in der Hand.) (Großes Tableau.) Der Worhang fällt. Fünftes Bild. Aas Observatorium auf dem Stefanstburme. Dekoration: In Mitte der Bühne ragt der, damals bis über die Glöckner- Wohnung abgetragene und eingerüstete obere Theil des Stefansthurmes mit seinem Plateau in die Höhe. Man sieht auf das Dach der Kirche und darüber hinweg auf die Dächer der Stadt, und auf die Umgebung Wiens in der Vogelperspektive. Weit am Horizont gewahrt man das Aufblitzen der abgefeuerten Geschütze bei Fischamend. Eine schwarzrothgoldene Fahne weht vom Gerüste des Plateaus herab. Erste Scene. Messenhauser, Blum und 2 Offizie r e sauf dem Plateau. Kanonendonner in weiter Entfernung.) Messenhauser (durch das Fernrohr blickend). Man sieht nur noch einzelne Kanonenschüsse aufblitzen! Sehen Sie selbst! — Blum (durchsetzend). Sie glauben also, daß die Ungarn nicht vorrücken? Messen Haus er (seufzend). Wollte Gott, ich könnte das Gegentheil bejahen! Doch wenn auch! Wenn es Ihnen auch gelungen wäre siegreich vorzurücken, für uns wäre immer ein Ausfall in's freie Feld ein nutzloses Opfern von Tausenden gewesen! Außerdem wurde ja auch die Capitulation abgeschlossen, und unterzeichnet! Und wären die Ungarn auch bis an die Linienwälle gedrungen, ohne Munition, ohne Pulver, hätten kir uns mir allem Heldenmuthe nicht länger vertheidigen können! — Blum. Also wieder einmal die traurige Parole unserer Tage, das: „Zu spät!" Die Hilfe der Ungarn kam zu spät, und wir sind zu ohnmächtig um uns länger zu halten! — Messenhauser. So ist es, und der letzte Kampf wird der der Verzweiflung sein! Da unten brüllt drohend der Orkan des Aufruhrs! Von mir erwarten sie eine siegverheißende Nachricht, und ich darf ihnen die entsetzensvolle Wahrheit nicht verschweigen ! O Qual! Gleich Prometheus bin ich angeschmiedet au diesen Steinkoloß, durchleide alle Schmerzen der Selbsttäuschung, alle Martern fehlgeschlagener Hoffnungen! B l U M (hat wieder durch das Fernrohr gesehen). Das Schießen wird immer schwächer, und immer entfernter, der Rauch! Sehen Sie doch! Messenhauser (sieht durch). Es ist vorbei! — Das letzte Fünkchen Hoffnung erlischt, und wir sitzen im Finstern! (Giebt das Fernrohr an einen 32 Offizier.) Die Ungarn sind geschlagen, Fürst Windischgrätz wird uns die Bestätigung bald genug zudonnern! 1 . Offizier (stürmt herauf). Ich komme um Sie zu benachrichtigen, daß der Feind alle Anstalten trifft die Vorstädte Wieden, Mariahilf, Gumpen- dorf zu beschießen! Ich komme deshalb, um Ihre Befehle entgegen zu nehmen! Messen Hauser ffest). Mein Befehl lautet: Nichts zu thun, das den Feind noch mehr erbittern könnte! Die Eapitulationsbedingungen sind durch die, ans mehrere Seiten stattgehabten, und doch nutzlosen Angriffe gebrochen! Wir alle haben es zu verantworten, wenn Ihr in Eurer unsinnigen Gegenwehr verharrt! — fEntfernter Trommelwirbel). 2« Offizier (stürmt herauf). Dr. Becher, ohne Ihren Befehl abzuwarten stürmt mit seinen Schaaren gegen die Mariahilfer-Linie! Alles ist in fieberhafter Erregung und wartet auf Nachrichten und Befehle von Ihnen! fJetzt fallen einige Kanonenschüsse zwischen längeren Pausen). Messenhauser sschnell und erregt). Ich vermag Ihnen nur die traurige Nachricht zur Weiterverbreitung mit- zutheilen, daß die Ungarn geschlagen, und auf der Flucht sind! 2. Offizier. Gerechter Gott! Damit soll ich hinunter? Messenhauser. Sie fürchten? Schreiben Sie die Schreckensbotschaft auf eineu Zettel. sZu einem Offizier.) Und lassen Sie denselben aus der Glöcknerwohnung durch das Rohr hinunter! (Offizier eilt ab. Zum zweiten Offizier) Befehle vermag ich nur noch den einen letzten zu geben, er lautet: Die Capi- tulation ist im Einverständnisse des Reichstages abgeschlossen worden! Das Fortführen des Kampfes mögen diejenigen verantworten, die ihn begonnen haben, ich habe keine Befehle dafür ertheilt! Einhaltung der Capitulation, und Niederlegung der Waffen, das ist mein letzter Befehl! — (Erneuerte Kanonenschüsse.) (Zu Blum.) Hören Sie, wie er klopft und pocht und uns die Niederlage der Ungarn verkündet? 3. Offizier (stürmt herauf). Eine fürchterliche Gährung ist gegen Sie im Anzug! Verwünschungen aller Art sind gegen Sie lautbar! Man will den Thurm erstürmen, wenn Sie nicht augenblicklich Ihre Befehle zur Fortführung des Kampfes ertheilen! — (Es fängt zu dunkeln an. Entferntes Sturmläuten). M essenha tt ser (verzweifelnd). Reißt mich in Stücke! Nehmt mein Herzblut, ich kann nicht! Kann diese Last nicht ans mein Gewissen nehmen nutzlos Tausende hingeopfert zu haben! 4. Offizier sstürzt athemlos herauf, eine Schrift in der Hand). Im Aufträge des Studenten-Comitvs, habe ich Sie aufzufordern, Ihre Stelle als Oberkommandant sofort niederzulegen, und abzudanken! Hier unterfertigen Sie dieses Papier! — Messenhauser (erschüttert). Also Mißtrauen! — Man hält mich für einen Ueberläufer? Für einen Verräther? 4. Offizier. So ist es! Wenn ich Ihnen einen Rath geben darf, so ist es der: Lassen Sie sich nicht unter der Menge blicken, die Ihrer harret! Ihr Leben ist bedroht! — Messerhauser (geringschätzend). Mein Leben!? Was liegt an meinem Leben? (bedeutungsvoll). Meine Ehre, Herr! Meine Ehre ist in Gefahr, und diese wieder zu erringen, rein zu waschen vor der Welt, gebietet mir, einstweilen mein Leben zu erhalten! Geben Sie! (Nimmt ihm das Papier ab, und unterzeichnet mit Bleistift, den er aus seinem Notiz' buche nimmt). Alle 4 Offiziere. Sie unterzeichnen also? 33 Messen ha user. Ich unterzeichne meine Abdankung! Hier! fgiebt ihm das Papier.) Eilen Sie hinab, und befreien Sie die Herren von meinem drückenden Oberkommando! fAlle Offiziere eilen ab. Mrssenhauser und Blum bleiben allein zurück. Es ist dunkel geworden, der Kanonendonner ist stärker geworden, das Sturmläuten, der Trommelwirbel währen fort. Am Horizont sind einzelne Brände sichtbar.) Messenhaus er. Nun denn Schicksal, nimm welchen Lauf Du willst! — Da liegt die arme Stadt wie mit einem Feuergürtel umschlossen, mich schauert! — Blum fihm zuredend). Kommen Sie, Freund, fort von diesem herzzerreißenden Anblick! Lassen Sie Ihren Hut unten in der Glöcknerwohnung, er macht Sie leicht erkenntlich! — Messenhauser. Sie glauben? — Sie haben recht! Und ich muß mein Leben behüten, bis man mir meine Ehre wieder giebt! Blum. Kommen Sie, mein unglücklicher Freund! — Messenhauser fwährend sie hinabsteigen). Mir ist, als stieg ich in mein Grab! Per Woryang Mt. - ' Theater-Repertoir Sl6. 3 Sechstes Bild. Der 31. Hktoöer Dekoration des 3. Bildes. Der Horizont ist blutigroth erleuchtet. Entferntes Schießen, man sieht die Brandraketen fliegen, entfernter Trommelwirbel und Sturmläuten. Erste Scene. Robert Blum in Mitte einer Menge Legionäre, Nationalgarden, Mobilgarden. Alle (wild und flammend, unter ihnen einzelne Verwundete.) 1. Gruppe. Wir sind verrathen und verkauft! 2. Gruppe. Der Obercommandant ist ein Verräther! 3. Gruppe. Ein Reaktionär! Ein Betrüger! Ein Nati onalg ardist. Wir gehen nicht zu Grunde an Mangel an Munition, sondern an der Fülle des Verraths! Alle. So ist es! Nieder mit Messenhauser ! Blum (flehend). Lieben Freunde! Herzliebe Kampfgenossen! Hört mich! Alle. Stille! Robert Blum soll sprechen! Blum (steigt rasch auf einen Steinhaufen). Mit meinem Blut und Leben verbürge ich mich, daß mein Freund kein Verräther ist! (Murren. Rasch und feurig fortfahrend.) Eine Zeit wird kommen, wo Ihr Alle einsehen werdet, daß Ihr ihm Unrecht gethan! Er konnte in gegenwärtiger Lage für Euch und die Stadt nichts Besseres thun, als anzubefehlen, von jeder weiteren Verthei- digung abzulassen! (Allgemeines Murren.) Blum (mit dem ganzen Aufwande seiner Rednergabe fortfahrend). Hört mich Freunde, ich beschwöre Euch ! (Es wird wieder ruhig) Es giebt Momente, wo auch der Tapferste seinem Feinde gegenüber sagen darf: ich bin besiegt, nicht weil ich Unrecht hatte, sondern weil Du der Stärkere warst! Wiener! Ihr habt Euch würdig gezeigt des großen Rufes, den Ihr überall genießt, zeigt Euch auch jetzt in würdiger Haltung! Schont Eure edlen Kräfte, wir brauchen sie vielleicht dereinst für bessere Zeiten! Versprecht mir, Euch nicht mehr nutzlos aufzuopfern! (Schnell und sehr feurig fortfahrend.) Unsre Sache ist nicht todt für immer! Sie wird wieder erwachen in glänzender Schöne! So viel edle Kraft, so viel heldenmüthiges Wollen, kann nicht verloren gehen im Wechsellauf der Zeit! Daß es mir vergönnt war, in Euren Reihen kämpfen zu dürfen, dafür danke ich Euch, und mein größter Stolz wird es bleiben 35 ausrufen zu können: „Auch ich war dabei!" — Aber nun folget meinem Beispiele, legt ab die Waffen! fEr legt seinen Säbel ab.) Jeder kehre zu den Seinen! Viele Familienväter sind unter Euch! Daheim harren Eurer in Todesangst die Frauen, die jammernden Kinder! Ich sehe, Ihr seid ergriffen, Ihr theilet meine Meinung? — O glaubt mir, wäre noch ein Atom von Hoffnung um zu siegen vorhanden, der Erste wäre ich, der mit gezücktem Säbel sich an Eure Spitze stellte! — sEin Trupp Nationalgarden und Mobile, fliehen von rückwärts über die Barrikade hinweg nach dem Vordergründe, im Fliehen Gewehre, Rüstzeug, Uniformen abwerfend.) Aus! Alles aus! Flieht! Sie sind schon in der Stadt! fSie stürzen nach allen Seiten ab.) 1. Gruppe. Verflucht sei dieser Tag und diese Stunde! 2. Gruppe. Werft ab die Waffen! fEs geschieht.) 3. Gruppe. So rette sich, wer kann! — Alle. Flieht! Rettet Euer Leben! sSie werfen die Gewehre, Säbel, Uniformen, während sie nach allen Seiten fortrennen, ab.) Blum fallein). Nun geht's zu Ende! Und was beginnst Du jetzt? Bleischwer, ich gesteh es, drückt mich die Luft, die jetzt zu wehen beginnt! — Was kann Dir wiederfahren? — Bin ich als Mitglied des Reichsparlamentes nicht unantastbar? — Ich will mich um einen Geleilschein bewerben, und dann unverzüglich fort! — So sei's! Mein Weib und meine lieben Kinder, werden schon bange nach dem Vater sein! fAus der Entfernung Trommelwirbel einer einzelnen Trommel.) Was ist das? fBlickt in die Coulisse.) Ein Knabe, der zum Sturme trommelt, und hinter drein keucht ein Verwundeter, der kaum sich aufrecht zu erhalten vermag! Will das Kind eine gestorbene Welt ans dem Todesschlaf erwecken? Zweite Scene. Vorige. Jahn fden Kopf eingebunden schwer verwundet auf den Säbel gestützt, wankt herbei. In der freien Hand hält er eine schwarz-roth-gold'ne Fahne. Vor ihm geht ein 10-jähriger Knabe mit der Trommel.) Knabe fhört zu trommeln auf). Es ist ja Niemand mehr zu sehen? Nicht Einer kommt heraus! Jahn. Sie werden schon kommen! Rühr' die Hände, Junge! Sie müssen heraus! Müssen sich noch einmal stellen ! Vorwärts, dort hinunter! Knabe fgeht trommelnd ab. Der Schall verliert sich in der Ferne.) Blum fsaßt Jahn am Arme). Lassen. Sie ab, Freund! Sie sind verwundet, kommen Sie, ich geleite Sie nach Hause! Es ist ja Alles vorbei! Jahn. Vorbei? Es darf nicht, darf nicht Alles vorbei sein! — Sie sollen noch einmal heraus! Die Sache der Freiheit darf nicht verloren sein! Darf nicht, darf nicht! fEr wankt, Blum hält ihn). Blum. O herzzerreißender Anblick! Folgen Sie meinem Rath, kommen Sie, ich geleite Sie! Jahn. Nein! Dort, dort zur Barrikade, dort helfen Sie mir hin! Dort will ich sterben! Blum. Sie reden irre, Freund! Der Kampf hat ein Ende! Jahn. Ein Ende? Ich will's erwarten, das Ende! Ich, ich allein! fEr macht sich los.) fDas Schießen hat aufgehört, ebenso daS Sturmläuten und der Trommelwirbel.) fFliehende kommen, über die Barrikade fetzend, während sie die Waffen von sich werfen, fund sich im Vordergründe nach allen Seiten zu retten suchen.) Alle fverzweiflungsvoll). Flieht! Flieht! Sie kommen! Sie folgen uns auf den Fersen! Rettet Euch! Me ab.) Blum f schnell). Ich muß Sie verfassen! fBittend.) Kommen Sie mit mir. 3 * 36 Jahn. Nein! — Dort will ich sterben ! (Zeigt nach der Barrikade.) Diese Fahne — decke meinen Leib! (Er wankt gegen die Barrikade.) (Entfernte Siegesmusik; Einzugsmarsch.) Blum (schnell). Sie kommen! Fahr' wohl, tapf'rer Held! Ich beneide Dich um Deinen Tod! (Drückt Jahn die Hand und eilt dann rechts im Vordergründe ab). Jahn (lauschend). Sie kommen! Horch — die Siegesklänge des Despoten! (Vor sich hinstarrend, mit weitgcöff- neten Augen.) Schwarz verhüllt und gefesselt, sitzt vor mir die Freiheitsgöttin, und ihre Thränen fließen, blutigroth, unaufhaltsam! Und mitten durch diesen Thränenstrom schreitet eine finstere Gestalt, ein Mann auf dessen Stirne alle Schrecken dräu'n! — Vernichtung ist sein Blick! Ein Todesspruch sein Wort! (Frohlockend.) Ich aber bin gefeit vor ihm, denn um meine Schläfe windet ein milder Engel (mit schwächer werdender Stimme) mir die Lorbeerkrone der — ewigen — Freiheit! (Er ist an der Barrikade niedergesunken, und stirbt. Die Trikolore deckt seinen Leib). (Jetzt wird der Einzugsmarsch näher hörbar, gleichzeitig erscheinen im Hintergründe die ersten Reihen Truppen mit gefälltem Bajonmt. Im selben Momente, werden wie ans ein Zeichen die Fenster in den Häusern aufgerissen, die Einwohner, meist Frauen erscheinen an den Fenstern, und rufen die Tücher schwenkend „Vivat!" Während die ersten Truppen über die Barrikade marschiren, fälli langsam der Vorhang.) Siebentes Bild Die Denunzianten. Platz und Straße in der Nähe des Stabsstockhauses. — Beim Aufziehen des Vorhanges werden im Hintergründe Gefangene über die Bühne eskortirt, was sich im Verlauf der ersten Scene noch zweimal wiederholt. Erste Scene. Schani. Tonerl. Carl. Poldl. Tust! und noch mehrere Andere. Alle, in zum Theile komischen Tylinderhiiten. Mitten unter ihnen Moses. (DaS folgende Gespräch wird mit halber Stimme geführt.) Moses. Also, selbst hat er sich angegeben, der Messenhanser? Mein Lebens- retter! Mein Wohlthäter! Schani. Wie ich's Euch sag'! Moses. Heiliger Gott! Wie hat er aber so was thun können, der arme Mann? G n stl. Dös kann i a net begreifen! Carl. Weit davon is gut vor'm Schuß! — Schani. Dös versteht's Ös halt net! A Mensch, der auf sei Ehr' so viel halt, wie der Messenhanser — ^Moses frinfallend). Wie heißt Ehre? Toll das a Ehr' sein auf Befehl Seiner Durchlaucht aufgehängt zu werde« ? Ich bedanket mich für die Ehr'! Schani. Aber so laßt 'S Euch nur berzählen! Ihr wißt's doch noch, wie Alles g'schrien hat: .Der Messenhanser >It ein Berräther!" Moses (schnell). Gott, wie Unrecht hat man ihm gethan! Schani. Die Meinung war halt amal gegen ihn! — Wie aber dann am 6. in der Wiener-Zeitung sei Nam' unter die Auszuliefernden g'standen is, und daß Jeder, der ihn verheimlicht, der standrechtlichen Behandlung unterzogen wird, und wie er dann sogleich den hochsinnigen Entschluß gefaßt hat, sich selber auszuliefern. und seinen Vorsatz auch auSgeführk hat. da haben diejenigen, die ihn für einen Berräther g'halten, freili glei' a andere Meinung über ihn g'habt! Aber, da war's halt scho' z'spät! — Mose s. Und ist ka Hoffnung mehr? Schani. Gestern is ihm s' Urtheil verkünd't word'n, es lautet: ans Tod durch den Strang? — Uebermorgen in der Fruah, wird er hing'richt'! Tonerl (schluchzend). Der arme Mann! Und a Braut sagt ma, hat er a? A reiche, a saub're, und so viel gern soll'n sie sich haben? O Gott! Mir stößt's Herz ab — wann i' nur d'ran denk! Aber bei der Hinrichtung muaß i' a dabei sein! O Gott, da woan > i' mi' wieder z'todt! 38 Schani. Na so bleib lieber daham! Ton erl. O na! Da wanet i' ini erst recht z'todt! Ein e Ausr u f er i n (schreiend). Die schöne Beschreibung mit'n Bildet, die ma erst kriegt haben, vom siegreichen Einzug des Fürsten Windischgratz! (Schnell und heimlich zu den Leuten). Es kinnt's a' die rührende G'schicht vom Robert Blum seiner Hinrichtung in der Brigittenau haben. Mehrere. Ja, ja! Her damit! Was kost's denn? Die Ansr uferin. Still! Net so laut, sonst derglengens mi! A Zehnerl kost's! (Sie zieht die verbotenen Schriften aus ihrem Busentuche hervor.) Mehrere. Her mit ein! Mir auch! Mir auch eins! A nsru f erin (wieder schreiend.) Die schöne Beschreibung mit'n Bildet, die ma erst kriegt haben, vom siegreichen Einzug des Fürsten Windischgratz! Schani. Aber schrei d'Frau net gar a so! Ausruferin. Bin scho wieder stad! (Leise.) Dös Lied über'n Iellacciz Hab' i a! „Kecker Ban, komm' nur an!" Mehrere. Geb'ns eins her! Schani. Wer waß, wann ma wieder so was z'lesen kriegt! Ansruserin (nimmt ihr Geld und schreit weiter, während sie abgeht). Die schöne Beschreibung mit'n Bildet, was ma erst kriegt haben, vom siegreichen Einzug des Fürsten Windischgratz! (Verschwindet.) Zweite Scene. Vorige. Im Hintergründe ist Hecht mit einem Unteroffizier und 8 Mann Soldaten aufgetreten. Hecht (laut, indem er auf Schani zeigt). Seh'ns, Herr Feldwebel, das ist der Frevler, der damals bei der Sofienbrucken dem Seressaner 's G'tvaiid g'stohlen hat! (Sie werden umringt.) Moses (entschlüpft schnell zur Seite). Alle (durcheinander). Wie? Was war das? — Hecht. Sie können glei 's ganze Bandl da z'sammpacken! Es is Am so viel werth als der Andere! (Sich umsehend). Aber wo ist denn der Jud? Wo is denn nur der Jud hinkommen? Der is mir abg'fahren! A, den krieg'n ma scho noch! Schani (vor Zorn bebend). Schau da a so ein Mordshaderlumpen an! Toner! (ängstlich). Schani! Feldwebel. Also keine Umstände gemacht! Vorwärts! (Zu den Leuten.) In die Alserkaserne mit ihnen! Alle (durcheinander). Ja, Was g'schieht denn mit uns? Schani. Ja, i bitt', was steht uns denn bevor? Feldwebel (lakonisch). Na, ich glaub nicht viel! — Erst wird man Euch mittelst des Haslingers Eure Freiheits- schwürmereien austreiben, und dann — na, vielleicht seid Ihr dock noch als Kanonenfutter gegen die Piemontesen zu verwenden! Schani. Aha! — Alsdann z'erst krieg'n ma als Handgeld, ein' Fufz'ger, oder so was dergleichen, net wahr? Und nachdem dürfen ma nach Italien eini, als gezwungene Freiwillige? Brii- derln! Machts Enk nix d'raus! Mir woll'n dem Vater Radetzky beweisen, daß mir do noch was Besseres san, als nur a Kanonenfutter! — Tonerl, woan net! Du gehst mit als Marka- tanterin! Gilt scho! — Aber, a Bitt, hätt' i' no, die anzige auf derra Welt! (Auf Hecht weisend.) Vergunnens mir den Hundling dorten nur auf a 5 Minuten. (Er fährt auf Hecht los, wird aber von den Soldaten zurückgehalten). Kruziferras! Mt a Stäuberl dürfet übri bleib'n, von eahm, von dem Schandkerl, und wann's mei' Leben kostet! 39 Feldwebel. Vorwärts! Fort mit Euch. Schani. Brüderln! Laß'n ma justament ka Traurigkeit g'spür'n! Mehr als 's Leben kanns a net kosten, und wier oft hab'n ma dös scho riskirt? Die Soldaten (nehmen sie in die Mitte). Weiter nacheinander! Alle. Vorwärts! Vorwärts! Schani (im Abgehen). G'freut's Enk Katzelmacher! An Enk laß' i mein Zürn aus! lSie werden Links abgeführt.) Hecht Für sich, allein im Vordergründe, schnell). Per Mann 10 Gulden, kein schlechtes G'scbäft! — Aber der Jud is mir auskomma, um den is mir wirkli lad! Wär' a Haupthetz g'wesen, schon das G'serras was er g'macht hätl'! Na vielleicht dergleng ich'n do noch! lFolgt den Gefangenen schnell.) Dritte Scene. Pa ulin e und Boro sch (von rechts). Borosch (geleitet sie). Mttth, mein -Fräulein, Muth! Geben Sie der Hoffnung Raum, und glauben Sie an die Begnadigung! Paul ine fschwarz gekleidet, in fieberhafter Erregung). O, mein Herr! Der Himmel gäbe, daß Sie wahr sprächen! Nur das Leben soll man ihm lassen, und mir nur das Bewußtsein, daß er lebt! Mag eine lange Kerkernacht ihn von mir auch trennen, ich will's ertragen, und werde es ertragen; denn die Hoffnung ihn eines Tages frei und wieder zu sehen, wird mich aufrecht erhalten! — Was war sein Verbrechen? Daß er gethan, was der Reichstag, der Minister, die Gemeindevertretung von ihm verlangten? — Mit demselben Rechte müßte auch Jenen der Prozeß gemacht werden! Und sollte darin kein Milderungsgrund, für die Aufhebung seines über ihm verhängten Urtheils sein, daß durch seinen Einfluß, Staatsund Privateigenthum, sowie jenes des kaiserlichen Hofes vor jeglicher Antastung bewahrt wurde? — O wahrlich! Nur die blindwüthige Rachsucht konnte diesem Manne den schmachvollsten Tod durch Henkershand zuerkennen! Boro sch. Sprechen Sie leise, man könnte uns belauschen! Paul ine (ängstlich.) Ja, ja! Ich vergaß ! Boro sch. Um welche Zeit gehen Sie zu ihm! Paul ine. Um 7 Uhr heute Abends werde ich vorgelassen! Borosch (sinnend). Es ist möglich, daß ich noch vor dieser Zeit eine Depesche aus Olmütz erhalte, die unsere Hoffnungen erhöht! — Pauline (freudig). A, Sie sind mein guter Genius! Borosch. Der Separatzug, den der Minister Kraus bewilligte und mit dem mein Freund Prato abfuhr, trifft um 3 Uhr Nachmittags in Olmütz ein. — Wenn er das Gnadengesuch, welches von uns Allen unterfertigt, auch nicht mehr heute dem Kaiser überreichen kann, so gelingt es ihm vielleicht doch noch heute zu erfahren, ob seine Sendung Aussicht auf Erfolg haben wird! — Kann ich Sie, bevor Sie Messeuhansser besuchen, davon in Kenntniß setzen, im Falle ich Nachricht erhalte? — Pa ul ine (rasch.) Ich werde bis kurz vor 7 Uhr warten! Borosch. Es ist gut. — Und nun geleit' ich Sie nach Hause. — Fassen Sie Muth! Ferdinand der Gütige wird sein edles Herz unserer Bitte nicht verschließen! PaNliNe (die Hand anf'S Herz pressend, den Blick nach Oben gerichtet). Das Wort der kaiserlichen Gnade rettet uns Beide, denn mein Leben ist untrennbar an das seine gekettet! — 40 Borosch. Ich erwarte das Gnaden- wort des Kaisers, beinahe mit Zuversicht! Bis dahin stärke die Hoffnung Ihr Herz! Pauline (seine Hand ergreifend, wäh- rend sie mit ihm abgeht). Ich will hoffen, ich will! (Beide links ab.) Vierte Scene. Baron v. Ka ltern und du Beine saus dem Hintergründe link« im Gespräch.) Kaltern. Suchen Sie sich ferner die Güte des Fürsten dadurch zu erhalten, indem Sie uns noch weiter behilflich sind, die Bögel ans ihren Nestern zu holen! Du Beine smit einem hohen Cylinder, schwarzen Frack). Ich Werde bemüht sein, mir die Gnade des Fürsten, mit der er mich beehrte, zu verdienen! Gerechter Himmel! Wohin hätte uns das Regiment dieser Demagogen gebracht? Ganz Wien sollte den Fürsten eigentlich als Heiligen verehren! — Man muß aber auch jetzt gründlich aufräumen! Nur keine Milde, sie wäre am Unrechten Platze! Gegen Demokraten — helfen nur Croaten! — Kalt ern ssinnend.) Ganz richtig! Hören Sie du Beine: Die Nachricht die Sie mir da hinterbrachten, daß der Reichstagsabgeordnete Prato mittelst Separatzug nach Olmütz, an das Hoflager des Kaisers geeilt sei, um die Begnadigung Messenhauser's zu erwirken, scheint mir so wichtig, daß ich der Meinung bin, wir machen sofort Sr. Durchlaucht davon Mittheilung? Was meinen Sie? Du Beine. Fahren wir gleich, wenn es gefällig ist, nach Hetzendorf! Kaltern. Das wollen wir thun! (Wieder sinnend.) Sagen sie, haben Sie denn die Spuren Bem's ganz verloren? — War nichts mehr zu entdecken? - Du Beine. Ja, lieber Baron, wissen Sie denn nicht? Bem ist in Preßburg angelangt! — Kaltern. Höll' und Teufel! Du Beine sseufzend). Ja. der ist uns entwischt! Se. Durchlaucht weiß es bereits! — Und denken Sie mir in Preßburg ist es Stadtgespräch, er soll in einer österreichischen Generalsuniform in Begleitung einer Ordonnanz hinter sich, die hermetische Sperre der Linien passirt haben! — Dafür allein schon verdiente er gehängt zu werden! Kalter n. Kommen Sie, gehen wir! Du Beine (Kaltern unterm Arm nehmend, während des AbgehenS.) Erfrecht sich, die österreichische Generalsuniform i für seine schändlichen Zwecke zu benützen ! — Solche Keckheit findet man aber nur bei Republikanern, wie er einer ist! — (Seufzend.) Oh. das uns der entkam! — (Beide ab.) Fünfte Scene. 1. Seressaner mit MoseS Arm in Arm. 2. Seres s a n e r von der andern Seite kommend. Beide schleppen allerlei Gegenstände ans dem Rücken gebunden mit sich herum: Bratpfannen, Bügeleisen. Guitarren, Spiegel, Würste, Bartwische, kupferne Wasch- kesiel n. s. w. 1. Seressaner (ruft den 2.. der ihm entgegenkommt an). Ho, Michael! Kumm her, schau wen ich Hab gefunden! — 2. Se ress an er. Meine Seel' — da iS ja Iud! 1. Ser es sauer. Frailich! Nämliche brave Kerl, was uns damals hat Stiefel. Topanken gebracht hinaus. 2. Seressaner. Na, freu' ich mich, daß seh' ich dich wieder! (Sie schütteln sich die Hände.) Moses. Und ich erst! — Na. wie gehts Euch denn in der Wienerstadt? 41 Gut, scheint-! AuSgefressen seht ihr genug aus! — 1. Seress an e r. O, geht uns sehr gut! Moses. Das glaub' ich! — 2. Seressaner. Guter Banns schaut aus uns, wie auf Kinderle, brave! Moses (ironisch.) Gott was e' zärtlicher Papa! — Was schleppt ihr denn da Alles mit Euch herum? e' ganzen Tandelmarkt! — 1. Seress aner. Mein Gott, das sein's so klaine Angedenken, was mir wollen mitbringen ans Wienerstadt, in unsre Haimat. für Weiber — Kinder! sBetheuernd.s Haben wir Alles gefunden! Moses. Freilich, freilich! — Ich weiß ja, was Ihr finden heißt! — Gott, werd Ihr mir sagen! — Zum Beispiel! Ihr kommt wo hinein in e' Zimmer und es ist Niemand da, so findet Ihr nämlich Alles, was nicht niet-und nagelfest ist! — Hab ich nicht recht? — 1. Seress an er (zustimmends- Frai- lich! Frailich! Moses. Ich Hab' Euch studiert! 1. Seressaner. Du Ind, Du wirst verstehe, was das werth kann sein! (Ex zieht ein Papier hervor, worin eine abgebrochene, vergoldete Thürklinge eingewickelt ist.) Hab' ich gefunden in dem schönen Palais, da draußen — (Besinnt sich) was heißt — Bellfetre! Moses. Bellfetre? — Ah, im Belvedere draußen? 1. Seressaner. Ja, ja! — Wie diel ist das werth? MoseS (spitzt, sieht die Thürklinge an, dann da- Papier seitwärts, welches der Seressaner in der Hand behält.s WaS das ist werth? — (Schnell für sich.j E so e «Hammer ! E' messingene Thürschnall'n hat er eingewickelt in e' Nordbahnactie! sLaut.f Was das werth ist, lieber Freund! sLkise.s Kane 20 Kreuzer, ich muß ihm aber mehr geben! (Laut.) DaS ist Messing und vergoldet! Ich will Euch dafür geben: 3 silberne Zwanziger! 1. Seressaner. Nit mehr? Moses (betheneruds. So sott mer augenblicklich de Gall herausspringen, kann ich für das Stück Metall da — mehr geben! 1. Seressaner. Schmierst mich nicht an? — MoseS. Hühneraugen soll ich kriegen auf der Nasen so groß wie die Wassermelonen, wenn ich dafür wieder bekomm mei Geld! Glaubt Ihr mir jetzt? — 1. Seressaner. Will ich Dir glauben, weil Du hast so schönen Eid geleistet! Gieb her Geld! — Moses. Na also! — Gebt mir das Papier her, daß ich die Rarität- wieder einwickeln kann ! (Der Seressaner giebt ihm das Papier, MoseS wickelt die Thürklinge schnell ein und steckt es in den Sack.) So, da habt Ihr Eure 3 Zwanziger! (Für sich.j E koscheres Geschäft, sott ich leben! (Laut s Wie lang werdet Ihr uns noch das Vergnügen eurer Anwesenheit gewähren? — 2. Seressaner. O, morgen Früh schon, marschieren wir in unsere Haimat! Moses. Gott, wie schade! — Na, die Wiener werden Euch gewiß nicht vergessen! — 1. Seressaner. Das glanb' ich! — Möcht auch sein undankbar von ihnen! — Aber jetzt Jud, komm mit uns in Wirthshaus! Zahl ich Maß Wein! (Nimmt ihn untern Arm.) A, da kommen noch 2 Kammeraden von uns! (Es treten noch 2 Seressaner auf, sie begrüßen sich. 1. Seressaner fortfahrend.s ServttS Grogorowitsch! Servus Eucalowitsch! — Mußt Du uns Allen in Wirthshaus erzählen, Geschichte, wie Dir wär damals bald schlecht gegangen, weil schlechter Kerl Dich hat verrathen, und Rebellen Dich hätten bald erschossen! Komm! — Moses (sieht in die Couliffe. In höchster Freude). Schmai Srel! Gott ist ge- 42 recht! — Da kommt er grad' der schlechte Kerl! — Alle Vier (zugleich). Was hast. Iud ? Moses. Der Tag der Vergeltung ist gekommen, für den dort, für den schändlichen Denunzianten! — Still, Freunde! Hört mich an, was ich Euch erzähle! (Er geht mit den Serefsanern in den Hintergrund, ihnen heftig gestikulirend etwas erzählend.) Hecht (tritt schnell auf, ohne Moses und die Serefsaner gewahr zu werden). Die sind besorgt und aufg'hoben! — Wenn das G'schäft noch a Weil' so fort geht, setz ich mich zur Nuh! Daß mir der Ind, der Moses, anskommen ist, das gift mich! — Eigentlich is er unschuldig ! Macht nix! Ich muß mir'n aus'n Weg räumen, weil er mir in mein' G'schäft Schaden macht, jetzt ist die beste Gelegenheit dazu! — Will i wo was kaufen, bums! Hat der Teuxel g'wiß glei 'n Juden da, der mir die Sachen vor der Nasen weghandelt! (Sinnend.) Ich muß nur am Salzgries unter seine Stammesgenossen Nachfragen, wo er sein Schluf hat! (Er will ab.) (Die 4 Serefsaner kommen jetzt vor nnd nehmen Hecht in die Mitte.) 1. Serefsaner (nimmt ihn beim Arm). Servus! Herr Hecht! 2. Serefsaner (ebenso.) Erlaubens, daß wir bissel mit Ihnen gehn! — Hecht (verdutzt). O, meine Herren! Sie sind zu freundlich! Mit was kann ich denn dienen? 1. S ere ssa ner (stark). Wir haben Auftrag Dich festzunehmen! Hecht (zitternd). Mich? — Sie irren! Von wem denn? Moses (tritt vor). Von mir! Hecht. Der Iud! Moses. Nicht mehr anslassen den Schandkerl! 1. Serefsaner (mit grimmigen Blik» ken). Hast armen Juden damals dennn- zirt, daß wär' bald erschossen wor'n, weil er uns hat gebracht Fußbekleidung! (Greift nach dem Handschahr.) 2. Ser essaner (ihn abhaltend). Wart noch bissel, Andra's. ich will erst wissen, Wie viel Uhr ist! (Grimmig zu Hecht.) Wie viel Uhr ist? Hecht (zieht bebend seine goldene Uhr, die an einer schönen Kette hängt.) 10 Minuten über halbe Viere! — 2. Serefsaner (reißt ihm die Uhr weg). Laß schaun? — Ja, hat recht! (Steckt die Uhr ein ) Hecht (wimmernd). Meine Uhr! - 2. Serefsaner (stark). Brauchst nicht mehr! — Wirst schon wissen, wie viel g'schlagen hat! — Hecht. Ja, mir scheint, ich weiß schon! 1 Serefsaner. Was hat er da für schöne Busennadel! (Zieht ihm die Nadel aus der Cravatte.) Her damit. 2. Serefsaner. Und schöne glanzet e Ringe hat auf Finger. Kerl hat gewiß g'stohl'n? Alle Vier. Herunter damit! (Sie ziehen ihm die Ringe ab). 1. Serefsaner (schnell). Geld wird auch haben im Sack, g'stohlenes. Alle Vier. Heraus damit! Heraus damit! (Sie nehmen ihm aus den Taschen Börse und Brieftasche.) Hecht (versucht zu schreien). Hülfe! 1. Serefsaner (zieht den Handschahr). Wie Dn nur machst Muckser, schneiden wir Dir Bauch auf. Hecht (hält sich angstvoll den Bauch). Bin schon mänserlstill. 1. S er e s s a n e r (zu seinen Kameraden). So, jetzt Haut) auf Buckel binden! (Sie binden ihm die Hände auf den Rücken) Wir werden Dich führen zu unser Hauptmann, Gospodine Massakrowitscb! Der wird machen kurzen Prozeß mit Dir. Bevor wir morgen früh abmarschiren wirst Dn schon hängen auf Baum. Vorwärts! (Sie ziehen ihre Handschahrs und eskortiren ihn ) Alle Vier. Vorwärts! Vorwärts! (Sie stoßen ihn vor sich her.) Moses. So soll es jedem Denunzianten ergeh'n ! Per Vorhang fällt. Achtes Bild. Wegnadigt zu Uukver und Wkei. Messenhauser^s Kerkerzelle im Stabsstockhause. Ein etwas dunkel gehaltenes Gewölbe. In Mitte der Rückwand eine nischenförmige Vertiefung, in welcher eine sogenannte Pritsche mit Matratze und Decke sich befindet. Rechts ein Tisch mit zwei brennenden Kerzen, Kruzifix und Blumenbouquet. Links ein Tisch, worauf mehrere Bücher und Schriften liegen. Eine Thüre links im Prospekt, die auf einen Bogengang führt. Wenn diese Thüre offen steht, sieht man durch die Bogen in's Freie. 2. Coulisse rechts: allgemeiner Eingang. Links, hoch in der Wand, ein kleines vergittertes Fenster. Erste Scene. Messenhauser in Ketten, sitzt links am Tische, vor ihm knieend Pauline, eine Depesche in den Händen haltend. Pauline sin leidenschaftlicher und freu« digster Erregungs. Aber so lies doch nur selbst die Depesche, die Freund Borosch mir überbrachte! Du wirst gerettet, wirst frei! Das milde Herz des Kaisers wird Dir die Kerkerpforten öffnen ! Hier steht es ja! Hör doch nur: (lesend.) Wefsen- berg sagte mir die kräftigste Fürsprache zu. und kehrte mit der Meldung zurück, daß der Kaiser die Audienz auf morgen Früh bewilligt habe. Minister Wessen- berg fügte noch bei, daß er wegen Messenhauser bereits mit dem Kaiser gesprochen, und er an seiner Begnadigung nicht zweifle." — Ist dies nicht mehr als Hoffnung? Ist dies nicht beinahe Gewißheit? — Messenhauser ldüster vor sich hin« brütend). Zwischen heut und morgen liegt eine Nacht, die Scheidewand des kommenden Tages, und der Fürst ist unumschränkter Diktator über Tod und Leben! — Pauli ne. O, blick nicht so starr, mein Freund! Es ängstigt mich! — Messenhauser stattlich). Theures Herz! Wohlan! Ich will mich an diese Hoffnung klammern, Dir zu Liebe! Pauli ne sschmerzlich). Nur mir zu Liebe? O Gott! Hat das Leben für Dich denn keinen Werth mehr? M essenhause r ssie an's Herz drückend). Welchen Werth das Leben im Vollbesitze meiner Ehre, und au Deiner Seite für mich hätte? — O! könnt ich Dir's mit Worten schildern! (plötzlich finster blickend.) Doch, weißt Du. wie das Urtheil der Welt abermals über mich lauten würde, wenn des milden Kaisers Gnadenwort mir das Leben schenkte? Sprich selbst, wie würde dieses Urtheil lauten? „Der Messenhanser war doch ein Verräther!" — 44 Pauline. O. ihr stolzen Männerherzen! Der Schein der Ehre geht ihnen Über Alles! Mit Ueberredung lei- denschaftlich fortfahrend.) Was kümmert Dich das Urtheil der Menge? Dein Herz sagt Dir, daß Du unschuldig bist, Dein Gewissen spricht Dich frei! Für dieses Scheinding, was Du in den Augen der Welt zu verlieren wähnst, will ich Dich beglücken mit meiner unendlichen Liebe! — O, wärst Du nur erst frei! Wir würden fliehen, fort aus diesem Lande, jede Spur hinter uns vernichtend, die uns an jene Schreckens- zeit erinnern könnte! In einem fernen Welttheil wollten wir uns ein neues Leben gründen! Ein Paradies wollte ich Dir erbauen an meiner Seite, und Dich Alles in meiner zärtlichen Liebe vergessen machen! — Messenhauser. Ich sehe dieses Paradies vor mir ausgebreitet — o. könnt' ich es auch betreten! — Pauline. Du kannst! Die Hoffnung, die mich belebt, soll auch die Deine sein, dann erblühet unserer Liebe ein neues, schönes Leben! — Messen Hauser Mt sie im Arm, kiißt sie, und fagt dann bedeutungsvoll). 9a, Du Engel! Unsrer Liebe erblühe ein neues, schöneres Leben! (Sie halten sich sprachlos umschlungen.) (Kleine Pause.) Der Stabspro foß (erscheint an der Thüre rechts)- Herr Messenhauser, es ist schon spät, und ich habe den gemessenen Befehl — Me ssenhans er (einfalleud zu Pan- line). Du mußt nun gehen! Pan line. Schon? Messen ha user Mt sie umschlun- aen). Träume süß, nnd morgen kommst Du, nicht wahr? Paul ine. Gewiß! Leb' wohl! — Beten will ich die Nacht durch, daß der Lenker aller Dinge uns gnadenreich Dein Leben schenkt! Messenhauser (ihr in's Auge sehend). Und — wenn nicht? Wenn dennoch — P a ul ine (schaudernd). O sprich es nicht attS! — (Pause, dann vor sich hinstarrend.) Wenn nicht? — Dann (leise und fest.) Trage ich bei mir, was mich mit Dir vereint ! (Will rasch ab.) Messe n hauser (aufschreiend) Pauline! — Pauline (stürzt weinend in seine Arme). O, mein geliebter Bräutigam! Messenh a n ser (leise flüsternd). Dn wolltest? Wolltest wirklich? Pauline. Ja! (schnell und leise). Suche meinen Entschluß nicht wankend zu machen, er ist unumstößlich, wie die ewige Wahrheit! (Langsam und leise, mit tiefer Bewegung, indem sie seine Hand festhält.) Mein Leben ist an das Deiuige gekettet! Ich kenne den Tribut, den ich unsrer Liebe schulde, und fühle mich stark genug, ihn zu bezahlen! Leb' wohl! (Schnell ab rechts). (Pause). Stabspro foß. Haben Sie nech einen Wunsch für heute? Messenhauser (hat sich heimlich die Augen getrocknet). Ich danke Ihnen ! Wenn mein Diener morgen zu mir wollte, lassen Sie ihn kommen! Stabspro foß. Sehr wohl! Dann gute Nacht ! (Er geht rechts ab, man hört, wie er die Thüre verschließt). Messenhauser (allein). Ich kenne den Tribut, den ich unsrer Liebe schulde, und fühle mich stark genug ihn zu bezahlen! Um sie allein, nm dieses Engels willen, muß ich mich an das Leben klammern! Sei es denn. —Ich will mich der Hoffnung ans Begnadigung nicht entziehen! Will es versuchen, den Werth des Lebens schätzen zu lernen. — Um Ihretwillen! (Pause.) Die Erregungen und Kämpfe der letzten Tage drücken schwer auf meine Augen- lider! Ich fühle mich ermattet! (Setzt sich auf sein Bett). Mag auch die Seele ringen mit dem Körper, das Herz nnt 45 dem Verstände, die Natur trägt den Sieg davon! (Er legt sich nieder, und bedeckt sich mit seinem Mantel, der daneben liegt. Pause. Leise Musik beginnt.) Komm holder Knabe, mit der Mohnblume, der mir Vergessenheit aller irdischen Ovalen bringt — sei mir gegrüßt! — Balsamisch träufelst Du das süßeste Geschenk des Himmels in meine Seele! Alle finsteren Schatten, die das Herz gepeiniget, entfliehen vor Deiner beglückenden Nähe, holde Fantasien nehmen die Sinne gefangen, und umgankeln mein ruhiges Gewissen! O, wer doch nimmer erwachte, aus Deiner himmlischen Umarmung! Tod, oder Schlaf! Nein — Schlaf und Tod wär' ein beglückendes Ende! lEr schliist eins. )ES wird dunkel). sSimfonie). sDie Rückwand, an der Messenhauser liegt, öffnet sich, und man erblickt aus einem Hügel .Robert Blum" aufrecht in voranschreitender Stellung, um ihn herum, etwas tiefer stehend eine Gruppe Gefallener, darunter Jahn, welche enthusiastisch zu ihm emporblicken. Bon Oben schwebt ein GenittS hernieder, in der einen Hand Lorbeerkriinze, in der anderen einen Palmzweig schwingend. Blum nimmt den Palmzweig dem Genius aus der Hand, und winkt damit dreimal Messenhauser zu. — Messenhauser regt sich im Schlafe, er streckt die Hand Blum entgegen. — Im demselben Momente dumpfer Trommelwirbel. Das Bild verschwindet langsam. Sobald da« Bild verschwunden» erneuerter Trommelwirbel, Messenhauser erwacht, die Musik schweigt.) Messenhauser. War'S Traum, war's Wirklichkeit? Ich sah den edlen Blum, der mir vorangegangen, die Siegespalme streckt er mir entgegen, und winkend mit der Hand, als ob ich folgen sollte? Viele Edle, deren Blut für die Freiheit floß, schaarten sich um ihn. uud im Lichtglanz schwebte ein Cherub auf die Helden nieder, Lorbeerkränze in den Händen! — Ja, Euer Blut rann für die gerechte Sache, und aus Euren Wunden wird der künftige Freiheitsfrühling neu erblüh'»! Ich fühl' es jetzt, wir haben nicht umsonst gestritten ; und kommen muß die Zeit, die unserer Opferung einstens noch die Lorbeerkrone windet! sErneuerter Trommelwirbel.) sGleich darauf werden beide Thüren mit starkem Geräusch aufgeschlofsen.s Messenhauser. Man kommt. Dritte Scene. Durch die Thllre in der Mitte, die bis zum Schluffe offen bleibt, erblickt man eine Anzahl Soldaten mit Gewehren, den Stabs- Pro f o ß e n, und einen HaUptMaNN. Bon rechts durch die Thüre treten gleichzeitig ein: ein Major und 4 Offiziere in Parade. Messenhauser firstauut). Was soll dieser ernste feierliche Aufzug? Major sein Papier in den Händen, bei Seite). Die Brust schnürt'S mir zusammen, mich dieses Befehls zu entledigen. sLaut, etwas zögernd.) Nehmen Sie die Mittheilung, die ich Ihnen zu machen habe, als ein Mann hin, der stark genug ist, dem Tode in's Angesicht zu sehen, wann er auch erscheint! Messenhauser sgedehnt). WaS ist eS, das Sie mir zu sagen haben? Major. Auf Befehl Sr. Durchlaucht habe ich Ihnen Folgendes kund zu thun: sentfaltet da« Papier und liest) „Das Urtheil an den im StabSstock- hause sich befindlichen ehemaligen Oberkommandanten der Nationalgarden, Wenzel Caesar Messenhauser, ist im Gnadenwege dahin abzuändern, daß derselbe in Ermanglung eines Freimannes den Tod durch Pulver und Blei zu erleiden haben soll." — Messenhauser sfreudig). Also doch eine menschliche Regung. Ich werde also nicht als ein Missethäter gerichtet, sondern soll den Tod eines Soldaten sterben?! 46 ^gxriid zu Ende lesend). »Die Vollstreckung dieses Urtheiles jedoch, hat, sofort nach Erhalt dieses meines Befehles zu geschehen." — Messen Hauser seinen Augenblick starr). Hab' ich recht gehört? Das ist nicht möglich! Major (hält ihm die Schrift hin). Lesen Sie selbst. Mess enhauser sstarrt in die Schrift). Es ist wahr! Wahr! Major (an ihm herantretend, und ihm die Schrift sanft aus der Hand nehmend.) Fassen Sie sich! Zeigen Sie, daß Sie als Soldat zu sterben versteh'»! Messenhauser (vor sich hinstarrend). O, das ist es nicht! Ich werde gefaßt sein, ich werde! Seien Sie dessen sicher! Aber, Sie werden es verzeihlich finden, wenn ich über den Beweis dieser durchlauchtigen Gnade einen Augenblick die Fassung verlieren mußte! Nach dem Gesetze — da ich kriegsrechtlich abge- urtheilt wurde — sind mir 3 Tage zur Vorbereitung für meinen letzten Gang zugestanden! Nach diesem Gesetze kann daher das Urtheil erst morgen früh an mir vollstreckt werden! Aber, Durchlaucht fürchtet, daß das Opfer ihm entgehen könnte und als unumschränkter Vollstrecker seines Willens übt er Gewalt für Recht, raubt mir den letzten Tag meines Lebens und begnadigt mich zu Pulver und Blei! Wahrlich, dieses Meisterstück seiner Kunst ist ihm gelungen! (sich erhaben aufrichtenb.) Doch die Eine Wonne seiner Rachgier soll er nicht befriedigt haben, daß er den Messenhauser dazu gebracht, vor dem Tode gezittert zu haben! fein Priester wird sichtbar.) Ah — ehrwürdiger Herr! Ich sehe, die letzten Anstalten sind bereits getroffen, wir haben keine Zeit zu verlieren, vorwärts ihr Herren also, ich bin bereit! (Er nimmt rasch seinen Mantel um und setzt eine Mütze, die auf dem Tische liegt auf.) Wo soll die Exekution stattfinden? Ist es weit von hier? Major. Kaum 200 Schritte, gleich unter dem Stabsstockhause, im Stadtgraben des Neuthores, hier nebenan! Messenh aus er. Wer führt das Kommando? Major. Ich! Messenhaus er. Dann werden Sie mir die letzte Bitte nicht versagen, Herr Major, daß ich als ehemaliger Offizier, mein Ende selbst kommandiren darf? Major. Es sei Ihnen gewährt! Messen Haus er (drückt ihm die Hand.) Ich danke Ihnen! Major. Haben Sie sonst noch einen Auftrag au Jemanden? Messenhauser (seufzend.) Den letzten, ja ! (Gleich wieder fest und gelassen.) Doch auch das soll bald geschehen sein! (Er eilt an den Tisch und schreibt stehend einige Zeilen auf ein Blatt Papier, während er schreibt weiter sprechend.) Wer Von den Herren wird so freundlich sein! Hauptmann (tritt vor). Ich! Haben Sie einen letzten Auftrag zu besorgen? Messen Haus er (faltet das Blatt Papier zusammen, küßt es und übergibt es dann dem Hanptmann.) Hier! Es ist das letzte Lebewohl an meine Braut! Ueber- geben Sie es ihr. (Zieht eine Brieftasche hervor.) Das Geld hier übergeben Sie gefälligst meinem alten Diener Franz Gruber. Es ist nicht viel, doch dem armen Teufel wird es nützen. (Drückt dem Hauptmanne die Hand.) Für die Erfüllung dieser meiner letzten Bitte im Voraus meinen wärmsten Dank! (sich aufrichtend.) Und nun bin ich bereit! (mit leuchtenden Blicken.) Tambour, die Trommel gerührt! (Zu den Offizieren.) Kommen Sie, meine Herren! Ich will Ihnen zeigen, wie inan stirbt! (Trommelwirbel ertönt. Er geht rasch und festen Schrittes voran mit dem Priester, die Offiziere und der Major folgen. Alles durch die Mittelthüre ab, bis auf den Hauptmann, der zurück bleibt und ihnen, an der Thüre stehen bleibend, lange nachsieht. Große Pause. Der Trommelwirbel verhallt nach und nach und hört endlich ganz auf.) 47 Hauptma 11 n (nachdem Alles ruhig.) Mit festen raschen Schritten geht er dem Richtplatze zu! Welch' ein Mann! Keine Miene verrieth den Kampf seines Herzens! So erhabene Resignation sah ich noch Keinen zur Schau tragen, der dem Tode geweiht war! (Verworrene Stimmen von Außen, rechts.) Hauptmann. Welch ein Lärm? Was geschieht? (geht auf die Thüre rechts zu.) Franz (von Außen). Laßt mich, sag ich! Haltet mich nicht zurück, es gilt ein Leben! (Er stürzt herein, bleich, keuchend, athemlos.) Schnell — um Gotteswillen — eilen Sie dem Zug nach — Messenhauser ist begnadigt — vom Kaiser- eben ist die Nachricht eingetroffen — ich bin voraus — Hauptmann (einfallend). Wo haben Sie den Befehl? Franz (zeigt nach der Thüre rechts.) Dort, das Fräulein bringt ihn! (eilt zur Thüre hinausrufend.) Um aller Heiligen willen, Fräulein, die Schrift! Schnell, schnell! PaUliNe (in einiger Entfernung, von Außen.) Ich kann nicht, die Soldaten versperren mir den Weg! Barmherziger Gott! Laßt mich! Ich bringe seine Begnadigung! Hauptmann (stürzt ihr entgegen.) Den Befehl! Den Befehl! Letzte Scene. Vorige. Paul in e. Bo r osch. Ein Offizier folgt ihnen. Paul ine (hereinstürzend mit todten- bleichen Zügen). Hier — hier — vom guten Kaiser! Hauptmann (die Schrift ihr rasch aus der Hand nehmend, sie durchfliegend). Es ist wahr, das Urtheil ist cassirt, auf Befehl des Kaisers! (Zu dem Offizier der mitgekommen.) Schnell, Herr- Lieutenant, eilen Sie hinunter, rufen Sie Pardon! (Lieutenant stürzt durch die Mittelthüre ab. Hauptmann an der Thüre stehen bleibend, ihm nachrufend.) Binden Sie ihr Schnupftuch an des Degens Spitze! (Kleine Pause.) Pfeilschnell eilt er dahin! Pa ul ine (zitternd.) O hätt' er Flügel! Haupt mann. Man weicht ihm aus! (Kleine Pause). Jetzt läuft er durch das Thor — (Im Moment ertönt die Gewehrsalve wie auf eine Entfernung von '200 Schritten.) Pauline (aufschreiend). Ach! All- mächiger! Boro sch. Großer Gott! Hau pt mann. Zn spät ! Zu spät! (Kommt von der Thüre zurück.) Franz (schlägt die Hände vor's Gesicht). - Vorbei! Vorbei! Paul ine (zieht ein kleines Fläschchen schnell hervor). Mein Heiland und Erlöser so erbarm' Dich meiner. (Sie trinkt rasch.) Boros ch (eilt auf sie zu). Um Got- teswillen? — Was haben Sie gethan? Pauline (sinkt in seine Arme). Was ich — mußte. (Das Fläschchen entfällt ihrer Hand.) Borosch (entsetzt). Gift? Pauline. Ja! Jetzt ist seine Braut mit ihm vereint. Franz (in Verzweiflung). O Jammer! Jammer! (Musik — Melodram.) Pauline. Theure Freunde, blickt nicht angsterfüllt auf mich. Ich bin glücklich, denn bald — bald bin ich bei ihm! Hauptmann (ergriffen). Hier, ein Schreiben, daß er mir für Sie übergab. Pa ul ine. Bitte — lesen Sie. — Mein Blick wird trübe — Haupt mann (liest). „Ein letztes Lebewohl sendet dem Engel seines Erdenparadieses, der im Vollbesitze seiner Ehre scheidende Meffenhauser." Pa ul ine. Hört Ihr's! Im Vollbesitze seiner Ehre! 48 Hauptmanu. Das mußte Jeder fühlen! Denn seine Haltung war nie so stolz, sein Blick nie so erhaben, und ich sah noch keinen Mann, der so heldenmüthig dem Tode entgegenging! Paul ine fzu Borosch). Verkünden Sie dieses — aller Welt — hören Sie — Freund! Borosch. Gewiß! Pauline (nach Franz deutend). Dort steht ein alter Mann in Thränen! Für sein sorgenfreies Alter — soll man aus meinem Vermögen Sorge tragen, das bestimme ich! Borosch. Es soll geschehen. Franz (ist vor ihr hingekniet ihre Hand haltend, und wiederholt küssend). Paul ine fihre Kräfte schwinden). Lebt wohl — lebt Wohl! fJn der Agonie.) Sein Blick war erhaben — und stolz seine Haltung — und heldenmüthig ging er dem Tod entgegen! Ehre — seinem — Angedenken! — fSie stirbt.) Gruppe. Gnde Unterwegs. Lustspiel in einem Art von Alle Rechte Vorbehalten. Me», 187«. Verlag der WuMohaujser'schrn Buchhandlung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1, Personen. Herr von Kedelich, Gutsbesitzer. L°!ani° > b-"-n «ch..-- Willi bald Müller. Dr. Seumlein, Tourist. Peter, dessen Diener. Ein Kellner. Ort der Handlung: Der Garten eines Gasthofes. Erste Scene. Peter, Kellner. Später Müller. Peter (tritt sehr erschöpft durch die Mitte auf. Er trägt einen spitzen Tyroler- Hut, Tornister und langen Bergstock). Ich kann nicht mehr weiter! (Setzt sich auf eine Bank, links in der halben Tiefe der Bühne.) Ich werde einen Augenblick rasten. Er muß schon wieder eine halbe Meile voraus sein. Mindestens eine halbe Meile, so läuft er. Na, ich werde ihm sehr langsam nachgehen. Wir kommen schon wieder zusammen. Kellner (erscheint im Hintergründe). Aha! Das ist der Zweite! (Borkommend.) Sie suchen gewiß einen Herrn, der auch so (Tornister und Stock pantomimisch andeutend) geht? - Peter. Sie haben also meinen Herrn gesehen? Kellner. Er ist hier abgestiegen, ich wollte sagen, heranmarschirt und nur noch einen Augenblick auf den Hügel drüben gegangen, um die Ruine anzuseheu. Peter. Sagen Sie, kömmt er bald zurück? Kellner. Der Herr hat bereits gefrühstückt. Sie sollen ihn hier erwarten. Sie gehören gewiß zur großen Gesellschaft, die heute von Ludwigsbad herüberkommt und im Saale drinnen das Fest hat. Gehören Sie vielleicht zur Musik? Theater-Nepertoir S17. Peter. Nein, wir kommen nicht von Ludwigsbad. Kellner. Große Gesellschaft, ganze Badegesellschaft. Auch der alte Präsident, der die Kur gebraucht, kömmt mit. Peter. Schön. Jetzt bringen Sie. mir ein Glas Bier. Kellner. Sonst nichts? Gleich, gleich! (Ab.) Peter (schnallt den Tornister ab und wirft ihn auf die Bank.) Ich bin gar zu müde! Immer unterwegs! Aber er wird seine Wette gewinnen. Heute sind wir gerade 14 Tage auf den Beinen. Wenn er nur auch auf mich gewettet hätte, daß ich's aushalte und lebendig hinkomme! Dann wüßte man's wenigstens. Kellner (kömmt mit Bier). Befehlen Sie sonst nichts? Sehen Sie, das gibt heute einen großen Ball. Und bengalisches Feuerwerk! Peter. Das Bier sieht aber nicht gut aus. (Trinkt das Glas aus.) Jetzt will ich schlafen. Wecken Sie mich, so bald mein Herr zurückkömmt. Kellner. Aha! Wie heißt denn der Herr? Peter. Doktor Seumlein! (Legt sich auf die Bank.) Kellner. Seumlein? Ei, ei. Und ist nicht von Ludwigsbad? Peter (schiebt den Tornister unter den Kopf). Lassen Sie mich doch schlafen. Kellner. Und reist zu seinem Vergnügen? Natürlich?! — Ich glaube, er schläft! Merkwürdig, der Eine schläft. 4 der Andere ist spazieren gegangen und von Beiden erfährt man gar nichts. Da kömmt ja noch Einer! — (Nach rückwärts gehend, begegnet er dem aus dem Hause tretenden Müller, der ihm pantomimisch einen Auftrag gibt. Kellner ab.) Müller (dem Kellner nachrufend). Aber nur, wenn er ganz frisch ist. Verstehen Sie, nur wenn er ganz frisch ist, und bringen Sie dann das Ganze hie- her. (Zeigt und geht nach rechts ganz vorne.) 9ch bin froh, daß ich etwas früher hier ankomme. (Setzt sich.) Man will sich einen solchen Schritt doch noch einmal überlegen. Ein kleines Frühstück schadet auch nicht. Was schreibt also mein guter Philipp? (Er zieht einen Brief au« seiner Reisetasche, liest und spricht abwechselnd.) «Vater: — ein angesehener Gutsbe- besitzer" — als ob ich nicht seit Jahren im Hause verkehrte! — „Tante Lindenmüller hat keine Kinder und ist gleichfalls sehr wohlhabend." — Sie ist aber auch unausstehlich für den doppelten Betrag, — „Fräulein Bertha, die ältere Tochter: natürlich der Inbegriff aller Vorzüge" — na, na! Ein Ideal möchte ich nicht heiraten! Zum Glück gibt« keine Ideale. Sagen wir: Sie ist ein ganz nettes Mädchen! (Wieder in den Brief blickend). „Die Hauptsache : Jede Tochter 3000 Thaler Rente jährlich oder vielleicht 50.000 bar als Mitgift!" — Sehr anständig! Das wollte ich bestimmt wissen. Ich glaube, die Partie wird sich machen, auch ist Bertha wirklich ein sehr nettes Mädchen. (Sieht auf die Uhr). Die Gesellschaft wird in einer halben Stunde ankommen. In circa sieben Viertelstunden könnten wir verlobt sein! Kellner (kömmt mit dem Frühstück). Hier. Man hört noch nichts. Sie kommen mit Musik, so etwas war noch nicht da! Müller. Hören Sie, Kellner, Sie kennen doch Herrn von Kedelich? Kellner. Das will ich meinen. Müller. Ich will ihn überraschen. Ihn und seine Damen! Kellner. Aha! Müller. Sie werden also — aber wer kömmt denn dort in diesem seltsamen Aufzuge? Kellner. Ein Herr mit einem Bedienten, der immer zu Fuß geht. Er heißt Dr. Seumlein! Müller. Bei Gott ja, das ist Seumlein! In Lebensgröße. Kellner. Er macht eine große Reise. Er ist ungeheuer reich und eigentlich — Müller. Gut, gut. Sehen Sie nur, ob der Wagen des Herrn von Kedelich kömmt und melden Sie es mir, sobald Sie ihn sehen. (Kellnerab.) Wie kömmt Seumlein hieher? Gilt es Melanie? Oder hat er die tolle Wette ernsthaft genommen? Zweite Scene. Peter (auf der Bank schlafend). Müller. Seumlein. S e um le i n (tritt links in der Mitte aus und kömmt nach vorne; er trägt wie Peter, Tornister und Bergstock und einen großen Filzhut; er kömmt singend herein und stößt mit dem Stocke nach dem Takte des Liedes auf.) „Das Wandern ist des Müllers Lust, Das Wandern, das Wandern!" (Wirft sich auf die Bank.) Ach, ich wollte, ich wäre ein Müller! M üller (der sich über das Frühstück hergemacht hat). Ich auch! Seumlein. Müller! Müller. Wie Du siehst. Wo kömmst Du plötzlich her? Ich dachte, Dn säßest im Bureau. Seumlein. Und unsere berühmte Wette? (Schnallt seinen Tornister ab.) Müller. Du bist also wirklich von der Residenz zu Fuße hergekommen? Seumlein. In 14 Tagen kann man das ganz bequem. 5 Müller. Wahrhaftig, die halbe Strecke ist gemacht. Du mußt viel freie Zeit haben! Se umlein. Beinahezu viel, drum gehe ich spazieren. (Treuherzig.) Auch freut es mich immer, einmal durch ein paar- Wochen keinem Bekannten zu begegnen. Müller. O bitte, keine Komplimente ! Und wie befindet sich ein hohes, königliches Bezirksgericht? Se umlein. Weiß nicht, ich habe mich vor 14 Tagen ans immer empfohlen. Müller. Wirklich? Also ist die Geschichte doch wahr ? Ich hoffte immer, Du hättest es nicht gethan, es ist doch sehr, sehr — Seumlein. Nun? Müller. Sehr überspannt wollte ich sagen, seine ganze Carriöre aufzugeben, das finden auch alle Freunde und Bekannte, z. B. die Familie Ke- delich. Seumlein (auffahrend). Die Familie Kedelich! — Nun, ich denke, man kann es nicht allen braven Leuten recht machen. Ich bitte mich übrigens den Kedelich's bestens zu empfehlen, wenn Du sie im Herbste sehen solltest. Müller. Du kannst Deine Empfehlung gleich selbst anbringen, Sie sind in einer halben Stunde hier. Seumlein. Melanie? Wie käme Die hieher? Müller. Von Ludwigsbad, zwei Stunden von hier. Sie wollen heute Alle herüber. Seumlein. So? Dann leb'wohl! He, Peter, Peter! Peter (springt auf). Hier^. Seumlein. Erkundige Dich, wo der nächste Weg nach Kleinthal geht. (Peter ab.) Ich will unterdessen — Müller. Bleibe doch noch einen Augenblick, sie kommen nicht vor einer- halben Stunde. Du hast wohl nicht gewußt, daß der alte Kedelich alljährlich um diese Zeit in Ludwigsbad den Brunnen trinkt? Seumlein. Auf Ehre, nein. Das halt' ich ganz vergessen. Müller. So etwas muß man wissen. Wie stehts denn eigentlich mit Deiner Liebe? Seumlein. Es steht gar nicht. Ich, ich — Müller (rasch). Sie hat Dir also einen Korb gegeben? Seumlein. Nein. Müller. Du hast nicht um sie geworben? Seumlein. Doch. Müller. Und sie hat ihr Jawort an irgend welche Bedingungen geknüpft? Seumlein. Auch nicht. Müller. Ich versiehe wirklich nicht! Seumlein. Melanie ist eben ein seltsames Mädchen. Müller. Ein bedeutendes Mädchen und so seltsam wie Du. Das Ganze war eine Liebe für höhere Töchterschulen. Jhr wäret ein merkwürdiges Paar geworden! Seumlein (seufzt.) Müller. Und wie ist es Dir denn unterwegs ergangen? Seumlein. Gut. — Wenn man so den ganzen Tag die lange, lange Straße vor sich hat, die bald zwischen den Pappeln, bald am Flusse hinläuft, sich bald über die Berge und bald durch das Thal windet, wenn man Tag aus, Tag ein marschirt, immer andere Menschen und Dörfer und Stävte sieht, immer was Neues, Morgens die Vögel zwitschern hört uud in rechtschaffener Müdigkeit sich Mittags das Essen wohl schmecken läßt, dann kommt es Einem mit einem Male vor, als sei Alles, was man hinter sich zurückgelassen, doch eitel Tand und Mißverständniß. Da zieht man frischen Athem in die gequälte Brust und denkt sich: Dem wahren Leben gehst Du ja erst entgegen! Und dann werde ich wieder fröhlich— (seufzt. Müller. Ja, und willst Du ewig so weiter wandern? 6 Seumlein. Darüber habe ich wirklich nicht nachgedacht. Vorläufig will ich nur fort und immer fort. Die Residenz ist mir verleidet und die letzten zwei Jahre möchte ich nicht nochmals durchleben. Müller. Also ist zwischen Dir und Melanie Alles zu Ende? Seum lein. Es muß wohl zu Ende sein. Bertha sagt zwar — Müller. Was sagt Bertha? Se um lein. Sie sagt, wenn ich Geduld gehabt hätte, aber ich meine, sie täuscht sich. Doch nun wird's Zeit, fortzngehen, wenn ich sie nicht treffen will! Müller. Zu spät! Da sind sie schon! Dritte Scene. Vorige. Kedelich. Bertha. Melanie. Kedelich (mit Bertha und Melanie rasch auftretend.) Nein, welche Überraschung ! Müller und Seumlein! Bertha. Herr Müller! Melanie (für sich). Seumlein! (Allseitige Begrüßung). Müller. Erlauben Sie, Herr von Kedelich und meine verehrten jungen Damen, daß ich Ihnen in unserem Freunde Seumlein einen der bedeutendsten Touristen Mitteleuropas — Kedelich. Weiß schon, weiß schon! Was machen Sie für Streiche, lieber Seumlein, einer immer bunter als der andere! — Aber das ist doch hübsch von Ihnen, daß Sie Ihre Freunde nicht vergessen haben und uns auf Ihrer großen Reise besuchen. Seumlein (verbeugt sich schweigend). Kedelich. Sie müssen uns noch viel erzählen von Ihren Abenteuern zu Wasser und zu Lande. Melanie meinte erst gestern — Melanie. Aber Papa! Kedelich. Was denn! Das wird man doch sagen dürfen! Seumlein. Abenteuer? Heutzutage? Sie können monatelang durch ganz Deutschland pilgern, ohne daß Ihnen das geringste Abenteuer passirt. Mir ist nicht einmal ein Regenschirm gestohlen worden; von Räubern, Drachen nnd verzauberten Burgfräulein ist ohnehin keine Spur mehr. Müller. Ach was! In Deiner Melancholie bist Du an allen Abenteuern wie im Traume vorbeigegangen. Und Du hast gar keinen Regenschirm! Die Reise hätte ich unternehmen sollen! Aber wo bleibt denn die Badegesellschaft? Kedelich. Wie? Sie wissen? Müller. Ich weiß Alles! Diner, Ball, Feuerwerk — Kedelich. Ganz richtig. Die Gesellschaft wird bald da sein. Wir sind vorausgefahren, um nach dem Rechten zu sehen. Bertha. Papa ist nämlich für diesen Monat zum Vergnügungs-Kommissarius ernannt worden und gibt sich fürchterliche Mühe — Kedelich. Ja, ja! Die Sache wird, hoffe ich, nicht übel ausfallen. Nur die Toaste, die Toaste! Müller. Ist gemacht! Die habe ich bei mir in der Tasche. Kedelich. Was? Sie haben unsere Toaste? Müller. Drei Toaste; man bringt immer drei Toaste. Dann sagt noch ein Jeder, was er will. Also zuerst der alte Präsident, szieht ein Blatt Papier aus der Reisetasche und überreicht es Kedelich.) ans den König. Sodann Sie Papa Kedelich, (wie oben.) auf die Damen. Den dritten Toast ich auf — (schlägt auf die Reisetasche) das ist noch ein Ge- heimniß. Ich sage nur: Ist gemacht! Bertha. Und das haben Sie so Alles in der Geschwindigkeit — Müller. Im Eisenbahnwaggon. Natürlich! Man hat doch nichts zu thun. 7 Kedelich (der die Blätter gelesen hat.) Ihre Toaste, lieber Müller sind recht gut. Nur muß in dem zweiten Toast auf die Damen noch etwas von der Landpartie und einem „unvermntheten Augenblick" d'rin stehen. Das schreibe ich dazu. Jetzt will ich schnell den Tanzsaal inspiziren. Ich habe noch eine Ueberraschung in petto; von der dürft selbst ihr nichts wissen! (Ab ins Haus.) Müller (zu Bertha, mit der er aus einer Bank, vorn rechts Platz nimmt). Es fehlte nur noch, daß auch wir auf eine Ueberraschung dächten, von der wieder Herr von Kedelich nichts wissen darf. So würde das Fest wirklich großartig und immer Einer von dem Andern überrascht. Bertha. Denken Sie darüber nach; das wäre etwas für Sie, Herr Müller. Müller. O ja! (mit Beziehung.) Ich glaube, ich habe schon etwas! (Sprechen weiter.) Melanie (zu Seumlein, der sich mittlerweile genähert hat; sie stehen Beide noch). Ich danke, sehr schön. Nur manchmal regnete es. Seumlei n. Ja, ja ! Aber so etwas geht vorüber. (Sie setzen sich auf eine Bank, ein paar Schritte von jener entfernt, aus der Bertha und Müller sitzen.) Melanie. Sie haben auch viel Regen gehabt? Seumlein. Ja, ziemlich! (Für sich.) Wie hübsch sie aussieht! Melanie. Und wie lange bleiben Sie bei uns in Ludwigsbad? Seumlein. O, mein Fräulein, die Gegend ist sehr schön! Melanie. Nicht wahr? Seumlein. Ich wollte, ich könnte ewig hier die Kur — Melanie (lachend). Aber Ihnen fehlt ja gar nichts! Seumlein. Gleichviel, man kann nicht wissen, ob nicht eine solche Kur sehr heilsam! (Für sich). Fassung! Ruhe! (sehr gleichgiltig). Ja, in der That, und wenn ich auch nur zufällig hierherkam — Melanie. Was? Sie sind zufällig hierhergekommen? Seumlein (wie oben.) Natürlich! Melanie (pikirt). Und Herr Müller? Der ist wohl auch nur zufällig hier? Seumlein. Das glaube ich nicht; denn der thut nie etwas zufällig! Melanie. Spotten Sie nicht über Müller. Sie könnten sich in vielen Dingen an ihm ein Beispiel nehmen. Seumlein (verbeugt sich). Ich danke — im Namen Müller's! Melanie. Sie sollten von ihm lernen. Es könnte Ihnen gar nicht schaden, wenn Sie so einfach, so gradlinig in Ihrem ganzen Thun und Lassen, würden, wie er. Seumlein (für sich.) Jetzt kömmt die Schulweisheit! Melanie. Ist das die Art und Weise, wie ein Mann wie Sie, sein Leben verbringen soll. Dieses phantastische Herumstreifen, während Müller — Seumlein. Unterdessen gewissenhaft Häringe verkauft! Melanie. Es verlangt Niemand, daß Sie auch Häringe verkaufen. Sie halten sich wohl für recht geistreich? Diese Art Geist hat man immer, wenn man nichts Vernünftiges zu sagen weiß. Seumlein. Ungemein treffend bemerkt. Aber wissen Sie auch, mein Fräulein, weshalb ich — Melanie (eifrig). Ich will gar nichts wissen! Seumlein Dann lassen Sie mich, wie ich bin! Melanie. Ich sage nur, Sie werden im Leben wenig erreichen, wenn Sie fortfahren, den Sonderling zu spielen. Sie schmollen, wenn nicht gleich Alles geht, wie Sie wünschen. Sie bewegen sich in Extremen und jede kleine Verdrießlichkeit bringt Sie außer Fassung. 8 Seum lein (für sich). Sie gibt unreinen Korb und nennt das eine kleine Verdrießlichkeit. Melanie. Wer sagt denn immergleich: Entweder- oder? Gibt es denn keinen Mittelweg? Seumlein. Einen Mittelweg? (Für sich.) Zwischen Heiraten und Nichtheiraten ? Melanie. Kurz — Seumlein. Kurz, ich soll mir den mehrerwähnten Müller zum Vorbild nehmen. Ich soll mich bemühen ein nüchterner, praktischer, solider, wohl- srisirter-, gänzlich unschädlicher Mensch zu werden, wie er. Melanie. Ja, das sollen Sie! Seumlein. Und was wäre ich dann, wenn ich es so weit gebracht hätte, ihm zu gleichen? Melanie. Dann wären Sie viel mehr- als er! Seumlein. Und daun? Gefiele ich Ihnen besser? Melanie. Alle Ihre Freunde müßten — Seumlein. Melanie, würde ich endlich Ihr Herz-? Melanie. Herr Doktor! Seumlein. Es sind jetzt zwei Jahre — Melanie. Schon wieder- diese Anklagen ! Seumlein. Anklagen? O nein! Ich klage Sie nicht an, ich habe es nie gethan. Ich würde Sie vertheidigen, wenn Sie ein Anderer anklagte. Sie haben mich nie gekränkt, nie! Ich weiß von nichts, ich kann mich auf nichts besinnen. Wäre es anders, so dürfte ich nicht sagen, daß ich Sie liebe. Melanie. Herr Doktor, ich bitte Sie — Seumlein. Ja, daß ich Sie liebe! Ich werde Ihnen das noch sehr oft sagen. Ich werde nie begreifen, daß Sie meine Neigung so gar nicht erwiedern. Melanie. Seumlein! Senm lein. Melanie! Noch einmal hat uns ein Zufall zusammen- geführt. Hören Sie mich an, und ich will diesen Zufall preisen, so lang ich lebe. Ach, nur ein Wort und sür's Leben — Melanie (ängstlich). Für's Leben! (Halblaut rufend.) Bertha! Seumlein (feierlich). Nicht Wahr, was auch das Schicksal uns bringen möge — Melanie (für sich). Um Himmelswillen! (Laut.) Sie quälen mich! Es kann nicht sein ! Erinnern Sie sich was ich Ihnen damals sagte. Seumlein. Was haben Sie mir denn damals gesagt? Melanie (rathlos). Was ich Ihnen heute sage. — Ach, Sie waren doch sonst so liebenswürdig und amüsant! Seumlein (steht auf). Leben Sie wohl, mein Fräulein; meine Leidenschaft muß Ihnen komisch erscheinen. Ich sehe es wohl: Das Unbarmherzigste ist ein Weib, das nicht liebt! Melanie (gleichfalls aufstehend). Wir werden uns im Herbste, in der Stadt Wiedersehen. Sie werden dann ruhig und gefaßt sein, nicht wahr? Und so rufe ich Ihnen ein herzliches: „Auf Wiedersehen!" zu. Reisen Sie glücklich! (Geht rasch nach dem Hintergründe. Seumlein. Ich danke! (Für sich.) Das geschieht mir reckt! Müller (zu Bertha). Haben Sie bemerkt ? Bertha. Sie haben sich wieder gezankt, wie gewöhnlich. Daß die Beiden sich so gar nicht verständigen können! Aber die Schuld liegt an ihm. Er ist ein Sonderling. Müller. Ein Sonderling? Ich sage, er ist ein Narr. Ich bin nämlich sein Freund. Bertha. Wenn Sie das sind, so halten Sie, was Sie mir soeben ver- sprocken haben. 9 Müller. Ich halte stets, was ich verspreche. Noch heute rede ick mit Seumlein. In der Sache muß etwas geschehen, denn von selbst kommen die Beiden nie unter die Haube. Kedelich (aus dem Hause kommend, mit einer großen Schachtel unter dem Arme). So, mit dem Tauzsaal bin ich fertig. Aber mir ist mittlerweile noch etwas eingefallen. Wie wär's, wenn man die Ruine Abends bengalisch beleuchten würde? Sie ist ja nur hundert Schritte von hier. Müller. Sehr gut. Kedelich. Ich denke, es würde recht hübsch sein. Gehen wir hin und bringen wir das bengalische Feuer an den besten Punkten an. Müller. Sehr gut! Du kömmst doch mit, Seumlein? (Tritt an ihn heran, leise.) Sage ja! Seumlein. Natürlich mit Vergnügen. Kedelich. Ich requirire noch einen Bauernjungen, der uns hilft; ihr, Mädchen, bleibt hier und empfangt die Gesellschaft. (Ab ins Haus.) Seumlein (leise zu Müller). Weshalb soll ich denn mitkommen? Müller. Du sollst durchaus nicht mitkommen! Ahnst Du denn nichts? Ich bringe jetzt den alten Herrn auf die Ruine, und sobald wir mit der bengalischen Beleuchtung fertig sind, bitte ich ihn um die Hand seiner ältesten Tochter. Vivat 86HU6N8 ! (klopft Seumlein auf die Schulter und geht links in der Mitte ab.) Seumlein (für sich). Und ich hole meinen Diener und dann fort! Ich will sie nicht Wiedersehen! (Bertha und Melanie grüßend.) Guten Tag, meine Damen ! (Links, ganz vorne ab.) Vierte Scene. Bertha. Melanie. ZuletztKellner. Bertha. Sei doch aufrichtig gegen mich! Weshalb liefst Du vorhin fort! Was habt Ihr gesprochen? ! Melanie. Gar nichts, — oder so viel, wie gar nichts. Du weißt ja, wenn ich ihn wiedersehe, dann ist es mir immer, als ob es nicht aus und zu Ende sein könnte mit uns Beiden, und wenn er dann leidenschaftlich wird — dann weiß ich wieder gar nicht, was ich sagen soll. Bertha. Wenn Du nur wüßtest, was Du thun sollst, was man sagt, ist am Ende gleichgiltig. Melanie. Siehst Du, ich denke mir immer, wir passen doch nicht recht zusammen, wenn wir einander auch niemals vergessen werden. In der Ehe, denke ich, sollen die Charaktere gleich sein und die Temperamente verschieden. Bei uns aber — und das möchte ich ihm einmal sagen. Bertha. Gut. Das kannst Du sehr gut sagen. Aber was willst Du schließlich thun? Er wird Dir nicht ewig so rührende Abschiedsbriefe schreiben in fünf Seiten kleiner Schrift. Einmal wird's ihm doch zu arg und dann verschwindet er plötzlich und auf immer. Und ich glaube, er ist eben jetzt nahe daran. Melanie. Du glaubst? Nein! Bertha. So oder so, die Sache muß einmal ein Ende nehmen. Papa thut bisher, als ob er Euern Roman nicht merke, aber er verliert auch schon die Geduld. Du hast ihm ja schon einen förmlichen Korb gegeben. Melanie (eifrig). Es war kein Korb. Papa selbst sagte, es war keiner. Bertha. Also etwas viel Schlimmeres: Ausweichende Redensarten, die die Männer noch mehr erbittern. Ich fange wirklich an, an Deinem Charakter zu zweifeln. Im Grunde liebst Du ihn doch. Melanie. Schwester! Bertha. Und er liebt Dich auch und hat ein treues Herz! Melanie. O ja! 10 Bertha. Er ist ein ordentlicher Mensch, er wird Carriöre machen. Melanie (beinahe weinend). Aber wie kann mau Jemanden heiraten, der so extravagante Reisen unternimmt? Bertha. Diese abenteuerliche Wette thut ihm gewiß schon lange leid. Auch hat nur Dein Benehmen ihn auf solche Einfälle gebracht. Er kann morgen wieder in Amt und Würde sein. Melanie - (langsam, kopfschüttelnd). Nein, nein, dazu ist er zu unglücklich! Bertha. Nun aber, gesetzt den Fall, er käme doch zur Bernunft und träte in seine Stelle wieder ein. Melanie. Ach, wenn er das thäte! Bertha. Ich sage Dir, er wird's; während Du schwärmtest, habe ich gehandelt. Ich habe mit Müller über Euch gesprochen. Müller ist ein äußerst vernünftiger Mensch und sein Freund. Er wird ihm heute noch die Sache vorstellen. Aber es thut Eile Noth, denn ich habe eine Ahnung, daß wir Deinen Adonis heute znm letzten Male sehen! Melanie. Schwester! Schwester! Bertha. Beruhige Dich, er ist noch nicht fort. Wahrhaftig, wenn ich Euch Beide, Dich und Senmlein ansehe, so danke ich dem Himmel, daß er mich weniger gefühlvoll erschaffen hat. Ihr geht ja an's Heiraten, als wenn es eine Art Todesstrafe wäre. Und was ist's weiter? Man schwärmt natürlich auch einmal für die Dichter und ihre unglücklichen Liebespaare, wie man für berühmte Gegenden, z. B. für den Vesuv schwärmt. Aber wer will dort wohnen? Für's bürgerliche Leben sucht man eine passende Partie. Melanie. Bertha! Das ist doch nicht Dein Ernst? Du bist auch gar zu prosaisch. Bertha. Und Du kömmst frisch aus der Pension. (Aergerlich.)Das ist Dein Unglück. (Musik hinter der Scene.) Kellner (stürzt herein). Sie kommen! Sie haben zwei Vorreiter und am ersten Wagen eine große Fahne! (Eilig ab.) Bertha. Jetzt komm', Kleine, wo hast Dll Deinen Hut? — Wir müssen sie empfangen. Ich spreche dann sogleich mit Senmlein. Melanie. Tausend Dank! Du bist doch eine gute Schwester! (Beide ab.) Fünfte Scene. Senmlein. Später Müller und Bertha. . Senmlein (kömmt nach vorne und setzt sich). Mein Diener ist nicht zu finden. Immer, wenn ich ihn ans Kundschaft ansschicke, bleibt er den halben Tag aus. Es ist Zeit, daß ich gehe, sonst mache ich ihr am Ende noch eine Liebeserklärung. — Es sind doch glückliche Menschen, diese Philister! (Müller und Bertha erscheinen im Hintergrund.) ZllM Beispiel, der gute Müller! Er beschließt, ein bestimmtes Mädchen zu heiraten, und eine Stunde später liebt er sie auch schon. Sie, sobald sie merkt, daß es Ernst ist, liebt ihn binnen 20 Minuten und bis zum Mittagessen sind sie Braut und Bräutigam. „Ist gemacht!" Und ich gehe wieder in die weite Welt! Bertha (während sie nach vorne kommen). Da ist er. Verlieren wir aber keine Zeit. Müller (desgleichen). Er darf nicht fort. (Geht über die Bühne und setzt sich auf die Bank neben Senmlein, der eben aufsteht, den er aber wieder niederzieht.) Nun, lieber Senmlein, und — wie geht es Dir denn sonst? Bertha (setzt sich gleichfalls). Sie träumen schon wieder. Wissen Sie, daß ich seit einem Vierteljahr nicht ordentlich mit Ihnen geplaudert habe? Seumlein. Ich bin langweilig geworden, ich weiß es. Ich gehe auch schon wieder. 11 Bertha. Sie waren sonst amüsanter. Das Reisen wirkt nicht günstig auf Sie. Ehe Sie uns aber verlassen, muß ich Ihnen doch einmal meine Meinung sagen. Seumlein. Wegen Melanie? Bertha. Ja wohl, wegen Melanie. Seumlein Ich weiß schon, ich habe Unrecht. Bertha. Das heißt — Seumlein. Ich habe ja immer Unrecht! Bertha. Noch einmal stehen Sie und Melanie sich gegenüber und gleich fängt das alte Spiel von Neuem an. Seumlein. Das alte Spiel, ja wohl! Voriges Jahr sagten Sie doch selbst - Bertha. Auch dieses Jahr, vor 3 Wochen, sagte ich Ihnen, Sie möchten Geduld haben, und nicht zur Entscheidung drängen. Heute sage ich aber: Genug! Sehen Sie — Sie können doch die Wahrheit ertragen? Ich glaube, Melanie ist Ihnen von Herzen gut, aber sie fürchtet Ihren unruhigen Kopf, Ihre plötzlichen Entschlüsse — Seumlein. Und was würde es nützen, wenn ich jetzt ruhig in der Residenz säße? Bertha. Vielleicht sehr viel! Seumlein. Wer'S glaubte! Bertha. Gewiß, Seumlein, ich kenne meine Schwester. Sie war trostlos, als Sie plötzlich abreisten. Dieser neue Geniestreich mit der Wette hat sie ganz irre an Ihnen gemacht. — Seumlein. Wenn's nur das wäre! Aber ich könnte gar nicht so ohne Weiters zurück. Was würde der alte Präsident sagen? Bertha. Der ist ja hier mit uns, nnd, wie Sie wissen, mit Papa sehr befreundet. Gehen Sie ruhig zu ihm, stellen Sie sich ganz unbefangen vor — Seumlein (springt auf, die Andern erheben sich gleichfalls). So ganz plötzlich? Nein, nein! Müller. Warum denn nicht? Du sprichst ein paar Worte, gleichviel was. Er sieht schon, wo Du hinaus willst; Du warst ja immer sein Liebling. Erjagt Dir also irgend etwas Wohlwollendes und die Sache ist in Ordnung. Seumlein. Aber wie stünde ich vor ihm da? Was müßte er von mir denken? Müller. Gleichviel. Du weißt ja doch, warum Du es thust. Bertha. Und denken Sie, welchen Eindruck dieser Entschluß auf Melanie machen würde. Sie wird sehen, wie sehr es Ihnen Ernst ist. Sie zeigen ihr, daß Sie ein ganz Anderer werden, ein neues Leben anfangen wollen. Müller. Bravo! Bertha. Den alten Seumlein mit seinen Einfällen hängen Sie ganz an den Nagel. Müller. Du fängst ein neues Leben an. Bertha. Sie gehen zum Präsidenten — Mülle r. Und meldest Dich für das neue Leben. Seumlein. Und Melanie? Glauben Sie denn wirklich, daß sie mich liebt? Müller. Wenn es Fräulein Bertha sagt — Senmlei n. Ich weiß nicht, vielleicht ist's wieder nicht recht? (Er nimmt seinen Hut ab und betrachtet ihn nachdenklich.) Bertha. Wenn Sie Melanie wirklich so sehr lieben — Müller. So überleg's doch nicht so lange! Schnell herab geschluckt, wie eine bittere Medicin! In 3 Handgriffen: Nehmen — genug — weg! Und dann das neue Leben angefangen! Seumlein (unschlüssig). Heute könnte es ja doch in keinem Falle sein — in diesem Aufzuge — zum Präsidenten gehen — ein neues Leben anfangen — mit diesem Hut? (Zeigt ihn). Müller (nimmt Seumleitts Hut und setzt ihm den seinigen aus.) Da hast Du 12 meinen, wenn's sonst nichts ist. Und hier (sucht in der Reisetasche.) hast Du eine schwarze und hier eine weiße Cravatte, ganz, wie Du willst. Ich trage dergleichen stets bei mir, denn man kann nie wissen. — Ich will Dir vorläufig die schwarze umbinden. (Er ihuts.) So! Und jetzt vorwärts und Muth gefaßt! In drei Handgriffen! Der Präsident nimmt Dich mit Vergnügen! Bertha. Muth, Seumlein! Seum lein. Ich weiß doch nicht! — Müller. Ach was! Jetzt hast Du auch schon die Cravatte umgebunden. Jetzt heißt eS vorwärts! Bertha (ergreift Seumleins Arm). Vorwärts ! Man muß Sie zwingen! (Führt ihn nach dem Hintergründe.) Müll er (hat Seumlein gleichfalls ein paar Schritte geführt, kommt jetzt zurück und sieht ihm nach.) Vorwärts! — So, jetzt ist die Luft rein, jetzt komme ich an die Reihe! (Seumlein nachsehend.) Vorwärts, Seumlein! (Seumlein verschwindet in der HauSthüre, Bertha kömmt zurück.) Jetzt an die Hauptsache. Sie ist ein vernünftiges Mädchen, denkt ganz wie ich. Fräulein Bertha! Bertha (kömmt zurück). Das wäre im Gange. Wenn's nur glücklich ausgeht! Müller. Gar kein Zweifel. Draußen traf ich Seumleins Diener; ich gab ihm Geld und ersuchte ihn, zunächst zu frühstücken und sodann zu Mittag zu essen. Er darf nicht wieder vor Seumlein erscheinen, bis Alles im Reinen ist. Bertha. Wenn nur Melanie nicht im letzten Augenblicke Schwierigkeiten macht! Müller. Das fehlte noch! Bertha. Ich glaube eS zwar nicht; aber sie ist ein so seltsames Mädchen — so, wie sag ich nur gleich — Müller. Suchen Sie kein Fremdwort; ich versichere Sie, unsere deutsche Sprache hat noch kein Fremdwort dafür. Sie ist einfach: Launenhaft und wan- kelmüthig. Bertha. Wenn auch, eS ist schließlich keine Kleinigkeit, unfern Freund Semn- lein zu heiraten! Auch wenn sie einmal seine Frau ist, wird er noch viele Geduld mit ihr haben müssen. Mülle r. Wenn ich an seiner Stelle wäre — Bertha. Nun, was dann, Herr Müller? Würden Sie mit der Fran, die Sie lieben, keine Geduld haben! Müller. Ich? Nicht so viel! Das heißt — verstehen Sie mich nur recht. Mit dem Heiraten ist es im Allgemeinen so: Entweder man will oder man will nicht. Ich weiß warum ich meine Frau heirate und sie muß wissen, weshalb sie mich heiratet. Ich sage ihr zumBeispiel: (vor Bertha hintretend .-Geschätztes Fräulein! Ich bin der und der. Mit Ihrem Papa habe ich soeben gesprochen. Was meinen Sie, wenn wir uns heirateten? Bertha. O, komisch! (Lacht). Müller. Sie lacken? — Mein Geschäft geht in bester Ordnung, ich bin überhaupt eine ganz annehmbare Partie; Sie auck, Sie haben mich natürlich ganz bezaubert und folglich — Bertha. Aber das kann doch nicht Ihr Ernst sein? Müller. Natürlich! Bertha (sehr befremdet). Aber das ist doch nicht die Art! Ich glaube wenigstens nicht. Müller. Unter vernünftigen Menschen braucht es keine Redensarten. Bertha. Redensarten? Das nennen Sie Redensarten? Müller. Wie denn sonst? Bertha. Herr Müller! Müller. Nun ja, mein Fräulein. Sie werden mir doch zugeben — Bertha. O nein! 13 M ülle r. Wir waren doch sonst immer einer Meinung. Bertha. Wir? Nie! Müller. Aber bestes Fräulein, es ist doch das Allerabgeschmackteste, was man sich nur denken kann, wenn zum Beispiel ein Mann einem jungen Mädchen zu Füßen fällt und seufzt: ich liebe Sie! Bertha (empört). Erlauben Sie — !! Müller. Lassen Sie mich doch zu Ende reden. Wenn ich nun, ich, Willibald Müller, den Sie als einen anständigen Menschen kennen, zu Ihnen sagte: Geschätztes Fräulein Bertha — Bertha. So würde ich sagen: Geschätzter Herr Müller, ich empfehle mich Ihnen! — Ich will keine — „Redensarten!" — (Knixt und geht rasch ab.) Müller (ihr nachsehend nach einer Pause). Das war sehr merkwürdig! Was sollte denn das heißen! (Auf und abgehend.) Ich weiß gar nicht, wie ich mir vorkomme. Als ob man mich in drei Handgriffen —! Ich hätte die größte Lust, Alles im Stiche zu lassen und auf's Geradewohl fort zu reisen. In die Welt, in's Gebirge, bis an's Meer! — Leider muß ich abwarten, wie die Sache mit Seumlein ausgeht. (Heftig.) War auch eine Thorheit, mich darauf einzulaffen! Sechste Scene. Müller. Seumlein. Später Melanie. Seumlein. (athemloS aus dem Hause). Hurrah! hurrah! Müller. Nun, wie war's? Glücklich überstanden ? Seumlein. Vortrefflich! Wo ist Melanie? Müller. Wie ging'S mit dem Präsidenten? Seumlein (schnell). Ganz vortrefflich! Es ist doch ein prächtiger, alter Herr! Als ich eintrat, lachte er, wie wenn er Alles wüßte und bot mir die Hand. Er freue sich, eine tüchtige Arbeitskraft wieder zu gewinnen; darauf erzählte er mir gleich einen sehr merkwürdigen Fall und erzählte immer weiter, obgleich ich ihm nicht zuhörte. Er ließ mich gar nicht los. — Aber wo ist Melanie? (Will so«.) Müller (hält ihn zurück). Wann kehrst Du nach der Residenz zurück? Ich reise mit Dir! Seumlein. Ich muß Melanie sogleich sprechen, auf der Stelle. Vielleicht finde ich endlich das rechte Wort. Das rechte Wort, zur rechten Zeit, damit schafft man das neue Leben! Und jetzt werde ich sie gewinnen; ö, ich fühle mich so vernünftig, ich möchte die ganze Welt umarmen. Alter Müller ! Wie wird jetzt das Leben schön werden ! Mülle r (kleinlaut). Mittelmäßig, äußerst mittelmäßig! Ich versichere Dich, die Weiber sind nicht Werth, daß man ihretwegen Herzklopfen kriegt; horch, war das nicht Bertha? Ich muß ihr doch etwas sagen. (Stürzt ab.) Seumleiu. Was hat er denn plötzlich, der überlegene Practicns? Melanie (von der anderen Seite auftretend ohne Seumlein zu bemerken). Bertha ! Bertha! Seumlein (vertritt ihr den Weg). Melanie! Endlich! Melanie (leife). Um Himmelswillen! Seumlein! Seumlein. Ja, ich bin's! Ich habe Alles gethan, was Sie wünschen konnten. Ich war beim Präsidenten, ich rücke wieder in meine Stelle ein. Ich habe Ihnen kein glänzendes Los zu bieten, aber Sie wissen, wie ich Sie liebe! Melanie! Melanie (schweigt.) Seumlein. Ich will Ihnen nicht wiederholen, was ich so oft betheuert, was Sie ja auch, wenn ich geschwiegen 14 hätte, wissen müßten. Wie glücklich könnten wir werden! Melanie. O Gott! Seumlein! Seumlein. Melanie! Ein Wort! Nur ein Wort, daß Sie mich lieben. Melanie (sehr bewegt). Seumlein, wenn ich — Sie versichere, daß ich — Niemand wüßte, der mir so viele Sympathie — Seumlein. Lieben Sie mich? Melanie. Wie viele schwere Stunden Sie mir gemacht, was ich gelitten — Seumlein. Lieben Sie mich? Ja oder nein? Melanie. Sie zürnen mir; ich hatte vielleicht Unrecht — Seumlein. Ja oder nein? Melanie. O, glauben Sie mir, ich weiß es wohl zu schätzen — und so lange ich lebe, will ich in Freundschaft — Seumlein. Freundschaft?! Sie sehen, wie es mit mir steht; ich werde Ihnen nicht erzählen, was ich durchgemacht. Was sind Worte? Worte findet Jeder. Aber bedenken Sie, was ich gethan! Gegen meine Ueberzeugung, zum Gelächter Aller, die mich kennen, trete ich in meine alten Verhältnisse wieder ein, ich trage Alles um Ihretwillen, man wird mich verspotten, daß ich abenteuerlich in die Welt ziehen wollte und nun auch dazu nicht die Consequenz — Melanie (beinahe weinend). Aber sind Sie denn consequent, wenn Sie jetzt plötzlich zurück wollen ? Seumlein (nach einer kurzen Pause, die ersten Worte halblaut). O mein Gott! DaS ist's, was ich erreicht habe! — Nein, nein, das ist nicht Ihr Ernst, das kann nicht Ihr Ernst sein! Ich habe Sie nicht recht verstanden, ich habe Sie verwirrt durch meine unglückliche Heftigkeit. Sie sagten nicht, was Sie sagen wollten. Sie können nicht so von mir scheiden. Habe ich diesen Abschied verdient? Ich habe Dich doch so sehr geliebt! Melanie. Abschied? Sie glauben, ich wollte Sie nie Wiedersehen? Seumlein. Wollen oder nicht! Kennen Sie das Wort: »Was Du von der Secunde ausgeschlagen"? Wir sehen uns jetzt zum letzten Male. Melanie. Nein, nein! Seumlein, ich bitte Sie, Sie sind aufgeregt, fassen Sie sich! Seumlein (leidenschaftlich). Ja oder Nein? Ich frage zum letzten Male. Weh' dem, der so mit Herzen spielt! Ja oder Nein? Sie müssen reden und Sie werden reden! (erfaßt ihre Hand.) Melanie. Sie erschrecken mich! Bertha! Bertha! (Stürzt der hereintretenden Bertha in die Arme.) O, mein Gott! Siebente Scene. Melanie, Seumlein, Bertha, Mül ler, später Peter. Bertha (eilig auftretend). l Melanie! Was ist geschehen?/ Müller (desgleichen). ) (Zugleich) Seumlein! Seumlein! Du! bist außer Dir! ! Bertha (führt Melanie ab. Kurze Pause.) Mülle r. Was ist geschehen ! (Seumlein schweigt.) Seumlein! Ich bitte Dich, rede! (Seumlein schweigt.) Seumlein, sie hat doch nicht — Seumlein (winkt ihm zu schweigen, mit erzwungener Ruhe.) Wo ist mein Diener? Müller (sehr verlegen). Peter? Ich — ich weiß wirklich nicht — Seumlein. Gleichviel, Du bist so freundlich und schickst mir ihn nach- Bertha (die bei den letzten Worten wieder eingetreten ist). 4vie wollen fort- Seumlein (höhnisch). ES hat doch Niemand etwas dagegen? DaS wäre mir unlieb. 15 Bertha. Ich weiß nicht, was vorgefallen ist. Melanie schweigt. Aber wenn eS so ist, wie ich fürchte, nur keinen unbedachten Schritt! Seumlein, Sie sind doch sonst ein Mann von Geist und werden so vernünftig — Seumlein (stampft wüthend mit dem Fuße). Vernünftig? Immer vernünftig! Und warum denn? Warum muß denn gerade ich vernünftig sein? Glauben Sie, das geht so leicht? Vernünftig sein ist ein Talent wie andere, Mancher lernt's nie! Sie sehen ja, ich wollte auch einmal vernünftig sein, aber es ist mir, — weiß Gott! — schlecht genug bekommen. Vielleicht war doch etwas an mir, vielleicht konnte auch ich, wenn ich im Leben nur ein klein wenig Glück gehabt hätte — aber nein! Nun gut, nehmen wir das Leben, wie es ist! Es ist wenig genug, der arme Seumlein zu sein, aber ich bin's zufällig selber und so wenig es ist, ich will lieber einmal ich selber sein, als immer und ewig die schlechte Abschrift eines vernünftigen Menschen! Wenn ich wirklich zu gar nichts tauge, als zum Spazierengehen, nun wohlan, so will ich dieses Talent einmal entwickeln. Heute Abend liegt noch Berg und Thal zwischen mir und meinen vernünftigen Freunden. Lebt wohl! Auf lange! Mül ler ((eise zu Bertha). 1 Was ist da zu thun? f Bertha. Was, so ohne/ (zugleich.) Abschied? ' s Seumlein. Ohne Abschied? Gott bewahre! (Zieht seine Brieftasche hervor.) Ein paar Zeilen — höflich kann man immer sein. Bertha. An Melanie? Daß Sie ihr nicht zürnen? Seumlein. An das Fräulein? Wo denken Sie hin? Ich, ein wohlerzogener junger Mann werde an ein wohlerzogenes junges Mädchen vertrauliche Briefe schreiben? Bescheidenheit ziert den Jüngling, ehrt den Mann. Ich schreibe an Herrn von Kedelich. Ein paar Zeilen, kurz — aber deutlich! Er muß mir verzeihen, daß ich mit Bleistift schreibe. Mein Abschiedsgesuch an den Präsidenten schreibe ich morgen. (Setzt sich und schreibt.) Bertha (leise und sehr ernst). O Gott! Was haben wir gethan! Müller (desgleichen). So war er noch nie! Peter (auftretend, für sich). Es wird doch sicherer sein, jetzt, wo ich zu Mittag gegessen habe — Seumlein (vom Schreiben ausblickend, zu Peter, der vor ihm steht). Ach, da bist Du ja, Peter! Freue Dich, wir haben heute noch einen tüchtigen Marsch! Peter (halblaut). O weh! Seumlein (ohne zu hören, fortsprechend). Ich gehe voraus, gegen Kleinthal zu, Du folgst mir, sobald Du dieses Blatt (Er reißt es aus seiner Brieftasche.) Herrn von Kedelich eigenhändig übergeben hast. (Er wirft rasch den Tornister um und ergreift den Stock, während Peter kopfschüttelnd nach dem Hause geht.) Das kürzeste Lebewohl das Beste! Möge es Euch Wohlergehen, Ihr habt es gut gemeint! Ich aber will nun wandern, und wandern, soweit mich meine Füße tragen! — (Rasch ab nach links.) Müller. Da stürmt er über die Wiese in den Wald! Nun ist 's aus! Bertha. Was haben wir gethan? Welches Recht hatten wir, so in sein Schicksal uns einzudrängen? (Setzt sich auf die Bank rechts.) Müller. Armer Freund! Armer Seumlein! Bertha (sehr ernst). Nickt er! Er hat gut gehandelt, er hat Alles gethan, was möglich war, um sein Liebstes zu erringen. Ihn tröstet, daß er es ernstlich und treu gewollt hat. Aber meine arme Schwester! (Sie bricht in Thronen aus.) Müller (nähert sich ihr). Sie wird auch mit der Zeit — 16 Bertha. O nein, und wenn auch, welche langen, trüben Stunden hat sie jetzt vor sich! Sie hat nicht gut gethan, so mit ihm zu spielen. Und wenn man selbst den unwürdigen Geliebten nur schwer vergessen kann, weil man ihn einmal geliebt, wie drückend wird die Erinnerung an diese Stunde auf ihr lasten! O, Ihr wißt nicht, Ihr Männer, die Ihr im Treiben der Welt tausend guten und bösen Dingen nachjagt, Ihr wißt nicht, was es heißt, wenn ein Mädchen im stillen Einerlei des häuslichen Lebens nur einen traurigen Gedanken hegen und pflegen muß, den Gedanken an den Einen, der so ferne! Den Gedanken, der ihr Leben zu einem schweren, ängstlichen Traume gestaltet und ihr Träumen lebendig werden läßt wie die Wirklichkeit! Arme Schwester! (Sie weint.) Müller (sehr gerührt). Fräulein Bertha! Liebe Bertha! So sprechen Sie? Bertha. Wißt Ihr denn, was in uns vorgeht? Und wie Viele von Euch könnten und wollten es versteh'n, wenn es ihnen offenbar würde? Müller. Ich! Ich kann's versteh'n! O, bestes, liebstes Mädchen! Ich bin nicht so, wie ich scheine. Aber man glaubt nicht daran, weil es gar so schön wäre! Wenn man Sie so reden hört, wie die Engel im Himmel, Sie, die so klug sind; wahrhaftig, ich war ein Thor, ich begreife nicht, wie ich heute so klägliche Redensarten; — ich kannte Sie ja nicht, ich konnte Sie nicht kennen; dazu ist unsere Gesellschaft viel zu vernünftig. Man lernt sich erst kennen, wenn man sich längst geheiratet hat. Aber jetzt kenne ich Sie und ich habe auch ein Herz, ganz bestimmt, ich habe auch ein Herz — Bertha (lächelnd). Gewiß! Müller. Sie werden es sehen! Werden Sie mein Weib, und ich will Sie lieben und ehren, denn — ich liebe Dich, ja, ich liebe Dich! (Stürzt ihr zu Füßen.) Bertha (sehr leise). Er hat's doch gesagt! (Ihm beide Hände entgegenstreckend.) Ich liebe Dich auch! Müller. Bertha! (Umarmung. Von hier ab schnell zu spielen.) Peter (aus dem Hause zurückkommeiid). So! Jetzt wird's Ernst mit dem Mar- schiren! Immer, wenn's gemüthlich wird, muß man fort! (Schnallt sich den Tornister um, ergreift den Stock.) Müller (nähert sich ihm, Bertha am Arme.) Ist der Brief abgegeben? Peter. Ja wohl, das Fräulein hat ihn auch gelesen. Sie weint. Müller. Sie weint? Aber wär's denn nicht viel vernünftiger — ? Peter. Ich hab's dem Herrn Doktor gleich gesagt, als wir die Reise antraten. „Haben Sie Acht", habe ich gesagt, „was uns unterwegs passirt." Na, es muß sein, ich empfehle mich. Mein Herr wird schon wieder eine halbe Meile voraus sein. Wir marschiren immer mit Musil (Marschirt singend und mit dem Stocke zum Takte des Liedes aufstoßeud, ab.) Das Wandern sehr Possirlich ist, Das Wandern ist possirlich! Possirlich! (Verschwindet in der Coulisse.) Achte (letzte) Scene. Bertha. Müller. Melanie. Kellner. Später Seumlein. Zuletzt Ked elich. Bertha (leise zu Müller, der Peter nachsieht). St! da kommt Melanie! (Sie ziehen sich nach rechts in den Hintergrund-) Melanie (mit dem Kellner eilig aus dem Hause kommend). Nur schnell! (Schluchz) Kellner. Ich sehe ihn noch. Er sitzt drüben am Waldesrand, bei der bengalischen Beleuchtung! Melanie. So schnell Sie können! Er möchte eiligst umkehren, ich wollte — das heißt, mein Vater, Herr von Kedelich — vergessen Sie nicht, HM' von Kedelich ließe bitten, nur schnell - 17 Kellner. Aha! (Stürzt links ab.) Melanie (ihm nachrufend). Nur schnell! Müller und Bertha haben sich ihr von rückwärts genähert und treten nun von beiden Seiten schnell an sie heran.) Müller. Schnell!' s Bertha. Nur schnell! j ^ ^ Melanie (schreit laut auf und will in's Haus, während die Andern sie lachend zurückhalten.) Bertha. Gott sei Dank! Müller. Da kömmt er schon! Famos! (Schwingt den Hut.) Senmlein (noch unsichtbar). Ist es wahr? Melanie?! — Bertha Ja wohl! Kommen Sie! Müller. Aber nur schnell! Melanie (stürzt Seumlein entgegen.) S e umle in. Melanie! (umarmt sie.) Melanie (noch immer schluchzend). Sind Sie mir böse? Seumlein. Nein! nein! Mülle r. Geduld! Das kömmt später! Kedelich (der ungesehen bei den letzten Worten aus dem Hause getreten ist). Was geht denn hier vor? Seumlein, Seumlein ! Ich denke, Sie sind längst abgereist! Müller (triumphirend). Er ist an- gekommen! Seumlein. Ich bin am Ziel! Müller. Er heiratet unterwegs! Per Woryang fällt. Gnde Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Hoher Markt Nr. 1. gesammelte Heitere WortrLge von 13 Hefte, jedes im Preise von 30 kr. Oest. Währ. — 60 Pfennige. Inhalts-Uebersicht: 1. Heft. An die Künstler. Tragisch oder Komisch. (Bortrag für eine Dame.) Ein altes Götzenbild. Was a Bauer ned olles sein mvcht. Frei nach Darwin. Abgekühlte Heißsporne. Der Pfarrherr vom Kahlenberge. Pscheschitschek. Dialektscherz. Eine Ballphrase. (Vortrag für eine Dame.) Die Speckvertheilung. (Zur Beamten-Aufbesserungsfrage.) Schnadahüpfeln Nr. 1—6. 2. Heft. Amor'S Lexikon. Dialektscherz. Nante's Christgedanken. (Berliner Dialekt.) Der Müller und sein Kind. Pimpelmeier's Träume. Sam. Schnorrer'S Lebens- und Börseregeln. Gottschalk Schlemmer. (Eine schauderhafte Murithat.) Es hat 'rer, es giebt 'rer, aber man findt 'rer halt nicht. (Vortrag für einen Herrn.) Nach der Speckvertheilung. (Fabel für kleine Beamte.) Der erste Katzenjammer. Der Zopfabschneider. (Eine grausliche Ballade in Lhignonversen.) Diurnisten-A-B-C. Schreiben des Herrn Jstvän Farkas (Stuhl- richter aus Groß-Betsovits, an seinen Sohn Lajos, Hörer der Technik in Wien. (Prosa in Ungar. Jargon.) Gerechte Entrüstung. (Oesterreichisch.) 3. Heft. Euorma oder der Druiden-Barbier. Opernkonfusion in 1 Akt. Die Entstehung der ersten Ballet-Tänzerin. Baterfreuden eines Berliners. (Berliner Dialekt.) Plausch des Publikums über die Oper „Margarethe" v. Gounod. (Dialektscherz in Prosa.) Was hat die Welt ruinirt. Ein fünfstockhoher Hausherr von Neu-Wien. Meinungsverschiedenheit. (Oesterreichisch.) Der Fuchtige. (Oesterreichisch.) Z'weg'n dem Schnee. (Oesterreichisch.) Der Schah in Schah. Stoßseufzer eines Arithmetikers. 4. Heft. Jeremias Pechhuber. (Solo-Scene für 1 Herrn.) Lhristbescheerung. Der hilflose Sepp. Vor der K ass a-Eröffnung (Di alekts ch erz in Prosa). Der Invalide nach der Leichenfeier. Raubritter. Was Alles in der Weltausstellungs-Rotunde zu finden war. Am Eis. (Melodie: Wie ich bin verwichen —) Biblische Geschichten. I — III. Das Kabel. Das Husten. (Vortrag für 1 Herrn.) Schnadahüpfeln Nr. 7—12. 5. Heft. Die goldene Hochzeit. (Festscene für 2 Personen.) Festgruß zur Feier der silbernen Hochzeit geliebter Eltern. Zur goldenen Hochzeit. Prolog zur Eröffnung einer Krippe. Zum Bau eines Kinderhospitals. Zum Tage Allerseelen. Graue Haare. (Trilogie.) Die Schöpfung des Weibes. „ „ .. „ (Parodie.) Jtzig erzählt Schillers „Wilhelm Teil." (In jüdischem Jargon.) Monolog des schönen Fiaker-Poldls. (Wienerisch.) Der Wienfluß an die Väter der Stadt. Bauerntrost. (Oesterreichisch.) 6. Heft. Sommer, Herbst und Winter in der Residenz. Humoreske. (Bortrag, theils in Prosa.) Ich und mein Humor. (Vortrag des Fräulein Gallmeyer.) Die Schöpfung der Musikinstrumente. Der Beamten Weihnachtsbaum. Der bestrafte Philosoph. D'Ros'l in der Stadt. (Oesterreichisch. Für eine Dame.) Subrosa und in gereimter Prosa. (Bortrag für eine Dame.) Der Verbannte. Die Helden des Hühnerhofes. (Fabel.) Doktor Haslinger. Volksstück mit Gesang in 3 Akten. Von Musik vom Kapellmeister Karl Millöcker. Alle Rechte Vorbehalten. Wien, 1876. Verlag der Wallishaulser'schen Buchhandlung (Josef Klemm) Das Aufführungsrecht ist nur zu erlangen durch die Theater-Agentur von Ed. MeUin, Wien, VI. Engelgasse Nr. 1. Besetzung am Theater an der Men; zum ersten Mal aukgekährt daselbst am l. Uabember 1873. I. Akt. Erstes Bild: Per Unverbesserliche. Personen- Ernestine Knall, Professorsgattin .Fr. Bleibtreu. Therese Plant, Witwe, Geflügelhändlerin - Frl. Herzog. Michael, deren Sohn, Gemeiner eines Infanterie-Regiments . . . Hr. Martinelli. Heuschreck, Sollizitator . . Hr. Girardi. Fink.Hr. Rüdinger. Gareisl, Fleischhacker, ein Beistand.Hr. Kaschke. Die Spenglerische . Treuge. Die Silberarbeiterischeitz'I-^Frl. Morawetz. Wetti t.Frl. Seewald. Netti I .Frl. Kern. Sali /.Frl. Hellmuth. Jeanette I.Frl. Jules. Marie «.Frl. Gögginger. Clara !.Frl. Dost«. Mali '.Fr. Hirt. Der Gemeindediener . . . Hr. Stern. Nachbarsleute, Hochzeitsgäste. Scene: Wohnung der Frau Plant. Zweites Bild: Der Koföall. Personen^ Fink Hr. Rüdinger. Therese, seine Frau . . . Frl. Herzog. Michael. Hr. Martinelli. Heuschreck .Hr. Girardi. Gareisl.Hr. Kaschke. Döbler, Besitzer eines Gasthauses nächst der Türkenschanze .Hr. Gärtner Die Spenglerische . . . Frl. Treuge. Die Tochter vom Silberarbeiter .Frl. Morawetz. Flachs I.Hr. Thomas. Wallner s Fiaker... Hr. Oberhofer. Leutgeb l.Hr. Hämmerich. Christi 1.Hr. Rubäck. Fiaker Jucker Klampfl Sporner Schießer Johann Carl Conrad Peter Erster Zweiter Dritter Vierter Fünfter Sechster Die Wendelmaier Die Sievringerwett Die Mandlmarie Die Gersthoferin Die Salatwabi Die Dornbachermarie Zählkellner Kellnerbube Hr. Fischer. Hr. Kastol. . Hr. Kraus. . Hr Liebesny. Hr. Bernd t. . Hr. Kühner. . Hr. Friedrich. Hr. Kranz. Frl. Karl. Frl. Makosch. . Frl. Wülsrecht. Frl. Geyer. Frl. Flor. Frl. Leitner. ^ Fr. v. Kilany. ^ Fr. Hopp. Z Fr. Banmgartner. L Frl. Kraft. 8 Frl. Dostä. Frl. Anger. Der Bandelkramer vom Hof Hr. Romani. ! Di-n-r d°r L,k.H^ Meyer > kitonsialt ^Hr. ^olzl. Morawetz ) ortanstalt. Jtali. Ein Portier. . «... Hr. Selzer. Frau Hibl t - Frl. Gögginger. Frau Gemperle s Kollektur- Frl. Seeberger. Schalem > Bekannt- Hr. Fink. Herr v. Schützern schäften Hr. Ehrenfest. Fräulein Bertha' Fr- Gärstner. Dolleschalt, Amtsdiener Hr. Panser. Wisgrill, Löschmeister . . Hr. Punselius. Jeanette l . . . Frl. Jules. Sali /.Frl- Hellmuth. Wetti l Frl. Seewald. Fanni / Hochzeitsgaste ^ Reinhold. Netti I.Frl. Kern. Lori / . . .Fr. Cloßegg. Ein Feldwebel.Hr. Weidinger. Löschmänner. Leinwandhausirerinnen. Marktweiber. Hausirer. Kellner. Hochzeitsgäste. Soldaten. Musiker. Ort der Handlung: Ein Gasthaus nächst der Türkenschanze. Zeit: Jänner 1855. Dieses Bild spielt um einige Stunden später als das zweite. Drittes Bild: An der Kaserne. Personen. Baron Streit, Oberst eines Infanterie-Regimentes Hr. Thalboth. Kurz, Hauptmann Hr, Holzgärtner. Helm, Lieutenant und Adjutant Der Arzt. . . Der Profoß . . Der Feldwebel Knill Hr. Gschmeidler. Hr. Thomas. Hr. Werner. Hr. Weidinger. l Hr- Liebold. Mer ! «°rp°E- , , tzr, Sr«n. Frau Knoll.Fr. Bleibtreu. Julius, ihr Sohn, Gemeiner Hr. Klang. Therese Fink . ... Frl. Herzog. Michael.Hr. Martinelli. Heuschreck . . Hr. Girardi. Ein kleines Mädchen . Kl. Meier. Erster / . . Hr. Fink. Zweiter) Soldat . . . . Hr. Müller. Dritter s . . Hr. Krone. Soldaten, Ordonnanzen. Ort der Handlung: Korridor einer Kaserne. Dieses Bild spielt um einige Tage später als das zweite. ir Akt. Viertes Bild: Wach zwanzig Jahren. Personen. Julius Knoll, Besitzer einer Galanteriewaaren-Fabrik. Hr. Klang. Marie, seine Gattin. Frl. Bora. Rosa deren Frl. Becker. Franz, Einjährig- Zieh- Freiwilliger . . kinderHr. Eichheim. Lechner, ein Fabriksarbeiter Hr. Jäger. Eine Gerichtsperson . . Hr. Weidinger. Fröschl, Knoll's Schwiegervater. .Hr. Schweighofer. Heuschreck . . Michael . . . Tonerl. . . . Schofinsky 2 ' ^ Vagabund Ein Arbeiter . . Hr. Girardi. . Hr. Martinelli. . Kl. Trebitsch. Hr. Oberhofer. . Hr. Schwellak. Hr. Fischer. . Hr. Hümmerich. Arbeiter und Arbeiterinen. Sicherheitswachen. Ort der Handlung: Knoll's Fabrik. Der zweite Akt spielt um 20 Jahre später, in der Gegenwart. HI Akt Fünftes Bild: Pie Mckkeyr «ach Oesterreich. Personen Julius Knoll . . . . . Hr. Klang. Marie, seine Frau . . . Frl. Born. Rosa.Frl. Becker. Franz ....... Hr. Eichheim. Michael.Hr. Martinelli. Heuschreck.Hr. Girardi. Fröschl ..Hr. Schweighofer. Therese.Frl. Herzog. Knill, l -Invaliden . . . Hr. Liebold. Höller f invaliden , ^ Grün. Diener, Dienstmänner. Ort der Handlung: Ein Zimmer im Hause des Julius Knoll. Der dritte Akt spielt einige Tag später als der zweite. Sechstes Bild: Krtsgegkicherr. Personen. Julius. Marie. Rosa. Franz . Michael . . . . Heuschreck . . . Knill. Höller. Gareisl .... Therese . . . Wetti ... Netti. Sali. Fanni. Lori. Jeanette .... Mali. Ein Waisenkind . Ein Burggendarm Hr. Klang. Frl. Born. Frl. Becker. Hr. Eichheim. Hr. Martinelli. Hr. Girardi. Hr. Liebold. Hr. Grün. Hr. Kaschke. Frl. Herzog. Frl. Seewald. Frl. Kern. Frl. Hellmuth. Frl. Reinhold. Fr. Cloßegg. Frl. Jules. Fr. Hirt. Kl. Sauer. Hr. Hirt. Arcierenleibgarden, Hofdiener, Burggendarmen. Volk aus allen Ständen. Ort der Handlung: Der Schweizerhof in der kaiserlichen Burg. Dieses Bild spielt zwei Stunden später als das vorhergehende. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Theater-Repertoir S 18 . 1 * Erster Akt. Erstes Bild. „Der Unverbesserliche." Einfaches Zimmer mit Mittel- und zwei Seitenthüren in einem alten Vorstadthause. Altväterische Wohnungseinrichtung einer vermöglichen Marktfrau. Erste Scene. Ein Dutzend Köchinnen mit Einkaufkörben auf dem Arme, rufen der eben aus der Thüre rechts tretenden etwa bOjiihrigen Kapiiunlerin Frau Plank ein stürmisches „Hoch" entgegen. Fr. Plank (im Nachtkorsett und zu Thränen gerührt, hoch überrascht). Diese Auszeichnung! Das halt i net aus! Wetti. (Köchin). O, wir haben uns ja eigens verabred't für den Tag! Weil's bekannt war am Hof, daß Sie heut' Ihren Stand gar net aufschlag'n — san wir gleich von der Fleischbank weg, zu Ihnen heraus — Netti. Denn niemals wer'n wir Dienstboten vergessen, wie honett Sie allzeit mit uns Vorgängen sein — Fr. Plank. O, ich bitt! Sali. Wie z. B. damals mein Frau nachg'fragt hat, ob der alte, zache Kapauner wirklich 4 fl. kost't — was haben Sie g'sagt? Fr. Plank (weinerlich). Ja, Hab' ich g'sagt! Fanni. Und wie die Meinige kan Liebhaber g'litten hat im Haus, wo Hab' ich'n hinb'stell'n dersen? Fr. Plank (noch weinerlicher). Zu mir! Lori. Wer hat mich abg'red't vom RechnungSrath? Wer hat g'sagt, i soll net bleiben bei so nothige Leut? Fr. Plank (tief gerührt). Ich! Jeanette. Und wann wir hamlich am Ball gangen san im G'wand von der Gnädigen, wo haben wir'n versteckt den Binkel? Fr. Plank (fallt ihr an die Brust). Bei mir, bei der Plankin! Wetti. Wer war mit einem Wort die anständige Frau, die immer mit uns im Bändel g'wesen is? Niemand Anderer als Sö! Und da hätten wir heut' an Ihnern Ehrentag net gratu- lir'n kommen soll'n? Vivat, die Madame Plank! Alle. Vivat! Fr. Plank (die eine Rede halten will)- Meine Herr'n! Aste. Hahaha! 5 Fr. Plank. Witt ich sagen, Kameraden! Nein — Schwestern — Volk von Wean! Das werd' ich Ihnen nie vergessen ! (Ist im Kreise herum gegangen und hat allen die Hände gedrückt.) Wetti. Aber sagen's doch, wie schaut er denn eigentlich ans, Jhner Zukünftiger? Netti. Wahrscheinlich ein alter Amtsdiener oder ein Comfortabler in die Sechzig? Fr. Plank. Ja, versteht sich! Ein fescher, junger Mensch is es mit acht- undzwanz'g Jahr! Alle. Ah, ah, ah, ah! Sali. Und ich Hab g'laubt, s' is blos a Verbindung aus gegenseitiger Achtung ? Fr. Plank (beleidigt). Was Ihnen einfallt! Achten? Ich acht'n gar nicht, ich liebe ihn. Fanni. Glauben Sie denn nicht, daß in so ein' Fall doch der Unterschied der Jahr-- ? Fr. Plank. Ja, warum denn? Um was er jünger iS, um das bin ich älter — das gleicht sich ans. Jeanette. Mein Gott, des Menschen Willen ist sein Himmelreich. Fr. Plank seine Fotografie herweisend). Und iS das vielleicht ka Himmel? Dös Naserl, was? A so a Goscherl und das liebe G'schau! Ein lieber Schneck! Wetti (zur zweiten). Ich waß net — ich krieg' kein' solchen Liebhaber — Netti (zur dritten). Da sieht man, was a paar Gulden machen. Sali sznr Nebenstehenden). Wirklich charakterlos san diese Männer! Fanni szu Fr. Plank). Und wo hab'n Sie'n denn kennen g'lernt? Fr. Plank Wie ich amal beim Versatzamt vorbeigeh, steht er g'rad' dort, wahrscheinlich g'wart' auf ein' Beamten. Lori. Er redt' Jhner an — Fr. Plank. Ja. S' erste Mal um Zwa Gulden — später um drei, nachher um fünfe! Am ersten Jänner Hab' ich'n kennen g'lernt und da war er halt bis zum letzten Dezember in einer augenblicklichen Verlegenheit. Ich muß sagen, er hat mich immer ganz ohne Interessen g'liebt — ein Wort hat das andere geb'n — ein Caput habe ich ihm auch machen lass'n, na und so hat er mir halt endlich, wie er die neuchen Stiefel braucht hat, gestanden — Jeanette. Daß er ohne Ihnen nicht leben kann. Fr. Plank. Nein, daß ihm der Greisler nix mehr aufschreiben will. Jetzt passen's auf, meine Herrschaften, jetzt kommt das Hauptkapitel von mein Roman. Einmal, ich geh' mit der Butten nach Haus — der Abend is angeruckt, der Mond hat sich langsam fürag'macht. die Nachtigallen am Exercierplatz fangen just zum Singen an — zupft mich wer hinten beim Kittel, ich schau mi um — wer ist's? — Er! Hast es net g'seg'n, sixt es net a, liegt er vor mir auf die Knie und sagt: Frau Plank, Ihre Eigenschaften, Jhner Zimmereinrichtung , Jhner ganzes Wesen und Jhner L-parkassebüchel, Ihre Muttertugend und das Kuchelgeschirr — Sie sind das Weib wie es sein soll — und wenn Ihr Herz noch frei ist, — so leichen Sie mir 10 fl.! Wetti. Ein recht a lieber Narr das ! Fr. Plank. Und so Hab' ich ihm denn mit der ein' Hand die Banknoten und mit der anderen mein Herz geb'n und heut', wo ich alle seine Sachen ausg'löst Hab', löst endlich er was ein, — sein Wort nämlich — und führt mich zum Altar! Netti. Und was ist er denn, Frau Plank? Fr. Plank. Was er is? Eine fixe Anstellung hat er just nicht, aber er nimmt Alles mit. Jeanette. Er muß ja doch was g'lernt hab'n? Fr. Plank. G'lernt? Mir scheint, er is a Tischler; weil die Leut' sagen, er liegt den ganzen Tag am Billard! Fanni. Sie wissen also nix Bestimmtes ! Fr. Plant. Vielleicht auch, daß er ein' Möbeltransportwagen hat! Lori. Wie kommen's denn auf so was? — Fr. Plant. Weil er mir unlängst selber erzählt hat, er hätt' ein großen Juden einzog'n Alle. M sich). Die arme Plankin! Fr. Plant. Nachdem aber die Damen gar so viel Antheil nehmen an mein' Schicksal, lad' ich's heut Alle zum Hofball ein. Alle. Zum Hofball? Fr. Plant. Auf'n Wahringerspitz. Es kommen nämlich nur Leut' vom Hof, die Obstweiber vom Hof, die Spritzenleut' vom Hof, die Amtsdiener von der Kreditanstalt — die Kellner von der Kugel, der Portier vom heiligen Nuntius sein Vätern — lauter Bekanntschaften vom Hof — Wetti. Da muß i nur auf der Stell' z'Haus, die Frau anplauschen. Ich laß g'schwind mein Taut sterben — Netti. Bei mir is die Schwester in Keller g'fall'n — Lori. Ich laß mein Schwägerin Drilling krieg'n — Fanni. Und ich sag', mein Großvater komme aus Leitomischl an. — Wetti. Alles lassen wir liegen und steh'n und werfen uns in die Wix — Fr. Plant. In aner Stund stengen die Jantschki's vor'n Haus wie bei einer Leich. Da fahr'n wir z'erst in die Kirchen und von dort direkt auf'n Hofball — Alle (rasch durcheinander). Das wird a Hetz heut. — So a verrückte, alte Person — wenn der mi siecht gegen dö — was ziegst denn Du an? Ich geh' rosa; — i blau; i nimm mein weißes Mantill — — (Zn Fr. Plank.) Sie verdienen so a Glück — a Bussel geb'ns mir — is halt a fesches Weib die Frau Plant! Alle Haben sie umarmt, geküßt und eilen kichernd und klatschend ab). Zweite Scene. Frau Plant. Fr. Plant. Alle wünschen's mir Glück — Alle — nur er, der Unverbesserliche, mein Sohn — er sieht's net ein. (Nachdenkend.) Wie so a paar Gulden ein' Menschen verblenden können? Weil er sich fürcht', daß a bissel was von mein Vermögen d'rauf geh'n könnt'-vergunnt er seiner Mutter kan zweiten Mann ! A so a Neid ! Aber Gott sei Dank, mein Zukünftiger ist der Charakter, der dös Wiener Früchtl kurirt. Nichts als Schand hat mir der Bub' g'macht. Will net a Schuster wer'n, sondern allerweil Bücher lesen — so a Schand! Will da a Madel heiraten, was er zu Fall bracht hat — so a Schand! Will, daß seine Mutter in ihre alten Tag a Ruh gibt, so a Schand. Der verdient nix anders, als daß er jetzt als Soldat mit'n Schießprügel herumgehn muß. sBlickt zum Fenster hinaus.) Die Masse Leut' vor'm Hausthor. Wann i nur mußt, wo die Professorin mit'n Hochzeits- g'wand bleibt? (Rechts ab.) Dritte Scene. Heuschreck (durch die Mitte in Gala, ein Bouquet in der Hand.) Entree-Kcd. Wann wer ein' Villa in Simmering sich baut, Ja, ich sag' ihm nicht, Freund, Du da hast Dich verschallt, Im Gegentheil — ich schwärm', denn i waß, 's thut ihm wohl 7 Und sag': Dieses Simmering is rein wie Tirol. Was liegt denn da mir d'ran, den Narr'n den g'freut's, Und für mich is dann Klederling mehr, wie die Schweiz. Ich schimpf' auf Neapel und lob' nix, wie Krems, Denn ich sag' Niemand was Unan- geuehm's! Tritt mir auf die Zechen mit Iuchterne wer, Sag' ich, gebn's mir nächstens doch wieder die Ehr', Habn's irgend wem eing'spirrt a sieben-! viertel Jahr, So glaub' ich's, daß er in Amerika war. Und wann Aner Feiglstock haßt, oder Kohn, Für mich is er Christ, wann er will,! auch Baron, Wer aus Meseritsch is — den kenn' ich aus Eins — Denn ich sag' Niemand was Unan- genehm's! Oder soll ich zum Beispiel zu derer Kapäunlerin sagen: Entartetes Hendelweib, was sangst Du an? Du, eine Person, an deren Jugend sich nur Ju- bilare erinnern, Du, ein in die Jetztzeit herüberragender Husarentempel der Vergangenheit, willst einen Menschen heiraten, der Dich an Großmutterstatt annehmen könnt' ? Einen Menschen, der nix is als Aspirant — aber nicht beim — sondern für's Kriminal! Einen Tagdieb, der unserm Herrgott nicht einzelne Tag', sondern ganze Zeitperioden entwendet? Verrückte Kapäunlerin, halt' ein, denn Du bist ja eine — sDa in diesem Augenblicke Frau Plant eintritt) reizende Todfeindin des Marktkomis- sariates — süberreicht ihr das Bouquet.) Erlauben Sie Ihrem Beistände, daß er Ihnen, die bald von eigenen Sproß- lingen umgeben sein wird — Fr. Plank (verschämt). Hörn's auf — Heuschr. Einstweilen die Kinder Flora's zu Füßen legt. Fr. Plank (nimmt das Bouquet). Sehr aufmerksam! Heuschr. Und sinnig gewählt. (Auf eine Blume deutend.) Das da hier ist eine hundertjährige Aloe. Fr. Plank. Und doch, Herr Heuschreck, je näher der Augenblick kommt — ich waß net — ich sürcht' mich auf den Moment — Heuschr. Ich bin überzeugt, daß der Herr Bräutigam diese Gefühle theilt — das ist so das Lampenfieber vor der Copulation. Fr. Plank. Denn unter uns — ich bin doch in die Jahre — wo man so ein Schritt reiflich überlegen soll. Reden's offen, glauben Sie denn, daß ich ein' Mann noch glücklich machen könnt? Heuschr. Und ob! Bedenken Sie zum Beispiel nur, daß die aufreibendste Leidenschaft, nämlich die Eifersucht, Ihrem Herrn Gemahl gänzlich erlassen bleibt. — Er weiß, er genießt sein Glück allein! Weit entfernt, durch eine blendende Erscheinung herauszufordern. wissen Sie, Madame Plank, von der Natur begünstigt, die ganze Männerwelt sensationell von sich fern zu halten! Fr. Plank. Das is wahr! Seit die 16 Jahr, was mein Seliger todt is — hat mich noch Niemand ang'schaut. Heuschr. Segen Sie, volle 16 Jahr, was Jhner Todter selig is. Dabei ist Ihre Bildung keine herausfordernde — Fr. Plank. Im Gegentheil — Heuschr. Und da Sie, was die Toilette betrifft, jenen ewig jungen Feen gleichen, die im Aether dahin schweben — Fr. Plank (ganz glücklich). Das is a lieber Mensch — Heuschr. (für sich). Das war gut geb'n statt alte Luftzauberin. (Laut.) Was sollte da noch fehlen, um die Brust eines Mannes auszufüllen? 8 Fr. Plank. Ich bin halt doch in die Fufz'ger — Heuschr. Aber ans die Fnfz'ger geht er ja g'rad! Dann is fünfzig Jahr keine Zeit. Wenn Sie so beobachten thäten, wie wenig man durchsetzt in 50 Jahr, — müßten Sie einseh'n, daß dieser Zeitraum verschwindet im Völkerleben. Fr. Plank Das war' Alles recht schön, wenn ich nur nicht das Kreuz hätt' mit mein Sohn, Jhnerm Mündel. Der fürcht' sich halt so viel vor ein Stiefvätern! Heuschr. Kinder erster Eh' sind in der zweiten meistens unangenehme Re- miniscenzen. So oft die Frau Mutter den neuchen Gemahl an's Herz druckt, richten die Gesichter von die Kinder immer eine Empfehlung aus vom verstorbenen Papa! So was is meschant! Fr. Plank. Aber was will man thun? Ich Heirat' ja blos einen jungen Mann, damit mein Sohn endlich bessert wird. Heuschr. (für sichs. Um die Ordnung herzustellen, ruft sie den Rozsa Sander zu Hilfe! Fr. Plank. Fangt Ihnen so a Bursch a Techtelmechtel an mit ein Fabriksmadel — Heuschr. Es is schrecklich! Wann er sich noch an Rothschild seine Töchter machet — aber so a junger Mensch — keine Volkswirthsckaft! — Fr. Plank. Ein Fabriksmadel! Ich bin natürlich stants pscks auf die Polizei und hab's als Verführerin per Schub wegschicken lassen! Heuschr. Als Verführerin! Es is merkwürdig, was diese Madeln, wenn sie Einem 's Heiraten versprechen, für eine Ueberredungskraft haben! Fr. Plank. Und was den Michel anbelangt, so hat mein Zukünftiger g'sagt — den geben wir zum Militär! Sie als Vormund waren einverstanden — Heusch r. Das ewige Einverstandensein ist die beste Garantie der Freundschaft. Sagen Sie zu mir: Der Sessel ist ein Elefant — ich bin einverstanden! Fr. Plank. Also, was reden's denn nachher immer so kurios daher? Heuschr. Sollte mir etwas Unangenehmes entwischt sein? Mir, der ich ein Enthusiast bin für diese Ehe! Wo ich überall behaupt die Tauben (für sich( und die Blinden (lantf hätten kein schöneres Paar Zusammentragen können. Und damit Sie sehen, wie ich Ihren Zukünftigen verehr' — er braucht heut ein Beichtzettel zur Copulation — (zieht es hervorj. Hier ist es! Ich war für ihn beichten — können's Ihnen vorstellen, wie i dag'standen bin, was i für a. Roll g'spielt Hab — die Haar san mir zu Berg g'standen. Und jetzt erlauben's, daß ich in Ermanglung anderer Heiratserfordernisse den Todten- schein, den Meldzettel u. s. w. zurechtlege, — und dann fort in die Kirchen! Wenn Sie jedoch über's Jahr bei einer eventuellen Scheidung wieder ein Beistand brauchen — bei einer Kindstaus, Leich oder bei einer Rauferei, kurz bei jedem Familienfeste, Kirchen, Bezirksgericht, Friedhof oder Conscriptions- amt — mir is das Alles Eins — ich bleib immer Ihr aufrichtig ergebener Freund. (Rasch nach links ab.) Vierte Scene. Frau Plank. Gleich darauf Frau K n o l l. F r. Pla n k. Das is doch a g'setzter, a vernünftiger Mann, und is auch auf meiner Seiten. Was will er denn nachher, der Michel? Fr. K noll (beim Eintretens. Jst's erlaubt? Fr. Plank. Was, Frau Professorin, Sie selber bringen das große Kartandel — ? 9 Fr. Knol l. Wer denn sonst? Seit langer Zeit zu Entbehrungen gezwungen, bin ich nicht in der Lage eine Magd zu erhalten.- Fr. Plan k. Sie, a Professors-Frau? Wie iS denn das möglich? Fr. Knoll. Ach, Sie wissen doch, daß sich mein Mann im Jahre 48, hingerissen von der Begeisterung, wenngleich ergraut, doch mit dem Feuer der Jugend an der Bewegung betheiligt hat! Fr. Plant. Ich Hab' g'lesen davon — wann ich nicht irr', hält' er sogar im Weg' der Gnad' aufg'henkt werden sollen? Fr. Knoll. Wenn auch nicht das, so war er doch mit langjähriger Kerkerstrafe bedroht. Freunde, die ihm zur Flucht verhalfen, bewahrten ihn davor. Er brachte sich seither jenseits des Ozeans mühselig fort. Fr. Plant smit steigender Erregung). Und Sie? Sie san noch da? Sie theil'n net das Loos von Jhnern Mann? Sie trösten ihn net in seiner Verbannung und bleiben net bei ihm in Noch und Elend? Fr. Knoll ftief bewegt). Ich kann es nicht; denn während der Vater den erbitterten Verfolgern entkam, fiel der Sohn, der an seiner Seite auf den Ottoberbarrikaden gekämpft hatte, den Rächern in die Hände. Seine Jugend, meine Bitten, meine Thränen wendeten das Fürchterlichste von ihm ab — man hat ihn nicht getödtet! Doch ist die Strafe, die man ihm anferlegte, noch hart genug. Um ihn zu bessern — wie sie sagten, zog man ihm die Soldaten- uniform an! Fr. Plank sfür sich). Himmel — g'rad so wie ich mein Sohn! Fr. Knoll. Und zwang ihn, der in besserer Zeit einst losgekauft worden war — einem Beruf zu leben, der seinem ganzen Wesen widerspricht! Bis heute, liebe Frau, hat er, von mir getröstet mid tausende Male zum Ausharren beschworen, sein Loos ertragen! Er vertauschte seine Bücher mit der Muskete, unterdrückte seinen freien Sinn, den Drang nach Selbstständigkeit, und war wohl ein gepreßter — aber ein gewissenhafter Soldat! Mit heute ist's vorbei! Fr. Plank. Warum denn, wo er jetzt eh in ein Jahr frei sein wird? Fr. Knoll. Dieser Brief aus New- Aork wird Ihnen Alles sagen. sGiebt ihr einen Brief.) Fr. Plank füberfliegt die Zeilen). Jesas, der alte Herr! Schwer krank, — möckt er's noch amal umarmen sein auzig's Kind! Fr. Knoll. Denken Sie, der verbannte Vater, vielleicht dem Tode nah, die Hände ansstreckend nach dem einzigen Sohn, und dies sein Kind gefesselt an die Scholle durch die eisernen Bande der Disciplin — o, liebe Frau, Sie sehen hier ein Weib vor sich, das dem doppelten Schmerz erliegen muß, ein Weib, das nicht länger tragen kann, was Gott der Gattin und der Mutter beschieden — — Fr. Plank Mr sich). Daß aber auch diese Männer mit derer verflixten Freiheit —-sLaut.) Und was sau» gen's denn jetzt an ? F r. Knoll shastig, wenn auch erschöpft)- Auf der Jagd nach Geld bin ich, liebe Nachbarin, auf der Jagd nach Geld, um fliehen zu können mit meinem Sohn! Fr. Plank szu Lode erschrocken). Was? Er will do net desertir — — Fr. KN 0 ll fsich scheu nmsehend). Still! Um Gotteswillen, still! fLeise.) Ja, fort wollen wir, noch in dieser Nacht! Ach, Sie erleben ja heute einen Freudentag, Ihnen vertrau ich's an! Eine Glückliche kann nicht zur Verrätherin werden — nein! Im Gegentheil! Sie werden dem Kinde zum Segen seines Vaters verhelfen, und mir, dem Weibe, werden 10 Sie das Glück vergönnen, mich noch einmal beugen zu dürfen über das Antlitz des Verbannten! Fr. Plank. Ich? Ja, wie so denn ich? Fr. Knoll. Ahnen Sie denn noch nicht, warum ich mich bewarb, Ihr Brautkleid anfertigen zu dürfen. Ich hörte sprechen von Ihrem guten Herzen, weiß, daß Ihr einziger Sohn Soldat ist, wie der meine, — rechnete auf Ihr Mutterherz, — weiß Gott, ich speku- lirte auf die Stimmung, die Sie an Ihrem Ehrentage beschleichen muß. Nicht wahr, Sie werden mir das Bischen Arbeit besser bezahlen, als ich's verlangen darf, werden mit einer Wohl- that in den Ehestand treten, mit dem Bewußtsein, drei Menschen glücklich gemacht zu haben. Und wäre Ihr Schritt ein unüberlegter, ein Irrthum — ein Verbrechen, — Gott müßte Gnade walten lassen und Ihre Ehe segnen! Fr. Pla n ksnachdenklich). Sie glauben wirklich, unser Herr Gott thät mich nachher net verlassen — das is a Red'! Und was thäten's denn so brauchen damit's übrikommen über'S Wasser, alle Zwa? Fr. Knoll. Um die weite Reise zu vollenden — ich habe Alles, was ich besaß, zu Geld gemacht — es fehlen doch noch fast 200 Gulden — Fr. Plank. Kummen's eina. Fr. Knoll. Wie? Sie sind so großmüthig und werden für dieses Kleid — Fr. Plank. Hätt' man's net, so thät man's net — Fr. Knoll swill ihre Hände küssen). O, lassen Sie mich — Fr. Plank. Mein erster Mann war selber drei Täg wegen Vogelfängen eing'spirrt — ich weiß, was das haßt — ein Opfer zu sein der Revolution ! Kommens eini! sNechtS ab, den Karton mitnehmend.) Fr. Knoll sjhre Thränen wegwischend). Kaum wag ich es zu fassen — also doch! Mr sich.) Nun wird Julius die letzten Zweifel schwinden lassen — der Mann, der hellte Nacht heimlich seinen Posten bezieht, um die Patrouille zn täuschen, wird mit diesem Gelde gewonnen -er wird frei! O, armer Franz, der Du tagtäglich tausendmal verzagt nach der Thüre blickst, erwartend uns zu sehen — die Mutter bringt Dir Deinen Sohn! sRasch nach rechts ab.) Fünfte Scene. Michel, sGemeiner eines Infanterie-Regimentes, steckt den Kopf zur Thüre herein.) Michel. Frau Mutter! Ist er da- ham? sTritt herein.) Neamd da! G rad recht, so brauch ich's. Unterm Hausthor passen schon die Deanstboten, die mei alte Mutter, wann's aufg'stam- perter daherkummt, gern auslachen möchten — der Wächter mit'« Buschen is a schon da, und vm-a-vis der Fleischhacker bringt schon seit zwa Stund die Spieltische!» net in die Glace-Handschuh eini — — es ist die höchste Zeit wann i no was ausrichten will. Himmel-Laudon, wann i jetzt nur g'wiß wußt, ob's ein'Herrgott gibt, oder net? Ich fanget zum Beten an und höret net auf, bis mein Mutter ein Schecke! nimmt und den Bräutigam aber so nach der Noten — — — die Frau Mutter! Sechste Scene. Der Vorige, Frau Plank. Fr. Planksin die Thüre zurücksprechend). Nur dort hinaus — da saus gleich auf der Stiegen. sSchließt die Thüre 11 und erblickt, sich umkehrend, ihren Sohn.j Du da? Du traust Dich noch her? Michel sunterwitrfigj. Ja, Frau Mutter, ich bin so frei! Ich waß, das i net gern g'segn bin do, ich waß, daß i — weil i zu gar nix z'brauchen bin, jetzt das Vaterland retten muß — aber wann's Ihnen auch nimmer angenehm is, Frau Mutter, mein Frau Mutter saus do! Fr. Plank. Leider, daß's so is! Michel. Es is wahr, i Hab viel am G'wissen. Sie geben mi zu au Schuster in d' Lehr und i geh durch! Wann i ausg'halten hätt' i kunnt jetzt schon die schönsten Stiefeln doppeln. Aber na, da steckt mir was im Kopf von aner Zuknnft, so a Sehnsucht nach an Verstand, so a Idee, als ob ich Ihnen noch amal ein Ehr machen müßt und als ob i was Vessers wer'n kunnt und renn wieder hamlich in d'Schul! Fr. Plank. Will hinterrücks was lernen — so a Schand: Michl. Zum Glück erfahren Sie's noch zur rechten Zeit und hauen mir die Bildung wieder außer! Fr. Plank. Weil Du net mehr zu lernen brauchst, als was Dein Vater g'lernt hat — Michl. Freilich, Frau Mutter, wann alle Leut' so denkaten, gebet's nip wie Schuster auf der Welt — aber Sie habn's net g'litten — gut, bin i zur Handlung gangen. Fr. Plank. Das war erst das Wahre! Wann er Dich in der Früh wegg'schickt hat, der Kaufmann, mit'n Wagel, bist immer erst auf d'Nacht z'Haus kommen. Michl. Schann's, i, der Sattlige, ich war ja brav! Aber er, der Händige, der Türkl, hat nie recht zieg'n wollen. Fr. Plan k. Is ja net wahr! Bü- cheln hast in Ein'm fort g'lesen. Mathematisches Zeug's und geografisches G'fraßt und dabei iS der Kaffee verstrat wor'n. So a Schand. Michl. I kann's net leugnen. Aber schaun'S, Frau Mutter — i hätt's halt gern zu was bracht. Dös Bissel Lesen und Schreiben war mir z'wenig, ich Hab mehr kennen woll'n wie multipli- ciren; Vivat schreien, wann berühmte Leut daherkommen, das kann jeder Kepp, aber selber berühmt wer'n, was leisten für die Welt, net mit'n Brod allan z'frieden sein sondern die Achtung seiner Zeit zu erwerb'n — dös war halt a so mein Spekulation g'wes'u. Na — es hat net so sein soll'n. Werd i halt a Kapral, dann später vielleicht ein Amtsdiener und auf d' Letzt a Haus- masta. Gut is gangen. Fr. Plank. Aber ma hätt Dir ja Alles das nachg'seg'n und Du häst vielleicht sogar noch Hendelkramer wer'n können — fängst Du mir die G'schicht mit dem Fabriksmadl an. Ah ah ah, so a herg'loffene Person! Michl. Ja, d' Fabriksmadeln müssen herlaufen, Frau Mutter, a Equipage tragt die Spulerei net. Fr. Plank. A Madel, wo der Vater weg'n Betrug sitzt — Michl. Mein Gott, Sie haben a schon oft a Bachhendel für a Brathändel ausgeben. Fr. Plank. Und Enger Kind, is das vielleicht ein Ehr? Michl. Is das gar so a Aufseg'n, wann junge Leut a ein Kind krieg'n! Wann Sö ans kriegeten Frau Mutter, dös war a Spektakel. Und dann Hab ich ja die Mali ehrlich heiraten woll'n ?! Fr. Plank. So a Schand a no! Gott sei Dank, zuständig is's net g'wesen, jeßt is's über der Grenz! Michl. Das war hart Mutter — seine Thräne aus dem Auge wischend.j Bös war das — aber i Hab mir denkt — Dein Mutter will's — suchst es z'überwinden. - Fr. Plank shastigj. Und hast Ihr Dein Uhr g'schickt und Schulden g'macht und hilfst ihr bis heut! 12 Michl (meichs. Bei mir is's ja no zuständig, Mutter, — von da können Sie'« do net wegschaffen lassen — Fr. Plankszornig!. Aber Dich kann i aussischaffen von da — Dich, mein unverbesserlichen Bub'n — Michl (unterwürfig!. Geh ja schon und lumm a nimmer! Hält Ihner zwar gern beten, um a Biss'l a Zulag, damit ich dem Madel, dem ich sein Ehr g'nummen Hab, s' Leben erleichtern — aber wann's Ihnen gar a so verhaßt is — Fr. Plank. Net an Kreuzer, die Liederlichkeit, sagt mein Zukünftiger, darf ma net unterstützen — Michl. Sagt er? Und er muß's ja verstehn! — (Anfwallend, aber herzlich.1 Mutter, Alles, was's mir anthan hab'n — S'is vergessen; daß i da steh alser vernagelter in der Welt, weil's mi nix hab'n lernen lassen — (schnalzt mit den Fingern.j Net so viel liegt mir dr'an! Daß Sie mir mein Madel am Schub — — daß mein Kind wo bei a paar Krawat'n, — daß Sie den anzigen Sohn, in die Kluft da — Spielerei! Nur An's, Frau Mutter, an's thun's ihm net an, Jhnern Bub'n, den Menschen geb'ns ihm net zum Vätern! Ziegens Ihner Hand von mir ab, schauns weg, wann i geh auf der Gassen, und hetzen's, wann i den Rock da auszieg und Ham kumm, Jhnern großen Hund auf mi — (fällt ihr zu Füßen.j Nur bleiben's mein Vätern treu und werfen's sein ehrlichen Namen nit leichtsinnig weg — Fr. Plank. Du willst was reden von Leichtsinn — Du — der Du nix wie Schand bringst über unser Haus? Michl (aufstehend, entschiede»!. Na Mutter — das is net wahr! Wann ma was lernen will, das is ka Schand — wann ma a Herz in der Brust hat und ma verschenkt's, das is ka Schand! Wann ma seine paar Groschen statt der Sparkasse an hilflosen Wesen bringt, das is ka Verbrechen! (Hocherregt.1 Wann ma das Ungerechte erduld't, weil ma seiner Mutter folgen will, bis's in die Gruben steigt, das is a Ehr! (Ihre Hand fassend und die Muter rasch zum Fenster ziehend-! Aber das is a Schand, wann die Vorstadt paßt, damit's a bejahrte Frau auslachen kann, wann a ehrliche Wittib zum Gespött wird, wann a ganze rechtliche Vergangenheit durch a Narrnstückel quitt werden soll und das anzige Kind g'opfert wird für ein' Vagabunden — das is a Schand! Fr. Plank. Was — Du unterstehst Dich - Michl sin Extases. Und i leid's amal net! Wann Sie's, die brave Mutter, net einseg'n, muß i Ihneu's sagen, i der unverbesserliche Sohn! Und mein Wort, Frau Mutter, wann Sie mir die Schand anthun — kummt a Größere von mir! — Fr. Plank. Sehr schön — freilich, Dir siecht Alles gleich. Aber daß Du's nur waßt — Du Scheinheiliger — d i e Frau Mutter kenn i schon, die Du gar a so veeehrst, das is die da! (Zieht eine Brieftasche.! Um Dein Erbschaft fürch'st, da hast es! Nimm Dein Pflichtteil, nnd schick'« Deiner Fräul'n! Michl (empört!- Mutter — Sie glaub'n — bloß deßweg'n hält i — Fr. Plank. So nimm's doch! Gelt! Jetzt derfet Dein Mutter, wann's will, auch den Scharfrichter nehmen, Du liederlicher Ding, den nurder Stecken k ur i r t! Michl (bebend!- So hat er mich also g'malen bei Ihnen? — Als ein' Schacherjudcn, der mit Kruzifix handelt, wann was ansserschaut? (Entreißt ihr die Brieftasche.! I branchet's g'wiß, Mutter — denn als armer Soldat muß i sorgen heut für zwei verlassene Wesen — aber na! (Wirft die Brieftasche auf den Tisch-! Weg damit — s'brennt wie Feuer in meiner Hand! Net an Groscheu 13 will i hab'n aus dem Haus! Ich werd mir'S schon verdienen, was i brauch — geht'S nit mit der Ehr — so mit der Schand! Aber jetzt fmit der Hand über die Augen fahrend) jetzt, wo Sie glaubt hab'n, mein Eigennutz — wo Sie denken — ich war so a spekulativer Kopf — so a — flacht unter Thronen.) Jetzt müssen's ihn nehmen! Ich leid's net anders und kumm selber tanzen am Wahringerspitz! Ja, Frau Mutter, g'heirat't muß er wer'n, und nix nimm i mir mit von da, wie das Bild von mein' Vätern, was d'rinn hängt ober Jhnern Bett. Der darf nit seg'n, wie sich der Neuche da brat macht, der wandert, mit mir aussi in die Alser- kasern nnd soll sich lieber das Elend anschau'n von sein' verlassenen Buebn, als wie die Vergeßlichkeit von der Frau Mutter! Die Brieftaschen Ihner — der Vater g'hört mein! fRasch nach links ab). Siebente Scene. Fr. Plank. fallein, weint). Ich waß net, was der Bub hat? Was i weg'n dem Bissel Lieb Alles ausstehn muß! (Nimmt unwillig die Brieftasche). Wann nur die Friseurin schon kommet — so a dalketer Bue! Mach rückwärts ab.) Achte Scene. Mich!, fjn der einen Hand ein Bild mit der andern Heus chreck aus dem Zimmer ziehend). Heuschr. Lieber Freund! Ich sag Niemanden was Unangenehm-, aber Sie sind zu rasch! M i chl ferbost). San Sie a Beistand heut? Ja oder Na? Heus chr. Was weiter? Ich hilf den Andern, aber meine Sympathien sind bei Ihnen! Äs Ihnen diese Politik was Neuch's? Sie fahr'n mich an, ohne zu wissen, wie, was und wann! Mich!. Sie ein Mann bei ein' Rechtsanwalt und so ein Unrecht unterstützen ! Heus chr. Jetzt wegen dem! Mein Doctor ist ein sehr honetter Mensch und thut doch nix wie Raubmörder vertheidigen. Michl. Aber Sie seg'ns doch ein, daß mein Mutter in ihrer Lieb das Opfer von ein' Schwindler wer'n soll? Heus chr. D'rum is die Lieb' blind, lieber Freund. Sagen's einer Verliebten, daß der Gegenstand ihrer Neigung bucklet ist, ein' Cimborasso thät sie net bemerken. Wann die Verliebten aber Glatzen und Warzen überseh'n, wie sollen sie Zeit finden, zur Prüfung der Charaktere? Michl. Schaun's, Sie hätten als Vormund manigsmal was thun können für mich — aber na — immer waren's bei die Andern. Heuschr. Mein Gott, es is Mancher bei der Polizei, der lieber Volkstribun sein möcht. Das sind Schicksale! Michl. Aber ein offenes Wort — Heuschr. Ich bitt Sie, Hörens mir auf mit die offenen Wörter, wo man so lang offen is, bis 's hinter Ein'm zuspirr'n. Auch fühl' ich mich gar net berufen zur Besserung der Leut. Mein Doctor stellt Ihner manch'smal vor Gericht so ein Einbrecher als den edelsten Menschenfreund hin. Wann er nach der Verhandlung zu uns kommt, werf'n wir'n bei der Thür hinaus. Michl. So reden's wenigstens jetzt, wo wir unter uns san. Giebt's denn gar ka Mittel, daß i die Hochzeit hintertreib ? Heuschr. Warum denn nicht? Aber Sie sind zu rasch, lieber Freund. Sie scheinen gar nicht zu wissen, daß der Umweg eigentlich der kürzeste Weg ist, um was zu erreichen? Wenn man zum 14 Beispiel ein Kreuz auf der Brust will, so red't man net davon, sondern (Er bückt sich tief.) zeigt so lang sein eigenes Kreuz her, bis die Leut' endlich merken, was man möcht. Wollt man zu jedem Menschen Esel sagen, der Aner is — wo nehmet Wien die Bezirksgericht her für alle diese Ehrenbeleidigungen? Drum sagt man lieber zu so einem Esel: Herr, Sie sind so geistreich, daß ich glaube, bei Ihnen wäre selbst unser Herrgott aufg'sessen! Die deutlichste Umschreibung für: Roß Gottes! Michl (seufzend). Ja, wann i das verstund! Heuschr. „Treuloser Volksvertreter!" — So was is gleich g'sagt, aber viel zu radikal! „Freund des besonders gemäßigten Fortschrittes" macht sich da viel besser. — „Bureaukratische Brodlerei." Das klingt so gehässig! — — „Jnstanzenzug, zu neuen Erhebungen herabgelangt — dem Petitionsausschuß zugewiesen" — Segen's, das macht sich viel freundlicher! Ihre Sprache, lieber Freund, ist aber eine permanente Scheibtruchen auf der Nasen von andere Leut' — so kommt man nicht fort heutzutag! Michl. Also probiren wir'S mit der Umschreibung, aber nur um Gotteswillen wie? Heuschr. stritt zu einem Tisch und richtet Feder und Papier). Wissen's Was, wir richten an den Bräutigam einen Brief. Michl (verächtlich). Was gibt der auf ein' Brief? Heuschr. Vielleicht doch, wenn Sie ihm versteckt andeuten, daß Sie seine ganze Vergangenheit kennen. Ich wett', er schämt sich und tritt noch zurück. Michl. Meinetwegen! (Setzt sich zum Tisch.) Probiren kann man's ja. (Nimmt eine Feder.) Wie fangen wir denn an, mit so ein' Tagdieb, der überall da- vong'haut wor'n iS — vom Preferan- zenspiel'n lebt und die Leut absiedt am Billard!? Heuschr. (diktirt). Hochgeehrter Herr! Michl. Was? Dös a hochgeehrter Herr? Heuschr. Wenn man an Ein', der ohne Händ' auf d' Welt kommen is „Euer Wohlgeboren" schreibt, — geht das auch. Wicht schreibt.) Auf eine gute Introduktion kommt jetzt Alles an! Michl. Ich denk', wir sagen ihm gleich, wie er sich unterstehen kann, mein Vater wer'« zu wollen — Heuschr (diktirt). Auf das Angenehmste überrascht — Michl. Was? Angenehm überrascht ? — Heuschr. Daß Sie Ihren allgemein geachteten Namen auf unsere Familie zu übertragen gedenken — Michl. Hat nix z'thun den ganzen Tag. liegt im Bett bis um Eilfe - der Fallet — Heuschr. Ergreife ich — weit entfernt — Ihre kostbare Zeit lange in Anspruch nehmen zu wollen, die Feder — Michl (schreibend). Und mich laßt der Kerl zum Militär abstellen — Heuschr. Um Ihnen für alle Wohl- thaten zu danken, die Sie mir bereits zu erweisen so gütig waren — — Michl (der zu schreiben aufhört). Ja, wann fangen denn einmal die Grobheiten an? Heuschr. Wie, das wäre Ihnen noch nicht beißend genug? Gut, sind wir kecker! Michl (schreibt wieder und citirt die letzten Worte). Bravo! Also „so gütig waren!" (Spricht.) Ob's wahr iS, waß i net, aber in Preßburg soll er im Kaffeehaus ein Winterrock mitg'nom- men haben — — Heuschr. (diktirt). Schon in Preßburg hatte ich die Ehre — Michl (schreibend). Schöne Ehr' ^ nimmt den neuen Kaput und laßt ein alten Janker dort — 15 Heuschr. (diktiri). Ihre Bestrebungen auf dem Gebiete des Tauschhandels zu bewundern — Michl. Und verkauft den Rock ein' Juden — Heuschr. (diktirt). Sowie Ihre Verbindungen mit dem Oriente kennen zu lernen — Michl (schreibend). Und in Brünn erst, da ist er abg'schafft wor'n. Heuschr. (dictirt). Und als Sie in Brünn dem Rufe der Regierung folgten - (Spricht.) Sie, da wird er sich giften — Michl.' Aber lieber Herr Heuschreck, das Alles greift ja bei so ein' Menschen net an. Schreiben wir doch, daß er schon mit 14 Jahr in Bruck an der Mur g'sessen is — Heuschr. (will dictiren). Wer, so wie Sie schon frühzeitig ang'halten war — Michl (zornig) Oder sagen wir, daß er nix is wie a gewöhnlicher Landstreicher — Heuschr. (will dictiren). Ein langjähriger Tourist wie Euer Wohlgeboren — Michl (wie wiithend die Feder ans den Tisch stoßend). Daß er's scharf hat auf meiner Mutter ihre Sparkassabücheln — H ensch r. (wie oben). Und da schon Schiller sagt: „Wer'S nie gewagt, der stehle — weinend sich aus diesem Bund — (Spricht). Sehr gut — Michl. Und daß uns überhaupt so ein miserables Subject no net Vorkommen is — Heuschr. Und zeichne ich — Hochachtungsvoll — Wien — cle dato — Michl (aufstehend und den angefangenen Brief zerreißend). Na, Herr Vormund — das is net mein Art und Weis! Da bleib i lieber dem Mann sein offener Feind, statt daß i hernm- geh wie die Katz um'n Brei — und wann sich mein Mutter schon kaprizirt auf die Schand — no so bleib'n wir babei! Heuschr. Sie sein zu rasch, lieber Freund! Da haben Sie'S! Die Hoch- zeitsgäst und (sieht zum Fenster hinab), richtig — sie ist da — Michl. Wer denn? Heuschr. Die von mir in Berücksichtigung der Braut gewählte Musik : „die Capelle der Blinden"! Neunte Scene. Vorige. Unter Musik treten ein die Hoch- zeitSgäste, darunter : Wetti, Netti, Sali, Fanni, Lori, Jeanette, Gareisl, ein Fleischhauer, Beistand, der W a ch t e r rc. rc. Die Damen. Ergeb'ne Dienerin allerseits — Wetti. Kommen wir vielleicht zu früh? Heuschr. O nein, die Renovirung der Braut wird augenblicklich beendet sein — Gareisl (sich dem Michel vorstellend). Fleischhauer Gareisl — Beistand vom Bräutigam — Michl (sich ihm vorstellend, salutirend). Michel Plant, der gern 's Fleisch vom Fleischhauer hauet — Gareisl (für sich). Was hat denn der? ! (Wendet sich ab.) Netti (zu den andern Madeln, auf Michl deutend). Das is ihr armer Sohn, der fort hat müssen aus'n Haus — Alle (treten ans ihn zu). Herr von Plant — (sie knixen ) Michl (gleichgiltig). Servus! Servus! Sali. Darf ich bitten auf die erste Quadrille? Fanni. Ich auch ein Polka? Lori. Und ich auf ein Cotillon? Michl (barsch). Bin schon vergeben. Der anzige Tanz, zu dem i mi herbeilaß — gehört meiner Frau Mutter. Alle. Der Bräutigam! 16 Zehnte Scene. Fink, eine blaße Spieler-Figur, kleiner Schurrbart, abgelebte Züge. Vorige. Fink. Schon Alles versammelt? Heuschr. (die Arme ausbreitend). Freund, Kamerad, Bruder! (Für sich.) Filou! Mit). Au mein Herz! (Umarmt ihn.) Michl (der mit der Hand nach dem Säbel fuhr)! Wann ich denk, daß der — Heuschr. (zu Fink auf Michl deutend). Jhner Stiefsohn, Herr Fink — Fink (für sich). Hat den der Teufel schon wieder da? (Will auf ihn zu, um ihm die Hand zu reichen; laut.) Ah, das freut mich — Michl (mit Verachtung). Mein Mutter gibt Ihnen d'Hand — i net! Fink (zu der Umgebung). Wie i froh bin, daß i den aus'n Haus bracht Hab. Alle. Die Braut! Die Braut! Eilfte Scene. Vorige. Frau Plank (als Braut im weißen Kleide, hinter ihr die Kranzeljungfern.) Alle. Ah — Ah — wirklich famos! Fr. Plank. Mannerl, da bin i — red, wie g'fall' i Dir denn? Fink. Wie ein Engerl schaust aus! Heuschr. Weiß! Im Gewände der Unschuld! Ist doch gut, daß sich g'rad diese Färb so oft waschen laßt — Fr. Plank. Und jetzt Kinder fort in die Kirchen! (Für sich.) Dös seine G'sichtl, das Figürl — dös Bartl — o ich bin a glückliche Braut! — (Der Zug arrangirt sich: im Hofe ertönt Musik: man hört Vivatgeschrei und während Frau Plank nach echter Vorstadtsitle nach allen Seiten nickend mit ihrem Bräutigam den Zug eröffnet, lachen sich die hinten dreingehenden Hochzeitsgäste in die Faust — es bleibt Niemand zurück als Michl (ihr nachblickend). Und sie hängt sich richtig ein und sie merkt's net, wie sie's auslacheu umadum? (Zieht das Porträt feines Vaters hervor). Na, Vater, was sagst denn da dazu? Wer ist denn unverbesserlich? Dein Weib oder Dein Kind? Gruppe. Der Zw ische «Vorhang fällt. Zweites Bild. Der Hoflisll Festlich decorirtes Locale beim Gastwirth Döbler. Der allgemeine Eingang ist seitwärts rechts. Vorne rechts ein nach abwärts führender Gang mit der Aufschrift: „Eingang iu's Gemächliche." Vis-k-viZ ein ähnlicher Gang mit der Aufschrift: ..Zur Zigennercapelle." Ganz im Hintergründe ein lustiges Orchester. Als sich der Vorhang hebt, jagen eben die tanzenden Paare herum — lustiges Leben — Kellner, die kommen und gehen. Der Wirth Döbler ordnet an. Erste Scene. Wetti. Netti. Sali. Fanni. Lori. Jeanette und andere Hochzeitsgäste stan- zenj. Gareisl unter den Tänzern. Zum Schluß des Tanzes bilden Damen und Herren eine Spalier, um Fink zu betrachten, welcher mit der Spenglerischen seine außerordentlichen Tanzkünste zum Besten gibt. Seine Frau Therese sitzt in Gesellschaft Heuschreck's vorne an einem Tische und blickt, lebhaft gestikulirend, von Minute zu Minute, in größeren Aerger gerathend, auf die Tanzenden. Als die Musik verstummt und die Tänzer promeniren, beginnt folgender Dialog. Th er. Haben Sie's g'seg'tt? Ja oder na? Heuschr. Sie befehlen es — ich habe es gesehen. Th er. Jetzt reden's. Benimmt man sich so an ein' Ehrentag? Theater-Repertoir 318 . Heuschr. fder sie trösten willst Schau'n Sie, Frau Fink, bei den Römern war es Sitte — daß — Th er. Ach, was gehen mich die Römer an! Wir san hier am Wahrin- gerspitz! Heuschr. In Schweden und Norwegen - Th er. Bleib'n wir in Wien. Kurz heraus — ist das eine Infamie oder nicht? Heuschr. fresignirtst Sie wünschen es? Sie ist es! ^ Th er. Noch kaum zwa Stund v^- heirat't und ich sitz schon da allan und gottverlassen — Heuschr. Von ihm ja, aber von Gott net. Gott is ja überall — ich wünsch ihm nur, daß er net auch in dem Wein d'rinn is! Da wurd ihm net gut, 'n Gott. Th er. Und wie er hineinred't in sie — völlig fressen thut er's — 2 18 Heuschr. Sie wer'n seg'n, wann er herkummt — gar kan Appetit wird er hab'n — Th er. Als ob gar so viel d'ran war an ihr! Mit derer Zahndluken — Heuschr. Und wann er schon auf das geht, ich glaub' Sie hab'n ihrer fufzehne! Th er. Natürlich, die offenen Laar, das is halt was für die Mannsbilder. Hensch r. Als wann das so a Wunder war! Offene Haar kann a jeder Mensch hab'n. Aber a Parreken kann sich nicht Jeder kaufen. Th er. A Bissel an Fuß hat'S halt. Heuschr. Aber wie wenig! Da sind halt Jhnere Füß' Füß' dagegen. Wo Sie hintreten, da wachst kan Gras mehr — aber bei derer gengen ja no Kästenbam auf! Th er. Wie i 19 Jahr alt war, Hab' ich viel a schönere Taillie g'habt — Heuschr. Und jetzt vielleicht nicht? Mit zwei Finger umfaß ich Ihnen heut noch — wann ich an jeden a Lineal anbind. Th er. (meinend). A so a Zurücksetzung! Heuschr. Wir sitzen zwar ganz vorn — aber schön is es nicht! Ther. Da muß was g'scheg'n. Wissen Sie was? (Energisch). Er muß kennen lernen, was das is, die Eifersucht ! Heuschr. (erschrickt). Streben Sie um Gotteswillen nicht das Unmögliche an! ^Ther. Glauben Sie, ich kann ihn mcht auch diese Höllenmartern empfinden lassen? — Heuschr. (für sich). Da bin ich neugierig. Th er. Er will's net anders, also avanti! Benehmen's Ihnen auf der Stell sehr unanständig gegen mich. Heusch r. (erschrickt). Wer? Ich mich — bei Ihnen? Jetzt? Nein gnä Frau! lStolzj. Nie werd ich Ihnen gegenüber die Achtung verletzen, die ich Ihm öffentlichen Stellung, Ihrem Stande - Th er. Aber wann ich Ihnen schon sag, wir müssen ihn — — Heuschr. (sichtlich bestürzt). Wege» meiner mit einer Andern — Ther. (entschieden). Nein, da Miß ein Exempel her! Er kommt — fangen's an! — Fink (kommt, an seinem Arm die Speng- lerische führend, näher.) Heuschr. (wischt sich den Schweiß von der Stirne, für sich). Ich als Casanova, wo sie alle Vorbedingungen erfüllt, um Einen zum egyptischen Josef zu begeistern. (Da Fink näher kommt, laut). O, meine Gnädige, bei Gott, Sie kommen mir heut vor, wie frisch gefallener Schnee — The r. (das Gesicht hinter dem Fächer bergends. O Sie Spadifankerl. (Leise.) Feuriger! Heuschr. (für sichs. Weil man da nämlich auch nicht verwarten kann, daß er wegg'führt wird (Laut und feurig.) Aber nein, versengend wie die Sonne stehen Sie da — (für sich.) weil man nämlich ebenfalls ein Paraplni Vorhalten möcht (laut) wie die Sonne ebenso beglückend und erwärmend — nur nicht 20 Millionen Meilen entfernt von uns wie die Sonne! T h e r. (leises. Net übel — nehmen's a Hand von mir — Hensch r. (ebenso). Nein, das thn ich net, das geht über Alexander Dumas — Th er. (leise, aber streng). A Hand nehmen's, sag ich — Heuschr. (müthend). Ich mag aber nicht, wie ein Paul de Kock — Ther. (ergreift seine Hand, laut und liebevoll). Sie drückten sich wirklich so gewählt aus — Heuschr. (zärtlich). Ohne jedoch Abgeordneter ZN sein (Leise.) Auslassen, sag ich — ich komm in was hinein — Ther. Niederknien — 19 Heuschr. (leise). Sie — nein — das is nicht mein Hosen! G'hört ein guten Freund — Th er. Niederknien, sag ich! — (Heuschreck kniet.) Ther. (spielt die Erschreckte). Himmel, mein Mann! Heuschr. (pathetisch). O mein Gott! (Springt auf.) Fink (der die Spenglerische an Jemand abtrat, kommt näher). Stör' ich vielleicht? Heuschr. (für sich). Im Gegentheil, wie der Sobiesky hat er mich aus Türkenhänden befreit! Ther. (pikirt). Der Herr Heuschreck war nur so gefällig, an Deiner Stell' mir die Zeit zu verkürzen — Heuschr. (will fort). Nun will ich aber auch keinen Moment mehr — Fink (erwischt ihn beim Frackschößl). Ah bleibend — schau'ns die Frau sieht Ihnen so gern — Heuschr. Um aber jeden Verdacht — Fink (ihn herziehend). Aber wenn ich schon sag — Ther. Du bist freilich a bissel unvorsichtig, Mann, den unter uns, der Herr Heuschreck is sehr a gefährlicher Mensch! Heuschr. (leise zu ihm). Is net wahr. Ther. Ein charaktervoller Mann — Heuschr. (leise). Glauben Sie's net — Ther. (anzüglich). Und gebildet, wie cs wenige giebt — Heuschr. (leise). Mein Ehrenwort, keine Spur. Fink. Aber Kinder seid's net so ängstlich alle Zwei, es freut mich ja, wenn Ihr Euch unterhalt's — Heuschr. Wenn ich Sie aber bei allen Heiligen versichere. Fink (zieht ihn zu seiner Frau herüber). Bin denn i so a rabiater Mensch —? Ther. (zornig). Obwohl ich aufrichtig sagen muß — a Bissel keck is er schon, der Bokativus — Heuschr. (sich entschuldigend). Ich, keck? Alser todter soll ich weggeh'n von hier, wenn ich jemals einen Moment — Ther. Tritt mich da zuerst untern Tisch auf die Zechen — Heuschr. (empört). Auf was für a Zechen? So wahr ein Gott — Fink. Aber ich bitt Ihnen so was kommt vor — Ther. Laßt meine Hand gar nimmer ans — — Fink (beschwichtigend). Mein Gott, a Beistand! Heuschr. (empört). Ich wußt gar net. was i thät damit! Ich sag Niemand was Unangenehm's — aber uu eoutruir Ihre Frau Gemahlin hat mir die Meinige so druckt, daß ich- Fink (leutselig). Alte Bekannte — was is's denn weiter? Ther. Und jetzt will er durchaus, daß ich die nächsten sechs Touren mit ihm tanzen soll — Fink. A so a Schlanke! san Sö? Heuschr. Sechs Touren? Ich? A Tour wär schon a Tour! Ther. Vor Allem den Kör — Heuschr. Den kann i gar net — Ther. Und dann die Mazur - Heuschr. Da kann i no ehnder den Kör — Fink. Aber was liegt denn d'ran? Mir san ja da wegen der Hetz? Seid's fidel und hupft's uma miteinand! Ther. Zerspringen könnt ich vor Zorn! Heuschr. (empört). A so zuzusteig'n! Döbler (anmeldend). Platz, meine Herrschaften! G'rad fahren fufzehn Omnibus vor! Lauter Herrschaften vom Hof! Zweite Srene. Vorige. Es treten vorerst auf: Die Wendelmaier, die Sievringer- wettl, die Mandelmarie und 2 * 20 noch fünf Marktweiber; alle mit Festgeschenken aus ihrem Waarenlager! sie kommen resolut in geschlossener Reihe vor und singen, indem sie der weinenden Frau Rest ihre Hochzeitsgaben überreichen. M u s i k n u m m e r. Chor. Grüß Gott, Frau Resi. Servus Leut, Wir kummen z'gratuliren Und wünschen Dir Frau Nachbarin Du sollst Dich ja net irren! Wendelmaier sgibt ihr einen großen gerupften Vogels. Nimm hier von mir den Indian. Sievringerwettl sgibt ihr ein Häsens. Von mir das gute Obers an! Mandelmarie sgibt ihr ein mit Bändern geschmücktes Spanferkels. Schau Dir das liebe Spaufadl an Es gibt halt Jede was sie kann! Alle M arktweiber swährend ihr gleichzeitig die Andern ihre Geschenke überreichen z. B. Butter, Obst, Taubens. Dem Wittwenstand sagst Du Adieu, Jetzt sei recht glücklich in der Eh'! Die andern Gäste. Sie waut jetzt, man hört's lamentiren ganz laut Sie is halt a glückliche Braut! sDie Fiaker Flachs, Wallner, Leutgeb, und noch fünf urwüchsige Fiakergestalten, alle mit Bouquets.s Chor. Jetzt san die feschen Geister da D'Frau Mutter is a Fee Der Heurige, der zaubert a Das wird a Murd-Gaud^e! Frau Resi — altes Haus kumm her Und laß ein Dudler hör'n Magrir Dir da den Buschen ein Und zag, was's gibt in Wean! sJodler.s sWährend sich die bereits Gekommenen im Saale aufstellen, erscheints Der Band el kram er. Wann eh schon All's vom Hof kommt her Bin ich so frei — Hab auch die Ehr! Chor. Der Bandelkramer hat die Ehr! Bande lkram er. Erlaub mir auch zu gratulir'n Und schenk der Frau a Packel Zwirn! Chor. Und schenkt der Frau a Packel Zwirn! B a n d e l k r a m e r. Damit, fangt's Glück zum Reißen an, Sie 'S wieder nah'n und flicken kann! Chor. Sie 's wieder nah'n und flicken kann! Frau Hibl, Frau Gemperle, Scholem, Herr v. Schußerl und noch zwei Lotteriegestalten. Wir san bekannte G'sichter Am Hof is d' Kollektur San lauter Numero-Dichter N' Terno auf der Spur! sZiehen Traumbücher hervor nnd weisen auf gewisse Stellen.s Fr. Hibl. Dem stirbt a Prinz, brennt wo was ab. Schußerl. Und fallt ein Keller ein. Fr. Gemperle. Wir schau'n im Glück und Unglück nur. Scholem. In unsre Büchel 'nein! Fr. Hibl. Die alte Frau hat fünfa- fufz's- Schußerl. Und zwanzig der Filou. Fr. Gemperle. D'rum setz'n ma — hab'n wir uns gedacht. Scholem. Den armen Sohn dazu! Chor. Den armen Sohn dazu! Frau Resi sstampft mit dem Fuße.s Lotteriesetzer. Da iS der Ris- § konto, geh'ns nehmans hin, ! Sie san jetzt die glücklichste Frau hier ! in Wien. 21 Denn schaut's in der Eh vielleicht traurig d'rinn ans Der Terno is sicher — der kummt g'wiß heraus! Chor. O seht, da kommen die Kelluer auch! (In immer rascherem Tempo.) Peter, Fritz, Jacques s3 echte Zählkellner von der Kugel.) Wir kommen von der Kugel g'schwind Als Ehrengast zu Euch 6 kleine Kellnerbuben treten vor. Und wann derweil wer „Zahlen* ruft So heißt's: „ich bitte gleich!" Die 6 großen Kellner treten vor. Wir wünschen Ihnen heute schon Die allergrößte Glücksportion! Die 6 kleinen Kellner. A frisches Gollasch und a Hirn A gut's Kompot doch niemals Biru! Diener der Lreditanstalt. Stieglitz. Mayer. Morawetz. Es kommt auch die Creditanstalt Der ganze Hof beisammen bald Da is auch der Portier sdieser erscheint.) H eu sch re ck. sProsa). Der Portier vom Herrn Nuntius! Alle Wie ernst, ich bitt, Ist dieser Schritt. Wie heilig sieht er aus, Er kommt aus dem gewissen Haus. Fink (mit zwei jungen Mädchen am Arme, kommt etwas angeheitert vor.) Nit wahr, Frau Plank, jetzt Frau von Fink, Das hätten's nicht gedacht, Daß heut' so lustig zugeh'n wird, Die ganze liebe Nacht. Gelt hochverehrte Nachbarschaft, Ich bring' was Schön's in's Hans, Besonders von der Fern betracht, Schaut's ganz passabel aus. Das Naserl is zwar nit so klein, Bei meiner lieben Frau, Dafür is halt, 's is a was Werth, Ganz marziveigerlblau. Die Taille von der Lisi da Mag freilich schlanker sein. Dafür kann, wann's in Stellwagen sitzt, Kein Anderer mehr hinein. Sie hat nit so Aeugerln, kan zierlichen Schuch, Doch hat sie a Wunderliebs Sparkassabuch. Alle. Da kommt noch insgesammt Das Unterkammeramt, Die ersten stets am Platz, Wo mancher lieber Schatz, Die neue Uniform, Der Helm so schön und blank, Lauter große Männer So schön und so blank! Jetzt san mir schon beisammen, Juchhe, Die ganze schöne Welt, Juchhe! Und Niemand fehlt, Inchhe! Wie mir da san, lauter Hofleut Lauter Weaner G'stalten bloß Buttermann und Zwieselweiber Na jetzt geht der Hofball los: stänzelnd). Kaste Spielerei — Krawatin Conducteur — Hansirerbua Ob's Fiaker, ob's Expreß san Heut is d'ganze Nacht ka Ruh! sSie tanzen Alle eine rapide Figur. Während sich nun im Hintergründe des Saales das tollste Leben entwickelt und besonders Heuschreck und Fink an Ausgelassenheit nichts zu wünschen übrig lassen, blieb Therese weinend an ihrem Tische sitzen, alle Tänzer die sich ihr nahen, abweisend.) Flachs. sDer aus dem Saale zurückkam.) Na Frau Res'l, reib'u wir an umi? Th er. fernst.) Ich Hab ausg'rieb'u für dös Leben! Flachs. Na nachher net! Nimm i dö vom Silberarbeiter. Darf ich bitten? Die Silbe rarbeite rische. O warum denn net? Aber Handschuh ziegen's an. (Beide ab.) 22 Th er. Alles fidel, bis auf mi! sJhr Gesicht verhüllend.) O warum biu i uet blieb'n bei meine Kapauner! Doll esch. smit Verbeugung.) Wenn Sie mir nicht Ehr nehmen, gebet ich mich gern das Uibel — Th er. fweich). Ich dank! Dolle sch. (ihr zuredend.) Js aber Boden so glitschige, daß rutschens wie auf Glatteis — T h e r. sin bestimmterem Tone.) Ich dank! Dollesch. Wern's seg'n, da bin ich der Müh Werth. T h e r. sauffahrend, auf den Tisch schlagend.) Ich dank, Hab ich g'sagt. Dollesch. Entschuldigen Herr Hufrath — gleich! sRasch ab.) Th er. serregt auf und abgehend). Wenn ich die jungen Madeln da vergleich mit mir — — es hat a so kommen müssen! Und doch — sbetrachtet sich.) Gar so nng'stalt't bin i ja doch net — oder soll das eine Einbildung sein? sDa der Wirth Döbler eben mit Kaffeegeschirr vorübergeht, sich aufraffend.) Herr Wirth — auf ein Wort! bin ich im Ernst das häßlichste Weib auf der Welt? Döbl. Aber Frau Plank — so a Red! Immer wie von Zucker g'wesen und heut rein wie Tragant — Th er. sverhüllt ihr Gesicht). Und doch, wie Sie seg'n — verlassen und vergessen — Döbl. ssie beruhigend.) Das macht mein Wein! Der Genuß bei mir, reißt ein Jeden nieder! Hier das gemüthliche Zillerthalerische, dort das ungemüthliche Ungarische — in dem Trubel geht Alles drunter und d'rüber! Ther. Also giebt's doch noch ältere Frauen, die man gern haben kann? Döbl. spfiffig). Derfen's bloß dort durch's Schlüsselloch von Passagierzimmer schauen. Ich sag Ihnen, da sitzt Ane d'rinn — wann die net ihren Sechz'ger am Buckel hat — mein eigenes Gansel will ich essen! ! Ther. Na und was is's mit der alten Frau? Döbl. Abbnsseln laßt sie sich von ein blutjungen Soldaten! Bis in die Knchel hörts man's Schnalzen die Zwa! Ther. Net möglich! Döbl. Bald fallt er ihr um'n Hal's, bald fliegt sie ihm an die Brust. Neunmal Hab ich g'fragt: Bier oder Wein? Bis sie endlich g'seufzt hab'n: ein schwarzen Kaffee! sAb in das Passagierzimmer.) Ther. Na wart! Auf so a Liebespaar muß ich'n aufmerksam machen! Nachher muß er'S einseg'n, daß ich — wann net sein Lieb — so doch sein Achtung verdien! sDa in diesem Augenblicke Fink, Heuschreck und die anderen Gäste alle nach vorwärts kommen.) Der Herr Gemahl endlich fertig, ja! Also doch a Bissel Zeit g'funden, um endlich nach- zuschanen bei seiner Frau? Fink. Warum denn so bissig? Ther. Weil i Dir mit Freuden mein Hab und Gut — mehr als das, mein Kind geopfert Hab und weil mein ganzer Dank jetzt nix als Zurücksetzung is - Gareisl szn Fink). Du, das Hab ich schon bemerkt! Mehrere I — a — i — a! Henschr. Hören Sie diese vielen Ja? Die ganze Intelligenz ist gegen Sie! Denn so benimmt man sich nicht! sFür sich). Wann ihrer mehr san, bin i immer bei dö! Wal ln er. Mit alle Madeln fliegst herum! Wisgrill. Die Spenglerischen laßt er ziegen beim Bazar — Bandlkr. Mit der Krawatin war er auf der Schießstatt — Heusch r. Den Amtsdienern g'winnt er im Zwicken die Gagen von Decen- nien ab — Ther. Und ich sitz da wie a Waserl. Alle. Das is infam! 23 Fink. Aber meine Herrschaften, ich kann doch nicht immer meiner Frau ans der Falten sitzen?! Heuschr. Wofür hält' sie's denn, die Falten? Aber schickt sich das — dem Kuchlmadl beim Salatputzen helfen, derweil hier die junge Frau ans Flitterwochen wartet? Wendelmaier. Aber Hab ich's nicht immer g'sagt? Sievringerwett l. Im Geist is's mir Vorgängen? Alle. Hinaus mit ihm! Heuschr. Halt, meine Herrschaften, Neutralität! (Auf Therese dentends. Hier ist die kompetente Behörde, mit allen Mitteln ausgerüstet, ihn fürchterlich zu bestrafen! Th er. Hörst es? Alles was am Hof steht und sitzt, hat s'Urthel gesprochen. Henschr. Und die Gründe der Richter sind Ihnen bekannt. Hirnmelpfort — Strozzischer — Thnry — Th er. Jetzt werd' ich noch reden! Es is möglich, daß ich unvorsichtig war, — daß ich Dein Alter und das meinige hält' ehnder vergleichen soll'n — Heuschr. (höhmschs. Han, da hätten wir nachher schon g'sehen, wie Sie in der Minorität geblieben wär'n. Th er. Aber der Fall, daß eine ältere, weit ältere Person noch die Achtung, und gieb Obacht, — auch die Liebe von ein' jungen Menschen erobert hat — der war schon da. Heuschr. Ich kenn' eine vom Ballet. Ther. Und wann Du das nicht glaubst — so schau dort eini durch's Schlüsselloch ! SchNßerl (der durch's Schlüsselloch sahs. A alte Frau und a junger Soldat (Es bildet sich eine Gruppe beim Schlüssellochs. Die Wendel m. A Bue wie Milli »nd Blut! Stieglitz. Und wie er's umhalst! Heuschr. (der auch hiueiusiehts. Unerhört! Wahre Liebe find't man halt doch nur bei der Infanterie! Alle (durcheinander!. Ah, das muß i seg'n — lassen's mi her! — Großartig! Richtig a Soldat! Die S ilber arbei t. Sie zahlen — Die Spengl. Er nimmt den Rassack — Fink. Bin i wach oder net — Umschlungener gehn's davon — (Alles drängt sich gegen ein Fensters. Dollesch. Ueber die Stiegen Hüpfens abi — Portie r. Der Fiaker fahrt vor — Flachs. Der 297er is — Stieglitz. D'rin san's -- Fr. Hibl. Und fort jagen's wie der Teufel — ! Alle (kommen vors. Ther. Na also, hast es g'segn, daß auch a bejahrte Frau noch ein Anwerth finden kann und daß selbst ein junger, a sauberer Mensch noch mit Leidenschaft hängen kann an ein Weib — Dritte Scene. Vorige. Michel (ist aus der Masse hervorgetretens. Mich!. Das sein Mutter is — Alle. Wie? Sein Mutter war das? Ther. (erschreckts. Du da, Michel? ' Michl. Die Mutter von ein Kameraden, der noch vor aner Viertelstund beim Pulverthurm am Posten g'standen is — a Mutter, die alle erdenklichen Opfer bracht hat für ihr Kind, die da d'rinn paßt hat auf ihn und jetzt an seiner Seiten weit wegreist über's Meer — The r. (leise zn ihms. Die Professorin vielleicht? Michl. Bon der dös Brautkleid is und die für Ihner Geld bald an uix- nutzigen Kameraden g'fnnden hat, der sich hinstellt am Posten statt seiner, bis er in Sicherheit is — Alle (erschreckts. A Deserteur! 24 Th er. Hastig). Und der g'wisse Kamerad! Mr sich). Himmel, wann am End — Michl. Mein Gott, 's gibt halt schon so Leut', die für a paar Gulden den Eid vergessen, den's g'schworen hab'n auf die kaiserliche Fahn — nix- nutzige Burschen, die ka gut thun, d' Eltern unter d' Erd bringen stricht in ein unheimliches Gelächter aus.) UNd die nix kurirt wie der Stecken. — Alle. Jesus, a Wach! Vierte Scene. Vorige. Ein Feldwebel mit sechs Mann mit aufgepflanztem Bajonett. Feldwebel. Die Thür besetzt, — Niemand hinaus! Alle Msternd). Was ist denn das? Feldwebel. Entschuldigen Sie die Störung des Festes — wir haben nur nach einem Deserteur zu forschen, der sich hierher geflüchtet haben soll- Michl ssalutirend). Den finden'« nimmer, Herr Feldwebel, der is davon! Aber den, der ihm verhelfen hat zur Freiheit, den nehmen's mit — — Feldwebel. Und der wäre? Michl. Der bin i! Alle. Wie? Was? Ther. Du Michel?! Michl. Dein unverbesserlicher Sohn. Haben's ja net anders wollen, Frau Mutter! Hab'n ja die Schand net der- warten können! Seg'n's, jetzt san ma komplett alle Zwa! Brauch a kan' Pflichttheil, — 's Geld ist da! szu Heu- schreck indem er eine Brieftasche hervorzieht). Schicken's das mein' Madel, damit'« net verhungert mit ihren Kind — ssich zur Mutter wendend.) und Sö, Frau Mutter, knmmeu's jetzt fleißig übri in d' Alserkasern, und schaun's, ob er besser wird der Patient, den von morgen an der Haslinger kurirt! Feldwebel. Vorwärts! Michl stritt zwischen die Escorte). The r. stitterlich weinend). Michel! Mein Sohn! ssällt ohnmächtig in die Arme der Umstehenden). Gruppe. Der Zwischenvorhang fällt. Drittes Bild. In der Kaserne. Kasern-Korridor im ersten Stock, mit Bogen, die Aussicht in den Hofraum gewährend. Man sieht ein verbautes Viereck und im Hintergrund einen ähnlichen Bogengang, wie jener, auf dem sich die folgenden Scenen abspielen. Thüren mit Aufschriften, wie: „Auditoriat", „Ordonnanzzimmer", „Regimentsarzt", „Mannschaftszimmer" u. s w. Erste Srene. ! Als sich der Borhang hebt, militärische Musik im Kasernhof. Die Mannschaft scheint eben zu einem Exercitium auszurücken. Einzelne Soldaten sehen vom Gange dem Abmarsche zu; auch aus den Fenstern in den Seitentrakten und dem vis-ä-vis befindlichen Gange blicken Miniatur-Soldaten herab. 1. Soldat sruft hinab). Servus Brandmayer! 2. Soldat. Pfirt di Gott — Poldl — DieUebrigen swinken hinab). Halts Eng z'samm! 1. Soldat. Thät a liaber ausrucken heunt auf die Schmelz — wie z'Haus bleiben und später dreinhauen da unten beim Gassenlaufen — 2. Soldat sDie Andern kommen vors. Und dös mal gar! Er war so a guater Kamerad — — 3. Soldat. Und a g'scheidter Kerl. Man hat was lernen können von ihm — 1. Soldat. Das hat er jetzt vom Desertiren! 2. Soldat. Wies'n nur derglängt habn müssen? Er soll ja schon in Hamburg gewesen sein? 3. Soldat. 9a, waßt es denn net? Der Lieutenant Helm war dort auf Urlaub und sieht'n auf der Gassen mit seiner Mutter — — 1. Soldat sda sich die Thür des Audi- toriatS bewegt). Still — da is er! Gehn wir! Wann uns schon'« G'setz bemüßigt, unfern besten Freund zu hauen mit der Gerten, soll er wenigstens net glauben, daß wir'n net verwarten können den Moment. sAlle ziehen sich zurück und verschwinden, sich im Abgehen umsehend). Zweite Scene. Hauptmann Kurz, Julius, hinter ihm zwei Ordonnanzen. Kurz szu Julius, der sein Antlitz verhüllt). Das Urthel ist bestätigt und in Rechts- 26 kraft getreten. In einer Viertelstunde werden Sie durch eine Gasse von 300 Mann dreimal Spießruthen laufen. Julius. Also kein Erbarmen? Kurz. Haben Sie ein Anrecht darauf? Das Militärgericht erkannte nach Recht und Gewissen. Es gibt eben Leute, die uur durch den Stock zu bessern sind. Julius (bittend). War ich den» nicht jederzeit ein gewissenhafter Soldat? — Kurz. Sie gewisseuhaft? Aeußerlich vielleicht. In der Seele aber derselbe Rebell wie Ihr flüchtiger Vater! Julius. Ich that doch immer meine Pflicht, Herr Hauptmann. Kurz. Weil Sie's thun mußten; weil die Furcht vor dem Stocke Sie dazu zwaug. Julius (immer unterwürfig). Sie sind so strenge mir gegenüber, Herr Hanpt- manu, und ich forsche vergebens nach einem Grunde, warum gerade ich- Kurz. Weil ich die ganze Sorte hasse, die das Volk nur auf dem Papier zu retteu weiß. Diese Freigeister, die sich, zur Macht gelaugt, als Parteidespoten geberden, diese Staatsarchitekten, die von oben zu bauen anfangen — ohne Basis in der Luft — auf der Gesetzlosigkeit — Julius. Ich ergriff die Flucht, weil — Kurz (rasch). Weil Sie keine Vaterlandsliebe kennen — Julius. Meine Mutter meinte — Kurz (rasch). Daß der Eid, den man dem Kaiser schwört, ein Kinderspiel sei? Anstatt das gut zu machen, was Ihr Vater verbrochen, und die Barrikadenstreiche desselben durch ein pflichtgetreues Soldatenleben zu sühnen, lassen Sie die Fahne im Stich — Sie Undankbarer — Julius. Undankbar? Wofür hätte ich dankbar zu sein? Kurz (bitter), Ei! Sind Sie so vergeßlich? Stand Ihnen denn nicht lange Kerkerhaft bevor? War's nicht ein Act der Gnade, daß man Ihnen, der sein Leben verwirkt hatte, ein Feld eröfsnete, ans dem er sich Ruhm und Ehre holen konnte? (Verächtlich.) Hm! Sie haben es nur bis zum Gassenlaufen gebracht. Julius (aufwallend). Weil ich kein freiwilliger, sondern ein gepreßter Soldat bin, der — Kurz. Ei — regt sich schon wieder der bewußte Geist? Hinab mit ihm in den Hof. Julius (dessen Brust wogt und der nach Athem ringt). Noch einen Augenblick, Herr Hauptmaun! Ja, ich war vorlaut, aber weiß Gott — ich will es nicht mehr sein; will auch kommen, sobald's vorbei ist, und werde — wenn's die Brust noch so zusammenschnürt — nach Vorschrift danken für die empfangene Strafe — will ihn beugen vor Ihnen den wunden Rücken und nicht ein Wort, das man als Sehnsucht nach der Freiheit deuten könnte, soll über meine Lippen — nur Ein's, Herr Hauptmaun, Ein's erbitt ich mir — Kurz. Und das wäre? Julius (weich). Meine Mutter, seit dem Mißlingen unserer Flucht ein Bild des Jammers, kann jeden Augenblick erscheinen, um nachzusehen, was man beschlossen über mich ! Herr Hauptmann, schonen Sie die arme schwergeprüfte Frau. Sie haben ja selbst ein Kind — zerschmettern Sie das Herz der Mutter nicht, indem Sie ihr die ganze entsetzliche Wirklichkeit enthüllen. Täuschen Sie die Arme! Sagen Sie ihr in Gottesnamen, daß ihr Sohn viele Jahre im Kerker wird zubringen müssen, daß man ihm die schwersten Fesseln anlegen wird, daß er auf hartem Lager liegen, das Lickt entbehren und nichts mehr genießen soll als schwarzes Brod — nur daß er durch eine Gasse von 300 Menschen laufen soll, die ihr Kind 27 schlagen — — das, Herr Hanptmann, sagen Sie ihr nicht! Kurz seinen Moment bewegt, dann wieder strengl. Fort! In lins snach rückwärts mit den Ordonnanzen ab.) Dritte Scene. Kurz allein, gleich darauf Lieutenant Helm, der Adjutant. Kurz smit verschränkten Armen auf' und abgehend, für sichst Wie weich auf einmal? Wie gebrochen? Lieutenant Helm sein frischer junger Mensch, der aus dem Anditoriat trittst Nun so prügelt fort in Dreiteufels — K u r z. Was ist denn los? Helm sein bischen unwilligst Ach, mein gutes Zengniß hat ihm nichts genützt. Wegen Borschubleistung zur Desertion wird ein Soldat von meiner Compagnie. 50 Stockstreiche bekommen. Kurz. Der Michel Plank? Helm. Ein Wiener Früchte!, aber sonst eine kreuzbrave Seele. Kurz. Bei Dir ist Alles brav! Helm. Und bei Dir Alles Hallunke. Kurz. Darum hast Du auch den Spitznamen „Professor Palmzweig." Helm. Gefällt mir noch immer besser als der Deinige: DoctorHaslinger. Kurz. Du wirst schon noch einsehen lernen, daß unerbittliche Strenge das Fundament der Heereseinrichtung bleibt. Helm. Gewiß! Aber auch Du wirst Einiges erleben. Oder meinst Du, es kann so bleiben, wie wir's heute nnno 55 haben? Daß sich der Reiche der Pflicht sein Vaterland zu schützen, rasch entledigt, indem er in die Brieftasche greift und dem Staat ein Almosen giebt! Daß ! immer nur der Arme seine Haut zu j Markte trägt? sEntschieden.s Die Pflicht für's Vaterland zu kämpfen — die muß gemeinsam werden. Kurz. Vielleicht. Helm. Meinst Du denn, die Armee, der sie heut so gerne alles liederliche Tuch zur Appretur herschicken, sei nichts anderes, als eine Besserungsanstalt? Ich denk' sie mir als einen Verein von Bürgern, die sich begeistert von der Liebe zur Heimat Entbehrungen auserlegen, als die Opferwilligsten des Reiches. Kurz (belehrendst Um aber die schlimmen Elemente, die man uns schickt, zu bändigen — H elm frasch einfallendst Brauchen wir nicht die Disciplin desStockes, sondern die der Ehre! Durch die Furcht, Freund, erziehst Du keine Helden! Schlägst Du Deine Soldaten fortwährend auf den Rücken — so schlägt man schließlich Dich, den Führer auf das Haupt! Kurz. Und da trüge Niemand Anderer als der Stock die Schuld? Helm. Wer denn sonst? Weil er das Selbstbewußtst»! todtschlägt, das Fühlen, Denken — den Enthusiasmus für den Beruf. Vergiß es nicht — was bietet der Soldatenstand seinen Vertretern? Eine glänzende Existenz? Eine goldene Zukunst? Nichts Anderes haben die Soldaten, als die Ehre! Nimm ihm die auch noch und er wird zum Neger, der seinem Herrn sklavisch folgt — aber nur die eine Sehnsucht hat, ihm zu entlaufen. Und darum wollt ich Dich bitten — schließ Dich mir an und laß uns hin zum Commandanten um Gnade bitten für die zwei Verirrten unseres Regimentes! Kurz flächelnds. Professor Palmzweig kann das thun, ich thn es nicht! Stand dieser junge K noll nicht an der Seite seines Vaters auf der Barrikade? Sahst ! Du nicht unsere Kameraden hinsinken, j getroffen von den Kugeln der Mobil- 28 gardisten? sein Privatdiener, ein kleines, dreijähriges Mädchen an der Hand, will über die Bühne; der Hauptmann eilt hin und küßt das Kind, es zu sich heranfziehend.) Und wer hat Dir — armes Kind, Deine Mutter geraubt? Seine Gleichgesinnten! sPrivatdiener ab mit dem Kinde.) Sie lag schwer krank im Wochenbett! Da mußten die Studenten einem verhaßten Manne, der mit uns im selben Hause wohnt, eine Katzenmusik bereiten — und obwohl ich bittend an das Fenster trat, — gellendes Gejohle war die Antwort dieser Freisinnigen. Damals, als ein Steinwurf, die zu Tode Geängstigte hinüber jagte — — damals schwor ich mir zu — dem Stocke getreu zu bleiben, dem einzigen Mittel, das die Empörer noch zu Paaren treibt. Ich geh' Dir nicht um Gnade bitten, nicht für den Einen, nicht für den Anderen! Helm. Dann gäbe Gott, daß bald zur Wahrheit werde, was sich das Volk erzählt! Das junge Kaiserpaar, so heißt es, wäre kürzlich gerade in jener Morgenstunde an unserer Kaserne vorbeigefahren, als eben der bekannte Trom melwirbel die Execntion verkündete. Nichtsahnend fragte die hohe Frau, was dieser Trommelschlag bedeute? Und als der Kaiser ihr erklärt, daß irgend ein! Soldat, der schwer gefehlt, Spießrnthen lause, da soll Elisabeth bewegt und von der Grausamkeit der alten Sitte tieferschüttert, den kaiserlichen Gatten gebeten haben, er möge ihr doch ein Geschenk versprechen: Die Aufhebung des uralten Gesetzes. Kurz smacht eine ärgerliche Bewegung!. Ah! Helm. Laß mir den Glauben an die Volkserzählung und laß mich hoffen, daß wir am Eingang neuer Zeiten stehen! Glaub Du in Gottesnamen an die Segnungen der Prügelstrafe, ich glaube an ein Besserwerden durch Kultur — ich glaube an die Ehre! sRasch ab nach links.) Kurz. Zur Execution! Mch der andern Seite ab). Vierte Scene. Michel aus dem Auditoriate, hinter ihm die zwei Korporäle Knill und Höller. Michl. Also fünfzig mit'm Haslinger! Für'n Anfang net so schlecht! Kni l l. Vorwärts, vorwärts, wir hab'u ka Zeit — Höller. Denn mir san wo zum Essen eing'laden — Michl. Da wird Ihnen die Bewegung gut thun vorher. Wer'n mehr Appetit haben d'rauf. (ZuKnill). Sagn's mir nur Herr Kapral jzu Höller.) und Sö a — wie is Ihnen denn, wann's so ein Kameraden seg'n vor Ihnen auf der Bank? Knill. Es thnt an leid, aber man haut halt zu! Höller. Es schmerzt Ein freilich, aber es is Beruf! Michl. Und i selber muß also jetzt die Bank holen, — i selber muß's abitrag'n in'n Hof? Höller. Nach Vorschrift — Michl swie oben). Muß bei die Kameraden vorbeigeh'u — damit's a Jeder waß — da wird er auffig'legt jetzt! Knill. Laut Reglement! ! Michl. Und Sie denken wirklich, das könnt Ein' bessern? Sie denken wirklich, daß i da unten bloß mein Rock auszieg und den Menschen net a? Höller. Plank, net raisonniren! Knill. Sonst seg'n wir uns beim Rapport! Michl. Aber, meine Herren, Sie wer'n doch net glauben, daß i aufbegehr! ^.u eontrair! Werd kummen und mich höflich bedanken! Werd a so thun, als ob ich durch'n Haslinger ganz ein anderer Mensch wor'n wär - werd' eine Liebe heucheln zu meine Vorgesetz' ten — eine Liebe — — fertig is der Duckmauser! Muh). Aber was da d'rinn vorgeht — wo wir uns wieder seg'n 29 — ob i net an no schlag' — das is ein anderes Kapitel! Gleich bin ich da mit der Bank! fJn's Mannschaftözimmer ab). Fünfte Scene. Knill und Höller. Gleich darauf Heuschreck, Therese. Höller. Hat mir zwar immer mit'n Tabak aufg'wart — Knill. Mir beim Trakteur mit Pofesen — Höller. Aber deswegen — Pflicht ist Pflicht. Knill. Feldwebel will i a wer'n! Höller. Ich möcht auf Urlaub — Knill. Der wird heut g'haut wie a Bär. Heuschre ckund Therese treten auf; Letztere sieht sich ängstlich nach allen Seiten um. Heuschr. funter vielen Complimenten). Hab ich die Ehre mit den Herren — fmarkirt durch Pfeifen das Hauen). Höller. Korporal Höller — Knill. Korporal Knill! Heuschr. ffür sich). Schwächlinge haben's nicht ausg'sucht für ihn, das kann man nicht sagen! Th er. Ich bin nämlich die Mutter von dem jungen Plank und bin so frei nachzufragen, was denn eigentlich vorgeht mit mein Sohn? Heuschr. fwinkt den Korporalen, sie sollen nichts mittheilen.) Höller. Was denn weiter?! N' Haslinger lernt er halt kennen — Heuschr. fzu Therese). Is ein Kunsthändler am Graben, a charmanter Mann. Ther. fzu Heuschreck). Also doch? Und Sie haben allerweil g'sagt, die Sach wird uiederg'schlagen. Heuschr. szornig, daß die Korporale die Sache verriethen). ^)b die Sach oder er — daß uiederg'schlagen wird, das Hab ich g'wußt. Ther. Und wann schon —wie viel soll er denn krieg'n? Der arme Teufel? Heuschr. fzu den Korporalen). Ueber- lassen Sie es mir sie vorzubereiten, denn wann die hört 50 — sallt's um! fLaut zu Ther.) Unbedeutend fsehr schnell) fttnfe, eilfe, achte, neune, viere, drei, siebene, ans, zwa Stuck! fZu den Kor- porälen). Das san netto fünfzig. Ther. fdie ängstlich nachzählte). Himmel — wann ich recht verstehe, so san ja das — Knill. Fünfzig mit'n Haslinger — Ther. O du heilige Mutter Gottes! fWeint bitterlich.) So ein Unglück! No net acht Tag verheirat't, geht mir mein Mann durch mit Hab und Gut, und heut — Heusch. Noch dazu diese ungerechte Vertheilung. Wann wenigstens der Sohn durchgangen wär und der Gemahl hier diese 50 — Höller. Aber g'schiecht Ihnen ganz recht! Der Bue war ja frei, was had'ns 'n denn müssen abstellen lassen? Knill. War a bissel leicht, aber sonst ganz a solider Mensch — Ther. fzu Heuschreck). Hören Sie's? Wie stengen Sie jetzt da als Vormund? Heuschr. Schöner schon wie Sö als Strohwittib und Heu-Mama — Höller fden Stock schwingend). Sö san also der g'wisse Vormund? — Knill febenso). Der aner verliebten alten Gredl alle dö Dummheiten eing'red't hat?- Heuschr. ffttr sich). Was's nur haben mit Jhnere Stecken — Höller. Es is doch schad, daß man oft net den Nichtigen unter die Händ' kriegt — Heuschr. Freilich, hin und wieder möcht man gern an Andern — Knill. Wissen's so ein Kerl, ein charakterlosen — das wär a llaut Aont — Heuschr. ffttr sich). Böse Menschen! Die sollt' ich a so haben in meiner Kanzlei! Diese Expensen! 30 Sechste Scene. Vorige. Michel fdie Bank unterm Arm tritt aus dem Mauiischastszimmer.f The r. fwill auf ihn zu.j Michel, mein armer, verlassener Sühn! Michl fseine Mutter abwehrendj. Na, na, so than mer net! Ich Hab' mir schon a Frau Mutter mitbracht, an die i mi jetzt anhalten werd', a nenche Frau Mutter, die mi zwar net unter'm Herzen, aber am Nucken tragen wird — die Bank! fZu Heuschreck, indem er ihm die Bank hinstellt.j Gefällig? Heuschr. Ich dank, will Sie nicht berauben. — Mr sich.j Riecht förmlich nach 25! Michl (energisch). G'hörten aber d'rauf, ehnder wie ich — denn Sö, der Vormund, vor Allen, san d'ran schuld — wann ich heut' a so steh' mit meiner Mutter — Heuschr. Schon wieder ich —! (empört.) Was sind denn Sie mich angangen? Ich bin ein Vertheidiger in Strafsachen und Sie waren ein ordentlicher Mensch. Hätten's was ang'stellt, hätt' ich Ihnen schon vertheidigt, aber so war ja gar kan Grund! Th er. (weinend). Wer hat denn immer „Ja" g'sagt zu Allem — Sö! Heuschr. Wann ich aber — Michl. Wer is denn der Schnittling auf alle Suppen — Sö! Ther. Wer nimmt ein Amt an und thut nachher nix! Die Korporale. Er! Michl. Kurz, wer verdient eigentlich die fünfzig und mehr a no? Alle. Er! Niemand anderer wie er Heuschr. Eine Uebereinstimmung — großartig! Aber jetzt bitt ich um das Wort! Michl (abwehrend). O, Frau Mutter, am Bettelstab, mehr als das, lächerlich vor der Welt — i auf der Bank — und so a Vormund will was reden! j Knill ffür sich). Herr Gott, wann ich den a so karniseln derfet — H öller (für sich). In Fetzen müßt er geh'n — Heuschr. Ich erkläre hiermit — Michl fwitthendj. Ka Wort, oder Du liegst da auf der Bank — Heuschr. Sie bitten mich so herzlich, daß ich schweige! Michl. Und Sö, Frau Mutter, was wanen's denn so? Sie haben's ja erreicht! Heut fangen's ja mit meiner Besserung an! Hat ja schon Jeder 'n Professor in der Hand' (Streng). Schnopftüchel einstecken, — lusti — kan Maunketzer mehr! Oder manen's vielleicht, ich klaub' die Lieb' z'samm, die der And're wegg'worfen hat — die Brodbreseln von einer Zärtlichkeit? Na na — die Frau Mutter, die net begriffen hat, — daß der Bue was lernen will —, die ihm's Empfinden verboten hat, und die nix waß für die Erziehung als den Stecken und die Polizei — die Frau Mutter soll's a kennen lernen, zu was er heranbessert wird, der Michel, ihr Sühn! fNimmt die Bank). Viel Glück allerseits! Kum- meu's jetzt, meine Herren, und gewöhnen mir's Vaterland ab! fRasch ab.) Th er. Michl, so hör doch- (Geht zu Heuschr.) Das haben Sie am G'wissen — Sie ganz allani — Knill. Wanen's nicht, wer'n net so arg d'rein teuseln — Höller. Vielleicht verzähl' ich mich a — Knill. Kann ja Nachlassen a — Höll. Ein Vortel gibt's überall — Beide fnehmen den Heuschreck unter dem Arms. Knill. Aber wann Sie so beim Militär wär'n — Höll (zärtlich). Geh'ns, treten's ein. Knill. So hätt' ich mein Lebtag kein pulvert. — Höll. Diese Schläg' — j Heuschr. Sehr schmeichelhaft. 31 Knill. Schab', daß ich nicht die Ehr' haben kann — Heuschr. Js mir auch leid — aber mein Gott — Höll. Himmelblau war er wor'n— Knill (im Abgehen). A so a Vormund — den dicksten Stecken suchet ich aus! (Beide dem Michel nach.) Ther. (ihnen nach). Meine Herrn — net stark hauen — net alle fünfzig — geben's mir a Paar — mein armer Michel, mein Bne! (Laut weinend den Lorporälen nach.) Siebente Seene. He »schreck (allein). Henschr. Jetzt frag ich, wie man den Leuten recht thun soll? Sagt man zn ihre Thorheiten „Nein", is man ihr persönlicher Feind, sagt man „Ja", soll man den Erfolg garantiren. Von heut an red' ich gar nix mehr, ich bin stumm für die Welt — Himmel — die Professorin! Fr. KN 0 ll (kreidebleich, hastig anftretend). O, sprechen Sie bester Herr — wo finde ich den Hauptmann Kurz? Henschr. (zuckt die Achseln). Fr. Knol l. Oder ist Ihnen bekannt, in welchem Zimmer hier die Urtheile gesprochen werden? Henschr. (für sich). Könnt ich höchstens in was hineinkommcn! (Schüttelt den Kopf.) Fr. Kn oll. Ich bin die Mutter jenes Soldaten, der- Henschr. (deutet das Eschappiren an). Fr. Knoll. Ganz richtig! Wissen Sie vielleicht Näheres über sein Schicksal? Henschr. (verneint mit dem Kopf). Fr. Knoll. Diese Gesten — kein Wort ans den: Munde — (zu Henschr.) Ein armer Stummer vielleicht? Henschr. (bejaht). Fr. Knoll. Von Geburt gewiß? Henschr. Nein, durch die Leut! Von mir kriegen's nix heraus — daß's nachher wieder heißet — ich war Schuld an Allem? Ich empfehl mich, gnä Frau — (ab). Achte Scene. Frau Knoll. Gleich darauf Hauptmann Kn rz. Fr. Knoll. Was hat der Mann, daß er es wagt mit meinem Unglück Spott ZN treiben ? (Blickt in die Coulisse.) Doch, wenn ich mich nicht täusche, — er ist's — sein Hauptmann — Kurz (für sich). Wie ungelegen! Seine Mutter! — Fr. Knoll. O Herr Hauptmann, Sie suche ich — Sie — vor Allen hier im Hanse. — Heute sollte ja das Urtheil gesprochen werden über meinen Sohn und da Ihr Fürwort mächtig zu seinen Gunsten in die Wagschale fallen kann — bittet Sie die Mutter um ein gutes Zeugniß für Ihr Kind. — Kurz. Liebe Frau —unsere Gesetze sind klar und bündig — — Fr. Knoll. Doch was das Auge des Richters übersieht, der Blick des Freundes darf es ja entdecken? Kurz. Bin ich der Freund von Leuten, die ihren Eid brechen? Fr. Knoll. Er hat ihn ja gezwungen abgelegt und nicht ans freiem Willen. Kurz. Gleichviel. Er war verpflichtet ihn zu halten — doppelt verpflichtet, weil er die schwere Schuld Ihres Gatten auszngleichen hatte — Fr. Knoll. Der Vater ist so schwer erkrankt — Kurz. Nun, die Soldaten, die er aus dem Hinterhalt erschossen — die sind bereits begraben — 32 Fr. Knoll. Was sag' ich denn, um Ihre Milde zu erwecken, und um das Eis in Ihrer Brust zu schmelzen — svon einen Gedanken erfaßt). Sie haben selbst ein Kind! Ach denken Sie sich doch in meiner Lage, flehend um das Leben eines geliebten Wesens! Kurz. Hab' ich das nicht gethan bei Euresgleichen? Stand ich nicht am Fenster und flehte um das Leben der Mutter meines Kindes? Und was tha- ten die jungen Freigeister, die ich mit Thränen in den Augen um ein Menschenleben bat? Fr. Knoll ffür sich). Mein Gott - was hör ich?- Kurz. Einer von Ihnen griff zum Boden, hob einen Kieselstein vom Pflaster — — Fr. Kn oll. Und traf, ich weiß es, eine Wöchnerin — — Kurz. Und die Genossen solcher Leute soll man schonen? sie, die Erbarmungslosen? der Stock muß sie kuriren! Und darum liegt nicht viel daran, wenn Einer dieser Sorte heute Gassen läuft. Fr. Kn oll. Was sagen Sie — mein Sohn — er wird-?? Kurz. 300 Mann passiren! Fr. Kno ll sin die Knie sinkend). Heiliger Gott — Kurz. Damit er kirre wird und die Gesetze achten lernt — Fr. Knoll fverstört). Und Sie — Sie haben das vermittelt — und kein Wort, das ihn retten konnte, ließen Sie fallen bei Gericht? Kurz. Ich stimmte für die strengste Strafe. Fr. Knoll. Und unaufschiebbar ist sie — Niemaud hier im Hause — der sie erstrecken könnte? Kurz. Niemand — Fr. Knoll ferschöpst). Gut, dann sollen Sie den Schmerz, der mich zerfleischt, zum Theile Mitempfinden, indem ich Ihnen sage, jener junge Mann, der mit dem Stein — Kurz. Nun — Fr. Knoll fwie wahnsinnig). Er war es — mein Sohn — — Kurz fzerschmettert). Wie? Er — es ist derselbe? — Nun, dann sieh, Du Mutter eines Tumultanten, wie wir ihn zur Besinnung bringen — fes ertönt Trommelwirbel) da geht er eben durch die Gasse! Fr. Knoll sstößt einen entsetzlichen Schrei aus). Julius-nein, nein — sie dürfen nicht — — hinab, hinab! sSie eilt davon.) Kurz. Was ficht sie an? — Sie bricht zusammen auf der Treppe! Heda ein Arzt! fDa der Trommelwirbel verstummt.) Doch was ist das? sLärm vor der Scene.) Der Deliqnent entsprungen — er kömmt hieher — — Posten nehmt ihn fest —! Letzte Scene. Vorige. Julius iu Hemdärmeln, hinter ihm Soldaten, darunter Knill, Hölle r, Wachen 1. 2. 3. Soldat. Michel. Julius. Mutter! Mutter — hier muß sie sein, das war ja ihre Stimme sDie Wachen nehmen ihn fest.) Kurz. Also neuerdings gefrevelt au der Disciplin? Verbrechen auf Verbrechen ? Julius. Die Mutter will ich sehen — meine Mutter — Regime nts arz t stritt auf). Sie ist in Ihre Wohnung fortgeschafft — Julius sfelig). Sie lebt! sZum Hauptmanne.) Sie haben ihr doch nichts von meinem Unglück mitge — — Kurz Im Gegentheil — Nachdem sie störrisch auflrat wie ihr Sohn, Hab' ich sie ihr gezeigt, die Strenge des Gesetzes und ließ es sie sehen, wie ihr Sohn Gassen läuft. 33 Julius. Sie haben ihr - (entreißt einem Soldaten das Gewehr.) Alle. Um Gotteswillen. Knoll — Was thust Du! Halt ein! Julius (hat das Gewehr bereits auf den Hauptmann abgedrückt, der mit einem Schrei zu Boden fällt, läßt es sinken und fällt auf die Kniee!) Heiliger Gott — Was that ich! gesunken bis zum Mörder ! — Michl. Durch den Stecken! — Gruppe — Regimentsarzt beim Hauptmann, während man dem Julius Fesseln anlegt. Oberst Baron S t r e i t tritt durch die Massen, nachdem vorher Trommelwirbel ertönt, hinter ihm ein Dekret in der Hand Adjutant Helm. Oberst. Was seh' ich? Welche Grenelthat? (Zu Kurz eilend.) Armer Hauptmann! Und dieß an einem Tage, der gerade Euch Soldaten von einem Alp befreit? Lesen Sie, Herr Lieutenant! Helm. Ein Erlaß des Kriegsmini- sters! (Liest.) Se. Majestät der Kaiser- Hat mit Allerhöchster Entschließung vom heutigen Tage die Spießruthen-Strafe in der Armee Allergnädigst abzuschasfen geruht! Trommelschlag. Die Musik der heimkehrenden Soldaten fällt ein. Der Vorhang fällt. Knde des ersten Actes. Theater-Repertoir 318. 3 Zweiter Act. Viertes Bild. Nach Mmsig Jahren. Der vordere Raum der Bühne stellt ein Bureau in einer Fabrik vor. Ein Doppel-Schreibpult, Kasten mit verschiedenen Mustern von Galanteriewaaren, deren einzelne auch auf Tischen herumliegen. Dieses Bureau hat rechts und links zwei Thüren, wovon die zweite rechts, eine offene Glasthür mit Aussicht auf die Stiege, als allgemeiner Eingang gilt. Das Bureau steht in offener Verbindung mit dem im modernen Style mit Eisenverspreizung und Glasdach gebauten Fabrikssaale. Zu beiden Seiten die Arbeitstische, die in der Perspective immer kleiner werden, weßhalb die letzten Arbeiter von Kindern darzustellen sind. In der Mitte des Arbeitssaales eine lange Tafel, auf welche die Arbeiter ab und zu einen fertigen Gegenstand legen, oder von welcher sie sich irgend einen Behelf holen. Erste Scene. Arbeiter und Arbeiterinnen im Saale. Im Bureau sitzen an einem kleinen Tische beim Kaffee Julius, der bedeutend gealtert und einen Vollbart trägt, Franz, ein Einjahrig-Freiwilliger, Rosa, ein Mädchen im Alter von beiläufig 22 Jahren und Marie, eine hübsche Frau, die Gattin des Fabrikanten. Julius. Wenn ich Euch aber bitte, nicht darnach zu fragen! Es verstimmt mich! Rosa. Sie nahmen mich, ein verwaistes Soldatenkind, dessen Vater im Jahre 66 bei Königgrätz gefallen, in Ihr Haus, überschütten mich seither mit Wohlthaten — wie erst heute wieder an meinem Geburtstage — und nun soll es mir verwehrt sein, nach dem Grunde zu forschen, warum Sie gerade mir dieß Uebermaß von Güte widmen! Julius. Was kümmert's Dich? Rosa. War Hauptmann Kurz einer Ihrer Jugendfreunde? Julius. Alles eher wie das! Rosa. Ein Verwandter? Julius. Weder durch Blut, noch durch Gesinnung! Rosa. Und doch haben Sie mich erzogen wie Ihr eigenes Kind, und mir unzählige Beweise einer väterlichen Liebe gegeben. Inlius. Was willst Du weiter, Du hast einen zweiten Vater gefunden, der Dich 35 glücklich, recht glücklich machen möchte — bescheide Dich damit. Franz. Hundertmal Hab ich ihr's gesagt, daß Sie darüber nicht sprechen wollen! Geht'S denn mir anders? Wie kam ich dazu, daß Sie im selben Jahre, mich, den Sohn einer Arbeiterin, die im Krankenhause starb, aus der Lehre nahmen und erziehen ließen, als ob er Ihr eigener wäre? Julius. Seht Kinder, ich bin so froh, wenn ich Euch heiter weiß, ich freue mich in Eurem Glück. Aber fragt nicht nach Ursachen und wie's zusammenhängt. Ihr seid frische Blumen auf dem Grabe einer traurigen Vergangenheit — jetzt lassen wir die Leichen ruhen ! Marie. Was Hab ich Euch gesagt? So macht er's immer! Rosa (traurig). Ich rede ja nichts mehr! Franz. Ich bin ja still! Julius. Und es ist besser so! Laßt uns den Festtag heut recht froh verbringen und freuen wir uns der Gegenwart. Zu guter Letzt für jedes Ziehkind eine Ueberraschung! (Zu Rosa.) Der Ruheplatz Deines armen Vaters, der am Friedhof eines Bauerndorfes liegt, war bisher bloß durch ein schlichtes Kreuz erkenntlich — (entrollt ein Papier) ich will ihm diesen Grabstein setzen lassen. Rosa (blickt auf das Papier und um« armt Julius). Sie sind so gut- Julius. Und Du Franz — Du hast heute Dein zweites Freiwilligenjahr vollendet und Urlaub erhalten; (zieht eine Brieftasche) nimm das und sieh Dir Rom an und Neapel — reise um zu prüfen und zu lernen! Franz. Herr Knoll — wie soll ich Ihnen danken?! Julius. Durch ein Bischen Liebe! (Wehrt ihn ab, da dieser seine Hand küssen will.) Geh, glaub mir, Dein Vater hat mehr für mich gethan. Franz und Rosa (links ab erste Thüre.) Zweite Scene. Julius. Marie. Später Lechner. Marie. Gut, daß Du den Kindern nichts erzählen willst — sie brauchen's nicht zu wissen. Warum Du aber mir, Deinem angetrauten Weibe- Julius. Weil Du mich dann vielleicht nicht mehr lieben würdest- Marie (unwillig). Ganz offen herausgesagt — ich halte Beide für Deine eigenen Kinder — — Julius. Mein Wort darauf — Du irrst — Marie. So sag mir doch nur — wie so — — Julius. Kauf Dir ein neues Kleid! Willst Du blaue Möbel? Laß sie machen! Hast Du nirgends einen originellen Hut gesehen - her damit! — Wirf das Geld auf die zweckloseste Sache hinaus, Marie, (sie an sich ziehend und küssend) nur die Vergangenheit, die laß in Ruhe! Marie. Ein merkwürdiger Mann! Weiß der Henker, was da dahinter ist! Gegen die Ehre wird es doch wohl nicht verstoßen — und so will ich denn wieder schweigen ein halbes Jahr. Aber an meinem Namenstage — was? Julius. Wir wollen sehen. (Marie links zweite Thür ab.) Ein Sturm ist wieder abgeschlagen. Heda Lechner! Lechner (erscheint aus der Fabrik). Herr Knoll — Knoll. Sie haben gestern einen Lehrburschen mit dem Stock mißhandelt — Lechner. Was is'S denn weiter?. Knoll. Sie wissen, was ich so oft gesagt — Lechner. Er hat'S verdient. 3 * 36 Kn oll. Genug, ich duld' es nicht. Der Geschlagene ist arbeitsunfähig, krank geworden — ich selbst habe das Gericht verständigt — Lechner (höhnisch). Sehr schön! A Fabrikant, der seine Leut verzünd't! K noll sihn messend). Ein Fabrikant, der die Rohheit aus seinem Hause weist. Machen Sie sich gefaßt, heute noch von der Polizei abgeholt zu werden. Lechner. Soll nur kommen — is schon besprochen Alles! (In die Fabrik ab.) Kn oll (allein). Besprochen? Was will er damit sagen? Dritte Scene. Vorige. Die zweite Thür rechts wird ge- öffnet und es tritt zuerst eine verwahrloste Figur, der man die Gemeinschädlichkeit und UnterstandSlosigkeit ansieht, heraus. Ihr folgt mit Komplimenten der Penfionirte Rath F r öschl, der dem Vagabunden die Hand drückt und ihn zur Stiegenthüre geleitet; später Tonerl, dann Schofinski. Fröschl. War mir ein Vergnügen, lieber Traxelmaier, nach so langer Abwesenheit — ich glaub fnfzehn Jahr — wieder die Ehre zu haben. Meine Empfehlung zu Haus, steh immer zur Disposition — (Vagabund ab — Fröschl kommt vor.) Julius. Hören Sie, lieber Schwiegervater, Sie haben heute wieder kuriose Besuche! Fröschl. Ich bin, wie Sie wissen, Ausschuß des Vereines zum Schutze entlassener Arrestanten — Julius. Das ist ein vortrefflicher Verein und die Absicht, Besserungsfähigen eine neue Existenz zu schassen, ist gewiß eine achtenswerthe — aber ich fürchte, Sie suchen sich gerade die Unrechten heraus! — Fröschl. Ha, lächerlich! z. B. der waö jetzt fortgegangen is, den Hab ich durch fortwährende Unterstützungen schon so weit gebracht, daß er statt silberne Dosen nur mehr Schnupftücheln stiehlt. Julius. Unlängst soll Ihnen Einer, den Sie beschenkten, zum Danke Ihre goldene Uhr mitgenommen haben? Fröschl. Na, und was liegt d'ran? Wird ihm halt abgezog'u von der nächsten Unterstützung. Julius. Sie haben noch Einige bei sich? Fröschl. S' ganze Zimmer wimmelt vor Verbrecher. (Kleiner Tonerl kommt heraus im langen schwarzen Frack.) Segen's, da kommt g'rad a klaner Dieb, den ich an Frack von mir g'schenkt Hab! T o n e r l. Küß d' Hand Herr Fröschl — Fröschl (väterlich). Welchen Weg wirst Du denn nun einschlagen, mein Sohn? — T o n e r l. Den zum Tandler! (Eilig ab.) Julius (lächelnd). Der scheint noch nicht gebessert zu sein? Fröschl. Mein Gott, man kann sich täuschen mitunter — aber das wird mich nie abhalten von meiner Humanitären Bestrebung. Denken Sie nur — wie nahe steht der edelste Mensch oft dem Verbrechen? Eine unüberlegte Handlung — heißes Blut — ein Moment der Leidenschaft — und das Schwurgericht ist versammelt! Ist es nicht edel, diese Unglücklichen der Gesellschaft znrückzngeben? Julius (herzlich). Wenn die Beweggründe der That irgendwie zu entschuldigen sind, gewiß. Ob sie nur zeitweise die Wohlthat an Unwürdige verschwenden — Sie ahnen nicht, wie angenehm mich Ihre Gesinnung berührt! Wer, wie Sie, dem Gebesserten freudig die Hand bietet — Fröschl. Und je tiefer einer gesunken ist, desto lieber — Julius (freudig). Dessen Herz wird auch die peinlichste Enthüllung, wenn 37 sie von einem Renigen ansgeht, verzeihend hinnehmen. Fröschl. Ohne WeiterS und ich schenk' ihm extra noch a paar Stiefeln. sSchofinski tritt ein.) Meiner Seel, der Schofinski! Was, Sie sind schon wieder frei. — Ich Hab' gedacht, Sie hätten noch 7 Monat — Schofinski. Gestern bin i losgangen — Fröschl. Ah, das is charmant! Kommens doch herein und plaudern wir uns ans! (Leise zu Jul.) Man soll Niemanden die ausg'standene Straf vorwerfen — nur nix dergleichen thnn! (Laut.) Herr Schofinski, mein intimster Freund. (Im Abgehen zn Jul.) Schaun's, daß nix wegkummt, wann er fortgeht. sArm in Arm mit Schof. 1. Thür rechts ab.) Vierte Scene. Julius allein. Bald darauf Heuschreck. Julius. Wenn er also doch einmal gelüftet werden sollte, dieser Schleier, nun, der Schwiegervater ist auf meiner Seite! Heuschr. (um 20 Jahre gealtert, sich verbeugend.) 3ch wünsche wohl gefrüh- stückt zu haben. Julius (erschrickt). Himmel — welch ein Gesicht — Heuschr. Sie erkennen mich noch? Obwohl meine Haare nicht zu Haus sind? San nemlich alle ausgangen! Julius. Waren Sie nicht der Vormund jenes Soldaten, der meinetwegen — Heusch r. Ich bin'S, den Du genannt, Bin's, den Advokaten Bruder nennen! Julius sdie Hände haltend). Herr, bei Allem, was Ihnen heilig ist — kein Wort hier von der Vergangenheit! Heuschr. Mir is zwar gar nix heilig — aber ich sag Niemanden was Unangcnehm's. Ich bin jetzt bei der Polizei! Julius (erschrickt). Ich denke, das wäre unangenehm genug. Auf diese Art wissen Sie auch Alles, was mittlerweile — Heuschr. Alles wissen wir nicht, aber viel! Wir wissen, daß Ihnen der alte ungarische Magnat, den Sie so pflegt haben auf der Festung, sein Hab und Gut vermacht hat — Julius. Daß ich hier eiue Arbeit betreibe, die ich dort erlernt — Heuschr. Daß Sie das Kind von dem Hauptmann, den Buben von mein' Mündel — (wischt sich eine Thräne aus dem Auge.) Sie san eine gute Haut! Wir wissen, daß die jungen Leut einander gern haben — Julius. Ei zum Teufel — davon weiß ich nichts — Heuschr. Sehens, Sachen die uns nix angeh'n, wissen wir alle — aber (weinerlich) so gekracht als ich bin, so detektiv als ich dasteh vor Ihnen, a Herz Hab i a! Es wird Ihnen bekannt sein, daß in letzterer Zeit die Anzahl der Greisler und Fotografen nur von jener der Hof- und Gerichtsadvokaten übertroffen war und weil ich mir als Sollizitator nicht einmal einen Deziliter Bier, geschweige ein Kilogramm Fleisch hält kaufen können und weil ich doch die arme Plankin, die jetzt im Versorgungshause meine Säckeln anstrickt, nicht ganz verlassen kann, so erwirb ich mir jetzt meine paar Groschen durch öffentliche Sicherheit. Julius. Ja, ja, als ich der armen Frau zu Weihnachten eine kleine Freude bereitete, hörte ich, daß Sie oft ihr Gesellschaft leisten — Heuschr. Mariaschen thun wir hin und wieder,' den Point zu 2 Fisolen — Julius. In der That sind Sie auch moralisch verpflichtet, der Frau ihren Sohn zu ersetzen — Heuschr. Ich bitt Sie, in meinem Alter — 38 Julius. Ich meiue, was die Stütze anbelangt — Heuschr. Ah ja so! Aber segens Herr Knoll, je größer die Verbrecher sind, um so kleiner is mein Gehalt! Es geht uns net z'sam, mir und ihr (Oeffnet seinen Rock.) Ich trag ein Nacht- kassettl von ihr als Gilet, sie ein alten Büffelkaput von mir als Barchentrock, — es is eben nur für's Notwendigste gesorgt. Nachdem ihr aber morgen eine große Auszeichnung zu Theil wird — Julius. Ei? Heuschr. Sie is nemlich wegen ihrem Riesenalter aufg'schrieben zur Fuß- waschuug — Julius. Was Sie sagen? Heuschr. Und weil's halt doch fesch ausschau'n möcht — der Chignon is beim Ausbegeln, frische Augengläser braucht's a — stief ergriffen.) Handschuh können wir nicht erschwingen — (gefaßter.) so Hab ich Ihnen als Bekannter bitten wollen — Julius. Nun? — Heuschr. Sie möchten ihr beim Herrn Schwiegervater, der so viel Geld austheilt, a gut's Wort reden — daß er ihr ein Beitrag zur Ausstaffirung zukommen läßt. Julius. Recht gerne, da ist er ja! Fünfte Scene. Vorige. Fröschl saus seinem Zimmer eilend). Fröschl. Pardon, wenn ich störe. (Leise zu Julius.) Schwiegersohn, haben Sie nicht a paar gute Cigarren für ein' alten Mörder? Julius sseine Brust befühlend). In diesem Augenblicke nicht — doch dieser Herr wünscht Sie zu sprechen — Fröschl (sehr freundlich). O ergebener Diener! (Vertraulich.) Einbruch? Falsche Banknoten? Kleine Postdefraudation? Julius. Sie irren, es ist — Fröschl. Also Wachebeleidigung! Ach, das is mir sehr angenehm ! Heuschr. Unbemittelt wie ich bin — Fröschl. Also Diebstahl? Ich bitt Sie, was bleibt denn den Leuten heutzutage über, bei diese Verhältnisse? Heuschr. (zornig). Aber nein - ich Hab gar nix ang'stellt — ich bin ein ganz ein ordentlicher Mensch — Fröschl. Und da kommen Eie zu mir? Glauben Sie, ich Hab a Geld für Leut ohne Eonflict mit der Strafbehörde? Heuschr. Ich Hab halt denkt, weil morgen — Fröschl. Ah, das is eine Idee! Ja, wann Sie nur a Biss'l was für sich hätten — a kleine Übertretung — oder eine Ehrenbeleidung — lasset i mir's g'fallen! Schaun's lassen Sie s'G'wölb zu lang offen, oder nehmen'« ein Hund mit in's Wirthshaus — daun ja, aber so, lieber Freund, is mir leid — (leise zu Julius). Denken's Ihnen, die kleine Gepernek, die Wohnungseinschleicherin, hat im Arrest a Kind kriegt! Der muß ich auf der Stell was schicken — und dann geh' ich fort mit Alle über d'andere Stiegen und zahl ihnen waS! (Zu Heuschr) Is mir leid! (Wieder rasch, rechts 2. Thür ab.) Sechste Scene. Vorige. Ohne Frösch l. Heuschr. (einen Pack Papier herzeigend). Und ich Hab alle meine Zeugnisse mitbracht, daß ich seit 60 Jahr ohne Anstand leb hier in Wien. Julius. Nun, so will ich den Irrthum meiueS Schwiegervaters gutmachen! (Suchend.) Nehmen Sie hier diese 100 Gulden und grüßen Sie mir die alte Frau recht herzlich — 39 Heuschr. (ganz verwirrts. Wie? Was? Hundert — ich werd schwach! Friseur 46 Kreuzer, Augengläser 90 — Handschuh Nummero 61 kosten zwa Gulden 40 — da bleibt ja mehr als eine Million für die Zukunft — Julius. Es ist gerne geschehen! Heuschr. Und so ein Mann hat damals Gassen — Julius. Still — Heuschr. Hat auf die Fest — Julius. Still — Heuschr. Ist dort 10 Ja — Julius. Um Gotteswillen still! Heuschr. Wann das die Plankin siecht, der fallt der Säckel aus der Hand! Jetzt g'freut's mich erst, daß ich der Anzige war, der mit der Leich von Jhnerer Frau Mutter gangen is - Julius. Wie, Sie waren so gutherzig — Heuschr. Und alle Jahr am Allerseelentag spendir ich ihr a Kirzl — s'pickt noch a Bröckerl bei die Michäler — Julius. Sie scheinen ein guter Mensch zu sein — ? Heuschr. (freudigs. Und was die Hauptfach is, die hätt i bald vergessen. Ich kann's Ihnen ja heut schon a bisserl vergelten (heimlich thuend.s s'wird an Krawall geben in Jhnerer Fabrik. Weil der alte Lechner abg'holt wird, der den Lehrbub'n so mißhandelt hat, will sich die ganze Massa widersetzen — g'schwind z'sammpackt die Familie und davon — Julius. Ich fliehen, wenn das Gesetz dem Gekränkten zu Hilfe kömmt? — Ich bleibe! Heuschr. Die Leut san im Stand und hauen All's z'samm — Julius. Sie werden's nicht! Heuschr. Bedenken's Jhner Frau, die Fräul'n Rosa — Iulius. Ich werde sie zu schützen wissen. l3n der Fabrik wird es unruhig, Alle eilen M dem Fenster und bewaffnen sich mit Stöcken, indem sie gleichzeitig auf die Straße ! deuten; das Gemurmel nimmt zu und wird ! drohender. Jul. ruft in die Fabrik hinaus.s Was giebt's? Siebente Scene. Vorige. Arbeiter kommen nach und nach hervor, darunter Lech Ner. Lechner. Der Kommissär steht mit und Posten theilt er aus! 1. Arbeiter. Unfern Kameraden will er hol'n! Alle. Das leiden wir nit! Lechn er. Als wann i waß Gott was aug'stellt hätt' — bin i net a g'haut wor'n, wie i a Lehrbua war? Alle. Alle hab'n wir Schläg kriegt! Lechner. Und das Recht, das laßt sich Unserans net nehmen! Alle. Mir woll'n wieder hauen! Lechner. Und wer mi angreift — der — Alle. Der wird den Stecken g'spü- ren — C 0 MMissär stritt auf mit den Wachen.j Julius. Zurück! Alle (durcheinander^ Wir leidens amal net — na, na, er derf nit fort! Jul iu s. Zurück, sag ich! Alle (wie obens. Alles schlag'n wir z'samm — nieder mit ihm! Julius. Zurück! Nicht — wahr, als in dem ersten Freiheitsjahr das Kriegsgericht die Gedanken mit dem Stocke korrigiren wollte, da wart Ihr Alle tief empört, und Keiner konnte sie begreifen die Verblendung! Als man noch vor 10 Jahren den Soldaten, der seine besten Mannesjahre dem Vaterlande schenken mußte, selbst kleiner Vergehen wegen mit dem Stocke mißhandelte — da schriet Ihr Zeter über die Grausamkeit, und Alle sehnten sich nach anderen Zeiten, nach Cultur! So lang die Oben mit den Stock hantirten, war er mit Eurem Fluch beladen! Nun Ihr 40 Freiheitsmänner? Wer gibt ihn Euch! jetzt in die Hand ? Wer Euch das Recht,! von unten nach hinauf zu schlagen?! Die Lieb' zur Freiheit? Die neue Zeit? (Entreißt einem Arbeiter den Stock und bricht ihn über's Knie ab, um ihn hinzuwerfen.j Die hat gebrochen mit dem Terrorismus und will nichts anders als ein freies, die Bürger schützendes Gesetz! (Alle lassen die Stöcke sinken.) Jul. Zwingt mich nicht, Kinder, daß. ich Euch in's Gedächtniß rufe, was dieser Stock schon auf der Welt verschuldet? Wie er die besten Keime niederschlug, Liebe in Haß verwandelte, Verbrechen zeugte — namenloses Elend? Ach, der Mächtige, der den Stock verbannt hat aus seinem Reiche, vermittelte die Wanderschaft des Buches und die Herrschaft des Verstandes! Lechner (resignirt.) So soll ich mit- geh'n Leut? Alle. Freilich! s'bleibt nix Anders übrig! Mit mußt gehen! Jul. Und Friede soll herrschen in unserer Fabrik! Alle. Der Herr soll leben! (Lechner, Wachen und Polizeicommissär und Heuschreck ab. Die Arbeiter treten debattirend zurück an ihre Arbeitstische, es bleibt Niemand zurück als Michael, der unter der Masse versteckt, den Schluß der Rede von Julius vernommen.) Achte Scene. Julius. Michael eine preußische Militärhose tragend, einen Civilrock, auf dem etliche Medaillen und ein Orden hängen. Jul. (wischt sich den Schweiß von der Stirn ohne Mich! zu bemerken!. WaS nutzt das Alles, die Todten stehen nicht mehr auf! Michl (vortretend.s Hast Dich wieder unnöthig alterirt, Freund, mit Deine Landsleut, die begriffstützigen? Jul. (dem Michl starr in's Antlitz sehend). Bist Du es wirklich? Michl. Gelt das wundert Dich? Der Unverbesserliche (auf seine Orden deutend! auf amal Ausgezeichnete? Jttl. (staunend.! Du warst am Leben und hast Dich durch volle 20 Jahre nicht bekümmert um das Wesen, das durch Dich unglücklich geworden — nicht um Dein Kind und nicht um Deine Mutter? — Michl. Hält ich ihnen als durch- g'wichster Soldat vor d'Augen treten sollen? Was hält ich ihr denn bringen können, meiner Mali? A C ommißlabel? Mein Bub'n a Packel Rauchtabak? Der Mutter meine Schand? Bin i lieber anssi in die Fremd und jetzt (zeigt einen Sack mit Thalernj jetzt bin i da mit'n Geld (auf die Orden zeigend) und mit der Ehr! Julius, (ungläubig.) Im Auslande hast Du die Zeit verbracht? Michl. Ausg'wandert war ich! Hab mi ausstreichen lassen am Bezirksamt aus dem Land, hab's aufnehmen lassen, z'Protokoll, das i nix mehr hab'n will von ein Reich, wo a Vormund hat spielen derfen mit Existenzen, wo's Ein init'n Stock hab'n dressiren woll'n zur G'sinnung, und wo's Ein g'haut haben, weil man ein armen Teufel verhelfen hat wollen zur Freiheit! Julius. Du vergißt, daß wir Beide dem Gesetze nach im Unrecht waren — Michl. Ach was, ich hab'S mein Vaterland nur zag'n woll'n, ob's denn wahr iS, daß i zu gar nix z'brauchen wäre? Julius. Und alle Liebe zu Deiner Heimat hast Du abgeschworen? Michl. Alle! Was hat's denn than für mich die Heimat? Soll ich's verehr'», weils mir mein Madel weg- g'schickt hab'n wie a Verbrecherin? No anbeten vielleicht, weil sich nie wer kümmert hat um mi? Weil das Gesetz immer auf der Seiten meiner Feind g'west iS? Und weil's mich g'schlag'n hab'n für ein Freundschaftsdienst? — Julius. Du kennst sie schlecht die Pflichten, die uns an die Heimat ketten. Ei freilich, wenn Dich der Erfolg begleitet, wenn sich der Jubel Deiner Zeitgenossen an die Leistung hängt, da ist es 41 leicht, ein Patriot zu sein. Wer aber frei vom Egoismus seine Heimat liebt, der kann sie auch dann nicht hassen, wenn sie ihm nichts als Kränkungen bescheert! Das war ja nicht das Land, das Dich bedrückte — Systeme warens! Ein alter Mißbrauch, der Fluch von morschen Sitten kann uns kränken, aber die Muttererde nicht! Mich!. Auf die Art häst Du also vergessen, wie Du damals durch die Gassen — Julius (freudig.) Ja! Weil ich mir dachte, Du warst ein Dulder mehr im Ringen nach Befreiung von uralten Gesetzen — und weil ich es bald darauf erfuhr — daß ich noch mehr befangen von Leidenschaft, noch grausamer sein konnte, als die Vertheidiger des Stockes! Michl (verbittert.) Eine and're An- sichtwarmirschonimElternhause verboten. Julius. Das ja, das ist der Grundsatz, der uns 2 Oesterreicher elend machte, und mit uns tausend Andere! Daß man die fremde Ansicht niemals duldete — daß die, die eben herrschte, vernichten durfte. Daß es ein Rechts gibt und einLinks — und dazwischen nichts als Haß! Michl (das Wort auffangend). Haß? Ja! Und bei dem Haß, bei dem bleib ich! Ich hätt nit wie Du, die Tochter ang'nommen von dem G'wissen — bin bloß Herkommen jetzt nach Wean auS lauter Schadenfreud! (Hämisch.) Weil's allen Leuten so schlecht geh'n soll, d'rum bin i da! Wann's a Fabrik zuspierr'n nach der andern, da geht mir'S Herz auf! WannS a so recht zugeht in der Volksküche!, daß sich die Leut vor lauter Hunger nicht anskennen, das is mein Leibspeis — weil's gar a so hängen Alle an ihr'm Vaterland! Hätten sie'S g'macht wie i — die sieben Zweschben z'sammpakt und pfirt Di Gott g'sagt — Thaler hätten« statt die Zweckerln mit Gries — Hahahaha! Julius. Mich! — bist Du von Sinnen- Mrchl (plötzlich verstört). Und doch — wie i jetzt bei der Mutter war im „blauen Hergott" — so ein alt's Weib, so a konfuses, sie hat's net g'nommen, das Geld — Julius (forschend). Und warum nicht? Michl (zögernd). Weil — wegen — die Orden da genirens — Julius (neugierig). In welchem Krieg hast Du sie denn errungen? Michl (auffahrend), ^mio 66 — als Freiwilliger gegen Euch! Julius (entrüstet). Wie — Du hast — es wäre möglich — Du ein Wiener Kind? — Michl. War net z'frieden, bis ich's vor mir g'habt Hab das Regiment, bei dem ich g'schlagen wor'n bin — dis derseg'n Hab alle miteinander — den Obersten — den Auditor und ihn n' Doctor Haslinger! Und vorwärts bin i mit den neuen Spezis, mit die blauen und arbeiten Hab ich's lassen mein Zündnadelbüchsen, rechts und links Hab i's mit'n G'wehrkolben niederg'schlagen, bis i mitten d'rin g'standen bin, unter meine alten Bekannten — aber bleich waren'S Alle — er a der Hauptmann — und an- g'schaut haben's mich mit brechende Augen als wann's 'n bewundert hätt'n den österreichischen Preußen, den unbrauchbaren, durchkarwatschten, der auf einmal oben auf war! Julius. Michl, Du bist durch den Stock nicht allein hart, gefühllos, — Du bist schlecht geworden — zum Verräther — zum Schurken. (Die Arbeiter sammeln sich nach und nach; vorne au- den Seiten- thttren treten im entsprechenden Momente Rosa, Franz, Marie, Fröscht.) Michl. Und das sagst Du? Julius. Ich, ein Oesterreicher, der nach Allem, was er erlitten, treu an der Heimat hängt, der Dich verachtet — Michl. Du mich verachten, mich, der sich für Dich geopfert?! Das kann Ein' doch nur da passiven. Ich geh' auch schon, nur An's Hab ich noch z'frag'n. 42 Du sollst es wissen, was aus mein' Bub'n wor'n is? Ich nimm ihn mit — wo is er?! — Julius (hastig). Um ihn zur gleichen Ansicht zu bekehren? (Barsch.) Wo er ist? Ich weiß eS nicht! Michl (warnend). Sag's Freund, ich bitt Dich, sag's — ich will wen glücklich machen mit mein Geld — — Julius. Ich kenn ihn nicht — — Mich! (vor Wuth zitternd). Du warst bei seiner Mutter — Julius. Nein — Michl (kreischend). Ich bitt Dich, sag's — Julius. Hinaus! Michl (vom Zorne überwärmt). Ja, red', wer bist denn Du, daß Du so aufbegehrst mit mir? Ihr Lenteln da, wollt's Ihr'S erfahren, warum der Mann den Stecken gar so haßt? Julius (erbebend). Michael- Michl. Weil er hat Gaffen laufen müssen im 55er Jahr! Alle. Wie? Was? Marie. Julius — was sagt der Mensch? Michl. Ja, liebe Frau, i war dabei in der Kasern! Julius. Marie — er sprach die Wahrheit, doch wenn ich Dir einst sagen werde — wie eS gekommen — Fröschl (entrüstet.) Da her, Marie! Julius (zu Fröscht.) Sie sind ja stets bereit. Gefallene zu stützen — Sie werden nun — Fröschl. Ich laß mir'S g'fall'n, wann Aner bei wem Andern was anstellt — aber in meiner Familie — Julius. So sprechen Sie, der dem Nichtswürdigsten die Thüre öffnet — Fröschl. Da gibt eS nix wie Scheidung — Julius. Also verlassen und allein?! Rosa. Ach, weinen Sie nicht, Vater, — denn wenn auch Alles von Ihrer Seite flieht — das dankbare Soldatenkind, das kann Sie noch immer nicht für schlecht, für elend halten — Michl. Auch dann nicht, wenn ich Ihnen sag, daß dieser Wohlthäter g'schos- sen hat auf ihren Vätern, daß er beinah' zum Mörder wor'n war — Rosa. Heiliger Gott — (schaudert zurück.) Michl. So schaut er aus, der Ehrenmann, der 10 Jahre lang ans der Festung war — Alles (weicht scheu zurück.) Julius. Ja, Rosa, ja. da hast Du das Geheimniß, das niemals zu ergründen war. Ich drückte die Muskete ab auf Deinen Vater, weil Leidenschaft mir wieder Leidenschaft erzeugt — getrieben zum Verbrechen durch den Stock! Nun weißt Du auch, warum ich mich an Dich herangedrängt — 'S war ein Versuch der Sühne. — (Fällt auf die Kniee.) Verzeih' dem Sträfling, daß er eS wagte, menschlich zu empfinden! Rosa, (nach oben blickend)- Thu' ich Unrecht, Vater? — Nein! Ich weiß, Du breitest heute die Hände segnend über ihn, denn so viel Liebe kannst Du nicht mit Haß vergelten. Verzeihe mir eS, wenn ich heut ihm verzeihe — (Reicht ihm die Hand, die er ergreift und an'S Herz drückt.) Julius. Rosa — mehr wollt' ich nicht — denn bei Gott, nun erst ist die lange Strafzeit abgelaufen. Ich bin so überglücklich in meinem Elend, daß ich den Schöpfer meines Unglücks nur durch Freude strafen kann! Sieh her, der Oesterreicher, den Du verderben wolltest, hat Dir Dein Kind erzogen. — Da hast Du Deinen Sohn! Michl (stößt einen markerschütternden Schrei aus, wankt auf Franz zu, sinkt weinend in die Kniee.) Julius! Gruppe. Der Vorhang fällt. Dritter Act. Fünftes Bild. Die Rückkehr nach Desterreich Zimmer mit Mittel- und zwei Seitenthüren. Elegante Einrichtung. Seitwärts rechts liegen zum Forttragen bereit einige Koffer, große Bündel mit Bettwäsche, ein Bogelhaus, Paraplui, Stöcke, Cartons u. s. w. Erste Scene. Julius. Marie. Julius sauf das Gepäck deutend). Dein Vater will also in der That das Haus verlassen? Marie. Und besteht darauf, daß ich ihm folge. Er darf eS gar nicht wissen, daß wir uns sprechen. Julius. Nun und Du? Marie. Wie kannst Du fragen? Mögen Deine Mitbürger den Schleier der Vergessenheit werfen über das Geschehene, oder sei es, daß Sie Dich von heute an verachten — ich bleib bei Dir, ich will Glück und Unglück mit Dir theilen. Julius (sie umschlingend). Gutes Weib! Aber die Welt? Was wird sie sagen, wenn ich die Tochter von dem Vaterherzen reiße? — Vergiß nicht, ich bin abgestraft und es wird heißen, ich hätte Dich verstrickt in mein Laster und dazu verleitet, da- vierte Gebot zu brechen! Marie. Es heißt wohl in der Bibel, daß man Vater und Muter ehren — aber nicht, daß man ihre Thorhei- ten mitmachen soll. Und wenn mein Vater Dich verdammt, obwohl Du Dein Vergehen nach Menschenmöglichkeit zu sühnen suchtest — so ist das thöricht — gegen Gott gerichtet — und somit gegen das erste Gebot! Julius ssich erforschend). Nein, nein, er hat so Unrecht nicht. Ich hätte als Werber um Deine Hand die Wahrheit offen eingestehen sollen — Marie (lächelnd). So, um recht schroff abgewiesen zu werden? Du siehst wohl, daß das Schweigen klüger war. Nun, Julius, kenn ich Dich und weiß auch, wem ich verzeihe! Julius (drückt seinem Weibe warm die Hand). Und dennoch, ich will nicht neues Unglück schaffen, will nicht ein Herz gewinnen, indem ich das andere zertrete! Geh zu ihm, versuch'- noch einmal, ihn für uns zu stimmen! vielleicht gelingt'« auch mir, ihm zu beweisen, daß ich noch immer besser bin, 44 als alle die Verbrecher, die er so gerne unterstützt. (Küßt Marie.) Marie (rechts erste Thür ab.) Zweite Scene. Julius allem. Gleich darauf Heuschreck. Julius sauf- und abgehend). Was beginnen? Wie, wenn der Alte sich ein Leid anthut oder gar vor dem Gerichte die Ungiltigkeitserklärung unsrer Ehe -wer ist's? Heuschr. fsich verbeugend). Man hat in Wien zwei Redensarten, die total verschieden, das Nemliche bedenten — „Ich bin so frei — Unterthänigster Knecht —!" Julius. Haben Sie gethan, was ich Ihnen sagen ließ? Sind Sie ausgetreten ? Heuschr. Ich bin weg von der Polizei. Normalmäßig behandelt. Ich steh nemlich da, ohne Kreuzer Geld. Julius. Wie ich erfahren habe, so sind Sie ein ehrlicher Mensch — Heuschr. Und was die Hauptsache bei der Ehrlichkeit ist, ein armer Ehrlicher! Denn Sie glauben gar nicht, was für eine Spielerei es is, mit einer Million ehrlich zu sein. Julius fimmer auf und abgehend). Ich habe viel Verdruß im Hause, weiß oft selbst nicht, wo mir der Kopf steht — Heuschr. (bescheiden). Mische mich nie in Privatgeheimnisse — I u l. Kurz herausgesagt — ich brauche einen Menschen, der das Herz auf dem rechten Flecke hat — Heuschr Ich unterziehe mich jedem Rokitanski. Julius. Auf Lebenszeit will ich Sie anstellen in meinem Geschäfte, wenn Sie etwas Verstand mitbringen. Heuschr. Wem Gott ein Amt giebt, dem giebt er auch Verstand. Das ist ein Sprichwort, welches sich bei kleine Anstellungen noch immer bewährt hat. Jul. Es sind nämlich zwei verrückte Leute hier im Hanse. Mein Schwiegervater und dieser Michael Plank — zwei Leute, die sich leicht zu einem unvorsichtigen Schritte Hinreißen lassen könnten! Heuschr. (bejaht.) Haben beide die nemliche Schwäche. Der Eine wirft das Geld beim Fenster hinaus und der Zweite unterstützt Preußen. Jul. Ich brauche ein treues Facto- tum, das zur Familie hält. Suchen Sie diesen Michael mit seiner Mutter auszugleichen — und was den Vater meiner Frau betrifft — Heuschr. (zustimmend). Muß hier bleiben todt oder lebendig — Jul. Also wohl aufgepaßt und ich werde bereit sein — Ihrer alten Freundin, der Mutter unseres kranken Michaels eine sorgenfreie Existenz zu bereiten, Gott befohlen! (2. Thür links ab.) Dritte Scene. Heuschreck allein. Gleich darauf Rosa herbeischleichend. Heuschr. Also zu guter Letzt noch Diplomat geworden. Da stellt sich wieder heraus, wie hoch der Mensch eigentlich — sinken kann! Rosa (aus der 2. Thüre links.) Herr Henschreck auf ein Wort! Heusch r. Für Sie auf ein Conver- sations-Lexicon! Rosa. Sie sollen so ein gescheiter Mann sein — heißt es — Heuschr. Übertriebenes Gerücht — Rosa. Fällt Ihnen denn gar nichts ein, wie wir den Schwiegerpapa um den Finger wickeln könnten? Heuschr. Wann ich mir den Kopf noch so zerbrich, wird höchstens das Heu billiger. 45 Rosa (die nachsannj. Herr Heuschreck, ich hab'S! Heuschr. Hörn's auf! Oder vielmehr fangen'- an! Rosa saltklugs. Wie wär'S, weun wir den Schwiegerpapa, der's nun auf einmal nicht glauben will, daß auch der bravste Mensch durch blinde Leidenschaft auf Abwege gerathen kann — selbst zu einem Verbrechen verleiten würden? Heuschr. spaffj. Nicht schlecht, nicht schlecht! Aber Eins is halt! Rosa. Nun? Heuschr. Was thun wir denn, wenn er uns hintendrein aufg'henkt wird? Rosa. Ah — ah! Heuschr. Na ja, denn das wär halt dann fatal! Rosa (ihn beschwichtigend^ . Es muß ja kein so großes Verbrechen sein. Ein ganz ein kleines — Heuschr. So vom Ortscherzel — Rosa. Und so etwas, das unter uns bleibt — Heuschr. Da wär halt so ein allgemeiner Familienmord — Rosa. Ach, was Ihnen wieder einfällt - Heuschr. Was anzünden, wär auch nicht ohne — Rosa. Nichts, nichts — Heuschr. Oder einer ganzen Gesellschaft aufwarten mit Laugenessenz — Rosa snngehaltenj. Daß Sie mich nicht verstehen wollen! Es handelt sich ja bloß um das Prinzip — Heuschr. Richtig, ja so ist es! Um eine principielle Infamie mit theoretischer Brutalität! Rosa. Endlich würde er sich ja nie so weit vergessen, etwas direct Ehrloses zu begehen. Doch so weit bringen Sie ihn schon, daß wir ihn haben, hart an der Grenze des Gesetzes. Dann gilt eS einen raschen Ausfall — Heuschr. Und wir hab'n n', n' Türken! Rosa. Also schnell an's Werk! Nicht wahr, Sie fangen ihn in seiner eigenen Falle? Nur das dahier sauf den Kopf deuteudj ein Bischen angestrengt, und unsere gute Ziehmama — sie bleibt im Hause. Biel Glück, ich hör ihn schon — adieu! f2. Thiir links ab.j Vierte Scene. H euschr e ck allein. Gleich darauf Fröscht aus der ersten Thüre rechts. Heuschr. Gedanken sind zollfrei, heißt's. Müssen die meinigen noch am Zollamt liegen. Das is eine Leere dahier, eine Leere — ich weiß nicht, ob ich aus mein Kopf nicht noch ein Sommertheater mach! Frösch l stritt sehr rasch, die Figur „das betende Kind" auf dem Arm, eins. So ! Dieses betende Kind ohne Beinkleider geht auch noch mit und dann — sHeu- schreck gewährend^ Sind Sie vom Möbelwagen ? Heuschr. Das nicht, aber aus'n Hans — Frösch l sihn fixirends. Ah, sind ja Derjenige, der unlängst betteln da war? Grad recht! sGibtihmdie Figur.j Haltens! Heut denk ich anders! fZieht die Brieftasche.f Ich unterstütz jetzt nur mehr Ehrenmänner. Hier haben Sie 2 fl., da eine Anweisung auf ein Schwitzbad und hier die Adreß von ein' Doktor, der reißt Jhner unentgeltlich die Zähn! Heuschr. O ich bitte! Fröschl sin Aufregung auf- und abgehend j. Ich frage Sie, is so was glaublich? 10 Jahre auf der Festung und Heirat't meine Tochter — Heuschr. Hab g'hört davon, a Keckheit! Fröschl. Net wahr? Da haben Sie eine Bolleten von der Bahn, können's um den halben Preis von hier bis Temesvar fahren — 46 Heuschr. Ich Hab aber gar nix zu thun in Temesvar — Fröschl sihm wieder ein Papier gebend). Gut, dann steigen's in Pest aus und rasens mit derer Karten auf'n Dampfschiff wieder heraus — H euschr. sder dem auf- und niedergehenden Fröschl aus Schritt und Tritt folgt). Freilich andererseits — Fröschl fimmer rasch einfallend). Aber das hat man von seiner Leichtgläubigkeit! Ich, die gute Stund selbst — wer denkt auch so was? — Und jetzt — in die Erd möcht ma sinken! Können's a Hundsmarken brauchen? Heuschr. Immerhin muß man aber sagen — — fnimmt schnell das betende Kind, welches er auf einen Tisch gestellt hatte um sich den Arm einzurichten, da Fröschl sich in den andern Arm hängt und Heuschreck mit sich fortreißt.) Fröschl. Und trotz alledem, was glauben Sie, was meine Tochter sagt? Bleiben will sie bei ihm — bleiben bei einem Menschen, aus den die Leute mit Fingern deuten? Heuschr. So was können Sie ja nicht dulden! Fröschl. Nicht wahr, nein? sUmarmt ihn so stürmisch, daß Heuschrcck die Figur mit beiden Händen auf dem Rücken des Fröschl umklammern muß.) Das is a Mann! Der hat a Gesinnung! sGibt ihm a Papier.) Zei- genS das vor in der Burg, derfens heut zur Fußwaschung hinein. Heuschr. sFür sich). Wart, jetzt krieg i Di! sLaut.) Denn sind Sie nicht ein Mann in einer öffentlichen Stellung! sFür sich.) Waß gar net, was er is? Fröschl. Eine Person, die Rücksichten zu nehmen hat? Heuschr. Und wann da so g'wisse Leut daherkommen, die behaupten, fehlen könnt a jeder Mensch — Fröschl. Lächerlich — dumme Kerle — Heuschr. So ein liederliches Volk, was sich gern ausredet aus Elend und dergleichen — — Fröschl. Die kommen schön an bei mir! Denn nach meiner Ansicht entschuldigen weder Noth noch Rausch noch Leidenschaft das Verbrechen! Werfen'« den Schmarn weg, daß man doch reden kann miteinand sentreißt ihm die Figur und wirft sie nach rückwärts zum Gepäck.) Heuschr. sauf- und ablaufend mit Fröschl). Seg'n Sie und darum gift ich mich, wann so ein Charakter wie Sie, so falsch beurtheilt werden kann. Fröschl. Von wem — Heuschr. Na, ich sag'S net — Fröschl. Sie thun mir einen Gefallen — Heuschr. Was soll ich Ihnen Unangenehmes — Fröschl. Da habn's a Zettel auf drei Monat in's Spital — Heuschr. Sie sind aber nicht bös — ? Fröschl. Heraus mit der Färb! Heuschr. Ah, dieser Michel, dieser herg'loffene — Fröschl. Wie, der hat was g'sagt? Heuschr. Daß Ihnen mitunter was bleibt von diese Vereinsgelder — Fröschl. Was — er hätt sich unterstanden? — Heuschr. Daß Sie auch als Beamter wegen so Kleinigkeiten pensionirt worn wären — Fröschl. Unerhört — Heuschr. Und daß nur darum so viel Verbrecher zu Ihnen kommen, weil Sie's bei Ihnen verstecken, die g'stohlenen Sachen — Fröschl smit der Hand auf den Tisch schlagend). Der Verstand steht Ein' still! Auf der Stell renn ich zum Gericht — Heuschr. Was liegt a so ein' Menschen an acht Tag Arrest? Fröschl. Freilich, lacht sich noch den Buckel voll. Sie hab'n Recht. Da muß man ohne Rücksicht als Mann von Würde handeln. Ich werd ihm zeigen, ob mir seine Orden imponiren. Er war Soldat -- gut! So alt ich bin, für 47 die Ehre — — wollen Sie mir einen Gefallen thun? Heuschr. O, ich bitte, sleise) sitzt schon — Fröschl ssetzt sich zu einem Tisch.) Hier schreib ich Ihnen alle Punkte auf! Galiziberg, 7 Uhr Früh, 3000 Schritte Distanz auf Kropazek Pistolen. Hyroni- mus Fröscht. Sie sind mein Sekundant. Das tragen Sie ihm hinein, ich warte sofort auf Antwort.- Heuschr. sden Zettel besehend.) Alles in Ordnung und (sehr ruhig.) jetzt verhaft ich Sie im Namen des Gesetzes — Fröscht. Wer? Wo? Heuschr. Wegen Herausforderung zum Zweikampf. Strafbar mit 2—6 Jahren schweren Kerker. Fröschl. Himmelsaprament! Er is von der Polizei! Was thu ich denn? Meist in die Brieftasche.) Da haben Sie zwanzig Gulden. Heuschr. ssie einsteckend). Verhaft ich Ihnen noch amal wegen Verleitung zum Mißbrauch der Amtsgewalt — Fröschl. Ich wirf Ihnen über die Stiegen — Heuschr. Also auch das Verbrechen der gefährlichen Drohung? Fröscht Auslassen oder meiner Seel — snimmt irgend eine Waffe vom Tisch.) Heuschr. Und der Gewahltthätigkeit! Sie kommen unter zwanzig Jahr gar net heraus — Fröscht ssinkt in einen Stuhl). Vier Verbrechen in drei Sekunden — ich bin verloren! Heuschr. Sie segen also ein, daß die Leidenschaft die besten Menschen in gefährliche auswechselt? Frösch l snach der Schrift langend). Ja ja, aber nur mein Papier — Heuschr. Nicht eher, bis Sie Ihrem Schwiegersohn verzieg'n haben, und die Hand Ihrer Tochter wieder in die Sei- nige legen. Fröschl. Was! Dem Mann soll ich verzeih'» — der uns so- Heuschr. Hat ja viel weniger an- g'stellt wie Sö? Da schau'ns her, da is a Pfeiferl. Wann i da h'neinblas, wimmelts in fünf Minuten von lauter Sicherheitswachter, und die ganze Stadt erfahrt Ihnere sämmlichen Verbrechen! sTritt zur ersten Thür rechts.) Gnä Frau — stritt zur zweiten Thür rechts.) Herr von Knoll, darf ich bitten?! Fünfte Scene. Vorige. Marie. Julius. Marie. Sie wünschen? Heuschr. Der Herr Papa will eine Rede halten — Julius. Man ruft mich? Heuschr. sleise). Alles in Ordnung! Fröschl ssehr barsch). Lieber Schwiegersohn, ich muß Ihnen aufrichtig sagen — Heuschr. Gefühlvoll-oder — sdroht mit dem Pfeifchen.) Fröschl sfreundlich). Daß es mich sehr freut, Gelegenheit zu haben swieder barsch werdend.) Ihnen endlich ordentlich meine Meinung ausdrücken zu können. Heuschr. sdas Pfeifchen an den Mund setzend). Soll i? Fröschl ssiebensüß). Es is ein angenehmes Bewußtsein, Jemand vor sich zu sehen, simmer zuwiderer werdend.) den man mit Herzenslust — Heuschr. spfeift leise.) Fröschl splötzlich wie umgewandelt). Umarmen möcht und da ich einsehe, daß ein charaktervoller Mann fernst werdend.) unter keiner Bedingung — Heuschr. sschickt sich an fürchterlich zu blasen.) Also gut — Fröschl sungeheuer liebevoll.) Ueber menschliche Verirrungen den Stab brechen kann, so bewillige ich — Heuschr. Höflicher — 48 Fröschl. So erlaube ich — Heuschr. Zu wenig — Fröschl. So bitte ich Sie (Für sich.) Malefiz Detektiv! Heuschr. Recht brav! Fröschl (barsch.) Meine Tochter wieder als die Ihrige zu betrachten. (Verschränkt die Arme, steht wüthend da.) Marie. O Sie lieber guter Papa! Jul. (ihn an's Herz drückend.) Der Himmel soll Sie uns noch recht lange erhalten. Komm Marie und erzähle Rosa von der Güte Deines Vaters — daß er versöhnt ist, daß Du wieder bleiben darfst bei uns! (Mit Marie ab.) Sechste Scene. Heuschreck. Fröschl. Fröschl (stürzt auf Heuschr.) Mein Papierl! Heuschr. Da haben Sie's! Fröschl (zerreißt es in höchster Erregung sich den Schweiß abwischend.) Bis setzt bin ich aufg'sessen, aber liegt mir nix dran — denn jetzt kommen Sie an die Reih! Heuschr. Ich? Fröschl. Sie haben das Geld an- g'nommen von mir, haha! Haben's noch im Sack, Hahaha! Erwiesene Bestechung, jetzt zeig ich Ihnen an! Heuschr. Ich kann ja Geld annehmen so viel ich will — Fröschl. Als öffentlicher Beamter — ? Heuschr. Ich a Beamter? Wer sagt Ihnen das? Geben's her no was? Fröschl. Sie sind kein Detektiv? Heuschr. Gar ka Red! Fröschl. Dann hat mich der Preuß vielleicht gar net verleumd't? Heuschr. Hat Ihnen sein Lebtag net g'seg'n. Kennt Ihnen gar net! Fröschl (entrüstet.) Ah — also eine Fopperei? Heuschr. Wann's erlauben. Fröschl. Und so geht's Ein' unter die ehrlichen Leut? Unterstütz' ich wieder die Mörder! Gleich fang' ich an. Und wie ein honnetter Mensch kummt um zwa Kreuzer — über die Stiegen mit ihm! Hol Ihnen der — — Ah! Ah! (1. Thür rechts ab.) Siebente Scene. H e u s ch r e ck. H euschr. Erster diplomatischer Sieg! (Da sich die 1. Thüre links öffnet.) Was mach i aber mit dem? Halt! Wie wär's? Her mit der Frau Mutter! San's amal beinander — das Andere mach ich! (Durch die Mitte ab.) Achte Scene. Michael, gedrückt und gebrochen. Franz. Michl. Je mehr i mi umschau in Wean, das san andere Menschen wor'n, andere Ansichten, i paß nimmer her! Franz. Nicht wahr, Vater, es hat sich seit 20 Jahren Vieles verändert. Während ich aber das Gute — Nene nur entstehen sah, zu jung, selbst mit- zuwirken bei der Neugestaltung unsrer Stadt, bei der Reform unserer Gesetzgebung und des Verkehrs — war'Ihnen, Vater, doch Gelegenheit geboten, mitzuarbeiten an der Aufrichtung von Stadt und Reich. Warum sind Sie denn fern geblieben? Michl. Weil ich gedacht Hab', wann man recht schimpfen thut über a Vor- urtheil — das is schon g'nua. Franz. Es ist ein neues Reich, das Sie durchwandert haben. Der Ruf zur Fahne, Vater, ist nicht, wie damals zu Ihrer Zeit, das Traner-Signal für die Familie. Man nimmt uns nicht, wie 49 einst, den ganzen schönsten Theil des Lebensalters — nur eine kurze Zeit — so viel nur, um uns in Stand zu setzen, das Land zu schützen, wenn Gefahren drohen! -— Und das Heer selbst? Nicht bloß die Armen, die einst die Loskauf - Summe nicht erschwingen konnten, Alle gehören wir ihm an! Hoch und Nieder — Reich und Arm — wir wollen das, was Sie vielleicht ersehnten, Gleichheit vor dem Gesetze! M i chl (unruhig). Und red', die Strafen bei die Soldaten? Franz. Ach, jener Doktor, der die Menschheit einst entehrte, ordinirt nicht mehr. Die Kinder eines freien Volkes, die schlägt man nickt wie Sklaven — man straft sie am empfindlichsten durch den Verlust der Freiheit. Es sind schwere Zeiten gekommen über Oesterreich, Vater, und doch, wohin Sie Ihre Schritte lenken, tritt uns der Geist der neuen Zeit entgegen. Wir glauben heute nach unserer Ueberzeugung, nicht nach Dressur; das Hausrecht ist gewahrt, das freie Wort hat Geltung, der Unbedeutende spricht mit als Wählerin der Verwaltung und selbst dem Kerkersträfling hat man die Ketten ab- gelöSt! Wahrhaftig, Vater, Sie müssen sich versöhnen mit Ihrem Heimatsland! Mich! (gebrochen). Muß do net gar so schlecht sein — da bei uns da- ham - — Franz. Sie sind verbittert — krank! Doch das soll anders werden! Die Luft der Heimat wird Sie wieder stärken! Michl (fällt bitterlich weinend seinem Sohn um den Hals). Die Heimat! die Heimat! Franz (gleichsam tröstend). Vater! Michl. Na, mein Kind, Dein Vater geht der neuen Zeit im Weg herum, und sieht's jetzt ein, daß er's net so verstanden hat — sauf die 2. Thüre links deutend) wie der! So rächt man sich! Man siecht sein Unrecht ein — thut denen Gut's, die Ein' mißhandelt Theater»Repertoir 318. haben — halt aus im Unglück, rafft sich wieder auf-strebt, baut, beglückt - — — das san so Klang' aus mein' Oesterreich — die i vergessen Hab! Franz (ihn beruhigend). Sie waren leidenschaftlich, unüberlegt — Michl. Ich war schlecht! D'rum is's a aus! Mein Mutter will nix wissen mehr von mir, und wo i anklops bei Bekannte — sauf die Orden deutend) mein' Auszeichnung, die klagt mich an! Selbst vor Dir, der Du so g'sund zu reden waßt, da schäm ich mi! Für mich gibt's nix mehr als a Kugel vor'n Kops! — Franz. Weg mit solchen Gedanken, Vater! Suchen Sie vorerst den Segen Ihrer Mutter zu gewinnen und dann frisch auf zu neuem Leben! (Da die 75» jährige Therese im Gewände der zur Fuß» Waschung bestimmten alten Frauen von Heuschreck geleitet, eintritt.) Eine alte Frau- Michl. Um Gotteswillen still — sie ist's! (Versteckt sein Gesicht an der Brust seines Sohnes.) Neunte Scene. Vorige. Therese. Heuschreck. (Die Thüre bleibt offen und man sieht im Eingänge Knill und Höller. Beide in Invaliden - Uniform. Während Knill's linker Fuß steif ist, fehlt dem Höller der rechte Arm.) Heuschr. Sie wollen sich also beim Herrn Knoll bedanken, Frau Plank — gleich wird er da sein. (Wendet sich gegen Michael und deutet ihm, daß er der alten Frau zu Füßen fallen soll. Dann ab 2. Thüre links.) Zehnte Scene. Vorige. Ohne Heu schreck. Ther. (die Heuschreck's Gesten betrachtete). Was hat er denn, der gasnarrische 4 50 Ding? (Tritt, auf ihren Stock gestützt, näher). IesuS — mein Sühn — — Mich! (will auf Sie zu). Mutter — Ther. (weist ihn zurück). Die alte Plant, die heut im Rittersaal sitzen wird vor der Kaiserin, die ihr Lebtag treu g'halten hat zum Haus Oesterreich, die noch anno 66 ein' verwundeten Trompeter alle Tag ein Panadel bracht hat — diskurirt nicht mit Leut, die Alles, was sie g'lernt hab'n auf der Schmelz nachher gegen uns verwenden — Franz (oortretend). Dann lassen Sie Ihren Enkel bitten für den Sohn — Th er. Was? Sie? Der Herr da in der kaiserlichen Uniform — Sie mein Enkel? Kumm her, G'schneckelter — Dich laß i mir g'fall'n! (Franz küßt ihr die Hand.) Dich, wegen meiner segnet die alte Frau — denn wie ich siech, bist Du ja ganz a anderer Mensch, als wie Dein Vater! Franz. Nicht so hart, liebe Großmutter ! Th er. Und war denn er anders? Anstatt den Fehler seiner Mutter hin- zunehmen und sie nach und nach am rechten Weg zu briugen, anstatt a bissel z'leiden auf derer Welt, wie's Jedem zukommt — na — herunter hat er müssen von Staffel zu Staffel, vom Leichtsinn ang'fangt bis abi zum Verbrechen — Franz. Sie vergessen, daß er das Bürgerrecht zurückgelegt hatte, daß er Angehöriger eines andern Staates wurde — Th er. Na, mein Kind! Alles hält ich ihm nachsegen können, aber daß er, a Liechtenthaler Bue, a Preuß wor'n iS — — das kann i net verzeig'n! (zu Michel) Du hast Wohl schöne Orden da, aber mir scheint immer, Du hast a'S Kreuz auf der Brust. (Michel nimmt die Orden von der Brust) — (Winkt die Korpo- räle herein). Kummens eina, meine Herrn? (Zu Franz.) Zwa Bekannte von mir, die mich hineinführen heut zu derer Festlichkeit! (Zu Michl.) Da schau Dir's an, wie Du's zug'richt't hast, Preuß! Der Ane geht mit der Maschin und der Andere schnopft mit der linken Hand! Schama thät ich mich an Deiner Stell von der Früh bis in die sinkende Nacht — Michl (der während der letzten Rede seine Ehrenzeichen langsam losgelöst und in den Sack gesteckt hatte). Herr Knill — Herr Höller — die Mutter hat Recht — ich Hab mi schwer versünd't, aber der Haslinger von damals — Knill. Papperlapah ! Sie hab'n als preußischer Soldat Ihner Schuldigkeit thau — ob deutsche Tapferkeit, ob hiesige — da hab'nS mein Hand — Höller. Und da iS die Meine. Mit der UchatiuSkanon da wird's schon besser geh'n! Ther. Da siegst es! Solche Capral'n wachsen daham! San Krüppeln wor'n durch Di und verzeig'n! — Macht Enger Krupp solche Männer a? Michl. Und Sö Frau Mutter — Sö allanig bleib'n mir fremd? — T h e r. So lang, bis i wieder was Weanerisches hör von Dir, bist wieder g'hörst zu uns durch Dein G'sinnung, bis Du ein Anrecht auf Dein Heimat hast — Knill. Frau Plank — Höller. San'S g'scheidt — — Ther. Verlangen'- nix Unmögliches von mir! Ich kunnt der hohen Frau, der mir'S verdanken soll'n, daß der Haslinger abg'schafft ist — nicht in'S G'sicht schaun bei der Feier — weil ich fürchten müßt, sie glaubet ich halt'S mit'n Judas von anno 66, der sein Vaterland verkauft hat — mit mein Sühn! Eilfte Scene. Vorige. Julius. Heuschreck (aus der 2. Thüre links) Julius. Meinen Glückwunsch, wackere Frau! 51 Heuschr. G'schwind d'rauf los! Er hat die Spenvirhosen an! Th er. Gnä Herr — Sie haben so viel Gutes gethan an mir und an mein Enkel da — die Handschuh da san auch von Ihnen — Julius. Nicht der Rede Werth! Th er. Daß ich mir den Rand g'nommen Hab zu einer neuchen Bitt — Heuschr. Denn das iS der Fluch der guten That, daß die Leut fortwährend neue G'fälligkeiten brauchen. Julius. Nun? Th er. Ich und die 2 Invaliden da waren gestern bei einer Leich — Heuschr. In der Schwimmschnl am Centralfriedhof — Th er. Den Lieutenant Helm haben wir begrab'« — den nemlichen, der sich! vor 20 Jahren beim G'richt so verwende hat für mein Sohn! — Als Diurnist beim Magistrat is er g'storben — Gott hab'n selig! Julius Mr sich). Der Einzige, der auch für mich gesprochen — Ther. Hat nach'n Krieg die Quittung eingereicht — Heuschr. Quittirt — Th er. G'heirat't — s'Weiberl is hinüber — und jetzt steht a armes Buberl mit 6 Jahr alser verlassener da! Hab ich Ihnen halt bitten wollen, weil Sie gar a so a guter Herr san — Sie möchten ihm a Platzl im Wasel- haus verschaffen, und ihm das Geld da anleg'n, die 96 Gulden, die mir überblieben san von Ihnern Hunderter — Julius. Mit tausend Freuden! Ich werde ihn selbst abholen, und lege das 10-fache zu! Th er. Er hat mein Sohn Gut's than, der Selige, möcht i halt sorgen für den Seinigen — IuliuS. Sie sind eine echte Wienerin, eine wackere Frau! Mein Wagen ist vorgefahren, kommen Sie, wir wollen Sie geleiten in die Burg! Ther. szu Franzj. Werd ein braver Mann, mein Kind, und such's öfters Ham, Dein Großmutter im Versor- gungshans — und Du Preuß, schau, daß'd wieder hamfind'st und daß'd ein Oesterreicher wirst! Me ab bis auf Franz, Michl und Heuschreck.j Zwölfte Scene. He «schreck. Michl. Franz. Heuschr. Na, Michel hab'ns ein Gedanken ? fDa Michl während der Erzählung Theresen immer unruhiger ward und nun auf- und abeilt.j Michl. Ja ja, so und net anders! Niemand will's nehmen dös mein Geld? Fürchten thnt sich a Ied'S davor? Haha, jetzt hat's sein Platz! Ms die 2. Thüre links tretend.! Der allan dort soll dankbare Leut finden auf derer Welt, i net a? Kinder — mir is was Oester- reichisch's eing'fallen, das is Wean, was sich da rührt — i g'hör wieder her zu Eng — und mein Mutter, dö iS wieder mein. — Klimm Franz — kumm — fMit Franz eiligst durch die Mitte ab.j Dreizehnte Scene. Heuschr. Der is ja ganz außer sich ! Aber das hat er von sein' Rabiatsein! Mir könnt so was nit g'scheg'n weil ich zu die A b g es ch l i f f e n e n gehör', zu jener Gattung, die durch die Katastrofen eines Bessern belehrt wor'n is! Wir, die wir „zwei Jahre in Paris waren" sind für gewisse Dinge viel zu gebildet! — Couplet. A solche Affaire — wie Theurungs- mis^re, Die hat man vor Zeiten energisch kurirt, 3 * 52 Den Fleischer trotz Brummen — beim Ohrwaschl gnummen, An d' Ladenthür g'nagelt, wann er nit parirt. So grob is jetzt Kaner — wir essen die Bauer, Vom Ohrwaschlannagln is keine Spur, Das wär' ja zu schmerzlich — nur ja nicht vormärzlich, Da sind wir ja viel zu gebildet dazu! — Von Freiheitsglnth sprühend — so stürzten wir glühend Zum Kampf einst für Fortschritt, für Recht und für Licht, Kühn wurde gerungen — die Fahne geschwungen, Man opferte Alles der heiligen Pflicht. Doch jetzt nur pomali — geht Alles auch tschali, Der Tempel der Freiheit is Redensart nur, Zum Erwarten net können — und alleweil rennen — Da sind wir jetzt rc. Die Haar, wie sie wachsen, hab'n d' Frau'n ohne Faxen Getragen in der früheren dalkerten Zeit, So Locken und Scheiteln - das hat diese Lenteln In einer verflossenen Epoche gefreut. A Kopf ohne Roßhaar — ja was denn nit All's gar, Aus eigene Haar eine schöne Frisur, A feinere Gredl — ohne so a Trumm Knödel — Da sind wir jetzt rc. Was hab'n d' Kandidaten — für riesige Thaten Den Wählern mitunter in Aussicht gestellt. Wie hat da a Jeder am Wirthschafts- kateder Die Arm wie verrückt in der Luft um- mag'schnellt. Die Zeit ist verronnen — sehr ernst und besonnen Solid sitzend da in der schweigsamsten Ruh — Zu eifern mit Feuer — wie einst gegen die Steuer — Da sind wir rc. Mit riesigen Mauern, daß ewig soll'n dauern, So hab'ns amal baut in der früheren Zeit, Net, daß auf a Schneutzung a Dippeb bamspreitzung Muß vorg'nommen wer'n, a so, als wie heut' Ohne Hochquellenhabung — wenn auch mit Verschwabnng, Zieht Niemand mehr ein, ja da is keine Spur — Fallt auch der Plafond ein, wer wird denn gleich bös sein — Da sind wir rc. Na gewiß ohne Frag — war'ns schon drin Nachmittag — So fragt eine Fräul'n, sehr stolz aus ihr'n Geist — Der Hamlet vom Friedmann — nichts Besseres sieht man — Nein, sagt d'rauf die And're, ich geh' bloß zum Kleist. Ach, Kind, diese Meininger — das sind die Reiniger Unserer Muse und uns'rer Kultur! So reden's — doch zum Stricken, zum Kochen und Flicken — Da sind diese Fräul'n zu gebildet dazu. (Nach demselben Zwische n -Vorhang.) Sechstes Bild. Ausgeglichen Die Scene spielt in der Hofburg unter dem Schwibbogen, bei jener Stiege, die zum Rittersaale führt. Das ganze Arrangement läßt darauf schließen,' daß in der Burg soeben ein Fest begangen wird. Zwei Arcierenleibgardisten halten den Eingang besetzt, während auf der mit Teppichen belegten Treppe Herren in reicher Uniform verkehren. Hofdiener in Galalivreen, Gareisl und andere Figuren aus dem 1. Acte. Volk aller Klassen, das den Eingang umdrängt. Bnrggensdarmen, welche die Ordnung aufrecht erhalten. Erste Scene. Wetti von rechts mit 2 Kindern. Ein Burggens darm und nach und nach die anderen Gestalten aus dem 1. Acte. Wetti. Is schon angangen die Feierlichkeit, wann ich fragen darf. Burggensd. Wird gleich vorüber sein! Bitte links! (Tritt. ordnend nach rückwärts.) Retti (von rechts mit 3 Kindern). O grüß Ihnen Gott Frau von Bechlinger! Wollen g'wieß auch die alte Plankin seg'n — unser Kapäunlerin, wie wir noch Köchinnen waren? Wetti. Ich bitt Sie Madame Koch, die Kinder geb'n ja ka Ruh, haben müssen dabei sein! Sali (mit 4 Kindern; hinter ihr der Gatte ein kleines Kind auf dem Arm, tritt auf.) Ja siech i recht? Wetti und Netti. Die Kammer- lachner! (Gegenseitige Begrüßung.) Lori und Fanni (die 2 alte Jung- fern geworden sind, jede mit Augengläser, einen Hund auf dem Arm.) Lori (auf die vielen Kinder deutend). Was sagen's denn da dazu? Ich versichere Ihnen, da is halt das Ledigsein a Wohlthat dagegen! FaNNi (als wenn sie in einer Erzählung unterbrochen worden wäre). Also, daß ich Ihnen sag, ich setz' den Nennzehner auf Brünn — was g'schieht? In Hermannstadt kummt er aussi! Ich geh also, ja — — — (sie verschwinden in der Masse.) Zweite Scene. Vorige. Julius. Marie. Rosa. Knill. Höller. Heuschreck Dann Therese. Zuletzt Michael und Fran z. Julius. Die arme Frau — was sag ich ihr denn nur? — Die Woh- 54 uuug des Verstorbenen geschlossen — der Knabe von einem Unbekannten weggeholt — Knill. Vielleicht vom Amt — Höller. Oder 's hat ein alter Kamerad — Marie. Verschweigt es ihr — Rosa. Sie kommt — sauf der Treppe kommen verschiedene Hofchargen herunter, unter ihnen von 2 Dienern geleitet, die alte Therese, hinter ihr andere Pfründner; bewegtes Leben.) Wetti. Die da, die Erste is's — Netti. Wie rüstig als's no dahersteigt — Gareisl. Wann i denk, i war ihr Beistand — Heuschr. Und so ausgezeichnet heut! Zur Fußwaschung die Mutter, wo eigentlich dem Sohn der Kopf gewaschen werden sollt — Stimmen fdnrcheinander). Grüß Gott, Frau Mutter! Servus Plaukin — Ther. fallseitig grüßend). Dank schön, Leuteln- fzu den Hosdienern) O ich dank schön! fNimmt ihnen die Körbe ab.) Das tragt schon der nach Haus! fHeuschr. übernimmt die Spenden.) Ich sag Eng, ausg'schaut hat die hohe Frau, als wie a Maderl! Und dös Klad und dö Brillanten und dö Freundlichkeit von ihr — das war meine schönste Stund! Heuschr. fder einige Speisen kostet). Kochen sehr gut bei Hof; wann man schon so viel bei einer Fußwaschung kriegt — ich kummet alle Tag baden! T h e r. fJulius erblickend.) 3a, meiner Seel — Sö a da und is er schon versorgt? Haben's g'halten das Versprechen ? Julius. Das Kind ist fort — ein Fremder hat es weggeführt — Ther. A Fremder — Himmel wer denn?! Michl saus der Masse hervortretend, einen Knaben auf dem Arme, hinter ihm Franz.) I, Mutter war's - i der Fremde in mein Heimatland! Da schau das Büchel an, die Orden sau versilbert. Mein ganzes Um und Auf, in d'Sparcassa Hab ich's eiuig'feuert, hab's ang'legt finden Bub'n — und will sein Vater sein — will ihn erzieg'n, wie der damit er ausgleicht, was i verbrochen an mein' Land — Knill. Das is a Red — Höller. Is halt do a Weaner — Fran z. Der nun seine Mutter um den Segen bittet — The r. Michl — Bue nixnutziger — kumm her zu Deiner Alten — jetzt bist daham! — fSie halten sich umschlungen.) Julius fdie Hände Rosas und Franzens ineinanderlegend) Und Was die Väter einst entzweit — was kümmert es die Kinder?! fDie Musik fällt ein und während allseitig begrüßt, eine lange Reihe von Greisen und Greisinnen die Treppe Herabkommen, fällt der Vorhang.) Ende. In der Jänner 1876 neu begründeten Wallishausser'schen Sammlung Deutscher Dihukuwerkk sind bisher erschienen: 1. Das Trauerspiel des Kindes. Schauspiel in 2 Acten von Sigmund Schlesinger . . . fl. 1.20 2. Eine Jugendsünde. Schwank in 3 Acten von Julius Findeisen .fl. l.20 3. Tiberius. Tragödie in 5 Acten von Julius Grosse . . fl. 1.50 4. Der Seelenretter. Lustspiel in 1 Act von Hedwig Dohm. fl. —.90 5. Das heiß' Eisen, ein Nürnberger Fastnachtsspiel von Hans Sachs. Für die neuere Bühne eingerichtet von Rud. Genee . fl. —.50 6. Corstz Ulfeldt, der Reichshofmeister von Dänemark. Trauerspiel in 5 A. und einem Vorspiel von Martin Greif. 2. Ausl. . . fl. 1.80 7. Dschingiskhan. Lustspiel in 1 Act von Karl Gutzkow. . fl. —.60 8. Die Philosophie des Unbewußten. Lustspiel in 1 Act von Oscar Blum ent hat . . fl. — 90 9. Reine Hände. Lustspiel in 4 Acten von M. Oeribauer . fl. 4.20 10. Der Tanzboden. Dramatische Kleinigkeit in 1 Act von Moriz Epstein. fl. -.70 11. Rose und Distel. Schauspiel in 1 Aufzuge .... fl. —.80 12. Spartakus. Trauerspiel in 5 Aufzügen von Franz Koppel-Ett- feld .fl. 1.50 13. Durch Champagner. Lustspiel in 1 Act von Betty N»ung. fl. —.60 14. Angebetete Elisabeth. Lustspiel in 1 Akt von Carl Saar fl. —.70 In dieser Sammlung toerden in rascher Aulemanderkolge erscheinen: Ein Achtundvierziger. Orig. - Volksstttck! in 6 Bildern von Eduard Dorn. Brelislav. Trauerspiel in 5 Acten von Herrn an Schmid. Brüllvogel. Schwank in 1 Act von Paul Perron. Camöens. Trauerspiel in 4 Acten von Her man Schmid. Eine deutsche Frau. Schauspiel in 3 A. von Herman Schmid. Didier. Schauspiel in 3 Acten, nach Pierre Verton, von Betty Paoli. Don Auixote. Von Herrn an Schmid. Ein ernster Heiratsantrag. Lustspiel in 1 Act von Sigm. Schlesinger. Franz Schubert. Orig.-Singspiel in 1 Act von Hans Max. (Musik mit Benützung Schubert'scher Motive von Franz v. Supp6.) Frau Sonne. Lustspiel in 1 Act von Sigmund Schlesinger. Fürst und Stadt, oder: Die Münchener Kindeln. Volksstück in 5 Acten von Herman Schmid. Eine gute Lehre. Schwank in 2 Acten, nach einem italien. Stoff, von Heinrich v. Littrow. Ich liebe Sie! Lustspiel in 1 Act, frei nach Charles Hugo, von F. Zell. Im Posthause. Lustspiel in 1 Act, frei nach dem Polnischen des I. Korze- niowski von Hans Max. Ein Kuß. Lustspiel in 1 Act von H e i n- rich v. Littrow. Ludwig im Bart. Trauerspiel in 5 Acten von Herman Schmid. Männer von Ehre. Schauspiel in 4 Acten von Charles Garant». Deutsch von M. A. G r a n d j e a n. Maximilian. Von Herman Schmid. Nero. Trauerspiel in 5 Acten von Martin Greif. Der neueste Scandal. Komödie in 3 Acten von Theodore Barriere. Deutsch bearb. von F. Zell. Einzige berechtigte Bearbeitung (für das Wiener Stadt-Theater). Des Dnkets Liedchen. Schwank mit Gesang in 1 Act, frei nach d. Polnisch, des Ioh. Alex. Graf Fredro, von Hans Max. Ein Dpfer der Patienten. Lustspiel in 1 Act von Sigmund Schlesinger. Ein Bpfer der Wissenschaft. Lustspiel in 1 Act von Sigmund Schlesinger. Paul de Kock. Lustspiel in 1 Act von Carl Weiß. Poeste und Prosa. Von Herman Schmid. Der preußische Landwehrmann und die französische Bäuerin. (Knrmärker und Picarde.) Komische Scene mit Gesang, nach einem Genrebilde bearb. von Friedrich Kaiser. (Musik von Franz v. Supp 6.) Die Schranke des Glücks. Lustspiel in 1 Act von Sigmund Schlesinger. Der Selbstmörder. Von Herman Schmid. Straßburg, oder: Eine deutsche Stadt. Trauerspiel in 5 Acten von Herman Schmid. Thassito. Tragödie in 5 Acten von Herman Schmid. Der Theuerdank. Lustspiel in 5 Acten von Herman Schmid. Eine Tragische. Dramat. Scherz in 1 Act von Sigmund Schlesinger. Die Veilchen. Lustspiel in 1 Act von M. v. Eschenbach. Die Veitchendame. Orig.-Volksstück mit Gesang, mit einem Vorspiel und in 6 Bildern von Eduard Dorn. (Musik von C. Millöckers Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Schwank in 1 Act von Paul Perron. I'antippe. Lustspiel in 1 Act von Heinrich v. Littrow. Zu treu. Von Sigmund Schlesinger. Zuvor die Mama. Lustspiel in 1 Act, frei nach d. Polnisch. deS I. Kor- zeniowski, von Hans Max. Der Zweck heiligt die Mittet, oder: Der Kapellenbauer. Orig. - Charakterbild mit Gesang in 7 Bildern von Eduard Dorn. (Musik von Karl Kleiber.) Der Beginn unseres Theater-Berlages fällt in die Zeit der Gründung des Wiener Burgtheaters und bildet mit unserem Theater-Sortimente und mit unserem Theater- Antiquariate das größte und vollständigste Lager dramatischer Literatur, in dem auch selten gewordene und im Handel gar nicht vorkommende Piecen zu finden sind- Bon dem bekannten „Wiener Theater-Repertoir" sind soeben Heft 300 bis Heft 31S ansgegeben worden (die neuesten Products von Berg, Bittner, Dorn, Eirich, Grandjean, Kaiser, L'Arronge, Morländer, Rosen, u. A. enthaltend). Bon Grandjean's „Gute Unterhaltung" ist Bändchen 4, von „Weyl's gesammelten Borträgen" sind Heft 11—13 neuerdings erschienen. Wien, Mai 1876. Waltishauster'scht AuchhllMllNg, lIostf Kr,mm). Druck von I. B. WalliShausser in Wien. Die Sündfluth. Dramatisches Märchen in 15 Bildern, mit MM, Gesängen, Lünzen und lebenden Lableaux Alle Rechte Vorbehalten. Men, 1876. Verlag der Wallishaulser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Das Aufführungsrecht für Bühnen ist nur zu erlangen durch den Verfasser Eduard Dorn, Wien, Neubau, Kirchengasse 10. Personen. Leviathan, Fürst der Hölle. EbliS, seine Tochter, die Schlange des Paradieses. Hululu, Sohn des Gottes Azael, Herrscher in Kainsland. Le da, (Eblis) seine Schwester, Mitregentin, Anführerin der Amazonen. Asses, Reichsminister. Renoch, oberster Feldherr. Nervus, Minister der Schätze. Herodius, Statthalter. Der Oberbonze im Tempel des Goldes. Gom, Leda's Vertrauter. Kadus, Hauptmann der Lauscher. Erster i Zweiter > Lauscher. Dritter s Bachne, Tochter des Hofgärtners. Noah, Stammvater im Gebirge der Unschuld. Japset, Noah's Sohn. Philos, aus dem Stamme Seths, Noah's Schwäher. Ada, seine Tochter. Bachalus, ein Vetter deS Philos. Gabriel, Diener Jehovahs. Krieger. Baalspriester. Amazonen. Bajaderen. Richter. Mohren. Kriegsgefangene. Lausche» Bürger. Vernrtheilte. Hirten. Dämonen und Geister der Unterwelt. Enos Thubailkain > Jünglinge. Jubal I Millado, ein Bildhauer. Mädchen an Leda's Hofe. Amoretta ' Ein Ceremonienmeister. Ein Abgesandter des Herrschers zu Enoch. Erster Zweiter ^ Bürger. Den Bühnen gegenüber als Mannscript gedruckt Erstes Bild. Vor Leviathans Thron. Kinleiturrgsinustk. Die Unterwelt. Schwarz blaue kolossale F e l s e n m a ss e n. Erste Scene. Leviathan auf seinem ehernen Throne, umgeben von den Dämonen der Ungerechtigkeit, der Herrschsucht, der Gewalt, der W o llust, des Krieg es, der Falschheit, des Z orneS, des Nei d eS und des Aberglaubens. Gefallene Engel und Diener der Hölle im Hintergründe. Leviathan. Mächtige Geister! Vernehmt, warum ich Euch um mich versammelt habe: — Meiner geliebten Tochter Eblis, die in Gestalt einer Schwester des Herrschers in Kainsland sich befindet — gebot ich vor meinem Throne zu erscheinen! Ein Auftrag, der ohne Säumen vollführt muß werden, harret ihrer — und Eurer! Alle sfeurigs. Gebiete über uns! Wir gehorchen! — Leviathan. So recht! Euch beseelt ein Gefühl! Nur in der Hölle herrscht Einigkeit! Nur bei mir arbeitet und wirkt Jeder für einen Zweck!! — Wahrhaftig! Stolz erfüllt meine Brust — denn wer über Euch gebietet, kann leicht den einförmigen Glanz des Himmels entbehren!! — Liegt nicht in dem Gefühle der Rache, die wir an den schwachen Günstlingen des Ewigen nehmen — in der Beförderung ihres Thcater-Repertoir Nr. 319 . Wahnsinns, ihrer Laster, wodurch sie unaufhörlich seine Zwecke vernichten — liegt darin nicht Ersatz für unsre Leiden?! Alle (entstammt!. Es lebe die Hölle! Leviathan. Heil Euch allen, die dieser Gedanke hoch entflammt!! — Doch still? — Ich vernehme bereits den Hufschlag der Centauren, die meiner Tochter Siegeswagen leiten! — Sie kommt! — Musik.! Zweite Scene. (Im Hintergründe öffnen sich die Felsen, Eblis die in einem Siegcswagen aufrecht steht, welcher mit vier Centauren bespannt ist, fährt in den Vordergrund. Die Felsen schließen sich.! Alle. Heil Eblis! Der Tochter Leviathans ! Eblis (eine junonische Schönheit. In langen blonden Flechten wallt ihr Haar über den entblößten Nacken. Sie trägt ein grün- schillerndes Gewand, als Gürtel um den Leib eine glänzende Schlange, auf dem Haupte eine Krone aus schimmernden Nattern u. s. w. Sie ist vom Wagen herabgestiegen und kniet vor Leviathans. Hier knie ich, vor Deinem erhabenen Throne, um zu vernehmen, was Du Mächtiger gebietest!! — 1 * 4 Leviathan. Erhebe Dich, meine Tochter! Ich kann Dir meinen Beifall nicht versagen, denn seit Du des ersten Brudermörders Reich beherrschest, winseln bereits Tausende in ewiger Ver- dammniß, und täglich vermehrt sich heulend die Bevölkerung meines Gebietes! — Deine Arbeit war gut, dock sie galt nur dem Geschlechte Kains! — Jetzt sollst Du Deine Kraft an den Lieblingen des Ewigen versuchen! — Eblis. Verleihe mir alle Macht, über die die Hölle gebietet, und Deine Tochter wird Deine Aufträge getreulich vollführen! — Leviathan. Wohlan, so höre! — Unter Noah dem Gerechten, im Gebirge der Unschuld, lebt Philos aus dem Stamme Seths, mit seiner unschuldsvollen Tochter! Murrend schaut er aus dem Reiche der Unschuldigen sehnsüchtigen Auges in die Thäler, wo Kains Nachkommen in Ueppigkeit beisammen leben! Starrsinnigen Gemüthes sammelt er Zweifel in seinem Herzen, und pocht an die Thore des Ewigen! Eblis. O den Thoren kenn' ich! Jüngst, als ich nächtlich im Gebirge mit Wolkenrittern stritt, hört' ich ihn seufzen und stöhnen! Ein philosophiren- der Narr! Was willst Du mit ihm, mein Vater? — Leviathan. Mittel zum Zweck sei er mir, dieser grübelnde Vernünftler, mit seiner frommen, unschuldsvollen Tochter! — Führe ihn an den Hof, wonach seine Seele lechzt, dort bringe ihn durch Deine Kunst der Verführung so weit, daß er in seiner Gottähnlichkeit sich schändet, und ans seinem unschulds- vollen Kinde mache eine Sünderin, so groß, daß sie an Vermessenheit und Kühnheit alle Töchter Kain's übertrifft! — Stifte durch jene Unschuldigen, die der Ewige stets seine Lieblinge nennt, so viel Böses, als Du hier in diesem Buche vorgezeichnet findest! (Ueberreicht ihr ein kleines schwarzes Buch.) Eblis (das Buch nehmend und es einen Augenblick verächtlich betrachtend.) Nach einem Buche soll ich handeln? Planmäßig vorgezeichnet? Schwieriger wird dieser Auftrag wohl auch nicht sein, als jener war, wie ich damals die ersten Menschen zu Falle brachte? — Leviathan. Daß doch die Jugend zu Zeiten klüger sein will, als das Alter, die Erfahrung! — Bald zweitausend Jahre sind seitdem verflossen, die Menschen nützten diese Zeit, und übten sich im Bösen! Es möchte Dir heutzutage wohl schwer werden, sie mit rothbackigen Aepfelchen zur Sünde zu verleiten? Folge mir, mein Kind, nimm nur das Buch, es ist meine Handschrift, und wird Dir trefflich nützen! — Eblis. Wohlan, ich gehorche! Gib mir zum Geleite die Dämonen des Goldes, des Krieges, des Aberglaubens und der Wollust! Im Vereine mit ihnen will ich der Hölle dienen, und Thaten vollbringen, die Deine Macht und Dein Ansehen auf Jahrtausende befestigen soll! Leviathan (frohlockend). Daran erkenne ich meine Tochter! Folgt ihr und seid ihres Winks gewärtig! Eblis. Leb' wohl, glorreicher Vater! Bald sollst Du von meinen Thaten hören! — (Musiks. (Eblis besteigt von Dämonen umgeben den Wagen.) Alle. Heil Eblis! der Tochter der Hölle. Der Aorhang fasst. Zweites Bild. Im Gebirge der Unschuld. Felsenlandschaft mit einzelnen Baumgruppen der vorsündfluthlichen Flora. Im Mittelgründe die im Baue befindliche Arche. Im Hintergründe pittoreske Gebirgszüge. Im Vordergründe behauene und rohe kolossale Cedernstämme. sSonnenuntergang.j Erste Scene. Arbeiter und Hirten im Hintergründe betend im Kreise knieend. Phi los sitzt tiefsinnig auf einem Felsen im Vorder- gründe. Hinter dem Felsen Eblis. lChor der Arbeiter, dazwischen verlockender Gesang von EbliS.j Chor. Wir beten Dich an, Wir flehen zu Dir, Sei unser Hort, Sei unser Panier. Eblis. sGesang.s Folge der Lockung des Herzens allein Und glaube der Stimme, die in Dir spricht: Bei mir nur ist es ein wonniges Sein, Bei mir wohnet Liebe und rosiges Licht! Chor. Dein Wille sei uns Gebot Jetzt — und bis in den Tod! Eblis. Quäle den Geist nicht länger in Dir Der zweifelnd nur Hoffnungen nährt! Ich führe Dich, komm, sei muthig und kühn — Wo des Paradieses Wonnen Dir blüh'n! Chor. Dein Wille sei uns Gebot Jetzt — und bis in den Tod. Eblis. Es winket die Freude, jauchzende Luft! Gesunden nur kannst Du an meiner Brust! sEblis verschwindet hinter dem Felsen. Die Arbeiter entfernen sich langsam zu verschiedenen Seiten. Im Laufe der nun folgenden Scene wird es Nacht, der Mond geht auf.j Zweite Scene. Japset, Ada und Bachalus treten auf. Bachalus strägt ein geschlachtetes Lamm und einen Schlauch auf dem Rücken.s Da sind wir Gevatter! Gerüstet mit Speise und Wasser auf drei Tage! — Japset snähert sich Philos.j Also — es bleibt bei Deinem Entschlüsse? — Philos ssteht auf. Er ist in schwarze Bärenfelle gekleidet, ergreift jetzt seinen Wan- derstab.j Es bleibt dabei! Ich bin des Lebens hier müde! Der Stachel der Unruhe sitzt in meinem Herzen, und ich vermag ihn nicht herauszuziehen! 6 Ich will hinunter in die Thäler steigen, zu unfern Brüdern, und will ihre Weisheit kennen lernen! Bachalus. Ja, wir wollen Weisheit schlürfen geh'n! Japset straurig). Und Gott verlassen ! Philos (mit Nachdruck). Ich will diese gewaltigen Riesen, diese Söhne Gottes, welche die Mächtigen des Himmels mit den Töchtern unseres Blutes gezeugt, in der Nähe sehen! Mich gelüstet wahrzunehmen, wie sie die Erde beherrschen und den Menschen, die sie bewohnen, gebieten! Japset. O Philos! Mit schwerem Herzen seh' ich Dich von dannen zieh'n! Armer Verblendeter! — Diese sogenannten Gewaltigen, die Du für Riesen und Söhne Gottes hältst in Deinem Jrrthume, sind Menschen wie wir, wie ich und Du! Ihre Stärke und Macht besteht nur in ihrer Bosheit, und mehr noch in der Verdorbenheit derer, über die sie nun eigenmächtig herrschen und gebieten! — Phi los. Wie soll ich Dir glauben? — Das was ich bis jetzt nur aus der Ferne sah, aus der Ferne vernahm, beweist mir, daß die Gewaltigen der Erde, Göttersöhne und Riesen sein müssen! Ich sehe die Erde mit ihren zahllosen Wohnungen bedeckt; sehe sie auf dem wilden Rosse dahin fahren, gleich dem Winde; leicht wie der Schwan schwimmen sie in Häusern auf den Gewässern! Alles haben sie sich unterthan gemacht: ihnen gehorcht die harte Erde, das fließende Wasser, die veränderliche Luft! — O mich verlangt heiß ihr Leben anzuschaueu; zu erfahren, ob Jehova unter ihnen ist! Und ist er unter ihnen, warum sollten wir noch länger von jenen getrennt leben, die mit uns eines Blutes sind? — ES ist beschlossen, ich ziehe von hinnen! — Japset. Und wir halten Dich ferner nicht. — Doch — wenn Du unter den Anderen wandelst — so denke an Kain — den Brudermörder! Iehovah trieb ihn in das Elend — er floh von dem Gebirge der Unschuld in die Thäler, und baute sich dort an — legte den Grund zur Gesellschaft der Bösen! — Viele unserer Brüder sind hinabgestiegen doch keiner kehrte wieder ! Die Nachkommen Seths vermischten sich mit den Nachkommen des Brudermörders, und ans der Vermischung der Kinder der Unschuld, mit den Kindern der Ueppig- keit und des Lasters, entsprangen die Tyrannen und Verwüster der Erde, die Du für Riesen und Göttersöhne an- siehst! Denn darauf, daß einstmals die Nachkommen Seths — unsere Voreltern „Kinder Gottes" genannt wurden, weil sie es durch ihre Frömmigkeit waren, bauten jene die vermessene Sage auf, die Dich nun irre leitet! Philo s. Genug! Es geschah — und weil es geschah — so wollte es Iehovah — und da er es wollte — so kann es nicht böse sein! — Japset. Iehovah ist groß! Er hat den Schlüssel zu den verborgensten Dingen — außer ihm kennt sie Keiner! Philos. Leben jene nicht sichtbar vor seinem Angesichte wie wir? Sie thun vor ihm, was ihnen gelüstet, sind dabei groß von Macht und Anseh'n, während wir — ? Japfet feinfallend.) O schweige! Du möchtest Deinen Starrsinn gerne entschuldigen, selbst auf die Gefahr! Iehovah Hohn zn sprechen! Dritte Scene. Noah (der schon etwa« früher vom Gebirge herabgestiegen, und im Hintergründe stehen blieb, kommt jetzt vor). Worüber streitet Ihr? Japfet. Gut, daß Du kommst, Vater! Wir streiten um der Menschen willen, die in den Thälern wohnen; — 7 belehre ihn, und beuge seinen starren Sinn! Noah smit erhabener Ruhe). Ich soll den belehren, den Jehovah so gebildet, daß er sein eigener Lehrer sein kann? Doch er höre! Ich komme aus den Bergen, wo der Herr durch die Windsbraut zu mir sprach: „Die Erde sei ihm abscheulich, denn sie dampfe von dem Blute der Erschlagenen! Die Menschen in den Thälern haben sich vollständig von ihm gewendet, und reifen schnell dem Verderben! Es reuet ihn, daß er die Menschen geschaffen! Noch will er ihnen eine kurze Frist geben und sehen, ob sie zu ihm znrück- kehren; kehren sie nicht zurück — so will er Wasserflnthen über die Erde senden, und alles Lebende, alles von den Lebenden Geschaffene vernichten, bis auf das Thier, auch das Gewürm in der Erde, und die Vögel in der Luft!" Nur mich und meinen Stamm nahm er gnädig davon ans! Er befahl mir, sobald das Schiff vollendet, von jedem Thier ein Paar darin zu bergen, nicht mehr, noch weniger, so lautet sein Gebot! Japset sin Anbetung versunken). Der Herr ist langmüthig und barmherzig! P h i l o s. Verzeihe mir, wenn ich rede, wst ich es hier fühle! Es reuet ihn, daß er die Menschen geschaffen? Er will sie vertilgen sammt den unschuldigen Thieren! Und doch sind sie alle sein Werk, und nicht ihr eigenes! Sind sie böse, warum bessert er sie nicht durch Worte, Zeichen oder That? Warum hat er die Menschen so geschaffen, daß es ihn gereuen kann sie so geschaffen zu haben? Noah sempört). Thor! Eben so gut könntest Du fragen: Warum er Dich geschaffen! ? Musik.) Bachalns sängstlich.) Höre Gevatter — lasse diese Neugierde — denn mir wird angst und bange um Dich! Viel wissen wollen strengt das Gehirn an und macht vorzeitig alt und grau! Die Kraft der Jugend aber kann mir keine Wissenschaft ersetzen! D'rum laß mir meinen naiven Glauben und frischen Jugendmuth, oder ich gehe nicht mit Dir, bleibe auf dem Gebirge und nähre mich redlich von Ziegenmilch und Honig!! Melodram.) Gabriel Erscheint hoch auf einem Felsen, von seinem Haupte strömt ein blaues Licht) Jehovah spricht aus meinem Mund! Philos! Zieh' hin mit den Deinen — steige mit ihnen hinunter in die Thäler der Freude — und erforsche die Menschen ! Entdecke die Quelle ihrer Bosheit und ihres Wahnsinnes! Gehe zu ihnen, wie Du in Deinem Herzen beschlossen hast — denn mit den Unschuldigen hier kannst Du ferner nicht leben — und dieses ist des Unzufriedenen erster trauriger Gewinn! Merke Dir, was Du siehst, hörst und empfindest, was ihre Herrscher thun, und ihre Weisen sprechen, — dann kehre zurück, und ich will Dich dann fragen, was sie verdienen, und Dir den Schleier von Deinem umnachteten Geiste lösen !! Zieh hin !! — Musik fällt stärker ein.) Gruppe. Per Vorhang fällt. Drittes Bild. Das Fest der Liebe. Idyllischer Hain. Fernsicht auf die Stadt. Rechts eine Felsengrotte von Blumen und Pflanzen mnrankt. Links ein üppiger Frnchtbanm. In Mitte der Bühne auf einem Piedestal, eine weibliche nackte Figur aus Marmor, überlebensgroß, einen Blumenkranz schwingend. Blumen in den abenteuerlichsten Formen und Größen umgeben dieselbe. . Erste Scene. Philos und Ada in der Grotte schlafend, Bachalus liegt unter dem Fruchtbaume. fEinleitungSmusik bis Bachalus erwacht.) Bachalus flangsam erwachend und sich streckend.) Ah — ! Ich glaube die Schafe blöcken? — Auf, auf! Sie rufen Dich zum Tagwerk! fEine Frucht fällt vom Baume). Au! das war mein Gesicht! fSpringtauf.) Ja — wo bin ich denn?! Ah so? Wir sind ja im Lande der Sünder und Bösen!! Als wir gestern vom Gebirge herunterstiegen, über- mannte uns hier die Müdigkeit und wir schliefen noch einmal den Schlaf der Gerechten! fEr besieht die Frucht, die vorhin vom Baume herabfiel.) Das Ding, was mir früher auf die Nase fiel, sieht ganz appetitlich aus? fEr hebt die Frucht auf.) Und wie gut es riecht? — Ei was! Beiß 'hinein! fEr fängt zu essen au). Ah! Hm! Das schmeckt süß! Biel besser, als die saftlosen Knollengewächse. die bei uns auf dem Gebirge die Tugend und Unschuld aus der Erde gräbt! Solch' einen Baum lob' ich mir, der solche Früchte trägt! — Das ist der richtige Baum der Er- kenntniß! fEr wendet sich und sieht plötzlich die Mormorstatue). Ach, Ach! Nicht schlagen ! — Ich wills nicht mehr wieder thun! Bitte, bitte! fAengstlich). Gevatter! Zu Hülfe! Zu Hülfe! fEr retirirt gegen die Grotte.) Philos fspringt auf). Wer ruft? Was ist's? — Ich schlief lang! Die Sonne steht hoch! fSich umsehend). Welch' wunderbares Farbenspiel in den Augen! Ist es möglich? Ist die Welt so schön? Bachalus ffaßt Philos am Arm und zeigt mit ängstlicher Geberde nach der Marin orfigur.) Philos fhinstarrend). Jenes blendend weiße Wesen meinst Du? — Das schönste Weib, das ich je gesehen! Nur — größer — mächtiger! Bachalus fängstlich zustimmeud)- Hw! Das will ich meinen! — Komm Ge- vater! Machen wir uns auf die Sohlen! Phi los fhält ihn). Nein, bleibe! — Wo so große Weiber leben, müssen noch größere Männer sein — und diese hier ist gewiß eine Tochter der Mächtigen des Himmels! Ihr Fleisch ist weißer zwar als das unserer Weiber — 9 Bachalus. Viel weißer! beängstigend weißer! PhiloS. Da Sie mich so freundlich anlächelt, so will ich mich ihr nah'n und ihre Füße bittend berühren! Bachalus. Ich bitte Dich, thu's nicht, Gevatter! Philos (geht bin und berührt die Figur, erschreckend). O Himmel! Das arme Wesen ist kalt und todt ü — Bachalus. Todt? (aufathmend). Dann kann sie uns nichts anhaben! — (Musik und Gesang aus der Ferne.) Ada sin der Grotte erwachend). Welch' süße umstrickende Töne? (Erhebt sich.) Wo sind wir, Vater? (Sich entzückt umsehend). Ist dies das Paradies, wo unsere Vor- ältern wohnten, Vater? (Der Gesang kommt näher.) Ada (horchend). Da — da tönt es wieder! O laß uns lauschelt, und sprich kein Wort! (Sie treten zur Seite.) Zweite Scene. (Eine Schaar Mädchen und Jünglinge singend und tanzend, Leda mit Gefolge, Myrha Rhyda, Heda na. Bach ne, Mädchen mit Blumenkörben und Kränzen, in deren Mitte Amoretta, mit Blumengewinden gebunden und von Mädchen geführt. M i l- lado.'Enos, Thubailkain, I u- bal, Gom, Gefolge. Chor. Holde Göttin der höchsten Lust und Liebe, 3m Staube liegend flehen wir zu Dir, Sätt'ge die heißen, flammenden Triebe Laß im Genüsse selig uns sein! (Die Mädchen haben Amoretta mit Blumen - ketten an das Piedestal zu Füßen der Liebesgöttin gebunden. Alles gruppirt sich.) (Gesang und Tanz.) Le da (singt.) Amor, Du schelmischer Knabe, Gefangen bist Du nun! Hier, der Göttin zu Füßen, Sollst Buße Du jetzt thnn! Wo hast Du den Köcher? Wo hast Du den Bogen? Wo sind die Pfeile Der süßen Schmerzen? — Steinigt den kleinen Bösewicht, Cr versäumte seine Pflicht! — (Leda wirft ein Rosenbouqnet nach Amoretta. ) Chor. Steinigt den kleinen Bösewicht, Er versäumte seine Pflicht! (Sie tanzen um Amoretta und bewerfen sie mit Blumen.) Amoretta (singt während des Tanzes.). O süße Arbeit, O süßer Lohn, Du bist mir entfloh'n! Leda. (2. Strophe.) Und läßt Du noch länger uns warten, Dann ist Dein Tod gewiß! In den üppigsten Rosengarten Ersticken, tödten wir Dich! Wo hast Du den Köcher? U. s. W. (Wie oben.) Chor (wie früher). Steinigt den kleinen u. s. w. Amoretta (während des Tanzes). O holde Mutter, Hilf Deinem Sohn! Tod ist sein Lohn! (Zwei Tauben kommen geflogen und bringen Amoretta Köcher und Bogen. Bon allen Seiten kommen kleine Amor« und befreien Amoretta. Sie klettert auf das Postament der Marmorfigur und jetzt beginnen sie mit Pfeilen nach den tanzenden Mädchen und Jünglingen zu zielen. Amoretta drückt einen Pfeil nach Leda'S Brust ab — im Momente verstummt Gesang und Tanz. — Leda wendet " sich und erblickt Philos.) Myrha. Ei, seht doch — Fremde hier bei uns? Alle (durcheinander). Eindringlinge! Was wollen sie? Woher kommt Ihr? Myrha (nach Ada zeigend). Sieh doch, Leda, dies hübsche Mädchen? Leda. Hast Du Augen? Sieh den schönen Mann? — Tretet näher, fürchtet nichts! 10 Mhrha snimmt Philos an der Hand). Sprich, Fremdling, woher kommst Du? Philos. Ich heiße Philos — dies ist meine Tochter! Ich bin ein Enkel Sethö und komme vom Gebirge, welches wir verlassen, um Euch und Euer Leben hier kennen zu lernen! Enos stachelnd). Vom Gebirge kommt Ihr? Thubailkain. Von den Bären? Iubal. Vom End' der Welt! Enos. Wo die Felsenmauern bis zum Himmel ragen! Thubailkain. Wo Milch und Brot noch Leckerbissen sind. Alle stachen). Thubailkain. Und dies ist Deine Tochter? Iubal. Ein schönes Kind! Enos. Ursprünglich zwar — Thubailkain seinfallend). Eben darum — begehrenswerth! sEr geht zu Ada, legt seinen Arm um ihren Hals, sie läßt es zitternd geschehen. Die 3 Jünglinge und Ada gehen nach dem Hintergründe.) Le da sdie Philos mit lüsternen Blicken betrachtete). Du prächtig' Bildniß eines Mannes, sei nicht so zaghaft! — Tritt näher! — Philos. Verzeih'! — ES ist das Entzücken, welches meine Sinne gefangen hält! Leda. Gefällt es Dir hier bei uns? Philos ssieht ihr in die Augen). Ja! ! — Nein !! — Verzeih'! Ich weiß nicht, was ich rede? Ja! Ja! Ueber alle Maßen! Leda sfrohlockend, dann in verführerischen Tönen fortfahrend). Und willst Du bei uns bleiben, so nimmt Leda Dich in ihren Schutz! Es wird Vieles Dir noch neu und ungewohnt erscheinen — doch — Du wirst gefügig sein, nicht wahr? — Die Schule soll nicht strenge sein — denn ich bin Deine Lehrerin! Und was Deine Tochter betrifft snach Ada blickend, die mit den Jünglingen kosend und lächelnd eben in einen Laubgang verschwindet) — so scheint es, als hätte ihre Wißbegierde den richtigen Lehrmeister bereits gefunden! — Erlaube! — Ich will die nöthigen Befehle ertheilen für Dich und Deiner Tochter Wohl! sNachdem sie ihn bestrickend anlächelt, wendet sie sich und ruft:) Gom! sSie geht mit Gom in den Hintergrund.) P h il 0 s ssieht ihr mit glühenden Blicken nach, dann zu Bachalus)- Verdienen Wohl diese schönen, guten, freundlichen Wesen den Zorn Jehovah's? Wie sie sich bemühen, uns zu gefallen, uns Gutes zu erweisen — obgleich wir noch nichts gethan, das solche Huld verdient hätte?! — Bachalus. Na — weißt Du, Gevatter — vielleicht wollen sie erst später mit uns abrechnen? — Wir scheinen hier Credit zu haben! — Philos. Wie schön ihre Weiber sind ! Bachalus. Das ist wahr! Viel schöner als die unsrigen auf dem Gebirge! Phi los. Wie mild und einladend ist nicht ihr Blick — ihr ganzes Wesen? Gewiß! Die können nicht böse sein?! Bachalus. Darauf möcht ich noch nicht schwören!! P hilos sgeht zurück und spricht mit Leda). Bach ne sals Blumenmädchen mit einem Körbchen). Schöner Fremdling! Darf ich Dir diesen Strauß anbieten? Bachalus snimmt die Blume, riecht dazu und nießt.) Bachne. Es gehe Dir wohl! Bachalus. Soll mir sehr angenehm sein! Bachne sstreichelt ihn). Wie nennst Du Dich? Bachalus slächelnd). He. he! — Wie ich heiße? — Bachalus! Bachne. Ach wie herrlich! Und ich nenne mich Bachne! Bachalus. I — da gehören wir ja zusammen? Bachne. Ich denke auch! Bachalus ssie von der Seite betrachtend). Ich — ich möchte Dir gern ein Ge- 11 heimniß anvertrauen — aber ich getrau mich nicht recht! Bachne (nimmt ihn dreist am Arm). Nun, komm nur, komm! Ich will Dich schon muthig machen! Bachalus. Muthig machen?! — Ehrwürdiger Stammvater Noah steh' mir bei — meine Unschuld ist in Gefahr! (Geht mit ihr ab.) Phi los und Le da (treten vor, mit ihnen ein Theil der Jünglinge und Mädchen). Phi los. Schönes Frauenbild! Erlaubst Du eine Frage mir? — Leda. Je mehr Du fragst — je lieber will ich Dich belehren! Sprich! Philos (aus die Marmorfigur zeigend). Wer ist das Wesen, das weiß und kalt dort so ruhig steht? Leda. Ein Bilduiß ist's, das die Liebe vorstellt, der wir soeben geopfert! Philos (staunend). Ein Bild? Leda. Nun ja! Von weißem Stein ein Bild! Berühr' es nur! — (Sie führt ihn hin.) Phil 0 s (betastet die Figur). Stein? ! — Und wie ward es? Entstand es gleich den übrigen Steinen? Gleich den Bäumen um uns her? Ist es von der Erde gezeugt — oder fiel es von den Wolken? Leda (lächelnd). Stürmischer Frager, Du! Es ist von Menschenhänden gebildet und lebt in dem Ausdrucke, den ihm der Geist des Künstlers durch die Schöpfung seiner Hände hat eingehancht! (Zeigt auf Millado.) Sieh — dieser junge Mann erschuf es!! — Philos (staunend die Hände Millado'S ergreifend). Schöpferkraft in seinen Händen?! — Und was stellt dieses Bild vor? Millado. Die Liebe! Philos. Die Liebe!! — Welche Liebe? Alle (lachen). Mhrha. Ach, reizend?! — Er kennt uns're Liebe nicht?! — L e d a (zärtlich). Deine Unwissenheit wird mir viel süße Plage noch bereiten?! Millado. Uns're Liebe besteht in dem, was uns von Deinen Brüdern auf dem Gebirge unterscheidet! Leda (zärtlich). Sie ist die Schöpferin des süßen Glückes — und der wonnigsten Schmerzen!! — Ada (kommt erregt und angstvoll aus einem Laubgang). (Thnbailkain und Jubal folgen mit gezückten Dolchen.) Ada (zu Philos eilend). Vater! Die beiden Jünglinge — sie streiten — sieh nur! — Jubal. Mir gehört die Tochter vom Gebirge! Thnbailkain. Nein! Beiden. — Das Loos entscheide! Jubal (dringtauf ihn ein). Der Dolch entscheide! Phil 0 s (tritt zwischen Beide und schleudert sie auseinander). Halt! Was wollt Ihr thun? Es ist nicht gut, was Ihr beginnt!! — Jubal. Du wagst eS, Dich in unser'n Streit zu mengen? — Thnbailkain. Hindern willst Du uns? — Mach' Platz — oder mein Dolch sucht sich den Weg durch Deine Brust! — Jubal. Und auch der meine! (Beide wollen auf Philos eindringen.) Leda (dazwischen tretend). Berührt ihn nicht!! — Ich beschütze ihn!! (Sie faßt Philos an der Hand und führt ihn vor.) Was kümmert Dich ihr Streit? Soll mein Herz für Dich bangen?! — Jubal (eindringend). Also: Mein oder Dein! Darum! Ich oder Du! — Los! — (Sie kämpfen.) Thubailkain. Nimm Dich in Acht, ich treffe Dich! — Da! — Und Da!! (Stößt ihm den Dolch in die Brust.) Jubal (fällt lautlos.) (PhiloS, Ada uud Bachalus haben entsetzt zugesehen; die Uebrigen haben mit Neugierde 12 und Spannung, als gälte es einer Produktion zweier Gladiatoren, die Kämpfenden beobachtet.) Thubailkain fwirft den blutigen Dolch über Jubal). Gut getroffen! Du wolltest es nicht anders! — Fahre hin! — Und nun ist die Tochter des Gebirges — mein!! fGeht auf Ada zu.) Le da sabwehrend). Auch nicht Dein! Ich will für sie sorgen! — Geh! Thubailkain. Deinem Befehl gehorchend geh' ich jetzt — doch — fauf Ada blickend) ihre Neigung nehm' ich mit mir fort! Leb wohl, holde Tochter der Berge! Mein Herz bleibt bei Dir zurück — als Pfand — des Deinen !! fGeht ab.) Leda fzu Philos). Blick nicht so starr! fZu den Dienern.) Bringt die Leiche fort! fEs geschieht.) Laß diesen Vorfall Dein Gemüth nicht ängstigen! Blick frei und heiter! fLächelnd.) Deiner Tochter Augen haben diesen Streit entflammt — ich will dafür sorgen, daß sie in Zukunft dem Göttersohn nur leuchten — diese Augen! — Noch heute stell ich sie ihm vor, und gelingt mein Anschlag, so ist Dein und Deiner Tochter Glück begründet! — Go m! fGom tritt vor.) Du magst die Stadt mit ihm durchwandern, und dann ihn zu mir bringen! fPhilos zärtlich betrachtend.) Leb Wohl ! Laß nicht zu lang mich warten! — Auf, Freunde! Wir ziehen in die Stadt! — fSie hat Ada an der Hand genommen und besteigt mit ihr im Hintergründe den Palankin.) Gom fzu Philos). Nun, Herr? Warum steht Ihr, und heftet Eure Blicke zu Boden? — Folget mir! Philos fwie aus einem Traum erwachend, vortretend). Wie sprach Jehovah durch die Windsbraut in den Bergen? „Die Erde ist abscheulich — sie ist mit Blut bedeckt!!' fAufseufzend.) Ich will's erforschen! Kommt! fAb mit Gom.) Bachalus fder bis jetzt von Bachne Abschied genommen). Schätzchen, wir sehn uns wieder — bald! fPhilos nachrufend.) Heda, Gevatter! Wir geh'« zu Dritt — darum nicht so schnell, und nimm mich mit!! — fLäuft nach). Leda. Gesang ertöne, und Musik! Chor. Holde Göttin der höchsten Lust und Liebe! Im Staube liegend flehen wir zu Dir: Sätt'ge die heißen, flammenden Triebe! Laß im Genüsse selig uns sein!! fDer Zug bewegt sich um die Liebesgöttin herum, sie bewerfen im Vorbeiziehen die Statue mit Rosen.) Per Worhang fällt. Viertes Bild. Kain und Abel. Zwischenvorhang. (Auf diesem Zwischenvorhange ist der erste Brudermord zwischen Kain und Abel dargestellt.) Fünftes Bild. Weist Richter. Platz und Straße. Die Häuser sämmtlich bis auf einen prachtvollen Palast im Centrum, klein und unansehnlich. An den Häusern lehnen, so wie der Vorhang sich hebt, die Lauscher und Hallen ihre Ohren an die Thüren. Der Palast in der Mitte ist im Gegensätze massiv und luxuriös gebaut. Ein breites Portal mit Säulen und Thüren von Gold; abenteuerliche Drachenfiguren ruhen am Eingänge. Links an der Ausmündung einer Straße, das Denkmal Kains: eine Säule, worauf sein Bildniß steht. Am Sockel der Säule Gruppen reißender Thiere von Bronze. Auf einer Tafel die Inschrift: «Zu Kain Gedächtniß dem Gründer dieser Stadt." Erste Scene. i ! Kadus und die Lauscher ssie haben ! Schreibtafeln in Händen, nnd schreiben ans,! was sie erhorchten.) ! Gesang. sSolo mit Chor.) Kadus. Alles belauschen, Alles auswittern, Alles erhorchen, Zwischen den Gittern — Chor. Ist unser Amt, Schon weltbekannt! Kadus. Unsere Nasen Jedes Verbrechen Gleich aufzuspüren, Und es dann rächen. Chor. Mit Kett und Band, Schon weltbekannt! — Kadus. Wer sich nur mnkset Und sich erkühnet, Den Staat beschimpfet, O der verdienet. Chor. Das Pfefferland, Schon weltbekannt! Kadus. Wer unfern Herrscher, Den Göltersohne Waget zu tadeln, Erhält zum Lohne: Chor. Der wird verbrannt, Schon weltbekannt! — sSie huschen nach allen Seiten in die Häuser und Straßen.) ^ Zweite Scene. jPhiloS, Bachalu s und Gom I s treten auf.) ! Ba ch al u s lsich umsehend. ) Ah — da j ist es schön, Gevatter! — Das sind 14 Wohnungen? Da muß es behaglich sein !! — Phil 0 s (besieht staunend den Palast). Ist dies Alles ein Werk ihrer Hände — so muß Schöpferkraft in diesen Händen wohnen. — Bachalus (ist den Drachenfiguren am Eingänge des Palastes nahe gekommen, und erschrickt.) Ach, diese entsetzlichen Thiere! Gom (beschwichtigend). Fürchte nichts! Sie sind von Stein, und leblos! — Bachalus (ärgerlich). Aber weshalb erschreckt ihr auch arme Menschenkinder mit solchen Ungethümen? G o m. Es sind Sinnbilder der Stärke und Kraft unseres erhabenen Herrschers! Bachalus (mit offenem Munde.) Aha! Phi los (nachdenkend.) Sinnbilder! (Lärm hinter der Scene.) Dritte Scene. Vorige. Kadus und die Lauscher schleppen den 1 . und 2. Bürger herbei.) Kadus. Ihr seid auf frischer That ertappt und gefangen! Vorwärts, vor die Richter! 2. Bürger (jammernd ängstlich.) Ich habe nichts gehört! Ich weiß von nichts! Kadus. Die Richter werden es Euch beweisen ! Vor ihrer Weisheit verstummet jeder Zweifel! 1. Bürger (trotzig). Was? Die stummen und tauben Richter? Die man zu fühllosen Thieren verstümmelt hat? 2. Bürger. Ich habe nichts gehört, ich bin taub! Kadus (entrüstet). Welch ein Frevel, nusre Richter zu lästern! — Fort mit Euch, vor ihren Richterstuhl!! Die Lauscher. Fort mit Euch! 1. Bürger. O ich folge Euch gern und willig! Seit 3 Tagen hnngre ich! Mein Freund hier wollte mir Brot und Obdach geben — und wie muß er's nun büßen? — Tödtet meinen Leib nur immerhin — da Ihr zu denken mir nicht erlaubt!! — Kadus. Denken! Arbeiten sollst Du, und nicht denken ! Was brauchst Du zu denken? Erwirb lieber unfern Gott! 1. Bürger (empört). Ich glaube nicht mehr an ihn! Er ist kein wahrer Gott — nur ein eigennütziger, schadenfroher Dämon ist's!! — Kadus. Hört ihr die Lästerung? Alle Lauscher. Wir hörten! 2. Bürger (hält sich die Ohren). O weh meine Ohren! — Ich habe nichts gehört -- ich nicht! Ich will nichts hören! Kadus (drängt beide fort). Fort mit Euch, zu den Richtern! Alle Lauscher (nehmen sie gefangen). Fort mit Euch! (Kadus, die Lauscher und l.u. 2. Bürger ab.) Phi los (erregt). Was sind das für Menschen, die einen ihrer Brüder 3 Tage hungern lassen? Es schnitt mir in die Seele, als ich dies aus des alten Mannes Mund vernahm! Bei uns auf dem Gebirge hungert Niemand und hier bei Euch im Lande des Fortschritts hungert das Alter?! Gom (zuckt die Achsel). Unser Gott hat ihn verlassen! Er hat kein Gold — deshalb mußte er hungern! Philos. Was sprichst Du da von Gold, und nennst Gott dabei? Was ist Gold? Gom (zieht ein Goldstück hervor und küßt es). Sieh her — das ist unser Gott! Philos (starr). Wie?? — Bachalus. Was?! Dies gelbe Ding da? Gom. Ist unser Gott! Wir kennen keinen anderen — denn dieser macht uns zu Allem, was wir sind! Philos. Dieser Gott?— G o m. Ist unser auserwählter! Durch ihn erreichen wir alle unsere Wünsche! — Wer diesen Gott nicht besitzt — wird bei uns zu den Last- thieren gezählt, und muß Rücken und 15 Hände Hergebell, mn für jene zn arbeiten, die einen Gott besitzen!! Phi los. Entsetzlich! Gom. Warum entsetzlich? Ist ein solches Lastthier fleißig — so fehlt es ihm an Brot und Lager nicht!! Philos. Ich kann's nicht fassen !— Sagt mir noch — was meinte der arme alte Mann vorhin doch, mit dem Vergleiche jener Richter, die nur 3 Sinne haben, und mit dem Thiere beinahe gleich zu achten sind!? G o m. Da mir die Prinzessin geboten hat, Dich zu unterweisen — so sollst Du es erfahren! Unser erhabener Herrscher gebot eines Tages, die fähigsten Köpfe im Lande auszuheben! Diese fähigen ausgesuchten Köpfe ließ er in den Gesetzen unseres Landes unterrichten; und nachdem sie ihre Studien vollendet — die schärfste Prüfung abgelegt — ließ er ihnen allen — auf einen Tag, die Trommelfelle des Gehörs durchstechen — und soviel von der Zunge abschneiden, als nöthig war, sie völlig stumm zu machen !! Philos sstarrj. Nicht möglich! Gom. Gewiß! — Aber dafür gab er ihnen auch den ersten Rang im Staate und jede Familie in unserem Reiche strebt mit allem Eifer nach dem großen Glücke, einen ihres Stammes unter die Richter zu bringen! — Die erwählten Glücklichen studiren mit solcher Anstrengung die Gesetze — als wären dadurch zwei neue Sinne zu gewinnen und keine zu verlieren!! — Phi los. Taub und stumm? Und dennoch gerechte Richter?! — Wahrlich ! Mich gelüstet, den Urtheilssprnch dieser Euerer gerechten Richter zu hören!! — Gom. Wenn Du verweilen willst, cs tritt der Gerichtshof bald zusammen — und hier — an Kain's Gedächtniß- stein — wird Gericht gehalten und das Urtheil dann vollzogen!! — Philos saufseufzends. O Jehovah! — Und diese armen Menschen glauben diesem Richterspruche? Sie tragen geduldig dieses Joch?! — Gom. Wie könnte es wohl anders sein? Unseres blühenden Staates Erhaltung hängt von diesem Glauben ab!! — Wir unterjochen sie, damit sie zu ihrem und unserem Besten gehorchen, arbeiten und einträchtig leben! Sie säen, pflanzen, bauen und bringen Alles durch die Arbeit ihrer Hände hervor, was zur Noch und zum Vergnügen des Lebens gehört!! — Sie bauen die Häuser, die Du hier siehst — weben uns die schimmernden Kleider — besetzen unsere Tafelsreuden!? — Ba ch alus sneugierig naivs. Und Ihr? Was thut denn Ihr? — G o m. Wir? — Wir setzen uns an die Tische und essen! Leben überhaupt wie Menschen, die einen Gott besitzen!! Bachalus. Aha!! — Also — Ihr führt ein wahres Götterleben, während die Anderen auf den Feldern schwitzen, in den Werkstätten keuchen und Lasten tragen, die sie zu Boden drücken? Nun — so viel ich davon verstehe, ist Euere Staatseinrichtung nicht zu Euerem Nachtheile—und Ihr seid nicht die größeren Narren dieses Landes! Hahaha! — Musik aus der Ferne.s Gom jzu Philoss. Hier kommen unsere Richter, um Recht zu sprechen. Vierte Scene. Zuerst vieles Volk, dann eröffnen Tuba- bläser den Zug, hierauf Soldaten. 4 angehende junge Richter, dann Az und Uz glanzvoll ausstaffirt, hinter den Richtern Mohren als Schirmträger. Eine Schaar Horcher. Ein Zug Soldaten, in deren Mitte die Angeklagten, unter denselben befindet sich der 1. und 2. Bürger. Die Angeklagten haben Nebelkappen über die Köpfe gezogen. — Kadus, umgeben von Lauschern, beschließt den Zug. — Nachdem sich Alle um Kain's Denkmal grup- Pirt haben und Az und Uz auf der obersten 16 Stufe des Sockels sich befinden, verbeugt sich vor de» Richtern Alles bis tief zur Erde. Musik schweigt.) Kadus svortretend.) Im Namen des Göttersohnes, unseres erhabenen Herrschers — fAlles verneigt sich.) erkläre ich das Gericht für eröffnet! Man gebe unseren hochehrwürdigen Richtern die Anklageschrift! — fZwei junge, angehende Richter überreichen au Az und Uz unter allerlei Ceremouien die Anklageschrift. Die Richter durchleseu dieselbe nun, während der folgenden Scene verständigen sich gegenseitig durch Zeichen mit den Fingern und schreiben schließlich das Urtheil ans eine schwarze Tafel.) Kadus. Während unsere weisen Richter über das Maß der Strafe sich berathen, will ich Euch, Bürger, im Reiche des Fortschrittes und der Civili- sation mit den Verbrechen der Gefangenen bekannt machen! fAuf ein Zeichen wird der I. Bürger vorgeführt. Kadus zieht ihm die Nebelkappe vom Kopfe ) Hier, seht ihn an! Steht ihm das entsetzliche Verbrechen, das er begangen, nicht schon auf der Stirne geschrieben? Unfern erhabenen Göttersohn Hulnlu — hat dieser Schändliche einen boshaften Tyrannen genannt — einen stupiden Zwerg! Alle fim Chorus). Wehe! Kadus. Nicht genug! Er hat unfern Gott gelästert! Alle. Wehe! Wehe! 1. Bürger fstark). Ich leugne es nicht! Euer Göttersohn ist ein boshafter, meineidiger Tyrann — und die Hoheit Eueres Gottes verachte ich! — Kadus fschnell zum Volk). So lieb Euch Euer Leben, Bürger — haltet Euch die Ohren zu! Alle fhalten sich die Ohren zu und rufen). Wir hören nicht! Kadus fschnell). Rasch — die Nebelkappe her — knebelt ihn! Bindet ihn! fES geschieht.) Bachalus fbei Seite zu Philo«). Gevatter! Die machen kurzen Prozeß!? Kadus fzum Volke.) Habt Ihr etwa gehört, was dieser Frevler sprach? Alle fwie aus einem Munde). Wir haben nichts gehört! Wir sind taub! Kadus fzufrieden). So ist's recht, liebes Volk! Bewahret Euch diese Gesinnung ! — Am Klügsten handelt Ihr, wenn Ihr Euch die Ohren während der Gerichtsverhandlung zuhaltet — damit entgeht Ihr aus alle Fälle der Verlockung, etwas zu hören, was auf Euere biedere Gesinnung Einfluß haben könnte! — Denn seht, dieser Zweite da fLüstct vom Gesichte des 2. Bürgers die Nebelkappe.) — nehmt Euch ein Exempel, Bürger — dieser hat das Verbrechen begangen und dem dort fdentet auf den 1. Bürger) sein willig Ohr geliehen! li. Bürger will sprechen.) Kein Wort! — Stopft Euch die Ohren, Volk! ! fKadns zieht ihm schnell die Nebelkappe über, die Soldaten nehmen ihn in die Mitte.) Bachalus fbei Seite). Recht so! Stopft Euch die Ohren — ihm das Maul, den Richtern Beides — so ist Euch Allen geholfen! Kadus. Dieser Dritte hier flttftet ihm die Nebelkappe) hat das entsetzliche Verbrechen begangen und unsere vorzügliche Staatsverfassung getadelt! — Still! fZieht ihm schnell die Kappe über.) Bachalns fbei Seite). Nicht gemuckst! — Kadus. Nun endlich, hier der Letzte — seines Zeichens Schriftgelehrter, hat die Scheußlichkeit verübt und das treffliche Buch unseres erhabenen Ministers.- „Ueber die Unfehlbarkeit unseres Gottes" — dieses auserlesene Buch hat dieser Schandbube — einfältig, verlogen — und eine Irrlehre genannt! — Seid Ihr durchdrungen von der Entsetzlichkeit dieses Verbrechers? — Weh' Euch! Wenn Ihr anders dächtet! ? — Alle fim Chorus). Weh' über ihn! — Phi los. Die Rasenden! — Gom fschnell). Stille. 17 Kadus. Unsere hochweisen Richter erheben sich zum Zeichen, daß ihr Ur- theilsspruch vollendet ist! sKadus empfängt aus den Händen der Richter das Urtheil.) Höret Volk, wie weise, wie gerecht und milde unsere Richter gerichtet haben! Alle. Wir hören in Demuth! Kadus. Kniet nieder! sAlles kniet.) Im Namen des erhabenen Göttersohnes Hululu haben wir, Az und Uz, erste Richter im Reiche des Fortschrittes und der Civilisation, nach unserem un- fehlbaren Gesetzbuche, also zu Recht erkannt: „Alle vier Verbrecher haben nach Gesetz und Recht den Tod verdient — und sollen Anderen zur Warnung nach diesem Rechtsspruche sogleich auf öffentlichem Platze verbrannt werden" ! — Ist dieser Untheilsspruch gerecht ? Alle. Ja! Gerecht ist dieser Spruch! Heil unserem Göttersohne Hululu! Philos swill hervortreten). O Ihr Wahnsinnige»! Haltet ein! Gom fhäli ihn fest). Wenn Du Dein Leben liebst — nicht von der Stelle! Musik.) fDer Zug mit den Berurtheilten setzt sich in Bewegung. Gleichzeitig öffnen sich die Flügelthüren des Palastes. Leda umgeben von einer Schaar Mädchen, alle mit Blumen geschmückt, erscheint unter dem Portikus, und bleibt auf der obersten Stufe stehen. — Myrha und Rhyda, Amoretta und Bachne, treten an Philos und BachaluS heran. — Jetzt ertönt bachantische Musik, welche durch langgezogene Töne der Tubabläser aus dem Zuge der Berurtheilten disharmonisch durchschnitten wird). Myrha szu Philos). Prinzessin Leda erwartet Dich! — Philos sder sich umgesehen, und Leda mit ihrer Umgebung sieht, steht plötzlich wie geblendet.) Leda ssehnsuchtsvoll die Arme ausbreitend). Philos! Mann der Berge! Der Schöpfung Meisterstück! Gastlich steht mein Haus Dir offen — in Sehnsucht harr' ich Dein!! — Philos süberwältigt). Entzückend schönes Frauenbild! O laß mich in Deinen Armen aus diesem wüsten Traum erwachen!! — sDie Mädchen umwinden Philos und BachaluS mit Rosenketten und führen sie gegen die Stufen des Palastes, während der Zug mit den Berurtheilten im Hintergründe abgeht.) Der Vorhang fasst. Theater-Reperloir 319. 2 Sechstes Bild. Leda. Prachtvolles Gemach rosenroth erhellt. In der Mitte des Hintergrundes ein Ruhebett mit Tigerfellen belegt. Hinter dem Ruhebett eiu hohes und breites Fenster, jetzt durch Vorhänge geschlossen. Erste Scene. Phi l os schlafend auf dem Ruhebett. 8 eda und mehrere Mädchen, die tanzend und sich gruppirend während Ledas Gesang den schlafenden Philos umgaukeln. Leda sspielt die Harfe und sittgt.j fRomanze.s Das letzte Werk, das Gott erschuf Es war ein Menschenpaar Und glich, was Menschlichkeit betrifft, Den heutigen aus ein Haar! Es sprach der Herr: „Die Früchte all' Könnt essen Ihr, so viel Ihr wollt — Nur hier, von diesem Apfelbaum Ihr keine Frucht berühren sollt; Denn so Ihr einmal nascht davon, So sei Verbannung Euer Lohn! Aus Edens Gärten müßt Ihr fort — Das schwör' ich Euch hier auf mein Wort!" fWährend des nun folgenden Gesanges öffnet sich der Vorhang des Fensters und man erblickt in einer paradiesischen Gegend Adam und Eva am Baume der Erkenntniß mit der Schlange, die an Eva den Apfel giebt. — Thiere aller Gattungen lagern zu ihren Füßen sanft und friedlich.s Doch eines Abends, als wonnig die Luft Erfüllt rings war von Blumendust: Da kam die Schlange glatt und fein, Bricht eine Frucht mit ros'gem Schein, Reicht hold und lächelnd dem Weibe sie dar, Sie naschte sogleich — da wird sie gewahr, Wie gut verbotene Aepfel sind Das thöricht unschuldsvolle Kind! — Die Frucht, die schöne, aus dem Paradies, Wie schmeckte sie Beiden so himmlisch, so süß! Ach, so himmlisch! Ach, so süß! War's in jenem Paradies!! — Philos fregt sich.s fDaS Bild verschwindet.s Leda macht ein Zeichens. sDie tanzenden Mädchen eilen rechts und links ab.s Phil 0 s ferwachendj. D meine Berge! Meine Felsen! Meine murmelnden Bäche! — Die glückliche Unschuld meiner Seele —dahin! Dahin! Leda fihll zärtlich umschlingend^. Geliebter Mann! Sprich, was Dich drückt! Komm! Laß mich die Wolken, die Deine schöne Stirn umdüstern, verjagen! — In meinen Armen sollst Du ganz genesen ! — P h i l o s. Ich grolle mit mir selbst. 19 Le da. Und weßhalb? Warum? Laß mich Deinen Kummer theilen! — Was ist's, das Dich quält? Dich — der Du gleich der unverletzten Eiche stark und kühn jeder Schwäche spottest! ? — Philos ^ergreift ihre Hand). O Herrin — sprich nicht in diesen süß verlockenden Tönen! Sei minder verführerisch — ich bitte Dich! — Sprich! Sage mir, warum Du mich in Dein Haus ausgenommen ! Mich, den Fremdling, so gut, so reich bewirthest? — Denn — verzeihe meine Offenheit! Da Alle hier bei Euch, die Euren Gott nicht in der Tasche haben, nur als Lastthiere behandelt und verwendet werden — so quält mich der Gedanke — daß auch ich — Le da sihn schnell küssend). O still!! — Also das ist's? — Sage mir Du — süßer Wilder — weßhalb bliebst Du bis jetzt in meinem Hause? — Philos sverlegen). Weil — erlaß mir's! 8 eda san seinem Halse). Wiederholt sagt ich Dir schon', es steht in Deinem freien Willen, bei mir zu bleiben, oder mich zu verlassen! — Sag an — weßhalb bliebst Du?? — sSieht ihn verführerisch an.) Philos. Weil es mir bis jetzt bei Dir wohlgefiel! Le da szärtlich drängend). Und warum gefiel Dir's bisher bei mir? — Sprich, frei und offen, wie es dem unverdorbenen Sohne der Natur zukömmt! ? PHilos. Weil — weil es mir Vergnügen gewährte! Leda. Und was ist es eigentlich, das Dir dieses Vergnügen bei mir gewährt? — Phi los. Deine Artigkeit — Deine süßen Schmeicheleien — die Ruhe — Deine gute Tafel — und — sstockt.) Leda. Und —? — Was noch — ?? Phi los ssie umschlingend). Der Genuß Deiner Schönheit!! — Leda szärtlich). Nun sieh! Ist etwas Anderes in diesem Deinem Bekenntnisse hörbar, als: daß Du einzig nur um Deinetwillen bei mir bleibst? Philos ssinnend). Du sprichst die Wahrheit! Leda. Siehst Du, Sohn der Berge! Alles, was Du bisher in meinem Hause gethan — erfülltest Du einzig Dir zu Liebe! Philos sden Kopf gesenkt). Und dennoch— dennoch widerspricht ein dunkles Gefühl in meiner Brust dem, was ich ans Deinem Munde vernehme! Leda sfür sich). Staubgeborner Sohn der Sünde — ahnst Du meine Nähe?! — Zweite Scene. Vorige. Myrha. Myrha. Ein Bote meldet den Staatsminister Asses, er käme mit einer- wichtigen Sendung! Leda serhebt sich). Er mag kommen! Mhrha sgibt ein Zeichen.) Dritte Scene. Vorige. Asses. Asses ssich tief verneigend). Heil Philos, dem Enkel Seth's ! Dem weisen Manne vom Gebirge! Dem Vater der Braut unseres erhabenen Sultans! Philos. Was hör' ich? Leda. O dreimal glücklicher Vater!! — Asses szu Philos, sehr unterwürfig). Herr! Vergiß den Knecht nicht in Deiner Größe! Musik ertönt.) Hier kommt, jungfräulich geschmückt, des Göttersohnes Braut!! — 2 * 20 Vierte Scene. Vorige. Ada mit Gefolge. Gom. Bachalus und Bachne. (Musik schweigt.) Ada (in prächtigen Gewändern.) Vater! Ich komme, Euch zu melden, daß mein erhabener Bräutigam für heute unser Vermählungsfest bestimmte und Ihr dabei dem Göttersohne vorgestellt sollt werden! Macht Euch auf diese hohe Auszeichnung gefaßt, sowie auf die Ehren und Würden, die man nun auf Euere Schultern häufen wird! — Philos (sie betrachtend). Ist es die Pracht, die Dich umgibt — oder die stolze Kälte Deines Betragens — die eisig meine Seele durchschauert?! — Ada (winkt dem Gefolge, welches zurücktritt). Vergieb mir, Vater, ich darf nicht anders handeln! — Ich habe in der kurzen Zeit in diesem wunderbaren Lande, unter diesen Menschen Dinge erfahren und geseh'n — woran man auf unserem Gebirge nicht im Traume denkt! — Mache es nur, wie ich und sei hübsch gelehrig! Du wirst sehen, wie Alle sich bestreben werden, Dich zu unterrichten und Dir zu gefallen! — Philos. So schnell lerntest Du die Unschuld verleugnen? — Ada. So will es mein erhabener künftiger Gemahl! — Er sagte mir: Es sei dies eines von jenen Geheimnissen, die er von seinem Stammvater erhalten hätte, um die Menschen zu beherrschen! Anfangs fiel es mir ein wenig schwer — doch später fand ich Gefallen an der kriechenden Unterwürfigkeit meiner Umgebung — und nun — wie Du siehst, (lächelnd) Hab' ich mich bereits daran gewöhnt!! (Wendet sich zum Gefolge, im veränderten Tone.) Man reiche meinem Vater ein kostbares Gewand, daß er seiner Tochter würdig vor dem Göttersohne erscheine! Lebt Wohl, Vater! (stolz mit der Hand winkend) Folgt mir! — (Musik.) Ada, Asses und Gefolge ab. Fünfte Scene. Leda. Ich eile, mich zu schmücken! Gom!! — Deine Sorge sei es nun, ihn zu belehren über Form und Cere- monie der ersten Begegnung mit dem Göttersohne! (Zu Philos, der in Gedanken versunken steht.) Steh' nicht so träumend, kalt und düster! — Tausende beneiden Dich um Dein Geschick! (Streichelt ihn.) Leb' wohl! — Bald — bald seh ich Dich wieder! (Für sich, frohlockend) Abgestreift ist Deine Gottähnlichkeit, denn Du dienst und opferst Eblis, der Tochter Leviathans!! (Ab.) G o M (sich vor Philos tief verneigend). Ist es Dir gefällig, hoher Herr, mir zu folgen? — Phi los (ihn betrachtend). Weßhalb stehst Du plötzlich so tief gebückt vor mir? — Bin ich nicht derselbe, der ich war, seit wir uns zuletzt gesehen? — Gom. Die Ehrfurcht vor Deiner hohen Person, Deiner hohen Stellung im Staate — gebietet mir, nur so mit Dir zu sprechen!! — Phi los. Und dies ist so Sitte hier bei Euch? Jedem, den der Zufall Euerem Göttersohne näher bringt — auf hündische Art zu begegnen? — Da lob' ich mir meine Berge, meine Heimat! Da sieht Jeder frei dem Andern in das Auge — und nur der blickt scheu, der einer bösen That sich ist bewußt! Bei uns daheim beugt man sich nur vor Jehovah — unserm Gott!! — G o m. Dann wünsch' ich, hoher Herr, Du mögest in Geduld Dich fassen, sobald Du dem Göttersohne gegenüber stehst!! — 21 Philos. Begierig bin ich, in seiner Mächtigkeit und Majestät ihn zu sehen — diesen Sohn der Götter — vor dem Ihr Alle zittert! Komm, geleite mich zu ihm!! — sBeide ab.) Sechste Scene. Bachalus und Bach ne bleiben zurück. Bachalus fstolzirt mit Bachne auf und nieder.) Da mein Blutsverwandter ein großes Thier nun geworden — fällt ein Stückchen Abglanz auch auf mich!! — Merke gut auf, Schätzchen! Der Göttersohn ist sein Schwiegersohn, folglich ist er der Schwiegervater und ich, als Vetter dieses Schwiegervaters, bin also auch des Göttersohnes leiblicher Vetter!! — Schätzchen! Wenn ich Dich jetzt zu meiner Frau erhebe — so wird aus Dir, der einfachen Gärtnerstochter — einfach — auch eine Verwandte des Göttersohnes und Dein Vater, der Hofgärtner, ist des Göttersohnes leibliches Geschwisterkind! ! — Weil er seine leibliche Tochter an den Vetter des leiblichen Schwiegervaters vermählte — der wieder seine leibliche Tochter an des Göttersohnes Majestät vermählt hat!! — sAthem schöpfend). Puh ! Es ist der 4. Grad der himmlischen Verwandtschaft!! — Wahrhaftig, mir wird ein wenig bange und ich fürchte, daß der Glanz dieser göttlichen Sippschaft mir am Ende noch mein Bischen Gehirn versengt!! — Bachne. D'rum wird es besser sein, wenn Du mich nicht früher zum Weibe nimmst, als bis Du erst diese Verwandtschaft im Rücken hast und wieder ein simples Menschenkind geworden bist! Gelt? — Bachalus fsie betrachtend). Meiner Treu, Du hast recht! Das wollen wir! — Wir wollen trachten aus dieser göttlichen Verwandtschaft herauszukommen, und uns begnügen, meinen Gott für unsere Nachkommen sorgen zu lassen!! Komm, Schätzchen! Komm! fLäuft mit Bachne ab). Per Worhang Mt. Siebentes Bild. Hululu's Vermählung. Prunk- und Thronsaal. In der Mitte der Bühne ein prächtiger Thron. Erste Scene. Bon rechts Asses, Nervus, Re- noch und Herodius. — Gleich hierauf von links 4 Pagen, dann Hulul 11 und Leda. Alle skniens. Heil dem Göttersohne, Hululu! (Die Pagen ab). H II l 11 lU (von kleiner unansehnlicher Staturst Erhebt Euch ! sEs geschieht-! Geschah Alles nach meinem Willen? — Asses. Wie Du befahlst, Erhabener! — Alles ist in Bereitschaft zu Deiner glorreichen Vermählung! — Leda (einfallendst Diese Sorge nebenher ! — Was brachten die Kundschafter, die ich gesendet, um in Enoch die Gerüchte von des Sultans Vermählung, und der Schönheitseiner Braut zu bestätigen ! Asses. An dem Hofe des Sultans von Enoch traf diese Nachricht wie ein Blitz aus reinstem Aether! Hululu sfreudigs. Das Hab' ich erwartet ! Leda. Erzähle! Asses. Er war bis jetzt ohne Nachkommen, so wie Du, Erhabener! Er ist der Letzte seines Stammes! Azas' und Azart'S Enkel stürben mit ihm aus! Hululu. Daß dies bei Gedirns Enkel — bei mir, nun nicht der Fall sein wird — Leda (einfallendst Diese Sorge laden wir auf Deine Schultern, Asses! (Asses verneigt sichst Hululu. Ja — gut! Aus Deine Schultern, Asses! Asses. Der Sultan von Enoch wird den Streich nicht verwinden können! Wie ich ihn kenne, wird er mit irgend einer Drohnote kommen — eine Erklärung fordern! — Leda (frohlockendst Hab' ich ihn erst so weit? — Dann!! — Asses (ängstlich forschends. Du denkst doch nicht an Krieg, erhabene Prinzessin?! — Hululu. Und warum nicht? He? — Leda (feurigst An einen Vernichtungskrieg unserer Gegner! Wir wollen allein die Erde beherrschen, und die Menschen nach unserem Willen leiten ! Sein schönes Land und all sein Gold sei unser! Die Herrschaft des Götter- sohneS muß über die Welt triumphiren! — Ist dies gescheh'n, so will ich mein Werk damit krönen, und die Anbetung des Gottes auf dem ganzen Erdkreis anbefehlen! — Das Gold bleibe unser einziger Gott — der unfehlbare, wahre!! — 23 Hululu. Ja! Er bleibe unser Gott! Re noch (rasch). Ich bebe bei dem Gedanken eines Krieges! — Jetzt — wo wir nicht gerüstet; wo die großen Lücken des Heeres nicht ausgefüllt! wo die Verwundeten vom schweren letzten Kampfe noch darniederliegen!? — Asses (rasch). Auch ich warne vor einem Kriege! Das Volk murrt bereits, und von der Steuern Last beinah erdrückt, kann es schwierig werden, und durch Empörung — Hululu (zornig). Sprich nicht weiter!! — Nervus (rasch). Und dennoch muß ich ebenfalls, Erhabenster, Dich anflehen, in diesem Augenblick von einem Kriege abzulassen, wo der Säckel unserer Finanzen geleert ist, bis auf die Neige! — Herodius (rasch). Auch ich flehe Dich an! Alle (rasch). Im Staube, zu Deinen Füßen, beschwören wir Dich!! (werfen sich vor Hululu nieder.) Leda (zu Hululu, der sprechen will.) Still, Bruder! Keine zornige Erregung — heute — an Deinem Hochzeitstage! ? i — Laß mich ein Wörtlein mit den Großen Deines Staates sprechen! — (Mit unterschlagenen Armen.) Hört mich an — und erwäget jedes meiner Worte! (Zu Nervus.) Du Nervus schaffst binnen drei Tagen 20 Millionen Derhem unseres Gottes — baar und blank — fehlt ein Stück! liegt Dein Kopf zu Deinen Füßen!! — Renoch! — Wofern Dt^ nicht binnen dreimal drei Tagen ge-! rüstet bist, mit Allem was der Krieg! erheischt — werf ich Dich zum Spielzeug meinen Tigern vor!! — Und Ihr — Herodius und Asses! Ihr werdet Sorge tragen, das Jene meine Befehle ungestört und unbehindert vollführen können, sonst lasse ich Glied um Glied von Euren Körpern lösen!! — Alle Vier. Erhabene Prinzessin!— ! Leda. Keinen Laut! Jeder Athem- zug dagegen heißt — Hochverrath! — Geht! — (Alle vier Minister entfernen sich schnell und angstvoll.) Leda szu Hululu). Siehst Du, Brüderchen? So mußt Du eS machen! Das ist mein Regierungssystem!! — Hululu. Du hast recht, Schwester! Die Menschen müssen mit eiserner Faust regiert und zum Gehorsam gepeitscht werden!! — Leda. Bleibe diesem goldenen Lehrsätze treu — und Du wirst die Welt beherrschen! — Jetzt geh — und hole Deine schöne Braut zur lustigen Vermählung!! — Hululu. Schwester —» wenn ich Dich nicht hätte — ich glaube — meine Minister, die Schurken, hätten mich schon längst um Thron und Reich gebracht!! sab.) Leda (allein). Das sind mir Menschen ? Ebenbilder des Ewigen? — Und wenn sie etwas Scheußliches vorstellen wollen, dann malen sie uns !! — Die Titanen der Hölle! Wir sind — was wir sind! Doch der Mensch? Eitel, frech, stolz, grausam, feige, verzerrt, erbärmlich, undankbar bis zum Wahnwitz — das ist das Meisterstück der Schöpfung! Wahrhaftig! Meine Arbeit ist leicht, und bald hoffe ich siegreich am Throne meines Vaters zu stehen!! (Ab.) Zweite Scene. (Festmarsch.) (Tubabläser, Soldaten und Wachen, Lauscher, Mohren als Schirmträger, Nervus, Renoch, AsieS, Herodius, unter einem Baldachin, umgeben von tanzenden Bajaderen Sultan Hululu, Ada verschleiert an der Hand führend.) Hululu (begibt sich mit Ada auf den Thron. Alles gruppirt sich.) Alle. Heil dem Göttersohne! ! — 24 (Ballet.) (Tanz der Bajaderen und Mohren.) (Nach dem Ballet:) Gom (auftretend). Gestattest Du, Erhabener, daß sich der Bater Deiner jungfräulichen Braut nahen darf, um Deine göttlichen Füße zu küßen?! Hululu. Er mag kommen! Gom (winkt). (Musik.) (Philes geschmückt, das Gesicht mit einem langen Schleier bedeckt, von Leda mit einer Schaar junger Mädchen geleitet.) (Musik schweigt.) Hululu. Enthüllt sein Antlitz! Gom (entfernt den Schleier.) Philos. (steht überrascht). Bei dem einzigen wahren Gott — geblendet steh ich vor so viel Pracht und Herrlichkeit! Hululu. Sohn der Berge — nicht wahr, das wirft Dich zu Boden? ! (Zu seiner Umgebung.) Gebt Zeit ihm, von dem Erstaunen sich zu erholen, welches der Anblick unserer Majestät auf ihn Hervorbringen mußte! Philos (sucht mit den Augen im Kreise). Was redet da? (Zn Gom.) Wer ist das schwächliche Männlein dort, so gräßlich glanzvoll ausstaffirt, daß ich mich eines Lächelns kaum erwehren kann?! Gom (schnell). Sprecht leise, Herr, so lieb Euch Alles, was Ihr bisher errungen! — Den Ihr so genannt — wie meine Lippen nicht zu wiederholen wagen — es ist der Göttersohn, unser erlauchter Herrscher. Philos (verächtlich). Was? — Der? Ein Göttersohn?! — Der? Leda (schnell herantretend). Was hast Du?! Gom (leise). Helft mir, Prinzessin! Phi los (spottend). Und diesem soll ich — ein Enkel Seth's — die Füße küßen?! Leda (nimmt ihn bei der Hand). Du Mußt! — Philos. Nimmerm ehr! (Er betrachtet Hululu von der Seite.) Wie ist es Möglich nur ? Der herrscht über diese Alle ? ! Und das so gewaltig, daß Alle zitternd vor ihm stehn! Wie macht er dies ? — Das, was ich an ihm wahrnehme, zeigt mir nichts von seinem Götterursprung; er ist ein Schatten gegen mich, und die Meisten, die hier bebend seinen Worten lauschen! Leda (leise und zärtlich). Füge Dich! Thu' mir's zu Liebe, Theurer! Ich lohn' Dirs später mit tausend heißen Küßen! Hululu. Nun, Philos? Hast Du Dich erholt von dem Erstaunen über die Erhabenheit unseres Anblicks? — Komm näher jetzt, und empfange unsere Gunst! Leda (zu Gom und 2 Lauschern). Führt ihn hin! (Zu Philos.) Nicht wahr, Du willst? Philos (seufzend). Warum entflieht die Kraft mir — sehe ich in diese Augen? Leda (leise). Und wenn er mit seinem Götterfuße Dein Haupt berührt — so nimm es als die höchste Gunstbezeugung geduldig hin! Philos (empört). Niemals! Leda (schmeichelnd). Ich lohne Dirs! Philos (seufzend). So kommt! (Erläßt sich nun geduldig an den Thron geleiten, dort angelangt, unterweist ihn Gom. Erläßt sich auf die Knie nieder und küßt Hululu's Füße.) Hululu (zur Versammlung). Hier, diesem Manne, der ein Nachkomme Seth'ö ist, und meinem Hause nun nahe steht, durch seine schöne Tochter, die ich zur Gemahlin nehme — soll man im ganzen Reiche hohe Ehrfurcht bezeugen! (Er gibt ein Zeichen. Gom und die beiden Lauscher drücken Philos den Kopf mit einiger Gewalt gegen die Stufen des Thrones.) Zum Beweise meiner höchsten Gunst, berühre mein Götterfuß Dein Haupt!! — (Musik. Tusch.) (Er berührt mit seinem Fuße Philos Haupt.) 25 8 eda (frohlockend bei Seite). Ebenbild des Allgewaltigen! Entwürdigst Du Dich im Staube?! Hululu. Und nun erhebe Dich, als einer der Edelsten meines Reiches! Alle. Heil, dem Enkel Seth's! (Lärm hinter der Scene.) Ceremonienm eister feilt herein.) Hululu. Was soll der Lärm ! ? Cer em oni e n m e i ster. Verzeih, Erhabener! Ein Abgesandter des Herrschers von Enoch, dessen Gefolge vor den Thoren unserer Stadt hält, bringt eine Botschaft von der höchsten Wichtigkeit, die keinen Aufschub duldet, wie er sagt'. — Hnlulu. Laß' ihn kommen! (Mit einem verstohlenen schadenfrohen Seitenblick gegen Leda.) Bin doch begierig, was so dringend mein lieber Vetter will!? (TubaS erschallen.) Abgesandter stritt ein und wirft sich vor den Thron zur Erde.) Mein erhabener Herr, der Herrscher von Enoch, sendet Dir dieses Schreiben, das Du unverzüglich lesen mögest, um darnach handeln zu können! (Er überreicht eine Rolle.) Hululu fzu Asses gewendet). Keine Kleinigkeit fürwahr, muß dieses Schreiben enthalten, wenn ich mich entschließe, das Fest meiner Vermählung zu unterbrechen ! — Unseres Reiches Minister! Entrollö die Schrift, und thue Uns ihren Inhalt kund! — Alles (hochgespannt.) Asses (liest). „Wir, der Herrscher von Enoch, der Herrliche, Göttliche, abstammend in gerader unbefleckter Linie von den Söhnen Gottes Azas und Azael's, entbieten Dir unfern Gruß zuvor! — Wir haben durch unsere Kundschafter vernommen, daß Du Dich mit einer Tochter aus dem Stamme Seth's vermählen willst! Wir geben Dir, der Du von Menschen nur gezeugt und geboren wurdest, zu bedenken, daß Du dies nicht vollführen mögest, ohne unfern göttlichen Zorn auf Dich zu laden ! — Wir sind auch der Ueberzeugung, daß Du es nicht thun wirst, sondern erwarten von Deiner Einsicht und Klarheit des Verstandes, daß Du uns, nach unserem Willen, ohne Aufschub, die Tochter Seth's zusendest, damit wir sie zu unserer Gemahlin erheben! Denn — uns gehört sie zu, die wir aus Götterstamme entsprossen, und nicht Dir! — Gegeben in unserer prächtigen Stadt Enoch. den 3. Mond des Jahres 1576 nach Bestehung der Welt! Ich der Sohn der Göttersöhne Aza's und Azael's, Herrscher von Enoch, der ältesten Stadt der Erde!" Alles (steht in zornigen empörten Gruppen.) Hululu (boshaft und ingrimmig). Nun? — Was steht Ihr starr und sprachlos?! Gebt Antwort diesem Abgesandten! — Alle (losbrechend). Wehe über den Herrscher von Enoch! — Leda (aufstehend.) So ruf auch ich! Und Krieg bis zur Vernichtung sei die Loosung! - Alle (wie oben). Ja. Krieg! Bis zur Vernichtung! — Leda (stellt sich neben Hululu auf den obersten Stufen des Thrones). Höre mich, Abgesandter! In unseres Göttersohnes Namen hier sprech ich zu Dir, und verkünde jedes meiner Worte Deinem Herrn! Wir, von dessen Tapferkeit die Welt spricht, mit dem sich kein Herrscher auf Erden zu vergleichen wagt, entbieten Deinem Herrn, dem Sohne der Menschen und des Staubes, unseren Haß und unsere Verachtung!! — Wir rüsten uns mit Mord und Verwüstung, an ihm den Frevel zu richten, der es gewagt hat unfern Göttersohn einen Menschen zu nennen! Ihn! Der durch große und fürchterliche Thaten seinen Ursprung erwiesen hat! — Doch binnen 3 mal 3 Tagen, wollen wir ihm auf der Ebene vor Enoch durch Uebermacht des Geistes ,und durch blutige Thaten beweisen — 26 was er ist — und was wir!! Seine prächtige Stadt, sein und seiner Unter- thanen Gold, sei unser!! Mt Hohn.) Wir wollen den Gott, den wir anbeten, von Eurer Knechtschaft befreien! Unser Kriegsvolk wird die Speere nicht früher aus den Händen legen, bis Dein Herr unsre Göttlichkeit, und seine erbärmliche Menschlichkeit anerkannt hat! — Was die schöne Tochter aus dem Stamme Seth's betrifft, — findem sie Ada entschleiert.) so melde Deinem Herrn, daß unser Göttersohn noch diese Nacht den Keim zu legen gedenke für kommende Geschlechter seines himmlischen Ursprungs! Hululu. Ja! Das gedenk ich!! — Alle saufjubelnd gegen Hululu gewendet). Heil unserem Göttersohne! sJetzt zieht Alles rasch die Schwerter, mit einer drohenden Bewegung gegen den Abgesandten) : Krieg, bis zur Vernichtung! Rache dem Herrscher von Enoch ü — sMusik.) Große Gruppe. Per Vorhang fällt. Achtes Bild. Die Schlacht vor Enoch. (Großes, redendes Gaökeau.) Freie Ebene. In der Perspektive die Stadt Enoch. Beide Kriegsheere stehen sich in langgestreckten Reihen, im Schlachtgewichte gegenüber. Das Heer der Enocher flieht. Leda als Anführerin einer Schaar Amazonen auf einem schwarzen geflügelten Einhorn reitend. Eine Reihe Elephanten, die von Pfeilen getroffen wütheud um sich schlagen. Auf einem der Elephanten zur Seite erblickt man Hululu mit Phi los. Krieger halten schützend ihre Schilder über Beide. Philos ringt in Verzweiflung die Hände. — Einzelne Gruppen Verwundeter von Speer und Pfeilen durchbohrt im Vordergründe. Das ganze Bild athmet in furchtbarer Größe Kampf und Vernichtung. Die Schlachtenbilder der Bibel von G. Dor6 geben dem Arrangeur und Maler genügende Motive. sWährend des Tableau furiose Schlachtenmusik.) Neuntes Bild. Die Sünde iltochler. (Mondnacht). Prächtiger Garten mit Laubgängen, Terrassen, Pavillons. Im Hintergründe die Residenz des Sultans. Erste Scene Philos, Asses, zwei Verschnittene. PH ilos strregt, will in einen Pavillon dringen. — Asses mit den Verschnittenen wehren ihm den Eingangs. Ich muß meine Tochter sehen und sprechen! Niemand wird mich hindern!! — Asses. Bedenke, hoher Herr, was Du thust? Du willst in das Heiligthum dringen, wo nur unserem Göttersohne der Zutritt gestattet ist?! — Philos. So führt sie her zu mir! Der Vater kann wohl mit der Tochter sprechen? Euer Göttersohn kommt dabei nicht in Gefahr! — Asses. Beruhige Dich, Herr! Ich will versuchen, ihr Deinen Wunsch mitzutheilen! — Verweile gütigst, bis ich Dir Nachricht bringe! sAb mit den Verschnittenen in den Pavillon.) Zweite Scene. Philos salleins. Ja! Es ist beschlossen! Ich fliehe mit meiner Tochter von hinnen, zurück in meine Berge, um der Greuel nicht noch mehr zu schauen! O Gott Jehovah! Was sind das für Geschöpfe, die die Erde verwüsten, und ihre Bewohner ermorden wie die Schafe! — Ja, die Erde ist abscheulich, denn sie dampft von dem Blute der Erschlagenen! — Der Raubund Herrschsucht fallen die Menschen zum Opfer! — Weil der Wahnsinn des Einen Herrschers eine tolle Botschaft dem anderen zusendet — lassen sich diese Menschen zu Tausenden aneinander jagen, um sich zu tödten! Darum nur werden die Städte geplündert — und Weiber, Kinder, Greise mußten sterben? Darum mußten die schönen Werke ihres Fleißes, ihre Felder, ihre Wohnungen — diese prächtige Stadt Enoch verwüstet werden?! — O! Warum siegt stets das Böse mehr in der Menschenseele, als das Gute?! Jehovah, mein Herr und Gott!! Du allein bist mächtig, groß und vollkommen! Aber — etwas muß in dieser Deiner Schöpfung nicht richtig sein, und dieses Etwas entzieht sich meinem Blick!! — Wie können diese Menschen hier so grausam und so böse sein, da sie doch zugleich so viel Großes und Erhabenes auszuführen im Stande sind ?! — Lasse mir dieses klar werden — 28 MdI oder es werde mein Geist so dunkel, wie die Finsterniß, welche die Erde einhüllte, bevor Du das Licht erschufst-'! - Drille Scene. Voriger. Bachalus. Ba ch alus (in Eiles. Gevatter! Gut, daß ich Dich treffe! — So lieb Dir trockene Füße sind, mach', daß wir von hier fort und auf das Gebirge kommen! — Es liegt viel Feuchtigkeit hier in der Luft! Mir ist seit einigen Tagen sehr laubfroschartig zu Muthe — und das bedeutet Regen — viel Regen!! Heute Nacht träumte mir — wir Alle wären Fische! — Du warst ein prächtiger Lachs — und schwammst voran! Deine Tochter war ein schimmerndes Goldfischchen — und ich ruderte als Stockfisch hinterdrein!! Philos. Ich bin nicht in der Laune jetzt, Dich anzuhören — schnell- züngiger Narr! Bachalus. O schlimme Zeit, wo schnellzüngige Narren Wahrheit predigen — indessen die Weisheit auf Krücken Narrheiten begeht! — Ich rathe Dir — komm' Gevatter! Mich dünkt, der Augenblick ist sehr nahe, wo uns Allen der Kopf für unsere Narrheiten ordentlich gewaschen wird!! — sDer Pavillon erhellt sich. Musik. Ballet und Gruppirungen im Pavillon.! Bachalus (sieht Hins. Dort — schau' Deine Tochter. — Sie unterhält sich, das Goldfischchen! Ich geh. — Gieb Acht, die schlüpft Dir durch die Hände — mit ihrem glatten Leib! Du mußt sie herzhaft fassen!! — Also mach', daß wir in's Trock'ne kommen — das heißt auf's Gebirge! Noah wartet — und die Familien-Wohnungen in der Arche werden sonst anderweitig vergeben — und Du mußt Außen bleiben ! Huhu! Mich fröstelt's an Deiner statt, wenn ich nur daran denke! Ich laufe lieber voraus, um Dir einen Platz zu reserviren!! (Läuft ab.s (Nach dem Ballet Vierte Scene. Vorige. Ada mit Thubailkain aus dem Pavillon, Asses, zwei Diene- rinnen und zwei Verschnittene folgen. Ada (an der Schwelle des Pavillons Thubailkain umarmend!- Bewahre unser süßes Geheimniß vor jedem neidischen Blick! Sei behutsam mit Worten und suche auch nicht mit den Augen anszu- drücken, was unser Glück einschließt!! Lebe wohl! (Sie küßt ihn.s Thubailkain (kniendst Hier, in meinem Herzen ist mein Glück verschlossen! Leb' wohl! Süße! Holde!— Ada (zu den Dienerinnen!- Geleitet ihn. bis er in Sicherheit! (Thubailkain geht mit den Dienerinnen ab.s Philos (staunend!. Du, im geheimen Bunde, mit jenem Jüngling? Ada (kalt und schroffst Glaubt Ihr, Vater, Ihr seid noch auf dem Gebirge, bei Euren Heerden? Glaubt Ihr, der Hof meines Gemahls sei eine Höhle für Thiere, in die man ohne alle Achtung und Vorsicht eindringt?! — Philos (empörtst Ja wohl, ist es eine Höhle für Thiere für recht schändliche Thiere, und wie ich sehe, bist Du selbst nicht das reinste dieser Heerde!! — Ada (hämisch lächelndst Worin? Wodurch ? ! — Phi los. Das fragst Du? Du — die noch vor Kurzem auf dem Gebirge lebte, wo die Unschuld wohnt? — Ada. Da ich auf dem Gebirge war, lebte ich nach der Weise des Gebirges! Nun ich hier bin — lebe ich, wie man hier leben muß! So lehrte mich mein 29 Lehrer hier — (zeigt auf Asses) und ich bin ihm eine dankbare Schülerin! Auch rathe ich Dir, ein Gleiches zu thun — (spöttisch) sonst wäre es besser für mich und Dich — Du kehrtest zu dem strengen Noah, Deinem Schwäher, und zu Deinen Heerden zurück!! — Philos. Mußt Du so leben, wie ich Dich eben gefunden? Ada. Warum nicht? Wenn ein Mann mein Gemahl ist — der kein Mann ist! ? — Will ich die Wohlfahrt dieses Reiches nicht auf's Spiel setzen, und nicht gleich meinen Vorgängerinnen verstoßen werden, so muß ich wohl selbst dafür sorgen, daß dieser Thron nicht ohne Erbe bleibt! So lehrte mich mein Lehrer hier — und ich bin eine folgsame Schülerin! Asses (nickt zustimmend). Philos. O Tochter! Tochter! — Ada. Zürne Dir — nicht mir! Bin ich Schuld daran? Warum verließest Du mit mir das Gebirge?! — Du hast mich zu Sündern geführt, und nun ich hier bleiben will, bin ich mir selbst znm Vortheil — eine kluge Sünderin! ! — Während Ihr ausgezogen wäret, um den frechen Sultan von Enoch zu schlagen, hat dieser Weise hier mich unterrichtet! — Jetzt bin ich unterrichtet, und weiß, wie ich cs zu machen habe, daß die künftige Wohlfahrt dieses Reiches — so wie meine eigene gesichert bleibt!! — Und nun leb' wohl! — Und kreuze meine Wege in Zukunft nicht — dies rath' ich Dir, zu Deinem Besten!! (Geht stolz mit Asses in den Pavillon.) Philos (allein). O Fluch mir, daß ich eine Sünderin gezeugt, und diesem Menschen zugeführt habe, die an Vermessenheit und Kühnheit alle Töchter Kain's überflügelt! Gom (tritt auf). Find ich Dich endlich, hoher Herr?! Prinzessin Leda sendet mich; — Du sollst mit ihr beim Sieges- und Dankesfest an des Göttersohnes Seite sitzen! Der Sultan will mit neuen Ehren Deine Stirne schmücken! Phi los (wild). Wohlan! So will ich denn mein mir selbst aufgebürdetes Unheil trotzig bis an's Ende zerren — und sollte mich auch die Wucht zermalmend und beschämend zu Boden schmettern!! — (Beide rasch ab.) Fünfte Scene. Ada und Leda festlich geschmückt, Leda als Amazonenkönigin. Ada. Aus dem, was ich Dir sagte, ersiehst Du, daß mein roher Vater zum Hofleben nicht taugt?! — Wir müssen auf ein Mittel sinnen, daß seine heftige Gemüthsart, sein aufbrausendes wildes Wesen uns keine Verlegenheiten bereitet! — Leda (gleichgiltig hinwerfend). Es gäbe wohl einen Ausweg — und ich habe bereits darüber uachgedacht! — Ada (schnell). Und der wäre? Leda. Ein — im Grunde ganz unschuldiges Mittel, das Du mit leichter Mühe erreichen kannst — wenn Du nur willst!! Ada (freudig). Wie sollte ich zögern, wenn's zum Ziele führt! — Sprich es aus und steht eS in meiner Macht, es ausznführen — so schreckt mich keine Sünde! Leda (schadenfreudig). Wirklich?! — Nun denn, mein Rath ist der: Bewege Deinen Gemahl, da er ohnedies Deinen Vater noch höher auszuzeichnen gedenkt, er möge ihn zum obersten Richter des Landes ernennen! — Dein Vater würde sich gewiß durch so viel Ehre glücklich fühlen und sein blinder, toller Eifer, Thorheiten zu begehen, die Dir Schaden bringen können — wäre dadurch gelähmt!! (Kleine Pause.) Du weißt doch, unsere taubstummen Richter — sind die 30 ruhigsten und sanftmüthigsten Leute von der Welt!! — Ada (sie umarmend). Laß Dich küssen, Schwester! Dein Rath gefällt mir und da er auch gut ist, weil er zum Ziele führt und auf die bequemste Art — so will ich ihn befolgen und das sogleich ! Komm! (Rasch ab.) Leda (allein, triumphirend). Folgtest Du der Lockung, Tochter Eva's, meiner alten Freundin?! Bald steh' ich am Ziele meiner Sendung!! — (Folgt ihr.) Sechste Scene. Bachalus und Bach ne. Beide mit Weinreben bekränzt. Bachalus (etwas berauscht, ein Widderhorn mit Wein gefüllt in der Hand, mit Mantel und Wanderstab). Komm, Schätzchen — komm! — Du bist das einzige Wesen, das gerettet zu werden verdient! Ja!! — Du — und das Getränk hier! Ja — das Getränk auch!! — Verliere mir nur den Samen nicht aus Deinem Körbchen — mein Geschenk für Vater Noah, das ich ihm mitbringe von unserer Studienreise! (Trinkt.) Vater- Noah soll leben!! — Wie heißt doch das Getränk? — Bach ne (an einem Stocke ein Bündel über die Schulter, am Arme ein Körbchen). Es ist der Traube Saft — wir nennen's Wein! — Und es ist nur für den Göttersohn bestimmt und wird auch nur für ihn gepflanzt! — Mein Vater muß bei Todesstrafe den Anbau dieser Pflanze als Geheimniß bewahren! — Denn — man sagt: Das Getränk macht muthig, und viel genossen, bewirkt es, daß man sodann die Wahrheit redet! Doch — Wahrheit zu hören von seinen Unter- thanen — taugt dem Göttersohne nicht! BachaluS (der ihr aufmerksam zuhörte). Aha — d'rum trinkt er allein den Wein, der Schurke! (Trinkt.) Was Göttersohn? Was Unterthanen? Diese Unterthanen sind nicht mehr Werth — als von so einem — Göttersohne regiert zu werden ! Ich aber — wenn er mir in die Quere kommt — ich prügle ihm mit einer- gedrehten Weidenruthe seine göttliche Seele aus der buntscheckigen Jacke heraus — daß sie mit vehementer Schnelligkeit zu seinem Urvater Azael fährt!! — Mir soll er nur kommen — mir! !— Bach ne. Nicht so laut, Schatz — wenn man uns überrascht!! — Bachalus. Ach was! — Ich sage Dir, die ganze Brut hier — ist nicht mehr werth — als daß sie endlich ersäuft wird!! — (Fröhlich.) Komm, Schätzchen, gib mir einen Kuß! Bach ne (küßt ihn). Hast Du mich denn wirklich lieb? Bachalus. Wie mich selber! Bach ne. Sprichst Du die Wahrheit ? Bachalus. Liegt in diesem Getränke die Wahrheit — so Hab' ich Dich lieb! Hab' ich Dich lieb — so Hab' ich die Wahrheit geredet! Und — Hab' ich die Wahrheit geredet — dann — dann steht es unumstößlich fest, daß in diesem Getränke, Wein genannt — die Wahrheit enthalten ist!! (Er trinkt und küßt Bachne.) Vater Noah soll leben!! Haha! Der wird seine Freude haben, wenn ich mit dieser Pflanze ankomme!! — Einen Berg voll muß er bauen! Einen ganzen Berg voll mit Wahrheit!! — (Musik.) Duett. Bachalus. Mein Weibchen, komm, erzähle mir, Wie wird der Wein gebaut? Ich lausche jedem Wort von Dir, Von Deinen Lippen traut! — Bachne. So merke auf Und spitz' das Ohr! 31 Bach alus. Ich merke auf Und spitz' das Ohr! B a ch n e. Den Samen legt man in die Erde, Bis ein zarter Keim wird d'rauS Und nachher ohne viel Beschwerde Gibt man dem Keim ein neues Haus! Ba chalus. Gibt man dem Keim ein neues Haus! Beide. O sel'ge Lust, wächst erst der Wein, O Vater Noah, freue Dich! Du läßt gewiß das Grämen sein-, Jubelst mit uns dann sicherlich! — B a ch n e. Und wächst der Keim stark aus der Erde, So hüte mau ihn treu und gut — Die zarte Pflanze macht Beschwerde, Vorsichtig sei und auf der Huth! Bach alus. Vorsichtig sei — und auf der Huth! Bachne. Wächst aus dem Stocke erst die Rebe, So binde sie an einen Stab, Frau Sonne sorgt schon, daß sie lebe Und dann gedeiht zu Aller Lab! B a ch a ln s. Und dann gedeiht zu Aller Lab! — Bachne. Im Herbste endlich kommt die Traube, Die Traube süß und wonniglich. Mein Bachalus in kühler Laube Preßt sich den ersten Trunk dann sicherlich ! Bachalus. Preßt sich den ersten Trunk dann sicherlich ! Beide. O sel'ge Lust, da ist der Wein! Jetzt, Vater Noah, freue Dich! Gewiß läßt Du das Grämen sein, Jubelst mit uns bald sicherlich! — fAndere Melodie.) Bachalus. Für einen Apfel Adam mußt' Sein Lebensglück hergeben. Der Apfel war doch nicht so gut Als hier der Saft der Reben! Beide. Als hier der Saft der Reben! Bachalus. Es drängt sich mir die Krage auf, „Wo Adam erst geblieben wär', Hing an dem Baum der Traube Blut ?"— — Das Paradies wär' auch nicht mehr! Beide. Ach nein! Ach nein! Das Paradies wär' auch nicht mehr!! . sBeide laufen fort.) Per Worhaug Ml. Zehntes Bild. Das Baals fest. Große weite und prächtig geschmückte Halle, mit der freien Aussicht auf die von hohen Marmormauern, Säulenhallen, Pyramiden, mit Bildnissen aus Bronze, und mit Blumen geschmückten inneren Hofräume der Residenz des Sultans. — Im Vordergründe rechts ein prächtig ansgeschmückter Thron, über dem ein fantastisch gebildetes Thier mit Flügeln angebracht ist. — In Mitte der Bühne steht der Götze, eine monströse Figur von gediegenem Golde, mit Drachenflügeln, drei Köpfen und menschlichen Gesichtern. Die Augen des Götzen leuchten wie Diamanten. Erste Scene. sHululu und Ada sitzen auf dem Throne, umgeben von den Großen des Reiches. Tiefer zur Rechten, auf erhöhten Sitzen, die ehemaligen Frauen des Sultans, verschleiert. Links im Vordergründe Philos und Gom. Bor dem Götzen steht der Oberbonze mit Gefolge, Bajaderen, Richter, Lauscher, Krieger. Mohren, Verschnittene, Fächerträger n. s. w u. s. w.) Hululn, so wie alle hervorragenden Personen tragen Rosenkränze. Musik.) sFestmarsch.) Leda sals Amazonenkönigin, festlich geschmückt, umringt von Amazonen, wird auf einem Triumphwagen, der von gefangenen Enochern gezogen wird, hereingefahren; sie steigt herab, geht auf Hululn zu, der sie umarmt; hierauf überreicht sie verschiedene erbeutete Kostbarkeiten, die von Mohren getragen werden, und setzt sich sodann neben Philos). Cere m on ienm e i st e r sM ein Zeichen.) l Musik.) lBallet.s sSchlachteutanz der Amazonen«) sNach dem Tanze.) Hululn. Nervus! — Gieb mir die Liste Derer, die ausgezeichnet zn werden verdienen, durch ihre Thaten im letzten Kriege! (Nervus überreicht die Liste, er sieht hinein.) Gom, Kadtts, Heran, Enochius — gut — Alles gut! — Doch hier — ? Was soll Philos, meines Schwäher's Name hier? Er jammerte ganz erbärmlich an meiner Seite! Und als das Geheul der Tausende an sein Ohr drang, die von den Leibern unserer Elephanten zermalmt wurden — da fiel er ihn Ohnmacht!! Nein — der taugt nicht zum Kriegsmann! Für ihn Hab' ich ein friedlich Amt, verbunden mit hohen Ehren und Würden, wie sich's geziemt für einen Mann, der uns so nahe steht! — sFeierlich, indem er sich erhebt.) Zum obersten Richter sei er ernannt, in unserem Reiche!! Alle. Heil Philos! Ph ilos singrimmig für sich). Verflucht sei — wer ihm den Rath gegeben!! — Leda (für sich). Sie sei verflucht! — 33 Hululn. Das heutige Fest kröne man mit der Vollziehung der richterlichen Weihe an Philos! (Zum Ober- bonzen.) Bereitet Alles vor! — Alle. Heil dem hohen Richter! Leda. Doch nun laßt uns unser Lob- und Dankgebet richten an denjenigen, dem alle Macht gegeben, so weit die Erde reicht! — Musik.) (Leda steigt von ihrem Thronsitz herab, wendet sich gegen das Götzenbild, dessen Augen roth zu leuchten beginnen. Sie verbeugt sich dreimal tief zur Erde, und beginnt dann, sich gegen das Publikum wendend, die Hände ausgebreitet, wie in Berzückung, während Alles betend zur Erde sinkt.) Melodram). Leda. Gold! Unser Gott! Herrlicher! Trefflicher! Der Du unter dem sichtbaren Erschaffenen glänzest, wie die Sonne an dem Gewölbe des Himmels! Erhab'ner! Bor dem das ganze Menschengeschlecht die Knie beugt — vom Sultan bis zum Bettler!! Du allein ertheilest alle Tugenden und alle Vollkommenheiten, und überschüttest Deine Auserwählten mit des Lebens üppigstem Genüsse!! — Alles, was die Menschen ersinnen und Hervorbringen, geschieht nur, weil Du bist! Um Deinetwillen keucht der Ackermann auf dem Felde; um Deinetwillen wacht der Denker die lange Nacht durch; um Deinetwillen kämpft der Schiffer mit dem Sturme; um Deinetwillen achtet der Krieger seines edlen Lebens nicht — das er doch nur einmal lebt!! — O, Du Wesen aller Wesen! Du Schöpfer aller Künste und Wissenschaften ! Du Triebrad der menschlichen Gesellschaft! Großer, mächtiger Zanb'rer! Dir verkauft die Jungfrau die Keuschheit — der Denker die Wahrheit — der Staatsmann seinen Herrscher und sein Vaterland — der Richter die Gerechtigkeit — der Herrscher das Glück seiner Unterthanen!! — Theater-Repertoir 319. — Herrlicher! Glänzender! Erhabener! Sieh gnädig auf Dein auserkornes Volk herab! Umleuchte nur uns mit Deinem strahlenden Gewände! Fliehe unsere Nachbarn — denn kein Volk auf ^ Erden verehrt Dich, wie wir Dich verehren! Sei ausschließend unser Gott — der unfehlbare — der einzige — der wahre!! Alle fin Chor). Ja! Du bleibst unser Gott! Der einzige — unfehlbare — wahre!! Musik schweigt.) P hilos (bei Seite). Hörst Du das ?! — Und die Erde öffnet sich nicht, um diese Ungeheuer zu verschliugen? — Hululu. Man führe die reichen und hohen Würdenträger, so wie die gefangenen Lastthiere Enochs vor meinen Thron! (Auf ein Zeichen werden acht gefangene Würdenträger Enochs in Jochen und an einer Stange gekettet hereingebracht. Hinter ihnen eine Schaar gefangener Krieger.) Hululu fzn den Kriegern). Euch scheuke ich Euer elendes Leben! Gehet hin, Lastthiere, arbeitet, erwerbet unfern Gott, der von Euch gewichen — und strebt darnach, in meinen Staaten Unterthanen zu werden — die einen Gott besitzen!! (Zu den gefangenen Würdenträgern.) Was Euch betrifft und Eure Schätze — (höhnisch) so schätze ich mich glücklich, unfern verehrten Gott aus Euren Händen befreit zu haben! Euer Leben falle zum Opfer, weil Ihr unfern Gott gefangen hieltet! — Mögen ihm dafür Eure brennenden elenden Leiber Wohlgefallen! (Befehlend.) Die Flamme lod're empor — führt sie zum Tode! (Die Gefangenen werden abgeführt.) Hululu (nachdem er mit Ada Blicke gewechselt.) Und nun vollziehe man an Philos, unserem anserwählten Günstlinge, die Weihe, die ihn zum obersten Richter in unseren Staaten macht! (Zum Oberbonzen.) Waltet Eures Amtes! — 3 34 Oberbonze (geht mit einigen Tem- peldienern ans ihn zu. Einer der Diener trägt ein Kissen, worauf eine goldene Scheere liegt; ein anderer trägt eine Pfanne mit glühenden Kohlen, worinnen mehrere Eisen liegen.) Philos sder mit Leda leise gespro- chen). Weib oder Dämon! Sprichst Du wahr?! — Leda (ihm in's Ohr, dämonisch). Ich wiederhole Dir's! Sie war es — Deine Tochter — die den Sultan darum bat! - Nimm !! — (Sie drückt ihm einen Dolch in die Hand.) Phil 0 s (wendet sich und sieht den Oberbonzen auf sich zukommcn — mit Ingrimm). Was wollt Ihr?! — Voll ist das Maß Eurer teuflischen Vermessenheit — Ihr Schänder des Menschengeschlechtes!! — Alle (erstaunt). Was ist ihm?! — Philos (losbrechend). O Jehovah! Warum zerschmetterte Dein Blitz den Brudermörder Kain nicht, bevor er den Grund zu dieser verfluchten abgöttischen Stadt gelegt hat!! — Alle (auffahrend). Er frevelt! Er lästert! Ada (zum Sultan). Er ist wahnsinnig! Gieb Befehl, daß man ihn gefangen nimmt!! — Phi los. Wahnsinnig sagst Du? Du schlechter Zweig von meinem Stamm! Fall' ab, sammt der Frucht unter Deinem Herzen — mit diesem Streich send' ich Dich zur Hölle! (Er ist auf Ada zugestiirzt, und stößt ihr den Dolch in die Brust.) Ada (sinkt an des Thrones Stufen zu Boden). O Fluch — die Hölle — weh mir!! (Stirbt.) (Eine starre unbewegliche Pause des Entsetzens aller Anwesenden.) Phil 0 s (auf Ada blickend). Äst sie nun gesichert — die künftige Wohlfahrt dieses Reiches?? — (Die Scene wird plötzlich roth erleuchtet.) Phi los (tritt in den Vordergrund) Blutigroth wird der Himmel!! Ich sehe Dich in Deiner erhabenen Größe! Du Jehovah — bist der einzige Gott — der unfehlbare — wahre!! —Gerecht ist Dein Zorn ! Hebe diesen Weltkreis aus den Angeln — und gieb der urewigen Finsterniß die Atome zurück — die sich zu solchem Unheil hier zusammen fanden!! — H UlNlN (mit einem tigerhaften Aufschrei). Ergreift ihn — und tödtet ihn vor meinen Augen !! — Alles (zieht die Schwerter und will in wahnsinniger Wuth auf Philos eindringen.) (Ein gewaltiger Donnerfchlag. Es wird finstere Nacht — ein Blitz fährt hernieder und schleudert den Götzen in Trümmer. —An der Stelle des Götzen steht Plötzlich Gabriel mit dem Flammenfchwert. — Alles steht in starren zitternden Gruppen.) (Musik.) (Melodram bis zum Schluß.) Gabriel. Zu Ende ist die Lang- mnth des Ewigen! Und so wie Ihr von ihm seid abgefallen, verläßt Er Euch jetzt, und Ihr seid der Vernichtung preisgegeben!! — Alles , was des Menschen Geist hervorgebracht — zerfalle in sich selbst! ! — (Es geschieht. Die Säulenbogen, Statuen, Pyramiden zerbröckeln langsam in sich selbst.) Was die Natur dem undankbaren Menschen zur Freude hat geschaffen — vertrockne und verdorre — bis auf die kleinste Blume — das kleinste Blatt!! — (Es geschieht. Die Bäume entblättern sich, Zweige und Aeste fallen zu Boden, die Blumen welken ab.) Es sei wieder, wie es gewesen, bevor der Herr in seiner Güte Euch geschaffen! Das Chaos trete ein — das Chaos!! — (Die Windsbraut heult über die Bühne, Feuer fällt vom Himmel.) Alles (fällt bei diesem Anblick vernichtet zu Boden.) Leda (tritt in die Mitte, sie ist von einem grünstrahlenden Lichte übergossen. — Aus ihren Gewändern huschen kleine, grüne, glänzende Nattern und Schlangen und ver- lieren sich im Erdboden.) Zu Ende sind meine Thaten unter Euch! Was noch kommt — muß ich einem Höheren überlassen! Ich bin mit mir zufrieden, 35 und hole meinen Lohn mir vor Leviathan's ältestem Throne! — Der Schleier falle — erkennt mich!! (Sie verwandelt sich als Eblis, wie im ersten Bilde.) Eblis bin ich — die Schlange aus dem Paradiese!!! sSie versinkt, Flammen schlagen empor.) Philos sist zu Gabriels Füßen niedergesunken). Gabriel. Folge mir !! — sEr hält das Flammenschwert, welches hell und leuchtend strahlt, wie abwehrend, mit zornigem Blick gegen die starren Gruppen.) sEin gewaltiger Schlußakkord in der Musik.) Der Vorhang fasst. Eilstes Bild. V ; Der Einzug in die Arche. (Zwisch env orh an g.) Ans diesem Vorhänge ist Noah's Einzug in die Arche nach G. Dor ^X X. ^ K v ' < 7 ^ ^ ^ 7 ^";^ (' ^7 7.)' _. >" . > < , -V ' >n ' !!! d - ? ' ^ v -^ ^ ^.'7 " X - ^ 7 ' " . 1! ^ ' x /- ^ ^ v-'' r. -ß. ' ' . >! < .... >-c'V'i- - .. > r > f -> V ^ ^ ^ . -H 7.'r "-/ <^.-.. / -v - ^ ^ -' > r - . 7 ' .7 ^ - ' ' i A -'!! ' ^ iS^ - ^ >i!l ! ».^v - - > ' X 4 ? ^ ^-ch - 'j '. - ^ ^ ' -' '7 ' i - .. "< . " 4 4' ' - ' > . ' . I». O,r. >S »W» -r > ^ ' ^ M> ,4^ . V ^ Üi '> Z. ^ 7 ^-. . ) ,4 '' - . '-' ..7 ^ ' V, " . - x-> ^1! '!> !'i ^ - / V "> - iü V V- - ^ - Z *»' >< -^»r, - 5- ' >,» - LÜ!MN6KM2Ö2Ess E UNV tE2 Ö5I^^f?. >Vien, Vi. LumpLnHOj-jenLtraLLL 122 Die Iran von Mrestl. Posse inii Gesang in 6 ZMern von O» Musik von Kapellmeister Karl Millöcker. Alle Rechte Vorbehalten. Wien, 1876. Vkrlag^-kp Wiülishaulscr'schm Buchhandlung (Josef Kl e min), X Stadt, Hoher Markt Nr. t. Das Aufführungsrecht für öffentliche Bühnen ist nur zu erlangen durch das internationale Theater-Geschäfts-Bureau von F. Schömnetter, in Wien, VI. Gumpendorferstraße 22. Zum rrstrn Male anfgrführt am 25. Dezember 1874 im k. k. priv. Theater an der Wien. Personen. Herr Brestl, Kaufmann. . . Hr. Therese, seine Frau . . . Frl. Julius, ihr Bruder, Einjahrig- Freiwilliger. ... Hr. Wabi, Köchin bei Brestl . Frl. Knauer, Korporal bei Deutschmeister .Hr. Ein Bäckenbub . .Kl. Frau Bictorine, Llarebauäs äo8 Lloäss. Tauzmeister Nigl Fenella, . . Hr. - - Frl- Lori s .Frl. Clarisse, . . mieten ^ F^- Thekla, >Eme dichten Helene, l.Frl. Clotilde, I.Frl. Seidl, Sicherheits-Wachmann Hr. Schofiuski, ein kleiner Beamter Hr. Pfotenhauer, Klavierspieler . Hr. Lisi, Magd bei Nigl . . Frl. Baron Simpel . . Hr. Bankier Mayer.Hr. Friese. Finaly. Szika. Herzog. Martin elli. Trebitsch. Girardi. Jules. Grttnfeld. Kern. Göggiuger. Treuge. Schindler. Elchheim. Romani. Gärtner. Seeberger. Thalboth. Krosfeg. Zwirschütz, Hausherrnsohn . Hr. Jäger. Stampfl.Hr. Bittner. Stofella.Hr. Büchner. Lampelfellner 1.Hr. Thomas. Lampelfellner 2.Hr. Liebesny. Ein Baumeister . . . . Hr. Kaschke. Dr. Zimperlich, Advocat . Hr. Schreiber. Klepsch, Anstreichermeister. . Hr. Rott. Ein Maurer-Polier . . Hr. Fink. Eine Amme, (Hannakiu) . Frl. Anger. Frau Robitschek, HausmcisterinFrl. Clossek. Erstes ..Frl. Hirt. Zweites ! Weib.Frl. Gerstuer. Drittes > Frl. Lang. Ein Dienstmanu. Eine Frau.Fr. Gottwald. Ein Lehrjunge. Ein junger Commis ... Hr. Endresser. Ein Herr . . ..... Hr. Golineki. Ein Gast . Hr. Rüdiuger. Ein Komfortable-Kutscher . Hr. Oberhofer. Der Führer der Deputation . Hr. Liebold. Volk. Gesellen. Dienstmänner. Ort der Handlung: Wien. Erstes und zweites Bild spielen an einem Tage. Das dritte Bild spielt einen Tag später als das zweite. Das vierte Bild spielt 4 Monate später als das dritte. Das Fünfte einen Tag später als das Vierte. Das sechste Bild am selben Tage wie das vorhergegangeuc. Den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt Erstes Bild. Die sparsame Frau. (Bescheiden eingerichtetes Zimmer bei Brestl. Ein großes Bogenfenster gewährt Aussicht auf die Straße. Mitteleingang. 4 SeitenthLiren. Alle Möbel und Bilder sind mit Ueberzügen versehen. Erste Scene. Wabi fdie Magd, steht auf einem Stuhl beim Bogenfenster und ist eben mit Fensterputzen beschäftigt. Militärmusik auf der Straße. (Es zieht eine Truppe Soldaten vorbei.j Wabi. G'rad kehren's wieder zurück von der Schmelz. Einer fescher als der Andere! Und der blutjunge Lieutenant! Wirklich, es is grausam von die Eltern, wenn's ihre Kinder schon so frühzeitig zwingen, Lieutenant zu sein. fMnsik ver- stunimt.j Sind schon d'rinn in der Kasern. fTranrig.j Der Korporal war nicht dabei. Wahrscheinlich dressirt er aufm Exerzierplatz die Rekruten. Aber nein, denn wann ich recht siech', er hat die Ausgangshosen an -- er kommt hieher — Himmel, wo ist denn mein Chignon?! sNasch seitwärts rechts vom Publikum ab.j Zweite Scene. Knauer, Deutschmeister-Korporal. Entree-Lied. sVertraulich zum Publikum.j Ich Hab' eine Köchin, weit draußt in Fünfhans, A Wäscherin kenn' ich sehr gut in Weiuhaus, Theater-Repertoir 380. A Hausmeisterstochter vom Neubau hebt mir Alle Tag den Kaffee auf und liebt mi schon wier! Da krieg' i a Znspeis, dort krieg' i a Brat'l, Die hat an Salat von z'Mittag no im Ladl, So leb' i famos bei der Theuerung in Wean, Als Harbester Don Juan der Alser- kasern! Auf der Wieden Hab' i a Tabakkramerin, In Döbling a Frau Paraplnimacherin, A Stubenmadl kenn ich a feins in Vöslau, Und in Simmering gar a Flecksiedersfrau ! Da krieg' i Zigarren und dort einen Schawl, Dö strickt mir die Söckeln, dö führt mi am Ball. Und so leb i famos bei der Theuerung iu Wean Als Harbester Don Juan der Alser- kasern ! Dö Köchin da nimm i nur so im Vorbeigeh'n mit. A Bißl Linsen, dann und wann a kaltes Knödel, zu mehr 1 * schwingt sie sich nicht empor! Muß auch schan'n, daß ich bald weg knmm, denn in Füushaus bachens hent' Krapfen. Wann ich mich dahier, bei der Leidenschaft verspät' — hat die Familie draußt' derweil anfg'ramt mit der Mehlspeis. Und außerdem Hab' ich diese Wabi am Zng. Gibt sie mir da unlängst in der Finster was Hartes, Ovales, eing'wickelt in a Papier! Ich halt's die längste Zeit für a Gollatschen. Was war's? In aner Rahm ihr Fotografie. Ich Hab' rein glaubt, es trifft mi der Schlag. Dritte Srene. Boriger. Wabi. Wabi fmit Chignon, Hcmbe und nettem Fürtuche, ein zugebundenes Häfen in der Hand und einen Korb niederstellendst Nein, Leopold — diese Ueberraschung! fStellt das Häfen weg.f An mein Herz! Kn au e r fimmer nach dem Häfen schielendst Ich Ihnen vor der Hochzeit umarmen? Nicht um die Welt! Mr sich.f Es is was Warmes! Wabi ffiir sichst O mein Gott, wie moralisch als er is! Knauer fsür sichst Wann i nur wußt, was d'rinn is im Häfen? S' rankt anßa! Vielleicht a Kraut und was d'ranf! Oder sollt's a G'selchtes sein? fSchnuppert in der Luft herum.j Wabi fzärtlichf. An was denken Sie denn, Leopold? Knauer. O Wabi! Mr sich.f Ich muß hinein greisen, flaut, indem er dabei das Häfen zu berühren sucht.f wann Sie wußten, was ich oft für Gedanken Hab', meiner Seel', ich versicher' Ihnen — fhat das Häfen berührt und führt die Hand rasch zur Nase, für sich.) Was Piketes — mir scheint a Chokolad — Wabi. Aber Sie wissen ja doch, daß Sie bei mir frisch von der Leber weg reden können. Knauer ffür sichst Ahan, eine g'röste Leber is es ! Wabi. Das Dienen Hab' ich satt — also werd' ich auch keine Umständ' machen. So wie bei unfern Herrn und Heiland, wird endlich auch dieser Kelch an mir vorübergeheu. Knauer. Also a Kelch und a Leber? Na is immer etwas! Wabi faufmerksam werdendst Aber was schnupperns denn so herum in der Luft? Knauer. Irr' ich mich? Aber es kommt mir vor, als riechets nach einer Znspeis und nach einer g'rösten Leber? Wabi. Was Ihnen nicht einfallt? Knauer fnnwilligst Aber es is ja doch d'rinn der Kelch? Wabi. Was für a Kelch? K n a u e r. Dort im Häsen! Wabi. In dem da? Da is a Laugen zum Thürenwaschen! Knauer. Eine Laugen? Himmel- kreuztansend, da soll doch auf der Stell' a Donnerwetter niedergeh'n, a so ein' Infamie! Wabi. Ja, was hab'ns denn Leopold? Knauer. Ah was! Um die Erd' könnt ich Alles hauen! Wabi. Warum denn so rabiat auf amal? Knauer. Wann Sie ohnedem zu thun haben, ich werd' Ihnen da nicht stören. Tschau! fWill gehen.f Wabi. O, ich laß'Ihnen nicht fort, bis ich nicht weiß, warum Sie so auf einmal so bös wor'n sein? Knauer. Nicht bös soll man sein, wann man 4 Stunden lang Freiwillige abrichten muß! Mr sich.j Und dann a Laugen? Wabi. Aber was kann denn ich für die Beschwerden des Kriegsstandes? Knauer. Ich Hab' es satt! Wabi. Aber denkend doch die Ehre? Sie derfen die intelligentesten Leut' unterrichten, wie man den Feind anffischießt. 5 Knauer. Jntegillent? Is ja eben das Unglück! Zehnmal schreit man: „Brust heraus!" Glaubens, er thut's? Wabi stleinlauts. Vielleicht hat erhalt keine? Knauer. Das geht mich nichts an. Soll er's hernehmen wo d'er will, sie muß heraus! Wabi. Na, vielleicht werns wieder gut, wann's erfahren, daß dranßt am Herd eine Rein voll Erdäpfelnudeln auf Ihnen wart'? Knane r. Erdäpfelnudeln? — Wabi knmmens, denn es ist nicht meine Manier, wen warten zu lassen. Wabi tim Abgchens. Und Sie lieben mich also wirklich? Knauer. B'sonders mit Semmelbröseln ! Vierte Scene. Therese jaus der 1. Thür links. Aus der ganzen Erscheinung geht hervor, daß die jnnge Frau sich lediglich dem Hauswesen widmet. Ihre Toilette ist demgemäß mehr als vernachlässigt. Sie trägt ein Nachtkorsett, eine alte Haube, alte Pantoffeln u. s. w. In der Hand einen Staubbesens. Was früher iö g'wesen, das leid' i net mehr, Ich gib von mein Geld nit ein Kreuzer jetzt her, Ich geh' immer z'Fnß und thu nimmermehr fahr'n, Denn wir hab'n g'sündigt und jetzt heißt es spar'n. Anstatt Mahonaisen von Fleisch und von Fisch, Kommt jetzt bloß ein Beuschel, ein schlichtes am Tisch, Anstatt frische Austern ein Erdäpfel- schmarr'n Denn wir hab'n g'sündigt und jetzt heißt es spar'n. Es ist wohl war, ich Hab' noch a ganz a schönes Vermögen, aber man muß sich halt jetzt einschränken. D'rnm bin ich ganz der Ansicht von Diejenigen, die uns das Sparen anrathen! Ich schau freilich nicht znm Verlieb'n aus in dem G'wand, aber im Schlepp hätt' ich auch nicht 3 Zimmer putzen können. Ob aber mein Mann will oder nicht ich muß den Schaden gut machen, den uns die Krise verursacht hat, und zwar durch die allgemeine Einschränkung! Fünfte Scene. Vorige. Der Bücken bub smit einem Korbes. Bäckenbub. I, bitt' gnä Frau, 's Bacht. Therese. Heut' nimm ich die Kipfeln noch an. Von Morgen an will ich aber klariere zu ein Kreuzer! Bäckenbub. Aber was wer'n denn da die Kinder sag'n? Therese. Denen setz' ich vor'n Frühstück Augengläser auf, damit sie's nit merken. Bäckenbub. Hör'ns, gnä' Frau, mir is in mein' Leben schon viel Unterkommen, aber eine solche Schmutzerei, großartig! Therese. Dummer Bua! Das is Einschränkung, weiter nix! Bäckenbub. Warum is's aber so weit kummen mit Ihnen? Eine Folge der Großthuerei! — Zuerst Unnum- merirter — Sacher — Losch — jetzt Tramway, Volksküche, Schieferl und Drexler. Recht g'schieht den Leuten! Therese. Mir scheint gar, der Bua is ein Sozialdemokrat? Bäckenbub. Und was für Aner? Wir unter'n Ständ hab'n uns damals gift't g'nug — aber jetzt iö unser Zeit da, jetzt knmint die ehrliche Arbeit wieder zu Ehren und das Christenthum. Therese. Da hat er Recht! Und was warst denn Du, der Sozialdemokrat, während der Epoche des Schwindels? Bäckenbub. Gassenbua am Schottenring. Für'n Placht Hab' ich alle Tag den Kurszettel g'holt. Ich empfehl' mich, Euer Gnaden! sAb.s Sechste Scene. T h e r ese. Therese. Also ein Feind des Kapitals, wenn 's Kapital verputzt is! sNimmt den Korb und hält ihn in die 2. Thüre rechts.f Wabi, die Jansen-Kipfeln ! Siebente Scene. Vorige. Vrestl sdurch die Wittes. Brestl. Was hör' ich, Rest? Du laßt klariere Kipfeln machen? Therese. Natürlich, bei jetziger Zeit! Brestl. Aber, schau Kind, Du thnst ja g'rad so, als ob wir total z'Grund gangen wär'n. Wir haben wohl unfern Klaps kriegt, ja, aber Du treibst es zu arg! Z'Mittag nichts als Hülsenfrüchte, wir dürften schon Bewohner des Erb- sienlandes sein. Therese. Dafür haben wir früher Pasteten 'gessen! Brestl. Man soll Niemand mehr einladen — Therese. Dafür hat früher einmal der Wachtel bei uns g'sungen. Brestl. Also gut, wann der Wachtel zu theuer is, einen bladen Binder können wir noch immer riskiren! Therese. Alles vorbei! Die Schwindelperiode is hinter uns, jetzt fangt die Moral an! Brestl. Aber nur mit Maß und Ziel. Da Hab' ich ja seinerzeit nobler g'lebt, wie ich noch Anstreicher war. Leut in einer Situation wie wir, haben eine gewisse Verpflichtung, die Geschäftswelt was verdienen zu lassen. Therese. Ich Hab' nicht umsonst alle Reden g'lesen, die gegen den Schwindel g'halten wor'n sein. „Spare Volk", heißt cS, und wir g'hören znm Volk! Brestl. „Sei ein Geizkragen, Volk", is aber nicht g'sagt wor'n! Wirst sich auf ein Canapse.s Therese. Jesses, der Mann — das nenche Canapee! — Ob's D'aussteh'n wirst auf der Stell?! Brestl. Nit amal niedersetzen soll man sich mehr — Therese. Weil sich die Federn verbieg'» ! Waß Gott, wann wir uns wieder a solche Garnitur kaufen können? Brestl. Hörst Weib, das ist schon die höchste Sekatnr! Therese shat ihm unterdessen aus der Küche einen alten Rohrsessel gebracht^. Da setz' Dich nieder! Brestl. Unerhört! Zieg'n wir uns lieber gleich in die Küchel! I bin noch froh, daß i mi no in mein' eigenen Quartier niedersetzen darf. Und was kriechst denn da auf der Erd' herum? Therese sdie mit kleinem Bartwisch und Schaufel, Staubspuren vom Teppich wegholtf. Zu wenig abbürst' hast Dich auf der Stieg'n! Brestl. Hörst Rest, Du bringst mich noch zur Desparation. Es wär' ja ganz gut, daß Du auf Ersparungen denkst, daß Dir Dein berühmter Namensvetter der Dr. Brestl nit aus'n Kopf geht, aber nur Alles mit Maß und Ziel, mit richtigem weiblichen G'fühl und ohne Dich selber dabei wegzuwerfen. Therese sfür sichs. Was mant er denn da? Brestl. Schau Dich doch an! Ich schäm' mich statt Deiner, weil die Lent' 7 glaub'n wer'n, ich will an meiner Frau ein' Dienstboten erspar'n! Therese. Ja, wie soll ich denn sein? Brestl. Was Du warst, mein Stolz, mein Alles! — Aber vor lauter häuslicher Ersparnis; wirfst Du die Lieb' von Dein' Mann zum Fenster hinaus. Therese. Ich, die sich blos opfert für Dich und Deine Kinder! Aber ja, ja, ich find' selber, Du bist mir gegenüber nit mehr der Nämliche. — meiner Seel', seit 3 Wochen Hab' ich kein Bnßl kriegt von Dir, wer hat da die Schuld? Brestl. Du! Möcht wissen, wann ich Dich küssen soll? Wann ich aufwach' in der Früh — hör' ich Dich schon Möbel ansklopfen, und ich kann Dir doch nicht am Gang mein' Lieb' erklären? Den ganzen Vormittag wird der Ofen putzt, der Luster g'waschen, man müßt immer auf a Later steig'n, um Dich zu umarmen. Therese. Wirf mir's doch nit vor, daß ich fleißig arbeiten thu'. Brest l. Gestern will ich ihr in der Küchel a Bußl geben. Hat's den Kochlöffel zwischen die Zähnt, damit's gleich die Sauce nmrühren kann, und nit amal dort kommt man dazu! Therese. Soll ich also Alles d'runter und d'rüber geh'n lassen, im Haus und flott weiter leben wie Du, immer ä In euvalla, ? Brestl. Wann auch nicht das, so doch wenigstens das Leben genießen! Schau, Du wunderst Dich, daß ich nicht inehr der Nämliche bin. warum hast Du Dich selbst degradirt? Therese stief gekränktst So, so! Ick setz' Dich also herunter, weil ich arbeit'? Nicht mehr liebenswürdig bin ich — weil ich die theuern Kleider aufgegeben Hab', weil ich Dir im Ringen um die Existenz behilflich und jeden Wunsch bei Seite setzen will, auf die Zukunft unserer Kinder bedacht? Ich soll's wohl so machen, wie Du? Soll die schlechte Zeit hinwegleugneu, soll mich strecken nach der Decken, den Nest von unserm Geld verschleudern? Aber nein! sSchlnch- zend.j Unterhalte Dich nur allein. Sei elegant, reit', fahr', trink, verjuxe, was Du willst! Ich will sparen wie bisher, will nicht Theil haben an Deinen Vergnügungen. Wenn aber heute oder morgen die bitt're Noth an uns herantritt, wenn sie hier die Siegel anlegen und wenn wir etwa gar obdachlos herumirren in der Stadt — Brestl. Jetzt wer'u wir gleich am Schub auch noch sein. Therese. Ich Hab' es dann nicht verschuldet das Elend — mir dürfen es die Kinder nicht vorwerfen, daß wir ihr Erbtheil schwindelhaft vergeudet haben, ich war bis zuletzt eine sparsame, häusliche Frau! M 1. Thür tinks.j Achte Scene. Brest l, später Wab i, dann Julius. Brest l. Da haben wir's! Zweifache Hausfrau und dieses Lamento! Unlängst will ich sie um sechse in der Früh mit einem Kuß aufwecken, — schon auf- g'wesen — und was hör' ich gleichzeitig? Ein merkwürdiges Geräusch vor der Thür! Putzt sie die Stiefeln, weil die Wabi zu viel Wichs verbraucht! sSieht sich nm.j Da is die Fenella doch eine ganz andere Person! Korrumpirt, ja, aber halt unterhaltlich! sEr läutet.j Ich riskir's! Wabi serscheintst Befehlen? Brestl. Sag' meiner Frau, ich brauch' den schwarzen Frack, ich reise Abends 7 Uhr nach Brünn! Wabi. Muß schon wieder fort, der arme gnädige Herr sLinks ab.j Brestl sdreht ihr eine Nasest BrÜNN? Lächerlich! Landstraße 427! Aber soll ich denn wirklich? Is es denn nicht ein Verbrechen, wenn ich wegen dieser, 8 allerdings mndelsanbern Tänzerin, meine arme — sman hört, daß etwas ausgeklopft wird.s Klopft schon wieder einen alten Pelz aus! Und die Frau begreifts net, wann man'S nit mehr bewundert! Julius saus der 2. Thüre links tretends. Servus, Schwager! Bre st l. O, ergebenster Knecht! Hab schon die Ehr' g'habt heut', wie Sie mit Ruhm und Johann Strauß bei der Linie hereinmarschiert sein! Haben Sie Ihre Zeit schon abgedient? Warum marschieren Sie denn nit mit? Sie wären vielleicht sogar General geworden? Julius. Warum ist denn der Herr- Schwager, der Alles so gut versteht, nicht General geworden? Brestl. General bei Ihnen? Ich bleib beim Civil, weil auch das Civil seine Anführer braucht. Ich Hab' ein 27 Kreuzer-G'schäft! Julius. Also doch wenigstens bei der Landwehr? Brestl. Auch nicht! Ich bin bei der Rekrutirnng wegen eclatantem Spatzengestell' einstimmig freig'sprocheu worden! Julius. Also zu schwach befunden? Brestl. Besonders zum Tschakotragen! Wie Sie bemerken, szeigt seinen Kopfs wär' das platterdings unmöglich! Julius. Werden sich somit nie an der Vertheidigung des Vaterlandes betheiligen? Brestl. Nur indirekt. Die Russen vernicht' ich mit Essig und Oel, den Preußen red' ich ein Loch in Bauch, und die Ottomanen werf' ich zu 50 Stück hin ans der Bors'! Julius. So, so! Ja es hat eben nicht Jeder die Conrag' im Krieg zuzn- schlagen! Brestl. Sehr gut! Sie haben das noch nicht im Kriegszuschlag geleistet, was ich seit Jahren dem Magistrat hineintrag! Julius. Begreif's übrigens, wer so lebenslustig is, wie Sie, wird nicht so leicht sterbenslnstig werden! Brestl. Wie so? Julius. Hab ja doch gestern aus der Entfernung das Vergnügen gehabt beim Tanzmeister Nigl. Brestl. Was? Sie hab'n mich auf der Landstraßen? — Julius. Bei der Fenella — Brestl (verlegenst Dummheiten — Plattscherei! Wann's aber so wär — ein Krieger wie Sie — ist Charakter genug, um da stumm zu sein, wie sein eigenes Grab — ssieht sich scheu um.j Keine Indiskretion! Oder weiß Gott, — bestimmen Sie die Waffen — ich werde mich vor der Welt entfernen! Julius sda Brestl unruhig aus- und abgehts. Ich will Ihnen erzählen, wie ich d'ranf kommen bin. — Sie wissen ja, ich bin Konzipient bei ein'm Advokaten — Brestl. Ich weiß, Ihre Lebensaufgabe ist Schreckenverbreitung, sowohl als Soldat, wie als Civilist! (Wischt sich den Schweiß von der Stirne.s Julius. Und nebenbei bin ich auch Hansadministrator — Brestl. Sie vereinigen das Unangenehme mit dem Entsetzlichen — Julius. Eine Klientin von uns — eine — was ist sie denn nur? Eine alte Baronin kauft da unlängst ein Haus auf der Landstraßen. Unsere Kanzlei fertigt den Kaufvertrag ans und mir übergibt sie die Verwaltung. Brestl. Sie schnofeln gleich im ganzen Haus herum — Julias. Um so mehr, als sie's jetzt von einer Baugesellschaft renoviren lassen will; und wie wir unlängst in ein' Salon die Fenster ausmessen — wen hör' ich reden im Nebenzimmer -- Brestl. An dem Tag war ich gar nit dort. — Julius. Ich hab'S ja g'hört, wie Sie's nur ein' Kuß beschwor'n hab'n — 9 Brest l. Ich ein Balletmädel? Noch so ein Wort und das Duell ist unvermeidlich. Als Sekundanten nenne ich Ihnen jetzt schon den Polizeikommissär von nnserm Bezirk. Julius. Aber schau'ns, wie Sie weg waren, kommen wir in das Zimmer, was liegt dort? Ihner Cigarrentaschen! sGibt ihm dieselbe.) Brestl stiir sich). Hat mich schon beim Frack. sLaut.) Diese Taschen da? Mit solche Stinkadores? Is gar -nicht von mir! Julius szieht Handschuhe hervor). Diese Handschuh — Brestl. Lächerlich! Waß Gott, was für a Lump die vergessen hat! Julius. Und sogar die Kassaschlüssel! Bre st l stetig). Gott sei Dank und ich Hab uit g'wußt, wo's hinkommen sau! ? Julius. Also doch nicht getäuscht? Schwager, Sie haben a braves Weib, liebe Kinder und suchen solche Gesellschaft? Brestl Mr sich). Jetzt geht die Predigt an! Julius. In so schwerer Zeit no net kurirt — wollen Sie denn das Unglück von Jhnerer Frau? Brestl stiir sich). Der komplete Kapuziner) Julius. Die Familie is ja noch das Einzige, was die Welt Zusammenhalt. — Der häusliche Herd soll uns ja trösten über das Unglück der Zeit — B r e st l stür sich). Das G'scheidteste ist, ich spiel den Gerührten! sWeinerlich.) Goldene Worte — aber fegen Sie — so is der Mensch — Julius. Wie glücklich könnten Sie eigentlich leben — Brestl stveint). Aber nein — er thuts nicht! Muß sich selber um sein Glück bestehlen. — Julius. Es is wohl wahr — die Rest vernachlässigt sich, geht alleweil mit einbundeuem Kopf herum. — Brest l. Zerprakt den ganzen Tag die Spinnerweben. — Julius. Kummt immer mit dem alten Spenser ins Zimmer. — Brestl. Und diese Schlüpfen, was anhat — Julius. Aber sie spart ja bloß für Ihnen und für Jhnere Kinder. Brestl. So is es! Julius. Sagens Ihner d'rum los von derer leichtsinnigen Person — oder no besser — i laß Ihnen gar nimmer hin — Brestl stiir sich). Das wär net schlecht, wo heut die große Remassuri sein soll. sLaut.) Im Gegentheil, ich muß hin, um dieser Person ordentlich die Leviten zu lesen. Julius. Na, das is allerdings a Red! Bre st l. Bloß einmal noch; aber die soll erfahren, was sie ang'stellt hat! Julius. Das laß ich mir g'fallen! Brestl seinpört). Wissen Sie, daß ich verheirat't bin? Julius. Fallts Ihnen ein, endlich? Sagen's ihr nur, daß Sie Familienvater sein. Brest l. N'Meldzettel wirf ich ihr hin — Julius. Sagens Ihr, daß Sie heilige Pflichten haben, daß es eine Verirrung war. Brestl. Daß ich nur in augenblicklicher Verblendung ganze Täg' dort g'sess'n bin. Julius. Und daß Sie's anfgeben für ewige Zeiten. Bre st l. Wann mich die wild macht — wegführen laß ich's! Wabi stnit dein Frack und einer Reisetasche kommend). Da is er, der Frack! sDa sie ihren Herrn so aufgeregt sieht.) Was Habens denn, gnädiger Herr? Brestl sihr den Frack aus der Hand reißend und in die Aermel hineinfahrend) Hinaus in die Küchel — marsch' 10 W abi. Die Frau außer sich der Herr wie verrückt, das iS ja a schreckliches Haus! sIll die Küche nb.f Brestl fgcht beim Anziehen seines Frackes und Nebcrzieherö immer aufgeregt ans und ab, für sichf. Wauu ich uur scheu die Sachen aus der Lad' hätt, die ich ihr alle versprochen Hab. Wie krieg' ichs denn außa? Hab's schon! fschreit.f Und Alles bring ich ihr zurück, was ich kriegt Hab Von ihr. fZieht einen langen Zopf aus einer Schreibtischlade.f Brauch ich Haar von auer fremden Fräul'n in a Medaillon? — Mr sich.f Gestern Hab ich's g'holt beim Friseur! kLaut.f Kann ich mir 4 Dutzend Schnupftncheln g'fall'n lassen? Oder soll mich ein Stuck Leinwand in meine Grundsatz erschüttern? Eine Torten? So a Keckheit! Und zwa Flaschen Wein? — fHat Alles zusaminengepackt.f Herr Schwager, — verlassen's Ihnen auf mich — die untersteht sich so was ihr Lebtag nit mehr! ^Jst bepackt abgestürzt, die Reisetasche in den Händen.f Neunte Scene. Julius allein. Gleich darauf Therese. Julius. Daß diese Balletmadeln so freigiebig sein — hätt ich mein Lebtag net glaubt. Aber wann er sich jetzt lossagt von ihr, alle Achtung! Dann kann aus dem leichtsinnigen Menschen noch immer a braver Familienvater wer'n. Therese frasch aus der 1 . Thür linksf. Ich bin a Lamperl an Geduld, aber das is zu viel. — Julius. Was is denn passirt? Therese. Denk Dir nur, wie ich sein Frack ausklopf, was find ich drinn? Ein Damentüchel mit echte Spitzen! Julius. Und was weiter? Therese. Begreifen thn ichs jetzt, daß ich ihm verhaßt bin, daß er Hiersein Glück nimmer find't — daß er mein Sparen net begreift — Julius. Sei net kindisch, Nesi, — Therese. O, ich hab's längst bemerkt, ich bin ihm zuwider, er sucht seine Freuden anders wo als in nnserer Hänslichkeit — er will leben, genießen, Geld anbringen — und mit der gegenwärtigen Zeit, verabscheut er auch sein Weib — seine Kinder — Juli n S. Hast Du denn was gethan, ihn zu knriren? Er wirft zu viel hinaus, Du scharrst zu viel znsamm — Ihr seid's Beide konfus! Als leibhaftiger Krach kommst Du bei der Thür herein und diSpntirst Dir selber ein Elend hinauf, was noch gar nit epistirt, wenigstens nicht hier in Dein' Haus! Therese. Du meinst also, weil ich mich nicht putz — Julius. Weil Du jede Rücksicht aufgibst für Dein Mann — Therese. Weil ich bloß Suppen und Rindfleisch kochen laß — Julius. Weil Du so thnst, als ob das ganze Reich morgen betteln gehen müßt. — Therese sbitterlichf. Daß ich mich durch Erscheinung, Wirtschaft und Temperament um die Lieb von mein Mann bracht Hab. — Julius. Wunder wär's kan's, denn vergieß net — Du bist nahe daran, Dich lächerlich zu machen vor der Welt, und in eine schieche, in eine leichtsinnige Frau kann man verliebt sein, — nur net in Ane, die dein Kreis der Bekannten zum Gespötte dient! Therese sweint bitterlich.j Julius. Aber Du kannst Dich ja ändern, g'rad so gut, wie er, Dein Mann sich ändern will — Therese ffreudigf. Was sagst Du, Bruder? Julius. Wann Du's wissen willst — ja — er hat noch so a klaue Liaison aus der Zeit, wo die Klafter Baugrund auf der Türkenschanz mit Gold aus- 11 g'wog'n w or'n is — wo die Fiaker! grob war'n, wo die Austern so gut! gang'u sein, wie jetzt die Zweckerln mit! Gries — aber grad is er bei ihr, um Abschied zu nehmen für ewige Zeit! Therese. Er hat Mich also doch noch gern? Julius (trostreich). Geh'n wir hin, überzeug'» wir uns selber! Therese. Wie? Du waßt, wo sie logirt? Julius. In dem nemlichen Haus, was Du vorgestern hamlich kauft hast — ohne daß Dein Manu was ahnt § davon! Ther e s e. Auf der Landstraß'n — ? Julius. Wir nehmen den Baumeister mit und 'n Polier, da kommen wir leicht in a jedes Quartier, und so werd'n wir ihn finden, wie er sich Dir zu lieb für immer von Derjenigen empfiehlt — Therese saufathmendj. Q, wann das der Fall wär — ich schenket ihm s'gauze Haus! — Julius. Das war wieder Verschwendung ! Therese. Ja, wie soll ick denn nachher sein? Net a so und net a so! Julius. Mir fallt da a Lied ein — das sagt Dir, wie sie sein soll, a Frau! Lied. 1 . Es soll die Frau so zart, so nett und rein, So lieb und hold als wie ein Engel sein, Und doch soll sie dem Engel nicht ganz gleichen, Sie darf in einem Punkte ihn nicht erreichen, Denn wie man uns in Bildern deklarirt, Sind alle Engel äußerst dekoltirt. 2 . So wie die Sonne leuchte allemal Die Frau dem Manne durch das Lebensthal, Und doch soll sie der Sonne nicht ganz gleichen, Darf sie in einen: Punkte nicht erreichen, Weil die als treulos täglich sich bewährt Und Abends fortgeht, morgens erst wiederkehrt. 3 . Und wie von Glas so sei das Herz der Frau, Ein Blick hinein sagt Alles uns genau, Und doch sott es dem Glase nicht ganz gleichen, Und darf's in einem Punkte nicht erreichen Darf brechen nicht, schlägt Einer wild hinein, Es schließt ja auch die armen Kinder ein. (Er hat an einer Schnur gezogen und die großen, an der Wand Hangenden Fotografien der Kinder Theresen's enthüllt.) Therese (singt mit zitternder Stimme die zwei Schlnßzcilen der letzten Strafe.) Zwischenvorha n g. 12 Zweites Bild. Alles Ms G'uilttid! Vorhalle bei dem Tanzmeister Nigl. Mitteleingang. Rechts und Links je zwei Durchsichten in andere Gemächer. In dem 1. Zimmer links ein Canapse; das zweite repräsentirt den Zugang in den eigentlichen Tanzsaal; das erste rechts leer, das zweite rechts als Buffet. In diesem Zimmer steht auch bereits ein, mit einem weißen Tuch überdeckter Tisch. An den wenigen Effekten, die vorhanden sind, ist das amtliche Pfändungssiegel ersichtlich. An den Wänden Armleuchter, die Lichter brennen bereits. Erste Scene. Lisi die Magd, eben die letzten Kerzen anzündend, in der Mitte der Bühne. Kn aNe r, welcher ein Kipfel in einen Kaffeetopf eintunkt. Lisi fdie in ihrem Zorn kein Zündhölzchen zum Brennen bringt). So? A Schwester war das, mit der Sie tanzt hab'n beim Stadtgut? Da foppen Sie wen Andern, für a Schwester zahlt man kein Komfortable! Knauer. Aber wann ich Ihnen sag — Lisi. Und was wollen Sie denn von der Parapluimacherin in Döbling, mit der Sie g'fahr'n san auf der Zahnradbahn ? Knane r. I wußt nit, was ich wollt von aner Parapluimacherin? Darf ja gar nit geh'n mit an' Paraplni! Is a G'schwisterkind! Lisi. I kenn schon diese Kinder von Ihnere G'wister. fWirft wieder einige Zündhölzchen weg.) Knauer ffür sich). Die laßt ihren Zorn am Pollak ans! Lisi. Wann ich aber schon Alles glauben will — wissen Sie, was ich g'hört Hab beim Greisler? Knauer. Wird denn überhaupt was g'red't bei ein' Greisler? Lisi fda er mit dem Kipfel fertig is). Da hüben's noch a G'schrate! fJn der Rede fortfahrend, weinerlich.) Mir so was, in's Wasser wär i bald g'sprungett! Knauer. Aber Kind, jetzt bei der Kälten. Knnnten den Tod davon hab'n! Lisi fenergisch). Reden's, was is's mit der Flecksiederin?! Knauer fruhig). Sied't Fleck! Lisi. Waren's mit ihr aus oder net? K tt a u e r fbeschwichtigend). Hat ja die Blattern! Lisi ffreudig). Is also a Lug? Knauer ffür sich). Hängen heranst bei ihr'n Laden. fLaut.) Mein Ehrenwort drauf! Lisi. Nachher will i ja gern wieder gut sein mit Ihnen und Sö derfen da- bleib'n in der Küchel! Knauer ffür sich). Die Krapfen sein net gangen in Fünshaus, vielleicht is da was los? Lisi fvertraulich). Bei uns is heut Ball! Knauer forschend). Genir i da net in der Küchel — da wird wohl a Menge kocht wer'n? Lisi. Gar ka Red! Wird net amal a Feuer g'macht am Herd! Knauer. Sie, ich muß fort. Jetzt geh' ich zu der Flecksiederin! Lisi. Aber die eing'ladenen Herr'n bringen Jeder was mit! Knauer. No Etwas kann ich schon no bleib'n! Lisi. Der Aue bringt ein' kälbernen Schlegel Knauer. Glaubens, daß der bald knmmt? 13 Lisi. Der Andere ein Liqueur! Knauer. Sö, wann nur der net verhindert is? Lisi. Und der Baron erst! Der bringts körbelweis die Delikatessen! Knauer ssie umschlingend). Nein, Lisi, was Sie für ein Madel sein — Lisi. Was Habens denn auf amal? Knauer. Diese Augen! Es wird do Auer an Salat bringen? Diese Haar — wissen Sie, so a fette Schunken und a bißl a Slibowitz — und das Handerl da — a Punsch auf d'Letzt — o die Lieb' iS halt doch was Schön's mit Paradeisäpfelsauce! Lisi süberglücklichs. So gern hat er mich noch mein Lebtag nil g'habt! sJst mit ihm durch die Mittelthiir abgegangen.) Zweite Scene. Tanzmeister Ni gl, kine ungemein lebhafte Figur, hinter ihm der Diurnist Schofinski, eine armselige Gestalt. Nigl. Also, wie ich Ihnen sag, 2 Gulden und die Kost. Dafür hab'n Sie aber auch die Gesellschaft zu erheitern bis 3 Uhr in der Früh. Schofinski straurig). O ich werd' ungeheuer unterhaltlich sein. Nigl. Nit, daß Sie mir vielleicht so tramhapert umsteh'«, als ob Ihnen die Hendeln s'Brod g'fresseu hätten! Schofinski. Das kann mir gar net g'scheg'n von die Hendeln, weil ich zuerst die Hendeln fressen thät! Nigl. Uud sind Sie denn auch ein ordentlicher Tänzer? Denkens, Sie haben sechs Nichten von mir zu erledigen, wo man von Jeder sagen kann: „Wehe, wenn sie losgelassen!" Schofinski ssich eine Thräne trocknend). Können sich verlassen, Herr von Nigl. Nigl. Ich Hab halt gar kein Vertrauen! Ein G'sicht machen Sie — ich will Sie nicht beleidigen — aber das Wort Pappe hätte einige Berechtigung ! Schofinski. Mein Gott, ein Diurnist mit 5 Kindern! Nigl. Aber Freund, das is halt auch kein Verhältniß! A Gasch wie a Praktikant, uud Kinder wie a Minister! Schofinski. Und jetzt Hab' ich noch Ein's zu erwarten! Nigl. Ah, ah, hören Sie, bei einer solchen Desparation — ich gratulir! Wann der erst gut aufg'legt wär — dem seine Familie wär a Volksversammlung ! Schofinski. Und was die Kinder Alles brauchen? Wäsch — Stieferln — Schulbücher — Nigl. Ah, ah, lernen lassen Sie's a no was, bei derer Lag? Ich ginget in aller Früh in eorpors betteln! Ein Theil mit Lotteriezetteln am Glacis, ein Theil aus der Bahn „srisch'S Wasser," der Rest Leigerlbnb'n ans der Ring- straß'n. Mittags Rendezvous bei die Franziskaner — Abends blinder, alter Vater mit Vogelwerkl! . Schofinski. Ja, meine Kinder müssen in d'Schnl geh'n und derfen kan liederlich's G'sindel wer'n! Nigl. Herr, ich verbitte mir jede Anspielung auf meine Familie! Schofinski. Drum plag ich mich lieber beim Tag in der Kanzlei und arbeit bei der Nacht für mein' Familie. Nigl. Das wird a schöner Jux wer'n mit Ihnen. — Je mehr ich Ihnen anschau — der da und tanzen — ich kann Ihr Offert unmöglich berücksichtigen ! Schofinski. Aber probir'n Sie's nur! Wie ich a Musik hör — bin ich ganz ein anderer Mensch! Nigl. Sö? — Gut, das wer'n Wir gleich seg'n! sRuft in das 2. Zimmer links). Lori! Stimme von Innen. Was wol- lens denn Herr von Nigl? 14 Ni gl. Zum Klavier setz Dich hin, eine Polka laß' hören! I kauf ka Katz im Sack — ich muß wissen, wie ich d'ran bin! (Die Musik im Nebenzimmer beginnt. In diesem Augenblicke fährt es dem Schofinski wie ein Blitz in die Glieder, und er tanzt im rasendsten Tempo zur großen Freude Nigls eine Polka und bleibt zum Schlüsse derselben wieder als Tranerfigur stehen. Er ist aber auch während des Tanzes immer gleich melancholisch geblieben.) Ni gl. Charmant, Charmant, ein fideler Kerl! Schofinski. Ich Hab' Jhnen's ja g'sagt, daß ich sehr lustig bin! Nigl. Aber wie geht's mit'n Ungarischen ? Lori, eine kleine Krauteintre- tung! Ein transleithanischen Defizit 'n Kör! sCzardasmnsik beginnt und Schofinski tanzt zuerst nach den elegischen, später nach den rapiden Melodien.) Nigl (während des Tanzes). Nit schlecht, aber die Wehmnth des Steuerzahlens müssen Sie mir hineinlegen, es fehlt diese Eisenbahngarantie, etwas mehr Portefenille-Niederlegung, so, so, so, so ist's recht, bravo ! (Da das Tempo stürmisch wird.) Nur recht aushau'n mit die Fuß'! (Beginnt, um es ihm zu explizieren, ebenfalls zu tanzen. Beide wollen sich überbieten. Im ungarischen Dialekt:) Krieg'n wir neuche Eisenbahn, Anleh'n is bewilligt schon, Ministerium bleibt! Llisn Schofinski (stürmisch Czardas tanzend, ein griesgrämiges Gesicht schneidend, in den Salon ab.) Nigl (sich den Schweiß abwischend). Hätt' ich nicht glaubt von dem Menschen. Mehr kann ma net verlangen für zwa Gulden! Dritte Scene. Vori g e. S e id l, ein Sicherheitswachmann, intelligent aussehend. Seidl. Ist's erlaubt? Nigl. Was wollens denn schon wieder? Seidl. Sie kennen ja die Sorge, die mich wieder immerzu Ihnen treibt! Nigl. Aber es is ja gut aufg'hoben bei uns, das Kind, was sekirens uns denn? Seidl (zaghaft). Sie geben heute einen Ball, und da befürchte ich — Nigl. Daß es munter wird, durch's Klavier? Ja, lieber Freund, was denn nit noch? Ich kann ja net wegen n'Kind mit meiner Familie s' ganze Jahr ans die Zechen hernmgehen? Seidl. Die arme Mutter! Indem sie der kleinen Bertha das Leben schenkte, büßte sie das Eigene ein, und mußte ihr Theuerstes in fremden Händen zn- rücklassen. Nigl. In fremde Händ? Thn ich denn nicht das Möglichste für das Kind von meiner Nichte? Von Ihnen hab'n wir bis jetzt nix geseg'n als Liebe, und nix g'hört wie gute Lehren. Wer zahlt aber den Znckerkandel, wer ziegts auf beim Wasser? Meine Familie ! Und das war der Dank? Seidl. O, wie gerne möcht ich das Kind zu mir nehmen, es pflegen und betreuen. Nigl. Wenn Sie wer wären und was hätten! Seidl. Sie wissen — erst seit wenigen Tagen nehme ich meine jetzige Stellung ein — aber sobald ich meinen ersten Gehalt beziehe, hole ich mein Kind, und dann — fort mit ihr aus diesem Hause! Nigl. Sie thun ja rein, als ob bei mir nicht einmal ein Madel mit 3 Wochen sicher wär? Seidl. Wie ganz anders hatte ich mir das geträumt. Als ich Marie vor einem Jahre kennen lernte — unsere erste Begegnung benützte ich, um sie zu bitten die Laufbahn einer Tänzerin aufzugeben. — Nigl. Und auf eine schlaue Art haben Sie das dnrchgesetzt. 15 Seidl. Mein Gott, ich war damals Beamter einer Bank nnd dachte daran, Marie nächstens zu meiner Frau zu machen, da — Nigl straurig). Gott Hab sie selig, die arme Bank! Zwei Stricheln im Courszettel bezeichnen ihr Angedenken. Seidl. Knall und Fall entlassen, hoffte ich noch immer auf Wiederanstellung — Nigl. Bis endlich der Cassastand mir nichts dir nichts an die Actionäre vertheilt war — und Jeder seine Papiere verbrannt hat — Friede ihrer Aschen! — Seidl. O, glauben Sie mir, ich habe in dieser Zeit gerungen, wie nur ein Mensch ringen kann um das tägliche Brod — vergebens ! Reiche Freunde von Ehmals waren verarmt, und obgleich ich tüchtiges, kaufmännisches Wissen erworben habe -- alle meine Bitten um ein bescheidenes Plätzchen waren umsonst; aus jeder Thüre, an die ich klopfte, trat mir das Gespenst der Krise entgegen, mir gleichsam den Bettelstab reichend. Nigl jgerührtj. Ich erinnere mich, Sie sau viel herumg'lossen um was zu verdienen — Seidl stasch einfallend). Da man mein Wissen nirgends brauchen konnte, wollte ich meine kräftigen Hände verkaufen. Ich eilte dort und dahin, wo es schwere Arbeit zu verrichten gab. Doch ich war ja nicht zerfetzt und zerlumpt. „Was will der feine Herr," so hieß es. Nigl. Sie waren da nicht Krawat genug — Seidl. Und solche Augenblicke, Herr, wo nicht bloß Menschen, die dem Lastthier gleichen, am Hungertuche nagen, wo auch der Mann, der was gelernt hat, was versteht und seinem Vaterland nützen kann, Gefahr läuft zu verkommen — solche Augenblicke, die sind Symptome großer Noth und wer da eine Stimme hat zu helfen, der soll es nicht versäumen ! fJhn bei der Hcmd fassend.) Denn Eines ist wohl zu merken; Wer zischelt dem Verzweifelnden in'sOhr: „Kämpf' doch nicht länger — hilf Dir selbst! „Das Verbrechen" ' Greif wo hinein in fremde Habe, nimm einem Egoisten ein Bischen von dem unverdienten Glück — rief auch mir zu der böse Geist — doch ich, Herr — ich Hab ein Kind! Ein Kind, in dessen Aug ich Muth gefunden, die schwerste Last auf mich zu nehmen, und statt heut loszuschlagen auf das Gesetz, anstatt es zu verlachen — ward ich zum Schluß ein treuer Wächter seines Segens! Nigl. Na, es ist zwar unangenehm für mich, daß Sie bei der Polizei sein — aber am End' Brod is Brod! — Seidl. Und wann Gott will, kann ich vielleicht g'rad in diesem Kleid was Gutes stiften. Nig l. Freilich, wenn Sie nur a bissel andere Grnndsätz hätten, Sie könnten ja noch immer famos leben! Denn schauu's mich an — für mich gibt's gar kan Krach! Seidl. So viel ich seh, sind Sie ja doch selbst gepfändet? Nigl. Momentan. In aner Stund Hab' ich Geld so viel, als ich brauch. Seidl. Und wie stellen Sie das an? Nigl. Ich speknlir' auf die Dummheit und aus die Schwäche der Menschen. Das is ein G'schäft, das geht wie beim Bücken die Semmeln. — Seidl. Ein sonderbares Programm. Nigl. Für mich tragt jeder Mensch ein Kalifornien mit sich herum — seiue Schwäche nämlich, und sobald ich sie entdeckt Hab, sang ich zum graben an! Seidl Und erwarten Sie heute solche Herrschaften? Nigl. Natürlich, und was für Welche! Der Eine, ein alter Baron, bild't sich ein, meine Lori wäre verliebt in ihn! Schaut'n gar net an! Tragt mir Holz und Kohlen! 16 Seidl. DaS ist ja so viel wie Betrug! Nigl (verächtlich). Betrug? So red't man ja net! Wir neunen das „Wechsel des Realbesitzes auf Grundlage gewagter Voraussetzungen." Dann ist da ein Bankier, von dem wir Liebesbriefe in Händen haben. Um die Zinszeit herum droht man dem mit der Frau! Seidl. Das ist ja so viel wie Erpressung! Nigl. Erpressung? So red't man ja net. Wir nennen daS: „Aemtliches Einschreiten wegen verweigerter Herausgabe wichtiger Dokumente." Seidl. Erbärmlich! Und in solchen Händen muß man das Kind eines Weibes zurücklasseu, das niemals mit Ihrem Treiben einverstanden war. Nur wenige Tage noch und Sie geben mir Bertha heraus! Denn wenn es auch heute noch nicht zu fassen vermag, in welcher Gesellschaft es sich befindet — ich will nicht daß es länger die Lust einathmet — die Euer Treiben verpestet. Gott besohlen! (Durch die Mitte ab.) Vierte Scene. Nigl allein. Gleich darauf seine 6 Nichten Fe n el l a, L ori, Einrisse, Thekla, Helene und Clotilde. Nigl. Verrückter Mensch! Seitdem er Mörder sangen darf, is gar nimmer z'reden mit ihm. Und diese Gefahren, was er überall siecht? Hat lauter nie- derg'sührte Leut im Kopf — die per- sonifizirte Rettungsanstalt! Der wird schon z'Grund gehen mit seiner Moral! Da san meine Niecen ganz andere Geschöpfe! (Die 6 Damen treten auf.) Septett. N i g l. Wann ich mir's so anschau, Nein — dieser krön ton, Da san wir doch wirklich Von and'rer Faxen! Die 6 Damen. Wir können net lesen, wir können net schreiben, Wir können net Krenn- und net Erdäpfel reiben, Die Geografie is uns gar net bekannt Wir kennen bloß s'G'wand! Nigl. Ach diese Noblesse Von jeder Niece, Wie herrlich srisirt Und wie hoch distingnirt! Die 6 Damen. Wir können nix nahn, wir stricken nur schlecht! Mit'n Rechnen, o mein Gott, da gehts uns net recht, Ein' Kochlöffel nehmen wir niemals in d'Hand, Wir kennen bloß s'G'wand! Nigl. Ein Strumpf frisch anzustricken — Die 6 Damen. Da paß'n wir nit dazua! Nigl. Doch können Sie entzücken — Die 6 Damen. Durch Taille und Frisur. Nigl. Zu waschen und zu scheuern — Die 6 Damen. Dergleichen is uns neu — Nigl. Doch die Angot zu leiern — Die 6 Damen. Da san wir gleich dabei. Alle. Wir sind und bleib'n moderne Leut, Wir g'hören der jüngst verfloss'nen Zeit, Die Arbeit is uns unbekannt, Wir schwärmen bloß für's G'wand. Tralala! (Tanzen trällernd herum.) 17 N i g l. Eine eleganter als die Andere. Madeln, das haß' ich Euerem Onkel a Ehr' machen! — Hat Kaue von Euch z'sammg'ramt drüben? Thekla. Inet, bei mir war der Friseur! Lori. I war dreimal bei mein Schneider! Fenella. Und wir hab'n einander g'holfen beim Anzieg'n! Ni gl. Also is auch nichts kocht wor'n für Abends? Helene. Glaubt denn der Herr- Onkel, daß man sich in so an Anzug zum Herd stellt? C l a r i ß e. Sein wir überhaupt Kucheltrabanten? Ni gl. War nur so eine Bemerkung von mir. Denn eS gibt in der That auch Madeln und Frauen, die so nebenbei sogar zusammenkehren und selbst im Erdäpselsieden keine Erniederung erblicken ! Clotilde. Das war nix für mi'. 9ti g l. Es gibt welche, die unter dem Vorwand der Häuslichkeit ganz darauf vergessen, daß eine elegante Dame Nachmittag mindestens 4 mal am Ring ans- und abgeht! Thekla. Das passirt mir net. Man muß sich halt eben seine Zeit ein- theilen. Erstens steh' ich vor Elfe gar net auf — Nigl. Natürlich! Was thnt man denn? Kunnt ma höchstens aufbctten, oder so was — Thekla. Bis ich die erste Toilette g'macht Hab', is es 2 Uhr — Nigl. Man speist; unter Gesprächen über neue Manterln wird's 3. Man ziegt sich wieder an - Thekla. Geht am Ring — Nie gl. Knmmt z' Haus, ziegt sich nochmal an — Fenella. Und so vergeht unter lauter Toilettwechseln der ganze Tag. Nigl. A Glück, daß er so lang is! Denn man muß ja anch auf's An-! Theater-Nchertoir 32». streichen was rechnen und aus die schwarze Warzenmalungen. Lori Wer kommt den heut Aller, Herr Onkel? Is eine Aussicht dabei, auf eine Partie? Nigl. Lauter exquisite Persönlichkeiten. — Der Baron Simpel, mehrfacher Verwaltungsrath, der nur in den Abendstunden Zeit hat, weil er den ganzen Tag beim Landesgerichte beschäftigt is — Helene. Ledig? Nigl. Des Aktienkapitals! Ja. Dann ein Bankier, der sich beim Tag einschränkt und auf d' Nacht s' Geld verwixt, ferner der junge Zwirschütz. Clotilde. Der so viel anbracht hat mit der Winkelmannischen — ? Clariße. Und sein' Vätern schon a paar Häuser verputzt haben soll? O das is a lieber Mensch! 9? i g l. Er is zwar a bißl vernagelt — Thekla. Das find' ich nicht. Billard spielt er wenigstens famos! Fenella. Beim Caronsselreiten is er der Fescheste. Helene. A Jnckerzengel hat krauch — Lori. Und nächstens will er Distanz- schleifen in 4 Täg von hier bis Temes- var — Nigl. Ja, der Mensch hat auch positives Wissen. — Er thnt viel für's Vaterland, der junge Mensch. — Mit einem Wort, Eure Chancen stehen ausgezeichnet und besonders szu Fenella.j für Dich. Der junge Mann, der sein Ang' auf Dich g'worfen hat, is mir dem Namen nach zwar unbekannt, aber g'rade das laßt auf einen sehr honetten Charakter schließen. — Fenella. Aber wissen soll man halt doch, mit wem man's zu thun hat! Nigl. Kann a Gras anch sein, vielleicht a Diplomat? Hat mir zu Lieb schon mehrere Hunderter wechseln 18 lassen, und so ein Notenwechsel berechtigt zu den schönsten Erwartungen. Ah der Klavierspieler. -- Fünfte Scene. Vorige. Pfotenhauer. (Der Klavierspieler , ein junger Mann mit langen blonden Haaren.) Pfotenh. sathcmlos). Der Baron, der Baron — Die 6 Da inen salle erregt). Wie, er is schon da? Pfotenh. G'rad ang'fahren kommen im Unnnmmerirten - Nig l sihn beim Arm fassend). Lieber Pfotenhaner, bedenken Sie, daß Sie mein Ziehrer sind, mein persönlicher Fahrbach, meine Regimentskapelle, Großfürst Alexis Pfotenh. Verlaß'ns Jhner — Ni gl. Wann die Hand aufschwellen, ein tunken in a kalt's Wasser, aber keine Schonung für den Bösendorfer, schnell a Tusch! Pfotenh. sab). Sechste Scene. Die Damen shaben sich bei der Thiir aufgestellt. Der Baron tritt ein, 2 Körbe in den Händen.) Thekla. Er treppelt schon ans der Stiegen. Helene. Ja, ja, er ist es - Baron Simpel stritt ein.) Alle. Vivat, der Baron! Baron sänßerst bestürzt). Aber Pscht — um Gotteswillen still. — Alle sbringen ihn nach vorne.) Lori sdie Körbe besehend). Kapanner, Fasanen — Baron. Aber still! Clariße. Sachertorten — Clotilde. Und Austern. Alle. Is das a lieber, guter Mann, der Baron! B aron ssie abwehrend). Ja, ja, ja — aber nur pscht! Unser Institut befindet sich ja in der Liquidation — Ni gl. Was geht uns diese Abwicklung an — bei uns is der Jux zu Hans! sSchreit in die Conlisse.) Tusch! der Baron is da! Baron Ja, ja, aber nur ruhig und kein Anfseh'n! sLamentirend.) Ich fahre ganz verstohlen in diese Gegend, lasse an der Ecke halten, und Sie machen einen solchen Spektakel! Um Gotteswillen — nur inkognito! Siebente Scene. Bankier Mayer. Vorige. Nigl. Tusch! Der Herr von Mayer! Bankier smit Paketen). Gott, was machen Sie für Geserr! Die 6 Damen sknixen). Herr von Mayer — Bankier. Was schreien Sie so laut herum, daß ich bin der Mayer? Ni gl sden Baron herbeischleppend). Herr Baron Simpel. Baron. Aber Mensch — Nigl sjhn dem Bankier gegenüberstellend). Herr von Mayer! sGeht, nachdem er ihm die Pakete abgenommen, nach rückwärts, das Buffet ordnend.) Baron ssehr verlegen). Herr von Mayer — sehr erfreut — aber Diskretion — Bankier. Bitte Sie, wann thät was erfahren meine Frau! Baron sebenso). Wir wickeln gerade ab — Bankier. Ich laß' zu Haus gar nimmer kochen eine dritte Speis. Baron. Man kommt — gut — man will sich amüsiren — aber der Mann schreit wie ein Wahnsinniger. Fräulein Thekla — sbietet ihr den Arm.) 19 Bankier. Gott, was für a Wesen iS die Clotild! Wann ich da vergleich damit mein Weib — Brigittenauer soll ihr wachsen ans der Nos! sHat den Arm Clotildens in den seinen gelegt. Er, der Baron, Thekla nnd Clotilde ab in den Saal.s Helene sbeleidigt). Mir könnt' er nicht gefallen, der Baron. — Clariße. Und der Herr von Mayer ? g'hört schon ihr. Nigl smit einem Kapaunbirgel nach vorwärts kommend). Kinder, Sachen haben die Leut bracht — großartig! Eine koschere Mehlspeis hat der Bankier mitbracht — eine Art Dahlesstrudel, hochfein — und der Kapaun sEs bleibt ihm etwas im Halse stecken — erbeginnt zn husten.) Fenella. Was haben's denn, Herr Onkel? Ni gl skanin sprechen könnend.) Der Pogauner — Helene. Verkutzt hat er sich! Alle sklopsen auf seinen Rücken.) Clariße. «soll i fortschicken um ein Doktor? Clariße. Wollen's a Wasser? sMan hört singen auf der Stiege.) Alle slassen ihn stehen und laufen zur Thüre, indem sie rufen.) Der Zwirschütz! Der Zwierschütz! Achte Scene. Vorige. Zwirschütz fstupides. aber .'egantes Hausherrnsöhnchen mit Weinflaschenkorb.s Ni gl sder den Brocken endlich hinabgewürgt zu haben scheint, stürzt hin und spricht nur mühsam). Herr von Zwir — — szu den Mädeln.) Ein Hendelban war's — Diese Ehre — unt is's — Sie erlauben — sNimmt eine Flasche Wein, um sich die Speiseröhre frei zu machen. Lori sihn betrachtend). Nein, diese Eleganz ! Helene. Wie Ihnen das Bonjonrl gut steht! — Clariße. Und dös Huterl — Fenella. Das reine Journal! Zwirschütz sstalzs. Zahlt All's die Frau Mutter! Lori. Die Aufmerksamkeit eines solchen Mannes zu erregen — Helene. Eindruck zu machen ans ein Herrn, der beim Wettfahren immer mit'n Bechel herumsteht — Clariße. Wirklich ja, das wär' eine Auszeichnung! Nigl sdie Flasche wegstellend). Total weg'gschwabt! Herr von Zwirschütz, seit dem letzten großen Ereigniß, seit dem Einzug der Nordpolfahrer, — nicht die Ehre gehabt — Zwirsch ü tz. Sö, hab'ns schon meine zwei großen Hnnd g'seg'n? Nigl. Ach, warum hab'ns deNn die Herrschaften nit mitgebracht? Baron nnd Mayer swollen mit ihren Damen eben herauskommen, Nigl eilt auf sie zu und will sie vorstellen.) Herr V. Zwirschütz — Hundsbesitzer — Herr- Baron — sDa dieser rasch umgekehrt ist, den Bankier vorstellend.) Herr V0N May — sDieser entflieht ebenfalls) kurz lauter Kapazitäten ! Belieben nur in den Tanzsaal! sJm Saale beginnt rasendes Klavierspiel. — Zwirschütz mit allen vier Damen in den Saal ab.) Neunte Scene. Nigl allein. Nigl Das is heut' eine Soiree bei mir — eine Gesammtübung — kolossal! sDa noch andere Gäste kommen.) Durchwegs Elegantes. Herr von Stampfl — auch wieder einmal? — Stampfl. Aber net so laut! sJn den Saal ab.) Nigl szu einem Andern). Servus, alter Stofella. Stofella. Schrei net a so. sJn den Saal ab.) Nigl. Und siech ich recht, die zwei jungen Lampelfellnerischen — 2 * 20 1. Lamp elf. Wann's Ein' immer so blamiren, seg'ns mi 10 Jahr nimmermehr! sBeide ab in den Saal.) Ni gl. Mit ein' g'wissen Stolz kommend Alle zu mir! Ein' eigene Ehr' setzt Jeder d'rein! Zehnte Scene. Vorige. Schofinski stammt ganz abgespannt heraus und bleibt ernst vor Nigl stehen). Schofinski. Erfrischungen wollend. Nigl. Dort. Schofinski stritt zur Credenz). Nigl sist zum Saaleingang getreten). Was ist denn das mit'n Klavierspieler? Is denn das ein Tempo? sDeutet, daß er ordentlich d'reinschlagen soll. Munk wird stärker.) Zu wenig torts, kortissirno! Bei mir muß Alles d'rnnter und d'rüber geh'n. Schofinski srast rnit einer Tasse, ans welcher Speisen und Getränke stehen, in den Saal). Nigl. Das is noch der Anzige, auf den man sich verlassen kann. Endlich der Unbekannte! Citfte Scene. Vorige. Brestl. Brest l. Herr Nigl, nnterthänigster Diener! Nigl. Aber so spät heut'! Ich versichere Sie, ohne Ihnen is den Madeln der ganze Abend verdorben! Brestl sin den Saal blickend). San sa Alle ganz fidel, wie ich siech! Nigl. Bloß äußerlich. Innerlich namenslos unglücklich! Brestl. Trinken aber Alle um die Wett'! Nigl. Blos theoretisch! Brestl. Und schau'ns nur, wie's tanzen! Nigl. Aber ohne Ueberzengung! Täuschen sich blos hinweg über die Misere des Augenblicks. Brestl. Und sogar meine Fenella springt ganz lustig herum? Nigl. Um die Sekunden zu tödten, die ihr, getrennt von Ihnen, zur Ewigkeit werden! Brestl. Sie glauben also wirklich, daß mich das Madel gern hat? Nigl. Da können Sie noch fragen? Ich brauch' Ihnen nix zu sagen, als Sie krieg'n zum Namenstag ein Polster, 4 Rosen, ein Vergißmeinnicht, in jedem Eck eine exotische Plätschen. Die Hausmeisterin stickt schon seit 3 Wochen. Brestl. Nicht möglich! Na, ich bring' ihr auch a paar Ueberraschungen. A Stückel Leiwand — Nigl ssehr enttäuscht). Schnupftücheln san das! Kaue echten Spitzen? Ja, ja, Schnupftücheln sind's! Sind halt gewöhnliche Schnupftücheln. Brestl. Und ein' schönen Zöpfen Hab' ich ihr kauft! Nigl. So, so, so! Ich hab's von Weiten für a Bracelet g'halten! Sie scheinen kein Freund von Brillanten sfiir sich) hergeben slaut) zu sein? Brestl. Und hier noch diese Vik- tualien— a Torten! Ja, glauben Sie, daß ihr so klane Aufmerksamkeiten nicht gefallen wer'n? Nigl. Je größer die Aufmerksamkeit, je lieber natürlich; aber wie g'sagt, a Leinwand bleibt immer a Leiwand! Brestl stur sich). Mir scheint, meine Präsenten machen kein' Effekt! Nigl. Sie wer'n schon bemerkt haben, daß ich ein prinzipieller Feind von allen Geschenken bin. ^ Bre st l. Na, ich muß aufrichtig sagen, § daß ich im Gegentheil — ! Nigl. Um so mehr, wann mir ein I Mann gegenüber steht, der mit Rück- 21 sicht auf das Kind, ohnedem wissen wird, was er zu thun hat? B r e st l imacht ein dummes Gesichts. Wer? Wo? Was für a Kind? Nigl fdrückt ihm die Handj. Aber Hochverehrter, wir sind unter uns. — Brestl. Wie so? Was für ans? Von wem? Nigl sktopft ihm auf dieAchself. Schlanke! übereinander! Vokativus verflixter! Brestl. Wer verflixt? Wie so Schlankel? Ni gl. Sollten Sie auf die verstorbene Marie ganz vergessen haben? Brestl. Von der Hab ich wohl a Watschen, aber sie hat ka Kind! Nigl. Sie hab'n ihr aber doch anf- paßt amal beim Theater? Bre st l. Und sie hat mich wegführen lassen. Ni gl. Sie woll'n also das Kind nicht anerkennen, die kleine Bertha, die bei mir is, wo ihre Mutter vor 3 Wochen g'storben is, bei der Geburt? Brestl. Aber Sie erlauben mir, wo unsere einzige Berührung ein Ohrfeigen war! Da soll ich der Vater sein? Das war' neu! N igl. Nicht geniren, ich druck's ja zu die Angen. Brestl. Von mir aus lassen Sie's offen bis zum jüngsten G'richt, aber da krieg'ns mi net. Ni gl. Wie aber, wenn mir die Verstorbene selber g'sagt hält'. Brestl. Sie, die Marie, Ihnen? Wo mich der Theaterfeldwebel aus die Gassen? Ihnen klag i, Sie sind ein Getzel Wikelkind! Ein Vampyr des Volkes! Ni gl. Aber keine Aufregung! Brestl kauf- und abgeheudf. Net aufgeregt soll ich sein? Sie, ich bin a bißl a liederliches Tuch, aber kein Filou! Wann ich a Kind Hab', versorg' ich's! Nigl. Na also — Brestl swlltheudst Ich Hab aber kein Kind, sondern bloß eine Ohrfeigen, und wenn Sie mir das nochmal sagen, so wern'n Sie gleich, nicht bloß der Herr Onkel vom Kind, sondern auch der Onkel von der Watschen sein! N i g l. Gut, werd ich halt wo anders anklopfen! Werd ich mich halt um den Namen bekümmern und dann — fEs be- tonend.f in der Öffentlichkeit — Brestl. Wie, was, Sie wollen vielleicht gar in der Zeitung -- N i g l. Blos in a paar, und höchstens hinten ans der Ehebruch --- Seiten — B r e st l (tief bestürzt für sich.f Und wann's a net wahr is. — hängen bleibt do immer was! Und wann mei Frau das lest — kan Beweis Hab i ja net — die Person is todt. Nigl. Hätt' ja eh nix g'redt davon, aber dort schan's hin, diese Massa kaiserliche Adler! Ich derfet Hoflieferant sein! Ich bin gp'fäud't vom Hausherrn, und wann i bis moring den Zins net zahl, — fWeiuerlich.f 600 fl. — muß ich mit meine arme Madeln wo ein- zi'gn unter einer Brnck'n — fWeiut.j Brestl ffür fickst. Auf das geht's also hinaus? Geld braucht er? Gut! fLaut, energisch.f Ich bin nicht der Vater, ich waß nix, ich will nichts wissen, aber ja in dem Punkt — fDeutet das Zahlen auf will ich Ihnen gegenüber, in Gott'snam, Vater, Schwager, Bruder, alles Mögliche sein. Baares Geld Hab' i net bei mir, aber hier is a Wechsel, morgen fällig, von ein Freund für den ich jitst ausgeglichen Hab. Kassiren Sie's morring ein die 500 fl — Nigl fliest die Unterschrift^ Ferdinand Brestl, ah, das is das 27 kr. G'schäft. Brest l. Aber Ihr Wort darauf, zu Niemand eine Erwähnung! — Net beim Haus-Inspektor, net in der Zeitung — Sie steckens ein die Pistolen! Nur keine Öffentlichkeit! Nigl. Ich Ihnen was anthun, so ein Mann, die Thränen kommen mir in die Augen — Brest!. Zahlt Hab' ich, nur keine Rührung! Ni gl. Der kummt mir sein Lebtag nimmer aus! Schwacher Geist! Von solche Leut wird unsereins g'wand't. — fLaut-! Werde sofort die Fenella schicken! fUugemein intim-! Trotz der G'schichte, hab'n meinen Segen. Fenella, Fenella, der Unbekannte! Zwölfte Seene. Brestl sallein, gleich darauf! Fenella. Brestl. G'schicht mir ganz recht! Warum bleib i net sitzen z' Hans in mein warmen Nest? Wann mei Weib so was erfahret, das red't ihr Niemand mehr aus! Ich frag' nur, warum ich eigentlich — fGewahrt Fenella nnd stockt-! ob ich denn nicht — wegen was - fMit Bezug auf die eben daherrauschende Fenella.f Na, na, na, das muß man ihr lassen, ausschau'n thut das Madel wie von Zucker! Wenn man die besten Vorsatz hätt' — die Tournüre, der Gang, der ganze Nimbus — fFenella ist vorgekommen.! Fenella ! fKüßtihr die Hand-! Feu ella. Also doch! Sie haben lange auf sich warten lassen! Brestl. Gut Ding braucht Weile, und ich bin ein guter Ding! Fenella. Vielleicht finden Sie heute dafür endlich Gelegenheit, mir reinen Wein einzuscheuken. Sprechen Sie offen, wer sind Sie? Brestl ffür sichs. Teufel, die geht scharf drein! fLaut.! Ich bin, ich bin — Fenella stachelnd!. Doch nicht der Räuber Iaromir? Brestl. Nein, nein, so ein Einfall! fFür sich.! Obwohl ich mit Rücksicht auf unsere 27 kr. Waar' von die Kundschaften sagen kann, daß auch mir alle Lippen fluchen — Fenella. Nicht wahr, Sie sind ein Diplomat? — Brestl. Keine Red'! So unvorsichtig war ich mein Lebtag nit! Fenella. Nun, dann besuchen Sie die Börse? Brestl. Im Gegentheil, wann ich in d' Näh' knmm, geh' ich auf die andere Seiten! Fenella. Also Groß-Industrieller? Brestl. Warum denn so groß thnn? Mau kann ja jetzt als Klaner hinlänglich zu Grund geh'n! Fenella. Ach Theodor, warum spannen Sie mich ans die Folter? — Gewiß sind Sie ein Cavalier? — Ein Mann von altem Adel? Brestl fd'rauf eingehendst Ja, das ist es! Mein Wappen ist ein großer Siebenundzwanz'ger in einer Gaslatern! Fenella stchelmischst Wahrscheinlich nebstbei auch Gutsbesitzer? Brestl. Natürlich! fFür sich.! Steingutsbesitzer, Tintentögeln u. s. w. Fenella. Und wenn Sie am Morgen erwachen — Brestl ffür sich!. Spirr'ich's G'wölb auf! Feue l l a fschwärmerischst Ach, da blicken Sie über alle Ihre Besitzungen ! Brestl. Ans die Brieftascheln — Kindertrompeten — Hosenträger — Fenella. Und sehnen sich darnach, dies Alles mit einem Wesen zu theilen, das Sie versteht. — Brestl. Diese Blicke, dieses Versteckerlspiel hinter dem Fächer, dieser Ausschnitt, fsie tupft ihm mit dem Fächer auf die Schulter-! dieser wohlwollende Praker, — o Fenella, sott da g'scheg'n was da will, ohne Ihnen keine Existenz! Fenella. Kommen Sie, lieber Freund zur Quadrille, wir sprechen dann weiter von einer rosigen Zukunft! Brestl fim Abgehenst Es ist halt ganz ein anderer Ton, als wie z' Haus! Ich wett', meine Frau brenut jetzt Erdäpfel ein! Mit Fenella iu den Tauz- saal ab-! 23 Drrizehnte Scene. Lisi stritt rasch eins. Gleich darauf Ni gl. Später Therese. Julius. Drei Herren von einer Ballgesellschaft. B r est l. Fenella. Schofiuski. Pfotenhaue r. s Lärm.s Lisi swinkt ihrem Herrns. 9ta, Wann das der Herr erfahrt, das war uo uet da ! Ni gl sherbeistürzends. Was macht Sie denn heriu? Weiß Sie nicht, daß Sie nicht weggeh'u soll von der Gar- derob? Wan hört großen Lärm, Geschirr zusammenschlagen u. s. w.s Ja, Was is denn da los? Lisi. Eine alte Köchin is da und hat den Leopold bei mir derwischt! — G'raft hab'n wir Alle drei! Ni gl. An so einem Abend! Schon wieder was! sSchrcit zur Thür hinauös. Ruhig Bagasch! Lisi. Aber was treiben's denn? Es ist ja die Hausfrau a draußt! Ni gl sreißt die Thüre aufs. Was? Meine Hochachtung! Lisi. Drei Herrn von der Baubank san mit ihr. Nigl. Natürlich! Ein Unglück kommt nie allein! Lisi. Ausmessen wollen's no bei der Nacht! Nigl. Und den Zins wollen's a — Lisi. Untreu der Leopold! Daß i so was d'erleb! Nigl. Ich werd' doch nicht vielleicht die Auflag? Therese, Julius und 3 Herren streten ein.s Nigl. Gnädige Frau! Von der Nachgiebigkeit Ihrer Dippelbam, meine Herrn, Hab ich schon oft vernommen, — ich hoffe von Ihnen das Gleiche! Th er ese ssich forschend umsehends. Wir werden Sie nicht lange belästigen! sLeise zu Juliuss. Himmel, er tanzt! Julius steifes. Da war' no Alles zu verzeih'« ! Nig l szu den Herrn von der Baugesellschafts. Wollen wahrscheinlich den Hoch- qnellen - Steuerdruck hier entführen? Bitte sich gar nicht zu geniren! Banmeiste r. Dürfen wir die Länge von diesen drei Zimmern hier abnehmen? Nigl. Bitte, bitte! Aber besonders das Dach schan'ns gut an. Es war immer so viel d'ranf ans dem Hans, daß man jeden Augenblick den Einsturz befürchtet hat! Julius sder in den Tanzsaal blickt, leise zu Thereses. Er kommt hieher — Therese szn Nigls. Und dieses Zimmer hier? Sie erlauben wohl? Nigl. O mit größtem piaesre! sTherese und Julius in die 1. Thür rechts abs. Brest! sFenella am Arms. Geh'ns, geh'ns, nein skommt von links aus dem Saals. Das ist nicht wahr! Fenella. Sie glauben nicht an meine Liebe? Brest!. Nicht eher, bis Sie mir durch einen Kuß — Fenella. Ei, wie stürmisch! Der Champagner scheint Sie erregt zu haben. Kommen Sie, hier ist es kühler — Nigl. Entschuldigen, ich kann nichts für die Baug'sellschaft. Is ein Malheur, is aber bald vorbei! B r e st l und Fenella ssetzen sich ans ein Kanapee im 1. Zimmer links und plauderns. sDie 3 Herren vom Baufache haben mittlerweile mit einer Schnur den Hintergrund gemessen und spannen die Schnur nun seitwärts links, in diesem Augenblick schießt Schofiuski mit seiner Tasse, die mit Tellern bedeckt ist, heraus.s Schofiuski. Gleich bin ich wieder da! sPnrzelt über die Schnur, wirft Alles Wegs/ Nigl. Himmellaudon, der Schofinski! Teller, Gläser, Alles hin! Alts meinen Augen! Baumeister. Warum geben's denn nicht Acht? 26 Drittes Bild. Die Heimkehr ans der Genernlnersaminlung. (Küche bei Frau Brestl mit Mitteleingang und 2 Seitenthüren.) Erste Scene. Therese. Wabi. (Letztere packt ihren Koffer.) Therese (welche weit netter gekleidet ist als im 1. Akt). Des Menschen Wille ist sein Himmelreich! Wabi (weinerlich). Oder sein Fegefeuer! Therese. Da hast Du Dein Zeugniß! 's steht drinn, daß du ehrlich warst, fleißig, treu und sittsam! Wabi (sich die Thränen abwischend). Denn ich Hab' 4 Wachtmeister kennt, zwa Feuerwerker und fünf G'freite, aber so was, verrückt könnt ma wer'n. Therese. Ich begreif's, daß es Dich immer g'freut in den Hans — Wabi. Von die Kinder Hab' ich mich schon empfohlen, mein Schmerz is nur mehr auf Ihnen beschränkt. — Therese. Geh' mit Gott, Wabi! Wabi. So thät er Ein' g'wiß nit behandeln, Gott, wann man 3 Jahr gangen war mit ihm. Therese. Tröst' Dich, wirst schon noch ein' braven Mann finden. Wabi. Mich, wegen einer Köchin, die mein Sohn sein könnt, so zurückzusetzen. Er, der mir solche Sachen in mein Stammbuch g'schrieben hat — (Reicht ihr ein Buch.) Therese (liest). Himmelblau und rosenroth, so sei mein Gedicht, Oftmals is mau plötzlich todt, o vergiß mein nicht! Wabi. Und ein Mann, der so was schreibt, eine Köckin vom Tanzmaster! Therese (liest wieder). Und mein Wunsch, mein allergrößter, Lautet still und einfach nur: Mach' aus d' Nacht ein Zweschbenröster Und a speckig's Knödel dazu«! Wabi (bricht in ein Geheul aus). Und doch betrog'n! Therese (sie besänftigend). Es is wahr, es war nicht schön von ihm, aber mein Gott, beim Militär is das nicht anders! Wabi (weinend). Bitt' Ihnen, is beim Civil a nit anders! Therese. Ja wohl! D'rum überleg Dir's gut, bevor Du heirath'st! Denk' immer an Dein' arme, unglückliche Frau! (Links ab.) Zweite Scene. Wabi (allein). Bald darauf Knauer. Wabi. Ich bleiben in dem Hans, wo mich Alles an ihn erinnert? Besonders der Hackstock, weil er immer d'rauf g'sessen is! Nit um die Welt! — (Packt wieder Sachen ein.) 3 Kasset'ln, eins wiffer wie's andere! 6 Paar KniestrÜMpf, seine Foto — (zerreißt dieselbe.) das kummt mir nicht in mein Kupfer — (zählt die Taschentücher.) 1, 2, 3, 4, 5 — ein's hat er, denn sonst wär' er alleweil ohne Schnupftuch'! am Ball gangen mit mir, und hier mein Sparkassabüchel - K N a N e r (den Kopf bei der Thür hereiu- steckend). Wabi! Wabi Mr sich). Trant sich der noch her da! fda Knauer näher kommt, tritt sie auf ihn zu, mißt ihn von oben bis unten und Packt dann wieder Sachen ein.) Knauer. Bist noch bös? Wabi (trällert). Knauer. Schau, Wabi, es is eine weitschichtige Mahm, eine Tochter von der Kirchlehnerischeu Kathi ihren Schwägern ein Schwiegersohn — Wabi. Tralalala! Knauer. Du bist ja heut mehr Lucca als Mehlspeisköchin ! (Stellt zwei Stühle zurecht.) Geh, mach' kaue G'schicht'n — ich Hab' Dir was z' sagen! Wabi (nimmt die Stühle und stellt sie wieder an ihren Ort). Ich bitte, mein Herr, mich nicht länger mit ihrer Zudringlichkeit zu belästigen! Knauer. Aber Du wirst doch nicht glauben, daß mir so eine junge Person, mit so lange Haar besser g'fallt, als wie Du? Wann ich der ihre Händ' vergleich mit die Deinigen, a Finger von Dir is größer, wie ihre ganze Pratzen — Wabi. Traurig genug, daß Sie das erst jetzt einseh'n! Knauer. Fuß hat Sie, rein lächerlich! Ich glaub' in an Patschen von Dir hat's alser ganzer Platz! Wabi. Und doch! Knauer. Es is ein Mißverständnis)! Weil ich aber am Montag mit Abschied entlassen werd', und weil in der Panigl- Gassen eine wohlassortirte Greislerei zu verkaufen wär', Hab ich mir dacht, du nimmst dös Sparkassabüch'l da — Wabi (schlägt heftig den Koffer zu.) Ich mit Ihnen eine Greislerei? Wo die Fluthen der Donau vielleicht nächstens ein anständig gekleidetes „Mötchen" in den besten Jahren bei Fischament an's Land werfen werden? (Höhnisch lächelnd.) Mein Herr, es gibt Köchinen im menschlichen Leben, die nicht mehr gut zu machen sind. Wenn aber gewisse Leute einmal dasitzen wer'n, allein und verlass'«, dann werden gewisse Leute erst einseg'u, was eine Wabi is! — (Winkt beim Fenster hinaus, es kommen alsbald 2 Dienstmänner.) Knauer. Du gehst also fort aus dem Haus? Wabi. In ein fernes Land, aus dem Niemand wiederkehrt! Weißt Du, was es sagt, das Volk: „Neue Männer!" Und das is auch meine Ansicht! Knauer. Mach kan Pflanz! Wabi. Und nie kommt das Wort „Leopold' mehr über meine Lippen! Bevor ich Leopold saget, stich ich mir a Küchenmesser in's Herz, so haß' ich das Wort Leopold. Knauer. So sag' wenigstens wo's d'hinziagst! Wabi. Das, mein Herr, werden Sie nie erfahren! Die Dien st Männer (haben auf einen Wink Wabi's den Koffer ergriffen.) Wohin denn damit? Wabi (laut und vernehmlich). Matzelsdorf, Kronawettergasse Nr. 799, gleich über's Eck, L. Stock Thür Nr. dreier vierzig, täglich zu sprechen von Sechse in der Früh, bis halber Elfe auf d'Nacht! (Stolz mit den Dienstmännern ab.) Dritte Scene. Kuaue r. Knauer. Die muß mir auf mehr kommen sein! Wo war i denn nur in 28 die letzten Tag? Da is die Paraplui- macherin — nachher die Friseurin aus der Leopoldstadt — die Wittib in der Roßau und die Ammel in der Strozzi- gassen, sonst war i ja nirgends! Ah, da is die Frau, vielleicht bring' i aus der was heraus. Vierte Scene. Vorige. Therese. Therese. Na, was sag'ns denn zu der G'schicht? Schämen thät ich mich an Ihrer Stell! Knauer. Aber ich bitt', gnä Frau, ich bin ja unschuldig! Therese. Sie und unschuldig? Ja, wie ein neugebornes Kind! Knauer M sichj. Neugebor'ues Kind? Und dabei schaut sie mich so kurios an? Es is die Ammel! Therese. Und die arme Wabi hat doch so fest darauf gerechnet, daß Sie früher oder später amal ihr Schirm sein werden! Knauer Mr sichj. Schirm? Und was für ein' Drucker sie d'rauf legt! Es is die Parapluimacherin! Therese. Lieber Herr Knauer, Sie Habens zu arg g'trieb'n, Sie san mir a sauberer Kampel! Knauer Mr sichj. Kampel? Hab's schon, die Friseurin is 's! Therese. Aber Gott sei dank, es gibt noch Frauen, die auch ohne Mann leben können. Knauer Mr sich.) Frau ohne Mann? Sie spielt auf die Wittib an — sollten sie mir in der Roßau? — Therese. Is nur schad', daß die Wabi erst so spät hat erfahren müssen, daß sie eine Schlange am Busen genährt hat. — Knauer Mr stchj. Jetzt Hab' ich's! Auf d'Ammel san's mir kommen! Therese. Doch auf An's können's rechnen: Wie ich die Wabi kenn', wird's Ihnen das ihr Lebtag nit verzeih'»! Knauer. Sie glauben wirklich? Therese. Nie, nie, nie! Knauer. Gar nie? Therese. Nie! Knauer swie zu einer großen That entschlossen^. Gut! dann bleibt mir nix anders übrig. Ich empfehl mich! Therese. Mensch, was wollen Sie thun? Knauer. Jus Wasser geh' ich! Therese. Muß man denn gleich zum Aeußersten greifen? Vielleicht doch, daß Sie heut' oder morgen — Knauer. Da gibts kein' Ausweg, es muß sein — Therese. Entsetzlich — Knauer. Die ganze Kompagnie is kommandirt — Therese. Zu was denn? Knauer. Zum Baden! Tschau! (Schnell ab.j Fünfte Scene. Therese allein. Therese. Und doch wann ich Beide vergleich' — wie unschuldig is der noch gegen mein' Mann! Laust halt den Madeln nach — was weiter? Aber er — ka Aug Hab i zug'macht seit gestern. Sagt zu mir, daß er verreist und bringt die Nächte in solcher Gesellschaft zu! Stellt Wechsel aus und vergißt sich in dem Trubel seiner Leidenschaft so weit, daß er — na — na — wir können nimmer bleiben bei anand! Sechste Scene. Vorige. Julius. Julius (durch die Mi ttcj. Bin ich noch immer verhaßt? 29 Therese. So lang Du Ansreden für die Liederlichkeit weißt, ganz gewiß! Inlins. Aber i red ja nix mehr! Theres e. Wann Du gut wer'n willst mit mir und wann Du gesonnen bist mein' Seelenfrieden wieder herzustellen, so hilf mir zur Scheidung. Julius. Hab Dir'n schou bestellt, den Advokaten. Wird gleich da sein! Therese. Wie? — Du hättest wirklich? — Herzlichen Dank! Julius Doch bedenk nur — Ihr habts ein großes Geschäft — a Menge Commis — Therese. Furcht Dich net. Der Zufall hat mir gestern ein' tüchtigen Buchhalter zug'führt! Julius. So? Therese. Das Gericht Hab' ich g'rufen und ein G'schäftsführer Hab' ich g'funden. Denk nur, der Mann, der mir hilfreich beig'sprungeu is — nur die Noth hat'n in die Uniform bracht, es is ein Kaufmann mit die prächtigsten Zeugniß — Julius. Der also austreten und Deine Bücher führen soll? Therese. Ein Unglücklicher is es — der mir dankbar ergeben sein wird! Die Hellen Thränen sind ihm über d' Wangen g'losfen, wie ich g'sagt Hab', daß ich ihm gerne Gelegenheit geben will, zu seinem Berus zurückzukehren. Julius. Na — daun sei froh, hast eine Sorge weg! Therese (die immer bewegt auf- und abgehts. Wann nur die Furcht net war — die Besorgniß, daß ich's uet durchsetz', mein' Scheidung! Man wird sagen, das wär Alles zu wenig Grund — Julius. Auch da will ich Dir helfen! Maßt Du, was er mir anvertraut hat, der Tanzmeister? Therese (in Erwarmngs. Gestern? Julius. Wann er bloß mit Auer was hätt, es ginget noch an! Aber das is ja ein Pascha! Therese. Wie? Noch Eine? Julius. Und net allein das! A Kind is auch da! Therese. Ein Kind! (Sinkt vernichtet auf einen Stuhl und weint bitterlich.s Julius. Jetzt, da is nix zu machen, als entweder verzeig'n — Therese. Ich, ihm — der mich auf solche Weise beschämt — Julius. Wie so denn? Du hast ja a zwa — Therese. Nie, unter keiner Bedingung! (Erregt.s Darum also dieses Bestreben aus dem Hause fortzukommen? Julius. A Madel is es, ein kleines. Mir scheint, das is eh das einzige, ordentliche Frauenzimmer in dem Haus! Therese. Aber ganz gut, ich lach nur dazu — denn jetzt, Bruder, jetzt haben wir den Beweis! Julius. Nicht schwarz auf weiß, aber pakschierlich in der Decken! — Therese. War ich denn gar so schiach — bin ich denn im Ernst so unausstehlich? — (Wiederin Thränen ans-- brechend.s Wo nur der Doktor bleibt? Julius. Wann uns nur net Dein Mann eher übern Hals kummt!? Schlaft Dir der heut Nacht in Hotel! Jetzt sitzt er schon seit zwei Stund im Stadtpark auf ein Bankl mit an Zöger und traut sich net her — weil der Zug erst um 3 Uhr ankommen thut — (Klopfen an der Thiir.s Therese. Der Advokat! Sehr gut! Der Advokat! (Reibt sich freudig die Hände.s Siebente Scene. Borige. Dr. Zimperlich. Zimperl, (ein rabiater Mensch, Papiere unterm Arms. Ergeben'r Diener! Meiu Name ist Zimperlich! (Sich umsehend.s Eigentlich sehr beleidigend, Jemand in der Küche zu empfangen! Therese. Sie entschuldigen wohl — unsere Magd ist Plötzlich auf und davon — die Zimmer sind nicht aufgeräumt — Zimperl. O ich bitte, n-u eontrnir — ich verwahre mich gegen die Zu- muthnng der persönlichen Empfindlichkeit — Therese (leise zu Juliuss. Daß Du aber gar kan' Andern auftrieb'n hast? Das is ja der verrückte Ding, der jedes Wort übel nimmt? Zimp. Pardon, meine Herrschaften — aber ich finde dieses Flüstern in Gegenwart eines Dritten äußerst undelikat ! Julius. Lieber Herr Doktor! Zimp. Ja, ja, Doktor! Ordentlich gradnirter Doktor! Brauchen das Wort nicht so kurios zu betonen! Therese. Sie haben da meinen Bruder schlecht verstanden! Zimp. Nun, andere Leut wissen auch, daß ich ein bischen schwerhörig bin, aber sie sind nicht so undelikat, mir dieß Gebrechen gleich bei der Thür vorznwerfen. Therese (Für sichs. Das is ja ein schrecklicher Mensch! Zimp. Nehmen Sie das zurück meine Gnädige — wenn Sie nicht ein Frauenzimmer wären — Therese. Was zu viel is — is zu viel! Ich Hab ja gar nix g'sagt — Zimp. Aber gedacht, gedacht! Ich kenne meine Feinde. Mir macht man kein T für ein U. Julius. Man sagt allgemein, Herr Doktor, Sie wären einer der tüchtigsten Juristen — Zimp. Aber wie ich bemerke, theilen Sie diese Ansicht keineswegs. Nur heraus damit, halten mich vermuthlich für einen Schwachkopf? Julius. Das nicht — aber persönlich Hab ich halt bis jetzt — Zimp. Und die Tausende, die mich kennen — lauter Lumpenvolk, nicht wahr? Therese. ES handelt sich nemlich bei uns um einen sehr schwierigen Fall — Zimp. So - und da bin ich natürlich zu schwach? Meine Gnädige, fragen Sie eher die Sachverständigen, bevor Sie über Jemand in dieser Weise absprechen. Therese (die unwillig wirdj. Die Sache is eine sehr delikate — Zimp. Und habe ich schon je einmal etwas ausgeplauscht? Julius. Es betrifft eine unglückliche Ehe — Zimp. Wie, Herr, Sie haben die Unverschämtheit auf meine Privatverhältnisse anznspielen? Julius. Das is eine unglückliche Frau, die von ihrem Mann hintergangen wird. Zimp. Ich hätt meine Frau — wo sie im Gegentheil mit einem Oberlien- tenant — ?! Therese. Schau'ns, stehl'ns nicht die Zeit! Zimp. Ein Defraudant bin ich also? Therese. Adieu! (Schnell ab.j Julius. Aber Sie wissen ja gar nicht, von was die Red is? Zimp. Unrechnnugsfähig auch noch? Genug! Augenblicklich reich' ich meine Klage ein! Vor den Geschwornen sehen Wir uns wieder! (Ab.j Achte Scene. Julius. Und so Auer derf ohne Lein' herum gehen? Wann er wenigstens a Marken hätt! Das wär was Praktisches, aber heutzutage is nur das Unpraktische modern! Couplet. Einst hat im Stück — das Liebesglück, Gezogen immer sehr Hab'n sie sich kriegt, war All's entzückt, So Stnck spiel'ns nimmermehr! Er nix nutz — sie nix nutz Blos Rendezvous, Gattin schlecht — Herr von Hecht, Er ein Filou! Hirschgeweih — Wolterschrei Rache sich schwör'n! Gattenfluch — Ehebruch, Das is modern! 2 . Das Spanien war — in früh're Jahr 's Romanzen Heimatland! Das Liebeslied, war dort erblüht, An jenes Ebros Strand! Statt der Lieb', lauter Dieb, Naub'n und stehl'n Kanonier'n, retirir'n, Einwohner prell'n! Pulver, Blei, Plünderei, Bahnen zerstör'»! Sagt man nein, hing'richt sein, Das is modern! 3. So bettelarm, daß's Gott erbarm' Durchzogen manchen Ort! Apostel viel und lehrten still, Der Menschheit, Gottes Wort! Viel Geschrei — Donnerei, Daß's Alles kracht! Und der Staat ja net hat Selber die Macht! Wie bekannt, gold'nes G'wand, Grantige Herrn! Lange Schlepp, hepp, hepp, hepp, Das is modern! 4. Hat oft ein Kind, verstandesblind Ein Thier was than zu Leid, Hab'ns d'Elteru schier glei g'straft dafür Das war in früh'rer Zeit! Alle Jahr, große Schaar, Wettrennerei! Weite Weg, 3, 4 Tag, Pserdeschinderei! Herr und Frau, Freudenau, Hinderniß gern! Lunge pritsch — Zubovics, Das ist modern! 5. Oesters thun, in Schönbrunn Streiten Löw und Bär! Gleich d'ranf san's überaus, Schlecken ab sich sehr! Aber heut, fall'n sich d' Leut', Gegenseitig an! Heut' gut Freund, morgen Feind, Klagen sich dann! Schau'n wir hin nach Berlin, Männer voll Ehr'n! Lächerlich, beißen sich, Das is modern! 6 . Zu Mozart's Zeit, war's a Freud' A nenche Oper z'hör'n! Die Melodie, voll Anmuth wie Ein Klang aus höhern Sphär'n. Tschindradra, Bnmdadra, Wagalawei, All's auf Seherin, dieser Lärm, Trompeterei! Riesenton, Bombardon, Därrisch fast wer'n! Schrum schrum schrum, bum bum bum, Das is modern! jAb.j Neunte Scene. Brest l. Gleich darauf Therese und Inliu s. Brest l fhereinschleichendj. Wann's mir nur nix anseg'n, bis Viere haben wir tanzt. 32 Therese und Julius sireten ein). Therese. Also schon retour? Julius. Schon da von der Bahn? Brestl sim Ueberzieher, die Reisetasche in der Hand). Servus, Kinder, Servus! Nit wahr, habt's schon laug g'wart't? Wegen Schneeverwehung verspätet! Julius. Jetzt im August? Brestl. Will ich sagen, wegen Dampfausgehung! Therese. In Brünn warst Du also? Brestl. Abends bin ich ankommen dort. Julius. Z'recht kommen? Brestl. G'rad is angangen die Sitzung! Therese. Und wo hast denn eigentlich zu thun g'habt dort? Brestl. In ein Verkehrs-Institut. Bis in d' Nacht war'« wir beinand'! Therese. Na und is's schön in Brunn? Julius. Und is's billig oder thener in Brünn? Therese. Und hab'ns a rechte Freud' g'habt in Brünn? Julius. Und was gibt's denn Neuch's in Brünn? Bre st l sfür sich). Dieses Brünn kommt ihnen sehr verdächtig vor! Therese. So red' doch! Die Frau, die Du so achtest, die einst Dein Alles war und jetzt auf amal gar so viele Fehler hat, möcht' gern wissen, wie's zngeht in Brünn? B rest l sfitr sich). Diese Gereiztheit. sLaut) Brünn is halt eben Brünn — Sitz eines Bischofs, 90.000 Einwohner, einige Juden dabei, zwei Altkatholiken. Therese. Und sonst weißt gar nix zu erzählen? Brestl. Geschäfte flau — der dortige 27-Kreuzer-Mann löst per Tag blos 8 bis 10 Kreuzer. Julius. Und die Damen in Brünn? Brestl. Gibt gar kan. Therese. Und das Institut, wo Du warst, wohl recht solid? Brestl. Na, wann ich mich amal einlaß — Julius. Vermuthlick Generalversammlung g'wesen? Br e st l sden Rock ausziehend, steht in Hemdärmeln da). Wegen diesjähriger Con- ponnichtherunterschneidnng! Alle war'ns da! Lauter feine Leut! Therese sleise zu Julius). Himmel, sogar sein Frack hat er dort vergessen! Julius. Jetzt hören Sie, gar so koscher wird's just net g'wesen sein die Versammlung! Brestl sempört). So, wo der Glat- tauer dabei war, der Pollitzer und der Feigelstock? Wann das nicht koscher genug äst, so höret sich Alles auf ! Therese, lind gelt, Alles im schwarzen Frack? Brestl. Was man sagt Ausschuß paus! Ich bin Dir seit gestern gar nicht heransgekommen ans'n schwarzen G'wand! — sGewahrt plötzlich, daß er in Hemdärmeln dasteht.) Das heißt, in der Hitze der Debatte, die Ventilation ist schlecht, — der Saal ist klau, der Regierungskommissär hat's erlaubt — sFür sich, außer sich.) vergiß i mein Frack. Th er es e swelche die ganze Zeit hindurch ihre Aufregung nur mühsam niederkämpfte). Genug, — Du warst gar net in Brünn. Brestl. I net in Brünn? — Na hörst Du — Th erese sden Wechsel hervorziehcnd). Du warst in ein Haus, wo man vergeuden, lügen, sich selbst vergessen und fälschen lernt — Brestl. Wie — er is schon präsen- tirt? — Therese. Und nicht allan als Leichtsinniger, als ehrlos siehst Du jetzt vor mir! Brestl sauffahrend). Ehrlos — ich? Rest, nimm das Wort zurück! Therese. Is der net ehrlos, verfremde Namen aus seine Wechsel schreibt? 33 Brestl. 's is ja kau fremder Namen Rest, 's is ja der Namen meiner Frau! Therese. Hat sie es Dir erlaubt? Br est l. Ich hätt's auch nicht gethan, doch denk Dir nur, wie ich bezahlen will mit meinem Aceept, das ich heut pünktlich eing'löst hätt', mit meinem eigenen Geld, da hat ein Weib die Frechheit — Therese faufwallend). Die Frech — Brestl. Dein Mann als Lumpen hinznstellen, mich, den Kaufmann zu brandmarken, als kreditlos und fallit! Julius fsich unberufen an der Debatte bethciligend zu Therese). Siegst es, was soll er thun in so ein Augenblick! Therese fnnwillig). Misch Di net d'rein! Brestl. Und nicht blos mein Ruf, auch Deiner, unser Geschäft is am Spiel gestanden in dem Augenblick, nur eine Antwort hat es gegeben finden Insult, ich war gezwungen der Hausfrau zu beweisen, daß unsre Firma aufrecht epistirt, und daß mein Weib nicht widerruft, was ich bestimm! Julius. Wenn Mann und Weib an Leib sein sollen, mnssenS auch a Cassa sein! Therese fnnwillig). Misch Di net drein! fZu Brests Vielleicht wirst anders reden, wann Du hörst: Das freche Weib, die Hausfrau war ich selbst. Brestl finit dein Fuße stampfend). Was, Du hältst — Therese. Hab's hamlich kauft das Hans, hinter Dein Rücken — Brestl fwie eine Katze an sie heran-- schleichends Und da wunderst Du Dich, daß sich Dein Mann nicht heimisch fühlt bei Dir? Du selber stellst'« hin als Menschen, dein man nip anvertranen kann, bezeichnest ihn der Welt als Vcw gabnnden, und bist dann aufgebracht, wann er es is? Julius. Hast selber Hamlichkeiten und ihm vergnnst es nit — Thcater-Repertvir 320 . Brestl. Hast net die Absicht seine Schwäche zu knriren, als echtes Weib durch Zuspruch, durch ein warmes Wort? Dll mußt'n öffentlich verächtlich machen? Julius. Anstatt die Schnnd zu verbergen, deckst es ans? Brestl fwill seinen Reisesack nehmen). Da thn' ich Dir gewiß den besten G'fallen — wann ich jetzt wirklich ras, weiß Gott wohin! Therese. Vielleicht zu dem g'wissen Kind? Brestl. Das weißt Du also auch? Therese. Und Du hast Recht, wir sind g'schiedene Leut — Brestl. Und was man Dir ver- znnden hat — Du glaubst es wirklich? Ahnst nicht, daß ich a fremde Last ans mich genommen Hab' um Dir Deinen Frieden zu bewahre» — daß ich — besorgt — es könnt Dich so a Lug derschrecken oder kränken — Therese fverächilich). Das geht noch ab, daß Dn Dein Fleisch und Blut verleugnest — Brestl. Also für immer ansg'strichen ans Dein Herzen? Die reiche Frau wirft mich hinaus ans ihrem Hans und jagt mich weg von meine Kinder? Therese. Ich werd' Dich g'wiß net darben lassen, denn was Du brauchst — Brestl. Ich von Dir was nehmen? Jetzt? Wann er auch liederlich war und leicht Dein Franz — er laßt sich nicht verachten. Na, na! So arm als wie ich kommen bin in Deiner Eltern Hans, als Wanderbnrsch, so wie ich anklopft Hab' bei Euch in der Fabrik, so will ich wieder fort! Die Uhr, die Ring, die Ketten, Alles laß' ich da, — was Dein is, reiche Fran sei Dein — nip nimm i mit, als wie den blauen Kittel, der drin» hängt als Andenken von damals, mein Wanderstecken und die Erinnerung an eine schönere Zeit! Julius fThcrese mit dem Ellbogen stoßend). I bitt Di, geh — 3 34 Brestl. Doch wann ich a recht schlecht bin wie Du glaubst, a Nachtschwärmer und a Verschwender — An's Hab i do no behalten — a Vaterherz und die Sehnsucht uach au Blick in die Augen meiner Kinder! — Gelt ja, Du reiche Frau, das Aue das erlaubst mir uo, i darf's no amal drucken an das schlechte Herz. Therese sweist, ihr Gesicht verhüllend, auf die Thür links.) Brestl. I darf? — In 10 Minuten hast mich nachher los! sSchnell ab.) Julius. Und Du laßt'n ruhig zieh'n? Therese. Es is ja jedes Wort a Lug! Julius. Das war' der Weg der Frau, der Weg der Mutter? Täusch' Dich uit selber, Rest, was Du da treibst, das is net Kränkung, das ist der Geist der Rache, unwürdig einer Frau. Therese sgreift an ihr Herz). I kann net anders. Julius. Daun jagst Dn mit Dein Mann zugleich Dein Bruder fort. Schwester, das is a Krieg hier in dem Haus, wo a Soldat wie ich den Abschied nimmt! Brestl skehrt in blauer Blouse. den Wanderstab in der Hand, zurück). Jetzt is mir leicht! sWischt sich die Thränen aus den Augen.) Die seg'n in mir den guten Vätern, die wissen uo nichts Schlechtes von mir, die wollten, daß i bleib! Aber furcht' Dich nicht! Ich geh' schon fort. Doch komm' ich wieder, denn ich, Nest, ich gib mein Weib nicht auf. Ich will nur, daß's mich achten lernt, will, daß's mich freudig wieder nimmt, will, daß's mir gern die Kinder auvertrant, ich Hab' den Math Dich nochmals zu erringen! Wendet sich zum Abgang.) Julius sreicht ihm die Hand.) Therese smacht Miene einen Schritt nach ihm zu thnu — prallt zurück — in die- sein Augenblicke treten ihre nett angezogenen Kinder aus der Thür links, sie stürzt ans dieselben zu, laßt sich zu ihnen nieder und drückt sie an's Herz. Brestl öffnet die Thüre und tritt hinaus). Jetzt Hab' ich nur mehr euch! Gruppe. Viertes Bild. Bei der ehrlichen Arbeit. (Offene Straße. Seitwärts links vom Publikum das Hans der Frau Brestl, vor welchem ein Gerüst aufgeführt ist, da dasselbe renovirt wurde. Dasselbe ist mit zwei neuen, großen Erkerfenstern versehen, diese entbehren aber noch des Anstriches. Man sieht auf dem Gerüste etliche Anstreicher und andere Ge- werbsleute arbeiten. Ein Theil des Hauses ist bereits gerüstfrei.) Erste Scene. Polier. Austreichermeister Klepsch. Polier. Sie san der Anzige, der uns aufhalt. Schick'us doch noch a paar Anstreicherg'sellen! Klepsch sein Packer unter'm Arms. Punkto Zwa is mir Aner versprochen. Polier. Sonst wer'n wir nit fertig bis zum heiligen Abend. sBegibt sich auf den Ban.) 35 Zweite Scene. Klepsch. Gleich darauf Brestl sin der Blouse, einen Zöger mit Farben- häferln ans der Schulter.) Klepsch. Der hat leicht reden! Is ja net a so, daß man gleich an Jeden nehmen kann. Besonders a G'schäfts- mann wie ich, der ans Ordnnng halt't. Ah, da is er ja schon! Brestl. Herr von Klepsch, hier is mein Wanderbüchel! Wie Sie seg'n wer'n, bin ich in der Oehlfarb z'Hans! Klepsch ferstaunt). Was, Sie, der Herr von Brestl, mit dem ich immer tarrokirt Hab', ein Anstreicherg'setl'? Brestl. Mein Gott, das Schicksal hat mir eontrn g'sagt, hat mir den Pagat des Wohllebens g'fangt, und nachdem ich, was das Geld anbelangt, ganz skart bin, (auf den Zöger deutend) Hub' ich jetzt alle Farben! Klepsch. Also, sind Sie ein g'leruter Anstreicher g'wesen? Brestl. On rsvisnt torrjours nnx 868 xi'6mi6i'68 amour8 ! Auf deutsch: Zuletzt riecht man doch wieder nach Terpentin! Klepsch. Ja, ja. Ich Hab' g'hört von dem Berdruß mit Jhnerer Frau! Sie haben's aber auch trieb'n! — Er- lauben's mir, wann ma a G'schäft hat, muß man a bleiben dabei! Wann ich aber 'n Tag zehnmal beim Kummer oder beim Bischof g'sessen bin, immer waren Sie da! Brestl. Sie san wie der Bismark! Ihnen macht der Bischof viel Kummer! Klepsch. War ich in der Walhalla, wen Hab' ich z'erst g'seg'u? Ihnen! Brestl. Sie hab'n viel Malheur g'habt mit mir. Klepsch. Beim Heurigen, beim Wettfahren, bei der Schlittag, überall san's Ein'm im Weg uma g'stauden, ja, mein lieber Freund, das is ka Leb'n für an G'schäftsmann, da muß man z'Grund geh'n früher oder später! Brestl. San So schon z'Grund gangen, oder zeugen Sie's grad? Klepsch. Ich und Sö! Ich bin a Mann am Platz Brestl. Das is ein Expreß a! Klepsch. Dafür hab'n Sie's aber jetzt a! So a liebe Frau und dö Behandlung! Schämen thät i mi! Brestl. Han'n Sie die Ihrige noch allerweil? Klepsch. Na vielleicht doch, daß Ihnen noch ändern und unter meiner Leitung ein Anderer wer'n. Da hab'ns .10 fl. auf'n Lohn, dort die Fenster wer'n braun g'strich'n! Brestl. Was? Ich hier, das Hans von meiner Frau? Aber macht nix, Hab' es nit anders verdient! Klepsch. Und pünktlich bei der Arbeit, immer beim G'schäft, das is meine Parole! Ich geh' jetzt a Krügel Jaro- schauer, heben's mir derweil die Schleif- schnh da auf, fgiebt ihm das Paket) weil ich nachher, wann ich vom Prater zurück komm, nach'n Caffeehaus, sobald ich die Hnßarenwettl z'Hans g'führt Hab' — übri geh am Eislaufverein, ich hol mir's schon ehnder! fAb.) Dritte Scene. Brestl. Brestl falleiu, ihm nachblickend). Und der gibt mir gute Lehren! Is g'rad a so, als wann a Elefant an Zeisig vorwerfet, daß er nit schön g'wachsen is. Geh'n wir an die Arbeit! Wie aber, wann mich meine Frau? Ganz gut! Soll nur seg'n wie a Pinsel auf'n Pemstel kommen is! fWill eben näher an's Haits treten, da kommen ans dem Hanse die 5 Cousinen.) Ui Jesses! 3 * 36 Vierte Scene. Vorige, Lori, Thekla, Clotilde, Clariße und Helene, Me im Eis- lauskostüme, Schlittschuhe am Arm. Später Ni gl am Fensters Alle siu's Haus hiueiurufeuds. Adieu, Onkel, adien, adien! Lori. Vergessens nicht auf's Einkäufen für's Nachtmahl, Onkel! Thekla. Aber ehnder thun's aufbetten ! Helena. Und 'n Hund sühr'ns a a Bißl äußert! Brestl Mr sichs. Hat wirklich eine geachtete Stellung, der Mann! Nigl serscheint am Fenster, ein Paar- Hausschuhe ausklopfeuds. Tninmelts Etlg, Kinder, daß 's nur um Gotteswillen nix versamt's! Clotilde. O, es wird ein herrliches Fest sein! Der Baron kommt als italienischer Bandit! Brestl Mir sichs. Warum denn nit als hiesiger? Thekla. Der Bankier als Türk! Brestl sfür sichs. Als Christ sollt er kommen, da kennt ihn ka Mensch! Nigl smit Bartwisch und Schaufel am Fenster erscheinend^. Aber, sagts Kinder, was soll ich denn kochen derweil? Lori. A Hendel glaubet i — Thekla. War net übel! Da kauf i mir lieber a schönes Schmisel beim Sedlmaier! A Wurst in Essig und Oel! Clotilde. Js wahr a! Denn in' Magen da schaut Ein 'm Niemand hinein ! Clariße. Versteht sich! Da leg ich mich lieber hungrig zn Bett! Helena. Aber fesche Schuh muß ma hab'n! Br estl ssiir sichs. O Bagasch! Alle. Der Zwirschütz! Der Zwir- schütz! Lori. Steht mir itit der Unterrock vor? Thekla. Halt mir mein Pflastert? Clotilde. Bin i net hint verkrüppelt ? Clariße. Und i Hab die Handschuh no net an! H eleNa smit Bezug auf ihren breiten Huts. Was er sag'n wird zu mein Hut, zn mein' nenchen? Fünfte Scene. Vorige. Zwirschütz smit Schlitt- schuheus. Z Wir sch. Servus, Servus, meine Damen, dös wird heut a Hetz! Lori. Nicht wahr, Herr Zwirschütz, mit mir schleif'ns zuerst herum? Die Uebrigen F ü n s. Und nachher mit mir! Brestl sfür sichs. Um den geht's ja zn, wie um einen Nordpolfahrer! Zw irsch. A Hetz wird dös! I zahl an Schlitten! Alle Fünf. Und wie fesch als er ausschaut! Brestl sfür sichs. Ein Hanbenstock a Humboldt dagegen! Nigl sam Fensters. Herr von Zwirschütz, meine Hochachtung! Entschuldigen — sbeutelt a furchtbar durchlöchertes Tischtuch aus.s aber ich muß die Semmelbröseln ans der Tischwäsch beuteln ! Die fünf Mädeln sentrüstets. Aber Onkel, gar dumm, geben Tie's hinein ! N i g l. Ja, wissen Sie, das sind blos die inneren Angelegenheiten, auswendig sind wir hui! Ergebener Diener! sZieht das Tuch hiueiu.s Alle F ü n s. Geh'n wir, geh'n wir, geh'n wir! Lori. Der Herr von Zwirschütz führt uns! Thekla. Mir gibt er einen Arm — D i e ü b rige n V i e r. Mir den andern. sÄeheu Alle schivätzeud, tritscheiid und iu ihn hiueinredeud mit Zwirschiil; ab.s 37 Sechste Scene. B restl allein. Gleich darauf FeNell a, ebenfalls iin Schlittschnhkostnme. Brestl fdie Hände znsannnenschlagendf. Und das war mein Umgang! Das is ja ein Volk, daß ein Landesgerichtsrath 3 Wochen zu thun hätt. Aber die Fenella — nein — das ist doch was Anderes. Da ist sie! Fenella ftritt heraus und gewahrt Brestlj. Lori, Thekla, wo seid ihr denn .— was seh' ich? B r e st l ffiir sichf O Btamasch! fAuf einen Gedanken konunend.f Halt ! fWirft das Papier weg, in dein sich die Schlittjchuhe des Meisters befinden und hängt dieselben stolz auf seinen Arin.f Eine prächtige Ansred! fLcnn.f Was' sagen Sie zn meiner Eharakter-Maske? Dieser naturgetreue Zöger? — Dieses scheinbar schmierige Kappel! Fenella. Als Anstreicher gehen Sie? Brestl. Nicht wahr, überraschend? Fenella. Allerdings, das Kostüme ist täuschend! Sogar die Farbenklekse — Brestl. Hab' ich mir eigens vom Markart machen lassen. Kommt mich ans ein Heidengeld - Fenella. Wahrhaftig, Sie könnten sich jeden Augenblick — sauf die Anstreicher deutend.j zu den Andern stellen! Brestl sein Häfen herzeigendj. Net Wahr? Dieses natürliche Kremserweiß, — und das is eine braune Färb' dahier, — eine Stund Hab ich dem Amerling zng'redt, daß er mir'ö g'lichen hat! Fenella Und sogar der Geruch! Brestl Gelten's? Dieses Penetrante! Das riecht man bis ans die Wieden hinüber! ^Fenella. Ein köstlicher Einfall — Sie werden Furore machen! Aber wissen Sie, daß ich herzlich böse ans Sie bin! Vier Monate sind verflossen, ohne daß Sie sich sehen ließen? Waren Sie verreist? Brestl ffürsichf. Ich kann ihr doch nicht sagen, daß ich ang'strichen Hab in Klosterneuburg? fLant.f Zn dienen! Mittelst Separatzng ! fFür sich.j Zn Fuß nämlich — fLaut.j Hab ich eine kleine Geschäftsreise unternommen! Fenella. O Sie machen wir etwas weiß — Brestl ffär sichf. Ihr nicht — aber denen Hab ich die Speiskast'ln weiß g'macht — Fenella. Doch sei 's wie immer, Sie werden jetzt endlich an unsere Verbindung denken, nicht wahr? Brestl. Ich glaub, wir warten die Obligatorische ab — Fenella. Was hindert Sie denn? Wäre etwa Ihre Familie dagegen? Brestl ffär sichf. O sehr! Fenella. I bin zwar nit vom Adel - Brestl ffiir sichf. Ehnder schon, als wie i — Fenella. Doch gewiß distinguirt! Was kann Sie denn abhalten? Brestl ffiir sich.f Was sag' ich ihr denn nur? Hab's schon! fLantf Nun, weil Sie 's durchaus wissen woll'n, — aber fallen Sie nicht um — Fenella. Heraus damit — Brestl. Ich bin Israelite! Fenella ferschrecktf. Is — Brestl. Ra - Fenella. Li — Brestl. Te! Es ist nicht schön von mir, ich weiß es, aber mein Vater hat mir das zn Fleiß gethan - Fenell a. Das ist nun freilich eine eigenthümiiche Sache — Brest l. Sehr eigenthümlich ! Ich versichere Sie, mannigsmal bin ich ganz desparat ! Fenell a Wir sind Alle katholisch — Brestl. Und ich sollt' am End' konfessionslos wer'n? Anf'n Magistrat heiraten, neb'n Marltkommissariat, das brächt' mein' Vater, den alten, polnischen In — Iutsbesitzer ins Grab! 38 Fenella. Ein Vetter von uns is Dechant — Brestl. So schön, und ein Meini- ger Mazzesbäck in der Lilienbrnnngasse. Fenella. Für uns is der Ehar- freitag der heiligste Tag. Brestl. Und i geh nur am langen Tag in die Meß — Fenella. Nun, so sollen Sie denn sehen, was Ihre Fenella für ein Opfer zu bringen im Staude ist — Brestl. Sie verzichten? Fenella selegisch). Auf Sie? — Den Gutsbesitzer, den ich anbete? Nie! Mt Ergebung.) Ich werde Ihnen zu Liebe: Jüdin! Brestl. Sie, nein, das thnn's nicht! Mächens Ihnen wegen mir keine Auslagen ! Fenella sweudet sich zum Abgehen). Heute noch auf dem Eise, morgen der Rabbiner! Bre st l sder sehr unruhig wird). Aber nein, warum sollen denn Sie wegen mir kein Schweinernes mehr essen? Fenella. Es bleibt dabei! Besorgen Sie das Uebrige! Ans Wiedersehen beim Maskenscste! sAb, ihm im Fortgehen wiederholt Küste zuwerfeud.) Siebente Scene. Brestl sallein, ihr nachsehend). Ja Von mir aus! Wegen meiner kann's a Johannes- Schwester a wer'n. sVorkommeud.) Jetzt beim Tag Hab ich erst geseh'n, wie die g'mal'n is! Die streicht ja mehr an, als wie i! Die weiße Haut, lauter Mundmehl! Die Angenbraun', die ich immer so bewundert Hab, blos straffirt, und das schwellende Gosch'rl, blos um 30 kr. Zinober! sPackt seine Häferl aus und beginnt anzustreichen ) Und wegen einer solchen Person — Hab ich meine Frau — o weh! Der Entdecker meiner Korruption !. Achte Scene. Vorige. Julius. Julius seinen Brief lesend). Eine hübsche junge Witwe, die sich nach freundschaftlichem Rathe sehnt, wünscht Sie dringend zu sprechen, Sie netter Unteroffizier. Man erwartet Sie um 3 Uhr vor dem Hanse der Frau Brestl. Erkennungszeichen: Man wird ein Taschentuch fallen lassen!" Brestl. Der hat ein Rendezvous mit aner Tanzmasterischen. Auch Auer der mich hat bessern wollen! Julius. Drei Uhr ist es — und keine Wittib da! sSieht sich um). Doch, wenn ich mich nicht irre — ja, ja, er is 's! stritt auf Brestl zu, der sich, um sich der Entdeckung zu entzieh'», ganz an die Wand drückt und in heftiger Weise anstreicht — klopft ihm auf die Achsel.) Brestl sfür sich). Hat mich schon! Julius. Sie hier in der Arbeit und bei dem Haus? Hörn's, Sie ssan schön herab kommen! Brestl szoruig Vorkommen!)). Ah, da muß ich bitten! — So lang i nix gearbeit' Hab, wars Eng net recht, jetzt, wo ich arbeit, auch gute Lehren? Ich bin hinlänglich versehen! In lins seinlenkend). Uebrigens — die Rest — das war net nothwendig g'wesen — daß Sie — Brestl. Hör'n Sie auf! Sö san mir der wahre Friedensstifter! Vor lauter Versöhnung is a so a G'schicht außer kommen! Julius. Und jetzt, wo wir bös san, i und die Rest, kann ich ihr net amal an guten Rath ertheilen. Gott sei Dank! Jetzt kann noch Alles gut wer'n. Aber jetzt geng'ns hinter!, ich erwart' da wen — sLeise zu ihm.) a Wittib — — Brestl smoralisch zu ihm). Aber junger Mensch, bedenken Sie, ein Schritt ans dem Pfade des Lasters, und Sie sind rettungslos — Julius. Schan'ns, daß 's weiter- kommeu! Brestl (streicht wieder au). Seh'n Sie's, wie das unangenehm is! Mir hab'n Sie's akrat a so g'macht. (Tritt zurück zum Hause.) Neunte Scene. Vorige. Therese (verschleiert, ganz schwarz gekleidet, betritt die Bühne sehr- hastig, bleibt vor Julius stehen und wirft mit Wnth das Schnupftuch auf die Erde). Julius sfür sich). Die macht aber das sehr uugeuirt. sHebt das Tuch auf.) Gnädige, sind also die junge Wittib? — Therese snickt unwillig mit dem Kopfe.) Vre st l fder herüberblickte und die ganze Zeit statt des Fensters das Hans angestricheu half. Muß ich mir auch auschau'u. Mir scheint immer die Tapezirerin — wann der Moralsieder aufsitzet — (Schleicht herbei.) Das war a Genuß — ! Julius Entschleiern Sie sich doch, schöne Unbekannte — Brestl. Ein Königreich, das Franz- Josefs-Land schenk ich her, wann's die Tapezirerin — Therese (entschleiert sich raschst Wenn Sie durchaus wollen in Gottesnamen — Alle drei (zugleich, sich gegenseitig er- kennendst Brestl. Himmel, meine Frau! Jul ins. Teufel, meine Schwester! Therese. Jessas, mein Mann! Brestl. Himmel und Höll, Alles beinand! Therese (auf ihren Mann blickend, für sichst Der Auszug und wie blaß als er is — er arbeit't als G'sell — B r e st l (sich höflich vor Therese ver- beugendst Entschuldigen, wenn ich gestört Hab — (stammelt.) Häferl — Färb — dort die Fenster — Frau von Brestl, Ihr Haus — Therese. Kenn's, kenn's! Brestl (sich die Thräneu wegwischend, zu Julius). Aufg'sesseu, deutscher Krieger, — Sind Sie froh, denn — (in den Predi- gertou übergehend) das wahre Glück besteht am Ende doch nur in Entsagung — und — Julius. Geh'ns zum Teufel! Brestl (leise zu ihm). Was? Aeußerst unangenehm, wann die Wittib a Schwester is! (Zu Therese.) Gnä Frau, der Anblick von so ein schmierigen Kerl — wahrscheinlich sehr mechant — werde so frei sein und drüben — (macht die Pantomimen des Streichens, verbeugt sich wieder.) Der is fest eingangen — g'hor- samster Diener! (Mit einem Farbentopfe hinter dem Gerüste ab.) Zehnte Scene. Julius. Therese. Julius (der zornig auf- und abgiug.) Was soll das? Du waßt ja, ich will nix mehr hör'n von Dir? Therese (ihm folgend). Eben d'rum Hab ich Dich erwischt auf die Art! Julius. Hast' g'seg'n? Das is Dein Werk! Therese. Mein's? daß i net lach! Was brauchst Du mir solche Sach'n zu erzähl'n! Jnlius. Ah, das is sehr gut! Jetzt kommend alle Zwa über mich! Therese. Wann Du mir nix sagst, wirf i das Tüchel in Mist, und damit basta! Julius. So? Und wer hat Dir denn alleweil zug'redt, Du sollst ihm verzeig'n? Therese. Du vielleicht? Wann Du net bist, waß i heut no nix von dem Kind. Julius. Also hätt' am End ich Euch auseinander gebracht, ich? Therese. Wer denn sonst? A vernünftiger Mensch mischt sich in eheliche Streitigkeiten gar nit hinein! 40 Julius. Ah, da bitt ich um eine Abschrift! Therese. Und weil ich jetzt das gut macheu will, was Du aug'stellt hast — Julius. I was aug'stellt? Therese. Hab ich Dir das Reu- deuzvous da gebeu! Julius swillab). Ah, ös wollts wieder gut wer'n, ös Klampferergs — ueiu, ös 27 kr.-Karaktere! Gut, i hol' Dir'n — gleich wird er da seiu! Therese shält ihm beim Schöffel). So taktlos werd' ich uet seiu! Ich muß die Fehler, die Du so g'schwiud begangen hast, auf a besonnene Art, als a g'scheidte Frau wieder nach und nach auszugleicheu suchen. Julius. Du besonnen, g'scheidt? Du ausgleicheu? (Ganz erschöpft.) Also was soll denn g'scheg'n? Therese. Bei mir geht das uet so, wie bei Dir, — Ans — zwa — drei — und die Ungerechtigkeit is fertig! Nachdem er jetzt auf sich selbst ang'wiesen is — nehmen thut er nix von mir — sWeinerlich) dort oben sitzt er auf ein' G'sims — wie soll der Manu das arme Kind da, dieses da hier, das da, erhalten? Julius shastig). Ah, so steht die G'schicht? Du suchst ein Vorwand, damit Du wieder anbandeln kannst? Th e r es e swüthend, daß er ihr d'ranf- gekommen). Vorwand, ich? Gar dumm!^ Ich will blos als Frau von Ehre — Julius. Daß er Dich bewundern, und daun wieder z'ruck kommen soll? Therese. Herr Bruder — Julius. Frau Schwester — Therese. Ich finde es für gut und damit aus! Julius. Ja, ich Hab nix dagegen! Jessas ja! Der Tanzmaster gibt Dir's mit sammt die Windeln! Therese. Und da Hab ich Dich frag'n woll'n, ob sich das schickt, denn Du bist ja doch immer der Bruder — und ob sich das g'hört, und ob man da geachtet dasteht, wann man so was thut? Julius. Mit Allem bin ich einverstanden. Und wann Du den Tanz- master auch dazu nimmst, i Hab a nix dagegen! Therese. Ich sieh, Du bist a verständiger Mensch, ich dank Dir recht sehr für Deine langsame Ueberlegung und für Deinen langerwogeuen Nath. Aber noch Ans! Geh, sei so gut und fahr' g'schwind in's Fiudelhaus um a Ammel! Julius. Jetzt hörst, erlaub Du mir — Therese. So? Wo Du unser Eh' auf so a Art zerstört hast — net amal das? Julius. Gut, die Ammel hol i a! sStttrzt ob.) Eilfle Scene. Therese sallein). Das war wirklich ein ganz guter, plötzlicher Einfall von mein Brüdern! Mein Lebtag war i uet aus so was kommen. Was kann das arme G'schöpf für den Leichtsinn von sein Vätern?! Zwölfte Scene. Vorige. Ni gl. Ni gl saus dein Hanse kommend, einen Einkanfskorb am Arm). So, aufbürst Hab ich — jetzt werd ich um die Wurst und um etwas Salat — o, die Hausfrau — ergebenster Knecht! — Therese. Sie geh'n aus? — Nigl sin den Ton der Köchinnen übergehend). Einkäufen, Gnä Frau! Diese Theuerung jetzt — net zum sagen! Am Simperl S'puat, 5 Sechserln! Wo nehmen denn Sö die Rüben? 41 Therese. Geh'n denn int Jhnere Madeln am Markt? Ni gl ffiir sich). I kann do net sag'n, daß ans der Schleifen flants Alles krank! Therese. Fieber wahrscheinlich! Ni gl. Wie die Narren sahr'ns Alle herum in den Augenblick. — Therese. Da war halt Eis die Hauptsache! Nigl. Gebraucheus auch! The re se. Aenßerlich? Nigl. Unter die Fuß hab'n sie's Alle! Therese. Was haben's denn für an Doktor? Nigl. N' Professor Schleifer! Ordi- nirt vor'm Stubenthor! Therese. Der is lvohl für die kalte Behandlung? Nigl. Zu dienen! Und kalte Behandlung is bei meinen Madeln die einzige Kur! Therese. Na, vielleicht kann ich Ihnen bei so viel Malheur eine kleine Gefälligkeit erweisen! Nigl. Wie, Euer Gnaden — wo ich hinterdrein erfahren Hab, jener Unbekannte — Therese. Still davon! Nigl. O die Madeln wissen hellt, noch nip — Therese. Soll auch a Geheimnis; bleiben — immer — ewig — da haben's an Fnfziger — (gibt ihm Geld.) Nigl. O, das is a Fnfz'ger, den ich mir gern hinauf messen laß! Therese. Sie haben da ein kleines Kind im Haus — N i g l. Der Vater is ein gewisser — Therese. Still, geht mich nip an. — Nigl. Ich Hab nur denkt, weil der Herr v. Brestl — der leichtsinnige Mann glaubt hat — Therese. Still, Hab ich g'sagt! Intressirt mich nicht! Wollen Sie mir das Kind überlassen in Pfleg, wann Sie monatlich 60 fl. krieg'n dafür? Nigl. Daß wir nur nicht irre geilgen! Sie hab'n die ganze Arbeit und ich krieg a Geld? — Therese. Ja, ja! Nigl. Einverstanden! Ich mach auch Kontrakt aus 20 Jahr! Therese. Und was den Vätern betrifft, den richtigen Vätern — verstanden? Werd ich 's schon verantworten ! Nigl fpfeift listig, als ob er auf etwas gekommen wäre, für sich). So steht die G'schicht! Der Mann weg — Der Seidl Buchhalter bei ihr — a fescher Kerl is er — Pscht! fSchnalzt mit den Fingern.) Nimints ins Haus, damit sie dem Liebhaber a Freud macht! fLaut.s Recht hab'ns, gnä Frau — wer wird sich da genir'n vor der Welt! ? Therese. Also kommens g'schwind hinein ins Hans und richten Sie 's z'samm, denn in 10 Minuten wird auch die Ammel da sein — 9t i g l ffür sich.) Nur eiukanfen möcht i no g'schwind ! fZu einem Greisler, der eben vor seinem Laden steht, leise.) 3 Zehnerln Preßbnrger! fZu Therese laut.) Wissens, gnä Frau — sehr nett renovirt, aber dort oben, die Figuren g'fall'n mir halt nicht — fdentet mit der einen Hand immer nach oben, mit der andern Hand hält er dem Greisler dem Korb hin.) Therese fimmer nach oben blickend). Die dort anf'n Dach? Nigl fverstohlen mit dem Greißler mani- pnlirends. Ja! fZum Greisler). Und NM 4 Kreuzer an Kas! Therese Sie meinen diese Engerln? Nigl. Diese dorten, da, dö! (Znm Greißlers. 9 Mnndsemmeln dazu! Therese fimmer nach oben blickend) A, das schaut ja sehr gut ans! Nigl. Na — ich weiß nicht. (Zum Greisler.) Und ein Bastwaschel auch! Greißler fhat ihm Alles in den Korb hineingelegt und fein Geld bekommen.) Therese. Aber geh'n wir doch endlich zu dem Kind — 42 Ni gl. Ja, ich waß a net, was wir da herum steh'n auf der Gassen! Bitt nur, herein! (Beide in's Haus ab.) Droh eh nie Scene. Brestl (von rückwärts auftreteud). Bald darauf Julius mit einer hannakischen Aunuel. Brestl. G'wiß wieder den Tanzmaster ansg'fratschelt und wieder nenche Schandthaten von mir erfahren — da is Niemand dahinter, als wie der verflixte L>oldat. (Da Julius mit der Aunuel kommt). Ah, ah, hat schon wieder ein' Andere! Na, hören Sie, Sie bab'n ja Verhältniß in allen Sprachen!? Julius. Sie werden doch nicht glauben? — Han nakin. ^ xotoin ihr wegen Kindel klaue — Brestl. Auch schon? Gratnlir! Julius. Himmelkreuztansend, eine Ammel is's! Brestl. Ja, glaubens, ich hab's für a Klosterfrau g'halt'n? Julius. Ich bin blos wegen Ihnen — Brest l. Ja wegen mir hab'ns Jhner dö aufzwickt — halten Sie wen Andern für'n Narren! — Julius. So schön! Um Ihnen g'- fällig z'sein — Brestl. Sehr gut! Weg'n mir geht er mit einer Böhmin spazier'n — Julius. Hol' Sie der Teufel! (Ab mit der Amme iu's Haus.) Vierzehnte Scene. Brestl (allem). Schon wieder? Und dem war ich zu liederlich!? Jetzt geht er gar tanzen mit ihr? Ah, da hört sich Alles auf mit die Leut! Ich ihm zu eguivogus und er s'zweite Rendezvous in 10 Minuten! — Was is denn das? (Nachdem sich hiuier ihm eiue Gruppe Volk versammelt hat). Ich bin populär! Ich hab's Volk hinter mir ! ? Fünfzehnte Scene. Bre st l. Frau Nobitschek, die Ha u s- m eiste rin. Mehrere Weibsbilder und einige Straßenfig nren hinter ihr. Fr. Robis ch. Nehmen Sie'S nicht übel —Herr v. Brestl — aber 's Herz drückt's Ein ab — Brestl. Unser Hausmasterin — Fr. Robitsch. Aber mir ist sowas im Geist Vorgängen — der Herr vom Haus verstoßen — und arbeiten muß er wie a G'sell — und sie, die Frau — Brestl. Nun — Weib ans dem Volk — was is denn los? Fr. Robitsch. Sie Wissens no nit? (Zu de« Leuten.) Er waß's net. Brestl. Also reden's. Fr. Robitsch. Ein säubern Bnch- chalter hats aufg'nommen — mit dem halt't Sie's jetzt — Brestl. Was sagt die Frau? Fr. Robitsch. Redt's, Leut, is's so oder net? — Alle. Ja, ja, ja. Fr. Robitsch. Und damit's ihm g'- fällig is — nimmts sogar dem wildfremden Menschen sein Kind in's Haus. Ein Weib. Is vielleicht eh von ihr! Zweites Weib. Und von ihm — Brestl. Was hör' ich da? Ihr habt's die Keckheit, so a brave Frau zu verleumden? (In diesem Augenblicke treten Therese, die Amme mit dem Kinde und Julius aus dem Hause — sie bleiben bei der Rede Brestl's stehen.) Brestl. A Frau, die (zil Robitschek). Ihnen die Kinder aus der Tauf hebt, 43 szu einer zweiten) Jhnere Madeln zur Firmung führt, und derer da 's G'wand schenkt, s'alte? Glaubt's Ihr, daß ich von meiner angetranten Frau gleich das Schlechteste denk? Was meine Frau thut, iS wohlgethan, ob's euch verdächtig vorkommt oder net! Die is net kreditlos — und wenn ich a nimmer leb mit ihr, ich unterschreib Alles, was sie beginnt! Marsch! Therese sfür sich). Er vertheidigt meine Ehr, während ich damals — Fr. Nobitsch. 9a, wenn Sie's durchaus net einseg'n woll'n — Bre )t l. Weg ! staucht einen Spritzwedel ein, in die verschiedenen Häsen, die er am Gnrt trägt) oder Ös spielts alle Farben! Die Weiber sweichen zurück.) 2. Weib. Wann ich's aber selber g'seg'n Hab, wie sie — Brestl. Is net wahr! 3. Weib. Wann aber sogar mein Mann — Brestl. Is ein Esel — Alle imit einander), Und wir bleiben dabei, sie is schlecht! Brestl. Und ich sag, meine Frau is a rechtliches Weib — und sei das Kind von wem der will mein Seg'n liegt d'rauf. Therese sund ihre Gesellschaft treten vor) Besten Dank für das Vertrauen! Ich will's dafür treulich pflegen wie die andern Kinder von mein Mann ! sGeht ab.) Julius. Bin ich noch unmoralisch? sGeht ab.) Hannakin. Jse das liebes Kinderl! sAb^) Sechzehnte Scene. Brestl sallein.) 1 . Wann wer was erfind't, Der wird net protegirt, Wann er ob'n — wann er nnt Waß Gott wo herumirrt! Da haßt's: lieber Freund — ja warum denn uit gar? Bei der'jetzigen Zeit is das Geld viel zu rar! Doch wann Auer sagt, ans dem Schimmel dahier Reit ich nach Trippstril, wer will wetten mit mir? Da wird's Paket Hunderter gar net gezählt, Ja, da haben's gleich a Geld! 2 . Gar mancher Kaplan Kommt das Jahr zehnmal ein, Er brauchet ein Aushilf Dock haßt's immer: Nein! 10 Gulden hab'ns schon kriegt — es san uo net 3 Jahr, Bei der jetzigen Zeit is das Geld viel zu rar! Doch wird so a G'wisser zum Teufel wo g'schickt Wie der, wann er herkommt seine Wohnung glei kriegt, Sein Essen, sein G'wand, kurz, was ihm nur fehlt Ja, da haben's glei a Geld! 3. Für'n Aushilfsfond leider Da kann i nix geb'n, So sagt Gräfin Schnudi, Ich acht' zwar das Streb'n! Doch Hab' ich beim Krach viel verlor'n vor 2 Jahr Bei der jetzigen Zeit ist das Geld viel zu rar! Doch kummt Auer hin, mit der Büchsen recht fromm Und sagt: eine schöne Empfehlung von Rom, Man ist dort von Elend und Noth so gequält, ) Ja, da hats glei a Geld! 44 4 . A Schulbuch zu kaufe» Für'n Franz, das is schwer, Kost't acht a vierz'g Kreuzer Wo uiuuut mau das her? S' wird schon a so a geh'n, die dreiviertel Jahr — Bei der jetzigen Zeit is das Geld viel zu rar! Doch auf au Roman, wo a Graf recht verführt, Wo eing'mauert, auzuuden, abg'stochen wird Und wo recht a Räuber der edelste Held, Auf den haben's glei a Geld! 5 . Den Wohlstand zu heb'u, Es is uns sehr leid, Da sau wir bis jetzt noch net Hinlänglich g'scheidt, Ein Anleh'n, geh'us weiter, warum denn net gar? Bei der jetzigen Zeit is das Geld viel zu rar ! Doch gibts einen Krieg, o du mein' Gott, wie g'schwiud Als da die Millionen beiuauder glei sind, Auf Pulver und Blei und auf Alles, was fehlt — Ja, da hab'ns glei a Geld! 6 . Es klopft wo ein Dichter Sehr schüchtern nur au, Und fragt, ob sein Werk mau Nicht aufführen kann? Sie sind überlebt — und im Punkt Honorar, Ich Hab keine Zeit und das Geld ist zu rar! Doch is er nur g'storb'n, die Pracht muß man seg'n 6 Rappen mit Bnsch'n, a Portier mit an Deg'n, Und elfhnndert Gulden kost't das Auf- bahrnngszelt, Ja, da hab'nS glei a Geld! 7 . Es rennt der Bezirksarzt, Der selber blutarm, Herum zu die Leut, Ob es haß oder warm! Und fragt er amal um sein klan's Honorar, 9s jeder ein Armer und s'Geld is zu rar ! Doch wird Aner aufg'hängt, oder bringt wer wen um, Lteht jeder Patient im Lottericg'wö lb herum, Mir hat heut von Plnzerbirn tramt, wird d'erzählt, Ja, da hab'ns glei a Geld! 8 . Wir sammeln für Waisen, So bittet ein Herr, Es gilt einen Christbaum, Geb'ns doch etwas her. Mein Gut ist belastet, ich habe nichts baar — Die Ernte war schlecht und das Geld is rar! Doch bald d'rauf kummt eine Deputation, Die braucht für'n Don Carlos eine Kriegssubvention, Der doch Alles ehnder, als wie spanischer Held, Ja, da haben's glei a Geld! Z w is ch e n - V o r h a n g. 45 Fünftes Bild. Im 27 Krmyer - Laden. (Der 27 kr.-Laden der Frau v. Brestl. Eingang von der Straße. Links vom Pnbliknm eine kleine Treppe, welche in die Wohnung der Fran v. Brestl zn führen scheint. Die Cartons mit Maaren sind in der bekannten Weise aufgestellt. An den Wänden Stellagen mit Spielsachen vollgeränmt. Vom Plafond hängen verschiedene Verkanfsgegenstände, wie Stoffe, Bänder, Hosenträger, Schnupftücher n. s. w. herab, so daß die Bühne viel gedrängter erscheint als sonst; seitwärts rechts eine Casse.) Erste Scene. Therese sin der Kassest Seidlihr Buchhalter, der die Commis kontrolirend, den Gang des Geschäftes überwacht, Auskünfte ertheilt und mit den Kundschaften spricht. Publikum aus allen Ständen, welches die Waareu besieht, kauft, zahlt und geht. Ein aus 4 Herren bestehendes Golksküchen- ComitL steht vor der Kassa. E i n e F r a tt. Ein Lehr bursche. Später Wabi n. K n a n e r. Therese. Aber, ich bitt Sie, meine Herren, machend doch nicht so viel Aufhebens wegen diese 1000 fl.! Es ist heut der heilige Abend — an einem solchen bin ich vor 25 Jahren ans d' Welt kommen, und so ist eö denn meine Gewohnheit, an diesen! Festtag immer ein gutes Werk zn verüben. Füh r er der Deputation. Die Volksküche unseres Bezirkes ist durch Ihre Spende ans längere Zeit sicher gestellt und wir danken Ihnen daher im Namen aller Unbemittelten! Therese. Ich bitte Sie, Herr Bezirksvorstand, ich habe ja müssen mit was heransrncken. Ich war ja als so geizig verschrien, daß i mi gar nimmer auf d'Gassen traut Hab'. Führer derDepntatio n. Indem wir Sie daher als Patronin unseres Unternehmens begrüßen, bitten wir Sie zugleich den heutigen Mittagstiseh mit Ihrer Gegenwart zn beehre»! Therese. Ja, ja, meine Herren, wird mir a Vergnügen sein, die armen Leut bei gutem Appetit zn seg'n! Deputation sabst Therese fwelche die Herrn zur Thüre begleitet, für sichs. Wann schon ich ein trübseliges Weihnachtsfest Hab, wann ich meinen Kindern den Christbanm selber anzünden muß, anstatt daß der Vater — soll'n wenigstens andere Leut a Freud empfinden — Seidl sder eben Kundschaften abgefertigt hattest Gnädige Fran, ich habe Ihnen zwar schon am Morgen, als Führer jener Leute, welchen Sie Brod geben — die besten Glückwünsche dargebracht — Therese. Lass'ns das — Seidl. Doch das Gefühl der Dankbarkeit läßt mich nicht ruhen. Allein und ohne Zellgen muß ick/s Ihnen sagen — Therese. Sans doch nit kindisch. Sie halten mir mein G'schäft famos z'sammen — wann wer zn danken hat, bin ich'ö! Seidl. Nicht genug, daß Sie mich selbst meinem Berufe wieder gaben, einem edlen Zuge Ihres Herzens folgend, haben Sie Ihre Wohlthaten auch auf ein Wesen ausgedehnt — Therese. Ach, Sie meinen die kleine Bertha? Seidl. Mein Kind, das Sie liebevoll ausgenommen und das Sie pflegen als ob's Ihr eig'nes wäre — Therese (für sichs. Der arme Teufel glaubt wirklich, daß er — Seidl. Der Segen eines beglückten Vaters soll Sie dafür begleiten durch Ihr Leben — Therese (für sichs. Beglückter Vater! Ahnt gar nicht, daß ihm mein Mann Hörndeln aufg'setzt hat — L>eidl. Und wie es anfblüht in Ihrem Hanse! O es wird seinem Vater Ehre machen! Therese (für sichs. Branchen thät ers! Seidl. Die gute Mutter! Sie würde leichter gestorben sein, hätte sie ihr Kind in solchen Händen gewußt! Th eres e. Sagen Sie, und das war eine brave Person? Seidl. Ein Engel! Therese (für sichs. Die hat den a Bißl über'n Dam draht! (Laut.s Und andere Männer hat sie gar nicht gekannt? Was? Seidl. O, sie war kurz angebunden im Umgänge mit Anderen. Therese (für sichs. Na, bei mein' Mann muß die Schnur schon a Biß'l! länger g'wesen sein. Seidl MMch!. Man sagt, die Bertha sehe mir ein Bischen ähnlich? Therese (für sich). So schön! Und ich find' — 's is jetzt schon mein ganzer Mann! Seidl. Es ist ja doch das Einzige, von dein ich sagen kann — 's ist mein alleiniges Eigenthum! Therese (ironisch!. Ja, da haben Sie recht in dem Punkt. Und da kann man stolz sein bei der jetzigen Zeit. Seidl. Ich wünsche nur, daß auch Sie recht bald wieder im ungetrübten Glücke den Segen Ihrer Handlungen genießen, (üüßt ihr die Hand und tritt zurück zu den Kundschaften-! Therese. Ein guter Mensch das! Wenn der das amal erfahrt, daß sein Kind eine meinige Tochter — dann hat er den letzten Wurstel verkauft. (Zn den Kundschaften!. Na, meine Herrschaften, diese Schachtel Soldaten, 27 Kreuzer, Niemand gefällig? Eine Dame. Thener halt bei diese Verhältniß — Therese (zu einem Lehrbuben!. Junger Herr, vielleicht ein Shawl gefällig? (zeigt einen! 27 Kreuzer! Lehrbub (pfeift vor Entsetzen!- Bei derer Krisis? — Man kann nix einkaufen mehr! Therese (wieder Vorkommen!»!. Tratt- nerhof möcht jetzt Jeder um 27 Kreuzer ! Das is a Zeit! (Die Hände zusammeu- schlagend.! Um zwa Zehnerln an Pelz und um 4 kr. a Losch — das wären jetzt so die Preis'! Bis Auer a Vierkreuzer- stückl wechseln laßt — derweil geht ma 8mal zu Grund! (Nachdem W ab i mit Knauer, beide im Sonntagsstaate ein- treten, letzterer hält ein Bouquet hinterm Rücken versteckt-! Ja, was is denn das für a Ueberraschnng? Wabi. Net wahr, gnä Frau — das hättens net denkt? K tt a u e r (sich verbeugend!. Panigl Gassen Nr. zwanndzwanzig! Therese. Oes habt's g'heirat't? Wabi (nickt mit dem Kopfes. Bedeutend! Therese. Du hast ihm verzieg'n? Knauer. Bin begnadigt wor'n, zu lebenslänglicher Greißlerei! Theres e. Na, das frent mich! Aber was führt Euch denn heut zu mir? Knauer (welcher Wabi immer hinter dem Rücken das Bouquet hinhielt, damit sie es nehmen soll, leises. Nimm's derweil! (Läßt es im Glauben, daß sie es genommen hat, fallen; es bleibt liegen; er tritt etliche Schritte vor, um eine Rede zu Haltens. Es gibt Momente im lebendigen Menschen — Wabi (ihn verbessernd!. Im menschlichen Leben — K n a n e r. Es gibt menschliches Leben in den Momenten — Wabi (wie obens. Momente im menschlichen Leben — Knauer. Sag l eh — (fortfahrend.) wo man weit entfernt — Wabi. Gewesenes zn vergessen — Knauer. Gefressenes zu vergessen. Wabi (ihn wegdrängend). Mit einem Wort, der wichtige Tag, der ehrenvolle, wo Sö damals zugleich mit'n Herrn und Heiland ans d'Welt kommen san. Therese. Ich dank Euch recht schön, da war ich netto 2000 Jahre alt — Kn all er (der früher zurückgetreten und ohne cs zu bemerken auf's Bouquet gestiegen ist). Und darum sind wir so frei Ihnen hier dieses — (sucht es überall mit den Augen, leise zu Wabi.) Wo hast es denn? (Sieht es liegen.) Jessas! dieses Bouquet (hebt es unter Vorwürfen der Wabi auf.) ehrfurchtsvoll zn überreichen! Theres e. Das laß ich mir g'fall'n! Wabi (leise zu ihm). Esel! Knauer. Nocken! Therese. Und wie lebt's ihr denn miteinander? Knauer. Wie die Tauben! Das is Ihnen ein Vergnügen — net zum sagen! Wabi. S'G'schäft geht auch ganz passabel! Knauer. Än Primsen beherrschen wir den Platz — Wabi. Zinnkräntl macht sich — Knaue r. Gurken gesucht! Salvalati in größeren Posten lebhafte Nachfrag. Wabi. Kurz bis aus die Saf ganz anständig — Therese. Na, ich wünsch nur, daß Euer Eh' recht glücklich bleibt allerweil. Knauer. Und eben deßweg eu, weil mir da noch eine Mittheilnng — Wabi. Ob's 'D stad bist — Knauer. Weil ein Ereigniß — Wabi. Du waßt, i mag das nit. Knauer. Weil im Lauf des Sommers — Wabi. Du, ich geh fort — Therese. Was habt's denn? Wollt'S Ihr was von mir? Heraus mit der Färb! Knane r. Wie mir mei Wabi nämlich anvertraut hat, — Gottes Segen bei Kohn — Therese. Was habt's denn zn erwarten? Knauer (nimmt von einem Carton ein großes Puppenkind weg und hält es Theresen hin.) Wabi. Geh weiter — Du vorlauter Mann — Therese. Ja, ja — ich heb Euch's aus der Tauf — Wabi. Sie gute, guä Frau! Und ich wünsch nur, daß Sie selber den Frieden wieder finden soll'n, den a Weib nur hat an der Seiten von an kreuzbraven Mann. (Hat ihr die Hand geküßt und geht mit ihrem Mann streitend ab.) Dir kann man nix anvertran'n. — Knauer. Aber das is ja was Einfaches — Wabi. Du bist a Tratschen — Knauer. Man braucht aber doch a Godl — Wabi. Dir sag i mein Lebtag nix mehr. (Beide disputirend ab.) Zweite Scene. Theres e allein. Alsbald Nigl (in ungemein deroutem Zustande, eine Riesenladung von Cartons bringend). Therese. Also glücklich, die Wabi? Und was hat's g'sagt beim Fortgehen? Sie wünscht mir den Frieden, den ein Weib doch nur — ? (Wehmüthig.) Alles vorbei! Ni gl (eintretend). Eine Empfehlung von der Kartandelmacherin, hier sind die bestellten! Therese. Wos? Sie, der Tanz- master, machen jetzt Gänge für fremde Leut? Seidl (seinen Verwandten gewahrend). Ei, wie herabgekommen! Ni gl (traurig). Alls das ellassen- 61-018862 des Vergnügens ist ein sürch- 48 terliches Herren-Solo der Verzweiflung gefolgt. Therese. Die Tanzschul geschlossen? Nigl. Um nur als Versammlungs- Lokal für die Gläubiger wieder eröffnet zu werden. Therese. Aber vor an Monat waren's ja noch ganz in der Ordnung? Nigl. „Die Todten reiten schnell," aber so g'schwind wie das Landesgericht war, sau's do net! Therese. Ja, was war's denn? Nigl. Drei Worte nenn ich Dir inhaltsschwer, sie geh'n von Mund zu Munde, „Hausuntersuchung," 8 Tag PolizeihauS, abg'schafst wor'n — sie geben von Allem Kunde! Theres e. Und alle Ihre Beschützer? Der Baron Simpel z. B., dieser geachtete Cavalier? Nigl. Tritt übermoring seine Straf' an. Ich sag Ihnen, da is eine Kabale vom Handelsminister dahinter. Therese. Der Bankier Mayer? Nigl. Is mit einer Eile verreist, die an den Durchgang der Venns erinnert! Therese. Und der junge Zwirschütz? Nigl szeigt ihr eine Zeitnngs. Warnung. „Unser Sohn ist ein Lump. Wir zahlen nichts! Chrisostomus und Amalie Zwirschütz." Wenige Worte, aber vernichtend ! Is jetzt Assistent bei ein' Doktor! Therese. Der dumme Kerl bei eiu' Dokter? Nigl. Beim Dr. Folkmann! Therese. Also Dienstmann! Na, hören Sie! Nigl sseufzends. Ein Krach in meiner Tanzschul — ein Krach — „Noch nie ging so kapores Ein Apostel Terpsichores!" Therese. Ja, mein Gott, ich Hab Ihnen in der letzten Zeit schon zahlt auf a Jahr voraus — Nigl. Denken Sie sich, in was für a Lag der Mensch kommen kann. Müssen wir jetzt arbeiten, Alle! Pfui der Teufel! Therese. Und was weiter? Die Madeln san ja Alle g'snud und stark! Nigl sweinends. Das schon, aber der fatale Umstand, daß sie so eigentlich nichts g'lernt hab'n, bringt diese eleganten Geschöpfe jetzt in wahrhaft peinliche Situationen! Die Elotild z. B. die Walzerkönigin — entsetzlich — Drnckermadl is sie jetzt! Ther e s e. Wann sie sich nur ihr Brod verdient! Nigl. Die Thekla — die mit die schönen Pflasterln — Kindsmadel is 's jetzt bei ein Pflasterer — Theres e. Der g'schieht recht! Nigl. Drei in der Fabrik, und die Fenella — die damals mit'm Herrn Gemahl — die seinetwegen beinahe den Vöslauer Glauben ang'nommeu hätte — lblickt hinaus und rufts Fenella ! Fenella Erscheint als bescheidenes Dienstmädchen, eine Wasserbette auf dein Rücken, unter der Thürs. Was woll'ns denn, Herr Onkel? Nigl sin Thränen ausbrechends. Sie heißt Susi und is als Mädchen für Alles bei einem Detektiv! Eine Göttin mit der Butten! O! Fenella Ich Hab ka Zeit — mein Herr is gar streng! sAb.s Therese snnd die andern Anwesenden lachen alles. Das hat sich freilich Alles geändert! Nigl sernsts. Sehen Sie — so handelt bei uns die Polizei! Nicht genug, daß man bei der Nacht kein Spektakel machen soll, sie wirft auch dem Aristokraten, der das Kleingewerbe unterstützt, Vorladungen zwischen die Füß und verlangt von Leuten, die sich nie mit so was beschäftigt haben, den Ausweis des rechtlichen Erwerbes. O, ich könnt Ihnen noch Vieles sagen, Vieles! — Aber wenn ich mich nicht tnmmel — krieg ich in der Volksküche! keine Griesstrndelu mehr! sSchnell ab.s § 49 Dritte Scene. Therese. Vorige. Alsbald Brest l ssehr einfach, im Sonntagsstaat eines armen Gesellen.) Therese. Das Lamento, weil die Schwindelwirthschaft ein End hat, und weil die Madeln arbeiten müssen ! Freilich auf'n Champagner und ans die Pasteten a trockenes Grod — es mag recht unangenehm sein — aber — Seid! shastig). Frau Brestl — Ihr Gatte — Therese serschrickt). Mein Mann! B r e st l seintretend, sehr höflich). Eine Kundschaft iS so frei — Therese snüt Mühe ihre Bewegung verbergend). Bitte — bitte — Mr sich.) Was er nnr will? — B r e st l Mr sich). Sehr fesch bei- nand! Wie von Zucker! Und Alles Natur! Nicht Lehmann und Brioschi, wie bei der Fenella ssich nmsehend). Die Kinder sein net da —?! Theres e. Wollen wahrscheinlich allerlei Einkäufe besorgen? Bre st l. Ja Einiges, aber nnr ori tz-ros, 1000 Spennadeln z. B-, vielleicht, dass ich auch a zwölf Dutzend Oblatten nimm! sSieht sich um, für sich). Lauter ueuche Leut! flaut). Wahrscheinlich der Herr Buchhalter? Therese sihu vorstellend). Herr- Seidl — Brestl. Freut mich sehr! sLeise zu ihm). Höchst anständig von Ihnen, daß Sie der Frau von Brestl so zur Seite steh'n! Unter uns — ihr Mann, das war Ihnen ein unverbesserlicher Ding — Seidl. O es soll ein vortrefflicher, nnr allznleichtglänbiger Mensch gewesen sein — Brestl sverbongt sich). Zn schmeichelhaft! sZn Therese). Gnädige, Heuer zufrieden mit'n G'schäst? )Da Jemand ein großes Paket fortträgt, vergißt, er sich und macht Bücklinge wie ein Commis). D ich em- > psehl mich, gebens uns bald wieder die! Theater--Repertoir 320. Ehr'! sEr erschrickt, daß er sich vergessen hat). Nichtig, bin ja bei wildfremde Leut! Therese. Ich dachte, Sie wollen etwas kaufen? Brestl. Natürlich! Gleich werd ich anfangen! Ein Herr szn einem jungen Commis). Haben Sie nicht größere Manchetten- Knöpfe? Commis. Nein, das ist unsere einzige Sorte! Brestl ssich vergessend). Was? Dummer Bua! Mach' dort s'Ladel auf! 5 Packeln liegen d'rinn! Therese. Aber mein Herr — Sie benehmen sich in meinem Geschäfte gerade so — Brestl. Weil man sich gift't, wenn Ein'm so ein Papplöffel die Kundschaften vertreibt! sGemäßigter). Wahrscheinlich Wittib? Therese. Stroh! Und Sie? B r e st l sauf den Kopf deutend). Heu! Therese. Aber mir scheint immer, als hält ich Sie schon wo begegnet? Brestl. Sie kommen mir auch bekannt vor? Therese. Sind Sie nicht verheiratet ? Brestl. Mach aber kein' Gebrauch davon! sZu einem Commis). He — Sie dort Sie Kranpeter — machenö doch der Frau dort den Wnrstl ein! sWieder den Liebendöwürdigen spielend.) Erlauben, daß ich das Etablissement ein wenig besichtige ? sEr nimmt nun verschiedene Maaren.) Nein, was Sie für schöne Sachen haben! sZn Seidl.) Dös Grafsel- werk soü'tö weggeben. sLaut). Ich brauch Einiges für die Kinder von einem gewissen Brestl! Therese. Wie — Sie denken an die — Brestl. Js ja heut der Weihnachtsabend ! Der Chineser da g'hört schon mein. Denn wann schon der Vater 4 so a leichtsinniger Kopf is, mnß sich ja Unseraner d'erbarmen! Sie, der Küniglhaas iS sehr gnt! Therese. Die Kinder sind Ihnen also bekannt? Bre st l. Oberflächlich anch die Mama! fZu einem Commis-j ^L>ie Kleiner — dieser Gasbock, der Aff —> bin Alles ich! Der Ballon — sauf ein Hutschenpferd deutend.j Der Oaciaroo da — Alles oerkanft! Heda, Dienstmann! Vierte Scene. Vorig e. Zwirschütz fals Dienstmannj- Zwirschütz. Befehlen? Brestl. Kennen Sie eine gewisse Frau von Brestl? Zwirschütz fplatzt in ein Gelächter ausf. Brestl. Tragens Alles das hinauf zu ihr - g'hört für die Kinder —! Zwirsch ü tz. Is a Hetz! fLeise zu ihm.f Was? San mir aus der Dacken? Ser- Vas! fHat Alles zusammengepackt und ist damit fortl. Fünfte Scene. Vorige, ohne Zwirschütz. Therese, fdie aufgeregt und bewegt auf und abgingf. Sie sein wirklich recht freundlich, lieber Herr, und glaubens mir, die Frau Brestl ist gewiß die Frau, die das ! Opfer anerkennt, was Sie— ein armer G'sell — sich da auferlegen! B r e st l fhat mittlerweile ein schwarzes Kreuz, das an einer Kette hängt, gekauftf. Und wann's Sie's so gut kennen die Frau, so bringens ihr das dafür als Präsent zu dem heutigen Festag! Therese fgerührtj. Wie? Du - Sö — gedenken — Brestl. Sagen Sie ihr — ich weiß, daß sie kans braucht, ka Kreuz, weil ihr ihr Mann Kren; gnna g'macht hat, aber es soll ihr a Beweis sein, daß er sie schätzt, als eine kreuzbrave Frau, und eine Andeutung soll es sein, wie eö ihm leid thnt, daß er mit ihr übers Kreuz is! Therese. Und wann Sie ihn seg'n sollten, ihn, den Herrn von Brestl, so sagens ihm, daß sie das Kreuz mit Freuden g'nommen hat und daß sie gern das Kreuz über Alles machet, wann nur net das lebendige Zeichen seiner Treulosigkeit — Brestl. faufgeregtf- Was sagen Sie da? Wann er heut den Beweis herstellt — das Kind wär net von ihm — Therese. Dann is Alles vergessen. Brestl ffreudigf. Sie thäten ihn dann wieder achten, und könnt vielleicht den heutigen Abend bei seine Kinder — Therese. Mit tausend Freuden! Brestl. Stellt'n her den Beweis. Gnädige Frau Rest, 27 kr. G'wölb — moring sitz ich in der Sasse! lStürmt ab.j Sechste Scene. Vorige ohne Brestl. fDie Kundschaften haben sich verlaufen. Es schlägt 12 Uhrf. Therese. Geh'ns hinauf zum Essen, meine Herren, und Sie, Johann, sperr'» Sie's Gewölb zu derweil! fDie Commis gehen über die Treppe ab; ein Gewölbdiener sperrt den Laden von Außen.f Theres e. Und wie bewegt als er war! Am End' is er doch net so schlecht wie ich glaubt Hab, und je mehr ich uach- denk darüber — mir scheint immer mein ganzer Haß war bloß aner zu 27 kr. Diese 27 kr. sind zur modernen Krankheit wor'n! Nit bloß Kindertrompeten, Braceleten — mir scheint auch Gesinnung, Ehre, Charakter, Kunst, Alles kriegt man schon um 27 kr. Couplet der Therese. Anno zwei und siebzig liebte Laura einen Isidor, Der fuhr täglich mit 4 Schimmeln Bei der theueru Flamme vor'; Was sie wünschte, was sie wollte, Was sie jemals sich ersehnt Schmuck und Kleider und Tapeten War er z'bringen ihr g'wöhnt! „O Isidor" rief sie in rasender Leidem- schaft, als sie sich auf einem Maskenballe »kennen lernten, ohne Dich kein Leben, ohne Dich der Tod! Und Brust an Brust, Herz an Herz jagten sie unter der persönlichen Leitung von Ziehrer durch den Saal. Isidor, was bist Du für ein Tänzer! Isidor, laß mich in Deine Augen blicken, Isidor, Du Ideal meiner Seele! — Isidor, mit Dir will ich leben und zu Grunde gehen! Da trat etwas Unerwartetes ein — der Krach! Keine Maskenbälle mehr, keine Konzerte, und wenn Isidor schon durchaus Musik hören wollte, so blieb er bei einem jener Virtuosen stehen, welche ihre komischen Opern ohne Merelli zur Ausführung bringen. Sie aber rief, wenn er eintrat, nicht mehr „Isidor!" sondern murmelte bloß: „Ach Isidor" ! fiel ihm nicht mehr um den Hals — sondern saß tändelnd beim Clavier, die Stimmung prüfend. sClavier.j Und als er ihr endlich gar den Antrag machte, Alles zu verkaufen und mit ihr nach Ottakring zu ziehen — da deutete sie auf die Straße, wo ein schönes Schlittengespann zu sehen war und sagte: Isidor — — ich fahre heute sSchlittengeklingel.j mit dem russischen Fürsten in den Prater und reise morgen nach Warschau! Wie, Du mich verlassen, Du, die mir g'schwor'n, daß sie mit mir das Elend theilen werde? Psürt di Gott, Isidor! Das Dein Herz? Weil ich arm bin, allein? Ja, es wird halt das Herz von der Laura Aus 'm 27 kr.-G'wölb sein! 2 . Madame Iurkowitsch, die Hausfrau Die is g'storb'n vor zwa Tag, Auf die Schmelz, in's Grab, in's eigne Muß Sie nach der Lebensplag'; D' ganze Nachbarschaft versammelt Steht beim Hausthor und geht mit Wie man mit der Leich voll Feier Hin zu die Paulaner zieht. Diese Rührung, wie's mit ihr in die Kirchen kommen. (Orgeltöne.) Kaum daß in die Bänk eini finden, vor lauter Schmerz! Die gute Frau! Net amal beim Hendelabstechen hat's zuschauen können. Gott tröst's! Und wie dann der Chor singt: Auf Wiederseh'n Es gibt ein Wiederseh'n! Uh! uh! uh! So a Trauer war no gar net do, bei die Paulaner! Gern gibt Jeder zwa Kreuzer in den Klingelbeutel und wie's heißt! Allen Bekannten und Verwandten Den herzlichsten Dank, daß Sie so zahlreich erschienen sind — Schwört Ans dem Andern zu, daß morgen heilig alle zur Seelenmeß kommen! iPosaunenstöße.j Jetzt geht der Zug hinaus auf die Schmelz. Im Anfang sehr ergriffen, wern's aber nach und nach schon fideler. Die Jungen kokettiren mit die Offizier in der Kaiserstraßen, und die Alten wissen auf amal allerhand von der Hausfrau. Vater unser, der Du bist — a Hansnarrin is halt g'west, Geheiligt werde Dein Name — ihren Mann hats a unter d' Erd bracht, und in einer halben Stund sitzt die ganze Gesellschaft beim lClarinettej. — ach, diese bekannten Klänge! Und ans ans, zwa, drei, haßt's: Duliäh, duliäh! Unser Hausfrau is g'sturb'n, 4 * 52 Gehn's bringens a Maßl, Ein g'rebelten Sturm! Wann i über d' Alte Mi auslassen wollt A Bisgurn is g'wesen Und der Teufel hat's g'holt. sJodler.s Die Nämlichen, die früher so g'want haben? Die schütten den Henrigen maßweiß hinein — Ja, das muß halt a billige Freundschaft Aus 'm 27 kr. Gewölb sein! 3. Unt im Circus die Miß Willi Muß man seg'n, kummt sie heraus Diese Grazie, bei dem Bnckerl, Das allan verdient Applaus! Drei, vier Bnßi hingeworfen Und der Rummel der geht an Und sie zeigt uns, die Miß Willi, Was am Nudelbrett sie kann! sCircusmusik-Jntroduktiou-! Also zuerst ein vielversprechendes Entree! sHüpft herein-! Dann halt sie die Hapeln zum Ankreiden hin, der Nudelbrettschimmel, ssiezeigt, wie er mit den Füßen stampft.! kanns schon gar net d'erwarten, daß der G'spaß aus is — ein Hupfer und sie is oben! sSerieuse Musik.! Jetzt kommen zuerst die olympischen Stellungen. sParodie der Cir- cnsmnsik. Dorthin ein seelenvoller Blick — dem alten Herrn da auch ein bisserl was? sKindertrompete.s Sei ruhig, Klarier, auf der Galerie — is ganz ungefährlich ! O geschieht mir nip! Und setzt kommen die Metamorfosen — eine Idee, die vor 53 Jahren Anspruch auf Neuheit hatte! sThut als ob sie sich ansziehen ihät.s Jetzt bin ich a Schottin Verfluchtes Haftel! Hab's schon! Jetzt bin ich a Türkin! sKnöpfelt wieder.! Wieder a Janker weg! Jungfrau von Orleans ! Weg damit! Bin i gar ein Engel! Hinunter mit der Pasteten! Her mit die Latten, hopp! hopp! Durch'» Naf durch! Noch amal! sei, sei, sei — uralte G'schicht — jetzt fallts aba — thut aber so, als ob das ein genialer Sprung g'wesen wär — möcht gern Auweh schreien, lächelt aber holdseelig und hüpft graziös wieder nein — I, das Wern doch ganz gewöhnliche Künsten Aus 'm 27 kr. Gewölb' sein! Sechstes Bild. Das Wiedersehen in der Volksküche. (Eine Volksküche mit einem Seiteneingange, welcher sich ziemlich weit rückwärts befindet. Der rückwärtige Theil des Lokales ist durch eine lange „Budel" von dem vorder» getrennt, und sind auf derselben Teller ansgeschichtet; noch weiter rückwärts befindet sich die Küche, in welche man vollständigen Einblick genießt. An den Wänden derselben blankes Kupfergeschirr; in der Küche arbeiten 5—6 Frauenspersonen, während einige Patroneßen, die aber höchst einfach gekleidet sind, die Speisen kosten, und den Verkehr mit dem Publikum besorgen. Im vorderen Theil des Lokales lange Tische, auf welchen sich Wasserflaschen, Gläser, Messer und Gabeln befinden. Neben den Tischen lange Bänke. Dein Herrn Regisseur diene zur Kenntniß, daß in den Volksküchen auf nachfolgende Weise 53 mauipnlirt wird: Mau tritt zuerst zu der Kredenz, an welcher eine Patroneße sitzt, welche zweierlei Marken (für große und kleine Portionen) verkauft. Gegen Abgabe dieser Marken bekommt man von einer zweiten Patroneße die betreffende Speise, mit welcher sich der Empfänger an den Tisch zu begeben hat. Eine Bedienung der Gäste findet in der Volksküche nicht statt.) Erste Scene. Ws sich der Vorhang hebt, herrscht bereits großes Leben in der Volksküche. An den Tischen sitzen Lenke verschiedener Kategorien. Gesellen, Stndenten, Näherinnen, anständig gekleidete Beamte niederer Stellung, aber auch Dienstmünner, Kondukteure u> s. w. Patro- neßcn hinter der Kredenz, Köchinnen in der Küche. Der Bezirksvorstand ans dem V. Bilde, welcher gleichsam als Ordner von Tisch zu Tisch geht. An einem Tische links vom Publikum Schofinski mit seiner Frau, die einem Wickelkinde eben mit dem Löffel Essen giebt und überdieß 5 Kinder an der Seite sitzen hat. An einem Tische rechts Pfotenhaue r. Die fünf Kinder. Vater, Gries- strndeln möcht mir no! Schofinski. In Gott'snamen ja, weil heut der heilige Abend is. sSteht auf, die 5 Teller mit sich nehmend). O, Herr von Pfotenhaner! sverbeugt sich.) Pf 0 tenh. sder ebenfalls aufstand, Messer, Gabel und Teller in der Hand). Servus, Servus! Was sagen Sie zu die Fisolen? Schofinski. Ausgezeichnet! Auch die Zweschben haben sich g'waschen! Psotenh. Mir scheint gar, Sie fassen auch noch einmal? Schofinski. Geht mir ja jetzt viel besser! Denkens Ihnen, meine Frau ist Postbeamter! Psotenh. Ah, da gratnlir ich. Und seg'n Sie, mir gibt der Bösendorfer monatlich 20 fl. unter der Bedingung, daß ich kein Clavier mehr von ihm anrühr! Schofinski. Also auch nichts mehr beim Tanzmeister? Psotenh. Gar ka Ned, ich bin jetzt Billeteur im Opernhaus! Sie, was das für a ruhiges G'schäft is — da haben Sie keinen Begriff! Schofinski. Ah, das freut mich! Jetzt heißts aber tummeln, denn mein' Frau muß ins Amt! Beide (treten zur Casse.) Ein Gast. Herr Bezirksvorstand! Bezirks vorst. Sie wünschen? G a st (Einen Monocle im Auge). Sie entschuldigen schon, was is denn das für a fesche Köchin dort, die große, schwarze? Is da was los? B e z ir ks v or st. Das ist Ihre Durchlaucht die Fürstin Worms Greifenstein! G a st (bestürzt). So! Das is Schad ! Aber das andere Madel, das da mit der Rein? B e z i r k s v o r st. Das ist Ihre Hoheit die Herzogin Melanie von Reiß- Krenz, Sondershausen! G ast. Danke! Mr sich). Geh i mein Lebtag nimmer her! Zweite Scene. Ni gl mit Lori, Clarisse, Helene und C l 0 til d e. (Alle vier Mädchen als Fabriksmadeln, geschwärzte Hände u. s. w. Ni gl. Meine Damen — nur herein — (zu einem Schneeschaufler). Der Herr Schneebeseitiger rückt a bissel hinein — (zu einem Komfortablekutscher) nicht wahr, man speist hier sehr komfortable? Komfortablek tsch. Nehmens nur Platz — Claris se. Aber Onkel, diese Leut hier — Nigl. Es is gemischt — und beim Sacher wärs komoder — aber mein Gott — 54 Lori. Es ist nur gut, daß mau uns nicht kennt — Ni gl (für sich). Sehr gut, sonst werfetens uns vielleicht eh hinaus! sClotildeu ein Umhängtüchl abnehmend.) Gib her den Theatermantel! sHängt ihn auf. Zu Helene, welche Fäustlinge an den Händen hat). B'halst's Dn's an, die Schwedischen ? Helene sgibt ihm die Fäustlinge). Hier, Onkel, wenn ich so denke, einst in Seide und Sammt — Ni g l. Und jetzt diese Pfadler- Toilette — dieses Vororteg'wand, wanns nicht so viel kostet, das bringet mich ins Grab! Schofinski und Pfotenh. smit vollen Tellern zurückkommend.) Schofinski. Was — der Herr von Nigl? Pfotenh. Und die Damen auch? Nigl. Wissens, wir befinden uns nur wohl unter der Aristokratie, kommen bloß wegen diese Fürstinnen her — Pfotenh. Aber in dem Anzug? Nigl. Ein Opfer für den hohen Adel. Man kann ja die Leut nicht durch Prachtenwickelung beschämen. Schofinski. Und ich Hab glaubt, Sie wären betteltutti? Nigl. Wißt's Kinder — so xsr HÄ886 168 t6rnx8 werd ich a Bissel was holen von dort. — Ela risse sieise). Mir hab'n ein Bärenhunger — Helene, steife). Auf dö Arbeit auffi. Lori. Her mit was! Nigl. Kost'n kaun man's ja. Es wär beleidigend, wenn man sich da hersetzet, und man thät a so, als wenn man net möcht — sstürzt nach rückwärts ab.) Die vier Mädeln. Der Zwirschütz und der Baron! Dritte Scene. Vorige. Zwirschütz als Dienstmann. Baron Simpel ^ebenfalls sehr herabgekommen; doch sucht er die Schäden seiner Toilette durch elegantes Auftreten zu decken.) Baron. Hier also, lieber Mann, ist dieses Dings dahier, dieses, wie sag ich denn nur? Mr sich.) Was das für eine famose Mehlspeise sein muß? Zwirschütz. Was, sau mir Alle zudeckt? Der Tanzmaster is a da! Js a Hetz! Nigl smit den vielen Tellern vorbei- kommend). O, der Herr Baron! Wahrscheinlich auch nur wegen der Kuriosität? Baron. Ja, ja, ganz richtig! Um das Volkstreiben ein Bischen kennen zu lernen! Nigl sfür sich). Und die entbrennten Erdäpseln - Baron. Es ist wohl Alles recht genießbar, was? Hche! Lassen Sie doch spaßweise kosten! sNimmt etwas vom Teller.) Ich versichere Sie, es ist kein Mansch nicht — kein Roß — Nigl sfür sich). So schön, der fresset mir spaßweise a ganze Marken weg. sLaut.) Gefällig Platz zu nehmen? Die v ier M ädche n sstehen auf) Herr- Baron — sfür sich). Wie der ausschaut! Baro n. Meine Damen — sfür sich.) Schrecklich reduzirt! Her! Kellner! die Karte! Nigl. Aber Baron! Baro n. Aber nicht so laut! Nigl. Js ja Niemand da vom Gericht. Baron. Nicht so laut! Ich bin ja bloß als Kulturstudie da! Kellner! Schofinski. Da gibts kein Kellner, da muß Jeder selber hin zur Küchel — Baron. Ei, ei, lieber Mann, Er auch hier? Pfotenh. Dort holens Jhnen's die Fisolen — 55 Baro n sihu gewahrcuds.Undder ebenfalls? — Sehr lnstig hier — charmante Gesellschaft! So will ich mir denn — in der That — hahaha! Wenn das mein Frennd, der Graf erfährt daß ich ohne Garyon mir selbst die eingebrannten Erda — — Wo kriegt, man sie denn? Alle. Dort, dort! Baron. Aber bloß spaßweise — das war ein köstlicher Gedanke! (Nach rückwärts ab und holt sich eine Speise, während Zwirschütz schon fürchterlich eiuhaut.s Nigl. Ein Krach is das in unsere Kreise — eine Einschränkung, unerhört! sZu Helene mit Bezug auf die Wasserflasche.^ Gib n'Rüderer her! Ausgezeichnet srap- pirt! Vierte Scene. Borige. Julius Arm in Arm mit Brest l. Julius sauf Nigl deutends. Dort is er! Aber schan'ns S-chwager, gebens mir die Sach' in die Hand! Bre st l. Ihnen — daß Sie mir den dritten Ballawatsch, nicht um die Welt! Julius Wann ich ihn aber ans eine feine Art - Brestl. Ihre feinen Arten kenn' ich ! —Wann nur um Zwölfe a Zapfenstreich war, daß ich Ihnen wegbringen thät. sBeide sind nach vorwärts gekommen.f B r e st l szu Niglst Erlaubt? Alle. O bitte sehr! Brestl sseinen Schwager vorstellendf Ledig! Die vierMädche n sstehen auf und sprechen durcheinander^. Vielleicht hier gefällig, bei mir? Oder da? Segen's, da wär a Platz! Julius sda ihn die Damen in die Mitte hiueinpressen, für sichst Der Daniel in der Löweugrube! Brestl sfür sichst Den Hab i weg! Clarisse. Vermuthlich auch ein Herr von Brestl? Der Herr Bruder! Schon die Ehre vom Seh'n! Lori. Bei welchem Regiment denn, wenn ich fragen darf? Helene. Vermuthlich a Wiener? Julius sder sich der Geschwätzigkeit der vier Mädchen nicht erwehren kann, zu Einers. A Schwager is er! Julius haß ich! sZur Zweitens. A Deutschmaster bin ich! sZur Dritten.s Hier in Wien geboren! sFür sich.s Jesses, Maria und Joses! Brestl. Den Hab i ordentlich eini- g'fenert! sZu Nigl.s Na, alter Freund wie geht's denn a so? sDa der Baron mit seiner Schüssel kommt.s Nervus Baron. Baron. Auch hier aus Kuriosität?— Brest l. Und wegen die Ein'brennten! Geuir' Di net, alter Shndikatsbruder! Baron. Herr Brestl - bedenken Sie — Brestl. Ah was! Reiß's herunter, Deine vier Wochen und fang nachher wie i a G'schäft an, ein honett's! Baron. Ein entsetzlicher Mensch! sBerschlingt sein Esseu.s C larisse szu Julius st Wie lange sind Sie schon Soldat? Lori. Und noch niemals waren Sie verliebt? Helene. Ein Kaufmann ist er also, der Schwager? Clotilde. Und Sie, lieber Julius? Julius szu Einer nach der Anderns. 5 Monat bin ich dabei — 4 Madeln Hab ich kennt, a 27 kr. G'wölb hat er — a Konzipient bin i g'west! Anßi möcht i Nigl szu Juliuss. A Nutzt gefällig oder a elmtrsuss? Brestl sda er Therese eiutreten sicht für sichs. Da ist sie! Jetzt gehts an! sLauts. Lieber Nigl, wissen Sie, daß ich bloß wegen Ihnen da bin? Was ist's denn mit mein Kind? Mein Kind will i hab'n! Nigl. Was für a Kind? 56 Brestl. Na, das Meinige! Nigl. Sie meinen das da von der Marie? Unter uns — ich hab's sehr gut plazirt. Wissen's wo? Bin ich ein Schnipfer? Bei Ihrer eigenen Frau! Brestl. Was? Sie nntersteh'n sich, mein liebes thenres Kind — das Höchste, was gibt für mich, ohne mein Wissen aus'» Hans zu geben? Nigl. Aber Sie san ja nix und hab'n ja nix! Brestl. Werd ich hungern mit ihm — aber a Vater wie ich, kann net leb'n ohne sein Kind — Nigl (für sichs. Ich mein' Zulag verlier'» — das letzte Nestl a? — Heraus mit der Wahrheit! (Lauts. So vernehmen Sie denn — es ist gar nicht Ihr Kind — Julius (herbeispringends. Wie, Elender, Du wagst es — Brestl (reißt ihn herübers. Du unterstehst Dich, mir mein Fleisch und Blut abzustreiten? Julius Kreißt ihn hinübers. Ihm, dem Vater sein Heiligstes zu nehmen — B r e st l (holt ihn wieder herübers. Der nichts hat auf dieser Welt, als dieses Engerl, das kleine — Nigl. In einer Anwandlung — Julius (schreit ihn an, er erschrickts. Erlogen! Nigl. Von der Gewinnsucht erfaßt — Brestl (schreit ihn an, er fährt zusam- mens. Erlogen? Nigl. Jeden Augenblick leg ich a Juramcnt ab, vor Gericht, Niemand Anderer ist der Vater, als der junge Seidl — Therese. Was hör ich da— also doch — nicht er? N i g l. Meine Madeln schwören auch — Die vier Madeln (zngleichs. Na, natürlich, der junge Seidl — Nigl szn Brasils. Und Sie, Sie haben nichts von der Marie, als eine Ohrfeigen — eine große — Brestl. Elender — Julius. Verruchter — Brestl. An mein Herz! Julius (wirft ihm den Nigl Hins. Da hast'n! Aber an das Meine auch! Brestl (wirft ihm den Nigl wieder zns. Verzehr'» mit Gesundheit! Therese. Franz! Willst Du dei Christbaum anzünden heut? B r e st l (fällt ihr zn Fiißens. Du fragst noch? Hast Du ihm verzieh'n dem Verschwender ? Therese (ihre Kinder herbeibringends. Da hast es wieder, Deine Kinder! Und ich versprich Dir zugleich — daß ich zwar noch sparen werd — aber nur mit Verstand! — Gruppe Actus. Ende. Iräukein Secretär. LuWier in einen» Mt, frei nach dem Französischen von Alle Rechte Vorbehalten. Men, 1877. Verlag der Wallishaulser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Stadt, H oh er Markt Nr. r. Das Aufführungsrecht für öffentliche Bühnen kann nur direct vom Verfasser erworben werden. (Schillerstraße 24 in Graz, Steiermark.) Personen. Francois Choucront, Gutsbesitzer. Margot, seine Tochter. Cliquot, Präsident einer Gelehrtenakadeinie. a ch u t. ean, Bedienter bei Choucront. Spielt in Arpajon, bei Choucront. Zeit: Gegenwart. Den Bühnen gegenüber als Mannscript gedruckt. Zimmer in einem Landhause. Drei Thüre n des Hintergrundes öffnen sich nach dem Garten rechts und links bei der ersten Conlisse, je eine Seitenthür. Bei der Thüre links ein Buffet. Rechts im Vordergründe ein Tisch. Im Hintergründe steht gleichfalls ein Tisch, woraus einige Theeschalen. Erste Seene. Jean dann T ach u t, später M a rgo t. Jean ssteht beim Bllffet und ordnet das Service.) Jean. Ist' das ein langweiliges Geschäft! — Zuerst waschen, dann abtrocknen — dann wieder aufränmen, man wird in aller Ewigkeit nicht fertig. sLäßt eine Salatschitssel fallen, die zerbricht.) Tachut sim Eintreten). Paff! Äean. Donnerwetter, die vergoldete Salatschüssel! Tachnt. Das hast Du wieder gut gemacht. Jean. Ah! — Es ist nur' der Viehdoktor, hat der mich erschreckt! Tachut. Wenn das Dein Herr sieht ? Jean. Wenn er's sieht, aber — er wird's nicht sehen. — Mb fttr sich.) Ich vergrabe die Scherben am Ende des Gartens neben dem Pfirsichbanm, da ist eine ganz bequeme kleine Grube, ' sehr schön mit Gras bedeckt. Margot svou rechts). Johann! — sErblickt Tachut.) Ah, guten Tag, Herr Tachut. sZu Jean.) Weißt Du nicht, wo die Salatschüssel ist? Jean sdie Scherben in der Schürze verbergend). Die Salatschüssel — nein, mein Fräulein. Margot. Ich will Erdbeeren hineingeben. Jean. Vielleicht ist sie im Speisezimmer, gnädiges Fräulein,— im Cre- denzkasten. Theater-Repertnir 321- Mar got. Gut, ich werde Nachsehen. Es ist merkwürdig! Jeden Tag fehlt ein Stück Porzellan. Jean. Und wir sind so vorsichtig, 'Fräulein. Es wird nie was zerbrochen, nicht das Geringste. sMargot ab durch die Thüre links in der ersten Conlisse.) Zweite Scene. Tachut, Jean, später Cho ü crott t. Tachn t. Du lügst ja wie gedruckt — Jean. Ans reiner Menschenliebe, Herr Tachnt. Das Fräulein wäre untröstlich, wenn sie wüßte, daß die Schüssel zerbrochen ist. Tachnt. So! — Aber lassen wir das. Ich bin wegen Eurer Kuh gekommen. Jean. Nicht nöthig, Herr Viehdoktor, — nicht mehr nöthig. Tachut. Warum? Jean. Sie ist so auch hin geworden. — Sie hat einen Glasscherben verschluckt im Garten, wahrscheinlich war er schlecht vergraben. Tachut. So! so! Und warum vergräbst Du ihn nicht besser? Jean. Ach Gott, Herr Viehdoktor, in der Hitze, es ist so schrecklich warm jetzt. Tachnt. Jawohl, heut ist ein heißer Tag. Dein Herr wird genug schwitzen. 1 * 4 Jean. Warum denn? Tachut. In zwei Stunden ist Vorstandswahl beim Meluner Ackerbanverein. Jean. Glauben Sie, daß Herr Choucrout wieder gewählt wird? Tachut. Ohne Zweifel, ich habe ja schon 15 Glas Wein in seinem Interesse getrunken. Jean. Schau, schan ! Und man merkt Ihnen gar nichts an. Tachut. Man kennt seine Pflicht, ich bin der Hausarzt. Jean. Aber Herr Renardin, der Gegner meines Herrn ist ein alter Fuchs. Er treibt sich seit Monaten hier herum und trinkt Brüderschaft mit den Bauern. Tachut. Das thn' ich auch. Aber der Jntriguant war auch in Paris und hat 50 rothe Luftballons mitgebracht, die verschenkt er unter den Banernkindern. Jean. Der v ersteh ts! Tachut. Ja, ja, wenn wir nicht gescheidter wären. Ich Hab' den Bauern eingeredet, daß die Luftballons schwarze Wolken und Hagelschauer bringen. Ft! wie der Blitz waren die Ballons verschwunden. Jean. Herr Viehdoktor, Sie sind ein Diplomat. Tachut. Wir wollen keinen Renardin, herunter mit Renardin ! — Der Filou läßt seine Kühe von meinem Concnrrentey, dem Magister der Vieh- Heilkunde, im nächsten Dorf kuriren. Jean. Hm, hm! Tachut. Wir wollen Choucrout, einen braven, einen nüchternen (Sieht sich um, als ob er sich erinnerte, daß er nicht nüchtern istst einen gebildeten Mann. — Alle Welt weiß, daß Herr Choucrout ein Gelehrter ist. Jean. Das ist wahr. Er sitzt stundenlang in seinem Zimmer mit einem Buche in der Hand. Er rührt sich nicht und starrt fortwährend hinein, als verstünde er nicht, was drinnen steht. Tachut. Er philosofirt! I e a n. Jawohl, er grübelt ^— (Bemerkt Choucroutst Da kommt er! (Auf die Scherben zeigendst Ich grüble auch, ich vergrüble (bezeichnende Bewegungst die Salatschüssel. (Nb im Hintergründe liuksst Dritte Scene. Tachut. C h oucrout (von rechts, in der Hand ein Buch, im Lesen vertiefst. Tachut (für sichst Er bemerkt mich nicht, — er grübelt. Choucrout (liesst. Anmerkung! Zur Ortografie oder Rechtschreibung ist vor Allem nothwendig — das ist ja gerade das Malheur, daß so viel dazu nothwendig ist. — Mir wird ganz schwindelig dabei. — Die Ortografie. Tachut (für sichst Er studirt gewiß arabisch oder hebräisch. (Hustet.j Hmn, hum — Choucrout (verbirgt schnell das Buchs. Ah, Du bist's, Tachut. Tachut. Störe ich vielleicht? Choucrout. Nein, ich bin am Lesen. Kommst Du wegen der Kuh? Tachut. Jawohl, und soeben höre ich das Malheur. Choucrout. Eine Glasscherbe? Schrecklich, nicht wahr eine vierjährige Kuh. Tach nt. Das Alter ist Nebensache, Herr Choucrout. Die Kühe verschlucken die Glasscherben in jeder Altersstufe. Ich erirmere mich an eine Patientin, die in ihrem 7. Jahre einen Abwaschlappen gefressen hat — und mein Wort darauf in ein paar Stunden wamste hin — Choucrout. Hin! Mein Gott, wir Sterbliche sind wie Gras! Tachut. Aber sprechen wir lieber von den Wahlen, Herr Choucrout. — Wir stehen gut, Sie haben alle Aussicht. Choucrout. Wirklich! Hat mein Circular gefallen? 5 Tack nt. Sehr gefallen, wir haben eine große Majorität. Choncrou t. Um so besser, besonders wenn wir Renardin zn Grunde richten. Tachnt. Und der Triumph! Wieder gewählt zum Vorstande des Ackerbau-Vereines. Wissen Sie, was das heißt! Sie können es noch weit bringen. Choucrou t. Meinst Du? Tachnt. Ob ich's meine! Gemeinderath und Ackerbanvereins-Vorstand. Sie können noch unser Ortsrichter, unser Maire werden. Choucrout. Euer Maire — wo denkst Du hin, Tachnt? Nein, nein, ich bin nicht ehrgeizig — obgleich, Recht hast Du eigentlich. Aber Herr Rognat nimmt die Stelle schon 35 Jahre ein. Tachnt. Eben deswegen. Er hat lang genug gewirthschaftet. Und unter uns, Herr Choucrout, der Mann hat keine Bildung. Choucron t.Man sollte doch meinen. Tachnt. Er kann nicht einmal griechisch. Choucrout. Das hat er ja auch nicht nöthig als Maire. Tachut. Aber es schadet auch nichts. Ich habe mich schon berathen mit der Gemeinde. Sie haben Sympathien, ich versichere Sie, in kurzer Zeit tragen Sie den Municipalgürtel. Choucrout. Municipal-Ich sehne mich nicht darnach. Ich bin nicht ehrgeizig. Allerdings, das Vaterland, Tachut, das Gemeindewohl geht mir über Alles. Als Maire könnte ich dem Vaterlande große Dienste erweisen. — Tachut. Nun dann gehen Sie doch los. Choucrout. Und wenn ich einmal Maire bin. Tachut. Dann werden Sie auch Bezirksvorstand. Choucrout. Offen gesagt, verdient hätt' ich's schon lange — Und dann? — Tachut. Daun werden Sie Ne- giernngsrath. Choucrout. Re—Regierungsrath, nein, das ist zu viel, und dann? Tachut. Dann! Wer weiß? Vielleicht Abgeordneter. CH oucron t. Auf der Tribüne. Ich stehe ans der Tribüne, und dann? Tachnt. Dann Schwerenoth, dann, — dann weiß ich's selber nicht. Choucrout. Regierungsrath auf der Tribüne — Abgeordneter stndem ihm etwas einfällt, traurig.i Abgeordneter, nein, nein! Das ist nicht möglich. Ich habe vergessen, daß es unmöglich ist. Tachut. Sie müssen's nur richtig anfassen. Zuerst Vereinsvorstand. Ich habe mit den Hauptwählern schon gesprochen. Man schwärmt für Sie. Choucrout. Man schwärmt für mich? Tachu t. Madout ausgenommen, der hat einen Zahn auf Sie. Choucrout. Auf mich, und warum denn? Tachut. Er hält Sie für hochmüthig. Choucrout. Unerklärlich. — Ich bin ja die Höflichkeit selbst. So oft ich ihn sehe, frage ich, wie geht's Ihrer Frau, Ihren Kindern — obgleich sie mich gar nicht interessiren. Tachut. Ja, ja, gegen seine Familie waren Sie höflich — aber nicht gegen seine Kohlrüben. CH ou crout. Wie so? Tachut. Er hat eine Menge Kohlrüben angebaut. Zehnmal, sagt er, sind Sie an diesen Naturwundern vorüber- gegangeu, ohne nur einmal zu sagen: Was der Madout für schöne Rüben hat! — Und der Ackerbauvereinsvor- stand, meint er, müßte doch höflich sein gegen die Rüben, das wäre seine Pflicht. Choucrout. Aus Ehre — die Kohlrüben habe ich vergessen. Tachut. Schlimm, sehr schlimm, Sehen Sie Renardin, unser Nebenbuhler war viel schlauer. Diesen Morgen erst hat er zu ihm gesagt: Herr Gott, sind das schöne Kohlrüben. Choucrout sindignirts. Hat er das gesagt, der Jntriguant? Tachut. Jetzt gehen Sie augenblicklich zu ihm und seien Sie höflich gegen die Rüben. — Das können Sie thun, ohne sich herabzusetzen. Sie wissen ja, ich rathe Ihnen nie sich herabzusetzen. Choucrout. Ich gehe, augenblicklich gehe ich. Jean, Jean! Jean stammt von linkss. Gnädiger Herr. Choncrou t. Schnell, meinen Hut! sJean ab links.s Tachut. Ich gehe mit, um die Versöhnung zu bewerkstelligen. Jean sbringt den Huts. Hier, mein Herr! Choucrout. Ich Hab' eine gute Idee! Ich werde mich nach dem Gedeihen seiner Krantköpfe erkundigen. Ta ch u t. Prächtig! Die Wahlmänner sind beschränkte Leute, und um ihr Votum zu gewinnen — Choucrout sim Abgehens. Muß man ihre Schwächen benützen — Tachu t. Und keine Gelegenheit versäumen. sBeide ab.s Vierte Scene. Jean, hierauf Cliquot, dann Margot. Jean. Nein, was die Gelehrten für Schrullen haben! Um nach den Krant- köpsen zu fragen, braucht mein Herr einen neuen Hut. Ist das nicht verrückt? Cliquot stritt dnrch die linke Mittelthür, mit einer Reisetasches. Ist Herr Choucrout zu Hause? Jean sfnr fichs. Ein Fremder! Cliquot. Melde ihm Herrn Cli- quot, ersten Präsidenten der Akademie in Etampes. Jean. Herr Choucrout ist gerade ausgegangen, kommt aber gleich zurück. Cliquot. Dann erwarte ich ihn. sGibt ihm die Reisetaschc.s Nimm diese Tasche. Jean. Ah! Euer Gnaden werden also hier bleiben? Cliquot. Wahrscheinlich! Jean. Dann muß ich ein Zimmer bereiten. Cliquot. Ich habe gute Nachrichten für Herrn Choucrout. Jean. Was denn für Nachrichten? Cliq not. Das ist nicht Deine Sache, Schlingel. Aber wie geht es dem Fräulein Margot? Jean. Danke, Euer Gnaden, sehr gut. Cliquot. Ich habe das liebe Kind kaum angesehen, als sie im Sommer in Etampes war, und sie hat mir eigentlich die seltensten und kostbarsten Funde verschafft. Eine antike Thonbüchse — einige uralte Hnfeisennägel, und andere gallo-romanische Kostbarkeiten. Jean sfür sichs. Was ist denn das für ein Curiosum? Cliquot. Sie scheint mir ein liebenswürdiges gebildetes Mädchen zu sein. Jean. Oh, dafür stehe ich. Nur mit dem Porzellan nimmt sie's etwas genau. Cliquot. Und ich glaube meinen Plan heute noch Vorbringen zu können. Jean. Welchen Plan? Cliquot. Geht Dich nichts an, Schlingel. — Aber sage mir nur, wenn sie ackern, ich meine Pflügen, hier bei Euch in Mazaron, was pflegen sie da zu finden? Jean. Wo? Cliquot. Im Ackerboden — in den Furchen. Jean. Was sie da finden! Schwarze Erde, Lehmerde, Euer Gnaden! Cliquot. Ich spreche von Antiquitäten von gallo-römischen Ueber- resten. 7 Je au. Habe nicht die Ehre Euer Gnaden. Mr sich.) Ich versteh' gar nicht, was er meint. Cliqnot. Ich werde während meines hiesigen Aufenthaltes Forschungen anstellen — ich will auf meiner gallo- römischen Karte Nachweisen, daß hierdurch Mazaron ein römischer Weg führt. I e a n. So! Cliqnot. Ja, mein Sohn, ich bin ein Begnadeter, ein Auserwählter, — ich habe ein ganz hervorragendes Geruchsorgan, ich schnüffle nur, schaue unreinen Platz an und erkläre auf der Stelle, daß unter diesem Platze römische Denkmäler verborgen sind Jean sblöde). So! Was ist denn das für ein Mensch? Margot svon rechts). Die Salatschüssel ist nirgends zu finden. Jean. Sieh' da, das Fräulein! sGeht nach dem Hintergründe znm Kasten und räumt dort aufs. Margot. Herr Eliquot! Cliqnot. Mein Fräulein. Margot. Welch' eine angenehme Ueberraschung! Wie wird sich mein Vater freuen. Eliquot. Wenn er erst erfährt, was ich für gute Nachrichten bringe. M argo t. Ist Herr Edmund nicht mitgekommen? Eliquot. Nein, der Arme hat sich den Fuß verrenkt. Margot. Wie schade! Eliquot. Durch meine Schuld. Ich habe Ausgrabungen veranstaltet am Ende meines Gartens. Meine Familie wußte nichts davon, und eines Abends ist mein armer Sohn 'reingefallen in die Grube. — Aber ich habe dafür eine Messerklinge aus dem XI. Jahrhundert gefunden. Margot. Und deshalb haben Sie meinen Tänzer zu Grunde gerichtet? Eliquot. Ihren Tänzer? Margot. Ja, gewiß. Vergangenen Sommer als ich in Etampes war, haben wir jeden Abend miteinander getanzt. Er wird doch wieder gesund werden? Eliquot. In ein paar Tagen. M argot. Ohne zu hinken. Cliqnot. Hinken? Gottbehüte. — Das käme mir sehr ungelegen, denn heute oder morgen soll er heiraten. Margot. Ah! Cliqnot. Und Sie, mein Fräulein, ich hoffe, daß auch Sie — Margot. Ich? Ich weiß nichts vom Heiraten. — Papa hat noch niemals davon gesprochen. Mr sich.) Sollte er um mich anhalten wollen für Edmund? Cliqnot. Ich möchte mir eine Frage erlauben. Margot >für sich). Hab' ich's nicht gesagt? Eliquot. Wenn Sie im Garten graben, was finden Sie da? Jean sfür sich). Das ist gewiß ein Todtengräber. Margot. Im Gartenboden finden wir Steine. Cliqnot saufschreiend). Mit Aufschriften ? Margot. O, mein Gott, was ist Ihnen, Herr Eliquot? Cliqnot. Wir wollen untersuchen, mein Fräulein, wir wollen untersuchen. Margot. Wollen Sie nicht ein wenig ausruhen? Darf ich Ihnen nicht Ihr Zimmer zeigen. Cliquo t sindem er die Tasche aufnimmt). Ich bitte. Margot. Ihre Fenster gehen nach dem Garten. Cliqnot. Um so besser, da kann ich die Erdbildnngen prüfen. Kein Zweifel, es riecht.verflucht klassisch hier! M nach links mit Margot.) Jean. Und dieser Mensch soll hier übernachten? sGeht ihnen nach.) Fünfte Scene. Jean, C h o ncro u t. Choucront skommt aus dem Hinten gründe, unter dem einen Arme einen Kohltopf, unter dem anderen mehrere Kohlrübenf. Alles in Ordnung! Nachbar Madont ist vollkommen ausgesöhnt. — Ich habe ein Paar Kohlrüben von ihm verlangt für die Ausstellung. Es war noch ein anderer Nachbar bei ihm, der viel Kraut angebaut hat. Er machte ein verflucht spöttisches Gesicht. Was blieb mir übrig. Ich mußte auch einen Krautkopf verlangen, und habe ihm versprochen, diese Ausstellungsobjekte vorläufig in meinem Empfangssalon ausznstellen. fZer- streut.j Die Kunstproducte sind verflucht schwer. Jean! Jean fkommt von rechtsj- Euer Gnaden befehlen? Chouerout. Befreie mich von dieser Last. Den Krautkopf trage in's Speife- i zimmer. Die rochen Rüben aber kommen in die Küche. Man soll, kleine Garni- rungen daraus machen für den Salat. Das macht gesundes Blut. — Marsch.! Jean ffür sich, indem er abgehtf. Schau, schau, jetzt besorgt der Herr gar die Kücheneinkäufe. Choucront salleinj. Den ganzen Weg über habe ich mich mit meinem Freunde Tachnt berathen. Ich werde Maire, Maire! Ortsmaire! Die erste Amtsperson in Mazaron dann Regierungsrath — dann Abgeordneter und dann wer weiß, vielleicht blüht mir noch ein Portefeuille. sTraurig.j Ah nein, nein, das geht ja nicht. Ich bin reich, angesehen, man schätzt und achtet mich allgemein. Und doch steht meinen ehrgeizigen Plänen ein unüberwindliches Hinderniß im Wege, fsieht sich vorsichtig um, dann leise zum Publikum.j Die Orthografie! Ich kann die Rechtschreibung nicht erlernen. Ein elender Buchstabe bringt mich in Verlegenheit. Wenn ich nicht weiß, wie's geschrieben wird, mache ich immer einen Tintenkleks neben dem Buchstaben, aber das ist beileibe noch keine Ortografie. Wenn ich spreche, ist das ganz was Anderes, da stell' ich meinen Mann. In meiner Schulzeit hat man sie mich nicht gelehrt, die Ortografie, ich hätte sie auch schon vergessen, später habe ich einen Bauholzhandel angesangen, da hatt ich sie nicht nothwendig, die Or- tografie. sSieht sich um.s Holz schichten habe ich gelernt, aber nicht recht schreiben. Und die eindrucksvollen Reden, welche ich hie und da halte, welche die Einwohner von Mazaron ehrfurchtsvoll und mit offenem Munde anhören, denn sie halten mich, für einen Gelehrten, — wem habe ich das Alles zu danken? Einem Engel! Meinem lieben — — Sechste Scene. Margot, Choucront. Margot. Papa! Choucront. Diesem Engel hier! Margot sein Papier itt der Haudj. Ich suche Dich, um Dir die Rede zu übergeben, welche Du im Ackerbauverein halten wirst. Choucront. Hast Du sie durchgelesen? Margot. Und neu abgeschrieben Choucront. Wie die anderen, wie alle meine Reden. sEr küßt sie.j Mein liebes Kind Du, ohne Dich wäre ich — söffuet das Papier.j Wie gefällt Dir der Anfang? Margot. Sehr schön! Choucront sliestj. Sehr geehrte — siehst Du Herzchen, Du schreibst das geehrte mit zwei e und einem h. Margot. Natürlich! Choucront sküßt siej. Mein liebes Herz, ich habe es blos mit einem e, und ohne h geschrieben. sLiestj Sehr geehrte mit einem e und einem h, Mitglieder — glieder, nicht Mitjlieder? 9 Margot. Glieder! Glieder! Chon er out. Ich habe immer Glieder gesagt. (Liest weiter.) Ich scheue mir uicht — Margot. Mich. Choucrout. Ja warum deuu nur mich? M argot. Scheueu regiert deu Accu- sativ. CHouer out. Regiert — regiert! Ist das uuu uicht zum Verzweifeln. — regiert! So ein einziges kleines Wort regiert, regiert mir — mich, regiert einen ganzen Menschen. (Liest weiter.) Ich scheue mich nicht auszusprechen, daß ein Herz welches beim Anblicke des Pfluges nicht höher schlägt — welches sein Heil nicht unter die Erde findet — Margot. Unter der Erde Choucrout. Unter der Erde. — Warum denn nun wieder unter der Erde? Margot. Wo? lieber Vater —die Frage ist wo — Choucrout. Also, unter der Erde. Margot. Apropos, lieber Vater, bei der Erde fällt mir ein, daß Herr Cliquot angekommen ist. Choucrout. Cliquot! Wie? (Für sich.) Das ist nun einmal ein — wirklicher Gelehrter. — Und wo ist denn unser lieber Freund? Siebente Scene. Vorige. Cliquot (von rechts.) Choucrout. Ach lieber Freund, ich freue mich herzlich. Cliquot. Es war längst meine Absicht Ihre Gegend im Interesse der Alterthumskunde einer Untersuchung zu unterziehen. (Margot geht zu dem Tische, welcher rechts im Vordergründe steht.) Choucrout. Aha! (Für sich.) Er interessirt sich noch immer für alte Glasscherben. Cliquot. Auch habe ich einen wichtigen Gegenstand mit Ihnen zu berathen. Margot (für sich). Das betrifft mich. (Laut.) Ich lasse Sie allein, Papachen. (Sehr freundlich zu Cliquot.) Ich hoffe, daß Sie ein paar Tage bei uns verweilen! Cliquot. Versprechen kann ich nichts. Es hängt von den Resultaten meiner Forschungen ab. Finde ich, so bleibe ich. Margot. Wir wollen hoffen, daß Sie finden. (Ab nach rechts.) Achte Scene. Choucrout, Cliquot. Ehoncrou t. Ein liebes Kind, meine kleine Margot, nicht wahr? Cliquot. Reizend, ungemein reizend, und ich freue mich außerordentlich, aber davon später. Freund Choucrout, ich habe eine höchst wichtige Nachricht für Sie. Choucrout. Für mich? Cliqnot. Ja wohl lieber Choucrout. Die wohlangesehene Gelehrtenakademie in Etampes hat Sie, auf meine Empfehlung, zum correspondirenden Mitgliede ernannt. Choucrout. Akademiker! Mitglied einer gelehrten Gesellschaft! Cliquot. Das ist eine Ueberraschung! Was? Choucrout (für sich). Akademisches Mitglied! (Laut.) Eine ungeheuere Ueberraschung! Aber ich weiß gar nicht, ob ich es annehmen darf, meine Verdienste sind so gering! Cliquot. Wie? Und Ihre Reden in den Volksversammlungen? Choucrout. Allerdings meine öffentlichen Reden! — (bei Seite). O, Du mein lieber, kleiner Engel! Cliquot. Und außerdem hat auch Alles seinen Grund. Sie können uns von großem Nutzen sein. Choucrout. Wie so? 10 Cliquot. Sie werden die Ausgrabungen überwachen, die ich hier beginne. Sie zeichnen die römischen und griechischen Ueberschriften ans, und erstatten uns von Zeit zu Zeit Berichte. Choucrollt serschrockeus. Lateinische? Cliqnot sgeheimnißvolls. Pst! Ich habe eine Ahnung, daß Casus Julius Cäsar in Mazaron eine Schlacht geschlagen hat. — Aber es bleibt unter uns, kein Wort davon. Choucrout. Zählen Sie ans mich ! Cliqnot. In unserem Bezirke hat er sie nicht geschlagen, so viel ist sicher. Chouerout. So! Cliqnot. Ich habe gründlich nachgeforscht und heransgebracht. — Sie sollen's erfahren. Oaliius I^6ntuI1u8 mußte durch diese Gegend kommen. Chouerout. Wahrhaftig! Darius. Cliqnot ssieht ihn an und sagts. liius — Chouerout. Ah, ja, ja — Also Ial)iu8 I^6ntu1Iu8, und Sie glauben wirklich? Cliqnot. Ich glaube nicht, ich weiß. Aber kein Wort davon. sSieht sich im Hintergründe um.s Chouerout. Stumm wie das Grab. Cliqnot. Ich bin übrigens noch aus einem anderen Grunde gekommen. Mein Sohn Edmund hat diesen Sommer- Fräulein Margot in Etampes kennen gelernt, und augenblicklich eine unwiderstehliche, tiefe und ehrfurchtsvolle Neigung für sie empfunden. Ich benützte diese Erforschungsreise gleichzeitig zu einem Heiratsantrage. Chouerout. Mein Gott! Da kann ich weder Ja noch Nein sagen. Ich muß zuerst mit meiner Tochter reden. Cliqnot. Sehr richtig. — Edmund ist ein vortrefflich junger Mann, herzensgut, reich und ungemein solid. Gar keine Leidenschaften. Er trinkt höchstens Thee mit Rhum. Chouerout. Sehr ehrenwerth. Cliquot. 300.000 Francs Mitgift. Chouerout. Ungefähr so viel bekommt Margot auch. Cliquot. Aber um vor Allem aufrichtig zu sein, Edmund hat einen Kapital-Fehler, inan könnte sagen eine Sünde. — Chouerout. Schwerebrett! Und was ist denn das für eine Sünde? Cliquot. Erfahren Sie also — N —ein, ich kann's nicht sagen, als Präsident der Gelehrtenakademie in Etampes kann ich so was nicht sagen. sUebergiebt ihm einen Brief.s Nehmen Sie und lesen Sie! Chouerout. Bielleicht ein Pasquill auf die Akademie? Cliquot. Pein, ein Brief, den er mir vor Kurzen geschrieben hat, und den ich Ihnen schamroth übergebe. Chouerout. Sie erschrecken mich! sLiest.s Lieber Vater! Cliquot. Bader — der Taugenichts! Chouerout sliests. Ich eröffne Ihnen einen Plan, von dem das Glück meines Lebens abhängt. Cliquot sfiir sichj. Glück ohne ck, Glück schreibt er ohne ck, der Schlingel! Chouerout. Seitdem ich Fräulein Margot gesehen, liebe ich sie heiß und unaussprechlich. Cliquot. Liebe, ohne ie — heiß mit zwei ss. Choucron t. Mich flieht der Schlaf. Cliquot. Flieht ohne h. Schlaf mit zwei aa. Ah, man schreibt doch Schlaf und nicht Schlaas, du Schaf! CH ouerou t sindem er sich rasch um- wendets. Was ? Cliquot. Das war ich Ihnen schuldig. Jetzt wissen Sie's! Chouerout. Ich weiß, daß er meine Tochter liebt. Cliqnot Ja, ja, er liebt sie, — — aber kurz weg, ohne Dehnung, er liebt gegen alle Regel. — Ueberlegen Sie sich's, ich will indeß eine kleine Umschau im Garten halteu. — Ich habe einen verdächtigen Hügel hier be- 11 merkt (Schnüffelt.st Es riecht verflucht klassisch hier! Auf Wiedersehen. (Ab im Hintergrunde.s Neunte Scene. Choucrout. Margot. Zehnte Scene. Choucrout, später Jean, hierauf C l i q u o t. Choucrout. Je^t muß ich aber für unseren Gast sorgen. — Das Essen ist uoch nicht bestellt. — Jean! Jean (von rechtsst Euer Gnaden! Choucrout. Was haben wir zum Diner? Jean. Sauerkohl, Kohlrüben, rothe Rüben — Choucrout. Wer spricht davon, Du Tölpel? Cliquot stritt, eine zerbrochene und mit Erde bedeckte Pfanne und einen rostigen Bratspieß hoch in den Händen schwingend, trinmphirend durch die Mitte aufs. Ich kam! ich roch! ich fand! Choucrout. Was? — Was ist das? Cliquot. Ein römischer Lanzenstiel — Scutum. Jean steife zu Choucroutst. Das ist unsere Bratpfanne, Euer Gnaden, die ich zerbrochen habe. — Choucrout. Ich Hab' sie selbst erkannt. — Cliquot. Und diese Waffe hier ist ein Lucomonisches Schwert, ein unschätzbares Eremplar! Jean. Unser Bratspieß! Choucrout. Der Mensch hält mich auch noch für einen alten Römer. Cliquot fgeht nach hinten und legt seinen Fund auf den Tisch, begeistertst Freund, ich habe einen unschätzbaren Fund hinten im Garten gemacht. Jean stmrnhigst Hinten im Garten? Cliquot (bedeutungsvollst Ich bin ganz erschöpft, die Freude, die Anstrengung. Jetzt aber Kalk, spanischen Kalk, (zu Jean.st hole für 2 Sous spanischen Kalk vom Spezereihändler, zerstoße ihn, siebe ihn fein durch uud bring ihn dann hieher. Choucrout. Was wollen Sie damit? st Choucrout (steckt den Brief eins. Ich st begreife wahrhaftig nicht, was er für I einen Fehler hat. s (Margot kommt von vorne rechts.s st Ah, sieh da! Willst Du ausgehen? s M argot. Ich habe mir schon lange st vorgeuommen, unsere Nachbarin, Frau st Volsy, zu besuchen. Ihre Familie ist st sehr geachtet uud hat großen Einfluß st aus die Wähler. !- Choucrout. Auf ein Wort, mein ust Kind! — Hast Du noch niemals an's Heiraten gedacht? i Margot (schelmisch forschendst. Ich? st Niemals Papa! CH oucrout. Wenn sich aber eine -st paffende Partie fände. Z. B.: Ein Vorst trefflicher junger Manu, herzensgut, st ohne Leidenschaften — höchstens Thee st mit Rhum. st Margot (für sichst. Edmund! st Choucrout. Würdest Du ihn ab- st weisen? st Margot. Oh nein, — das heißt, st ganz wie Du willst, Papa, st Choucrout. Ich richte mich ganz nach Deinem Witten. Ich will nur Dein Glück, mein Kind, das ist der geringste Dank, nach alledem was Du für mich gethan hast. Margot. Was denn? Choucrout (sieht sich umst. Meine Reden, meine Briefe — Margot. Ich copire sie. Choucrout. Ja, ja, mein Engel. Reden wir nichts mehr davon. (Küßt ihre Stirne.st Geh', geh', komm' bald nach Hause. (Margot ab im Hintergrunde.st 12 Cliquot. Meinen Fund, lieber Choncront, meinen Fund will ich reinigen. Ich hoffe, daß ich ans eine Aufschrift stoße. (Zu Jean.) Gehe! Jean sim Abgehen). Was unser Herr für Bekanntschaften hat! Das ist gewiß ein alter Eisenjnd! Cliquot. Aber ich hätte bald vergessen, lieber Choncront, da ist ein Pfirsichbaum, der mich ungemein genirt. Choncront. Wo? Cliquot. Links, bei der Ausgra- bnngsstätte. Erlauben Sie, daß ich ihn umhatten lasse. Choncront. Den Pfirsichbaum? Verzeihen Sie, Herr Professor, das geht nicht. Es ist der einzige, den ich habe, er trägt zwar nur kleine Pfirsiche, aber geschmackvoll, sehr geschmackvoll. Cliquot. Lieber Collega! Im Namen der Wissenschaft! CH oucrout. Collega! Ah! Für die Wissenschaft gebe ich Alles. (Für sich.) Sie hat mir leider gar nichts gegeben. Cliquot. Ich danke Ihnen, Ich danke Ihnen im Namen der Classicität. Jetzt gehe ich an die Fortsetzung meiner Erforschungen sJm Begriffe zu gehen, kehrt er sich um.) Haben Sie mit Ihrer Tochter über den Heiratsantrag gesprochen? Choncront. Ja wohl, sie. scheint nicht abgeneigt. Cliquot. Und haben Sie ihr seinen Fehler mitgetheilt? Choncront. Noch nicht, bei Gelegenheit — Cliquot. Ein schreckliches Gebrechen, nicht wahr? (Bewegung von Choucrout.) Aber ich gehe in den Garten, ich Hab' keine Ruhe. — Es riecht hier überall nach Rom. Choncront sallein). Ein Gebrechen! In dem Briefe stand doch nichts von Gebrechen. Ich Hab' dock kein Gebrechen an dem jungen Mann bemerkt. Eilfte Scene. Choncront. T a ch n t. Tachnt (erscheint im Hintergründe sehr aufgeregt, spricht nach hinten). Das ist ein schändliches Lügengewebe, das ich zerreißen werde. Chocrout. Tachut, was hast Du Tachut? Tachut. Ein Lügengewebe ist's. Denken Sie sich, dieser tückische Re- nardin, Ihr Rival, hat ein schändliches Gerücht verbreitet. Choucrout. Ein Gerücht! Tachut. Er sagt, ich hätte Ihre Kuh getödtet. Choucrout. Das ist eine Ver- läumdung, sie war ja hin, ehe Du hergekommeu bist. Tachut. Schreiben Sie das, ich bitte Sie, schreiben Sie das auf einen kleinen Zettel, daß ich dem Rindvieh das Maul stopfe. Choucrout. Schreiben, ich soll schreiben. (Für sich.) Und Margot ist nicht zu Hause. (Laut.) Lieber Freund, es gibt Beleidigungen, auf welche ein Ehrenmann nur mit Schweigen und Verachtung antwortet. Tachut Schweigen? Schweigen! Der Verläumder soll schweigen ! Ich muß ihm antworten. —So schreiben Sie doch, ich bitte Sie, schnell, nur ein paar Worte. Choucrout. Du willst ein schriftliches Zeugpiß haben? Tachut. Natürlich, nur ein Paar- Worte — Choucrout. Ein schriftliches Zeug- uiß! — Nein, das kann ich nicht, das ist unmöglich. — Tachut. Wie, Sie verweigern mir die paar Worte. — Sie wollen die Wahrheit nicht niederschreibeu! Habe ich das um Sie verdient, ich, der ich seit Wochen für Sie hausiren gehe, um die Stimmen zu sammeln. Choucrout. Du hast Recht! Ich will dir das Zeugniß ausstetten. Tachut. Endlich! Choucrout. Aber Du mußt warten. In einer Stunde — oder morgen. Tachut. Augenblicklich brauche ich's. Die Wähler sind versammelt, und ich Witt es ihnen vorlesen Choucrou t. Vor den Wählern ! Und meine Margot ist nicht zu Hause. Tachut. Es handelt sich hier um meine viehärztliche Ehre. Wenn ich das Gerücht nicht 'augenblicklich widerlege, bin ich verloren. Ich bin total hin, und kann diesen Bezirk für immer verlassen. Bedenken Sie, (weinend.) daß ich ein Weib und 5 ungezogene Kinder habe! Choucrout (ergriffen). Es ist wahr, er hat 5 Kinder. Tachut. Und das sechste auf dem Wege. Choucrout. Und noch eins ans dein Wege. — Tachut (indem er das Papier auf dem Tische ausbreitet). Setzen Sie sich doch. — Es ist ja doch eine Kleinigkeit für einen Gelehrten, so ein paar Zeilen niederzuschreiben. — (Drückt ihn auf den Sessel nieder.) Choucrout. Nur ein paar Zeilen Tachut. „Unterschriebener bezeugt, daß seine Kuh bereits vor Ankunft des Herr Tachut hin war." — das ist doch nicht lang. Choucrout (für sich). Er hat Recht. — — Also angefangen, und wie ich im Zweifel bin — ein Tinteukleks! (Fängt zu schreiben au.) — (Sprechend.) Unterschriebener — (wischt sich den Schweiß von der Stirne.) bezeugt — — bezeugt mit ei oder eu? eh! klecksen wir ein's! Daß seine Kuh bereits vor Ankunft des Viehdoktors — — Vie! mit oder ohne h! Alles eins, Vieh bleibt Vieh! Ein Klecks ist das Vernünftigste. (Schreibt weiter.) Tachut. Jetzt werde ich dem Herrn Renardin meine Meinung sagen. Choucrout (steht auf und übergibt ihm den Zettel). Hier, mein Freund. — Es sind mir zwar ein paar Tintenkleckse passirt, aber die Feder ist verteufelt schlecht. Tachut. Das macht nichts — mit diesem Zeugniß bin ich ganz zufrieden. Choucrout. Ja wohl, aber ich bin's nicht. Zwölfte Scene. Vorige. Margot (ans dem Hintergründe). Margot. Da bin ich wieder. — Choucrout (leise zu Margot). Leider zu spät. (Laut.) Ich habe soeben ein Zeug- uiß geschrieben. Margot (erschrocken). Wie? Tachut (zeigt es). Da hier! Jetzt werde ich der Welt beweisen. (Steckt es in die Tasche lind sucht seinen Hut.) C houcrottt (leise). Du warst nicht hier. Mar gc> t (leise). Ich muß es um jeden Preis sehen. Choucrout. Aber wie? Margot (für sich). Er hat's in den Rock gesteckt; was mache ich nur? Ah, eine gute Idee. (Laut.) Herr Doktor, haben Sie Ihre Lanzette bei der Hand? Tachut. Ja wohl, warum? Margot. Schnell, schnell! Der Rappe hat einen Blutandrang. Cho u c r o u t. Herr Gott, jetzt wieder der Rappe, heute Früh die Kuh! Tachut. Ich eile, daß ich nicht wieder verläumdet werde. — (Geht nach hinten.) Margot. So legen Sie doch den Rock ab, er hindert Sie ja. Tachut (rasch, indem er abläuft)' Bewahre, ich verspäte mich. (Rasch ab durch die Thüre links.) Margot. Zu spät! Choucrout. Wie, Du glaubst, daß das arme Thier? Margot. Gott bewahre, dem Rappen fehlt nichts. Choucrout. Ja aber — warum hast Du dann? Margot. Eine kleine List — er sollte den Rock ablegen, damit ich das. Zeügniß herausnehme. Choncrou k. Ich verstehe, er Pflegt' die Operation immer in Hemdärmeln zu machen. Margot. Aber er wird das Thier jetzt wirklich für krank halten. Choucr out. Oh, da bin ich unbesorgt. Tachut ist ein Kenner, er sieht dem Vieh nur in's Auge, zieht seine Angenbrauen in die Höhe und sagt — hm, hm! Da muß was gethan werden. Dreizehnte Scene. Vorige. Tachut, später Jean. Tachut. Fertig! Die Operation ist geglückt. Choucrout. Was? Tachut. Ich habe ihm zur Ader gelassen. Choucrout. Armes Vieh! Tachut. Noch zwei Minuten — und das arme Thier ist hin. Choucrout. Wirklich? (Für sich.s Da hat man's, wenn ich richtig schreibe — ist der Hengst hin. Jean (durch die Mittelthüre, er trägt eine Schüssel, in welcher der gesiebte Kalk sichtbar istj. Da ist der spanische Kalk! Marg ot sfür sichs. Ah ! (Leise zu Jean.^ Schütt ihn schnell auf den Viehdoctor! Jean. Was? Margot. Spute Dich! Jean. Mir kann's recht sein. sStellt sich zwischen Choucrout und Tachut und überschüttet Tachut mit Kalk.s Tachut. Donnerwetter! Margot sgeht auf Jean zns. Welche Ungeschicklichkeit! Choucrout. Tölpel! Jean. Aber, Sie haben's ja befohlen. Margot. Ich? Choucrout. Halt's Maul, Dummkopf.' Jean (flüchtet sich nach der rechtenSeiten- thüres. Ich hole eine Bürste. Margot. Ziehen Sie den Rock aus, Herr Doktor. Tachut. Ach, ich danke, es geht so auch. Margot. Sie sehen ja aus wie ein Bäcker. Choucrout (ärgerlich!. Zum Kukuk, so ziehen Sie doch den Rock aus. (Zieht ihm den Rock aus, Margot hilft Choucrout.! Margot (indem sie mit dem Rock davonläufts. Sie sollen ihn gleich wieder haben, ich will ihn nur ansbürsten. Vierzehnte Scene. Choucrout. Tachut. Jean, später Cliquot. Tachut. Ich fühle mich unendlich geschmeichelt, daß sich das gnädige Fräulein selbst bemüht. — Choucrout. Hm! Die Erziehung, lieber Tacbnt, das macht die Erziehung. Tachut (für sichs. Oder die Wahlen. Man merkt, daß die Wahlen vor der Thür stehen. Jean (schnell von rechtsj. Da ist die Bürste. (Fängt Tachuts Hemd zu bürsten an.j Tachut (stößt ihn zurück). Hol' Dich der Geier mit Deiner Kratzbürste! Clig not (durch die Mitte, mehrer e Scherben in der Handj. O, meine Freunde, ich bin ergriffen, ich bin überglücklich, ich bin selig. Ich habe eine ganze Schatzkammer unter dem Pfirsichbaume entdeckt. Jean (für sickij. Meine Porzellanniederlage. Cliquot (nimmt aus dem Tuche ein Stück vergoldetes Porzellans. Sehen Sie sich einmal das an ! (Tachut will sich nen- ierig nähern, Cliquot bedeutet ihm, der Kost- arkeit nicht nahe zn kommen.) Jean (für sich). Donnerwetter, -die Salatschüssel! 'Chon er out. Was? (Zn Jean). Hör' 'mal, mein Junge, ich kenne das. Cliquot. Hier, diese Aufschrift F. und C. Chouerout (für sich). Natürlich, Franyois Chouerout. Cliquot. Ounetntor! — das ist sonnenklar! Chouerout (mißt Jean mit zürnendem Blicks. Wer hat das gebrochen? Cliquot. Die Römer! Wer anders kann es zerbrochen haben? Jean. Die Römer! Der gräbt am Ende noch meine ganze Niederlage aus. (Indem er links, Mitte abgeht.) Ich mache mich aus dem Staube. Aliquot (nimmt ein anderes Gefäß heraus). Hier ein anderes, ein wunderbares Exemplar. Kennen Sie das? Tachut (nähert sich). Wunderbar! (Zieht sich augenblicklich zurück, und hält sich die Nase mit dem Taschentnche zn.) Ich keun's, ich keun's! Chouerout (dasselbe Spielj. Ich auch! Cliquot. Ein höchst seltenes Exemplar, das ist ein Thränenkrug aus der Zeit des römischen Niedergangs. Choucrout (für sich). Er ist ganz selig. Warum soll ich ihm den Glauben nehmen? Cliquot (geht nach rückwärts und stellt die mitgebrachten Gegenstände in einer Reihe auf.) Jean (kommt durch die linke Seiten- thüre zurück). Da ist der Ueberzieher. Tachut (indem er ihn anzieht)- Danke! Ist das Zeugniß da ? (Nimmt es heraus). Ja, da ist's. Chouerout (für sich). Margots Schrift! Ich bin gerettet! 15 Tachut. Jetzt geh' ich zu den Wählern. Ich will die Stimmung erforschen. (Ab durch die Mitte.) Chouerout (leise zn Jean.) Nun kommt die Reihe an Dich, Schlingel! Jean (furchtsam). Gnädiger Herr! Chouerout. Nur näher, hieher! Jean (furchtsam). Da bin ich! Chouerout. Wer hat die Salatschüssel zerbrochen? — Je au. Die römischen Jungfrauen! Aber Verzeihung, Euer Gnaden, ich muß iu die Küche! (Schnell ab links.) Cliquot (vorkommend, ein paar Gegenstände in der Hand haltend.) Ich bin überglücklich, jetzt Hab' ich nur noch für meinen Sohn zu sorgen, und dann zurück iu die Arme der Akademie. (Zu Chouerout.) Collega. haben Sie mit Ihrer Tochter gesprochen? Chouerout. Ja! Cliquot. Glauben Sie, daß sie die Hand meines Sohnes annimmt? Chouerout. Warum nicht? Cliquot. Pardon, Collega. Ich verlange eine bestimmte Antwort, denn zu Weihnachten wird eine passende Wohnung frei. Chouerout. Nun, und? Cliquot. Und ich möchte sie für das junge Paar mietheu. Chouerout. Was? Meine Tochter soll nach Etampes ziehen? — Cliquot. Natürlich, das Weib folgt dem Manne. Chouerout. O nein, daraus wird nichts! (Für sich.) Meine Ortografie in Etampes und ich in Mazaron, das geht nicht. Margot (von der Seitenthüre links). Störe ich Sie? Cliquot (für sich). Ich lasse Sie allein mit ihm. (Laut.) Mein Fräulein, ich habe Ihren geehrten Herrn Vater soeben gebeten, Ihnen meinen Antrag mitzutheilen. Margot. Ah! 16 Cliquol. Und werde beglückt sein, wenn Die ihy. annehmen. fStimme hinter der Scene.) Herr Cliquot, Herr Cliquot! Cliquot. Das ist Ihr Gärtner, den ich mit weiteren Nachforschungen betraut habe, unter dem Zwetschkenbaume — fGrüßt.) Mein Fräulein! fAb im Hintergründe.) Fünfzehnte Scene. Choucrout. Margot. Choucrout. Nein, nein! Der junge Mann paßt mir ganz und gar nicht in die Familie. Margot darf mir nicht fort. Erstens hat er einen ungeheueren Fehler, ich weiß zwar nicht was für einen, aber er hat ihn — einen Fehler, der fast eine Sünde ist. M argot. Nun, Papachen, was hat Dir Herr Cliquot für einen Antrag gemacht? Choucrout. Ah pah, Kinderei! Cliquot hat sich's in den Kopf gesetzt, Dich mit seinem Sohne Edmund zu verheiraten. Margot. Wahrhaftig? Choucrout. Ja wohl, und Du kennst den jungen Menschen nicht einmal — Ein kleiner Kerl mit krümmen Beinen und einen Kahlkops. Er sieht nicht 3 Schritte weit, fürchterlich kurzsichtig. Margot. Aber Papa. Choucrout. Und hat nur einen halben Schnurrbart. Margot. Aber Papa! Choucrout. Außerdem hat er einen ungeheueren Fehler, der fast eine Sünde ist. Margot serschrockenj. Eine Sünde? Choucrout. Eine Sünde! — Einen schrecklichen Fehler. — — Da Hab' ich ihn gerade in der Tasche. Nimmt Cliquot'S Brief heraus.) Höre und schaudere! Mr sich.) Sie kommt gewiß auf den Fehler. fLiest.) Seitdem ich Fräulein Margot gesehen habe, liebe ich sie, heiß und unaussprechlich. Margot ffiir sich, gerührtj. O wie gut er ist! Choucrout. Mich flieht der Schlaf. Margot. Armer, junger Mann! Choucrout. Nun hast Du ihn? Margot. Wen? Choucrout. Deu Fehler. Margot. Nein! Choucrout. Dann kommt er erst. fLiest.) Ihr Bild erfüllt meine Seele. — Das ist schrecklich! — was? Margot. Oh, im Gegeutheil, das ist sehr schön. Choucrout. Was? Schön! sSteckt den Brief in die Tasche.) Ich war überzeugt, daß Dir diese Heirat mißfallen wird. Margot. Aber Papa! Sechzehnte Scene. Vorige. Cliquot saus dem Hintergründe). Cliquot. Die Erdbildung hat mich diesmal getäuscht, — sie haben den Zwetschkeubaum umgehaueu, aber sie haben Nichts gefunden. Choucrout Mr sich). Meinen Zwetschkenbaum! — Hol' Dich der Geier! Cliquot. Nun, mein Fräulein, was für eine Antwort kann ich meinem Sohn mitbringen? .^Choucrout fLeise). Laß mich antworten ! fLaut.) Ich muß Ihnen mit Bedauern eröffnen, lieber Collega, daß wir diesen Fehler unmöglich mit Schweigen übergehen können. Cliquot. Ich verstehe, ich war darauf vorbereitet. . Choucrout. Siehst Du, Herr Cliquot war darauf vorbereitet. Cliquot. Aber nehmen Sie mir nickt alle Hoffnung, versprechen Sie mir, daß mein Sohn, wenn er nach Besiegung seines Fehlers Professor wird — Choucrout. Oh dann! M a r g o t. Professor! (Zn Cliquot.) Oh. ich bin Herrn Edmund recht gut, aber — Clig N 0 t (ihr die Hand drückend). Wir verstehen uns. Jetzt in mein Zimmer. Die Reisetasche in die Hand genommen und dann fort nach Hause. Margot (zu ihrem Nater). Wie? Cliqont. Aber ich habe noch eine Bitte an Sie, erlauben Sie, daß ich diese ansgegrabenen Ueberreste des elastischen Alterthnms mit mir nehme. Margot. Bitte — so viel Sie wollen. Cliquot. Sie sollen im Museum prangen mit derAnfschrift: „Olioneroutns vit.^ (Nimmt die Gegenstände vom Tisch und kommt in den Vordergrund.) C h oucrou t. Zn Gütig, Sehr gütig! Cliquot. Ich gehe und packe meine Reisetasche. sAb durch die rechte Seitenthiir.) Siebeiyehnte Scene. Margot. Tachnt. Jean. M argot sist zu dem in der ersten Cou- lisse stehenden Tisch gegangen und bedeckt ihre Angen mit einem Taschentuches Chon er out. So! Das Ware abgemacht, bist Du nicht auch froh ? Wie, Du weinst? Was fehlt Dir? Margot ssteht aufs. Du hast vorhin gesagt, Herr Edmund wäre klein, krummbeinig und hätte nur einen halben Schnurrbart. Das ist nicht wahr, er hat einen prächtigen Schnurrbart, er ist nicht kurzsichtig, nicht krummbeinig, er ist groß und schlank, ein gebildeter, geistreicher — — Theater - Repertoir 321 . Choucrout. Ja, kennst Du ihn denn? Margot. Im Sommer haben wir miteinander getanzt. — Choucrout. Schwerebrett! Und gefällt Dir der junge Mann? Margot sindem sie die Angen niederschlägt). O ja, sehr. CHoucrou t. Arme Kleine, sie liebt ihn und ich habe ihr Thränen entlockt. TachUt sdurch die Mitte, einen Blumenstrauß in der Hand). Victoria! Sie sind gewühlt. Renardin hat nur eine Stimme bekommen, nähmlich die seinige. sChou- cront schweigt.) Tach nt. Wie, macht Ihnen das gar keine Freude? Choucrout sbefangenj. Ja doch, ja! — ! Tachttt stuft gegen die Mittest Also noch einmal Victoria! — Jean !! — Ich habe ihm befohlen zwei Körbe mit Weinflaschen bereit zu halten. Choucron t. Wozu! Tach nt. Um die Ackerbaugesellschaft ein wenig anznfeuchten — das ist so Usus. Jean! ich bin durstig. Jean (mit 2 Körbenst Da bin ich, da bin ich ! (Leise zu Tachnt.j Eine Flasche ! Bordeaux habe ich für den Hausgebrauch behalten. Ta ch ut (leisest Bravo! (Nimmt den einen Korbst Vorwärts, marsch! (Ab mit Jean im Hintergründe.) Choucrout (für sichst Meine arme Kleine liebt ihn, da darf ich keinen Augenblick zögern, (setzt sich und nimmt eine Feder.) Margot (fstr sich, erstauntst Wie, er schreibt, und ohne mich (nähert sich ihm langsam und blickt über seine Schultern, um zu 'lesen.) Choucrout (schreibend). Bewohner von Mazaron! Meine lieben Landsleute ! Ich lege meine Demission zu euren Füßen. Margot. Warum nicht gar ? (Nimmt ihm das Papier weg, und zerreißt es). Choucrout. Was machst Du? 2 18 Margot. Demission schreibt man mit D und nicht mit T. Choucrout. Ohne meine Tochter kann ich nicht einmal meine Demission einreichen. sCliqnots Stimme von Außen.) Choucrout. Cliquot! Margot. Ich ziehe mich zurück. Choucrout. Ja, geh' mein Kind, ich werde an Dein Glück denken. sMargot ab.) Achtzehnte Scene. Cliquot, Choucrout. Cliquot sdurch die Mitte ein Glas in der Hand). Lieber Collega, der Tag muß mit goldenen Buchstaben in den Annalen der Wissenschaft prangen. Unter den Ausgrabungen fand man ein römisches Glas, veritables, durchsichtiges Glas. sGeht nach dem Hintergründe und stellt das Glas auf.) Choucrout sfür sich). Meine Weinflasche ! Cliquot svorkommend). Und da gibt es noch Starrköpfe, die behaupten wollen, daß die Römer das Glas gar nicht gekannt haben, und das Glas ist noch dazu geschliffen. Ich werde ihr finsteres Gehirn erleuchten. (Zu Choucrout.) Die größten Gelehrten, lieber Freund, sind doch oft die größten Esel — was? Choucrout sindem er ihm die Hand drückt). Unstreitig, lieber Collega. Cliquot. Freund, das ist einer der schönsten Tage meines Lebens, ich werde der Gelehrtenakademie in Etamps sofort Anzeige davon machen. Choucrout. Ganz recht! — Cliquot. Und befürworten, daß eine Commission ernannt werde zur Fortsetzung der Ausgrabungen in Ihrem Garten. — Choucrout. In meinem Garten? — Zu welchem Zwecke? — Cliquot. Im Namen der Wissenschaft — bestellen Sie. Feder und Tinte. Choucrout. Hier ist mein Schreib- tisch. sFührt ihn zum Schreibtisch.) Cliquot. Ah, Sie schreiben mit Gänsekielen. Choucrout sivichtig). Seit 40 Jahren. Cliquot snimmt eine Feder in die Hand). Ich bitte um ein Federmesser. Choucrout sgiebt ihm das Messer). Hier, Herr Collega! Cliquot. So! Den Römern war also das Glas unbekannt! sschreit ans). Au! Choucrout. Was giebt's? Cliquot. Ich habe mich in den Finger geschnitten. Choucrout. Warten Sie! In der Schublade sind Lappen, sumbindet seinen Finger.) Seien Sie ruhig; sehen Sie, ich Hab' eine ganz hübsche Puppe aus Ihrem Finger gemacht. Cliquot. Danke schön! Jetzt aber bitte ich Sie um einen Freundschaftsdienst, lieber Collega. Choucrout. Befehlen Sie! Cliquot. Nehmen Sie anstatt meiner die Feder, ich werde Ihnen diktiren. Choucrout sfür sich) Das fehlte noch! Den Teufel auch. sLaut). Aber ich — Cliquot. Nun? — Choucrout. Schreiben — an eine Gelehrtenakademie. Cliquot. Sie sind Correspondent, machen Sie Ihr erstes Debüt. Choucrout sfür sich). Recht hat er! sindem er sich setzt). Das hört heute nicht auf, und Margot ist niemals da. Cliquot. Sind Sie bereit? Choucrout. Einen Augenblick. Ich will nur Nachsehen ob, genug Tinte da ist! sbei Seite.) Wenn ich mit dem Diktat fertig bin, schütt ich die ganze Tinte auf das Blatt! Cliquot sdiktirend). Meine Herren, geehrte College« ! Die Archäologie schreitet fort — sie bereichert sich. 19 Choncrout. Archäologie! Mr sich.) Ich bin in Verzweiflung. Wie soll ich wissen, wie man Archäologie schreibt? Cliquot. Haben Sie? Choucrout. Nnr einen Augenblick! — sFttr sich) Archäologie mit einem weichen oder mit einem harten ej! Ms ob ihm plötzlich was einfiele.) Na, warte! )Mmmt die Feder und beginnt sie zu schneiden.) Cliq not. Bereichert sich. — Dank meinen unermüdlichen Bestrebungen — Choucront saufschreiend.) Ah! Cliq not. Was gibt's? Choucrout. Ich habe mich auch in den Finger geschnitten. Einen Lappen, geben Sie mir einen Lappen aus der Schublade. Cliq not. Hier, hier! Warten Sie nur einen Augenblick. sBindet ihm den Finger ein.) Choncrout sfür sich.) Ich bin gerettet! sHält den Finger in die Höhe.) Cliquot. Zum Verzweifeln! sHält ebenfalls den Fulger in die Höhe) Ich muß bis morgen warten. Choucront. Lieber Collega! Eine so wichtige Entdeckung darf nicht auf- geschobeu werden; ich rufe meine Tochter, diktiren Sie, diktiren Sie getrost; die schreibt mit Stahlfedern und wie ein Redakteur. Cliquot. Glücklicher Vater, jetzt begreif's ich, daß sie meinen Sohn nicht ertragen kann, seine Orthografie ist schrecklich, ich hatte es Ihnen ja gesagt, ein wahres Gebrechen! Ehoncrout sfitr sich). Seine Orthografie. — sLaut) Also das ist sein Kapitalfehler? Cliquot. Schrecklich, Sie haben ja seinen Brief gelesen. Cho ncrout. Seine Orthografie also! — Das ist allerdings ein Gebrechen, aber dem ließe sich abhelfen, er müßte nnr nicht in Etamps wohnen, Sie begreifen, unter den Gelehrten — Cliquot. Unter den Gelehrten? Sie haben Recht. Er kann ja hier wohnen, in dieser kleinen Stadt. Nur ein bis zwei Monate in Etamps. Choncron t. Ein bis zwei Monate! Collega, umarmen Sie mich. Meine Tochter! Cliquot. Wie, Ihre Tochter? C h o u c r o u t. Sie willigt ein. fZum Publikums Ich schneide mich in den Finger für die paar Monate. Ende. Von demselben Verfasser sind im Verlage der WallishaulferFchen Buchhandlung in Wien erschienen: Die emsige Tochter. Lustspiel in zwei Acten von Alexander Graf Fredro. Deutsch von Alexander Rosen . ..60 kr. Vor dem Frühstück. Dramatischer Scherz in einem Acte nach den: Polnischen des Alexander Graf Fredro von Alexander Rosen . . 50 kr. In der Jänner 1876 neu begründeten Wattishausser'schen Sammlung Dkiilscher Wamankk sind bisher erschienen: 1. Das Trauerspiel des Kindes. Schauspiel in 2 Acten von Sigmnnd Schlesinger . . . fl. 1.20 2. Eine Jugendsünde. Schwank in 3 Acten von Inlius Findeisen .fl. 1.20 3. Tiberius. Tragödie in 5 Acten von In l i u s Gr o s s e . . fl. 1.50 4. Der Scelenretter. Lustspiel in 1 Act von Hedwig Dohm. fl. —.90 5. Das heiffl Eisen, ein Nürnberger Fastnachtsspiel von Hans Sachs. Für die neuere Bühne eingerichtet von Rnd. Genee . fl. —.50 6. Corfi) Alfeldt, der Reichshofmeister von Dänemark. Trauerspiel in 5 A.! und einem Vorspiel von Martin Greif. 2. Ausl. . . fl. 1.80 7. Dschingiskhan. Lustspiel in 1 Act von Karl Gutzkow. . fl. —.60 8. Die Philosophie des Unbewußten. Lustspiel in 1 Act von Oscar Blumenthal . . fl. — 90 9. Reine Hände. Lustspiel in 4 Acten von M. Oerib a ner . fl. 1.20 10. Der Tau;boden. Dramatische Kleinigkeit in 1 Act von Moriz Epstein. fl. —.70 11. Rose und Distel. Schauspiel in 1 Aufzuge .... fl. —.80 12. Spartakus. Trauerspiel in 5 Aufzügen von Franz Koppel-Ett- feld . . . . . . fl. 1.50 13. Durch Champagner. Lustspiel in 1 Act von Betty Uoung. fl. —.60 14. Angebetete Elisabeth. Lustspiel in 1 Akt von Carl Saar fl. —.70 15. Vrnllvogel. Schwank in 1 Akt von ! Paul Perron . . fl. —.60 16. Paul de Kork. Lustspiel in 1 Akt von Carl Weiß . fl. —.60 17. Der Herr Collega. Schauspiel in 4 Akten von M. Frank fl. 1.20 18. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Schwank in 1 Akt von Paul Perron . . fl. —.60 Der Beginn unseres Theater-Verlages fällt in die Zeit der Gründung des Wiener Burgtheaters und bildet mit unserem Theater-Sortimente und mit unserem Theater- Antiquariate das größte und vollständigste in dem auch selten gewordene und im Handel gar nicht vorkommende Piecen zu finden sind. Bon dem bekannten „Wiener Theater-Repertoir" sind soeben Heft 300 bis Heft 319 ausgegeben worden (die neuesten Producte von Berg, Bittner, Dorn, Eirich, Grandjean, Kaiser, L'Arronge, Morländer, Rosen, u. A. enthaltend). Von Grandjean's „Gute Unterhaltung" ist Bändchen 4, von „Weyl's gesammelten Vorträgen" sind Heft 11—13 neuerdings erschienen. Wien, Mai 1876. Wlckishausser'sche Auchhan-luug, (Josef Klemm). Druck von I. B. Wallishausier in Wien. Der Lalenschrecker. ^asse mit Gesang in einem Akt nach einem älteren 8toffe bearkeitet mit neuen LonMts von Musik von Kapellmeister S. Brandt. Alle Rechte Vorbehalten. Mm, 1877. Verlag -er Wallishausfer'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Das Aufführungsrecht ist nur von Herrn CH. Giesran, Wien, Carltheater, zu erlangen Personen. Der Präsident. Der Director. Anna, dessen Tochter. Dachs, GerichtSafsessor. Müller, Gerichtspraktikant. Pfuscher, Kanzleidiener. Rosalia Nigel, Wäscherin. Frau Buch Holz, Witwe. M u r in e l, Privatier. Ort der Handlung: Eine Gerichtskanzlei. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Pregel, Birk er, Gerichtsbeamte. Braun, s (Gerichtszimmer mit 3 Mittel- und rechts und links 4 Seitenthüren. Links grüner Tisch des Assessors Dachs mit Acten und Schreibutensilien darauf. Rechts Tisch des Pfuscher. Im Hintergründe Stühle.) Erste Scene. M üller, A n 1, a, (darauf) P räside n t. (Wenn der Vorhang in die Höhe geht, stehen M üller und A n n a sich umarmend in der Mitte der Bühne und er drückt einen Kuß auf ihre Lippen; nach einer kurzen Panse öffnen sich n tempo die 4 Seitenthüren von links und rechts, die 4 Gerichtsbeamten strecken ü toinj,o die Köpfe heraus und rufen ü tsmpo : Pfuscher! Die 4 Köpfe verschwinden in die 4 Thüren, werden k tom;,o zngeschlagen.) A N N a (erschreckt znrückpraklend). Ach, was war das? — Müller (sie beruhigend). Nichts, liebe Anna, die Herren rufen den Kanzleidiener, unser Faktotum, jeder hat andere Aufträge für ihn — A n n a (ängstlich). Aber sie haben gesehen Müller (einfallend). Einen Kttß sahen sie -- und einen Kuß in Ehren kann Niemand wehren, nicht einmal das Bezirksgericht. Anna. Aber wenn sie's dem Vater erzählen — Müller. In Gottesnamen! — Er weiß, daß wir uns lieben und wir könnten schon längst ein glückliches Ehepaar sein, wenn er nicht auf seinen Eigensinn bestände, ich müsse erst besoldeter Assessor sein. Anna (traurig). Und das kann noch sehr lange dauern. Theater-Repertoir 322. Müller. Nicht so lange, wenn nicht unglücklicher Weise dieser verrückte Dachs mein Vordermann wäre. Aber der Mensch bleibt ja sein Lebelang unbesoldeter Assessor, der bringt es nie weiter. Anna. Weil er nur Sinn für Rep- hühner, Hasen und Wildenten hat, statt fürs Gesetz. Wie ich den Menschen hasse - Müller. Na, laß es nur gut sein. Ich hoffe Alles von meiner statistischen Abhandlung, die der neue Präsident von uns jungen Leuten verlangt hat. Bereits vor 8 Tagen habe ich sie ein- geschickt, — gut ist sie, und habe ich das Glück, daß der Präsident sie prüft, so darf ich ans Avancement rechnen. Präsident (erscheint in der Mittel- thüre und bleibt stehen.) A n n a. Ach, geh' mir doch mit deinem neuen Präsidenten. Neue Besen kehren gut. Aber der kehrt ja nicht einmal! Seit vier Wochen wissen wir, daß unreinen neuen Vorgesetzten haben, und noch hat er sich nicht einmal herbemüht, um sich seine Beamten vorstellen zu lassen. Müller. Kind, das geht nicht so schnell, wenn heutzutage einer Präsident wird, braucht er vor Allem 3 Monate, um zu wissen, daß er Präsident bleibt. Aber wenn er einmal eine plötzliche Revision vornimmt, dann gestehe ich ihm Alles — A n n a. Eine plötzliche Revision? Vielleicht kommt er heute oder morgen? 1 * 4 Müller. O Du unerfahrenes Geschöpf! Plötzliche Revision, unvorhergesehen, so etwas wird ja immer drei Wochen vorher officiell bekannt gegeben, darum Geduld und jetzt adieu, — ich habe heute 14 Fälle, ich bin den ganzen Vormittag mit Betrug beschäftigt, Nachmittag haben wir unter Leitung des Direktors einen Raubmord. — Ans Wiedersehen, liebe, thenre Anna! (Küßt sie.) Präsident (hustet.) Anna. Schon wieder Jemand! Wahrscheinlich irgend ein ergriffener Schwindler oder dergleichen! — Auf Wiedersehen ! (Läuft an dem Präsidenten vorbei durch die Mitte ab.) Zweite Scene. Müller. Präsident. Müller (barsch). Was wünschen Sie? Präsident (hat Anna nachgesehen, tritt nun vertraulich zu Müller). Ich habe nichts gesehen! — Müller. Das möcht' ich Ihnen auch gerathen haben. Präsident. Ich habe es in meiner Jugend ganz ebenso gemacht. Scheint ein recht liebes, gutes Mädchen zu sein. Müller (für sich). Hat keine Vorladung in der Hand, scheint sich daher nur zu seinem Vergnügen im Kriminale aufzuhalten. (Laut.) Nicht wahr, ein liebes Kind? ^Vertraulich.) Wär' schon längst meine Frau, wenn der Herr Kreis-Gerichts-Direktor nicht sagte: Ich gebe Ihnen meine Tochter nicht eher, als bis Sie es zum besoldeten Assessor gebracht haben. Präsident. Ah! Sie ist also die Tochter des Direktors? Sieh — sieh, aber in dessen Hand liegt es ja, Sie avanciren zu lassen. Müller (sieht den Präsidenten verwundert an). Versteht sich, freilich, warum denn nicht? (Für sich.) Thut so gewiß als wenn er wer wäre, der Mann. Wahrscheinlich wegen Ehrenbeleidigung — ist wo Dummkops genannt worden. (Laut.) Ja, sehen Sie, lieber Mann, der Direktor sagt: „Junger Mann," sagt er zu mir, „das ganze Gericht kennt Ihr Verhältnis; zu meiner Tochter; Sie haben zwar das Zeug zum Assessor, aber die Andern würden glauben, ich schlage Sie vor aus Privatrücksichten. Darum müssen Sie länger warten, als jeder Andere." Präsident. O, das ist aber für Sie sehr unangenehm, Herr — Herr! Müller. Müller — Praktikant Müller — Präsident. Ach! — Ich habe von Ihnen gelesen! Sie haben da eine ganz famose statistische Abhandlung eingereicht über — Müller (unterbricht ihn freudig). Wie? — Sie kennen meine Abhandlung, die ich dem Herrn Prä.mit wem habe ich denn eigentlich die Ehre? Präsident (sich fassend). Ich bin ein Freund des Präsidenten — bei meinem Besuch, den ich ihm jüngst abgestattet habe, fand ich Ihre Schrift aus dem Tisch und blätterte darin. Müller. Glauben Sie, daß er es bereits gelesen hat? Präsident. Sicher; ich kann Ihnen sogar sagen, daß er sich sehr lobend darüber anssprach. Müller. Ach, Sie machen mich zum Glücklichsten aller Menschen! (Hat seine Hand ergriffen.) Die vier Gerichts beamten, (stecken wie im Anfänge die Köpfe durch die 4 Seitenthüren und rufen rr temxo : Pfuscher! verschwinden rr tsmpo.) Präsident (erstaunt). Was war denn das? Müller. Die Herren riefen nach dem Kauzleidiener, der ihre kleinen Commissionsgänge verrichtet. — 5 Präsident. So, so! (Für sich). Da geht es ja wunderbar zu in diesem Bureau! (Laut.) Ja, weßhalb ich eigentlich gekommen bin — treffe ich den Direktor an? Müller. O versteht sich! (Für sich). Ein Freund vom Präsidenten — ein Bekannter vom Herrn Direktor — (laut). Wenn Sie erlauben, führe ich Sie zu ihm! (Im Abgehen.) Aber nicht wahr, wegen der Scene von vorhin sagen Sie nichts — Präsident (einfallend). Sie meinen den Kuß? — Keine Silbe! (Beide Mitte links ab.) Dritte Scene. Pfuscher (Mitte). Pfuscher (mit Gegenständen bepackt, von welchen er später spricht. Nach dem Monolog Murmel und Frau Bnchholz.) Ich leb' hier als Amtsdiener, schön is das Brod, Von Früh bis auf d'Nacht racker ich mich zu todt. Was die Leut im sekiren Und im umchikaniren, Ja, die Sach hat ka Ziel Und jetzt wird's mir schon z'viel! Hübsch krümmen den Rücken, Sich biegen und bücken, Alle Tag gratnlirn Und die Frau kascholirn. Dem Rath feine Töchter, Du Himmel gerechter, Die Schiechen und Alten Heißt's auch unterhalten Für die Herr'n Secretäre, Ist es mir eine Ehre, Weil der Köchin is übel Zn putzen die Stiefel, Bei ein Herrn Präsidenten Vor Ehrfurcht verenden, Und ihm mit Vergnügen Die Galloschen auszieg'n — Das thut man Alles, Alles schon Um a Bisserl, Bisserl Prot ec« t i o n. Wenn ich abdank, ein solchen krieg'n wir nimmer. Ein solch' ein guter Patsch is noch in kein Amt g'sessen. Ich ihn' amal Alles, was die Herr'n anschaffen. Dafür heißt's aber auch in meiner Diensttabelle: „Zu Allem fähig!" — Das heißt im Amt bin ich's ganze Jahr keine 6 Stund, aber dafür renn' ich den ganzen Tag für meine Chefe herum. Hier auf mein Platzl sitz ich den ganzen Tag keine 3 Minuten, nicht 2 Zeilen kann ich aufsetzen für die Parteien, aber wenn dem Herrn Rath seine Buben Kegel scheiben, setz ich auf den ganzen Nachmittag. Ja, auch unter die Beamten gibts Soldaten und Diplomaten. Die Beamten, die von der Früh bis auf d' Nacht felbern, knmeu mir vor wie die Soldaten. Sie opfern sich für's Vaterland, setzen aber Hindurch. Ich thu' eigentlich gar nix — riskir nix und is was zu profitireu, so krieg ich das, um was sich die Andern plagt haben. Ich bin der Diplomat. Heut Hab' ich wieder ein schweren Tag g'habt. (In die 1. Seitenthür ein Paket hinansgebend.) Hier sind die frisch angestrichenen Vogelhäuseln. (Bei einer andern Thüre ebenfalls hineinstellend.) Herr Aktuar hier ist der halbe Zentner schwefelsaure Vitrioldesinfectionsg'stanken. (Für sich.) Das ist der arme Manu, der an der Wien logirt, beim ehemaligen Fokanedi- steg, da stellt er sich an jedes Fenster so a Häfen. (Bei einer anderen Thüre.) Habe die Ehre wegen die Juchtenen, sind tadellos gedoppelt. (Wieder in einer- anderen Thüre.) Die Fräulein Lori laßt sich empseh .... (Schlägt schnell die Thüre zu.) L>o schön, der handelt grad Amt und so was gehört nicht hieher! So, jetzt Hab' ich noch dieses schwarz- petschirte Schreiben für den Jagdnarren, den Hasenschrecker, für meinen Assessor! 6 Schon '/zll Uhr und noch nicht im Bureau. Der wird so lang ans der Jagd sein, bis'n selber jag'n Wern. Vierte Scene. Fr an Bnchholz nnd Murmel (treten durch die Mitte ein.) Der Vorige. M u r m e l (sehr devot, hat große Schuhe an den Füßen.) Entschuldigen Sie, wir warten schon eine halbe Stunde. — Pfns ch er. Lassens anschan'n. (Liest die Vorladung.) Assessor Dachs. (Spricht.) Is noch nicht da, der Dachs — Sie klagen da den Herrn v. Schleicherl — Murmel. Murmel heiß ich — Fr. Bnchholz (in Trauer). Ja, — Sie wissen wohl, mein seliger Mann is vor 4 Wochen g'storben — Pfuscher. Ich hab'n kennt, Ihren Herrn Gemahl. Warum hat er sich nicht von mein guten Freund, vom Doktor Pirzel behandeln lassen. Fr. Buchholz. Ach, das ist ja ein Thierarzt. Pfuscher. Das macht nix! Der is halt dann der Doktor von ein' Vieh, aber Ihner Hausarzt, das ist ja ein Vieh von ein Doktor — Fr. Buchh 0 lz. Mein guter Mann is hinüber gegangen — Pfuscher. Unter die Weißgärber? Murmel. Nein, in ein besseres Jenseits, wo er die himmlischen Freuden genießt. Pfuscher. Himmlische Freuden? Mir scheint, Sie glauben, da drüben wird alser todter auf Regiments-Unkosten gelebt! Fr. Buchholz. Ich will Ihnen den Fall erzählen, um was es sich handelt. Mein Seliger hat nemlich . . Pfuscher. Nein — (Hält sich die Ohren zu.) Versehens Ihnen nicht in Unkosten, ich muß ja nachher doch die ganze G'schicht mit anhören. Er wird gleich da sein, der Dachs — gehen Sie derweil in's Wartezimmer. (Zeigt nach der AusgaugSthüre.) Wann 3 mal g'länt't wird, nachher steig'ns herein Fr. Bnchholz. Nicht wahr . . . . ich gewinn .... Pfuscher. Habens ein Advokaten? Fr. Bnchholz. Nein! Pfuscher. Da Habens schon zehn Gulden g'wonnen für die heutige Tag- satznng. (Frau Buchholz geht Mitte ab.) Murmel. Wird's lange dauern? Ach ich bin so müde. Pfuscher. Ja, wenn Sie die Füß' a so verdrah'n wie die Angen, nachher glaub ich's — Setzens Ihnen nieder da dranst, d. h. mit die Schinakeln könnend ja auch alser Stehender ausrasten. Mit diese Wazzillen könnten Sie das ganze Rheinufer und a paar Festungen abtreten. Murmel (mit einer ärgerlichen Pantomime durch die AusgaugSthüre, Frau Buchholz durch die Mitte folgend.) Fünfte Scene. Pfuscher (allein). Aber lang bleibt er heut ans, der Assessor! Die Leut wartet! auf die Gerechtigkeit und er rennt wo einer Wildanten nach oder thut die Hasen schrecken, da bin halt ich ein ganz anderer Beamter. (Holt eine Flasche aus dem Rock und trinkt.) Ich thu' meine Schuldigkeit nnd nachher geh' ich zu Haus. (Steckt die Flasche ein.) So schön, Hab' ich da noch die Zeitung vom Direktor im Sack! Der wart' vielleicht schon a Stund auf das Tagblatt nnd weiß gar nicht, was in der Welt vorgeht. (Liest.) Frankreich, Italien, England, Deutschland — — aus wildfremden Ländern kann man da was erfahren. Oh schon wieder! Wir haben zwar die Schlacht verloren, aber die 7 Stimmung der Truppen ist ausgezeichnet! (Spricht.) „Was nützt ein' Menschen die Stimmung, wenn er sonst nichts hat! Freilich ist es immer ein schöner Trost, wenn man ansrnfen kann: Wir sind zwar so zu sagen fertig, aber die Stimmung ist famos" — Lied. 1 . Wir sind nie gerüstet, das is freilich schad, Und knmmts zu ein Krieg, is es immer zu spat, s' Militär hat ka G'wihr, d' Kavallerie hat kan Roß, Aber suust is die Stimmung im Ganzen famos! 2 . Wird wo was entwendet bei uns setzt in Wien Is der Dieb, wanns ihn suchen, schon lang in Turin, Ja den Unrechten einsperrn, in dem san wir groß, Aber sunst is die Stimmung im Ganzen famos! 3. Die Einen, die woll'n nicht in Reichsrath hinein, Mit die Zweiten und Dritten solls was Aehnliches sein, Auch sagen die Vierten sich meistentheils los — Aber sunst is die Stimmung im Ganzen famos! 5. Auf der Börs' geugans uma, es sieht keiner klar, Den es hängt Alles ab von den Mann mit drei Haar. A Jeder sagt: Mein Kopf is wie a Schafft so groß, Aber sunst is die Stimmung im Ganzen famos! 6 . Die Pferdebahn is für uns Wiener Gewinn, Um 10 Kreuzer kommt man bequem überall hin, Es sitzen Eiu'm höchstens 3 Leut auf der Schoß — Aber sunst is die Stimmung im Ganzen famos! 7. D' Franz Josefsbahn laßt an Vergnügungszug geh'n — Die Bahn is so sicher, die Gegend so schön, Der Zug is sehr klein — die Gefahr is sehr groß — Aber sunst is die Stimmung im Ganzen famos! 8 . Die Anglo stehen 30, kaum kari ä' Oreäit, Der Ausweis der Tramway, erweist s' Defizit. Die Baubanken schlagt man nur vierting- weiß los, Aber sunst is die Stimmung im Ganzen famos! 4. Wenn jetzt ein Verein wo versammeln sich will, Heißt's immer, bevor wer was redt schon: Sans still! Sie verhaften von Zwölfe a neun bis zehn blos — Aber sunst is die Stimmung im Ganzen famos! 9. Die Wolter is krank und die Janisch net da — Die Hartman«, die Baudius geh'n auch schon a, Bald hab'n Sie von Damen das Abwaschweib bloß, Aber snnst is die Stimmung im Ganzen famos! 8 10 . Bei Bahnen, da gibt's jetzt a Angst wie noch nie, Dem Verwaltungsrath scheppern vor Schrecken die Knie — 'S möcht keiner Direktor sein, net um a Schloß — Aber sunst is die Stimmung im Ganzen famos! 11 . Im Orchester blast Einer statt „6l„ immer „8", Der Geiger erwischt statt'n „üs" plötzlich s' Dem Clarinettisten geht's Mundstückel los, Aber snnst is die Stimuulng im Ganzen famos! (Ab.) Sechste Seene. Präsident. Direktor. (Beide aus der Mittelthüre.) Direktor. Es ist so, wie ich mit- zutheilen die Ehre hatte. Präsident. Ich kann Ihnen über das, was ich bis jetzt geprüft habe, meine vollste Zufriedenheit aussprechen. Ihre Beamten sind durchwegs tüchtig, besonders schätze ich den Praktikanten Müller, dessen Abhandlung ich mit vieler Freude las. — Aber warum habe ich vom Assessor Dachs nichts gelesen? — Wo steckt denn dieser Mensch eigentlich ? Direktor (verlegen). Excellenz — ich — Präsident (streng). Nun? Er ist noch nicht hier — Warum nicht? Es ist bereits 10 Uhr — das scheint mir ein sehr lauer Arbeiter zu sein. Warum sind Sie nicht strenger gegen ihn? Direktor. Excellenz haben bereits angedeutet, daß Sie das Verhältniß Müllers zu meiner Tochter kennen. Dachs könnte glauben, ich wollte ihn zu Gunsten meines zukünftigen Schwiegersohnes aus dem Amte drängen, deßhalb drücke ich manchmal ein Auge zu. Präsident. Uebertriebenes Zartgefühl, das den Beamten nicht bestimmen darf. — Ich möchte diesen Dachs endlich kennen lernen. Haben Sie nicht ein Plätzchen, wo man ihn unbemerkt beobachten könnte? Direktor. Bitte, Excellenz, von jenem Zimmer ans. (Deutet auf die Mittelthüre.) Präsident (mit ihm dahin abgehend). Vorläufig bitte ich Sie, mein Inkognito zu respektiren gegen Jedermann. (Beide Mitte Rechts ab.) Siebente Scene. Assessor Dachs. Gleich darauf P f n s ch e r. Dachs (im Jagdcostüme, hohe Stiefeln, steierischen Hut, Gewehr über die Schultern einen Hasen in der Hand, zwei Rcphühner an einer Schnur befestigt). Entree-Lied. Dachs. Ein Schütz bin ich, man kann nur sag'u, famos, In Oest'reichs Gauen ist mein Jagdrevier, Ich Hab drei Hund, a Stuck a sufzehn G'wihr, Ich lad's von hinten und von vorne gehn's los — Thut mich ein Has' von weiten kommen seh'n, Macht er ein Manderl, bittend bleibt er steh'n, Und wie ich ziele, hockt in's Gras er sich, D'rum nennen Sie den Hasen- schrecker mich. (Wirft einen Blich auf seinen Tisch.) 9 Was da wieder Alles liegt! Ehrende- leidignngen, Einbrüche, schwere Polizeiübertretungen, lauter so verfluchte Geschichten, wo ich in einer halben Stund' schon Ln Wollersdorf sein soll! — (Bläst in eine Jagdhornpfeifc.) Pfuscher (Mitte eintretend). Guten Morgen, Herr Assessor! Dachs. Waidmannsheil! Was machen Sie denn schon in aller Früh anf'n Anstand? Im Bureau wollt ich sagen. Pfuscher. Sie wissen ja, der alte Fuchs kommt noch zeitlicher. Dachs (sehr rasch). Wo is ein Fuchs? Dem müssen wir was werfen einen guten Kalbsschlegel oder so was, dem Kerl müssen wir eins auf den Pelz brennen. Pfuscher. Was meinen denn Sö für ein Fuchsen? Ich red' vom Herrn Direktor, das is so ein alter Fuchs, der in der ganzen Kanzlei Alles ausspionirt — Dachs (enttäuscht). Schad! Ich Hab' glaubt, es is Ihnen ein anderer untergekommen zum Ausstopfen. Ich gehe jetzt schon vier Wochen einem Fuchsen nach — Pfuscher. Na, Habens ihn schon? Dachs. Ja, gestern endlich, um halb 12 Uhr bei der Nacht am Her- manskogel sind wir Zusammenkommen. Ich leg an, 1, 2, 3, da ist er gelegen. Pfuscher. Der Fuchs? Dachs. Nein, der Pintsch vom Verwalter. Aber das macht nichts; ich bin so vergnügt heut, so gut aufg'legt, wenn Sie Repphendl gern essen — auf Ehre — ich gib Ihnen die Adresse vom Exinger. Pfuscher (für sich). Gut aufg'legt is er — da mag ich ihm den schwarz Petschirten gar nicht geben. Dachs. Ich höre (auf den Tisch deutend). Es soll gestern eine Kitt Verbrechen eing'sallen sein? Nicht wahr? Auch einige Betrüger sollen gewechselt haben. Pfuscher. Gewechselt? O ja — Dachs. Mnß heut' Alles nieder- g'schossen werden, d. h. zusammengear- beitet, denn Morgen ist große Kreisjagd in Zwazendorf, wo ich unmöglich ausbleiben darf. Ich sage Ihnen, wenn man als Jäger so viel zu thun hat, soll man so eine Nebenbeschäftigung wie das Amt gar nicht annehmen; Wissens wo ich jetzt herkomm' ? Von Neulengbach. Um halber drei erwartend mich schon in Wölkersdorf und Morgen in der Früh um sechs soll ich schon in Mürzzuschlag sein. Da sind wir nämlich im „Schädlichen" groß. D'rum werd' ich hent' rein G'schworneng'richt sein. Heut wird Alles freigesprochen. Ich kann mich da in keine langwierigen Untersuchungen entlassen, derweil fliegen mir in Neusiedl die Anten davon. Apropos, sagen Sie mir, haben Sie die 16 G'wehr schon putzt, die ich Ihnen vor 8 Tagen geben Hab'. Ueber- morgen geh' ich mit dem ganzen Kaffeehaus aus den Tulbingerkogel, wo ein Sechzehnender wechselt. Wir sechzehne waren schon 9 Mal draußt, aber wir krieg'n ihm nicht, denn der Sechzehnender geht immer ehnder, bevor wir sechzehne ang'stellt sind. Pfuscher. Sagens mir, Habens denn gar so a große Freud' d'ran, wanns a so umarennen können auf die Stoppelfelder .... Dachs. A Freud, wenn mir so ein Has' auf vier paar Stiefeln kommt. — Das ist die wahre Seeligkeit! Diese 3 Spatzen da (zeigt sie.) kosten mich an Pulver allein 11 Gulden, und was das Blei betrifft, so hätt' man ein Monument d'raus gießen können! Aber die Hab' ich erwischt, die Hab' ich im Pusterthal geschossen. Pfuscher. Die hätten's ja auf'n Glacis auch kriegt. Dachs. Ja, das ist aber nicht eigenes Revier. Wir haben jetzt eine Jagdbarkeit — Sie, das wird Ihnen ein Vergnügen im Herbst! Wir sind nämlich unser 98, 10 da haben wir 5 Vereins - Rephendel, eine Titular-Wachtel und einen Bezirkshasen. Wenn das amal Alles abg'schossen wird, Freund, da komm' ich 3 Wochen nicht in's Bureau. Aber jetzt nehmen Sie den Hasen hier und tragen Sie ihn hinauf znm Herrn Rath, meine Empfehlung! lieber diese beiden Rep- hühner machen Sie ein Eouvert und schicken Sie 's zum Herrn Postrath. Nebenbei können Sie auch das Wild- pret, — will sagen, die Vorgeladenen einlassen. Pfusch er (Mit dem Hasen rc. cm die Mittelthür tretend, ruft hinaus). Rosalie Nigel! Eintreten. (Draußen ertönt: Hier! geht durch die Mitte ab, Nosalie Nigel tritt durch die Mitte ein). Achte Scene. Dachs. Rosalie Nigel (eine Wäscherin). Präsident (hinter der Scene lauschend.) Dachs lhat den Rock aus- und einen andern angezogen, die Jagdtasche rc. bei Seite gelegt, setzt sich links an den Tisch und liest in den Akten). Also Rosalie Nigel! (Sieht sie an.) Hm, ganz eine hübsche Häsin — (liest in den Akten.) Grobes Benehmen — persönliche Beleidigungen — nach 493 — (blättert.) Wenn ich das Alles lesen will, kriegen wir nicht einmal einen Ammerling in Wollersdorf — Nigel. Na, wirds einmal? Ich Hab' meine Zeit nit g'stohl'n! Dachs. Sehen Sie denn nicht, daß ich noch nicht geladen habe? Nigel. Ah, das istgnt. Z'erst laden's Ein' vor, dann kann man ein paar Stund warten. — Glauben's, ich unterhalt' mich da beim G'richt? Dachs. Ja, glauben's, ich? Nigel. Glauben Sie, ich will da noch a paar Stund sitzen? Gott sei Dank, ich Hab' was G'scheiteres zu thnn. Dachs. Ich auch! Nigel. Also vorwärts! Dachs. Ja wohl, daß wir hier nicht unnöthiger Weise die Zeit versitzen. Sie heißen? Nigel. Rosalie Nigel. Dachs (will die Sache schnell abmachen). Das Andere ist Alles bekannt. Nigel. Wann i amal da bin, muß Alles aufg'nommen werden. Dachs. Aber schaun's — (sieht auf die Uhr) i soll nach Wollersdorf. Präsident (erscheint an der geöffneten Mittelthüre rechts von Zeit zu Zeit und hört zu) Nigel. Geboren in Wien- schreibend nur — 22 Jahre alt, katholisch, ledig, kinderlos, — schreiben — sag' ich — Dachs. Ah, das ist gut, die verhört eigentlich mich. Nigel. Wiederholt wegen Ehrenbeleidigung abgestraft, aber nie gerecht. Dachs. Das müssen wir besser wissen! Nigl. Was wollen Siebesser wissen? Dachs. Aber gut, nehmen wir an, denn sonst komme ich zu spät nach Wölkersdorf. (Sieht in die Akten.) Sie haben auch schon in Stockerau einen Anstand gehabt? Sagen Sie mir ist das wahr, daß dort so viel Rephendel sind? Nigel. Das g'hört nicht hieher. Dachs. Sind Sie nicht so grob! Sie stehen hier vor Ihrem Untersuchungs- Förster ! (Sich verbessernd.) Richter! Wissen Sie warum Sie hieher getrieben wurden ? Nigel. Weil ich's Maul anf'nrechten Fleck Hab' und weil ich mir amal nicht Unrecht thnn laß'. Dachs. Sie haben, wie aus dem Waldel hervorgeht — ans den Akten — will ich sagen, Jemanden beleidigt. Nigel. Und das bereit' i kan Augenblick! (Sehr laut redend.) Wann i a nur a Wäscherin bin, i laß mir do nip g'- sallen! Neunte Scene. !> -- s. k- ,Z Dachs. Schreien Sie nicht so, sonst stiegt nns Alles davon — kann Niemand was arbeiten daneben — Gilt, ich sehe ein — Nigel. Ah, was einseg'n— sagen Sie selber, bin ich im Recht — oder nicht — ? Dachs. Nein — Nigl. Nit? — Gnt, Sie müssen das verstehn — i bin a ehrliche Person, nachher will i a mei' Straf absitzen. Dachs. So schön! (für sich.) Da müßt ich einen Answeis machen, Urtheils- abschrift, Dekret — «laut.) nnn weil Sie's einsehen — — Nigel. Nein — ich will mei' Straf'. Dachs. Weil Sie Spuren von Reue — Nigel. Fallt mir net ein — Dachs. Weil Sie Besserung versprechen — Nigel. Nit a mal denken. Dachs. Weil es das erste Mal ist — Nigel. Das vierte Mal. Dachs (grob). Das erste Mal! Nigel (noch gröber). Das vierte Mal! Dachs (bei Seite). Die will gar nicht fort! — Die verdient eigentlich a vierzehn Tag, aber — (laut.) Nun denn, so sei Ihnen für dieses Mal verzieh'«. Nigel. Das brauch i nit. Wann i was than Hab, will i meine Paragraf! Dachs. Hinaus, sag' i zum letzten Mal, oder ich lasse Ihnen wegführ'n. Nigel. Na gut, i geh, aber das sag' ich ihnen, ich appelir, weil i a Person bin, die sich nicht umasunst her- strapaziren laßt. — Wann Sie aber vergessen, was Sie zu thnn haben, san Sie dann a Beamter? Schämens Ihnen, wann Sie nit amal answendi wüßten, was für a Beleidigung g'hört. (Jin Abgeheu schimpfend.) Ah, da schants her, die Leut für a Narr'n halt'n, die Zeit, was man vertändelt. — Kan Straf weiß er, da bitt ich um a Abschrift — so eine Idee! (Mitte ab.) Dachs (allein, schwitzend). Ich Hab Ihr schon 2 Gulden geben wollen, damit sie nur fortgeht, — diese Person! Warum bleibt sie nicht ruhig sitzen in ihrer Buhnhütten — in ihrer Hansmeisterwohnnng! > (Seufzt auf.) Aber nur noch kurze Zeit, und ich geh — das Gewehr auf dem Buckel! (Singt.) Auf und drann Spannt den Hahn Lustig ist der Jägersmann! (Couplets.) Zehnte Scene. Dachs. Murmel. Fr. v. B n ch h o lz, dann Direktor. Präsident (später hinter der Scene). Murmel (mit Frau v. Buchholz durch die Mitte). Entschuldigen Sie, kommt jetzt Frau v. Buchholz eontra. Murmel? Dachs (ärgerlich). Ja, ja! (Nimmt, ein Aktenstück, zu Murmel.) Hat man denn nicht einen Augenblick a Ruh? — Aber lieber Mann, was wollen Sie denn von der Madame Murmel? Murmel. Erlauben Sie, Herr Assessor, Sie verwechseln das! Das ist hier Frau Buchholz — die Klägerin; ich bin der eontra Murmel. Dachs. Ja so — (Blättert in den Akten.) Ja, um was handelt es sich denn eigentlich? Direktor (hereinrnfend). Assessor Dachs, haben Sie die vom Herrn Präsidenten verlangte Abhandlung über deutsches Gerichtsverfahren nach der Residenz geschickt? Dachs (erschreckt aufspringend). Herr Gott, nein ... das heißt — ja wohl — Herr Direktor! Will sagen, fortgeschickt noch nicht, — aber schußfertig 12 längst, soll heute noch per Post abgehen. Direktor. So, so, — lassen Sie mich doch eher Hineinblicken, eh' Sie's fortschicken. (Zieht den Kopf zurück, schließt die Thüre, durch welche man während Verfolgenden Scene wieder von Zeit zu Zeit den Präsidenten erblickt.) Dachs. Adieu, Wollersdorf! An diesen Schmarn habe ich gar nicht gedacht — fehlt noch der ganze Schluß! (In einem Fache suchend. Da muß ich ja gleich. (Holt ein Aktenstück hervor.) Da ist's ja! — Schnell noch den Schluß! (Nuft zur Ausgangsthür hinaus.) Pfuscher! (Setzt sich au den Tisch. Die paar Seiten schieß ich schnell herunter. (Schreibt emsig.) Eilste Scene. Vorige ohne Direktor. Pfuscher. P f us ch e r (durch die Mitte.) Befehlen? Dachs. Kein Protocolltreiber da, — Führer? will ich sagen, der die Personalien aufnehmen könnt statt mir, von diese zwei — sakerlot — sage ns mir, is der Hektor draußen? Pfusche r. Ja, Herr Assessor, Wissens was — ich Hab das schon tausendmal mit ang'hört, ich nimm derweil das Nöthigste auf. Ich war früher 11 Jahr im Finanzministerium! Und wir nehmen bei die Finanzen eben so viel auf wie bei der Justiz! Dachs. In Gottesnamen, bleibt aber unter uns, dafür können Sie, wenn der Bezirkshas' abgeschossen wird, dabei sein. (Schreibt emsig.) Pfuscher (geht rechts an den Tisch). Also Buchholz oontrn, Murmel. Herr Buchholz lichten Sie die Anker mit Ihre Schinakelu, kommen Sie näher. So — Sie sind also der niederträchtige Kerl! Murmel. Erlauben Sie. Pfuscher. Hier wird gar nichts erlaubt. Murmel. Sehen Sie, lieber Herr, die Sache ist so. Als der seelige Buchholz auf dem Tode lag. Pfuscher. Auf so was muß man sich halt nicht aufilegeu. Murmel. Da sagte er zu mir: Du bist mein Freund, meine Frau weiß nicht Bescheid, hier hast Du mein Er- sparniß, cs sind 1000 Gnlden, gib davon meiner Frau, was Du willst! Fr. Buch Holz. Und wissen Sie was er mir geben hat, der Erbschleicher — 100 Gulden, nichts als 100 Gnlden. Pfuscher. Von die tausend! — Hören Sie, Sie sind ein großer — ich saget jetzt gern was, wo 14 drauf sein .... Fr. Blich Holz. Und seh'n Sie, d'rum Hab ich ihn verklagt. Murmel. Gott! Wie egoistisch sind doch die Menschen! Der Verstorbene hat vor Zeugen ausgesagt: Gib davon meiner Frau, was Du willst. Dachs (hat, während des Schreibens halb hingehört, spricht, indem er weiter schreibt). Da ist nichts zu machen, die Frau ist mit ihrer Klage zurückzuweisen. Pfuscher (ärgerlich). Nix zu machen? (schon zu machen! Aber g'scheidt muß man den Kampel fangen! (Schlägt ein großes Buch auf.) Filou, der Du arme Witwen um ihr bissel Erbtheil beschummeln willst, ich verurtheile Dich. Murmel. Aber lieber Herr, was wollen Sie denn? — Ich soll ihr geben, was ich will und wenn ich ihr 10 Gulden geben hätt', müßte Sie auch zufrieden sein. Pfuscher. Nein, Du mit allen Salben geschmierter Schinakelbesitzer, — sie braucht nicht zufrieden zu sein. Oder glaubt der Herr ich bin so dumm, wie ich ausschau? — Geben Sie meiner Frau, was Sie wollen! Sie haben 100 Gulden gegeben von die tausend, 13 folglich wollen Sie 900 — Hab' ich Dich Schmutzian! Also gibst Du ihr die 900, die Du willst — und fährst ab mit Einhundert, oder ich nimm sie Dir weg deine Schinakelu. M n r m e l (zahlt.) Niederträchtig ! Fr. Buchholz. Tausend Dank — ich hab's ja g'wußt, daß mich der liebe Himmel nicht verlassen wird. (Beide ab.) Zwölfte Scene. Dachs. Pfuscher. Pfuscher. Sehen Sie, was das für ein Nutzen is für die G'sellschaft, wann solche Leute wie Sie auch nur auf ein paar Minuten unschädlich gemacht werden. Dachs (hat inzwischen vom Schreiben aufgehört, das Geschriebene in ein Couvert gethan, übergibt es Pfuscher). Ich bin froh, daß Sie keine größere Dummheit gemacht habeu. Nehmen Sie das und wenn ich Ihnen in Gegenwart des Direktors sage, geben Sie mir das Paket her, das Sie auf die Post hätten tragen sollen — so übergeben Sie's mir! Verstanden? Wird Effect machen. Jetzt kommen Sie schnell in die Registratur, ich Hab' in den Jahrgang 1866 meine 3 Hunde eingesperrt, die werden was gejammert habeu, kommeus! Pfuscher. Ja, was haben denn Sie da für ein Vieh in der Hand? Dachs. Damit foppen wir im Feld die Wachteln, sie kommen immer näher — bum — Pfus cher. Und solche Sachen probiren Sie im Amt? Wann da wer drauf kommt. Es sind schon viel mit Schand und Spott entlassen worn, aber wie wir zwei kassirt Wern, das war noch nicht da! Duett. Dachs. Da g'schehn ganz andre Dinge jetzt, Ganz and're Leut' Wern jetzt abg'setzt. Pfuscher. Den Einen nehmen sie sein Land, Und sein Privatvermög'n in Pfand. Dachs. Und klagt er auch von Haus zu Haus, So lachen sie ihn höchstens aus. Pfuscher. Wo übt man solche Frevelthat? Beide. Man munkelt, man munkelt, daß dieß g'schehen sei, Tief drunten, tief drunten in der wilden Walachei. 2 . Dachs. Es giebt wo ein Vergnügungsort, Selbst wir war'n auch schon öfter dort. Pfuscher. Sitzt im Parterre oder Loge fein, Thuu's überall recht lustig sein. Dachs. Man kriegt zu Speis' und guten Trank Franzö'sche Katzen mit Gesang. Pfuscher. Letzhin da hat a Gast sogar a deutsche Watschen kriegt . . . Beide. Man munkelt — daß dieß geschehen sei Tief drunten — in der wilden Wallachei. 3. Dachs. Die Wohnungsnoth hat bald a End, Sie bau'n d'rauf los herent und drent. Pfuscher. Quartier entstehn groß und klein, Jetzt wird der Zins bald biü'ger sein, 14 Dachs. Ein Hausherr fangt schon an damit, Gibt, ersten Stock, man glaubt es nit. Pfuscher. Fünf Zimmer, Küche, Keller, Bod'n um hundert Gulden. Beide. Man munkelt, daß dieß g'schehen sei Tief drunten in der wilden Walachei. 4 . Dachs. Jetzt baut man hoch in d' Luft hinauf, Aufs Mezzanin vier Stock noch drauf. Pfuscher. Ja d'Baukunst hat es weit gebracht, Die Häuser wachsen über Nacht. Dachs. Den andern Tag falln's wieder z'samm, Ehs noch Parteien drinnen hab'n. Pfuscher. Horns auf, Sie übertreiben, wo war denn das passirt? Beide. Man munkelt, daß dieß g'schehen sei, Tief drunten in der wilden Walachei. 5 . Dachs. Es war a Zeit, wo klafterweis' — Man kauft hat's Holz um hohen Preis, Pfuscher. Selbst seit wir Kohl'n in Menge krieg'u, Js doch der Holzpreis immer g'stieg'n. Dachs. Wie kommts denn dann, daß jetzt man zahlt, Ein Spottpreis für ein ganzen Wald. Pfusche r. A geh'ns, wo soll'ns denn verkaufen an ganzen Wald. Beide. Man munkelt, daß dieß g'schehen sei, Tief drunten in der wilden Walachei. (Ab.) Dreizehnte Scene. Präsident, Direktor durch die Mitte, rechts darauf Anna. Präsident. Ich scheide mit dem Versprechen von Ihnen, daß ich Ihren zukünftigen Schwiegersohn unter meinen besonderen Schutz nehmen werde. Direktor. Herr Präsident— diese Güte. A N N a (durch die AuSgaugsthür ab). Papa, ist es wahr, daß der neue Präsident .... (erblickt deu Präsidenten, verbeugt sich verlegen.) Präsident. Ah, Ihr Fräulein Tochter, (leise zu ihr). Ich habe von dem Kuß nichts verrathen! (Laut). Mein Fräulein, wird es Ihnen denn auch in der Residenz gefallen? Anna. In der Residenz? Präsident. Ja, vorausgesetzt, daß Sie die Hochzeit beschleunigen, denn ohne Sie wird mir der besoldete Herr Assessor schwerlich gerne folgen wollen . . "A nna (freudig). Ah! ich ahne! Gestatten mir der Herr Präsident, die Erste sein zu dürfen, welche ihm diese Freudenbotschaft mittheilt? Präsident. Versteht sich! Von wem würde er sie denn lieber hören? Anna (eiltnach der Mitte zu, kehrt gleich wieder um). Herr Präsident, fast hätte ich in meiner übergroßen Freude Ihnen zu danken vergessen ! (Ergreift seine Hand, dann zum Vater, umarmt ihn stürmisch und eilt durch die 2. Mittelthllre links ab) 15 Vierzehnte Scene. Präsident, Direktor, Dachs dann Pfuscher. Dachs (kommt durch die Ausgangsthttr, hat sein Gewehr in der Hand, das er bemustert, den Hahn knacken läßt und dabei vor sich hinpfeift.) Direktor (ihn vorstelleud). Assessor Dachs! Dachs (höchst erschrocken). Donnerwetter, der Direktor! (Hält das Gewehr auf den Rücken ) Direktor. Ich ersuchte Sie um die bewußte Abhandlung! Das Versenden nach der Hauptstadt ist unnöthig, da der Herr Präsident (auf den Präsidenten deutend) sie gleich an Ort und Stelle persönlich prüfen wollen. Dachs (höchst verlegen daS Gewehr prä- sentirend). Ah .... Excellenz — (sich verbeugend). Diese Flinte .... wollte sagen .... diese Ehre. Präsident. Wo haben Sie die Abhandlung ? Dachs. Sogleich! (eilt zur Ausgaugs- thür). Pfuscher, das Packet, welches ich Ihnen für die Post übergab (empfängt es durch die Mittelthür, kehrt zurück). Hier Excellenz! (überreicht das Päckchen.) Präsident (öffnet es, ein paar Nep- hühner fallen heraus). Dachs (bei Seite). Himmel, er hat's Packet verwechselt — Ein Irrthnm, Excelleuz — Pfuscher (in Hemdärmel durch die Mitte, Gesicht und Hände geschwärzt, den Hasen in der Hand). So, die Gewehre sein geputzt, jetzt werd' ich den Hasen hinübertragen! — Herr Gott, der Herr- Direktor! (versteckt den Hasen hinterm Rücken.) Präsident. Wer ist das? Pfuscher (kleinlaut). Pfuscher! Dachs (bei Seite). Donnerwetter, der Has'. Päsident. Treten Sie näher. Was haben Sie denn gemacht? Sie sind ja ganz schwarz im Gesicht. Pfuscher. Von der Tinte. Präsident. Und in Hemdärmeln hier im Amt .... Pfuscher. Ja, damit ich s' ärarische G'wand net so strapezir — (leise zu Dachs). Nehmens den Hasen, er merkts! Dachs (thut es.) Präsident (zu Pfuscher). Was verstecken Sie denn da? Pfusche r. Ich? (zeigt die Hand). Gar nichts! Direktor (zu Dachs halbleise). Was haben Sie denn da wieder für Sachen gemacht? Dachs (verlegen) Ich? .... Ich Wollte — (leise zu Pfuscher.) Nehmen Sie den Hasen. Pfuscher (thut es.) Präsident (zum Direktor). Ich weiß nicht, die Leute sind so verlegen, so merkwürdig .... (Spricht leise mit ihm.) Dachs (leise zu Pfuscher). Die Geschichte mit'n Hasen fällt auf. Man sieht uns auf die Finger. Pfuscher. Wartens, das müssen ! wir anders machen ! Beide (nehmen den Hasen so zwischen die beiden Rücken und Pressen ihn so zusammen, daß sie die Hände frei haben. — Sie drehen sich, wenn die beiden Herren mit Ihnen sprechen und dann abgehen, entsprechend fest aneinander gedrückt im Kreise herum). Pr ä si de nt (zu Dachs). Herr Assessor, ich habe Sie auf eiuem Feld betreten — Dachs (für sich). Vermnthlich, wie wir auf Mostschnepfeu waren — Präsident. Und habe Sie heute genügeud beobachtet, um die Ueber- zeugung zu gewinueu, daß ich Sie vom Dienst suspendiren muß. — Ich kann keinen Nimrod im Dienste brauchen. (Zu Pfuscher). Sie Pfuscher, Sie sind ebenfalls entlassen! Pfuscher. Wünsch gleichfalls! (Präsident und Direktor durch die Mitte ab.) Pfuscher und Dachs (prallen auseinander, der Hase fällt herunter). 16 Letzte Scene. Dachs. Pfuscher. Dachs. Adieu, Bezirksgericht! Ich wollt' ich war' auf eiuer Bärenjagd ohne G'wehr und es thäten mich drei Weibeln zerreißen! Pfuscher. Zwei, die unglücklich sind, weil sie aus'n Kriminal hinaus müssen. Dachs. Aber ich hab's meinem Onkel immer g'sagt, ich passe nicht für's Gericht. — Doch er hat mir gedroht, mich zu enterben, wenn ich mich nicht im Acteustaub vergrabe. Nun haben wir's! Pfuscher (immer weinerlich). Ja, NUN hat er's. G'schicht ihm recht, daß ich jetzt entlassen bin! Und wem verdank ich das? Diesem Haseuschrecker. Mr sich.) Jetzt soll er den Kelch bis zur Neige leeren, jetzt kann ihm kein Malheur mehr überraschen — (Gibtihm den Brief). Dachs (öffnet nnd liest). Von meinem Onkel! — Alter Junge, das geht so länger nicht. Mein Oberförster ist neulich gestorben und seit der Zeit spazieren mir die Wilddiebe nnd Hirsche auf der Nase herum. Ich will wieder Ordnung auf meinem Gute haben — Du hast Dich zwar jetzt auf's Gericht verbissen, aber das paßt mir nicht. — Ich brauche einen tüchtigen Oberförster nnd da bist Du der Mann dazu. Also, entweder Du wirfst die Feder bei Seite und kommst sogleich — oder ich enterbe Dich! (Triumphirend.) Hurrah! Pfuscher. Werfen wir die Feder bei Seite! Dachs (hüpft vor Freude im Zimmer). Oberförster? Wir schießen Hirschen, Rehe, Hasen und Fasanen. — Pfus cher (ebenso). Lungenbratl, Lämmernes und Erdäpfelsalat. — Dachs. Sind freie Männer — Pfuscher. Deutsche Schützen — Dachs. Sie werden lebenslänglicher Treiber. Pfuscher Vivat hoch !! Schluß - Duett. Dachs. Ich geh' jetzt fort als Jägersmann, Schieß' Hirsche, Gemse, Auerhahn. Pfuscher. Ich stelle mich als Treiber ein, Ich treib' das Wild in d'Küchel h'nein. Dachs. Und wenn auch manchmal, wie sich's schickt Die Jagd uns nicht besonders glückt — P fus ch er. Wenn wir ein Bock gar schießeten, dann sag'n wir Beide. Man munkelt, daß dies g'schehen sei Tief drunten in der wilden Walachei. Gn d e Ein Stündchen auf dem Comptoir. Posse in einem Ae t. Mach Gi gm NNh Haber bearbeitet von O. F. Berg. Alle Rechte Vorbehalten. Men, 1877. Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Das Aufführungsrecht ist nur durch die Agentie von H. Michaelson in Berlin zu erlangen. Personen. Blaumeier, Kaufmann. Lieschen, seine Tochter. Kreisle, Commis j Schwips, Agent ! bei Blaumeier. Dworzak, Hausknecht' Raffelsberger, Gewürzkrämer aus St. Pölten. Ort der Handlung: Wien. Blaumeier's Comptoir. Den Bühnen gegenüber als Mannscript gedruckt Ein Comptoir mit vollständiger Einrichtung, Schreibpulte, Geldschrank, rechts und links Seitenthür; im Prospekt Mittelthür. Erste Scene. Dworzak (eben beim Abstauber: der Pulte beschäftigt). Weil ich, wann ich an Alte siech, Nit sagen kann: Wie schön! Und mit die dummen Bub'n vorn Herrn Net mag spazieren gehn. Weil i mi net vor Schwindler buck Und lieber sag: „fahr' ab." — Drum finden d'Lent, es is schon so (Daß i ka Bildung Hab.) Weil i mi net gern drucken laß, Wann auch die Patti singt, Und weil mir's Zimmerfeuerwerk 's Moderne zu viel stinkt, Weil ich noch nicht beim Ochsen war, Im Circus hier in Wien, Drum finden d'Lent, daß ich halt gar (So ungebildet bin.) Weil ich, wann ich im Prater geh, Halt nie vom Roß disk'rir, Und niemals in der Hauptallee Ueber Schimmeln disputir — Weil ich, wann ich in's Theater kumm, Im Sturm net trapp herein, Sag'n d'Lent: „Wie kann man hentzutag' (So ungebildet sein.) Theater-Nepertoir 323. Ja, da sind die Leut gleich da damit. Wie man a Bißerl Opposition macht, is inan gleich ungebildet. Unlängst sitz ich im Theater, hat Eine vor mir ein Hntel, wo die Federn von a 7 Lämmergeier wegg'standen sein. Natürlich geh ich nicht in's Theater, daß ich mich hinter eine federne spanische Wand setz. Was thu ich? Ich geh her und zieh den Lämmergeier aus'n Hut heraus und leg'n unter die Bank! Sagt sie: Das ist gemein! Ja, es gibt schon solche Leut. Vorgestern wirf ich dein Factor in der Markthalle einen Fisch mit'r höchstens 4 Pfund in's G'sicht, weil er ka Beischl hat lizitiren wollen, sagt er: Das ist ungebildet! — Oder vorgestern! Ich geh' zu den Bücken, wo der.Herr 's Bacht holen laßt das ganze Jahr, ein Mensch mit dem ich so gut war, alle Tag beinah Hab ich ein Salzstangel oder sonst was, eing'stecht, hat der Mensch die Keckheit und will mir 2 fl. Neujahr geben, wo er für alle diese Gefälligkeiten schon mit 10 fl. ausgeschrieben war. Sie infamer Schmutziau, Hab i g'sagt, is das eine Manier? Sagt er, das is ordinär — das schickt sich nicht, ich hätt nix than, als seine Salz- stangeln eing'steckt! 1 * 4 Solche Menschen! ha! Da kommt schon wieder Einer, der mich immer sekirt, unser doppelter Buchhalter! Dem is net ehnder leichter, bevor ich net den Centner am Buckel Hab. Und sagt man zu so ein Tyrannen — Kerl oder so was, heißt's : ist das a grober Hausknecht! Zweite Scene. Dworzak, Kreisle. Kreisle (hängt seinen Hut auf und zieht seinen Kanzleirock an). Tuten Morgen ! Dworzak (für sich). Das sagt erblos, um mich zu giften, damit will er nämlich andeuten, daß der Hausknecht zuerst „Guten Morgen" sagen soll. Sind das heimtückische Leut. Kreisle. Briese da? Dworzak (für sich). Das sein lauter Fragen, um mich zu chikaniren! (Laut.) Wie können jetzt schon Brief da sein, wo Sie doch wissen, daß die normale Verspätung alle Tag 2 Stund ansmacht. Kreisle. Kassiren Sie den Wechsel ein. Dworzak. Ist aber kein Ignorant drauf. Kreisle. Girant sagt man. Sorgen Sie sich nicht, der Wechsel ist gut. Er ist vom Hause Rothschild. Dworzak. Sie, das kann inan nicht wissen, der Mann hat so viel Auslagen! Ich war gestern mit Todesco beisammen ! Kreisle. Sie? Dworzak. Wir Hausknecht unter uns nennen uns blos immer nur nach der Firma. Der Rothschild sein Hausknecht is unter uns geachtet als wie ein historischer Character. Sogar der fnrstliche Promessen-Hausknecht hat bei uns seine Stellung. Wie ich also gestern mit Todesco über die allgemeinen Geldverhältnisse, über die Boden-Credit und Holzverkleinernngsanstalt red, beutelt er den Kopf und sagt: Blaumeier, Blaumeier, ich spiele unter diese Millionärs - Hausknecht eine ksst los^aiissr Rolle — wir erleben was. Kreisle. Lassen Sie Ihre nationalökonomischen Studien künftig bleiben und stauben Sie lieber besser ab. Dworzak (für sich). Ich wett, wann ich jetzt Esel zu ihm sag, is er beleidigt. Kreisle. Diesen Wechsel deponiren Sie in der Eskompte-Bank. Dworzak. Fehlt aber das Recept — Kreisle. Accept wollen Sie sagen. Dworzak. Das is ja Alles eins. Das Accept ist ja eben das Recept, damit Jemand diesem kaufmännischen Patienten noch was leiht. Kreisle (sucht unter Papieren auf feinem Pult). Wo ist denn nur der Conrsbericht. Dworzak. Hier ist der dörfische Todtenzettel. Kreisle. Credit! Dworzak. Ist gar nicht da. -Kreisle. Suchen Sie nur. Dworzak. Richtig ja! Rückgang wegen Unentschiedenheit bezüglich der laufenden Zinsen. Segens jetzt, das sind ich klar. Wo amal die Zinsen zum Lausen ansangen, da kriegt man's nicht mehr. Und was unsere Forderung an die Thiergarten-Direction betrifft — werd ich halt jetzt hinuntergehn, 19 fl. saus — werd i halt z'sammschießen lassen, was no da is — und die Leichname bring ich nachher hieher — Kreisle. Mischen Sie sich da nicht hinein, unsere Forderungen sind angemeldet — — Dworzak. Meldens an, wo nix da is — Kreisle. Wir werden unser Geld schon bekommen — Dworzak. Schon bekommen — ja beim Bücken — heut is Afsenjagd — ich Hab mit ein' g'redt, der gestern das 5 Glück g'habt hat, den anbnndenen Steinadler zn treffen — ich geh abi nnd pack z'sam, was i derwisch — mit alle 3 Krokodill san wir grad qnitt'— Kreisle. Gehen Sie znm Tenfel. Dworzak. Das ist ein äußerst unangenehmer Mensch. (Ab.) Vierte Scene. Kreisle, Lieschen. Kreisle (noch halb in der Thüre links). Komm nur heraus, Lieschen, es ist Niemand hier und wir könnten noch eine Minute plaudern. Lieschen. Wenn's nur der Vater nicht merkt. Kreisle. Nun und wenn er es auch merkt, einmal muß er ja doch Alles erfahren. Lieschen. Ach Moriz — Du weißt ja nicht — Kreisle. Was weiß ich denn nicht? Aber wie ist mir denn? Du scheinst unruhig und verstört zu sein. Ist meinem Lieschen etwas Unangenehmes begegnet? Lieschen (weinerlich). Ach Moriz — Kreisle. Nun was denn? Lieschen. Moriz, ich werde heiraten! Kreisle. Natürlich! Ich werde auch heiraten. Wir werden uns ja Alle Beide heiraten. Lieschen. Ich soll aber einen Andern heiraten! Kreisle. Einen Andern? Lieschen. Eben sagte mir Papa, er hätte für mich eine sehr reiche Partie ausgesucht. Kreisle. Da hast Du ihm doch hoffentlich gestanden, daß wir Beide — Lieschen. Aber Du kennst doch den Vater. Du weißt, daß ich ihn dadurch nur in seinem Vorhaben bestärkt hätte. Kreisle. Mein Gott! Was fangen wir da an? Lieschen. Ich weiß es nicht. Kreisle. Ich werde beim Vater sofort um Deine Hand (Inhalten; er kann sie mir nicht abschlagen. 10 Jahre bin ich in seinem Hanse, im Geschäft Hab' ich mich unentbehrlich gemacht. Er hält viel ans mich; glaube mir, er wird sein einziges Kind nicht unglücklich machen wollen. Lieschen. Das wolltest Du ihm schon oft sagen und hattest nie den Muth dazu. Kreisle. Anch heute werde ich es nicht mündlich mit ihm verhandeln, sondern ich werde es ihm schreiben. Geh' indeß auf Dein Zimmer und warte den Verlauf ab. Lieschen. Ach Moriz, ich fürchte, Deine schriftlichen Unterhandlungen werden erfolglos sein. (Links ab.) Fünfte Scene. Kreisle. Kreisle (setzt sich an seinen Platz). Er wird, er darf es nicht thun. So hart kann ein Vater nicht handeln, der sein Kind liebt. — (Schreibt.) Ich werde deutlich — ungeheuer deutlich schreiben. (Schreibt fort.) Sechste Scene. Voriger, Schwips (sehr ungenirt hereinhupfend.) Schwips. Da wären wir. Ich soll für hier das Auswärtige besorgen. Herr Blaumeier hat mir die vorige Woche 10 Pfund Zucker zu 36, und 9 Pfund Java zu 88 mitgegeben als Probe, ich soll suchen in großen Partien zn machen. — Schrecklich, wenn der Mensch nicht geboren ist für die Uebervortheilung, wenn der innere Mensch, das bessere 6 Selbst uns abhält, die Clagne eines miserablen Javas abzugcben. Kreisle. Grüß Gott, Herr Schwips, gute Geschäfte gemacht? Schwips. Mein ganzer Umsatz beschränkt sich auf's Versetzen im Versatzamt — Kreisle. Haben Sie keinen Zucker angebracht? Schwips. Nein, sehen Sie, ich hab's nicht über's Herz gebracht. Ich kann das nicht, hilflosen Menschen ans so raffinirte Weise einen so nnraffinirten Zucker an den Hals hängen. Kreisle. Aber je mehr Sie absetzen, desto inehr beziehen Sie Provision. Schwips. Glauben Sie? Aber an den Stadtphysikus denken Sie nicht, der schon einmal unfern Feigenkaffee als eine Mischung von preußischer Glanzkohle und bejahrten Stiefelröhren erkannt hat. Kreisle. Dann können Sie auch nicht Geschäfte machen für unser Hans. Schwips. Ich habe jetzt eine großartige Idee. Ich bringe nämlich an der Börse ein Kapital von 50000 Gulden auf. Was soll mich daran hindern? Ich habe keinen Kredit und mein Bruder ist dreimal zu Grunde gegangen. Also in drei Tagen ist das Kapital beisammen. Gut also, die 50000 Gulden haben wir. Kreisle. Halten Sie fest. Schwips. Nun kaufe ich für das ganze Geld Schwefelhölzer, immer eine Schachtel für'n Groschen. — Habe ich für 50000 Gulden Schwefelhölzer, bon! — Nun setze ich mich ruhig in mein Zimmer, nehme ein scharfes Federmesser und schneide jedes Schwefelholz der Länge nach in zwei Theile, so daß an jedem Theil zugleich ein Ende Phosphor bleibt. Nun habe ich aus jedem Schwefelholz zwei gemacht, folglich ans 1000 immer 2000, folglich habe ich statt 50000, für 100000, folglich habe ich mein Geld verdoppelt, ohne Auslagen — also immer das ganze Anlagekapital wird verdient. Kreisle. Wie sind Sie glücklich in ihrem Leichtsinn? Schwips. Und wie sind Sie langweilig mit Ihrem «schwermuth. Kreisle. Gewiß haben Sie noch nie geliebt. Schwips. Ich wurde mehr, ich selbst wurde gleichfalls — wenn sich nicht ein unerbittliches Etwas schon so oft zwischen meine Liebe gestellt hätte. Kreisle. Das werden wohl auch die Eltern gewesen sein. Schwips. Nein, Freund, die Spesen, eine Liebe ohne Spesen kommt nicht vor. Kreisle. Unter uns — Sie haben doch mehr Routine als ich — ich möchte heiraten. Schwips. Ich habe aber die Routine nur im ledig bleiben. Kreisle. Ich liebe Lieschen. Schwips. Sie ist ein Engel. Kreisle. Sie wissen also, welches Lieschen ich meine? Schwips. Nein, aber ich weiß, daß jede Geliebte regelmäßig ein Engel ist. — Kreisle. Es ist Blaumeiers Tochter — aber er hat sie bereits einem Andern versprochen. Schwips. Wenn ich nur wüßte, was ich Ihnen da rathen soll. Der alte Knicker läßt nichts aus — wenn er sie wenigstens auf Raten geben möchte — Kreisle. Himmel da ist er. (Beide schnell an ihre Pulte.) Siebente Scene. Vorige. Bla um ei er (mit Briefen von rechts.) Kreisle, Schwips. Morgen. Blaumeier (spricht). Herrn Schwips, Wohlgeboren hier. Mit Gegenwärtigem erlaube ich mir Ihnen anznzeigen, daß Sie ein noch nicht dagewcsener Lump sind. Mit Achtung Blaumcier. Schwips. Herrn Blanmeier, Hochwohlgeboren hier, im angenehmen Besitz Ihres Werthen von heute, beehre ich mich Sie zu benachrichtigen, daß ich Ihren Anforderungen in diesem Fache nicht zu genügen im Stande bin. Mit Achtung, Schwips. Blaumeier. Mir scheint, Sie erlauben sich, mich heute abermals, wie schon so oft zu foppen. Schwips. Wer kann es wagen, die Richtigkeit dieser Rolle zu bestreiten? B laum e ic r (in seine Papiere blickend). Moses Schaibles in Nikolsbnrg hat seine Zahlungen eingestellt und hat Alles angeführt. Schwips. Nur mit dem Unterschied, daß dieser Moses wahrscheinlich Christen angeführt hat! Kreisle. War aber doch immer ein so ordentlicher Mann? Blaumeier. Ordentlicher Mann, so ein charakterloser Lump, der mit 75 Procent ausgleichen will? Schwips. Mit 75o/o? Erlaube Sie mir, das finde ich doch sehr honett. Blaumeier. Wenn Einer 's letzte Geld zum Schuldenzahlen hergibt, das is nachher bei Ihnen ein Geschäftsmann? Mit was will er denn daun wieder anfangen? Dahier Pirzel L Compagnie in Leutomischl, das sind reelle Leut, Wissens, was die hergeben nach ihrer Zahlungseinstellung? 15°/o in 3jährigen Raten. Die Leut machen a Geschäft, was ich heut verliere, lassen Sie mich auf's Jahr dreifach verdienen. Schreiben Sie ein, Kreisle, der Scheibeles wird einklagt, die Pirzel haben unbeschränkten Credit! Kreisle. Aber ich dächte doch — Blaumeier. Wer was Anders denkt, als ich, ist ein Schafskopf. Schwips (zu Kreisle am Sessel oben). Ich glaube die Stimmung ist jetzt eine günstige. Kreisle. Jetzt, wo er mich soeben einen Schafskops — Schwips. Ihre eigene Schuld, -warum denken Sie anders als der Herr Blanmeier? — Blaumeier. Was ist denn das für eine Wischplerei? Kreisle. Ich wollte — — Blaumeier. Nun wird's- Schwips (mit Verbeugung). Herr Blaumeier, Ihre merkantilen Beobachtungen auf dem Gebiete der eingemachten Südfrüchte, Ihre totale Unwissenheit in allen Fächern, der transatlantischen Handelsverbindungen — Blaumeie r. Keine Complimente — Schwips (abermals mit Compliment). Sowie das Unbedeutende Ihres intellektuellen Wissens überhaupt — Blaumeie r. Glauben Sie ja nicht, daß mich Lobhudeleien bestechen. Schwips. Alles das zusammengenommen hat meinen Freund veranlaßt, diese Vertranensadresse aufzusetzen und ich gebe mir die Ehre (nimmt Kreisle den Brief weg). Ihnen dieselbe hiemit zu überreichen, jetzt reden Sie! Kreisle. Äa wohl. Und ich, ich habe die Ehre mich zu empfehlen. (Ab durch die Mitte.) Achte Scene. Blaumeie r. Schwips. Blaumeier. Sehr ordentlicher Mensch, was er nur wollen muß von mir? Schwips. Das steht in dem Briefe. Blaumeier. Eine Medaille haben Sie wohl für Ihre Witze nicht bekommen ? Schwips. Ich bin noch zu jung — (Entreißt ihm den Brief.) Nein, nein — 8 es ist doch noch zu früh, Sie sollens heute noch nicht erfahren. Blaumeier. Was ist deun das, Sie nehmen mir ja mein' Brief weg! Schwips. Soll ich es erleben, daß Ihre Haare hier auf der Stelle weiß wie Schnee werden. Soll ich es erleben, daß Sie hier von der Stell weg zum Fortmüller um eine weiße Perrücke schicken müssen? Blanmeier. Sie kriegen eine Ohrfeige , wann's mir mein Brief nicht geben — (hat ihm den Brief entrissen.) Foppen Sie wen Andern, Sie Kerl, Sie! Verstanden — (erbricht den Brief.) Schwips (halb vor sich hin). Wozu denn in die Ferne schweifen — Blaumeier. Nicht möglich. Schwips (stellt ihm einen Sessel hin). Gefällig, entkräftet zusammen zu sinken? Blaumeier. Nein, ich fühl mich noch stark genug. Schwips (stellt den Sessel wieder weg). Auch gut! Blaumeier. Es handelt sich nun um das Eine, ob auch meine Tochter diese Leidenschaft theilt. Schwips. Ja wohl, mein Herr, sie theilt. Blaumeier (will in den Stuhl sinken und fällt auf die Erde). Sie theilt? Entsetzlich ! Schwips. Sehen Sie, das sind die Folgen, weil Sie nicht gleich das erste Mal zerschmettert gewesen sind! Blaumeier. Sagen Sie Ihrem Freund, da draus wird Nichts. Der Sohn vom Raffelsberger kriegt meine Tochter — Schwips. Aber, Herr Blaumeier, wer weiß was das für Menschen sind — Blaumeier. Ich kenne Sie mir schriftlich, aber sie nehmen jährlich 1000 Zentner Kochzucker und das ist genug für mich. Der Alte kommt heute hier an. Schwips. Wird wohl auch eine Probe mitbringen von seinem Sohn Blanmeier. Ist gar nicht nöthig! — Ist kein Schwips! Verstanden? — Kein Lungerer, kein Tagdieb, sondern ein Mensch, der schon mit 18 Jahre in Essig und Oel zu Hause war. Schwips. In Essig und Oel. Also muß Ihre Tochter ans diese Art einen Salat heiraten. Blanmeier. Nein, keinen Salat, aber einen tüchtigen Geschäftsmann, ein solides Hans, einen ausgezeichneten Kunden, das sagen Sie Herrn Kreisle. — Gott befohlen. (Im Abgehen.) Ist zwar ein ordentlicher Mensch der Kreisle, ein ganz ein brauchbarer, aber 1000 Ztr. Kochzncker, da hört sich jedes Billigkeitsgefühl ans, jede Regung des Ge- müthes. (Rechts ob.) Neunte Scene. Schwips (allein.) Schwips. In's Behördliche übersetzt, lautet diese Antwort: Ihrem Gesuche kann keine Folge gegeben werden. An den Verstand Blaumeiers würde man vergeblich appelliren, — diese höhere Instanz ist nicht vorhanden. Also was anfangen? Es ist schauderhaft, wenn man sich in so schwierigen Lagen nicht zu helfen weiß — der grobe Hausknecht. Zehnte Scene. Dworzak. Schwips. Dworzak. Sie stengeu da. ganz desparat, so gewiß abgewirthschaft — wahrscheinlich abbrennt mit einer Pum- perei — ? Schwips. O nein, mein Lieber, es handelt sich hier nicht um ein Commn- nal-Anlehen — 6 Dworzak. Also saus vielleicht mit Schampf und Schinde — Schwips. Mit was? Dworza k. Mit Schimpf und Schande entlassen? — Schwips. Nein, man hat mich auch nicht in Anerkennung meiner vieljährigen trenen Dienste in den Nnhestand versetzt. Dworzak. Es kommt wahrscheinlich ein Anderer statt Ihnen. (Für sich.) Was ich mir Müh gib den Menschen zu beleidigen — er merkt nix, diese Sorte ist, seitdem sie Völker befreien, das Einstecken so gewöhnt, daß sie Alles einstecken. Schwips. Es bleibt mir nichts übrig als meinen Schmerz im Geschäfte zn vergraben. Dworzak. Es ist ohnedem die höchste Zeit, daß Sie amak was arbeiten, Sie san rein nur für's Faullenzen zahlt. Wie so Leut nobel anzogen sein und der arbeitsame Mensch muß den Schneider hinanswerfen, wann er um sein Geld kommt. Schwips. Sehen Sie, wie Sie vorschnell urtheileu. Unsereins wird hingegen vom Schneider schon hinans- geworfen, wenn man nur etwas bestellen will. Dworzak. Schreiben Sie mir jetzt die Frachtbriefe. Schwips (ab). Eilfte Scene. Dworza k. Dworzak (ladet die Packete zusammen und schnürt sie mittelst Riemen). Um den Schein zu retten, trage ich diese Packete immer bis zum Eck, da nimm ich mir aber ein Dienstmann auf — diese Leut sind da zum Arbeiten, sie sind durch das Taserl verpflichtet, man kann ihn abstrafen lassen, wenn so ein Kerl seine Verpflichtung nicht erfüllt — und der Dienstmann soll sich dann mit'n Postbeamten herumstreiten, denn ich streit nicht mit Beamte. Erstens bin ich zu gebildet dazu — zweitens thnt mich schon die Achtung abhalten — drittens, weiß ich, was da für Strafen drauf san — und viertens Hab ich schon so oft gestritten, daß mich gar nicht mehr hinein lassen. (Ab.) Zwölfte Scene. Kreisle (gleich darauf) Lieschen. Kreisle (mit einer Visitkarte). Herr Raffelsberger von St. Pölten, ein alter Geschäftsfreund von uns, ist an- gekommen und läßt sagen, daß er bald seine Aufwartung machen wird. Mir ist so ängstlich zu Muthe. (In die Thüre links rufend). Lieschen, komm heraus, es ist Niemand hier! Lieschen. Nun, Moriz, hast Du geschrieben? Kreisle. Ja, aber mich hat seit dem Moment eine Bangigkeit überfallen, als wenn ich das Schlimmste zu befürchten hätt. Lieschen. Ich weiß nicht, wie es kommt, aber ich bin weit ruhiger geworden. Gib Acht, es wird noch Alles gut werden. Kreisle. Wenn Dein Vater nicht einwilligt, ich wüßte nicht, was ich dann thäte! Lieschen. Still, es kommt Jemand! Dreizehnte Scene. Vorige. Schwips. Schwips. Aber blos ein Jemand, der im Grunde genommen, eigentlich ein Niemand ist. Kinder liebt Euch in meiner Gegenwart. Kreisle. Ich trau mich nicht recht vor den Herrn hin — geben Sie ihin 10 diese Karte, der Mann wird gleich da sein. Schwips. Sie weiß das bereits, oder sollte sich Ihre Unwissenheit anch ans diesen Gegenstand erstrecken? Kreisle. Was — was — Schwips. Daß dieser St. Pöltner eben derjenige Paris ist, welcher Ihre schöne Helena auf eine sogenannte Kehl- heiiner entführen will. Kreisle. Nicht möglich! Lieschen. Es wäre also? — Helfen Sie uns! Kreisle. Rathen Sie — Retten Sie uns! Schwips. Ich bin gerührt. Aber aufrichtig gesagt, die Situation ist eine derartige, ich fühle mich außer Stande Ihre Aufträge ansznführen, ich danke mit Charakter ab. Kreisle. Also keine Rettung -- Schwips. Doch vielleicht. Nicht beleidigt sein, Freund, Pardon, Fräulein, aber aufrichtig gestanden, ich glaube, der Hausknecht ist der gescheiteste Mensch unter uns. Er ist am längsten im Haus — er wird vielleicht eher Rath wissen, als wir selbst (geht zur Thür und ruft). He! Dworzak! Vierzehnte Scene. Vorige. Dworzak. Dworzak (für sich). Drei Menschen, denen ich gerne was anthun möcht, stehen hier beisammen. Schwips. Wissen Sie, lieber Freund, man sagt der Dumme hat's Glück — Dworzak. Die Leut erzählen, Sie hätten am 2. Jänner den Haupttreffer- gemacht. Schwips. Unbegründet, aber Sie, glaub ich, haben 200 fl. gewonnen. Nicht wahr? Dworzak. Das ist ein malitiöser Kerl; dem muß ich was anthun. Schwips. Also hören Sie — Herr Kreisle liebt Lieschen und Lieschen liebt ihn wieder. Dworzak. Also hat's ihn schon einmal geliebt? Schwips. Wie so? Dworzak. Na, wenn Sie selber sagen, Sie liebt ihn wieder. Schwips (für sich). Der Mensch ist dumm, weit über die gesetzliche Sperrstunde. (Lallt.) Nun ist aber ein gewisser Raffelsberger da, dem der Vater das Mädchen an den Hals werfen will. Das soll hintertrieben werden. Diese Beiden hier sollen sich bekommen — nicht der Raffelsberger das Mädel — der Mann hier soll sie haben — verstanden? — Dworzak (für sich). Da sieht man erst, für was für ein Rindvieh mich der eigentlich halten thut. Schwips. Diese Zwei hier, nicht der Andere — eaxiseo! Und jetzt rede Mensch, wenn Du ein Mittel weißt! Dworzak (schlau). O, sehr ein prächtiges Mittel. Kreisle und Lieschen (zugleich). Nicht möglich! D worzak (für sich). Wann sich der Alte dann recht gift hat und die Fopperei stellt sich heraus, nachher sag ich ihm, die jungen Leut haben mich ang'stift, dann jaukt er's Alle gus'n Haus. Schwips. O reden Sie! Dw orzak. (auf's Publikum deutend). Vor so viele Leut? (Läßt das Liebespaar eiuhäugeu. Schwips folgt hinter ihnen nach). Draußen (Alle ab durch die Mitte.) Fünfzehnte Scene. Blaumeie r. Blaumeier (von rechts). Ist mir eigentlich doch unangenehm — ja wann er eher sein Maul ausg'macht hält und sich ans Madel fest ang'halten hält, kommt mir vor der Mensch wie der Conrierzug in Cöln, das lest man auch alle Augenblick — hat den Anschluß versäumt — der Raffelsberger hat jetzt mein Wort, das ist ein Mann der in türkischen Zwetschken Melk und St. Pölten beherrscht — auch seine Bockshörndel sind gar nicht schlecht — einen solchen Mann kann man nicht vor den Kopf stoßen. Sechzehnte Scene. Vorige. Dworzak. Dworzak. Im Laden is wer, der wer zu sein scheint. Blaumeier. Esel! Dworzak. Ich glaub' auch, daß er Einer ist. Blaumeier. Nicht er —ich meine ihn — Dworzak. Ich Habs auch gar nicht ans mich bezogen. Blaumeier. O Rhinoceros! Dworzak. Jetzt, gar so vorschnell sollten Sie über einen Menschen doch nicht aburtheilen. Blaumeier. Ich werde mich mit dem Kerl nicht erst ärgern. Wie heißt der Herr? Dworzak. Raffelsberger, hat a so a Schnagerlg'schäft wie wir — is net viel dahinter. Blaumeier. Ich werde doch noch die Geduld verlieren mit ihm. Dworzak. Ja, wann Sie wollen, geb ich Ihnen auch führn „schwarzen Hund" aus, oder fürs „Kameel" wann Sie durchaus ein großes G'schäft sein wollen. Blaumeie r. Schweig' er — Warum ist er nicht sogleich hereingeführt zu mir worden. Dworzak (schweigt.) Blaumeier. Na, krieg ich bald eine Antwort? Dworzak. Zuerst sagens, man soll schweigen, dann soll man Ihnen a lange G'schicht erzählen. Gengens, Sie wissen selber nicht, was wollen ! Blanmeie r. Mir scheint, ich werd von mein ganzen Personal g'foppt — Dworzak (für sich). Der braucht laug, bis er das merkt. Blaumeie r. Warum ist meiu Freuud noch nicht da? Dworzak. Er hat die Ehre tör- risch zu sein. Wann bei dem seine Ohr- wascheln a Kanon abgefeuert wird, glaubt er, es hat wer genießt. Blanmeier. Das macht nix — ich werd schreien. Dworzak (reibt sich die Hände. Für sich). A diabolischer Augenblick, der Alte wird springen vor Zorn wie a Gummibatten, wenn's sich in 5 Minuten herausstellt, daß er aufg'sessen is. (Ab durch die Mitte.) Siebzehnte Scene. Blaumeier allein. Blaumeie r. Ein törrischer Schwiegervater, das ist eine schöne Bescheerung — hätt ich ihm eigentlich immer viel lauter schreiben müssen. Jetzt is der törrisch, Hab ihm immer so still geschrieben. (Ab rechts.) Achtzehnte Scene. Raffelsberger, (St. Pöltner Figur). Dworzak, dann Blaumeier. Dworzak (schreit ihn fürchterlich an). Kommens nur herein! Raffelsb. Bin i derschrocken! Warum schreiend denn a so? Dworzak. A richtig, Sie wissen nicht, daß unser Herr törrisch is. Bei uns schreit Alles, anstatt an die Thür 12 z'klopfen, wird immer 's Nachtkastel umg'worfen — erhält sich schon operiren lassen, aber ein Tunnel durch diese Ohren kostet zu viel. Raffe lsb. Da Hab aber ich gar nix g'wußt, im Gegentheil — vor 14 Tagen schreibt er mir, ich höre, daß Sie Zigori brauchen. Dw o rz ak (für sich). O, das iS a dummer Kerl, aber die Rache ist doppelt süß, wenn sie systematisch — stadtbau- ämtlich aufgeführt wurde. Der Augenblick, wo der Commis davon gejagt wird, mir fehlt nichts als die Belze- MUtter. (Ab durch die Mitte) Raffelsb. Also törrisch und doch so ein alter Leutanschmierer — da sieht man, was die Stadtherren für ein Volk sind. Bla u meie r (von rechts, schreit). Mein Freund Raffelsberger! Raffelsb. (schreit). Guten Morgen, Herr Blaumeier (umarmen sich.) Blaumeier (schreit). Es ist mir angenehm, daß wir uns endlich mündlich und eigenhändig kennen lernen. (Für sich.) Eine Bärenbrnst braucht man für den Kerl. Raffelsb. (hat sich verblüfft über das Schreien Blaumeier's mit dem kleinen Finger im Ohr gekitzelt, schreit). Auch ich habe vor Begierde gebrannt — Sie endlich einmal zu sehen. Bl au meier (prallt zurück, für sich). Ich möcht nur wissen, zu was er so schreit. (Laut.) Wollen Sie nicht Platz nehmen? Raffelsb. Nach Ihnen. (Setzen sich.) Blaumeier. Wir haben Vieles zu sprechen, was geheim bleiben muß. Raffelsb. Versteht sich — da Werdens schon g'heim bleiben die Sachen, wann er so schreit, als wann er abgestochen wurd. Blau Meier (ruft durch die Mitte). Dworzak! DWorzak (erscheint ander Thür, schreit). Sie befehlen? Bla um ei er (für sich). Der glaubt, er redt mit'n Raffclsberger. (Laut.) Flaschen Wein! Dworzak (für sich). Ein Götteranblick, wie zwei so Hanskncchttyrannen vor lauter Schreien zwei Lungenentzündungen kriegen (schreit.) Gleich! (Ab.) (Selbstverständlich behalten Beide das überlaute Sprechen bei.) Blaumeier. Um also von unserer Sache zu sprechen -- Raffelsb. (für sich). Daß aber alle Törrischen so schreien — die glauben immer, die andern 2eut hören auch nicht. Blau meier. Ihr Sohu will also meine Tochter? (Für sich.) Wann ich was auf der Zunge Hab, brauch ich mich gar nicht zu geniren — er hört's ja nicht! Ihr Sohn also (halblaut für sich.) wird wohl auch so ein knieweiter St. Pöltner Pagadl sein. Raffelsb. (Für sich). Ah, da bitt ich, der glaubt, das hör' ich net. Bl au meier (schreit). Aber ich Hab Ihnen einmal mein Wort gegeben, Sie sind eine gute Kundschaft. (Halblaut.) Ich schmier Ihnen mit mein Pofel an (schreit.) Drum sollen's meine Tochter haben. Raffelsb. (für sich). Ah, das is net bitter! (schrei,.) So, glauben Sie also, mein Sohn wird Ihre Tochter nicht eher sehen wollen. Meine Familie hört nur auf mich und sonst gar nichts. Blau meier (für sich). Also seins Alle törrisch? Raffelsb. Ueberhaupt muß ich Ihnen sagen. (Halb laut.) Ich mag Dir's nicht in's Gesicht sagen, alter Spitzbube — Blanmeier (für sich). O, Du tör- rischer Hallunk, Du! Raffelsb. (schreit). Wir werden uns die Sache noch überlegen. Ihre letzten eingemachten Gurken waren nichts als Schimpel. Blaumeier. Wie war denn nachher Ihr Kremser Sens? Ein angemachter Vogelleim! 13 Rafselsb. Ihre letzten Limonie waren verfault, rein zum Wegschütten. Sie können ein' g'stohlen werden. Jetzt genir ich mich gar nicht mehr und sags Ihnen laut in's G'sicht, Sie sind ein Leutansetzer. Blaumeier. Sie sind ein Schwindler von St. Pölten. Dworzak (mit der Flasche Wein, schreit). Hier ist der Wein! Wollend vielleicht was zum Eintunken? Raffelsb. Noch so a Schreier, die Leut müssen hier lauter gußeiserne Luftröhren haben. Neunzehnte Scene. Vorige. Schwips, gleich darauf Kreisle und Lieschen. Schwips (schreit). Aber meine Herren, Sie schreien ja, daß die Leut auf der Gassen zusammen laufen — Kreisle. Was ist denn vorgefallen? Liesche n. Lieber Vater, was haben Sie denn. Rafselsb. (hält sich das Ohr zu). Noch a Paar — meine Herren — ich Hab die Ehre mich zu empfehlen, sonst kumm ich taub nach St. Pölten. Dworzak. Halt! Bleiben Sie! Der Augenblick der Enthüllung ist da! Vernehmen Sie, Herr Blaumeier, dieser Herr dahier ist gar nicht törrisch. Blaumeier. Nicht? Und schreit doch a so ? Dworzak (zu Raffelsb.) Er hat glaubt, daß Sie nix hören — das war eben der elende Plan — (auf Kreisle deutend) dieses Menschen. Blaumeier und Rafselsb. (breiten sich die Arme aus.) Bla um ei er. In meine Arme. Raffelsb. In meine auch. Blaumeier. Denn durch dieses Mißverständniß habe ich die wahre Gesinnung des St. Pöltner erst kennen gelernt. Raffelsb. Und ich die seinige. Von mir aus thun Sie mit Ihrer Tochter, was Sie wollen — unsere Firmen werden gegenseitig gelöscht. (Ab durch die Mitte.) Dworzak (steht sprachlos mit verschränkten Armen seitwärts, wüthend auf Kreisle schielend.) Blaumeier. Liesel! Du wirst nicht nach St. Pölten osferirt! Schwips. Nein, Sie bleiben im Lande und nähren sich gemeinde — redlich. (Lxtompore. Die Liebenden umarmen sich — Blanmeier vereinigt dann ihre Hände.) Dworzak (tritt wüthend in den Vordergrund, und singt): Was mir so diabolisch schien, Dem Todfeind hat's genützt, Ich bin mit meinem Rache-Act Großartig abgeblitzt. Wenn mit dem Hausknecht Dworzak nun Auch zürnt das Publikum, Ich kann nit für mein Temperament, Wann ich in d'Hitzen kumm, Der Hausknecht war halt dumm. Gnde In der Jänner 1876 neu begründeten WaNishansser'schen §mmlNg Kutscher Dtzmwcckk sind bisher erschienen: 1. Das Trauerspiel-es Kindes. Schauspiel in 2 Acten von Sigmund Schlesinger . . . sl. 1.20 2. Eine Jugendsünde. Schwank in 3 Acten von Julius Findessen .fl. 1.20 3. Tibcrins. Tragödie in 5 Acten von Julius Grosse . . fl. 1.50 4. Der Scclenretter. Lustspiel in 1 Act von Hedwig Dohm. fl. —.90 5. Das Heist' Eisen, ein Nürnberger Fastnachtsspiel von Hans Sachs. Für die neuere Bühne eingerichtet von'Nu d. G e n e e . fl. —.50 6. Corssi Nlfeldt, der Neichshofmeister von Dänemark. Trauerspiel in 5 A. und einem Vorspiel von Martin Greif. 2. Ausl. . . fl. 1.80 7. Dschingiskhan. Lustspiel in 1 Act von Karl Gutzkow. . fl. —.60 8. Die Philosophie des Unbewußten. Lustspiel in 1 Act von Oscar Blumenthal . . fl. —.90 9. Reine Hände. Lustspiel in 4 Acten von M. O er i b au er . fl. 1.20 10. Der Tamboden. Dramatische Kleinigkeit in 1 Act von Moriz Epstein. fl. —.70 11. Rose und Distel. Schauspiel in 1 Aufzuge . . . . fl. —.80 12. Spartakus. Trauerspiel in 5 Aufzügen von Franz Koppel-Ett- feld .fl. 1.50 13. Durch Champagner. Lustspiel in 1 Act von Betty Aoung. sl. —.60 14. Angebetete Elisabeth. Lustspiel in 1 Akt von Carl Saar fl. —.70 15. Brüllvogel. Schwank in 1 Akt von Paul Perron . . fl. —.60 16. Paul de Kock. Lustspiel in 1 Akt von Carl Weiß . fl. —.60 17. Der Herr Collega. Schauspiel in 4 Akten von M. Frank fl. 1.20 18. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Schwank in 1 Akt von Paul Perron . . fl. —.60 Der Beginn unseres Theater-Verlages fällt in die Zeit der Gründung des Wiener Burgtheaters und bildet mit unserem Theater-Sortimente und mit unserem Theater- Antiquariate das größte und vollständigste in dem auch selten gewordene und im Handel gar nicht vorkommende Piecen zu finden sind. Von dem bekannten „Wiener Theater-Repertoir" sind soeben Heft 300 bis Heft 319 ausgegeben worden (die neuesten Producte von Berg, Bittner, Dorn, Eirich, Grandjean, Kaiser, LÄrronge, Morländer, Rosen, u. A. enthaltend). Bon Grandjean's „Gute Unterhaltung" ist Bändchen 4, von „Weyl's gesammelten Vorträgen" sind Heft 11— 13 neuerdings erschienen. Wien, Mai 1876. Wallishauster'sche Auchhan-luug, (Josef Klemm). Verlag der Wallishailsser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Wien, Hoher Markt Nr. 1. Gesammelte Heitere Dorträge von Josef Wetz l. 13 Hefte, jedes im Preise von 30 kr. Oest. Währ. — 60 Pfennige. Inhalts-Ueberjlcht: 1. Heft. An die Künstler. Tragisch oder Komisch. (Bortrag für eine Dame.) Ein altes Götzenbild. Was a Bauer ned olles sein möcht. Frei nach Darwin. Abgekühlte Heißsporne. Der Pfarrherr vom Kahlenberge. Pscheschitschek. Dialektscherz. Eine Ballphrase. (Vortrag für eine Dame.) Die Speckvertheilung. (Zur Beamten - Anf- bessernngsfrage.) Schnadahüpfeln Nr. 1—6. 2. Heft. Amor's Lexikon. Dialektscherz. Nante's Christgedanken. (Berliner Dialekt.) Der Müller und sein Kind. Pimpelmeier's Träume. Sam. Schnorrer's Lebens- und Börseregeln. Gottschalk Schlemmer. (Eine schauderhafte Murithat.) Es hat 'rer, es giebt 'rer, aber man findt 'rer halt nicht. (Vortrag für einen Herrn.) Nach der Speckvertheilung. (Fabel für kleine Beamte.) Der erste Katzenjammer. Der Zopfabschneider. (Eine grausliche Ballade in Chignonversen.) Diurnisten-A-B-C. Schreiben des Herrn Jstvrui Färkris (Stuhlrichter aus Groß-Betsovits, an seinen Sohn Lajos, Hörer der Technik in Wien. (Prosa in Ungar. Jargon.) Gerechte Entrüstung. (Oesterreichisch.) 3. Heft. Enorma oder der Druiden-Barbier. Opernkonfusion in 1 Akt. Die Entstehung der ersten Ballet-Tänzerin. Baterfreuden eines Berliners. (Berliner Dialekt.) Plausch des Publikums über die Oper „Margarethe" v. Gounod. (Dialektscherz in Prosa.) Was hat die Welt ruinirt. Ein fünfstockhoher Hausherr von Neu-Wien. Meinungsverschiedenheit. (Oesterreichisch.) Der Fuchtige. (Oesterreichisch.) Z'weg'n dem Schnee. (Oesterreichisch.) Der Schah in Schah. Stoßseufzer eines Arithmetikers. 4. Heft. Jeremias Pechhuber. (Solo-Scene für 1 Herrn.) Christbescheernng. Der hilflose Sepp. Bor der Kassa-Eröffnung (Dialektscherz in Prosa). Der Invalide nach der Leichenfeier. Raubritter. Was Alles in der WeltansstellungS-Rotnndc zu finden war. Am EiS. (Melodie: Wie ich bin verwichen —) Biblische Geschichten. I — III. Das Kabel. Das Husten. (Vortrag für 1 Herrn.) Schnadahüpfeln Nr. 7—12. 5. Heft. Die goldene Hochzeit. (Festscene für 2 Personen.) Festgruß zur Feier der silbernen Hochzeit geliebter Eltern. Zur goldenen Hochzeit. Prolog zur Eröffnung einer Krippe. Zum Bau eines Kinderhospitals. Znm Tage Allerseelen. Graue Haare. (Trilogie.) Die Schöpfung des Weibes. „ „ „ (Parodie.) Jtzig erzählt Schillers „Wilhelm Teil." (In jüdischem Jargon.) Monolog des schönen Fiaker-Poldls. (Wienerisch.) Der Wienfluß an die Väter der Stadt. Banerntrost. (Oesterreichisch.) 6. Heft. Sommer, Herbst und Winter in der Residenz. Humoreske. (Vortrag, theils in Prosa.) Ich und mein Humor. (Vortrag des Fräulein Gallmeyer.) Die Schöpfung der Musikinstrumente. Der Beamten Weihnachtsbaum. Der bestrafte Philosoph. D'Nos'l in der Stadt. (Oesterreichisch. Für eine Dame.) Snbrosa und in gereimter Prosa. (Vortrag für eine Dame.) Der Verbannte. Die Helden des Hühnerhofes. (Fabel.) 7. Heft. Unter vier Augen. (Komische Scene siir zwei Herren.) Der Raupe mütterliche Lehren. (Zeitgemäße Fabel.) Eine haarsträubende Ballade. (Für zweistimmigen Männerchor mit Begleitung einer verstimmten Harfe. Ballregeln, wie solche Herr Fekete Läjos, Stnhl- richter von KiS-Becskcrek, seinem Sohne Jmre zu ertheilen pflegt, wenn derselbe in Wien sich belustigen will. (In Ungar. Jargon.) Lori. (Bürgerliche Parodie.) Eine alte Rheinsage. (Ballade.) Narren-Quadrille. Warum'S in Pfarrer ka Katzenmusik g'mocht hob'n. Eine musikalische Glosse. Der Flügel eines Engels. Philisterglttck. 8. Heft. Zwei Patti-Enthnsiasten. (Scene für 2 Herren.) Privatmeinung des Färkäs JstvLn, Stnhl- richterszuMäros-Väsarhely,über die Schwaben und ihre jetzigen Zustände. (In Ungar. Jargon.) Ein entrüsteter Tiroler an die Oesterreicher. (Dialekt.) Der alten Jungfrau Klage. (Vortrag für iDame.) Der Ritter von Tackenburg. Ballade von Schillerleben. (In jüdischem Jargon.) Der Pechvogel. Häd, Bürsch'l, geh' du nicht auf Bors'. (In Ungar. Jargon.) Der Eissportsmen. (Vortrag für 1 Herrn in Prosa.) Am Sylvesterabend. (Gesprochen von Carl Treumann.) In der Sylvesternacht. Das Märchen von einer Mutter. (Frei nach Andersen.) Trost im Aller. 9. Heft. Schulzen's Lieschen will Schauspielerin werden. (Vortrag für eine Dame.) Der Albrechtsbrunnen in Wien. (Dialekt.) Philiströse Lieder von Joh. Mehlwurm. Was dich nicht brennt, das blase nicht. (Dialekt.) Eine Hundesitzung. Weltweisheit. Die Theatermutter. (Vortrag für 1 Dame.) Biedermaier's Ansicht über Malerei. Sylvestergruß. Lebensregeln, wie solche Färkäs Jstvän, Stuhlrichter zu Märos-Väsarhely, seinem Sohne Lajos zu ertheilen Pflegt. (In Ungar. Jargon.) Glaube, hoffe, liebe! Ständchen. (Musik von Schubert.) Ab' Diese Sammlung Der ungläubige Thomas. (In Musik gesetzt von Küsmaier.) Zeitgemäßer Traum. 10. Heft. Die Afrikanerin. (Solo-Scene für 1 Herrn.) Volkesstimme — Gottesstimme. Der Detektiv. Die Civilehe in Ungarn. (In Ungar. Jargon, Prosa.) Das Wunderkind. (In jüdischem Jargon.) Eine biblische Reminiscenz. (Dialekt.) Baron Sprudelwitzen'S Ansicht über Friedrich Schiller. (In Berliner Dialekt.) Ich wünsch' glückselig'« neues Jahr. Treue. Der französische Schneider. Da Pechvog'l. (Niederösterreichisch.) 11. Heft. Antigone, oder das grauenhafte Verhängniß einer altgriechischen Königsfamilie in Folge genealogischer Verwutzelung. Aus Pnrzbichler's poetischem Tagebuche. Mylord und der Teufel. Bescheidene Ansicht des Herrn Fekete Lajos. Stuhlrichters in Maros-Väsärhely, über den Prozeß Offenheim (Prosa in Ungar. Jargon). In der Menagerie zu Schönbrunn. Isaak Silberschein. (In jüdischem Jargon.) Zeitgemäße Bemerkungen eines Ungarn über Prof. Karl Vogt, resp. „Darwinsche Lehre". Zur Schnbertfeier. Wunschbüchlein für verschiedene Neujahrs- Gratulanten. 12. Heft. Der Dampfmüller und sein Kind. Zeitgemäß zur Operette adaptirtes Volksdrama mit bedrohlichem Anfang und befriedigendem Ende. Frei nach Naupach. Die Tanne. Weihnachtslegende. Eine kleine Busse. Kindereien. Richard Wagnerischer Stil. Sonderbare Wirkung des Weines. Spanische Romanze mit Wiener Originaltext. Sokrates. Eine Candidaten-Rede. Recept zu einer Zukunftsmusik. Diverse Drachen. 13. Heft. Nero. Bürgerliches Familiendrama in 2 Akten. Unterthänigster Vortrag des Stuhlrichters Jstvän Farkas aus Märos-Väsarhely über Alterthumskunde. (Prosa in Ungar. Jargon.) Noch eine Candidaten-Rede. (Prosa.) Flotte Bursche. wird fortgesetzt. Druck von I. B. Wcillishcinsser in Wien. Mönch und Soldat. Lharnkterln'sd mit Gesang in drei Akten von Alle Rechte Vorbehalten. Wien, 1877. Verlag der Wallishaulfer'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Zum ersten Male aufgeführt im k. k. priv. Carl-Theater in der Lropotdstadt NM 6. Mtobcr 1849. P ersonen. Graf von Falken stein, konnnandirender General. Busch, Rittmeister. Dorn, Hauptmann. Hauer, Wachtmeister eines Kürassier. Regiments. E g i d i u s. Wehrhold, Förster. Nani, seine Tochter. D onner, Kürassier. Simon Frohberger, ein reicher Pächter. Leonore, seine Frau. Wilhelm, ihr Sohn. Hieronymus, ihr Neffe. Pater Augustin, Prior des Klosters Maria-Trost. Cölestin, l Maurus, ! Mönche. Seraph in, ! Mönche. Offiziere, Soldaten, Landleute. Die Handlung spielt in Steiermark an der Grenze. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt Erker Akt (Pachthof des Simon Frohberger, seitwärts das stattliche Wohnhaus, auf der entgegengesetzten Seite die Wirtschaftsgebäude, im Hintergründe ein lebendiger Zaun, über welchen man die Aussicht ans reiche Kornfelder hat. — Vor dem Hause eine Laube und mehrere Blumenbeete, ganz im Hintergründe sieht man auf einer Bergeshöhe ein Klostergebände mit zwei gleich hohen weißen Thürmen.) Erste Srene. Hauer. Wilhel in. Die Knechte F r o h b e r g e r s. Wilhelm und Hauer fliehen mit Hiebern bewaffnet, fechtend einander gegen- über.) Die Knechte fstehen gruppenweise beisammen und sehen den Fechtenden zu.) Wilhelm fführt einen n temxo-Hieb nach Hauers. Ha, ha, ha! gut getroffen. Hauer faussetzend und sich die getroffene Seite reibends. Hol' mich der Teufel! wär' Eure Klinge geschliffen gewesen, der Hieb wäre durch die Rippen gegangen freicht Wilhelm die Hand.s Bursche! Ihr könnt Euren Hieb führen — Wilhelm. Wozu hätt' ich denn sonst während meiner Studien täglich den Fechtboden besucht! fSich die Stirn trocknend.) Aber Ihr habt mir verdammt warm gemacht! Hauer. Hab' auch schon Manchen kalt gemacht! Wilhelm. Ich denk', nach der Komotion könnte ein Krug Wein nicht schaden. Hauer. Darauf sagt Unsereins nie: Nein! Theater-Repertoir 324. ! Wilhelm fzu einem Knechtes. Geh', Hans! bring' uns ein paar Krüge heraus! Und Ihr Andern geht wieder an Eure Arbeit, Ihr wißt, der Vater kann vor dem Feierabend das müßige Herumstehen nicht leiden. sDie Knechte ent. fernen sich, einer der Ersteren kommt bald darauf wieder mit den Krügen.) Wilhelm fzu Hauers. So, Herr Wachtmeister! jetzt setzt Euch da zu mir her unter die Laube, und laßt uns eines plaudern! fFaßt Hauers Hand, und führt ihn zu einem Tische unter einem Hollunder- strauche, wo sich Beide setzen.) Hauer. Ihr seid ein prächtiger Junge, 's thnt ordentlich wohl, wenn man auf so einem Neste einquartiert ist, und findet doch einen Menschen, mit dem man dann und wann ein vernünftiges Wort sprechen kann! Also, Ihr habt das Hauen ans der Universität gelernt? Wilhelm. Freilich! Hauer. Was habt Ihr denn dort Alles studirt? Wilhelm. Ich Hab'die Philosophie absolvirt — Hauer. Sagt mir einmal, was ist denn das eigentlich Philosophie? Ich 1 * 4 hör' immer davon reden, und weiß doch noch nicht, woran ich bin. Wilhel m. Nun Philosophie — das ist die Weltweisheit — Hauer. Hahaha! Weltweisheit! Also Ihr seid jetzt schon ein Weltweiser! hahaha! — Wie alt seid Ihr denn? Wilhel m. Biernndzwanzig Jahre — Hauer. Und da wißt Ihr schon Alles ans der Welt? Kann mir's nicht denken ! Wilhelm. Je nun, wißt, das ist nur eine Vorschule — die eigentliche Schule der Weltweisheit ist wohl erst die Welt selbst. — Hauer. Aha, ich verstehe, das ist ebenso, als wenn ich einen Rekruten hernehme, und ihn zu Fuß das Reiten lehren wollte, wenn ich ihm sagte, so hältst Du die Zügel, so steigst Du auf, so sitzest Du — und so führst Du das Roß — jetzt glaubte der Kerl wohl, er kann, schon reiten — na und den — hahaha! den möcht' ich dann sehen, wenn er wirklich aufsitzen müßte, wie der drunten läge, trotz aller eingewer- kelten Reitkunst! Wilhelm. Ihr habt da ein vortreffliches Gleichniß gewählt — Hauer. Könnt Ihr reiten? Wilhelm. Ich nehm's mit Jedem auf, schon als Bube Hab' ich mich oft auf den wildesten Pferden herumge- tnmmelt, und jetzt in der Stadt Hab' ich's erst vollkommen schulgerecht von einem alten Rittmeister gelernt. Hauer strinkt seinen Krug aus, und sieht dann kopfschüttelnd vor sich Hirns Hm! hm! Wilhel m. Was brummt Ihr denn? Hauer, 's ist schade — 's ist recht schade! Wilhelm. Was ist schade? Hauer. Steht einmal auf! Wilhelm ssteht aufs. Was wollt Ihr denn ? Hauer sebenfalls aufstehend, und ihn mit den Blicken musternd). Ein hübscher I Bursche — über das Maß sseine Brust befühlend.j gut gewölbte starke Brust — kann reiten, ssich die Seite reibend) stcht wie ein junger Teufel — und — oh, 's ist jammerschade! Wilhelm. Was denn? H au er. Daß Ihr mir so ein Muttersöhnchen zu sein scheint! Wi lh e lm. Was sagt Ihr? Hauer. Ja, ja, ich seh's ja täglich, wie Euch Eure Mutter, die Frau Pächterin hier, fast mit den Augen verschlingt, und aus Euch Acht hat, wie auf ein Wickelkind. Wilhe l m. Nu, nu, nehmt das dem guten alten Mütterchen nicht übel, ich bin ihr einziger Sohn, sie sieht mich jährlich nur während der Ferienzeit, und da will sie nun all die Liebe, die sie mir das ganze Jahr hindurch nicht beweisen kann, in die paar Mouate zu- sammendrängeu ! Gott erhalte mir meine lieben Eltern ! Stoßt an, Wachtmeister! sHäll ihm den Krug hin.) Hauer sstoßt cm). Nun ja, sie sollen leben — aber — es ist doch nicht gut so - Wilhelm. Ich versteh' nicht, was Ihr meint! Hauer. Donnerwetter! In dieser Zeit, wo Alles ringsum gährt und kocht, da sollten Burschen, wie Ihr seid, nicht krummbucklich in einer Schnlstube sitzen, und wer den Säbel so führen kann, wie Ihr, der soll seine Kraft nicht bloß mit stumpfer Klinge auf dem Fechtboden üben, sondern der soll das Spiel auch zum Ernst machen, und sich kräftig dem Feinde gegenüberstelleu — ich gäbe ein Drittel meiner Löhnung d'rum, wenn ich Euch in meinem Zuge hätte. Wilhelm sfeurigj. Also glaubt Ihr, ich taugte zu einem tüchtigen Reitersmau n ? Hauer. Wie geboren seid Ihr dazu, und Ihr seht mir auch gar nicht darnach aus, als ob Ihr eine Furcht könntet. Wilhelm. Furcht? Bei Gott! Das Gefühl kenn' ich nicht — und, wenn Ihr's wissen wollt, ich meines Theiles, ich kenne keine größere Seligkeit, als die, mich dem Kriegsdienste zu widmen! Hauer. Wirklich? wirklich? — Warum thut Ihr's denn nicht? Wilhelm. Na seht — nun haben mich meine Eltern einmal stndiren lassen, haben eine hübsche Summe d'ran gewendet — und das wäre nun all umsonst. Hauer. Wetter nochmal! als ob man beim Militär keine gescheidten Leute brauchen könnte! G'rade dadurch hättet Ihr noch was voraus. Wenn Ihr Euch brav haltet, was gilts, in einem Jahr hättet Ihr's port ck'opos — ha! das war doch ganz was anders, wenn Ihr im glänzenden Küraß, den Helm auf dem Kopfe, und den blanken Säbel in der Hand, ans einem kräftigen Pferde dahergerasselt kommt, als daß Ihr Euch so zu einem Tintenklexer heranbildet, zu einem Federfuchser. Wilhelm. Geht — geht — Ihr macht mich unglücklich durch Eure Reden. — Ja — meine Sehnsucht war's von Kindheit auf — vor fünf Jahren schon äußerte ich den Wunsch, doch der Vater schüttelte schweigend den Kops, und die Mutter bekreuzte sich und sagte, ich solle solche Gedanken anfgeben, denn ich wäre zu etwas Höherem bestimmt. — Was sie damit meinte, weiß ich selbst noch nicht. Hauer. Nein, da sollte doch das Millionbomben - Donnerwetter d'rein schlagen! Zu etwas Höherem?! Was denn Höheres? — Hört mich einmal an! Ich war noch gemeiner Kürassier, als ich zum erstenmale mit unserem Regiment in's Gefecht kam — es war nahe bei einer Stadt, die von einem feindlichen Ueberfall bedroht wurde — wir standen im ersten Treffen, und als so das Geschütz zu krachen anfing, da ward's mir wohl ein wenig sonderlich zu Muthe — aber inan gewöhnt's am Ende auch. — Die Feinde hielten sich aber, bei meiner Ehre, brav, ja, sie brachten sogar einen Flügel von uns zum Weichen — da sprengte ans einmal ein Adjutant zu unserm Obersten, und bringt ihm den Befehl, dem Feinde in die Flanke zu fallen — der Oberst sprengt vor die Fronte, und schreit uns nur zu: „Kinder! es geht schief, wenn wir nicht den Ausschlag geben! mir nach!" — Die Trompete schmetterte, wir Alle setzten unfern Pferden die Sporen in die Seite, und hinbrausten wir, als wehte der Sturm eine Wetterwolke daher. D'rauf und d'ran ging's, eingehant wurde, daß die Feindesschädel wie Funken davon flogen! Der Feind nahm Reißaus und — Viktoria! unser war der Sieg! Die Trompete rief uns wieder zur Standarte zurück, da bemerkte ich erst, daß mir das Blut hell- roth aus dein Aermel floß — 's machte aber nichts — ein kleiner Verband, und es war vorbei. Noch demselben Abend rückten wir unter klingenden: Spiele in die Stadt ein, und als da all' die Herren Räthe und Honoratiores uns entgegen kamen, als von allen Fenstern uns die Tücher grüßend entgegenwehten — Donnerwetter! Da hob sich jeder Gemeine stolzer im Sattel und fühlte, daß es nichts Höheres gebe, als den, der freudig das Höchste, sein Leben! einsetzt für Kaiser und Vaterland! Wilhelm sder gespannt und mit sichtbarer Begeisterung zugehört, fällt ihm um den Halss. Nein! Es gibt nichts Höheres! sLegt ungestüm Hauers Hand an seine Brust.j Da — da — fühlt, wie es klopft und schlägt — ja — Ihr habt mich bestimmt — ich bin ein Mann, und Männer braucht jetzt das Vaterland; ich gebe Euch mein Wort, noch heute rede ich mit meinen Eltern — sie müssen meinen Wunsch erfüllen. 6 Hauer sentzückts. Wollt Ihr? wollt Ihr? Jetzt kommt her und umarmt mich, und da — da habt Ihr den Bruderkuß, und uuu Du und Du, und Bruder im Leben und Tod! Wilhelm. Bruder im Leben und Tod! sstoßt an mit seinem Krnge.s Hauer sebenso anstoßendst Blut und Leben für das Vaterland! Wilhelm. Blut und Leben! Hoch der Kaiser! Zweite Scene. Vorige. Leonore. Simon Froh- b er g er. Leonore. Wilhelm! Wilhelm ssich von Hauer trennend, aber fortwährend aufgeregtst Ah, liebe Eltern — Gott zum Gruß — gut, daß Ihr kommt. Si'mon. Ihr Diener, Herr Wachtmeister! sGeht zu Haner.s Hauer sreicht ihm die Handst Grüß Gott, Herr Pachter! Ich gratulire Euch, Ihr habt einen wackern Sohn — Simon. Hab', Gott sei Dank, keine Ursache, das Gegentheil zu behaupten! Leonore (zu Wilhelm leises. Aber Wilhelm, was war denn das wieder? Wilhelm. Was, liebe Mutter? Leonore. Daß Du den Soldaten umarmst und küssest. Wilhelm. Einen Bruderkuß Hab' ich dem braven Mann gegeben, Mutter! und sein Bruder will ich auch sein und bleiben. Leonore. Na ja, Brüder und Schwestern sind wir Alle ans der Welt — aber gar so vertraulich brauchst Du doch nicht zu sein mit Leuten, die einen ganz andern Beruf haben, als den, für den D u bestimmt bist. Wilhelm. Bestimmt? für einen Beruf bestimmt? Mutter, der Beruf ist ein Etwas, das uns bestimmt, sonst wär's kein Beruf. — Noch Hab' ich keinen Stand — aber die Wahl desselben ist nun abgeschlossen! Vater! Mutter! — Ich will — Soldat werden. Leonore svor Schrecken fast zurück- tanmelnds. Sol — Sol — Soldat? Simo tt sfast frendigs. Soldat? — Wilhelm! sGeht rasch zu ihm, und drückt ihm die Handst Du siehst, ich behaupte nickt das Gegentheil. — sLeise.s Wenn wir's durchsetzen, meiner Seel' — ich würde selber wieder jung. Leonore ssich mühsam erholends. Soldat? — Wilhelm? Und Du — Mann — Du hörst das — und redest gar nichts d'rein? Simon, ich bitt' Dich um Gotteswillen, bist Du denn nicht sein Vater? Simon. Ich behaupte g'rad nicht das Gegentheil, aber deßwegen — Leonore. Wilhelm, welcher böse Geist hat Dir den Gedanken eingegeben? Hauer. Ich Hab' ihm den Gedanken eingegeben! Leonore sanfgebrachts. Herr Wachtmeister! — Sie haben meinen Sohn verführt. Hauer. Verführt? Da soll dock- gleich ein ganzes Bataillon Teufeln d'reinfahren! Leonore ssich bekceuzigendst Herr Gott im Himmel! Das Fluchen — verzeih' ihm die Sünd! — Und unter solchen Menschen soll mein Sohn — H a n e r. Ei was, wenn Unsereinem manchmal so ein Kernfluch aus dem Munde fahrt, so denken wir eben so wenig dabei, als manch And'rer, der immer heilige Reden ans der Zunge und Gift im Herzen hat! Wilhelm. Mutter, beruhigt Euch. — Ihr wollt mich doch gewiß glücklich machen, und gibt's denn ein anderes Glück, als in dem Stande, den man sich freiwillig gewählt? — Gebt mir Euren Segen, und laßt mich ziehen, wohin mein Herz mich drängt. Leone re. Nein, nein! So wahr ich selig werden will, es kann, — es darf nicht sein! Simon — Dn weißt warum — Du weißt — ich kann nicht, und wenn ich auch selber wollte. Simo n. Ich kann nicht das Ge- gentheil behaupten. Hauer (leise zu Wilhelms. Jetzt zeig', daß Du ein Mann bist, dessen Entschluß nicht durch Weiberthränen weggeschmolzen wird. Wilhelm. Mutter! Ihr wollt mir Eure Zustimmung nicht geben? Und wie? Wenn ich nun den Muth habe, auch ohne diese Zustimmung nur dem Rufe der heiligen Pflicht zu folgen? Leonore (in höchster Angsts. Das wirst Du nicht — Wilhelm! Um Gotteswillen! Das wirst Du nicht! — In einer halben Stunde längstens kommen bei uns alle Verwandte zusammen, und der Pater Augustin, der Prior vom Kloster Maria-Trost, wird unser unwürdiges Haus auch beehren — da sollst Du Alles — Alles erfahren, aber bis dahin — thu' nichts nach Deinem eig'nen Witten. Wilhelm. Bis dahin?— Ihr setzt mich in Erstaunen. Leonore. Es wird Dir Alles klar werden — aber versprich mir's (hält ihm die Hand hin.s Wi lhelM (ihr die Hand reichends. Nun denn, bis dahin will ich wohl zu- warten, ich gelob' es Euch. Leonore. Na, so ist's gut, ich gehe indeß hinein und will Gott bitten, daß er Dich erleuchte und Dein Herz erweiche. (Im Abgehen bei Hauer stehen bleibend.s Auch für Sie, Herr Wachtmeister, will ich Gott bitten, daß er Ihnen Ihre Sünden verzeiht. (Ab in's Haus.s Hauer. Bemühen Sie sich nicht, meine Sache werd' ich schon selber mit dem lieben Herrgott abmachen! Wilhelm. Aber Vater! Ihr seid doch einverstanden mit meinem Entschluß ? Simon. Ich kann nicht daS Gegen- theil behaupten. Wilhel m. So sagt mir, was ist'S denn, was mir heute noch eröffnet werden soll? Simon (verdrießlich). Wirst es noch früh genug erfahren! Meiner Seel', Willi! Dn weißt's gewiß, daß ich Dich unsinnig gern Hab' — aber — ich kann nichts dafür — ich Hab' oft Stunden, wo ich wünsche, Du wärest gar nie auf die Welt gekommen. Wilhelm. Vater! Simo n. Du bist nicht d'ran Schuld, aber — Dein Leben ist eine verpanschte Geschichte — na — Du wirst Alles hören. — Ich gehe dem Pater Augustin entgegen, ich will vernünftig mit ihm reden, er ist noch meine letzte Hoffnung — richt' ich mit dem nichts aus, und Deine Mutter bleibt bei ihrem Entschluß — dann — Gott ist mein Zeuge, dann kann ich nicht das Gegentheil behaupten. (Geht ab.) Wilhelm. Der Pater Augustin — und alle Verwandte — was soll da kommen? Hauer! ich bitte Dich — was sagst Du? Hauer. Ich — ich sage gar nichts mehr. Wilhelm. Du wirst doch mir zur Seite bleiben? Hauer. Das laß ich bleiben — ich will mit Weibern und Schwarzröcken nichts zu thun haben. — Auf Dich allein verlaß' ich mich — jetzt zeig', was Du bist! Ich sag' Dir nur das — in einer Stunde wart' ich auf Dich vor der Schenke am Ausgange des Dorfes — kommst Du da allein zu mir, so hast Du gesiegt, und ich führ' Dich hinauf zu unserm Eskadrons- Kommandanten, Du wirst assentirt und hast an mir einen treuen Bruder und Kriegskameraden — kommst Du aber nicht — dann seh' ich, daß Ihr kein Mann, sondern ein weiches Wachs- püppchen seid, das sich in jeder fremden 8 Hand kneten und modeln läßt, dann Hab' ich an Euch nichts verloren, und dann soll Euch der Teufel holen! B'hüt' Dich Gott! W.) Wilhelm. Ich komme — ich komme gewiß. — Was da Verwandte und Prior! Ich will mir kein Schicksal auf- zwingen lassen — ich selber will mir's schaffen und erringen, und mit dem Eisen in der Hand! — Oh, wenn ich die Klinge so betrachte, und denk' an nns're frohen Burschen - Chöre: „O Schwert an meiner Linken, Was soll dein freudig' Blinken?" wie das beseelt! Nun — 's wird eine stürmische Stunde kosten — aber mich sollen sie nicht erweichen. — Und noch heute Abends soll das Schwert mir antworten: „Mich trägt ein wack'rer Reiter, D'rum blick' ich gar so heiter, Bin ihm ja angetrant Äls seine Eisenkraut!" jAb in's Haus.j Dritte Scene. Hieronymus stritt auf.j Lied. 1 . Die Grundsatz' für's Leben, ich sammle sie nur, Indem ich genau mir betracht' die Natur; Da bin ich letzthin durch den Wald erst gegangen, Da hat sich ein schrecklicher Sturm d'rin verfangen; Ein Eichbaum hat keck sich entgegen ihm g'stellt; Krax! hat ihn der Sturmwind danieder geschnellt. Da denk' ich: — Oho! Daneb'n steht 'ne Weide gar schmächtig und dünn, Die duckt sich vor'm Sturm bis auf d'Erden fast hin, Das freut' den Herrn Sturm, denn er rührt sie nicht an, Und hat keinem Aestchen von ihr was gethan; Da denk' ich: So — so! Und zieh' d'raus die Lehr', um zu b'steh'n in dem Druck Des Lebeus ist's uöthig, daß mau sich hübsch duck! duck! — duck! Daß man sich hübsch duck! 2 . Ich geh' über d'Wiesen, dort am grünen Rasen, Da sitzen ganz friedlich beisamm' ein Paar Hasen, Gleich d'raus kommt ein Jäger — in der Hand sein Gewehr, Der eine Has sieht'n wie er eilt so daher — Und macht gleich ein Männchen und setzt sich g'rad auf — Pum! pelzt ihm der Jäger die Kugel hinauf. Da denk' ich: — Oho! Der and're Has aber hat g'horcht auf'n Tritt, Und kauert sich z'sammeu, damit ihm nichts g'schieht, D'rum geht auch die Kugel bei ihm ganz daneben Und das g'scheite Häschen kann heute noch leben. Da denk ich: So — so! Und zieh' d'raus die Lehr: um zu b'steh'n in dem Druck Des Lebens ist's nöthig, das man sich hübsch duck! duck! — duck! Das mau sich hübsch duck! 9 Ja, das Unpraktische der meisten Menschen hat offenbar seinen Grund nur darin, daß sie die Andeutungen der Natur, entweder gar nicht oder nur halb auffasseu — sie glauben z. B. die Natur- Habe ihnen einen geraden Körper gegeben, damit sieden Himmelanschauen können — das wäre nur dann eine vernünftige Hypothese, wenn man davon satt würde, wenn einem die Soun' in den Magen scheint! nachdem aber die Natur Erdäpfel und Korn auf der Erde wachsen läßt, so weist sie nns darauf hin, daß sie deßhalb unfern Rücken nicht aus Eine m Stück gearbeitet, sondern aus vielen Gelenken geschaffen hat, um uns die Lebensregel gleichsam mit auf die Welt zu geben, daß man nur durch fortwährendes Krümmen des Rückens zu einer nahrhaften Subsistenz gelangen kann, ob man nun die Frucht unmittelbar in der Urgestalt auf dem Felde, oder mittelbar in Form einer Anstellung im Bureau eines Hochgestellten pflücken will, — das bleibt sich gleich. Wie verkehrt fassen die Menschen — um ein anderes Beispiel aufzuführen, die Natur eines Krebses auf — überall heißt es, daß der Krebs rückwärts geht — es ist nicht wahr! — Wer kriecht, kommt immer vorwärts, vom Solokrebsen an, bis zu den höchsten Anti- chambre-Reptilien. Der Krebs geht auch vorwärts — aber nur höchst kluger Weise mit der rückwärtigen Seite voran, damit er den Kopf nirgends austößt. Er ist einer der feinsten Diplomaten, die auch nie den Kopf dahin wenden, wohin sie zu gelangen wünschen. Wenn er an seinem Ziele ist, so wird er schon den Kopf auf den rechten Fleck zu wenden wissen. Statt ihn also als das Bild eines Reaktionärs zu verachten, sollten wir lieber von ihm lernen, vorwärts zn kommen, indem wir rückwärts zu gehen scheinen. — Das muß heute die Losung des Tages sein! — Welch verkehrte Naturanschauung spricht sich ferner in dem Sprichwort aus: „Mor genstund hat Gold im Mund" — denn die tägliche Erfahrung zeigt, daß g'rade alle die Leute, die gezwungen sind, schon in der Morgenstunde aufzustehen, ihren Lohn höchstens in Kupfergeld erhalten, während manche Aud're, die ganz bequem bis um halb eilf Uhr im Bette liegen bleiben können, mit Gold bezahlt werden! Ich weiß überhaupt gar nicht, wie die Morgenstunde zu dem guten Renommö gekommen ist — sie ist nichts als ein Windbeutel, der im erborgten Glanz auftritt, eine Menge verspricht, und dann doch nichts bringt, als einen schwülen Tag voll Arbeit und Schweißtropfen! — Was für einen ungeheuren Irrthnm begehen endlich die Menschen, wenn sie ihre Dankbarkeit gegen verdienstvolle Männer dadurch an den Tag zu legen glauben, daß sie ihnen Monumente setzen. — So ein Monument ist ja gerade ein stehender Beweis von der Undankbarkeit der Menschheit, denn wenn sie für das Verdienst wirklich dankbar wäre, so brauchte sie nicht erst Monumente, um ihre großen Männer nicht zu vergessen. So ein Monument kommt Einem vor, wie ein Knopf, den sich die Geschichte in's Schnupftuch macht, um sich zu erinnern: „Ah! Der und Der war auch einmal ans der Welt!" — Wer wirklich groß ist, braucht kein Monument, wenn das Gold seiner Schöpfungen im Herzen der Menschen unvergänglich ist, wozu hernach die Bronce auf irgend einem Marktplatze? Wenn's z. B. in Wien keinen Josephsplatz und keine Reiterstatne darauf gäbe, darauf würde doch noch in tausend Jahren kein Oesterreicher vergessen, daß ein Joseph für sein Volk gelebt hat. Vierte Scene. Hieronymus. Egidius. Egidius sin einem lang herabreichenden grauen Rocke, kurzen schwarzen Beinkleidern 10 und gleichfarbigen Strümpfen, einen Hut mit breiten Krempen auf dem Kopfe, tritt auf). Ach, sieh' da! mein Hieronymus! gut, daß ich Dich treffe, was machst Du? Hieronymus. Ich — hm! — ich Hab g'rad Betrachtungen angestellt über die Dummheiten und Jrrthümer der Menschen. Egidius. Wenn es keine dummen Menschen gäbe, wovon sollten denn die Klugen leben? Hierony m n s. Aber, Herr Egidius ! Sie haben mir immer gesagt, Sie geben sich alle Müh', um mich zu einem klugen Menschen heranzubilden, da sollte ich doch auch mein Deputat von dummen Menschen haben, von denen ich leben könnte. Egidius. Ehe Du noch unterscheiden konntest, wer klug, wer unklug, habe ich für Dich gesorgt. Hieronymns. Sie? Egidius. Mußtest Du denn nicht stets erkennen, daß ich seit Deiner Kinheit mit beinahe väterlicher Zärtlichkeit Dir zugethan bin? Hieronymus. Das ist wahr — so oft ich in meiner Jugend einen Schelmstreich gethan habe, und die Hand meines Vaters schon die Zuchtrnthe ergriffen hatte, um gegen seinen Sohn hinter dem Rücken zu handeln, sind Sie ihm in den Arm gefallen, und haben meine Jugend vor den Streichen, die ich für Jugendstreiche erhalten sollte, bewahrt; so oft mein Vater mich zn einem Handwerker in die Lehre geben wollte, waren Sie es, der ihn von diesem grausamen Entschlüsse abbrachte, und so bin ich durch Ihre Liebe glücklich nichts geworden — gar nichts! — O Dank! mein väterlicher Freund! Heißen Dank! — Ihnen verdank' ich Alles, was ich bin! Egidius. Und was Du wirst! Hieronymus. Also werd' ich was? — Die Leut sagen immer ich werd' ein Vagabund. — Egidius. Ich nur halte die Fäden in der Hand, ans welchen Deine Zukunft gesponnen wird. Hieronymus. Sie werden doch nicht ein heimlicher Seiler sein? Dann dank' ich für d i e Zukunft, deren Fäden Sie in Händen halten. fMit einer Handbewegung am Halse.) Egidius. Scherze heute nicht — der heutige Tag soll mein jahrelanges Wirken krönen. Heute sollst Dn erfahren, für wen ich gelte, und was mich mit solcher Liebe zn Dir zieht! Hieronym n s. Für was Sie gelten, das weiß ich ja ohnehin, Sie waren Vorleser bei der alten Gutsbesitzerin, und beziehen dafür noch immer Ihre Pension. Egidius. So glaubt man allgemein, doch diese Anstellung war nur eine Maske, hinter welcher sich die fromme Wohlthätigkeit der seligen Gutsbesitzerin verbarg. Sie hielt mich für das Mitglied eines Ordens, welcher in Frankreich vor 30 Jahren aufgelöst wurde. Hieronymns ferstaunt). Was — Sie — ein ansgelöstes Mitglied — also hat sie Sie für einen salva venia Jesuiten gehalten? Egidius fsich vorsichtig umsehend). Stille' — Stille! — Die es nicht wissen, dürfen es auch nicht erfahren! In Wahrheit war ich ein Mensch, den fortwährend das Unglück verfolgte, von der Universität relegirt, bot sich mir keine Anstellung, ich war gezwungen, eine abenteuerliche Wanderung anzutreten — ich kam hieher und gab mich für einen armen Gelehrten aus, ich lernte Deine Mutter kennen, welche damals Stubenmädchen auf dem Schlosse war, sie gab mir Gelegenheit, mich der Gutsbesitzerin zn nähern, bei welcher ich mich, da ich sie als eine fromme, strenggläubige Frau erkannte, für einen vertriebenen Priester, für einen Märtyrer des Glaubens ausgab, worauf sie mir liebreich ein Asyl in ihrem Schlosse 11 gewährte. Ich verdankte also meine gesicherte Existenz wesentlich Deiner Mntter, und war ihr dankbar dafür. Ich bot meinen ganzen Einfluß bei der Gutsbesitzerin auf, um ihr eine bessere Stellung zu verschaffen, — ich war es auch, der ihre Heirat mit Deinem Vater, dem alten Schloßgärtner, vermittelte. Hieronh m n s. Da haben Sie aber meiner Mntter keinen besonderen Dienst erwiesen, denn so viel ich mich zu erinnern weiß, ist während dieser ganzer! schloßgärtnerischen Ehe keine Frucht üppiger gediehen, als der Zankapfel. Egidius. Sie war doch Frau, und war versorgt, was ihr an weltlichen Freuden fehlte, ersetzte ich durch geistige Belehrung und heilsame Trostsprüche. Hieronymus. Ja, Sie sind beinahe jeden Tag zu uns in's Haus gekommen, es hat auch deßwegen oft Verdruß gegeben. Egidins. Dein alter Vater beging die Lächerlichkeit, eifersüchtig zu sein! — Nun — er wußte nicht, wofür ich bei Deiner Mutter galt. Hieronymus. Na freilich, wenn er das gewußt hätt' — Egidins. Als kurze Zeit nach der Hochzeit Du das Licht der Welt erblicktest, war ich Dein Tauspathe, und schwur's an Deiner Wiege, Dich glücklich zu machen. Hieronymus. Bis jetzt verspür' ich aber noch nicht viel von dem Glücke. — Mein Vater und meine Mutter sind gestorben, ich bin ein armer Waisenknabe und muß von den sehr spärlichen Unterstützungen leben, die mir der Bruder meines Vaters, der reiche Pächter hier, znkommen läßt. Egidins. Jammere nicht ohne Ursache — mag er auch karg gegen Dich gewesen sein, was bisher sein ist, dieser Pachthof — die herrlichen Wirth- schaftsgebände — die ausgedehnten Felder und Weinberge und sein beträchtliches baares Vermögen — Alles, Alles wird Dein Eigenthum! Hieronymus serstaunts. Wa — was? — mein? — Das ist ja nicht möglich, er hat ja einen leiblichen Sohn, den Wilhelm, den er noch dazu so gern hat, wie seinen Augapfel, den er also gewiß nicht an seinem Eigenthnm verkürzen wird. Egidins. Dieser Sohn wird Dir noch heute aus dem Wege geräumt. Hieronymus szurückbebends. Was? — Herr Egidins! Sie — Sie haben doch nicht am Ende meuchlerische Pläne? — Egidins slächelnds. Ein kluger Mann braucht weder Dolch noch Gift, um sich Hindernisse aus dem Wege zu räumen! Genug, noch heute wird Wilhelm dieß Hans verlassen, nnd Du einziehen an seiner Stelle. Hieronymus. Mir ist's, als wenn ich träumte. Egidins. Doch nöthig ist's, daß Du strenge meinen Rath befolgst. — Hieronymus. Rathen Sie, rathen Sie zu — um eine reiche Erbschaft zu machen, befolg' ich Alles! Egidins. Vor Allem schweige über Alles, was ich Dir jetzt gesagt — gelobe mir dieß! sHält ihm die Hand hin.j Hieronymus sgibt ihm die Hand, legt einen Finger an seinen Mnnd, und deutet durch Mimik an, daß er stumm sein wolle.s Egidins. Du weißt ferner, daß die Frau Deines Vetters eine bigotte, etwas abergläubische Frau ist, diese Eigenschaften mußt auch Du, wenigstens ihr gegenüber, annehmen. Hieronymus. Das wird schwer halten. — Egidius. Du wirst es können ! Das ist ja eben ein Vorzug des Menschen vor dem Thiere, daß er in seine Mienen einen andern Ansdruck, als den seines wirklichen Gefühles, legen kann. 12 Hieronymus Sie haben Recht — die Natur soll mir diese Vorzüge nicht umsonst gegeben haben, ich will würdig sein, ein Mensch zu heißen! — Aber noch immer seh' ich nicht ein, wie ich zu der Erbschaft kommen soll. Egib ins. Bist Du nicht auch auf heute von der Pächterin hieher bestellt? Hieronymus. Ja wohl. Egidius. In einer halben Stunde längstens findet der große Augenblick statt. Ich gehe jetzt voran, um meine langjährigen Pläne vollkommen zu sichern. Lebe indeß wohl, mein Sohn — nnd nicht wahr, Deines Wohlthäters wirst Du nie vergessen? Hieronymus. Nie — nie! Als Verfasser meines Glückes sollen Sie auch die Tantiemen davon haben. Egidius. Ich vertraue Deiner Zusage, die Du gewiß halten wirst, wenn Du bedenkst, daß ich eben so gut, als ich den Grundstein zn Deinem Glücke legte, das fertige Gebäude desselben vom Grunde vertilgen könnte, wenn ich meine Liebe an einen Undankbaren verschwendet sähe! (Hat die letzte Rede mit drohend erhobenem Finger und strenger Miene gesprochen, und geht nun ab in das* Wohngebäudes. Hieronymus (znsammenschandernds. Hu! Hu! Was hat der Mann manchmal für einen schauerlichen Grabeston! — Ja freilich, wenn ich bedenk', daß, wie er vorhin gesagt hat, schon vor 30 Jahren seine Auflösung stattgefunden hat, so kann mich der Grabeston nicht wundern. Aber er liebt mich, nnd wenn das mit der Erbschaft seine Richtigkeit hat, so kann er meinetwegen auch in der Uniform der Gespenster vor mir erscheinen! — Also (nachdenkends sein Rath ist, ich soll mich so stellen, wie die Frau meines Vetters ist — das ist übertrieben fromm, mehr dem Jenseits zugewandt als dem Dießseits, die irdischen Freuden verschmähend — ja, das Alles trifft sich leicht, wenn man so alt ist, wie die Frau Vetterin, wo man ohnehin für irdische Freuden kein Talent mehr hat, aber ich, ich strotze noch für dießseits!! — Aber es muß geh'n, nach auswendig wenigstens, nnd in's Inwendige sieht nur Niemand hinein, — denn obwohl ein gewisser Cato den Antrag an die Natur gestellt hat, daß jeder Mensch an der Stirn und an der Brust ein Glasfenster haben sollte, so ist dieser Antrag doch nich für dringlich befunden worden, denn er ist auch lächerlich. Wenn das wirklich der Fall wäre, an wie viele Menschen müßte man dann einen Zettel hängen mit der Aufschrift: „Hier ist ein nnmenblirter Mensch zu vermietheu!" Aber ich muß mir meinen neuen Charakter doch einstudiren, muß Prokuren wie's geht (kreuzt die Hände über die Brust und senkt das Haupts, die Mimik thät's — aber die Sprache, die wird mir nicht so recht mundgerecht werden, — aber der erste Mensch, der mir jetzt begegnet, soll mir zur Probe behilflich sein! Mir scheint, es kommt schon Jemand — nur Positur behalten. (Bleibt in obiger Stellung.) Fünfte Scene. Vorige. N a n i. NaUi (kommt vom Hintergründe her, ein Liedchen trällernd.) Hieron y in u s (für sich). Mir scheint, das ist eine Jemandin — (schielt seitwärts nach ihr hin.) O, mein Gott, die Försters-Tochter, die Nani, — meine heimliche Flamme — und bei der soll ich den Jeuseitlichen spielen? — Nani (sich umsehend). Ist denn Niemand da? — (Bemerkt ihn). Ah! Der Hieronymus! — Was macht denn der für ein Gesicht? (Zn ihm.) Herr Hieronymus ! Ist Ihnen nicht gut? (Geht zu ihm und faßt ihn am Arm.) Herr Hiero- > nymuS! 13 HieronhMUs (sich etwas abwendends. O fliehe, Versncherin — fleuch! -- Nani. Ha, ha, ha! Was haben Sie deuu? Schauen Sie mich doch au — ich bin's! — H ier 0 U y M U s. Du? (Schielt nach ihr, sich vergessend.s )kaui ! (Plötzlich sich be- meisternd, und mit der Hand abwchrend.s Nein, nein, ich mag nicht! N a u i (für sich). Der Mensch ist verrückt (lauts. Warum wollen Sie mir denn nicht in's Gesicht schauen? Bin ich Ihnen denn gar so zuwider? Hieron y m u s. Zuwider? — Nani! Sie! Sie! (Hat sich wieder zu ihr gewendet, faßt sich aber schnell, für sichs. Da soll der Teufel fromm thun — aber es muß geh'n! (Im ernsten Ton.s Nein, mein Kind, zrlwider sind Sie mir nicht. — Sie sind ein Geschöpf der Schöpfung, und ich liebe die Geschöpfe, aber mich beseelt eine höhere Liebe, ein Aufschwung nach Oben. (Sieht aufwärts.s N a N i (tritt ganz nahe zu ihms. Was sehen Sie denn da oben? Hieronymus (leises. O, Gott! Diese Nähe! — Aber — nur Fassung! (Lauts. Sieh' dort oben — siehst Du nicht? (Blickt ihr in's Gesicht, für sichs. D Gott! Diese Augen! Hineinspringen möcht' man (lauts. Also dort oben — N a n i. Aber Sie sehen ja selber nicht zum Himmel! Hieronymus. O ja, ich sehe einen Himmel, der sich in Deinen Augen spiegelt — o wie lieb ist dieser Himmel! O Nani! Nani! (Will sie umarmen.s N a N i (sich schnell abwendends. Was soll denn das? Hieronymus (für sichs. Ich bin zu schwach! (Laut.s Bergib', holde Jungfrau, und verstehe mich nicht miß. — Nani. Mir scheint, bei Ihnen hat es wirklich übergeschnappt, was Sie heut' Alles zusammen plaudern. Hieronymus (im frommen Tones. O wehe Dir, daß Du diese Sprache nicht verstehst — Du bist ein Kind der Erde, und hast noch irdene Gedanken. (Für sich.s Bravo! Jetzt komm' ich d'rein. (Lauts. Ja, Kind! auch ich lebte lange im Taumel der Sinuenwelt — aber die Erkenntniß ist über mich gekommen. N a n i. Na, Zeit wär's wohl. Hieronymus. Aber ich möchte meinen Geist auch Dir einhauchen (faßt wieder ihre Hand.s Ich Möchte Dich weihen zu meiner Sphären - Braut — (zieht sie etwas näher an sich.s Ich Möchte — o mein Gott! Was möchte ich nicht Alles! (Will sie nmarmens. Nani (stößt ihn heftig von sichs. Nein, das ist zu viel, Sie abscheulicher Mensch ! (Geht gegen das Wohngebäude.s Hierouy m u s (für sichs. Ich bin schon wieder zu weltlich — je mehr ich mich auf's Jenseitliche verlege, desto mehr fall' ich in's Dießseitliche — es ist eine wahre Schande (lauts. Wo wollen Sie hin? Nani. Zur Frau Pächterin — ich werd' ihr sagen, wie Sie sich gegen mich benommen haben. Hieronymus (für sichs. Jetzt ist's recht >lauts. Nani! Um's Himmelswillen, Sie haben meine Bestrebungen mißdeutet. — N a n i. Geben Sie sich keine Mühe, mich mit Ihren Heucheleien zu mysti- fiziren. Hieronymus (für sichs. Sie ist mir schon dahinter gekommen. Jetzt ist's Alles eins. (Laut.s Nun denn, so will ich wahr mit Ihnen reden! Dir gegenüber bin ich ganz Faust, Du bist meine Mephistophelessin! — Ja, Himmlische! Ich liebe Dich mit höllischer Glut! — Nani! Du warst erzürnt über den Ausbruch meines Gefühles, aber ist denn der Vesuv nicht auch am schönsten, wenn er sein laug verhaltenes Feuer hinausschlcudert! Ich bin auch Vesuv — bin ganz Lava-Strom. (Geht mit ans gebreiteten Armen auf sie zu.s 14 N a tt i (erschreckt znrückweichend und rufend^. Frau Pachten« ! Wilhelm! Hieronymus (hat sie ereilt, und will sie, trotz ihres Sträubeus, umarmen.) Sechste Scene. Vorige. Wilhelm. Wilhelm seilt in demselben Augein blicke, als Hieronymus Nani umarmen will, aus dem Hause). Was ist das für ein Geschrei! Nani! — Du? — wer untersteht sich — ser eilt hinzu, faßt Hieronymus am Rockkragen, und reißt ihn so stark von Nani weg, daß er ans die andere Seite der Bühne fliegt.) Nani ssiukt erschöpft an Wilhelms Brust.) Hi e r o n y m u s sder sich kaum erholen kann). Was ist mir denn geschehen? Ich Hab' jetzt eine Ahnung, wie dem Belzebub bei seiner himmlischen Hin- auswerfung zu Muthe gewesen sein muß. — Wer war denn der Erzbengel? sBlickt auf die Gruppe). Der Wilhelm? und sie in seinen Armen? Ich werde schwach! N a n i szu Wilhelm). Gott sei Dank, Wilhelm, daß Du gekommen bist. H i erony m u s sfür sich). Sie dutzt ihn, das halt' ich nicht ans. (Sinkt auf den Stuhl in der Laube.) Wilhelm szn Nani). Aber, sag' mir nur, was ist denn geschehen? Nani simmer noch in seinen Armen, fast weinend). Dein, Vetter, der elende Mensch, er hat mich mit Gewalt umarmen wollen. Wilhelm swendet sich gegen Hieronymus.) Hieronymus sfür sich). Jetzt darf ich schauen, daß ich weiter komme. sWill sich fortschleichen.) Wilhelm^ smit barscher Stimme ihn zurückrufend). Halt! Stehen geblieben! Hieronymus sfür sich). Hat mich schon! sBleibt mit dem Gesichte von Wilhelm abgewendet stehen.) Wilhelm szu Nani). Sieh' nur den feigen Duckmäuser. Gegen ein wehrloses Mädchen hat er frechen Uebermuth, einem ehrlichen Manne traut' er sich nicht ins Gesicht ZU sehen! sZu Hieronymus mit gebietender Stimme.) Mir in's Gesicht geschaut, Bursche! Hieronymus sdreht sich zitternd um).' Ich bin so frei! Wilhelm. Ich schäme mich, daß ich so einen Kerl Vetter nennen muß. Hierony m u s. Nennen Sie mich Eonsin, wenn's Ihnen lieber ist. Wilhel m. Solch einen Taugenichts, der nichts ist und nichts thut, als dem lieben Herrgott den Tag abstehlen. Hierony m u s. Das ist nicht wahr, erkundigen Sie sich einmal, ob dem Herrgott ein Tag abgeht. Wilhelm. Und solch ein Bursche untersteht sich, ein braves Mädchen mit seiner Unverschämtheit zu beleidigen! Ich wurde Dich züchtigen, wenn Deine Niederträchtigkeit nicht zu erbarmens- werth wäre, aber solch einem elenden Wicht gibt man höchstens einen Nasenstüber (thut es) und überläßt ihn seiner Verächtlichkeit sweudet sich von ihm ab). Hieron y m n s scmfschreiend und sich die Nase haltend). Ah ! Das war meine Nase, das muß gerochen werden! sGeht wüthend gegen Wilhelm.) Vetter! Ich könnte jetzt - Wilhelm (sich rasch nmwendend, barsch). Was? Hieronymus ssich wieder furchtsam zurückziehend). Ich sage nur, ich könnte, aber wozu soll ich mich strapaziren, da doch bereits das Schicksal seine eiserne Hand erhoben hat, um diesen Nasenstüber mit einer fatalistischen Ohrfeige über's ganze Gesicht zu bezahlen — darum geh' ich jetzt, und sage nichts, als: Zitt're! Zitt're! Wehe! Wehe! sGeht ab, verbirgt sich aber hinter dem Zaune, über welchen er während der folgenden Scene öfter den Kopf lauschend erhebt.) 15 Siebente Scene. N a ii i. Wilhelm. Hieronymus (hinter dem Zaune.) Wilhelm (dem Abgehenden uachsehend). Elender Hasenfuß, der selbst nach der schimpflichsten Beleidigung sich nur in feigen Drohungen Luft machen kann! Nani. Ich bitt' Dich, — gib Dich doch zur Ruh', der Mensch ist ja gar nicht Werth, daß man sich über ihn ärgert, laß uns lieber froh sein, daß wir einen Augenblick mitsammen allein sein können. Mein Vater hat den Iägerburschen herüberschicken wollen, um Dich auf Morgen zur Jagd einzuladeu, aber ich Hab' mir's nicht nehmen lassen, und bin selber gegangen, um Dich um einmal öfter zu sehen! Wilhelm (sie umarmend). Mein gutes, liebes Mädchen! H ierouy m u s (erhebt sich und macht eine drohende Gcberde.) Nani. Mein Gott! Ich seh' Dich ja ohnehin nur alle, Jahr zwei Monate, wenn Du auf Ferien da bist. — Die werden jetzt auch wieder bald vorüber sein, und dann gehst Du wieder auf die Universität. Wilhe l m. Ich hoffe, ich gehe nicht mehr auf die Universität zurück. Nani. Nicht? Nicht? Bist Du schon ein ganzer Gelehrter? Bleibst Du bei uns? O! Wilhelm, Wilhelm! Das Wäre schön! (Fliegt wieder an seinen Hals.) Hi e r o n y m n s (wie oben.) Wilhelm. Nein, liebes Kind! Hier bleib ich dann auch nicht. — Nani. Nicht? Wohin gehst Du denn nachher ? Wilhelm. Es ist mir lieb, daß ich eben jetzt mit Dir allein sprechen kann — komm', setz' Dich daher zu mir (führt sie in die Laube. — Beide setzen sich.) Hieronymus (erhebt sich ganz über den Zaun, drückt durch eine Mimik aus, daß! er nun einen Streich ausführen wolle, und eilt! dann hinter dem Zaune rechts ab). ! Nani. Was hast Du denn? Du kommst mir heute so ernsthaft vor. Wilhelm. Es handelt sich auch um Ernstes! — Sieh, wir kennen uns nun schon seit unserer Kindheit, liebten uns, ohne es zu bekennen. Nani. Ja, bis voriges Jahr, bei der Hochzeit von meiner Schwester. Wilhelm. Da beschlossen wir, daß auch wir einst miteinander an den Altar treten wollten. Nani. Das weiß aber noch kein Mensch, als wir Zwei, und das gefällt mir, es kommt mir so vor, als wenn die Lieb' gar nicht so glücklich machen könnte, wenn noch Jemand Anderer d'rilm weiß — d'rnm soll's auch Niemand erfahren, als bis Du förmlich bei meinem Vater um mich anhalten wirst. Wilhelm. Aber ehe ich dieß thnn kann, muß ich doch einen Stand gewählt haben. Nani. Freilich! — Wird das noch lange dauern? Wilhelm. Wenn ich fortstudiere, dauert das noch fünf Jahre, bis ich nur absolvirt bin. N a n i (au den Fingern abzähleud). Fünf Jahre! Wilhelm. Dann muß ich vielleicht noch fünf Jahre in einem Amte prak- tiziren. Nani (wieder zählend) Fünf und fünf sind zehn — zehn Jahre! Aber Du, die Herren, die über die Vertheilnng von Aemtern, in denen man heiraten kann, zu bestimmen haben, die müssen den Praktikanten eine recht große Beständigkeit in der Liebe Zutrauen? Wilhelm. Wenn ich aber nun einen Stand wählte, der mich vielleicht rascher zum Ziele brächte! Nani. Vernünftiger wär's wohl! Wilhelm. Wir haben jetzt Krieg — wenn ich — Aennchen ! — Wenn ich — Soldat würde? 16 Naui. Wilhelm! Nein, nein, das thu' nicht? Wilhelm. Aennchen! Könntest Dn denn einen feigen Mann lieben? Nani. Nein, das gewiß nicht — ick hält' anch nichts dagegen — aber bedenke doch — die Gefahr — wenn Du mir erschossen würdest? — Was hätt' ich denn dann? Wilhelm. Ist mir ein früher Tod bestimmt, so ereilt er mich im sichern Bette so gut, wie auf dem Schlachtfelde. — Nani. Das ist freilich wahr. Wilhel m. Denke Dir aber dagegen, wenn nun der Krieg beendet, und ich heimkehre mit den Siegern! — Aenn- chen! — Welch' ein Wiedersehen! — Nani. Ja, wenn die Stunde schon da wäre! Wilhelm. Könnte Dein Vater mir daun Deine Hand versagen? Nani. Gewiß nicht! Er war ja selber einmal Soldat. Wilhelm. Nun denn! So laß uns nicht lange überlegen! Den Kühnen ist das Glück hold, und treue Liebe schützt der Himmel auch mitten in der Gefahr. N a n i. Aber wirst Du mir denn auch treu bleiben als Soldat? Wilhelm. Treu bis zum letzten Athemzuge, das schwör' ich Dir beim Allmächtigen! Nani. Nun denn, so wart' auch ich auf Dich, so wahr Gott Dich schützen und segnen soll Mllt ihm um den Hals, innige Umarmung.! Achte Scene. Vorige. Wehrhold. Hieronymus. HieronhMUs skommt auf den Zehen geschlichen voran, und winkt Wehrhold ihm zu folgen, da er nahe bei der Laube ist, beugt er sich etwas vor, um sich von der Anwesenheit der Liebenden zu überzeugen dann leise zu Wehrholdj. Die Täubchen sind richtig noch im Nest, und in der schönsten Situation, die sich nur der Papa eines unschuldigen Töchterleins wünschen kann. Weh rh ohd sim Jagdkleide, eine große Hetzpeitsche in der Hand, ist Hieronymus gefolgt und sieht in die Landes. Meiner Treu', sie ist wirklich bei ihm! Hieronymus. Hab' ich nicht Recht gehabt? Sie haben mir's nicht glauben wollen — jetzt nur d'ran! Die Hetzpeitsche haben sie mit — also! sPanto- mime des Peitschens.s Wehrhold. Nur noch ein wenig Geduld, mein Lieber! Hieron ym u s. O ich bitte, ich kann schon warten. Mir sich.s Das wird eine Haupt-Gaudee, die Dirn und der Buhle. Beide vor meinen Augen hetzgepeitscht! Wollust für mich! Wehrh old stritt bis dicht an die Laube, in welcher Nani und Wilhelm, noch umschlungen, im traulichen Gespräche beisammen sitzens. Nani! Nani sfährt in die Höhes. Mein Gott! Der Vater! H iero n y m u s sfür sichs. Die Vorstellung wird gleich beginnen! Wilhelm sist ebenfalls rasch aufgesprungen, doch ohne Furchts. Herr Förster! Sie hier? Wehrhold. Ja, mein Herr Studiosus , ich fordere Aufklärung über die Situation, in welcher ich Sie mit meiner Tochter treffe. Hieronymus. Braucht der noch eine Aufklärung! Nani szagends. Lieber Vater! Wehrhold. Du schweig', mit Dir weiß ich, woran ich bin — aber mit dem jungen Herrn da weiß ich's noch nicht. — Also — heraus mit der Sprache! Wilhelm sfreimüthig.s Was ich Ihnen sagen kann, haben Sie gesehen, ich liebe Ihre Tochter schon seit Jahren, und bin so glücklich, von ihr wieder geliebt zu werden. Hieronymus stür sich.) Jetzt wird die Hetzpeitsche gleich ihren Wirkungskreis antreteu! Wehrhold. Was weiter'? Wilhelm. Wir haben uns ewige Treue geschworen — Wehr hold. Ein Schwur unter Verliebten ist ein offenes Licht im Winde, ich frage Sie jetzt — Ehrenmann gegen Ehrenmann — haben Sie wirklich die Absicht meine Tochter zur Frau zu nehmen? Wilhelm. Mein Ehrenwort! Wehr hold sblickt Nani finster an). O Du -- Nani. Vater, sehen Sie mich nicht mit einem so bösen Blick an. Wehrhold. Ja, auf Dich bin ich böse — sehr böse. Hieronymus stür sich). Aha, jetzt kommt die Bastonade! Wilhelm. Zürnen Sie uns, Herr Förster? Wehrhold. Ihnen nicht — Sie haben ja die Pflicht nicht gehabt, mir das gerade auf die Nase zu binden, daß Sie in mein Mädel geschossen sind — aber Du — Du fzu Nani, anfangs böse) hättest vor Deinem Vater aus Deinem Herzen nicht eine Mördergrube machen sollen, fmilde) Du hättest mich nicht so lange in Zweifel lassen sollen, daß Deine Wahl — einen so braven jungen Mann getroffen hat. Nani sfreudig). Vater! Ihnen ist's also recht? — Sie verzeihen mir? Wiegt an seinen Hals.) Wehrhold. Ja, jetzt kommt die Schmeichelkatze! Mädel! Wozu das Heimlichthun? Hast Du's denn nicht gemerkt, daß ich selber den Wilhelm für Dich auf's Korn genommen Hab'? Wilhel m. Wie ? Ihr eigener Wunsch ? O mein lieber, guter Vater Wehrhold? Wiegt ebenfalls an seinen Hals) Hieronymus ssteht mit offenem Maule da). Ja, wie geschieht mir denn? Theater-Repertoir S24, Wehrhold fzu Wilhelm und Nani). Na, na, drückt mich nicht von beiden Seiten zusammen, ich weiß doch, daß ich Euch einen Gefallen thue, wenn ich zurücktrete stritt so zurück, daß Nani und Wilhelm sich in die Arme sinken). Nicht wahr, so ist's bequemer! Hcchaha! Hieronymus fzu Wehrhold). Aber, Herr Förster! Was thun Sie denn? Wozu haben Sie denn, als ich Ihnen die Entdeckung machte, so hastig nach der Hetzpeitsche gegriffen und sie mitgenommen ? Wehrhold. Zu was ich die Hetzpeitsche mitgenommen habe? Das soll Er gleich sehen sflicht die bisher zusammen- gewundene Hetzpeitsche auf). Sieht Er, Monsieur, die Hetzpeitsche brauch' ich immer nur für Hunde! Hieronymus stich umsehend. ) Haben Sie denn einen Hund mit? Wehr hold fmit der Peitsche spielend). Ja, eine recht bissige Kanaille! Wenn Er vom Waidwerk etwas verstünde, so wüßte Er, daß das die nichtsnutzigsten Hunde sind, welche, ohne dazu komman- dirt zu sein, eigenmächtig etwas aufspüren und zutragen — noch verächtlicher aber als solch ein schlechter Hund ist ein Mensch, der, ohne dazu aufgefordert zu sein, sich selbst zum Spürhunde herabwürdigt, und einen solchen sollte man überall mit der Hetzpeitsche bedienen, so wie ich's jetzt thue fpeitscht während der folgenden Scene Hieronymus einige Male im Kreise herum.) Elender Schuft! Deinem eigenen Vetter lauerst Du auf um ihn zu denunziren? Merk' Dir diese Lehre, die ich Dir mit blauen Buchstaben auf den Rücken schreibe! Hieronymus sumherspringend und dazwischen schreiend.) HbN Fester! — O weh! — Barmherzigkeit, Herr Förster! Ein Mißverständniß — um Gotteswillen, Pardon! 2 18 Neunte Srene. Vorige. P a t e r A n g u st i n. Simon Fr oh borg er. Simon glommt mit Pater Augustin.) Was geschieht denn da, Herr Förster? Hieronymus. Gott sei Dank — ein Asyl! (Flüchtet sich hinter Pater Augustin.) Wehrhold. Ah, Pater Augustin! Gott zum Gruß! sSchüttelt ihm die Hand.) Pater Augustiu. ^ve t'rator vevator! Aber wie tresf' ich Sie? Wehr hold (lachend.) Ja, Hoch- würden! Ich habe da eben ein Bischen in Ihr Amt gegriffen, ich habe einen Teufel ausgetrieben. Ich hab's dem Burschen schon lange geschworen! So ein heimtückischer Kerl, so eine Blindschleiche ist mir in den Tod zuwider! (Zu Simon.) Nehmt's nicht Übel, Pächter, er ist Lwar der Sohn Eures Bruders, aber um die Verwandtschaft seid Ihr nicht zu beneiden. Simon (seufzend.) Kann leider das Gegentheil nicht behaupten! Wehrhold. Aber, da wir g'rad beisammen sind, kann gleich ein ernstes Wort gesprochen werden. Simon. O Gott! Es wird heute noch zu sehr viel Ernsthaftem kommen! Wehrhold. Doch wo Ehrenmänner beisammen sind, hat ein Denunziant keinen Platz! (Zu Hieronymus.) Pack' Dich, Bursche! Hieronymus. Ich bitt', ich bin auch herbestellt! Wehr hold (die Peitsche erhebend.) Soll ich die Dosis repetiren? Hieronymus. O, ich bitte! (retiri- rend.) Ich Hab' später noch das Vergnügen. (Ab in's Haus.) Wehrhold. So — jetzt ist die Lust rein! Nun, Pächter! (Auf Wilhelm und Nani weisend.) Da steht Euer Sohn — gereicht Euch zur Ehre! — Simon. Gehorsamer Diener ! Hab' mein Möglichstes geleistet. Wehrhold. Die beiden Leutchen haben einander gern, — wollen sich heiraten! — Simo n (zurückfahrend.) Ah, Spektakel — das ist g'rad noch abgegangen! — Geben Sie sich keine Mühe, Herr- Förster, mein Wilhelm ist für Ihre Tochter unmöglich geworden! — Sie wissen ja nicht, was er werden soll? — Wilhelm. Was, auch auf meiue Liebe soll der Stand, den man mir aufdriugen will, Einfluß haben? Vater! Ich Hab' Euch bereits erklärt, ich lasse mich zu keinem Stande zwingen, meine Wahl ist entschieden, Nani ist damit einverstanden, — ich will Soldat werden, und erst dann, wenn ich meinem Vaterlande meine heilige Schuld abgetragen habe, soll ihr Besitz mein Lohn sein. — Simo n (zu Pater Augustiu.) 's ist ein prächtiger Bursch. — Wehrhold (zu Wilhelm.) Bravo, mein Sohn! — Also was habt Ihr gegen diesen Entschluß einzuwendeu? Simon. Nicht das Mindeste — aber (zu Pater Augustiu) Hochwürden, Sie wissen ja — Wilhelm. Wie, Hochwürden, Sie mißbilligen meinen Entschluß? Pater Augustin. Mit Freuden würde ich Dich segnen zu Deinem ersten Waffengange, mit Freuden den Bund treuer Liebe segnen, doch all' Deinen Wünschen steht der mächtige Feind entgegen! „Der Wahn!" — Wilhelm. Der Wahn? — Wie versteh' ich das? Pater Augustin. Ein frommer Wahn Deiner Mutter! Doch verzage noch nicht, ich selbst will Dir behilflich sein, ihn zu bekämpfen, denn der wahre Priester erkennt es nicht als seine Pflicht, die Menschen in der Finsterniß des Aberglaubens wandeln zu lassen, der wahre Priester dient Gott, der die Quelle des Lichtes ist, indem er das Licht verbreitet. — Doch sieh' — da kommt sie! 19 Zehnte Scene. Vorige. Leonore. Egidius. Hieronymus. Leonore stritt zitternd vor innerer Aufregung aus dem Hause.) Egidius fbleibt immer dicht neben ihr). Hierony IN u s fzieht sich sogleich mit einem furchtsamen Blicke ans Wehrhold, in den Hintergrund zurück.) Leonore ssich zuerst vor Pater Angustin tief verneigend.) Hochwürden, Herr Prior! Ich dank' Ihnen, daß Sie mein Haus gewürdigt haben — swill ihm die Hand küssen.) Pater Augustin ses verwehrend.) Laßt das, liebe Frau! Ich grüße und segne Euch! Leonore. Aber, Simon! Du lassest Se. Hochwürden da Heraußen stehen unter freiem Himmel — szu Pater Augustin.) Ist's nicht gefällig? sWeiset auf das Haus.) Pater Augustin. Ich danke — bleiben wir hier Heraußen, ich möchte heute gern ein eindringendes Wort zu offnen Herzen sprechen, und des Menschen Herz ist wie eine Blume, es öffnet sich weiter unter Gottes freiem Himmel, als in der beengenden Stube! Leonore. Ja, sprechen Sie, Hochwürden! Ich werd' Ihren Beistand brauchen! — Denn mir will das, was ich jetzt meinem Sohne mittheilen soll, fast das Herz zersprengen! Wilhelm! Komm her! sJhn weinend umarmend.) Mein Wilhelm! Mein einziges Kind — Hab' Erbarmen mit Deiner Mutter! Und wenn das, was sie Dir jetzt offenbart, Dir vorkommt, wie ein Unglück, denk': Es ist Gottes Wille und Fügung, er allein weiß, wozu es gut ist. Wilhelm. Sprecht, liebe Mutter! Ich werde Euch ruhig anhören! Leonore. Du erinnerst Dich an die schwere Krankheit! an der Du als lOjähriges Kind gelitten hast? — > Wilhel m. Ja, das heftige Nervenfieber. — Leonore. Ich bin Deinem Doktor, den wir aus der Stadt haben holen lassen, zu Füßen gefallen, und Hab' ihn bei allen Heiligen beschworen, er soll Dich am Leben erhalten, der hat aber die Achseln gezuckt und gesagt, es wäre menschliche Hilfe nicht mehr möglich, ich soll mich gefaßt machen auf Deinen Tod. — Da hat mich fast Verzweiflung erfaßt, — aber da ist ein frommer Mann sauf Egidius blickend) eingetreten, der hat mich erhoben, und angewiesen an Den, von dem noch allein Rettung zu hoffen war — und da — da Hab' ich auf seinen Rath ein heiliges Gelübde gethan! Wilhelm. Ein Gelübde? Leonore. Ich Hab' dem Himmel gelobt, wenn er Dich am Leben erhält, Dich auch dem Himmel zu opfern. Wilhelm serschreckt). Dem Himmel opfern? Simon szu Wilhelm). Nein, nein, erschrecke nicht, Du sollst nicht etwa abgeschlachtet werden, wie die Tochter Iephta's. Wilhelm. Aber erklärt doch — Leonore. Ich habe gelobt, Dich dem geistlichen Stand — im Kloster Maria-Trost zu weihen! Wilhelm. Was — ich — in's Kloster? — Nein, nein, Mutter! Das ist nicht möglich! W e hrhold szu Leonore). Frau Pächterin, was fällt Ihnen denn ein? — Schauen Sie doch Ihren Sohn an — ein herrlicher junger Mann, den Gott mit Allem ausgerüstet hat, was ihn zu einem thatkräftigen Leben fähig macht, den wollen Sie in der Blüthe seiner Jahre in dumpfe Klostermauern sperren, wo seine Wangen bleichen und sein Herz erlahmen wird — und damit glauben Sie ein gottgefälliges Werk zu thun? 2 * 20 Leonore (zu Pater Augustins. Euer Hochwürden werden die Gnade haben, die Irrgläubigen zu belehren! Pater Augustin. Ja, meine Sendung ist, die zu belehren, die in ihrem Glauben irren. Darum eben, liebe Frau Pächterin, wünscht' ich ein ernstes Wort zu Ihnen zu sprechen. Leonore (überrascht). Zu mir? Pater Augustin. Ja, zu Ihnen! Egidius Wr sich). Was ist das? — Ein Widerstand von dieser Seite? (Spricht leise mit Leonoreu.) Pater Augustin (zu Simon.) Laßt mich mit Euerer Frau allein. Wehrhold. Wir gehen unterdessen in den Garten hinter dem Hause, haben Sie Ihr Ziel erreicht, so rufen Sie uns nur schnell herbei — kommt! (Ab mit Wilhelm und Nani.) SiM'vn. Ja, Hochwürden! Jetzt setzen Sie sich an bei meiner Alten; wenn Sie nichts ausrichten, dann ist mein Bub' verloren! (Ab.) Pater Augustin (zu Egidius ernst). Ich wünsche mit der Frau Pächterin allein zu bleiben! Eg idins. Ganz nach Ihrem Befehle! Mr sich.) Doch ich bleibe in der Nähe. (Geht in den Hintergrund hinter die Laube links.) Cilste Scene. Pater Augustin. Leono re. Pater Augustin. Setzen wir uns, liebe Frau. (Bietet ihr einen Stuhl. — Beide setzen sich.) Leonore. Hochwürden! Sie haben gesagt, Sie wollen die belehren, die in ihrem Glauben irren, und da fangen Sie bei mir an? Hochwürden! Ich glaub', Sie kennen mich doch als eine gottessürchtige Frau, die streng an ihrer Religion hält. ! Pater Augustin. Die Religion, I liebe Frau! gleicht einem Fernrohr, das uns, wenn wir es recht anfassen, den Himmel mit seinen ewigen Sternen näher bringt, faßt Ihr aber das Fernrohr verkehrt an, so entschwinden Euch die Sterne in unsehbare Weite, und faßt Ihr die Religion verkehrt an, so entschwindet Euch Gott! Ihr aber — Ihr habt es verkehrt erfaßt. Leonore. Was, Hochwürden? Sie halten ein frommes Gelübde für eine verkehrte Religion? Pater Augustin. Dieß sei fern von mir, doch vergeht nicht, ein Gelübde ist das Gott gegebene Versprechen einer frommen That, Ihr aber habt gelobt, ein Unrecht, einen Raub an Eurem eigenen Kinde zu begehen ! Leonore (immer ängstlicher). Einen Raub? Pater Augustin. Ihr wollt Euren Sohn des höchsten Gutes berauben, das Gott den Menschen gegeben hat, der Freiheit des Willens. — Ihr habt gelobt, der Welt, statt eines würdigen Bürgers, einen unwürdigen Priester zu erziehen! Leonore. Unwürdig? Pater Augustin. Unwürdig wird Jeder seines Standes, wenn er nicht den vollen inneren Beruf dazu mitbringt. Dieser Beruf, dieser heilige Drang ist bei keinem Stande mehr nöthig, als gerade bei dem meinigen. Wäre es dem Herrn gefällig gewesen, ihn zu seinem Priester zu weihen, so hätte er diesen Drang in sein Herz gelegt! Er aber glüht begeistert für einen andern, gleich edlen Stand, er will sein Blut opfern für sein Land, und wer für das Recht kämpft, kämpft für Gott und ist auch sein Priester! Leonore. Gott! Hochwürden! — Sie reden so, daß ich ordentlich wirklich werde — mein Himmel — mich dauert 21 ja mein Sohn selber — aber ein Gelübde — Pater Augustin. Ich sage Euch als Priester, Euer Gelübde war kein Gelübde, wie der Herr es will, und lindem er sich erhebt) kraft meiner Würde, und im heiligen Bewußtsein des ewigen Rechtes, nehme ich in dieser Beziehung jede Last von Eurem Gewissen, und enthebe Euch der Erfüllung Eueres Gelöbnisses! Leono re. Sie — als Priester, entheben mich? Mein Gott! Ich nehm's ja dankbar an — aber — wenn's nur in mir ruhiger würde — Pater Augustin. Die Ruhe wird über Euch kommen, wenn Ihr seht, daß Euer Sohn im selbstgewählten Stande zu einem tüchtigen Manne heranreift. — Ich gehe und hole ihn, verkündigt ihm selbst die Aenderung Eures Entschlusses. (Geht ab.) Zwölfte Scene. Leonore, dann Egidius. Leonore. Ja, ja — er ist Priester, er muß das verstehen — was er gesprochen hat, ich kann ihm in nichts widersprechen, und wenn er mich enthebt — kraft seiner Würde als Priester!— Egidius fkommt rasch vorwärts und faßt sie an der Hand). Und ich — wer bin ich —? Leonore. Mein Himmel — Sie? Egidius. Hab' ich nicht Euch allein bekannt, wer ich bin — ich bin ein Priester, der, seines Glaubens willen, Verfolgung duldete — ich bin ein Priester wie er sein soll — und in meine Hände habt Ihr, wie in die Hand Gottes, Euer Gelübde abgelegt! Ich enthebe Euch desselben nicht — und beschwöre des Himmels Zorn aus Euch herab, wenn Ihr Eurem Worte untreu werdet. Leonore. Halten Sie ein — aber der Prior sagt ja — Egidius simmer eindringlicher.) Es steht geschrieben: „Es werden auch falsche Profeten kommen. — Ihr sollt sie erkennen an ihren Werken!" Was ist das Werk dieses Priors! Er will Euch verleiten, nun, da der Himmel Euer und mein Gebet erhört hat, mit dem Herrn zu mäkeln um das, was Ihr ihm gelobt habt. — Schwester! Schwester! Du stehst an einem fürchterlichen Abgrunde. Wehe Dir, wenn Du schwankst! — Leonore. Herr im Himmel! Was soll ich thun? Wird denn mein Sohn jetzt, wo sogar der Prior ihm Recht gibt, mein Gelöbniß erfüllen wollen? Egidius. Dann — zwingt ihn! — Ihr habt ein Mittel — droht ihm mit Eurem mütterlichen Fluche. Leonore sschreit auf und verhüllt sich das Gesicht mit beiden Händen). Dreizehnte Scene. Vorige. Nani. Pater Augustin. Wilhelm. Wehr hold. Simon. Hieronymus. Wilhelm fmit Nani zu Leonoren voreilend.) Mutter! Mutter! Aus Ihrem Munde will ich's hören, daß Sie ihren Wunsch zurücknehmen. — Sie sollen an mir einen ewig dankbaren Sohn — und hier jNani vorführend) eine liebende Tochter haben! Le onore faufsehend). Was soll das? Wilhelm. Ich liebe das engelfromme Kind, sie soll einst mein Weib — Ihre Tochter werden. Leonore. Was? Und davon habe ich gar nichts erfahren? Ein Liebesver- hältniß hinter dem Rücken der Eltern? — 22 Egidills (leise). Seht Ihr, wie ihn der böse Feind umstrickt hat? — Er ist verloren für die Ewigkeit! Wilhelm. Mutter! Keine Antwort? (Kniet mit Nani vor ihr nieder.) Geben Sie uns Ihren Segen! Leonore. Meinen Segen! Nein! Nein! Nimmermehr! Jetzt seh' ich klar, welcher Weg der rechte ist, und kein Mensch auf der Welt, und trägt er auch ein Priesterkleid, soll mich in meinem Glauben wankend machen! Mein Gelübde hat der Himmel angenommen, und — ich werde es halten. Pater August in. Was? — Wilhelm. Mutter! Wehrh old (zu Simon.) Das Weib ist ja wie behext! Und Ihr, Pächter, Ähr steht da, als wär't Ihr taub und stumm, — zum Henker! Jst's denn nicht Enkr Sohn? — Simon (plötzlich sich zusammennehmend). Ja, 's ist wahr, wenn der Unsinn zu groß wird, dann muß ich einmal das Gegen- theil behaupten! (Tritt mit Energie vor.) Weib, jetzt Hab' ich die Marter satt! — Ich bin ein guter Kerl, — ich Hab' Dir bisher in Allem Recht gegeben, weil ich ein armer Teufel war, wie Du mich geheiratest hast, und Alles Vermögen von Dir ist, aber den Wilhelm haben wir Beide unentgeldlich bekommen, als ein Andenken an unsere Liebe! Er ist so gut zur Hälfte mein Kind, als zur andern Hälfte das Deine. Gib Du meinetwegen Deine Hälfte in's Kloster — ich laß' meine Hälfte heiraten. Der Herr Förster hat vernünftig mit Dir gesprochen, der hochwürdige Herr hat vernünftig mit Dir gesprochen, wenn aber für jede Vernunft in Deinem Kopse der freie Eintritt aufgehoben ist, so thu' ich einen Gewaltstreich. — Wilhelm! Du wirst, was Du willst! Du heiratest, was Du willst! Million, ich möchte sehen, Wer mir ein Hinderniß in den Weg legt! — (Zn Wehrhold.) Jetzt Hab' ich ihr's gesagt — was? — Leonore. Ich weiß, mit Gewalt kann ich nichts ausrichten gegen Euren Willen! Aber mit dem Wilhelm allein Hab' ich zu reden! Wilhelm! Mein Sohn! Sieh mich an! — Ich bin eine alte Frau, mein ganzes Leben hindurch bin ich mir keiner Sünde bewußt. — Aber jetzt, wenn ich mein Gelöbniß nicht erfüllen kann — dann mögt Ihr mir zureden, wie Ihr wollt — daun bin ich mir einer schweren Sünde bewußt. — Wilhelm! Dann werden die letzten paar Jahre, die ich noch zu leben habe, mir qualvoll unter Reue und Gewissensbissen vergehen, und in meiner Todesstunde wird der Racheengel an meinem Bette stehen, und mich keinen Blick zum Himmel thun lassen, den ich betrogen habe (mit vor Thränen erstickter Stimme, zitternd und bebend) Wilhelm! Und wenn dann in Angst und Verzweiflung die blassen Lippen Deiner sterbenden Mutter — über Dich — den Fluch — Wilhelm (fällt ihr an den Hals). Mutter! Mutter! Haltet ein! — Seh' ich auch nicht ein, daß Euer Wahn gerecht ist, Eins seh' ich ein, und fühl's — es ist meine Pflicht, dem einzigen wahren Glück, dem Seelenfrieden meiner Mutter — mein eigenes Glück, ja — mein Leben zu opfern! Seid glücklich, Mutter! Für Euch reiß ich mein Herz aus der Brust — und meine Liebe und alle Hoffnung! Lebt wohl! Ich gehorche! (Kniet vor ihr nieder.) Simon. Jetzt ist Alles aus! Nani (sinkt ihrem Nater an die Brust). Vater, er ist für mich verloren! Leonore (hat segnend ihre Hände über Wilhelm gebreitet). Der Himmel wird Dich segnen, Du guter Sohn! (Neigt sich zu ihm nieder, und küßt ihn.) Wilhelm (erhebt sich, trocknet sich rasch die Augen.) Lebt Wohl, lebt Alle — Alle wohl! Herr Prior! Ich folge Ihnen — in's Kloster! Pater Augustin (Wilhelm umarmend). Du edler, sich selbst aufopfernder Jüngling! Komm an meine Brust, und wenn wahre Freundschaft Ersatz bieten kann für den dahinwelkenden Blüthen- baum des Lebensglückes, so hast Du in mir einen treuen Freund — einen Der Vorh Bruder! Komm mit mir! (Geht langsam mit Wilhelm dem Hintergründe zu.) Wehr hold, Simon, Nani (begleiten ihn). Leono re sfromm gegen den Himmel blickend.) Himmel! Bist Du mit mir zufrieden? — Ich Hab' keinen Sohn mehr! Egidius. Nehmen Sie Ihren Vetter, meinen Zögling zürn Sohne! ang fällt. Zweiter Akt. Garten beim Pächterhanse — seitwärts auf der andern Seite ein Geländer, woran sich Weinreben schlängeln. Erste Scene. Simon (steht mit einem Gartenmesser am Geländer und schneidet die Reben aus). Leonore, Egidins und Hiero- N h IN N s stammen aus dem Hintergründe). Leonore. Seitdem der Wilhelm fort ist, pfnurrt und knurrt mein Mann den ganzen Tag im Hause herum, reden Sie ihm doch ein wenig in's Gewissen. Simon (mit dem Rücken gegen die Anwesenden stehend, indem er eine Pflanze nusschneidet) Die verdammten Schmarotzer ! Hier o n hmus (bemerkt ihn, zupft Leonoren am Nocke, weist auf ihn und legt den Finger an den Mund.) Leonore. Da ist er ja! (Geht zu Simon.) Grüß Dich Gott, Simon! Simon. Detto (ohne sich viel umzusehen.) Leonore. Was machst Du denn da? Simon. Ah. da schlingt sich unter den Weinreben so viel Unkraut herauf, solche Schmarotzerpflanzen, die die besten Säfte ausziehen — Egidins (tritt hinzu). Guten Tag, Herr Pächter! Simon (auf die Pflanze, welche er in der Hand hält, weisend). Siehst Du, da ist eine — in's Feuer damit! Egidins (hält ihm die Hand hin). Guten Tag! Simon (seinKäppchen rückend). Servus ! Servus! Leonor e. Simon! Komm in's Haus zum Essen, der Herr Egidins ist heute unser Gast. Simon. Unser Gast? Weiß ich mich doch nicht zu erinnern, daß ich ihn eingeladen hätte. Leonore. Aber ich habe ihn gebeten, uns die Ehre zu schenken. Simon. Ich habe selber so viel Ehre, daß ich mir keine schenken zu lassen brauche, am allerwenigsten eine so billige, die man für ein Mittagmal kriegt. — Na. laßt Euch nicht aus- halten, eßt nur, ich werde heute im Wirthshause essen. Leonore. Was ist das für ein Einfall — im Wirthshause, wo zu Hause gekocht ist? Simon. Was in der Gesellschaft (auf Egidius weisend) schon ausgekocht worden ist, an dem Hab' ich mir schon einen Ekel gegessen. (Will ab.) Leonore Mt ihn zurück). Aber, sage mir nur, was für ein böser Geist seit acht Tagen in Dich gefahren ist? Du bist ja gar nicht der Nämliche mehr! Simon. Seit acht Tagen — ja, so lange ist's her, daß mein Wilhelm 24 fort ist, und daß Ihr mir den da tauf Hieronymus weisend) statt feiner aus- disputirt habt — den statt Wilhelm! Eine gelbe Rübe statt einer Ananas. Hieronymus. Gelbe Rübe! Mir das? Herr Vetter! Nehmen Sie die gelbe Rübe zurück, oder — ein Glück, daß ich meine Waffen abgelegt habe! Simon. Das ist Alles daher gekommen, weil ich mich nie getraut habe, das Gegentheil zu behaupten, aber jetzt mache ich Opposition, ich bin ganz äußerste Linke. Egidins. Herr Pächter! Laßt mich ruhig mit Euch sprechen! Ihr habt mich zwar sehr beleidigt — Simon. O, ich bitte, ist gern geschehen ! Egidius. Aber ich weiß solche Beleidigungen zu überhören. Simon. Ja, beuteln Sie's ab, gewisse Leute haben schon so eine bewegliche Haut. Egidius. Ihr seid ein Geistesver- wirrter. Simon. Besser noch als ein Geistverwirrer. Egidi u s. Eure Frau hat sich bei mir über Euer Benehmen beklagt. Simon. Bei Ihnen? Wer sind denn Sie? Sind Sie vielleicht ein Friedensrichter? Ich kann mir's nicht denken, denn wo Sie noch hingekommen sind, da war's mit dem Frieden schon aus. In mein Haus haben Sie sich eingeschlichen, und den Kopf von meinem Weibe ganz verdreht, und jetzt wollen Sie sich in unsere ehelichen Angelegenheiten auch noch mischen? Jetzt Hab' ich's satt, und darum mach ich's, wie man's bei allen Unruhen im Innern macht, ich weise Alle ans, die nicht hieher gehören — Egidius. Was? Was sagt Ihr? Simon. Ich verbiete mir Ihre Besuche, und wenn ich Sie nochmals in's Haus hereinschleichen sehe, wenn ich fort bin, so hetz' ich alle meine Hofhunde auf Sie. Leonore. Simon! Du bist rasend — Hieronymus. Ist denn kein spanischer Janker bei der Hand? Egidius. Mir — mir weist er die Thüre?! Simo n. Ja, und Ihren Herzliebsten da können Sie sich auch gleich mitnehmen. — Hieronymus. Was? Mich verstößt er auch? Muhme, ein Hilfsloses Waisenkind will er hinausjagen! Simon. Es ist gegen mein Gewissen, so einen Faullenzer zu füttern — er soll in eine Arbeit gehen, dann werd' ich ihn unterstützen. Hieronymus. In eine Arbeit? Muhme! Er ist ein Barbar! Ich Hab' mir vorgenommen, mich jetzt auSschlie- ßend auf die Tugend zu verlegen, und er will mich durch materielle Beschäftigung von diesem Lieblingsstndium ab- ziehen! Muhme! Ich war ein verlornes Schaf. — Sie haben mich als gute Hirtin in den Stall getragen — leiden Sie es nicht, daß der Bock mich hinausstößt. Leonore. Nein, nein! Sei nur ruhig, Hieronymus, eh' Jemand aus dem Haus hinausgewiesen wird, Hab' ich auch was d'rein zu reden. Egidius. Denn es ist ja Ihr Haus, das sollten gewisse Leute nicht vergessen. — Von Ihnen stammt alles Vermögen, dessen Mitgenuß nur Sie dem gestatteten, den Sie, trotz seiner Armuth, zum Bräutigam wählten. HieronYm u s. Ja, so gehts, wenn man Leute ohne allen Besitz in die Kammer wählt. Simon. Was? — was hör' ich denn? — Also das ist auch schon unter Euch besprochen worden? Weib! Meine ehemalige Armuth wirfst Du mir vor? Leonore. Ich werf Dir nichts vor, aber — Simon (weich). Es war nicht noch, daß Du mich d'ran erinnerst, durch 25 Jahr Hab' ich an jedem Morgen d'ran gedacht, was ich Dir verdanke. — Aber eins Hab ich mir selber zugeschworen, daß das erste Mal, wo Du mir meine ehemalige Armuth vorwirsst — auch das letzte Mal sein soll. — Heut' ist das gescheh'n und — meiner Seel', Du sollst nimmer Gelegenheit dazu haben. (Will fort-l Leonore (hält ihn zurück). Simon! Was willst Du thun? Simon. Ich zieh' aus, ich warte nicht einmal Michaeli ab, denn mit uns ist's Mathäi am letzten. (Geht fort.) 8 eonore (ihm nacheilend). Simon ! Simon! (Führt ihn vor.) Laß' doch mit Dir reden — wir werden uns ja wohl verstehen. Simon. Wenn zwischen zwei Eheleuten ein Dritter steht, so verschlagt sich jedes. Wort, und sie verstehen einander in Ewigkeit nicht mehr! Leonore. Es soll Niemand zwischen uns stehen, ich will allein mit Dir reden! Simon. Allein!? Gut, ich will's tzrobiren! (Kehrt um und geht mit ihr in den Vordergrund zurück, zu EgidiuS und Hieronymus mit starker Stimme:) Adieu! Egidius. Herr Pächter — Simon. Hinaus, sag' ich — ich habe meinem Weibe eine Privat-Audienz bewilligt — Egidius. Herr Pächter — es thut mir leid, wenn vielleicht ein Mißver- ftändniß — Simon. Mißverständnis Sie, ge- ben's acht, daß ich nicht meine Knechte ruf, und mich selbst an die Spitze der Bewegung stelle. (Mit einer Bewegung gegen Egidius.) Hieronymus (zu Egidius). Gehen wir — der Grad unsrer Bildung verbietet uns, uns zu solchen Demonstrationen herzugeben. Egidius (im Abgehen). Das Weib ist noch schwach — doch nur Geduld! Auf einen Streich fällt kein Baum. (Ab mit Hieronymus.) Zweite Scene. Simon. Leonore. Simon (für sich). Es fällt mir schwer, den Tyrannen zu spielen, aber es muß seilt. (Kreuzt die Arme und blickt finster vor sich hin.) Leonore (sanft). Simonerl! Simon. Die Zeit, daß ich der Simonerl war, ist vorbei. Leonore. Geh, schau nicht so stürmisch d'rein — schau mich wieder freundlich an. — (Drückt ihm mit beiden Händen sanft die Wangen.) Simon (für sich). Ja, wenn sie mir vor 25 Jahren so gekommen wär'! Leonore (lachend). Siehst — jetzt schaust Du gleich viel freundlicher aus. Simon (sich losmachend). O ! Wenn Du auch mein Gesicht zu einem Lächeln zusammen drück'st — ich kehre doch wieder in die frühere Form zurück, ich bin ganz Guttapercha. Leonore. Schau, wenn ich ein Wort gesagt Hab', was Dir weh' gethan hat, es ist nicht aus meinem Herzen gekommen ! Simon. Das will ich glauben, aber es gibt bei uns so grausliche Insekten, Ohrenkriecher heißt man Sie, die schleichen sich, ohne daß man'S merkt, in's Ohr hinein, und machen einen dann verrückt. Leonore. Du meinst doch nicht den Herrn Egidius? Simon. Ja, ja — Du hast es schon errathen! Leonore. Schau, Simon! Du be- urtheilst den Herrn Egidius unrecht — Du kennst ihn nicht. 26 Simon. Aber seine Werke kenn' ich. — Leonore. Aber reden wir jetzt nicht über ihn — sag mir lieber — was soll ich denn thun, damit Dn mir wieder gut wirst? Simon. Das Haus auslüften — einen Besen nehmen und ausstäupen, was nicht hineingehört. — Leonore. Wie meinst Du denn das? Simon. Mit einem Wort: Er oder i ch ! Entweder der Egidius betritt das Haus nicht mehr, oder ich tret' aus. — Leonore. Aber Simon! Das geht ja nicht so leicht. Simon. Nicht? — Meinerseits geht's. fGeht wieder fort.) Leonore fängstlich). Simon! So bleib' doch — wenn's nicht anders ist — so werd' ich mit dem Herrn Egidius reden. — Simon. O nein, diesen Hautgout laß' ich'mir nicht nehmen, daß ich ihm's selber sag. Leonore. Meinetwegen auch das, aber sei nur manierlich. — Simon fsieht in die Scene). Ah — dort schleicht er schon wieder in die Nähe — na wart! Leonore. Simon! Keine Grobheit. — Simon. O nein, mit aller Ceremonie, die ihm gebührt. Mr sich.) Nur einen kleinen Schupser und — (macht die Pantomime eines Fußtrittes.) O Wollust! fEilt fort.) Leonore. Mein Gott! Daß das in meinem Hause geschehen muß — aber der Herr Egidius wird ja selber ein- sehen, daß ich meinen Mann nicht so fortgehen lassen kann — ich werd' ihm schon durch den Hieronymus sagen lassen — Dritte Scene. Leonore. Hauer. Hauer ftritt in voller Rüstung auf). Guten Tag, Frau Pächterin! Leonore ferschreckt, für sich). Ist der wieder da! — Aber jetzt kann er ja nichts mehr schaden! fLaut, mit kalter Freundlichkeit.) Grüß Sie Gott, sind Sie wieder in unserm Ort? Hauer. Ja, das letzte Mal mußten wir bei Nacht und Nebel fort. — Leonore. Ja, ich Hab' gar nicht von Ihnen Abschied genommen, es war eine solche Verwirrung in unserm Haus — es war grad an dem Tag, wo der Wilhelm — Hauer. So fest entschlossen war, in unser Regiment einzutreten. Wir hatten uns noch zusammenbestellt am Ende des Dorfes, aber während ich noch auf ihn wartete, bekam ich Befehl mit meinem Zuge aufzubrechen. — Ich sah ihn nicht mehr. Leonore. Und jetzt sind Sie wieder da? H au er. Nur auf dem Durchmärsche. Das ganze Regiment rückt gegen die Landesgreuze vor, die nur wenige Stunden von hier ist. — Es verlautet, daß der Feind den Einfall hat, hier einen Einfall zu machen. Leonore. Hier? Ums Himmelswillen ! Hauer. Na, na erschreckt nicht so, wir sind so höflich, dem Feinde entgegen zu gehen, und werden ihn auf eine Weise bewillkommen, daß er gewiß zufrieden sein soll! Leonore. Na, Gott segne Sie, meine Herren, und geb' Ihnen Sieg, wenn's zu einem Gefechte kommt — sonst sind wir Alle, die da in den Ortschaften an der Grenze wohneu, verloren! Hauer. Aha — nun bekommt Ihr etwas mehr Respekt vor dem Soldatenstand, weil Euch 's Wasser in's Maul rinnt. Leonore. Bitte, ich Hab' immer alle Achtung gehabt. fSehr freundlich.) Haben wir vielleicht wieder die Ehre, 27 den Herrn Wachtmeister bei uns im Quartier zu haben? H a n er. Nein, wir bivouaquiren vor dem Walde am Jagdschlösse, morgen geht's schon wieder weiter, wenn nicht vielleicht heute noch. Leonore. Was schafft uns denn das Vergnügen? Kann ich vielleicht mit einem Glas Wein aufwarten? Hauer. Danke — danke — ich möchte nur Euren Sohn sprechen. Leonore. Meinen Sohn? Das ist nicht möglich. Hauer. Was? Nicht möglich? Leonore. Er ist nicht mehr hier. Hauer. Nicht mehr hier? Fort, ohne mich aufgesucht zu haben? Wo ist er denn hin? Leonore. Er ist seiner Bestimmung gefolgt. Hauer. Bestimmung? Frau! Wenn der seiner Bestimmung gefolgt wäre, so wäre er bei mir! Leonore. Gott sei Dank, daß das verhindert ist! Hauer. Was? Gott sei Dank! Frau! Denkt doch — jetzt wäre die schönste Gelegenheit — es wird bald Ernst werden, er käme gleich in eine Schlacht! Leonore. Heiliger Himmel! Haue r. Könnte sich auszeichnen und Sie stehen seinem Glück so im Wege? Sie haben ihn verhindert, sagen Sie? Oho, Fran Pächterin, wenn er ein echter Mann ist, und wirklich Feuer in der Brust hat, so mögen Sie ihn hinpostirt haben, wo Sie wollen, wenn er hört, daß es losgeht, stellt er sich doch und kämpft in unfern Reihen! Leonore. Das wird er gewiß nicht! Hauer. Gewiß nicht? Sagen Sie doch, wo ist er denn? Leonore. Wo Sie ihn nicht finden ! Hauer. Donnerwetter, Frau! Ich vermache, Ihr versteckt den Burschen am Ende gegen seinen Willen. — Aber das soll Euch nichts nützen, ich bringe doch heraus, wo er ist, und bekomm ihn doch! Leonore. Sie werden ihn nicht bekommen. — Hauer. Nicht? — Wollen Sie's d'rauf ankommen lassen? Leonore. Versuchen Sie's! Hauer. Gut, Frau! Ich sag' Ihnen, bis heut Abend Hab' ich ihn und er sitzt mit dem blanken Säbel in der Faust zu Pferde, so wahr ich der Wachtmeister Hauer bin. Leonore stachelnd). Sie sind Ihrer Sache sehr gewiß. Hauer. Ho, ho! Lachen Sie nicht, solche Manövers Hab ich schon öfter ausgeführt. Vierte Scene. Vorige. Hieronymus. Hieronymus skoinmt leichenblaß und zitternd hereingeeilt). ttm Gotteswlllett! Frau Muhme! Herr Vetter! sErblickt Hauer.) Gott sei Dank! — Da ist ein Stück Armee — Herr Wachtmeister! Hauer. Was gibt's denn? Leonore. Was ist Dir denn? Hieronymus. G'rad kommt der Robert, der Jägerbursche, der d'rübeu über der Grenze war — und erzählt, daß kaum 3 Stunden vom Grenzwald sich schon feindliche Vorposten sehen lassen. Leonore sheftig erschreckt-i Was — Feinde — o mein Gott — es ist mir in alle Glieder gefahren! Einen Sessel — Hieronymus — einen Sessel. — Hieronymus. Ich danke — ich halt's nicht mehr stehend aus. sSetzt sich auf einen Stuhl.) Hauer. Was? Also kommen Sie richtig? Heißa! Da gibt's einen Tanz! Bursche! Einen Silberthaler schenk' ich Dir, wenn das wahr ist. 28 Hieronymus. Und ich gäbe drei Viertelzetteln her, wenn's nicht wahr wäre. Leonore. Der Feind! Der Feind! O Himmel! Hieronymus fsich erschreckt umsehendj. Ich bitte Sie um Alles in der Welt, — haben Sie nicht schießen gehört? Hauer. Du bist ein Hasenfuß — Hieronymus. Ich wollt', ich hätte Hasenfüße, die sind Einem in Kriegszeiten zum Fortkommen am förderlichsten. sZu Hauer.s Aber, ich bitte Sie, edler Vaterlandsvertheidiger ! Was stehen Sie denn so ruhig da — nehmen Sie Ihr Pferd zwischen die Füß, reiten Sie dem Feind entgegen, halten Sie ihn auf! Hauer. Narr! Wenn's Zeit ist, wird uns schon Befehl gegeben werden! Hieronymus. Wenn's Zeit ist, ist's vielleicht schon zu spät. Leono re. Aber wenn der Feind doch am Ende in unser Dorf kommt, was fangen wir an? Hauer. Nun, wenn wir zurückge- drängt werden sollten — Hieronymus. Dann vergrab' ich mich, wie ein Maulwurf, unter die Erde — so bin ich Mineur! Hauer. Ha, ha, ha! Hieronymus verzweifelnd j. Er lacht noch! Hauer. Eine Bombe schlägt auch in die Erde ein. Hieronymus. Ja, wo soll man denn nachher hin, wenn inan nicht einmal unter der Erde sicher ist? Hauer. Ihr müßt dann auch die Waffen ergreifen — Euch dem eindringenden Feinde gegenüber stellen. — Hieronymus. Gegenüber — vis- ü-vis — und mit Waffen? Herr Wachtmeister! Sonst befinden Sie sich aber im besten Wohlsein? Haue r. Mir ist nie wohler, als wenn ich weiß, daß es zu was Ernstem kommt. Hieronymus szu Leonorej. Jetzt schauen Sie sich den Menschen an, — er ist am Ende im Stande, und reizt die Feinde noch! Haue r. Jetzt soll Keiner sich ansschließen, der einen Arm hat, stark genug, einen Hieb zu führen. Hieron y m n s. Ich habe das Rheumatische im Arm! Ich muß Bewegung machen, ich lauf' aus Europa, wenn die Raufereien nicht bald aufhören. sWill fort. Man hört im Hintergründe das Schmettern einer Trompete, er bleibt wie eilige- wurzelt stehen, am ganzen Leibe zitternd.f Ah — ah — sie sind schon da! Hauer fschlägt ihn von rückwärts mit der Hand auf die Schnlterj. Hieronymus. Ah! Pardon! Ich ergebe mich auf Gnad oder Ungnade! Hauer. Narr! Ich war's ja! Hieronym u s. Das sind fade Witze, man könnte den Tod davon haben. fEr erhebt sich — die Trompete ertönt wieder.f Aber hören Sie es denn nicht? Die Schlacht geht an. Hauer. Das ist unser Eskadrons- Trompeter — er bläst zur Fütterung. Hieronymus. Jetzt müssen die Roß eine Tafelmusik haben? Ueberhaupt in solchen Zeiten sollte das immer früher im ganzen Dorf durch ein Plakat bekannt gemacht werden, daß ein Trompeter zur Tafel blasen wird, damit die Leute sich nicht beunruhigen! Mötzlich wieder bebend.j Aber jetzt — jetzt — hören Sie es nicht rasseln? — Sie kommen! Schützen Sie mich, ich bin ein ruhiger Landmann. Wuchtet sich hinter Haner.j Fünfte Scene. Vorige. Donner. Kürassiere feilen herbei.j Hauer f stößt Hieronymus vorj. Sei doch keine solche Memme, es sind ja unsere Leute. Hieronymus. Richtig! Mir schwimmt's so vor den Augen, daß ich Freund und Feind nicht unterscheiden kann. Hauer (zu Donners. Nun, was gibt's? Don n er. Eben ist Befehl gekommen, in einer halben Stunde müssen wir bei dem Jagdschlösse zum Abmarsche bereit stehen, wir werden weiter gegen die Grenze vorgeschoben. Hauer. Bravo! Also ist doch was d'ran! Leonore. An was? An was ist was dran? Hauer. Daß der Feind von dieser Seite näher rückt! Hieronymus. Und da sagt er Bravo! Hauer (zu Leonoren.) Also, Frau Pächterin! Gott befohlen! Wer weiß, ob wir uns in diesem Leben Wiedersehen. Hieronymus. Ich leb' ohnehin nicht mehr — mich können Sie gleich im ersten Bulletin unter die bewußten drei Todten setzen, die von unserer Seite gefallen sind. Leonore (m größter Augst.) Ach, Herr Wachtmeister! Wir sind Alle verloren. Hauer. Pah — seid nicht ohne Ursache in Angst — wir sind die Mauer, die Euch schützt. Hierony m u s. Ich bin nur Schutt — zusammenbröckelnder Mörtel. — Leonore. Behüt' Euch Gott, Herr Wachtmeister! Behüt' Euch Gott, meine Herren! Ich werde für Sie beten — und jedem Verwundeten steht mein Haus offen. (Geht zitternd ab.) Hieronymus. Ich zupfe Charpie für's Vaterland! Hauer (zu den Kürassieren). Hurrah, Kameraden! 's geht los. Die Kürassiere. Hurrah! Hieronymus. Schreien Sie nicht so! Wenn's der Feind hört! Hauer (zu Hieronymus.) Da seh' Er einmal meine Leute an! Sieht Er auch nur in einem Gesichte eine Spur von Furcht? Hieronymus. Ja, die Herren sind das Erschießen gewohnt, aber mir ist die Sach' noch zu neu! Hauer. Auf, Kameraden! Lustig! Den Säbel geschwungen! Fest im Bügel und d'ran und d'rauf! Es lebe der Krieg! Alle. Es lebe der Krieg! (Alle im Hintergründe ab.) Hieronymus (allein, ihnen nach- sehend und nachrufend). ^Lie, wenn der Feind um mich fragen sollt', ich bin nicht zu Hause (Läuft schnell links ab.) Verwandlung. Großer Saal im Jagdschlösse. Eine Mittelund zwei Seitenthüren, ein Fenster in der Hinterwand. Vorne ein Tisch, worauf eine Karte ausgebreitet ist. Sechste Scene. General Falkenstein, Major Dorn (treten im eifrigen Gespräche aus der Mitte ein). General. So glaube ich die zweckmäßigsten Dispositionen getroffen zu haben. Die Absicht des Feindes geht dahin, den Hauptangriff ans unsere Position am Kloster Maria Trost zu machen, ich habe deßhalb eine starke Besatzung hinbeordnet —- die Batterie auf den Wällen des Klosters kann die Heerstraße bestreichen, und hier, (auf die Karte weisend) auf die Niederung des Berges werde ich die Kavallerie postiren. — Bis unsere Truppen - Verstärkung anlangt, müssen im Fall der Noch die Landbewohner, um ihrer eigenen Sicher, heit willen, gemeinsame Sache mit uns machen! Ich habe es bereits in allen Ortschaften bekannt machen lassen, in dem Augenblicke, als von dem Thurm zu Maria Trost die Sturmglocke ertönt, hat Alles, was eine Waffe führen kann, aufzubrechen, und nach Bedarf die einzelnen Piquets zu verstärken. 30 Siebente Scene. Vorige. Wehrho ld. Wehrhold Mt eins. Herr General! General. Ah — sieh' da! Mein wackrer Förster. Was bringen Sie? Wehrhold. Zwanzig Mann von meinen Jägern stehen unten wohlbewehrt und wohl versehen mit Munition — dazu noch 40 Bauern, die ich als gute Schützen kenne, sie haben sich Alle bereit erklärt, hinzugehen, wohin Sie befehlen, — ich stehe gut für jeden Einzelnen. General. Bravo! Herr Förster! Da kennt man's doch gleich, daß Sie selbst einst Militär gewesen sind. Wehrhold. Bin's noch mit Leib und Seele! Und ziehe mit meinen Leuten. Ich bin nur noch gekommen, Sie zu bitten, Herr General! Daß Sie uns nicht irgend wo in einen Hinterhalt legen lassen — da leisteten wir nur halbe Dienste. Wir können auf vier Meilen weit in der Runde jeden Baum und Strauch, jeden Weg und Steg — schicken Sie uns doch voran, als Avantgarde. General. Nun denn, so ziehen Sie mit den Verläßlichlichsten Ihrer Leute gegen Maria Trost — melden Sie sich dort bei dem Kommandanten des Jäger-Bataillons — er wird Sie zu postiren wissen. Wehrhold. Danke, Herr General. W.s Achte Scene. Vorige. Rittm ejster Bu s ch. Busch Mt einst Herr General! Die Mannschaft ist marschfertig geordnet! General. Gut —ich ziehe zugleich mit ihr fort! Herr Rittmeister, Sie nehmen, als Kommandant dieses Ortes, Ihr Quartier hier im Jagdschlösse, und halten Ihre Eskadron in voller Bereitschaft, um im nöthigen Falle augenblicklich vorrücken zu können. Auf frohes Wiedersehen! Mb mit dem Majors Busch. Also — hier geblieben! Kein peinlicheres Gefühl, als seine Kriegsgefährten abziehen zu sehen, um der Gefahr kühn in's Auge zu schauen, und dabei selbst den Säbel in der Scheide ruhen lassen zu müssen. Neunte Scene. Busch. Hauer. Hauer stritt mürrisch ein s Herr Rittmeister ! Busch. Was soll's? Ah — Ihr - was seht Ihr so finster d'rein, als wär' Euch eben Euer Pferd unter dem Leibe erschossen worden? Hauer. Da soll man auch nicht finster d'rein schauen, Hab' ich mich doch schon gefreut, wie ein kleines Kind, als es hieß! „Aufsitzen!" und nun — nun rückt die mit uns divisionirende Eskadron vor, und gerade unsere Eskadron muß Zurückbleiben! Busch. Ist mir selbst fatal, indeß — s' ist Befehl! Hauer. Weiß wohl — aber es wurmt mich unbändig! Busch. Nun, nun, wenn's zu was kommt, werden sie ihrer nicht zu viele sein, sie werden uns wohl noch brauchen. Hauer. Na, das gebe Gott! Busch. Doch, Apropos! Hauer! Was ist's denn? Ihr habt mir ja von einem Rekruten was vorschwadronirt, der sich freiwillig stellen wollte — Hauer. Bitt recht sehr, Herr Rittmeister, da ist gar nichts Schwadronirtes d'ran? Wenn Sie den sehen! Ich verwette meinen Rappen gegen einen alten Maulesel, es würde Ihnen selbst das Herz im Leibe lachen. Ein hübscher 31 Bursche, dem die Courage aus den Augen blitzt, ein gescheidter Kerb, ein tüchtiger Hauer und ein fertiger Reiter obendrein. Busch. Nun, wo ist er denn? Haue r. Das weiß der Teufel! Ich Hab' ihn ausgesucht, könnt' ihn aber nicht finden. B ns ch. Aha — ein Großmaul wahrscheinlich, so lang keine Gefahr ist, das sich aber in einen Keller verkriecht, wenn's Ernst wird. Hauer. Nein, das ist der nicht, für den steh' ich ein, aber da hat er so ein furchtsames Weib zur Mutter, die — oh, wenn's nur keine alten Weiber auf der Welt gäbe! Busch. Und wegen der Aengstlich- keit eines Weibes soll ein tüchtiger Mann dem Dienste entzogen bleiben? — Ha! Da ließ sich wohl abhelfen! Hauer. Das Hab' ich auch gedacht, Herr Rittmeister! Der ganze Ort steht unter Ihrem Kommando — wenn Sie nun so hinabschickten in's Pachthaus, und befehlen ließen, der junge Froh- berger hat allsogleich auf dem Jagdschlösse zu erscheinen, da dürfte ihn die Mutter nicht abhalten, und hätten wir ihn erst da — Busch. Rufen Sie eine Ordonnanz herein! H aUer foffuet die Thüre und rufts. Ordonnanz! Donner stritt eins. Busch stu Hauers. Wie ist der Name? Hauer. Pächter Frohberger — gleich unten am Bache, das schönste Haus im Orte. Busch stu Donners. Geht hinab und sagt, der junge, versteht wohl, der junge Frohberger habe augenblicklich zu mir zu kommen, er soll gleich mit Euch gehen, der Alte mag später Nachkommen. fWinkt ihm zu geheu.s Donner stnacht rechts um und geht abs. Hauer. Schönen Dank, Herr Rittmeister ! Aber lassen Sie ihn nur nicht mehr nach Hause, assentiren Sie ihn gleich vom Fleck weg, der Oberarzt ist ja ohnehin hier in: Zimmer nebenan bequartiert, der kann ihn untersuchen, ob er tauglich ist. Vorräthige Armatur- Haben wir auch auf dem Nüstwagen, da soll er gleich hineinkriechen, dann kann er gar nicht mehr los! Ha, ha, ha'! Frau Pächterin! Nun wollen wir doch sehen, wer Recht hat. Busch. Nun, ich will schon sehen, was sich thun läßt. — Seht indeß bei der Eskadron nach — Alles bleibt in Bereitschaft — kein Sattelgurt darf locker geschnallt werden! Hauer. Ganz nach Befehl, Herr- Rittmeister. fSalutireud, daun im Abgehen für sich.s Ha, ha, ha! Die Frau Pächtern» ! Ich will Sie lehren mit Soldaten spielen! M.s Busch. Bin doch neugierig, was der Hauer mir für ein Subjekt rekom- mandirt. Zehnte Scene. Busch. N a n i. Nani stritt aus dem Nebenzimmers. Herr Rittmeister — Busch. Ach, mein schönes Aennchen ! Was bringen Sie mir? Nani. Der Vater hat gesagt, ergeht ans die Forst-Inspektion. Busch. So? Nani. Da bleibt er gewöhnlich ein paar Tage aus, er hat mir aufgetragen, so lang Sie hier einquartiert bleiben, soll ich Alles besorgen, was Sie wünschen, und da habe ich mich anfragen wollen — Busch. Sie sind allzu liebenswürdig, mein schönes Kind, aber — was ist Ihnen denn? Als wir vor einer Woche hier bequartiert waren, da waren Sie die Heiterkeit selbst — und nun — 32 mm sehen Sie so traurig vor sich hin — Ihre Wangen sind bleich — sind Sie krank? Nani schüttelt den Kopf und blickt zur Erd es. Busch srichtet ihr sanft den Kopf in die Hohes. Was? Feuchte Augen? Was ist denn geschehen? Nani. Lassen Sie mich — Sie können mir auch nicht helfen. Busch. Wer weiß, vielleicht kann ich Ihnen doch Rath oder wenigstens Trost geben ! Nani. Für mich gibt's keinen Trost! Busch. Hm! — Ich errathe — ein Herzensgeheimniß —Sieschweigen? Nun — ich will nicht in Sie dringen — aber Mittheilung erleichtert das Herz — vielleicht ein Ungetreuer? — Nani fmit einer Heftigkeit). Warum nicht gar! Busch. Freilich — ich hätte es auch nicht begreifen können, wie man Ihne n untreu werden könnte — also Hindernisse — vielleicht Ihr Vater — Nani. O Gott! Nein! Der hat mich ihm ja schon versprochen gehabt. Busch. Und dennoch. — Hat ihn vielleicht bei der Rekrutirung das Los getroffen? Nani. Da läge gar nichts daran — das wäre ja sein Wunsch gewesen — aber seine Mutter — Busch. Was — gern Militär geworden — und nur die Mutter? — Ha! Nun weiß ich schon den Namen des Glücklichen. Nani fsieht ihn erstaunt ans. Was — Sie wissen? Busch. Frohberger! Nani ferstaunts. Meiner Seel' — Sie wissen's! Busch. Ha, ha, ha! Sehen Sie, wie nützlich es ist, wenn man Vertrauen hat. Nani. Ja, was nützt'S mir denn? Busch. Wie, wenn nun gerade ich der Mann wäre, der Ihre und Ihres Geliebten Wünsche zum Ziele bringen könnte? Nani. Sie? Herr Rittmeister! Ist denn das noch möglich — seine Mutter- Hat ihn ja für's Kloster bestimmt! Busch. Für's Kloster? Ha, ha, ha! Nun, das wäre freilich das Fatalste — aber wenn ich ihn nun dieser Bestimmung entreiße? Nani. Herr Rittmeister! Ich bitt' Sie um Alles in der Welt, treiben Sie nur jetzt keinen Scherz! Ist noch eine Möglichkeit? Sagen Sie auf Ehre — dann glaub ich's! Busch. Ans Ehre! Nani. Wirklich — wirklich? O mein Gott! Herr Rittmeister! Macht eine Bewegung, als wollte sie ihn umarmen.) Verzeihen Sie — jetzt wär' ich Ihnen bald um den Hals gefallen! Busch. Immer zu. liebes Kind! Immer zu! fWill sie umarmen.) N a N i fsittsam zurückweichend). Herr Rittmeister — Busch. Nein, nein, — wenn ich mein Versprechen gelöst habe, dann geben Sie mir wohl — in Gegenwart Ihres Geliebten — einen Kuß des Dankes. Nani. O, zehne - zwanzig — hundert! Aber wie -- wie wollen Sie's denn möglich machen, daß er wieder mir angehören darf? Busch. Ihnen wohl nicht sogleich — zuerst gehört er der Armee an — Soldat muß er werden — Nani. Das war ja ohnehin unter uns schon abgemacht — er hat sich vorgenommen, sich im Krieg auszuzeichnen, und dann — dann erst — Busch. Soll die Liebe den Helden belohnen! Vortrefflich — der junge Mann hat schon mein ganzes Herz gewonnen, noch eh' ich ihn gesehen habe. 33 Eilfte Scene. > Vorige. Donner. Dann Hiero- n ymus. Donner Mt ein). Herr Rittmeister— Busch. Ha! Schon hier? Donner. Steht im Vorzimmer! Busch (hastig zu Nam). Liebes Aenn- chen! Jetzt bitte ich Sie, mich allein zu lassen — ein Dienstgeschäft! Doch in kurzer Zeit schicke ich Ihnen Ihren Frohberger. Nani. Aber nicht als Klosterbruder? Busch. Neiu, als Kürassier! Nani (freudig). Als Kürassier! O mein Gott! Die Uniform hat mir immer gefallen, und wenn erst er sie trägt! — Herr Rittmeister! Ich weiß nicht, was ich Ihnen sagen, wie ich Ihnen jetzt schon danken kann, aber Sie sind ein lieber Herr. (Eilt schnell ab.) Busch (sieht ihr lächelnd nach). Lieber Herr! Ja, ja, wenn der Frohberger nicht Wäre, wär's möglich — aber so — (Abbrechend zu Donner.) Laßt ihn eintret en ! Donner (ab). HieronhMUs (tritt ein, sich in devoter Furchtsamkeit verneigend). Euer Gnaden, g'strenger Herr Rittmeister, haben befohlen ? Busch (ihn mit den Augen musternd). Na, was mir da der Herr Hauer von seiner Schönheit vorschwadronirt hat, begreif' ich nicht, und das Mädchen begreife ich, bei Gott! auch nicht. Hieronymus (für sich). Was er nur von mir will? Wenn ich nur schon wieder fort wär' — es riecht hier so gewiß nach fünfundzwanzig. Busch (laut). Ihr seid der Frohberger ? Hieronymus. Unterthänigst aufzuwarten, Hieronymus Simplicius Blasius Frohberger! Busch. Ha, ha, ha! Wozu so viele Namen? Hieronymu ^Wahrscheinlich haben meine Taufpathen daran gedacht, daß nichts auf der Welt so stark strapezirt wird, als ein guter Name, und da haben Sie mir gleich mehrere gegeben, damit ich doch einen Wechsel habe. Busch. Aber steht doch nicht so gebückt. — Kopf in die Höh'! Hieronymus. O ich weiß meine Schuldigkeit großen Herrn gegenüber, da ist das eine sehr weise Sitte, daß man immer gebückt stehen muß, weil man sich sonst den Kops leicht anstößt. Busch. Ich habe sehr viel Gutes von Euch gehört. Hieronymus (ihu austauneud). So? (Für sich.) Das möcht' ich wissen, wo er das gehört haben kann! Aber lassen wir ihu dabei, es kostet das nämliche Geld. Busch. Ihr liebt den Kriegerstand? Hieronymus. O mit Zärtlichkeit. (Für sich.) Es wär' unhöflich, wenn ich nein sagte. Busch. Seid ein Bursche, der keine Furcht kennt. Hieronymus. Gar keine Idee! Ich bleib' Ihnen oft Stunden lang im Finstern allein. Busch. Könnt den Säbel tüchtig führen? Hieronymus (für sich). Was der Alles weiß! — Ein Maul Hab' ich manchmal wie ein Schwert! Busch. Ein tüchtiger Reiter seid Ihr auch? Hieronymus (für sich). Ich weiß nicht, wie er das meint! Aber seine gute Meinung darf ich ihm nicht nehmen — jetzt schneid' ich erst selber recht auf. Busch. Ist dem nicht so? Hieronymus. Freilich! Versteht sich — o ich bin ein Teufelskerl, wenn ich anfange. Busch. Wie wär'S, wenn Ihr jetzt gleich in ein Gefecht kämet? 3 Theater-Repertoir 324. 34 Hieronymus (erschreckt). Das wär' ein Unglück — (sich besinnend.) Das heißt für den Feind — oh — ich fühl' in jeder Fingerspitze eine Armee — oh! Nur Kampf! Nur Kampf! Das ist meine Passion! Busch. Nu, nu, im Zimmer ist das wohl leicht gesagt — doch draußen im Kugelregen — Hieronymus. Würd' ich auch kein Paraplui aufspaunen. Bus ch. Wenn's so zu einem Sturm kommt. Hier onymus. G'rad im Sturme stürmte ich am liebsten! Busch. Bravo! Bravo! So hör' ich's gern ! Hieronymus. O ich bitte! Ich kann noch mit mehr aufwarten. Busch. Bravissimo! Und die Liebe wird Euch wohl noch mehr begeistern? Hieronymus (erstaunt). Die Liebe? Busch. Nun ja — die Liebe zu des Försters Tochter? Hieronymus (für sich). Aber Alles > weiß er. (Laut.) Ja, — die lieb' ich' wahnsinnig, aber sie — Busch. Sie liebt Euch nicht minder. Hieronymus. Was? — die Nani — mich? Ah, Herr Rittmeister, foppen gilt nicht! Busch. Was wollt Ihr denn — Sie hat mir's ja selbst gestanden. Hieronymus. Sie — sie selbst? (Für sich.) Ja, wie ist mir denn? Sie liebt mich — aha! Sie wird sich anders besonnen haben, seitdem sie weiß, daß der Wilhelm abälardisirt worden ist! Busch. Und wenn Ihr nun keine Neigung habt, in's Kloster zu gehen — H ieron ymus. Ich — in's Kloster? Ha, ha, ha! Höchstens in ein's von der Sorte, wohin der Hamlet die Ophelia rekommandirt hat. — Busch. Und wenn's Euer eigener Drang ist, Euern Stand zu verändern — Hieronymus. Stand verändern? Für sich.) Aha — er meint das Heiraten. (Laut.) O, das ist mein sehnlichster Wunsch! Aber wenn nun sie — Busch. Ei was, nach Weiberaugst wird da nicht gefragt. Hieronymus. Hat sie eine Angst davor? Busch. Nach Eurem Alten Hab' ich auch gesandt — wenn der sich einverstanden erklärt, so ist die Sache abgemacht. (Ihn mit den Blicken messend.) Das Maß ist für Euch überflüssig — groß genug seid Ihr. Hieronymus. No, ob ich groß genug bin — (für sich) zum Heiraten! Busch. Also geht nur da hinein (Auf die Seitenthür links weisend.) Da ist der Oberarzt einquartiert, sagt ihm, ich sende Euch, er soll bestätigen, daß kein Hinderniß obwaltet. Hieronymus. Der Oberarzt, warum denn Der? Busch. Geht nur hinein — es ist einmal so die Vorschrift. Hieronymus (für sich). Das muß eine ganz neue Verordnung sein. (Ab.) Zwölfte Scene. Busch. Donner. Simon. Donner (tritt ein). Der Pächter Frohberger — Busch. Nur herein! Donner (ab). Simon (tritt ein). Schamster Diener! Herr Kommandant haben mir sagen lassen, ich soll später auch herauf kommen — ich weiß nicht, ist's jetzt schon später? Busch. Sie kommen eben recht! — Ihr Sohn hat eine leidenschaftliche Vorliebe für den Soldatenstand. Simon (seufzend). Ja wohl! Der arme Bursche — er ist ein Opfer seiner Mutter! Busch. Die Mutter braucht nicht um ihre Einwilligung gefragt zu werden 35 — es fragt sich nur, ob Sie ihm dieselbe geben? Simon O mein Gott! Die hätt' er schon lang, aber jetzt ist's zu spät. Busch. Warum nicht gar! — Wenn Sie einverstanden sind, so ist's abgemacht. dann legt er noch heute seinen Eid ab, und bleibt gleich bei uns. Simon. Bleibt bei Ihnen? — Verzeihen Sie mir, Herr Kommandant — aber mir kommt die Red' ein Bischen geschwollen vor. — Bleibt bei Ihnen? Er ist ja in Maria Trost. Busch. Dorthin kann er vielleicht noch heute kommandirt werden, aber gegenwärtig ist er hier. Simon Aber ich bitt', mir werden's das sagen? Busch. Ich weiß nicht, wie Sie mir Vorkommen? Er ist ja eben mit der Ordonnanz gekommen? Simon. Er ist gekommen? — Mein Sohn? — Um's Himmelswillen, wo ist er denn? Dreizehnte Seene. Vorige. Hieronymus. Hieronymus stritt aus dem Nebenzimmers Busch. Nun, hier ist er. Simon. Der — der — ja das ist ja — Busch szu Hieronymus). Nun, was sagte der Arzt? Hieronymus. Gar keinen Anstand, sagt er, eine Brust, sagt er, wie ein Büffel — sagt er, — hätte sobald keinen so tauglichen Mann gesehen, sagt er. Wenn das die Nani erfährt, wird sie eine unsinnige Freude haben. Busch. Nun, dann sind wir in Ordnung! Simon. Ich kenn' mich nicht aus. Busch. Hier ist Euer Vater. Hieronymus. Nur quasi Vater — Vaterstellvertreter, wirklicher Vetter — mein wahrer Vater ist schon lange todt. Busch. Nun, Vater oder Pflegevater, das ist gleichviel. Hieronymus. Mir auch. Busch. Also jzu Simon) erklären Sie nochmals, vollkommen einverstanden zu sein, daß dieser Ihr Pflegesohn bei unserm Kürassier - Regimente affentirt wurde? Simon. Was — Der? Hieronymus ^beinahe vor Schrecken umfallend). Kür — Küraß — Kürassier, mir wird nicht gut — ein Glas Kuraß eau! Busch M sich). Hollah! Nun geht mir ein Licht auf — eine Personsverwechslung, ein Jrrthum, doch was thut's, tauglich ist der Bursche, er mag bleiben. iZu Simon.) Nun — sind Sie einverstanden ? Simon. Der — Der? fBei Seite, freudig.) Auf eine bessere Art kann ich den Kerl ja gar nicht losbringen. (Laut, beinahe schreiend.) Vollkommen einverstanden mit dem Referenten! Hieronymus. Aber um Gotteswillen — Vetter! Barbar! Rabenvater! Ich — ich — ein Kürassier — Busch. Ja, ja — nun seid Ihr Einer der Unfern. Hieronymus. Machen Sie keine faden Witze! Busch. Ich werde sogleich veranstalten, daß Ihr schwören könnt' — es war ja Euer Wunsch. Hieronymus. Ja, am Altar der Liebe — beim Regiment Hymen, wo das Ausreißen nicht mit'n Tod bestraft wird. Busch. Und dann soll Euch der Wachtmeister Hauer den schönsten Küraß geben. Hieronymus. Herr Rittmeister, Sie bringen mich selbst in Harnisch. — Herr Vetter — Sie geben zu? — 3 * 36 Busch. Ja, ja, an einer Zulage wird's der Herr Pächter nicht fehlen lassen. Simon. Alles — Alles — Zulage kriegst Du, ein Reitpferd kriegst auch — Kürassier mußt werden — bist ja ein schöner Mann! (Zu Busch, leise.s Ich bitte Sie, Herr Rittmeister, lassen Sie ihn ja nimmer aus, daß er mir nimmer in's Haus kommt. Busch. Ich weiß, es ist wegen der Mutter! Hier on h mu s (beinahe weinends. Ja, zur Mutter will ich — zu der Muhme heim - zu der Muhme. Busch (strenges. Was soll das sein? Früher bramarbasiren, und jetzt, wo's den Ernst gilt, jammern wie eine Frazze! Er ist einmal assentirt! Hier geblieben! Hieronymus. Aber, Herr Rittmeister ! Busch, 's Maul gehalten! Nicht Euch! (Stößt ihm etwas unsanft den Kops in die Höhe.s Ordre parirt! Hieron y mus. Aber, Herr Rittm — Busch. Ruhig! Simon (zu Büschs. Ja, ja — das ist schon recht, dressiren Sie ihn nur fest, Herr Rittmeister, sonst bringen Sie aus dem Hallunken nichts heraus. Busch. Aha, ist das Einer von diesem Kaliber? Simon. Ist ein schlechter Bub'. Hieronymus. Herr Rittm — Busch. Still! (Zu Simon.s Sie kommen jetzt mit mir, um in Orduung zu bringen, was Sie für seine Equi- pirung und dergleichen thun wollen. (Zu Hieronymus.s Er aber — Hieronymus. Herr Rittm — Busch. Donnerwetter! Wird Er 's Maul halten! Er folgt uns, und bleibt im Wachtzimmer, bis Er abgeholt wird, den Eid auf die Fahne zu schwören — kommen Sie, Herr Pächter! (Abs Simon. Ja, ja! (Tritt zu Hieronymuss. Hieronymus (Busch nachrufends. Aber, Herr Rittm — Simon. O, Du Esel! -- Bravo! Hierbleiben, Zulage — (Mit der Pantomime von Stockstreichen.s Verstehst Du, Zulage — (Läuft ab.s Vierzehnte Scene. Hieronymus (alleins. Hieronymus. Ich, — ich ein Soldat! Ich kann nicht — ich kann nicht — meine ganze Natur sträubt sich dagegen — ich bin ein Sohn des Friedens! Es nützt mir nichts, wenn ich mir alle Helden der Geschichte vorrufe — einen Hannibal — einen Romulus nnd Remulus, einen Scipio und alle Spartaner, und mir selber zurufe: Das waren Männer! Werde wie sie! — Es geht nicht - es geht nicht — und es zeigt sich bei mir, wie bei so manchen andern Verhältnissen, daß so Manches wohl historisch wahr, aber heut zu Tage nicht anwendbar ist! Lied. 1 . Dem Präsidenten wird gemeld't, Daß sein Neveu, den er ang'stellt, Im Amt gar nicht verwendbar ist, Weßhalb man ihn entlassen müßt'! „Huoi? mon neveu! Irnp>6rtin6N66 !" Ruft da entrüst't die Excellenze. „Wer bringt die freche Meldung an?" „„Sein Amtschef."" — „Ha, der alte Mann, Den muß sogleich man pensioniren, So kann mein Neffe avanciren!" Denkt man da an Brutus dabei in der G'schicht, Der selber sein' Sohn hat gestellt vor's Gericht, Und weil er gefehlt hat gegen's Feld- Herrn-Gebot, Ihn so, wie ein'n Fremden verurtheilt zum Tod; Ja, das ist wohl historisch wahr, Doch heut' zu Tag nicht anwendbar. 2 . Es sagt so mancher junge Herr- Auf jedes dritte Wort auf Ehr', Ob er von Eiu'm ein Geld begehrt, Ob er eiu'm Mädel Treue schwört, Nichts hat so g'schwind er bei der Hand, Als seine Ehr' zum Unterpfand. — Doch will das Mädel g'heirat sein, Und will bezahlt der Gläubiger sein, Weiß von dem Ehrenwort er nichts mehr — „Ich kann nicht b'sinnen mich auf Ehr'." Wenn man da an Regulus denkt in der G'schicht, Der mit seinem Wort seine Rückkehr verspricht, Und ob er gleich weiß, daß ihm droht der Tod dort, Doch viel lieber stirbt, als er bräche sein Wort, Das ist gewiß historisch wahr, Doch heut' zu Tag nicht anwendbar. 3 . 'Ne reiche Frau, schon hübsch bei Iahr'n, Lockt einen jungen Mann in's Garn, Er mag sie nicht, sie ist ihm z'alt, Doch weil sie seine Schulden zahlt, Weil sie ihn prachtvoll ausstaffirt, Daß als Lion er herumstolzirt, So sinkt er mit verstelltem Sinn, An ihren Busen schwärmend hin, Und schwört ihr zu bei Seel' und Leib: Sie wär' für ihn das schönste Weib. Denkt man an den Joseph dageg'n in der G'schicht, Der in d'Augen der schönen Frau von Putiphar sticht Doch eh' er annähme, was sie ihm anbiet't, Den neuen Carbonari zurücklaßt und flieht, Das ist gewiß historisch wahr, ch Doch heut' zu Tag nicht anwendbar. 4 . 'S gibt manchen gutgesinnten Herrn, Der hätt' die Gold-Medaille gern, Führt als Verdienst ganz b'scnders an, Daß er niemals was hat gethan! Schon zehnmal ist er abgewies'n, Doch laßt er d'Müh' sich nicht verdrüß'n, Laust hin zu allen großen Herr'n, Und winselt dort und thuts b'scher'n: Nur 'ne Medaille — noch so klein, Sonst kann er im Grab' nicht ruhig sein. Denkt man an Diogenes da in der G'schicht, Zu dem tritt der König selbst, und zu ihm spricht: „Verlang' was Du willst, ich verweigere Dir's nicht," Doch der sagt: „Geh' König, verstell' mir nicht 'S Licht! Ja, das ist zwar historisch wahr, Doch heut zu Tag nicht anwendbar. 5 . Ein Weib hat einen hübschen Mann, Doch in der ganzen Stadt weiß man, Daß noch für manchen andern Schatz Das große Herz der Frau hat Platz. Die Freundin warnt sie: „Du, man spricht Von deiner Tren' am besten nicht." „Was," fährt sie d'rauf die Freundin an, „Was geht mich all das Tratschwerk an? Von jedem Zwang, der mich genirt, Hab' ich mich längst emancipirt!" Denkt man an die Lukrezia da in der G'schicht', Die, schrecklich gezwungen, die Treu' einmal bricht, Und weil sie die Schmach überleben nicht kann, Sich selber erdolcht daraus vor ihrem Mann. Ja, das ist wohl historisch wahr, Doch heut' zu Tag nicht anwendbar. sAb.s Verwandlung. Große Halle zu Kloster Maria-Trost. — In der Hinterwand ein hohes gothischeS Fenster, durch welches man die Aussicht auf die Terrasse und über diese hinaus in eine weite freie Gegend hat. 38 Fünfzehnte Scene. General Falken st ein. Major- Do r n. Pater Augustin. Cölestin. Maurus. Zwei Offiziere. General fein Perspektiv in der Hand haltend). Vom Thurme aus sieht man deutlich große Massen Heranrücken — die Vorposten sollen eiugezogen werden! fSo oft der General einen derartigen Befehl ansspricht, entfernt sich jedesmal einer der Offiziere aus seiner Begleitung.) Die Batterie auf die Terrasse heraufgeführt, und eine Kanone unter das Hauptthor. Zwei Kompagnien der Infanterie ins Gebäude selbst! — Herr Prior, beim ersten Kanonenschuß lassen Sie die Sturmglocke läuten! Pater Augustin. Ihre Befehle, Herr General, sollen genau vollzogen werden. General. Ich bedauere, daß der Friede Ihres Aufenthaltes zum Schauplatze des Kampfes werden muß. — Doch steht es Ihnen frei, Herr Prior! Mit Ihren Ordensbrüdern das Kloster zu verlassen, und sich tiefer in's Land zurück zu ziehen. Pater Augustin. Ich danke, Herr- General! Aber ich bleibe! Cölestin. Wie? Wir bleiben? Pater Augustin. Wir wären feige Miethlinge, nicht treue Diener des Herrn, wenn wir sein Haus in dem Augenblicke, als es von Gefahr bedroht ist, verlassen wollten! Maurus. Aber, gerechter Gott! Was können wir nützen? Pater Augustin. Den Verwundeten beistehen, den Sterbenden das Wort der Erhebung sprechen, die Kämpfenden durch begeisternden Zuruf er- muthigen. Das Wort, meine Brüder, ist auch eine Waffe. Man hört von verschiedenen Seiten her das Wirbeln der Trommeln — das Schmettern der Trompeten.) General. Nun denn, hinaus — Gott mit uns! Mit mit den Offizieren ab.) Sechszehnle Scene. Pater Augustin. Wilhelm. Mönche feilen von verschiedenen Seiten, während des von Außen immer zunehmenden Tumultes herbei.) Wilhelm fin höchster Aufregung). Herr- Prior ! Von den Fenstern aus sieht man sie schon Heranrücken in dicht gedrängten Massen — ans allen Dörfern eilen die Bauern bewaffnet herzu, um sich zur Wehre zu setzen! Herr Prior! Sollen wir — wir allein hier in träger Ruhe dem Kampfe als müßige Zuseher beiwohnen?! Pater Augustin. Was wollt Ihr thun? Wilhel m. Wir Alle sind gekommen, Sie zu beschwören, uns mit Waffen zu versehen — wir wollen hinaus auf die Wälle — wir wollen in den Kampf! Pater Augustin. Mein Herz jauchzt auf bei Eurer Bitte! Ja — Ihr sollt hinaus — doch ich an Eurer Spitze! Ein Mönch. Herr Prior — Ihr! Pater Augustin. Wir wollen hinaus — den Kriegern durch unsere Theilnahme die Bürgschaft zu geben, daß der Kampf ein gerechter ist, wir wollen durch Wort und That ihr kühnes Vertrauen wecken zu dem Lenker der Heerschaaren, zu dem Gott des Friedens und der Schlachten! Aus alter Zeit ist hier im Kloster noch eine Waffenkammer — ich selber öffne sie Euch, bewaffnet Euch und dann, in der einen Hand das Kreuz — in der andern das Schwert, führ' ich Euch selber hinaus! fAlle ab.) Wilhelm fder zurückgeblieben ist, in höchster Begeisterung). Waffen! Waffen in die Hände! — Hinaus aus der dumpfen Zelle — in den Kamps, wo Muth und Kraft sich offenbart. — O Himmel! Fast ist mir, als blickte heute zum ersten Male durch graue Wetterwolken ein Strahl 39 des Lichtes! Waffen, Waffen her! sWill den Uebrigen folgen.) Siebzehnte Scene. Wilhel m. Hieronym u s. Hieronymus sin der Uniform eines Kürassiers, schwankt durch eine Seitenthür herein.) Wer will Waffen? Da sind Waffen! sWirft seinen Säbel weg.) Da ist der Säbel — da der Helm — der mir fast das Hirn eindrückt — da die Bratpfanne. sAuf den Küraß deutend). Wilhelm sstehen bleibend.) Was seh' ich? Hieronymus shinkt bis zu einem Stuhle, in welchen er erschöpft sinkt.) Ich feh' nicht — ich hör' nicht — ich fühl' nichts — ich bin todt. W i l Helm seilt zu ihm.) Vetter Hieronymus ! Hier ony M u s smatt aufblickend, mit schwacher Stimme.) Geistlicher Herr ! Bereiten Sie mich gleich zum Tode vor! Wilhelm. Kennst Du mich denn nicht? Dein Vetter Wilhelm! Hieronymus. Der Wilhelm — ist mir auch recht — mir ist Alles eins ! Wilhelm. Aber sage doch, wie kommst Du zu diesen Waffen? Wie hierher? Hieronymus. Ich weiß es selber kaum — zuerst haben Sie mich zum Soldaten genommen, nachher in die Montur gesteckt, kaum war ich d'rin — kriegt die ganze Schwadron Befehl, in Eilmarsch daher zu reiten. — Ohnmächtig fast, haben Sie mich auf ein Roß gesetzt — Alle sind sortgesprengt — mich hat die Bestie zweimal abgeworfen — die andern haben mich liegen lassen — so — so bin ich hergekommen — habe da eine Thür gesehen, die wenigstens in's Gebäude führt, — ich bin heraufgekrochen — aber jetzt — bringen mich zehn Lokomotive nicht weg! Vetter! Um Gotteswillen, wenn Du noch eine christliche Barmherzigkeit hast, rette mich — versteck mich — mir ist nicht gut — ich kann nicht in die Schlacht — Wilhelm shastig). Wo ist Dein Pferd? Hieronymus. Unten an der kleinen Thüre Hab' ich's angebunden. Wilhelm sfür sich). Zum Kampf zu gehen, hat der Prior mir gestattet — und nun — ein Pferd — sden Helm uud den Säbel vom Boden aufhebend) ein Helm, ein Säbel! — Hieronymus! Ich rette Dich! Hieronymus. Vergelt Dir's Gott an Kindern und Kindskindern. Wilhelm. Ich führe Dich in meine Zelle - Hierouymus. In eine Zelle? Ist sie kugeldicht? Wilhelm. Wir wechseln die Kleider — Du verschließest Dich, bis der Kampf vorüber ist, ich eile statt Dir, Deinem Negimente nach! sEin Kanonenschuß fällt — bald darauf beginnt das Feuer heftiger — die Sturmglocke ertönt.) Hieronymus sim heftigsten Schreck). Ich bin todt — mausetodt! Wilhelm. Der Kamps beginnt — schnell — schnell fort mit mir! sZieht ihn mit sich fort.) Achtzehnte Scene. Pater Augustin. Novizen. Priester seilen herbei, alle sind mit Schwertern und Gewehren bewaffnet. Pater Augustin hält in einer Hand ein Kreuz, in der andern einen blanken Säbel.) Pater Augustin. Hinaus auf die Wälle — Ihr szu den älteren Priestern) Brüder, aber, deren Hand nicht mehr- stark genug ist, die Waffe zu schwingen, Ihr kniet und betet zu dem Herrn, wie Moses und die Priester einst während des Kampfes mit den Moabitern — während Männer und Jünglinge kämpften 40 für ihren Gott — für ihr ewiges Recht! sEr stürmt voran, die Andern folgen. Die alten Mönche knien im Vordergründe nieder, und singen feierlich): Chor. Mächtiger Herr der Heeresschaaren, Gott im Sturme der Gefahren, Deine Gnade sei ihr Schild. fGleichzeitig ertönt von Außen ein Schlachtgesang von vielen kräftigen Stimmen. Die Kanonade nimmt immer zu — vor den hohen Glasfenstern des Saales enwickelt sich ein Tableaux, indem auf die Terrasse vor denselben Kanonen aufgeführt wurden, an welchen sich eine Gruppe von Soldaten bildet, denen Pater Augustin die Richtung des Rohres weist. Bei dem zweiten Kanonenschuß fällt der Vorhangs Dritter Akt. Stube im Hause des Pächters — an den Wänden einige Schränke; im Hintergründe neben der Thür ein Ofen. Erste Scene. Nani, Leonore skommen aus dem Seitenzimmer). Dann Simon. Leonore. Na, dem Himmel sei Dank die Bauern kommen zurück und schreien Sieg! — Jetzt wird's doch ruhig werden. Nani. Mein Gott, wenn nur mein Vater schon zurück wär', ich Hab' eine Todesangst — und oben aus'm Jagdschloß, wie's Alle fort waren, da war's gar so entrisch — ich dank Ihnen recht schön, Frau Pächterin, daß Sie mir erlaubt haben, die fürchterliche Nacht in Ihrem Haus zuzubringen. Leonore. Bleiben Sie da, liebe Nani, so lange Sie wollen. — Mein Gott! Sie müssen nicht etwa glauben, daß ich bös aus Sie bin, wegen der Geschichte mit dem Wilhelm — wenn es möglich gewesen wäre, ich hätte nichts gegen Sie gehabt, und Sie wären mir die liebste Schwiegertochter gewesen — aber so — Nani strauria). Ja — so! fBleibt gesenkten Hauptes stehen.) Simon stritt durch die Mitte ein, sehr aufgeregtst Heda! Weibsleut' — Leonore. Ah — da ist mein Mann! Sag' mir — ist's wirklich wahr, was die Leute schreien? — Haben wir gewonnen ? Simon smit Stolz.) Ja, w i r haben gewonnen! — Ja, wir sind Mordkerls! Aber jetzt hört mich an! — Es werden die Verwundeten gebracht — wir müssen auch aufnehmen, was Platz hat, also Betten hergerichtet — die Knechte sollen in der Scheuer Stroh streuen und Wäsche muß hergerichtet werden zum Verbinden. Leonore. Mit tausend Freuden! sEilt zu einem Schranke und öffnet ihn.) Jungfer Nani — Helsen Sie mir die Leintücher zertrennen. Nani. Ja, ja, geben Sie nur her! sBeide nehmen Leineuzeug aus dem Schranke und fangen an, es zu zertrennen.) Leonore swährend der Arbeit sprechend). Mein Gott! Der arme Hieronymus! Simon. Was ist's mit dem? Leonore. G'rad gestern Haft Du ihn nnter's Militär nehmen lassen! Simon. Da Hab' ich ihn just in dem Augenblick in ein Geschäft eintreten lassen, wo es am besten florirt hat. Leonore. Aber sein Leben so in der Gefahr — Simon. Es wird manches Leben in Gefahr gewesen sein, was für die Welt mehr Werth hat. Leonore. Und ganz gegen seinen I Willen — 41 Simon. Weib! Ich bitt' Dich, red' nur Du nichts von „gegen seinen Willen," Du weißt schon, was ich Dir d'rauf antworten könnte! Zweite Scene. Vorige. Hauer. Hauer stritt sehr ernst durch die Mitte eins. Gott zum Gruß, Herr Pächter! Simon. Was sch' ich! Mt auf ihn zus Herr Wachtmeister — ein Bekannter, der aus der Schlacht zurück kommt, sumarmt und küßt ihns Mid noch dazu ganz mit Haut und Haar? sBetastet ihn.s Richtig — nichts ist ihm geschehen, gar nichts! Na, grüß Gott tausend Mal! und Ruhm und Ehre dem Sieger! — Frau, hast Du keine Lorbeerblätter zu einem Kranz? Hauer. Wenn Ihr einen Lorbeer habt, so schmückt damit die Gräber der Gefallenen— sie verdienen ihn am meisten, denn sie haben den Preis für den Sieg bezahlt — wir Lebenden sind die lachenden Erben ihres Ruhmes. Leonore. Herr Wachtmeister, wie mich das freut, daß Sie am Leben geblieben sind. Hauer. Na, 's ist mir auch gerade nicht unlieb — Leonore. Aber sagen Sie doch, ich bitte — Sie werden doch gewiß wissen, wie es unserm Hieronymus gegangen ist? Hauer. Eben seinetwegen bin ich zu Euch gekommen. — Leonore sUnglück ahnends. Sie — Sie allein? — und er nicht? o mein Gott! Simon. Ist ihm etwas geschehen? Hauer. An dem Burschen bin ich irre geworden. Ihr wißt doch szu Simons welche Galle ich hatte, als ich statt Eures Wilhelms, den ich so gerne im Regimente gehabt hätte, diesen Hasenfuß sah, der mit vor Angst schlotternden Beinen, vor Furcht weinend, wie ein altes Weib vor mir stand. — Doch der Rittmeister hatte ihn einmal affen- tirt, und Ihr besorgtet ihm ein Pferd. — Simon. Ja, den großen Schecken, den mir der Bräumeister verkauft hat. Hauer. In der ganzen Eskadron war kein solches Pferd — es fiel vor allen besonders auf. Leonore. Aber ich bitte Sie, reden Sie jetzt nicht von diesem Roß — Simon. Sondern von dem andern. — Hauer. Ich wollte eben den Rekruten etwas Probereiten lassen, da kam uns der Befehl, eiligst aufzubrechen und vorzurücken. Ich theilte ihn also schnell in den Zug ein, und fort gings mit verhängtem Zügel. Als wir auf der Höhe ankamen, wo unser ganzes Regiment postirt war, fehlt mir der Schecke —> das heißt — der Hieronymus. Leonore. Fehlt? Mein Gott! wo muß er hingekommen sein? Haue r. Ich dachte schon, er habe einen Ausreißer gemacht — doch sieh', jetzt bekommen wir Kommando zum Angriffe — der General selbst sprengt mit uns zur Attaque gegen die feindliche Kavallerie — sein Pferd jagt mit ihm zu weit vor — plötzlich ist er von uns abgeschnitten mitten unter feindlichen Reitern — wir wollen ihn heraushauen — doch ehe wir ihn noch erreicht, fliegt vom Hügel herab der Schecke wieder. Leonore. Der Scheck' allein? Hauer. Nein, der Reiter d'rauf. Ich seh' ihn durch Staub und Dampf, wie einen vom Teufel Besessenen gerade in den Knäuel, worin der General sich befand, Hineinsprengen und einhauen, daß es eine Freude war — der Schecke dringt weiter vor, bis ich ihn aus dem Gesicht verlor. Und als wir uns wieder sammelten, kam der Schecke wieder hergelaufen, aber dießmal — ohne Reiter. 42 Simon und Leonore. Ohne Reiter? H ieronymus sin schwarzer Kutte tritt durch die Mitte eins. Leonore. So ist der Hieronymus — Hauer szuckt die Achselu.s Loono r e. Todt — todt! Simon! Das hast Du auf dem Gewissen — Dein Vetter — der Hieronymus — todt!! sTanmelt wieder zurück in einen Stuhl.s Dritte Scene. Vorige. Hieronymus. Hieronymus sbis jetzt unbemerkt geblieben, tritt nun vor.s Das kann ich unmöglich glauben. Alle ssich nach ihm umsehend, überrascht und erschreckts. Ha? — da — da! Leonore. Heiliger Gott! Er selbst oder sein Geist! Hieronymus. Keine Spur von einem Geist! Simon. Bist Du's, bist Du's wirklich? — Hieronym u s. Ich glaub wenigstens nicht, daß ich ausgewechselt worden bin. Haue r. Und in welcher Masquerade? — Bursche! Wo hast Du Deine Montur? Hieronymus. Ich bin schon abgeschält-und gedünstet bin ich auch! Hauer. Aber, zum Teufel — Dein Schecke? Hieronymus sindem er die Kutte ablegt, unter welcher er seine frühere Kleidung wieder hats. Lassen Sie mich aus mit dem Vieh — das Roß kann ja gar nicht reiten — zweimal hat mich die Bestie abgeworfen. Hauer. Aber Du warst doch im Gefecht? Hieronymus. Na ja, das war' noch meine einzige Leidenschaft? — O nein, nachdem ich zweimal abgeworsen war, Hab' ich das als einen Fingerzeig des Himmels betrachtet und Hab' mir gedacht, was geht Dich die ganze Rauferei an, der Feind hat Dir in seinem Leben nichts gethan — ich Hab' mich daher neutral gehalten und bin in's Kloster gegangen. Hauer. In's Kloster? Hieronymus. Da Hab' ich den Wilhelm getroffen. Nani und Leonore. Den Wilhelm ? Unfern Wilhelm? Hieronymus. Ja, ein charmanter Mensch, der Wilhelm! Wirklich, was man sagen kann, charmanter Mensch! Der hat mich gleich in eine Zelle geführt und hat gesagt, ich soll mich nur ausziehen, damit, wenn der Feind etwa in's Kloster kommt, er mich nicht als Soldaten erkennt. Dann hat er mir eine alte Kutte gegeben und er ist mit meinem abgelegten militärischen Futteral fortgelausen. Hauer. Was hat er denn damit gemacht? Hieronymus. Das weiß ich nicht, vielleicht hat er's einem Juden verkauft, ich Hab' mich in's Bett gelegt, und so lang als geschossen worden ist, unter die Federdecke vergraben. Geschwitzt Hab' ich, sag' Ich Ihnen, vor Angst und Hitz, und dann hat's mich wieder gefroren, und meine Zähn' haben aneinander geschlagen, wie im Fieber — szeigt esj ja, 's ist keine Kleinigkeit, eine Schlacht! — Aber ich habe mir gedacht, ich zitt're für mein Vaterland! — Und der Gedanke hat mich beseelt! Leonore. Na,weil er nur wieder da ist. Hauer. Hol' ihn der Teufel! Zum Henker! Frau! Wie könnt' Ihr Euch freuen, Euren Verwandten nach einer so rühmlich bestandenen Schlacht in solcher Gestalt vor Euch zu sehen! Hält' ich einen Verwandten, und wär's mein leiblicher Bruder, ich säh' ihn lieber als Leiche auf dem Schlachtfelde, als so, als feigen Hasenfuß, der sich während der Gefahr in ein Bett verkrochen hat. 43 Hieronymus. Das ist gut! Simon. Sie haben Recht, Herr Wachtmeister — (zu Hieronymus.) Pfui Teufel! Schäm' Dich, lebendig zurück zu kommen! Hauer. Aber das sag' ich Dir, in unser Regiment darfst Du nicht wieder eintreten. Hieronymus (für sich). Jetzt hat er'ö getroffen. (Laut) Ja, Sie haben vollkommen Recht, ich war' ein Schandfleck für's ganze Militär. Eine Stimme (von Außen). Tragt ihn nur hieher — aber langsam — behutsam. Hauer. Was ist das? Simon (sieht links zum Fenster hinaus). Unsere Bauern kommen zurück, sie bringen die Verwundeten. Leonore. Schauen wir hinaus — wir nehmen alle auf, die in andern Häusern keinen Platz mehr finden! Hauer. Ich gehe mit! Auch unser Regiment ließ viele seiner Tapsern auf dem Schlachtfelde — vielleicht find' ich einen Kameraden darunter, für den nehme ich vor Allen Eure Hilfe in Anspruch! Kommt, kommt! (Ab mit Simon und Leonore.) Rani (will ebenfalls nach.) Hieronymus (hält sie zurück.) Nani! Du willst hinaus, um Verwundete zu sehen? Wozu denn hinaus? — Hier, — hier vor Dir steht ein Schwerverwundeter. Nani (ihn verächtlich ansehend.) Sie? Haben Sie sich vielleicht an der Bettstelle angeschlagen? Hieronymus. O nein, meine Wunde sitzt tiefer. Nani. Ich seh' kein Blut. Hieronymus. Das sind die gefährlichsten Wunden, die kein Blut geben! Nani. Wo sind Sie denn verwundet? Hieronymus. Frage noch, grausame Artilleristin! Nani. Ich? Eine Artilleristin? Was reden Sie denn? Hieronymus. Ja, Du bist beim Raketen-Korps -- Deine Augen sind Deine Batterien, aus denen hast Du Deine Brandraketen in mein rebelliren- des Herz geworfen, und es hat sich Dir auf Gnad' und Ungnad' ergeben! Nani. Reden Sie schon wieder von Ihrer Lieb', Sie verächtlicher Mensch ? ! — So hören Sie denn jetzt meine letzte Antwort: Wenn ich Ihnen jemals auch wirklich hätte gut sein können, ich sage nur wenn! Und wenn ich in Sie bis zum Verbrennen verliebt gewesen wär', der Anblick, wie Sie jetzt vor mir erschienen sind, als so ein seiger, furchtsamer Patron, der sich unter eine Bettdecke verkriecht — Hieronymus (einfallend). 'Flaumdecke — Flaumdecke — Nani (fortfahrend). Wenn er eine Kanone abfeuern hört, der hätt' mich kalt gegen Sie gemacht, wie ein Eisberg! Merken Sie sich das, und wenn Sie ja wieder einmal bei einer Andern Ihr Glück probiren wollen, so lassen Sie sich erst ein Bischen Kourage einimpfen, denn vor einem weiblichen Auge ist ein Mann nie schöner, als wenn erglüht vor Muth, und nie so häßlich, als wenn er zittert vor einer Gefahr. lAb.) Vierte Scene. Hieronymus (allein, bleibt verblüfft stehen). Hieronymus. Das ist zu dumm! Das Mädel gefällt sich in lauter Widersprüchen. — Da sagen sie immer, sie wollen nur einen Mann, der ganz für sie lebt, und dann verlangen sie wieder, daß man sich auf die wahnsinnigste Weise dem Tod aussetzen soll! Kurzsichtige Geschöpfe! Sie wissen nicht, was sie wollen, diese Weiber! 44 Fünfte Scene. Hauer. Simon. Nani. Leonore. Wilhelm. (Ein Bauer tritt zuerst ein mit einer Fackel, ihm folgen zwei Bauern, die Wilhelm auf einer Bahre, die mit Reisern bedeckt ist, tragen. Er hat den Helm tief in'S Gesicht gedrückt, und ist ganz in einen Reitermantel gehüllt. Simon. Nani und Leonore folgen.) Voriger. Hauer (der dem Zuge vorangeht.) Das ist Einer von unserm Regimente — hier — hier stellt die Bahre her, und jetzt geht nur, und schafft die Andern noch ins Dorf. (Die Bauern ab.) Hieronymus (auf Wilhelm weisend). Das sind die Folgen vom Schießen. Hauer (Wilhelms Hand fassend.) Ja, da ist noch Leben! Simon. Wenn nur ein Arzt bei der Hand wäre! Haper. Ah was! Für solche Fälle weiß ich mir schon selbst zu helfen — nur schnell — ist's nicht möglich, Eis zu bekommen? Simon. Der Gemeindewirth d'rüben wird wohl welches haben, ich laufe gleich selber hinüber. (Eilt ab.) Hauer (zu Nani). Liebe Jungfer! Schaffen Sie mir einstweilen nur schnell kaltes Wasser! Nani. Gleich, gleich! (Ab.) Hauer. Und Sie, Frau Pächterin, bereiten Sie etwas warmen Wein, damit ich seine Lebensgeister etwas erfrische. Leonore. Ich eile selber in die Küche. Hieronymus. Frau Muhme, ich geh' mit, ich muß meine Lebensgeister auch erfrischen, aber für mich thnts auch ein kalter Wein! (Ab mit Leonoren.) Hauer (allein bei Wilhelm bleibend). Teufel — der scheint mir arg zugerichtet — der Helm zweimal durchhau'n. (Löst das Sturmband, und nimmt den Helm ab.) Armer Junge! Die ganze Stirne voll Blut — man kann das Gesicht gar nicht erkennen. — Ist denn gar kein Wasser zur Hand — (erblickt einen Krug auf dem Tisch.) Ah da! — Richtig! 'S ist Wasser d'rin, und da ist Leinenzeug (taucht schnell die Leinwand in den Krug, und beginnt damit das Gesicht Wilhelms zu reinigen.) Wenn er nur wieder die Augen aufschlüge — (beugt sich über ihn.) Der Athem wird fast hörbar — aber den Küraß muß ich ihm lüften (schlägt den Mantel auseinander, und fährt überrascht zurück, da er unter demselben Wilhelms Mönchkleid erblickt.) Alle Wetter, was seh' ich? Ein schwarzer Priesterrock — mein Gott! Welche Ahnung! Wenn er es Wäre —? sNimmt ein Licht vom Tische.) Wilhelm! Wilhelm! Wilhelm (richtet sich matt auf, und blickt mit stierem Auge um sich). Wer ruft mich? Wo bin ich? Hauer (in fast wahnsinniger Freude, läßt das Licht fallen). Ja, ja, er ist's — mein Wilhelm! Mein Goldjunge — sie haben Dich wahrscheinlich in's Kloster gesteckt — Du hast Dich aber losgerissen, und warst mit uns im Kampfe. (Vor Freude laut auflachend.) Ha, ha, ha! Ha, ha, ha! (Plötzlich wieder erschreckt und ängstlich.) Aber er ist schwer verwundet! (Eilt zur Bahre, stürzt an derselben nieder, die Wunden besehend.) Aber nein — nein — sie sind nicht tödtlich — sie dürfen nicht tödtlich sein, ich laß' Dich nicht sterben! — Donnerwetter! Ich laß' Deine Seele nicht heraus! Wilhelm. Wachtmeister Hauer! Du hier? Hauer (wieder freudig in die Höhe springend). Er erkannte mich — ja — ja — ich bin bei Dir — wie ist Dir? Wilhelm. Mein Kopf brennt — aber — wie kam ich hierher? (Sich umsehend.) Ich bin ja im Hause meiner Eltern? Hauer. O mein Gott! Ich vergesse, Sie zu rufen. (Eilt gegen die Thür, schreiend.) Pächter! Pächterin! Herein! Schnell, schnell herein! 45 Sechste Scene. Vorige. Simon (mit einem Eiskübel in der Hand). 8 eoNore (mit einer Tasse warmen Wein). Nani (mit einem Krug Wasser). Hieronymus (mit einer Flasche in der einen, und einem Stück Braten in der andern Hand, eilen herein.) / Simon. Warum schreien Sie denn, Idaß man's am Ende der Straße hört? ! Leonore. Was ist denn gescheh'n? / Nani. Ich habe rufen gehört. ) Hieronymus. Hat denn ein /müder Held nicht einmal beim Essen Muh' ? Hauer. Faßt Euch, — dort — der Verwundete — es ist Euer Sohn — Euer Wilhelm. I Leonore. Heiliger Gott! (Läßt das nn Händen Habende fallen.) / Simon. Um Alles in der Welt! /(Eben so.) ' Nani. Mein Wilhelm! (Eben so.) (Alle bleiben vor Ueberraschung eine Weile starr stehen.) Hauer (unwillig). Das nennen die Leute gefaßt sein! Was steht Ihr denn da, als wär't Ihr aus Stein gehauen? Hieronymus. Na ja, — seh'n Sie, ich bin gar nicht aus der Fassung zu bringen. (Ißt von seinem Braten fort.) Wilhelm (sich aufrichtend). Mutter! Leonore. Er ist's ! Wilhelm! Mein Wilhelm! (Eilt mit ausgebreiteten, vor Freude zitternden Armen auf ihn zu, tritt aber erschreckt zurück.) Mein Gott! D i eWunden! Haue r. Das ist ja eben das Schöne! Simon (noch immer ganz starr). Ja, wie geschieht mir denn? Sind das meine Augen? — Mein Sohn! (Immer freudiger aufthauend). Mein Sohn! (Zu ihm hineilend.) Mein Sohn! — Aber — er ist blessirt — erschöpft — Weib — (indem er Leonoren an der Hand von ihm wegzieht) nur jetzt keine heftigen Aufregungen — lasse ihn ruhen. — Mein Wilhelm! (Stürzt selbst auf ihn hin, ihn ungestüm umarmend.) Leonore. Aber, Wilhelm! Erklär' mir nur — Simon. Schweig', er darf ja jetzt nicht reden. (Zu Wilhelm.) Sag' mir nur, wie kommst Du zu den Wunden? Wilhelm (zu Nani, welche in einer Entfernung stehend, schüchterne Blicke nach ihm wirft). Aennchen, warum bleibst Du so fern von mir? (Hält ihr die Hand entgegen.) Nani (überwältigt vom Gefühle, weinend auf ihn zustürzend). Wilhelm! Wilhelm ! Ich kann Dir nicht sagen, was in mir vorgeht. (Drückt seine Hand an ihre Lippen.) Simon. Sapperment! Laßt ihn in Ruh! — Aber jetzt erzähl' mir ausführlich, wie kommst denn Du zu dieser Blessur? Leonore. Und zu dem Reitermantel, Du — den ich in's Kloster — Hauer. Ei was Kloster! (Indem er auf Wilhelms Wunden weist.) Da — da seht — das ist die Tonsur, die ihm die heilige Weihe zu seinem wahren Berufe gegeben hat. (Verbindet dabei Wilhelms Kopf.) Wilhelm. Aennchen! Simon Nur keine Aufregung. Hauer. Pah! Pah! haßt nur, heut' bin ich hier Feldarzt und ich verordne ihm sogar eine recht herzliche Umarmung. Leonore. Bedenket doch, wer er ist. Haue r. Und eine gute Dosis Küsse! (Legt Nani mit dem Kopfe an Wilhelms Herz.) Na, Wilhelm! Wie schlagt die Medizin an? Wilhelm. Liebes, theuereS Mädchen! Du ewiger Traum meiner Seele! Hauer. Na seht nur, seht — er spricht schon wieder ganz vernünftig! Simon. Aber er soll ja gar nicht reden. (Zu Nani.) Lassen Sie ihn in Ruh! (Zu Wilhelm.) Jetzt fang' an, erzähl' die ganze Geschichte. Wilhelm. Hieronymus flüchtete sich in's Kloster — ich nahm seinen Helm — seinen Mantel — schwang mich auf sein Pferd — 46 Hauer (aufschreimd.j Auf den Schek- ken? Also warst Du — Du es, der den General herausgehauen hat? Wilhelm. Ja, ich war's! Hauer (jubelnd in der Stube nrnher- springend.j Viktoria! Vivat! Er war's! Laß' Dich küssen, laß' Dich umarmen! (Stürzt wieder auf Wilhelm zu und küßt ihn.j Der General ließ sich schon nach dem Reiter erkundigen, der ihn mitten aus dem Feinde herausgehanen und dadurch dem Armeekorps seinen Heldensührer rettete, aber Niemand wußte es. Hieronymus. Daß I ch es war. Alle (außer Hauerf. Du? Hieronymus. Na freilich — wer denn? Denn wenn ich dem Wilhelm nicht meinen Säbel geliehen hätte, so möcht' ich wissen, womit er den General herausgehanen hätte. Hauer (zu Hieronymus(. Halt das Maul! (Zu Wilhelm.j Ich will jetzt gleich hin zum General, und ihm den ganzen Vorfall melden. — Das wird ein Empfang werden, wie alle Kameraden, die den General wie ihren Vater lieben, Dich, seinen Lebensretter, bewill- kommen werden! Hurrah! Stoßt in die Trompeten! Salntirt! Vivat der junge Held! Vivat Wilhelm Frohberger! (Eilt ab.j Leonore. Mein Gott! Was redet er da? Wilhelm! Du wirst doch nicht aus dem Kloster entspringen wollen? Wilhelm (indem er aufsteht.j Beruhigt Euch nur, liebe Mutter! Was ich ge- than habe, ist mit des Priors Erlanb- niß geschehen. Siebente Scene. Vorige. Pater Augustin. Wehrh old. Pater Augustin (tritt mit Wehrhold ein, er trägt ein goldenes Kreuz und ein Buch in der Hand, j Wilh elM (wurde von Nani und Simon auf den Stuhl gesetzt.j Wehrhold. Ha, so ist es wirklich wahr, was der Wachtmeister uns im Vorübereilen erzählte? Leonore. Sie da, Hochwürdiger Herr? Wilhelm. Mein würdiger Vater! Pater Augustin. Eben ging ich durch das Dorf, um die gebrachten Verwundeten zu trösten, und jene, bei welchen menschliche Hilfe nicht mehr- möglich ist, vorzubereiten zu ihrem letzten Wege — da begegnete mir der alte Krieger, von dem ich hörte — Simon. Was Hochwürden da sehen können — mein Wilhelm, mein Sohn hat eine Heldenthat vollbracht. Pater Augustin (Wilhelm umar- mend.j Des Himmels Segen über Dich, begeisterter Jüngling! Wilhelm. Ich habe es gefühlt, ich bin nicht geschaffen zu ruhiger Betrachtung, — nach Thaten dürstet meine Brust — und doch — doch soll ich mich nun wieder lebendig in mein Grab zurückbegeben. — O Gott, schöner wär's gewesen, wenn ich jetzt, nach der ersten vollbrachten That, den Tod auf dem Felde der Ehre gefunden hätte! Leonore (weinend). O mein Himmel! Deine Worte zerreißen mir das Herz. Pater Augustin. Frau, hat Euch dieses Ereigniß nicht erschüttert? Gott hat ihn zu diesem Stande berufen — Frau, wollt Ihr noch immer seinem Willen Euch entgegenstellen? Leonore. Hochwürden! Ich Hab an Ihre Worte gedacht, es waren Worte eines Priesters, aber sie waren ganz im Gegensätze von den Worten eines andern Priesters. Pater Augustin. Eines andern? Welchen Priesters? Leonore. Ja, des Herrn Egidins, er ist der Priester eines aufgelösten Äesniten-Kollegiums. 47 Pater Augustin. Ein Priester der Hölle ist er, denn von der Hölle stammt die Lüge. — Ruft mir ihn her, ich will ihn sprechen — (zu Wilhelm) Du bist noch erschöpft, mein Sohn, gib Dich zur Ruhe. — (Wehr-hold ab.) Simon. Ja, Wilhelm, komm' — so — ich unter einem Arm, die Nani unter dem Andern! So komm', mein Wilhelm, wir werden Dir d'rinnen den Kopf frisch verbinden, und vielleicht wird derweil da Heraußen ein anderer Kopf zurecht gesetzt. Komm, mein Junge! Komm'! Pater Au g u st i n (zu Hieronymus). Verlaß uns! Hierony m u s. Mit Vergnügen. (Ab.) Leonore. Da ist er! Egidius (tritt ein). Pater Augustin (im strengen aber würdevollen Tone). Egidius, hiehcrzn mir! Egidius (tritt mit gesenktem Haupte näher). Herr Prior wünschen? Pater Augu st i n. Sehen Sie mir in's Auge. (Sieht ihn fest an). Egidius (sieht zu ihm auf, schlägt aber schnell die Blicke zu Boden). Ich begreife nicht, was — Pater Augustin. In's Auge sehen Sie mir, sage ich. Egidius (versucht es mehrmals vergeblich, und wird immer verwirrter.) Ich begreife nicht, was — Pater Augustin (zu Leonoren). Seht — seht — wie sein Blick ängstlich umherirrt. -- Ich habe doch nicht das böse Auge, dem jedes andere aus- weichen muß — Kinder sehen mir vertrauend in's Auge, und Sterbende blicken ruhig in dasselbe, nur — der Schurke vermag den Blick eines redlichen Mannes nicht zu ertragen! Egidius. Herr Prior! Pater Augustin. Egidius - ja, dies ist Dein Name, den Du als Novize im ersten Jahre Deines Klosterlebens erhieltst, doch Dein unsittlicher Lebenswandel, die Bosheit Deines Herzens, i und das Aergerniß, das Du den übrigen Brüdern gabst, zwang den Abt, den unwürdigen Diener, nach dem ersten Probejahre aus den Pforten des Klosters zu stoßen und sie hinter ihm zu schließen für immer! Leonore. Was hör' ich? Egidius. Herr Prior - Sie verwechseln mich - eine zufällige Ähnlichkeit vielleicht — Pater Augustin. Ich habe Dich schon erkannt, als Du vor langer Zeit zum erstenmale wieder in dieser Gegend gesehen wurdest, nun aber, wo ich erfahre, daß Du es wagst, Dich für einen geweihten Diener des Herrn auszugeben, frage ich Dich — antworte mir — bist Du ein Priester? Egidius (nach einigein Kampfe mit Frechheit). Ja! Pater Augu st i n. Nun denn! wenn Du ein Priester bist — Sterbende liegen im Nachbarhause — nimm dieses Kreuz, und gehe hin, blicke dem Tode in's brechende Auge, und wage, dem Sterbenden gegenüber, Deine freche Lüge zu bekräftigen, indem Du an ihm thust, was nur ein Priester thnn darf. (Hält ihm das Kreuz entgegen, ihn dabei mit festem Auge anblickend, und die andere Hand drohend zum Himmel erhebend.) Egidius jblickt auf, will nach dem Kreuze langen, fährt aber plötzlich, von innerem Schreck ergriffen, zurück, und bedeckt beide Augen mit den Händen.) Pater Augustin. Warum nimmst Du das Kreuz nicht? Egidius (stürzt ihm zu Füßen). Schonung — Barmherzigkeit — ich will Alles bekennen! Pater Augustin (andächtig zum Himmel blickend). Herr! Deine Macht ist unbeschränkt! Und selbst in dem Herzen des Verworfenen bleibt ein Funke der heiligen Scheu, die es znsammenbeben macht, wenn Du im Strahle der Wahrheit Dich zeigst. (Zu Egidius.) Nun gestehe — warum beredetest Du diese Frau zu dem Gelübde, ihren Sohn 48 gegen seinen Willen, dem Kloster zu weihen? Egidius. Ich wollte sein Erbtheil, auf das er, wenn er im Kloster das Gelübde ewiger Armuth abgelegt hätte, verzichten mußte, seinem Vetter, meinem — meinem Zöglinge zuwenden. Leonore. O. wie bin ich schändlich betrogen worden! Pater Augustin. Flieh, elender Betrüger! aus diesem Hause — aus diesem Dorfe — Du trägst Deine Strafe in Dir, denn Du mußt Dich selbst verachten! Egidius strhebt sich und geht, scheue Blicke nach Pater Augustin »versend, ab.s Pater Augustin (den Abgehenden mit seinem Blicke verfolgeuds. O, könnte ich doch, — wie diesen — alle seine Ge» sinnungsbrüder, deren Werk es ist, des Menschen höchstes Gut, den Glauben zu benützen, um sein Herz in Finsterniß zu hüllen und in Aberglauben zu verstricken, mit einem Blicke von der Erde verbannen. Leonore seilt zu ihm hin, faßt weiueud seine Hand und küßt fies. Hochwürden! Verzeihen Sie mir meinen Jrrthum — jetzt seh' ich klar, und nach Ihrem Wort allein will ich handeln. Achte Scene. Vorige. Busch. Hauer. Hiero- nymu s. Busch stritt rasch eins. Ist Wilhelm Frohberger noch hier? Hauer sfreudigs. Schafft ihn uns — wir brauchen ihn nothwendig — sden Prior erblickend.s Ah sieh, da ist ja der Herr Prior. (Vor demselben salutirend.s Hab's schon gehört — der hochwürdige Herr Prior sind selber bei den Kanonen gewesen! Bravo! Sie sind also jetzt — so tsuasi — wenn fich's schicken würde, möcht' ich sagen, — ha, ha, ha, ha! — Sind unser Kamerad geworden, sdrückt ihm die Hands freut mich — Kamerad, freut mich herzlich. Busch. Ah, Sie sind der Prior des Klosters Maria Trost? Pater Augustin. Ich bin's — Busch. An Sie habe ich ein Schreiben unsers Generals — sübergibt es ihm.s Hauer szu Leonores. Eure» Sohn betriffts — denn gleich, nachdem ich dem General die Meldung gemacht hatte, schrieb er diesen Brief und sandte den Herrn Rittmeister mit mir ab. Hieronymus fleise zu Hauers. Sie, Herr Wachtmeister! Steht nicht vielleicht auch was von mir drin? Hauer sihn verächtlich vom Kopfe bis zum Fuße messeuds. Von Ihm? Hieron y m u s. Na ja, ich weiß, ich werd' in Ungnade gefallen sein, aber eben deßwegen vermuthe ich eine Versetzung in den Ruhestand mit Pension und Gnadengehalt, wie's schon bei den Ungnaden gebräuchlich ist — Pater Augustin (hat den Brief erbrochen und gelesen, zu Büschs. Herr Rittmeister! Wollen Sie dem Herrn General melden, daß der Erfüllung seines Wunsches nun nichts mehr im Wege stehe! Leonore. Aber mein Gott, Hochwürden! Betrifft's wirklich meinen Sohn? Pater Augustin. Ja, liebe Frau, Ihr habt mir versprochen, in Allem nach meinem Rathe zu handeln — Leonore. Gewiß — gewiß — ich will Ihnen unbedingt folgen — sagen mir Hochwürden nur, was ich thun soll? Pater Augustin. Seht vor Allem nach, ob Euer Sohn sich stark genug fühlt, das Haus zu verlassen, sagt ihm, ein Offizier unserer Armee wünsche ihn zu sehen. — Leonore. Gleich — gleich! (Geht ab in das Seitenzimmer.s Pater Augusti n. Herr Rittmeister, der Herr General befiehlt, Ihnen den 49 Inhalt seines Schreibens mitzutheilen, fgibt ihm den Briefs doch bitte ich Sie — ihn vor der Hand noch zu verschweigen. — Busch fliest den Brief, s Haner. Darf ich auch? Pater Attgtt st i n stuckt bejahend mit dem Kopfe, und wendet sich dann zu Wehrhold, mit demselben leise sprechend.s Hauer fbeugt sich über des Rittmeisters Schulter und liest so auch den Brief.s Hierony m u s ffür sichs. Ich Hab' noch nie einen Brief von einem Generalen gelesen — das ist zu interessant, ich muß doch auch — fgeht hinter Haner und sieht ihm über die Schulter.s Hauer fwelcher gelesen, plötzlich so fren-- dig in die Höhe fahrend, daß er den sich über ihn lehnenden Hieronymus beinahe zu Boden wirfts. Bivat! Der Herr General! Hurrah! Hieronhmns fzurücktanmelnds. Alle Teufel! Ihre Freude wirft mich fast um. — Mir sich.s Und ich weiß erst noch nichts. Pat e r Au g u st i n fzu Hauers. Ruhig, ruhig, lieber Wachtmeister. Hieronymus. Aber was ist's denn eigentlich? Hauer. Stille! — Er kommt! Jetzt mein Herz, zersprenge mir den Küraß nicht! Hieronymus. Wenn ich nur wußte, was es gibt? Neunte Scene. ! V orig e. Le o n o r e. Simon. Nani. st Wilhelm. Wilhelm stritt an Simons Arm ans ! dem Nebenzimmer, Nani und Leonore folgen.s ! Hauer fentzückt zu Büschs. Da sehen ^ Sie, — sehen Sie ihn nur an, Herr s Rittmeister!— Deriftes!fZu Wilhelm, f ihm entgegengehend.s Nun, Wilhelm — s Dir geht's ja gut, Du siehst gestärkt s aus, Dein Schritt ist fast ganz sicher. — ^ Theater-Repertoir 324. Wilhelm. Mir ist wohl, meine Wunden sind nicht so gefährlich — und fanf seine Umgebung weisends so viele Liebe stärkt. — Busch fzu Wilhelms. Ich bin gekom- ! men, Sie zu sehen, mein tapferer Kriegskamerad. — Wilhelm. Kamerad? Herr Rittmeister ! fMit einem wehmüthigen Blicke auf sein Kleid.s Betrachten Sie mein Ordenskleid. § Busch. Was thnt das Kleid, wenn die Herzen sich verwandt sind. Lassen Sie sich umarmen, mein tapferer Waffenbruder ! fUmarmt ihn.s Doch sagen Sie, suhlen Sie sich stark genug, sogleich mit mir in unser Lager zu kommen, unser General und das ganze Offizierkorps wünscht Sie in ihrer Mitte zu sehen! Wilhelm. Wo ist das Lager? Busch. Am Fuße des Berges Maria Trost. Wilhelm fseufzends. Dorthin muß ich ja ohnehin zurück — Herr Prior, erlauben Sie — Simon stritt zu Pater Augustin, leise zu ihm.s Was — also haben der Herr Prior bei der Meinigen nichts ausgerichtet ? Pater Augustin steife zu Simons. Seid ruhig — es wird Alles gut; dort beim Kloster soll Euch Alles klar ' werden ! > Simon steifes. Beim Kloster? fLaut.s Wilhelm! Ich laß' gleich einspannen, damit wir schneller zum Kloster kommen ! fZur Thür eilend und hinansrufend.s Lorenz, einspannen, die große Kalesch! fZn Busch.s Fahren der Herr Rittmeister auch mit? B u s ch. Nein, wir haben nn'sre Pferde draußen. fAb.s Hauer. Wir reiten voraus — dem Generalen zu melden, daß Du kommst! Auf Wiedersehen! fUmarmt Wilhelm und will fort.s Wilhelm fhält ihn Zurücks. Aber sag mir doch — 4 50 Hauer sdeutet durch Pantomime an, daß er nicht reden dürfe, drückt ihm aber herzlich die Hand, deutet in die Ferne, und eilt dann rasch ab, an der Thür sich nochmals umwendend, um seiner verhaltenen Freude durch den Ausruf Luft machend.1 Vivat darf ich doch schreien! Vivat! sAb.) Wilh elM fdie Anwesenden erstaunt an- sehend.) Was geht hier vor? — fZu den Seinen.) Ihr Alle erscheint mir so sonderbar— Vater! Mutter! Sprecht doch. — Simo u. Wenn ich nur selber Etwas wüßte. Pater Augustin. Bald soll sich Dir Alles enthüllen. Ziehe hin nach unserm Kloster, an der Pforte desselben werde ich Dich erwarten — Gott sei mit Euch Allen! fGeht ab. Simon und Leonore begleiten ihn bis zur Thüre und küssen ihm beim Abschiede die Hände.) Wilhelm. Mutter! Eine Ahnung durchzuckt meine Seele! Simon. Was Ahnung! Machen wir, ' daß wir zur Gewißheit kommen. Der Wagen ist angespannt, — komm' mit UNs ! sHängt sich in Wilhelms Arm.) Leonore ssich an der andern Seite Wilhelm anschließend). Herr Förster, Sie begleiten uns doch auch? fJm Abgehen zu Wehrhold.) Wehrhold sder bis jetzt heimlich mit Nani gesprochen, welche gleichfalls ihre Freude durch Geberden äußerte.) Das versteht sich, ich und meine Tochter. sFolgt ihnen.) Hieronymus sallein zurückleibend). Ja, wie ist's denn? Schaut sich um mich gar Niemand um, seit der Herr Egidins den Laufpaß bekommen hat? Ich folg' ihm nach, er wird sich schon durchhelfen — denn, wenn auch alle Jesuiten aufgelöst werden — die Jesuiten im Civilkleid bleiben doch. sAb) Verwandlung. Freier Platz vor dem Kloster zu Maria Trost. Links ist das Klostergebäude mit der Hauptpforte. Soldaten lagern bei ihren Wachtfeuern und kochen in den Kesseln, welche über den Feuern hängen. Mehrere Mönche bringen den Soldaten in Körben Wein und Nahrungsmittel aus dem Kloster herab. Zehnte Scene. Vorige. General. Dorn. Offiziere )treten aus dem Zelte, die Soldaten erheben sich.) General smit der Hand winkend). Bleibt — bleibt, Kinder! Laßt Euch nicht stören — Majo r. Ah, unsere wackeren Klosterbrüder sind heute unsere Gastwirthe und Kellermeister. — General. Ja, ein solches Kloster lob' ich mir! Wäre nicht der eine Bruder dieses Klosters gewesen so stände ich heute nicht mehr unter Ihnen, meine Herren! Eilste Scene. Die Pforte des Klosters öffnet sich, Pater Augustin smit einem Gefolge von Mönchen tritt aus derselben.) Dorn. Ah — sieh da — der Prior des Klosters. General sihm entgegengehend). Würdiger Herr Prior! Seien Sie mir herzlich gegrüßt! Pater Augustin. Herr General, wir kommen, Ihnen uns're Glückwünsche zu dem erfocht'uen Siege darzubringen. General. Zu dessen Erreichung Sie selbst so wacker mitgeholfen haben. Dorn sin die Scene weisend.) Dort — ein Wagen, die Kürassiere umringen ihn, ein Priester wird aus demselben gehoben — sein Haupt ist verbunden! Pater Augustin. Er ist's — der gestern die kühne That vollbrachte. General szu Dorn). Schnell führen Sie ihn zu mir! sDorn ab.) sZu Pater Augustin.) Sie ließen mir sagen, daß die Erfüllung seines Wunsches — Pater Augustin. Nur von seiner eigenen Wahl allein abhänge, und daß diese nicht mehr zweifelhaft ist, davon, Herr General, haben Sie den besten Beweis. Zwölfte Scene. Vorige. Busch. H a uer. Wilhelm. Kürassiere. Simon. Leono re. Wehrhold und Nani sfolgen und bleiben im Vordergründe seitwärts stehen.) Busch. Herr General! Hier ist der junge Haudegen, den Sie zu sehen wünschten. General sWilhelm entgegengehend, und ihm seine Hand reichend). Junger Mann, ich danke Ihnen mein Leben, das Heer vielleicht den Erfolg des gestrigen Tages — ich war erstaunt, als ich vernahm, daß Sie kein Mann meines Heeres, sondern ein Zögling des Klosters seien — diesem kann ich nur meinen persönlichen Dank, als meinem Lebensretter, nicht aber die wohlverdiente Auszeichnung, die dem Krieger zu Theil würde, angedeihen lassen! Wilhelm. Herr General — der Stand, den ich bekleide, war nie meine Wahl! Pater Augustin. Doch jetzt, mein Sohn! Jetzt ist es Deiner freien Wahl anheimgestellt. — Im Namen Deiner Mutter spreche ich Dich von der Erfüllung ihres Gelübdes los! Wilhelm. Wie — meine Mutter? sSucht mit den Blicken.) Leonore stritt etwas vor und winkt ihm mit freudigen Blicken zu.) Wilhelm stn höchster Freude). Ich bin frei? frei? Herr General! Jetzt gehöre ich Ihnen mit Leib und Seele! General. Nun kann ich Sie auch als Krieger belohnen, und ich thue dies, indem ich hier stttdem er von einem Offiziere eine Medaille nimmt) des Kaisers Bild an Ihre tapfere Brust hänge, i Wilhelm. Herr General — diese ) Auszeichnung — / Simon und Leonore. Die goldene tMödaille — mein Sohn! Mimen sich svor Freude kaum zurückhalten.) General. Nehmen Sie auch meinen Säbel — mit dem kort ä'ep66, Herr Lieutenant! Simon. Vivat Laudon! Belgrad ist über!! Wilhelm. Herr General — und Ihr, meine Waffenbrüder! Hier schwöre ich's Ihnen zu, diese Waffe, so lang ich lebe, nur zum Ruhme meines Vaterlandes, zum heiligen Kampfe für das Recht und für den Thron meines Monarchen zu schwingen! Hoch! Dreimal hock der Soldatenstand! Alle. Hoch! Hoch! Hoch! Der Vorhang fällt. In der Jänner 1876 neu begründeten W a N i s h a u sse r'schen Älilnilmg Dkntschn MhiikWklkk sind bisher erschienen: 1. Das Trauerspiel -es Kindes. Schauspiel in 2 Acten von S i g m und S ch l e s i n g e r fl. 1.20 2. Eine Jugendsünde. Schwank in 3 Acten von Julius Findeisen . . . . fl. l.20 3. Tiberius. Tragödie in 5 Acten von Julius Grosse, fl. 1.50 4. Der Seelenretter. Lustspiel in 1 Act von HedwigDohm fl. — .90 5. 'Das heiß' Eisen, ein Nürnberger Fastnachtsspiel von Hans Sachs. Für die neuere Bühne eingerichtet von R u d. ......st-—-50 6. Corfiz Ulfeldt, der Reichshofmeister von Dänemark. Trauerspiel in 5 Acten und einem Vorspiel von Martin Greif. 2. Ausl.. . . fl. 1.80 7. Dschingiskhan. Lustspiel in 1 Act von Karl Gutzkow fl.—.60 8. Die Philosophie des Unbewußten. Lustspiel in 1 Act v. Oscar Blumenthal fl.—.90 9. Reine Hände. Lustspiel in 4 Acten v. M. O e r i b a n er fl. 1.20 10. Der Tanzboden. Dramatische Kleinigkeit in 1 Act von Mori; Epstein. . fl.—.70 11. Rose und Distel. Schauspiel in 1 Aufzuge .... fl. —.80 12. Spartakus. Trauerspiel in 5 Aufzügen von Franz Koppel- Ettfeld .fl. 1.50 13. Durch Champagner. Lustspiel in 1 Act v. Betty N o u n g. fl. —.60 14. Angebetete Elisabeth. Lustspiel in 1 Akt von C ar l S a ar fl.—.70 15. Brnlloogel. Schwank in 1 Act von Paul Perron fl.—.60 16. Paul de Kock. Lustspiel in 1 Act von Carl Weiß. fl.—.60 17. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Schwank in 1 Act von Paul Perron fl.—.60 18. Der Herr Collega. Schauspiel in 4 Acten von M. Fr an k fl. 1.20 19. Nero. Trauerspiel in 5 Acten von Martin Greif . fl. 1.80 Der Beginn unseres Theater-Berlages fällt in die Zeit der Gründung des Wiener Burgtheaters und bildet mit unserem Theater-Sortimente und mit unserem Theater- Antiquariate das größte und vollständigste in dem auch selten gewordene und im Handel gar nicht vorkommende Piecen zu finden sind. Bon dem bekannten „Wiener Theater-Repertoir" sind soeben Heft 300 bis Heft 319 ausgegeben worden (die neuesten Producte von Berg, Bittner, Dorn, Eirich, Grandjean, Kaiser, L'Arronge, Morländer, Rosen, u. A. enthaltend). Von Grandjean's „Gute Unterhaltung" ist Bändchen 4, von „Weyl's gesammelten Borträgen" sind Heft 11— 13 neuerdings erschienen. Wien, Mai 1876. Wallishausser'sche AvchhaMvng, Ursel. Noch diese zwei Knöpfe. ! Johann. Schnell, schnell, er kann! bald kommen und wieder da sein. / Julie (ihm einen Handschuh hinhaltend). So. (Er steckt die Hand hinein.) Bertha (ihm den zweiten Handschuh hinhaltend). Wenigstens etwas gesichert. Ursel (ihm das Visir reichend). Nun, noch das! Rottek (ärgerlich). Warum nicht gar? Im Gesichte ist doch Nichts zu beschädigen. Ursel (ergreift ihre Nase). O ja, die Nase. Bertha (will ihm das Visir geben). Nimm. Rottek. Nein, nein, ich muß doch mit ihm sprechen. Julie. Nun, so halten Sie wenigstens die Hand an der Nase — (Sie nimmt seine Hand und legt sie an seine Nase.) Bertha (bemerkend, daß er die Hand herunternimmt). Carl, ich beschwöre dich, bei unserer Liebe — „halte die Hand an der Nase," bei dem Glauben an meine Schwüre „halte die Hand an der Nase," ich muß Dich jetzt verlassen und unsäglichen Gefahren Dich preisgeben; mein einziger Trost in der Nacht meines Unglücks und der Verzweiflung meines Herzens wird der sein, daß Du „die Hand an der Nase hältst." (Alle durch die Thür rechts ab.) Sechster Austritt. Rottek, bald darauf Emil. Rottek (versucht die Handschuhe ans- zuziehen). Er kommt — es ist zu spät, mich aus dieser lächerlichen Situation zu befreien. (Er steht links im Vor- dergrunde, etwas seitwärts vom Spiegel.) Emil (eintretend). Guten Abend — (Er kommt näher, und sieht sehr verblüfft ans). Habe ich die Ehre, den HerrnReichstag — Rottek. Ich bin sein Rentmeister. Emil (kommt noch näher heran, und zieht sein Notizbuch aus der Tasche, sehr belustigt anssehend, für sich). Amüsante Erscheinung. (Laut). Sie erlauben Wohl die bescheidene Frage, gehen alle Rentmeister in Pommern so feuersicher costumirt? Rottek (zornig). Das geht Sie nichts an! Emil. Nicht sehr höflich. (Er geht dicht an Rottek heran, dieser legt unwillkürlich die Hand auf die Nase, und tritt einen Schritt zurück.) Emil. Bleiben Sie ruhig stehen, (er notirt etwas, geht dann um Rottek herum, wie er hinter ihm steht, klopft er mit gebogenem Finger auf den Panzer). Blech ! ? Rottek ldreht sich heftig um). Unverschämter ! Emil (ihm schnell ebenso vorn auf den Panzer klopfend). Blech ! ? (Er notirt einige Augenblicke.) Rottek (für sich). Ich weiß nicht, ob der Kerl bewaffnet ist? Hätte ich nur einen Revolver, ich wollte ihm schon zeigen, und nun muß ich da stehen, wie der Ritter von der traurigen Gestalt, und Hohn und Spott über mich ergehen lassen. (Saut). Was wollen Sie hier? Emil (das Notizbuch einsteckend). Ich will den Herrn Reichstags-Abgeordneten pressest (sich verbessernd) sprechen. Rottek. Das wagen Sie so frei zu sagen? (drohend). Sie Unverschämter, sagen Sie mir augenblicklich, was Sie wollen— Emil (betroffen). Sie werden unangenehm, mein Herr! Glauben Sie etwa, daß ich durch Schnee und Eis hieher- gekommen, um mir von Ihnen Verbalinjurien an den Kopf werfen zu lassen? Oder mich mit einem blechernen Rentmeister zu unterhalten? Ich werde wieder kommen, wenn den ich Herrn Reichstags-Abgeordneten zu Hanse weiß. (Im Abgehen). Den Will ich auszapsen. (Ab. Siebenter Austritt. Rottek allein. Rottek. Auszapfen? Entweder der Kerl ist ein Verrückter oder ein Gauner, der hier im Hause durch seine Dummheiten und Drohungen uns beschäftigen wollte, um den Herrn Baron dann unterwegs um so sicherer abfangen zu können, bei dem er nicht mit Unrecht eine große Summe Geldes vermuthet, wenn er ans der Stadt heimkehrt. Ich konnte ihm hier nicht zu Leibe, erstens war er mehr komisch als furchterregend, und dann konnte ich nicht wissen, ob er nicht doch bewaffnet, während ich wohl wußte, daß ich unbewaffnet sei, und unbeholfen dazu durch die eisernen Dinger. sEr wirft ärgerlich die Handschuhe ab). Aber nun will ich die Mädchen beruhigen und dann den Waldweg entlang dem Herrn entgegen. Er liebt es manchmal, statt der Fahrstraße diesen kürzeren Weg zu nehmen, und das könnte doch gefährlich werden. fEr geht durch die Thür rechts ab.) Achter Austritt. fDie Bühne bleibt einige Augenblicke leer. Finkenhoven durch die Mitte tretend, cor- pulente, wohlwollende Erscheinung in Hut und Pelz.) Finkenh. ssich schüttelnd). Brr, schauderhaftes Wetter; ich bin froh im gemächlichen Heim zu sein bei meinen Mädels. Johann stritt von links ein, ängstlich, verstört, und Hilst Finkenh. den Pelz ablegen) Finkenh. sohne ihn anznsehen). Wo sind die Fräulein? Johann szögernd). Sie kommen — Finkenh. sihn anblickend und seine Verstörung bemerkend). Johann, UM Him- melswillen, was ist vorgesallen, sängstlich). wo sind? — Julie und Bertha sdurch die Thür links.) Julie szuerst hereiustürzend, und Finkenh. um den Hals fallend, sehr erregt). Papa, theuerer Papa! Gott Lob, daß Du da bist. — Bertha sseine Hand fassend). O, NUU wird Alles wieder gut. Julie snoch immer an seinem Hals). Welche uusägliche Augst haben wir ausgestanden! Bertha sihn haltend). Eine grauenvolle Stunde haben wir verlebt. Finkenh. Aber, Kinder, um Himmelswillen, was ist vorgesallen? sEr macht sich los.) Julie. O Papa, wir waren entsetzlich bedroht, und sind es noch immer. Bertha. Haben Sie Carl ssich verbessernd.) Herrn Rottek nicht getroffen; er ritt Ihnen den Waldweg entgegen. Finkenh. Ich sverwirrt.) kam die Fahrstraße. Ihr spannt mich aus die Folter, was giebts — war Feuer? Julie. Schlimmer. Finkenh. Diebe. Bertha. Schlimmer. Finkenh. Warum ritt Rottek mir entgegen ? Julie. Um zu verhindern, daß jenes entsetzliche Ungeheuer Dich nicht unterwegs ansalle. Finkenh. sberuhigter). Wölfe also, nun das ist ja schon dagewesen. Bertha. Ach, wenn es nur das wäre — Finkenh. serstaunt). Was denn? Julie stragisch). O Papa, säst sträuben sich meine Lippen es auszusprechen. Finkenh. Entsetzlich! Julie ssehr pathetisch, geisterhaft, halblaut). Es war ein — Vampyr. Finkenh. serstaunt). Was für ein Ding? Vampyr? sNachdenklich.) Vampyr, kllMostoiüa, speetruiN) oder fliegender Hund, lebt in Südamerika, wie kommt denn das Thier hieher? Vielleicht aus einer Menagerie weggeflogen? 9 Julie (schaudernd). Ach, es War ja ein menschlicher Vampyr, eines jener ungeheuerlichen Wesen, die in Menschengestalt umherwandeln, das Blut der Menschen aussaugen, um sich zu ernähren ; unheimlich, heimtückisch, unhörbar schleichen sie umher, und überfallen ahnungslose Menschen; (exaltirt) ein so schauerlicher Gast war vor Kurzem da; (jammernd.) O Papa, Papa, wir sind verloren. Bertha (ebenfalls weinend). Welche Heimsuchung. Finkenh. (hat erstaunt und ärgerlich zugehört). Ihr seid Wohl übergeschnappt, Mädels. Julie (empfindlich). Papa! Finke nh. Oder hat die Einsamkeit Euere Nerven überreizt, daß Ihr Gespenster sehet? Es gibt keine Vampyre. Vampyr ist eine Fledermausgattung, alles Andere, was Ihr da faselt, ist hirnverbranntes Zeug; dumme Kinder — Julie (etwas gereizt). Es giebt Vampyre; wir haben es erst heute gelesen. — Fi n kenh. (ärgerlich). Da hat man's; die verdammten Schwarten. Julie. Es war erstens ein Gedicht Byrons „der Vampyr" und dann eine ganz wahrheitsgetreue Erzählung über das Unheil, das jene Ungeheuer in dem Dorfe Kißlowa angerichtet haben. Finkenh. Lowa, Lawa, — Fape- reien; schwatzt nicht so thörichte Sachen. — Ihr macht mich ernstlich böse. Bertha (schüchtern). Die Urgroßmutter von der Schwiegermutter von Ursels seliger Mutter wußte sich ganz genau zu erinnern. Finkenh. (sehr ärgerlich). Die seelige Ursel soll der Teufel holen, wenn sie solchen abergläubischen Unsinn in Euch bestärkt. Ich lasse das gar nicht anskommen. Blödsinn, das fehlte noch. Ihr seid ohnedieß überspannt. Julie. Aber, Papa, ich habe ihn doch mit eigenen Augen gesehen. (Plötzlich Finkenhoven nm den Hals fallend.) Entsetzlich, grauenvoll, wir sind verloren. Eine schauderhafte Todesart steht uns bevor. (Hält Finkenhoven weinend umschlungen. ) Finkenh. Nein, das ist doch zu arg — haben sich mit den verfluchten Geistergeschichten gegenseitig verrückt gemacht. (Plötzlich.) Hat noch Jemand den Vampyr- gesehen ? Julie. Die Ursel. Finkenh. Die alte Geisterseherin. Bertha. Und der Johann. Finkenh. Was, der Johann? (Er klingelt.) Julie. Und Rottek. Finken h. Auch der? (überlegend.) Was hat das zu bedeuten? Sollte Jemand sich einen schlechten Scherz? — Neunter Auftritt. Vorige. Johann, Ursel. Finken h. (zu Ursel). Sähest Du auch den Fremden? Ursel (einfallend). Vampus. (Traurig. Ja, gnädiger Herr! — Finkenh. Was that, was sagte er? — Ursel (mit komischer Nachahmung Emils Blut — Blut - Finken h. Unglaublich! (Zu Johann.) Und Du? Johann. O Herr! Er sagte, er wolle nur in's Wirthshans gehen, und dann zurückkehren, und Sie seciren, Ihre Adern trennen, Ihr Gehirn loslösen. Finkenh. Es ist zu toll! Julie, O Papa! Bertha. Mein Beschützer! (Schluck), zend.) Finkenh. (macht eine entlassende Geberde gegen Johann und Ursel, beide ab). (Ungeduldig). Nun hat aber meine Geduld ein Ende, und die Geschichte auch. — Ich erkläre Euch, daß 10 Ihr ganz dumme, abergläubische Mädchen seid, die sich von einem Ueber- müthigen haben in's Bockshorn jagen lassen. — Schämt Euch, das hätte ich von meiner lustigen Tochter und meiner sanften Bertha nicht erwartet. Die Mädchen beruhigen sich allmählich. Julie. Aber Rottek? Fi n kenh. Hielt ihn auch für einen Vampyr? Bertha. Das nicht, er fürchtete, er sei ein Hallunke, der uns hier im Hause schrecken wollte, um Sie desto sicherer aufallen zu können; und deß- halb ritt er Ihnen entgegen. Finkenh. (bedenklich). Das könnte eher sein. War Rottek bewaffnet? Julie. Er nahm den geladenen Revolver mit. Finkenh. Nun dann hat es wohl keinö Gefahr. Die Strauchdiebe bei uns sind nicht gefährlich; einer geladenen Pistole gegenüber nehmen sie Reißaus. Bertha (für sich). Gott sei Dank! Julie. Rottek zögerte keineu Augenblick, sein Leben für Dich zu opfern. Finkenh. Er ist ein treuer Mensch, wie selten einer. Jul ie (zupft Bertha am Kleide, halblaut), Nun, siehst Du. Finkenh. Uebrigens, Mädel; der heutige Abend hat mir eine Lehre gegeben. Die Einsamkeit und die dummen Romane machen Euch total überspannt. Es gibt keine Geister, es gibt keine Gespenster. Diese existiren nur in der Einbildung alter Weiber und alberner Mädchen. Julie. Aber — Finkenh. Willst Du wohl stille sein; kein „aber" (Er nimmt sie bei der Hand.) Nun ist es gerade höchste Zeit, daß Du wieder mein vernünftiges Jul- chen wirst, sonst bleibt mir nichts anders übrig, als Euch nach der Residenz mitzunehmen, oder zu verheiraten. Julie sklascht in die Hände, recht munter). Ah, Papa, liebster, bester, herzensguter Papa, mich nimmst Du nach der Residenz und (halblaut zu Bertha.) Ich riskire es. (Laut) Bertha verheiratest Du. Finkenh. Was? Julie (wie ein verzogenes Kind). Ja siehst Du, Papa, Du bist uns eine Revanche schuldig für den Schreck für heute Abend — und die Bertha (energisch.) Wir wollen heiraten! Finkenh. (amüsirt.) Du auch? Julie. Nein, ich nicht, — aber die Bertha. (Bertha zupft sie am Kleide.) Finkenh. Die, mit dem Armensündergesicht. (Bertha neigt bejahend das Haupt.) Julie. Sie wagt es nur nicht zu gestehen, aber sie liebt rasend, glühend, leidenschaftlich, unmenschlich. (Bertha begleitet die Worte Juliens unausgesetzt mit bejahendem Nicken.) Finkenh. Das ist köstlich! Julie. Ja entzückend ! (Exaltirt.) Es kommt doch nichts über die Liebe. Finkenh. Aber wen liebt sie denn eigentlich? Be rth a iflehend zu Julie). Sag's nicht, sag's nicht! Julie (energisch). Ich sag es ; es muß doch einmal heraus. (Bertha verbirgt ihr Gesicht). Finkenh. Nun! Julie. Sie liebt Rottek! Finkenh. Ei, sieh einmal. I N l i e (trotzig). Ja. (schnell sprechend, schelmisch.) Und wenn Du nicht „Ja" sagst, so stürzen wir uns sofort in's Wasser, wie Angertha in „die Braut, getreu bis in den Tod", oder wir vergiften uns, wie Lucinde in „die edle Banditenbraut", oder wir erschießen uns wie Meritta und Jskara in „die Amazonen," oder wir riechen solange an einer Blume, bis wir todt hinfaüen wie Selima, das Blumenmädchen auf Torqueda, oder wir verhungern wie Turtia, „die zärtliche Nonne." Oh, Papa, Du weißt nicht, was unglückliche Liebe vermag. Finken h. (hat ihr in steigender Verwunderung zugehörig Sind das alle Romane, die Du gelesen? Julie. Ich kenne deren noch viel andere. Me vorher.) Carl stößt sich eine Toledoklinge in die Brust, wie Manfred, der minnende Ritter zu Sevilla, oder er stürzt sich in sein Schwert wie Otwien, der verwegene Mädchenräuber, oder er wirft sich in einen Abgrund, wie „Ninaldo, der edle Räuber der Abruzzen." Finkenh. (sich die Ohren zuhaltend). Genug! Genug! Du wirst in den Salons der Residenz mit Deiner Belesenheit Aufsehen erregen. Hat Bertha alle diese Bücher ebenfalls gelesen? Bertha sstolz). Ja wohl — Finkenh. sschninnzlend). Na, dann hast Du Dich auf deine künftige Haus- franenwürde allerdings trefflich vorbereitet. Julie (streichelt ihn schmeichelnd). Du bist doch ein so guter Papa; und sie lieben sich so unmenschlich. (Zärtlich). Seit dem Tode der seligen Mama hast Du mir auch keinen Wunsch abgeschlagen. Finkenh. Hm — (Bertha geht an's Fenster) Julie (fortfahreud). Sie wollen ja gar nichts Unrechtes; sie wollen sich eben nur ein klein bischen heiraten. Finkenh. Nur?! Julie. Sieh mal, Papa, ob hier Jedes allein 'rumgeht, oder ob sie beide zusammen rumgehen, das macht ja gar keinen Unterschied. Finkenh. Aber Bertha ist noch zu jung, erst 17'/4 Jahr. Bertha (vom Fenster stürzend, ängstlich) Er kommt, er kommt. Julie (an's Fenster eilend). Himmel! Der Vampyr! Finkenh. (zu ihr tretend). Der mit dem Regenschirm? Tragen Vampyre Regenschirme? Julie (vernichtet). Zum dritten Male. Finkenh. Das Ungeheuer scheint mir consequent auf den Leib zu rücken. (Gemüthlich). Geht in Euer Zimmer; ich werde ihn hier erwarten. Julie (ängstlich). Willst Du nicht wenigstens den Panzer — Finkenh. Unsinn. Bertha (ebenso). Und die eisernen Handschuhe. Finkenh. Lächerlich! Macht, daß Ihr fortkommt. Julie (im Abgehen bittend). Papa. Bertha (küßt ihm die Hand und sieht ihn schüchtern an). (Beide durch die Thüre links ab.) Zehnter Austritt. Finkenh ov en allein. Finkenh. Die Sache mit der Bertha ist nicht übel, und das Julchen muß in eine Pension, wo das verwöhnte Töchterchen das naive Landmädchen etwas abstreift, ehe ich es auf das großstädtische Parqnet bringe. Es ist aber doch ein prächtiges Mädel, der man nichts ab schlagen kann, das weiß zu bitten, als ob es darauf studirt hätte. Citfter Auftritt. Finkenhoven. Emil. Emil (klopft an.) Finkenh. (etwas barsch). Herein! Emil (eintretend, sich tief verbeugend). Ah, endlich — endlich; (den Schirm ablegend) welch großer Augenblick, durch Wind und Eis, durch Dturm und Schnee eilte - ich hieher, um Sie zu sehen, Sie, das Reichstags-Mitglied für Zerbstein, Lobbeburg und Gaden. Finkenh. Mit wem habe ich das Vergnügen? 12 Emil ^überreicht ihm eine Karte und, einen Brief). Hier mein Einführungs- Schreiben. Finkenh. fliest lächelnd). So, fsich verbeugend.) ich freue mich, Ihre Bekanntschaft zu machen, mein Herr! fEr deutet auf die Sessel am Kamin, und schiebt sie zurecht). Bitte — Emil fsich setzend). Sie werden also so freundlich sein, mir über einige politische Fragen Auskunft zu ertheileu? Finkenh. fsich setzend). Mit Vergnügen, i Emil fzieht das Notizbuch hervor). Wie! denken Sie über die französische Republik? Finkenh. Die Republik ist wie ein Chamäleon, sie spielt alle Farben, vom Blutigroth der Radikalen abwärts bis zum zarten Lilienweiß der Legiti- misten. Die leitenden Persönlichkeiten, die jetzt in Frankreich Weltgeschichte machen, charakterisiren dieß Gleichniß ebenfalls. Emil fbei Seite). Und das muß ich mit anhören! fLant.) Wie stehen die Deutschen zu den Franzosen, fürchten sie diese noch immer? Finkenh. Fürchten? fDiplomatisch sein). Ich werde Ihnen ein Mährchen erzählen. Es war einmal ein Knabe, der hieß Michel, der wollte gern das Gruseln lernen, da hörte er, daß jenseits des Rheins ein furchtbares Gespenst unter dem Namen Gloire in den Köpfen der Leute spucke. Das möchte ich in der Nähe besehen, dachte Michel, und überredete flugs alle andern Michels zu dem Unteruehmen, so zog Jung- deutschland im Jahre 1870 über den Rhein, das Gruseln zu lernen; aber es' kehrte unverrichteter Sache heim. Seitdem ist in Deutschland die Gespensterfurcht völlig geschwunden. Emil. Famos — Nsrei. Was halten Sie von den national-musikalischen Bestrebungen des Königs von Baieru? Finkenh. Sein Faktotum Wagner schafft eine neue Kunst, die in Zukunft statt der germanischen Waffen zur Vertreibung der Feinde benützt werden wird, indem wir sie zu den Bayreuther I Bühneufestspielen einladen. Emil fnotirend). Brillant, eminent. Was ist nationalliberal für eine Farbe? Finkenh. Unbestimmte Couleur, neueste Modefarbe für Herren, und für diese eben so beliebt und kleidsam als Tegetthoffblau und Chimpansegrau für die Damen. E m i l. Wie steht es um die türkische Finanzcalamität? Finkenh. fspötüsch). Ich bin nur glücklicher Besitzer dreier Türkeulose. Wenn Sie nicht andere noble Passionen haben, so werde ich mir das Vergnügen machen, sie Ihnen als Umschlag zu offeriren, wenn Sie etwa Centralver- sicherungsactien darin einwickeln wollen. Emil. Nsrei — Und die Aufstände in der Herzegowina? Der Krieg, die Jnsurrection? Finkenh. Bst, bst — Nichts von Ausständen im Hause eines deutschen Reichstags - Abgeordneten. Seit der Zeit, da wir gut und vernünftig regiert werden, hat bei uus der Begriff „Ju- surrection" sich mit dem der Loyalität fusionirt. Emil. Amüsant. fNotirend.) Auch Sie haben eigentlich noch nicht vollständige Preßfreiheit? Finkenh. Noch viel zu viel. Ich bringe in der nächsten Session einen Antrag gegen die überwuchernde, verderbliche Romanliteratur ein, die unfern Mädeln die Köpfe verdreht. fFür sich.) Und sie in harmlosen Journalisten fürchterliche Vampyre wittern läßt. Emil faufstehend). Verbindlichsten Dank! fEr greift nach seinem Hnte.) Ich werde die Aufmerksamkeit ganz Europas auf Sie lenken. fMacht Miene, sich zn empfehlen.) Finkenh. Und Sie glauben doch nicht etwa, flächelnd) daß ich zum Danke j dafür Sie in dem elenden Dorfwirths- ^ Hause werde übernachten lassen. Heute l 13 können Sie doch nicht weiter. Sie bleiben natürlich mein Gast. sErschellt) Emil s erfreut). Sehr gütig. Finkenh. Aber eine Frage ist mir wohl erlaubt; was verschafft gerade mir die Ehre? Emil. Das Mandat von Zerbstein- Lobbeburg-Gaden, das macht ja ganz eminenten Effect; zwei Drittel werden es nicht einmal aussprechen können. Ich bin auf dem Wege nach Petersburg, und benützte die Gelegenheit, einen deutschen Abgeordneten in seiner Häuslichkeit aufzusuchen. Finkenh. flachend). Ach so — ttr se l seintretend). Der Herr lebt; gelobt sei Jesus Christus. Finkenh. Ursel, sorge für ein gutes Souper, und schicke die Fräuleins herein. sUrsel ab.) Ich werde Ihnen meine Tochter und mein Mündel vorstellen. Zwölfter Auftritt. Vorige. Julie, Bertha. Julie und Bertha szögernd hereinkommend, halten sich immer aus einer Seite möglichst nahe zusammen.) Finkenh. Nur herein. sVorstellend). Meine Tochter, meine Pflegetochter, Herr Emil Nerval de Tissot. sVerbeugung.) Finkenh. Ihr habt Recht, meine Kinder. sMit verstecktem Spotte, etwas pathetisch.) Herr Emil de Tissot ist eine moderne Species jener Vampyre, von denen Ihr mir erzähltet; wie diese das Herzblut, den physischen Lebenssaft des Menschen aussaugen, so bemächtigt diese Abart sich seines geistigen Lebenssaftes; unser Husten deuten sie, unser Räuspern und unser Spucken gucken sie uns ab. — ihnen bleibt Nichts verborgen, was sie wissen wollen. sDie Mädchen hören erstaunt zu, Emil notirt eifrig.) Diese Vampyrgattung nennt man „Reporter" — — Meine Pause, lächelnd). Herr Emil Tissot ist Reporter des „Universell' in Paris, und da diese Gattung durchaus uicht gemeinschädlich ist, sondern zur Verbreitung unserer persönlichen Bedeutung Manches beiträgt, so bleibt er unser lieber Gast. sJulie tritt mit Bertha rechts.) Julie shalblaut zu Bertha). Der Papa ist sehr guter Laune, er muß noch heute, jetzt gleich „Ja" sagen. Bertha sängstlich). Julchen. Julie. Laß mich nur machen. Emil sinzwischen zu Finkenh. links stehend). Sie gestatten wohl, bevor ich Ihre Gastfreundschaft genieße, mir noch einzelne Notizen für meinen Bericht zu machen. — Finkenh. Bitte, bitte. sEr geht zu Julie nach rechts, Bertha tritt an's Fenster, Emil schreibt.) j Julie sschmeichelnd). Ich bin so glücklich, meinen Herzenspapa so lustig zu I sehen. — Aber der arme Carl setzt draußen in der rauhen Winternacht sein Leben für Dich auf's Spiel. Finkenh. Herr Gott, das habe ich in dem Rnmmel ganz vergessen. sEr will fort.) Julie sihn bei der Hand fassend). Bleibe da, Papa, er wird schon kommen, und dann wollen wir ihn königlich belohnen. Finkenh. serstaunt). Belohnen? Julie ssehr zärtlich und bittend). Sag' „Ja," Papa, einziger guter Papa, mache uns glücklich! Erlaube, daß Bertha ihn heirate. Sie lieben sich so unmenschlich, und sie werden so glücklich sein. Finkenh. Wahrhaftig! Julie. Ich will Dich nie mehr um etwas bitten, wenn Du das gewährst. Finkenh. Auch nicht um einen Mann für Dich? Julie. Auch nicht. Wenn Du Bertha glücklich machst, bin ich zufrieden. sJhn umschlingend.) Ich habe ja meinen theue- s ren Papa. 14 Finken h. (schwankend). Aber Bertha sollte doch wenigstens eine Saison in der Residenz —> Julie (energisch). Aber sie will ja gar nicht in die Residenz; sie will nur hier bleiben, und (auf Emil deutend, der immer fort schreibt.) wenn Du jetzt ein so berühmter Mann wirst, so wirst Du noch öfter verreisen, und da würden Rottek und Bertha derweil das Gut und Haus trefflich verwalten. — Finke nh. Diplomatin. — Julie. Ich bin Papa's Tochter; sie werden sich sonnen im Glanze unserer Berühmtheit; denke Dir, wenn sie in der Zeitung lesen, der Reichstagsabgeordnete fürZerbstein-Lobbeburg-Gaden ist mit seiner Tochter zur Session einge- troffeu, und im Hotel zum „deutschen Kaiser" abgestiegen, oder gar der Herr Reichstagsabgeordnete für Zerbstein-Lob- bebnrg-Gaden hat sicherem Vernehmen nach den Stockschnupfen, denn er nießte bei der gestrigen Sitzung über das Eisenbahngesetz 24 Mal — Finkenh. Du Schelmin — — Julie. Sage „Ja," lieber Papa, sage „Ja," herzensguter Papa ; ich höre Carl, ich muß ihn damit überraschen (dringend, ihn küssend.) Ja? Finkenh. Nun denn ja, Du Quälgeist. Julie (jubelnd). O, Du bester, guter Papa! Du bist noch besser als der Vater in „dieVaterpflichten gegen Kinder der Liebe" von Ournas tilg. Dreizehnter Auftritt. Vorige, Rottek (durch die Mitte). Julie (stürzt ihm jubelnd entgegen, und spricht zu ihm, während er noch in der Thüre steht.) Finkenh. Das Mädel ist ein Satan, eine reine Herzensdiebin; sie wickelt mich um den Finger; (nach hinten gehend.) glücklich machen, das ist ihr Element. (Beim Fenster im Hintergrund, wo Bertha ge- standen, wickelt sich die Verlobnngsscene ab. Gruppe. Fiukcnh. Bertha, Julie, Rottek). Emil (inzwischen vorn). Außer den bedeutenden politischen Ansichten habe ich auf meiner politischen Rundschau überraschende Einblicke in das Culturleben der Deutschen gethan. (Er liest aus dem Notizbuche.) 1. Die deutschen Mädchen schreien bei dem Eintritt eines Fremden laut ans und laufen nach verschiedenen Seiten ab. 2. Die deutsche Haushälterin bekreuzt sich beim Anblicke eines Fremden, und läuft ebenfalls davon. 3. Der deutsche Johann oder Hausmeister geht mit geschliffenem Messer oder Todtschläger umher, und zittert merklich. 4. Die Rentmeister tragen blecherne Panzer und eiserne Handschuhe. Die Hand halten sie in dienstlicher Stellung an der Nase, woher wohl die deutsche Redensart: „Er hat eine Nase bekommen" herrühren mag. 5. Der deutsche Reichstags-Abgeordnete stellt seinen Töchtern Reporter und sonstige Journalisten als Vampyre, Fledermansgattung, vor. (Er notirt etwas.) R ottek (mit Bertha an der Hand zu Finkenhoven). Wie soll ich Ihnen danken? (Alle nach vorn gehend.) Sie haben den innigsten Wunsch meines Herzens erfüllt. Finkenh. Machen Sie mir Verth - chen recht glücklich! (Gruppe. Rechts Bertha mit Rottek, Finken- hoven mit Julie in der Mitte, links Emil). Julie (Finkenhofen zupfend). Papachen, sag es dem Vampyr — theile die Verlobung mit, sonst sind sie bei Tische befangen. Finkenh. (zu Emil). Herr de Tissot, ich mache mir das Vergnügen. Ihnen mitzutheilen, daß mein Mündel sich soeben mit dem Herrn Rentmeister verlobt hat. Emil. Jetzt, hier? (Bortretend.) Ich gratulire. (Er tritt zurück.) Aber Sie erlauben. (Er schreibt, dabei sprechend.) 6. Die 15 deutsche Jungfrau verheiratet sich bei jeder passenden und unpassenden Gelegenheit. Finken h. sinzwischen zu Julie.) Nun sieh aber, daß wir bald zu Tische kommen. Juli e sihn umarmend). Sogleich. O ! Du einzig geliebter, unmenschlich edler Papa. (Sie deutet auf die Gruppe: Bertha- Rottek, die zärtlich mit einander sprechen.) Siehe! Finkenh. (Julie gerührt streichelnd). Gutes Mädchen. Eilkil (aufblickend und dann schreibend). 7. Die deutschen Reichstags - Abgeordneten sind ebenso gewiegte Politiker als gerührte Familienväter. Der Vorhang fällt. Anmerkungen: Die Rolle „Tissot" kann auch französirend gespielt werden. Die politischen Fragen im „1l.Auftritt," könnender jedesmaligen Lage angepaßt werden. Der Verfasser. In der Jänner 1876 neu begründeten WaLlishausse r'schen Jamlmg Deiitschkl Mliemkrke sind bisher erschienen: 1. Das Trauerspiel des Kindes. Schauspiel in 2 Acten von Sigmund Schlesingerfl. 1.20 2. Eine Jugendsünde. Schwank in 3 Acten von Julius Findeisen . . . . st. l.20 3. Tiberius. Tragödie in 5 Acten von Jul i u s Gr o s se. fl. 1.50 4. Der Seelenretter. Lustspiel in 1 Act von HedwigDohm fl.—.90 5. 'Das Heist' Eisen, ein Nürnberger Fastnachtsspiel von Hans Sachs. Für die neuere Bühne eingerichtet von R u d. Genee .fl.—.50 6. Corfiz Alfeldt, der Reichshofmeister von Dänemark. Trauerspiel in 6 Acten und einem Vorspiel von Martin Greif. 2. Aufl. . . . fl. 1.80 7. Dschingiskhan. Lustspiel in 1 Act von K ar l G u tz ko w fl.—.60 8. Die Philosophie des Nn- bewustten. Lustspiel in 1 Act v. Oscar Blumenthal fl.—.90 9. Reine Hände. Lustspiel in 4 Acten v. M. O e r i b a u er fl. 1.20 10. Der Tanzboden. Dramatische Kleinigkeit in 1 Act von Moriz Epstein . . fl. —.70 11. Rose und Distel. Schauspiel in 1 Aufzuge .... fl.—.80 12. Spartakus. Trauerspiel in 5 Aufzügen von Franz Koppel- Ettfeld .fl. 1.50 13. Durch Champagner. Lustspiel in 1 Actv. Bet ty Äsung, fl. — .60 14. Angebetete Elisabeth. Lustspiel in 1 Akt von Carl Saar fl.—.70 15. Brullvogel. Schwank in 1 Act von Paul Perron fl.—.60 16. Paul de Kork. Lustspiel in 1 Act von Carl W eiß . fl.—.60 17. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Schwank in 1 Act von Paul Perron fl.—.60 18. Der Herr Collega. Schauspiel in 4 Acten von M. Fr an k fl. 1.20 19. Nero. Trauerspiel in 5 Acten von Martin Greif . fl. 1.80 Der Beginn unseres Theater-Verlages fällt in die Zeit der Gründung des Wiener Burgtheaters und bildet mit unserem Theater-Sortimente und mit unserem Theater- Antiquariate das größte und vollständigste in dem auch selten gewordene und im Handel gar nicht vorkommende Piecen zu finden sind. Von dem bekannten „Wiener Theater-Repertoir" sind soeben Heft 300 bis Heft 319 ausgegeben worden (die neuesten Producte von Berg, Bittner, Dorn, Eirich, Grandjean, Kaiser, L'Arronge, Morländer, Rosen, u. A. enthaltend). Von Grandjean's „Gute Unterhaltung" ist Bändchen 4, von „Weyl's gesammelten Vorträgen" sind Heft 11-13 neuerdings erschienen. Wien, Mai 1876. Wallishauffer'sche Auchhandlung, (Josef Klemm). Druck von I. B. WalliShausser in Wien- Mur ein Held schwank in einein AMug nach einer älteren Idee von A> Gornelius. Alle Rechte Vorbehalten. Men, 1877. Verlag der WallishausserMhen Buchhandlung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Das Aufführungsrecht ist nur zu erwerben durch die Agentur der deutschen Genossenschaft dramatischer Autoren in Leipzig. Corinna von Halden, Gutsbesitzerin. Kassandra von Halden, Stiftsdame. Baronin Rosabella von Zittau. Barbara Stnrmhelin, Witwe eines Artillerie - Offiziers. Elsa von Halden, deren Nichte. Baron von Waldhei m. Ort der Handlung: Das Landgut des Frl. Corinna von Halden. Personen. Schwestern. Zeit: Die Gegenwart. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt (Garten mit einer Laube, Bank und Tisch.) Erster Austritt. Baron Wald heim, Fräulein Elsa. Baro n. Aber theueres Fräulein, die Verhältnisse berechtigen mich zu der Hoffnung — Elsa. Hilft nichts — Hilst Alles nichts; Sie kennen meine Tante nicht. Baron. Ich sollte aber doch meinen, wenn ein achtbarer, redlicher Mann, der außerdem mit Glücksgütern reichlich gesegnet ist — Elsa. Hilft nichts! Tante Corinna knüpft einmal ganz besondere Bedingungen an meine Hand. Baron. Aber, mein Himmel! Sie haben, wie Sie mir sagten, fast ein halbes Dutzend Tanten, mein Fräulein! Wenn wir mit allen diesen solche Umstände haben, dann sehe ich das Ziel unserer Wünsche noch in blaue Ferne gerückt. Elsa. Fürchten Sie nichts. Meine anderen Tanten machen uns nicht die geringsten Schwierigkeiten. Die älteste, Kassandra, hat sich schon seit zehn Jahren in ein fernes Stift zurückgezogen; sie mischt sich so wenig in Familienangelegenheiten wie Tante Rosabella , die seit ihrer Verheirathung meist im Auslande lebte und sich erst vor Kurzem mit ihrem Gemahl in der Residenz niedergelassen hat. Und von Tante Barbara, die als Witwe eines Artillerie-Offiziers, in dessen einstiger Theater-Repertoir 336. Garnison, einem Grenzstädtchen, wohnen geblieben ist, haben wir nun vollends nichts zu fürchten. Freilich wäre es angenehm, wenn sich ihr uns schon sehr lange versprochener Besuch so lange verzögerte, bis Tante Corinna ihre Einwilligung zu unserer Verbindung gegeben hätte. Nur diese Letztere hat über meine Hand zu verfügen, da sie bis zum Tode meines guten Vaters, ihres einzigen Bruders, in unserem Hause lebte, und mir früh Verwaisten eine liebevolle Pflegemutter war. Aber Tante Corinna ist keine gewöhnliche Tante; sie ist vor Allem Patriotin, und hat als solche eine Menge patriotischer Lieder gedichtet und componirt sie hat alle Siegesberichte aus dem letzten Kriege in Verse gebracht und in Musik gesetzt. Baron. Diese Art Patriotismus ist allerdings etwas — originell — indessen sehe ich darin kein Hinderniß für unser Glück. Elsa. Und dennoch hat dieser glühende Patriotismus seine großen Schattenseiten für uns, mein Freund, da er die gute Tante dazu verleitet, keinem Anderen als einem tapferen Offizier meine Hand zn geben, und zwar unreinem solchen, dessen Muth sich durch die Feuertaufe auf dem Schlachtfelde bewährte. Haben Sie unseren letzten glorreichen Krieg mitgemacht? Haben Sie Blut und Leben für das Vaterland gewagt? Haben Sie den Einzug in Paris mitgemacht? Nur wenn Sie 1 4 alle diese Fragen mit „Ja" beantworten können, haben Sie Aussicht ihre Zustimmung zu unserer Verbindung zu gewinnen. Baron. Leider war mir dieses Glück nicht beschieden, da ich kurz vor Ausbruch des Krieges, durch einen unglücklichen Sturz vom Pferde schwerverletzt, fast ein ganzes Jahr an's Krankenbett gefesselt war, und zu meinem tiefsten Schmerz darauf verzichten mußte, mich an den Kämpfen zu betheiligen, die ich mit neidischer Bewunderung nur aus den Berichten verfolgen konnte, welche zu mir drangen. Elsa. Ich weiß, mein Freund, und beklage auf's Tiefste mit Ihnen diese Ungunst des Schicksals. Allein meine Tante hängt nun einmal mit so eiserner Cousequenz an dieser Grille, daß ich kein anderes Mittel sehe, ihre Einwilligung zn erringen, als eine List; doch es gehört Math zur Ausführung meines Planes. Baron. Zweifeln Sie an meinem Mnth? Elsa. Das nicht: Äst doch meine Neigung ein Kind Ihres Mnthes. Als Sie im vergangenen Winter auf dem Opernball in der Residenz sich meiner so ritterlich annahmen, indem Sie mich vor den Zudringlichkeiten eines Unverschämten beschützten, da legten Sie in meine Brust den Keim, der sich später zur Liebe entfalten sollte. Aber eben weil Ihr ganzes Wesen so offen und ritterlich ist, werden Sie sich ungern meinem Vorschläge anbequemen. Baron. Sprechen Sie, Thenere! Unehrenhaftes wird Ihr Zartgefühl mir doch nicht zumuthen. Elsa. Gewiß nicht. Hören Sie denn meinen Plan. Sie haben erst gestern den Besitz des benachbarten Gutes Ihres Oheims angetreten. Der Anstand erfordert, daß Sie meiner Tante einen Besuch abstatten. Um sich aber eines freundlichen Empfanges zn versichern, erscheinen Sie als Offizier. Sprechen Sie mit Enthusiasmus von den letzten Kriegen mit ihren so überaus glänzenden Erfolgen, von den patriotischen Gesinnungen deutscher Frauen, von Tante Corinnas herrlichen vaterländischen Dichtungen. Sprechen Sie mit bescheidenem Selbstgefühl von Ihrer Betheilignng an den verschiedenen Schlachten. Schildern Sie mit lebendigen Farben Ihre Eindrücke bei dem Einzug in Paris, und dann erzählen Sie getrost, wie wir uns fanden, wie die Liebe unauflöslich unsere Herzen verbindet, und wir eher den Tod, als eine getrennte Zukunft ertragen würden, kurz, erzählen Sie Alles, was die Beredsamkeit Ihrer Neigung Ihnen eingiebt. Baron. O mein Fräulein, wie glücklich macht es mich, daß Sie so die Gefühle meines Herzens theilen ! Aber . . E l s a. Aha! Ein Aber! Ich dachte es wohl. Baron. Der Himmel weiß, wie gern ich mein Leben einsetzen würde, um Ihren Besitz zn erringen, doch eine solche List anzuwenden widerstrebt meinen Begriffen von Ehre und Würde. Eine Täuschung, mag sie auch noch so unschuldig sein, ist immer ein Unrecht. Elsa. Doch wird dieses Unrecht gemildert und gesühnt, wenn man zuletzt die Täuschung eingesteht. Man sagt ja: der Zweck heiligt die Mittel. Baron. O mein Fräulein, das ist eine jesuitische oder diplomatische Spitzfindigkeit. Elsa. Pah! Spielen Sie immerhin ein Viertelstündchen den Diplomaten, mein Freund! Wie die Dinge nun einmal liegen, weiß ich wirklich keinen anderen Rath. Baron. Aber wird Ihre Tante verzeihen? Wird Sie nicht im Gegen- theil die erlistete Einwilligung wieder znrücknehmen, sobald Sie den Betrug entdeckt? ülsa. Sie wird verzeihen, ich bin dessen gewiß. Ich kenne das weiche, gütige Herz meiner Tante! Ihr Geist ist durch zu frühzeitiges Romanlesen und eine getäuschte Jngendneigung ein wenig . . . wie soll ich sagen . . . ein wenig überspannt, und es kommt Alles bei ihr ans den ersten Eindruck au. Wenn sie einmal für Sie gewonnen ist, so wird sie ihr gegebenes Wort nicht brechen. Wäre ich nur Ihrer so vielgerühmten Liebe und Treue so gewiß, mein Herr! Baro n. Sie kränken mich! Elsa. Es war nicht so böse gemeint! Aber es verdient Wohl eine kleine Züchtigung, wenn einem Cavalier von der Dame seines Herzens Vorschläge zur Herbeiführung einer Verbindung gemacht werden, und er, anstatt sich zu bedanken, nur (allerlei Bedenken äußert. Solche Einwürfe erregen gar leicht den Verdacht, daß Kälte und Gleichgültigkeit sie eingab. Baro n. Wie unrecht thun Sie mir! O glauben Sie mir, meine Thenere, gälte es die schwersten Opfer zu bringen, die drohendsten Gefahren zu überwinden, ich würde keinen Augenblick zögern, auf Ihren Vorschlag einzngehen. Aber eine Comödie anfznführen, eine Rolle zu spielen — Elsa (schnell cinfallends. Gut, so geben wir den Plan aus, und warten in Geduld, bis sich vielleicht im Lauf der Zeiten irgend ein Wunder ereignet, das unsere Vereinigung herbeiführt. Ans ein Dutzend Jährchen kommt es ja nicht au, wir sind ja noch so jung, wir können warten. Bis dahin aber nehmen wir Abschied von einander. Leben Sie wohl, Herr von Waldheim. Baron. Elsa! Um's Himmels Willen! . . . Nun denn, es sei! Die Sirenenstimme der Liebe soll über die Stimme meines Gewissens trinmphiren. >Jch bin bereit, den Plan auszuführen, den Ihr reizendes Köpfchen erdacht. Elsa. Bravo! Baron. Aber — Elsa. Wie! Noch ein Aber! Baron. Schöne Elsa, der Krieger, welcher in die Schlacht zieht, um die Laren des häuslichen Heerdes zu ver- theidigen, scheidet nicht ohne Kuß von der geliebten Gattin . . . Elsa. Von der Gattin, ja! Doch eine Braut, die es noch nicht einmal ist, belohnt erst den heimkehrenden Sieger ans diese Weise. Wenn Alles gelungen ist, wenn Tante Corinna ihren Segen über zwei Glückliche gesprochen haben wird, dann . . . wollen wir sehen. Baron. Grausame! . . . Wohlan, so will ich eilen, diesen heiß ersehnten Augenblick herbeiznführen. (Wendet sich zum Gehen.j Elsa. Waldheim! (Der Baron dreht sich nmj. Die Hand dürfen Sie mir schon küssen. (Der Baron eilt zurück, küßt feurig Elsas Hand und geht dann schnell ab.j Zweiter Austritt. Elsa allein. Elsa. Es ist doch ganz merkwürdig, was für ein Unterschied zwischen einem gewöhnlichen und dem Handkuß eines Geliebten ist: das brennt wie Feuer! — Wenn es nur meinen guten Tanten nicht einfällt, uns gerade heute zu überraschen, das wäre doch sehr störend! — Ach, da kommt Tante Corinna mit ganz verweinten Augen. Gewiß hat sie wieder die bittersten Thränen vergossen über den Verrath jenes Mannes, der sie so treulos verlassen hat, und von dem sie noch immer Nachrichten erwartet. Dritter Auftritt. Elsa, C o r i n n a. Elsa sihr die Hand küssends. Guten! Morgen, gnädige Tante! Sie haben! keine gute Nacht gehabt, wie es scheint;! Sie sehen angegriffen ans. Corinna. O Kind! wie kannst du wähnen, daß des Schlummers narko-! tischer Balsam sich niedersenken konnte ans diese Angen, die noch gestern Abend hinglitten über die Seiten jenes unvergleichlichen Romanes der großen Staöl, auf's Nene dem Geschicke meiner unglücklichen "Namensschwester folgend, einem Geschicke, das, ach! nur zu viel Aehnlichkeit mit meinem eigenen hat. Es ist das einzige französische Werk, welches mir mein Patriotismus gestattet zu ' lesen, und wahrscheinlich verdanke ich ihm den unseligen Namen Corinna! Diesen Namen, der vielleicht einen prophetischen Einfluß ansübt ans mein Loos — doch nein! ich will nicht, gleich Schwester Kassandra meinen Geist von den Nebeln des Aberglaubens umschatten lassen. Verursacht die thenere Schwester mir doch dadurch manche Sorge, und erfüllt erst heute wieder meine Brust mit düsteren Ahnungen — E l s a. Wie! Tante Kassandra hat geschrieben ? Corinn a. Ja, mein Kind. Ich erhielt eben einen Brief von ihr, mit einer frohen, aber leider, auch mit einer sehr beängstigenden Kunde. Sie wird uns nun wirklich endlich besuchen, und zwar noch heute. Das ist die frohe Nachricht. Elsa sfür sichj. Da haben wir die Be- scheernng! sLaut.j Wirklich! noch heute! Corinna. Ja, sie wird sehr bald hier sein. Du weißt, mein Kind, daß die gute Kassandra sich viel einbildet auf ihr Ahnnngsvermögen, ihre prophetischen Träume und auf ihre Wahrsage- kunst. Seit Jahren schon ahnt sie den Untergang der Welt, und trauert deßhalb schon im Voraus. Schwarz ist ihr Gewand und schwarzgerändert ihre Briefe, wie dieser hier, durch welches sie mir Folgendes mittheilt: sLiest laut den Brief Kassaudras.j „Geliebte Schwester! Ans meinen „Ahnungen und Träumen ersehe ich, „daß Dir etwas Besonderes bevorsteht. „Ich greife zu den Karten, und finde „neben Dir die Carodame, das Piqne- „As, was nichts Gutes bedeutet: und „überDeinem Haupte schwebt dasTresf- „As als ein großes Ereigniß, was „ich Dir hiemit anzeige, und mich „sofort auf den Weg mache. In wenigen Minuten folge ich diesem „Briefe, der Dich vorbereiten soll. „Deine treue Schwester Kassandra. „?. iN Im Begriffe abznreisen, er- „halte ich eine wichtige Nachricht, „welche Dich betrifft, und welche ich „Dir mündlich mittheilen werde". Dieses ist die beunruhigende Nachricht. Was Wichtiges steht mir bevor, o Kind! Elsa. Was könnte das wohl sein'? Corinna. Mir ahnt Verhängniß- volleö! O mein Herz, mein armes Herz! Ich fürchte sehr, daß kann: vernarbte Wunden von Neuem aufgerissen werden. Kassandra wird wohl Nachrichten erhalten haben von Jemand, der mich so tief gekränkt, wie Lord Nelvil meine Namensschwester in dem Roman der großen Staäl! Du mußt wissen, Kind — Elsa. Ich weiß, ich weiß ! Ich kenne diesen Jemand bereits durch ihre gütigen Mittheilungen, und ich hasse ihn gründlich ! Sie sahen wohl Tante Kassandra sehr lange nicht? Corinna. Seit sechs Mal 365 Tagen umarmten wir uns nicht; und 15 Winter, 15 Sommer schlichen dahin, seit ich der anderen beiden Schwestern theueren Anblick entbehrte. Doch hoffe ich auch sie nun bald an dieses zärtliche Herz zu drücken. 7 Elsa. Das wäre reizend! (Für sich.j Verhüte nur der Himmel, daß sie nicht gerade heute kommen. Corin na. Wie süß ist eS, wenn alle unsere Lieben wir um uns vereinigt sehen ! O warum gibt es überhaupt eine Trennung? O Elsa! mein theneres Kind! schon bebe ich vor dem Augenblick, der Dich von meiner Seite reißt! Elsa. Wie, Tante! Corinna. Verstehe mich recht. Da nach den in der Welt verbreiteten Begriffen jedes Mädchen dazu bestimmt ist, Hymens Fesseln zu tragen, ist es Zeit, auch für Dich an einen Gatten zu denken, d. h. an ein Ideal von Mann, wie ich es für dich im Herzen hege. Ja, meine Elsa, nur ein Mann, der von dem reinsten Hochgefühl für unseren edlen Kaiser und unser theneres deutsches Vaterland dnrch- glüht ist, der muthig mit zu Felde zog gegen das übermüthige Frankreich und dessen leichtfertige Söhne züchtigen half, die nicht allein die deutschen Lande bedrohten, sondern auch (mit bewegter Stimme) so mancher deutschen Jungfrau Ruh und Frieden raubten — nur solch ein Held wird Dein Gemahl! Elsa Mr sich). Immer die alte Grille! (Laut.) Wie, Tante, Sie denken im Ernste daran, mich zu verheiraten? Ich bin doch wohl noch zu jung? Corinn a. Du zählst volle 18 Jahre. Es ist die höchste Zeit, Dich durch eine Heirat den Fallstricken der Männer zu entziehen. Glaube mir: ich kann das be- »rtheilen, mein Kind. Elsa (schmeichelnd). Aber bestes Tantchen, nicht wahr, zwingen werden Sie mich nicht? Sie werden mich mit keinem Manne verheiraten, den ich nicht liebe, und wäre er auch an Tapferkeit und Muth ein zweiter Achilles oder ein Hannibal? Corinna. Pfui, Elsa, wie kannst Du so wenig bekleidete heidnische Männer als Beispiel entführen? Warum nicht lieber die Helden aus der Zeit Friedrich des Großen, aus den Freiheitskriegen, oder, was noch näher läge, die Sieger von 1 a, Tour oder Sedan.? Elsa. Verzeihung, gnädige Tante, aber nicht wahr, selbst einen Helden gleich diesen, würden Sie mir nicht zum Gemahl aufdringen? Corinna. O Elsa, es hieße wahrlich das zartbesaitete Herz DeinerTante schwer verkennen, wenn Du es solcher Tyrannei - für fähig halten könntest! Nein, selbst erwählen sollst Du Dir den Gatten unter den ritterlichen Vaterlandsvertheidigern, die siegreich heimkehrten aus dem ge- demüthigten Frankreich, den Gatten, der meiner Elsa Herz und Hand verdient, und freudig will ich ihn willkommen heißen als meinen lieben Neffen! Elsa (für sich). Die Tante ist heute in einer Stimmung, die unserem Plane vortrefflich zu statten kommt. (Laut.) Und wenn ich nun schon gewählt hätte? Corinn a (erschrocken). Wie! Du hättest? Elsa. Nein, nein, erschrecken Sie nicht, thenerste Tante, noch bin ich frei. Corinna, Das ist mir lieb. Du hast mich wirklich fast erschreckt. Aber sieh doch, Elschen, was kommt denn da die Schloßallee herauf? Meine Augen sind von den zahllosen Thräneu, vergossen über eigenes und fremdes Leid, so angegriffen — Elsa (in die Conlisse rechts sehend). Eine Dame in tiefer Trauer nähert sich mit majestätischen Schritten. Corinn a. Das ist Kassandra! Kein Zweifel. Ans, ihr entgegen! Vierter Austritt. Die Vorigen. Kassandra (schwarz gekleidet). Kass a n d r a. Ja, das ist sie! Corinna! Endlich sehen wir uns wieder! Corinna. Au mein Herz, o Vielgeliebte! Sei mir willkommen, tausendmal Mal Willkommen! (sie umarmen sich. K a s fand r a. Gau; so, wie ich Dich oft im Traume sah! — Nur die Gestalt war uicht ganz so — ätherisch, uud das geliebte Autlitz weniger — oval. Coriuua. Zwar uicht im Traume, aber tief im Herzen hat stets Dem liebes Bildniß mir gewohnt, uud in den Klängen hehrer Poesie sprach meine Seele oftmals mit der Deinen. — Doch — welche Nachricht — K a s fand r a ssiennlerbrechendj. Jeden Tag erholte ich mir Knude über Dein Geschick ans den Deutungen meiner Träume und ans den Wnnderkarten der großen Lenormand, der Lehrerin, die einst dem kaiserlichen Corsen — § orinn a (sie unterbrechend!- O schweig! Nein, kränke nicht mein deutsches Ohr, mein Preußenherz mit dieses Namens tief verhaßtem Klang! — Allein Du übersiehst ja gänzlich unsere Nichte! Komm Elsa, begrüße Deine Tante! Elsa (Kassandra die Hand küssend j. Erlauben Sie, daß ich Sie willkommen heiße, gnädige Tante! Kassandr a. Danke! — Danke — Sieh, wie das liebe Kind herangewachsen und wie hübsch sie geworden ist! Nun, nun, Du brauchst die Gazellenangen nicht niederznschlagen: I ch darf Dir das schon sagen. Und wer weiß, ob Du es nicht bereits von gefährlicheren Lippen vernommen hast — wie roth sie wird! — Ei, wie steht es mit dem Herzen, wie? Hat man schon geliebt? Liebt man? Wird man lieben? Komm, das wollen wir doch gleich einmal untersuchen. Ich Lin Phhsionomistin und lese da — Elsa serschrockenj. Ach, was denn, gnädige Tante? Kassandra. Ei, so mancherlei! — Wir wollen gleich die Karten befragen, die mich stets begleiten . . szieht ein Spiel Karten Hervorst Elsa sängstlichst Um's Himmels Willen, gnädige Tante, bemühen Sie' sich nicht! Ich glaube nicht an die Kartenorakel, sfür sich.! Der Zufall könnte doch sein Spiel treiben, und unseren ganzen Anschlag enthüllen. Corinna. Recht, mein Kind! (zu Kassandra.! Ans Deinem Briefe schon ersah ich, Schwester, daß an den alten Possen Du noch hängst. K a s fand r a. Possen ? Versündige Dich nicht, Corinna! Die Männer greifen ans Gewinnsucht oder zum Zeitvertreib zn den Karten. Die Frauen aber, denen die Gabe verliehen ist, Wahrheit darin zn lesen, erforschen ans den geheimniß- vollen Blättern die eigene Zukunft wie das Schicksal ihrer Lieben. Drum schilt mir nicht die edle Kunst! Und glaubt Ihr denn auch nicht an Träume? Corinna. Träume sind Schäume — doch, liebe Schwester, welche Nachricht . . K a s fand r a (sie unterbrechend!. Ich könnte Dir die wunderbarsten Dinge erzählen von Ereignissen, die sich durch Träume vorher angekündigt haben. Denke doch nur an Joseph in Egypten. Auch ich verstehe, wie er, Träume zu deuten. Ich werde Dir sogleich den Beweis liefern Elsa, was träumtest Du in dieser Nacht? Elsa (schelmischst Mir träumte, Sie hätten mir die Karten gelegt, und ganz außerordentlich viel Gutes prophezeiht, wovon jedoch nichts eiutraf. Kassandr a. Ach, das ist ein dummer Traum, der sich nicht deuten läßt. Träume künftig gescheidter, Kind. (Zn Corinna.! Doch Dir, Corinna, habe ich etwas mit- zutheilen. Es betrifft einen Anschlag, der gegen Dich geschmiedet wurde. Corinna. Du erschreckst mich! Elsa. O weh! Sie wird doch nicht durch die Karten etwas von unserem Plane erfahren haben? Corinna. Ich zittre. Sollte man sich auf's Neue gegen meine Ruhe verschworen haben? O mein Herz — mein armes Herz! Kassandra. Wäre unser liebes Nichtchen wohl so gütig, meinem Kammermädchen meine Zimmer anweisen zu las- 9 seil? sZu Corimra.i Ich fuhr zwar bei dem Schlosse vor, doch als ich hörte, Du seiest au Deinem Lieblingsplätzchen, eilte ich geflügelten Schrittes hierher. Corinna. Geh, Elsa, den Wnnsch Deiner lieben Tante zu erfüllen. Die Zimmer sind bereit. Elsa. Sogleich, gnädige Tante (für sich j Es ist richtig : Sie wollen mich los sein. O weh ! Was wird daraus werden? Die abscheuliche Lenormand! Tante Kassandra weiß Alles. sNechts ab.j Fünfter Auftritt. Die Vorigen, ohne Elsa. Corinna. Wir sind allein. Nun, theuere Kassandra, sprich, sag an, was sinnt man gegen meine Ruhe? Welch neue Stürme drohen meinem Frieden? Kassandra. Beruhige dich, Liebe. Die Sache ist nicht so schlimm, und sollte eigentlich nur ein Scherz sein. Doch der Mensch versuche das Schicksal nicht. Corinn a. „Der Mensch versuche die Götter nicht!" Kassandra. Ich glaube nur an den Pythischen Gott in Schillers Kassandra, der in diesem Augenblick durch meine Stimme Dir verkündet . . . Cori n n a. Halt ein! Ich bitte um Schonung, Schwester! — Wenn das, was Du verkünden willst, wie ich ver- muthe, den falschen Mann betrifft, der schmeichelnd sich in dieses unerfahrene, schwache Herz gestohlen, um es dann grausam zu zerreißen, der — Kassandra. Ja, der Dich sitzen ließ. Sei ruhig, Schwester, der ist todt. Corinna. Wie! — Bon Wannen kam Dir diese Knude? Kassandra. Ich weiß es aus den Karten, durch sie erfuhr ich auch, was heute Dir bevorsteht, und was ich erst gestern mit Bestimmtheit vernommen. Eorinn a. Sprich! Foltre mich nicht länger. Kassandra. Vorerst vernimm, daß unsere beiden Schwestern gleichfalls heute bei Dir eintresfen werden. Corinna O Freude! So werde ich endlich auch sie umarmen, nach so langer Trennung. Ob sich die Zeit wohl schonend gegen sie bewiesen, ob ich sie wieder erkennen werde, die zarte Rosabella, die Sylphide, wie man schmeichelnd einst sie nannte, und Barbara, die Feuerige? Sie kommen wirklich? Welches Glück! Kassandra. Ja, sie kommen. Kaum hatte ich in den Karten gesehen, daß Dir etwas Wichtiges bevorsteht, als ich mich sofort entschloß, zu Dir zu eilen, um dir warnend und schützend zur Seite zu stehen. Da erhielt ich einen Brief von Nosabella, der mich von ihrem Vorsatz in Kenntniß setzte, Dich heute zu besuchen und zwar zugleich mit Barbara. Nebenbei deutete sie jedoch auf einen bedenklichen Plan hin, der mich beunruhigt. Corinna. Wie! Welch bedenklichen Plan könnten die lieben Schwestern denn entworfen haben? Kassandra. Höre mich an. Beide wissen, daß Du unsere Nichte, das einzige Kind unseres unvergeßlichen Bruders, nur einem tapferen Krieger zur Gattin geben willst. Corinn a. Nun ja! Was weiter ? Kassandr a. Rosabella und Barbara werden sich im nächsten Städtchen treffen, dort wird Barbara Uniform anlegen, inoo§nito hier erscheinen, und bei Dir um Elsas Hand anhalten. Wenn des Spaßes dann genug ist, wird Barbara Rosabella holen, Beide werden sich Zll erkennen geben und sich an Deinem Erstaunen ergötzen. Corinna. O, das gefällt mir! Das ist recht romantisch! Die lieben Schwestern wollen also Comödie mit mir spielen? Ei nun, wenn sie mich 10 auch ein wenig necken, was findest Dn dabei bedenklich? Mir scheint der Scherz sehr harmlos. Kassandra. Freilich! Doch muß durchaus irgend ein Complott damit in Verbindung stehen, denn sieh, Schwester Corinna, als ich jenen Plan erfuhr, und sogleich deßhalb die Karten consul- tirte, fand ich — doch Dn wirst lachen — aber es ist so gewiß, wie Amen in der Kirche, daß . . Corinna fsehr gespannt!- Nun? Kassandra. Daß Barbara unsere Nichte heiraten wird. Corinn a. Schwester Barbara unsere Nichte! Hahahaha! Nein, das ist doch gar zu abgeschmackt! Kassandra. Lache nur, doch Du sollst sehen, daß Alles genau so eintrifft, wie ich es verkünde: Der Offizier, der heute um Elsas Hand anhalten wird, wird ihr Mann, oder die Orakel lügen und finstere Mächte treiben mit uns ein frevelhaftes Spiel. Corinn a. O Kassandra, Deine Karten und Tränme bringen Dich noch um allen gesunden Menschenverstand. Weshalb quälst Dn Dich mit diesen Dingen ? Freilich heißt es in Deinem Lieblingsgedicht! „Nur der Jrrthum ist das Leben, nur das Wissen ist der Tod." Kassandra. .Schweres hast Dn mir beschieden, Phthischer, Dn arger Gott! Warum gabst Du mir zu sehen, was ich doch nicht wenden kann? Das Verhängte muß geschehen, das Gefürchtete muß nah'u!" Corinna. Komme jetzt mit mir in's Schloß, Schwesterchen, ich glaube, Du bedarfst der Erholung und einer kleinen Erfrischung nach der Reise in der großen Hitze. Kassandra. Ja, wir müssen auch für die Schwestern ein Frühstück bereit halten, dort im Gartenhause, wo ich sie erwarten soll. Sie ahnen natürlich nicht, daß ich aus übergroßer Sorge für Dich mich hinreißen ließ, Dir den Plan zu verrathen. Lasse Dir daher nichts merken. Corinna. Sei unbesorgt! Ich werde den Spaß nicht verderben, doch nun komm, laß uns schnell für unsere lieben Reisenden sorgen, für Jede eine passende Erquickung: etwas Kräftiges für die wilde Barbara, etwas Feines, Süßes für die zarte Nosabella. Kassandra. Ich bin bereit, doch glaube mir, Corinna, Dn hast gegründete Ursache, Dich vor einem Betrüge zu hüten, den man gegen Dich im Schilde führt, und der in einem gewissen Zusammenhänge steht mit dein bewußten Offizier — fJm Abgehn.j „Wer erfreute sich des Lebens, der in seine Tiefen blickt —" sBeide nach rechts ab.j Sechster Austritt. Rosabella, Barbara. fBarbara trägt Uniform und führt Nosabella, die sehr auffallend, übertrieben modern gekleidet ist; sie ist verschleiert.! Rosabella. Oh! cfuslle abalsur! Ich ersticke! fSie wirft sich ans die Bank, nnd weht sich mit einem Fächer vnft zn.j Barbara. Donner und Blitz! Ist das eine Hitze! Man möchte des Teufels werden! Bomben und Granaten! Rosabella. 0 Barbara, ruia! Versprachst Du mir nicht, geliebte Üorslla, Dich mit dem affreusen Fluchen ein wenig zu moderiren? Zwar ist Dein Faoon äe parier weniger ebociuant in Deinem gegenwärtigen Costüme, wie als züchtige Widow, es bleibt aber immerhin eine sehr üble uranisrv, die Du seit Deiner Naria§s angenommen, und im Witwenstande nicht abgelegt hast. Ich gestehe Dir, Oarissiraa, meine Nerven werden durch diese martialische Ooutume auf eine ganz horrible Weise attaqpürt! B arbara. Pah! Nerven! Larifari! Wie kann so ein Bischen Flnchen Dich alteriren? Als ich meinen seligen Mann in den letzten Krieg begleitete, nnd die Arrrancke Nation nm nns herum wetterte, da habe ich ganz andere Dinge zu hören bekommen! Potz Milliarden und Siegessäule! Millionen Schock Mitraillensen nnd Petrolensen! Rosabella. Aber Bärbchen! Immer noch dasselbe stürmische Temperament! Du hast von Deinem Jngendfener gar nichts eingebüßt. Barbara. Wie werde ich denn? Das Soldatenleben erhält frisch. Mein guter seliger Sturmhelm hat keinen Feldzug mitgemacht ohne mich, keinen Schuß abgefeuert ohne mich. Potz Hannemann, Benedetti nnd Palikav! Blitz und Schlag! Rosabella fsich die Ohren zuhaltends. Oräee! Arnos! OK! ears! poor ears! Barbar a. Wischiwaschi! Ziere Dich doch nicht! — Du hättest an meiner Stelle sein müssen, als vor Nezonville meinem Alaune beim Necognosciren eine Kanonenkugel den Kopf wegriß — mir nichts, dir nichts — vor meinen Angen. War das ein Schuß! Der Kerl, der ihn abgefeuert, muß ein ganzer Artillerist gewesen sein, nnd wenn er noch lebt und mir jemals begegnet, ist ihm ein gutes Trinkgeld gewiß für den Pracht- schuß ! Nosabella Horreur! Für einen Schuß, der Deinen Mann massacrirt hat? Barbara. Das thut nichts zur Sache! Die Kunst muß bewundert nnd belohnt werden, wo man sie findet, bei Freund oder Feind. Rosabella. Aber es war doch tlls Keaä ot' tk^ kuskancl, das Haupt Deines Gatten, das verloren ging. Ich habe stets 1a testa clel urio re- spektirt. Barbara. Pah! Im Krieg giebt es nichts Respektableres als ein Vier- nndzwanzigpfüuder! Und wenn ich erst an la Kelle Valerie denke! Potz Kutschke und Lnln! Rosabella. Hat die Dame auch den Krieg mitgemacht? In welcher Toilette? Barbara. Hahaha! lka Kelle Valerie trug ein metallenes Habit, und nahm sich zum Küssen aus, als sie mit Fähnchen nnd Kränzen geschmückt ihren Trinmphzug machte. Sie mißt 14^ Fuß, wenn ich nicht irre, und wiegt 285 Centner. Nosabella. Ooirirnent! k,a Kelle Valerie — Barbara. Ist ja die Riesenkanone, die ans dem Nont Valerien erbauet wurde, und früher la Kelle Iosepkine hieß. Ich schwärme für diese Art von Geschützen nnd führe stets so ein Dingelchen bei mir. Rosabella. Orancl Dien! Du hast einen Viernndzwanzigpfünder in der Tasche? Barbara. Donnerwetter, Fran Schwester, das ist eine abgeschmackte Frage! Ich schäme mich Deiner fast! Einen richtigen Viernndzwanzigpfünder bringen kaum 6 Pferde von der Stelle. So etwas trägt man nicht in der Tasche bei sich. Ich meine so ein Spielwerk steigt ihr ein Feuerzeugs ein Feuer- Zeug ! Rosabe lla fabwehreuds. Dalce a^va^! Komm mir damit nicht nahe . . es könnte epplodiren! . . O Die! Du derangirst noch mein ganzes Nervensystem ! Ich bin schon halb ohnmächtig — clerni evanoui . . Barb a r a. Potz Beefsteak und Erbswurst ! Das wird Hunger sein! fZieht eine Feldflasche hervor, und reicht sie ihr.s da, nimm einen Schluck, das wird Dir gut thntt — Na, na, wenn Du nicht willst, laß es bleiben! Potz Luftballon und Gambetta! Ich wollte, Du 12 hättest mich gelassen, wo ich war. Spielte ich nicht in der Comödie bei Schwester Corinna die Nolle des Soldaten, so hätten mich keine 10 Lokomotiven ans meiner Garnison fortgebracht, wo ich gerade mit einer sehr wichtigen Erfindnng beschäftigt war, die für die gesammte Artillerie in künftigen Feldzügen von unabsehbarer Tragweite sein dürfteeine Erfindnng, sage ich Dir, die mit Eclat, wie eine Bombe in die Welt platzen wird. Rosabella, lUais äitss-äone, so- rslla uaia, wo hast Dn alle diese eminenten Kenntnisse gesammelt? Barbara. Wo anders, als bei meinem Manne, meinem guten Sturmhelm, der, bevor er zu seiner hohen Stellung gelangte, sich als leidenschaftlicher Feuerwerker mit den schwierigsten Epperimenten beschäftigte, und seine Freude daran hatte, wenn ich ihm dabei hilfreiche Hand leistete. O Du mein guter, braver Stnrmhelm! — Er hat mich in alle Geheimnisse der Kriegskunst eingeweiht. Ich sage Dir, Frau Schwester, ich könnte es mit dem gewiegtesten Artilleristen der Welt eben so gut, wie mit dem gelehrtesten Professor der Chemie aufnehmen. Potz Schwefel und ^.sskUostiäa! Ro sabella. I'i äons, ma. sosur! Sprich doch nicht ok tlli8s tliinAs! Barbara. Warum denn nicht! Bomben und Granaten! Sieh, Schatz, es wäre mir z. B- eine Kleinigkeit, Dir die Stirnlocke hier so glatt vom Kopf zu schießen, daß auch nicht einmal die Haut geritzt würde. Wir wollen das doch gelegentlich einmal versuchen. Rosabella. Oh! 1 tllanlc ^ou! Ich danke! Bitte, irs vorm inoomraocksL xs.8, sorslla. raia! Barbara. Jetzt aber laß Dir sagen, Frau Schwester, daß ich einen ganz verzweifelten Hunger verspüre. Hier in der Gegend muß ja wohl das Gartenhaus sein, wo uns Kassandra, oder vielmehr das Frühstück erwartet. Komm, wir wollen uns stärken, um dann um so frischer an die Comödie zu gehn. DaS soll ein Hauptspaß werden! Rosabella. In ässä, äarlino-, nn äsj snn6r tin, nns tasss äs elio- oolat oder a onj) ot' tlrsrr wäre nicht deplacirt — Barbara. Geh znm Gnkuk mit Deinem ä'sjounsr tin! Ein saftiges Stück Schinken, ein Speckeierknchen mit einem guten Schluck Nordhänser, oder einem steifen Grog, das wäre eine Herzstärkung nach meinem Geschmack! (Beide ab nach dem Hintergründe links.j Achter Auftritt. Der Baron (in der Uniform eines Husaren-Officiers-l Es ist wirklich nicht abznlengnen, daß der Rock den Mann macht. Merkwürdig, was für ein Zauber in der Uniform steckt! Ich bin wie umgewau- delt, und fühle mich ganz aufgelegt zu den tollsten Streichen. Während ich in meinem schlichten Frack ängstlich zögerte, auf Elsas Vorschlag einzugehen, erscheint er mir jetzt als die unschuldigste Kriegslist. Mit diesem Sarras an der Seite und dem Kalpag in die Stirne gedrückt, nehme ich es mit allen Tanten der Welt ans. Neunter Austritt. Der Baron, Elsa. Elsa. Ach, lieber Waldheim, fast hätte ich Sie nicht erkannt! Wie gut Ihnen die Uniform steht! Baron. Wollte Gott, ich trüge sie mit Recht! Elsa. Das wäre freilich besser, denn ich fürchte sehr, mein Freund, daß wir uns umsonst bemühen. Baro n. Sie erschrecken mich, Thenere! Ich war noch eben ganz Hoffnung und Mnth! Elsa. Was hilft aller Math, wenn sich das Schicksal gegen uns verschworen hat? Baro n. Aber nm's Himmels Willen, was ist denn geschehen? Elsa. Tante Kassandra ist angekommen. Baron. Nun, was schadet das unserem Plane? Elsa. Mehr als Sie glauben: Sie hat, wie es scheint meiner Tante Corinna Alles verrathen. Baron. Unmöglich! Wie sollte sie denn etwas davon erfahren haben? Elsa sgeheimnißvoll). Tante Kassandra steht mit über- und unterirdischen Mächten in Verbindung. Sie heißt nicht umsonst Kassandra. Sie weiß die Dinge, die sich ereignen, im Voraus. Baron. Sie scherzen, gnädiges Fräulein! Elsa. Nein, nein, es ist mein völliger Ernst. Ich habe bisher nicht an dergleichen Dinge geglaubt; aber ist es nicht sonderbar, daß Tante Kassandra unseren Anschlag in den Karten gesehen hat? Baro n. In den Karten ! Verzeihen Sie, mein Fräulein, ich muß lachen! E l s a. Lachen Sie nur! Sie werden nur zn bald erfahren, daß die Sache gar nicht lächerlich ist. Kanin war Tante Kassandra angekommen, als sie auch schon allerlei verfängliche Fragen stellte, und endlich ans ein Complott anspielte, das gegen Tante Corinna geschmiedet worden. Dann schickte sie mich unter einem Vorwand fort; wahrscheinlich, um weitere Enthüllungen über diesen Gegenstand zu machen. Baron. Aber ist es denn so gewiß, daß gerade von unsere m Anschlag die Rede war? Wer weiß, welch andere abenteuerliche Ideen der abergläubigen Dame im Kopse spuken, deßhalb gebe ich meinen Plan noch lange nicht ans; so sehr ich mich anfänglich dagegen sträubte, so heftig brenne ich jetzt darauf, ihn ansznführen, denn diese Uniform beseelt mich mit einem Mnthe, schöne Freundin, der einen glücklichen Erfolg prophezeit. Elsa. Gebe der Himmel, daß Ihre frohe Ahnung Sie nicht täuscht, mein Freund! Ich wage es kaum noch zu hoffen. Doch versuchen Sie immerhin Ihr Glück. Vielleicht leuchtet uns ein guter Stern. Ich gehe, denn dort sehe ich meine Tante kommen. Möge Ihr Mnth Sie nicht verlassen! M.) Zehnter Austritt. Der Baron, dann Corinna. Baron. Wirklich, dort kommt sie! — Das Herz schlägt mir doch ein wenig. Ich ginge weiß Gott lieber in offener Schlacht einem ganzen Regiment Tnrkos entgegen als dieser Tante, dieser überspannten Dame, mit den feigen Waffen der List. Allein die Würfel sind gefallen. Nur vorwärts darf der Soldat schauen, also getrost in's Feuer! Corinna siur sich.) Ah! Da ist sie ja schon, die liebe, schelmische Barbara! sDen Baron von der Seite betrachtend). Sie hat sich vortrefflich conservirt, wenigstens der Figur nach, das Gesicht kann ich nicht deutlich sehen. Baron sfür sich). Wie sie mich fixirt! — Man ist doch immer ein wenig genirt, wenn man nicht aus rechten Wegen wandelt. sLant, militärisch grüßend). Ich habe wohl die Ehre, Fräulein Corinna von Halden vor mir zu sehen ? Corinna. Die bin ich, mein Herr. Was verschafft mir das Vergnügen? Baro n. Ich bin der Baron von Waldheim, seid gestern ihr Gntsnachbar, meine Gnädige, als welcher ich mir erlaube, mich Ihnen vorzustellen. 14 Corinna sfür sich.) Wie gewandt sie sich einführt, und welch männliche Stimme sie anzunehmen weiß! . . sLaut.) Es ist mir ungemein angenehm, die Bekanntschaft eines so liebenswürdigen Offiziers zu machen. Baro n fsich verbeugend, für sich). Wie durchbohrend sie mich ansieht! Fast komme ich in Versuchung, die Ver- muthnng Elsas zu theilen. sLaut.) Ganz abgesehu von diesem Verhältniß als Gntsnachbar, drängt es mich auch, eine Dame persönlich kennen zu lernen, die sich in der ewig denkwürdigen Zeit des letzten Krieges durch ihre edlen Gesinnungen und patriotischen Gedichte in ganz Deutschland einen berühmten Namen erworben hat. Corimna. Zn schmeichelhaft, Herr Baron ! — Wr sich.) Die Schelmin will mich kirren! Aber sie spielt ihre Rolle wirklich sehr natürlich! sLaut.) Ich hätte kaum geglaubt, daß die Mitwelt von den schwachen Beweisen meiner Vaterlandsliebe Notiz genommen, und sollte ich die so schmeichelhafte Anerkennung meiner bescheidenen poetischen Versuche nicht einem gewissen Einfluß verdanken? Baron sfür sich). Was will sie damit sagen ? Corinna sfür sich.) Sie ist verlegen. Ich muß einlenken, um den Spaß nicht zu früh zum Abschluß zu bringen. sLaut.) Sie haben natürlich den letzten Krieg mitgemacht, Herr Baron? Doch, wie kann ich fragen! Ein Mann, wie Sie! Baro n sfür sich). Jetzt gilt's, zu lügen! sLaut.) Sie haben Recht, meine Gnädige! Außer denjenigen, welche ihr Beruf daheim fesselte, blieben nur Knaben, schwache Greise und Kranke zurück, als es galt, den Uebermuth des Erbfeindes zu brechen, und einen neuen goldenen Morgen unsterblichen Ruhmes für unser deutsches Vaterland heraufzuführen. Jeder Mann darf stolz sein, dem es vergönnt war, ein Blatt vom Baum des Ruhmes zu pflücken, und beneidenswerth ist, wer sein Blut iin Dienst des Vaterlandes vergießen durfte! Corinna. Sie wurden verwundet, Herr Baron? Baron szögernd). Nur leicht . . bei Gravelotte . . . Corinna slebhaft). Bei Gravelotte! O dann haben Sie gewiß auch den Trompeter von Gravelotte gekannt? Baron. Nicht persönlich . . . nur aus Freiligraths herrlichem Gedicht. Corinna. Und fochten Sie auch am 4. August bei Weißeuburg mit, oder am 6. August bei Wörth, wo die schrecklichen Turkos bis auf 500 Maun zusammengeschmolzen waren? Baro n. Ja gewiß ... ich war überall dabei. Corinna ssich mehr und mehr be* geisternd.) Und auch bei Mars la Tour, bei Rezonville, und vor Allem bei Sedan?! Baron sdem man sein Unbehagen an- merkt). Ja, gewiß, überall ... ich war überall dabei . . . sfür sich.) Wär's nur erst vorüber! Corinna. Und sie zogen natürlich auch mit ein in das moderne Babel, jenes Paris, das eine Zeitung jener Tage so schön die wahnsinnstolze Stadt nannte, die ganz Frankreich mit fortriß in den Taumel jenes furchtbaren Krieges durch den Feuerruf: „Auf, nach Berlin!" . . . Ha! Sie sind vielleicht jener Husarenossizier, der am 1. März 1871, Morgens 8 Uhr, die Avenue uach dem äs M-iomxlls hiuaufsprengte in Begleitung von 6 tapferen Husaren und über Schutt und Trümmer die Ollumps LÜ8668 hinunter galoppirte und Paris zuerst einnahm? Baron. Nein, meine Gnädige, so glücklich war ich nicht .. Corinna. So zogen Sie wohl erst Mittags mit den 30.000 Mann ein, und waren jedenfalls bei der Parade >auf der Rennbahn von I^onAelmmp8? 15 Baron sfür sich). Mir bricht der Angstschweiß aus — diese enragirte Patriotin bringt mich ganz ans der Fassung — flaut) Jawohl, meine Gnädige — mein Herz jauchzte über diesen Einzug! — Aber — Sie gestatten mir wohl, daß ich von diesen erhebenden und erschütternden Erinnerungen scheide, um Ihre Aufmerksamkeit auf ein anderes Thema zu lenken? Corinna. Wie es Ihnen beliebt! Mchelnd.) Ich vermuthete wohl, daß Ihr Besuch noch einen anderen, ganz besonderen Zweck habe. Baron sfür sich). Sie kommt mir fast entgegen! Da gilt es Entschlossenheit. fLaut.) Wohlan, meine Gnädige, Freimnth ziert nicht nur den Soldaten, sondern jeden Ehrenmann. Wie Sie auch über mich urtheilen mögen, Feigheit sollen Sie mir nicht vorwerfen. Ohne Umschweife denn: Sie haben eine Nichte — Corinna sfür sich). Aha! Nun wird die Taute Offizier um unsere Nichte werben! Warte, Schelmin! — sLcmt.) Ja, Herr Baron, ich habe eine sehr liebe Nichte, deren Wohl mir warm am Herzen liegt. Baron. Ich weiß es, und gründe darauf meine schönsten Hoffnungen. Ich sah Fräulein Elsa von Halden im letzten Winter in der Residenz auf einem Balle, den sie mit einer befreundeten Familie besuchte. Ich hatte das Glück, der jungen Dame einen Dienst zu leisten. Ich befand mich nämlich in der Nähe, als ein, wie es schien, etwas angetrunkener Herr das Fräulein unverschämter Weise zu einem Tanze zwingen wollte, der ihm bereits abgeschlagen worden war. Es war mir vergönnt, die junge Dame von einem Ueberlästigen zu befreien. Corinn a. Sehr schön, Herr Baron, Duellirten Sie sich vielleicht auch wegen meiner Nichte? Baron. Das war meine Absicht. Doch die Sache wurde beigelegt: Der Beleidiger bat um Verzeihung. Corinna stachelnd). Ein wahres Glück! — Ich muß mich nur wundern, Herr Baron, daß meine Nichte mir nicht das Geringste von dieser Begebenheit mitgetheilt hat. Baron. Später lernte ich Fräulein Elsa näher kennen und — lieben. Ich wagte, mn ihre Gegenneignng zu werben, und — wurde nicht abgewiesen sfür sich.) Gott sei gelobt! Das wäre heraus! — Corinna slächelnd). In der That? — Und weiter, Herr Baron? Baron. Weiter? Nun, meine Gnädige, Fräulein Elsa ist mir über Alles theuer! Ich darf der Erwiederung meiner Gefühle versichert sein. Ich bin ein redlicher, wohlhabender, und ich darf wohl hinzusügen, ein geachteter Mann. Gnädiges Fräulein, ich bitte um die Hand Ihrer liebenswürdigen Nichte und Pflegetochter. Darf ich hoffen, daß Sie den Bund zweier liebenden Herzen segnen werden? Corinna slächelnd)- Warum denn nicht? Mit Vergnügen! sFür sich.) Sie stutzt. Es scheint, darauf war sie nicht gefaßt. Baron. Ist das Ihr Ernst? Corinn a. Mein vollkommener Ernst. Aber Sie sind ja so bestürzt, Herr Baron? . . Baron sverlegen). In der That — die Größe meines Glückes überrascht mich so ... daß ich noch gar nicht recht daran zu glauben wage. Sie bewilligen mir also wirklich Elsas Hand ? Corinn a. So gewiß, als Sie der Baron von Waldheim sind, so gewiß wird meine Nichte Ihre Gattin. Baron sfreudiq). O mein hochverehrtes, gnädiges Fräulein, wie beseligen Sie mich! Elsa die Meine! — Gestatten Sie, daß ich meine holde Braut anfsuchen darf, um ihr unser Glück zu verkünden, und vereint mit ihr Ihnen 16 unseren heißen Dank ausznsprechen. Und — gnädiges Fräulein . .. lassen Sie sich Ihr schönes Werk, zwei Glückliche gemacht zu haben, nicht gereuen, wenn ... ich wage vorerst nicht mehr zu sagen. (Schnell ab.f Eilster Austritt. Corinna allein. Corinna. Nun wird sie zu Rosabella eilen, die wahrscheinlich im Gartenhause wartet. Dann werden sie zusammen hierher kommen, nm mich anszulachen. Sie ahnen nicht, daß auch ich eine Rolle gespielt habe. O Schwester Barbara! Welch' eine treffliche Schauspielerin wärst Du geworden! — Was kommt denn da noch für Gesellschaft? Zwölfter Austritt. B arbara (noch in Uniformst Rosabella (die den Schleier herabgelassen hat, kommen von links.s Barb ara (militärisch grüßendst Guten Morgen! Sind Sie Fräulein von Halden? Corinna. Zu dienen, mein Herr, die Aeltere! Barbara. Nun ja, daß Sie die Jüngere nicht sind, das sehe ich wohl. Corinna (für sichst Das ist ein wirklicher Soldat! Das merkt man gleich an dem ungezwungenen Wesen — Sollte er vielleicht mir Nachricht bringen von — o mein Herz — mein armes Herz! — Barbara (Corinna in der Nähe be- trachtendst Donnerwetter, Fräulein, sind Sie alt geworden, seit wir uns nicht gesehen haben! Corinna. Ich erinnere mich nicht, daß wir uns jemals gesehen hätten. Barbara. Nun ja, es ist freilich auch eine schauderhafte Ewigkeit her! Corinn a (für sichst Das ist ein Original! (Laut.j Mit wem habe ich die Ehre? Barbara. Ich bin der Rittmeister von Wildenan, und das ist meine Cousine, die Gräfin von Rosenfeld. Corinna (vornehmst Beide Familien sind mir völlig unbekannt. Barb a r a. Papperlapapp! Sie haben uns nur ans dem Gedächtniß verloren, meine Gnädige. Wie Gesicht und Gehör, nimmt in gewissen Jahren auch das Gedächtniß ab. Corinn a. Möglich, Herr Rittmeister. Doch welchem interessanten Umstande verdanke ich das Vergnügen Ihres Besuches ? Barbara. Ich habe gehört, daß Sie eine ganz nette Nichte haben, die außer dem Erbtheil ihrer verstorbenen Eltern auch noch durch Ihren Tod, mein Fräulein, ein recht hübsches Vermögen bekommen wird, und da ich dieses nun sehr gut gebrauchen kann, und außerdem gerade eine Frau suche, so habe ich mich entschlossen, sie zu heiraten, wenn — sie mir nämlich gefällt. Rosabella (zu Barbarast Aber um's Himmels Willen! Du fällst ja mit der Thüre in's Haus. (Zu Corinna mst verstellter Stimme.! Pardon, allergnädigstes Fräulein ! Mein Cousin hat etwas rauhe Dehors, er verschmäht jede Heuchelei, jede st^au886t6, meint es aber im Grund extrernsraent llonnete! Corinn a. Das bezweifle ich durchaus nicht, Frau Gräfin, indessen — N 0 sabella (sie schnell unterbrechend!- Ueberdieß ist er ein äußerst tapferer Offizier, denn er hat die belle Valerie erobert! Barbara (für sichst Kann das Weib aufschneiden! Rosabella. Auch hat er die fünf ersten Mitraillensen im Sturm genommen ! bei — Wörth. 17 Barba ra. Bei Weißenburg. Mr sich.) Die lugt was zusammen! Corinna. Das scheint mir eine surchtbare Renommistin zu sein. fLaut.) Ich bedauere, daß die Zeitungsberichte den Ruhm des Herrn von — wie ist Ihr werther Name? Barbar a fihr in die Ohren schreiend.) Von Wildenan. Corinna fzusammenfahrend) Den Ruhm des Herrn von Wildenan todt geschwiegen haben; ich erfahre heute znm ersten Mal, was das für ein Held ist. So ehrenvoll mir übrigens der Antrag des Herrn von Wildenan erscheint, so muß ich doch offen bekennen, daß ich nicht die geringste Lust verspüre, znm Bortheil des Herrn Rittmeisters vor ihm zu sterben, und daß ich überhaupt nicht gesonnen bin, ineine Nichte einem s o — tapferen Offizier zur Frau zu geben. Nosabella. Oornrusnt, rna Keils? Was soll man davon denken? Es heißt doch, daß Sie Ihre oksrs nisss nur einem Helden zur Gattin geben würden ? Corinna. Ich habe mich anders besonnen. Barbar a. Donner und Blitz! Wenn man mir das Nichtchen nicht geben will, so läßt man es bleiben! Aber einen Kuß will ich haben, altes Haus! Corinna. Unverschämter! fFür sich.) Das ist gewiß der Offizier mit den Anschlag ans Kassandras Karten! Und sie schob der armen Barbara das Com- plott zu! sLaut.s Entfernen Sie sich, mein Herr! Barbara. Ich denke nicht dran! Einen Kuß will ich haben, und zwar ans der Stelle. sWill Corinna umarmen.) Corinna. Zu Hilfe! zu Hilfe! Das ist ein Attentat! Ein höllisches Complott! Die Frau Gräfin ist gewiß auch ein verkleideter Mann! Und ich bin allein, ohne Schutz, in der Gewalt der rohen Männer! — Zu Hilfe! Zu Hilfe! Rosabella swirft sich lachend auf die Bank.) OK! Hus esia rns äivsrtit! Ich kann nicht mehr . . ich ersticke vor Lachen! Dreizehnter Auftritt. Vorige, Kassandra fkommt aus dem Hintergründe links.) D e rB a ron , Elsa fkommen eilig von rechts.) Kassandra ffeierlich). Das ist der Knotenpunkt. Jetzt kommt die Katastrophe. fErschrocken.) Aber o Himmel! Was sehen meine Augen? da sind ja zwei Offiziere? Baron fBarbara ziemlich unsanft von Corinna losreißend.) Hinweg, mein Herr! Wagen Sie es nicht, diese Dame zu beleidigen ! Sie werden mir Rede stehen? Elsa fCorinna zu der Bank führend, welche Rosabella verlassen hat). O liebe, gute Tante! Beruhigen Sie sich! Barbara. Aber mein Herr, ich habe sie ja nur küssen wollen! Und Sie wissen: „Ein Küßchen in Ehren kann Niemand verwehren." Baron. Ihre Karte, mein Herr, wir sprechen uns. Barbara. Sehr gern, mein Herr! Aber ich duellire mich nur aus Kanonen, müssen Sie wissen. Baron. Sie suchen sich durch alberne Witze aus der Affaire zu ziehen. Sie sind ein Feigling, mein Herr! Corinna fdie sich erholt hat, den Baron umarmend). Genug des Scherzes, tapfere Schwester! Lasse jetzt die Maske fallen! Baron fverblüfft). Schwester? — Maske? - Rosab ella fihre Nolle vergessend, mit ihrer natürlichen Stimme, neugierig). Wer ist denn der schmucke, junge Offizier, nan 806NN? Er kommt mir so bekannt vor ... Corinna fverblüfft). Na sosur!? — Diese Stimme! — Ist es möglich? Das wäre — ? Theater-Repertoir 326. 2 18 Kassandra. Hat es Dein Herz Dir nicht gesagt? Es sind ja unsre Schwestern, die ein wenig Comödie mit Dir gespielt haben. Corinn a. Wie! Herr von Wildenau? Kassandra. Ist unser lustiges Bärbchen! Rosabella. Und die Gräfin von Rosenfeld devoilirt sich als Rosabella, die einstige Sylphide! — Nicht wahr, ich habe etwas zugenommen? Corinna. Rosabella! Barbara! An mein Herz, geliebte Schwestern! — Ja, jetzt erkenne ich Euch! Barbara. Na, siehst Du, jetzt bekomme ich doch einen Kuß! (Sie umarmen sich.) Laß Dich den Spaß nicht verdrießen! Corinrza. Er ist Euch geglückt, mehr als Ihr glaubt. (Zu dem Baron.) Aber wer sind Sie denn, mein Herr? Baro n. Ich bin der Baron v. Waldheim, dem Sie die Hand Ihrer holden Nichte bewilligt haben. Rosabella. Waldheim! Richtig! 6's8t tza! Corinna. Aber, mein Himmel! Das geschah ja nur, weil ich Sie für meine Schwester hielt! Wie hätte ich denn einem wildfremden Mann — Elsa (einfallend). Aber mein Himmel! Ich kann doch nicht meine Tante heiraten ! Corinna. O Kassandra! Welche Verwirrung haben Deine Karten angerichtet! Baro n. Erinnern Sie sich gefälligst, meine Gnädige, daß Sie mir Ihr Wort verpfändet haben. Sie sagten: So gewiß als ich der Baron Waldheim sei, so gewiß solle Elsa meine Gattin werden. Nun, es hat sich nichts geändert. Ich bin noch immer der Baron von Waldheim. Rosabella. Oui, o'sst bien mon- sisur 1s lraron äs ^Valällsirn! Ich kenne ihn als einen sehr liebenswürdigen, achtungswerthen Cavalier, un slis- valisr 8an8 x>sur st san8 i-sproslis! Ich erkannte ihn nur nicht gleich in der Uniform, da ich von dieser Doppel- Comödie keine Ahnung hatte. Ich wußte ja, daß er nicht Militär sei. Corinna (erstaunt). Wie! Nicht Militär? Kassandra. O weh! Nosabella. 0 Dio! Da habe ich wohl eine Sottife gesagt? Pardon, sllsr I)nron! Baron. Meine militärische Nolle ist bereits ausgespielt, gnädige Frau. (Zu Corinna.) Ja, ich bekenne, daß ich leider kein Recht habe, diese Uniform zu tragen. Allein ich hoffe, Sie lassen Gnade für Recht ergehen. Corinna. So bin ich also doppelt getäuscht! Sie wollten mir hinterlistig meine Einwilligung ablocken, mein Herr! Wären Sie, was Sie zu sein Vorgaben, so würde ich mein Wort halten müssen, doch dieser Betrug befreit mich von jeder Verpflichtung. Baron. Nennen Sie nicht so einen harmlosen Scherz, meine Gnädige! Wir wußten, daß Sie Elsa's Hand nur einem Vaterlands - Vertheidiger, unreinem Helden geben würden, darum nahmen wir unsere Zuflucht zu dieser kleinen List. Elsa. O Tante, ich schwöre es Ihnen: Ich allein bin die Schuldige! Es wurde mir sehr schwer, den ehrlichen Waldheim für diesen Anschlag zu gewinnen. Corinna. Wie! Auch Du, meine Elsa! Auch Du warst mit an dem Complott betheiliget? Elsa. Verzeihung, gnädige Tante! Aber ich muß mich wohl selber an- klagen, da der Freund großmüthig meinen Antheil an der Täuschung verschweigt. Doch wir gestehen Beide reuig unser Unrecht ein. N o s a b e l l a. R>snä8-toi) ma 8osur! (Leise.) Er ist enorm reich! 19 Barbara. Und Courage hat er auch, denn sonst hätte er mich nicht gefordert. (Zum Baron.) Hören Sie, Herr- Neffe in 8ps, Sie haben mir da vorhin einen tüchtigen Knuff versetzt! Baro n (sich verneigend). ^)h! — Ich bitte tausendmal um Vergebung! — (Lächelnd). Allein — wie konnte ich ahnen .... Barbara. Thut nichts! Ich bin nicht von Marzipan. Ihre Hand, Baron, Sie sind ein braver Kamerad! K a s fand r a (die sich bisher im Hinter, grund mit ihren Karten zu schaffen machte, tritt nun vor.) Aller Wiederstand ist vergebens. Crgieb dich, Schwester! Ich habe es heraus: Im Schicksalsbuche war ein Druckfehler. Es sollte heißen: Derjenige, welcher heut um Elsas Hand anhält, wird ihr Gemahl. Corinna. O Kassandra! Du bist doppelzüngig, wie die Priester der Alten! Kassandra. Was ist unfehlbar in der Welt? Selbst dem Papst wird die Unfehlbarkeit abgestritten. Crgieb dich, Schwester! Elsa (schmeichelnd). O Tante! Liebe beste, einzige Tante! Sie wissen ja, wie schmerzlich es ist, einer ersten Liebe entsagen zu müssen! Ich appelire an Ihr weiches, gütiges Herz! (Siefällt ihr zu Füßen.) Corinna (bewegt). O mein Herz! Mein armes Herz! — Du liebst ihn also, diesen nichtmilitärischen Mann? Elsa. Ach ja! Von ganzer Seele! Corinna (verhüllt einen Augenblick ihr Gesicht, dann schwärmerisch). So fahre denn hin, o du mein schöner Heldentraum! — (Sie legt Elsas Hand in die des Barons.) Seid glücklich, meine Kinder! Elsa (sie stürmisch umarmend). T) Tante! . . . Baron (Corinna feurig die Hand küssend, freudig.) Unsere Liebe, unsere Verehrung wird ohne Grenzen sein! Barbara (Corinna treuherzig auf die Schulter schlagend). Bravo! — Du bist doch, trotz Deiner kleinen Schrullen eine gute alte Seele! Rosabella. lls vous kslieits, nass entants! — Das Brautkleid, Elsa, erhältst Du von mir. Kassandra. Ich prophezeihe Euch an Eurem Hochzeitstage Euer ganzes künftiges Schicksal. Elsa (zu Corinna). Und Sie, geliebte Tante, werden uns mit einem wunderschönen Hochzeitsgedicht beglücken! Barbara. Und ich liefere das Feuerwerk! Bomben und Granaten! Das soll eine brillante Hochzeit werden! K n d e. Zn der Jänner 1876 neu begründeten Watlishausser'schen Z'inNllW Dkiitschn Dühiicliwttke sind bisher erschienen: 1. Das Trauerspiel des Kindes. Schauspiel in 2 Acten von Si g m und S ch l esi n g er fl. 1.20 2. Eine Jugendsünde. Schwank in 3 Acten von Julius Find eisen . . . . fl. 1.20 3. Tiberius. Tragödie in 5 Acten von Julius Grosse, fl. 1.50 4. Der Seelenrettcr. Lustspiel in 1 Act von HedwigDohm fl.—.90 5. Das heiss Eisen, ein Nürnberger Fastnachtsspiel von Haus Sachs. Für die neuere Bühne eingerichtet von N u d. Genee .fl. — .50 6. Lorsiz Ulfeldt, der Reichshofmeister von Dänemark. Trauerspiel in 5 Acten und einem Borspiel von Martin Greif. 2. Aust. . . . fl. 1.80 7. Dschingislchan. .Lustspiel in 1 Act von Karl Gutzkow fl.—.60 8. Die Philosophie des Unbewußten. Lustspiel in 1 Act v. Oscar Blumenthal fl.—.90 9. Reine Hände. Lustspiel in 4 Acten v. M. O e r i b a u er fl. 1.20 tO. Der Tanzboden. Dramatische Kleinigkeit in 1 Act von Moriz Epstein. . fl.—.70 11. Rose und Distel. Schauspiel in 1 Aufzuge .... st.—.80 12. Spartakus. Trauerspiel in 5 Aufzügen von Franz Koppel-Ellfeld . . fl. 1.50 13. Durch Champagner. Lustspiel in 1 Act v. Betty H o u n g. fl.—.60 14. Angebetete Elisabeth. Lustspiel in 1 Act von Carl Saar fl.—.70 15. Brüllvogel. Schwank in 1 Act von Paul Perron fl. — .70 16. Paul de Kock. Lustspiel in 1 Act von Carl W eiß . fl.—.60 17. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Schwank in 1 Act von Paul Perron st.—.60 18. Der Herr College. Schauspiel in 4 Acten von M. Frauk st. 1.20 19. Nero. Trauerspiel in 5 Acten von Martin Greis . st. 1.80 Der Beginn unseres Theater-Verlages fällt in die Zeit der Gründung des Wiener Burgtheaters und bildet mit unserem Theater-Sortimente und mit unserem Theater- Antiquariate das größte und vollständigste in dem auch selten gewordene und im Handel gar nicht vorkommende Piecen zu finden sind. Von dem bekannten „Wiener Theater-Nepertoir" sind soeben Heft 300 bis Heft 319 ausgegeben worden (die neuesten Producte von Berg, Bittner, Dorn, Eirich, Grandjean, Kaiser, BZU-ronge, Morländer, Rosen, u. A. enthaltend!. Von Grandjean's „Gute Unterhaltung" ist Bändchen 4, von „Weyl's gesammelten Vorträgen" sind Heft 11 —13 neuerdings erschienen. Wien, Mai 1876. Wallishauster'sche Buchhandlung, (Josef Kremm). Druck von I. B. Wallishausser in Wien. Dchduch »i>d Lomechti«!! - LM« oder: Wie gefällt Men Klara? Lustspiel in drei Aufzügen. von V0N Alle Rechte Vorbehalten. Wien, 1877. Verlag der Wallishnuster'schcu Buchhandlung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Das Aufführungsrecht ist nur zu erwerben durch die Agentur der deutschen Genossenschaft dramatischer Autoren in Leipzig. Personen. Professor Wal kn er, Arzt. Klara, seine Tochter. Anna Walkner, seine Nichte. Wilhelm Spannau, sein Famulus. Fräulein Amalie Fr ei Hof. Robert Berg, Philolog. Peter, Diener im Walkner'schcn Hause. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt Erster Aufzug. Seene: Professor Walkner's Studierzimmer mit zwei Ausgängen; an den Wänden befinden sich Bücherstellagen. 1. Austritt. Professor Walkner , hierauf Spanttau, Walkner sitzt vor seinem Schreibtische, einen uneröffneten Brief in der Hand. Walkner (auf die Adresse blickend. Mit Lebhaftigkeit). Ein Brief von Robert! (Erbricht rasch das Siegel.) Der gute Junge meldet mir wahrscheinlich, daß er den Doktorhut erworben und meine Einladung attttimmt. (Durchfliegt den Brief mit den Augen, erfreut.) Ganz wie ich es mir gedacht. (Spannau tritt ein, grüßt ehrerbietig.) Spa NN au. Guten Morgen, Herr Professor. Walkner (mit einem freundlichen Kopfnicken). Guten Tag, mein lieber Spannau. Ich muß Sie, den theilnehmenden Freund, sogleich mit einer guten Nachricht bekannt machen: Robert Berg hat sich den Doktorhut erworben und trifft Morgen hier ein. Spannau. So, das freut mich ja recht sehr, Herr Professor. Walkner. Das konnte ich mir von Ihrer Theilnahme denken. Der gute, begabte Robert! mit dieser Vormundschaft habe ich mir wahrlich nur Ehre eingelegt. O wenn sein Vater, mein alter Freund und College, noch lebte, wie stolz wäre er nicht auf diesen Theater-Repertoir 327. Sohn! So jung — er ist kaum vier und zwanzig Jahre und schon ein großer Gelehrter. Spannau. In der That, ein großer Gelehrter, der sich durch seine Analyse der orientalischen Sprachen bereits einen bedeutenden Ruf erworben hat. Walkner. Ein Philolog, wie man selten einen antrifft, auch bin ich, obwohl nicht sein Vater, stolz auf diesen herrlichen Jungen. Spannau. Und das mit Recht, denn ist er nicht ganz Ihr Werk, Herr- Doktor? Haben Sie, sein ehemaliger Vormund, ihm nicht eine ausgezeichnete Erziehung angedeihen lassen, nicht seine Studien geleitet? Walkner. Wahr, wahr, aber nicht bei einem Jeden schlagen die Erziehung, die Studien, wie bei ihm an. Ach, daß ich einen Sohn wie er hätte! Das Schicksal hat mich recht stiefmütterlich behandelt. Spannau. Stiefmütterlich, sagen Sie, Herr Professor! Und doch besitzen Sie eine so herrliche Tochter. Walkner. Eine gute Tochter, aber nur immer eine Tochter, und zwar eine ziemlich — wie soll ich mich nur aus- drücken — geistesschwach ist Klara gerade nicht — 1 * 4 Spannau (aufgebracht). Geistesschwach ! Wer dürfte das wohl von Fräulein Klara sagen. Walkner. Nein, nicht geistesschwach, aber prosaisch, sehr prosaisch, sie denkt ja nur an ihre Küche. Spann au. Nicht immer, doch zuweilen und das ist nicht zu tadeln. Walkner. Freilich wohl, doch sollte sie auch an andere Dinge denken, wie z. B. ihre Cousine Anna es thut, an Bücher, zumal an ernste, von denen sie etwas lernen könnte, aber diese sind ihr ein Greuel; nicht einmal leichte Lektüre, Romane, Gedichte liebt sie, wie doch andere junge Mädchen ihres Alters, und als ich ihr dieses einmal vorwars, ihr sagte, daß ich sie noch nie mit einem anderen Buche in der Hand als mit einem Kochbuche gesehen, da erwiderte sie, daß jedes andere Buch nach Gelehrsamkeit rieche, und ihr daher unzugänglich sei, da sie von Gelehrsamkeit nichts verstehe. Und wozu auch Gelehrsamkeit für ein Mädchen? fügte sie unbefangen hinzu. Diese ist gut für die Männer, welche sie richtig aufzufassen und zu verwerthen verstehen; wir Frauen aber sollen nur studieren, es den Männern im Hause behaglich zu machen , und da sie eine gute Küche lieben, thnn wir recht, uns um Küche und Keller zu kümmern. Spann au. Aber Fräulein Klara hat auch ganz recht, die Meisten von uns lieben wirklich eine gute Küche, und Frauen, die dafür ein Verständniß haben — Walkner. Doch Alles mit Maß, man braucht es im Küchendepartement nicht so weit wie Klara zu bringen. Sonst ist sie freilich ein ganz gutes Mädchen, auch wirklich keineswegs dumm. Spannau. Dumm! Wie kann man auch nur aus der fernsten Ferne dieses häßliche Wort in Beziehung zu Ihrer Fränlein Tochter bringen. Walkner. Und sie ist sehr gewissenhaft, und wenn sie nur ein wenig Bildung sich aneignen könnte, würde sie gewiß einen Gatten glücklich machen. Spannau (mit Wärme). Wie glücklich! (Für sich.) O, könnte dieses Glück doch mir einst zu Theil werden! Aber das wäre nicht mehr Glück, das wäre Seligkeit, doch jetzt darf ich noch gar nicht aws Heiraten denken, aber wohl daran, recht gewissenhaft meine Pflicht zu erfüllen, das wird mich in jeder Hinsicht fördern, mir auch später das Heiraten ermöglichen. (Laut.) Herr Doktor, haben Sie Aufträge für mich? W a lkne r (zerstreut). Nein, gar keine. Spannau (sich verbeugend). Also erlauben Sie, daß ich mich verabschiede. Herr Professor, mich rufen meine Kranken. Walkner (noch immer sehr zerstreut). Adieu, adieu, lieber Spannau. (Spau- uau ab.) 2. Auftritt. Walkner. Hierauf Peter. (Walkner setzt sich wieder vor den Schreibtisch und stützt den Kopf gedankenvoll in die Hand.) Walkne r. Spannau hat Recht. Klara ist ein herrliches Mädchen; .... ach wie gerne sähe ich sie vor meinem Tode versorgt. Sie ist wohlhabend,Z also sollte mir dieses eigentlich nicht schwer fallen. Doch muß der, an den ich sie verheirate, nicht allein ein braver Mann, sondern auch einer sein, der etwas Tüchtiges zu leisten vermag, auch muß er mir sympathisch sein. (Erhebt lebhaft den Kopf.) Einer wie Robert wäre mir gerade recht; er ist zwar arm, aber was thut das? Er hat ein Kapital in seinem Kopfe und Klara eines in ihrer Börse. Das paßt gut zusammen. (Ansstehend und sich fröhlich die Hände reibend.) Ach ja, das wäre gut, auch will ich sie unsehl- 5 bar an Robert verheiraten. Er, der so an diesem Hause hängt, mich wie einen Vater liebt, wird natürlich damit einverstanden sein; ich will Klara gleich rufen lassen, um es ihr anzukündigen. (Zieht an dem Glockenzuge, Peter tritt ein). Peter. Was befehlen der gnädige Herr? Walkner. Sage meiner Tochter, ich ließe sie bitten, sogleich zu mir zu kommen, ich hätte mit ihr zu reden. Peter. Sehr wohl. (Ab.) Walkner (sich die Hände reibend). Wie wird das liebe Kind sich wundern, wie sich freuen, wenn ich ihr ankündige, daß sie den Goldjungen, den großen Gelehrten in sxs heiraten soll. Aber da kommt sie schon — nun sie beeilt sich; ja, ja, wenn es etwas zu erfahren gibt, sind die jnngen Mädchen, die Frauen überhaupt, rasch genug bei der Hand. 3. Auftritt. Der Vorige. Klara. Klara (rasch und neugierig, indem sie in ihrer weißen Schürze sich die Hände trocknet). Du wünschest mir etwas mitzu- theileu, Väterchen, was ist es? Walkner (mit Ungeduld). Wieder kömmst Du aus der Küche. Das merke ich schon Deiner weißen Schürze und Deinen nassen Händen an, sowie dem Speisengernche, den Du mitbringst, kannst Du denn nicht einmal von wo anders, als aus der Küche kommen? Klara. Ach, sei nicht böse, Väterchen, Du weißt gar nicht, welch' eine Ueberraschung Dich ans der, von Dir so verpönten Küche erwartet. Walkner. Geh' mir mit Deinen Ueberraschungen, ich will keine Ueberraschung mehr von dort haben. Klara. Ein Fisch, Väterchen, ein so guter Fisch mit — (Zieht ein Buch ans der Tasche und blättert darin.) Wie heißt doch die Sauce die ich dort gelernt. I Walkner. Gib doch einmal Ruhe mit Deinem Kochbuche. Klara (ohne auf ihn zu achten). Warte nur, Väterchen, ich finde sie gleich, (froh) da ist sie schon, Lauev n 1a ciour, aber was heißt denn eigentlich ?omPa<1our. ? Walkner (mit Unwillen, indem er ihr das Buch aus der Hand reißt und es auf einen nahestehenden Tisch wirft). Nicht einmal das weißt Du, Du bist wahrhaftig von einer unheilbaren Unwissenheit, ja unheilbar, denn du bist nicht wißbegierig , ja nicht einmal neugierig, sogar der Wunsch das zu erfahren, was ich Dir zu sagen habe, kann Dich nicht Dein dummes Kochbuch vergessen machen. Klar a. Ach ja, Väterchen, Du wolltest mir ja etwas mittheilen, was ist es , sage es geschwind. (Streichelt liebkosend seine Wange.) Ich bin schon so — so neugierig. Walkner. Solltestes freilich sein, alle Mädchen sind es ja. Klar a. Auch ich mache hierin keine Ausnahme und doch läßt Du mich so lange warten, Väterchen. Walkner (mit Freundlichkeit). Einen Besuch wollte ich Dir für morgen an- kündigen, aber rathe, wessen Besuch es ist. Klara. Sicher erwartest Du einen großen Gelehrten, einen alten Universi- tätsfrennd, lieber Vater, da dieser Besuch Dich so fröhlich stimmt. Walkner. Einen Gelehrten wohl, aber keinen alten Universitätsfrennd, einen jungen Freund, einen sehr, sehr lieben. Klara (die Augenbrauen in die Höhe ziehend und gedehnt). Demnach ist es der gestrenge Herr Robert Berg? Walkner. Warum nimmst Du solch einen Ton an und warum nennst Du ihn gestrenge? 6 Klara. Weil er, als er vor vier Jahren bei uns zum Besuche war, mir so erschien, so — so ernst, so hoch über mir, keine drei Worte ließ er sich herab mit mir zu reden. Walkner. Du warst damals ein zwölfjähriges Kind. Klara (ihm in die Rede fallend). Dreizehn, Papachen. Walkner. Einerlei, jedenfalls doch nur ein Backfisch, was sollte er da mit Dir reden! Klara. Nun sprechen konnte ich doch schon, aber ihn dünkte Alles, was ich sagte, so dumm, so sehr dumm, das merkte ich ihm recht Wohl an. Walkner. Bemühe Dich nur jetzt in seinen, Augen nicht mehr dumm zu erscheinen, aber ihm recht zu gefallen, denn wisse, Mädchen, daß ich etwas Großes mit Dir vorhabe, nämlich Dich zu seiner Frau zu machen. Klara (sehr erstaunt). Was Vater, ich die Frau des gelehrten Philologen, das ist unmöglich ! (Schalkhaft lachend.) Wir könnten uns ja gar nicht verstehen, denn ich würde nur vom Kochbuche mit ihm reden, und er im Sanskrit mir antworten. Walkner (zornig, indem er das Kochbuch vom Tische nimmt). Du darfst mir das Wort Kochbuch nicht mehr aussprechen, es soll überhaupt kein Kochbuch mehr in meinem Hause zu finden sein. Dafür will ich schon sorgen. (Nimmt das Kochbuch vom Tische und steckt es in die Tasche.) So und NUN muß ich zu meinen Kranken, auf dem Wege dahin will ich das verdammte Buch, (schlägt auf die Tasche) der ersten besten alten Fran schenken, die mir begegnet. Klara (traurig für sich). Wie soll ich nur jetzt ohne dasselbe kochen! (Laut mit Bedauern.) Mein armes, armes Kochbuch ! Walkner (zornig). Schon wieder Kochbuch, Du wirst mir einen Thaler Strafe zahlen müssen, jedesmal, wenn Du das abscheuliche Wort aussprichst. (Nach Hut und Stock greifend.) Und nun, mache Dich bereit, Deinen Bräutigam würdig zu empfangen. Stecke die Nase in ein etwas ernstes Buch, um das verpönte zu vergessen. (Sich im Zimmer umsehend.) Bücher^ genug kannst Du hier finden und wenn es dir gelungen, thne ein anderes, ein hübsches Kleid an, trachte, wie schon gesagt, Deinem Zukünftigen so gut als möglich zn gefallen; hast Du mich verstanden, Klärchen? Klara (mit einem Seufzer). Ja, Papa, aber das hübsche Kleid brauche ich doch heute noch nicht anzuziehen, da Herr- Berg erst morgen kömmt. Walkner (mit Ungeduld). Putze Dich heute schon, damit Du diese Gewohnheit annimmst und nun lebe wohl. (Nasch ab) 4. Austritt. Klara allein. Klara. O Jemine! Ich soll also wirklich die Braut des gelehrten Herrn werden, soll mein geliebtes Kochbuch vergessen, soll, um das zu bewirken, in einem dieser unverständlichen Bücher studieren! (Tritt an eines der Bücherregale.) Aber welches soll ich denn wählen? Nicht ein gar zn gelehrtes; doch werde ich ein solches hier beim Vater finden? (Liest.) Abhandlung über die Chirurgie, — brr, wenn ich so etwas lese, überläuft es mich eiskalt, ich sehe dann schon alle möglichen Arme und Beine ampu- tirt. (Geht rasch zu einem Fache am anderen Ende des Zimmers.) Vorlesungen über Asthma und Herzkrankheiten, wieder etwas Schauerliches, mir selbst wird dabei ganz asthmatisch zu Muthe. (Eilt zu einer anderen Wand.) Die Bekenntnisse des heiligen Augustin (nimmt das Buch in die Hand) ob ich das wohl lese? (Blättert darin.) Ach nein, das kömmt mir doch gar zu ernst vor (stellt es wieder 7 zurück und geht einen Schritt weiter). Leben der größten griechischen Philosophen. Ach Philosoph — Philosophie — das ist zn — zn hoch für mich (geht noch einen Schritt weiter). Conversationslexikon, o, daö ist ja das, was ich brauche. (Ergreift einen Band.) Conversationslexikon, das heißt wohl so viel als der Unterricht im Conversiren und conversiren soll ich ja mit meinein zukünftigen Herrn und Meister. (Lachend.) Wie mir das kurios vorkömmt, wenn ich sage, mein zukünftiger Herr und Meister. (Nach einer Pause mit einem Seufzer.) Und doch dachte ich zuweilen an einen Herrn und Meister, aber dieser erschien mir niemals unter den Zügen Robert Berg's (seufzt abermals). o nein, unter denen eines ganz, ganz Anderen. Armer Wilhelm Span- nan, ob ihn meine Heirat mit Robert nicht schmerzen wird? Und auch mich kann sie nicht freuen. Doch ich muß dem Vater gehorchen. (Panse.) Also sehen wir, was ich hier finden kann, um Robert Berg zu gefallen, denn trotz meiner Freundschaft für Spannau möchte ich ihm gefallen, um dem Vater Freude zu machen. (Setzt sich an den Schreibtisch und liest.) ist ans den französischen Geldsorten das Zeichen" — ach wir sind nicht in Frankreich, das wird ihn also nicht interessiren. „ Aachen — Aachener Friede" — bewahre, das scheint mir langweilig. „Aeacns ein Sohn des Jupiter und der Nymphe Aegina, der Tochter des Flußgottes AsopUs", (klatscht in die Hände) das ist gelehrt, das wird ihn freuen- (Liest einen Augenblick leise für sich.) Armes Mädchen, arme Aegina, wie bedauere ich sie, welch ein schreckliches Schicksal in eine Insel verwandelt zu werden! Das muß Robert interessiren, wenn ich ihm davon erzähle (blättert weiter). „Abdera, eine Stadt an der thracischen Küste, als deren Erbauer Herkules genannt wird." Das muß ich mir merken, das klingt ebenfalls sehr gelehrt. Abdera — Herkules ! Herkules — Abdera — und Aegina, fast hätte ich die Bedanerns- werthe vergessen, und die gerade inter- essirt mich am meisten. — „Abend Westen", nun das wußte ich, da geht ja die Sonne unter, (freudig) also ist mir doch nicht Alles aus dem Conver- sationslexikon unbekannt. „Abenteuerlich" (lachend) ein Stück aus meinem Leben, denn meine Heirat mit Robert kömmt mir auch etwas abenteuerlich vor. 5. Austritt. Die Vorige. Anna. (Anna tritt von Klara unbemerkt ein und leise hinter sie.) Anna. Was machst Du da, Väschen? Klara. Ach, störe mich nicht, Anna, ich bereite mich vor, meinen Zukünftigen Würdig zu empfangen. (Blättert im Lexikon.) Abelard, Ab^lard — das muß interessant sein? Anna. Was, Du erwartest einen Zukünftigen? Klara (mit Ungeduld). Ja Wohl. Abölard, Abölard — Anna (sehr erstaunt). Und er heißt Abslard? Klara. Ach nein, er heißt Robert Berg. Anna. Ist das möglich, Du heiratest Robert Berg? Lasse Dich umarmen, Väschen! (Umarmt sie.) Ich habe schon so viel Gutes von ihm gehört. Klara. , Wie Du mich störst, ich habe so wenig Zeit vor mir, und noch gar so viel zu studieren, bevor er kömmt, und er kömmt schon morgen! (Blickt wieder in das Buch). Abölard war — Anna (halb lachend, halb nnmuthig). Geh mit Deinem Abolard, was willst Du denn von Abölard und überhaupt vom Conversationslexikon? 8 Klar a. Ich habe Dir ja schon gesagt, daß ich mich für Robert würdig vorzubereiten habe, also in diesem gelehrten Buche stndiren muß, um nicht in seinen Augen gar zu dumm zu erscheinen, und nun kömmst Du und störst mich in meinen Studien, und ich weiß eigentlich noch immer nicht, wer Ab^lard ist. Anna. Und Du glaubst auf diese Weise, indem Du im Conversations- lexikon studierst, Robert Berg zu gefallen? Klara. Natürlich glaube ich das, der Vater hat mir gesagt, ich möge — (während der letzten Worte Klara'S tritt Amalie Freihof ein.) 6. Auftritt. Die Vorigen. Amalie Freihof. Amalie. Was sollst Du mein Klärchen? Klara. Mein Kochbuch vergessen, nud mir einige ernste Gedanken arteignen, um Robert Berg, meinem Zukünftigen zu gefallen. Amalie. Was, Du bist mit Robert Berg verlobt, welch' eine Freude. (Für sich.) Gott Dank, so kann sie doch nicht Wilhelm Spanuau heiraten! (Laut.) Lasse Dich, mein Engel, für eine so gute Nachricht küßen. (Thut es.) Anna (für sich). Amalie hat wirklich ein gutes Herz, daß sie sich so über Klürcheus zu hoffendes Glück freut, ich hätte ihr das gar nicht zugetraut. Amalie (indem sie Klara aus ihrer Umarmung entläßt). Also wirklich mit Robert Berg verlobt? Seif wann denn aber? Klara. Noch nicht so eigentlich, nicht förmlich verlobt, doch kommt er morgen Früh, und da wird wohl die Verlobung stattfinden. Amalie (ärgerlich). Wird erst stattfinden ? Aber wie weißt Du denn überhaupt, daß sie stattfinden wird? Klara. Der Vater wünscht es, und da Robert bis jetzt alle seine Wünsche pünktlich erfüllt hat, so zweifle ich nicht, daß er es auch dießmal thne. Amalie (gedehnt). So — Du meinst? Nun die Sache scheint mir noch ziemlich ungewiß. (Für sich.) Das Gänschen meint, daß sobald ihr Vater die Heirat wünscht, Berg auch gleich die Dummheit haben wird, darauf einzugehen. Anna (für sich). Es scheint Amalien wirklich Leid zu sein, daß die Partie zwischen Robert und Klara nicht schon fest beschlossen ist, das, dünkt mich, geht schon über die Theilnahme einer Freundin, was mag sie sich nur dabei denken? Klara (sehr lebhaft). Amalie, mir fällt da etwas ein, Du kennst ja Robert Berg von Göttingen her, bist, als Du dort bei Deiner Tante auf Besuch warst, ganze sechs Monate mit ihm an einem Orte gewesen, Du mußt daher seinen Geschmack kennen, und könntest mir am besten sagen, was ich zu thun habe, um ihm zu gefallen. Amalie. So genau kenne ich ihn nicht, um Dir das sagen zu können, Professor Walkner aber, der in einem väterlichen Verhältnisse zu ihm steht, wird Dir da einen besseren Rath geben (Für sich.)Z Ich wüßte wohl , wie Du ihm gefielest, wenn Du nämlich Deine Albernheit ablegen und Dir ein wenig Verstand an eignen könntest, doch das ist Dir rein unmöglich. Klara. Der Vater hat mir schon gerathen, mehr als das, mir befohlen, in der größten Eile mein Kochbuch zu vergessen und Bücherkenntnisse zu erlangen, überhaupt möglichst viel Ernst, dadurch meint er wohl Gelehrsamkeit mir anzueignen, aber das scheint mir hart, sehr hart. Anna. Du wirst den Onkel falsch verstanden haben, Büschen, er kann ja unmöglich verlangen, daß Du in wenigen Stunden eine Menge Kenntnisse erwerbest. 9 Amalie (sehr rasch). Und wenn Dir dieses wirklich gelingen könnte, wäre Herr Berg für dich verloren, denn er haßt die gelehrten Frauen, er nennt sie überbildete, verschrobene Geschöpfe, langweilige Blaustrümpfe. Klara. So? Ich soll also nicht lernen, nun das wäre recht angenehm (nach einer kleinen Pause, während welcher sie das Buch zugcschlagen und auf den Tisch gelegt hat, dann wieder in die Hand nimmt und darin blättert). Wenn Du Dich nun aber irtest, Amalie, und meine Unwissenheit ihn am Ende doch abstieße, der Vater meinte ja — was soll ich nur thun, was beginnen, ich bin nun ganz irre gemacht, weiß gar nicht mehr, wozu ich greifen soll, um in seinen Augen Gnade zu finden. Amalie. Dir ist also sehr darum zu thun, ihm zu gefallen, Du liebst ihn? (Für sich.) Ja, sie liebt ihn, sie muß ihn lieben, wie mich das freut, also denkt sie nicht, wie ich einst gefürchtet, an Dr. Spannau. Klara (gedehnt). Ihn lieben? Ach nein, ich kenne ihn ja fast gar nicht, doch möchte ich ihm gefallen, weil es des Vaters Wunsch ist. Anna. Gutes Klärchen, wenn Robert Deine herrlichen Eigenschaften kennen lernt, mußt Du ihm gefallen auch ohne Gelehrsamkeit. Amalie (für sich). Sie liebt ihn - also nicht, aber auch nicht Spannau, und das ist schon ein Glück, doch gehe ich jedenfalls sicherer, wenn sie Berg heiratet. (Laut und sehr lebhaft.) Anna hat ! recht, Du wirst ihm sicher gefallen, ; doch nur keine Gelehrsamkeit, bei Leibe s keine Gelehrsamkeit, denn wie gesagt, » er haßt die gelehrten Frauen. (Für sich.) !! Besonders aber die Gänschen, die ge- ^ lehrt thun wollen. Klara (indem sie das Conversations« lexikon rasch auf den Tisch legt). Also keine mehr, das ist beschlossen, (nimmt es gleich wieder in die Hand.) Und doch wie schade, ich hatte da schon so viel Interessantes entdeckt. Anna (lachend). Was denn? Klara. Nun vom Aeacns und von seinen Eltern, Jupiter und Aegina, arme, arme Aegina, sie will mir nicht aus dem Sinne und dann von Ab—Ab, es war von einer Stadt die Rede, welche Herkules erbaut hat, und vor allen Dingen von Abälard, von dem weiß ich freilich nicht viel, (vorwurfsvoll) da Du Anna mich in meinen Studien gestört hast, (blättert im Lexikon) wo habe ich ihn nur gefunden, wer kann mir denn sagen, wer AbÄard war? Ein schöner dichterischer Name Ab^lard. Amalie. Er war auch so etwas wie ein Poet. Klara. Ein schöner — schöner Name, schade, daß Robert nicht Abslard heißt. Anna ) (für sich). Wahrhaftig es / fehlt Klärchen nicht an t Poesie. Amalie ) (für sich). Gänschen! Klara. Wie hübsch, die Braut eines Abslard zu sein, (seufzt) (für sich) wenn man doch nicht die eines Anderen sein darf. Anna (lachend). Nun, es hängt ja nur von Dir ab, Mühmchen, Herrn Berg diesen Namen zu geben, wenn Du einst seine Frau bist. Amalie. Und daun bitte ihn, Dich Heloise zu nennen, da gibt es gleich eine zweite Auflage von Abölard und Heloise. Klara. Was? Das verstehe ich nicht, wer war denn Heloise? Amalie. Jemand, den AbÄard geliebt hat, ungefähr so, wie Du von Robert möchtest geliebt werden. 10 7. Austritt. Wilhelm Sp annau. Die Vorigen. Spann au (sich verbeugend). Schönen guten Morgen, meine Damen. (Um sich blickend.) Der Herr Doktor ist nicht mehr zu Hause? Klara. Nein, er ist zu seinen Patientengegangen, und wollte bei der Gelegenheit — Spannau (rasch). Vielleicht mich aufsuchen? Klara (mit einem Seufzer). Ach nein, der ersten besten alten Frau mein Kochbuch schenken. Alle (lachen). Spänuau. Weßhalb aber das? Klara (verlegen). Weil — weil — Amalie. Weil Klara nicht mehr kochen, aber studieren soll. Spannau. Ich begreife nicht — warum das? Es ist gar nichts an Ihnen zu ändern, Fräulein Klara. Sie sind gerade recht, so wie Sie sind. Amalie (ärgerlich für sich). Compli- mentenmacher! Aber dafür will ich ihn jetzt recht ärgern. (Laut mit Schadenfreude.) Weil der Herr Doktor Klärchen an einen der größten Gelehrten, an Dr. Robert Berg verheirathet. Spannau (erschreckt). Was! Das wußte ich ja gar nicht! (Für sich mit Schmerz.) Ade, meine schönen Hoffnungen. (Laut.) Aber ist dieß auch wahr? vollkommen wahr ? Sagen Sie mir Fräulein Klara, daß es nicht wahr ist, daß Fräulein Amalie nur scherzt. Klara (in großer Verlegenheit, indem sie abwechselnd am Zipfel ihrer Schürze zupft und im Lexikon blättert). Ich, ich, der Vater wollte. (Für sich.) Armer Spannau, des Vaters Plan scheint ihm wirklich nicht sehr zu gefallen, mir gefällt er auch nicht, besonders nicht, seitdem er da ist. Amalie (zu Spannau). Warum sollte es nicht wahr sein und warum sollte ich auf solche Weise scherzen? (Boshaft.) Doch nicht, um gewissen Leuten Schmerz zu verursachen? (Für sich). Das war dumm, daß mir das entschlüpfte, denn so merkt er mir die Eifersucht an. Anna (für sich). Amalie ist doch ein boshaftes Ding. Armer, armer Spannau! An seinem Schrecken sieht man deutlich, wie sehr er Klärchen liebt. Amalie (sich an Klara wendend mit gezwungener Heiterkeit). Nun, Klärchen, hier steht ein anderer Bekannter Herrn Berg's, einer, der ihn viel besser kennt als ich, ihn könntest Dn fragen, was Du zu thun hast, um diesem zu gefallen, da Du Dich doch so sehr darnach sehnst. Klara (zupft an ihrer Schürze). Äa, nein — ich — (stockt). (Für sich.) Ach, hätte doch der Vater Spannau statt Robert für mich gewählt! Amalie (mit großer Lebhaftigkeit zu Spannau). Die Urtheile sind verschieden. — Professor Walkner glaubt, wie schon gesagt, daß seine Tochter Herrn Berg durch Gelehrsamkeit zn gefallen habe; Anna und ich aber meinen, daß Klara ihm besser so gefallen werde, Wieste ist, als wenn sie die Gelehrte spielte. Spannau (für sich, indem er hochauf- athmet). Noch eine Hoffnung, mir bleibt also noch eine Hoffnung, die, daß sie ihm mißfallen könnte und das wird geschehen, wenn sie ohne Gelehrsamkeit die Gelehrte spielt. Robert haßt dergleichen, das weiß ich. Amalie. Nun, Herr Spannau. Sie antworten nicht, wollen nicht Ihren Rath ertheilen? Anna (für sich). Die böse Creatur, wie spöttisch sie das sagt, meiner Treu', ich glaube, daß sie an seinem Schmerze sich weidet, ich aber kann das nicht länger Mit ansehen. (Rasch ab.) 11 8. Austritt. Die Vorigen ohne Anna. Amalie. Nun, Herr Spannau, wollen Sie uns gar nichts sagen? Spannau. O ja, ja, (sich an Klara wendend, sehr rasch und lebhaft). Ihr Herr Vater hat Recht, mein Fräulein. Sie müssen viel studieren und mit dem, was Sie in den gelehrten Büchern gelernt, meinen lieben Freund Robert begrüßen, das wird ihn unendlich freuen, denn er liebt die gelehrten Frauen, ja man sagt, er habe geschworen, nur eine solche zu heiraten. Klara (indem sie das Buch hastig wieder ergreift). Also doch ! (Für sich.) Wie bringt er es nur über das Herz mir diesen Rath zu ertheilen! (Mit Verdruß.) Meine Heirat geht ihm also nicht nahe. Doch ich darf es nicht merken lassen, wie sehr mich das kränkt. (Zu Amalie.) Was sagtest du mir denn von Berg's Hasse für die gelehrten Frauen? Du mußt ja ganz falsch unterrichtet sein. Amalie (zornig). Ich bin nicht falsch unterrichtet, aber Andere machen sich ein Vergnügen daraus, Dich falsch zu in- struiren. (Eilt sehr aufgeregt zur Thüre.) Klara. Willst Du schon gehen? Amalie. Ja! Klara. Nicht doch, Liebste. Amalie (spitz). Ich will Dich nicht in Deinen Studien stören, Du hast ja wenig Zeit mehr, da Dr. Berg schon morgen aukömmt. Klara (mit einem Seufzer). Das ist wahr — ich habe wenig Zeit mehr und noch viel, sehr viel zu studieren, (seufzt abermals) daher will ich mich gleich mit diesem Buche auf mein Zimmer zurückziehen. Doch vielleicht ist es besser noch einen zweiten nnd dritten Theil zu nehmen, (in pikirtem Tone) meinen Sie nicht auch, Herr Spannau? Spannau (kalt und gezwungen). Ja wohl, soll ich Ihnen vielleicht die Bücher herunter nehmen, mein Fräulein? Klara. Wenn Sie so gut sein wollen. (Spannau langt die Bücher herunter.) Amalie (an der Thüre stehen bleibend, für sich). Abgeschmackte Leute. Spannau (sehr freundlich). Erlauben Sie, daß ich die dicken Bücher bis zur Thüre Ihres Zimmer trage, sie sind so schwer. Klara. Wirklich ein wenig schwer, aber warum sollen Sie sich bemühen, mein Herr? Amalie (für sich) Abgefeimte Kokette Laut). Adieu Klara, Adieu Herr Spannau. Klara. Adieu mein Herz. Spannau (verbeugt sich). Leben Sie wohl, mein gnädiges Fräulein. (Amalie ab). Spannau (indem er das Buch, das Klara in der Hand hat, ihr ebenfalls abnimmt). Darf ich, mein Fräulein? Klara. Ich danke, Ihnen Herr- Doktor. (Für sich.) Wie gut und gefällig er doch eigentlich ist! Ach, warum ist er nicht Robert! (Beide zu einer anderen Thüre ab, als Amalie.) 12 Zweiter Aufzug. Ein anderes Zimmer im Walkner'schen Hause, ebenfalls mit zwei Thüren. 1. Austritt. SpaNNaU allein , bald daraus Amalie Fr ei Hof. Spannau (reibt sich fröhlich die Hände). Gut, das ist mir gelungen, ich habe mir das Terrain frei gemacht, indem ich meinem älten gewissenhaften Principale eine große Angst über den Zustand einiger seiner Patienten einjagte und nun ist er wenigstens für eine Stunde fort und hat mir, was ich eben wünschte, den Auftrag gegeben, Robert statt seiner zu empfangen. Das ist vortrefflich, jetzt habe ich doch Zeit, diesen in solch eine Stimmung zu bringen, wie sie meinen Plänen dienlich ist; vor Allem werde ich ihn mit denen seines alten Freundes bekannt machen, das muß ihn schon gegen dieselben stimmen ; denn welcher Mann liebt es wohl, daß Jemand ohne sein Wissen und Willen über sein Schicksal verfüge. Ja, ja, das wird ihm die Sache ganz verleiden. (Amalie tritt ein.) Spannau (für sich). Ach, da kömmt schon wieder die Freihof. Wie hat sich mir das Mädchen durch ihre Aufdringlichkeit, ihr spöttisches Wesen widerwärtig gemacht. Amalie (sehr freundlich). Guten Tag, Herr Doktor! Spannau (sich verbeugend). Schönen guten Morgen, mein Fräulein, Sie suchen wahrscheinlich die Damen des Hauses, diese weilen aber noch in ihren Zimmern. Amalie (lachend). Vermuthlich sehr- beschäftigt mit den Vorbereitungen znm Empfange des lieben Gastes. Spannau (steif). Wahrscheinlich. Amalie. Er muß ja sehr bald eintreffen, dieser liebe Gast, denn es ist gleich neun Uhr und der Zug kömmt um neun. Spannau. Jawohl, und deßhalb bat mich auch mein Prinzipal, der einige nothwendige Krankenbesuche zu machen hatte, Robert statt seiner zu empfangen. Amalie. Wie wird dieser sich freuen, Sie, seinen lieben Universitätskameraden zu sehen. Spannau (trocken). Wir waren unrein halbes Jahr auf der Universität zusammen, denn er bezog diese, als ich meine Studien fast vollendet hatte. Amalie. Aber er liebt Sie sehr, dieß hat er mir mehr als einmal gesagt, und (schlägt die Angen in affektirter Befangenheit nieder.) wie begreife ich ihn ! Spannau (für sich). Aufdringliche Kokette. Amalie (sehr ärgerlich für sich). Er könnte mir doch etwas Freundliches darauf antworten. Das hätte er auch früher gethan, aber seit einiger Zeit ist er ein Grobian geworden. Doch darf ich ihm das nicht nachtragen, da erschau eine Praxis haben soll, die eine Frau ernähren könnte, und ach, ein Mädchen von dreißig Jahren darf nicht zu schwierig sein! aber bei der offenbaren Ungeduld, die er an den Tag legt, kann ich auch nicht länger hier 13 bleiben, vorher jedoch will ich mich an ihm rächen, ihn tüchtig ärgern. (Laut zu Spauuau, der unterdessen ungeduldig auf und ab gegangen ist.) Adieu, Herr Spannau; ich will jetzt Klara und Anna anfsuchen, vielleicht kann ich diesen in etwas be- hilflich sein. Himmel in welch freudiger Aufregung muß das Herzchen Klara's sich jetzt befinden ! Es ist wahrlich keine Kleinigkeit, so von Augenblick zu Augenblick einen schönen und liebenswürdigen Bräutigam erwarten zu dürfen, denn schön und liebenswürdig ist Herr Berg jedenfalls. Spannau. Schön und liebenswürdig ganz gewiß, aber Bräutigam? — dafür kann ich doch Herrn Berg noch nicht ansehen. Amalie. Sie haben recht, es wäre möglich, daß unser Gänschen ihm am Ende nicht gefiele. Spannau (mit Entrüstung). Gänschen, und nicht gefallen! Von wem sprechen Sie, mein Fräulein? A m alie (ärgerlich für sich). Wie entrüstet er ist, noch ärger als ich dachte, er liebt sie wahrhaftig! (Laut mit einem spöttischen Lachen, indem sie sich zum Gehen wendet.) Glauben Sie, daß es in diesem Hause mehr als ein Gänschen gebe? (Ab.) 2. Auftritt. Spannau allein, hierauf Robert Berg. Spannau (ihr nachblickend). Boshafte Kreatur! Ich weiß recht gut, warum sie Klara nicht leiden kann, dieß herrliche Mädchen ein Gänschen schelten! glauben, daß sie Berg nicht gefallen wird ! (Nach einer kleinen Pause.) Ach, wenn sie doch in Letzterem Recht hätte, und Klara wirklich Robert nicht gefiele, welch ein Glück für mich. Doch ich kann dieses nicht hoffen. Das liebenswürdige Wesen muß ja der ganzen Welt gefallen. (Robert Berg tritt rasch ein.) Berg. Wo ist er, wo ist er, mein theuerer Vormund (blickt um sich), nicht hier? (gewahrt Spauuau). Ah siehe da, mein lieber Wilhelm, (schüttelt ihm herzlich die Hand) Wo kann ich denn den Vormund finden? Spanna n. Wichtige Geschäfte riefen ihn aus dem Hause, doch muß er jedenfalls bald zurückkehren, unterdessen soll ich Dich, Robert, in seinem Namen herzlich willkommen heißen. B erg. Nicht da? Dies thut mir leid, denn ich brenne vor Ungeduld den geliebten Vormund wieder zu sehen, den ich wie einen Vater liebe und verehre. Spannau. Auch er freut sich unendlich Dich wieder zu sehen, und nur die Sorge um einige schwer kranke Patienten konnte ihn im jetzigen Augenblicke aus dem Hause treiben. Berg. Ja, ja, das weiß ich, ich kenne seine Liebe für mich, weiß, daß sie fast eben so groß ist, wie die, welche ich für ihn empfinde. Spannau. Gewiß eben so groß; auch will er, unter uns gesagt, Du wirst mich nicht an ihn verrathen, Dir jetzt einen ungeheueren Beweis dieser Liebe geben. Berg. Einen neuen Beweis! o dessen bedarf es nicht, denn habe ich nicht (seufzt) seitdem mein armer Vater todt ist, stets solche von ihm erhalten! Spanna u. Aber nie einen so großen, als den, welchen er Dir jetzt geben will. B erg. Und der wäre? Spannau. Du sollst — doch vorher möchte ich wissen, wie gefällt Dir Fräulein Klara? Berg (erstaunt). Wie so? Warum diese Frage? Spannau. Du sollst sie heiraten, sollst Professor Walkner's Schwiegersohn werden, das ist wenigstens sein Plan. 14 Berg. Was? höre ich recht, ich soll das kleine Klärchen heiraten! (lachend) das Kind! Unmöglich! Spannau. Leider ist sie kein Kind mehr, aber ein schönes ausgezeichnetes Mädchen. Berg. Schön und ausgezeichnet. Da muß ja in den vier Jahren, in denen ich sie nicht gesehen, eine große Veränderung mit ihr vorgegangen sein, denn damals schien sie mir ziemlich unbedeutend. 3. Auftritt. Die Vorigen. Anna. Hierauf Klara und Amalie. A u n ä (mit einem Knixe). Guten Tag, meine Herren! (Die Herren verbeugen sich.) Berg (leise zu Spannau, indem er seine Hand auf dessen Arm legt). Ist sie es, o dann wäre freilich eine große Veränderung mit ihr vorgegangen und ich könnte mit dem Plane des Vormundes einverstanden sein. Spannau (leise zu Berg). Nein, sie ist es nicht, sie ist die Nichte des Hauses. Berg (wie oben). Ah so, Fräulein Anna Walkner. Der Vormund schrieb mir schon über sie — sie soll ein ganz ausgezeichnetes Mädchen sein. Anna (auf Berg zugehend und ihm die Hand reichend). Wahrscheinlich unser lieber Gast, Herr Robert Berg. (Berg verbeugt sich.) Nun, seien Sie uns herzlich willkommen, der Onkel hat mir schon so viel, so viel Gutes von Ihnen erzählt. Berg (Anna's Haud an die Lippen führend). Der theuere Vormund! Ich erkenne daran wieder einmal so recht seine Liebe und Nachsicht. Anna (leise zu Spannau). Der Onkel hat ihm wahrlich nicht geschmeichelt, als er von ihm wie von einem schönen und liebenswürdigen Manne sprach. (Für sich.) Und wie seine Stimme zu Herzen geht, wenn sein Charakter seinem Aeußeren entspricht, kann Klärchen recht glücklich werden. (Klara und Amalie treten ein.) Berg. Ah, Fräulein Klara! (Indem er mit ausgestreckter Hand sehr freundlich auf sie zugeht.) Wie gewachsen! Aber sonst nur wenig verändert. (Zu Amalie, indem er sich vor ihr verbeugt.) Und auch Fräulein Freihof habe ich das Vergnügen, hier anzutreffen! Amalie (mit einem Knixe). Auch ich freue mich sehr, Ihnen hier zu begegnen, mein Herr. (Während Berg Amalie begrüßt, sagt Klara leise zu Anna:) Klara. Gut, daß er nicht Abslard heißt, ich denke mir doch einen Abelard anders, mir scheint z. B., daß Spannau schon mit größerem Rechte diesen Namen tragen könnte. Berg (sich wieder an Klara wendend). Ja, wahrhaftig, sehr gewachsen und immer wohl gewesen: das sieht man den Rosen auf Ihren Wangen an, Fräulein Klärchen. Klara. O ich bin immer Wohl, ich weiß gar nicht, was das heißt, krank sein. Berg. Und wie steht es mit der Küche, bekomme ich wieder so gute Sachen zu essen, wie vor vier Jahren? O ich erinnere mich noch des ausgezeichneten Puddings, den Sie mir mit dieser kleinen Hand bereitet — (ergreift ihre Hand und führt sie an die Lippen). Klara (sehrfreudig). Das ist schön! Sie lieben also doch das Küchendepartement; so hatte der Vater Unrecht, mir mein Kochbuch zu verbieten und vielleicht auch unrecht, mir die gelehrten Bücher anzuempfehlen? Berg (lachend). Warum sollte ich denn Ihr Departement, Fräulein Klärchen, sammt Kochkunst nicht lieben? 15 Spa Nil au (für sich). O weh. das geht schlecht, sie gefällt ihm offenbar. Doch das ist kein Wunder, ich konnte ja nicht daran zweifeln. Klara (zu Berg, sehr lebhaft), lind am Ende haben Sie die gelehrten Bücher gar nicht einmal gern? Berg (wie oben). Warum glauben Sie das, mein Fräulein? Ich habe doch das Gegentheil bewiesen, habe mich genug mit ihnen abgegeben. Amalie (leise zu Anna). Recht so. Der Gelehrte verliebt sich in die Unwissenheit. Klara. Ich meinte das nicht so, ich wollte nur sagen, daß Anna und Amalie recht haben könnten, und daß Sie die Gelehrsamkeit nur bei Männern, nicht bei Frauen liebten. Während Klara so spricht, wendet sich Anna (zu Amalie). Klärchen macht durch ihre liebenswürdige Naivetät Glück bei ihm. Berg (zu Klara). Es kömmt darauf an, wie groß die Dosis der Gelehrsamkeit bei Frauen ist und wie sie selbe anwenden. Klara. Bei mir werden Sie keine große Dosis davon finden, jedoch Einiges weiß auch ich — ich weiß. z. B. wer Aegina war, wer sich bei Marathon geschlagen, daß der falsche Smerdis keine Ohren gehabt und noch vieles Andere. Berg (für sich). Die meinigen thun mir bei dieser Aufzählung wehe. Klara. Ich habe während vierundzwanzig Stunden, doch nein, es waren leine vierundzwanzig, da ich zehn Stunden zum Schlafen und Essen brauchte, aber doch durch vierzehn Stunden nichts gethan wie studiert. Berg (mit schlecht unterdrückter Langeweile). Und weßhalb das, mein Fräulein? Klara (sehr verlegen). Weil, weil — Papa sagte mir, daß — daß — Spann an (leise zu Berg). Daß sie Dir damit gefallen würde. Berg (ebenso zu Spannau). Teufel, das hatte ich vergessen, nun damit wird sie mir gar nicht gefallen, überhaupt sagt mir der ganze Plan des Vormundes nicht zu; ja, wäre es, wie schon gesagt, die Andere (mit einem Blicke auf Anna) die Nichte da. Spannau (für sich). Schon recht, schon recht, ich fange wieder an zu hoffen. 4. Auftritt. Die Vorigen. Professor Walkner. W alkner (mit ausgcstreckten Armen auf Robert zueilend und ihn an's Herz drückend). Du bist also da, mein guter, prächtiger Junge! Welche Freude machst Du mir mit Deiner Ankunft und mit Deinem Doktorhüte. (Mit einem Blicke auf seine Tochter.) Ich habe aber auch eine hübsche kleine Belohnung, eine rechte Ueber- raschung für Dich im Sinne. Berg (gezwungen lachend). So? (Ergreift des Doktors Hand.) O ich brauche keine andere Belohnung als die Ueber- zeugung, mir Ihre Zufriedenheit erworben zu haben, mein lieber, theuerer Vormund; nicht wahr, Sie erlauben, daß ich Sie auch noch ferner so nenne? Walkner. Ja, bleibe dabei, mein Junge, bis Du mir einen besseren, zärtlicheren Namen geben kannst. Doch davon später. Spannau (für sich). Mir bricht das Herz, wenn ich das Alles mit anhören muß. Berg (für sich). Der Himmel sei gepriesen, daß die Bombe nicht, nach Art meines vortrefflichen Vormundes, gleich jetzt schon platzt, daß ich Zeit gewinne, mir zu überlegen, wie ich solche Klippe zu umschiffen habe, denn wahrlich, diese Klara möchte ich nicht zur Frau. Spa INI au (zu Walkner). Es wird spät, ich muß fort, meine Patienten erwarten mich. Walkner. Leben Sie wohl, mein junger Freund, und vergessen Sie nicht, daß ich Sie noch heute sehen muß, noch Einiges über unsere Kranken mit Ihnen, zu berathen habe. Doch axropos von Kranken, diejenigen, zu denen Sie mich heute so ängstlich schickten, befanden sich ja gar nicht so übel. Spannau (ein wenig verlegen). Verzeihen Sie, Herr Doktor, mir erschienen Sie aber so. (Verbeugt sich gegen die Gesellschaft und geht.) 5. Auftritt. Die Vorigen, ohne Spannau. Walkner. Ein guter, gewissenhafter Junge, aber, wie ich heute eingesehen, ein sehr ängstlicher Arzt. Amalie. Aeugstlich? Das hätte ich nie von ihm geglaubt, er schien mir im Gegentheile immer recht muthig. (Für sich.) Wer weiß, welche Gründe er hatte, um ängstlich zu sein? Vielleicht wollte er nur den Doktor aus dem Hause bringen? (Laut.) Auch ich muß jetzt fort, doch ich komme bald wieder. Walkner. Darauf rechnen wir, aber kommen Sie doch lieber gleich zu Mittag, theilen Sie mit uns die Suppe. Klara. O es gibt mehr als Suppe (zählt an ihren Fingern ab) einen herrlichen Braten, Pasteten, die ich trotz Conversationslexikon noch die Zeit gehabt, selbst zu bereiten nnd — Walkner (ihr zornig in die Rede fallend). Fängst Du schon wieder von Deiner dummen Kochkunst an? Klara. Ach, Papa, sei nicht böse, ich kochte nur ein wenig, um mich vom Conversationslexicon zu erholen, auch ist Herr Berg gar nicht so sehr gegen das Kochen, nicht wahr, mein Herr ? Berg. Gewiß nicht. Amalie (lachend). Uebrigens könnte man ja recht gut die Gelehrsamkeit mit der Kochkunst vereinigen, man könnte z. B. von spartanischer Suppe, von dem Perlentranke Cleopatra's reden Klara. Das ist wahr. Also Du kömmst heute zu einer spartanischen Suppe. Berg (für sich). Die beiden Mädchen langweilen mich. (Laut.) Sie erlauben, meine Herrschaften, daß ich mich ein wenig auf mein Zimmer zurückziehe, ich fühle mich doch von der Reise etwas ermüdet. Walkner. Thue das, mein Junge. (Berg ab.) (Zu Klara.) Hast Du für einen kleinen Imbiß gesorgt? Obwohl wir in einem Stündchen speisen werden, könnte nach der langen Fahrt Robert's Magen doch jetzt schon nach etwas verlangen. Klara. Freilich, Papa, wenn auch ohne Cleopatra's Trank. Bin ich nicht gelehrig? Walkner. Gut, mein Klärchen, nun aber beeile Dich, Robert den Imbiß ans sein Zimmer zu schicken oder noch besser, bringe ihn ihm selbst. Klara. Wenn Du befiehlst, Väterchen. Anna. Ich will Dir dabei helfen. (Beide Mädchen ab.) Amalie. Leben Sie wohl, Herr Doktor. Walkner (ihr die Hand reichend). Also aus Wiedersehen, mein Fräulein. Amalie. Ich komme gewiß. (Mit Koketterie.) Komme ja so sehr gern zu Ihnen, bester Herr. (Für sich.) Es kann nicht schaden, auch ihm ein wenig den Hof zu machen, er ist, wenn auch nicht mehr jung, doch keine üble Partie, und wenn es mit Spannau doch nicht ginge, so — (Ab-) Walkner.Ein liebenswürdiges Mädchen, aber wie mich dünkt, etwas gefallsüchtig, nun, das ist kein Wunder, denn 17 die Leute sagen ihr nach, daß sie gern unter die Haube käme. Doch jetzt zu ernsteren Dingen, zu meinen Büchern. (Ab.) 6. Auftritt. Spann au allein. Spannan (im Eintreten). Nirgends finde ich Ruhe, weder zu Hause, noch bei meinen Patienten, es zieht mich immer wieder hieher. Ich möchte stets cm Klara's Seite mich befinden, möchte jede Erklärung vereiteln, welche die gefürchtete Katastrophe herbeiführen könnte, möchte mich zwischen sie und Robert stellen, so oft dieser die Lippen öffnet, aus Furcht, daß er ihr das entscheidende Wort zuflüstern könnte, auch möchte ich meinen alten Prinzipal, der Alles, was er unternimmt, mit Sturm betreibt, stets fern von ihr und Robert halten, damit es niemals zu einer Erklärung zwischen ihnen käme, einer Erklärung, die mich so namenlos unglücklich machen würde; o, ich bin beständig wie auf Nadeln. (Sinnend.) Wie in aller Welt wäre das Unglück zu verhüten! Ach, jeder Augenblick kann es ja herbeiführen. Jetzt z. B., wo sie an der Mittagstafel sich befinden, hat Robert, der gewiß neben Klara sitzt, die schönste Gelegenheit, ihr etwas znznflüstern, das alle meine Befürchtungen zur Wahrheit machen könnte; ja alle — denn wenn Klara auf dieses ihr zugeflüsterte Wort mit einem zustimmenden Blicke antwortet und ihr Vater das bemerkt — (In großer Aufregung.) Ich sehe schon, wie er das Champagnerglas erhebt und auf die Gesundheit des Brautpaares einen Toast ausbringt. O entsetzlich! (Anf- horchend.) Mich dünkt, ich höre bereits das Vivathoch! Doch ich will nichts hören — (hän sich die Ohren zu). Nein, ich will nicht! (Läßt einen Augenblick später Theater - Rcpcrtotr 327. die Hände wieder sinken nnb lauscht.) Aber nein, ich höre nichts, der Himmel sei dafür gepriesen, es war nur ein Spiel meiner Einbildungskraft. (Athmet sehr er. leichtert ans.) (Nach einer Panse.) Doch ja, ich höre etwas, einen Männerschritt, vielleicht ist es Robert, der mir seine Verlobung anzeigen will, aber er kann ja nicht wissen, daß ich im Hanse bin. (Peter will mit einem Präsentirteller, auf dem sich ein Kaffeeservice befindet, rasch vorübereilen, Spannan hält ihn ans.) Spannan. Haben die Herrschaften schon abgespeist? Peter. Ja, Herr Doktor, auch schon den schwarzen Kaffee eingenommen. Spannan. Nun, so will ich zum Herrn Professor gehen, der mich noch heute sprechen wollte. (Peter und Spannau zu verschiedenen Seiten ab.) 7. Auftritt. Klara, Anna und Amalie treten ein und sprechen rasch durcheinander. Klara. Glaubt Ähr, daß ich ihm gefallen habe? Anna. /Zweifellos. Amalie. (DeinemAbelard? O gewiß. Klara. Es wäre nnr gerecht nach aller Mühe, die ich mir mit ihm gegeben, doch weiß ich nicht, ob es mir gelungen ist, denn es schien mir zuweilen, als lächelte er spöttisch über dieses und jenes, das ich sagte; wie z. B., als ich von Themistokleö und den TnrkoS sprach und nebenbei etwas von Turbot einfließen ließ, um doch . Alles anznbringen, was ich im Con- versationslexikon über den Buchstaben T gelesen. A in alie. Er hätte spöttisch gelächelt ? O nein, ganz im Gegentheile, er lächelte sehr angenehm, als er sah, wie Du Dich bemühtest, das Küchendepartement mit der Geschichte zu vereinigen, indem 2 Du meintest, daß sicher Themistokles ehemals und die Tnrkos noch jetzt den seltenen Fisch liebten. Anna 1'688io»8, MO» oniant! sZu Dorothea.s Thatsächlich war das der Nebenzweck meiner Visite, Frau Gräfin, ich lege den Erfolg meiner Mission somit in Ihre schönen Hände! Dorothea (gezwungen lächelnds. Ich zweifle, Ihnen erfolgreich dienen zu können! Graf. Sie können es, Sie können es, Gräfin! Der Großherzog, dem ich mein Anliegen im Salon der Gräfin Fuchs neulich vortrug, — zeigte sich demselben sehr geneigt! sSteht auf.s Dorothea smit innerer Angsts. Wirklich?! Erica sfür sich, steht aufs. Endlich! Graf. Darf ich also auf Ihre gnädige Fürsprache rechnen, Gräfin? Dorothea. Ich bitte Sie, glauben zu wollen, Graf, daß ich nach dem, was Sie mir eröffneten, Alles daransetzen werde, um dem Großherzoge so bald als möglich seine Zustimmung zur Heirat des Prinzen Waldemar abzuringen! Graf smit tiefer Verbengungs. Wollen Sie sich dafür des tiefsten Dankes meines erhabenen Souverains gewiß halten! Erica smit tiefem Knixs. Frau Gräfin! Dorothea. ^ oo 80»-, ruo» onkrrrck! Sechste Seene. Vorige. Hermann. Hermann (meldend). Herr Premierlieutenant von Fersen! Graf särgcrlichs. Fer- I , sen?! hier? i . Erica ssrmdigl, H-!„- rich — ah — ! f Dorothea sfür sichs. Er, gerade jetzt! Aergerlich ! sLant.s ' Soll warten! (Hermann ab.s Sie kennen Herrn von Fersen? G r a f. Oberflächlich! Erica. Aber, Papa, so lüge doch nicht! Herr von Fersen hat ein volles Jahr unter Dir als Secretär gedient! Graf. Wenn auch, ich desavouire diesen Renegaten — Erica. Weil er der Diplomatie den Rücken kehrte und Soldat wurde? sWehmnthig.s Du weißt recht wohl, daß er das mir zu Liebe that! G r a f. Erica — komm! sLeise.s Der Schneider wartet! Erica strockens. Sott warten! (Gegen Dorothea gewendet.s Ebenso hatte Fersen mir zu Liebe früher versucht, Diplomat zu werden — Aber 's ist nicht gegangen — ! Graf. Non onfant! Dorothea. Ei! ei! Wie ich sehe, ein kleiner Herzensroman? Graf. Welcher niemals mit einer Heirat enden wird! Komm, Erica! (Geht nach rückwärtö.s Erica (bestimmtst Nein! (Leise zu Dorotheas Ich beschwöre Sie, Gräfin, halten Sie uns etwas zurück, Sie verstehen ? Dorothea (lächelt znstimmends. Graf (kommt nach vornes. Es gehört mein AuiZ»o» dazu, daß der Zufall jetzt diesen Fersen gerade nach Wien bringt! Erica (leise zu Dorotheas. 'S ist gar kein Zufall — er weiß, daß ich hier bin! 10 Graf. Auf die Nachricht hin, daß Fersens erlauchter Monarch mit Gemahlin, Tochter und Suite uach Cassel geht, ließ ich Erica sofort nach Wien kommen. Erica fschncll). So? Und mir hast Dn — weiß gemacht, daß ich Zeuge sein soll von der Wiedergeburt Europa's?! Graf. Allerdings — Aber — Erica fw. o. und für sich). Ich sollte die „Könige auf Ferien" sehen! Graf. Dennoch — Erica fweinerlich). Die Olympiade der Umwälzungen ?! Graf. Nichtsdestoweniger — Erica fweinerlich). Den Congreß, oü Nai-8, Horeuls, Jupiter, vulseut uu nouveau Taucllor?! Sehen Sie, Frau Gräfin — so sind die Diplomaten, man darf ihnen kein Wort glauben — Alles Lüge! Graf. Sie dient uns als Lichtschirm der Wahrheit — Erica. Deßhalb habe ich Fersen auch bestimmt, diesen abscheulichen Stand zu verlassen! Ich will nicht die Frau eines Gesandten werden! Graf. Du wirst so wenig seine Frau werden, als er je Gesandter — Erica ffährt fort). Dafür bin ich lang nicht verschwiegen genug! Ich will nicht wie meine seelige Mutter jeden Morgen meinen Mann fragen, was ich den Tag über für ein Gesicht machen soll, ob ein fröhliches oder ein heiteres, ein teilnehmendes oder gleichgiltiges — Ich will nicht ewig eine Larve tragen, und mein Mann darf nicht zugeknöpft bis an den Hals sein, sondern — Gras junterbricht sie). Erica! Wir dürfen die Frau Gräfin nicht länger ihrer kostbaren Zeit berauben. Komm! Erica lleise bittend). AHIFrau Gräfin! Halten Sie uns zurück! Bitte! Dorothea fzmn Grasen). Warum, lieber Graf, Ihre liebe Tochter soll mit Fersen ei! Engagement für heute Abends schließen. fSie klingelt.) So findet sie doch wenigstens einen Bekannten bei uns! Hermann ferscheint, auf einen Wink Dorotheas macht er eine einladende Geberdc dem uach rückwärts stehenden Fersen, meldet.) Herr Premierlieutenant von Fersen! fund geht nach FersenS Auftreten ab.) Sielienlc Scene. Vorige. Fersen. Gras finden! er Erica nach rückwärts zieht, leises. Tu uro lusts 1a clans uu orubarras, Hui u'a pas 1s 86N8 — rua tills! Fersen fin elegantes Civil jener Zeit gekleidet). Frau Gräfin, verzeihen Sie, wenn ich komme Sie in einer Angelegenheit zu behelligen, welche- Dorothea fschnells. Herzlich willkommen in Wien, lieber Fersen! fLeise.) Vorsichtig ! Fersen fverblüfft). Vorsichtig?! fSieht sich um und erblickt jetzt erst den Grafen und Erica, erfreut.) Ah! Comtesse Erica! Erica ffrenndlich nickend). Grüß Gott, Herr von Fersen! Fersen. Und Herr Gras von Am- stedt — mein edler Meister! Welch' angenehme Begegnung! Gras fmit Erica nach Borne kommend, grämlich). Sie scheinen nicht darauf gefaßt, uns hier zu finden! fAnf eine einladende Geberde Dorotheas fetzen sich Alle bis auf den Grafen.) Erica fmacht dem Grasen ein Zeichen sich zu setzen. Fersen. Sie, Herr Gras, wußte ich hier, aber Comtesse Erica glaubte ich weit von hier, zu Hause! Erica fleise zu Dorothea). Wie sich der Schelm verstellen kann! Fersen. Ich bin also um so freudiger überrascht, hier werthe Freunde zu treffen — als mich eine Mission fheiter) ernstester Natur in Wien längere Zeit zurückhalteu wird. 11 Dorothea ffär sich.) Der Unvorsichtige ! Erica iklatscht, ohne zu sprechen, freudig in die Hände). Graf fspöttisch). Eine Mission ernstester Natur — Sie? — Fersen fwichtig thncnd). Eine vertrauliche Negotiation- deren Maßnahmen in Geheimniß gehüllt sind! Dorothea ffär sich). Er wird sich verrathen ! Erica fleise znm Grafen). Setz' Dich doch, Papa! Fersen fznm Grafen). Ja, mein hoher Sonverain hat eine andere Idee von mir, als Euer Excellenz — welche mich nicht einmal für fähig hielten, eine Depesche zn copiren — ich bin in Wien als pl^nipotsntiairs! Erica. Allmächtiger Himmel, dieses Unglück — Sie sind also wirklich Gesandter? Fersen. Oder wenigstens so was Aehnliches! fZum Grafen.) Ich muß Ihnen das mittheilen. Dorothea fschnell, ängstlich). Daran werden Sie doch nicht denken! - fFaßt sich, scherzend.) dem Gesandten einer fremden Macht. Erica siv. o.). Setz' Dich doch, Papa! Graf ssetzt sich). Sie sagten also, eine Negotiation — Fersen. Hören Sie selbst! D oroth ea sfür sich). Er wird doch nicht! Fersen serzählt). In 14 Tagen wird unsere junge Prinzessin Hildegarde, beiläufig gesagt ein Engel an Schönheit und Anmnth ihren 16. Geburtstag und ihre Mnndigkeitserklärnng feiern. Graf. Ich weiß! Weiter! Fersen. Nun beschäftigt die große Frage der Toiletten für erwähntes Fest unsere hohen Damen in hervorragendster Weise! Gras sden gemächlich plaudernden Fersen argwöhnisch fixirend). Die Toilettensrage? So? Fersen. Wie ich Ihnen sage! Da erfuhren die hohen Damen, daß Ihre Majestät die Kaiserin von Rußland hier beim letzten Hofcoucerte eine wunderbare, sthlvolle eblouissante Robe n, 1a Imeröes getragen habe. Graf. Wie hängt diese Robe mit Ihrer Mission zusammen? Fersen ffährt fort). Mein hoher Herr nun, Muster eines galanten Gatten und Vaters, sendete mich insgeheim — fzu Erica und Dorothea) wohlverstanden insgeheim — nach Wien, um hierbei der Schneiderin, welche diese Robe gedichtet hat, zwei gleiche Prachtgewänder zu bestellen! Graf. A bah! Dorothea ffär sich, steht wie alle Anderen auf). Er hat mich verstanden, ich athme ans! Erica. Solche Botschaften erlaube ich Ihnen! Graf fargwöhnisch). Und das nennen Sie eine Negotiation? Fersen fmit entsprechender Pantomime). Deren Maßnahmen in Geheimniß gehüllt sind. Ja! Oh! meine Mission ist eine ernste, erhabene. Bei einem bedeutungsvollen Feste soll sie neben der Grazie einer erlauchten Mutter die jungfräuliche Anmnth der Tochter in's rechte Licht stellen! Graf ffär sich). Hm! Schon wieder diese Anmnth! Fersen ffortfahrend). Und ich übernahm sie um so lieber, als mich gerade jetzt fblickt auf Erica) Manches nach Wien zieht! fBeide Damen beziehen das auf sich, Erica nickt ihm freundlich zu.) Dorothea ffär sich). Er verstellt sich bewunderuswerth. Graf. Hm! Sonst haben Sie keinen anderen Auftrag? Fersen. Nichtig — noch einen, bald hätte ich vergessen. 12 zusammen. Graf. Aha! Erica. So?! Dorothea sfür sich). Himmel! Graf. Darf mau ihn kennen? Fersen. Warum nicht?! Der König, bekanntlich ein großer Gonrmand, trug mir in der Abschiedsaudienz noch auf, den General Steigentesch, estts xrs- rnisrs ioursllstts äs Visrms um das Recept seiner famosen Ootslsttss n Irr Louliiss zu bitten! Graf sfür sich, entrüstet). Ah! das ist stark! sLcise zn Dorothea.) Nicht ein Wort von alledem, was er sagte, ist wahr! Do r o the,a sLeise zum Grasen). Auch ich bin überzeugt, stachelnd nach Fersen und Erica blickend, welche zusammen stehen) daß ihn etwas Anderes nach Wien führte — Graf sleise). Als Imersss und 8cm- diss, sang äcmts! Fersen steife zu Erica, den Grafen und Dorothea fixireud). Was wispeltt Sie denn? Erica steife zn Fersen). Heute Abend ist hier Ball. Fersen sw. o.). Jst's doch fast, als glaube man mir nicht! Erica sw. o.). Engagiren Sie mich zur Polonaise. — Fersen sw. o.). Und ich habe doch die lauterste Wahrheit gesagt! Erica sw. o.). Zum ersten Contre- tanz! Gras sleise zu Dorothea). Die An- muth der Priucessin Hildegarde betonte er zweimal! Erica sw. o.). Und auf eiuen Ländler! Graf sw. o.). Wenn ich einen Augenblick mit ihm allein wäre, würde icb's schon herausbekommen! Dorothea sw. o.). Meinen Sie?! sLaut zn Fersen.) Heute Abend gibt der Großherzog einen Ball — Sie kommen doch, Fersen? Fersen sverbeugt sich). Gerne, Frau Erica. Wir sind bereits engagirt! Gras. Oh ! sTritt zwischen Beide.) Werden Sie sich dem Fürsten Metternich vorstellen? Fersen. Nein! Ich habe kein Beglaubigungsschreiben, bin ohne eigentlichen diplomatischen Character hier! Gras sleise zu Dorothea). Um so verdächtiger! sLaut.) Thut nichts! Sie waren einst mein Schüler — das ist Ihr Entrsebillet znm Congreß! Fersen. Danke sehr! Wenn mir die Frau Gräfin mit ihrem — gewiegten Rathe beisteht — werde ick) meine Mission auch ohne Metternich siegreich zu Ende führen! Dorothea sdoppelsinuig). An mir soll's nicht fehlen! Graf sfür sich). Es handelt sich um Prinzeß Hildegard — kein Zweifel! Erica sleise zn Fersen). Beim Souper setzen Sie sich neben mich — Fersen sleise). Versteht sich! Erica sw. o). Der Gräfin können Sie trauen — die ist für uns! Graf sleise zn Dorothea). Ach! könnte ich nur einen Moment mit ihm allein sein! Dorothea sfür sich). Soll ich, um keinen Verdacht zu erregen ? ! sLeise lächelnd.) Nun denn, in Gottes Namen! sLaut zu Erica.) Was Ihre Toilette betrifft, liebe Erica, so wollen wir den Schneider hierher holen lassen! Erica. Ah, wie gütig! Dorothea. Ich will Ihnen mit Rath und That beistehen, szu dem Grafen) lasse Ihre Tochter gar nicht mehr fort! Graf. Drop äs donts, Madame! Dorothea szu Erica). Kommen Sie, liebes Kind! sZu Fersen.) Fersen! Sie speisen doch mit uns? Fersen sfür sich, verbeugt sich). Ich verstehe — die gute Gräfin! Dorothea szu Fersen). Und für unsere Angelegenheit bewillige ich Ihnen daun eine Privataudienz — ohne Zeugen — wenn Sie das tots-a-tsts nicht schreckt! ? 13 Fersen fstolzf. Ein Diplomat, Madame, kennt keine Fnrcht. Dorothea Gleise zu Fersenj. Verra- then Sie sich nicht beim Grafen! Fersen steifes. Ohne Sorge — der wäre der Letzte, den ich in's Vertrauen Zöge! Dorothea. ^ tont a 1'Ii6iir6, Nsssieurs! Erica fleife zu Fersens. Vergessen Sie nicht, Polonaise, Contredanse — Ländler — und Souper! fBeidcDamenab.1 Achte Scene. Fersen. Graf. Graf stvclcher die ganze Zeit über hauptsächlich mit seiner fixen Idee beschäftigt warf. Nun, junger Freund, sprechen wir offen mit einander; Sie wissen, wir Diplomaten haben immer zwei Wahrheiten! Fersen. Von denen eine erlogen ist. Gras. Das ist die erste — hier handelt es sich's um die zweite — — die wahre Wahrheit! Sie begreifen, daß ich mich von dem vorgeblichen Motive Ihrer Anwesenheit in Wien nicht dnpiren ließ! Fersen. Bei Gott! ich bin hier wegen der Robe a 1a. I^noröes! Graf fuugeduldigs. Ah! . Fersen, lind auch etwas wegen der l Oot-slsttss a. 1a Loulnssl -l Graf sw. o.s. Aber bester Freund, ^ wen glauben Sie vor sich zu haben? sJn anderem Toue.s Fersen, Sie sind ein liebenswürdiger, junger Mann, den ich ' hochschätze, sind von heiterem Naturell, ehrenhaft, charactervoll! — - . Fersen. Euer Excellenz sind zu gü- s tig! Sagen Sie mir das mit Ihrer ersten Wahrheit? Graf sheiterf. Nein! Mit der zweiten, auf Ehre! Glauben Sie nicht, daß, ; weil ich Ihnen die Hand meiner Tochter aus Princip versagen muß, ich Ihre hervorragenden Eigenschaften nicht , zu würdigen verstehe. Fersen. Aber ich bin arm und Sie — Graf suuterbricht ihuf. Können Sie glauben, daß mich ein derlei Beweggrund zu leiten vermöchte? He?! Aber Ihre totale Unfähigkeit für die Diplomatie, 1a Aals seisnes, wie mein guter, alter Metternich sie nennt, ließ mich andere Pläne fassen! Ich bedarf eines Schwiegersohnes der mich versteht, begreift, bewundert, möchte ich sagen, und welcher in der ehrenhaften Carriore, die ich eingeschlagen, eine erste Stelle eiunimmt! Fersen. Ich habe mir ja, Erica zu Liebe, alle Mühe gegeben! Aber es ging nicht — ich bin nun einmal nicht zum Diplomaten geboren — ich kann mich nicht verstellen! — Graf, Hauptsächlich fehlt es Ihnen an Divinationsgabe, Findigkeit — an — an — 113,8862-11101 16 mot! — an Geist! Fersen. Geist?! Irre ich nicht, so sagte Ihr guter, alter Metternich ja einmal! „Geist sei nichts als die Beschränktheit Anderer!" Gras. Vraimont?! fZutraulich.s Um nun auf unser , Thema zurückzukommen — Fersen stmterbricht ihns. So gibt's ja noch andere Carriören, in denen man sich anszeichnen kann! Graf. Die Diplomatie allein führt zur Unsterblichkeit — Fersen. Nun, viele Diplomaten naschen schon bei Lebenszeit von dieser Unsterblichkeit! Graf ffrappirts. He?! fHeiter.s Ist Ihnen gelungen! Fersen. Während der Soldatenstand — Graf. Um's Himmelswillen, welch' ein Metzger-Handwerk! Gibt's gegen Bajonnete noch Einwendungen? Können Sie gegen Kartätschen Argumente auf- 14 führen? Nein! Aber in der mythischen Stille des Cabinets am Hörrohre der Zeit sitzen — wissen, daß die Weltgeschichte Einen im Auge hat — die Völker gegen ihren Willen glücklich machen — dieß, mein junger Freund, ist bewunderuswerth, groß, sublime — es ist der Triumph des Genie's — der Sieg des Geistes! Fersen. Merkwürdig! Ich bin im Cabinete niemals am Hörrohre der Zeit gesessen — auch hoffe ich, daß die Weltgeschichte nicht ihr Auge auf mich gerichtet hat — denn ich habe niemals etwas Anderes gethan, als Zeitungen gelesen und Federn geschnitten! Graf. Nun sehen Sie. sKommt auf sein Thema zurück.) Also jetzt, Wo wir einig sind, daß Sie niemals mein Schwiegersohn sein können — die Hand her — junger Mann — offene, ehrliche Freundschaft — die Karten auf den Tisch — Fersen. Wie beim Whist mit Strohmann ? Graf. Ja! Und dem alten Meister gestanden: „Was führt sie nach Wien? Fersen. Die Robe ä 1a Imerses. Graf sargerlich). Ah! Fersen. Euer Excelleuz wollen es mir nicht glauben ? sZieht ein Portefeuille aus der Tasche, dem er ein Papier entnimmt.) Sehen Sie selbst! Graf fergreist es eifrig und liest). B. 15. 22. T. 18. 26. Sch. 4. 5. slSibt Fersen das Papier zurück.) Ich Verstehe, eine chiffrirte Depesche! Fersen fheiter). Depesche! Ha! ha! die Maße sind's! Sch. Schleppe, B. Brustbreite, T. Taillenumfang, die Prinzessin 18, die Königin 26 — Zoll natürlich bei ihrem Embonpoint! Graf sw. o.). Herr von Fersen — ein vernünftiger Mann muß etwas von einer Stecknadel haben — sein Kopf soll ihn verhindern zu weit zu gehen! Fersen. Euer Excellenz sticheln mit dieser Stecknadel auf mich?! Gras. Ja! Ich finde es ungebührlich von Ihnen, Ihren alten Lehrer dnpiren zu wollen. Fersen. Sie halten für Negationspolitik, Excellenz, waö reine Wahrheit ist. — Graf sungeduldig). Ah — von« etes iii8Np>i)orta1)l6! sSieht Petersen anftreteu, für sich.) Ah — Petersen — der «Le- cretair des Prinzen Waldemar, mein Vertranter — vielleicht kann er mir auf die Spur helfen! Neunte Scene. Vorige Petersen. Petersen strittauf,ohneFersenznsehen). Euer Excellenz! Grassleicht zu Fersen). Sie erlauben?! Fersen. Bitte! Graf. Willkommen, lieber Petersen! Fersen sfür sich). Was ist denn has für ein Kerl? sGeht zum Tische rechts.) Ah! Eine Modezeitung? Vielleicht bespricht sie die famose Robe! sSetzt sich.) Graf seilig, leise). Nun, bester Freund, wie steht's? Ist Pnsfendorf angekommen ? Petersen steife). Bis zur Stunde noch nicht Euer Excellenz? Graf sw. o. u. s. f.). Ah! — Wird mich der Prinz empfangen? Petersen sw. o. u. s. f.). Ich habe gethan, was in meinen Kräften stand — Euer Excellenz kennen das rege Interesse, welches ich an Ihrer Angelegenheit nehme, aber Se. Hoheit empfangen heute absolut nicht! Graf. Man sagte mir, er sei in Laxenburg auf der Jagd — ist's so? ! Petersen stachelnd). Nicht, daß ich wüßte! 15 Graf. Also ein absichtliches Refus! Hm! Empfängt Seine Hoheit überhaupt nicht? Petersen. Niemand, als einen jungen Fremden, den ich nicht kenne, fctwas lauterj einen Herrn von Fersen! Graf. Pscht! Sind Sie dessen ganz gewiß? Petersen. Ich habe einen Brief vom Prinzen für ihn hier, undZ bin eben daran, Herrn von Fersen anfzu- snchen! Graf. Das ist unuöthig! Er ist hier — da sitzt er! Petersen. Wär's möglich! Oh! wenn Euer Excellenz ihn näher kennen, dann ist Ihre Sache so gut, wie gewonnen — er scheint ein Mann vom höchsten Einflüsse! Graf. Unbegreiflich! Führen Sie Ihren Auftrag aus und lassen Sie mich daun mit ihm allein! Petersen. Zu Euer Excelleuz Befehl. sLaut, mit tiefem Bückling auf Fersenzngehend.f Habe ich die große Ehre, Herrn Premierlieutenant von Fersen zu begrüßen?! Fersen fsteht aufj. Ich heiße Fersen — mit was kann ich Ihnen dienen?! Petersen. Ich habe Ihnen unter dem Siegel tiefsten Geheimnisses von Seite Sr. Hoheit des Erbprinzen Waldemar dieses Billet zu übergeben. Fersen. Mir? Da scheint ein Irrthum obzuwalten! Petersen. Durchaus nicht! fGibt dm Brief ab.j Ich entledige mich hiemit dieses ehrenvollen Auftrages mit der Bitte, meinem allergnädigsten Herrn über die Art, wie ich dieß that, einen mir günstigen Bericht erstatten zu wollen. Mit tiefen Bücklingen gegen Fersen und den Grafen schnell ab.j Zehnte Scene. Graf. Fersen. Fersen fheiter, den Brief hin- und her- drehendj. Na! Weint man ihm aufgetragen hat, mir diesen Brief unter dem Siegel tiefsten Geheimnisses zu geben, so muß dieser Herr merkwürdige Ideen von Oeffentlichkeit haben! Ich verstehe von der ganzen Geschichte nichts! Gras füberlegen lcichelndj. Wirklich? Fersen. Ans Ehre — ich kenne den Prinzen gar nicht und glaubte mich auch von ihm nicht gekannt. Graf fm. o.j. Aber, lieber Freund, wem sagen Sie das? — Fersen. Ich schwöre Ihnen, Ex- cellenz — Graf. Schwören? — Sehr gut! Ganz meine Schule! Aber für mich spielen Sie den Ueberraschten nicht natürlich genug, ich weiß nämlich, was dieses Billet enthält, mein guter, alter Fersen! Fersen. Wirklich — dann wissen Euer Excellenz mehr als ich, offenbar eine schriftliche Einladung zum Batte! fBietet ihm das Billet.j Lesen Sie selbst! Graf fverblüfftj. Wie, mir geben Sie diesen — ffür sich.j Der junge Mann ist stärker als ich dachte! Fersen. Oder zum Diner! Graf freißt eifrig den Brief an sich, öffnet ihnj. Das wollen wir gleich sehen! jLiest.j „Da ich Herrn von Fersen aus leicht begreiflichen Gründen bei mir nicht empfangen kann, so ersuche ich denselben artigst, mich heute punct zwci Uhr auf der Dominikanerbastei prome- nirend erwarten zu wollen. Wohlgeneigtest Waldemar." Fersen. Was soll das heißen? Graf. Das muß ich Sie fragen, Herr von Fersen? — und wiederhole die ernste Bitte, mir — Fersen ffährt aufj. Ah — ich Habs'! Gras. So! - Was?! Fersen. Der König wird dem Prinzen wegen der Robe a la I^uereos ebenfalls geschrieben haben — und — Graf feinpörtj. ci'autres, U10N e1i6i-, a ä'autrsb! Solche Nullserien 16 können Sie meiner Tochter oder der Gräfin weiß machen, aber nicht mir! Fersen (unterbricht ihn). Ich schwöre Euer Excellenz — Graf (unterbricht ihn). Gut! — Sehr gut! Ich habe Ihnen gelehrt, daß es geeigneten Falles auf einen Meineid mehr oder weniger nicht ankommt. Aber mir sollten Sie wenigstens die Ehre anthun — eine andere Ausrede zu ersinnen — ich würde Ihre Beweggründe achten, denn ich bin vom Mutier — aber — Fersen (unterbricht ihn). Excellenz, Ihre Gewohnheit — den Dingen aus den Grund zu gehen, verleitet Sie, tiefe Beweggründe voranszusetzen, wo es überhaupt gar nichts voranszusetzen gibt! Nichts! Graf. Also Sie nennen es nichts, wenn der Erbprinz Niemanden sprechen will, Sie ausgenommen! Nichts, wenn er Ihnen eine Audienz, um die ich vergebens sollicitire, ans der Dominikanerbastei bewilligt? Fersen. Vielleicht wohnt in der Nähe die Schneiderin, welche die Robe — Graf (wüthend). Herr, das überschreitet alle Grenzen (Ruhiger.) Hören Sie mich an, Fersen, ich biete Ihnen Frieden oder Krieg! Was will der Prinz von Ihnen? Sprechen Sie! Fersen. Gerne! Aber ich kann nicht, — und das aus einem Grunde, den der ganze Congreß gutheißen müßte. Graf. Aus welchem? Fersen. Ich weiß es nicht! Graf. Sie wissen's nicht?! Diese Antwort sagt mir Alles! Ich begreife jetzt! Fersen. Sie Glücklicher! Graf (fährt fort). Und erkläre Ihnen somit den Krieg! Ja, den Krieg! Ich werde diese Begegnung zu verhindern wissen, werde dem Großherzoge melden, daß sein Neffe, der Erbprinz, insgeheim den Vertreter einer fremden Macht — empfängt — aus der Dominikanerbastei empfängt —! Was so unerhört, was derart gegen allen hergebrachten diplomatischen Gebrauch ist-daß- Fersen (unterbricht ihn). Mein Gott, Sie haben vielleicht ganz recht — Sie verstehen sich ans derlei Dinge besser als ich — aber — Graf. Und das soll gleich geschehen, Herr gleich — Will ab, für sich.) Himmel, der Prinz — er kommt mir zuvor! Eilfle Scene. Vorige. Waldemar. Waldemar (auftretend, für sich). Da ist ja Fersen — und Graf Amstedt noch hier? — wie unangenehm! Graf. Ich bin hochbeglückt, Euer Hoheit endlich anzutreffen — darf ich fragen, ob Sie in Laxenburg gute Jagd gehabt haben? Wald em ar. Ganz gut, lieber Graf! Ah! sehe ich recht, Premierlientenant von Fersen! Fersen. Euer Hoheit! (Für sich.) Also das ist der Erbprinz — ein schöner Mann! Graf. Euer Hoheit kennen Herrn von Fersen?! Waldemar. Gewiß! Wir dienten ja mit einander beim selben Corps! Ich werde nie vergessen, mit welcher Bravour sich Herr von Fersen bei Lar Is One schlug! Fersen (verbeugt sich). Oh! gnädigster Herr! (Für sich). Ich war gar nicht bei Lar 1s Oue! Graf (für sich). Und mir sagt dieser Duckmäuser, daß er den Prinzen gar nicht kennt. (Laut.) Ich habe durch Euer Hoheit Privatsecretair schon wiederholt um Audienz ansuchen lassen —! Waldemar. Wozu diese Umstände, lieber Graf?! Sie wissen, für Sie bin ich stets visible! Kommen Sie morgen, übermorgen, — wann Sie wollen! 17 Heute ist's zu spät! Ich bin eben im Begriffe meiue gewöhnliche Promenade zn machen — Graf. Nus der Dominikanerbastei?! Waldemar finit einer Geste der Be- fremdnng). Ja, wie alle Tage! Falls Sie aber meinen Onkel sprechen wollen — der wird gewiß hoch erfreut sein — Sie zn sehen — denn er will Ihnen ansnehmend wohl! Graf iersrentp Wirklich? Waldemar. Heute Abend, am Balle — auf Wiedersehen — Gras! fZn Fersen gewendet ) Sie kommen doch auch, Fersen? Ich glaube mich zu erinnern, daß Sie ein passionirter Tänzer sind?! Fersen. Außerordentlich! Mw sich.) Woher mag er das nnr wissen?! Waldemar slcise zn Fersen). Trachten Sie ihn doch zu entfernen. Fersen sleisc). Wen? Waldemar sw. o). Nun, den Grafen. Fersen. Ah so! Waldemar. Aber diplomatisch — fein! »Geht zmn Tische.) Fersen sfiir sich). Wie soll ich das nnr machen?! sNach einer Pause, geht auf dm Grafen zn.) Mein theurer Meister! Graf. Was wollen Sie, Herr von Fersen?! Fersen steife). Ich fühle jetzt eben wieder — wie wenig ich zum Diplomaten tauge! Se. Hoheit gab unreinen Auftrag, dem ich mich nicht gewachsen fühle. Wollen Sie, edler Meister, mir vielleicht rathen? Graf steife). Gerne, Sprechen Sie! Fersen sw. o). Sagen Sie mir, wie stellt man es diplomatisch fein an, wenn man einen Mann von hoher Stellung, ohne daß er es merkt, hinaus smacht die bezeichnende Gebcrde) hinaus haben Möchte! Gras. Wie man? »versteht, empört.) Oh — ich verstehe! Welche Schmach! sFür sich.) Aber ich räche mich. Mut.) Euer Hoheit glauben also, daß ich dem Theater-Nchcrtoir 328. Herrn Großherzoge nicht lästig fallen werde?! Waldemar sleicht hin). Gewiß nicht — — er ist im Garten! Graf. Ich eile ihn aufzusnchen! »Leise zu Fersen.) Natter, die ich an meinem Busen großsängte! sSchnell ab.) Zwölfte Scene. Waldemar. Fersen. Waldemar. Gott sei Dank, daß er fort ist — und das auf zwei Worte von Ihnen hin?! Wissen Sie, Herr von Fersen, daß Sie ein überaus geschickter junger Mann sind. Fersen smit komischer Eitelkeit). Zu gütig, Euer Hoheit, ich habe nur einige schwache Anlagen! Waldemar. Doch verlieren wir die Zeit nicht! Sie kommen von Spaa? Fersen. Ich bin heute Früh eingetroffen, wäre schon seit gestern Abend hier wenn meine Extrapost nicht nächst St. Pölten beim Vorfahren mit einer Berlins zusammengestoßen wäre, die ein einziger dicker Herr ansfüllte — die Berlins flog in den Straßengraben und wir fuhren mit 3 Nädern so gut weiter als es ging! Waldemar. Nun, Sie sind da — das ist die Hauptsache. Haben Sie meiner — meiner — fmit Betonnngl Cousine bereits Mittheilungen über Ihre Sendung gemacht? Fersen. Zn dienen, Euer Hoheit! Waldemar. Bravo! Wir können also davon miteinander offen sprechen und Alle drei gemeinsam agiren? Kommen Sie zur Gräfin! Wan hört drinnen die beiden Frauen sprechen und eine Helle Lache Erica's.) Sie scheint nicht allein?! Fersen. Erica — »verbessert sich.) die junge Comtesse von Amstedt ist bei ihr! 2 18 Waldemar (ärgerlich). Ah! wie fatal! Gerade diese, oder ihr Vater darf nicht — (sieht sich um.) Fersen (der auf das Lachen hörte, für sich verliebt). Wie reizend Erica lacht! Eine ganze Tonleiter! Waldemar (fährt fort). Ich habe Gründe mich mit Ihnen und der Gräfin vor Niemanden sehen zu lassen — (Drinnen Erica's Stimme, die auf's Heiterste ruft:) Nein! Ha! ha! Zu komisch! Fersen, (m. o.). Wie eine Nachtigall! Waldemar (geht nach rückwärts). Ebenso will ich nicht allein — (besinnt sich, kommt nach vorne.) ach bitte, lieber Fersen, wollen Sie mir indessen eine Gefälligkeit erweisen? Fersen (der mit halben Ohren hört). Gerne, Euer Hoheit, gerne! Waldemar. Nehmen Sie diese beiden Portraits — — Fersen (nimmt sie). Mit Vergnügen' I (Erica's Stimme drinnen.) ! Ha! ha! Mitten in's Beet! / Waldemar (gleichzeitig). Geben «Sie sie der Gräfin noch vor dem 'Diner. Sie speisen ja mit uns? Fersen (horcht auf Erica). Ich werde die Ehre haben! Waldemar. Was die Mission der Königin betrifft, so werden wir ja gegen Abend Zeit finden uns — Fersen unterbricht ihn). Oh, gewiß — alle Zeit — Dreizehnte Scene. Vorige. Dorothea. Erica. (Beide Damen tretenmit heiterstem Wesen auf.) Erica. Nein, nein, das war zu komisch! Denken Sie nur, Fersen! Ah — ein Fremder? Dorothea (zum Prinzen). Comtesse Erica von Amstedt! sZu Erica.) Der Erbprinz Waldemar! Erica (mit tiefem Knixe). Euer Hoheit! — Walde m a r (zu Dorothea). Was erheiterte das liebe Kind so sehr? Erica. Ich bitte um Entschuldigung, Euer Hoheit — — Dorothea. Es war wirklich drollig. (Leise.) Hast Dn mit Fersen gesprochen? Waldemar (leise). Kaum einige Worte — (laut) "Nun? Erica (erzählt). Wir standen am Fenster! Seine Hoheit, der Großherzog, promenirte mit meinem Vater, der auf's Heftigste gesticnlirte, im Garten, da eilte plötzlich ein dicker, aufgeblasener, alter Officier — Dorothea (zu Waldemar). General von Pttsfendorf! — ^ Waldemar (für sich). Er? ! Erica (fährt ohne Unterbrechung fort) — Ha! ha! ans Seine Hoheit zu, salutirte so, (zeigt cs) trat in ein Beet, stolperte über eine kleine Bucbsbanmhecke und lag — ha! ha! perdautz aus den Händen — ha! ha! Dorothea (heiter). Sein Federhut flog dem Grafen in's Gesicht — Erica. Beide Herren nun halfen dem dicken Patron auf die Beine — es dauerte einige Secunden, bis ihnen das gelang — denn mit dem Gesichte lag er in einem Stachelbeergebüsche — ach! Und dann pustete er, seufzte, entschuldigte sich, richtete seine Uniform wieder her und wischte sich sein dickes Gesicht ab — es war zum Todtlacben! ha! ha! (Erschreckt.) Ah, entschuldigen Euer Hoheit! Waldemar. Geniren Sie sich nicht, liebe Comtesse — auch ich bin ein Freund der Heiterkeit! (Leise zu Dorothea.) Die beiden Portraits, Dortchen, wirst Dn gleich erhalten. Dorothea (leise). Innigen Dank! Waldemar (leise). Schaff' nur die Kleine fort! Dorothea (leise). Das wird schwer gehen! Erica (leise zu Fersen). Die Gräfin hat versprochen, auch den Großherzog IO für uns zu gewinnen — thnn Sie ja Alles? was Sie Ihnen befiehlt! Fersen (leises. Oh, gewiß! Waldemar (rückwärtss. Da kommt mein Onkel mit den beiden Herren! (FM- sichs Wie unangenehm! (Kommt nach vorne.s Fersen (halblaut zu Waldemars. Der Graf scheint also Wort gehalten zn haben — er schwor — mir unbegreiflich — meine Begegnung mit Euer Hoheit zn stören. W a ld e M a r (erschreckt, Halblauts. Großer Gott — Sie werden ihm doch nicht gesagt haben — Fersen (w. o.s. Ich habe ihm gesagt, daß ich wegen Bestellung zweier Ballkleider nach Wien gekommen — ich denke — das ist doch — Waldemar (unterbricht ihns. Gut so, gut — bleiben Sie dabei — dem Großherzoge gegenüber, empfehle ich Ihnen Vorsicht! Er vor Allem darf Nichts wissen! Fersen (w. o.s. Verstehe! Für sich Scheint zu plaudern, der alte Herr! Waldemar. Vergessen Sie die Portraits nicht! Wendet sich schnell gegen den auftretenden Großherzog. Fersen (greift an die Brusttasche, wo er diese früher verbarg, für sichs. Die Portraits — richtig! Wem soll ich sie denn eigentlich geben? Rust. Euer Hoheit! Waldem a r (eilt, ohne Fersen zn hören, dem auftretenden Großherzoge entgegens. Guten Morgen, Euer Hoheit, Sie haben gut geruht, lieber Onkel!? (Alle Anwesenden verbeugen sich tief, Fersen und Erica ziehen sich dann, leise plaudernd, znrück.s Vierzehnte Scene. Vorige. Großherzog. Amstedt. Puffe ndorf. Zuletzt ein Kammer- Herr und zwei Diener. Gr 0 ßherZog (winkt Dorothea freundlich zus. Lon gour, ma 1Ü666! (Zu Waldemars. Vortrefflich! Und Du?! Waldemar. Ausgezeichnet! Groß Herzog. Lieber Waldemar, Ostens niseo, Herr von Pnffendorf, General in hessen-darmstädt'schen Diensten wünscht Euch vorgestellt zu werden! P N ffendors (in der nach heutigen Anschauungen ohnehin leicht karrikirten Uniform eines Generals jener Zeit, ein dicker roth- gefärbter Mann, verbeugt sich schnaufends. Euer Hoheit, Frau Gräfin! Groß Herzog. Der arme General hatte eben im Garten einen kleinen Unfall. Erica (bricht, trotz Fersen's Abwehren, in halbersticktes Lachen auss. Groß Herzog-. Was ihn wohl nicht verhindern wird, heute Abend unseren Ball mitznmachen. (Heiters Sie tanzen wohl, Pnffendorf? Puffe ndorf. Vielleicht, Euer Hoheit! Ich habe es niemals versucht! Erica (bricht jetzt in bisher verhaltenes Lachen ans, Fersen entfernt sich schnell von ihrs. Der, und tanzen! ha! ha! ha! Groß Herzog. Wer lacht da so fröhlich?! Amstedt. Ich muß Euer Hoheit um Entschuldigung bitten — meine nn- gerathene Tochter Erica! Erica (ihr Lachen mit Mühe bekämpfend, kuixts. Euer Hoheit! Dorothea. Mein lieber Gast für den ganzen Tag! Großherz og (Erica wohlwollend an- blickends. Charmant! Ich mache Ihnen mein Compliment zu solch' reizender Tochter! (Heiter zn Puffendorfs Na, da hätten Sie ja gleich eine Tänzerin, Pnffendorf! Pnfsendors. Muß höflichst danken ! Graf (für sichs. Soldateulümmel! Pnffendorf. Habe ein eigenes Pech, seit ich die schwarzgelbett Grenzpfähle überschritten! Ich wäre schon gestern eingetrossen, mir brach aber bei St. Pölten der Wagen. Fersen. (Für sich.sOholt Waldemar (Für sichs. ! Zusammen. Also er war's?! s 2 * 20 Großherzog. Schade, Sie hätten gestern das militärische Banket im Prater mitmachen können — 20.000 Gedecke! Graf. Oh! Es war imposant, großartig! Der Moment, wo 40.000 Kinnladen ans einmal Kalbsbraten mit Schmorkartoffeln zermalmten, wird mir unvergeßlich bleiben! Puffendorf (fährt fort). Der Unfall war geradezu räthselhaft! Eine schöne, breite Chaussee — Raum für drei Wägen — und ein Tölpel von Postillon stieß meinen Wagen mit dem seinen in den Graben. Nein wie absichtlich — das verspätete meine Ankunft um 24 Stunden! (Graf und Waldemar geben pantomimisch ihren Beifall kund, Waldemar geht aufFersen zn.) Puffend orf. Der Insasse, welcher Eile zn haben schien, schimpfte dazu noch meinen Kutscher einen Esel! Oh, dieser Mensch, ich könnte ihn — (schlägt an seinen Degen, folgte Waldemar unwillkürlich mit den Angen und sicht Fersen) He! da ist er ja! Gras (für sich). Fersen?! Großherzog. Wie?! Waldemar Ein Waffengefährte — der mein Gast ist — ich empfehle ihn Euer Hoheit auf's Wärmste! Großherzog. Willkommen — Herr — Herr- Waldemar. Premierlientenant von Fersen! Er kommt von Spaa mit Grüßen des Königs. Dorothea. In einer delicaten Mission für meine Pathe und Hildegarde! Puffen dorf (für sichst Oho! Gras (für sich). Aha! Fersen (schnellst So ist's, Euer Hoheit! Graf (für sich). Unverschämt! (Man hört links in der Ferne die Klänge einer Cavallerie-Mnsik, zwei Diener öffnen die Thüre eines Salons rechts, ein Kammer- Herr meldet dem Großherzog) Eller Hoheit, es passirt soeben das Hnßareuregiment Kaiser Alexander von Rußland. G r o ß h e r z o g (zn Puffendorf). Welches der erlauchte Oberstinhaber heute vor Sr. Majestät dem Kaiser von Oesterreich auf der Schmelz Revue passiven ließ. Sie müssen die treffliche Neiter- trnppe bewundern, General. (Wendet sich, Dorothea den Arm bietend, zum Gehen.) Puffendorf. Zu Befehl -- Euer Hoheit! (Leise zu Fersen, der jetzt in der Mitte steht.) Ich ahne, mein Herr, warum Sie mich in den Graben warfen, wir sprechen uns noch! (Geht dem Großherzog nach.) Fersen (verblüfft). Wie? Waldemar (leise). In den Graben? ha! ha! Tausend Dank, lieber Fersen, das haben Sie sehr gut gemacht! (Geht schnell ab.) Fersen (w. o.). Was? Graf (leise). Ich hasse Sie zwar, Fersen, aber ich bin mit Ihnen zufrieden — 24 Stunden verspätet — das war ein Meisterconp — ganz meine Schule! (Schnell ab.) (Die Musik wird stärker.) Fersen (w. o.st Ja alle Wetter noch einmal — Was — Erica (die früher über die Militärmusik erfreut, neugierig ablief, unter der Thüre rechts.) Aber Fersen, so kommen Sie doch — die Ungarn sehen reizend aus — Alle haben so lange Schnurrbärte! (Mit Pantomime.) Fersen. Ich komme! Ich komme! (Läuft unter verzweifelten Geberden ab.) Der Woryang Mt rasch unter den Klängen der nun volltönenden Musik. (Ende des ersten Actes.) Zweiter Act. Ein kleiner Salon in dem vom Großherzoge bewohnten Palais. Rechts rückwärts ist der Ballsaal, links vorne das Eabinet des Großherzogs angenommen. Erste Scene. Ballgäste. Diener. Daun Graf und Erica. sWenn der Vorhang anfgeht, hört man auf der Bühne rechts, rückwärts, die letzten Tacte eines Ländlers spielen. Diener mit Erfrischungen eilen über die Bühne. Dann paffiren diese rückwärts mehrere heiter plaudernde Paare, gleichzeitig treten Graf und Erica anf.s Gras. Hier kann man doch wenigstens etwas Luft schöpfen! fgür sich.f Fersen noch immer beim Großherzoge — es ist znm Verzweifeln! Erica. Wozu, Papa? drinn', im Ballsaale erstickt man ja auch nicht! Mr sich, sich umschend.s Fersen noch immer nicht da, abscheulich! sGeht nach rückwärts und sucht.s Gras sfür sichst Ich habe mich in diesem Fersen sichtlich getäuscht! Er hat bedeutende Anlagen! Es gelingt ihm, seine Pläne unter einer Maske ungezwungener Heiterkeit und soldatisch, frischen Wesens zu verbergen, die bewundernswertst ist. Ueber Tisch schwatzte fast nur er - der Großherzog lachte manchmal, daß ihm die Thräncn in die Augen traten. Merkwürdiger Mensch! Erica fwclche die vorüberziehenden Paare musterte, blickt in den Saal, für sichst Ah — ich glaube, da geht er? fKommt nach vorne.f Papa, so komm' doch in den Ballsaal zurück. Graf finit sich beschäftigtst Wozu — Seine Hoheit ist ja noch nicht erschienen ! Eric a. Ich bin auf den zweiten Ländler eugagirt! Graf. Mit wem? Erica. Nun — Papa — Du weißt doch! Graf. Ich weiß gar Nichts! Erica ffür sich, weinerlichst Daß er mich bei der Polonaise hat sitzen lassen, sag' ich gar nicht! Graf. Nun? Erica. Mit Fersen! Graf. Wie — mit ihm?! Dieser Mensch hätte die Kühnheit gehabt — ich verbiete Dir mit ihm zu tanzen! Erica. Na, das wäre schön! Er hat mich ja auch znm ersten Contre- tanz eugagirt! Graf. So? Unerhört! Den wirst Du auch nicht mit ihm tanzen! Erica. Na, das sag' ihm nur selbst, ich nehme mein Engagement nicht zurück ! Graf. Hm! Das würde wohl auffallend sein ! — ich will einen gänzlichen Bruch mit ihm vermeiden! Erica. So darf ich also mit ihm tanzen? fFür sich.f Wenn er da ist! Graf. Laß' mich Nachdenken, die Situation erfordert es! 22 Erica. Aber Papa, hinter einem Tanze wirst Dn doch nicht Politik wittern? Graf. Der rechte Staatsmann wittert überall, er geht den Dingen stets auf den Grund. Alles in Allem ermessen — verbiete ich Dir hiemit, mit ihm den Ländler zu tanzen — Erica. Himmel! Graf. Gestatte Dir aber, den Con- tretanz — ja, ich befehle Dir sogar, diesen mit ihm zu tanzen! Erica. Guter Papa! Graf. Du wirst ihn dabei überfeine Mission ansholen, verstehst Du?! — Erica snach rückwärts blickend.) Ja, Papa! Graf. Bei seiner Unbesonnenheit — ist vorauszusetzen, daß er Dir gegenüber seine Reserve aufgibt — Dn hast mich verstanden?! Erica sw. o.). Ja, Papa! sHinten leise Tanzmusik.) Graf. Forsche ihn auch wegen der Prinzeß' Hildegarde aus — Erica sw. o.). Ja, Papa — ich weiß, wegen der Robe — ach! Da ist er! Graf. Wer? Erica. Nun, Fersen mit dem Großherzoge. Graf. Vraillient?! sGroßherzog und Fersen gehen rückwärts von links nach rechts, die Menge macht ihnen ehr- erbictigst grüßend Platz ; der Großherzog bleibt stehen und lacht auf's Heiterste.) Erica smacht Fersen mit dem Fächer Zeichen, halblaut). Fersen, Fersen, hier! Graf. Erica! sFersen sieht Erica, grüßt sie, sagt dem Großherzoge noch einige Worte und eilt auf die Scene. Der Großherzog blickt ihm wohlwollend nach. Ein alter Diplomat ans der Gesellschaft verbeugt sich vor dem Großhcrzoge tief, dieser geht mit ihm plaudernd nach rechts ab.) Zweite Scene. Graf. Erica. Fersen. Fersen swelcher jetzt eine kleidsame Hußarentracht und als einzige Dekoration das eiserne Kreuz - trägt). Eller Epcellenz ! Comtesse, zu Ihren Diensten — die Polonaise. Erica sschmollend). Ah, gehen Sie, Sie abscheulicher Mensch — nein! Wie Sie sich verstellen können — Graf. Nicht wahr? Fersen. Ich? Was habe ich denn verbrochen? Erica. Nnn, die Polonaise ist ja längst vorüber! Fersen. Was? Ach, Comtesse — Pardon! Bin außer mir — Erica sweinerlich). Ich bin sitzen geblieben! Fersen. Nochmals Pardon! an All' dem ist dieser verteufelte Großherzog schuld — Graf sempört). Horrsur! Fersen. Nach dem Diner lud er mich mit Pnsfendorf — Gras. Mit Pnsfendorf?! Fersen sfährt fort) — in sein Cabinet — er hat uns bei Cafs und Anisette mit einander versöhnt! Prächtiger alter Kerl! Graf sempört). Wer? Fersen. Nun, Pnsfendorf! Wir plauderten, ich erzählte den Herren eine Menge Schnurren — Seine Hoheit waren von einer köstlichen Laune! Graf. Das sah ich — smitInteresse.) worüber lachten KsrsnisZiins soeben — Fersen. Soeben — wo? Graf szeigt rückwärts). Nun — da — im Momente! Fersen sgleichgültig). Ach! Ich machte einen kleinen Scherz! Seine Hoheit sprachen über die Jntrignen Nnßland's und England's am Congresse! Graf smit Interesse). Nnn — und — Fersen sheiterer). Nnn, und da sagte ich: Ja, England verpflichtet sich Rußland beiznstehen, damit es Polen nicht bekommt und Rußland garantirt England dafür den Verlust der jonischen Inseln! 23 Graf. Vortrefflich! Vortrefflich! sFür sich.) Wo der Mensch nur das hernimmt! sNach einem inneren Entschlüsse, laut.) Mein guter Fersen, ich bin, wie jeder Sterbliche sehlbar — aber wenn ich einen Fehler begangen habe, so erkenne ich das an, ich trachte ihn gut zu machen! Ich gestehe, ich habe mich in Ihnen geirrt — freilich verriethen Sie damals durch nichts — die große Begabung und das entschiedene Talent, welche Sie heute bekunden! Ferseu. Mein Gott! Epcellenz, Ihre Schule! — Graf seitel). Sie hatte Einfluß darauf, ich gebe es zu! Ich bin also von meiner Voreingenommenheit gegen Sie zurückgekommen, und, um Ihnen das zu beweisen — ssieht sich vorsichtig nin) rund heraus: Enthüllen Sie mir das Geheimniß der eigentlichen Motive Ihrer Sendung und meine Tochter ist die Ihre! Fersen. Himmel, wär's möglich?! Erica. Ach, welche Güte, — welche Großmuth! )Zu Fersen.) Wie? Und Sie küssen Papa nicht die Hand? Fersen. Das war meine erste Regung, aber — Erica sängstlich). Aber?» Graf. Sie schwanken? s Zusammen. Fersen sschnell). Nein, nein — aber ein derartiges Glück so unerwartet — so überraschend — erfordert in meiner Lage wenigstens einen Augenblick Ueber- legung! Graf. Das ist ganz correct! Erica sin überströmender Freude). Ich aber überlege gar nicht! und ich danke Dir, mein lieber, guter, herziger Papa. sSie stiegt dem Grafen an den Hals, und dreht diesen wider seinen Willen einmal mit sich herum.) F erseN stritt bei Seite und sagt für sich). Was thun? Soll ich ihm gestehen, daß es gar kein Geheimniß gibt?! Das glaubt er nicht, und glaubt er es, so bringe ich mich um allen Credit bei ihm, er nähme gewiß sein Wort zurück! Erica. Nun, Heinrich, so freuen Sie sich doch mit mir nno reden Sie, reden Sie! Gras. Haben Sie sich entschieden? Fersen sfür sich). Wenigstens heißt's die Ehre retten! sLaut.) Ja, Euer Ex- cellenz! Zwischen Liebe und Pflicht gedrängt, stand ich im Begriffe, der er- steren zu gehorchen — aber die Pflicht übertönte die Stimme meines Herzens — und — um Ihrer Achtung, sowie meines Ranges würdig zu bleiben, habe ich mich entschlossen — zn schweigen! Erica. Allmächtiger Gott! Oh! Sie Verräther! sSie stürzt weinend auf den Divan zu, auf den sie sich schluchzend niedersetzt.) Graf sempört). Wie, Sie refusiren die Ehre, welche ich Ihnen antrng — schlagen die Hand meiner Tochter ans? Das ist — das ist sin anderem Tone) großartig — sfür sich), dieser Mann kann's weit bringen! sEntrüstet.) Als Vater, mein Herr, gibts keinen Verkehr mehr zwischen uns! —sMit Bewunderung.) Als Diplomat versichere ich Sie meiner Achtung! Fersen szu der leise schluchzenden Erica). Aber Comtesse Erica, um Gotteswillen, weinen Sie doch nicht, hören Sie nur! Erica sschluchzend). Zurück, Verruchter! — Fersen ssucht sie leise zu beschwichtigen). Graf sfür sich). Jetzt zum Großherzog ! Ich muß alle Minen springen lassen, wenn's nicht schon zu spät ist! sZu Fersen). Führen Sie meine Tochter in den Ballsaal — sstreng) aber unterstehen Sie sich nicht, ihr je mehr von Liebe zu sprechen! sArtig) Morgen stelle ich Sie meinem guten, alten Metternich vor — der muß Sie kennen lernen! sSchnell nach rückwärts rechts ab). 24 Drille Scene. Fersen. Erica. Erica fspriugt auf). Nimm mich mit, Papa — ich will nichts mehr mit fweinerlich) diesem abscheulichen Menschen zu thnn haben! Fersen Mt sic zurück). Um Gotteswillen, ein Wort nur, Erica, Sie dürfen mich nicht ungehört verdammen! Erica. Lassen Sie mich los, Sie Ungeheuer, unser Glück hing allein von Ihnen ab, und — steife schluchzend) Sie haben es mit dieser Hand abgewiesen! Fersen. Ich fühle ja am Besten, daß ich in Ihren Angen der größte Verbrecher sein muß — aber wenn Sie an meiner Stelle gewesen wären, hätten Sie's gerade so gemacht! Erica. Ich? Oh nein! Fersen. Denn, da ich es doch schon gestehen muß — Sie werden mich ja nicht verrathen — ich weiß nichts, absolut nichts! Erica. Pfui, mein Herr, das ist abscheulich — selbst vor mir spielen Sie diese Comödie fort? Fersen. Aber Erica — Erica. Sie, der Sie sonst die Offenherzigkeit selbst waren. Oh! Ich wußte wohl, daß Sie die Diplomatie in Grund und Boden verderben würde — jetzt sind Sie gerade so ein Lügner, wie alle Anderen! Fersen fernst). Erica! Ich schwöre Ihnen bei meiner aufrichtigen, herzlichen Liebe — ich weiß nichts — das ist mein ganzes Geheimniß! fVersucht die Abgewendete gegen sich zu wenden, was ihm nicht gelingt.) Erica! Erica fin versöhnlichem Tone). Mein Gott, wie gerne würde ich Ihnen glauben! Fersen fw. o.). Erica, Erchen, Nick- chen, wußte ich denn, daß man hier die Wahrheit am erfolgreichsten verbergen kann, wenn man sie sagt! Erica. Aber warum übernehmen Sie eine solche Mission? Fersen. Ich verstehe, Sie wundern sich, daß ein Premierlientenant sich um Toilettengegeustäude annimmt, aber diese Nobe a 1a kmiorses — Erica. Ach, ich bitte Sie, reden Sie mir nur nicht von dieser Nobe — so was können Sie meinem Vater weiß machen, aber nicht mir! Fersen. Und doch ist es, wie ich Ihnen sage, ich nahm die Mission an, um nach Wien zu kommen, um Sie zu sehen, Erica. Erinnern Sie sich nur, Sie schrieben mir vor 14 Tagen: fcitirt) „Mein lieber, guter Heinrich!" > Erica. Wie, ich hätte geschrieben — ^ Fersen. „Mein lieber, guter Hein- rich!" ^ Erica. Das muß in der Zerstreu- ^ nng geschehen sein! ! Fersen. Sehen Sie, jetzt diploma- ^ tisiren Sie — eine echte Tochter Ihres Vaters! Erica. Sie, das lasse ich mir nicht zweimal sagen! fOffeu.) Ja, ich hab's ge- ) schrieben! fGibt ihm die Haud.) Da! Us- eoneiliation! Fersen fschlägt ein). Uaoeomocls- naont ! — wie der gute, alte 1 Amstedt sagen würde! fKüßt ihr die Hand.) ^ Sie sind ein Engel! jL Erica. Jetzt sagen Sie mir aber ! nur, um Gotteswillen, wie sind Sie "j? denn in den schmählichen Verdacht ge- ^ kommen, ein geriebener Diplomat zu ^ sein? > Fersen. Weiß ich es? Ich begreife von der ganzen Geschichte gar nichts — und danke meinem Gotte, daß meine Harmlosigkeit bisher noch nicht durch 4 irgend eine Dummheit meinerseits an's Tageslicht gekommen, was nicht ansbleiben wird! Erica. Aber die Gunst des Großherzogs?! 25 Fersen. Mir unbegreiflich! Ich habe ihm lauter abgedroschene Soldaten- anecdoten erzählt. Erica. Und diese geheimuißvotle Begegnung mit dem Erbprinzen, von der Papa ein solches Wesen macht, die er sich nicht erklären kann! Fersen. Ich selbst nicht! Se. Hoheit haben mir eiligst einige artige, unverfängliche Worte gesagt, berührten oberflächlich meinen Auftrag — voilic-tout! — Doch halt — ich vergesse — der Prinz gab mir auch zwei Portraits — Erica. Portraits — für wen?! — Fersen. Das habe ich meiner Seel' ganz Überhört! sNimmt die beiden Portraits ans der Säbeltasche.j Da, sehen Sie selbst! Erica. Geben Sie her! Fersen. Wundervolle Brillantrahmen und zwei reizende Mädchenköpfe — mir gänzlich unbekannt! Erica flieht die Bilder ans. Aber das ist ja unsere junge Prinzeß' Maria- Adelgunde. Erkennen Sie sie denn nicht? F erse n. Nichtig! Mein Gott, ist das Mädchen hübsch geworden! Erica. Und dieß' die Prinzeß' Friederike-Auguste von Hessen-Darmftadt! Fersen. So?! Erica. Für wen mag Ihnen der Prinz nur die beiden Bilder gegeben haben? Fersen. Ich Hab' keine Idee! Deß- halb trage ich sie noch immer bei mir herum! Sic verstehen, es ist mir peinlich, ihn nochmals zu fragen! Aber, was fällt mir da ein! Es handelt sich vielleicht um eine Aufmerksamkeit, welche der Prinz den beiden Gesandten machen will! Erica. Meinen Sie?! Fersen. Natürlich! Ich bitte Sie, ein artigeres, sinnvolleres Präsent kann er ihnen ja gar nicht machen —> die Portraits sind entzückend schön gemalt — die Nahmen werthvoll — 's ist gar kein Zweifel, sie sind für Ihren Papa und Pusiendorf bestimmt. Erica. Fast scheint es mir selbst so! Fersen. Dieses Cadeau wird Ihrem Papa große Freude machen, ich will's ihm gleich geben! Erica. Wissen Sie was, — das werde ich thnn — und ihn dabei wieder mit Ihnen zu versöhnen trachten. Fersen. Wirkich?! Ah, Sie sind ein Engel! Erica. Erwarten Sie mich hier — ich komme bald zurück! Dann suchen wir die Gräfin ans, die muß für uns wirken! Sie versichern mich aber nochmals, daß Sie Diplomat nur ans Zufall geworden sind — ohne daß es üble Folgen haben wird! Fersen. Bei meiner Ehre! Erica. Sie schwören mir auch, daß Sie niemals ein Staatsmann sein wollen, kein Mann von Talent! Fersen. Ihnen kann ich nichts verweigern! Ich schwöre es! Erica. Recht so! Ich suche also meinen Vater a.., — und komme daun zurück — Sie haben hoffentlich nicht auf Ländler und Coutretauz vergessen?! — Fersen. Ich vergesse Hauptsachen niemals! Erica flrenherzigj. Adieu! Heinrich! sWill ab.j Fersen. Noch einen Handkuß! Niek- chen! Erica shält ihm die Hand hinsi Da! Fersen sergreift diese, macht, als wollte er sie küßen, gibt Erica aber einen herzhaften Schmatz ans die Wangej. Erica. Oh! Schlingel! Ist das die Hand ?! Fersen sheiters. Mein Gott, die ist so klein, daß ein rechtschaffener Kuß gar nicht d'rans gegangen wäre! Erica sheitcr, droht ihms. Oh! Sie, Sie — Diplomat! Fersen sheiters. Nicht schimpfen, Niekcheu! Nicht schimpfen! Erica sdroht ihm mit dem Fächer und lnnft ab.j 26 Vierte Scene. Fersen. Dann Pnffendorf. (Die Musik rückwärts endet, mehrere Paare eilen über die Bühne.) Fersen (wirft Erica Kußhände uach). Süßer Schatz! Ach, welch' reizendes Weibchen werde ich da haben — und wie lustig wird es werden, wenn — (sieht Puffendorf, welcher sich durch die Menge drängt und Fersen von weitem grüßt.) Ach! Pnffendorf! er hat mich vorhin um eine geheime Unterredung gebeten — was wird der wieder wollen?! (Laut.) Herr General! Zn Ihrem Befehle! Pnffendorf. Mein lieber Fersen — bin ganz der Ihre! (schüttelt ihm die Hand.) Alte Cameraden — werden uns leicht verstehen! (Große Pause, beide setzen sich — sehen sich an, endlich verliert Pnffendorf die Geduld und sagt:) Pnffendorf. Sie dienten ja im Jahre dreizehn unter dem Esel von Reisewitz — He?! Fersen. Ja! Pnffendorf. Schlechter Stratege, passabler Artillerist! Fersen (freimüthig heiter). Ja! Sein Handbuch über Artillerie steht in hoher Achtung bei allen Infanteristen und Cavalleristen! Pnffendorf. Ha! ha! Sehr gut! Sie gefallen mir, Herr Premierlieutenant! So Hab ich's gerne! Soldatisch — offen — werden uns leicht verstehen! Fersen (leicht). Wenn er nur endlich losschießen würde! Pnffendorf. Also zur Sache! Fersen. Ja! zur Sache! Pnffendorf. Habe eben mit dem alten Hampelmann von Amstedt gesprochen ! Fersen (für sich). Gott, wie der meinen Schwiegervater tractirt! (Laut.) So? Pnffendorf. Ist nicht gut auf Sie zu sprechen, meinte, Sie wären für immer von einander getrennt, na! und da glaube ich, könnten wir uns nähern! Fersen (rückt näher). Stehe zu Diensten. (Für sich.) Er wird mir doch nicht auch eine Tochter zur Frau anbieten? Pnffendorf. Amstedt ist mir zn- vorgekommen — ich gebe es zu — seine Chancen stehen besser! Fersen (der nicht versteht). Nun, mein Gott — Pnffendorf. Im Grunde genommen — ich rede soldatisch, offen — halte ich gar nicht so viel darauf — mein Souverain ebensowenig — (stark) aber dieses Hessen - Cassel soll und darf keinesfalls renssiren — (schlägt auf den Tisch). Fersen (w. o.). So?! Pnffendorf. Na! Und wenn wir Beide uns verstehen könnten — so — Fersen (schnell). Mein lebhaftester Wunsch, Herr General! Pnffendorf (fährt fort). Wird's gehen?! Vor Allem, was ist die Meinung des Erbprinzen — was die Ihre?! Reden Sie offen, rund heraus — Fersen (lavirend). Ja! Herr General, ich soll offen, ehrlich, soldatisch reden? Pnffendorf. Keine Umschweife! Fersen (w. o.). Meine Meinung ist, daß, daß es mir — schwer sein wird -— mich da — da — vollkommen klar ans- zudrücken (schnell) ein Mann, wie Sie übrigens, wird halbe Worte errathen! Pnffendorf. Aha! Ich begreife! Fersen (für sich). Welches Glück! Pnffendorf (für sich). Dieser Fersen ist ein zn guter Diplomat, muß ein schlechter Soldat sein! Fersen. Sollten in Ihnen jedoch noch die mindesten Zweifel in die Gesinnungen des Erbprinzen, sowie in die meinigen, Herr General, existiren, so mag Ihnen dies sinnvolle Cadean, mit welchem Se. Hoheit mich betraute Sie zu überraschen, den Rest sagen! (Gibt ihm das Porträt.) 27 Pttffendorf sverbliifft). Alle Wetter noch einmal! Wie? der Erbprinz Waldemar sendet mir dieses Portrait — und das ans Ihre Veranlassung? Fersen selbstgefällig). Wenigstens war ich nicht ohne allen Einfluß darauf, denn — Puffen dorf sspringt wüthettd ans). Potz, Bomben und Granaten, Pfui, Herr von Fersen, Sie treiben da ein abscheuliches Handwerk — schämen Sie sich! Fersen sspringt aufs. Ich, ach! erlauben Sie! Pttffendorf (schnell). Oh! dieser Affront — mir? schändlich! ES ist nicht der Refus, welcher mich ärgert- ich erwartete, wünschte ihn sogar — aber die intrignante, perfide, satanische Art und Weise — Fersen (dazwischen). Herr General! Pttffendorf (fährt fort). In welcher Sie mir ihn geben! Nochmals Pfui! sPackt Fersen am Dolman.) Ziehen Sie ihn aus diesen Rock der Ehre und fahren Sie in die Harlekinsjacke des Diplomaten — da gehören Sie hinein. Fersen. Nun muß ich aber ernst- lichst bitten — Pttffendorf. Ich eile-zum Großherzoge — er soll Alles wissen — ja, ich vereine mich, wenn's sein muß, sogar mit Hessen-Cassel gegen Sie, um Sie ans dem Felde zu schlagen, Sie sollen, Sie dürfen nicht trinmphiren — §üe — ssucht das Wort, verächtlich) zweiter Tallehrand, Sie! (Schnell ab.) Fünfte Scene. Fersen salleins. Fersen. Na, jetzt soll aber doch gleich das heilige Krenzbomben- sin anderem Tone.) Ich habe offenbar eine Dummheit gemacht, aber welche? Ich befinde mich mit Hessen-Darmstadt auf dein Kriegsfüße — Hessen -Darm- stadt will sich mit Hessen-Cassel gegen mich alliiren! Aber warum?, sRnft Puf- fendorf stark nach.) Warum? iW. o.). Am klügsten wäre, ich verschwände vom Schauplatze meiner Confnsionen, überließe der Gräfin die Sendung der beiden Roben und — smacht die Geberde des Durchgehend). Aber Erica, die Gräfin, der Prinz?! Nein, das wäre feige! Ich kann nicht fort! Dann bleibe ich auch ans Neugierde, um endlich zn wissen, um was es sich eigentlich handelt und worin das Verbrechen besteht, welches mir soeben den Ehrentitel eines (heiter) „zweiten Talleyrand" eingetragen hat! Wenn nur wenigstens Erica käme — — ich muß sie aufsnchen — swill ab). Ah, der Prinz! — Sechste Scene. Dorothea. Waldemar. Fersen. Wal d eMa r smit Dorothea am Arme, rasch eintretend, beide, namentlich Dorothea, sehr erregt, halblaut). Auf eine derartige, gewaltsame Catastrophe war ich freilich nicht gefaßt, aber Fassung, Mnth, Dorothea, wir stehen vor der Entscheidung — gebe Gott, daß sich Alles zum Guten wendet! sSieht Fersen, erstaunt). Fersen! — wie, Unglücklicher — Sie noch hier? Fersen. Wie, Sie sehen, mein Prinz! Waldemar. Ja, wissen Sie denn nicht, welche Gefahr uns Allen droht? Fersen. Glauben Euer Hoheit, daß ich vor Gefahren zurückschrecke? Dorothea (geht auf ihnzn, mit Wärme). Ach, Fersen, von Ihnen nimmt mich das nicht Wunder — ich wußte, ein Freund, wie Sie, wird uns nicht verlassen. Fersen. Gewiß nicht, gewiß nicht! Mr sich.) Mein Gott, die arme Frau, wie verzweifelt sie ist — scheint auch in die Geschichte verwickelt zn sein! 28 Waldemar. Der Großherzog ist wüthend auf Sie! Fersen. Auf mich? Mr sich.) Der auch?! Waldemar. Und da Sie durchaus keiueu diplomatischen Character tragen, will er bei Metternich Ihre sofortige Ausweisung beautrageu! Fersen. Teufel noch einmal! Dorothea. Ist denn sein Verbrechen gar so groß?! Fersen. Das frage ich selber! Waldem ar. Hätten Sie nicht vorher wenigstens mich fragen können?! Aber so ans eigener Initiative! Das ist ja bei Gott ein Hnßarenstreich der tollsten Natur! Sie wissen, was Hessen- Darmstadt, wissen, was Hessen-Cassel hier durchsetzen will?! Es war somit geboten, Zeit zu gewinnen — die beiden Gegner zu entzweien- Dorothea Dazwischen). Gewiß! Waldemar fjährt fort). Ans ihren gegenseitigen Jntrignen Vortheil zu ziehen! Statt dessen szu Dorothea) hat er den Stier bei den Hörnern gepackt — Fersen Dazwischen). Was ich Alles gethan habe?! Wa l dem a r sfährt fort). Hat, wie gesagt, als echter Hußar den gordischen Knoten dnrchgehauen und sheiter) in meinem Namen Amstedt, wie Puffendorf verabschiedet und in unerhörter Weise brnskirt. Dorothea finit gespieltem Entsetzen). Himmel, das hat er gewagt?! sFrendig fest). Nun, er hat wohl daran gethan! Fersen flebhaft). Finden Sie?! Dorothea. Ja! Dieß rasche Handeln gibt auch mir meinen Mnth zurück — ich fühle, daß es znm Ziele führen wird! Fersen. Meinen Sie? Waldemar. Fersen, Sie sind einer der geriebensten Diplomaten, die mir je vorgekommen — in Ihnen steckt ein zweiter Talleyrand! Fersen sfür sich). Der auch! Waldemar szu Dorothea). Denn pfiffiger, geschickter, infernalischer, möchte ich sagen, konnte er nicht handeln! Die beiden Portraits, welche Du mir abverlangtest und die ich ihm für Dich gegeben — Fersen Dazwischen, für sich). Also, ihr waren sie bestimmt?! Waldemar sfährt fort) Hat er, als von mir kommend, eines dem Amstedt — Dorothea Unterbricht ihn). Das andere Puffendorf gegeben?! Ich verstehe! sReicht ihm die Hand.) DH, Sie lieber Mensch! Fersen sverlegen.) Frau Gräfin! Dorothea. Wir schulden Ihnen innigste Dankbarkeit! Fersen. Weniger als Sie glauben! Walde m a r. Er hat uns dadurch freilich einer Sorge entledigt, um uns eine andere anfzuladen! Wie sollen wir dem Großherzoge diesen doppelten Refus motiviren?. Sollen wir ihm Alles offen gestehen? Fersen. Und warum nicht? Dorothea. Ist das auch Ihre Ansicht? Fersen. Natürlich — es muß Alles klar werden — Niemanden liegt mehr daran als mir! Waldemar. Nun, so übernehmen Sie das! sHiuten werden die ersten acht Tacte eines Contretanzeö gespielt) Fersen. Ich?! Waldema r. Natürlich, bei Ihrem großen Geschicke, Ihrer diplomatischen Feinheit, wird es Ihnen ein Leichtes sein, uns diesen letzten Dienst zu erweisen ! Fersen. Meinen Sie? Aber dann - Waldemar snntcrbrichtihn). Erklären Sie dem Großherzoge geradewegs, daß ich weder den Antrag Hessen-Darm- stadts, noch jenen Hessen - Cassels an- uehmen kann! F e r s e u. Nicht?! 29 Waldemar fw. o.). Daß ich mich in Herzenssachen nicht zwingen lasse und schon deßhalb nicht heiraten kann — Fersenffür sich, verblüfft). Heiraten?! W aldema r. Weil ich ja — fhier reicht er Dorothea freundlich die Hand.) Erica fstürzt auf die Bühne). Fersen! Fersen! Dorothea fläßt schnell Waldemar'ö Hand fahren). Pscht! Erica! Siebente Scene. Vorige. Erica. Erica. Na! Sie treiben schöne Dinge! Halten Sic so Ihre Versprechungen? Fers e n. Ach, Pardon! Nichtig! Der Contretanz! Erica. Mir ist jetzt gerade mn's Tanzen! Ich habe Papa das Portrait gegeben! F erse n. Ich weiß ! Er ist wüthend ! Erica. Anfangs fuhr er ans — dann aber beruhigte er sich und sagte - ssieht jetzt erst Waldemar und Dorothea.) Ah! Euer Hoheit, Frau Gräfin, ich bitte um Entschuldigung! Dorothea. Nur fort, nur fort, mein Kind, wir nehmen wärmsten An- theil an dem, was Ihr Vater sagte. Erica fst-udic,). Wirklich! Null er sagte Wort für Wort: fCitirt nach dein Gedächtnisse.) „Dieser Fersen hat mich mit einer Finesse getäuscht, welche ihm meine ganze Achtung sichert!" Fers e n. Wirklich? Erica fm. o.). Ich will ihm somit verzeihen, er soll Dein Mann werden, aber unter der Bedingung, daß er Pnf- fendorf ebenso nasführt wie mich; Hessen-Darmstadt darf nicht trinmphiren, mehr verlange ich nicht!,, Fersen. Der gute Graf! Waldemar. Dank seiner Initiative ist es bereits unterlegen! I Dorothea fnmarmt Erica). And meine liebe Erica wird somit Frau von Fersen? Erica. Nein, Frau Gräfin, das wird sie nicht — jetzt sage ich — nein! Fersen. Wie? ) Waldemar. Oh! fZnsammen.) Dorothea. Warum? s Erica. Sollten Sie es glauben, daß dieser schlechte Mensch hier vor kaum 10 Minuten fweinerlich! bei seiner Liebe zn mir geschworen hat, daß er nichts, absolut nichts weiß. — Waldemar. Welch' bewundernswertste Discretion! Dorothea. Braver Fersen! Erica. Er versicherte, wegen zweier Kleider für seine Königin und Prinzeß Hildegarde nach Wien gekommen zn sein! Fersen. Nun, natürlich! W a l d e IN a r fhalblant, heiter zn Dorothea). Reizende Ausrede! Ha, ha! Erica. Noch mehr! Mein Vater trug ihm diese Hand an, unter der Bedingung, daß er ihm das eigentliche Geheimniß seiner Sendung nach Wien enthüllen — fSchlnchzend.) Er hat sie ans- geschlagen! Waldemar. Jst's möglich? F erse n fmit komischer Festigkeit). Ja, das habe ich! W aldem a r freicht ihm die Hand mit Wärme.) Edler Freund! Wie soll ich mich Ihnen erkenntlich zeigen? Wenn ich zur Negierung gelange, Sie müssen mein Rathgeber werden! Dorothea fwelche indessen Erica zn beruhigen suchte). Recht so ! — fZn Erica.) Und Sie dürfen ihm nicht zürnen, liebes Kind! — Fersen ist einer der hochachtbarsten, charaktervollsten Menschen unserer Zeit! vergeben Sie ihm also — fniinmt die widerstrebende Erica bei der Hand, führt sie Fersen zu) mir zn Liebe! Waldemar. Uns zn Liebe! Erica. Na, Sie können von Glück sagen, Heinrich, daß Sie solche Für- 30 sprechen haben! (Schnell, geschwätzig.) Aber Sie versprechen mir, daß Hessen-Darm- stadt nicht trinmphirt! Dorothea. Ist schon so gut, wie geschehen! Erica. Nun ja, was liegt denn an diesem dummen Hessen-Darmstadt — Also da! (Gibt ihm die Hand.) (Hinten Musik.) Fersen. Mein Himmel! Der Con- tretanz — Kommen Sie, kommen Sie Erica! Dorothea. Wie, Sie denken an Tanzen in diesem Momente! Fersen. Immer! Frau Gräfin! Immer! Waldmar. Diese Kaltblütigkeit! Welch ein Diplomat! Fersen. Pardon, Hoheit, vergeben Sie Gräfin — Komm Riekchen! (Will ab, Waldemar bietet lachend Dorothea den Arm.) (In diesem Momente tritt der Großherzog ans, beide Paare bleiben erschreckt stehen.) Achte Scene. Vorige. Großherzog. Groß Herzog. Einen Moment, wenn ich bitten darf! (ZuFersen.) Wo wollen Sie hin? Fersen. Vergebung, Euer Hoheit, Dienst der Damen — Ich bin mit Comtesse Erica auf den Contretanz en- gagirt! Großherzog. Ich muß das Fräulein wohl bitten, mir ihren Tänzer auf einen Moment überlassen zu wollen, ich habe mit Ihnen zu sprechen. Die beiden Damen können indessen in den Ballsaal gehen, wo man sie vermißt! (Zu Waldemar.) Waldemar, Dich bitte ich, mich in meinem Cabinete erwarten zu wollen! (Tiefe Verbeugungen der Betreffenden.) Dorothea (leise zu Fersen). Die Katastrophe! Vertheidigen Sie unsere Interessen ! Waldemar (leise zu Fersen). Meine ganze Hoffnung ruht ans Ihnen! (Mit Verbeugungen ziehen sich die Damen rechts rückwärts, Waldemar links vorne zurück.) Neunte Scene. Groß Herzog. Fersen. Großherzog (geht mit großen Schritten ziemlich aufgeregt auf und ab, während dessen sagt) Fersen (für sich). Die Sache verwickelt sich mehr und mehr! Anfangs meinte ich, daß es sich um eine Jutri- gne handle, in welche die Gräfin und der Prinz verwickelt seien, seit dieser mir aber von Nichtheiratenwollen sprach — bin ich ganz irre ! Großherzog, (setzt sich). Treten Sie näher, Herr Premierlieutenant. Die Dinge sind auf einem Punkte angelangt, wo eine unumwundene Erklärung noth- wendig ist! Fersen. Endlich! Großherzog. Ohne erkennbaren Zweck sind Sie hier hergekommen und haben mir in Zeit von kaum 12 Stunden mein Hans von unterst bis oberst gekehrt. Fersen. Ich, Euer Hoheit?! Groß Herzog. Ja, mein Herr! Der Gesandte Hessen-Cassels, wie jener Hessen - Darmstadts haben ernste Beschwerde gegen Sie geführt — ich bin mit Ihnen sehr unzufrieden — Sie üben ans meinen Neffen einen unseeligen Einfluß. Fersen. Ich, Euer Hoheit? Groß Herzog. Er scheint nur Ihren Rathschlägen noch Gehör zu schenken! Fersen. Verzeihen mir Euer Hoheit das offene Wort — Prinzen von Ge- blüt lassen sich von Männern wie ich . nnr das rathen, was sie selbst wollen. ! Großherzog. Eine Sentenz, welche Ihrem Geiste Ehre macht! Sie sind ein Mann von nnläugbarem Talente — eben deßhalb wünsche ich — bitte Sie — daß Sie Ihr ganzes Geschick, Ihren ganzen Einfluß ans den Prinzen anwenden, nm ihn zn bestimmen heute noch eine Wahl zn treffen. Fersen. Eine Wahl? Darf ich mich unterstehen Euer Hoheit zn fragen, welche? Großhe rzo g. Das ist mir an lonck ganz gleich! Darin will ich ihm freie Hand lassen —> die eine — oder die andere — aber (steht auss. bei meinem Zorne — noch heute Abend — muß er sich entscheiden, welche er heiraten will! Fersen. Heiraten?! Himmel — das kann nur mir passiren! Groß Herzog. Was?! Fersen. Noch vor wenigen Momenten, eben hier gaben mir Se. Hoheit darüber ihre Absichten kund — sie col- lidiren insofern mit denen Euer herzoglichen Gnaden, als der Erbprinz sich in Herzenssachen nicht zwingen lassen will. Großherzog (zornigs. Wie?! Fersen (fährt forts. Und gar nicht heiraten will! Großherzog (>v. o.f. Wie, erwägt?! Um so schlimmer für ihn und für Sie, mein Herr, denn gestern noch schien er nicht abgeneigt — während er heute — seit Sie — angeblich als alter Waffengesährte — sich hier einschlichen — (Fersen will redeuf ja einschlichen, ganz anders spricht! Das nimmt mir jeden Zweifel darüber, wem ich es zu danken habe, daß ich jetzt mit zwei mir befreundeten Fürstenhäusern aufs peinlichste brouillirt bin! — Ich muß den Gesandten eine decidirte Antwort geben, oder wenigstens eine, welche keinen von beiden verletzt, hören Sie ^— es muß sein! Und da Sie sich so viel ! Talent, so viel Geschick nachrühmen — Fersen (daz wisch ms. Ich?! Großherzog (fährt forts. So — ersinnen Sie ein geeignetes Mittel, oder beim Himmel, diese Einmengung in meine Familienangelegenheiten soll Sie thener zu stehen kommen! Das lassen Sie sich gesagt sein! (Schnell links vorne ab.s Zehnte Scene. Fersen (alleins. Dann Dorothea. Fersen. Zn allen Teufeln schon mit ihrem Talente, mit meiner Geschicklichkeit, mit der Diplomatie, Heiratsprojecten und Intti cznavli! Da stürme ich ja lieber eine Schanze ganz allein! Der Onkel Witt, daß der Neffe heiratet — der Neffe will ledig bleiben — das ist Alles, was ich verstehe! Und warum witt er nicht? Er muß — dann ist die ganze Geschichte beigelegt! Augenblicklich will ich — (will abs. Dorothea (von rechts rückwärtss. Nun? — Was hat der Großherzog gesagt — Wie steht die Angelegenheit? Fersen. Ganz gut — wenn der Prinz will, ist sie augenblicklich arran- girt! Dorothea. Wirklich?! Fersen. Hören Sie, Gräfin! Aus Besorgniß, daß ich wieder eine Con- fnsion anrichten könnte, wiederhole ich die eigenen Worte des Großherzogs! „Ich weiß jetzt, wem ich es zu danken habe, daß ich mit zwei mir befreundeten Fürstenhäusern brouillirt bin." — Das geht auf mich, ich bitte Sie, Frau Gräfin, aus mich. Dorothea. Nun — weiter! Fersen. „Ich muß den Gesandten eine decidirte Antwort geben," fuhr er fort, „oder wenigstens eine, welche keinen von beiden verletzt"! 32 Dorothea (freudig). Ein Hoffnungsschimmer ! Fersen. Hören Sie nur, ich bin noch nicht fertig! „Sie müssen Ihren ganzen Einfluß, Ihr ganzes Geschick?" — er spricht zu mir, Gräfin — „auf den Prinzen anwenden, um ihn noch heute Abend zu einer Wahl" — er meint eine Heirat — zu veranlassen"! Dorothea. Wie? Dazu hätten Sie ihn bewogen?! Fersen. Ja! Ohne große Mühe — er kam mir selbst entgegen! Aber Sie werden einsehen, Frau Gräfin, daß dieser Zustand nicht länger dauern kann — der Prinz soll einmal ein Ende machen! Dorothea. Sie haben Recht — jetzt oder nie! Dadurch bieten wir dem Großherzoge die Möglichkeit, sich aus der Asfaire zu ziehen, ohne Einen oder den Anderen zu verletzen! — nicht wahr?! Fersen. Aller Wahrscheinlichkeit nach! Dorothea. Sie rathen also dem Prinzen? — Fersen. Nicht lange zu zaudern! Frisch gewagt! — Dorothea. Nun, denn, so will ich die Sache in die Hand nehmen — thnn Sie gar nichts mehr! Fersen. Ich verlange nichts Besseres ! Dorothea (entschlossen ans die Thüre losgehends. Ich will dem Großherzoge Alles — (bleibt stehens Ah — mein Himmel, beim Gedanken an seinen Zorn — bebt mein Herz! Fersen. Mein Gott, arme Gräfin! Wie Sie zittern, — Courage — den Kopf wirds ja nicht kosten! Courage! Dorothea (faßt sichs. Ja! Es muß sein! Ich will Ihrem Nathe folgen — cs mnß entschieden sein! In einigen Augenblicken sind wir verloren oder glücklich — adieu! Mein Freund — warten Sie hier — und — beten Sie für uns! — (geht in das Cabinet des Großherzogs.f Eilste Scene. Fersen (alleinj. (Mittlerweile endet die Musik des Contre- tanzeS, die Hinterbühne fülle sich wieder mit Paaren.s Fersen. Beten?!—Was ich heute Alles thnn soll?! Die gute Gräfin — wie warm sie die Partei des Prinzen nimmt und auch etwas die Meine, denn, bewahre mich Gott, daß der Großherzog seine Drohungen ansführt! Ich selbst bin erregt, ängstlich, ohne zu wissen, warum? — Hol mich der Teufel, wenn ich weiß, welche Sache ich angeblich so geschickt eingefädelt, so genial geführt habe. (Hinten werden Puffendorf und der Graf von einem Kammer-Herrn, der nach links einladende Geberden macht, von rechts nach links über die Bühne geführt.^ (Panse.s Wenn der Gräfin Fürbitten zu einem günstigen Resultate führen — werden mir alle das unverdiente Compliment machen, daß ich ein Genie bin — aber wenn nicht?! Allmächtiger, dann wirds über mich hergehen! lPause.s Da drinnen entscheidet sich nun, ob ich ein Genie oder ein Esel bin — es ist doch entsetzlich, daß ich nicht einmal dabei sein kann! Zwölfte Scene. Fersen. Erica. Ein Tänzer. Erica (zudem sie hereinführenden Tänzers. Danke sehr, lieber Baron! Tänzer (nach rückwärts abs. Erica. Ah, Fersen — da sind Sie — denken Sie sich, es fehlte ein vis- ü>'vi8, der Arrangeur preßte mich, eontro uaw volorckv znm Tanzen! Nun, wie steht's, haben Sie dieses perfide Hessen- 33 Darmstadt in Grund und Boden gebohrt!? He?! Fersen. Das entscheidet sich eben da drinnen! Ich leite die Affaire von hier ans! Erica. Was, Sie entscheiden da drinnen über Heirat und Nichtheirat — und stehen da Heraußen! Fersen seitel). Bei meinem Geschicke! Erica. Sie sind ja ein wahrer Macchiavell! Hören Sie, Heinrich, ich habe Ihnen verziehen, aber bei Gott, wenn Sie nicht gar so ehrliche Augen hätten, Ihnen glaubte ich nicht einmal das Ja am Altäre! Ferse n. Erica — ich beschwöre Sie! ssieht Puffendorf aus dem Cabiuete des Großherzogs kommen.) Ah — schon wieder ein Quälgeist! Erica sfür sich). Da kommt der abscheuliche Hessen-Darmstädter — sieht aber gar nicht besiegt aus! sSie geht ärgerlich nach rückwärts, wo sie mit einigen Personen der Gesellschaft spricht.) Dreizehnte Scene. Vorige. Puffendorf. P u ff end or s sfreudig). Mein Verehrtester Camerad, Alles arrangirt, Sie haben sich da wunderbar heraus gehauen, ich danke Ihnen herzlichst. — Fersen. Mir?! Puffendors. Mein Gegner ist unterlegen — mehr verlange ich nicht — l'tiormsur cku ckrapsan sst sarrv^! Junger Freund, ich habe Sie beleidigt! Vergeben Sie mir! So bin ich militärisch offen, rückhaltslos — ich werde meinem hohen Sonverain melden, welch' Interesse Sie unserer Sache widmeten und ich stehe Ihnen für seine Erkenntlichkeit! Sie verstehen! smacht ein Kreuz auf die linke Brust.) Fersen. Mein Himmel, hat also Hessen-Darmstadt gesiegt?! Puffendorf. Nein! Aber still — da kommt Amstedt! Mrsich.) Kann diesen Menscheu nicht ausstehen! .srsieht sich zurück.) Vierzehnte Scene. Vorige. Graf. Graf. Ah, da sind Sie, lieber Fersen! si-uft). Erica! Erica. Papa! Gras. Lieber Heinrich! Hier meine Tochter — seid glücklich Kinder! Fersen. Wie, wärs möglich?! Erica sumarmt den Grafen). Guter Papa! Graf. Admirablement durchgeführt, meiu Junge — szupft ihn am Dolman.) Ziehen Sie diese Jacke aus und das Ehrenkleid des Diplomaten an! Ich bin Ihnen für dieses Arrangement tief verpflichtet und mein Souverain wird — smacht ein Kreuz auf die linke Brust.) Sie verstehen! Kleines Hochzeitcadeau! Fersen. Der Erbprinz hat sich also für Sie entschieden!? Graf. Gott bewahre! Aber Hessen- Darmstadt hat ebenfalls nicht gesiegt — mehr verlange ich nicht — mehr konnten Sie auch nicht thun! Erica. S'ist eigentlich mein Werk, — mir hat er's versprochen! Fersen. Gewiß! gewiß! Graf. Ich sage Ihnen, ich bin stolz auf Sie — Sie machen meiner Schule Ehre! Sich zwischen zwei Gegner, welche gleich interessirt waren Sie zu verderben, — so mitten durchzuschlängeln, mit einem Aplomb, einer Finesse, einem Geschick sondergleichen, ist großartig, momumental! — Sie haben eine große Zukunft vor sich! — Fersen sfür sich). Es ist also entschieden, ich bin ke i n Esel! sgaut.) Oh! Herr Graf! Z4 G r a f. Was Graf — Papa! Papa! Morgen ist Conferenz, Sie kommen mit mir — ich stelle Sie dem ge- sammten europäischen Areopag vor — meinem guten, alten Talleyrand vor Allem! Erica (leise zu Fersen). Nicht unterstehen ! Fersen. Zn viel Ehre, Papa! Graf. In Dir, Junge, steckt ein zweiter Talleyrand! Fersen (für sich). Der auch! Graf. Schade, daß Du nie Bischof warst! Fersen und Erica (erstaunt). Bischof — ?! Graf, (macht das Zeichen des Segnens in der Luft). Wie einstens Talleyrand! Ich beklage, daß Du nicht ans einem Beine hinkst. Fernen und Erica (w. o.). Hinken?! Graf. Wie Er — denn — (hier ahmt er komisch das Hinken nach) mein guter, alter Talleyrand, auch so ein Belzebub wie Du — hinkt ja! ^ Erica, (leise). Du! Ich verbiete Dir das! Fünfzehnte Scene. Vorige. Groß Herzog. Waldemar. Dorothea. (Großherzog hat Dorothea am Arme und zeigt sich gegen diese sehr freundlich.) Waldemar (voraneilend). Victoria! Fersen — Alles ist eingestanden — arrangirt! Graf. Eben theile ich es ihm mit! Fersen (erstaunt). So?! Großherzog (zu Fersen halblaut). Denn wissen Sie auch, daß ich verzieh und einwilligte! Herr von Fersen! Sie haben diese Angelegenheit mit bewunderns- werthem Geschick durchgeführt, (etwas lauter.) Ich verleihe Ihnen dafür das Commandeurkreuz meines Hansordens. Fersen (verbeugt sich). DH — Eller Hoheit! Gras (freudig, halblaut). Also auch etwas um den H^lls! Dorothea (zu Fersen). Einen letzten Dienst, Fersen! Fers en. Sie befehlen ? Dorothea. Sie müssen sofort nach Spaa, um meiner Pathe, der Königin, persönlich die frohe Botschaft zu bringen! Fersen (für sich). Welche? (halblaut zu Dorothea.) Und die beiden Roben ä 1a I^uerses? Dorothea (verständuißvoll lächelnd). Sende ich nach! Groß Herzog (welcher Dorotheas letzte Rede hörte.) Sollte sich der König, Ihr Souverain, bewegen lassen, einen so trefflichen Diplomaten, wie Sie, entbehren zu können, würde ich glücklich sein, Sie bei mir in Staatsdienste treten zu sehen! Erica (w. o.). Nicht unterstehen! Fersen. Euer Hoheit, diese Gnade! Aber ich ziehe vor Soldat zu bleiben. Alle (außer Erica im Tone des Bedauerns). Oh! Wie schade?! Warum?! Fersen. Der bescheidene diplomatische Sieg, den ich hier errungen, genügt meinem Ehrgeize! Waldemar. Freilich! Der Löwe wirft nur ein Junges! Fersen (schnell). Ja! Ja! (Für sich.) Also auch das Hab ich gethan! Großherzog (zieht Fersen bei Seite halblaut). Damit Sie aber nicht meinen, daß auch ich dupirt bin! Ich glaube an diese vorgebliche Heirat durchaus nicht! Fersen. Nicht? Großh erzog (vertraulich). Bin Ihnen aber für den gefundenen Ausweg sehr dankbar! Fersen. Wenn Euer Hoheit zufrieden sind, so — 35 Groß herzog ^w. o.). Freilich bin ich's! sJhm vertraulich mit dem Finger drohend.) Spitzbube Sie, wunderbar durchgesührt! sHinteu Musik, laut.) In den Ballsaal, meine Herrschaften! Doch bitte ich Sie eines! Schweigen Sie heute vorläufig noch Alle über unsere Angelegenheit! Auch Sie Fersen! Fersen sschnell). Gewiß! Gewiß! Groß Herzog. Ich behalte mir das Vergnügen vor, sie morgen selbst zu pnbliciren! Fersen s;um Publicum). Gott sei Dank! So werde ich also morgen endlich erfahren, was ich heute so trefflich durchgesührt habe. sMusik stärker.) Per Woryarrg fällt. (Ende.) Irieden. — (HD—- Lustspiel in einem Art von Alle Rechte Vorbehalten. Wien, 1877. Verlag der WallishausseLschen Buchhandlung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Das Aufführungsrecht ist nur zu erwerben durch die Agentur der deutschen Genossenschaft dramatischer Autoren in Leipzig. Personen: Frau v. Th alb erg. E in in y, deren Tochter. Helene v. Rosen, eine junge Witwe. Dr. Straffer, deren Oheim. Kl einp anl, Rittmeister. Baron v. Ritter, Lieutenant. Berge r, Schauspieler. Betty, Kammermädchen der Fr. v. Rosen. Ort der Handlung: Die Hauptstadt. Zeit der Handlung: Am Tage des Einzugs der aus dem letzten französischen Kriege heimkehrenden Truppen. Den Bühnen gegenüber als Mannscript gedruckt. Eleganter Salon. Links und rechts (immer vom Zuschauer) Tische und Stuhle; ans dem Tische links liegen einige Noten. Rechts ein Balkon, von welchem man annimmt, daß er ans die Straße hinansführt. Die Fensterflügel zu demselben sind geöffnet. Rechts und in der Mitte je eine Thür, von welchen jene in den Garten, diese ans den Corridor führt. Außerdem befindet sich links hinter dem Tische noch eine dritte Thür, durch welche man in das Schlafgemach der Hausfrau gelangt. Erste Scene. Frau Thalberg. Emmh. Frau von Rosen. Dr. Straffer (sitzen auf, resp. vor dem Balkon. Man hat anznnehmen, daß sich der Siegeseinzug der Truppen zum größten Theile vollzogen hat. Die Negi- mentsinnsik ertönt bereits in größerer Entfernung, bis sie immer schwächer wird und endlich ganz schweigt. Von der Straße ruft man beim Aufgehen des Vorhanges „Hnrrah." Auch die Personen auf der Bühne betheiligen sich daran, Emmy winkt außerdem sehr lebhaft mit einem Taschentuche). Emmy. Hahaha! Nein, das ist zu reizend! Ich bitte Dich, liebste, beste Mama, sieh doch nur den dicken Rittmeister, dem sie einen Lorbeerkranz an den Schwanz seines Schimmels gebunden haben. Fr. v. Thalberg. Aber Emmy, betrage Dich doch nicht so auffällig. Die Herren Lieutenants wenden ja förmlich keinen Blick mehr von dem Balkon. Emmy (mitleidig). Aber, Mama, ein Lieutenant ist doch auch ein Mensch. Dr. Straffer (zu Frau v. Rosen). Ist das nicht der Rittmeister Kleinpanl? Fr. v. Rosen. Allerdings, lieber Oheim. (Ihm itt's Ohr flüsternd.) Auch einer von meinen Verehrern. Theater-Repertoir 329. Dr. Straffer (verständnißvoll lächelnd, halb vor sich hin). Aha! (Lauter.) Ja, ja, ich entsinne mich, der ist leider unheilbar. Alle. Unheilbar? Dr. Straffer. Allerdings, meine Damen. Er leidet an der Fettsucht. Emmy. Nein, wie der grüßt! Dessen Pferd wird nicht durchgehen! Hahaha! (Alle verneigen sich zum Fenster hinaus.) Fr. v. Rosen. Aber, sehen Sie, liebes Onkelchen, ein Unglück kommt niemals allein! Da biegt ja so eben der Baron v. Ritter in die Straße ein. Emmy. Ah, ein hübscher Mensch. Der sieht noch appetitlich ans! Fr. v. Thalberg. Emmy, ich untersage Dir jetzt znm letzten Male diese vorlauten Aeußerungen. Emmy (bittend). Aber Mama! Dr. Straffer. Ist der Baron v. Ritter nicht auch einer von Deinen stillen Verehrern? Fr. v. Rosen. Oh, schweigen Sie davon, lieber Onkel! Das ist ein leicht' sinniger Kolibri, dem man den Mund verbinden sollte. Ach, er grüßt! (Alle verneigen sich.) Pikant, interessant, neu, das ist seine Devise. E IN m y (zu Fr. v. Thalberg). Weißt Du, Mama! Den Baron möchte ich 4 einmal trotz seines großen Schnurrbarts küßen. Fr. v. Th alb erg. Pfui Emmy, Du bist heute wirklich unausstehlich! Entschuldigen Sie, gnädige Frau, (zu Fr. v. Rosen) aber das Kind ist soeben ans der Pension zurückgekommen. Emmy. Mama, mit sechszehn Jahren ist mall kein Kind mehr. Fr. v. Rosen (zu Fr. v. Thalberg). O, bitte sehr, lassen Sie doch Ihrer Tochter die übermüthige Fröhlichkeit der Jugend. Emmy. Ach, mein Gott, nun ist der Zug gleich zu Ende. Da kommt ja schon der Bagagewagen. Fr. v. Rosen (nicht hiuseheud). Ans dem der Baron den Feldzug mitgemacht hat. (Deklamirend.) Aber ich saß auf dem Bagagewagen. Emmy. Aber Mama, ist das nicht der junge Schauspieler, den wir im vergangenen Frühjahr als Don Carlos gesehen haben. O, sieh doch nur, er trägt den Arm in der Binde! Und wie blaß er aussieht. Der arme, junge Mensch! Fr. v. Rosen (ausstehend und plötzlich ernst werdend). Er ist es wirklich, Berger! Emmy. Was der für schmachtende Augen hat! Wenn er doch nur herauf sehen wollte. Fr. v. Rosen. O, der Undankbare! Nicht einen Blick will er mir zum Gruße schenken. (Hat schnell eine dunkle Rose von ihrer Brust gelöst und wirft sie zum Fenster hinaus, von dem sie sich daun sofort zurückzieht nach dem Hintergründe.) Dr. Straffer. Das ist ja mein junger Patient, der Schauspieler Berger! Emmy. Sieh nur, wie er die schöne Rose aufhebt, die ihm vor die Füße fiel. Er besieht sie nachdenklich und steckt sie sich ins Kopfloch. (Fr. v. Rosen hört diese Worte in freudiger Bewegung, die bei den folgenden Worten zur Berlegenheit wird,) Ach, wie poetisch! Fr. v. Thalberg. Mir war es doch, als ob die Rose aus diesem Fenster geworfen wurde. Emmy, wenn Du Dich unterstanden hättest, fremden Leuten Blumen vor die Füße zu streuen! Emmy. Nein, Mamachen, gewiß und wahrhaftig nicht. Ich war es nicht. Fr. v. Thalberg. So war es vielleicht — aber wo ist denn Frau v. Rosen geblieben? Fr. v. Rosen (zerstreut). Ich suchte mein Flacon — ein vorübergehendes Unwohlsein — doch ich glaube, es ist schon gut. Dr. Straffer. Ja, ja, der Staub und die Hitze müssen Einen ganz nervös machen. Fr. v. Rosen. Machen Sie sich keine Mühe, lieber Onkel. Es ist wirklich vorüber. Wenn sich der Lärm von den Straßen verzogen hat, will ich nach dem Thiergarten fahren. Dann wird mir gewiß wieder ganz Wohl werden. Fr. v. Thalberg. Ach, das trifft sich ja prächtig. Wenn Sie es erlauben, mache ich mir das Vergnügen Sie mit Emmy zu einer kleinen Spazierfahrt abzuholen. Emmy. Ach, das wäre reizend. Fr. v. Rosen. Sie sind zu liebenswürdig. Ich nehme Ihr freundliches Anerbieten an. Fr. v. Thalbe r g. Das ist prächtig. Ich habe nur noch einige Gänge zu besorgen und werde dann gewiß in einer Stunde wieder bei Ihnen sein. (Ziemlich rasch.) Ich will nämlich noch von der Frau Oberceremonienmeisterin einige Strümpfe abholen, die die hohe Frau zur Bekleidung armer Hottentottenwaisen gestrickt hat und mir zugleich ein Exemplar von Knigge's Umgang mit Menschen für meine Emmy kaufen. Emmy. Aber Mama! Fr. v. Thalberg. Kind, das verstehst Du nicht. Paragraphenweise mußt Du Dir die Regeln des Auslandes einprägen. Das erfordert der gute Ton. Also bis auf baldiges Wiedersehen. Adieu! Seien Sie bestens bedankt für Ihre liebenswürdige Gastfreundschaft. 5 Adieu, Herr Doctor. (Reicht beiden die Hand.) Einmy. Adieu, lieber Herr Doctor. Dr. Straffer. Auf Wiedersehen, Sie allerliebster Kobold. Fr. v. Rosen. Adieu, Sie kleiner Wildfang. E m m y (zn Fr. v. Thalberg beim Hiuans- gehen). Ach, Mama, das ist doch wirklich zu bezaubernd die ganze Straße voll bunter Osficiere zu sehen! ^Ab mit Fr. v. Thalberg.) Zweite Scene. Fr. v. Rosen. Dr. Straffer. Dr. Straffer. Ja, ja, die liebe Jugend! Wie das hüpft und springt. Rur der Jugend gehört das Leben und die Liebe. Fr. v. Rosen. Onkelchen, schon wieder schwermüthig? Setzen Sie sich zn mir, (auf den Sessel links zeigend) ich will Ihnen die Grillen vertreiben. Sie wissen, daß mir der dicke Rittmeister v. Kleinpanl und der pikante Baron v. Ritter schon seit zwei Jahren Heiratsanträge gemacht haben. Lange war ich unentschlossen, doch nun will ich meinen beiden Rittern erklären, daß ich sie nicht mag. Der dicke Rittmeister kann mich mit seinem trefflichen Fagotspiel ebenso wenig begeistern wie der blasirte Baron mit seinem Heldenteuor. Dr. Straffer. Ja, aber liebe Helene, so ohne Weiteres wirst Du die Herren doch nicht verabschieden können. Sie haben Dir noch gestern Abend ihre Hochachtung durch eine Serenade aus- gedrückt und dürften sich verletzt fühlen, wenn Du Ihnen so ohne Weiteres einen Waschkorb vor die Thür setzen wolltest. Fr. v. Rosen. Das ist es ja eben! Das müßte ein elegantes, zierliches Salonkörbchen sein, in welchem die bittere Pille von einer verlockenden Hülle umgeben ist. Dr. Straffer. Ich begreife nur nicht, weßhalb Du es ans einmal so eilig damit hast. Fr. v. Rosen. Ich habe dem Rittmeister und dem Baron versprechen müssen, daß ich ihnen am Tage des siegreichen Einzuges unserer Truppen in die Hauptstadt erklären würde, ob ich mich überhaupt verheiraten und wem von Beiden ich meine Hand geben wolle. Nun bitte ich Sie, liebes Onkelchen, helfen Sie mir ans dieser Verlegenheit. Um 12 Uhr kommen die Herren, sich die Entscheidung über ihr Schicksal zu holen. Dr. Straffer. Du hast Dir eine schöne Suppe eingebrockt. Aber ich vergesse — es ist bereits halb zwölf — daß ich noch einige Krankenbesuche zu machen habe. Fr. v. Rosen. Was, Onkel, Sie wollen mich in dieser abscheulichen Verlegenheit allein lassen. Dr. Straffer. Ja, was soll ich dabei machen? Fr. v. Rosen. Verhelfen Sie mir zu einem Scherze. Dr. Straffer. Mir fällt nichts ein. Ich muß nun wirklich fort. Fr. v. Rosen. Aber so lassen Sie doch Ihre dummen Patienten, Onkelchen. Wem heute nicht während des allgemeinen Freudenrausches die Schmerzen vergehen, dem ist nicht zu helfen. Dr. Straffer. Run gut, alle übrigen Patienten will ich heute Dir zu Liebe vernachlässigen. Nur einen kann ich Dir nicht schenken. Fr. v. Rosen. Wer ist denn der Glückliche, den Sie mit Ihrer besonderen Gunst auszeichnen? Dr. Straffer. Ich denke. Du hast ihn vorhin beim Einzuge gesehen, den blassen jungen Mann mit dem Arm in der Binde. Fr. v. Rosen. Sie meinen doch nicht etwa — 6 Dr. Straffer. Den Schauspieler Berger? Allerdings! Fr. v. Rosen. Berger ist Ihr Patient? Dr. Straffer. Nun ja! Kennst Du ihn? Fr, v. R o se n (verlegen). Ja, ich habe beiläufig seine Bekanntschaft gemacht. Dr. Straffer. Dn wirst ja plötzlich ganz verlegen! Ei, ci, das lebhafte Interesse! Fr. v. Rosen (befangen). Ich habe ihn in unserem Theater häufig gesehen und mich an seinem ungekünstelten natürlichen Spiele erfreut. Das ist Alles! Dr. Skrasser. Ist das wirklich Alles? Fr. v. Rosen (mit Verstellnng). Wirklich, Onkelchen! Alle Welt war ja von feinem letzten Auftreten als Bassanio in Shakespeare's Kaufmann von Venedig entzückt. (Uebermüthig.) Er spielte die Rolle allerdings noch mangelhaft. Bassanio — Ach, was fällt mir dabei ein! Wir sahen ja das Stück zusammen. Auch Sie müssen sich entsinnen, wie die von allen Seiten umworbene Porcia ihren Freiern drei Kästchen vorsetzt. Eins von diesen enthielt ihr Bildniß, und wer das wählen würde, sollte Besitzer von Belmont und Beherrscher ihres Herzens sein. Dr. Straffer. Ich entsinne mich allerdings, der Prinz von Marokko und der Prinz von Arragon wurden abgewiesen und erst Bassanio, der nicht das goldene, auch nicht das silberne sondern bas bleierne Kästchen gewählt hatte, wurde mit der Hand Porcia's beglückt. Fr. v. Rosen. Auch ich hoffe meine lästigen Freier in ähnlicher Weise, wie jenes schöne Fräulein v. Belmont, los zu werden. Dr. Straffer. Ich verstehe Dich allerdings noch immer nicht ganz. Fr. v. Rosen. Kleinpanl hat seinen Liebesbcwerbnngen immer die Form ge- ^ geben, daß er zu mir sagte: „Machen Sie mich znm Nachfolger Ihres verstorbenen Gemals." Nun, ich will ihm seinen Wunsch erfüllen, wenn auch vielleicht in anderer Weise, als es sich der Rittmeister gedacht hat. Und was den Baron betrifft, so weiß ich für den noch ein probateres Mittel. Ich muß Ihnen nur sagen, daß ich seine sämmt- lichen während des Krieges an mich gerichteten Briefe wegen ihres lächerlichen Inhalts verbrennen mußte. Nur mit einem habe ich eine Ausnahme gemacht, der aus Versehen in meine Hand gerathen war und mir ein sorgfältig verhülltes Geheimniß entschleierte. Er war nämlich an eine kleine Putzmacherin adressirt. Der arglose Verräther ruht augenblicklich in meiner Briefmappe, doch glaube ich, daß er selbst die beste Antwort auf die Anträge des Barons bilden wird. Dr. Straffer. Willst Dn etwa den dicken Rittmeister zum Prinzen von Marokko und den übermüthigen Baron zum Prinzen von Arragon machen? Ei, ei, dann wird wohl Berger nicht nur Bassanio spielen, sondern auch Bassanio sein. Fr. v. Rosen (schmollend). Wo denken Sie hin? Berger hat sich abscheulich gegen mich betragen. Dr. Straffer. Abscheulich? Aber Dn sagtest ja, daß Dn ihn nur von der Bühne her kennst. Fr. v. Rosen (ihm herzlich die Hand drückend). Verzeihen Sie, das war eine kleine Lüge. Mir hat allerdings in Berger nicht nur der Künstler, sondern auch der Mensch nahe gestanden. Zur Zeit, als Sie im vorigen Sommer in Karlsbad waren, lernte ich ihn kennen und ich kann es wohl sagen, daß ich ihm herzlich zugethan war. Auch schien er sich in mich verliebt zu haben. Dr. Straffer. Sieh, sieh, jetzt fängt mich die Geschichte an zu interessiren. Fr. v. Rosen. Da brach er ans ^ einmal die lächerlichsten Eisersnchtsscenen dom Zaune, so daß ich ihm mein Haus verbieten mußte. Trotz dem war, als er die Einbernfnngsordre erhalten hatte, sein erster Weg zu mir. Er bat mich, ich sollte mich erweichen lassen und ihm einen Hoffnungsschimmer für die Zukunft geben. Dr. Strasse r. Das ist ja ein vollständiger Roman. Fr. v. Rosen. Ich muß bekennen, daß ich von seinen Worten gerührt wurde. Ich sagte ihm, daß ich mich für besiegt erklären wollte, wenn er seine herrischen Launen zügeln lerne, und als Probe forderte ich, daß er sich zwei Tage später, als es der anberanmte Termin bedingte, bei seinem Generalcommando melden sollte. Wenn er die Probe überstanden haben würde, wollte ich mich vor dem Ansmarsch feierlich mit ihm verloben. Dr. Straffer. Ei, ei, welch' verwegener Einfall, einen braven Menschen von der Erfüllung seiner Pflicht abzuhalten. Thal er denn, was Du von ihm verlangtest? Fr. d. Rosen. Hören Sie nur. Er gelobte mir, die Probe bestehen zu wollen. Aber denken Sie sich, lieber Onkel, am andern Morgen erhalte ich einen Brief, in den: er mir sagt, daß ihn der Gedanke, meine Hand zn besitzen, entzücke, daß er aber seiner Liebe zu mir seine Pflicht nicht opfern könne. Darüber war ich so böse, daß ich mir vorgenommen hatte, ihn nie wieder vorzulassen, aber (verlegen) da er verwundet und außerdem Ihr Patient ist, so thut er mir wirklich leid und ich würde mich freuen, ihn wieder zn sehen. Dr. Strasse r (schmunzelnd). So! so! Nun, dann kann ich ihn ja gleich mitbringen. Aber fahre ihn nur nicht so heftig an. Er ist ja noch Reconvalesceut. Fr. v. Rosen. O, ich werde ihm tüchtig die Wahrheit sagen. Dr. Straffer. Vielleicht kommt er aber nicht. Fr. v Rosen. Er muß. Erfinden wir einen Vorwand. Sagen, Sie ihm, ich wolle mit ihm über den Kaufmann von Venedig sprechen. Dann vermuthet er Komplimente und kommt gewiß. Also nur wegen Bassanio. Dr. Straffer. Nun meinethalben. Nur wegen Bassanio. (Ab.) Dritte Scene. Fr. v. Rosen (allein). Er kommt gewiß! O, das Herz ist mir so voll, so übervoll und die Ahnung eines seligen Glückes zieht in meine Brust ein. Eine innere Stimme sagt mir, daß er mich trotz meines thörichten Eigensinnes noch mit derselben Gluth wie damals liebt und wenn mich meine hoffende Seele nicht betrügt, so will ich ihn belohnen mit dem höchsten Preise, den ich zu vergeben habe. (Ab nach links.) Vierte Scene. Rittmeister Kleinpaul. Baron v. Ritter. Betty. Kl einpaul. Melden Sie uns der gnädigen Frau — Rittmeister Kleinpaul. Ritter. Baron v. Ritter. Betty. Soll sogleich geschehen. (Ab.) Fünfte Scene. Rittmeister Kleinpaul. Baron v. Ritter. Ritter. Na, da wären wir ja wieder in dem alten Tempel. (Wirft sich in einen Sessel, was Kleinpaul gleich beim Eintritt gethan hat.) Herr Gott, wie sehne ich mich nach Ruhe nach diesem strapazenreichen Vormittage. 8 Klei up aul. Wenn Dir dieser Siegeseinzng schon zn viel wird, was soll ich Aermster erst sagen, der ich eine doppelt so große Last als Du mit mir herumtrage? Ritter. Sage, was Du willst. Ich hehanpte nur, daß dieses beständige Staubschlncken, dieses wüste Schreien mir in der Seele zuwider ist. Das ist eine Plackerei! Kleinpaul. Ich habe mich schon während des Einzuges über Dein mo- quantes Wesen geärgert. Gar keine Erhebung und Begeisterung, gar keine weihevolle Stimmung kam über Dich. Ritter. Aber ich bitte Dich, lieber Freund, werde nur nicht sentimental. Ich verehre mein Baterland beinahe eben so sehr wie die hübschen Mädchen und das will wahrhaftig viel sagen. Ich bin stolz darauf, auch meinerseits diesen aufgeblasenen Franzosen die Jacke voll geprügelt zu haben, aber diese aufdringliche Manier seinen patriotischen Empfindlingen Luft zn verschaffen, ist mir in der Seele zuwider. Sie ersticken uns ja förmlich mit ihren Vivats und Hnrrahrufeu. Mir warfen Sie aus einem Fenster ein Riesenbonquet an den Kopf, daß mir der Schädel brummte und ich eine halbe Stunde lang nicht ans den Augen sehen konnte. Das einzig Erfreuliche an der ganzen Geschichte waren für mich die weißge- wascheuen Ehrenjungfrauen. Da konnte man doch wenigstens die Fortschritte unserer modernen Toilettenkunst bewundern. Kleinpanl. Du bist wirklich unausstehlich. Auch ich hätte von dem dummen Scherz der Straßenjungen zu erzählen, die meinen Schimmel ganz scheu machten, indem sie ihm einen Lorbeerkranz an den Schwanz banden. Aber über diese herzliche Theilnahme der Bevölkerung an nnsern Siegen sind mir die Thräneu über die Backen gelaufen. Ritter (für sich). Nun wird er gleich von seinem Fagotblasen erzählen. Kleinpaul. Freilich habe ich dabei schwitzen müssen, wie mir das noch nie bei dem angestrengtesten Fagotblasen passirt ist, wenn ich mit der jungen Witwe, um die wir Beide das' Turnier anstellen, ein Duo zum Vortrag brachte, sie mit ihren Rosenfingern das Clavier spielte und ich dem Fagot seelenvolle Töne entlockte. Ach, sie ist doch ein reizendes Weibchen. (Für sich.) Ob er nun nicht einen Vortrag über seinen Tenor halten wird. Ritter. Du bist von einer unbescholtenen Naivetät, die rührend ist. Hättest Du nur eine Ahnung von Musik, so müßte es Dir längst klar geworden sein, daß das Fagot und das Clavier gar nicht znsammenpassen und nur eine Ohren zerreißende Musik hervorbringen können. Ueberhaupt ist das Fagot, das in seinem beständigen Näseln und Grunzen an einen chronischen Stockschnupfen erinnert, ein scheußliches Instrument. Nur die menschliche Stimme übt einen Zauber aus, dem man nicht widerstehen kann. Frau v. Rosen hat mir wegen meines Tenors Complimente gemacht, die zu wiederholen mir nur meine angeborne Bescheidenheit verbietet. Kleinpaul. In meiner Gegenwart hat sie Dich ein Mal einen Tenorknacker genannt, und behauptet, Dein Singen käme ihr so vor, als ob Dir ein Ton in die Unrechte Kehle gerathen sei und Du Dich bemühtest ihn durch Husten wieder herauszubringen. Ritter. Das ist eine Verläumdnng. Ich bin überzeugt, daß sich unter den Noten, die dort auf dem Tische liegen, auch eines von den Liedern befindet, die wir zusammen gesungen haben. (Nimmt eines der Blätter.) Na natürlich, „AlN Meere" von Schubert, gerade das Lied, mit dessen Vortrag ich sie immer zur größten Bewunderung hingerissen habe, weil ich die Schlußtakte „Mich hat das 9 unglückselige Weib vergiftet mit ihren Thränen" nicht wie die dummen Con- certsänger herausbrülle, sondern nur mit zarter, melodischer Stimme leicht hinsäusle. Kleinpaul (bei Seite). Ein Säuseln, bei dem die Wände zittern! (Laut.) Nun, wir werden ja gleich sehen, wer ihr mehr imponirt hat, Du mit Deinem Tenor oder ich mit meinem Fagot. Mit dem eisernen Kreuz decorirt, zum Rittmeister avancirt, komm' ich zurück, das imponirt den Weibern! Ich sehe mich hier schon als Hausherrn, in Schlafrock und langer Pfeife umherwandeln. Ritter. Ach was, auf den Geist, auf die Ueberlegenheit des Verstandes kommt es an, nicht auf das bloße Haudegenthum, und ohne mir besonders schmeicheln zu wollen, darf ich behaupten, nicht der Dümmste zu sein. Sechsre Scene. Vorige. Betty. Betty. Die gnädige Frau läßt sich bei den Herren entschuldigen und bittet Sie sich nur noch fünf Minuten zu gedulden. Sie wird mit ihrer Toilette gleich fertig sein. Ritter. Fünf Minuten nach der Damennhr sind bekanntlich eine halbe Stunde nach der Normaluhr. Sagen Sie mal, reizendes Kammerkätzchen, wollen Sie mich nicht in den Garten führen? Betty. Bitte sehr, wenn Sie sich durch diese Thür bemühen wollen? Kleinpaul. Du, da komme ich mit, denn ich verspüre hier einen gelinden Zug, der mir bei meinem Rheumatismus schädlich sein könnte. (Ritter singt den Refrain aus dem Liede: „Oh Jugend wie bist Du so schön.") Thu' mir den einzigen Gefallen und fang' jetzt nicht an zu singen, sonst werd' ich ohnmächtig. (Alle rechts ab.) Siebente Scene. Dr. Strass er. Berger. (Berger den rechten Arm in der Binde, die Rose im Knopfloch.) Dr. Straffer (den widerstrebenden Berger fast mit Gewalt hereinziehend). Kommen Sie, kommen Sie, junger Held! Berger. Sie glauben nicht, Herr- Doktor! Aber es ist mir so zu Muthe, als ob ich zur Schlachtbank geführt werden sollte. Dr. Straffer. Ich erkenne Sie gar nicht wieder. Ist das unser feuriger Don Carlos, unser leidenschaftlicher Melch- thal? Sie haben doch sonst nie über Lampenfieber geklagt. Berger. O, dort in der Welt der Täuschung glaube ich meinen Mann stehen zu können. Aber hier ist es Wirklichkeit, bittere Wahrheit. Dr. Straffer. Na, ob die Wahrheit denn grade so bitter ist, fragt sich doch noch sehr. Berger. Die edelste, beste Frau so zu beleidigen, ihr nicht den bescheidenen Wunsch zu erfüllen. O, es war abscheulich. Und nun komme ich im Gefühle der tiefsten Beschämung zurück! Außerdem in Gestalt eines Krüppels! Nein, es ist unmöglich ihr so vor die Augen zu treten. Der Boden brennt mir unter den Füßen. Ich gehe! Dr. Straffer. Halt, hier geblieben! Potz Wetter, das wäre eine schöne Geschichte. Nachdem ich Sie mit Mühe und Noch hierhergeschleppt habe, wollen Sie mir wieder den Ausreißer spielen? Na, da würde mich meine Nichte schön ansehen. Wissen Sie übrigens, daß der Ausdruck Krüppel, den Sie auf sich angewendet haben, eine Beleidigung für mich enthält? Ich habe Sie monatelang in meiner Behandlung gehabt, dabei eine Kur erzielt, wie sie mir nur bei wenigen Patienten gelungen ist und nun nennen Sie sich Krüppel, — Sie — Sie 10 Undankbarer. Sie sind gesund wie ein Fisch im Wasser und Ihr Handgelenk wird in einigen Wochen vollständig hergestellt sein. Berger. Und wenn ich zehnmal körperlich gesund werde, an Herz und Gemüth bin ich schwer erkrankt und die werden nicht so leicht gesund. Dr. Strass er. Sie wollen durchaus Moliere's Kranken in der Einbildung spielen, aber das gelingt Ihnen nicht, verlassen Sie sich daraus, Da kommt ja schon meine Nichte. Achte Scene. Vorige. Fr. v. Rosen. Fr. v. Rosen (in neuer reizender Toilette). Seien Sie mir herzlich willkommen, Herr Berger. Ich freue mich, daß Sie trotz Ihres Leidens meiner Einladung gefolgt sind. Hoffentlich werden Sie bald wieder mit frischer Kraft Ihrem künstlerischen Berufe obliegen können. Wenigstens hat mir mein Oheim die Versicherung gegeben, daß Ihre völlige Genesung nicht mehr lange auf sich warten lassen kann. Ich werde also bald wieder die Gelegenheit haben, Sie zu bewundern. Berger. Gnädige Frau, Sie sind zu gütig. Ihre Freundlichkeit beschämt mich um so mehr, als ich Ihnen unmittelbar vor dem Kriege durch mein unhöfliches Betragen begründeten Anlaß — Fr. v. Rosen (ihn unterbrechend). Ich habe mich während des Feldzugs in die Werke des größten britischen Dichters versenkt, der, wie ich weiß, auch Ihr bevorzugter Liebling ist. Ich habe mir in der letzten Zeit eine Ansicht gebildet, die Sie gewiß barock finden. Ich behaupte nämlich, daß wir erst, nachdem wir ein großes geachtetes Volk geworden sind, Shakespeare recht würdigen können, der gleichfalls aus einer mächtig aufstrebenden politisch starken Nation hervorgegangen ist. Was meinen Sie dazu? Neunte Scene. Vorige. Betty (von rechts). Fr. v. Rosen. Weßhalb störst Du uns, Betty? Betty. Gnädige Frau, Herr Rittmeister Kleinpaul und Herr Baron v. Ritter lassen fragen, ob sie die gnädige Frau bald vorlassen wird? Fr. v. Rosen. O, ungeduldig sind diese Herren doch wie die Kinder! Lieber Onkel, Sie haben wohl die Freundlichkeit die Herren noch auf einen Augenblick zu vertrösten. Zehnte Scene. Fr. v. Rosen. Berger. Fr. v. Rosen. Nun, Herr Berger — bitte, setzen Sie sich doch — (Sie setzen sich.) Wir sprachen soeben von unserem geliebten Shakespeare. Ich wagte die Behauptung nur aus einem großen politischen Organismus, wie ihn das Zeitalter der Königin Elisabeth in England besaß, lasse sich eine solche Natur wie Shakespeare genügend erklären. Wie denken Sie darüber? Berger. Verzeihen Sie, gnädige Frau, aber ich fühle mich außer Stande Ihnen in diesem Augenblicke die gewünschte Auseinandersetzung über diesen Gegenstand geben zu können, obwohl ich mannigfach darüber nachgedacht habe, denn — Fr. v. Rosen. Nicht? O, das ist schade, ich hatte mich so recht darauf gefreut und hoffte von Ihnen die allerbeste Belehrung zu erhalten. 11 Berger. Gestatten Sie mir, gnädige Frau, daß ich zuvor aus eine Angelegenheit zu sprechen komme, die mir in diesem Augenblicke näher liegt als Shakespeare, als mein ganzer Berns, ja vor der alles Uebrige, was mich in- teressiren könnte, zurückstehen muß. Fr. v. Rosen. Was könnte das sein? Ich entsinne mich doch nicht. Sollte sich der Onkel in zu großen Hoffnungen über den Berlauf Ihrer Kur befunden haben? Sollten Sie vielleicht einen Rückfall zu beklagen haben? Ich will doch gleich — (will aufstehen). Berger (bittend). Bleiben Sie, gnädige Frau, wenn ich bitten darf. Was ich mit Ihnen besprechen möchte, ist ganz etwas Anderes Sie werden sich entsinnen, wie unwürdig ich mich Ihrer im vorigen Sommer benommen habe, als mir das Glück zu Theil werden sollte, Ihre Hanv zu besitzen. Fr. v. Rosen. Ach, bitte, lassen Sie doch die langweilige Geschichte! Wir wollen uns die Unbefangenheit unserer ästhetischen Plauderei nicht durch die Erinnerung an einen Vorfall trüben lassen, der Sie in Ihrer männlichen Würde tief verletzen mußte. Berger. Mich verletzen? O mißverstehen Sie mich nicht. Nicht deßhalb bitte ich Sie um die Erlaubniß mit Ihnen von unserer vorjährigen Begegnung sprechen zu dürfen, weil ich Ihnen Vorwürfe zu machen hätte, sondern weil ich Ihre Verzeihung wegen einer Handlungsweise erbitten möchte, die sich nur durch die anfwallende kriegerische Begeisterung jener Tage, nicht aber vor dem Tribunal des Herzens rechtfertigen läßt. Fr. v. Rosen. Ich habe Sie ruhig angehört, Herr Berger, aber Sie werden es begreiflich finden, wenn ich Ihnen sage, daß ich Ihren Worten nur mit Befremden gefolgt bin. Mit dem Antrag um die Hand einer Frau spielt man nicht, und ich finde es, uachden was zwischen uns in dieser Hinsicht vorgefallen ist, mindestens undelicat, auf diese Angelegenheit nochmals zurückzukommen, als handle es sich um einen Dacaporuf, an den die Herren vom Theater allerdings gewöhnt sind. Berger. Sie werden bitter, gnädige Frau und doch verdiene ich diesen Spott nicht. Es kommt mir bei Gott nicht in den Sinn, nachdem ich die Probe, auf welche Sie mich stellten, so schlecht bestanden habe, meinen Antrag noch einmal zu wiederholen. Und nun kann ich Ihnen ja mit ruhiger Miene bekennen, daß ich Sie geliebt habe mit der ganzen Gluth meiner Seele, so innig und heiß, wie nur ein Sterblicher zu lieben vermag. Die goldene Frucht, die hell im Sonnenlicht strahlte, ist wieder zurückgeschnellt, da ich es nicht gewagt habe den erreichbaren Ast mit der Hand zu ergreifen und schwebt nun wieder hoch über meinem Haupte. Fr. v. Rosen (sich vergessend). Berger! Berger (gefaßt). Ich werde diese Empfindung in der strengen Schule meiner Kunst zu unterdrücken wissen. Es ist heute das letzte Mal, daß ich Ihr Haus betreten habe. Nur die Ueber- zeugung möchte ich als Andenken an diese Stunde mit mir nehmen, daß Sie mir nicht mehr zürnen. Können Sie mir verzeihen? Fr. V. Rosen (mit erkünstelter Ruhe). Herr Berger, seien Sie überzeugt daß Sie mir, indem sich unsere Herzen von einander abwendeten, Ihr innerstes Selbst entfaltet haben, mit dem ich nicht har- monire, das ich aber achten muß. Sie haben das Vaterland über die Liebe, den Verstand über das Herz gestellt. Das ist bewunderungswürdig, vielleicht groß, aber als Frau kann ich Ihnen in diesem Gefühle nicht folgen. So scheiden wir denn ohne Groll und in der Erkenntniß unseres gegenseitigen Werthes. Der Künstler wird mir an Ihnen nicht minder groß erscheinen, 12 wenn mir auch der Mensch das Glück geraubt hat, mich seiner zu erfreuen. Berger. Leben Sie wohl, gnädige Frau. (Will gehen.) Fr. v. Rosen. Noch ein Wort, Herr Berger. Verzeihen Sie mir, daß ich noch ein Mal auf das Thema zurückkomme, von welchem wir in unserer Unterhaltung eigentlich ausgegangen sind. Ich habe es versucht die Resultate meines Shakespearestudiums in einigen Abhandlungen niederzulegen. Wenn es Sie interessirt die Ansichten einer einfachen Frau über einen so wichtigen Gegenstand keimen zu lernen, so würden Sie mich zu großem Danke verpflichten. Berger. Es bedarf wohl keiner besonderen Versicherung, daß — Fr. v. Rosen. Ich möchte Sie zunächst mit einer kürzeren Ausarbeitung über den Kaufmann von Venedig bemühen. Namentlich der Charakter des Bassanio hat mich lebhaft interessirt. Würden Sie einen Augenblick verziehen? Ich hole die Abhandlung aus meiner Mappe. Eilfte Scene. Berger (allein). Berger. Ich will sie vergessen, ich muß sie vergessen, aber wie soll ich das, da mich Alles an ihr, dieses Auge, dieser Ton, dieser Gang bezaubert. O, wäre ich befreit von dem Banne, der mich hier umgibt. Zwölfte Scene. Dr. Straffer. Kleinpaul. Ritter. Berger. Dr. Straffer. Ja, meine Herren, ich weiß aber nicht, ob meine Nichte — Kleinpaul. Das ist ganz egal. Ich muß jetzt mein Schicksal erfahren, sonst trifft mich vor Aufregung der Schlag. (Zu Ritter.) Du wirst sehen, wie ich siege. Ritter. Auch ich kann meine Neugierde zu erfahren, wer sie denn eigentlich kriegt, nicht länger bezwingen. (Zu Kleiupaul.) Wer zuletzt lacht, lacht am besten. Dr. Straffer. Die Herren kennen sich wohl noch nicht. (Vorstellend.) Die Herren Rittmeister Kleinpaul und Baron v. Ritter — Herr Schauspieler Berger. Kleinpaul. Sehr erfreut! Ritter. Sehr angenehm! K l e i n p au l (zu Ritter). Wer ist denn das? Ritter (zu Kleinpaul). Ein dummer Kerl. Kleinpaul (zu Ritter). Wie kommt der aber hierher? Ritter (zu Kleinpaul). Er ist ein ganz unbedeutender Mensch und spielt lauter langweilige Rollen, (Laut zu Berger.) Ich freue mich umsomehr Ihre Bekanntschaft zu machen, als ich schon häufig Gelegenheit hatte, Sie als einen unserer interessantesten Darsteller zu bewundern und ich muß es bedauern, daß uns der Feldzug nicht in nähere Berührung miteinander gebracht hat. Kleinpaul. Hoffentlich werde ich häufiger Gelegenheit haben, Sie bei Frau v. Rosen begrüßen zu dürfen. Berger. Das glaube ich schwerlich. Ich hoffe schon in nächster Zeit meine schauspielerische Thätigkeit wieder aufnehmen zu können und dann dürfte eine ununterbrochene Reihe von schwierigen Novitäten, deren Aufführung unsere Bühne in Aussicht genommen hat, mir nur selten Zeit lassen die Gesellschaft mit meiner Wenigkeit zu belästigen. Ritter. Ich bedauere aufrichtig. (Für sich.) Brillant. 13 Dreizehnte Scene. Vorige. Fr. v. Rosen (mit einem Briefe). Betth. (Beide von links. Betty trägt einen noch sorgfältig verhüllten Degen und 2 Briese.) Fr. v. N o s e n. Meine Herren, (zn Kleinpanl und Ritter.) ich danke Ihnen herzlich für Ihre Serenade, welche mich in die angenehmsten Tränme gewiegt hat. Ich habe die Entscheidung Ihres Schicksals bereits getroffen und hoffe, daß Sie dieselbe ohne feindselige Verstimmung hinnehmen werden. Dieses, Herr Rittmeister ist für Sie. (Betty überreicht ihm den Degen und einen Brief.) Dieses Herr Baron für Sie. (Betty überreicht einen Brief.) Herr Berger, ich habe mir erlaubt Ihnen meine Abhandlung über den Kaufmann von Venedig mitzubringen. Hier ist sie. (Gibt an den links stehenden Berger einen Brief.) Vielleicht prüfen Sie dieselbe in einer müßigen Minute. (Berger verneigt sich und hält das Schreiben in der Hand.) Kleinpaul (halb für sich freudig). Ah, das ist ja eine Waffe. Also doch. Dem Verdienste seine Krone. Und dazu dieser Brief. Ich wußte es ja. (Liest mit immer mehr enttäuschter Miene.) „HerrRittmeister! Ich habe das Vergnügen Ihnen den beifolgenden Ehrendegen meines verstorbenen Mannes zu überreichen, und hoffe Ihre Freundschaft dadurch nicht zn verscherzen, daß ich Sie nur in solcher Weise zum Nachfolger des Verewigten zu machen im Stande bin." (Sich ironisch gratulirend.) Prost! Ritter (gleichfalls halb für sich). Brilliant abgeführt, also ich bin der Glückliche! Etsch! Etsch! Na, natürlich, der Geist siegt wie immer. (Den Brief mit wohlgefälliger Langsamkeit öffnend.) Eine einfache Erklärung, daß sie meinen Reizen nicht länger widerstehen kann. (Lesend.) Aber, was ist denn das? Das ist ja der Brief, den ich an Pauline, die kleine Putzmacherin in der Mark- grasenstraße, geschrieben habe. Donnerwetter, wie kam der in ihre Hände? „Ich bitte Sie den Brief in die rechten Hände zu befördern und wünsche Ihrem Studium der weiblichen Toiletten den erfreulichsten Fortgang." An! Fr. v. Rosen (zu Berger, der während dieser Scene sprachlos dagestanden hat). Würden Sie die Freundlichkeit haben mein Manuscript gleich jetzt eines flüchtigen Blickes zu würdigen? Es ist mir zweifelhaft, ob Sie meine etwas undeutliche Schrift werden lesen können. In diesem Fall kann ich ja die Ausarbeitung durch meinen Secretair copiren lassen. Berger. Wie Sie befehlen, gnädige Frau — Was soll das? Ihr Bild! Mit diesen Worten: „Er soll Dein Herr sein." Wach' ich oder träume ich? Und hier diese Zeilen: Ich danke Dir, daß Du die Probe nicht bestanden hast. Verzeihe diese letzte Thorheit Deiner glücklichen Braut." Kleinpaul. Ritter. Braut? Waaas? Berger. Jst's möglich! Helene, meine liebe, süße Braut! Kleinpaul (zu Ritter). Ich glaube, wir sind hier ziemlich überflüssig. Ritter. Gnädige Frau, wir empfehlen uns Ihnen und gratuliren zu der soeben getroffenen Wahl. Fr. v. Rosen. Besten Dank und nochmals ohne Groll. Ich bin überzeugt, daß Sie sich durch Ihre kriegerischen Lorbeeren über die kleine Schlappe zn trösten wissen werden, welche Sie hier, aus friedlicherem Terrain erlitten haben, Adieu, Prinz v. Marokko. Dr. Straffer. Empfehl' mich Ihnen, Prinz v. Arragon! Kleinpaul (erstaunt). Prinz v. Marokko? Ritter (desgleichen). Prinz v. Arragon? Kleinpaul. Mit denen ist's nicht recht richtig. (Beide ab.) 14 Vierzehnte Scene. Fr. v. Rosen. Dr. Straffer. Berger. Dr. Straffer. Ich gratnlire Dir, liebe Helene, zu einer so vortrefflichen Wahl. (Berger warm die Hand schüttelnd.) Nun Bassanio, habe ich recht gehabt? Berger. Bassanio! Und die Rose! (Sich vor die Stirn klopfend.) D, Du liebe Einfalt und ick ahnte nichts von meinem Glück. Hoffentlich wirst Du, liebe Helene, meine geistigen Fähigkeiten nicht nach den Proben beurtheilen. die ich in dieser Stunde gegeben habe. Himmelhoch jauchzend, zu Tode betrübt; o ich möchte die ganze Welt umarmen und sie Theil nehmen lassen an der Seligkeit, die mich erfüllt. Fr. v. Rosen. Du, der nicht gewählt uack Schein, Deine Wahl soll glücklich sein. Berger. Da mir nun solch Glück beschieden, Halt' ich es und bin zufrieden! Fr. v. Rosen. Und erscheint das holde Theil Deines Schicksals Dir als Heil. Berger. Küß' ich meine süße Braut, Die voll Liebe zu mir schaut. O, wir verbessern Shakespeare zum Entzücken. Nun weiß ich, wie man Bassanio spielen muß. (Umarmung.) Fünfzehnte Scene. Borige. Fr. v. Thalberg. Emmy. Fr. v. Th alb erg. Mein Wagen ist soeben vorgefahren. Aber, was ist das? Emmy, dreh' Dich schnell um. Emmy. Aber Mama, das ist doch viel hübscher als Kuigge's Umgang mit Menschen. Fr. v. Rosen. Verehrte Frau! Erlauben Sie, daß ich mich Ihnen als glückliche Braut vorstelle. Hier steht mein zukünftiger Gatte. (Gesang hinter der Scene: Es braust ein Nnf wie Donnerhall rc.) Berger. Ja, hier stehe ich, berauscht von einem Glücke, das ich nicht zu ahnen wagte und das ich noch immer nicht begreifen kann. Dort lassen fröhliche Schaaren unserem geeinten herrlichen Baterlande jenen Jubelgesang ertönen, der aus Frankreichs blutgetränkter Flur unsere Schaaren zum Siege begeistert hat. Die süße Musik des Friedens ertönt durch die Laude und hallt auch in unseren Herzen wieder, die sich aus schwerem, innerem Kampfe zu Freude und Versöhnung gesunden haben. (Indem Alle abgehen und der Gesang verhallt, fällt der Vorhang.) Ende. Station Grieß! Lust spiet in einem Aufzuge von Franz Raab. Alle Rechte Vorbehalten. Wien, 1877. Verlag der Wallishausser^schen Buchhandlung (Joses Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Das Aufführungsrecht ist nur zu erwerben durch die Agentur der deutschen Genossenschaft dramatischer Autoren in Leipzig. Personen. Eduard Gau er, juuger Kaufmann. Amalie seine Gattin. Julie, seine Schwester. Paul Gntenhof, Ingenieur. Ein Kellner. Schauplatz: Salon in einem am Meere gelegenen Hotel Triests. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Großer Salon im zweiten Stock des Hotels. Rechts eine auf einen Balkon führende Glasthür, links Thür zu einem anderen Zimmer, im Hintergrund Eingangsthür vom Gang her. In der Mitte des Salons ein großer runder Tisch, vorn rechts ein Sopha nebst Fauteuil uud Stühlen. Erster Austritt. Eduard mit Kellner, dann Amalie mit Julie. (Alle irgendwie bepackt.) Kellner. So, hier, meine Herrschaften, zwei Zimmer, hier ein Balkon mit der Aussicht aus das Meer. Befehlen sonst? Eduard. Nichts vorderhand als Ruhe. Kellner (sich verbeugend) . Ergebenster Diener. (Ab.) Eduard (eine Reisetasche und Plaid auf den Tisch werfend). Gott sei Dank, wieder unter Dach und Fach! Station Triest! (Zur Mittelthür sehend.) Nun, marsch herein da, kleines Geflügel! (Amalie und Julie treten ein.) Was ihr mir für unnütze Plage gemacht habt! Na, ich werde mir bald wieder so ein Schock Damen an den Arm hängen, um sie auf einer Rundreise von zweihundert Meilen herumzuschleppen. Julie. Hast du uns nicht eingeladen, Barbar? Eduard. Ja wohl, ja wohl, in einem Augenblicke, wo mich alle Phantasie und Voraussicht verlassen hatte. Schon dieser Karst mit seinen endlosen Fels- eiuschuitten und dem ewigen ratata, ratata, ratata der Eisenbahn darin, daß ein Bär nervös werden könnte. Theater-Repertoir 330. Amalie. Ja, haben wir den Karst gemacht? Eduard. Nein, kluge Gattin, den hat der Teufel gemacht wie auch eure Launen. Denn sage nur: Nach Venedig fahren wollen, schon alle eure gräulichen Koffer dahin eingeschrieben haben, dann aber plötzlich Sehnsucht uach Triest verspüren, mich in Nabresina zur Kasse Hetzen, um Alles umschreiben zu lassen, stand das etwa in unserem Programm, he? Hat das überhaupt einen Sinn, he? Ist das nicht bare Thierquälerei, he? Julie. Aber geh', belfere nicht wie ein griesgrämiger Pedant, du warst doch im vorigen Jahr so entzückt von derselben Reise. Eduard. Lieb' Schwesterlein, das war die Hochzeitsreise, die muß sein. Julie. Ach wie schön war Alles, selbst das ratata, ratata. Und dann das Meer, das himmlisch blaue Meer und der Sonnenuntergang darin! Wie Einen das ergreift und köstlich entschädigt für- alle Beschwerlichkeiten! Eduard. Die i ch auszustehen hatte. Amalie. Pfui, Kinder, wir sind da und damit basta! Vergälle doch deiner Schwester ihre Freude nicht. (Ihren Arm um Eduards Schultern legend und ihn auf's Sopha ziehend.) Setz' Dich her zu mir! (Ihn streichelnd.) Kusch, kusch! 1 * 4 Eduard (sie küssend). Na, ich bin schon wieder gut. Du weißt ja, wenn ich schäume, so sind's immer nur die Schlacken, die ich ausstoße, um dir das reine Gold meines Herzens erglänzen zu lassen. (Aufspringend.) Doch halt, ich muß noch nach Posterestantebriefen sehen und darnach Depeschen absenden. Amalie. Aber mache schnell, nicht wahr? Julie. Wir könnten noch einen Abendspaziergang machen. Eduard (abgeheud). Gut, gut. So rasch es eben geht. Lebt wohl. Zweiter Austritt. Amalie. Julie. Julie (die einen Sprung nach dem Balkon hinausgethan, zurückkehrend). Gott, was das für ein buntes Treiben da unten ist, und schwarze Kerle sind darunter, gewiß echte Mohrenrace. (Sich unterbrechend.) Du, Amalie, hast du heute den hübschen Herrn bemerkt, der hinter uns im Waggon saß? Amalie. Allerdings. Er gaffte uns ziemlich zudringlich an. Julie. Denke dir, während wir Alle zum Fenster hinaussahen, um das Meer zu bewundern, ruhte sein Auge immer nur auf mir, und wenn ich mich umdrehte, ward er ganz verlegen und guckte rasch nach seinem Fenster hinaus oder that so; denn wenn ich dann wieder zu meinem hinanssah, flugs hatte er seinen Blick wieder auf mich gerichtet. Amalie. Nun und was weiter? Morgen wird er wieder eine Andere ebenso auschanen. Julie. Glaubst Du? Er schien so treuherzig, so schüchtern. Es ist dock- schade — Amalie. Du, Du! — Doch komm', sehen wir zum Balkon hinaus. (Gehen auf den Balkon.) Dritter Austritt. Paul. Amalie. Julie. Die Letzteren hinter der halbgeöffneten Balkonthür. Paul (trällert komisch affcktirt den Knß- walzcr und setzt sich nach einigem Hin- und Hergehen schwermüthig an den Tisch). Ah! Amalie (hinter der Thür hereingnckend, halblaut zu Julie). Was ist das ? Wie kommt der Fremde herein? Halt, das ist ja unser blonde Mann aus dem Waggon. Nein, das neun' ich aber doch unverschämt zudringlich. Julie. Es ist gewiß ein Jrrthum seinerseits. Wie könnt' er es wagen? Amalie. Er scheint auch von einer guten Flasche Wein herzukommen. Paul (aufstehend, während Amalie von Julie zurückgerissen wird). Ach, ich Unglückseliger, ich Tölpel! Wann werd ich es lernen, die Gelegenheit beim Schopf zu fassen? Und welche Gelegenheit! Welch' himmlische Erscheinung! Amalie (neugierig lauschend). Du, wir halten uns still, da können wir, scheint es, interessante Geheimnisse erfahren. Julie. Was, horchen? Schäme dich, ich rede ihn an und mache ihn aufmerksam, daß er in ein Unrechtes Zimmer gerathen ist. Amalie. Aber nein, ich bitte dich, das ist seine Schuld. Ich nehm' Alles auf mich. Es wird ja nicht so verfänglich sein, was wir zu Ohren bekommen können. Und ein bischen angeheitert ist er auch, das siehst du ja selbst, er finge vielleicht Streit an mit uns. Warten wir lieber; Eduard muß ja sogleich zurückkehren. Julie. Aber wenn er zu uns auf den Balkon kommt? Amalie. Nun, so klären wir ihn über seinen Jrrthum auf. Still, still! Julie. Aber zu welchem Skandal — (Amalie drängt sie zurück.) 5 Paul (der aufgeregt aus uud abgegangen). Nein, dießmal ist's heiliger Ernst! Wie oft ich auch Mädchen sah, bei deren Anblick ich ansrief: Die ist's und keine andere! in ein paar Stunden kam nachhinkend die Ueberlegnng, die Prüfung und der Wahn war verflogen. Aber dießmal täuschte mich des Herzens Stimme nicht. Nein, ein schönes un- schnldvolles Mädchen ist doch das Herrlichste ans Erden, ein Schatz, ein Juwel, ein Zanberstab des Glücks. Meine Seele befällt ein wonniges Beben, wenn ich ihrer gedenke. Und nun entschwunden, verloren! Julie. Es gibt kein süßeres Glück, als einem edlen Menschen ganz — ganz in die Seele blicken zu können! Paul. Wie sie da im Coupe saßen die holden Engel und vergnügt kicherten, wie alles an ihnen lebte! Weiß Gott, wer der Herr war, der sie begleitete, der Glückliche, und s'ist vielleicht nur ein Bruder! So ein Bruder kommt mir vor wie ein mit Blindheit und Taubheit Geschlagener. Aller Süßigkeiten Inbegriff sitzt da oft an seiner Seite und er hat es nicht Acht, während unser Eins ans der Ferne nach dem Lüftchen schmachtet, das von dem Köpfchen so eines Meisterwerkes der Schöpfung uns zugefächelt kommt. Julie. Entzückend! Paul. Dummes Zeug, das ich da rede. Warum bist du so blöde? Wärst du auch mit ihnen nach Görz gefahren und ihnen dort nachgegangen. Oder noch besser, ein Schelm, der im Eisenbahnwaggon keine Bekanntschaft anknüpfen kann und hätt' er eine Fürstin sich gegenüber. Das macht sich ja Alles so leicht, wenn man nur gescheidt ist und Einem nicht gleich das heiße Blut in den Kopf schießt, wenn'S gilt, einem Weibe fest in die Augen zu schauen. Amalie. Der Mann scheint mir noch recht unverdorben. Wen mag er wohl meinen? Julie. Bst, bst, er steht auf. Paul (aufsteheiid, verzweifelt). Ach, wer Weiß, wo sie jetzt schon wieder hinbransen in die weite Welt. Wär ich doch dieser dumme Bruder! Nun, so gilt's denn Verzichten. Aber ein nächstes Mal will ich mir die gebratene Taube nicht wieder entwischen lassen. Doch, wie red' ich gemein! Erhabene Göttin der reinen, himmlischen Liebe, die Du mit strahlendem Triumphwagen in mein Herz gezogen bist, tröste es! Jahre lang Hab' ich es anfbewahrt für das Urbild der weiblichen Vollkommenheit! Heute ist mir's erschienen, aber Deine Gewalt hat meinen Geist gelähmt und ohne Schuld trag' ich nun den grausamen Verlust. Amalie. Du zählst gar nicht, Julie. Er liebt dich und du mußt ihm auf eins, zwei, drei! entzückt in die Arme sinken. Paul. Erhöre mich, laß' mich's ahnen, laß' mich's träumen, wo es weilt, das liebliche Wesen, von dessen blondem Haar und rosigen Wangen Liebreiz und Unschuld weht, aus deren blauen Augen die innigste Empfindung schimmert, um deren Lippen die holdeste Sanftmnth spielt und deren Haupt sich so marienhaftnach derherrlichen Schulter neigte. Amalie. Das ist doch leibhaftig dein Portrait. Julie. Aber sehr geschmeichelt. Amalie. Gratulire zu der Eroberung. Jetzt brauchst du nur hinauszutreten. Paul. O hätt ich sie lieber nie gesehen! Doch nein, wer möchte sich nicht am Glanz der Schönheit weiden, auch ohne selbstsüchtige Absicht! (Geht auf und ab, so daß er, indem er die folgenden Verse deklamirt. beim zweiten und vierten unmittelbar vor die Balkonthür zu treten kommt.) Ich liebe Dich, weil ich Dich lieben muß — Ich liebe Dich, weil ich nicht anders kann — Ich liebe Dich durch einen Schicksalsfchluß — Ich liebe Dich durch einen Zauberbann. 6 Dr. Straffer. Den Schauspieler Berger? Allerdings! Fr. v. Rose». Berger ist Ihr Patient? Dr. Straffer. Nun ja! Kennst Dn ihn? Fr. v. Re seil (verlegen). Ja, ich habe beiläufig seine Bekanntschaft gemacht. Dr. Straffer. D» wirst ja plötzlich ganz verlege»! Ei, ei, das lebhafte Interesse! Fr. v. Rosen (befangen). Ich habe ihn in unserem Theater häufig gesehen und mich an seinem ungekünstelten natürlichen Spiele erfreut. Das ist Alles! Dr. Straffer. Ist das wirklich Alles? Fr. v. Rose» (mit Verstellung). Wirklich, Onkelchen! Alle Welt war ja von seinem letzten Auftreten als Bassanio in Shakespeare'« Kaufmann von Venedig entzückt. (Uebermülhig.) Er spielte die Rolle allerdings noch mangelhaft. Bassanio — Ach, was fällt mir dabei ein! Wir sahen ja das Stück zusammen. Auch Sie müssen sich entsinnen, wie die von allen Seiten umworbene Porcia ihren Freiern drei Kästchen vorsetzt. Eins von diesen enthielt ihr Bildniß, und wer das wählen würde, sollte Besitzer von Belmont und Beherrscher ihres Herzens sein. Dr. Straffer. Ich entsinne mich allerdings, der Prinz von Marokko und der Prinz von Arragon wnrden abgewiesen und erst Bassanio, der nicht das goldene, auch nicht das silberne sondern das bleierne Kästchen gewählt hatte, wurde mit der Hand Porcia'S beglückt. Fr. v. Rosen. Auch ich hoffe meine lästigen Freier in ähnlicher Weise, wie jenes schöne Fräulein v. Belmont, los zu werden. Dr. Straffer. Ich verstehe Dich allerdings noch immer nicht ganz. Fr. v. Rosen. Kleinpaul hat seinen Liebesbcwerbungen immer die Form gegeben, daß er zu mir sagte: .Machen Sie mich zum Nachfolger Ihres verstorbenen Gemals." Nun, ich will ihm seinen Wunsch erfüllen, wenn auch vielleicht in anderer Weise, als es sich der Rittmeister gedacht hat. Und was den Baron betrifft, so weiß ich für den noch ein probateres Mittel. Ich muß Ihnen nur sagen, daß ich seine sämmt- lichen während des Krieges an mich gerichteten Briefe wegen ihres lächerliche» Inhalts verbrennen mußte. Nur mit einem habe ich eine Ausnahme gemacht, der aus Versehen in meine Hand gerathen war und mir ei» sorgfältig verhülltes Geheimniß entschleierte. Er war nämlich an eine kleine Putzmacherin adressirt. Der arglose Verräther ruht augenblicklich in meiner Briefmappe, doch glaube ich, daß er selbst die beste Antwort auf die Anträge des Barons bilden wird. Dr. Straffer. Willst Du etwa den dicken Rittmeister zum Prinzen von Marokko und den übermüthigen Baron zum Prinzen von Arragon machen? Ei, ei, dann wird Wohl Berger nicht nur Bassanio spielen, sondern auch Bassanio sein. Fr. v. Rosen (schmollend). Wo denken Sie hin? Berger hat sich abscheulich gegen mich betragen. Dr. Straffer. Abscheulich? Aber Dn sagtest ja, daß Dn ihn nur von der Bühne her kennst. Fr. V. Rosen (ihm herzlich die Hand drückend». Verzeihen Sie, Vas war eine kleine Lüge. Mir hat allerdings in Berger nicht nur der Künstler, sondern auch der Mensch nahe gestanden. Zur Zeit, als Sie im vorigen Sommer in Karlsbad waren, lernte ich ihn kennen und ich kann es wohl sagen, daß ich ihm herzlich zugethan war. Auch schien,erlich in mich verliebt zu haben. Dr. Straffer. Sieh, sieh, jetzt fängt mich die Geschichte an zu interessiren. Fr. v. Rosen. Da brach er auf einmal die lächerlichsten Eifersuchtsscenen vom Zaune, so daß ich ihm mein Haus verbieten mußte. Trotz dem war, als er die Einbernfnngsordre erhalten hatte, sein erster Weg zu mir. Er bat mich, ich sollte mich erweichen lassen und ihm einen Hoffnungsschimmer für die Zukunft geben. Dr. Straffer. Das ist sa ein vollständiger Roman. Fr. v. Rosen. Ich muß bekennen, daß ich von seinen Worten gerührt wurde. Ich sagte ihm, daß ich mich für besiegt erklären wollte, wenn er seine herrischen Launen zügeln lerne, und als Probe forderte ich, daß er sich zwei Tage später, als eS der anberaumte Termin bedingte, bei seinem Generalcommando melden sollte. Wenn er die Probe überstanden haben würde, wollte ich mich vor dem Ausmarsch feierlich mit ihm verlobe». Dr. Straffer. Ei, ei, welch' verwegener Einfall, einen braven Menschen von der Erfüllung seiner Pflicht abzuhalten. Thal er denn, was Du von ihm verlangtest? Fr. d. Rosen. Hören Sie nur. Er gelobte mir, die Probe bestehen zu wollen. Aber denken Sie sich, lieber Onkel, am andern Morgen erhalte ich einen Brief, in dem er mir sagt, daß ihn der Gedanke, meine Hand zu besitzen, entzücke, daß er aber seiner Liebe zu mir seine Pflicht nicht opfern könne. Darüber war ich so böse, daß ich mir vorgenommen hatte, ihn nie wieder vorzulassen, aber (verlegen) da er verwundet und außerdem Ihr Patient ist, so thut er mir wirklich leid und ich würde mich freuen, ihn wieder zu sehen. Dr. Strasse r (schmunzelnd). So! so! Nun, dann kan» ich ihn ja gleich mitbringen. Aber fahre ihn nur nicht so heftig an. Er ist ja noch Reconvalescent. Fr. v. Rosen. O, ich werde ihm tüchtig die Wahrheit sagen. Dr. Strasse r. Bielleicht kommt er aber nicht. Fr. v Rosen. Er muß. Erfinden wir einen Borwand. Sagen, Sie ihm, ich wolle mit ihm über den Kaufmann von Venedig sprechen. Dann vermuthet er Komplimente und kommt gewiß. Also nur wegen Bassanio. Dr. Straffer. Nun meinethalben. Nur wegen Bassanio. (Ab.) Dritte Scene. Fr. v. Rosen (allein). Er kommt gewiß! O, das Herz ist mir so voll, so übervoll und die Ahnung eines seligen Glückes zieht in meine Brust ein. Eine innere Stimme sagt mir, daß er mich trotz meines thörichte» Eigensinne- noch mit derselben Gluth wie damals liebt und wenn mich meine hoffende Seele nicht betrügt, so will ich ihn belohnen mit dem höchsten Preise, den ich zu vergeben habe. (Ab nach links.) Vierte Scene. Rittmeister Kleinpaul. Baron v. Ritter. Betty. Klein Paul. Melden Sie uns der gnädigen Frau — Rittmeister Kleinpaul. Ritter. Baron v. Ritter. Betty. Soll sogleich geschehen. (Ab.) Fünfte Scene. Rittmeister Kl ein Paul. Baron v. Ritter. Ritter. Na, da wären wir ja wieder in dem alten Tempel. «Wirft sich in einen Sessel, was Kleinpaul gleich beim Eintritt gethan hat.) Herr Gott, wie sehne ich mich nach Ruhe nach diesem strapazenreichen Vormittage. 8 mittag auf der Südbahn eine bezaubernde Blondine gesehen und nun trostlos ist, daß er sie aus den Angen verloren. Julie. Er vermuthet uns jetzt auf dem Weg nach Venedig. Er sah uns in Nabresina aussteigen und bemerkte nicht, daß wir unfern Entschluß geändert und in demselben Zug wie früher, nur in einem andern Waggon, nach Triest fuhren. Amalie. Erhielt so unverantwortliche Reden über Liebe und Ehe, (zu Julie) daß du diesem Freier einen entschiedenen Korb Herrichten mußt. Julie. Aber auch so schöne, daß er gewiß die Liebe eines Mädchens im höchsten Grade verdient. Nie werd' ich einen trefflicheren Mann finden und so untrüglich kennen lernen. Eduard. Ei, ei, was ich da höre! Ha, ha, ha! Nun das macht unter euch ans. Ich kann euch sagen, daß Paul seiner Zeit der herrlichste, bravste Bursche war. Ich habe es oft bedauert, daß das Leben uns so oft von Freunden los reißt, deren gleichen man nie wieder findet. Amalie. Nu, der Mensch kann sich ändern. Wir haben eine Strafe für den Lästerer unseres Geschlechtes ausgesonnen, daß es ihn heiß und kalt überlaufen soll, wenn es ihm nämlich wahrhaftig so um Julien zu thun ist, wie es den Anschein hat. Eduard. Und wie wolltest du diese Strafe in's Werk setzen? Amalie. Vor Allem mußt du ihm Julie als deine Frau vorstellen und behandeln. Eduard. Und was dann? Amalie. Na, dann sehen wir zu, das Weitere wird sich schon finden. Eduard. Meinetwegen. Halt, mir scheint, er kommt schon. Amalie. Also anfgemerkt. (Zu Julie.) Nicht aus der Rolle gefallen! Sechster Austritt. Eduard. Amalie. Julie. Paul. Paul (eintreteud). So, mein Freund. Mr sich.) Ha- was seh' ich! Die Blonde! Das ist ja himmlisch! Eduard. Nun, so komm' doch vorwärts ! Paul (für sich). O Gott, welch' ein Glück! Ach! Aber ich begreife nicht, wie er diese Damen — Eduard. Nur keine Scheu! Es sind lauter Bekannte! Paul (freudig überrascht). Bekannte? Eduard. Und Verwandte. Paul (entzückt für sich). Welche Wendung durch Gottes Fügung! Ich möchte bis an die Decke springen vor Wonne. Eduard (vorstellend). Erlaube: Hier meine Schwägerin. (Aus Amalie zeigend.) Amalie — Niederfeldner, Doktorsgattin. Paul. Ich habe die Ehre! (Sich verbeugend und mun verliebt gespannt auf Julie blickend.) Eduard (Julie an der Hand fassend und vorführend). Und hier die Krone der Schöpfung, meine liebe, gute, schöne, unvergleichliche, mir ehelich angetrante Gemalin. Paul (wie betäubt). Gema — Gema — Gemalin? Eduard. Nun, was ist dir denn? Du wirst ja ganz blaß. Ist dir übel? Setze dich! (Paus sinkt in einen Fauteuil.) Julie (zu Eduard). Das ist zu grausam! Treibt keinen solchen Spott mit ihm. Paul (für sich). Es ist geschehen um mich. (Sich mühsam aufraffend.) Also deine Gemalin? Ich wünsche dir herzlich Glück. (Verbeugt sich zusammenknickend vor Julie.) Eduard. Wie fühlst du dich? Du bist vielleicht krank, hast das Fieber. Paul. Ei, was fällt dir ein. Ein plötzliche Anwandlung. Also du kommst von Wien her? Aber ich habe dich 9 doch im Waggon nicht gesehen, während ich die Damen wohl bemerkte. Eduard. Ja, ich saß in der Ecke und sah zum Fenster hinaus. Paul. O wenn ich eine so schöne Frau hätte, ich würde in der ganzen Welt immer nur ihr in die Augen sehen. Eduard. Du, Freund, höre, ich bitte mir's ans, daß man meiner Frau nicht den Hof macht. Amalie. Es sind ja nur Redensarten. So sprechen alle Männer, wenn es gilt uns zu täuschen und zu bethöreu. Es gibt selbst solche, die trotz der heiligsten Betheueruugen ewiger Liebe die beste Frau vergiften möchten, nur um wieder frei zu neuen Eindrücken flattern zu können — so sagen sie wenigstens. Paul (betroffen sie ansehend, für sich). Was ist das ? Sollten sie mich belauscht haben? Ach was, jetzt ist so schon Alles verloren. (Laut.) Das können nur leichtsinnige Männer sein, Leute ohne Charakter, Geistreichthuer. Eduard. Nun, mein Lieber, sag' einmal, wo lebst dn denn jetzt? Bist du schon verheiratet? (Paul schüttelt den Kopf.) Nicht? Also etwa schon Witwer oder geschieden? (Der Kellner erscheint mit zwei Flaschen Wein und der Speisekarte; Eduard ergreift diese.) Amalie. Kinder, ich denke cs ist doch znm Abendessen noch zu früh. Ich habe gar keinen Hunger, es war zu heiß. Lassen wir uns lieber ein Gefrornes bringen und später soupiren wir mitsammen. Jst's dir recht, Julie? Julie. Ja, ja. (Nimmt Eduard die Speisekarte weg und gibt sie dem Kellner zurück.) Also, Herr Kellner, bringen Sie uns Eis für Alle. Orange, Chocolade, Limonie, was Sie haben. Eduard. Nun denn, meinetwegen. (Zu Paul.) Siehst du, so commandiren einen die Weiber. (Julie schlingt ihre Arme um Eduard und küßt ihn.) Ach lieber, lieber Mann, ich bin so froh, so selig, du hast keine Ahnung. (Eduard heimlich in's Ohr.) Du, sei recht prosaisch. (Sieküßt ihn.) Eduard (zu Julie). Aha, gut. (Laut.) So, nachdem ich mich mit euren Päcken hernmgeschleppt, meinst du, ich wäre noch nicht müde genug — laß' mich doch los. (Schüttelt sie von sich.) Julie (ihn fortstoßend). Garstiger Mensch ! (Sie läuft zum Balkon und kichert mit Amalie, zu Amalie.) Ich will recht übermüthig thun. Paul (zu Eduard). Du hast ein bezauberndes Wesen gewonnen, weiß Gott, Neid ist nicht meine Sache, aber dich beneid' ich um dein Weib. Eduard (laut). Na, es hat sich was zu beneiden mit so einem Flunkerwesen, ich hätte mir eine ruhigere, praktischere Frau suchen sollen. Julie (die zum Balkon hinausgeseheu, hereiuspringend). Ach, wunderbar, Eduard, das kannst du noch nie in deinem Leben gesehen haben, so einen Mondschein, Alles voll Silberglanz, hellstrahlend wie elektrisches Licht und diese Unmasse Sterne und das Meer in Millionen, Millionen glitzernden Wellchen gekräuselt vom Abendwind. O der Süden, der Süden! (Der Kellner bringt eine große Taffe mit Gefrornem in Gläsern.) Eduard. Laß'mich in Ruhe, Kind, ich sähe lieber ein Schnitzel vor mir — Gott sei Dank, das Gefrorne. Greift zu! Setz' dich, Paul. Hier auf's Sopha zu den Damen. (Eduard drängt Paul auf's Sopha, wo sich Julie und Amalie niederlassen und setzt sich selbst rechts auf einen Stuhl vor das Sopha.) Eduard (vom Gefrornen kostend). Ist das ein dummes Essen. Julie. Mußt du denn immer an's Essen denken, wo du in den herrlichsten idealsten Empfindungen schwelgen solltest. (Aufspringend.) Du, wir müssen noch eine nächtliche Gondelsahrt unternehmen, das darfst du mir nicht abschlagen. 10 Eduard. Aber in Triest hier gibt's ja gar keine Gondeln. Julie (ärgerlich thuend). So wird's Barken oder Kähne, Boote, Jollen oder Nachen geben. Eduard. Und auch tüchtige Schnupfen dazu. Das wäre mir eine Bescherung — und habe kaum ein halbes Dutzend Sacktücher bei mir. Julie (zu Paul verzweifelt). Sagen Sie, war mein Mann als Ihr Jugendfreund auch von so bleiern irdischer Natur? Paul. Im Gegentheil, er war sehr lustig, zu jedem tollen Streich bereit, wenn nicht der Anstifter dazu. Julie. Dann kann man wohl sagen o jsi'um, jei'um, o rnu- tatio rsrurn. (Wehmüthig.) Sehen Sie, so macht er's immer. (Aufstehend, ihr Glas auf den Tisch in die Mitte stellend.) Sie ahnen nicht was es kostet, ihn zu einer Landpartie zu bringen. Ich Hab' ein wenig Botanik gelernt. Da treibt's mich im Frühjahr unwiderstehlich hinaus zu Wald und Flur, und wenn ich da einen nach dem andern meiner alten Bekannten aus dem holden Reiche der Flora aufgeblüht und mit farbenstrahlenden Aeuglein in den Hellen Sonnenschein hinaufgucken sehe — da bück' ich mich nieder und sinne und schwärme über so ein Blümchen. Eduard. Und da soll ich ihr immer nachlaufen und stehen bleiben, bis sie ausgeschwärmt hat. Julie. Du? Er humpelt nach und brummt und zetert oder legt sich gar hinter die Hecke, und wenn ich mit meinen Blumen zurückkomme, da ist er zuweilen schon eingeschlafen. Eduard. Ich meine halt, was auf der Wiese wächst, gehört für die Kühe, und bekommt für uns erst Werth, wenn daraus Milch, Butter, Käse und Kälbernes geworden ist. Julie (zu Paul). Da haben Sie ihn, wie er leibt und lebt. Wenn ich ihm Abends etwas auf dem Claviere Vorspielen will — Amalie. Sie müssen wissen, daß sie vorzüglich spielt. Julie. So sagt er: Geh' hör' auf, so gut wie Rnbinstein oder Liszt wirst dn's doch nie können. Paul. Aber, aber! Jnlie. Sing' ich, so spottet er: Bist doch gegen die Patti nur eine Krähe! (Wirft sich in die Sophaecke.) Amalie. Und sie hat doch schon in einem Concert neben einer Opernsängerin gesungen. Eduard (zu Paul). Na, das mußt du doch selbst zngestehen, wie überall vom Erhabenen zum Lächerlichen nur ein Schritt, so und mehr als anderswo ist's auch in der Kunst. Wenn ich da das Allervollkommenste gehört habe und hören kann, so soll man mir mit Dilettantengeklimper und Gedudel vom Leibe bleiben. Julie. Man sollte meinen, ein strenger Kunstgeschmack lasse ihn so reden. Aber es ist Alles Heuchelei, bloßer Vorwand, mn gar Nichts anhören zu müssen. Er hat gar keinen Geschmack, hat keinen Sinn für Musik, noch irgend für Großes, Schönes, Erhabenes. Paul. Man sollte es fast meinen. Julie. Da kommt er Abends heim, stumpf von seinen Rechnungen und Correspondenzen, plumpst in den Lehnstuhl hinein, schreit nach seinem Essen, dann schmaucht er seine türkische, spricht halbe Stunden kein Wort und läßt mich allein daneben lesen. Eine Welt von Gefühlen, für ihn eine unsichtbare Geisterkarawane zieht durch meine Seele — nun fürwahr, meine Seele hast du nicht geheiratet. Paul (für sich, aufstehend, bestürzt). Da steht's schlimm — o welche Perle ist hier unwiederbringlich in den Schlamm versunken! Eduard. Apropos, Rauchen. Julie, möchtest du mir nicht meinen türkischen Tabak herbringen? 11 Julie. Wo ist er denn? Eduard. Jetzt weißsie's schou wieder uicht. Wo hast du deuu deiue Augeu — iu der Haudtasche dort. (Julie springt auf, um ihn zu holen.) Paul. Welche Engelsgeduld! Julie (ächzend), dich! (Sie hinkt mühsam weiter.) Eduard. Was hast du deuu? Julie. Nichts, nichts, der Fuß war mir eiugeschlafeu. (Paul springt hinzu, faßt Julie an der Hand, sie legt ihren Arm auf seine Schulter.) Julie. Ich dauke, siehst du, das wäre dir uicht eingefallen. (Sie bringt den Tabak und dreht eine Cigarette, die sie Eduard reicht; zu Paul, auch für ihn eine Cigarette drehend.) A Sie Müssen auch rauchen. Paul. Aber ich bitte. Julie. Nein, nein, sehen Sie, selbst diese Arbeit muß ich ihm thuu. (Sie holt ein Zündhölzchen und macht ihm Feuer.) Eduard. Setz' Dich Freund. Wir sind früher unterbrochen worden. Du bist mir noch eine Antwort schuldig. Warum hast du noch keine Frau, so ein netter Bursche wie du? Paul (schwermüthig). Ach laß' das —- ich finde nicht die Rechte. Amalie. Äh, Sie kommen uicht los. Wenn Sie so in Wien auf Bällen tanzeu oder auf der Ringstraße spazieren gehen, oder sonst in Damengesellschaft sind, denken Sie nicht, daß da gerade die sein könnte, die Sie glücklich machen könnte? Paul. Ach und wenn mir auch der Wink des Schicksals sie bezeichnet^ ich würde es nicht wagen, mich ihr zu nahen. Gerade die herrlichsten, reizendsten kommen mir so streng, so abweisend vor. Eduard. Paperlappapp, du kannst dir das denken, jede, selbst die stolzeste will doch einen Mann, und alle die da verheiratet herumlaufen, müssen sich auch einmal erklärt haben. Paul. Ach ja, o wenn du wüßtest (thnt einen tiefen Seufzer, mit einem Blick ans Julie. Amalie, Julie und Eduard sehen sich einander an und Platzen dann in lautes Lachen los, Julie aber dämpft schnell das ihrige.) Paul. Ihr habt leicht lachen, ihr seid versorgt. (Alle Platzen wieder in ein Lachen los.) Paul (gekränkt). Ich sehe, auch dem nächsten Freund kann man sich nicht mittheilen, ohne sich anslachen lassen zn müssen. Das ist die Herzlosigkeit unseres heutigen Lebens, daß man Alles nur von der lächerlichen Seite ansieht und selbst in dem Zartesten, Heiligsten nur Stoff zn Witz und Carricatur findet. Und doch sag' ich dir, es ist der tiefste Schmerz meines Lebens, daß gerade ich, der ich so liebevoll, so liebefähig, mein Glück nichr finden sollte. Eduard. Freund, du bist nicht aufrichtig, du willst halt eine recht reiche. Paul. Ach, darauf antworte ich gar nicht. Amalie. So machen Sie sonst zu viele Ansprüche. Alles findet sich nie zusammen. Schöne Damen sind gewöhnlich etwas beschränkt, und geistvolle oft etwas minder schön — und wäre Eine schön und geistvoll und möchte Sie, so wäre sie vielleicht eben nicht blond wie Sie sie wünschen. Paul (sich fassend). O, ich habe in der Beziehung kein fixes Ideal. Wenn's auch eine Brünette wäre, (für sich) jetzt sag ich's justament. Julie. O Sie Flattergeist! (Paul schaut sie überrascht an.) Eduard (der eine Flasche geöffnet und vier Gläser vollgefüllt hat). Nun, sie wird sich finden, brünett oder blond, Alles eins. Stoßen wir an ans deine Zukünftige! Paul. Ich trinke nicht. (Lehnt das Glas ab.) Eduard. Nimm das Glas! Paul (entschieden trotzig). Ich trinke nicht. Wenn ich nicht will, so will ich nicht. Eduard. Aber warum denn nicht? Stoß' an! Paul (fast weinend). Ich werde nie heiraten. (Eduard reicht ihm immer noch 12 das Glas, Paul stößt es von sich, daß es zu Boden fällt, Julie schreit auf, Paul wendet sich flehend zu Julie). O verzeihen Sie, (legt seinen Kopf von Schmerz überwältigt auf die Stuhllehne und ruft schluchzend.) O ich bin tief unglücklich. Eduard. Genug, genug, wir wollen deine Gefühle schonen. (Leise zu Julie und Amalie.) Ich gehe fort, du Amalie entferne dich auch unter einem Vorwand. (Laut.) Leutchen, nichts für ungut. Das Beste ist, wir machen die Gondelfahrt, ich gehe, um so ein Fahrzeug aufzutreiben. Da wirst du doch mitthun, Paul? Paul. O wie gerne! Eduard. Also Hütemir die Damen — Nicht zu viel Cour machen! Ich erfahre Alles. (Ab.) Siebenter Austritt. Paul. Julie. Amalie. Amalie. Du, Julchen, wenn wir wirklich eine Gondelfahrt unternehmen, so wird's wohl gut sein, daß ich unsere Plaids auspacke. Meinst du nicht? Julie (sie lächelnd und bedeutsam an- blickend). Thu' das, aber mach' schnell! Amalie. Sie entschuldigen schon, Herr Gutenhof; ich liebe auch die poetischen Ausflüge, aber ohne Schnupfen. (Heimlich zu Julie.) Nimm dich in Acht! Julie (zu Amalie heimlich). Ich Werde ihm Alles gestehen, ich kann das Spiel nicht länger mehr sortsetzen. Amalie. Närrchen, jetzt wird's erst recht interessant. Liebst du ihn? (Julie lächelt.) — Ich werde recht lang außbleiben. (Jn's Zimmer hinein.) Achter Austritt. Paul. Julie. Später auf einen Augenblick Amalie. Julie. Sie sind auf einmal so schwermüthig geworden. Wenn es ein Herzenskummer ist — theilen Sie ihn mir mit. Ich schwöre Ihnen, nicht Neugierde, sondern innigste Theilnahme läßt mich diese Aufforderung thun. Paul (anfseufzeud). O, Sie sind gut. Julie. Gewiß ist ein weibliches Wesen im Spiel. Paul. Ach leider nur zu sehr. Julie. Nun denn, erzählen Sie. Als meines Mannes Freund und wie ich sehe, ein höchst edler Freund, soll Ihr Schmerz mir wie mein eigener heilig sein. Eine Frau weiß oft Rath, wo dem Maune der Verstand ausgeht. Vielleicht kann ich rathen, helfen? Paul. Da ist nichts mehr zu rathen, zu helfen. Julie. Ist sie schon verheiratet? Paul (düster). Sie ist's. Julie. Das ist freilich schlimm. Und wußten Sie sich geliebt? Paul. Ich weiß es nicht. Aber sie würde mich geliebt haben, wenn sie mich gekannt hätte, bevor sie mir für ewig verloren war. Julie. Daran zweifl' ich nicht. (Für sich.) Bei aller Zerknirschtheit ist er ziemlich eitel. — Und ist sie denn ein gar so unersetzbares Wesen? Paul. Ach, es ist ein Wesen, wie ich's nur in meinen Morgenträumen an schönen Maientagen schaute, wenn vom Garten her Nachtigallengesänge beim Sonnenaufgang in meinen Schlummer hineintönten, und meine Seele ihre süßesten Wünsche in strahlenden Visionen sich vorgankelte. Julie. Ach, die muß wirklich wunderschön sein. Paul (sie entzückt anblickend). Gnädige Frau — o Sie verstehen mich; ich seh's an Ihrem feuchtschimmernden Aug', welches Mitgefühl Sie für mich hegen. Julie (ihre Bewegung mühsam verbergend). Fahren Sie fort, Herr Guten- hos! Paul. Nun denn, dieß Bild meiner Träume, ich hab's gesehen — in leib- 13 hastiger Wirklichkeit, wie vom Schicksal für mich geschaffen, ein wunderbarer Verein von Ernst nnd Schalkhaftigkeit, von Schüchternheit nnd Uebermuth, von Naivelät und Raffinement — Julie (betroffen). Von Raffinement? Paul. Von pikantem reizendem Raffinement. Julie (für sich). So, so, da hast du's, Du Falsche. Paul. Und blond, blond! Julie. Blond wie ich? Paul (erschreckt, für sich). Gott, ich verrathe mich — (laut, entschieden.) Nein schwarz, kohlrabenschwarz. Julie. Hm, hm. Und sie uahm einen Andern, sagten Sie? P a u l. Ehe sie mich kannte. Jul i e. Versteht sich. Nun wenn sie wenigstens glücklich ist mit dem. Paul (schmerzlich). Das eben ist's, sie ist nicht glücklich, sie kann nicht glücklich sein. Sie hat einen geistigen Kalibatt zum Mann, einen Barbaren, der keine Ahnung hat von den Seligkeiten, die ihm ans ihrem holdseligen Wesen erblühen könnten. Julie. O die Arme! Wie ist ihr kos zu beklagen! Aber so geht's in der Ehe. Der leichtsinnigen Täuschung folgt oft die bitterste, lebenslängliche Buße. Geht'ö denn mir anders? Paul. Ich will nicht's gesagt haben, gnädige Frau. Julie. Sie haben, ohne es zu wollen, mein eigenes Dasein geschildert. Haben Sie's doch selbst mit eigenen Augen gesehen. Paul. O, Sie lieben Ihren Gatten. Julie. Ich muß wohl. Oder glauben Sie nicht? Doch nein, nicht einmal beklagen — Paul. O sprechen Sie, gnädige Frau! Julie. Wär' ich nur noch frei! Wie Sie mir Ihr verlorenes Ideal schildern, muß ich eine ziemliche Aehnlichkeit mit ihm haben. (Schwärmerisch.) Ach, es Wäre so schön, Sie zu lieben, in dieser treuen, klaren Seele sein Bild verklärt wiedergespiegelt, sich vom Feuer dieser Angen umlodert zu sehen. Paul (sich ihr zu Füssen stürzend nnd ihre Hände küssend). Gnädige Frau! Julie. Bst, was thun Sie! Paul (anfstehend, ihre Hände festhaltcnd). Nein, unwiderstehlich drängt's mich zum Gestündniß, Sie sind's, Sie und keine Andere, die ich so unsäglich liebe, die ich anbete, die mir der tückische Zufall zu meinem höchsten Entzücken gezeigt, um sie zu meiner tiefsten Qual durch eine eherne Mauer von mir zu trennen, (mit gebrochener Stimme) eine eherne Mauer, geschmiedet von Ihrer Treue und dem heiligsten Gebot meiner Ehre nnd Frenndespflicht. Ja, ich fühle schon meine Wangen brennen darüber, daß ich Ihnen das Geständniß gemacht. Ich habe durch dasselbe jedes Recht verwirkt, in Ihrer Nähe noch einen Augenblick zu weilen. Julie (hält ihn Ml der Hand). Paul, nnd wenn Sie geliebt würden, wenn — Amalie (im Nebenzimmer erst einen schweren Gegenstand fallen lassend, dann mit mehreren Plaid'S heraus, die sie auf den Tisch wirft, gleichgiltig). Ist Eduard noch nicht zurück? Julie. Nein. Amalie. Ach, daun möchte ich noch gern ein Briefchen an meine Mutter aufsetzen, damit es morgen Früh abgehen kann. Entschuldigen Sie mich, Herr Gntenhos (wieder hinein). Paul (sich umsehend). Julie, ich geliebt, geliebt von Ihnen? Julie. Wenn ich unglücklich bin, wenn ich widerwärtige Bande sprengen wollte — Paul. Himmel, was hör' ich, wär's möglich? Julie. Wenn Sie eines kühnen Entschlusses fähig wären, wenn Sie mich wirklich besitzen wollten — Paul (für sich). Ja, wenn sie es selbst will! (Laut.) Der verdient nicht das höchste 14 Glück, der es nicht am überhängenden Rand des Abgrunds zu pflücken wagt. Julie. Wohlan! Pa u l. Es ist nur ein Ausweg möglich. Julie. Ganz richtig. Also E — Paul (nachlallend). E — Julie. En — Paul. Eu — Julie. Ent — führung. Paul. Entführung! (Sieht plötzlich erschreckt und verschämt zu Boden, dann sich wieder ermuthigend.) Es sei! Ich habe einen vortheilhafteu Antrag als Leiter eines Eisenbahnbaues am Cap der guten Hoffnung, dort können wir glücklich sein, unsere Spur geht dort gänzlich verloren. Julie. Aber wie die Flucht bewerkstelligen ? Paul. Ich werde den mir bekannten Capitän eines Liverpooler Dampfers, der heut' um Mitternacht in See stechen soll, gewinnen. Ich kann mir sofort hier auf dem Platz größere Geldmittel verschaffen. Wir verabreden, wenn ich die Sache in Ordnung gebracht habe, ein Zeichen. Sie kommen darauf an's Thor des Hotels herab und sind auf ewig die Meine. Julie. Aus ewig! Neunter Auftritt. Paul. Julie. Eduard. Dann Amalie. Eduard (eintretend). Meine Herrschaften, die Barke ist bereit, ^uckia-mo! (Beide aufmerksam betrachtend.) Kinder, der Abend ist in der That wundervoll. Es wäre Sünde, nicht hinauszufahren in's Meer. Julie. Du bleibst aber sehr lange aus. Eduard. Etwa gar eifersüchtig auf die Italienerinnen, süßer Schatz? (Heimlich zu Julie.) Wie steht's? Julie (zu Eduard in's Ohr). Er will mich entführen. Eduard. Ihr müßt wissen, daß ich weit herumlaufen mußte, um so einen alten Gondolier aufzutreiben. Nun aber schnell fort! (Zu Paul.) Was hast du denn nur, lieber Freund? Du siehst ja so perplex aus. Noch immer die alte Liebessehusucht? Nun, sie wird schon gestillt werden. Gut Ding braucht Weile. Jetzt vergiß das Alles. Gehöre uur uns au, die wir dich ja auch so von Herzen gern haben. Unsere Liebe zu dir ist zwar keine so stürmische Leidenschaft, die Herz und Mark durchfiebert, dafür aber (streichelt ihm die Wange) sauft, mild, beruhigend und erquickend. Paul (innerlichst ergriffen). O du bist gut und edel, in dir wohnt kein Falsch, du hast Recht, die Freundschaft, die Redlichkeit . . (Für sich.) Ich bin ein Nichtswürdiger! — Was Hab' ich gethau, tückisch wollt' ich ihm sein Weib rauben, ein edles Wesen zum Treubruch verleiten — ich darf es nicht, ich kann es nicht. Eduard. Wo ist denn Amalie? Amalie (heranstretend). Leoorni, wird's also? (Flüstert mit Eduard.) Julie (zu Paul heimlich). Was haben Sie? Schwanken Sie nun wieder? O Sie lieben mich nicht, sind kein Mann, der es verdiente, daß ein Weib ihm Alles opfert, ihre Zukunft preisgibt, dem Hohne der Welt trotzt. Paul. O, ich liebe Sie unsäglich! Aber diese ehrliche Seele betrügen, die mir ein so unendliches Vertrauen beweist — es ist zu viel für mich (drückt und küßt ihr die Hand). Eduard (zu Paul). Was hast du denn für Geheimnisse mit meiner Frau? Und diese Verwirrung! Was mußt' ich sehen? Du wagst es, Julien, meiner Julie hinter meinem Rücken die Hand zu drücken und zu küssen? Was ist da geschehen? Weßhalb wirst du so roth? Du wagst nicht zu antworten? So 15 muß ich dir, Julie, gebieteu, mir zu sagen, was es zwischen Euch gegeben hat. Paul. Nichts ist geschehen, meinen feierlichsten Schwur darauf, Gott sei Dank, es ist — noch nichts geschehen. Aber ich bin nicht mehr würdig, vor deinem Angesicht mich zu zeigen, ich habe dein harmloses Vertrauen schändlich mißbraucht. Julie. Herr Gntenhof! Paul. Nein, ich will die Wahrheit gestehen und bann für immer aus Eurer Nähe fliehen. Das Bewußtsein dieser uneingestandenen Schuld würde mit Ceutnerlast auf mein Herz drücken, mein ganzes Leben vergiften. Ich bin keiner Schlechtigkeit fähig, dir sie gestehen, heißt mich wieder rein waschen. Eduard. Nun, so sprich endlich! Paul. Die wenigen Augenblicke, die ich in der Nähe deines Weibes zugebracht, haben mich mit begeisterter Liebe für sie erfüllt. Eduard. Ha! Weiter, weiter — Du bist mir ein sauberer Patron. Paul. Ich sah sie einen Schatz von Liebreiz entfalten. Eduard. Ganz richtig, und was dann? Paul. Ich sah dich stumpf für diese Sonne von Grazie, für diese unendliche Symphonie von Seelenschöuheit, bei deren leisestem Ton ich schon selig anfzuckte. Eduard. Nun, nun? Ich ahne, was nun folgt, Verwegener! Paul. Und mich überkam's mit einer Macht, mit einer Wehmnth, ich hielt dich dieses Schatzes nicht für würdig. Ich wagte es, deinem Weibe nahezulegen — Eduard. Julie, Julie — Du mir daS! Paul. Sei unbesorgt — Sie wies die Zumuthung, sich von mir entführen zu lassen, mit all' der Hoheit, die einem edlen Weibe innewohnt, zurück, sie verzieh mir sogar, versprach mir zu schweigen — aber ich, ich will dir dieß Alles gestehen und dann gereinigt aus immer mich aus Eurem Kreise verbannen. So lebt denn glücklich und verwerft mich nicht gauz. Eduard. Hm, Hm! Höre Freund! Ich bin nicht so excentrisch wie du. Daß dir meine Frau gefallen hat, das sind' ich schließlich nicht so unnatürlich und verbrecherisch, und die schlechte Absicht, die du mit ihr hattest — mein Gott, wenn inan in die Herzen der Männer schauen könnte, was da in solchem Falle für räuberische Gelüste brodeln! Kurz und gut, da du dich als einen so reuigen Sünder zeigst und deinen Plan hoffentlich für immer fallen läßt, so will auch ich dir verzeihen. Schlag' ein, bleib' bei uns und reden wir nicht mehr davon. Paul. O, Du könntest — und Sie, gnädige Frau! O Ihr Schweigen ist anbetungswürdig. Eduard. Na, laß' das jetzt. Aber wie kann mau sich nur gar so schnell verlieben? Amalie. Die Mädchen haben das nicht gerne, sie sind .viel klüger, viel ruhiger als Sie denken — so eine blitzartig aufflammende Liebe macht ihnen Angst, als ob sie ebenso blitzartig — Paul (zu Julie). O, gnädige Frau, vertheidigen Sie Ihr Geschlecht gegen eine so schnöde Verleumdung, daß heiße Liebe weniger rühre als laue, bedächtige. Julie. Meine Schwägerin und mein Bruder haben eigentlich vollkommen Recht. Paul (erstaunt umsehend). Ihr Bruder? Wo ist Ihr Bruder? Julie (lächelnd auf Eduard zeigend). Hier — und ich bin das kleine blonde Kind, mit dem Sie einst so gerne tändelten. Amalie ist meines Bruders Frau. Paul. Und Ihr Mann? Julie (neckisch). Habe noch keinen. 16 Paul. Und der Entführungsvorschlag, den eigentlich Sie mir nahegelegt? Julie (lacht ausgelassen). Paul (tief ernst). Sie haben sich einen Scherz mit mir erlaubt, haben mit meinem Herzen, mit meiner tiefen, begeisterten Liebe — oh! Julie. O nein, ich wäre mit Ihnen gegangen. Paul. Bis zum Thor, bis zum User des Meeres, um mir dann in's Gesicht zu lachen. Julie. Nein bis zum Cap der guten Hoffnung, (verhält sich Plötzlich das Gesicht) bis au's Ende der Welt. Paul. Wär's möglich! Aber Gott, wie soll ich wissen, was Wahrheit, was Täuschung! Julie (fällt ihm um deu Hals und küßt ihn). Ist das Wahrheit? Paul (ihr in die Arme sinkend). Mir zerspringt das Herz — Eduard. Gib Acht, gib Acht, jetzt, wo du es so nothwendig brauchst! Paul (sich abwechselnd die Drei betrachtend). Aber wer hat denn diesen Streich ausgeheckt und warum? Und gespielt habt ihr ihn mit einer so teuflischen Gewandtheit. Und mir ward so jämmerlich zu Muthe über meinem donjuanischen Unternehmen. Amalie. Es sollte eine Strafe für Sie sein. Wir zwei hatten Sie, als Sie sich in unser Zimmer verirrten und laut mit sich sprachen, belauscht, wie Sie Ihre stürmischen Gefühle für Julien durch abfällige Bemerkungen über die Liebe und die Mädchen nur allzuleicht dämpften, und so beschlossen wir, Sie so zu quälen. Paul (zu Eduard). Und besonders du — du hast den versauerten Philister mit einer Wahrheit gespielt — Eduard (zu Amalie». Nicht wahr, liebes Weibchen, gar so geisteslahm bin ich nicht? Julie. Und ich wünsche meinem Paul stets so poetisch zu erscheinen, als ich ihm heute erschienen, und zwar ohne Raffinement, nicht wahr? (Paul reicht ihr den Arm.) Eduard. Zur Barke, zur Barke, da besprechen wir das Uebrige. Paul. Also doch mein, doch entführt! (Faßt mit der Linken die Plaids, mit der Rechten Julien.) Amalie (zu Eduard im Hinausgehen). Siehst du, wie gut es war, daß wir in Station Triest Halt gemacht. Ende. Wur zwei Müschen. Schwank in einem Act von I. Boh m. Alle Rechte Vorbehalten. Wien, 1877. Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Das 2 !lufführnngsrecht ist nur zu erwerben durch die Agentur der deutschen Genossenschaft dramatischer Autoren in Leipzig. Personen Eduard Frankeuberg, Privatier und Chemiker aus Liebhaberei. Emilie, seine Gattiu. Lorenz, Diener. Den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt. (Salon, rechts Kamin, eine OllnE-lon^uo, eine spanische Wand, Glasschrank mit vielen Flaschen und Chemikalien, Sofa und Tisch, im Hintergründe ein Papagei im Käfig, eine Glocke, rechts, links und in der Mitte eine Thüre.) § 1. Scene. Eduard (im Schlafrock, sehr animirt, steht beim Schrank und ko stet einen Liqueur, d eclamirt). Ein Schnäpschen ist des Morgens gut, Desgleichen zu Mittage, Wer Nachmittags ein's trinken thnt, Hat Abends keine Plage. Auch soll ein Schnäpschen im Allgemein' Um Mitternacht nie schädlich sein. (Prosa:) Dieses schwungvolle Gedicht als Glorificirung sämmtlicher Spirituosen hat noch mein Onkel als Hußaren- Rittmeister verfaßt und gar oft seiner Mannschaft eigenhändig vorgetragen, und ganz unrecht hatte der Mann nicht, Ein süßer Kuß! Ein Gläschen Liqueur! Mensch! Was willst Du noch mehr! (Betrachtet die Flasche.) Merkwürdig, seit gestern ist die Flasche wieder bedeutend leerer geworden. Hier habe ich mit dem Messer ein Zeichen eingeritzt, und heute wieder um gute drei Finger niedriger. Wer Teufel untersteht sich, mein Eigen- thnm zn universalisiren, es wird sich doch nicht ein verehrliches Mitglied der Pariser Commune unseligen Andenkens auf geheimen Wegen bei meinem Chemi- kalien-Schrank als ungebetener Gast einge- stlnden haben? O nein, niemand Anderer begeht den Frevel als unser Lorenz. Könnt ich den Kerl doch nur einmal auf frischer That ertappen! Noch aus meinem Soldatenleben bin ich's gewohnt, mir Vormittags ein oder zwei Theater-Repertoir 331. Gläschen gebrannten Wassers zn Ge- müthe zu ziehen, und damit mich meine junge, gar fromm und sittsamlich auf dem Lande erzogene Frau nicht etwa von einem schiefgewickelten Standpunkte ans vielleicht als Branntweinbruder betrachtet, habe ich ihr heimlich anvertraut, es sei in diesen Flaschen ein Elixir enthalten, welches uns Männern das frische Aussehen und die Jugend bewahrt! Es ist dieß zwar sehr gewagt, allein die Erziehung auf dem Lande läßt dem Aberglauben und den uner- forschlichen Wuuderkräften noch immer eine freie Gasse, daher glaubt Emilie mir, dem Abgott ihres Herzens, um so unbedingter, als wir noch in Mitte der Flitterwochen, somit im Glanzpunkte des Ehestandes schwärmen. Um dem Lorenz einen richtigeren Begriff von Mein und Dein beiznbringen, soll mir mein Lieb- lings-Stndinm, die Chemie, jetzt ganz famos zn Statten kommen (klebt eine Eti- quette an die Flasche.) „Gift," häßliches, grauenhaftes Wort, (schaudert) brr! Und hier in diesem Fache habe ich das von mir erfundene Pulver (öffnet eine Schachtel, gibt daraus eine Messerspitze voll in die Flasche und schüttelt sie.) Von dieser Mischung ein paar tüchtige Schluck und ein tiefer todtenähnlicher Schlaf tritt sofort ein. (Schließt den Schrank). Wart, Hallnnke! Will Dir's Naschen und Stehlen auf lange verleiden. (Sieht nach der Uhr.) Mittag ! Donnerwetter, bald hätte ich vergessen, daß wir beim Präsidenten zu 1 * einem äoseuner eonosrtnnt geladen sind. Meine reizende Emilie wird wohl auch eil xlsiiie xuiacle erscheinen. 2. Scene. Emilie, noch sehr jung, naiv und elegant. Eduard. Ha! Wenn man den Wolf nennt (erschrickt und verbessert sich) naht ein holder Engel. (Betrachtet sie.) Wie reizend, wie entzückend schön Du bist! Emilie.-Also gefällt meine Wenigkeit meinem Herrn und Gebieter?! Eduard. Und wie! Ich bin stolz! Stolz wie ein Fürst auf Dich, mein Königreich! Emilie. Wie gewählt Du mir schmeichelst! Du mein schöner Eduard, sag mir, siehst Du es gern, wenn ich Dich heute begleite? Wirklich gern? Eduard. Welche Frage, mein süßes Kind! Emilie. Ich für meinen Theil möchte doch lieber daheim bleiben. Eduard (erstaunt). Daheim bleiben, und allein? wo Dir doch bekannt, daß ich die Einladung nicht ablehnen konnte. Emilie. Daher mußt Du dort erscheinen und sei's auch nur für kurze Zeit! Mein Vater, meine Mutter und der hochwürdige Herr Pfarrer sagten mir immer, was man versprochen hat, muß man halten, doch ahne ich, daß ich mich wenig amusiren würde, und wann Du um Dein Weibchen besorgt bist, wirst Du auch so liebenswürdig sein, und mich bei der sämmtlichen hohen Präsidentschaft entschuldigen. Eduard. Aber die Damen rechnen alle so bestimmt auf Deine angenehme Anwesenheit. (Der Papagei schreit.) Verdammter Vogel, sein durchdringendes Geschrei wird mir unausstehlich, es wird gerathen sein, den Ohrenbeleidiger aus dein Hause zu schaffen. Emilie (erregt). Aus dem Hause? Durchaus nicht, Ich habe Bijou sehr lieb, er ist ein Geschenk meiner Tante, (mit drolligem Zorne), und überhaupt begreife ich nicht, was Du gegen das arme Thier immer hast? Eduard. Der Bösewicht hat mich gestern in den Finger gebissen. Emilie (schnell). Dann hast Du ihn gereizt! Mein Vater, meine Mutter und der hochwürdige Herr Pfarrer sagten mir immer: Quäle niemals ohne Noth, denn was Du thnst, es sieht's ja Gott! Eduard. Ich ihn quälen, welcher Wahn! Dir zu Liebe behandle ich ja Deinen Bijou wie ein zärtlicher Vater den geliebtesten Sohn (Papagei schreit.) und doch schreit der Kerl schon wieder wie ein Zahnbrecher. Emilie. Warum nicht gar wie ein Nachtwächter, armer Kakadu! Nicht wahr, Du bist krank? Eduard. Und ich werde sein Leibarzt sein. Ein sanftes Milchbad wird ihm seine Gesundheit und seine heitere Laune wieder geben! O, ich verstehe die Heilknnst eollilli6 il fruit, bin ich doch als Lieutenant selbst mehrere Monate im Thierspital gelegen. Emilie (treuherzig). Was hat Dir denn damals gefehlt, lieber Mann? Eduard (für sich). O heilige Unschuld und ländliche Einfalt! — (Laut.) Süße Emilie, ich bin ja nicht als Patient dort gelegen, ich war auf Commando. — Um die Milch habe ich unfern Lorenz bereits geschickt, wo nur der ungeschickte Schlingel so lange bleibt! (Für sich.) Der Schnapsdieb! (Er blickt nach dem Schrank.) Emilie (ironisch). Wenn man den Wolf nennt, naht ein Engel! Eduard. Dießmal ein Bengel! Der -- 5 3. Scene. Lorenz (mit einer Flasche Milch). Lorenz, der zugleich dem gnädigen Herrn und noch gnädigeren Frau allerseits die Hände küßt. (Wischt sich den Schweiß.) G'lof'n bin ich E'r Gnaden, wie a g'heiztes Dampf-Velocipederl, daß mir der Schweiß schon nur so runter povelt ist, hohoho! Kein Spiel des Windes hätt' mich eingeholt. Eduard. Und dennoch hast Du zu der kurzen Strecke Weges über eine Stunde gebraucht. Lorenz. O! E'r Gnaden! Eben weil ich so st6pxl6-e1ia86-mäßig g'lofn bin, habe ich so lang braucht! Doch das Mal war mein Hnrli-Rennen allerseits mit Sport-Hindernissen vermischt! Hohoho! Emilie (lachend). Wie so? Erzähle uns, Lorenzins! Lorenz (für sich). O Gott! Die Gnädige ist so viel lieb. (Laut.) Sehr wohl! (Erzählend.) Ich komme jetzt grad' aus dem neu gegründeten Milchverschleiß- actiengesellschaftsgeneraldirektionsbureau, und weil ich im Dienst immer sehr heftig bin, ist mir was Menschliches begegnet. Wie ich nämlich die mir vom ersten Vicemiliverschleißadjnnkten zugemessene und von Herrn Obercontrols- official'n richtig befundene halbe abgeblasene Kühwarme im Direktionslocal an den Herrn Hauptcassannterinspector bezahlt Hab, und dann durch die Liqni- datnr beim Expedit heranskommen bin, lauf' ich im ausgestreckten Galop daher, und weil meine Augen in erhabener Weis g'wöhnlich nach ob'n g'richt sind — bin ich querüber — über ein über quer stehenden Schubkarr'n g'fall'n! Der an dieses Kleinfnhrwerk gespannte Buldogg, durch meinen Sturz von der Wilhelmshöhe aus der Fassung — faßt mich mit seinen Stockzähuen beim G'nack, und es war um mich g'scheh'n g'wesen wann das Vieh nicht vorgezogen hätt', mich wieder ansz'lassen, und die Actionärmilch auf- znschleck'n, die sich aus der zerbrochenen Flasche unter mir allerseits fort'gschlän- gelt hat wie ein sauft rieselnder Bach! Eduard (ungeduldig). Weiter! Weiter! Lorenz. Sehr wohl! Nachdem ich meine von dieser Miliströmnng naß g'wordene Unaussprechliche vermittelst starker Reibungen mit meinem Schuupf- tüchel für den Anblick der soliden Menschheit wieder möglich g'macht Hab', lauf' ich wieder z'rnck in das Miliverschleiß- actiengesellschaftsgeneraldirectionsburean, um eine frische Halbe zu acqniriren und da bemerk' ich zu meinem Entsetzen, daß ich weder eine Flaschen, noch sonst ein irdenes, für Flüssigkeiten verwendbares Gefäß und auch nicht die nöthigen Fonds bei mir Hab'! Nachdem mir dann der so eben Sitzung haltende warme Kuh- miliverwaltungsrath ganz unumwunden erklärt hat, daß Darlehensoperationen in diesem Institute ausg'schloss'n sind, stürz' ich heftig aus all'» Kanzlei'n hinaus, bei meiner erst kürzlich von mir sitzen gelassenen Adelgunde von Thurmeck hinein! Gegen einen süßen Kuß als Faustpfand hat's mir 'ne saure Mili sammt einer Flaschen geben, und so war ich endlich im Stande, dem Wunsch von E'r Gnaden zu entsprechen. Eduard. Die Milch muß lauwarm gemacht werden, besorge das Lorenz. Lorenz. Sehr wohl! Emilie (rasch). Nein! Nein! Lieber Eduard, das laß' nur mich machen — Lorenz hat heute seinen malitiösen Tag, es könnte ihm noch was Menschliches passiren — nicht wahr? Lieber Lorenz. Lorenz. O, E'r Gnaden sind so viel gut und schön! E'r Gnaden sollt man zu ein Pulver zerstoß'n und all'n jungen Frauen a Paar Messerspitz voll davon eingeb'n. (Für sich.) Lieber Lorenz! hat's g'sagt, oGott! OGott! (Papagei schreit.) Eduard. Verdammter Schreihanns! Lorenz, trage den Vogel in das letzte Zimmer, dort wird er dann gebadet. Lorenz. Sehr wohl! (Nimmt den Käfig oben am Ring.) Komm' nur, Du Dickschnabel! (Papagei schreit.) Schreien kann er wie a böhmischer Declarant — aber Schreien hilft nix, Thatsachen beweisen, sagt d'Frau Wanka ans'n Riesen- gebirg. (Ab.) E IN il i e (nimmt die Milch). Nun a eilen, inon tie« eiier rnari ! Amüsire Dich so gut Du kannst, bedenke aber auch, welches Vertrauen ich Dir schenke, Du Wnndermann, indem ich Dir allein und unbewacht im Kreise so vieler schöner Damen freies Spiel lasse — ha, so eben erinnere ich mich an den Gegenstand Deiner ersten zärtlichen Empfindungen — die Frau v. Stachelbeer. Eduard (verlegen). Ja so — Du, Du meinst die da, die Stachel — Emilie. Beer! Ja wohl! Eduard. O, beruhige Dich, mein süßes Kind! Damals war ich noch Junggeselle durch und durch und jetzt bin ich ein Prachtexemplar eines treuen Ehemannes. Wer die Venns besitzt, betet keine Nymphen an! Er hat's nicht nöthig, denn er bleibt bei der Göttin der Schönheit. Emilie. Bitte, bitte, und bittesehr! Deine Nymphe Stachelbeer ist, unter uns gesagt, eine Erzcoquette, sie hat geschworen, Dich noch zu ihren Füßen zu sehen — Du, mein lieber Eduard, (mit komischer Aufwallung) wenn ihr Schwur dennoch auf meine Gefahr und Unkosten in Erfüllung geh'n sollte — weißt Du, was dann geschieht? — Eduard. Emilie! Emilie. Dann packe ich Alles, was mein gehört, zusammen, von Dir aber rühre ich nicht so viel an, denn mein Vater und meine Mutter und der hochwürdige Herr Pfarrer sagten mir immer, was nicht Dein gehört, das lasse liegen, und dann — dann muß mir Lorenz einen Regierungspaß und einen Fiaker holen, und ich (umhalst ihu) fahre Dir ans und davon! Eduard. Und ich mit allen Schnellzügen, die es gibt, Dir nach! O Du, mein süßes Kind! Kannst ruhig sein, es steht zwar nicht die Wacht am Rhein! Aber weder die Stachelbeer, noch alle anderen Beeren der Welt sind im Stande, mich vom Pfad der Tugend abzulenken, und zudem ist die Stachelbeer schon seit Langem nicht mehr in Wien — Emilie. Schau, wie gut Du das weißt, aber darin liegt vor der Hand mein Trost. Ich verlasse mich auch ganz auf Dich, spreche aber nebstbei die inhaltsschweren Worte gelassen aus: (schon an der Thür, betont) Regiernngspaß und Fiaker. (Ab rechts.) Eduard (entzückt). Himmlische Unschuld, ländliche Einfalt! Lorenz (welcher gehört hat). Ein veri- tabler Engel! Eduard. Was verstehst denn Du von solchen Wesen. Lorenz. Bitt', Euer Gnaden! bitte sehr, ich war zwei Jahr Speisentrager bei die drei Engeln auf der Wieden, dann ein Jahr beim Engländer! Da steig'n die gefallenen Engeln sogar vierteldutzendweis herum. Und unsere göttliche, gnädige Frau! Schön schon anderthalb Klafter über die Möglichkeit hinaus, und ein Herz hat's und ein Verstand! Eduard. Mir scheint, Duschwärmst. Lorenz. Euer Gnad'n, ich schwärm' für alles Geistige. Eduard (für sich). Also auch für meinen Kümmel, verfluchter Kerl! (Laut.) Was seufzest Du! Lorenz. Weil mich was auf'n G'wissen druckt wie ein Mühlstein, E'r Gnaden! Eduard (für sich). Aha, nun wird er mir seine Schnapssünde beichten, aber ich will dem Pharisäer eine Buße auferlegen, daß er sich wundern soll, 7 ß l s (laut) also drückt es Dich, Schlingel! Willst Du von mir ein mildes Urtheil hören, so gesteh' ohne Hinterhalt! Was hast Du verbrochen! Du diebische Elster? Lorenz. Bitt', von einer Elster ist ja gar keine Red', den schreimaulenden Paperl Hab ich um d'Erd g'haut. Eduard (für sich). Also vor der Hand ein Mißverständlich, (laut) und warum hast Du das gethan? Lorenz. Ans dem einfachen Grund, weil, wie ich'n so in der Luft trag'n Hab', oben der messingene Ring los- gang'n ist. Eduard. Ist ihm was geschehen? Lorenz. Mir, E'r Gnad'n? Eduard. Dem Vogel! Lorenz. Viel muß ihm nicht g'schehen sein, weil er nichts g'sagt hat, höchstens a kleine Gehirnerschütterung. Eduard. Genug davon. Doch höre, und befolge, was ich Dir sage, ganz genau. Nachdem die Köchin und das Stubenmädchen die Erlaubniß erhielten, nach Petersdorf auf den Kirchtag zu fahren, bist Du allein Hüter des Hauses. — Du wirst Dich also um keinen Preis aus diesem Salon entfernen — aber auch Alles unberührt lassen! Hast Du gehört, unberührt! Lorenz (für sich). Was meint er denn damit? Eduard. Noch Eines, es ist möglich, daß ich etwas später heimkomme und damit ich Niemanden zu wecken brauche, hier der Schlüssel (gibt ihm den Schlüssel, den er vom Schrank gezogen) Zur kleinen Thüre, auf mein leises Klopfen wirst Du mir öffnen. (Halblant.) Falls Dich dürsten sollte, trinke nur Wasser! (Heiter.) Ein oder zwei Gläschen Kümmel schaden zwar auch nicht, aber heimlich getrunken, sind die Folgen oft entsetzlich ! Nun fort! (Im Abgehen für sich.) Dießmal sitzt er mir auf. Lorenz (ihm nachrufend). Sehr wohl! Was der Gnädige nur allweil vom Kümmel santasirt, das versteh ich nicht. Mich laßt er mit seiner, eigentlich mit unserer jungen bildschönen Frau mutter- nnd vaterselig allein. Ich kann mich irren, aber wann ich mich nicht täusch', so hat sie ein Ang' auf mich, sonst saget sie nicht so g'schmackig „lieber Lorenz!" (Besieht sich.) Man ist aber auch nicht ohne! Man ist jung! Man ist nach den neuesten Bauvorschriften gebaut. (Setzt sich.) Man weiß sich noble Stellaschen zu geben. (Gähnt.) Wie einladend so ein Fanteuilsitz für ein Schläfchen ist! — (Einschlafend.) Wann sie so käm', die Reizende, und sehet ^mich so malerisch hinge — hinge. — (Singt.) O die Weiber! Die Weiber — sie sind so lieb und — schön! sie sind, (murmelt und agirt,) das muß man gesteh'n. 4. Scene. Emilie (schleicht schüchtern herein.) Er ist fort, und Lorenz entweder auf seinem Zimmer, oder nebenan im Gasthaus. Die Situation für mein Vorhaben ist allerliebst. Mein Vater, meine Mutter und der hochwürdige Herr Pfarrer sagten mir zwar: „Wandte nie auf unheimlichen Wegen," darum ist mir auch so sonderbar zu Muthe, — allein (verschämt) verbotene Früchte schmecken gar so gut. Merkwürdig! diese Angst, die mich befällt! Mich friert, (nähert sich dem Schrank) als wollt' ich ein Verbrechen begehen. (Kindlich lachend zeigt sie auf die Liqueurflasche.) Nur Muth! (Rüttelt an dem Glasfenster.) Lorenz lsingt im Schlafe). Adelgund! Kannst ruhig sein, hier schlaft die Wacht am Rhein! Emilie (entsetzt). Hä! Dort liegt Jemand ! (Will fort und stößt den Sessel um.) Lorenz. Adelgunda! Laß' ab von mir! (Erwacht und schreit.) Ha! Dieb! Räuber! Mordbrenner! Die ganze Commune von Paris hat eingebroch'n. 8 Was sieh' ich! Die gnädige Frau mir so nah'! Verzeih'» E'r Gnaden, daß ich weg'n nix und wieder nix so ein Esels Spectakl' g'macht Hab'! (Für sich.) Sollt' sie wirklich in mich so vernarrt sein!! Emilie. Der langweilige Mensch! (Laut.) Lorenz! Ich will allein sein. Lorenz (ebenso barsch). Ich auch! (Sich verbessernd.) Das will so viel gesagt sein, als, der gnädige Herr hat mir befohlen, hier allein zu sein und auf Alles ein wachsames Aug' zu heften! Hohoho! Emilie. Sonderbar, wozu und warum diese Vorsicht! Lorenz ^ (wichtig thuend). Ja, seh'u E'r Gnaden, jedes Warum hat sein Darum, nur bin ich als Diener nicht berechtigt, zu fragen! Nehmen wir zum Beispiel an! Der gnädige Herr saget zu mir, „Lorenz! putz' mir die Stiefeln, und ich fraget ihn warum." So wär' zwischen uns der Bruch auch schon fertig — folglich bleib' ich da! Und (setzt sich) wann's sein muß, bis zum jüngsten Gericht! Hohoho! Emilie (für sich). Wie bringe ich diesen Cerberus fort! Ha! Ich hab's. (Nähert sich ihm.) Lorenz! Lieber Lorenz! Lorenz (bei Seite). Lieber — o Gott! Das lieber ist mir lieber als — Emilie (schmeichelt). Du bist ein recht hübscher Manu und ein so braver Diener, daß man Dir herzlich gewogen sein muß. Lorenz (für sich). Sie bekennt schon Färb', also wollen wir zugeben! (Laut.) O! E'r Gnaden! Auch wir sind in — Dingsda! Wie heißt nur das Nest! Emilie. Arkadien? Lorenz. Richtig! In Arkadien geboren, und E'r Gnaden am allersehrsten gewogen! Schauen E'r Gnaden, für so ein lieb's G'schöpf, wie E'r Gnaden ein's zu sein belieb'», geht ein Lorenz heut' durch's Feuer und morg'u durch's Wasser. Emilie. Also für mich durch's Feuer und Wasser! Nur nicht um ein Gefrornes für mich nebenan zum Cou- ditor. Lorenz, Lorenz! Deine Worte sind schöner als Deine Thaten! Lorenz (erregt). Ha! Mir so was! E'r Gnad'n nicht alles G'frorne allein! Auch den Zuckerbäcker bring' ich! Todt oder lebendig! Wie'n E'r Gnad'n halt lieber hab'n woll'n! Emilie (lachend). Du bist zu liebenswürdig ! Nur einen Becher Eis wünsche ich, sonst nichts. Lorenz (für sich). Ich spann' was, sie möcht' mich a tont xrix — fort hab'n ! (Laut.) Ich weiß zwar nicht g'nau, geh' ich um's Eis, oder anf's Eis! Aber E'r Gnad'n Wunsch ist mir Befehl! Daher stürz' ich ab! (Eilt ab.) Emilie. Endlich bin ich ihn los, zwar nur für wenige Minuten, darum rasch an's Werk! Es treibt mir das Blut in's Gesicht, und kann ich der Sehnsucht nicht widerstehen, ist's doch zu verlockend! Und sagte nicht mein Vater, die Mutter und der hochwürdige Herr Pfarrer selbst zu mir: „Es gibt geheime Wunderkräfte in der Natur, die Denjenigen, der sie erforscht und benützt, reichlichst lohnen!" Und Eduard als tüchtiger Chemiker hat solche Wunderkräfte benützt! Der Schelm sagt zwar aus Eitelkeit sein Elixir-Kümmel wirke nur bei Männern, allein Mann und Weib ist ein Leib! Folglich, Herr Gemal, werde ich auch davon profitiren! Während er für immer seine männliche Schönheit und Jugend sich bewahrt, soll ich Jahr für Jahr älter werden (weinerlich) und am Ende wohl gar Falten und Runzeln bekommen! (Rasch.) Fällt mir nicht ein! Also, laut Vorschrift täglich nur zwei Gläschen! (Versucht, den Schrauk zu öffnen.) Himmel! Was seh' ich! Der Schrank ist gesperrt! Der Schlüssel fehlt! (Rüttelt stark.) 9 5. Scene. Lorenz (mit dem Schraukschlüssel in der Hand, sieht ihr erstaunt zn). Ja, was hat denn Die? — Die wird doch nicht — ah da legst Dick- nieder! (Laut.) Ab'r, E'r Gnad'n, was thun's denn? Emilie (erschrickt). Ha! Ich! Ich! Du, Lorenz! Du List so schnell, wo hast Du den Zuckerbäcker, das Eis, wollt ich sagen? (Für sich.) Diese Verlegenheit! Lorenz. Bitt' E'r Gnaden, mir ist schon wieder was g'scheh'n! Eh' der gnä' Herr fort ist, hat er mir den Schlüssel zur kleinen Thür geb'n, und (lacht) wie ich's aufsperr'n will, seh' ich, daß sich der gnädige Herr g'irrt hat, weil das der Schlüssel zn dem chemischen Glaskasten da ist — hohoho! Emilie (freudig). Der Schlüssel vom Glasschrank?! Lorenz (steckt den Schlüssel ein). Das ist der Unrechte und den Schlüssel von der Hanptthür hat der gnädige Herr auch mitg'nommen, folglich sitzen wir Beide jetzt in der schönsten Einzelnhaft! Emilie. Du wirst Dich doch nicht fürchten, lieber Lorenz, mit mir allein zu sein? Lorenz (für sich). Ha, sie stellt mir mausfallartige Fragen. (Laut.) O, E'r Gnad'n, ich kenn' keine Furcht in derer Beziehung nie nicht! Emilie (für sich, sehr traurig). Heute muß ich also, auf die zwei Gläschen verzichten; wenn eine Unterbrechung der Cur nur nicht schadet! Er hat gewiß seine zwei getrunken. Mein Gott, ich kann doch vom Lorenz den Schlüssel nicht verlangen! Lorenz. Sie brütet über etwas nach! Emilie. Ich werde ans mein Zimmer geh'n, und was thust Du, Lorenz? Lorenz. Ich werde dann Einsied'lei treib'n, und mich dabei langweilen über die Möglichkeit! Emilie (halblaut). Was ist das! Ich kann mich von hier nicht trennen. Lorenz (ebenso). Sie kann sich von mir nicht trennen! Emilie. Das Hinderniß steigert mein Verlangen bis zur Sehnsucht! Lorenz. Verlangen, Sehnsucht! Das ist schon die rechte Dick'n! O reizendes Weib! Emilie (zart). Lorenz, ich war vielleicht schon manchmal hart gegen Dich! Du Weißt, ich bin nervös, (setzt sich zu ihm) deßwegen bin ich Dir aber doch zugeneigt. Lorenz. Zugeneigt! O heiliger Lorenz Emilie. Und Du bist mir wohl auch ergeben und treu? Lorenz. Treu. E'r G'nad'n! Da ist eiiiZ Pudl ein falscher Kerl dagegen! (Bei Seite.) Und wie schön sie ist. Emilie. Gut, so will ich Dich ans die Probe stellen, und Dir mein Ge- heimniß anvertrauen. Lorenz. Sie will mich probiren! (Laut.) O ich bitt' sehr! Emilie. Vor Allem, lieber Lorenz, mußt Dir mir versprechen, unser Ge- heimniß Niemand zu entdecken, am allerwenigsten meinem Mann! Lorenz. Dem am allerwenigsten! Das ist doch so klar wie unsere Verfassung! (Für sich.) Ganz Potiphar's Weib! Und ich der Josef. Emilie. Was überlegst Du? Lorenz (verwirrt). Ob ich mein' Mant'l im Stich lass'n soll, oder nicht. Emilie (erstaunt). Was für einen Mantel? Lorenz (erschrickt). Ja so! Ich bitt' um Verzeihung, ich red' manchmal ein Stiefel z'sammen. — Das Geheimniß muß in den Mantel der Verschwiegenheit eingewickelt werden, denn so eine Entdeckung wäre schauderhaft. Emilie. Gar so schauderhaft wäre sie eben auch nicht. 10 Lorenz. Nicht?! Jetzt liegt ihr schon an gar nichts mehr was d'ran. Emilie. Also sprechen wir von dem Schlüssel, den Dn in der Tasche hast. Lorenz (erstaunt). Was soll denn g'scheh'n mit ihm? Emilie. Du wirst mir gehorchen und mit ihm den Schrank öffnen. — Lorenz. Sehr Wohl, (öffnet rasch) er ist offen. Emilie (freudig erregt). Er ist offen! Bemerkst Du nicht einige Liqnenrflaschen? Lorenz. Ich bemerke zwei Stück! Eine volle und eine bereits angegänzte! Emilie. Stelle also die schon geöffnete ans den Tisch, nimm' zwei Gläschen und schänke ein, Eines für mich, das Andere für Dich. (Für sich.) Warum soll denn der Lorenz nicht auch hübsch und jung bleiben? Lorenz. Ein's für mich? (Bei Seite.) Entweder will sie mich allerseits betäuben, oder mit mir Bruderschaft trinken. (Schänkt ein.) Emilie. Jetzt komm' und setze Dich zu mir. Lorenz (thut es). Herr Gott! Jetzt schwebt meine Tugend in der höchsten Gefahr. Emilie (lüstern). Nun soll's uns aber auch schmecken. (Leert das Gläschen, schänkt sich ein, gibt Lorenz die Flasche, welche er auf den Tisch stellt, trinkt das zweite Glas aus.) Wie gut! Lorenz (erstaunt). Unbegreiflich! Das zarte Wesen und so eine ausgesprochene Schnapsschwester. Emilie (plötzlich erregt). Und warum trinkst Du nicht, Lorenz? — Was ist das ! Das Getränk hat einen sonderbaren unangenehmen Nachgeschmack! Welch' ein eigeuthümliches Gefühl. (Wankt.) Es saust und rauscht wie ein Wasserfall! Lorenz (singt für sich). Allerweil a wengl rauschi! (Laut.) Ha diese schwankenden Bewegungen. E'r Gnad'n hab'n vielleicht gar einen Rausch? Das wär' ja schrecklich ! Emilie. Ich — ich weiß es nicht, (wankt zur Lllaiss konfus) mir wird gelb und schwarz vor den Augen. Lorenz. Sie sieht ein Schilderhaus ! Schreckliche Verlegenheit! Emilie. Lorenz! Eduard! Ich sterbe! (Sinkt zurück.) Lorenz (in großer Augst). Sie hat ihr Bewußtsein verloren ! was fang' ich an ! E'r Gnad'n, bringens mich nicht in gelinde Verzweiflung! Ich bin eingesperrt mit ihr, und sie gibt keine Antwort! Was habe ich sie denn trinken lassen? (Besieht die Flasche.) Ha! Gift! entsetzlich! Ich gründlicher Mörder Hab' sie ge- tödtet! Diese Laufereien und die Verdrießlichkeiten, die ich jetzt beim Landesgericht in Strafsachen hab'n werd! und die öffentlichen Schlnßverhaudlungen genir'n Ein' halt gar so. (Sieht sie an.) Sie hat sich g'streckt. (Weinend und händeringend.) Sie ist eine leichenbleiche Leiche! Lorenz! Lorenz! was haste gethun?! (Erschrickt.) Ha! Ich höre Fußtritte! Der Gnädige ist's, vor Allem muß ich ihre, irdische Hülle verhüllen. (Deckt sie mit dem Tischtuch zu — schiebt die spanische Wand vor.) Wie mich der Mord auf der Seel' brennt', ich derft selb'r a Flasch'n voll Schnaps getrunken hab'n. (Räumt die Flasche in den Schrank.) Fort, ihr Mordwerkzeuge ! Ich zitt're wie ein Bebender an allen Gliedern! Der feine Leichendunst! Und Er kommt so eben! Wenn er sie sieht, bin ich verloren. (Schließt den Schrank, das zweite volle Glas hat er auf dem Tisch stehen lassen). 6. Scene. Eduard (leise eintretend). Ha! Der Schlingel steht beim Schrank, nun ertappe ich ihn aus der That, ob er wohl schon getrunken hat, das wird sich ja zeigen! (Laut.) Du hast mich wohl so schnell nicht erwartet, Lorenz? 11 Lorenz (bebend). Nein, ja — das heißt ja, ja, sehr wohl. Eduard (bei Seite). Aha! er hat schon! Will ihn beobachten. (Laut.) Lorenz, meine Pfeife (setzt sich in einen Fauteuil). . Lorenz (erschrickt). Pfeifen? E'r Gnad'n, wer'n in dem Salon da jetzt doch nicht rauchen wollen? Eduard. Du wirst mir's doch nicht wehren, Schafskopf! Lorenz. Ich! Warum nicht gar, E'r Gnad'n. (Eilt ab.) Eduard. Er scheint doch nicht getrunken zu haben, hätte einige Minuten später kommen sollen, warum aber diese Verlegenheit? Lorenz (bringt einen Pantoffel). Hier, E'r Gnad'n, sehr wohl! Eduard. Soll ich ans dem Pantoffel rauchen! Galgenstrick. Lorenz (sieht zitternd nach der spanischen Wand). Galg'n! Strick! Lebenslänglich hingerichtet! E'r Gnad'n sind heut' gräßlich bei Laune. Eduard. Ja etwas! Unangenehme Geschichte; habe soeben eine Einladung bekommen zum Landesgericht. Lorenz (bei Seite, entsetzt). Landesgericht! Er Einladung und ich Vorladung. O Gott, o Gott! Eduard. In Strafsachen; es handelt sich darum, daß ich als Chemiker bei einem Giftmorde! — Lorenz (bei Seite, wie oben). Giftmord ! Also wissen's sie's ob'n schon! Eduard. Mein Gutachten abgebe! Sage ich ja, so baumelt der Kerl! Lorenz. Baumeln! (Greift an dm Hals.) Gräßlich, grad da herum, wo ich so kitzlich bin. Eduard. Bursche, was fehlt Dir, Du wankst ja wie ein baufälliges Haus ! Was macht meine Frau! Lorenz (bei Seite). Heiliger Severi- nus! Jetzt kommt's aus! (Laut und stot- ternd.) E'r Gnad'n, meinen die Gnädige nämlich? Eduard. Hab' ich denn zwei, eine gnädige und eine ungnädige? Lorenz. Gut wär's schon, wenn der Mann zwei Frauen hätt', stirbt eine, hält' er doch die andere, die er ans der Reserve einberufen könnte. Eduard. Woher diese Grab-Ge- danken? Bist Du gemüthskrank, so geh' zu Bett. Lorenz. O Gott nein, E'r Gnad'n, ich bin gar verdammt lustig, (sieht öfters nach dem Schirm) ich fühl den g'wiss'n Galgenhumor. (Bei Seite.) Es Jaro- schinskerlt und Graselt so gewiß in mir! Ich kann ihm doch den Leichnam nicht da lassen. Eduard. Geh' mit Deinem Galgenhumor wohin Du willst, mich lasse aber hier allein. Lorenz (bei Seite). Er mußd'Strank'n hab'n, weil er gar nichts ahnt. Ich muß also fort. Kommt der Mord im Kohl- messergass'l an die Sonn'! Dann leb' wohl, Mond! leb' wohl, Madrid! (Mitte ab). Eduard. Es muß mit dem Kerl etwas vorgegangen sein, vielleicht kann mir meine Frau Ausschluß geben. (Rechts ab.) Emilie (lang sam erwachend). Wo bin ich? — Ja was ist denn mit mir geschehen? (Richtet sich auf und reibt sich die Angen.) Ich muß geschlafen haben einen tiefen Schlaf. Ja, ja! Jetzt erinnereich mich! Er kam so plötzlich — ich konnte mich seiner nicht erwehren! Eduard bleibt lange, sehr lange. Wo ist Lorenz? Mein Mann darf die Geschichte von den zwei Gläschen um keinen Preis erfahren, sonst sperrt er sein Arcanum künftig hinter Schloß und Riegel, und ich bekäme mit der Zeit ein faltenreiches Gesicht! (Links ab.) 12 7. Scene. Lorenz (steckt den Kopf zur Thür herein). Der Gnädige ist richtig fort! (Tritt ein.) Die Gewissensbisse malträtir'n mich wie im Sommer die Gelsen. Be- klagenswerthes Opfer durch ein Mißverständnis;. Er mnß sie noch nicht g'seh'n hab'n, sonst hätt' er mir schon lang ein' Tanz g'macht. (Sieht hinter die Wand.) Ha, sie ist nicht mehr da! So g'schwind kann sie doch nicht ein Raub der Verwesung wor'n sein! Nein! nein! Sie ist auserstanden (sinkt in einen Sessel) und ich bin entdeckt! Schon wimmeln in mein' Kopf a Stuck a vierzig Sicherheitsmänner herum! O, ich weiß was ich thue, damit mir Niemand mehr auf der Welt was z'schafs'n hat, schaff' ich mich ans der Welt. (Sieht das Glas.) Ha, Du boshafter, giftiger Trank Hab' ich sag'n woll'n, sollst auch mich hinüber bringen in die schlesischen Felder. So schön, jetzt ist mir eine Flieg'n neing'fall'n in den Maitrank des Todes! Und wie's zappelt! Schon streckt sie alle sechse von ihr. (Nimmt sie heraus.) Hin ist hin, und somit wieder ein Mord! Aber von der kleinen Gattung! (Schleudert sie weg.) Fort! Du sollst nicht modern in den Jngeweiden meiner irdischen Umhüllung und nun behutsam zur raschen That. 8. Scene. Eduard (für sich). Er ist und bleibt todt, folglich wird mich das Beest nicht mehr ärgern. Lorenz .(sieht Eduard). Ha, er ist's! Es ist zu spät, ich bin verloren! Eduard (traurig). Lorenz! Du wirst wohl auch schon wissen, todt ist todt? Lorenz (wischt sich den Angstschweiß). Ob ich's weiß, (weinend) entweder Uiätä oder Uomx! Eduard. Scherze nicht, warum hast Du mir's nicht gleich mitgetheilt? Lorenz (fällt ans die Kniee). E'r Gnad'n, thun's mit mir, was E'r Gnad'n woll'n, nur glanb'n E'r Gnad'n nicht, daß ich der Mörder bin! Eduard. Steh' ans, nur Deine Unvorsichtigkeit ist Schuld. Jedoch was geschehen ist, läßt sich nicht ungeschehen machen. Steh' ans! (Halblaut zu ihm.) Und unter uns gesagt, das Unglück ist ja nicht gar so groß, ich bin keineswegs trostlos darüber. Lorenz (sieht ihn dumm an). Was! Nicht trostlos? Eduard. Nicht im Mindesten! Lorenz. Aber E'r Gnad'n nehmen so a Sach' doch gar von der leicht'n Seit'n. Wann man bedenkt so jung! So viel schön und die liebe Sprach'. Eduard. Dafür aber auch launig und boshaft genug! Lorenz. A bisserl a Nachsicht soll unser Einer doch hab'n. Eduard. Nachsicht, wann man aus Wuth in den Finger gebissen wird. Lorenz (für sich). Also biss'n hat's auch, da bin ich froh, daß unser Ver- hältniß nicht zu Stande kommen ist. Eduard. Lassen wir das, äs inor- twm nibil und so weiter! Am meisten ist dabei meine arme Frau zu beklagen. Lorenz (seufzt). Wohl am sehrst'n, E'r Gnad'n. Eduard. Dafür lasse ich ihr den Körper ansstopsen. . Lorenz (bei Seite). Entsetzlicher Wi- tiber! Er laßt den Körper ausstopfen. Eduard. Und an einen Ersatz habe ich bereits auch gedacht. Lorenz. E'r Gnaden arbeit'n doch schon mehr mit Dampf. Eduard. Wahr ist's, rasch bin ich in allen meinen Handlungen, manchmal nur zu rasch! Was seh' ich! Dort mein Lieblingsgläschen mir aus dem Schrank genommen und gefüllt bis an den Rand! Spitzbube, Hab' ich Dich endlich auf der 13 That ertappt! Du List es also, der sich täglich sein Gemülh mit meinem Kümmel erfreut! Das ist vielleicht heute schon das dritte Gläschen! Aber das sollst Du nicht mehr haben. (Leert es rasch.) Lorenz. Um Gotteswillen, E'r Gnaden! Das war ja Gift. Eduard (entsetzt). Himmel, jetzt fallt's mir ein! Verdammte Mischung! Einem Andern wollt' ich die Grube graben, und jetzt falle ich am Ende selbst hinein! Lorenz (für sich). Der Daniel in der Löw'ngrnb'n, (schlägt die Hände zusammen) armer, armer gnädiger Herr. Eduard (ärgerlich). Halt Dein Maul, Schafskopf. Lorenz. Zn Befehl. Eduard. Donnerwetter! Die Dosis war zu stark und es gibt kein Gegenmittel. — Du, Du bist an Allem schuld! Ich kann nicht — widerstreben — entsetzlich, so schnell! (Fällt in die ell<-Ü86 lonAns.) Es ist ans. (Schläft ein.) Lorenz. So schön, jetzt ist der auch bei die Andern! (Rührend.) HM Dein Maul, Schafskopf! war'n seine vorletzten Wort', die er mir anf'n Sterbbett zug'wispelt hat. Kaum eine halbe Stund', und ich Hab' einen kleinen und zwei große Morde aus meinem G'wiss'n! A schöne G'wissensfreiheit übereinander! Das wird eine Hinrichterei! Von weiten her wern's dazu Verguügnngszüg' arran- giren. (Stellt die Wand vor.) Wie wär's, wenn ich ihm die Mili eingießet, in der sich der Paperl badt hat! Wenn er nicht maustodt ist, kann ich'n vielleicht noch retten. (Hat ihn während dieser Rede mit dessen Ueberzieher überdeckt; will ab.) 9. Scene. Emilie (in Negligä, ganz weiß, tritt ihm entgegen). Lorenz (schreit entsetzt auf). Ha, ihr Geist! Emilie (gedehnt). Lorenz, endlich finde ich Dich! Lorenz (fällt in die Knie). O, dahin - geschiedenes Wesen, habe Mitleid mit Deinem Mörder! Emilie, Mörder? Wie so denn? Lorenz (steht ans und putzt sich die Knie ab). Was, E'r Gnad'n sind vielleicht kein Geist? Emilie. Ich todt? Im Gegentheil, ich bin frisch und munter! Lorenz. Munter auch? (Bei Seite.) Ja so, sie weiß noch nicht, daß er, o heiliger Severin! Emilie. Auf den Liqueur war ich eingeschlafen; als ich erwachte. Hatteich großen Durst, ich fand die Milch, die Du gebracht hast, und habe sie ausgetrunken bis auf den letzten Tropfen. Lorenz (schlägt entsetzlich die Hände zusammen). Was, die Milch hab'tt E'r Gnad'n trnnk'n? (Für sich.) O, pfui Teufel! Jetzt ist er rettungslos verloren. Emilie. Sag' mir, Lorenz, ist denn mein Mann noch nicht gekommen? Lorenz (erschrickt). Mein Mann? Jhner — gnäd'ger Herr?! Was soll ich ihr sag'n! Ich glaube, noch nicht — Emilie (erregt). Ha, ich schöpfe Verdacht ! Lorenz. Sie schöpft! O, mein Schöpfer! Emilie. Wäre ich nicht sicher, daß diese eroberungssüchtige Frau von Stachelbeer auf dem Laude ist — Lorenz. Anf'n Land! Bitte, ich habe die Stachelbärin fahr'n g'seh'n vorhin, wie ich um die Mili war. Emilie (immer erregter). Ist das Wahr? Der Abscheuliche ist bei ihr und unterhält sich mit ihr! Er wird sie nach Haus begleitet haben und liegt jetzt zu ihren Füßen. Lorenz (für sich). Wie man aber ein' Todten so bös Nachreden kann. — Sie weint, und er hat ausgerungen — sie wird ihm ein' Grabstein setzen mit der Inschrist: »Schon früh trank er 14 den bittern!" Und auf der andern Seite: „Kelch der Leiden ans!" Emilie. Mich vernachlässigen wegen einer Person, die weder geistreich noch schön, vielmehr dumm, alt und häßlich ist, noch dazu, wo er weiß, daß ich unwohl bin — sehr unwohl. Lorenz. Ja, so ein Katzenjammer vergeht nicht so geschwind. Emilie. Das ist zu viel, (immer heftiger) ich will nicht länger bei dem Mann bleiben mit dem Januskopf, der mit falschem Gesicht ihr, und mit einem noch falscheren mir entgegenlächelt. Lorenz! Loren z/ E'r Gnad'n! Emilie. Hol' mir einen Regierungspaß und einen Fiaker, ich reise zu meinem Onkel! Lorenz. Sehr Wohl! (Bei Seite.) Sie entführt mich gewaltsam. Emilie. Fort mit allen ästhetischen Bedenken! Du wirst mit mir reisen, mich schützen vor Gefahr! Lorenz (für sich). So einen Brand Hab' ich noch nie lodern gesehen! Emilie. Ich liebte ihn glühend, seine Untreu hat die Liebe in Haß verwandelt. Lorenz. Menschentreue und Haß! E'r Gnad'n! Auch ich Hab' dringende Ursachen, diesem Haus zu entfliehen! Ja fort, recht weit von den k. k. öster- reick-ungarischen Staaten hinüber über den blauen Oceau! Und dort in den baumwoll'uen Regionen am Ufer des Musisiffi nicht weit von O! hio! beim Sacramento! Dort woll' wir uns eine dreistöckige Hütt'n bau'n und Ruhe, Orduuug und Sicherheit wieder finden! Emilie. Reizend gesprochen; ich eile, meinen Schmuck und meine Sachen zu packen. (Ab) Lorenz. Und ich pack' mich, eh' sie mich packen! Der arme Herr, wenn wir fort sind, kann er sich nachher allein begraben lassen, wie er will, mit oder ohne Pump. Eduard, (welcher schon früher erwacht und leise aufgestanden, nimmt von rückwärts Lorenz beim Ohr). Er wird sich Euch zu lieb aber nicht begraben lassen, Du Schlingel! Lorenz (entsetzt). Gräßlich! Indem Haus wandern die Leichnams herum, wie bei einer Geistererscheinuug von Kratky-Baschyk! Wern' sich E'r Gnad'n gleich wieder niederleg'n, wann Ihnen d' gnä' Frau als Geist sieht, kann's alle nervösen Zustäud' krig'n! Eduard. Du Spitzbube willst also meine Fran in die baumwollenen Regionen entführen! Lorenz. Ich nicht, sie — sie mich! Wann E'r Gnad'n noch ein Funken Leb'n in Jhnerer irdenen Hülle g'spür'n, so müssen Sie das bei der gnädigen Frau nicht im Ernst meinen — Sie hat zuvor ein Branntwein trnnk'n, und — Eduard (paff). Wie! was! meine Frau schnapst! Lorenz. Sie schnäpst sogar, weil's zwei Glast trunken hat. Emilie (mit einem Brief, hat zugehört). Wie? er ist und war zu Hause, während ich ihn bei der Stachelbeer vermuthete. Eduard. Emilie! Brausekopf! Was wolltest Du thun, an den Ohio und Sacramento flieh'n und mich verlassen! Also richtig Regierungspaß und Fiaker! Emilie (beschämt). Weil ich Dich untreu wähnte, wollte ich Dich verlassen. — Dieser von meinen Thränen durchnäßte Brief wird Dir Alles sagen. Eduard (liest). „Ungetreuer! Quälender Eifersucht! Stachelbeer!"(Lachend.) Gelinder Wahusinn! Emilie! wie allerliebst bist Du in Deiner Schwärmerei. Emilie. Eduard, verzeihe mir, weiß's Gott, ich schäme mich meiner Uebereilung! Eduard. O mit Freuden, (sehr delicat) nun aber sage mir Du, mein herziges Kind, ist's wahr, daß Du von dort aus der Flasche? 15 Emilie (herzig). Täglich uur zwei Gläschen, weil ich auch so schön und jung bleiben will, wie Du! Eduard, Du bist himmlisch in Deiner kindlichen Einfalt! Du hast mir also diesen Scherz auf'S Wort geglaubt, und Du, Lorenz, hast aus diesem Grunde dieses ebenfalls geglaubt! Lorenz (sich ereifernd). E'r Gnad'n, ich schwör'S, daß ich noch nie ein Schnaps trunk'n Hab'. Eduard. Und grad' Dich hatte ich im Verdacht! Lorenz. O, ich ahne, der Leim war eigentlich für mich aufg'richt! Emilie. Und ich Hab' mich d'ran gefangen. Vergib! vergib mein Eduard! (Während der letzten Rede Eduard. Von ganzer Seele, mein holder Engel; und damit ich Dich überzeuge. Lorenz schänke aus der zweiten vollen Flasche für meine Frau und mich ein Gläschen ein. Lorenz. Sehr wohl. (Thut es und servirt.) Eduard. Nimm, heißes Täubchen — jedes ein Gläschen! Beide. Also! Nur zwei Gläschen. (Stoßen au.) Mein Engel! Mein Eduard! Lorenz (zum Publicum). Großartig! Jetzt heißt er's wieder ein Engel um den andern, und vor einer Viertelstnnd' hat er ihr'n Körper noch wollen ausstopfen lassen. fällt der Vorhang langsam.) / Verlag der Wallishausser'schen Buch handlung (Josef Klemm) in Wien. Hute Unterhaltung von I., IV. und V. Sammlung jede L 80 kr. III. und IV. Sammlung jede L 60 kr. Die mit * bezeichneten Nummern sind in Versen (das Uebrige in Prosa). In Halts-N eberficht: Erste Sammlung. Er sucht einen Platz. Scene, 2 Personen. Ein Wiener Fiaker. Localscene, 2 Pers. Complimeute. Die Wiener Werkelmänner. Etwas über die Nase. Kegelbahn und Lebensbahn. Die Wiener-Maier. Die Kunst Inserate zu machen. Zur Naturgeschichte der Dummen. Humoristische Streiflichter. Gedanken über allerlei Kinder. * Was ist ein Jahr? * Die Geltzgenheitsdichter. * Alles durch die Frau. * Ha, he, hi, ho, hu. * Mir hat amal vom Teufel tramt. * Ich bitte. * Die Bürgschaft und der Taucher. * Schon gut. Zweite Sammlung. Ehe und Eisenbahn. Vergnügen und Passion. Ans den Augen Gelesenes. Verschiedene Sterne. Selbstbiographie eines Witzes. Etwas Kleines über große Männer. Fragmaier. Geschwind, was gibt's Neues? Hinter dem Kutschbock. Gedanken über Worte. Fremdwörterliche Verwechslungen. Von der Jägerei. Schöne Leute. * Frauen und Vereine. (Vortr. für iDame.) * Ungeduld. (Par. des Schubert'schen Liedes.) *O welche Lust, Schauspielerin zu sein. Dritte Sammlung. Zum Capitel vom Schuldenmachen- Nur für Erwachsene. Irdische Seligkeiten. Wein, Weib und Gesang. Glossen über deutsche Sprichwörter. Ein Schmerzensschrei aus der Thierwelt. Wienerische Sprachsünden. Biblische G'schichten und Sachen. _ Schule und Leben. Im Kaffeehause. I—IV. Gedanken über Tod und Teufel. (Ein humoristischer Gallimathias.) Aus den Memoiren eines Affen. * Allerhand G'schichten. * Auf dem Papier. * Was man im Kalender sucht. * Das Pfänderspiel. Merte Sammlung. Ein Hötel-Hausknecht, Scene für 1 Pers. Llarollsm Oonsalani, Scene für 1 Pers. Gedankenstriche. Inserat und Annonce. Beim Chinesen. Bettler und Haufirer. Bei der Burg-Musik. Ein Vortrag über Köpfe. Frauen und Cigarren. Judiscrete Plaudereien aus meinem Kleiderschrank. Allerlei Touristen. I—IV. * Was in Wien Alles merkwü rdig ist. * Wer hat's g'sagt? * Blümel-Blamel. Künste Sammlung. Eine Vorprüfung. Komische Scene, 2 Pers. Allerlei Mütter. Character-Scene, 2 Pcrs. Causerie auf der Pauke. Komische Solo. Scene mit Gesang. Die Kunst billig zu leben. Verschämte Arme- Eine musikalische Glosse. Im Fasching 1876. Mnsentheologische Vorstellung Beim Stehbier. ^Prolog. (Zu einer Dilettanten - Wohl- thätigkeits - Vorstellung.) * Ich habe nichts. (Gesprochen von Frl. Buska.) * Die Hoffnung. (Frei nach Schiller. Vorgetragen von einem Subalternbeamten.) 2 Des Kater's Herzenload. (Nach der Melodie, des bekannten Liedes.) * S' ist Alles nur g'redt. Wiener Couplets von Merg, Merla, ISittner, ZSlank, Aöhm, Doppler, Eberhard, Elmar,Keldmann, Klamm, Kriese, Kottsleven, Orandjean, Hrois, Grün, Kründorf, Kassner, Kopp, Zur», Kaiser, Kola, Langer, Megerle, Merlin, Worländer, Moser, Mestroy, H'sundhelker, Aost, Schönau, Hesko, Hreumann, Parry, Weihrauch, Wimmer, Wysöer. Sechs Hefte jedes L 50 kr. österr. Währ. Diese Sammlung enthält nur die Couplet-Texte, die Musikbegleitung dazu liefern wir, soweit dieselbe überhaupt in Druck erscheinen. MriMeü'er für Liebende. Schwank in einem Anszuge von A Piek. Alle Rechte Vorbehalten. Mm, 1877. Verlag der Wallishanher'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Das Aufführungsrecht ist nur zu erwerben durch die Agentur der deutschen Genossenschaft dramatischer Autoren in Leipzig. Personen. Doctor Roland. Melanie, seine Frau. Marie, Stubenmädchen. Von Recken, Lieutenant. Franz Hohlmaus, Feldwebel. Niclas Bühl, Infanterist. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Zimmer im Hause des Dr. Roland. Eine Mittelthür. Zwei Seitenthüreu. Zu beiden Seiten der Mittelthüre steht eine durch Vorhänge verhängte Fensternische. Neben der Seitenthür rechts (vom Zuschauer ans) ein offeustehendes Fenster. 1. Auftritt. Dr. Roland. Melanie. sDoctor Noland sitzt behaglich im Lehnstuhle und gähnt.) Melanie. Aber Emil, Du gähnst schon wieder! Roland. Was kann man bei einer Temperatur von 30 Graden Reaumnr Besseres thun? Melanie. Und auf mich nimmst Du keine Rücksicht. Nun ja, wenn man bereits 2 Jahre verheiratet ist, so sinkt bei euch Männern die Liebe auch bei einer Hitze von 30 Graden auf Null. Roland. Du thust uns armen Männern unrecht! Melanie. O nein! So sind die Männer alle. Nach der Hochzeit sind sie liebenswürdig und galant; sie nennen die Frau einen Engel, und leben nur für sie. Roland. Und was dann? Melanie. Ein halbes Jahr später heißt die Frau bloß liebes Weib. Der Herr Gemal langweilt sich, klagt auch mitunter über schlechte Suppe. Roland. Was Du uns nicht Alles in die Schuhe schiebst, sogar die Suppe. Melanie. Oh, das ist noch lange nicht Alles. Ein Jahr später heißt die Frau bloß „Du," und wird beim Vornamen gerufen. Die Suppe wird immer Theater-Nepertoir 332. tadelnswerther, der Mann langweilt sich immer mehr und inehr. Er klagt auch öfters: Meine Frau macht mir den Kopf voll, ich kann es zu Hause nicht anshalten. Dann fangen sie an zu brummen, und brummen und brummen bis zum Tode. Roland. Du wirst doch nicht verlangen, daß ich ans meine alten Tage den Romeo büffle. Oder soll ich mich auf's Sonettenmachen verlegen? Melanie. Behüte der Himmel! Das ist gar nicht nothwendig. Roland. Also was willst Du denn eigentlich von mir? Melanie. Du sollst nicht beständig gähnen, unterhalte mich ein wenig. Roland. Unterhalten soll ich Dich? Dazu habe^ ich jetzt keine Zeit, mein Kind. Ich muß zu meinen Patienten. Melanie. Auch zu unserem vi8-ü,-vi8, der Baronin Marie Röhden? Roland. Nein, liebe Melanie, dahin gehe ich bereits seit einigen Tagen nicht mehr. Melanie. Du hast ihr aber in den verflossenen zwei Monaten recht viele Besuche abgestattet. Ich sah sie heute ans der Straße. Eine schöne Dame — sah nicht wie nach einer Krankheit aus. Roland. Die Krankheit bestand auch größtentheils bloß in ihrer Einbildung. Melanie. So! Und doch besuchtest Du sie täglich. Das ist nicht schön von einem gewissenhaften Arzte. 1 * 4 Noland. Was kann ich thnn. Sie läßt es sich nicht ausreden. Es wäre unhöflich von mir gewesen, wenn ich sie nicht hätte behandeln wollen. Doch jetzt muß ich gehen, liebes Kind. Wo ist mein Hut? Melanie freicht ihm den Huts. Hier! — Also Du gehst jetzt nicht mehr zur Baronin Röhden, Sie ist schon ganz gesund? Roland. Wie ein Fisch im Wasser. Melanie. Das freut mich. Roland. Also Adieu, liebe Melanie. Apropos, ordne mir ein wenig die Bücher auf. Deinem Schreibtische. Ich habe sie durcheinander geworfen sAb.s Melanie. Also er geht nicht zu dieser Röhden. — Jetzt bin ich beruhigt. Ich war wahrhaftig bereits eifersüchtig. Nun ja, eine so schöne junge Dame, die sich fast täglich auf der Promenade zeigt, läßt sich von meinem Manne behandeln. Mußte ich da nicht eifersüchtig werden. A bah, Emil ist ein zu großes Phlegma, als daß ich Grund dazu hätte. i'Ab.s 2. Auftritt. Marie tritt ein. Sie hält einen Brief und ein Buch in der Hand. Marie. So, Gott sei Dank, endlich wären wir mit dem Briefschreiben zu Ende. So ein Briefsteller für Liebende ist eine ganz herrliche Sache. Da muß doch mein Franz Respect vor mir bekommen, wenn er einen so schönen Liebesbrief von mir liest. Ich versteh' zwar nicht viel davon, aber das ist ja gar nicht nöthig. Ich schreibe ihn doch nicht für mich, und dann darf man einen Liebesbrief nie ganz verstehen. Nun, dieser Brief ist einer zukünftigen Frau Feldwebelin würdig. Ja, wenn ich nur schon so weit wäre, Frau Feldwebelin zu heißen. Es ist doch gar so schön einen Mann zu haben, der über viele Menschen zu befehlen hat, und das hat doch sicher ein Feldwebel. Muß das nicht ein göttliches Vergnügen sein, an einer ganzen Compagnie majestätisch vorüber zu schreiten, und von Allen wie auf ein Commando gegrüßt zu werden, und wenn man stirbt, hat man so ein prächtiges Leichenbegängniß, da spielt die ganze Musikbande, am Kirchhofe wird sogar geschossen, doch wer wird denn jetzt an's Sterben denken, wo ich eigentlich erst zu leben anfangen soll. Ich habe mich zwar hier im Hanse nicht schleckt gestanden, ich müßte undankbar sein, wenn ich dieß sagen würde. Die Gnädige ist eine so liebe Frau, gar nicht so launisch wie die reichen Damen gewöhnlich zu sein Pflegen. Sie liebt auch ihren Mann vom ganzen Herzen. So wollte ich auch den meinigen gern haben, das heißt, lieb' ich nicht jetzt schon den Schlingel, Herrn Feldwebel wollt ich sagen, man darf von den Militärs nicht so despectir- lich sprechen. Franz versprach mir sich den Brief abholen zu lassen. Ich glaube, es kommt bereits Jemand. 3. Auftritt. Niclas stritt ein. In militärischer Haltung^. Wohnt hier das Fräulein Mariechen Schnelle? Marie stür sichst Ein recht netter Mensch, wenn er nur nicht so stehen möchte, als ob er einen Stock geschluckt hätte. fZn Niclas.j Ja, so heiße ich. Niclas. Dann melde ich gehorsamst, daß der Herr Feldwebel Franz Hohlmaus sich empfehlen läßt, Sie möchten ihm — stür sichst Himmel, wie bring' ich das Ding zu Ende! Marie. Sie kommen vermuthlich den Brief abzuholen? Niclas. Ja, den Brief abznholen. Marie. Da setzen Sie sich doch ein Bischen nieder, Sie werden wohl müde sein. Nie las. Wenn Sie erlauben, werde ich so frei sein mich ein wenig zn setzen. Marie sreicht ihm den Stuhl, er setzt sichst Aber, warum sind Sie denn vorhin gar so steif gestanden? Niclas stvichtigst Das ist so Gesetz wenn man mit seinem Borgesetzten spricht. Marie sfür sichst Wie höflich er ist, er rechnet mich jetzt schon unter seine Vorgesetzten. sZn Niclas.j Sie werden auch hungrig sein, Herr Soldat, gedulden Sie sich nur ein klein wenig, ich werde Ihnen gleich etwas zur Stärkung bringeil. iAl'.j 4. Auftritt. NiclaS. Ist das ein Mädel! In die möcht' ich mich gleich verlieben, wenn ich nicht schon dein Käthchen ewige Treue geschworen hätte, Erschrocken; und dann was würde der Herr Feldwebel dazu sagen, für diesen Gedanken allein konnte ich schon 3 Tage Dunkelarrest bekommen. Aber ein gutes Mädchen ist sie trotz dem Käthchen und dem Herrn Feldwebel. So ein Soldat hätte doch manchmal ein gar zu mühseliges Leben, wenn es nicht auch gute Mädels geben würde. So ein Mädel muß ein Soldat haben, ebenso wie geputzte Knöpfe an seiner Uniform. Hab' auch manchen Spott meiner Cameraden ertragen müssen, weil ich hier mit keinem Mädel was zu thun haben wollte, die Mädels wieder haben mit ihren Blicken wie mit Steinen nach mir geworfen. Es muß Ihnen auch leid gethan haben, daß keiner traf, denn im Vertrauen gesagt, bin ich gar kein so übler Kerl. 5. Auftritt. sMarie tritt ein. Sie bringt ein Fläschchen Wein, einige Würste und Semmeln.s Marie. So, da langen Sie recht tüchtig zn. 5 Niclas. Das kann ich nur dann thnn, wenn Sie mir versprechen, dem Herrn Feldwebel nichts davon zu sagen. Marie. Ist denn der Herr Feldwebel ein gar so strenger Mensch? Niclas (der sich inzwischen gesetzt hals. Das nicht, aber er hat mir nicht anf- getragen hier zn essen, und dann könnte er es mir vielleicht übelnehmen in seinen Vorräthen gehans't zu haben. Marie. Darüber können Sie beruhigt sein. Greifen Sie nur tüchtig zu, und lassen Sie sich es gut schmecken. Sind Sie schon lange beim Militär, Herr Soldat? sNiclas ißt und trinkt, steckt auch eine Wurst in die Tasche.j Niclas sessendst Noch gar nicht lange. Marie. Und haben Sie auch schon ein Mädchen? Niclas. Ja, aber nicht von hier. Ich heiße nämlich Niclas Bühl, und bin ans Gnnzendorf. Mein Vater heißt Fürchtegott und ist ein Bauer in Gnn- zendorf, meine Mutter heißt Anastasia und ist auch ans Gnnzendorf. Wir sind also eine Gunzendorfer Familie. Meine Liebste heißt Käthchen. Sie ist ein kreuzbraves Mädchen und es hat ihr auch sehr leid gethan, daß ich fort mußte zum Militär. Als wir uns trennten, da sagte sie zu mir: Niclas, Du bist ein schlechter Kerl, wenn Du mich vergißt; und ich sagte: Käthchen ich werde Dich nicht vergessen. Darauf sagte sie: Niclas, Du bist ein guter Mensch, und fängt an zn weinen, ich sag': Käthchen, weine nicht, kann mich aber nicht enthalten mitznweinen. Ich schreibe ihr auch alle 14 Tage. Jetzt aber ist es Zeit, daß ich gehe, der Herr Feldwebel hat mir strengstens anfgetragen,' bald zurückzu- kommen. Marie. Warten Sie nur uoch ein wenig, ich werde den Brief bloß in ein Couvert legen. Treten Sie inzwischen in das Zimmer rechts, es führt von 6 dort eine Treppe hinunter; gleich bringe ich Ihnen den Brief hinein. Es könnte Sie hier Jemand sehen, und daS wäre mir, dem Herrn Feldwebel, wollt ich sagen, unangenehm. sAb.s 6. Austritt. Niclas. Der Herr Feldwebel fürchtet, es würde Jemand, wenn er mich hier sehe, mich für den Liebhaber seiner Geliebten halten. Da hinein soll ich also gehen. sEr geht auf die Thür rechts zu.s Himmel, darinnen geht ja Jemand herum. Ich glaube gar, er kommt herein. Wo verstecke ich mich nur rasch. Dort hinter dem Vorhänge, da sieht mich Niemand. sEr steckt die Weinflasche zu sich und eilt hinter den Borhang.s 7. Auftritt. M arie skommt rasch herein geeilt, nähert sich der Thür rechts, und steckt die Hand mit dein Briefe Hineins. So, da nehmen Sie, und jetzt fort. Marie läuft hinweg.s 8. Auftritt. sDr. Noland tritt, den Brief in der Hand haltend, ein.s Roland. Das ist eine eigenthüm- liche Art und Weise, den Leuten Briefe einzuhändigen. Es war eine Frauenhand, die mir ihn reichte. Sollte es vielleicht auch schon weibliche Briefträger geben? Aber weßhalb soll ich denn schnell fortgehen. Soll ich vielleicht zu einem Kranken? Warum aber diese eigeuthümliche Art der Einhändigung. Nun wir werden ja gleich sehen. sOessnet den Brief und liest.s „Geliebter meiner der Liebe, die kosend mein Herz bestürmen, kann ich nicht umhin, meinen Empfindungen durch Worte Luft zu machen." Das wird ja immer schöner — „Amors Pfeil hat mich wohl getroffen, und ich vermag es nicht, mich den rosigen Banden der Liebe zu entwinden. Ich mache Ihnen zwar Geständnisse, welche sich für eilte Dame nicht geziemen, doch thue ich es in der Voraussetzung, innig und wahr von Ihnen geliebt zu sein. Marie." Ich brenne vor Begierde, Sie wieder zu sehen!" Das ist wahrhaftig schöner als schön. Ich glaube die Stimme des Stubenmädchens vernommen zn haben. Es wird eine Verwechslung sein. Doch jetzt habe ich keine Zeit darüber nachzndenken. Wo ist denn nur mein Stock! 9. Auftritt. Melanie tritt ein.s Melanie. Wie, Emil, Du wieder hier! Roland. Ich hatte meinen Stock vergessen und kam ihn abznholen. Melanie serblickt den Briefs. Was hast Du da für einen Brief auf Rosa- Papier geschrieben, der sieht ja so wie ein Liebesbrief aus. Roland flachends. Mit wem sollte ich denn Liebesbriefe wechseln? Melanie. Hättest Du etwas dagegen, wenn ich den Brief lesen wollte? Roland. Nicht das Geringste. Aber dieser Brief ist ja ganz nichtssagenden Inhaltes, und dann weiß ich wohl, daß mein liebes Frauchen nicht eifersüchtig ist. Also Adieu, mein Kind. sEr küßt sie.s Seele!" Das sangt an recht interessant zu Melanie sninnnt ihm während er sie küßt, den Brief aus der Hands. Freilich bin ich nicht neugierig. Jedoch dieses Brief- Werden. „Gedrängt von den Gefühlen I chen interessirt mich und da Du nichts dagegen Haft, so will ich es lesen. fOeffnet den Brief, bestürzt.) Was sehe ich? Niclas fsteckt zwischen dein Vorhänge den Kopf hervor.) Na, jetzt geht's los. Melanie. Wie, sehe ich recht? fLiest.) „Geliebter meiner Seele." Also doch ein Liebesbrief! No l and. Aber thenre Melanie, lasse Dir nnr erklären, wie ich zn diesem Kuknksei gekommen bin. Melanie fliest). „Bis in den Tod Ihre trene Marie." — Marie, so heißt ja nnser vis-w-vis, die Baronin Röhden. fLiest.) „Ich brenne vor Begierde, Sie wieder zu sehen." — Nun, was zauderst Du? Eile doch zn der Kranken, die Pnlsschlage ihres Herzens zn zählen. fMelanie wirft den Brief ans den Tisch, Noland steckt ihn in die Tasche.) Roland. Liebes Kind, rege Dich nicht unnütz aus. Ich weiß ja gar nicht, wie ich zn diesem Briefe komme. Ich hatte meinen Stock zu Hanse vergessen und ging ihn zn holen. Wie ich im Vorzimmer herumsnche, sehe ich zwischen der Thür eine Hand sich mir entgegenstrecken. Ich glaubte schon, es wäre dieß irgend eine türkische Patientin, die sich ohne sich mir zu zeigen, von mir behandeln lassen wolle. Es ist dieß so Sitte im Oriente. Melanie. Dir scheinen die türkischen Sitten überhaupt im Kopfe zu liegen. Roland. Die Hand gehörte aber nicht einer türkischen Fatime oder dergleichen, vielmehr^ glaube ich, daß es unser Stubenmädchen war, das mir ans diese Weise den Brief übermittelt. Wer weiß, für wen er bestimmt war. Melanie. Und dieses Märchen sollte ich Dir glauben? Also daher kommt Deine Gleichgiltigkeit gegen mich? Nun ich werde Dich Deiner schwer- kranken Patientin nicht länger vorenthalten. Roland. Melanie — ich beschwöre Dich, ich bin unschuldig. Melanie. Ich verlasse noch heute das Hans und reise zu meinen Eltern. Roland. Liebe Melanie, so sei doch vernünftig. Ich werde Dir meine unerschütterliche Trene beweisen. Doch jetzt muß ich zu meinem Patienten, der schon ungeduldig ans mich warten wird. Melanie. Zur Baronin Röhden, ja, gehe nur! Roland. Ich sagte Dir doch schon, daß ich meine Besuche bei der Baronin eingestellt habe. Ich gebe Dir mein Wort darauf. — In einer Weile bin ich wieder da. — Hoffentlich überlegst Du Dir einstweilen die Sache. — Also Adieu, liebes Kind. fMelanie dreht ihm schmollend den Rücken.) Wie, Du gibst mir keine Antwort? Bekomme ich keinen Abschiedsknß? Nimm ein Brausepulver, liebe Melanie, das schlägt nieder. Also jetzt ein Küßchen. Wie, Du willst nicht! Also behalte Dir Deine Küsse, Adieu. fAb.) 10. Austritt. Melanie. Emil behauptet unschuldig zu sein. Kann ich das glauben? Wäre es nicht möglich, daß die Baronin die ganze Schuld trägt. — Nun wir werden ja sehen. fAb.) 11. Austritt. fNiclaö kommt hervor.) Niclas. Das ist aber jetzt eine hübsche Geschichte. Ich glaube, die Frau thnt sich was an. Das verhüte der Himmel, ich könnt' als Mitschuldiger ans die Festung kommen. Wenn nur die Marie da wärA die könnte die ganze Sache noch aufklären, aber was soll ich thun? 12. Austritt. (Marie tritt ein ohne Niclaö zu bemerken.j Marie. Jetzt wird mein Franz den Brief wohl schon in Händen haben? Niclas (vortreteudst Da irren Sie sich. Marie (ihn erblickend^. Ah, Sie sind wieder ,da, war der Herr Feldwebel vielleicht nicht zu Hause? Niclas. Oh ja, aber ich war nicht Z" Hanse. Marie. Aber weßhalb denn nicht? Niclas. Ja, wie Sie hinansge- gangen sind, ein Couvert zn holen, höre ich Schritte im Zimmer nebenan. Ich hatte nichts Eiligeres zu thun, als mich dort hinter dem Vorhänge zn verstecken. Marie. Du lieber Himmel, wo ist dann mein Brief? Niclas. Den hat der Herr! Marie. Wie, der Herr Doctor? Niklas. Ja, ja, der Herr Doctor. Marie. Und was hat der Herr Doctor dazu gesagt? Niclas. Er hat das Ganze gleich richtig anfgefaßt, aber die gnädige Frau! — Marie. Die wird sich sehr geärgert haben, ich werde sicher aus dem Dienste entlassen werden. Niclas. Die gnädige Frau hat sich sehr geärgert. Ich glaube, sie war eifersüchtig. Marie. Wie, eifersüchtig? Niclas. Ja, sie behauptet fest, der Brief sei von einer Gräfin, und läßt es sich nun nicht mehr ansreden. Marie. Das kommt davon, wenn man so schöne Briefe schreibt. Niclas. Ja, aber ich glaube, die gnädige Frau thut sich was zu Leide, es wäre schade um sie. Marie. Aber was ist denn da zn thun? Niclas. Sie erklären ihr, wie sich die Sache verhält. Marie. Dann aber wmme ich um meine Stelle! Niclas. Fürchten Sie nichts, dem reuigen Sünder verzeiht man. Marie. 'Ist es denn eine Sünde, einen Liebesbrief zn schreiben? Niclas. Nein, das nicht, aber es heißt nun einmal so im Sprüchwort, und ich habe sagen gehört, daß es eine eine sehr schöne Sache sei, wenn man im entscheidenden Momente ein Sprüchwort weiß. Jetzt aber mnß ich schauen, daß ich fortkomme. Marie. Gleich, aber einstweilen verstecken sie sich wieder, denn ich höre Jemand kommen. 13. Austritt. Feldwebel stritt einst Na, guten Tag, Mariecken! Marie (erschrockenst Ach, Franz, was fällt Dir denn ein, zn dieser Stunde zn kommen? Du weißt doch, daß um diese Zeit die Herrschaft zu Hause zu sein Pflegt, und daß ich, wenn es die gnädige Frau wüßte, daß ich ein Liebes- verhältniß unterhalte, vielleicht den Dienst verlassen müßte. Feldwebel. Na, nu, Mariechen, mußt mir's nicht für übel nehmen. Ich komme eigentlich wegen des Schlingels, den ich um den Brief geschickt habe. Donnerwetter, schicke ich den Kerl schon vor einer halben Ewigkeit weg, und er kommt noch nicht zurück. Bomben und Granaten! Wird der eine Freude haben, wenn er znrückkommt. Die Engel wird er im Himmel singen hören. Zwar schlagen darf man jetzt beim Militär nicht, aber die Ohren werde ich ihm heransreißen. Marie. Aber Du weißt ja noch gar nicht, wodurch er verhindert war, so schnell znrück zn kommen. Ist es denn nicht möglich, daß ihm der Brief verloren gegangen wäre? 9 Feldwebel Pulver, Hagel und Kanonen, das wollt' ich ihm nicht wünschen. Doch, Mariechen, Du darfst mir's nicht für übel nehmen, ich war eigentlich etwas eifersüchtig. Ich glaubte schon, weil der Lump gar so lange nicht kam, Ihr hättet zusammen was vor. Marie. Franz, habe ich je einen solchen Verdacht verdient? Aber so sind die Männer alle und die Militärs erst recht. Wo sie nur können, kränken sie uns arme Mädchen. Feldwebel. Na, vergib mir, Mariechen, es war eigentlich nicht so schlimm gemeint. Ich scherzte ja nur. Kannst Du denn wirklich glauben, daß ich, der Feldwebel Franz Hohlmans, ans diesen vertrockneten Häring — Nie las fsteckt den Kopf hervorj. Na, mir soll Einer so Etwas sagen. Feldwebel —auf diesen verdrehten Ladstock eifersüchtig wäre. Doch, sag mir 'mal, Mariechen, potztausend! Hast Du denn eigentlich den Brief auch znge- siegelt? Marie. Nein, aber wozu denn auch? Feldwebel. Potz Blitz, so mußt Du jetzt mir statt dem Briefe das Siegel anfdrücken, nur daß Du statt des Siegellacks Deine rothen Lippen gebrauchen wirst. M a r i e. Das, Herr Feldwebel, werde ich schönstens bleiben lassen. Feldwebel. Nun, wenn Dn's nicht thnn willst, dann thu' ich's. fGeht auf sie zu und küßt sie.j Niclas fsteckt den Kopf Hervorst Zum Wohlsein! Marie fwindet sich lasst Ach, Du garstiger Mensch, wenn es Jemand gesehen hätte! Feldwebel. Zerbrich Dir Deinen Kopf nicht über das „Wenn", es hat es ja Niemand gesehen. Marie. Ich höre klingeln, die gnädige Frau wünscht Etwas. Adieu! fAb.j 14. Auftritt. Feldwebel. Bomben, Wetter und Granaten, wie konnte es mir denn nur einsallen, das Mädel zu verdächtigen. Die ist bombenfest, die schnappt mir Keiner weg. Nicht, wenn ich ein ganzes Regiment Artillerie um Briefe zu ihr schicken würde, ließe sie sich erobern. Sie ist halt ein Blitzmädel! Aber wenn mein Verdacht so gerechtfertigt gewesen wäre! Himmel, Donner! Wenn ich den Niclas hier angetroffen hätte, Blitz und Hagel, ich hätte ihn gelehrt. Niclas fsteckt den Kopf Hervorst Du lieber Himmel! Feldwebel. Der sollte mir dann, Krenzdonnerwetter! — doch warum brüll' ich denn eigentlich so, es ist ja gar nichts los. Wie leicht könnte mich Jemand gehört haben. — Mariechen wird wohl bald wieder hereinkommen, da will ich denn doch aus sie warten. Aber ich muß mir hier ein Plätzchen aufsnchen, wo man mich, wenn Jemand zufällig hereinkommen sollte, nicht sieht. Dort hinter dem Vorhänge wird ein passender Ort sein. fEr geht auf den Vorhang zu, hinter welchem Niclas verborgen, und schlägt jenen bei Seite. Niclas steht in militärischer Haltung vor ihm.j Bomben, Wetter, das ist ja der Niclas! Infanterist, vorgetreten! fNiclas tritt vor Der Feldwebel commandirt ihn militärisch zu sich, je nach der Stellung : Vorwärts marsch, rechts schwenkt, halt rc.j Kreuzkrncineser! Also hatte ich doch recht; ein Kopf wie ich, der täuscht sich nicht so bald. Niclas. Herr Feldwebel — Feldwebel. Schweigen Sie, wenn Ihr Vorgesetzter spricht. Was haben Sie hier zu suchen — Niclas. Herr Feldwebel — Feldwebel. Werden Sie wohl schweigen, wenn Ihr Vorgesetzter spricht. Ich frage Sie nochmals, was Sie hierzu suchen haben. — Ich habe Sie um einen Brief geschickt, warum haben Sie 10 ihn nicht gebracht? Ich bin Ihr Vorgesetzter nnd was hat der Soldat? Niclas. Sechs Kreuzer Löhnung für den Tag! Feldwebel. Wer spricht hier von Ihrer Löhnung, antworten Sie auf das, was Sie gefragt werden! Verstanden! Was soll der Soldat? Der Soldat soll ^ ge— > Niclas. Der Soldat soll geputzte Knöpfe haben. ^ Feldwebel, -schafskopf, was reden Sie hier von Ihren Knöpfen, die ohnehin nicht ganz vorschriftsmäßig geputzt sind. Ich frage Sie nochmals, was soll der Soldat? Der Soldat soll gehorchen und das haben Sie nicht gethan. Sie haben sich also ein Vergehen gegen das militärische Reglement zu Schulden kommen lassen nnd sollten deßhalb ans die Festung, aber wenn Sie die Wahrheit gestehen, so werden wir sehen, was sich machen läßt. Also reden Sie! Niclas. Herr Feldwebel, ich bin unschuldig. Feldwebel. Unschuldig? Und was ist das? (Er zieht eine Wurst, die aus dem Nocke des Niclas hervorschaut, heraus.) Niclas. Wurst, Herr Feldwebel. Feldwebel. Was für eine? Niclas. Ich glaube polnische. Feldwebel sbeißt ab). Das ist nicht wahr, das ist ungarische. Also zu lügen wagen Sie auch noch? Schreiben Sie sich die Folgen selbst zu. — Haben Sie auch Semmeln? Niclas. Nein, Herr Feldwebel. Feldwebel. Welcher ordentliche Mensch ißt Wurst ohne Semmeln? Niclas. Ich habe schon Semmeln gegessen, Herr Feldwebel. Feldwebel. Donnerwetter, wollen Sie mich auch noch verhöhnen! Wenn Sie gegessen haben, kann ich nicht satt sein. Hachen Sie wenigstens etwas zu trinken? Niclas. Ja, Herr Feldwebel. Feldwebel. Also her damit, dann wollen wir weiter reden. sNiclas zieht aus der Tasche die Weinflasche , hervor.) Feldwebel. Ha, das ist ja meine Flasch— Türkensäbel und Kanonen! Wie kommen Sie zu ihr? sTriukt.) Niclas. Fräulein Marie gab mir für den Weg etwas Wein und Wurst. Feldwebel siu anderer Stimmung). A so, das ist etwas Anderes; aber warum sind Sie denn noch hier? Niclas. Ich wollte schon längst gehen, aber ich hörte Jemanden kommen nnd versteckte mich. Feldwebel. A, so ist die Sache! Nun, ich dachte mir's gleich. — Aber nicht wahr, ein nobles Mädel ist meine Marie? Niclas. Und gebildet! Feldwebel. Ja, die paßt halt ganz für mich; aber wo ist denn der Brief? Niclas. Ja, der Brief ist durch eine Verwechslung in die Hände des Herrn Doctors gekommen. Aber, ich glaube, Herr Feldwebel, Sie werden den Brief bald zurückbekommen, denn der Herr Doctor ist noch zu Hanse. Feldwebel. So? Dann verstecken Sie sich nur einstweilen wieder hinter den Vorhang, es dürfte dem Herrn Doctor unangenehm sein, Sie hier zu sehen. sNiclas geht Mieder hinter den Vorhang.) So, jetzt aber versteck' ich mich auch, denn ich höre Jemand kommen. sVersteckt sich hinter dem anderen Vorhang.) 15. Austritt. sDoctor Noland tritt ein.) Roland. So, da wären wir wieder. — Meine Frau ist nicht hier? Ob Sie mir wohl noch grollen wird. An dem ganzen Zwiste ist bloß dieser Wisch schuld. sEr zieht den Brief aus der Tasche.) Den ich auch jetzt zum Teufel schicke. sWirft den Brief zum Fenster hinaus.) Mag sich 11 ihn der, dem er gehört, suchen. Was sollte ich wohl meiner Frau gegen ihren Eifersuchtsanfall verschreiben? Liebenswürdigkeit? — Würde nichts fruchten. Vertrauen? Ja, das wäre wohl das Beste. Das wird sie aber nicht einnehmen wollen. Ich weiß kein Mittel gegen ihre Krankheit. Man hat wohl Blitzableiter erfunden. — Warum hat man nicht auch Blitzableiter für die häuslichen Gewitter des Ehestandes erfunden? Jetzt muß ich aber meine Frau anfsnchen und sie ans alle Fälle zu versöhnen trachten. sAb.s 16. Auftritt. Lieutenant stritt einst Guten Tag! sSieht sich allein im Zimmer.s Wie, es ist Niemand hier? Aus diesem Fenster kam mir doch der Brief zngeflogen. Dock- Geduld, die Dame wird bald kommen. Sie muß sehr reich sein. Das Zimmer ist mit größtem Comfort ausgerüstet. Wer mag sie wohl sein? Vielleicht die schöne Unbekannte von verletzten Redoute. Oder die kleine Schwarze, der ich schon seit drei Tagen nachgehe. Nein, ich glaube, es ist die Blonde mit der blauen Schärpe, die ich zwar erst einmal sah, aber trotzdem schon unendlich liebe. Doch die Sache wird sich ja bald aufklären. Daß mir ein solches Abenteuer znstoßen könnte, hätte ich mir nie träumen lassen. — Eine noble Dame — und das ist sie doch allem Anscheine nach — verliebt sich dergestalt in mich, daß sie mir, einem Menschen, der sie noch nie gesprochen, einen Liebesbrief ans dem Fenster znwirft!! (Er zieht den Brief aus der Tasche.f — Und in welch' zärtlichen Worten sie ihrer Liebe Ausdruck gibt. Sie brennt vor Begierde, mich wieder zu sehen. Ich ebenfalls. A, was ist das! Ich höre eine Herrenstimme, doch auch eine Frauenstimme. Sollte die Dame verheiratet sein? — Sie nähern sich diesem Zimmer. Wenn ich mich nur irgendwo verstecken könnte. Ach, hier! hinter diesem Vorhang. sLäßt seine Kappe auf dem Tische liegen und eilt zn dem Borhange, hinter welchem der Feldwebel verborgen ist s Laoreblsu! Was will denn der hier? sCommandirt.s Unterofficier, vorgetreten! sDer Feldwebel tritt vor und der Lieutenant stellt sich hinter den Borhang. Der Feldwebel wiederum geht zn dem Borhange, hinter welchem Niclas verborgen.^ Feldwebel scommandirts. Infanterist vorgetreten. sNiclas tritt vor.s Lassen Sie mich dahinein. Ein Fall ist eingetreten — Niclas. Wer ist eingetreten? Feldwebel. Ein Fall, der der Sache eine andere Wendung gibt. Niclas sängstlickst. Und wo soll ich mich verstecken! Feldwebel. Das kümmert mich nichts. sFeldwebel geht hinter den Vorhangs Niclas. Himmel, was fang' ich nur an. Ach, es bleibt nichts Anderes übrig, ich krieche unter den Tisch. sKriecht unter den Tisch.s sDer Lieutenant, der bemerkt, daß er seine Kappe auf dem Tische liegen gelassen, rnfts: Unterofficier, holen Sie meine Kappe vom Tische. Feldwebel. Infanterist, holen Sie die Kappe vom Tische. 17. Austritt. Dr. Roland und Melanie treten ein. sNiclaS macht verschiedene Bersnche die Kappe zn erhaschen, doch es gelingt ihm nicht.s Roland. Melanie willst Du dich denn wirklich nicht mit mir versöhnen? Melanie. Niemals! Ich verlasse noch heute das Haus und reise zn meinen Eltern. Roland. Ach, ich sehe nur zn klar, Du benützest den heutigen Vorfall als eine günstige Gelegenheit um mich los zu werden. sEr erblickt die Ofsieierskappe.s Was ist denn das? 12 Melanie. Nun wie Du siehest, ein Soldatenmütze. Roland. Ja, aber wie kommt denn die hierher? Wir haben doch keine Einquartierung. Melanie. Es wird vielleicht Jemand beim Stubenmädchen gewesen sein. Roland. O nein! Das ist, so viel ich sehe, eine Officierskappe, und ein Ofsicier unterhält keine Verhältnisse mit einein Stubenmädchen. Melanie fschnippisch). Warum denn nicht, wenn sie so schöne Liebesbriefe schreibt, wie der, ist der Dir so zufällig, so ganz zufällig in die Hände gerannt? Roland. Nein, das ist nicht wahr, der Officier war nicht bei dem Stubenmädchen. fNiclas, der jetzt wieder eine Bewegung macht die Kappe zu erhaschen, wirft hiebei den Tisch um.) Niclas sauf der Erde liegendst Melde gehorfamst, daß ich da bin. Roland ferstannt). Was hat denn das zu bedeuten. Wieso kommen Sie hierher? Niclas fängstlichst Der Herr Feldwebel hat befohlen — Feldwebel fder jetzt vortritt.j Der Herr Lieutenant hat befohlen, und da muß man gehorchen. fLientenant tritt vor. Feldwebel, Infanterist und Lieutenant stehen steif in militärischer Stellung.) Roland. Was hat dieß Alles zu bedeuten, haben Sie sich inein Zimmer zum Exercierplatz auserkoren? sZum Lieutenants Mein Herr, Sie werden mir Rechenschaft ablegen. Lieutenant. Ja wohl, doch zuerst lassen Sie mich diese Leute wegschicken. fEr commandirt militärisch, Feldwebel und Niclas marschiren militärisch ab.) 18. Austritt. Roland. Jetzt, mein Herr, sagen Sie mir, weßhalb Sie da sind. Lieutenant. Mein Herr, ein Officier darf nicht lügen, aber auch keine Frau compromittiren, darum muß ich schweigen. Roland. Wenn Sie auch schweigen, so weiß ich «mir dennoch Alles recht wohl zu erklären. Melanie. Emil, ich schwöre Dir, ich bin unschuldig! Roland. Lasse mich! Mein Herr, Sie werden mir Genugthnnng geben. Lieutenant. Ja wohl, mein Herr, wenn es Ihnen beliebt. Roland. Auf der Stelle, mein Herr. Melani e. Nein, Du darfst Dich nicht duelliren. Ich dulde es nicht, und sollte ich mich selbst zwischen die Pistolenmündungen stellen. Nein, Du darfst nicht, Du könntest getödtet werden. Lieutenant. Fürchten Sie nichts Madame, Ihrem Genial wird nichts geschehen, jedoch ich kann nicht wissen, welchen Ausgang die Sache für mich nehmen wird, d'rnm gebe ich Ihnen hiemit Ihren Brief zurück. Melanie. Habe ich Ihnen etwa diesen Brief gegeben? Lieutenant. Das nicht, aber er wurde mir aus diesem Fenster zugeworfen. Roland. Was sehe ich! Das ist ja der Brief, den ich vor einer Weile zum Fenster hinansgeworfen habe. fZu seiner Frcm.j Theuere Melanie, kannst Du mir vergeben, daß ich Dich so tief gekränkt? Melanie. Ja, Du böser Mann, aber nicht wahr, Du schießest Dich nicht mehr? Roland. Nein, liebe Melanie. fZmn Lieutenant.) Mein Herr, es war nichts als ein bloßes Mißverständlich. Ich glaube, daß zwischen uns Alles geschlichtet ist. fSie reichen sich die Hände.) Um NUN aber diesem Wisch, der uns heute bereits so viele Unannehmlichkeiten bereitete, ein für allemal ein Ende zu machen, wollen wir uns jetzt mit demselben die Cigarren anzünden. fEr offerirt dem Lieutenant Cigarren.) Melanie stuft). Marie, Licht! 13 19. Auftritt. Marie fbringt ein Licht. Dr. Noland will den Brief anzündens. Mein armer Liebesbrief! Roland. Also Ihnen gehört der Brief? Marie. Ja, gnädiger Herr. Roland fleise zn seiner Frans. RlM, siehst Du, schlimme Frau. Melanie fzu Nolands. Bitte, vergib mir, ich sehe, ich that Dir Unrecht. Roland fzu Maries. Können Sie uns vielleicht auch über die 2 Soldaten, die hier waren, Auskunft geben? Marie. Die kamen den Brief abzuholen. Roland. Nnn da haben Sie also Ihren Liebesbrief. Marie. Zünden Sie sich nur die Cigarre damit an, Herr Doctor, er ist ja schon ganz zerknittert. Und dann macht ja der Brief allein nicht meine Liebe ans. Und wenn er auch verbrennt, was liegt mir daran, es bleibt mir ja mein — Briefsteller für Liebende. ^ i » s 8 Verlag derWMshaulser'schen Buchhandlung (Jos. Klemm), Wien, I-, Hoher Markt 1. W allish auss er' s ch e Sammlung Deutscher Aühneniverke. 1. Das Trauerspiel des Kindes. Schauspiel in 2 Acten von Sigmund Schlesinger . . . ..... 1.20 2.40 2. Eine Jugendsünde. Schwank in 3 Acten von Julius Findeisen . 1.20 2.40 3. Tiberius) Tragödie in 5 Acten von Julius Grosse . 1.50 3.— 4. Der Seelenretter. Lustspiel in 1 Act von Hedwig Dohm . . —.90 1.80 5. Das Heist Eisen, ein Nürnberger Fastnachtjpiel von Hans Sachs. Für die neuere Bühne eingerichtet von Rnd. Genäe . . . . ... —.50 1.^ 6. Corfiz Ulfeldt, der Reichshofmeistcr von Dänemark. Trauerspiel in 5 Acten ^ und 1 Borspiel von Martin Greif. 2. Anfl. 1.80 3.60 7. Dschingiskhan. Lustspiel in 1 Act von Karl Gutzkow. - —.60 l.LP 8. Tic Philosophie des Uttliewustten. Lustspiel in 1 Act von Oscar BlN' mentbal .-.-.90 1.80 9. Reine Hände. Lustspiel in 4 Acten von M. Oeribaner . . . . 1.20 2.41» 10. Der Tanzboden. Dramat. Kleinigkeit in 1 Aufzug von Moriz Epstein —.70 1.40 11. Rose und Distel. Schauspiel in 1 Aufzug von Herm. Schmid —.80 1.60 12. Spartakus. Ein Trauerspiel in 5 Aufzügen von Franz Koppel-Ellf eld 1.50 3.— 13. Durch Champagner. Lustspiel in 1 Aufzug von Betty Uonng. . . —.60 1.20 14. Angebetete Elisabeth. Lustspiel in 1 Act von Carl Saar .... —.70 1.40 15. Brüllbogcl. Schwank iu'1 Act von Paul Perron . —.70 1.40 16. Paul de Kock. Lustspiel in 1 Aufzug von Carl Weiß . —.60 1.20 17. Warum haben Sie das nicht gleich gesagt? Schwank in 1 Act von Paul Perron . . . . —-60 1.20 18. Der Herr College. Schauspiel in 4 Acten von U. Frank . 1.20 2.40 19. Nero. Trauerspiel in 5 Acten von Martin Greif . 1.80 3.60 Gesammelte heitere Wort rage von Josef Wey 1. 18 Hefte, jedes im Preise von 30 kr. ö. W. — 60 Pfennige. Inhalts-Ucbcrstcht der lebten Hefte: 11. Heft. Antigone, oder das grauenhafte Berhängniß einer In der Menagerie zn Schönbrnnn- altgriechischen Königsfamilie in Folge genealo- Isaak Silberschein. (In jüdischem Jargon.) gischer Berwutzelung. Zeitgemäße Bemerkungen eines Ungarn über Prof. Aus Purzbichler's poetischem Tagebuche. Karl Vogt, resp. „Darwiu'sche Lehre." Mylord und der Teufel. Zur Schubertfeier. Bescheidene Ansicht des Herrn Fekete LajoS, Stuhl- Wunschbüchlein für verschiedene Neujahrs - Gratu- richters in Maros-Väsärhely, über den Proceß lauten. Offenheim (Prosa in nngar. Jargon). 12. Heft. Der Dampfmiiller und sein Kind. Zeitgemäß zur Richard Wagnerischer Styl. Operrette adaptirtes Volksdrama nnt bedroh- Sonderbare Wirkung des Weines. 13. Heft. Nero. Bürgerliches Familieudrama in 2 Acten. Unterthänigster Bortrag des Stuhlrichters Jstvän Farkas aus Maros-Bäsärhely über Alterthun (Prosa in ungarischem Jargon.) Noch eine Candidaten-Rede. (Prosa.) Flotte Bursche. Diese Sammlung wird fortgesetzt. Prospccte mit vollständigem Inhaltsverzeichnisse sämmtlicher Hefte werden gratis ausgegeben. im einem ANfznge.. Von M. von Escheiümch. Alle Rechte Vorbehalten. Men, 1877. Verlag der WallishansscrMen Buchhandlung (Josef Klemm)- Stadt, Hol, er Markt Nr. 1. Das Aufführungsrecht ist nur zu erwerben durch die Agentur der deutschen Genossenschaft dramatischer Autoren in Leipzig. Personen. Graf Sigmund And lall. Franziska, seine Frau. Gräfin Platen. Gräfin Nenbcrg. Baronin Wolf. Baron Nath Hansen. Ein Diener. Den Buhnen gegenüber als Manuskript gedruckt. (Eleganter Salon. Links, am Camine ein Tisch, Canapö und Fauteuils. Rechts, am Fenster ein kleiner Marmortisch, auf dem eine Blumenvase steht, zwei Fantenils.) Erster Austritt. (Sigmund und Franziska an dem kleinen Tische. Diener steht vor Franziska und präsentirt auf silberner Platte ein großes Beilcheubouqnet.) Diener. Graf Ahlseld läßt sich erkundigen nach dem Befinden der Frau Gräfin und anfrageu, ob er im Laufe des Vormittags seine Aufwartung machen dürfe? Franziska. Freilich, freilich, ich erwarte ihn. Diener. Sehr wohl. (Will gehen.) Franziska. Vergessen Sie ja nicht: Ich ließe danken, schönstens — bestens — ich hätte eine große Freude gehabt. Diener. Sehr wohl. (Ab.) Franziska (das Bouquet zu Sigmund hinttberreichend). Da! Ist das nicht liebenswürdig? Sigmund (nimmt die Blumen). Ein prächtiger Strauß! Eins — drei — fünf, eigentlich sechs Sträuße in einen zusammen gebunden. Ach, wie das duftet! .... Mich mahnt's an unsere Wälder, wo jetzt auch die Veilchen blühen. Franziska. Mich mahnt's an den guten Menschen, der mir die Blumen geschickt hat. Ist Ahlseld nicht vortrefflich? Er sucht meine Gedanken zu errathen, mir den kleinsten Wunsch zu erfüllen. Sig M U N d (faßt ihre Hand). Thut er das allein? Thcater-Repertoir 333. Franziska. Ich sagte gestern vor ihm und — noch einem Anderen, daß ich Veilchen über Alles liebe. Sigmund. Du? — Ich dachte, Julie Neuberg hätte es gesagt. Franziska. Sie sagte mir's nach. Sigm u n d. Und sah Ahlseld dabei an. Franziska. Wenn sie's gethan, hat sie den Rechten angesehen. Er versteht doch, was mail meint,! wenn man sagt: Ich liebe Veilchen über Alles! Sigmund. Liebst Du sie, so freu' Dich an den lebendigen. Das sind ja nur arme sterbende. In Andlan, geliebtes Kind. Franziska. In Andlau und immer in Andlan! — Geliebter Mann: Die Veilchen habe ich ans dem Lande durch neunzehn Jahre genossen, erlaube mir sie im zwanzigsten — in der Stadt zu genießen. Bester — ich bin so zufrieden hier, über jede Beschreibung!. . . Das Herz geht mir ans unter allen den prächtigen Menschen, die ich täglich kennen lerne. Niemals hätte ich geglaubt, daß es so viele gute Menschen gäbe. Wie kommen mir Alle entgegen, wie lieben mich Alle! Sigmund, ich freue mich, daß ich lebe — Du hast eine glückliche Frau! Sigmund. Nun, dann bin ich ein glücklicher Mann! Franziska. Es thnt so wohl, geliebt zu werden, und mich liebt man, weißt Dn das? 1 * 4 Sigmund Nus eigenster Erfahrung. Franziska. Dich meint' ich nicht. Daß Du mich liebst, versteht sich von selbst, wärst Du sonst mein Mann? — Aber mich lieben auch Leute, bei denen sich's nicht von selbst versteht. Sigmund. Ist das möglich? Franziska. Alles liebt mich — Alt und Jung, Groß und Klein. Sigmund. Was da fleucht und kreucht — die ganze Menschheit und die ganze Arche Noä — DaSh an der Spitze. Franziska. Ah, Dash! (Klingelt. Diener kommt. Zn ihm.) Ifl das Kammermädchen mit Dash nach Hause gekommen ? Diener. Noch nicht. (Ab.) Franziska (am Fenster). Wie lange sie ansbleibt! Sigmund. Bei diesem Wetter . . . . Und Dash hat nicht einmal einen Regenschirm mitgenommen. Franziska. Schlechter Spötter! — Also: Mich liebt man, ich habe Freunde, wahre Freunde gewonnen in dieser kurzen Zeit! Sigmund (lacht). Haha . . . . Wahre Freunde, hier? Franziska. Zuerst meine edle Gräfin Berg. Sigmund. Die laß' ich gelten, die Eine! Franziska. Dann Ahlfeld — Julie — Auguste — Sigmund. Das sind mir die rechten! Franziska. Höre sie nur reden. Sigmund. Reden?! .... Du mußt nicht Alles für ausgemacht halten, was sie — reden. In einem Scheffel Schmeichelei geben sie Dir kaum ein Körnchen Wahrheit. Franziska. Mir zu schmeicheln fällt Niemandem ein. Sigmund. Glaubst Du? — Ich versichere Dich des Gegeutheils. In der Welt sagt man einander angenehme Unwahrheiten. Das nennen die Leute liebenswürdig sein. Franziska. Und sollten es eigentlich falsch und verächtlich nennen. Sigmund. Kind! .... Benrtheile nur die Anderen nach Dir selbst. Sagst Du allen Deinen „guten", „vortrefflichen" Freunden immer die blanke Wahrheit? Franziska (zuversichtlich). Immer! Sigmund. Liebes Herz, wenn jede kleine Unwahrheit, die Du gesagt hast, seitdem wir in die Stadt gekommen sind, (seufzend) um hier unsere letzten Honigwochen znzubringen, Dich nur eines Deiner Haare gekostet hätte — so viele ihrer sind, heute müßten wir zum Perrückenmacher schicken. Franziska. Genug, zu viel! . . . . Was muß ich hören? Du hältst mich für eine ansgelernte Lügnerin, vielleicht auch Heuchlerin — warum nicht gleich auch Nänberin und Mörderin? Sigmund. Franziska! Franziska. Welche Anklage, mein Gott, welche gräßliche Anklage! Sigmnnd. Von einer Anklage ist nicht die Rede. Ich behaupte eine That- sache ohne sie zu verdammen, wenn ich sie auch nicht gerade lobe. Franziska. Nicht loben, heißt tadeln. Sigmund. Bitte um Entschuldigung. — O Franenlogik! Franziska. Nicht loben, heißt nicht tadeln! — O Männerweisheit! Sigmnnd. Schon zwanzig Jahre und noch so kindisch! Franziska. Erst dreißig Jahre und schon so grundgescheidt! Sigmnnd. Ich will mich nicht ärgern, liebes Kind .... Franziska. Warum 'denn nicht? — AergereDich nur; ich ärgere mich sehr. Sigmnnd. Die Uhr schlägt Eins. Nun werden sie gleich da sein, die „guten", „vortrefflichen" Freunde. Erlaubst Du mir, bei jeder kleinen Unwahrheit, die in den nächsten sechzig 5 Minuten über Deine Lippen kommt, einen dieser Veilchensträuße zum Fenster hinanszuwerfen? Franzisk a (welche inzwischen die Blumen in die Base gesetzt hat). Mich dazu, wenn ich lüge! Sigmund. Dich? .... Dich erst dann, wenn alle Sträuße schon draußen sein werden. Franziska. Bei der siebenten Luge?! — Gut, ich gebe Dir die Er- lanbniß dazn. Sig in N n d (drückt ihr die Hand). Ich danke Dir. Aber — an Deinem Geburtstage soll ich Dir den Hals brechen? Franziska. Wird den Hals nicht kosten, der Sand vor dem Hanse ist ja hoch anfgeschüttet. Diener (meldend). Das Kammermädchen ist mit Dash nach Hanse gekommen. Franziska. Endlich! (Diener ab.) Sigmund. Dash? — Ein Wink von oben. Schicksalsmächte, ich verstehe Euch.-Nach dem sechsten Strauße fliegt Dash! (Geht zur Thüre und ruft hinaus.) Bringt Dash in mein Zimmer. Franziska (ängstlich). Du wirst doch nicht? .... Sigmund. Deine siebente Lüge tödtet das süße Thier, und Du sagst nicht eine! (Diener trägt einen Korb, in dem ein kleines Hündchen liegt über die Bühne und geht ab.) Franziska. Du hast recht. Also Topp — eingeschlagen. Sigm n n d. Der Vertrag ist geschlossen. Franziska. Unter einer Bedingung. Wenn alle Besuche fort sind und alle Sträuße noch da sind, leistest Du knieend Abbitte. Sigmund. Von ganzem Herzen. F r a II z i s k a (die Thür öffnend, hinter welcher der Korb mit dem Hündchen ver- nmthet wird). Ja was macht denn mein Dash, mein lieber? .... Bist froh, daß Du mich wieder siehst, — sag' ja, mein Dash! So — so, nur ruhig! — Placire Dich! Diener (meldend). Frau Gräfin Nen- berg. (Ab.) Zweiter Auftritt. Vorige. Julie. Franziska. Willkommen, Liebste! (Umarmt Julie.) Dein Namenstag, nicht wahr? Julie. Dein Geburtstag, nicht wahr'? Franziska. Ich gratulire! Julie. Ich gratulire! (Zu Sigmund.) Guten Morgen Ihnen. (Sie legt Hut und Shawl ab.) Franziska. Nun, machen sie sich? — Bringen wir sie zusammen? Julie. Wir bringen sie zusammen. Franziska. Herrlich, ich bin ent- Zückt! Julie (zu Sigmund). Und Sie? Sigmund. Ich bin bereit, es zu werden, haben Sie nur die Gnade, mir zu sagen worüber? Franziska. Er fragt! Julie. Sie fragen? Sigmund. Ich frage: Wovon ist die Rede? Franziska. Wovon spricht seit acht Tagen die ganze Stadt? Julie. Was bewegt alle Gemüther,, setzt jeden Ehrgeiz in Bewegung? Sigmund. Nun? Julie. Die lebenden Bilder — Franzisk a. Die wir arrangiren. Sigmund. So? Franziska. Wir sagen es ja in einem fort. Sigmund (zuckt die Achseln). Ich habe eben nichts gehört. Franziska (zu Julie). Uebernimmt Ahlfeld die Direktion? Julie. Wir übernehmen sie, Ahlfeld und ich; mein Bruder ist Regisseur, Baron Rathhausen zeichnet schon die Costnme. 6 Sigmund. Schon? .... Julie. Wir brauchen die Bilder morgen, es müssen Wunder von Geschwindigkeit geschehen. Sigmund. Und die erwarten Sie von Rathhansen, dem umständlichsten aller Menschen? Julie. Umständlich ist er, das muß man sagen. Franziska. Wohl auch ein wenig langweilig dazu. Sigmund. Findest Du? (Zu Julie.) Und wenn er mit ihr spricht, hört sie ihn an mit einer Aufmerksamkeit! .... Es sieht ans, als wollte sie jedes seiner Worte verschlingen. Julie. Wäre eine unverdauliche Speise. Franziska. Es sieht auch nur so ans. Ich mache ein neugieriges Gesicht nnd höre ihm gar nicht zu, sondern denke, was mich freut. Sigmund. S—o? .... Daran erkenn' ich meine aufrichtige Frau. Franziska. (Zu Julie). Hast Du die Liste der Glücklichen mitgebracht, denen wir erlauben mitzuwirken? Julie. Hier ist sie. Wir waren strenge, Ahlfeld nnd ich. Sigmund (leise zu Franziska). Schon wieder: Ahlfeld und ich. Was behaupte ich immer? Franziska (ebenso zu ihm). Unmöglich, Sigmund. — Eine verheiratete Frau! (In der Liste lesend, laut.) Gut, vortrefflich — aber, wo bleibt Betty, und — Adele und meine Freundin Auguste? Julie. Die Eiue ist alt, die Andere häßlich, die Dritte — Beides. Wir können sie nicht brauchen. Franziska. Liebe Julie, ich kann mich mit Augusten nicht verfeinden, sie ist Ohr und Auge der Oberstkanzlerin. Ich bin um das Marienkreuz eingekommen und bedarf einer Fürsprecherin bei der boshaften Excellenz. Ueberdieß lieb' ich Auguste und sie kann ohne mich nicht leben. Julie. Unglaublich! Franziska. Ich glaube eS. — Sie hat eS mir gesagt! Julie (lacht). Sie glaubt etwas, weil man ihr's sagt! .... Herzenskind, werde älter und Du glaubst bloß deß- halb eine Sache nicht, weil man sie Dir gesagt hat. Sigmund. Hört! hört! Julie. Zur Tagesordnung. Alls dem Macbeth machen wir kein Tableau, reflectiren also auf deine drei — Damen nicht. Franziska. Wohlan, wenn es sein muß. — Ich opfere Auguste, jedoch mit schwerem Herzen, mit bösem Gewissen. Nun erweise mir das Schicksal nur die einzige Gunst, sie heute nicht hieher zu führen. Ich könnte ihr nicht in die Augen sehen.... Ihr kleinen Götter des Zufalls, Euch ruf' ich au!... Diener (meldend). Baronin Wolf! (Ab.) Franziska. Das ist zum Verzweifeln ! Sigm u n d (für sich). Zum Entzücken! Dritter Auftritt. Vorige. Auguste. Franziska (ihr entgegen). Liebste, beste Auguste, wie schön, daß Du kommst! Wie freut mich's, Dich zu sehen . . . . Sigmund (der sich gegen Auguste verneigt hat, stürzt zum kleinen Tische und wirft bei Frauziska's letzten Worten ein Bouquet zum Fenster hinaus). Numero Eins! Franziska (sieht es, für sich). Adien, Abbitte. Darauf hatt' ich vergessen. Augu st e (macht Julien, die zu Sigmund getreten ist und leise mit ihm spricht, eine kalte Verbeugung). Die Gräfin Nenberg. Ich bitte, sich nicht stören zu lassen. Julie. Worin denn, liebe Baronin? Auguste. In dem eben geführten Gespräche. (Leise zu Franziska.) Nimm Dich vor der Kokette in Acht! Franziska. Ich? Angnste. Was mich hierher zieht, ist die Sympathie für die Fr an des Hanfes. (Sie setzt sich zu Franziska.) Sigmund (leise zn Julie). Die Baronin erweist mir die Ehre zn glauben, daß Sie.... Julie. Lächerlich und abscheulich! (Für sich.) Sie war im Stande mich zn verleumden, bei — Ahlfeld. Franziska (zn Auguste). Was willst du sagen? Auguste. — Nichts, mein gutes armes Kind .... Unter Anderem, Liebste! Ich komme von der Kanzlerin. „Audlau's arrangiren Tableaux," sagte sie. „Ich glaube es nicht," sage ich. — „Eine so wichtige Sache unternimmt Franziska ohne mein Wissen nimmermehr." Franziska. — Natürlich — (Blickt zu Sigmund hinüber, der eben im Begriffe ist, ein zweites Bouquet aus der Schale zu nehme«, und stockt.) Wie könntest du glauben, daß ich — daß wir.... Auguste. Was ist dir, Franziska? (Für sich.) Mit welcher Unruhe sie hinüberblickt ! — Ganz verloren vor Eifersucht. (Laut.) Hab' ich nicht Recht gehabt? Franziska. Freilich — nein — das heißt . . . (winkt Julien, leise.) Hilf mir, ich weiß nicht, was ich ihr sagen soll. Julie (zu Auguste). Wir wollten Sie überraschen, liebe Baronin, aber das ist unmöglich. Sie sind allwissend. Ja denn, wir machen Tableaux. Auguste. So. So. Franziska (sehr rasch). Bei denen wir auch dir eine Rolle zudachteu. . . Sigmund (wirft das zweite Bouquet zum Fenster hinaus). Numero Zwei! Franziska. O weh! Julie (leise zu Franziska). Was thust Du? (Zu Angnste.) Unter den Znsehern nämlich. (Tritt wieder zn Sigmund.) Angnste. War das deine Meinung, Franziska? Franziska. Meine Meinung — ich — versteh' mich recht — Angnste. So sprich doch, liebes Herz! Franziska (nachdenkerd). Das geht! (Laut.) Unsere Meinung war — meine Meinung vor allem anderen — (leise) Das geht wieder nicht ... Ei — ich kann nicht helfen! (Laut mit Entschlossenheit.) dir die Wahl zu lassen — willst Du Mitwirken, Liebste, so wird es uns eine Freude sein. (Für sich.) Das Dritte ist hin! Sigmund (das dritte Bouquet zum Fenster hinausschleudernd). Numero Drei! Auguste. Nun —- wir werden sehen — ich verspreche nichts, aber — wenn ich. durchaus unentbehrlich wäre . . . Julie (leise zu Franziska). Da hast du's! — Man muß sie ans andere Gedanken bringen. (Laut.) Und Sie sprechen uns gar nicht von unserer verehrten Frau Kanzlerin? A u g n st e. Ich fand sie sehr verstimmt. Julie. Verstimmt? DaH wäre! Wissen Sie denn, daß mau sich in der Stadt erzählt, ihre Stellung sei erschüttert? Auguste. Geschwätz! Julie. Mau nenut sogar ihre Nachfolgerin. Auguste. Ich bitte Sie! — Und wer sollte das sein? Julie. Die Gräfin Berg. Franziska. Wär's möglich? Die edle liebenswürdige Gräfin Berg? Welch' ein Tausch! — Es wäre ein, wahres Glück — — Auguste. Doch nicht für Dich? Ei, ei Franziska. Du solltest nicht Partei für sie ergreifen, die Berg ist die intimste Feindin der Frau Kanzlerin und die Frau Kauzlerin ist Dir sehr gewogen. 8 Franziska. Nun ja, gegen mich war sie immer sehr gnädig, gegen Andere jedoch — Anguste. Was gehen Dich die Anderen an? — Dn wirst noch heute einen Beweis ihres Wohlwollens empfangen. Franziska. Auguste, versteh' ich Dich? Anguste. Bist Du nicht vor drei Tagen um das Marienkren; einge- kommen? Franzika. Freilich, freilich. A n g n st e. — Mit welchem Erfolge, wird die Gräfin Platen selbst mittheilen, und zwar — hier, und zwar — sogleich. Franziska (aufspringend). Die Oberstkanzlerin bei mir?! Julie (spöttisch). Welche Ehre! (Fitr sich.) Zu mir kann sie nicht kommen! Anguste. Bei Dir! — Um Dir persönlich die Freude auszudrückeu, die es ihr inacht, die Gewährung Deiner Bitte mit ihrein ganzen Einflüsse zu unterstützen. Franziska (fällt ihrem Manne, dann Augusten, daun Julien um den Hals.) Ich hab's! Ich hab's! Ich Hab' das Kreuz! Auguste. Drei Tage uach Einreichung Deines Gesuchs. Ein seltener Fall, ein unerhörter. Ich weiß Personen, die seit drei Jahren fortwährend um das Kreuz petitioniren und es nicht erhalten können. Julie. Vermuthlich trägt eiue kleine Bosheit der Frau Kanzlerin die Schuld. Auguste. Oder eine kleine Mangelhaftigkeit im Stammbaume. Es soll an einer Urgroßmutter fehlen. Julie (für sich). Unverschämt! — Die ihrige war eiue Wäscherin! Diener (meldend). Herr Baron Rathhausen. (Rath Hausen tritt ein, eine Mappe unter dem Arme. Begrüßung. Diener ab.) Rath Hausen. Schöne Damen: ,-Vor Euch wir beugen unser Knie." Franziska. Thun Sie das im Geiste, bester Baron, in der Wirklichkeit jedoch — setzen Sie sich nieder. N a t h h ause n. Mit der Ausführung der Costnm-Zeichnungen für die darzu- stellenden Tableanx betraut, erlaube ich mir, den Entwurf derselben einem (zu Augusten) eben so reizenden (zu Frau- ziska und Julie) als erfahrenen Areopag vorznlegen. Anguste. Immer liebenswürdig der Baron! (Nathhauseu breitet die Zeichnungen auf dem Tische aus. Erstes Tableaux: Thcucrdauk.) Anguste. Ah — deliciöö! (Leise zu Franziska.) Schauerlich! Rathha u s en (zn Sigmund). Das bist Du — Theuerdank — Maximilian. (Zu Franziska.) Das sind Sie — Prinzessin Ehrenreich — Maria von Burgund. Franziska (mit einem Ausrufe des Schreckens). Das bin ich? ! Nathhauseu (zu Julie). Das sind Sie — die schöne Mechtildis. Julie. Ent — entzückend! (Leise zu Sigmund.) Eine Vogelscheuche. Rathhausen. Was sagen Sie, meine Damen? Anguste (für sich). 6s sout ä63 Iior- i-sui-8. Sie werden aussehen wie die Narren. (Laut.) Charmant, Baron! Charmant! Ich bewundere in Ihnen einen kleinen Kaulbach. Rathhausen (küßt ihre Hand). O gnädigste Baronin — einen ganz kleinen! (Zu Franziska.) Ihr Urtheil, schönste Gräfin? Franziska. Mein Urtheil? — Im Ganzen — (zu Sigmund hinüber bli- keud) das heißt im Einzelnen ... Ich versichere Sie, lieber Baron . . . Rath Hausen. Im Ganzen sind Sie zufrieden? Franziska (für sich). Der gute Mensch — ich kann ihn nicht kränken. (Laut.) Sehr zufrieden. 9 Sigmund lmirft das vierte Bouquet zum Feuster hinaus). Numero Vier. Franziska (leise). Numero Vier auch dahin wegen eines armseligen: Sehr zufrieden? (Trotzig.) Warte! Wenn ich schon für eine Lücke bezahlen muß, so soll's doch wenigstens eine tüchtige sein. (Zu Nathhauseu.) Prächtig sind Ihre Bilder, Baron! Ich habe nie etwas Schöneres gesehen. NathHansen. Sie sagen das nicht bloß, um mir Freude zu machen? Es ist Ihre wirkliche Meinung? Franziska. Meine wirkli . . . . (mit einem Blicke nach den Veilchen.) Nein! — es sind nur mehr zwei Sträuße übrig, die muß ich mir für die Kanzlerin aufheben. (Zu Julie.) Ich darf nicht mehr lügen — lüge Du für mich. Julie. Vom Herzen gerne. (Zu Rath- hauseu.) Können Sie noch zweifeln? Sie ist ja ganz begeistert! Diener (meldend). Ihre Exzellenz, Frau Gräfin Platen. (Alle stehen auf.) Auguste. Sagt ich's nicht? Da ist sie! (Gräfin Platen tritt ein. Diener ab.) Franziska. Sie ist's. Gräfin, diese Ehre, dieses Glück — dieser Besuch . . Platen. Die willkommene Gelegenheit, Sie meiner freundlichen Gesinnungen zu versichern. Franziska. Ich weiß nicht, wie ich mmne Freude ansdrücken soll — Platen. Ich lese sie auf Ihrem Gesichte. A n g u st e (znr Platen). Bekömmt sie das Krenz? Platen. Es ist ihr so gut wie gewiß, kostet mich nur mehr ein Wort an ^ die höchste Frau. (Zu Franziska.) Sie ahnen nicht, was mich eigentlich hier- ! her führt? Augu st e (zu Franziska). Sie Witt Dich überraschen — sag' nein! Du bist mir's- schuldig. Franziska. Nein, Gräfin, ich habe keine Ahnung. (Seufzend.) Numero Fünf! S i g m u u d (schleudert das fünfte Bouquet zum Feuster hinaus.) NllMero Fünf! Platen (feierlich). Die Achtung und Liebe, welche ich für Sie hege, kennend, wird Ihre Hoheit Ihr Gesuch um aller- gnädigste Verleihung des Marien-Kreu- zes auf meine Bitte zu bewilligen geruhen. Franziska. O — th euere Gräfin! Nathhauseu. Ich gratulire! Auguste. Und ich! Julie. Und ich! Sigmund. Meine Frau ist Euer Excellenz sehr verpflichtet. Franziska. Ihnen allein verdanke ich dieses Glück, Ihrer unsäglichen Güte für mich! Plate n. Ihre Dankbarkeit thut mir Wohl. In einer Stellung, wie die meine erfährt man sie selten. Mau kommt zu oft in die Lage Anderen nützlich zu sein und für nichts strafen uns die Menschen härter als für Dienste, die wir ihnen erwiesen haben. Auguste. Ja wohl, Ja wohl. ^Franziska. Ist das möglich? — So schlecht könnten die Menschen sein? Dann wär's ja ein Unglück zu leben! Platen. Halten Sie es denn für ein Glück? Franziska. Bis jetzt ist mir's so vorgekommen. P laten. Ihre Jugend erklärt diesen beueideuswerthen Irrthum. Wenn Sie einmal meine Erfahrungen — Doch ich bin heute besonders verstimmt — durch einen neuen Schmerz, eine neue Enttäuschung . . . Franziska (für sich). Die arme Frau! Auguste. Was ist geschehen, Theuerste? Platen. Gräfin Berg ist abgereist. Alle Uebrigen. Abgereist?! Platen. Und ohne Abschied, ohne mir Lebewohl zu sagen. 2 10 A u g u st e. Die Herzlose! Nach Allem, was Du für sie gethan hast! Julie (zu Sigmund). Jetzt die Plateu allmächtig! (Laut.) Also fort ist sie? — Glückliche Reise, ich weine ihr nicht nach. Verzeihen Sie, Gräfin, aber wir können Ihren Schmerz nicht theilen. Nicht wahr, Franziska? Si g IN und (zu Franziska). So sprich doch, liebes Kind. Franziska. Nicht? — o ja . . . Julie (leise). Schweige! (Laut zur Plateu.) Ihre Güte beurtheilte diese Dame mit einer Nachsicht, die ihr von uns nicht zu Theil wurde. Nicht wahr, Franziska? Franziska. Nachsicht? Julie. Einen Augenblick, ehe sie kamen, Gräfin, sprachen wir davon — Franziska und ich, wie schrecklich es doch wäre, wenn die Jntriguantin ihr Ziel erreichte, das — Sie wissen es nicht, Frau Kanzlerin, Sie sind zu edel, zu großmüthig, um derlei Dinge für möglich zu halten — kein anderes war als: Sie aus der Stellung zu verdrängen, in welcher Sie so segensreich wirken — in welcher Sie unersetzlich sind! Plateu (zu Auguste). Eine geistreiche Frau, die Neuberg. Ich weiß nicht, was Du gegen sie hast. (Laut.) Man sagte mir wohl, daß Gräfin Berg diese Absicht hegte, allein ich habe es nicht geglaubt. Uebrigens — möglich, daß ich mich irrte — möglich, daß Andere die Gräfin besser zu beurtheilen verstanden als ich. (Zu Franziska.) Wer sagte mir doch, daß Sie sehr gut mit ihr gewesen sind? Franziska. Ich — ich . . . Julie (leise zu ihr). Um Gottes Willen, es gilt das Kreuz! (Einsagend.) Du kanntest sie kaum .... Franziska. Ich kannte sie kaum . . Sigmund (stürzt zum Tischchen und wirft das letzte Bouquet zum Fenster hinaus). Numero Sechs! Fr auzis ka. Was habe ich gethan ?! Das war feig! Das war schlecht! Julie. Wir fanden sie unbeschreiblich widerwärtig, wir Beide und alle Welt. Nicht wahr, Franziska? S i g M U N d (öffnet die Thüre ins Nebenzimmer.) Dash! ich muß ihn in der Nähe haben. Plateu (sehr freundlich.) Ei, ei — so unbeliebt wäre die Berg in der Gesellschaft? Was meint unsere kleine Gräfin dazu? Juli e. Rede! Sigmund. Dash! komm mein kleiner Dash! Franzisk a. Laß' das Sigmund — ich weiß ja doch, Du machst nicht Ernst. Auch ist's nicht nöthig — ich bin beschämt genug. — (Mit muthvollem Entschluß.) Frau Kanzlerin, Gräfin Berg ist meine verehrte Freundin — ich schätze sie, ich liebe sie, und verachte mich, daß ich sie einen Augenblick ver- läugnen konnte. Plateu. Verläugneu? — ja, warum denn? Franziska. Ich dachte — ich meinte. Plateu. Doch nicht, es thun zu müssen, mir zu Gefallen? .... Ich will nicht hoffen, daß Sie so klein von mir denken? Franziska. Gräfin — Gräfin — Sigmund. Gnade, Excellenz, mit den diplomatischen Ränken meiner Frau. Euer Excellenz sind zu großmüthig, um es nicht zu verschmähen, einen Gegner, der Ihnen so wenig gewachsen ist, ganz zu vernichten. Plateu. Na—tür — lich. (Zu Auguste.) Ein unausstehlich süffisanter Mensch! (Laut.) Vernichten? Diese reizende, kleine Frau? — Wenn Sie wüßten, wie gnädig Ihre Hoheit ihr gesinnt sind, wie sie heut wieder sagten: „Die süße, kindliche Andlan" — so kindlich — zu kindlich fast, um jetzt schon das Marien-Kreuz ... (Zu Auguste.) Der Orden ist keine Klein- kiuderbewahr-Anstalt! (Wendet sich zu ««Et 11 Julien.) Wenn ich nicht irre, bewerben auch Sie sich nm das Kreuz! Julie (verneigt sich znstiinmend). A tl gnste (rasch und spitz). Aber es fehlt an einer Urgroßmutter. P laten. Ganz recht. Ihre Urgroßmutter jedoch war? Julie. Eine Freiin von Thal. P laten (zu Nathhausen). Die sind gut. Rath Hausen. Mit uns verwandt. So alt wie die Welt. P laten (zu Julie). Ihr Gesuch ist doch eingereicht? Die höchste Frau werden es vielleicht heut' noch signiren. (Zu Franziska.) Und das Ihre — Gräfin, wird — wie gesagt - seinerzeit Berücksichtigung finden. Um ein wenig Geduld darf man bei Ihrer großen Jugend wohl Litten. ^ (Franziska und Julie machen eine tiefe s Reverenz. Platen schreitet majestätisch hin- s ans, von Sigmund bis zur Thnre be- l gleitet. Aus der Schwelle bleibt sie stehen und ^ sich znrückwendend.) » P la teu. Auguste! ^ (Platen ab.) E Auguste. Gleich, mein Engel! (Zn j Franziska.) Was hast Du gethan? l Julie. Was hast Du gethan? ? Franziska (mit unterdrückten Thränen). z Das Kreuz ist dahin! — Thnt mir l leid! .... (Zu Julie.) Ich will's ver- s schmerzen, wenn, was ich verliere — Du ^ / gewinnst. Julie. Mein Herzenskind! s Nathhausen (Sigmund auf die Schulter ^ klopfend). Höre, ich sage Dir, Du hast ; eine merkwürdige Frau! ) Diener (meldend). Graf Ahlfeld! ! (Ahlfel d tritt ein. Er hält die sechs Veilchen- li sträußc in der Hand und geht rasch auf Franziska zu, ohne Julie gleich zu bemerken, s die in's Fenster getreten ist, dessen Vorhänge s sie ihm verdecken.) Ahlfeld. Gräfin, was bedeutet das? ^ Vor fünf Minuten trete ich in den Hof ö und siehe da, mir fliegt ans diesem ( Fenster ein Veilchenstrauß entgegen. Ich hebe ihn auf und finde auf dem Boden s umhergestrent noch fünf andere Sträuße, dieselben, welche ich Ihnen mit meinen Glückwünschen heut zu schicken wagte. Julie (vortretend). Mit Ihren Glückwünschen? Sie vergessen also nur die Festtage Ihrer alten Freunde. Ahlfeld (schlägt sich vor die Stirne). Ihr Namenstag .... (Leise und flehend.) Julie! Frauzisk a. Fort mit den Blumen! Fort! . . . . Ich mag sie nicht sehen! Ahlfeld. Warum? Was haben... Franziska. Jeder dieser Sträuße mahnt mich an eine Lüge, eine Falschheit. Ahlfeld (bestürzt). Lüge? —Falschheit? — Julie (leise zu ihm). Auch mich! Auch mich! Ahlfeld (ebenso zu ihr). Ich schwöre Ihnen.... Auguste. Was werden wir hören? Franziska. O meine Freunde, meine lieben Freunde! Unwahr bin ich gegen Euch Alle gewesen. — Alle (außer Sigmund). Unwahr? Franziska. Aber es soll gut gemacht werden. Keine neue Lüge mehr und die alten — ehrlich eingestanden! Sigmund. Was fällt Dir ein, Franziska! Franziska. Grenzenlos aufrichtig will ich sein. — Ahlselds (zurück- Gräfin! Julie I weichend). Verschone mich! Franziska. Was fürchtest, Du Liebste? Angu st e (sich an Jnlien's und Ahlfeld's Verlegenheit weidend). Die Gräfin fürchtet, zu hören, was man von ihr denkt, könnte sie hochmüthig machen. Franziska (wirft sich Angustchen um den Hals). Ausgeschlossen war Du von unseren Tableau's, Thenerste! .... Sigmund. Da haben wir's! ) Julie. Sie ist verrückt! s (Fast Rathh a usen. Sie ist merk- i würdig! ) ^ " 12 Auguste. Ausgeschlossen? . . . .Und das sagst Du mir noch?! Franziska (zu Nathhausen, mit gefalteten Händen). Ihre Bilder, o bester Baron! Fiude ich nichts weniger als prächtig.... S i g m u u d. Franziska! Julie. Sie wird gefährlich. Ahlseld (hängt ihr den Shawl um). Gehen wir, bevor die Reihe an uns kommt. Nathhausen. Nichts weniger als prächtig? Sigmund. Hilf Gott, sie hat einen förmlichen Anfall von Aufrichtigkeit! Auguste. — Ausgeschlossen — ich! — ich! .... O meine Ahnung! O mein betrogenes Herz! Franziska, deicht doch — nicht doch — ich liebe Dich ja, und jetzt erst recht! A u g n st e. Laß' das. Ich habe von Freundschaft geträumt — ich bin anfgewacht. > Sigmund (begütigend). Suchen Sie! wieder einzuschlafen. Auguste. Niemals! (Wendet sich znm Gehen.) Franziska. Bleibe! bleibe! Auguste. Adieu! (Die Herren verneigen sich. Auguste geht ab.) Franzisk a. Sie hat mich verlassen! Julie (die inzwischen ihren Hut aufgesetzt hat). Das werden alle Deine Bekannten thun, wenn Du ihnen nichts zu sagen weißt, als die Wahrheit. Franziska (will ihre Hand fassen). Ach Julie! meine liebste Freundin! vielleicht meine einzige! Dir habe ich ja gar nichts .... Ahlseld (ihr in's Wort fallend). Die Gräfin will auch nichts hören. Julie. Nein! — Lebewohl. Ich wünsche diesem Hause, das zu einem Tempel der Aufrichtigkeit gemacht werden soll, recht viele Besucher .... Unter denen ich selten zu treffen sein dürfte. , gnädige Frau! Jedes Zeichen Ihrer Güte dringt mir tief in die Seele. Gräfin. Mein liebes Thereschen! Bei jedem Gebet bete ich auch für Dich! Denn Dn liebst mich, wie eine Tochter und thn'st mehr für mich, als ein eigenes Kind für seine Mutter thun würde. Therese. O, gnädige Frau! O, Mutter! Gräfin. So nenne mich! Komm' her, meine Tochter! Therese (fällt zu ihren Füßen). O, Gott! Gott! wie glücklich bin ich. (Hein, rich will im Uebermaß seines Entzückens sich der Mutter nahen; der General hält ihn rasch zurück.) Gräfin. Erhebe Dich, Theres- chen! Ich denke ernstlich über Dein Glück nach. Wenn jene Dir ähnlich wäre . . . wer weiß! Heinrich (will zur Mutter eilen). S>, Gott! G e n eral (ihn zurückhaltend). Um's Himmelswillen, sei still! (Trenkler kommt nud bringt ans einem silbernen Tablett einen Brief.) Nennie Scene. Gräfin. Therese. General. Heinrich. Trenkler. Gräfin. Was ist das? Sind wir nicht allein? Thereschen, wer ist hier? Therese. Herr Trenkler hat einen Brief gebracht. (Nimmt nud übergibt ihn.) Gräfin. Woher? Doch nicht etwa von meinem Anwalt? Trenkler. Ja wohl, erlauchte Frau. Ein Bote brachte ihn von dem Herrn Anwalt, welcher sagen ließ, der Brief sei eilig und wichtig. Gräfin. So habe ich es endlich erlebt! Herr Trenkler, bitte Er meinen Bruder zu mir. (General tritt vor.) 14 Trenkler. Seine Epcellenz der Herr General sind soeben eingetreten. Gräfin. Gut. Gehe Er. (Trenkler ab.) Zehnte Scene. Gräfin. Therese. General. Heinrich. General. Was wünschest Dn, Frau Schwester? Gräfin (nachdrücklich). Ich wünsche, Herr Bruder, daß Du dem Lesen dieses Briefes beiwohnst. Du dachtest Dir, daß das, was Du, ein Mann des Fortschrittes, gethan, eine Frau, die zu den Alten zählt, die alt und blind ist — nicht rückgängig machen könnte!? (Erhebt sich stolz.) Du wirst Dich überzeugen, daß Du Dich geirrt hast. Man hat noch nicht Alles nmgestoßeu. Es gibt noch ein Recht, welches die geheiligten Vorrechte einer Mutter beschützt. (Lächelnd.) Ja, mein Herr Bruder! (Erbricht den Brief und übergibt ihn Theresen.) Lies, Thereschen, aber laut! Therese (liest). „ Erlauchte Frau! In der mir anvertranten Angelegenheit habe ich alle Mühe angewandt. Alles ging gnt, wie ich Ew. Erlaucht schon früher zn sagen die Ehre hatte. Den Wünschen Ew. Erlaucht entsprechend und die Gründe und Einwendungen für gewichtig anerkennend, hat das Schei- dnngsgericht in die Auflösung des Ehebündnisses Dero Herrn Sohnes eingewilligt" ... O! ich Unglückselige!! (läßt den Brief fallen und hängt sich an den Hals ihres Mannes.) Gräfin (laut). Was ist das? Heinrich. O, meine Mutter! Gräfin. Warum stieß sie einen solchen Schrei aus? Warum hat sie dieß so ergriffen? (Legt die Hand auf ihre Augen, als ob sie sich besänne.) Ha! Heinrich. Darum, meine Mutter, weil Du ihr das Herz zerrissen hast, weil sie meine Frau ist, die ich mir nicht rauben lassen werde. Gräfin. So, so! Also sie ist's?? Du bist's also? Therese (ihre Hand ergreifend). 9a, Mutter ! Ich, die Du vor einem Augenblick Deine Tochter genannt. Gräfin (sie von sich stoßend). Hin« weg, Unwürdige! (Alle sind erstarrt. Panse; dann weicher.) Thereschen! Komm' her zu mir, Thereschen! (Drückt sie an sich) Zittre nicht so, weine nicht so, mein Kind! General. Schwester! Jetzt weißt Du, welch' eine Schwiegertochter Du hast. Laß' Dich erbitten und erweichen. Ich wußte, daß ich auf andere Weise Deinen Widerstand nicht brechen kann. Ich gab sie Dir absichtlich zur Seite, damit Du sie lieb gewännst, bevor Du erfuhrst, welche Rechte sie ans Dein Herz hat und auf Deinen Segen! Gräfin. Ich bedauere sehr, Herr Bruder, daß Dir Deine List nicht gelang! Therese. O! Mein Gott! Gräfin. Thereschen. Immer noch liebe ich Dich . . . aber Du siehst, daß das Schicksal es anders wollte. Die uralte Ordnung, mein Friede und Dein eigenes Glück verlangen, daß Du Dich der Bestimmung fügst. Heinrich. Mutter! Ich ehre und schätze Dich — aber erlaube mir zu sagen . . . Gräfin. Schweig'! Ich achte umsoweniger Deinen Charakter, jemehr ich dieses Wesen liebe, welches Du Deiner momentanen Laune geopfert hast. Du solltest mir danken, daß ich diese Ehe zerrissen habe, die sie steter Demüthi- gung ausgesetzt hätte. Die Rolle einer Jntrigruanlin steht ihrer edlen Seele nicht zu. Ich werde ihr eine ansehnliche Mitgift sichern und wenn sie Deine thörichten Versprechungen vergessen haben wird, findet sie auch einen ebenbürtigen Gatten — und sie wird mir alsdann danken, daß ich sie ans den passenden Platz gestellt habe. Heinrich. Dazu wird es nicht kommen, liebe Mntter! Was ist das für eine wunderbare, unerhörte Scheidung ohne unseren Willen — ohne Grund. Ich bin zwar nicht mündig, aber kein Kind, daß Jemand in dieser Weise über mich verfügt. Gräfin. Auch nicht die Mutter? Heinrich. Auch die Mntter nicht, wenn sie das Unglück ihres Kindes verlangt. Heutzutage hat Jeder — der bei gesunden Sinnen ist — das Recht in einer Sache, die das Glück seines Lebens ansmacht, allein zu entscheiden. Therese (tritt zwischen Mntter und Sohn). Höre ans, Heinrich! — Gnädige Frau! Geruhen Sie mich nnznhören. Beschuldigen Sie Ihren Sohn nicht; er ist unschuldig. Und wenn er gegen Ihren Willen gehandelt hat, so ist cs nicht seine Schuld, sondern die meinige. Zwei Jahre widerstand ich seinen Bitten und Zureden — endlich willigte ich ein. Gott sandte diese Schwäche über mich und ich muß für sie die verdiente Strafe tragen. (Innig) Seine Frau, Ihre Tochter zu sein, wäre für mich ein Glück über alle Worte! Aber ohne Ihren Segen, würde ich selbst dieses Glück nicht annehmen. Sie können unsere Ehe nicht segnen und so danke ich Ihnen, daß Sie dieselbe zerrissen. In den Mauern eines Klosters finde ich Zuflucht und Zeit, zur Reue und Gott der Barmherzige wird gnädig sein, daß diese Zeit nicht zu lang dauere. (Heinrich verhüllt sein Gesicht; der General nimmt den Brief vom Boden.) Leb' wohl, Heinrich! Ich bin nicht mehr die Deinige. Leben Sie wohl, General! Sie waren gut und liebevoll zu mir! Und Sie, gnädige Frau, die Sie Ihre Tochter von Ihrem Herzen fortstoßen, werden Sie auch die arme und verlassene Therese von sich stoßen? Gräfin (ihr mit ansg-breiteten Armen cntgegengehend). Thereschen, gutes, edles Thereschen, ich liebe Dich jetzt noch tausendmal mehr, als früher. (Sie in ihre Arme schließend.) O, wie bedauere ich jetzt meine Uebereilung! Aber leider, die Sache ist geschehen! General (den Brief schnell durchfliegend). Frau Schwester! Frau Schwester! Du hast diesen Brief nicht zu Ende gelesen; willst Du hören? Gräfin. Was enthält er noch? General. Der Anwalt schreibt, daß das Scheidungsgericht in die Auflösung der Ehe eingewilligt habe . . . Gräfin. Nun also! General. Aber die ganze Angelegenheit wurde der Entscheidung einer höheren Instanz vorgelegt, welche — hier die Worte des Briefes: „Sämmtliche Gründe der Vormünderin für unzureichend erklärte und, ans konventionellen Rücksichten die Giltigkeit und Heiligkeit der Ehe nicht antasten wollend, die Scheidung rundwegs abgeschlagen und die Ehe bestätigt hat. (Die Gräfin bedeckt ihr Gesicht mit beiden Händen.) Therese (in die Arme Heinrichs stürzend). Heinrich! Heinrich. Auch ohnedieß hätte ich eine solche Ungerechtigkeit nicht zngelas- sen. Ich hatte Dir einmal geschworen, Therese, und bis zum Tode halte ich meinen Schwur. General. Nun, liebe Schwester? Bleibst Du auch jetzt noch bei Deinem Willen? Gräfin (nach langem Schweigen ihr Gesicht enthüllend, feierlich). Thereschen, tritt heran! — Sieh, mein Kind, ich bin krank und gebrochen. Seit einigen zwanzig Jahren sah ich nicht das Blau des Himmels, das Grün des Frühlings, die reichen und fröhlichen Ernten des Sommers. Durch Deine Fürsorge lebte ich auf, meine gute Therese, und Deine süße Stimme ist ein Bedürfniß für mein 16 Herz geworden. Wirst Du mich nicht verlassen, meine Thenere? Therese. O, nie! nie! Gräfin. Laß' mich Dein schönes Köpfchen streicheln! Es scheint mir, daß ich Dich sehe! Oh! was gäbe ich dafür, wenn ich sicher sein könnte, daß Dn so bist, wie ich mir Dich vorstelle General. Thenere Schwester! Sie ist schön, wie ein Engel! Gräfin. O! Sie hat die Seele eines Engels! (kleine Panse) — Thereschen, führe Deinen Mann heran zn mir! Heinrich. O, meine Mntter! Welches Glück für mich! Gräfin. Ihr danke dafür, mein Sohn. H e inri ch. Dn verzeih'st also Mnt- ter? (Kniet, nimmt ihre Hand.) G rä fi N („nt der anderen Hand Theresen umfassend). Sie ist meine Tochter nnd Dn bist ihr Mann! Therese. Er ist Dein Sohn, Mittler ! Er ist würdig Deines Herzens. General. Nnn, Fran Schwester? Sagte ich Dir nicht, daß Dn mir dankbar sein würdest? Gräfin. Ich danke Dir, Herr Bruder. Ihr habt gesiegt. Therese. Dir verdanken wir es. Dn bist unser Wohlthäter! General. Dir selbst danke, meine Thenere. Güte, Liebe und Aufopferung besiegen auch das blinde Vornrtheil. (Der Vorhang fällt ) M i e n e r T h e a Der Inhalt von Lieferung 1—43 ist auf Umschlägen anderer Hefte angezeigt. 44. Lief. Ter natürliche Sohn. Schausviel in 4 Auszügen und einem Vorspiel von Alex. Dumas Sohn, deutsch von P. Reinhard. 1 fl. 45. — Tie Dame mit den Camelien. Schansp- in 5 Aufz. v. Al. DumaS Sohn, deutsch v. P. I- Reinhard, l fl. 46. — Ein Hnt. Lustsp. in 1 Akt. Frei nach 5la<1. Lmils e r t o i r. 59. Lief- Möbel-Fatalitäten. Schwank in 1 Akt, von Anton Bittner. 50 kr. 60 . — Eine Vorlesung bei der HanSmcisterin. Posse ini Akt, von Alex. Bergen 50 kr. 61 . — Enlenspiegel als Schnipfcr. Posse in 1 Akt, von A. Bittner. 50 kr. 62. — Kling! Kling! Posse in 1 Akt, v. Morländer. 50 kr. 63. — Ein weiblicher Diplomat, oder: Was ein Mädchen a»S Büchern lernt. Original-Lustspiel in i Akten, von Charl. Bar. von Grave». 80 kr. 64. — Nur solid, od.: CarnevalSabcnteuer im Schlossergassel. Faschingsposse mit Gesang nnd Tanz in i Akt, von L- Gottslebcn. 50 kr. 65. - Am Nllerseelentag oder: Das Gebet auf dem Friedhose. Original-Volksschanspiel in 4 Abth. nebst 1 Borsp.: Ein gegebenes Wort, von H. Hausmann. 80 kr. 66. — Ein junger Gelehrter. Lustspiel in l Akt. Nach dem Engl, von Alex. Bergen. 50 kr. 67. — Die Fran Wirthin. Charakterbild m. Ges. in 3 Akten v. Fried. Kaiser. 1 fl. 68. — Die Milch der Eselin. Posse mit Gesang in 1 Akt, nach dem Franz, v. A- Bittner. 60 kr. 69. — Etwas Kleines. Charakterbild mit Ges. in 3 Akten, v. Fried. Kaiser. 80 kr. 70. — Ein Gnldenzettel. Original-Schwank in i Akt v. Carl Gründorf. 50 kr. 71. — Tie Studenten von Ruiiimelstndt.Genrebild»!. Ges. n- Tanz in 3 Akten, v. C- Haffncr- 80 kr. 72. — Der neue Don Quichotte. Lustspiel in 1 Akt, n. dem Franz, von A. Bergen. 50 kr. 73— Ein FuchS- Posse mit Gesang in 3 Aufz. von C. Jnin. 80 kr. 74. — Er compromittirt seine Frau. Lustspiel in 1 Akt. Nach d Franz, v. Moreno. 60 kr. 75. — Therese KroneS. Genrebild mit Gesang u. Tanz in 3 Akten, v. Carl Haffner. 80 kr- Seite des Umschlages.) Der Ä'ortraitmaler. Lnstlpiel in einem Anfänge, frei nach einem vorhandenen 81 osse von Stanislaus Lesse r. (Mitverfasser der Stücke: Die Raben, der Sclave und Mädchenschwüre.) Alle Rechte Vorbehalten. Wien, 1878. Verlag der Waltishaulserchchen Buchhandlung (Joses Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Das Aufführungsrecht ist uur zu erwerben durch die Agentur der deutschen Genossenschaft drama tischer Au to ren in Leipzig. _ Personen: Der Graf. Die Gräfin. Victor Schönwald, Maler. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Salon im Hause de« Grafen. Rechts das Cabinet des Grafen; links die Zimmer der Gräfin; rechts eine Staffelei mit einem großen Bilde; zur linken der staffelet auf einem Stuhl ein Farbenkasten — rechts ein Tischchen mit Palette und Pinseln; eine Flasche mit Wasser und eine Glocke u. s. w. Erste Scene. Graf. Gr af (öffnet seine Thür und sieht herein). Ah! Noch Niemand hier! Diese Sitzungen machen mir wenig Freude. Sie sind zu häufig und dauern zu lange. Ich muß Acht geben. (Zieht sich zurück und schließt die Thür.) Zweite Scene. Gräfin. Gräfin (ans ihrem Zimmer; nähert sich dem Bilde). Er ist noch nicht da. Ein braver und edler junger Mann! Talentvoll und hübsch, wie Vau-Dyck. Er thut mir wahrhaft leid, denn es scheint, daß er den Kopf verloren. (Zieht einen Brief hervor.) Muß man denn gleich Briefe schreiben? Welche Unbesonnenheit. Gras (ans seinem Zimmer schonend — durch das Bild verhüllt). O! Ein Briefchen! Da haben wirs. Ich muß dieß hören! Gräfin (sieht dem Bilde zu). Wie er mir geschmeichelt hat! Ich sehe, daß er mit Liebe gemalt hat. Oder habe ich wirklich so ausdrucksvolle Augen, ein solches Lächeln, solche Arme? (Nimmt vom Tischchen einen Handspiegel und besieht Theater--Repertoir 335. sich.) Wirklich, ähnlich! Sehr ähnlich! — womit könnte ich nur mich ihm dankbar erweisen, daß er ein solches Andenken meinem Manne znrückläßt? Graf. Sie spricht von mir. Sie hat mich also, Gott sei Dank, nicht ganz vergessen. Gräfin (steht den Brief an). Soll ich ihn behalten? Nein, ich will nicht zu weit gehen. Das Herz ist nur so lange sicher, so lange man es nicht auf die Probe stellt. Den ersten Schritt thnt man wohl nm sich zu amüsiren, den zweiten ans Dankbarkeit und dann weiter . - - (wird nachdenkend.) Graf. Sehr verbunden für das „ weiter." Gräfin (sich nmsehend). Es ist besser für mich und für ihn, wenn ich ihm zart zu erkennen gebe daß er sich in seinen Hoffnungen täuscht. (Legt schnell den Brief in den Farbenkasten und macht denselben zu.) Und dennoch thnt es mir leid, daß es ihn kränken wird. Armer Künstler! Er betrachtet mich wie sein Ideal — und ich — — wozu soll er sich in vergeblichen Hoffnungen wiegen? Das könnte seine Laufbahn stören. Ich will ihn ans andere Weise belohnen. . . . Graf (für sich). Ich denke auch: Auf andere. Gräfin. Durch Protection, durch Empfehlung. . . Graf. Vortrefflicher Gedanke! 1 * 4 Gräfin. Ich wäre wahrhaft glücklich, wenn es ihm gut ginge. Ich bin überzeugt, daß der Ruhm ihn diesen augenblicklichen Rausch wird vergessen machen. Graf. Gott gebe es! Gräfin (setzt sich in den Stuhl dem Bilde gegenüber und wischt sich die Augen). Und dennoch thut er mir sehr leid. (Versinkt in Gedanken.) Graf. Zum Teufel — das wird ernsthaft. (Hustet und kommt vor). Dritte Scene. Gräfin. Graf. Graf. Worüber denkt denn meine Gnädige so tiefsinnig nach? Gräfin (ohne den Kopf zu erheben). Ich sehe dieß Bild an und überlege, ob Du mir dafür dankbar sein wirst, daß ich mich bei den Sitzungen so fürchterlich langweile. Graf. Langweilst Du Dich wirklich? Gräfin. Wer langweilt sich nicht, wenn er gemalt wird? Das Auge eines Malers hat etwas Magnetisches, was zum Gähnen und zum Einschlafen nöthigt. Graf. Aber das schwarze, kluge, feurige Auge eines jungen Malers dürfte keine solche Wirkung äußern. Gräfin (einen großen Pinsel vom Tisch nehmend und damit spielend). Je nachdem. Mich langweilt es! Graf. Darum kommst Du wohl auch früher zur Sitzung, als der Maler selbst. Gräfin. Ich kam nicht zur Sitzung — ich bin ja noch nicht angekleidet. Graf. Ah! Also nur so! Um Dein Bild anzusehen? Es ist auch Werth betrachtet zu werden. Diese Angen! Und wie sie blicken ... wo man sich auch hinstellen mag, diese hohe gedankenvolle Stirn, dieses Lächeln auf den schwellenden Lippen, die zum Küssen entladen . . . (beugt sich, um sie zu küssen, sie wendet den Kopf weg.) Zürnst Du, Weil ich Dich lobe? O, Du Böse! Gräfin. Du lobst das Bild. Graf. Ist es nicht ähnlich? Gräfin. Es ist geschmeichelt. Gras (enthusiastisch). Nein, nein, derselbe unvergleichliche Ausdruck, dieselbe Jugend, derselbe warme und lebendige Ton, dieselbe Weichheit und Biegsamkeit der Linien; dieselbe Fülle der Formen; dasselbe .... Gräfin (unterbricht ihn lachend). Graf. Das ist unser Loos, wir armen Ehemänner! Unsere Zärtlichkeiten wirken wie kaltes Wasser; unser Lob wird überhört, selbst unser Enthusiasmus . . . Gräfin (lachend den Satz vollendend). Ist lächerlich, sehr lächerlich. Graf. Leider! Gräfin. Weil er unwahr, weil er erheuchelt ist. G r a f. Ja, ja, uns glaubt ihr niemals. Gräfin. Findest Du dieß Bild in der That so schön? Graf. Das wird Dir Jeder sagen. Herr Schönwald malt mit voller Aufmerksamkeit, er betrachtet Dich mit der größten Gewissenhaftigkeit und Du, mein Herz, verlierst nicht die Geduld . . . die Sitzungen dauern so lang . . . Gräfin (zur Erde sehend). Jch.Wünschte, daß das Bild gut werden möge. Es ist ja für Dich bestimmt. Graf. Ich danke Dir, mein Kind. Ich weiß es wohl zu schätzen. Du langweilst Dich und sitzest mir zu Liebe. Aber wahrscheinlich ist Deine Qual nun zu Ende. Gräfin (seufzend). Ah! Nein ... das Bild ist erst untermalt. Graf. Wirklich? Du hast doch schon sechs Sitzungen gehabt. Gräfin. Wirklich sechs? Ich kann mich auf die Zahl nicht mehr erinnern . . . Gras. Du dachtest wahrscheinlich — mehr. Gräfin (ihm in die Augen schauend — nach kleiner Pause). Im Gegentheil — weniger. Graf. So! So! Doch denke ich, wenn Du noch Ein Mal sitzest, wird es genug sein. Gräfin. Das hängt vom Maler ab. Wenn man sich einmal entschlossen hat zu sitzen, so ist man Sclave des Künstlers. Herr Schönwald sagte mir, ich müßte noch mindestens sechs Mal sitzen, wenn Alles genau ansgeführt werden soll. Gras (bei Seite). Ich danke ! (Laut.) Und Du willst natürlich, daß Alles genau ausgesührt werden soll. Gräfin (mit boshaftem Lächeln). Das Bild ist ja für Dich. Graf (seufzend). Ja, für mich . .. und für mich langweilst Du Dich so schrecklich! Gräfin. Zweifelst Du daran? Graf. Durchaus nicht! Dennoch fällt es mir schwer, es zu glauben. Denn es wäre ja auch kein Ruhm für den so talentvollen und gebildeten jungen Mann, wenn sein Gespräch Dich langweilte. Gräfin. Talent spreche ich ihm nicht ab . . . aber sonst ist er langweilig. Graf (bei Seite). Langweilig? Das ist schlimm. (Laut.) Und dabei ist er hübsch ... seine ausdrucksvollen Augen . . Gräfin. Was kümmert mich das. Ich begreife nicht, wo Du hinaus willst. Dir ist doch nicht in den Sinn gekommen,'daß er mir gefällt? Ah! Das wäre eine äußerst spaßhafte Idee! Gras. Ja, sehr spaßhaft, (bei Seite) nur nicht für mich. Gräfin. Sehr lächerlich! . . Graf. Die lächerlichste von der Welt. Darum sprechen wir nicht darüber. Geh', kleide Dich an, denn eure Sitzung muß heute kürzer sein, wie gewöhnlich. Du weißt ja, daß ich fortfahre und ohne zu diniren, thue ich es nicht gern. Gräfin. Die Sitzung kann fortfallen, wenn es Dir nicht gefällt! Auch die ferneren können sortfallen; das Bild kann bleiben, wie es ist; (taucht den Piusel iu die Farbe) ich kann es sogar verwischen, wenn Dir thörichte Gedanken iu den Kopf kommen. Graf (ihre Hand auffaugend). Was willst Du thuu! Das würde Dir der Künstler nie verzeihen. Könntest Du ihm einen solchen Possen anthnn? Und warum? Weil er ein angenehmer und bübscher Mann ist und weil ich dieß sehe? Nicht Du hast es ja bemerkt! Nicht wahr? (Bei Seite.) Sie lügt. Gräfin (wendet sich ab. Bei Seite). Armer junger Mann! Er wäre untröstlich gewesen. (Wirft den Piusel fort.) Graf. Hast Du Dich beruhigt? Gräfi u. Wozu mich ärgern! (Schnell.) Du fährst also bestimmt heute? Graf (bei Seite). Ei! Das ist böse. (Laut.) Ja, ich fahre. Ich fahre ja in jedem Jahre um diese Zeit zum Erntefest. Gräfin. Ich weiß, ich weiß. Du gibst den Landleuten ein Fest und alle hübschen Mädchen ziehen in ihren Feiertagskleidern an ihrem Herrn vorüber, wie Soldaten vor ihrem General. Graf (bei Seite). Sie wendet meine eigenen Waffen gegen mich. (Laut.) Gefällt Dir dies nicht? Gräfin. Was kümmert's mich? Ich mache mir keine Gedanken. Gras. Du brauchst Dir auch keine zu machen. Gräfin. Natürlich nicht . . . ebenso wie Du Dir keine Gedanken machtest. Graf. Du bist unzufrieden, daß ich fahre. Ich bliebe gerne bei Dir, aber ich halte es für meine Pflicht, durch ein so kleines Opfer die Zufriedenheit der Leute zu erkaufen, die für uns arbeiten. 6 M Gräfin. Und streichelst gern die frischen Gesichter der lackenden Bauernmädchen. Gras. Du kommst immer Wiederaus dasselbe zurück. Ich bitte Dich, so begleite mich doch. Gräfin. Nein, das ist nicht nöthig . . ich bleibe zu Hause. Graf. Wie Du willst. (Umfaßt sie.) Du bist mir doch nicht böse? Gräfin (geht achselzuckend ab). Vierte Scene. Graf. Sie ist fort, wenn auch in übler Laune. Jetzt schnell den Brief! (Holt den Brief, nachdem er sich vorher vorsichtig umgesehen.) Wer weiß, was er enthält. (Wendet den Brief einige Mal in den Fingern um.) Ich wag' es kaum, ihn zu öffne». Nun, in's Himmels Namen. (Oeffnet den Brief.) Das ist nicht die Hand meiner Frau? Ah, Ich athme auf! (Liest.) „Gnädige Gräfin" (Spricht.) Die Anrede beruhigt mich. „Nicht länger vermag ich die Gefühle zu bemeistern, die in meinem Herzen toben. Ich lebe nur noch, wenn ick, vor der Staffelei sitzend, Ihre Engelszüge anbetend betrachte!" (Spricht.) Solch' eine sitzende Lebensweise dürfte nicht immer zuträglich sein. „Wenn Ihre Augen mich so groß und seelenvoll an- blicken, vergehen mir die Sinne und der Pinsel entfällt meiner Hand." (Spricht.) Der Pinsel! „Ueberall schwebt mir Ihr Bild vor, überall vernehme ich den Ton Ihrer Stimme. Mein Herz klammert sich an Sie, als den einzigen Gegenstand seiner Verehrung. Sonst ist's arm wie die Seele eines Kindes, das nur die Mutter kennt. Ich fühle, daß Alles, was ich schreibe, lauter Thorheit ist." (Spricht.) Ja wohl, und eine pyramidale, eine phramidale, lieber Van - Dyck. (Liest.) „Und doch beseelt mich die Hoffnung, daß Sie mich nicht von sich stoßen werden. Ein Blick, ein Händedruck von Ihnen und ich bin der Glücklichste aller Sterblichen." (Spricht.) Noch einPostscriptnm. (Liest.) „Er verreist ans einige Tage. Ich hoffe, daß dann unsere Sitzungen länger und ungenirter sein werden." (Spricht.) Dieser „Er", das bin ich, der Gatte. Ein technischer Ausdruck, aus meiner Lieutenantszeit mir wohl bekannt. Doch was nun? Sie hat ihm den Brief unbeantwortet znrückgegeben. Von ihrer Seite ist also keine Gefahr . . . und von seiner . . . Im Grunde thut mir der Arme leid. Es wäre schade um sein Talent. Ich will versuchen, ihn zur Raison zu bringen. Er kommt. Es ist eine verdammte Lage, der Schreiber eines Liebesbriefes zu sein, der dem Ehemann in die Hände gefallen ist. Ich kenne das von früher. (Stellt sich vor das Bild.) Fünfte Scene. Graf. Schönwald. Schönwald (siir sich. Die Handschuhe abnehmend). Er betrachtet die todte Leinwand, wo er das Original so nah hat. Der Barbar! Graf. Ah, wie geht es Ihnen? Ich bewundere Ihr Bild. Schön Wald. Unverdienterweise, Herr- Graf. Es fehlt noch sehr viel znr Vollenduug. Graf. Durchaus nicht, mir erscheint es ganz vollkommen. Das Eolorit ist herrlich, die Ähnlichkeit ausgezeichnet, voller Leben. Ein wenig geschmeichelt, doch das nehmen die Damen nie übel. Schö nwald (bei Seite). Geschmeichelt! O, der Kurzsichtige! Graf. Ich würde Ihnen rathen, es so zu lassen. Schön Wald. Das Gott behüte! Nicht ausgeführt, ohne Tiefe und ohne Lichter; das Bild tritt noch nicht hin- 4! D 7 reichend hervor . . . ist stellenweise ganz matt. Ich branchc wenigstens sieben oder acht Sitzungen um so weit zu sein, wie ich möchte. Graf. Das wird meiner armen Frau wenig passen. Sie hat mir eben im Vertrauen mitgetheilt, daß sie des Sitzens so müde ist, daß sie kaum eine Viertelstunde aushalten kann. (Leise bei Seite.) Das hat er nicht erwartet. Schönwald. Ha! Wenn das wahr wäre! . . . Graf. Und daun seid Ihr Herren Maler, wie die schönen Frauen. So wie diese durch übertriebene Toilette ihre Reize verderben, so ruinirt Ihr durch zu geleckte, detaillirte Ausführung Eure schönsten Werke und raubt ihnen die Ursprünglichkeit. Schön Wald. Das lasse ich bei historischen Bildern gelten, aber ein Portrait erfordert Genauigkeit. Graf. Einverstanden . . . aber übertriebene Genauigkeit schadet und ich prophezeihe, daß Sie das Portrait verderben werden. Sehen Sie, statt der dicken Pinsel, mit denen Sie das Bild untermalten, nehmen Sie jetzt dünne; noch erscheint Alles in breiten Flächen, allein Sie werden sie verwischen, ab- ruuden und so Ihrem Bilde nur schaden. Schönwald. Woher wissen Sie das Alles, Herr Graf? Graf. Ich habe viel gesehen und liebe die Künstler. Ich habe viel mit ihnen gelebt und ihre Manieren beobachtet. Schön Wald. Sagen Sie, was Sie wollen, Herr Graf — ich kann das Bild so nicht lassen. (Geht an die Arbeit.) Graf. Lassen Sie es doch wenigstens eine gewisse Zeit. Vorerst vergessen Sie ein wenig den Eindruck des Originals. Schön Wald (sich abwendend). Ich vergessen! Oh! Graf (lächelnd). Haben Sie Etwas dagegen? Schön wald. Durchaus nicht, Herr- Graf. Gras. Wie ich sagte. Sie werden vergessen, und wenn Sie später Hinschauen, wird es Ihnen ganz anders Vorkommen. Eine Unterbrechung und Rast vor der Vollendung ist in jeder Kunst nützlich. Dann wird auch meine Frau neue Lust gewinnen und kein so gelangweiltes Gesicht machen. Schönwald. Es schmerzt mich sehr, daß ich die Frau Gräfin langweile. Graf. Das thut nichts. Das Bild ist für mich bestimmt und meine Frau wird mir zu Liebe schon aushalten. Wenn Sie wüßten, wie sie mich liebt! S ch ö N Wald (bei Seite). Oh! Graf. Ich will nicht von ihrer Schönheit reden; (Schönwald wendet sich Händeringend ab.) die sehen Sie selbst am besten. Sie haben sie betrachtet und nach Ihrer Arbeit zu urtheilen, haben 'Lue mit dem Auge eines Künstlers betrachtet, der tiefes Verstündniß besitzt. (Schönwald tritt bei Seite, kehrt zurück, schenkt ein Glas Wasser ein und trinkt.) Was ist Ihnen? Sie trinken so viel Wasser. Schön Wald. Mir ist nicht wohl. Graf. Das sehe ich; Sie sind so blaß. — O! Sie haben zu viel gearbeitet. Schön Wald. Keinesfalls. Graf. Ganz gewiß. Die Arbeit hat Sie angestrengt, gerade deßwegen sollen Sie dieselbe bei Seite legen. Schönwald. Unmöglich. Graf. Ich lasse Sie gewiß nicht mehr arbeiten. Ich habe Sie aufrichtig lieb und will zu Ihrem Wohle und zum Wohle der Kunst, daß Sie Ihre Gesundheit schonen. Schönwald (bei Seite). O, er ist unerträglich! (Laut.) Ich danke Ihnen, Herr Graf, aber ich gebe Ihnen die Versicherung, daß die Arbeit in diesem Stadium für mich eine Erholung ist. 8 Graf. Ah, das scheint Ihnen nur so. Ich will Ihnen sagen, das beste Mittel ist, Sie machen eine kleine Reise und dazu bietet sich eine gute Gelegenheit; fahren Sie mit mir für acht Tage auf's Land. Schönwald (bei Seite). Eine ganze Woche will er fort sein? (Laut.) Nein, ich fahre nicht auf Eine Stunde. Graf. Sie müssen, lieber Freund — ans dem Wege halten wir uns einen Tag bei Frau v. Nomberg auf. Schönwald. Frau v. Romberg interessirt mich nicht. Graf. Das schadet nichts. Sie würden es nicht bedauern. Da sind drei Töchter, schön wie die Grazien — man nennt sie auch so. Auch die Mutter ist noch schön. Das ist so etwas für einen Maler. Vollendete Züge, wunderbarer Ausdruck der Augen! (Schöuwald will ungeduldig sich zur Arbeit niedersetzen, der Graf hält ihn auf.) Fangen Sie nicht erst an, sondern lassen Sie Ihre Sachen packen. Wir fahren gleich nach Tische. Schön Wald (bei Seite). Fst er verrückt geworden? Ich begreife nicht, was er vor hat? Graf. Sagen Sie Etwas? Sch önwald (fetzt sich und fängt an zu malen). Ich sage, daß ich nicht fahre, ich kann, ich darf nicht fahren. Ich habe wichtige Gründe, die mich in der Stadt festhalten. Graf. Was für Gründe? etwa dieses Bild? Schönwald (etwas verlegen). Fa — nicht ganz. Es ist mir noch eine wichtige Arbeit zugesagt worden und außerdem — Sie begreifen es nicht . . . so eine unvollendete Arbeit, die peinigt einen Künstler wie das böse Gewissen. Hier fällt Einem ein zu schwacher Schatten, da ein zu starkes Licht, dort ein Zeichnenfehlerein, und die Unmög-' lichkeit, die Fehler zu corrigiren würde mich ganz unglücklich machen. Graf. Nun, das ist etwas Anderes, ich dachte Ihnen eine Zerstreuung zu bereiten durch das ländliche Fest, welches ich den Dorfleuten gebe. Wenn Sie aber nicht mitfahren wollen, so bitte ich Sie wenigstens nicht ans dem Gedächniß zu malen . . . denn Sie könnten das Bild verderben. Sch önwald. Warum denn das? Wird die Frau Gräfin nicht sitzen wollen? Graf. Meine Frau wird mich begleiten. (Schönwald wird sehr mißmuthig, und läßt die Hände sinken.) Das war es eben, weßhalb ich Sie bat, mitzufahren. Ich werde mit der Anordnung des Festes sehr beschäftigt sein und kann mich meiner Frau nicht widmen; so hätte sie angenehme Gesellschaft. Doch da Sie nicht mit können, alsdann: Auf Wiedersehen. (Geht heimlich lachend durch die Mittelthür ab.) Sechste Scene. Schönwald (allein). SchöNWald (legt die Palette nieder und wirft den Pinsel fort). O ! Ich dummer, einfältiger Tropf! Mit ihr auf dem Lande, indessen er mit dem Feste beschäftigt ist. O, ich kopfloser Mensch! Das ist unverzeihlich ! (Pause.) Sie sagte mir kein Wort, daß sie fahren würde, sie dachte nicht einmal daran. O, diese unbeständigen Weiber! Was hat sie denn so plötzlich bestimmt? (Springt auf.) Aha! jetzt weiß ich's — mein Brief; die Arme fürchtet mich! Sie sieht die Gefahr und will fliehen. O, welch' ein Glück. Der Mann schleppt mich selbst mit! Ich fahre sicher mit . . . aber wie soll ich es ihm nur sageu . . . Ah! Bah! Ich sage ihm einfach, daß ich es mir anders überlegt habe! (Setzt sich aus seinen Platz und betrachtet das Bild.) Süßer Engel! Du fürchtest Dich also, 9 bist Deines Herzens nicht sicher? — Diese Falten gefallen mir noch nicht. (Nimmt Kreide und spricht im Zeichnen.) Als ich den ersten Zug dieses Antlitzes hinwars, sah ich schon den Abgrund vor meinen Füßen. Aber konnte ich vor- ausseheu, daß Dn mir selbst die schöne Hand bieten würdest? . . . Der Finger ist noch immer etwas schief. (Ergreift die Palette, die Pinsel und malt, dann steht er auf, um das Bild durch die Hand zu sehen, die Gräfin tritt ein und bleibt neben dem Stuhl stehen.) Zum Teufel! Mit der Hand ist es immer noch nicht richtig. (Die Gräfin lächelt, er bemerkt sie.) Ach! Sie hier, gnädige Gräfin! Siebente Scene. Schönwald. Gräfin. Gräfin. Ich habe mich verspätet. Sind Sie mit Ihrer Arbeit nicht zufrieden? Schönwald. Nicht ganz; es bleibt noch viel, sehr viel ... ich bin unglücklich. Vielleicht werde ich das Werk gar nicht so vollenden können, wie ich es möchte. Gräfin (sich setzend). Warum das? Schönwald. Ich fürchte weiter, aus dem Gedächtniß zu arbeiten, um es nicht zu verderben. Und zu sitzen haben Sie keine Lust mehr! Es langweilt Sie ja. Gräfin. Wer sagte es Ihnen? Haben Sie es selbst bemerkt? Schönwald. O nein, gnädige Frau. Sie wissen es zu verbergen und thun sich deßwegen einen Zwang an. Gräfin. Einen Zwang? Schönwald (bei Seite). O, diese Stimme! (Laut, sie zärtlich ansehend.) So sagte mir wenigstens der Herr Gras, gegen den Sie wahrscheinlich aufrichtiger waren. Gräfin. Also mein Mann hat es Ihnen geklagt? So! Er hatte hiezu keinen Auftrag. Schönwald. Das wußte ich. Sie sind zu gut, zu großmüthig, als daß Sie mir einen solchen Schlag versetzen könnten. Sie wissen, mit welcher Lust ich an diese Arbeit gehe; welches Gefühl meine Hand leitet, wie ich wünsche, daß ich, die ohnmächtige Kunst, sich zu einem solchen Muster erheben könnte. O, nehmen Sie mir nicht die süße Hoffnung, daß ich wenigstens theilweise im Stande sein werde, das Ziel zu erreichen . . . Gräfin. Ich bin sogar überzeugt, daß Sie das — so gewöhnliche — Muster überflügeln werden. Beruhigen Sie sich, ich werde Geduld haben. (Lächelnd.) Aber warum sehen Sie mich denn so an? Mache ich wieder ein gelangweiltes Gesicht? ... So malen Sie doch! chönWald ieh, sieh, welche Argumente! (Laut.) Sie haben Recht, Sie haben Recht, mein lieber Van-Dhck. Strecken Sie Ihr Gewehr und gehen Sie die Sachen packen. Schönwald (uimmt die Pinsel und legt sie zusammen). Ich fürchte nur, daß ich Ihnen Umstände mache — baß es der gnädigen Frau zu unbequem im Wageu wird. Gräfin. Mir? Graf. Meine Frau wird in einem besonderen Wagen direct nach Eichen- dors fahren und wir treten unterwegs noch bei Frau von Romberg ein. Gräfin (aufstehend). Wer sagte Dir denn, daß ich nacb Eichendorf fahren würde? Ich denke nicht daran. Graf. Es schien mir, daß Du Lust hattest. Gräfin (beißend). Dir scheint heute Vieles. Ich fahre nicht. (Ab.) Neunte Scene. Graf. Schönwald. Gras (zu Schöuwald). Lassen wir Sie! Wir fahren allein. Die Fräulein von Romberg sind schön - aber meine Schnitterinnen sind noch schöner . . . Sie werden sehen. (Klopft ihn auf die 11 Schulter.) Weg mit den Grillen, lieber Van-Dyck! Wir wollen das ländlich- anmuthige Leben mit vollen Zügen genießen! Mag die Frau Gräfin inzwischen hier ihre Visiten machen und sich langweilen — wir werden auf grünem Plane oder im Schatten hoher Bäume mit den hübschen Dorfkindern tanzen. Und waö für Bäume gibt es dort! Was für Buchen, was für Eichen, was für Birkengruppen. Sie werden sich nickt satt sehen können - . . ein Maler und ein Dichter wie Sie. Ja. denn Sie sind auch Dichter, lieber Freund. O, voller, voller Talent. Na, in einer Stunde fahre ich bei Ihrer Wohnung vor. . . gehen Sie und beeilen Sie sich. (Ab in sein Cabinet.) Zehnte Scene. Schönwald (allein). Schönwald (nach kleiner Pause). Da hat er mich schön angeführt! Ein sonderbares Verhängniß verfolgt mich heute. Es scheint mir auch, daß er sich noch obendrein über mich lustig macht. Hol' der Teufel die Buchen, Eichen und Birkengruppen. (Sieht auf's Bild.) Eine ganze Woche sie nicht sehen? Undenkbar! Nein, ich fahre nicht! (Oeffnet den Kasten nimmt die Palette und die Pinsel.) Und was verliere ich dabei? Er wird sagen, daß ich wankelmüthig und unentschlossen bin; aber sie? O, sie wird mir Dank wissen. (Graf tritt ein.) Nein, keine Macht wird mich von Dir reißen. Der Herr Gemal soll sich nur keine vergebene Mühe geben. Citste Scene. Schön wald. Graf. Graf (bei Seite). Jst's so? Dann hilft's nicht. Ich muß zu einer wirksameren Ueberredung greisen. (Hustet und nähert sich; laut.! Nun? Schon wieder mit dem Pinsel in der Hand? Wie lange wollen Sie denn noch arbeiten? Ich bin gleich reisefertig und Sie denken noch gar nicht an's Packen ! Schönwald. Sehen Sie, Herr- Graf, die Stimmung fehlte mir vorher, ich fing an Fehler zu machen und ärgerlich über mich selbst, wollte ich die Arbeit wegwerfen und fahren. . . und jetzt . . . (Fängt an zu malen.) Gras. Und jetzt geht es wieder . . . und die Stimmung hat sich wieder eingesunden. wie? Schönwald. Ja. . . und außerdem hatte ich früher einen sehr wichtigen Umstand vergessen . . ., der mich ^ hindert, daß . . . Graf. Daß Sie mitfahren. S chönWa l d (weiter malend). Ich be- ! dauere sehr. Wirklich. Ich habe von ! diesem Eichendorf Wunder gehört, von ^ seiner Lage, seinem Park. Aber ich bin ! so gebunden, daß ich auf Ihre Güte ! verzichten muß. ! Graf (setzt sich unk' spricht mit ver- ! schränkten Armen phlegmatisch, aber ernst). ! Ja, wenn es so ist, lieber Freund, so ! will ich Ihnen auch sagen, warum. ^ (Schönwald hört auf zu malen.) Als ich Ihnen das erste Mal den Vorschlag machte, mit mir auf's Land zu fahren, wollten Sie nickt, weil Sie wußten, daß meine Frau nicht fährt. (Schönwald wird verwirrt.) Das unterstrichene er, das heißt ich, sollte einige Tage fortbleiben und Sie hofften, daß die Sitzungen ! „länger und ungenirter" werden ! würden. Nicht? ^ Schönwald. Meine Worte . .Ah! i Graf. Dann sagte ich, daß meine ! Frau mitfährt, daß ich Sie zu deren ! Gesellschaft mitwünschte, weil ich mit dem Feste beschäftigt sein werde. Sie glaubten es und fanden wieder stichhaltige Argumente, welche Sie für das Reisen stimmten. Jst's nicht so? 12 Schönwald (für sich). Ja, ja, ich! war sehr pfiffig. Keine Frage! Graf. Endlich erklärte meine Frau, daß sie nicht fahren würde und nun haben Sie wieder Lust zur Arbeit und wichtige Gründe, die Sie in der Stadt zurückhalten. Habe ich errathen? Schönwald (verwirrt). Herr Graf! Wahrhaftig, solche Gedanken .... (Bei Seite.) Ich wollte, daß mich jetzt der Teufel holte. Graf. Entschuldigen Sie sich nicht, lieber Freund! Wiewohl wir Ehemänner leichtgläubige und blinde Geschöpfe sind, so sind wir es doch nur, wenn die Frau den Liebhaber unterstützt. Aber bei dem Tact, der Erziehung und Zuneigung meiner Frau, müssen Sie im Kampfe unterliegen. Daß meine Frau dem Künstler, welcher ihr ! Antlitz stndirt, um es auf die Leinwand! zu übertragen, gefallen hat, wundert > mich nicht. Sie ist schön, gut, klug; Sie l sind jung und voller Phantasie und Gefühl. Schön Wald (bei Seite). Mir ist so dumm zu Muthe, daß ich keine Worte finden kann. (Läßt den Kopf auf die Brust ^ sinken.) Graf. Aber Sie müssen mir zugeben, daß ich Ihre Schwachheit nicht dulden kann. Ich habe Sie herzlich lieb und warne Sie. Sie verlieren vergebens Ihre Zeit, Kraft und Gesundheit. Kunst verlangt ein ganzes Leben, ver- ! langt alle Gedanken und Gefühle, wenn! sie große und bewunderungswürdige Früchte erzeugen soll. Salonintriguen überlassen Sie unseren Stutzern und Tagedieben. Aber mit einem Kopfe voll schöner Ideen, wie Sie, müssen Sie nicht in die Schranken treten mit jenen Nichtsthuern, deren pomadisirte Köpfe so leer sind, wie eine hohle Nuß. Schön Wald (aufspringend und sich au den Kopf fassend). Gott bewahre mich davor ! Graf. Und wenn auch eine heftige Leidenschaft in Ihrem Herzen Wurzeln schlagen würde, für ein edles und schönes Weib, (Schömvald sieht das Bild an) für ein solches zum Beispiel, so würde diese Leidenschaft Ihre Thätigkeit, Ihre Gesundheit und Ihre Ruhe untergraben. Durch das stete Bedürfniß zu betrügen, würde sick Ihr Sinn erniedrigt fühlen, die fortwährende Lüge würde wie ein Wurm alles Große und Edle in Ihrem Herzen zernagen; schließlich wurde sich iu Ihre Brust der Kummer drängen, daß es Sie gelüstet hat, nach dem Glücke, der Ehre und dem höchsten Gute eines Freundes zu greifen, der Ihnen seine Thür^ gastlich geöffnet und Ihre Hand herzlich gedrückt hat. Schönwald. O Herr Graf! Ich wünschte, ich wäre weit von Ihnen. Graf. Das wünsche ich auch. Aber ich wünsche zugleich, daß diese Reise zum Vortheile für Ihre Kunst gereichen möge. Gehen Sie nach Italien, lieber Freund! dort werden Sie die momentane Schwäche vergessen und der Anblick der Werke großer Meister wird Ihre Seele mit neuen Eindrücken erfüllen und Ihrer Einbildungskraft einen höheren Flug verleihen. Hier ist ein Wechsel auf zweitausend Dukaten. Sie malen mir dort zwei Bilder und mir sind quitt. Sind Sie einverstanden? (Die Gräfin tritt ein und bleibt stehen.) Gras. Komm' her, liebe Sophie . . wir bitten Dich. Zwölfte Scene. Graf. Schön Wald. Gräfin. Gräfin. Was ist das für eine rührende Scene? ein Abschied? Graf. Du hast's errathen, mein Kind. Schönwald reist aus zwei Jahre nach Schön w a l d (ergreift gerührt Die! Hand). Ich bin's, Herr Graf! seine 13 Italien. (Kleine Pause.) Ans Liebe zu seinem Talent kann ich seinem Vorsatze nur beistimmen. Aber rathe einmal, wer die Hanptveranlassung dieses plötzlichen Entschlusses ist? Du merkst es gewiß nicht, daß Du es bist, mein Herz. Gräfin (verwirrt). Ich? Gras. Du gabst keine persönliche Veranlassung dazu, davon bin ich allzusehr überzeugt . . . und dennoch entbrannte für Dich das Herz des jungen Künstlers. Gräfin. Wie? Gr af. So ist's, mein Kind. Ich bemerkte es an seiner Blässe und an manch' anderen Zeichen, welche wir Männer zuweilen bemerken und welche uns den Schlüssel geben zu vielen Her- zenSgeheimnissen. Ich knüpfte mit ihm ein Gespräch an und entlockte ihm das Geständniß. Ich machte es ihm klar, daß, wenn das Herz eines Künstlers sich an einen einzigen Gegenstand fest- klammert, es so arm wird, wie die Seele eines Kindes, das nur die Mutter kennt. Gräfin (bei Seite). Die Worte seines Briefes! Schönwald. Herr Graf, haben Sie meinen Brief? Graf. Lieber Schönwald! hier haben Sie ihn. Es ist besser, daß er in meine Hände gerieth. als in diejenigen, für welche Sie ihn bestimmt hatten. Wiewohl meine Frau Ihnen zu- gethan ist. so hätte sie doch böse werden können. Ja was noch schlimmer, sie hätte Sie vielleicht verachten müssen. Jetzt, wo Sie abreisen, wo Sie einen so edlen Sieg über eine unglückliche Leidenschaft erkämpft, wird sie Ihnen Ihre Kühnheit verzeihen. Gräfin (drückt die Hand des Mannes und flüstert ihn, zu:) Ich habe Dich verstanden. Schön Wald (nimmt ihre Hand). Verzeihen Sie mir wirklich? Gräfin (nach kurzer Pause). Vom ganzen Herzen. Reisen Sie glücklich. Ich bitte Sie auf den Weg das Bewußtsein mitzunehmen, daß ich Ihr Talent und Ihren Charakter auf's Innigste schätze und wenn ich aufgehört haben werde Ihr Ideal zu sein, so bitte ich, daß ich nicht aufhöreu möge, Ihre Freundin zu sein. Victor. O! nie! nie! (Küßt entzückt ihre Hand, umarmt den Grafen und eilt fort.) Dreizehnte Scene. Graf. Gräfin. Graf. Nun, mein Herz, bist Du mit mir zufrieden? Gräfin (küßt ihn). Du bist ein kluger und edler Mann. (Klingelt — zum eintretenden Diener :) Johanna soll meine Sachen znsammenpacken, ich fahre mit meinem Manne auf's Land. (Der Diener geht ab; der Graf öffnet die Arme und umfängt die Gräfin.) (Per Woryang Ml) Miene, T h e a t e r - N e p e r t o i r. Lieferung: Rothe Haare. — DaS Pamphlet. Zwei Lustspiele von Nt. A. Grandjean. 50 kr. 2- — Heimlich. Lustspiel in i Akt, von Grandjcan. 50 lr. 3. — Die geheime Mission. Lustspiel in 3 Akten, von M- A. Grandjean. 60 kr. 4. — Eine arme Schneidcrfamilte. Tranmgem. m. Ges., Tanz n. Tabl., in 3 Abth-, v- Jos. C. Böhm. 80 kr. 5. — Doktor und Friseur, od.: Die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Gef., in 2 Akten, v. Fr. Kaiser. 60 kr. 6. Lief. Der Pelzpalntin und der Kachelofen, od.; Der Jahrmarkt zu Rautenbrnnn. Posse mit Gesang in 3 Akten,, von Friedrich Hopp- ist-' 7. — Der Mentor, Lustsp. in i Akt n. d. Franz, frei bearb. von I. W. Lemdert. 50 kr. 8. — Der Freund und die Krone. Romant. Schansp. in 4 Akt-, v. I. W. Lembert. 80 kr. 9. — Zum erstenmale im Theater. Posse in i Akt, von Friedrich Kaiser. 60 kr. IO. Lief. Der Gang ins Irrenhaus. Lnstsp. in 1 AN, II. d. 44. Lief. Der natürliche Sohn. Schauspiel in 4 Auszügen Franz v. Herzenskron. 50 kr. 11. —Donna Diana. Lustspiel in 3 Akt. u. d. Span. deS Moreto von C. A. West. Fehlt. (Dagegen in elcg. Min.-Ausg. ä. 1 fl. 20 kr. zn haben.) 12. — Müller und Schiffmeister. Posse mit Gelang in 2 Akten, von Friedrich Kaiser. 60 kr. 13. — Die Tochter deS CapitainS. Schauspiel in 3 Akten nach dem Franz v. Col. Gärtner. 60 kr 14. — König und Aebtissin. Trauersp. in 3 Akten nebst einem Borspiele, von Al. Patuzzi. 80 kr. 15. —Alle Mittel gelten. Lustspiel in 1 Akt nach Scribevon L- Julius. 50 kr 16 . — Eine Jugendsünde. Lustspiel in 1 Akt, frei nach dem Französischen von L. Julius. — Georgi. Posse in 1 Akt von L- Julius. 60 kr. 17- — Olga. Lustspiel in i Akte, frei nach dem Französischen von L- Julius. 50 kr. 18. — Zwei Pistolen, oder: Erschossen und lebendig. Posse und einem Borspie l von Alex. DumaS Sohn, deutsch von P. Reinhard. 1 fl. 45. — Die Dame mit den Camelien. Schansp. in 5 Ausz. v. Al. DumaS Sohn, deutsch v. P. I. Reinhard, i fl. 46. Ein Hnt. Lnstsp. in 1 Akt. Frei nach dlrul. lümilo cl« Oirarllin, von M. A. Grandjean. 50 kr. 47. — DaS hohe C. Lustspiel in 1 Akt, von Ri. A. Grandjean. 50 kr. 48. — DaS Eoncert Lnstsp. in 1 Akt v. P. Ri- Dagyofer. 50 kr. 49. — Ein weiblicher Monte-Thristo. Charakters, aus dem Pariser Leben, in4Nbth. und 5 Akten mit Musik und Tanz von Th. Megcrlc. 80 kr. 50. — Ein Mann ohne Herz. Genrebild in 5 Akten von Al. Fr. Pann. ' 60 kr- 51. — Der Roman eines armen junge» M anneS. Schauspiel in 5 Aufzügen und 4 Tableanx. Nach Octave Feuillet von C- Juiu und P. I. Reinhard. 1 fl. mit Gesang in 2 Akten, von Friedrich Kaiser. 60 kr. 52. — Im Dorf. Ländliches Charaktergcm. mit Ges. und " " ^ " . ^ ... .. Tanz j» g Abth. v. Therese Megerle. 60 kr. 53. — lleberall Diebe. Original-Schwank in i Akt, von C- F- Stix. ' 50 kr. 54. — Ein Rekrut von 1859. Volksstück mit Ges. in 3 Abth. von O. F. Berg. 80 kr. 55. — Der böse Geist LnmpacivagabnnduS, od.: Das liederliche Kleeblatt. Zauberposse mit Gesang in 3 Aufzügen, von Joh. 'Nestroh. ' 80 kr. 56. — Frink und Eompngnic. Charakterbild mit Gesang in 3 Akten von N. Barry. 80 kr. 57. Ter Wunderdoktor. Original-Lebensbild in. Gesangiu 2 Akten von K. Gründers- 80 kr. Der Mord in der Kohlmeffergasse. Posse in 1 Akt nach dem Franz, von Alex. Bergen. 50 kr. 59. — Möbel-Fatalitäten. Schwank in i Akt, von Anton Bittner. 50 kr. 60. — Eine Vorlesung bei der Hansmcisterin. Posse in i Akt, von Alex. Bergen 50 kr. 61. — Enlenspiegcl als Schlüpfer. Posse in i Akt, von A. Bittner. 50 kr. 62. — Kling! Kling! Posse in i Akt, v. Morländer - 50 kr. 63. — Ein weiblicher Diplomat, oder: Was ein Mädchen ans Büchern lernt. Original-Lustspiel in4 Akten, von Charl. Bar. von Graven. 80 kr. 64. — Nur solid, od.: Carnevalsabenteuer im Schlosscrgassel. Faschingsposse mit Gesang und Tanz in 1 Akts von L- GottSleben. 50 kr. 65. Am Allerseelentag oder: Das Gebet auf dem Friedhöfe. Original-Volksschauspiel in 4 Abth. nebst 1 Vorsp.: Ein gegebenes Wort, von H. Hausmann. 80 kr. 66. — Ein junger Gelehrter. Lustspiel in i Akt. Nach dem Engl, von Alex. Bergen. 50 kr. 67. — Die Frau Wirthin. Charakterbild m. Ges. in 3 Akten v. Fried. Kaiser. i fl. 68. — Die Milch der Eselin. Posse mit Gesang in 1 Akt, nach dem Franz, v. A. Bittner. ' 50 kr. 69. — Etwas Kleines. Charakterbild mit Ges. in 3 Akten, v. Fried. Kaiser. 80 kr. 70. — Ein Gnldenzettel. Original-Schwank in i Akt v. Carl Griindorf. ' 50 kr. 71. — Die Studenten von Rummelstadt. Genrebild m. Ges. n. Tanz in 3 Akten, v. C. Haffner. 80 kr. 72. — Der neue Don Quichotte. Lustspiel in i Akt, n. dem Franz, von A. Bergen. 50 kr. 73— Ein Fuchs. Posse mit Gesang in 3 Ausz. von C. Jnin. 80 kr. 74. — Er compromittirt seine Frau. Lustspiel in i Akt. Nach d Franz, v. Moreno. 60 kr. 75. — Therese Krones. Genrebild mit Gesang u. Tanz in 3 Akten, v. Carl Haffner. 80 kr. 76. — Eine Ausnahme von der Regel. Lnstsp. in i Aufzuge von NloiS Berln. 50 kr. 77. — Zwei Testamente. Charakterbild mit Ges. in 3 Anfz. von Friede. Kaiser. 80 kr. 78 — Drei Viertel ans Eilf. Schwank in l Akt v. Nt. N- Grandjean. 50 kr. 79 — Einen J»x will er sich machen. Possei». Ges. in4 Ausz. v. I. 'Nestroh. 80 kr. 19. — Der Bräutigam ohne Braut. Lustspiel in i Akt, von HerzenSkron. 50 kr. 20. — Ein Mädchen ist's und nicht ein Knabe. Lustspiel in 1 Akt n- d. Französischen von Herzenskron. 50 kr. 21. — EliaS Regenwurm, oder: Die Verlobung auf der Parforcejagd. Posse mit Gesang in 2 Akten, von Friedr. Hopp. 80 kr. 22. — Hoang-Piiff. Posse in 1 Akt nach dem Französischen von Herzenskron. 50 kr. 23. — Der Knß an den lleberbringer. Lustspiel in i Akt n. d. Franz, des Scribe, von Herzenskron. 50 kr 24. — DaS Häuschen in der Aue. Lustspiel in 1 Akt, nach dem Franz, frei bearbeitet von Herzenskron. 50 kr. 25. — Tie Nebenbuhler. Lustspiel in 5 Akten, nach Sheridan's „Rivals" von F. C. Hanker. 80 kr. 26. — Onkel Tom. Amerikanisches Zeitgemälde m. Ges. u- Tanz in 3 Abth. nebst 1 Vorsp. nach Stowe's Roman: „Onkel Toms Hütte" v. Th. Megerle. 80 kr. 27. — Ein alter Corporal. Charakter-Gemälde in 5 Akten, von Carl Jnin und P. I. Reinhard. Theilweise nach Dumanoir. 80 kr. 23. — Servus, Herr Stutzerl! Posse in 1 Akt, von Jnin und Flerx. 50 kr. 29. — Die Ehre des Hauses. Drama in 5 Akt. v. C- Jnin und P. I. Reinhard. Nach Balta und Desoigncs. i fl. 30. — Die Obsthändlerin des Königs. Drama in 3 Ä- u. einem Vorsp. mit. d. Titel: Der Wasserträger von Paris. Nach dem Französ. frei bearb. v. Therese Megerle. 80 kr. 31. — Gcrvmus, der Narr vom Nntersberg. Posiemit Gesang in 3 Akten von A. Berla. 80 kr. 32. — Eulenspiegel, od.: Schabernack üb. Schabernack. Posse m. Gesang in 4 Akten, v. I. Nestroy. Dritte Ausl. 80 kr. 33. Hempel, Krempel und Stempel. Posse in 1 Akt. Frei nach dem Engl. v. K. Gräser. 60 kr. 34. — Wahn und Wahnsinn. Schauspiel in 2 Akten nach Melesville's: Lila em kolls bearb. v. Lembert. 60 kr. 35 — Ein Florentiner Strohhut, od.: Fatalitäten an d m Verlobungstage. Posse mit Gesang in 3 Akten, von Carl Juin und L. Flerx. 80 kr. 36. — Ein neuer Monte-Christo. Original-Charakterbild in 3 Akten von Friedrich Kaiser. i fl. 37. — Die schöne Fiakerin. Lokaler Schwank mit Gesang und Tanz in 3 Akten. Nach einer älteren Krinqsteiner'schen Posse frei bearb. von A. C. Naske. 80 kr. 38. — Eine reife Melone. Schwank in i Akt v. Bohle Ber- nard's Nlaionio attaedoment.-!, v. K. Gräser. 60 kr 39. — Der Arzt wider Willen. Schwank in 2 Akten frei naS Molisre von Gräser. 60 ^ 40. — Am Clavier. Lustspiel in 1 Akt. Nach dem Französi schen frei bearb. v. M. A. Grandjean. ->o kr 41. — All zu toll. Fastnachtsposse in 1 Akt. Frei nach dem Engl von K. Gräser. 50 kr. 42. - Die Geldfrage. Lnstsp. in 5 Ausz. ».Alexander DumaS Sohn, deutsch von P. I. Reinhard. 80 kr. 43. — Diana de Lys. Schausp. in 5 Ausz. v. Alex. DumaS Sohn, deutsch von P. I. Reinhard. 1 fl. (Fortsetzung dieses Verzeichnisses, siehe 2. Seite des Umschlages.) che körte Mitterwochen. Lustspiel in einem Anstnge. Von Moriz Epstein. Alle Rechte Vorbehalten. Mett, 1878. Verlag der Wallishansser^schen Buchhandluilg (Josef Klem m), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Zt Das Aufführungsrecht ist nur zu erwerben durch die Theater-Agentur Gustav Lewy, iu Wien. _ Personen: Balthasar Blitz. Heinrich Freiheim. Susann e. Lazarus. Lisette. Ort der Handlung: Freiheim's Wohnung, in einem Gasthofe gelegen. Den Bühnen gegenüber als Mannscript gedruckt. HZ o r rv o r t. Der Verfasser hat dieses kleine Lustspiel schon vor Jahren geschrieben. Er wurde damals zu dieser bescheidenen Arbeit durch den Verkehr mit einigen jungen Kauflenten angeregt, deren seltsame Anschauungen über die Bedeutung, die dem wichtigsten Schritte des Mannes inuewohnt, auf ihn überraschend wirkten. Den Mnth, das kleine Lustspiel zu veröffentlichen, gewann jedoch der Verfasser erst, nachdem eine spätere Arbeit seiner Feder, die dramatische Kleinigkeit: „Der Tanzboden", veröffentlicht worden war, und eine freundliche, den Autor ermuthigende Ausnahme gefunden hatte. Der Schauplatz ist ein gut ausgestatteter Salon. Links vom Zuschauer eine Thüre, ein Kamin mit Vasen, Statuetten, n. s. w. Vor dem Kamine sind ein Tisch, ein Sofa und Stühle aufgestellt. In der Mitte des Hintergrundes befindet sich der Haupteingang. Rechts vom Zuschauer: Eine Thüre. Erste Scene. Susanne. Lisette. Susanne. Lisette! Lisette. Gnädige Frau! Susanne. Mein guter Mann hat mich schon wieder mit Geschenken bedacht. fSie mustert einige Cartons, die auf dem Tische liegen.) Sieh' diese Kleider, diese Spitzen und Shawls! Wie schön das Alles ist! Lisette. Und erst dieser Schmuck! Ach, gnädige Frau, wie sehr sind Sie zu beneiden! Sie haben den freigebigsten Ehemann unter der Sonne! Susanne fmit einem Seufzers. Ach K — Lisette. Und dennoch seufzen Sie? Susanne fbei Seite). Ich würde alle diese Putzsachen, die das Auge reizen, gerne dem opfern, der mir dafür die Gewährung meines einzigen großen Herzenswunsches verschaffen könnte. fZn Lisctte, etwas unwirsch). Trage die Sachen auf mein Zimmer. Lisete fpackt Alles zusammen, für sich). Ich sehe schon, ich habe zu viel gefragt. Madame scheint sehr empfindlich zu sein. sAl> durch die Thüre links.) Theater-Repertoir 33ll. Zweite Scene. Susanne. Lazarus fhohlwangig, ver. stört, im Schlasrock). Lazarus. Ist Heinrich schon zu Hause? Susanne. Nein! Doch ich erwarte ihn jeden Augenblick. Lazarus. Susanne, Du bist sehr- unglücklich ! Susanne. Vater, welch' ein Gedanke ! Lazarus. Du hast noch nicht den Mnth, es Dir zu gestehen, aber ich rufe es Dir zu: Du bist unglücklich! Susanne. Vater, wie kannst Du so sprechen? Du weißt es, ich habe den besten, edelsten Gatten, und wir lieben uns leidenschaftlich! Lazarus. Und doch läuft über Euere Ehe ein unheimlicher Schatten. Susanne funruhig). Ich verstehe Dich nicht! Lazarus. Kein Mensch weiß von Euerer Verbindung, Niemand darf sie erfahren. Euere Ehe muß geheim bleiben. So hat es uns Heinrich am Tage vor der Trauung befohlen, und wir haben ihm leider gehorcht. Susanne. Was liegt daran? Bor- Segen des Priesters hat uns ja vereint, 1 * 4 er ist mein vor Gott und dem Gesetz, und Niemand auf der Welt kann uns trennen. Lazarus. Und doch mußt Du aus Deiuer Ehe eiu Geheimuiß machen, Du mußt Dem Glück heimlich und verstohlen genießen, wie eine Diebin, Du darfst nicht hin treten vor aller Welt, und sagen: Seht, dies ist mein Gatte! — DaS hat einen Grund! Susanne. Gewiß! Lazarus. Und das sagst Du so gleichgültig, statt varüber nachzugrübeln? Susa u u e. Ich habe blindes Zutrauen zu meinem Manne. Lazarus stacht bitters. Haha! Du hast noch wenig Erfahrung, mein Kind, sonst würdest Du wissen, daß mau jedem, auch dem besten Manne mit Mißtrauen begegnen muß. Susanne. Ich habe auch nicht den Muth, ihm einen Vorwurf zu machen. Ach, ich liebe ihn so sehr, und fürchte, ihn zu kränken. Lazarus. Doch ich sage Dir, Du darfst es nicht leiden, Du mußt es ihm verwerfen. Susanne. Gut denn! Ich werde Ihnen folgen; aber nicht etwa, weil ich Mißtrauen in ihn hege, nicht etwa, weil ich seine Handlungsweise irgendwie verdächtige, sondern weil ich selber einsehe, daß eine namenlose Beleidigung für mich darin liegt, daß er der Welt, ja seinen nächsten Verwandten gegenüber, seine Ehe mit mir verschweigt. Ich werde ihm sagen, daß eine solche stille Ehe unehrlich und unwürdig ist, und daß er es meiner Frauenwürde schuldet, mich als seine Gattin öffentlich anzn- erkennen. Lazarus. Gut so, mein Kind! Ich höre Schritte, gewiß ist es Heinrich. Thne so, wie Du gesagt hast. sAb.j Dritte Scene. Susa n n e. Hei n r i ch. Heinrich. Guten Abend, mein Kind! Susanne. Guten Abend! Heinrich (schüttelt sichs. ES ist ein häßlich' Wetter draußen. Es hagelt! Aber ich habe nichts gefühlt. Ich eilte hierher und auf dem ganzen, weiten Weg von meinem Comptoir bis hierher dachte ich nur an Dich und an die süßen Stunden, die ich an Deiner Seite verleben werde. Doch warum schweigst Du? Du bist verstimmt? Mein Gott, jetzt hast Du gar geseufzt?! Susanne. Heinrich, ich habe ein ernstes Wort mit Dir zu sprechen. Heinrich. Ein ernstes Wort? Susanne. Du weißt es, wie sehr ich Dir zu Dank verpflichtet bin. Noch vor einem Jahre war ich ein armes, unglückliches Wesen; Du fandest Gefallen an mir, und gabst mir Deine Freundschaft, deine Liebe. Ach, Du warst mein Retter und Wohlthäter! Du hast mich ans Armnth und Dürftigkeit gerissen und in Ueberflnß versetzt. Wie werde ich Dir dies vergelten? Heinrich. Schon wieder diese Lobsprüche! Daß Du doch nie anshörst, mich zu preisen. Du machst mich scham- roth. Was ich für Dich that, war ja kein Verdienst, es war nichts, wie Egoismus, denn ich dachte dabei nur an mich. Susanne. Und nun wage ich es wieder mit einer Bitte vor Dich zu treten. Heinrich. Eine Bitte? Sprich, mein Kind. Was wünschest Du? Fehlt Dir Etwas, ich werde es Dir bieten. Hat irgend Etwas Dein Mißfallen erregt, ich werde es beseitigen. Ach, ich errathe, Du findest Dich unbehaglich in diesem Hause, es ist hier so still. Susann e. O, ich liebe diese Stille. 5 Heinrich. Mißfällt Dir diese Einrichtung? War ich zn sparsam? Susanne. Nicht doch. Du bist im Gegentheile viel zu freigebig. Der Luxus, mit dem Du mich umgibst, thut mir wehe. Ich möchte gerne auf all' diesen Plunder verzichten, wenn Du mir dagegen eine Bitte gewährtest. (Sie setzen sich auf's Sofa.j Sieh', Heinrich, wir sind jetzt einen Monat vermählt und noch weiß kein Mensch von unserer Verbindung. Noch immer halten wir uns vergraben in diesen! unfreundlichen Gasthof. Warum verschließen wir uns vor der Welt, ja vor Deinen nächsten Verwandten? Heinrich. Liebes Kind, das hat sein guten Grunde. Ich mußte, so leid es mir auch that, unsere Vermählung geheimhalten, denn sonst wäre Alles dagegen gewesen, mein Vater, meine Bruder, die ganze Verwandtschaft; besonders aber ser hustets meine Gläubiger. Und Du darfst mir glauben, es wäre diesen Herren sicher gelungen, unsere Verbindung zn Hintertreiben. Da ist, um Dir nur ein Beispiel zu sagen, ein sicherer Herr Blitz, ein Mann, der mir sehr viel Kredit schenkt und mir in meinem Geschäfte großen Vorschub leistet, ja sogar unentbehrlich ist. Dieser Mann verfolgt mich seit Langem mit seinen Heiratsprojekten. Er will durchaus, daß ich eine reiche Frau bekomme und darf um keinen Preis erfahren, daß ich schon verheiratet bin, daß ich ein armes Mädchen geheiratet, denn sonst würde er mir nicht nur jede Hilfe entziehen, sondern im Gegentheile, den ganzen, großen Einfluß, den er in der Geschäftswelt besitzt, zu meinem Nachtheile verwenden. Und dies wäre gerade jetzt sehr gefährlich, denn es ist eine Handelskrise eingetreten. Ich habe viele Verluste erlitten und noch manche zn erwarten und kann daher, für den gegenwärtigen Moment, ohne Kredit nicht eftstiren. Ist aber der gefährliche Zeitpunkt einmal überwunden, so lache ich der ganzen Sippe und Krämerschaft in's Gesicht und werde Dich überall als meine Gemalin vorstellen. Bist Du jetzt zufrieden? Susanne. Vollkommen. Ich bin jetzt beruhigt und als Belohnung dafür, daß Du mir diese Freude gemacht, werde ich Dir ein schmackhaftes Souper zubereiten. sSie erhebt sich.) Heinrich. Du gehst schon? Susanne. Ich eile nur in die Küche und bin sogleich zurück. sAb liuks.j Vierte Scene. Heinrich salleinj. Heinrich. Wie lieb sie ist! Und wie genügsam! Wie sie sich über Alles, über jede Kleinigkeit freut! Die süße Unschuld! Wie glücklich wird sie erst sein, wenn ich ihren Wunsch werde erfüllen können. Doch hierzu ist der geeignete Moment noch nicht gekommen. sEr lacht.) Ha! Wenn ineine Gläubigeres wüßten, wenn Blitz es erführe, daß ich dem Zuge meines Herzens gefolgt, daß ich aus Liebe ein armes Mädchen geheiratet, sie würden rasend werden! Doch znm Glücke kennt Niemand dieses verborgene Asyl, Niemand kennt das Kleinod, das ich hier anfbewahre, und ich bin hier in diesem entlegenen Hause vor Entdeckung geschützt. Fünfte Scene. Heinrich. Blitz sdurch den Haiiptcin- gangj. Blitz. Gilten Abend. Heinrich sversteincrt). Herr Blitz! Blitz. Ihr unterthäniger Diener. sEr mustert das Zimmer.) 6 Heinrich. Wie kommen Sie hierher ? Blitz. Ich bin Ihnen nachgegangen. Heinrich (aufgebracht). Und ans welcher Ursache? Blitz. Ich habe Sie ans der Straße bemerkt — Sie sind leicht gekleidet. Draußen aber weht ein eisiger Sturmwind. Ich fürchtete, daß Sie sich erkälten könnten. Und da ich im Besitze eines Shawls und Mantels bin, so eilte ich Ihnen nach, um Ihnen dieselben anzubieten. Heinrich. Sehr gütig, Herr Blitz; behalten Sie Ihre Sachen für sich. Blitz. Wo denken Sie hin? Was thäte ich, wenn Sie sich erkälteten, wenn Sie krank würden, wenn Ihnen gar, Gott verhüte es, ein Unglück widerführe. (Bei Seite.) Ich wäre ein geschlagener Mann! Heinrich. Sie beweisen mir ja eine wahrhaft väterliche Zärtlichkeit. Blitz. Allerdings. Und dies ist auch ganz in der Ordnung; denn wie Sie wissen, habe ich Ihnen vor einigen Monaten 60.000 fl. geborgt und seitdem sind wir einander noch näher gerückt wie Vater und Sohn. Wir haben den höchsten, innigsten Grad von Verwandtschaft erreicht, nämlich: Wir sind aneinander gewachsen und bilden einen Leib. Ihre Schmerzen sind jetzt auch die meinigen. Stehen Sie, so stehe auch ich; fallen Sie aber, so falle ich mit. Heinrich. Ich begreife jetzt, warum Sie sich für meine Gesundheit so sehr interessiren. Machen Sie sich deßwegen keine Sorgen. Ich bin vollkommen gesund und befinde mich sehr wohl. Blitz. Ich danke Gott dafür! Sie sehen auch in der That vortrefflich aus. Leider kanu ich von mir nicht dasselbe sagen. Ich bin krank. Heinrich. Woran leiden Sie? Blitz. Urtheilen Sie selbst. Seit einiger Zeit beschäftige ich mich eingehender mit den Vermögensverhältnissen meiner Schuldner und durch diese Grübeleien habe ich mein Gemüth so stark aufgeregt, daß die Ruhe aus meinem Herzen und der Schlaf von meinen Augen gewichen ist. Ich komme nämlich jetzt erst zur Erkeuntniß, daß ich mein Geld lauter schlecht«'" Händen anvertraut habe. Ich sage Ihnen, Herr Freiheim, ein jeder meiner Schuldner hat mir schon eine schlaflose .Nacht verursacht. Einer kam nach dem Andern und zuletzt kam die Reihe an Sie. Heinrich. Was hör' ich? Blitz. Und ich gestehe Ihnen, seitdem sich mein Gemüth mit Ihnen beschäftigt, hat meine Schlaflosigkeit zugenommen, und wenn es mir einmal ausnahmsweise gelingt, einzuschlummern, so habe ich heftige Visionen und wilde, beängstigende Träume. Heinri ch. Beruhigen Sie sich, Herr Blitz. Wenn alle Ihre Schuldner so fest stehen wie ich, so können Sie ruhig schlafen. Blitz. Stille! Es ist wahr, Sie stehen fest vor den Augen der Welt. Ich aber dnrchblicke Ihre Finanzen. Ich weiß. Sie haben in letzter Zeit Verluste erlitten, welche Sie unmöglich überwinden können. Heinrich. Ich sage Ihnen, daß meine Finanzen vortrefflich sind. Es ist wahr, daß ich Verluste erlitten habe, aber dieselben waren zu unbedeutend, um mich zu schwächen. Uebrigens mache ich glänzende Geschäfte. Sogar im letzten Monate, wo Alles darniederlag, erfreute sich mein Haus eines großen Verkehres. Blitz. Dafür mögen Sie sich bei mir bedanken. Ich hatte ernste Furcht, daß Sie, wenn Sie nichts verkaufen und daher wenig Geld lösen würden, die Lust oder vielleicht gar die Kraft verlieren könnten, Ihre Zahlungen zu leisten. Ich ließ daher durch verschiedene Agenten bei Ihnen eine Menge Maaren aufkaufen. Auf diese Art hatten Sie 7 ein glänzendes Geschäftsmonat nnd stehen heute noch aufrecht. Heinrich. Glauben Sie mir, Herr- Blitz, dieser Kniff wäre nicht nothwen- dig gewesen, denn ich wiederhole Ihnen, meine Finanzen sind die besten. Blitz. Und ich sage Ihnen, daß sie sich bedeutend verschlechtert haben. Sie sind auf dem besten Wege bankerott zu werden und dies zu verhindern, gibt es nur ein Mittel, Sie müssen heiraten, Sie müssen eine reiche Partie machen. Heinrich. Ich weiß, daß dieß leider Ihre fixe Idee ist. Blitz. Es ist meine Ueberzengung. Heinrich. Seit drei Wochen verfolgen Sie mich mit Ihren Heiratsprojekten. Wissen Sie, daß mich das noch krank machen wird? Blitz. Wieso?! — Heinrich. Zählen Sie alle reichen Mädchen in der Stadt. Es ist keines darunter, das mir nicht bereits von Ihnen oder einem Ihrer Freunde und Agenten wäre anempfohlen worden. Diese ewigen Heiratsprojekte haben mich aus der Ruhe meines glücklichen Mckt scheu um sichs Innggesellenlebens auf so grausame Weise aufgestört, daß ich schon den Keim einer Krankheit in mir fühle. Blitz. Entsetzlich! Werden Sie mir nur nicht krank. sZärtlich.s Lieber Freiheim, glauben Sie mir, es hegt kein Mensch auf der Welt solches Mitgefühl für Sie, wie ich. sSehr sauft und eiuschineichelnd.s Sehen Sie, ich habe eine Cousine, eine junge Witwe ohne Kind, Besitzerin mehrerer Häuser, ungeheuer reich! Heinrich sgähuts. Blitz. Sie hat 80.000 fl. bare Mitgift, blaue Angen, flachsblonde Haare nnd ist von frommer, sanfter Gemüthsart.- Heinrich. Gratulire. Wann ist Ihre Hochzeit? Blitz. Meine Hochzeit? I, was fällt Ihnen ein? Diese junge Witwe habe ich für Sie bestimmt. Sie soll das Opfer sein. — Entschuldigen Sie, das Mittel wollt' ich sagen, mit welchem ich Ihre kranke Firma wieder auf die Beine bringe. Heinrich. Herr Blitz, ich bemerke Ihnen ein für alle Male, daß das Heiraten kein kaufmännisches Geschäft ist, sondern eine Angelegenheit des Herzens. Ich werde mich nie und nimmermehr entschließen können, aus Berechnung zu heiraten. Blitz. Sie haben sehr wenig Geschäftsgeist, mein Herr. Ich mache Ihnen da einen sehr verständigen Antrag und Sie antworten mir mit hohlen Phrasen. Herr Freiheim, Sie wissen, ich habe Ihnen viel Gutes gethan. Ich habe Sie, als Sie noch ein kleiner Bursche waren, in mein Geschäft ausgenommen. Ich habe Sie eingeweiht in die Geheimnisse der Waarenkunde. Ich habe Sie gelehrt, Roßhaare zu taxiren, echten Krapp von gefälschtem zu unterscheiden n. s. w. u. s. w. Ich kann wohl sagen, daß Sie erst durch mich empfänglich gemacht wurden für die Reize aller Naturprodukte, die in den Handelkommen. Und als Sie dann mein Geschäft verließen, um sich selbstständig zu machen, da zeigte sich erst meine Fenudschaft! Das Vermögen, welches Sie geerbt, war wohl groß; aber es hätte doch zur Führung eines so immensen Geschäftes nicht hingereicht, wenn ich nicht gewesen wäre. Ich war für Sie thätig. Ich verschaffte Ihnen Credit bei den Bankiers und bei den Banken ; ich führte Sie in die Geschäftswelt ein, ich es- comptirte Ihre Wechsel und acceptirte sogar für Sie! Und nun, nachdem ich Sie zu einem fertigen Manne gemacht, nun komme ich zu Ihnen mit einer- kleinen Bitte und Sie schlagen sie mir ab! Ach, Heinrich, hat sich Ihr Gemüth, seit Sie Kaufmann sind, wirklich so verhärtet! Ich habe so oft Ihnen zu Liebe Wechsel unterfertigt nnd Sie wollen nicht einmal mir zu Liebe heiraten? Doch, ich sage Ihnen, wie sehr Sie sich auch weigern, cs wird Ihnen nichts nützen. Denn ich werde mich an Ihre Ferse heften und Sie mit meinen Heiratsprojekten verfolgen; meine Agenten sollen Sie umlagern und Ihnen alle Löcher Ihres Gehirns mit Heiratsgedanken anstopfen so lange, bis Sie krank werden, die Besinnung verlieren und von Ihrer Weigerung abstehen; denn ich sage Ihnen, Sie müssen heiraten, Sie müssen es! lPanse.) Heinrich. Und Sie glauben wirklich, daß ich eine Frau heiraten werde, die Sie mir bestimmen, eine Frau, die ich gar nicht kenne. . . Blitz. Warum nicht? Ich kenne sie ja und dieß genügt vollkommen. Ich bin ja Ihr Freund. Ich kenne alle Ihre Gewohnheiten und Manieren. Glauben Sie denn, daß ich Ihnen eine Frau wählen werde, die nicht für Sie paßt? Ich garantire Ihnen mit meinem Ehrenworte, daß Sie zufrieden sein werden. Ich verstehe daher nicht, warum Sie sich so lange weigern? Ledig werden Sie nicht bleiben wollen. Einmal werden Sie doch heiraten und ob heut' oder morgen, ob die oder eine Andere, das ist ja Alles Nebensache. Ich eile daher, das Geschäft abznschließen. Heinrich. Aber. Blitz (schnell). Ich will nichts hören, ich habe Eile. Heinrich. Ich habe Ihnen eine wichtige Mittheilnng zu machen. Blitz (wie oben). O, ich weiß, was Sie mir sagen wollen. Ich billige es auch, diese Grundsätze gefallen mir. Aber ich habe Eile. Warten Sie hier auf mich. Unten steht mein Fiacre, ich eile das Geschäft abznschließen. Zünden Sie sich nnterdeß eine Cigarre an, ich bin sogleich zurück. (Schnell ab durch die Mitte.) Sechste Scene. Heinrich (allein). (Er ruft ihm nach.) Herr Blitz, so hören Sie doch! Ich sehe ihn nicht mehr. Der Nichtswürdige, mit den heiligsten Gefühlen treibt er Spott! Ich war schon im Begriffe, ihm Alles zu gestehen, doch er ließ mich nicht einmal zu Worte kommen. Siebente Scene. Heinrich. Lazarus. Lazarus. In meinem Zimmer ist es nicht ruhig. Es ist zu nahe an der Küche, und da höre ich immer stoßen und hämmern. Ich werde mir hier ein stilles Plätzchen suchen, wo ich mich ungestört in die Tiefen der Lektüre versenken kann. (Er erblickt Heinrich und fährt zurück.) Ha, mein Herr Schwiegersohn! Heinrich. Guten Abend, Papa! Lazarus. Ich störe Sie. Heinrich. Nicht im Geringsten, ich bitte Sie, neben mir Platz zu nehmen. (Lazarus fetzt sich ihm gegenüber und liest.) Heinrich. Was lesen Sie, wenn ich fragen darf? Lazarus. Ich lese das „schwarze Kabiuet", eine Sammlung von Erzählungen hervorragender Frevel-, Gränelund Mordthaten. Heinrich. Sie thun nicht gut daran, solche aufregende und düstere Sachen zu lesen. Lazarus. O, ich kenne kein besseres Buch. Nirgends lernt man die menschliche Natur so gut kennen, wie in Cri- minalgeschichten. Heinrich. Das ist nur eine Lektüre für solche Menschen, die starke Nerven haben. Es ist kaum nöthig, Ihnen zu sagen, daß Sie dieser Eigenschaft entbehren. Sie sind nicht gesund, Sie 9 brauchen Zerstreuung, Luftveränderung und Stärkung. Ich wollte Ihnen schon längst rathen, einen Cnrort zu besuchen. Lazarus. Ich verstehe, Sie wollen mich entfernen. Heinri ch. Herr Schwiegervater! Lazarus. O, ich weißsehr wohl, daß ich Ihnen zur Last bin, ich habe es längst gefühlt, daß ich von Ihnen gehaßt und verachtet werde. Doch beruhigen Sie sich, Herr Schwiegersohn, ich werde Sie nicht länger belästigen. Ich gehe, aber ich nehme meine Tochter mit, denn ich habe nicht den Mnth, sie hier allein zu lassen. Heinrich. Sie sind schon wieder so aufgeregt. Ich beschwöre Sie, nehmen Sie Vernunft an! Lazarus. Ich soll Vernunft an- nehineu? Zuletzt werden Sie mich gar für verrückt erklären, und mich in's Irrenhaus sperren lassen. Ja, allerdings, dies wäre das leichteste Mittel, mich los zu werden, doch cs wird Ihnen nicht gelingen. Wir haben intelligente Aerzte. Wer nur einen Blick ans mich wirft, sieht, daß ich Vernunft habe. Leider habe ich zu viel Vernunft, das ist mein Unglück. Ich sehe zu klar. Oh, mir wäre besser, wenn ich weniger Scharfsinn besäße, fPackt das Buch zusammen und will gehen.) Heinrich. So bleiben Sie doch, Papa; aber das verwünschte Buch legen Sie bei Seite. Lesen Sie etwas, was Sie zerstreut, da haben Sie die heutige Zeitung. Lazarus. Ich danke Ihnen. fEr durchfliegt die Zeitung.) Da Hab ich'ö: „Ans dem Gerichtssaale!" fEr liest.) Heinrich. Mein Schwiegervater fängt an, unangenehm zu werden. Er sieht Alles schwarz. Ueberall wittert er eine Unthat, und dabei ist er eine lebendige Trauerweide. Lazarus fwischt sich die Augen). Was ist das? sviest.) Eine sehr interessante Verhandlung wird dieser Tage stattfinden. Ein junger sehr vermögender , Geschäftsmann wird sich gegen die An- ^ klage der Bigamie zu verantworten haben. Derselbe, welcher schon seit fünf Jahren mit einer zwar häßlichen, aber sehr reichen Dame verheiratet ist, hat sich vor sechs Monaten neuerdings mit einem armen, aber blühend schönen Mädchen vermählt. Der Verbrecher besaß zwei in den entgegengesetzten Theilen der Stadt gelegene Wohnungen, und wußte seine zweite Ehe auf eine sehr geschickte Weise geheim zu halten. fEr schüttelt sich.) Entsetzlich! Heinrich. Was ist Ihnen? Lazarus. Lesen Sie selbst. fEr reicht ihm die Zeitung.) Welch' furchtbares Verbrechen! Heinrich stacht). Ich finde das nicht so furchtbar. Die Bigamie ist wohl ein Verbrechen, weil sie der Staat als solches brandmarkt, aber sie ist kein Verbrechen gegen die Natur. Sie ist kein Akt der Mordlust, der Grausamkeit, und wie Sie wissen, gibt es viele Staaten im Orient, in denen nicht nur die Bigamie, sondern sogar die Polygamie eingeführt ist. Laza r n s. Entsetzlich! Arme Tochter, wenn Du zugegen wärst, weün Du hörtest, wie Dein Mann die Bigamie vertheidigt. Wissen Sie, Herr Freiheim, welche Strafe auf Bigamie gesetzt ist? Heinrich. Ich weiß es nicht. Lazarus. Die gesetzliche Strafe ist Kerker oder nach Umständen schwerer Kerker von ein bis zu fünf Jahren. Ich frage Sie, ist das ein Gesetz? Heinrich. In der That, die Strafe ist ziemlich strenge. Lazarus. Strenge finden Sie die Strafe? fVerächtlich und immer lebhafter.) Lächerlich! Zn leicht finde ich sie. Ans Bigamie sollte wenigstens lebenslänglicher Kerker gesetzt sein. Selbst der Tod wäre keine strenge Strafe für solche Verbrecher. Und Sie finden das gesetzliche (Strafmaß strenge? Schämen Sie sich! fDroheud.) Ich sage Ihnen, das 10 Gesetz taugt nichts, cs muß umgeändert werden! Heinrich. Was wollen Sie von mir? Wenden Sie sich an unseren Justizminister. Lazarus. O, Sie haben noch den Muth zu spotten! Fühlen Sie denn gar kein Erbarmen in Ihrer Brust? Rührt Sie nicht der Jammer einer verlassenen Frau? Die Schande der Kinder? Die Schande der ganzen Familie? (Man hört einen Wagen rollen.) Heinrich (für sW. Ein Wagen! Sollte der verwünschte Blitz zurück- gekehrt sein? Der Mensch ist zu Allem fähig. Ich muß meinen Schwiegervater fortschaffen. Lazarus. Was ist Ihnen? Sie werden plötzlich so bleich? Heinrich. Mir ist übel. Lazarus (gedehnt). Hebel— (für sich). Jetzt ist mir Alles klar. Heinrich. Lassen Sie mich allein. Lazarus (wie oben). Allein? Heinrich. Laufen Sie in die Apotheke. Beschreiben Sie meinen Zustand, lassen Sie eine Medicin machen, und warten Sie gleich daraus, bis sie fertig wird; ja, bester Papa? Lazarus. Entsetzlich! Heinri ch. Aber sagen Sie Susannen nichts, das würde nur meinen Zustand verschlimmern. Ich muß allein sein. Ich brauche Ruhe, nichts als Ruhe! Lazarus. Sie werden bald ganz allein sein, Herr Freiheim! Sie werden Ruhe haben, sehr viel Ruhe! (JnThränen ausbrechend.) Oh, das arme Kind, o ich unglücklicher Vater! (Ab links.) Achie Scene. Heinrich. Blitz. Blitz. So, da bin ich. Umarmen Sie mich, junger Mann, und gratuliren Sie mir. (Er reibt sich die Hände.) Heinrich. WaS ist Ihnen denn? Sie sind ja außer sich vor Freude. Blitz. Ja allerdings, Freude trage ich im Herzen und Segensworte auf den Lippen. — Das Geschäft ist gemacht. Heinrich. Was soll das heißen? Blitz. Ich komme soeben von meiner Cousine. Ich habe für Sie geworben, und eine Antwort erhalten, welche die Annahme der Werbung in Aussicht stellt. O, Sie Glücklicher! Nach wenigen Wochen gehört Ihnen die reizendste junge Witwe mit achtzig Tausend Gulden Mitgift. Heinrich. Sie sind also wirklich hingegangen? Ich glaubte, Sie scherzen nur. Blitz. Was Scherz? Ich werde doch nicht scherzen in einer Angelegenheit, die nicht nur für Sie, sondern auch für mich, von hoher Wichtigkeit ist, und zu dem (feierlich) über das Wohl und Wehe einer jungen Frau entscheidet, welche von dem Unglücke betroffen wurde, in Sie verliebt zu sein! Heinrich. Wie kann sie mich lieben? Sie kennt mich ja gar nicht. Blitz. Ja, das ist es eben. Die Damen gewinnen am raschesten zu solchen Männern Liebe, die sie noch ^ nicht kennen. Uebrigens sind Sie meiner Cousine nicht ganz unbekannt; Sie sind ^ ihr einmal in einer Soiree vorgestellt worden und haben bei dieser Gelegenheit einen tiefen Eindruck auf sie gemacht. ^ Heinrich. Dies verwundert mich! Blitz. Offen gesagt, mich nicht; denn Sie sind ein junger Mann von ^ den angenehmsten Qualitäten. Die junge ! Dame hat sich auch bei mir genau über ; Sie erkundigt. Ich sagte das Beste von ( Ihrem Charakter, Ihrer Bildung und ^ Ihrem Rufe und schilderte Ihre Finanzen s mit den glänzendsten Farben. i Heinri ch. Sprechen Sie nicht weiter! s Gehen Sie sogleich zu Ihrer Cousine, und machen Sie die Sache rückgängig, s Blitz. Das kann Ihr Ernst nicht ^ sein! Sie verschmähen ja die glänzendste f Wahl, denn ach, sie ist nicht nur reich, sie ist auch schön, sie ist lieb, sie ist reizend! Heinrich. Mag sein, aber — Blitz. Ich sage Ihnen, sie ist ein Engel, sie ist die Schönste ihres Geschlechtes. Stellen Sie sich vor; ein hoher, schlanker Leib, ein kleines, zierliches Köpfchen, große, blaue Angen, ein voller, weißer Nacken, und ach — sivill fortfahren, unterbricht sich aber.) Sie ist zum küssen, znm küssen! Heinrich. Es ist Alles umsonst. Ihre Cousine mag das vollkommenste Weib sein, das unter dem Monde wandelt, ich kann sie doch nicht heiraten. Blitz. Und warum nicht? Heinrich. Den Grund werde ich Ihnen ein andermal sagen, für heute geuüge Ihnen die Versicherung, daß ich uicht heiraten will, nicht heiraten kann — Blitz. Ich sage Ihnen, sie ist schön wie die Venus. Und sie schmachtet nach Ihnen. Thuen Sie ihr den Gefallen. Machen Sie sie glücklich. Heinri ch. Lassen Sie mich in Ruhe! Blitz. Sie sind ein Starrkopf! Heinrich sauf die Thäre weisend). Ich empfehle mich Ihnen. Blitz. Sie weisen mir die Thür? Heinrich. Wir haben ausgeredet! Blitz. Gut, ich gehe, doch Sie werden mich bald Wiedersehen. Ich bin ein zäher Charakter. Wenn ich einmal einen Plan erfaßt habe, so lasse ich nicht davon los. Ich empfehle mich Ihnen. fAb.f Neunte Scene. Heinrich. Lisette. Lisette flogt auf deu Tisch das Tafel- geräthe für zwei Personen, die Bestandtheile eines Soupers, und zwei Kerzen.) Heinrich ffttr sich). Ich muß Vorsorge treffen, daß dieser Blitz nie mehr eingelassen wird. Lisette fwährcnd sie den Tisch deckt, für sich). Ich sehe schon, ich werde aus diesem Posten nicht lange anshalten. Die Langweile verzehrt mich. Mt einen Seitenblick auf Heinrich.) Niemand beachtet mich. Heinrich. Lisette! — Lisette. Befehlen? Mir sich.) Endlich! Es ist das erste Mal, daß er mich an- spricht. Heinrich. Was machst Du hier? Lisette. Ich richte das Souper. Heinrich. Komme näher! Lisette fbefriedigt.) Na warte, Du Heuchler! Heinrich. Lisette — Lisettte fkokett). Was wünschen Sie, gnädiger Herr? Heinrich. Wo ist die Frau? Lisette fschnell). O, die kann jetzt nicht abkommen, sie ist in der Küche vollauf beschäftigt. Heinrich. Es war ein Herr bei mir. Lisette. Ich bin ihm auf der Treppe begegnet. Heinrich. Wenn dieser Herr wieder kommen sollte, so lasse ihn nicht ein. Lisette vertraulich). Ich werde Niemand hereinlassen. Heinrich. Für diesen Herrn bin ich niemals zu Hause. Hörst Du? W.) Zehnte Scene. Lisette allein, später Lazarus. Lisette. Was ist das? Er geht, läßt mich allein, der Verräther! Wenn ich ihm nur irgend einen Possen spielen könnte! Wenn es mir gelänge, in die süße Harmonie dieses verliebten Ehepaares einen Mißton zu bringen, so Wäre ich ganz glücklich! fNachsinnend.) Ha, — ein Gedanke! Er hat mir verboten, den Herrn, der vorhin hier war, je wieder einzulassen. Offenbar hat er 12 Furcht vor chm. Wenn der Mann wieder kommt, werde ich ihm alle Thüren öffnen. Der Spaß wird mich vielleicht meinen Platz kosten, aber was liegt daran? Ich habe meine Stellung hier schon satt. Ich bin es müde, mein Licht länger unter den Scheffel zu stellen. Zu was bin ich jung und hübsch? Zn was habe ich zwei scharfe, blitzende Augen, zu was die schönen Zähne, das üppige Haar? Man hat hier keine Augen für all' das. Ich werde unreinen Posten suchen, auf dem ich Würdigung finde. Lazarus fim abgeblaßten Frack, eine große Arzenciflasche in der Hand. Er sucht im Zimmer herum). Wo ist mein Schwiegersohn? Lisette. Auf seinem Zimmer. Lazarus. Ist er sehr krank? Lisette. Krank? Ich habe nichts davon bemerkt. Lazarus. Was that er während meiner Abwesenheit. Lisette. Er empfing einen Besuch. Lazarus sfür sich). Ha! Also deßhalb schickte er mich weg. Mut.) Eine Dame? Lisette. Nein, einen Mann. Aber sie sprachen von einer Dame. Lazarus fhastig). Was sagst Du? Sie sprachen von einer . . . Lisette. Ich? Habe ich etwas gesagt? Ich sagte nichts! Lazarus. Lisette! Ich beschwöre Dich — da nimm. sGibt ihr Geld.) Was sprachen Sie? Lisette. Ich stand im Vorzimmer, da hörte ich zufällig — Lazarus. Natürlich zufällig — Lisette. Bei meiner Ehre, ich horchte nicht, aber die Herren sprachen so laut, daß ich es hören mußte, wie der Fremde sagte: Die Arme liebt Sie so sehr. Sie schmachtet nach Ihnen. Verlassen Sie sie nicht. Kommen Sie zu ihr. Lazarus fmühsam athmend). Weiter, weiter! Lisette. Sonst hörte ich nichts! Lazarus. Sie müssen ja noch mehr- gesprochen haben! Lisette. Offenbar! Laza r n s. Sprachen sie von einem Mädchen oder einer Frau? Lisette suachdenkeud). Von einer Frau! Lazarus fgibt ihr Geld!. Da nimm, mein Kind, aber sage Alles, was Du gehört hast. Lisette (bei Seite.) Wenn ich mich nur ans eine recht dicke Lüge besinnen könnte. Ich möchte diesen tugendhaften Ehemann gerne in eine Patsche bringen. Lazarus. Machte ihm der Fremde vielleicht Vorwürfe? Lisette. Jawohl, er machte ihm große Vorwürfe. Lazarus. Und was that mein Schwiegersohn? Lisette. Er war bitterböse und verbot mir, jenen Herrn, wenn er wieder käme, einzulassen. Lazarus. Du wirst ihn einlassen und mich rufen, ich habe mit ihm zu sprechen; gehe, mein braves Mädchen. Mette ab.) Eilste Scene. Lazarus — später Heinrich. Lazarus. Ah, es ist Alles klar- Ich kann nicht mehr zweifeln. Deßhalb mußten wir die Ehe geheim halten, weil der Verbrecher schon mit einer Anderen verheiratet war! Entsetzlich! j fEr erblickt Heinrich und zeigt auf die Arzeuei- ^ flasche.) Hier, Herr Schwiegersohn, nehmen Sie jede halbe Stunde einen Eßlöffel ! voll. s Heinrich. Ich danke Ihnen, ich be- ^ finde mich schon ganz wohl. Lazarus. So? — Also schon her- s gestellt? Heinrich. Vollkommen. 13 Lazarus. Herr Schwiegersohn, das Maß ist voll. Heinrich. Was heißt das? Lazarus. Meine Geduld ist erschöpft. Ich gehe. Heinrich. Ja, gehen Sie. Legen Sie sich schlafen, bester Papa. Lazarus. Machen Sie keine Scherze, die Situation ist furchtbar ernst. Wir sehen uns nie mehr. Heinri ch. Sie sind schon wieder aufgeregt! Lazarus. Erst beim Landesgerichte werden wir uns wieder sehen. Ich als Kläger, Sie als Angeklagter, meine arme Tochter als Beschädigte. (Ab.) Zwölfte Scene. Heinrich allem. Später Susanne. Heinrich. Was ich schon lange befürchtet, ist jetzt eingetreten. Er ist verrückt geworden. Ich werde ihn einer Privatheilanstalr zur Heilung übergeben. Morgen zeitlich in der Frühe fahre ich zum Doctor. Ach, der Eh'stand ist doch kein solches Paradies, wie ich es mir ausgemalt! Susann e. Entsetzlich — was mußt' ich hören! Heinrich. Endlich bist Du oa! Jetzt werd' ich mich an Deiner Seite von dem vielen Ungemach erholen, Dn liebes, süßes Kind! (Freudig sich ihr uähernd.l Susann e. Fort — mir graut vor Dir! Heinrich. Was? Susanne. O, hätte ich Dich nie gesehen! Heinrich. Heiliger Gott, auch Dn, Susanne? Susanne. Falscher, treuloser, meineidiger Verräther! Hein ri ch. Mir wird übel! (Er taumelt.) Susanne. Ich habe Dich geliebt, mein Herz war treu und redlich, doch Dn hast mich entehrt! Heinrich (sinkt auf's Sofa). Entsetzlich! Susanne. Verbrecher! Wie konntest Du mir Liebe heucheln? Wie konntest Dli in meinen Armen ruhen? Wehe mir! Ich sterbe aus Schmerz und Scham! Heinrich (weich). Susanne, gesteh' nur, Du scherzest, Ihr Beide, Du und Dein Vater, macht Euch einen Spaß mit mir. (Weinerlich.) Der Spaß ist gut, sehr gut; aber jetzt ist's schon genug. Komm' zum Souper, mein Kind. Susanne. Zurück! H e i nrich. Du bist verwirrt, Susanne. Mein süßes Kind, erwache! Komme zu Dir! Ich bin ja Dein Heinrich! (Er ergreift ihre Hände.) Und Du bist Susanne, der Inhalt und alle Hoffnung meines Lebens! Willst Du, daß ich unglücklich sei? (Er weint.) Susanne. Weine nur! Doch Deine Thränen können die Schande nicht löschen, die Du auf mich und Dich gehäuft hast! (Ab.) Heinrich. Sie ist auch verrückt geworden, heiliger Gott, wodurch habe ich dies verdient?! (Ihr nach.) Dreizehnte Scene. Blitz, später Susanne. Blitz (sieht sich uni). Niemand hier! Der Tisch ist gedeckt; zwei Couverts. Gewiß erwartet er einen Freund. Aber ich habe mit ihm so viel zu sprechen, es wäre mir unlieb, wenn wir gestört Würden. (Er versperrt die Hanptthüre.) So, jetzt kann Niemand herein. Sehen wir, was es zu essen gibt; Schinken, Gänseleberpasteten, Chocoladetorte, Nöderer, Carle blanche. Der Kerl ist ein wahrer Verschwender, wirft sein, und mein Geld zum Fenster hinaus. (Er speist.) Vorzüglich ! So brauche ich heute nicht mehr in's Hotel zu gehen. Ich werde recht viel essen, dann erspare ich sogar für morgen das Frühstück. Susann e. Mein Gott, wer ist das? Blitz. Was seh' ich? Ein Frauenzimmer! Jetzt wird mir Alles klar. Ein Souper mit zwei Couverts — ein Frauenzimmer. — O, in welch' einen Pfuhl des Lasters bin ich gerathen? Ich habe die Thüre verschlossen, damit uns kein Männerbesnch störe; indessen war ein Frauenzimmer schon im Hause, in dieser Wohnnng, im anstoßenden Zimmer. Während ich darüber nachdenke, wie ich ihn am besten verheirate, hält dieser Wüstling ein Mädchen in seinem Zimmer versteckt. Oh! Oh! (Zn Susanne, will ihr Banknoten geben.s Da haben Sie Geld und verschwinden Sie ebenso schnell, wie Sie gekommen sind. Susanne. Was wollen Sie? Blitz. Ich will, daß Sie verschwinden. Susann e. Unverschämter! Blitz. Meine Dame, ich kenne keinen Spaß. Wenn Sie nicht freiwillig gehen, so werde ich Sie verschwinden machen. Susanne sschreits. Ein Dieb! Ein Räuber! Vierzehnte Scene. Die Vorigen. Lazarus. Lazarus. Was schreist Du, mein Kind? Susanne. Dieser Herr — Lazarus (zu Susannes. Das ist kein Dieb. Mr sich.s Ich habe eine furchtbare Ahnung. Susanne (zu Blitzs. Wer sind Sie, mein Herr? Blitz. Diese Frage richte ich an Sie! Susanne. Ich bin die Frau vom Hause. Blitz. Sie sind es gewesen; dieser Schwindel hat jetzt ein Ende. Lazarus. Gerechter Gott! — Blitz. Wer ist dieser Herr? Susanne (weiuends. Es ist mein Vater! Blitz. Ihr Vater? (Zu Lazarus.s Schämen Sie sich, alter Mann! (Zu Susanne.s Lassen Sie mich allein mit diesem Herrn, der, wie Sie sagen, Ihr Vater ist. Es gibt Dinge, die sick- leichter unter Männern ansmache» lassen. Susanne (umarmt Lazarnss. Mein armer Vater! Blitz (für sichs. Sie weint, die junge Sünderin! Ja, weinen können Sie Alle. Lazarus (weinends. Armes Kind, wir gehen einer furchtbaren Katastrophe entgegen. (Susanne ab.s Blitz (für sichs. Der Alte spielt seine Nolle ausgezeichnet! Lazarus. Sprechen Sie, mein Herr, ich bin auf das Aergste gefaßt. Doch bitte ich Sie um etwas Schonung. Blitz. Ich verstehe, Sie wollen, daß ich Personen und Dinge nicht beim rechten Namen nenne. Ich werde Ihnen den Gefallen thnn, und mich so schonend ausdrücken, wie möglich. Lazarus. Ich bitte Sie darum. Blitz (geht speculirend auf und ab, für sichs. Welche Lüge, aus meinem Munde, hätte die Kraft, diesen Alten und seine Tochter zu veranlassen, daß sie sofort den Schauplatz räumen? Ich habe sie bereits. — Ich werde den Leuten sagen, daß Freiheim verheiratet ist. (Laut.j Als Ihre Tochter mit Herrn Freiheim bekannt wurde, da wußte sie wohl nicht, daß er verehelicht war? Lazarus. Nein — Sie wußte nichts davon. Ich schwöre es Ihnen! Blitz (noch immer aus- und abgehend, für sichs. Es ist unerläßlich, daß ich mir einen Charakter beilege, der mir hier Autorität schafft. (Laut.f Sie wissen auch nicht, daß ich sein Schwiegervater bin? 15 — (Bei Seite.) Jetzt erst habe ich das Recht, Gewaltmaßregeln durchznführen. Lazarus. Nein, ich höre es erst jetzt. Blitz. Sie können sich denken, wie sehr ich Sie und Ihre angebliche Tochter hassen muß, der zu Liebe mein Schwiegersohn seine Frau verließ. Lazarus. Mein Herr, schonen Sie uns. Wir sind so unglücklich! Blitz. Gut denn! Ich will Sie schonen; ich will keinen Skandal machen. Lazarus. Es gäbe ein furchtbares Aufsehen, und gleich kam' die Sache vor's Gericht! Blitz. Sie fürchten die Polizei, mein Ehrwürdiger? Gut! — Dann gehen Sie mit Ihrer Tochter. Benützen Sie meinen Wagen, der unten steht, verlassen Sie ganz stille das HauS. Herr Freiheim wird Sie vielleicht zurückzuhalten suchen. Lazarus. Wir werden gehen! Fünfzehnte Scene. Die Vorigen. Susanne ^reisefertig, eine Tasche in der Hand), später Heinrich. Susanne. Komm fort, Bater, aus diesem Hause der Schande! Blitz seilig). Ja wohl, gehen wir! sEr geht ab durch den Hintergrund, die Andern wollen ihm folgen, Heinrich von rechts.) Heinrich. Susanne, wohin gehst Du.' Susanne skehrt ihm den Rücken während der ganzen Scene). Lazarus. Halten Sie uns nicht auf. Wir haben Eile. Heinrich. Susanne, ich lasse Dich nicht fort! Lazarus. Sie müssen uns fortlassen! Es wartet ein Herr auf uns, ein braver ehrwürdiger Mann. Er wird sich unser annehmen. Heinrich. Also eine Entführung? Ist dies Deine Treue? Lazarus flacht bitter). Haha! Er spricht von Treue! Heinrich. Dein Gelübde? Lazarus fschreit). Schweigen Sie von Gelübden! Heinrich. Susanne, einen Monat sind wir vermählt. Lazarus. Das ist es eben. Deßhalb könnten wir Sie verklagen. Susanne. Komm', Vater — Lazarus. Aber wir wollen Gnade für Recht ergehen lassen, ich empfehle mich Ihnen, Sie Muster eines Ehemannes ! Heinrich. Susanne, sprich ein Wort, schenke mir einen Blick. Lazarus. Er verlangt noch einen Blick; Mensch, Sie sind unverschämt! fBeide ab.) Sechzehnte Scene. Heinrich, später Lisette. Heinrich. Fahr' hin, Treulose. Wer ein solches Weib verlor, hat Nichts verloren. Lisette. Mein Herr, ich bitte Sie, meine Kündigung entgegenzunehmen. Heinrich. Daran liegt nicht viel, ich hätte Ihnen ohnedem selber kündigen müssen. Ich brauche kein Stubenmädchen mehr. fMit verändertem Tone.) Doch wenn Du schnell laufen kannst, mein Kind, so wirst Du noch die Dame eiuholen, welche einige Zeit hindurch meine Frau gewesen ist. Biete ihr Deine Dienste au, kleines Kammerkätzchen. Lisette. Kommt denn die Gnädige nicht mehr zurück? Heinrich. Nein. Lisette. Dann bleibe ich bei Ihnen. Ich diene, wenn es sein muß, bei alleinstehenden Herren, uiemals aber bei alleinstehenden Damen. Das verbietet mir meine Moral. Heinrich. So, so, Du bist also moralisch? Li fette. Gottlob, ich mache eine Ausnahme unter den Stubenmädchen. Heinrich fäußert während des folgenden Dialoges eine unheimliche Laune). Ich sehe erst jetzt, daß Du hübsch bist, mein kleines Kammerkätzchen! Li fette. Kleines Kammerkätzchen? fStellt sich ans die Fußspitzen.) Für ein Frauenzimmer bin ich groß genug. Heinrich. Du reichst mir ja kaum an die Brust. Li fette. Sie irren sich. Ich reiche höher! Heinrich. So küsse mich! Li fette. Das ist zu viel verlangt, ich habe ja Moral. Weil Sie aber darauf bestehen — einen Kuß in Ehren kann Niemand verwehren. fSie kitßt ihn.) Heinrich fstößt sie fort). Deine Moral steht ans schwachen Beinen. Mach', daß Du fortkommst. Lisette. Das ist der Dank für meine Gefälligkeit. fAl>.) Siebzehnte Scene. Heinrich, später Susanne. Heinrich. Alles ist eitel! Warum sollt' es mir erspart sein, zu erfahren, was das Los alles Irdischen ist? fEr setzt sich an den Kamin und lehnt sein Haupt in die Hand.) Ich werde noch heute diese Wohnung verlassen. Eine kleine Gar9onwohnnng werde ich mir miethen, in einer engen, dunklen Gasse, wo man den ganzen Tag keine Sonne sieht. Ein alter, menschenscheuer Diener soll mich bedienen. Ich will ein recht bissiger kritischer Hagestolz werden, dem alle lästigen Menschen aus dem Wege gehen. sMit einem tiefen Seufzer.) O, ich werde sehr glücklich sein! Susanne. Ich habe mich fortgeschlichen. Ich kann mich von ihm nicht trennen ohne ein Wort des Abschiedes. Vielleicht ist er doch nicht so schlecht. Warum soll ich es ihm versagen, sich vor mir zu rechtfertigen? Heinrich. Sie kommen zurück, Madame? ah, ich errathe — Sie haben an Ihre Kleider und Schmncksachen vergessen. Nehmen Sie Alles mit, eö ist Ihr Eigenthnm. Susanne fmeint). H eiuri ch. Ich werde ohnedem keinen Platz mehr haben für all' diesen Plunder, denn ich werde mir eine kleine Wohnung miethen und mich ganz dem freudenarmen Leben hingeben, das ein alternder Junggeselle oder — Witwer zu führen pflegt. Susanne. Das werden Sie nicht thun, Herr Freiheim. Sie werden zu Ihrer Frau zurückkehren, zu der Armen, die Sie vor mir kennen gelernt und der Sie Treue vor Gott geschworen, noch bevor Sie mir dasselbe Gelübde abgelegt. Heinri ch. Susanne, ich verstehe Sie nicht. Sie haben mir schon einmal rätselhafte Vorwürfe gemacht, die ich mir damit erklärte, daß ich Sie für krank hielt. Susanne, Sie sind wirklich krank — krank im Geiste. fBittcnd.) Bleibe bei mir, mein Weibchen, ich werde Dich pflegen. Susanne. Ich bin nicht krank, Heinrich, aber Du bist schlecht! Heinrich. Was habe ich gethan? Susanne. Foltere mich nicht. Ich kann es Dir nicht sagen. Achtzehnte Scene. Die Vorigen. Lazarns. Lazarus. Wo bleibst Du denn, Susanne? Hier hast Du nichts mehr zu suchen. Hein rich. Wahnwitziger Vater! welcher Teufel treibt Sie dazu, Ihre Tochter zu verderben ? Lazarus. Herr Freiheim! Weil Sie gerade vom Verderben sprechen; ich traf unten Lisetten. Das gute Mädchen weinte bitterlich und erzählte mir, der Herr habe mit ihr sehr unanständig gesprochen und sie znletzt gewaltsam geküßt! Ich sagte ihr: Mache Dir nichts daraus, mein Kind, der Herr will Dich heiraten. Heinrich. Was schwatzen Sie für Unsinn? Lazarus. Nun, ich dachte mir, Sie hätten an zwei Frauen noch nicht genug. Neunzehnte Seene. Die Vorigen. Blitz. Lazarus. Sehen Sie, dies ist der wackere Mann, der uns über Alles aufgeklärt hat. Heinrich. Was hör' ich? Sie sind also der Störer meines Hausfriedens? Blitz, der Biedermann, Blitz, den seine Mitbürger mit Ehrenämtern überhäufen, Blitz, dessen Brust von Orden überschwemmt ist, Blitz, mein Freund, der mich erzogen, er hat mir meine Frau entführt! Oh! Oh! Blitz. Aber — — — Heinrich. Wissen Sie, daß Sie sich gegen die Gesetze vergangen haben, daß ich Sie klagen werde, daß Sie von dieser Stunde an ein unglücklicher, verlorner Mensch sind? Blitz. Aber ich wußte ja nicht, daß dies Ihre Frau ist? Lazarus. Wie, das wußten Sie nicht? Sie sind ein Lügner! Blitz (zu Heinrichs. Ich hielt sie für Ihre. Heinrich. Sprechen Sie das Wort nicht aus! Beleidigen Sie die Dame nicht, mit der ich ehelich verbunden bin! Blitz. Also Sie sind vermählt, Warum sagten Sie mir dies nicht früher? Sie haben gewiß gut gewählt? ein Mädchen mit viel Mitgift, nicht wahr? Ich bin außer mir vor Freude! Sehen Sie, wie ich zitt're! Lazarus (zu Heinrichs. Ich bitte Sie, mir ist die Sache noch nicht recht klar. Stellen Sie mir diesen Herrn vor. Heinrich. Herr Blitz, Geschäftsmann, sironischs ein sehr guter Freund meiner Person. Lazarus. Also ist dieser Herr nicht Ihr Schwiegervater? Heinrich. Aber bester Papa, wie kann er mein Schwiegervatersein? Sie sind es doch. Ich kann doch nicht zwei Schwiegerväter haben? (Bei Seite.s Ich habe an Einem genug! Lazarus stritt verächtlich vor Blitzs. Folglich hat er auch nicht zwei Frauen. Heinrich (lachend zu Blitzs. Also Sie haben ihm eingeredet, ich habe zwei Frauen? Pfui, Herr Blitz! Wenn ich das Ihren Geschäftsfreunden erzählte! Blitz. Ich habe nichts von zwei Frauen gesagt. Das ist ein Mißverständnis; ! Heinrich (zu Lazaruss. Und Sie haben so etwas geglaubt? (Weich zu Susauue.s Und Du auch? Susanne (stürzt ihm iu die Armes. Verzeihe mir! Blitz (zu Heinrichs. Entschuldigen Sie, wie heißt Ihre Frau? Heinri ch. Sie heißt Susanne. Nicht wahr, ein schöner Name? Blitz. Sie haben mich mißverstanden. Ich frng ja nach dem Familiennamen Ihrer Frau! Heinrich. Den habe ich vergessen. (Zu Lazarus.s Sagen Sie mir gefälligst, wie heißen Sie mit dem Zunamen? Lazarus. Hopfenstock! Blitz. Hopfenstock? Ein spaßiger Name! (Zu Heiurich.s Noch eine Frage, lieber Heinrich: wie viel hat Ihnen Ihre Frau mitgebracht? 2 18 Heinrich. Ich habe mit meinem Schwiegervater noch nicht darüber gesprochen. Blitz. Dies war sehr nnklug! Dies hätten Sie zuerst thnn sollen. Sprechen Sie jetzt mit ihm darüber. Heinrich. Es wäre unnütz, wenn ich das thäte, ich weiß, er hat nichts! Blitz. Wie, Sie haben sich erlaubt, ein Mädchen ohne Geld zu heiraten? Das war dumm von Ihnen, das war schlecht von Ihnen, Sie haben mich rninirt! Heinrich. Mäßigen Sie sich, Herr- Blitz! — Ich werde meine Eltern und Geschwister noch heute von meiner Ehe verständigen. Sie aber haben die Aufgabe, meine Gläubiger hierüber in geschickter Weise zu unterrichten. Ich will nicht, daß meine Ehe meinen Credit in der Kanfmannswelt schädige. Auch werden Sie so freundlich sein, die mir geborgten Summen noch durch ein halbes Jahr meiner Gebarung zu vertrauen. Blitz (wüthend). Ich werde dies Alles bleiben lassen. Heinrich. Dann erzähle ich der Welt eine Geschichte, wie man eine Frau entführt. Blitz (nach innerem Kampfes. Gut! Ich thne, was Sie wollen. Heinrich. So ist Alles geordnet. fZtt Susanne.) Du thenres Weib, wirst heute zum letzten Male in diesem unfreundlichen Gasthofe wohnen. Morgen ziehen wir in die Stadt, in das Haus meines Vaters. Susanne. O, wie glücklich werde ich sein! Heinrich. Und dieses Glück hast Du Herrn Blitz zu danken. Wenn es ihm nicht eingefallen wäre, Dich z» entführen, so hättest Du noch lange in geheimer Ehe schmachten müssen. Blitz. Verwünschter Einfall! Heinrich. Armer Herr Blitz, Sie verlassen diesen Ort mit verwundetem Herzen. Ich habe Ihnen viel Kränkung verursacht! Blitz. Gott weiß es! Heinrich. Ich bin leider erst heute zur Erkenutniß Ihres Werthes gelangt. Wissen Sie, daß Sie viele Feinde haben, die Sie einen Egoisten nennen? Blitz. Ich bin kein Egoist! Heinrich (finster). Nein, Sie sind mehr als dies, Sie sind ein .... (wieder freundlich). Es schmerzt mich, Sie nicht länger bei mir sehen zu können. Der Abend ist vorgerückt, und meine Frau und ich wollen uns zur Nnh' begeben. (Er und Susanne nehmen je eine Kerze und geleiten ihn zur Thnre.) Genehmigen Sie einstweilen die Versicherung, daß ich sowohl als meine Frau nie anfhören werden, an Sie zu denken! Die Erinnerung an die Flitterwochen unserer Ehe wird uns stets theuer sein. Mit dieser Erinnerung aber bleibt der Gedanke an Sie untrennbar verbunden! (Freundlich grüßend.) Gute Nacht, Herr- Blitz! Der Worhang fällt. Der Ireiherr als Wildschütz. Eine Scene ans den österreichischen Alpen, ak Nnchhnei zmn „kterhirechen hj,aer>n Herd" in einem ücte, von Alexander Baumann. Alle Rechte Vorbehalten. Men, 1878. Verlag -er Wallishan sterischen ^ " (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Das Aufführungsrecht ist nur zu erwerben durch die Agentur der deutschen Genossenschaft dramatischer Autoren in Leipzig. Personen. Michel Quantner. Loisl, sein Sohn. Nandl, Almerin, im Dienst bei Qnantuer. Freiherr von Strizow. Waldmeister Grün. Jäger. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. jetzt sau ma Erste Scene. (Felsige Gebirgsgegend mit hohen Abhängen.) Strizow. Quantner (mit schwarz gefärbten Gesichtern kommen langsam über Felsen kletternd heraus). Quantner. So, nur mir nach, gnädiger Herr, aber a Weng aufpassen, denn do gehts gor hoagli. Strizow. O sorgen Sie nicht, thenerster Felsenbewohner, das Bergsteigen habe ich jetzt schon weg, ich falle gewiß nicht. (Er rutscht aus, und fällt hin, schreiend.) Au weh, au Weh! Der Teufel soll den Weg holen! — Da fällt sich's doch bei mir daheim auf der Sandfläche viel angenehmer. Quantner. No jo, i hob's jo g'sogt, aufpassen. Strizow. Ich glaube, ich habe mir die Achillessehne verrenkt. Quantner. No thuat nix, nur frisch weita. Strizow. Thut nichts? Das ist reizend. — Nn ja, was macht sich so ein Gemserer aus einer Achillessehne. Quantner. Jetzt daher, gnädiger Herr — do ist a Loch, do hoaßts a Weng umispringa. Strizow. Ja, liebster Landmann, da hört der Weg ja gänzlich auf, und die Natur ist bloß mehr zum Fliegen eingerichtet. Qnantne r. Ah, der Steig is recht guat, nur umispringa. Strizow. Nn so springen wir denn. (Er springt.) Theater-Repertoir S37. Quantner. So, ans'n G'röll heraus. Strizow. Nn, Gott sei Dank; hören Sie, hier ist nun doch schon zu viel Gegend, — wenigstens sollte man sich von Stund' zu Stund' frische Stiefel als Rellöe stellen, denn meine Sohlen, die werden gleich kaput sein. Qna ntner. Jo, der Weg is Wohl a weng grob. Strizow. Ja, ein rechter Grobian ist er, da haben Sie recht. — Aber wie Sie anssehen, mein ehrlicherWild- dieb, hihihi — wie ein steirischer Mohrenfürst. Quantner. Dös thut nix, dös geht olles Wieda weg. Strizow. Gott, wenn mich ineine Minna so sehen könnte, ich muß anssehen wie ein Berliner Schlossergeselle. Quantner. Jirtzt schann ma, daß ma weita kumman, sonst kinnen ma denen Gams bein Froß nimmer zn- schleichen. Strizow. Was? noch weiter? — Sind Sie doch menschlich, thenerster Landmann, — sagen Sie, wie weit haben wir denn noch? Quantner. No, wonn ma guat anstreden, moan i wohl, daß ma in zwoa Stunden unsern Stand daklen- gam «strizow. Was? zwei Stunden — ach, du grnndgütiger Himmel! — Und vier Stunden sind wir schon geklettert — das ist ja reine Menscheuvertilgnng. Quantner. Aber i bitt ihna, gnädiger Herr, mir hom uns ja eh' Zeit 1 * 4 loßen, und do anffa gehts eh leicht, — jetzt killimt erst der schlechtere Wen. Strizow. So, nun da bin ich neugierig. — Nein, geschätzter Wilddieb, ohne Nahrung bringt mich kein Gott von dieser Stelle. Meine Kehle ist anSgetrocknet wie Knhleder, und meine Beine, als ob sie gar nicht mir gehörten. Qu an tu er. Nu, wanns essen wollen, setzen ma uns halt a Weng nieda, und Pocken ma unsern Krom ans, aber schleuni miaßens holt thoan, daß ma ka Zeit verliern. Strizow (sich uiedersetzeud). Ihnen ist nur immer NM Zeit verlieren, aber um den Appetit verlieren, ist Ihnen gar nicht. — Weiß Gott, ich bin wie gerädert. — Nun, was haben Sie denn Alles in Ihrem Fnttersack! Quantner (auspackmd). Ah z'Essen hamma hänfti. — Da iS a Trum Kas. Strizow. Erlauben Sie, was ist das für Käse, Trum-Käse? — Ich kenne Emmenthaler, Strachino — aber Truuckäse — Quantner. No a Trum, a Stuck holt — Strizow. Ah, eine Portion — das ist reizend, das muß ich mir gleich notiren — Trum — heißt Portion. — Quantner. Da is a Fetzen Schunken. Strizow. Fetzen? Was ist das? Quantner. No a Stuck holt. Strizow. Ah so, auch ein Stück. Quantner. Und do is o Rean- ken Brod. Strizow. Neanken Brod? dieses Brod kenne ich auch wieder nicht. Quantner. A Reanken — a Stuck holt — Strizow. Was zum Satan! Trum, Fetzen, Reanken, das heißt Alles eine Portion; das ist ja reizend, daß muß ich mir Alles notiren. — Was das für eine reiche Sprache ist, das ist wunderbar. Quantner. So, gnädiger Herr, do is a a weng a Branntwein, hietzt lassens ehna nur schmecken. Strizow (essend). Ah, das wird jetzt eigentlich mein schönster Augen- blick, den ich bis jetzt ans meiner Gemsenjagd verlebte. Quantner (sich zu ihm setzend und trinkend). Io, in der Hoch, da schmeckt oam so a Trunk uo a mol so gnat. Strizow. Ja, das glaub ich. — Nun sagen Sie mir einmal, thenerster Gemseubandit, wie viel Schuh über der Meeresfläche mögen wir wohl jetzt schon sein? Quantner. So lang ma no was wachsen sieht, san ma net gar- hoch. Strizow. So, also wo wir hingehen, wächst gar nichts, da ist bloß Himmel und gar nichts? Quantner. Ja wohl. Strizow. Muß eine recht reizende Gegend sein. Sie malen mir da eine schöne Aussicht. — Nu, werden wir oben Gemsen schießen? Quantner. Ja, dös woas i net g'wiß, ob ma an antress'n. Strizow. Was? das wissen Sie nicht gewiß? Quantner. O mein Gott, da steigt inan oft acht Tag, ewenn ma znm Schuß kimmt. Strizow. Nun, ich dank' Ihnen, das ist ja höchst lohnend; da geht man sich die Füße um eine halbe Elle kürzer und sieht dann doch keine Gemsen. (Pause.) Quantne r. Ja, das ist im Gebirg halt nit anderscht. Strizow. Aber sagen Sie mir, wie ist es denn mit den Holzknechten, wann kömmt denn die Gefahr? Quantner. No, dös kann schon g'scheg'n, daß ina a Weng ranffat iver'n. Strizow (küßt ihn). Ja? — Nn dann ist Alles gilt! — Gefahr! das ist romantisch! — So ein Abenteuer mit Prügel, das ist reizend. Quan tn er. No, dös kimmt af'n G'schmocken an, GamS ohne Prügel is ma lieba. Zwrile Srrne. N a N dl (mit einem Wettermantel erscheint im Hintergründe über den Felsweg herabkletternd). Nandl. Herr Göd, Herr Göd, seids da?! — Quantn er. Wer schreit denn da? Ah, wos Tenf'l, die Nandl kimmt als a springada, was will denn dö? Strizow. Meine schöne Sennerin kömmt auch in'S Wilddiebe»? Das ist ja herrlich, da gibts Gesellschaft. Qu an tu er. Und wie narrisch als daher rennt. Strizow. Bei Gott, das Mädchen klettert, als ob sie eine geborne Edle von Gemse wäre. Qnantner. No, Nandl, grieß Gott, was willst denn du do? Nandl. O mein Gott, weil i eng nur gründen Hab, jetzt schauts nur g'schwind, daß wcita knmints. Strizow (essend). Guten Morgen, schöne Sennerin, gibt's Gefahr? Nandl. Mein Gott, gnädiger Herr, thoans nur g'schwind zompocka, d'Jaga kimmen schon. Qnantner. Wos? d'Jaga? Strizow. Laß sie kommen, theu- erste Alpenbrant, laß sie kommen. Nandl. Io, da Waldmasta selba is eng af da Spur, und hat olli Iaga bei ihm. Qu an tu er. WoS, da Waldmoasta selba? Jo, do is gfailt. Nandl. I bin jnst grosen g'wesen bei» Wildensee, do saus daher knmina, und so schiach Habens drein g'schant, jo schon als wie! „Jo, sogt der Wold- moasta, mir Wern die Spitzbnb'n schon dawischen." Strizow. Spitzbuben, das sind wir, thenerster Landmann, das ist reizend. Nandl. „Jo," sogt der Michel, „i hob die Kerln g'segen, sö haben d' G'sichter schwarz ang'färbt, oba i wirs schon dakenna." — „No, Nandl," — frogt da Waldmoasta, „host koan Wilderer vabei geh'n g'segn? — „Ntein Gott na," — sog i — „schiaßen hob i wohl g'hört, selm am Nöthelstoan, oba sonst nix." — „So," sogt da Wold- moasta, „no do gehn ma glei hin, und nochar straf'» ma 's gonzi Gebirg, so kinnen 's net aus." — Daweils oba af d' andere Seiten san, bin i geschwind herg'rennt, um eng döö z'sogen. Qnantner. Brav, Nandl, du bist holt a g'scheidts Dirndl — oba hitzt hoaßts schlenni sein. — Nandl. Wol, wol. Strizow. Aber liebster Gemsenvater, wir wollten ja Gefahr haben, — nun also, nun ist sie da, nun seien Sie froh. Q n a ntne r. No jo, mit dö Holzknecht wars Wohl gonga, oba mit dö Iaga is wos anderschts, dö thoan glei schiaßen, und mit'» Woldmoasta is net gnat Kerschen brocka. Strizow. Was sagen Sie, nicht gut Kirschen brocken? — Das wird notirt, das is ja höchst wichtig (schreibt): Im Gebirge pflegt man niemals mit dein Waldmeister Kirschen zu brocken. Qnantner. So, hiertzt Pocken ma g'schwind s'Essen ein, und fohr'n ma o. Strizow. Was? Das Essen einpacken? — ich habe noch nichts gegessen, ich bin ja auch nicht satt. Nandl. Jo, do is jetzt koan Zeit dazua. Strizow. Nein, wie schlecht in dem Gebirge ans die Nahrung gedacht wird, das ist fabelhaft. Nandl. So, Herr Gvd, ös führts 'n gnädigen Herrn übern Wieskogel und d'Schmolleiten, kürzengrod zu mir in d'Hütten obi. Strizow. Ja, ja, nur wieder über ein Paar Kogeln hinüber, ein Paar Füße auf oder ab, das thut ja nichts. Nandl. I laf daweil voraus, und richt in da Hütten Alles z'am. Quautu er. Ja, Nandl, thna dös. Nandl. So, gnädiger Herr, gebens ma ihnan Stutzen her, daß besser rennen kinnen. (Sie hängt den Stutzen um.) Strizow. Was das für ein reizender Büchsenspanner ist. Nandl. Na, pfürt Gott daweil, und thoats eng nur recht schlanna, oba koan Lärm mocha, daß d'Jaga nix hörn. — Strizow. Leben Sie wohl, süßeste Lebensretterin. Nandl (geht ab.) Qnantner. Mir, gnädiger Herr, machen uns hietzt a af d'Strimpf. Strizow. Ans die Strümpfe? Nu sein Sie so gut, ich bin froh, daß ich genagelte Stiefeln habe. Qnantner. I moan halt, lüfti miaßen ma holt a Weng sein; aber dös sog i glei, Rost wird jetzt koani g'mocht, bis ma in der Hütten nnt sein, und as'n Weg kann i a net viel schann. — Jetzt hoast's holt durch G'röll und Stoan dnrchilafen, wo's am nächsten is. Strizow. Freue dich, Strizow, das kann schön werden. Qnantner. Gebens ma nur d' Hand, und mir wer'n aus Jo und Na drnnt sein. Strizow. Nun in Gottes Namen, ehrlicher Wilddieb, hier haben Sie meine Hand, ich möchte Ihnen gerne meine Füße auch geben, aber die werden Sie nicht brauchen können. (Beide ab.) Verwandlung. (DaS Innere der Alpenhiitte.) Dritte Scene. Nandl (mit dem Stutzen tritt ein). No, do war i wida! G'loffen bin i oba, daß ma völli hoaß worn is. No jo, es war ja koan G'spoas, wanns den orma Stadtherrn dawischeten, den gna- ten Herrn, den i's verdank, daß i mein Loisl kriag, daß i schon am Snnta mein Hochzeit mochen konn. — Hochzeit?! — mir wird völli anderscht, wan i dron denk. — — Dös wird weita koan G'schraa net mocha, won i in d'Kircha knmm — und springa wern's völli, d'andern Dirnd'ln ans lauta Neid, wanns mi da seg'n. — Die Tomma Nandl und die Kelma Seffa und d'Schromma Liesl — „ans is — aus is" — wer'ns sogen — „Schau da Mensch dö Nandl on, wos dö für an sanbarn Buab'n hat, und wie g'statzt als daher geht." I oba wir a schöns Kranzl as'n Kopf hab'n und a fnngelneigs G'ivand, —> jo ans- schann wir i so lieb — so lieb — no schon wia; — oba mein Gott, i plausch do, und vagiß ganz, daß ,i soll a Fei'r mocha, da Herr Göd mnaß glei da sein. (Sie macht sich beim Herd zu thun.) Und an Ring käst ma da Loisl, und von schönsten Gold mnaß a sein, — hat a g'sogt! — Wo hon i denn nur mei Feiazeug hin thoa? Und a neugs Türchl krieg i von da Mahm — jetzt woas i wida net, wor i in Gries hin- g'stellt hob — a do is a — i bin völli tramhappet heunt — (man hört 7 jauchzen.) Ieses — da Bna kümmt, — was will denn der heromat? — a da NUlß i bitten — (läuft ihm zur Thür entgegen). Vierte Srene. Loisl (mit einer Schachtel). Nandl. Loisl. Grüß di Gott, Nandl. Nandl. Grüß di Gott a. Loisl. No, wia schlaunts denn mei Dirndl? Nandl. Wol gnat, oba an Schrocka hon i heunt schon g'hobt. Loisl. An Schrocka? No z'weg'n wö denn? Nandl. No bei Voda is mit'n Stadtherrn in's Wilddieben gonga. Loisl. Io, dös woas i. Nandl. Und da Woldmoasta is ihna as da Spur, und is mit alli seini Iaga affi kenuna. Loisl. O mein Gott — hob mas do denkt, daß a mol net gnat olaffen wird, weil mei Voda sei oldi Passion net lossen konn. Nandl. No sei nur ruewi, i hob'n Woldmoasta g'segen, und bin g'schwind affi g'renut am Hochruck und hob ihnas g'steckt — so hob'n Reißaus gnuma, und Wern glei do sein. Loisl, Na dös is a wahr's Glück, daß dn's no bist inna worn, dö hätten dersen d'rein schan'n, wann's da Woldmoasta dawischt hätt. — Nandb. Oba sog mei Bna, wos host denn do in der Schochtel, host ma wos brocht? Loisl. No sraili. Nandl. An Lezelden — gelt? Loisl. Was denn snnst. Nandl. I dank da schön, da muß i glei an essen. (Macht die Schachtel auf.) U mein Gott! Loisl! — G'hört dös mein? Loisl. G'hört olles dein, mein herzigs Schotzerl, i hon dars in Dorf drnnt käst. Nandl (zieht eiueu Brautkranz aus der Schachtel). Na just dö Liab'n — aus is — und a neigs Fürta! — Und dö schönen Schuach! — a! a — dös is an Unsinn — du und do is jo no wos in an Popierl — Loisl. Io, gib nur her, dös muß i da selba geben. (Nimmt einen Ring heraus.) Nandl. Mei Seel, a Ringl — a hirtzt geh weg. Loisl. No, gib her dein Fingerl, daß i da'n selba ansteck — do — holt'n hübsch in Ehren, schau dös Ringl holt unsa Leab zam, — d'rnm gib'n jo net ans da Hand. Nandl. Hängt jo dein Lieb d'ron und eh i dein Liab loß, — loß i in Fiuga. Loisl (aus der Schachtel nehmend). Und do host a a Weng an Lezelden. Nandl (Loisl um den Hals fallend). Na, gelts Gott — gelts Gott tausendmal, mei Bua, du host mir a narrische Freud g'mocht, aba hietzt muß i mi glei a Weng in au Spiegel schan'n. (Holt einen Spiegel.) Do Bna, holt a weng, daß i mi seg'n kann. Loisl (den Spiegel haltend). Schau, wie hoffärti als dö Dirn sein kann. Nandl (essend, und sich im Spiegel betrachtend, setzt den Brautkranz ans, bindet die Schürze um, rc. rc.) Na, na, just dö Liab'n, dös is a wohri Pracht — na, wonn nur schon moring Sunntag wär!! — Loisl. Also hob i dir gnat einkast? Nandl. No, i moans. — Loisl. No jo, i muaß do mei Braut sauber außi putzen af'n Glanz, daß i koan Schond hob, in der Kircha d'runt. Nandl. No sraili. Loisl. Du ober mir scheint, i hon schiaßen g'hört, leicht iS gor schon da 8 Woldmoasta in da Nechat, laß mi schaun a Weng. — (Geht vor die Thiire.) Nandl. No, af'd Letzt kehrt der bei mir zua, a dös war a Maleur! — Loisl (zurückkommend). Jo, jo, 's is schon richti, da Woldmoasta mit olli Jaga, i hon'S gnat g'seg'n. — Sö gengan no gonz omat af da Schneid, oba sö kehren g'wiß bei dir zua, a weng a Milli nehma, und do wern's di ausfratscheln. Nandl. Wann ihna nur nid da Göd in Wurf kimmt, i woas gar net wo's so lang bleiben. Loisl. Woaßt wos, i vasteck mi dranßt, und stell mi af'd Paß, und wann i siech, daß zu deiner Hütten kemman, so gib i dir a Zoachen. Nandl. Jo, mei Bna, thna dös. — Aba wos fang i denn mit dein Vodan und in Stadtherrn on, Wans zu mir kemman, — daß d'Jaga net finden? Loisl. Io, dö mnaßt holt a va- steckan. Nandl. Jo, an kinnt i wohl, oba zwa — Loisl. Jo, do denk da holt wos aus, i wir schon nocha schaun, daß i 'n Woldmoasta aus da Hütt'n außa briug. — Holt, mir kimmt do a Gedanken, du host jo an Stutzen von den Stadtherrn mit oba bracht, den gib her, i kon an brauchen. Nandl. Mein Gott! Wanns nur dösmal gnat oblaft. Loisl. Ah, hob koan Angst, mir san zwoa Agwipte, hob'n ma 'n Vodan so gnat übern Dam draht, Wern ma wohl a mit'n Woldmoasta ferti werd'n. Gelt! Nandl. No freili, wir kennen uns aus. Jo i sogs, mir san a Paarl mit- auoud, wir ma in da Welt gor koaus mehr fiudt. Duett Nr. 1. Beide. Wo findts so a Paarl wie uns? Sie. Wo gibts a soa Biberl a' g'suudt's? Er. Wo secht's a soa Dirndl a rnnd's? Beide. Geht's, zoagt's es nur her, wonns es knnnt's. Er. Wo is soa Dirn, dö so glanzt? Wo is soa Dirn, dö so tanzt? D'wöl' is denn leicht, dö sie so draht, Und dö wir sie juchezen, jnchezen that. Sie. Wer rurdert mit ehm über'n See? Wer traut sie z'höchst auffi aus d'Höh, Uud fürcht sie net als wo er geht, Und wer kait'n um, wonn er steht? Er. Wo is so a Dirn, dö so singt D'wöl Hot so a Stimm, dö so klingt? Wißt's ani leicht, dö a so büßt, Und dö so zu mir, so zu mir passet just. Wem fragt's denn um Alles als mi, Wer scheibt denn so Kegel wir i? Wüßts an, der die Zittern so schlagt, Und Gamsbart, no schönere tragt? Sie. Bna, zoag ma a Dirndl, geh, zoag's, D'wöl Hot so a G'miath, so a wach's, D'wöl Hot so a Herz, so a reiu's, D'wöl Hot denn dös Alles, als deins. Beide. Drum sindt's a koa Paarl wir uns. Sie. Uud secht's koan so a Biberl a g'sund's. Er. Uud wißt's koa so a Dirndl a rnnd's. 9 Beide. Wonn's d'ganze Welt ausrasen kuuut's. (Beide ab.) Fünfte Scene. Nandl (allein). J.o, dös muß wohr sein, an Buab'n hob i, wie ma schon koan wiffern in Dorf d'rnnt findt. Sauber is er und findi, und net a bissel og'schmockt. Io i moan, i hon's recht guat troffa. No und unsa Wirth- schast, dö wir schon i zomholten, daß ma koan Mensch was schlechtes nochreden darf. — Aba wo nur der Göd bleibt, es wird ihna do nix zurg'stossen sein! Sechste Scene. Strizow. Quantner. Nandl. Quantner (der Strizow gewaltsam an der Hand hereinzieht). No Gott sei Dank, daß ma do sein, i hon schon glaubt, daß i den gnädigen Herrn heuut nimina oba bring. -Ltrizow (mit ganz zerrissenem Hemd und Stieseln). Ich sage nichts anderes, als Stroh — ich bitte inbrünstig um Stroh — recht viel Stroh — nichts als Stroh. Nandl. No thoats eng nur nieda- setzen, ös werd's halt recht mied sein, net wahr? Strizow. Ja, ös ist sehr müde, ös ist wie gerädert, theuerste Schäferin. Sagen Sie, habe ich eigentlich noch Füße oder nicht? — Ich weiß es meiner Seele nicht! Nandl. A jo freili — wissen's, der Weg is holt a weng grob. Strizow. Was grob, sagen Sie lieber impertinent. ! Quantner. Jo, gnädiger Herr, Sie san nix zum Bergsteigen. Strizow. Ja Bergsteigen, — Berg kn ge ln, das laß ich mir eher gefallen. — Es ist schauderbar! — Das Gebirg Hab ich ausgekostet, daran will ich denken mein Lebelang. — Ich hatte gut rufen: „Quantnerchen, ich kann nicht mehr, lassen Sie los." — Ja, fort ging es durch Dünn und Dick, ohne Erbarmen. Quantner. Jo mir hob'n holt a nöthig g'hobt schleuni z'sein. Strizow. Endlich bin ich glücklich gestolpert und nach der Länge hin- gefallen, und glauben Sie, er hätt' mir Zeit gelassen aufzustehen? — Keineswegs! — Nun bin ich eine halbe Stunde auf der Erde fortgekugelt, und die Steine alle mit. Ich weiß nicht, wie viel Bäume ich auf dem Wege mitgerissen habe, aber das weiß ich, daß mir alle Augenblicke ein Stück Fels nachgeflogen ist. Patsch — jetzt an den Kopf — patsch — jetzt auf den Rücken — patsch — jetzt auf den Fuß! — Ich sage Ihnen, das war eine Höllenwirthschaft! — Ich muß nicht einen gesunden Fleck am Leibe haben. Nandl. O Sö armer Herr! Strizow. Ich glaube, es wäre am besten, ich könnte mich eine halbe Stunde in eine große Flasche mit Ar- nica hineinlegen. Quantner. No thoaus Ihna nur jetzt Wieda ausrosten, dös wird oll's wieda guet werd'n. Strizow. Ah, gehen Sie, Sie schwarzes Ungeheuer, das werd' ich Ihnen nie vergessen. — Das gibt eine wahre Riesennotiz für mein Tagebuch, was ich da Alles ausgestanden habe. Quantner. Ah, dös is g'sund. Strizow. So, das muß ich mir gleich notiren. Das ist reizend (schreibt). 'Beim Wilddieben pflegt man sich im- 10 mer alle Rippen zu brechen, das soll sehr gesund sein. Nandl (die während der Zeit gekocht hat). So, do is a Weng a Millisterz, der wird ihna glei a Weng stärken. Strizow. Na, geben Sie her, holde Braut, sterzen wir ein wenig. Sie sind eine gescheidte Dame, Sie wissen, was mir abgeht. Nandl. Oba, gnädiger Herr, hiatzt miaßen's ihna glei a weng owoschen, daß ma nip kennt. Strizow. Ja, wenn ich nur wüßte, mit was ich den Kienruß weg bekomme. Qu an tn er. A, mit a weng Un- schlott, gehts glei weg. Strizow. Unschlitt? Warum nicht gar mit Wagenschmiere, sein Sie so gut — Haben Sie nicht ein bischen Dan. da OoIoUns? Nandl. Dös kenn i net. Strizow. Ja so, das kennen Sie nicht. Nandl. Do hobt's a weng a Soaf und a Wasser findens do drinet in da Millikommer. Strizow. Aber mit was werd' ich mich abtrocknen? Ah, hier die Schürze, die ist rein. — (Nimmt Nandls neue Schürze.) Nandl. Jeses, mei neigs Fürta — Na, war jo recht! Strizow. Ja so, do ist kein Handtuch, entschuldigen Sie. Nandl. Nur do eini, das is schon wos zum Odrikern. Strizow. Nun so will ich mich denn weiß waschen, mir ist ohnedem schon ganz schwarz vor den Augen. (Ab in die Kammer.) Siebente Scene. Vorige ohne Strizow. Quantner. Hörst mit den Menschen hon i da a Kreuz g'hobt, net zum weidabringen wor er. Nandl. Jo, i denk mas Wohl, er is holt dös net g'wöchnt. Quantner. No, wo host denn 'n Stutzen? denn müß'n ma hietzt vastecken - denn s' war holt do mögli, daß da Woldmoasta zu dir eini komad. Nandl. Fraili, er kehrt allemal bei mir zua, »'Stützen Hot da Loisl g'numa. Quantner. So, war der hero- mad? Nandl. Jo, er Hot ma a Hoch- zeitsg'schenk auffa bracht. Quantner. So eili Hot as g'hobt? — No, laß a mol fegen. Nandl. Do schant's, Herr Göd — (Zeigt ihm die Geschenke.) Gelt's, dös is a reini Pracht! Quantner. Du wirst jo aus- schaun wie a Stadtfräula. Nandl. Jo, und a neigs Türchl krieg i a von da Mahm. Quantner. No, recht is, mei Dirndl. Putz di nur z'am. Aba hietzt muaß i a gehn, mir a Loch suacha, wo i mi einisteck, denn da Woldmoasta Hot mi a so am Korn. Nandl. Jo, Göd, that's eng nur da omad in's Heu verkriechen, wißt's wo mei Bettstatt steht. Quantner. Woaß schon, und wenn da Woldmoasta kimmt, so schau, daß'd a 'n Stadtherrn wo nnta bringst. Nandl. A den wär i schon vertuschen. (Quantner ab.) Achte Scene. Nandl, dann Stritzow. Nandl. Hot halt a koan gut's G'wissen da Göd — drum i sog's holt, dös Wildern tuat koan guat, und wos ma omal net thoan därf, !dös soll ma holt net thoan. 11 Strizow (hereinkommend). So, da bin ich wieder, weißgewaschen wie der schönste Berliner Jüngling. Nandl. So, gnädiger Herr, jeatzt g'follen's ma glei bessa. Strizow. So? haben Sie die Mohren nicht gerne? — Aber sagen Sie mir, wo ist denn Quantner hingekommen? Nandl. Der Hot st vasteckt. Strizow. Versteckt? — Ja warum denn? Nandl. No, weil ma net sicha sein, daß d'Jaga do eini kemman. Strizow. I, das ist ja herrlich, da haben wir Gefahr. Nandl. No, fraili is G'fahr. Strizow. Nun. sagen Sie, was werden Sie denn mit mir anfangen? Nandl. Jo Wissens, vastecken konn i ihna net, weil kan Platz net is. Strizow. So, muß ich allein das Bad ausgießen, das is ja reizend. Nandl. Na, wissen's, gnädiger Herr, Sö mäßen ihna holt als Trottl stellen. Strizow. Was sagen Sie, Trottl? was ist denn das? Nandl. No segens, dos is holt so a Mensch., der a weng z'rütt is in Kopf, und der nix reden kann, wie 's holt bei uns im Gebirg schon anige gibt, so ganz verwilderte. Strizow. Aha, was man Cretin nennt, das ist merkwürdig! Unser deutsches Cretin heißt hier Trottl, und das soll ich vorstellen? Nandl. Jo, sonst woas i koan Mittel. Strizow. Gott! wenn meine Mina wüßte, daß ich hier einen Trottl spielen muß, sie hätte mich gewiß auch schon in Berlin zu einer Gardine verwendet. Nandl. Oba Sö müssen holt nocher hübsch ruewi sein, und nix d'rein red'n. Strizow. Aber, liebste Waidmoserinn, was Hab ich denn als Trottl zu thun? Ich habe schon viele Rollen gespielt, aber so was — Nandl. Sö miaßen holt so reden wie a Stummerl, Wissens — Strizow. Was? reden wie ein Stummer? das. ist reizend! — den Dialect eines Stummen werd' ich aber nicht treffen. Wie ist denn das? Nandl. No, Won ihna da Wold- moasta fragt, so thoans nur allewal am Brod kifeln und ploppern's holt so wos z'om (spricht einige unartikulirte Worte.) Wissens, so mit aner Kropfstimme holt. Strizow. So, mit dem Kropf? — den brauch ich auch noch, wo soll ich den jetzt hernehmen? — da sieht man, was zu einer ordentlichen Ge- birgsreise Alles nöthig ist, das will ich mir merken. Nandl. So und hietz nehmen's mein Wedamantel um, daß ma dö schöne Pfaad net sicht. Strizow. Was, mein Hemd heißt Pfaad? Das ist himmlisch! — Was bei uns Weg heißt, ist hier Hemd, — das muß ich mir notiren. Nandl. So schliefens nur eini. (Sie gibt ihm den Wettermantel.) Strizow. Das ist ja ein förmliches steirisches Meßgewand. Nand l. So, und dö Schlofhaub'n, dö hat neuli a Holzknecht heromad vagessen, dö ziegen's über'n Kopf. Strizow (thut es). So, jetzt ist der Trottel fertig! Nandl. So konn eng koan Mensch dakenna. Loisl (ruft zum Fenster herein.) Nandl aufpaßt! da Woldmoasta kimmt schon. Nandl. No, do hot'u da Teuxl schon. Strizow. Götter! ich danke euch, nun gibt's wieder Gefahr! — Endlich, hoffe ich, werden wir doch zu Prügel kommen. 12 Nandl. So, gnädiger Herr, hietzt thoans ehna nur znm Herd zuwi knotzen, nehmens das Brot in d'Hand, und thoans d'ran kifeln. Strizow (sich niedersetzend). Kieseln ist auch ein schönes Wort. — Schade, daß ich nicht Zeit habe zum Notiren. Nandl (beschäftigt sich beim Herd und jodelt). Neunte Scene. Waldmeister Grün. 4 Jäger. Vorige. Grün (eintretend). Nun, Nandl, so lustig? Nandl. Ah, kiß' d'Hand, g'strenga Herr Woldmoasta, konn ja wohl lustig sein, hob af'n Suuta mei Hochzeit. Grün. Gratulire. Nandl (^bei Seite). Oi, der schaut aba schiach drei. (Laut.) Kon i mit nix deana, a weng wos znm Essen? An Sterz, Griesnoken oder an Schoskas. Grün. Nein, ich mag nichts. Die Lumpen von Wildschützen! — haben mir allen Appetit verdorben. Strizow (bei Seite). Und mir haben die Lumpen von Jägern noch mehr- gemacht. Nandl. Also habn's as net kriegt? Grün (zornig.) Nein! Nandl. Ah, dös is schod! — Oba die Monua da wern dnrsti sein. Klengts nur zua, Leutel, do is a Milli und do hobts Löffeln. (Die Jäger stellen sich zum Tisch und essen aus einer Schüssel.) Nandl. Jo, mit den Wildschützen is dos a wahr's Kreitz, sie san gor a so o'trath. Strizow (bei Seite). Otrath! Gott, wenn ich jetzt notiren könnte. Grün. Aber ich werde sie schon erwischen, und dann laß ich sie einsperren, und bei Gott! vier Wochen soll mir keiner heraus. Strizow (bei Seite). Ja! zuerst muß man sie haben. Grün (erblickt Strizow). Was ist denn das für ein Bursche? Nandl. Ah, dös is da narrische Franzl, er Hot Ochsen ausfa trieb'n, und do hon i ehm a weng wos zum Essen geb'n. Grün. Wie heißt denn der Bursch? Nandl. Ah, dös is a Trottl, g'strenger Herr Woldmoasta, der konn nix reden. Grün. Ah, wer weiß. — Hörst du, was machst du denn da? Strizow (spricht so wie Nandl un- artikulirte Worte). Grün. Ah, Halts Maul, dummer Teufel (zu Nandl). Sag' einmal, Wardein Herr nicht heroben bei dir, der Qnantner? Nandl. Mein Gott, na! — Do schaun's, g'strenger Herr Woldmoasta,das schöni Fürta an, wos i kriegt hon! — Grün (der nicht darauf hört). Also, gewiß war Quantner nicht da? Er ist ja auch so ein Liebhaber von wohlfeilen Gemsen. Nandl. Na g'wis net! Und dös Ringel hat ma da Loisl käst. Grün (wie oben). Weißt du nicht, geht er nicht manchmal ins Wildern? Nandl. Mein Gott, dös woas i net! — Jo, und a neigs Türchl krieg i no von meina Mahm. Grün (für sich). Das Mädchen ist verlegen. (Laut.) Der Vorsicht wegen wollen wir doch ein wenig deine Hütte ansstöbern. Nandl (bei Seite). O mein Gott! Strizow (bei Seite). Bravo, Stri- zowchen! — Jetzt gibt's Prügel! Grün (zu den Jägern). He, Leute! Durchsucht mir einmal die Hütte genau, ob sich nicht die Wildschützen hier versteckt haben, aber genau, hört ihr, auch im Heu. (Die Jäger schicken sich an, es zu thun, in dem Augenblicke geschieht außen ein Schuß.) 13 G rün. Halt! WaS war das? Wer schießt hier? Sollten die Kerle es auch wagen, hier in der Nähe — Zehnte Srene. Loisl (mit dem Stutzen springt herein). Vorige. Loisl. Ah, gnat, g'strenger Herr Woldmoasta, daß i ihna do triff — nur g'schwind nach. d'Wildschützen worn do; i hob's glei omad af da Schneid dasegen und bin ihna noch, der oani is g'rennt, wie'r a mi daschaut Hot, der ondri oba Hot sein Stutzen af mi on'glegt, wir i oba g'mirkt hob, daß er odruckt, hon i mi g'schwind nida duckt, bin a Weng firi g'sprnnga, hob'n in Rucken gnuma, und ihm mit den Stecka do in Schiaßprügel ans da Hond g'schlogen, er oba Hot Neißans g'numa, und is sein Komaroden gegen'« Wold zua nochi g'relint, wos er Hot kinna. — Dös is da Stutzen, Herr Woldmoasta. Strizow (für sich). Gott, mein schöner Jagdstutzeu. Grün. Brav, Loisl, du sollst belohnt werden. Jetzt aber auf, Leute, und den Burschen nach, sie sollen uns nicht mit heiler Haut davon kommen. (Alle ab.) Letzte Scene. Vorige ohne Grün, später Quantner. Loisl (singt und tanzt mit Nandl freudig im Kreise herum, auch Strizow, der vom Heerde aufgestanden, nimmt Theil daran). Nr. 2. D' Jaga san gonga, Hirtzt suachts nur recht schön, Wonn's an Wildschütz wollts fonga, Miaßt's endar aufsteh'n. Jodler. So pfiffi, wir ös, Soan ma selm, meini Herrn, Und wann's g'scheidta wollt's sein, Mnßt's a Wildschütz erscht wern. Jodler. Strizow. Ah, das ist ja ein herrliches National-Lied, und paßt ganz zu der Gelegenheit. Loisl. Na ja, weil i's just g'macht hob, dös Schnottahipfel. Strizow. Was, das haben Sie gemacht? Sind Sie auch Dichter, lieber Loisl? Loisl. Ja, solchi G'sangl hon i schon da meni g'mocht. Strizow. Aber mein lieber steirischer Uhland, das ist ja reizend, und wie nennen Sie diese Dichtnngsart? Loisl. Schnottahipfel hoaßt ma's. Strizow. Schnatterkipfeln? 's ist merkwürdig. Davon haben selbst die alten Griechen nichts gewußt. Loisl. Mein Gott, so Schnotta- hipfeln kann bei uns a jeda Bua mocha. Strizow. Was Sie sagen, das muß ich mir gleich notiren. — „Im Gebirg ist jeder Mensch ein Dichter, und da Pflegt man Sonette zu machen, welche Schnatterhüpfel heißen." Quantner (tritt ein). No, do gehts jo lusti zua! — Wie i singa g'hört hon, bin i a aus mein Heu vüra g'schloffen, denn do hon i ma glei denkt, daß ma nix mehr z'fürchten hob'n. — San d' Jager schon fnrt? Nandl. Jo, da Loisl hat's Wega g'foppt. Strizow. Ja, liebster Quantner, mit unserm romantischen Leben hat's ein Ende. Die Gefahr ist vorbei, nun will ich auch fort. Naudl. Was, sö wöll'n uns schon verloss'n? Strizow. Ja, schöne Sennerin, ich muß fort. 14 Nandl. Also net a mol auf mein Hochzeit wöll'ns tonz'n? Strizow. Nein, so gern ich auch wollt, aber ich muß mich vom Gebirg erholen. Quantner. No, war jo recht, und d'ondern Leut kumman zu uns ins g'snnd werden. Strizow. Eben darum. Ich muß Alles anders haben, ich muß in die flache Gegend, mich vom Gebirge erholen. Nandl. No, so dank ma holt no mol reckt schön für Alles, was uns thon hoben, wir wern iehnas g'wiß nie vagessen. Strizow. Na, warum nicht gar. Ich muß Euch danken, theuerste Ge- müthsmenschen! Ihr habt mich ja gerettet. Nandl. Und suchend uns in unserer neichen Wirthschast hoam, hörn's. Strizow. Nu, dös versieht sich, als Frau von Lowisl. — Aber eine Bitte Hab' ich noch. Nandl. No, wos denn? Strizow. Ihr mußt mir noch ein National-Lied singen, ich will mit einem National-Lied von Euch scheiden. Weißt du, d^s mit dem Kukuk, das ist lasterhaft schön. Nandl. No, recht gern. (N andl und L oisl singen, im Jodler stimmen auch Quantner und Strizow mit ein, welch' letzterer sein Entzücken über den Gesang zu erkennen gibt.) Schlußgesang. Nr. 3. Wonn da Mensch an Kumma Hot, In Gebirg, do is grob, Wo er wida frisch auflebt, Sein Herz si srendi hebt. Halodie, gukugugn. Hat ans a hoamligs Load, Schickt's 'n nur zu uns auf d'Woad, D'Lust heromad aus da Alm Is ja d'befti Salm. Halodie, rc. Durchgeörannl. kyuät'e ä'L8eami)tzt1e.) —°M^->— Schwank in drei Acten von A. Hennequin. Deutsch von Mut Ntumeureich. (Zum.ersten Male im Stadt-Theater in Wien am 19. Jänner 1878 aufgefllhrt.) Alle Rechte Vorbehalten. Men, 1878. Verlag der Wallivhausser'scheil Buchhandlung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Die Rechte des Autors vertritt die Theater-Agentur von A. Ent sch in Berlin, Mittelstraße 25; die Rechte des U ebersetz er s vertritt die Hofmnsikalien- Handlung von Gustav Lewy, Wien, IV., Schleifmühlgasse 8. Personen. l VerwaltuugSrath! ^ b, ) I » Besetzung am Stadt-Theater in Wien: Herr Tcwele. ä ^ . . . „ Bukovics. ^ . „ Heinrich. N . . . . . - „ Waldemar. . - „ Tyrolt. Frau Tyrolt. Herr Thalboth. Montengraiue, Präsident Cassignol, Director Dubo cal, Beausalä Grenoui llet, Cassier BillemboiS, Actionär Cö teste, dessen Frau. Clo di mar, Gensdarm. Mitouflet l Durand j Joseph, Bahnarbeiter. Catherine, im Dienste Montengraine's. Ein Geldwechsler. Eine Zeitungsfrau. Eine Blumcnverkänferin. Wachleute. Spaziergänger. Bauern. Ort der Handlung: Paris und Pantin. Den Bühnen gegenüber als Manuscript gedruckt. Erker Act. Bureau-Salon bei Montengraine. Erste Scene. Grenonillet, dann Catherine später Billeinbois. Grenonillet (am Schreibtische, schreibt Namen ans große Blätter; neben ihm eine Tasse mit Haferschleims. So! „Joseph Beausalö, Verwaltungsrath." — „Aristide Dubocal, Verwal- timgsrath." — „Alfred Montengraine, Präsident der Actiengesellschaft der Mineral-Heilquellen von Pantin." — Wie imposant! Aber so wollen Sie's haben! jeder Einzelne will bei allen Gelegenheiten seinen vollen Namen und Titel lesen! sTrittkt aus der Tasse.s Donnerwetter ! das schmeckt fad! Catherine (kommt, mit einem Abstauberin der Hand. Für sich.s Aha, der Herr Cassier ist allein! Grenonillet (trinkt und schüttelt sich.s Brr! Schauderhaft! Catheri n e. Was trinken Sie denn da, Herr Grenonillet? Grenonillet. Schändliches Zeug! Haferschleim! damit will ein gelehrter Arzt meiner Verdauung nachhelfen. Dieses Verdauungsmittel ist aber gar nicht zu verdauen, ich bringe es nicht hinunter. Catherine. Schütten Sie es nur nicht, wieder in einen Winkel, wie gestern! Ich,habe ohnehin genug Arbeit, seit Herr Montengraine die famose Idee Theater-Repertoir 038 . hatte, aus diesem Salon eine Kanzlei zu machen. Grenonillet. Das mußte er, — da unsere Bureau's noch nicht fertig sind. — Catherine. Und wird das noch lange dauern? He? Grenonillet. Erst müssen die alten Tapeten herunter, die schmalen Thüren ausgebrochen, Vergoldungen, Stukaturen, Täfelwerk, schwere Portieren, Parquetfnßbödeu angebracht werden . . Unser Präsident will, daß Alles luxuriös, blendend sei, das erweckt Vertrauen! Catherine. Komische Idee! Sich in solch eine Actien - Gesellschaft zn stürzen ! Grenonillet. Ehrgeiz! Catherine. Seit Herr Montengraine und seine Cafehaus - Freunde Dubocal und Beausals in . den Verwal- tnngsrath gewählt wurden, haben sie Essen und Trinken verlernt. — Wegen eines „Ja" oder „Nein" laufen sie in die Sitzung. Grenonillet. Vergessen Sie nicht, daß jede Sitzung Diäten einträgt. Catherine. Dann bezahlen sie sich also gegenseitig selbst, denn sie sind ja die einzigen bei der Gesellschaft, die Geld haben. Grenonillet. Sie irren! Wir haben schon noch reiche Leute dabei, zum Beispiel: Herrn Billembois — 1 * 4 Catherine. Der unausstehliche Ac- i tionär? > Grenouillet. Mein Gott! Er^ wollte in den Verwaltungsrath gewählt! werden, und nun er durchgefallen ist, j wird er unangenehm! Catherine. Ich aber muß schließlich unter Alledem leiden. Ich bin Haushälterin, Köchin und Bnreaudiener in einer Person! Oh, wenn nur Clodimar sein Wort recht bald einlöste! Grenouillet. Clodimar? Wer ist das? Catherine. Mein Schatz, den ich noch von Belgien her kenne, wo ich! zwei Jahre gedient habe, und da er mich zu heiraten verpflichtet ist — Grenouillet. Verpflichtet? Nicht möglich! Sie wollten sich in die Ketten ^ des Ehestandes begeben? Sie? solch ein reizendes Wesen? sLegt den Arm um die Taille.) Catherine. Nicht anrühren! Grenouillet. Seien Sie gescheidt, schönstes Käthchen! Was liegt Ihnen denn an einem ganz kleinen Küßchen?^ Und ich könnt' es jetzt gerade brauchen — für meinen Magen! Catherine. Lassen Sie los, oder cs setzt etwas! I Grenouillet. Warum nicht gar; sSie ringen miteinander, nähern sich dem Schreibtisch und werfen daö Tintenfaß über das geöffnete Hauptbuch.) Alle Wetter! Catherine. Was gibt'ö? Grenouillet. Das Hauptbuch in der Tinte! sDeckt Löschblätter darauf.) Catherine. Reißen Sie das Blatt heraus. Grenouill et. Ja Unglückliche, wenn die Blätter nicht uummerirt wären. — Wenn das der Präsident siebt — Catherine. Kann man es nicht anSradiren? Grenouillet. Radiren? Im Hauptbuch radiren? Das geht ja nicht ! fZieht ein Radirmesser, ü tempo öffnet sich die Thnre.) Sa-xriLti! — Herr Billembois, unser Actionär und Raisonenr! fSchließt das Buch, verbirgt das Messer und stellt sich rechnend.) 2 o — 7, 9 und 5 -s- 14 ... . BJllembois fTritt ein. Immer sehr trocken.) Herr Montengraine? G r e non i llet fanfstehcnd). Ah ! entschuldigen Sie! — Ich hatte nicht die Ehre, Sie eintreten zu sehen. — Billembois. Liegt auch nichts daran. Grenouillet. Befinden sich, Herr Billembois? Billembois. Schlecht! Herr Montengraine nicht da? Grenouillet. Bedanre! Er ist ansgegangen ! Billembois. Schon wieder! Ko Mischer Präsident das! Ich werde ihn bei der nächsten Generalversammlung wegen seiner ewigen Ausgänge inter- pelliren — Grenouillet. Erlauben Sie mir, zu bemerken — Billembois. Ich erlaube gar nichts! Grenouillet. Mir auch recht. Billembois. Und die beiden Ver- waltungsräthe! Wo stecken die? Greno uillet. Ich denke, zu Hause! Billembois. Hierher gehören sie! in den Sitzungssaal! Grenouillet. Vorausgesetzt, daß eine Sitzung statthaben sollte. Billembois. Immer müssen sie da sein! Grenouillet. Aber . . . Billembois. Genug ! Gren onillet. Mir auch recht. Bille mbois. Wo ist der Director? Grenouillet. Der hat Commissionen ! Billembois. Kennen wir schon; diese Commissionen! — Bei irgend einem Dämchen ! ein solcher Don Inan, Director eines so wichtigen Unternehmens! Muß auch abgesetzt werden! / 5 Grenouillet. Wenn Sie vielleicht eine Auskunft wünschen, so kann ja ich — BillemboiS. Danke, werde wieder kommen! Grenouillet. Bitte! Villembois. Komme wieder! M.) Grenouillet. Ah ! Das ist wirklich ein schrecklicher Mensch! Catherine. Ein Bär! Wenn der verheiratet äst, thnt mir seine Frau leid. Gott — mein Feuer in der Küche ist mir gewiß längst ausgegangen. sAb.) Zweite Scene. Grenouillet, dann Cassignol. Grenouillet fwie in Gedanken, trinkend.) Mir auch recht! — Gräßlich! Nicht hernnterznkriegen! Ich gieß' es weg — wohin denn nur? nicht in eine Ecke — mit der Catherine ist schlecht spaßen. fSieht ans dem Kamine eine halb- leere Flasche stehen, gießt den Haferschleim hinein.) So — das wären wir los! Cassignol svon links, ruft.) Gre- nonillet! Grenouillet! Grenouillet. Herr Director! Cassignol svergttügt kommend). Ich habe ein Rendezvous, ich habe ein Rendezvous ! Grenouillet fminktihm). Pst! Die Köchin ist da! Cassignol sin anderem Tone). Ein, Rendezvous mit meinem Notar! Ist! der Herr Präsident nicht hier? Grenouillet. Noch nicht, wir sollen ihn erwarten. ^ Cassignol. Teufel. . . Es ist schon sieben Uhr! Grenouillet sleise.) Also ein Ren-, dezvons haben Sie?. ! Cassignol. Versteht sich! Grenouillet. Mit wein? Cassignol. Mit der Figaro- Dame ! Grenouillet. Wer ist das? 1 Cassignol. Ah, richtig! davon ! habe ich Ihnen noch gar nicht er- ! zählt. Grenouillet. Also noch eine? Cassignol. Denken Sie sich, vor ! acht Tagen lese ich im „Kleinen Anzeiger des Figaro" — da Hab' ich ihn noch in der Tasche — „Eine hübsche, junge Dame, gebildet und wohlerzogen, leider aber an einen viel älteren Mann, der schon um neun Uhr schlafen geht, verheiratet, sucht einen discreten Cavalier von Geist und angenehmem Umgang, der geneigt wäre, sie Abends zu zerstreuen — Alles ganz in Ehren! — Anträge erbittet man unter der Chiffre 0. A.. N. p)ost6 restniitö!" — Grenonil let. Eine drollige Annonce ! Cassignol. Die Sache gefiel mir und ich antwortete. Grenouillet. Schade, daß ich es nicht vorher gelesen hatte, j Cassignol. Ich entwarf ihr mein ! Portrait, ein wenig geschmeichelt, ich j gebe es zu, sowohl was meine geistigen, !wie physischen Vorzüge anbetrisft und bat sie, mich wissen zu lassen, ob ich ihr genehm sei! Grenouillet. Gewiß war sie sehr anspruchsvoll! Cassignol. Schmeichler! Hören Sie zu! Diese Antwort fand ich auf dein xo8te r68tnnt6 - Bureau fliest.) Herrn „G. I. C." Grenouillet. Ah! Sie haben ihren Namen nicht genannt? Cassignol. Natürlich! Es konnte ja auch ein schlechter Spaß sein. fLiest.) „Lassen Sie uns einen Versuch machen. Ich werde Morgen Abend zwischen 10 und '/ 2 I I Uhr ans dem Loulevruck äs8 Ita)i6ii3 Promeuiren, und zwar in der Nähe des ersten Zeitungskiosk links. Verlangen Sie dort das „Vaterland". Ich werde Sie sehen und mich darnach entscheiden. Aber ans alle Fälle ersuche 6 ich Sie noch einmal: Machen Sie sich keine Illusionen! Alles ganz in Ehren!" Grenouillet. Sie sind ein glücklicher Mensch! Denn ich wette, sie ist reizend! Was aber wird mit Cesarine, bei der Sie den Abend zubringen sollten? Cassignol. Kapristi! Cesarine! Das ist wahr! Die hatte ich vergessen! Sie erwartet mich! Um ungestört zu sein, hat sie gewiß wieder den Ändern, den Alten, in irgend eiu Restaurant bestellt, wo er dann vergeblich auf sie wartet. Grenouillet. Was werden Sie also thun? Cassignol. Meine List, meine famose List anwenden. Es gibt noch immer verheiratete Männer, die sich für Junggesellen bei diesen kleinen Damen ausgeben, um nur — Grenouillet. Bitte, keine Anspielungen — Cassignol. Ich mache es umgekehrt! Ich bin immer verheiratet! Das ist jedenfalls günstiger! Sie glauben gar nicht, Grenouillet, wie vieler Frauen, die ich los sein wollte, ich mich schon durch jene Frau, die ich gar nicht habe, entledigte — Grenouillet. Aber Sie treiben's bunt! Früher tröstete ich immer Ihre Opfer — 's war gar nicht übel — zum Beispiel die kleine Sidonie, der ich von Zeit zu Zeit die Thränen trocknen mußte. Heute Abend um neun Uhr wiederum. — Cassignol. Sie Aermster! Grenouillet. Nun wird mir aber dieses Thränen-Trocknen schon etwas langweilig . . ich hoffte längst auf Abwechslung. Sie könnten mir Cesarine anvertrauen! Cassignol. Gourmand! Na, wir werden schon sehen, später vielleicht! Vorläufig kenne ich ja meine neueste Eroberung noch gar nicht. - Zunächst werde ich an Cesarine schreiben, daß „meine Frau" unser Verhältniß entdeckt habe und ich nach Belgien fliehen müsse. Nachher kann ich ihr noch immer sagen, daß eS nur blinder Lärm war! Grenouillet stür sickst. So viel Frauen und nur ein Mann? Ist das nicht ungerecht? Cassignol fsetzt sich und schrcibtst „Entsetzliches Unglück geschehen! Alles ist entdeckt! Ich reise nach Belgien!" Dritte Scene. Vorige. Catherine. Catherine stammst. Der Herr Ingenieur erwartet den Herrn Direktor in seinem Zimmer. Cassignol. Hol' ihn der Teufel! Nicht einen Moment kann man ungestört von Geschäften reden. fSteht auf, für sichst Ich werde meinen Brief später beenden! sLautst Kommen Sie, Grenouillet! Grenouillet. Ich muß mein Hauptbuch abschließen und wollte mich eben, um ungestört zu sein, in dem Speisesaal einschließen. Cassignol. Meinetwegen! Gehen Sie! sFür sich — abgehendst Was wird Cesarine sagen? Wenn ich nur sicher wüßte, ob die Andere hübscher ist! — fMit seinem Brief nach rechts ab — Grenouillet mit Hauptbuch und Radirmesser links abst Vierte Scene. Catherine, dann Clodimar. Catherine. Ist das eine Wirtschaft in diesem Hanse. — DaS Mittagessen wird wieder angebrannt sein, und wer ist wieder Schuld daran? Natürlich: Ich. — — Oh, am liebsten ließe ich das ganze Haus in Stich, wenn nur Clodimar sich entschließen 7 wollte, sein Wort zu halten! - — Aber wird er es halten wollen? Clodimar fist an der Mittelthiire sichtbar geworden, in Uniform). Warum denn nicht? Catherine swendet sich erschreckt um). Clodimar! Mein guter, mein bester Clodimar! Clodimar. Schnell, schnell! einen ordentlichen Kuß! Catherine. Seit wann bist Du in Paris? Clodimar. Diesen Augenblick kam ich am Nordbahnhofe an, und stürzte hierher. Ist Dein Herr zu sprechen? Catherine. Noch nicht, doch er muß gleich hier sein! Du willst ihn sprechen? Clodimar. Dazu bin ich eigens hergereist. Catherine. Was gibt es denn? Clodimar. Catherine! Der große Augenblick ist da, ich habe den Heirats- consens endlich bekommen und will nun bei Deinem Herrn anfragen. Catherine. Clodimar, das ist schön, sehr schön von dir! Clodimar fsie umarmend). WirGens- darinen sind Ehrenmänner. Ich bin Dir's schuldig — ich Hab' Dir's zugesagt, Catherine. — Tag und Nacht hat mich das Gewissen daran erinnert. Ich sah schon, wie Du eine alte Jungfer wirst, und da sagte ich mir: „Clodimar," sagte ich mir, Du — Catherine. Reden wir nicht davon! Von dem Augenblicke an, wo ich Deine Frau bin, ist Alles vergessen. Clodimar. Alles ist in Ordnung! Hier meine Bestallung, mein Gebnrts- uud Impfschein, mein Urlaub auf 24 Stunden — Catherine. Nicht länger? Clodimar. Nein. Es fliehen jetzt so viele verunglückte Financiers und Spekulanten über die Grenze, da gibt es viel zu thnn; ich bin nicht lange zu entbehren! Ist Dein Herr in einer Stunde zu Hanse? Catherine. Sonst wohl, aber heute — Halt, da höre ich ihn. Clodimar stichtet sich in Positur). Er soll mich bereit finden. Catherine. Weißt Du, Clodimar, ich möchte lieber zuvor allein mit ihm reden. Tritt inzwischen da ein und warte. Clodimar. Nicht nöthig! Ich kann indeß einen Cameraden anfsuchen, dem ich wollene Socken zu überbringen habe, — Strümpfe der Liebe, Catherine! Catherine fsenfzt). Wie schön! — Geh' dort die Seitenstiege hinab. Clodimar. In einer Viertelstunde bin ich zurück! Catherine sumnrmt ihn). Mein guter Clodimar! Clodimar. In wenigen Stunden bist Du mein Weib! W.) Fünfte Scene. Catherine, dann Montengraine, später Cassignol. Catherine fsich in die Brust werfend). Frau von Clodimar! was für ein schöner Name! — Aber, da ist der Herr! Ich will ihm gleich von Clodimar erzählen! Montengraine fdnrch die Mitte, mit kleinen Paqneten und Papierrollen). Zwei Milliarden Cubikmeter, sagt unser Architekt! Das scheint mir enorm viel! Catherine. Sie kommen ja heute so spät, gnädiger Herr! Monteng rai ne. „Herr Präsident," bitte ich mich zu nennen! Ich wünsche mich an diesen Titel zu gewöhnen. Catherine. Sehr wohl, gnädiger Herr! Darf ich dem Herrn Präsidenten diese Papiere abnehmen? Montengraiue. Nicht anrühren! Um des Himmelswillen, nicht anrühren! Diese Proben und Pläne sind ein Heiligthum! fAblcgtnd. Für sich.) Wer mir 8 vor fünf Jahren, als ich mein Specerei- geschäft aufgab. gesagt hätte, ich würde eines Tages Präsident des Verwaltungs- rathes einer Actiengesellschaft sein!- Dem wahren Talente ist nichts verschlossen, wenn es zu warten weiß! (Setzt sich.) Wie sagten wir also? Zwei Milliarden Cnbikmeter — Catherine. Gnädigster Herr — Montengraine (ohne sich umzudrehenj. Hm! Catherine. Ich wollte recht schön bitten — Monten g r a i n e. Schweig'! Catherine (für sichj. Scheint nicht gut gelaunt zu sein- — Ich werde warten, bis er bei Tische ist. Mn.) Wann belieben Sie zu speisen, Herr- Präsident? Montengraine. Später, mein Kind, später! Jetzt bin ich mit außerordentlich wichtigen Dingen beschäftigt! Catherine. Aber das Essen wird anbrennen — Montengraine. Lass' mich in Ruhe mit solchen Alltäglichkeiten! — Ich kann an dergleichen jetzt wirklich nicht denken! (Bindet die Paqnete auf.j Catherine (für sichj. Inzwischen wird Clodimar zurück sein. W.f Cassignol (tritt ein. Für sich.j Den Ingenieur bin ich los ... Ich habe mir's überlegt und werde den Brief nicht absenden. — Vielleicht ist die Figaro-Dame nicht gar so hübsch- Es gibt ja auch Frauen, die nicht gar so hübsch sind ! — Dann geh' ich doch lieber zu Cesarine! . . . Ah, der Präsident ! Montengraine. Sind Sie es, Herr Direktor? Sechste Scene. Montengraine. Cassignol. Cassignol. Der Herr Präsident ließen mich ersuchen, zu warten — j Montengraine. Ich werde Ihrer i bedürfen. i Cassignol. Ah! j Montengraine. Mein Besuch in !Pantin macht eine schleunige, anßer- ! ordentliche Generalversammlung oder !doch zunächst eine Verwaltungsraths- ! sitznng dringendst nothwendig. Ich erwarte eben die bereits verständigten Herren. Cassignol (für sichf. Das geht gut! Und deßwegen ein Rendez-vons versäumen? (Auf die Uhr sehend.) Noch zwanzig Minuten — die Zeit vergeht! (Sieht Dubocal und Beausalä eiutretcu, laut.) Da sind die Herren schon! Montengraine. Schön! Ist der Herr Cassier da? Cassignol. Zu dienen. Montengraine. Bitte, ihn zu rufen. Die Sitzung beginnt. Cassignol. Sehr wohl, Herr Prä- ^ sident! (Für sich iin Abgchen.) Dieser Ernst, diese Würde! Zum Todtlacheu. (Geht ab.) Siebente Scene. Montengraine. Dubocal. Bean- sale, später Cassignol und Gre- n o n i l l e t. Dubocal (in der Thürej. Wir grüßen unfern verehrten Präsidenten! Beausalo. Meine Hochachtung, Freund Montengraine! Monten g ra ine. Gehorsamster Diener, meine Herren! Ich störe Sie nicht ohne eine gewisse Besorgniß immer von Neuem. Ich fürchte, Sie von Ihren Privatgeschäften abzuhalten. Dubocal. Wir habeu keine. Montengraine. Sie könnten aber welche haben! — Indessen Weiß ich wohl, mit welcher Ergebenheit — Dubocal. Sagen Sie, mit welcher Selbstvergessenheit' 9 Beausalck. Mit Leib uud Seele! Montengraine (fährt fort). Sie sich mit den Dingen zu befassen belieben, die uns jetzt so außergewöhnlich interes- siren. Be aus als. Ich komme mir schon ganz dumm vor! Mont eng ra ine. Das geht uns Allen so! Glauben Sie mir jedoch, meine Herren, nie war eine neue Probe unserer Hingebung nöthiger, als eben jetzt. — Die Wahl der Aktionäre ist auf uns gefallen! (Cassignol und Gre- neuillet treten ein.) Nehmen wir also Platz, meine Herren, und gehen wir ohne lauge Vorreden an die Arbeit. Die Zeit ist kostbar. Sie, Herr Beausal^, erlaube ich mir darauf aufmerksam zu machen, daß die bevorstehende Sitzung viel zu wichtig ist, um sie, wie gewöhnlich, zu verschlafen. Veansale. Ich werde mich zwicken, wenn ich einschlafe, Herr Präsident — Montcngraine. Setzen Sie sich, Herr Director, auch Sie, Herr Cassier ... Der Herr Cassier wird als Schriftführer functioniren. Cassignol (setzt sich, siebt auf die Uhr, für sich). Mein Nendez-vous — in siebzehn Minuten werde ich verschwinden - Grenouill et (für sich). Hol' sie der Teufel, ich muß auch fort! Sidonie erwartet mich! Montengraine. Meine Herren! Die Sitzung ist eröffnet! Hm, hm! — Bevor wir zur Tagesordnung übergehen, erlauben Sie mir in Kürze über die Entstehung der Gesellschaft, die wir zu vertreten die Ehre haben, zu referiren. Grenonillet (für sich). Die alte Geschichte! Das dauert wieder fünf Viertelstunden ! Beansalö. Reden Sie, Herr Präsident! Es ist uns stets ein neues Vergnügen — Dubocal. Ruhe! Montengraine (geläufig). Die Entdeckung einer Mineralquelle in Pantin, welche die wunderwirkendsten Ingredienzien enthält, führte mehrere Personen zu der Ueberzeugnng, daß es ganz trostlos für die Pariser sei, heilkräftigenden Sommeranfenthalt stets in so weiter Ferne anfsnchen zu müssen, wo doch das Gute so nahe lag. Veansale. Entschuldigen Sie, was verstehen Sie unter „heilkräftig?" — Mo nten gra ine. Das ist ein — technischer Ausdruck! Beaus alö. Ich danke! (Schläft nach und nach ein.) Monten graine. Ich fahre fort: Es kam einigen Finanzgrößen die Idee, Pantin zu einein Weltknrort umznge- stalten und damit gleichzeitig ein ausgezeichnetes Geschäft zu machen. Dubocal. Sehr richtig! Montengraine. Der Zufall wollte, daß unser verehrnngöwürdiger Direktor, Herr Cassignol, der eigentlich zuerst und hauptsächlich den herrlichen Gedanken in Fluß brachte, eines Tages im Cafe davon erzählte. Die Fulminanz der Idee frappirte, wir erkundigten uns des Näheren, und vier Wochen später war die Aktiengesellschaft der Mineral- und Heilquelle von Pantin bereits eine proto- collirte Firma. Beansal6 (erwachend). „Heiltechnische" — sagten Sie. Dubocal. Dieser mit außerordentlicher Objektivität abgefaßte Bericht — Beausale. Ruhe! Montengraine. Dank unserem beschleunigten und verständigen Einschreiten — Duboca l. Sagen Sie: Dank Ihnen! Beausale. Und mir! Mo nten gra ine (fortfahrend). Wur- den wir fast einstimmig in den Verwaltungsrath gewählt. Ueber die Hälfte aller Stimmen war für uns. Beausale. Auch die meinige! Ich stimmte für Sie! Dubocal. Schweigen Sie doch! Montengrai n e. DaS war ein Vertrauensvotum, dessen wir uns Werth zn machen bemüht sein müssen. Ich zweifle auch keinen Augenblick, daß nnS solches gelingen wird, daß wir uns unserer Aufgabe ehrenvoll entledigen werden! Beausalö. Ich bitte um's Wort. Montengraine (läutend). Geduld! Ich bin noch nicht zu Ende! Catherine (tritt eins. Gnädiger Herr- Haben geläutet? Mouten graine. Ich habe nicht als Hausherr, sondern als Präsident geläutet. (Catherine ab.) — Nunmehr werde ich über den Besuch zu berichten so frei sein, den ich heute in Gesellschaft unseres Ingenieurs an Ort und Stelle abstattete. Verschiedene Pläne liegen uns vor. Einer davon — einer davon, den ich als grandios, als phänomenal bezeichnen muß, ist hier ersichtlich. (Zeigt einen Plan, den die Anderen besichtigen.) Bemerken Sie gefälligst: Hier zwischen Groß- und Klein-Pantin wird eine so reizende Verbindung hergestellt werden, daß auch den verwöhntesten Ansprüchen Genüge geschehen wird. Beausal 6. Was nennen Sie „Klein- Pantin?" Monte ngraine. Dies hier! Beausale. Und Groß-Pantin? Montengraine. Dies. Beausale. Das ist ja noch kleiner. Montengraine. Auf der Zeichnung ist das wegen der Perspective nöthig, das ist eine Maßstabsfrage. Beansale. Ich sehe keinen Maßstab. Dubocal. Was Sie Alles sehen wollen! Montengraine. Hier zwischen Groß- und Klein-Pantin, welches ich noch lieber die „kleine und große Oase" genannt haben möchte, — wo jetzt der Lagerplatz für den städtischen Schutt und Staub ersichtlich ist, — hier wird sich eine Allee, die so zu nennende „englische Promenade" — hinziehen. Alle. Wie in Nizza. Montengrai n e. Sehr richtig. Diese Anlagen von Nizza seien unser Vorbild. Allerdings wird es nicht an herabsetzenden und ärgerlichen Scherzen fehlen — aber was hat Nizza am Ende von Pantin voraus? — Das Meer! — Nun, meine Herren, was ist eigentlich das Meer? Alle. Wasser, viel Wasser! Montengraine. Ganz richti g! Wasser, nichts als Wasser, rauschendes, salziges Wasser! Wasser von unangenehmem Geruch, Wasser, das man nicht einmal trinken kann. Alle. Bravo! Beansalck. Ich habe es versucht. Nur einmal, zu St. Adresse im Jahre 1837 . Dubocal. Ruhe! Montengraine. Dagegen wird mitten auf unserer „englischen Promenade" — der wunderthätige — BeansalL. Der heiltechnische — Montengraine. Der berühmt werden sollende Quell rieseln! Dubocal. Das ist großartig! Monumental! Beausalv. Pyramidal! Es ist erhaben ! Montengraine. Man kommt, trinkt, ergötzt sich, und ist-curirt. Beansalo und Dubocal. Herrlich! Montengraine (steht auf, nimmt vom Kamin die Flasche und ein Glas). Hier, meine Herren, dies ist unser wunderwirkendes Wasser — unser Vermögen! Grenouilset (für sich). Laxristi! Da habe ich meine Medicin hineingegossen. Montengraine. Ich koste es häufig und von Stunde zu Stunde schmeckt es mir besser! — Heute früh war eö süß'- Dnboca l. Ich trinke auch den ganzen Tag davon. Um 5 Uhr kam mir's vor, als ob's nach Pomeranzen schmeckte! 11 Beausalö. Und mir nach Haselnüssen! Montengraine sein Glas einschen-- kend). Und wie klar es ist. — Bringen Sie uns Gläser, Herr Direktor, damit wir aus unserem Quell neue Schaffenskraft gewinnen. Cassignol (bringt Jedem ein GlaS). Grenouillet (fü r sich). Lapristi! Die trinken meinen Haferschleim! Montengraine (erhebt das Glas). Eisenhaltiges, neu belebendes Wunder- Wasser, Wasser der Mineralquellen von Pantin, Wasser aus dem europäischen Paradiese, -- wir trinken auf Dein Wohl! (Trinkt, verzerrt sein Gesicht.) Brr! Was ist denn das? Beausal 6 (bei Seite). Aha! Dnbocal. Was sagten Sie? Montengraine (gezwungen lachend). Köstlich! Dnbocal (ebenso). Ausgezeichnet. Beausale (ebenso). Göttlich! Montengraine. Riechen Sie doch nur! Diese Blume! Und im Grunde süß! Wie Anisette! Grenouillet (fjir sich). DerGeschmack liegt tiefer. — Nun, verwöhnt sind sie gerade nicht. Monte ngraine (setzt sich). Zur Sache, meine Herren! Catherine (meldet). Herr Billem- bois! Montengra ine. So spät noch? Catherine. Er war schon vorher da, und läßt sich nicht abweisen. Montengra ine. Wir conferiren. Da kann man Niemanden empfangen! Alle. Niemanden! Catherine. Er sagt, er habe ein Recht dazu; er sei ein Aktionär und wolle die Bücher einsehen. Monte ngraine. Dreimal täglich schnüffelt er sie durch. Dieser Aktionär ist unerträglich. Uebrigens — der Klügere gibt nach! Lassen Sie Herrn Bil- lembois eintreten! (Zu Cassignol und Grenouillet.) Lassen Sie uns einen Moment allein, meine Herren! Cassignol (auf die Uhr sehend, für sich). 8a,j)risti! Es ist Zeit! — Ich verdufte! Ich werde doch nicht wegen der Narren hier mein Nendez-vous versäumen! Grenouillet (ebenso). Sieben Minuten vor 9 Uhr! Schauderhaft! — Meinetwegen sollen die Herren hier machen, was sie wollen. Sidonie macht mir eine Scene, ich muß zu ihr. (Beide nach verschiedenen Seiten ab.) Montengraine. (zu Catherine). Ich lasse den Herrn bitten! Achte Scene. Vorige, ohne Grenouillet und Cassignol. Billembois. Billembois (im Eintreten). Na! Endlich findet man Sie! Montengraine. Mein Herr, zunächst muß ich Ihnen klar machen — Billembois. Nichts werden Sie mir klar machen! Dazu bin ich nicht gelaunt! Bitte um die Bilanz! Du b ocal (mit Würde).. Mein Herr, Sie wissen hoffentlich, daß Sie chier nicht vor dem Handelsgerichte stehen! Billembois. Einerlei! Ich will wissen, was mit meinem Gelde geschieht. Ich überwache Sie genau — ich habe kein Vertrauen. — Das ist mein Recht. Montengraine. Allerdings ist das Ihr Recht .... Billembois. In der heutigen Epoche des Schwindels — Beaus als. Ziehen Sie diesen „Schwindel" zurück. Billembois. Nein, ich ziehe ihn nicht zurück. Bkausal 6 (setzt sich). Auch gut. Billembois. In dieser Schwindel- Epoche beging ich eines Tages, als ich einmal gut aufgelegt war, und das pas- sirt mir nur alle 14 Tage einmal — Beausalo Mr sich). Heute scheint nicht sein Tag zu sein! Billembois. Die Dummheit, mein Geld beim Fenster hinanszuwersen — hinanSzuwerfen, das ist das rechte Wort! Ich nahm nämlich zehn Actien ans Pantin! Daö Wnnderwasser hat mich dazu verleitet. Solch ein Unsinn. Montengrai n e. Was, ein Unsinn? Billembois. Einerlei! Meine Zeit habe ich verloren, aber ich will nicht auch noch mein Geld einbüßen. Und deßhalb passe ich auf, wie ein Vorstehhund. D nb ocal. Bis jetzt ist ja Ihr Geld noch nicht verloren. Beansalv. Dazu müßten wir ja die Gesellschaft geschädigt haben, mein Herr! M ontengrain e. Und das ist nicht der Fall! Billembois. Sie haben vorerst einmal ein Personal, das mir nicht gefällt! Ich habe kein Vertrauen zu diesem Personal! M ontengraine. Der hat zu Nichts Vertrauen. Billembois. Was ist znm Bei spiel Ihr Cassier für ein Mensch! Eine Zierpuppe, die den Scheitel in der Mitte trägt. M o nt engraine. Jeder kämmtsich, wie's ihm gefällt. Wenn wir ihm auch noch den Haarscheitel vorschreiben würden, verlangt er Zulage. Beansalö (aufstehends. Uebrigens scheitle ich mich auch in der Mitte, das heißt, ich that es früher. (Entblößt die Glatze.f Billembois. Genug! Beausale. Auch gut! (Setzt sich.f Billembois. Und dann Ihr Direktor, ein Narr von anderem Schlage, den ich aus allen Hinterstiegen treffe, wo ihn Niemand sehen sollte — ich übrigens auch nicht. Aber nur Geduld ! Bald soll die Polizei die Nase in Ihre Bücher stecken, das sott gar nicht mehr lange dauern. Montengraine. Mein Herr! Billembois. Die Polizei war noch überall dabei, wo ich Aktionär bin. 27 VerwaltnngSräthe und 23 Direktoren habe ich schon in'S Criminal gebracht; ich bin das Unglück solcher Leutchen, und das macht mir Spaß. Bald werden Sie nicht mehr in Sorge um Ihren Direktor sein. Und wenn die Polizei die Haupttreppe rechts heraufkommt so entwischt er über die Hintertreppe links, denn er hat Verständniß für Hinterstiegen ! Nun, glücklicher Weise bleiben Sie mir ja für Alles verantwortlich, und verlassen Sie sich darauf, mein Advokat wird Sie schon fassen — Dnboeal. Mein Herr, sind Sie zu Ende? Montengrai n e. Es ist genug ! Wir wollen hier im Namen und Interesse der Aktionäre conferiren, und haben das Recht, Andere von der Sitzung auS- zuschließen. Dnbocal. Achtung vor den Paragrafen des Statuts! Beansalö (halb im Schlafs. Statuten sind krastheilig, nein, heiltechnisch. Billembois. Sehr nett sind diese Paragrafen, gerade so wie die Sitzungen hier. Dnbocal. Man weiß ja, welchen Haken das hat, mit Ihrem Groll! Montengrain e. Weil Sie nicht in den Verwaltungsrath gewählt wurden. Beausal6. Weil Sie nur eine Stimme erhielten. Billembois. Die meinige — — daß heißt — — Sie haben Recht! — Ich bin nichts, als ein einfacher Aktionär, und da Sie im Stande wären, zu behaupten, ich hätte mich in Ihre Dummheiten hineingemischt, so ziehe ich es aus angeborener Friedensliebe und Bescheidenheit vor, zu gehen, und überlasse Ihnen die ganze Verantwortlich- keit! — Aber ich komme wieder, meine Herren, ich komme wieder! Morgen! Uebermorgen! Jeden Tag! — Ich habe kein Vertrauen. Montengrain e. Mein Herr! Billemboiö. Ich habe kein Vertrauen! sStiirmt ab.) 9. Scene. Vorige, ohne Billemboiö. M ontengrai ne. Uff! das ist ein Dickkopf! Wenn wir viel solche Aetionäre hatten — Dubocal. Müßte ich um Diäten- Erhöhnng ansuchen. ! Montengrai n e. Unseren Direktor i zn verlänmden! Die Redlichkeit selbst!! sLu anderem Tone.) Sie halten ihn doch ^ auch nicht für fähig — Dubocal. Unseren Direktor'? Gott bewahre ! Einen Mann, bei dem ich i noch gestern meinen Regenschirm vergaß, und der ihn mir nach einer Stunde j mwertauscht znrückbrachte. Montengraine. Und nun gar der Cassier! Ihm den Scheitel vorzuwerfen! Was hat die Haarabtheilung mit der Ehrlichkeit zu thun? Beausale. 'S ist Blödsinn. Mon tengraine. Zwar sollte sich ein Cassier lieber seitwärts scheiteln. Dubocal. Nichtiger wäre es freilich. Beausale. Es zeigt mehr für einen rechtlichen Charakter. Montengraine stautet). Catherine stritt ein). Montengraine. Herr Grenouillet möchte eiutreten und das Hauptbuch mit- bringen. Wir werden ihm den Kopf zn-! rechtrücken. Catherine (geht ab). ! Montegraine. Immer besser, wir ersticken derlei Unregelmäßigkeiten im j Keime . . . Das Gesetz ist streng. j Dubocal und Beausalv. Das ist wahr. Catherine svou links mit dem Hauptbuch). Gnädiger Herr, der Cassier ist glicht da! ! Montengraine. Was? Nicht da? Catherine. Nein, gnädiger Herr! Er ist fortgegangen! Montengraine. Er hat sich unterstanden ? Catherine stegt das Buch hin). Ich habe nur dieses große Buch im Bureau gefunden. Mon tengraine. Das Hauptbuch, Was sollen wir mit dem Hauptbuch, wenn er uns nicht erklären kann — Dubocal. Selbstverständlich! Ohne ihn — Moutengraine söffuet mechanisch das Buch). Halt, was ist denn das? Beausalö. Was? M ontengrain e. Ein Radirmesser! Catherine stiw sich). O weh! Dubocal. Ein Radirmesser? Zum Nadiren? Montengraine. Ja wohl, gewöhnlich braucht man die Nadirmesser zum Nadiren. Dubocal. Vielleicht hat er es zufällig — ! Montengraine sprüfeud). Warten ^ Sie! Ja wohl! Es ist ganz deutlich: ! Er hat radirt! (Schwer). Meine Herren, ! das Hauptbuch ist radirt! Dubocal und Beausalv. Radirt! ! Montegraine szu Catherine). Ersuchen Sie den Herrn Director, sofort hieher zu kommen. Ca th erin e )geht ab.) Beausalo. Ein Hauptbuch radireu! Können wir etwa dafür verantwortlich gemacht werden? M ontengrain e. Entschuldigen Sie, meine Herren, aber Billemboiö hat Recht! Wir sind durchaus verantwortlich: sogar für das Dienstpersonal! — Zum Glück wird uns der Herr Director sagen können — Catherine fmit einem zerknitterten Brief). Der Herr Director ist nicht da. Alle. Wie? Catherine. Er ist auch fort. Alle. Fort? Catherine fgibt Montengraine den Brief). Hier dieser Brief lag offen auf seinem Pulte. Dubocal. Ein Brief ? Monteng r a i n e. Ein offenes Schreiben ? fZn Catherine). Gehen Sie! Catherine fim Abgehen). Was geht da vor? Die sind ja ganz verstört! fgeht ab.) Montengraine Mt sich den Kopf). Lachen Sie mich nicht aus, aber der Brief, die schlechten Späße Billembois, das plötzliche Verschwinden von Director und Cassier, das radirte Hauptbuch — mir läuft kalter Schweiß über den Rücken! Dubocal. Mir auch! Mir schlottern die Beine! B e a n s a l v. Meine sind eingeschlafen. Mo nt en g raine. Meine Herren! Seien wir vor allen Dingen Männer! Wir brauchen ja nur den. Brief zu lesen, um klar zu werden, daß Sie und ich, daß wir alle drei wahre Hasenfüße sind! Also lesen wir! Die Anderen. Lesen wir! Montengraine. Richtig, das ist seine Handschrift! fLiest). „Entsetzliches"— fSchreit auf). Ah! fSiukt auf seinen Stuhl und läßt das Papier fallen.) Dubocal fstürzt darauf zu). Dem Präsidenten wird unwohl! Was steht denn da? fLiest). „Entsetzliches" Dasselbe Spiel, wie bei Montengraine.) Be au s a l 6 febcnso). Der Vizepräsident ist ohnmächtig! Was gibt es denn? fLiest). „Entsetzliches Unglück geschehen! Alles entdeckt! Ich reise nach Belgien!" fSinkt in den Stuhl.) Großer Gott! — Mo n ten g ra i n e. Der Elende! Dubocal. Der Schuft! Beausal 6. Und wir, Herr Präsident, wir — ? Montengraine. Ich weiß gar nichts mehr! Ich bin vom Schlage getroffen! Solch ein Streich! Beausalä. Hat uns Billembois nicht diesen Augenblick gesagt, daß dieser infame Cassignol der Polizei über die Nebentreppe entwischen wird! Dubocal. Natürlich! Die Polizei kommt immer auf der Hauptstiege! Monteugraine frafft sich auf). Die Polizei! Dubocal fsteht auf, horcht). Man kommt herauf! Beausals. Gewiß, ich höre Stiefel knarren! Mo n teng raine. Stiefel? Sehen Sie nach, Dubocal, Sie waren ja Soldat?! Dubocal. Freilich . . - ich war tapfer! Um so mehr muß ich mich aber znrückhalten, ich schlage gleich Alles in Stücke! fSchleicht zur Thüre, öffnet sie- halb.) Mont engrai ne. Stiefel hörten Sie knarren? Woher Stiefel? Beausalo. Vielleicht ein vorübergehender Hausbewohner. Dubocal. Großer Gottfoorkommend). Die Anderen. Was denn? Dubocal. Ein Gensdarm! ' Die Anderen. Ein Gensdarm? fwollen fliehen.) M onteugraine fsieht Clodimar ein- treten, hält sie zurück). Fassen wir uns, meine Herren! Ruhe! fSie halten sich aneinander aufrecht.) 10. Scene. Vorige. Clodimar. Clodimar. Verzeihen Sie, entschuldigen Sie, verehrte Compagnie! Ist Herr Montengraine vielleicht zugegen? 15 Montengraine sfnr sich). Mir > Beausalö. Wir werden uns »erscheint, er kennt mich nicht?! — Wahr-! theidigen ! hastig, er kennt mich nicht! (Laut). Herr! Montengraine. Was nutzt uns Mouteugraiue ? Das bin ich nicht,! das! Das Gesetz kennt kein Erbarmen! mein Lieber! ! Fünf Jahre Galeere, meine Herren, Die Anderen snacheinander). Ich ! so steht's im Ooclex ! sNimmt ein Buch auch nicht! ! vom Tische, zeigt es den Anderen.) Clodimar. So möchte ich gerne Dubocal. Fünf Jahre! wissen, wann er kommt. Er dürfte be- Beausale. Fliehen wir! reits vermnthen, was mich herführt. M on ten gr aine. Haben Sie denn Uebrigens bin ich im Dienst! Hier meine Legitimation. Alle sbei Seite). Im Dienst! M ontengraine sfür sich), Er will mich verhaften! Clodimar. Vielleicht sagen Sie mir, wo ich ihn finde? Dubocal und Beausalä. Nein! Montengraine M- sich). Was fällt mir ein! sLaut). Wo Sie ihn finden? — Ich werde es Ihnen sagen. Dubocal sleise). Was thun Sie? Montengraine sleise). Still! sZeigt auf die Thüre links. Laut.) Er MUß da Geld? Beausale. Nein! Montengraine. Räumen wir die Sasse aus! Die Anderen. Oh! Dubocal. Dafür sitzen wir zehn Jahre länger. Montengraine. In unserer Lage ist das jetzt einerlei! (Sie nehmen Geld ans der Lasse.) Dubocal. Dann nehmen wir Alles mit! sErgreifen Uhren, Statuen re.) Dubocal. Und wenn wir auf zwanzig Jahre verurtheilt werden. Clodimar's Stimme. Meine hineingegangen sein! Wollen Sie nicht-Herren, ist hier Niemand? sKlopftl eintreten? ! ? sLeise.j W.) ^ , Beausals. Der Wüthrich wird die Clodnna r. Bin so fret! Ich danke! Thüre sprengen! eise.l Was haben denn diese Leute? Montengraine. Rette sich, wer ^ kann! sAlle rechts ab, inzwischen hat Clodi- i mar heftiger geklopft.) I Clodimar. Werden Sie endlich ans- A.rrnk. ! machen? Vorige ohne Clodimar. Montengraine shat schnell hinter Clodimar verschlossen). Gerettet! Dubocal. Welch' ein Mann! Montengraine. Und jetzt, meine Herren: Durchgebrannt! Beansalo. Wohin gehen wir? Montengraine. Unterwegs werden wir uns darüber entscheiden! Dubocal. Aber wir haben ja nichts verbrochen! Montengraine. Das weiß ich wohl! Parbleu! Aber verantwortlich sind wir! Zwölfte Scene. Catherine, dann Clodimar. Catherine. Was ist denn das für ein Lärm? Clodimar. Machen Sie auf! — Aufmachen! Catherine. Clodimar eingeschlossen? sOesfnet.) Clodima r. Ich habe Deinen Herrn nicht gefunden. Catherine. Aber er war ja eben noch hier! sTritt an'S Fenster.) Da geht er ja! Was schleppt er denn mit? 16 Clodima r. Das ist er? Der Große? Wohin mag er jetzt gehen? Catherine. In seinen Club, ans den Boulevard. Clo di mar (will abs. Scbön! Catherine. Was hast Du vor? Clo di mar fsteigt zum Fenster hinanös. Das Fenster ist parterre — ich habe nur viernndzwanzig Stunden Urlaub — ich wähle den kürzeren Weg! sEr verschwindet.! Catherine. Clodimär! Per Vorhang fällt. (Ende des er st e n A c t e s.) Zweiter Act. Lonlevarcl clss Italiens. Abends nenn Uhr. Im Prospekte das inaison cior^e und die Ecke der rne l^atitte. Vorne links ein Zeitungskiosk. Erste Scene. Zeitungsfrau sim Kiosks, B l u m e n- mädchen fin ihrem Stands, dann Herr, später Dame. — Cassignol. Spaziergänger. Zeitungsfrau. Das Abendblatt! Neuestes Abendblatt! Blumenmädchen. Schöne Blumen, meine Herren! Zeitungsfrau. Eben erschienen: Das Abendblatt! Gefällig, meine Herren? Blumenmädchen. Schöne, frische Veilchen ! sSieht einen Herrn ans dem Hause kommen.s Guten Abend, Herr Eduard! Herr. Guten Abend, Fräulein Her. mance! Blumenmädchen. Noch so fleißig? Herr. Ich mußte Geld in das rnai- son äoi'66 tragen und das Abendblatt für den Herrn besorgen. Blumenmädchen. Wie gehen die Geschäfte, Herr Eduard? Sind Sie zufrieden? Herr. Nicht sehr! Ein Geldwechsler muß heutzutage gar zu sehr anf- passen, man wird so leicht betrogen. Blumenmädchen. Das glaub' ich! Herr. Nun will ich die Tageörech- nungen abschließen — und das Gewölbe sperren. Gute Geschäfte, Fräulein Her- mance. Blumenmädchen. Danke bestens! sDer Herr kauft das Abendblatt, links ab.s Cassignol fvon vorne rechtös. »Der erste Kiosk" — das muß dieser sein! Hier will mich meine Dame erwarten. — — Lesen wir noch einmal den Brief. sTritt an eine Laterne — liest:s »Och Werde zwischen 10 und V 2 II Uhr auf dem Lortlövarck ckss Italiens promeniren, und zwar in der Nähe des ersten Kiosk links. — Verlangen Sie das „Vaterland." -Das muß hier sein! sSieht sich nm.s Noch Niemand da! Blumenmädchen. Frische Blumen, mein Herr! Eine reizende Rosenknospe! sSteckt ihm dieselbe ins Knopfloch.s Cassignol. Kostet? / 17 Blumenmädchen. Nach Belieben, mein Herr! Cassiguol (für sich). Das steht mir gut! -(Zahlend, laut.) Hier! Blumenmädchen (für sich). Zwanzig Sons! (Laut.) Ich danke sehr, gnädiger Herr! Cassiguol (der eine Dame bemerkt). Ah, eine Dame! (Tritt zum Kiosk.) Das „Vaterland" — bitte sehr! (Dame geht vorüber.) Das scheint sie nicht zu sein! (Ab.) Zweite Scene. Zeitungsfrau. Blumenmäd chen. Celeste. Celeste (von links, sich nach allen Seiten nmschend). Hier ist es. — Ich habe mich verspätet. — Wenn ich nur erfahre» könnte, ob der Herr schon hier war. Ich wage es nicht, zu fragen. (Znm Kiosk.) Zeitung s f ran. Wünschen Sie das Abendblatt, Madame? Celeste. Nein, liebe Frau, ich wünschte — Zeitungsfrau. Ich weiß schon, was Sie wünschen! Sie wollen lachen, sich unterhalten. — Hier ist das „Journal amüsant" — eine picante Geschichte von Grevin — ein Ehrenmann, der — Celeste. Ich danke Ihnen sehr, Madame, ich wollte vielmehr — (Für sich.) Die Frau hat ein so zudringliches Wesen — ich wag' es nicht — Zeitungsfrau. Nnn? Celeste (sehr verlegen). Ich Möchte gern wissen — wie viel Uhr es ist — Zeitungsfrau. Bitte, dort um die Ecke ist die Thurmuhr! Celeste. Ich danke, Madame! (Für sich.) Ich bin wirklich zu albern, es muß sein ! (Laut.) Ich wollte fragen, ob nicht ein junger Mann, ein hübscher junger Mann — Zeitungsfrau. Ah! Sie haben ein Nendez-vons? Theater-Repertoir 338 . ^ Celeste. Das heißt — Zeitungsfrau. Das geht mich gar nichts an! Aber ich bin nicht dazu da, Ihnen über junge Männer Auskunft zu geben! (Schließt das Fenster.) Celeste. Welche Beschämung! Ich hätte nicht hierher gehen sollen! Und doch — wer ist an Allem Schuld? — Mein liebenswürdiger Gatte, Herr Bil- lembois! — Wäre er nicht auf den Figaro abonnirt, so könnte ich auch „die kleinen Anzeigen" nicht lesen und gar nicht auf den Gedanken kommen. Noch mehr aber entschuldigt es mich, daß Billembois mich jeden Abend allein läßt, sich um neun Uhr, wie die Hühner, schlafen legt! — Da faßte ich denn den Entschluß, auf diesem „nicht mehr ungewöhnlichen Wege" — einen Cavalier kennen zu lernen und mich mit ihm in anständiger Weise zu zerstreuen. Und das werde ich auch durchsetzen. Mein Unbekannter versichert mir zwar, daß er schön, geistreich, jung und liebenswürdig sei — um so besser: so wird es mir als doppeltes Verdienst gelten, mich zu beherrschen. — Wie aber, wenn ich das nicht im Staude wäre? — Ich weiß mir keinen Rath. — Soll ich gehen, soll ich bleiben? — Ja, ja! So soll es sein. — Der Zufall ist den Frauen günstig. Ich gehe bis zum Lou- lovarck ^oissonioro, und wenn bis dort hinunter die Anzahl der Gaslaternen ungerade ist, so kehre ich nach Hause zurück, — wenn nicht — (mit tragikomischer Geberde), so kann mir mein Mann keinen Vorwurf machen — es stand in den Sternen geschrieben. — Ein, zwei, drei — — (geht zählend ab). Dritte Scene. Blllinenmädchen. Zeitnngsfrau. Cassiguol. Billembois (von hinten rechts). Cassiguol (hinter einer Dame, er geht an ihr vorüber und tritt zum Kiosk). 2 18 Bille mbois. Zehn Uhr fünf Mi-> nnten! Cesarine wollte um 10 Uhr im! ruaison äor6o sein! Ach, das Blumen- ^ Mädchen kennt sie ja! (Zu dieser tretend.! ! Haben Sie Cesarine nicht gesehen, liebes! Kind? Blumenmädchen. Nein, mein Herr! Sie kann noch nicht vorüber sein, denn sie Pflegt immer ein Sträußchen ^ bei mir zu kaufen. j Billembois. Gut, so werd', ich! warten! (Für sich-! Sie ist nie pünktlich, ! am wenigsten, wenn sie bei ihrer Mut-! ter speist. ! CassigN 0 l skommt vor, bemerkt Bil- ! lemboiss. Donnerwetter! Billembois! Billembois (für sichj. Ah! Cas- ^ signol! —WaS schleicht der hier herum? Cassignol (für sich!. Ausweichen kann ich nicht mehr! (Laut-! Guten Abend, Herr Billembois. Wie steht das Befinden? Gut? Billembois (grob!. Schlecht! Cassignol. Ah! Wr sich.! Flegel! Billembois (für sich!. Der Schafskopf ist mir ganz unausstehlich. Cassignol (bemerkt eine Dame, wendet sich zum Kiosk!. „Das Vaterland." Zeitungsfrau. Noch einmal! Cassignol. „Das Vaterland." Zeitungsfrau. Ja doch! Ich bin ja nicht taub! sSchließt das Fenster, Dame geht vorüber-! Cassignol sder ihr ein Stückchen gefolgt ist!- Das ist sie auch nicht. Billembois shat sich nach links gezogen!- Immer hinter den Weibern her! Ich möchte doch wissen, wie der in Cesa- rinen's Haus kam! sZu Cassignol-! Die Sitzung ist schon vorbei? Cassignol. Ja, ich hatte noch Einiges zu besorgen. — Nun kann ich mich, Gott sei Dank, zur Ruhe begeben. Billembois. Machen Sie mir nichts weiß! Jetzt gehen Sie erst auf Abenteuer aus! Cassignol. Auf Abenteuer? — Ich? Billembois. Wie, in der rns llo Noseon 207 zum Beispiel! Cassignol. Sie meinen, weil Sie mich einmal auf der Stiege trafen? — Ich war bei meinem Zahnarzt! Billembois. Des Nachts um zwei Uhr? Cassignol. Das ist ein Nachtzahnarzt ! — Aber wie kamen denn Sie dahin ? Billembois. Ich war beim Fotografen. Cassignol. Um 2 Uhr Nachts? Billembois. 's ist ein Nachtfotograf. Cassignol. Aber, Herr Billembois! Ein verheirateter Mann! - Billembois. Bitte sehr; meine Frau geht um 9 Uhr schlafen! Ich muß manchmal Lust schöpfen gehen, und übrigens kann ich mich fotograsiren lassen, wann ich will. — Das geht Sie gar nichts an. Wr sich.! Deßhalb werde ich doch ein Auge auf Dich haben! Und treffe ich Dich noch ein einziges Mal bei Deinem Nachtzahnarzt, so — — (Laut-! Guten Abend! (Ab in das Ne- staurant -! Cassignol fallein!. Flegel! — Meine Figaro-Dame scheint mich sitzen zu lassen! (Eine Dame geht vorbei-! „Das Vaterland !" (Sieht, daß sie alt ist.s Nein, nein, die „Freiheit" — die ist zu alt! — Mit der will ich doch lieber die „Freiheit," als das Vaterland theilen. (Nimmt, bezahlt das Blatt.! Uebrigens, sie schreibt: Am ersten Kiosk links. Vielleicht kommt sie von der Nnciolrüno, dann ist dort links! Sehen wir dort nach! (Links ab-! Vierte Scene. !Beausale. Montengrain e. Du- ! bocal, dann Clo di mar. ! (Die Scene ist einen Moment leer. Im Hm- ! tergrunde erscheint ein Fiaker, aus dessen > Fenster Beausalv den Kopf steckt-! j Beausalo. Niemand da? (Zwei ! Wachmänner schreiten auf den Wagen zu-! 19 Erster Wachmann. Was machen Sie da, Kntscher? Kutscher. Ich bin bestellt E r st erWach m a n n. Gut! sVorüber- gehcud.) Beausalo. Gott sei Dank! Sie haben unsere Spur verloren! sSie steigen aus.) Dubocal. Und der Kutscher? Montengraine saussteigend). Ist bezahlt. Waker kehrt NM.) Er glaubt, wir seien drei eifersüchtige Ehemänner! Beausalo. Ich wollte, wir wären nur betrogene Gatten. Montengraine. In einer Stunde, wenn wir unser letztes Geschäft hier beendet haben werden, holt uns der Wagen wieder ab. Beausalo. Aber weßhalb gerade am Boulevard? Montengraine. Hier treiben sich die meisten obdachlosen Berbrecher herum, weil sie die Menge schützt; — fragen wir nur gleich nach Uapareino! Dubocal. Weßhalb kaparoino? Montengraine. Ohne langen Widerspruch, meine Herren! Zum Seufzen haben wir später Zeit. Wie viel ist denn die Uhr? Beaus als ssieht auf die Uhr, die er im Arm trägt). Sie steht, ich habe sie angehalten! Dubocal sanfschrciend, nach allen Seiten sehend). Angehalten? Wer? Montengraine. Nicht doch, nein! — Die Uhr! Dubocal. Habe ich mich erschreckt! Beausal 6. Ich habe sie mitgenommen, damit wir wissen, wie viel es geschlagen hat. Dubocal. Das wissen wir ohnehin! Montengraine szieht die Glocke heraus). Meine Herren! Ich eröffne die Sitzung! fLäutet! Man hört rufen: Hier! hier! — — Sie fahren erschreckt zusammen. - Nach einer Panse.) Es War nichts. Beausalo. INrrUIsu! Wozu haben Sie denn Ihre Glocke eingesteckt? Montengraine. Bin ich nicht mehr Ihr Präsident? Dubocal. Ja! Sie sind'ö und sollen es bleiben! Beausalo. Wie wär's, wenn wir ihn für lebenslänglich wählen? Montengraine. Später, meine Herren, später! Zunächst danke ich Ihnen für die bloße Absicht; — für den Augenblick indessen heißt es beratschlagen. — Wir befinden uns auf der Flucht, und zwar aus guten Gründen! Denn in der Gefahr ist die erste Pflicht eines freiheitsliebenden Bürgers: Durchbrennen. — Vor allen Dingen nun: — wohin? Dubocal. Das frage ich auch. Beausalö. Ich auch! Montengraine. Nun denn, meine Herren, ich schlage vor: Wir holen diesen niederträchtigen Cassignol ans Belgien zurück, ans diesem Hospitale für flüchtige Directoren und Cassiere und Solche- die es werden wollen. Wer von Ihnen hat eine Ahnung, in welchem Orte er sein könnte? Dubocal. Ich vielleicht? Beausalo. Still, mau beobachtet uns. Dubocal. Ein Soldat! Er ist bewaffnet! — sEin Laternenanzünder mit seiner Stange geht vorüber.) Montengraine. Nicht doch! Es ist ein Gasbeamter! Dubocal. Ich habe eine Angst - ach Gott! Beausalo. Nein, diese Situation ist unerträglich! — Ich glaube, es ist das Beste, wir stellen uns der Behörde! Montengraine. Was fällt Ihnen ein! sZu Dubocal.) Wenn er sich von der Stelle rührt, bringen Sie ihn um! Dubocal. Umbriugen! Großer Gott! Montengraine. Ich ertheile Herrn Verwaltungsrath Dubocal das Wort! Dubocal. Der vorgeschrittenen Zeit wegen verzichte ich darauf. Moutengrai u e. Vor Allem müssen wir wissen, wann die Nachtzüge gehen. sWendet sich zum Kiosk.) 2 * 20 Be aus als. Nehmen Sie sich in Acht, — mir scheint, die Frau hat uns belauscht! Monteugrai n e. Kaltes Blut! Lassen Sie mich nur machen! sZur Zeitungsfrau.) Beausalo. Welch' ein Mann, unser Präsident! Dubocal. Es ist stark — erhaben! Montengraine. Haben Sie vielleicht einen Eisenbahn-Courier, Madame? Zeitungsfrau. Wollen Sie verreisen, mein Herr? M o nt en gr a i ne. Ja, Madame, einen kleinen Allsflug mit der Westbahn — Sie verstehen-mit der Westbahn! Zeitungsfrau. Glückliche Reise! sGibt das Coursbuch.) M 0 NteNgraine stritt zu den Anderen zurück). Ich habe das Gesicht der Alten ganz genau beobachtet — nicht eine Muskel hat gezuckt! sDie Uhr schlägt, Alle fahren erschreckt zusammen.) Dubocal. Die verdammte Uhr —! Sie geht wieder. Beausalo. Was zeigt sie! Dubocal szerstreut). Unser letztes Ständlein! Ach nein, halb eilf Uhr. Montengraine sder im Coursbuch sucht). Hier! Fünfzehn Minuten nach Mitternacht. Beausale. Ah! Montengraine. Geht unser Zug. Jetzt ist's halb eilf — wir haben also noch fast zwei Stunden, um zum Bahn- Hose zu kommen. Machen wir zuvor Casse. — Wie viel haben Sie, Dubocal? Dubocal. Ich, ich habe 1 Franc 25 Centimes. Montengraine. In Gold? Dubocal. In Kupfer. Beausale. Ich habe 500 Francs. M o nte n g raine. In Kupfer? Beausale. Nein, in Papier. Montengraine. Und ich habe die ganze Gesellschaftscasse 18.000 Francs, auch in Papier. Das Erste, was wir thun, meine Herren, ist, daß wir uns Gold einwechseln, denn die Nummern unserer Banknoten sind jedenfalls schon auf dem Bahnhof bekannt. Aber wir müssen nicht alles Geld aus einmal umwechseln ! Dubocal. Das mein' ich auch! Montengraine. Wir theilen uns in das Geschäft. Dubocal. Um Gotteswillen nicht! Das riskire ich nicht. — Ich kenne mich — ich würde mich verrathen! — Montengraine. Hasenfuß! Hier sind 2000 Francs, Herr Beausalo, wechseln wir jeder in einem anderen Geschäft; es sind ja genug in der Nähe. In 5 Minuten treffen wir uns wieder hier beim Kiosk. — Aber ich wiederhole Ihnen, meine Herren: Seien Sie vorsichtig! List und Verschlagenheit ! — Die Polizei hat Augen und Ohren offen — sie ist wachsam! Und ganz besonders, meine Herren: hüten sie sich vor den Damen! Dubocal. Das ist wahr! Ich habe ein Stück gesehen, in dem eine Spionin vorkommt! Beausale. Aha! „Dora" — habe ich auch gesehen — man erkennt eine solche Spionin sofort am Geruch! Mouten g r a i u e. An'S Werk, meine Herren! Maskiren wir durch inquisitorischen Blick und lächelnde Züge unsere grauenvolle Lage! sWill ab, lehrt erschreckt um.) Sapristi! Dubocal und Beausale. Was gibts ? Clodimar stammt von rechts). M outen grain e. Der Gensdarm! Gebt Acht, macht es wie ich! Clodimar szu Montengraine). Verzeihen Sie gütigst, Herr Civilist, — nehmen Sie mir's nicht übel, können Sie mir vielleicht zufällig sagen — Montengraine sgebrochen). unäerstuirc!. .1 nur an Ln^listlirrnrr. I nix Aerronrurerr trairriösisolr I^oetron! Mt ab.) 21 Clodimar. Aha! Ein Engländer! sZu Duboeal.s Sie aber, mein Herr! Dnbocal. Manko, sitz-noro, sirrrluti inuoui oni ituliuni! sAb.s Clo di mar. Da ist wieder ein Italiener ! sZtt Bcausaläs. Aber Sie, mein Herr, Sie werden mir doch sagen können — Beau s a l 6. ssionkuckos — ich Us- pn-AnoIus ullu potricka oustuAnotku! sAb.s Clodimar. Lauter Fremde! Im Club auf dem Boulevard, sagte mir Cathariue, — aber sie vergaß mir die Nummer anzugeben! Das Beste ist, ich frage weiter — Sechste Scene. Clodimar. Billembois. Billembois sin der Ncstaurautthüre, lnuts. Wenn die Dame kommt, so führen Sie sic in das olunnUro sosiaroe und sagen Sie, daß ich wieder .kommen werde! Clodimar. Endlich Jemand, der mich versteht und hier bekannt zu sein scheint. Billembois sinkt heraus, indeß sich Clodimar nach links zog und seine. Handschuhe anlegte.s Da drin ist's znm ersticken heiß. — Ich begreife diese Cesarine nicht, immer unpünktlich. Das ist gewiß das achtzehnte Mal, daß sie mich in irgend ein Restaurant bestellt, um mich hernach sitzen zu lassen. — Wenn sie nur überhaupt noch kommt! — - Und bei alledem habe ich die Course vergessen! sTritt zum Kiosk, grob.s Das Abendblatt! Zeitungsfra u. Hier, mein Herr ! Wir sich.s Grobian! — Ich habe ihm das gestrige gegeben! Clodima r. Verzeihen Sie — seien Sie nicht ungehalten, Herr Civilist, daß ich Sie so aus offener Straße belästige. Billembois ssür sich!. Was will denn der? Clodimar. Ich habe nämlich die Hausnummer des Clubs vergessen, wo ich einen gewissen Herrn Montengraine treffen sollte — Billembois. Wad? Clodimar. Vielleicht können Sie mir zufällig sagen — Billembois. Herr Montengraine, sagten Sie? Clodimar. Ganz recht! Billembois. Wohnhaft, rno Nouvo des Olminps! Clodimar. Derselbe. — Sie kennen ihn? Billembois. Ob ich ihn kenne! sFür sich.s Hm! Hm! Was soll das bedeuten? Ein Gensdarm auf der Suche nach dem Präsidenten? Sollte er etwas verbrochen haben? Schon? Clodimar. Könnte ich also von Ihnen vielleicht erfahren? Billembois. Ganz Gewiß! M- leukcuds. Nur möchte ich gern wissen, was Sie von dem braven Montengraine wünschen? Clodimar. Es handelt sich um ein Vergehen. Billembois. Ein Vergehen? Wir sich.s Das dachte ich mir beinahe. sLaut.s Doch nichts von Bedeutung? Clodimar. Pardon, aber ich bin pressirt — möchten Sie mir nicht endlich sagen, wo — Billembois siutraulichs. Einen Augenblick nur. — Sie können ja mit mir ganz offen reden! Ich kenne Montengraine, wie mich selbst! Clodimar siiir sichs. Wäre es möglich? Das ist Herr Montengraine selbst ? Wut.s Wie, mein Herr, Sie sind — Billembois. Ja, ja, erzählen Sie nur! Wir sich vergniigt.s Wenn ich diesen Montengraine und seine närrischen Col- legen fassen könnte! Clodimar. Die Sache ist nämlich die: Eines Tages, im Sommer, — das Getreide stand sehr hoch- 22 B illeINbois (erstaunt). Das Getreide! (Für sich). Er wird doch nicht u In. I)ni886 im Getreide speculirt haben? (Laut.) Das Vergehen? Ich merke noch immer nichts davon. Clodimar sin Positur, die Hand am Helm). Gleich komme ich dazu. — Ich sah Mademoiselle Catherine! — sie lachte mich an, und dann lachte ich sie an — nun — was wollen Sie ? So kam's! Und deßhalb, mein Herr, bitte ich Sie um die Hand Ihrer liebenswürdigen Wirthschafterin Catherine. Billembois swiithcnd). Wegen der Hand meiner Köchin untersteht sich der Mensch - —, hol' Sie der Teufel! sFiir sich.) Und ich glaubte schon ganz sicher — Siebente Scene. Vorige. Cassignot. Cassiguol. Ich bin richtig aufge- sesseu ! sGeht über die Bühne links ab.) Billembois sfür sich). Ah! Cassig- uol! - Das nennt der: zur Ruhe gehen! Und dabei will er sich über mich lustig machen! (Folgt Cassignol.) Clodimar sfür sich). Ich werde ihn schon Herumkriegen! Eher weiche ich nicht. (Laut). Sehen Sie, mein Herr, die Sache ist sehr ernst. (Ihm nach.) Achte Scene. Dmbocal, dann Celeste. Dubocal sallein, immer mit der Uhr unter dem Arm). In der Wechselstube stand ein Herr mit einem Schnurbart, entschieden ein Polizeiagent, er wechselte ein Hundertfrancbillet. Ich fuhr erschreckt zusammen und nahm Reißaus. — Nun müssen wir die Banknoten doch auf dem Bahnhof wechseln lassen. Ich bin der Erste zurück. — Wenn sie mich nur nicht zu lange warten lassen. — Allein habe ich noch mehr Angst. Zwar sind die anderen auch ängstlich, aber wir ängstigen uns dann wenigstens alle drei zusammen! (Zeitungsfrau niest). Was war das? (Neues Nießen.) Ah ! Die Zeitungsfrau! — Zur Gesundheit, Madame! (In anderem Tone). O Schicksal ! Gestern noch war mein Lebenswandel rein, wie Schnee, blühend und rosig, und heute, heute (weinend,) muß ich aus dem Vaterlande fliehen, um der Galeere zu entrinnen! Lebe wohl, Paris, lebe wohl Boulevard des Italiens! Adieu, du theueres Ma- cadampflaster — Adieu, ihr Freuden der Hauptstadt! (Er tupft die Sohlen der Hausschuhe, die er unter dem Arme trägt, auf den Boden.) Zur Erinnerung! Celeste (zurückkommend). Es waren zweiunddreißig Laternen! Der Himmel hat's gewollt! — Ich habe gerungen, so lange ich's vermochte, aber — Dubocal (pathetisch). O mein Vaterland — o prrtris ! (Streckt in seiner Bewegung den Arm nach den KioSk aus.) Zeitungsfrau. Hier, mein Herr, „das Vaterland." Celeste (hat Dubocal gehört). „Das Vaterland?" Er ist es! (Nimmt seinen Arm). Endlich sind Sie da, mein Herr! Dubocal (erschreckt, will sich los machen). Was beliebt? Celeste. Ich erwartete Sie! Dubocal (erstaunt). Sie? — Mich? (bei Seite). Sie erwartete mich? Celeste (blickt ihn forschend an). Ich hätte Sie übrigens sofort erkannt, obwohl das Bild ein wenig geschmeichelt war! Dubocal (versteinert). Was für ein Bild? Celeste. Ihre Pcrsonsbeschreibung! Dubocal (für sich). Allgütiger Gott! Sie hat schon meinen Steckbrief. Celeste. Uebrigens ist mir's so lieber. Dubocal (bei Seite). Und dieser Parfüm! Wahrhaftig, sie riecht ganz wie eine Spionin! 23 Celeste. Nun, Sie sagen ja gar nichts? Dubocal (für sich). Sie will mich zum Reden bringen! Kein Zweifel mehr, das ist eine Spionin! Nein — diese Polizei! — Das ist großartig! (Laut.) Mein Himmel, gnädige Frau. — Ich wollte Ihnen sagen, daß — erstens — und dann auch zweitens — Celeste (senkt die Augen). Oh, ich verstehe Sie! Sie mißbilligen meine Handlungsweise. Aber wenn Sie wüßten, wohin uns ein Mann bringen kann, der um neun Uhr schlafen geht! — O, ich weiß, was ich thne, ist nicht ganz recht — Dubocal (für sich). Wenn ich nur entschlüpfen könnte! Celeste. Aber Sie hören mich ja nicht! — Duboc^l. Im Gegentheile! (Für sich.) Sie muß einen ganzen Parfnmerieladen bei sich tragen. — Wenn nur wenigstens die Andern kämen! — C el este. Ich habe übrigens gekämpft, mein Herr, — sehr schwer gekämpft, so lange ich konnte — und selbst heute Abends noch, wenn die Anzahl der Laternen ungerade gewesen wäre — Dubocal. Was für ungerade Laternen ? — (Für sich.) Die Dame scheint etwas verrückt zu sein. Sie muß das Geschäft noch nicht lange betreiben! Celeste (für sich). Was hat denn der Mann - Dubocal (für sich). Wenn ich versuchte, sie mit Geld zu bestechen! Nein, nein, sie kennt vielleicht schon die Nummern der Banknoten! (Laut.) Hören Sie, gnädige Frau, ich habe nur 1 Francs 25 Centimes bei mir, aber wenn Ihnen diese Pendule da gefällt — Celeste. Eine Pendule? Dnbocal. Sie hat einen Wecker! Celeste. Was soll ich mit einer Pendule! Dubocal (für sich). Aha! Es ist ihr nicht genug! — Ich hoffte schon — Neunte Scene. Vorige. Montengr a ine. Montengraine (bei Seite). Mein Geld ist umgewechselt! (Bemerkt Celeste.) Ah! Eine Dame! Celeste (zieht sich zurück). Ein Fremder ? Dubocal (leise zu Montengraine). Keine Silbe! DaS ist eine Geheimpolizistin ! (Spionin.) Celeste. Ist dieser Herr ein Freund von Ihnen? Dnbocal. Gott bewahre! Kenne ihn gar nicht! (Leise zu Montengraine.) Unser Signalement ist schon in der Zeitung! Montengr ai ne (leise). Schon? Celeste (für sich). Was flüstern die Beiden? Der Mann sieht so sonderbar aus — ich bedauere, daß ich überhaupt gekommen bin! Montengraine (leise). Duftet sie? Dubocal. Wunderbar! Montengraine. So lassen Sie uns verduften ! — (Beide ab.) Celeste. Was seh' ich — ich irre mich nicht! Dieser Herr, der dort um die Ecke biegt — es ist mein Mann! Wo verberge ich mich — ah, dort! (Eilt in die Blumeubude.) Zehnte Scene. Celeste. Billembois. Villembois (allein). Ich habe Cassignol aus dem Gesichte verloren, auch den verdammten Gensdarmen. Diese Verwirrung! Und noch immer keine Cesarine! (Tritt zu Celeste, die sich mit dem Sonnenschirm deckt, laut:) Haben Sie sie noch nicht gesehen? Celeste. Wen? Billembois. karlilau! Cesarine! Celeste (für sich). Cesarine? (Sehr er- regt). Nein, mein Herr! 24 Billembois. Also ist sic noch nicht gekommen?-Ich werde ein Bonqnet für sie kaufen, dann wird sie gewiß nicht mehr lange ausbleiben! Regnet es denn? sOeffnet seinen Negen- schirm.s Celeste. Oh, Entsetzlich! Billembois. Bitte um ein Veilchenbouquet ! Celeste smit verstellter zitternder Stim- mes. Hier, mein Herr! (Gibt ihm gelbe Rosems Bill emb ois. Ich wünsche Veilchen, und Sie geben mir Eifersuchtsrosen? Ce l este sbei Skites. Aha, das böse Gewissen! Billembois. War das Zufall oder Absicht? Celeste. Pardon, mein Herr, es geschah absichtslos. Billembois. Genug ! — Kostet? Celeste. Einen Sous! Billembois. Einen Sous? — Sehr billig! sBki Seite.s Es regnet ja nicht. sLaut.s Ich komme noch einmal wieder! sAb ins Nestaurant.s Ee löste stritt herauss. Mein Gott! Diese Angst! Ein Glück, daß er mich nicht erkannte! Aber wer ist diese Ce- sarine, die er hier erwartet? — Na der soll sich nur unterstehen, mir etwas vorzuwerfen! sSieht sich ums. Aber wo ist denn der dicke Herr von vorhin? Ich muß ihn von Allem unterrichten, ihn um Schweigen bitten und dann eile ich nach Hause, um nie mehr in der Zeitung zu annonciren! sAb.s Eilfte Scene. Beausal6. Zeitungsfrau. Bea n sal ö smit falschem Barts. Meine 2000 Francs sind gewechselt. Äh! Ich bin der Erste zurück! So allein auf dem Boulevard! Fassung! ser tritt zum Kiosk.s Haben Sie Zeit, liebe Frau? ' Zeitungsfrau. Zeit? Wie so? ^ Machen Sie Ihre Späße wo anders! sSchließt das Hcnster.s Sie Narr, Sic ! sJm Abgehen.s Alter Esel! sAb.s Beausalö. Eine recht nette, freundliche Dame! — Sie kommen noch im- imer nicht! Großer Gott! Sollten sie ohne mich entflohen sein? sBemerkt Bit- lembois.s Zwölfte Scene. Beausalö. Billembois.. Beausalä sfür sichs- Billembois! sVersteckt sich in den Kiosk.s Billembois. Nun warte ich noch 10 Minuten! Ist sie dann nicht da — szum Kiosks. Da fällt mir ein, — ich hatte schon ganz vergessen, das Abendblatt umzutanschen — slams. Sagen Sie mir — Beausale. Laxrigti! sLäßtdad Fen- ster herab.s Billembois sklopfts. Fräulein! Heda,. Mamsell! Beansalö shcck einen Shawl NM Kopf und Schnlter gewickelt, den Bart entfernt, mit verstelltem Tone, nachdem er den Schalter wieder geöffnet.s Was ist gefällig? Billembois sfür sich.s Was sehe ich? Das ist ja eine andere Person! slant.s Sie waren doch vorher nicht hier? Beausal 6. Nein, mein Herr, das war meine Tante. Billembois. Ihre Tante? die ist ja jünger als Sie? Beausal^. Ich wollte sagen, ich bin ihre Nichte! Billembois. Einerlei! — Ihre Tante hat mir vorhin eine gestrige Zeitung gegeben! Beausal^. Ich werde sie sofort Umtauschen! Billembois. Ein komisches Organ hat dieses Frauenzimmer! Beansalo. Es ist kein heutiges Blatt mehr da! 25 Billembois. Ah, das ist stark! Da liegt ja eines! Ich sehe es von hier aus. fWill zur Thürc hinein.) Beansalo. Mein Gott! treten Sie nin's Himmelswitten nicht ein — ich bin im Negligoe! Billembois. Schon gut! Schon gut! Schreien Sie nicht so sehr! — Die alte Schachtel muß verrückt sein! fJn'S Restaurant ab.) Dreizehnte Scene. Voriger. Montengraine, später Dubocal, dann Celeste. Monte N.g raiNe fkommt mit falschem Barte.) Ich habe Dubocal doch zum Wechsler geschickt. Jeder muß seine Pflicht thnn. — Inzwischen habe ich mir einen falschen Bart gekauft und kann nun ruhig, ohne erkannt zu werden, hier warten! fsieht Dubocal.) Wer kömmt da? Dubocal. fAuch mit einem Bart.j Wo sie nur bleiben! — fSie rennen an- einander an, wodurch die Bärte fallen.) Montengrai n e. Ah! Sie sind es? Dubocal. Wir sind verloren! Die An de reit. Wie? Dubocal. Der Geldwechsler, zu dem Sie mich Hineintrieben — Die Anderen. Nun? Dubocal ffortfahrend). Verlangte meine Legitimation. — Ich sagte ihm, daß mich hier zwei Freunde erwarten! Die Anderen. Nun, zum Teufel— weiter — Dubocal. Darauf sieht er mich scharf an — so — ich werde verlegen und laufe davon, ihm die Banknoten, die er für gestohlen hielt, zurücklassend! Beaus alö. Fliehen wir! Dubocal fwendet sich um.) 8np»i'i8ti! Dort kommt der Wechsler mit der Wache? Beausalv. Hjeher! Celeste fkommt). Kein Wagen zu finden. Alle Drei. Die Spionin! Montengraine fzu Celeste.) Ein einzig Wort — Beansalo. Und sie sind todt. Celeste. Ah! fSie haben Celeste hoch- genommcn und führen sie mit.) Beausalo. Gewaltsame Entführung einer Frauensperson! — Daraus steht lebenslängliche Todesstrafe! fJn die Coulisse rufend.) He, Fiaker! — Wir sind gerettet! Me ab.) Vierzehnte Scene. Sergeanten, Geldwechsler, Zeitungsfrau, dann Clodimar, Catherine und Billembois. fLärm hinter der Scene, Rufe.) Hierher, meine Herren, hierher! Publicum fvon rechts). Was gibt's denn? was ist denn los? Wechsler fmit Sergeanten von links). Spitzbuben, Diebe, hier müssen sie sein! Zeitungsfrau. Meinen Shawl haben sie auch gestohlen! Blumenmädchen. Und meine Rosen! Clodimar fkommt). Diebe? Catherine fkommt). Bei uns ist Alles auch ansgeränmt und der gnädige Herr verschwunden! — Sollte er selbst vielleicht Clodimar. Dein Herr? Billembois fkommt). Wo sind hier Diebe? Clodimar fsieht Billembois, packt ihm beim Kragen). Da ist er ja! Herr Mon- tengrakne ! Billembois. Ich? Clodimar. Arretirt ihn! Billembois. Der ist verrückt geworden. Alle. Zur Polizei! Billembois fwird abgeführt). (Der Vorhang fasst.) Ende des zweiten Actes. 26 Dritter Act. (Bahnhof und Güterlager von Pantin. Am Abfahrtsperron. Im Hintergrund die Halle. Links ein telegrafisches Bureau, vorne rechts Thnre zum Wartesaal. In der zweiten Conlisse ein Lampenständer, so wie ein Haufen Steinkohlen, eine Bank und mehrere Kisten.) Erste Scene. Durand. Arbeiter, dann Mi- t o u f l e t. sBeim Aufgang des Vorhangs sitzt Durand vorne im Telegrafen-Bnreau, dessen Lampe brennt. Der Arbeiter richtet eine Weiche und geht ab. Man hört ein Signal, gleich darauf ein stärkeres. Die elektrische Glocke tönt. — Durand steht auf, löscht seine Lampe aus und geht.) Mitouflet fkommt). So! Den Zug Nr. 7 wären wir glücklich los! Nun haben wir 25 Minuten Ruhe — bis znm Zuge 8. — Ich werde inzwischen meinen Cafv trinken! fNnft.) Durand! Durand saus dem Bureau tretend). Herr Inspektor? Mitouflet. Vergessen Sie die Frachtbriefe für die Pariser Kisten nicht abzuschicken! Durand. Wird besorgt, Herr Mi- touflet! Mitouflet. ^ xroxos — haben Sie nichts gehört von den Dieben, die heute Nacht auf dem Nordbahnhofe verfolgt wurden? Durand. O ja! Daö war eine große Jagd! Aber gekriegt haben sie sie doch nicht. Im letzten Augenblick schon entwischten sie, wie durch Hexerei! Mitouflet. Müssen geriebene Jungen gewesen sein. Ah! Da ist ja der Direktor unserer famosen Aktiengesellschaft ! Zweite Scene. Mitouflet. Durand. Cassignol. Cassignol. Ich habe die Ehre, Herr Inspektor! Mitouflet. So früh schon auf, Herr Cassignol? Cassignol. Ich muß wohl! Gestern Abend — sfttr sich.) oder vielmehr heute Früh — flaut.) als ich nach Hause kam, fand ich ein Telegramm unseres Aufsehers, daß mich in höchstwichtiger Angelegenheit nach Pantin rief. Mitouflet. Sie gehen in der Richtung zur Quelle? Cassignol. Ja wohl! Mitouflet. Wenn Sie einen Augenblick warten, begleite ich Sie! Ich will nur frühstücken. Cassignol. Recht gern. Kommen Sie. fBeide ab.) Durand. Der gute Mann denkt gar nicht daran, daß auch ich frühstücken möchte. Sie sind wirklich wunderbar, diese Herren Vorgesetzten! Als ob unsereins nicht auch einen Magen hätte! M.) 27 Dritte Scene. Billembois stritt vorsichtig NM sich blickend miss. Ich bin der Wache glücklich echappirt. — Mir scheint nnser famoser Verwaltnngsrath ist flüchtig und man hielt mich für den Präsidenten. Ich habe sie doch ganz richtig benrtheilt — diese Herrschaften! — Ich bedaure nur, daß ich nicht bei Zeiten die Kriminalanzeige machte. — Zunächst ist übrigens das Wichtigste, den Herrn Director wieder zu finden. — In seiner Wohnung hieß es, er sei in Pantin! — Kein Mensch auf dem Bahnhofe zu sehen! Natürlich! — Diese abgelegene Gegend. - Wer reist nach Pantin? — Sehen wir uns ein wenig um! sAb.s Vierte Scene. M on teng ra i n e. D n b oc al. B e au- salo. Celeste. sDie Sonne wird Heller; nach und nach öffnen sich die Kisten und die Personen kriechen einzeln Herans-I *) Montengraine. Ah! Die Lust ist! rein! Beausale. Es war die höchste Zeit, i ich erstickte fast. — D nb ocal. Ich bin wie gerädert! sEs wird Tag.s Beausals. Naisoniren Sie nicht, Dubocal, ohne diese leeren Kisten (Packwagen) wären wir hier festgenommen worden. Mo n te n gra in e. Das ist wahr! Aber wie kommen wir weiter? D ub o ca l. Das mag Gott wissen ! — Und die Spionin? Montengrain e. An die hatte ich vergessen. Kommen Sie, Madame! *) Proponire statt der Kisten einen halb sichtbaren Gepcickswagen, in welchen sich die Herren und besonders die Dame leichter verbergen können. Der Uebersetzer. Celeste. Wo bin ich? sErkennt sie.s Noch immer bei Ihnen? Beausalo. Kein Wort! M ont engrai n e. Ich wiederhole Ihnen, gnädige Frau, ein Wort, ein Zeichen, ein Hauch — und Sie sind gewesen. Celeste. Was habe ich nur begangen ? Beausalö. Das fragt sie noch? Dubocal. Das wagt sie noch zu fragen! Montengraine. Sie sehen uns auf jenem Punkte angelangt, wo man vor gar nichts mehr zurückschreckt! Celeste sfiir sichs. Großer Gott! Beansale. Vor nichts! Dubocal. Vor gar nichts! Celeste ffür sich.s Mein Himmel! Wo bin ich hingerathen! Montengraine. Uebrigens, wenn wir an der Grenze sein werden — Dubocal. Ganz sicher vor Ihrer Denunciation — Beausal 6. Dann werden wir Ihnen die Freiheit wieder geben? Montengraine szn den Andern.s Setzen wir uns und berathschlagen wir ruhig. Celeste M sichs. Wenn ich nur entkommen könnte! sSetzt sich.s Beausale sbemerkt beim Umsehen den Namen Pantins. Ah! Dubocal. Was gibt's? Beausal 6. Wir sind erst in Pantin ! Dubocal. Unmöglich! Montengraine. Ja wohl, meine Herren! Wir sind noch nicht weiter, als in Pantin! Die Anderen fznsammensinkends. In Pantin! Montengraine. O Ironie des Schicksals! Der Zufall führt uns als Flüchtlinge dahin, wo wir die Herren sein sollten! — An jenen Ort, dessen Straßen die dankbaren Bewohner dereinst mit unseren Namen bezeichnen sollten! 28 Beausals. Ich sah schon im Traume die Passage Beausals! Dnboca l. Und ich die Nue Du- bocal! M oute n g r a i n e. Und ich den Platz Montengraine! Celeste sfnr sich). Mein Mann wird gar nicht glauben wollen, was ich Alles erleben mußte. Montengraine. Kommen Sie hierher, meine Herren! Von hier ans kann man die Quelle sehen! Die Anderen. Ja wohl. Dnbocal. O, meinen schönen Träume! .Beans als. All'die lachenden Träume in Nichts zerronnen! sSie umarmen ein ander.) Montengraine. Regen wir uns nicht noch mehr auf, meine Herren! C e l e st e sfür sich. Ansstehend). Wenn ich diesen Moment benützte? Will fort.) Mo nt e n gr ain e fsie zurückhaltend). Sagten Sie etwas? Celeste ffür sich). Zn spät! Dnbocal. Gar nicht hübsch von Ihnen, daß Sie uns verlassen wollen. Beaus als. Soll ich ihr die Füße binden ? Celeste. Aber, mein Herr!. . . Montengraine. So rühren Sie sich also nicht von der Stelle. Celeste ffür sich). Unmöglich, zu entkommen! Beausals. An welchen Kleinigkeiten hängen nicht die Geschicke des Menschen! sZn Dnbocal.) Wenn Sie mich nicht in jenes unglückselige Cass geführt hätten — Dnbocal. Wie? Ich? Beausals. Wer denn sonst? Sie sagten: In unserem früheren Cass wäre zu viel Rauch — Dnbocal. Das ist stark! Im Ge- gentheil. Sie haben mich verleitet, in diese verdammte Actiengesellschaft ein- zntreten! Beansal 6. Ich? Ich? DaS wagen Sie mir zu sagen? Montengraine stritt dazwischen). Vorsicht — meine Herren! Vorsicht! Dnbocal. Ja wohl, Sie waren eS! Ich mißtraute gleich — Beausals. Sie mißtrauten? Untersteh'» Sie sich, das noch einmal zu sagen ! Dnbocal. Ich wiederhole es. Monte» g r a i n e. Noch einmal, meine Herren, Vorsicht! Beausals. Lassen Sie uns in Ruhe. Dnbocal. Machen Sie, daß Sie fortkommen. Montengraine. Was? Meine Herren! So benehmen Sie sich gegen Ihren Präsidenten? Beausals. Es gibt keiueu Präsidenten inehr ! Duboca l. Ja wohl! Es gibt keinen mehr! Montengraine. So? Und meine Glocke — wo habe ich mir denn nur meine Glocke? sZieht sie heraus.) Beausals freißt sie ihm aus der Hand). Sehen Sie, so viel mache ich mir auö Ihrer Glocke! Wirft sie ihm vor die Füße.) Dnbocal füößt die Glocke mit dem Fuße weg). So muß man Sie behandeln ! Montengraine sbitter). Meine Glocke! — Meine Seele treten Sie mit Füssen! Dnbocal. Die Seele? Das ist Ihre Seele? sTritt auf die Glocke.) Beausals. Geschieht Ihnen ganz recht! Celeste ffür sich). Was mögen nur diese Leute haben? Montengraine sfür sich). Wahrhaftig — ich bewundere Sie, meine Herren! — Undankbare Menschheit! Weil sie sich in Sicherheit glauben, zertrümmern sie ihr Ideal. Aber nur Geduld! Es gibt keinen Präsidenten, 29 keine Glocke inehr, aber — (zeigt m den Hintergrund, laut) AberGensdarm.cn! B eaus a lö. Gensdarmen? Herr Präsident, weis sangen wir an? Dnboeal. Verlassen Sie nnö nicht in unserer Noth, Herr Präsident! M ontengrain e (bitters. Herr Präsident ! Der Präsident ist also nicht todt? Dnbocal. Aber nein, nein! Gott bewahre! Beausalo. Wer hat das jemals behauptet? M o n t en grain e. Das wollt' ich nur hören! Beruhigen Lie sich; es ist kein Gensdarm zu sehen! Celeste (für sichs. Schlimm genug. - Mo n t en gr ai n e. Aber es könnte Einer kommen! Dnbocal. Das ist wahr! Mon tengr aine. Statt uns also zu streiten, thäten wir klüger, nnö ans solchen Fall vorznbereiten. Beansalo. Er hat Recht! DNbo c a l (hebt die Glocke auf und gibt sie Montengraine.s Hier, Herr Präsident, empfangen Sie Ihre Glocke! M ontengrain e. Ich danke Ihnen, meine Herren! Ich werde ihrer auch ferner würdig bleiben, glauben Sie mir! Beausalö (zu Dubocals. Wollen wir ihn nicht ans Lebenszeit ernennen? Montengraine. Später, meine Herren, später. Vor Allem müssen wir uns von diesem Orte zu entfernen suchen. — Wir sind ohne Zweifel sig- ualisirt und dürfen uns nur mit äußerster Vorsicht blicken lassen. Beausale bleibt hier bei der Dame, indeß Dubo- cal und ich uns nach den Zügen erkundigen und die Billets lösen. Dubocal. Ganz richtig so. Beausale. Sie werden mich doch nicht lange allein lassen? Mo n te n graine. Beruhigen Sie sich! (Leise.s Spitzen Sie die. Ohren und keine Unklugheit! Beausalo. Fürchten Sie gar nichts! Dubocal. Kommen Sie, werthester Herr Präsident! Mon te n gr ai n e. Hier bin ich, gehen wir! (Bride ab.s Fünfte Scene. Beausale. Celeste. Celeste (für sich, nachdem Jene fort sinds. Sie lassen mich mit dem Alten allein! O, wenn doch nur Jemand käme. Beausalö (geht auf und abs. Ist das eine Nacht! Besonders für mich, der täglich 14 Stunden zu schlafen pflegt. Ich bin wie zerschlagen. Das ist nicht mehr zum Aushalten! (Setzt sich.s Celeste. Nun setzt er sich garneben mich! (Rückt ein wenig.s Beansalv. Fürchten Sie nichts, Madame! Ich will nicht behaupten, daß unter normalen Umständen überhaupt nichts mehr von mir zu befürchten wäre. Celeste. Mein Herr — (Steht auf.s Beausalv (faßt sie an der Hands. Nein, nein, bleiben Sie, bleiben Sie ganz ruhig! Sie haben durchaus nichts zu besorgen. Meine Empfindungen sind stumm — meine Wünsche schweigen! (Für sich.s O Gott! Wo sind meine Wünsche überhaupt! (Er gähnt.s Ah! — Bin ich müde! Tausend Francs gäbe ich darum, wenn ich in meinem Bette läge. — Die Natur verlangt ihre Rechte! Celeste (für sich.s Die Augen fallen ihm zu! (Sucht ihre Hand znrückznziehen.s Beausale. Hm! Celeste. Ah! (Stellt sich, als ob sie einschliefe.s Beausal 0 . Sie ist eingeschlafen! Was für ein feines, weiches Händchen! Das war immer meine besondere Liebhaberei, solch'sammetweiche Haut! Und 30 dieser Duft ! Man wird ganz berauscht! davon! Wenn ich nur nicht so müd! Wäre! sSchläft ein, Musik.) C eleste sschlägt die Augen aufs. Er ^ schläft! Nun könnte ich eS versuchen! sStummes Spiel. Sie zieht sachte ihre Hand > aus der Beausale's und legt einen Regen- ^ schirm, der ihm herabgcfallen ist, in seine! Hand.) Gerettet! sSteht vorsichtig auf.)! Und jetzt schnell zur Polizei! sAb.) Sechste Scene. Beaus als; dann Celeste mit Mi- touflet. Arbeiter. Beaus als sim Schlafe redend, hält stets den Schirm fest). Diese zarte Haut und — der Geusdarm. — Ach nein! Lassen Sie mich ein Küßchen ans dieses weiße Patschhändchen drücken, ein — ein — einziges! sUmarmt den Schirmgriff.) Ach, wie süß! Diese Stirn! Wie schön dem — — sBewcgt sich, der Schirm fällt um,, er erwacht.) Wie? Was? Sie ist fort?! Mein Himmel! Habe ich Esel sie doch! entwischen lassen?! Sie kann noch nicht! weit sein ! sBlickt nach links.) Vielleicht ! hat sie sich da hinein geflüchtet! sTritt! ins Telegrasenbureau.s Nein! Mitouflet serscheint hinten mit Celestes. Wagen, sagen Sie, Madame? Diebe > auf dem Bahnhofe? ! Celeste. Ja Wohl, mein Herr! Drei sind es und Einer von ihnen saß noch diesen Augenblick dort auf der Bank. Ohne Zweifel sind sie entflohen! Mitouflet. Das ist unmöglich! Alle Aus- und Eingänge sind gesperrt. Sie werden sich hier irgendwo verborgen haben. sJosef kommt.) Josef! Josef. Herr Inspektor? Mitouflet. Lausen Sie ins Dorf, rufen Sie die Bauern zusammen und lassen Sie den Bahnhof umstellen! Josef. Gleich, gleich, Herr Juspec- tor! sAb.s Beausals. Großer Gott! Da ist Jemand ! sJn seinem Schreck hat er sich ans den Apparat gesetzt, dieser beginnt zu läuten.) Was ist denn das? sBleibt voll Entsetzen ganz unbeweglich.) Mitouflet. Ah! Sehr gut! Durand ist da! Ich werde mir von Paris Verstärkung hertelegrasiren. Erwarten Sie mich dort, gnädige Frau! sLäßt Celeste in den Wartesaal treten.) Ich bin bald wieder bei Ihnen! sCeleste ab.) Beausals sswht auf, die Glocke schweigt). Er kommt hierher! Diese Aufregung bringt mich um. Was mache ich nur? Ah! Diese Mütze, sie hat einen breiten Schirm — er wird mich nicht erkennen! , sStülpt die Dienstmütze Durand's auf, setzt ^ sich vor den Apparat und sucht sich möglichst > zu verbergen.) ! Mitouflet stritt herein). Schnell, ! schnell, Durand! Ein Dieusttelegramm ! nach Paris! ! Beausals sfür sich). Welche Verlegenheit — mein Gott! Mitouflet sdictirt). Polizeicommissär Westbahnhof! Beausals sfür sich). Was? Mitouflet. Nun, worauf warten Sie denn? So telegrasiren Sie doch! Beausals sfür sich). Er wird gleich merken, daß ich es nicht kann. sLaut.) Sofort, mein Herr, gleich! Mitouflet sfür sich). Die kleine Abwechslung macht mir ordentlich Spaß! Beausals. Er merkt nichts — na meinetwegen! sSetzt sich.) Mitouflet. Also: Polizeikommissär Westbahnhof! Beausals stelegrasirend). Ja, ja! Mitouflet. Habe hier drei Schufte! ! Beausals. Ah! Mitouflet. Sagten Sie etwas? Beausals. Drei Schufte! Mr sich.) Einer davon bin ich — Mitouflet. Schicken Sie mit nächstem Zuge Polizeiverstärkung! Beausals sfür sich). Ich bin in kaltem Schweiß gebadet! — Das kostet noch 20 Jahre Zwangsarbeit. ! Mitouflet. Um sie abzusassen! 31 Beausals. Abzufassen! Mr sich.) > B e a u s a l s. Der Bahnhof-Inspector Großer Gott! l hielt mich für einen Beamten und da Mi to u fle t. Bahnhof umstellt! I mußte ich: tik, tik, tik machen. B e a usal 6 Mr sich.) Umstellt! Montengraine. Fliehen wir! Mitouflet. So! Fertig! Wenn I fBeansal« hält sie auf.) Sie Antwort haben, bringen Sie sie! Beausals. Geht nicht, der Bahu- liiir. Mr sich.) Nun muß ich die Dame! Hof ist cernirt. beruhigen! fAb.) > Dubocal. Großer Gott! Beausalö fzerschmettert). Der Bahn-! Monten graine. Aber Sie können Hof nmstellt; diesmal sind wir verloren! ja mit dem Apparat gar nicht umgehen? fWill heraus.) Wo bleiben nur die andern Schufte-die andern Mitschuldigen — Siebente Scene. Beausals. M o n t e u g r a i n e. Dubocal. Mo Uten graine fim Auftreten). Sonderbar! Die Billetcassa ist noch geschlossen ! Dubocal. Wo steckt denn Beausals? Beausals. Endlich! fNuft.) .Pst, Pst! Hier, hier! Monten graine. Was gibt's denn? Dieses verzweifelte Gesicht! — Wie sehen Sie denn aus? Beaus als. Pst, leise, ganz leise! M o n t e n g r a i n e. Wo ist die Spionin? Dubocal. Nun? Beausals sin abgebrochenen Sätzen). Bald kommt die Polizeiverstärkung, um uns Schufte abzusassen. Dubocal. Was sagt er? Montengraine. Was reden Sie denn für Unsinn zusammen? Wo ist denn Polizeiverstärkung? Be ans als fanf den Apparat zeigend). Da in der Maschinerie! Montengraine. Er ist verrückt geworden? Beausals. Nein doch! Nicht verrückt ! Ich — ich habe ja nach dem Westbahnhof telegrafirt: Drei Schufte hier! Beausal6. Nicht im Geringsten! Montengraine. Wie haben Sie also? fDer Telegraf läutet.) Dubocal fzu Montengraine). Was steht zu Diensten, Herr Präsident? Montengraine ferstaunt). Was mir zu Diensten steht? Dubo cal. Haben Sie nicht geläutet? Montengraine. Gott bewahre! fDie Papierrolle am Apparat dreht sich.) Dubocal. Schauen Sie dahin! Beausals. Gerechter Gott! Montengrai n e. Was ist denn nun? Beausals stritt heraus). Die Scheibe dreht sich von selbst! Dubocal. Ein Papierstreifen lost sich los. Wir sich) Lapristi! Ich bin auch schon ganz confus! Montengraine ffaßt den Streifen). Er ist bedruckt! fDaö Rad steht.) Lesen wir! fBuchstabirend.) Antwort — Antwort — Beausals. Was? Dubocal. Eine Antwort? Was steht darin ? Montengraine. Ruhe! Lassen Sie mich lesen! fBuchstabirend.) Berstanden ! Beausals. Er hat verstanden? Dubocal. Was hat er verstanden? M onteugrain e. Sie haben uns also getäuscht? Beausals. Ich? Dubocal. Sie können telegrafiren? Beausals. Ich schwöre Ihnen, ich habe keine Ahnung davon! Ich habe Dubocal. Sie haben telegrafirt? j auf's Gerathewohl tik, tik, tik gemacht 32 Dubocal (da sich das Nad wieder dreht). Herr Präsident, das Nad dreht sich noch weiter. Montengrai n e. Wahrhaftig ! Da steht noch etwas! (Das Rad steht.) „Verstanden. Schicke Zug mit — Dubocal (ohnmächtig). Genug! Wir sind verloren! Mouten gr ain e. Aber — aber — B eausal 6 (zusammensinkend). Barmherziger ! M ontengrain e. „Schicke Zug mit Rindvieh.- Alle. Mit Rindvieh? Monte n g r aine. Sie haben ja Ochsen verschrieben? Beausale. (geknickt). Rindvieh! Ochsen! Kommt mir auch so vor! Ich habe nur tik, tik, tik gemacht. Dubocal. Also telegrafisches Rindvieh ! — Ruhe, Ruhe, man kommt! (Die Anderen wollen davon laufen.) Alle. O weh! Bk o n te n g r ai n e (hält sie ans). Aber hören wir — (ziehen sich in das Telegrafen- burcan zurück). Achte Scene. Vorige (in der Bude). Joses, D u- r a n d. Josef (von links). Wo ist denn der Herr Inspektor? (Zu Durand der von recht« kommt). Haben Sie den Herrn Inspektor nicht gesehen, Herr Durand? D ur and. Diesen Augenblick mit einer Dame! Josef. Ich muß die Kisten fortschaffen! Sagen Sie dem Jnspector, ich hätte die Dorfleute an den Ausgängen ausgestellt? Dubocal. Ah! Beansalö. Ich hab's Ihnen ja gesagt ! ^ - Montengraine. Ruhe! Meine Herren! Ruhe und Fassung! Josef. Vorläufig reicht diese Mannschaft auch aus! Sie ist mit Dreschflegeln bewaffnet! Außerdem aber habe ich eine» Eilboten wegen Militärverstärkung in's nächste Städtchen geschickt! Dubocal, Beausalv. Himmlische Gnade! Durand. Ich werde sogleich den Jnspector davon benachrichtigen. Eine schöne Geschichte! (Schnell rechts ab.) Josef. Dießmal werden sie uns nicht entwischen! (Links ab.) Neunte Scene. Mo n teng ra in e. D ub o c al. Bea u- s a l 6. M oute n g r ain e (vorsichtig herauskommend). Sie sind fort! Nissen Sie uns berathen ! Vielleicht ist eö das letzte Mal! Dubocal. Gleichviel, Herr Präsident! Sie haben gethan, was Sie konnten! Beansalo. Diese Gerechtigkeit müssen wir Ihnen widerfahren lassen. Dubocal. Jetzt aber wird jeder Widerstand vergeblich sein. Beausalü. Nicht nur vergeblich, nein, gefährlich. Dubocal. Ich stelle mich dem Gericht. Montengraine. Was? Beausalö. Das wird vielleicht ein Mildernngsgrnnd für uns. Ich stelle mich auch! M ontengrain e. Sie sind verrückt, meine Herren! (Hält sie auf.) Beau salo, Bedenken Sie doch, der Bahnhof ist umstellt ! Dubocal. Der nächste-Zug bringt Polizei! (Glockengeläute.) Montengraine. Pst! Hören Sie nur! Josef (hinter den Coulissen). Zug V0N Paris in 3 Minuten. Dubocal. Die letzten Pulsschläge unserer Freiheit! (Die Weiche dreht sich nach links; er taumelt schwach dagegen, wo- 33 durch sie auf die andere S'eite fällt.s Was ist düs? B e a u s a l v. Sehen Sie sich vor! Sie werden den Zug dadurch auf ein falsches Geleise bringen! fNichtct die Weiche, wie vorher.s Mo llten grain e. Was sagt er? Oh! Welche Idee! Zehnte Scene. Vorige. Billembois. Billembois ffttr, sichs. Cassignol ist nicht zu finden! Montengraine fsür sichs. Natürlich! Das muß gehen! fWirst die Scheibe wieder hernm.s Meine Herren! Wir sind gerettet ! Beausalv. Dubocal. Gerettet! Billembois ffgr sich.s Was seh ich! Die hier? fVerbirgt sich.s Dubocal. Aber der Zug kommt! M on ten grain e. Er wird nicht kommen. Die Anderen. Was sagen Sie? Montengraine. Alles aus eine Karte, meine Herren! Alles auf roth! Jetzt geben wir das Signal! Dubocal. Was für ein gewaltiger Mann! Beausal 6. Es lebe der Präsident! Montengrain e. Sie, Beansalö, schwingen hier diese rothe Fahne!*) Beansalö. Die rothe Fahne? Mir starrt das Blut. Monte n grain e. Dubocal, Sie nehmen die Laterne und ich gehe zur Weiche. sSie wollen sich anfstcllen.s Billemb ois stritt vors. Pardon! Die Anderen fwollen flichens. Bit- lembois? Ah! Billembois. Einen Schritt und ' ich rufe! M o nten gr aine. Wieder ein rettender Gedanke! fLaut.s Ein Wort, und Sie sind verloren! *) Alle diese Gerätschaften liegen bei der Weiche. Theater-Rcpertoir 338. Die Andern. Wie? Monteng rai n e. Wir haben Sie gestern zum Verwaltuugsrath ernannt! Billembois. Was weiter? Montengraine. Cassignol ist flüchtig! Sie sind mit unser Mitschuldiger! Billembois. Großer Gott! Montengraine. An's Werk, an'S Werk! Da ist schon das Signal! sAlle treten an die Posten und machen, wie wahnsinnig, allerhand Zeichen; — Glockenläuten des Telegrafen.s Beausale Ah! Der Telegraf! Monten gr a i n e. Reißen Sie den Draht ab! Beansale fgibt Dubocal die Fahnes. Hier, Dubocal, Schwenken Sie! fSchlägt auf den Draht.s Dubocal. Geben Sie her, geben Sie her! Beausale. Und da spricht man von den Arbeiten des Hercules! Dubocal. Ein Zug von der anderen Seite! Montengraine. Drehen Sie die ! Weiche um ! fDie Weiche dreht sich. — ! Läuten, Pfeifen, Signale.s s Beansale. Wir bekommen 110 ^ Jahre Zuchthaus ! l Dubocal. Ich zähle schon gar nicht ! mehr! ! Eilfte Scene. !V orige. Durand. Josef. Miton- iflet. Celeste. Neisende,^ dann Cassignol. Catherine und s ' Clodimar. ! Josef fvon links.s Was ist denn ! los! — Was für ein Lärm? ! Beausals, Dubocal fmit verzmei- ^ selten Gesten.s O weh, o Weh! Dur.and. Das' sind wohl Verrückte ? — Josef. Nein — Diebe! Montengraine. Hierher, meine Herren! Zu mir! Mitvuflet's S.timme. Haltet sic, haltet sie! 34 D nb ocal Ergreift einen Ungeheuern Knüttels Der Erste, der uns nahe kommt — — Billembois. Wehe dem! Beausals. Lebendig sollen sie uns nicht haben! Erst müssen sie uns tödten! Mitoufle t stomints. Herr Montengraine? Cassignol seintretends. Was ist denn nur geschehen, Herr Präsident? Montengraine. Cassignol! Beausale. Der Director! C assignol. Was soll denn das Alles bedeuten? MitoNsle t fdas Publikum entfernends. Gehen Sie doch! Montengraine fzu Cassignol). Sie sind nicht nach Belgien? Cassignol. Ich? Warum soll ich nach Belgien? Dubocal. Die Gesellschaft ist nicht fallit? Cassignol. Fallit? Im Gegentheil! Eine englische Firma will uns das Geschäft unter glänzenden Bedingungen abkanfen. Ich suche Sie schon überall, um Sie zu verständigen! Alle Drei. Was? Beausal6. Wir wurden also nicht verfolgt? Montengraine. Natürlich nicht! Ich Hab' es ja gewußt. Und der Gensdarm? Catherine skommt mit Clodimar). Der GenSdarm? Das ist ja mein Geliebter ! C l o d i m a r. Der Sie nur um die Hand dieses Mädchens bitten wollte. Montengraine sreicht ihm die Hand). Abgemacht, mein Lieber, abgemacht. Beausale, Dubocal Zeichen ihm auch die Handel- Dubocal Mr sich). Hat mir das Kameel Angst gemacht! (G r u H n Celeste shat die letzten Worte gehört, kommt nach vorne). Das sind also keine Spitzbuben? Billembois fbemcrkt fies. Meine Frau! Dubocal. Seine Frau! Verflucht! C e l e st e. Lieber Mann! Billembois. Willst Du mir nicht erklären ? — Dubocal fleise zu Celestes. Nicht ein Wort! fLeise.s „Das Vaterland!" — Cassignol. Was? Celeste szu Billembois). Ich wollte Dich verlassen — sLeise.) wegen Cesarine! Billembois sfnr sich). Teufel! Cassign ol sfür sich). Die war es! — Mon t e n gr ai n e. Es scheint also, meine Herren, daß wir noch ehrliche Leute sind? Beausale. So wie die Sachen jetzt liegen — Montengraine. Hab' ich ja gewußt. Und nachdem uns nun eine Gesellschaft großen Nutzen bietet, ist erwiesen, daß unser Unternehmen ganz brillant ist. Beausale. Ausgezeichnet! Montengraine. Wozu es also Fremden, Ausländern überlassen? Davor werden wir uns hüten, meine Herren, wir werden es lieber selbst behalten, damit unsere Freunde, unsere Familie — ja so — ich habe keine! — die ganze Welt sich daran erfreuen möge. Dnbo cal. Die Herren hier mit eingeschlossen. Beausal^. Ganz besonders diese Herren und Damen! Montengraine szum Publikums. Meine Herrschaften, Sie alle werden Aktionäre der Aktiengesellschaft der Mi- ^ neralquellen von Pantin — Dubocal. — des europäischen Pa- Iradieses! — ^ Beansalv. Und wir berufen Sie ^ Alle in den VerwaltungSrath! fSie wer- > fen Prospecte iu das Auditorium.) p p e.) d e. Die zweite Iran. -- Schauspiel in einem Aufzuge von Alphonse Daudet H E. Manuel. Für die deutsche Nühne bearbeitet von Gottlieb Ritter. Einzige von den Verfassern autorisirte deutsche Bearbeitung. Aufführungsrecht Vorbehalten. Men, 1878. Verlag der Wallishausserffcheu Buchhandlung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. i. Das Aufführungsrecht ist nur zu erwerben durch die Agentur der deutschen Genossenschaft dramatischer Autoren in Leipzig. Personen: Dominik. Andreas, sein Bruder. Clara, dessen zweite Frau. Hans, Bedienter. !> § s Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Ein einfaches Wohnzimmer mit Mittel- und Seiteuthüren. Durch erstere Aussicht aus eine bergige Landschaft. Links ein Kamin mit einer Pendule darüber, rechts ein Fenster. Neben der Mittelthür ein Klavier. Erster Austritt. Dominik. Hans. Hans (mit erstauntem Gesicht hinter Dominik her, der im Begriffe steht, durch die Mitte einzntreten). Ei, wird der Herr endlich sagen, was er hier sucht? .... Dominik. Weder der Garten, noch das Hans ist verändert. Nicht einmal die Platanen sind gewachsen. Alles ist Wie es war. (Tritt auf und sieht um sich.) Die Möbel sind noch immer die alten. Hans. Der Herr ist auch schon bei uns gewesen, wie ich glaube? Dominik. Den Tisch da kenn' ich. Auch diese Stühle sind mir bekannt. Und die Leuchter! O die lieben alten Leuchter, die vom Großvater stammen . . . noch immer am selben Platz! Hans (für sich). Wahrscheinlich der Uhrmacher, der heut kommen soll! Domini k. Ich empfinde eine seltsame Rührung, indem ich alle diese Dinge wiedersehe. Hans. Herr Uhrmacher, Sie kommen mir just recht. Nicht nur unsere Stockuhr ist seit zwei Monaten wie toll, auch meine Privatnhr da scheint den Verstand verloren zu haben. Wollen Sie wohl. . . Dominik (vordem Klavier). Wie? ein Klavier? Und wozu? (Zu Haus) Wer spielt Piano hier? Haus. Wie? Was? Wer darauf spielt? Ist das eine Frage! Ei, Madame klimpert. Theater-Nepertoir 34«. Domin ik. Sie scheint es seit meiner Abreise gelernt zu haben. Man hat Zeit so viele Dinge zn lernen in vier Jahren. Hans. Halt, ich hab's. Es ist nicht der Uhrmacher, sondern der Klavierstimmer, den wir heute auch erwarten. Dominik. Oh, oh, was soll das? Meine Füße wollen mich nicht mehr tragen, mein Muth ist fort . . ich . . ich fühle mich unwohl. (Er läßt sich auf eiueu Stuhl nieder.) Hans. Das muß man sagen, der Herr genirt sich gerade nicht. He, mein Herr, wenn Sie nicht sagen wollen, wer Sie sind, können Sie nicht länger hier bleiben. Dominik. Trefflich! Das nenne ich deutlich sprechen! Wie heißt Du? Hans. Ich heiße . . ich heiße just wie mein Pathe. Ich sag' Ihnen aber znm voraus, daß es da Leute gibt, die Ihnen besser antworten können, wenn Sie mit schlechten Vorsätzen kommen. Dominik. Beruhige Dich hitziger Landsmann. Wo ist dein Herr? Hans. Mein Herr besucht seinen Weinberg unweit vom Hans und ist bald geholt, wenn ich nicht stark genug sein sollte, um Sie ganz allein hinaus zu werfen. Dominik. Geh gleich, mein Junge, und sage Deinem Herrn, es wolle ihn Jemand sprechen. 1 * 4 Hans. Wer ist dieser Jemand? Dominik. Geh nur, er wird es schon sehen. Und für die Aufregung, in die ich Dich versetzt habe, nimm hier dieses harte Geldstück, das Dich über meine Vorsätze beruhigen wird. (Gibt ihm Geld.) Nimm nur, was fürchtest Du? Es ist nicht falsch. Hans. Gut, also! So wahr ich Hans heiße . . . just wie mein Pathe, jetzt kommen Sie mir nicht mehr so gefährlich vor und ich will Ihnen gern gehorchen und den Herrn rufen. Aber da wir uns doch noch nicht so genau kennen und Sie während meiner Abwesenheit ganz allein das Haus hüten werden, so will ich, wenn Sie nichts dagegen haben, Sie unterdessen mit Verlaub . . hier ein wenig einsperren. (Schnell ab; man hört, wie er von dranßen den Schlüssel dreht.) D om inik (erhebt sich). So recht, mein braver Hans, schließ' mich ein. Diese Idee ist prächtig. Hans (von außen). Nicht, als ob ich Ihnen nicht traute, nein! Es ist nur um ruhiger zu sein. Uebrigens werden Sie nicht lange warten müssen. Zweiter Auftritt. Domini k. Vorwärts, Dominik, mach' Dich bereit! Die Stunde ist gekommen. Kein Zögern und keine Schwäche mehr! Sage Deinem Kopf, er soll fest sein und Deinem Herzen, es soll nicht wanken. Bedenke, daß Dn vor vier Jahren verreist bist, daß Dn sie Wiedersehen wirst und daß eö eine schwere Prüfung ist. Sie wird liebevoll und lächelnd vor Dich hintreten und Dir sagen: Gott grüß' Dich, mein Bruder! — Und sie wird Dir die Stirne entgegenhalten und Du mußt sie küssen. Sie küssen! Dann setzest Dn Dich zu ihnen, zwischen diesem Bruder, den Du wie einen Sohn liebst und diese Frau, die Du wie eine Schwester lieben sollst, und jeder von ihnen wird eine Deiner Hände ergreifen und dann folgt die Flnth von Erklärungen und Vorwürfen. Sie werden mit ! Dir zanken. Mit Thränen in den Augen j werden sie zu Dir sagen: Was haben , wir Dir gethan, Dominik, daß Du uns ! am Tage nach unserer Hochzeit Plötzlich i und ohne ein Wort der Erklärung verlassen hast? Verjagte Dich unser Glück? I O der grausame Bruder, der vier Jahre ! lang ohne Briefe, ohne Nachrichten und j ganz im Ungewissen uns über ihn und i ihn über uns gelassen hat. So werden ! sie sprechen und Dn hörst ihnen lächelnd ! zu, und Dein Herz schlägt nicht schneller beim Klang ihrer geliebten Stimme, ! mw Deine Hand bebt nicht in ihrer i Kinderhand, und nichts wird in Deiner I Seele Vorgehen, dessen Dn Dich schämen ! müßtest. Wenn Dn das thnst, Dominik, ! bist Du bei Gott, ein starker Mann! ^ (Schrickt zusammen.) Man öffnet eine Thür! Nein, es ist nichts! (Er geht in großer Aufregung hin und her und hält Plötzlich ein.) ! Ich rede von meiner Stärke, und das Geräusch einer Thür schreckt mich! Nun ja, ich fürchte mich! Fürchte mich vor diesem Wiedersehen, fürchte sie noch immer zu lieben, fürchte nicht mehr von dannen gehen zu können, wenn ich sie wiedergesehen habe. Oh! Nein, nein, dieser Prüfung weiche ich aus; ich bin muthig bis zuletzt und gehe . . . Manchmal braucht es Muth auch zur Flucht. Vier Jahre genügten nicht, um meine Leidenschaft zu ersticken, acht Jahre sind vielleicht hinreichend, und wenn es noch nicht genug ist an diesen acht Jahren, wohlan! . . . Vorwärts, mein Platz ist nicht hier, ich muß fort! (Gegen die Thür.) Von so weit herzukommeu und so wieder sortzugehen, ohne sie zu sehen! . . - Nein, ich kann es nicht! (Setzt sich.) Ich kann es nicht! 5 Dritter Austritt. Dominik. Hans. Andreas. Han s. Da ist er, Herr, nnd immer in gleicher Stellung. O treten Sie nur näher; ich glaube, er beißt nicht. Andreas (mit xjucm Schrei). Ah, Dominik! Dominik (öffnet ihm seine Arme). Andreas! Ah, mein lieber Bruder! Hans (während sie sich umschlungen halten). Das scheinen mir alte Bekannte zn sein. Wie sie sich umarmen, ei du meine Güte! A ndre a s. O laß mich Dich betrachten! Mir scheint, ich habe Dich nie gesehen. Wirklich, Du bist's, Dominik, mein Bruder Dominik! Dominik. Dominik, wie er leibt und lebt! Laß Dich noch einmal umarmen . . . Du weißt nicht, wie wohl es mir thnt, Dich wiederzusehen! Andreas. Aber sag' mir doch endlich: Wie, wann, warum? . . . Erkläremir ein wenig . . . Nein, sprich nicht! setz' Dich erst . . . Komm, dahin! Du gehst nicht mehr fort, gelt? Du bleibst für immer hier? Dominik. Ja, ja, für immer. Andreas. Du wirst uns nimmermehr verlassen? Domi n ik. Nimmermehr! Andreas. Du versprichst es uns? Dominik. Ich versprech' es Euch. Andreas. Ach, mein Gott, mein Gott, welches Glück! Dominik, Dominik ist wieder da! Wie soll ich mich an diese herrliche Idee gewöhnen?! Hans (für sich). Ich habe den Herrn noch nie in einer solchen Verfassung gesehen. Er lacht und weint zugleich. Dominik. Mein lieber Knirps, wie gern seh' ich Dich wieder in diesem Hause, wo Du ehedem mit Deinen kurzen Betuchen herumsprang'st. Andreas. Oh, ich bin noch immer der frühere Knirps, Du wirst sehen. Domini k. Und ich, Andreas? Findest Du mich verändert? Andreas. Laß sehen . . . ja . . . ein wenig. Wie, mein Armer, schon weiße Haare? Ist das möglich, in Deinem Alter schon eine solche Perrücke? Hast Du seither so viel gelitten? Dominik. Ich? gelitten? Warum nicht gar. Leidet denn ein alter Knabe, wie ich? Ach nein, das sind die Reisen, die mich weiß färbten . . . Als wir Neufundland vorbeifnhren, ist wohl ein Bischen Schnee auf meinen Kopf gefallen nnd hat sich dort so wohl befunden, daß er liegen geblieben ist. Bah, Eure Sonne wird das Alles zum Schmelzen bringen. Andreas. Neufundland! Du warst in Neufundland? Nun ja, in vier Jahren sollte man schon Zeit haben, nach Neufundland zu gehen, sogar mehrmals, nnd immer wiederznkommen. Aber sprich, wo ist Dein Wagen und Dein Gepäck? Wie kommst Du her? D o m inik. Ich wollte Euch ein wenig überraschen. . . . Andreas. Und er sagt noch: ein wenig! Dominik. Ich verließ also die Post eine Viertelstunde vor dem Dorfe nnd kam ganz ruhig mW die Hände in den Taschen des Weges daher, wie ein Nachbar. Das Gepäck ließ ich vor dem Post- Hans abladen. Hans braucht es nur zn holen. Andreas (zu Hans). Hörst Dn's? Hans. Ja wohl! (Für sich). Gepäck! Er hat Gepäck! Andreas (Zu Dominik). Ah, Du kennst also unfern Hans? Wir haben ihn doch erst seit einem Jahr. Haus. Ja, aber ich hatte die Ehre, den Herrn zn empfangen. Andreas. Es ist wahr. Ich glaube sogar, Du hast alle Thüren verrammelt, damit er nicht entwische. Daran thatest Du sehr wohl, Hans, sehr wohl, denn 6 mit diesem Ausreißer kann man nicht vorsichtig genug sein. Hans. Das will ich mir merken. (Für sich) O, bewacht soll er werden! . . . A ndre a s. Jetzt aber geh' und bring das Gepäck in's Zimmer des Herrn Dominik hinauf. Denn weißt Du, Bruder, Du hast noch immer Dein altes Zimmer, man hat es nicht berührt. Nur macht es hübsch kalt da droben. Willst Du meines haben? Ja, tauschen wir! Nimm meinetwegen das ganze Haus, es ist ja Dein. Dominik (lachend). Laß' mich in Ruhe mit alle Deinen Zimmern. Was liegt daran, wo ich schlafe, wenn ich nur im Hanse meiner Lieben bin. Andreas. Ja, ja. Du hast Recht. Also schnell, Hans, schnell! Wenn Du . . . begegnest ... Du weißt . . . Kein Wort von unserem Besuche! Hans. Verstanden. Dominik. Noch Eins. Hans, beim Gepäck findest Du ein weißes Kästchen . .. bring es nicht mit dem Uebrigen hinauf, sondern gleich hieher. (Zu Andreas) Eine Ueberraschung für . . . Hans (mit schlauem Lächelu). Keine Kunst zu wissen, für wen! (Ab.) Vierter Auftritt. Dominik. Andreas. Andreas. Vier Jahre! Wenn ich denke, daß es vier Jahre sind! . . . Begreifst Du das, Dominik? Vier- Jahre konnten wir sein, ohne uns zu seh'n. Dominik. Reden wir nicht mehr von der Vergangenheit. Da sind wir ja wieder Alle beisammen; was gibt es sonst noch zu wünschen?! Andreas. Gleichviel, und wenn wir auch noch den ganzen Rest unseres Daseins zusammen verleben, diese Vier- Jahre werden in meiner Rechnung immerfehlen. Du wirst sie mir trotz alledem immer schuldig sein. Dominik. Vorwärts, mein Bruder, keine Vorwürfe! Du siehst, ich schäme mich und bereue . . . Grolle mir nicht mehr, ich bitte Dich! Andreas. Du hast Recht, reden wir nicht mehr davon. Und dennoch, Dominik, Dn mußt mir doch noch einmal gestehen, was Dich unser Hans fliehen ließ, dieses Hans, wo wir zu leben und zu sterben schwuren, wo Vater und Mutter dahingeschieden sind . . . denn, was verjagte Dich? Wir waren ja so eins und so glücklich . . . Dominik. Genug, genug, ich bitte Dich. Deine Worte thun mir weh. Höre, Andreas, was Du zu wissen verlangst, sollst Du eines Tages erfahren, ich verspreche es Dir. Ja, dann werde ich mein Herz öffnen und Dir Alles sagen, Alles! Aber ein andermal, nicht wahr? Heute würde mich dieß Ge- ständniß zu viel kosten. Also lassen wir das für jetzt. Reden wir lieber von Dir, von Euch, von Deinen! und ihrem Glück; erzähle mir Dein Leben, Dein schönes Leben, das mich so interessirt und das fortan das meinige sein soll. O, wie glücklich werden wir sein, wir Drei. Andreas. Ja, sehr glücklich. Und denke Dir, ich konnte Dich schon nicht mehr leiden! Ganze Monate lang haßte ich Dich, glaubst Du's? Und ich verbot es, Deinen Namen in meiner Gegenwart ausznsprechen. Es ist wahr, dafür war ich auch der Erste, der Dir zu vergeben hat. Dominik. Auch sie muß mir sehr gezürnt haben, nicht wahr? Andreas. Sie? Sie? Du sprichst von Susanne? Dominik. Natürlich! Andreas. O, die arme Seele, nein, gewiß nicht! Sie zürnte Dir nicht. Konnte sie je auf Jemand böse sein? 7 Dominik. Es ist wahr, aber sie liebte Dich so sehr, daß sie mich leicht ein wenig hassen konnte, aus Liebe zu Dir. Andreas. Nein, nein, ich glaube nicht. Gewiß hat sie Dir nie gegrollt. Uebrigens sprach Susanne fast nie von Dir aus Furcht, mich zu betrüben. Dominik. Ja, ich verstehe. (Pause.) Wie habt Ihr beide Euch geliebt, als ich verreiste! Andreas (senkt den Kopf). Es ist wahr, wir liebten uns sehr. Dominik (betrachtet ihn aufmerksam). Und bist Du jetzt noch immer glücklich? Andreas. Warum fragst Du mich das, Dominik? Du weißt wohl, daß ich Dir nicht antworten kann. Domini k. Woran denkst Du,Bruder? Was sagst Du mir da? Ist Dein Glück nicht auch das meinige? Warum darf ich Dich uicht fragen, ob Du glücklich bist? Andreas. Willst Du von meinem vergangenem oder von meinein gegenwärtigen Glücke wissen? Dominik. Ich ... ich verstehe Dich nicht, Andreas. Deine Worte sind sonderbar. Man sollte glauben, in Deinem Hause sei etwas vorgegangen, was ich uicht kenne. Andreas. Wie? Du weißt nicht?... Dominik. Was soll ich wissen? Vier Jahre war ich abwesend, am andern Ende der Welt. Aber sprich, schnell, ich bitte Dich. Du folterst mich. Andreas. > O, und ich sagte ihm von Nichts. Die Freude des Wiedersehens hat mich außer mir gesetzt. Dominik (für sich, indem er sich um« schaut). Warum ist . . . Susanne nicht hier? . . . (Geht gegen die Mittelthür und ruft) Susanne! Susanne! (Nach vorn) Susanne! Wo ist Susanne, Andreas? Andreas. Susanne ist todt. Dominik. Todt! . . . Susanne ist todt! Was sagst Du da? Das ist unmöglich. Es ist nicht wahr! Ich bitte Dich, Andreas, sag' mir, ob es wahr ist . . . Andreas. Sie ist todt. Dominik. O Barmherzigkeit! Und ich mußte kommen, um das zu hören! O die armen Abwesenden erfahren oft seltsame Neuigkeiten bei der Rückkehr! (Panse.) Bruder, lege Deine Hand in die meinige. Der Schlag, der Dich getroffen, trifft auch mich, oh! ebensoschwer, ich schwöre es Dir! Aber was liegt daran! In unsern Thränen müssen wir den Himmel noch segnen, der mich zu Dir führt, um Dir Deinen Schmerz tragen zu helfen. Wenn man zu Zweien weint, sind die Thränen weniger bitter. Aber sage mir, sie ist also schon lange todt, daß Du nicht mehr Trauer anlegst um sie? Andreas. Drei Jahre. Domi n i k. Drei Jahre ! Großer Gott! Andreas. Ich konnte es Dich nicht wissen lassen. Du schicktest ja niemals Deine Adresse. Domini k. Gleichviel, mein Bruder, um einen solchen Verlust trägt man Trauer sein Leben lang. Andreas (für sich). Wie soll ich ihm sagen? . Wie kann ich ihm gestehen? Dominik. Todt! Todt! Es gibt Worte, die man ausspricht, ohne sie verstehen zu können. Fünfter Auftritt. Dominik. Andreas. Hans. Hans. Meine Herren, das Gepäck ist da. Andreas. Geh, geh! Hans (gibt Dominik das Kästchen). Aber das Kästchen, Herr! Das Kästchen, das ich bringen soll! . . . Dominik (erhebt den Kopf). Was gibt's wieder? Was will der da? Ach ja, ich weiß, was er bringt. Meiner Tren, das könnte nicht gelegener kommen. (Nimmt das Kästchen). Rathe, was darin ist? Ein Schmuck, Halsbänder, Flitterkram für — die Todte! (Gibt Hans das Kästchen wieder.) Andrea s. Geh, HanS, ich bitte Dich. Hans. Ich gehe schon, ich wollte Ihnen nur noch sagen, daß die Madame in ihrem Zimmer ist, und . . Dominik (erstaunt). Die Madame? Andreas. Ja ... ja . . ., ich will Dir sagen . . . wie . . . Hans. Und da ich mir dachte, es sei eine Ueberraschnng fnr sie, so sagte ich ihr . . . Clara (von außen). Ich habe errathen, gewiß, gewiß! Hans..Aber jetzt ist's zu spät . . . da kommt sie! (Ab.) Sechster Austritt. Vorige. Clara. Dominik. Madame! Clara (;n Andreas). Nicht wahr, er ist's? Dieser Undankbare, von dem Du mir so viel erzählt hast. O. ich erkenne ihn wieder; wir haben ja sein Bild. (Zu Dominik) Grüß Gott, mein Schwager. Dominik (znrückmeichend, für sich). Mein Gott, ist es möglich? Andreas (lächelnd). Es ist meine Frau, Dominik. Clara. Die Ihre Schwester sein will. Dominik. Sie sind nicht meine Schwester, Madame. Andreas (bittend). Dominik! Dominik. Meine Schwester ist todt. Clara. Darf ich sie ersetzen? Dominik. O nein! Ich träume, ich träume! Andreas (leise zu Clara). Ich beschwöre Dich, laß uns einen Augenblick allein. Ein großer Schmerz quält ihn. Komm später wieder, wenn er ruhig ist. Komm, Clara. Domini k (halblaut). Clara! Sie heißt Clara; die andere hieß Susanne. O, dieser Name scheint mir doch schöner! Andreas (zu Clara). Ich bitte Dich .. Dominik (sanft). Nein, nein, bleiben Sie. Ich will Niemand stören. Ich hätte besser gethan, gar nicht zu kommen . . Ich mache meinen Fehler wieder gut. A ndreas. Du willst fort? Willst uns schon wieder verlassen. Aber was Hab' ich Dir denn gethan? Dominik. Ich muß fort. Clara. Bin ich es, die Sie verjagt? Hassen Sie mich so sehr? Dominik. Warum sollte ich , Sie hassen? Ich kenne Sie nicht und will Sie nicht kennen. Andreas (vorwurfsvoll). Dominik! Dominik. Sie sehen also, daß ich fort muß. Wenn ich einen Augenblick länger bliebe, könnten mir gewisse Worte entschlüpfen, die Sie besser nicht hören ... (Gegen die Thnre.) Andreas (stellt sich ihm in den Weg). Vorwärts, mein Bruder, fasse Dich und sage mir, was Du mir vorwirfst. Aber um Himmelswillen, geh nicht so von dannen! Dominik (nach vorn). Dil willst, daß ich spreche? Andreas. Ja, ich will's! Dominik. So hör' mich an. Erinnerst Du dich der schönen Geschichten, die ich Dir erzählte, als Du klein warst, Du erinnerst Dich ihrer, nicht wahr? Wohlan, eine derartige Geschichte ist's, die ich Dir jetzt vor meiner Abreise erzählen will. Es soll die letzte sein, also sei aufmerksam. Es waren einmal zwei Bruder, die sich sehr liebten. Das Schicksal hatte sie früh zu Waisen gemacht, -so daß der Aeltere bei dem andern Vaterstelle versah und ihm sein Leben widmete. Eines Tages aber, wer hätte es geglaubt! erwachte in dieser der Bruder- 9 liebe geweihten Seele eine andere Neigung. Der ältere der beiden Brüder liebte; er liebte leidenschaftlich, aber er bekämpfte seine Liebe. Der arme Mann sagte sich, daß dieß schlecht von ihm sei, daß er kein Recht zu dieser Liebe habe, daß er seine alte Zuneigung der neuen ! opfere, und machte sich tausend ähnliche 1 Vorwürfe. Während er nun so in tiefster Seele kämpfte . . . und dieser Kampf war hart, denn die Leidenschaft hielt > ihn ganz gefangen! Da warf sich eines ! Morgens sein Bruder in seine Arme mit dem schönen Losungswort zwanzigjähriger Liebender: Ich liebe nnd bin geliebt! — Und der Name derer, die j Du liebst? fragte lächelnd der Aeltere. ! Als er diesen Namen erfuhr, wurde ! er todtenblaß . . . Beide Brüder liebten j dasselbe Weib. i Andreas. Was sagst Du? ! Clara (für sich). O, jetzt versteh' ich. ! Dominik. Bei dem Geständniß seines Bruders glaubte der Aeltere der beiden Liebenden seine Gefühle ersticken zu müssen. Da er Niemandem seine Liebe derrathen hatte, erfuhr Niemand wie sehr er litt. Uebrigens schien er seine Aufgabe gut zu lösen, immer konnte mau sein Lächeln sehen. Während eines Monats liebten sich die Andern unter seinen Augen ... er sah sie und lächelte. ! Während eines Monats sprachen sie vor ihm von Zukunft nnd Glück ... er hörte es nnd lächelte. Der Hochzeitstag kam heran, er lächelte noch. Der ! Priester vereinigte sie, er lächelte noch ! immer. Aber als der Abend gekommen ^ war, da lächelte er nicht mehr: Der ! arme ältere Bruder floh aus dem Vaterhause und weinte bitterlich. Andreas (schluchzend). O schweige! ^ Dominik. Der Unglückselige irrte ! vier Jahre lang in der Welt herum . . vier Jahre lang suchte er Vergessenheit, vielleicht daß er vergaß. Aber um den Preis welcher Leiden und Mühsale? Die Geschichte schweigt davon. Man erzählt nur, daß er eines Tages sein Herz beruhigter fühlte, und da wollte er eine letzte Prüfung wagen und sehen, ob er an der Seite der beiden Ehegatten leben könne. Und da kam er zurück und da . . . und da . . . Nein, diese Geschichte ist zu traurig; ich mag sie nicht zu Ende erzählen . . . (Pause.) Andreas. Dominik, im Namen unserer Bruderliebe . . . Domini k. Du wolltest wissen, warum ich an jenem Abend vor vier Jahren aus Euer Mitte verschwunden bin; jetzt Weißt Dn's. (Mit gedämpfter Stimme) Ich bin fort, weil Du mir gesagt, Du liebest sie. Aber Du hast gelogen. Du liebst sie nicht. O, ich habe das Recht, so strenge zu sein! Glaubst Du, ich hätte je gethan, was du thatest? Weuu ich wie Du das Glück besessen hätte, diesen Schatz mein zu neunen, würde ich niemals daran gedacht haben, ihn zu ersetzen. Glaubst Du mir das? Ja, aber ich, ich liebte sie, aber Du liebtest sie nicht. (Wild) Hast Du sie auch glücklich gemacht? O, ich kenne Dich jetzt! Ich habe Dein Herz durchschaut! Es ist hohl. Andreas. Dominik, ich bitte Dich, schweig . . . schweig ... Ich kann das nicht länger auhören. Dominik. Ich bin zu Ende. Ich habe Alles gesagt, was ich zu sagen hatte. Jetzt bitte ich, mein Gepäck wieder herunterschaffen zu lassen. Clara (zu Andreas). Es ist unmöglich .. . so darf er nicht scheiden. Andreas. Nimm Du diese Sorge auf Dich, Clara, mir fehlt der Muth. (Beide ab.) Siebenter Austritt. Domini k. Ja, weint, weint nur, Alle Eure Thrä- nen werden mich nicht beugen! EuerHaus ist nicht mehr das meine, und ich könnte 10 keinen Augenblick länger hier bleiben. Nein, denkt nicht daran, es ist unmöglich! (Traurig) Unmöglich, und doch wäre es schön gewesen, hier, fast an ihrer Seite zu leben, jeden Tag ihr Blumen zu pflücken und sie ihr kniend darznbrin- gen . . . auf ihr Grab. Ach, sagt mir Alles, was Ihr wollt: daß die Seele fortgeflogeu, daß ihr Leib vermodert und die Geliebte dort oben sei. Wo, da oben? Es ist so weit da oben! Jcl> weiß nur das Eine, daß Susanne drüben über jener Kirchhofsmauer liegt . . . und beim Gedanken, mich von ihr zu entfernen, fühle ich mein Herz brechen. (Er weint am Fenster.) Achter Auftritt. Dominik. Ela r a. Clara (unter der Thür). Herr Dominik! (Für sich) Die Kräfte verlassen mich, aber es muß sein! Vorwärts und Muth! (Sie schließt die Thüre hinter sich). Herr Dominik! Dominik, (wendet sich lebhaft um). Gott! . . . Diese Frau! . . . Schon wieder! Clara. Wie Sie sehen, ich bin's, es ist . . „diese Frau!" Bis die Post kommt, bleiben Ihnen noch einige Augenblicke. Ich komme zu sehen, ob Sie nichts wünschen. Dominik (kalt). Nichts, gar nichts; ich danke, Madame. Clara (verwirrt). Dann ziehe ich mich zurück. (Nach Hinten, dann hält sie ein.) Ich wollte Ihnen vor der Abreise ein Frühstück serviren lassen . . Dominik (ein wenig ungeduldig.) Noch einmal, Madame, ich brauche nichts. (Sanfter) Ich empfehle mich Ihnen, Madame. Clara (mit traurigem Lächeln). Nein, entschieden, ich gehe noch nicht. Domini k. Nun, Madame, was wollen Sie denn von mir? Ich habe Ihnen vorhin gesagt, daß ich Sie nicht kenne und nicht kennen will. Genügt Ihnen das noch nicht? Sie müssen einen nicht bis zum Aenßersten treiben. Wirklich, die Frauen sind nicht groß- MÜthig. (Gegen die Thüre.) Clara (lebhaft). Noch ist die Post nicht da. Ich befahl Ihnen zu rufen, wenn es Zeit sei. Bis dahin werden Sie mich anhöreu. Kein anderer Ausweg ! Eher laß' ich.mich tödten, als Sie fortgehen, ohne Ihnen Alles gesagt zu haben. Dominik. Es ist wahr, ich vergaß, daß hier der Stolz einer Frau im Spiel ist. Ja, ich verstehe, — wohl hassen Sie mich und wünschen im Grund Ihres Herzens mich recht weit von hier, aber zwischen uns Beiden hat jetzt ein anderer Kampf begonnen. Sie verlieren ihn, wenn ich verreise, aber wenn ich bleibe, welch' ein Triumph für Sie! (Setzt sich.) Reden Sie, Madame, ich höre. Clara. Wenn Sie abreisen, verwunden Sie nicht meinen Franenstolz, sondern das Herz einer Gattin. Wenn, wie Sie sagen, wirklich nur mein Stolz im Spiel wäre, würde ich nicht gekommen sein, ihn neuen Beleidigungen und i neuen Schlägen ansznsetzen. Aber es , handelt sich um einen anderen Stolz einer Frau, um ihren Gatten! Ja, um ! Andreas, um unfern Andreas, der weint j und leidet, und Sie sind es, der ihn ! weinen und leiden macht! Und ich will das nicht und verbiete es Ihnen . . ^ hören Sie wohl, ich verbiete Ihnen, mir ihn so zu quälen! Vor Allem haben Sie kein Recht dazu, und um zu wagen, was Sie thnn, muß man schlecht oder ein i Narr sein ! (Hält ein und sieht ihn an, mit einem Schrei) Ach Go.tt, Was sag' ich da ? Es ist nicht wahr, hören Sie nicht auf mich! Ich bin närrisch, und Alles was ich Ihnen sage, ist ein Beweis 11 davon. (Weinend) Mein Gott! Ich, die zn Ihren Füßen Sie anflehen sollte, ich beleidige Sie nnd schlendere Ihnen böse Worte zu. Und doch, wenn ich Ihnen meine Seele erschließen könnte, würden Sie nur Achtung und Bewunderung für Sie darin finden. Ja, Sie haben Recht, und ich fühle es wohl ... es wäre würdiger gewesen, wenn Andreas seinem Schmerz Treue bewahrt hätte. Ja, Sie verlangen mit Fug Rechenschaft von ihm nnd sind empört über seine Schwäche. Aberglauben Sie mir, nicht er ist's, den Sie strafen müssen, sondern ich, ich allein! Wenn Sie wüßten, was ich Alles that, damit er mich lieben nnd seine Trauer vergessen sollte. Wenn ich Ihnen sagen würde . . . Ach, ich habe schon zu viel gesagt, und wollen Sie gewiß nichts weiter hören. Dominik (sanft). Ich unterbreche Sie nicht, Madame. Erheben Sie sich, ich bitte Sie, erheben Sie sich nnd fahren Sie fort. Clara (erhebt sich). Wirklich, Sie wollen? O, dann will ich Ihnen Alles sagen. O, daß ich Sie, der Sie unser Richter sind, überzeugen könnte, daß der einzige Schuldige ich bin! Dominik. Ich höre. Clara. Als ich Ihren Bruder kennen lernte, dauerte seine Trauer schon ein Jahr. Aber so wahr mir Gott helfe, nach einem Jahre flössen seine Thränen noch immer und sein Schmerz war um keinen Tag gealtert. Nie sah man eine strengere Witwerschast. Erlebte hier allein, fern von aller Freude. Man sah ihn nirgends, und sein Haus war wie sein Leben, Allen verschlossen. Hie und da jedoch ging er in's Dorf und setzte sich an einen schlichten und friedlichen Herd. Dort, im Hause des alten Benedikt, meines Vormundes und Oheims, traf ich Andreas zum erstenmal. Ich sehe ihn noch, wie er in einer Ecke saß, schweigsam und in Trauerkleidern. Er war so finster und that mir so leid, daß ich gleich zum ihm Hütte eilen mögen, um ihn zu trösten. Er war bleich und abgehärmt . . . O wenn Sie ihn gesehen hätten, wie ich! Dominik (gerührt). Armer Junge! Clara. Ach, Sie wissen es. Uns Frauen führt das Mitleid schnell zur Liebe. Ich hatte Ihren Bruder kaum dreimal gesehen, als ich ihn schon aus ganzer Seele liebte. Er merkte nichts davon, und Ich schwöre Ihnen, seine Gedanken waren weit von mir entfernt. Meine Gegenwart hatte seine Besuche nicht unterbrochen, das war Alles. Ich hatte gut Alles mögliche beginnen, ich existirte nicht für ihn ... ich glaube, er sah mich gar nicht . . . was aber keineswegs verhinderte, daß ich ihn liebte. Aber wie litt ich darunter! Eines Abends, als er wie gewöhnlich, still in seiner Ecke saß, ging ich an mein Klavier und sang, fast ohne daran zu denken, ein altes Volkslied, das ich liebte, weil es traurig war. Kaum hatte ich vollendet, als Andreas sich mir näherte und mich mit erregter Stimme frng, ob ich ihm dies Lied noch einmal singen wolle . . . und ich sang und sang, ohne Vergnügen, ich versichere es Ihnen, aber schon konnte ich ihm nichts versagen. Dominik. Und dann? Clara. Ich sang also, nnd es war für ihn eine schreckliche Aufregung mir znzuhören. Ich sah, wie er sein Gesicht verbarg und in Thränen ausbrach. Ich näherte mich ihm, um ihn zu beruhigen, und da gestand er mir, das sei das Lieblingslied seiner Susanne gewesen, und ich besitze ganz ihre Stimme. Von diesem Augenblicke an wurde ich die Vertraute seines Schmerzes und tagtäglich sprachen wir zusammen von seiner lieben Todten. Wie oft sah ich ihn weinen, wenn er ihren Namen aussprach. Wie oft schwor er mir, niemals eine Andere zu lieben. Bedenken 12 Sie, wie sehr mich solche Geständnisse schmerzen mußten. Aber ich liebte ihn nur um desto mehr. Nach und nach und ohne daß er es merkte, gewöhnte er sich an seine traurigen Bekenntnisse. Meine Gegenwart wurde ihm vou Tag zu Tag immer unentbehrlicher. Freilich ist es wahr, daß, gauz beherrscht von Liebe und dem Wunsch immer mehr in dies Herz einzudringen, mir alle Mittel gut waren, sogar die verwerflichsten. Glauben Sie es mir? Ich hatte durch ihn erfahren, wie seine liebe Todte im Leben gekleidet ging und wie sie ihr Haar trug . . und ohne daß ich daran dachte, kleidete und kämmte ich mich wie Susanne. Dominik. Es ist wahr . . . Clara. Ich erinnere mich noch eines Kleides von weißer Mousseline, daß ich zu jeder Zeit trug, und daß ihn viele Thräueu vergießen ließ . . . D 0 MiUik (erhebt sich). DH ! (N.rch rechts.) Elara (ebenso). Und jetzt, was soll ich Ihnen sagen, was Sie nicht schon errathen hätten ? Nach einem Jahr des Kampfes, der Geduld, der Herzensangst erfüllte sich endlich mein Wunsch. Eines Abends weinte Andreas, an meine Schulter gelehnt, am folgenden Tage fiel er in meine Arme, und ich glaubte mich glücklich für immer, als Sie diesen Morgen hier erschienen . . . und nun ist mein ganzes Glück dahin. (Weint.) Dominik (ein wenig gerührt, aber scheinbar ruhig). Fassen Sie Mnth, Madame. Ich begreife, daß meine Ankunft den Frieden Ihres Hauses einen Augenblick stören konnte, aber Ihr ferneres Glück wird Ihnen nichts mehr rauben, denn ich gehe ja fort. Clara. Ach, Sie sprechen von Glück! Sie wissen wohl, daß ich nicht mehr- glücklich sein kann, wenn Sie uns verlassen . . . nein, nein, es ist unmöglich ! Sie können und dürfen nicht fort! Sie haben mir seit Ihrer Ankunft genug Leid zngefügt, Sie werden nicht bis zum Abschied grausam sein ! Ich bitte Sie, ich beschwöre Sie! Neunter Austritt. Vorige. Andreas. Andreas (Der die letzten Worte gehört zwischen Dominik und Clara). Genug, Clara ! Clara. Andreas! Andreas. Genug der Thränen und der Erniedrigung, wir konnten ohne ihn glücklich leben, wir werden es auch ferner können. Dominik. Nun, Madame, Sie hören? Das dürfte Sie beruhigen. Clara. Glauben Sie es nicht. Wenn Sie gehen, wird er mir nie verzeih'n! Andreas. Dir verzeihen, Clara? Bist Du denn schuldig? Nein, wenn Einer der Verzeihung bedarf, so ist es jener, der heute als Ankläger und Richter erschienen ist. (Zn Dominik) Denn wer bist Du? Wer sendet Dich? In wessen Namen sprichst Du? Das Werkzeug welcher höheren Gerechtigkeit glaubst Du zu sein? Meinst Du hier ein himmlisches Recht zu vertreten? Kommst Du von Gott gesendet, um die vergessenen Todten zu rächen und die Lebenden zu strafen, deren Schmerz die Zeit gemildert hat? Nein, nein, der Gott, der unsere Schwächen kennt, fordert nicht das Unmögliche von uns. Er legt weder ewige Schmerzen auf, noch untröstliche Trauer. Ich anerkenne Dich nicht als den Richter Gottes! Du bist nicht der Ankläger für uns und nicht der Rächer für Susanne. Du bist nur ein leidender Mensch, der das Leid Anderer will. Clara (bittend). Andreas! Er ist Dein Bruder! Andreas. O, ich habe ihn vorhin angehört, jetzt soll er mich anhören! Um mich zu strafen, weil ich eine zweite 13 Frau geliebt und gewählt habe, darum willst Du fort. Nach Deiner Meinung hätte ich meine Trauer behalten, nimmermehr lieben und bis zum Tode leiden sollen. Liegt das in menschlicher Gewalt? Kann man lieben oder nicht lieben? Man liebt, und der Wille muß schweigen. Du grollst ihr, weil sie meine Thränen zu trocknen wußte. Du zürnst mit mir, daß ich mich trösten ließ. Aber warum warst Du nicht da, um mich vor ihren Reizen zu warnen, und mich gegen sie zu vertheidigen? Du bist stark und tapfer; aber ich, Du weißt es wohl, bin schwach und feig. Mein Herz ist hohl, Du selbst hast es gesagt. Aber was willst Du von mir? Diesmal war ich schwach und feig, aber ich preise meine Schwäche, denn ihr verdank' ich das Glück meines Lebens. Clara, mein liebes Weib, vergieße keine Thränen mehr nnd zittere nimmer! Ich schwöre, daß ich Dich liebe und daß nichts auf Erden mir so thener ist, als diese kleine Hand, die ich an mein Herz presse! Dominik (trocken). Presse sie nur, damit sie Dir diesmal Niemand rauben kann. Andreas. Komm, Clara, lassen wir dies unerbittliche Herz. Er weiß nichts von Dir; er weiß nicht, welch' ein Engel in Franengestalt Du List, und daß Deine Sendung war, mich zu trösten. Dominik. Ich liebe diese Trösterinnen nicht, allzinckm-'ll geben sie Vergessenheit. Andreas. Sie geben Vergessenheit, aber sie selbst vergessen nicht. Weißt Du, wer seit einem Jahr Susannes Grab pflegt? Dominik. Was willst Du sagen? Andreas. Weißt Du, wer ihr die Blumen bringt, die ihr Grab überdecken? Sie, sie ist's; seit einem Jahr hat sie nicht einmal diese fromme Pilgerfahrt versäumt. Clara. Wie, Du weißt es? Andreas. Ich entdeckte Dein Ge- heimniß, thenre Seele, und liebte Dich darum nur noch mehr. Domi ni k. Ja, diese einfachen Blumen sind für mich beredter, als alle Thränen. Was Sie gethan, Madame, ist schön und edel, nnd ich erkenne jetzt, wie grausam nnd ungerecht ich gegen Sie gewesen bin. Sie müssen mir verzeihen. Alles, was ich seit meiner Wiederkehr erfahre, ist so unvorhergesehen, so schrecklich .. . Bedenken Sie, wie schmerzlich es ist, solche Schläge zu empfangen. Zehnter Austritt. Vorige. Hans. Hans. Madame, das Gepäck ist wieder unten, und die Post ist da. Clara. Geh! Hans. Sie kann sich nicht lang aufhalten. D ominik. Gut, ich gehe. (Nach hinten.) Clara (flehendlich). Dominik! Andreas. Mein Bruder! Dominik. Nein, nein, ich muß, ich muß fort für mein nnd Euer Heil. Wir drei können hier nicht zusammen leben. Clara. Und wenn ich dafür sorge, daß Sie mich niemals sehen nnd hören? Wenn es mir gelingt, Sie mein Dasein vergessen zu lassen, indem ich so wenig Platz wie möglich einnehme und mich ganz klein mache? . . . Andreas. Hörst Du sie? Wie, könntest Du uns dennoch verlassen? Dominik. O, Ihr brecht mir das Herz! Seht Ihr denn nicht, wie schmerzlich mir dieser Abschied ist? Versteht Ihr denn nicht, daß ich mit allen Fibern meiner Seele an diesem Hause hänge und daß ich, wenn ich gehe, ein Stück von mir in jedem Winkel hier znrücklasse? . . . 14 Clara. Nein, nein, Sie dürfen nicht fort. Hier ist das Hans Susannes, und da wir nicht alle drei zusammen darin leben können, so sollen Sie es allein bewohnen. Dominik. Wie? Andreas. Sie hat Recht, mein Bruder. Nur hier kannst Du glücklich sein. Uns bleibt die ganze Welt für unsere Liebe. Dominik. Wie? Ihr wäret im Stande? . . . Ihr laßt mir das Hans? . . . Aber Ihr? Clara. Wir brauchen nicht weit zu gehen. Uns bleibt das Hans des alten Benedict, wo wir uns zum ersten Male sahen. Dominik. Clara! Clara! Ich bin besiegt . . . gebt mir Eure Hände! — Du hast wahr gesprochen, Bruder. Sie hat die göttliche Sendung zu trösten. Ja, meine Kinder, ich nehme Euer Opfer an. Dagegen aber soll Alles, was ich habe, Euer sein. Ich brauche nichts mehr auf dieser Welt. Verzeiht dem alten Thor das Leid, das er Euch zugefügt, und da Ihr das Recht habt, Euch außer diesen Mauern überall zu lieben, so liebt Euch ohne Vorwurf und Gewissensqnal. Dank Euch hat von jetzt an mein Leben einen Zweck. Diese Todte bedarf eines Witwers, der sich ihrer erinnert und Trailer für sie trägt. Dieser Witwer will ich sein, ich, der sie so sehr geliebt hat und der es endlich ihr gestehen darf. Ich werde allein leben in diesem Hanse, wo Alles von Susanne spricht; ich werde leiben, weinen und glücklich sein wie noch nie! Hans (für sich). Ich verstehe zwar noch immer nichts. Aber eS ist gleich; der sonderbare Herr hat so eine Art ! zu reden. . . . (Trocknet sich die Augen.) ! Andreas. Aber, obwohl getrennt, werden wir uns dennoch oft sehen, nicht ! wahr, Bruder? ! Dominik. Oft. (Für sich) Aber nie- ! mals hier. (Am Fenster) O Susanne, ! Susanne! Das ist eine eigene Geschichte ^ von dem armen Manne, der Witwer - und doch nie verheiratet war! Die Dünne von Memcen. Lustspiel in einem Austuge von Ernest Legouve. Für die deutsche Rühue bearbeitet von Gottkieb Ritter* Einzige vom Verfasser antorisirte deutsche Bearbeitung. (Repertoirstilck des Wiener Stadttheaters.) Aufführungsrecht Vorbehalten. Men, 1878. Verlag der Wallishausscrffchen Buchhandlimg (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. i. Das Aufführungsrecht ist uur zu erwerben durch die Agentur der deutschen Genossenschaft dramatischer Autoren in Leipzig. Personen: Marquise de Moutrichard. Julie, ihre Tochter. Oberst de Saqueville. Miß Jacksott, Gouvernante. Seviu, Sekretär der Marquise. Die Handlung spielt in einem Landhaus bei Paris. Den Bühnen gegenüber als Mannscript gedruckt. Scene: Ein eleganter Salon eines Landhauses. Erster Austritt. Zweiter Austritt. Die M ar quise (allein. Toilette einer! Vori g e. vierzigjährigen Dame.) ! evin, Miß Jackson, Julie. Marquise. Oberst de Saqueville kommt zurück! ... Er kommt heute zurück! Ich werde ihn Wiedersehen! Als er vor zehn Jahren in Verzweiflung und mir fluchend zu seinem Regiment nach Algier verreiste, dachte er wohl kaum, daß dieses Herz mehr litt, als das seinige. Aber ich war nicht frei; mein Gemahl, der Marquis de Montrichard, lebte noch. Ich hatte die Kraft, dem Marquis Alles, selbst meinen Schmerz zu verbergen. Aber heute, — heute findet er mich als Witwe wieder! O, heute aber, (schmerzlich bewegt) es ist zehn Jahre später! Damals waren wir vom nämlichen Alter. Jetzt . . . ist er noch jung, ich bin es nicht mehr. Die Zeit der Romane ist für mich vorbei; besonders jetzt, wo ich im Begriffe stehe, meine Tochter mit seinem Neffen zu verheiraten. Vorwärts, denken wir nur noch daran, Großmutter zu sein. Verbergen wir unter diesem Häubchen Alles, was von Jugend auf meinem Gesicht übrig blieb! . . Stürzen wir uns in die Werke der Wohlthätigkeit und in die nützlichen Bücher! Wenn eine Frau von vierzig Jahren wohl- thätig wird, seid überzeugt, daß auch diese Barmherzigkeit eine Art Liebe ist. Sevin. Frau Marquise, hier sind die letzten Statuten der Stiftung. Marquise. Wohlan, nehmen Sie. Platz, Herr Sevin. Ich höre. (Alle setzen sich. Marquise und Sevin links, Julie und Miß rechts, arbeitend.) Sevin (liest). „Artikel 71. Jede Pensionärin unseres Asyls, welche zweimal beim Morgen- oder Abendgebete fehlt, welche die Ordnung durch profane Lieder stört oder welche der Frau Oberin oder den vorstehenden Damen nicht Gehorsam leistet, welche Briefe schreibt oder empfängt von ihrem Verführer . . ." M a rquise (leise). Ueberschlagen Sie daS, Herr Sevin! Sevin. Brr . . . brr . . . „Oder welche einen Roman in das Haus bringt, wird unverzüglich davon geschickt und unwürdig erkannt, die Wohl- thaten unseres Asyls zu genießen." Marquise. Gut, namentlich die letzte Clausel. Julie, was sagst Du zu dem Roman-Verbot? Julie. Was wollen Sie, Mama: Ich würde fortgeschickt! Marquise. Pfui, Julie! Sevin. Wie, Fräulein, was muß ich hören?! Miß (mit englischem Accent). Oh, Miß Julia! Theater-Repertoir 340. 1 * 4 Julie. Ich möchte doch wissen, warum es ein so großes Verbrechen ist, einen Roman zu lesen! Ich habe es nie verstanden. Marquise. Julie, mein Kind, man muß nie von Dingen sprechen, die man nicht kennt. Julie. Einverstanden, ich kann aber Liber Romane sprechen, da ich solche gelesen habe. Und ich werde noch andere lesen. Miß. Oh ja, englische Romane, das ist ein Unterschied! Julie. Englische und französische! Ich las zum Beispiel . . . Marquise (sie unterbrechend). Julie! Herr Sevin, Sie kennen sie viel zu gut, um ein Wort von alledem zu glauben. Sevin. Ich bin säst überzeugt, daß Fräulein Julie . . . Julie. Herr Sevin, Herr Sevin! Wenn Sie noch ein Wort sagen, so brodire ich statt dieser arabischen Schnörkel, die ich auf meiner Stickerei copire, in gutem Französisch : Ich habe Romane gelesen und zeichne achtungsvollst Julie de Montrichard. Marquise. Herr Sevin, heben Sie gefälligst meine Scheere auf! (Leise zn ihm) Reizen Sie sie nicht, ich bitte Sie darum. Sevin. Das würde eine etwas romantische Tapisserie abgeben. (Pause.) Ich übergehe die letzten Artikel unserer Statuten über die Uniform, die Anssteuer; Sie haben das Alles vortrefflich angeordnet. Graues Kleid, weißer Schleier, Schürze von Zwillich . . . Julie. O pfui, Zwillich! Ich will seidene Schürzen und die Taschen mit blauen Bändern eingefaßt. Marquise. Nein, Zwillich ist gut. Es ist schlicht und schickt sich für so arme Geschöpfe. Julie. Dann sehen Sie ja aus wie Aschenbrödel. Geben sie ihnen doch noch grüne Pantoffeln! Sevin (liest). „Nachdem die Artikel der Constitution vorgelesen", denn Gnädige Frau, es ist eine wahre Konstitution, eine Verfassungsnrknnde, die Sie da unserem Asyl geben . . . „werden die Pensionärinnen ausgenommen und desiliren vor der Frau Oberin und den vorstehenden Damen." Julie. Welcher Marsch wird dazu gespielt? Der aus „Semiramis?" Tra la la la . . . Sevin. Wirklich, Fräulein Julie > hat einen guten Gedanken; ein wenig Musik würde nichts schaden. (Zur Mar- j quise). Wenn man Ihren schönen Hymnus wählte: „Himmelskönigin, Dein Wolkenthron!" . . . Julie (geht zur Marquise). Mama, wissen Sie, was das Finale sein sollte? Eine rasende Polka. Ach, Herr Sevin, ! ich möchte Sie tanzen sehen! Marquise. Julie! Miß. Oh! Miß Julia! Marquise. Ich begreife nicht, wie sich meine Tochter solcher Ausdrücke i bedient! (Zu Julie) Gewiß, damit Du ^ Djch von aller Welt närrisch nennen hörst. Julie. Das ist kein großes Unglück, närrisch zn sein. Nur um diesen Preis hat man die Freiheit zu thun was uns beliebt. Miß. Oh! Miß Julia! Marquise (erust). Julia, Du machst mir viel Kummer. l Sevin. Nein, Fräulein, man wird ,! niemals sagen: das närrische Fräulein j Julie! . . . Sie können es anfangen, ! wie Sie wollen, immer wird es heißen: > das liebenswürdige, das mnthwillige , Fräulein Julie! ^ Julie. Schnell, den Notar und ! Zeugen! Herr Sevin hat mir eine Schmeichelei gesagt. Sevin. Was ist da Außergewöhnliches ? Marquise. Sie haben viel Geduld, Herr Sevin. Ja, was ich sagen wollte, wissen Sie etwas Neues über 5 die Candidatur meines zukünftigen Schwiegersohnes? Dem armen Louis de Saqueville ist so viel an seinem Ab- geordnetenstnhl gelegen! . . . Julie. Dem armen Louis de Saqueville! Sie bemitleiden ihn, weil er mein Bräutigam ist. Sie haben vielleicht nicht Unrecht. Marquise. Im Uebrigen werden wir es bald aus seinem eigenen Munde hören, denn ich erwarte ihn heute mit seinem Onkel, dem Oberst, der von Afrika zurückkehrt. Sevin (lachend). Ach ja, dem Don Quichotte, wie man ihn nannte. Julie (zn ihrer Mutter). Warum Don Quichotte, Mama? Marquise. Wegen seines heldischen und ritterlichen Muthes. Eines Tages rettete er sein Regiment, indem er ganz allein einen Hohlweg gegen eine Wolke von Arabern vertheidigte. Sev in (wichtig). WieHoratius Cocles! Julie. Ach Gott, hat er nur noch ein Auge? Marquise (streng). Nein er kam davon mit sechs Wunden. Julie. Sechs Wunden! Marquise. Ein andermal fiel ans dem Rückzug der Sohn der Marketenderin, ein Junge von zwölf Jahren nnb Trompeteraspirant, von einer Kugel getroffen zur Erde und rief: „O meine Mutter!" Der Oberst hörte es, eilt herzu, hebt ihn unter einem Kugelregen zu sich auf das Pferd und bringt ihn seiner Mutter. Julie. Und der Junge war gerettet? Marquise. Ja, aber der Oberst wäre beinahe ums Leben gekommen. Julie (lebhaft.) Er war verwundet? Sevin. So sehr, daß er ohnmächtig wurde. Als die Soldaten seinen Rock öffneten, fanden sie aus seiner Brust ein Medaillon mit einer Locke. Marquise. Gewiß ein Andenken leiner Mutter. Julie. O, ich bin sicher, daß es nicht so ist! Marquise. Julie! Miß. Oh! Miß Julia! Julie. Sieh da, der Wagen des Herrn Louis. Wer ist denn der Herr neben ihm? Marquise (bewegt). Ohne Zweifel sein Onkel! . . . Sevin. Herr Louis bleibt zurück, um mit dem Pächter zu plaudern. Julie. Weil er ein Wähler ist. Wir werden ihn lange nicht sehen. Sevin. Da kommt der Oberst! Marquise. Schon! (Für sich) O, ich habe nicht den Muth, ihn gleich zn sehen. (Laut) Julie . . . Miß Jackson! Empfangen Sie den Oberst statt meiner. Es ist die Poststunde und ich habe noch zwanzig Billets für unser Comitä zu schreiben. (Mit Sevin ab.) Miß. Setzen Sie sich, Miß Julia. Dritter Auftritt. Vorige. Der Ober st. Oberst (noch hinter den Conlifsen). In diesem Salon, nicht wahr? Ich danke sehr, bemühen Sie sich nicht weiter! (Tritt auf; für sich) Das Herz schlägt mir. Sie ist nicht da. (Nähert sich Julie und der Miß) Entschuldigung! Meine Damen, man hat mir gesagt, die Frau Marquise . . . Julie (arbeitend). Die Frau Marquise war noch vor fünf Minuten hier, aber sie ist fort, als sie Sie aumelden hörte, Herr Oberst. Ober st. Sie flieht mich ! Julie. Beruhigen Sie sich, gewiß um Ihnen zu Ehren eine andere Coiffure aufzusetzen. Oberst. Glauben Sie? Julie. Ich hoffe es; denn stellen Sie sich vor, sie hat die Gewohnheit 6 ihre schönen Haare nnler einem abscheulichen Häubchen zu verbergen. Oberst. Wie, sie trägt Hauben? Julie. Jcb zähle auf Sie, Herr Oberst, um das Alles zu ändern. Oberst (blickt sie an). Ich! Aber täusche ich mich nicht? Dieser Blick, diese Stimme! .... Julie. Sollte mich der Herr Oberst de Saqueville nickt wieder erkennen? Oberst. Julie! Fräulein Julie!. . . (Mit Rührung) Wenn ich Sie ansehe und höre, verschwinden diese zehn Jahre auf einmal. Es kommt mir vor, als wäre ich wieder in jenen Zeiten . . . Julie. Wo Sie mich auf den Armen in die Oper trugen . . . Miß. Oh! Miß Julia! . . . ^or skmllie! Julie. Beruhigen Sie sich, meine Liebe; ich war damals acht Jahre. . . (Darstellend) Miß Jackson, meine Erzieherin, mein Schutzengel . . . Ein vielbeschäftigter Engel, glauben Sie mir! Oberst (sieht sie an). Wie! Das ist also das schöne junge Mädchen, das meine Nichte werden soll! . . . Denn das ist gar keine Frage: Mir wird das Recht zustehen, Sie meine Nichte zu nennen . . . und Sie sogar zu umarmen . . . trotz meinem Herrn Neffen! Julie. O, Ihr Neffe! . . . Wissen Sie, was das Beste an Ihrem Neffen ist? Sein Onkel. Oberst. Vorwärts, verwöhnen Sie mich nicht! Julie. Ach, Sie haben mich so sehr verwöhnt, als ich ein Kind war. Aller Welt flößten Sie mit Ihrem großen Schnurbart Furcht ein, aber ich . . . Oberst (lachendst Sie zupften mich daran. Julie. Ja, es ist wahr. Sie kamen auch immer mit allen Taschen voll Puppen und Bonbons, und da ich schon damals kokett war und gern naschte . . . Fragen Sie nur Miß Jackson, die mich gebildet hat. Miß. Oh! Miß Julia! Julie. Erinnern Sie sich, daß ich nur durch Ihre Vermittlung in die Oper kam vor . . . dem gesetzlichen Alter. Oberst. Ja, und daß Sie eingeschlafen waren vor dem Ende . . . und daß ich Sie in Ihren Wagen trug! Julie. Da sehen Sie, wie schlau ich schon damals war! Nun ich schlafe auch heute noch in der Oper ein, aber ich habe keinen patentirten Träger mehr. Oberst. Und mein Neffe? Julie. Herr Oberst, sehen Sie sich einmal diese Stickerei an . . . und bewundern Sie! Nicht wahr, ich bin geschickt geworden? Oberst. Ein Vers aus dem Koran. Wer hat Ihnen diese Zeichnung geschickt? Julie. Mama hat sie ans Algier kommen lassen. Oberst (bewegt). Wirklich? Julie. Stellen Sie sich vor, seit zwei Jahren ... seit dem Tode meines armen Vaters ist bei uns Alles nach arabischein Geschmack. Oberst. So? Julie. Arabische Dessins! Arabische Stoffe! Arabische Ansichten! Ich weiß nicht, ist es Ihnen zu Ehren . . . aber wir leben hier wie die Kinder der Wüste. Nicht wahr, Miß Jackson? Miß. Oh! Miß Julia! Julie. Sagen Sie nicht: „Oh! Miß Julia!" Das ist nicht slioIriiiA'!.. Vorwärts, Herr Oberst, da meine Mutter noch nicht kommt, so erlauben Sie mir, daß ich ihre Nolle spiele und setzen Sie sich ZN mir. — (Unterbricht sich plötzlich.) Wissen Sie eine komische Sache? Oberst. Nun? Julie. Sie schienen mir vor zehn Jahren viel älter, als heute. Oberst. Wirklich? Miß. Das ist ganz einfach, meine Liebe, weil Sie zehn Jahre älter sind. 7 Julie (lachend). Und er ... . Miß Jackson ... ist er denn nicht auch zehn Jahre älter? Miß. Doch. Julie (lachend). Das mein'ich schon! (Ernst) Und doch ist es wahr. Vor zehn Jahren machten Sie mir den Eindruck eines Ahnherrn, Sie hatten für mich etwas wie von einem lieben Gott! Oberst. Und heute etwas von einem guten Teufel! Julie (lachend). Ja, das ist's; von einem guten Teufel, der Eroberungen, Nazzias macht! . . . Herr Oberst, sind Sie schon verwundet gewesen? Ob erst. Hier und da, wie Jedermann. Julie. Und ohne Zweifel in romantischen, ergreifenden Situationen? Oberst. Ach, nichts ist prosaischer nnd banaler! Anonyme Säbelhiebe! Kugeln, die sich in der Adresse irren . . . ein kleiner Stoß in die Brust . . . ein kleines Frösteln im Innern .... dann dreht sich Alles um uns . . . weiter nichts! I u l i e (nach einer Pause). Ach, Herr Oberst ... in welchem Alter tritt man bei den Trompetern ein? Oberst (lachend). Sie haben es überschritten . . . also brauche ich Ihnen nicht zu antworten. — Sie sagen mir also, daß Alles in diesem Hanse arabisch ist? Julie (zeigt ihm ein Bild an der Wand). Da sehen Sie! Eine Ansicht von Algier, die meine Mutter gestern kaufte. Oberst. Sie hat eine Ansicht von Algier gekauft! . . . (Betrachtet sie mit Rührung.) Dieses kleine Hänschen aus der Terrasse . . . dort habe ich gewohnt, als ich aus dem Spital kam. Julie (lebhaft). Ja, als Sie den kleinen Trompeter gerettet hatten. Oberst. Wie, Sie wissen? Julie. Ja. Oberst. Nun denn, ich werde ihn Ihnen zeigen, wenn Sie nach Afrika kommen, denn ich entführe Sie mit Ihrer Frau Mutter. Julie. Ich verlange nichts Besseres- Sie lassen uns dann, ich weiß nicht wie viele Bedninenstämme kommen, die uns Straußenfedern, Datteln bringen nnd Exercitien vormachen. Wir nehmen Herrn Seviu mit. Oberst. Wer ist Herr Sevin? Julie. Der Helfershelfer meiner Mutter in allen wohlthätigen Werken .. . ein sehr frommer Mann ... die Tugend ist sein Fach. Oberst. Ah! Julie. Ein kleiner Tartüffe, den ich nicht ausstehen kann. Wir nehmen ihn mit, damit er den Arabern predigen kann; Ihr Neffe stndirt die Frage der Colonisation; Sie und ich, wir schleifen einige Dörfer nnd verkaufen Miß Jackson an Abd-el-Kader. M i ß. Oh! Miß Julia! k"or slmrns! Julie (bricht in übermiithiges Lachen aus). Vierter Auftritt. Vorige. Sevin. Sevin. Herr Oberst! . . . In lie(lcise zum Oberst). Besagter Sevin. Sevin. Herr Oberst, die Frau Marquise muß noch einen Brief vollenden und bittet Sie, unterdessen einen Spaziergang im Garten zu machen. Oberst (empfindlich). So? Julie (wie oben). Ich hatte Recht, nicht wahr? Unausstehlich! Oberst. Ein sehr wichtiger Brief, wie es scheint ... Es ist gut. Julie. Wohlan, Herr Oberst, dann entführe ich Sie und lasse Sie eine Spazierfahrt im Kahne machen . . . auf einem Froschteich/ den wir einen Kanal neunen. Sie werden sehen, welch' kühne Schifferin ich bin! Miß. Miß Julia, die Frau Marquise hat Ihnen verboten . . . 8 Julie. Sie wissen wohl, Miß Jackson, daß Miß Julia sich Alles erlaubt, was die Frau Marquise ihr verbietet. Vorwärts! Wer mich liebt, folgt mir! (Singend mit dem Oberst ab.) Miß Jackson (folgt ihr, außer sich). Miß Julia! Miß Julia! OK! äsur! . . . Sie ist verrückt . . . Fünfter Auftritt. Seviu. Die Marquise. Marquise (mit Papieren in der Hand). Ich habe meinen Entwurf beinahe ganz verbessert. Seviu. Ich hoffe aber, daß Sie im Kapitel über die Witwen nichts geändert haben. Marquise. Nein, dort nichts . . . Aber hier . . . Lassen Sie mich einen Augenblick, ich möchte diese Stelle vollenden. (Sie fetzt sich an den Schreibtisch.) Sevin. Aendern Sie nur nicht zu viel. (Ab.) Sechster Auftritt. Die Marquise (allein. Sie wirft die Papiere unwirsch auf den Tisch). Ach, Was kümmern mich die Bücher! Die Statuten! Wohl kann ich diese Blätter lesen und wieder lesen, mein Auge sieht nicht, was da geschrieben steht. (Legt die Hand aufs Herz.) Nur was hier geschrieben steht, lese ich! Ich fürchte mich. Ich fliehe vor diesem Wiedersehen! Ich wage es nicht, diesen ersten Blick zu ertragen, der mir Alles sagen wird: mein Alter . . . meinen Wechsel . . . seine zerstörte Liebe, meine verlorenen Hoffnungen! O, ich bin feig! Ich ließ ihn bitten, mich im Park zu erwarten . . . Warum? . . . Um ihn an meinem Fenster vorüber gehen zu sehen, ohne daß er mich bemerke! ... Ich habe ihn gesehen! Diese zehn Jahre lasten auch auf seinem Haupte und haben ihre Spuren zurückgelassen! Sein Gang ist weniger gebieterisch, sein Gesicht weniger blühend, aber . . . aber ich hätte mehr graue Haare zu sehen gewünscht! . . . Kaum ein paar weiße Fäden, die seine Schläfe versilbern! Es ist wahr, daß ich . . . gar keine weißen Haare habe. (Entschlossen.) Wenn ich versuchen würde, mich zu vertheidigen? ... Ich habe noch meinen jugendlichen Haarschmuck... Wenn ich ihm die Aufgabe ertheilte, dieses Gesicht zu beschützen, zu verbergen, welches, ach! ich fürchte sehr, das Alter meines Geburtsscheines ver- räth! Nun, umsomehr habe ich Grund, um die Kunst, den Putz zn Hilfe zu rufen! Vorwärts, es ist ausgemacht! ... Aber wenn ich besiegt werde? . . . Wohlan, so bin ich besiegt, aber ich werde doch nicht ohne Kampf auf das Glück verzichten. Siebenter Auftritt. Vorige. Julie. Miß Jackson. Miß (außer sich). Oh! Miß Julia! OK äsar! Oh! Frau Marquise! Wird sehr böse sein! Marquise (ihr entgegen). Was gibt es denn? Miß. Oh! Da ist sie! Wenn Sie ertrunken wären! . . . Julie (lacht laut). Marquise. Ertrunken? Was ist geschehen? Juli e. Nichts, nichts, liebe Mutter! ... Es ist mir kein Unglück begegnet!... (Lachend.) Bloß der Herr Oberst ist pudelnaß. Marquise. Der Oberst? Julie (lachend). Er sah aus, wie ein Neptun mit seinem hängenden Schnurbart! . . . Marquise (ungeduldig). Was ist denn eigentlich begegnet, unglückliches Kind? Julie. Oh! Das ist sehr einfach! Höre, liebe Mutter! Sie haben mir 9 den Oberst mitgegeben, um ihn zn zerstreuen ... Ich wollte ihn eine Kahnfahrt machen lassen. Marquise. Aber Du weißt ja, daß ich es Dir verboten habe . . . Miß. Ich habe es ihr gesagt, Frau Marquise. Julie. Oh, ich bezeuge es, — sie hat ihre Pflicht gethan! Aber nun saßen wir einmal, trotz Miß Jackson, im Kahn! . . . Wirklich, Mama, es war ein lächerliches Schauspiel: Am Ufer Miß Jackson ganz verstört und in Thränen, wie eine Henne, die eine Ente ausgebrütet hat und sie ins Wasserspringen sieht. Im Schiss: Herr Louis de Saqueville junior, mein künftiger Herr Gemahl, . . . zitternd vor Furcht umzukippen und ... seine gelben Handschuhe naß zu machen. Der Oberst ebenfalls zitternd . . . Marquise. Er? Julie. Ja, ja . . . zitternd! . . . Aber für mich! Und er sagte mir: Fräulein, Fräulein, halten Sie sich nicht aufrecht! — Herr Oberst, halten zu Gnaden, wo wäre sonst die Grazie? — Fräulein! Fräulein! Rief darauf Herr de Saqueville junior . . . Sie werden uns' reinsallen lassen! — Ach, was sind die Männer für Memmen? — Und ich belustigte mich, indem ich den Kahn heftig schaukelte, um ihn noch bleicher zu machen. Marqnise. Aber . . . Julie. Warten Sie doch auf's Ende, Mama! Plötzlich mache ich solch eine heftige Bewegung, daß der Kahn sich neigt . . . Wir fallen . . . Was thnt der Oberst? Er springt in's Wasser! Marquise. Himmel! Julie. Der Kahn, dieses Gewicht's entledigt, erhebt sich wieder . . . und er . . . gleich einem Gott des Meeres « - . wie ein Triton . . . oh, es war reizend! ... Es war mythologisch! Er stieß schwimmend das Schiss bis an's Ufer, wo wir mit heiler Haut an's Ufer stiegen und — unserem Lebensretter dankten! Marqnise. Aber er! . . . er!... Julie (lachend). Er spie Wasser wie ein Wallfisch. Marquise. Aber was ist aus ihm geworden? Das kann ihn krank machen! Julie. O, das ist ihm ganz gleich! Er wollte ja nicht einmal mit seinem Neffen zurück, und Herr Sevin brachte ihn in seine Wohnung, um ihn anszu- trockuen. Marqnise. Ach, das beruhigt mich! Julie. O, welche Idee! Ich möchte, er würde gar nicht trocken. Wir würden ihm dann unser Othello-Costum von unfern letztjährigen Charaden geben! . . Das wäre köstlich! Marquise. Julie! Julie. Und wenn der Pfarrer käme, würde man ihm sagen, daß es ein Beduine ist. O Gott! Mich trifft der Schlag, wenn man ihm nicht das Othello-Costum gibt! Ma rquise. Wirklich, Du wirst mit jedem Tag närrischer. Statt dein Oberst ein Othello-Costum zn schicken, lasse ihm gleich Malaga, Rum und Thee bringen. Julie. Beruhigen Sie sich, liebe Muter! Er ist bei Herrn Sevin, der sich nie etwas fehlen läßt. Marquise. Geh, es gibt Tage, wo man glauben kann, Du habest gar kein Herz. Julie (plötzlich ernst). Ich, liebe Mutter?! (Mit Gefühl) Wissen Sie denn nicht, wie ich Sie liebe?! Marquise (zärtlich). Das ist ein Wort, das mir wohl thnt. Ich fürchte immer, daß man Dich schlecht beurtheilt. (Umarmt Sie.) Mein Wildsang, ich will thun, was Du versäumt hast. (Im Abgehen, für sich) Und mich auf einen schweren Kampf vorbereiten. 10 Achter Austritt. Julie. Miß Jackson. Miß (nimmt ihre Arbeit und setzt sich links.) Julie (für sich). Afrika! Die Wüste! (Singt.) „Die Liebe wacht, o mein Geliebter!" . . . Ist es so recht? Miß. Ganz recht, Miß Julia. Aber warum immer das Lied von der Wüste? Ein weuig Belliui jetzt! . . . Julie. Ich liebe diese hinsterbende Weise. Das muß herrlich sein, Nachts bei Mondschein im Lager! . . . Miß (sentimental). Ja, aber Bellini!.. Julie. Miß Jackson! Miß. Was, Miß Julia? Julie. Miß Jackson, haben Sie auch schon geliebt? Miß. Oh! Miß Julia! k'or! Julie. Vorwärts, sagen Sie es offen! Es ist unmöglich, daß man mit so blauen Augen keine Leidenschaft einflößen und selbst empfinden kann. Gestehen Sie es, daß Sie geliebt haben? Miß. Pfui, Miß Julia! Wenn die Frau Marquise Sie hörte! . . . Julie. Ich möchte wissen, woran man erkennt, ob man liebt. Miß. Die Kennzeichen der Liebe hat Shakespeare so beschrieben! „Das Wamms schlecht zugeknöpft, keinen Hut auf dem Kopf, die Strümpfe auf die Ferseu niederhängend ..." Julie. Ach pfui, Miß Jackson! Wenn ich die Augen schließe, so sehe ich große Kameele mit goldenem Geschirr, schnaubende Araberpferde, Flintenschüsse, haushohe Cachemirballen, Teppiche mit Vögeln darauf, und hunderttausend sonnverbrannte Menschengesichter, welche schreien: Hoch die Frau Marschallin! Hoch die Frau Gouverneurin! Miß. Oh, wie sehen Sie so viele Sachen? Julie. In meines Geistes Auge, wie Hamlet sagt. Nicht wahr, das muß schön sein? Miß. Oh! Miß Julia! Möchten Sie wirklich nach Algier? Julie. Ja, meine Liebe! Können Sie Karten schlagen? Miß. Nein. Julie. Ich muß eine Wahrsagerin sprechen, um zu wissen, ob ich nach Algier komme. Miß. Sie werden mit Herrn Louis de Saqueville dahin reisen, um seinen Onkel in Algier zu besuchen. Julie. O, ich möchte keine zehn Meilen mit Herrn Louis reisen. Miß. Oh! Miß Julia! Ein so liebenswürdiger, junger Mann! Julie. Liebenswürdig? Ja, für seine Wähler. Aber wird seine Frau sich langweilen! .... Miß. Nein, Miß Julia; Sie werden sich nicht langweilen! Julie. Nein, ich werde mich nicht langweilen, ich schwöre es. Miß Jackson, ohne Spaß, ich bin leidenschaftlich verliebt. Wenn Sie fortfahren, Ihre Augen aufzusperren und so Ihren Mund zu öffnen, wie ein Briefkasten, so begehe ich Tollheiten und schicke meiuem geliebten Gegenstand eine vierseitige Liebeserklärung. Trauen Sie mir das nicht zu? Miß. Oh! Miß Julia! Ist es möglich? Wie, Sie lieben Herrn Louis de Saqueville nicht mehr? Wen denn? Julie. Wen denn! Wen denn? Das ist furchtbar schwer zu errathen. Wollen Sie jetzt die Dumme spielen? Vorwärts, wagen Sie es zu sagen, daß der Onkel nicht mehr Werth ist, als der Neffe! Wagen Sie es nur, und ich kratze Ihnen die Augen aus! Sagen Sie, wenn Sie es wagen, Uebles vom Onkel! Miß (erschrocken). Oh! Miß Julia! Julie. Ich will wissen, was Sie gegen meine Wahl einzuwenden haben? Miß. Erstens: Sie sind nicht mehr frei. Julie. Zweitens, ich mache mich frei. Miß. Und daun, er hat füusund- vierzig Jahre. : Julie. Er scheint nicht mehr als viernndvierzig ein halb. Ich liebe die Männer so. Und dann ... er hat einen schönen Schnnrbart, den ich ihm mit Papilloten wickeln werde, und er hat noch ganz schwarze Angen. Eine solide Farbe! Miß. Und bald wird er grau werden. Julie. Bald! Bald ist niemals. Ich weiß nicht, wann er grau wird . . . nächstes Jahr vielleicht . i . nach der Saison . . . im Augenblick, wo wir in die Bäder reisen. Was liegt daran? Wir reisen nach Algier. Er wird General. Großer Triumph-Einmarsch . . . man gibt mir gestickte Schärpen, arabische .Pferde, Armbänder und Sie — verheiraten wir an einen Scheck. Miß. Ein Scheck! Julie. Ja, ein Scheck. (Reicht ihr einen Shawl.) Machen Sie mir einen Turban damit. (Während Miß Jackson sie damit coifsirt.) Dann kommt der Augenblick, wo man in den Krieg zieht. Herzzerreißender Abschied! Ich erwarte die Depeschen vom Kriegsschauplatz mit banger Ungeduld. Sie lesen mir dann den „Moniteur" vor. Ich lagere mich auf einen: Divan in einem kleinen Salon, mit blaugeblümten Satin, auf dessen Rand Koransprüche stehen. Dort darf kein Profaner eindringen. Meine Mutter wird ihren langweiligen Herrn Sevin mit den Regenschirmen vor der Thüre lassen . . . Setzen Sie mir doch den Turban besser auf! Etwas schief! Verwegen! Miß. Und dann wird eine Depesche ^ kommen und wir werden lesen: „Der Herr General ist getödtet." Julie. Ach was, — wie könnte i das uns begegnen! — Ich sehe wirklich ) gut ans mit diesem Turban. Ist man je eine Witwe mit zwanzig Jahren?! Aber da sehen Sie mich an und sagen . Sie mir, ob ich nicht geboren bin, um r die Frau eines Paschas oder eines s Generals in Algier zu sein! . . . Wirklich, ich will nur noch Turbane tragen ! Miß. Oh! Miß Julia! Es ist die Stunde, wo Herr Louis de Saqueville kommt. Legen Sie das ab. Julie. Oh! Miß Jackson! Und wenn sogar der Onkel auf seinem großen Schlachtroß hergalopirt käme, mein Ehrenwort! ich würde mich hiuauf- schwingen und mit ihm galopiren! In die Wüste! In die Wüste! — Ich höre jemand. Miß. Oh! Miß Julia! Ach, er ist es selbst! Um Gotteswillen, legen Sie den Turban weg! Mein Gott, was wird er denken. Neunter Austritt. Vorige. Der Oberst. Julie, (salutirend). Salamalek! Oberst. Aleiknm Salam! Sie sind reizend in diesem Costnin. Ist Ihre Frau Mutter nicht da? Julie. Nein, wie Sie sehen. Oberst. Sie gleicht der Vorsehung, denn sie zeigt die Wohlthat und verbirgt die Wohlthäterin. Sie hat zu Herrn Sevin Speisen und Stärkungen geschickt, um zehn Ertrunkene zu retten, und wenn ich sie suchen und ihr danken will . . . Wo ist sie denn? Julie. Sie ist in ihrem Zimmer und corrigirt mit Herrn Sevin einen Entwurf. Bescheiden Sie sich; Sie gehören mir. Oberst. Ich bescheide mich ohne Schwierigkeiten, denn ich komme vornehmlich um Sie zu sehen und zu sprechen. Aber was thaten Sie denn vorhin? Spielten Sie mit Miß Jackson Charaden? Julie. Fragen Sie sie, was wir thaten und sprachen. M i ß (für sich), k'or slmrns! Oberst. Ich fürchte, ich komme als Störenfried. Und doch muß ich mir fünf Minuten für eine Unterredung erbitten, denn ich muß Sie sprechen — und zwar allen Ernstes. Julie. Ju der That, Sie macheu da eine Miene, wie zu einer Razzia. Miß Jacksou, haben Sie die Freundlichkeit und übernehmen Sie meine Stickerei. Nehmen Sie Platz, Herr Oberst. Oberst. Ich bedauere so alt zu sein, wenn ich die Fröhlichkeit Ihres Alters sehe. Sagen Sie mir, haben Sie gestern Louis gesehen? Julie. Ob ich ihn gesehen habe? . . . Warten Sie . . . Oberst. Wie, das wissen Sie nicht? Julie. O ja, ich besinne mich . . . Er ritt seinen Braunen, der die Ohren so schlecht trägt. Oberst. Worüber sprachen Sie? Julie. Das ist ja ein förmliches Verhör. Oberst. Sie plauderten zusammen? Julie. Wahrscheinlich. Aber worüber? ... Ich habe es vergessen. Ohne Zweifel über die Wahlen. Oberst. Er hat Unrecht, davon auch mit Andern, als seinen Wählern zu sprechen; aber ich fürchte, Sie haben sich ein wenig mit Ihm gezankt. Julie. Ich, mit ihm zanken? O, mein Gott, nein! Ein Zank mit ihm I... Ich zanke mich nur mit Leuten, die . .. Sehen Sie, vielleicht mit Ihnen würde ich mich zanken. Oberst. O, ich hoffe, niemals Ihren Zorn zu verdienen. Hören Sie mich an, mein liebes Kind . . . Erlauben Sie, daß ich Sie so nenne? Wir Männer werfen den Frauen vor, sie seien anspruchsvoll und empfindlich und wir sind hundertmal anspruchsvoller und empfindlicher als sie. Sehen Sie, für einen Mann ist es ein sehr grausamer Schmerz ... zu lieben, eine Neigung zu hegen, die wir nicht getheilt fühlen. Sie behandeln meinen armen Louis zu grausam. Julie. Wie so? Oberst. Ich habe es selbst erkannt- Sie haben für ihn nicht . . . Julie. Was soll ich denn haben? Oberst. Das Alles ist sehr heiklich zu sagen . . . aber Sie entschuldigen die Indiskretion eines Mannes, der so lange unter den Wilden gelebt hat . . . Sie scheinen für ihn nicht diejenige Zuneigung zu haben, worauf eine Person, die Ihnen bestimmt ist, Anspruch erheben darf. Julie. Er findet, ich liebe ihn zu wenig? Oberst. Er ist deßwegen in Aufregung und Verzweiflung, statt zu trachten, diese Zuneigung in Ihnen zu erwecken ... Vorwärts, meine liebe Julie, sprechen Sie zu mir mit offenen: Herzen . . . In meinem Alter kann man diese Offenheit schon fordern . . . Obwohl ich alt bin, liebe ich doch die Jugend . . . Nun denn, daß Sie Louis nicht lieben, liegt vielleicht an zwei Ursachen: entweder lieben Sie noch niemand . . . das ist es ohne Zweifel . . . Sie sind ja so jung . . . und Ihre Erziehung . . . Julie. Wirklich ja, im Kloster verbot man uns das und —> an den Nägeln zu beißen. Oberst. Sie sagen das so eigen . . . Sehen Sie mich an, ich bin ein bischen Phhsiognom. In diesem hübschen Lächeln sehe ich ein verzogenes Mäulchen, das mich erschreckt . . . Schließlich kann man ja seinem Herzen nicht befehlen . .. Vielleicht haben Sie geglaubt, ander- weit suchen zu müssen, was Lonis fehlt . . . diese gewinnende Lebhaftigkeit, diese Schwärmerei, welche man in Ihren Jahren für den Beweis einer wahren Neigung hält. (Sie nickt zustimmend.) Das befürchtete ich! Hören Sie mich, Sie sind sehr jung, sehr hübsch . . - ohne Erfahrung. Das sind Alles große Gefahren, um eine Zuneigung übel anzuwenden; aber Sie haben ja neben sich eine gute Mutter, die Sie liebt und die nur für Sie lebt! 13 Julie. Sie ist meine beste Freundin. Oberst. Sie sollen Ihre Mutter um Rath frage». Julie. Sie corrigirt aber ihre-Entwürfe. Oberst (nach einer Panse). Ah, Sie liebe» also! . . . Und zwar nicht de» armen Louis, welcher ... Ich will Ihnen nicht mehr davon sprechen . . . Fragen Sie sich, ob so viel Reiz, ein so edles Herzchen einem Dummkopf angehören soll. Julie Nein, nie! Oberst. Ihre Bestimmtheit macht mich ruhig. Ich glaube, er ist Ihrer würdig . . . Weiß Ihre Mutter, daß Sie ihn lieben? Julie. Nein, sie corrigirt! . . . O b er st. Ach, lassen Sie diese Scherze. Wir reden über das Glück und Unglück Ihres ganzen Lebens, mein liebes Kind. Ich zittere, wenn ich denke, daß ein Mann ein armes junges Mädchen bezaubern kann, weil er gut tanzt. Julie (lustig). O, ich wette, er tanzt sehr schlecht. Oberst. Um so besser, wenn Sie ihn nach empfehleuswertheren Vorzügen benrtheilen; aber warum spricht er nicht mit Ihrer Frau Mutter? Julie. Ach, ich weiß ja nicht, ob er an mich denkt. Oberst. Ob er an Sie denkt? . . . Ach, Julie, Julie! . . . Das ist so ein Roman, wie man sie mit zwanzig Jahren hat! Sie lieben einen Unbekannten, der Sie bei Mondschein vor einer Gefahr errettet haben wird. Julie. Vielleicht. Oberst. Narreteien, mein Kind, be- weinenswerthe Narreteien! Da wäre der Contretanz noch tausendmal besser! Wie, er weiß nicht, daß Sie ihn lieben? Ist er denn ein Dummkops? Julie (lachend). Ja . . . oder vielleicht denkt er nicht daran. Oberst. Sie sind nicht recht gescheidt, mein armes Kind; aber da sind Sie ja mit einem Mal ganz ernst und wechseln die Farbe! Ist es eine Thräne, was ich da in Ihrem großen Auge sehe? ... Arme Jugend! Arme Jugend! Wie viel Leid bereitet sie sich in einem einzigen Augenblick der Unbesonnenheit! Nun denn, dieser schöne Unbekannte? ... Miß (erhebt sich voll Unruhe). Miß Julia, die Frau Marquise wird fertig sein. Ich will ihr sagen, daß der Herr Oberst hier ist . . . Julie. Nein, ich will es ihr selbst sagen . . . Sagen Sie mir, Herr Oberst, in Algier ... wo die Frauen verschleiert sind, da ist es ja, wie wenn die Männer blind wären. Wie fängt es eine Frau an, um eine Erklärung zu machen? Oberst. Sie denken Wohl, ich habe deren viele empfangen? Julie. Aber Andere, die glücklicher sind als Sie und weniger bescheiden. Oberst. Sie erinnern mich an eine lächerliche Geschichte ... Als ich mit meinem Regiment in die Stadt Tlemcen in der Provinz Oran einmarschirte, ritt mir zur Seite mein Adjntant, ein braver Offizier, schön wie ein Engel. Ans der Straße ergriff plötzlich eine verschleierte Frau die Zügel seines Pferdes und wirft ihm eine Blume in seinen Mantel . . . Julie (wirft ihm schnell eine Blume zu, die sie am Mieder trug und eilt ab, sich das Gesicht verdeckend.) Oberst. Ah! (Zu Miß Jackson.) Frä». lein, wollen Sie der Frau Marquise sagen, daß ich nach Afrika znrückreise! (Durch die Mitte ab.) Zehnter Austritt. Miß Jackson. Sevin. Miß (bestimmt). Guter Himmel! . . . I llav6! . . . wie! . . . Sevin (der schon früher aufgetreten). Was hat denn der Herr Oberst, daß er so außer sich und ohne Jemand zu sehen, davon eilt. 14 Miß. Oh! Mister Sevin! . . . Wenn Sie! . . . ik ! ... Ich weiß nicht! . . . OK N/Iorci! . . . Ein jnnges Mädchen! Sevin (lachend). Ach Gott! Na, Miß Jackson, was haben Sie denn? Sie reden ja in allen Sprachen! Miß. Oh! Still! ... Die Frau Marquise! Eilfler Auftritt. Vorige. Die Marquise. Marquise (in eleganter Toilette nnd mit Bändern in den Haaren). Mein lieber Herr Sevin, wollen Sie den Herrn Oberst suchen und ihm sagen, daß ich ihn vor seiner Abreise nothwendig sprechen muß. Sevin. Ich eile, Fran Marquise.(Ab.) Marquise. Miß Jackson, wenn Sie Julie finden, so möge sie zu mir kommen. Miß. ^68, Frau Marquise. (Ab.) Zwölfter Auftritt. Die Marquise (allein. Sie geht dorthin, wo Juliens Blume liegt nnd hebt sie auf. Nach einer Pause). Liebt sie ihn? Ist es einfache Fröhlichkeit dieses närrischen Köpfchens? . . . Die jungen Mädchen sind so kindisch! Dieses da besonders! . . . War es ein jäher Ausbruch ihrer Seele? So viele Mysterien hat ein zwanzigjähriges Herz! . . . Ihm diese Blume zuzuwersen, als wäre sie die Pointe seiner Erzählung! . . . Eine Liebeserklärung durch die Blume! . . . Und er! Er! Nicht einmal aufgehoben hat er sie . . . und er entfloh! . . . Entfliehen? Warum? Ist sie es, die er flieht? Warum? . . . Bin ich es, die er furchtet? Tausend Gefühle kämpfen in mir. Die Eifersucht zuerst ... ja, ich bin eifersüchtig, daß sie ihn liebt! Die Freude! Ich bin glücklich, daß er diese Blume verschmäht hat. Dann der Mutterschmerz! Wenn dieses Kind leidet, wenn es leiden muß, so gibt es kein Glück für mich, — selbst wenn er mich lieben würde. Wenn sie ihn liebt . . . so kann ich ihr Den nicht zum Vater geben, den sie liebt. O, um jeden Preis . . . ein Ende mit dieser Bangigkeit! ... Da kommt sie! . . . Fragen wir sie! Dreizehnter Austritt. Vorige. Julie. Julie (fröhlich). Sie ließen mich rufen, Mutter? (Bemerkt ihre Toilette) Oh, wie schön sind Sie so! Marquise (lebhaft). Findest Du? Julie. So lobe ich mirs, so liebe ich Sie! . . . Sie sind um zehn Jahre jünger! ... Oh! die schönen Haare! Marquise (gerührt). Wirklich? Julie. Oh! Und wie! Wenn Sie so sortfahren, so sind Sie bald schöner, als wir Alle. Das verbiete ich Ihnen. (Bemerkt ihre Blume in ihrer Hand, verwirrt für sich.) Meine Blume! Marquise. Was ist Dir? Du scheinst verwirrt. Julie. Ich? Marquise. Ja, man könnte meinen beim Anblick dieser Blume. Julie. Dieser Blume? Marquise. Ja, scheint sie Dir nicht sehr nett? Julie. Gewiß . . . sehr nett! . . . Sagen Sie mir doch, Mutter, — war der Oberst nicht soeben hier! Marquise. Als ich eintrat? . - - In der That. > Julie. Ah! ... Hat er Sie ge- j sprachen? ! Marquise. Gesprochen? Wovon? Julie. Was weiß ich! Von seinem Neffen vielleicht? Hat er Ihnen diese Blume gegeben? Marquise. Nein, ich fand sie dort — am Boden. Julie (lebhaft). Am Boden! . . . (Für sich) Er hat sie nicht einmal ausgehoben! 15 M arquis e. Ei, was hast Du denn mit dieser Blume? Jnteressirt sie Dich so sehr? Julie (in Lachen ansbrechend). Alles ist möglich! Die Mäuuer siud so dumm! M arquis e. Was willst Du sage« ? Juli e. Daß ich wohl sehe, daß Sie Alles wisse»! . . . Der Oberst hat Jhueu Alles erzählt . . . uud au Ihrer streugeu Mieue uud au Ihrem Gesicht eiues grolleudeu Müttercheus . . . sehe ich leicht, daß Sie glauben, Ihre Tochter . . . (Lacht) . . . Hat er vielleicht nicht verstanden . . . Marquise. Verstanden? Was? Julie. Daß ich Lokalfarbe machte... daß ich eine algierische Comödie spielte... Marquise. So? Julie (stärker lachend). Hat er vielleicht! meine Blume für eine Liebeserklärung gehalten? . . . Das wäre schön! (Unterbricht ihr Gelächter plötzlich) Nun, es sei ich kann nicht lügen ... Ich warf ihm die Blume zu, weil ich ihn liebe. Marquise. Du liebst ihn? Julie. Ja. Marquise. In seinem Alter! Julie. Die Helden haben kein Alter. Marquise. Ein Mann, den Du gestern noch nicht 'kanntest. Julie. Es gibt Seelen, die mau in einer Stunde kenut, wie es andere gibt, die uns ewig fremd bleiben. Marquise. Du bist närrisch. Julie. Närrisch! Närrisch! ... Im Kopf? Es sei! In der Einbildung! Ja! Mer im Herzen? Nein! Denn das Herz habe ich von Ihnen und es ist stark und ernst, wie das Ihrige. (Bewegung der Marquise.) Diese Sprache in meinem Mund erstaunt Sie? Mich auch. Mir ist, als ob Alles, was ich Ihnen sage, in meiner Seele entstehe, sobald ich es ansdrücke . . . Und doch ... es ist meine Seele selbst! Ja, in diesem kleinen, tollen, launischen, phantastischen Mädchen ist eine Frauenseele! Marquise. Eine Frau, die einen Unbekannten zu lieben glaubt! Julie. Ich kenne ihn schon seit mehr als drei Jahren, denn schon drei Jahre erwarte ich ihn! Marquise. Du erwartetest ihn? Julie. Ja, ich habe es voraus gefühlt, errathen in der zornigen Verachtung, 'die mir alle jungen Männer um mich einflößen! . . . Wenn Sie wüßten, wie ärgerlich ich werde beim Anblick dieser wohlpomadisirten, kleinen Cigarrenträger, dieser kleinen, wohl- gewichsten Schnurbärte, dieser kleinen, wohl behandschuhten Hände und dieser kleinen, so übel angebrachten Herzen! . . . Ihr Herr Sevin so heuchlerisch! Herr Louis de Saqueviüe so furchtsam! . . . Sie waren vorhin nicht mit uns !im Schiff, — wenn Sie ihn gesehen hätten, wie er todtenbleich, sich so komisch an die Planken des Kahnes klammerte, wie er sich Furcht eiujagen ließ von einem kleinen Mädchen, wie er sich schämte, neben der Frau, die er liebt, sich zu fürchten! . . . Aber er, er! Das neune ich ein Herz. Ich spreche nicht von seinem Muth . .. Das heißt nicht Muth für ihn, sich in's Wasser zu werfen, um ein Weib zu retten! . . . Aber mit viel Geistesgegenwart sprang er in die Wellen, um den Kahn auszurichten! Mit wie viel jugendlicher und graziöser Gewandtheit stieß er das schwache Fahrzeug an's User! Uud vor einem Augenblick . . . dort ... als er mir von seinem Neffen sprach, welch liebevoller, gütiger Blick! Wie konnte diese Stimme, die ans Com- maudiren gewöhnt ist, so sanft und süß werden . . . Doch nein, sie besänftigte sich ganz natürlich um mit einem jungen Mädchen zu sprechen ... Er hatte fast Thränen in den Augen! . . Ich bin's gewiß, daß er geliebt hat! Was ich geliebt nenne! Ich bin überzeugt, daß er gelitten hat! Ja, ich fühlte in ihm eine verborgene Traurigkeit, ein schmerzliches Gedenken, das mich noch mehr zu ihm hiuzieht. (Mit Zärtlichkeit) ES muß so süß sein, ein großes Herz zu trösten! Ich glaube, ich würde ihn sehr gut trösten! . . . Ich sehe klar in mein Herz, Mutter! Mein erstes Bedürfniß ist, daß ich stolz sein kann auf den Mann, dessen Namen ich annehme. Ich muß diesen Namen mit Achtung aussprechen können! ^Jch muß, wenn mein Gemahl abwesend ist, an all' das Gute und Schöne denken können, das er gethan hat! Ich muß, wenn ich mit ihm ausgehe, mich beneidende Blicke sehen können! . . . Ich bin stolz, — ich kann nur einen Mann von höherem Werth wählen . . . mit welchem Recht und mit welchem Anspruch, ich weiß es nicht, aber ich kann keinen Geringeren lieben! Marquise (nach einer Pause). Aber wenn er Dich nicht lieben würde? Julie. Es ist unmöglich! Marquise. Unmöglich? Und diese Blume, die er nicht anfhob? Julie (schmerzlich). Diese Blume? Meine Blume! . . O, ich Unglückliche, ich hatte es vergessen. (Mit festem Entschlüsse) Wohlan, ich will es wissen! Diese vergessene Blume bedeutet vielleicht nichts . . . Ein Geck hätte sich dessen gerühmt, ein Dummkopf hätte darüber gelacht, —. ein Ehrenmann kann sich stellen, als hätte er nichts verstanden. Ich bin jünger und reicher, als er, — vielleicht ist dieses Verschmähen nichts als Delicatesse, — auf jeden Fall, ob Zurückhaltung oder Verzicht, ich will es wissen! . . Ich will, daß Sie ihm meine Hand antragen, und wenn er sie ausschlägt, so weiß ich, was mir zn thun bleibt! . . . (Die Marquise klingelt.) Was thun Sie? (Ein Kammermädchen tritt ans.) Marquise. Bringen Sie mir meine Haube und meinen Ueberwurf, den ich dort in meinem Zimmer liegen ließ. Julie. Wie, Mutter, Sie wollen die abscheuliche Haube wiederaufsetzen? Marquise (lächelnd). Ja. O man will vergeblich seinem Alter entgehen! Als ich Dich anhörte, war ich gerührt, verwirrt . . . jetzt bin ich wieder kalt und fest. (Das Kammermädchen tritt wieder ans. Die Marquise setzt ihr Häubchen auf den Kopf und hüllt sich in den Ueberwurf. Der Oberst tritt ein.) Vierzehnter Austritt. Vorige. Der Oberst. Julie (zur Marquise). Er! . . . Marquise. Ich danke Ihnen, Herr- Oberst, daß Sie gekommen sind. Oberst (macht ein Zeichen der Ueber- raschung, als er sie sieht). Marquise (lächelnd). Ich sehe mit Vergnügen, daß Sie sich nicht verändert haben ... immer die alte Aufrichtigkeit! Oberst. Wie, Madame! Marquise. Ja! Wie Sie mich wiedersahen, konnten Sie den Ausdruck Ihres Erstaunens nicht unterdrücken, mich so . . . so gealtert zu finden. Oberst. Ich, Madame? Marquise (zeigt.auf Julie). Glücklicherweise . . . haben Sie mich da . . . eine Zwanzigjährige . . . sowie Sie mich gekannt haben! Sie gleicht mir . . . nicht wahr? Oberst. In der That! . . . Marquise (ihm die Blume reichend). Beweisen Sie es mir! . . . Indem Sie von meiner Hand diese Blume annehmen! . . . Oberst. Wie, Madame?! . . . (Ergreift die Blume.) Marquise. Ich danke. Julie (bedeckt ihre Hand mit Küssen). Meine Mutter! . . . Marquise (sie anblickend). Armes Kind, welche Freude! Nein, es ist weniger schwer, als ich geglaubt habe. Per Worharig fällt. Schauspiel in einem Aufzuge von Alphonse Doudet ör E. LEpine. -für die deutsche ^kühue bearbeitet von Gottlieb Rittev. Einzige von den Verfassern autorisirte deutsche Bearbeitung. Aufführungsrecht Vorbehalten. Men, 1878. Verlag der Wallishausser^schen Buchhandlung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. i. Das Aufführungsrecht ist nur zu erwerben durch die Agentur der deutschen Genossenschaft dramatischer Autoren in Leipzig. Personen: Ambrosius. Gertrud, seine Frau. Ein Postbote. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. Ein einfaches Zimmer. Hanptthür im Hintergründe. Rechts ein Tisch nnd nach vorn ein Fenster. Links eine Thür. Neben der Mittelthür Kamin mit Spiegel darüber. Vorn rechts ein gedeckter Tisch. Links vorn ein Secretär, worauf Schreibutensilien, Bücher und eine Zeitung. Links davon ein Lehnstuhl. Rechts ein Stuhl, worauf ein Damenhut und ein Shawl. i Erster Austritt. Ambrosius. Gertrud. Gertrud (indem sie die Teller und Gläser auf den Hinteren Tisch trägt). Wollen wir den Kaffee hier oder in meinem Zimmer nehmen? Ambrosius. Hier, wenn Dir recht ist (Erhebt sich vom Lehnstuhl, während Gertrud den Tisch zwischen Mittelthür und Kamin trägt.) Ich will meinen Stuhl ans Fenster rollen. (Thut es.) Ein Bischen Sonnenschein im Kaffee, das ist besser, als alles Kirschwasser der Welt. Das nannte Leopold das Täßchen des lieben Gottes. Gertrud (servirt ihm den Kaffee). Ich fürchte nur, die Sonne brennt etwas zu heiß für Deinen Kopf, mein Lieber. A mb rosi u s. Ich kenne Dich, schöne Maske! Das stört Dich, mich am Fenster zu wissen. Denn von hier aus kann ich sehen, wie Du in die Kirche gehst, und inein Blick stört Deine Freigebigkeit gegen die Bettler an der Thüre, nicht wahr? . . . Sei ruhig, ich will ein Auge zudrücken, ich verspreche es Dir. Gertrud. Zum Dank verspreche ich Dir, nicht verschwenderisch zu sein. Ambrosius. Was ich sagen wollte, Gertrud: wann bekommt man endlich Leopolds Bild wieder zu sehen? Gertrud (verlegen). Leopolds Bild? 3a, ich . . . Theater-Repertoir 341. Ambrosius. Nun sind es schon vier Monate, daß Du es in die Stadt geschickt hast, um es unnöthigerweise neu einrahmeu zu lassen. Gertrud. Unnöthigerweise? Wie kannst Du das nur sagen. Der Rahmen war von den Holzwürmern ganz abscheulich zugerichtet. Ambrosius. Jedenfalls hat noch Niemand vier Monate gebraucht, um ein einfaches Bildchen eiuzurahmen. Wenn Du ein Bischen offen sein wolltest, müßtest Du gestehen, daß Dir nicht viel am Bilde dieses Undankbaren liegt und daß Du Dir deßhalb so wenig Mühe gibst, es wieder zu bekommen. Ach, mein Gott, wehre Dich nicht gegen diesen Vorwurf, denn Dein Gefühl ist natürlich. Das Betragen Leopolds entschuldigt und rechtfertigt all Deinen Groll. (Nach rechts) Ein Junge, den ich liebte und behandelte wie einen leiblichen Bruder oder besser wie einen Sohn, der mit nnd in uns lebte, ein Freund, dessen Eintritt ins Leben ich gesehen und der mir schuldig wäre, mir einst die Augen znzudrücken . . . husch! Eines schönen Tages — eines schönen Tages, dumme Redensart! — ist er fort, ich weiß nicht nach Odessa oder wohin . . . kurz, zum Teufel! Ein Hutlupf, eine Verbeugung, ein Handschlag, drei Banalitäten! nnd ^ dieses theure Wesen, dieser Bruder, 4 dieser Sohn, dieses Stuck von mir, entschwindet unserem Dasein und unseren Herzen, wie man sich nach einem gewöhnlichen Besuch verabschiedet. Acht Jahre sind es her, und ich erinnere mich noch, als wäre es gestern geschehen. Und hier war's, neben dem Kamin, an einem Octobertag, dem zweiuudzwanzig- sten, daß er mir seine Abreise anzeigte und Lebewohl sagte. Ich fand nicht die Kraft, mich zu erheben und ihn auszufragen. Ich blieb da, in meinem Lehnstuhl mit offenem Mund, athemlos, wie vom Schlage gerührt. Gertrud. So recht, jetzt quälst Du Dich wieder mit diesen Erinnerungen! Ambrosius. Nein, nein! Ich versichere Dir, Gertrud, das thut mir nicht weh und hat mir nicht so weh gethau. wie Du glaubst. Uud wenn Du mich folgeudeu Tags weinen sahst, so war es nicht um den geschiedenen Freund, sondern um die Freundschaft, dieses süße Ding, das ich auf eine so dumme Weise verloren habe. (Setzt sich zum Secretär.) i Gertrud. Mein armer Ambrosius! Ambrosius. Was willst Du? Mau liebt den Verlust nicht, besonders in meinem Alter. (Zeigt auf seine Stirne) Wir haben da drinnen einen kleinen Tempel, wo wir aufs Gewissenhafteste allen unseren Träumen, Zuversichteu, Neigungen und Idealen eine Zuflucht bereiten. Sie stehen dort Alle ganz, aufrecht, im Gleichgewicht, ein jedes auf seinem Piedestal. Stolz auf diese süße Last wandeln wir durch das Leben, wie jene italienischen Straßeuverkäufer, die ihre Gipsfiguren in den Händen, unter den Armen und auf dem Kopfe tragen. Ein Kiesel uuter dem Fuß, der Ellbogen eines Vorübergehenden, ein Nichts genügt, um all diese schönen kleinen Götter zu zertrümmern! Selten kehrt der Arme heim mit seiner ganzen Last. Noch seltener aber gelangen wir aus Ziel unseres Lebens mit all unseren Idealen. Gertrud, mein Weib, sieh meinen alten Kopf an; jetzt ist sein Tempel verödet uud zerstört. Von all seinen alten Idealen ist nur ein einziges übrig geblieben, aber das steht fest, nuerschütterlich, geschützt vor Zufällen uud Prüfungen. Dieses letzte Ideal, Gertrud, bist Du! O Du brauchst nicht zu erröthen und Dein Haupt abzuwenden. (Erhebt sich.) Gertrud (verlegen). Und Dein Kaffee, Ambrosius? A mbrosius (von ihr geführt nach rechts). Mein Kaffee ... mein Kaffee . . . ich will ihn nehmen, Du Böse; es ist ja nicht meine Schuld, wenn ich heute meinen Tag der Erinnerung und Rührung habe. Vorhin, als Du mir den Kaffee reichtest, lag in Deinen kleinsten Bewegungen, in Deiner Art, mir ein- zuschenken, so viel Fürsorge, Zärtlichkeit und Mitleid, daß mein Herz von Dankbarkeit schwoll. Ich habe sogar eine kleine, ganz kleine Thräne in die Tasse fallen lassen, die niemand etwas ver- rathen hat. G ertrud (lächelnd). Und ist auch , Zucker darin? i A mbrosius (am Fenster). Jetzt nehme ^ ich welchen. (Thnt es.) Entschieden, Ger- ? trud, man muß dem Vergolder schreiben, ^ daß er uns endlich das Bild zurück- schicke. (Setzt sich ans Fenster.) Gertrud (setzt sich langsam vor dem Spiegel den Hut auf). Ja, mein Freund, ich werde schreiben ... ich verspreche es Dir. ! Ambrosiu s. Nur dieses Bild leistete mir Gesellschaft an diesen laugen Sonntag - Nachmittagen, wo Dich die Kirche ganz gefangen hält, und jetzt fehlt mir dieß gute Gesicht, um mit ihm zu plaudern. (Er zuckert seinen Kaffee abermals.) Uebrigeus, Gertrud, Hand aufs Herz, wenn wir so wenig auf dieses Bild geben, war es kaum der Mühe werth, > es zu behalten und Leopolds Familie > seiner zu berauben. Er war so lieb mit ! Allen, der große Tollkopf, und alle Welt liebte ihn! (Erhebt sich.) Denkst Du noch daran, wie heiter, lustig und unterhaltend er war? Und witzig dazu, nicht wahr? (Panse.) Ja, ja, gestehe nnr, Leopold hat Dir nie ganz gefallen. Sein lautes, spöttelndes, herausforderndes Wesen mnßte Dich freilich beunruhigen und ängstigen, mein stilles Wässerchen! (Er wirft abermals Zucker in seinen Kaffee.) Gertrud. Das ist nun schon wenigstens das zehnte Stück Zucker, das Du in Deiner Tasse ertränkst. Der Kaffee wird nicht mehr genießbar sein. Ambrosius. Es ist wahr, es ist wahr. Diese Erinnerungen verwirren ein wenig meinen Kopf. (Setzt sich.) Meine liebe Gertrud, Du wärest ein Engel, wenn Du für heute auf die Kirche verzichten würdest. Nur für dies einzigemal, was meinst Du? Du würdest Dich alsdann hier, mir gegenüber niederlassen nnd einige Karten in die Hand nehmen, um einen Vorwand znm Plaudern zu haben, nnd dann würden wir ein Spielchen von vier oder fünf Stunden unternehmen, das uns auf angenehme Weise zum Nachtessen hiuüber- leitete. Willst Du? Gertrud. O, Ambrosius, mich die Kirche versäumen lassen! Ambrosius (lächelnd). Märe Leopold da, glaube mir, er würde Dich darob hübsch anslachen! Wie oft neckte er Dich, wenn Deine fromme Laune Dich ergriff; zu seiner Zeit wenigstens waren es nnr Anfälle, heute ist es schon chronisch geworden. O, ich mache Dir keine Vorwürfe. Indem Deine Frömmigkeit wuchs, verdoppeltest Du auch Deine Fürsorge nnd Hingabe für mich. Nun, geh' in die Kirche, Betschwesterchen! Gertrud (löst wieder halb die Bänder ihres Hutes). In der That glaube ich nicht, daß der liebe Gott oder der Herr Pfarrer mir für dies eine Mal zürnen würde, nicht wahr? Ambrosius. Nicht doch, in meinen Jahren wird Alles zur Gewohnheit. Wenn Du mir die Kirche diesen Sonntag opfern würdest, müßte ich sie auch alle anderen Feiertage haben. Nein, gib mir lieber die Zeitung dort. Ich will lesen nnd unterdessen von Zeit zu Zeit einen Blick hinaus werfen auf die Leute, die zur Kirche gehen, und die Jungens, die auf dem Platze spielen. Und da man von hier ans die Orgel und die Stimmen der Gläubigen vernehmen kann, werde ich mit Andacht dem zuhören und mit ebenso großer Andacht bei Beginn der Predigt . . . (Er macht das Zeichen des Einnickens.) Gertrud. Willst Du wohl schweigen, alter Heide, sonst geh' ich nur bälder. (Nimmt ihr Gebetbuch vom Secretär.) Ambrosius. Vergiß mir nur den Rosenkranz nicht. Gertrud. Nein, ich habe Alles. . . ich danke. (Glockengeläuts.) Ambrosius (steht auf). Vorwärts, geh', es ist hohe Zeit. Die Glocken rufen Dich und verlieren die Geduld. Hörst Du nicht: „Bim, bam, bum! Frau Ambrosius! Bim, bam, bum! Sie kommt nicht! Bim, bam, bum!" Die Bettler an der Kirchenthür werden auch ungeduldig, nnd ihr Hund.dreht immer den Kopf hierher. Alle Wetter, ich halte Dich nicht zurück! Hahahaha! (Er begleitet sie lachend zur Mittelthüre. Gertrud schnell ab und wendet sich noch einmal zum Abschied.) Zweiter Auftritt. A morosius allein. Dann ein P o st b o t e. A m brosius (nach vorn). Jeden Sonntag drei «stunden in der Kirche für ein ganzes Leben von Hingabe ist gewiß nicht viel, und ich hätte wirklich Unrecht, sie dieser Erbannngsstunden berauben zu wollen. (Das Glockenqelänte 6 bricht ab. Er steht am Fenster.) Ah, jetzt kreuzt sie den Platz. (Setzt sich.) Wie eine brave Frau ihren eigenen Gang hat! Ich weiß nicht, welcher Hauch von Scham und Keuschheit ihr ganzes Wesen aus- athmet und was ihr so etwas Junges und Frisches verleiht: diese Frauen bleiben fast ewig junge Mädchen. Gott grüß' Dich, Gertrud; geh' beten für Deinen alten Ambrosius, daß ihm noch ein langes Leben beschicken sei, um Dich zu lieben und zu segnen. Und daß er mir ja nicht den üblen Streich spielt, mich nach Dir zu sich zu rufen, denn das würde mir mein ganzes Lebensglück verbittern. Ei, ei, nun bin ich schon ganz gerührt, aber wirklich sehr gerührt. Man sollte glauben, es begegne mir heut etwas Besonderes. Wenn Leopold ankäme, das wäre! . . . . (Trinkt.) Gertrud hat Recht. Dieser Kaffee ist abscheulich süß. Wie viel Uhr ist es? Drei Uhr. Noch eine gute Stunde muß ich warten. (Ferne Orgeltöne.) Wenn ich sie überraschen und an der Kirchenthür erwarten würde? Es ist ja nicht weit, wenn nur nicht ineine Gicht wäre. (Horcht auf.) Uebrigens habe ich nock- alle Zeit, man ist erst am dritten Vers. Ich sehe sie von hier aus abseits in einem dunkeln Winkel der Kirche ans ihrem rothen Schemel knien; sie hält ihren Rosenkranz und betet leise. Ich wünsche Ihnen gute Verrichtung, Frau Ambrosius, ich fühle mich ganz schläfrig. (Die Orgel schweigt. Er lehnt sich in seinem Stuhl zurück, schließt die Augen und sagt halblaut:) Ich weiß nicht, ist es die Zeitung . . . oder aber die Predigt. . . (Er zeigt hinaus) die eben beginnt . . . (Er nickt ein. Es klopft ans Fenster. Er öffnet die Augen.) Was? Wer ist da? Was gibt's? (Erhebt sich.) Der Postbote (von außen). Herr Ambrosius! Ambrosius. Sieh da! Es ist der Postbote . . . (Oeffnet das Fenster.) Der alte Anselm. Postbote. Schön guten Tag, Herr Ambrosius. Wie steht's, wie geht's? Ich habe da etwas für Sie. Ambrosius. Ah, hat die Post heut etwas gebracht? Das ist selten. Aber vor Allem, wie geht es Euch, Anselm? Helfen Euch die Beine noch? Postbote. O, mit den Beinen bin ich wohl zufrieden, aber die Augen wollen mich nicht mehr so gut führen, weiß nicht warum. Ambrosius. Weil sie Euch schlechter führen, hahaha. P ostbo te (lachend). Immer derGleiche, dieser Herr Ambrosius, wie mit zwanzig Jahren! Ambrosius. Ich übe täglich meine Fröhlichkeit, wie Ihr Eure Beine. Postbote. Sie haben gut fröhlich sein mit einem so ausgezeichneten Kaffee, kredenzt von der schönen Frau Ambrosius! (Ambrosius stellt seine Tasse auf auf den Tisch.) Das ist eine Frau, die nicht gealtert hat, aber um kein Haar. Sie ist noch wie eine Zwanzigjährige. Ambrosius (bietet ihm die Dose). Eine Priese, alter Anselm? Postbote. Recht gern. Wenn mir das nur die Augen öffnen könnte! Ambrosius. Ich weiß wohl, was gut wäre dafür. Postb ote. Wirklich, Herr Ambrosius? Ambrosius. Natürlich. Das will was heißen, so den ganzen Tag hernin- zulaufen. An solchen ersten Frühlingstagen hat man etwas nöthig, das inwendig heizt. Ich habe da ein altes Kirschwasser, das den Teufel im Leib hat. Postbote. Ah, den könnte ich gerade brauchen! Ambrosius. Ja . . . aber . . . ich bin allein . . . und meine Frau ist in der Kirche. Postbote. So ist es für ein andermal, Herr Ambrosius. Ambrosius. Nein, nein, ich bin wüthend auf meine Frau, die immer 7 ihre Schlüssel bei sich trägt. (Schnell) Habt Ihr etwas für mich, Anselm? Postbote. Ein ziemlich großes Paket, wie Sie sehen. Das kommt von weither. Im Postbureau hieß es, es sei ein Bild. Ambrosius. Endlich! Endlich ist man so gnädig, es uns znrückzuschicken! (Er legt das Paket auf den Tisch.) Ich Zahle Euch das sogleich, Anselm! (Oeffnet den Secretär.) Zum Teufel, schon wieder ein Hinderniß! Nun ist auch die Kasse in der Kirche mit meiner Frau und dem alten Kirschwasser. Wirklich, das macht mich böse! (Ans Fenster.) Postbote. Nein, erzürnen Sie sich nicht, Herr Ambrosius. Ich habe noch einen Gang zu machen. In einer Stunde komme ich wieder vorbei. Ambrosius. Gut, so sei's, Anselm. Der kleine Schlüssel öffnet die Kasse und die Kirschwasserflasche. Ans diese Art trefft Ihr mit einem'Schlag zwei Fliegen, wovon Ihr die eine verschluckt, hahaha! Postbote (lachend). Dieser gute Herr Ambrosius! Wie mit zwanzig Jahren. (Man hört, wie er, ein Lied summend, sich entfernt.) Dritter Austritt. Ambr os ins. Da ist er ja wieder, mein Leopold! Schnell, schnell, geben wir ihm auf's Neue den Platz, der ihm gehört. (Er versucht die Schnüre des Packetes zu lösen.) Sie haben ihn solide verpackt! Ich brauche ... da ist ein Messer! (Er nimmt ein Messer vom Tisch und schneidet die Schnur ans.) Ich habe noch nie so etwas gut Verpacktes gesehen. (Er zieht ein Portrait heraus, bringt es nach hinten und legt das Kistchen, worin es verpackt war, links neben den Kamin.) Und jetzt an Deinen Nagel, damit wir plaudern können. (Er hängt das Bild ans und betrachtet es.) Das ist sonderbar, sehr sonderbar! Nicht berührt hat man das Bild, der Nahmen ist noch immer der alte. (Setzt sich links vom Secretär.) Das war wirklich der Mühe Werth, ihn so lange zu behalten und unsere Wohnstube ihres liebsten Schmuckes zu berauben! Nun, das mag Gertrud mit dem Vergolder ausmachen, die Hauptsache ist, daß ich den Gefährten meiner Sonntagnachmittage wieder gefunden habe; jetzt bin ich nicht mehr allein, wenn Gertrud ausgeht. Dennoch hätte ich in dem Kistchen etwas finden sollen, das mir erklären Würde .. . (Erhebt sich und durchstöbert das Kistchen.) Ei, natürlich, und sogar zwei Briefe für einen! (Setzt sich wieder.) Schau, was soll das heißen? Die Adresse von Leopold in Odessa . . . und ans dem andern Umschlag die meiner Frau. Eine unbekannte Schrift. Gertrud hätte demnach das Bild nach Odessa geschickt? Ich bin gewiß, daß sich darunter noch irgend ein Geheimniß inniger Zärtlichkeit verbirgt. Schau'n wir einmal! (Er öffnet einen Brief und liest.) „Geehrte Frau Ambrosius, wir haben die Ehre Ihnen hiermit das Portrait des Herrn Leopold znrückzusenden und den Brief, womit Sie es begleitet haben." Das gleicht Gertrud! In ihrer Wnth ans Leopold hat sie ihm offenbar sein Bild in Begleitung eines Brieses zurückgeschickt,! Gewiß habe ich es erathen. „Als Ihre Sendung uns zukam, war Adressat schon seit zwei Monaten todt..." Ist es möglich! O meine Ahnung hat mich also nicht betrogen. Ich wußte ja, daß mir heut etwas begegnen werde. Leopold! ... Er ist dahingegangen in die Fremde, fern von den Seinigen, fern von uns, armer Freund! (Trocknet sich die Augen.) Aber woran ist er denn gestorben? Und wo? Und wie? Ohne Zweifel wird der Brief es mir melden. „Schon seit zwei Monaten todt. Dieser Umstand mögen Ihnen, werthe Frau, erklären, weßhalb wir in unserer Eigenschaft als Testamentsvollstrecker uns 8 genöthigt glaubten, Ihr Packet und Ihren Brief zu offnen, um zu wissen, wohin wir die Sendung zurückzuschicken haben. Genehmigen Sie, geehrte Frau, unsere Empfehlungen und halten Sie sich unserer Discretion versichert. Jwa- nof, Dimitri L Cie." Was wollen diese Dummköpfe mit ihrer Discretion sagen? Ohne Zweifel eine moscowitische Redensart, die gerade so leer ist, wie die unsrigen. Mein lieber Leopold! Ich, der ihn Tag für Tag wiederzusehen hoffte, mit Bitten um Verzeihung ans den Lippen und lustigeren Geschichten im Kopf! Todt! Er ist todt! (Pause. Er ergreift mechanisch den andern Brief.) Sehen wir, was Gertrud ihm schrieb! (Trocknet sich die Augen und öffnet den Brief.) „Ich danke Ihnen, Leopold, für Ihr mannhaftes Worthalten, für Ihren Muth, uns verlassen zu haben und für Ihr Schweigen." Ei, was . . . nun, ja, es ist ihre Schrift; nur Gertrud versteht sich auf so zierliche Haarstriche. Aber zum Teufel, was sagt sie ihm denn? Sie dankt ihm dafür, daß er fort ist und nie aus meine Briefe geantwortet hat? Das ist unerhört? „Seit dem Tage, wo ich stark genug war, sie fortzuschicken und die sträflichen Bande zu brechen, die uns vereinigen..." Barmherzigkeit! Was stürzt da auf mein Haupt? Vorwärts, ich habe schlecht gesehen! (Erhebt sich.) Solche Dinge gibt es uicht, es ist unmöglich! Gertrud wird mich mit ein paar Worten aufklären. „Warum ich Ihnen heute nach achtjährigem Schweigen schreibe, wird Ihnen die Sendung erläutern, die meinen Brief begleitet. Ja, Ihr Bild, Leopold, Ihr Bild, dessen Blick mich überall verfolgte und dessen Gegenwart in meinem Haus mir eine Quelle ewiger Leiden und Gewissensbisse war." Es ist wahr! (Fällt aus den Lehnstuhl.) „Leben Sie wohl, Leopold, leben Sie wohl aus immer! Wir haben uns getrennt, um uns zu strafen. Ach! Warum muß diese grausame Trennung zugleich mit uns auch die große und edle Seele schmerzen, die wir durch drei Jahre betrogen haben?" Also hat drei Jahre lang Verrath und Ehebruch hier an meiner Seite gelebt, aus meinem Glase getrunken, von meinen: Brod gezehrt und unter meinem Dache geschlafen! O alle. Freuden meiner Vergangenheit, all') meine Erinnerungen — dies gute Ding, das uns Alten am Leben erhält — das Alles ist vergällt und verdorben! Mein ganzes Leben ist zerstört! Warum habe ich so lange gelebt? (Er fällt in den Lehnstuhl am Secretär.) Wie ich mir diese Fürsorge, von der ich mich umgeben ließ, vorwerfe! Aber jetzt werde ich die Kraft wiederfinden, um zu entfliehen. (Erhebt sich.) Um dieß Haus, das auf mir lastet, zu verlassen und diesen verfluchten Herd und diese verhaßte Umgebung. (Lehnt sich schluchzend, das Gesicht in den Händen, im Stuhl zurück.) Ich muß zu eiuem Entschluß kommen: Entfliehen, bevor sie da ist? Habe ich die Kraft dazu? Was thun, mein Gott? Ich habe da drinnen eine Stimme, die zu mir sagt: „Diese Dinge liegen fern, armer Alter, diese Dinge sind verjährt. Acht Jahre sind über das Verbrechen hinweggegangen; von den beiden Schuldigen ist das Eine todt nud das Andere versöhnt mit Gott und seinem Genossen, warum willst Du strenger sein, als diese furchtbaren Richter: Gott, das Gewissen und der Tod? Wirf weg das Bild, verbrenne diese Briese, Du mußt vergessen, von nichts mehr wissen und dies Geheimniß in Deiner Seele bewahren!" (Erhebt sich müthend.) Nein, nein, laß mich, lügnerische Stimme! Ich bin kein Engel, kein Heiliger, nein! Ich bin ein bestohlener Mann! Ich mnß strafen! Ich will sie bei der Kirchenthür erwarten, die Elende, und dort vor aller Welt fordere ich Rechenschaft für ihr Verbrechen. (In seiner Aufregung kommt er vor den Spiegel, worin er sich betrachtet.) 9 Wie lächerlich bin ich! Geh, siebenzig- jähriger Othello, Deine Thränen und Deine Wnth zwingen zum Lachen. Also schweige, und wenn Du es nothighast, L, Deinen Schmerz Jemand zu sagen, so d hast Du den Tod, den einzigen wnr- i > digen Vertrauten Deines Schmerzes! ^ Setzt sich links vor den Secretär, den Elbo- gen auf den Briefen und den Kopf in den ^ Händen.) k Vierter Auftritt. Ambrosius. Gertrud. Gertrud (durch die Mitte, eilig und ! heiter. Indessen sie Hut und Shawl ablegt), i Da bin ich wieder, Ambrosius. Ich s habe das Ende der Predigt nicht er- ! wartet, um bälder hier zu sein. Nun j Ainbrosius, was ist Dir? Was ist be- gegnet? Bist Du leidend? (Nähert sich , ihm. Er erhebt langsam den Kopf und weist ?. mit der Hand auf das Porträt an der Wand. Sie unterdrückt einen Schrei.) Wie? Ich verstehe nicht... Die Wiederkehr dieses Bildes verursacht Dir solchen Schmerz? (Er schiebt ihr mit dem Elbogen die Briefe zu.) Mein Brief! (Sie sinkt auf die Knie.) Mein Brief! Gnade! (Er erhebt sich und hält sich aufrecht vor ihr, an den Tisch gelehnt.) Ambrosius. Du hast mir einen furchtbaren Schlag versetzt, Gertrud. In meinen Jahren erholt man sich davon nicht mehr, weißt Du? Gertrud. Ich habe so viel gelitten und geweint seit acht Jahren. Ambrosius. In diesen acht Jahren hast du nicht gelitten, was ich seit einem Augenblick leide. Eine meiner Thränen ist mehr Werth, als alle die Deinigen. Gertrud. Mein Gott! Was soll ich ihm sagen? Was thnn? Wie ihm beweisen? Ambrosius (erhebt Gertrud, die seine Hand erfaßt hat.) Was willst Du mir beweisen? Daß Du seit acht Jahren büßest? Aber, Du Unselige, das Ueber- maß Deiner Rene erinnert mich nur an die Unendlichkeit Deines Fehltritts. Denkst Du, daß alle diese Thränen, an die ich gerne glauben will . . . Gertrud. Oh! Ambrosius. Denkst Du, daß alle Thränen der Welt die namenlose Wunde heilen können, die Du mir geschlagen hast? Thränen unterhalten die Wunden, sie vernarben sie nicht. Gertrud. O wie gern wollt' ich sterben! Ambrosius. Sterben? Du willst sterben? Nein, nein, das sollst Du nicht! Im Gegentheil, leben mußt Du, leben ! Zur Sühne! Komm! Daher ... zu mir! (Holt einen Stuhl, den Gertrud zu Anfang neben den Hinteren Tisch getragen hat und stellt ihn zu seiner Rechten. Dann setzt er sich rechts.) Gertrud. Nein, ich wage es nicht. Mein Platz ist zu Deinen Füßen, ewig zu Deinen Füßen! (Sie kniet neben ihm.) Ambrosius. Dein Platz ist dort, wo ich bestimme. Mir allein kommt ein Urtheil darüber zu. Setze Dich dahin! (Gertrud gehorcht). Ich habe das Recht, Vieles von Dir zu erfahren . . Gertrud. Du weißt Alles, Ambrosius, Ich habe Dir nichts mehr zu sagen. Habe Mitleid, und laß mich schweigen. Ambrosius. Im Gegentheil, reden wir davon. Mich würde es ersticken, wenn wir nicht darüber sprächen. Aber wart . . . (nimmt das Bild von der Wand und stellt es neben sich auf den Secretär.) Mich belügst Du zu gut. Vor ihm wagst Du es vielleicht nicht. Gertrud (entrüstet). Oh! Doch nein, Du hast das Recht, so mit mir zu sprechen. Ambrosius (setzt sich). Nun sind es fünfzehn Jahre, Gertrud, daß wir verheiratet sind, von diesen hast Du drei damit verbracht, mich zu betrügen; drei Jahre der Lüge, der Heuchelei . . Gertrud. Ambrosius! (Besinnt sich.) Fahre fort, ich höre Dich an. Ambrosius. Als er abreiste, littest Du viel, uicht wahr? Gertrud. Sehr viel! Ambrosius. Du liebst ihu also noch? Gertrud. Ja. Ambrosius. Und er liebte Dich also uicht mehr, da er abreiste? Gertrud. O ja, noch immer. Ambrosius. Er liebte Dich immer, Du liebtest ihn noch. . . warum habt Ihr Euch denn getrennt? Gertrud. Dieses Leben voll Lug und Trug war mir eine Last; ich schämte mich. Ambrosius. Aber, da Du ja nicht mich, sondern einen Andern liebtest, warum hattet ihr uicht den Muth Euerer Leideuschast? Warum nahmst Du nicht vom ersten Tage an den Arm Deines Geliebten und sagtest nicht zu ihm: „Fliehen wir!" Am Ende wäre cs weniger feig gewesen. Gertrud. Ich bin geblieben, weil Du mich zu sehr geliebt hast! Ambrosius. Ach, richtig, ich vergaß! Du hast ein gutes Herz, Du! Man kann wohl lügen, betrugen, stehlen und zu Grunde richten, aber man will keinen Schmerz verursachen. Ein abscheulich Ding solch ein gutes Herz! Gertrud schluchzend). O, ihn so reden zu hören, welche Strafe! Ambrosius. Und doch, wenn Du mit ihm gegangen wärest, um wie viel besser würde es für mich gewesen sein ! Elf Jahre wären schon über meine Verzweiflung hinweg und elf Jahre trocknen viele Thräneu. Vielleicht, daß mich Deine Flucht mit einem Schlage getödtet hätte, das kommt vor. Und gestehe nur, mein Tod wäre eine erwünschte Befreiung für Alle gewesen und für mich zuerst. Gertrud. Ambrosius, ich beschwöre Dich, schone mich und schone Dich. Jedes Deiner Worte dringt wie ein glühendes Eisen in mein Herz, und ich sehe au der Blässe Deiner Züge, am Beben Deiner Stimme, am Fieber, das Dich verzehrt, ich sehe aus Allem, wie sehr Du Dich härmst und welch grausames Vergnügen Du darin findest, von diesen Dingen zu sprechen und Dich in diese traurige Vergangenheit zu versenken. Hör' mich an, ich werde Alles thnn, was Du willst, Alles! Ich werde Deine Magd sein nnd noch demüthiger, noch gehorsamer, noch hingebender! Du wirst sehen, wie gut ich sein werde, — aber um Gotteswillen, foltere mich nicht so! Ambrosius (zeigt ihr einen Brief). Dieser Brief versengt Dir Deine Augen — Du möchtest wissen, was er enthält, und wie so dieß Bild zurückgesandt werden konnte? (Schnell) Ich will es Dir sagen. (Nach rechts.) Gertrud (erhebt sich). Nein, sage mir nichts, Ambrosius, ich mag nichts wissen. ( Ambrosius. Freilich, freilich, Du ( sollst erfahren, was aus Deinem Geliebten geworden ist. , Gertrud. Gott hat mir die Kraft gegeben, ihn nicht mehr zu lieben. 1 Ambrosius. Wirklich? Gott hat ^ Dir diese Kraft gegeben? Weißt Du § das so gewiß? Sieh mich an, Gertrud, f Deine Augen in meinen Augen und j Deine Hand in meiner Hand: bist Dn ! gewiß, daß Du ihn nicht mehr liebst? ^ Gertrud. Ich bin's gewiß! ^ Ambrosius. So lies! (Gibt ihr ' den Brief. Pause.) Deine Hand zittert. . ' Du liebst ihn noch immer! (Stößt ihre Z Hand, die er hielt, von sich.) ) Gertrud (mit unterdrücktem Schrei, ganz leise). Vor acht Jahren schon ist er ^ für mich gestorben. ! Ambrosius. Feige Lügnerin, wie Du Deinen Mann betrogst, so ver- )) leugnest Du Deinen Geliebten! 11 Gertrud. O, genug der Grausamkeit und der Verachtung, Ambrosius! Du hast das Recht mich zu tödten, aber nicht mich so zu quälen. Ambrosius. Dich tödten? Wozu? Um Dich ihm uachzuseuden? Nein, nein, das würde Dich zu glücklich machen, und ich, der ich Niemanden habe, der mich drüben erwarten könnte, der ich einsam im Tode, wie einst im Leben, sein werde, ich wäre zu eifersüchtig aus Dein Glück. (Setzt sich zum Secretär, wüthend gegen das Bild:) Q, Wenn ich bedenke, daß Du mit Deinem falschen und bösem Blick, mit Deinem spöttischen Lügenmund, daß Dn Verfluchter es bist, der mir mein ganzes Leben vergällt, Du endlich, der mir meine letzten Tage so furchtbar, so lang, so elend gemacht hat, (ergreift das Messer) Wart, wart! (Er durchbohrt das Bild mehrmals und springt aus.) Gertrud (will ihn zurückhalten). Ambrosius! Was thust Du ! Besinne Dich! Ambrosius. Laß mich! Komme mir nicht zu nah! Dn flößest mir Abscheu ein. Gertrud (hinter ihm her). Ambrosius ! Wohin gehst Du? Ambrosius. Was kümmert Dich mein Leben? Ich verlasse für immer dies verhaßte Hans, ich gehe fort und verfluche Dich ! (Er stößt sie zurück und ab durch^die Mitte.) Fünfter Aufrill Gertrud (Sie ist Ambrosius uachge- spruugen und hält vor der heftig zugeworfe- neu Thüre Plötzlich ein). Ambrosius ! Es ist unmöglich! Du kannst mich nicht so verlassen, Ambrosius! (Nach vorn). O ich zittere! Ich vergehe vor Scham! Ich will sterben! Ich muß sterben! (Läßt sich rechts in den Lehnstuhl fallen). O, und ich glaubte, Alles sei wieder gut, mein Verbrechen gesühnt, meine Vergangenheit ausgelöscht! Ich glaubte, zur Sühne eines Fehltritts genüge es, die Hälfte seines Daseins in der Verbannung zu leben und jedem Wunsche, jeder Erinnerung und selbst den Thrä- nen zu entsagen. Nein, nein, nichts ist gesühnt, nichts ist ausgelöscht. Nach einem achtjährigen Leben voll Thränen und Reue, bäumt sich die Vergangenheit unerbittlich vor mir empor und Alles um mich her stürzt zusammen. Jener stirbt und ich darf nicht weinen! Dieser verflucht Dich, und ich darf nur das Haupt beugen. Armes liebes Bild! Und doch bist Du die Ursache aller meiner Leiden. (Erhebt sich.) Aber warum habe ich es fortgeschickt? Wenn seine Gegenwart mir ein Vorwurf war,weßhalb nahm ich diese Qual uicht als eine Buße an? So nahe bei mir, war es mir im Wege. So lang es da hing, war ich ewig die schuldige Frau mit schamrother Stirn und gesenktem Blick. Da wollte ich endlich das Haupt erheben und frei einhergehen in meinem Hause, ich verbannte das Bild. Aber Gott strafte meinen Stolz. Das Bild ist wiedergekommen, in Trauerflor, um mich zu verklagen und sich selbst verstümmeln zu lassen vor mir! (Am Secretär.) O, als ich sah, wie sein Messer diese Brust durchbohrte, durchschauerte es mich hier eiskalt. Das Bild traf der Stich uud mich der Schmerz. (Setzt sich.) Wie traurig er aussieht mit seiner Wunde im Herzen! Als ob sie ihn schmerzte! Armer, todter Verwundeter, Gott wird dir vergeben! (Erhebt sich.) . Und jetzt fort, fort! Hier ist nicht mehr mein Platz. Nicht Ambrosius soll dieses Haus verlassen, sondern ich, ich allein! Er ist davon gegangen, um mich nicht zu verjagen. Schwach wie er ist, kann er noch nicht weit sein, — ich hole ihn ein. (Gegen die Thür.) 12 Sechster Austritt. Gertrud. Ambrosius. Dann der P ostb ote. Gertrud (Ambrosius entgegen, der langsam durch die Mitte auftritt und sich rechts in seinen Lehnstuhl setzt). Ambrosius, es ist edel vou Dir, daß Du noch einmal zum letzten Lebewohl gekommen bist. (Ambrosius schüttelt traurig den Kopf) Ach, laß mich glauben, dies führe Dich her .... Und jetzt hör' mich an! Ja, meine Gegenwart ist Dir eine Last, und Deine Gertrud ist Dir verhaßt geworden ; wohlan, gib mir zum letzten Male Deine Hand, aber herzlich, ohne Haß und laß die unglückselige Frau allein ans diesem Hause scheiden, wo sie nicht länger bleiben darf. Sie wird sich irgend wohin zurückzieheu, in eine fromme Zufluchtsstätte, weit, weit entfernt von Dir und dort wird sie noch mehr büßen, da sie nicht genug Buße gethan hat. Ambrosius, sag' an, willst du mir die Gnade eines letzten Lebewohls erweisen? Ambrosius. Wir können nicht von einander scheiden! Gertrud. Ambrosius! war' es möglich! Ambrosius (sanft). Hör' mich an. Als ich vorhin mit brennendem Gehirn hinausstürzte, schwor ich, niemals hieher znrückznkehren und Dich nimmer wiederzusehen. (Erhebt sich.) Ich trat ans den Platz, es läutete zur Vesper. Än einem Augenblicke sah ich mich von einer Schaar guter Leute umgeben, die ganz erstaunt waren, mich ohne Dich zu sehen; und die Kinder zogen mich am Rock und frugen mich: Bist Du krank, Pathe Ambrosius, bist Du krank? Dann näherte sich die Frau Friedensrichterin und sagte zu mir: „Ist denn Ihre Frau krank, Herr Ambrosius? War' ihr ein Unglück zugestoßen?" Und darauf schrien dreißig Stimmen zugleich: „Schnell zurück nach Haus, Herr Ambrosius, wir wollen schon den Doctor rufen!" Und ich stand verlegen da und lallte und stotterte und fand keinen Bescheid und erröthete beim Gedanken, daß mein Herz sich verrathen könnte. Gertrud. Ach, mein Gott! Ambrosius. Beruhige Dich. Ich sammelte meine Kräfte, um so gut wie möglich lächeln zu können und sagte den braven Menschen, es sei mir nichts begegnet, Du habest ganz einfach Deinen Rosenkranz in der Kirche liegen lassen, und da habe ich wollen wagen, ihn ganz allein zu holen. Gertrud. O Du bist gnädig, Du bist gut! Ambrosi« s. Meine Erklärung schien Alle zu befriedigen, aber, um meine Rolle weiter zu spielen, war ich genöthigt, in die Kirche einzntreten, wo ich theils ans Gleichgültigkeit, theils ans Bequemlichkeit seit Langem nicht mehr- gewesen bin. Ich gehe hinein. Die Stille des Ortes, das Dämmerlicht und die Kühle beruhigten ein wenig mein Blut. ^ Ich schleiche in einen Winkel der Ka- ^ pelle, und dort — Du weißt, wo ich meine: links, zwischen Weihbecken und j Beichtstuhl, — sinke ich, ergriffen von ^ Rührung, auf einen Betstuhl mit rothem Sammtkissen, das ich Anfangs nicht erkannte, aber worauf ich plötzlich Deinen Namen las. Da ging in mir, ich weiß nicht was, vor. Ich sah Dich wieder, wie Du weinend und betend auf Deinem Schemel knietest und hörte eine Stimme, die aus dem Weihbecken zu mir sprach: „Ambrosius, ich bin Zeuge, daß sie während acht Jahren ihre Finger in mein heiliges Wasser getaucht hat." ! Und aus dem Beichtstuhl rief es: „Ambrosius, ich bin Zeuge, Gott hat ihr vergeben." Da fühlte ich, wie meine Knie sich beugten, und ich betete und weinte . . . und da bin ich wieder. 13 Gertrud, (will sich ihm an die Brust stürzen). O, Dank! Dank! A m brosius (hält sie zurück). Nicht mir mußt Du danken, sondern einem Höheren. Jetzt aber Gertrud gib mir diese Briefe, die einzigen Zeugen Deiner Schuld. (Es geschieht, er zerreißt sie.) Sie sind vernichtet. Gertrud. Du vergißt also? Ambrosius. Mehr noch! Ich verzeihe. Auch ich trage Schuld: Ich war zu alt für Dich. Gertrud, Du wirst fortfahren, meine einzige Gefährtin zu sein. Aber von nun an werde ich Dich ' in die Kirche begleiten; ich glaube, diese Gänge werden mir wohl thun. Was meinst Du, Gertrud? Du antwortest nicht? O ich verstehe! (Nähert sich dem Bilde). Die Gegenwart dieses Bildes schreckt Dich? Sei ruhig, sein Platz ist nicht mehr hier; wir wollen es Glück' licheren senden, welchen es nur eine süße Erinnerung ist. (Sie kniet vor ihm, er küßt ihre Hand,) Der Postbote (von außen). Herr Ambrosius! Ambrosius. Steh auf, Gertrud, der böse Traum ist vorbei! Postbote (am Fenster). Herr Ambrosius! Ambrosius. Das Leben beginnt! (Oeffnet das Fenster.) Postbote. Ich bin es, der alte Anselm. Ach, da ist ja Frau Ambrosius? So wohlauf wie je. Und da sagt man noch im ganzen Dorf, sie habe einen Anfall gehabt. Ambrosius. Nein, alter Freund, man hat sich geirrt. Ja, richtig, Gertrud. Du bist dem wackern Mann ein Porto schuldig und ich ein Glas Kirschwasser. Bezahle Beides zusammen! (Sie holt Flasche und Gläschen und schenkt ihm ein.) Postbote. Wissen Sie auch, Herr Ambrosius, daß es eine Freude ist, so brave Leute zu bedienen? Man möchte Ihnen immer so ein Packet zu bringen haben. Ambrosius. Ich danke dafür, das wäre zu viel. Postbote. Es macht sechs Gulden ohne das Gläschen Kirschwasser! (Erhebt sein Glas). Auf Ihr Wohl, Herr und Frau Ambrosius, und Gott gebe Ihnen weiter ein glückliches Leben! Gertrud (indem sie den Postboten bezahlt). Dank, alter Anselm! A m brosins (vorn, für sich). Mein armes Ideal! Mein armes, letztes Ideal! wiener Theater-ZlkMtoir. >> Lieferung: Rothe Haare. —Das Pamphlet. Zwei Lust- fpiele von M. A. Grandjean. 50 kr. -'-Heimlich. Lustspiel in 1 Akt, von Grandjean. 50 kr. 3.-Die geheime Mission. Lustspiel in 3 Alten, von M. Sl, Grandjean, 60 kr. l -Eine arme Schnciderfamilie. Traumgem. m. Ges., . Tanz u. Tabl., in 3 Abth., v. Jos. C- Böhm- 80 kr. Doktor und Friseur, od.: Die Sucht nach Abenteuern. Posse mit Ges-, in 2 Akten, v. Fr. Kaiser. 60 kr. b.- Ter Pelzpalatin und der Kachelosem od..- Der Jahrmarkt zu Rautenbrunn. Posse mit Gesang in 3 Akten, von Friedrich Hopp. 1 fl- < - Der Mentor, Lustsp. in 1 Akt n- d. Franz, frei bearb. von I. W. Lemoert. 50 kr. >-Der Freund und die Krone. Nomant. Schausp. in , 4 Akt., v. I, W. Lembert. 80 kr. -Aum erstenmale im Theater. Posse in 1 Akt, von , Friedrich Kaiser. 60 kr. /-Ter Gang ins Irrenhaus. Lustspiel in 1 Akt, n. d. Franz, v. Herzcnskrou. 50 kr. 11. Lief.Donna Diana. Lustspiel in 3 Akt- n. d. Span, des Moreto von C. A. West. Fehlt. (Dagegen in eleg. Min.-AuSg. L 1 fl 20 kr. zn haben.) 12. — Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Akten, von Friedrich Kaiser. 60 kr. 13. — Die Tochter des CapitainS. Schauspiel in 3 Akten nach dem Franz v. Col. Gärtner. 60 kr. 14. — König und Aebtisstn. Tranersp. in 3 Akten nebst einem Vorspiele, von Al. Patuzzi. 80 kr. 15. —Alle Mittel gelten. Lustspiel in i Akt nach Scribevon L- Julius. 50 kr. 16. — Eine Jugendsünde. Lustspiel in 1 Akt, frei nach dem Französischen von L. Julius. — Georg!. Posse in 1 Akt von L- Julius. 60 kr- 17. — Olga. Lustspiel in 1 Akte, frei nach dem Französischen von L- Julius. 50 kr. 18. — Zwei Pistolen, oder: Erschossen und lebendig. Posse mit Gesang in 2 Akten, von Friedrich Kaiser. 60 kr. 19. — Der Bräutigam ohne Braut. Lustspiel in i Akt, von Herzenskron. 50 kr. 20. Lief. Ein Mädchen ist'S nnd nicht ein Knabe. Lustspiel in 1 Akt il. d. Französischcn von Herzeuskrou. 50 kr. 21. — Elias Regenwurm, oder: Die Verlobung auf der Parforcejagd. Posse mit Gesang iu 2 Akten, von Friede. Hopp. 80 kr. 22. — Hoang-Pnff. Posse in 1 Akt nach dem Französischm 23. — Der äup an den Ueberbringer. Lustspiel in i Akt n. d. Fra»;, des Scribe, von Herzeuskrou. 50 kr. 24. — DaS Häuschen in der Aue. Lustspiel iu 1 Akt, nach dem Franz, frei bearbeitet von Herzeuskrou. 50 kr. 25. — Die Nebenbuhler. Lustspiel iu 5 Akten, nach Sheridan's „Rivals" von F. C. Hauker. 80 kr. - Onkel Tom. Amerikanisches Zeitgemälde m. Ges. u. Tanz iu 3 Abth. nebst l Borsp- nach Stowc'S Roman: „Onkel Toms Hütte" v. Th. Megerlc. 80 kr. Ein alter Corporal. Charakter-Gemälde in 5 Akten, von Carl Juin und P. I. Reinhard. Theilweise nach Dnmanoir. 80 kr. - ServuS, Herr Stnyerl! Posse iu 1 Akt, von Juin und Flerx. . 50 kr. 29. — Die Ehre deS HauseS. Drama in 5 Akt v. C. Juin und P. I. Reinhard. Nach Batta und Desoigucs. 1 fl. 30. — Die Obsthändlerin des Königs. Drama in 3 A. u. einem Vorsp. unt. d. Titel: Der Wasserträger von Paris. Nach dem Franzos, frei bearb. v. Therese Megerlc. 80 kr. 31. — Gervinus, der Narr vom UnterSberg. Posse mit Gesang in 3 Akten von A. Berla. 80 kr. 32. — Enlenspiegel, od.: Schabernack üb. Schabernack. Posse m- Gesang in 4 Akten, v. I. Nestroy. Dritte Ausl. 80 kr- 33. — Hempcl, Krempel und Stempel. Posse iu 1 Akt. Frei nach dem Engl. v. K- Gräser. 60 kr. 34. — Wahn nnd Wahnsinn. Schauspiel in 2 Akten nach MeleSville'S: l-Uls. e.--t kolls, bearb. v. Lembert. 60 kr. 35. — Ein Florentiner Strohhnt, od.: Fatalitäten an dem Berlobungstage. Posse mit Gesang in 3 Akten, von Carl Juin und L Flerx 80 kr. 36. — Ein neuer Moiite-Christo. Original-Charakterbild iu 26. 28. 54. Lief.Ein Rekrut von 1859. Bolksstück mit Ges. iu 3 Abth. von O. F. Berg. 80 kr. 55. — Der böse Geist LumpacivagabiindnS, od.: Das liederliche Kleeblatt. Zanbcrposse mit Gesang in 3 Aufzügen, von Joh. Nestroy. 80 kr. 56. — Frink und Compagnie. Charakterbild mit Gesang in 3 Akten von A. Barry. 80 kr. 57. - Der Wunderdoktor. Original-Lebensbild in. Gesangin 2 Akten von K. Gründorf. 80 kr. 58. — Der Mord in der Kohlmessergasse. Posse in i Akt nach dem Franz, von Alex. Bergen. 50 kr. 59. — Möbel-Fatalitäten. Schwank iu 1 Akt, von Anton Bittncr. 50 kr. 60. — Eine Vorlesung bei der HnnSmeistcriil. Posse in i Akt, von Alex. Bergen 50 kr. 61. — Enlenspiegel als Schlüpfer. Posse iu i Akt, von A. Bittuer. ' 50 kr. 62. — Kling! Kling! Posse iu i Akt, v. Morländer - 50 Ir. 63. — Ein weiblicher Diplomat, oder : Was ein MädcheikanS Büchern lernt. Original-Lustspiel in 4 Akten, von Charl. Bar. von Graven. 80 Ir. 64. — Nur solid, od.: Carnevalsabentener im Schlosscrgassel, FaschingSposse mit Gesang nnd Tanz in 1 Akt, von L. Gvttslcben. 50 kr. 65. — Am Allerseelentag oder: DaS Gebet ans dem Friedhöfe Original-Volksschauspiel in 4 Abth. nebst 1 Vorsp.: Ein gegebenes Wort, von H. Hausmann. 80 kr. 66. — Ein junger Gelehrter. Lustspiel in i Akt. Nach dein Engl, von Alex. Bergen. 50 kr. 67. — Tic Fran Wirthin. Charakterbild m. Ges. in 3 Akten ' v. Fried. Kaiser. 1 sl. 68. — Die Milch der Eselin. Posse mit Gesang in 1 Akt, nach dem Franz, v. A. Bittner. 50 kr. 69. — Etwas Kleines. Charakterbild mit Ges. in 3 Akten, v. Fried. Kaiser. 80 Ir, , 70. — Ein Gnldenzettel. Original-Schwank in 1 Akt v. Cor! , Gründorf. 50 kr. 71. — Die Studenten von Rnmmelstadt. Genrebild m. Ges.». Tanz in 3 Akten, v. C. Haffner. 80 kr. j 3 Akten von Friedrich Kaiser. ' 1 fl.!72. — Der neue Don Quichotte. Lustspiel in 1 Akt, n. dein 37. — Die schöne Fiakerin. Lokaler Schwank mit Gesang nnd Franz, von A. Bergen. 50 kr. Tanz in 3 Akten. Nach einer älteren Kringsteiner'schen " Posse frei bearb. von A. C. Naske. 80 kr. 38. — Eine reife Melone. Schwank in 1 Akt v. Bohle Ber- nard's klatouis altaebsment.-?, v. K. Gräser. 60 kr. 39. — Der Arzt Wider Willen. Schwank in 2 Akten frei nach Moliöre von Gräser. 60 kr. 40. — Am Clnvier. Lustspiel in 1 Akt. Nach dem Französischen frei bearb. v. M. A. Grandjean. 50 kr. 41. — All zu toll. Fastnachtsposse in 1 Akt. Frei nach dem Engl, von K. Gräser. 50 kr. 42. — Tie Geldfrage. Lustsp. in 5 Ausz. v. Alexander Dumas Sohn, deutsch von P. I- Reinhard. 80 kr. 43. — Diana de Lys. Schausp. in 5 Ausz. v. Alex. Dumas Sohn, deutsch von P. I. Reinhard. i fl. 44. — Ter natürliche Sohn. Schausviel in 4 Aufzügen nnd einem Vorspiel von Alex. Dumas Sohn, deutsch von P. Reinhard. 1 fl. 45. — Die Dame mit den Camelien. Schausp. in 5 Ausz. v- Al. Dumas Sohn, deutsch v. P- I. Reinhard. 1 fl. 46. — Ein Hut. Lustsp. in 4 Akt. Frei nach dlaä. Lmils äs Oiraräin, von M. A. Grandjean. 50 kr. 47. — Das hohe C. Lustspiel in 1 Akt, von Ai. A. Grandjean. 50 kr. 48. — Das Concert. Lustsp. in 1 Akt v. P. M. Daghofer 50 kr. 49. — Ein weiblicher Montc-Christo. Charakterb. ans dem Pariser Leben, in 4 Abth. und 5 Akten mit Musik und Tanz von Th. Megerlc. 80 kr. 50. — Ein Mann ohne Herz. Genrebild in 5 Akten von Al. Fr. Pann. 60 kr- 51. — Der Roman eines armen jungen Mannes. Schauspiel in5 Aufzügen und 4 Tableaux. Nach Octave Fenillet von C. Juin und P. I. Reinhard. 1 fl. 52. — Im Dorf. Ländliches Charaktergem. mit Ges. und Tanz in 3 Abth. v. Therese Megerlc. 60 kr. 5^. — Ueberall Diebe. Original-Schwank in 1 Akt, von C. F. Stix. 50 kr 73. — Ein Fuchs. Posse mit Gesang in 3 Ans;, von C- Juin 80 ke. 74. — Er compromittirt seine Fran. Lustspiel in 1 Akt. Nach d Franz, v. Moreno. 60 kr. 75. — Therese Krones. Genrebild mit Gesang n. Tanz i>U Akten, v. Carl Haffner. 80 kr, 76. — Eine Ausnahme von der Regel. Lustsp. in 1 NiifM von Alois Berla. 50 h. 77. —Zwei Testamente. Charakterbild mit Ges. in 3 Aug. von Friedr. Kaiser. 80 kr. 78. — Drei Viertel ans Eilf. Schwank in 1 Akt v. M. A Grandjean. 50 Ir 79 — Einen Jux will er sich machen. Posse m. Ges. inlAniz. v. I. Nestroy. 80 kr. 80. — Nur nicht reden! Dramatischer Scherz in 1 M von C. F. Stix. 50 Ir. 81. —Unrecht Gut! Charakterbild mit Gesang in 3 Akte»». i Vorsp. v. Friedr. Kaiser. 80 n. 82. — Mein Fräulein Bruder. Lustspiel in 1 Akt von Alex Bergen. , 50 W 83- — DeS Krämers Töchterlein. Orig.-Charakterbild in» Akten von Friedr. Kaiser. 80 kr. 84. — Nur keine Protection. Posse mit Gesang in 2 AM von Anton Bittner. .80 85. — Die Leiden Nachtwächter, oder: Ein Spuk >» »» , Faschingsnacht. Posse mit Gesang und Tanz in 3-1». ^ v. C. Haffner u. I. Psnndheller. 80 n. . 86- — Die Bürgermeisterwabl in Krähwinkel. Schwank »»> j Ges. in 1 Akt v. Jnin u. Flerx. °0 ,. 87.— Eine Feindin und ein Freund. Posse mit Gesang >" , Akten von Friedr. Kaiser. ^ ^ 50 kV EiOkann nicht Grandjean. lesen. Posse in 1 Akt von 89-— Ferdinand Raimund. Künstler-Skizze mit Gesang ni» 80 ir> > Akt. v.C. Elmar. 90.— Der Zigeuner. Genrebild mit Gesang in 1 Akk ° A. Berla. ' > (Die Fortsetzung befindet sich auf der 2. Seite des Umschlages.) An einer Wiege. -lD- Soloscene nach E. Legoune von Gottlieb Ritter. Einzige vom Verfasser autorisirte deutsche Bearbeitung. (Nepertoirstiick des Wiener Stadttheaters.) Aufführungsrecht Vorbehalten. Die Musik zu dem darin enthaltenen Liede (componirt von Paladilhe) ist durch uns zu beziehen. Men, 1878. Verlag der Wallishausser^schen Buchhandlung (Joses Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Das Aufführungsrecht ist nur zu erwerben durch die Agentur der deutschen Genossenschaft dramatischer Autoren in Leipzig. Den Bühnen gegenüber als Manuskript gedruckt. (Kleiner Salon. Ein Arbeitstischchen, worauf ein Portrait. Auf einem Stuhl ein Morgenrock. Thüre im Hintergrund, ein Fenster, das nach einem Garten geht, eine Seitenthüre.) Marie. (Beim Aufgehen des Vorhanges steht sie auf der Schwelle der Seitenthüre und spricht in die Conlissen, wo man sich ein Kind in einer Wiege vorzustellen hat.) Vorwärts, seien Sie artig, mein Herr! Schlafen Sie! . . . (Kommt nach vorn.) Noch keine zwei Jahre ist er alt und schon ein Tyrann! Umso besser, das beweist, daß er Charakter haben wird. Ich liebe es sehr, wenn die Männer Charakter haben. (Indem sie ihre Arbeit ans dem Tische zurecht legt.) Es ist erstaun-' lich, was man Alles schon in seinem Gesicht lesen kann. Vor Allem, ich weiß es gewiß: Er wird ein Ehrenmann sein. Dieser klare Blick!. . . Und so klug dabei . . . diplomatisch! . . . Ah, wenn er je in eine Gesandtschaft eintritt, wird er sicher seinen Weg machen! Sehen wir, ob er eingeschlafen ist. (Geht zur Thüre und betrachtet das Kind in der Wiege.) Ja, schön! Seine großen Augen sind aufgesperrt wie ein Wagenthor. (Für sich.) Das ist artig von ihm, daß er nicht geschrieen hat. (Sieht von Neuem.) Oh, der Schlingel! . . . Ja, ja! ... Ick verstehe! Er will, daß ich ihn hole und die Wiege herein bringe! — Nein, mein Herr, nein! Sie werden in Ihrem Zimmer bleiben! (Wendet sich ein wenig.) Da seh' Einer diese flehenden Blicke! So träumerisch sieht er aus! Ich weiß nicht, wie die Frauen es anfangen werden, um ihm zu widerstehen. Versprechen Sie mir, daß Sie sogleich entschlafen, wenn ich Sie hole? Aber sogleich? Ja, oh, ich weiß, Versprechungen, die kosten Sie nichts. Gut, wir werden sehen. Ich will's versuchen. Ihre Vorhänge werde ich aber schließen. Abgemacht? Ich komme. (Sie geht in's Nebenzimmer und kommt zurück, eine Wiege hinter sich herziehend.) Ist er schwer! Oh, er wird sehr stark sein! Uff! (Sie öffnet die Vorhänge der Wiege ein wenig und steckt den Kopf hinein.) Hörst Du wohl! Kein Wort und gleich schlafen! Was wollen Sie denn? Daß ich Sie küsse? Ei, das Will ich schon. (Sie thut's, schließt die Vorhänge und setzt sich an's Arbeitstischchen.) Ich will für ihn arbeiten. Ein Häubchen mach' ich ihm. (Arbeitet.) Wenn ich früher an den kleinen Jungen dachte, den ich haben werde — denn ich war sicher, einen kleinen Jungen zu bekommen ! — Dann stellte ich mir ihn immer so etwa vierjährig vor. Und jetzt? Lieb' ich ihn viel mehr mit zwei Jahren. Er ist ein kleiner Junge und ist noch ein kleines Mädchen! Beweis: Man kann ihm Häubchen machen. Dies da wird sehr hübsch. Er regt sich. (Erhebt sich und geht zur Wiege.) Nein, gewiß schläft er. Wie reizend es ist, so ein schlafendes Kind! Stellungen haben sie, von einer Erfindung! . . . (Sieht ihn an.) Da sehn Sie mal dieses Füßchen, das aus der Decke guckt, und dies Köpfchen, das 1 * 4 sich in die Brust zu verkriechen scheint, wie ein Vogel in seinem Nest! . . . Und dies Beinchen ... so rosig . . . so rund! . . . Wenn ich Beinchen sage, ja . . . Ja, die Beinchen eines Kindes gehen bis weit hinauf . . . Oh, aber nicht zu weit! Das ist zu weit . . . Mein Herr, mein Herr, das schickt sich nicht! Doch nein, es ist nicht wahr! Es ist nicht unschicklich! Die Kinder sind nie unschicklich! Und selbst wenn sie nackt sind . . . unanständig sind sie nie! Ihre Nacktheit ist Reinheit, denn Unschuld und Lieblichkeit kleidet sie. Sie sind nicht nackt, sie sind ohne Schleier wie ein Sonnenstrahl, der ans dem Nebel kommt, wie eine Blume, die ans ihrem Kelch tritt. (Lachend.) Ach, guter Gott! Nun werde ich gar poetisch! Da sieht man, was so ein kleines Ungeheuer kann! . . Ich weiß nicht, wie es die Frauen anfangen, die keine Kinder haben. Man sollte ein Mittel erfinden, damit die alten Jungfern kleine Kinder hätten . . in allen Ehren! (Hält mne.) Ich sprach zu laut. Ich habe ihn geweckt. (Geht zur Wiege.) Nein, seine Augen sind noch immer zu. Er lächelt. Wie er ihm gleicht! (Kehrt zum Tisch zurück und nimmt ihre Arbeit wieder. Pause.) Warum sollte er ihm nicht gleichen?! Seit bald drei Jahren, daß ich mit Paul verheiratet bin, bin ich keine Stunde, keine halbe Stunde gewesen, ohne an ihn zu denken. Ich sehe ihn ebenso gut, wenn er abwesend, als wenn er da ist. (Pause.) Verdient er so viel Liebe? ... Da haben wir's, mein Fehler zeigt sich wieder! Paul behauptet, ich sei ein bischen eifersüchtig! Eifersüchtig . . . O nein, nein! . . . Eifersüchtig sein, heißt: Einen schlechten Charakter haben . . . den Geliebten quälen ... Ich sah einmal ein Bild der Eifersucht. Sie war abscheulich! ... Ich will nicht eifersüchtig sein! . . . Die Eifersucht! . . . Sie ist Liebe, die dem Haß gleicht, nur . . . nur ... Ach, ich ! liebe Paul sehr, daß ich immer fürchte, man nehme ihn mir. Und das ist doch nichts Schlechtes. Es ist so natürlich! Erstens ist Paul so hübsch, daß es unmöglich ist, daß nicht alle Frauen ihn bemerken. Zweitens fühle ich mich so ganz sein eigen, daß ich möchte, auch er wäre ganz, ganz mein. So zum Beispiel, wenn er jetzt hereintreten und zu mir sagen würde: „Wir verreisen gleich zweitausend Meilen weit, wir bleiben dort, ganz allein ohne unsere Freunde, ohne unsere Eltern, Du wirst nur mich und unfern Sohn sehen." ! Wäre ich unglücklich? . . . Das ist häßlich, was ich da sage, denn ich müßte doch Mama verlassen. Nein, ich hätte Gewissensbisse, weil ich dann nicht tranrig wäre . . , aber im Grunde ich wäre närrisch glücklich, weil ich dann alle Beide ganz allein Hütte. (Zeigt auf die Wiege.) Ihn !... (Zeigt nach dem Fenster, das auf den Garten geht.) Und ihn! Er ist dort unten. Der Rauch seiner Cigarre sagt es mir. Wenn ich bedenke, daß ich jetzt finde, sein Tabak rieche angenehm! ... (Mit einem Seufzer.) Ist er auch so? Nein! . . . Beweis: Wenn ich auf dem Clavier eine falsche Note spiele, merkt er es immer. Mein Gott, ich weiß wohl, daß die Männer nicht so lieben können, wie wir, aber er hat mich im Anfang verwöhnt. Wenn er mir schrieb . . . vor unserer Hochzeit ... Wenn Du nicht mein wirst, so tödte ich mich!" Damals hätte er es gethan. Heute würde er's mir — noch immer schreiben, aber er thäte es nicht. (Pause.) Ich denke immer ... an ... an jene schöne Witwe, unsere Nachbarin, die Baronin . . . und wenn ich sehe, daß Paul sich ihr nähert . . . mit ihr spricht . . . (Erhebt sich.) Diese Baronin! . . . Eine ganz geschminkte Frau, die fünf Jahre älter ist als ich! . . - Man findet ihre Augen hübsch . . . ich ... ich sehe nichts Besonderes daran . . . Oh, ja, ja! Sie sind schön! 5 Schöner als die meinen! Und dann ist sie auch groß! . . . Und Panl sagte kürzlich, er liebe die großen Frauen. Mein Gott, was könnte ich anfangeu, größer zn werden . . . nur (zeigt erst eine Fingerspitze, dann den ganzen Finger.) mn so viel! O ja, der ganze Finger müßte es schon sein! Dann ist auch Paul so kokett! Man spricht immer von der Koketterie der Frauen. Die der Männer ist tausendmal größer. Wir, wir sind nur kokett mit dem Gesicht; sie aber sind es mit dem Geist, dem Mnth, dem Gefühl, der Zuneigung . . . mit Allem! Und wenn ich Paul sehe, wenn er sich über den Fauteuil der Baronin neigt und lächelnd mit ihr spricht . . . (Einhalteud.) Nein, ich will nicht mehr daran denken! . . . Schon weil es zu weh thut . . . und dann, weil es ungerecht ist. Ich bin sicher .. . es ist nichts zwischen ihnen beiden. Arbeiten wir! Arbeiten wir für ihn. Vorhin hat er seinen Morgenrock her gebracht und mich gebeten, ich soll seinen Orden im Knopfloch befestigen. Ans Werk! (Sie nimmt den Rock und beginnt zn arbeiten.) An dieser Wiege . . . beim Anblick seines Kindes ist mein Herz ruhiger. Das sänftigt den Schmerz. (Pause.) Wem mag er nur gestern mit so viel Aufmerksamkeit geschrieben haben? (Arbeitet.) Er ging nach Tisch ans, um in seinen Club zu gehen. Um zehn Uhr war er noch nicht zurück. Ich sing an, unruhig zu werden. Damit geht es immer an. Zehn ein halb Uhr, elf Uhr; Ich war wach und versuchte zn lesen und konnte nicht, ich bebte bei jedem Geräusch von Schritten; ging unaufhörlich von meinem Stuhl znm Fenster. Endlich, um halb Wölf Uhr, höre ich seine Stimme auf der Treppe. Da er mich immer schilt, wenn ich weine, und da ich ein wenig geweint hatte, so warf ich mich halb angekleidet in mein Bett und stellte mich schlafend. Er tritt herein, neigt sich über mich, um sich zu vergewissern, daß ich schlief. Das Herz schlug mir. Oh! ich blieb unbeweglich, ich fühlte, daß ich in Thränen ansbrechen müßte, wenn ich mit ihm sprechen würde. Ich hatte so eifersüchtige Träume an jenem Abend gehabt. Dann setzte er sich an dies Tischchen; ich verlor nicht eine seiner Bewegungen, obwohl ich die Augen halb geschlossen hatte; man sieht sehr gut zwischen den Wimpern durch! Er nimmt eine Feder und Papier und beginnt zn schreiben. An wen? Gewiß nicht an einen Mann. Er lächelt ja. Man lächelt nicht, wenn man an einen Mann schreibt. Er fängt den Brief zwei oder dreimal von Neuem an und schaut immer zu mir hin, um gewiß zn sein, daß ich noch schlafe. Dann nimmt er rothen Siegellack und sein kleines Petschaft, das er an der Uhrkette trägt. (Wehmüthig.) Ein Geschenk von mir! Und immer lächelnd . . . mit einem Ausdruck . . . oh, einem Ausdruck, der mir sehr wehe thnt! . . . (Schmerzvoll.) Oh, ja, ja! Es ist eine große Qual, eine solche Einbildungskraft, wie ich sie habe! Doch was thnn ? Wie kann ich mich bessern? Ich wende Mittel an, die ich für die besten halte: Die Vernunft, das Gebet, sein Andenken. Ich kann nicht! Es ist, als wollte ich aufhören, ihn zn lieben! Paul (hinter der Scene, singt). „Das Glas, worin verwelkt das Veilchen, Hat leis ein Fächerschlag gestreift . ." Mari e. Ah! . . . Das ist seine Stimme! Paul (wie oben). „Der Bruch nach einem kurzen Weilchen Unsichtbar langsam weiter greift ..." Marie Welch' schöne Stimme er hat! Und diese einschmeichelnde Melodie! 6 Paul. „Kein Thau, daraus es Nahrung sauge, Das Wasser tropfenweis verrann; Noch war's erkennbar keinem Auge . . Gebrochen ist's. Rührt nicht daran!" Mari e. Herrlich! Paul. „Oft streift ein Herz die Hand der Liebe, Verletzt es leicht, daß es verdirbt; Dann springt's von selbst, erstickt die Triebe, Die Blume seiner Liebe stirbt." Marie (beinahe erschrocken). Welch' ein Gefühl! Paul. „Kein Auge sieht's. Doch tief im Grunde Fühlt wachsen, weinen dann und wann Es seine tiefe Todeswunde . . . Gebrochen ist's. Rührt nicht daran!" Marie. Ich bin ganz verwirrt! Das Gefühl, welches er in die letzte Strophe legte, klang wie ein Bedauern, ein Vorwurf. Sollte ich, ohne es zu wollen, ihn verletzt haben? Sollte meine Hand, die er liebt, sein Herz ge- tödtet haben? O nein, nein, es ist unmöglich! Und doch, als er sang: „Die Blume seiner Liebe stirbt" . . . da schien es mir, als spräche er von seiner- eigenen Liebe . . . und bei dem Wort: „Gebrochen ist's" . . . glaubte ich . . Vorwärts, doch, ich bin närrisch! Wirklich, ich liebe ihn zu sehr. (Sie horcht und wischt sich die Augen). Mir scheint, erruft mich. Ja, es gilt mir! (Sie geht au's Fenster.) Paul! . . . Rufst Du mich? . . . Ja. Was willst Du? . . Ach ja, ich verstehe! Deinen Rock. Was? Was sagst Du? Ob ich den Orden festgemacht habe? Ja, gnädiger Herr, ja wohl! Ihre Frau thut immer Ihren Willen. (Horcht). Was? ... Ich verstehe nicht. Wie? ... Ach ja! Du willst, ich soll ihn Dir hinunterwerfen. Hier! . . . Fang ihn auf! . . . (Sie wirft den Rock zum Fenster hinaus. Ein Papier fällt aus der Tasche). Ein Papier? Ein Brief? . . . (Hebt ihn auf). Der Brief von heute Nacht! . . . Ja, er ist's. Ich erkenne ihn wieder! Da ist das rothe Siegel mit einem Petschaft! O, mein armes Herz! Parfümirtes Papier! Er schreibt sonst nie auf parfü- mirtem Papier . . . Und diese halbvollendete Adresse.. „An Madame... Kein Name! Warum nicht? (Sie besieht den Brief von allen Seiten.) Wie befürchtet er, daß man den Brief lesen könnte! Der Siegellack genügt ihm nicht . . . Er hat den Brief noch obendrein von allen Seiten mit Gummi verklebt. Was seh' ich? Der erste Buchstabe des Namens ist zur Hälfte geschrieben . . Das ist ein V . . . Er ist für sie! Für die Baronin! Oh, die Nothwehr entschuldigt Alles! Wenn ein Dieb bei uns einbricht, haben wir das Recht, uns seiner zu erwehren! Ich darf also! (Sie zerreißt lebhaft den Umschlag, öffnet den Brief, liest ihn, und läßt sich hierauf in einen Sessel fallen, indem sie den Kopf in beiden Händen verbirgt. Panse. Sie erhebt sich, mit leiser Stimme.) Oh, großer Gott! Welche Schande! . . . Ich bin überzeugt, daß er dort unter dem Fenster steht und sich über mich lustig macht! (Liest). „Hab' ich Dich, Eifersüchtige!" (Mit halbem Lächeln) Oh, das Ungeheuer! Wie er mich kennt! Er hat vorausgesehen, daß ich lesen werde. Wie schlau das ausgedacht war! Er ist so klug! (Liest weiter.) „Hab ich Dich, Eifersüchtige!" Ich wage es kaum, je wieder vor ihn hinzntreten. (Sie erhebt sich langsam und geht ans Fenster, indem sie hinter dem Vorhang halb verborgen hinansschant, um nicht gesehen zu werden.) Ja, er ist dort! Er wendet die Augen hierher! 7 Er lacht in den Bart hinein ... in seinen schönen Bart! . . (Lehnt sich plötzlich ans Fenster und wirft ihm Kußhände zu). Wohlan! . . Geh', lach' und mache Dich über mich lustig! Es ist mir gleich! . . . Ich bin so glücklich! (Wendet sich zur Wiege). Sein Kind erwacht, erwacht! (Ruft zum Fenster hinaus). Komm'! Komm'! . . . Damit ich Dich umarme und Dich um Verzeihung bitte an seiner Wiege! ... So komm doch! . . Ach! Ich kann nicht länger warten! . . Ich hole Dich! (Sie stürzt hinaus.) Der Woryang Mt. Meiler Theater-Reperioir. Lieferung: Rothe Haare. —Das Pamphlet. Zwei Lnst- spiele von Dt. A. Grandjean. 50 kr. 2. — Heimlich. Lustspiel in i Akt, von Grandjean. 50 kr. 3. —Die geheime Mission. Lustspiel in 3 Akten, von M. A. Grandjean. 60 kr. -Eine arme Schneiderfamilie. Traumgem. m. Ges., Tanz u. Tabl., in 3 Abth., v. Jos. C. Böhm. 80 kr. o -Doktor und Friseur, od.: Die Sucht nach Abenteuer». Posse mit Ges., in 2 Akten, v. Fr. Kaiser. 60 kr. Der Pelzpalatiu und der Kachelofem od.: Der Jahrmarkt zu Rautenbrunn. Posse mit Gesang in 3 Akten, von Friedrich Hopp. 1 fl. ' —Der Mentor, Lustsp. in i Akt n. d. Franz, frci bearb. von I. W. Lembert. 50 kr. « —Der Freund und die Krone. Nomant. Schausp. in 4 Akt., v. I. W. Lembert. 80 kr. ^ —Zum erstenmale im Theater. Posse in i Akt, von Friedrich Kaiser. 60 kr. s n>. - Der Gang ins Irrenhaus. Lustspiel in 1 Akt, n. d. Franz, v. Herzenskron. 50 kr. 11. Lief.Donna Diana. Lustspiel in 3 Akt. n. d. Span, des Moreto von C. A. West. Fehlt. (Dagegen in eleg. Min.-AuSg. L i fl. 20 kr. zn haben.) 12. — Müller und Schiffmeister. Posse mit Gesang in 2 Akten, von Friedrich Kaiser. 60 kr. 13. — Die Tochter des CowitainS. Schauspiel in 3 Akten nach dem Franz v. Col. Gärtner. 60 kr. 14. — König und Aebtissin. Trauersp. in 3 Akten nebst einem Vorspiele, von Al. Patuzzi. 80 kr. 15. — Alle Mittel gelten. Lustspiel in 1 Akt nach Scribe von L. Julius. 50 kr. 16. — Eine Jugendsünde. Lustspiel in 1 Akt, frei nach dem Französischen von L. Julius. — Georgi. Posse in 1 Akt von L- Julius. 60 kr. 17. — Olga. Lustspiel in 1 Akte, frei nach dem Französischen von L. Julius. 50 kr. 18. —Zwei Pistolen, oder: Erschossen und lebendig. Posse mit Gesang in 2 Akten, von Friedrich Kaiser. 60 kr. 19. — Der Bräutigam ohne Braut. Lustspiel in 1 Akt, von Herzenskron. 50 kr. 20-Lief. Ein Mädchen ist's nnd nicht ein Knabe. Lustspiel in 1 Akt n. d. Französischen von Herzenskron. 50 kr. 21. — EliaS Regenwurm, oder: Die Verlobung auf der Parforcejagd. Posse mit Gesang in 2 Akte», von Friedr- Hopp. 80 kr. 22. — Hoang-Puff. Posse in i Akt nach dem Französischen von Herzenskron. 50 kr. 23. — Der Knß an den lleberbringer. Lustspiel in 1 Akt n. d. Franz, des Scribe, von Herzenskron. 50 kr. 24. — DaS Häuschen in der Aue. Lustspiel in i Akt, nach dem Franz, frei bearbeitet von Herzenskron. 50 kr. 25. — Die Nebenbuhler. Lustspiel in 5 Akten, nach Sheridan'S „Rivals" von F. C. Hanker. 80 kr. 26. — Onkel Tom. Amerikanisches Zeitgemälde m. Ges. n. Tanz in 3 Abth. nebst 1 Borsp. nach Stowe's Roman: „Onkel Toms Hütte" v. Th. Megerle. 80 kr. 27. — Ein alter Corpora!. Charakter-Gemälde in 5 Akten, von Carl Juin und P. I. Reinhard. Theilweise nach Dnmanoir. 80 kr. 28. — ServuS, Herr Stutzerl t Posse in i Akt, von Juin und Flerx. 50 kr. 29. — Die Ehre des HanseS. Drama in 5 Akt. v. C. Juin und P. I. Reinhard. Rach Batta nnd Desoignes. i fl. 30. — Die Obsthändlerin des Königs. Drama in 3 Ä- n. einem Borsp. unt. d. Titel: Der Wasserträger von Paris. Stach dem Französ. frei bcarb. v. Therese Megerle. 80 kr. 31. — Gervinns, der Narr vom Untersberg. Posse mit Gesang in 3 Akten von A. Berla. 80 kr. 32. — Eulenspjegel, od.: Schabernack üb. Schabernack. Posse m. Gesang in 4 Akten, v. I. Nestroy. Dritte Ausl. 80 kr. 33. — Hempcl, Krempel nnd Stempel. Posse in i Akt. Frei nach dem Engl. v. K. Gräser. 60 kr. 34. — Wahn nnd Wahnsinn. Schauspiel in 2 Akten nach Melesville's: üllo s»t tolle, bearb. v. Lembert. 60 kr. 35. — Ein Florentiner Strohhnt, od.: Fatalitäten an dem Berlobungstaqe. Posse mit Gesang in 3 Akten, von Carl Juin und L. Flerx. ' 80 kr. 36. — Ein neuer Monte-Christo. Original-Charakterbild in 3 Akten von Friedrich Kaiser. 1 fl. 37. — Die schöne Fiakcrin. Lokaler Schwank mit Gesang und Tanz in 3 Akten. Nach einer älteren Kringsteiner'schen Posse frei bearb. von A. C. Naske. 80 kr. 38. — Eine reife Melone. Schwank in 1 Akt v. Bohle Ber- nard's klatouie attaeheinentn, v. K. Gräser. 60 kr. 39. — Der Arzt Wider Willen. Schwank in 2 Akten frei nach Molibre von Griffe. 60 kr. 40. — Am Clavier. Lustspiel in 1 Akt. Nach dem Französischen frei bearb. v. M. A. Grandjean. 50 kr. 41. — All zu toll. Fastnachtsposse in 1 Akt. Frei nach dem Engl, von K. Gräser. 50 kr. 42. — Die Geldfrage. Lustsp. in 5 Aufz. v. Alexander Dumas Sohn, deutsch von P. I- Reinhard. 80 kr. 43. — Diana de Lys. Schausp. in 5 Aufz. v. Alex. Dumas Sohn, deuffch von P. I. Reinhard. 1 fl. 44. — Der natürliche Sohn. Schauspiel in 4 Aufzügen und einem Borspiel von Alex. Dumas Sohn, deutsch von P. Reinhard. 1 fl. 45. — Die Dame mit den Camelien. Schausp. in 5 Aufz. v. Al. Dumas Sohn, deutsch v. P- I. Reinhard. 1 fl. 46: — Ein Hut. Lustsp. in 1 Akt. Frei nach Llaä. Zmils Se kirarckin, von M. A. Grandjean. 50 kr. 47. — Das hohe C. Lustspiel in 1 Akt, von M. A. Grandjean. 50 kr. 48. — Das Concert. Lustsp. in 1 Akt v. P. M. Daghofer 50 kr. 49. — Ein weiblicher Monte-Christo. Charakterb. aus dem Pariser Leben, in 4 Abth. und 5 Akten mit Musik und Tanz von Th- Megerle. 80 kr. 50. — Ein Mann ohne Herz. Genrebild in 5 Akten von Al. Fr. Pann. 60 kr- 51. — Der Roman eines armen jungen Mannes. Schauspiel in 5 Aufzügen und 4 Tableaux. Nach Octave Feuillet von C. Juin und P. I. Reinhard. 1 fl. 52. — Im Dorf. Ländliches Charaktergem. mit Ges. und Tanz in 3 Abth. v. Therese Megerle. 60 kr. 53. — Ueberall Diebe. Original-Schwank in 1 Akt, von C- F. Stix. 50 kr. 54-Lief.Ein Rekrnt von 1859. Bolksstück mit Ges. in 3 Abth. von O- F. Berg. 80 kr. 55. — Der böse Geist LumpacivagabnnduS, od.: Das liederliche Kleeblatt. Zauberposse mit Gesang in 3 Aufzügen, von Joh. Nestroh. 80 kr. 56. — Frink nnd Compagnie. Charakterbild mit Gesang in 3 Akten von A. Varrh. 80 kr. 57. - Der Wunderdoktor. Original-LebenSbild m. Gesangin 2 Alten von K. Gründorf. 80 kr. 58. - Der Mord in der Kohlmessergasse. Posse in i Akt nach dem Franz, von Alex. Bergen. 50 Ir. 59. — Möbel-Fatalitäten. Schwank in 1 Akt, von Anten Bittner. 50 kr. 60. — Eine Vorlesung bei der HanSmeisteri». Posse in i Akt, von Alex. Bergen. 50 kr. 61. — Enlenspiegrl ais Schnipfer. Posse in 1 Akt, von A. Bittner. 50 kr. 62. — Kling! Kling! Posse in 1 Akt, v. Morländer - 50 kr. 65. - 63. — Ein weiblicher Diplomat, oder: Was ein Mädchen ans Büchern lernt. Original-Lustspiel in 4 Akten, von Charl. Bar. von Graven. 80 kr. Stur solid, od.: Carnevalsabenteuer im Schlossergassel. Faschingsposse mit Gesang nnd Tanz in i Akff von L. GottSleben. 50 kr. Am Allcrseeleutaa oder: Das Gebet ans dem Friedhose. Original-Bolksschauspiel in 4 Abth. nebst i Vorsp.: Ein gegebenes Wort, von H. Hausmann. 80 kr. 66. — Ein junger Gelehrter. Lustspiel in 1 Akt. Nach dem Engl, von Alex. Bergen. 50 kr. 67. — Die Frau Wirthi». Charakterbild m. Ges. in 3 Akten v. Fried. Kaiser. 1 fl. 68. — Die Milch der Eselin. Posse mit Gesang in 1 Alt, nach dem Franz, v. A. Bittner. 50 kr. 69. — Etwas Kleines. Charakterbild mit Ges. in 3 Akten, v. Fried. Kaiser. 80 kr. 70. — Ein Guldcnzcttel. Original-Schwank in 1 Akt v. Carl Gründorf. 50 kr. 71. — Die Studenten von Rnmmelstadt. Genrebild m. Ges.». Tanz in 3 Akten, v. C. Haffner. 80 kr. 72. — Der neue Don Quichotte. Lustspiel in 1 Akt, n. dem Franz, von A. Bergen. 50 kr. 73. — Ein FuchS- Posse mit Gesang in 3 Aufz. von C- Juin. 80 kr. 74. — Er compromittirt seine Frau. Lustspiel in i Akt. Nach d Franz, v. Moreno. 60 kr. 75. — Therese KroneS. Genrebild mit Gesang n. Tanz in 3 Akten, v. Carl Haffner. ' 80 kr. 76- — Eine Ausnahme von der Regel. Lustsp. in 1 Auszuge von Alois Berla. 50 kr. 77. — Zwei Testamente. Charakterbild mit Ges. in 3 Aufz. von Friedr. Kaiser. 80 kr. 78. — Drei Viertel auf Eilf. Schwank in 1 Akt v. M. A. Grandjean. 50 kr. 79 — Einen Jur will er sich machen. Posse m. Ges. in 4 Aufz- v. I. Nestroy. 80 kr. 80. — Nur nicht reden! Dramatischer Scherz in i Akt von C- F. Stix. 50 kr. 81. — Unrecht Gut l Charakterbild mit Gesang in 3 Akten u. 1 Borsp. v. Friedr. Kaiser. 80 kr. 82. — Mein Fräulein Bruder. Lustspiel in 1 Akt von Alex. Bergen. 50 kr. 83- — Des Krämers Töchterlei». Orig.-Charakterbild in 3 Akten von Friedr. Kaiser. 80 kr. 84. — Nnr keine Protection. Posse mit Gesang in 2 Akten von Anton Bittner. 80 kr. 85. —Die beiden Nachtwächter, oder: Ein Spuk in der Faschingsnacht. Posse mit Gesang nnd Tanz in 3 Akt. v. C- Haffner u. I. Pfundheller. 80 kr. 86- — Die Bürgermeisterwabl in Krähwinkel. Schwank »m Ges. in 1 Akt v. Juin n. Flerx. SO kr. 87. — Eine Feindin nnd ein Freund. Posse mit Gesang in ^ Akten von Friedr. Kaffer. 80 tr- 88. - Er kann nicht lesen. Posse in 1 Akt von M. ^ Grandjean. 50 kr. 89. — Ferdinand Raimund. Künstler-Skizze mit Gesang »i - Akt. v. C. Elmar. ««kr. 90- — Der Zigeuner. Genrebild mit Gesang in 1 Akt von A. Berla. 50 kr. (Die Fortsetzung befindet sich auf der 2. Seite des Umschlages.) Karnevals Aöenteuer. Schwank in drei Acte von M. Oevibauev. Alle Rechte Vorbehalten. Men, 1878. Verlag der Wallishausser'schen Buchhandlung (Josef Klemm), Stadt, Hoher Markt Nr. 1. Das Aufführungsrecht für die Bühne ist ausschließlich von dem Autor selbst zu erwerben. Personen: Brand mayer, Fabrikant. Thekla, seine Frau. Bertba < Thekla's Schwestern. 3to s a i Na gl, Fabrikant. Adler, Genremaler. Löwe, Ingenieur. Kerimhazy, Gutsbesitzer aus Ungarn. Nosenstock, Banquier aus Lemberg. Zillinger. Frau Zillinger. Kästner, Werksührer bei Brandmayer. Sali/,. ^ scme Tochter. Susis Marie Müller, Witwe, Kastner's Schwester. Franz Sommer, Kunstschlosser. Ignaz Kinnböck, Kunsttischler. Peter Muschelkern, Adler's Diener. Jean, Kellner. Ein Polizeic ommissär. Ballgäste. N achbarslente. Zum ersten Male aufgeführt im Theater in der Josefstadt in Wien am 16. Februar 1878. Den Bühnen gegenüber als Manusmpt gedruckt. tzrster Act. (Elegant möblirtes Zimmer; links ein Clavier nnd ein Notenpult. Auf dem Tisch liegt eine große Zahl geöffneter Briefe.) Erste Scene. Adler. Peter. (Beide in Balltoilctte.! Dann Löwe. Adler (zu Peter, ihm die Halsbinde ord* nendp Die Halsbinde sitzt noch etwas schief. So! (Betrachtet ihn-! Jetzt kannst Du Dich schon im Salon sehen lassen. Peter. Darf ich mich im Spiegel betrachten? (Vor dein Spiegel, selbstgefällig.! Famos! Sie haben sich aber auch in Unkosten gesteckt, Herr Adler. Adler. Wenn Du diese Nacht Deine Nolle gut durchführst, ist Dir der ganze neue Anzug geschenkt. Peter (entzückt!. Geschenkt? Mein? diese Pracht? Löwe (in Balltoilette sieht, zur Thüre herein!. Störe ich? (Erstaunt.! Was geht da vor? Adler. Komm nur herein! Löwe (tritt ein, zu Adlers. Du in Balltoilette ? (Auf Peter weisend.! Dein Diener in Balltoilette? Adler. Ist nicht Fasching? Haben wir nicht den Carneval? Löwe. Hast Du es nicht längst verschworen, je wieder einen Ball mitzumachen? (Betrachtet Peter erstaunt.! Und Dein Peter sieht fast einem Gentleman gleich. ^ Peter (selbstgefällig!. Nicht wahr? (Zn Adler.! Ich treffe die weiteren Vorkehrungen. (Ab.s . Löwe (sieht die Briefe, aufgeregt!- Und i hier eine ganze Ladung von Uillets-äoux ! ! Lieber Freund, ich ertappe Dich da bei irgend etwas! Was ist's? Ich bitte Dich, sag' es mir. Du weißt ja, mein größter Fehler ist die Neugierde. Adler. Ich nnd Peter wollen auch ein Faschingsvergnugen haben. Elitebälle, Maskenbälle, Costnmbälle, Ne- donten, Narrenabeude u. s. w. Alles das habeich bis zum Ueberdrusse mitgemacht und will auch von all' diesen Faschingsfreuden nichts mehr hören, noch sehen. Aber es muß doch etwas in der Luft des Carnevals liegen, das Einem in's Blut fährt und dasselbe rebellisch macht, bis es durch irgend eine Tollheit herausoperirt wird. Und so hat es auch mir, besonders die letzten acht Tage, keine Nahe gegeben, bis ich mir für diesen Fasching eine Dummheit bewilligt habe. Löwe. Dazu hast Du ja das ganze Jahr zu Deiner Verfügung, was machst Du es Dir so unbequem, Dich dafür aus den Fasching einzuschränken? Adler. Ich erklärte es Dir ja so eben: Es ist das Carnevalsfluidium. Und da bin ich denn darauf gekommen, 1 * Theater-Nepertoir 343. 4 daß es doch noch ein Faschingsvergnügen giebt, das ich bisher noch nicht genossen habe. Löwe (aufgeregt). Ein noch nicht genossenes Faschingvergnügen?! Ich bitte Dich, sage es mir doch. Dn weißt ja, mein größter Fehler ist die Vergnügungssucht. Adler. Warte nur bis morgen. Morgen werde ich Dir über die Erlebnisse dieser Nacht einen detaillirten und wahrheitsgetreuen Bericht erstatten, einerlei ob das Abenteuer gut oder schlecht ausgefallen sein wird. Löwe (aufgeregt). Was Du sag)t! Abenteuer!? Ich bitte Dich, sage mir doch gleich jetzt, was Du vor hast. Du weißt, mein größter Fehler ist die Sucht nach Abenteuern. Nimm mich mit! Das wirst Du können, denn Du nimmst ja Deinen Diener mit. Adler. Es handelt sich nur um einen Jux; immerhin aber könnte es sich so fügen, daß ich ans ein Mädchen treffe, welches mir endlich einmal mein vereinsamtes, leeres Herz mit wahrer inniger Liebesglnth erfüllt. Löwe (aufgeregt). Mit Liebesglnth ?! Ich bitte Dich, sage was Dn vor hast! Dn weißt ja, mein größter Fehler ist meinHagestolzenthnm. Siebennndzwanzig Bälle habe ich diesen Fasching schon durchgemacht und habe dabei mit, gering gerechnet, 500 Tänzerinnen durch die Tanzsäle gerast, und das Facit? Ich kann nur schwitzen, aber nicht mich verlieben. Adler (uimmt eine Zeitung vom Tische). Ich hatte es mir zwar fest vorgenommen, mein Carnevals-Abentener im Geheimen ansznführen, da mich aber bei den Vorbereitungen dazu ein so alter, liebster Freund wie Du überrascht, so will ich die Farbe bekennen. (Er reicht Löwe die Zeitung.) Da lies diese Annonce. Löwe (erstaunt und aufgeregt). Zeitung? Annonce? (Liest.) Ein Elavier- spieler, welcher die neuesten Composi- tionen von Strauß mit Bravour und Ansdauer spielt, empfiehlt sich für gut bürgerliche Hanöbälle zu den billigsten Bedingungen. Anträge unter dem Motto: „Wiener Blut, x>c>8t rsstante." Adler (lachend). Dieser bravouröse, ausdauernde Clavierspieler für einen gutbürgerlichen Hansball — bin ich und hier — (auf die Briefe weisend.) sind die posto i'68tunt6-Einläufe. Löwe (hastig). Darf ich unter diesen etwas heransstöbern? (Liest einen Brief.) „Wenn Sie auf Ihre Annonce unser gemüthliches Ballfest mit Ihrem Cla- viere beehren wollen, zahlen wir Ihnen fünf Gulden für den Abend, 's Essen und den Trunk gibt Ihnen der Wirth her. Den Transport des Claviers und allenfallsige Beschädigungen dabei besorgt auch der Wirth unter seiner Haftung." „Das Eomitv des gemächlichen Hausmeister- balles." — Armes Clavier! Das ist eben nicht einladend. Adle r. (Hat einen Brief aus der Tasche gezogen und gibt Löwe denselben) Dieser Brief brachte mir, was ich wollte: einen richtigen Hausball, in einer angesehenen wohlhabenden Bürgerfamilie. Siehst Dn, einen solchen Hausball habe ich noch nicht mitgemacht. Löwe. Ich auch nicht. Solche Hausbälle, die ehemals so berühmt waren, sind ja schon ganz aus der Mode gekommen. Adler. Noch nicht ganz, aber wir modernen Junggesellen, die wir jedem Familiendnnst meilenweit aus dem Wege gehen, übersehen leicht diese Stätten des Vergnügens. Ich war schon dort und habe für heute abgeschlossen. Löwe. Und was ist das für ein Haus? Adler. Beim reichen Fabrikanten Brandmayer. Ich habe mich ihm als Clavierspieler von Profession unter dem Namen Franz Meyer vorgestellt. Darauf haben wir ausgehandelt, daß ich zehn Gulden Honorar erhalte und ein Souper für mich und meinen Diener Peter, der als mein „Umblatt- ler" mitkommt. Und das ist mein heuriger Faschingsscherz. Löwe kcmfgeregt). Warum hast Dn mich nicht früher davon nnterichtet? Ich wäre gleich dabei gewesen. Ich mit meiner Geige, Dn am Clavier. Peter als Orchesterdiener. Ich bitte Dich, nimm mich mit. Adler. Gut! Komm' mit! Dem Ballgeber kanns ja nur recht sein, wenn ich ihm ein verstärktes Orchester bringe, ohne daß er eine Mehrausgabe hat. Löwe. Ja, nimmst Dn wirklich ein Honorar? Adler. Das muß ich ja, um mich nicht zu verrathen. Ich werde es aber einem wohlthätigen Zwecke widmen. Löwe. Wenn uns aber ein Ballg'ast erkennen sollte? Adler. Ah, diese Kreise sind uns Beiden ganz fremd. Ich habe mich hierüber schon erkundigt. Zweite Scene. Vorige. Peter klommt mit einem Packet Noten.) Löwe kzu Peter, demselben einen Schlüssel gebend). Hole ans meiner Wohnung meine Violine und das Notenpacket; hier ist der Schlüssel; Du kennst dich ja ohnehin aus. Adler szn Peter). Ich habe nämlich Herrn Löwe für heute Abend als Primgeiger engagirt. Peter. Wirklich? Das ist sehr gut! Nun silld wir unser Drei, da kann uns viel weniger leicht etwas passireu. Adler. Du hast doch keine Angst? Peter. Ich? Ich habe gerade ein ganz kleines Bißerl Angst gehabt, aber lcht, jetzt fürchte ich gar nichts mehr. Adler fröhlich). So ganz inkognito einen Hausball mitmachen, das reizte . 5 mich schon lange. Ich hoffe von dem heutigen Balle für meine Skizzenmappe eine reiche Ausbeute nach Hanse zu tragen. Während ich meine Finger über die Tasten des Claviers laufen lasse, wird sich mein Malerange in die Knäuel und Wirbel der Tanzenden hinein bohren. Löwe stochend einfallend). Ohne daß das Philisterinm etwas davon ahnt, daß es abkonterfeit wird zu lustigen Illustrationen über das Thema: „Der Handball." Ich muß von diesen Skizzen einige bekommen. Dn weißt, es ist mein größter Fehler, daß ich am liebsten Alles besitzen möchte, was Dein witziger Stift hinwirft. Adler. Du sollst die Auswahl haben! Ha, da werden wir nach Jahren noch uns daran vergnügen und ans den heutigen Abend fröhlich zurück denken. Dritte Scene. Vorige. Peter stommt mit einem Violinkasten und einem Notenpackete.) Ad*er sweist ans die Uhr). Es ist höchste Zeit anfznbrechen. Alle fziehen ihre Ueberröcke an). Adler. Wir lassen unfern Fiaker- einige Gassen weit von dem Brand- mayer'schen Hause entfernt halten, denn als bezahlte Musikanten müssen wir zu Fuße ankommen. Wir könnten aber noch schnell eine Probe halten über unser Entrev im Salon Brandmaher. Ich denke, Peter soll vor uns erscheinen mit dem Violinkasten und den Noten. iZu Peter.) Also zeige, wie Du Deinen Eintritt machen wirst. Peter finit den Noten unterm Arm nnd den Violinkasten tragend, tritt in stolzer Haltung vor). So werd' ich eintreten! Adler. Ganz gefehlt. Du bist ja jetzt der arme „Umblattler" von zwei armen Musikanten. Dn mußt demüthig nnd wie mit hungrigem Magen eintreten. 6 Und ich werde jetzt das Publikum machen, welches schon ungeduldig den Clavierspieler erwartet. Peter (ist znrückgegangen und tritt in demüthiger Haltung vors. Adler (mehrere Stimmen nachmachendj. „Ah, endlich der Clavierspieler!" — „Fangen Sie nur gleich an." — „Mir spielen Sie etwas zum Schweben." — „Nein, mir eine Polka." — „Ich will einen Galopp!" — Halt, meine Herrschaften, wir müssen uns ja nach der Tanzordnung halten!" Peter. Ich werde sagen: „Ich bitt', ich bin ja nicht der Clavierspieler." Adler (wie vorher). „Nicht der Clavierspieler?" „Wo bleibt denn der Clavierspieler?" — „Wer sind Sie denn sonst?" Peter. „Ich bitt', ich bin nur der Umblattler." Adler. So! Jetzt lassen wir die Tanzwüthigen noch eine kleine Pause der Ungeduld durchmachen, dann treten wir ein. Löwe. Aber wie? Ich schlage vor, daß einer von uns den schüchternen Der Zwischen Musikus, der andere den falschen, aber unverschämten Virtuosen spielt. Adler. Laß mich den Frechen spielen. Die Clavierspieler geben sich ja überhaupt mehr komödienhaft als die schwärmerischen Süßholzraspler. Also wir treten ein. Beide (treten zurück und dann zusammen vors. Löwe. Ich bewege mich in sanften Verneigungen vorwärts. Macht es so.) Adler. Ich schwebe mit schleifenden Füßen, znrückgeworfenem Kopfe, herein, ziehe mit schwunghafter Attitüde die Handschuhe von den Händen, schleudere dieselben aufs Clavier und mache dann einige Läufe über die Tasten, als hätte ich den Weltennntergang zu markiren. Hahaha! Also vorwärts! Löwe. Da soll uns Einer erkennen. Also vorwärts! Alle Drei (setzen sich in Bewegung). Adle r. Als lachendeFaschings-'Philo- sophen mitten hinein in da- tanzende und zechende Philisterum! fällt. Verwandlung. Einfach aber hübsch eingerichtetes Zimmer. Mehrere Thüren. Erste Srene. Marie ist beschäftigt an Susi und Sali die Balltoilette zu vollenden. Kästner stopft seine Pfeife. Mehrere weibliche NachtbarSlente lugen zur Thüre herein.) Nachbars lente funter der halbgeöffneten Mittelthüre). Ist's schon erlaubt? Marie (zu denselben abwehrend). Die Mädeln sind noch nicht fertig für'n Ball. Nachbars leute. Wann können wir sie denn sehen? Marie. In einer Viertelstunde. Mehrere. Na, ist die Susi schön! Andere. Und erst die Sali! Marie (schließt die Thüre). Es zieht ja! Wir bitten etwas später. (Hat die ! Thüre geschlossen, so daß die Nachbarsleute draußen geblieben sind.j Susi. Ist das eine Neugierde von den Leuten! Sali. Und ein Neid. Marie (beschäftigt sich mit den Toiletten der Sali und Susi). Cs macht halt ein Aufsehen, daß wir allein vom Herrn 7 Brandmayer auf sein' Hausball eiuge- laden worden siud. Susi. Ist unser Vater nicht schon seit vierzig Jahren der erste Werkführer in der Brandmayerischen Fabrik? Marie. Und heute ehrt der Sohn, der junge Herr von Brandmayer, den alten Diener seines Vaters mit seiner Einladung. Kästner. Das ist's ja eben! Ich habe die Einladung anuehmen müssen, denn eigentlich passen wir arme Leute nicht unter die reichen. Marie fzu Kästner). Warum denn nicht? Da schau' Deine Mädeln an. Seh'n Sie nicht wie Prinzessinnen aus? Kästner. Was aber die Ballsachen für ein Geld kosten! Hätt' lieber Jede die fünfundzwanzig Gulden in's Spar- cassabüchel hineingelegt! Marie. Verdirb doch Deinen Kindern nicht die Freude mit solchen Reden. Sali. Ja, Vater, das ist garstig von Dir, daß Du uns gar nicht sagst, ob wir Dir heut gefallen. KastN er stundet sich die Pfeife an)- Sauber seids, das ist richtig! 's sollt' halt heut' eure Mutter noch leben! Sali stvill zum Weinen anfangen). Ja, wenn uns die selige Mutter heut sehen könnt. Marie stn Kästner). Du machst die Mädeln noch ganz traurig. Kästner. Das soll nicht sein. Ihr sollt Euch unterhalten und lustig sein und tanzen und springen. Ich mein' aber etwas Anderes. Wenn die Töchter 's erste Mal auf einen Ball gehen, so gehört es sich, daß d' Mutter ihuen vorher eine gute Lehr' gibt. Und das will ich jetzt thun. Denkt Euch also, ich bin mein verstorbenes Weib, Eure stetige Mutter. Susi fhustelnd). Unsere seelige Mutter hätt' aber nicht dabei geraucht. M arie stvill Kästner die Pfeife aus dem Munde nehmen). Aber Bruder! Du rauchst ja die Mädeln an, als ob's Meerschaumköpf wären! Wir bringen ja einen Geruch mit in den Salon, als ob wir wären ans einer Kaserne ausgelassen word'n. Kästner. So ein Ball bringt einen ganz aus der Ordnung. Ich kann doch meine frisch gestopfte Pfeife nicht aus- geh'n lassen? Marie. So bitt' ich Dich, rauch draußen weiter, die gute Lehr' werd' schon ich den Mädeln geben. K astNer fsteckt die Pfeife in den Mund, abgehend). Ich kann doch die Pfeife nicht ausgehen lassen! Witte ab.) Zweite Scene. Dieselben ohne Kästner. Marie. So Mädeln, jetzt sind wir unter uns! Habt Ihr nicht eine rechte Augst vor dem ersten, noblichten Ball? Snsi fschnell). Ich gar nicht. Sali fgleichzeitig). Ein Bisserl Wohl. Marie stu Susi). Ja, man darf die Sache nicht zn leicht nehmen! O, so ein erster Ball hat schon Manche lebenslänglich glücklich und Manche lebenslänglich unglücklich gemacht. Sali ffllr sich.) Gott sei Dank, ich Hab' schon mein Franzl! Marie. Seid nur ans Eurer Huth! Die meisten reichen G'schwufen Habens auf arme Mädeln abg'sehn. Susi. Ich werde einen solchen Herrn nur so in's Gesicht lachen. Marie. Du warst noch nicht im Feuer, daß Du so sprichst. Ja und dann noch Eins! Ihr müßt auch auf die Conversation obacht geben. Susi. O davor fürcht' ich mich gar nicht! Wenn mir nichts zu antworten einfällt, setze ich die Conversation mit den Augen fort. Marie. Man muß aber doch auch zeigen, daß man etwas vorstellt und etwas leisten kann. 8 Sali. Zum Beispiel, Tante? M arie szu Sali). In: Nothsatt kannst Dn schon in die Konversation einfließen lassen, daß Dn zwei Maschinen hast, daß Du bei den „Schotten" kochen gelernt hast, daß Du „Leonore fuhr um's Morgenroth" deklamiren kannst und was man halt sonst in einer kleinen bürgerlichen Haushaltung braucht. Dritte Scene. Vorige. Kästner skommt mit der dampfenden Pfeife.) Kästner. Es fangt znm regnen an. Marie, Sali, Susi serschreckt). Regnen thnt's! ? Kästner. Folglich brauchen wir einen Wagen. Marie. Das tragt es uns auch noch! )Zn Kästner.) Geh' Bruder, hol einen Wagen, einen großen viersitzigen Fiaker. Kästner. Freilich — nur nobel! Marie. Bist Du heut ein z'widerer Mensch! Und schon wieder die Pfeife. Kästner. Heut sollt' halt meine Alte noch leb'u! Marie. Die wäre schon längst um einen Wagen gelaufen. Kästner. So werd' halt ich auch um einen gehen. sZu Sali und Susi.) Seid's ja mudelsauber! Sollts nicht naß werd'n! Also einen Viersitzigen? fAbgehend unter der Thnre.) Wenn euch nur eure selige Mutter heut sehen könnt'! fAb.s Vierte Scene. Marie. Sali. Susi. Marie. Ist doch ein seelenguter Mann! Aber dieser inpertinente Tabak- gernch. Ich werd' halt schnell ein „Par- sehm" holen. Sali. Wann wirst denn Dn mit Deiner Balltoilette fertig? Marie. Ich bin Nebenfach! Also was für ein' Parfehm wollt's Ihr? Susi. Für mich „Patschuli". Sali. Für mich auch. Susi. Nein, Du nicht! Ich will meinen eigenen Geruch haben. Sali. Es käme halt billiger, weil wir Beide mit einen: Flacon genug hätten. Susi. O, ich brauch allein einen ganzen Flacon. Von mir muß es nur so wegdnften. M arie fhat ein Tuch und einen Regenschirm genommen. Zn Sali). So werd' ich für Dich „Jokey-Clnb" nehmen. Ich bin schnell wieder zurück. sAb). Fünfte Scene. Susi, Sali, dann Franz Sommer und Ignaz Kinnböck. Sali. Jetzt wären wir einen Augenblickallein, da könnten wir unsere Geliebten hereinlassen. fGeht zum Gassenfenster, schiebt den Vorhang etwas bei Seite und schaut hinaus). Wir haben ihnen ja versprochen, daß sie kommen dürfen uns anznschanen, wenn es möglich ist. sFreudig). Ja, ja, der Franzl steht schon draußen und dein Natzl auch. sWinkt dnrch's Fenster und geht dann zur Mittelthüre.) Susi ssich selbstgefällig betrachtend.) Meiu Natzl wird närisch, wem: er mich sieht. F ra uz und Ignaz, streten im Arbeits- gcwande ein). Dürfen wir herein? Sali szu Franz). Nur für einen Augenblick, der Vater und die Tante werden gleich zurück sein. sLiebevoll und etwas verschämt sich herum drehend.) Nun, was sagst Du? Fra uz sbetrachtet Sali mit Entzücken und schweigt). Susi szu Ignaz). Und Dir fallt auch kein Compliment ein? 9 Ignaz saufgeregt und eifersüchtig)- Wirst ja die ganze Nacht genug Coniplimente hören von den noblen Herren. Wirst die ganze Nacht Hüpfen und springen und lustig sein, während ich — Ich weiß schon, wie ich mir diese Nacht vertreiben werd ! Ich geh' znm „Schwender" und dort wird mit den feschesten Madeln getanzt. Sllsi saufgcbrncht und eifersüchtig). Das wirst Du nicht, sonst ist es ans mit uns Zwei'n! Ignaz. So? Das könnte ich ja auch sagen. Susi (wischt sich Thräueu aus den Augen). O Du bist ein garstiger Mensch! Du willst mir meine ganze Freude verderben. Ignaz. Du sollst nur bei mir eine Freud' haben. Sali szu Franz vorwurfsvoll). Und Du redst gar nichts? sWcinerlich). Gehst etwa auch zum „Schwender" auf einen Maskenball ? Franz smit Wärme). Nein Sali! Ich hätt nur eineu Wunsch. S alt sfreundlich). Na, so red! Franz. Ich möcht auf Dein weißes Kleid mit großen Buchstaben schreiben: „Die gehört mein" und darunter meinen Namen „Franz Sommer," mit einem großen Mannpropria, das über die ganze Schlepp herabgeht; damit es die Tänzer wissen, daß ich der Glückliche bin, der so ein' lieben Schatz hat. Sali (glücklich). O, Du bist ein lieber, gnter Franzl! Dafür kriegst ein Busserl. )Will ihn küssen, tritt aber schnell zurück.) Morgen; jetzt gehts nicht; mußt nicht Harb sein, Franzl, 's ist nur weg'n der Toilette. Franz. Da ist gleich g'holfen, da hängt man halt Was NM. sZieht seinen Arbeits-Nock aus.) Erlaubst schon! Also gib was zum Umhängen her, denn einen Kuß muß ich kriegen und einmal muß ich mit Dir herumtanzen. Sali. Ja, das erlaub' ich Dir auch ein Bisserl. Aber was nehmen wir denn nur? (Eilt zum Schnbladkasten und nimmt ein frisch znsammengelegteS Leintuch heraus.) ! Da nimm das Leintuch ! Franz slegt das Leintuch auseinander und bindet zwei Enden desselben um den Hals zusammen, daß er darin eingehüllt erscheint). Das is gewiß die einfachste Balltoilette! Sali shat ein zweites Leintuch aus der Lade genommen und reicht es Ignaz). Vielleicht auch so etwas gefällig? Sie Othello übereinander! Ignaz snimmt das Leintuch, halb verloren, zu Sali). Dankeschön! (Zn Susi, sie besänftigend.) Schau Susi, ich Hab Dich halt so gern, daß ich mich ganz unglücklich fühle, wenn Du ohne mich irgendwo eine Unterhaltung findest. Darf ich auch so eine Toilette machen? Schau, wir sind von der Arbeit weg gleich hieher geeilt. Susi sbesänftigt). Um mir die Freud zu verderben! Na, dießmal will ich Dir's noch verzeih'n. (Spöttisch.) Ich erlaube Dir sogar heute noch zum „Schwen- der" zu gehen. Ignaz shat seinen Nock ausgezogeu). Du sollst mich doch schon kennen, ich rede manchmal nur so dumm daher. Das wird ja einmal Alles anders sein, wenn ich Dich als mein Weiberl für ewig besitzen Werde. (Hüllt sich in das Leintuch ein.) Susi. Da sollst Du halt sehr bald mit meinem Vater darüber reden. Ignaz. Es wärhalt doch am Besten, daß Ihr Madel zuerst beim Vater ein Wort über uns fallen ließet. Susi. O, da haben wir zu viel Angst vor unser'm Vater. Franz. So? Dann trau'n wir uns gar nicht. Sali. Nur schnell! Der Vater wird bald zurück seiu. F r a n z (nimmt die Sali zum Tanze). Sali! Ich lasse Dich den ganzen Abend nimmer aus. 10 Ignaz snimmt die Susi zum Tanze). Jetzt probirn wir einen Walzer, wenn wir auch keine Musik haben. Beide Paare. sTanzen einen Walzer und singen eine Walzermelodie dazu.) Ignaz. Jetzt kommt nach unserer Tanzordnung eine Zepperlpolka. sNimmt die Susi zum Tanze. Franz snimmt die Sali zum Tanze). Alle Vier stanzen eine Zepperlpolka und singen eine Passende Melodie dazu. Franz sbegeistert zu Sali). Das war schon der höchste der Genüsse! Jetzt laß Dich noch einmal von allen Seiten betrachten. Sali sdreht sich herum). Merk Dir's nur ganz genau, wie ich ausschau. Ignaz seifersüchtig und aufgeregt zur Susi.) Susi, ich bring Dich morgen um, wenn Du mir in dieser Ballnacht untreu wirst! Susi sbetrübt). Fängst schon wieder an? Franz snnwillig zu Ignaz). Schäm' Dich doch! Schau einmal, d'Susi wird gleich znm Weinen anfangen. Sali sgerührt zu Franz, ihm doch schmeichelnd). Bist doch mein guter Franzl! Franz. Und Du meine brave Sali, das weiß ich, darum frcuts's mich, wenn Du Dich heute Nacht gut unterhalten wirst. Ignaz szu Susi, begütigend). Schau, ich mein' das Alles nicht so, aber ich kann mich halt gar nicht trennen von Dir. Susi. Hab' ich Dir nicht genug erlaubt? Ign az sbittend). Etwas möcht' ich noch dazu. Susi. Also, was denn noch? Ignaz. Ein Bisserl ein Galop snimmt Susi zum Tanze.) Franz snimmt Sali znm Tanze.) Ja, noch einen Galop! Beide Paare stanzen einen Galop und singen eine Melodie dazu, während sie im Zimmer herumfliegen, tritt Kästner ein). Sechste Scene. Vorige, Kästner stritt ein, ohne von den Uebrigen sogleich bemerkt zu werden.) Kästner serstaunt). Was geschieht denn da? Sind das .Mandeln oder Weibeln? sNuft) He! Sali! Susi!) Sali und Susi serschreckt). Der Vater! Franz und Ignaz sversuchen schnell ihre Hülle abznlegen, ohne daß es ihnen gelingt). Kastner szu Sali und Susi). Wenn nur heut eurige selige Mutter lebet! So hintergeht Ihr Euren Vater? Wenn er nur für ein paar Minuten weggeht? Susi sverwirrt). Wir haben plötzlich eine so große Angst gekriegt, ob wir heut tanzen können, und da haben wir schnell eine Prob g'macht. K a st n e r sauf Franz und Ignaz deutend). Sind das Tanzmeister? Sali sauf Franz weisend). Das ist der junge Franz Sommer ans der Nachbarschaft. Kästner szu Franz). Sie sind also der Sohn vom alten «sommer? Ist ein reeller Mann, Ihr Herr Vater. Susi sauf Ignaz weisend). Das i)t der junge Ignaz Kinnböck, ans der Nachbarschaft. Kästner szn Ignaz). Sie sind also der Sohn vom alten Kinnböck, den ich kenne? Ihr Vater ist ein reeller Mann sZn Sali und Susi vorwurfsvoll.) Das sind also eure heimlichen Liebhaber? Sali. So was fangt man ja immer heimlich an. Franz und Ignaz shaben die Leintücher los gelöst und wollen dieselben bei Seite legen). K ast n e r szn Franz). Halt! Sie werden das Leintuch mit nach Haus nehmen und Ihrem Herrn Vater bringen und erzählen, wie Sie zu dem Leintuch gekommen sind! Verstanden? Fra nz. Ja, Herr Kastuer! (Jubelnd zu Sali) Juchhe! 'S Leintuch Hab' ich schon, jetzt brauch' ich nur noch ein ! Bißerl was dazu und der Ehestand ist I fertig. ; Ka st n er (zu Ignaz). Und Sie machen das Nämliche! Bringen das Leintuch Ihrem Vater und beichten ihm, warum ^ Sie mit einem Leintuch nach Hause kommen. Verstanden? > Ignaz. Ja, Herr Kästner! (Zu Susi.) - Fürchte nichts, Susi, mein Vater wird ! mich zwar ordentlich kampeln, aber eher ! will ich mein ganzes Leben ohne Lein- ^ tuch ans dem Erdboden schlafen, ehe ich von Dir lasse. ^ Käst Iler (zu Frauz uud Ignaz). Von i heute an müssen die Heimlichkeiten auch bei Ihren Herren Eltern anfhören. Entweder so, oder so! Franz. Ich dank' Ihnen, Herr Kästner! Mein Vater wird morgen in aller Früh bei Ihnen anklopfen, (zu Sali) und dann muß noch diesen Fasching ( unser Hochzeit sein. Ignaz (zu Kästner). Morgen wird Alles in Ordnung gebracht, Herr Kästner. (Zu Susi.) Jetzt kannst Du Dich gut unterhalten, gehst ja als halbe Braut l auf den Ball! Susi (ergriffen). Jetzt mbcht' ich lieber zu Haus bleiben. ? Sali. Ich auch (zu Kästner). Vater, bleiben wir zu Hans! Kästner (verwirrt). Hat man schon so was erlebt? Heut' sollt' halt eure > selige Mutter lebe n. (Entschlossen.) Marsch ^ auf den Ball mit euch! (Zu Franz und ! Ignaz.) Gute Nacht, meine Herren! Für heute haben wir ausg'redt. F a n z (zu Sali, ihr die Hand drückend). Oute Unterhaltung, Sali! G'hörst ja l Wem. (Mit dem Leiutuche unter dem Arme l cibgehend, zu Kästner.) Schönen Dank für ! Alles. Ignaz (gleichzeitig Susi die Hand drückend). Gute Unterhaltung! Und erzähle mir morgen genau, welche Tri- j nmphe Dil gefeiert hast. (Mit dem Leintuch unterm Arm abgeheud, zu Kästner.) Gute Nacht Herr Kästner! Sie werden morgen mit mir zufrieden sein. Susi und Sali (eine Kußhand nach- werfend). Gute Nacht! Kastn er (zurückhaltend). Gute Nacht! Franz und Ignaz (ab.) Siebente Scene. Vorige ohne die Beiden, dann Marie, hierauf Na ch b ar s l e n t e, dann Franz und Ignaz. Sali und Susi (schmiegen sich an Kästner an, ihm schmeichelnd). Nit Harb sein, Vater! K a st n e r. Morgen reden wir darüber weiter. Jetzt schaut, daß ihr fertig werdt! Marie (tritt ein). So, da ist der Parsehm! Jetzt laßt euch anspritzen. (Hält in jeder Hand einen anderen Flacon und bespritzt mit dem einen die Sali, mit dem anderen die Susi). Ka stner (erstaunt zu Marie). Du warst fort? Und hast noch gar nicht Toilette gemacht? Was geschieht denn jetzt? Marie. Zuerst müssen die Mädeln fertig und eppedirt werd'n. Alle vier hätten wir ja ohnehin nicht Platz im Wagen. Ich bin mit meiner Toilette längst fertig, bis Ihr mir den Wagen znrückschickt. So Mädeln! Ist das ein Duft?! Ah! dt a ch ba rslente. (Weiber mit Kindern auf den Armen, kleinere und größere Mädchen ^ erscheinen unter der Thüre, Franz und Ignaz suchen sich hinter denselben zu verbergen.) Jst's jetzt erlaubt? Marie. Wenn Sie uns beehren Wollen? (Die eiugctreteuen Neugierigen umringen die Sali und Susi. Die kleineren Mädchen wollen die Balltoilette berühren uud müssen davon abgehalteu werden.) Mehrere. Ah, ist die Susi schön! Andere. Und erst die Sali! M a ri e (noch parfümireud). Kommt ^mir nur nicht zu nahe, Kinder. 12 Sttsi Uhr Sacktuch hinreichend). Dahinein auch etwas „Patschuli!" Sali ^gleichfalls ihr Sacktuch vorhaltend). Dahinein auch Etwas! M arie fthut es). Mehrere fzn Kästner). Können stolz sein, Herr Kästner, ans solche Töchter! Wieder Andere. Nein, der gute Geruch! Ein kleine s Mädch en fweinend). I ch will auch auf den Ball mitgeheu! Ein and er es kleines Mädchen. Ich auch! Ich will auch so ein Kleid haben! Marie fspntzt den Nest aus beiden Flacons unter die Leute). So! Da haben Sie auch Etwas! Susi und Sali suehmen die Ueber- kleider). Kästner fzn den Nachbarslentcn). Jetzt bitte ich um Platz, daß meine Töchter zum Wagen hinaus können! NachbarsleUte ftreten auf zwei Seiten auseinander). Mehrere. Wie zwei Priuzessinen! Wied erA ndere.Wie zwei Bräute! Franz und Ignaz stauchen unter den Leuten auf). Franz. Vereine Bräutigam bin ich! Ignaz. Der andere ich! Sali ferfreut). Franzl! Susi fcrfrent). Natzl! Franz und Ignaz. Wir haben Euch noch mit Einem Blick sehen woll'n. Kästner. Jetzt in Gottesuamen ans den schönen Ball! Wenn heute nur noch meine Selige lebet! NachbarsleNte fdurcheiuander schreiend). Gute Unterhaltung! In passender Bewegung fällt der Vorhang. Zweiter Act. Eleganter Salon mit mehreren Zugängen. Das Orchester spielt als Entrs-Akt vor dem Aufziehen des Vorhanges einen Galop, bei dessen letzten Takten sich der Vorhang hebt. Der Salon ist mit Tanzpaaren gefüllt, die den Galop zu Ende tanzen. Am Klavier sitzt Adler neben ihm Peter, der umzublättern hat, neben dem Klavier vor einem Stehpulte geigt Löwe. Unter den Tanzenden befinden sich Braudmayer mit seiner Gattin, Nagl mit Marie, Susi, Sali, Bertha, Rosa, mit anderen Tanzenden. Nachdem der Galop zu Ende ist, fangen alle Tanzenden zu applaudiren an und rufen: „Bravo! Bravo!" Dann promeniren die Paare im Saale. Erste Scene. Brandmayer, Adler, Löwe, Peter. Brandma y e r fzn Adler und Löwe). Ausgezeichnet haben Sie gespielt. Mitternacht ist vorüber, jetzt kommt das Souper, dann gehts wieder los. Adler fzn Braudmayer, kleinlaut). Und wie lange wird das noch dauern? Braudmayer. So fünf, sechs Stunden! Nun restauriren Sie sich ordentlich, draußen in der Küche, lassen Sie sich's gut gescheh'n; Wein, Bier, Champagner, Kaltes und Warmes, was Ihr Herz begehrt. Geuiren Sie sich 13 nicht! Und dann gehts wieder los. (Geht unter die Promenirenden.) Löwe szn Adler, erschöpft und ärgerlich). Das nennst Du einen Carnevalsscherz? Ich danke für diesen Spaß.«Ich habe schon einen förmlichen Krampf in den Armen und Fingern. Und dann noch sechs Stunden weiter spielen? Unmöglich! Strapazen ertrage ich nicht, das ist mein Fehler! Adler. Mitgefangeu, mitgehangen. Wir können doch nicht abfahren? Freilich, auch meine Finger sind schon geschwollen wie Knackwürste. Löwe Höhnisch). Und wie stolz diese Frauen und Fränleins an uns vorüber promeniren. Natürlich! Wir gehören ja so zu sagen zur Dienerschaft. Adle r. Nur nicht ungeduldig werden! Jetzt ist die Ruhepause da, nun können wir unsere Operationen beginnen. Löwe. Ja, in der Küche draußen! Wie reizend! Peter sfür sich). Freu' dich, Küchel, wann ich komm' mit meiuem Bärenhunger und dem Viehdurst! Adler. Der Salon hier ist unser Operationsfeld. Löwe. Hier sind wir heut doch nicht salonfähig! Sieh nur herum, nicht ein Blick aus schönen Augen fällt ans uns bezahlte Musikanten! sNach Bertha, die vorüber promenirt weisend.) Dieses Mädchen sticht mir schon den ganzen Abend in die Augen, und ich darf es nicht wagen, es anzusprechen. Adler sauf die voriibcrpromenirende Rosa weisend.) Mir hat es diese ange- than. Dürfen wir die Mädchen nicht ansprechen, so können wir ihnen schreiben, und der Peter wird Jeder unser Briefchen zustecken. Löwe. Gut! Das ist ein Gedanke. Und sollten wir von hier hinausge- worfen werden, es muß Etwas geschehen. Adler. ^ Ich schreibe auf meine Karte, daß die Leidenschaft meiner glühenden Liebe mich dazu getrieben hat, mich ihr unter der Maske eines Klavierspielers zu nähern. Ich bitte um Zeichen der Verzeihung u. s. w. Ich sage Dir, das wirkt. Löwe särgerlich). Aber hier köuneu wir keine Lillsts-äonx schreiben! Ziehen wir uns in die Küche zurück. Adler sheiter zu Löwe). Nur nicht den Humor verlieren! Ich sage Dir, ich bin mit unserer Situation ganz zufrieden. szu Peter) Komm! mit! Du mußt jetzt Deine ganze Schlauheit zeigen! Löwe saufgeregt). Verlieren wir keine Zeit! Es muß Etwas geschehen. sNach Rosa schielend, abgehend.) H^ck sie nur erst meine Karte, dann wird sie auch einen Blick für mich haben. Meine augenblickliche Verzagtheit ist mein größter Fehler. sGeht ab). Zweite Scene. Rosa und Bertha. sHaben sich von ihren Tänzern getrennt und promeniren Arm in Arm unter den anderen Gästen, ebenso Marie, Sali u. Susi. Rosa szn Bertha). Es sind gute Tänzer hier, aber durchwegs uninteressante Männer. Unser Schwager-ist zu eigenmächtig bei den Einladnngen vorgegangen. Wir zwei wurden ja gar nicht gefragt. Bertha. Es sieht aus, als wollte er uns bald aus dem Hause habeu. Er hat ja säst alle Heiratskandidaten aus der ganzen Nachbarschaft versammelt. Rosa. Das könnte mir schon recht sein, aber leider kann mich von den heutigen Tänzern keiner fesseln. Bertha. Wäre das Tanzen nicht meine Leidenschaft, ich würde mich diese Nacht tödtlich langweilen. Rosa. Hoffentlich wird der morgige Costümball amüsanter ausfallen. sPro- meniren weiter.) 14 M arie (zu Sali und Susi). Der beste und fescheste Tänzer hier ist der Herr von Nagl.) Sali (zu Marie). Er hat sich aber erst knapp vor der Naststund' entschlossen, sich zu einer Tour herbeizulassen; und das ist Dein Verdienst. Susi (zu Marie). Das nenne ich eine Eroberung! Er hat nur mit der Frau vom Haus und mit Dir getanzt. Das ist sehr ausgefallen. Marie (heiter). Wirklich? Hahaha! Wißt Ihr, warum seine Wahl auf mich gefallen ist? Er hat mich beiläufig mit den Worten anfgefordert: „Sie werden gewiß soliebenswürdig sein, mit meinem schlechten Tanzen Nachsicht zu haben." Na ja, wir Frauen müssen euch Mädeln die Tänzer abrichten. Susi. Du sagtest aber, daß der Herr von Nagl anszeichnet tanzt? Mari e. Er ist auch ein ausgezeichneter Tänzer. Susi. Dann war's ja nur eine Schüchternheit von ihm. Aber Tante, daß wir Mädeln Dir die Augen öffnen müssen! Marie (spöttisch). Wirklich! Ich bin so eitel wie Ihr, aber klüger. Alle Drei (promeniren weiter.) Brandmaher. Fallt mir nicht ein. Du bist und bleibst ein unverbesserlicher Junggeselle. Ich kann Dir nicht helfen, unterhalte Dich halt so gut als es gehen will. Nagl. Na bis jetzt war's grad noch zum ertragen; mußt nit Harb sein! Von Siebene bis Elfe Hab' ich einen „Tapper" g'macht und dreimal einen starken „Jnd'n" einzog'n. Dann Hab' ich g'nug g'habt von den Karten und hab's versucht a Bißerl zu tanzen. Brandmaher. Ich hab's ja gesehen, wie Du mit meiner Frau und — mit der jungen Wittib herumg'flogen bist. Nagl. Ja, aber auf ein'Maskenball tanzt man sich doch ganz anders! Du mußt nit Harb sein! Bor ein Jahr hast selber so g'redt. Brandmaher. Und seit dem Jahr bin ich erst recht glücklich. Das siehst Du ja. Schau, solltest auch heiraten! Du bist jetzt der Einzige und Letzte von unserer Gesellschaft, der noch ledig ist! So ein pickfeines Weiberl, wie die meine, und so liebe, g'schmackige Fräulein wie heute da sind, findet man doch nicht ans einem Maskenball. DaS ist doch ein anderer Braten. Dritte Scene. Nagl, Brandmah er. Nagl (zu Brandmaher, schnell sprechend). So ein Hausball ist halt fad; mußt nicht Harb sein. Erinnere Dich: vor einem Jahr, vor Deiner Verheiratung, hast Du auch so geredt. Es ist heut' Dein Hausbatl, Alles pickfein, ausgezeichnet, nichts zu sagen; aber ich kann mir halt nicht Helsen, so ein Hausball ist halt fad! Dagegen so ein Maskenball! Ja, da .wäre ich jetzt schon im siebenten Himmel! Mußt nit Harb sein! Bist Harb? Nagl (hitzig und schnell). Freilich! Wenn ich jetzt gleich auf der Stelle heiraten könnt, meiner Seel', ich war dabei. Aber gleich müßt's sein, sonst verlier' ich wieder den Gusto. — Mußt nit Harb sein, aber vor einem Jahr hast ja auch noch so g'redt. Aus einem Maskenball ist das anders! Brau d m a h er. Nein, so Hab' ich auch vor einem Jahr nicht g'redt. Vielleicht würde auch ich so reden, wenn ich noch ein Jahr g'wart't hätt'. Nagl. Bist Harb? Ich Hab' halt g'meint, weil wir immer so zusammengepaßt, so gut harmonirt haben. Bist Harb? Brandmaher. Denk' so was gar nicht. Ich rath' Dir nur: heirate. Heut' 15 ist Gelegenheit, such' Dir heut' etwas. G'rad heut'. Nagl. Ich versteh', Du willst sagen: „Wer weiß, wann der Nagl sich wieder fangen laßt?" Hast auch recht. Wer weiß, wann ich wieder in eine so feine weibliche Gesellschaft komm? Meine Pause.) So rath' mir! (verlegen.) Was hältst Du denn von der—? (Schweigt.) Brand m ayer (lächelnd). Na, nur heraus mit dem Namen! Nagl. Na, von der — (schweigt.) Brandmayer. Saubern, lustigen jungen Wittib? Der Schwester meines braven Werkführers Kästner? He? Nagl (schweigt. Bewegung des halben Abwehrens.) Brandmal)er. Sehr brav! Alles was man sagen kann. Freilich, 's Vermögen ist nicht groß. Wird vielleicht 4 bis 6000 fl. haben. Nagl (platzt heraus). Schau ich auf's Geld? Hab' ich's nothwendig? Brandm ayer (fröhlich, für sich). Sie ist's richtig! (Zn Nagl.) Könnt' Dir nur gratnliren. (Geht ab.) N agl(allein).Hätt's nicht denkensollen ! Ledig bleiben — Dummheit! — Heiraten, noch größere Dummheit! Hab' jedes Jahr a paar Mal so einen Anfall, wo mir warin uin's Herz wird. Warum soll ein Iunggesell nicht dann und wann ein' moralischen Katzenjammer haben? Der geht vorüber, aber der ehestandsmäßige bleibt. (Blickt herum.) Ich kann mir halt nicht helfen, es ist halt fad da ! Es gibt keine Hetz! Dem Uebelstand werd' ich gleich abhelfen. War' mir leid, wann mir nit Etwas einfallet, was die Gesellschaft anfmischt. Muß aber doch schau'n, wer jetzt g'rad mein Platz einnimmt bei meiner schönen Wittib. (Ab.) Vierte Scene. Adler. Löwe (kommen mit) Peter. (Dieser trägt ein mit Wasser gefülltes La- voir.) Adler (zu Peter). Das Lavoir mit dem brunnfrischen Wasser stelle ans das Tischchen neben dem Klavier und berichte uns, wie Du Deine Aufgabe gelöst hast. Peter (stellt das Lavoir auf das Tischchen.) Adler und Löwe (strecken sich die Aermel auf und tauchen ihre Hände in's Wasser). Ah. das thut Wohl! Löwe (zu Peter, aufgeregt). Nun erzähle uns Alles ausführlich. Peter. Wie ich schon gesagt habe. (Zn Löwe.) Ich habe mich sonn d'Fräulein Bertha angeschlichen: „Ich bitt', Fräulein !" Und laß' ihr dabei verstohlen die Karte sehen. Ein Schnapper und besorgt war's. (Zn Adler.) Und g'rad so g'schnappt hat d'Fränlein Rosa auch. Adler (glücklich und aufgeregt). Ah!? Sie hat meine Karte genommen? 'Löwe (zu Peter). Weiter! Weiter! Hast Du sonst nichts bemerkt? Wie sind Dir denn die beiden Damen vorgekommen? Peter. Wie? Na, wie Katzen, die schon ein paar Tag' auf eine Maus warten. So sind sie losgefahren. Ich Hab mich gleich gedruckt. Mir ist so unheimlich zu Muth wie einem Einschleicher, der jeden Augenblick fürchtet, daß ihn Einer beim Kragen packt und an die Luft setzt. Waun's nur gut ablauft. Aber jetzt darf ich in die Küchel? Ich Hab' einen Bärenhunger und einen Biechdnrst. Adler. Gib Dich ganz diesen schönen Gefühlen hin. Peter (ab.) Löwe. Wie wird unser Streich aufgenommen werden? Adler. Irgend ein Zeichen der Gnade oder Ungnade wird nicht aus- 16 bleiben. (Lustig.) Nun, wie gefällt Dir jetzt unsere Situation? Löwe. Vorläufig sind wir bloß mit den Händen in der Patsche. (Zieht die nasse Hand aus dem vollen Lavoir und schlägt au sein Herz, daß das Wasser davon spritzt.) O, wenn sie nur einen Blick der Liebe mir zuwirft. (Steckt die Hand wieder in'ö Wasser.) O Verflucht! Jetzt Hab' ich mich ganz naß gemacht! Adler. Pritschle nicht herum! Gott sei Dank, meine Finger werden im kalten Wasser wieder lebendig! Löwe. Mir auch. Aber mein rechter Arm ist müde, als ob ich sechs Stunden Kegel geschoben hätte. (Fährt wieder mit der nassen Hand an's Herz.) Wenn sie mich begnadigte und beglückte! ' gleichfalls ein). O, die Krapfen werden ^ schon einen Herrn finden. (Ab.) j Löwe (bestürzt). Sie haben uns einfach ansgclacht! Es ist znm Davonlaufen ! Adler (fröhlich). Im Gegentheile. Es ^ ist um da zu bleiben. Haben sie nicht wie ; zwei scheue Rehe ans dem Dickicht ! hcransgeäugt? (Klopft mit der nassen ! Hand Löwe ans die Schüller und steckt die ! Hand wieder in's Lavoir.) Freund, unsere ! Kühnheit ist uns bereits verziehen! ^ Löwe. Zum Teufel! Ich bin patsch- ^ naß. Sollen wir noch länger stehen bleiben ? Adler. Gewiß. Wechselt dort das ^ Wild, so muß hier der Anstand bleiben. > Glaube mir, es schmeichelt der weiblichen Eitelkeit, wenn man für sie auch >nnr mit den Händen in's Wasser geht. Fünfte Scene. ! - Sechste Scene. Vorige. Peter (eilt ans den Zehen-j spitzen mit einer Schüssel Krapfen herein), V ori g e. Rosa (am Arme eines Ball- dann Bertha und Rosa. gastes kommt promenirend von rechts und geht über die Bühne.) Peter (eilig zu Beiden). Diese Krapfen ! Noch nicht dagewesen ! Ich bitt' ^ Ihnen um Alles in der Welt, kosten Sie's. Adler und Löwe (behalten die Hände im Wasser und öffnen den Mund.) Peter (steckt Jedem einen Krapfen in den Mund). Was? Ist das ein Bissen? Bertha und Rosa (erscheinen Arm in Arm im Hintergründe der Bühne und schielen nach Adler und Löwe, heimlich zu einander). Da sind sie! Adler und Löwe (jeder einen Krapfen im Munde haltend, erblicken Bertha und Rosa und lassen schnell die Krapfen ans dem Munde in's Lavoir fallen. Löwe (erblickt Rosa). Du Haft Recht. Schon kommt Eine zurück. Adler (eifersüchtig). Am Armeeines Andern! Soll das die Antwort sein? Oh weh! Zuerst ausgelacht und dann so bestraft. Rosa (verliert absichtlich eine Schleife und geht mit ihrem Begleiter ab.) Adler (entzückt). Die Schleife! (Eilt weg, hebt die Schleife ans, drückt dieselbe an den Mund,) Triumph! Nun eine Flasche Champagner! (Ab.) Löwe. Der Glückliche! Und mich läßt er da allein stehen. Bertha und Rosa (fangen heiter zu kichern an und eilen ab.) Adler (ärgerlich). Eine verdammt lächerliche Situation! (Zornig zu Peter.) Pack' Dich fort mit Deinen Krapfen! Peter (steckt eilig die ans dem Teller liegenden Krapfen ein, fischt die zwei Krapfen aus dem Lavoir heraus und steckt dieselben Siebente Scene. Löwe. Bertha (am Arme eines Ballgastes von rechts kommend, promenirt über die Bühne, ohne ans Löwe zu sehen.) Löwe (aufgeregt). Sie! Mir läßt sie nichts fallen? (Pause.) Wirklich nichts? Bertha släßt ein kleines Sträußchen fallen und geht mit ihrem Begleiter ab.) Löwe fentzücktf. Etwas ist gefallen! fEilt hin.) Ihr Busensträußchen! fDrückt i dasselbe an den Mnnd.) Dank! Tausend > Dank, Du Engel! Welch' süße Geheimnisse doch in einer Carnevalsnacht blühen. Nun zu meinem Freunde! Ge- i Heimnisse muß ich mittheilen, das ist l einmal mein Fehler! Achte Scene. , Na gl stammt von rechts mit der von Adler geschriebenen Visitkarte, allein). Diese ' Visitkarte hat sicher eine Dame hier § verloren. sLiest.) „Julius Adler, Genre- j maler." „Angebetetes Wesen ! Ich habe die Maske eines Klavierspielers gewählt, um mich Ihnen nähern und eine Nacht i in Ihrer Nähe znbringen zu können. ' Schreiben Sie doch diese meine Kühnheit meiner wahren glühenden Liebe zu Gute und lassen Sie mir Ihre Verzeihung durch irgend ein Zeichen er- i kennen." sUeberrascht.) Da hört Alles ans! Der Klavierspieler ist ein Genremaler! sNachdenkend.) Julius Adler? Den Namen Hab' ich ja schon öfter in der Zeitung gelesen. Aber jetzt fragt eS sich, ! welches Fräulein hat diese Visitkarte ! verloren? sLiest,) „Angebetetes Wesen." ! Das kann eine Verheiratete oder eine Ledige sein. Arme Ehemänner! Welchem > von euch wird mit diesem Bittet ein ! Geweih bestellt? Soll ich mich drein- ! mischen? Der Hausherr, mein Freund ^ Brandmayer, ist so eifersüchtig, daß er ! den Genremaler sofort nmbringt,' ohne weiters zu fragen, wen das Bittet angeht. Mötzlich.) Und eine andere Frage: Wenn der Klavierspieler ein maskirter Maler ist, wer ist denn dann der Violinspieler? Und der Dritte der als ihr Diener mitgekommen ist? Die zwei Andern werden auch ihre Liebesbriefe angebracht haben, folglich haben drei Göttinnen hier Billete erhalten und — Theater-Nepertoir 343. sollte man'S glauben — nicht Eine von den Dreien hat um Hilfe geschrieen! Und das soll Unsereinem Appetit machen zu Heiraten. sAnfgeregt.j Möchte wissen, ob die Marie auch ein Liebes-Üilletckoux kriegt hat? Es wäre niederträchtig, wann die auch nicht geschrieen hätt'! Aber warum? Sie ist frei, Wittib! Doch der Brandmayer hat sie mir heut Abend noch empfohlen? Jetzt interessirt mich die Geschichte erst. Und gerade wegen der Marie. sSteckt die karte in seine Brieftasche.) Ich behalte meine Entdeckung für mich — das m u ß eine Hetz geben! Halt! Eine Niesenidee! sNimmt ans seiner Brieftasche drei Visitkarten heraus.) Da habe ich gerade die Visitkarten von drei lustigen Provinzlern bei mir, mit denen ich vor einigen Tagen auf einein Maskenball Bekanntschaft gemacht habe. Die sind schon alle wieder abgereist. sLieöt die Namen von den drei Karten herab.s „Ianos Kerimhazy, Gutsbesitzer." — Ob der Klavierspieler Julius oder Ianos Kerimhazy heißt, ist doch ganz gleich. — sSchrcibt ans die eine Karte.) „Verzeihung, daß ich mich unter der Maske eines Klavierspielers nahe. Wahre Liebe, ehrenhafte Absichten. Entgegnung posts i-es- tants." — sDie zweite Karte beschreibend.) Unter der Maske des Violinspielers lassen wir den Lemberger Banquier Mo- riz Rosenstock erscheinen. sDie dritte Karte beschreibend.) Und unter dem Bedienten soll sich der Chevalier de Lilienthal verbergen. So, meine Damen! Wenn's auch heute nicht losgeht, so werde ich doch morgen erfahren, welche mir anf- gesessen ist. Jetzt die Fallen aufgerichtet! Wenn die betreffenden drei neuen Finderinnen auch nicht schreien, dann haben sechs nicht geschrieen. Dann heiratet der Nagl nie. sAb.) Neunte Scene. Bertha. Rosa skommen promenirend). Bertha snach dem Klavier blickend). Sie sind nicht dort am Klavier. 2 18 Rosa. Woher mögen die Herren uns kennen? Bertha. Ich kann mich nicht erinnern, dem Violinspieler, d. h. dem Ingenieur Löwe je begegnet zu sein. Rosa. Ich kann mich auch nicht erinnern, den Klavierspieler, d. h. den Maler irgendwo gesehen zu haben, wohl aber kenne ich einige seiner Werke. Das führt mich ans eine Vermuthung! Ah, das wäre zu reizend! Bertha sgespannt, etwas ärgerlich). So laß' doch hören! Rosa. Ich werde wahrscheinlich in der letzten Kunstausstellung vor einem Bilde Adler's lange, sehr lange kunstbegeistert gestanden sein, er wird mich vor seinem „Stillleben" erblickt und meine Kunstbegeisternng bemerkt haben. Ich habe Eindruck auf ihn gemacht, er erkundigte sich nach mir und wählte endlich diesen originellen, einer Künstler- Phantasie würdigen Weg, sich mit mir in Beziehung zu setzen. Bertha sspöttisch). D u bist phantasiereich ! Da könnte ich eben so gut sagen: ich fuhr auf einer Strecke, welche der Ingenieur Löwe gebaut hat. Ich siel ihm unter den Passagieren auf, er erkundigte sich nach mir und wählte schließlich diese höchst sonderbare Trace, um die Hindernisse einer Annäherung zu überwinden. — Genug des Scherzes. Kommen wir lieber zu einem Entschlüsse, was wir auf die Billets erwidern sollen. (Sich verstellend.) Ich bin geradezu entrüstet über diese Kühnheit! Rosa szögcrnd). Ich — ich auch. Bertha. Ich will mich fürchterlich rächen! Rosa sivie oben). Ich — ich auch. Bertha flachend). Lebenslänglich sollen sie unsere Fesseln tragen! Rosa schwärmerisch). Wenn er es nur verdient? fNeicht Bertha die Hand.) Wir versteh'n uns! Bertha szieht Lowe's Karte verstohlen hervor, und liest dieselbe für sich). Könnte denn das wirklich nur ein Scherz sein? Diese Strapatzen einer ganzen Nacht! Rosa fwill die Karte Adlers hervorziehen, findet dieselbe aber nicht mehr bei sich. Bestürzt). Soll ich das Billet verloren haben? Bertha. Um des Himmels Willen, wenn man es fände! Rosa serschreckt). Ja. Ich habe es verloren! «Luchen wir, aber vorsichtig. Bertha. Znm Glück steht Dein Name nicht darauf. Rosa. O, ich läugne Alles. sAengst- lich nmherblickend.) Vielleicht beobachtet man uns schon. Ich wäre kompromit- tirt. Bertha sängstlich). Du denkst nur an Dich! Aber die Billetschreiber! Unser Schwager würde sie augenblicklich abschassen. Rosa. Kaum läßt man sich in einen Roman ein, ist auch schon die Todesangst da. Suchen wir! sBeide ab). Zehnte Seene. Sali skommt, blickt scheu herum und lieöt dann die verborgen gehaltene Visitkarte). Wenn's nur Niemand gesehen hat! Diese Visitkarte fiel wie von einer unsichtbaren Hand geworfen vor meinen Füßen nieder. sLiest überrascht.) Wie? Wie? Der Klavierspieler ist ein ungarischer Gutsbesitzer? Jauos Kerimhazh? Und mir zu Liebe hätte er diese Maske gewählt? Aus glühender Liebe? In ehrbarer Absicht? —Der muß bis über die Ohren in mich verliebt sein. Das wär' ein Glück! Ungarische Gutsbesitzerin! Mötzlich bestürzt.) Iessaß, ^s Leintuch! Ich Hab' ja schon mein Franzl! Hab' ich denn das ahnen können? Was thn' ich denn nur? Ich sag's meinem Vater. Ja, ja! Damit hört jeder Kamps ans. 19 Eilfte Scene. Sali, Susi, dann Marie. Susi (kommt, eine Visitkarte halb verborgen haltend. Für sich). Unglaublich! Der Violinspieler soll ein verkappter Banquier ans Lemberg sein? Woher kennt er mich denn? Marie (kommt, eine Visitkarte halb verborgen haltend. Für sich). Der Bediente, ein Baron! Sali (zu Snst und Marie). Ein Abenteuer! Aber ich bitt' um Eure Diskretion. Stellt's Ench vor, ein ungarischer Gutsbesitzer, der leidenschaftlich in mich verliebt ist, ohne daß ich ihn bisher gekannt Hab', sucht sich mir zu nähern und hat dazu die Maske eines Klavierspielers gewählt. Susi und Marie (überrascht)- Was? Sonderbar! Sali (weist Beiden die Karte vor). Ihr glaubt es nicht? Da schant's l her Susi (selbstgefällig). Da will mein Abenteuer noch mehr bedeuten: Ein Banquier ans Lemberg, der leidenschaftlich in mich verliebt ist, ohne daß i ich ihn bisher kannte, sucht sich mir zu nähern und hat dazu die Maske eines Violinspielers gewählt. Sali und Marie. WaS? höchst sonderbar ! Marie (abwechselnd). Das Abenteuer aller Abenteuer Hab' doch ich erlebt : Ein Chevalier, was man sagt ein Baron, ist so leidenschaftlich in. mich verliebt, ohne daß ich ihn bisher kannte, daß er es nicht verschmähte, in die Livre eines Bedienten zu steigen. Susi (zu Marie). Du willst uns hänseln? Sali (pikirt). Uns verspotten? Marie (weist Beiden die Karte vor). Hier der Beweis! S a l i (erstaunt). Haben wir Drei heute ein Glück gemacht! Marie (zu Sali). Gutsbesitzerin! (Zn Susi) Bauquiersfrau. (Stolz) Doch Baronin — werde nur ich sein! Sali (pikirt). O, mein Janos ist gewiß auch vom Adel! Ja, ja, und justament ja! Alle ungarischen Gutsbesitzer sind vom Adel. Mein Janos ist vielleicht gar ein Magnat mit einem Tigerfell! Marie (Zn Sali). Nun also, Frau Magnatiu! Du hast den besten Fang gemacht, Dein jetziger Janos hat's Tigerfell um, bei Deinem früheren Franzl war's blos ein Leintuch. Sali (für sich). Jessaß, 's Leintuch! Susi (zu Marie). O, Du brauchst mich nicht daran zu erinnern! Gleich mein erster Gedanke war mein Natzl. Ich bleib ihm auch treu. Marie (stellt sich vor Beide hin und fangt an Beide anszulachen). Aber Mädeln! Ihr seid's doch eitle Gredln! Wie kann man denn so aufsitzen? Susi und Sali. Aufsitzen? Marie. Aber Mädeln! Hat denn die liebe Eitelkeit Euch den Verstand davon getragen? Ein Magnat, ein Ban- qnier und ein Baron sollten sich so j zusammengefunden haben, daß alle Drei sich gerade in uns verschossen und so hier eingeschlichen hätten? Da hat sich irgend Jemand einen Spaß erlaubt Susi und Sali. So? Einen Spaß? Das wäre zu stark! Mari e. Ihr wollt also so verblendet bleiben? Sali. Rächen will ich mich! Rächen! Susi. Uns für so dumm zu halten! Ja, Rache! Marie. Ein einfaches, braves Mädl rächt sich nicht für eine Beleidigung. Sie straft dieselbe mit Verachtung. Hört meinen Rath! Das Schicksamste wird sein, daß Ihr diese Billets Eurem Vater übergebt. Ich lege auch das Meinige dazu. Susi und Sali (geben Marie die Karten)- Hier! 2 20 Sali. Wo wird denn der Vater sein? Marie. Du fragst noch? Wo er seine geliebte Pfeife rauchen kann. Ich bringe ihm augenblicklich die Visitkarten. Damit ist der betreffende Spaßvogel gebührend abgeblitzt Mt ab.f Sali. Das wird ihm beweisen, daß wir brave Mädln sind. Susi. Dieser ganz g'scheidte Herr- Hat am End' gar erwart't, daß ich ihm xostö restante schreiben werd! Sali Das kommt daher, weil wir arme Mädeln sind. Mein Franzl hat ganz recht, daß wir in so einem Salon keine Nolle spiel'n. Susi. Gerad' diese Probe beweist, daß, wenn es darauf ankommt, wir eine sehr gute Figur spielen können. Sali. Mir ist mein Franzl lieber, als so ein Magyar Ember mit seinem Tigerfell. Susi. Ich bin mit meinem Natzi ganz zufrieden. (Beide umarmen sich-! Zwölfte Scene. Vorige, Kästner, Marie. Kästner (kommt zornig und bläst Dampfwolken aus seiner Pfeife, für sichf. Wenn ich den find', der sich erlaubt hat, meine Kinder zu verspotten, der wird ans den Ball denken! (Küßt Susi n. Sali.f Habt Euch brav anfgefnhrt, meine lieben Kinder! Sehr brav! Werd' die Sach schon in Ordnung bringen. Ich bin heut' nicht blos Eure todte Mutter, ich bin auch Euer sehr bedeutend lebendiger Vater. Also gehts zur Gesellschaft. Marie (nimmt Sufi und Sali an den Arm und geht mit ihnen abj. Das kostet uns nur einen Lacher! (Alle drei ab.f Kästner (allein, blast Dampfwolken aus seiner Pfeift! . Wird so ein über-' müthiges Fabrikantensöhnerl sein, wie ein Paar da sind. Was kann ich thnn? Ich bin nicht der Herr vom Haus. Ich werd' mit dem Herrn von Brandmayer reden. Der wird seinem alten Diener schon Genngthuung verschaffen. Dreizehnte Scene. Kästner. Peter. Kästner (für sich(. Da kommt gerade der Orchesterdiener! Das soll ein Baron sein! Ich kenne zwar mehrere Freiherr'«, die noch dünner nusschann und auch einen Grafen, der einem kompleten Trottl gleichschant. (Ueberlegt.f Peter (hält das mit Wasser gefüllte Lovoir, für sichf. Meine beiden Herren sind kreuzfidel, daß es ihnen gelungen ist, mit den Fräuleins anznbandeln und leeren ein Glas Champagner nach dem anderen. Jetzt wär's ihnen am Liebsten, wann die Nacht gar kein Ende nähm'! Jetzt sind sie so frisch und g'snud, daß sie auch das Lavoir mit dem Wasser nicht mehr'benutzen. Kästner (für sich(. Es ist gar nicht möglich, daß die Musikanten drei Einschleicher sein sollten, aber um ganz sicher zu geh'n, werd' ich das mit einer Frag' heraus haben. (Zu Peter-! Ich hätt' an Sie eine dumme Frag'! Braucht man znm Klavierspieln oder znm Geigen einen Weidling voll Wasser? Peter (das Lavoir in den Händen haltend, übereiltf. Wirkliche Musikanten brauchen das nicht, aber die zwei Herren sind's ja nicht gewöhnt. Kästner (überrascht, für sichj. Sind's —ja—nicht — gewöhnt? Es sind also doch Einschleicher!? Und der (Peter fixirendf ist doch ein Baron ! ? (ZuPeterf. Freilich, die Herren sind nicht um Geld zu verdienen hier, sondern um — (dampft.! Peter (ängstlich!- Sie wissen? Kästner, (zornig!. Um UMet-äonx zu vertheilen? 21 Peter. Wir sind also entdeckt? Kästner (gibt Peter eine Ohrfeige, daß das Wasser aus dem Lavoir spritzt). So, Herr Baron! (Drohend.) Nicht schrei'n! Keinen Bissen reden! Stehen bleiben! Vierzehnte Srene. Vorige. Thekla, Br and meyer. Thekla (kichernd und suchend). Ja gewiß! Es brandelt! es raucht! Es muß etwas brennen! Um Gottes willen nur kein Feuer! Braudmaher. Ja, jetzt rieche ich's selber. (Erblickt Kästner, zu Thekla.) Beruhige Dich! 's ist blvs unserm braven Kästner seine Pfeife. Kästner (nimmt die Pfeife aus dem Munde, unbefangen erklärend). Ick) Hab' diesmals ein zu scharfes Packet von mein' Commißtabak erwischt. Br and IN ah er (bietet seine Cigarrentasche an). Rauchen Sie doch Cigarren, es liegen genug bereit. Kästner (abwehrend). Hab'nbei Weitem nicht den Geschmack! Brandmaher. Es sind sehr starke darunter. Kästner. Hab'n bei Weitem nicht das Saftl wie meine Pfeife. (heimlich zu Brandmayer.) Ich hätte Ihnen was anzuvertranen. Ich habe eine sonderbare Entdeckung gemacht. B r a u d m a h e r (zu Kästner). So, bin sehr neugierig! (Zn seiner Frau.) Also beruhige Dich, es ist keine Feuersgefahr. Th ella (zu Kästner freundlich). Nicht wahr, Sie rauchen nicht weiter ans der Pfeife hier im Salon? (Ab.) Kästner. Ich bitt' eh' schon um Verzeihung gnädige Fran. (Zn Brandmayer.) Also hören Sie mich! (Spricht heimlich mit Vrandmayer und zeigt demselben dabei die drei Bisitkarten). Peter (ängstlich auf die Beiden hinschielend, für sich). Es geht schief! Sehr schief! Immer schiefer! Wenn ich nur meinen Herren einen Deuter geben könnt'. Ich will ja Alles gern auf mich nehmen. Ei ne Hab' ich schon. Mir scheint vom Hausherrn krieg ich die zweite. Brand m a h e r (unruhig und heimlich zu Kästner). Was Sie mir da sagen! Mir wird ganz unheimlich zu Muthe. Es sind viele Eltern mit ihren Töchtern da und Männer mit ihren jnngen Frauen. Ich bitte Sie, Niemand davon etwas zu sagen. Ich werde schauen, die drei Eiuschleicher ans gnte Manier nnd ohne Aufsehen fortznbringen, überlassen Sie mir das Weitere. Kästner. Natürlich! Sie sind ja der Herr vom Haus. (Abgehend für sich.) Meine Pfeife werd' ich am Gang draußen anörauchen; dabei kann ich gleich den beiden Anderen beim Weggehen meine Adieus sagen. (Ab). Fünfzehnte Scene. Brau dm ay er. Pete r. Peter (ängstlich für sich). Jetzt kommt der zweite Theil. B r a n d IN a h er (zu Peter mit gemessener Artigkeit). Herr Baron, wie Sie bemerkt haben werden, sind Sie de- maskirt. Peter. Ich Hab' es schon sehr bedeutend bemerkt! B r a u d m a y e r. Die Herren haben sich offenbar nur einen Carnevalsscherz erlauben wollen. Stellen Sie doch das Lavoir nieder! Peter (stellt das Lavoir nieder). Ja wohl! B r a ud m a y e r (ironisch). Ich hoffe daß die Herren bei mir hier gnt sou- pirt haben? Peter. O ganz ausgezeichnet! B r a N d M a h e r (bietet Peter seine Cigarrentasche an). Darm Wollen Sie sich 22 vielleicht zum Weggehen noch eine Cigarre anzünden? Peter (nimmt sich eine Cigarres. Wenn ich bitten darf? Bra n d m a h e r (öffnet sein Portemonnaies. Hier sind zehn Gulden, das Honorar sammt Trinkgeld, das wollen Sie am Heimwege mit den anderen Herren theilen. Peter sdie Noten zusammenpackends. Nein, ich darf kein Geld nehmen. Wir nehmen kein Geld. Brandmayer (strengs. Sie werden das Geld nehmen! Hier sind die Herren für mich kein Baron, kein Gutsbesitzer, kein Banqnier, sondern bezahlte Musikanten! Peter (nimmt das Gelds. 9a, wenn Sie es so meinen? (Für sich.s Die zehn Gulden kann ich sehr gut brauchen. Brand mayer. Ich hoffe, daß die Herren in fünf Minuten fort sind. Ihr Diener, Herr Baron! (Wendet sich ab.s Peter (nimmt das Notenpack und den Geigenkastens. Ich schau, daß ich weiter komme. (Schnell ab.s ! Brand m a y e r (befriedigts. Ha! den Baron Hab' ich gedemüthigt! Diese schäbige Zehnerbanknote wird dem stolzen Freiherrn ans der Seele brennen. Sechzehnte Scene. Voriger. N a g l. Na gl (kommt trällernd zu Brandmayers. Famos war's Souper! Aber mit vollem Magen gleich wieder tanzen, das geht nicht. Wir müssen sonst eine Hetz anfangen. Bist doch nit Harb? B r a n d m aye r. Mit dein Tanzen wird's heute ohnehin nicht mehr viel sein. Ich habe die Musikanten schon heimgehen lassen. Nagl (überraschts. Weg geschickt? Das war viel zu früh! Brandmayer (heimlichs. Unter dem Siegel der Verschwiegenheit: Die Drei waren Einschleicher. Ein Baron, ein Gutsbesitzer und ein Bankier, die sich mein Haus ausgesucht haben, um sich einen Faschingsscherz zu machen. Nagl (verbeißt das Lachens, 's ist unglaublich ! Brandmayer. Ich habe schriftliche Beweise. (Zeigt ihm die Bisitkarten.s Da schau her! Die Kastnerischen haben sie verrathen. Nagl (frendigs. Die Kastnerischen? Die Marie auch? Brandmayer. Ans die hat's der Baron abgesehen gehabt. Nagl (zn Brand Mayers. Das macht ihr Ehre! (Für sich.s Daß sie nicht ans- geseffen ist. B r a n d m a y e r. Gott sei Dank, daß die Kastnerischen so brav sind. Aber verrathe ja nichts! (Ab.s Nagl (allein, bricht in ein Gelächter anss. Ich etwas verrathen! Die kratzeten mir die Augen ans. Schau, die Marie hat den Verstand und das Herz auf den rechten Fleck! Drei hab'n doch g'schrie'n! Nagl! Bei der Marie kannst Du's wagen. Es fragt sich nur, ob sie mich will. (Abs. Siebzehnte Scene. Bertha. Rosa. (Kommen Arm in Arm ans dem Boden suchend und sich dabei verlegen umsehend, dann Adler, Lowes. Nosa. Ich muß das Billet doch in diesem Saale verloren haben. Ach, diese Angst! Ich halte mich für beobachtet! Bertha. Wenn das Billet gefunden wurde, wird der Finder wohl zu entdecken suchen, wem das Billet znge- dacht war. Adler NNd Löwe (treten eins. 23 A d l er. Nein, so dürfen wir nns nicht wegschicken lassen! (Erblickt Nosa und Bertha. s Da sind sie! Das Glück hat uns noch nicht verlassen! Nosa und Bertha (erblicken Adler und Löwe und nähern sich denselben, ihnen Vorsicht winkend. Das Folgende ist eilig zn sprechen und spielt im Hintergründe der Bühne.s Nosa (zu Adlers. Siekonipronüttiren uns! Ad ler (zu Nosas. Nur eine Frage! Darf ich diese Schleife behalten? Löwe (zu Berthas. Und ich dieß Sträußchen? Nosa (verschämts. Wenn Sie Werth darauf legen? (Schnell.s Doch jetzt verlassen Sie nns ! Es ist ein Unglück geschehen. Ich habe Ihr Billet verloren. Wenn es gefunden würde! Adler. Ah, jetzt begreife ich Alles! Wir sind entdeckt worden. Löwe. Wir stehen ein für das, was wir gewagt! Adler. Wir sind Männer in ehrenvollen Stellungen und in der Lage, eine Gattin glücklich zu machen. Löwe. Haben wir den Weg, der zur Liebe führt, auch incorrect betreten, — wir sind bereit in die Pfade des Herkommens einzulenken. Bertha. Heute ist gar nichts mehr möglich, .als daß Sie uns sofort verlassen. Adler. Nicht ohne Verzeihung für unser Eindringen. Nosa. Ach, das war zu originell, um es nicht reizend zu finden! Löwe. Wagen jetzt Sie den zweiten Schritt, nns zu schreiben! Bertha. War es nicht ein bloßer Faschingsscherz? Löwe (küßt Bertha schnell ans die Stirns. Ich erkläre mich für verlobt. Adler (küßt Nosa auf die Stirns. Auch ich: Bertha und N 0 s a (entfliehen, sich nochmals gegen Adler und Löwe uwsehend und denselben mit den Händen Abschicdsgrttße zurückwinkend, dann ab.s Adler (zu Löwe.s Hat sich nns diese Faschingsnacht gelohnt? Löwe. Als liebebeglückte Sieger ziehen wir ab. Adler (leidenschaftlichs. Ich will noch etwas riskiren! Ich muß ein Rendezvous erhalten! Löwe. Sie werden nns ja schreiben, (späht in den Seiteusaal.s Sie kommen wieder heraus! Drücken wir nns etwas zur Seite. (Thun es.s Bertha und Nosa (kommen Arm in Arm suchend.s N o s a. Das Billet ist nicht zn finden ! Meine Angst wird immer größer. Beide (erblicken Adler und Löwe ängst- lichs. Sie noch hier? Adler. Wir bitten noch schnell um ein fixes Rendezvous für morgen. Nosa (schnells- Sie treffen uns morgen auf dem Costümbal des Geselligkeitsvereines „Frohsinn". Aber Sie müssen costümirt kommen. Und nun fort! Achtzehnte Scene. Vorig e. Brau dma her. Brandmal) er (erscheint unter einer Seitenthttr des Saales. Noch unter der Thür erstannt.s Die noch hier? Adler (erblickt Brandmaycr plötzlich gefaßt und laut, daß es Brandmayer hört, sich empfehlends. Unfern ergebensten Dank, daß Sie mit unserin (doppesinnigl „Spiel" zufrieden waren. (Schnell mit Löwe ab.s B ran dmaher (zu den beiden Mädchen argwöhnischs. Was soll diese Konversation mit den Musikanten bedeuten? Berth a (sich »erstellend, leichthins. Sie haben sich artig empfohlen. B r a n d m a h e r. Das ist aber doch sonderbar. Nosa (unbcfangens. Erkläre nns doch, lieber Schwager, warum Du die Musikanten mitten im Balle fortgehen läßt? Wer wird denn weiterhin spielen? 24 Bertha Ebenso verstellt). Wir waren erstaunt und fragten die Herren ans Neugierde, warum sie gingen. Machend) Was hast Du denn angestellt, lieber Schwager? Jetzt ist die Gesellschaft ohne Orchester! Brandmayer (verblüfft). Was ich angestellt habe! Das ist gar gut! Die Herren haben etwas angestellt. Nur darum habe ich sie fortgeschickt. Bertha (sich erstaunt stellend). D i e haben etwas angestellt? Rosa (sich erstaunt stellend). Um Got- teSwillen, was denn? Brand m a y e r. Sind Cinschlcicher! Berth a. Haben sie vielleicht silberne Löffel gestohlen? Brandmayer. Don Jnan's sind's! (Pfiffig lächelnd.) Sollten meine reizenden Schwägerinnen keine Lillet-ckoux erhalten haben? Bertha (verstellt). Ich verstehe Dich nicht lieber Schwager. Brandmayer. Um so besser. Neunzehnte Scene. Vorige. Kästner, Sali und Susi (kommen aus einer Nebenthür). Marie. Kästner (zu Brandmayer). Sind schon draußen beim Tempel! Ich habe die Herren vorsichtsweise bis auf die Straße begleitet. Aber denken Sie sich? Gibt der Eine, der von mir die Ohrfeigen bekommen hat, nämlich der Baron von Lilienthal — Brandmayer. Der als Bediente Verkleidete also? Kästner. Gibt der Baron beim Fortgehen Ihrer Dienerschaft in der Küch' eine blanke Zehnerbanknoten! Marie (zu Kästner, aufgeregt). Was? Er war doch ein wirklicher Baron? Kästner. Freilich! (Für sich.) Muß mir wieder Eine anzünden! (Ab.) Brand mayer (zu Bertha und Rosa). Begreift ihr mich jetzt? Ja und der Klavierspieler ist ein ungarischer Gutsbesitzer und der Geiger ein Banqnier. Sali (für sich, bestürzt). Also doch! Susi (für sich, zornig). Ein wirklicher Banqnier! So tritt der Mensch oft sein Glück mit Füßen. Bertha (zu Brandmayer). Merkwürdig ! Erzähle doch weiter! Denn das ist ganz klar, wenn so vornehme Herren einen solchen Schritt unternehmen, so müssen Sie Absichten haben. Brandmal) er. Sind auch theil- weise klar geworden, die Absichten. Sllsi (für sich, mit Beziehung ans Bertha und Nosa). Die würden sich alle Finger abgeschleckt haben, wenn sie die Billets erhalten hätten. Sali (für sich, ebenso). Ich kann mir wirklich etwas einbilden. Marie (für sich, ebenso). Wie die nach meinem Baron geschnappt hätten! O, wie war ich so voreilig! Rosa (ängstlich). Also weiß man schon, für wenn sich die fremden Herren so stark interessirten? B r a n d m a y e r. Euch sage ich es, aber Schweigen ! (Auf Marie, Sali und Susi weisend.) Ich mache Ihnen nochmals mein Kompliment für Ihre ausgezeichnete Haltung! (Zu Bertha u. Rosa.) Diese drei Damen waren es, welche die Billete erhalten und die Einschleicher entlarvt haben. Bertha UNd N 0 s a (mit verhaltener Eifersucht und Berger zu den Dreien. Sehr schön! Marie, Sali, Susi (erwidern mit geschmeichelter Eitelkeit und Aerger). Wie sich's halt gebührt! (Sie vertheilen sich Alle unter die Gesellschaft.) 25 Zivaiyigsie Scene. Vorige, Nagl, Thekla (am Arme führend, Gäste, welche allinählig deu Saal füllen nnd proineuireus Bertha und Th ekla. Thekla fzn Nagls. Jetzt, mein lieber Herr dkagl, müssen Sie etwas ver- arrangiren, was die Gesellschaft erheitert. Sie haben ja darin ein besonderes Geschick. Nag l fverlegens. Gnädige Frau, — fühle mich sehr gescheichelt, will's auch wagen! Thekla. O nicht so bescheiden! Ihnen gelingt ja Alles. Na gl. Ja, aber — ich bin mehr Arrangeur für Herrengesellschaften. Thekla. Sie huldigen also nicht dem Grundsätze: Kein Vergnügen ohne Damen! Na gl svoreiligs. O sehr bedeutend! Sehr bedeutend! Nie ohne Damen! Thekla fspitzigf. Nun also! Für Herrengesellschaft mit Damen! Das ist ja auch diese Gesellschaft hier. sVcrläßt seinen Arm.s N agl. Ja freilich ! fBleibt einen Augen- blick schweigend allein.s Thekla fsich unter die Gäste mischend, für sichs. Der ist unverbesserlich ! Schade.! Bertha nnd Nosa szusammeuproiuc- nireuds. Bertha szu Rosas. Unser Liebesroman hat nicht lange gedauert. Nach diesem letzten, abscheulichen Kapitel ist für mich der Roman zu Ende. Nosa. Wir sollen diesen Kastneri- schen das Feld räumen? Bertha. Du vergißt, daß sie es uns geräumt haben! Wie erhalte ich mein Bouquet zurück? Rosa. Und ich meine Schleife? Das soll morgen auf dem Costümseste geschehen! Nagl sfür sich, ärgerlichs. Ich hüb' mich schon wieder blamirt! Das geschieht mir halt ans einem Maskenball nie. M arie smit Sali und Susi proiueuireuds. Zerbrecht Euch nicht den Kopf. Es ist besser so! Susi szu Maries. Ich bewundere Dich, mit welchem Gleichmnthe Du Deinen Baron hingeopfert hast. Nagl Marie uachblickeuds. Soll ich? Oder soll ich mcht? Ich glaube, die würde für mich Passen, nnd es ist die höchste Zeit, daß ich unter den Pantoffel komm'. Ich gefall' mir heut' gar nicht. Ich bring' nicht einmal eine ordentliche Hetz znsainm. Die mit den Billeten wären mir sonst nicht aus den Händen gefallen. Ich weiß nicht, wem das richtige Billet angegangen ist. Ich weiß nicht, wer der Geiger ist, und ich weiß nicht, wer der verkleidete Bediente ist, der sich hier eine Ohrfeige geholt hat! Ah was! Ich Hab ja was ganz Anderes erreicht. Daß die Marie mit dem Baronbillet nicht anf- gesessen ist — das macht mir wirklich eine damische Freud'. Da habe ich eine Probe gemacht nnd wann die Probe nicht hält, dann hält nichts mehr. sEutschlosseus Ich will mit der Marie ein ernstes Wort reden! Marieshat sich von Sali und Susi ge. trcuut, für sichs. Ich muß dem Baron xosts restante schreiben. Mein Bruder ist zu weit gegangen. Was muß sich der Baron von mir denken? Ich muß erfahren, ob der Baron die Ohrfeige auch verdient hat. Dann werde ich ruhig sein. Susi sfür sichs. Die Tante hat Recht. Mein Vater ist zu weit gegangen. Ich schreibe dem Banqnier posto rsstanto. Es ist nur, daß der Banqnier sieht, daß ich für meine Tugend nicht die Hand meines Vaters brauche. Sali sfür sichs. Ich werde gewiß Alles meinem Franzl erzählen und wenn mir der Franzl erlaubt, so schreibe ich dem Maghar Ember. Oder nein! 26 Ich schreibe zuerst und erzähl' zum Schluß meinem Frauzl die ganze Geschicht. Na gl szu Marie). Ich habe mich schon so gefreut auf den nächsten Tanz und jetzt haben wir keine Musik. Aber das laßt sich ja Alles morgen eiubriugcn. sVertraulich.) Unser Verein gibt morgen seinen Costümball. Wird eine grandiose Hetz! Ich bin Cornite und da ist es meine Pflicht, eine so liebenswürdige Dame wie Sie, meine Gnädige einzn- laden. Auch Ihre reizenden Nichten. Marie sunterbrcchend). Das wird mein Bruder nicht erlauben. N agl. Erlauben Sie mir, daß ich Ihren Herrn Bruder zur Annahme der Einladung bewege? Marie. Ich habe keine Hoffnung. Nagl serfreut). Aber Sie wären nicht abgeneigt? Ausgezeichnet! Danke! fVertraulich.) Wissens, so ein Handball ist fad, aber ein Maskenball, sverbessernd) will sagen ein Costümsest ist doch ganz ein anderes Numero. Jetzt möcht' ich Sie aber nur noch um Eines bitten: Sein Sie morgen freundlicher mit mir! Ja? Marie. Ich glaube, Sie jetzt genau zu kennen. Nagl. Ich darf mich nicht loben, aber ans mir ist noch was zu machen. Erlauben Sie mir, daß ich jetzt Ihren Bruder aufsnche? fBlickt herum.) Wo wird er denn sein? Marie. Gewiß bei seiner Pfeife im Rauchzimmer. Nagl fab in den Hintergrund). Marie fgeht zu Sali und Susi und spricht mit ihnen). Einundzwanzigste Scene. Vorige, Brandmaher, dann Kästner und Nagl. Brand mayer fzn den Güstens. Meine hochverehrten Gäste! Wir haben zwei ausgezeichnete Musik- und Gesangskräfte unter uns. Mehrere Gäste. Bravo, Bravo! Brandmaher ffortfahrend). Die gewiß auch so liebenswürdig sein werden, sich der hochverehrten Gesellschaft zur Verfügung zu stellen. Wo ist denn unser lieber Freund Nagl? Der soll gleich anfangen. Nagl stammt mit Kästner, zu Kästner). Sie nehmen also die Einladung für morgen an? K a st n e r. Das Weibervolk wird halt zu leicht vergnügungssüchtig. Nagl. Die Jugend muß ja auch ihren Fasching haben! Sie kommen also? Kästner. Wir werden also so frei sein. Mr sich.) Wenn ich nur einmal die Mädel unter der Hauben seh'n werd. — Sollt' halt meine selige Alte noch leben! Sa li nndS usi s;ll Kästner). Dürfen wir morgen auf das Costümfest geh'n? Kästner. Das will ich euch auch noch erlauben. Sali und Susi fzn einander). Dahin können auch unsere Geliebten kommen. Brandmaher fzn Nagl). Einer muß' anfangen, dann bekommen die Andern Courage. Zweiundzwanzigste Scene. Vorige. Ballgäste. Zillinger. Frau Zillinger. Ballgäste fwelche theils im Saale promenirten, theils eben jetzt ans den Nebenzimmern hereineilen, drängen sich um Brandmayer und Thekla mit den Fragen): Wird wirklich nicht mehr getanzt? Andere Ballgäste febenso). Wo sind die Musikanten hingekommen? )Zn mehreren Gästen.) Es sollen verkappte Fürsten und Grafen gewesen sein! Frau Zillinger »reinsprechend). Nur Großthnerei! sAnfgercgt, für sich.) Wenn ich das geahnt hätte! Dann wäre ich vielleicht endlich doch zu meinem Abenteuer gekommen. Brandmaher fZn den Gästen.) 9a, ja! Es wird weiter getanzt! sZuNagl.) 27 Ich bitte Dich, setze Du Dich schnell zum Clavier. Na gl färgerlich, zu Brandinayer). Ich danke Dir dafür! Gerade heute, wo ich — Brandmayer (zu Nagl). Ich vertrete Dich bei Deiner schönen Wittib. Nagt fgeht zum Clavier und beginnt zu spielen). F r a u Z i l l in ger (zu Zillinger und mehreren Gästen). Komm, wir gehen! Wir sind das unseren Kindern schuldig! fZ» mehreren Gästen.) So ein abenteuerliches Haus, wie das Brandmayer'sche, wo sich Glücksritter einfinden! Mehrere Gäste fzn Frau Zillinger). Sie haben Recht, Frau von Zillinger! Wir gehen auch! Frau Zillinger (zu denselben). Natürlich! In einem Hause, wo selbst heiratsfähige Mädchen vorhanden sind, sind die eingeladenen Fräuleins immer im Nachtheile! Mehrere Gäste fzn Frau Zillinger). So ist's! Frau Zillinger szu denselben). Ich bitte Sie! Das sind schon verzweifelte Mittel, sich solche Glücksritter in's Hans zu zügeln! Zillinger fzögernd). Aber der Wein wäre excellent. Mehrere Gä st e fzn Zillinger). Wir schließen uns Ihnen an. Zillinger fverlegen zu Brandinayer). Herr von Brandmayer — wir danken für das Bergnügen — aber die verdächtigen Fürsten und Grafen, — die sich als Musikanten eingeschlichen haben — die Ehre, der Ruf, das Lebensglück unserer Töchter — Verzeihen schon — aber wir gehen. fGehen ab.) Mehrere Ballgäste. Wir auch! fGehen ab.) Brandinayer Erbittert). MeineHerr- schaften — das ist eine Beleidigung! Ich darf Sie daher nicht anfhalten. fFür sich wüthkttd.) Morgen werde ich sie anfsuchen: Diesen Baron — diesen Gutsbesitzer — diesen Bankier. Ich werde mir Genugthuung verschaffen. Thekla fdcsperat zu Brandinayer). Was wird das für ein Gerede geben! B r a n dm aye r seisersiichtig zu Thekla.) Ich will nicht fürchten, daß Dir dieser dreifache Besuch gegolten hat. fSich fassend.) Verzeihe! fZornig.) Und auch nicht, daß es Bertha und Rosa waren. fSich lZ" Zillinger.) Wir gehen! Holen wir unsere Töchter. zur Gesellschaft wendend.) Vorwärts ZUM Und jetzt wirst Du dkm Herr» Brmid.^Tunz-! s,j»- und läng! mayer m eine Meinung sagen. i rasend zu tanzen an.) Ein Theil der Gäste geht ab, der größere Theil hat zu tanzeu begonnen und in dem allgemeinen Durcheinander fällt der Vorhang. Ende des zweiten Actes. Dritter Act. Ballsaal, Costümfest. Im Hintergrund gehen costümirte Gäste, Alle ohne Gesichtsmasken auf und ab. Erste Scene. Rosen stock fals Türke gekleidet, tritt gleichzeitig mit Kerimhazy, der in ungarischer Nationaltracht ist, auf.) N osensto ck. Was sehen meine Augen, Sie hier, Herr von Kerimhazy? Kerimhazy. Freilich bin ich hier. Aber Hab ich geglaubt, Sie, Herr von Nosenstock, sind bereits abgereist nach Lemberg. Nosenstock. Wahrhaftig, ich wollt abfahren, denn meine Familie erwartet 28 mich schon seit acht Tagen, aber bei der Post vorbeifahrend, ging ich nochmals vor nnd fand einen poste rsstants- Brief, der mir ein Uencksö-vonL für heute Abend in diesem Lokale in Aussicht stellt. Um nicht zu versäumen, kehre ich um, hole mir ans der Maskengarderobe diesen Osman Pascha nnd eile her. Kerimhazh. HLt, Ist sehr gut! Bin ich in gleicher Absicht hier. Mick- Hat xosts i-sstautv schöne Unbekannte herbestellt. Wird sein einer von den Dominos, die wir schon 14 Tage verfolgen. Rosen stock. Wahrhaftig. Ich bedauere, daß ich bleiben muß, aber so wie ich heute reussirt habe, reise ich ab. Weiter sollen Sie mich nicht verführen, Herr von Kerimhazh. Zweimal ist es Ihnen gelungen. Keri m h az y. Warum nicht dreimal? War doch sehr schön ans den Maskenbällen? Haben uns zwar die Damen gefoppt, aber ist besser, als foppt uns eigene Frau. Nosenstock. Heißt'n Kunststück! Wenn man ans Abenteuer ansgeht, will man auch etwas erleben. Und nun laufen wir eine ganze Woche 2 Dominos' von einem Ball ans den andern nach. Immer gefoppt nnd immer gefoppt. Thenere Abende aber kein Abenteuer, der Carneval macht mich ganz verrückt. Nicht zu gedenken, daß ich mich bei meiner Frau gar nicht rechtfertigen kann. Kerimhazh. HLt! Warum, nicht? Wenn ich gehabt Hab Unterhaltung, erzähl' ich meiner Frau freiwillig davon. Rosenst o ck. Alles? Kerimhazh. Na, theil ich! Eine Hälfte für sie — Nosenstock. Und die andere? Kerimhazh. Hat sie schon genug, fragt sie nicht nach der andern. Rosen stock. Ausgezeichnet. —Das müssen Sie aber doch sagen, die letzten ; Tage waren rein verloren, durchs schwärmte Nächte und nichts als Illusionen. K er i m h a z h. Ist auch -etwas, hat man zu Hause nicht. Nosenstock (bei Seite). Ich muß meinen Brief noch einmal durchfliegen. (Laut.) Sie erlauben, ich erhielt ein Schreiben von z'Haus, das ich noch nicht gelesen. Kerimhazh. O bitte. Werd ich benützen um letzten Brief meiner Frau zu lesen. Rosen flock fliest mit Kerimhazh zugleich). „Ich bewillige Ihnen für heute Abend ein Rendezvous, weil Sie gestern vom Balle zu schnell verschwunden sind, um die gewünschte Annäherung geben zu können" — das muß der eine laug verfolgte Domino sein. — (Liest weites „Daran war die Ohrfeige schuld, welche der Herr Baron Lilienthal von unserem erzürnten Vater erhalten hatte." — Was ist das für ein Baron? Und ein erzürnter Vater? Das scheint ein !koinpletes Abenteuer! (Liest.) —„Wir kommen heute ans das Costümfest des „Frohsinn" als Schäferinnen." Das klingt verführerisch. K e r i mH az h (liest für sich). „Ich zürne Ihnen nicht wegen Ihres Annäherungsversuches, wie Sie glauben." (Spricht.) Glaube ich gar nichts. (Liest.) „Die ganze Störung hat Baron von Lilienthal verursacht." (Spricht.) Kenne ich den Baron nicht. (Liest.) „Ist Ihnen an einer Revanche gelegen, so treffen Sie mich hente Abends auf dem Eostümfeste des Vereines „Frohsinn" als Schäferin." (Spricht.) Müßt ick) Schof sein, wann ich nicht wär gekommen. (Zu Nosenstock.) Belieben zu haben gute Nachrichten von werther Familie. Nosenstock. Oh, danke! Sehr gute! Und Sie Herr von Kerimhazh. Keri m h az h. Danke der Nachfrage! Auch gute. Hut, werd ich noch einen Tag lang hier bleiben. 29 N os ensto ck. Ich möchte auch gern — aber nein, wie ich am Ziele bin — Ker imhazy. Wann werthe Familie ist gesnnd, was Sie machen zn Hanse in langweiligen Lemberg. — Bleiben Sie noch. Waren ja sehr schön, die 14 Tage wo wir uns haben unterhalten. Ist ja Fasching. Rosenstock. Mein Gewissen macht mir die bittersten Vorwürfe. Keri mH az y. Gewissen ist Narrenthurm ! Wurde Ihnen wieder Vorwürfe > machen, wenn wir möchten versäumen schöne Gelegenheit. Was sagen Sie zu diesen Lillet-ckoux. Rosen stock Mst flüchtig den Brief.f Ah merkwürdig, Brief ist also nicht von i sehr werther Familie? Nun, meiner auch nicht. fGibt seinen Brief an Keriin- hazy.f Keri m h a z h. Belieben sich verstellt zu haben. Rosensto ck. Sie glauben also auch, daß uns die beiden Dominos geschrieben haben ? ^ Kerimhazy. Ist doch klar wie Uugarwein. Rose n st o ck. Ich verstehe aber nicht, da ist von einem Baron die Rede, von einem erzürnten Vater, von einer Ohrfeige? Kerimhazy. Wird sich ja Alles aufklären heute. Nosenstock. Ich muß gestehen, der erzürnte Vater genirt mich gewaltig. Wir könnten ihm ja auch unter die Hände kommen? Kerimhazy. Macht nichts! Bei Abenteuer ist das immer so: Entweder ist da.- anderer Liebhaber oder Mann, oder Vater. Ist eben Geschmackssache. Zweite Scene. Vorige. Nagl. Nagl ffür sichf. Alle Teufel! Die sind richtig noch in Wien. Kerimhazy. Ah, Freund Nagl, ist sehr schön, daß Sie uns treffen. Nagl. Ich bin ganz überrascht, Sie noch in Wien zu sehen. Kerimhazy. Doch gewiß angenehme Ueberraschung? Nagl ffür sich.f Das könnt ich nicht sagen. fZu Beiden.) Wissen's, Siemüssen aber nit Harb sein, wir haben schon vor 3 Tagen Abschied genommen. Kerimhazy. Fasching laßt uns nicht fort. Aber heute ist Abschluß. Wird sehr schön werden. Schriftliche Einladung von schöner Hand ! N a g l ffür sich). O verflucht! Sie haben richtig die po8t6-i-68tants-Briefe behoben! Kerimhazy. Haben endlich Bestellung von den zwei Dominos. Nagl ffür sich). Zwei Dominos?! Gott sei Dank, es sind vielleicht doch Andere! fLaut.f Ah, da gratulire ich, Sie haben also Erfolg gehabt? Kerimhazy. Noch nicht, sind noch Hindernisse — Nosenstock. Es geht uns da ein Baron in's Gän! — Ein erzürnter Vater — ich wollte schon lieber gar nichts wissen von der ganzen Unterhaltung. Kerimhazy. Schwöb ist Schwöb. Bald will er dies bald das. Was Ungar sich vornimmt, das führt er ans, besonders wann ist Fasching! Nagl. Natürlich, 's geht nichts übern Fasching, besonders wenn einen schöne Damen erwarten. Nosenstock. Sie können sich nicht vorstellen, in welcher Aufregung ich mich befinde. 15 Jahre bin ich schon verheiratet und es ist mir bis heute noch nicht gelungen ein galantes Abenteuer mit Erfolg zn bestehen! Kerimhazy. Wird uns aber heut gelingen. Vorwärts, jedes Schaf sucht seine Schäferin. fAb in den Ballsaal.) Dritte Scene. Nagl fallein). Zwei Dominos? Zwei Briefe? Ein Baron? Ein er- zürnter Vater? Jetzt kenne ich mich erst gar nicht aus. Die Kastnerischen haben xosts restante geschrieben. sEinen Brief hervorziehend). Das beweist mir dieser eine Brief, xoste restante an den Baron Lilienthal, den ich anfgefischt habe. Wie ich heute Mittag auf dem poste restante - Bureau nachgefragt habe, waren noch keine Briefe dort. Wie ich jetzt wieder Nachfrage, heißt es, daß ein xoste restante Brief an Kerim- hazy und Rosenstock erlegt waren, aber schon abgeholt wurden. sDen Brief zer. knitternd). Aber dieser Brief empört mich! Diese Marie, die ich gestern heiraten wollte, sitzt mir die s o ans! Aber geschieht mir recht! Warum Hab' ich mich nicht erklärt? So wüßte ich jetzt, wie ich daran wäre. Sie weiß ja gar nicht, was ich für Sie fühle. Darum ist dieser Brief auch kein Beweis der Untreue. Mein Gott, so eine junge Witwe will halt nm Alles in der Welt wieder heiraten, Wenns auch ein Baron ist. fKleine Pause, dann sogleich übermüthig.) Aber Nagl! Was wirst denn so kopfhängerisch sein? Sei froh, daß der Baron für die Marie eigentlich doch nicht epistirt. Mit einer drastischen Bewegung.) Sonst müßtest Du ihn ja zerreißen. Vierte Scene. Voriger, Kästner sin beliebigem Costüme.) Marie, Sali, Susi sals Schäferinnen costümirt, alle ohne Gesichtsmaske treten ein.) Nagl sim beliebigen Co- stitm, ohne Gesichtsmaske und mit dem Co- mite-Abzeichen empfängt sie). N a g l szu Kästner). Das ist sehr schön von Ihnen, Herr Kästner, daß Sie mit Ihren reizenden Damen unser Costümfest beehren! sSpricht leise mit Sali, Susi und Marie, ihnen Complimente machend). Kästner sumherschanend). Sind noch nicht da, meine künftigen Herren Schwiegersöhne. Wir sich, befriedigt.) Sind brave Burschen, haben ihr Wort gehalten und ihre Herrn Väter heut' zu mir geschickt. Nagl szu Marie, in ihre Tanzordnung schreibend). Darf ich mir auch den Co- tillon mit Beschlag belegen? Marie sfreundlich). Sie sind zu galant heute, Herr von Nagl! sEtwas kokett.) Wenn Ihnen die Bürde nicht zu schwer wird? Nagl seifersiichtig). Stelle ich mich vielleicht einem Beglückteren in den Weg? Marie snekisch). Glauben Sie, daß ich Ihnen das eingestehen würde, wenn es der Fall wäre? sNimmt die Tanzordnung zurück; lächelnd dieselbe betrachtend). Sie haben mir meine Tanzordnung sehr vereinfacht. Nagl. Sie dürfen nicht Harb sein. Ich war sehr kühn in meinen Notirun- gen, ich bin halt sehr stark in der Lieb! Marie sheiter). Wie richtig Sie die Notirnngen in der Tanzordnung mit dem Conrszettel vergleichen; die Notirnngen der Abendbörse sind schon am nächsten Mittag nicht mehr wahr. Nagl. Entschuldigen schon! ich nehm und bleib' nicht aus. sSprechen zusammen weiter). Sali szu Susi). Ich habe eine furchtbare Angst. Wenn ich nur den Brief an den Janos Kerimhazy nicht geschrieben hätt'! sErleichtert.) Vielleicht kommt er doch nicht. Susi szn Sali). Wäre mir sehr leid, wenn mein Banquier nicht erscheinen würde. Sonst wird so ein Banquier wie man oft hört, von einer Ballettänzerin oder Schauspielerin gefoppt, warum soll ich mir so ein Vergnügen entgehen lassen? Kastner szn Sali und Susi). Braucht Ihr mich noch? sZieht seine Pfeife heraus.) Ich möcht' mir gern schnell Eine anzünden. Susi. Wir werden schon unsere Unterhaltung finden! lassen Sie sich nicht stören! 31 Kästner. Sauber seid's. Wenn Euch nur meine selige Alte heut' sehen könnt'! Müßt's euch halt vorstell'n, daß heut' ich enre verstorbene Mutter bin. Ihr kommt's ja eh bald unter die Haub'n. Dann hört's Hupfen und Springen auf. Ich such' mir jetzt's Rauchzimmer auf. sAb.s At ar i e szu Nagls. Lassen Sie sich vorläufig in Ihren Comite - Pflichten nicht stören, wir machen bis zum ersten Tanze eine Promenade. Mt Sali und Susi in den Hintergrund ab.s Zweite Scene. Nagl, Kerimhazy, Nosenstock. Kerimhazh. Da ist unser gemeinschaftlicher Freund Nagl. sZuNagl.s Lieber Freund haben Sie die Gefälligkeit und führen Sie uns zu unseren Damen. Nagl. Wer sind denn Ihre Damen? Kerimhazy. Weiß ich nicht, aber weiß Comitä oder Ausschuß in Ungarn immer Alles, und wann er nicht weiß, fragt er so lange, und sekirt er, wenn nothwendig, auch Ministerium. R osenstock, sdcr mit Kerimhazy ein- gciretenj. Unsere Damen wollen gesucht sein, darum werden sie sich auch finden lassen, Ihr Kennzeichen ist Schäfer- costüm. Also suchen wir. Kerimhaz y szu Nosenstocks. Gut! lZu Nagl.s Aber wann ist möglich, so helfen Sie uns, bester Freund. Nagl. Gewiß, Natürlich! Machen wir gleich einen Nundgang. Mr sich.) Bin neugierig, ob die Kastnerischen auf- sitzeu? Mit Kerimhazy und Nosenstock ab in den Hintergrunds. Sechste Scene. Adler, Löwe sin beliebigem Costiime ohne Gesichtsmaske). Adler slachends. Hahaha! Brand- lnahe r, der am Fuße der Treppe die Gäst' empfängt, hat uns nicht wieder erkannt. Nun können wir ganz unge- scheut mit seinen reizenden Schwägerinnen verkehren. Sie sind sicher schon hier, suchen wir. Diese Nacht kann entscheidend werden für mein ganzes Leben. Löwe. Auch für das meinige! Adler. Ich brauche ja nur noch Antwort ans die Frage, wessen Geistes Kind sie ist und wie tief ihr Gemüth. Löwe. Darauf kommt der Verliebte nie. Ich sehe mein Schicksal voraus, alle Fakultäten der Welt werden mich nicht überzeugen, daß es noch ein vollkommeneres Wesen als meine Bertha gibt. Das ist ja mein größter Fehler, daß ich immer voraus sehe, was kommen wird und mich nicht vorsehe. Adler. Nun, so freuen wir uns, daß wir noch so jung sind. Beide sab in den Hintergrund.) Siebente Scene. Brandmayer, Peter sin seiner gewöhnlichen Livrö als Privatdiener. Brand m a ye r szu Peters. Aber ich bitte, Herr Baron, mir doch zu erklären, warum Sie auf einmal davon- lanfen wollten, als Sie mich erblickten? Peter sängstlichs. Davonlaufen? Das gerade nicht, aber ich habe hier ja nichts zu suchen. Ich habe meinen Herrn hie- her begleitet und wie mein Herr in der Garderobe unten mit seiner Toilette fertig war und mich nicht mehr gebraucht hat, bin ich ruhig fortgegangen. Da lassen Sie mich zurückrufen und schleppen mich heraus. Brandmayer sungeduldigs. Lassen Sie den Scherz bei Seite! Ich kenne Sie, Sie sind der Baron Lilienthal. Hier bin ich nicht Hausherr, habe vielmehr als Ausschuß-Mitglied die Pflicht, den Gästen die Honneurs zu machen. 32 Peter. Aber ich bin ja kein Gast und kein Baron! Brandmay er. Ich kann es mir auch denken, warum Sie sich mir gegenüber nicht demaskiren wollen, die 10 fl. waren Ursache, aber gestern konnte ich nicht anders handeln. (Will ihm die Hand reichen.) Geben Sie mir die Hand, Herr Baron, daß Sie mir nicht mehr böse sind. Peter. Ja, wenn Sie glauben, daß die gestrige Zehnerbanknote mich beleidigt haben soll, so beweise ich Ihnen das Gegentheil. Ich nehme gleich wieder zehn Gulden von Ihnen. Probiren Sie's nur! B r a ndmaye r (sehr ungeduldig). Sie sind nicht aus der Fassung zu bringen, Herr Baron. Uebrigens sind Sie. Herr Baron, vollkommen in Ihrem Rechte, hier auf dem Costnm - Feste als die Charaktermaske genommen zu werden, die Sie darstellen. Sie werden daher entschuldigen, daß ich Sie diesen Abend hindurch als den „Peter" behandle, der Sie durchaus sein wollen. Sag' mir also Peter, welcher Dame auf meinem gestrigen Balle hat Dein Billet gegolten ? Peter. Mein Billet? Ich Hab' ja Alles mündlich abgemacht. B randma ye r (entsetzt). Alles mündlich abgemacht? Und wer ist diese „Mündliche?" Peter (zögernd). Wenn euer Gnaden es durchaus wissen wollen? Ihre Mehlspeisköchin, die schwarze Nettl! Brandmah er (streng). Wissen Sie, Herr Baron, daß dieses Mädchen ein braves Mädchen ist? Peter. Ja, soll ein Bedienter nur mit schlechten Mädln anbandeln? Brand ma ye r (entrüstet). Anbandeln wollen Sie bloß, Herr Baron? Peter (ihn korrigirend). Peter Muschelkern heiß ich. Brand m ay er (zornig). Nun also, Peter Mnschelkern, eine andere Frage. Ich will es wissen, und muß es wissen, mit welchen Damen die Heiden Musikan- ten gestern „anbandeln" wollten! Peter. Ah, meine Herrenleut' ver- rath' ich nicht! Brandmal) er. Ich werde Dich dazu zwingen! Waren es die Kastneri- schen Damen? Peter (nachgrübelnd). Die Kastneri- schen? Ich bitt' um die Taufnamen. Brand m a h er. Marie, Susi, Sali. Peter. Das kann ich sagen, von denen war es keine. Das muß ich nämlich sagen, weil ich damit meine Herren nicht verrathe und doch bei der Wahrheit bleibe. Br and mal) er (enttäuscht und ergriffen, für sich). Die waren es also nicht! O, mein Argwohn! (Streng zu Peter.) Welche waren es also? Peter. Nicht um die Welt sag' ich'ö! B ra n d m ah er (außer sich). Nun Hab ich's satt! Sie zwingen mich zur Strenge, Herr Baron. Weg mit aller Costnme- Freiheit! Da Ihre Freunde sich hier befinden, wie Sie mir soeben sagten, so werden Sie mich denselben vorstellen. Ich will Licht haben und klar sehen! Peter. Suchen Sie sich die Herren selbst heraus. Br and mal) er. Sie siud ein erbärmliches Subjekt. Peter (stolz). Ich bin ein ehrlicher, treuer Diener meines Herrn. Brand mayer. Das wird sich zeigen. Folgen Sie mir zur Polizei- Inspektion ! Achte Scene. Vorige, Nagl (ans dem Hintergründe.) Nagl (Peter erblickend, freudig für sich)- Das ist ja mein Baron! Den kann ich brauchen. (Zu Peter.) Freut uns, Herr Baron, daß Sie unser Fest beehren! Wir kennen uns ja doch von gestern her? Peter sverblüsfts. Jetzt kenn' ich mich schon selbst nicht mehr ans! Da halt ja Einer den Andern für'n Narrn. B r a n d m a y er szn Peters. Ich werde mir gleich Aufklärung verschaffen, folgen Sie mir zum Polizeikommissär! sZu Nagl anfgercgt.s Ich ahne das Fürchterlichste ! Nagl szn Brandmaher heimlichs. Bla- mir' Dich nicht! Ueberlasse mir diesen Mhselhasten Menschen. Ich weiß bereits einen Ausweg. Bra u dmä y er szn Peters. Geben Sie mir Ihr Wort, Herr Baron, daß Sie vorläufig hier bleiben und sich nicht heimlich aus dem Staube machen. Peter. Ja, was soll ich denn hier thun? Na gl. Ich habe für Sie schon eine Beschäftigung. Es soll an Champagner, Ponlard, Krapfen, feinen Cigarren n. s. w. nicht fehlen. Peter szn Brandmaycrs. Sehen Sie, der Herr red't gleich vernünftiger. sZu Nagl.s Ich bin der Peter Mnschel- kern. Na gl. Gut. Aber heut' mußt Du mir den Gefallen thun und Baron Lilienthal heißen. Peter szn Nngls. Jetzt sangen Sie auch an? Nagl. Hier auf dem Costümfest ist ja jeder Spaß, jede Verstellung erlaubt. Will einmal sehen Peter, ob Du ein schlauer Kopf bist. Peter szn Brandmahers. Hören Sie? Der Herr red't gleich vernünftiger. Brandmal)er szn Nagl heimlichs. Ich ahne Fürchterliches! Ich muß Dich später darüber sprechen. Nagl szn Peters. Ich habe nämlich zwei Bekannte ans der Provinz hier, um die ich mich aber nicht viel kümmern kann, weil ich als Coinitv-Mitglied überall zugleich sein soll. Die zwei Provinzler sind etwas schüchtern, ick möchte also, daß Sie den Cicerone machen. Sie werden sich mit den zwei Theater-Repertoir S43. Fremden sehr gut unterhalten. Es sind auch sehr splendide Herren; das Uebrige überlasse ich Ihnen ganz, 's gibt eine Hetz — Herr Baron von Lilienthal! Peter sentschlosscns. Warum soll ich mich nicht auch einmal gratis unterhalten ? sHeimlich ans Brandmaher deutend. Aber reden Sie mit dem Herrn ein Wort, daß er mich in Nnh lassen soll. Nagl sHeimlich zn Peters. Das werd' ich schon machen. Jetzt suchen wir uns die beiden Provinzler ans. Sie bleiben aber der Baron Lilienthal. Ich nehm' Alles ans mich. sGeht mit Peter im Saal herum, um Kcriinhazh und Rosenstock-znfinden.s Brandmal) er shat inzwischen nach- gegriibelt, für sichs. Also die Kastnerischen sind's nicht! Das ändert mit einem Schlage die Sachlage; Bertha und Rosa sind meine Mündeln, ich habe als ihr Vormund Vaterpflichten zu erfüllen, und was mein Weib betrifft, seisersüchtigs so will ich keinen Verdacht haben, obwohl. — Nein, nur keinen Verdacht! Aber klar sehen muß ich. sErbittert.s Aufrichtigkeit will ich haben bei meinem Weibe und bei meinen Mündeln. Nagl shat sich Brandmaher genähert, zn ihms. Was hast Du denn? Wie kommst Du mir denn vor? B r a n dm a h e r szn Nagl bittcrs. Heirate nicht, Nagl. Nagl. Erinnere Dich, vor einem Jahr hast Du auch noch so g'redt und Du hast dann doch geheirat't. Und Du hast es gut getroffen. Mußt net Harb sein, erst gestern hast Du mich auf Dein Glück verwiesen. Brand m ayer sausweichends. Es ist nur wegen der Bertha und der Rosa, daß das junge Blut durch meine Blindheit sich nicht vergeht. Nagl smit Warmes. Ueberlasse mir die Auflösung des Näthsels. Ich bringe Alles heraus. Brandmaher sreichtNagl dieHands. Aber nimm' die Sache nicht zu leicht. 3 Na gl (hciters. Gewiß nehm' ich's leicht! 's ist ja Fasching! Brandmayer. Also sieh zu, was Dn heransbringst. (Abgeheud, für sichs aber ich bleib' doch auf der Wacht. M.s Na gl (für sichs. Ja, was ich heraus bringe? Zuerst muß ich die Probe mit der Marie abhalteu. (Sich umsehend.s Wo ist denn mein Baron? Neunte Seene. Nagl, Peter, Kerimhazy, Rosen st 0 ck, (aus dein Hiutergruude.s Nagl (zu Peter auf Kerimhazy und Roseustock deuteudj. Da kommen meine Bekannten! Ich stell' Sie jetzt vor. Kerimhazy (zu Nagls. LieberFreund, ich bin in sehr großer. Verlegenheit! Rosenstock (zu Nagls. Wir suchen unsere zwei Schäferinnen. Kerimhazy (fortfahrcuds. Sind aber Sechse da. Frage ich Sie, was ist meine? Nagl (Peter vorstelleuds. Da stell ich Ihnen die richtige Person vor, die Ihnen auf die rechte Spur fuhren wird, Herrn Baron Lilienthal! (Die Beiden Peter (vorstellend-f Herr Janos Kerimhazy, Gutsbesitzer, Herr Rosenstock, Bauquier aus Lemberg! Gute Unterhaltung meine Herren! Mich rufen jetzt Comite-Pflichten. M.s Kerimhazy (zu Peters. Das ist eine sehr gute Idee, Herr Baron, daß Sie sind heute Bedienter. Wenn Sie gefälligst erlauben, mache ich Ihnen Antrag, zu sein diesen Abend unser Bedienter. Peter (erfrems. O, ich bitt, es ist ist mir gar nichts angenehmer, als wenn Sie mich als Peter Mnschelkern, Charakter: Privatdiener, behandeln. Kerimhazy (vergnügt lachends. Sehr gut, Herr Baron! Kenn ich in meiner Heimat sehr viele so lustige Cavaliere. Peter. Sehr schmeichelhaft! Bleiben wir also dabei: ich bin Peter Muschl, Privatdiener. Rosen stock. Erlauben Sie mir eine Frage. Dürfen wir Sie auch dutzen, Herr Baron? Peter (iu natürlichem Tones. O, ich bitt', nur zu, Euer Gnaden. Kerimhaz y (schüttelt sich vor Lachens.. Sehr gut! So lustigen Magnaten haben wir nicht im ganzen Comitat. Peter. Ich bitte mir also Zusagen, i Euer Gnaden, womit ich dienen kann. Ker imhaz y und Rosenstock (sprechen heimlich mit Peter.s , Zehnte Scene. Vorige. Marie. Sali. Susi. . M ar i e (zu Sali und Susis. Euere Bräutigämer sind noch immer nicht sichtbar. Sali. Sie werden spät Feierabend gemacht haben. (Plötzlich zu Marie, Peter crblickeud.s Dort steht Dein Baron! Marie (erblickt Peter, aufgeregt s. Cr ist's! Susi (zu Salis. Dann ist der Ungar dort der Clavierspieler von gestern, der ungarische Gutsbesitzer Janos Kerim< hazy. Sali (schielt nach Kerimhazy, aufgeregts. Nicht zum Erkennen! O, er hat sich absichtlich so unkenntlich maskirt. Marie (zu Susis. Sollte dann der Dritte Dein Lemberger Bauquier sein? Susi (ärgerlichs. Warum sollte gerade der Meinige nicht gekommen sein? (Nach Roseustock schieleud.s Nicht zum Erkennen! Aber die Schauspieler können sich auch so unkenntlich machen. Sali. Was sangen wir an? Sie haben uns schon entdeckt und erkannt. (Aeugstlich.s Hätten wir ihnen doch lieber nicht geschrieben. Marie saufgebracht). Wenn mich der Baron nnr anspräche! Es kocht nnd siedet in mir. S nsi (zu Marie.) Tritt doch Dein Glück nicht mit Füssen. Vielleicht hat er ehrbare Absichten? Marie. Ich ärgere mich umsonst. Der Baron ist halb verrückt. Wie könnte er sonst solche Streiche machen, 's gibt ja genug so halbverrückte Barone. Promeniren wir weiter. Wir werden schon sehen, was kommt. Die Drei (promeuiren zusammen.) Nosenstock (zu Peter). Vielleicht sind es diese? Kerimhazh (zu Nosenstock). H.-U, aber wir können drei Schäferinnen unsere zwei sein? Peter (erschreckt). Himmel, die Kast- lierischen! (Zu Keremhazp.) Ich rathe Ihnen, mit diesen drei Schäferinnen nichts anzufangen. Die haben einen fürchterlichen Vätern. Beiden: regnet's nnr die Ohrfeigen. Nosenstock. (Zitternd.) Ohrfeigen? Sie sind's! Kerimhazh flachend zu Peter). Ah, versteh ich ! Sie sind der Baron, was hat bekommen Ohrfeigen. Ha ha ha! Weiß ich schon ganze werthe Geschichte. Peter (erstaunt). Sie wissen? Keri mH azh (zu Peter.) Die Damen selbst haben uns geschrieben. Nosenstock (ängstlich). Ich fahre nach Hanse. Ich setze mich keinen Insulten aus. Kerimhazh. Warum? Rosen st o ck. Wenn der Vater gleich mit Ohrfeigen kommt. Kerimhazh. So werde ich ihm sagen: „Lieber Herr! Wann ist Madl schlecht, muß Vater hauen Mad l, nicht Liebhaber." Peter (ärgerlich, für sich). Jetzt ärgert es mich erst, daß ich gestern die Ohrfeige so ruhig eing'steckt Hab! So verdorbene Mädeln! Nosensto ck (zn Peter). Die 'Sache hat eine delikate Wendung genommen. Ich sehe ein, daß wir Sie, Herr Baron, nicht zum Postillion cl'arnoui- bei Damen verwenden können, bei welchen Sie nicht renssirt haben. Peter. Ich Hab' ja nicht einmal im Schlaf daran gedacht, bei diesen Fräuleins zu reussireu. Nosenstock. Und doch eine Ohrfeige ? Ich fahre nach Hause! Da fahre ich eigens nach Wien, um mich mit Damen zu amüsiren, werde 14 Tage lang von einem Balle zum andern gefoppt, um schließlich mit einer Ohrfeige nach Lemberg zurückzukommen? Kerimhazh. Hät! Wird wenigstens werthe Frau Gemahlin ein Vergnügen haben. (Zu Peter.) Sie haben also keine Courage mit den Damen zu sprechen. Peter. O ja! Ich will mich rächen! Jetzt fürchte ich auch den Vätern nicht mehr. Kerimhazh. Sehr gut, Herr Baron ! Peter (korrigireud). Peter Mttschel- kern, euer Gnaden, wenn ich bitten darf! Kerimhazh. Richtig! Ha ha ha ! Also Peter, lade die drei Schäferinnen in uuserm Namen zu einem Souper ein. (Zu Nostustock.) Also was ist's? Nosenstock. Ich will's riskiren. Peter (sich besiuueud). Ich gehe. Es wird aber doch besser sein, wenn ich wirklich den Baron spiele. Nosenstock. Wie sich's gebührt. Susi (zu den beiden andern). Der Baron kommt schon auf uns zu! Peter (zu Marie, Sali, Susi). Ich weiß nicht, ob ich es wagen darf nach dem gestrigen Vorfälle — Marie, Sali, Susi (zugleich). Wir bedauern, Herr Baron — Marie. Und es ist mir sehr erwünscht, daß die Herren das Rendezvous eingehalten haben. 3 * 36 Susi. Wenn wir uns bei den Herren entschuldigen könnten. Peter. Das macht sich ja prächtig! Möchten Sie nicht an unserem Tische Platz nehmen ! fEr führt gravitätisch Mario, Sali und Susi zum Tisch.) Marie ffür sich). Der Baron geht mir in die Falle. Das wird meinen andern Verehrer, den nnentschlossenen Herrn Nagl gewiß eifersüchtig machen. So kühle ich mein Müthchen zugleich an Beiden. Kerimhazh fzu den Damen). Ist sehr liebenswürdig von Damen, daß sie uns beehren. Bitte nnr Platz zu nehmen. Weiß ich gar nicht, wie wir gehören zusammen? Sali fzu Keremhazy). Herr Janos Kerimhazh? Dann gehören wir zwei zusammen. fSetzt sich zu Keremhazy.) Kerimhazh. Bin sehr glücklich! fNuft den Kellner.) Jean! Susi fzu Nosenstock). Herr Banquier Nosenstock? fSetzt sich zu Roseustock.f Kerimhazh fzu Susis. Ja, ist getaufter Lemberger, mein werther Freund Nosenstock. Nosenstock. Endlich bin ich so glücklich! Ach, wie reizend Sie heute anssehen! Peter fbietct Marie den Platz neben sich.) Marie fsetzt sich neben Peters. Jean fkoinmt zu Kerimhazh). Befehlen ? Kerimhazh. Sechs Flaschen Champagner und 3 Fasanen für werthe Gesellschaft! Für mich Schweinernes aber sehr fett! Jean. Sehr wohl! fGeht ab und läßt daun schnell das Bestellte servireu.) Nos eilst ock fzu Susis. Darf ich Ihren schönen Namen erfahren? Susi. Susi. Sali fzu Kerimhazh). Ich heiße Sali. Keri m hazh fzu Salis. Danke! (Zu Nosenstock.) Haben wir 14 Tage gebraucht, um so kurze Namen zu erfahren. Sali fKerimhazy betrachtend). Wirklich, heute sind Sie gar nicht wieder zu erkennen! Kerimhazh. Vermnthlich, weil Gewand gehört nicht mein, sondern Leihanstalt. Sali. Und die Sprach heut! fKe. rciiihazy musterud.s Wirklich nicht ZN er« kennen! Wissens, was mich sehr wundert, daß Sie als Ungar das Klavier lieber hab'n als die Violin? Kerimhazh. Wie kommen Sie darauf? Aber kann ich Ihnen Antwort sagen: In Ungarn spielt Violin der Zigeuner und Klavier — Weib. Jean fservirt.s Kerimhazh, Nosenstock und Pe ter ffüllen die Gläser mit Champagner.) Marie fzu Peters. Tanzen Sie auch, Herr Baron. Pete r. Und wie! Darf ich lim eine Tour bitten! — Vielleicht gleich die nächste? Zehnte Scene. Vorige. Nagl. Marie sNagl erblickend). Leider bin ich für die nächste Tour schon engagirt. Dort kommt schon mein Tänzer für die nächste Tour. fVertraulich.s Ein sehr unangenehmer Mensch. Wenn ich ihn nur los werden könnte. Peter. Wenn Sie das mir überlassen wollen? Nagl ffür sich). Dort sitzen sie schon beisammen! Wenn die Marie nicht dabei wär', könn' ich lachen. Jetzt kommt meine Tour mit ihr; ich darf nicht unartig sein. fZn Marie.) Darf ich stören und um meine Tour bitten? Peter fschuell zu Nagl). Mein Herr, eö werden gleich die Fasanen servirt. Marie. Die Tanzordnnng muß ihr Recht behalten. fErhebt sich.) 37 Nagl seifersüchtig). Die Tanzordnnng ist gewiß stolz darauf, daß sie als besseres Papier gilt als die Speisekarte. sNeicht Marie seinen Arm.) Cilfle Scene. Kerimhazp. Rosen stock. Peter, Sali, Susi ssonpiren). Franz und Ignaz streten in beliebigem Costiime ein, ohne Gesichtsmaske.) Peter ssoupirend, für sich). Bin froh, daß ick meine Dame jetzt los Hab! Wie das schmeckt! Franz. Da sind sie! Ignaz. Das werd'n die Drei sein! In mir wnrlt schon Alles! Franz. Mach' keine Dummheiten! Ignaz. Schau nur hin, wie sie sich's schmecken lassen! Und wie sie lustig sind! Franz. Setzen wir uns nur auch hin. Wir werden ja mitlachen. Etwas anders wär's, wenn uns unsere Bränt' hintergehn würden. Komm nur! Sali serblickt Franz und Ignaz, zu Snsi heimlich). Endlich kommen sie! Sali und Snsi sgeben Franz und Ignaz verstohlene Winke, hinzukommen.) Franz und Ignaz streten zum Tische). Servus, meine Herren und Damen! Jst's erlaubt? Sali szn Keremhazg.) Sind Bekannte! Keremhazh sjovial.) Teschek! Ans Maskenball ist Alles erlaubt. Teschek! Susi sJgnaz vorstellend). Herr Ignaz Kiunbeck! Sali sFranz vorstellend). Herr Franz Sommer. sZu den Beiden.) Das sind die Herren, von denen wir euch schon erzählt haben. Snsi. Sehr liebe, galante Herren. Keremhazh sbefricdigt). Danke für das Kompliment! sFüllt für Franz und Ignaz Champagnergläser.) Franz und Ignaz ssetzen sich zu Tische.) Rosenstock ssür sich). Aha, das werden ihre gewöhnlichen Begleiter sein! Um so besser. Endlich komm ich an ein Ziel! Kerimhazp szu Franz und Ignaz, sie zum soupiren einladend). Teschek! Peter ssür sich). Wo kommen denn die her? Ich werd' immer mehr konfus. Aber es schmeckt mir. sSoupirt weiter.) Zwölfte Scene. Vorige. Adler. Löwe. Thekla. R osa. Bertha. sAlle drei als Schäferinnen gekleidet, ohne Gesichtsmasken kommen aus dem Hintergründe.) Thekla szll Adler.) Dort sitzt ja Ihr Bedienter! Adler Mannt). Nichtig! Nun ist Alles klar! Der Schlingel hat unsere Idee auch für sich ansgebentet und sich erlaubt, gleichfalls Billets auszntheilen. Löwe. Dann ist er als Baron Lilienthal hier und die beiden anderen Billets mit den Namen Kerimhazy und Nosenstock hat er für seine Kameraden ansgegeben. Das ist etwas stark. Adler. Na, warte Peter! Bertha. Und diese sittsamen, über die ihnen zngesteckten Billets entrüsteten Töchter unseres braven Kästner! Rosa szn Thekla.) Die Dein Mann uns als Musterbilder vorgehalten hat. Thekla. Ihr sollt euere Genug- thnung haben! Adler szn Thekla, bittend). Gnädige Frau, nur keine Uebereilnng ! Sie waren so gütig, uns. unfern gestrigen Streich zu verzeihen, es gilt nun auch Ihren Herrn Gemahl uns günstig zn stimmen. Thekla. Das kann ja gar nicht fehlschlagen! Aber mein Mann soll Alles klar sehn. Er hat es heute den ganzen Tag an versteckten Anspielungen nicht fehlen lassen. 38 Löwe. Und diese trüben Stunden haben wir Ihnen bereitet. Thekla. Sie werden ja das Glück meiner beiden geliebten Schwestern begründen. Eine andere Sache ist'ö, wie ich zu meinem Manne stehe. Ich hätte nie geglaubt, daß er so mißtrauisch und eifersüchtig werden könnte. Ad ler (zu Theklas. Wir wiederholen unsere Bitte, nns Ihrem Herrn Gemahl vorzustellen. Thekla. Sogleich! Nur bedinge ich mir das Eine: Wenn er Sie nicht wieder erkennt, so spielen Sie ans den gestrigen Abend ja nicht an. Rosa. Recht so! Das bleibe für spätere Zeiten aufgespart. Wir werden dann darüber um so herzlicher lachen können. Dreizehnte Scene. Vorige. Br andmay er laus dem Hintergründe.s Brand m aher (hervortreteud,für sich, heiterst Der Nagl tanzt wie rasend mit der Frau Müller. (Erblickt die Tischgesellschaft, erstaunt.s Was? Die Kastnerischeu mit dem Baron in Gesellschaft? Aha die Andern werden meine gestrigen Musikanten sein? Nun aufgepaßt! Die kommen mir nicht mehr aus! (Geht zu Theklas. Thekla (zu Brandmayers. Ich stelle Dir hier zwei sehr ehrenwerthe Herren vor. (Vorstellend.s Herr Julius Adler, der berühmte Genremaler, Herr Fritz Löwe, einer der ersten Ingenieure! Brand m aper (reicht Beiden die Hälldes. Ich bin sehr erfreut, Ihre werthe Bekanntschaft zu machen. Bin Ihnen gewiß auch schon zu Danke verpflichtet, daß Sie meine Damen vortrefflich unterhalten. Adler. Mit Ihrer Erlanbniß werden wir diese außerordentliche Unterhaltung sortsetzen. B r a n d m a y er (zu Adlers. Äch weiß nicht Herr von Adler, Ihre Stimme kommt mir etwas bekannt vor. Wir müssen nns schon gesprochen haben. Thekla (aufgeregt zu Brandmayers. Du wirst gewiß schon Bilder von dein Herrn gesehen haben? Brandmaher (verblüfftst Bilder? O gewiß bin ich in der Kunstausstellung schon Ihren Kunstwerken begegnet. B er th a (zn Lomes. Es kommt die nächste Tour! Wir sind engagirt. Brand in aher (zu Adler und Lömes. Sind die Herren für einen Augenblick frei, und rauchen wir vielleicht eine Cigarre? Adler und Löwe. Gehen wir in's Rauchzimmer! B r and in aher, Be rth a, R o sa, Thekla, Adler und Löwe (ab in den Hintergrund, wo sie verfchwinden.s Vierzehnte Scene. Kerimhazy, Rosen stock, Peter, Franz, Ignaz, Sali und Susi. > Nagl kommt mit Marie and dem Hinter« § grnnd. ^ Alle (am Tische stoßen mit den Cham- i pagnergläsern ans. Hoch! Hoch! ! Kerimhazy (zu Nagl und Marie). i Sehr schön, daß Sie wieder Ihre werthe i Gesellschaft bringen. Nagl und Marie (setzen sich an den j Tischst Nagl (noch schnaufend vom Tanze, zu j Maries. Sie sind durch mich verkürzt. Die Fasanen sind schon aufgegessen. ^ Keri m h a z y. Ja, haben wir unter- dessen (auf Ignaz und Franz wciscnds K neue werthe Gesellschaft bekommen. z (Nuft.s Kellner! Noch Fasanen und ( Champagner und mir nochmals Schweinernes, aber sehr fett! (Erklärends Das ist so bei uns in Ungarn. Muß Gast- ( geber immer mitessen und mittrinken! ) 39 Nosenstock sunwillig zu Kerimhazy). Was Gastgeber? Bin ich nicht auch Gastgeber und zahlt nicht auch der Herr Baron mit? Peter lzu Kerimhazy). Ich nehme es an! Ich bin Ihr Gast. Mr sich.) Könnte ohnehin nicht mitzahlen. Sali. Wir kommen ja ganz aus der Gemüthlichkeit heraus. Kerimhazy. Das ist ein wahres Wort. Ich bin ja ganz verliebt. Sali liibermiithig zu Kerimhazy). Also, Sie lieben mich wirklich? Kerimhazy (zu Sali). Schon seit 14 Tagen! lWill sie umarmen.) Franz lfährt dazwischen). Halt! Ich bin schon länger vorgemerkt. Susi szu Nosenstock ubermüthig). Sie lieben mich wirklich? Rosen stock smill sie umarmen.) Gin Kuß soll meine Antwort sein. Ignaz lfährt dazwischen). Wird nicht erlaubt. Marie szu Nagt übermüthig). Sehen Sie, welches Glück mir hier blühen würde. sAuf Peter zeigend.) Ich könnte Baronin werden. Na gl scifersüchtig). Und da besinnen Sie sich noch? Peter sfür sich). Sie macht mir Avancen! Ich werde keck! sZu Marie.) Lassen wir den Barontitel bei Seite! Ich schmeichle mir um meiner persönlichen Vorzüge geschätzt zu werden. Marie szu Peter). Vor Allem kommt es daraus an, ob Sie ehrliche Absichten haben ? Peter. Die ehrlichsten von der Welt. Marie. Geben Sie mir Beweise! Den Cavalieren ist schwer zu trauen. Peter. Beweise ? lWill Marie umarmen.) Mein glühendes Herz. — ^Marie sabwehrend, zu Nagl, kokett.) Sie kommen mir nicht zu Hilfe? Da sind meine beiden Nichten besser beschützt. .Nagl swill sich erheben). Ich Will uicht weiter stören. Marie szu Nagl). Sie müssen noch bleiben! Schon wegen Aufrechthaltung des Gleichgewichtes. Jede Dame hat hier zwei Herren. Nagl laufgeregt). .Entschuldigen, das ist gegen meinen Geschmack. Marie sbedeutsam). Vielleicht finden Sie selbst noch Geschmack daran. K er i m h a z y szu Franz). Erlauben gefälligst, heute gehört Mädel mein. Nosenstock szu Ignaz). Mischen Sie sich nicht in unser Verhältnis;. Ignaz lzn Rosenstock)- Was Verhältnis; ? Wer Verhältniß? Franz szu Keremhazy). Wem gehört die Sali? Ihnen? Hahaha! Kerimhazy Sali). Belieben Sie doch dein Herrn sauf Franz weisend) zu sagen. — Sali lzu Kerimhazy, auf Franz deutend). Der Herr da hat ganz Recht; er ist ja mein Bräutigam. Sttsi szu Rosenstock, ans Ignaz weisend). Der hat alles Recht dazu, er ist ja mein Bräutigam. Rosen stock l>nißverstehend, erfreut). Ja so! Verstehe! Es handelt sich um eine Ausgleichung, Abfindung! Keri m h az y lNoseustock beistimmeud). Kommt uns nicht darauf an. Wir sind nicht schmutzig. Franz lerhebt sich und erhebt gegen Kerimhazy drohend die Hand). Ein Wort noch in dem Ton und ich schlag drein. Sali sFranz abwehrend). Laß mich reden! Ignaz. serhebt sich drohend gegen Rosenstock). Wissen Sie, warum die.Susi und die Sali geschrieben haben? Um Ihnen zu sagen, daß es schlecht ist von einem Mann, brave Mädchen zu kompromit- tiren. Sali lzu Kerimhazy). Sie haben geglaubt, so ein armes Mädchen, wie ich bin, ist wehrlos? O nein! Sie rächt sich! Und wissen's wie? Jetzt sind Sie lächerlich gemacht. Hahaha! (AuFranz.) Lach' mit! sLacht weiter.) 40 Franz (lacht spöttisch.) Sllsi (zu Rosenstocks. Und das ist auch meine Antwort. Jetzt werden Sie ausgelacht! Hahaha! (Zn Jgnaz.s Lache mit. (Lacht weiter.) Ignaz (lacht spöttisch.) M arie (zu Peter). Begreifen Sie jetzt Ihre Situation, Herr Baron? Mit mir haben Sie sich einen Spaß erlaubt, jetzt sind Sie blamirt! (Zu Nagl.) Lachen Sie doch mit! Hahaha! Nagl (faßt entzückt Marie's Hand und küßt dieselbe). Mein Herz hupft mir so vor Freud, daß ich gar kein „Gagazer" herausbringe. Peter (verblüfft). Ich versteh' von all' dem kein Wort. Nagl (lustig zu Kerimhazy nnd Nosen- stock). Bedanre, meine Herren, daß Sie heute schon wieder solches Pech haben. Ignaz (sich erhebend). Heut ist g'lacht Worden, ein nächstes Mal wird znr- g'hant. (Reicht Susi den Arm nnd führt sie ab.) Gute Unterhaltung, meine Herren! (Beide ab.) Franz (hat Sali den Arm gereicht nnd geht mit ihr ab; ebenso Nagl mit Maries Kästner (erscheint im Hintergründe, geht den Abgehenden entgegen nnd mit denselben wieder ab.) Peter (hat Kästner erblickt, weist Kerimhazy nnd Rosenstock ans Kästner hin). Dort ^ kommt der Vater von den Madl'n!! Das ist der mit den Ohrfeigen. Rofenstock (bisher sprachlos vor Ueber- raschung,ruft nun erschreckt). Kellner, zahl'n! Kerimhazy (hat bisher verblüfft geschwiegen und bricht nun in ein Gelächter aus). Hahaha! War sehr lustig! Muß ich meiner Frau Gemahlin erzählen. Rosensto ck (niedergedrückt). Diese Blamage! (Zu Kerimhazy.) Daran sind Sie Schuld! Und davon wollen Sie Ihrer Frau erzählen? Kerimhazy. Ja. Nämlich was pas- sirt ist meinem Freund Rosenstock. Kennt Sie ja meine Frau nicht. 84t, erzählen Sie Ihrer werthen Frau Gemahlin von mir; habe ja auch nicht die Ehre bekannt zu sein. Rosen stock (desperat). Ewiges Schweigen! (Ruft.) Kellner, zahlen! Peter (unruhig). Branchen mich die Herren noch? Kerimhaz y. Herr Baron sind sehr gütig. Fangt Unterhaltung ja erst an. Fünfzehnte Srene. Dieselben (am Tische. Nus dem Hintergründe kommen promenirend) Thekla, Bertha und Rosa. Kerimhazy (die Damen erblickend). Da kommen andere Schäferinnen! Wäre nochmals Abenteuer zu machen. Peter (die Damen erblickend). Uije! Das könnt' noch schlechter ausfallen. Das sind die Brandmayerischen! Vor dem Herrn von Brandmayer Hab' ich noch mehr Nespect. Kerimhazy. So? War auch Ohrfeige? Peter. Hab' ich denn gar so ein verdächtiges Gesicht? Rosensto ck (zu Kerimhazy). Ich fahre nach Hanse. Kerimhazy. Das geb' ich nicht zu! Thekla (zu Bertha und Rosa). Die Drei sind jetzt ohne Damengesellschaft! Ich hätte gute Lust, den Bedienten des Malers in's Verhör zu nehmen. Bertha. Der Magyar ist gewiß kein Gutsbesitzer, sondern vielleicht ein Tandler. Peter (abwehrend zu Beiden). Nein, ich bleib' diesen drei Schäferinnen vom Leib'! Um keinen Preis lasse ich mich noch in irgend Etwas ein. Kerimhazy. Warum? Werde ich selbst die Damen ansprechen. Bei andern Damen haben wir keine Ausrede, daß haben wir Rendezvous heute mit Schäferinnen. Das ist ein Anhaltspunkt 41 für eine Ansprache. Mählich.) Fallt mir gerade etwas sehr Poetisches ein! sEr- hebt sich und geht den drei promenirendeu Damen entgegen.) Thekla szn Bertha und Rosa). Der Eine kommt ans nns zn! Benützen wir die Gelegenheit! Kerimhazh szu Thekla). Gestatten mir die Damen eine Frage. Nicht wahr, ist hente hier Costümfest? Das ist Nachahmung, wie ist im Leben. Ich bin ein Sohn der Pußta, aber wirklicher; ich habe Schafe lind habe Schafhirten und Schäferinnen, aber, meine Damen, so schöne Schäferinnen Hab' ich nicht auf meiner Pußta. Bertha Heimlich zu Thekla und Rosa). Der Büchsenspauner srozzelt nns noch. Thekla szn Kerimhazh). Und was weiter? Kerimhazh. Wenn ist Costümfest Nachahmung wie ist im Leben, gestatten mir die Damen, daß Sohn der Pußta einladet die Schäferinnen auf Glas Wein. Thekla szu Bertha und Rosa heimlich.) Diese Einladung auch noch? Das heißt die Keckheit zu weit treiben. Nehmen wir gleich die Abstrafung vor. fZu Kerim- hazy.) Versuchsweise! Kerimhazh sführt die Damen zum Tische). Weil Costümfest ist Nachahmung, wie ist im Leben, ist dieser Tisch hier die Pußta. sVorstellend.) Ist schon eingekehrt hier Banquier Rosenstock und Baron Lilienthal. Teschek! Bitte Platz zu nehmen. sFüllt die Gläser mit Champagner.) Rosenstock serstannt, für sich). Ist ihm richtig gelungen! Ich schöpfe neue Hoffnungen. sZu den Damen.) Die Liebenswürdigkeit, mit der die Damen uns beglücken — Thekla sunterbrechend zu Kerimhazh). Sie sagen, daß ein Costümfest eine Nachahmung dessen ist, was sich im Leben findet. Das ist zum Theil hier richtig. Der Herr Baron Lilienthal stellt das hier am Costümfeste vor, was er sonst im Leben ist — ein Bedienter. Peter szn Thekla). Endlich glaubt es mir Jemand, daß ich der Peter Muschelkern bin! Kerimhazh stacht). Hahaha! Spielt sehr gut seine Noll', der Baron! Thekla sanspielend). Wir sind überzeugt, daß auch Sie Ihre Rolle sehr gut spielen. Bertha. Die Herren haben vorher drei andere Schäferinnen hier gehabt? Haben Sie dieselben entlassen? Kerimhazh. Ja, war leider noth- wendig. Haben nicht eingehalten Con- tract. Thekla. Haben Sie denn nichts Schriftliches gehabt? Kerimhazh. Wären wir ja sonst gar nicht gekommen. Sechzehnte Scene. Vorige. Brandmaher, dann Adler, Löwe. Brandmaher serblickt die Damen am Tische, überrascht, eifersüchtig, entrüstet). Was? Also doch? Und zn Hause wurde mir Alles abgelängnet? Da gilt es jetzt zu handeln. Ich lasse die drei Einschleicher von gestern hinab citiren zur Polizei-Jnspection! Vor dem Polizeikommissär müssen sie sich ausweisen, wer sie eigentlich sind und was sie gestern bei mir gesucht haben. ^Schnell ab.) Thekla szn Peter). Wie haben sich die Herren hier ans der Pußta znsam- mengefunden? Peter. Was mich betrifft, so hat Herr Nagl erst hier mich diesen Herren als Cicerone empfohlen. Thekla. Unbegreiflich! Kerimhazh. Warum unbegreiflich? Unser lieber, werther Freund Nagl hat wollen selbst Cicerone machen, aber er hat gefunden hier ein schönes Weib. 42 Udler und Löwe (kommen zusammen aus dem Hintergründe, die Damen anfzu- suchen). Adler (erblickt die Damen am Tische, überrascht zu Löwe). Dort sind sie! O diese weibliche Neugierde! Ich selbst wollte Peter ins Verhör nehmen. Beide (treten zum Tisch). Bertha und Rosa (zugleich). Unsere Tänzer! Wir sind an der Tour! (Er- heben sich.) Kerimhazy. War sehr kurzes Vergnügen ! Bedauere außerordentlich. Thekla (anspieleud). Vielleicht haben wir nochmal das Vergnügen. sAbgehend zu Adler.) Vorläufig habe ich das herausgebracht: Der Eine ist wirklich Gutsbesitzer, der Andere Banquier. Ihr Peter aber ist ein dummer Bursche. Er scheint den Kuppler für diese Beiden zu machen. Adler (wüthend). Ich ermorde ihi^ noch! (Adler, Löwe, Thekla, Rosa, Bertha in den Hintergrund ab.) Rosenstock. Jetzt sind wir wieder verwaist! (Ruft.) Kellner zahlen! Peter (für sich). Ich schau jetzt auch, daß ich mit heiler Haut davon komm'! Wenigstens habe ich mir das Essen und Trinken schmecken lassen. Siebzehnte Scene. Vorige. Commissär. Commissär. Dort sitzen sie! Will die Sache ohne Aufseh'n abmachen. (Geht zu Tische. Setzt sich neben Kerimhazy.) Die Herren erlauben schon? Kerimhazy (jovial.) Teschek! Belieben werthe Gesellschaft zu kennen? (Stellt dem Commissär ein volles Glas Champagner vor.) Commissär. Nein, noch nicht! Eben deßwegen bin ich hier. Rosensto ck sängstlich, für sich). Was kann es sein? Commissär. Um das Fest nicht zu stören und kein Aufseh'n zu machen, wollen die Herrschaften unaufgefordert Einer nach dem Andern in das Jn- spectionszimmer sogleich Hinabkommen. (Streng.) Ich bemerke Ihnen nur noch Eins: Auskommen thun Sie mir nicht und eventuell müßte ich Sie im Saale verhaften lassen. sSteht auf.) Sobald ich bei der Saalthüre draußen bin, folgen Sie mir unauffällig alle Drei. (Geht ab.) Rosen stock sdesperat zu Kerimhazy). Daran sind Sie Schuld! Ich wäre schon auf dem halben Heimwege. Und jetzt kann ich vielleicht brummen, ohne zu wissen warum! Kerimhazy. Warum? Ist vielleicht noch Alles lustig. Wär' nur fatal, wann wir jetzt wären in Ungarland, weil da Stuhlrichter gleich vor dem Verhör für- alle Fälle Fünfundzwanzig anordnet. Peter (verblüfft, für sich). Es wird immer schöner! Vor Allem muß ich meinen Herrn verständigen, der kann sonst nicht in die Wohnung hinein, wenn's mich schon hier behalten. Rosen stock (ängstlich). Wer geht denn zuerst hinab? Peter. Alle zusammen! Der Termin ist schon vorüber, gehen wir, sonst werden wir hier arretirt. Kerimhazy (im Abgehen). Geh'schon Bin ja selbst schon so neugierig, daß ich gar nicht warten kann. (Ab.) Rosen stock (steht bei Tische). Nach Wien soll ich gefahren sein, Geld soll ich ausgegeben haben über Tausend Gulden und der ganze Genuß soll sein eine Arretirung? Peter (mahnend). Sie werd'n gleich g'holt werd'n! Rosenstock (abgehend). Recht g'schieht mir! Abenteuer Hab' ich hab'n wollen? Da hast's! (Ab.) Peter (blickt herum). Ich kann meinen Herrn nicht sehen! 43 Achtzehnte Scene. Jean (Peter die Rechnung präsentirend). Hier ist die Rechnung! Die andern zwei Herren habe ich gerade fortgeh'n geseh'n. Peter (nimmt die Rechnung). 63 fl. 75 kr.? Eine hübsche Zech! War aber auch Alles sehr gut! Je an (drängend). Sehr geschmeichelt, aber bitte — ich habe Eile. Peter (legt die Rechnung auf den Tisch). Gehn's nur, ich halt' Ihnen nicht auf. Jean. Ich bitte nur um die Sal- dirung, Herr Baron. Peter. Ich heiße Peter Muschelkern und war bloß der Gast der beiden Herren. Jean. So? Das könnte Jeder sagen. Wo sind die anderen Herren jetzt? Peter (will es nicht sagen). Die zwei — Herren? Vor einer Minute noch waren sie da. Jean. Also abgefahren? Und Sie habe ich gerade noch erwischt. Also schnell! Anspixen! Heraus mit dem Portemonnaie. Peter. Wird Ihnen nicht gedient sein. Habe gerade 1 fl. 35 kr. bei mir. Jean. Dann lass' ich Sie arretiren! Peter. Bemühen Sie sich nicht! Ich arretire mich gerade selbst. Jean. Marsch mit auf die Polizei- Inspection! Peter. Ich habe ohnehin dort zu thun. Geh'n wir gleich! (Abgehend.) So etwas passirt dem anständigsten Menschen. (Ab.) Jean. Mir scheint, die 63 fl. 75 kr. sehe ich nicht mehr! (Folgt dem Peter, ab). Neunzehnte Scene. Nagl, Marie am Arme führend, Adler mit Rosa, Thekla (ans dem Hintergründe), Brandmaher (von Außen.) Na gl (zärtlich zu Marie). Ich kann den Morgen nicht erwarten! Gletch am Vormittag lasse ich unsere Verlobnngs- karten drucken, damit es schnell die ganze Welt erfährt, wie glücklich ich bin. Br and mayer (kommt eilig zu Nagl). Ah, da bist Du! Ich brauch' Dich dringend. Nagl. Ich Dich auch. Ich stelle Dir meine Braut vor! Brandmaher (verblüfft). Ich gra- tnlire. Nagl. Hättest nicht gedacht, daß es so schnell geht? Weil ich immer g'sagt Hab', der Nagl heirat't nicht. Weißt, erinnere Dich, vor einem Jahre hast Du gerade auch so gered't und ich hab's gerade auch so gemacht, wie Du; von heut' auf morgen. Bist Harb? Du red'st ja gar nicht? Brandmaher. O ich gratulire nochmals. Ich habe dir sogar sehr viel zu sagen. (Verlegen.) Ich habe die drei Einschleicher von gestern hier getroffen und habe sie arretiren lassen. Nagl (erstaunt.) Alle Drei waren hier? Ich habe nur Einen gesehen, den Bedienten. Und wer sind die andern Zwei? Brandmaher. Sie berufen sich aus Dich, daß Du sie kennst. Der eine will ein ungarischer Gutsbesitzer sein. Nagl (unterbrechend). Kerimhazh und der Banquier Rosenstock. Was ist Dir denn eingefallen? Die Zwei waren nie in Deinem Hause; auch gestern nicht. Brandmaher (unruhig). Ich bitte Dich, gehe zur Polizei-Inspektion hinab und überzeuge Dich selbst. Marie (zu Brandmayer). Es ist Zeit, die Wahrheit zu sagen. Der Schuldige steht hier! (Auf Nagl zeigend.) In seiner Verliebtheit und Eifersucht hat er die drei Brieferl geschrieben. Brandmaher (verblüfft). Du? Nagl. Bist Harb? Weißt, ich wurde dazu verleitet durch ein anderes Briefchen, das ich wirklich in Deinem Salon gefunden Hab. 44 Brand mayer. Noch ein anderes Lillst-cionx? Non wem? Nagl. Nom Clavierspieler, der sich Julins Adler nennt nnd Genremaler sein soll. Adler. Löwe mit Thekla, Bertha, Nosa Kommen aus dem Hintergründe.) Brandmayer faußer sich). IulinS Adler, Genremaler! Dann wird der Andere der Ingenieur Löwe — da kommen Beide! (Geht auf Adler und Löwe zu.) N a g l fzn Marie) . Einen Augenblick Urlaub! Ich muß meine arretirten Bekannten anfsuchen. fEilt ab.) B r a n d IN ahe r fzn Adler und Löwe). Ein ernstes Wort, meine Herren! Haben Sie sich gestern als Musikanten auf meinen Hansball eingeschlichen? Adler und Löwe. Ja, Herr von Brandmayer. Th ekla fbegütigend einfallend, zu Brandmayer). Du weißt es also schon? Dann erfahre auch die Fortsetzung: die beiden Herren werden unsere Schwäger, ^schmeichelnd.) Und nun kein böses Gesicht mehr machen! Daran ist nichts mehr zu ändern. Brandmayer ferleichtert). Ah ! Es fällt mir ein Stein vom Herzen. Zwanzigste Scene. Vorige falls dem Hintergründe). Kästner. Franz mit Sali. Ignaz mit Susi fvon rechts). Nagl mit Keri m- hazy und Rosen stock und Peter. Adler fstürzt auf Peter los, zornig). Frecher Bursche! Du bist entlassen! Peter fzn Brandmayer). Hören Sie Herr von Brandmayer, ob ich ein Baron bin? Nagl fzn Adler). Ich bin der Finder Ihres LiUst-cioux! Ihr Peter ist ganz unschuldig. Kästner, Marie, Sali, Susi fverblüfft.) Der Baron ist ein Bedienter! Kerimhazy fist lachend eingetroffen und lacht fort). War doch Abenteuer! Hat mich sehr gut amüsirt. Bra ndm ayer fsich entschuldigend, zu' Kerimhazy und Nosenstock)- Sie sehen mich! meine Herren, in größter Verzweiflung, Dieser Jrrthum! Kerimhazy flachend). Haben wir Straf verdient, ich und mein werther Freund, weil wir sind verheiratete Ehemänner. fZn Rosenstock). Lassen wir die Abenteuer sein und fahren wir nach Hause zu unseren Frauen! Rosenstock fverschämt zu Kerimhazy). Sie waren mein Verführer! Gute Nacht ! fWill gehen.) Kerimhazy fhält Rosenstock ans). Laß ich Sie nicht fort! fZ» Brandmayer.) Erlauben Sie, daß wir uns werther Gesellschaft anschließen. Kästner fzn Peter.) Sehen Sie, Herr Bedienter, wenn gestern meine selige Alte noch gelebt hätte, wär' Ihnen das nit g'scheh'n von mir; da hätt' ich mich nicht um die Mädeln zu kümmern gebraucht. Peter. Wollt' zu Allem lachen, wann nur mein g'wesener Herr — fzn Adler) ich Hab' für Sie gelitten — Adler. Weiß es jetzt, ein wie treuer Diener Du bist; bleibst auch bei mir! Nagl fabzählend). Fünf Brautpaare! Der Fasching ist halt immer noch zu etwas gut! Passende Gruppe. Vorhang fällt. K n d e. Wenn man sich nicht kennt. Griginal-Lustspiel in einem Auszugs von Ottokar Hans -Ztoklaska. Alle Rechte Vorbehalten. Wien, 1878. Verlag der MallLchEser'Lchen DmWmdluug (Jor-ek Klemm) Stadt, Hoher Markt Nr. z.